„ͤ— ⸗---—--——— 2 2 0 1 Leihbibliother deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 1 Eduard Ottmann in Gießen, f Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ 1 pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. M 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von 1 jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe J hinterlegen, welche bei deſſen Zuruckgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Ff 1 Mk. 50 Pf. 2 Nk. Pf. „ 3 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurkckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mir Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf lufmmeniſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem D iejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür 3u ſtehen haben. N△ ——————— — Unſer gemeinſchaftlicher Freund. ʒꝑᷓᷓS Noman in vier Büchern von Charles Dickens(Boz). AMit 40 Zlluſtrationen von Narcus Stone. —— Aus dem Engliſchen von Marie Scott. Berlin, 1866. Verlag von Otto Janke. 2* * 4 8 — 1l — —— 8 genau von Herbſ Eiſen zwei ₰ Mann verbra und e bis gen dunkl welche Aehn! hatte, Tocht werde chen Leich der die in d dieſe Gür ſchau umhe Netz, und konnt Fiſche Boot ſen fü roſtet Gerät er kor zu kl Ausl hand Rſc etw ab er ſchn er! — Erſtes Buch. Zwiſchen Lipp' und Bechersrand. Erſtes Capitel. Auf der Huche. In unſerer gegenwärtigen Zeit— es iſt unnöthig, genau das Jahr anzugeben— geſchah es, daß ein Boot von ſchmutzigem und unordentlichem Ausſehen an einem Herbſtabende zwiſchen der Southwark⸗Brücke, die von Eiſen, und der London⸗Brücke, die von Stein iſt, mit zwei Inſaſſen auf ⸗der Themſe dahinglitt. Die Geſtalten in dieſem Boote waren die eines ſtarken Mannes mit ſtruppigem grauen Haar und einem ſonn⸗ verbrannten Geſicht, und eines neunzehn⸗ bis zwanzig jähri⸗ gen Mädchens von dunkler Hautfarbe, welches hinreichende Aehnlichkeit mit ihm hatte, um als ſeine Tochter erkannt zu werden. Das Mäd⸗ chen führte mit großer Leichtigkeit das Ru⸗ der; der Mann, der die Steuerleinen loſe in den Händen und dieſe nachläſſig in den Gürtel geſteckt hielt, ſchaute eifrig ſuchend umher. Er hatte kein Netz, keinen Haken und keine Angel und konnte daher kein Fiſcher ſein; ſein Boot führte kein Kiſ de ueaiumher ſen für einen Paſſagier, keinen Namen und, außer einem ver⸗ roſteten Boothaken und einem aufgerollten Tau, keinerlei Geräth oder Werkzeug und keine Spur von Farbe und er konnte deshalb kein Fährmann ſein; ſein Boot war 8 klein und zu baufällig, um Fracht zu führen und als uslader zu dienen; es war keine Spur von dem vor⸗ handen, wonach er ſuchte und dennoch ſuchte er mit an⸗ geſtrengter Aufmerkſamkeit nach Etwas. Die Ebbe, die etwa ſeit einer Stunde eingetreten war, zog die Strömung abwärts, und wie ſein Boot, je nach der Weiſung, die er ſeiner Tochter durch eine leichte Kopfbewegung gab, ſchnell oder langſam vor derſelben dahintrieb, beobachtete er mit eifrigen Blicken jeden kleinen Strudel, jede Strom⸗ ſchnelle des Fluſſes. Seine Tochter beobachtete ſein Ge⸗ ſicht eben ſo aufmerkſam, wie er den Fluß. der Spannung ihres Blickes lag ein Ausdruck von Furcht Doch in oder Grauſen. VVermittelſt des Schlammes, der es überzog, und ſeines ſchmutzgeſättigten Zuſtandes mehr zu dem Grunde als zu der Oberfläche des Fluſſes in Beziehung ſtehend, that dieſes Boot ſowohl als ſeine Inſaſſen etwas, das es häufig that, und Letztere ſuchten etwas, das ſie häufig ſuchten. Obwohl der Mann halb wie ein Wilder aus— ſah, indem ſein ſtruppiges Haar unbedeckt, ſeine Hemd⸗ ärmel bis an den Elbogen ſeiner braunen Arme hinauf⸗ geſchoben waren, der loſe Knoten ſeines loſe um den Hals geſchlungenen Halstuches tief auf ſeiner nackten Bruſt in einer Bartwildniß dalag, und ſeine Kleidung aus dem Schlamme angefer⸗ tigt ſchien, der ſeinen Bart überzog— lag doch in ſeinem feſten Blicke etwas von ge⸗ ſchäftsmäßiger Ge⸗ wohnheit. Ebenſo war es mit jeder ge⸗ wandten Bewegung des Mädchens, jeder Wendung des Hand— gelenks,— vielleicht am meiſten mit ihren Mienen der Furcht und des Grauſens: es waren Dinge der Gewohnheit. „Halt'vom Lande ab, Lizzie. Die Strömung iſt hier ſtark. Bleib' gerad' in der Mitte derſelben.“ Indem er ſich auf die Geſchicklichkeit des Mädchens verließ, und keinen Gebrauch von dem Steuerruder machte, ſchaute er mit geſpannter Aufmerkſamkeit in die herab⸗ kommende Strömung. Ebenſo betrachtete das Mädchen ihn. Doch ereignete es ſich jetzt, daß ein ſchräger Strahl der ſinkenden Sonne auf den Boden des Bootes und zwar auf einen faulen Fleck fiel, der einige Aehnlichkeit (Seite: 1.) 5 mit den Umriſſen einer verhüllten Menſchengeſtalt hatte, 8 und in dieſem Lichte wie von Blut gefärbt ſchien. Der Blick des Mädchens fiel auf dieſen Flecken und ſie ſchauderte. „Was fehlt Dir?“ ſagte der Mann, der dies unge⸗ Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 8 1 3 1 8 7 5 2 achtet ſeiner eifrigen Blicke in's Waſſer augen gewahr wurde;„ich ſehe nichts ſchwimmen.“ Das rothe Licht war verſchwunden, das Schaudern war vorüber und ſein eifriger Blick, den er auf einen Augenblick dem Innern des Bootes zugewendet, wanderte wieder hinaus. So wie die ſtarke Strömung ein Hinder⸗ niß traf, da war ſofort ſein ſuchender Blic auf die Stelle geheftet. Auf jede Ankerkette, jedes Ankertau, auf jedes ruhig daliegende Boot, das die herabkommende Fluth in einen breiten Pfeil ſpaltete, auf die Landungs⸗ planken des Dammes der Southwark⸗Brücke, auf die Ruderräder der Dampfboote, welche das ſchmutzige Waſſer peitſchten, auf die ſchwimmenden Holzſcheite, die vor gewiſſen Werften lagen— ſchoſſen ſeine funkelnden Augen ihre gierigen Blicke. Etwa nach einer Stunde, während welcher es bedeutend finſterer geworden, zog er plötzlich die Ruderleinen feſt an und ſteuerte ſcharf auf das Ufer von Surrey zu. Das Mädchen, welches unausgeſetzt ſein Geſicht beob⸗ achtete, folgte der Bewegung augenblicklich mit ihrem Ruder; nach wenigen Augenblicken machte das Boot eine Schwenkung, wobei es wie von einem plötzlichen An⸗ ſtoßen erzitterte, und der Mann lehnte ſich mit dem Oberkörper weit über das Hintertheil des Bootes hinaus. Das Mädchen zog die Kappe ihres Mantels über ihren Kopf und ihr Geſicht und hielt, indem ſie den Kopf zurückwandte, ſo daß die vorderen Falten dieſer Kappe flußabwärts gewendet waren, das Boot in dieſer Richtung gerade vor die Strömung. Bisher hatte das Boot kaum gearbeitet, ſondern vielmehr auf einer Stelle hin⸗ und hergeſchwebt; doch jetzt wechſelten die Ufer ſchnell,— die tiefen Schatten und die hellen Gaslaternen der London⸗Brücke lagen bald hinter dem Boote und die dichten Reihen von Schiffen zu beiden Seiten. Erſt jetzt kehrte die obere Hälfte des Mannes in das Boot zurück. Seine Arme waren naß und ſchmutzig und er wuſch dieſelben über der Bootsſeite. Er hielt Etwas in dersrechten Hand, und auch dies wuſch er im Fluſſe. Es war Geld. Er klimperte damit, blies dar⸗ auf und ſpie einmal darauf—„für Glück,“ ſagte er mit heiſerer Stimme, ehe er es in die Taſche ſteckte. „Lizzie!“ Das Mädchen wandte ihm, heftig zuſammenzuckend, das Geſicht zu und ruderte ſchweigend fort. Ihr Geſicht war ſehr bleich. Er war ein Mann mit einer gebogenen Naſe, und dieſe, im Verein mit ſeinen ſtechenden Augen und ſeinem ſtruppigen Kopfe, verlieh ihm eine gewiſſe Aehnlichkeit mit einem aufgejagten Raubvogel. „Nimm das Dings da aus dem Geſicht.“ Sie warf die Kappe zurück. „So! und gieb mir das Ruder. Ende rudern. „Nein, nein, Vater! Nein! Ich kann's nicht. Vater! — Ich kann nicht ſo nahe daran ſitzen!“ Er näherte ſich ihr, um den Platz mit ihr zu ver— tauſchen, doch ihre entſetzensvolle Weigerung bewog ihn, wieder zu ſeinem Sitze zurückzukehren. „Was kann es Dir anhaben?“ „Nichts, nichts. Aber ich kann's nicht.“ „Ich glaube wahrlich, daß Dir ſchon der bloße An⸗ blick des Fluſſes verhaßt iſt.“ „Ich— ich habe ihn nicht gern, Vater.“ „Als ob er nicht Dein täglich Brod wäre! er nicht Speiſ' und Trank für Dich wäre!“ Bei dieſen Worten ſchauderte das Mädchen abermals und hielt einen Augenblick im Rudern inne, dem An⸗ ſcheine nach einer Ohnmacht nahe. Doch entging ihm dies, da er eben über das Hintertheil des Bootes zu A Ich will dies letzte Als ob hatte. „Wie kannſt Du gegen Deinen beſten Freund ſo un⸗ dankbar ſein, Lizzie? Sogar das Feuer, das Dich wärmte, als Du noch ein kleines Kindchen warſt, war neben den Kohlenſchiffen aus dem Fluſſe gefiſcht worden. Selbſt der Korb, in dem Du ſchliefſt, war von der Fluth an's Ufer geſpült, und die Wiegenhölzer aus einem Stück Holz geſchnitzt worden, das von irgend einem Schiffe in's Waſſer gefallen und von mir aufgefiſcht war.“ Lizzie nahm die rechte Hand vom Ruder, berührte dieſelbe mit den Lippen und ſtreckte ſie einen Augenblick liebevoll ihrem Vater entgegen; dann nahm ſie, ohne ein Wort, ihre Beſchäftigung wieder auf, da in dem⸗ ſelben Augenblicke ein dem ihrigen ähnliches, obgleich etwas minder unſauberes Boot, aus einer dunklen Stelle herkam und leiſe zu ihnen heranruderte. „Habt wieder Glück gehabt, Gaffer? ſagte ein Mann mit ſchielendem Blicke, der allein im Boote ruderte. „Ich ſah ſchon in Eurem Fahrwaſſer, daß ihr wieder Glück gehabt.“ „Ahl⸗ erwiderte der Andere trocken.„Da ſeid Ihr alſo, wie?“ „Ja, Compagnon.“ 1 Der Mond warf jetzt ein ſanftes gelbliches Licht auf den Neuangekommenen, der mit ſeinem Fahrzeuge eine halbe Bootslänge hinter dem andern zurückblieb und auf⸗ merkſam in deſſen Fahrwaſſer ſchaute. „So wie ich Euch gewahr wurde,“ fuhr der Mann fort,„ſagt' ich zu mir ſelber, dort iſt Gaffer— und hat wieder Glück gehabt— hol' mich der Henker, wenn er nicht wieder Glück gehabt hat! Mein Ruder iſt Euch nicht im Wege, Compagnon— habt keine Sorge— ich habe ihn nicht angerührt.“ Dies galt als Antwort auf eine ſchnelle ungeduldige Geberde von Gaffer's Seite: der Sprechende nahm zu gleicher Zeit ſein Ruder auf jener Seite aus dem Waſſer, legte ſeine Hand auf den Rand von Gaffer's Bord und hielt an demſelben feſt. „Er hat ſchon genug gehabt und bedarf keines fer⸗ neren Anrührens, Gaffer, ſoviel ich von ihm ſehen kann! Iſt von einer ziemlichen Anzahl verſchiedener Wogen um⸗ hergeworfen worden, wie, Compagnon? Aber dies iſt wieder mein erbärmliches Glück, ſeht Ihr wohl! Er muß an mir vorbeigekommen ſein, als er das letzte Mal her⸗ aufkam, denn ich lag unterhalb der Brücke auf der Lauer. Ich möchte faſt glauben, daß Ihr eine Art Geier ſeid, Compagnon, und ſie auswittert.“ Er ſprach mit leiſer Stimme und mehr als einem Blick auf Lizzie, die wieder ihre Kappe heraufgezogen hatte. Dann ſchauten beide Männer mit einem grauſigen, unſeligen Intereſſe in das Fahrwaſſer von Gaffer's Boot. „s' iſt leicht gemacht, wenn wir Beide Hand anlegen, Compagnon. Soll ich ihn an Bord nehmen?“ „Nein,“ ſagte der Andere, und zwar in ſo verdrieß⸗ lichem Tone, daß der Mann, nachdem er ihn erſtaunt angeſtiert, entgegnete: „— Ihr habt doch nicht etwa irgend etwas genoſſen, das Euch nicht bekommen, Compagnon?“ „Ei nun,— ja,“ erwiderte Gaffer,„ich habe das Wort„Compagnon“ zu oft verſchlucken müſſen. Ich bin nicht Euer Compagnon.“ 3 „Seit wann ſind Ew. Gnaden, Gaffer Hexam, nicht mehr mein Compagnon?“ „Seit Ihr angeklagt wart, einen Mann beſtohlen zu haben. Einen lebendigen Mann,“ ſagte großer Entrüſtung. „Und wie wär's, falls ich angeklagt geweſen, einen Todten beſtohlen zu haben, Gaffer?“ G it affer mit auf eine auf⸗ ann und enn Luch wort eite: auf den feſt. fer⸗ an! m⸗ iſt mnuß er⸗ ger. leid, 7 „Das könntet Ihr nicht gethan haben.“ „Ich könnt's nicht, Gaffer? „Nein. Kann ein Todter etwa von Geld Gebrauch machen? Iſt ein Todter Geld zu befitzen im Stande? Welcher Welt gehört ein Todter an? Jener Welt. Welcher Welt gehört das Geld an? Dieſer Welt. Wie kann es daher einem Leichnam angehören? Kann ein Leichnam das Geld bedürfen, kann er es ausgeben, es fordern, es vermiſſen? Bemüht Euch doch nicht in dieſer Weiſe Recht und Unrecht miteinander zu verwechſeln. Aber es ſieht einem falſchen Gemüthe ähnlich, einen le⸗ bendigen Menſchen zu beſtehlen.“ „Ich will Euch was ſagen—“ „Nein, das werdet Ihr bleiben laſſen. Ich will aber Euch was ſagen. Ihr ſeid mit einer kurzen Einſperrung dafür, daß Ihr Eure Hand in die Taſche eines Matroſen, eines lebendigen Matroſen, geſteckt, davongekommen. Freut Euch und ſchätzt Euch glücklich, aber denkt nicht, daß Ihr mir danach noch mit Eurem„Compagnon“”“ kommen könnt. Wir haben in vergangener Zeit zuſam⸗ men gearbeitet, aber in gegenwärtiger oder zukünftiger Zeit arbeiten wir nicht mehr zuſammen. Los gelaſſen! Fort mit Euch!“. „Gaffer, wenn Ihr mich auf dieſe Weiſe los zu werden hofft—“ „Wenn ich Euch nicht auf dieſe Weiſe los werde, will ich eine andere verſuchen, und Euch entweder mit dieſem Fußſtocke eins über die Knöchel reichen, oder mit jenem Boothaken eins auf den Kopf verſetzen. Los ge⸗ laſſen! Ruder' zu, Lizzie. Ruder' nach Hauſ', da Du Deinen Vater nicht rudern laſſen willſt.“ Lizzie brachte das Boot durch einen kräftigen Ruder⸗ ſchlag vorwärts und das andere Boot blieb zurück. Lizzie's Vater zündete, nachdem er ſich beruhigt und die ſichere Haltung eines Mannes angenommen, der den höheren Sittlichkeitsſtandpunkt behauptet und eine un⸗ angreifbare Stellung eingenommen, eine Pfeife an, rauchte, und betrachtete, was er im Schlepptau führte. Das, was er im Schlepptau führte, ſtürzte ſich ihm zu⸗ weilen, wenn das Boot auf ein Hinderniß ſtieß, in fürchterlicher Weiſe entgegen, und ſchien ſich dann wieder mit Gewalt von ihm losreißen zu wollen,— doch meiſtens folgte es mit vollkommenſter Unterwürfigkeit. Ein Neu⸗ ling würde vielleicht in dem Wellenkräuſeln über dem⸗ ſelben eine grauſige Aehnlichkeit mit dem unklaren Aus⸗ druckswechſel auf einem lebloſen Geſicht geſehen haben, aber Gaffer war kein Neuling und hatte keine derartigen Phantaſien. Zweites Capitel. Der Mann von Irgendwoher. Mr. und Mrs. Veneering*) waren funkelnagelneue Leute und bewohnten ein funkelnagelneues Haus in einem funkelnagelneuen Stadtviertel von London. Alles, was die Veneerings umgab, war funkelblitznagelneu. All' ihr Hausgeräth war neu, alle ihre Freunde waren neu, alle ihre Diener waren neu, ihr Silbergeſchirr war neu, ihre Equipage war neu, ihr Kutſchgeſchirr war neu, ihre Pferde waren neu, ihre Gemälde waren neu, ſie *) Der Name Veneering iſt von dem Zeitworte to ve⸗ neer— fourniren— hergeleitet. A Anmerkung der Ueberſetzerin. 6 V ſelbſt waren neu, ſie waren ſo kurze Zeit verheirathet, wie ſich dies geſetzlich mit einem funkelnagelneuen Säug⸗ ling vereinbaren ließ, und falls ſie ſich einen Großvater angeſchafft, ſo würde derſelbe ohne eine einzige Schramme, vom Kopf bis zu den Füßen polirt, in Strohdecken ge⸗ hüllt, aus dem Pantechnikon!) angelangt ſein. Denn in dem Haushalte der Veneerings war, von den Flurſtühlen mit dem neuen Wappen bis zu dem Concertflügel mit der neuen Mechanik und wieder bis zu der neuen Feuer⸗Rettungsmaſchine, Alles in einem Zuſtande der höchſten Politur. Und das, was an dem Hausgeräth bemerkbar war, machte ſich auch bei den Veneerings wahrnehmbar— die Oberfläche duftete noch ein wenig zu ſehr nach der Werkſtatt und war ein wenig klebrig. Es war ein harmloſes Stück Meuble vorhanden, das auf leichten Rollen ging und, wenn nicht im Gebrauch, oberhalb eines Miethkutſchenſtalles in der Duke⸗Straße, St. James', aufbewahrt wurde und für welches die Veneerings eine Quelle der ärgſten Verwirrung waren. Der Name dieſes Meubles war Twemlow.“*) Als naher Anverwandter von Lord Snigsworth war ſeine Geſellſchaft außerordentlich geſucht, und in manchen Häuſern reprä⸗ ſentirte er, ſo zu ſagen, die Speiſetafel in ihrem Normal⸗ zuſtande. Mr. und Mrs. Veneering zum Beiſpiel machten bei ihren Einladungsplänen für Feſtdiners ſtets mit ihm den Anfang und ſchoben dann Tiſchplatten zu ihm hinein, oder mit anderen Worten, fügten Gäſte zu ihm hinzu. Zuweilen beſtand die Tafel aus Twemlow und einem Dutzend Platten, und zuweilen aus Twemlow bis zu ſeiner äußerſten Länge von zwanzig Platten ausgezogen. Mr. und Mrs. Veneering ſaßen einander bei Staats⸗ gelegenheiten in der Mitte des Tiſches gegenüber, und ſoinit blieb die Parallele dieſelbe, denn es ereignete ſich ſtets, daß Twemlow ſich, je weiter er ausgezogen wurde, um ſo ferner vom Mittelpunkte und um ſo näher am Tranchirtiſche am einen Ende des Zimmers oder bei den Fenſtervorhängen am andern befand. Doch dies war es nicht, was Twemlow's ſchwache Seele in Verwirrung ſenkte. Hieran war er durchaus gewöhnt und dies war ihm ergründlich. Der Abgrund, deſſen Tiefe ihm unergründlich und aus dem ſich die über⸗ erhob, war die unlösbare Frage, ob er Veneering's älteſter oder Veneering's neueſter Freund ſei. Der Löſung dieſes Problems hatte der harmloſe Herr, ſowohl in ſeiner Wohnung über dem Miethkutſchenſtalle, als in der kalten Düſterkeit von St. James Square, die dem Nachdenken ſo günſtig iſt, manche ſorgenvolle Stunde gewidmet. Die Sache war folgende. Twemlow hatte Veneering zuerſt in ſeinem Club kennen gelernt, wo Veneering damals Niemanden kannte, außer dem Manne, der ſie mit einander bekannt machte, welcher ſein intimſter Freund in der ganzen Welt zu ſein ſchien, und den er ſeit zwei Tagen gekannt — das Band, welches ihre Seelen an einander knüpfte, war zufälligerweiſe an jenem Tage durch das ſchändliche Verfahren des Comité in Bezug auf die Zubereitung einer Kalbskeule befeſtigt worden. Unmittelbar darauf — *) Das Pantechnikon iſt ein Inſtitut in London, in dem Diejenigen, welche London auf eine Weile verlaſſen und den eigenen Haushalt aufgeben, Hausgeräth und Gegenſtände von Werth aufbewahren laſſen. Anmerkung der Ueberſetzerin. **) Die Ueberſetzerin bittet den nacßſieytigen Leſer, ſie nicht für die eigenthümliche Ausdrucksweiſe des Verfaſſers verant⸗ wortlich zu halten. Mr. Dickens ſchreibt nicht immer Eng⸗ liſch, ſondern vielmehr Dickenſiſch, und für dieſe Sprache giebt V es leider(2) noch kein entſprechendes Deutſch. 3. wältigende und ewig wachſende Schwierigkeit ſeines Lebens 2 ·— 7 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. ————— erhielt Twemlow eine Einladung, bei Veneering zu ſpeiſen, und er ging und ſpeiſte: und der Mann war ebenfalls dort. Unmittelbar darauf erhielt Twemlow eine Ein⸗ ladung, bei dem Manne zu ſpeiſen, und er ging und ſpeiſte: und Veneering war dort. Bei dem Manne waren ferner: ein Parlamentsmitglied, ein Ingenieur, ein Abträger der Nationalſchuld, ein Verſemacher, ein Unzu⸗ friedener, und ein öffentlicher Beamter, welche Alle nicht die geringſte Bekanntſchaft mit Veneering zu haben ſchienen. Und wieder unmittelbar darauf erhielt Twem⸗ low eine Einladung von den Veneerings, ausdrücklich um des Abträgers der Nationalſchuld, des Verſemachers, des Unzufriedenen und des öffentlichen Beamten bei ihnen zu ſpeiſen; und da er der Einladung Folge leiſtete, machte er die Entdeckung, daß alle dieſe Herren Veneering's in⸗ timſte Freunde waren, und ihre Gattinnen(welche alle zugegen waren) Mrs. Veneering's aufopfernſte Liebe und zärtlichſtes Vertrauen genoſſen. Und ſo war es gekommen, daß Mr. Twemlow zu Hauſe in ſeiner Wohnung die Hand an ſeine Stirn ge⸗ Gattin auf ſich zu ziehen verſucht,„das Vergnügen, Mrs. Podsnap unſerm Gaſtgeber vorzuſtellen. Sie wird“— in ſeiner unſeligen Friſche ſcheint er ewige Jugend und ewige Grüne in der Phraſe zu finden— ſie wird ſich ſo außerordentlich über die Gelegenheit freuen.“ Inzwiſchen thut Mrs. Podsnap, da es ihr unmöglich iſt, auf eigene Rechnung ein ähnliches Verſehen zu machen, ihr Möglichſtes, um das ihres Gatten zu unterſtützen, indem ſie mit betrübter Miene zu Mr. Twemlow hin⸗ ſchaut und auf das Fühlendſte zu Mrs. Veneering be⸗ eine Ein! merkt,— erſtens, ſie fürchte, er müſſe in letzterer Zeit in Geſellſchaft des Parlamentsmitgliedes, des Ingenieurs, an der Galle gelitten haben, und zweitens, das Kleine habe bereits große Aehnlichkeit mit ihm. Es fragt ſich, ob es je einem Menſchen ſehr behagt, für einen Andern gehalten zu werden; doch Mr. Venee⸗ ring, der heute Abend zum erſtenmale das Vorhemdchen des jungen Antinous(von neuem geſtickten Cambrick) trägt, fühlt ſich durchaus nicht geſchmeichelt, für Twem⸗ legt und zu ſich geſprochen hatte:„Ich muß nicht daran denken— es könnte mir, ja, jedem Menſchen eine Ge⸗ hirnerweichung zuziehen,“— und dennoch dachte er fort⸗ während daran und gelangte zu keinem Schluſſe.“ Die Veneering's geben an dieſem Abende ein Feſt⸗ mahl. Elf Blätter in dem Twemlow— im Ganzen vierzehn Tiſchgäſte. Vier taubenherzige Söldlinge in Cioilkleidung ſtehen in einer Reihe im Flur. Ein fünfter geht mit trauervoller Miene, die zu ſagen ſcheint:„Noch es im Leben!“— die Treppe hinauf und meldet: „Mi— ſter Twemlow!“ Mrs. Veneering heißt ihren ſüßen Mr. Twemlow willkommen. Mr. Veneering begrüßt ſeinen lieben Twem⸗ low. Mrs. Veneering kann nicht erwarten, daß Mr. Twemlow möglicherweiſe ein Intereſſe an Säuglingen zu nehmen im Stande iſt, doch als ein ſo alter Freund wird er gewiß eben das Kleine einmal anſchauen.„Ah! Du wirſt den Freund Deiner Familie ſchon beſſer kennen lernen, Purzelchen, wenn Du erſt achtſamer zu werden anfängſt,“ ſagt Mr. Veneering, jenem neuen Gegenſtande gerührt zunickend. Dann bittet er um Erlaubniß, ſeinen lieben Twemlow ſeinen beiden Freunden Mr. Boots und Mr. Brewer vorſtellen zu dürfen— und iſt ſich offenbar nicht klar darüber, welcher von Beiden Boots und welcher Brewer iſt. Doch jetzt ereignet ſich etwas Fürchterliches. „Mi— ſter und Miſ— ſis Podsnap!“ „Meine Liebe,“ ſagt Mr. Veneering, mit einer Miene großen freundſchaftlichen Intereſſes, zu Mrs. Veneering, während die Thür offen ſteht,„die Podsnap's.“ low gehalten zu werden, welcher dürr und runzelig und wohl dreißig Jahre älter iſt, als er. Mrs. Veneering nimmt ihrerſeits die Beſchuldigung, Twemlow's Gattin zu ſein, übel. Und was Twemlow betrifft, ſo iſt er ſich ſeiner Ueberlegenheit über Veneering ſo vollkommen be⸗ wußt, daß er den umfangreichen Mann im Geiſte für einen unausſtehlichen Eſel erklärt. In dieſem complicirten Dilemma nähert Veneering ſich dem umfangreichen Manne mit ausgeſtreckter Hand und giebt dieſem unverbeſſerlichen Geſchöpfe lächelnd die Verſicherung, daß er ſich ſehr, ihn hier zu ſehen, freut; woorrauf Jener in ſeiner unſeligen Friſche erwidert: ein elendes Geſchöpf, das hier zu ſpeiſen kommt; ſo geht „Danke. Ich ſchäme mich, zu geſtehen, daß ich mich in dieſem Augenblicke nicht entſinne, wo wir einander getroffen haben können. Aber ich freue mich außer⸗ ordentlich über die Gelegenheit!“ Dann packt er Twemlow, der ſich mit ſeiner ganzen ſchwachen Kraft gegen ihn ſträubt, um ihn fortzuſchleppen und Mrs. Podsnap als Mr. Veneering vorzuſtellen,— doch die Ankunft neuer Gäſte enthüllt das Verſehen. Worauf Podsnap, nachdem er Veneering als Veneering und dann Twemlow als Twemlow begrüßt, der Sache zu ſeiner eigenen vollkommenen Zufriedenheit ein Ende macht, indem er zu Letzterem ſagt:„Lächerliche Gelegen⸗ heit— aber ich freue mich wirklich ſo ſehr über dieſelbe!“ Ein viel zu lächelnder, umfangreicher Mann mit einer unheilvollen Friſche erſcheint mit ſeiner Gattin, verläßt dieſelbe augenblicklich und ſtürzt ſich auf Twemlow, indem er ſagt: Wie geht es Ihnen? Freut mich außerordentlich, Ihre Bekanntſchaft gemacht zu haben. Sie haben hier ein charmantes Haus. Ich hoffe, wir kommen nicht zu ſpät. Freue mich wirklich ſehr über dieſe Gelegenheit!“ Bei dieſem Schlage hüpfte Twemlow zuerſt in ſeinen zierlichen kleinen Schuhen und ſauberen ſeidenen Strümpfen, die einer erloſchenen Mode angehörten, zweimal rückwärts, wie wenn er ſich nicht enthalten könne, über ein hinter ihm ſtehendes Sopha zu ſpringen; aber der umfangreiche Mann bemächtigte ſich ſeiner und war zu ſtark für ihn. „Vergönnen Sie mir,“ ſagte der umfangreiche Mann, indem er aus der Entfernung die Aufmerkſamkeit ſeiner Twemlow aber fühlt, nachdem er dieſes fürchterliche Ereigniß überſtanden und die Verſchmelzung von Boots in Brewer und von Brewer in Boots wahrgenommen und außerdem die Bemerkung gemacht, daß vier vorſich⸗ tige Gäſte von den noch übrigen ſieben mit wandernden Blicken eintreten und entſchloſſen ſind, ſich in Bezug auf Veneering's Identität nicht zu compromittiren, bis Ve⸗ neering ſie in ſeinem Griffe hält:— Twemlow, der aus dieſen Studien ſeinen Vortheil gezogen, fühlt, daß ein wohlthätiger Verhärtungsprozeß mit ſeinem Gehirn vor⸗ geht, indem er zu dem Schluſſe gelangt, daß er wirklich Veneerings älteſter Freund iſt,— doch erweicht ſich daſſelbe augenblicklich wieder, da ſeine Augen plötzlich auf Veneering und den umfangreichen Mann fallen, die Arm in Arm, wie Zwillingsbrüder, im hinteren Beſuchzimmer an der Gewächshausthür ſtehen, und ſeine Ohren ihn zugleich vermittelſt Mrs. Veneering's Stimme unterrichten, daß der umfangreiche Mann des Kleinen Pathe ſein wird. „Es iſt angerichtet!“ So ſpricht der kummervolle Söldner, wie wenn er ſagen wollte:„Kommt hinunter und laßt Euch vergiften, Ihr unglückſeligen Menſchenkinder!“ Twemlow, der keine Dame zu führen hat, folgt, die. I Hand an die Stirn drückend, in der Nachhut. Boots und Brewer flüſtern, ihn unwohl wähnend:„Dem Manne V . 8 und ſ cen, ten, hin⸗ be⸗ Zeit Alene ehagt ende dchen brick) wem⸗ und eering hattin et ſich en be⸗ ſte für jeering Hand nd die freut; ˖mich nander ſaußer⸗ ganzen leppen en,— ſehen. eering Sache Ende legen⸗ elbe!“ erliche Boots mmen orſich⸗ lernden ig auf 4 Ve⸗ er aus ß ein vor⸗ irklich t ſich ch auf Arm mmer ihn lichten, wird. eun er giften t die Bects Manne * durch die betäubt. Durch die Suppe erquickt und neu belebt, unterhält Twemlow ſich ſanft mit Boots nnd Brewer über den Königlichen Hof. Wird beim Fiſchſtadium des Banketts unbeſiegbare Schwierigkeit 9 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 10 ſitzt und ſich gern von ihr protegiren läßt. Reflectirt einen gewiſſen„Mortimer“— noch einer von Venee⸗ ring's älteſten Freunden, der noch nie zuvor im Hauſe von Veneering aufgefordert, den Streitpunkt— ob ſein Vetter, Lord Snigsworth, gegenwärtig in London ſei oder nicht— zu erledigen. aus, daß ſein Vetter nicht in London.„Zu Snigsworthy Park?“ fragt Veneering.„Zu Snigsworthy,“ antwortet Twemlow. Boots und Brewer betrachten ihn als einen Mann, deſſen Bekanntſchaft man cultiviren darf; und Veneering ſieht deuklich, daß er ein Gegenſtand, der ſich bezahlt macht. Inzwiſchen macht der Söldner, gleich einem düſtern, analytiſchen Chemiker, die Runde des Tiſches, indem er nach der Frage:„Chablis, Sir?“ ſtets zu ſagen ſcheint:„Sie würden ihn nicht trinken, wenn Sie wüßten, woraus er gemacht iſt.“— Der große Spiegel über dem Tranchittiſche reflectirt die Tafel und die Geſellſchaft. Reflectirt das neue Wappen der Veneering's in Gold und auch in Silber, matt und anders— ein dienſtbares Kameel. Das Wappenamt hatte einen kreuzfahreriſchen Vorfahren für Veneering entdeckt, der ein Kameel im Schilde geführt (oder es dort hätte führen können, falls er daran ge⸗ dacht)— und eine Karavane von Kameelen trägt das Obſt und die Blumen und die Kerzen und kniet nieder, um ſich mit Salz belaſten zu laſſen. Reflectirt Venee⸗ ring, vierzig, mit welligem Haar, brünett, zur Wohl⸗ beleibtheit geneigt, ſchlau, geheimnißvoll, in Nebel gehüllt — eine Art ziemlich gut ausſehenden, verſchleierten Pro⸗ pheten, der nicht prophezeiht. Reflectirt Mrs. Veneering. blond, mit krummer Naſe und krummen Fingern und weniger hellem Haar, als ſie wohl beſitzen dürfte, in glänzenden Gewändern und Juwelen, enthuſiaſtiſch, ver⸗ ſöhnend, ſich des Factums bewußt, daß ein Zipfel des Schleiers ihres Gatten auch ſie bedeckt. Reflectirt Pods⸗ nap, in zufriedenem Speiſengenuſſe, mit zwei kleinen hellfarbigen ſteifen Flügeln zu beiden Seiten ſeines kahlen Hauptes, welche wie ſeine beiden in der Luft ſchwebenden Haarbürſten ausſehen, rothe, zerſchmelzende Perlen auf der Stirn, eine Menge zerknitterten Hemdkragens im Nacken. Reflectirt Mrs. Podsnap, ſüperbe Frau für Profeſſor Owen, eine Menge Knochen, Nacken und Nü⸗ ſtern gleich denen eines Wiegenpferdes, harte Geſichtszüge, majeſtätiſchen Hauptſchmuck, in den Podsnap goldene Gaben gehängt hat. Reflectirt Twemlow, grau, dürr, höflich, gegen den Oſtwind empfindlich, Halscravatte à la „erſtem Gentleman in Europa“, eingezogene Wangen, wie wenn er vor einigen Jahren eine große Anſtrengung gemacht, ſich in ſich ſelber zurückzuziehen, doch dabei nicht weiter habe gelangen können. Reflectirt eine junge Dame, von gereiftem Alter, Rabenlocken und eine ſchöne Haut⸗ Spricht ſeine Anſicht dahin farbe, die ſich bei Kerzenlicht— wenn reichlich geſchminkt (wie dies der Fall war)— vortrefflich ausnimmt, eifrig mit der Bezauberung des jungen Herrn in gereiftem Alter beſchäftigt, welcher zu viel Naſe in ſeinem Geſicht, zu viel Roth in ſeinem Backenbarte, zu viel Torſo in ſeiner Weſte, zu viel Funkelglanz in ſeinen Hemdknöpfen, in ſeinen Augen, ſeiner Unterhaltung und ſeinen Zähnen führt. Reflectirt die charmante, alte Lady Tippins zu Veneering's rechter Seite; mit einem ungeheuer dummen, ſtaubfarbigen, länglichen Geſicht, gleich einem Geſicht in einem Suppenlöffel, und einer gefärbten Allee auf der Mitte ihres Hauptes, gleich einer bequemen Auffahrt zu dem Knoten von falſchem Haar auf der Hinterſeite, freundlich Mrs. Veneering protegirend, die ihr gegenüber war und ausſieht, als ob er niemals wiederzukommen wünſcht, der auf Mrs. Veneering's linker Seite ſitzt und der von Lady Tippins(einer Freundin ſeiner Kindheit) beſchwatzt worden, dieſe Leute zu beſuchen und zu reden, — und der nicht reden will. Reflectirt Eugen, Mor⸗ timer's Freund, lebendig begraben an der Rücklehne ſeines Stuhles, hinter einer Schulter— mit einer Puderepau⸗ lette— der jungen Dame in gereiftem Alter, und düſter zu dem Champagnerbecher ſeine Zuflucht nehmend, wenn derſelbe von dem analytiſchen Chemiker gefüllt wird. Und ſchließlich reflectirt der Spiegel Boots und Brewer und noch zwei Dickköpfe, die man zwiſchen den Reſt der Geſellſchaft und etwaige Unfälle geſchoben hat. Die Gaſtmahle der Veneering's ſind vortrefflich— ſonſt würden ſich keine neuen Gäſte zu denſelben gefunden haben— und Alles geht gut. Es iſt bemerkenswerth, daß Lady Tippins eine Anzahl von Experimenten mit ihren Verdauungsorganen gemacht hat, die von ſo com⸗ plicirter und gewagter Beſchaffenheit, daß dieſelben, falls man ſie, nebſt ihren Folgen, bekannt machte, der Menſch⸗ heit von Nutzen ſein dürften. Nachdem ſie Proviſionen aus allen Theilen der Welt eingenommen, iſt dieſe zähe, alte Barke endlich am Nordpole angelangt, wo dann, da man die Eisteller hinweggeräumt, folgende Worte von ihren Lippen fallen: „Ich verſichere Ihnen, mein lieber Veneering—“ der arme Twemlow fährt ſich mit der Hand an die Stirn, denn es hat jetzt faſt den Anſchein, als ob Lady Tippins die älteſte Freundin ſei). „Ich verſichere Ihnen, mein lieber Veneering, es iſt die ſonderbarſte Geſchichte. Gleich den Leuten, die ihre Annoncen in die Zeitungen ſetzen, fordere ich nicht von Ihnen, daß Sie mir trauen ohne Ihnen eine achtbare Bürgſchaft bieten zu können. Mortimer, hier, iſt meine Bürgſchaft und kennt die ganze Geſchichte.“ Mortimer erhebt die geſenkten Augenlider und öffnet halb die Lippen. Doch ein mattes Lächeln, welches„was nützt es?“ auszudrücken ſcheint, fliegt über ſein Geſicht hin, und er ſenkt die Augen wieder und ſchließt die Lippen. „Mortimer,“ ſagt Lady Tippins, indem ſie ſich mit ihrem geſchloſſenen grünen Fächer auf die Knöchel der linken Hand klopft— welche außerordentlich reich an Knöcheln iſt,„ich beſtehe darauf, daß Sie Alles erzählen, was es über den Mann aus Jamaica zu erzählen giebt.“ „Geb' Ihnen mein Ehrenwort, daß ich nie etwas von einem Manne aus Jamaica gehört habe, den Mann, der ein Bruder war, ausgenommen,“ erwiderte Mortimer. „Alſo aus Tabago.“ „Auch nicht aus Tabago.“ „Außer,“ ſagte Eugen ſo unerwartet dazwiſchen, daß die gereifte junge Dame, die ihn völlig vergeſſen, erſchrickt und die Epaulette vor ihm hinwegnimmt:„außer unſerm Freunde, der lange von Reispudding und Hauſenblaſe lebte, bis ſein Arzt endlich Etwas zu ſeinem Wer⸗war's⸗ gleich ſagte und ein Schöpſenbraten ihm geſtern ein Ende machte.“ Eine belebende Erwartung machte ſich rund um den Tiſch fühlbar, daß Eugen mit Etwas zum Vorſchein kommen wird; boch bleibt dieſe Erwartung unerfüllt, denn er kehrt wieder in ſich zurück. „Meine liebe Mrs. Veneering,“ ſagt Lady Tippins, „ich frage Sie, ob dies nicht das ſchändlichſte Betragen iſt, das man je in der Welt geſehen? Liebhaber mit mir umher— zwei oder drei zur Zeit— Ich führe meine 11 Boz, Unſer gemein unter der Bedingung, daß ſie ſich ſehr gehorſam und aufopfernd benehmen und hier iſt mein alter Oberlieb⸗ haber, das Oberhaupt all' meiner Sclaven, der vor der ganzen Geſellſchaft ſeine Lehnspflicht abwirft! Und hier noch einer meiner Liebhaber, gegenwärtig allerdings nur noch ein unpolirter Cimon, auf den ich aber für die Zukunft die ſchönſten Hoffnungen geſetzt hates⸗ der ſich ſtellt, als vermöchte er ſich nicht ſeiner Ammenmärchen zu erinnern! Ausdrücklich, um mich zu ärgern, denn er weiß, wie leidenſchaftlich ich dieſelben liebe!“ Lady Tippin's Pointe beſteht in einer kleinen grau⸗ ſigen Erdichtung in Bezug auf ihre Liebhaber. Sie führt ſtets ein paar Liebhaber im Gefolge und ſie führt eine kleine Liſte von ihren Liebhabern und ſie trägt ſtets einen neuen Liebhaber in dieſelbe ein oder ſtreicht einen alten Liebhaber von derſelben aus, oder ſetzt einen Lieb⸗ haber auf ihre ſchwarze Liſte, oder befördert ihn zur blauen Liſte, oder addirt ihre Liebhaber zuſammen, oder hält in einer oder der andern Weiſe Abrechnung über ihre Liebhaber. Mrs. Veneering iſt entzückt über den Scherz und Mr. Veneering desgleichen. Dieſelbe wird vielleicht durch ein gewiſſes gelbliches Sehnenſpiel in Lady Tippins Halſe, das dem Kreatzen eines Hühnerfußes gleicht, noch erhöht.. „Ich verbanne den Treuloſen von dieſem Augenblicke an und ſtreiche ihn noch heute Abend aus meinem Cupido (ſo nenne ich meine Liſte, meine Liebe). Aber ich bin entſchloſſen, einen Bericht über den Mann von Irgend⸗ woher zu hören, und bitte Sie, meine Liebſte, denſelben für mich zu erlangen, da ich meinen Einfluß verloren habe.“ Dies war an Mrs. Veneering gerichtet.„O, Sie falſcher Mann!“ Dies, mit einem Klappern ihres Fächers, an Mortimer. „Wir fühlen Alle großes Intereſſe für den Mann von Irgendwoher,“ bemerkte Veneering. Dann faſſen die vier Dickköpfe ſich ein Herz und ſagen Alle zugleich: „Den größten Antheil!“ „Höchſt geſpannt!“ „Dramatiſch!“ „Ein Mann von Nirgendwoher, vielleicht!“ Und Mrs. Veneering— von Lady Tippins' einneh⸗ mender Schalkhaftigkeit angeſteckt— faltet wie ein bitten⸗ des Kind die Hände, wendet ſich zu ihrem Nachbarn zur Linken und ſagt:„Bitte! bitte! von dem Manne von Irgendwoher!“ Worauf die vier Dickköpfe geheimniß⸗ vollerweiſe Alle wieder zugleich ausrufen:„Sie können unmöglich widerſtehen!“ „Auf Ehre,“ ſagt Mortimer mit ſchmachtender Nach⸗ läſſigkeit,„ich fühle mich im höchſten Grade verwirrt, in dieſer Weiſe die Augen von Europa auf mich gerichtet zu ſehen, und mein einziger Troſt beſteht in der Ueber⸗ zeugung, daß Sie Alle Lady Tippins im Innerſten Ihres Herzens verwünſchen werden, wenn der Mann von Irgend⸗ woher Ihnen langweilig wird, was unfehlbar der Fall ſein wird. Ich bedaure es, daß Romantiſche der Sache zu zerſtören, indem ich den Mann mit einer beſtimmten Localität verſehe, aber er kommt aus dem Orte, deſſen Name mir eben entfällt, der aber Jedem hier einfallen wird— dem Orte, wo der Wein gemacht wird.“ „Von Day und Martin,“ ſagt Eugen.“) „Nein, nein,“ ſagt Mortimer, völlig unerſchüttert, Mann kommt aus dem Lande, wo man den Kapwein macht. Aber ſehen Sie, alter Burſch, es iſt durch⸗ *) Eine berühmte Wichsfabrik in London. „Anmerkung der Ueberſetzerin. ſchaftlicher Freund. 5 12 „ nicht von dort; dort wird der Portwein gemacht. Mein aus nicht ſtatiſtiſch erwieſen, und es iſt ziemlich ſon⸗ derbar.“ An der Speiſetafel der Veneering's iſt ſtets bemerkbar, daß Niemand ſich viel um die Veneering's ſelbſt beküm⸗ mert, und daß Jemand, der Etwas zu erzählen hat, dies lieber Jemand Anderem erzählt, als ihnen. „Der Mann,“ fährt Mortimer, gegen Eugen ge⸗ wendet, fort,„deſſen Name Harmon iſt, war der einzige Sohn eines furchtbaren alten Schurken, der ſein Geld durch Raub erwarb.“ „Rothe Sammethoſen und ein Glöckchen?“ fragt der düſtere Eugen. „Und Leiter und Korb, wenn Du willſt. Und auf dieſe Weiſe, oder auf eine andere, wurde er reich als ein Staub⸗Contrahent, und lebte in einer Tiefe in einer hügeligen Gegend, die gänzlich aus Staub beſtand. Der brummende alte Vagabond warf, gleich einem alten Vul⸗ kane, ſeine eigene Gebirgskette auf ſeinem kleinen Gebiete empor, und der geologiſche Beſtandtheil derſelben war Staub. Kohlenſtaub, Pflanzenſtaub, Knochenſtaub, Ge⸗ ſchirrſcherbenſtaub, roher Staub, geſiebter Staub— allerlei Staub.“ Eine flüchtige Erinnerung an Mrs. Veneering bewegt ihn hier, ſein nächſtes Halbesdutzend Worte an ſie zu richten; dann wandert er wieder fort, verſucht Twemlow, von dem ihm keine Antwort zu Theil wird, und wendet ſich ſchließlich zu den Dickköpfen, die ihn mit Enthuſiasmus aufnehmen. 5 „Das innerſte Gemüth dieſes bewunderungswürdigen Weſens ſchöpfte ſeine höchſte Glückſeligkeit aus der Be⸗ ſchäftigung, ſeine nächſten Angehörigen zu verfluchen und aus dem Hauſe zu werfen. Nachdem er(ſelbſtverſtänd⸗ licherweiſe) den Anfang hierin mit dem Weibe ſeines Herzens gemacht, fand er Muße, ſeiner Tochter dieſelben Aufmerkſamkeiten zu erzeigen. Er wählte ihr einen Gatten, ganz nach ſeinem eigenen Gefallen und nicht im mindeſten nach dem ihrigen, und war im Begriff, ihr, ich weiß nicht wieviel, Staub als Mitgabe auszuſetzen, jeden⸗ falls war es etwas Ungeheures. Als die Sache bis zu dieſem Stadium gediehen, gab das arme Mädchen ihm auf das Achtungsvollſte zu verſtehen, daß ſie heimlich mit jener beliebten Perſönlichkeit verlobt ſei, den die Roman⸗ ſchreiber und Verſemacher einen„Andern“ nennen, und daß eine ſolche Heirath ihr Herz und ihr Leben in Staub und Aſche verwandeln, kurz, ſie in ganz bedeutendem Maße im Geſchäft ihres Vaters etabliren würde. Der ehrwürdige Vater verfluchte ſie augenblicklich und warf ſie aus dem Hauſe— an einem kalten Winterabend, wie es heißt.“ Hier bewilligt der analytiſche Chemiker(der von Mortimer's Erzählung offenbar nur eine ſehr geringe Meinung hegt) den vier Dickköpfen ein wenig Burgunder; welche, abermals durch eine geheimnißvolle Triebfeder ge⸗ trieben, denſelben mit einer eigenthümlichen Grimaſſe des Hochgenuſſes in ſich aufnehmen und dann im Chore aus— rufen:„Bitte, fahren Sie fort!“ „Die pecuniären Mittel des„Andern“ waren, wie dies gewöhnlich der Fall iſt, von ſehr beſchränkter Art. Ich glaube mich keines zu ſtarken Ausdruckes zu bedienen, wenn ich ſage, daß der„Andere“ in Geldverlegenheit war. Indeſſen heirathete er die junge Dame, und ſie lebten in einer beſcheidenen Wohnung, an deren Haus⸗ thür ſich wahrſcheinlich Geißblatt und Clematis empor⸗ rankte, bis ſie ſtarb. Was die beglaubigte Urſache ihres Todes betrifft, ſo muß ich Sie darüber an das Todten⸗ regiſter des Diſtricts verweiſen, welchem ihre beſcheidene Wohnung angehörte; doch iſt es wohl möglich, daß Kummer und frühzeitige Lebensſorgen etwas damit zu 13 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 14 thun gehabt, obgleich dieſe nicht in dem liniirten Regiſter angegeben ſein mögen. Dies war jedenfalls bei dem „Andern“ der Fall, denn er war von dem Verluſte ſeines jungen Weibes ſo ſehr darniedergebeugt, daß er ſie mit genauer Noth um ein Jahr überlebte.“ Ein gewiſſes Etwas in dem Weſen des gleichgültigen Mortimer ſcheint darauf hinzudeuten, daß, falls die gute Geſellſchaft ſich überhaupt geſtattete, Eindrücke zu empfan⸗ gen, er vielleicht ſo ſchwach ſein würde, ſich durch das, was er erzählte, gerührt zu fühlen. Er hält dies mit großer Mühe verſteckt, aber es iſt in ihm. Der düſtere Eugen iſt ebenfalls nicht ganz frei von einem ähnlichen Anfluge; denn da jene entſetzliche Lady Tippins erklärt, der„Andere“ hätte, falls er am Leben geblieben wäre, ſofort an die Spitze ihrer Liſte von Liebhabern niederge⸗ ſchrieben werden ſollen— und da die gereifte junge Dame ihre Epauletten zuckt und über eine vertraute Bemerkung von dem gereiften jungen Herrn lacht— nimmt ſeine Düſterkeit dermaßen zu, daß er mit einer wahren Wuth mit ſeinem Deſertmeſſer ſpielt. Mortimer fährt fort: „Wir müſſen zu dem Manne von Irgendwoher zu⸗ rückkehren,— wie die Romanſchreiber ſich ausdrücken, und wie ſie dies lieber bleiben laſſen ſollten. Da er zur Zeit der Verbannung ſeiner Schweſter ein Knabe von vierzehn Jahren war, der in Brüſſel eine wohlfeile Erziehung erhielt, währte es einige Zeit, ehe er Etwas von jenem Ereigniſſe erfuhr— vermuthlich durch ſie ſelber, denn die Mutter war todt; doch darüber weiß ich nichts. Er entwich augenblicklich aus der Schule und kam nach England herüber. Er muß ein Knabe von Energie und Hülfsquellen geweſen ſein, indem er mit einem eingezogenen Wochengelde von fünf Sous hierher gelangte; doch führte er dies auf die eine oder die andere Weiſe aus— er ſtürzte zu ſeinem Vater und vertrat die Sache ſeiner Schweſter. Der ehrwür⸗ dige Vater thut ihn augenblicklich in den Bann und wirft ihn aus dem Hauſe. Tief erſchüttert und er⸗ ſchrocken ergreift der Sohn die Flucht, ſucht ſein Glück, kommt auf ein Schiff und erſcheint ſchließlich auf trocke⸗ nem Lande unter dem Capwein, als kleiner Gutsbeſitzer, Pächter, Viehzüchter— oder wie Sie es immer zu neu⸗ nen wünſchen.“ In dieſem Augenblick wird im Flur ein Geräuſch und ein Klopfen an die Thür des Eßzimmers vernommen. Der analytiſche Chemiker geht an die Thür, unterhält ſich aufgebracht mit dem unſichtbaren Klopfer, ſcheint ſich zu beſänftigen, indem er Grund für das Klopfen ent⸗ deckt, und geht hinaus. „Und als ſolcher wurde er neulich entdeckt, nachdem er in vierzehnjähriger freiwilliger Verbannung aus dem Vaterlande gelebt.“ Ein Dickkopf ſetzt plötzlich die anderen drei in Er⸗ ſtaunen, indem er ſich von ihnen losſagt, ſeine Indivi⸗ dualität behauptet und fragt: „Wie entdeckt und warum?“ „Ah! Allerdings. Danke Ihnen, daß Sie mich daran erinnern. Der ehrwürdige Vater ſtirbt—“ Derſelbe Dickkopf, durch ſeinen Erfolg ermuthigt, ſagt:„Wann?“ „Vor nicht langer Zeit. Monaten.“ 7 Derſelbe Dickkopf fragt mit verwegener Lebhaftigkeit: „Woran?“ Doch hierin erliegt er als trauriges Beiſpiel: er wird von den drei anderen Dickköpfen mit verſteinerten Blicken angeſtiert und von keinem andern menſchlichen Weſen ferner beachtet. „Der ehrwürdige Vater,“ wiederholt Mortimer in Vor etwa zehn bis zwölf einer flüchtigen Erinnerung, daß ſich ein Veneering am Tiſche befindet und indem er ſich zum erſten Male dieſem zuwendet,„ſtirbt.“ Der geſchmeichelte Veneering wiederholt ernſt„ſtirbt,“ dann faltet er ſeine Hände und runzelt die Stirne um mit richterlicher Miene das Ende der Sache an⸗ zuhören— doch ſieht er ſich abermals allein in der öden Welt.*. „Sein Teſtament wird gefunden,“ ſagt Mortimer, einen Blick aus Mrs. Podsnap's Schaukelpferdaugen auffangend.„Daſſelbe iſt kurz nach der Flucht des Sohnes datirt. Es vermachte die niedrigſte Stelle des Staubgebirges, an deſſen Fuße ſich eine Art von Wohn⸗ haus befindet, einem alten Diener, welcher zum einzigen Adminiſtrator ernannt iſt— und den ganzen Reſt des Eigenthums— welches bedeutend iſt— dem Sohne. Er hinterläßt Inſtructionen, um mit gewiſſen excen⸗ triſchen Ceremonien und Vorſichtsmaßregeln gegen ein Lebendigbegrabenwerden geſichert zu werden, womit ich Sie nicht langweilen will, und das iſt Alles— ausge— nommen—“ und damit endet die Geſchichte. Der analytiſche Chemiker kehrt hier zurück und Alle ſchauen ihn an. Nicht, weil ihn irgend Jemand zu ſehen wünſcht, ſondern vielmehr vermöge jenes feinen Natur⸗ einfluſſes, welcher die Menſchen die geringſte Gelegenheit, etwas Anderes als Denmjenigen, der zu ihnen ſpricht, an⸗ zuſchauen, zu ergreifen treibt. „— Außer daß die Erbſchaft des Sohnes durch eine Vermählung mit einem Mädchen bedingt wird, das zur Zeit der Abfaſſung des Teſtaments ein Kind von vier bis fünf Jahren, jetzt aber eine heirathsfähige junge Perſon iſt. Vermittelſt Zeitungsannoncen und Nach⸗ forſchungen ward der Sohn in dem Manne von Irgend⸗ woher entdeckt, und in dieſem Augenblicke befindet er ſich auf der Reiſe von dort hierher— ohne Zweifel in einem Zuſtande der größten Verwunderung— um eine ſehr große Erbſchaft anzutreten und ſich eine Gattin zu nehmen.“ Mrs. Podsnap fragt, ob die junge Perſon eine junge Perſon von perſönlichen Reizen ſei? Mortimer ver⸗ mag hierüber nichts zu berichten. Mr. Podsnap fragt, was aus dem großen Vermögen werde, falls die Bedingung jener Heirath nicht erfuͤllt würde? Mortimer erwidert, daß daſſelbe dann einer be⸗ ſonderen Teſtamentsclauſel zufolge dem oben erwähnten alten Diener zufalle und der Sohn völlig übergangen und ausgeſchloſſen werde; ferner, daß, falls der Sohn nicht am Leben geweſen, derſelbe alte Diener zum einzigen Nacherben ernannt ſei. Es iſt Mrs. Veneering ſo eben gelungen, Lady Tip⸗ pins aus einem ſchnarchenden Schlummer zu erwecken, indem ſie einige Teller und Deſertſchüſſeln über den Tiſch gegen ihre Knöchel geſchoben, und Alle, außer Mortimer ſelber, werden gewahr, daß der analytiſche Chemiker ihm in geſpenſtiſcher Weiſe ein zuſammenge⸗ legtes Blatt Papier präſentirt. Die Neugierde läßt Mrs. Veneering einige Augenblicke in ihrer Beſchäftigung innehalten. Mortimer erquickt ſich, ungeachtet aller Kunſtgriffe des Chemikers, ruhig durch ein Glas Madeira, und ver⸗ bleibt, ohne eine Ahnung von dem Documente, das die allgemeine Aufmerkſamkeit gefangen hält, bis Lady Tippins(die die Gewohnheit hat, völlig bewußtlos auf⸗ zuwachen), nachdem ſie ſich erinnert, wo ſie iſt, und wie⸗ der zu einer Wahrnehmung der ſie umgebenden Gegen⸗ ſtände gelangt, zu ihm dagt.„Treuloſerer als Don Juan, warum nehmen Sie denn dem Commendatore nicht das Billet ab?“ Worauf der Chemiker daſſelbe — 15 unter Mortimer's Naſe ſchiebt, welcher ſich umwendet und ſagt: „Was iſt dies?“ Der analytiſche Chemiker beugt ſich zu ihm herab und flüſtert. „Wer?“ ſagt Mortimer. Der analytiſche Chemiker und flüſtert. Mortimer ſtiert ihn an und öffnet faltene Blatt Papier; lieſ't daſſelbe, wendet es um, trachten, und lieſ't es zum drittenmale. „Dies kommt in einer merkwürdig gelegenen Weiſe,“ ſagt Mortimer und fügt dann, mit einem veränderten Geſicht rund um den Tiſch blickend, hinzu: der Schluß der Erzählung jenes ſelbigen Mannes.“ „Schon verheirathet?“ räth Einer. „Weigert ſich, zu heirathen?“ räth ein Anderer. „Codicill im Staube gefunden?“ räth ein Anderer. „Je nun,— nein,“ ſagt Mortimer;„ weiſe haben Sie Alle unrecht. Die Geſchichte iſt voll⸗ ſtändiger und etwas aufregender, als ich vermuthete. Der Mann iſt ertrunken!“ Seugt ſich abermals herab „. das zuſammenge⸗ lieſ't es zweimal, Drittes Capitel. Ein anderer Mann. Als die umfangreichen Gewänder der Damen auf Veneering's Treppe verſchwanden, folgte Mortimer ihnen aus dem Eßzimmer, ging in ein Bibliothekzimmer mit lauter funkelnagelnenen Büchern in funkelnagelneuen Einbänden, reichlich mit Gold verziert, und erſuchte den Diener, ihm den Knaben zu ſchicken, der den Zettel ge⸗ bracht. Es war ein Knabe von etwa fünfzehn Jahren. Mortimer ſchaute den Knaben an und der Knabe be⸗ trachtete die nagelneuen Pilger an der Wand, die nach Canterbury gingen, und zwar nicht ſo ſehr in Prozeſſion, als in Goldrahmen, und durch mehr Schnitzwerk, als Gegend. „Weſſen Handſchrift iſt dies?“ „Die meine, Sir.“ „Wer ſagte Dir, dies zu ſchreiben?“ „Mein Vater, Jeſſe Hexam.“ „Iſt er der Mann, der den Leichnam fand?“ „Ja, Sir. „Was iſt Dein Vater?“ Der Knabe ſtockte, warf einen vorwurfsvollen Blick auf die Pilger, wie wenn ſie ihn in eine kleine Verle⸗ genheit gebracht, und ſagte dann, ſein rechtes Hoſenbein fältelnd:„Er nährt ſich am Ufer.“ „Iſt es weit von hier?“ „Iſt was weit von hier?“ ſeiner Hut und abermals auf dem pury. „Bis zu Deinem Vater?“ „s iſt'ne ziemliche Strecke, Fiaker und er wartet noch auf könnten mit ihm zurückfahren, wenn Sie wollen, Sir. Ich Expedition, wie es in und ich fand dort Niemanden, nem Alter, der mich hierher ſchickte.“ Es lag eine ſeltſame Miſchung in dieſem Knaben frug der Knabe auf Wege nach Canter⸗ 5 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. oollendeter Cioiliſation. trachtete mand, der nicht leſen um die unbeſchriebene Außenſeite zu be⸗ trunkenen wieder in's Leben zurückzurufen, „Dies iſt merkwürdiger⸗ Sir. Ich kam in einem ſeinen Fuhrlohn. Wir ehe Sie ihn bezahlten, ging zuerſt nach Ihrer den Papieren befohlen war,— als einen Buben in mei⸗ 1 eine Miſchung von angeborner Wildheit und noch nicht 18 Seine Stimme war heiſer und roh, und ſein Geſicht war roh, und ſeine im Wachsthum gehemmte Geſtalt war roh; aber er war ſauberer, als andere Knaben ſeines Typus, und ſeine Handſchrift war, obgleich groß und rund, gut und leſerlich, und er be⸗ die Rückſeiten der Bücher mit einer regen welche tiefer als bis auf den Einband ging. der leſen kann, betrachtet ein Buch, ſelbſt wenn Schranke ſteht, nie wie Je⸗ Neugier, Jemand, daſſelbe ungeöffnet in einem kann. welche Verſuche gemacht, den Er⸗ Burſche?“ ſeinem Hute ſuchte. „Hat man irgend Mortimer, indem er nach Sie würden dies nicht fragen, Sir, wenn Sie in welchem Zuſtande er ſich befindet. Pharao's die im rothen Meer ertranken, ſind nicht mehr Bereich aller Wiederbelebung, als er iſt. ſo todt war, ſo war jenes das frug 71 wüßten, Schaaren, außer dem Falls Lazarus nur halb größte aller Wunder.“ „Hollah!“ rief Mortimer, indem er ſich, mit dem umwandte,„Du ſcheinſt im rothen mein junger Freund?“ Schule davon geleſen,“ Hute auf dem Kopfe, Meer zu Hauſe zu ſein, „Habe mit dem Lehrer in der ſagte der Knabe. „Und Lazarus?“ „Ja, von ihm ebenfalls. Aber ſagen Sie meinem Vater nichts davon! Wir würden keinen Frieden im Hauſe haben, wenn das herauskäme. Meine Schweſter hat es bewerkſtelligt.“ „Du ſcheinſt eine gute Schweſter zu haben?“ „Sie iſt keine ſchlechte Schweſter,“ ſagte der Knabe, „aber wenn ſie die Buchſtaben kennt, ſo iſt dies ihre ganze Gelehrſamkeit, und dieſe hat ſie von mir ge⸗ lernt.“ Der düſtere Eugen war, mit den Händen in den Taſchen, hereingekommen und hatte den letzteren Theil des Geſprächs mit angehört; als der Knabe in gering⸗ ſchätzigem Tone jene Worte über ſeine Schweſter ſprach, faßte er ihn ziemlich rauh an's Kinn und richtete ſein Geſicht empor, um in daſſelbe hineinzuſchauen. „Nun, wahrlich, Sir,“ ſagte der Knabe, ſich ſträu⸗ bend, ich hoffe, daß Sie mich ein andermal wiederkennen werden.“ Eugen würdigte ihn keiner Antwort, ſondern machte Mortimer den Vorſchlag:„Ich will Dich begleiten, wenn Du willſt?“ Demzufolge fuhren ſie alle Drei in dem Fiaker, der den Knaben gebracht, von dannen; die beiden Freunde(ehemalige Schulkameraden) Cigarren rauchend, im Innern; der Bote auf dem Bock, neben dem Fuhrmann. „Laß ſehen,“ ſagte Mortimer, als ſie ſchnell durch die Straßen dahinfuhren,„ich ſtehe jetzt ſeit fünf Jah⸗ ren auf der ehrenwerthen Liſte der Advokaten des Hohen Kanzleigerichtshofes; und— außer, daß ich etwa alle vierzehn Tage einmal gratis Tippins, die nichts zu men— habe ich, dieſe keine Spur von einer Sache zu „Und ich,“ ſagte Eugen, Adookat, und habe keine einzige habt und werde nie eine bekommen. zu führen bekäme, würde ich nicht wiffen, wie ich es an⸗ fangen ſollte.“ „Was dieſes letzte Detail betrifft,“ ſagte Mortimer mit großer Gelaſſenheit,„ſo bin ich mir durchaus nicht klar darüber, daß ich Dir überlegen bin.“ „Ich haſſe)“ ſagte Eugen, indem er den Rückſitz legte,„ich haſſe meinen Beruf.“ ſeine Füße auf J * Füße Dan Wä Eugen Recht jebt Nor einen jetz au di Je das ———— ——— —„f= ꝛ— neinem en im weſter Knabe, ihre —it ge⸗ in den Theil gering⸗ ſprach, te ſein ſträn⸗ kennen machte leiten, Drei in n, die bigarren „neben durch Jah⸗ „Hohen wa alle n Lady ngenom⸗ ommen, Jahren hren ge⸗ ich eine ch es an⸗ Nortinn baus nich Füße auf 8 Bon, Uunſer gemeinſchaftlicher Freund „Derſelbe wurde mir aufgedrungen,“ ſagte der düſtere Eugen,„weil es ſich von ſelbſt verſtand, daß wir einen Rechtsgelehrten in der Familie haben müßten. Und jetzt haben wir allerdings einen herrlichen.“ „Der meinige ward mir aufgedrungen,“ ſagte Mortimer,„weil es ſich von ſelbſt verſtand, daß wir einen Procurator in der Familie haben müßten. Und jetzt haben wir allerdings einen herrlichen.“ „Wir ſind unſer Vier, und unſere Namen ſtehen auf einen Thürpfoſten gemalt in einer ſchwarzen Höhle, die eine Expedition genannt wird,“ ſagte Eugen;„und Jeder von uns beſitzt den vierten Theil eines Schreibers — Caſſim Baba in der Räuberhöhle— und Caſſim iſt das einzige reſpectable Mitglied der Geſellſchaft.“ „Ich bin Einer allein,“ ſagte Mortimer,„hoch oben eine furchtbare Treppe hinauf, mit einer Ausſicht auf einen Begräbnißplatz, und habe einen ganzen Schreiber für mich, der nichts zu thun hat, als auf den Begräb⸗ nißplatz hinauszuſchauen, und was aus ihm werden ſoll, wenn er Mannesalter erreicht, davon habe ich wirklich keine Vorſtellung. Die Frage, ob er ſich in jenem er⸗ bärmlichen Rabenneſte fortwährend mit weiſem Nach⸗ denken oder mit Mordplänen beſchäftigt,— ob er nach ſo viel einſamem Sinnen und Brüten dazu heranwachſen wird, ſeine Nebenmenſchen aufzuklären oder zu vergiften, bildet den einzigen Funken von Intereſſe, der ſich mir in einem amtlichen Geſichtspunkte darbietet. Willſt Du mir erlauben, meine Cigarre an der Deinigen anzu⸗ brennen? Danke.“ „Und die Blödſinnigen,“ ſagte Eugen, indem er ſich zu⸗ rücklehnte, ſeine Arme verſchränkte, mit geſchloſſenen Augen rauchte und ein wenig durch die Naſe ſprach,„reden noch von Energie. Es giebt im ganzen Dictionnär vom Buchſtaben A bis zum Buchſtaben 3 kein Wort, das ich ſo tief verabſcheue, wie das Wort Energie. Es iſt ein ſolcher conventioneller Aberglaube, ſolch Pa⸗ pageigeſchwätz! Was, zum Henker, verlangt man von mir! Soll ich etwa in die Straße hinausſtürzen, den erſten beſten wohlausſehenden Mann beim Kragen packen, ihn ſchütteln und fagen,„fangen Sie augenblicklich einen Prozeß an, Sie Schuft, und nehmen Sie mich als Ihren Advokaten an oder Sie ſind des Todes?“ Dies würde Energie ſein.“ „Genau meine eigene Anſicht von der Sache, Eugen. Aber man gebe mir nur eine gute Gelegenheit, Etwas, das ſich der Energie verlohnt, und dann will ich Euch ſchon Energie zeigen.“ „Und ich nicht minder,“ ſagte Eugen. Und es iſt wahrſcheinlich, daß außer ihnen noch zehntauſend andere junge Leute in London im Verlauf dieſes Abends dieſelbe hoffnungsvolle Bemerkung machten. Der Fiaker rollte dahin— an dem Monument vor⸗ bei, am Tower und an den Docks vorüber; Rateliffe hinunter und Rotherhithe hinunter; durch Straßen und Diſtricte, wo die Maſſe des Auswurfs der Menſchheit wie von einem hohen Ufer herabgeſpült erſchien, gleich ſo vielem moraliſchen Koth, der hier ſtockte, bis ſeine eigene Wucht ihn über das Ufer trieb oder in den Fluß hinabſenkte. Zwiſchen den Schiffen hin und her, die das Anſehen hatten, als ſeien ſie auf den Strand ge⸗ rathen, und zwiſchen Häuſern, die ausſahen, als ob ſie auf dem Fluſſe ſchwämmen— zwiſchen Bugſprieten, die in die Häuſerfenſter, und Fenſtern, die in die Schiffe hineinzuſtieren ſchienen,— der Fiaker rollte dahin, bis er endlich in einem finſteren Winkel anhielt, der vom ** 7 17 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 18 „Werde ich Dich incommodiren, wenn ich meine Fluſſe gewaſchen und außerdem gar nicht gewaſchen war, Füße ebenfalls auf den Sitz lege?“ ſagte Mortimer. und wo der Knabe vom Bocke herunterſprang und die „Danke. Ich haſſe den meinigen.“ Wagenthür öffnete. „Sie müſſen den Reſt des Weges zu Fuße machen, Sir; es ſind nur wenige Schritte.“ Er ſprach in der Einzahl, um ſeine ausdrückliche Ausſchließung Eugen's zu erkennen zu geben. „Dies iſt ein perwünſcht abgelegener Ort,“ ſagte Mortimer, deſſen Fuß auf den Steinen und dem Unrath des Ufers ausglitt, als der Knabe ſcharf um eine Ecke bog. „Hier wohnt mein Vater, Sir, wo Sie das Licht ſehen.“ Das niedrige Gebäude hatte das Anſehen, als ob es einſt eine Mühle geweſen. Daſſelbe hatte eine ver⸗ faulte Warze von Holz auf der Stirn, welche die Stelle anzudeuten ſchien, an der ſich einſt die Flügel befunden, doch war das Ganze in der Finſterniß der Nacht nur undeutlich ſichtbar. Der Knabe öffnete die Thür, und ſie traten unmittelbar in ein niedriges rundes Zimmer, wo ein Mann vor einer rothen Feuersgluth ſtand und ein Mädchen, mit Handarbeit beſchäftigt, ſaß. Das Feuer befand ſich in einer roſtigen Kohlenpfanne, die nicht mit dem Kaminheerde in Verbindung ſtand; und eine gewöhnliche Lampe, von der Geſtalt einer Hyazinthen⸗ zwiebel, flackerte und dunſtete in dem Halſe einer Stein⸗ flaſche auf dem Tiſche. In einer Ecke ſtand eine höl⸗ zerne Bettlade und in einer andern befand ſich eine höl⸗ zerne Treppe, die nach oben hinaufführte und ſo unge⸗ ſchickt und ſteil, daß ſie wenig beſſer als eine Leiter war. Zwei oder drei alte Ruder ſtanden an eine Wand ge⸗ lehnt und an einem andern Theile derſelben ſtand ein kleiner Küchentiſch, auf dem die allernothwendigſten und gewöhnlichſten Küchengeräthſchaften aufgeſtellt waren. Die Decke des Zimmers war nicht mit Mörtel über⸗ zogen, ſondern ward von dem Fußboden des obern Zimmers gebildet, welcher, da er ſehr alt, balkig, knotig und ſpaltig war, dem Zimmer ein ſehr finſteres Aus⸗ ſehen verlieh; und die Decke, und die Mauern, und der Fußboden, die alle Flecken von altem Mehl oder rothem Mennige(oder einer ſonſtigen derartigen Beſchaffenheit, die ſie wahrſcheinlich durch die Waaren erhalten, welche dort aufgeſpeichert gelegen) und Feuchtigkeit trugen, hat⸗ ten alle ein Ausſehen von Verfall und Fäulniß. „Hier iſt der Herr, Vater.“ Die Geſtalt vor dem Feuer wandte ſich um, erhob das ſtruppige Haupt und ſah wie ein Raubvogel aus. „Sie ſind Mr. Mortimer Lightwood, wie, Sir?“ „So heiße ich. Befindet ſich das,“ ſagte Mortimer, mit einem etwas widerſtrebenden Blicke in die Richtung der Bettlade,„was ſie gefunden haben, hier?“ „s iſt nicht gerade hier, aber ganz in der Nähe. Ich thue Alles regelmäßig. Ich habe der Polizei die Meldung gemacht, und die Polizei hat es unter ihre Obhut genommen. Es iſt auf keiner Seite verloren worden. Die Polizei hat es bereits drucken laſſen, und hier iſt das Gedruckte.“ Er nahm die Flaſche mit der Lampe und näherte dieſelbe einem Anſchlagzettel an der Wand, auf dem die polizeiliche Ueberſchrift„Leichnam gefunden“ ſtand. Die beiden Freunde laſen den Zettel an der Wand, und Gaffer, der die Lampe hielt, las die beiden Freunde. „Es wurde nichts, als Papiere bei dem unglück⸗ lichen Manne gefunden, wie ich ſehe,“ ſagte Lightwood, indem er von der Beſchreibung des Gefundenen zu dem Finder hinaufſchaute. „Nichts, als Papiere.“ Hier erhob ſich das Mädchen mit ihrer Handarbeit und ging zur Thür hinaus. Er ſchwenkte das Licht über das Ganze hin, wie um dadurch das Licht ſeiner Gelehrſamkeit anzudeuten, ſtellte dann die Lampe wieder auf den Tiſch und ſtand hinter derſelben und betrachtete die beiden Herren mit ſcharfen Blicken. Er hatte die Eigenthümlichkeit gewiſſer Raub⸗ vögel, daß ſein ſtruppiges Haupthaar ſich wie ein Kamm emporrichtete, wenn er die Stirn runzelte. „Ihr habt doch alle Dieſe nicht ſelbſt gefunden, wie?“ fragte Eugen. Worauf der Raubvogel langſam erwiderte:„Und was mag wohl Ihr Name ſein?“ „Dies iſt mein Freund,“ ſagte Mortimer Lightwood; „Mr. Eugen Wrayburn.“ „Mr. Eugen Wrayburn, ſo? Und was fragte mich Mr. Eugen Wrayburn?“ „Ich fragte Euch ganz einfach, ob Ihr alle Dieſe ſelbſt gefunden?“ „Und ich antworte Ihnen ganz einfach, meiſtens.“ „Glaubt Ihr, daß bei dieſen Fällen meiſtens Ge⸗ V waltthätigkeit und Beraubung ſtattgefunden hat?“ „Ich glaube gar nichts darüber,“ entgegnete Gaffer. „Ich gehöre nicht zu der glaubenden Sorte. Wenn Sie ſich Ihr Brod jeden Tag aus dem Fluſſe zu fiſchen hätten, ſo würden Sie ſich nicht lange mit glauben auf⸗ halten. Soll ich Ihnen den Weg zeigen?“ Wie er, einem Kopfnicken von Lightwood folgend, die Thür öffnete, erſchien in derſelben ein außerordentlich bleiches und verſtörtes Geſicht— das Geſicht eines Mannes in heftiger Bewegung. „Vermiſſen Sie Jemand?“ fragte Gaffer ſtillſtehend, „oder iſt ein Leichnam gefunden worden? Was iſt's?“ „Ich bin verirrt!“ rief der Mann haſtig und aufgeregt. —— Gebirges befunden und keine betrunkene Furie ſich in ſeinem Hinterhofe, hart an ſeinem Elbogen, gegen die Thür ſeiner Zelle geſtürzt. Mit derſelben Miene eines ſich ganz ſeinen Studien hingebenden Mönches wandte er ſich von ſeinen Büchern ab, um einen zweideutigen Blick des Erkennens auf Gaffer zu werfen, welcher deut⸗ lich ſagte:„Ah! wir kennen Euch, und Ihr werdet es eines Tages zu arg treiben,“— und um Mr. Lightwood und deſſen Freunde zu unterrichten, daß er ihnen ſogleich zu Dienſten ſtehen werde. Dann beendete er das Liniiren des Werkes, mit dem er beſchäftigt war(ſeiner Ruhe nach zu urtheilen, hätte ſeine Thätigkeit in dem Illuminiren eines Meßbuches beſtehen dürfen), auf das ſauberſte und behutſamſte, und verrieth durch keine Miene, daß er ſich des Weibes bewußt, welches ſich mit zunehmender Heftig⸗ keit gegen die Thür ſtürzte und mit furchtbarem Geſchrei die Leber eines andern Weibes forderte. „Eine Laterne,“ ſagte der Nachtinſpector, ſeine Schlüſſel aufnehmend. Ein unterwürfiger Satellite brachte die⸗ ſelbe.„Jetzt meine Herren.“ Mit einem ſeiner Schlüſſel öffnete er eine kühle Grotte am Ende des Hofes, und ſie traten Alle ein. Sie kamen Alle ſehr ſchnell wieder heraus und Niemand ſprach, außer Eugen, welcher Mortimer zuflüſterte:„Nicht viel ſchlimmer, als Lady Tippins.“ Sie kehrten in die weißgeſtrichene Studirzelle des Kloſters zurück, wo noch immer laut nach der Leber ge⸗ ſchrieen wurde— was in der That nicht aufgehört hatte, während ſie den ſtillen Anblick gehabt, wegen deſſen ſie gekommen waren— und gingen dort die Sache in ihren Einzelnheiten durch, wie der Mönch dieſelben zuſammen⸗ gefaßt hatte. Kein Schlüſſel zu der Art und Weiſe vor⸗ —————;— N 19 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 20 ——— ͦ— hande „Kein Geld,“ fuhr Mortimer fort,„außer drei„BVerirrte Schr Pence, in einer der Rocktaſchen.“„Ich— ich bin hier fremd und kenne den Weg nicht. ſtimn „Drei. Einzelne. Pennyſtücke,“ ſagte Gaffer Heram Ich— ich ſuche den Ort, wo ich Das ſehen kann, was vor L in eben ſo viel Abſätzen. hier beſchrieben iſt. Ich mag es möglicherweiſe erkennen.“ atzt „Die Hoſentaſchen leer und von innen nach außen Er keuchte und war kaum im Stande, zu ſprechen; aber meine gekehrt.“ er zeigte ein Exemplar des gedruckten Anſchlagezettels, der Gaffer Hexam nickte.*„Doch das iſt nichts Unge⸗ der, noch von Druckerfarbe feucht, an der Wand hing. weſe wöhnliches. Ob's von dem Spülen der Fluth kommt Dieſe Neuheit vielleicht oder Gaffer Hexam's genaue dem oder von etwas Anderem— ich kann's nicht ſagen. Wahrnehmung des allgemeinen Ausſehens dieſes Zettels, die Schauen Sie her,“ fuhr er fort, indem er das Licht der führte ihn zu einem ſchnellen Schluſſe. verl Lampe auf einen andern Zettel fallen ließ,„ſeine„SDieſer Herr, Mr. Lightwood, iſt mit der Sache fun Taſchen wurden leer und von innen nach außen gekehrt beauftragt.“ /Fal gefunden. Und hier,“ ſich abermals zu einem andern„Mr. Lightwood?“ Fa Zettel wendend,„ihre Taſchen waren leer und von Während der Pauſe betrachteten Mortimer und der art innen nach außen gekehrt. Und eben ſo war's mit ſei⸗ Fremde einander. Keiner kannte den Andern. ſa nen Taſchen und mit ſeinen. Ich kann nicht leſen,“„Wenn ich nicht irre, Sir,“ ſagte Mortimer, mit obt und es verlangt mich auch nicht danach, denn ich kenne ſeiner erhabenen Gelaſſenheit das ungeſchickte Schweigen ſie von ihren Plätzen an der Wand. Dieſer hier war brechend,„ſo erzeigten Sie mir die Ehre, meinen Namen ſag ein Matroſe, und auf ſeinem Arme waren zwei Anker auszuſprechen.“ 3 und eine Flagge und G. F. T. zu ſehen. Schauen Sie„Ich wiederholte denſelben nach dieſem Manne.“ di hin, ob ich nicht recht habe.“„Sie ſagten, Sie ſeien fremd in London?“ vr „Ganz recht.“„Vollkommen fremd.“ 34 „Dieſe hier war das junge Frauenzimmer mit den„Suchen Sie einen gewiſſen Mr. Harmon?“ N grauen Stiefeln und ihre Wäſche mit einem Kreuz ge⸗„Nein.“ zeichnet. Schauen Sie hin, ob ich recht habe.“„Dann glaube ich Ihnen die Verſicherung geben zu 1. „Dieſer hier war Der mit dem garſtigen Schmiß können, daß Ihre Bemühung fruchtlos war, und Sie über den Augen. Dieſe hier ſind die beiden jungen das, was Sie zu finden fürchten, nicht finden werden.— 5 Schweſtern, die ſich mit einem Taſchentuch an einander Wollen Sie uns begleiten?“ feſtgebunden hatten. Dies hier iſt der alte Trunkenbold, Ein kurzes Ein⸗ und Auswinden durch ſchmutzige in Morgenſchuhen und Nachtmütze, der ſich— wie es Nebengaſſen, die möglicherweiſe von der letzten unerquick⸗ ab ſpäter herauskam— erboten hatte, für ein Viertelnöſel lichen Fluth abgeſetzt und zurückgelaſſen worden, brachte ſch Rum, der ihm zuvor gereicht werden ſolle, ein Loch in's ſie an das Pförtchen und die helle Lampe einer Polizei⸗ Je Waſſer zu machen, und der darin zum erſten und letzten ſtation, wo ſie den Nachtinſpector fanden, der ſich mit 9e Male in ſeinem Leben Wort gehalten. Sie tapezieren Feder, Tinte und Lineal in einer weiß geſtrichenen Amts⸗ jes mir ziemlich das Zimmer, wie Sie ſehen; aber ich kenne ſtube ſo ruhig und emſig mit ſeinen Büchern beſchäftigte, 4 ſie Alle. Ich bin gelehrt genug!“ als ob er ſich in einem Kloſter auf dem Gipfel eines 2 20 nicht. was nen.“ aber ettels, hing. eenaue ettels, Sache nd der , mit weigen Namen 61 ben zu d Sie den.— nutzige erquick⸗ brachte Polizei⸗ ſch wit Amtt⸗ häftigte, l eines ſich in den die eines wandte eutigen —r deut⸗ trdet es htwood ſogleich Liniten ühe nach miniren ſte und er ſich (beftig⸗ Heſchrei hlüſſel te die⸗ Grotte kamen pprach tt viel elle des eber ge⸗ art hatte peſſen ſie in ihren ammen⸗ iſe vor⸗ — Sehr häufig in ſolchen Fällen. Zu ſpät, um mit Be⸗ ſtimmtheit in Erfahrung zu bringen, ob die Verletzungen vor oder nach dem Tode erlitten; ein vortrefflicher Wund⸗ arzt meine, vorher; ein anderer vortrefflicher Wundarzt meine, nachher. Der Steward des Schiffes, auf dem der Herr als Paſſagier heimgekommen, ſei dort ge⸗ weſen und könne die Identität beſchwören; könne außer⸗ dem die Kleider beſchwören. Und außerdem— da waren die Papiere. verlaſſen, vollkommen verſchwunden, bis er im Fluß ge— Fahrt ausgegangen; hatte ſich auf einer harmloſen kleinen Fahrt eruüht, und dieſelbe hatte ſich als eine bös⸗ artige herausgeſtellt. Die Todtenſchau werde morgen ſtattfinden, und über das Verdict könne kein Zweifel obwalten. „Die Sache ſcheint Ihren Freund erſchüttert zu haben,“ ſagte der Herr Inſpector, ſobald er geendet hatte.„Es Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. Wie kam es, daß er, nachdem er das Schiff 22 handen, in der der Leichnam in den Fluß gekommen. nicht beſtreiten, daß ich das Recht habe, Ihnen die Ant⸗ wort vorzuenthalten. Gute Nacht!“ Er wandte ſich abermals dem Pförtchen zu, an dem der Satellite, die Augen auf ſeinen Vorgeſetzten heftend, wie eine ſtumme Statue daſtand. M„Sie werden,“ ſagte der Hexr Inſpector,„wenigſtens nicht⸗ dawider haben, mir Ihre Karte hier zu laſſen, Sir?“ „Ich würde nichts dawider haben, falls ich eine ſolche beſäße; aber ich habe keine.“ Er erröthete, indem er dieſe Antwort gab und war ſehr verwirrt. funden worden? Je nun! War vielleicht auf eine kleine hat ihn wirklich auf merkwürdige Weiſe erſchüttert!“ Dies wurde mit ſehr leiſer Stimme und einem ſcharfen, prüfenden Blicke(der nicht der erſte war, den er auf ihn geworfen) auf den Fremden geſprochen. Mr. Lightwood erklärte, daß der Fremde kein Freund von ihm ſei.. „Wirklich?“ ſagte der Herr Inſpector, mit aufmerk⸗ ſamem Ohr;„wo haben Sie ihn gefunden?“ Mr. Lightwood erklärte die Sache ferner. Der Herr Inſpector hatte ſeine Anſicht der Sache abgegeben und dann dieſe Worte hinzugefügt, indem er ſich mit den Elbogen auf ſein Pult geſtützt und den Zeigefinger und Daumen ſeiner Linken gepreßt. Der Herr Inſpector bewegte nichts, als ſeine Augen, als er jetzt mit lauterer Stimme hinzufügte: „Es hat Ihnen unwohl gemacht, Sir! Dergleichen nicht gewöhnt, wie es ſcheint.“ Der Fremde, der mit geſenktem Haupte gegen den Kaminſims gelehnt ſtand, ſchaute ſich um und erwiderte: „Nein. Es iſt ein ſchauerlicher Anblick!“ „Sie kamen in der Erwartung, den Leichnam zu identificiren, wie ich höre, Sir?“ „Jal.“ „Haben. Sie denſelben identificirt?“ „Nein. Es iſt ein ſchauerlicher Anblick. O! ein ſchauerlicher, ſchauerlicher Anblick!“ „Wen erwarteten Sie zu finden?“ fragte der Herr Inſpector.„Geben Sie uns eine Beſchreibung, Sir. Wir können Ihnen vielleicht behülflich ſein.“ „Nein, nein,“ ſagte der Fremde;„es würde völlig nutzlos ſein. Gute Nacht.“ Der Herr Inſpector hatte ſich nicht gerührt und hatte keinen Befehl gegeben; aber der Satellite hatte ſich mit dem Rücken gegen das kleine, niedrige hölzerne Pförtchen gelehnt und ſeinen Arm darauf gelegt, und mit ſeiner rechten Hand wandte er jetzt die halbe Seite der Laterne, die er ſeinem Vorgeſetzten abgenommen— in ganz zu⸗ fälliger Weiſe— dem Fremden zu. „Sie vermißten natürlich einen Freund, oder Sie ver⸗ mißten einen Feind, oder Sie würden nicht hierher ge⸗ kommen ſein, ſehen Sie. Nun, alſo— iſt es nicht billig, wenn ich frage, wen Sie ſuchten?“ So ſprach der Herr Inſpector. „Sie müſſen mich entſchuldigen. Keine Klaſſe von Menſchen kann beſſer begreifen, als Sie, daß die Fami⸗ Sie ſind an lien ihre Zwiſtigkeiten und ihr Unglück nicht gern anders, als in der äußerſten Nothwendigkeit, bekannt werden laſſen. indem Sie dieſe Frage an mich richten; und Sie werden * Ich beſtreite nicht, daß Sie Ihre Pflicht thun, „Wenigſtens,“ ſagte der Herr Inſpector, ohne den Ton ſeiner Stimme, noch ſeine Manier zu ändern,„wer⸗ den Sie nichts dawider haben, Ihren Namen und Ihre Adreſſe niederzuſchreiben?“ „Durchaus nicht.“ Der Herr Inſpector tauchte ſeine Feder in ſein Tinten⸗ faß und legte dieſelbe behutſam auf ein Blatt Papier; dann nahm er ſeine vorige Stellung wieder ein. Der Fremde trat an das Pult und ſchrieb mit etwas zittern⸗ der Hand— während der Herr Inſpector ſich mit einem Seitenblicke jedes Haar ſeines herabgebeugten Hauptes merkte—„Mr. Julius Handford, Kaffeehaus„Zum Schatzmeiſter“, Palace Yard, Weſtminiſter.“ Sie logiren vermuthlich dort, Sir?“ „Ich logire dort.“ „Sind folglich aus der Provinz?“ „Wie?— Ja, aus der Provinz.“ „Gute Nacht, Sir.“ Der Satellite nahm ſeinen Arm vom Pförtchen herab und öffnete daſſelbe, und Mr. Julius Handford ging hinaus. „Reſerve!“ ſagte der Herr Inſpector.„Nehmt dieſes Blatt Papier, behaltet ihn im Auge, erkundigt Euch, ob er ſich wirklich dort aufhält und bringt überhaupt ſo viel Ihr könnt über ihn in Erfahrung. Der Satellite war verſchwunden; und der Herr In⸗ ſpector wurde wieder der ruhige Mönch jenes Kloſters, tauchte ſeine Feder in ſeine Tinte und wandte ſich wieder ſeinen Büchern zu. Die beiden Freunde, die ihn, mehr durch ſeine amtliche Manier beluſtigt, als aus Argwohn gegen Mr. Julius Handford, beobachtet hatten, fragten, ehe ſie ſich ebenfalls verabſchiedeten, ob er denke, daß die Sache wirklich ein böſes Anſehen habe? Der Mönch erwiderte mit Zurückhaltung— könne es nicht ſagen. Falls es ein Mord, ſo könnte derſelbe von Irgendjemandem begangen ſein. Zur Hausbrecherei und Taſchendieberei bedürfe es einer Lehrzeit. Zum Morde nicht. Dazu ſeien wir Alle fähig. Er habe Dutzende von Leuten dorthin kommen ſehen, um Leichname zu identificiren, doch noch Niemanden, den die Sache auf jene auffallende Weiſe erſchüttert. Doch könne es mög⸗ licherweiſe aus dem Magen und nicht aus dem Gemüthe gekommen ſein. In dem Falle ſei es ein ſonderbarer Magen. Es ſei ſchade, daß in dem Aberglauben in Be⸗ zug auf das Bluten von Leichnamen, ſobald die Hand des Mörders ſie berührte, keine Spur von Wahrheit vor⸗ handen; erlangen.„Man erlangt Lärm genug von Einer, wie Jene“(dies galt den geräuſchvollen Forderungen nach der Leber),„aber aus den Leichnamen iſt auf keine Weiſe Etwas herauszubringen.“ Da bis zu der für den nächſten Tag angeſetzten Leichenſchau nichts mehr geſchehen konnte, gingen die Freunde zuſammen fort, und Gaffer Hexam und ſein Sohn, jeder ſeines Weges. An der letzten Ecke anlan⸗ gend, hieß Gaffer den Knaben heimgehen, während er ſelber in ein Wirthshaus, mit rothen Fenſtervorhängen, es ſei nie ein Zeichen von einem Leichname zu 2* * 23 4 24 trat, welches waſſerſüchtig in die Straße hineinbauſchte, um„ein Seidel zu trinken.“ Der Knabe öffnete die Thür, die er vorher geöffnet, und fand ſeine Schweſter, mit ihrer Arbeit beſchäftigt, vor dem Feuer. Sie erhob den Kopf, als er hereinkam und fragte: „Wo gingſt Du hin, Liz?“ „Ich ging hinaus in die Dunkelheit.“ „Das hätteſt Du gar nicht nöthig gehabt. Alles in Ordnung.“ „Der eine der Herren, der, welcher nicht ſprach, ſo lange ich zugegen war, ſchaute mich ſcharf an. Und ich fürchtete, er könne in meinem Geſichte leſen. Doch— ſchon gut! Beunruhige Dich nicht meinetwegen, Charley. Ich zitterte an allen Gliedern, als Du dem Vater ein⸗ geſtandeſt, daß Du ein wenig ſchreiben kannſt.“ „O, aber ich that, als ob ich ſo ſchlecht ſchriebe, daß es kaum zu leſen ſei. Und wenn ich am langſamſten ſchrieb und am meiſten wieder mit dem Finger aus⸗ Es war wiſchte, war der Vater, wie er neben mir ſtand und zu⸗ ſchaute, ſtets am zufriedenſten mit mir.“ Das Mädchen legte ihre Arbeit fort, zog ihren Sitz näher zu dem ſeinigen am Feuer heran und legte ihren Arm ſanft auf ſeine Schulter. „Du wirſt Deine Zeit benutzen, nicht wahr, Charley?“ „Und ob! Komm! das gefällt mir. Thue ich es nicht etwa ſchon?“ „Ja, Charley, ja. Du biſt ſehr fleißig, das weiß ich wohl. Und ich arbeite ein wenig, Charley, und ſinne nach und mache Pläne(erwache zuweilen aus dem Schlafe mit Plänen), wie wir hier und dort einen Schilling zu⸗ ſammenbringen können, um den Vater glauben zu machen, daß Du anfängſt, Dir Etwas am Flußufer zu verdienen.“ „Du biſt des Vaters Liebling und kannſt ihn Alles glauben machen.“ „Ich wollt' es, Charley! Denn wenn ich ihn nur glauben machen könnte, daß es gut iſt, Etwas zu lernen und ein beſſeres Leben zu führen, da könnt' ich es faſt zufrieden ſein, zu ſterben.“ „Spricch nicht ſo leichthin über's Sterben, Liz.“ Sie legte ihre gefaltenen Hände auf ſeine Schulter, legte ihre warme bräunliche Wange auf dieſelben und ſagte, nachdenklich in's Feuer ſchauend: „Abends, Charley, wenn Du in der Schule biſt und der Vater—“ „In den„Sechs luſtigen Brüdern,“ unterbrach ſie der Knabe, indem er mit dem Kopfe rückwärts in die Richtung der Branntweinſchenke nickte. „Ja, wenn ich ſo daſitze und in's Feuer ſchaue, iſt mir's, als ſähe ich in den glühenden Kohlen— etwa dort, wo jetzt die Gluth iſt— „Das iſt Gas,“ ſagte der Knabe,„und kommt aus einem Stückchen von einem Wald, der unter der Modde gelegen, die zur Zeit von Noah's Arche unter Waſſer war. Schau her! Wenn ich das Schüreiſen nehme— ſo— und damit in die Stelle hineinſtoße—“* „Rühr's nicht an, Charley, oder es wird hell auf⸗ lodern. Ich meine jene matte Gluth daneben, die fort⸗ während kommt und geht. Wenn ich Abends in dieſelbe Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. hineinſchaue, Charley, ſo iſt mir's, als ob ich allerlei Bilder darin ſähe.“ „Laß uns einmal ein Bild ſehen,“ ſagte der Knabe. „Sag' mir, wohin ich ſchauen ſoll.“ „Ach dazu bedarf es meiner Augen, Charley.“ führen. „Losgeſchoſſen— erzähl' mir, was Deine Augen daraus machen.“ „Ei, ich ſehe mich und ein kleines Kind biſt,— das nie eine Mutter kannte—“ Dich, Charley, wie Du noch indem er von ihren Augen in die Kohlenpfanne blickte, „Sage nicht, daß ich nie eine Mutter kannte,“ unter⸗ brach ſie der Knabe,„denn ich kannte eine kleine Schwe⸗ ſter, die ſowohl Mutter als Schweſter war.“ Das Mädchen lachte freudig auf, und ihre Augen füllten ſich mit glücklichen Thränen, als er ſie mit beiden Armen umſchlang und ſo feſthielt. „Ich ſehe Dich und mich, Charley, wenn der Vater auf die Arbeit gegangen und uns aus dem Hauſe ge⸗ ſchloſſen, damit wir nicht in's Feuer oder aus dem Fen⸗ ſter fielen, und wie wir auf unſerer Thürſchwelle und auf anderen Thürſchwellen und am Flußufer ſitzen und um⸗ herwandern, um uns die Zeit zu vertreiben. Du biſt ziemlich ſchwer zu tragen, Charley, und ich bin oft ge⸗ nöthigt, mich auszuruhen. Zuweilen ſind wir ſchläfrig und ſchlafen zuſammen in einem Winkel ein, zuweilen ſind wir ein wenig hungrig und zuweilen fürchten wir uns ein wenig, doch das, was uns am häufigſten weh thut, iſt die Kälte. Erinnerſt Du Dich wohl, Charley?“ „Ich erinnere mich,“ ſagte der Knabe, ſie zwei bis drei Mal an ſich drückend,„daß ich unter ein kleines Tuch zu kriechen pflegte, und daß es dort warm war.“ „Zuweilen regnet es, und wir kriechen unter ein auf⸗ geſtülptes Boot oder dergleichen; zuweilen iſt es finſter, und wir ſitzen unter den Gaslaternen und ſchauen die Leute an, die auf der Straße vorbeikommen. Endlich kommt der Vater und nimmt uns mit ſich nach Hauſe. Und das Haus erſcheint nach den Straßen ein ſolches Obdach! Und der Vater zieht mir die Schuhe aus und trocknet meine Füße und läßt mich, lange nachdem Du zu Bette gebracht, neben ſich ſitzen, während er ſeine Pfeife raucht, und ich bemerke, daß die Hand des Vaters groß iſt, doch niemals ſchwer, wenn ſie mich berührt, und daß ſeine Stimme barſch, doch niemals zornig iſt, wenn er zu mir ſpricht. Und ſo wachſe ich heran, und nach und nach fängt der Vater an, mir zu vertrauen und eine kleine Gefährtin aus mir zu machen, und wie aufgebracht er immer ſein mag, er ſchlägt mich niemals.“ Der zuhörende Knabe ſtieß hier eine Art Grunzen aus, wie wenn er ſagen wollte:„aber mich ſchlägt er!“ „Dies ſind einige von den Bildern aus der Vergangen⸗ heit, Charley.“ „Dann mach' weiter,“ ſagte der Knabe,„und zeig; uns eins in der Zukunft.“. „Nun! Da bin ich, noch immer beim Vater und halte am Vater feſt, weil der Vater mich lieb hat und ich ihn lieb habe. Ich kann nicht einmal leſen, denn falls ich es gelernt hätte, ſo würde der Vater geglaubt haben, ich verließe ihn, und ich würde meine Macht über ihn verloren haben. Ich habe nicht ſo viel Einfluß, wie ich zu haben wünſche, ich vermag gewiſſen ſchrecklichen Dingen nicht Einhalt zu thun, aber ich fahre fort, zu hoffen, und denke zuverſichtlich daß die Zeit kommen wird. Inzwiſchen weiß ich, daß ich in einigen Sachen ein Haltepunkt für den Vater bin, und daß er, falls ich ihm nicht treu wäre— gewiſſermaßen aus Rache oder aus Kummer oder aus beidem— wild und ſchlecht werden würde.“ „Gieb uns eins von den Zukunftsbildern von mir.“ „„Ich wollte eben dazu übergehen, Charley,“ ſagte das Mädchen, das, ſeit ſie begonnen, nicht ein einziges Mal ihre Stellung verändert,— und ſchüttelte kummervoll das Haupt;„die anderen Bilder ſollten alle zu dieſen hin⸗ Dort biſt Du—“ „Wo bin ich, Liz?“ „Noch immer unten bei der Gluth.“ „Es ſcheint, als ob's dort unten bei der Gluth den Teufel und ſeine Großmutter gäbe,“ ſagte der Knabe, —— ſchier gtoß gele hein dic ———— — unter⸗ chwe⸗ Augen beiden Vater ſe ge⸗ Fen⸗ ind auf d um⸗ Du biſt oft p. ſchläfrig len find ir uns h thut, T vei bis 8s Tuch ein auf⸗ finſtet, en die Endlich Hauſe. ſolches zus und em Du et ſeine Vaters berührt, Nnig iſt, an, und ertrauen und wie femals.“ Grunzen gt er!“ gangen⸗ nd zeig ter und hat und denn Peglaubt ſcht über uß, wie ecklichen prt, zu ommen hen ein ich ihm ber aus werden wir.“ gte das hes Mal famervoll gſen hin⸗ Pluth den —r Knabe, e blicke⸗ 9 44 25 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 26 die auf ihren langen, dünnen Beinen etwas Grauſiges, Skelettartiges hatte. „Dort biſt Du, Wiſſen des Vaters, in der Schule; und Du gewinnſt Schulpreiſe und machſt immer mehr und mehr Fortſchritte; und Du wirſt ein— wie nannteſt Du es noch, als Du mir davon erzählteſt?“ „Ha, ha! Die Wahrſagerin weiß den Namen nicht!“ rief der Knabe, dem dieſes Verſehen dort unten bei der Gluth gewiſſermaßen eine Erleichterung zu gewähren ſchien.„Ein Unterlehrer.“ „Du wirſt ein Unterlehrer und Du machſt noch immer größere und größere Fortſchritte und ſteigſt bis zu einem gelehrten und geachteten Lehrer empor. Aber das Ge⸗ heimniß iſt dem Vater längſt verrathen und daſſelbe hat Dich vom Vater und von mir deſchiiden. „Nein, das hat es nicht gethan!“ „Doch, Charley. Ich ſehe ſo deutlich, wie nur mög⸗ lich, daß Dein Weg nicht der unſrige iſt, und daß der⸗ ſelbe, ſelbſt falls der Vater dahin gebracht werden könnte, dies zu vergeben(was niemals geſchehen könnte), durch den unſrigen verfinſtert werden würde. Aber ich ſehe auch, Charley—“ „Noch immer ſo deutlich, wie nur möglich, Liz?“ frug der Knabe ſcherzend. „Ach! Noch immer. Ich ſehe, daß es ein Großes war, Dich von Vaters Leben getrennt zu haben, und einen neuen und guten Anfang gemacht zu haben. Da bin ich alſo, Charley, allein mit dem Vater, und halte ihn ſo ruhig, wie ich kann, und warte auf größeren Ein⸗ fluß über ihn, als ich habe, in der Hoffnung, ihn durch irgend einen künftigen Zufall, vielleicht wenn er krank iſt oder wenn— ich weiß nicht, was— zu beſſeren Dingen leiten zu können.“ „Du ſagteſt, Du könnteſt nicht leſen, Lizzie. Deine Bibliothek ſcheint mir dort unten in der Gluth zu ſein.“ „Ich würde ſehr froh ſein, wenn ich wirkliche Bücher leſen könnte. Ich fühle meine Unwiſſenheit ſehr, Charley. Doch würde ich dieſelbe noch weit mehr fühlen, wenn ich nicht wüßte, daß dieſelbe ein Band zwiſchen mir und dem Vater iſt.— Horch! der Vater kommt!“ Da es bereits nach Mitternacht war, ging der Raub⸗ vogel ſofort zur Ruhe. Am folgenden Tage, zu Mittag, erſchien er in der ihm nicht neuen Rolle eines Zeugen vor einem Leichenſchaugericht, wieder in den„Sechs luſti— gen Brüdern.“ Mr. Mortimer Lightwood erſchien nicht nur als Zeuge, ſondern auch als der ausgezeichnete Advocat, der, wie dies gebührend in den Zeitungen berichtet wurde, das Verfahren für die Repräſentanten des Verſtorbenen be⸗ obachtete. Der Herr Inſpector beobachtete ebenfalls und behielt ſeine Beobachtungen ſtrenge für ſich. Mr. Julius Handford hatte ſeine richtige Adreſſe genannt, und da er, in Bezug auf ſeine Rechnung, als ſolvent berichtet, obwohl man in jenem Hotel nichts weiter über ihn wußte, als daß er ein ſehr eingezogenes Leben führe, hatte Charley, und lernſt heimlich, ohne rer keine Vorladung erhalten, ſondern war nur im Geiſte des Herrn Inſpectors zugegen. Die Sache erhielt durch Mr. Mortimer Lightwood's Zeugniß, welches die Umſtände beregte, unter denen der Verſtorbene, Mr. John Harmon, nach England zurück⸗ gekehrt, Intereſſe für das Publikum; Umſtände, deren excluſiver Privatbeſitz mehrere Tage hindurch von Veneering, Twemlow, Podsnap und all' den Dickköpfen an Mittags⸗ tafeln getheilt, und die von all' dieſen Herren auf die verſchiedenartigſte, unverträglichſte Weiſe dargeſtellt wur⸗ den und einander geradezu widerſprachen. Die Sache wurde außerdem durch das Zeugniß des Job Potterſon, wie Ebbe und Fluth, war bald eines Steward des Schiffes, und eines gewiſſen Mr. Ja⸗ cob Kibble, eines Reiſegefährten, intereſſant, welche er⸗ klärten, daß der Verſtorbene, Mr. John Harmon, in einer Handtaſche, mit der er ſich einſchiffte, die Summe mit— brachte, die ihm der gezwungene Verkauf ſeines kleinen Gutes eingetragen, und daß dieſe Summe ſich in baarem Gelde auf mehr als ſiebenhundert Pfund Sterling be⸗ laufen. Dieſelbe wurde ferner durch die außerordentlichen Erfahrungen des Jeſſe Hexam intereſſant, welcher ſo viele Leichname aus der Themſe gezogen und für den ein ent⸗ zückter Bewunderer, der ſich als„ein Freund von Beer⸗ digungen“ unterſchrieb(vermuthlich ein Leichenbeſorger) achtzehn Briefmarken ſchickte und fünf Briefe an die „Times“ einſandte. Nach dem von ihnen abgelegten Zeugniſſe ſprachen die Geſchworenen ſich in ihrem Urtheile dahin aus, daß der Leichnam von Mr. John Harmon in einem weit vorge⸗ ſchrittenen Zuſtand der Verweſung und ſtark verletzt in der Themſe gefunden worden, und daß beſagter Mr. John Harmon unter höchſt verdächtigen Umſtänden ſeinen Tod gefunden, wenngleich kein Zeugniß vorliege, nach dem die Geſchworenen zu beſtimmen im Stande ſeien, durch wen und auf welche Weiſe dieſer Tod herbeigeführt worden. Und ſie fügten zu dieſem Verdict die Empfeh⸗ lung an das Miniſterium des Innern hinzu(welcher der Herr Inſpector großen Beifall zu zollen ſchien), eine Be⸗ lohnung auf die Löſung des Geheimniſſes zu ſetzen. In⸗ nerhalb achtundvierzig Stunden wurde eine Belohnung von Einhundert Pfund Sterling ausgeboten, in Verbin⸗ dung mit einem freien Pardon für Diejenigen, die, falls ſie nicht die Thäter ſelbſt u. ſ. w.— Alles in herge— brachter Form. Dieſe Proklamation machte den Herrn Inſpector flei⸗ ßiger denn je und veranlaßte ihn, nachdenklich auf den Ufertreppen und Straßen umherzuſtehen und in Booten umherzulauern und Dieſes und Jenes zuſammenzuhalten. Doch, je nach dem Erfolge, wie man Dieſes und Jenes zuſammenhält, bringt man ein Weib und einen Fiſch ge⸗ trennt zum Vorſchein, oder die Combination einer See⸗ jungfer. Und der Herr Inſpector hatte nichts Beſſeres, als eine Seejungfer aufzuweiſen, an die kein Geſchwornen⸗ gericht glauben wollte. Und ſo, gleich den Fluthen, die denſelben zur Kennt⸗ niß der Menſchen gebracht, ging der„Harmon-Mord,“ — wie er vom Volke genannt wurde— hin und her, in der Stadt, bald auf dem Lande, bald in Paläſten, bald in Hütten, bald unter den Lords und Ladies und vornehmen Leuten, bald unter Tagelöhnern, Zimmerleuten und Laſtträgern, bis er endlich nach einem langen Zwiſchenraume von nie⸗ drigem Waſſer in's Meer hinaustrieb und verſchwand. Piertes Capitel. Die Familie K. Wilfer. Reginald Wilfer iſt ein Name von ziemlich groß⸗ artigem Klange, der bei erſter Bekanntſchaft zu allerlei Muthmaßungen über Monumente in Dorfkirchen und gemalte Kirchenfenſter führt und überhaupt an die De Wilfer's erinnert, die mit William dem Eroberer her⸗ überkamen. Denn es iſt ein bemerkenswerthes Factum in der Genealogie, daß kein De Irgendjemand je mit Jemand Anderem herüberkam. Doch die Familie Reginald Wilfer war von ſo ge⸗ 27 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 28 *. wöhnlicher Herkunft und Beſchäftigung, daß ihre Ahnen ſeit mehreren Generationen ſich auf das Beſcheidenſte durch die Docks, das Steueramt und das Zollamt ihren Lebensunterhalt erworben, und der gegenwärtige R. Wilfer war ein armer Comptoiriſt, er war ein ſo armer Comptoiriſt, daß er, obwohl er einen kleinen Gehalt und eine große Familie hatte, noch nie das beſcheidene Ziel ſeines Ehrgeizes zu erreichen im Stande geweſen, welches dahin ging, einmal einen voll⸗ ſtändigen neuen Anzug, incluſive Hut und Stiefeln, zu gleicher Zeit zu tragen. Sein ſchwarzer Hut war ſtets braun, ehe er einen Rock anſchaffen konnte, und ſeine Beinkleider waren weiß an den Nähten und auf den Knien, ehe er die Stiefel kaufen konnte, und die Stiefel waren abgetragen, ehe er ſich ein Paar neue Beinkleider vergönnen durfte, und wenn er wieder bei dem Hute an⸗ gelangt war, überdachte dieſer neue, glänzende Gegen⸗ ſtand eine alterthümliche Ruine aus verſchiedenen Zeit⸗ punkten. Falls der conventionelle Cherub jemals heranwachſen und gekleidet werden könnte, ſo dürfte man ihn als ein Portrait von Wilfer photographiren. Sein bausbäckiges, glattes, unſchuldiges Geſicht war der Grund, daß er, wenn nicht mit Uebermuth, ſtets mit Herablaſſung be⸗ handelt wurde. Falls ein Fremder Abends zehn Uhr ſein ärmliches Haus beſucht, ſo hätte derſelbe überraſcht ſein dürfen, indem er ihn zum Nachteſſen aufſitzen ge⸗ ſehen. Es war etwas ſo Knabenhaftes in all' ſeinen Proportionen, daß ſein alter Schulmeiſter, falls er ihm T Bäume oon derſelben geſchieden. große funkelnde Meſſingplatte auf der Thür zu erkennen gegeben. R. Wilfer verſchloß eines Abends ſein Pult und wandte ſich, nachdem er ſeine Schlüſſel etwa, wie wenn dieſelben ſein Kreiſel geweſen, in die Taſche geſteckt, heim⸗ wärts. Seine Behauſung lag in der Region von Hollo⸗ way, nördlich von London, und dann durch Felder und Zwiſchen der Battle⸗ Brücke und demjenigen Theile des Diſtrictes von Hollo⸗ way, in welchem er wohnte, lag eine vorſtädtiſche Sahara, wo Dach⸗ und Ziegelſteine gebrannt, Knochen gekocht, Teppiche ausgeklopft, und Kehricht ausgeſtürzt wurde, wo Hunde kämpften und wo Staubcontrahenten ihren zufällig in Cheapſide begegnet, möglicherweiſe nicht der Verſuchung zu widerſtehen im Stande geweſen wäre, ihn auf der Stelle durchzuprügeln. Kurz, er war der con⸗ ventionelle Cherub, etwas grau, mit Spuren der Sorge in ſeinem Geſicht und in entſchieden inſolventen Um⸗ ſtänden. Er war ſchüchtern und nannte ſich ungern Reginald, Staub aufhäuften. R. Wilfer ging auf ſeinem Heim⸗ wege an der äußeren Grenze dieſer Wüſte entlang, wo die Gluth der Brennöfen rothe Streifen in den Nebel warf, und er ſeufzte und ſchüttelte das Haupt. „Ah“! ſagte er,„das, was hätte ſein können, iſt nicht das, was iſt!“ Und mit dieſem Commentar auf das menſchliche Leben, der auf Erfahrung deſſelben hindeutete, die nicht excluſive nur ihm zu Theil geworden, eilte er dem Ziele ſeiner Wanderſchaft zu. Mrs. Wilfer war natürlich eine große und eine eckige Frau. Da ihr Herr und Gebieter cherubiſch, war ſier nach den Grundſätzen, welche in ehelicher Beziehung Con⸗ traſte vereinen, nothwendigerweiſe majeſtätiſch. Sie hatte ſehr die Gewohnheit, ihr Haupt in ein Taſchentuch zu wickeln, welches unter dem Kinn zuſammengeknotet wurde. Dieſen Kopfputz, ſowie ein Paar Handſchuhe, die ſie im Hauſe trug, ſchien ſie als eine Art von Harniſch gegen das Unglück(indem ſie denſelben ſtets anlegte, wenn ſie ſich in gedrückter Laune oder in Geldverlegenheit befand) oder eine Art von Feſtkleidung zu betrachten. Ihrem Gatten ſank daher ein wenig der Muth, da er ſie in dieſem Putz erblickte als ſie ihr Licht in dem kleinen ein Name, der ihm zu anmaßend und ſelbſtſtändig für ihn erſchien. Bei ſeiner Unterſchrift bediente er ſich nur des Buchſtabens R. und theilte die Bedeutung deſſelben nur ſeinen auserwählteſten Freunden, und zwar unter dem Siegel des Vertrauens, mit. Es war hieraus in der Umgegend von Mincing Lane die ſcherzhafte Gewohnheit entſtanden, ihm Taufnamen zu geben, die aus Adjectiven und Participien, welche mit R. anfingen, gebildet wurden. Einige derſelben waren mehr oder minder paſſend: wie zum Beiſpiel Roſtiger, Reizender, Rother, Runder, Reifer; andere entnahmen ihren Witz aus ihrem Mangel an An⸗ wendbarkeit, wie Raſender, Rächeriſcher, Raubſüchtiger. Doch ſein gewöhnlicher Name war Rumty, den ein Herr von geſellſchaftlichen Gewohnheiten, der mit dem Dro— gueriewaarenhandel in Verbindung ſtand, aus einem Verſe für ihn entlehnt, der den Anfang eines geſelligen Chorgeſanges bildete, welcher dieſen Herrn zu dem Tempel des Ruhms geführt, und deſſen ganzer bedeutungsvoller Inhalt der folgende war: „Rumty, dideldum, rau dau dau, Singt heididel dei didel wau, wau, wau.“ Und ſo wurde er ſtets, ſelbſt in unbedeutenderen Ge⸗ ſchäftsbriefen„Lieber Rumty“ angeredet, in deren Be⸗ antwortung er ſich ganz geſetzt als„Aufrichtig der Ihre, R. Wilfer“ unterzeichnete. Er war Comptoiriſt in dem Drogueriewaarengeſchäft von Chickſey, Veneering und Stobbles. Chickſey und Stobbles, ſeine früheren Prinzipale, waren beide in Veneering untergegangen, der einſt ihr Reiſender oder Commiſſionsagent geweſen, und der ſeine Obergewalt bei der Uebernahme des Geſchäfts durch eine Menge von Spiegelglas und Mahagony⸗Scheidewänden und eine Hausflur niederſetzte und über den Vorhof kam um ihm das Pförtchen zu öffnen. Es war Etwas mit der Hausthür vorgegangen, denn R. Wilfer ſtand auf der Schwelle ſtill, ſchaute die Thür an und rief aus: „Hol— lah!“ „Ja,“ ſagte Mrs. Wilfer,„der Mann kam ſelbſt mit einer Kneipzange und nahm ſie ab und trug ſie fort. Er ſagte, da er keine Ausſicht habe, jemals dafür bezahlt zu werden und außerdem eine andere Beſtellung zu einer Thürplatte für eine Mädchenſchule erhalten, ſo ſei es ſo am beſten für alle Betheiligten.“ „Vielleicht hatte er Recht, meine Liebe; was meinſt Du?“ „Du biſt der Herr hier, R. W.,“ erwiderte die Gattin.„Es ſei, wie Du denkſt, nicht wie ich wünſche. Es wäre vielleicht beſſer geweſen, wenn der Mann die Thüre ebenfalls mit fortgenommen hätte?“ „Meine Liebe, wir hätten uns nicht ohne die Thür behelfen können.“ „Nicht?“ „Ich bitte Dich, meine Liebe, wäre es wohl möglich?“ „Ganz wie Du denkſt, R. W., nicht wie ich wünſche.“ Mit dieſen unterwürfigen Worten ging das gehorſame Weib ihm voran ein paar Stufen hinunter in ein kleines Vorderzimmer im Souterrain, das halb Küche, halb Wohnzimmer war, wo ein junges etwa neunzehnjähriges Mädchen mit einem außerordentlich hübſchen Geſicht und einer ſchönen Geſtalt, doch jenem ungeduldigen, reizbaren Ausdruck ſowohl in Geſicht als Schultern(welche letzteren bei ihrem Geſchlecht und in ihrem Alter ſehr ausdrucks⸗ fähig ſind) mit einem jüngeren Mädchen, dem jüngſten des Hauſes Wilfer, beim Damenſpiel beſchäftigt war. mein ttar hyp prei dies fahre fang — 28 inen und denn eim⸗ ollo⸗ und attle. dollo⸗ hara, docht, wurde, zen p Heim⸗ 1, wo Nebel nicht Leben, (luſiwe ſeiner eeckige ar ſie Con⸗ Sie uch zu wurde. ſie im gegen enn ſie befand) Ihrem fie in leinen —n ihm denn Thür ſt mit fort. ezahlt einer ſei et Du? te die ünſche. n die Thür 29 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 30 um dieſe Blätter nicht durch ein detaillirtes Aufzählen der Wilfer's zu beſchweren, möge es für jetzt genügen, wenn wir ſagen, daß die Uebrigen bereits in mannich⸗ facher Beſchaffenheit„in die Welt hinausgegangen,“ und daß ſie ihrer Viele waren. So Viele, daß wenn eines ſeiner gehorſamen Kinder ihn zu beſuchen kam, R. Wilfer nach ein wenig Kopfrechnen zu ſich zu ſagen ſchien, „O, noch eins!“ ehe er laut hinzufügte:„Wie geht's, John,“ oder„Suſan“— oder wer es eben ſein mochte. „Nun, Ihr Kleinchen,“ ſagte R. Wilfer,„wie geht's heute Abend? Ich habe gedacht, meine Liebe,“ dies zu eine beiſpielloſe, und von ihr, wie ich wohl ſagen darf, auf das Hochherzigſte ertragen worden. Wenn Du Deine Tochter Bella in ihrem ſchwarzen Kleide ſiehſt, das ſie Mes. Wilfer, die bereits mit gefaltenen Handſchuhen in einem Winkel ſaß,„da wir unſern erſten Stock ſo gut vermiethet haben, und da wir jetzt keinen Platz haben, wo Du Schülerinnen unterrichten könnteſt, ſelbſt, falls ſich Schülerinnen—“ „Der Milchmann ſagte, er wiſſe zwei junge Damen von der höchſten Reſpectabilität, die ein paſſendes Inſti⸗ tut ſuchten, und er nahm eine Karte mit,“ unterbrach ihn Mrs. Wilfer mit ſtrenger Eintönigkeit, wie wenn ſie eine Parlamentsacte vorläſe.„Sage Deinem Vater, ob es vorigen Montag war, Bella.“ „Aber wir haben nichts weiter von ihm gehört, Mama,“ ſagte Bella, das ältere Mädchen. „Und überdies, meine Liebe,“ ſagte der Gatte,„wenn Du keinen Platz haſt, wo Du die jungen Frauen⸗ zimmer—“ „Entſchuldige mich,“ unterbrach ihn Mrs. Wilfer abermals,„es waren keine jungen Frauenzimmer. Zwei junge Damen von der höchſten Notabilität. Sage Deinem Vater, Bella, ob der Milchmann dies geſagt hat oder nicht.“ „Meine Liebe, es iſt ganz daſſelbe.“ „Nein, es iſt nicht daſſelbe,“ ſagte Mrs. Wilfer mit derſelben eindrucksvollen Eintönigkeit. Entſchuldige mich!“ „Ich meine, meine Liebe, es iſt daſſelbe, was den Raum betrifft. Wenn Du keinen Raum für zwei junge Nebenmenſchinnen haſt, wie groß deren Reſpectabilität immer ſei,— und ich bezweifle dieſelbe nicht,— wo ſollen die beiden jungen Nebenmenſchinnen ſich aufhalten? Weiter will ich in meiner Frage gar nicht gehen. Und ich ſage dies einzig und allein,“ ſagte ihr Gatte in einem zugleich verſöhnlichen, becomplimentirenden und überredenden Tone, „— und ich bin überzeugt, daß Du mir beiſtimmen für mich,— doch, doch, Du fühlſt für mich.“ wirſt, meine Liebe— aus einem nebenmenſchlichen Ge⸗ ſichtspunkte, meine Liebe.“ „Ich habe nichts weiter zu ſagen,“ erwiderte Mrs. Wilfer mit einer demuthsvollen, entſagenden Bewegung ihrer Handſchuhe. Ganz wie Du denkſt, R. W.; nicht, wie ich wünſche.“ Hier geſchah es, daß Miß Bella's Ungeduld und der Verluſt dreier Steine, die ihr durch die Krönung ihrer Gegnerin noch empfindlicher gemacht wurde, jene junge Dame veranlaßte das Damenbrett anzuſtoßen, ſo daß die dieſelben aufzuſammeln. „Die arme Bella!“ ſagte Mrs. Wilfer. Steine vom Tiſche fielen und ihre Schweſter niederkniete „Und die arme Lavinia, vielleicht, meine Liebe?“ meinte R. Wilfer. „Entſchuldige mich,“ ſagte Mrs Wilfer,„nein!“ ſtand darin, daß ſie eine erſtaunliche Macht beſaß, ihrer hypochondriſchen und weltlichen Laune durch das Lob⸗ preiſen ihrer eigenen Familie zu fröhnen; und ſie that dies bei gegenwärtiger Gelegenheit in folgender Weiſe: „Nein R. W., Lavinia hat nicht die Prüfungen er⸗ fahren, die der Bella zu Theil geworden ſind. Die Prü⸗ allein in Deiner ganzen Familie trägt, wenn Du Dich der Umſtände erinnerſt, die dieſe Tracht herbeigeführt und wenn Du weißt, wie ſie dieſe Umſtände ertragen hat, dann R. W., dann lege Dein Haupt auf Dein Kiſſen und ſage,„die arme Lavinial“ Hier bemerkte Miß Lavinia in ihrer knieenden Lage unter dem Tiſche, daß ſie weder vom Papa, noch ſonſt irgend Jemandem bemitleidet zu werden verlange. „Davon bin ich überzeugt, meine liebe Tochter,“ er⸗ widerte ihre Mutter,„denn Du haſt einen edlen, muthi⸗ gen Geiſt, und Deine Schweſter Cäcilia hat ebenfalls einen edlen, muthigen Geiſt anderer Art, einen Geiſt der reinſten Hingebung, einen ſchönen Geiſt. Die Aufopfe⸗ rung Deiner Schweſter Cäcilia zeigt einen reinen weib⸗ lichen Charakter, wie man ihn ſelten, wenn je, über⸗ troffen ſieht. Ich habe jetzt einen Brief von Eurer Schweſter Cäcilia in der Taſche, den ich heute Morgen erhalten— drei Monate nach ihrer Vermählung, das arme Kind! worin ſie mir ſagt, daß ihr Gatte uner⸗ warteterweiſe genöthigt iſt, eine verarmte Tante unter ſeinem Dache aufzunehmen.„Aber ich will ihm treu bleiben, Mama,“ dies ſind ihre rührenden Worte,„ich will ihn nicht verlaſſen; ich darf nicht vergeſſen, daß er mein Gatte iſt. Seine Tante möge kommen!“ Wenn dies nicht rührend, wenn dies nicht weibliche Hingebung iſt—!“ Die gute Dame machte eine Bewegung mit ihren Handſchuhen, wie im Bewußtſein der Unmöglichkeit, noch mehr zu ſagen, und knüpfte das Taſchentuch feſter unter ihrem Kinn zuſammen. Bella, welche jetzt auf dem Kaminteppiche ſaß, um ſich zu wärmen, die braunen Augen auf's Feuer heftend und eine Handvoll brauner Locken im Mundo, lachte hierüber, und dann ſchmollte ſie und fing halb zu weinen an. „Ich weiß,“ ſagte ſie,„daß ich, obgleich Du nicht für mich fühlſt, Papa, daß ich eins der unglücklichſten Mäd⸗ chen bin, die es je gegeben hat. Du weißt, wie arm wir ſind“(dies war ſehr wahrſcheinlich, da er alle Urſache hatte, es zu wiſſen)„und welche Ausſicht auf Wohlſtand ich hatte, und wie dieſelbe zerfloß und wie ich zu dieſen Trauerkleidern komme— die ich haſſe!— eine Art von Wittwe, die nie verheirathet war. Und Du fühlſt nicht Dieſe ſchnelle Veränderung ward durch das Geſicht ihres Vaters herbeigeführt. Sie hielt inne, um ihn von ſeinem Sitze herunterzuzerren und ihm, in einer Stellung, die ganz beſonders zum Stranguliren geeignet, einen Kuß zu geben und ein paarmal auf die Wangen zu pätſcheln. „Aber Du ſollteſt für mich fühlen, Papa, weißt Du.“ „Meine Liebe, ich fühle für Dich.“ „Ja, das thuſt Du, aber Du ſollteſt es auch. Wenn man mich nur in Ruhe gelaſſen und mir nichts davon geſagt hätte, ſo würde es weit weniger ausgemacht haben. Aber jener garſtige Mr. Lightwood fühlt, daß es ſeine Pflicht iſt, wie er ſagt, mich von dem zu unter⸗ richten, was mir bevorſteht und ich muß deshalb Georg 3 Sampſon fortſchicken.“ Eine der Eigenthümlichkeiten der würdigen Frau be⸗ fung, die Deiner Tochter Bella zugefallen, iſt vielleicht Hier kam Lavinia mit dem letzten geretteten Damen⸗ ſteine unter dem Tiſche hervor und ſagte:„Du haſt Dich nie beſonders um Georg Sampſon bekümmert, Bella.“ „Und ſagte ich etwa das Gegentheil, Miß?“ Dann nahm ſie wieder ſchmollend einige Locken in den Mund und ſagte:„Georg Sampſon hatte mich ſehr lieb und bewunderte mich ſehr, und ließ ſich Alles von mir gefallen.“ Schande! Dieſe laͤcherlichen Punkte hätten durch das Geld wieder gut gemacht werden können, denn ich liebe das Geld und ich ſehne mich nach Geld— ſehne mich fürchterlich danach. Ich haſſe es, arm zu ſein, und wir find entſetzlich arm, abſcheu⸗ lich arm, empörend arm. Doch hier bin ich, mit dem ganzen noch dieſe lächerliche Kleidung! Und ich will gern glau⸗ ben, daß jene frechen Geſchöpfe in den Clubs, als der „Harmon⸗Mord“ den Unterhaltungsgegenſtand. in der ganzen Stadt bildete und die Leute ſich darüber in Muthmaßungen ergingen, ob es Selbſtmord geweſen— ihre abſcheulichen Scherze darüber machten, daß der elende Menſch ein naſſes Grab einer Heirath mit mir vorge⸗ zogen. Es iſt ſehr wahrſcheinlich, daß ſie ſich eine ſolche Freiheit herausnahmen; es ſollte mich durchaus nicht überraſchen! Es iſt ein ſehr hartes Schickſal und ich bin ein ſehr unglückliches Mädchen. Eine Art von Wittwe zu ſein, ehe man überhaupt verheirathet geweſen! Und dann ſchließlich ſo arm wie je zu ſein und Trauer an⸗ legen zu müſſen für einen Mann, den ich nie geſehen und den ich— ſoweit es auf ihn ankam— gehaßt haben würde, falls ich ihn geſehen!“ Die Klagen der jungen Dame wurden hier durch Der Contract wird unterſchrieben. lächerlichen Theile der Situation und dazu: 33 31 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freuud. 32— —————õ—ꝛz—y;“———— gegen S „Du warſt unfreundlich genug gegen ihn,“ ſagte ein leiſes Klopfen an die halb geöffnete Thür unter⸗ V de Lavinia abermals. brochen. Es war bereits zwei⸗ oder dreimal mit dem Da „Und ſagte ich etwa, ich ſei es nicht geweſen, Miß? Knöchel angeklopft worden, doch hatte es Niemand gehört. am M Ich beabſichtige durchaus keine Sentimentalität über„Wer iſt es?“ ſagte Mrs. Wilfer, in ihrer Palaments⸗ ſeis i Georg Sampſon zur Schau zu tragen. Ich ſage blos, actenmanier.„Herein!“ Voll daß Georg Sampſon beſſer war als gar nichts.“ Da ein Herr eintrat, ſprang Miß Bella mit einem „Du ließeſt ihn ſelbſt das nicht einmal merken,“ be⸗ kurzen ſcharfen Ausrufe vom Kaminteppich auf und warf maeerkte Lavinia abermals. die gebiſſenen Locken in ihren Nacken zurück. allerd „Du biſt ein dummes Ding und ein kleines Affen⸗„Das Hausmädchen öffnete eben die Hausthür, als V geſicht,“ entgegnete Bella,„ſonſt würdeſt Du nicht ſo ich herankam und zeigte mir den Weg nach dieſem Zim⸗ Bell aalbern reden. Was verlangſt Du von mir? Warte, bis mer, mit der Weiſung, daß ich erwartet werde. Ich lch V Du erwachſen biſt, und ſprich nicht von Dingen, die Du V fürchte, ich hätte ſie erſuchen ſollen, mich zu melden.“ Kan nicht verſtehſt. Du zeigſt dadurch nur Deine Unwiſſen⸗„Entſchuldigen Sie mich.“ ſagte Mrs. Wilfer.„Durch⸗ V heit!“ Dann ſchluchzte ſie wieder und biß auf ihre V aus nicht. Zwei meiner Töchter. R. W., dies iſt der LCoocken, und ſchaute hin und wieder nach, wie viel ſie Herr, der Deine erſte Etage gemiethet hat. Er hat die V 1 ooon denſelben abgebiſſen.„Es iſt eine Schande! Es Güte gehabt, die Beſprechung auf heute Abend anzuſetzen, bur hat noch nie ein ſo hartes Schickſal gegeben! Ich würde wo Du unbeſchäftigt ſein würdeſt.“ of. mmir nicht ſo viel daraus Ein Herr von dunkler Ge⸗- bal machen, wenn die Geſchichte ſichtsfarbe. Höchſtens Drei- al nicht ſo lächerlich wäre. Es ßig. Ein ausdrucksvolles, dert war ſchon lächerlich, daß ein man durfte faſt ſagen, ſchö⸗ ſem Frremder herüber kommen nes Geſicht. Sehr ſchlechte bra ſollte, um mich zu hei⸗ Manieren. Im höchſten ſch rathen, ob ich nun wollte, Grade gezwungen, zurück⸗ oder nicht. Es war lächer⸗ haltend, verwirrt und ver⸗ wuu lich genug, zu wiſſen, welch' legen. Seine Augen fielen Ve ein verlegenes Begegnen es eine Secunde lang auf Miß Dan ſein würde, und daß wir Bella und dann auf den„ nie eine wirkliche Neigung Boden, indem er zum Herrn ſche zu fühlen behaupten könnten. des Hauſes ſprach: er g Es war lächerlich genug, zu„Da ich ſowohl mit den ben wiſſen, daß ich ihn nimmer Zimmern, als mit der Lage betr werde lieb haben können— derſelben und dem Mieth⸗ beu wie hätte ich ihn lieb ha⸗ preiſe vollkommen zufrieden hier ben können, nachdem ich bin, Mr. Wilfer, ſo werden 5a ihm in einem Teſtamente wohl ein paar Zeilen und tra vermacht worden, wie ein Vorausbezahlung genügen, eine Dutzend Löffel. Ich ſage um den Handel bindend noch einmal, es iſt eine zwiſchen uns zu machen? Ich wünſche, ohne Verzug einiges Zimmergeräth her zuſenden.“ Der Cherub hatte zwei⸗ bis dreimal während dieſer kurzen Anrede bausbäckige Hindeutungen auf einen Stuhl gemacht. Der Herr nahm denſelben jetzt, wobei er zögernd eine Hand auf die Ecke des Tiſches legte und mit der anderen Hand zögernd den Hut vor ſeinen Mund hielt. „Der Herr, R. W.,“ ſagte Mrs. Wilfer,„wünſcht Deine Wohnung vierteljährlich zu miethen, mit viertel⸗ jährlicher Kündigung auf beiden Seiten.“ „Soll ich Etwas von einer Bürgſchaft erwähnen, Sir? ſagte der Wirth, in der Erwartung, daß der Herr dies als eine Sache, die ſich von ſelbſt verſtehe, auf⸗ nehmen werde. „Ich bin der Anſicht,“ erwiderte der Herr nach einer Pauſe,„daß es keiner Bürgſchaft bedarf; die Wahrheit zu geſtehen, würde es mir unbequem ſein, eine ſolche zu verſchaffen, da ich in London fremd bin. Ich verlange. keine Bürgſchaft von Ihnen, und Sie werden deshalb vielleicht keine von mir verlangen. Dies wird billig für beide Parteien ſein. Ja, ich beweiſe das größere Ver⸗ trauen, denn ich werde im Voraus zahlen und werde mein Zimmergeräth unter Ihrer Obhut laſſen. Wo hin⸗ (Seite: 33.) 32 Unter. t dem thört. nents⸗ einem dwarf , als a Zim⸗* d. J 1 den. „Durh⸗ iſt der hat die zuſetzen, kler Ge⸗ 8 Drei⸗ kovolles, en, ſchö⸗ ſchlechte höchſten Zurück⸗ und ver⸗ en fielen auf Miß auf den m Herrn mit den der Lage u Mieth⸗ zuſtieden ſo werden eilen und genügen, bindend machen? Verzug ath her fte zwei.. und dieer usbäckige f einen Der Her zt, wobei d auf die egte und r ſeinen „wünſcht viertell rwähnen, der Hert ihe, auf lange d ha bilige ßere Ver und welde S S — — 33 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 34 —yõ—— gegen Sie, falls Sie ſich in bedrängten Umſtänden be⸗ fänden(dies iſt eine bloße Vorausſetzung)—“ Da das Gewiſſen hier R. Wilfer erröthen machte, kam Mrs. Wilfer ihm aus einem Winkel(ſie befand ſich ſtets in majeſtätiſchen Winkeln) mit einem volltönenden „Vollkommen billig“ zu Hülfe. „— Je nun,— da könnte ich es verlieren.“ „Nun,“ ſagte R. Wilfer weiter,„Geld und Gut ſind allerdings die beſte Bürgſchaft.“ „Glaubſt Du dies in der That, Papa?“ fragte Miß Bella mit leiſer Stimme und ohne über ihre Schulter zu blicken, während ſie ſich auf dem Schutzeiſen vor dem Kamine den Fuß wärmte. „Sie gehören zu den beſten, meine Liebe.“ „Ich hätte gemeint, daß es ſo leicht geweſen wäre, noch die gewöhnliche hinzuzufügen,“ ſagte Bella, ihre Locken ſchüttelnd. Der Herr hörte ſie mit ſichtlicher Aufmerkſamkeit an, obgleich er weder aufſchaute, noch ſeine Stellung verän⸗ derte. Er ſaß ſtill und ſchweigend da, bis ſein Wirth ſeine Vorſchläge annahm und die Schreibmaterialien brachte, um das Geſchäft abzuſchließen. Er ſaß ſtill und ſchweigend da, während der Wirth ſchrieb. Als der Contract in doppelter Abſchrift vollendet war, wurde derſelbe von beiden Parteien unterzeichnet, wobei Bella als hochmüthige Zeugin zuſchaute. Die beiden Parteien waren R. Wilfer und John Rokeſmith. Als Bella an die Reihe kam, ihren Namen zu unter⸗ ſchreiben, beobachtete Mr. Rokeſmith, welcher ebenſo, wie er am Tiſche geſeſſen, jetzt, die Hand auf die Ecke deſſel⸗ ben ſtützend, daneben ſtand, ſie verſtohlen, aber ſcharf. Er betrachtete die hübſche Geſtalt, die ſich über das Papier beugte und ſagte:„Wo ſoll ich mich unterſchreiben, Papa, hier in dieſer Ecke?“ Er betrachtete das ſchöne braune Haar, welches das coquette Geſichtchen einrahmte; er be⸗ trachtete die freien Schriftzüge ihrer Unterſchrift, die für eine weibliche eine kühne und feſte war; und dann ſchau⸗ ten ſie einander an. „Sehr verbunden, Miß Wilfer.“ „Verbunden?“ „Ich habe Ihnen ſo viele Mühe verurſacht.“ „Indem ich meinen Namen unterſchrieben? Ja, aller⸗ dings. Aber ich bin die Tochter Ihres Wirthes, Sir.“ Da jetzt nichts weiter zu thun übrig blieb, als acht Sovereigns als Anzahlungsgeld auf den Tiſch zu legen, den Contract in die Taſche zu ſtecken, die Zeit ſeiner Ankunft und die ſeines Zimmergeräths zu beſtimmen und zu gehen, ſo that Mr. Rokeſmith dies, ſo ungeſchickt, wie es nur gethan werden konnte, und wurde dann von ſei⸗ nem Wirthe an die freie Luft hinaus begleitet. Als R. Wilfer, mit dem Lichte in der Hand, wieder in den Schooß ſeiner Familie zurückkehrte, fand er den Schooß in großer Bewegung. „Papa,“ ſagte Bella,„wir haben einen Mörder zum Miethsmanne.“ „Papa,“ ſagte Lavinia,„wir haben einen Räuber.“ „Meine Lieben,“ ſagte ihr Vater,„er iſt ein ſchüch⸗ terner Herr, und ich denke mir, beſonders in Gegenwart von Mädchen in Eurem Alter.“ „Unſinn,— unſer Alter!“ rief Bella ungeduldig,„was hat das mit ihm zu thun?“ „Und überdies ſind wir nicht in demſelben Alter— von welchem Alter?“ fragte Lavinia. „Miſche Du Dich nicht darein, Lavy,“ entgegnete Bella;„warte, bis Du alt genug biſt, ſolche Fragen zu thun. Papa, merke Dir, was ich ſage! Zwiſchen Mr. Rokeſmith und mir herrſcht eine natürliche Antipathie und ein tiefer Argwohn; und es wird Etwas daraus entſtehen!“ .„Meine Lieben und meine Mädchen,“ ſagte der pa⸗ triarchaliſche Cherub,„zwiſchen Mr. Rokeſmith und mir hat ein Austauſch von einem Blatte Papier und acht So⸗ vereigns ſtattgefunden, und daraus ſoll etwas entſtehen — zum Nachteſſen, wenn Ihr Euch über die Speiſe eini⸗ gen wollt.“ Hierdurch erhielt der Gegenſtand eine feine und glück⸗ liche Wendung, da Gaſtgelage im Wilfer'ſchen Hauſe eine Seltenheit waren, und das einförmige Erſcheinen des holländiſchen Käſes bereits ziemlich häufig durch Miß Bella's runde Schultern mit Mißbilligung begrüßt wor⸗ den. Der beſcheidene Holländer ſchien ſich in der That ſeines Mangels an Abwechſelung ſelbſt bewußt, denn er erſchien meiſtens in einem Zuſtande ſich entſchuldigender Transpiration vor der Familie. Nach einigen Crörte⸗ rungen über die relativen Verdienſte von Kalbscoteletten, Bröschen und Hummer, ward zu Gunſten der Kalbscote⸗ letten entſchieden. Dann legte Mrs. Wilfer— wie zum vorläufigen Opfer für die Herrichtung der Bratpfanne— ihr Taſchentuch und ihre Handſchuhe ab, und R. W. ſelbſt ging aus, die Fleiſchſpeiſe einzukaufen. Er kehrte bald wieder zurück und brachte dieſelbe in einem friſchen Kohlblatte, in dem es in der keuſchen Umarmung einer Speckſchnitte ruhte. Bald ſtiegen melodiſche Klänge aus der Bratpfanne empor und machten Tanzmuſik für das wechſelnde Licht des Kaminfeuers, das in die lauſchigen Hallen zweier gefüllter Flaſchen auf dem Tiſche fiel. Lavy deckte den Tiſch. Bella, die anerkannte Zierde der Familie, beſchäftigte ihre Hände, indem ſie, in dem bequemſten Lehnſtuhl ſitzend, ihre Locken glättete und hin und wieder eine Weiſung in Bezug auf das Nachteſſen gab: wie„Sehr braun, Mama;“ oder zu ihrer Schweſter: „Stelle das Salzfaß gerade auf den Tiſch und ſei nicht ſo unordentlich, Du kleine Gans.“ Inzwiſchen ſaß ihr Vater harrend zwiſchen Meſſer und Gabel, klimperte mit Mr. Rokeſmith's Gold, be⸗ merkte, daß ſechs der Sovereigns gerade zur rechten Zeit angelangt ſeien, um den Hauswirth zu bezahlen, und ſtellte dieſe in einem kleinen Häufchen auf dem Tiſche auf. „Ich haſſe unſern Hauswirth,“ ſagte Bella. Doch da ſie das Geſicht ihres Vaters ſich verändern ſah, ging ſie und ſetzte ſich zu ihm an den Tiſch und begann mit dem Stielende einer Gabel ſein Haar zu arrangiren. Es gehörte zu den verzogenen Gewohnheiten des Mädchens, daß ſie ſtets das Haar der Familie arran⸗ girte— vielleicht weil ihr eigenes Haar ſo hübſch war und ſo viel von ihrer Aufmerkſamkeit in Anſpruch nahm. „Du verdienſt ein eigenes Haus zu beſitzen, nicht wahr, Du armer Papa?“ „Ich verdiene dies nicht mehr, als Andere, meine Liebe.“ „Wenigſtens bedarf ich deſſelben mehr, als Andere,“ ſagte Bella, ihn am Kinn feſthaltend, indem ſie ſein flachsfarbenes Haar über der Stirn emporrichtete,„und es thut mir weh, dies Geld dem Ungeheuer überlaſſen zu müſſen, das ſo viel verſchlingt, während wir Alle im größten Mangel an— Allem ſind. Und wenn Du ſagſt(und Du wünſcheſt, dies zu ſagen, ich weiß, daß Du es ſagen möchteſt, Papa):„Das iſt weder verſtändig, noch ehrlich, Belly,“ dann antworte ich Dir:„Vielleicht nicht, Papa— ſehr wohl möglich— aber es iſt eine von den Folgen der Armuth und von einem gründlichen Haſſe und Abſcheu gegen die Armuth und dies iſt mein Fall.“ Jetzt ſiehſt Du reizend aus, Papa; warum trägſt Du Dein Haar nicht immer ſo? Und hier ſind die Kalbscoteletten! Wenn ſie nicht ſehr braun ſind, Mama, ſo kann ich ſie nicht eſſen, und es muß ein Stück wieder für mich in die Pfanne gethan werden.“ Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 5 — ſchaftlicher Freund. 36 Waſſer und Citronenſchale, concentrirte ſich dermaßen um den warmen Kamin herum, glaubſt Nr. Närrin aus mir machte(ſeiner ſelbſt gar nicht zu er⸗ wähnen, da er todt iſt)?“ „Das kann ich unmöglich ſagen, meine Liebe. Ich habe Dir, ſeit ſein Teſtament zum Vorſchein gekommen, unzählige Male wiederholt, daß ich bezweifle, ob ich je hundert Worte mit dem alten Herrn gewechſelt habe. Falls es ſeine Grille war, uns zu überraſchen, ſo iſt ihm dieſelbe geglückt. Denn das hat er jedenfalls gethan.“ „Und ich ſtampfte mit dem Fuße und ſchrie, als er mich zum erſtenmal betrachtete?“ ſagte Bella, den bereits erwähnten kleinen Fuß betrachtend. „Du ſtampfteſt mit Deinem kleinen Fuße, meine Liebe, und ſchrieſt mit Deiner kleinen Stimme, und ſchlugſt mich mit Deinem kleinen Hute, den Du Dir zu dem Zwecke vom Kopfe geriſſen,“ erwiderte der Vater, als ob die Erinnerung den Rum gewürzt:„Du thateſt dies eines Sonntag Morgens, als ich mit Dir ausging, weil ich nicht genau den Weg gehen wollte, den Du zu gehen wünſchteſt, und der alte Herr, der in der Nähe ſaß, ſagte:„Das iſt ein niedliches Mädchen; das iſt ein ſehr niedliches Mädchen, ein vielverſprechendes Mädchen!“ Und das warſt Du, meine Liebe. „Und dann fragte er Dich nach meinem Namen, wie, Papa?“ „Dann fragte er nach Deinem Namen und nach dem meinigen; und an anderen Sonntagsmorgen, wenn wir ſeines Weges gingen, ſahen wir ihn wieder, und— und das iſt wirklich Alles.“ Und das war außerdem all der Grog; oder mit an⸗ deren Worten, als R. W., indem er den Kopf zurück⸗ warf und das Glas auf ſeiner Naſe und Oberlippe umkehrte, zu verſtehen gab, daß daſſelbe leer und zum Wiederfüllen bereit ſei, bemerkte jene Heldin, Mrs. Wil⸗ fer, in Kürze„Schlafenszeit,“ und ſomit wurden die Flaſchen eingeſchloſſen und die Familie zog ſich zurück: Mrs. Wilfer mit ihrem cherubiſchen Begleiter, gleich einer SHeeiiligen in einem Gemälde, oder einer blos menſchlichen Dame, allegoriſch behandelt. „Und morgen um dieſe Zeit,“ ſagte Lavinia, als die boeiden Mädchen allein in ihrem Zimmer waren,„werden wir Mr. Rokeſmith hier haben, und erwarten, daß er uns die Kehlen abſchneidet.“ „Du brauchſt Dich deshalb nicht zwiſchen mich und das Licht zu ſtellen,“ ſagte Miß Bella; das iſt wieder eeine Folge der Armuth! Daß ein Mädchen, welche wirklich ſcchönes Haar beſitzt, daſſelbe bei einem einzigen Lichte und vor ein paar Zoll Spiegelglas machen muß!“ „Du fingſt Georg Sampſon damit, Bella, ungeachtet ddieſer ſchlechten Hülfsmittel.“ „Du gewöhnliche kleine Kreatur. Fingſt Georg Sampſon damit! Sprich nicht vom Fangen, Miß, bis Du ſelbſt zum Fangen alt genug biſt.“ I„Vielleicht bin ich es ſchon,“ murmelte Luvinia, den Kopf zurückwerfend. b„Was ſagſt Du?“ fragte Bella ſehr ſcharf. ſagſt Du, Miß?“ Da Lavinia das, was ſie geſagt, weder wiederholen noch erklären wollte, verſank Bella allmälig beim Haar⸗ kämmen in ein Selbſtgeſpräch über den Jammer der Ar⸗ muth, wie ſich dieſelbe im Mangel an Kleidern und in der Nothwendigkeit, ſich vor einer garſtigen Kiſte, ſtatt einem ſchönen Toilettentiſche, ankleiden, und verdächtige Miethsleute im Hauſe aufnehmen zu müſſen, fühlbar machte. Auf dieſes letztere Leid legte ſie beſonderen Nach⸗ druck,— und würde vielleicht noch größeren Nachdruck darauf gelegt haben, hätte ſie gewußt, daß, falls Mr. Julius Handford einen Zwillingsbruder in dieſer Welt beſeſſen, Mr. John Rokeſmith der Mann war. „Was Funſtes Lapiie 5 Boffin's Laub t. e. —* In einer Straße von London, unfern Cavendiſh⸗ Square, an einem Eckhaufe, hatte ſeit einigen Jahren ein Mann mit einem hölzernen Beine geſeſſen— welches letztere bei kaltem Wetter in einem Korbe ruhte— und ſich in folgender Weiſe ſeinen Lebensunterhalt erworben: — Jeden Morgen um acht Uhr humpelte er nach jener Ecke, indem er einen Stuhl, einen Kleiderbock, ein Paar kleinere hölzerne Böcke, ein Brett, einen Korb und einen Regenſchirm— Alles mit einem Riemen zuſammenge⸗ ſchnürt— mitbrachte. Indem er die Gegenſtände von einander trennte, geſtalteten ſich die kleinen hölzernen Böcke und das Brett zu einem Ladentiſche, der Korb lieferte einiges Obſt und gewiſſe Süßigkeiten und ver⸗ V wandelte ſich dann in einen Fußwärmer, der Kleiderbock trug eine ausgewählte Sammlung von wohlfeilen Balla⸗ den zur Schau und ward zugleich eine Art Schirm, und der Stuhl, der in den ſcharfen Winkel deſſelben geſtellt wurde, bildete ſeinen Ruheſitz für den Reſt des Tages. Alle Arten von Wetter fanden den Mann an ſeinem Poſten. Er hatte ſeinen hölzernen Stuhl mit einer Art von Rücklehne verſehen, indem er denſelben an einen Laternenpfoſten geſtellt. Wenn es regnete, öffnete er ſeinen Regenſchirm, um ſeine Waaren, nicht ſich ſelbſt zu ſchützen; war es trockenes Wetter, ſo legte er jenen ſtark verblichenen Gegenſtand zuſammen, umwickelte ihn mit einem Endchen Bindfaden und legte ihn der Quere nach unter die Holzböcke, wo er dann einem krankhaft forcirten Treibhaus⸗Salatkopfe glich, der das, was er an Umfang gewonnen, zugleich an Farbe und Friſche verloren. Er hatte ſich das Recht zu dieſem Winkel unter der Hand durch Verjährungsrecht erworben. Er hatte das Terrain nie um einen Zoll verändert, aber zu Anfange ganz beſcheiden diejenige Ecke eingenommen, welche von der Seite des Hauſes gebildet wurde. Es war eine heulende Ecke im Winter, eine ſtaubige Ecke im Sommer und zu keiner Zeit eine begehrungswerthe Ecke. Obdach⸗ loſe Strohhalme und Papierſchnitzel erhoben ſich in Wirbelwinden, wenn in der Mitte der Straße Ruh' und Frieden herrſchte; und der Waſſerkarren kam ungeſchickt und rumpelnd, wie wenn er betrunken oder kurzſichtig ſei, um dieſelbe herum und machte ſie kothig, während Alles ringsum ſauber war. Vorn an ſeinem Ladentiſche hing ein kleines Plakat, auf welchem in ſeiner eigenen kleinen Handſchrift folgende Inſchrift zu leſen war: — 36 — „Waz erholen Haar⸗ der Ar. und in 8. ſtatt dchige fühlbar en Na acdrun — falls M.. ſer We ᷣ Lavendiſh. en Jahren — welches te— und erworben: nach jener ein Paar und einen ſammenge⸗ ſtünde von hölzernen der Kord und ver⸗ Kleiderbock llen Balla⸗ hirm, und n geſtellt es Tages. aan ſeinem einer Art an einen öffnete er ſelbſt zu lenen ſtart e ihn mit Quere nach ift foreirten aan Umfang ren. unter der hatte das Anfange velche von war eine Sommer Obdach⸗ n ſich in Ruh und ungeſchickt turzſichig . während ines Platat iit folende Botſchaften und Auf Träge mit Pünktlich Keit ausgerichteh Meine Herrn und Damen Von Ihrem ergebenſten Diener Silas Wegg. Er war im Verlauf der Zeit mit ſich darüber einig geworden, daß er nicht nur angeſtellter Botengänger des Hauſes an der Ecke ſei(obgleich er kaum ein halbes Dutzend Mal dergleichen Aufträge erhalten, und ſelbſt dann nur als Stellvertreter eines der Diener), ſondern auch zu deſſen Vaſallen gehöre und ihm eine getreue Unterſaſſentheilnahme ſchuldige. Deshalb nannte er daſſelbe ſtets„Unſer Haus“, und obgleich ſeine Kenntniß von den Angelegenheiten des Hauſes meiſtens nur eine muthmaßliche und völlig verkehrte war, behauptete er doch ſein vollkommenes Vertrauen zu genießen. Ebenſo unter⸗ ließ er es nie, die Hand an den Hut zu legen, ſowie er ein Mitglied der Familie des Hauſes an einem der Fenſter erblickte. Dabei wußte er ſo wenig von den Bewohnern des Hauſes, daß er ihnen Namen ſeiner eigenen Erfindung gab, wie:„Miß Eliſabeth“,„Maſter Georg“,„die Tante Jane“,„der Onkel Parker“, für welche Benennungen er keinerlei Autorität beſaß— am allerwenigſten für die letztere, auf die er ſich— als ganz natürliche Folge— um ſo feſter und hartnäckiger ſteifte. Ueber das Haus ſelbſt übte er dieſelbe imaginäre Macht aus, die er über deſſen Bewohner und deren An⸗ gelegenheiten beſaß. Er war niemals weiter im Innern geweſen, als bis zu einer langen, dicken ſchwarzen Waſſer⸗ röhre, die ſich über die Thür des äußeren Souterrains in einem feuchten Flieſengang hinzog, und ziemlich das Ausſehen eines Blutegels auf dem Hauſe hatte, der vor⸗ trefflich„angebiſſen“; doch dies verhinderte ihn nicht, das Haus im Innern nach ſeinem eigenen Plane anzulegen. Es war ein großes, düſteres Haus mit einer Menge von blinden Seitenfenſtern und fenſterloſen Hintergebäuden, und es koſtete ſeinem Geiſte unſägliche Mühe, das In⸗ nere in einer Weiſe anzulegen, die dem äußeren Anſchein entſprach. Doch dies war, ſobald er einmal damit fer⸗ tig, vollkommen befriedigend, und er hatte die Ueber⸗ zeugung, daß er mit verbundenen Augen ſeinen Weg im Hauſe finden würde: von den vergitterten Dachkammer⸗ fenſtern in dem hohen Dache zu den beiden eiſernen Löſchhüten vor der großen Hausthür herab— die den Eindruck machten, als erſuchten ſie jeden lebhaften Gaſt, ſich auszulöſchen, ehe er einträte. Silas Wegg's Bude war unzweifelhaft die ſchreck⸗ lichſte kleine Bude von allen öden kleinen Buden in ganz London. Der Anblick ſeiner Aepfel verurſachte einem Geſichtsſchmerzen, der ſeiner Apfelſinen Leibſchmerzen und der ſeiner Nüſſe Zahnſchmerzen. Von dieſer letzte⸗ ren Delicateſſe beſaß er ſtets einen ſchrecklich kleinen Haufen, auf dem ein kleines hölzernes Mäßchen lag, das keine ſichtbare innere Höhlung beſaß und den von der Magna Charta beſtimmten Pfennigswerth zu repräſen⸗ tiren ſchien. Ob es von zu vielem Oſtwinde kommen mochte oder nicht— es war eine öſtliche Ecke—, aber die Bude, die Waaren und der Verkäufer waren alle ſo trocken, wie eine Sandwüſte. Wegg war ein knorriger und dichtgeäderter Mann mit einem Geſicht, das aus einem ſehr harten Material geſchnitzt ſchien und eben ſo Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 38 viel Ausdruck in den Zügen beſaß, wie eine Nachtwächter⸗ knarre. Wenn er lachte, ſo zuckte es in demſelben und die Knarre knarrte. Die Wahrheit zu geſtehen, war er ein ſo hölzerner Mann, daß es ſchien, als ob er ganz natürlicherweiſe zu ſeinem hölzernen Beine gekommen, und einen ſpeculativen Beobachter auf den Gedanken brachte, daß er— falls ſeiner Entwickelung keine unzei⸗ tige Hemmung entgegenträte— in ſechs Monaten voll⸗ ſtändig mit zwei hölzernen Beinen ausgeſtattet ſein würde. Mr. Wegg war ein beobachtender Mann, oder, wie er ſich ſelbſt ausdrückte:„beachtete ungeheuer viel.“ Er ſalutirte alle an ihm regelmäßig Vorübergehenden täglich, wie er auf ſeinem, an den Laternenpfahl gelehnten Stuhle ſaß, und war außerordentlich ſtolz auf die jedesmalige Angemeſſenheit ſeiner verſchiedenen Begrüßungsformen. So, zum Beiſpiel, begrüßte er den Pfarrer mit einer Verbeugung, die eine Miſchung von Laien⸗Ehrerbietung und einem Anfluge von der ſchattenhaften, vorbereitenden, religiöſen Betrachtung in der Kirche war; den Arzt mit einer vertrauten Verbeugung, wie einen Mann, deſſen Bekanntſchaft mit ſeinem Innern er hierdurch eine ach⸗ tungsvolle Anerkennung zu zollen wünſchte! vor dem hohen Adel war es ihm eine Wonne ſich zu erniedrigen; und vor dem Onkel Parker, der zum Militär gehörte (ſo hatte Wegg es wenigſtens bei ſich beſtimmt), legte er in einer militäriſchen Weiſe, für die jener zornäugige, eng zugeknöpfte, entzündlich ausſehende alte Herr nur eine unvollkommene Schätzung zu haben ſchien, die Hand an den Hut. Die einzige unter Sila's Waaren, welche nicht hart, waren Pfefferkuchen. Als eines Tages ein unglückliches Kind das feuchte Pfefferkuchenpferd(das fürchterlich in ſeiner Geſundheit herunter war) und den klebrigen Vo⸗ gelbauer gekauft, die für den Tag zum Verkauf ausge⸗ ſtellt waren, zog er eben ein Zinnkäſtchen unter ſeinem Stuhle hervor, um einen friſchen Vorrath jener entſetz⸗ lichen Speiſe herauszunehmen, und wollte eben den Deckel öffnen, als er plötzlich inne hielt und vor ſich hin ſagte:„O, da biſt Du wieder!“ Die Worte galten einem breiten, rundſchulterigen, ſchiefen, alten Burſchen in Trauer, der ſich mit komiſch ſchlenkerndem Gange, in eine kurze wollene Jacke gekleidet und einen großen Stock tragend, der Ecke näherte. Er trug dicke Schuhe, dicke lederne Gamaſchen und dicke Handſchuhe, gleich denen eines Zaunmachers. Sowohl in ſeiner Kleidung, als in ſeiner Perſon war er von einer rhinoceroshaften Bauart— er hatte Falten in ſeinen Wangen, in ſeiner Stirn, in ſeinen Augenlidern, in ſeinen Lippen und in ſeinen Ohren; doch dabei helle, lebhafte, kindlich⸗fragende graue Augen unter ſeinen bu⸗ ſchigen Brauen und ſeinem breitrandigen Hute. Ein höchſt ſeltſam ausſehender alter Burſche. „Da biſt Du wieder,“ wiederholte Mr. Wegg ſin⸗ nend.„Und was magſt Du wohl ſein? Biſt Du in den Fonds, oder wo biſt Du? Haſt Du Dich erſt kürz⸗ lich in dieſer Nachbarſchaft niedergelaſſen, oder gehörſt Du einer andern Nachbarſchaft an? Biſt Du in unab⸗ hängigen Verhältniſſen, oder iſt die Mühe einer Verbeu⸗ gung vor Dir weggeworfen? Komm! Ich will die Speculation wagen! Ich will Dir eine Verbeugung zukommen laſſen.“ Und nachdem Mr. Wegg ſein Zinnkäſtchen wieder fortgeſtellt, führte er, indem er eine neue Pfefferkuchen⸗ falle für ein leichtgläubiges Kind legte, dieſen Vorſatz aus. Der Gruß ward erwidert und zwar durch ein: „Guten Morgen, Sir! Morgen! Morgen!“ („Nennt mich Sir!“ ſprach Mr. Wegg für ſich. 3* 39 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 40 — „Der iſt nicht viel werth. Eine Verbeugung wegge⸗ worfen!“) „Morgen! Morgen! Morgen!“ „Scheint übrigens ein munterer alter Burſch' zu ſein,“ ſprach Mr. Wegg, wie zuvor.„Wünſch' Ihnen einen guten Morgen, Sir!“ „Ihr erinnert Euch meiner?“ fragte ſein neuer Be⸗ kannter, indem er ſchief vor der Bude ſtillſtand und ſtoßweiſe, obwohl mit großer Gutmüthigkeit, ſprach. „Ich habe Sie im Verlaufe von etwa einer Woche mehrere Male an unſerm Hauſe vorübergehen ſehen, Sir.“ „Unſer Haus,“ ſagte der Andere,„das ſoll ſo viel heißen, als—“ „Ja,“ ſagte Mr. Wegg, kopfnickend, wie der Andere mit dem plumpen Zeigefinger ſeines rechten Handſchuhs auf das Eckhaus deutete. „Ol Was,“ fuhr der alte Burſche neugierig fort, indem er ſeinen knorrigen Stock wie einen Säugling im Arme hielt,„was für einen Lohn zahlt man Euch?“ „Ich leiſte nur gelegentliche Dienſte,“ erwiderte Silas trocken und mit Zurückhaltung;„es iſt noch zu keiner regelmäßigen Beſoldung gediehen.“ „Ol es iſt noch zu keiner regelmäßigen Beſoldung ediehen? Nein! Es iſt noch zu keiner regelmäßigen eſoldung gediehen. O! Morgen, Morgen, Morgen!“ „Scheint mir ein ziemlich verrückter alter Burſch' zu ſein,“ dachte Silas, ſeine vorige gute Meinung ein⸗ ſchränkend, wie der Andere fortwatſchelte. Doch gleich darauf kehrte Letzterer wieder um und fragte: „Wie kamt Ihr zu Eurem hölzernen Bein?“ Mr. Wegg erwiderte(ziemlich kurz dieſer Perſönlich⸗ keit gegenüber):„Durch einen Unfall.“ „Gefällt es Euch?“ „Je nun! Ich brauche es nicht warm zu halten,“ antwortete Mr. Wegg in einer Art von Verzweiflung über eine ſo ſonderbare Frage. „Er braucht,“ wiederholte der Andere zu ſeinem Knotenſtocke, indem er denſelben an's Herz drückte,„er braucht— ha, ha, ha!— er braucht es nicht warm zu halten! Habt Ihr je den Namen Boffin gehört?“ „Nein,“ ſagte Mr. Wegg, den dieſes Examen ärger⸗ lich zu machen anfing,„ich habe den Namen Boffin nie gehört.“ „Gefällt er Euch?“ „Je nun,— nein,“ entgegnete Mr. Wegg, abermals der Verzweiflung nahe,„ich kann nicht ſagen, daß er mir gefällt.“ „Warum gefällt er Euch nicht?“ „Ich weiß nicht, warum er mir nicht gefällt,“ ſagte Mr. Wegg, der Raſerei nahe,„aber er gefällt mir durch⸗ aus gar nicht.“ „Jetzt werde ich Euch Etwas ſagen, worauf Ihr be⸗ dauern werdet, dies geſagt zu haben,“ ſagte der Fremde lächelnd.„Mein Name iſt Boffin.“ „Ich kann's nicht ändern!“ erwiderte Mr. Wegg, in einem Tone, in dem der beleidigende Zuſatz lag:„und würde es nicht ändern, ſelbſt wenn ich's könnte.“ „Aber es bleibt Euch noch eine Chance,“ ſagte Mr. Boffin, noch immer lächelnd.„Gefällt Euch der Name Nicodemus? Ueberlegt Euch's. Noddy.“ „Es iſt,“ ſagte Mr. Wegg, indem er ſich mit einer Miene ſanfter Ergebung und kummervoller Offenherzig⸗ Nick, oder ſehen.— Ich weiß nicht warum,“ fügte Mr. Wegg, der nächſten Frage vorgreifend, hinzu. „Noddy Boffin,“ ſagte der andere Herr;„Noddy. So heiße ich. Noddy, oder Nick— Boffin. Wie heißt Ihr?“ „Silas Wegg.— IUJh weiß nicht,“ fügte er, wie vorher einer Frage vorbeugend, hinzu,„warum Silas, und ich weiß nicht, warum Wegg.“ „Alſo Wegg,“ ſagte Mr. Boffin, ſeinen Stock feſter an die Bruſt drückend,„ich wünſche, Euch eine Art von Anerbieten zu machen. Erinnert Ihr Euch, wann Ihr mich zum erſtenmal geſehen habt?“ Der hölzerne Wegg betrachtete ihn mit ſinnendem Auge und mit ſanfterer Miene, da er die Möglichkeit eines Profits erblickte.„Laſſen Sie mich nachdenken. Ich bin mir nicht ganz ſicher und beachte doch meiſtens ungeheuer viel. War es am Montag Morgen, als der Fleiſcherjlunge ſich in unſerm Hauſe ſeine Beſtellungen geholt und ein Lied von mir kaufte, das ich ihm, da die Melodie ihm unbekannt war, eben einmal vorſang??“?— „Richtig, Wegg, richtig! Aber er kaufte mehr als ein Lied.“ „Ja, ganz recht, Sir; er kaufte mehrere Lieder und da er ſein Geld in der beſten Weiſe anzulegen wünſchte, ließ er ſich in ſeiner Wahl durch meinen Rath leiten und wir nahmen die Sammlung zuſammen durch. Ja, ganz recht. Hier, ungefähr, war es, und hier, ungefähr, war ich, und dort, Mr. Boffin, waren Sie, wo Sie jetzt perſönlich ſtehen, mit demſelben Stocke unter demſelben Arme und Ihrem ſelben Rücken uns zugewendet. Ja, — ganz— recht!“ fügte Mr. Wegg hinzu, indem er ein wenig um Mr. Boffin herumſchaute, um deſſen Rück⸗ ſeite in Augenſchein zu nehmen und ſich von dieſem letz⸗ ten außerordentlichen Zuſammentreffen zu überzeugen, „mit Ihrem ſelben Rücken!“ „Was that ich wohl, glaubt Ihr, Wegg?“ „Ich möchte annehmen, Sir, daß Sie den Blick die Straße hinunterwarfen.“ „Nein Wegg. Ich lauſchte.“ „Wirklich, Sir?“ ſagte Mr. Wegg in zweifelhaftem Tone. „Nicht etwa in ehrloſer Weiſe, Wegg, denn Ihr ſangt dem Fleiſcherjungen vor; und Ihr würdet einem Fleiſcherjungen keine Geheimniſſe auf der Straße vor⸗ ſingen, ſeht Ihr wohl.“ „So viel ich mich entſinnen kann, habe ich dies noch nie gethan,“ ſagte Mr. Wegg vorſichtig.„Aber es wäre wohl möglich, daß ich es thäte. Man kann nicht ſagen, was man nicht noch eines Tages zu thun im Stande wäre.“(Dies ſagte er, um ſich nicht den etwaigen Vor⸗ theil entſchlüpfen zu laſſen, den er aus Mr. Boffin's Bekenntniß ziehen dürfte.) „Nun,“ wiederholte Mr. Boffin,„ich hörte ihm und Euch zu. Und was— Ihr habt nicht etwa noch einen Stuhl, wie? Ich bin ein wenig kurzathmig.“ „Ich habe keinen zweiten Stuhl, aber dieſer hier ſteht Ihnen zu Dienſten,“ ſagte Wegg, den Stuhl dar⸗ bietend.„Es iſt mir ein Vergnügen, zu ſtehen.“ „Ei!“ rief Mr. Boffin, in einem Tone großen Be⸗ hagens, wie er ſich, noch immer den Stock wie einen Saͤugling an ſeine Bruſt drückend, auf dem Stuhle nie⸗ derließ,„dies iſt ein allerliebſter Ort! Und dann auf beiden Seiten von dieſen Liedern eingeſchloſſen zu ſein, wie von ein Paar Scheuklappen von Bücherblättern! Ei, es iſt charmant!“ keit auf ſeinem Stuhle niederließ,„es iſt nicht ein Name, Sir, bei dem ich mich von Jemand anreden hören möchte, für den ich Achtung hegte; doch mag es Leute geben, welche die Sache nicht aus demſelben Geſichtspunkte an⸗- „Wenn ich nicht irre, Sir,“ ſagte Mr. Wegg, indem er ſich mit einer Hand auf ſeinen Ladentiſch ſtützte und ſich zu Mr. Boffin hinüberbeugte,„ſo ſagten Sie etwas von einem Anerbieten, das Sie mir zu machen hätten?“ innenden köglichkeit ichdenken. meiſtens als der tellungen n, da die ag?“ mehr als Lieder und wünſchte, leiten und Ja, ganz fähr, war Sie jetzt demſelben det. Ja, indem er iſen Rüͤck⸗ dieſem letz⸗ füberzeugen, 1 Blick die ftem Tone. denn Ihr det einem traße vor⸗ dies noch er es waͤre icht ſagen, Im Stande aigen Vor⸗ —r Boffin e ihm und noch einen n. —eoen Be⸗ wie einen dann auf u ſein erblättern! 41 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. „Ich komme noch dazu! Ganz recht. Ich komme dazu! Ich wollte ſagen, daß ich, als ich an jenem Morgen lauſchte, Euch mit einer Bewunderung zuhörte, die an Ehrfurcht grenzte. Ich dachte bei mir:„Hier iſt ein Mann mit einem hölzernen Bein— ein litera⸗ riſcher Mann mit—“ „N—— nicht gerade das, Sir,“ ſagte Mr. Wegg. „Ei, Ihr kennt jedes dieſer Lieder, ſowohl was den Namen, als was die Melodie betrifft, und ſowie Ihr eins derſelben zu leſen oder zu ſingen wünſcht, braucht Ihr blos Eure Brille aufzuſetzen und Ihr thut es!“ rief Mr. Boffin.„Ich habe Euch ſelbſt dabei geſehen!“ „Gut, Sir,“ erwiderte Mr. Wegg mit einer ſelbſt⸗ bewußten Kopfneigung;„wir wollen alſo literariſch ſagen.“ „„Ein literariſcher Mann— mit einem hölzernen Bein— und alles Gedruckte ſteht ihm offen! Das dachte ich an jenem Morgen bei mir,“ fuhr Boffin fort, indem er ſich vorwärts lehnte, um, nicht gehindert durch den Liederſchirm, einen ſo großen Kreis zu beſchreiben, wie dies in der Macht ſeines rechten Armes lag;„alles Gedruckte ſteht ihm offen! und iſt dies etwa nicht der Fall?“ „Je nun, Sir,“ gab Mr. Wegg mit Beſcheidenheit zu, ich glaube nicht, daß Sie mir ein Stück von engliſchem Druck zu zeigen im Stande wären, das ich nicht ver⸗ ſtehen und leſen könnte.“ „Auf der Stelle?“ ſagte Mr. Boffin. „Auf der Stelle.“ „Das wußt' ich! Dann alſo bedenkt nur dies: hier bin ich, ein Mann ohne ein hölzernes Bein, und alles Gedruckte iſt ein geſchloſſenes Buch für mich.“ „Wirklich, Sir?“ ſagte Mr. Wegg, mit zunehmender Selbſtgenügſamkeit.„Erziehung vernachläſſigt?“ „Ver— nach— läſſigt!“ wiederholte Boffin mit Nach⸗ druck.„Das iſt kaum ein Wort dafür. Ich will damit nicht ſagen, daß ich, falls Ihr mir ein B zeigtet, Euch nicht in ſoweit herausgeben könnte, daß ich Boffin ant⸗ wortete. „Kommen Sie, Sir, kommen Sie,“ ſagte Mr. Wegg, ihn ein wenig ermuthigend,„das iſt ſchon Etwas.“ „Es iſt Etwas,“ erwiderte Boffin,„aber ich wollte meinen Eid darauf ablegen, daß es nicht Viel iſt.“ „Vielleicht nicht ſo Viel, wie ein wißbegieriger Geiſt ſich wünſchen dürfte, Sir,“ räumte Mr. Wegg ein. „Jetzt, ſchaut her. Ich habe mich vom Geſchäft zu⸗ rückgezogen. Ich und Mrs. Boffin— Henrietty Boffin — denn ihres Vaters Name war Henery und ihrer Mutter Name war Hetty, und damit habt Ihr's— wir leben von einer kleinen Auskunft, die uns ein ſeliger Alter hinterließ.“ „Iſt der Herr todt, Sir?“ „Ei zum Kukuk, Menſch, ſage ich Euch's nicht? Ein ſeliger AÄlter? Jetzt iſt's aber zu ſpät für mich, um mich mit Alphabeten und Grammatiken herumzu⸗ ſchlagen. Ich fange an, alt zu werden, und will es be⸗ quem nehmen. Aber ich bedarf einiger Lectüre— einige ſchöne, ſtattliche Lectüre, irgend ein prachtvolles Buch in prunkſüchtigen Lord⸗Mayors⸗Bänden, das gerade zu unſerm Standpunkt herabreicht und Einem Zeit läßt zum Be⸗ greifen. Wie kann ich zu dieſer Lectüre gelangen, Wegg? Indem ic,“ ſagte er, den Andern mit dem Kopfende ſeines dicken Stockes auf die Bruſt klopfend,„einem Mann, der wahrhaft dazu geeignet iſt, ſo viel per Stunde (ſagen wir zwei Pence) bezahle, daß er zu mir kommt und es für mich thut.“ „Ahem! Sehr geſchmeichelt, Sir, wirklich ſehr ge⸗ ſchmeichelt,“ ſagte Wegg, indem er ſich in einem ganz neuen Lichte zu erblicken anfing.„Hum! Dies iſt alſo das Anerbieten, deſſen Sie erwähnten, Sir?“ „Sa, gefällt es Ihnen?“ „Ich uberlege es mir, Mr. Boffin.“ „Es liegt,“ ſagte Boffin mit großmüthigem Weſen, „— es liegt mir nicht daran, einen literariſchen Mann — mit einem hölzernen Beine— zu ſehr zu beſchränken. Ein halber Penny die Stunde mehr ſoll uns nicht trennen. Die Stunden ſind Eurer Wahl überlaſſen, nach⸗ dem Ihr mit Eurem Hauſe hier für den Tag fertig ſeid. Ich wohne in der Nachbarſchaft von Maiden⸗Lane, in der Richtung von Holloway— und Ihr braucht, wenn Ihr hier fertig ſeid, nur in nordöſtlicher Richtung grad'⸗ aus zu gehen, und Ihr ſeid dort. Drittehalb Pence die Stunde,“ ſagte Boffin, indem er ein Stück Kreide aus der Taſche nahm und vom Stuhle ſtieg, um auf dem Sitze deſſelben das Exempel nach ſeiner eigenen Weiſe auszurechnen;„zwei lange und ein kurzes— drittehalb Pence; zwei kurze machen ein langes, und zwei mal zwei lange machen vier lange— macht fünf lange; ſechs Abende die Woche zu fünf langen,“ ſagte er, Alles ein⸗ zeln niederſchreibend,„und das bringt uns zu dreißig langen hinauf. Eine runde Summe! Eine halbe Krone!“ „Eine halbe Krone,“ ſagte Wegg ſinnend.„Ja.(Es iſt nicht viel, Sir.) Eine halbe Krone.“ „Die Woche, wißt Ihr.“ „Die Woche. Ja. Was nun die Anſtrengung des Verſtandes betrifft. Haben Sie an Poeſie gedacht?“ frug Mr. Wegg nachdenklich. „Würde es theurer ſein?“ frug Mr. Boſfin. „Ja, es würde theurer kommen,“ erwiderte Mr. Wegg. „Denn wenn man einen Abend nach dem andern Poeſie abhaſpeln kommt, ſo iſt es nicht mehr wie billig, daß man für die entkräftende Wirkung, welche dies auf das Gehirn hat, bezahlt zu werden erwartet.“ „Die Wahrheit zu geſtehen,“ ſagte Boffin,„ſo dachte ich nicht an Poeſie, außer in ſo weit, als— falls Ihr Euch hin und wieder aufgelegt fühltet, mich und Mrs. Boffin mit einem Liede zu tractiren,— ei nun, dann würden wir in Poeſie verfallen.“ „Ich verſtehe, Sir, ſagte Wegg.„Doch da ich kein echter Künſtler in der Muſik bin, möchte ich mich nicht gern dafür engagiren, und wenn ich daher in Poeſie ver⸗ fiele, ſo möchte ich, in ſoweit wenigſtens, lieber als Freund betrachtet werden.“ Hierüber funkelten Mr. Boffin's Augen und er drückte Silas inbrünſtig die Hand, indem er ihm verſicherte, daß dies mehr ſei, als er verlangt haben würde, und daß er es als eine große Freundlichkeit anerkenne. „Was ſagt Ihr zu den Bedingungen, Wegg?“ frug Mr. Boffin dann mit unverſtellter Beſorgniß. Silas, der dieſe Beſorgniß durch ſein hartes, zurück⸗ haltendes Weſen genährt und außerdem ſeinen Mann ſehr wohl zu verſtehen angefangen, erwiderte mit einer Miene, wie wenn es etwas außerordentlich Großmüthiges und Edles ſei: „Mr. Boffin, ich handele nie.“ „Das würde ich von Euch geglaubt haben!“ ent⸗ gegnete Mr. Boffin bewunderungsvoll. „Nein, Sir, ich habe nie gehandelt und will niemals handeln. Deshalb komme ich Ihnen ſofort frei und offen entgegen und ſage— Abgemacht, für das doppelte Geld!“ Mr. Boffin ſchien auf dieſen Schluß ein wenig un⸗ vorbereitet, doch willigte er ein— mit der Bemerkung: „Ihr wißt beſſer, als ich, wie viel es ſein ſollte, Wegg,“ und tauſchte abermals einen Händedruck mit ihm aus. „Könnt Ihr ſchon heute Abend anfangen, Wegg?“ fragte er dann. „Ja, Sir,“ ſagte Wegg, indem er Sorge trug, daß alle Begierigkeit auf des Andern Seite ſei.„Ich ſehe 2 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. Sir?“ „Kaufte es auf einer Auction,“ ſagte Mr. Boffin. „Acht Bände. Roth und Gold. Blaues Band in jedem Bande, um die Stelle zu bezeichnen, wo man aufhört. Kennt Ihr es?“ „Wie heißt das Buch Sir?“ Sie ſind mit theil und unberechenbarer Geldgewinn zu ziehen ſei, com⸗ promittirte er ſich doch keineswegs durch eine Einräu⸗ mung, daß ſeine neue Anſtellung im Mindeſten außer ſeinem Bereiche liege, oder das geringſte Lächerliche an ſich habe. Mr. Wegg würde ſich ſogar mit Jedem, der ſeine vertraute Bekanntſchaft mit den beſagten acht Bänden vom Verfall und Untergang angegriffen, in einen ernſtlichen Streit eingelaſſen haben. „Ich glaubte, Ihr hättet das gewußt, ohne daß ich es Euch geſagt,“ ſagte Mr. Boffin, ein wenig enttäuſcht. „Es heißt Verfall⸗Und⸗Untergang⸗Des⸗Ruſſichen⸗Reichs.“ über dieſe Steine des Anſtoßes hin.) „Ah, in der That,“ ſagte Mr. Wegg, mit einem Kopfnicken freundſchaftlichen Erkennens. „Ihr kennt es, Wegg?“ „Ich kann nicht ſagen, daß ich es ganz kürzlich durch⸗ Sein Ernſt war etwas ganz Ungewöhnliches, Ungeheueres, Unermeßliches, nicht etwa, weil er ſich ſelber gegenüber einen Zweifel an „ ¹ ſich zuließ, ſondern weil er es als nothwendig einſah, (Mr. Boffin ging langſam und mit großer Behutſamkeit jedem Zweifel vorzubeugen, den Andere möglicherweiſe gegen ihn ſchöpfen möchten. Und hierin ſchloß er ſich jener außerordentlich zahlreichen Klaſſe von Betrügern an, vor Ande geleſen,“ erwiderte Mr. Wegg,„indem ich anderweitig beſchäftigt war, Den alten bekannten ſchen Reichs? Das ſollt, ich meinen, Sir! kaum ſo groß war, wie Ihr Stock. Bruder unſere Hütte verließ, um ſich als Soldat an⸗ werben zu laſſen. Bei welcher Gelegenheit— wie das Lied, das darauf gemacht wurde, beſchreibt:— „Vor jene Hüttenthüͤr, Mr. Boffin, „Ein Mädchen kniete hin: „Ein ſchneeweiß' Tuch ſie ſchwenkte, Sir, „Das(wie mein ält'ſter Bruder bemerkte) flatterte im Wind'. „Sie hauchte ein Gebet für ihn, Mr. Boffin, „Doch hörte er es nicht. „Und mein alrſter Bruderſtütt ſch auf ſein Schwert, Mr. Boffin, „Und wiſcht' eine Thrän' vom Geſicht.“ Durch dieſes Familienereigniß ſowohl, als durch Mr. Wegg's freundſchaftliches Benehmen, indem er ſchon ſo bald in Poeſie verfiel, tief gerührt, drückte Mr. Bofſin jenem hölzernen Gauner abermals die Hand und bat ihn dringend, ſelbſt die Stunde anzugeben. Mr. Wegg nannte die achte Stunde. „Das Haus, wo ich wohne, heißt die Laube. Boffin's Laube wurde es von Mrs. Boffin getauft, als wir es als unſer Eigenthum bezogen. Solltet Ihr Jemandem begegnen, der es nicht bei dieſem Namen kennt(was faſt Niemand thut), wenn Ihr innerhalb einer Meile, oder ſagen wir, fünf Viertelmeilen, wenn Ihr wollt, von Maiden⸗Lane bei Battle⸗Bridge angelangt ſeid, ſo fragt nach Harmonie⸗Gefängniß, und man wird Euch den Weg zeigen. Ich werde Euch,“ ſagte Mr. Boffin, ihn mit großem Enthuſiasmus auf die Schulter klopfend, „mit vieler Freude erwarten. Ich werde weder Ruhe noch Geduld haben, bis Ihr kommt. Es ſoll mir jetzt Gedrucktes offen ſtehen. Heute Abend wird ein litera⸗ Mr. Boffin. Verfall und Untergang des ruſſi⸗ Seit ich riſcher Mann— mit einem hölzernen Bein“—, er ſchenkte dieſer Zierde einen bewundernden Blick, wie wenn dieſelbe Mr. Wegg's Talenten noch einen beſonderen Zauber verliehe,—„anfangen, mich auf einen neuen Lebenspfad zu führen! Hier iſt noch einmal meine Fauſt, Wegg. Morgen, Morgen, Morgen!“ Als der Andere von dannen gewatſchelt und Mr. Wegg in ſeiner Bude allein war, ſank er auf den Seſſel in ſeinem Schirme, zog ein kleines Taſchentuch von büßeriſch rauher Beſchaffenheit hervor und faßte ſich mit nachdenklicher Miene, mit demſelben bei der Naſe. Und während er jenen Geſichtstheil gefaßt hielt, warf er mehrere gedankenvolle Blicke die Straße hinunter, auf Boffin's verſchwindende Geſtalt. Doch thronte tiefer Ernſt auf Mr. Wegg's Zügen. Denn während er ein⸗ ſah, daß dies ein alter Burſch' von einer ſeltenen Herzens⸗ einfalt, daß dies eine Gelegenheit, aus der mancher Vor⸗ Aber,— ob ich es kenne? Seit mein älteſter die den Schein eben ſo entſchloſſen vor ſich ſelber, als zu bewahren bemüht ſind. Es bemächtigte ſich ſeiner außerdem ein gewiſſer Hoch⸗ muth; ein herablaſſendes Gefühl des Geſuchtſeins— als ein officieller Löſer von Geheimniſſen. Daſſelbe flößte ihm nicht etwa eine commercielle Größe, ſondern viel⸗ mehr Kleinlichkeit ein, inſofern als das hölzerne Mäßchen, falls dies im Bereiche der Möglichkeit gelegen, an dieſem Tage weniger Nüſſe enthalten haben würde, als je. Doch als die Nacht kam und mit ihren verſchleierten Augen Wegg nach Boffin's Laube ſtampfen ſah, fühlte er dennoch eine gewiſſe Freude. Die Laube war ſo ſchwer zu finden, wie die der ſchö⸗ nen Roſamunde, ohne den Leitfaden. Als Mr. Wegg in der ihm bezeichneten Gegend angelangt, ſtellte er wohl ein halbes Dutzend erfolgloſe Nachfragen über die Laube an, bis er ſich erinnerte, daß er nach Harmonie⸗Ge⸗ fängniß fragen ſollte. Dies bewirkte eine ſchnelle Ver⸗ änderung in dem Geiſte eines heiſeren Herrn und ſei⸗ nes Eſels, dem er eine große geiſtige Verwirrung verur⸗ ſacht hatte. „Ei, Ihr meint das Haus des alten Harmon, wie?“ ſagte der heiſere Herr, der den Eſel, der ſeinen kleinen Karren zog, mit einer gelben Rübe, als Peitſche, an⸗ trieb.„Warum habt Ihr das nicht gleich geſagt? Eddard und ich wir fahren eben jetzt an ihm vorbei! Springt auf.“. Mr. Wegg gehorchte und der heiſere Herr lenkte ſeine Aufmerkſamkeit folgenderweiſe auf die dritte Perſönlichkeit in der Geſellſchaft: „Jetzt ſchaut Eddards Ohren ar. Was war noch der Name von dem, was Ihr ſuchtet? Leiſe!“ Mr. Wegg flüſterte:„Boffin's Laube.“ „Eddard!(beobachtet ſeine Ohren) vorwärts, nach Boffin's Laube!“ Eddard blieb, mit zurückgelegten Ohren, unbeweglich ſtehen. he Eddard!(beobachtet ſeine Ohren) vorwärts, nach dem alten Harmon.“ Eddard richtete augenblicklich ſeine Ohren zu ihrer vollen Länge in die Höhe und galoppirte mit ſolcher Geſchwindigkeit von dannen, daß Mr. Weggs's Unter⸗ haltung in der zerſtückelten Weiſe aus ihm herausge⸗ rüttelt kam. „Wares— jeein Gef— ängniß?“ fragte Mr. Wegg, ſich mit beiden Händen feſthaltend. „Nicht ein eigentliches Gefängniß, wo man Euch und mich einſperren würde,“ erwiderte ſein Begleiter,„man gab ihm den Namen, weil der alte Harmon dort ganz allein wohnte.“ „Undwar— um nann— tenſie— esharm— onie?,“ „Weil er nie mit irgend einem Menſchen einig war. Wie eine Art von Spott. Harmon's Gefängniß; Har⸗ monie⸗Gefängniß. So kommt es ungefähr herum.“ . com⸗ inräu⸗ außer iche an an, der n acht in einen aſt war egliche weſfel an 3 dnſah, icherveiſe h et ſch ügern an, ber, als ſer Hoch⸗ 3— als be flßte ern viel⸗ Mäßchen, an dieſem je. Doch ten Augen er dennoch e der ſchö⸗ Wegg in er wohl die Laube nonie⸗Ge⸗ hnelle Ver⸗ i und ſei⸗ ung verut⸗ (on, wie?“ en kleinen iihe, an ch geſagt? m vorbei! lenkte ſeine rſönlichkeit r noch der bärts, nach unbeweglich nach dem zu ihret mit ſolcher 6' Unter⸗ herausge⸗ 4⁵ „Kenntihr— Miſt— Erboff— in?“ fragte Wegg. „Das ſollt' ich meinen! Jeder kennt ihn hier herum. Eddard kennt ihn. Boffin, Eddard!“ Die Wirkung dieſes Namens war ſo beunruhigend, daß vermöge derſelben Eddard einen Augenblick den Kopf ſchlug und dann durch bedeutend vergrößerte Geſchwindig⸗ keit um ein Beträchtliches das Rütteln vermehrte, ſo da Mr. Wegg ſeine ganze Aufmerkſamkeit auf das Anhalteu zu richten, und den Wunſch, ſich zu überzeugen, ob dieſe plötzliche Lebhaftigkeit als eine Huldigung gegen Boffin oder als das Gegentheil zu betrachten ſei, aufzugeben ge⸗ nöthigt war. Nach einer kleinen Weile ſtand Eddard an einem Thorwege ſtill, und Wegg verlor geſcheidterweiſe keine Zeit, auf der Hinterſeite des Karrens abnuat So⸗ wie er auf feſtem Boden angelangt, rief ſein bisheriger Fuhrmann, die Rübe ſchwingend:„Zum Nachteſſen, Eddard!“ worauf er und die Hinterbeine, der Karren und Eddard, Alle zuſammen in einer Art von Apotheoſe in die Luft zu fliegen ſchienen. Wegg ſtieß das halb geöffnete Thor weiter offen und ſchaute in einen rings eingeſchloſſenen Raum, in dem ſich gewiſſe hohe dunkle Hügelchen gegen den Himmel ab⸗ zeichneten, und wo der Pfad zur Laube, wie der Mond⸗ ſchein zeigte, durch zwei Reihen von in Aſche gefaßten Scherben bezeichnet wurde. Eine weiße Geſtalt, die ihm auf dieſem Pfade entgegenkam, erwies ſich als nichts Geſpenſteriſcheres, als Mr. Boffin ſelbſt, der ſich zur be⸗ quemeren Aufnahme ſeiner Studien in einen kurzen wei⸗ ßen Kittel gekleidet hatte. Nachdem er ſeinen literari⸗ ſchen Freund mit größter Herzlichkeit begrüßt, führte er ihn in das Innere der Laube und ſtellte ihm dort Mrs. Boffin vor: eine wohlbeleibte Dame von röthlichem und heiterem Ausſehen, die(zu Mr. Wegg's Beſtürzung) ein ausgeſchnittenes ſchwarzatlas Geſellſchaftskleid, und einen großen runden ſchwarzen Sammethut mit Fe⸗ dern trug. „Mrs. Boffin, Wegg,“ ſagte Boffin,„will hoch hin⸗ aus, nach der vornehmen Mode, und ihre Bauart iſt von einer Beſchaffenheit, die der Mode Ehre macht. Was mich betrifft, ſo bin ich noch nicht ſo modiſch, wie ich noch werden mag. Henrietty, meine alte Dame, dies iſt der Herr, der das ruſſiſche Reich verfallen und untergehen laſſen wird.“ „Und ich hoffe von Herzen, daß es Euch Beiden gut thun möge,“ ſagte Mrs. Boffin. Es war das ſonderbarſte Zimmer von der Welt, und mehr wie eine luxuriöſe Liebhaberſchenke arrangirt und meublirt, als wie ſonſt irgend Etwas, das Silas Wegg geſehen. Am Kaminfeuer ſtanden zwei hölzerne Bänke, zu jeder Seite eine, mit einem entſprechenden Tiſche vor derſelben. Auf einem dieſer Tiſche lagen die acht Bände flach in einer Reihe, gleich einer elektriſchen Batterie; auf dem andern ſtanden gewiſſe unterſetzte Flaſchen von einladendem Ausſehen, anſcheinend auf den Fußſpitzen, um über eine Reihe von Gläſern und eine Schale mit weißem Zucker Blicke mit Mr. Wegg auszutauſchen. Auf dem Kaminherde dampfte ein Keſſel und vor demſelben ruhte eine Katze. Zwiſchen den Bänken, dem Feuer gegenüber, ſtand ein Sopha, eine Fußbank und ein klei⸗ ner Tiſch, die ein Centrum bildeten, und Mrs. Boffin gewidmet waren. Dieſelben waren bunt und geſchmack⸗ los, jedoch koſtbar, und hatten neben den hölzernen Bän⸗ ken und der von der Decke herabhängenden Gasflamme ein eigenthümliches Ausſehen. Auf dem Fußboden lag ein blumiger Teppich, der jedoch, anſtatt bis an den (Beobachtet ſeine Ohren.) Noddy Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. d V I Kamin zu reichen, an Mrs. Boffin's Fußbank ein Ende nahm und einer Region von Sand und Sägeſpänen Platz machte. Mr. Wegg nahm außerdem mit bewundernden Augen wahr, daß, während das Blumenland nur ſolche leeren Zierrathe, wie ausgeſtopfte Vögel und Wachsfrüchte ck de unter Glasglocken, zeigte, auf dem Terrain, wo die Ve⸗ verſteckte, ſehr hoch mit den Hinterbeinen in die Luft nach meiner Weiſe. getation aufhörte, entſchädigende Bretterſimſe angebracht waren, auf denen man unter anderen Eßwaaren den ß größeren Theil einer umfangreichen Paſtete und eines kalten Bratens erblickte. Das Zimmer ſelbſt war groß, wenngleich niedrig; und die maſſiven Rahmen der alten Fenſter und ſchweren Balken der ſchiefen Zimmerdecke ſchienen darauf hinzudeuten, daß das Haus einſt ein alleinſtehendes Landhaus von einiger Bedeutung geweſen. „Gefällt es Euch, Wegg?“ fragte Boffin, auf ſeine drauf los ſtürzende Manier. „Außerordentlich Sir,“ ſagte Wegg;„ein erſtaunlich gemüthlicher Kaminwinkel, Sir.“ „Verſteht Ihr's, Wegg?“ „Je nun, im Allgemeinen,“ begann Mr. Wegg langſam, den Kopf auf die Seite neigend, wie aus⸗ weichende Leute es machen; doch unterbrach ihn der Andere:— „Ihr verſteht's nicht, Wegg, und ich will's Euch er⸗ klären. Dieſe Einrichtung iſt auf gegenſeitige Ueberein⸗ kunft zwiſchen Mrs. Boffin und mir getroffen worden. Mrs. Boffin, wie geſagt, liebt die vornehme Mode und will darin hoch hinaus; mit mir iſt dies gegenwärtig nicht der Fall. Ich gehe nicht weiter, als bis zum Com⸗ fort, und zwar der Art von Comfort, die ich zu genießen verſtehe. Nun alſo— was nützte es wohl, wenn Mrs. Boffin und ich uns darüber ſtreiten wollten? Wir haben nie mit einander geſtritten, ehe wir Boffin's Laube ge⸗ erbt hatten; wozu da ſtreiten, ſeitdem wir die Erbſchaft gemacht? Und ſo hat Mrs. Boffin ihren Theil des Zim⸗ mers nach ihrer Weiſe eingerichtet, und ich den meinigen In Folge deſſen haben wir ſowohl Geſelligkeit(ich würde ohne Mrs. Boffin in Trübſinn ver⸗ ſinken), als feine Mode und Comfort. Falls ich allmälig mehr auf Mode hinaus will, dann wird Mrs. Boffin allmälig vorrücken. Sollte dagegen Mrs. Boffin ſich wie⸗ der von der feinen Mode entfernen, ſo würde Mrs. Boffin's Teppich ſich weiter zurückziehen. Bleiben wir aber Beide, wie wir ſind, ei, ſo iſt Alles in Ordnung, und gieb uns einen Kuß, alte Dame.“ Mrs. Boffin, die ſich, fortwährend lächelnd, ge⸗ nähert und ihren runden Arm in den ihres Gebieters gelegt hatte, leiſtete dem Geſuche die bereitwilligſte Folge; die Mode, in der Geſtalt ihres ſchwarzen Sammethutes und ihrer Federn, verſuchte, ſich verhindernd dazwiſchen zu legen, wurde aber verdientermaßen dabei zerdrückt. „Und ſo,“ ſagte Mr. Boffin, ſich mit einer Miene großer Erfriſchung den Mund wiſchend,„fangt Ihr uns jetzt zu kennen an, wie wir ſind. Unſere Laube hier iſt ein ganz charmanter Aufenthalt, aber man lernt ihn erſt allmälig ſchätzen. Es iſt ein Aufenthalt, deſſen Verdienſte man nur ſtückweiſe entdeckt, und zwar jeden Tag ein neues. Zu jedem der Hügel führt ein Schlangenpfad hinauf, der den Hof und die Gegend jeden Augenblick anders zeigt. Wenn man auf dem Gipfel anlangt, hat man eine Ausſicht auf die umliegenden Grundſtücke, die durch nichts übertroffen werden kann. Man ſchaut in das Grundſtück von Mrs. Boffin's verſtorbenem Vater(im Hunde⸗Proviſions⸗Handel) hinab, wie wenn es uns zu⸗ gehörte. Und auf dem Gipfel des höchſten Hügels ſteht eine Gitterwerklaube, in der Ihr uns im Sommer man⸗ ches Buch vorleſen und oft, als Freund, in Poeſie ver⸗ fallen werdet, und wenn Ihr es nicht thut, ſo ſoll dies . 2 47 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 48 leſen?“ „Danke, Sir,“ antwortete Wegg, als ob ihm das p nicht meine Schuld ſein. Und jetzt, womit wollt Ihr V als gaſtfrei betrachte; indem man, anſtatt in verhältniß⸗ Vorleſen überhaupt nichts Neues ſei.„Ich leſe gewöhn⸗ lich mit Wachholderbranntwein und Waſſer.“ „Das erhält das Organ feucht, wie, Wegg?“ fragen Mr. Boffin mit unſchuldigem Eifer. „N—ein, Sir,“ erwiderte Wegg trocken,„ſo möchte ich es kaum nennen. Ich möchte vielmehr ſ würde ich mich lieber ausdrücken.“ agen, es macht das Organ weicher. Macht es weicher, Mr. Boffin, ſo Seine hölzerne Eitelkeit und Schlauheit hielt genau mit der Erwartung ſeines Opfers Schritt. Die Viſionen, die vor ſeinem gewinnſüchtigen Geiſte aufſtiegen— von der mannigfachen Weiſe, in der er ſich dieſe Bekanntſchaft werde zu nutze machen können, verdrängten keinen Augen⸗ blick die Idee, die bei einem gemeinen Manne, der An⸗ dere zu übervortheilen ſucht, natürlicherweiſe die vor⸗ herrſchende iſt, die Idee, daß er ſich nicht zu billig machen darf. Mrs. Boffin's Huldigung der neuen Mode verhinderte ſie, da dieſelbe einer weniger unerbittlichen Gottheit galt, als meiſtens unter jenem Namen angebetet wird, nicht daran, das Getränk für ihren literariſchen Gaſt zu miſchen, oder ihn zu fragen, ob der Erfolg ſeinen Bei⸗ fall habe. Nachdem er eine huldvolle Antwort gegeben und ſich dann auf der literariſchen Bank niedergelaſſen, begann Mr. Boffin mit frohlockenden Augen, es ſich als Zuhörer auf der gegenüberſtehenden Bank bequem zu machen. „Thut mir leid, Euch eine Pfeife verſagen zu müſſen, Wegg,“ ſagte er, die ſeinige füllend,„aber Ihr könnt nicht Beides zugleich thun. O,— und noch Eins, das ich zu erwähnen vergaß! Wenn Ihr Abends herkommt und auf einem der Simſe Etwas erblickt, das Euch ge⸗ fällt, ſo ſagt es.“ Wegg, der im Begriff war, ſeine Brille aufzuſetzen, legte deſelbe augenblicklich mit der munteren Bemerkung nieder: „Sie leſen meine Gedanken, Sir. Trügen meine Augen mich, oder iſt jener Gegenſtand dort oben eine— eine Paſtete? Es kann keine Paſtete ſein.“ „Ja, es iſt eine Paſtete, Wegg,“ erwiderte Mr. Boffin mit einem Blicke der Beſtürzung auf den„Verfall und Untergang.“ „Habe ich meinen Geruch für Obſt verloren, oder iſt es eine Apfelpaſtete, Sir?“ „Es iſt eine Kalbfleiſch⸗ und Schinkenpaſtete,“ ſagte Mr. Boffin. „Wirklich, Sir? Und es wäre ſchwer, eine Paſtete zu nennen, die einer Kalb⸗ und Schinkenpaſtete vor⸗ zuziehen,“ ſagte Mr. Wegg gefühlvoll mit dem Kopfe nickend. „Wollt Ihr ein wenig davon, Wegg?“ „Danke, Mr. Boffin; ich danke, ja, da Sie mich dazu auffordern. Ich würde es für keinen Andern thun— in dieſem Augenblicke, aber auf Ihr Bitten, will ich's thun, Sir!— Und eine Fleiſchgelée, namentlich, wo ſich Salz dabei befindet, wie dies bei Schinken der Fall iſt, i*ſt ſehr erweichend für das Organ, ſehr erweichend für das Organ!“ Mr. Wegg ſagte nicht für welches Organ, ſondern drückte ſich mit einer heiteren Allgemeinheit aus. Die Paſtete wurde deshalb vom Simſe herunterge⸗ holt und der würdige Mr. Boffin übte ſich in der Ge⸗ duld, bis Wegg mit Hülfe von Meſſer und Gabel die Schüſſel geleert, und benutzte die Gelegenheit nur, um Wegg zu unterrichten, daß, obwohl es nicht ſtrenge zur feinen Mode gehöre, den Inhalt der Speiſekammer in dieſer Weiſe zur Schau zu ſtellen, er(Mr. Boffin) dies mäßig nichtsſagender Manier zu einem Gaſte zu ſagen: „Es befindet ſich Dieſes und Jenes an Eßwaaren in der Speiſekammer; womit kann ich Ihnen aufwarten?“— das offene praktiſche Verfahren einſchlüge und ſagte: „Werfen Sie Ihre Blicke auf die Simſe, und falls Sie Etwas ſehen, das Ihnen gefällt, ſo fordern Sie es.“ Und jetzt ſchob Mr. Wegg endlich ſeinen Teller fort und ſetzte ſeine Brille auf, und Mr. Boffin zündete ſeine Pfeife an und ſchaute mit leuchtenden Augen in die ſich vor ihm öffnende neue Welt; und Mrs. Boffin ruhte nach vornehmer Sitte auf ihrem Sopha: gleich Jeman⸗ dem der ſich den Zuhörern anſchließen wollte, falls er fände, daß er es im Stande, und einzuſchlafen beabſich⸗ tigte, falls er ſich zu jenem unfähig fühlte. „Ahem!“ begann Wegg.„Dies, Mr. Boffin und Frau Gemahlin, iſt das. Capitel des erſten Bandes von dem„Verfall und Untergang des—““ hier be⸗ trachtete er das Buch mit ſcharfen Blicken und hielt inne. „Was giebt's, Wegg?“ „Je nun, es fällt mir eben ein, Sir,“ ſagte Wegg (nachdem er zuvor noch einmal einen ſcharfen Blick in das Buch geworfen) mit einnehmender Offenheit,„daß Sie heute Morgen ein kleines Verſehen machten, das ich zu berichtigen beabſichtigte, nur habe ich es über Dieſem oder Jenem vergeſſen. Mich dünkt, Sie ſagten, des„ruſſiſchen Reichs“, Sir?“ „Es iſt das ruſſiſche Reich, wie, Wegg?“ „Nein, Sir. Das römiſche; das römiſche.“ 5 „Worin liegt der Unterſchied, Wegg?“ „Der Unterſchied, Sir?“ Mr. Wegg fing an zu wanken und war in Gefahr, gänzlich niederzubrechen, als ihm plötzlich ein leuchtender Gedanke kam.„Der Unter⸗ ſchied, Sir? Da ſetzen Sie mich in Verlegenheit, Mr. Boffin. Laſſen Sie es genügen, wenn ich Ihnen ſage, daß wir den Unterſchied lieber bis zu einer anderen Ge⸗ legenheit verſchieben, wenn Mrs. Boffin uns nicht die Ehre ihrer Geſellſchaft zu Theil werden läßt. In Mrs. Boffins Gegenwart, Sir, wird es beſſer ſein, den Ge⸗ genſtand fallen zu laſſen.“ Auf dieſe Weiſe kam Mr. Wegg mit förnlich ritter⸗ lichem Anſehen aus ſeiner Schwierigkeit heraus; und nicht allein dies, ſondern er drehte die Sache, indem er mit männlichem Zartgefühl wiederholte:„In Mrs. Boffin's Gegenwart wird es beſſer ſein, den Gegenſtand fallen zu laſſen!“ gegen Boffin, ſo daß dieſer ſich auf eine pein⸗ liche Weiſe compromittirt zu haben fühlte. Dann begann Mr. Wegg in trockener, unerſchrockener Weiſe ſeine Aufgabe; geradeaus über Alles hin, das ihm in den Weg kam, über alle die ſchweren biographiſchen und geographiſchen Wörter hin; ein wenig erſchüttert durch Hadrian, Trajan und die Antoninen; ſtolperte über Polibeus(den er Polly bei uns ausſprach, und der von Mr. Boffin für eine römiſche Jungfrau und von Mrs. Boffin für jene Nothwendigkeit„den Gegenſtand fallen zu laſſen“ verantwortlich gehalten wurde); ſah ſich durch Titus Antoninus Pius ſchwer aus dem Sattel gehoben; war mit Augüſtus wieder auf den Beinen und galoppirte ſchließlich mit Commodus glatt und ungeſtört dahin; welcher Commodus, von Mr. Boffin unter der Benennung Commodius, ſeiner engliſchen Herkunft als völlig unwürdig befunden wurde, indem er in ſeiner Herrſchaft über das römiſche Volk nicht im Einklange mit ſeinem Namen gehandelt.“) Mit dem Tode dieſer *) Commodius bedeutet ſo viel, als nützlich, bequem, vortheilhaft. Anmerkung der Ueberſetzerin. 844 — = =— — E ffin und Bandes hier be⸗ elt inne. Ie We Bück 3 eit,„daß das ich eſem oder ruſſiſchen g an zu echen, als der Unter⸗ heit, Mr. nen ſage, eren Ge⸗ nicht die In Mrs. den Ge⸗ ich ritter⸗ und nicht m er mit Boffin's fallen zu eine pein⸗ ſchrockener „das ihm raphiſchen erſchüttert ſtolperte und der jnklange de dieſer bequem, zerin. — V V V 49 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 50 Perſonage beendete Mr. Wegg ſeine erſte Vorleſung; lange dor dieſem Schluſſe würden mehrfache totale Ver⸗ finſterungen von Mrs. Boffin's Kerze durch ihren ſchwar⸗ zen Sammethut ſehr beunruhigend geweſen ſein, falls dieſelben nicht regelmäßig von einem ſtarken Geruch von verbrannten Federn begleitet geweſen, der jedesmal, wenn jene Zierden in Brand geriethen, die Wirkung eines Be⸗ lebungsmittels hatte und ſie aus dem Schlummer weckte. Mr. Wegg, welcher ganz mechaniſch geleſen, und dem, was er las, ſo wenig Bedeutung als möglich beigelegt hatte, ging friſch aus dem Kampfe hervor; Mr. Boffin aber, der bald ſeine unbeendete Pfeife niedergelegt und ſeitdem dageſeſſen und mit dem Geiſte und den Augen die verblüffenden Enormitäten der Römer angeſtaunt hatte, war ſo arg mitgenommen, daß er ſſeinem literari⸗ ſchen Freunde kaum gute Nacht zu wünſchen und die Worte„Auf morgen“ herauszubringen vermoh „Commodius,“ hauchte. Boffin, den Mond an⸗ ſtierend, nachdem er Wegg zum Thor hinausgelaſſen und daſſelbe dann verſchloſſen hatte: „Commodius kämpft in einer einzigen Rolle ſiebenhundert⸗ undfünfunddreißig Mal in jener Vorſtellung von wilden Thieren! Und, als ob dies nicht erſtaunlich genug wäre, werden noch hundert Löwen mit einem Male dazu hin⸗ eingelaſſen! Und als ob dies noch nicht genug wäre, töd⸗ tet Commodius ſie, in einer Rolle, in hundert Schlägen! Und als ob dies noch nicht genug wäre, verzehrt Vitellius ſechs Millionen, an engliſchem Geldeswerthe in ſieben Mo— naten! Wegg nimmt es ſehr ruhig, aber bei meiner Seele, für einen alten Burſchen, wie ich, ſind dies Schreckniſſe. Und ſelbſt jetzt, da Com⸗ modius erdroſſelt, ſehe ich noch nicht, wie es beſſer für uns werden ſoll,“ fügte Mr. Boffin hinzu, indem er ge⸗ dankenvoll und kopfſchüttelnd wieder zur Laube zurückkehrte. „Ich ließ mir heute Morgen nicht träumen, daß es im Drucke ſo viele Schreckniſſe gebe. Doch jetzt bin ich darin und muß es wohl ausbaden!“ Sechstes Capifel. Ausgeſtoßen. Die„Sechs luſtigen Brüder“, deren wir bereits als eines Witthshauſes von waſſerſüchtigem Ausſehen Er⸗ wähnung thaten, hatten längſt in einem Zuſtande ge⸗ ſunder Altersſchwäche dageſtanden. In ſeiner ganzen Con⸗ ſtruktion beſaß das alte Haus keinen einzigen geraden Fußboden und kaum eine gerade Linie; doch hatte es bereits manch zierlicher gebautes und eleganteres Wirths⸗ haus überdauert, und konnte dem Anſcheine nach noch Ausgeſtoßen.(Seite: 52.) viele der Art überleben. Aeußerlich war es ein ſchmaler ſchiefer Haufen von bauſchigen Fenſtern, die wie ſo viele Apfelſinen aufeinander gehäuft erſchienen, mit einem wacke⸗ ligen hölzernen Balkon, der über das Waſſer hinüber⸗ hing; in der That, das ganze Haus, den klagenden Flaggenſtock auf dem Dache nicht ausgenommen, hing über das Waſſer hin, ſchien aber in dem Zuſtand eines muthloſen Tauchers verſunken zu ſein, der ſo lange am Rande gezaudert, daß er ſich nie hineinzuſpringen ent⸗ ſchließen wird. Dieſe Beſchreibung gilt der Flußfronte der„Sechs luſtigen Brüder.“ Die Hinterſeite des Gebäudes war, obgleich der Hauptgang ſich dort befand, dermaßen ver⸗ engert, daß ſie, in ihrer Beziehung zur Vorderſeite, nichts als den Griff eines Bügeleiſens darſtellte, das man auf⸗ recht auf ſeine Breitſeite geſtellt. Dieſer Griff ſtand am äußerſten Ende einer Wildniß von Höfen und Gäßchen: einer Wildniß, welche die Sechs luſtigen Brüder ſo arg bedrängte, daß ſie dem Wirths⸗ hauſe, außer ſeinem Ein⸗ gange, keinen Zoll von Boden ließ. Aus dieſem Grunde, verbunden mit dem Factum, daß das Haus eigentlich auf dem Waſſer ſchwamm, ſah man, wenn in den Brüdern große Wäſche gehalten wurde, die Gegenſtände derſelben ge⸗ wöhnlich auf Leinen zum Trocknen aufgehängt, welche in den Empfangſälen und Schlafgemächern hin und her⸗ gezogen worden. Das Holz, aus dem die Kaminſimſe, Balken, Scheide⸗ wände, Fußböden und Thü⸗ ren der Sechs luſtigen Brü⸗ der gebildet waren, ſchien in ſeinem hohen Alter von den verworrenen Erinnerungen ſei⸗ ner Jugend geſättigt. An vielen Stellen erſchien es knor⸗ rig und geborſten, nach der Weiſe alter Bäume, an an⸗ deren ſprangen Knoten aus ihm hervor, und hier und dort ſchien es ſich zu einer Aehnlichkeit mit Zweigen ge⸗ ſtalten zu wollen. In dieſem Zuſtande zweiter Kindheit hatte es ein Anſehen, als ob es auf ſeine Weiſe ge⸗ ſchwätzig über ſein Jugendleben ſei. Die Stammgäſte der Sechs luſtigen Brüder behaupteten oft nicht ohne Grund, daß, wenn das Licht voll auf die Adern gewiſſer Panele falle, und beſonders auf einen alten Eckſchrank von Nußholz in der Schenkſtube, man dort Spuren von kleinen Wäldern und kleinen Bäumen gleich dem Stamm⸗ baume in vollem ſchattenreichem Laube entdecken könne. Die Schenke der Sechs luſtigen Brüder war geeignet, das menſchliche Herz zu erweichen. Der Platz für die Gäſte war nicht viel bedeutender, als der Platz in einem Fiaker; doch hätte ſich Niemand dieſelbe größer gewünſcht, — der Raum war ſo umzingelt von corpulenten kleinen Fäſſern und Liqueurflaſchen, welche von gemalten Wei trauben ſtrotzten, und Citronen, die in Netzen aufge hangen waren, und von Zwiebäcken in Körben, und rin höflichen Bierzügen, die eine Verbeugung machten, wen ein Gaſt mit Bier bedient wurde, und dem Käſe i Boz Unſer gemeinſchaftlicher Freund. Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 52 ſelbſt befänden. Im Uebrigen ſchauten ſowohl die Schenke als die Gaſtſtube der Sechs luſtigen Brüder auf den Fluß hin⸗ aus, und die Fenſter derſelben waren mit rothen Vor⸗ hängen verſehen, die mit den Naſen der Stammgäſte harmonirten; außerdem befanden ſich dort bequeme, zin⸗ nerne Kochutenſilien, in Geſtalt einem Zuckerhute ähnlich und in dieſer Form angefertigt, damit ſie mit der nieder⸗ wärts gehenden Spitze ſich die bequemſten Winkel im Kohlenfeuer ausſuchten, um um ſo ſchneller jene herrlichen Getränke, genannt Purl, Flip oder Hundsnaſe, zu wär⸗ men. Die Erſtgenannte dieſer Miſchungen war eine Specialität der„Brüder“, und eine Inſchrift auf den Thürpfoſten appellirte durch die Worte„Frühes Purl⸗ Haus“ ſanft an unſere Gefühle. Denn es ſcheint, daß Purl ſtets in der Frühe getrunken werden muß; obwohl dies durch keinen anderen gaſtriſchen Grund erklärbar, als daß, gleich wie„der früh wache Vogel den Wurm“, der frühe Purl den Kunden fängt. Wir haben nur noch hinzuzufügen, daß ſich im Griffe des Bügeleiſens der Schenke gegenüber ein ſehr kleines Zimmer, von der Ge⸗ ſtalt eines dreieckigen Hutes, befand, in das nie ein directer Strahl der Sonne, des Mondes oder eines Sternes drang, das jedoch abergläubiſcher Weiſe für ein Heiligthum voll Gemüthlichkeit und Bequemlichkeit bei Gaslicht galt, und auf deſſen Thür deshalb der anzie⸗ hende Name„Die Gemüthlichkeit“ ſtand. Miß Potterſon, die ausſchließliche Beſitzerin und Herrin der Sechs luſtigen Brüder, regierte allein auf ihrem Throne und in der Schenke, und Derjenige, der ſich mit ihr in eine Debatte eingelaſſen, hätte in der That ein auf den Tod Betrunkener ſein müſſen. Da ſie, ihrer eigenen Angabe zufolge, als Miß Abbey Potterſon bekannt war, hegten gewiſſe Köpfe des Flußufers(die, gleich dem Waſſer, nicht an zu großer Klarheit litten) verworrene Ideen, daß ſie, wegen ihrer Würde und Feſtigkeit, nach der Weſtminiſter Abbey getauft oder in irgend einer Weiſe mit derſelben verwandt ſei. Doch war Abbey nur eine Abkürzung von Abigail, der Name, den Miß Potterſon vor einigen ſechzig Jahren in der Kirche von Limehouſe in der Taufe erhalten. „Jetzt gebt Acht, Ihr Riderhood,“ ſagte Miß Abbey Potterſon mit einem nachdrucksvollen Zeigefinger über der Halbthür,„die„Brüder“ bedürfen Euer durchaus nicht, und möchten viel lieber Euern Platz haben, als Eure Geſellſchaft; doch ſelbſt wenn Ihr hier ſo willkom⸗ men wäret, wie Ihr es nicht ſeid, ſelbſt dann ſolltet Ihr nach dieſem Nößel Bier heute Abend hier keinen Tropfen mehr zu trinken bekommen. Alſo, laßt's Euch geſagt ſein.“. „Aber Sie wiſſen wohl, Miß Potterſon,“ dies wurde indeſſen mit großer Unterwürfigkeit geſprochen,„wenn ich mich gut aufführe, können Sie nicht umhin, mir zu reichen, was ich verlange.“ 3 „Nicht?“ ſagte Abbey in unausſprechlich bedeutungs⸗ vollem Tone. „Nein, Miß Potterſon, denn das Geſetz, ſehen Sie—“ „Ich bin hier das Geſetz, mein Freund,“ erwiderte Miß Abbey,„und dies will ich Euch bald zeigen, falls Ihr den geringſten Zweifel darüber hegt.“ „Ich ſagte nie, daß ich es bezweifelte, Miß Potterſon.“ „Deſto beſſer für Euch.“ Abbey, die Erhabene, warf die Pence des Gaſtes in die Schenkkaſſe, kehrte zu ihrem Sitze am Kamin zurück, und nahm die Lectüre der Zeitung wieder auf, mit der ſie beſchäftigt geweſen. Sie war eine hochgewachſene, gerade, hübſche Frau, obgleich von ſtrengen Geſichtszügen, und hatte eher das Ausſehen einer Schulmeiſterin, als einer Schenkwirthin der Sechs luſtigen Brüder. Der Mann auf der Außenſeite der Halbthür war ein Fluß⸗ bootführer mit ſchielendem Blick und er betrachtete ſie, wie wenn er einer ihrer Schüler geweſen, der in Ungnade gefallen. „Sie ſind grauſam haktigegen mich, Miß Potterſon.“ Miß Potterſon las ſtirnrunzelnd weiter und beachtete nicht, bis er flüſterte: „Miß Potterſon! Madame! Kann ich wohl ein halbes Wort mit Ihnen reden?“ Als ſie ſich hierauf herabließ, einen Seitenblick auf den Flehenden zu werfen, ſah ſie, wie er ſeine Stirn mit ſeinen Knöcheln bearbeitete und ihr zunickte, wie wenn er um Erlaubniß bäte, ſich kopfüber über die Halbthür zu ſtürzen und in der Schenke auf den Füßen anzu⸗ langen. „Nun?“ ſagte Miß Potterſon ebenſo kurz, wie ſie ſelbſt lang war,„ſprecht Euer halbes Wort. Heraus damit.“ „Miß Potterſon! Madame! Würden Sie mich ent⸗ ſchuldigen, wenn ich mir die Freiheit nähme, Sie zu fra⸗ gen, ob Sie etwas gegen meinen Charakter einzuwenden hätten?“ „Allerdings,“ ſagte Miß Potterſon. „Fürchten Sie etwa—“. „Euch fürchte ich nicht,“ unterbrach ihn Miß Potter⸗ ſon,„falls Ihr das meint.“ „Aber das meine ich nicht, Miß Potterſon, wenn Sie mich entſchuldigen wollen.“ „Was meint Ihr alſo dann?“ „Sie ſind wirklich ſo grauſam hart gegen mich! Was ich fragen wollte, war weiter nichts, als ob Sie vielleicht irgend welche Befürchtungen— oder wenigſtens den Glauben oder die Annahme— hegen, daß das Eigen⸗ thum der Gäſte nicht ganz ſicher ſein dürfte, falls ich zu oft in's Haus käme?“ „Wozu verlangt Ihr das zu wiſſen?“ „Je nun, Miß Abbey, ohne Sie beleidigen zu wollen, würde es Einem eine große Genugthuung gewähren, zu erfahren, warum die Sechs luſtigen Brüder einem Manne, wie mir, nicht ebenſo offen ſtehen ſollten, wie ſie es für einen Mann wie Gaffer ſind?“ Das Geſicht der Wirthin umdüſterte ſich durch einen Schatten der Verblüffung, indem ſie erwiderte:„Gaffer iſt niemals dort geweſen, wo Ihr waret.“ „Was ſo viel heißen ſoll, als im Gefängniß, Miß? Vielleicht nicht. Aber er mag es verdient haben. Man mag ihn über Schlimmeres im Verdacht haben, als weſſen ich je beſchuldigt wurde.“ 8 „Wer hat ihn im Verdacht?“ „Viele vielleicht. Einer ganz gewiß. Ich habe ihn im Verdacht.“ „Ihr habt nicht viel zu bedeuten,“ ſagte Miß Abbey Potterſon mit verachtungsvollem Stirnrunzeln. „Aber ich war ſein Compagnon. Bedenken Sie, Miß Abbey, daß ich ſein Compagnon war. Als ſolcher weiß ich mehr über ſein Thun und Treiben, als ſonſt irgend pagnt 5 hatte war ben sp 6 darf von RMiß Sie— vviderte fals terſon.” zurück, wit det dntſete, tszügen, terin, ais der. Der ein Fluß. htete ſie, Ungnade aſtes in V tterſon.“ beachtete in halbet ablit af Stirn mit wie wenn Halbthür zen anzu- eſieſelſt damit.“ wich ent. Sie zufra. nzuwenden iß Potter⸗ V —n, wenn V nich! Was V vielleicht ſttens den las Eigen⸗ nlls ich zu zu wollen, ähren, zu mn Manne, ſie es füt rch einen Gaffer iß, Miß n V V V V n. Man als weſſen habe ihn Miß Abben Sie Miß iche mei irgend — — 1 V b 53 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 54 ein lebendes Weſen. Geben Sie Acht! Ich bin der Mann, der ſein Compagnon war, und ich habe ihn im Verdacht.“. „In dem Falle,“ ſagte Miß Potterſon, obwohl mit einem tieferen Schatten der Verblüffung,„klagt Ihr Euch ſelber an.“. „Nein, das thu' ich nicht, Miß Abbey. Denn wie ſteht die Sache? Folgendermaßen. Als ich ſein Com⸗ pagnon war, konnte ich ihn nie zufriedenſtellen. Warum konnte ich ihn nie zufriedenſtellen? Weil ich kein Glück hatte; weil ich ihrer nicht genug finden konnte. Wie war's mit ſeinem Glück? Er war immer glücklich. Ge⸗ ben Sie Acht! Immer glücklich! Ah, es giebt viele Spiele, Miß Abbey, wo es ſich um Glück handelt, aber es giebt auch viele, bei denen es der Geſchicklichkeit be⸗ darf, außer dem Glück.“ 4 „Wer zweifelt daran, Menſch, daß Gaffer im Finden von Dem, was er findet, Geſchicklichkeit beſitzt?“ fragte Miß Abbey. „Geſchicklichkeit vielleicht im Herbeiſchaffen deſſen, was er findet,“ ſagte Riderhood, ſein arges Haupt ſchüttelnd. Miß Abbey betrachtete ihn ſtirnrunzelnd, während er ſie finſter anſchielte. „Wenn man bei faſt jeder Fluthzeit auf dem Fluſſe umhertreibt, um einen Mann oder eine Frau im Fluſſe zu finden, ſo wird man ſeinem Glücke ſehr zu Hülfe kommen, Miß Abbey, indem man zuvor einem Manne oder einer Frau einen Schlag über den Kopf reicht und ſie in den Fluß hineinwirft.“ „Gerechter Gott!“ war Miß Potterſon's unwillkür⸗ licher Ausruf. „Gebt Acht!“ entgegnete der Andere, ſeinen Kopf vorwärts über die Halbthür hinüberſtreckend, um ſeine Worte in die Schenke zu werfen; denn ſeine Stimme klang, wie wenn ihm der Scheuerwiſch ſeines Bootes in der Kehle ſteckte;„ich ſage dies, Miß Abbey! Und geben Sie Acht! Ich will ihm auf der Spur ſein, Miß Abbey! Und geben Sie Acht! Ich will ihn endlich doch noch er⸗ wiſchen, und wenn's noch zwanzig Jahre währt, das will ich! Wer iſt er, daß er um ſeiner Tochter willen begün⸗ ſtigt wird? Habe ich nicht ebenfalls eine Tochter?“ Mit dieſer Drohung und dem Anſcheine nach durch das, was er geſprochen, noch trunkener und wilder ge⸗ macht, als er zu Anfang geweſen, nahm Riderhood ſein Töpfchen Bier auf und trug daſſelbe in's Gaſtzimmer. Gaffer war nicht dort, wohl aber eine beträchtliche Anzahl von Miß Potterſon's Schülern, welche, wenn die Gelegenheit es erforderte, die größte Folgſamkeit zur Schau trugen. So wie es zehn Uhr ſchlug und Miß Abbey an der Thür erſchien, und ſich mit den Worten: „George Jones, Eure Zeit iſt abgelaufen! Ich ſagte Eurer Frau, Ihr ſolltet pünktlich ſein!“ an ein gewiſſes Individuum in einer verblichenen ſcharlachrothen Jacke wendete, ſtand Jones gehorſam auf, wünſchte der Geſell⸗ ſchaft gute Nacht und ging. Um halb elf Uhr, wenn Miß Abbey abermals hineinſchaute und ſagte:„William Williams, Bob Glamour und Jonathan, Euer Urlaub iſt abgelaufen“, verabſchiedeten William, Bob und Jona⸗ than ſich mit derſelben Folgſamkeit und verdufteten. Und ein noch größeres Wunder! Als ein flaſchennaſiger Mann in einem lackirten Hute nach beträchtlichem Zögern noch ein Glas Grog bei dem aufwartenden Kellner beſtellt, und Miß Abbey, anſtatt daſſelbe zu ſenden, in Perſon erſchien und ſagte:„Eapitän Joey, Ihr habt vollkommen ſo viel gehabt, wie Euch zuträglich iſt,“ ſaß der Capitän nicht nur, ohne ein Wort der Einwendung zu wagen, ſtill vor dem Feuer und rieb ſich ſanft die Kniee, ſondern die übrigen Gäſte murmelten:„Ja, ja, Capitän! Miß Worauf der erröthende Tootle Mullins, und der erröthende Mul⸗ lins Tootle anſchaute, wer von ihnen zuerſt aufſtehen ſolle; und ſchließlich ſtanden Beide zugleich auf und gingen mit einem breiten Lächeln hinaus, gefolgt von Miß Abbey, in deren Gegenwart die Gäſte ſich nicht die Freiheit, ebenfalls zu lächeln, herausnahmen. In einem ſolchen Etabliſſement war der weißbeſchürzte Kellner in ſeinen auf beiden nackten Schultern zu zwei feſten Rollen aufgerollten Hemdärmeln eine bloße An⸗ als eine Sache der Form hingeworfen wurde. Pünktlich zur Stunde des Schließens gingen alle Gäſte, die noch geblieben waren, in beſter Ordnung ihrer Wege, während Miß Abbey an der Halbthür der Schenke ſtand, um die Alle wünſchten Miß Abbey gute Nacht, und Miß Abbey wünſchte Allen gute Nacht, ausgenommen Riderhood. Der weiße Kellner, welcher officiellermaßen zuſchaute, ge⸗ wann hieraus die Ueberzeugung, daß der Mann auf ewig von den Sechs luſtigen Brüdern ausgeſtoßen und excom⸗ munccirt ſei. „Ihr, Bob Glibbery,“ ſprach Miß Abbey zu dieſem Kellner,„lauft einmal nach Hexam's Hauſe herum und ſagt ſeiner Tochter Lizzie, daß ich mit ihr zu ſprechen wünſche.“ Bob Glibbery ging und kehrte mit exemplariſcher Geſchwindigkeit zurück. Lizzie, die ihm folgte, langte in dem Augenblicke an, wo eins der beiden Stubenmädchen der Sechs luſtigen Brüder eben Miß Potterſon's Nacht⸗ eſſen, beſtehend aus heißen Würſtchen und Kartoffelmus, auf dem gemüthlichen Tiſchchen am Schenkenfeuer ſervirte. „Komm herein und ſetz' Dich Kind,“ ſagte Miß Abbey, „Kannſt Du einen Biſſen eſſen?“ „Nein, danke, Miß. Ich habe bereits Nachteſſen gehabt.“ „Und ich ebenfalls, glaub' ich,“ ſagte Miß Abbey, den unangerührten Teller fortſchiebend,„und zwar mehr als genug. Ich bin ärgerlich, Lizzie.“ „Das thut mir ſehr leid, Miß.“ „Warum, in aller Welt, thuſt Du es da?“ rief Miß Abbey ſcharf. „Ich thue es, Miß?“ „So— ſo, ſchon gut. Sieh nicht ſo erſtaunt aus. Ich hätte mit einem Worte der Erklärung anfangen ſollen, aber es iſt meine Art und Weiſe, mir Richtwege zu machen. Ich war ſtets ein pfefferiger Hitzkopf. Ihr, Bob Glibbery dort, hängt die Kette uber die Thür und geht zu Eurem Nachteſſen hinunter.“ Bob gehorchte mit einer Munterkeit, die ſich nicht minder auf das Hitzkopf⸗Factum, als auf das Nachteſſen zu beziehen ſchien, und das Geräuſch ſeiner Stiefel ver⸗ hallte bald in der Richtung des Flußbettes. „Lizzie Hexam, Lizzie Hexam,“ begann darauf Miß Potterſon, wie oft habe ich Dir die Gelegenheit gezeigt, ſpielung auf die Möglichkeit phyſiſcher Gewalt, welche. Ceremonie einer Revue und Entlaſſung zu beobachten. 5⁵ Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 56 Dich von Deinem Vater loszumachen und Dich in eine beſſere Lage zu verſetzen?“ „Sehr oft Miß.“ „Sehr oft? Ja! Und ich hätte ebenſo gut zu der eiſernen Eſſe des ſtärkſten Seedampfers ſprechen können, der an den„Brüdern“ vorüberdampft.“ „Nein, Miß,“ ſagte Lizzie ſanft,„denn jene würde nicht dankbar geweſen ſein, und ich bin es.“ „Ich erkläre, ich ſchäme mich faſt, daß ich ein ſolches Intereſſe an Dir nehme,“ ſagte Miß Abbey ärgerlich, „denn ich glaube nicht, daß ich es thun würde, wenn Du nicht hübſch wärſt. Warum biſt Du nicht häßlich?“ Lizzie beantwortete dieſe ſchwierige Frage blos durch einen abbittenden Blick. „Indeſſen, Du biſt nun einmal nicht häßlich,“ fuhr Miß Potterſon fort,„und es nützt daher nichts, darüber zu reden. Ich muß Dich eben nehmen, wie Du biſt. Was ich in der That gethan habe. Lizzie Hexam, Lizzie Hexam, überlege Dir's noch einmal. Weißt Du das Schlimmſte über Deinen Vater?“ „Ob ich das Schlimmſte über meinen Vater weiß?“ wiederholte ſie mit großen Augen. „Weißt Du, welchem Verdachte Dein Vater ſich ausſetzt? Weißt Du, welchen Verdacht man wirklich bereits über ihn hegt?“ Das Bewußtſein deſſen, was er that, drückte das Herz des Mädchens ſchwer nieder, und ſie ſenkte langſam die Augen. „Sprich, Lizzie, weißt Du es?“ ſagte Miß Abbey, in ſie dringend. „Bitte, ſagen Sie mir, worin dieſer Verdacht be⸗ keht Miß,“ ſagte ſie nach einer Pauſe mit geſenktem Blick. „Es iſt nicht leicht, dies einer Tochter zu ſagen, aber es muß geſagt werden. Es wird alſo von Manchen geglaubt, daß Dein Vater Einigen von Denen, die er todt findet, zu ihrem Tode verhilft.“ Die Erleichterung, Etwas zu hören, von dem ſie fühlte, daß es ein falſcher Verdacht ſei, war für einen Augenblick eine ſo große für Lizzie's Herz, daß Miß Abbey über ihr Benehmen ſtaunte. Sie erhob ſchnell den Blick, ſchüttelte den Kopf und lachte faſt in einer Art von Triumph. „Leute, die dies ſagen, kennen den Vater wenig!“ („Sie nimmt es ſehr ruhig,“ dachte Miß Abbey.„Sie nimmt es ganz erſtaunlich ruhig!“) „Und vielleicht,“ ſagte Lizzie, als ihr eine plötzliche Erinnerung durch den Kopf ſchoß,„iſt es Jemand, der einen Groll gegen den Vater hegt, Jemand, der dem Vater gedroht hat! Iſt es Riderhood, Miß?“ „Nun— ja, der iſt's“ „Ja! Er war des Vaters Compagnon, und der Vater brach mit ihm, und jetzt rächt er ſich. Und außerdem, Miß Abbey!— wollen Sie das, was ich Ihnen ſagen werde, nie, ohne zwingenden Grund, wieder ſagen?“ Sie beugte ſich vor, um zu flüſtern. „Ich verſpreche es Dir,“ ſagte Miß Abbey. „Es war an dem Abend, wo der Harmon⸗Mord durch den Vater entdeckt wurde— oberhalb der Brücke. Und eben unterhalb der Brücke kam Riderhood, als wir heimruderten, leiſe in ſeinem Boote aus der Dunkelheit heran. Und als man ſich ſpäter ſo große Mühe gab, um dem Verbrechen auf den Grund zu kommen, und doch nichts darüber in Erfahrung zu bringen im Stande war, habe ich oft bei mir gedacht, ob Riderhood etwa ſelbſt den Mord beging und den Vater abſichtlich den Leichnam finden ließ? Es ſchien faſt grauſam und gottlos, dies ſelbſt nur zu denken; doch jetzt, da er den Verdacht auf den Vater zu lenken verſucht, kehre ich dazu zurück, als ob es die Wahrheit ſei. Kann es die Wahrheit ſein? Was mir durch den Todten in den Sinn gegeben wurde?“ Sie richtete dieſe Frage mehr an das Kaminfeuer, als an die Wirthin der„Brüder“, und ſchaute mit angſt⸗ vollem Blicke in der kleinen Schenke umher. Doch Miß Potterſon, die als geſchickte Schulmei⸗ ſterin mit ihren Schülern umzuſpringen wußte, ſtellte die Sache in ein Licht, das ein durchaus weltkluges war. „Dusarmes, verblendetes Mädchen,“ ſagte ſie,„ſiehſt Du nicht, daß Du keinen beſonderen Verdacht gegen den Einen einräumen kannſt, ohne zugleich einen allgemeinen Verdacht gegen den Andern zuzulaſſen? Sie hatten zu⸗ ſammen Gharbeitet. Sie hatten ihr Treiben geraume Zeit zuſammen fortgeſetzt. eſetzt, es ſei ſogar geweſen, wie Du es Dir in den Kopf geſetzt, ſo würde das, was Beide zuſammen getrieben, dem Andern ein ganz ver⸗ trauter Gedanke ſein.“ „Sie kennen den Vater nicht, wenn Sie ſo ſprechen, Miß. Gewiß, gewiß, Sie kennen den Vater nicht!“ „Lizzie, Lizzie,“ ſagte Miß Potterſon.„Verlaß ihn. Du brauchſt nicht ganz und gar mit ihm zu brechen, aber verlaß ihn. Du wirſt ohne ihn beſſer fortkommen. Nicht etwa wegen deſſen, was ich Dir heute Abend ge⸗ ſagt habe— wir wollen darüber kein Urtheil fällen, und wollen hoffen, das dem nicht ſo ſei— ſondern we⸗ gen deſſen, was ich Dir früher vorgeſtellt habe. Einerlei, ob es wegen Deines hübſchen Geſichts iſt oder nicht, aber ich habe Dich gern und möchte Dir dienen. Lizzie, laß Dich von mir leiten. Wirf Dich nicht weg, mein Mädchen, ſondern laß Dich überreden, reſpectabel und glücklich zu werden.“ Das wahre Gefühl und die geſunde Verſtändigkeit ihrer Bitte hatte Miß Abbey's Stimme erweicht, und ſie ſogar bewogen, ihren Arm um das Mädchen zu ſchlingen. Doch erwiderte Lizzie blos:„Ich danke Ihnen, ich danke Ihnen. Aber ich kann's nicht. Ich will's nicht. Ich darf nicht daran denken. Je härter die Leute gegen den Vater ſind, deſto mehr bedarf er meiner als Stütze.“ Hierauf erlitt Miß Abbey, die, gleich allen harten Leuten, welche ſich erweichen laſſen, fuͤhlte, daß man ihr eine Entſchädigung ſchulde, eine Reaction und wurde eiſig kalt. „Ich habe gethan, was ich gekonnt,“ ſagte ſie,„und Du mußt Deines Wegs gehen. Wie Du Dein Bett emacht, mußt Du darin liegen. Doch ſage Deinem Vater dies Eine: er ſolle nicht mehr hierher kommen.“ „O, Miß, wollen Sie ihm den Zutritt zu dem Hauſe verſagen, wo ich ihn in Sicherheit weiß?“ „Die Brüder,“ entgegnete Miß Potterſon,„müſſen ſowohl nach ſich ſelber, als nach Anderen ſehen. Es hat ſchwer genug gehalten, hier Ordnung herzuſtellen und die„Brüder“ zu dem zu machen, was ſie ſind, und es iſt noch täglich und allabendlich ſchwer, ſie ſo zu erhal⸗ ten. Es darf, auf den„Brüdern“ kein Flecken ruhen, der ihnen einen böſen Namen macht. Ich habe dem Riderhood das Haus unterſagt, und ich unterſage es dem Gaffer. Ich unterſage es Beiden gleichermaßen. Ich erfahre von Riderhood und Dir zugleich, daß gegen beide Männer Verdacht vorhanden, und ich will es nicht auf mich nehmen, zwiſchen ihnen zu entſcheiden. Sie ſind Beide mit einem ſchmutzigen Pinſel getheert und ich darf die„Brüder“ nicht mit demſelben Pinſel theeren laſſen. Weiter weiß ich nichts.“ — * ſen uuſ ſtern roih Lock aus, ahrt ſpäte Zurü V ſe Hen emp Klu der Mi Aum hinw ſie des ohn ihre Vij fül der ho a Rid ſfein nich 84 zu ſch kiit ſc — r den re ich 8 die n den ffeuer, angſt⸗ ulmei⸗ ſtellte dtlluges „ſehſt gen den emeinen tten zu⸗ geraume geweſen, as, was nz ver⸗ prechen, icht!e kommen. bend ge⸗ lfällen, dern we⸗ Einerlei, er nicht, 1. Lizzie, „wein tabel und ſtändigkeit eicht, und dchen zu ih danke de härter bedarf er n harten man ihr d wurde ſie,„und ein Bett Deinem fommen.“ m Hauſe „müſſen Es hat ih urf en lafſen. 57 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 58 „Gute Nacht, Miß!“ ſagte Lizzie Hexam kummervoll. „Ah! Gute Nacht!“ erwiderte Miß Abbey kopf⸗ ſchüttelnd. „Glauben Sie mir, Miß Abbey, daß ich Ihnen nichtsdeſtoweniger aufrichtig dankbar bin.“. „Ich kann ziemlich viel glauben,“ entgegnete die er⸗ habene Abbey,„und ich will deshalb verſuchen, auch das zu glauben, Lizzie.“ Miß Potterſon genoß an dieſem Abend kein Nacht⸗ eſſen und nur die Hälfte von ihrem gewohnten Glaſe Punſch. Und die Stubenmädchen— zwei robuſte Schwe⸗ ſtern, mit ſtierenden, ſchwarzen Augen, blanken, flachen, rothen Geſichtern, ſtumpfen Naſen und krauſen, ſchwarzen Locken, wie ein Paar Puppen— tauſchten die Anſicht aus, daß„Jemand der Miſſes das Haar nach der ver⸗ kehrten Seite geſtrichen.“ Und der Kellner verſicherte ſpäter, daß er, ſeit ſeine ſelige Mutter das letztemal ſein Zurückziehen zur Nachtruhe durch das Schüreiſen be⸗ ſchleunigt, nicht„ſo zu Bette gejagt worden.“ Das Zuketten der Hausthür hinter ihr raubte Lizzie Hexam das Gefühl der Erleichterung, das ſie zu Anfang empfunden. Die Nacht war ſchwarz und windig, die Flußuferwildniß öde und traurig, und in dem Klirren der eiſernen Kette und dem Scharren der Riegel unter Miß Abbey's verſchließender Hand lag ein Klang des Ausgeſtoßenſeins. Als ſie unter den düſteren Himmel hintrat, ſenkte ſich ein Gefühl auf ſie herab, wie wenn ſie an einem Morde betheiligt ſei; und wie die Wellen des Fluſſes ſich zu ihren Füßen am Strande brachen, ohne daß ſie ſah, von wo dieſelben kamen, ſo erſchreckten ihre Gedanken ſie, indem ſie aus einer unſichtbaren Wildniß heranrauſchten und ſich auf ihr Herz warfen. Daß ihr Vater grundlos beargwohnt werde, davon fühlte ſie ſich überzeugt. Feſt— feſt überzeugt. Und dennoch folgte, wie oft ſie ſich dies im Innern wieder⸗ holen mochte, ſtets der Verſuch darauf, dies durch Ver⸗ nunftgründe zu beweiſen, und der ſchlug jedesmal fehl. Riderhood hatte die That begangen und ihren Vater in ſeiner Schlinge gefangen. Riderhood hatte die That nicht begangen, aber in ſeiner Bosheit beſchloſſen, den Schein, der gegen ihren Vater vorhanden war, gegen ihn zu benutzen und zu verdrehen. Sogleich und mit Blitzes⸗ ſchnelle folgte jeder Annahme die fürchterliche Möglich⸗ keit, daß ihr Vater, obwohl in der That unſchuldig, ſchließlich für ſchuldig gehalten werden könne. Sie hatte von Leuten gehört, die den Tod für eine blutige That erlitten, deren ſie ſpäter ſchuldlos erwieſen worden, und jene unglücklichen Leute waren vorher nicht jenes gefähr⸗ lichen Unrechts verdächtig geweſen, deſſen ihr Vater ſich ſchuldig machte. Im beſten Falle war es ein entſchiede⸗ nes Factum, daß man anfing, auf ihn hinzudeuten, gegen ihn zu flüſtern und ihn zu vermeiden. Dies datirte ſich von jenem Abende an. Und wie der große, ſchwarze Fluß mit ſeinen öden Ufern in der Finſterniß bald ihren Blicken entſchwand, ſo ſtand ſie da, unfähig, in das große, finſtere Elend eines beargwohnten Lebens hinaus⸗ zuſchauen, von dem die Guten wie die Böſen abgefallen, und dennoch wiſſend, daß daſſelbe undeutlich vor ihr liege und ſich bis zu dem großen Ocean, dem Tode, hinſtrecke. Nur eins war ihrem Geiſte klar. Von früheſter Kindheit an daran gewöhnt, das zu thun, was es zu thun gab— ob es nun das Wetter, die Kälte oder den Hunger abzuwehren galt—, fuhr ſie aus ihrem Sinnen empor und lief heim. In dem Zimmer war Alles ſtille und ihre Lampe brannte auf dem Tiſche. Auf dem Feldbette im Winkel lag ihr Bruder und ſchlief. Sie beugte ſich ſanft über ihn, küßte ihn und ging an den Tiſch. „Der Fluth nach und Miß Abbey's Thürſchließen nach zu urtheilen, muß es ein Uhr ſein. Die Fluth kommt herauf. Der Vater, in Chiswick, wird nicht an's Heimkehren denken, bis die Ebbe eintritt, und dies wird um halb fünf Uhr ſein. Ich will Charley um ſechs Uhr wecken. Ich werde es von den Kirchthürmen ſchla⸗ gen hören, wenn ich hier ſitzen bleibe.“ Sie ſtellte ſehr leiſe einen Stuhl vor das ſpärliche Feuer, und ließ ſich, indem ſie ſich in ihren Shawl hüllte, auf denſelben nieder. „Ich ſehe Charley's Stelle dort unten bei der Gluth nicht mehr; der arme Charley!“ Es ſchlug zwei Uhr, drei, vier Uhr, und ſie ſaß noch immer mit Frauengeduld und ihrem Vorhaben dort. Als der Morgen ſich der fünften Stunde näherte, zog ſie ihre Schuhe aus(um nicht durch ihre Schritte Charley zu wecken), ſchürte leiſe das Feuer, ſtellte Waſſer zum Sieden auf daſſelbe und richtete den Tiſch zum Frühſtück her. Dann ſtieg ſie mit der Lampe in der Hand die Leiter hinauf, kam wieder herunter und ſchwebte hin und her, einen kleinen Kleiderbündel zuſammenpackend. Schließlich brachte ſie aus ihrer Taſche und vom Kamin⸗ ſims und unter einer umgeſtülpten Schale auf dem höch⸗ ſten Bretterſims einige Kupferpfennige, einige wenige Sixpence, und wenige Schillinge hervor, die ſie emſig und geräuſchlos zählte, und von denen ſie ein kleines Häufchen bei Seite ſtellte. Sie war noch in dieſer Weiſe beſchäftigt, als ſie von ihrem Bruder Charley, der im Bette aufſaß, durch ein„Hollah!“ erſchreckt wurde. „O, wie Du mich erſchreckt haſt, Charley!“ „Erſchreckt! Haſt Du mich etwa nicht erſchreckt, als ich ſo eben die Augen öffnete und Dich dort, mitten in der Nacht, wie eine junge Geizhälſin ſitzen ſah?“ „Es iſt nicht mitten in der Nacht, Charley. faſt ſechs Uhr Morgens.“ „Wirklich? Doch was haſt Du vor, Liz?“ „Ich zähle Dein Vermögen, Charley.“ „Es ſcheint ein verwünſcht kleines zu ſein, wenn das dort Alles iſt,“ ſagte der Knabe.„Wozu ſtellſt Du je⸗ nes kleine Geldhäufchen bei Seite?“ „Für Dich, Charley.“ „Was meinſt Du damit?“ „Steh' auf, Charley, waſche Dich und kleide Dich an, und dann will ich Dir's ſagen.“ Ihre ruhige Manier und ihre leiſe, klare Stimme übten ſtets ihren Einfluß auf ihn aus. Sein Kopf be⸗ fand ſich bald in einer Schale mit Waſſer, ward dann wieder aus derſelben emporgerichtet und ſchaute ſie durch eine Handtuchwolke hindurch an. „Ich ſah in meinem Leben,“ keuchte er, indem er ſich mit dem Handtuche bearbeitete, wie wenn er ſein bitter⸗ ſter Feind geweſen,„noch kein ſolches Mädchen, wie Dich. Was iſt nur jetzt los, Liz?“ „Biſt Du fertig, um Deinen Thee zu trinken, Charley?“ „Du magſt ihn immer einſchenken. jetzt? Und ein Kleiderbündel?“ „Ja, ein Kleiderbündel, Charley!“ „Du meinſt doch nicht, daß dies auch für mich iſt?“ „Ja, Charley, das meine ich in der That.“ Mit ernſterem Geſicht und langſameren Bewegungen als bisher beendete der Knabe ſeine Toilette, und kam dann und ſetzte ſich, mit ſtaunenden Blicken auf ihr Ge⸗ ſicht, an das kleine Frühſtück. „Siehſt Du, lieber Charley, ich bin zur Ueberzeugung gelangt, daß für Dich die Zeit gekommen iſt, uns zu verlaſſen. Ganz abgeſehen von der glücklichen Verän⸗ 4 Es iſt Hollah! Was — V b 59 3 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 60 derung, die Dir in der Zukunft bevorſteht, wirſt Du ſelbſt ſchon nächſten Monat viel glücklicher ſein und viel beſſer fortkommen. Schon nächſten Monat— ja ſchon nächſte Woche.“ „Woher weißt Du dies?“ „Ich weiß nicht genau, wie dies geſchehen wird, Char⸗ ley, aber ich weiß, daß es geſchehen wird.“ Ungeachtet ihres unveränderten Weſens im Sprechen und ihrer un⸗ veränderten gelaſſenen Ruhe wagte ſie doch kaum, ihn anzuſchauen, und hielt ihre Blicke auf das Brod ge⸗ gerichtet, das ſie für ihn ſchnitt und mit Butter beſtrich, und beſchäftigte ſich emſig mit dem Einſchenken ſeines Thees und anderen derartigen kleinen Vorbereitungen. „Du mußt den Vater mir überlaſſen, Charley— ich will für ihn thun, was ich thun kann— aber Du mußt gehen.“. „Du machſt keine Umſtände, wie mir ſcheint,“ brummte der Knabe, indem er verdrießlich ſeine Butterbrodſchnitte hinwarf. Sie gab ihm keine Antwort. „Ich will Dir was ſagen,“ ſagte der Knabe dann, in ein zorniges Weinen ausbrechend,„Du biſt ein ſelbſt⸗ ſüchtiges Geſchöpf,— Du meinſt, es ſei nicht genug für uns alle Drei vorhanden, und willſt mich Dir deshalb vom Halſe ſchaffen.“ „Wenn Du das glaubſt, Charley,— ja, dann glaube auch ich, daß ich ein ſelbſtſüchtiges Geſchöpf bin, und daß nicht genug für uns alle Drei vorhanden, und daß ich Dich mir vom Halſe ſchaffen will.“ Erſt, als der Knabe ſich auf ſie ſtürzte und ſie mit den Armen umſchlang, verlor ſie ihre Faſſung. Doch da verlor ſie dieſelbe in der That, und weinte über ihn. „Weine nicht, weine nicht! Ich bin's zufrieden, fort⸗ zugehen, Liz; ich bin's zufrieden. Ich weiß, daß Du mich zu meinem Beſten fortſendeſt.“ „O, Charley, Charley, der Himmel dort oben weiß dies!“ „Ja, ja doch. Denke nicht mehr an das, was ich geſagt habe. Vergiß es. Küſſe mich.“ Nach einer Weile ließ ſie ihn los, um ihre Augen zu trocknen und ihren ſtarken Einfluß wiederzugewinnen. „Jetzt hör' mich an, lieber Charley. Wir wiſſen Beide, daß es gethan werden muß, und ich allein weiß, daß guter Grund vorhanden, daß es ſofort gethan werde. Geh' direct nach der Schule und ſage, daß wir Beide mit einander darüber einig geworden— daß wir des Vaters Oppoſition nicht zu uͤberwinden im Stande ſind — daß aber der Vater ſie niemals beläſtigen, Dich nie wieder zurücknehmen wird. Du machſt der Schule Ehre, und wirſt derſelben noch größere Ehre machen, und man wird Dir helfen, um Dir einen Lebenserwerb zu ver⸗ ſchaffen. Zeige ihnen die Kleider, die Du mitbringſt, und das Geld, und ſage ihnen, daß ich noch mehr Geld ſenden will. Wenn ich daſſelbe auf keine andere Weiſe erlangen kann, ſo will ich jene beiden Herren, die an jenem Abend hierher kamen, um etwas Unterſtützung bitten.“ „Hör' mal!“ rief ihr Bruder ſchnell.„Laß' Dir nichts von dem Burſchen geben, der mich an's Kinn faßte! Nimm nichts von jenem Wrayburn an!“ Es ſtieg vielleicht eine leichte Röthe in ihre Wangen und ihre Stirne, als ſie kopfnickend die Hand auf ſeine Lippen legte, damit er ſchweige und Acht gebe. „Und vor allen Dingen vergiß dies Eine nicht, Char⸗ ley! Sprich ſtets gut vom Vater. Gieb dem Vater ſtets alles Lob, das ihm gebührt. Du kannſt nicht leug⸗ nen, daß der Vater, weil er ſelbſt nichts gelernt hat, dagegen ſei, daß Du Etwas lerneſt; aber beſtätige nichts, das man ſonſt gegen ihn ſagen mag, und verſichere jeden⸗ falls, daß Deine Schweſter— und dies weißt Du— ihm von ganzem Herzen ergeben iſt. Und falls Du je Etwas gegen den Vater ſagen hörſt, das Dir neu, ſo iſt dies nicht wahr. Hörſt Du, Charley! es iſt nicht wahr!“ Der Knabe ſchaute ſie mit zweifelnder und überraſchter Miene an, doch fuhr ſie, ohne darauf zu achten, fort. „Dies darfſt Du vor allen Dingen nicht vergeſſen. Es iſt nicht wahr. Ich habe Dir weiter nichts zu ſagen, lieber Charley, ausgenommen— ſei brav und lerne und erinnere Dich gewiſſer Dinge hier in Deinem alten Leben, als ob Du ſie vorige Nacht nur im Traum geſehen. Adieu, mein Herzensbruder!“ Obgleich noch ſo jung, legte ſie doch in dieſe Scheide⸗ worte eine Zärtlichkeit, die mehr der Liebe einer Mutter, als der einer Schweſter glich, und von der der Knabe völlig daniedergebeugt war. Nachdem er ſie mit einem leidenſchaftlichen Schmerzensſchrei an die Bruſt geriſſen, nahm er ſchnell ſein Bündel auf und ſtürzte, einen Arm vor die Augen haltend, zur Thür hinaus. Das weiße Geſicht des Wintermorgens kam träge und von einem kalten Nebel umſchleiert heran; und die ſchattenhaften Schiffe auf dem Fluſſe verwandelten ſich in ſchwarze Subſtanzen; und die Sonne, die blutroth jenſeit der öſtlichen Marſchen, hinter dunklen Maſten und Segelſtangen emporſtieg, ſah aus, als ob ſie mit den Truͤmmern des Waldes angefüllt ſei, den ſie in Brand geſetzt. Lizzie, die nach ihrem Vater ausſchaute, ſah ihn kommen und trat in die Straße hinaus, damit er ſie ſähe. Er brachte nichts, als ſein Boot, und kam ſchnell heran. Eine Gruppe von jenen amphibiſchen menſch⸗ lichen Geſchöpfen, die eine geheimnißvolle Macht zu be⸗ ſitzen ſcheinen, um, indem ſie daſſelbe anſchauen, einen Lebensunterhalt aus dem Waſſer zu ſchöpfen, ſtand auf der Straße umher. Als das Boot ihres Vaters an's Ufer ſtieß, verſenkten Jene ihre Blicke in die Modde und verzogen ſich. Sie ſah, daß das ſtumme Meiden be⸗ gonnen habe. Gaffer ſah dies ebenfalls, inſofern, als er ſich, indem er den Fuß auf's Ufer ſetzte, umherzuſchauen bewogen fühlte. Doch machte er ſich ſchnell an's Werk, ſein Boot auf den Strand zu ziehen und feſtzumachen, und dann das Steuer, die Ruder und Taue aus demſelben heraus⸗ zunehmen. Dann trug er Alles mit Lizzie's Hülfe nach ſeiner Wohnung. „Setze Dich dicht vor's Feuer, lieber Vater, währen d ich Dein Frühſtück herrichte. Es iſt Alles zum Her⸗ richten bereit und hat nur auf Dich gewartet. Du mußt halb erſtarrt ſein.“ „Nun, Lizzie, ich glühe eben nicht; das iſt gewiß. Und was meine Hände betrifft, ſo war mir's als ob ſie an die Ruder feſtgenagelt wären. Sieh nur, wie ab⸗ geſtorben ſie ſind!“ Ein Etwas in der Farbe ſeiner Hände und vielleicht in ihrem Geſicht frappirte ihn, als er erſtere emporhielt; er wandte ſich ab und hielt ſie vor's Feuer. „Ich hoffe, Du warſt in dieſer beißend kalten Nacht nicht auf dem Fluſſe, Vater.“ „Nein, mein Kind. Ich lag auf einer Barke, vor einem hellen Kohlenfeuer.— Wo iſt der Junge?“ „Hier iſt ein Tropfen Rum zu Deinem Thee, Vater, willſt Du einen dazugießen, während ich das Fleiſch um⸗ wende? Es würde großes Elend geben, wenn der Fluß zufröre, wie, Vater?“ „Ah, deſſen giebt es ſtets genug,“ ſagte Gaffer, in⸗ dem er den Rum aus einer unterſetzten, ſchwarzen Flaſche in ſeine Taſſe tröpfelte, und zwar langſam, damit es um = ‿ι . 7 geſehen. Scheide⸗ I Mutter, er Knabe it einem geriſſen, nen Arm träge und und die delten ſich e blutroth ſaſten und mit den in Brand aute, ſah damit er im ſchnell n merſch⸗ cht zu be⸗ uien, einen ſtand auf ters an's Nodde und eiden be⸗ ch, indem bewogen ſein Boot und dann in heraus⸗ hülfe nach während zum Her⸗ Du mußt iſ gewiß. nls ob fie wie ab⸗ be ſeiner ihn, als tſie vor' en Nacht 2„“ 61 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 62 nrke, vor ee, Vatekr, bleiſch um⸗ der Fluß ſo mehr erſcheine;„das Elend iſt ſtets im Gange, wie der Ruß in der Luft.— Iſt der Junge noch nicht auf?“ „Hier iſt das Fleiſch, Vater. Iß es, ſo lange es eiß und ſchmackhaft iſt. Und dann, wenn Du damit beis biſt, wollen wir uns vor's Feuer ſetzen und plaudern.“ Aber er merkte, daß ſie ihm auswich, und nachdem er einen ſchnellen, zornigen Blick auf das Feldbett ge⸗ worfen, zupfte er an ihrer Schürze und fragte:„Was iſt aus dem Jungen geworden?“ „Vater, wenn Du anfangen wirſt zu frühſtücken, ſo will ich mich zu Dir ſetzen und es Dir ſagen.“ Er ſchaute ſie an, rührte ſeinen Thee um und trank ein paar Schluck; dann zerſchnitt er ſein heißes Beef⸗ ſteak mit ſeinem großen Taſchenmeſſer und ſagte, eſſend: „Jetzt, alſo, was iſt aus dem Jungen geworden?“ „Werde nicht böſe, lieber Vater. Es ſcheint, Vater, daß er eine förmliche Gabe für's Lernen hat.“ „Der unnatürliche, junge Lump!“ ſagte der Vater, das Meſſer in der Luft ſchwingend. „— Und da er dieſe Gabe hat, und in anderen Dingen nicht ſo viel leiſtet, hat er ſich eben entſchloſſen, Etwas in der Schule zu lernen.“ „Der unnatürliche, junge Lump!“ wiederholte der Vater mit der vorigen Bewegung. „— Und da er wußte, daß Du nichts übrig habeſt, Vater, und Dir nicht zur Laſt zu fallen wünſchte, kam er allmälig zu dem Entſchluſſe, ſein Glück in der Ge⸗ lehrſamkeit zu ſuchen. Er ging heute Morgen, Vater, und er weinte bitterlich und hoffte, daß Du ihm ver⸗ geben werdeſt.“ 3 „Laß ihn mir nie wieder nah kommen, um mich um Vergebung zu bitten,“ ſagte der Vater, indem er ſeinen Worten abermals mit ſeinem Meſſer Nachdruck verlieh. „Laß ihn mir nie wieder vor die Augen oder in die Nähe meines Armes kommen. Sein eigener Vater iſt nicht gut genug für ihn. Er hat ſeinen eigenen Vater verſtoßen. Sein eigener Vater verſtößt ihn deshalb auf immer und ewig, als einen unnatürlichen, jungen Lump.“ Er hatte ſeinen Teller vor ſich fortgeſtoßen. In dem natürlichen Bedürfniß eines ſtarken, rohen Mannes im Zorne, etwas Gewaltſames zu thun, packte er jetzt ſein Meſſer mit der Fauſt und ſtieß, am Ende jedes Satzes mit demſelben nach unten; eben wie er mit ſeiner ge⸗ ballten Fauſt zugeſchlagen haben würde, falls dieſelbe nichts gehalten hätte.. „Er mag gehen. Er mag lieber gehen, als bleiben, Doch daß er mir niemals zurückkommt. Laß ihn nie wieder den Kopf durch jene Thür ſtecken. Und ſprich Du mir nie wieder ein Wort zu ſeinen Gunſten, oder Du wirſt Deinen Vater ebenfalls verſtoßen und er wird das⸗ ſelbe, was er jetzt von Jenem ſagt, auch noch von Dir zu ſagen haben. Jetzt ſehe ich wohl, warum jene Leute draußen ſich fern von mir hielten. Sie ſprachen zu ein⸗ ander:„Hier kommt der Mann, der für ſeinen eigenen Sohn nicht gut genug iſt! Lizzie—!“ Ein Schrei von ihr machte ihn ſchweigen. Indem er ſie anſchaute, ſah er ſie mit einem Geſichte, wie er ſie noch nie geſehen, mit den Händen vor den Augen an die Wand zurückweichen. „Vater, thu' das nicht? Ich kann's nicht ertragen, Dich damit zuſtoßen zu ſehen. Lege es nieder!“ „Er blickte auf das Meſſer, behielt daſſelbe jedoch in ſeinem Erſtaunen in der Hand. „Vater es iſt zu fürchterlich. O, lege es nieder, lege es nieder!“ Ueber ihr Ausſehen und ihre Worte beſtürzt, warf er das Meſſer fort, und ſtand die offenen Hände vor ſich hinhaltend, auf. „Was fällt Dir ein, Liz? Kannſt Du glauben, daß ich mit einem Meſſer nach Dir zu ſtoßen im Stande wäre?“ „Nein, Vater, nein; Du würdeſt mir nie Etwas zu Leide thun.“ „Wem ſollt' ich Etwas zu Leide thun?“ „Niemandem, lieber Vater. Auf meinen Knieen ver⸗ ſichere ich Dir, aus tiefſter Seele und tiefſtem Herzen verſichere ich Dir, daß ich überzeugt bin, daß Du Nie⸗ mandem Etwas zu Leide thun würdeſt! Aber es war zu fürchterlich, denn es ſah aus—“; ihre Hände bedeckten wieder ihr Geſicht,„o, es ſah aus—“ „Wie ſah es aus?“ Die Erinnerung an ſeine mörderiſche Geſtalt, ver⸗ bunden mit dem, was ſie am vorigen Abend und an die⸗ ſem Morgen gelitten, machte ſie zu ſeinen Füßen hin⸗ ſinken, ohne ihm geantwortet zu haben. Er hatte ſie ſo noch nie geſehen. Er hob ſie mit der größten Zärtlichkeit auf, indem er ſie die beſte aller Töch⸗ ter, und„mein armes, hübſches Geſchöpfchen“ nannte, und legte ihr Haupt auf ſeine Kniee, und verſuchte, ſie wieder in's Bewußtſein zurückzurufen. Da ihm dies je⸗ doch nicht gelang, legte er ihren Kopf wieder ſanft auf den Boden, holte ein Kiſſen und ſchob daſſelbe unter ihr dunkles Haar, und ſuchte dann auf dem Tiſche nach einem Löffelchen Rum. Da indeſſen kein Rum mehr übrig ge⸗ blieben, nahm er ſchnell die leere Flaſche und eilte damit aus dem Zimmer.. Er kehrte ebenſo eilig zurück, und zwar mit der leeren Flaſche. Er kniete neben ihr nieder, nahm ihren Kopf in ſeinen Arm und benetzte ihre Lippen mit ein wenig Waſſer, wobei er, bald über die eine, bald über die altere Schulter blickend, wüthend vor ſich hin ſprach: „Haben wir etwa die Peſt im Hauſe? Klebt meinen Kleidern etwas Tödtliches an? Was iſt gegen uns los⸗ gelaſſen? Wer hat es losgelaſſen? Siebentes Capitel. Mr. Wegg ſchaut nach ſeinem Intereſſe. Silas Wegg iſt auf dem Wege nach dem römiſchen Reiche und begiebt ſich über Clerkenwell dorthin. Es iſt frühe am Abend und das Wetter feucht und kalt. Mr. Wegg findet Muße, einen kleinen Umweg zu machen, indem er jetzt, da er noch eine andere Quelle des Ein⸗ kommens zu demſelben hinzugefügt, ſeinen Schirm etwas früher zuſammenklappte und da er es ſich außerdem ſelber ſchuldig zu ſein glaubt, ſich ängſtlich in der Laube er⸗ warten zu laſſen.„Boffin wird durch ein wenig Warten nur um ſo begieriger werden,“ ſagt Silas, indem er, wie er ſeines Weges dahinſtampft, bald mit dem rechten und bald mit dem linken Auge blinzelt. Was bei ihm eigent⸗ lich überflüſſig iſt, da die Natur ſeine Augen bereits klein genug gemacht hat. „Falls ich mit ihm fortkomme, wie ich es erwarte,“ fährt Silas ſtampfend und ſinnend fort,„ſo würde es ſich nicht für mich paſſen, es dabei bewenden zu laſſen. Es würde nicht reſpectabel ſein.“ Von dieſer Idee be⸗ lebt, ſtampfte er ſchneller dahin und ſchaut eine weite Strecke vor ſich hinaus, wie Leute, die mit einem ehrgei⸗ zigen Vorhaben umgehen, dies häufig thun. Da es ihm bekannt iſt, daß eine Goldarbeiter⸗Be⸗ wohnerſchaft unter dem Heiligthum der Kirche zu Clerken⸗ well Schutz ſucht, iſt Mr. Wegg ſich eines gewiſſen In⸗ Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 64 tereſſes und der Achtung für die Gegend bewußt. Doch hinkten ſeine Empfindungen in dieſer Beziehung ein wenig in Bezug auf ſtrenge Sittlichkeit, ebenſo, wie er in ſeinem Gange hinkt; denn dieſelben führen ihm die Wonne eines unſichtbar machenden Rockes vor die Seele, in welchem er ungehindert und in Sicherheit mit den koſtbaren Steinen und Uhren würde von dannen wandeln können, doch halten ſie ſich mit keiner Art von Bedauern für die Leute auf, welche jene Koſtbarkeiten verlieren würden. Doch ſind Mr. Wegg's Schritte nicht nach den Werk⸗ ſtätten gelenkt, wo geſchickte Handwerker in Perlen, Dia⸗ manten, Gold und Silber arbeiten und ihre Hände ſo reich machen, daß das Waſſer, in dem ſie dieſelben wa⸗ ſchen, für die Läuterer gekauft wird;— Mr. Wegg ſtampft nicht nach dieſen, ſondern vielmehr nach den ärmlicheren Läden der kleinen Krämer, welche Eßwaaren und Brennmaterialien verkaufen, den italieniſchen Rah⸗ menmachern, Barbieren, Trödlern und Hunde⸗ und Ka⸗ narienvögelhändlern. Unter dieſen wählt Mr. Wegg in einer engen und ſchmutzigen Straße, die ſolchen Profeſ⸗ ſionen gewidmet iſt, ein gewiſſes dunkles Ladenfenſter aus, in welchem matt ein Talglicht glimmt, umringt von einem Miſchmaſch von Gegenſtänden, die eine undeutliche Aehnlichkeit mit Stückchen von Leder und ausgetrockneten Stöcken haben, und unter denen Nichts in einer beſtimm⸗ ten Geſtalt erſcheint, ausgenommen das Licht in ſeinem alten zinnernen Leuchter, und zwei ausgeſtopfte Fröſche, die mit Stoßdegen ein Duell kämpfen. Mit erneuerter Kraft ſtampfend, geht Mr. Wegg in den dunklen, ſchmie⸗ rigen Gang hinein, ſtößt eine kleine, ſchmierige, dunkle, widerſtrebende Seitenthür offen, und ſchreitet dann in einen kleinen, dunklen, ſchmierigen Laden. Es iſt in dem⸗ ſelben ſo finſter, daß außer einem zweiten Talglichte in einem zinnernen Leuchter, dicht neben dem Geſicht eines Mannes, der ſich, auf einem Stuhle ſitzend, tief nieder⸗ bückt, nichts weiter oberhalb des kleinen Ladentiſches zu erkennen iſt. Mr. Wegg nickt dem Geſicht zu und ſagt: Abend.“ Das Geſicht, welches aufblickt, iſt ein gelbblaſſes Ge⸗ ſicht mit ſchwachen Augen, überragt von einem wüſten Buſche ſtaubig⸗röthlichen Haars. Der Eigenthümer des Geſichts trägt kein Halstuch und hat ſeinen zerknüllten Hemdkragen geöffnet, um mit mehr Begquemlichkeit zu arbeiten. Aus demſelben Grunde hat er keinen Rock an, ſondern nur eine loſe Weſte über ſeiner gelben Leinwand. Seine Augen gleichen den geſchwächten Augen eines Gra⸗ veurs, doch iſt er kein Graveur; ſein Geſichtsausdruck und ſeine gebückte Haltung ſind die eines Schuhmachers, aber er iſt kein Schuhmacher. „Guten Abend, Mr. Venus. Erinnern Sie ſich nicht?“ Mr. Venus erhebt ſich mit langſam erwachender Er⸗ innerung und erhebt ſein Licht über den kleinen Ladentiſch und dann hinunter nach den, künſtlichen und natürlichen, Beinen ſeines Gaſtes. „Ei, gewiß!“ ſagte er dann.„Wie geht es Ihnen?“ „Wegg, wiſſen Sie wohl,“ erklärt dieſer Herr. „Ja, ja,“ ſagte der Andere.„Hospitalamputation?“ „Ganz recht,“ ſagte Mr. Wegg. „Ja, ja,“ wiederholt Mr. Venus.„Wie geht es Ihnen? Setzen Sie ſich an's Feuer und wärmen Sie Ihren— Ihren andern.“ Da der kleine Ladentiſch ſo klein iſt, daß der Kamin⸗ herd, welcher, falls jener größer geweſen, hinter demſelben verſteckt geweſen wäre, erreichbar bleibt, läßt Mr. Wegg ſich auf eine Kiſte vor dem Feuer nieder und athmet „Guten einen warmen und angenehmen Duft ein, der nicht der Duft des Ladens iſt.„Denn dieſer,“ entſcheidet Mr. Wegg im Geiſte, nachdem er ein paar Mal mißbilligend aufgeſchnüffelt hat,„iſt dumpfig, lederig, federig, kellerig, leimig, gummiig und,“ abermals aufſchnüffelnd,„gewiſſer⸗ maßen genau nach einem alten Blaſebalge.“ „Mein Thee zieht eben und mein Theekuchen ſteht auf dem Herde, Mr. Wegg; wollen Sie mit mir theilen?“ Da es zu Mr. Wegg's Lebensregeln gehörte, ſtets zu theilen(was Andere zu bieten hatten), ſo willigt er ein. Doch iſt der kleine Laden ſo ungeheuer dunkel und ſo voll von ſchwarzen Bretterſimſen und Querleiſten, Ecken und Winkeln, daß er Mr. Venus' Taſſe nur ſieht, weil dieſelbe gerade unter dem Lichte ſteht, und keine Ahnung hat, aus welchem geheimnißvollen Winkel Mr. Venus eine zweite Taſſe für ihn hervorzieht, bis dieſelbe ſich unter ſeiner Naſe befindet. Zugleich erblickt Mr. Wegg einen hübſchen kleinen todten Vogel auf dem Ladentiſche, deſſen Kopf ſeitwärts auf dem Rand von Mr. Venus' Taſſe liegt und deſſen Bruſt von einem langen ſteifen Drahte durchbohrt wird. Mr. Venus bückt ſich und bringt einen zweiten noch ungewärmten Theekuchen herauf; dann zieht er den Draht⸗ ſpeer aus der Bruſt des Rothkelchens und röſtet den Ku⸗ chen am Ende dieſer grauſamen Waffe vor dem Feuer. Sobald der Kuchen braun genug, bückt Mr. Venus ſich abermals und bringt Butter herauf, mit der er dann ſein Werk beendet. Mr. Wegg, der ein liſtiger Mann und ſeines ſpätern Nachteſſens gewiß iſt, dringt ſeinem Wirthe den Thee⸗ kuchen auf, um ihn in eine gefällige Stimmung zu ver⸗ ſetzen, oder, ſo zu ſagen, ſeine Räder zu ſchmieren. In dem Grade, wie die Theekuchen verſchwinden, fangen die ſchwarzen Bretterſimſe und Ecken und Winkel allmälig an, ſichtbar zu werden und Mr. Wegg nimmt ihm gegen⸗ über auf dem Kaminſimſe etwas undeutlich ein hindoſta⸗ niſches Kindchen in einer Flaſche wahr, welches zuſammen⸗ gekauert und ſeinen großen Kopf unter dem Arme hält, wie wenn es augenblicklich einen Purzelbaum ſchießen würde, falls die Flaſche groß genug dazu wäre. Sobald ihm Mr. Venus' Räder hinlänglich ge⸗ ſchmeidig erſcheinen, nähert Mr. Wegg ſich dem Zwecke ſeines Beſuchs, und fragt, indem er leicht die Finger⸗ ſpitzen ſeiner beiden Hände zuſammenſchlägt— um da⸗ durch die Harmloſigkeit ſeiner Geſinnungen zu erkennen zu geben: „Und wie iſt es mir all' dieſe lange Weile ergangen, Mr. Venus?“ nicht?“ „Aber, zum Henker, Mr. Venus,“ ſagt Wegg, ein wenig gereizt,„dies kann nicht blos mir eigen ſein. Es muß Ihnen bei den Gemiſchten oft vorkommen.“ „Bei den Gemiſchten, das gebe ich Ihnen zu, ſtets. 64 idet Mr. billigend kelleri gewiſſer⸗ den ſteht theilen?” adentiſche, enus' Taſſe en Drahte vweiten noch den Draht⸗ tet den Ku⸗ dem Feuer. Venus ſich er dann ſein es ſpätern den Thee⸗ ng zu ver⸗ deren. In fangen die tel allmälig ihm gegen⸗ ſin hindoſta⸗ zuſammen. Arme hält, u ſchießen t. finglich ge⸗ dem Zwecke die Finger⸗ — um da⸗ du erkennen e ergangen, e alle Um⸗ fragt Mr. enehm zu „Seltſam. in düſterer, lachen Tone 3 mir et⸗ ſhaus nicht ich immer Jeder, der zt, würde, icht! Daßt . 65 Doch ſonſt nicht. Wenn ich einen Gemiſchten herſtelle, weiß ich voraus, daß ich nicht naturgetreu ſein, und Rip⸗ Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. V pen miſchen kann, weil jeder Menſch ſeine eigenen Rippen hat, denen keine andere Rippen ſich anpaſſen laſſen; ſonſt aber kann ich wohl miſchen. Ich habe ſo eben eine Pracht—— eingeſandt. Das eine Bein iſt belgiſch, das andere engliſch und der Reſt aus acht verſchiedenen Perſonen zu⸗ ſammengeſtellt. Ich ſollte nicht miſchen können! Man muß zu miſchen und zuſammenzuſetzen verſtehen, Mr. Wegg.“ Silas betrachtet ſein einziges Bein ſo ſcharf, wie das trübe Licht es ihm geſtattet, und bemerkt nach einer Pauſe ziemlich verdrießlich,„die Anderen müſſen Schuld daran ſein. Oder wie wollen Sie es ſonſt erklären?“ fragt er ungeduldig. „Ich weiß es nicht zu erklären. Stehen Sie einmal einen Augenblick auf. Halten Sie das Licht.“ Mr. Venus nimmt aus einem Winkel neben ſeinem Stuhle die Knochen eines Beines und eines Fußes hervor, die von der ſchönſten Sauberkeit und mit der größten Zierlichkeit zuſammengeſetzt ſind. Dieſe vergleicht er mit Mr. Wegg's Beine, während dieſer Herr er ſich das Maaß zu einem Reit⸗ ſtiefel nehmen ließe.„Nein, ich weiß nicht, wie es kommt, aber es iſt einmal ſo. Ich bin über⸗ zeugt, daß Sie eine Verdrehung in jenem Knochen haben. Ich habe in meinem Leben nicht Ihresglei⸗ chen geſehen.“ Mr. Wegg, der einen zweifelnden Blick auf ſein ei⸗ genes Bein und einen argwöhni⸗ ſchen auf das—— Muſter gewor⸗„—— fen, mit dem AMr. Venus unter den Crophäen ſeiner Kun man jenes verglichen, ſagt: „Ich will eine Guinee d'rauf wetten, daß es kein engliſches iſt!“ „Eine ſehr leichte Wette, da wir ſo Viel in auslän⸗ diſcher Waare machen! Nein, es gehört jenem franzö⸗ ſiſchen Herrn!“ Da er einer dunklen Stelle hinter Mr. Wegg zunickt, ſchaut Letzterer ſich mit einem leichten Zuſammenfahren nach„jenem franzöſiſchem Herrn“ um, und entdeckt den⸗ ſelben endlich als nur durch ſeine Rippen repräſentirt, eine wahre Pracht— an eine Kunſtſchule V I zuſchaut, wie wenn offen gezogen, als Mr. Venus ausruft: (die in ſehr künſtleriſcher Weiſe zuſammengeſetzt ſind) auf einem Simſe in einem andern Winkel, wie ein Waffen⸗ ſchmuck oder ein Corſet. „O,“ ſagte Mr. Wegg, mit einem Gefühle, als ob er Jemandem vorgeſtellt werde,„Du magſt in Deinem Vaterlande ſchon für Fanz richtig paſſirt ſein, aber ich hoffe, daß and Etwas dagegen haben wird, wenn ich ſage, daßfiter Franzoſe, mit dem ich zuſammenpaſſen möchte, noch erſt geboren werden ſoll.“ In dieſem Augenblicke wird die ſchmierige Thür innen geſtoßen und ein Knabe kommt herein und ſagt, nachdem er die Thür wieder hat zufallen laſſen: „Komme, den ausgeſtopften Kanarienvogel abholen.“ „' macht drei Schilling und neun Pence,“ erwiderte Mr. Venus;„haſt Du das Geld gebracht?“ Der Knabe bringt vier Schillinge zum Vorſchein. Mr. Venus ſucht, fortwährend in der trübſten Stim⸗ mung und mit wimmernden Tönen, nach dem ausge⸗ ſtopften Kanarienvogel. Da er das Licht nimmt, um dadurch ſein Suchen zu erleichtern, bemerkt Mr. Wegg, daß ſich ein bequemer kleiner Sims hart neben ſeinen Knieen befindet, welcher ausſchließlich einer Anzahl von Händeſkeletten gewidmet iſt, die ſtark das Anſehen haben, als ob ſie ihn zu packen wünſchten. Unter dieſen nimmt Mr. Venus den Kanarienvogel unter einer Glasglocke heraus und zeigt denſelben dem Knaben. „Da!“ ſchnüffelt er.„Da iſt eine Lebendigkeit drin! Auf einem Aſte! Im Begriff, davonzuhüpfen! Nimm ihn wohl in Acht; es iſt ein Prachtexemplar.— Und drei, macht vier Schillinge.“ Der Knabe nimmt die drei Pence, die ihm mit jenen letzten Worten als Münze herausgegeben worden, auf, und hat bereits, vermittelſt eines kleinen ledernen Rie⸗ mens, der zu dieſem Zwecke darangenagelt iſt, die Thür „Haltet ihn! Komm' zurück, Du junger Tage⸗ dieb! Du haſt einen Zahn unter jenen Pfenni⸗ gen!“ „Wie konnt' ich das wiſſen! Sie gaben ihn mir. Es verlangt mich gar nicht nach Ihren Zähnen; ich habe an meinen eigenen genug.“ So ſpricht der Knabe, indem er den Zahn zwi⸗ ſchen den Kupfer⸗ münzen heraus⸗ 3 ſucht und dann “ auf den Laden⸗ .(Seite: 66.) tiſch wirft. „Sei nicht ſo naſeweis in dem gottloſen Uebermuthe Deiner Jugend,“ entgegnete Mr. Venus mit Pathos. „Tritt mich nicht mit Füßen, weil Du mich darnieder⸗ gedrückt ſiehſt. Ich bin ohnehin ſchon tief genug ge⸗ beugt. Er war vermuthlich in die Geldſchublade ge⸗ fallen. Sie fallen in alles Mögliche hinein. Es waren heute Morgen zwei in der Kaffeekanne. Backen⸗ zähne.“ „Sehr gut,“ ſagte der Knabe,„wozu beſchimpfen Sie mich alſo?“ Worauf Mr. Venus blos ſein Haupt voll ſtaubigen Haars ſchüttelt, mit ſeinen ſchwachen Augen blinzelt und ſagt:„Sei nicht ſo naſeweis in dem gottloſen Ueber⸗ muthe Deiner Jugend, tritt mich nicht mit Füßen, weil Du mich darniedergedrückt ſiehſt. Du kannſt Dir keinen Begriff davon machen, wie klein Du Dich ausnehmen würdeſt, wenn ich Dich zergliederte.“ Dies ſcheint ſeine Wirkung auf den Knaben nicht zu verfehlen, denn er geht brummend aus dem Laden. „Ach du lieber Himmel, du lieber Himmel!“ ſeufzt Mr. Venus, indem er das Licht putzt,„die Welt, die ſo blumig ſchien, hat zu blühen aufgehört! Sie ſchauen ſich im Laden um, Mr. Wegg. Laſſen Sie mich Ihnen . Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 5 2 leuchten. Meine Arbeitsbank. Meines Gehülfen Arbeits⸗ bank. Eine Schraube. Werkzeuge. Knochen— ver⸗ ſchiedenartige. Schädel— verſchiedenartige. Eingeſetzes Hindukind. Afrikaniſches dito. Eingeſetzte Präparationen — verſchiedenartige. wohlerhalten. Die ſchimmeligen obenauf. oben in jenen Körben befindet iſt mir nicht genau er⸗ innerlich. Sagen wir, verſchiedenartige menſchliche Theile. Katzen. Zuſammengegliedertes engliſches Kind. Hunde. Enten. Glasaugen— verſchiedenartige. Vogelmumien. Getrocknete Epidermis— verſchiedenartige. Ach, du lieber Himmel! Dies iſt die allgemeinepanoramiſche Anſicht.“ „Wo bin ich?“ fragte Mr. Wegg. „Sie ſind irgendwo im Hinterladen am Ende des Hofes, Sir; und, um ganz offen zu reden, ich wollt', ich hätt' Sie mir vom Hospitalportier gekauft.“ „Jetzt ſchauen Sie her, was haben Sie für mich gezahlt?“ „Je nun,“ erwiderte Venus, ſeinen Thee blaſend, wobei ſein Kopf und ſein Geſicht aus der Dunkelheit über dem Dampfe deſſelben hervorſchauen, wie wenn er den alten Urſprung ſeiner Familie moderniſirte:„Sie befanden ſich unter einer bunt gemiſchten Sammlung, und ich weiß es nicht.“ Silas wiederholt ſeine Frage in der verbeſſerten Form: „Wie viel verlangt Ihr für mich?“ „Je nun,“ erwiderte Mr. Venus, noch immer ſeinen Thee blaſend,„ich bin augenblicklich nicht darauf vor⸗ bereitet, Ihnen dies zu ſagen, Mr. Wegg.“ „Kommen Sie!“ Ihren eigenen Angabe nach bin ich nicht viel werth,“ ſagt W in überredendem Tone. „Nicht für gemiſchte Ar ich Ihnen zu; aber Sie ürften ſich immer noch als werthvoll erweiſen, als eine—“, hier trinkt Mr. Venus einen ſo heißen Schluck herunter, daß er an demſelben faſt erſtickt und ſeine Augen ſich mit Waſſer füllen,— „als eine Mißgeburt, wenn Sie mir's verzeihen wollen.“ Stias unterdrückt einen entrüſteten Blick, der nichts weniger, als eine Bereitwilligkeit, ihm zu verzeihen, aus⸗ drückt, und verfolgt ſeinen Zweck. „Ich denke, Sie kennen mich, Mr. Venus, und ich denke, Sie wiſſen, daß ich niemals handele.“ Mr. Venus verſchluckt heißen Thee, indem er bei jedem Schluͤck die Augen ſchließt und ſie in krampfhafter Manier wieder öffnet; doch compromittirt er ſich nicht durch eine Zuſtimmung. Ich habe Ausſicht, im Leben vorwärts zu kommen und mich vermittelſt meiner eigenen unabhängigen An⸗ ſtrengungen zu erheben,“ ſagt Wegg mit Gefühl,„und ich möchte— ich ſage es Ihnen ganz offen— ich möchte unter ſolchen Umſtänden nicht, ſo zu ſagen, zerſtreut bleiben, indem ein Theil von mir hier und ein Theil von mir dort wäre, ſondern wünſche, mich zu ſammeln, wie es ſich für einen gentilen Menſchen ſchickt.“ 8 Alles bequem zu erreichen und Was ſich vort 67 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 1 68 —— „War noch nie ſo geſchickt. Mr. Wegg, ich bin nicht nur der Erſte in der Profeſſion, ſondern repräſentire eigentlich in meiner Perſon die Profeſſion. Sie mögen nach dem Weſtende gehen und ein Skelett kaufen und den weſtendiſchen Preis dafür zahlen, aber es wird mein Werk ſein. Ich habe ſo viel zu thun, wie ich mit Hülfe meines Gehülfen möglicherweiſe thun kann, und es iſt mir ein Stolz und eine Freude.“ So ſpricht Mr. Venus mit ausgeſtreckter Rechten und in der Linken die dampfende Theeſchale, in einem Tone, wie wenn er ſofort in eine Thränenfluth aus⸗ brechen müſſe. „Nun, dies iſt eben kein Stand der Sachen, der Sie trübe zu ſtimmen geeignet wäre, Mr. Venus.“ „Mr. Wegg, ich weiß es wohl. Mr. Wegg, um mich nicht einen Arbeiter ohne Gleichen zu nennen, habe ich doch in meiner Kenntniß der Anatomie ſolche Fortſchritte gemacht, daß ich im Erkennen, als im Nennen der ver⸗ ſchiedenartigen Theile vollkommen bin. Mr. Wegg, wenn Sie in einem loſen Sacke zu mir gebracht würden, um zuſammengeſtellt zu werden, ſo wollt' ich Ihre kleinſten, eit, Mr. Wegg, das gebe V„Es iſt gegenwärtig nur erſt eine Ausſicht, wie, Mr. Wegg? Dann haben Sie das Geld zum Handel nicht bei ſich? Dann will ich Ihnen ſagen, was ich thun will; ich will Sie noch behalten. Verſprechen. Ach, du lieber Himmel, du lieber Himmel!“ Da er ſich mit dieſem Verſprechen wohl zu begnügen genöthigt iſt und ihn außerdem ſich geneigt zu machen wünſcht, ſchaut Mr. Wegg ihm zu, wie er ſich ſeufzend noch mehr Thee einſchenkt, und ſagt dann in einem Tone, in welchen er Theilnahme zu legen verſucht: „Sie ſcheinen ſehr trübe geſtimmt, Mr. Venus. Geht V das Geſchäft ſchlecht?“ „Ging noch nie ſo gut.“ „Verliert Ihre Hand an Geſchicklichkeit?“ ————xqxq;— Ich gebe Ihnen mein wie ihre größten Knochen mit verbundenen Augen her⸗ nennen, wie ich ſie aus dem Sacke nähme, und ſie ſor⸗ tiren, und wollt Ihre Wirbelſäule in einer Weiſe her⸗ ſtellen, die Ihnen eben ſo viel Verwunderung, als Ver⸗ gnügen verurſachen ſollte.“ „Nun,“ ſagt Silas(obgleich nicht ſo munter, wie vorher),„das iſt ebenfalls nicht geeignet, Sie trübe zu ſtimmen.“ „Mr. Wegg, ich weiß es; Mr. Wegg, ich weiß es. Aber das Herz ſtimmt mich ſo trübe, das Herz, Mr. Wegg! Haben Sie die Güte dieſe Karte zu nehmen und vorzuleſen.“ Silas empfängt eine Karte aus ſeiner Hand, welche Mr. Venus aus einem wunderbaren Durcheinander in einer Schublade herausnimmt, ſetzt ſeine Brille auf und lieſt: „Mr. Venus,“ „Ja. Fahren Sie fort.“ „Thier⸗ und Vögelausſtopfer,““ „Ja. Fahren Sie fort.“ „Zuſammenfüger menſchlicher Knochen.“ „Das iſt's,“ ſagt Mr. Venus ſtöhnend.„Das iſt's! Mr. Wegg, ich bin zweiunddreißig Jahr' alt und ein Junggeſelle. Mr. Wegg, ich liebe ſie. Mr. Wegg, ſie iſt wuͤrdig, von einem Potentaten geliebt zu werden l Hier fühlt ſich Silas einigermaßen beunruhigt, da Mr. Venus in der Gewalt ſeiner Gefühle aufſpringt, mit wild verſtörten Mienen vor ihm ſteht und ihn mit der einen Hand am Rockkragen packt; doch bittet Mr. Venus ihn um Vergebung und ſetzt ſich wieder und ſagt mit der Ruhe der Verzweiflung:„Sie kann das Geſchäft nicht leiden.“ „Kennt ſie den Ertrag deſſelben?“ „Sie kennt den Ertrag, aber ſie vermag die Kunſt deſſelben nicht zu ſchätzen.„Es liegt mir nicht daran,“ ſchreibt ſie in ihrer eigenen Handſchrift,„mich in einem ſo knochigen Lichte zu ſehen, noch von Anderen in dem⸗ ſelben geſehen zu werden.“ Mr. Venus ſchenkt ſich mit einer Miene und in der Haltung der tiefſten Lrſtlrſis e w ddſh mehr Thee ein. „Und ſo klimmt man in den Wipfel eines Baumes hinauf, Mr. Wegg, um, dort angelangt, uulos zu ſehen, daß keine Ausſicht von demſelben vorha iſt! ſitze hier Abends, umringt von den herrlichen Trophäen meiner Kunſt, und was haben dieſelben für michngethan? Sie haben mein Verderben herbeigeführt. Hahtfß es da⸗ hin gebracht, daß ich mir ſagen laſſen muß,„ſi⸗ wünſche ſich nicht in einem ſo knochigen Lichte zu ſehen, noch von Ich 4 timmt bis e Vetge Mr. ſchaft 1 ich Han tſchritte er ver⸗ mit der r. Venus derRuhe leiden.“ e Kunſt daran,“ n einem in dem⸗ d in der ſbee ein. Baumes dahin. 69 Anderen in demſelben geſehen zu werden!“ Nachdem er dieſe ominöſen Worte wiederholt, ſchluckt Nr. Venus noch mehr Thee hinunter und giebt dann eine Erklärung dieſes Verfahrens, indem er ſagt: „Es ſtimmt mich herab. Wenn ich völlig herabge⸗ ſtimmt bin, überfällt mich die Lethargie. Indem ich es bis ein oder zwei Uhr morgens fortſetzte, erlange ich Vergeſſenheit. Ich will Sie nicht länger aufhalten, Mr. Wegg. Ich bin für Niemanden ein guter Geſell⸗ ſchafter.“ „O, ich werde erwartet. Hauſe ſein.“ 2 ſaclein ſagt Mr. Battle⸗Bridge?“ Mr. Wegg giebt zu, fahrt iſt. „Sie müſſen in eine gute Stelle hineingerathen ſein, falls Sie ſich dort hineingearbeitet haben. Es giebt dort eine Maſſe Geldes.“ „Wunderbar!“ ſagt Silas,„daß Sie ſchichte wiſſen müſſen!“ „Durchaus nicht, Mr. Wegg. ſtets genau die Beſchaffenheit und wiſſen, was er im Kehrichte fand, Knochen und mancher Feder, und was mir gekommen.“ „Wirklich!“ „Ja.(Ach du lieber Himmel, Und er iſt hier ganz in der Nähe begraben, wiſſen Dort drüben.“ Mr. Wegg weiß es nicht, doch ſtellt er ſich, als ſei es ihm bekannt, indem er beiſtimmend mit dem Kopfe nickt. Auch folgt er Mr. Venus' Kopfbewegung mit den Augen, wie um die Richtung zu verſtehen, in der„dort drüben“ gelegen iſt. „Ich nahm Intereſſe an jener Entdeckung im Fluſſe,“ ſagt Venus.(Sie hatte mir damals noch nicht ihre herzzerreißende Abweiſung geſchrieben.) Ich habe dort oben— doch, einerlei.“ Er hatte mit ausgeſtrecktem Arme das Licht zu einem der dunklen Simſe erhoben, und Mr. Wegg hatte ſich zum Sehen umgewandt, als er plötzlich abbrach. „Der alte Herr war in dieſer ganzen Gegend wohl bekannt. Es ging ein Gerede, als habe er allerlei Koſt⸗ barkeiten unter ſeinen Kehrichthaufen vergraben. Es war vermuthlich nichts Wahres daran. Sie wiſſen dies viel⸗ leicht ſelbſt, Nr. Wegg?“ „Nichts Wahres daran,“ ſagt-Wegg, der nie vorher ein Wort von der Geſchichte gehört hat. „Ich will Sie nicht länger aufhalten. Gute Nacht.“ Der unglückliche Mr. Venus tauſcht kopfſchüttelnd einen Händedruck mit Wegg aus und ſinkt dann auf ſeinen Stuhl zurück, um ſich noch mehr Thee einzuſchen⸗ ken. Mr. Wegg bemerkt, wie er vermittelſt des Leder⸗ riemens die Thür offen zieht und über ſeine Schulter zu⸗ rückſchaut, daß jene Bewegung den wackeligen kleinen Laden dermaßen erſchüttert und die Flamme des Lichtes aufflackern macht, daß die Kinder— das indiſche, das afrikaniſche und das britiſche— die„verſchiedenartigen menſchlichen Theile,“ der franzöſiſche Herr, die Katze mit den grünen Glasaugen, die Hunde, die Enten und die ganze übrige Sammlung einen Augenblick eine paraly⸗ tiſche Art von Belebung zu erhalten ſcheinen; während ſelbſt das arme kleine Rothkehlchen ſich auf ſeiner un⸗ ſchuldigen Seite umwendet. Im nächſten Augenblick ſtampft Mr. Wegg im Gaslichte und in dem Schmutze. deshalb nicht,“ ſagt Silas, aufſtehend,„aber Ich ſollte bereits in Harmon'’s Venus,„Harmon's Haus, bei T daß dies das Ziel ſeiner Pilger⸗ die ganze Ge⸗ Der alte Herr wollte den Werth von Allem und er iſt mit manchem nicht Alles, zu du lieber Himmel!) Sie. Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. Achtes Capitel. Mr. Bofſin bei ſeinem Rechtsbeiſt 1 offin bei ſeinem Kechtsbeiſtande. — Falls Jemand um die Zeit unſerer Erzählung aus Fleet Street in den Temple gegangen und troſtlos im Temple umhergewandert wäre, bis er über einen düſteren Kirchhof geſtolpert, wenn er zu den düſtern Fenſtern hin⸗ aufgeſchaut, die auf dieſen Kirchhof herabſchauten, bis er an dem düſterſten all' dieſer Fenſter einen düſteren Knaben erblickt, ſo würde er in dieſem Knaben mit einem einzigen weitumfaſſenden Blicke den Correſpondenten, den jüngeren Abſchreiber, den Abſchreiber gemeinen Geſetzes, den Abſchreiber der Urkunden, den Kanzleiſchreiber, jede Art und jedes Departement von Abſchreiber des Mr. Mortimer Lightwood erſchaut haben, der vor Kurzem in den Zeitungen als„der ausgezeichnete Rechtsanwalt“ bezeichnet wurde. Mr. Boffin, welcher bereits verſchiedenemale mit dieſer Abſchreibereſſenz in Berührung gekommen, auf deſſen eigenem Terrain ſowohl, als in der Laube, hatte keine Mühoe, dieſelbe zu identificiren, als er ſie eben auf ihrem ſtaubigen Horſt erblickte. Er ſtieg zur zweiten in der dieſes Fenſter gelegen war, hinauf, während er Geiſte mit den Ungewißheiten beſchäftigt war, in denen das römiſche Reich ſich befand, und ſehr den Tod des liebenswürdigen Pertinax beklagte, der erſt am geſtrigen Abend die Reichsangelegenheiten in größter Verwirrung zurückgelaſſen, indem er als Opfer der Wuth der präto⸗ rianiſchen Wachen fiel. „Morgen, Morgen, Morgen!“ einer grüßenden Handbewegung, als die dition von dem Knaben geöffnet wurde, deſſen ſehr ange⸗ meſſener Name Blight') war. Iſt der Alte zu Hauſ'?“ „Mr, Lightwood hat Sie auf heute herbeſtellt, Sir, wie ich glaube?“ „Ich verlange es ſagte Mr. Boffin mit Thüre der Expe⸗ nicht umſonſt, mein Junge,“ erwi⸗ derte Mr. Boffin.„Ich werde dafür bezahlen.“ „Ohne allen Zweifel, Sir. Wollen Sie die Güte haben, einzutreten? Mr. Lightwood iſt augenblicklich nicht zu Hauſe, aber ich erwarte ihn ſehr bald zurück. Wollen Sie ſich gefälligſt in Mr. Lightwood's Zimmer nieder⸗ laſſen, Sir, während ich in unſerem Beſtellbuche nach— ſehe?“ Der junge Blight holte mit großer Umſtändlichkeit ein langes, ſchmales Manuſcriptbuch in einem bräunlich grauen Papiereinbande von ſeinem Pulte und mut e, indem er mit dem Finger in demſelben herabglitt:„ Aggs, Mr. Baggs, Mr. Caggs, Mr. Gaggs, Mr. Boffin. Ja wohl, Sir; ganz recht. Sie kommen ein wenig früh, Sir. Mr. Lightwood wird ſogleich hier ſein.“ „Ich habe es durchaus nicht eilig,“ ſagte Mr. Boffin. „Danke, Sir. Ich will, wenn Sie es mir erlauben wollen, die Gelegenheit benutzen, Ihren Namen für den heutigen Tag in das Beſuchbuch einzutragen.“ Der junge Blight vertauſchte mit großer Umſtänd⸗ lichkeit das Buch mit einem andern, nahm eine Feder auf, ſog an derſelben, tauchte ſie ein und las murmelnd das vorher Eingetragene über, ehe er ſchrieb. Nämlich: „Mr. Alley, Mr. Balley, Mr. Calley, Mr. Dalley, Mr. Falley, Mr. Galley, Mr. Halley, Mr. Lalley, Mr. Malley. Und Mr. Boffin.“ „Strenge Ordnung hier, wie, mein Junge?“ ſagte Mr. Boffin, als er eingetragen wurde. „Ja, Sir,“ erwiderte der Knabe, ich nicht fertig werden.“ „ohne das könnte *) Blight: Mehlthau, Gifthauch. Mr. Daggs, Mr. Fa ggs, V Womit er wahrſcheinlich ſagen wollte, daß ſein Geiſt alle geſetzlichen Formen durchgegangen, Harmon's Teſta⸗ ohne dieſe Fiction einer Beſchäftigung zu Grunde gehen würde. Da er in ſeiner einſamen Haft keine Feſſeln trug, die er blank putzen, und mit keinem Trinkbecher verſehen war, den er durch Schnitzwerk verzieren konnte, war er auf die Idee verfallen, alphabetiſche Variationen über Namen, die er in dem Adreßbuche fand, in ſeine beiden Bücher einzutragen, wie wenn dieſelben den Clienten ſeines Herrn angehörten. Dies war für ſein Gemüth um ſo nothwendiger, als er, da daſſelbe ein ſehr empfindſames war, den Umſtand, daß ſein Herr keine Clienten hatte, als eine ihm perſönlich angethane Schmach empfand. „Wie lange biſt Du ſchon in der Rechtsgelehrſamkeit?“ fragte Mr. Boffin auf ſeine gewohnte neugierige Weiſe. „Ich bin jetzt etwa drei Jahre in der Rechtsgelehr⸗ ſamkeit, Sir.“ „Dann mußt Du faſt darin geboren ſein!“ ſagte Mr. Boffin mit Bewunderung.„Gefällt es Dir?“ „Ich habe nichts dagegen,“ erwiderte der junge Blight mit einem Seufzer, als ob er die Bitterkeit ſeines Looſes als überwunden betrachtete. „Wie viel Lohn bekommſt Du?“ „Die Hälfte von dem, was ich mir wünſche,“ derte der junge Blight. „Wie viel macht das Ganze, das Du Dir wünſcheſt?“ „Fünfzehn Schillinge die Woche,“ ſagte der Knabe. „Wie lange würde nach dem gewöhnlichen Gange der Dinge dazu gehören, um ein Richter zu werden?“ fragte Mr. Boffin, nachdem er ſchweigend die kleine Geſtalt des Knaben betrachtet. Der Knabe erwiderte, daß er dieſe kleine Berechnung noch nicht ganz ausgearbeitet habe. „Es ſteht vermuthlich nichts im Wege, daß Du es verſuchſt?“ ſagte Mr. Boffin. Der Knabe erwiderte,— da er die Ehre habe, ein Britte zu ſein, und als ſolcher bekanntermaßen„nie, nie, — erwi⸗ im Wege. gen, daß dem Gelingen Etwas im Wege ſtehen dürfte. „Würden ein Paar Guineen den Verſuch irgendwie befördern?“ fragte Mr. Boffin. 71 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 72 ment für gültig erklärt, der Tod des nächſterbenden Har⸗ mon erwieſen, an's Kanzleigericht appellirt worden u. ſ. w., er, Mr. Lightwood, das große Vergnügen, das Glück und die Ehre habe, Mr. Boffin über die Erbſchaft von einmalhunderttauſend Pfund, und drüber, zu beglückwün⸗ ſchen, die in dem Buche des Gouverneurs der Bank von England eingetragen ſtehen u. ſ. w. „Und die beſondere Angelegenheit bei dieſem Ver⸗ mögen beſteht darin, Mr. Boffin, daß daſſelbe keine Mühe macht. Es ſind keine Güter zu verwalten da, keine Renten, bei denen ſo und ſo viel Procent in ſchlechten Zeiten verloren gehen müſſen(was eine außerordentlich koſtſpielige Art und Weiſe iſt, unſern Namen in die Zei⸗ tungen zu bringen), keine Wahlmänner, mit denen man ſich in heißem Waſſer abkochen zu laſſen braucht, keine Verwalter, die den Rahm von der Milch abſchöpfen, ehe dieſelbe auf den Tiſch gebracht wird. Sie könnten das Ganze morgen früh in einen zinnernen Geldkaſten legen und damit nach— nach den Felſengebirgen von Amerika ziehen. Denn inſofern ſich jeder Menſch unter dem grauſigen Zauberbanne zu befinden ſcheint, der ihn zwingt, früher oder ſpäter in einem Tone der allerintim⸗ ſten Bekanntſchaft von den Felſengebirgen Amerika's zu ſprechen, hoffe ich,“ ſchließt Mr. Lightwood mit einem nachläſſigen Lächeln,„daß Sie mich dafür entſchuldigen werden, wenn ich Sie in den Dienſt dieſer gigantiſchen Kette geographiſcher Langweiligkeit preſſe.“ Ohne dieſer letzteren Bemerkung ſehr ſcharfe Aufmerk⸗ ſamkeit zu ſchenken, ließ Mr. Boffin ſeine verdutzten Blicke erſt an der Decke, dann auf dem Fußboden umher⸗ ſchweifen. „Nun, ſagte er,„ich weiß wahrlich nicht, was ich dazu ſagen ſoll. Es war vorher faſt ebenſo gut mit mir. Es iſt eine große Menge, wenn man danach ſehen ſoll.“ „Mein lieber Mr. Boffin, dann ſehen Sie nicht danach.“ ein Sclav“ werden könne, ſo ſtehe dem Verſuche nichts Doch ſchien er ſich der Vermuthung zuzunei⸗ Ueber dieſen Punkt hegte der junge Blight durchaus keinen Zweifel; deshalb beſchenkte Mr. Boffin ihn mit dieſer Summe und dankte ihm für die Aufmerkſamkeit, die er auf ſeine(Mr. Boffin’s) Angelegenheit verwendet, e, fügte er hinzu, jetzt, wie er glaube, ſo gut wie eendet ſei. Dann ſaß Mr. Boffin, ſeinen Stock an's Ohr hal⸗ tend, wie wenn derſelbe eine Art von Hausgeiſt geweſen, der ihm die Expedition erklärt, da und betrachtete einen kleinen Bücherſchrank mit gerichtlichen Lehrbüchern und Berichten, und das Fenſter, und einen leeren, blauen Beutel, und eine Stange Siegellack, und eine Feder, und eine Schachtel mit Oblaten, und einen Apfel, und eine Schreibmappe— Alles in ſehr ſtaubigem Zuſtande— und eine große Anzahl von Tintekleckſen, und einen un⸗ vollkommen verkleideten Jagdflintenkaſten, der etwas zur Rechtswiſſenſchaft Gehörendes darſtellen ſollte, und eine eiſerne Kiſte, auf der„Das Harmon'ſche Vermögen“ zu leſen war,— bis Mr. Lightwood anlangte. Mr. Lightwood ſagte, er komme von dem Procurator, mit dem er in Mr. Boffin's Angelegenheiten beſchäftigt geweſen. „Wie?“ erwiderte jener Herr. „Indem ich mich mit dem verantwortungsfreien Blöd⸗ ſinn eines Privatindividuums und nicht mit der tiefen Weisheit eines gelehrten Rechtsbeiſtandes ausdrücke, möchte ich,“ erwiderte Mortimer,„ſagen, daß, falls Sie ſich durch den Umſtand, daß es zu viel iſt, bekümmert füh⸗ len, Ihnen der troſtreiche Rettungshafen offen ſteht, es leicht vermindern zu können. Und falls Sie dieſe Mühe ſcheuen, ſo ſteht Ihnen ferner der tröſtliche Ret⸗ tungshafen offen, daß eine unbegrenzte Anzahl von Leu⸗ ten ſich bereit finden wird, nehmen.“— „Nun! Ich ſehe es nicht ganz ein,“ entgegnete Mr. Boffin, noch immer verdutzt.„Das, was Sie da ſagen, iſt nicht befriedigend, wiſſen Sie.“ „Iſt überhaupt irgend Etwas befriedigend, Mr. Boffin?“ fragte Mortimer, die Augenbrauen emporziehend. „Ich pflegte es ſonſt zu finden,“ antwortete Boffin mit gedankenvoller Miene.„Als ich noch Arbeitsmann in der Laube war— ehe es die Laube geworden—, erſchien mir das Geſchäft als ſehr befriedigend. Der alte Mann war ein fürchterlicher Tyrann(und ich ſage dies ohne Mißachtung gegen ſein Gedächtniß), aber es „Und es ſcheint Sie ſchrecklich angegriffen zu haben!“ ſagte Mr. Boffin mitleidsvoll. Mr. Lightwood ſetzte darauf, ohne zu erklären, daß ſeine Erſchöpfung chroniſch ſei, auseinander, daß, da jetzt war ein Vergnügen, von vor Sonnenaufgang bis nach Sonnenuntergang nach dem Geſchäft zu ſehen. Es iſt faſt ſchade,“ ſagte Mr. Boffin, ſein Ohr reibend,„daß er überhaupt je ſoviel Geld gemacht hat. Es wäre beſſer für ihn geweſen, wenn er ſich der Sache nicht ſo ſehr hingegeben hätte. Verlaſſen Sie ſich darauf,“ ſagte er, plötzlich die Entdeckung machend,„daß er es ſchwer fand, nach einer ſolchen Menge Geldes zu ſehen!“ Ihnen dieſe Mühe abzu⸗ 12 Mr. Un boffn wenn W lühet; der alte deihen in dece an die wood, ich w den Schi im die aube trug Kopf Ende rordentlich n die Zei enen man 7 8 dt, keine pfen, ehe uten das ten legen gen von uch unter der ihn tſchuldigen ggantiſchen -Aufmerk⸗ verdutzten en umher⸗ t, was ich d gut mit ſehen ſoll.“ Sie nicht eien Blöd⸗ der tiefen en ſteht, Sie dieſe ſtliche Ret⸗ l von Leu⸗ ſegnete Mt. e da ſagen, orden—, ſend. Der d ich ſage aber es bis nach n. Es iſt end,„daß wäre beffer dt ſo ſehr fagte el, chwer fand, — ſühe abzu- jjetzt, da ſie vornehm und faſhionable geworden iſt, viel⸗ Mr. Lightwood hüſtelte unüberzeugt. b „Und was das Befriedigendſein betrifft,“ fuhr Mr. Boffin fort,„der liebe Gott ſteh⸗ uns bei! Wo iſt wohl, wenn wir die Sache Stück für Stück auseinandernehmen, bisher die Befriedigendheit des Geldes? Nachdem der alte Mann dem armen Knaben endlich Recht ange⸗ deihen läßt, hat der arme Knabe nichts davon. Er wird in demſelben Augenblicke, wo er, ſo zu ſagen, die Taſſe an die Lippen ſetzt, aus dem Wege geſchafft. Mr. Light⸗ wood, ich kann Ihnen jetzt ſagen, daß Mrs. Boffin und ich unzählige Male für den armen, lieben Knaben gegen den alten Mann aufgeſtanden ſind, bis er uns alle die Schimpfnamen gegeben, die ſeine Zunge auszuſprechen im Stande war. Ich habe ihn, wenn Mrs. Boffin ihm die Rechte der natürlichen Liebe unter Blutsverwandten auseinandergeſetzt, ihr den Hut vom Kopfe reißen(ſie trug gewöhnlich zur Bequemlichkeit einen oben auf dem Kopfe ſitzenden, ſchwarzen Strohhut) und bis an's andere Ende des Hofes ſchleudern ſehen. Ich gebe Ihnen meine Verſicherung,— das hab' ich geſehen. Einmal, als er dies auf eine Manier gethan, die ſich bis zu perſönlicher Beleidigung verſtieg, wollt' ich ihm ſelbſt eins verab⸗ reichen, als Mrs. Boffin ſich zwiſchen uns warf und einen Schlag an die Schläfe erhielt, der ſie zu Boden ſtreckte, Mr. Lightwood. Zu Boden ſtreckte.“ V Mr. Lightwood murmelte:„Macht Mrs. Boffin's Kopf und Herzen gleiche Ehre.“ „Verſtehen Sie mich; ich erwähne dies,“ fuhr Mr. Boffin fort,„um Ihnen jetzt, da die Angelegenheit be⸗ endet iſt, zu zeigen, daß ich und Mrs. Boffin ſtets, wie dies unſere Chriſtenpflicht war, als Freunde der Kinder gehandelt haben. Ich und Mrs. Boffin haben uns des Mädchens angenommen, und ich und Mrs. Boffin haben uns des Knaben angenommen; ich und Mrs. Boffin ſind auf⸗ und dem alten Manne entgegengetreten, wenn wir auch jeden Augenblick erwarten durften, dafür aus dem Dienſte gejagt zu werden. Was Mrs. Boffin betrifft“ ſagte Mr. Boffin mit leiſerer Stimme,„ſie möchte es leicht nicht gern erwähnt wiſſen, aber ſie ging in meiner Gegenwart ſo weit, ihn einen ſteinherzigen alten Schuft zu nennen.“ Mr. Lightwood murmelte:„Starker angelſächſiſcher Geiſt— Mrs. Boffin's Vorfahren— Bogenſchützen— Agincourt. und Creſſy.“ Als wir den armen Knaben das letzte Mal ſahen,“ ſagte Mr. Boffin, indem er(wie dies beim Fett meiſtens der Fall iſt) mit einer Neigung zum Schmelzen warm wurde,„war er ein Kind von ſieben Jahren. Denn als er zurückkam, um Fürbitte für ſeine Schweſter zu thun, waren Mrs. Boffin und ich auf dem Lande, um einen Contract zu unterſuchen, der beſichtigt werden ſollte, ehe wir ihn abkarrten, und er war in einer einzigen Stunde dort und wieder fort. Ich ſage, er war ein Kind von ſieben Jahren. Er ging ganz allein und verlaſſen nach jener ausländiſchen Schule fort, und er kam in unſere Wohnung, die ſich am Ende des Hofes befand, wo gegen⸗ wärtig die„Laube“ ſteht, um ſich an unſerem Kamin⸗ feuer zu wärmen. Er war in ſeinem ärmlichen Reiſe⸗ anzuge. Draußen ſchauerte im Winde ſeine armſelige kleine Reiſekiſte, die ich nach dem Dampfboot hinunter⸗ tragen ſollte, da der alte Mann nichts von einem Six⸗ pence für Kutſchengeld hören wollte. Mrs. Boffin, da⸗ mals eine ganz junge Frau, und das Bild einer voll aufgeblühten Roſe, zieht ihn zu ſich heran, kniet vor dem Feuer nieder, wärmt ihre beiden Hände und reibt ihm mit denſelben die Wangen; da ſie aber die Thränen in den Augen des Kindes ſieht, füllen ſich auch die ihrigen, 73 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. nach den Fliegen hackt, da ich noch nicht das Vergnügen Ihrer Bekanntſchaft Erfahrung zu bringen, ſei, und endlich entdecken Sie den armen Jungen und ich und Mrs. Boffin machen oft die Bemerkung: und ſie hält ihn in den Armen, gewiſſermaßen als ob ſie ihn beſchützen wollte, und ruft mir zu:„Ich gäbe die ganze weite Welt darum, wenn ich mit ihm davonlaufen dürfte!“ Ich will nicht behaupten, daß es mir nicht ein wenig weh that, aber es erhöhte zugleich meine Bewun⸗ derung für Mrs. Boffin. Das arme Kind klammert ſich eine Weile an ſie, wie ſie ihn an ſich drückt, und ſagt dann, da der alte Mann ruft;„Ich muß fort! Gott ſegne Euch!“ und lehnt ſein Herz einen Augenblick an ihre Bruſt, und ſchaut zu uns Beiden auf wie in gro⸗ ßem Schmerz— in großer Herzenspein. Solch ein Blick! Ich begleitete ihn an Bord(nachdem ich ihn zu⸗ vor tractirt, wie ich ihm Vergnügen damit zu machen glaubte) und verließ ihn, als er in ſeiner Cajüte einge⸗ ſchlafen war, und kam dann zu Mrs. Boffin zurück. Doch was ich ihr immer über die Art und Weiſe, in der ich ihn verlaſſen, erzählen mochte, es machte gar keinen Eindruck auf ſie, denn in ihren Gedanken ſah ſie immer nur den Blick, mit dem er zu uns aufgeſchaut hatte. Aber es bewirkte ein Gutes. Mr. Boffin und ich hat⸗ ten keine eigenen Kinder und hatten uns oft eins ge⸗ wünſcht. Jetzt aber wünſchten wir es nicht mehr.„Wir könnten Beide ſterben,“ ſagte Mrs. Boffin,„und dann könnten andere Augen jenen Blick der Verlaſſenheit bei unſerem Kinde ſehen.“ Und Nachts, wenn es ſehr kalt war und der Wind heulte, oder der Regen an die Fen⸗ ſter ſchlug, pflegte ſie oft ſchluchzend aufzuwachen und ganz erſchrocken und zitternd auszurufen:„Siehſt Du des armen Kindes Geſichtchen nicht? O ſchütze das arme Kind!“— bis die Erinnerung ſich im Verlauf der Jahre allmälig verwiſchte, wie dies mit ſo vielen Dingen der Fall iſt.“ „Mein lieber Mr. Boffin, es verwiſcht ſich Alles in dieſer Welt,“ ſagte Mortimer mit einem leichten Lachen. „Ich will nicht ſo weit gehen, zu behaupten, daß ſich Alles verwiſcht,“ erwiderte Mr. Boffin, den Lightwood's Manier unangenehm zu berühren ſchien;„denn es giebt viele Dinge, die ich nie unter dem Kehricht fand. Nun, Sir, Mrs. Boffin und ich, wir wurden immer älter und älter im Dienſte des alten Mannes, wo wir ein ſchweres Leben und ſchwere Arbeit hatten, bis der alte Mann eines Tages todt im Bette gefunden wird. Dann ver⸗ ſiegeln Mrs. Boffin und ich ſeine Kiſte, die ſtets auf dem Tiſche neben ſeinem Bette ſtand, und da ich oft vom Temple gehört, als einem Ort, wo für Advokaten⸗ kehricht contrahirt wird, komme ich hierher, um einen Advokaten und deffen Beiſtand zu ſuchen, und ich er⸗ blicke Ihren jungen Menſchen hier oben auf dieſer An⸗ höhe, wo er auf dem Fenſterſitze mit ſeinem Federmeſſer und ich rufe ihm ein Ahoy! zu, genieße, und verſchaffe mir auf dieſe Weiſe die letztere Ehre. Darauf machen Sie und der Herr in dem unbe⸗ quemen Halstuche unter dem kleinen Thorwege in St. Paul's Kirchhofe—“ „Doctors Commons,“ murmelte Lightwood. „Ich verſtand den Namen anders,“ ſagte Mr. Boffin, „doch wiſſen Sie es beſſer. Darauf alſo machen Sie und Doctor Scommons ſich an's Werk, und thun, was ſich gehört, und thun die nothwendigen Schritte, um in ob der arme Junge am Leben „Wi. werden ihn unter glücklichen Verhältniſſen wiederſehen!“ Aber es ſollte nicht ſein; und der Mangel an Befrie⸗ digendheit liegt darin, daß das Geld ſchließlich nicht an ihn gelangt.,“*. 6 2 — V „Aber es gelangt in vortreffliche Hände,“ bemerkte Lightwood mit einer matten Neigung des Kopfes. „Es gelangt in meine und Mrs. Boffin's Hände, und zwar an dieſem heutigen Tage und in dieſer ſelbigen Stunde, und das iſt's eben, wo ich hinaus will, da ich abſichtlich dieſen Tag und dieſe Stunde abgewartet habe. Mr. Lightwood, es hat hier einen gottloſen, grauſamen Mord gegeben. Aus dieſem Morde ziehen Mrs. Boffin und ich geheimnißvoller Weiſe den Vortheil. Für den Fang und die Ueberführung des Mörders ſetzen wir eine Belohnung von einem Zehntel des Vermögens aus— eine Belohnung von zehntauſend Pfund.“ „Mr. Boffin, das iſt zu viel.“ „Mr. Lightwood, Mrs. Boffin und ich haben die Summe zuſammen beſtimmt, und wir bleiben dabei.“ „Aber laſſen Sie mich Ihnen,“ entgegnete Lightwood, „indem ich jetzt mit amtlicher Weisheit und nicht mit individuellem Blödſinn rede, vorſtellen, daß das Aus⸗ ſetzen einer ſo ungeheuren Belohnung eine Verſuchung zu forcirtem Verdacht, forcirter Auslegung von Umſtänden, forcirter Beſchuldigung, kurz, ein ganzer Geſchirrkaſten von ſcharfen Werkzeugen iſt.“ „Nun,“ ſagte Mr. Boffin ein wenig verblüfft,„das iſt die Summe, die wir dafür bei Seite geſetzt haben. Ob dies öffentlich in den neuen Plakaten bekannt ge⸗ macht werden ſoll, die jetzt unter unſeren Namen—“ „Unter Ihrem Namen, Mr. Boffin, unter Ihrem Namen.“ 7 „Sehr gut; unter meinem Namen, der derſelbe iſt, als Mrs. Boffin's Name, und uns Beide bedeutet— das muß überlegt werden, indem man dieſelben aufſetzt. Doch dies iſt die erſte Inſtruction, die ich als Beſitzer des Vermögens, beim Antritte deſſelben, meinem Advo⸗ katen gebe.“ „Ihr Advokat, Mr. Boffin,“ ſagte Lightwood, indem er mit einer ſehr verroſteten Feder ein ſehr kurzes Me⸗ morandum machte,„hat das Vergnügen, die Inſtruction entgegenzunehmen. Sie haben ihm noch eine andere zu geben?“ „Noch eine einzige und dann weiter keine. Machen Sie mir ein ſo compaktes kleines Teſtament, wie ſich dies mit Bindſamkeit vereinbaren läßt, und in dem ich mein ganzes Vermögen„meiner geliebten Gattin Henriette Boffin vermache, und ſie zur alleinigen Teſtamentsvoll⸗ ſtreckerin ernenne.““ Da Mr. Lightwood nicht genau zu ergründen ver⸗ mochte, was Mr. Boffin durch Bindſamkeit aus⸗ drücken wollte, verſuchte er ſich vorſichtig taſtend hierüber aufzuklären. „Ich bitte um Vergebung, aber das Geſetz ver⸗ langt die größte Genauigkeit. Wenn Sie Bindſam⸗ keit ſagen— „So meine ich, Bindſamkeit,“ erklärte Mr. Boffin. „Ganz recht. Und es kann nichts Lobenswertheres geben. Aber ſoll dieſe Bindſamkeit Mrs. Boffin an gewiſſe Bedingungen— und was für Bedingungen— binden?“ „Mrs. Boffin binden?“ rief der Gatte aus.„Nein! Wo denken Sie hin! Ich will im Gegentheil, daß das Teſtament es ſo feſt an ſie bindet, daß es ihr in keiner Weiſe genommen werden kann.“ „Es zu ihrem unbeſchränkten Eigenthum macht, da⸗ mit ſie nach Gefallen darüber verfügen kann? Daß es abſolut ihr gehört?“. „Abſolut?“ wiederholte Mr. Boffin mit einem kur⸗ zen Lachen.„Ah! das ſollt' ich meinen! Eine ſchöne Geſchichte, wahrlich, wenn ich jetzt, in meinen Jahren, anfangen wollte, Mrs. Boffin zu binden!“ 75 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. Und ſo ward dieſe Inſtruction ebenfalls von Mr. Lightwood entgegengenommen; und nachdem dies geſche⸗ hen, war Mr. Lightwood im Begriff, Mr. Boffin aus dem Zimmer zu geleiten, als er in der Thür faſt von Mr. Eugen Wrayburn umgerannt wäre. Mr. Lightwood ſagte deshalb auf ſeine trockene Weiſe:„Erlaubt mir, Euch Beide mit einander bekannt zu machen,“ und gab ferner zu verſtehen, daß Mr. Wrayburn ein gelehrter Rechtsanwalt ſei, und daß er, Lightwood, Mr. Wrayburn theils in geſchäftlicher, theils in freundſchaftlicher Weiſe mit den intereſſanten Thatſachen in Mr. Boffin's Bio⸗ graphie bekannt gemacht. „Freut mich außerordentlich,“ ſagte Eugen— ob⸗ gleich er nicht das Ausſehen hatte,„Mr. Boffin's Be⸗ kanntſchaft zu machen.“ „Danke, Sir, danke,“ erwiderte dieſer Herr. wie gefällt Ihnen die Rechtsgelehrſamkeit?“ „Ah—— nicht beſonders,“ entgegnete Eugen. „Zu trocken für Sie, wie? Nun, es bedarf vermuth⸗ lich einiger Jahre des Feſtdaranklebens, ehe man Herr darüber wird. Aber es geht nichts über Arbeit. Schauen Sie nur die Bienen an.“ „Ich bitte um Vergebung,“ entgegnete Eugen mit einem widerſtrebendenden Lächeln,„aber wollen Sie mich entſchuldigen, wenn ich ſage, daß ich ſtets dagegen prote⸗ ſtire, mich auf die Bienen verweiſen zu laſſen?“ „Wirklich?“ ſagte Mr. Boffin. „Ich proteſtire aus Grundſatz dagegen,“ ſagte Eugen, „als ein Zweifüßler—“ „Als ein— was?“ fragte Mr. Boffin. „Als ein zweifüßiges Geſchöpf;— ich proteſtire als ein zweifüßiges Geſchöpf aus Grundſatz dagegen, fort⸗ während auf Inſekten und vierfüßige Geſchöpfe verwieſen zu werden. Ich proteſtire dagegen, daß man von mir verlangt, mir die Biene, oder den Hund, oder die Spinne, oder das Kameel zum Muſter zu nehmen. Ich gebe vollkommen zu, daß das Kameel, zum Beiſpiel, ein außerordentlich mäßiges Weſen iſt; aber es beſitzt mehrere Magen, mit denen es ſich unterhalten kann, während ich nur einen habe. Ueberdies bin ich nicht mit einem be⸗ quemen kühlen Keller ausgeſtattet, in dem ich mein Ge⸗ tränk aufbewahren kann.“ „Aber,“ ſagte Mr. Boffin, der nicht recht wußte, was er hierauf antworten ſollte,„ich ſagte die Biene, wiſſen Sie.“ „Ganz recht. Und darf ich Ihnen auseinanderſetzen, daß es unverſtändig iſt, die Biene zu ſagen? Denn der ganze Fall iſt nur ein vorausgeſetzter. Nehmen wir für einen Augenblick an, daß es überhaupt eine Analogie zwiſchen einer Biene und einem Manne in einem Hemd und in Hoſen gekleidet gäbe(was ich indeſſen beſtreite) und daß es ausgemacht wäre, daß der Mann von der Biene lernen ſoll(was ich ebenfalls beſtreite), ſo bleibt noch immer die Frage, was er lernen ſoll? Soll er das Beiſpiel der Biene befolgen? oder ſoll er es meiden? Wenn Ihre Freunde, die Bienen, in ſo außerordentlich aufgeregter Weiſe ihre Königin umſchwirren und über die geringſte monarchiſche Bewegung völlig“von Sinnen gerathen,— ſollen wir Menſchen daraus etwa die Größe der Speichelleckerei oder die Kleinlichkeit der Hofzeitung lernen? Ich bin mir noch nicht klar, Mr. Boffin, ob ein Bienenſtock nicht ſatyriſch gemeint iſt.“ „Jedenfalls arbeiten ſie,“ ſagte Mr. Boffin. „Ja— a,“ entgegnete Eugen in verächtlichem Tone, „ſie arbeiten; aber finden Sie nicht, daß ſie es über⸗ treiben? Sie arbeiten ſo viel mehr, als nothwendig iſt — fabriciren ſo viel mehr, als ſie verzehren können— ſie ſummen ihre einzige Idee ſo unausgeſetzt, bis der „Und 76 70d ſie 718 finden glbeiter rühhen we nung de fen?] Frühſtü Schulim gegen behag zicht die er Unbe ſer G. er pli gentile 17 plötz ſoll's und k ſagte Stein angef Mam Boff 244 derſel Perſt gegei weine bet Sie arger 1 1 Mr. Etwo glaub ander getöſe 0, Eugen. if vermuth. man Herr Schauen Eugen wit egen prote⸗ agto agte Eugen, roteſtire als gegen, fort⸗ verwieſen an von mir d, oder die nehmen. Ich iſpiel, ein gt mehrere ährend ich t einem be⸗ mein Ge⸗ recht wußte, die Biene, nanderſehen, 2 Denn der men wir für Analogie Hemd en beſtreite) un von der ſo bleibt Soll er das s meiden? erordentlich nd über die n Sinnen die Größe Hofzeitung Boffin, ob Tod ſie erwiſcht— daß ſie es wirklich übertreiben,— finden Sie dies nicht? Und ſollen wir menſchlichen Arbeiter keine Feiertage haben, weil die Bienen nicht ruhen wollen? Und ſoll ich mir nie eine Luftverände⸗ rung vergönnen, weil die Bienen derſelben nicht bedür⸗ fen? Mr. Boffin, ich finde den Honig vortrefflich beim Frühſtück; doch in dem Lichte meines conventionellen Schulmeiſters und Moraliſten betrachtet, proteſtire ich gegen jenen tyranniſchen Schwindler, gegen Ihren Freund Biene. Ungeachtet der größten Hochachtung für Sie.“ „Danke,“ ſagte Mr. Boffin.„Morgen, Morgen!“ Aber der würdige Mr. Boffin trabte mit einem un⸗ behaglichen Eindrucke von dannen, auf den er gern Ver⸗ zicht geleiſtet hätte, daß es auch außer derjenigen noch, die er an dem Harmon'ſchen Vermögen entdeckt, ſehr viel Unbefriedigendheit in der Welt gebe. Und in die⸗ ſer Gemüthsſtimmung trabte er Fleet⸗Street hinab, als er plötzlich gewahr ward, daß er von einem Manne von gentilem Ausſehen gefolgt und beobachtet werde. „Nun?“ ſagte Mr. Boffin ſtillſtehend, da er ſich plötzlich in ſeinen Meditationen unterbrochen ſah,„was ſoll's denn geben?“ „Ich bitte um Vergebung, Mr. Boffin.“ „Und meinen Namen wiſſen Sie auch ſchon, wie? Wie kommen Sie dazu? Ich kenne Sie nicht.“ „Nein, Sir, Sie kennen mich nicht.“ 77 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. Mr. Boffin ſchaute dem Manne gerade in's Geſicht und der Mann ſchaute ihm gerade in's Geſicht.„Nein,“ ſagte Mr. Boffin, nachdem er einen Blick auf das Steinpflaſter geworfen, wie wenn daſſelbe aus Geſichtern angefertigt und er dort eine Aehnlichkeit mit dem des Mannes geſucht hätte,„ich kenne Sie nicht.“ „Ich bin Niemand,“ ſagte der Fremde,„und es iſt nicht wahrſcheinlich, daß man mich kennen könnte; aber Mr. Boffin's Reichthum—“ Boffin. „O! Das iſt bereits bekannt, wie?“ murmelte Mr. „— und die romantiſche Art und Weiſe, in der ihm derſelbe zugefallen, machen ihn zu einer bemerkenswerthen Perſönlichkeit. gezeigt und genannt.“ Sie wurden mir neulich von Jemandem „Nun,“ ſagte Mr. Boffin,„ich denke mir, daß Sie, V wenn Ihre Höflichkeit Ihnen nur geſtatten wollte, dies zu bekennen, ſich enttäuſcht fühlten, als ich Ihnen ge⸗ zeigt wurde, denn ich weiß ſehr wohl, daß ich keinen ſehr ſchönen Anblick gewähre. Was dürften Sie von mir wünſchen? Sie ſind nicht im Rechtsfache, wie?“ „Nein, Sir.“ „Haben Sie keine Auskunft zu geben, für eine Be⸗ lohnung?“ „Nein, Sir.“ Es mochte dem Manne, als er dieſe letztere Antwort gab, eine ſchnelle Röthe in's Geſicht ſteigen, doch war dieſelbe raſch wieder gewichen. „Wenn ich nicht irre, ſo ſind Sie mir vom Hauſe meines Advokaten gefolgt und haben meine Aufmerkſam⸗ keit auf ſich zu ziehen geſucht. Sprechen Sie! Haben Sie dies gethan, oder nicht?“ fragte Mr. Boffin, ziemlich ärgerlich. „Ja,“ „Warum haben Sie das gethan?“ „Wenn Sie mir erlauben, neben Ihnen zu gehen, Mr. Boffin, ſo will ich es Ihnen ſagen. Hätten Sie Etwas dawider, hier in dieſen Hof zu treten— ich glaube, derſelbe heißt Clifford's⸗Inn— wo wir ein⸗ ander beſſer hören werden, als in dieſem Straßen⸗ getöſe?“ („Wenn er,, dachte Mr. Boffin,„jetzt eine Partie Kegel vorſchlägt, oder einen Mann aus der Provinz vor ſich zu ſehen glaubt, der eben in den Beſitz eines Ver⸗ mögens gelangt iſt, oder einen Goldſchmuckgegenſtand zum Vorſchein bringt, den er ſo eben auf der Straße ge⸗ funden, ſo will ich ihn zu Boden ſchlagen!“ Mit die⸗ ſem vernünftigen Vorſatze und ſeinen Stock im Arme, etwa wie Punch den ſeinigen trägt, ging Mr. Boffin in Clifford's⸗Inn hinein.) „Mr. Boffin, ich befand mich heute Morgen zufällig in Chancery⸗Lane, als ich Sie vor mir die Straße ent⸗ lang gehen ſah. Ich ergriff die Gelegenheit, Ihnen zu folgen, und verſuchte, Muth zu ſammeln, um Sie an⸗ zureden, bis Sie in das Haus Ihres Advokaten traten. Dann wartete ich draußen, bis Sie wieder heraus⸗ kamen.“ („Das klingt nicht ſehr nach Kegel, noch nach dem Manne vom Lande, noch nach gefundenem Goldſchmuck,“ dachte Mr. Boffin;„aber man kann nicht wiſſen.“) „Ich fürchte, daß mein Anliegen ein ſehr verwegenes iſt und wenig von dem gewöhnlichen praktiſchen Welt⸗ brauch an ſich hat, doch will ich es wagen. Wenn Sie mich fragen— oder, was wahrſcheinlicher iſt, ſich ſelber fragen— was mich dazu ermuthigt, ſo antworte ich Ihnen, daß ich die Verſicherung erhalten, daß Sie ein Mann von der ſtrengſten Rechtlichkeit und Gradheit und dazu mit dem beſten Herzen und einer Gattin geſegnet find, die ſich durch dieſelben Eigenſchaften auszeichnet.“ „Das, was man Ihnen über Mrs. Boffin mitge⸗ theilt hat, iſt jedenfalls wahr,“ erwiderte Mr. Boffin, indem er abermals ſeinen neuen Freund betrachtete. Es lag in dem Weſen des Fremden etwas Gedrücktes, und er hielt die Augen auf den Boden geheftet— wiewohl er ſich deſſenungeachtet von Mr. Boffin beobachtet zu werden bewußt war— und ſprach mit leiſer Stimme. Doch klangen ſeine Worte natürlich, und ſeine Stimme war angenehm, obgleich der Ton ein etwas gezwungener. „Wenn ich hinzufüge, daß ich das, was die Welt von Ihnen ſagt, mit eigenen Augen wahrzunehmen im Stande bin— daß Sie nämlich nicht verdorben ſind durch das Glück und ohne allen Hochmuth, ſo hoffe ich, daß Sie als ein Mann von offenem Gemüth nicht glau⸗ ben werden, ich wolle Ihnen ſchmeicheln, jondern, daß ich mich nur entſchuldigen will, da dies die einzige Entſchul⸗ digung iſt, die ich für meine Aufdringlichkeit vorzubrin⸗ gen im Stande bin.“ („Wieviel?“ dachte Mr. Boffin. Geld hinausgehen. Wieviel?“) „Sie werden in Ihren veränderten Verhältniſſen ver⸗ muthlich Ihre Lebensweiſe verändern, Mr. Boffin. Sie werden wahrſcheinlich ein größeres Haus führen, man⸗ cherlei Angelegenheiten zu arrangiren haben und von Cor⸗ reſpondenten belagert werden. Wenn Sie mich als Ihren Secretair—“ „Als was?“ rief Mr. Boffin, indem er große Augen machte. „Als Ihren Secretair—“ „Nun,“ ſagte Mr. Boffin leiſe vor ſich hin,„daß iſt ſonderbar!“ „Oder,“ fuhr der Fremde voll Verwunderung über Mr. Boffin's Verwunderung fort,„wenn Sie es mit mir als Ihrem Geſchäftsführer, unter irgend einem DTitel, verſuchen wollten, ſo weiß ich, daß Sie mich treu und dankbar, und ich hoffe, auch nützlich finden würden. Sie werden natürlicher Weiſe denken, daß mein unmittelbarer Zweck hierbei der Gelderwerb ſei. Doch dem iſt nicht ſo, denn ich möchte Ihnen gern ein Jahr— zwei Jahr, ſo lange, wie Sie es ſelbſt beſtimmen mögen— dienen, ehe dieſer Punkt zwiſchen uns in Berückſichtigung käme.“ „Es muß auf's 78 — 79 „Wo ſind Sie her?“ fragte Mr. Boffin. „Ich komme,“ erwiderte der Andere, ihm in's Auge ſchauend,„aus vielen Ländern.“ Da Mr. Boffin's Bekanntſchaft mit den Namen und Gegenden fremder Länder eine beſchränkte und ziemlich verwirrte war, bildete er ſeine nächſte Frage nach einem elaſtiſchen Muſter. „Aus— irgend einem beſonderen Orte?“ „Ich bin an vielen Orten geweſen.“ „Was ſind Sie geweſen?“ fragte Mr. Boffin. Er machte abermals keine großen Fortſchritte, denn Antwort war:„Ein Studirender und ein Reiſender.“ „Aber, wenn ich mir keine zu große Freiheit mit der offenen Frage nehme— was thun Sie, um ſich Ihren Lebensunterhalt zu erwerben?“ „Ich habe bereits erwähnt,“ ſagte der Andere, indem er ihn abermals anſchaute und lächelte,„welche Beſchäf⸗ tigung ich ſuche. Ich bin in gewiſſen kleinen Plänen, die ich hatte, verdrängt worden, und darf wohl ſagen, daß ich das Leben jetzt wieder von vorn anzufangen ge⸗ nöthigt bin.“ Da er nicht recht wußte, wie er ſich dieſen Bitt⸗ ſteller vom Halſe ſchaffen ſollte, und ſich um ſo verlegener fühlte, als das Benehmen und Ausſehen des Mannes ein Zartgefühl beanſpruchten, deſſen der würdige Mr. Boffin zu ermangeln fürchtete, ſo ſchaute er, nach einem Aus⸗ wege ſuchend, in das ſchimmelige, kleine Katzengehege, Clifford's⸗Inn genannt, hinein. Er ſah dort Sperlinge, er ſah dort Katzen, er ſah dort Fäulniß und Moder, ſonſt aber hatte der Ort ihm nichts zu bieten. „Inzwiſchen,“ ſagte der Fremde, indem er ein kleines Taſchenbuch und aus dieſem eine Karte herausnahm, „habe ich Ihnen noch nicht meinen Namen geſagt. Ich heiße Rokeſmith und wohne bei einem gewiſſen Mr. Wilfer, in Holloway.“ Mr. Boffin ſchaute ihn an mit ſtaunendem Blick. „Dem Vater von Miß Bella Wilfer?“ ſagte er. „Mein Wirth hat eine Tochter mit Namen Bella. Ja; allerdings.“ Dieſer Name hatte Mr. Boffin aber mehr oder we⸗ die Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. niger den ganzen Morgen, ja ſchon ſeit mehreren Tagen im Kopfe gelegen; deshalb ſagte er: „Das iſt wieder ſonderbar!“ und ſtierte, ſich ſelber unbewußt, in einer Weiſe, die alle Grenzen der guten Sitte überſchritt, mit der Karte in der Hand, vor ſich hin. Mitglied jener Familie war, das mich Ihnen zeigte?“ „Nein. der Straße geweſen.“ „Haben Sie aber von mir ſprechen hören?“ „Nein. Ich bewohne meine Zimmer allein, und habe faſt gar keinen Verkehr mit ihnen.“ „Obgleich es, beiläufig geſagt, wahrſcheinlich ein 80 „Sl.“ Mr. Boffin machte abermals große Augen und be⸗ trachtete den Bittſteller vom Kopf bis zu den Füßen, indem er wiederholte:„Seltſam!— Sie wiſſen gewiß, daß Sie Secretair ſagten? Wie?“ „Ich bin deſſen vollkommen gewiß.“ —„Als Secretair,“ wiederholte Mr. Boffin, über das Wort nachſinnend;„ich weiß eben ſo wenig, ob ich eines Secretairs bedürfen werde, als ich weiß, ob es mich je nach dem Manne im Monde verlangen wird. Ich und Mrs. Boffin ſind ſelbſt noch zu keiner Entſcheidung ge⸗ kommen, ob wir unſere Lebensweiſe verändern ſollen. Mres. Boffin neigt ſich allerdings der vornehmen Welt zu; doch da ſie ſich in der Laube bereits faſhionable eingerichtet hat, iſt es möglich, daß ſie keine ferneren Veränderungen beabſichtigt. Da Sie ſich indeſſen nicht aufdrängen, Sir, ſo will ich Ihnen gern ſo weit entgegen⸗ kommen, Ihnen zu ſagen: kommen Sie jedenfalls nach der Laube, falls es Ihnen beliebt. Kommen Sie im Verlaufe von acht oder vierzehn Tagen. Zugleich möchte ich außer dem, was ich bereits geſagt habe, noch er⸗ wähnen, daß ich bereits einen literariſchen Mann— mit einem hölzernen Bein— in meinen Dienſt genommen, den ich nicht wieder zu entlaſſen beabſichtige. „Ich bedaure, zu hören, daß man mir gewiſſermaßen ſchon zuvorgekommen,“ ſagte Mr. Rokeſmith, der dies offenbar mit Ueberraſchung gehört;„doch vielleicht dürften ſich noch andere Pflichten darbieten?“ „Sehen Sie,“ ſagte Mr. Boffin, mit einem gewiſſen Gefühl der Würde,„was die Pflichten meines literariſchen Mannes betrifft, ſo ſind dieſelben klar. In ſeiner amt⸗ lichen Beſchaffenheit verfällt und untergeht er, und als Freund geht er in Poeſie über.“ Ohne zu bemerken, daß Mr. Rokeſmith dieſe Pflichten keineswegs klar begriff, fuhr Mr. Boffin fort: „Und jetzt, Sir, will ich Ihnen guten Morgen wün⸗ ſchen. Sie können im Verlaufe der nüächſten vierzehn Tage, wenn es Ihnen gefällt, in der Laube vorſprechen. Es iſt nicht mehr, als etwa eine Meile von Ihnen, und Ihr Hauswirth kann Ihnen den Weg zeigen. Da er das Haus indeſſen noch nicht bei ſeinem neuen Namen „Boffin's Laube“ kennen mag, ſo ſagen Sie lieber, wenn Sie ihn darnach fragen, daß es Harmon's Haus war; wollen Sie das ſagen?“ „Harmoon's,“ wiederholte Rokeſmith, der das Wort nicht deutlich gehört zu haben ſchien,„oder Harmarn's. Wie buchſtabiren Sie es?“ Ich bin noch mit keinem derſelben je auf „Ei, was das Buchſtabiren betrifft,“ erwiderte Mr. Boſkffin mit großer Geiſtesgegenwart,„das iſt Ihre „Immer ſeltſamer und ſeltſamer!“ ſagte Mr. Boffin. „Nun, Sir, die Wahrheit zu geſtehen, ſo weiß ich nicht, was ich ſagen ſoll.“ „Sagen Sie nichts,“ entgegnete Mr. Rokeſmith, er⸗ lauben Sie mir vielmehr, Ihnen in einigen Tagen meinen Beſuch zu machen. Ich bin nicht ſo unverſtändig, es für wahrſcheinlich zu halten, daß Sie mich ſogleich auf den erſten Blick und von der Straße weg annehmen werden. Ihnen bequem iſt, damit Sie ſich ferner eine Anſicht über mich bilden können.“ „Das iſt nicht mehr wie billig, und ich habe nichts dagegen einzuwenden,“ ſagte Mr. Boffin;. unter der Bedingung, daß Sie vollkommen einſehen, daß ich eben ſo wenig weiß, ob ich je eines Herrn als Se⸗ eretair— Sie ſagten doch Secretair, wie?“ Laſſen Sie mich zu Ihnen kommen, wenn es „doch nur Sache. Harmon's Haus iſt Alles, was Sie ihm zu ſagen brauchen. Morgen, Morgen, Morgen!“ Und da⸗ mit ging er, ohne zurückzuſchauen. ANeuntes Capitel. Mr. und Mrs. Vofſin in Berathſchlagung. Mr. Boffin lenkte ſeine Schritte ſofort heimwärts und langte ohne weitere Hemmung in der Laube an, wo er Mrs. Boffin(die ein ſchwarzes Sammetkleid und Federn trug, gleich einem Todtenwagenpferde) über Alles, was er ſeit dem Frühſtück geſagt oder gethan, Bericht abſtattete. „Dies, meine Liebe, bringt uns zu dem Punkte, den wir unentſchieden gelaſſen hatten;— ob wir nämlich V 1 noch fe Nde t & müßſe Nech V wir ſich Ver V Veru 80 u und be. den Roß en Füßen, en gewiß ſollen. nehmen Welt faſhionable ine ferneren ndeſſen nicht eit entgegen⸗ enfalls nach gewiſſermaßen th, der dies leicht dürften geht er, und dieſe Pflichten Morgen wün⸗ ſten vierzehn vorſprechen. von Ihnen, Da Namen⸗ r, wenn 5 Haus war; ber das Wort r Harmarn's. r erwiderte Mr. as iſt Ihre Sie ihm zu Und da⸗ Uagung. d heimwärtz Laube an, 81 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 82 noch fernere Schritte in die Richtung der vornehmen Mode thun ſollen,“ ſagte er ſchließlich. „Jetzt will ich Dir ſagen, was ich mir wünſche, Noddy,“ ſagte Mrs. Boffin, mit einer Miene außerordentlichen Behagens ihr Kleid glättend,„ich wünſche mir Ge⸗ ſellſchaft.“ „Vornehme Geſellſchaft, meine Liebe?“ „Ja!“ rief Mrs. Boffin, mit der Freude eines Kindes lachend.„Ja! Es nützt nichts, mich hier wie eine Wachs⸗ figur aufzubewahren, wie?“ „Man bezahlt, um Wachsfiguren zu ſehen, meine Liebe,“ erwiderte ihr Gatte,„wohingegen(obgleich Du für daſſelbe Geld wohlfeil ſein würdeſt) die Nachbarn Dich leicht umſonſt ſehen können.“ „Aber es geht nicht,“ ſagte die heitere Mrs. Bof⸗ fin.„Als wir noch arbeite⸗ ten, wie die Nachbarn, da paßten wir für einander. Jetzt aber, da wir die Arbeit aufgegeben, haben wir auch fuͤr einander zu paſſen aufgehört.“ „Was meinſt Du dazu, wenn wir wieder zu arbeiten anfingen,“ ſagte Mr. Boffin. „Außer Frage! Wir ſind in den Beſitz eines großen Vermögens gelangt, und müſſen unſerm Vermögen Recht angedeihen laſſen; wir müſſen handeln, wie ſich's bei einem ſolhen Vermögen gebührt.“) Mr. Boffin, der eine hohe Achtung für die ange⸗ borene Weisheit ſeiner Gat⸗ tin hegte, erwiderte, wenn⸗ gleich etwas nachdenklich: „Das mag wohl wahr ſein.“ „Wir haben bisher noch nicht darnach gehandelt, und darum iſt noch nichts Gutes daraus erwachſen,“ ſagte Mrs. Boffin. „Wahr, bis hierher,“ ſagte Mr. Boffin, mit ſeiner vorherigen gedanken⸗ vollen Miene, indem er ſich auf ſeine Bank niederließ. „Ich hoffe, daß für die poffin's Fahrt. kunft Gutes daraus er⸗ ſon möge. Was iſt Deine Anſicht hierüber, alte ame?“ Mrs. Boffin, die ein lächelndes Weſen von breiter Geſtalt und einfacher Natur war, die Hände auf dem Schooße faltete und Falten in dem runden Halſe hatte, ſchickte ſich an, ihre Anſichten kund zu thun. „Ich ſage, laß uns ein gutes Haus in einer guten Nachbarſchaft, gute Sachen um uns, gute Nahrung und gute Geſellſchaft haben. Ich ſage, laß uns nach unſern Mitteln leben, ohne Verſchwendung, und glücklich ſein.“ „Ja. Ich ſage ebenfalls, laß uns glücklich ſein,“ ſtimmte der noch immer gedankenvolle Boffin bei. „Du lieber Himmel!“ rief Mrs. Boffin aus, indem fie lachte, in die Hände ſchlug und ſich hin⸗ und her⸗ wiegte,„wenn ich mich in Gedanken in einer hellgelben 4 zweiſpännigen Kutſche ſehe mit ſilbernen Achſen für die Räder— „O! Daran dachteſt Du, meine Liebe, wie?“ „Ja!“ rief das überſelige Geſchöpf.„Und mit einem Bedienten hintenauf, und einer Stange hinter ihm, um ſeine Beine vor den Wagendeichſeln zu ſchützen! Und einem Kutſcher auf dem Bock, in einem gepolſterten Sitz, der groß genug für Drei von ſeinem Gewicht und über⸗ her mit grün und weißem Tuch behangen! Und mit zwei braunen Pferden, welche die Köpfe in die Höh' werfen und höher traben, als ihre Schritte lang ſind! Und Du und ich drinnen, wo wir uns zurücklehnen, ſo vornehm wie Prinzen!— O du meine Güte! Ha ha ha ha ha!“ Mrs. Boffin ſchlug wie⸗ der in die Hände, wiegte ſich wieder hin und her, ſtampfte mit den Füßen auf den Boden und ſtrich ſich die Thränen des Ge⸗ lächters aus den Augen. „„ und was,“ fragte Mr. Boffin, nachdem auch er „theilnehmend gelacht,„ſind Deine Pläne in Bezug auf die Laube, meine alte Dame?“ „Schließe ſie zu. Gieb ſie nicht fort; ſondern laß Jemand darin wohnen, um ſie in Ordnung zu erhalten.“ „Sonſt noch Pläne?“ „Noddy,“ ſagte Mrs. Boffin, indem ſie von ihrem vornehmen Sopha nach ſeiner einfachen Bank herüberkam und ihren run⸗ den Arm gemüthlich durch den ſeinigen ſchlang. Zu⸗ nächſt denke ich— ja, habe ich früh und ſpät gedacht — an das enttäuſchte Mäd⸗ chen; an ſie, die eine ſo grauſame Enttäuſchung er⸗ litten hat, weißt Du, in Bezug auf den Gatten ſo⸗ wohl, als auf deſſen Reich⸗ thum. Meinſt Du nicht, daß wir etwas für ſie thun könnten? Könnten 1 wir ſie nicht zu uns neh⸗ (Seite: 84.) men? Oder etwas der Art für ſie thun?“ „Habe noch nie daran gedacht, in welcher Weiſe es gethan werden könnte!“ rief Mr. Boffin, in ſeiner Be⸗ wunderung auf den Tiſch ſchlagend.„Welch eine den⸗ kende Dampflocomotive dieſe alte Dame iſt! Und ſie weiß ſelber nicht, wie ſie es macht. Eben ſo wenig, wie die Locomotive.“ Mrs. Boffin zupfte ſein ſich ihr zunächſt befindendes Ohr zur Anerkennung dieſer philoſophiſchen Bemerkung und ſagte dann, allmälig in einen mütterlichen Ton übergehend:„Und ſchließlich, obgleich dies nicht die kleinſte Sache iſt, habe ich mir eine Grille in den Kopf geſetzt. Du erinnerſt Dich des lieben kleinen John Har⸗ mon, ehe er nach der Schule fortreiſte? Dort drüben über dem Hofe, vor unſerm Kaminfeuer? Jetzt, da er völlig außer dem Bereiche all dieſes Geldes, und daſſelbe 3 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. . 83 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 84 uns zugefallen iſt, möchte ich einen Waiſenknaben finden, ihn adoptiren und ihm John's Namen geben und ihn verſorgen. Mir iſt's, als ob dies mir eine Beruhigung gewähren würde. Sagen wir, es ſei eine bloße Grille—“ „Aber das ſage ich nicht,“ unterbrach ſie der Gatte. „Nein, aber liebes Herz, wenn Du es ſagteſt—“ „So wäre ich ein Unthier,“ unterbrach der Gatte ſie abermals. „Das heißt ſo viel, als daß Du mit mir überein⸗ ſtimmſt? Das iſt gut und lieb von Dir und ſieht Dir ganz ähnlich, Du lieber Alter! Und fängſt Du jetzt nicht an,“ ſagte Mrs. Boffin, wiederum ſtrahlend vom Kopf bis zu den Füßen, und abermals mit höchſtem Entzücken ihr Kleid glättend,„den Gedanken bereits angenehm zu finden, daß wegen jenes armen, traurigen Kindes an jenem Tage ein anderes Kind froher, beſſer und glück⸗ licher gemacht werden ſoll? Und iſt es nicht ein guter Gedanke, daß das Gute mit dem Gelde jenes armen, traurigen Kindes bewirkt werden ſoll?“ „Ja; und es iſt ein angenehmer Gedanke, zu wiſſen, daß Du Mrs. Boffin biſt,“ ſagte Mr. Boffin,„und es iſt dies ſeit vielen, vielen Jahren ein angenehmer Ge⸗ danke geweſen!“ Es war Verderben für Mrs. Boffin's ehrgeizige Wünſche, aber da ſie dies geſprochen, ſaßen ſie, als ein hoffnungslos unfaſhionables Paar, neben einander auf der Bank. Dieſe beiden unwiſſenden und ungebildeten Leute hatten ſich durch ein frommes Pflichtgefühl und den Wunſch, recht zu thun, ſo weit auf ihrer Lebensreiſe leiten laſſen. Man mochte zehntauſend Schwächen und Lächerlichkeiten an Beiden entdecken; und außerdem vielleicht noch zehn⸗ tauſend Eitelkeiten in der Frau allein. Doch die harte, geizige Natur, die ihnen ſo viel Arbeit abgepreßt, wie ſie in ihren beſten Tagen zu leiſten vermocht, für ſo ge⸗ ringen Lohn, wie ihnen nur gezahlt werden konnte, um ihre ſchlimmſten Tage zu beſchleunigen, war nie ſo um⸗ dunkelt geweſen, um nicht ihre moraliſche Gradheit an⸗ zuerkennen und zu achten. Wider Willen und im fort⸗ währenden Kampfe mit ſich ſelber und ihnen hatte ſie dies gethan. Und dies iſt das ewige Geſetz. Denn das Böſe hält oft inne und ſtirbt mit dem Thäter, das Gute nie. Inmitten all ſeiner rachſüchtigen Pläne und Vorſätze hatte der todte Kerkermeiſter von Harmony⸗Gefängniß dieſe beiden guten Diener als ehrlich und treu erkannt. Während er gegen ſie tobte und ſie beſchimpfte, weil ſie ihm mit der Sprache der Ehrlichkeit und Treue entgegen⸗ traten, hatte dies an ſein ſteinhartes Herz gekratzt, und er hatte die Machtloſigkeit ſeines ganzen Reichthums er⸗ kannt, falls er ſie zu kaufen verſucht hätte. Und ſo hatte er, ſelbſt während er noch ihr habgieriger Zuchtmeiſter war und ihnen nie ein gutes Wort gab, ihre Namen in ſein Teſtament niedergeſchrieben. Und während er täg⸗ lich erklärte, daß er gegen die ganze Menſchheit Miß⸗ trauen hege— und in der That mißtraute er denen, welche die mindeſte Aehnlichkeit mit ihm hatten, auf das Bitterſte— fühlte er ſich ebenſo feſt überzeugt, daß dieſe beiden Leute, falls ſie ihn überlebten, mit Allem betraut zu werden verdienten, vom Größten bis zum Kleinſten, wie davon, daß er ſicherlich ſterben müſſe. Mr. und Mrs. Boffin gingen, neben einander auf der Bank ſitzend— während die Faſhion ſich in uner⸗⸗ meßliche Ferne zurückgezogen— eifrig mit einander zu Rathe, wie ſie ihren Waiſenknaben finden ſollten. Mrs. Boffin ſchlug eine Annonce in der Zeitung vor, durch welche Waiſenknaben, die der beigegebenen Beſchreibung entſprächen, aufgefordert würden, ſich an einem gewiſſen Tage in der Laube zu präſentiren; da jedoch Mr. Boffin gewiſſermaßen eine Verſperrung der Straßen ihrer Nach⸗ barſchaft durch Waiſenſchwärme befürchtete, wurde dieſer Gedanke verworfen. Mrs. Boffin ſchlug darauf vor, daß ſie ſich an ihren Geiſtlichen wendeten, damit er ihnen einen paſſenden Waiſenknaben empfehle. Da Mr. Boffin⸗ eine beſſere Meinung von dieſem Plane hatte, beſchloſſen ſie, ſofort den geiſtlichen Herrn aufzuſuchen und zugleich die Gelegenheit zu benutzen, um Miß Bella Wilfer's Be⸗ kanntſchaft zu machen. Damit dieſe Beſuche das An⸗ ſehen von Staatsviſiten hätten, wurde Mrs. Boffin's Equipage herausbefohlen. Dieſelbe beſtand aus einem hammerköpfigen, alten Pferde, das ehedem zum Geſchäft gehört, und einer vier⸗ räderigen Halbkutſche, aus demſelben Zeitalter, welche ſeit langer Zeit als Lieblingslegeort für mehrere Diſtrict⸗ hennen gedient hatte. Eine ungewohnte Portion Hafer für das Pferd, und von Lack und Farbe für den Wagen, welche beide Mr. Boffin als Vermächtniß zugefallen, hat⸗ ten, Mr. Boffin's Anſicht nach, aus dem ganzen eine ſehr hübſche Equipage gemacht, und nachdem er einen langen hammerköpfigen jungen Mann, der ein genaues Seiten⸗ ſtück des Pferdes war, als Kutſcher hinzugefügt, blieb weiter nichts zu wünſchen übrig. Auch er hatte früher zu dem Geſchäfte gehört, war aber jetzt durch einen ehr⸗ lichen Schneidermeiſter der Nachbarſchaft in ein wahres Grab von Livree und Gamaſchen verſenkt worden, das miſgewichtigen Knöpfen verſiegelt war. Hinter dieſem Diener ließen Mr. und Mrs. Boffin ſich im Fond des Fuhrwerks, der ziemlich bequem war, nieder, aber die würdeloſe und beunruhigende Gewohnheit hatte, ſich, wenn man über eine holperige Stelle fuhr, von dem Vordertheile hinwegzurücken. Als man ſie aus den Thoren der Laube herausfahren ſah, kam die ganze Nachbarſchaft zu den Thüren und Fenſtern heraus, um die Boffin's zu begrüßen. Unter Denen, die fortwährend hinter ihnen zurückblieben, um der Equipage nachzuſtieren, befanden ſich viele jugendliche Gemüther, welche dieſelbe mit ſolchen ſtentoriſchen Gratulationen, wie„Nod— dy Bof- fin!“—„Bof-fin's Geld!—„Nieder mit dem Staub,*) Boffin!“ und ähnlichen Complimenten begrüßten. Dieſe nahm der hammerköpfige junge Mann ſo ernſtlich übel, daß er oft die Majeſtät ihres Fortſchrittes dadurch beeinträchtigte, daß er anhielt und that, als ob er ab⸗ ſteigen und die Uebelthäter vernichten wolle; ein Vor⸗ haben, von dem er nur durch lange und lebhafte Argu⸗ mente von ſeiner Herrſchaft abzubringen war. Endlich hatte man den Diſtrict der Laube hinter ſich und langte vor der Wohnung Sr. Ehrwürden Frank Milvey an. Die Wohnung Sr. Ehrwürden war eine ſehr beſcheidene, weil Sr. Ehrwürden Einkommen ein ſehr beſcheidenes war. Er war amtlichermaßen jedem alten Weibe zugänglich, die ihre unzuſammenhängende Unterhaltung an ihn los zu werden wünſchte, und empfing die Boffin's ohne Umſtände. Er war ein ganz junger Mann, der eine koſtſpielige Erziehung genoſſen und einen erbärmlichen Gehalt erhielt, dazu eine ganz junge Gattin und ein halbes Dutzend ganz junger Kinder hatte. Er war in die Nothwendigkeit verſetzt, Stunden zu geben und die Claſſiker zu überſetzen, um ſeinen ſpärlichen Mitteln einen Zuſchuß zu verſchaffen, und dennoch erwar⸗ tete man von ihm, daß er mehr Mußezeit habe, als der müßigſte Menſch im ganzen Kirchenſprengel, und mehr Geld als der reichſte. Er nahm die unnöthigen Ungleich⸗ heiten und Inconſequenzen ſeines Lebens mit einer Art conventioneller Ergebung hin, die faſt ſelaviſch war; und irgend ein kühner Laie, der ſolche Laſten, wie die ſeinigen, *) Dust— Staub, iſt ein gewöhnlicher Ausdruck für Geld— das Wortſpiel daher unüberſetzbar. Anmerk. der Ueberſetzerin. 4 de dieſer V auf vor, er ihnen r. Boffin. diſchloſſen duglei ers Be⸗ das An⸗ „Deffn's den, alten einer dier⸗ welche ſeit Diſtrit. koon Hafer en Wagen, allen, hat⸗ eine ſehr en langen à Seiten. ugt, blieb atte früher einen ehr⸗ ein wahres orden, das ers. Boffin zuem war, Hewohnheit deelle fuhr, an ſie aus die ganze Heraus, umn fortwährend achzuſtieren, lche dieſebe „Nod-—dy r mit den begrüßten. ſo ernſtlich ſtes dadurch ob et ab⸗ „ein Vot⸗. afte Atgu- lube hinter ſütden Frank war eine ommen ein aßen jedem enhängende nd empfing aanz junger und einen eberſeßerin. — — 85 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 3 86 mit mehr Schicklichkeit und Anmuth für ihn aufßzulegen verſucht, würde dabei wenig Hülfe von ihm erhalten haben. Mit einem bereitwilligen, geduldigen Geſicht und dabei mit einem heimlichen Lächeln, das ſeine ſchnelle Wahr⸗ nehmung von Mrs. Boffin's Coſtüm verrieth, hörte Mr. Milvey in ſeinem kleinen Arbeitszimmer— welches von Klängen erſcholl, als ob die ſechs Kinder im oberen Zimmer durch die Decke herunter⸗, und die unten in der Küche bratende Schöpſenkeule durch den Fußboden herauf⸗ ſtürzen müßte— Mrs. Boffin's Bericht über ihr Ver⸗ langen nach einem Waiſenknaben an. 1 „Mich dünkt,“ ſagte Mr. Milvey,„Sie hatten nie ein eigenes Kind, Mr. und Mrs. Boffin?“ „Nie.“ „Aber gleich den Königen und den Königinnen in den Märchen haben Sie ſich oft eins gewünſcht?“ „Im Allgemeinen, ja.“ Mr. Milvey lächelte abermals, indem er bei ſich dachte:„Jene Könige und Königinnen wünſchten ſich be⸗ ſtändig Kinder.“ Es kam ihm vielleicht der Gedanke, daß ihre Wünſche, falls ſie Hülfsprediger geweſen, vielleicht die entgegengeſetzte Richtung genommen haben würden. „Ich denke,“ fuhr er fort,„daß es beſſer ſein wird, Mrs. Miloey mit in die Berathung zu ziehen. Sie iſt mir unentbehrlich. Wenn Sie es erlauben, will ich ſie rufen.“ Mr. Milvey rief deshalb:„Margaretta, meine Liebe!“ und Mrs. Milvey kam herunter. Eine hübſche muntere kleine Frau, ein wenig durch Sorge gealtert, die manche hübſche Geſchmacksrichtung, manche ſchönen Pläne unter⸗ drückt und für ſie Sonntagsſchulen, Krankenſuppen, Fla⸗ nell, Steinkohlen und alle die Wochentagsſorgen und Sonntagshuſten einer großen, jungen und alten Bevölke⸗ rung ſubſtituirt hatte. Eben ſo muthig hatte Mr. Mil⸗ vey Manches in ſich ſelber unterdrückt, das ganz natür⸗ licherweiſe zu ſeinen alten Studienjahren und Studien⸗ gefährten gehört, und ſtatt deſſen unter den Armen und ihren Kindern die harten Krumen des Lebens aufgeſammelt. „Mr. und Mrs. Boffin, meine Liebe, von deren Glücke Du gehört haſt.“ Mrs. Milbvey wünſchte ihnen mit der einfachſten An⸗ muth von der Welt alles Glück und freute ſich, ſie zu ſehen. Doch ihr einnehmendes Geſicht, eben ſ offen als aus⸗ drucksvoll, war nicht ohne das geheime Lächeln ihres Gatten. „Mes. Boffin wünſcht, einen kleinen Knaben zu adop⸗ tiren, meine Liebe.“ Da Mrs. Milvey ein ziemlich beſtürztes Geſicht machte, fügte ihr Gatte hinzu: „Einen Waiſenknaben, meine Liebe.“ „O!“ ſagte Mrs. Milvey, über ihre eigenen kleinen Knaben beruhigt. „Und ich dachte, liebe Margaretta, daß vielleicht der Enkel der alten Mrs. Goody ihrem Zweck entſprechen dürfte.“ „O, mein lieber Frank, ich glaube nicht, daß das angehen würde!“ „Nicht?“ „O, neinl“ Die lächelnde Mrs. Boffin, welche fühlte, daß es ihre Schuldigkeit ſei, ſich an der Unterhaltung zu betheiligen, und die über die nachdrucksvolle kleine Frau entzückt war, drückte hier ihre Erkenntlichkeit aus und fragte, was gegen ihn einzuwenden ſei. .„ Ich glaube wirklich nicht,“ ſagte Mrs. Milvey, indem ſie zu Sr. Ehrwürden Frank aufſchaute,„— und ich glaube, daß mein lieber Mann, wenn er ſich's wohl überlegt, mit mir übereinſtimmen wird— daß Sie jenen Waiſenknaben vom Schnupftabak rein zu halten im Stande ſein würden. Seine Großmutter ſchnupft unendlich viel und beſtreut ihn mit ihren Priſen.“ „Aber er würde dann nicht bei ſeiner Großmutter wohnen, Margaretta,“ ſagte Mr. Milvey. „Nein, Frank, aber es würde unmöglich ſein, ſie von Mr. Boffin's Hauſe fern zu halten; und je mehr es dort zu eſſen und zu trinken gäbe, je öfter würde ſie dort ſein. Und ſie iſt eine läſtige Frau. Ich hoffe, es klingt nicht unfreundlich, wenn ich ſage, daß ſie am vorigen Weihnachtsabend elf Taſſen Thee trank und fort⸗ während dabei brummte. Und es iſt keine dankbare Frau, Frank. Erinnerſt Du Dich wohl, wie ſie eines Abends, nachdem wir ſchlafen gegangen waren, einer Menſchenmenge hier vor unſerm Hauſe eine Rede über das ihr zugefügte Unrecht hielt und einen neuen Flanell⸗ unterrock zurückbrachte, weil derſelbe zu kurz für ſie ſei?“ „Das iſt wahr,“ ſagte Mr. Milvey.„Ich glaube zuht daß es angehen würde. Würde der kleine Harri⸗ on— „O, Frank!“ rief ſeine nachdrucksvolle Gattin in vorſtellendem Tone. „Er hat keine Großmutter, meine Liebe.“ 3 „Nein, aber i9 glaube nicht, daß Mrs. Boffin einen Waiſenknaben haben möchte, der ſo ſehr ſchielt.“ „Das iſt wieder wahr,“ ſagte Mr. Milvey mit vor verblüffter Unſicherheit verſtörtem Geſicht.„Wenn ein kleines Mädchen—“ „Aber, mein lieber Frank, Mrs. Boffin ſucht einen Knaben.“ „Das iſt wieder wahr,“ ſagte Mr. Milvey; dann fügte er nachdenklich hinzu:„Tom Bocker iſt ein braver Knabe.“ „Aber ich bezweifele, Frank,“ ſagte Mrs. Milvey nach einigem Zögern,„ob Mrs. Boffin einen Waiſen⸗ knaben wünſcht, der volle neunzehn Jahre alt iſt und einen Waſſerkarren fährt.“ Mr. Milvey appellirte durch einen Blick an Mrs. Boffin; da dieſe lächelnde Dame aber ihren ſchwarzen Sammethut und ihre Schleifen ſchüttelte, ſagte er aber⸗ mals, mit betrübterer Miene:„Das iſt wieder wahr.“ „Wenn ich gewußt hätte,“ ſagte Mrs. Boffin beküm⸗ mert, ihnen ſo viel Mühe zu verurſachen,„daß ich Ihnen ſo läſtig ſein würde, Sir, und Ihnen, Madame, eben⸗ falls, ſo wäre ich lieber nicht zu Ihnen gekommen.“ „Bitte, ſagen Sie das nicht! flehte Mrs. Milvey. „Nein, ſagen Sie das nicht,“ ſtimmte Mr. Milvey ſeiner Gattin bei,„denn wir ſind Ihnen ſehr dankbar dafür, daß Sie uns den Vorzug gaben.“ Mrs. Milvey beſtätigte dies; und das menſchenfreundliche Gattenpaar drückte ſich wirklich in einer Weiſe aus, als ob ſie ein einträgliches Lager Waiſenkinder führten und ſich als perſönlich begünſtigt betrachteten.„Aber es iſt eine Verantwortlichkeit,“ fügte Mr. Milvey hinzu,„und eine ſchwierige Aufgabe. Zugleich würden wir ſehr ungern die uns von Ihnen ſo freundlich gebotene Chance ver⸗ lieren, und wenn Sie uns ein paar Tage Zeit geben wollten, damit wir uns umſchauen könnten, ſo würden wir, weißt Du, Margaretta, ſorgfältige Nachforſchungen in der Kleinkinderbewahranſtalt, im Arbeitshauſe und in Deinem Diſtricte anſtellen können.“ 3„Das verſteht ſich!“ ſagte die nachdrucksvolle kleine rau. „Wir haben, wie ich weiß, Waiſen, fuhr Mr. Milvey rt, ganz mit einer Miene, wie wenn er„in Vorrath“ ſerne änden im Begriff wäre, und ganz ſo eifrig, als ob große Concurrenz in dem Geſchäfte herrſche und er eine Beſtellung zu verlieren beſorgte,„bei den Kalk⸗ gruben; aber ſie werden von den Angehörigen oder Be⸗ kannten der Familie beſchäftigt, und ich fürchte, daß die Verhandlung mit ihnen ſchließlich geradezu in einen 6* 87 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 88 Handel ausarten würde. Und ſelbſt, wenn Sie das Kind durch Flanelldecken oder Bücher und Brennmaterial eintauſchten— ſo wäre es doch unmöglich, zu verhindern, daß dieſe wieder für Getränke eingetauſcht würden.“ Demzufolge wurde beſchloſſen, daß Mr. und Mrs. Milvey ſich nach einem paſſenden Waiſenknaben umſchauten, der möglichſt frei von den oben angeführten Einwendungen ſei, und daß ſie dann Mrs. Boffin davon in Kenntniß ſetzen ſollten. Dann nahm Mr. Boffin ſich die Freiheit, zu erwähnen, daß er ſich Mr. Milvey von Herzen ver⸗ pflichtet halten werde, falls dieſer die Güte haben wolle, fortwährend„ſein Banquier zu ſein über eine Summe im Betrage etwa einer Zwanzigpfundnote oder ſo,“ ohne über deren Verwendung zu irgend einer Rechenſchafts⸗ ablage verpflichtet zu ſein. Hierin waren ſowohl Mr. als Mrs. Milvey abermals ſo froh, als ob ſie ſelber nie einen Mangel gekannt und die Armuth nur bei anderen Leuten geſehen hätten; und die Zuſammen⸗ kunft endete in Zufriedenheit und guter Meinung auf allen Seiten. „Jetzt, alte Dame,“ ſagte Mr. Boffin, als ſie ihre Plätze hinter dem hammerköpfigen Pferde und Manne wieder einnahmen,„nach unſerem ſehr angenehmen Be⸗ ſuche hier wollen wir es jetzt bei den Wilfers verſuchen.“ Als ſie am Thore des Wilfer'ſchen Wohnhauſes an⸗ hielten, ergab es ſich, daß es„bei den Wilfers zu ver⸗ ſuchen“ leichter geſagt als gethan ſei, und zwar wegen der außerordentlichen Schwierigkeit, in das Innere des Etabliſſements zu dringen. Drei Riſſe an die Klingel brachten keine äußere Wirkung hervor, obwohl jedem der⸗ ſelben ein ſehr hörbares Rennen und Stürzen im Innern des Hauſes folgte. Beim vierten Riſſe— der voll In⸗ grimm von dem hammerköpfigen jungen Mann ausge⸗ führt war— erſchien Miß Lavinia, welche, mit Hut und Sonnenſchirm, wie zu einem Spaziergange gerüſtet, wie zufällig aus dem Hauſe trat. Die junge Dame war er⸗ ſtaunt, Beſuch am Thor zu ſehen, und drückte durch an⸗ gemeſſene Geberden ihre Gefühle aus. „Hier ſind Mr. und Mrs. Boffin!“ brummte der hammerköpfige junge Mann durch die Eiſengitter des Thores hindurch, an welchem er zugleich heftig rüttelte, gleich einem wilden Thiere, das in einer Menagerie ge⸗ zeigt wird;„ſie haben hier ſchon eine halbe Stunde gewartet.“ „Wer— ſagtet Ihr?“ fragte Miß Lavinia. „Mr. und Mrs. Boffin!“ erwiderte der junge Mann brüllend. Miß Lavinia trippelte die Stufen zur Hausthür hin⸗ an, trippelte mit dem Schlüſſel in der Hand die Stufen wieder hinunter, dann den kleinen Gartenpfad entlang und öffnete das kleine Gitterthor. „Bitte, treten Sie näher,“ ſagte Miß Lavinia ſtolz, „unſer Hausmädchen iſt ausgegangen.“ Da Mr. und Mrs. Boffin ihrer Aufforderung Folge leiſteten und dann in dem kleinen Hausflur warteten, bis Miß Lavinia ihnen nachkam und ihnen zeigte, wohin ſie ſich zunächſt zu wenden hätten, erblickten ſie oben auf der Treppe drei Paar horchende Beine: Mrs. Wil⸗ fer's Beine, Miß Bella's Beine und Mr. Georg Sampſon's Beine. „Mr. und Mrs. Boffin, wenn ich nicht irre,“ ſagte Miß Lavinia in warnendem Tone. Verdoppelte Aufmerkſamkeit in Mrs. Wilfer's Beinefk, Miß Bella's Beinen und Mr. Georg Sampſon's Beinen. „Ja, Miß.“ 3 „Wenn Sie ſich hierher bemühen wollen— dieſe Stufen hinab— ſo will ich die Mama von Ihrem Be⸗ ſuche unterrichten.“ Eilige Flucht von Mrs. Wilfer's Beinen, Miß Bella's Beinen und Mr. Georg Sampſon's Beinen. Nachdem ſie etwa eine Viertelſtunde allein in dem Wohnzimmer gewartet, welches gewiſſe Spuren zeigte, als ob es ſo eilig nach einer Mahlzeit geordnet ſei, daß es die Frage war, ob dies zum Empfange von Gäſten oder zu einem Spiele Blindekuh geſchehen, gewahrten Mr. und Mrs. Boffin das Eintreten von Mrs. Wilfer— in majeſtätiſcher Mattigkeit und mit einem herablaſſenden Stich in die Seite, welche ihre Geſellſchaftsmanieren ausmachten. „Ich bitte um Vergebung,“ ſagte Mrs. Wilfer nach den erſten Begrüßungen, ſobald ſie ihr Kopftuch unter dem Kinn zuſammengeknüpft und eine Bewegung mit ihren behandſchuhten Händen gemacht,„welchem Umſtande ver⸗ danke ich dieſe Ehre?“ „Um es kurz zu machen, Madame,“ erwiderte Mr. Boffin,„ſo ſind Sie vielleicht mit meinem und Mrs. Boffin's Namen bekannt, als Leute, die ein gewiſſes Vermögen geerbt haben.“ „Ich habe gehört, Sir,“ entgegnete Mrs. Wilfer mit einer würdevollen Kopfneigung,„daß dies der Fall war.“ „Und ich will wohl glauben,“ fuhr Mr. Boffin fort, während Mrs. Boffin ihr beſtätigendes Kopfnicken und Lächeln hinzufügte,„daß Sie uns darum nicht ſehr ge⸗ wogen ſind?“ „Ich bitte um Vergebung,“ ſagte Mrs. Wilfer.„Es wäre eine Ungerechtigkeit, Mr. und Mrs. Boffin für ein Mißgeſchick tadeln zu wollen, das ohne Zweifel eine Fü⸗ gung des Himmels war.“ Dieſe Worte wurden durch einen heiter heroiſchen Ausdruck der Duldung noch effect⸗ voller gemacht. „Das iſt ehrlich gemeint— davon bin ich überzeugt,“ ſagte der ehrliche Mr. Boffin;„Mrs. Boffin und ich, Madame, ſind einfache Leute und machen keine Anſprüche, und wünſchen nicht lange um den Brei zu gehen, denn es giebt zu Allem ſtets einen geraden Weg. Darum kommen wir jetzt, um Ihnen zu ſagen, daß es uns Freude machen wird, das Vergnügen und die Ehre der Bekannt⸗ ſchaft Ihrer Tochter zu genießen, und daß es uns ferner freuen ſoll, falls Ihre Tochter unſer Haus, ebenſowohl als das Ihrige, als ihre Heimath betrachten will. Kurz, wir wünſchen Ihre Tochter aufzuheitern und ihr diejeni⸗ gen Vergnügungen zu verſchaffen, die wir uns ſelber zu vergönnen beabſichtigen. Wir wünſchen ſie aufzumuntern und umherzuführen und ihr einige Abwechſelung zu ver⸗ ſchaffen.“ 3 „So iſt's recht!“ ſagte die offenherzige Mrs. Boffin. „Du meine Güte! Laßt's uns gemüthlich nehmen.“ Mrs. Wilfer beantwortete dies nur durch eine zurück⸗ haltende Kopfneigung und ſagte mit majeſtätiſcher Ein⸗ tönigkeit zu dem Herrn: „Ich bitte um Vergebung. Ich habe mehrereTöchter. Welche derſelben ſoll ich als auf dieſe Weiſe durch Mr. Boffin's und ſeiner Gemahlin gütige Abſichten geehrt be⸗ trachten?“ „Verſtehen Sie nicht?“ ſagte die ewig lächelnde Mrs. Boffin.„Natürlich, Miß Bella, wiſſen Sie.“ „O!“ ſagte Mrs. Wilfer mit ſtreng unüberzeugter Miene.„Meine Tochter Bella iſt zu Hauſe und mag für ſich ſelber reden.“ Dann öffnete ſie ein wenig die Thür und machte die Proclamation(welche von Außen durch ein huſchendes Geräuſch begleitet wurde): „Sende Miß Bella zu mir!“ Und obwohl dieſe Pro⸗ clamation großartig förmlich, und man könnte faſt ſagen, heraldiſch anzuhören war, ward dieſelbe doch in der That mit vorwurfsvollen Blicken auf jene junge Dame im Fleiſch ausgeſprochen, und zwar in ſo vielem Fleiſch, = Mrs. nicht ihrer behau⸗ häütte, ich, künner Snnd D Sind mach trach Ko in beleit die 2 „ V mitzu V jſo w — 88 — — Bella' in dem Jte, ald daß es len oder en Mr. k— laſſenden manieren llfer na unter dem nit ihren inde ver⸗ erte Mr. nd Mrs. gewiſſes aljer wit zall war.” ffin fo, icken un ſehr ge⸗ ffer.„Es für ein eine Fü⸗ en durch ich cffect⸗ berzeugt,“ und ich, Anſprüche, en, denn Darum s Freude Bekannt⸗ ns ferner enſowohl iill. Kutz, t diejeni⸗ ſelber zu umuntern ig zu ver⸗ 8. Boffin. 1 ne zurück⸗ ſcher Ein⸗ eTöchter. urch Mr. eehrt be⸗ nde Mrs. (und mag wenig die on Außen dieſe Pro⸗ faſt ſagen, 9 in der ae Dame 9 gleiſch — 89 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 90 daß ſie große Mühe hatte, ſich in einen kleinen Schrank boüe ſenden in den die Furcht vor Mr. und Mrs. Boffin's plötzlichem Heraustreten ſie zu flüchten trieb. „Die Amtspflichten meines Gatten, R. W.,“ ſagte Mr. Wilfer, als ſie zu ihrem Platze zurückkehrte,„be⸗ ſchäftigen ihn um dieſe Tageszeit in der City, ſonſt würde er die Ehre gehabt haben, an Ihrem Empfange unter ſeinem beſcheidenen Dache Theil zu nehmen.“ „Eine ſehr angenehme Wohnung!“ ſagte Mr. Boffin eiter. 3„Ich bitte um Vergebung, Sir,“ erwiderte Mrs. Wil⸗ fer, ihn verbeſſernd,„es iſt die Wohnung bewußter, ob⸗ wohl unabhängiger Armuth.“. Da ſie es ſchwer fanden, die Unterhaltung in dieſer Richtung fortzuſetzen, ſaßen Mr. und Mrs. Boffin da und ſtierten in die Luft, während Mrs. Wilfer ihnen ſchwei⸗ gend zu verſtehen gab, daß jeder Athemzug, den ſie that, eine Selbſtüberwindung erfordere, wie ſie kaum in der Geſchichte zu finden ſei, bis Miß Bella erſchien, die dann von Mrs. Wilfer vorgeſtellt und zugleich von dem Zwecke des Beſuches unterrichtet wurde. „Ich bin Ihnen wirklich ſehr verbunden,“ ſagte Miß Bella, indem ſie kalt ihre Locken ſchüttelte,„aber ich be⸗ zweifele, ob ich mich überhaupt zum Ausgehen aufgelegt fühle.“ hle lat ermahnte Mrs. Wilfer;„Bella, Du mußt dies zu überwinden ſuchen!“ „Ja, thun Sie, was Ihre Mama ſagt, meine Liebe, überwinden Sie es,“ bat Mrs. Boffin,„denn es wird uns ſolche Freude machen, Sie bei uns zu haben, und Sie ſind viel zu hübſch, um ſich zu Hauſe einzuſchließen,“ mit dieſen Worten gab das gutherzige Geſchöpf ihr einen Kuß und klopfte ihr auf die weichen Schultern, wäh⸗ rend Mrs. Wilfer ſteif daneben ſaß, gleich einem Offi⸗ cianten, der eine Unterredung vor einer Hinrichtung über⸗ wacht. üögir ſind im Begriff, ein ſchönes Haus zu beziehen,“ ſagte Mrs. Boffin, die Weib genug war, Mr. Boffin über dieſen Punkt zu compromittiren, da er denſelben nicht wohl beſtreiten durfte,„und eine ſchöne Equipage anzuſchaffen, und wir wollen überall ſein und Alles ſehen. Und Sie müſſen keine Abneigung gegen uns hegen,“ fügte ſie hinzu, indem ſie Bella neben ſich niederſetzen ließ und ihre Hand pätſchelte,„denn wir konnten ja nicht dafür, meine Liebe.“ Die natürliche Anlage der Jugend, der Offenheit und Sanftmuth nachzugeben, bewirkte, daß Bella ſich durch die Einfachheit dieſer Rede ſo gerührt fühlte, daß ſie Mrs. Boffin's Kuß ebenſo offen zurückgab. Durchaus nicht zur Zufriedenheit jener vortrefflichen Weltdame, ihrer Mutter, die lieber die vortheilhafte Stellung zu behaupten ſuchte, wie wenn ſie die Boffin's verpflichtet hätte, anſtatt vielmehr ihnen verpflichtet zu ſein. „Meine jüngſte Tochter, Lavinia,“ ſagte Mrs. Wilfer, froh, der Unterhaltung eine andere Wendung geben zu können, als dieſe junge Dame eintrat.„Mr. Georg Sampſon, ein Freund der Familie.“ Der Freund der Familie befand ſich in demjenigen Stadium der zarten Leidenſchaft, das es ihm zur Pflicht machte, jeden Anderen als den Feind der Familie zu be⸗ trachten. Er ſteckte, indem er ſich niederſetzte, den runden Kopf ſeines Spazierſtockes, gleichſam wie einen Stöpſel, in ſeinen Mund, da er ſich bis an den Hals voll von beleidigenden Empfindungen fühlte. Und er betrachtete die Boffins mit unerbittlichen Blicken. „Falls es Ihnen Vergnügen macht, Ihre Schweſter mitzubringen, wenn Sie uns beſuchen,“ ſagte Mrs. Boffin, „ſo werden wir uns natürlich freuen, ſie zu ſehen. Je beſſer Sie ſich gefallen, je beſſer werden Sie uns gefallen Biß Seians di je beſf zefallan „O, meine Einwilligung iſt vermuthlich durchaus nicht von Wichtigkeit?“ rief Miiß deeun üih dun 1 „Lavvy,“ ſagte ihre Schweſter mit leiſer Stimme, „ſei ſo gut, Dich ſehen, aber nicht hören zu laſſen.“ „Nein, das will ich nicht,“ erwiderte die ſcharfe Lavinia.„Ich bin kein Kind, um mich von Fremden protegiren zu laſſen.“ „Du biſt ein Kind.“ „Ich bin kein Kind, und will mich nicht protegiren laſſen. ‚Bringen Sie Ihre Schweſter mité, wahrlich!“ „Lavinia!“ ſagte Mrs Wilfer;„Halt! Ich will Dir nicht geſtatten, in meiner Gegenwart den lächerlichen Verdacht zu äußern, daß Fremde,— einerlei, wie ſie heißen mögen— mein Kind zu protegiren beabſichtigen könnten. Wagſt Du zu glauben, Du albernes Mädchen, daß Mr. und Mrs. Boffin unſere Schwelle als Gönner zu überſchreiten beabſichtigen; oder daß ſie, falls ſie dies gethan, nur eine einzige Minute innerhalb dieſer Mauern verweilen würden, ſo lange Deine Mutter noch die Kraft beſäße, ſie zu erſuchen, dieſelben zu verlaſſen? man Du dies denkſt, ſo kennſt Du Deine Mutter nicht.“ „Das iſt Alles recht ſchön,“ begann Lavinia brum⸗ mend, als Mrs. Wilfer wiederholte: „Halt! Ich will dies nicht erlauben. Weißt Du nicht, was man ſeinen Gäſten ſchuldig iſt? Begreifſt Du nicht, daß Du, indem Du anzudeuten wagſt, daß dieſe Dame und dieſer Herr irgend ein Mitglied Deiner Familie— einerlei welches derſelben— zu protegiren beabſichtigen, ſie einer Impertinenz beſchuldigſt, die man kaum gelinder als durch Wahnſinn bezeichnen könnte?“ „Beunruhigen Sie ſich nicht um mich und Mrs. Boffin,“ ſagte Mr. Boffin lächelnd:„wir machen uns nichts daraus.“ „Ich bitte um Vergebung, ich mache mir etwas daraus,“ entgegnete Mrs. Wilfer. Miß Lavinia lachte kurz auf, indem ſie murmelte: „Ja, allerdings.“ „Und ich verlange von meinem unverſchämten Kinde,“ fuhr Mrs. Wilfer mit einem vernichtenden Blicke auf ihre Jüngſte fort, auf die derſelbe nicht den geringſten Eindruck machte,„daß ſie ihrer Schweſter Bella Gerech⸗ tigkeit widerfahren läßt; daß ſie ſich daran erinnert, daß ihre Schweſter Bella ſehr geſucht iſt; und daß ihre Schweſter Bella, indem ſie eine Aufmerkſamkeit entgegen⸗ nimmt, ebenſo viel Ehre erzeigt“— dies ſprach ſie mit einem entrüſteten Zuſammenſchaudern—„als ſie ge⸗ nießt.“ bcdc hier unterſchied Miß Bella ſich von ihnen, in⸗ dem ſie ſehr ruhig bemerkte:„Ich kann für mich ſelber reden, wie Du weißt, Mama. Du brauchſt mich nicht mit in die Sache zu bringen.“ „Und es iſt Alles recht ſchön, durch meine bequeme Perſon auf Andere zu zielen,“ ſagte die unbezwingliche Lavinia boshaft;„aber ich möchte Georg Sampſon wohl fragen, was er dazu ſagt.“ 3 „Mr. Sampſon,“ ſagte Mrs. Wilfer, da ſie dieſen jungen Mann den Stöpſel aus dem Munde nehmen ſah, mit einem ſo finſteren Blick auf ihn, daß er denſelben wieder hineinſchob,„Mr. Sampſon iſt als Freund dieſer Familie und häufiger Gaſt in dieſem Hauſe viel zu wohl gebildet, wie ich überzeugt bin, um ſich bei einer ſolchen Einladung hindernd dazwiſchen legen zu wollen.“ Dieſe Erhebung des jungen Herrn erweckte in der gewiſſenhaften Mrs. Boffin Reue darüber, daß ſie ihm im Herzen Unrecht gethan, und bewog ſie folglich zu er⸗ klären, daß ſie und Mr. Boffin ſich jederzeit freuen würden, ihn in ihrem Hauſe zu ſehen: eine Aufmerkſam⸗ keit, der er durch die Erwiderung:„Dank' Ihnen, Ma⸗ dame, aber ich bin fortwährend beſchäftigt— Tag und Nacht!“ liebenswürdige Anerkennung zollte, ohne dabei den Stöpſel aus dem Munde zu nehmen. Da indeſſen Bella durch ihre freundliche Aufnahme der Anerbietungen Alles wieder gut machte, war das ge⸗ müthliche Boffin'ſche Gattenpaar im Ganzen wohl zu- frieden, und unterrichtete beſagte Bella, daß ſie, ſobald ſie in der Lage ſein würden, ſie in einer ihren Wünſchen entſprechenden Weiſe aufzunehmen, wiederkommen und ſie von dem Factum in Kenntniß ſetzten wollten. Dieſem Arrangement gab Mrs. Wilfer durch eine majeſtätiſche Kopfneigung und eine Bewegung ihrer Handſchuhe, wie wenn ſie ſagen wollte:„Eure Mängel ſollen überſehen und Euren Wünſchen ſoll gnädig willfahrt werden, Ihr, armen Leute,“ ihre Beiſtimmung. „Beiläufig Madame,“ ſagte Mr. Boffin, ſich umwen⸗ dend, als er im Gehen begriffen war,„Sie haben einen Miethsmann?“ „Es bewohnt allerdings,“ ſagte Mrs. Wilfer, den ordinären Ausdruck qualificirend,„ein Herr unſere erſte Etage.“ „Ich darf ihn wohl unſern gemeinſchaftlichen Freund nennen,“ ſagte Mr. Boffin.„Was für eine Art von Menſch iſt unſer gemeinſchaftlicher Freund? Gefällt er Ihnen?“ „Mr. Rokeſmith iſt ſehr pünktlich, ſehr ruhig, ein ſehr angenehmer Hausgenoſſe.“ „Denn Sie müſſen wiſſen,“ ſagte Mr. Boffin,„daß ich mit unſerm gemeinſchaftlichen Freunde nicht ſehr bekannt bin, denn ich habe ihn nur ein einziges Mal geſehen. Sie ſtatten einen günſtigen Bericht über ihn ab. Iſt er zu Hauſe?“ „Mr. Rokeſmith iſt zu Hauſe,“ ſagte Mrs. Wilfer; „ja,“ durch das Fenſter hinausdeutend,„dort ſteht er am Gartenthore. Er wartet vielleicht auf Sie?“ „Wohl möglich,“ erwiderte Mr. Boffin;„er hat mich vielleicht kommen ſehen.“ Bella hatte dieſe kurze Unterhaltung aufmerkſam an⸗ gehört. Indem ſie Mrs. Boffin bis ans Thor geleitete, beobachtete ſie das, was folgte, mit derſelben Aufmerk⸗ ſamkeit. „Wie geht es Ihnen, Sir, wie geht es Ihnen?“ ſagte Mr. Boffin.„Dies iſt Mrs. Boffin. Mr. Roke⸗ Gefahr ſagen; aber Miß Lavinia, die kein Vertrauen in ſmith, meine Liebe, von dem ich Dir erzählt habe.“ Sie wünſchte ihm guten Tag, und er leiſtete ihr höflichen Beiſtand und hob ſie in den Wagen. „Alſo für jetzt Adieu, Miß Bella,“ rief Mrs. Boffin als herzlichen Scheidegruß.„Wir werden einander bald wiederſehen, und ich hoffe, daß ich Ihnen dann meinen kleinen John Harmon zu zeigen im Stande ſein werde.“ Mr. Rokeſmith, der am Rade ſtand und die Röcke ihres Kleides in den Wagen hineinlegte, ſchaute plötzlich hinter ſich, rund um ſich her, und ſchaute dann mit einem ſo blaſſen Geſicht zu ihr auf, daß Mrs. Boffin ausrief: „Gerechter Himmel!“ Und einen Augenblick ſpäter: „Was giebt es, Sir?“ „Wie können Sie ihr den Todten zeigen?“ entgegnete Mr. Rokeſmith. „Es iſt blos ein adoptirtes Kind. Ein Kind, von dem ich ihr erzählt habe, und dem ich den Namen zu geben beabſichtigte!“ 7 „Sie erſchreckten mich,“ ſagte Mr. Rokeſmith,„und es klang wie ein böſes Omen, daß Sie einem ſo jungen und bluͤhenden Weſen einen Todten zeigen wollten.“ 91 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 92 Bella aber hatte bereits zu argwöhnen angefangen, daß Mr. Rokeſmith einige Bewunderung für ſie hegte. Ob dieſes Bewußtſein(denn es war eher das, als ein Argwohn) ſie ihm etwas mehr oder etwas weniger ge⸗ neigt machte, als ſie zu Anfang geweſen; ob es ſie eifrig machte, mehr über ihn in Erfahrung zu bringen, weil ſie Grund für ihr Mißtrauen gegen ihn oder daſſelbe von ihm abzuziehen ſuchte— dies war ſelbſt ihrem eigenen Herzen noch nicht klar. Doch nahm er zu allen Zeiten einen großen Theil ihrer Aufmerkſamkeit in Anſpruch, und ſie hatte deshalb dieſen Vorfall ſcharf beobachtet. Daß er dies ebenſowohl wiſſe, wie ſie, dies wußte ſie ebenfalls, als ſie allein mit einander in dem Pfade am Gartenthore ſtanden. „Dies ſind würdige Leute, Miß Wilfer.“ „Kennen Sie ſie genau?“ fragte Bella. Er lächelte vorwurfsvoll, und ſie erröthete, ſich ſelber anklagend— Beide, in dem Bewußtſein, daß ſie ihn zu einer unwahren Antwort habe verlocken wollen— als er erwiderte:„Ich weiß Einiges von ihnen.“ „Wohl wahr, er ſagte uns, er habe Sie nur einmal geſehen.“ „In der That, ich vermuthe dies.“ Bella war jetzt ängſtlich und hätte gern ihre Frage zurückgenommen. „Es ſchien Ihnen ſeltſam, daß ich, der ich ein großes Intereſſe an Ihnen nehme, über Worte erſchrak, die wie ein Anerbieten klangen, Sie mit dem ermordeten Manne in Berührung zu bringen, der in ſeinem Grabe liegt. Ich hätte wiſſen ſollen— würde natürlich in der nächſten Secunde gewußt haben,— daß jene Worte nicht dieſe Bedeutung haben konnten. Aber mein Inte⸗ reſſe bleibt daſſelbe.“ Als ſie nachdenklich wieder in das Wohnzimmer zu⸗ rückkehrte, ward Miß Bella folgendermaßen von der un⸗ bezwinglichen Lavinia begrüßt: 1 „Da, Bella! Ich hoffe, daß Dir endlich Deine Wünſche in Erfüllung gehen— durch Deine Boffin's. Du wirſt jetzt reich genug ſein— durch Deine Boffin's. Du magſt nach Herzensluſt coquettiren— bei Deinen Boffin's. Aber Du wirſt mich nicht mit zu Deinen Boffin's nehmen, das ſage ich Dir— und Deinen Boffin's ebenfalls.“ „Wenn Miß Bella's Mr. Boffin,“ ſagte Mr. Georg Sampſon, verdrießlich den Stöpſel aus dem Munde ziehend,„mir noch ferner mit ſeinen Dummheiten kommt, ſo wünſche ich ihm wie von Mann zu Manne zu ver⸗ ſtehen zu geben, daß er es auf ſeine Gef—,“ er wollte ſeine Geiſteskräfte ſetzte, und fühlte, daß ſeine Rede mit keinem der beregten Umſtände in irgend welchem Zu⸗ ſammenhange ſtehe, ſtieß den Stöpſel ſo ſcharf wieder hinein, daß es ſeine Augen wäſſern machte. 1 Und jetzt wurde die würdige Mrs. Wilfer, nachdem ſie ſich ihrer jüngſten Tochter als einer Strohpuppe zur Erbauung jener Boffin's bedient, wieder freundlich gegen ſie, und ſchickte ſich an, das letzte Beiſpiel von Charakter⸗ ſtärke zu entwickeln, das ſie noch in Reſerve hatte. Das⸗ ſelbe beſtand in der Aufklärung ihrer Familie über ihre außerordentliche Gabe als Phyſiognomikerin; eine Gabe, die R. W., ſowie ſie in Anwendung gebracht ward, in Grauſen und Schrecken verſetzte, da ſie ſtets eine Düſter⸗ keit und ein Mißgeſchick verkündete, die keine der gerin⸗ geren Weisheiten wahrzunehmen vermochte. Und dies that Mrs. Wilfer jetzt, man merkte es wohl, aus Neid auf dieſe Boffin's, in demſelben Augenblicke, wo ſie ſchon mit dem Gedanken beſchäftigt war, wie ſie mit dieſen ſelbigen Boffin's und deren Glanze vor ihren Boffin⸗ loſen Freundinnen prahlen wollte. V füͤr 6 — In Fruh gegen mache rath ſeine vor de damit D nögen nüger gewif vohn dem dies Eine, Nan loſen ſonder Vuchſ gehein und Aktier richtu Vas viellei habt, Ausre tigen hoch; würn, Nacht verſchw ns in ſelte RA un 1 99 84 =— — õ de hegte. als ein niger ge⸗ ſie eilig weil ſi ſelbe von eigenen en Jeiten Auſpruch bachtet. wußte ſe Pfade am ſich ſelber ſie ihn zu — als er dur einmal ihre Frage ein großes 3 di; kk, die wie ten Manne rabe liegt. ch in der ene Worte mein Inte⸗ zimmer zu⸗ on der un. ne Wünſche Du wirſt Du magſt a Boffin s. z nehmen, enfalls.“ Mr. Georg lm Munde tten kommt, lane zu ver⸗ " er wollte Pertrauen in „Rede mit 1 elchem Zu⸗ charf wieder „nachdem puppe zur ldlich gegen Charakter⸗ atte. Das⸗ e über ihre eine Gabe, in ward, fine Düſter⸗ 1 ſie ſchon mit dieſen mn Boffin 93 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 94 e der geriu⸗ V Und dies . aus Nei „Ueber ihre Manieren,“ ſagte Mrs. Wilfer,„ſage ich gar nichts. Ueber ihr Ausſehen ſage ich gar nichts. Ueber die Uneigennützigkeit ihrer Abſichten gegen Bella ſage ich gar nichts. Aber die Hinterliſt, die Heimlichkeit, die finſtere, tiefe, falſche Bosheit, die in Mrs. Boffin's Zügen geſchrieben ſteht, macht mich ſchaudern.“. Zum untrüglichen Beweiſe, daß jene verderblichen Eigenſchaften in der That dort zu leſen ſeien, ſchauderte Mrs. Wilfer auf der Stelle. Zehntes Capitel. h Ein Heirathscontrakt. In dem Veneering'ſchen Hauſe herrſchte große Auf⸗ regung. Die gereifte junge Dame ſoll ſich(ſammt Puder und Allem) mit dem gereiften jungen Manne vermählen, und ſie ſoll von dem Veneering'ſchen Hauſe zur Trauung nach der Kirche fahren, und die Veneering's ſollen das Frühſtück geben. Der Analytiſche, der aus Grundſatz gegen Alles, was im Hauſe geſchieht, Einwendungen zu machen hat, hat nothwendigerweiſe auch gegen dieſe Hei⸗ rath Einwendungen zu machen; aber man hat ſich ohne ſeine Einwilligung beholfen, und von einem Federkarren vor der Hausthür werden Gewächshauspflanzen abgeladen, damit das morgende Feſt mit Blumen gekrönt ſei. Die gereifte junge Dame iſt eine Dame von Ver⸗ mögen. Der gereifte junge Herr iſt ein Herr von Ver⸗ mögen. Er legt ſeine Capitalien an. Er geht in einer gewiſſen herablaſſenden, dilettirenden Weiſe in die City, wohnt Zuſammenkünften von Direktoren bei, und hat mit dem Aktienhandel zu thun. Der Aktienhandel iſt, wie dies den Weiſen in ihrer Generation wohl bekannt, das Eine, womit man in dieſer Welt zu thun haben ſoll. Man habe keine Vergangenheit, keinen anerkannt tadel⸗ loſen Ruf, keine Bildung, keine Begriffe, keine Manieren; ſondern Aktien. Man habe Aktien genug, um in großen Buchſtaben auf dem Direktorium zu ſtehen, ſchwebe in geheimnißvollen Geſchäften fortwährend zwiſchen London und Paris hin und her, und ſei groß. Wo iſt er her? Aktien. Wo geht er hin? Aktien. Welche Geſchmacks⸗ richtungen hat er? Aktien. Hat er Grundſätze? Aktien. Was hat ihn in's Parlament gebracht? Aktien. Er hat vielleicht ſelbſt nie in irgend Etwas einen Erfolg ge⸗ habt, nie ſelbſt Etwas erſonnen, nie Etwas erſchaffen? Ausreichende Antwort auf Alles: Aktien. O, ihr mäch⸗ tigen Aktien! Daß ihr jene blökenden Götzenbilder ſo hoch zu erheben im Stande ſeid, und uns niederes Ge⸗ würm, wie unter dem Einfluſſe von Opium, Tag und Nacht ausrufen macht:„Befreit uns von unſerem Gelde, verſchwendet es für uns, kauft und verkauft uns, ſtürzt uns in's Verderben,— nur, o, wir flehen euch an, ſtellt euch unter die Großen der Erde, und mäſtet euch an uns!“ „Während die Liebesgötter und die Grazien dieſe Fackel für Hymen hergerichtet haben, welche morgen angezündet werden ſoll, hat Mr. Twemlow viel im Gemüth gelitten. Es ſcheint, daß ſowohl die gereifte junge Dame, als der gereifte junge Herr unfraglich Veneering's älteſte Freunde ſind. Seine Mündel vielleicht? Doch das kann kaum ſein, denn ſie ſind älter als er. Veneering iſt von An⸗ fang an in ihrem Vertrauen geweſen, und hat viel dazu beigetragen, ſie nach dem Altar hinzulocken. Er hat gegen Mr. Twemlow erwähnt, wie er zu Mrs. Venee⸗ ring geſagt:„Anaſtaſia, dies muß ein Paar werden.“ b Er hat gegen Mr. Twemlow erwähnt, wie er Sophronia Akerſhem(die gereifte junge Dame), als Schweſter und und Alfred Lammle(den gereiften jungen Herrn) als einen Bruder betrachtet. Twemlow hat ihn gefragt, ob er mit Alfred, als jüngeren Schüler, dieſelbe Schule beſucht? Er hat erwidert:„Das eben nicht.“ Ob Sophronia von ſeiner Mutter adoptirt worden? Er hat geant⸗ wortet:„Das wohl kaum.“ Und Twemlow hat mit einer verlorenen Miene die Hand an die Stirn gedrückt. Aber vor etwa vierzehn Tagen oder drei Wochen er⸗ hielt Twemlow, wie er über dem Stalle in der Duke⸗ Straße bei ſeinem ſchwachen Thee und ſeinen trockenen geröſteten Semmelſchnittchen ſaß, ein ſtark parfümirtes dreieckiges Billet mit Monogramm von Mrs. Veneering, in dem ſie ihren liebſten Twemlow anflehte, falls er nicht beſondere anderweitige Beſchäftigungen habe, eine liebe, gute Seele zu ſein, und, in Geſellſchaft des lieben Mr. Podsnap, den vierten Platz an ihrem Tiſche einzunehmen, — zur Beſprechung eines intereſſanten Familiengegen⸗ ſtandes: dieſe letzten beiden Worte doppelt unterſtrichen und durch ein Ausrufungszeichen noch nachdrucksvoller ge⸗ macht. Und nachdem Twemlow geantwortet, daß er „nicht anderweitig beſchäftigt und deshalb glücklich ſein wird,“ geht er, und es findet Folgendes ſtatt: „Mein lieber Twemlow,“ ſagt Veneering,„die Be⸗ reitwilligkeit, mit der Sie Anaſtaſia's unceremoniöſer Einladung entgegengekommen, iſt wahrhaft gütig und ſieht einem alten, alten Freunde gleich. Sie kennen unſern lieben Freund Podsnap?“. Twemlow ſollte den lieben Freund Podsnap, der ihn in ſo fürchterliche Verlegenheit geſtürzt, wohl kennen, und ſagt deshalb, daß er ihn in der That kenne, und Podsnap erwidert daſſelbe. Podsnap iſt dem Anſcheine nach binnen kurzer Zeit dermaßen bearbeitet worden, daß er ſelber glaubt, daß er ſeit vielen, vielen, vielen Jahren ein vertrauter Freund des Hauſes geweſen. Er thut, in der freundſchaftlichſten Weiſe, ganz als ob er zu Hauſe ſei, und führt, mit dem Rücken dem Kamin⸗ feuer zugewendet, eine Statuette des Koloſſus von Rho⸗ dus aus. Twemlow hat ſchon früher auf ſeine ſchwache Weiſe die Bemerkung gemacht, wie ſchnell die Freunde der Veneering's von der Veneering'ſchen Fiction ange⸗ ſteckt werden. Ohne dabei die geringſte Ahnung zu haben, daß er ſich in demſelben Falle befindet. „Unſere Freunde, Alfred und Sophronia,“ fährt Ve⸗ neering, der verſchleierte Prophet, fort,„unſere Freunde, Alfred und Sophronia ſind im Begriff, ſich zu ver⸗ mählen, meine lieben Burſche. Da meine Frau und ich eine Familienangelegenheit daraus machen, deren ganze Anordnung wir übernehmen, ſo beſteht unſer erſter Schritt natürlich darin, unſere Freunde mit der Sache bekannt zu machen.“ („O!“ denkt Twemlow, den Blick auf Podsnap heftend,„dann ſind wir unſer nur Zwei und er iſt der Andere.“) „Ich hoffte,“ fährt Veneering fort,„Lady Tippins ebenfalls hier geſehen zu haben, aber ſie iſt ſehr geſucht, und für heute anderweitig ausgeladen.“ („O!“ denkt Twemlow, mit umherſchweifenden Blicken, „dann ſind wir unſer Drei, und ſie iſt die Dritte.“) „Mortimer Lightwood,“ fährt Veneering fort,„den Sie Beide kennen, iſt auf's Land gereiſt; aber er ſchreibt, auf ſeine drollige Manier, in Erwiderung auf unſere Bitte, als Schemelmann bei der Ceremonie zu fungiren, daß er es uns nicht abſchlagen will, obwohl er nicht ein⸗ ſieht, was er mit der Sache zu thun hat.“ („O!“ denkt Twemlow, mit wild rollenden Augen, „dann ſind wir unſer Vier, und er iſt der Vierte.“) e 1 95 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 96 „Boots und Brewer, die Sie ebenfalls kennen,“ be⸗ merkt Veneering,„ſind für heute nicht geladen; doch ſpare ich mir dies für den Tag des Ereigniſſes ſelbſt auf.“ („Dann,“ denkt Twemlow, mit geſchloſſenen Augen, „ſind wir unſer ſe—,“ doch hier ſinkt er völlig zuſammen und erhebt ſich nicht eher wieder, als bis die Mahlzeit zu Ende und der Analytiſche erſucht worden iſt, ſich zu entfernen.) „Wir kommen jetzt,“ ſagt Veneering,„zu dem Punkte, zu dem wirklichen Punkte, unſeres kleinen Familienrathes. Sophronia hat, da ſie beide Eltern verloren, Nieman⸗ den, der Vaterſtelle bei ihr vertritt.“ „Vertreten Sie ſelber Vaterſtelle bei ihr,“ ſagte Podsnap. „Mein lieber Podsnap, nein,— und zwar aus drei Gründen. Erſtens, weil ich nicht ſo viel Ehre für mich behalten kann, ſo lange ich geſchätzte Freunde habe. Zweitens, weil ich nicht die Eitelkeit habe, mir einzu⸗ bilden, daß ich das Aeußere für die Rolle habe. Drittens, weil Anaſtaſia ein wenig abergläubiſch iſt, und nicht wünſcht, daß ich die Hand irgend einer Dame vergebe, bis unſere Kleine alt genug iſt, um ſich zu verheirathen.“ „Was würde ſich ereignen, wenn er dies thäte?“ fragt Podsnap, zu Mrs. Veneering gewendet. „ Mein lieber Mr. Podsnap, ich weiß wohl, daß es ſehr thöricht iſt, aber ich habe ein inſtinktartiges Vor⸗ gefühl, daß Hamilton zuvor die Hand irgend einer an⸗ deren Dame vergäbe, niemals die unſerer Kleinen ver⸗ geben würde.“ So ſpricht Mrs. Veneering, indem ſie ihre beiden offenen Hände aneinander preßt, wobei ihre acht krummen Finger eine ſo große Aehnlichkeit mit ihrer einen krummen Naſe haben, daß es zur Unterſcheidung ſehr der funkelnagelneuen Diamantringe bedarf. „Aber, mein lieber Podsnap,“ ſpricht Veneering,„wir beſitzen einen erprobten Freund, dem dieſe angenehme Pflicht, wie Sie mir hoffentlich zugeben werden, ganz natürlicher Weiſe zufällt. Dieſer Freund,“ er ſpricht dies, als ob die Geſellſchaft wenigſtens aus hundertundfünfzig Per⸗ ſonen beſtände,„befindet ſich augenblicklich unter uns. Dieſer Freund iſt Twemlow.“ „Das verſteht ſich!“ ſagt Podsnap. „Dieſer Freund,“ fährt Veneering mit mehr Feſtig⸗ keit fort,„iſt unſer lieber guter Twemlow. Und ich kann Ihnen, mein lieber Podsnap, nicht ſagen, welches Ver⸗ gnügen es mir macht, mich in dieſer Anſicht, die auch Anaſtaſia's Anſicht iſt, ſo bereitwillig von Ihnen unter⸗ ſtützt zu ſehen, dem andern eben ſo erprobten Freunde, der die ſtolze Stellung— ich wollte ſagen, der ſtolz die Stellung— oder ich ſollte vielmehr ſagen, der mich und Anaſtaſia in die ſtolze Stellung verſetzt, uns gegenüber die beſcheidene Stellung des Pathen unſerer Kleinen anzu⸗ nehmen.“ Und Veneering fühlt ſich innerlich wirklich ſehr erleichtert, zu ſehen, daß Podsnap nicht eiferſüchtig auf Twemlow's Erhebung iſt. Und ſo iſt es gekommen, daß der Federkarren vor der Hausthür die roſigen Stunden und die Treppe mit Blu⸗ men beſtreut, und daß Twemlow das Terrain recognos⸗ eirt, auf dem er am folgenden Tage eine ſo ausgezeich⸗ nete Rolle ſpielen ſoll. Er iſt bereits in der Kirche ge⸗ weſen und hat ſich, unter der Leitung einer überaus trübſeligen Wittwe, welche die Kirchenſtühle öffnet, und deren linke Hand ſich in einem Zuſtande chroniſchen Rheumatismus zu befinden ſcheint, in der That aber nur freiwillig krumm gehalten wird, um als eine Geld⸗ doſe zu dienen, alle Hinderniſſe im Schiffe der Kirche gemerkt. Und jetzt ſchießt Veneering aus ſeinem Studirzimmer heraus, in dem er, wenn nicht anderweitig beſchäftigt, die geſchnitzten Goldrahmen der nach Canterbury wallen⸗ den Pilger zu betrachten pflegt, und zeigt Twemlow eine kleine Ergießung, die er für die Trompeten der Mode abgefaßt hat, und welche ſchildert, wie am Siebenzehnten dieſes Monats Sr. Ehrwürden, Paſtor Dreiſtern, mit Hülfe Sr. Ehrwürden, Paſtor Soundſo, Alfred Lammle, in der Sackoille⸗Straße, Piccadillh, mit Sophronia, ein⸗ ziger Tochter des verſtorbenen Horatio Akerſhem, in York⸗ ſhire, in heiliger Ehe vereinigt hat, ferner, wie die ſchöne Braut aus dem Hauſe des Herrn Hamilton Veneering, Stucconia, zur Kirche ging, und Mr. Meloin Twem⸗ low, in der Duke⸗Straße, St. James', Vetter von Lord Snigsworth, auf Snigsworth⸗Park, Vaterſtelle bei ihr vertrat. Während er dieſe literariſche Compoſition durch⸗ lieſt, hat Twemlow eine ſchattenhafte Ahnung, daß, falls Sr. Ehrwürden der Herr Paſtor Dreiſtern und Sr. Ehr⸗ würden der Herr Paſtor Soundſo nach dieſer Zuſammen⸗ kunft nicht als Veneering's älteſte und liebſte Freunde auf deſſen Liſte eingetragen, ſie ſich dies einzig und allein ſelber zuzuſchreiben haben werden. Dann erſcheint Sophronia(welche Twemlow zweimal in ſeinem Leben geſehen hat), um Twemlow für ſeine Bereitwilligkeit zu danken, den verſtorbenen Horatio Akerſhem, aus Yorkſhire, zu vertreten. Und nach ihr er⸗ ſcheint Alfred(den Twemlow ein einziges Mal in ſeinem Leben geſehen hat), um daſſelbe zu thun, und einen paſten⸗ artigen Glanz um ſich zu werfen, wie wenn er eigentlich nur für Kerzenlicht conſtruirt und durch ein großartiges Verſehen an's Tageslicht hinausgelaſſen worden. Dann kommt Mrs. Veneering, in einem ſich ausbreitenden adlerartigen Zuſtande von Geſtalt, und kleinen, durch⸗ ſichtigen Knoten in ihrer Stimmung, gleich dem durch⸗ ſichtigen, klſeinen Knoten auf ihrem Naſenſattel,„Vor Sorge und Aufregung völlig erſchöpft,“ wie ſie ihrem lieben Mr. Twemlow vertraut, und wird von dem Analy⸗ tiſchen durch Rum wieder belebt. Und darauf langen die Brautjungfern mit der Eiſenbahn aus verſchiedenen Gegenden des Landes an, gleich anbetungswürdigen Rekruten, die von einem Sergeanten angeworben, welcher nicht gegenwärtig iſt; denn da ſie in das Veneering'ſche Depot anlangen, befinden ſie ſich in einer Kaſerne von Fremden. Und ſo geht Twemlow heim nach der Duke⸗Straße, St. James', um einen Teller Schöpſenbrühe mit einer darin ſchwimmenden Cotelette zu eſſen und ſich den Gottesdienſt bei einer Heirath anzuſehen, damit er zur rechten Zeit mit den Reſponſen bereit ſei; und er fühlt ſich trübe geſtimmt und findet es einſam und drückend über dem Stalle, und iſt ſich deutlich eines Einſchnittes in ſeinem Herzen bewußt, den die anbetungswürdigſte der anbetungswürdigen Brautjungfern verurſacht. Denn der arme harmloſe kleine Herr hatte einmal eine Caprice, wie uns dies Allen einmal zuſtößt, und ſie wollte nicht darauf eingehen(wie ſie dies oft nicht will), und er fin⸗ det, daß die anbetungswürdige Brautjungfer der Caprice gleicht, wie dieſe zu jener Zeit geweſen(was durchaus nicht der Fall) und denkt, daß, falls die Caprice nicht einen Andern um's Geldes willen geheirathet, er(Twemlow) und ſie jetzt hätten glücklich ſein können(was ſie ent⸗ ſchieden nicht geweſen wären) und daß ſie noch immer eine große Zärtlichkeit für ihn fühlt,(wohingegen ihre Zähigkeit ſprichwörtlich iſt. Vor dem Kaminfeuer ſitzend, und ſeinen vertrockneten kleinen Kopf in ſeine vertrockneten kleinen Hände, und ſeine vertrockneten klei⸗ nen Elbogen auf ſeine vertrockneten kleinen Kniee ſtützend, giebt Twemlow ſich der Melancholie hin.„Keine An⸗ betungswürdige leiſtet mir hier Geſellſchaft!“ denkt er. „Keine Anbetungswürdige“ im Club! Eine Wildniß, 97 4,„ N eine 1 ſchläft Gliede An ige d Tippie St.) gen moni Wat für zu!l von des nicht von nen vielle man Stra ſchaͤle mach ſtand unſe was rig Auge mäßi herrſe time daru 1 irgen mein erhal ſind, wenn erwo Sche wo Regi hätt Nor falſch Klide tachte inen Nar eter Vun Wap lang Fuß folg wen 86 jung lbei Sirp naffg Loß un eneering, a Dwem⸗ von Lond e bei ihr on durh. aß, fals Sr. Chr. ſammen⸗ Freunde nd allein weimal für ſeine Horatio ch ihr er in ſeinen en paſten⸗ eigentlich eoßartiges 1. Dann breitenden e, duch⸗ dem duch⸗ tel,„Vor ſie ihren em Analh⸗ uf langen —ſchiedenen zwürdigen n, welcher eeringſche aſerne von ke⸗Straße, mit einer ſich den it er zur der fühlt lad drückend Finſchnittes V zwündigſte cht. Denn ſne Gaprice, bollte nicht nd er fin⸗ r Caprice durchaus price nicht Twemlow) 97 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 98 eine Wildniß, eine Wüſte, mein Twemlow!“ und ſo ſchläft er ein und hat galvaniſche Zuckungen an allen Gliedern. Am folgenden Morgen in aller Frühe fängt die grau⸗ ſige Lady Tippins(Wittwe des verſtorbenen Sir Thomas Tippins, der aus Verſehen für Jemand Anderen von Sr. Majeſtät Georg dem Dritten zum Ritter geſchla⸗ gen worden, indem die Majeſtät, während ſie die Cere⸗ monie vollführte:„Was, was, was? Wer, wer, wer? Warum, warum, warum?“ zu bemerken geruht) an, ſich für die intereſſante Ceremonie anmalen und anlackiren zu laſſen. Sie genießt den Ruf, unterhaltende Berichte von ſolchen Ereigniſſen abſtatten zu können, und muß deshalb bei Zeiten bei dieſen Leuten ſein, damit ihr nichts von dem Scherze entgehe. In welchem Theile von dem Hute und der Draperie, die unter ihrem Na⸗ men gemeldet werden, das wirkliche Weib verborgen, iſt vielleicht ihrer Kammerjungfer bekannt; doch Alles, was man von ihr ſieht, könnte man bequem in der Bond⸗ Straße kaufen; oder man könnte ſie ſcalpiren und ab⸗ ſchälen und abkratzen und zwei Lady Tippinſe aus ihr machen und noch immer nicht bis zu dem echten Gegen⸗ ſtande dringen. Sie hat eine große goldene Lorgnette, unſere Lady Tippins, mit deren Hülfe ſie Alles beobachtet, was ſich zuträgt. Falls ſie eine ſolche in jedem Auge trüge, ſo würde dadurch vielleicht jenes andere ſinkende Augenlid emporgehoben, und der Eindruck ein gleich⸗ mäßiger werden. Doch in ihren künſtlichen Blumen beruä ewige Jugend, und ihre Liſte von Liebhabern iſt voll. „Mortimer, Sie Elender,“ ſagt Lady Tippins, mit ihrer Lorgnette ringsumherſchauend,„wo iſt Ihr Schütz⸗ ling, der Bräutigam?“ 2 „Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort,“ erwidert Mor⸗ timer,„daß ich es nicht weiß, und mich auch nicht darum bekümmere.“ „Verworfener! Thun Sie ſo Ihre Pflicht?“ „Außer einer unbeſtimmten Vorſtellung, daß er, bei irgend einem Punkte der Feierlichkeit angelangt, auf meinem Schooße ſitzen und gleich einem Boxer Beiſtand erhalten muß, habe ich keine Ahnung, was meine Pflichten ſind,“ erwidert Mortimer. Eugen iſt ebenfalls dort, doch mit einer Miene, wie wenn er in der bevorſtehenden Ceremonie ein Begräbniß erwartet hätte, und ſich ſehr enttäuſcht fühlte. Der Schauplatz iſt die Sacriſtei in der St. James⸗Kirche, wo auf den Simſen eine große Anzahl lederner alter Regiſter liegen, deren Einbände aus Lady Tippinſen hätten beſtehen dürfen. Doch horch! Ein Wagen hält vor dem Thore und Mortimer's Schutzbefohlener langt an und ſieht einem falſchen Mephiſtopheles, und einem unanerkannten Mit⸗ gliede von deſſen Familie ähnlich. Lady Tippins be⸗ trachtet ihn mit ihrer Lorgnette und erklärt ihn für einen ſchönen Mann und einen guten Fang; während Mortimer— da Jener ſich ihnen nähert— in betrüb⸗ teſter Stimmung bemerkt:„Dies, glaub' ich, iſt mein Burſche, hol' ihn der Henker!“ Dann halten noch mehr Wagen vor dem Thore, und ſiehe! die übrigen Perſonen langen an, und werden von Lady Tippins, die auf einem Fußkiſſen ſteht und mit ihrer Lorgnette um ſich ſchaut, folgendermaßen hergenannt:„Braut; fünfundvierzig, wenn ſie einen Tag alt iſt, dreißig Schilling die Elle, Schleier fünfzehn Pfund, Taſchentuch geſchenkt. Braut— jungfern, untergedümpelt, damit ſie nicht die Braut überſtrahlen, folglich keine jungen Mädchen, zwölf und Sixpence die Elle, Veneering's Blumen, die Stumpf⸗ naſige ziemlich hübſch, aber zu eingebildet auf ihre Kleine Leute.“ Die Ceremonie iſt vorüber, das Heirathsregiſter un⸗ terzeichnet, Lady Tippins hat an Veneering's Arme das Gotteshaus verlaſſen, die Wagen fahren nach Stacconia zurück, Diener warten in Hochzeitsſchleifen und Blumen⸗ ſträußen, man langt in Veneering's Hauſe an— die Empfangszimmer in höchſter Pracht. Hier erwarten die Podsnap's das glückliche Paar; Mr. Podsnap mit her⸗ vorragenden Haarbürſten; jenes fürſtliche Schaukelpferd, Mrs. Podsnap, in majeſtätiſcher Stattlichkeit. Hier ſind ferner Boots und Brewer und die beiden anderen Dick⸗ köpfe; jeder der Dickköpfe trägt eine Blume im Knopf⸗ loche, gekräuſeltes Haar und feſt zugeknöpfte Handſchuhe, dem Anſcheine nach vollkommen gerüſtet, um, falls dem Bräutigam etwas zugeſtoßen, ſich ſofort an ſeiner Stelle zu vermählen. Und hier harrte die Tante der Braut und ihre nächſte Anverwandte, eine verwittwete Dame von der Meduſenſorte in einer ſteinernen Haube, die verſteinernde Blicke auf ihre Nebenmenſchen ſchleudert. Und hier befindet ſich der Vormund der Braut: ein Oelkuchen⸗genährter Geſchäftsmann, mit mondartigen Brillengläſern, und ein Gegenſtand von großem Intereſſe. Da Veneering ſich auf dieſen Vormund wie auf ſeinen älteſten Freund ſtürzt(und dies macht ſieben, denkt Twemlow) und ſich vertraulich mit ihm in das Ge— wächshaus zurückzieht, wird allgemein angenommeu, daß Veneering ſein Mitvormund iſt und Beide ſich über die Vermögensangelegenheiten beſprechen. Man hört die Dickköpfe ſogar unter ſich etwas von Drei— ßig Tauſend — Pfund! flüſtern, mit einem Lippenſchmatzen und einer Miene des Wohlgeſchmackes, die an die ausgezeichnetſten Auſtern erinnern. Die unbekannten kleinen Leute, welche plötzlich die Entdeckung machen, wie intim ſie mit Veneering bekannt ſind, ſchlagen ihre Arme übereinander und fangen ſchon vor dem Frühſtück ihm zu widerſprechen an. Zu dieſer Zeit ſchwebt Mrs. Veneering, das Kleine, das wie eine Brautjungfer gekleidet, im Arme tragend, unter den Gäſten umher, und ſchleudert bunte Blitze aus Diamanten, Smaragden und Rubinen um ſich. Nachdem der Analytiſche im Verlauf der Zeit gethan, was er ſich ſchuldig zu ſein fühlt, indem er nämlich ver⸗ ſchiedene Streitigkeiten, die er mit dem Conditoreigehül⸗ fen hatte, zu einem würdevollen Ende gebracht, meldet er, daß das Frühſtück ſervirt iſt. Das Speiſezimmer iſt nicht minder prachtvoll als die Empfangszimmer; die Tiſche ſüperbe: alle Kameele ſind beladen und thun Dienſt. Wundervoller Kuchen, mit Liebesgöttern, Silber und Treuliebchens⸗Schleifen geziert. Veneering bringt ein glänzendes Armband zum Vorſchein und ſchlingt es um den Arm der Braut, ehe man hinunter geht. In⸗ deſſen ſcheint Niemand die Veneering's in einem viel beſſeren Lichte zu betrachten, wie wenn ſie Gaſtwirth und Wirthin geweſen und die Sache geſchäftlich und zu ſo viel à Perſon hergerichtet hätten. Die Braut und der Bräutigam ſtehen allein und unterhalten ſich und lachen miteinander, wie dies immer ihre Gewohnheit geweſen; und die Dickköpfe arbeiten ſich mit ſyſtematiſcher Aus⸗ dauer und Beharrlichkeit durch die verſchiedenen Schüſſeln hindurch, wie dies ſtets ihre Gewohnheit geweſen; und Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. wie Kunden. 99 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. die unbekannten kleinen Leute ſind überaus wohlwollend gegen einander in gegenſeitigen Aufforderungen und Ermunterungen, Champagner zu trinken; aber Mrs. Podsnap, die ihre Mähne ſträubt und ſich auf das Großartigſte geberdet, hat weit ehrfurchtsvollere Zuhörer, als Mrs. Veneering; und Podsnap macht faſt die Honneurs.— Ein fernerer ungemüthlicher Umſtand liegt darin, daß Veneering auf der einen Seite die bezaubernde Lady Tippins und die Tante der Braut auf der andern neben ſich hat und es überaus ſchwer findet, den Frieden zu bewahren. Denn Meduſa ſchleudert nicht blos Verſtei⸗ nerungsblicke auf die bezaubernde Tippins, ſondern ſendet jeder lebhaften Bemerkung dieſes lieben Geſchöpfes ein hörbares Schnaufen nach, welches von einem Schnupfen herrühren mag, aber eben ſo gut Entrüſtung und Ver⸗ achtung auszudrücken geeignet iſt. Und da ſich dieſes Schnaufen in regelmäßigen Zwiſchenräumen hören läßt, wird es endlich von der Geſelſſchaft erwartet, welche verlegene Pauſen in der Unterhaltung macht, ſowie das⸗ ſelbe fällig iſt, und es durch dieſes Warten noch um ſo nachdrucksvoller macht, wenn es endlich kommt. Die ſteinerne Tante hat außerdem eine beleidigende Manier, alle Schüſſeln zurückzuweiſen, von denen Lady Tippins genießt, indem ſie, ſobald dieſelben ihr präſentirt werden, ausruft:„Nein, nein, nein, das iſt nichts für mich, fort damit!“ Wie wenn es ihr beſonders darum zu thun wäre, ihre Befürchtung zu erkennen zu geben, daß ſie, falls ſie ſich von denſelben Speiſen nährte, jener Zauberin ähnlich werden könnte, was ihr als ein ſchreckliches Re⸗ ſultat erſcheinen würde. Da ſie ſich ihrer Feindin be⸗ wußt wird, verſucht Lady Tippins ein paar jugendliche, witzige Reden und zieht ihre Lorgnette hervor: doch von der undurchdringlichen Haube und der ſchnaufenden Rü⸗ ſtung der ſteinernen Tante prallt jede Waffe machtlos zurück. Ferner iſt es ein widerwärtiger Umſtand, daß die unbekannten kleinen Leute einander darin unterſtützen, ſich durch nichts imponiren zu laſſen. Sie laſſen ſich durch die goldenen und ſilbernen Kameele durchaus nicht erſchrecken, und vereinigen ſich zu einem Bunde, um den ſilbernen Eiseimern Trotz zu bieten. Sie ſtimmen ſo⸗ gar in einer unklar ausgedrückten Anſicht überein, daß der Wirth und die Wirthin einen hübſchen kleinen Profit aus der Sache machen werden, und geberden ſich faſt Selbſt die anbetungswürdigen Brautjung⸗ fern bieten keine Entſchädigung für alles Dies; denn da ſie ſehr wenig Intereſſe an der Braut nehmen, und gar keins für einander fühlen, geben dieſe lieblichen Weſen ſich einzeln einer herabſetzenden Betrachtung des anwe⸗ ſenden Damenputzes hin; während der Schemelmann des Bräutigams ſich in ſeinen Seſſel zurücklehnt und die Gelegenheit zu benutzen ſcheint, um reuige Rückblicke auf all das Unrecht zu werfen, das er in ſeinem Leben be⸗ gangen hat; der Unterſchied zwiſchen ihm und ſeinem Freunde Eugen, der ſich ebenfalls in ſeinen Seſſel zu⸗ rückgelehnt, liegt darin, daß Letzterer vielmehr über das Unrecht nachzuſinnen ſcheint, das er thun möchte— na⸗ mentlich der gegenwärtigen Geſellſchaft anthun möchte. Unter dieſen Verhältniſſen ſtocken die gewöhnlichen Ceremonien ſolcher Feſtlichkeiten ein wenig, und der ſü⸗ perbe Hochzeitskuchen hat, wie er von der ſchönen Hand der Braut angeſchnitten wird, ein ziemlich unverdauliches Anſehen. Indeſſen alles Unerläßliche wird geſagt und alles Unerläßliche gethan,(Lady Tippins' Gähnen, Ein⸗ ſchlafen und beſinnungsloſes Erwachen nicht ausgenommen), und es werden eilige Vorbereitungen zur Hochzeitsreiſe nach der Inſel Wight getroffen, und die freie Luft iſt mit Muſikanten und Zuſchauern ſchwanger; und das böſe Geſtirn des Analytiſchen will, daß ihn Angeſichts der Menge Schmerz und Hohn ereilen ſoll. Denn wie er auf der Thürſchwelle ſteht, um die Abreiſe zu zieren, erhält er plötzlich durch einen fliegenden Schuh, den ein Dickkopf im Hausflur, champagnerglühend und in's Wilde hineinzielend, in der Eile des Augenblicks von dem Conditorjungen geborgt, um ihn dem abfahrenden Paare zum guten Omen nachzuwerfen, einen fürchterlichen Schlag an den Kopf. Und dann kehren Alle wieder in die prachtvollen Em⸗ pfangszimmer zurück— Alle vom Frühſtück erhitzt und rothglühend, wie wenn ſie in Geſellſchaft das Scharlach⸗ fieber gehabt— und dort thut die Bande der unbekann⸗ ten kleinen Leute den Sophas boshafte Dinge mit ihren Beinen an, und ruiniren, ſo viel es in ihren Kräften liegt, das ſchöne Zimmergeräth. Und Lady Tippins ſchwindet dahin,— in einem Zuſtande dölliger Unklar⸗ heit darüber, ob heute vorgeſtern iſt oder übermorgen oder nächſte Woche; und Mortimer Lightwood und Eugen ſchwinden dahin, und Twemlow ſchwindet dahin, und die ſteinerne Tante geht fort— ſie weigert ſich, dahinzu⸗ ſchwinden, indem ſie bis zuletzt felſenfeſt bleibt— und ſelbſt die kleinen Unbekannten ſickern allmälig durch, und Alles iſt vorüber. Alles vorüber— das heißt für den Augenblick. Aber es ſteht noch etwas Anderes bevor, und dies kommt in etwa vierzehn Tagen und ereignet ſich zwiſchen Mr. und Mrs. Lammle auf dem Strande bei Shanklin, auf der Inſel Wight. Mr. und Mrs. Lammle ſind eine Weile am Strande bei Shanklin dahingewandelt und an ihren Fußſpuren iſt es zu ſehen, daß ſie nicht Arm in Arm und nicht in gerader Linie, wohl aber in mürriſcher Laune dahinge⸗ wandelt ſind; denn die Dame hat mit ihrem Sonnen⸗ ſchirm kleine heftige Löcher in den Sand vor ihren Fü⸗ ßen geſtachelt, und der Herr hat ſeinen Spazierſtock hinter ſich ſchleppen laſſen, wie wenn er in der That der Familie Mephiſtopheles angehörte und ſeinen Schweif nachge⸗ ſchleppt hätte. „Willſt Du mir alſo damit phronia—“ So ſpricht er nach einem langen Schweigen, doch Sophronia wendet ſich zornglühend zu ihm. „Wende es nicht gegen mich, Sir. Ich frage Dich, willſt Du es mir damit geſagt haben? Mr. Lammle verſinkt wieder in Schweigen und ſie wandeln wie vorher dahin. Mrs. Lammle öffnet die Nü⸗ ſtern und beißt ſich auf die Unterlippe. Mr. Lammle faßt ſeinen ingwergelben Bart mit der linken Hand, und wirft aus dieſem dichten Ingwergeſträuche einen düſtern Blick auf ſeine Geliebte. „Will ich damit geſagt haben!“ wiederholt Mrs. Lammle nach einer Weile mit Entrüſtung.„Es gegen mich zu wenden! Solche unmännliche Betrügerei!“ Mr. Lammle ſteht ſtill, läßt ſeinen Bart fahren und ſchaut ſie an.„Solche was?“ Mrs. Lammle erwidert hochmüthig, ohne ſtillzuſtehen und ohne ihn anzuſehen:„Die Gemeinheit.“ Er iſt mit zwei Schritten an ihrer Seite und ſagt: „Das ſagteſt Du nicht. Du ſagteſt Betrügerei.“ „Und was dann, wenn ich dies wirklich ſagte?“ „Es waltet darüber gar kein Wenn ob. Du ſag⸗ teſt es.“ „Gut, ich ſagte es. Was dann?“ „Was dann?“ ſagte,Lammle.„Haſt Du die Dreiſtig⸗ keit, das Wort gegen mich auszuſprechen?“ „Die Dreiſtigkeit!“ entgegnet Mrs. Lammle, ihn mit geſagt haben, So⸗ Lamml ſihen. geſag Ro hinge⸗ murn 1' Lam Vern leich zeige 1 Lamn Löc nien Cbl dem möv. ie DOber 41 St und ach⸗ unbekann⸗ mit ihren Kräften Tippins r Unklar⸗ nd Eugen 1 und die dahinzu⸗ dt— und durch, und blick. Aber kommt in Mr. und „auf der in Strande Fußſpuren ad nicht in ne dahinge⸗ m Sonnen⸗ ihren Fü⸗ ſtock hinter er Familie if nachge⸗ aben, So⸗ ſigen, doch rage Dich, en und ſie net die Nü⸗ ler. Lammle Hand, und nen düſtern polt Mes. Es gegen „10 tillzuſtehen und ſagt: ſtehen, das Wort gegen mich zu gebrauchen?“ „Ich habe es nicht gegen Dich gebraucht.“ Da dies zufälligerweiſe wahr iſt, ſo ſieht Mrs. Lammle ſich zu der weiblichen Ausflucht getrieben, zu ſagen:„Es iſt mir einerlei, was Du geſagt oder nicht geſagt haſt.“ 4 Nachdem ſie wieder eine kleine Weile ſchweigend da⸗ hingegangen, ſagt Mr. Lammle: „Du ſollſt nach Deinem eigenen Willen handeln. Du forderſt das Recht, mich fragen zu können, ob ich Dir damit ſagen will? Ob ich Dir damit was ſagen will?“ „Daß Du ein Mann von Vermögen ſeieſt?“ „Nein?“ „Dann haſt Du mich unter falſchem Vorwande ge⸗ heirathet?“ „So ſei es. Jetzt kommt das, was Du damit ſagen willſt. Willſt Du damit ſagen, daß Du eine Frau von Vermögen ſeieſt?“ „Nein.“. „Dann haſt Du mich unter falſchem Vorwande ge⸗ heirathet.“ 1 „Iſt es etwa meine Schuld, daß Du ein ſo dummer Glücksjäger warſt, daß Du Dich ſelber täuſchteſt, oder daß Du habgierig genug warſt, um Dich ſo bereitwillig durch den Schein täuſchen zu laſſen, Du Abenteurer?“ fragt die Dame mit großer Bitterkeit. „Ich fragte Veneering, und er ſagte mir, Du ſeieſt reich.“ „Veneering!“ wiederholt ſie mit tiefer Verachtung. Was weiß Veneering über mich!“ „War er nicht Dein Vormund?“ „Nein. Ich habe keinen anderen Vormund, als den, welchen Du an dem Tage ſahſt, an dem Du mich be⸗ trügeriſcher Weiſe heiratheteſt. Und ſeine Vormundſchaft iſt keine ſehr ſchwierige, denn dieſelbe erſtreckt ſich nur über eine jährliche Leibrente von hundertundfünfzig Pfund. Ich glaube, es hängen noch einige Schillinge und Pence daran, wenn Du es genau zu wiſſen wünſcheſt.“ Mr. Lammle wirft einen nichts weniger als liebenden Blick auf die Gefährtin ſeiner Freuden und Leiden, und murmelt etwas; doch bezwingt er ſich. „Frage für Frage. Jetzt bin ich an der Reihe Mrs. Lammle. Wie kamſt Du dazu, mich für einen Mann von Vermögen zu halten?“ „Du ließeſt mich Dich dafür halten. Du wirſt viel⸗ leicht leugnen, daß Du Dich mir ſtets in dem Lichte zu zeigen geſucht haſt?“ „Aber Du fragteſt ebenfalls Jemanden. Komm, Mrs. Lammle. Ein Zugeſtändniß iſt des andern werth. Du fragteſt Jemanden?“ „Ich fragte Veneering.“. „Und Veneering wußte eben ſo viel über mich, wie er über Dich wußte, oder wie irgend Jemand über ihn weiß.“— Nachdem ſie abermals eine Weile ſchweigend dahinge⸗ wandelt, ſteht die junge Gattin ſtill und ſagt heftig: „Ich will den Veneering's dies nie vergeben!“ „Und ich ebenſo wenig,“ erwidert der junge Gatte. Dann gehen ſie wieder weiter; ſie, indem ſie zornig Löcher in den Sand ſtößt; und er, indem er ſeinen niedergeſchlagenen Schweif nach ſich ſchleppt. Es iſt Ebbezeit und die Fluth ſcheint ſie mit einander hoch auf dem nackten Strande zurückgelaſſen zu haben. Eine See⸗ möve umkreiſt ihre Häupter und ſcheint ſie zu verhöhnen. Die braunen Felſenklippen zeigten ſo eben eine goldige Oberfläche, und ſiehe, jetzt ſind ſie nichts als naſſe Erde. V 2 „Die Frage hat abermals zwei Seiten, Mrs. Lammle. Was behaupteſt Du zu glauben?“ „Alſo zuerſt betrügſt Du mich, und dann beſchimpfſt Du mich?“ ſagt die Dame mit wogender Bruſt. „Durchaus nicht. Die zweiſchneidige Frage kam nicht von mir. Sie war die Deinige.“ „Die Meinige!“ wiederholt die Dame, und ihr Son⸗ nenſchirm zerbricht in ihrer zornigen Hand. Sein Geſicht hat ſich mit einer gelblichen Bläſſe über⸗ zogen, und um ſeine Naſe erſcheinen unheildrohende Zei⸗ chen, wie wenn der Teufel ſelbſt dieſelbe während der letzten Paar Minuten hier und dort berührt hätte. Doch beſitzt er Kraft, ſich ſelber zu bezwingen, und ſie hat deren keine. „Wirf ihn fort,“ empfiehlt er trocken, in Bezug auf den Sonnenſchirm.„Du haſt ihn unbrauchbar gemacht, und ſiehſt lächerlich damit aus.“ In ihrer Wuth nennt ſie ihn einen kaltblütigen Schurken, und wirft den zerbrochenen Sonnenſchirm ſo von ſich, daß derſelbe im Fallen ihn trifft. Die Finger⸗ zeichen in ſeinem Geſicht ſind einen Augenblick um einen Gedanken weißer, aber er ſchreitet an ihrer Seite weiter. Sie bricht in Thränen aus, und erklärt ſich für das unglücklichſte, betrogenſte, gemißhandeltſte aller Weiber. Dann ſagt ſie, falls ſie den Muth hätte, würde ſie ſich tödten. Dann nennt ſie ihn einen ſchändlichen Betrüger. Dann fragt ſie ihn, warum er, in der Vereitlung ſeiner niedrigen Speculation, unter den gegenwärtigen günſtigen Umſtänden, ihr nicht das Leben nimmt. Dann weint ſie wieder. Dann wird ſie wieder wüthend und ſpricht etwas von Schwindlern. Schließlich ſetzt ſie ſich weinend auf einen Felsblock nieder und hat alle bekannten und unbe⸗ kannten Anfälle ihres Geſchlechts zugleich. Während die⸗ ſer Wechſel in ihr tobt, ſind jene oben erwähnten Zeichen in ſeinem Geſichte gekommen und vergangen, bald hier, bald dort, gleich den weißen Klappen einer Flöte, auf welcher der teufliſche Virtuos eine Melodie ſpielt. Dazu ſind ſeine bleichen Lippen endlich halb geöffnet, wie wenn er durch ſchnelles Laufen athemlos wäre. Doch iſt dies nicht der Fall. „Jetzt ſteh' auf, Mrs. Lammle, und laß uns vernünftig reden.“ Sie bleibt auf ihrem Steine ſitzen, und achtet nicht auf ihn. „Steh' auf, ſage ich Dir.“ Sie erhebt den Kopf und ſchaut ihm verachtungsvoll in's Geſicht, indem ſie wiederholt:„Du befiehlſt mir! Du, fürwahr!“ Sie thut, als wüßte ſie nicht, daß ſeine Augen, wie ſie den Kopf wieder ſinken läßt, auf ſie geheftet ſind; doch ihre ganzz Geſtalt verräth, daß ſie ſich deſſen unbehaglich bewußt iſt. „Genug hiervon. Komm! Hörſt Du? Steh' auf.“ Seiner Hand folgend, ſteht ſie auf und ſie gehen wieder, doch diesmal in die Richtung ihrer Wohnung. „Mrs. Lammle, wir haben Beide betrogen und ſind Beide betrogen worden. Wir haben Beide gebiſſen, und ſind Beide gebiſſen worden. Da haſt Du die ganze Sache in einer Nußſchale.“ 102 104 „Du ſuchteſt mich—“ „Bah!l Genug davon. Wir wiſeſen ſehr wohl, wie es kam. Warum ſollten wir Beide davon reden, wenn wir es zu verhehlen Beide nicht im Stande ſind. Ferner. Ich bin in meinen Erwartungen getäuſcht, und ſpiele eine erbärmliche Rolle.“ 4 „Bin ich Niemand?“ „Jemand, im Gegentheil— und ich war im Be⸗ griff, von Dir zu reden, wenn Du nur einen Augenblick gewartet hätteſt. Du biſt ebenfalls in Deinen Erwar⸗ tungen getäuſcht und ſpielſt eine erbärmliche Rolle.“ „Ich habe großes Unrecht erlitten.“ „Du biſt jetzt ruhig genug, Sophronia, um einzu⸗ ſehen, daß Du kein Unrecht erlitten haben kannſt, das ich nicht ebenfalls erlitten habe; und daß der Ausdruck des⸗ halb nicht hierher gehört. Wenn ich zurückſchaue, ſo wundere ich mich darüber, daß ich ein ſolcher Narr ſein konnte, Dich in ſo bedeutendem Maße auf Credit zu nehmen.“ „Und wenn ich zurückſchaue—“ ruft die junge Gattin, ihn unterbrechend. „Und wenn Du zurückſchauſt, ſo wunderſt Du Dich, wie Du je— Du wirſt das Wort entſchul⸗ digen?“ „Ganz ge⸗ wiß, da ich ſo viel Urſache dazu habe.“ ,— Wie Du je eine ſolche Närrin ſein konnteſt, mich in ſo ho⸗ hem Maße auf Credit zu neh⸗ men. Doch die Thorheit hat auf beiden Sei⸗ ten ſtattgefun⸗ den. Ich kann Dich und Du kannſt mich nicht los wer⸗ den. Was folgt daraus?“ „ Schande und Elend,“ er⸗ widert die junge Gattin mit Bitterkeit. „Das weiß ich nicht. Es folgt ein gegenſeitiges Verſtändniß daraus, und dies, denke ich, kann uns viel⸗ leicht aus der Verlegenheit reißen. Ich theile meine Rede hier—(nimm meinen Arm, Sophronia), um die⸗ ſelbe kürzer und klarer zu machen, in drei Theile ein. Erſtens, es iſt genug, hintergangen worden zu ſein, und es bedarf nicht noch des Verdruſſes, als hintergangen bekannt zu werden. Deshalb kommen wir überein, die Sache für uns zu behalten. Stimmſt Du mir bei?“ „Wenn dies möglich iſt, ja.“ „Möglich! Wir haben einander gründlich genug ge⸗ täuſcht,— können wir da, vereint, nicht die Welt täu⸗ ſchen? Abgemacht. Zweitens, wir gönnen den Veneering's alles Böſe, und wir gönnen allen anderen Leuten, daß ſie eben ſo ſehr hintergangen werden mögen, wie wir hintergangen worden. Einverſtanden?“ 4 „Ja, einverſtanden.“ „Wir gehen jetzt ganz ſanft zum Dritten über. Du Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. Das glückliche Paar. haſt mich einen Abenteurer genannt, Sophronia. Und das bin ich. Auf deutliches, uncomplimentariſches Deutſch, ich bin es. Und Du biſt daſſelbe, meine Liebe. Und viele Leute ſind daſſelbe. Wir kommen überein, unſer Geheimniß zu bewahren, und zuſammen an der Förderung unſerer Pläne zu arbeiten.“ „Was für Pläne?“ „Alle Pläne, die uns Geld einbringen. Mit unſeren Plänen will ich unſer gemeinſames Intereſſe gemeint haben. Einverſtanden?“ Sie erwidert nach einem kurzen Zögern:„Ich denke wohl. Einverſtanden.“ „Alſo, wir ſind ſofort miteinander einig, ſiehſt Du. Jetzt, Sophronia, nur noch ein halbes Dutzend Worte mehr. Wir kennen einander vollkommen. Laß Dich nicht hinreißen, mich durch Deine frühere Kenntniß Meiner ärgern zu wollen, denn dieſelbe iſt mit meiner früheren Kenntniß Deiner identiſch, und indem Du mir Vorwürfe machſt, machſt Du zugleich Dir ſelber Vorwürfe, und dies wünſche ich nicht zu hören. Nachdem wir zu dieſem guten Einverſtändniſſe gelangt, iſt es beſſer, daß es nie geſchieht. Und ſchließlich: Du haſt heute Deine Hef⸗ tigkeit gezeigt, Sophronia.— Laß Dich dazu ja nicht wieder hinreißen, denn ich bin ſelbſt von einer teuf⸗ liſchen Heftig— keit.“ Und damit kehrt das glück⸗ liche Paar, nach⸗ dem es in die⸗ ſer Weiſe den hoffnungsvol⸗ len Heiraths⸗ kontrakt abge⸗ faßt, unter⸗ ſchrieben und beſiegelt hat, wieder heim. — Falls jene teuf⸗ 8 liſchen Finger⸗ zeichen auf Al⸗ fred Lammle's weißem und athemloſen Antlitze andeuteten, daß er den Vorſatz gefaßt, ſein liebes Weib zu unterjochen, indem er ſie ſofort jeder Spur von wirklicher oder angenommener Selbſtachtung be⸗ raubte, ſo ſcheint ihm dieſer Vorſatz faſt gelungen zu ſein. Die gereifte junge Dame bedarf jetzt durchaus keiner weißen Schminke mehr für ihr Geſicht, wie ihr Begleiter ſie im Lichte der ſinkenden Sonne in ihre glückſelige Wohnung zurückführt. (Seite: 100.) Elfles Capilel. Podsnapperei. Mr. Podsnap war ein wohlhabender Mann und ſtand in ſehr hohem Anſehen bei Mr. Podsnap. Er hatte mit einem guten Erbtheile angefangen und dann noch ein gutes Erbtheil hinzugeheirathet, hatte vortreffliche Ge⸗ ſchäfte in der Schiffsaſſecuranz gemacht und war voll⸗ 6—* 105 komme ale L wußt, er mmit Allem I dienſte ſich ei hiern eine eine Weif viel Pod dabo kann inden der I ſich! eigent verle keine Sin Han dere Jrrtl ſelber Preſte und Uebri glatt City Sieb beſta Druß acht rafirt Hauſ reſpe und ſteht, in d und bond nicat 4 niap, müſſ mein konnt es wo beque eeint D Schu ſeata Wund Pode Heu haft Pod jung Mu zogen hatte worb 104 Und eutiſch, Und unſer derung unſeren Jemeint h dente ehſt Da d Vorte dich niht Meiner früheren vorwürfe ſe, und u dieſem 4 Dich dazu ht wieder 10⁵. Boz, Unſer gemein kommen zufrieden und konnte nie begreifen, warum nicht alle Leute vollkommen zufrieden ſeien, und war ſich be⸗ wußt, daß er ein glänzendes ſociales Beiſpiel gebe, indem er mit den meiſten Dingen ſo wohl zufrieden war, vor Allem aber mit ſich ſelber. In dieſer glücklichen Kenntniß ſeines eigenen Ver⸗ dienſtes und ſeiner Wichtigkeit war Mr. Podsnap mit ſich einig geworden, daß er Alles, was er von ſich wieſe, hiermit auch völlig aus dem Daſein verweiſe. Es lag eine würdevolle Folgerichtigkeit— um nicht hinzuzufügen: eine großartige Bequemlichkeit— in dieſer Art und Weiſe, ſich Unannehmlichkeiten vom Halſe zu ſchaffen, die viel zu der hohen Zufriedenheit beigetragen, welche Mr. Podsnap ſich ſelber gegenüber hegte.„Ich verlange nichts davon zu wiſſen; ich wünſche nicht davon zu reden; ich kann es nicht zugeben!“ Mr. Podsnap hatte ſich ſogar, indem er in dieſer Weiſe die ſchwierigſten Probleme aus der Welt hinweggeräumt,— die er mit dem Arme hinter ſich und ſomit aus dem Daſein hinwegfegte,— eine eigenthümliche Armſchwenkung angewöhnt. Solche Dinge verletzten ihn. Mr. Podsnap's Welt war, im moraliſchen Sinne, keine ſehr große Welt; nein, ſelbſt im geographiſchen Sinne keine große: denn obgleich ſein Geſchäft auf dem Handel mit anderen Ländern beruhte, betrachtete er an⸗ dere Länder, mit dieſem wichtigen Vorbehalte, als einen V ſchaftlicher Freund. 106 Eine gewiſſe Inſtitution in Mr. Podsnap's Geiſte, welche er„die junge Perſon“ nannte, darf als durch Miß Podsnap, ſeine Tochter, verkörpert betrachtet werden. Es war dies eine unbequeme und anmaßende Inſtitution, da Alles im ganzen Weltall ſich nach ihr zu richten und ſich ihr anzupaſſen geuöthigt war. Es war bei Allem die Frage, ob es die Wange der jungen Perſon erröthen zu machen geeignet ſei. Und das Unbequeme an der jungen Perſon war, daß ſie, Mr. Podsnap nach zu urtheilen, ſtets in Erröthen auszubrechen geneigt, wenn durchaus keine Nothwendigkeit hierfür vorhanden war. Es war keine Scheidelinie zwiſchen der außerordentlichen Unſchuld der jungen Perſon, und der ſtrafbarſten Klugheit Anderer wahrzunehmen. Wenn man Mr. Podsnap's Worten Glauben ſchenken wollte, ſo waren die nüchternſten Nüancen von lila, weiß, grau und graubraun alle von einem flammenden Roth für dieſen widerwärtigen Stier von einer jungen Perſon. b hen, denn Irrthum, und pflegte über die Sitten und Bräuche der⸗ Die Podsnap's wohnten in einem ſchattigen Winkel in ſelbſt ſelben abſchließend zu bemerken:„Nicht engliſch!“ und V neben Portman⸗Square. Sie gehörten einer Art von nner teuf⸗ Preſto! waren dieſelben durch eine Schwenkung des Armes Leuten an, die, wo ſie immer wohnen mochten, ſtets im Heftig⸗ und ein Erglühen des Geſichts hinweggeräumt. Im Schatten zu wohnen ſicher waren. Miß Podsnap's Leben Uebrigen ſtand die Welt um acht Uhr auf, raſirte ſich war von ihrem erſten Erſcheinen auf dieſem Planeten glatt um ein Viertel auf Neun, ging um Zehn in die an von einer ſchattigen Beſchaffenheit geweſen; denn Mr. City, kam um halb Sechſe nach Hauſe und ſpeiſte um Podsnap's junge Perſon konnte wenig Vortheil von dem Sieben. Mr. Podsnap's Begriffe von den ſchönen Künſten Umgange mit anderen jungen Perſonen erwarten, und beſtanden etwa in Folgendem: Die Literatur: großer war deshalb auf die Geſellſchaft von nicht ſehr geiſtes⸗ Druck, welcher achtungsvoll darftellt, wie die Welt um verwandten älteren Perſonen und maſſivem Hausgerätl acht Uhr aufſteht, ſich um ein Viertel auf Neun glatt beſchränkt worden. Miß Podsnap's früheſte Lebens⸗ raſirt, um Zehn in die City geht, um halb Sechſe nach anſichten waren, da ſie dieſelben aus den Reflexionen in Hauſe kommt und um Sieben ſpeiſt. Die Muſik: Eine ihres Vaters Stiefeln, in den Nuß⸗ und Roſenholztiſchen reſpectabele Darſtellung(ohne Variationen) auf Saiten⸗ des düſtern Geſellſchaftszimmers und in den finſteren und Blasinſtrumenten, wie die Welt um acht Uhr auf⸗ V rieſigen Spiegeln geſchöpft, von etwas düſterer Beſchaffen⸗ ſteht, ſich um ein Viertel auf Neun glatt raſirt, um Zehn heit; und es war nicht zu verwundern, daß ſie jetzt, wenn er heim.. in die City geht, um halb Sechſe nach Hauſe kommt ſie faſt täglich in feierlicher Weiſe an der Seite ihrer jene teuf und um Sieben ſpeiſt. Sonſt geſtattete er jenen Vaga- Mutter in einem großen, hohen, gelblichen Phaëton durch —n Finger⸗ bonden, den Künſten, Nichts, bei Strafe der Excommu⸗ den Park dahinrollte, über dem Schutzleder dieſer Equi⸗ en auf Al⸗ nication. Sonſt exiſtirte Nichts— wo es immer ſei! page wie eine niedergeſchlagene junge Perſon erſchien, Lammle’s Als ein ſo überaus achtbarer Mann fühlte Mr. Pods⸗ die im Bette aufſäße, um einen ängſtlichen Blick auf die em und nap, daß er die Vorſehung unter ſeine Protection nehmen Welt im Allgemeinen zu werfen, und inbrünſtig darnach hemloſen 1 müſſe. Deshalb wußte er ſtets, was die Vorſehung verlangte, den Kopf wieder unter die Decke zu ſtecken. ſein liebes meinte. Untergeordnete und weniger reſpectabele Leute Mr. Podsnap ſprach zu Mrs. Podsnap:„Georgiana der Spur konnten ſich hierüber täuſchen, aber Podsnap nie. Und V iſt achtzehn Jahre alt.“ ſttung be⸗ es war ſehr merkwürdig,(und muß zugleich außerordentlich Mrs. Podsnap ſprach erwidernd zu Mr. Podsnap: lungen zu bequem geweſen ſein), daß das, was die Vorſehung V„Faſt achtzehn.“ durchaus meinte, ſtets daſſelbe war, was Podsnap meinte. Dann ſprach Mr. Podsnap abermals zu Mrs. Pods⸗ wie ihr Dies waren gewiſſermaßen die Glaubensartikel einer nap:„Ich denke wirklich, daß wir zu Georgiana’s Ge⸗ in ihre Schule, welche gegenwärtiges Capitel nach ihrem Reprä⸗ V burtstage einige Leute einladen ſollten.“ und ſtand ſentanten Podsnapperei zu nennen ſich erlaubt. Dieſelben wurden durch enge Grenzen eingeſchränkt, gleich wie Mr. Podsnap's Haupt ſich innerhalb der Grenzen ſeines Hemdekragens befand; und mit einer volltönenden Pomp⸗ haftigkeit kund gethan, die an das Knarren von Mr. Podsnap's Stiefeln erinnerte. Es exiſtirte auch eine Miß Podsnap. Und dieſes junge Schaukelpferd wurde nach dem Beiſpiele ihrer Worauf Mrs. Podsnap erwiderte:„Und das wird uns in Stand ſetzen, alle jene Leute abzuthun, denen wir eine Einladung ſchuldig ſind.“ Und ſo ereignete es ſich, daß Mr. und Mrs. Pods⸗ nap ſiebenzehn von ihren Herzensfreunden um die Ehre ihrer Geſellſchaft zum Diner erſuchten; und daß ſie für diejenigen der ſiebenzehn Herzensfreunde, welche tiefes Bedauern darüber ausdrückten, daß bereits früher ange⸗ 1 Mutter in der Kunſt des majeſtätiſchen Hochtrabens er⸗ nommene Einladungen ſie die Ehre zu genießen verhin⸗ hatte mi zogen, ohne dabei von der Stelle zu kommen. Doch derten, bei Mr. und Mrs. Podsnap zu ſpeiſen, andere noch ein hatte ſie noch nicht die ganze Majeſtät der Mutter er⸗ Herzensfreunde ſubſtituirten; und daß Mrs. Podsnap, fllcch G worben, und die Wahrheit zu geſtehen, war ſie eine klein indem ſie dieſe untröſtlichen Perſonen mit einem Blei⸗ war voll⸗ —— — 4 Boz, ſtifte auf ihrer Liſte ausſtrich, bemerkte:„Jedenfalls ge⸗ laden, und ſomit vom Halſe geſchafft;“ und daß ſie in dieſer Weiſe eine ziemliche Anzahl ihrer Herzensfreunde los wurden, und ſich bedeutend im Gewiſſen erleichtert fühlten.. Sie beſaßen noch andere Herzensfreunde, die keine Einladung zum Diner beanſpruchen durften, wohl aber zu einem Schöpſenbraten⸗Dampfbade um halb Zehn be⸗ rechtigt waren. Um ſich dieſe Würdigen vom Halſe zu ſchaffen, fügte Mrs. Podsnap eine kleine und frühe Abendgeſellſchaft hinzu, und ging nach der Muſikhand⸗ lung, um einen wohlanſtändigen Automaten zu engagiren, der die Quadrillen zu einem Tanze auf dem Teppich ſpielte. Mr. und Mrs. Veneering, ſowie Mr. und Mrs. Ve⸗ neering's funkelnagelneues junges Ehepaar gehörten zu den Mittagsgäſten; doch ſonſt hatte das Etabliſſement der Podsnap's mit dem der Veneering's nichts gemein. Mr. Podsnap konnte guten Geſchmack bei einem Manne dulden, der wie ein Pilz heraufgeſchoſſen und dergleichen Dinge bedurfte, war aber ſelbſt völlig darüber erhaben. Das Podsnapiſche Silbergeſchirr kennzeichnete ſich durch eine ſcheußliche Solidität. Alles war nach einem Muſter angefertigt, um ſo ſchwer als möglich auszuſehen und ſo viel Platz als möglich einzunehmen. Alles ſagte prah⸗ lend:„Hier habt Ihr ſo viel von mir in meiner Häß⸗ lichkeit, als ob ich blos von Blei wäre; aber ich bin ſo und ſo viele Unzen koſtbaren Metalles, von dem die Unze ſo und ſo viel koſtet;— möchtet Ihr mich nicht ein⸗ ſchmelzen?“ Eine corpulente, ſich weit auseinanderſprei⸗ zende Epergne, überher bekleckſt, eher, wie wenn ſie einen Hautausſchlag gehabt, als wenn ſie verziert wäre, hielt von einer häßlichen ſilbernen Tribüne in der Mitte der Tafel dieſe Rede an die Gäſte. Vier ſilberne Eiseimer, deren jeder mit vier ſtierenden Köpfen verſehen, welche ihrerſeits in jedem Ohre einen großen auffallenden ſilber⸗ nen Ring trugen, führten dieſelbe Tafel herum und übertrugen dieſelbe den dickbäuchigen ſilbernen Salzfäſſern. Alle die breiten Löffel und dicken Gabeln ſperrten die Münder der Gäſte, um ihnen mit jedem Biſſen, den ſie aßen, dieſe Rede in den Hals hinunterzuſtopfen.. Die Mehrzahl der Gäſte glich dem Silbergeſchirr und es befanden ſich mehrere ſchwere Gegenſtände unter ihnen, die Gott weiß wie viel wogen. Es befand ſich indeſſen ein fremder Herr unter ihnen, den Mr. Podsnap nach vielen Berathſchlagungen mit ſich ſelber eingeladen— das ganze europäiſche Feſtland war ſeiner Anſicht nach im Bunde gegen die junge Perſon— und nicht allein Mr. Podsnap, ſondern die ganze Geſellſchaft verrieth eine komiſche Neigung, dieſen Ausländer als ein Kind zu behandeln, welches ſchwer hörte. Um dieſem elendgeborenen Ausländer eine zarte Auf⸗ merkſamkeit zu erzeigen, hatte Mr. Podsnap ihm beim Empfange ſeine Gattin als„Madame Podsnap“ und ſeine Tochter als„Mademoiselle Podsnap“ vorgeſtellt, wobei er ſich ſogar einen Augenblick geneigt gefühlt„ma fille’“ hinzuzufügen, doch hatte er ſich dieſes kühnen Wag⸗ niſſes enthalten. blicke die einzigen anderen Gäſte geweſen, hatte er(mit einer herablaſſend erklärenden Manier)„Monsieur Ve— nai— reeng“ hinzugefügt, und war dann wieder zur eng⸗ liſchen Sprache zurückgekehrt. „Wie gefällt Ihnen London?“ fragte Mr. Podsnap von ſeinem Platze aus, den er als Gaſtgeber einnahm, in einer Weiſe, als ob er dem tauben Kinde ein Pulver eingäbe;„London, Londres, London?“ Der fremde Herr ſprach ſeine Bewunderung aus. Unſer gemein Rede mit ſich um die“ ſchaftlicher Freund. Da die Veneering's in dieſem Augen⸗- „Sie finden es Sehr Groß?“ ſagte Mr. Podsnap mit Ausdehnung. Der fremde Herr fand es ſehr groß. „Und Sehr Reich?“ Der fremde Herr fand es ohne allen Zweifel énor- mément riche. „Enorm reich, ſagen Wir,“ erwiderte Mr. Podsnap mit Herablaſſung.„Unſere engliſchen Adverben enden nicht auf„mang“ und wir ſprechen das„ch“ aus, als ob ein„t“ davorſtünde. Wir ſagen Ritch.“ „Rietch,“ ſagte der fremde Herr. „Und finden Sie, Sir,“ fuhr Mr. Podsnap mit Würde fort,„In Den Straßen Dieſer Hauptſtadt Der Welt, London, Londres, London, Viele Auffallende Zei⸗ chen Unſerer Britiſchen Conſtitution?“ Der fremde Herr bat um Vergebung, aber er ver⸗ ſtehe nicht ganz klar. „Der Constitution Britannique,“ fuhr Mr. Podsnap fort, wie wenn er in einer Kleinkinderſchule unterrichtete. „Wir Sagen British, Aber Sie Sagen Britannique, Wiſſen Sie,“(er ſagte dies in verzeihendem Tone, wie wenn es nicht die Schuld des Herrn ſei).„Der Con⸗ ſtitution, Sir.“ Der fremde Herr ſagte:„Mais, yees; ich kennen ihm.“ Ein ziemlich junger gelblicher Herr mit einer Brille und einer klumpigen Stirn, der einen ſupplementariſchen Stuhl an einer Ecke des Tiſches einnahm, machte große Senſation, indem er mit erhobener Stimme„Est-ce que“ ſagte, und dann ſtockſtill war. „Mais oui,“ ſagte der fremde Herr ſich zu ihm wen⸗ dend.„Est-ce que? Quoi donc?“ Da aber der Herr mit der klumpigen Stirn für den Augenblick Alles verkündet, was er hinter ſeinem Klum⸗ pen fand, ſprach er für jetzt nicht mehr. „Ich fragte Sie,“ ſagte Mr. Podsnap, den Faden ſeiner Rede wieder aufnehmend,„Ob Sie Auf Unſeren Straßen, Wie Wir Es Nennen, Auf Unſerm Pavvy, Wie Sie Es Nennen Würden, Kennzeichen—“ Der fremde Herr bat mit geduldiger Höflichkeit um Vergebung und wünſchte zu wiſſen, was„Kennzeichen“ bedeute. „Zeichen,“ ſagte Mr. Podsnap;„Merkmale, wiſſen Sie, Erſcheinungen, Spuren.“ „Ahl Von Aeuſer?“ fragte der fremde Herr. „Wir nennen es Häuſer,“ ſagte Mr. Podsnap mit Nachſicht.„In England, Angleterre, England ſprechen wir das„H“ aus und ſagen„Haus.“ Nur die niederen Claſſen ſagen„Aus!“ „Pardon,“ ſagte der fremde Herr,„ich machen immer Fehler.“. „Unſere Sprache,“ ſagte Mr. Podsnap mit huld⸗ vollem Bewußtſein, niemals einen Fehler zu machen,„Iſt Schwer. Es Iſt Eine Reiche Sprache, Und Für Fremde Sehr Schwierig. Ich Will Meine Frage Nicht Wieder Aufnehmen.“ Aber der klumpige Herr, der ſich nicht entſchließen konnte, es ſchon aufzugeben, ſagte abermals:„Est-ce que,“ und war wieder ſtockſtill. „Dieſelbe bezog ſich blos,“ erklärte Mr. Podsnap, mit einem Gefühle verdienſtvoller Eigenthümerſchaft,„auf unſere Conſtitution, Sir. Stolz auf Unſere Conſtitution. Wir erhielten Dieſelbe durch Die Vorſehung. Kein anderes Land iſt So Sehr von der Vorſehung Begünſtigt, wie dieſes Land.“ „And oser Countries?—“ begann der fremde Herr, doch verbeſſerte Mr. Podsnap ihn abermals. „Wir ſagen nicht oser; wir ſagen other: es wird mit den Buchſtaben„t“ und„h“ geſchrieben; Sie nennen — Wir Engländer ſind Sehr „ mag. Und länder wärt ſich ing Chema feien länder eine eint— ein Verantwort Deſſen, wo gen einer gebens un Nachde mengefaßt, er an die thellbvolle widerſetzen ſchwenkung ſowie Aſier hinaus. Die 3 tauſch ſeh daß er ſic ſprüchig. „Hat Vermächtne „Nicht ſein Erbth ihn jetzt Ihnen ſch junge Dan eines mein „Ja, beiläufig, denn es auffallend an Ihre: und auffa ſelben bet bitten dar Veneer darmon. und ihm n eingettage digſet d eiablirt 1 urißhn Wenebrin ſtürzte e inuten wieder i in dieſell taucht, 108 Snap Tnap htete. ique, „wie Con⸗ ihm.“ Brille riſchen große st-ce wen⸗ ur den ap mit prechen niederen immer huld⸗ 7, Iſt Fremde Wieder hließen Est-ce ddönap, t,„auf d Sehr Dieſelbe o Sehr de Hett, d 3 wir nennen 109 dieſelben„Thé“ und„Aſch“, wiſſen Sie;“(noch immer mit Milde).„Es wird„th“ ausgeſprochen—,„th!“ „And other Countries,“ ſagte der Fremde.„Wie machen ſie?“ „Sie machen es, Sir,“ erwiderte Mr. Podsnap, ernſt den Kopf ſchüttelnd,„ſie machen es— ich bedaure, es ſagen zu müſſen— wie ſie es machen.“ „Dies war ein wenig eigen von der Vorſehung,“ ſagte der fremde Herr lachend,„denn die Grenze iſt nicht weit.“ „Ohne Zweifel,“ entgegnete Mr. Podsnap;„aber ſo iſt es. Es war das Privilegium dieſes Landes. Dieſe Inſel iſt Geſegnet, Sir, zur unmittelbaren Ausſchließung folcher anderer Länder, als— als es ſonſt noch geben mag. Und falls wir Alle, die wir hier anweſend, Eng⸗ länder wären, ſo würde ich ſagen,“ fügte Mr. Podsnap, ſich rings unter ſeinen Landsleuten umſchauend und ſein Thema feierlich ertönen laſſend, hinzu,„daß der Eng⸗ länder eine Combination von Eigenſchaften in ſich ver⸗ eint— eine Beſcheidenheit, eine Unabhängigkeit, eine Verantwortlichkeit, eine Ruhe, mit einem Meiden alles Deſſen, was geeignet wäre, ein Erröthen auf den Wan⸗ gen einer jungen Perſon hervorzurufen— die man ver⸗ gebens unter den Nationen der Erde ſuchen würde.“ Nachdem er den Gegenſtand in dieſer Weiſe zuſam⸗ mengefaßt, erglühte Mr. Podsnap im Angeſichte, indem er an die entfernte Möglichkeit dachte, daß ein vorur⸗ theilsvoller Bürger irgend eines andern Landes ſich ihm widerſetzen könne, und ſchob dann mit ſeiner Lieblings⸗ ſchwenkung des rechten Armes das ganze übrige Europa, ſowie Aſien, Afrika und Amerika hinter ſich aus der Welt hinaus. Die Zuhörer wurden durch dieſen kleinen Wortaus⸗ tauſch ſehr erbaut; und Mr. Podsnap, welcher fühlte, daß er ſich heute auszeichnete, wurde lächelnd und ge⸗ ſprächig. „Hat man noch ferner Etwas von dem glücklichen Vermächtnißerben gehört, Veneering?“ fragte er. „Nichts weiter,“ erwiderte Veneering,„als daß er ſein Erbtheil angetreten. Wie ich höre, nennen die Leute ihn jetzt den„Goldenen Kehrichtmann.“ Ich glaube, Ihnen ſchon vor einiger Zeit erzählt zu haben, daß die junge Dame, deren Verlobter ermordet wurde, die Tochter eines meiner Comptoiriſten iſt?“ „Ja, Sie ſagten es mir,“ entgegnete Podsnap;„und, beiläufig, ich wollte, Sie erzählten es hier noch einmal, denn es iſt ein auffallendes Zuſammentreffen— ſehr auffallend, daß die erſte Nachricht von der Entdeckung an Ihre Tafel gebracht ward(an der ich als Gaſt ſaß) und auffallend, daß einer Ihrer Leute ſo nahe an der⸗ ſelben betheiligt war. Erzählen Sie es doch, wenn ich bitten darf.“ Veneering war nur zu bereit, dies zu thun, denn der Harmon⸗Mord hatte ihm die beſten Dienſte geleiſtet, und ihm mehrere Dutzend funkelnagelneuer Buſenfreunde eingetragen. Ja, ein zweiter ſolcher Fund würde ihn in dieſer Beziehung zu ſeiner Zufriedenheitgin der Welt etablirt haben. Indem er ſich alſo an den wünſchens⸗ wertheſten ſeiner Nachbarn wandte— während Mrs. Veneering ſich des nächſtwünſchenswertheſten verſicherte,— ſtürzte er ſich in die Erzählung, und tauchte zwanzig Minuten ſpäter mit einem Bankdirector in den Armen wieder aus derſelben auf. Inzwiſchen war Mrs. Veneering in dieſelben Gewäſſer hinab einem Schiffsmäkler nachge⸗ taucht, den ſie ſicher bei den Haaren mit heraufbrachte. Dann mußte Mrs. Veneering einem größeren Kreiſe von Zuhörern erzählen, wie ſie das Mädchen aufgeſucht und daß daſſelbe wirklich hübſch und(wenn man ihre Stellung Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 110 in Betracht ziehe) präſentirbar ſei. Und ſie that dies mit ſo erfolgreicher Schauſtellung ihrer acht krummen Finger und deren beringenden Juwelen, daß ſie einen auf der Woge der Welt ſchwebenden General mit Gemahlin und Tochter dabei erwiſchtè, daß ſie denſelben nicht nur das Leben wiedergab— welches unterbrochen geweſen— ſondern ſie innerhalb einer Stunde zu feſten Freunden machte. Obgleich Mr. Podsnap im Allgemeinen in Flüſſen gefundene Leichname als einen Unterhaltungsgegenſtand betrachtet haben würde, der ſich wenig für die Wangen einer jungen Perſon eignete, beſaß er doch an dieſer An⸗ gelegenheit gewiſſermaßen einen Antheil, der ihn zu einer Art von Compagnon des Beſitzers machte. Da ſich die⸗ ſelbe außerdem unverzüglich bezahlt machte, indem die Gäſte dadurch von der ſprachloſen Betrachtung der Eis⸗ eimer abgezogen wurden, ſo war er befriedigt. Und jetzt war das Schöpſenbraten⸗Dampfbad, nach⸗ dem es einen Zuſatz von Wildbraten⸗, Kuchen⸗ und Kaffee⸗ duft erhalten, völlig bereit, und die Bader kamen; doch erſt nachdem der beſcheidene Automat ſich hinter dem Gitter des Claviernotenpultes verſchanzt, wo er einem Gefangenen glich, der in einem Roſenholzgefängniſſe ſchmachtete. Und wo hätte man jetzt wohl ein charman⸗ teres oder beſſer für einander paſſendes Ehepaar, als Mr. und Mrs. Lammle, ſehen können? Er ſtrahlte und funkelte, während ſie ein Bild huldvoller Zufriedenheit ſchien, und Beide hin. und wieder Blicke gleich Partnern beim Kartenſpiele austauſchten, die ein Spiel gegen ganz England ſpielten. Es befand ſich unter den Badern wenig Jugend— doch(die junge Perſon ſtets ausgenommen) war unter den Gegenſtänden der Podsnapperei überhaupt keine Jugend vorhanden. Kahle Bader verſchränkten die Arme und unterhielten ſich auf dem Kaminteppiche mit Mr. Podsnap; glattbärtige Bader mit den Hüten in den Händen ſtürzten ſich auf Mrs. Podsnap und traten wie⸗ der zurück; ſchleichende Bader gingen in den Zimmern umher und ſchauten in Nippkäſtchen und Vaſen hinein, als ob ſie die Podsnap's des Diebſtahls beargwöhnten und auf dem Boden jener Gegenſtände Etwas zu finden erwarteten, das ſie verloren hatten; und Bader des zar⸗ teren Geſchlechts ſaßen ſtille da und verglichen ihre Elfen⸗ beinſchultern mit denen ihrer Schweſtern. Während alles deſſen und immer hielt die arme kleine Miß Podsnap, deren unbedeutende Bemühungen(falls ſie deren über⸗ haupt machte) in der Herrlichkeit der Majeſtät ihrer Mutter untergingen, ſo viel als möglich im Hintergrunde und ſchien eine häufige trübſelige Wiederkehr dieſes Tages zu betrachten. In dem Codex der Staatsſchicklichkeiten der Podsnapperei galt es als ein geheimes Geſetz, daß nichts über die Bedeutung des Tags verlauten müſſe. Demzufolge wurde die Geburtszeit dieſer jungen Dame überſehen und vertuſcht, als ob man von allen Seiten übereingekommen, daß es beſſer für ſie geweſen, daß ſie nie geboren wäre. Die Lammles hatten die lieben Veneerings ſo un⸗ endlich lieb, daß ſie ſich lange nicht von dieſen vortreff⸗ lichen Freunden loszureißen vermochten; doch endlich ſchien entweder ein ſehr offenes Lächeln von Mr. Lammle oder ein ſehr geheimes Emporziehen einer ſeiner gelben Brauen — jedenfalls das Eine oder das Andere— ſeiner Gattin zu ſagen:„Warum ſpielſt Du nicht?“ Und indem ſie ſich umſchaute, ſah ſie Miß Podsnap, und fragte durch einen Blick:„Jene Karte?“ und auf die Antwort„Ja“ ging ſie zu Miß Podsnap und ſetzte ſich neben ihr nieder. Mrs. Lammle war überfroh, ſich in einen Winkel flüchten und ein wenig ruhige Unterhaltung genießen zu können.— * „Laſſen Sie uns den Verſuch machen,“ ſagte die ein— nehmende Mrs. Lammle mit ihrem beſten Lächeln. „O! Ich fürchte, Sie werden mich ſehr langweilig finden. Aber die Mama redet viel!“ Dies war augenſcheinlich, denn die Mama redete in der That in dem Augenblicke, in ihrem gewohnten Galopp mit gebogenem Halſe, geſträubter Mähne und weit ge⸗ öffneten Augen und Nüſtern. „Sie leſen vielleicht gern?“ „Ja. Oder wenigſtens habe ich— nicht ſo viel da⸗ gegen,“ erwiderte Miß Podsnap. „Sie lieben die MN—m—m— m- uſik?“ Mrs. Lammle war ſo inſinuirend, daß ſie ein halbes Dutzend M—m vor das Wort ſetzte, ehe ſie daſſelbe herausbrachte. „Ich habe nicht Muth genug, um etwas vorzuſpielen, ſelbſt wenn ich ſpielen könnte. Die Mama ſpielt“ (In der That machte die Mama zuweilen mit einer gewiſſen ſchwunghaften Manier einen Galopp auf dem Inſtrumente.) 112 als zuerſt, da ich dort drüben ſaß und Sie blos an⸗ ſchaute. Wie gern gewönne ich Ihre Freundſchaft! Ver⸗ ſuchen Sie es mit mir, als einer wahren Freundin. Kommen Sie! Betrachten Sie mich nicht als eine ver⸗ drießliche, alte verheirathete Frau, meine Liebe; ich habe mich erſt ganz kürzlich verheirathet, wie Sie wiſſen; Sie können es noch jetzt meiner Kleidung anſehen. Und die Schornſteinfeger?“ „Stillel Die Mama wird Sie hören.“ „Sie kann uns nicht hören, wo ſie ſitzt.“ „Sein Sie davon nicht zu ſehr überzeugt,“ ſagte Miß Podsnap mit leiſerer Stimme.„Nun, ich wollte nur ſagen, daß es Ihnen Vergnügen zu machen ſcheint.“ „Und daß es Ihnen vielleicht Vergnügen gemacht hätte, falls Sie zu ihnen gehört?“ Miß Podsnap nickte bedeutungsvoll. „Dann macht es Ihnen alſo wirklich kein Vergnü⸗ gen?“ „Wie wäre es wohl möglich?“ ſagte Miß Podsnap. „O, es iſt ſo fürchterlich! Wenn ich gottlos genug— und ſtark genug— wäre, Jemanden zu tödten, ſo würde dies mein Tänzer ſein. Dies war eine ſo völlig neue Anſchauung der Tanz⸗ 7 ch ), ſſ Podsnapperei. „Sie tanzen natürlich gern?“ „O, nein, gewiß nicht,“ ſagte Miß Podsnap. „Nicht? Bei Ihrer Jugend und bei Ihren Reizen? Sie ſetzen mich wirklich in Erſtaunen, meine Liebe.“ „Ich weiß nicht,“ bemerkte Miß Podsnap nach be— trächtlichem Zögern und mehreren furchtſamen Seiten⸗ blicken in Mrs. Lammle's ſorgfältig arrangirtes Geſicht, „wie es mir gefallen haben würde, wenn ich ein— Sie wollen nichts davon wiederſagen, wie?“ „Meine Liebe! Nie!“ „Nein, ich bin davon überzeugt. Ich weiß alſo nicht, wie es mir gefallen hätte, falls ich ein Schornſteinfeger am erſten Maitage geweſen wäre.“ „Gerechter!“ war der Ausruf, den Mrs. Lammle ſich durch ihr Erſtaunen entreißen ließ. „Da! Ich wußte wohl, daß Sie ſich verwundern würden. Aber Sie werden es nicht wiederſagen, wie?“ „Auf mein Wort, meine Liebe,“ ſagte Mrs. Lammle, „ſeit ich mich mit Ihnen zu unterhalten angefangen, wünſche ich zehnmal mehr, Sie näher kennen zu lernen, (Seite: 107.) kunſt im geſellſchaftlichen Kreiſe, daß Mrs. Lammle ihre junge Freundin mit einigem Erſtaunen anſchaute. Ihre junge Freundin in einer geknebelten Haltung, wie wenn ſie ihre ogen zu verſtecken wünſche, ängſtlich mit den Fingern zuckend, da. Dieſes Verſtecken ihrer Elbogen ſchien indeſſen(wenn ſie ſich in kurzen Aermeln befand) der große und harmloſe Zweck ihres Daſeins zu ſein.— „Es ncu nicht wahr?“ ſagte Miß Pod⸗ nap mit reu iene. 1 Mrs. Lammle, die nicht wohl wußte, was ſie ant⸗ worten ſollte, machte ſich zu einem Felſen lächelnder Er⸗ muthigung. „Aber es iſt mir ſtets ſo zuwider geweſen!“ ſagte Miß Podsnap.„Ich fürchte es ſo ſehr, erſchrecklich zu ſein. Und es iſt ſo erſchrecklich! Niemand weiß, was ich bei Madame Sauteuſe erduldete, wo ich Tanzen und Vorſtellungsverbeugungen und andeke entſetzliche Sachen lernte— oder wo man mir dieſelben wenigſtens zu lehren verſuchte. Die Mama verſteht es Alles.“ — don wirklichen Manne a Herr! . bitte, for, b ſtieß MN. an die? Aber und die2 der Oger um mit i der beſche eine blüt ſechszehn ſchiedenen aufſteht zweite d dritte: wie man wie man Chaine. Währ Mr. Affr Seſſel ve Gattinne beugend, band. Lammle⸗ Weſte he unterrich traſt mit Und ſtellte de Sechszel dem Zim des Og Ungeheu Bogenſc dem Wo Freude Proßeſſ gräbniß Augen wo ſie zweiflun End kunft ein des Geſ Kanonen iiche ſatbten Gaſlſch neben il p vorüben „M. ‿ J bekann einnehn Lanz un Unſer würde Tanz⸗ mle ihre e. Ihre ng, wie ingſtlich e ihrer Aermeln Daſeins 2 d⸗ liß Pod⸗ ſie ant⸗ ader Er⸗ „Jedenfalls,“ ſagte Mr. Lammle begütigend,„iſt das jetzt vorüber, meine Liebe.“ „Ja, es iſt vorüber,“ erwiderte Miß Podsnap,„aber dadurch iſt nichts gewonnen. Es iſt hier ſchlimmer, als bei Madame Sauteuſe. Die Mama war dort und die Mama iſt hier; aber der Papa war nicht dort und die Geſellſchaft war nicht dort, und es waren dort keine wirklichen Tänzer. O, dort ſpricht die Mama zu dem Manne am Clavier! O, dort geht die Mama zu einem Herrn! O, ich weiß, ſie wird ihn zu mir bringen! O, bitte, nein, o, bitte, bitte, nein. O, bitte, bleibt fort, bleibt fort, bleibt fort!“ Dieſe frommen Bitten ſtieß Miß Podsnap mit geſchloſſenen Augen und den Kopf an die Wand lehnend aus.. Aber der Oger kam, von der Mama geführt, heran, und die Mama ſagte:„Georgiana, Mr. Grompus,“ und der Oger packte ſein Opfer und ſchleppte daſſelbe fort, um mit ihm das erſte Paar zu bilden. Darauf ſpielte der beſcheidene Automat, nachdem er ſein Feld überſchaut, eine blüthenloſe und melodieloſe„Quadrille“ und die ſechszehn Jünger der Podsnapperei machten die ver⸗ ſchiedenen Figuren durch: ee Panr wie man um Acht aufſteht und ſich ein Viertel auf Neun glatt raſirt—; zweite Figur: wie man um neun Uhr frühſtückt;— dritte: wie man um Zehn in die City geht;— vierte: wie man um halb Sechs nach Hauſe kommt;— fünfte: wie man um Sieben zu Mittag ſpeiſt und— große Chaine. Während dieſe Feierlichkeiten vor ſich gingen, kam Mr. Alfred Lammle(der liebevollſte aller Gatten) an den Seſſel von Mrs. Alfred Lammle, der(liebevollſten aller Gattinnen) und ſpielte, ſich über die Rücklehne deſſelben beugend, ein paar Sekunden mit Mrs. Lammle's Arm⸗ band. Doch eine gewiſſe düſtere Aufmerkſamkeit in Mrs. Lammle's Zügen, wie ſie, die Augen auf Mr. Lammle's Weſte heftend, ein paar Worte ſprach und in Erwiderung unterrichtet zu werden ſchien, bildete einen ſichtlichen Con⸗ traft mit jener leichten Spielerei. Und da jetzt die große Chaine ihr Ende erreicht, ſtellte der beſcheidene Automat ſein Spiel ein, und die Sechszehn machten paarweiſe einen Spaziergang unter dem Zimmergeräth. Und hierin machte ſich die Herzenseinfalt des Ogers Grompus bemerkbar; denn dieſes gefällige Ungeheuer dehnte einen peripatetiſchen Bericht über ein Bogenſchützenfeſt zu ſeiner größtmöglichen Länge aus, in dem Wahne, daß er Miß Podsnap dadurch eine beſondere Freude machte; während ſein Opfer an der Spitze der Prozeſſion von acht Paaren, die langſam, wie ein Be⸗ gräbnißgefolge, im Zimmer umherwanderten, nicht die Augen vom Boden erhob, eint einziges Mal ausgenommen, wo ſie einen verſtohlenen Blick, der die tiefſte Ver⸗ zweiflung ausdrückte, auf Mrs. Lammle warf. Endlich ward die Prozeſſion durch die plötzliche An⸗ kunft einer Muskatnuß unterbrochen, vor welcher die Thür des Geſellſchaftszimmers offen flog, wie wenn es eine Kanonenkugel geweſen wäre; und während dieſer aroma⸗ tiſche Gegenſtand, der ſich in verſchiedenen Gläſern ge⸗ färbten warmen Waſſers zerſtreut d, die Runde in der Geſellſchaft machte, kehrte Miß Podsnap an ihren Platz neben ihrer neuen Freundin zurück. „8, meine Güte,“ ſagte Miß Podsnap.„Das iſt vorüber. Ich hoffe, Sie haben mich nicht angeſchaut.“ . n ihbe, warum nicht?“ „O, ich kenne mich ſehr gut,“ ſagte Miß Podsnap. „„Ich will Ihnen Etwas Vgen. d 34 über Sie bekannt iſt, meine Liebe,“ ſagte Mrs. Lammle in ihrer einnehmenden Weiſe,„und dies iſt, daß Sie von einer ganz unnöthigen Schüchternheit ſind.“ Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 113 Boz;, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 114 „Die Mama iſt nicht ſchüchtern,“ ſagte Miß Podsnap. „— Ich haſſe Dich! Geh'!“ Dieſer Schuß galt dem galanten Grompus, der ſie im Vorübergehen mit einem einnehmenden Lächeln beſchenkte. „Verzeihen Sie, meine liebe Miß Podsnap, wenn ich kaum—“, begann Mrs. Lammle, als Miß Podsnap ſie unterbrach. „Wenn wir wirklich Freundinnen werden ſollen(und ich vermuthe dies faſt, da Sie die einzige Perſon ſind, die mir je einen ſolchen Vorſchlag gemacht), ſo laſſen Sie uns nicht furchtbar ſein. Es iſt furchtbar genug, Miß Podsnap zu ſein, ohne noch ſo genannt werden zu müſſen. Nennen Sie mich Georgiana.“ „Liebſte Georgiana,“ begann Mrs. Lammle abermals. „Danke,“ ſagte Miß Podsnap. „Liebſte Georgiana, verzeihen Sie mir, wenn ich kaum einzuſehen im Stande bin, meine Liebe, daß der Umſtand, daß Ihre Mutter nicht ſchüchtern, ein Grund für Ihre Schüchternheit ſein ſollte.“ „Sehen Sie dies wirklich nicht ein?“ fragte Miß Podsnap, verlegen an ihren Fingern zupfend und mit ver⸗ ſtohlenen Blicken bald Mrs. Lammle, bald den Fußboden anſchauend.„Dann iſt es vielleicht nicht der Fall?“ „Meine liebſte Georgiana, Sie fügen ſich meiner be⸗ ſcheidenen Anſicht viel zu bereitwillig. Ja, es iſt kaum eine Anſicht zu nennen, ſondern vielmehr ein Bekenntniß meiner Dummheit.“ „O, Sie ſind nicht dumm,“ erwiderte Miß Podsnap. „Ich bin dumm, aber Sie hätten mich nicht zum Spre— chen bewogen, wenn Sie dumm wären.“ Das Gefühl, ſich in der Erreichung ihres Zweckes errathen zu ſehen, brachte eine hinlängliche Röthe auf Mrs. Lammle's Wangen, um ihr Geſicht zu erhellen, wie ſie ihr beſtes Lächeln auf Georgiana herablächelte und mit liebevoller Scherzhaftigkeit den Kopf ſchüttelte. Nicht, daß dies irgend Etwas zu bedeuten hatte,— aber Geor⸗ giana ſchien es gern zu haben. „Ich will nur ſagen,“ fuhr Georgiana fort,„daß, da die Mama ſo viel Furchtbares an ſich hat— und da es überall ſo viel Furchtbares giebt— wenigſtens überall, wo ich mich befinde— es mich vielleicht, die ich des Furchtbaren ſo gänzlich ermangele, und mich ſo ſehr da⸗ vor ängſtige— ich drücke mich ſehr ſchlecht aus— ich weiß nicht ob Sie verſtehen können, was ich meine?“ „Vollkommen, meine liebſte Georgiana!“ ſagte Mrs. Lammle mit beruhigender Schlauheit, als der Kopf der jungen Dame plötzlich an die Wand zurückſank und ihre Augen ſich ſchloſſen. „O, dort iſt die Mama in furchtbarer Unterhaltung mit Jemandem, der eine Lorgnette im Auge trägt! O, ich weiß, ſie wird ihn hierher bringen! O, laſſen Sie ihn nicht herkommen, laſſen Sie ihn nicht herkommen! O, ich weiß, er wird mit mir tanzen wollen, mit der Lorgnette im Auge! O, was ſoll ich anfangen!“ Dies⸗ mal accompagnirte Georgiana ihre Ausrufungen mit den Füßen, mit denen ſie auf den Boden klopfte, und befand ſich in einem völlig verzweifelten Zuſtande. Doch war der majeſtätiſchen Mrs. Podsnap und ihrem watſchelnden Fremden nicht auszuweichen, und Letzterer kam mit einem faſt gänzlich zugekniffenen Auge und dem andern unter Glas und Rahmen, näher, und watſchelte, nachdem er auf Miß Podsnap hinabgeſchaut, wie wenn ſie ſich am Boden eines Schaftes befunden, und ſie dann aus dem⸗ ſelben heraufgeholt, mit ihr zum Tanze ab. Und dann ſpielte der Gefangene hinter dem Clavierpulte abermals eine Quadrille, deren trauervolle Klänge ſeine Sehnſucht nach der Freiheit ausdrückten, und acht Paare machten nochmals dieſelben melancholiſchen Bewegungen, und der 8 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. Watſchelnde führte Miß Podsnap unter den Meublen ſpazieren, wie wenn dies eine ganz neue Entdeckung von ihm geweſen. Inzwiſchen bewirkte eine verlaufene Perſonage von demuthvollem Weſen, die ſich nach dem Kaminteppich verirrt hatte und unter die Häupter der dort verſam⸗ melten Stämme gerathen war, die ſich mit Mr. Podsnap unterhielten, durch eine höchſt unhöfliche Bemerkung Mr. Podsnap's Armſchwenken und Erglühen; dieſelbe beſtand in nichts Geringerem, als einer Erwähnung des Um⸗ ſtandes, daß kürzlich etwa ein halbes Dutzend Leute auf den Straßen Hungers geſtorben. Dies war offenbar nach einem Diner ſchlecht angebracht. Es paßte nicht für die Wangen der jungen Perfſon. Es war nicht von gutem Geſchmacke. „Ich glaube es nicht,“ ſagte Mr. Podsnap, es hin⸗ ter ſich ſchwenkend. Der demuthvolle Mann fürchtete, daß es als bewie⸗ ſen betrachtet werden müſſe, denn man habe das Zeug— dis der Leichenſchauen und die Berichte der Regiſtratur dafür. „Dann war es ihre eigene Schuld,“ ſagte Mr. Podsnap. Veneering und einige andere Stammälteſte lobten dieſen Ausweg. Derſelbe war ebenſo kurz als bequem. Der Mann von dem beſcheidenen Weſen meinte, es habe wirklich, den Thatſachen nach zu urtheilen, den An⸗ ſchein, als ob den in Frage ſtehenden Böſewichtern der Hungertod aufgedrungen— als ob ſie ſich, auf ihre elende Weiſe, gegen denſelben geſträubt— als ob ſie denſelben abzuweiſen ſich erlaubt haben würden, falls ihnen dies möglich geweſen— als ob ſie, falls dies allen übrigen Leuten ebenſo lieb geweſen, im Ganzen lieber nicht verhungert wären. „Es giebt in der ganzen Welt,“ ſagte Mr. Podsnap mit zornigem Erglühen,„kein Land, Sir, in dem ſo vortreffliche Verſorgungsanſtalten für die Armen zu fin⸗ den wären, wie in dem unſrigen.“ Der demuthvolle Mann war vollkommen bereit, dies zuzugeben, aber machte dies die Sache nicht um ſo ſchlimmer, indem es bewies, daß irgendwo fürchterliche Verſehen begangen werden müßten? „Wo?“ ſagte Mr. Podsnap. Der demuthvolle Mann meinte, ob es nicht gut ſein dürfte, ernſtliche Forſchungen hierüber anzuſtellen? „Ah!“ ſagte Mr. Podsnap.„Irgendwo iſt leicht geſagt; doch nicht ſo leicht wo! Aber ich ſehe wohl, worauf Sie hinaus wollen. Ich wußte es vom erſten Augenblicke an. Centraliſation. Nein. Mit meiner Bewilligung nie. Nicht engliſch.“ Unter den Stammälteſten ließ ſich ein beiſtimmendes Gemurmel hören, wie wenn ſie ſagten:„Da haſt Du ihn! Halt ihn feſt!“ Der demuthvolle Mann ſagte, er ſei ſich nicht be⸗ wußt, auf irgend eine Iſation hinaus zu wollen. Er habe, ſo viel er wiſſe, keine Lieblings⸗Iſation. Doch fühle er ſich durch ſo fürchterliche Ereigniſſe tiefer er⸗ ſchüttert, als von den vielſylbigſten Wörtern. Dürfe er ſich wohl die Frage erlauben, ob es ſpeciell engliſch ſei, daß die Armen vor Mangel und Vernachläſſigung um⸗ kämen? „Sie wiſſen vermuthlich, auf wie hoch die Bevölke⸗ rung von London ſich beläuft?“ ſagte Podsnap. Der demuthvolle Mann glaubte dies zu wiſſen, war jedoch der Anſicht, daß dies durchaus gar nichts mit der Sache zu thun habe, falls die Geſetze in angenieſſener Weiſe gehandhabt würden. „Und Sie wiſſen, oder ich hoffe wenigſtens, daß Sie 116 wiſſen,“ ſagte Mr. Podsnap mit Strenge,„daß die Vor⸗ ſehung geſagt hat, daß„Ihr die Armen immer bei Euch haben ſollt?“ Der demuthvolle Mann hoffte ebenfalls, daß er dies wiſſe. „Ich freue mich, dies zu hören,“ ſagte Mr. Podsnap mit wichtiger Miene.„Ich freue mich, dies zu hören. Es wird Sie verhindern, der Vorſehung wieder Vor⸗ würfe machen zu wollen.“ Auf dieſe abgeſchmackte und gottloſe conventionelle V Redensart erwiderte der demuthvolle Mann, er befürchte nicht, daß er je etwas ſo Unmögliches zu thun geneigt ſein würde; doch— Doch Mr. Podsnap fühlte, daß es Zeit ſei, dieſen demuthvollen Mann ein für allemal durch eine Arm⸗ ſchwenkung und ein Erglühen aus dem Wege zu räumen. Deshalb ſagte er: „Ich muß es ausſchlagen, dieſen peinlichen Gegen⸗ ſtand noch ferner fortzuſetzen. Derſelbe iſt meinen Ge⸗ fühlen nicht angenehm. Er iſt meinen Gefühlen zuwi⸗ der. Ich habe geſagt, daß ich dieſe Dinge nicht zugebe. Ich habe außerdem geſagt, daß, falls dieſelben ſich er⸗ eignen(nicht, daß ich dies zugäbe), dieſelben durch die Leidenden ſelbſt verſchuldet ſind. Es kommt mir nicht zu“— Mr. Podsnap legte beſonderen Nachdruck auf „mir“, wie um dadurch auszudrücken,„obgleich es ſich wohl für Sie ſchicken mag“—,„die Wege der Vor⸗ ſehung zu tadeln. Ich weiß hoffentlich beſſer, was mir zukommt, und ich habe bereits erwähnt, welches die Ab⸗ ſichten der Vorſehung ſind. Ueberdies,“ ſagte Mr. Podsnap, indem er in einem heftigen Gefühle perſönlicher Be⸗ ſchimpfung tief bis in die Haarbürſten erglühte,„iſt der Gegenſtand ein ſehr unangenehmer. Ja, ich gehe ſogar ſo weit, denſelben einen höchſt widerlichen zu nennen. Derſelbe eignet ſich nicht, vor unſeren Gattinnen und jungen Perſonen verhandelt zu werden, und ich——* er ſchloß mit jener Armſchwenkung, welche deutlicher, als alle Worte, ausdrückte:„Und ich verweiſe ihn gänzlich aus dieſer Welt.“ In demſelben Augenblicke, wo in dieſer Weiſe das unwirkſame Feuer des demuthvollen Mannes gelöſcht wurde, kehrte Georgiana, nachdem ſie ihren Watſchler in einer Sophaallee in einem ſackgaſſenähnlichen Hinter⸗ zimmer allein gelaſſen, aus dem er ſich herausfinden mochte, wie er konnte, zu Mrs. Lammle zurück. Und wen fand ſie wohl bei Mrs. Lammle? Wen anders, als Mr. Lammle. Hatte ſie ſo lieb! „Mein lieber Alfred, hier iſt meine Freundin. Geor⸗ giana, mein liebſtes Mädchen, Sie müſſen nächſt mir meinen Gatten lieb haben.“ Mr. Lammle war ſtolz, ſchon ſo bald durch dieſe be— ſondere Empfehlung an Miß Podsnap's Gunſt ausge⸗ zeichnet zu werden. Doch wenn Mr. Lammle zur Eifer⸗ ſucht auf die Freundſchaften ſeiner lieben Sophronia ge⸗ neigt wäre, ſo würde er auf Deren Gefühle für Miß Podsnap eiferſüchtig ſein. „Nenne ſie Georgiana, Liebſter,“ unterbrach Gemahlin. 4 „Für— darf ich?— für Georgiana.“ Mr. Lammle begleitete den Namen mit einer zarten Bewegung ſeiner rechten Hand, von den Lippen nach außen.„Denn ich habe Sophronia(die ſich nicht oft ſo ſchnell anſchließt) noch nie ſo angezogen und bezaubert geſehen, wie ſie es von— darf ich denn noch einmal?— von Georgiana iſt.⸗ Der Gegenſtand dieſer Huldigung nahm dieſelbe in beträchtlicher Verlegenheit entgegen und ſagte dann, zu Mrs. Lammle gewendet: ihn ſeine — mn „ch m. 3t kann? —* Meine (Sie Well iebt. 3„Nun! bemerkte ſtreben e anfing., Wah 7/ „Gute Sie 11 Natur erl waren, dei in feierlich „Verg ſein wetd Nacht!“ Es Lammle ſanft un Doch nich ſichter ſich lich in ih ſanken. ſen und Niemande Gewi Muͤſter ren, führ weiß wie ten ſich Podsnap Mr. Pod feuer ſein kragen he ein Haus raſcht he oder ſon Perſon! wie das ſchirr ge zählt un Perſon Jüngere Einförm Kenuge ungen„ über die Süden, Neenzt wu auf der werwieſen N Pod danz W den iſ „ 1 reicheren We heraufß und M ihres hätte ne „So „Iſt r, als mzlich e das elöſcht pler in Hdinter⸗ ffinden Und rs, als Geor⸗ ſt mir eſe be⸗ ausge⸗ Eifer⸗ la ge⸗ Miß ſeine ammle ſeiner enn ich cließt) ſie es orgiana elbe in inn, zu „Ich möchte wiſſen, wofür Sie mich gern haben. Ich kann es mir wahrlich nicht erklären.“ „Meine liebſte Georgiana, um Ihrer ſelbſt willen. Weil Sie ſo verſchieden ſind von Allem, was Sie um⸗ iebt.“ 1„Nun! Das mag ſein. Denn ich denke mir, daß ich Sie ſo gern habe, weil Sie von Allem, was mich um⸗ giebt, verſchieden ſind,“ ſagte Georgiana mit einem Lächeln der Erleichterung... „Wir müſſen jetzt wohl mit den Uebrigen gehen,“ bemerkte Mrs. Lammle, ſich mit angenommenem Wider⸗ ſtreben erhebend, da die Geſellſchaft ſich zu entfernen anfing.„Wir ſind wahre Freundinnen, liebe Georgiana?“ „Wahre Freundinnen.“ „Gute Nacht, liebes Mädchen!“ Sie hatte eine Art von Einfluß auf die furchtſame Natur erlangt, auf die ihre lächelnden Blicke geheftet waren, denn Georgiana hielt ihre Hand feſt, indem ſie in feierlichem, halb ängſtlichen Tone erwiderte: Boz, Unſer gemeit iſchaftlicher Freund. „Sehr wahrſcheinlich, ſcheint mir, nach jenes Kerls Geſellſchaft. Merke auf das, was ich Dir ſagen werde.“ 15 habe bereits auf Alles gemerkt, was Du geſagt ) — oder nicht? Was habe ich wohl den ganzen Abend Anderes gethan?“ „Merke, ſage ich Dir“(mit erhobener Stimme)„auf das, was ich Dir ſagen werde. Schließe Dich feſt an jenes blödſinnige Mädchen. Halte ſie unter Deinem Daumen. Du hlltſt ſie bereits feſt und darfft ſie nicht entſchlüpfen laſſen. Hörſt Du?“ „Ich höre.“ „Ich ſehe voraus, daß Geld daraus zu machen iſt und jener Kerl außerdem gedemüthigt werden kann. „Vergeſſen Sie mich nicht, wenn Sie von hier fort ſein werden. Und kommen Sie bald wieder. Nacht!“ Gute Es war charmant anzuſehen, wie Mr. und Mrs. Lammle ſich ſo anmuthsvoll verabſchiedeten, und dann ſo ſanft und liebend zuſammen die Treppe hinuntergingen. Doch nicht ganz ſo charmant, wie ihre lächelnden Ge⸗ ſichter ſich verlängerten und verdüſterten, als ſie verdrieß⸗ lich in ihre reſpectiven Ecken des kleinen Wagens zurück⸗ ſanken. Doch dies geſchah allerdings hinter den Couliſ⸗ ſen und ward von Niemandem geſehen, und ſollte von Niemandem geſehen werden. Gewiſſe große ſchwerfällige Fuhrwerke, die nach dem Muſter des Podsnap'ſchen Silbergeſchirres gebaut wa⸗ ren, führten die ſchweren Gäſte von dannen, die Gott weiß wie viel wogen; und die weniger werthvollen mach⸗ ten ſich nach ihrer Weiſe auf den Heimweg, und das Podsnap'ſche Silbergeſchirr wurde zu Bette gelegt. Wie Mr. Podsnap dann mit dem Rücken vor dem Kamin⸗ feuer ſeines Geſellſchaftszimmers ſtand und ſeinen Hemd⸗ kragen heraufzog und ſich inmitten ſeiner Beſitzungen wie ein Haushahn ſpreizte, würde ihn nichts ſo ſehr über⸗ raſcht haben, als eine Anſpielung, daß Miß Podsnap oder ſonſt eine wohlerzogene oder wohlgeborene junge Perſon nicht genau wie das Silbergeſchirr fortgeſchafft, wie das Silbergeſchirr hervorgeholt, wie das Silberge⸗ ſchirr geputzt, und wie das Silbergeſchirr gewogen, ge⸗ zählt und geſchätzt werden könne. Daß eine ſolche junge Perſon eine Leere im Herzen verſpüren, die durch etwas Jüngeres, als das Silbergeſchirr, oder etwas weniger Einförmiges, als das Silbergeſchirr gefüllt zu werden erlangen könne; oder daß die Gedanken einer ſolchen ngen Perſon es zu verſuchen im Stande wären, ſich über die Regionen emporzuſchwingen, die im Norden, Süden, Oſten und Weſten durch das Silbergeſchirr be⸗ grenzt wurden— dies war eine unerhörte Idee, die er auf der Stelle durch eine Armſchwenkung in das Nichts verwieſen haben würde. Dies kam vielleicht daher, daß Mr. Podsnap's erröthende junge Perſon, ſo zu ſagen, ganz Wange war; wohingegen eine Möglichkeit vorhan⸗ den iſt, daß es noch junge Perſonen von einer umfang⸗ reicheren Beſchaffenheit giebt. Wenn Mr. Podsnap ſich, wie er ſeinen Hemdkragen heraufzupfte, nur in einem kurzen Geſpräche zwiſchen Mr. und Mrs. Lammle, wie ſie in den verſchiedenen Ecken ihres kleinen Wagens heimwärts rollten,„jener Kerl“ hätte nennen hören! „Sophronia, wachſt Du?“ „Iſt es wahrſcheinlich, daß ich ſchlafen würde, Sir?“ Wir ſind einander Geld ſchuldig, wie Du weißt.“ Mrs. Lammle zuckte bei dieſer Erinnerung ein wenig zuſammen, doch nur genug, um ihre Wohlgerüche und Düfte in der Atmoſphäre des kleinen Wagens zu ver⸗ ebien, wie ſie wieder in ihren dunklen Winkel zurück⸗ ſank. Zwolftes Capitel. Ein rechtſchaffener Mann im Schweiße ſeines Angeſichts. Mr. Mortimer Lightwood und Mr. Eugen Wrayburn genoſſen in Mr. Lightwood's Expedition zuſammen ein Diner aus dem Kaffeehauſe. Sie waren kürzlich über⸗ eingekommen, ſich zuſammen zu etabliren. Sie hatten ein Junggeſellen⸗Häuschen bei Hampton am Ufer der Themſe gemiethet, das mit einem Raſenplatze und einem Boothauſe und allem ſonſtigen Zubehör verſehen war, und wollten mit dem Strome durch den Sommer und die langen Gerichtsferien dahinfließen. Es war noch nicht Sommer, ſondern Frühling; und nicht etwa ein„milder Frühling, und ſanft athmend“, wie in Thomſon's Jahreszeiten, ſondern ein ſchneidender Frühling mit einem ſcharfen Oſtwinde, wie in Johnſon's, Jackſon's, Dickſon's, Smith's und Jones' Jahreszeiten. Der ſcharfe Wind wehte nicht ſo ſehr, als er ſägte; und wie er ſägte, ſtoben die Sägeſpäne in der Säge⸗ grube umher. Jede Straße war eine Sägegrube, und Niemand war Oberſäger; jeder Fußgänger war ein Unter⸗ ſäger, den die Sägeſpäne erblindeten und erſtickten. Jenes geheimnißvolle Umlaufspapier, welches in Lon⸗ don umherkreiſelt, wenn der Wind weht, kreiſelte hier und dort und überall. Woher kann es nur kommen, wohin mag es gehen? Es hängt in jedem Buſche, flat⸗ tert an jedem Baume, wird im Fliegen von den Tele⸗ graphendrähten aufgefangen, verſteckt ſich in jedem Winkel, trinkt an jeder Pumpe, kriecht unter jeden Roſt, zittert auf jedem Raſen, und ſucht vergebens hinter den Legionen von Eiſengittern Ruhe. In Paris, wo nichts verloren geht, eine ſo koſtſpielige und luxuriöſe Stadt es immer ſein mag, ſondern wo wunderbare menſchliche Ameiſen aus Löchern hervorkriechen und jeden Fetzen aufſammeln, — in Paris giebt es dergleichen nicht. Dort weht nichts als Staub umher. Dort erndten ſcharfe Augen und ſcharfe Magen ſelbſt den Oſtwind und machen Etwas aus dem⸗ ſelben. Der Wind ſägte und die Späne ſtoben. Die Sträu⸗ cher rangen ihre zahlreichen Hände und ſtöhnten, daß ſie ſich von der Sonne zum Knospen hatten beſchwatzen laſſen; die jungen Blätter welkten; die Sperlinge be⸗ reuten ihre frühen Heirathen— gleich Männern und nicht etwa in einem blumenreichen Frühling, ſondern in den Naſen und Wangen der Leute, die derſelbe kniff u durchkältete. Und noch immer ſägte der Wind und ſtoben die Sägeſpäne. 4 Wenn die Frühlingsabende zu lang und zu hell ſind, um ausgeſchloſſen zu werden, und wenn ein ſolches Wet⸗ ter herrſcht, ſo iſt die Stadt, die Mr. Podsnap ſo be⸗ zeichnend London, Londres, Londan nannte, in ihrem ſchlimmſten Zuſtande. Eine ſo ſchwarze, gellende Stadt, welche die Eigenſchaften eines rauchenden Hauſes und eines keifenden Weibes vereint; eine ſo knirſchende Stadt; eine ſo hoffnungsloſe Stadt, in deren bleiernen Himmels⸗ decke ſich keine Spalte zeigt; eine ſo belagerte Stadt— zwiſchen den großen Marſchmächten von Eſſex und Kent. Und als eine ſolche machte ſie ſich den beiden alten Schulkameraden fühlbar, als dieſe, nachdem ſie ihr Diner beendet, ſich dem Feuer zuwandten, um zu rau⸗ chen. Der junge Blight war gegangen, der Kellner aus dem Kaffeehaus war gegangen, und der Wein war eben⸗ falls auf dem Wege zu gehen— doch nicht in derſelben Richtung. „Der Wind heult hier oben,“ ſagte Eugen, das Feuer ſchürend,„als ob wir in einem Leuchtthurme wachten. Ich wollt', es wäre der Fall.“ „Denkſt Du nicht, daß es uns langweilen würde?“ fragte Lightwood. „Nicht mehr, als jeder andere Ort. Und es würde dort keine Gerichtsrundreiſen geben. Doch dies iſt eine ſelbſtſüchtige Berückſichtigung, die nur auf mich anwend⸗ bar iſt.“ „Und es würden dort keine Clienten kommen,“ fügte Lightwood hinzu.„Eine Berückſichtigung, die nicht im geringſten ſelbſtſüchtig und durchaus nicht auf mich allein anwendbar iſt.“ „Falls wir uns auf einem allein ſtehenden Felſen in⸗ mitten eines ſtürmiſchen Meeres befänden,“ ſagte Eugen rauchend und die Blicke auf's Kaminfeuer heftend,„ſo könnte Lady Tippins nicht in See ſtechen, um uns zu beſuchen, oder noch beſſer, ſie möchte in See ſtechen, und verſinken. Die Leute könnten uns nicht zu Hochzeitsfrüh⸗ Füclen einladen. Es würden keine Formeln zu erfüllen a ſein, außer der einfachen Formel, das Licht im Brennen zu erhalten. Es würde aufregend ſein, nach Schiffbrüchen auszuſchauen.“ „Sonſt aber,“ meinte Lightwood,„dürfte dies Leben eine gewiſſe Einförmigkeit haben.“. „Daran habe ich ebenfalls gedacht,“ ſagte Eugen, wie wenn er den Gegenſtand wirklich aus ſeinen verſchie⸗ denen Geſichtspunkten und mit der Abſicht, das Geſchäft zu übernehmen, erwogen;„doch würde es eine beſtimmte und beſchränkte Einförmigkeit ſein. Dieſelbe würde nicht über zwei Perſonen hinausgehen. Und ich frage mich, Mortimer, ob eine ſo genau beſtimmte und ſo eng be⸗ grenzte Einförmigkeit nicht erträglicher ſein dürfte, als die Einförmigkeit unſerer Nebenmenſchen.“ Indem Lightwood lachte und ſeinem Freunde den Wein reichte, ſagte er:„Wir werden in unſerem Som⸗ mer auf dem Fluſſe Gelegenheit haben, die Frage zu löſen.“ „Eine unvollkommene,“ gab Eugen ſeufzend zu;„doch werden wir dieſelbe allerdings haben. Ich hoffe, wir werden einander nicht zu viel werden.“ „Jetzt, was Deinen geachteten Vater betrifft,“ ſagte Lightwood, ihn zu einem Gegenſtande bringend, zu deſſen Beſprechung ſie ausdrücklich hier zuſammen waren: und ein ſolcher Gegenſtand iſt ſtets der ſchlüpfrigſte Aal, den man zu fangen verſucht. tlicher Freund. 120 feuers erleuchten.“ Er ſchürte abermals das Feuer, während er ſprach, und fuhr, ſobald er daſſelbe hatte auflodern machen, fort: „Mein geachteter Vater hat dort unten in der Nach⸗ barſchaft für ſeinen nicht allgemein geachteten Sohn eine Gattin gefunden.“ „Mit einigem Vermögen, natürlich?“ „Mit einigem Vermögen, natürlich, oder er würde ſie nicht gefunden haben. Mein geachteter Vater— laß mich die ehrerbietige Tautologie abkürzen und in Zukunft M. G. V. ſubſtituiren, welches militäriſch und nach dem Herzog von Wellington klingt.“ „Welch ein lächerlicher Kerl Du biſt, Eugen!“ „Durchaus nicht, ich verſichere Dir, M. G. V., der ſtets in der klarſten Weiſe ſeine Kinder verſorgt hat(wie er es nennt), indem er von der Stunde ihrer Geburt, und zuweilen ſogar ſchon von einem früheren Zeitpunkte an, den Lebensberuf des kleinen Opfers beſtimmt, beſtimmte für mich, daß ich der Advokat werden ſollte, der ich bin (mit dem unbedeutendem Zuſatze einer ungeheuren Praxis, die ſich nicht gefunden hat) und außerdem der Gatte, der ich nicht bin.“ „Erſteres haſt Du mir oft erzählt.“ „Erſteres habe ich Dir oft erzählt. Da ich mich in meiner gerichtlichen Stellung ungereimt genug finde, habe ich meine häusliche Beſtimmung bisher in den Hintergrund geſchoben. Du kennſt M. G. V. doch nicht ſo gut, wie ich ihn kenne. Wenn Du ihn kennteſt, wie ich ihn kenne, ſo würde er Dich beluſtigen.“ „Kindlich geredet, Eugen!“ „Vollkommen, glaube mir, und mit jedem Gefühle liebevoller Ehrfurcht für M. G. V. Doch kann ich nicht dafür, wenn er mich beluſtigt. Als mein älteſter Bruder geboren wurde, wußten wir Uebrigen natürlich(ich meine, würden wir Uebrigen, falls wir exiſtirt hätten, natürlich gewußt haben), daß er der Erbe der Familienverlegen⸗ heiten ſei— in Gegenwart von Fremden nennen wir es die Familienbeſitzungen. Doch als mein zweiter Bruder im Anmarſche war, ſagte M. G. V.:„Dies iſt ein klei⸗ ner Pfeiler der Kirche.“ Er wurde geboren, und ward ein Pfeiler der Kirche,— ein ſehr wackeliger. Mein dritter Bruder erſchien bedeutend früher, als er ſich mei⸗ ner Mutter gegenüber verpflichtet; doch M. G. V., der ſich durch die Ueberraſchung in keiner Weiſe verblüffen ließ, erklärte ihn ſofort für einen Weltumſchiffer. War in die Marine geſchleudert, hat aber nicht weltumſchifft. Ich meldete mich, und es ward über mich verfügt, und zwar mit dem höchſt befriedigenden Erfolge, den Du vor Dir ſiehſt. Als mein jüngſter Bruder eine halbe Stunde alt war, beſtimmte mein Vater, daß er ein Genie für Mechanik beſitzen ſollte. Und ſo weiter. Deshalb ſage ich, daß M. G. V. mich beluſtigt.“ „Betreffs der Dame, Eugen.“ „Hier hört M. G. V. auf, mich zu beluſtigen, denn meine Anſichten liegen betreffs der Dame in der entgegen⸗ geſetzten Richtung.“ „Kennſt Du ſie?“ „Durchaus nicht.“ „Wäre es nicht beſſer, wenn Du ſie ſäheſt?“ „Mein lieber Mortimer, Du haſt meinen Charakter ſtudirt. Könnte ich möglicherweiſe dort hinunterreiſen mit der Etiqüette: Wünſchenswerth. Zur Anſicht, auf — 121 dn Stirn dolſehen, Plänen el Vergnüge atragen! iih gelun lba „In? Würdige Menſch widerfah einem Le Mort dem er nach reifl wieder in ſeiner Ei es iſt ni ſchen Ve Ungeach pflichten unterwer Gsn hatten, u Wind u Kirchhof Schatten denen ſie Kirchhof Er getreten gleichz Weiter Seſſel z bleibend „De verirrt, den rech tom an Ligh wendet heit ſta er die ſeid Ih widerte Einer! 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Laſſe mir die Gerechtigkeit widerfahren, daß Du Dich der Bedingung erinnerſt. In einem Leuchtthurme.“ Mortimer lachte abermals, und Eugen verſank, nach⸗ dem er zum erſtenmale ebenfalls gelacht, wie wenn er ſich nach reiflicher Ueberlegung eigentlich unterhaltend fände, wieder in ſeine gewohnte Düſterkeit und ſagte, ſich an ſeiner Cigarre ergötzend, in ſchläfrigem Tone:„Nein, es iſt nicht zu ändern; eine von M. G. V.s propheti⸗ ſchen Verkündigungen muß auf ewig unerfüllt bleiben. Ungeachtet meines aufrichtigen Wunſches, ihn zu ver⸗ pflichten, muß er ſich einem Fehlſchlagen ſeines Planes unterwerfen.“ Es war finſterer geworden, während ſie ſich unterhalten hatten, und draußen vor den bleicheren Fenſtern ſägte der Wind und ſtoben die Sägeſpäne. Der untenliegende Kirchhof verſank bereits in tiefen trüben Schatten und der Schatten ſchlich ſich zu den Hausdächern hinauf, unter denen ſie ſich befanden.„Wie wenn,“ ſagte Eugen,„die Kirchhofsgeſpenſter emporſtiegen.“ Er war mit der Cigarre im Munde anu's Fenſter getreten, wie um den Gruß derſelben durch den Ver⸗ gleich zwiſchen dem Kaminfeuer im Innern und dem Weiter außen noch zu erhöhen, und als er zu ſeinem Seſſel zurückkehrte, ſagte er, auf halbem Wege ſtehen bleibend: 3 „Dem Anſcheine nach hat eins der Geſpenſter ſich verirrt, und iſt hereingekommen, um ſich durch uns über den rechten Weg berichten zu laſſen. Schau jenes Phan⸗ tom an!“ Lightwood, welcher mit dem Rücken der Thür zuge⸗ wendet ſaß, wandte den Kopf um, und dort in der Dunkel⸗ heit ſtand Etwas in der Geſtalt eines Menſchen, an den er die nicht unpaſſende Frage richtete:„Wer, zum Teufel, ſeid Ihr?“ „Ich bitt' um Vergebung, meine Herren beide,“ er⸗ widerte das Geſpenſt mit heiſerem Flüſtern,„aber iſt Einer von Ihnen vielleicht Advokat Lightwood?“ „Was ſoll es heißen, daß Ihr nicht an die Thür klopft?“ fragte Mortimer. „Ich bitt' um Vergebung, meine Herren beide,“ er⸗ widerte das Geſpenſt wie zuvor,„aber Sie wußten viel⸗ leicht nicht, daß Ihre Thür offen ſtand.“ „Was wollt Ihr hier?“ Hierauf erwiderte das Geſpenſt abermals mit ſeinem heiſeren Flüſtern:„Ich bitt' um Verzeihung, meine Herren beide, aber iſt Einer von Ihnen vielleicht Advokat Lightwood?“ „Einer von uns iſt Advokat Lightwood,“ ſagte der Eigenthümer dieſes Namens. „Alles in Ordnung, beide Herren,“ erwiderte das Geſpenſt, indem es vorſichtig die Thür ſchloß.„Ganz beſonderes Geſchäft.“ teten den Gaſt und zeigten einen garſtig ausſehenden Gaſt mit einem ſchielenden Blick, der, indem er ſprach, Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 122 eine alte Pelzmütze hin⸗ und herrückte, welche, geſtaltlos und räudig, einem ſtruppigen Thiere glich— einem Hunde oder einer Katze, die erſoffen und ſich in einem Zuſtande der Verweſung befände. „Jetzt,“ ſagte Mortimer,„was giebt's?“ „Meine Herren beide,“ erwiderte der Mann in einem Tone, den er für einſchmeichelnd hielt,„welcher von Ihnen mag wohl Advokat Lightwood ſein? „Ich bin's.“ „Advokat Lightwood,“ ſagte er mit einem ſervilen Kopfſchütteln gegen ihn,„ich bin ein Mann, der ſich ſeinen Lebensunterhalt im Schweiße ſeines Angeſichts erwirbt und zu erwerben ſucht. Um nicht durch irgend Etwas um den Schweiß meines Angeſichts gebracht zu werden, wünſche ich, ehe ich mich weiter auf Etwas ein⸗ laſſe, daß man mir den Eid abnimmt.“ „Das iſt nicht mein Geſchäft, Menſch.“ Der Gaſt, der offenbar dieſer Verſicherung keinen Glauben ſchenkte, murmelte hartnäckig:„Alfred David.“ „Iſt das Euer Name?“ fragte Lightwood. „Mein Name?“ entgegnete der Mann.„Nein; ich wünſche ein Alfred David abzulegen.“ (Eugen verdolmetſchte dies, indem er den Mann rauchend betrachtete, als Affidavit.) „Ich ſage Euch, mein Freund,“ ſagte Mortimer mit ſeinem gleichgültigen Lachen,„daß ich nichts mit Schwüren zu ſchaffen habe.“ „Er kann wohl auf Euch ſchwören und fluchen, und ich ebenfalls,“ ſagte Eugen erklärend;„aber mehr können wir nicht für Euch thun.“ Durch dieſe Nachricht außerordentlich verblüfft, wen⸗ dete der Gaſt den erſoffenen Hund oder die erſoffene Katze um und um und ſchaute von einem der Herren beide zum andern der Herren beide, während er im Innern tief überlegte. Endlich faßte er ſeinen Entſchluß: „Dann muß ich aufgeſetzt werden.“ „Wo?“ fragte Lightwood. „Hier,“ ſagte der Mann.„Mit Feder und Tinte— auf Papier.“ „Laßt uns zuvor wiſſen, um was es ſich handelt.“ „Es handelt ſich,“ ſagte der Mann, indem er einen Schritt vorwärts trat, ſeine heiſere Stimme ſenkte und die Hand vor den Mund hielt,„es handelt ſich um eine Belohnung von fünf⸗ bis zehntauſend Pfund. Darum handelt ſich's.'s handelt ſich um einen Mord. Darum handelt ſich's.“ „Kommt näher an den Tiſch. Setzt Euch. Wollt Ihr ein Glas Wein trinken?“ „Ja, das will ich,“ ſagte der Mann,„und ich hinter⸗ gehe Sie nicht, meine Herren beide.“ Man gab ihm das Glas. Indem er den Arm bis Zum Elbogen ſteif machte, goß er den Wein in ſeinen Mund, warf ihn in die rechte Wange, wie wenn er ſagte: „Wie gefällt er Dir?“ dann in die linke Wange, wie wenn er ſagte:„Wie gefällt er Dir?“ Dann ſchmatzte er mit den Lippen, wie wenn alle Drei erwidert hätten: „Er gefällt uns wohl.“. „Wollt Ihr noch ein Glas haben?“ „Ja, das will ich,“ erwiderte er,„und ich hintergehe Sie nicht, meine Herren beide.“ Und wiederholte dann ſein voriges Verfahren. „Jetzt,“ begann Lightwood,„wie iſt Euer Name?“ „Ei, da gehen Sie zu ſchnell, Advokat Lightwood,“ erwiderte er in vorſtellendem Tone.„Sehn Sie's wohl 3 ein, Advokat Lightwood? Da gehen Sie ein hiſſel zu Mortimer zündete die Kerzen an. Dieſelben beleuch⸗ ſchnell. Ich bin im Begriff, mir im Schweiße meines Angeſichts fünf⸗ bis zehntauſend Pfund zu verdienen; und iſt es wahrſcheinlich, daß ich, als ein armer Mann, der 123 dem Schweiße ſeines Angeſichts gerecht ſein ſoll, mich ſelbſt nur meines Namens entäußern werde, ohne daß derſelbe auf's Papier geſetzt wird?“ Indem er ſeinen Begriffen von der bindenden Macht von Feder, Tinte und Papier willfahrte, beantwortete Mortimer den ihm von Eugen zugenickten Vorſchlag, jene Zaubermittel in die Hand zu nehmen, durch ein be⸗ jahendes Kopfnicken. Eugen brachte die Werkzeuge auf den Tiſch und ſetzte ſich als Schreiber oder Notar vor und auf dem Flußdamme allgemein bekannt iſt, daß er dieſelben nieder. „Jetzt,“ ſagte Lightwood,„wie iſt Ihr Name?“ Doch dieſer rechtſchaffene Mann war dem Schweiße ſeines Angeſichts noch fernere Vorſichtsmaßregeln ſchuldig. „Ich möchte wünſchen, Advokat Lightwood,“ bedingte er,„daß dieſer andere Herr mein Zeuge für das wäre, was ich ſagte. Will der andere Herr deshalb ſo gut ſein, mir ſeinen Namen und ſeine Adreſſe zu geben?“ Eugen warf ihm, die Cigarre im Munde und die Feder in der Hand haltend, ſeine Karte zu. Nachdem er ſich dieſelbe vorbuchſtabirt, rollte er ſie langſam klein zuſammen und knüpfte ſie noch langſamer in ſein Hals⸗ tuch ein. „Jetzt,“ ſagte Lightwood zum drittenmale,„wenn Ihr ganz mit Euren Vorbereitungen fertig ſeid, mein Freund, und die völlige Gewißheit erlangt habt, daß Euer Gemüth vollkommen ruhig und in keiner Weiſe erregt iſt— wie iſt Euer Name?“ „Roger Riderhood.“ „Wohnort?“ „Lime'us Hole.“ „Beruf oder Beſchäftigung?“ Dieſe Antwort kam nicht ganz ſo geläufig, wie die beiden vorhergehenden, doch gab Mr. Riderhood die De⸗ finition:„Flußufer⸗Charakter.“ „Liegt irgend Etwas gegen Euch vor?“ fragte Eugen ruhig dazwiſchen, indem er ſchrieb. Hierdurch ein wenig verdutzt, bemerkte Mr. Riderhood ausweichend und mit unſchuldiger Miene, er glaube, der andere der Herren beide habe ihn Etwas gefragt. „Wart Ihr je in Ungelegenheiten?“ fragte Eugen. „Einmal.“(Dies könne Jedem paſſiren, fügte Mr. Riderhood beiläufig hinzu.) „Weſſen verdächtig?“ „Auf Verdacht einer Matroſentaſche,“ ſagte Mr. Riderhood.„Wohingegen ich in Wirklichkeit des Mannes beſter Freund war, und mich ſeiner annehmen wollte.“ „Im Schweiße Eures Angeſichts?“ ſagte Eugen. „Der mir wie Regen vom Geſicht triefte.“ Eugen lehnte ſich in ſeinem Seſſel zurück und rauchte mit einem nachläſſigen Blicke auf den Angeber und die Feder in der Hand, um weiter zu ſchreiben. Lightwood rauchte ebenfalls, den Angeber nachläſſig betrachtend. „Jetzt ſetzen Sie mich wieder auf's Papier,“ ſagte Riderhood, nachdem er die erſoffene Mütze hin und her⸗ gewendet und mit ſeinem Aermel nach der verkehrten Seite hin geſtrichen(falls dieſelbe eine verkehrte Seite beſaß).„Ich ſage hiermit an, daß der Mann, der den Harmon⸗Mord beging, Gaffer Hexam iſt, der Mann, der den Leichnam fand. Die Hand des Jeſſe Hexam, am Ufer meiſtens Gaffer genannt, iſt die Hand, die jene That verübt hat. Die ſeine und keine andere.“ Die beiden Freunde ſchauten einander mit ernſteren Geſichtern an, als ſie noch bisher gezeigt. 4 „Sagt uns, auf welchen Grund hin Ihr dieſe Be⸗ ſchuldigung macht,“ ſagte Mortimer Lightwood. „Auͤf den Grund hin,“ erwiderte Riderhood, indem er ſich das Geſicht mit dem Aermel abwiſchte,„daß ich Gaffer's Compagnon war, und ihn ſchon manchen langen ſeine Tochter Ihnen hierüber vielleicht eine andere Ge⸗ ſchichte erzählen mag, aber Sie wiſſen wohl, wie viel Werth darauf zu legen iſt, denn ſie würde Ihnen Him⸗ mel und Erde voll Lügen ſagen, um ihren Vater zu retten. Auf den Grund hin, daß es auf den Ufertreppen es gethan hat. Auf den Grund hin, daß ich ſchwören will, daß er es gethan hat. Auf den Grund hin, daß Sie mich hinbringen können, wohin Sie wollen, um mir den Eid abzunehmen. Ich ſcheue die Folgen nicht. Ich habe meinen Entſchluß gefaßt. Führen Sie mich hin, wohin Sie wollen.“ „Alles Dies iſt gar nichts,“ ſagte Lightwood. „Gar nichts?“ wiederholte Riderhood entrüſtet und erſtaunt. „Geradezu gar nichts. Es beläuft ſich auf nichts weiter, als daß Ihr den Mann des Verbrechens bearg⸗ wohnt. Sie mögen hierzu Grund haben oder keinen Grund haben, aber er kann auf Euren Verdacht nicht überführt werden.“ „Habe ich nicht geſagt— ich berufe mich auf den andern Herrn, als meinen Zeugen—, habe ich nicht vom erſten Augenblicke an, wo ich in dieſem in—alle— Ewig⸗ keit— Amen⸗Stuhle,“(er bediente ſich dieſer Redefigur offenbar als der nächſtkräftigſten nach einem Affidavit) „den Mund geöffnet habe, daß ich bereit ſei, zu ſchwören, daß er es gethan? Habe ich nicht geſagt: nehmen Sie mich mit und laſſen Sie mir den Eid abnehmen? Sage ich es nicht jetzt noch? Sie werden dies nicht leugnen, Advokat Lightwood?“ „Gewiß nicht; aber Ihr erbietet Euch blos, Euren Verdacht zu beſchwören, und ich ſage Euch, daß es nicht genügt, Enren Verdacht zu beſchwören.“ „Genügt nicht, wie, Advokat Lightwood?“ fragte er vorſichtig. „Entſchieden nicht.“ „Und ſagte ich etwa, daß es genüge? Ich berufe mich auf den anderen Herrn. Unparteiiſch! Habe ich es geſagt?“ „Er hat jedenfalls nicht geſagt, daß er nicht noch mehr zu ſagen habe,“ bemerkte Eugen mit leiſer Stimme, ohne ihn anzuſchauen,„was er immer anzu⸗ deuten ſchien.“ „Ha!“ rief der Angeber triumphirend, indem er ge⸗ wahrte, daß die Bemerkung zu ſeinen Gunſten ſei, obgleich er dieſelbe nicht klar verſtand.„Ein Glück für mich, daß ich einen Zeugen hatte!“ „Dann fahrt fort,“ ſagte Lightwood.„Sagt, was Ihr zu ſagen haben habt. Keine Nachgedanken.“ „Dann laſſen Sie mich auf's Papier ſetzen!“ rief der Angeber eifrig und aufgeregt.„Laſſen Sie mich auf's Papier ſetzen, denn beim heiligen Georg und dem Drachen, ich komme jetzt zur Sache. Thun Sie nichts, um einem armen Manne die Früchte des Schweißes ſeines Angeſichtes vorzuenthalten! Ich gebe alſo an, daß er mir geſagt hat, daß er es gethan. Iſt das genug?“ „Nehmt Euch in Dem in Acht, was Ihr ſagt, mein Freund,“ ſagte Mortimer. „Advokat Lightwood, geben Sie Acht auf das, was ich ſage; denn ich denke mir, daß Sie verantwortlich da⸗ für ſein werden, daß darnach gehandelt wird!“ Dann ſchlug er ſich langſam und nachdrucksvoll mit der rechten Hand in die offene linke und ſagte:„Ich Roger Rider⸗ hood, Lime'us Hole, Flußufer⸗Charakter, ſage Ihnen, 125 3 Prokat L dem Fluſſe Vari noch imme Kopf auf Zuhöret Brüder, — aber vie fünf Abend, wo gen Brüder luſtigen B herausſtellt luſtigen Bi „Bas „Dab der, Sie Beſſeres). Ich mocht halbe Min ich nicht be heißt, die; wie?“ „Fahrt „Ich fo ſagte zu m Namen bi Bedeutung weil er mi „Weite „Bitt' ein Theil her, und m ſagte er, w mit einand Tochter! Ruder übe auf Euren Ir zu ſ Schleppta Ihr Euch zu ihm: G Riderhood Dutzenden Hunderten, ddeshalb die pflichtungen ich hatte A ds ſich um Uhten oder zuſgepaßt. Aagwuhn. hat ein S bnn gon 124 habe. aunte. t ab⸗ daß Ge⸗ viel Him⸗ er zu eppen daß er wwören 1, daß in mir Ich hin, t und nichts deatg⸗ keinen nicht uf den öt vom Ewig⸗ efigur davit) vören, a Sie Sage ugnen, Euren 3 nicht gie er berufe ich es t noch leiſer anzu⸗ et ge⸗ bgleich ch, daß „ w d5 rief mich d dem nichts, ſeines aß er 1 92 mein , wab ich da⸗ Daun rechten Rider⸗ Ihuen, — Advokat Lightwood, daß der Mann Jeſſe Hexam, auf dem Fluſſe und am Ufer meiſtens Gaffer genannt, mir Und was noch geſagt hat, daß er die That verübt. mehr iſt, er hat mirs mit ſeinen eigenen Lippen geſagt, daß er ſie verübt. habe ſie verübt. Und ich will es beſchwören!“ „Wo hat er Euch dies geſagt?“ „Vor der Thür,“ erwiderte Riderhood, indem er ſich noch immer mit der Rechten in die Linke ſchlug und, den Kopf auf die Seite geneigt, aufmerkſam ſeine beiden Zuhörer anſchaute,„vor der Thür der Sechs luſtigen Brüder, etwa ein Viertel nach zwölf Uhr in der Nacht — aber ich will es nicht unternehmen, eine ſo zarte Sache wie fünf Minuten beſchwören zu wollen— an dem Abend, wo er den Leichnam gefunden. Die Sechs luſti⸗ gen Brüder ſtehen noch auf derſelben Stelle. Die Sechs luſtigen Brüder werden nicht davonlaufen. Wenn es ſich herausſtellt, daß er an jenem Abend nicht in den Sechs luſtigen Brüdern war, ſo bin ich ein Lügner.“ „Was ſagte er?“ „Das will ich Ihnen ſagen(ſchreiben Sie mich nie⸗ der, Sie Anderer der Herren beide, ich verlange nichts Beſſeres). Er kam zuerſt heraus; ich kam zuletzt heraus. Ich mochte eine Minute nach ihm kommen, oder eine halbe Minute, oder eine Viertelminute,— dies kann ich nicht beſchwören und will es nicht beſchwören. Das heißt, die Verpflichtungen eines Alfred David's kennen, wie?“ „Fahrt fort.“ „Ich fand ihn draußen, wo er auf mich wartete. Er ſagte zu mir: Rogue*) Riderhood— denn bei dieſem Namen bin ich meiſtens bekannt,— nicht wegen der Bedeutung, denn derſelbe hat keine Bedeutung, ſondern weil er mit Roger Aehnlichkeit hat.“ „Weiter, weiter, das gehört nicht hierher.“ „Bitt' um Vergebung, Advokat Lightwood, es iſt ein Theil der Wahrheit, und als ſolcher gehört es hier⸗ her, und muß es hierher gehören. Rogue Riderhood, ſagte er, wir hatten heut' Abend auf dem Fluſſe Worte mit einander, was der Fall geweſen, fragen Sie ſeine Tochter! Ich drohte Euch, ſagte er, Euch eins mit dem Ruder über die Finger zu reichen, oder meinen Boothaken auf Euren Gehirnkaſten zu legen. Ich that dies, weil Ihr zu ſcharfe Blicke auf Das warft, was ich im Schlepptau hatte, als ob Ihr Argwohn hättet, und weil Ihr Euch an meinem Bootsrande feſthieltet. Ich ſagt' zu ihm: Gaffer, ich weiß es. Riderhood, Ihr ſeid ein Mann, wie man ihn unter Dutzenden nicht findet,— ich glaube, er ſagte, unter Hunderten, doch deſſen bin ich nicht ganz ſicher, und gebe deshalb die niedrigſte Zahl an, denn groß ſind die Ver⸗ pflichtungen eines Alfred David's. Und, ſagte er, wenn es ſich um Eure Mitmenſchen handelt, ſei es um ihre Uhren oder um ihr Leben, ſo heißt es bei Euch ſtets: aufgepaßt. Hattet Ihr Argwohn? Ich ſagte: Gaffer, ich hatte Argwohn, und was noch mehr iſt, ich habe Argwohn. Er fängt an zu zittern und ſagt: Worüber? Ich ſage: Daß ein Schelmenſtück begangen worden. Er fängt immer heftiger an zu zittern, und ſagt: Es hat ein Schelmenſtück gegeben. Ich that es wegen ſei⸗ nes Geldes. Verrathet mich nicht! Dies waren die Worte, deren er ſich bediente.“ Es erfolgte eine Stille, die nur durch das Fallen der Aſche im Kamine geſtört wurde. Eine Gelegenheit, die der Angeber benutzte, um ſich mit ſeiner erſoffenen Mütze *) Rogue— Schurke. Anmerk. der Ueberſetzerin. Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund Und was noch mehr iſt, er ſagte, er Er ſagte zu mir: Rogue über den Kopf, den Hals und das Geſicht zu ſchmieren und ſich dadurch nicht im mindeſten zu verſchönern. „Was weiter?“ fragte Lightwood. „Ueber ihn, meinen Sie, Advokat Lightwood?“ „Ueber irgend Etwas, das zu der Sache gehört.“ „Jetzt will ich doch ver— wünſcht ſein, wenn ich Sie verſtehe, meine Herren beide,“ ſagte der Angeber in kriechender Weiſe, indem er Beide für ſich zu gewin⸗ nen ſuchte, obwohl nur einer geſprochen hatte.„Wie? Iſt das nicht genug?“ „Fragten Sie ihn, wie er es gethan, wo er es gethan und wann er es gethan?“ „Das ſei fern von mir, Advokat Lightwood! Ich fühlte mich ſo beſtürzt, daß ich ſelbſt für das Doppelte der Summe, die ich mir im Schweiße meines Angeſichts zu verdienen hoffe, nichts weiter hätte wiſſen wollen! Ich hatte der Compagnonſchaft ein Ende gemacht. Ich hatte die Gemeinſchaft abgebrochen. Ich konnte das, was geſchehen war, nicht ungeſchehen machen; und wie er mich bat und anflehte: Alter Kamerad, auf den Knieen bitt' ich Euch, verrathet mich nicht! antwort' ich blos: Sprecht nie wieder ein Wort zu Roger Riderhood, und ſchaut ihm nie wieder in's Geſicht! Und damit mied ich ihn.“ Nachdem er dieſen Worten Schwung gegeben, um ſie um ſo höher ſteigen und um ſo beſſeren Eindruck machen zu laſſen, ſchenkte Rogue Riderhood ſich unaufgefordert noch ein Glas Wein ein, und ſchien das Getränk zu kauen, wie er mit dem halb geleerten Glaſe in der Hand daſaß und die Kerzen anſtierte. Mortimer ſchaute Eugen an, doch Eugen blickte finſter auf ſein Papier und wollte ihm keinen erwidern⸗ den Blick geben. Mortimer wandte ſich wieder zu dem Angeber und ſagte zu ihm:. „Ihr habt Eure Unruhe eine lange Weile mit Euch herumgetragen, mein Freund.“ Der Angeber kaute ſeinen Wein noch einmal durch verſchluckte ihn und erwiderte kurz: „Eine Ewigkeit!“ „Als jene große Aufregung herrſchte, als die Regie⸗ rung jene Belohnung ausbot, als die Polizei auf der Alerte war, als das ganze Land von dem Verbrechen widerhallte!“ ſagte Mortimer ungeduldig. „Ha!“ ſagte Mr. Riderhood ſehr langſam und heiſer, indem er mehrere Male rückblickend mit dem Kopfe nickte, „in welcher Unruhe lebte ich da!“ „Als die wildeſten Muthmaßungen auftauchten, die widerſinnigſten Verdächtigungen rege wurden, als ein halb Dutzend unſchuldiger Leute Gefahr liefen, jeden Augen⸗ blick des Tages eingezogen zu werden!“ ſagte Mortimer, faſt warm werdend. „Ha!“ ſagte Mr. Riderhood wie zuvor,„in welcher Unruhe lebte ich während alles Deſſen!“ „Aber er hatte damals,“ ſagte Eugen, einen Frauen⸗ kopf auf ſein Papier zeichnend und hin und wieder re⸗ touchirend,„keine Gelegenheit, ſo viel Geld zu verdienen, ſiehſt Du.“ „Der Andere der Herren beide hat den Nagel auf den Kopf getroffen, Advokat Lightwood! Das war's, was mich entſchied. Ich hatte oft mit mir gekämpft und die Unruhe abzuwerfen verſucht, aber ich war es nicht im Stande. Ich hätte mir einmal faſt gegen Miß Abbey Potterſon das Herz erleichtert— welche die Sechs luſti⸗ gen Brüder hat— das Haus ſteht dort, es wird nicht davonlaufen— und dort wohnt die Dame, ſie wird nicht vom Blitz getroffen werden, bis Sie zu ihr gelangen können— fragen Sie dieſelbe!— aber ich war's nicht im Stande. Endlich erſcheint der neue Anſchlagezettel mit 126 —— 1 V 127 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 128 V m rubr, der Ighrem eigenen rechtmäßigen Namen, Advokat Lightwood, doch nicht behaupten, daß ſie irgend welche ſtrafbare V uß in und dann frage ich meinen Verſtand: Soll ich dieſe Kenntniß von dieſem Verbrechen hatte?“ 8 der unnruhe ewig mit mir herumtragen? Soll ich ewig mehr Der rechtſchaffene Mann erwiderte, nachdem er einen abͤſe an Gaffer denken, als an mich ſelbſt? Wenn er eine Augenblick überlegt— vielleicht überlegt, wie ſeine Ant— in lb 1 Tochter hat, habe ich nicht ebenfalls eine Tochter?“ V wort die Frucht des Schweißes ſeines Angeſichts afficiren— hatt „Und das Echo antwortete—?“ ſagte Eugen. könne—:„Nein, das behaupte ich nicht.“ fa de „Das haſt Du,“ erwiderte Mr. Riderhood in feſtem„Und Ihr ſchließt keine andere Perſon in die Be⸗ uet n h Tone. ſchuldigung ein?“ Lüf W „Und erwähnte zufällig dabei deren Alter?“ fragte„Es handelt ſich nicht um das, was ich darin ein⸗ dber Eugen. ſchließe, ſondern um das, was Gaffer darin einſchloß,“ zun „Ja, mein Herr. Zweiundzwanzig vorigen Oktober. war die trotzige und entſchloſſene Antwort.„Ich be⸗ dn i Und dann ſtellte ich mir vor: Was dies Geld betrifft haupte nichts weiter zu wiſſen, als daß ſeine Worte läßt — es iſt ein Haufen Geldes. Denn es iſt in der That zu mir Ich hab's gethan waren. Dies waren ſeine nehmen, nen wir ein Haufen Geldes,“ ſagte Mr. Riderhood mit Frei⸗ V Worte.“ 19' müthigkeit.„Wozu ſollte ich es leugnen?“ V„Ich muß das Ende hiervon ſehen, Mortimer,“ flü⸗ V V an he „Hört!“ rief Eugen, ſeine Zeichnung retouchirend. ſterte Eugen aufſtehend.„Wie ſollen wir uns nach der F ö„Es iſt ein Haufen Geldes; doch iſt es eine Sünde Polizei verfügen?“ an das für einen arbeitſamen Mann, der jede Brodrinde, die er„Laß uns zu Fuße gehen,“ flüſterte Lightwood,„und eglitten ſich verdient, mit ſeinen Thränen benetzt— oder wo dieſem Burſchen Zeit geben, es ſich noch zu überlegen.VM“) glitten, nicht mit ſeinen Thränen, wenigſtens mit dem Schnupfen, Nach dieſem Austauſche von Frage und Antwort rü⸗ then und den er ſich dabei zuzieht— iſt es eine Sünde für dieſen ſteten ſie ſich zum Gehen, und Riderhood ſtand auf. allen d Mann, es ſich zu verdienen? Sag', ob Etwas dagegen Während er die Kerzen auslöſchte, nahm Lightwood, ſuchen, einzuwenden iſt, daß er es ſich verdient. Dies ſtellte ich ganz wie wenn es ſich von ſelbſt verſtünde, das Glas, ſufer⸗Ch mir ernſtlich vor, wie es meine Pflicht war; wie kann aus dem der rechtſchaffene Mann getrunken, und warf Sechs! dies behauptet werden, ohne Advokat Lightwood für das es ruhig in den Kamin, wo es in Scherben unter die„St Anerbieten zu tadeln? Und war es meine Sache, Aſſche fiel. jenen ro Advokat Lightwood zu tadeln? Nein.“„Jetzt, wenn Ihr vorangehen wollt,“ ſagte Lightwood, ſigen B „Nein,“ ſagte Eugen.„ſo werden Mr. Wrayburn und ich Euch folgen. Ihr V es licht „Sicherlich nicht, mein Herr,“ ſagte Mr. Riderhood V wißt vermuthlich, wohin wir gehen?“ laufen?“ beiſtimmend.„Deshalb entſchloß ich mich, mir dieſe„Ich denke wohl, Advokat Lightwood.“ ih Unruhe von der Seele zu ſchaffen und mir im Schweiße„Dann geht voran.“ iber die meines Angeſichts das zu verdienen, was ſich mir dar⸗ Der Flußufer⸗Charakter zog ſich mit beiden Händen des Ang bot. Und was noch mehr iſt,“ fügte er, plötzlich blut⸗ ſeine erſoffene Mütze über die Ohren und ging, indem ſchaffen dürſtig ⸗werdend, hinzu:„ich will es haben! Und jetzt V er ſich vermöge ſeines verdrießlichen, ſchlotterigen Ganges a ſage ich Ihnen ein für allemal, Advokat Lightwood, daß noch rundſchulteriger machte, als die Natur dies bereits V Brüder Jeſſe Hexam, gewöhnlich Gaffer genannt,— daß ſeine für ihn gethan, die Treppe hinunter, um die Tempel⸗ ob iche Hand die That verübt hat und keine andere, und daß kirche herum, durch den Tempel in Whitefriars hinein ſfers Fe⸗ er es mir ſelbſt geſtanden. Und ich überliefere ihn V und ſo die Strandſtraßen entlang. d Ihnen, und verlange, daß er eingefangen werde. Dieſe„Sieh nur, welch eine Galgenvogelgeſtalt,“ ſagte Er Nacht!“ Lightwood, ihm folgend. iihtwo Nach einer abermaligen Stille, die wie zuvor nur„Er ſieht mir vielmehr wie der Henker aus,“ erwi⸗ a durch das Fallen der Aſche im Kamin geſtört wurde— derte Eugen.„Seine Abſichten liegen unbeſtreitbar in V Eugen ein Laut, der die Aufmerkſamkeit des Angebers auf ſich jener Richtung.“ 1 Er zog, wie wenn es ein Geldgeklimper geweſen wäre, beugte Sie ſagten wenig mehr, indem ſie ihm folgten. Er heit zu Mortimer Lightwood ſich zu ſeinem Freunde hinüber und ging vor ihnen dahin, etwa wie ein häßliches Fatum und 6 flüſterte: V ſie behielten ihn im Geſicht, und wären froh genug ge⸗ er ſt „Ich vermuthe, ich muß mich mit dieſem Burſchen weſen, wenn ſie ihn aus dem Geſichte hätten verlieren ſt 5* zu unſerm unerſchütterlichen Freunde auf der Polizei⸗ können. Doch er ging vor ihnen dahin und zwar be⸗ kann ſtation verfügen?“ ſtändig in derſelben Entfernung und mit derſelben Schnellig— wona „Ich glaube wohl,“ ſagte Eugen,„es iſt nicht zu keit. Durch das harte, unerbittliche Wetter und den rau⸗ 26 ändern.“ hen Wind dahinſchreitend, ließ er ſich durch beide weder fel 3 „Glaubſt Du ihm?“ zurück noch vorwärts treiben, ſondern blieb feſt, gleich und dn „Ich halte ihn für einen ausgemachten Schurken. einem vorrückenden Geſchicke. Als ſie ungefähr auf hal— nß 1m Aber es iſt möglich, daß er zur Förderung ſeiner eigenen bem Wege ihrer Wanderſchaft angelangt, überfiel ſie ein bun, e Zwecke und nur dies eine Mal die Wahrheit ſagt.“ ſchweres Hagelwetter, das in wenigen Minuten die Stra⸗ 55 L „Es ſieht nicht danach aus.“ ßen von allen Fußgängern ſäuberte und das Pflaſter i elba „Er ſieht nicht danach aus,“ ſagte Eugen.„Aber weiß machte. Daſſelbe machte keinen Eindruck auf ihn. Wi ſein ehemaliger Compagnon, den er angiebt, iſt ebenfalls Da es ſich darum handelte, einem Manne das Leben zu Au keine einnehmende Perſönlichkeit. Die Firma iſt auf nehmen und den Preis dafür zu erhalten, hätten die uwor h beiden Seiten von einem kehlabſchneideriſchen Aeußern. Hagelſchloſſen, die an ſeinem Vorhaben hätten hindern peie Ich möchte ihn wohl Eins fragen.“ ſollen, größer ſein und tiefer liegen müſſen, als jene. 3 Ei Der Gegenſtand dieſer Unterhaltung ſaß, in die Er ſtampfte durch dieſelben dahin und ließ in dem ſund, Aſche ſtierend, da, und verſuchte mit aller Gewalt zu ſchnell ſchmelzenden Schlamme Fußſpuren zurück, die fug hören, was geſagt wurde, während er ſich ſtellte, als ſei bloße formloſe Löcher waren; man wäre, indem man ihm faß tn er in tiefes Sinnen verſunken, wenn die„Herren beide“ folgte, faſt anzunehmen geneigt geweſen, daß die Menſch⸗ 2 in ſei ihn anſchauten. lichkeit ſelbſt aus der Geſtalt ſeiner Füße gewichen.„Wag „Ihr erwähntet(zweimal, wenn ich nicht irre) einer Der Hagelſturm hörte auf, und der Mond kämpfte M Tochter dieſes Hexam's,“ ſagte Eugen laut.„Ihr wollt mit den ſchnell ſegelnden Wolken, und der wilde Auf— häll, e von —·Qʒyᷓÿꝑᷓꝑͥᷓỹᷓ—˖Qnᷓ—ᷓꝗQ˖Ül'˖;d;———————/——ᷓʒᷓꝭꝭ— d auf. htwood, 5 Glas, nd warf nter die htwood, 1 Ihr Ihr Händen indem Ganges its Tempel hinein ſagte erwi itbar in ten. Er tum und ſt, gleich auf hal⸗ l ſie ein ie Stra⸗ Pflaſter auf ihn. ſeeben zu hitten die hindern als jene. in dem rück, die man ihm „Nenſch⸗ ſchen. —kämpfte ioe Aif Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. ruhr, der dort oben herrſchte, ließ die kleinen Tumulte unten in den Straßen als nichtig erſcheinen. Nicht etwa, daß der Wind das lärmende Volk aus der Straße fort in die Schlupfwinkel getrieben, wie er den Hagel, wo derſelbe noch nicht geſchmolzen, in Haufen zuſammenge⸗ fegt hatte; ſondern es ſchien vielmehr, als ob der Him⸗ mel die Straßen abſorbirt, und die Nacht allein in den Lüften herrſchte.. „Wenn er gleich Zeit gehabt hat, ſich die Sache noch zu überlegen, ſo hat er doch nicht Zeit genug gehabt, um anderen Sinnes zu werden,“ ſagte Eugen.„Es läßt ſich nichts von einem Zurücktreten an ihm wahr⸗ nehmen, und ſo viel ich mich dieſes Ortes erinnere, kön⸗ nen wir nicht weit mehr von der Stelle ſein, an der wir an jenem Abende ausſtiegen.“ In der That, ein paar kurze Wendungen brachten ſie an das Flußufer, wo ſie auf den Steinen hin⸗ und her⸗ geglitten waren, und wo ſie jetzt noch mehr hin⸗ und her⸗ glitten, während der Wind ihnen wüthend über die Flu⸗ then und Windungen des Fluſſes entgegenſchlug. Gleich allen Flußufer⸗Charakteren gewohnt, ſtets die Leeſeite zu ſuchen, führte der gegenwärtig in Frage ſtehende Fluß⸗ ufer⸗Charakter ſie, ehe er ſprach, an die Leeſeite der Sechs luſtigen Brüder.. „Schauen Sie hier herum, Advokat Lightwood, nach jenen rothen Fenſtervorhängen. Dies ſind die Sechs lu⸗ ſtigen Brüder, das Haus, von dem ich Ihnen ſagte, daß es nicht davon laufen werde. Und iſt es wohl davonge⸗ laufen?“. Lightwood verrieth keine große Gemüthsbewegung über dieſe bemerkenswerthe Beſtätigung der Verſicherung des Angebers, ſondern fragte, was ſie dort ferner noch zu ſchaffen hätten? „Ich wünſchte, daß Sie ſelbſt die Sechs luſtigen Brüder ſähen, Advokat Lightwood, um ſich zu überzeugen, ob ich ein Lügner ſei; und jetzt will ich ſelbſt durch Gaf⸗ fer's Fenſter ſchauen, um zu ſehen, ob er zu Hauſe iſt.“ Und damit ſchlich er von dannen.. „Er wird vermuthlich zurückkommen?“ murmelte Lightwood. „Ja! und die Sache zu Ende führen,“ murmelte Eugen. Er kehrte nach einer außerordentlich kurzen Abweſen⸗ heit zurück. „Gaffer iſt aus, und ſein Boot iſt aus. Seine Toch⸗ ter iſt zu Hauſ', ſie ſitzt und ſchaut in's Feuer. Aber es iſt ein Nachteſſen im Gange, er wird alſo erwartet. Ich kann ſogleich mit größter Leichtigkeit ausfindig machen, wonach er ausgegangen iſt.“ Dann winkte er ihnen und ging wieder voran, und ſie langten in der Polizeiſtation an, die noch ſo ſauber und kühl und ordentlich wie zuvor war, ausgenommen, daß die Flamme der dort brennenden Lampe— die eine bloße Lampenflamme und in dieſer Eigenſchaft nicht un⸗ mittelbar als zur Polizei gehörig zu betrachten war— im Winde hin⸗ und herflackerte. Auch im Innern fanden ſie den Herrn Inſpector wie zuvor bei ſeinen Studien. Er erkannte die beiden Freunde, ſowie er ſie erblickte, aber ihr Wiedererſcheinen hatte kei⸗ nen Einfluß auf ſeine ruhige Faſſung. Selbſt der Um⸗ ſtand, daß Riderhood ihr Führer war, rührte ihn nicht, außer inſofern, als er, indem er ſeine Feder in's Tinte⸗ faß tauchte, vermittelſt eines Zurechtrückens ſeines Kinnes in ſeinem ſteifen Halskragen, jenem Herrn die Frage: „Was habt Ihr jetzt im Sinne?“ vorzulegen ſchien. Mortimer Lightwood fragte ihn, ob er die Güte haben wolle, dieſe Memoranda anzuſchauen,— wbei er ihm die von Eugen geſchriebenen überreichte. 130 Sowie er die erſten paar Zeilen geleſen, ſtieg ſeine Aufregung bis zu dem für ihn außerordentlichen Grade, daß er ſagte:„Hat einer von den beiden Herren viel⸗ leicht zufällig eine Priſe Schnupftabak bei ſich?“ Da er fand, daß dies nicht der Fall, behalf er ſich eben ſo gut ohne dieſelbe und las weiter. „Iſt Euch dies vorgeleſen worden?“ fragte er dann den rechtſchaffenen Mann. „Nein,“ ſagte Riderhood. 3 „Dann hört lieber zu;“ und er las dieſelben in offi⸗ cieller Manier vor. „Sind dieſe Memoranda über die Auskunft, die Ihr bringt, und das Zeugniß, das Ihr abzulegen beabſichtigt, walnenmen richtig?“ fragte er, nachdem er zu Ende ge⸗ leſen. „Ganz richtig. Ebenſo richtig, wie ich ſelber,“ er⸗ widerte Riderhood.„Mehr kann ich nicht für ihre Rich⸗ tigkeit ſagen.“ „Ich will dieſen Menſchen ſelbſt einfangen, Sir,“ ſagte der Herr Inſpector zu Mr. Lightwood. Dann zu Riderhood:„Iſt er zu Hauſe? Wo iſt er? Was macht er? Ihr habt es Euch ohne Zweifel zur Pflicht gemacht, genau über all ſein Thun und Treiben unterrichtet zu ſein.“ Riderhood ſagte, was er wußte, und verſprach bin⸗ nen wenigen Minuten in Erfahrung zu bringen, was er noch nicht wußte. „Halt,“ ſagte der Herr Inſpector;„nicht eher, als bis ich es Euch ſage. Wir müſſen nicht ausſehen, als wenn wir Geſchäfte hätten. Würden die beiden Herren Etwas dawider haben, in den Sechs luſtigen Brüdern zum Vorwande in meiner Geſellſchaft ein Glas zu trinken? Ein vortreffliches Wirthshaus und eine höchſt achtbare Wirthin.“ Sie erwiderten, daß ſie mit Vergnügen die Wirklich⸗ keit dem Vorwande ſubſtituiren wollten, was eigentlich mit dem, was der Herr Inſpector gemeint, ziemlich gleichbedeutend war. „Sehr gut,“ ſagte er, indem er ſeinen Hut von dem Nagel herunter nahm und ein Paar Handſchellen in die Taſche ſteckte, wie wenn dieſelben ſeine Handſchuhe ge⸗ weſen wären.„Reſerve!“ Die Reſerve ſalutirte.„Ihr wißt, wo Ihr mich finden werdet?“ Reſerve ſalutirte abermals.„Riderhood, ſobald Ihr Etwas über ſeine Heimkehr in Erfahrung gebracht, kommt an's Fenſter der „Gemüthlichkeit,“ klopft zweimal an und wartet auf mich. Jetzt, meine Herren.“ 4 Als die Drei zuſammen hinausgingen und Riderhood unter der zitternden Lampe auf ſeinem von dem ihrigen getrennten Wege hinausſchlotterte, fragte Lightwood den Polizeibeamten, was er von der Sache halte? Der Herr Inſpector erwiderte mit angemeſſener All⸗ gemeinheit und Zurückhaltung, daß es ſtets wahrſchein⸗ licher ſei, daß ein Menſch eine böſe That begangen, als daß er dieſelbe nicht begangen. Daß er ſelbſt den Gaffer bereits mehre Male„aufgeſummt,“ doch nie im Stande geweſen, ihn zu einer befriedigenden criminellen Total⸗ ſumme zu bringen. Daß dieſe Geſchichte, falls überhaupt wahr, nur zum Theil wahr ſei. Daß die beiden Männer, — ein Paar ſcheue Charaktere— wahrſcheinlich ziemlich gleichen Antheil an der Sache gehabt; daß aber Dieſer den Verdacht auf den Andern gewälzt, um ſich ſelber zu retten und ſich das Geld zu verſchaffen. „Und ich denke,“ fügte der Herr Inſpector hinzu, „daß er, wenn Alles gut geht, ziemlich ſichere Ausſicht auf daſſelbe hat. Doch da dies hier, wo Sie die Lichter ſehen, die Sechs luſtigen Brüder ſind, ſo empfehle ich, daß wir den Gegenſtand fallen laſſen, meine Herren. Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. —-— — 131 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 13² Sie können nicht beſſer thun, als wenn Sie ein lebhaftes Intereſſe an gewiſſen Kalkgruben in der Umgegend von Northfleet nehmen, und Befürchtungen hegen, daß Ihr Kalk, indem er in Ihren Barken den Fluß heraufkommt, in ſchlechte Geſellſchaft gerathen dürfte.“— „Hörſt Du, Eugen,“ ſagte Lightwood über ſeine Sühaſlher hinweg,„Du nimmſt ein großes Intereffe an alk.“ „Ohne Kalk,“ erwiderte jener unerſchütterliche Rechts⸗ gelehrte,„wäre mein Daſein durch keinen Strahl von Hoffnung erhellt.“ Dreizehntes Capitel. Auf der Spur des KRaubvogels. Die beiden Kalkhändler traten mit ihrem Begleiter in das Gebiet der Miß Abbey Potterſon, welcher ihr Begleiter(indem er ſie und ihr angebliches Geſchäft in vertraulichem Tone über die Halbthür der Schenke hin der Dame vorſtellte) den figürlich ausgedrückten Wunſch ausſprach, einen„Mundvoll Feuer“ im Kamine der„Ge⸗ müthlichkeit“ angezündet zu ſehen. Miß Abbey, die ſtets geneigt war, den Obrigkeiten behülflich zu ſein, hieß Bob Gliddery die Herren in das gewünſchte Zimmer führen, und daſſelbe augenblicklich durch Gasflammen und Kaminfeuer erhellen. Der nacktarmige Bob, der mit einem flammenden Papierſtreifen voranging, erfüllte den Auftrag mit ſolcher Geſchwindigkeit, daß die„Gemüth⸗ lichkeit“ aus einem finſtern Schlafe hervorzuſpringen und ſie, ſowie ihre gaſtfreundliche Schwelle überſchritten, warm zu umarmen ſchien. „Man verſteht ſich hier vortrefflich darauf, den Sherry⸗ Wein zu brennen,“ ſagte der Herr Inſpector zur Empfeh⸗ lung des Hauſes.„Die Herren möchten vielleicht eine Flaſche trinken?“ Da die Antwort„Auf alle Fälle“ lautete, erhielt Bob Gliddery ſeine Inſtructionen vom Herrn Inſpector und ging mit angemeſſener Bereitwilligkeit, die aus ſeiner Thhfn für das Geſetz entſprang, dieſelben zu voll⸗ ziehen. „Es iſt eine Thatſache,“ ſagte der Herr Inſpector, „daß dieſer Mann, der die Denunciation gemacht,“ bei dieſen Worten deutete er mit dem Daumen über die Schulter auf den abweſenden Riderhood hin,„jenem andern Manne wegen Ihrer Kalkbarken einen ſchlechten Namen gemacht hat, und daß der andere in Folge deſſen gemieden worden. Ich ſage nicht, was dieſes bedeutet oder beweiſt, aber es iſt eine Thatſache. Ich hörte dies zuerſt von einer Perſon des anderen Geſchlechts, die zu meinen Bekannten gehört,“ hierbei deutete er unbeſtimmt mit dem Daumen über die Schulter auf Miß Abbey hin, „— dort drüben in einiger Entfernung von hier.“ „Dann war der Herr Inſpector vielleicht nicht ganz unvorbereitet auf ihren heutigen Beſuch?“ fragte Light⸗ wood. „Je nun, ſehen Sie,“ ſagte der Herr Inſpector,„es war die Frage, wie es angefangen werden ſollte; es nützt nichts, ſo lange man nicht weiß, wie man anfangen ſoll. Man thut beſſer, ſich ruhig zu verhalten. Was dieſen Kalk betrifft, ſo hatte ich ſtets die Ahnung, daß dieſe beiden Männer damit zu thun gehabt; die Ahnung hatte ich allerdings. Dennoch war ich gezwungen, auf einen Anfang zu warten, und ich hatte nicht das Glück, ihm zuvorzukommen. Dieſer Mann, von dem wir die Auskunft erhalten, hat den Vorſprung, und wenn er nicht auf ein Hinderniß ſtößt, iſt es möglich, daß er das Wettrennen gewinnt. Es mag vielleicht dem zweiten Pferde ebenfalls ein beträchtlicher Gewinn in Ausſicht ſtehen, und ich will hier nicht erwähnen, wer ſich um dieſe Stelle bemühen wird oder vielleicht nicht bemühen wird. Es giebt eine Pflicht zu erfüllen, und ich will die⸗ ſelbe unter allen Umſtänden nach beſten Kräften erfüllen.“ „Indem ich mich in meiner Eigenſchaft als Kalkſchiffer ausdrücke—“ begann Eugen. „Wozu Niemand ein beſſeres Recht hat, als Sie, wiſſen Sie,“ ſagte der Herr Inſpector. „Ich hoffe nicht,“ ſagte Eugen;— da mein Vater vor mir ein Kalkſchiffer war und mein Großvater vor ihm— ja, da wir eine Familie ſind, die ſeit mehreren Generationen bis an die Haarwurzeln in Kalk verſunken geweſen— ſo möchte ich hier bemerken, daß, falls man ſich dieſes vermißten Kalkes bemächtigen könnte, ohne daß eine junge Anverwandte eines Herrn, der ſich im Kalk⸗ handel ausgezeichnet, dabei zugegen wäre(ein Handel, der mir nächſt meinem Leben das Theuerſte auf der Welt iſt) dies den aſſiſtirenden Zuſchauern— wollt' ich ſagen, Kalkbrennern, angenehm ſein dürfte.“ „Auch ich,“ ſagte Lightwood, ſeinen Freund lachend auf die Seite ſtoßend,„würde dies bei weitem vor⸗ ziehen.“ „Es ſoll geſchehen, meine Herren, wenn es thunlich iſt,“ ſagte der Herr Inſpector trocken.„Ich habe nicht den Wunſch, in jener Richtung Schmerz zu verurſachen, ja, ich fühle ſogar Mitleid für— gewiſſe Leute.“ „Es befand ſich in jener Richtung auch ein Knabe,“ ſagte Eugen,„iſt er noch immer dort?“ „Nein,“ ſagte der Herr Inſpector,„er hat jene Gruben verlaſſen. Er iſt anderweitig verſorgt.“ „Wird ſie dann allein bleiben?“ fragte Eugen. „Sie wird,“ ſagte der Herr Inſpector,„allein bleiben.“ Bob's Rückkehr mit einem dampfenden Kruge unter⸗ brach hier die Unterhaltung. Doch obgleich ein köſtlicher Wohlgeruch aus dem Kruge empordampfte, hatte deſſen Inhalt noch nicht jenen letzten glücklichen Zuſatz erhalten, der ihm bei ſolchen wichtigen Gelegenheiten von den Sechs luſtigen Brüdern verliehen wurde. Bob trug in ſeiner Linken eines jener bereits erwähnten eiſernen Zucker⸗ hut⸗Modelle, in das er den Inhalt des Kruges goß und deſſen ſpitzes Ende er tief in das Kohlenfeuer bohrte, wo er es dann einige Minuten ſtehen ließ, bis er ging. und mit drei klaren Trinkgläſern zurückkehrte. Nachdem er dieſelben auf den Tiſch geſtellt, beugte er ſich, in dem verdienſtvollen Bewußtſein der Schwierigkeit ſeiner Auf⸗ gabe, über das Feuer und beobachtete den kreiſelnden Dampf, bis zu dem Augenblicke des Ueberſiedens, wo er das eiſerne Gefäß ergriff, und ihm durch eine leichte Schwenkung der Hand ein ſanftes Ziſchen entlockte. Dann goß er den Inhalt wieder in den Krug; hielt jedes der drei klaren Gläſer über den Dampf des Kruges; füllte dieſelben ſchließlich alle drei, und erwartete mit gutem Gewiſſen den Beifall ſeiner Nebenmenſchen. Derſelbe ward ihm gegeben(indem der Herr Inſpector „auf den Kalkhandel!“ trank) und Boß zog ſich zurück, um Miß Abbey in der Schenke die Lobſprüche der Gäſte zu überbringen. Wir dürfen hier im Vertrauen zugeben, daß, da das Zimmer während ſeiner Abweſenheit feſt verſchloſſen, nicht die mindeſte Nothwendigkeit für die ſorgfältige Beobachtung jener Kalkfiction vorhanden ge⸗ weſen. Doch war dieſelbe dem Herrn Inſpector als ſo außerordentlich befriedigend und ſo voll geheimnißvoller Eigenſchaften erſchienen, daß keiner ſeiner beiden Clienten 33 — deſſen La ſo daß ſch angen ſehhen. Jeßt Der Herr Glas und Geſich, die himm mußt do nicht bet den mit fe das d ſie jeßt Dir, wer als ob T und eine „Jier da Ihr Derſelbe daß Gaf ſeine alte erwartet der ander heit nach eine oder ſeine To dieſer W gekocht, daß die jetzt kau als wach Wache he ziger(zu war); u zu theile dem Geſ der ein gelegentl der Leeſe ſchloß d beiden H gegenwaͤ und wa Sie Qſtrreiten, tern ſtoß Eugen Art von iner mü dan Herr Stelle ſel Auf ſchlaman mes, der dungshü fernten fand, lagen aſſer aufs ſchwand 2 nicht das deiten un ſchiffer 4 à Sie, Vater er vor ehreren ſunken 3 man ne daß Kalk⸗ andel, rWelt ſagen, lachend n vor⸗ hunlich enicht ſachen, tnabe, at jeue e allein unter⸗ ſtlicher e deſſen achalten, on den trug in Zucker⸗ poß und bohrte, er ging. utdne in dem er Auf⸗ iſelnden s, wo leichte Dann pes der füllte gutem iſpectkor urück, r Gäſte Bugeben, peit fet für die den g”⸗ als ſo ſßvoller (Glienten 133 Boz, U ſich angemaßt hatte, dieſe Nothwendigkeit in Frage zu iehen. höweer wurde zweimal außen an's Fenſter geklopft. Der Herr Inſpector ſtärkte ſich eiligſt durch ein zweites Glas und ging dann mit lautloſem Fuß und gleichgültigem Geſicht, wie man wohl hinausgeht, um das Wetter oder die himmliſchen Körper zu betrachten, aus dem Hauſe. „Dies fängt an, grimmig zu werden, Mortimer,“ ſagte Eugen mit leiſer Stimme.„Es behagt mir nicht.“ „Mir ebenſo wenig,“ erwiderte Mortimer;„ſollen wir gehen?“. „Da wir einmal hier ſind, ſo laß uns bleiben. Du mußt das Ende von der Sache ſehen, und ich will Dich nicht verlaſſen. Ueberdies geht mir jenes einſame Mäd⸗ cchen mit dem dunklen Haar im Kopfe herum. Wir haben ſie das vorige Mal kaum erblickt und dennoch kann ich ſie jetzt faſt beim Feuer daſitzen und warten ſehen. Iſt Dir, wenn Du an jenes Mädchen denkſt, zu Muthe, als ob Du eine düſtere Miſchung von einem Verräther und einem Taſchendiebe wärſt?“ „Ziemlich,“ erwiderte Lightwood. „Ganz außerordentlich.“ Ihr Begleiter kehrte zurück und ſtattete Bericht ab. Derſelbe ging, ſeiner Kalkbeleuchtungen entkleidet, dahin, daß Gaffer in ſeinem Boote aus ſei; vermuthlich auf ſeine alte Beſchäftigung; daß er mit der letzten Fluth erwartet geweſen; daß er, da er dieſelbe aus einer oder der andern Urſache verfehlt, ſeiner nächtlichen Gewohn⸗ heit nach nicht vor der nächſten Fluth, oder vielleicht eine oder zwei Stunden ſpäter zu erwarten ſei; daß ſeine Tochter, die durch's Fenſter ſichtbar ſei, ihn in dieſer Weiſe zu erwarten ſcheine, da das Nachteſſen nicht gekocht, ſondern blos zum Kochen hergerichtet daſtehe; daß die Fluth etwa um ein Uhr eintreten werde und es jetzt kaum zehn Uhr ſei; daß man nichts thun könne, „Und Dir?“ als wachen und warten; daß der Angeber augenblicklich Wache halte, zwei Köpfe jedoch beſſer ſeien, als ein ein⸗ ziger(zumal wenn der zweite der des Herrn Inſpectors war); und daß der Berichterſtatter deshalb die Wache zu theilen beabſichtige. Und da es für Dilettanten in dem Geſchäfte langweilig ſein dürfte, in einer Nacht, in der ein heftiger, kalter Wind wehte und das Wetter durch gelegentliche Hagelſchauer Abwechſelung erhielt, unter der Leeſeite eines an's Ufer gezogenen Bootes zu kauern, ſchloß der Berichterſtatter mit der Empfehlung, daß die beiden Herren, wenigſtens noch auf eine Weile, in ihrem gegenwärtigen Quartier zurückblieben, welches wetterdicht und warm für ſie ſei. Sie fühlten keine Neigung, dieſen Vorſchlag zu be⸗ ſtreiten, wünſchten jedoch zu wiſſen, wo ſie zu den Wäch⸗ tern ſtoßen könnten, falls ſie dies zu thun wünſchten. Eugen erbot ſich(ſeine gewohnte Scheu vor jeglicher Art von Bemühung völlig vergeſſend), anſtatt ſich mit einer mündlichen Beſchreibung der Stelle zu begnügen, den Herrn Inſpector lieber zu begleiten, um ſich die Stelle ſelber zu merken, und dann zurückzukehren. Auf einem abſchüſſigen Ufer des Fluſſes, zwiſchen den ſchlammigen Steinen eines Dammes— nicht des Dam⸗ mes, der den Sechs luſtigen Brüdern als ſpezieller Lan⸗ dungsplatz diente, ſondern eines andern, ein wenig ent⸗ fernten, der ſich in der Nähe der alten Windmühle be⸗ fand, die den Wohnort des Beſchuldigten bildete— lagen einige Böte; einige angekettet und bereits vom Waſſer gehoben; andere außer dem Bereich der Fluth auf's Land gezogen. Unter einem dieſer letzteren ver⸗ ſchwand Eugen's Gefährte. Und nachdem Eugen ſich deſſen Lage im Verhältniß zu den anderen Böten gemerkt, ſo daß er es nicht verfehlen konnte, wandte er ſeine nſer gemeinſchaftlicher Freund. Blicke dem Gebäude zu, in dem, wie man ihm geſagt hatte, das einſame Mädchen mit dem dunklen Haar beim Feuer ſaß. Er konnte das Licht des Feuers durch die Fenſter leuchten ſehen. Vielleicht wurde er hierdurch angezogen, hineinzuſchauen. Vielleicht war er ausdrücklich deshalb herausgekommen. Da jener Theil des Ufers überall mit Gras bewachſen, war es nicht ſchwer, ohne Geräuſch an's Haus zu gelangen; er brauchte blos einen kleinen Hügel ziemlich harter Modde, der etwa drei bis vier Fuß hoch, hinanzuſteigen und dann auf dem Graſe an's Fenſter zu ſchleichen. Auf dieſe Weiſe langte er vor demſelben an. Sie hatte kein anderes Licht, als das des Feuers. Die Lampe ſtand unangezündet auf dem Tiſche. Sie ſaß am Boden und ſchaute, das Geſicht in die Hände ſtützend, in das Kohlenbecken. Es lag etwas wie eine Art von Nebel oder Schleier auf ihrem Geſicht, was er zu An⸗ fang für das unruhige Flackern des Kohlenfeuers hielt; doch da er aufmerkſamer hinſchaute, ſah er, daß ſie weinte. Ein trauriger, öder Anblick, den ihm das Steigen und Sinken der Feuersgluth zeigte. Es war ein kleines Fenſter, das nur aus vier Stück⸗ chen Glas beſtand und keinen Vorhang hatte; er wählte daſſelbe, weil das größere Fenſter daneben mit einem ſolchen verſehen war. Er ſah durch daſſelbe das Zimmer und an den Wänden die Zettel über die Ertrunkenen, die in dem unſicheren Lichte bald hervor⸗ bald zurück⸗ traten. Doch warf er nur einen kurzen Blick auf dieſe, während er ſie lange und aufmerkſam betrachtete— ein glänzendes reiches Farbenſtück, mit der bräunlichen Gluth auf den Wangen und dem Glanze in dem dunklen Haar, wenngleich traurig und einſam und weinend in dem ſtei⸗ genden und ſinkenden Feuerlichte. Plötzlich fuhr ſie empor. Er hatte ſich ſo außer⸗ ordentlich ruhig verhalten, daß er überzeugt war, daß ſie nicht durch ihn erſchreckt worden,— deshalb trat er blos von dem Fenſter zurück und ſtand neben demſelben im Schatten der Mauer. Sie öffnete die Thür und rief mit ängſtlicher Stimme:„Vater, haſt Du mich gerufen?“ und noch einmal„Vater!“ Und dann noch einmal, nach— dem ſie gelauſcht;„Vater! es war mir, als ob Du mich ſchon zweimal gerufen hätteſt!“ Keine Antwort. Wie ſie wieder hineinging, ließ er ſich auf das Ufer herabfallen und eilte durch den Schlamm und an dem Verſteck vorüber zu Mortimer zurück, dem er erzählte, was er von dem Mädchen geſehen, und wie die Sache ſehr grimmig zu werden anfange. „Wenn der Mann, den wir ſuchen, ſich ſo ſchuldig fühlt, wie ich mich fühle,“ ſagte Eugen,„ſo iſt ihm außerordentlich unbehaglich zu Muthe.“. „Wirkung der Heimlichkeit,“ ſagte Lightwood. „Ich danke derſelben durchaus nicht dafür, daß ſie mich zugleich zu einem Guy Fawkes in einem Keller und einem Schleicher im Finſtern macht,“ ſagte Eugen. „Gieb mir noch ein Glas von jenem Gebräu.“ Lightwood ſchenkte ihm noch ein Glas von jenem Gebräu ein, doch daſſelbe war kalt geworden und ſchmeckte nicht mehr. „Bäh,“ ſagte Eugen, das Getränk in die Aſche ſpeiend,„das ſchmeckt nach dem Moraſt des Fluſſes.“ „Biſt Du mit dem Geſchmacke des Moraſtes ſo vertraut?““ „Es ſcheint mir ſo heut' Abend. Es iſt mir zu Muthe, als ob ich halb ertrunken geweſen und ein halb Dutzend Quart davon verſchluckt hätte.“ „Wirkung der Localität,“ ſagte Lightwood. „Du biſt heut' Abend äußerſt gelehrt mit Deinen Wirkungen,“ erwiderte Eugen.„Wie lange bleiben wir noch hier?“ 134 * „Wie lange denkſt Du?“ „Wenn ich die Wahl hätte, ſo würde ich ſagen, eine Minute,“ entgegnete Eugen.„Denn die Sechs luſtigen Brüder ſind eben nicht die luſtigſten Burſchen meiner Bekanntſchaft. Aber wir ſind hier vermuthlich am beſten aufgehoben, bis man uns um Mitternacht mit den übri⸗ gen verdächtigen Leuten aus dem Hauſe wirft.“ Darauf ſchürte er das Feuer und ließ ſich auf der einen Seite deſſelben in einem Seſſel nieder. Es ſchlug elf Uhr, und er that, als ob er ſich in Geduld faſſe. Doch allmälig packte ihn die Unruhe zuerſt in dem einen, dann in dem andern Beine, dann in dem einen und dann in dem andern Arme, dann im Kinn, dann im Rücken, dann in der Stirn, dann im Haar, dann in der Naſe; und dann ſtreckte er ſich der Länge nach auf zwei Stüh⸗ len hin und ſtöhnte; und dann fuhr er empor. „Unſichtbare Inſecten von einer teufliſchen Thätigkeit ſchwärmen in dieſem Zim⸗ mer. Ich fühle mich an al— len Gliedern gekitzelt und ge— kniffen. Im geiſtigen Sinne habe ich jetzt unter den ver⸗ worfenſten Umſtänden einen Hauseinbruch begangen und die Häſcher des Geſetzes ſind mir auf den Ferſen.“ „Ich befinde mich in einem ebenſo ſchlimmen Zuſtande,“ ſagte Lightwood, ſich ihm gegenüber in ſeinem Seſſel aufrichtend, und zwar mit einem ſehr ſtruppigen Kopfe, und nachdem er gewiſſe merk⸗ würdige Manöver gemacht, bei denen ſein Kopf der un⸗ terſte Theil von ihm gewe⸗ ſen.„Dieſe Unruhe hat ſchon vor geraumer Zeit bei mir angefangen. Während Du fort warſt, war mir wie Gulliver zu Muthe, als die Lilliputer auf ihn ſchoſſen.“ „Es geht nicht, Morti⸗ mer, wir müſſen in die Luſt hinaus gehen; wir müſſen uns zu unſerm lieben Freund und Bruder, Riderhood, ge⸗ ſellen. Und laß uns zu un⸗ ſerer Beruhigung einen Com⸗ pact machen. Das nächſte Mal wollen wir(aus Rück⸗ ſicht auf unſeren Seelenfrie⸗ den), anſtatt den Verbrecher einzufangen, lieber ſelbſt das Verbrechen begehen. Schwörſt Du es mir?“ „Ganz gewiß.“ „Es iſt geſchworen. Leben iſt in Gefahr.“ Mortimer klingelte, um die Rechnung zu bezahlen, und Bob erſchien, um dieſes Geſchäft mit ihm abzu⸗ machen; Eugen fragte Uebermuthe, ob er eine Stelle im Kalkhandel annehmen möchte. „Danke, Sir, nein, Sir,“ ſagte Bob.„Ich habe hier eine ſehr gute Stelle, Sir.“ 4 Tippins nehme ſich in Acht. Ihr „Falls Ihr je andern Sinnes werden ſolltet,“ ſagte Eugen,„ſo kommt zu mir, und Ihr ſollt ſtets einen Platz in den Kalkgruben finden.“ Sie wartet auf den vater. Letzteren in ſeinem nachläſſigen Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 136 „Danke, Sir,“ ſagte Bob. „Dies iſt mein Compagnon,“ ſagte Eugen,„der die Bücher führt und den Arbeitern ihren Lohn zahlt.„Ein guter Arbeiter verdient guten Lohn,“ iſt ſtets das Motto meines Compagnons.“: „Und zwar ein ſehr gutes Motto, meine Herren,“ ſagte Bob, ſein Trinkgeld entgegennehmend und mit ſei⸗ ner Rechten eine Verbeugung aus ſeinem Kopfe ziehend, wie wenn er ein Glas Bier aus einer Biertonne zöge. „Eugen,“ apoſtrophirte ihn Mortimer, indem er, ſo⸗ bald ſie wieder allein waren, ganz herzlich lachte,„wie kannſt Du nur ſo lächerlich ſein?“ „Ich bin in einer lächerlichen Laune,“ entgegnete Eugen;„ich bin ein lächerlicher Kerl. Alles iſt lächer⸗ lich. Komm hinaus!“ Es kam Mortimer Lightwood der Gedanke, daß innerhalb der letzten halben Stunde etwa eine Verände⸗ rung mit ſeinem Freunde vorgegangen, die vielleicht am beſten als eine Verſtär⸗ kung alles deſſen, was am wildeſten, nachläſſigſten und unbekümmertſten an ihm war, bezeichnet wurde. So genau er mit ihm bekannt war, nahm er plötzlich etwas Neues und Gezwungenes an ihm wahr, das ihm für den Augenblick unerklärlich blieb. Dieſer Gedanke flog ihm durch den Sinn und verließ ihn wieder; doch erinnerte er ſich deſſelben ſpäter. „Dort ſitzt ſie, ſiehſt Du,“ ſagte Eugen, als ſie unten am Ufer ſtanden, wo der Wind ſie anbrüllte.„Dort iſt das Licht ihres Feuers.“ „Ich will einmal durch's Fenſter ſchauen,“ ſagte Mor⸗ timer. „Nein, laß es bleiben,“ ſend.„Mache ſie nicht zu einem Schauſtücke. Komm zu unſerm rechtſchaffenen Freunde.“ Er führte ihn nach dem Wachpoſten und ſie kauerten Beide nieder und krochen un— ter die Leeſeite des Bootes: ein beſſeres Obdach, als es den Anſchein gehabt, indem man es direct mit dem heu⸗ lenden Winde und der düſtern Nacht verglich. „Iſt der Herr Inſpector zu Hauſe?“ flüſterte Eugen. „Hier bin ich, Sir.“ „Und unſer Freund mit der ſchweißgebadeten Stirn iſt in jenem Winkel dort? Gut. Hat ſich irgend etwas ereignet?“ „Seine Tochter iſt herausgekommen, weil ſie glaubte, ſie habe ihn rufen hören— falls es ihm nicht etwa ein Zeichen ſein ſollte, ſich fern zu halten. Es hätte wohl eines ſein können.“ „Es hätte wohl Rule Britannia ſein können,“ mur⸗ melte Eugen,„aber es war's nicht. Mortimer!“ „Hier!“ auf der andern Seite des Herrn Inſpectors. „'s ſind jetzt zwei Einbrüche und eine Fälſchung!“ (Seite: 134.) ſagte Eugen, ſeinen Arm faſ⸗ Mit ſandes9 Sie die Fuut zu ihnen den Fluf das Umd ketten, d Ruderſch Hundes ren? ſo finſt ſpitzen Schiffe ten; Ill lader m warnende heit hero zeit ihre von eine Oft glal und da Male a an den geblieben Der uhren de doch gab verkündet dieſe Hü ſich daſſ zeigte, aus dem Wie Beſchäft ſchein, a Werke w lich angſ ſo angel 30g, 5 ſchaffene goffen, klagen, ſnuüht ſe kleidete! Ihr ſie den obachten ſeit die konnte veerden. —„Ab Inſpecto „Sch Sie hiet Kundenl ſchwomn en und om war, genau t war, Neues n ihm r den blieb. m durch leß ihn er ſich ſſt Du,“ 2 unten vo der „Dort euers.“ durchs te Mor⸗ gleiben,“ n faſ⸗ nicht zu Komm caffenen ach dem kauerten ſchen un⸗ Bootes: als es an heu⸗ Eugen. a Stirn d etwas glaubte, etwa ein tte wohl n.“ mul⸗ n, 1 iſpectots. hung!“ 137 Mit dieſer Bezeichnung ſeines gedrückten Gemüthszu⸗ ſtandes verſank Eugen in Schweigen. b Sie verhielten ſich Alle eine lange Weile ruhig. Wie die Fluthzeit näher rückte und mit ihr das Waſſer näher zu ihnen herankam, ließ ſich häufiger ein Geräuſch auf dem Fluſſe hören und ſie lauſchten aufmerkſamer;— auf das Umdrehen der Dampfräder, das Klirren der Eiſen⸗ ketten, das Knarren von Holzblöcken, auf die gemeſſenen Ruderſchläge, auf das gelegentliche heftige Bellen eines Hundes auf einer vorübergleitenden Barke, der ſie in ihrem Verſteck zu ſpüren ſchien. Die Nacht war nicht ſo finſter, daß ſie nicht, außer den Laternen an den Maſt⸗ ſpitzen und Bugſprieten der hin⸗ und hergleitenden Schiffe, auch deren ſchattenhafte Rümpfe erkennen konn⸗ ten; und hin und wieder kam ein geſpenſtiſcher Aus⸗ lader mit einem großen dunklen Segel, gleich einem warnenden Arme, ganz in ihrer Nähe aus der Dunkel⸗ heit hervor, ſegelte vorbei und verſchwand. Um dieſe Zeit ihrer Wache ward das Waſſer in ihrer Nähe oft wie von einem aus der Ferne kommenden Stoße bewegt. Oft glaubten ſie, dies ſei das Boot, welches ſie erwarteten, und das an's Ufer laufe, und ſie würden unzählige Male aufgeſprungen ſein, wäre nicht der Angeber, der an den Fluß gewöhnt war, unbeweglich an ſeinem Platze geblieben. Der Wind trug die Schläge der großen Kirchthurm⸗ uhren der City fort, denn dieſe lagen auf ihrer Leeſeite; doch gab es auf ihrer Windſeite andere Uhren, die ihnen verkündeten, daß es Ein— Zwei— Drei Uhr ſei. Ohne dieſe Hülfe würden ſie an dem Sinken des Waſſers, wie ſich daſſelbe an dem naſſen ſchwarzen Streifen Ufers zeigte, und an dem allmäligen Aufſteigen des Dammes aus dem Fluſſe gemerkt haben, wie die Nacht verging.“ Wie die Zeit verſtrich, wurde dieſe geheimnißvolle Beſchäftigung immer unſicherer. Es hatte faſt den An⸗ ſchein, als hätte der Mann von dem, was gegen ihn im Werke war, Nachricht erhalten, oder als wäre er plötz⸗ lich ängſtlich geworden. Er hatte vielleicht ſeine Pläne ſo angelegt, daß er, indem er ſich ihrem Bereiche ent⸗ zog, ſchaffene Mann, der den Schweiß ſeines Angeſichts ver⸗ Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. zwölf Stunden Vorſprung gehabt? Der recht⸗ goſſen, wurde unruhig und begann ſich bitterlich zu be⸗ klagen, daß die Menſchheit ihn ſtets zu betrügen be⸗ müht ſei— ihn, der ſich in die Würde der Arbeitſamkeit kleidete! Ihr Schlupfwinkel war ſo gelegen, daß ſie, während ſie den Fluß beobachteten, zugleich auch das Haus be⸗ obachten konnten. ſeit die Tochter den Vater zu hören geglaubt. Niemand konnte ein⸗ oder ausgehen, ohne von ihnen geſehen zu werden. „Aber um fünf Uhr wird es hell ſein,“ ſagte der Herr Inſpector,„und dann werden wir geſehen werden.“ „Schauen Sie her,“ ſagte Riderhood,„was meinen Sie hierzu? Er mag hier umhergelauert haben und ſchon ſtundenlang zwiſchen ein paar Brücken hin⸗ und herge⸗ ſchwommen ſein.“ „Was entnehmt Ihr daraus?“ ſagte der Herr Inſpector ſtoiſch, aber widerſprechend. „Er thut dies vielleicht in dieſem Augenblick.“ „ Was entnehmt Ihr daraus?“ ſagte der Herr In⸗ ſpector. „Mein Boot befindet ſich unter den Böten hier am Damme.“ „Und was wollt Ihr mit Eurem Boot?“ fragte der Herr Inſpector.* „Wie wär's, wenn ich darin hinausruderte und mich nach ihm umſchaute? Ich kenne ſeine Gewohnheiten und Niemand war ein⸗ und ausgegangen, 138 ſeine Schlupfwinkel. Ich weiß, wo er ſich in dieſer Fluthzeit aufhalten würde, und wo er ſich zu jener Fluth⸗ zeit aufhalten würde. Bin ich nicht ſein Compagnon ge⸗ weſen? Es braucht ſich keiner von Ihnen zu zeigen,— keiner von Ihnen zu rühren. Ich kann mein Boot ohne Hülfe flott machen; und was den Umſtand betrifft, daß ich geſehen werde, ſo bin ich zu allen Zeiten auf dem Waſſer.“ „Ihr hättet einen ſchlechteren Vorſchlag machen kön⸗ nen,“ ſagte der Herr Inſpector nach kurzer Ueberlegung. „Verſucht es.“ „Einen Augenblick. Laſſen Sie uns eine Ueberein⸗ kunft treffen. Wenn ich Ihrer bedarf, will ich um die Luſtigen Brüdern herumrudern und Ihnen ein Signal pfeifen.“ „Dürfte ich mir die Erlaubniß nehmen, meinem ehren⸗ werthen und tapferen Freunde, deſſen Kenntniß und Er⸗ fahrung in allen Seefahrtsangelegenheiten in Zweifel ziehen zu wollen, ferne von mir ſei, zu bemerken,“ ſagte Eugen mit großer Gelaſſenheit,„daß das Pfeifen ge⸗ eignet ſein dürfte, Heimlichkeit zu verkünden und Auf⸗ merkſamkeit zu erregen? Mein ehrenwerther und tapferer Freund wird mich, wie ich hoffe, als ein unabhängiges Mitglied dafür entſchuldigen, daß ich eine Bemerkung wage, die ich dieſem Hauſe und dem Vaterlande ſchuldig zu ſein glaube.“ „War dies der andere der Herren beide oder Advokat Lightwood?“ fragte Riderhood. Denn ſie ſprachen, wie ſie eben niederkauerten oder lagen, ohne ihre Geſichter unter⸗ ſcheiden zu können. „In Erwiderung auf die Frage meines ehrenwerthen and tapferen Freundes,“ ſagte Eugen, der auf dem Rücken lag und ſich das Geſicht mit dem Hut bedeckt hatte— eine Lage, welche große Wachſamkeit ausdrückte,— „kann ich(da dies nicht dem öffentlichen Dienſte zuwider iſt) nichts dagegen einzuwenden haben, ihn zu benachrich⸗ tigen, daß jene Töne die Töne des anderen der Herren beide waren.“ „Sie haben ziemlich gute Augen, wie, mein Herr? Sie haben Alle ziemlich gute Augen, wie?“ fragte der Angeber. „Alle.“ 4 „Wenn ich alſo unter die Luſtigen Brüder heran⸗ rudere und dort ſtill liege, wird es nicht nöthig ſein, daß ich pfeife. Sie werden dort einen ſchwarzen Fleck oder etwas der Art liegen ſehen, und werden wiſſen, daß ich es bin, und dann auf dem Damme zu mir herunterkommen. Alle verſtanden?“ „Alle verſtanden.“ „Dann vorwärts!“ In einem Augenblicke taumelte er in dem ihn ſcharf von der Seite treffenden Winde zu ſeinem Boote hin⸗ unter; in wenigen Minuten hatte er abgeſtoßen und ru— derte leiſe unter ihrem Ufer den Fluß hinauf. Eugen hatte ſich auf dem Elbogen aufgerichtet und ſchaute ihm in der Dunkelheit nach.„Ich hoffe, daß das Boot meines ehrenwerthen und tapferen Freundes mit Philanthropie begabt ſein, umſchlagen und ihn aus⸗ löſchen möge!“ murmelte er, indem er ſich wieder nieder⸗ legte, in ſeinen Hut hinein.„Mortimer!“ „Mein ehrenwerther Freund.“ „Drei Einbrüche, zwei Fälſchungen und ein mitter⸗ nächtlicher Mord.“ Doch ungeachtet dieſer Laſten auf ſeinem Gewiſſen, fühlte Eugen ſich durch die kürzlich eingetretene kleine Veränderung in den Verhältniſſen der Dinge ein wenig erleichtert. Ebenſo ſeine beiden Gefährten. Die bloße Veränderung war ſchon viel werth. Es war, als ob die der iſt fort. Erwartung erſt kürzlich angefangen. Es ſtand noch außer dem, weshalb ſie gekommen, Etwas zu erwarten. Sie waren alle Drei lebhafter auf der Alerte und we⸗ niger unter dem ſchauerlichen Einfluſſe des Ortes und der Zeit. Es war mehr als eine Stunde vergangen, und ſie waren ſogar eingeſchlummert, als einer von den Dreien — jeder ſagte, er ſei es geweſen, und habe nicht ge⸗ ſchlummert— Riderhood an der beſtimmten Stelle in ſeinem Boote erblickte. Sie ſprangen auf, verließen ihren Schlupfwinkel und gingen zu ihm hinunter. Als er ſie kommen ſah, ruderte er an den Damm hinan, ſo daß ſie, auf dem Damme ſtehend, im Schatten der dunklen Mauern der feſt ſchlafenden Luſtigen Brüder flüſternd mit ihm ſich unterhalten konnten. „Hol' mich der Kukuk, wenn ich es verſtehen kann!“ ſagte er ſie anſtierend. „Wenn Ihr was verſtehen könnt? Habt Ihr ihn ge⸗ ſehen?“ „Nein.“ „Was habt Ihr geſehen?“ fragte Lightwood. er ſtierte ſie auf das Seltſamſte an. „Ich habe ſein Boot geſehen.“ „Doch nicht leer?“ „Ja, leer. Und was noch mehr iſt— auf dem Fluſſe treibend. Und was noch mehr iſt, das eine Ru— Und was noch mehr iſt— das andere Ruder ſteckt zwiſchen den Ruderpflöcken und iſt kurz ab⸗ gebrochen. Und was noch mehr iſt— das Boot iſt von der Fluth zwiſchen zwei Reihen von Barken hin⸗ eingetrieben worden. Und was noch mehr iſt— er hat wieder einmal Glück, beim heiligen Georg, hat wieder Glück!“. Denn Vierzehntes Capitel. Worin der Raubvogel erlegt wird. Auf dem kalten Strande, in der beißenden, näſſenden Kälte jener bleiernen Kriſis in den vierundzwanzig Stun⸗ den des Tages, wo die Lebenskraft aller edelſten und ſchönſten lebenden Weſen am ſchwächſten iſt, ſchauten die drei Wächter einander in die beſtürzten Geſichter und dann in das verdutzte Geſicht des in ſeinem Boote ſitzen⸗ den Riderhood. „Gaffer's Boot, Gaffer hat abermals Glück,— und doch iſt kein Gaffer zu ſehen!“ So ſprach Riderhood mit troſtloſem Umherſtieren. Wie durch einen gemeinſchaftlichen Impuls getrieben, wandten ſich Aller Blicke dem Lichte zu, welches das Feuer durch das Fenſter warf. Daſſelbe war fahler und matter. Vielleicht neigt ſich das Feuer, gleich dem höheren Thier⸗ und Pflanzenleben, das es zu erhalten beiträgt, um die Zeit, wo die Nacht ihrem Ende nahe und der Tag noch nicht geboren iſt, ebenfalls dem Sterben zu. „Wenn ich in dieſer Sache das Geſetz zu verwalten hätte,“ brummte Riderhood, indem er drohend den Kopf ſchüttelte,„ſo will ich verdammt ſein, wenn ich mich nicht wenigſtens ihrer verſicherte!“ „Ja wohl, aber Ihr habt das Geſetz nicht zu ver⸗ walten,“ ſagte Eugen, mit ſo plötzlichem Zorne, daß der Angeber in unterwürfigem Tone entgegnete:„Nun, nun, nun, der andere Herr, ich habe es gar nicht be⸗ hauptet. Ein Menſch darf doch wohl ſprechen.“ Ueber die ungewohnte Hitze ſeines Freundes erſtaunt, blickte Lightwood denſelben ebenfalls überraſcht an und ſagte dann:„Was kann aus dieſem Manne gewor⸗ den ſein?“ „Hab' keine Ahnung. Wenn er nicht etwa über Bord geſprungen iſt.“ Der Angeber trocknete ſich mit kläglicher Miene die Stirn, indem er dies ſagte, und ſaß noch immer mit troſtloſem Umherſtieren in ſeinem Boote da. „Habt Ihr ſein Boot feſtgemacht?“ „Das Boot liegt feſt genug, bis die Ebbe eintritt. Ich hätte es nicht feſter machen können. Kommen Sie in mein Boot und überzeugen Sie ſich ſelber davon.“ Die Andern zögerten ein wenig, ehe ſie ſeiner Auf⸗ forderung Folge leiſteten, denn das Boot ſchien ihnen zu klein für die Fracht; doch als Riderhood ihnen ver⸗ ſicherte,„daß er ſchon öfter ein halbes Dutzend, Leben⸗ dige und Todte, geladen gehabt, und das Boot ſelbſt dann nicht tief in's Waſſer geſunken, oder das Hinter⸗ theil getaucht, daß es der Rede werth geweſen,“ nahmen ſie vorſichtig ihre Plätze ein und balancirten das bau⸗ fällige Fahrzeug,— während Riderhood noch immer mit troſtloſer Miene um ſich ſtierte. 4 „Alles in Ordnung. Vorwärts!“ ſagte Lightwood. „Vorwärts, ja beim Georg!“ wiederholte Riderhood, ehe er abſtieß.„Wenn er ſich auf irgend eine Weiſe aus dem Staube gemacht hat, Advokat Lightwood, ſo heißt es allerdings, aber auf eine andere Weiſe, vorwärts bei mir. Aber er war ſtets ein Betrüger, hol' ihn der Henker! Er war ſtets ein verdammter Betrüger, dieſer Gaffer. Es war nichts Offenes und Ehrliches an ihm. So gemein, ſo hinterliſtig. Und führte nie eine Sache zu Ende, wie ein Mann!“ „Hollah! Acht gegeben!“ rief Eugen(er war, ſowie ſie ſich eingeſchifft, wieder in ſeine gewohnte Manier ver— fallen), wie ſie heftig gegen einen Pfahl anſtießen; und dann kehrte er in leiſem Tone ſeine frühere Bemerkung um, indem er murmelte:(„Ich hoffe, daß das Boot meines tapfern und ehrenwerthen Freundes mit hinrei⸗ chender Philanthropie begabt iſt, nicht umzuſtürzen und unſer Lebenslicht auszulöſchen!) Aufgepaßt! aufgepaßt! Sitz' feſt, Mortimer! Hier kommt wieder der Hagel. Sieh, wie er daher fliegt und ſich wie eine Heerde wilder Katzen auf Mr. Riderhood's Augen ſtürzt!“ Der Hagel ſchlug Mr. Riderhood in der That mit voller Gewalt in's Geſicht, und bearbeitete dieſen Herrn dergeſtalt, daß derſelbe, obgleich er den Kopf neigte und dem Feinde nichts als ſeine räudige Pelzmütze zu präſen⸗ tiren verſuchte, genöthigt war, auf der Leeſeite einer Reihe von Schiffen Schutz zu ſuchen und dort zu warten, bis das Wetter vorübergegangen. Das Ungewitter war, gleich einem tückiſchen Boten, vor dem Morgen herauf⸗ gekommen, und brachte ein zerfetztes, unſicheres Licht mit, das die dunklen Wolken zerriß, bis dieſelben ein großes graues Tageslicht zeigten. Sie ſchauderten und zitterten Alle, und Alles rings um ſie her ſchien ebenfalls zu ſchaudern und zu zittern, ſogar der Fluß, die Fahrzeuge, die Takelwerke, die Segel, und der frühe Rauch, der bereits über dem Ufer hing. Schwarz von der Näſſe und durch die weißen Flecke des Hagels und Schnee's entſtellt, ſahen die eng aneinander gedrängten Häuſer niedriger als gewöhnlich aus, wie wenn ſie niederkauerten und von der Kälte zuſammenge⸗ ſchrumpft ſeien. Es war auf beiden Ufern wenig Leben zu ſehen, die Fenſter und Thüren waren verſchloſſen, und die grellen ſchwarzen und weißen Buchſtaben auf Werſte Nortimer biſtiſt Wie ſie icher Vij methode (Schiffen u her im Ve ſo rieſig, rumpf, 1 cerroſtete ſam auf ein drohe ihnen, gle in der Hüt ſchön den ſchwarze T ſe empor, untet ſch Jderblichen das verro öhlte S ſpäteren? Piutts häßliches Jache zugebracht, und das entlang, a borgenen Und in d ſchrieben, immer jer mit einer „Jetzt rechtſchaffe 07I Lightwoo „Dies „Ich kem 23,8 Sie, daß ſagen Si ſchaffene Der und Mor „Und indem er Reif zeig hing.„. gehabt?“ „Zieht Das d liict der Barke rguziche nur, wie 140 141 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. Daltet den Werften und Speichern ſahen aus, wie Eugen zu V„Nehmen Sie ſich in Acht,“ ſagte Riderhood.„Sie wunt Mortimer bemerkte:„wie die Grabſchriften verſtorbener werden es entſtellen, oder vielleicht auseinander reißen.“ — Geſchäftshäuſer.“.„Ich werde ihm weder das Eine noch das Andere ewod Wie ſie langſam dahinglitten, und in diebiſch heim⸗ anthun,“ ſagte der Herr Inſpector,„ſelbſt, wenn es Eure V Wwor⸗ licher Weiſe, die ihres Bootsführers normale Fortſchritt⸗ Großmutter wäre; aber ich will es haben. Komm!“ V 8 methode zu ſein ſchien, hart am Ufer zwiſchen den fügte er in einem ſowohl überredenden als befehlenden dübe Schiffen umherkrochen, erſchienen alle Gegenſtände um ſie Tone zu dem im Waſſer verborgenen Gegenſtande hinzu, mit her im Vergleich mit ihrem jämmerlichen kleinen Boote ſindem er abermals an der Leine zog;„Du weißt wohl, und ſo rieſig, daß ſie es zu zermalmen drohten. Jeder Schiffs⸗ daß dies gar nichts nützt. Du mußt heraufkommen. ſenem rumpf, mit ſeinen roſtigen Ankerketten, die aus längſt Ich will dich haben.“ V verroſteten Klüſenlöchern hervorliefen, ſchien ihnen grau⸗ Dieſer deutlich und beſtimmt ausgeſprochene Ent- ſam auf der Lauer zu liegen. Jedes Gallionsbild hatte ſchluß, daß er es haben wolle, beſaß eine ſolche Kraft,H intrit. ein drohendes Ausſehen, wie wenn es ſich auf ſie herab⸗ daß es der Leine ein wenig nachgab. en Sie zuſtürzen im Begriff ſei. Jede Schleuſe, jeder ange⸗„Ich ſagt' es Euch wohl,“ ſagte der Herr Inſpector, on ſtrichene Pfahl, der die Tiefe des Waſſers angab, ſchien indem er ſeinen Oberrock auszog und ſich entſchloſſen r Auf. ihnen, gleich dem gräßlich ſpaßhaften Wolfe im Bette über den Stern des Bootes hinüberlehnte.„Komm!“ ihnen 4 in der Hütte der Großmutter, zuzurufen:„Da könnt Ihr Es war eine grauſige Art von Fiſcherei, aber der n ver⸗ ſchön drin erſaufen, meine Lieben!“ Jede ſchwerfällige Herr Inſpector fuͤhlte ſich ebenſo unangefochten durch Leben⸗ ſchwarze Barke, die mit ihren geborſtenen Planken über dieſelbe, wie wenn er an einem lauen Sommerabende ſelbſt ſie emporragte und am Fluſſe ſog, ſchien ſie durſtig hoch am oberen Ufer des friedlichen Fluſſes geangelt hätte. Hinter⸗ unter ſich ſaugen zu wollen. Und Alles trug die ver⸗ Nach einigen Minuten, und nachdem er den Uebrigen nahmen derblichen Wirkungen des Waſſers ſo offen zur Schau,— verſchiedene Inſtructionen gegeben, wie:„ein wenig ab⸗ s bau⸗ das verroſtete Kupfer, das verfaulte Holz, der ausge⸗ gehalten nach vorne,“ oder„ein wenig abgehalten nach ner mit höhlte Stein, der dumpfige, grüne Moraſt— daß die hinten“ oder dergleichen, ſagte er mit völliger Ruhe: ſpäteren Folgen des Zermalmtwerdens, Untergeſogen⸗ und„So iſt's recht!“ und die Leine und das Boot kamen wood. 1 Hinabgezogenwerdens der Einbildungskraft ein ebenſo zugleich los. erhood, häßliches Bild darboten, als das Ereigniß ſelbſt. Indem er Lightwood's dargebotene Hand annahm, Weiſe Nachdem ſie etwa eine halbe Stuude in dieſer Weiſe um ſich aufzurichten, zog er ſeinen Rock wieder an und od, ſo zugebracht, zog Riderhood ſeine Ruder ein, und ſchob ſich ſagte zu Riderhood:„Gebt mir jenes Paar Ruder, deſſen rwärts und das Boot mit den Händen an einer großen Barke Ihr nicht bedürft, und ich will dies Boot hier an die ion der entlang, allmälig um deren Spiegel herum in einen ver⸗ nächſte Flußtreppe rudern. Fahrt zu, und haltet Euch dieſer borgenen kleinen Winkel ſchlammigen Waſſers hinein. in offenem Waſſer, damit ich nicht wieder hinter Etwas an ihm. Und in dieſem Winkel, und eingeklemmt, wie er es be⸗ ſtecken bleibe.“ e Sache ſchrieben, lag Gaffer's Boot, jenes Boot, in dem noch Seine Weiſungen wurden befolgt, und ſie ruderten, *⁴ immer jener Flecken ſichtbar war, der einige Aehnlichkeit Zwei in dem einen und Zwei in dem anderen Boote, 4. wie mit einer verhüllten menſchlichen Geſtalt hatte. ſofort an's Ufer. 3 jer ver⸗.„ Zetzt ſagen Sie mir, ich ſei ein Lügner!“ ſagte der„Jetzt,“ ſagte der Herr Inſpector abermals zu Rider⸗ ur und rechtſchaffene Mann. hood, als ſie Alle auf den ſchlammigen Steinen ſtanden; nerkung 3(„In der heimlichen Erwartung,“ flüſterte Eugen„Ihr habt in ſolchen Dingen mehr Uebung gehabt, als s Boot Lightwood zu,„daß ihn Jemand beſtätigen wird.“) ich, und verſteht Euch daher beſſer auf dieſelben. Macht dintei⸗.„Dies iſt Hexam's Boot,“ ſagte der Herr Inſpector. den Reif los, und dann wollen wir Euch ziehen helfen.“ A md„Ich kenne daſſelbe ſehr wohl.“ Riderhood ſtieg demzufolge in das Boot. Er ſchien —„„Schauen Sie das zerbrochene Ruder an. Sehen kaum einen Augenblick Zeit gehabt zu haben, um den Fei Sie, daß das andere Ruder fort iſt— und dann Reif anzufaſſen und über den Stern zu ſchauen, als er Dagel ſagen Sie mir, ich ſei ein Lügner!“ ſagte der recht⸗ eiligſt zurückſtieß und blaß, wie der fahle Morgen, her⸗ wilder ſchaffene Mann. auskeuchte: Der Herr Inſpector trat in das andere Boot. Eugen„Beim Allmächtigen, er hat mich betrogen!“ hat mit 4 und Mortimer ſchauten ihm zu.„Was wollt Ihr damit ſagen?“ fragten Alle. —u Herrn„Und jetzt ſchauen Sie her!“ fügte Riderhood hinzu, Er deutete hinter ſich auf das Boot und keuchte der⸗ gte und indem er nach dem Hintertheile kroch und einen ſtraffen geſtalt, daß er auf den Steinen niederſank, um wieder zu präſen⸗ Reif zeigte, welcher dort befeſtigt war und über Bord Athem zu kommen.— te einer hing.„Sagte ich Ihnen nicht, daß er wieder Glück„Gaffer hat mich betrogen.'s iſt Gaffer!“ warten, gehabt?“ Sie eilten nach der Leine und ließen ihn keuchend er war,„Zieht den Reif ein!“ ſagte der Herr Inſpector. zurück. herauf⸗„Das iſt leicht geſagt,“ erwiderte Riderhood.„Nicht Bald lag die Geſtalt des Raubvogels, ſeit mehreren twit, ſo leicht gethan. Sein Glücksfang iſt unter die Kiele Stunden todt, auf dem Strande ausgeſtreckt, während großes der Barken feſtgerannt. Ich verſuchte vorhin ſchon, es ein abermaliges Unwetter ihn anwehte und das naſſe einzuziehen, aber ich war's nicht im Stande. Sehen Sie Haar mit Hagelſchloſſen ſättigte. 6 rings nur, wie ſtraff der Reif iſt!“ Vater! riefſt Du mich? Vater! es war mir, als ob zittern,„Ich muß es herauf haben,“ ſagte der Herr Inſpee⸗ Du mich ſchon zweimal gerufen! Worte, die dieſſeit des eSegel, tor.„Ich will ſein Boot an's Ufer bringen und ſeinen Grabes unbeantwortet bleiben ſollten. Der Wind ſtreicht er hing. Glücksfang mit ſeinem Boote. Verſucht es ſachte.“ ſpottend über den Vater hin und peitſcht ihn mit den lecke des Er verſuchte es ſachte, aber der Glücksfang widerſetzte zerfetzten Enden ſeiner Kleidung und ſeinem zottigen iinander ſich; wollte nicht kommen. Haar, und verſucht ihn, wie er ſtarr und ſteif auf dem 6, wie„Ich will es haben, und das Boot ebenfalls,“ ſagte Rücken daliegt, umzukehren und ſein Geſicht der auf⸗ nmenge⸗ der Herr Inſpector, an der Leine ziehend. gehenden Sonne zuzuwenden, um ſeine Schande um ſo Leben Aber der Glücksfang widerſetzte ſich noch immer; deutlicher zu zeigen. Dann legt ſich der Wind und kriecht tloſſen, wollte nicht kommen. 8 unter ſeine Lumpen, hebt dieſen und läßt jenen fallen, ben auf 8 143 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 144 — 4 ————- und eilt dann leicht durch Haar und Bart. Dann ſtürzt wie er ſelber. Zuweilen lag ſie auf dem Boden ſeines er ſich wieder auf ihn, und ſchlägt ihn bitter und grau- ſich leicht, dieſer Mann; ſehen Sie wohl?“ indem er das ſam. Vater, haſt Du mich gerufen? Warſt Du es, todt und ſtimmlos? Warſt Du es, der Du jetzt vom Winde geſchlagen in einem Haufen daliegſt? Warſt Du es, zum Tode getauft, von dieſen fliegenden Unſauberkeiten im Geſichte getroffen? Warum ſprichſt Du nicht, Vater? Deine Geſtalt drückt ſich in dem ſchlammigen Boden ab, auf dem Du liegſt. Haſt Du nie eine ſolche Geſtalt in Deinem Boote abgedrückt geſehen? Sprich, Vater. Sprich zu uns, den Winden, den einzigen Zuhörern, die Err ſieht einen Gegenſtand, der in's Bereich ſeines Ge⸗ Dir noch bleiben! 4 „Jetzt ſchauen Sie her,“ ſagte der Herr Inſpector nach reiflicher Ueberlegung, indem er ſich auf ein Knie neben dem Leichnam niederließ und auf den Ertrunkenen macht das Ende ſeines Reifes los und wickelt daſſelbe hinabſchaute, wie er ſchon auf manchen anderen Mann hinabgeſchaut hatte:„Die Sache hat ſich folgendermaßen ereignet. Die Herren haben natürlich bemerkt, daß er da ſeine Hände vor Kälte erſtarrt ſind. Sein Gegen⸗ am Hals und bei den Armen von dem Reife geſchleppt wurde.“ Bootes, zuweilen hing ſie loſe um ſeinen Hals. Er trug loſe um ſeinen Nacken geſchlungene Halstuch aufnahm und zugleich die todten Lippen mit demſelben abwiſchte —„und wenn es regnete oder fror, oder ein kalter Wind wehte, pflegte er dieſe Reifrolle um den Hals zu hängen. Geſtern Abend thut er dies. Deſto ſchlimmer für ihn! Dieſer Mann lauert in ſeinem Boote umher, bis er vor Kälte ſteif wird. Seine Hände,“ indem er eine derſelben aufnimmt, die wie Blei wieder niederfällt,„werden ſtarr. ſchäftes kommt, im Waſſer ſchwimmen. Er trifft ſeine Vorkehrungen, ſich dieſes Gegenſtandes zu verſichern. Er mehrmals in ſeinem Boote um, damit es feſthält und nicht abläuft. Er macht es aber zufälligerweiſe zu feſt. Er hält ſich ein wenig länger als gewöhnlich dabei auf, ſtand treibt heran, ehe er für denſelben bereit iſt. Er Der Ranbvogel an's Land gebracht.(Seite: 142.) Sie hatten den Reif losmachen geholfen, und hatten es natürlich bemerkt. „Und Sie werden bemerkt haben und jetzt noch be⸗ merken, daß dieſer Knoten, der durch ſeine eigenen Arme feſt um ſeinen Hals geſchlungen, eine Schlinge war,“ 85 er fort, indem er den Reif zur Erklärung empor⸗ ielt. Dies war klar genug. „Sie werden ebenfalls bemerkt haben, wie er das andere Ende des Reifes in ſein Boot gelegt hatte.“ Daſſelbe trug noch jetzt die Spuren und Schrammen, wo der Reif feſtgemacht geweſen.“ „Jetzt ſchauen Sie her,“ ſagte der Herr Inſpector; „ſehen Sie, wie es ihm heimgebracht wurde. Es iſt ein wilder, ſtürmiſcher Abend, wie dieſer geweſene Mann,“ ſagt er, indem er ſich bückt und ihm mit ſeiner eigenen erſoffenen Jacke die Hagelſchloßen aus den Haaren wiſcht, —„ſo! jetzt ſieht er ſich ein wenig ähnlicher, obgleich er garſtig geſchunden iſt,— wie dieſer geweſene Mann auf ſeine gewohnte Beſchäftigung auf den Fluß hinaus⸗ rudert. Er nimmt dieſe Reifrolle mit. Er führt dieſe Reifrolle ſtets bei ſich. Dieſelbe iſt mir ebenſo bekannt, greift nach demſelben und denkt ſich jedenfalls des In⸗ halts der Taſchen verſichern zu wollen, falls er ihn fahren zu laſſen genöthigt ſein ſollte, lehnt ſich weit über den Stern hinaus, und in einem dieſer Windſtöße, oder durch die Gegenſtrömung zweier Dampfböte, oder den Umſtand, daß er noch nicht völlig bereit iſt, oder durch eine oder die andere dieſer Urſachen, oder durch alle oder einige zuſammen wird ſein Boot auf die Seite geworfen, er verliert das Gleichgewicht und ſtürzt kopfüber in's Waſſer. Jetzt ſchauen Sie her— der Mann kann ſchwimmen, und verſucht augenblicklich, ſich dadurch zu retten. Aber bei dieſem Verſuche verwickelt er ſeine Arme in dem Reife, reißt heftig an der Schlinge und dieſelbe zieht ſich zu. Der Gegenſtand, den er in's Schlepptau zu nehmen be⸗ abſichtigt, treibt vorüber, und ſein eigenes Boot ſchleppt ihn todt an die Stelle, wo wir ihn, in ſeine eigene Leine verwickelt, fanden. Sie werden mich fragen, woher ich von den Taſchen weiß? Zunächſt will ich Ihnen noch mehr ſagen: es befand ſich Silbergeld in denſelben. Woher weiß ich dies? Einfach und einleuchtend. Weil er es hier hat.“ Der Redner hielt die feſt zuſammen⸗ geballte rechte Hand empor. „ferner g andelte Entiſt — Bez uſe Was iiltwor Da halbe Ri wort, 1' beirufen, es noch Inſpecto Lächeln; „Eu wir w dem er da ſei. „Er kein Eu Gsn Ooch wa Dad ſtabler au wood ihn habe? ihn habe haltende „Sc thümlich mich um Umſtände wir irgen Dies einer Bi Wir erl uns gan Riderho behalten in eine rechtſchaf tion Ru öffentlich Wie ſaß, in blicke in gebrannt und dab Boote ſ beendete ſich als gab un Tempel ſeltſamen durchma den auf daß erl teit bean In ein ſchoſe annen. „ 144 ſeines er trug er das fnahm viſchte Wind ngen. r ihn! er vor erſelben e ſtart. des Ge⸗ fft ſeine ern. Er daſſebe ält und zu feſt. ei( auf, Gegen⸗ ſt. Er n fahren über den der durch Umſtand, eine oder er einige ½ rfen, er Waſſer. wimmen, V des In⸗ V .Aber em Reife, t ſich zu. ehmen be⸗ tſſchex„t lene Leine woher ich nen noch ſelben. denſelben. 1 Weil 11 u ammen⸗ — 145 Lightwood. „Wenn Sie nichts dagegen einzuwenden hätten, eine halbe Minute bei ihm zu bleiben, Sir,“ war die Ant⸗ wort,„ſo will ich den nächſten von unſern Leuten her⸗ beirufen, und ihn deſſen Obhut übergeben;— ich nenne es noch immer ihn, wie Sie ſehen,“ ſagte der Herr Inſpector, als er ging und mit einem philoſophiſchen Lächeln über die Macht der Gewohnheit zurückſchaute. „Eugen,“ ſagte Lightwood und wollte hinzufügen: „wir wollen in einiger Entfernung warten,“ als er, in⸗ dem er den Kopf umwandte, bemerkte, daß kein Eugen da ſei. i rief laut:„Eugen! Hollah!“ kein Eugen. Würde. Nachdem er durch einen Nebel hindurch, in dem der Herr Inſpector unklar und groß vor ihm ſtand, ver⸗ nommen, daß dieſer Beamte es übernehme, die Tochter des Todten auf das, was ſich in der Nacht zugetragen, vorzubereiten, und daß er überhaupt im Allgemeinen Allles auf ſich nehme, taumelte Mortimer Lightwood im Doch erwiderte Es war jetzt heller Tag und er ſchaute ſich ringsum. Doch war Eugen nirgendwo zu erblicken. Da der Herr Inſpector bald mit einem Polizei⸗Con⸗ ſtabler auf der hölzernen Treppe zurückkehrte, fragte Light⸗ wood ihn, ob er geſehen, wie ſein Freund ſie verlaſſen habe? Der Herr Inſpector konnte nicht ſagen, daß er ihn habe gehen ſehen, hatte aber bemerkt, daß er unruhig geweſen. „Ihr Freund ſcheint eine eigenthümliche und unter⸗ haltende Combination, Sir?“ „Ich wollte, es hätte nicht einen Theil ſeiner eigen⸗ thümlichen und unterhaltenden Combination ausgemacht, mich um dieſe Tageszeit und unter dieſen ſchauerlichen Umſtänden allein zu laſſen,“ ſagte Lightwood. wir irgendwo etwas Warmes zu trinken bekommen?“ einer Bierſchenke, wo ſich ein großes Kaminfeuer befand. Wir erhielten heißes Waſſer mit Rum und dies belebte uns ganz erſtaunlich. Nachdem der Herr Inſpektor Mr. Riderhood officiell von ſeiner Abſicht,„ihn im Auge zu behalten“, unterrichtet und wie einen naſſen Regenſchirm rechtſchaffenen Mann äußerlich und dem Anſcheine nach „ferner gar nicht, außer indem er ihm eine ſeparate Por⸗ tion Rum und Waſſer verordnete— anſcheinend aus den öffentlichen Fonds. Schlafe nach einer Fiakerſtation, rief einen Fiaker und war Soldat geworden und hatte ein Capitalverbrechen begangen und war vor einem Kriegsgerichte verhört und ſchuldig befunden worden und hatte ſeine Angelegenheiten geordnet und war hinausgeführt worden, um erſchoſſen zu werden, ehe die Thür zugeſchlagen wurde. Es war ſchwere Arbeit, den Fiaker durch die City nach dem Tempel zu rudern, um einen ſilbernen Becher dasvongelaufen! „Können im Werthe von fünf bis zehntauſend Pfund zu gewinnen, den Mr. Boffin ausgeſetzt; und ſchwere Arbeit(nachdem er vermittelſt eines Reifes aus dem ſtrömenden Straßen⸗ pflaſter gerettet), Eugen jene unermeßlich lange Straf⸗ rede dafür zu halten, daß er in jener merkwürdigen Weiſe Doch bot er ſolche genügende Entſchul⸗ digungen und zeigte ſich ſo reuevoll, daß Lightwood, als er aus dem Fiaker ſtieg, dem Fuhrmann einſchärfte, wohl nach ſeinem Freunde zu ſehen. Worauf der Fuhrmann, welcher ſehr wohl wußte, daß ſich kein zweiter Paſſagier im Fiaker befinde, ihn unbeſchreiblich erſtaunt anblickte. Kurz, das Treiben während dieſer ganzen Nacht hatte dieſen Theilhaber an den Ereigniſſen derſelben dermaßen Dies konnten wir und dies thaten wir. In der Küche erſchöpft, daß er nur noch ein bloßer Sonambule war. Er war zu müde, um in ſeinem Schlafe Ruhe zu finden, bis er ſelbſt zu müde war, um zu müde zu ſein, und in Vergeſſenheit verſank. Er erwachte ſpät am Nachmittage und ſandte in einiger Beſorgniß nach Eugen's Wohnung - herum, die ſich ganz in der Nähe befand, um fragen zu in eine Ecke des Kamins geſtellt hatte, beachtete er dieſen Wie Mortimer Lightwood vor der hellen Feuersgluth ſaß, in dem Bewußtſein, daß er dort in jenem Augen⸗ blicke im Schlafe Grog trinke und doch auch zugleich gebrannten Sherry in den„Sechs luſtigen Brüdern“, und dabei unter dem Boote am Ufer liege, und in dem Boote ſitze, welches Riderhood ruderte, und die kürzlich beendete Rede anhörte, und mit einem Unbekannten, der ſich als M. G. V. Eugen Gaffer Harmon zu erkennen gab und zu Hagelwetter zu wohnen behauptete, im Tempel zu diniren ſich genöthigt wähnte— wie er dieſe ſeltſamen Wechſel der Müdigkeit und des Schlummers durchmachte, die ſtets in einem Zeitmaaß von zwölf Stun⸗ den auf die Sekunde arrangirt ſind, wurde er gewahr, daß er laut eine Mittheilung von dringendſter Wichtig⸗ keit beantwortete, die ihm nie gemacht worden, und ver⸗ wandelte es dann, da er den Herrn Inſpector erblickte, in ein Huſten. Denn er fühlte mit einer natürlichen Entrüſtung, daß dieſer Beamte ihn ſonſt die Augen ge⸗ ſchloſſen oder in der Wachſamkeit nachgelaſſen zu haben beargwohnen könne. „Hier gerade vor uns, ſehen Sie,“ ſagte der Herr Inſpektor. „Ich ſehe wohl,“ ſagte Lightwood mit Würde. „Und trank ebenfalls Grog, ſehen Sie,“ ſagte der Herr Inſpector,„und rannte dann in großer Eile von dannen.“ „Wer?“ fragte Lightwood. Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. laſſen, ob er ſchon aufgeſtanden? O ja, er war auf. Ja, er war nicht zu Bette ge⸗ weſen. Er war ſo eben erſt nach Hauſe gekommen. Und hier war er ſelbſt, unmittelbar nach der Rückkehr des Boten. „Wie, welch ein blutunterlaufener, kothbeſpritzter, auf⸗ gelöſter Anblick iſt dies?“ rief Mortimer aus. „Sind meine Federn ſo ſehr rauh?“ ſagte Eugen, indem er trocken an den Spiegel trat.„Ja, ſie ſind allerdings ein wenig in Unordnung. Aber bedenke nur. Welch eine Nacht für das Gefieder!“ „Welch eine Nacht?“ wiederholte Mortimer.„Was wurde am Morgen aus Dir?“ „Mein lieber Junge,“ ſagte Eugen, auf ſeinem Bette ſitzend,„ich fühlte, daß wir einander bereits ſo lange gelangweilt, daß eine ununterbrochene Fortſetzung dieſes Verkehrs unfehlbar in unſerer Flucht nach den entgegen⸗ geſetzten Enden der Welt geendet haben würde. Ich fühlte außerdem, daß ich jedes Verbrechen im Newgate⸗ Kalender begangen. Und aus gemiſchten Rückſichten für die Freundſchaft und die Felonie machte ich einen Spa⸗ ziergang.“ Fünfzehntes Capitel. Zwei neue Biener. Mr. und Mrs. Boffin ſaßen, eine Beute des Wohl⸗ ſtandes, nach dem Frühſtück in der„Laube“. Mr. Boffin's Antlitz trug den Ausdruck der Sorge und Verwirrung. ihm und Viele Papiere lagen in großer Unordnung vor wie ein er betrachtete dieſelben etwa ſo hoffnungsvoll, unſchuldiger Civilmann eine große Menge von Truppen betrachten würde, mit denen er nach einer Friſt von fünf Minuten ein großes Manöver und eine Reoue halten ſollte. Er war mit einigen Verſuchen beſchäftigt ge⸗ weſen, ſich Memoranda über einige dieſer Papiere zu machen; doch da er(gleich vielen anderen Leuten ſeiner Claſſe) zu ſeinem Leiden mit einem außerordentlich miß⸗ trauiſchen und verbeſſerungsſüchtigen Daumen verſehen war, hatte dieſes geſchäftige Glied ſich ſo oft in ſeine Beſchäftigung eingemiſcht, um ſeine Anmerkungen zu über⸗ ſchmieren, daß dieſelben ſehr wenig leſerlicher waren, als die verſchiedenen Abdrücke des Daumens, die ſeine Naſe und Stirn bekleckſten. In einem Falle, wie Mr. Boffin's, i*ſt es erſtaunlich, welch eine wohlfeile Waare die Tinte iſt, und wie viel man damit ausrichten kann. Wie ein Gran Moſchus auf viele Jahre eine Schublade parfü⸗ mirt und dennoch nichts Merkliches von ſeinem urſprüng⸗ lichen Gewichte verliert, ebenſo würde für einen halben Penny Tinte Mr. Boffin bis an die Haarwurzeln hinan und bis zu den Waden hinunter bekleckſen, ohne nur eine Zeile auf das vor ihm liegende Papier zu ſchreiben, oder in dem Tintenfaſſe merklich abzunehmen. Mr. Boffin befand ſich in ſo ernſtlichen literariſchen Verlegenheiten, daß ſeine Augen ihm ſtarrblickend aus dem Kopfe hervortraten und ſein Athem ein Röcheln war, als plötzlich, zu Mrs. Boffin's großer Herzens⸗ erleichterung, da ſie dieſe Symptome mit großer Unruhe beobachtet hatte, an der Hofthür geklingelt wurde. „Wer mag dies nur ſein!“ ſagte Mrs. Boffin. betrachtete ſeine Memoranda, wie wenn er zweifelhaft ſei, ob er das Vergnügen ihrer Bekanntſchaft genieße, und ſchien, nachdem er ihnen zum zweitenmale aufmerkſam in's Antlitz geſchaut, ſich in dem Eindrucke beſtätigt zu fühlen, daß dies nicht der Fall, als der hammerköpfige junge Mann: „Mr. Rokeſmith!“ meldete. „O!“ ſagte Mr. Boffin.„O, wirklich! der Wilfer's gemeinſchaftiicher Freund, meine Liebe. Ja, erſuche ihn, näher zu treten.“ Mr. Rokeſmith erſchien. reits. Nun, Sir, ich bin eigentlich noch unvorbereitet, Sie zu ſehen, denn, die Wahrheit zu geſtehen, bin ich fortwährend auf eine oder die andere Weiſe ſo ſehr be⸗ ſchäftigt geweſen, daß ich noch nicht Zeit gehabt habe, mir Ihr Anerbieten zu überlegen.“ mir ebenſowohl, als Mr. Boffin, ſagte die lächelnde Mrs. Boffin.„Aber, du lieber Himmel! wir können uns jetzt darüber beſprechen, nicht wahr?“ Mr. Rokeſmith verbeugte ſich, dankte ihr und ſagte, er hoffe es. „Laſſen Sie mich alſo ſehen,“ ſagte Mr. Boffin mit der Hand am Kinn.„Sie ſagten— Secretär— war's nicht ſo?“ „Ich ſagte Secretär,“ erwiderte Mr. Rokeſmith. „Ich konnte mir's damals kaum erklären,“ ſagte Mr. Boffin,„und Mrs. Boffin und ich konnten es uns Beide kaum erklären, als wir ſpäter darüber ſprachen, denn machen) wir hatten uns unter einem Secretär ſtets ein Zimmermeubel vorgeſtellt, meiſtens von Mahagony, mit grünem Wollenzeug oder Leder gefüttert und einer Menge kleiner Schubladen. Mr. Boffin athmete tief auf, legte ſeine Feder nieder, Unſer und „Nehmen Sie Platz, Sir,“ ſagte Mr. Boffin, indem er ihm die Hand reichte.„Sie kennen Mrs. Boffin be⸗ „Dies muß uns Beiden zur Entſchuldigung dienen, (um Ihnen kein Geheimniß aus unſerem Glauben zu Sie werden es mir nun nicht übel nehmen, wenn ich ſage, daß Sie das ſichherlich nicht ſind.“ „Gewiß nicht,“ ſagte Mr. Rokeſmith. Aber er habe ſich des Wortes in ſeiner Bedeutung als Steward bedient. „Je nun, was einen Steward betrifft, ſehen Sie,“ ſagte Mr. Boffin, noch immer mit der Hand am Kinn, „ſo glaube ich kaum, daß Mrs. Boffin und ich uns je auf's Waſſer begeben werden. Da wir Beide an der Seekrankheit leiden, ſo würden wir, falls wir auf dem Waſſer reiſten, allerdings eines Stewards bedürfen; aber es wird meiſtens auf den Schiffen ſchon einer gehalten.“ Mr. Rokeſmith erklärte abermals; er beſchrieb die Pflichten, die er zu übernehmen ſuchte, als die eines all⸗ gemeinen Oberaufſehers, oder Intendanten, oder Ver⸗ walters, oder Geſchäftsmannes. 4 „Zum Beiſpiel— kommen Sie!“ ſagte Mr. Boffin in ſeiner ſtürzenden Manier.„Wenn Sie in meinen Dienſt träten— was würden Sie thun?“ „Ich würde genaue Rechnung über alle Ausgaben führen, die Sie billigten, Mr. Boffin. Ich würde nach Ihrer Anweiſung alle Ihre Briefe ſchreiben. Ich würde die geſchäftlichen Verhandlungen mit allen Leuten in Ihren Dienſten oder in Ihrem Solde übernehmen. Ich würde“(mit einem Blicke und einem halben Lächeln auf den Tiſch)„alle Ihre Papiere ordnen—“ Mr. Boffin rieb ſein tintebekleckſtes Ohr und ſchaute Mrs. Boffin an. „— Und zwar ſo, daß Sie dieſelben nach einer Anmerkung, die ich auf die Außenſeite jedes einzelnen Documents machen würde, ſofort ohne Mühe finden und zu Rathe ziehen könnten.“ „Ich will Ihnen was ſagen,“ ſagte Mr. Boffin, in⸗ dem er langſam ſeine eigenen bekleckſten Memoranda in der Hand zerknitterte,„wenn Sie ſich an dieſe Papiere da machen und ſehen wollen, was Sie damit anfangen können, ſo werde ich beſſer wiſſen, was ich mit Ihnen anfangen kann.“ Geſagt, gethan. auf den Boden, zog ſeine Handſchuhe aus und ſetzte ſich ruhig an den Tiſch, legte die offenen Papiere in einen geordneten Haufen zuſammen, durchlief jedes der Reihe nach mit dem Auge, faltete es zuſammen, machte ein Memorandum von dem Inhalte auf der Außenſeite, machte ein zweites Häufchen mit dieſen, und als dieſes fertig und das erſte verſchwunden war, nahm er ein Endchen Bindfaden aus der Taſche und band die Papiere mit außerordentlich geſchickter Hand und mit einem Schlingknoten zuſammen. „Gut!“ ſagte Mr. Boffin.„Sehr gut! Jetzt laſſen Sie uns hören, was in all' jenen Papieren enthalten iſt, wollen Sie die Güte haben?“ John Rokeſmith las ſeine Memoranda laut vor. Dieſelben bezogen ſich alle auf das neue Haus. Tape⸗ zierers Anſchlag— ſoviel. Meubles⸗Ueberſchlag— ſo⸗ viel. Anſchlag für Geſchäftszimmergeräth— ſoviel. Wagenbauers Anſchlag— ſoviel. Pferdehändlers An⸗ ſchlag— ſoviel. Sattlers Anſchlag— ſoviel. Gold⸗ ſchmieds Anſchlag— ſoviel. Summa Summarum— ſo außerordentlich viel. Dann kam die Correſpondenz. Annahme eines von Mr. Boffin gemachten Gebotes in Bezug auf So und So von ſolchem Datum. Abſchlag auf Mr. Boffin's Gebot in Bezug auf So und So von ſolchem Datum. Ueber Mr. Boffin's Pläne in Bezug V auf So und So von ſolchem Datum. Alles compact und nach beſter Methode. V„Alles in ſchönſter Ordnung!“ ſagte Mr. Boffin, nachdem er jede Aufſchrift, wie Jemand, der den Tact Mr. Rokeſmith ſtellte ſeinen Hut. 14) ſtlägt, u nuit Ihrer denn Sie waſchen. wir,“ ſa Bewunder inmal ein An! entſchlof Stellung ſuchen. Worte, in verſchebt. daöehu nor no Verſicher ihm nüth Güte he Hände Mr. Tiefe ſei wohl als gehabt, ſinnes. „Und Boffin, Rokeſmi mit Die perſtehſt dazu D eine Ap Mr. der Wei Werk be ihrer ne Boffin „Un herzigke Herm f ohne ih wenig! ſmith. oder ich ſchaft m doch da würden. tragen, Faſhion. „Ich mach de angerich „Ja werden. mir än nicht er er eward Sie,“ Kinn, uns je n der d dem ¹z aber dalten.“ eb die nes all⸗ Ver. Boffin neinen ddaben de nach würde uten in ſchaute einer nzelnen den und ffin, in⸗ tanda in Papiere lnfangen t Ihnen nen Hut, ehte ſich in einen er Reihe lachte ein ißenſeite, ls dieſes n er ein Papiere it einem ett laſſen alten iſt ut vol. Tape⸗ — ſo⸗ ſoviel. ers An⸗ Gold⸗ arum— ſpondenz. lbotes in Abſchlag So von in Bezug compact Boffin, den Tact ſchlägt, mit der Hand abgezählt. 149 „Und was Sie nur mit Ihrer Tinte anfangen können, iſt mir unbegreiflich, denn Sie ſind ſo rein nach dem Geſchäft, wie friſch ge⸗ waſchen. Jetzt— was einen Brief betrifft. Verſuchen wir,“ ſagte Mr. Boffin, ſich mit liebenswürdig kindlicher Bewunderung die Hände reibend,„verſuchen wir jetzt einmal einen Brief.“ „An wen, Mr. Boffin?“—. „An wen Sie wollen. An Sie ſelbſt.“ Mr. Rokeſmith ſchrieb ſchnell und las dann folgender⸗ maßen: Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. angezeigt ſtehe: Dies außerordentlich ariſtokratiſche Wohnhaus iſt zu Lermntethan oder zu de durü d und Mrs. Boffin gingen, um es in Augenſchein zu neh⸗ men, und da wir es ohne allen Zweifel außerordentlich ariſtokratiſch fanden(obgleich ein wenig hoch und düſter, was übrigens damit gleichbedeutend ſein mag), nahmen wir es. Mein literariſcher Freund war ſo freundlich, bei der Gelegenheit in ein allerliebſtes Gedicht zu ver⸗ fallen, in dem er Mrs. Boffin wegen ihres Vermögens⸗ antrittes beglückwünſchte— wie lautete es noch, meine Liebe?“ „Mr. Boffin's Empfehlung an Mr. John Rokeſmith, und er wünſcht ihn hiermit zu unterrichten, daß er ſich entſchloſſen hat, Stellung, die er ſuchen. Mr. Boffin nimmt Mr. Worte, indem er den Punkt des Gehaltes für jetzt noch verſchiebt. Beziehung zu nichts verpflichtet bei ihm einzunehmen wünſcht, zu ver⸗ iſt. Mr. Boffin fügt es mit Mr. John Rokeſmith in der John Rokeſmith beim Es iſt abgemacht, daß Mr. Boffin in dieſer nur noch hinzu, daß er ſich auf Mr. John Rokeſmith's Verſicherung verläßt, daß er ihm treu dienen und ſich ihm nützlich machen will. Mr. John Rokeſmith wird die Güte haben, ſeine Pflichten ſogleich anzutreten.“ „Nun! Wahrlich, Noddy!“ rief Mrs. Boffin, in die Hände ſchlagend.„Dies iſt herrlich!“ Mr. Boffin war nicht minder erfreut; ja, in der Tiefe ſeines Herzens betrachtete er die Compoſition ſo⸗ wohl als den Einfall, in dem dieſelbe ihren Urſprung gehabt, als ein erſtaunliches Denkmal menſchlichen Scharf⸗ ſinnes. „Und ich ſage Dir, mein Herzchen,“ ſagte Mrs. Boffin,„wenn Du nicht jetzt auf der Stelle mit Mr. Rokeſmith abſchließeſt, und wenn Du Dich je wieder mit Dingen befaſſeſt und confus machſt, die Du nicht verſtehſt und die nicht für Dich geſchaffen ſind— und dazu Deine Wäſche mit Tinte bekleckſt— ſo wirſt Du eine Apfelflexie haben und mir das Herz brechen.“ Mr. Boffin umarmte ſeine Gattin für dieſe Worte der Weisheit und reichte dann, ihn über ſein glänzendes Werk beglückwünſchend, Mr. John Rokeſmith zum Pfande dünkt, daß das Gedicht uns Beide auf das Liebenswür⸗ digſte erwähnt.“ ihrer neuen Beziehung zu einander die Hand. Und Mrs. Boffin folgte ſeinem Beiſpiele. „Und jetzt,“ ſagte Mr. Boffin, der in ſeiner Offen⸗ herzigkeit fühlte, daß es nicht ſchicklich für ihn ſei, einen Herrn fünf Minuten lang in ſeinem Dienſte zu haben, ohne ihm ſein Vertrauen zu ſchenken,„muß ich Sie ein wenig mehr in unſere Angelegenheiten einweihen, Roke⸗ ſmith. Ich erwähnte, als ich Ihre Bekanntſchaft machte, oder ich ſollte vielmehr ſagen, als Sie meine Bekannt⸗ ſchaft machten, daß Mrs. Boffin ſich der Faſhion zuneigte, doch daß ich noch nicht wiſſe, wie faſhionable wir werden würden. Nun! Mrs. Boffin hat den Sieg davonge⸗ tragen, wir ſtürzen uns mit Genick und Kragen in die Faſhion.“ „Ich vermuthe dies, Sir,“ erwiderte John „nach dem Maßſtabe, nach welchem Ihr neuer Hausſtand eingerichtet wird.“ „Ja,“ ſagte Mr. Boffin,„es ſoll was Glänzendes werden. Die Sache iſt die, daß mein literariſcher Mann mir ein Haus vorſchlug, mit dem er, wie ich wohl ſagen darf, gewiſſermaßen in Beziehung ſteht— an dem er einen Antheil—“ „Als Eigenthum?“ fragte John Rokeſmith. Nun, nein,“ ſagte Mr. Boffin,„das eben nicht; es iſt eine Art von Familienband.“ „Aſſociation?“ ſagte der Secretair. „Ah!“ ſagte Mr. Boffin.„Vielleicht. Jedenfalls ſagte er mir, daß auf einem Anſchlagebrette am Hauſe Rokeſmith, Mrs. Boffin erwiderte: „Und Kerzenſchimmer und Reihentanz Und die Hallen in hellem Lichterglanz.“ „So war's! Und es ward durch den Umſtand, daß ſich wirklich zwei Hallen, die große Eingangshalle und die Hinterhalle, und außerdem noch eine Bedientenhalle im Hauſe befinden, noch hübſcher und paſſender gemacht. Er verfiel außerdem in ein ſehr hübſches Gedicht, das ſeine Bereitwilligkeit ausdrückte, Mrs. Boffin aufzuheitern, falls ſie ſich je melancholiſch in dem Hauſe fühlte. Mrs. Boffin hat ein erſtaunliches Gedächtniß. Willſt Du es einmal herſagen, meine Liebe?“ Mrs. Boffin leiſtete der Aufforderung Folge, indem ſie die Verſe, in denen dieſes freundliche Anerbieten ge⸗ macht worden, genau ebenſo wiederholte, wie ſie ihr vor⸗ geſagt worden. „Laßt Euch erzählen, wie das Mägdlein weint', Mrs. Boffin, „Als ihr Liebſter erſchlagen ward, Madame, „Und wie ihr gebrochenes Herz ſchlief ein, Mrs. Boffin, „Und nie mehr auferwacht, Madame. „Und laßt Euch erzählen(wenn Mr. Bofſin nichts da⸗ gegen hat), wie das Roß kam daher „Und den Reiter ließ zurück. „Und falls mein Lied(was Mr. Boffin hoffentlich ent⸗ ſchuldigen wird) Euch traurig macht, „Die Harf' ich ſpielen will.“ „Richtig auf's Haar!“ ſagte Mr. Boffin.„Und mich Da die Wirkung des Gedichtes auf den Secretär ſich in unverkennbarem Erſtaunen zu erkennen gab, fühlte Mr. Boffin ſich in ſeiner hohen Meinung von demſelben beſtätigt und war außerordentlich zufrieden * damit. „Jetzt ſchauen Sie, Rokeſmith,“ fuhr er fort,„ein literariſcher Mann— mit einem hölzernen Bein— iſt ſehr zum Neide geneigt. Ich werde deshalb eine bequeme Art und Weiſe erſinnen, Wegg's Neid nicht zu erwecken, ſondern Sie in Ihrem Departement und ihn in dem ſei⸗ nigen behalten.“ „Du lieber Himmel!“ rief Mrs. Boffin.„Ich ſage immer, die Welt iſt für uns Alle groß genug!“ „Das iſt ſie, meine Liebe,“ ſagte Mr. Boffin,„ſo lange wir nicht literariſch ſind. Doch in dem Falle nicht. Und ich darf nicht vergeſſen, daß ich Wegg zu einer Zeit annahm, wo ich noch nicht daran dachte, faſhionable zu werden oder„die Laube“ zu verlaſſen. Wenn ich ihn jetzt anſcheinend vernachläſſigte, ſo würde ich mich einer Gemeinheit ſchuldig machen und handeln, als ob die Hallen im hellen Lichterglanz mir den Kopf verdreht hätten. Was Gott verhüte! Rokeſmith, was meinen Sie dazu, wenn Sie im Hauſe wohnten?“ „In dieſem Hauſe?“ „Nein, nein. Mit dieſem Hauſe habe ich andere Pläne. In dem neuen Hauſe?“ „. 150 Ich halte mich vollkommen zu Ihrer Verfügung. Sie wiſſen, wo ich gegenwärtig wohne.“ „Nun,“ ſagte Mr. Boffin, nachdem er ſich den Punkt überlegt,„geſetzt, Sie blieben für jetzt, wo Sie ſind, und dann können wir ſpäter darüber entſcheiden. Sie werden alſo ſofort die Beaufſichtigung alles Deſſen, was im neuen Hauſe geſchieht, übernehmen, nicht wahr?“ „Mit dem größten Vergnügen. Ich will ſchon heute den Anfang machen. Wollen Sie mir die Adreſſe geben?“ Mr. Boffin ſagte ihm dieſelbe und der Seecretär ſchrieb ſie in ſein Taſchenbuch ein. Mrs. Boffin be⸗ nutzte die Gelegenheit, um ſich ſein Geſicht etwas ge⸗ nauer anzuſchauen. Daſſelbe nahm ſie zu ſeinen Gun⸗ ſten ein, denn ſie nickte Mr. Boffin bei Seite zu„er gefällt mir.“ „Ich will ſogleich nachſehen, daß Alles in gutem Gange iſt, Mr. Boffin.“. „Danke. Da Sie einmal hier ſind, wird es Ihnen vielleicht Vergnügen machen, ſich einmal in„der Laube“ umzuſchauen.“ „Es würde mir großes Vergnügen machen. Ich habe ſo viel von der Geſchichte des Hauſes gehört.“ „Kommen Sie!“ ſagte Mr. Boffin. Und er und Mrs. Boffin gingen voran. „Die Laube“ war ein düſteres Haus und trug häß⸗ liche Merkmale, daß es während ſeines Daſeins als das „Harmonie⸗Gefängniß“ im Beſitze eines Geizhalſes ge⸗ weſen. Unangeſtrichen, mit kahlen Wänden, ohne Zim⸗ mer⸗ und Hausgeräth, ohne eine Spur menſchlichen Da⸗ ſeins. Alles, was vom Menſchen für die Benutzung des Menſchen erbaut wird, muß gleich allen Schöpfungen der Natur, ſeine Beſtimmung erfüllen oder bald zu Grunde gehen. Dies alte Haus hatte mehr durch das Unbenutzt⸗ werden gelitten, als es in zwanzig Jahren des Gebrauchs gelitten haben würde. Häuſer, die nicht hinreichend mit Leben angefüllt ſind, werden(wie wenn dies zu ihrer Nahrung nothwendig wäre) von einer gewiſſen Magerkeit befallen, die hier ſehr bemerkbar war. Die Treppe und das Geländer hatten ein dürftiges Ausſehen— ein Ausſehen, als ob ſie bis auf die Knochen abgemagert wären— welches auch die Paneele der Wände, die Thürpfoſten und die Fenſter trugen. Die ſpärlichen Meubles hatten daſſelbe Ausſehen; und wäre das Haus nicht ſo ſauber gehalten, ſo würde der Staub, in den die Fußböden ſich auflöſten, hoch auf denſelben gelegen haben; und dieſe Fußböden glichen in der Farbe und den Runzeln alten Geſichtern, die viel allein geweſen. Das Schlafzimmer, in dem der habgierige alte Mann das Leben fahren zu laſſen gezwungen geweſen, war noch ebenſo, wie er es verlaſſen hatte. Dort ſtand die alte häßliche vierpfoſtige Bettſtelle, ohne Gardinen und mit einem kerkerartigen oberen Eiſenrande und Speichen, und dort die alte Fleckendecke. Dort ſtand das alte feſt ver⸗ ſchloſſene Büreau, das nach oben zurückwich, gleich einer böſen, geheimniß⸗bergenden Stirn; dort am Bette der ſchwerfällige alte Tiſch mit gedrechſelten Beinen, und auf demſelben das Käſtchen, in dem das Teſtament gelegen. Ein paar alte Stühle mit Fleckwerküberzügen, unter denen der koſtbare Stoff, den dieſelben ſchonen ſollten, ſeine Qualität und Farbe verloren hatte, ohne je einem Auge irgend welches Vergnügen gewährt zu haben, ſtanden an der Wand. Und alle dieſe Gegenſtände trugen eine ſtrenge Familienähnlichkeit.. „Das Zimmer iſt ſo erhalten worden, Rokeſmith,“ ſagte Mr. Boffin,„damit der Sohn es nach ſeiner Heim⸗ kehr ſähe. Kurz, es wurde Alles im Hauſe genau ſo erhalten, wie es in unſern Beſitz gelangte, um ihm ge⸗ zeigt und ſeiner Anſicht unterworfen zu werden. Selbſt jetzt iſt noch nichts verändert worden, außer unſerm eigenen Zimmer unten, das Sie ſo eben verlaſſen haben. Als der Sohn zum letztenmale in ſeinem Leben nach Hauſe kam und zum letztenmale in ſeinem Leben den Vater ſah, fand ihre Unterredung höchſt wahrſcheinlich in dieſem Zimmer ſtatt.“ Wie der Secretär ſich rings in dem Zimmer um⸗ ſchaute, ruhten ſeine Augen auf einer Seitenthür in einem Winkel. „Noch eine Treppe,“ ſagte Mr. Boffin, die Thür aufſchließend,„die in den Hof hinunter führt. Wir wollen hier hinunter gehen, damit Sie den Hof ſehen können und es iſt Alles auf unſerm Wege. Als der Sohn noch ein kleines Kind war, kam er meiſtens auf dieſer Treppe zu ſeinem Vater. Ich habe das arme Kind oft in ſeiner Schüchternheit hier auf dieſer Treppe ſitzen ſehen. Ich und Mrs. Boffin haben ihn oft getröſtet, wenn er mit ſeinem kleinen Buche auf dieſer Treppe zu ſitzen pflegte.“ „Ah! Und ſeine arme Schweſter ebenfalls,“ ſagte Mrs. Boffin.„Und hier iſt die ſonnige Stelle an der weißen Mauer, wo ſie einander eines Tages maßen. Ihre eigenen kleinen Hände ſchrieben hier mit Blei⸗ ſtift ihre Namen auf; die Namen ſind noch immer hier, aber die armen Lieben ſind auf immer von uns gegangen.“ „Wir müſſen die Namen erhalten, meine liebe Alte,“ ſagte Mr. Boffin.„Wir müſſen die Namen erhalten. Sie ſollen, ſo lange wir leben, nicht ausgelöſcht werden, Die armen kleinen Kinder!“ „Ah, die armen kleinen Kinder!“ ſagte Mrs. Boffin. Hof hinunter führte, geöffnet und ſtanden im Sonnen⸗ ſchein und betrachteten das Gekritzel der beiden unſicheren Kinderhändchen, das zwei oder drei Stufen hoch an der Treppenwand zu ſehen war. Es lag in dieſem einfachen Denkmale einer traurigen Kindheit und in Mrs. Boffin's Zärtlichkeit Etwas, das den Secretär rührte. Dann zeigte Mr. Boffin ſeinem neuen Geſchäfts⸗ manne die Hügel und ſeinen eigenen beſonderen Hügel, der ihm, ehe er das ganze Beſitzthum erlangte, im Teſta⸗ mente als Vermächtniß hinterlaſſen worden. „Es würde genug für uns geweſen ſein,“ ſagte Mr. Boffin,„falls es Gott gefallen hätte, das letzte jener beiden jungen Leben vor ſo traurigem Tode zu bewahren. Wir bedurften des Uebrigen nicht.“ Der Secretär betrachtete die Schätze des Hofes und die Außenſeite des Hauſes und das allein ſtehende Haus, das Mr. Boffin und ſeiner Gattin während der vielen Jahre ihrer Dienſtzeit zur Wohnung gedient, mit großem Intereſſe. Erſt als Mr. Boffin ihm jedes Wunder der „Laube“ zum zweitenmale gezeigt, erinnerte er ſich, daß ihn ſeine Pflichten noch anderswo hinriefen. „Sie haben mir in Bezug auf dieſe Wohnung keine Inſtructionen zu geben, wie, Mr. Boffin?“ „Nein, Rokeſmith, gar keine.“ „Darf ich, ohne Ihnen impertinent zu erſcheinen, fragen, ob Sie die Abſicht haben, dieſelbe zu verkaufen?“ „Ganz gewiß nicht. Mrs. Boffin und ich beabſich⸗ tigen, die ganzen Gebäude, zur Erinnerung an unſern alten Herrn, an die Kinder unſers alten Herrn und an unſern alten Dienſt, ſo, wie ſie daſtehen, zu erhalten.“ Die Augen des Secretärs fielen mit ſolch bedeutungs⸗ vollem Blick auf die Hügel, daß Mr. Boffin wie auf eine ausgeſprochene Bemerkung erwiderte: und wenn wir's verhindern können, auch nach uns nicht. Sie hatten die Thür am Fuße der Treppe, die in den. 153 „Ia, vrkaufen ſrtt ii die Hüge nicht ſag der Land mit keine ch bin darch digel am beſt keinen mäßige ich es meine: g hen.“ dehe natürlich benen H natürlie gewonn andere tagtägl nicht hi war ſo gen, da ſich für er noch ihm(o ob er! that, währen und fre ſicher, Rücken Au volle E ihm ge Boffin Schickſe Namen Gelehrt Namen das Int 152 hm ge⸗ Selbſt eigenen lls der ſe kam er ſah, dieſem er um. a einem 2 Thür t. Vir f ſehen Als der ens auf ie Kind e ſitzen tröſtet, ppe zu ſagte an der maßen. t Blei⸗ immer on uns Alte,“ halten. werden, 5 vicht. Boffin. in den Sonneu⸗ ſicheren an der enfachen Boffin's eſchäfts⸗ Hügel, Teſta⸗ gte Mr. te jener wahren. r vielen großem der der h, daß g keine cheinen, aufen?“ bexbſic⸗ unſern und an alten.“ utungs⸗ wie auf „ Ja, ja, das iſt ein Anderes. Die mag ich wohl verkaufen, obwohl es mir leid thun ſollte, die Nachbar⸗ ſchaft ihrer beraubt zu ſehen. oh. die Hügel ſehr öde und flach ausſehen. Dennoch will ich nicht ſagen, daß ich ſie aus Rückſicht für die Schönheit der Landſchaft ſtets dort ſtehen laſſen werde. Es hat da⸗ mit keine Eile; weiter ſage ich für jetzt nichts darüber. Ich bin kein großer Gelehrter, Rokeſmith, aber auf den Kehricht verſtehe ich mich ziemlich gut. Ich kann die Hügel bis auf einen Bruch veranſchlagen und weiß, wie am beſten über ſie zu verfügen iſt, und ebenfalls, daß ſie keinen Schaden nehmen werden, falls ſie ſtehen bleiben, wo ſie ſtehen. Sie werden morgen ſo freundlich ſein, einmal bei uns einzuſchauen, wie?“ „Jeden Tag. Und je eher ich Ihr neues Haus voll⸗ ſtändig für Ihre Aufnahme hergerichtet bekommen kann, deſto lieber wird es Ihnen ſein, nicht wahr, Sir?“ „Nun, ich bin eben nicht in einer ſo gewaltigen Eile,“ ſagte Mr. Boffin;„doch wenn man Leute dafür bezahlt, daß ſie ſich rühren, iſt es ebenſo angenehm, zu wiſſen, daß ſie ſich rühren. Sind Sie nicht auch der Anſicht?“ „Vollkommen!“ erwiderte der Secretär; und dann entfernte er ſich. „Und jetzt,“ ſagte Mr. Boffin, indem er ſeine regel⸗ mäßige Reihe von Runden in dem Hofe antrat,„wenn ich es nur mit Wegg angenehm machen kann, werden meine Angelegenheiten wie auf geſchmierten Rädern gehen.“ Der Mann mit der niedrigen Verſchmitztheit hatte natürlich eine Herrſchaft über den Mann von der erha⸗ benen Herzenseinfalt erlangt. Der gemeine Menſch hatte Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. Die Gegend wird ohne natürlich die Oberhand über den großmüthigen Menſchen gewonnen. Wie lange ſolche Siege währen, iſt eine andere Sache; daß dieſelben errungen werden, iſt eine tagtägliche Erfahrung, die ſelbſt von der Podsnapperei nicht hinweggeſchwenkt werden kann. Der argloſe Boffin war ſo weit in die Netze des argliſtigen Wegg gegan⸗ gen, daß er ſich die quälendſten Gedanken machte und nur Sie nicht. ſich für einen ſchlechten, ränkevollen Menſchen hielt, weil er noch mehr für Wegg zu thun beabſichtigte. Es war ihm(ſo geſchickt wußte Wegg die Sache zu drehen), als ob er hinterliſtige Ränke ſchmiedete, wenn er gerade Das that, was Wegg ihn thun zu machen intriguirte. Und mir zuerſt ſagten, daß Sie mir eine Art von Anerbieten zu machen wünſchten? Laſſen Sie mich nachſinnen.“ (Als ob dazu die geringſte Nothwendigkeit vorhanden ge⸗ weſen wäre.)„Ja, in der That, ich erinnere mich Mr. Boffin. Es war an meiner Ecke. Das verſteht ſich, dort war's! Sie hatten mich erſt gefragt, ob mir Ihr Name gefalle, und die Aufrichtigkeit hatte mich genöthigt, im verneinenden Falle zu antworten. Ich ließ mir da⸗ mals wenig träumen, Sir, wie vertraut ich mit dem Na⸗ men werden ſollte.“ „Ich hoffe, Ihr werdet noch vertrauter mit demſelben werden, Wegg.“ „Wirklich, Mr. Boffin? Sehr verbunden, Sir. Iſt es Ihnen gefällig, daß wir jetzt verfallen und untergehen, Sir?“ ſagte er, indem er ſich ſtellte, als wolle er das Buch aufnehmen. „Noch eben nicht, Wegg. Die Sache iſt die, daß ich Euch noch ein Anerbieten zu machen habe.“ Mr. Wegg(der ſeit mehreren Abenden nichts Anderes im Kopfe gehabt hatte) nahm mit einer Miene freund⸗ licher Ueberraſchung ſeine Brille ab. „Und ich hoffe, daß Euch daſſelbe gefallen wird, Wegg.“ öDanke, Sir,“ entgegnete dieſes zurückhaltende In⸗ dividuum.„Ich hoffe, es möge ſich ſo herausſtellen. Für alle Parteien.“(Als philantropiſcher Wunſch.) „Was meint Ihr dazu, wenn ihr gar keine Verkaufs⸗ bude mehr hieltet, Wegg?“— „Ich meine, Sir,“ erwiderte Wegg,„daß ich den Herrn ſehen möchte, der mir dies der Mühe werth zu machen bereit wäre!“ „Hier iſt er,“ ſagte Mr. Boffin. Mr. Wegg war im Begriff„Mein Wohlthäter“ zu ſagen, und war bereits bis zu„Mein Wohl—“ gekommen, als eine großartige Veränderung in ihm vorging. „Nein, Mr. Boffin, Sie nicht, Sir. Jeder Andere, Fürchten Sie nicht, Sir, daß ich das Grundſtück, welches Ihr Gold gekauft hat, durch meine beſcheidene Beſchäftigung beflecken werde. Ich weiß ſehr wohl, Sir, daß es ſich nicht für mich ſchicken würde, unter den Fenſtern Ihres Hauſes meinen kleinen Handel zu treiben. während er Wegg an dieſem Morgen geiſtig das gütigſte und freundlichſte Geſicht zuwandte, war er ſich nicht ganz ſicher, ob er nicht die Beſchuldigung verdiene, ihm den Rücken wenden zu wollen. Aus dieſen Gründen verbrachte Mr. Boffin ſorgen⸗ volle Stunden, bis der Abend kam, und Mr. Wegg mit ihm gemächlich dem Römiſchen Reiche zuſtampfte. Mr. Boffin nahm um die Zeit ein lebhaftes Intereſſe an den Schickſalen eines großen Heerführers, der ihm unter dem Namen Billy Sarius bekannt war, von dem claſſiſchen Gelehrten aber leichter unter dem weniger brittiſchen Namen Beliſarius identificirt werden wird. Doch ſelbſt das Intereſſe an der Laufbahn dieſes Generals trat in dea Hintergrund, bis Mr. Boffin ſich in Bezug auf Wegg das Gewiſſen erleichtert; und als dieſer literariſche Herr ſich daher nach gewohnter Weiſe durch Speiſ' und Trank erquickt, und innen und außen warm erglühte, und dann wie jetzt, Mr. Boffin, Sir, wollen wir verfallen und unter⸗ gehn!“ das Buch aufnahm, unterbrach Mr. Boffin ihn. „Ihr erinnert Euch, Wegg, wie ich Euch zuerſt ſagte, ich wünſche Euch eine Art Anerbieten zu machen?“ .„Laſſen Sie mich mein Ueberlegungskäppchen auf⸗ ſetzen, Sir,“ erwiderte dieſer Herr, indem er das offene Buch mit dem Geſicht nach unten niederlegte.„Wie Sie gewöhnlich mit der gezirpten Bemerkung:„Und Ich habe daran bereits gedacht und meine Maßregeln getroffen. Es bedarf keines Abkaufens, Sir. Würde Stepney Fields Ihnen vielleicht noch zu nahe ſein? Falls dies nicht entfernt genug iſt, kann ich noch weiter fort gehen. Um mich in den Worten des Dich— ters auszudrücken, deren ich mich nicht ganz entſinne: Verdammt in weiter Welt zu irren und zu wandern, Der Eltern und der Heimath gleich beraubt, Ein Fremdling der Wie⸗heißt's⸗gleich, und ich vergaß den andern Seht hier den kleinen Edmund,— das arme Bauernkind. — Und ebenſo,“ ſagte Mr. Wegg, den Mangel an directer Anwendbarkeit in der letzten Zeile verbeſſernd, „ſehen Sie mich, in derſelben Lage!“ „Ei, Wegg, Wegg, Wegg,“ ſagte der vortreffliche Boffin,„Ihr ſeid zu empfindlich.“ „Ich weiß es, Sir,“ erwiderte Wegg mit halsſtar⸗ riger Großmuth.„Ich kenne meine Fehler, ich war ſtets den Kopf geſetzt, daß ich Euch penſioniren von Kindheit an zu empfindlich.“ „Aber hört mich an,“ fuhr der Goldene Kehrichtmann fort; laßt mich ausreden, Wegg. Ihr haht es Euch in ill.⸗ „Ganz wahr, Sir,“ erwiderte Wegg noch immer mit halsſtarriger Großmuth.„Ich kenne meine Fehler. Fern ſei es von mir, dieſelben ableugnen zu wollen. Ich habe mir dies allerdings in den Kopf geſetzt.“ 155 „Aber ich beabſichtige es nicht.“ Dieſe Verſicherung ſchien Mr. Wegg kaum den Troſt zu gewähren, den Mr. Boffin ihm mit derſelben zu geben beabſichtigte. Man hätte in der That eine merkliche Verlängerung ſeines Geſichtes wahrnehmen können, als er ſagte: „Wirklich nicht, Sir?“ „Nein,“ fuhr Mr. Boffin fort;„denn das würde, ſo viel ich es verſtehe, ſo viel heißen, als daß Ihr nichts mehr thun würdet, um Euch Euer Geld zu ver⸗ dienen. Aber Ihr werdet Etwas thun, Etwas thun.“ Ihr werdet „Das, Sir,“ erwiderte Wegg, ſich tapfer erheiternd, dann von einer außerordentlichen Laſt erleichtert fühlte; „iſt eine andere Sache. Jetzt iſt meine Unabhängigkeit als Menſch gerettet. Jetzt: Nicht länger denk' ich der Stunde mit Thränen, Wo der ſtolze Herr aus dem Thale Zu Boffinſes Laube mit Gaben kam; Und der Mond birgt heut' nicht Sein ſanft ſilbern Licht, Und hinter Wolken weint nicht Ueber die Schande 8 eines Individuums in gegen⸗ wärtiger Geſellſchaft. — Bitte, fahren Sie fort, Mr. Boffin.“ bei jener Gelegenheit(ich war damals ein kleines Kind, doch machten dieſelben einen ſo tiefen Eindruck auf mich, daß ich ſie im Gedächtniſſe behielt) waren dieſe: So leb' denn wohl, mein ſchmucker Kahn, Rock und Ruder und Schild, lebt wohl, Du legſt nicht mehr vor Chelſea an, Dein Thomas ſagt Dir Lebewohl! — Mein Vater überwand ſeinen Schmerz, Mr. Boffin, und ich werde desgleichen thun.“ Während dieſer Abſchiedsrede ließ Wegg Mr. Boffin fortwährend vergebens auf ſeine Hand warten, indem er dieſelbe in der Luft ſchwenkte. Doch jetzt ſchoß er mit derſelben auf ſeinen Gönner los, der ſie ergriff und ſich und dann bemerkte, daß er, da ſie jetzt ihre eigenen An⸗ gelegenheiten in ſo befriedigender Weiſe geordnet, ſich freuen werde, wieder nach denen des Billy Sarius zu ſehen, die in der That ſeit geſtern in einem nichts we⸗ niger als hoffnungsvollen Zuſtande verblieben, und für deſſen Expedition gegen die Perſer das Wetter den ganzen Tag lang ſehr ungünſtig geweſen. „Danke, Wegg, ſowohl für Euer Zutrauen zu mir, der Treppe gehört, und zwar mit ſo ungewohnter Schwere als für Eure häufigen Gedichte, was Beides freund⸗ ſchaftlich von Euch iſt. Nun, alſo: meine Idee iſt dieſe: daß Ihr Eure Bude aufgebt und hier in der Laube wohnt, um dieſelbe für uns in Acht zu nehmen. Es iſt eine angenehme Wohnung; und ein Mann, der Licht und Kohlen geliefert und dazu ein Pfund Sterling die Woche erhielte, könnte ſich hier auf fetter Weide be⸗ finden.“ Würde dieſer Mann, Sir— wir wollen „Ahem! um des Arguments willen dieſer Mann ſagen;“ Mr. Mr. Wegg ſetzte deshalb ſeine Brille wieder auf. Doch ſollte Sarius an dieſem Abende nicht zu ihrer Geſellſchaft gehören. Denn ehe Wegg noch die Stelle im Buche gefunden, wurden Mrs. Boffin's Schritte auf und in ſolcher Eile, daß Mr. Boffin, ſelbſt wenn ſie ihn nicht mit bewegter Stimme gerufen, in der Erwartung eines ganz ungewohnten Ereigniſſes aufgeſprungen ſein würde. Mr. Boffin eilte hinaus und fand ſie mit einem brennenden Lichte keuchend auf der dunklen Treppe. Wegg trug hier lächelnd eine große Scharfſinnigkeit zur Schau;„würde dieſer Mann ſich in irgend einer anderen Capacität verbindlich zu machen genöthigt ſein, oder würde jede andere Capacität als extra betrachtet werden? Nehmen wir(des Arguments wegen) an, daß dieſer Mann ein Vorleſer wäre: ſagen wir(abermals des Ar⸗ guments wegen) zum Beiſpiel, daß er für Abends als Vorleſer angeſtellt wäre. Würde der Gehalt dieſes Mannes als Vorleſer für den Abend zu jener andern Summe, die wir, um Ihre Ausdrucksweiſe beizubehal⸗ ten,„fette Weide“ nennen wollen, hinzugefügt werden, oder in derſelben, oder in der„fetten Weide“ unter⸗ gehn?“ „Nun,“ ſagte Mr. Boffin,„ich denke, er würde hin⸗ zugefügt werden.“ „Das denke ich auch, Sir. Sie haben recht, Sir. Ganz meine Anſicht, Mr. Boffin.“ Hier ſtand Mr. Wegg auf und ſchwebte, ſich auf ſeinem hölzernen Bein balancirend, mit ausgeſtreckter Hand über ſeiner Beute. „Mr. Boffin, ſehen Sie die Sache als geſchehen an. Sagen Sie nichts weiter, Sir, kein Wort weiter dar⸗ über.“ Meine Bude und ich ſind auf immer geſchieden. Die Sammlung der Balladen wird in Zukunft für den Privatgebrauch aufbehalten bleiben, um die Dichtkunſt in den Dienſt der Freundſchaft zu preſſen.“ Wegg war ſo ſtolz auf dieſen Ausdruck, daß er denſelben wieder⸗ holte—„Dienſt der Freundſchaft zu preſſen. Mr. Boffin, laſſen Sie ſich durch den Schmerz, den es mir macht, mich von meiner Bude und meinen Waaren zu trennen, nicht bekümmern. Mein Vater empfand dieſelbe Rührung, als er für ſeine Verdienſte von ſeiner Beſchäf⸗ tigung als Bootführer zu einer Staatsanſtellung beför⸗ dert ward. Sein Taufname war Thomas. Seine Worte „Was giebt's, meine Liebe?“ „Ich weiß es nicht; ich weiß es nicht; aber ich wollte, Du kämſt herauf.“ Mr. Boffin ging höchſt erſtaunt die Treppe hinauf und begleitete Mrs. Boffin in ihr Zimmer: ein zweites großes Zimmer in derſelben Etage, in der das Zimmer gelegen war, in welchem der frühere Beſitzer geſtorben war. Mr. Boffin ſchaute ſich rings um und erblickte nichts Ungewohnteres, als verſchiedene Stücke zuſammen⸗ gelegter Leinwand auf einer großen Kiſte, welche Mrs. Boffin auszuſuchen beſchäftigt geweſen. „Was giebt's, meine Liebe? Ei, Du biſt erſchrocken! Du erſchrocken?“ „Ich gehöre allerdings nicht zu Denen, die ſo leicht erſchrocken ſind,“ ſagte Mrs. Boffin, indem ſie ſich auf einen Stuhl niederließ, um ſich zu erholen, und den Arm ihres Gatten nahm;„aber es iſt ſehr ſeltſam!“ „Was, meine Liebe?“ „Noddy, die Geſichter des alten Mannes und der beiden Kinder ſind heut' Abend überall im ganzen Hauſe zugegen.“ „Meine Liebſte!“ rief Mr. Boffin aus, doch nicht, ohne ſich eines gewiſſen unbehaglichen Gefühls den Rücken hinab bewußt zu ſein. „Ich weiß, daß es thöricht klingen muß, und dennoch iſt es der Fall.“ „Wo glaubſt Du, ſie geſehen zu haben?“ „Ich weiß nicht, daß ich ſie irgendwo geſehen zu ha⸗ ben glaube. Ich fühlte ſie.“ „Berührteſt ſie?“ „Nein. Fühlte ſie in der Luft. Ich war beſchäftigt, jene Leinwand auszuſuchen, die dort auf der Kiſte liegt, und dachte gar nicht an den alten Mann, noch an die Kinder, ſondern ſang vor mich hin, als ich mir plötzlich bewußt ward, daß ein Geſicht aus dem Finſtern hervor⸗ wachſe.“ 156 157 Welch , „Einen Mannes u Augenblich Un Hie und fuh⸗ Singen Anderes aus denn neue Hal aleer Geu legte, als zu verſtec Da d Boffin es „Ulnd Mei Zimmer ſelber: Mannes wunden! in das 31 war die! „Von „Ja, hinter de fanden u Dich.“ Mr. Gattin a keit, die „Ich mann,„i er ſoll hi hörte und Andere ſpuke. 583c ſagte M Nacht da ſen, als Mord ei habe mie „Und ſagte M daß Du wübelteſt t„Ja; fragte M 3 3 offin, Boffin dem er er mit und ſich fühlte; ganzen er auf. ihrer Stelle itte auf Schwere ſie ihn artung n ſein einem wollte, hinauf zweites Zimmer eſtorben erblickte ammen⸗ de Mr. hrocken! ſo leicht ſich auf den Arm und der en Hauſe Hnicht, Rücken dennoch zu ha⸗ ſchäftigt, ſte liegt, an die plötzlich hervor⸗ 157 „Welches Geſicht?“ fragte ihr Gatte, um ſich ſchauend. „Einen Augenblick war es das Geſicht des alten Mannes und dann wurde es jünger. Dann war es einen Augenblick das der beiden Kinder und dann ward es älter. Und dann war es einen Augenblick ein fremdes Geſicht und dann alle Geſichter zugleich.“ „Und dann war es verſchwunden?“ „Ja; und dann war es verſchwunden.“ „Wo warſt Du in dem Augenblicke, meine Alte?“ „Hier an der Kiſte. Nun; ich erholte mich wieder und fuhr wieder in meiner Beſchäftigung und meinem Singen fort. Ei! ſprach ich zu mir, ich will an etwas Anderes denken— etwas Angenehmes— und es mir aus dem Sinn ſchlagen. Ich dachte deshalb an das neue Haus und an Miß Bella Wilfer, und dachte mit aller Gewalt, indem ich jenes große Betttuch zuſammen⸗ legte, als die Geſichter ſich plötzlich zwiſchen den Falten zu verſtecken ſchienen, und ich es fallen ließ.“ Da das Betttuch noch am Boden lag, nahm Mr. Boffin es auf und legte es auf die Kiſte. „Und dann liefſt Du die Treppe hinunter?“ „Nein. Ich dachte, ich wolle es in einem anderen Zimmer verſuchen und es vergeſſen. Ich ſprach zu mir ſelber: Ich will dreimal langſam im Zimmer des alten Mannes auf und ab gehen, und dann werde ich es über⸗ wunden haben. Ich ging mit dem Lichte in der Hand in das Zimmer, doch ſowie ich mich dem Bette näherte, war die Luft voll von ihnen.“ „Von den Geſichtern?“ „Ja, und ich fühlte ſogar, daß ſie ſich im Finſtern hinter der Seitenthür und auf der kleinen Treppe be⸗ fanden und in den Hof hinaus ſchwebten. Da rief ich Dich.“ Mr. Boffin ſchaute, in Staunen verſunken, ſeine Gattin an. Mrs. Boffin, in ihrer ängſtlichen Unfähig⸗ keit, die Sache zu begreifen, ſchaute ihren Gatten an. „Ich denke, meine Liebe,“ ſagte der Goldene Kehricht⸗ mann,„ich will Wegg lieber ſogleich heimſchicken, denn er ſoll hier in der Laube wohnen, und wenn er dies hörte und es bekannt würde, ſo könnte er oder könnten Andere es ſich in den Kopf ſetzen, daß es im Hauſe ſpuke. Wohingegen wir es beſſer wiſſen. Wie?“ „Ich hatte dies Gefühl noch nie hier im Hauſe,“ ſagte Mrs. Boffin,„und ich bin zu allen Stunden der Nacht darin umhergewandert. Ich bin im Hauſe gewe⸗ ſen, als der Tod hier war, und bin drin geweſen, als der Mord einen neuen Theil ſeiner Erlebniſſe bildete, und habe mich noch nie hier gefürchtet.“ „Und wirſt Dich nicht wieder fürchten, meine Liebe,“ ſagte Mr. Boffin.„Verlaß Dich drauf, es kam daher, daß Du auf jener dunklen Stelle verweilteſt und grübelteſt.“ „Ja; aber warum iſt es nicht ſchon früher gekommen?“ fragte Mrs. Boffin. Dies vermochte Mr. Boffin's Philoſophie nur durch die Bemerkung zu beantworten, daß Alles, was ſich über⸗ haupt ereignet, zu irgend einer Zeit zum erſtenmale ge⸗ ſchehen muß. Dann zog er den Arm ſeiner Gattin durch den ſeinigen, damit ſie nicht allein bliebe und abermals der Furcht preisgegeben ſei, und ging mit ihr hinunter, um Wegg zu entlaſſen, der, da er ſich nach ſeiner reich⸗ lichen Mahlzeit etwas ſchläfrig fühlte und überhaupt eine Schmarotzernatur beſaß, froh genug war, von dannen zu ſtampfen, ohne zu thun, was er zu thun gekommen war und wofür er bezahlt wurde. Dann ſetzte Mr. Boffin ſeinen Hut auf und Mrs. Boffin hüllte ſich in ihren Shawl ein; und das Paar ging, mit einem Schluͤſſel und einer brennenden Laterne Nachteſſen hereinkamen. Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 158 gerüſtet, im ganzen düſtern Hauſe umher— düſter überall, ihre eigenen beiden Zimmer ausgenommen— vom Keller bis zu den Dachkammern. Hiermit noch nicht zufrieden, verfolgten ſie Mrs. Boffin's Viſionen bis in den Hof und die Nebengebäude und bis unter die Hügel. Und als dies geſchehen, ſetzten ſie die Laterne am Fuße eines der Hügel nieder, und machten einen gemüthlichen Abend⸗ ſpaziergang im Hofe, damit die finſtern Spinngewebe aus Mrs. Boffin's Gehirn hinweggeweht würden. „So, meine Liebe!“ ſagte Mr. Boffin, als ſie zum „Das war die richtige Behand⸗ lung. Das hat Dich vollkommen geheilt, wie?“ „Ja, Herzchen,“ ſagte Mrs. Boffin, ihren Shawl ablegend.„Ich bin nicht länger ängſtlich. Ich fürchte mich nicht im Geringſten mehr. Ich würde, wie ſonſt, durch das ganze Haus gehen können. Aber—“ „Wie?“ ſagte Mr. Boffin. „Aber ich brauche nur die Augen zu ſchließen.“ „Und was dann?“ „Nun, dann,“ ſagte Mrs. Boffin mit geſchloſſenen Augen und indem ſie nachdenklich mit der Linken ihre Stirn berührte,„dann ſind ſie wieder da! Das Geſicht des alten Mannes, und es wird jünger. Die Geſichter der beiden Kinder, und ſie werden älter. Ein Geſicht, das ich nicht kenne. Und dann alle Geſichter zugleich!“ Indem ſie darauf die Augen wieder öffnete, und auf der anderen Seite des Tiſches das Geſicht ihres Gatten erblickte, beugte ſie ſich vorwärts, um ihn auf die Wange zu pätſcheln, und ſetzte ſich zum Nachteſſen nieder, indem ſie das ſeinige für das beſte Geſicht in der ganzen Welt erklärte. Sechszehntes Capitel. Eine Kleinkinderbewahranſtalt. Der Secretär verlor keine Zeit, ſich ans Werk zu machen, und ſeine Wachſamkeit und ſein methodiſches Verfahren machten ſich bald in den Angelegenheiten des Goldenen Kehrichtmannes bemerkbar. Sein ernſtliches Verlangen, jede Arbeit, die ſein Prinzipal ihm übergab, nach jeder Richtung hin zu begreifen, kam ſeiner Schnel⸗ ligkeit in der Ausführung derſelben gleich. Er nahm keine Auskunft oder Erklärung aus zweiter Hand an, ſondern machte ſich Herr über Alles, was ihm anver⸗ traut ward. Eine Seite in dem Benehmen des Secretärs, die ſich durch deſſen ganzes übrige Weſen hinzog, hätte von einem Manne, der eine beſſere Menſchenkenntniß beſeſſen, als der Goldene Kehrichtmann, mißdeutet werden können. Der Secretär war ſo weit als möglich von aller Neu⸗ gierde oder Aufdringlichkeit entfernt, doch wollte er ſich mit nichts Geringerem, als einer vollſtändigen, gründ⸗ lichen Kenntniß der ſämmtlichen Geſchäftsangelegenheiten ſeines Herrn begnügen. Es ergab ſich bald(aus dem Verſtändniſſe mit dem er anfing), daß er nach der Er⸗ pedition geweſen ſein mußte, wo Harmon's Teſtament aufbewahrt wurde, und daſſelbe dort geleſen hatte. Wenn Mr. Boffin in Erwägung zog, ob er ihn über dieſen oder jenen Gegenſtand zu Rathe ziehen ſolle, gab er ihm zu verſtehen, daß er bereits mit demſelben bekannt ſei und ihn vollkommen verſtehe. Er that dies, ohne die geringſte Heimlichkeit dabei zu ſuchen, und, wie es ſchien, in der Ueberzeugung, daß es einen Theil ſeiner bei ihm? Er hatte im neuen Hauſe ein zeitweiliges Geſchäfts⸗ „Ich will ſogleich ſchreiben. Erlauben Sie mir, Ihnen dafür zu danken, daß Sie meinem Biderſtreben 159 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 160 V 161 1 Pflicht ausmache, auf allen Seiten für dieſelbe gerüſtet V ſcheinen des Secretärs zu bedingen, denn dieſelbe belief den Kop⸗ zu ſein. ſich nur auf Folgendes: Da Hexam's Tod den recht⸗ Waiſen i Dies hätte, wie geſagt, in einem etwas weltklugeren ſchaffenen Mann mit dem ſchweißgebadeten Angeſicht den wilde Manne, als der Goldene Kehrichtmann war, einiges un⸗ um ſeinen Vortheil gebracht, hatte der rechtſchaffene Der Wa beſtimmte Mißtrauen erwecken können. Auf der anderen Mann mit mancherlei Ausflüchten und jener ernſtlichen fänftauſe Seite war der Secretär ſcharfſichtig, diseret und ſchweig- Anſtrengung, die in Rechtsgelehrtenkreiſen unter dem Aus⸗ paſteten ſam, obgleich ſo eifrig, wie wenn die Angelegenheiten drucke:„Durch eine ſteinerne Mauer hindurchſchwören“ Mittag ſeine eigenen geweſen wären. Er verrieth keinen Hang, bekannt iſt, geweigert, ſein Angeſicht umſonſt dem Schweiße wurde in den Gönner zu ſpielen oder ſich des Geldes wegen ge⸗ preiszugeben. In Folge deſſen war jenes neue Licht kni⸗ Waare achtet zu machen, ſondern zog es offenbar vor, beides an ſternd erloſchen. Doch das An⸗die⸗Luft⸗bringen der alten und bto Mr. Boffin abzutreten. Falls er in ſeiner beſchränkten Thatſachen hatte Jemanden, der an der Sache betheiligt vom M Sphäre Macht ſuchte, ſo war dies die Macht des Wiſſens; war, bewogen, Andere darauf aufmerkſam zu machen, daß berichte die Macht, die er aus einem vollkommenen Verſtänd⸗ V es, ehe man dieſelben in ihre düſteren Actenkaſten zurück⸗ fämen, niſſe ſeines Geſchäfts ſchöpfte. V legte— und zwar wahrſcheinlich auf immer—, gerathen tteckt, u Dieſelbe unerklärliche Wolke die auf dem Geſichte des ſei, jenen Julius Handford aufzurufen und zu unter⸗ den M Secretärs ruhte, umzog auch ſein ganzes Weſen. Nicht ſuchen. Und da jede Spur von Mr. Julius Handford erfüllt w etwa, daß er, wie an jenem erſten Abend bei der Familie verloren war, kam Lightwood jetzt bei ſeinem Clienten vurde ein Wilfer, verlegen geweſen wäre; er war jetzt völlig frei um Vollmacht ein, ihn durch die öffentlichen Blätter zu ſeeartiges von aller Verlegenheit, doch jenes gewiſſe Etwas war ſuchen. durch ver zurückgeblieben. Seine Manier war nicht ſchlecht, wie V„Geht Ihr Widerwille ſo weit, daß Sie auch nicht Waiſenin ſie es bei jener Gelegenheit geweſen; dieſelbe war jetzt an Lightwood zu ſchreiben wünſchen, Rokeſmith?“ zurückhiel vielmehr ſehr gut, beſcheiden, freundlich und dienſtbereit.„Durchaus nicht, Sir.“ lic dutz Doch jenes Etwas verließ ihn nie. Man lieſt von Leuten,„Dann ſchreiben Sie ihm vielleicht eine Zeile, um Markt ſt ddie eine lange, grauſame Gefangenſchaft erduldet, oder ihm zu ſagen, daß er thun mag, was ihm beliebt. Mir allgemein eeine fürchterliche Gefahr überſtanden, oder zur Selbſter⸗ ſcheint nicht, daß die Sache viel verſpricht.“ all dieſe haltung einen vertheidigungsloſen Nebenmenſchen getödtet„Mir ſcheint, die Sache verſpricht ſehr wenig,“ ſagte gen Geſch haben, daß das Zeichen hiervon bis zu ihrem Tode nie der Secretär. zum Grun von ihrem Antlitze gewichen. War es ein ſolches Zeichen„Dennoch ſoll er thun, was ihm gut dünkt.“ del; und konnten Milvey n zimmer für ſich eingerichtet und Alles ging gut unter ſo rückſichtsvoll nachgegeben haben. Daſſelbe mag Ihnen Endl ſeinen Händen— mit einer einzigen ſonderbaren Aus⸗ weniger unverſtändig erſcheinen, wenn ich Ihnen bekenne, würden nahme. Er wich abſichtlich jedem Verkehr mit Mr. daß ich, obgleich ich Mr. Lightwood nicht kenne, eine un⸗ richt, de Boffin's Rechtsanwalte aus. Gelegenheit zu einem ſolchen Verkehr vorkam, überließ er Zwei oder dreimal, wo „Es iſt wahr,“ ſagte der Secretär.„Ich möchte lieber nicht mit ihm zuſammenkommen.“ Mr. Boffin fragte, ob er perſönlich etwas gegen Mr. Lightwood einzuwenden habe? „Ich kenne ihn nicht.“ Ob er durch Prozeſſe gelitten? „Nicht mehr, als andere Leute,“ war ſeine kurze Antwort. Ob er ein Vorurtheil gegen das Advokatengeſchlecht der Spitze aller Zeitungen, und jeden Tag während der V ſelbe u hege? ſechs Wochen, wenn er dieſelbe ſah, ſagte der Secretär M. „Nein. Aber während ich in Ihrem Dienſte ſtehe, in demſelben Tone, in dem er zu ſeinem Prinzipale ge⸗ daß 9 Sir, möchte ich lieber nicht als Vermittler zwiſchen dem Advokaten und dem Clienten dienen. Wenn Sie darauf„Mir ſcheint, die Sache verſpricht ſehr wenig!“— beſtehen, Mr. Boffin, ſo bin ich natürlich bereit, mich Unter ſeinen erſten Beſchäftigungen nahm das Suchen Aeufge Ihrem Befehle zu fügen. Doch würde ich es als eine nach jenem Waiſenknaben, den Mrs. Boffin zu finden vſene, große Gunſt von Ihnen anerkennen, wenn Sie nicht ohne wünſchte, eine hervorragende Stelle ein. Vom erſten— ſonſ eine dringende Nothwendigkeit darauf beſtünden.“ Augenblicke ſeines Dienſtantrittes an zeigte er beſondere mnit ſi Es konnte aber nicht geſagt werden, daß eine ſolche Bereitwilligkeit, ihr gefällig zu ſein, und da er wußte, anſcht i dringende Nothwendigkeit vorhanden ſei, denn Mr. Light⸗ daß dieſe Sache ihr am Herzen liege, ging er mit un⸗ dͤbees wood hatte nur noch denjenigen Theil von Mr. Boffin's ermüdlichem Eifer und Intereſſe auf dieſelbe ein. den Geſchäften in Händen behalten, der ſich auf den unent⸗ ckten Mörder und auf den Ankauf des Hauſes bezog. anche andere Dinge, die an ihn verwieſen ſein würden, blieben jetzt beim Secretär liegen, unter deſſen Verwal⸗ Es iſt angenehme Ideenaſſociation mit ihm verbinde. nicht ſeine Schuld; er iſt durchaus nicht dafür zu tadeln, den folgenden Tag wurde Mr. Julius Handford in den Zeitungen aufgerufen. Er wurde erſucht, ſich mit Mr. Mortimer Lightwood in Verbindung zu ſetzen, um wo möglich den Zwecken des Geſetzes zu dienen, und es wurde eine Belohnung an Denjenigen ausgeboten, der den beſagten Mr. Mortimer Lightwood in ſeiner Woh⸗ nung im Tempel in Kenntniß ſetze, wo er zu finden ſei. Sechs Wochen lang erſchien dieſe Annonce jeden Tag an ſprochen, zu ſich ſelber—: Mr. und Mrs. Milvey hatten die Aufgabe ſehr ſchwer gefunden. Eine paſſende Waiſe gehörte entweder dem verkehrten Geſchlechte an(was faſt immer der Fall war) oder war zu alt, oder zu jung, oder zu kränklich, oder Waiſenk men Mr. Boffin die Aufgabe; und ſein Ausweichen wurde ſo und kennt ſelbſt nicht einmal meinen Namen.“ ai auffallend, daß Mr. Boffin über dieſes Widerſtreben mit Mr. Boffin ließ die Sache, ein paarmal mit dem Gemeinde ihm redete. Kopfe nickend, fallen. Der Brief wurde geſchrieben und eie an Großmut genehmen Mes. B. das W. mütterlich ſich fort aber nich zu ſchmutzig, oder zu ſehr an die Straßen gewöhnt, oder tung dieſelben weit ſchneller und befriedigender beſeitigt zu ſehr zum Fortlaufen geneigt; oder es war unmöglich, wurden, als dies mit ihnen der Fall geweſen, falls ſie in den Bezirk des jungen Blight gerathen wären. Dies das menſchliche Vorhaben auszuführen, ohne die Waiſe begriff der Goldene Kehrichtmann vollkommen. Selbſt zu kaufen. Denn ſowie es bekannt wurde, daß Jemand mannig die Sache, welche zu dieſer Erörterung Anlaß gegeben, die Waiſe haben wolle, tauchte plötzlich ein zärtlicher endlich zeigt, d war von zu geringer Bedeutung, um das perſönliche Er⸗ v var, an Verwandter der Waiſe auf, und ſetzte einen Preis auf — doz unſer 160 belief recht⸗ deſicht haffene ſtlichen m Aas. woͤreme ſchweiße ht kni. r alten eheiligt en, daß zurück⸗ gerathen unter. andford Liienten tter zu c vicht eile, um bt. Mir “ ſagte ie mir, erſtreben 3 Ihnen bekenne, eine un⸗ Es iſt u tadeln, mit dem ben und d in den mit Mr. um wo und es oten, der ner Woh⸗ unden ſei. n Tag an hrend der Secretät zipale ge⸗ nig!“ ss Suchen zu finden m erſten beſondere r wußte, mit un⸗ . ir ſchwer Freund. 162 161 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Der Waiſenknabe mochte um neun Uhr Morgens an fünftauſend Procent Disconto bei einer Kinderfrau Sand⸗ paſteten fabriciren: ſowie er geſucht wurde, ſtieg er bis Mittag bis auf fünftauſend Procent Prämie. Der Markt wurde in verſchiedenartiger ſchlauer Weiſe verſehen. Falſche Waare circulirte. Eltern ſtellten ſich dreiſt als todt dar und brachten ihre Waiſen mit. Echte Waiſenwaare wurde vom Markte entfernt. Sowie die aufgeſtellten Vorpoſten berichteten, daß Mr. und Mrs. Milvey den Hof hinab⸗ kämen, wurde das Waiſenwürmchen augenblicklich ver⸗ ſteckt, und nicht eher gezeigt, als bis die gewöhnlich von den Mäklern geſtellte Bedingung„eines Maaßes Bier“ erfüllt worden. Und ebenſo wurde ein heftiges und ſüd⸗ ſeeartiges Schwanken da⸗ durch verurſacht, daß die Waiſeninhaber ihr Waare zurückhielten und dann plötz⸗ lich dutzendweiſe auf den Markt ſtürzten. Doch der allgemeine Grundſatz, der all dieſen verſchiedenarti⸗ gen Geſchäftsverhandlungen zum Grundelag, war Han⸗ del; und dieſen Grundſatz konnten Mr. und Mrs. Milvey nicht anerkennen. Endlich erhielt Se. Ehr⸗ würden Frank Milvey Nach⸗ richt, daß ein allerliebſter Waiſenknabe in Brentford zu finden ſei. Die verſtor⸗ bene Mutter(die ſeiner Gemeinde angehört) hatte eine arme, verwittwete Großmutter in jener an⸗ genehmen Stadt, und dieſe, Mrs. Betty Higden, hatte das Waiſenknäbchen mit mütterli Sorgfalt mit ſich fortgenommen, hatte aber nicht die Mittel, daſ⸗ ſelbe zu ernähren. Der Secretär machte Mrs. Boffin den Vorſchlag, daß er entweder ſelbſt hinausgehe und eine vor⸗ läufige Beſichtigung dieſes Armen angehakt war, der mit einem kopfloſen Pferde an einer Linie in der Modde angelte. In dieſem jungen Fiſcher, der ſich durch einen krauslockigen, rothbraunen Kopf und ein gedunſenes Antlitz auszeichnete, erkannte der Secretär den Waiſenknaben. Als ſie ihre Schritte beſchleunigten, ereignete es ſich unglücklicherweiſe, daß der Waiſenknabe, der in der Gluth für ſeine intereſſante Beſchäftigung für den Augenblick alle Rückſicht auf ſeine perſönliche Sicherheit aus den Augen ſetzte, das Gleichgewicht verlor und auf die Straße herauspurzelte. Da er ein Waiſenknabe von runder Leibesbeſchaffenheit war, fing er an zu kugeln und kugelte bis in den Rinnſtein, ehe ſie zu ihm hinankommen konn— ten. Mr. John Rokeſmith rettete ihn aus dem Rinn⸗ ſtein, und auf dieſe Weiſe wurde ihr erſtes Begegnen mit Mrs. Higden durch den unangenehmen Um⸗ ſtand gefeiert, daß ſie im Beſitz— auf den erſten Blick hätte man glauben können, daß es im un⸗ rechtmäßigen Beſitz gewe⸗ ſen— des Waiſenknaben waren, und zwar eines Waiſenknaben, der oberſt zu unterſt gekehrt und blau im Geſichte war. Dazu vermehrte das Brett vor der Thür, indem es als Falle ſowohl für die her⸗ auskommende Mrs. Higden, als für die hineingehende Mrs. Boffin und John Rokeſmith diente, um ein Beträchtliches die Schwie⸗ rigkeit der Situation, wel⸗ cher das Geſchrei des Wai⸗ ſenknaben einen düſtern und übernatürlichen Charakter verlieh. Anfangs war es un⸗ möglich, zu einer Erklä⸗ rung zu kommen, da der Waiſenknabe„den Athem anhielt“: ein entſetzliches Verfahren, das bei dem Waiſenknaben eine bleifar⸗ bene Steifheit und eine Todtenſtille bewirkte, mit der verglichen ſein Geſchrei eine Muſik war, welche den Waiſenknaben vornähme, oder ſonſt ſie hinausführe, damit ſie ſich ihre eigene Anſicht über denſelben bilden könne. Da Mrs. Boffin Letzteres vorzog, machten ſie ſich eines Morgens in einem gemietheten Phaéton auf den Weg und nahmen den hammerköpfigen jungen Mann auf dem Bedienten⸗ ſitze mit. Mrs. Betty Higden's Wohnung war nicht leicht zu finden, indem dieſelbe in ſo complicirten Hintercolonien des ſchmutzigen Brentford lag, daß ſie ihre Equipage vor dem Wirthshauſe zu den„Drei Elſtern“ ſtehen ließen und ihre Entdeckungsreiſe zu Fuße fortſetzten. Nach mannigfachen Forſchungen und Täuſchungen ward ihnen endlich in einem Nebengäßchen eine ſehr kleine Hütte ge⸗ zeigt, deren offene Thür mit einem Querbrette verſehen war, an dem ein junger Herr von zartem Alter bei den Mrs. Boffin findrt eine Waiſe.(Seite: 161.) höchſten Genuß bot. Doch wie er ſich allmälig erholte, ſtellte Mrs. Boffin ſich all⸗ mälig vor, und lächelnder Friede kehrte wieder in Mrs. Betty Higden's Wohnung ein. Dieſelbe ſtellte ſich dann als eine ſehr kleine Woh⸗ nung mit einer großen Wäſchrolle heraus, an deren Griffende ein ſehr langer Knabe mit einem ſehr kleinen Kopfe und einem offenen Munde von unverhältnißmäßiger Capacität ſtand, welcher letztere ſeinen Augen behülflich zu ſein ſchien, die Gäſte anzuſtieren. In einem Winkel jenſeit der Rolle ſaßen auf zwei Schemeln zwei ſehr kleine Kinder: ein Knabe und ein Mädchen; und als der ſehr lange Knabe nach einer Pauſe des Stierens die Rolle in Bewegung ſetzte, war es ein beunruhigender Anblick, wie dieſelbe ſich auf dieſe beiden Unſchuldigen ſtürzte, gleich einem Catapult, dem ihre Vernichtung als Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 11 ſich ein Ziegelſteinfußboden, ein Fenſter mit ſehr kleinen ſchief geſchnittenen Glasſcheiben, und eine Gardine vor dem Kamine; und vor der Außenſeite des Fenſters ſah man Bindfaden, der ſich von oben nach unten zog, und an dem, falls die Götter günſtig wären, im nächſten Jahre Schlingbohnen wachſen ſollten. Doch wie günſtig ſie ſich auch in vergangenen Jahren in Bezug auf Boh⸗ nen gegen Mrs. Betty Higden gezeigt haben mochten— es war klar, daß ſie dies in Bezug auf Goldmünze nicht geweſen, denn man ſah ohne Mühe, daß ſie arm war. Mrs. Betty Higden war eine von jenen alten Frauen, die ſich vermöge eines unbezwinglichen Willens und einer kräftigen Conſtitution durch viele Jahre hindurchkämpfen, obgleich jedes Jahr mit neuen Schlägen gegen ſie in den Kampf trat; eine thätige alte Frau mit einem klaren Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. dunklen Auge und einem entſchloſſenen Geſicht, und den⸗ noch zugleich ein liebevolles altes Geſchöpf; nicht etwa eine logiſch denkende alte Frau, doch Gott iſt gut, und im Himmel gelten vielleicht die Herzen ebenſo viel wie die Köpfe. 6 „Ja, gewiß!“ ſagte ſie, als das Geſchäft eröffnet. ward,„Mrs. Milvey hatte die Güte, mir zu ſchreiben, und ich ließ es mir von Sloppy vorleſen. Es war ein hübſcher Brief. Aber ſie iſt auch eine freundliche Dame.“ Die Gäſte blickten den langen Knaben an, der ſich durch ein heftigeres Stieren ſeines Mundes und ſeiner Augen als Sloppy zu bekennen ſchien. „Denn Sie müſſen wiſſen,“ ſagte Betty,„daß ich mich nicht ſehr auf geſchriebene Schrift verſtehe, obgleich ich meine Bibel und das meiſte Gedruckte leſen kann. Und ich liebe die Zeitung. aber Sloppy iſt ein herrlicher Zeitungsleſer. die Polizeiberichte mit verſchiedenen Stimmen.“ Die Gäſte hielten es abermals für eine Sache der Höflichkeit, Sloppy anzuſchauen, der, indem er ſie an⸗ ſchaute, plötzlich ſeinen Kopf zurückwarf, den Mund zu ſeiner äußerſten Weite aufſperrte und laut und lange lachte. Köpfe ſich in ſo drohender Gefahr befanden, ebenfalls an zu lachen, und Mrs. Higden lachte, und der Waiſenknabe lachte, und dann lachten die Gäͤſte ebenfalls,— was eher fröhlich, als begreiflich zu nennen war. Darauf machte ſich Sloppy, der von einer fleißigen Wuth ergriffen zu werden ſchien, an die Rolle und ſtürzte dieſelbe mit ſolchem Gekrach und Gepolter an die Köpfe der Unſchuldigen, daß Mrs. Higden ihn einhalten ließ. Er lieſt Sie ſollten es kaum glauben, Hierüber fingen die beiden Unſchuldigen, deren ehe man es dorthin bringt. „Die Herrſchaften können ihr eigenes Wort nicht hö⸗ ren, Sloppy. Wart' ein Biſſel, wart ein Biſſel.“ „Iſt dies das liebe Kind, welches Sie auf dem Schooße haben?“ fragte Mrs. Boffin.“ „Ja, Madam, dies iſt Johnny.“ „Er heißt Johnny!“ rief Mrs. Boffin zum Secre⸗ tär gewendet;„ſchon Johnny! einer der beiden Namen zu geben. Kind!“ Er ſchaute, indem er auf ſeine ſchüchterne Kinderweiſe Es bleibt ihm nur noch Er iſt ein hübſches ſein Kinn einzog, Mrs. Boffin verſtohlen mit ſeinen blauen Augen an und reichte ſeine kleine fette Hand mit den vielen Grübchen zu den Lippen der alten Frau hinauf, welche dieſelbe von Zeit zu Zeit küßte. „Ja, Madam, er iſt ein hübſches Kind, er iſt ein lie⸗ bes, herziges Kind, er iſt das Kind der Tochter, meiner eigenen armen lieben letzten Tochter. Aber ſie iſt all den Uebrigen gefolgt.“ „Jene ſind nicht ſeine Geſchwiſter?“ fragte Mrs. Boffin. es aufgeben, nachdem ſie ſo tief geſunken ſind, ſeren großartigen Reden? Britiſche Unabhängigkeit— Art die alte Leier? 164 „O, nein, Madame. Jene ſind Klein⸗Kinder.“ „Klein⸗Kinder?“ wiederholte der Secretär. „Hiergelaſſen, damit ich nach ihnen ſehe, Sir. Ich Kommt her, Toddles und Poddles.“— Toddles war der Zärtlichkeitsname des Knaben, Pod⸗ dles der des kleinen Mädchens. Sie kamen Hand in Hand mit ihren kleinen unſicheren Schritten über den V Fußboden daher, wie wenn ſie ein außerordentlich ſchwie⸗ riges Terrain, das von vielen Strömen durchſchnitten, zu durchwaten hätten, und machten dann, nachdem Mrs. Betty Higden ihnen die Köpfe gepätſchelt, Angriffe auf den Waiſenknaben, die ein dramatiſcher Darſtellungsver⸗ ſuch waren, wie ſie ihn als Gefangenen zur Sclaverei abführen wollten. Alle drei Kinder ergötzten ſich hieran im höchſten Grade, und der theilnehmende Sloppy lachte abermals lange und laut. Als es Zeit ward dem Spiele ein Ende zu machen, ſagte Mrs. Betty Higden:„Geht wieder an Eure Plätze, Toddles und Poddles“, und ſie kehrten Hand in Hand durch das ſchwierige Terrain, deſ⸗ ſen Ströme durch kürzliche Regengüſſe angeſchwollen ſchie⸗ nen, zurück. „Und Maſter— oder Miſter— Sloppy?“ ſagte der Secretär, im Zweifel, ob er ein Mann oder ein Knabe oder was ſei. „Ein Kind der Liebe,“ ſagte Betty Higden mit ge⸗ ſenkter Stimme;„Eltern unbekannt; ward auf der Straße gefunden. Er wurde im—“, mit einem Schaudern des Widerwillens,„im— Hauſe aufgezogen.“ „Im Arbeitshauſe?“ fragte der Secretär. Mes. Higden's entſchloſſenes altes Geſicht verdüſterte ſich und ſie nickte ein finſteres Ja. „Sie erwähnen des Hauſes nicht gern?“ „Ob ich ſeiner nicht gern erwähne?“ entgegnete die alte Frau.„Man tödte mich lieber, ehe man mich dort⸗ hin bringt. Man werfe dies hübſche Kind lieber unter die Pferdefüße oder unter die Räder eines Frachtwagens, Man komme und finde uns Alle im Sterben, und zünde das Haus an, in dem wir liegen, und laſſe uns Alle lieber mit der ſelben zu Aſche verbrennen, ehe man unſere Leichnan dorthin bringt!“. Eine erſtaunliche Energie, Mylords und meine Herren vom Ehrenwerthen Armenausſchuſſe, in dieſer einſamen alten Frau nach ſo vielen Jahren ſchwerer Arbeit und mühevollen Daſeins! Wie nennen wir dies noch in un⸗ eine etwas verkehrte? Iſt nicht dies oder etwas dieſer „Leſe ich etwa nie die Zeitungen,“ ſagte die alte Frau, das Kind hätſchelnd—„Gott helfe mir und mei⸗ nes Gleichen!— wie die erſchöpften Creaturen, die dazu hinabſinken, von Pontius nach Pilatus und von Pi⸗ latus nach Pontius gejagt werden, ausdrücklich, um ih⸗ nen allen Muth und alle Kraft zu nehmen! Leſe ich etwa nie, wie man ſie warten, warten, warten läßt, und ihnen das Obdach, oder den Arzt, oder den Tropfen Me⸗ dicin, oder das Stückchen Brod vorenthält und mißgönnt? Leſe ich etwa nie, wie ihnen das Herz ſinkt, und wie ſie und wie ſie ſchließlich dennoch aus Mangel an Hülfe umkom⸗ V men? Darum ſage ich, daß ich ebenſo gut ſterben kann,“ wie Andere, und daß ich lieber ohne jene Schande ſter⸗ —— ben will.“ 1 Iſt es durchaus unmöglich, Mylords und meine Herren vom Ehrenwerthen Armenausſchuſſe, dieſe verkehrten Lu beſchinpfe Ein g vom Ehre thern der Dürfte e Gelegenh Die rem Ant endigte,! „Und beſpräch lenkend. kam zue Mr. Bl. würde, d ich würd war dam lich kein ſeinen der er g iſt kein können einen 2 Slo viel von Breite d Winkel. Weſen, Knäpfen Vd Sloy unnn Qſlbe n dern d befand meiner Leben ungsver Sclaverei hieran y lachte Spiele „Geht und ſie ain, deſ⸗ len ſchie⸗ ſagte oder ein mit ge⸗ Straße dern des erdüſterte nnete die ich dort⸗ er unter twagens, inde uns in dem ſelben zu dorthin ne Herren einſamen beit und h in un⸗ igkeit— das dieſer die alte und mei⸗ die dazu von Pi⸗ um ih⸗ Liſe ich äßt, und ffen Me⸗ ißgönnt! d wie fie und wie umkom⸗ ben kann, ande ſter ne berren zen Leute 4 tten — Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. durch irgend eine Anſtrengung geſetzgebender Weisheit in ihrer Logik zu verbeſſern? „Johnny, mein hübſches Herzchen,“ fuhr die alte Betty, das Kind liebkoſend, fort, und mehr über daſſelbe trau⸗ ernd, als zu ihm redend,„Deine alte Großmama iſt ih⸗ rem achtzigſten Jahre näher, als ihrem ſiebenzigſten. Sie hat in ihrem ganzen Leben nie g telt oder einen Hel⸗ ler Armengeld genommen. Sie te, wenn ſie Geld hatte, ſie arbeitete, wenn ſie konnte, und ſie hungerte, wenn ſie hungern mußte. Bete, daß Deine Großmama, wenn ſie ſich ihrer letzten Stunde naht(und für eine ſo alte Frau iſt ſie noch kräftig genug, Johnny), die Kraft haben möge, ſich lieber von ihrem Lager zu erheben, ſich zu verſtecken und in einem Loche zu ſterben, ehe ſie in die Hände jener grauſamen Haie fällt, von denen man lieſt, welche die anſtändigen Armen hierhin und dorthin treiben und hetzen und hin⸗ und herſchicken, und verachten und beſchimpfen.“ Ein glänzender Erfolg, Mylords und meine Herren vom Ehrenwerthen Armenausſchuſſe, es in den Gemü⸗ thern der beſſeren Armen hierhin gebracht zu haben! Dürfte es vielleicht der Mühe werth ſein, die Sache bei Gelegenheit einmal in Erwägung zu ziehen? Die Angſt und der Abſcheu, die Mrs. Betty aus ih⸗ rem Antlitze verbannte, indem ſie dieſe Abſchweifung be⸗ endigte, bewies, wie ernſtlich ſie es gemeint. „Und arbeitet er für Sie?“ fragte der Secretär, das Geſpräch ſanft auf Maſter oder Miſter Sloppy zurück⸗ lenkend. „Ja,“ ſagte Betty mit einem gutmüthigen Lächeln und Kopfnicken.„Und zwar ſehr gut.“ „Und wohnt er hier?“ „Er wohnt mehr hier, als anderswo. Man hielt ihn anfangs für nicht viel beſſer als ſchwachſinnig, und er kam zuerſt zu mir, damit ich nach ihm ſehe. Ich bat Mr. Blogg, den Kirchendiener, daß er zu mir geſchickt würde, da ich ihn zufällig in der Kirche ſah, und dachte, ich würde etwas mit ihm anfangen können. Denn er war damals nur ein ſchwaches, kränkliches Geſchöpf.“ „Wird er bei ſeinem rechten Namen genannt?“ „Je nun, ſehen Sie, richtig genommen hat er eigent⸗ lich keinen rechten Namen. Soviel ich hörte, erhielt er ſeinen Namen nach der regnigten, ſchmutzigen Nacht, in der er gefunden ward.“*) „Er ſcheint ein liebenswürdiger junger Menſch zu ein.“ „Der Herr ſegne Sie, Sir,“ erwiderte Betty,„es iſt kein Zoll an ihm, der nicht liebenswürdig wäre. Sie können alſo berechnen, wie liebenswürdig er iſt, wenn Sie einen Blick auf ſeine Länge werfen.“ Sloppy war von ungeſchicktem Bau. Es war zu viel von ihm in der Länge, zu wenig von ihm in der Breite vorhanden, und er zeigte überall zu viele ſpitze Winkel. Eines jener ſchlottrigen männlichen menſchlichen Weſen, die zu einer indiscret offenen Zurſchauſtellung von Knöpfen geboren ſind; jeder Knopf, den er an ſich trug, drängte ſich frech der Beachtung des Publikums auf. Sloppy beſaß ein beträchtliches Capital an Elbogen, Knieen, Knöcheln und Handgelenken, und verſtand das⸗ ſelbe nicht in der vortheilhafteſten Weiſe anzulegen, ſon⸗ dern that dies vielmehr ſtets auf die verkehrte Weiſe und befand ſich daher häufig in verlegenen Umſtänden. Ge⸗ meiner Numero Eins im Ungeſchickten⸗Detachement im Lebens⸗Reih⸗und⸗Glied war Sloppy, und hatte dennoch *) sloppy bedeutet: naß, ſchlüpfrig, ſchmutzig. Anmerkung der Ueberſetzerin.„ ſeine dämmernden Begriffe, wie er der Fahne getreu blei⸗ ben müſſe. „Und jetzt,“ ſagte Mrs. Boffin,„um von Johnny zu reden.“ Wie Johnny mit eingezogenem Kinn und hervorſte⸗ den Lippen auf Betty's Schooße lag und ſeine blauen Augen, die er mit einem fetten Aermchen vor Beobach⸗ tung ſchützte, auf die Gäſte concentrirte, nahm Betty eins der ſehr friſchen fetten Händchen in ihre dürre alte Rechte und begann ſanft ihre dürre Linke mit demſelben zu pätſcheln. „Ja, Madam, um von Johnny zu reden.“ „Falls Sie mir das liebe Kind anvertrauen“, ſagte Mrs. Boffin mit einem Geſichte, das zum Vertrauen aufforderte,„ſo ſoll es die beſte Heimath, die beſte Sorg⸗ falt, die beſte Erziehung und die beſten Freunde haben. Ich will ihm, mit Gottes Hülfe, eine treue, gute Mut⸗ ter ſein!“ „Ich bin Ihnen dankbar, Madam, und das liebe Kind würde Ihnen ebenfalls dankbar ſein, wenn es alt genug wäre, um es zu verſtehen,“ ſagte Betty, indem ſie leicht ihre Hand mit der des Kindes zu pätſcheln fort⸗ fuhr.„Ich wollte dem lieben Kinde nicht im Lichte ſtehen, und wenn ich, ſtatt ſo kurzer Friſt, noch mein ganzes Leben vor mir hätte. Aber ich hoffe, daß Sie es nicht übelnehmen werden, daß ich feſter an dem Kinde hänge, als ich mit Worten beſchreiben kann, denn es iſt das letzte lebende Weſen, das mir in der Welt noch bleibt.“ „Uebelnehmen, meine liebe Seele? Iſt das wohl wahrſcheinlich? Nachdem Sie ſich ſo liebevoll gegen ihn gezeigt, ihn hierher heimzubringen!“ „Ich habe,“ ſagte Betty, noch immer das ſanfte Pätſcheln auf ihrer harten, rauhen Hand fortſetzend,„ih⸗ rer ſo Viele hier auf meinem Schooße geſehen. Und ſie haben mich Alle verlaſſen,— dies Eine ausgenommen! Ich ſchäme mich, Ihnen ſo ſelbſtſüchtig zu erſcheinen, aber ich meine es wirklich nicht ſo. Er wird ſein Glück machen, und er wird ein vornehmer Herr ſein, wenn ich todt bin. Ich— ich weiß nicht, was mir einfällt. Ich — verſuche es zu unterdrücken. Achten Sie nicht auf mich!“ Das ſanfte Pätſcheln hörte auf, der entſchloſſene Mund fing an zu zittern, und das brave kräftige alte Geſicht löſte ſich in Weichheit und Thränen auf. Zur großen Herzenserleichterung der Gäſte warf der leicht erregbare Sloppy, ſowie er ſeine Gönnerin in die⸗ ſem Zuſtande erblickte, den Kopf zurück, riß den Mund auf, erhob die Stimme und brüllte. Dieſes beunruhi⸗ gende Signal, daß Etwas nicht ganz richtig gehe, er⸗ ſchreckte Toddles und Poddles ſo ſehr, daß ſie in ein er⸗ ſtaunliches Geſchrei ausbrachen und dadurch Johnny be⸗ wogen, ſich rückwärts zu krümmen, und, mit ein Paar mittelmäßig eleganten Schuhen nach Mrs. Boffin ſtoßend, ſo daß dieſe eine Beute der Verzweiflung wurde. Das Lächerliche der Situation machte ſchnell der Feierlichkeit derſelben ein Ende. Mrs. Betty Higden war augenblick⸗ lich wieder ihr altes Selbſt, und brachte Alle mit ſolcher Geſchwindigkeit wieder zur Ordnung, daß Sloppy, plötz⸗ lich mit ſeinem einſilbigen Geheul innehaltend, ſeine ganze Energie auf die Wäſchrolle verwandte und dieſelbe mehrere Male reumüthig hin⸗ und hergeſchleudert hatte, ehe er ſich innezuhalten bewegen ließ. „So, ſo, ſo!“ ſagte Mrs. Boffin, die ihr freundliches Selbſt faſt als das grauſamſte Weib zu betrachten anfing. „Es ſoll Nichts geſchehen. Es braucht ſich Niemand zu fürchten. Wir ſind Alle ganz glücklich und zufrieden, nicht wahr, Mrs. Higden?“ „Das verſteht ſich,“ erwiderte Betty. 167 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 168 „Nun, dann ſoll Johnny mehr Zeit haben, um ſich's zu überlegen,“ entgegnete Mrs. Boffin;„das hübſche Kind ſoll Zeit haben, um ſich daran zu gewöhnen. Und Sie werden ihn beſſer daran gewöhnen, wenn Sie mehr daran denken, nicht wahr?“ Betty übernahm dies froh und bereitwillig. „Ei,“ rief Mrs. Boffin, indem ſie ſtrahlend um ſich ſchaute,„wir wünſchen Alle glücklich zu machen und nicht etwa traurig! Und Sie hätten vielleicht nichts dawider, mich wiſſen zu laſſen, wie weit Sie ſich daran gewöhnt haben, und wie es hier geht?“ „Ich will Sloppy ſchicken,“ ſagte Mrs. Higden. „Und dieſer Herr, der mich begleitet, wird ihm ſeine Mühe bezahlen,“ ſagte Mrs. Boffin.„Und wenn Sie nach meinem Hauſe kommen, Mr. Sloppy, gehen Sie auf keinen Fall wieder fort, ohne erſt eine gute Mahl⸗ zeit von Fleiſch, Gemüſe, Pudding und Bier zu ge— nießen.“ Dies machte das Ausſehen der Dinge noch glänzen⸗ der; denn als der höchſt theilnehmende Sloppy erſt ſtierte und grinſte und dann vor Lachen brüllte, folgten Toddles und Poddles ſeinem Beiſpiele, und Johnny trumpfte den Stich. Toddles und Poddles, welche dies für eine günſtige Gelegenheit zur Wiederholung jenes dramatiſchen An⸗ griffes auf Johnny hielten, kamen abermals Hand in Hand auf einer Bukanierexpedition über das Land da⸗ her; und ſobald dieſelbe mit großer Tapferkeit auf beiden Seiten in der Kaminecke hinter Mrs. Higden's Stuhle ausgekämpft, kehrten jene beiden verzweifelten Piraten Hand in Hand durch das trockene Bette eines Gebirgs⸗ ſtromes wieder zu ihren Schemeln zurück. „Sie müſſen mir ſagen, Betty, meine Freundin, was ich für Sie thun kann,“ ſagte Mrs. Boffin in vertrau⸗ lichem Tone.„Wenn nicht heute, doch das nächſte Mal.“ „Danke, Madame, aber ich bedarf für mich ſelber Nichts weiter. Ich kann arbeiten. Ich bin kräftig. Ich kann zwanzig Meilen zu Fuß gehen, wenn es ſein muß.“ Die alte Betty war ſtolz und ſagte dies mit einem Blitzen ihrer klaren Augen. „Ja, aber es giebt gewiſſe kleine Annehmlichkeiten, die Ihnen nicht ſchaden würden,“ erwiderte Mrs. Boffin. „Gott ſegne Sie, ich kam ebenſo wenig wie Sie als feine Dame in die Welt.“. „Mir ſcheint,“ ſagte Betty lächelnd,„daß Sie aller⸗ dings als eine feine Dame in die Welt kamen, und zwar als eine echte Dame, wenn es je eine gab. Aber ich könnte nichts von Ihnen annehmen, meine Liebe. Ich habe noch von keinem Menſchen Etwas angenommen. Nicht, daß ich Ihnen nicht dankbar dafür wäre,— aber ich verdiene es mir lieber.“ niemals von mir gelaſſen haben, ſelbſt nicht, um es zu Ihnen gehen zu laſſen. Denn ich liebe ihn, ich liebe ihn, ich liebe ihn! Ich liebe meinen längſt verſtorbenen Mann in ihm; ich liebe meine todten Kinder in ihm; ich kliebe meine glückliche hoffnungsvolle Jugendzeit in ihm. Ich könnte dieſe Liebe nicht verkaufen und Ihnen in das gute freundliche Geſicht ſchauen. Ich gebe Ihnen das Kind aus freien Stücken. Und es mangelt mir an Nichts. Wenn ich nur, ſobald meine Kraft mich verläßt, ſchnell und ruhig ſterben kann, ſo will ich ganz zufrieden ſein. Ich habe mich ſtets zwiſchen meine Todten und jene Schande geſtellt, von der ich ſprach, und die⸗ ſelbe iſt ihnen erſpart worden. In mein Kleid einge⸗ näht,“ ſagte ſie, die Hand auf die Bruſt legend,„befin⸗ det ſich gerade Geld genug, um mich in's Grab zu legen. Sehen Sie nur darnach, daß daſſelbe richtig aus⸗ gelegt wird, damit ich ohne jene Grauſamkeit und Schande Ruhe finde, und dann werden Sie mehr als eine Kleinig⸗ keit und Alles für mich gethan haben, was mir in dieſer Welt am Herzen liegt.“ Mrs. Boffin drückte ihre Hand. Das alte Geſicht zeigte keine Schwäche mehr. Mylords und meine Herren vom Ehrenwerthen Armenausſchuſſe, daſſelbe war wirklich 'ebenſo ruhig und gefaßt, wie unſere eigenen Geſichter, und faſt ebenſo würdevoll. Und jetzt mußte Johnny verlockt werden, den Sitz auf Mrs. Boffins Schooße einzunehmen, doch erſt, nach⸗ dem er durch die beiden diminutiven Klein⸗Kinder zur Mitbewerbung angeſtachelt worden, indem er ſie eins nach dem andern zu jenem Poſten hatte emporſteigen und ſich unbeſchädigt von demſelben zurückziehen ſehen, konnte er bewogen werden, Mrs. Betty Higden's Röcke loszu⸗ laſſen, nach denen er, ſelbſt als er in Mrs. Boffin's Um⸗ armung ruhte, eine große körperliche ſowohl als geiſtige Sehnſucht zu erkennen gab, erſtere durch ſeine ausge⸗ ſtreckten Arme und letztere durch ein außerordentlich fin⸗ ſteres Angeſicht. Eine allgemeine Schilderung der Spiel⸗ zeugwunder, die ſeiner in Mrs. Boffin's Hauſe harrten, verſöhnte dieſen weltlich geſinnten Waiſenknaben indeſſen ſo weit, daß er ſie mit zürnender Stirn und der Fauſt im Munde anſtarrte, und endlich ſogar, als eines reich⸗ geſchirrten Roſſes auf Rädern erwähnt wurde, das eine wunderbare Gabe beſaß, nach Kuchen⸗ und Conditorei⸗ läden zu galoppiren, zu lachen. Dieſer Laut ſchwoll, da die Klein⸗Kinder mit in denſelben einfielen, zu einem entzückten Terzett an, das allgemeine Zufriedenheit er⸗ regte. 3 Die Zuſammenkunft ward deshalb als ſehr erfolgreich betrachtet, und Mrs. Boffin war vergnügt und Alle waren zufrieden mit dem Ausgange. Und Sloppy nicht am wenigſten, der es übernahm, die Gäſte auf dem „Nun, nun!“ ſagte Mrs. Boffin,„ich ſprach nur von Kleinigkeiten, oder ich würde mir nicht die Freiheit ge⸗ nommen haben.“ wort der Beſucherin deren Hand an ihre Lippen. Und ihre Geſtalt war wunderbar aufrecht und wunderbar zu⸗ verläſſig ihre Miene, als ſie vor Mrs. Boffin ſtand und ſich ferner erklärte. „Wenn ich das liebe Kind ohne die Furcht, daß es einſt zu jenem Schickſale kommen könne, von dem ich ſprach, haͤtte bei mir behalten können, ſo würde ich es beſten Wege nach den„Drei Elſtern“ zurückzuführen, und der von dem hammerköpfigen jungen Manne ſehr verachtet wurde. Nachdem dieſe Angelegenheit in dieſer Weiſe einge⸗ leitet, fuhr der Secretair Mrs. Boffin wieder nach der „Laube“ zurück, und fand dann bis zum Abend hin⸗ reichende Beſchäftigung in dem neuen Hauſe. Ob er, da der Abend kam und er einen gewiſſen Weg durch die Felder als Heimweg nach ſeiner Wohnung wählte, dies Betty drückte zur Anerkennung der zartfühlenden Ant⸗ in der Abſicht that, Miß Bella Wilfer dort zu begegnen, iſt nicht ſo gewiß zu beſtimmen, als daß ſie dort regel⸗ mäßig um jene Stunde ihren Spaziergang machte. Und außerdem iſt es gewiß, daß ſie dort war. Miß Bella hatte die Trauerkleidung abgelegt und trug die hübſcheſten Farben, die ſie aufzutreiben vermochte. Es iſt nicht zu leugnen, daß ſie ebenſo hübſch war, wie dieſe, und daß ſie und die Farben einander vortrefflich — wöglich, Abend nete Bel keugen, nicht met SDer Blätter ging an „3 Wilfer.“ „Das mals glei „Von ſicherung finden, vierzehn Bell Weiſe ſenkend, men Sit ſagen ha D ☛ Ein ihm dah Beiſtim „W fragte ſi t„Ju „M Verdruff .„Dog ſchieden wenig o — 168 1 es zu 8* h liebe orbenen 1 ihm; zeit in Ihnen Ihnen lt mir it nich 6 ana Todten und die. d einge⸗ nbefin⸗ Grab zu tig aus, Schande Kleinig⸗ u dieſer Geſicht e Herren virklich eſichter, den Sitz iſt, nach⸗ nder zur ſie eins gen und konnte ie loszu⸗ firs Um⸗ 6 geiſtige e ausge⸗ atlich fin⸗ r Spiel⸗ harrten, indeſſen er Fauſt nes reich⸗ das eine onditorei⸗ ſchwol, zu einem lnheit er⸗ erfolgreich und Alle py nicht auf dem kzuführen, une ſehr ſe einge⸗ mnach der eend hin⸗ Ob er, urch die te, dies ſbegegnen, rt rege⸗ war, wie ortreflich V — 4 169 kleideten. Sie las, indem ſie ſpazierte, und es iſt natür⸗ lich nicht anzunehmen, daß ſie, da ſie keine Kenntniß von Mr. Rokeſmith's Annäherung verrieth, dieſelbe be⸗ merkt hatte. „Wie?“ ſagte Miß Bella, indem ſie die Augen von ihrem Buche erhob, als er vor ihr ſtillſtand.„O, Sie ſind es!“ „Nur ich. Ein ſchöner Abend.“ „So?“ ſagte Bella, kalt um ſich blickend.„Wohl möglich, da Sie es bemerken. Ich habe nicht an den Abend gedacht.“ „So ſehr in Ihr Buch verſenkt?“ „J— a— a,“ erwiderte Bella gleichgültig. „Eine Liebesgeſchichte, Miß Wilfer?“ „O, du lieber Himmel, nein, dann würde ich ſie nicht leſen. Es handelt ſich mehr um Geld, als um ſonſt Etwas.“ „Und ſagt es, daß Geld beſſer ſei, als alles Andere.“ „Ich habe wirklich vergeſſen, was es ſagt,“ entgeg⸗ nete Bella,„aber Sie können ſich ſelbſt davon über⸗ zeugen, wenn Sie wollen, Mr. Rokeſmith. Ich leſe nicht mehr.“ Der Sekretair nahm das Buch,— ſie hatte die Blätter wie einen Fächer hin⸗ und herbewegt— und ging an ihrer Seite. „Ich habe einen Auftrag an Sie auszurichten, Miß Wilfer.“ „Das ſcheint mir unmöglich,“ ſagte Miß Bella aber⸗ mals gleichgültig. „Von Mrs. Boffin. Sie hieß mich Ihnen die Ver⸗ ſicherung geben, welches Vergnügen es ihr mache, zu finden, daß ſie Sie in einer Woche oder ſpäteſtens in vierzehn Tagen bei ſich aufzunehmen bereit ſein wird.“ Bella wandte ſich, in ihrer allerliebſt impertinenten Weiſe die Augenbrauen emporziehend und die Lider ſenkend, zu ihm, wie wenn ſie ſagen wollte: Wie kom⸗ men Sie zu dieſem Auftrage, wenn ich fragen darf? „Ich habe auf eine Gelegenheit gewartet, Ihnen zu ſagen, daß ich Mr. Boffin's Sekretär bin.“ „Ich bin noch ebenſo klug wie zuvor,“ ſagte Miß Bella hochmüthig,„denn ich weiß nicht, was ein Sekre⸗ tär iſt. Nicht, daß dies im Geringſten Etwas zu ſagen hat.“ „Durchaus nicht.“ Ein verſtohlener Blick auf ihr Geſicht, wie ſie neben ihm dahinſchritt, zeigte ihm, daß ſie ſeine bereitwillige Beiſtimmung hierin nicht erwartet hatte. „Werden Sie dann immer dort ſein, Mr. Rokeſmith?“ fragte ſie, wie wenn dies ein Nachtheil ſei. „Immer? Nein. Sehr viel? Ja.“ „Meine Güte!“ ſagte Miß Bella in einem Tone des Verdruſſes. 4 „Doch meine Stellung als Sekretair wird ſehr ver⸗ ſchieden ſein von der Ihrigen als Gaſt. Sie werden wenig oder gar nichts von mir ſehen. Ich werde nach den Geſchäften ſehen, und Sie nach dem Vergnügen. Ich werde mir meinen Gehalt verdienen müſſen; Sie werden nichts zu thun haben, als ſich zu unterhalten und Andere zu bezaubern.“ 2 „Bezaubern, Sir?“ ſagte Bella abermals mit empor⸗ gezogenen Augenbrauen und geſenkten Lidern.„Ich ver⸗ ſtehe Sie nicht.“ Ohne hierauf zu antworten, fuhr Mr. Rokeſmith fort: „Entſchuldigen Sie mich; als ich Sie zum erſten⸗ male in Ihrem ſchwarzen Kleide ſah—“ („Da!“ war Miß Bella's geiſtiger Ausruf.„Was ſagte ich ihnen zu Hauſe? Jeder bemerkte jene lächerliche Trauer.“) Boz, Unſer gemeinſ chaftlicher Freund. 170 „ Als ich Sie zuerſt in Ihrem ſchwarzen Kleide ſah, vermochte ich mir dieſe Unterſcheidung zwiſchen Ihnen und Ihrer Familie nicht zu erklären. Ich hoffe, es war nicht impertinent von mir, daß ich meine Muthmaßungen darüber anſtellte?“ M„„Ich hoffe nicht,“ ſagte Bella hochmüthig.„Aber Sie müſſen ſelbſt am beſten wiſſen, welche Muthmaßungen Sie darüber anſtellten.“ Mr. Rokeſmith neigte, wie um ſich zu entſchuldigen, den Kopf und fuhr fort: ſch; ſchuldig „Seitdem ich mit Mr. Boffin's Angelegenheiten näher betraut ward, habe ich dieſes kleine Geheimniß nothwen⸗ digerweiſe zu begreifen angefangen. Ich wage, zu er⸗ wähnen, daß ich überzeugt bin, daß ein großer Theil Ihres Verluſtes wieder gut gemacht werden wird. Ich rede natürlich nur von dem Reichthume Miß Wilfer. Der Verluſt eines Mannes, der Ihnen völlig fremd war — deſſen Werth oder Unwerth ich nicht zu beſtimmen vermag, noch Sie zu beſtimmen vermögen— kann nicht in Betracht gezogen werden. Doch dieſer vortreffliche Herr und ſeine Gattin ſind ſo voll Herzenseinfalt und Großmuth, Ihnen ſo gewogen und erfüllt von dem Wunſche— wie ſoll ich es nennen?— Ihnen einen Erſatz für das ihnen zugefallene Glück zu geben, daß Sie ihnen nur entgegen zu kommen brauchen.“ Wie er ſie abermals mit verſtohlenen Blicken be⸗ obachtete, ſah er einen ehrgeizigen Triumph in ihrem Geſichte, den keine angenommene Kälte verbergen konnte. „Da wir durch eine zufällige Combination von Um⸗ ſtänden unter daſſelbe Dach zuſammengeführt ſind, das ſich ſonderbarerweiſe bis zu den neuen Relationen er⸗ ſtreckt, welche jetzt vor uns liegen, habe ich mir die Freiheit genommen, Ihnen dieſe wenigen Worte zu ſagen. Sie werden dieſelben hoffentlich nicht aufdringlich finden!“ ſagte der Sekretär mit Ehrerbietung. „Ich kann wirklich nicht ſagen, was ich von denſelben denke, Mr. Rokeſmith,“ erwiederte die junge Dame.„Sie ſind mir vollkommen neu, und beruhen vielleicht aus⸗ ſchließlich nur auf Ihrer Einbildungskraft.“ „Sie werden ſehen.“ Dieſe Felder lagen der Wohnung der Wilfers gegen⸗ über. Die diserete Mrs. Wilfer, welche eben aus dem Fenſter ſchaute und ihre Tochter in Unterhaltung mit ihrem Miethsmanne erblickte, umhüllte augenblicklich ihr Haupt und kam zu einem kleinen Spaziergange heraus. „Ich habe Miß Wilfer ſo eben erzählt,“ ſagt John Rokeſmith, als die majeſtätiſche Dame heranſtolzirt kam, „daß ich durch einen eigenthümlichen Zufall Mr. Bof⸗ fin's Secretair und Geſchäftsmann geworden bin.“ „Ich genieße nicht,“ erwiderte Mrs. Wilfer, indem ſie in ihrem chroniſchen Zuſtande der Würde und des Duldens eine Bewegung mit ihren Handſchuhen machte, „die Ehre einer näheren Bekanntſchaft mit Mr. Boffin, und es kommt mir deshalb nicht zu, jenen Herrn über die Acquiſition zu beglückwünſchen, die er gemacht at.“. 3„Die eine ſehr unbedeutende iſt.“ „Verzeihen Sie,“ entgegnete Mrs. Wilfer,„Mr. Boffin's Verdienſte mögen von der höchſten Beſchaffenheit ſein— von höherer Beſchaffenheit, als dies nach Mr. Boffin's Geſichtsausdrucke anzunehmen iſt— aber es wäre der höchſte Blödſinn der Demuth, ihn für eines beſſeren Beiſtandes würdig zu halten.“ „Sie ſind ſehr gütig. Ich habe Miß Wilfer außer⸗ dem benachrichtigt, daß ſie binnen Kurzem in dem neuen Hauſe in der Stadt erwartet wird.“ „Da ich ſtillſchweigend meine Einwilligung dazu ge⸗ geben habe,“ ſagte Mrs. Wilfer,„daß mein Kind die 81 „Stille!“ ſagte Mrs. Wilfer. „Nein, Mama, ich will mich nicht ſo lächerlich machen laſſen. Keine Einwendung erheben!“ „Ich ſage,“ wiederholte Mrs. Wilfer mit ungeheurer Zunahme an Würde,„daß ich keine Einwendung erhe⸗ ben werde. Falls Mrs. Boffin(deren Geſichtsausdruck keinen Augenblick von einem Schüler Lavater's gebilligt werden könnte),“ dies mit einem Schaudern,„ihrer neuen Wohnung in der Stadt durch die Reize eines meiner Kinder Glanz zu verleihen ſucht, ſo bin ich's zufrieden, daß ſie die Geſellſchaft eines meiner Kinder genießt.“ „Indem Sie von Miß Wilfer's Reizen reden,“ ſagte Rokeſmith mit einem Blicke auf Bella,„wiederholen Sie nur, was ich ſo eben zu Miß Wilfer ſagte.“ „Verzeihen Sie,“ entgegnete Mrs. Wilfer mit gräß⸗ licher Feierlichkeit,„aber ich hatte nicht zu Ende ge⸗ ſprochen.“ „Ich bitte um Vergebung.“ „Ich wollte ſagen,“ fuhr Mrs. Wilfer fort, die offen⸗ bar nicht die entfernteſte Abſicht gehabt hatte, noch irgend Etwas hinzuzufügen,„daß ich, indem ich mich des Aus⸗ drucks„Reize“ bediene, dies mit dem Vorbehalte thue, durchaus gar nichts damit meinen zu wollen.“ Die vortreffliche Dame gab dieſe klare Erläuterung ihrer Anſichten mit einer Miene ab, als ob ſie ihren Zu⸗ hörern eine große Gefälligkeit erzeigte und ſich ſelbſt ganz beſonders auszeichnete, worauf Bella ein verachtendes kleines Lachen hören ließ und ſagte: „Wir haben hiervon vollkommen genug von allen Seiten. Boffin meine herzlichſten Grüße zu ſagen—“ „Verzeih'!“ rief Mrs. Wilfer.„Empfehlungen!“ „Grüße!“ wiederholte Bella, mit einem kleinen Fuß⸗ ſttampfen. V„Nein!“ ſagte Mrs. Wilfer mit Eintönigkeit„Em⸗ pfehlungen.“ „Sagen wir Miß Wilfer's Grüße und Mrs. Wilfer's Empfehlungen,“ ſchlug der Secretär zum Vergleiche vor. „Und es wird mich ſehr freuen, zu ihr zu kommen, ſobald ſie mich aufzunehmen bereit iſt. Je eher, je lieber.“ „Ein letztes Wort, Bella,“ ſagte Mrs. Wilfer,„ehe wir in das Wohnzimmer hinuntergehen. Ich hoffe Du wirſt, als mein Kind, fühlen, daß es Dir, wenn Du mit Mr. und mit Mrs. Boffin auf gleichem Fuße ver⸗ kehrſt, wohl anſteht, Dich zu erinnern, daß der Secretär, Mr. Rokeſmith, Deines Vaters Miethsmann, Anſprüche aauf Dein gutes Wort hat.“ Die Herablaſſung, mit der Mrs. Wilfer dieſe Ver⸗ kündigung der Gönnerſchaft machte, war ebenſo wunderbar, wie die Geſchwindigkeit, mit der ihr Miethsmann in dem Seccretär an Rang verlor. Er lächelte, wie die Mutter die Treppe hinunter ging: doch ſein Geſicht umwölkte ſich, wie die Tochter ihr folgte. „So anmaßend, ſo oberflächlich, ſo launiſch, ſo eigen⸗ nützig, ſo rückſichtslos, ſo hart zu rühren, ſo ſchwer zu bewegen!“ ſagte er mit Bitterkeit. Und fügte die Treppe hinaufgehend, hinzu:„Und doch ſoo hübſch! ſo hübſch!“ Und fügte dann, wie er in ſeinem Zimmer auf und ab ging, hinzu:„Und wenn ſie wüßte!“ Sie wußte, daß er mit ſeinem Auf⸗ und Abgehen das Haus erſchütterte: und ſie erklärte es für eins der Leiden der Armuth, daß man ſich nicht einen ſpukenden Haben Sie die Güte, Mr. Rokeſmith, Mrs. Secretair vom Halſe ſchaffen könne, der über Einem im Finſtern wie ein Geſpenſt auf und ab ſtampf— ſtampf — ſtampfte. Hiebenzehntes Kapitel. Ein trüber Sumpf. Und jetzt ſeht, in den blumigen Sommertagen, Mr. und Mrs. Boffin in ihrem höchſt ariſtokratiſchen neuen Wohnhauſe, und ſeht zugleich allerlei ſchleichende, kriechende, flatternde und ſummende Geſchöpfe, die von dem Gold⸗ ſtaube des Goldenen Kehrichtmannes angezogen werden. Unter den Erſten, welche an der höchſt ariſtokratiſchen Thür, ehe dieſelbe noch fertig angeſtrichen iſt, ihre Karten abgeben, ſind die Veneerings: man möchte faſt ſagen, außer Athem, durch die Eile, mit der ſie nach jenen höchſt ariſtokratiſchen Stufen geſtürzt ſind. Eine geſtochene „Mrs. Veneering,“ zwei geſtochene„Mr. Veneering“ und eine ehelich verbunden geſtochene„Mr. und Mrs. Venee⸗ ring“ bitten um die Ehre, Mr. und Mrs. Boffin, unter den äußerſten analytiſchen Feierlichkeiten, mit einem Diner bewirthen zu dürfen. Die bezaubernde Lady Tippins giebt eine Karte ab. Twemlow giebt Karten ab. Ein großer gelber Phaôton, der feierlichſt vorfährt, läßt vier Karten zurück, nämlich zwei Mr. Podsnaps, eine Mrs. Podsnaps und eine Miß Podsnaps. Alle Welt nebſt Gattin und Tochter giebt Karten ab. Zuweilen hat die Gattin ſo viele Töchter, daß ihre Karten der Liſte eines Auctionators gleichen, enthaltend: Mrs. Tapkins, Miß Tapkins, Miß Friederika Tapkins, Miß Antonina Tap⸗ kins, Miß Malvina Tapkins und Miß Euphemia Tap⸗ kins; zu gleicher Zeit giebt dieſelbe Dame die Karten der Mrs. Henry Georg Alfred Swoſhle, née Tapkins, und außerdem eine Karte mit„Mrs. Tapkins zu Hauſe. Mittwoch. Muſik. Portland Place“ ab.. Miß Bella wird auf unbeſtimmte Zeit eine Haus⸗ genoſſin der Bewohner dieſer höchſt ariſtokratiſchen Woh⸗ nung. Mrs. Boffin nimmt Bella mit nach ihrer Putz⸗ macherin und Schneiderin, und ſie wird herrlich gekleidet. Die Veneerings werden mit ſchneller Reue gewahr, daß ſie Miß Bella Wilfer einzuladen unterlaſſen haben. Eine „Mrs. Veneering“ und eine„Mr. und Mrs. Veneering,“ welche um dieſe Ehre bitten, thun augenblicklich in weißer Pappe auf Mr. Boffin's Flurtiſche Buße. Mrs. Tapkins entdeckt ebenfalls ihr Verſehen und macht daſſelbe ſchnell wieder gut: für ſich, für Miß Tapkins, für Miß Frie⸗ derika Tapkins, für Miß Antonia Tapkins, für Miß Malvina Tapkins und für Miß Euphemia Tapkins. Außerdem für Mrs. Henry Georg Alfred Swoſhle, née Tapkins. Und außerdem für„Mrs. Tapkins zu Hauſe. Mittwoch. Muſik. Portland Place.“ Die Krämerbücher hungern und es wäſſert ihnen der Mund nach dem Goldſtaub des Goldenen Kehrichtmannes. Wenn Mrs. Boffin und Miß Wilfer ausfahren, oder wenn Mr. Boffin in ſeinem gewohnten Schaukeltrabe ausgeht, reißt der Fiſchhändler mit einer Miene der Ver⸗ ehrung den Hut ab, die auf Ueberzeugung begründet iſt. Seine Leute wiſchen ſich die Hände auf ihren Schürzen ab, ehe ſie ſich erlauben dieſelben zum Gruße für Mr. Boffin oder deſſen Gemahlin an die Stirn zu legen. Die maulaufſperrenden Lachſe und Seebarben, die auf dem Marmor liegen, ſcheinen ſeitwärts die Augen in anbeten⸗ der Bewunderung zum Himmel zu erheben, wie ſie es mit den Händen gethan haben würden, falls ſie welche beſeſſen. vollhabe ſo ängſtl wenn die, keulenhai Boffins Geſchft ſe derſel begründ würde! Freund dies od unangen Dob alle Bri Mann g hat. 9, richtmann verſucht! Kronthale Schliig Pfennige marken! Kronthal als beſon dern weil fehlenden keitsanſtal ſtens in? deriſch mi Privatbri „Herrn) ich eingen Feſtdiner und tief edelen An Liſte von dem Pub und ausg übernomn der Ver Antwort, Herr, Ih Verwalte ſehr freu rüchſichts phirt, n unterſchen durch ein edle Lor demus B Umſtande von Engl Sterlin gehalte f nuüſett, ſcenk vor ſene ueh lem im ſtampf en, Mr. n neuen reechende, n Gold⸗ verden. ratiſchen Karten ſagen, en hochſt eſtochene ng“ und . Venee⸗ in, unter em Diner Tippins b. Ein ißt vier e Mrs. ſt nebſt hat die ſte eines 1s, Miß na Tap⸗ ia Tap⸗ e Karten Tapkins, u Hauſe. e Haus⸗ ben Woh⸗ ter Put⸗ gekleidet. or, daß ſie en. Eine eneering,“ in weißer . Tapkins lbe ſchnell Miß rie⸗ für Miß Tapkins. ſhle, née u Hauſe. hnen der tmannes. en, oder aufeltrabe der Ver⸗ 173 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. beſeſſen. Der Fleiſcher weiß, obgleich ein ſtattlicher und wohlhabender Mann, nicht, was er mit ſich anfangen ſoll, ſo ängſtlich iſt ihm daran gelegen, Demuth auszudrücken, wenn die vorüberkommenden Boffins ihn in einem Schöpſen⸗ keulenhaine die Luft genießen ſehn. Die Dienerſchaft der Boffins erhält Geſchenke, und freundliche Fremde mit Geſchäftskarten verſuchen mit beſagter Dienerſchaft, wenn ſie derſelben auf den Straßen begegnen, auf Vorausſetzung begründete Beſtechung. Wie zum Beiſpiel:„Geſetzt, ich würde mit einer Beſtellung von Mr. Boffin beehrt, mein Freund, ſo würde ich es der Mühe werth halten—“ dies oder jenes zu thun, das hoffentlich ihre Gefühle nicht unangenehm berührte. Doch Niemand weiß ſo gut, wie der Secretär, der alle Briefe öffnet und lieſt, welch ein Angriff auf den Mann gemacht wird, den ein Gluͤcksfall berühmt gemacht hat. O, welche Maſſe Sandes man dem Goldenen Keh⸗ richtmanne für ſeinen Goldſtaub in die Augen zu ſtreuen verſucht! Siebenundfünfzig Kirchen ſollen mit halben Kronthalern erbaut, zweiundvierzig Pfarrwohnungen mit Schillingen ausgebeſſert, ſiebenundz ig Orgeln mit Pfennigen erbaut und zwölfhundert M mit Brief⸗ marken unterrichtet werden. Nicht etwa, daß ein halber Kronthaler, ein Schilling oder ein Penny von Mr. Boffin als beſonders annehmbar betrachtet werden dürfte, ſon⸗ dern weil es ſo klar, daß er der Mann iſt, den noch fehlenden Beitrag zu liefern. Und dann die Mildthätig⸗ keitsanſtalten, meine chriſtlichen Brüder! Und zwar mei⸗ ſtens in Verlegenheit, und dennoch zugleich ſo verſchwen⸗ deriſch mit Papier und Druck. Ein großer dicker doppelter Privatbrief, der eine Herzogskrone auf dem Siegel trägt. „Herrn Nicodemus Boffin. Mein werther Herr.— Da ich eingewilligt habe, bei dem bevorſtehenden alljährigen Feſtdiner des„Familiengeſellſchaftsfonds“ zu präſidiren, und tief durchdrungen von der großen Nützlichkeit dieſer edelen Anſtalt und der Wichtigkeit, dieſelbe durch eine Liſte von Verwaltern aufrecht erhalten zu laſſen, welche dem Publikum beweiſen ſoll, welches Intereſſe beliebte und ausgezeichnete Leute an derſelben nehmen, habe ich übernommen, Sie zu bitten, bei jener Gelegenheit einer der Verwalter zu werden. Mit der Bitte um Ihre gütige Antwort, vor dem 14. d. M. verbleibe ich, mein werther Herr, Ihr ergebener Linſeed. P. S. Der Beitrag der Verwalter iſt auf drei Guineen beſchränkt.“ Dies iſt ſehr freundlich von dem Herzoge von Linſeed(und ein ſo rückſichtsvolles Poſtſcriptum) und hundertweiſe lithogra⸗ phirt, nur die Adreſſe an„Herrn Nicodemus Boffin“ unterſcheidet ſich von einer ganz anderen Hand geſchrieben, durch eine blaße Individualität von dem Uebrigen. Zwei edle Lords und ein Viscount unterrichten Mr. Nico⸗ demus Boffin in ebenſo ſchmeichelhafter Weiſe von dem Umſtande, daß eine höchſt ſchätzenswerthe Dame im Weſten von England ſich zu einem Geſchenke von zwanzig Pfund Sterling für die Geſellſchaft erboten hat, welche Jahres⸗ gehalte für beſcheidene Mitglieder der mittleren Klaſſe ausſetzt, falls zwanzig andere Perſonen zuvor ein Ge⸗ ſchenk von 100 Pfund à Perſon beitragen wollen. Und jene wohlwollenden Edelleute machen Mr. Nicodemus Boffin auf das Freundlichſte darauf aufmerkſam, daß, falls er zwei oder mehr Börſen mit hundert Pfund zu ſchenken wünſcht, dies der Abſicht der ſchätzbaren Dame im Weſten von England durchaus nicht zuwider läuft, vorausgeſetzt, daß jede Börſe mit dem Namen eines Mitgliedes ſeiner ehrenwerthen und geachteten Familie gepaart iſt. Dieſe ſind die incorporirten Bettler; und o, wie ſinkt dem Secretär das Herz, wie er ſich mit dieſen herum⸗ zuſchlagen hat! Und er muß ſich mit ihnen herumſchla⸗ gen, denn ſie legen Alle Documente bei(ſie nennen ihre Zettel Documente, doch dieſelben ſind im Vergleich mit Papieren, die dieſen Namen verdienen, daſſelbe, was gehacktes Kalbfleiſch im Vergleich mit einer Kuh iſt), deren Zurückgabe allein ihrem Verderben vorbeugen kann. Sie ſagen, ſie ſind augenblicklich gänzlich ruinirt, würden aber durch die Nichtzurückerſtattung derſelben noch gänzlicher ruinirt wer⸗ den. Unter dieſen Correſpondenten befinden ſich mehrere Töchter von Generälen, lange an jede Art von Luxus (die Orthographie ausgenommen) gewöhnt, die, als ihre Väter auf der ſpaniſchen Halbinſel Krieg führten, ſich wenig träumen ließen, daß ſie einſt Hülfe bei Denjenigen zu ſuchen genöthigt ſein würden, welche die Vorſehung in ihrer unerforſchlichen Weisheit mit ungezähltem Golde geſegnet hat, und unter denen ſie hiermit als erſten Ver⸗ ſuch den Namen des Herrn Nicodemus Boffin auswählen, von dem ſie gehört haben, daß er ein Herz beſitze, wie es noch keins gegeben. Der Secretair lernt außerdem, daß, wenn die Tugend in Noth iſt, nur ſelten großes Vertrauen zwiſchen Mann und Weib ſtattfindet, ſo zahl⸗ reich ſind die Frauen, welche die Feder ergreifen, um Mr. Boffin, ohne Vorwiſſen ihrer Gatten, die dies nimmer geſtatten würden, um Geld zu bitten; während auf der an⸗ deren Seite die Männer, die ohne Vorwiſſen ihrer Gattin⸗ nen(welche, falls ſie die geringſte Ahnung davon hätten, augenblicklich den Verſtand verlieren würden) Mr. Boffin um Geld bitten, ebenſo zahlreich ſind. Dann haben wir die begeiſterten Bettler. Dieſe ſaßen geſtern Abend ſin⸗ nend bei einem Endchen Kerze, das bald verlöſchen und ſie für alle übrige Nächte ihres Lebens in Dunkelheit laſſen mußte, als ein Engel ihrem Herzen plötzlich den Namen des Herrn Nicodemus Boffin zuflüſterte, und ihnen damit einen Strahl der Hoffnung, ja, der Zuver⸗ ſicht einflößte, die ihnen ſeit langer Zeit fremd geweſen! Dieſen ähnlich ſind die mit klugen Freunden begabten Bettler. Sie aßen eben in ihrem gemietheten Stübchen (für welches ſie ſchon lange die Miethe ſchuldeten, und deshalb von der herzloſen Wirthin„gleich einem Hunde“ auf die Staße hinausgeſtoßen zu werden bedroht wurden) bei dem düſtern und unſtäten Lichte eines Schwefelhölz⸗ chens ihr Nachteſſen, beſtehend aus einer kalten Kartoffel und einem Glaſe Waſſer, als ein talentvoller Freund zu⸗ fällig bei ihnen einſprach und ſagte:„Schreibet ſogleich an Herrn Nicodemus Boffin,“— und von keinem Ab⸗ ſchlag hören wollte. Ferner haben wir die Bettler von einer edlen Unabhängigkeit. Dieſe betrachteten das Gold in den Tagen ihres Ueberfluſſes ſtets als Unrath, und haben dieſes einzige Hinderniß, das ihrer Erwerbung großen Reichthums im Wege ſteht, noch nicht überwunden, aber ſie verlangen keinen Unrath von Herrn Nicodemus Boffin. Nein, Mr. Boffin, die Welt mag dies Stolz, erbärmlichen Stolz nennen, wenn ſie will, aber ſie wür⸗ den es nicht annehmen, ſelbſt wenn Sie es ihnen an⸗ böten; ein Darlehn, Sir— auf vierzehn Wochen, auf den Tag, die Zinſen nach einem Ratio von fünf Prozent gen Wohlthätigkeitsanſtalt übergeben werden könnten— iſt Alles, was ſie von Ihnen verlangen, und falls Sie die Gemeinheit haben, daſſelbe zu verweigern, ſo verlaſſen Sie ſich darauf, daß dieſe großen Geiſter Sie verachten werden. Dann haben wir die Bettler von pünktlichen Geſchäftsgewohnheiten. Dieſe werden, falls ſie nicht in⸗ zwiſchen von Herrn Nicodemus Boffin per Poſt eine Summe Geldes erhalten, am Dienstag um ein Uhr nach Mittag ihrem Lehen ein Ende machen: nach ein Uhr nach Mittag am Dienstag braucht das Geld nicht mehr ge⸗ ſandt zu werden, da ſie dann(ein Memorandum ſeines herzloſen Benehmens zurücklaſſend)„in Todeserſtarrung daliegen werden.“ Dann giebt es die Bettler hoch zu Roſſe. V das Jahr berechnet, die dann irgend einer Ihnen beliebi⸗ Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 176 Dieſe ſitzen bereits zu Pferde und ſind bereit, den Weg zum Reichthume anzutreten. Das Ziel liegt vor ihnen, der Weg iſt von der beſten Beſchaffenheit, ihre Sporen ſind angeſchnallt, das Roß iſt willig, doch im letzten Augenblicke, in Ermangelung irgend eines beſonderen Ge⸗ genſtandes— einer Uhr, einer Geige, eines aſtronomi⸗ ſchen Teleſkops, oder einer Elektriſirmaſchine— ſind ſie auf immer abzuſteigen genöthigt, falls Herr Nicodemus Boffin ihnen nicht den Werth des Gegenſtandes an Gelde giebt. Eine andere Art von Bettlern läßt ſich weniger auf Einzelheiten ein. Dieſe, deren Adreſſe meiſtens unter Anfangsbuchſtaben in einem Poſtbüreau der Provinz iſt, machen in weiblicher Handſchrift die Anfrage, ob ein Weſen, das ſich Herrn Nicodemus Boffin nicht zu nen⸗ nen wagt, deren Name ihn aber, falls ihm derſelbe ver⸗ rathen, überraſchen würde, es wagen darf, ihn um das unverzügliche Darlehn von zweihundert Pfund aus einem unerwarteten Reichthume zu erſuchen, ihn, der in der Aus⸗ übung ſeiner Menſchlichkeitspflichten ſein edelſtes Privi⸗ legium ſieht? und der Secretär hat denſelben tagtäglich bis an die Bruſt zu durchwaten. Der unzähligen Erfinder, deren Erfindungen nicht glücken wollen, und der Unternehmer aller erdenklichen Unternehmungen gar nicht zu erwähnen; obwohl Dieſe als die Alligatoren dieſes trüben Sumpfes betrachtet werden können, die ſtets auf der Lauer liegen, um den Goldenen Kehrichtmann zu ſich hinabzuziehen. Doch das alte Haus? Giebt es dort keine Anſchläge gegen den Goldenen Kehrichtmann? Giebt es in den Gewäſſern der„Laube“ keinen Fiſch vom Geſchlechte der Haie? Vielleicht nicht. Wegg iſt indeſſen dort eingezo⸗ gen und nach ſeinem geheimnißvollen Verfahren zu ur⸗ theilen ſcheint es, als ob er dort eine Entdeckung zu machen im Sinne habe. Denn wenn ein Mann mit einem hölzernen Beine flach auf dem Bauche liegt, um unter die Betten zu ſchauen, und gleich einem Vogel der Urwelt auf Leitern umherhüpft, um auf Schränken um⸗ herzuſpähen, und ſich mit einer Eiſenſtange verſieht, mit der er beſtändig in die Kehrichthaufen hineinſtößt und ſtachelt,— ſo iſt es wahrſcheinlich, daß er Etwas zu In einem ſolchen trüben Sumpfe ſteht das neue Haus, finden n Zweites Buch. Vögel gleichen Geſieders. — Erſtes Capitel. Handelt von Erziehungsangelegenheiten. Die Schule, in der der junge Charley Hexam zuerſt aus einem Buche gelernt— denn für Schüler ſeiner —— Frauenzimmern, die in den Laſtern der gemeinſten und verworfenſten Lebensweiſe herangewachſen, wurde erwartet, daß ſie ſich durch eine Fibelgeſchichte gefeſſelt zeigten, wie zum Beiſpiel die„Abenteuer des kleinen Gretchens,“ die Klaſſe iſt die Straße meiſtens die große Elementarſchule, V in der Vieles ohne Bücher erlernt wird, das ſpäter nicht mehr zu verlernen iſt— war ein armſeliger Heuboden in“ einem übel duftenden Hinterhofe. Die Atmoſphäre in demſelben war drückend und unangenehm; es war dort überfüllt, geräuſchvoll und ſinnverwirrend; die Hälfte der Schüler ſchlief ein oder verſank in einen Zuſtand wacher Betäubung; die andere Hälfte erhielt jene in dem einen oder anderen jener Zuſtände, indem ſie unaufhörlich ein eintöniges ſummendes Getöſe hören ließ, wie wenn ſie, ohne Takt und Melodie, auf einer rohen Art von Sack⸗ Die Lehrer, die einzig und allein von den pfeife ſpielte. beſten Abſichten beſeelt waren, hatten keine Vorſtellung von einer angemeſſenen Anwendung derſelben, und der Erfolg ihrer wohlgemeinten Bemühungen war eine trau⸗ rige Verwirrung. Es war eine Schule für Jüngere und Aeltere und für beide Geſchlechter. Letztere waren getrennt nnd erſtere in Klaſſen abgetheilt. Doch herrſchte in der ganzen Schule die grimmig lächerliche Vorausſetzung, daß die Schüler alle kindiſch und unſchuldig ſeien. Dieſe An⸗ nahme, die beſonders bei den Damen in Gunſt ſtand, welche die Schule als Lehrerinnen beſuchten, gab zu den gräßlichſten Albernheiten Veranlaſſung. Von jungen in der Dorfhütte bei der Mühle wohnte, und den Müller, als ſie fünf und dieſer fünfzig Jahre alt war, ernſtlich ermahnte und, im moraliſchen Sinne, vernichtete; ihre Suppe mit den Singvögeln theilte; ſich einen neuen Nankinghut verſagte, weil weder die Rüben auf dem Felde, noch die Schafe, welche jene fraßen, Nankinghüte trügen; welche Stroh flocht und allen Vorübergehenden in allen möglichen unpaſſenden Augenblicken die lang⸗ weiligſten Reden hielt. Ebenſo wurden plumpe junge Tölpel und ſchmutzige Gaſſenbuben auf das Beiſpiel des Thomas Twopence verwieſen, der, da er den Entſchluß gefaßt, ſeinen beſonderen Freund und Wohlthäter nicht (unter Umſtänden von ungewöhnlicher Verworfenheit) um ſeine achtzehn Pence zu beſtehlen, unmittelbar darauf in den übernatürlichen Beſitz von drei Schillingen und ſechs Pence gelangte, und von Stund an ein leuchtendes Ge⸗ ſtirn wurde.(Man bemerke hier, daß es dem Wohl⸗ thäter dagegen ſchlecht erging). Mehrere prahlende Sün⸗ der hatten nach obigem Zuſchnitte ihre Biographie ge⸗ ſchrieben, und es ergab ſich aus den Lehren dieſer außerordentlich großſprecheriſchen Leute, daß man gut handeln ſolle, nicht etwa, weil es gut ſei, ſondern weil es den größten Vortheil brächte. Zum Gegenſatze hier⸗ mit mußten die erwachſenen Schüler(wenn ſie leſen zu lernen im Stande waren) im Neuen Teſtamente leſen, und waren vermöge des Geſtolpers, mit dem ſie über verwirten Schule, ſich jede ders jed leiter langwe keiner als He tionelle zur E, tionelle unaufm das G. der con wendun flammt tigkeit. im Re⸗ auf ſch ſtürzte einer g Bartes wie ein Weiſe w Stunde welcher 2 B. y z. B. ſtätte“ kleinen fünfhun klärung der con⸗ rechts u Miſtbee ſchläge, tauſchte Markte Sel ein au weiſe dann d rer, da lern Und in Hexam Wirrw eine beſ A einerlen mit 6 neiſten Hexan merkſa ſchaft / doz Unſer * an die 1 deren rnehmer vähnen; zumpfes liegen, ehen. rüchläge in den echte der eingezo⸗ zu ur⸗ tung zu ann mit egt, um ogel der ken um⸗ ht, mit ßt und was zu ſtten und erwartet, gten, wie eens,“ die n Müller, ernſtlich ete; ihre nen neuen auf dem mkinghüte rgehenden die lang⸗ npe junge iiſpiel des Entſchluß tter nicht heit) um arauf in und ſechs ndes Ge⸗ m Wohl⸗ ende Sün⸗ raphie ge⸗ ren dieſer man gut ndern wei ſatze hiel⸗ e leſen zu ente leſen, ſie über 177 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund.* — die Sylben hinwegkamen, und der Beharrlichkeit, mit der ſie ihre verwirrten Augen auf die beſonderen Sylben hef⸗ teten, die ihnen zufallen mußten, wenn die Reihe wieder an ſie kam, in ſo vollkommener Unwiſſenheit über die göttliche Geſchichte, wie wenn ſie nicht das Geringſte von derſelben geſehen oder gehört. Kurz, es war ein äußerſt verwirrender und verblüffender Miſchmaſch von einer Schule, wo ſchwarze und graue, rothe und weiße Geiſter ſich jeden Abend den Verſtand verdüſterten. Und beſon⸗ langweiligſten wohlmeinenden Lehrer übermacht, den keiner der Aelteren erdulden wollte, der, indem er ſich als Hauptſcharfrichter vor ihnen hinſtellte, einen conven⸗ zur Seite hatte. „Ich ſagte nicht, daß ich es bezweifelte.“ „Nein, Sir; Sie ſagten es nicht.“ Bradley Headſtone betrachtete abermals ſeinen Finger, zog ihn aus dem Knopfloche heraus, beſchaute ihn näher, biß an der Seite deſſelben und betrachtete ihn nochmals. „Siehſt Du, Hexam, Du wirſt eines Tages uns an⸗ gehören. Du wirſt ohne allen Zweifel mit der Zeit ein ſon⸗- rühmliches Examen beſtehen und dann uns angehören. ders jeden Sonntag Abend; denn dann ward eine Stufen⸗ leiter von unglückſeligen Kindern dem ſchlechteſten und Dann iſt die Frage die—“ Während der Schulmeiſter eine neue Seite ſeines Fingers betrachtete, biß und wiederum betrachtete, war⸗ tete der Knabe ſo lange auf die Frage, daß er endlich wiederholte: tionellen freiwilligen Knaben als Scharfrichtergehülfen Wann und wo es zuerſt als conven⸗ tionelles Syſtem feſtgeſetzt wurde, daß ein müdes und unaufmerkſames Kind ſich mit einer heißen Hand über das Geſicht ſtreichen laſſen müſſe, oder wann und wo der conventionelle Freiwillige dieſes Syſtem hatte in An⸗ wendung bringen ſehen und ſich von heiligem Eifer ent⸗ flammt gefühlt, daſſelbe nachzuahmen, iſt nicht von Wich⸗ tigkeit. Das Geſchäft des Hauptſcharfrichters beſtand im Reden, und das des Akoluthen darin, daß er ſich auf ſchlafende, gähnende, unruhige und wimmernde Kinder ſtürzte und ſie über die Geſichter ſtrich, zuweilen mit einer Hand, wie wenn er ſie zur Cultivirung eines gebe es Dir zu überlegen. Bartes ſalbte; zuweilen mit beiden Händen, die er ihnen wie ein Paar Scheuklappen anhielt. Weiſe ward die Verſtandesverwirrung eine ganz tödtliche Stunde in dieſem Departement fortgeſetzt, während welcher der Redner den„liebenen Kindenern“ ſagen wir z. B. von dem ſchönen Beſuche an der heiligen„Grab⸗ ſtätten erzählte und das Wort„Grabſtätte“(das unter kleinen Kindern ſo außerordentlich gäng und gebe iſt) fünfhundertmal wiederholte, ohne ihnen die geringſte Er⸗ klärung von der Bedeutung deſſelben zu geben, wobei der conventionelle Knabe zum unfehlbaren Commentar rechts und links über die Geſichter ſtrich, und das ganze Miſtbeet erhitzter und müder Kinder Maſern, Hautaus⸗ ſchläge, Keuchhuſten, Fieber und Magenkrankheiten aus⸗ tauſchte, wie wenn ſie ſich zu dieſem Zwecke auf einem Markte verſammelt hätten. Selbſt in dieſem Tempel der guten Abſichten konnte ein ausnahmsweiſe aufgeweckter Knabe, der ausnahms- weiſe zu lernen entſchloſſen war, rer, da er ſchlauer war als ſie und den klügeren Schü⸗ lern gegenüber keine ſo nachtheilige Stellung einnahm. Etwas lernen, und dann das Gelernte viel beſſer wieder lehren als die Leh⸗ wie ſeine ſchlechtere Natur eine durchaus ſelbſtſüchtige Und in dieſer Weiſe hatte es ſich ereignet, daß Charley Hexam ſich in dem Wirrwarr emporgearbeitet, in dem Wirrwarr unterrichtet hatte und aus dem Wirrwarr in eine beſſere Schule war aufgenommen worden. „Du willſt alſo Deine Schweſter beſuchen, Hexam?“ „Wenn Sie's erlauben wollen, Mr. Headſtone.“ „Ich möchte faſt mit Dir gehen. Wo wohnt Deine Schweſter?“ „Je nun, ſie hat ſich noch nicht eingerichtet, Mr. Headſtone. Ich wollte lieber, daß Sie ſie nicht eher ſähen, als bis ſie ſich eingerichtet hat, wenn es Ihnen einerlei iſt.“ .„Schau her, Hexam.“ mit den beſten Zeugniſſen verſehener beſoldeter Schul⸗ meiſter, hakte ſeinen rechten Zeigefinger in eins von Hexams Rock⸗Knopflöchern und betrachtete denſelben auf⸗ merkſam.„Ich hoffe, Deine Schweſter iſt gute Geſell⸗ ſchaft für Dich?“ „Warum bezweifeln Sie es, Mr. Headſtone?“ Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 4 Und auf dieſe „Dann iſt die Frage die, Sir— 2“ „Ob es nicht gerathen ſein dürfte, daß Du Dich ferner nicht mehr mit der Sache befaßteſt.“ „Iſt es gerathen, daß ich mich nicht ferner mit meiner Schweſter befaſſe, Mr. Headſtone?“ „Das ſage ich nicht, denn ich weiß es nicht. Ich Ich bitte Dich, es wohl zu erwägen. Du weißt, wie gute Fortſchritte Du hier machſt.“ „Alles in Allem genommen, war ſie es, die mich hierher brachte,“ ſagte der Knabe, mit ſich ſelber kämpfend. „Da ſie die Nothwendigkeit des Schrittes einſah,“ ſagte der Schulmeiſter,„und ſich völlig zu der Trennung entſchloſſen hat. Allerdings.“ Der Knabe ſchien abermals mit Widerſtreben, oder es ſonſt ſein mochte, mit ſich zu Rathe zu gehen. Endlich ſagte er, indem er die Augen zu ſeinem Lehrer erhob: „Ich wollte, Sie kämen mit mir, um ſie zu ſehen, Mr. Headſtone, wenngleich ſie ſich noch nicht eingerichtet hat. Ich wollte, Sie begleiteten mich und ſähen ſie, wie ſie eben iſt, und urtheilten dann für ſich ſelber.“ „Biſt Du Dir einig darüber, daß Du ſie nicht lieber auf meinen Beſuch vorbereiten möchteſt?“ fragte der Schulmeiſter.. „Meine Schweſter Lizzie,“ ſagte der Knabe ſtolz,„be⸗ darf keiner Vorbereitung, Mr. Headſtone. Sie zeigt ſich ſtets als das, was ſie iſt. Meine Schweſter Lizzie kennt keine Verſtellung.“ Sein Zutranen zu ihr ſtand ihm beſſer an, als die Unentſchiedenheit, mit der er zweimal vorher gekämpft hatte. Es war ſeine beſſere Natur, ihr treu zu ſein, war. Und bisher hatte die beſſere Natur noch die größere Macht. „Nun, ich habe heute Abend nichts Beſonderes zu thun,“ ſagte der Schulmeiſter.„Ich bin bereit, mit Dir zu gehen.“ „Danke, Mr. Headſtone. brechen.“ Bradley Headſtone, in ſeinem anſtändigen ſchwarzen Und ich bin bereit, aufzu⸗ I Rock und ſchwarzer Weſte, ſeinem anſtändigen weißen Henddo, ſeiner anſtändigen ſteifen ſchwarzen Halsoravatte, Mr. Bradley Headſtone, ein ſeinen anſtändigen pfeffer⸗ und ſalzgeſprenkelten Beinklei⸗ dern, ſeiner anſtändigen ſilbernen Uhr in der Weſtentaſche und der anſtändigen Haar⸗Uhrkette um den Hals, hatte das Ausſehen eines vollkommen anſtändigen ſechsund⸗ zwanzigjährigen jungen Mannes. Man ſah ihn nie in einem andern Anzuge, und dennoch trug er denſelben mit einer Art von Steifheit, wie wenn zwiſchen ihm und den Kleidern eine gewiſſe Fremdheit herrſchte, und die an ge⸗ wiſſe Handwerker in ihren Sonntagskleidern erinnerte. Er hatte mechaniſch einen großen Vorrath an Lehrer⸗ kenntniſſen erworben. Er beſaß eine mechaniſche Fertig⸗ 12 „Mr. Headſtone, mein Lehrer.“ „Setzen Sie ſich. Und wollen Sie die Güte haben, zuvor die Hausthür zu ſchließen. Ich kann es nicht gut ſelber thun, weil mein Rücken ſo krank und meine Beine ſo ſchief ſind.“ Sie thaten ſchweigend was ihr Geheiß, und die kleine Geſtalt ſetzte ihre Arbeit fort, indem ſie gewiſſe Stückchen Pappe und dünnes Holz, die zuvor in verſchiedenen For⸗ men zugeſchnitten worden, mit einem Kameelhaarpinſel⸗ chen zuſammenklebte oder leimte. Die auf der Bank liegenden Scheeren und Meſſer zeigten, daß das Kind dieſelben ſelber zugeſchnitten, und die bunten Stückchen Sammet, Seide und Band, die ebenfalls auf der Bank umherlagen, daß, nachdem die verſchiedenen Gegenſtände geſtopft(und Stopfmaterialien lagen ebenfalls dort), ſie dieſelben mit einem ſchmucken Ueberzuge zu verſehen be⸗ abſichtigte. Die Geſchicklichkeit ihrer flinken Fingerchen war erſtaunlich, und indem ſie zwei feine Kanten mit einem kleinen Biſſe genau an einander paßte, gab ſie den Gäſten einen ſo ſcharfen Blick aus den Winkeln ihrer grauen Augen, daß derſelbe alle andere Schärfe an ihr noch bei Weitem übertraf. „Ich will wetten, daß Sie mir nicht ſagen können, was mein Handwerk iſt,“ ſagte ſie, nachdem ſie mehrere dieſer beobachtenden Blicke auf ſie geworfen. „Sie machen Nadelkiſſen,“ ſagte Charley. „Was mache ich ſonſt noch?“ „Federwiſcher,“ ſagte Bradley Headſtone. „Ha! ha! Was mache ich ſonſt noch? Sie ſind ein Schullehrer, aber Sie können es mir nicht ſagen.“ „Sie machen Etwas,“ erwiderte er, indem er auf einen Winkel der kleinen Arbeitsbank deutete,„aus Stroh; aber ich weiß nicht, was.“ „Bravo, Sir!“ rief die Hauswirthin.„Ich mache die Nadelkiſſen und Federwiſcher blos, um meinen Abfall zu benutzen. Aber mein Stroh gehört wirklich zu mei⸗ nem Geſchäfte. Verſuchen Sie's noch einmal. Was mache ich aus meinem Stroh?“ „Strohmatten?“ „Ein Schullehrer, und ſagt Strohmatten! Ich will Ihnen in einem Pfänderſpiele einen Schlüſſel zu meinem Handwerke geben. Ich lieb mein Lieb mit einem H, weil ſie huldvoll iſt; ich haſſe mein Lieb mit einem H, weil ſie herzlos iſt; ich führte ſie nach dem Wirthshaus zum hungrigen Hunde und tractirte ſie mit Hüten; ſie heißt Helene und wohnt zu Houndsditch.— Jetzt alſo— was mache ich aus meinem Stroh?“ „Damenhüte?“ „Feine Damen,“ ſagte die Hauswirthin mit einem bejahenden Kopfnicken.„Puppen. Ich bin eine Puppen⸗ putzmacherin und Schneiderin.“ „Ich hoffe, es iſt ein gutes Geſchäft?“ Die Hauswirthin zuckte die Achſeln und ſchüttelte den Kopf.„Nein. Wird ſchlecht bezahlt. Es wird mir oft zu wenig Zeit gegeben! Eine meiner Puppen ver⸗ heirathete ſich vorige Woche und ich war genöthigt, die ganze Nacht hindurch zu arbeiten. Und dies iſt nicht gut für mich, weil mein Rücken ſo ſchwach und meine Beine ſo ſchief ſind.“ Sie betrachteten das kleine Weſen mit zunehmender Verwunderung und der Schulmeiſter ſagte:„Es thut mir leid, daß Ihre feinen Damen ſo rückſichtslos ſind.“ „Das iſt einmal ihre Art und Weiſe,“ ſagte die Hauswirthin, abermals die Achſeln zuckend.„Und ſie gehen ſo herzlos mit ihren Kleidern um und haben jeden Monat eine neue Mode. Ich arbeite für eine Puppe, die drei Töchter hat. Gott ſteh' uns bei, ſie wird ihren Mann noch ruiniren!“ Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 2— 184 Die Hauswirthin lachte hier ein geſpenſtiſches kleines Lachen und gab ihnen wieder einen Blick aus dem Winkel ihrer grauen Augen. Sie hatte ein elfiſches Kinn, das großen Ausdrucks fähig war, und jedesmal, daß ſie Je⸗ mandem jenen Blick gab, rückte ſie ihr Kinn in die Höh'. Wie wenn ihre Augen und ihr Kinn durch einen und denſelben Draht in Bewegung geſetzt würden. „Sind Sie immer ſo beſchäftigt, wie jetzt?“ „Viel beſchäftigter. Ich habe eben jetzt wenig zu thun. Ich brachte vorgeſtern eine bedeutende Trauer⸗Ordre zu Ende. Die Puppe, für die ich arbeite verlor einen Canarienvogel.“ Die Hauswirthin ſtieß abermals ein kleines Lachen aus und nickte dann mehrmals mit dem Kopfe, wie Jemand, der moraliſirte:„O, welch eine Welt, welch eine Welt!“ „Sind Sie den ganzen Tag allein?“ fragte Bradley Headſtone.„Kommen keine der Nachbarskinder—“ „O, meine Güte!“ rief die Hauswirthin mit einem kleinen Aufſchrei, als ob das Wort ſie geſtochen hätte. „Reden Sie nicht von Kindern. Ich kann die Kinder nicht leiden. Ich kenne ihre Streiche und ihre Manieren.“ Sie ſagte dies, indem ſie dicht vor ihren Augen zornig ihre kleine Fauſt ſchüttelte. Es bedurfte vielleicht kaum der Lehrergewohnheit, um wahrzunehmen, daß die Puppen⸗Schneiderin in Bezug auf den Unterſchied zwiſchen ihr und andern Kindern einige Bitterkeit hegte. Sowohl der Lehrer als der Schüler verſtanden dies ſogleich. „Das rennt beſtändig umher und ſchreit und ſpielt und ſchlägt ſich und ſpringt über Reife und malt ſeine Spiele mit Kreide auf die Flieſen! O! Ich kenne ihre Streiche und ihre Manieren!“ Indem ſie abermals ihre kleine Fauſt ſchüttelte.„Und das iſt nicht Alles. Das ruft durch anderer Leute Schlüſſellöcher und macht an⸗ derer Leute Rücken und Beine nach. O! Ich kenne ihre Streiche und ihre Manieren! Und ich will Ihnen ſa⸗ gen, was ich thun möchte, um ſie zu beſtrafen. Unter der Kirche im Square giebt es Thüren— ſchwarze Thüren, die in dunkle Gewölbe führen. Nun! Ich hineinpacken und dann die Thür ſchließen und dann durch das Schlüſſelloch Pfeffer hineinblaſen.“ „Wozu Pfeffer hineinblaſen?“ fragte Charley Hexam. „Um ſie nieſen zu machen,“ ſagte ſdie Hauswirthin, „und ihre Augen wäſſern zu machen. Und wenn ſie Alle nieſ'ten und entzündete Augen hätten, dann würde ich ſie durch's Schlüſſelloch verſpotten. Gerade wie ſie andere Leute mit ihren Streichen und Manieren durch's Schlüſſelloch verſpotten!“ Ein ungewöhnlich nachdrucksvolles Schütteln der klei⸗ nen Fauſt unmittelbar vor ihren Augen ſchien der Haus⸗ wirthin das Herz zu erleichtern, denn ſie fügte dann mit Faſſung hinzu:„Nein, nein, nein; Kinder ſind nichts für mich. Man gebe mir Erwachſene.“ Es war ſchwer, das Alter dieſes ſeltſamen Geſchöpfes zu errathen, denn ihre arme kleine Geſtalt lieferte keinen Schlüſſel zu demſelben, und ihr Geſicht war zu gleicher Zeit ſo alt und ſo jung. Sie mußte etwa zwölf oder höchſtens dreizehn Jahre alt ſein. „Ich habe ſtets eine Vorliebe für Erwachſene gehabt,“ fuhr ſie fort,„und ſtets ihre Geſellſchaft geſucht. Das iſt ſo verſtändig. Sitzt ſo ſtill. Springt und tanzt nicht fortwährend umher! Und ich beabſichtige mich ſtets unter Erwachſenen aufzuhalten, bis ich heirathe. Ich werde mich wohl eines Tages verheirathen müſſen.“ Sie lauſchte einem Schritte, den ſie außen kommen hörte, und es ward leiſe an die Thüre geklopft. Indem ſie einen Griff zog, den ſie, ohne aufzuſtehen, erreichen möchte eine dieſer Thüren öffnen und ſie alle miteinander fonnte, zun Be Freundin lleidern, 1 9 7 Inde ein weni ſie Nien ¹ Mr. 9. Ihr augenſe zu ſehe murmel unerwat Schulme war nie „Ich eingericht daran zu brachte. Bra⸗ zu ihrer licht ſch redet nu — und ihrem ſ 7 J ſeine S zu ſehen voriges Ich ſah ſagte ſie für mi kommen Häͤuſerr wenn Ausſich Hendſto In Antwor von di eiſten P. Vuadle r ſt läugn Arbei kunft dann L ruhi 9 gegebe 7* einem heit, um 9 Bezug Kindern als der Unter ſchwarze nan ann durch y Hexam. zwirthin, wenn ſie ſan würde e wie ſie —n durch's der klei⸗ der Haus⸗ dann mit nd nichts heſchöpfes ſte keinen u gleicher wölf oder ſehat⸗ dt. Das und tanzt ſch ſtets gich 6 nthe. J) 74 ſſen. n kommen Indem 4 erreichen konnte, ſagte ſie mit einem frohen Lachen:„Hier kommt zum Beiſpiel eine Erwachſene, die meine beſondere Freundin iſt!“ Und Lizzie Hexam, in ſchwarzen Trauer⸗ kleidern, trat in's Zimmer. „Charley! Du hier!“ Indem ſie ihn auf ihre alte Weiſe— deren er ſich ein wenig zu ſchämen ſchien— in die Arme ſchloß, ſah ſie Niemanden außer ihm. „So, ſo, ſo, Liz; ſchon gut, Schweſterchen! Mr. Headſtone iſt mit mir gekommen.“ Ihre Augen begegneten denen des Schulmeiſters, der augenſcheinlich eine ganz andere Art von Perſon in ihr zu ſehen erwartet hatte, und ſie tauſchten ein paar ge⸗ murmelte Worte der Begrüßung aus. Sie war von dem unerwarteten Beſuche ein wenig überraſcht, und der Schulmeiſter fühlte ſich nicht ganz behaglich. Doch dies war nie völlig bei ihm der Fall. „Ich ſagte Mr. Headſtone, daß Du Dich noch nicht eingerichtet habeſt, aber er war ſo gütig, ein Intereſſe daran zu nehmen, mich zu begleiten, daß ich ihn mit⸗ brachte. Wie wohl Du ausſiehſt!“ Bradley ſchien dies ebenfalls zu finden. „Ah! Nicht wahr, nicht wahr?“ rief die Hauswirthin zu ihrer Beſchäftigung zurückkehrend, obgleich das Zwie⸗ licht ſchnell hereinbrach.„Das wollt' ich meinen! Aber redet nur zu, Ihr Alle: Sieh, Ihr Eins Zwei Drei, Mein Gaſterei,. Als wär' ich nicht dabei,“ Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 3 186 friſches Zimmerchen.“ „Und ſie hat dies Zimmer ſtets, um ihre Beſuche zu empfangen,“ ſagte die Hauswirthin, indem ſie eine ihrer knochigen kleinen Fäuſtchen zu einem Operngucker machte und mit jener komiſchen Uebereinſtimmung zwiſchen ihren Augen und ihrem Kinn durch denſelben hindurchſchaute. „Hat dies Zimmer ſtets, um ihre Beſuche zu empfangen. Nicht wahr, liebſte Lizzie?“ Es geſchah zufällig, daß Bradley Headſtone eine ſehr leichte Bewegung von Lizzie Hexam's Hand bemerkte, wie wenn ſie die Puppen⸗Schneiderin zu ſchweigen bäte. Und es geſchah, daß Letztere dies zufälligerweiſe in dem⸗ ſelben Augenblicke bemerkte; denn ſie machte einen dop⸗ pelten Operngucker aus ihren beiden Händen, ſchaute ihn durch denſelben an und rief mit einem ſchalkhaften Kopf⸗ ſchütteln:„Aha! Hab' Sie beim Lauern ertappt, wie?“ Es hätte dies wohl der Fall ſein können; doch be⸗ merkte Bradley Headſtone außerdem unmittelbar darauf, daß Lizzie, die ihren Hut nicht abgenommen hatte, ziem⸗ lich haſtig vorſchlug, da es im Zimmer finſter zu werden anfange, in's Freie hinauszugehen. Sie gingen hinaus, nachdem die Gäſte der Puppen⸗Schneiderin Gute Nacht gewünſcht, welche mit in einander verſchlungenen Armen in ihrem Stühlchen zurücklehnend, allein zurückblieb und — und bei dieſem improviſirten Reime ddeutete ſie mit ihrem ſpitzen Finger auf ihre drei Gäſte. „Ich erwartete Deinen Beſuch nicht, Charley,“ ſagte ſeine Schweſter.„Ich glaubte, daß Du, falls Du mich zu ſehen wünſchteſt, es mich wiſſen laſſen und mich, wie voriges Mal, in der Nähe der Schule treffen würdeſt. Ich ſah meinen Bruder in der Nähe der Schule, Sir,“ ſagte ſie, zu Bradley Headſtone gewendet,„weil es leichter für mich iſt, dorthin zu gehen, als für ihn, hierher zu kommen. Ich arbeite etwa halben Wegs zwiſchen beiden Häuſern.“ „Sie ſehen einander nicht oft,“ ſagte Bradley Head⸗ ſtone, ohne an Unbefangenheit zu gewinnen. „Nein,“ erwiderte ſie mit einem etwas traurigen Kopfſchütteln.„Charley macht noch immer gute Fort⸗ ſchritte, Mr. Headſtone?“ Es könnte nicht beſſer gehen. Ich bin der Anſicht, daß ſeine Laufbahn klar vor ihm liegt.“ „Ich hoffte es. Ich bin ſo dankbar. Es iſt ſo gut von Dir, lieber Charley! Es iſt beſſer, daß ich(außer, wenn er meiner bedarf) nicht zwiſchen ihn und ſeine Ausſichten komme. Denken Sie dies nicht auch, Mr. Headſtone?“ In dem Bewußtſein, daß ſein Gehülfslehrer ſeine Antwort erwarte, und daß er ſelbſt ihm gerathen, ſich von dieſer Schweſter fern zu halten, die er jetzt zum erſten Male von Angeſicht zu Angeſicht ſah, ſtammelte Bradley Headſtone: „Ihr Bruder, wie Sie wiſſen, iſt ſehr beſchäftigt. Er iſt genöthigt, ſchwer zu arbeiten. Und es iſt nicht zu läugnen, daß, je weniger ſeine Aufmerkſamkeit von ſeiner Arbeit abgezogen wird, dies deſto beſſer für ſeine Zu⸗ kunft iſt. Sobald er ſich etablirt hat, dann— je nun, dann iſt es ein Anderes.“ Lizzie, ſchüttelte den Kopf und erwiderte mit einem ruhigen Lächeln:„Ich habe ihm ſtets denſelben Rath gegeben, den Sie ihm geben. Nicht wahr, Charley?“ „Nun, laß das,“ ſagte der Knabe.„Wie geht es Dir?“ mit einer ſanften ſinnenden kleinen Stimme vor ſich hin ſang. „Ich will langſam am Fluſſe entlang gehen,“ ſagte Bradley.„Sie werden ſich mit einander zu unterhalten wünſchen.“ Wie ſeine befangene Geſtalt im Abendſchatten vor ihnen dahinging, ſagte der Knabe in gereiztem Tone zu ſeiner Schweſter: „Wann beabſichtigſt Du, Dich in einer menſchlichen Art von Wohnung einzurichten, Lizzie? Ich meinte, Du hätteſt dies ſchon längſt gethan.“ „Ich befinde mich ſehr wohl, wo ich bin, Charley.“ „Befindeſt Dich wohl, wo Du biſt! Ich ſchäme mich, Mr. Headſtone mitgebracht zu haben. Wie biſt Du in ſolche Geſellſchaft, wie die jener kleinen Hexe gerathen?“ „Durch Zufall, wie es anfangs ſchien, Charley. Aber ich denke mir, es muß wohl etwas mehr als ein bloßer Zufall geweſen ſein, denn jenes Kind— Erinnerſt Du Dich wohl der Anſchlagzettel zu Hauſe an den Wänden?“ „Zum Henker mit den Anſchlagzetteln zu Hauſe an den Wänden! Ich wünſche die Anſchlagzettel zu Hauſe an den Wänden zu vergeſſen, und es wäre beſſer für Dich, wenn Du daſſelbe thäteſt,“ brummte der Knabe. „Nun, was iſt's mit ihnen?“ „Dieſes Kind iſt die Enkelin des alten Mannes.“ „Welches alten Mannes?“ „Jenes ſchrecklich betrunkenen alten Mannes mit den Filzſchuhen und der Schlafmütze.“ . V Der Knabe rieb ſich in einer Weiſe, die halb Ver⸗ druß ausdrückte, ſoviel gehört zu haben, und halb Neu⸗ gierde, noch mehr zu hören:„Wie in aller Welt haſt Du das ausfindig gemacht? Was Du für ein Mädchen biſt!“— „Der Vater dieſes Kindes arbeitet in dem Hauſe, in dem ich beſchäftigt bin— dadurch habe ich es ausfindig gemacht, Charley. Der Vater iſt, gleich ſeinem eigenen Vater, ein ſchwaches, erbärmliches, zitterndes Geſchöpf, das faſt auseinander fällt und niemals nüchtern iſt. Dabei ein guter Arbeiter im Geſchäft. Die Mutter iſt todt. Dieſes arme kränkliche kleine Geſchöpf iſt von ihrer Wiege— wenn ſie je eine Wiege hatte— unter trun⸗ — 187 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 188 kenen Leuten zu dem herangewachſen, was ſie iſt, Charley.“. „Ich ſehe trotz alledem nicht ein, was Du mit ihr zu ſchaffen haſt,“ ſagte der Knabe. „Nicht, Charley?“ Der Knabe ſchaute trotzig auf den Fluß. Sie waren in Millbank und der Fluß ſtrömte zu ihrer Linken dahin. Seine Schweſter berührte ſanft ſeine Schulter und deu⸗ tete auf denſelben. „Irgend eine Vergütung— ein Erſatz— oder wie Du es nennen willſt, Du weißt, was ich meine. Des Vaters Grab.“ Doch kam er ihr mit keiner Zärtlichkeit entgegen. Nach einem düſteren Schweigen ſagte er plötzlich in einem Tone, wie wenn man ihm großes Unrecht gethan: „Es wird ſehr hart ſein, Liz, wenn Du mich mit Gewalt zurückhältſt, ſobald ich mein Mögliches thue, um mir in der Welt vorwärts zu helfen.“ „Ich Charley?“ „Ja, Du, Liz. Warum kannſt Du die Vergangen⸗ heit nicht ruhen laſſen? Warum kannſt Du nicht, wie Mr. Headſtone noch heute Abend in Bezug auf einen andern Gegenſtand zu mir ſagte, zu dem Entſchluſſe kommen, Dich ferner nicht mit Dingen zu befaſſen, die einmal geſchehen ſind? Wir haben nichts weiter zu thun, als unſere Augen gerade in unſere neue Richtung zu wenden und geradaus zu gehen.“ „Und niemals zurückzuſchauen? Selbſt nicht, um zu verſuchen, Etwas wieder gut zu machen?“ „Du biſt ſolch eine Träumerin,“ ſagte der Knabe in ſeinem vorigen gereizten Tone.„Das war ſchon recht gut, als wir vor dem Feuer zu ſitzen pflegten— als wir unten in die Gluth hineinſchauten— aber jetzt ſchauen wir in die wirkliche Welt hinaus.“ „Ah, wir ſchauten ſchon damals in die wirkliche Welt hinaus, Charley!“ „Ich verſtehe wohl, was Du damit meinſt, aber Du biſt darin nicht gerechtfertigt. Ich wünſche Dich nicht abzuſchütteln, indem ich mich erhebe, Liz. Ich wünſche Dich vielmehr mit mir zu erheben. Das wünſche ich, und das beabſichtige ich. Ich weiß, was ich Dir zu verdanken habe. Ich ſagte noch heute Abend zu Mr. Headſtone:„Alles in Allem genommen, war meine Schweſter es, die mich hierher brachte.“ Nun, alſo. Ziehe mich nicht zurück und halte mich nicht nieder. Das iſt Alles, was ich verlange, und das iſt doch gewiß nicht unvernünftig.“ Sie hatte ihn feſt angeſchaut und antwortete jetzt mit vollkommener Ruhe: „Ich bin hier nicht aus Selbſtſucht, Charley. Für meine eigenen Wünſche könnte ich nie zu fern von dem Fluſſe ſein.“ „Und für meine Wünſche kannſt Du nie ferne genug von ihm ſein. Machen wir uns Beide von ihm los. Warum ſollteſt Du mehr als ich in ſeiner Nähe zu bleiben geneigt ſein? Ich halte mich fern genug von ihm.“ „Ich kann nicht fort von ihm, wie es mir ſcheint,“ ſagte ſie, indem ſie ſich mit der Hand über die Stirn ſtrich.„Ich habe mir nicht abſichtlich dieſe Wohnung in ſeiner Nähe geſucht.“ „Da biſt Du ſchon wieder, Liz! Du träumſt wieder! Du mietheſt Dich freiwillig im Hauſe eines betrunkenen — Schneiders vermuthlich, oder etwas der Art, und einem kleinen verwachſenen Kobolde von einem Kinde, oder erwachſenen Mädchen, oder was es ſonſt ſein mag, ein und ſprichſt dann, als ob Du hierher gezogen oder getrieben worden. Ich bitte Dich, ſei doch ein wenig praktiſcher.“ Sie war mit ihm praktiſch genug geweſen, indem ſie für ihn gelitten und gekämpft hatte; aber ſie legte blos ihre Hand auf ſeine Schulter— ohne Vorwurf— und klopfte ein paar Mal leicht auf dieſelbe. Es war dies ihre Gewohnheit geweſen, als ſie ihn noch auf dem Arme umherzutragen pflegte, zu einer Zeit, wo ſie noch ein Kind und er faſt ſo ſchwer war, wie ſie ſelber. Seine Augen füllten ſich mit Thränen. „Auf mein Wort, Liz,“ ſagte er, indem er ſich mit dem Rücken der Hand über die Augen ſtrich,„ich wünſche, mich als ein guter Bruder gegen Dich zu erweiſen und Dir zu zeigen, daß ich weiß, was ich Dir zu verdanken habe. Und ich ſage blos, ich wollte, daß Du Deiner Phantaſie um meinetwillen ein wenig die Zügel anlegteſt. Ich will eine Schule halten und dann mußt Du zu mir kommen und bei mir bleiben, und da Du dann Deine Phantaſie zu zügeln genöthigt ſein wirſt, warum nicht jetzt ſchon? Jetzt ſag' mir, ich habe Dich nicht erzürnt.“ „Nein, Charley, Du haſt mich nicht erzürnt.“ „Und ſage, ich habe Dir nicht weh gethan.“ „Nein, Charley,“ doch kam dieſe Antwort nicht ſo bereitwillig. „Sage, Du biſt überzeugt, daß ich dies nicht beab⸗ ſichtigte. Komm! Sieh, Mr. Headſtone ſchaut eben über die Mauer auf die Ebbe, um mir zu verſtehen zu geben, daß es Zeit zu gehen iſt. Küſſe mich und ſage mir, Du weißt, ich habe Dich nicht kränken wollen.“ Sie ſagte ihm dies und ſie küßten einander; dann gingen ſie weiter und holten bald den Schulmeiſter ein. „Aber wir gehen den Weg Deiner Schweſter,“ er⸗ widerte dieſer, als der Knabe ihm ſaͤgte, er ſei bereit, mit ihm zurückzukehren. Und er bot ihr mit ſeiner ſchwer⸗ fälligen Steifheit den Arm. Sie hatte faſt ſchon ihre Hand auf denſelben gelegt, als ſie dieſelbe plötzlich wieder zurückzog. Er ſchaute ſich mit einem leichten Zuſammen⸗ ſchrecken um, wie wenn er glaubte, ſie habe in der kurzen Berührung Etwas wahrgenommen, das ſie zurück⸗ geſtoßen. „Ich will noch nicht hineingehen,“ ſagte Lizzie,„und Sie haben einen langen Weg vor ſich und werden ohne mich ſchneller gehen.“ Da ſie jetzt ganz nahe bei der Vauxhall⸗Brücke ange⸗ langt waren, beſchloſſen ſie, dieſen Weg über die Themſe zurüͤckzukehren, und verließen ſie deshalb, indem Bradley Headſtone ihr zum Abſchiede die Hand reichte, und ſie ihm für ſeine Sorgfalt für ihren Bruder dankte. Der Lehrer und der Schüler ſchritten ſchnell und ſchweigend dahin. Sie hatten faſt das entgegengeſetzte Ende der Brücke erreicht, als ihnen ein Herr langſam entgegengeſchleudert kam, eine Cigarre im Munde, den Rock zurückgeworfen und die Hände auf dem Rücken hal⸗ tend. Ein Etwas in der unbekümmerten Manier dieſes Mannes und ein gewiſſes träges anmaßendes Weſen, mit dem er daherkam und zweimal ſoviel Trottoir in Be⸗ ſchlag nahm, als Andere beanſprucht haben würden, lenkte augenblicklich die Aufmerkſamkeit des Knaben auf ihn. Wie der Herr vorüberging, betrachtete der Knabe ihn ſcharf und ſtand dann ſtill, um ihm nachzuſchauen. „Wer iſt der Herr, dem Du ſo nachſtierſt?“ fragte Bradley. „Ei!“ ſagte der Knabe mit einem verblüfften und nachdenklichen Stirnrunzeln,„es iſt jener Wrayburn!“ Bradley Headſtone betrachtete den Knaben ebenſo ſcharf, wie dieſer den Herrn betrachtet hatte. „Ich bitt' um Entſchuldigung, Mr. Headſtone, aber ich konnte nicht umhin, mich darüber zu verwundern, wie in aller Welt er hierher komme.“ Obgleich er dies ſagte, wie wenn ſeine Verwunderung prochen verblüffte imperti N 7 „U weil E ihm nic „Er „Er Knabe, 1 ken, daß der dahe zu bean er mit! „E kennt er treffen!“ Nach gegangen zwiſchen „Du zu ſager „Wr Art von daß er! mein Va in ſeinen nie Geſc „Un „Es mein V er einer wahrſche Leute Ki meiner Miß Abh das Ung Haush man wu hinlängl und dan „Und „Das Brad ben loß, den ſcho einen la wieder 8 „Ich er mit den V Hexam — 188———. — 189 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 190 em ſie—ää——— blos vorüber wäre— und zugleich wieder weiter ging—„Lizzie hat ebenſoviel Ueberlegung, wie die Beſten, und ging es dem Lehrer nicht verloren, daß er, ſowie er ge: Mr. Headſtone. Ohne Anleitung vielleicht zu viel. Ich t dies ſprochen, über ſeine Schulter zurückſchaute, und daſſelbe pflegte das Kohlenfeuer zu Hauſe ihre Bücher zu nennen, verblüffte, grübelnde Stirnrunzeln ſchwer auf ſeinem Ge⸗ ſichte lag. „Du ſcheinſt Deinen Freund nicht ſehr gern zu haben, Hexam.“ „Ich habe ihn nicht gern, Piderte der Knabe. „Warum nicht?“. „Er faßte mich, das erſtemal, daß ich ihn ſah, höchſt impertinent ans Kinn,“ ſagte der Knabe. „Noch einmal, warum?“ „Um Nichts. Oder— was ziemlich daſſelbe iſt— weil Etwas, das ich zufällig über meine Schweſter ſagte, ihm nicht gefiel.“ „Er kennt alſo Deine Schweſter?“ „Er kannte ſie zu jener Zeit nicht,“ erwiderte der Knabe, noch immer düſter grübelnd. „Kennt er ſie jetzt?“ Der Knabe war dermaßen in ſeine Gedanken verſun⸗ ken, daß er Mr. Bradley Headſtone, wie ſie nebeneinan⸗ der dahinſchritten, anſchaute, ohne zu verſuchen, ſeine Frage zu beantworten, bis jener dieſelbe wiederholte: dann nickte er mit dem Kopfe und entgegnete:„Ja, Sir.“ „Beſucht ſie vielleicht.“ „Es kann nicht ſein!“ ſagte der Knabe ſchnell.„Dazu kennt er ſie nicht genug. Ich möchte ihn wohl dabei treffen!“ Nachdem ſie eine Weile ſchneller als zuvor weiter ge⸗ gegangen waren, ſagte der Lehrer, indem er den Schüler zwiſchen der Schulter und dem Elbogen am Arme faßte: „Du warſt im Begriff, mir Etwas über jenen Herrn zu ſagen. Wie nannteſt Du ihn noch gleich? „Wrayburn. Mr. Eugen Wrayburn. Er iſt eine Art von Advokat, der nichts zu thun hat. Das erſtemal, daß er nach unſerm alten Hauſe kam, war zur Zeit, wo mein Vater noch lebte. Er kam in Geſchäften; nicht in ſeinen eigenen Geſchäften— er hat ſelber noch nie Geſchäfte gehabt— ein Freund brachte ihn mit.“ „Und die andern Male?“ „Es war nur noch ein andermal, ſoviel ich weiß. Als mein Vater durch ein Unglück zu ſeinem Ende kam, war er einer von Denjenigen die ihn fanden. Er wanderte wahrſcheinlich umher und nahm ſich Freiheiten mit anderer Leute Kinnen heraus— jedenfalls war er dort. Er brachte meiner Schweſter frühmorgens die Nachricht und brachte Miß Abbey Potterſon, eine Nachbarin, mit, damit dieſe ſie auf das Unglück vorbereite. Er wanderte und ſchlich um das Haus herum, als ich Nachmittags heimgeholt wurde— man wußte mich nicht zu finden, bis meine Schweſter ſich hinlänglich erholt hatte, um es ihnen ſagen zu können— und dann wanderte er fort.“ „Und iſt das Alles?“ „Das iſt Alles, Sir.“ Bradley Headſtone ließ allmälig den Arm des Kna⸗ ben loß, wie wenn er in Gedanken verſänke, und ſie gin⸗ gen ſchweigend, wie zuvor, nebeneinander weiter. Nach einem langen Schweigen nahm Bradley das Geſpräch wieder auf. „Ich nehme an, daß— Deine Schweſter—“ ſagte er mit einem ſeltſamen Abbrechen ſowohl vor als nach denn wenn ſie vor demſelben daſaß und in die Gluth hinabſchaute, hatte ſie ſtets allerlei Einfälle— zuweilen ganz geſcheidte Einfälle, wenn man ihren Mangel an Unterricht in Betracht zieht.“ „Das gefällt mir nicht,“ ſagte Bradley Headſtone. Sein Schüler war ein wenig überraſcht durch dieſe plötzliche, entſchiedene und anſcheinend von Herzen kom⸗ mende Mißbilligung, doch nahm er dieſelbe als einen Beweis von ſeines Lehrers Intereſſe für ihn hin. Es ermuthigte ihn, zu ſagen: „Ich habe es nie über mich vermocht, offen mit Ihnen darüber zu reden, Mr. Headſtone, und Sie ſind mein Zeuge, daß ich es ſelbſt von Ihnen nicht annehmen wollte, ehe wir heute Abend herauskamen; aber es iſt ein bitte⸗ rer Gedanke, daß, falls ich ſo gut fortkomme, wie Sie es hoffen, ich— ich will nicht ſagen entehrt, denn ich meine nicht entehrt— aber— gewiſſermaßen, wenn es bekannt würde— durch eine Schweſter, die ſehr gut gegen mich geweſen iſt, dem Erröthen ausgeſetzt ſein dürfte.“ „Ja,“ ſagte Bradley Headſtone ſchleppend, denn ſein Geiſt ſchien dieſen Punkt kaum zu berühren, ſo ſanft glitt derſelbe zu einem andern über,„und es iſt außerdem noch dieſe Möglichkeit zu berückſichtigen: Ein Mann, der ſich in der Welt ſeinen Platz errungen, dürfte— Deine Schweſter— bewundern, und ſogar mit der Zeit an eine Heirath mit— Deiner Schweſter— denken, und es würde ein großer Nachtheil und eine ſchwere Strafe für ihn ſein, falls, nachdem er andere Ungleichheiten des Stan⸗ des und andere Berückſichtigungen gegen eine ſolche Ver⸗, bindung in ſeinem Innern überwunden, dieſe Ungleich⸗ heit und dieſe Berückſichtigung dieſelben gegen ihn blieben.“ „Das iſt ziemlich daſſelbe, Sir.“ „Ja, ja,“ erwiderte Bradley Headſtone,„aber Du ſprachſt blos von einem Bruder. Doch der Fall, den ich geſetzt habe, würde ein weit ernſterer Fall ſein; denn ein Verehrer, ein Gatte, würde die Verbindung freiwillig eingehen, und außerdem genöthigt ſein, dieſelbe bekannt zu machen,— wozu ein Bruder nicht gezwungen iſt. In Bezug auf Dich muß jedenfalls zugegeben werden, daß Du nichts an der Sache änderkt konnteſt, während man von Jenem mit demſelben Rechte das Gegentheil ſagen würde.“ „Das iſt wahr, Sir. Seit die Lizzie durch den Tod des Vaters frei geworden, habe ich zuweilen daran ge⸗ dacht, daß eine junge Perſon, wie ſie, bald genug lernen könnte, um Muſterung zu paſſiren. Und zuweilen habe ich ſogar gedacht, daß vielleicht Miß Peecher—“ „Zu dieſem Zwecke würde ich nicht zu Miß Peecher rathen,“ unterbrach ihn Bradley Headſtone mit ſeiner früheren entſchiedenen Manier. „Würden Sie wohl die Güte haben, die Sache für mich in Erwägung zu ziehen, Mr. Headſtone?“ „Ja, Hexam, ja. Ich will mir's überlegen. Ich will es reiflich überlegen. Ich will es wohl überlegen.“ Ihr Spaziergang wurde darauf durch keine fernere Unterhaltung mehr verkürzt, bis derſelbe am Schulhauſe was auch ich meine, den Worten,„faſt gar keinen Unterricht genoſſen hat, turne ſ SHexam?“ endete. Dort war eins von Miß Peecher's kleinen Fen⸗ — zeben„Faſt gar keinen, Sir.“ ſtern, welche Nähnadelöhren glichen, erleuchtet, und in aber V„Sie war ohne Zweifel ein Opfer der Vorurtheile einer Ecke neben demſelben ſaß Mary Ann auf der Wache, bne, ern V Deines Vaters. Ich erinnere mich derſelben in Deinem während Miß Peecher am Tiſche an der zierlichen, kleinen twunden!, Falle. Und dennoch— Deine Schweſter— ſpricht und Tallle nähte, die ſie nach Papiermuſtern für ihre eigene derung V ſieht kaum aus wie eine unwiſſende Perſon.“ kleine Perſon anfertigte. Nota Bene, Miß Peecher und undelund. ——— — 191 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 192 Miß Peecher's Schülerinnen wurden in der unſcholiſtiſchen Kunſt der Handarbeit nicht ſehr ermuthigt. Mary Ann, das Geſicht dem Fenſter zugewendet, hielt einen Arm empor. „Nun, Mary Ann?“ „Mr. Headſtone kommt zurück, Madam.“ Etwa eine Minute ſpäter wiederholte Mary Ann das Signal. Ndun Mary Ann?“ „Iſt in's Haus gegangen und hat die Thür ver⸗ ſchloſſen, Madam.“ Miß Peecher unterdrückte einen Seufzer, indem ſie ihre Arbeit zuſammenlegte, um zur Ruhe zu gehen, und durchſtach denjenigen Theil des Kleides, in dem ihr Herz ſich befunden haben würde, falls ſie daſſelbe noch ange⸗ habt, mit einer ſpitzen, ſpitzen Nadel. Zweites Capitel. Bandelt noch ferner von Erziehungsangelegenheiten. Die Hauswirthin, Puppen⸗Schneiderin und Nähkiſſen⸗ und Federwiſcher⸗Fabrikantin ſaß in ihrem ſonderbaren kleinen niedrigen Armſtuhle und ſang im Finſtern, bis Lizzie zurückkam. Die Hauswirthin hatte dieſe Würde ſchon in ſehr zarter Kindheit erreicht, und zwar, weil ſie in der That die einzige zuverläſſige Perſon im Hauſe war. „Nun, Lizzie— Mizzie— Wizzie,“ ſagte ſie, in ihrem Geſange innehaltend.„Was giebt es draußen Neues?“ „Was giebt es drinnen Neues?“ erwiderte Lizzie, indem ſie ſcherzend das lange, glänzende, blonde Haar ſtrich, das in ſehr reichen, ſchönen Maſſen auf dem Köpf⸗ chen der Puppenſchneiderin wuchs. „Laß ſehen, wie der blinde Mann ſagte. Nun, die letzte Neuigkeit iſt die, daß ich Deinen Bruder nicht zu heirathen beabſichtige.“ „Nicht?“ „Ne—ein,“ erwiderte ſie, Kopf und Kinn ſchüttelnd. „Der Knabe gefällt mir nicht.“ „Was ſagſt Du zu ſeinem Lehrer?“ „Ich ſage, daß ich mir denke, er iſt verſagt.“ Lizzie ſtrich das hübſche Haar ſorgfältig hinter die kleinen verwachſenen Schultern zurück und zündete dann ein Licht an. Daſſelbe zeigte das kleine Wohnſtübchen als ein zwar düſteres, aber ordentliches und ſauberes. Sie ſtellte das Licht auf den Kaminſims, damit die Helle der Puppenſchneiderin nicht zu ſehr auf die Augen fiele, öffnete dann die Zimmerthür und die Hausthür und ſchob den kleinen Armſtuhl und deſſen Inſaſſin an die friſche Luft. Es war ein warmer Abend, und dies war eine Schön⸗Wetter⸗Gewohnheit, nachdem das Tagewerk beendet. Um die Behaglichkeit dann vollkommen zu machen, ſetzte ſie ſich neben dem kleinen Lehnſtühlchen nieder und zog das magere Händchen, das ſich zu ihr hinaufſtahl, be⸗ ſchützend durch ihren Arm. „Dies iſt die Zeit, die Deiner⸗zärtlichen Jenny Wren die liebſte der ganzen vierundzwanzig Stunden iſt,“ ſagte die Hauswirthin. Ihr wirklicher Name war Fanny Clea⸗ ver, aber ſie hatte ſich ſchon ſeit langer Zeit Miß Jenny Wren') getauft.. *) Wren— Zaunkönig. Die Ueberſetzerin. überhaupt gar nicht a, wie Du es thuſt; aber er könnte meine Arbeit austragen und auf ſeine plumpe Weiſe Beſtellungen einholen. Und dies ſoll er thun. Ich will ihn ſchon tanzen machen, das kann ich ihm ſagen.“ Jenny Wren beſaß ihre perſönlichen Eitelkeiten— glücklicher Weiſe für ſie— und keine Pläne waren mäch⸗ tiger in ihrer Bruſt, als die mannigfachen Prüfungen und Qualen, die ſie einſt„ihm“ aufzuerlegen ent⸗ ſchloſſen war. „Wo er ſich immer augenblicklich aufhalten mag, oder wer er immer ſei,“ ſagte Miß Wren,„ich kenne ſeine Streiche und ſeine Manieren, und ich rathe ihm ſich in Acht zu nehmen.“ „Findeſt Du nicht, daß Du faſt zu hart gegen ihn biſt?“ fragte ihre Freundin lächelnd, indem ſie ihr Haar ſtreichelte. „Nicht im Geringſten,“ entgegnete die weiſe Miß Wren mit einer Miene großer Erfahrenheit.„Meine Liebe, ſie machen ſich nichts aus uns, jene Burſche, wenn wir nicht hart gegen ſie ſind. Aber ich ſagte, wenn ich Deine Geſellſchaft ſo lange haben könnte. Ahl welch ein großes Wenn! Nicht wahr?“ „Ich habe nicht die Abſicht, mich von Dir zu trennen, Jenny.“ „Sage das nicht, oder Du wirſt augenblicklich fort gehen.“ „Verdiene ich ſo wenig Vertrauen?“ „Du verdienſt mehr Vertrauen, als Silber und Gold!“ Indem ſie ſprach, hielt Miß Wren plötzlich inne, blin⸗ zelte mit den Augen und dem Kinn und ſah erſtaunlich ſchlau aus. „Aha! „Wer kommt hier? „Ein Grenadier. „Was will er von mir? „Ein Töpfchen Bier.“ „Und in der That weiter nichts, mein Schatz.“ Die Geſtalt eines Mannes ſtand vor der Hausthür ſtill.„Mr. Eugen Wrayburn, nicht wahr?“ ſagte Miß Wren. „So ſagt man,“ war die Antwort. „Sie dürfen hereinkommen, wenn ſie hübſch artig ſind.“ „Ich bin nicht hübſch artig. Aber ich will herein⸗ kommen.“ Er reichte Jenny Wren die Hand und reichte Lizzie die Hand und ſtand dann, an die Thür lehnend, neben Lizzie. Er hatte, um ſeine Cigarre zu rauchen, einen Spaziergang gemacht, ſagte er(dieſelbe war jetzt ausge⸗ raucht und fortgeworfen) und ſei in dieſer Richtung zu⸗ rückgekehrt, um im Vorbeigehen bei ihnen einzuſchauen. Hatte Lizzie nicht heute ihren Bruder geſehen? „Ja,“ ſagte Lizzie, die ein wenig verlegen ſchien. Welche gnädige Herablaſſung von unſerm Bruder! Mr. Eugen Wrayburn meinte, er ſei dem jungen Herrn V dort auf der Brücke begegnet.„Wer war der Freund, der ihn begleitete?“ „Der Schulmeiſter.“ „Verſteht ſich. Sah ganz danach aus.“ 19 eiß ſen, in und der war ſo dergeſch können, — erneuer daß ich daß mm 3 wohl au Wo ſich der erwider! überlegt doch nun im Min c ich habe anzuneh kann es nen Wer Verth k hoch ich Nutzen; war un neten P ſo viel Schillin herkomn nicht ben Tochter iſt, den ſo lieb verſcha aentlich davon p bei dem offenbar künnte i kalls, 1 dalſche ngen Dar n meifet ſchlina ans N Dies g rechter Mittel annehn ne, blin⸗ eſtaunlich 9 Anzuſchauen. 7 ſchien. un Brudet: zon Hert ungen. H der Freund, 193 194 „ hoch ich dieſelbe anſchlage. Lizzie ſaß ſo ſtille, daß man nicht hätte ſagen kön— nen, in welcher Weiſe ihre Verlegenheit ſich kund gab; und dennoch unterlag dieſelbe keinem Zweifel. Eugen war ſo unbefangen wie gewöhnlich; doch wie ſie mit nie⸗ dergeſchlagenen Augen daſaß, hätte man wahrnehmen können, daß ſeine Aufmerkſamkeit ſich zu gewiſſen Augen⸗ blicken mehr auf ſie concentrirte, als dies anderswo je bei einem anderen Gegenſtande ſelbſt auf kurze Zeit der Fall war. „Ich habe nichts zu berichten, Lizzie, ſagte Eugen, „doch da ich Ihnen verſprochen habe, daß mein Freund, Mr. Lightwood, Mr. Riderhood im Auge behalten ſoll, erneuere ich Ihnen gern hin und wieder die Verſicherung, daß ich meinem Verſprechen getreu bin, und danach ſehe, daß mein Freund nichts vernachläſſigt.“ „Ich würde hieran nicht gezweifelt haben, Sir.“ „Deſſenungeachtet bekenne ich, daß im Allgemeinen wohl an mir zu zweifeln iſt,“ ſagte Eugen trocken. „Warum?“ ſagte die ſcharfe Miß Wren. „Weil ich ein nichtsnutziger, träger Geſelle bin, meine Liebe,“ ſagte der gelaſſene Eugen. „Warum ändern Sie ſich da nicht und werden ein guter Geſelle?“ frug Miß Wren weiter. „Weil es in der Welt Niemanden giebt, für den es ſich der Mühe wegen meiner verlohnte, meine Liebe,“ erwiderte Eugen.„Haben Sie ſich meinen Vorſchlag überlegt, Lizzie?“ ſagte er dann mit leiſerer Stimme, doch nur, als ob dies eine ernſtere Sache ſei, und nicht im Mindeſten, um die Hauswirthin auszuſchließen. „Ich habe wohl daran gedacht, Mr. Wrayburn, aber ich habe mich noch nicht entſchließen können, denſelben anzunehmen.“ „Falſcher Stolz!“ ſagte Eugen. „Ich denke nicht, Mr. Wrayburn. Ich hoffe nicht.“ „Falſcher Stolz!“ wiederholte Eugen.„Wie, was kann es anders ſein? Die Sache beſitzt an ſich gar kei⸗ nen Werth,— hat für mich gar keinen Werth. Welchen Werth könnte ſie wohl für mich haben? Sie wiſſen, wie Ich hoffe Jemandem von Nutzen zu ſein— was ich in dieſer Welt noch niemals war und nie wieder ſein werde— indem ich einer geeig⸗ neten Perſon Ihres Geſchlechtes und Ihres Alters ſo und ſo viele(oder vielmehr ſo und ſo wenige) erbärmliche Schillinge zahle, damit ſie an gewiſſen Abenden der Woche herkommt und Ihnen gewiſſen Unterricht ertheilt, deſſen Sie nicht bedürfen würden, falls Sie nicht eine ſo uneigennützige Tochter und Schweſter geweſen. Sie wiſſen, daß es gut iſt, denſelben zu genießen, oder Sie würden ſich nimmer ſo liebeyoll aufgeopfert haben, um ihn Ihrem Bruder zu verſchaffen. Warum denſelben alſo nicht annehmen: na⸗ mentlich, wenn unſere Freundin, Jenny, hier ebenfalls davon profitiren würde? Falls ich mich als Lehrer, oder bei dem Unterricht zugegen zu ſein erböte— dies wäre offenbar völlig unpaſſend!— doch was das betrifft, ſo könnte ich ebenſo gut am entgegengeſetzten Ende des Erd⸗ balles, oder überhaupt gar nicht auf dem Erdballe ſein. Falſcher Stolz, Lizzie. Denn der rechte Stolz würde ſich nicht durch Ihren undankbaren Bruder beſchämen laſſen. Der rechte Stolz würde es nicht zugeben, daß Schul⸗ meiſter hergebracht würden, gleich Aerzten, um ſich einen ſchlimmen Fall anzuſchauen. Der rechte Stolz würde ſich ans Werk machen und Etwas thun. Sie wiſſen alles Dies vollkommen wohl, denn Sie wiſſen, daß Ihr eigener rechter Stolz es ſchon morgen thun würde, wenn Sie die Mittel dazu hätten, die Ihr falſcher Stolz nicht von mir annehmen will. Sehr gut. Ich ſage nur noch Eins. Ihr falſcher Stolz thut hwohl Ihnen ſelber, als Ihrem todten Vater Unrecht.“ „ In welcher Weiſe meinem Vater, Mr. Wrayburn?“ fragte ſie mit beſorgter Miene. „In welcher Weiſe Ihrem Vater? Können Sie dies noch fragen? Indem derſelbe die Folgen ſeiner unwiſſen⸗ den und blinden Halsſtarrigkeit verlängert. Indem er das Unrecht, das er Ihnen anthat, nicht wieder gut zu machen entſchloſſen iſt. Indem er beſtimmt, daß die Ent⸗ behrung, die er Ihnen auferlegte und zu der er Sie zwang, für immer auf Ihres Vaters Haupte ruhen ſoll.“ Dies berührte zufällig eine zarte Saite in ihr, die innerhalb derſelben Stunde gerade ebenſo zu ihrem Bru⸗ der geſprochen. Und es klang wegen der momentanen Veränderung in dem Sprechenden— des flüchtigen An⸗ ſcheins von Ernſtlichkeit, vollkommener Ueberzeugung, ver⸗ letzten Gefühls über einen Argwohn, großmüthiger und uneigennütziger Theilnahme— um ſo eindringlicher. Alle dieſe Eigenſchaften in ihm, der für gewöhnlich ſo leicht⸗ fertig und ſorglos, erſchienen ihr als unzertrennlich von einem Anfluge der ihnen entgegengeſetzten Eigenſchaften in ihrem eigenen Gemüthe. Ihr Gedanke war: Hatte ſie, die ſo tief unter ihm ſtand und ſo weit von ihm ver⸗ ſchieden war, ſeine Uneigennützigkeit zurückgewieſen, weil ſie eine eitele Ahnung hegte, daß er ſie um der perſön⸗ lichen Vorzüge willen aufſuchte, die er an ihr wahrge⸗ nommen? Das arme Mädchen mit ihrem reinen Herzen und ihren reinen Abſichten konnte den Gedanken nicht ertragen. Da dieſer Verdacht gegen ſich ſelber in ihr erwachte, fühlte ſie ſich in ihren Augen erniedrigt, und ſie ließ den Kopf ſinken, wie wenn ſie ihm ein gottloſes, ſchweres Unrecht gethan, und brach in ſtilles Weinen aus. „Laſſen Sie ſich nicht betrüben,“ ſagte Eugen ſehr, ſehr liebevoll. Ich wollte Ihnen die Sache nur in ihrem wahren Lichte vorſtellen; obgleich ich bekenne, daß ich es aus ſehr ſelbſt⸗ ſüchtigen Beweggründen that, denn ich fühle mich in meiner Hoffnung getäuſcht.“ In der Hoffnung, ihr von Nutzen zu ſein. Welche andere Hoffnung konnte er wohl gehabt haben? „Es wird mir nicht das Herz brechen,“ lachte Eugen, „es wird mich keine achtundvierzig Stunden beunruhigen, aber ich fühle mich wirklich und aufrichtig enttäuſcht. Ich hatte es mir in den Kopf geſetzt, Ihnen und unſerer Freundin, Miß Jenny, dieſen kleinen Dienſt zu leiſten. Die Neuheit, etwas im allergeringſten Nützliches zu thun, hatte ihren Neiz für mich. Ich ſehe jetzt ein, daß ich es beſſer hätte veranſtalten können. Ich hätte mich ſtellen können, als thue ich es einzig und allein für unſere Freundin, Miß Jenny. Ich hätte mich, im moraliſchen Sinne, als Sir Eugen Wohlthäter verkleiden können. Aber, auf Ehre, ich bin nicht geſchickt in Floskeln, und will mich lieber in meinen Hoffnungen getäuſcht ſehen, als mich in denſelben üben.“ Falls er die Gedanken zu beſtätigen beabſichtigte, die in Lizzie's Geiſte rege waren, ſo hatte er es geſchickt an⸗ gefangen. War es dagegen ein Zufall, ſo war es ein unglücklicher Zufall. „Die Sache ſtellte ſich mir ſo natürlich dar,“ ſagte Eugen.„Es ſchien, als ob der Zufall mir den Ball in die Hände geworfen! Ich werde zufällig bei jenen bei⸗ den Gelegenheiten, deren Sie ſich erinnern, Lizzie, mit Ihnen zuſammengebracht. Ich bin zufällig im Stande, Ihnen zu verſprechen, daß jener fälſchliche Ankläger, Riderhood, beobachtet werden ſoll. Ich vermag Ihnen zufällig in jener dunkelſten Stunde Ihres Kummers eini⸗ gen Troſt zu geben, indem ich Ihnen verſichere, daß ich ihm keinen Glauben ſchenke. Bei derſelben Gelegenheit ſage ich Ihnen, daß ich der müßigſte und geringſte aller Advokaten bin, doch beſſer, als gar keiner, in einem Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 13 „Ich hoffe, ich habe Sie nicht betrübt. 195 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 196 Falle, den ich mit eigener Hand niedergeſchrieben habe, und daß Sie ſich in Ihren Bemühungen, Ihres Vaters Unſchuld zu beweiſen, meiner Hülfe ſowohl, als der mei⸗ nes Freundes Lightwood verſichert halten können. Und ſo kommt es mir allmälig in den Sinn, daß ich Ihnen — mit ſolcher Leichtigkeit!— zugleich helfen kann, je⸗ nen anderen Vorwurf gegen Ihren Vater hinwegzuräu⸗ men, deſſen ich vor wenigen Minuten erwähnte, und der ein gerechter und wirklicher iſt. Ich hoffe, daß ich mich verſtändlich gemacht habe, denn es thut mir von Herzen leid, Sie betrübt zu haben. Es iſt mir im höchſten Grade zuwider, mir irgend ein Verdienſt zuzuſchreiben, aber ich hatte wirklich die einfachſten und ehrlichſten Ab⸗ ſichten, und wünſche, daß Sie dies wiſſen.“ „Ich habe dies nie bezweifelt, Mr. Wrayburn,“ ſagte Lizzie um ſo reuevoller, je weniger er beanſpruchte. „Das freut mich ſehr. Doch falls Sie mich gleich zu Anfang vollkommen verſtanden hätten, ſo würden Sie meinen Vorſchlag wahrſcheinlich nicht zurückgewieſen haben. Was meinen Sie?“ „Ich— ich weiß nicht, ob ich ihn dann zurückgewie⸗ ſen haben würde, Mr. Wrayburn.“ „Nun!« Warum mich alſo jetzt zurückweiſen, wo Sie mich verſtehen?“ „Es iſt nicht leicht für mich, zu Ihnen zu reden,“ ſagte Lizzie in einiger Verlegenheit.„Denn Sie ſehen von dem, was ich ſage, ſowie ich es ſage, augenblicklich alle Folgen.“ „Nehmen Sie alle die Folgen,“ lachte Eugen,„und nehmen Sie mir meine Enttäuſchung. Lizzie Hexam, ſo wahr ich eine aufrichtige Achtung für Sie hege, und ſo wahr ich Ihr Freund und ein armer Teufel von einem Gentleman bin, erkläre ich, daß ich noch jetzt nicht be⸗ greife, warum Sie zaudern.“ Es lag in ſeinen Worten und ſeinem Weſen eine Offenheit, Zuverſicht und argloſe Großmuth, die das arme Mädchen für ihn gewannen, und nicht allein ſie für ihn gewannen, ſondern ihr abermals das Gefühl verurſachten, als ob ſie ſich durch die entgegengeſetzten Eigenſchaften, an deren Spitze die Eitelkeit, habe beherrſchen laſſen. „Ich will nicht länger zögern, Mr. Wrayburn. Ich hoffe, Sie werden nicht ſchlimmer von mir denken, weil ich überhaupt gezögert habe. Für mich ſelbſt und für Jenny— Du erlaubſt mir, für Dich zu antworten, liebe Jenny?“ Das kleine Weſen hatte aufmerkſam, die Elbogen auf die Armlehnen ihres Stühlchens und ihr Kinn in ihre Hände ſtützend, in ihren Seſſel zurückgelehnt, zugehört. Ohne ihre Stellung zu verändern, erwiderte ſie„Ja!“ und zwar ſo plötzlich, daß es klang, als ob ſie das ein⸗ ſilbige Wort abgehackt, anſtatt es zu ſprechen. „Für mich ſelbſt und für Jenny alſo nehme ich Ihr gütiges Anerbieten an.“ „Abgemacht! Und entlaſſen!“ ſagte Eugen, Lizzie die Hand reichend und dann eine Bewegung mit derſelben machend, wie wenn er den ganzen Gegenſtand hinweg⸗ räumte.„Ich hoffe, daß nicht oft ſo Viel aus ſo Weni⸗ gem gemacht werden möge!“* Dann begann er eine ſcherzhafte Unterhaltung mit Jenny Wren.„Ich denke daran, eine Puppe anzuſchaffen, Miß Wren.“ „Das laſſen Sie lieber bleiben,“ ſagte die Schnei⸗ derin. „Warum?“ „Weil Sie ſie ſicherlich zerbrechen werden. Ihr Kin⸗ der macht es alle ſo.“ „Aber das iſt gut für's Geſchäft, wiſſen Sie, Miß Wren,“ erwiderte Eugen.„Ungefähr wie das Brechen von Verſprechungen, Contracten und aller Arten von Uebereinkünften für mein Geſchäft gut iſt.“ „Das weiß ich nicht,“ entgegnete Miß Wren;„aber es wäre weit beſſer für Sie, wenn Sie ſich einen Feder⸗ wiſcher anſchafften, und fleißig würden und denſelben be⸗ nutzten.“ „Ei, wenn wir Alle ſo fleißig wären, wie Sie, kleine Ameiſe, ſo würden wir ſchon zu arbeiten anfangen, ſo⸗ bald wir nur zu kriechen im Stande wären, und das wäre eine ſchlimme Geſchichte!“ „Meinen Sie,“ ſagte das kleine Weſen, indem ihr Geſichtchen ſich mit einer hellen Gluth überzog,„ſchlimm für Ihre Rücken und ihre Beine?“ „Nein, nein, nein,“ rief Eugen, um ihm Gerechtig⸗ keit widerfahren zu laſſen, empört über den Gedanken, über ihr Gebrechen ſcherzen zu können.„Schlimm für das Geſchäft, ſchlimm für das Geſchäft. Wenn wir Alle zu arbeiten anfingen, ſobald wir die Hände zu rühren im Stande wären, ſo würde es bald mit den Puppen⸗ ſchneiderinnen vorbei ſein.“ „Das läßt ſich ſchon hören,“ erwiderte Miß Wren; „Sie haben zuweilen wirklich eine Art von geſcheidtem Einfall.“ Dann fügte ſie in verändertem Tone hinzu: „A propos von Einfällen, meine Lizzie,“— ſie ſaßen jetzt wieder nebeneinander,—„ich möchte wiſſen, wie es kommt, daß ich, wenn ich hier im Sommer ganz allein ſitze und arbeite, arbeite, arbeite, Blumen rieche.“ „Als ein alltägliches Individuum ſollte ich ſagen,“ meinte Eugen nachläſſig— denn die Hauswirthin fing an ihm langweilig zu werden—,„Sie riechen Blumen, weil Sie Blumen riechen.“ „Nein, das kann nicht ſein,“ ſagte das kleine Ge⸗ ſchöpf, indem ſie einen Elbogen auf die Lehne ihres Seſſels und ihr Kinn in ihre Hand ſtützte;„dies iſt keine blumige Nachbarſchaft. Nichts weniger, als das. Und dennoch rieche ich, wenn ich bei der Arbeit ſitze, meilenlange Blumengärten. Ich rieche Roſen, bis mir's iſt, als ob ich die Roſenblätter haufenweiſe, ſcheffelweiſe auf dem Boden liegen ſähe. Ich rieche gefallenes Laub, daß ich meine Hand hinunterſtrecke— ſo— und es rauſchen zu machen erwarte. Ich rieche Weißdorn und Hagedorn in den Hecken und allerlei Blumen, die ich nie geſehen habe. Denn ich habe in meinem Leben nur ſehr wenige Blumen geſehen.“ „Das ſind hübſche Einfälle, liebe Jenny!“ ſagte ihre Freundin mit einem Blicke zu Eugen hinauf, wie wenn ſie ihn fragte, ob dieſelben dem Kinde vielleicht als Er⸗ ſatz für ihre Entbehrungen gegeben ſeien. „So ſcheint es mir, Lizzie, wenn ſie mirgin den Kopf kommen. Und die Vögel, die ich ſingen höre! O!“ rief das kleine Weſen, indem ſie die Hand aus⸗ ſtreckte und aufwärts ſchaute,„wie ſie ſingen!“ Es war in dem Geſichte Etwas, das für den Augen⸗ blick förmlich begeiſtert und ſchön erſchien. Dann ſank das Kinn wieder ſinnend in ihre Hand. „Ich denke mir, meine Vögel ſingen ſchöner, als an⸗ dere Vögel, und meine Blumen riechen ſchöner, als andere Blumen. Denn als ich noch ein kleines Kind war,“ dies ſagte ſie in einem Tone, wie wenn dies eine uner⸗ denkliche Zeit her ſei,„waren die Kinder, die ich früh⸗ morgens zu ſehen pflegte, ſehr verſchieden von anderen Kindern, die ich je geſehen habe. Sie ſahen nicht aus, wie ich. Sie waren nicht halb erfroren, kummervoll, zer⸗ lumpt oder zerſchlagen; ſie hatten niemals Schmerzen. Sie glichen den Nachbarkindern gar nicht; ſie machten mich nie am ganzen Leibe erzittern, indem ſie ein gellen⸗ des Geſchrei erhoben, und ſie verſpotteten mich nie. Und dann war ihrer eine ſolche Menge! Alle in weißen —V—:— 197 — Kleidern u nuf ihrer. meiner tlgleich e in langen, ukommen in Schme ich ihnen ſpiele mi kann ni mich au die köſtl niederleg u Dir es ſchon, wiffen, i hörte: in Schme weine lie Habt Er nich leich Allw ethob ſi wieder ſchön. Läch ſie um „Wi Mr. Wr Sie ge Abend — — = — mein K unartige len Aus nicht ſäl „Ei und ind Do „ihr Ve er ſich blicklich ſtill, u leicht,! dieſem ſchiedene V das, wa Vie ein Mal ſtuldigu ſah er i Kelaſſen Vie nih um 1„aber a Feder⸗ lben be⸗ te kleine Ren, ſo⸗ und das adem ihr „ſchlimm Herechtig. Dedanken, imm für wir Alle u rühren Puppen⸗ 5 Wren; cheidtem ie hinzu: ſie ſaßen n, wie es anz allein ſagen,“ thin fing Blumen, leine Ge⸗ hne ihres dies iſt als das. it ſitze, mir's effelweiſe nes Laub, — und es dorn und /, die ich M, ſagte ihre e wenn t als Er⸗ ir in den gen höre! Hand aus⸗ en Augen⸗ ann ſank als an⸗ ls andere ind war,“ eint unel⸗ eich fruh⸗ on anderen nicht auk, ervoll, zel⸗ Schmerzen. e machten ein gellen⸗ nie. l in weißen Leben nur 197 Kleidern und Etwas, das auf den Kanten derſelben und auf ihrer Stirn glänzte und funkelte, Etwas, das ich in meiner Arbeit niemals nachzuahmen im Stande war, obgleich es mir doch ſo wohl bekannt iſt. Sie pflegten in langen, immer größer werdenden Reihen zu mir herab⸗ zukommen und Alle zugleich zu ſagen: Wer liegt hier in Schmerzen? Wer liegt hier in Schmerzen? Wenn ich ihnen ſagte, wer es ſei, antworteten ſie: Komm und ſpiele mit uns! Wenn ich ſagte: Ich ſpiele nie! Ich kann nicht ſpielen! ſo umſchwebten ſie mich und hoben mich auf und machten mich leicht. Dann war überall die köſtlichſte Ruhe und Behaglichkeit, bis ſie mich wieder niederlegten und ſagten: Habe Geduld, und wir wollen zu Dir kommen. Und wenn ſie wiederkamen, pflegte ich es ſchon, ehe ich die langen glänzenden Reihen ſah, zu wiſſen, indem ich ſie ſchon von ferne Alle zugleich fragen hörte: Wer liegt hier in Schmerzen? Wer liegt hier in Schmerzen? Und dann pflegte ich auszurufen: O, meine lieben, geſegneten Kinder, ich bin es, ich Arme. Habt Erbarmen mit mir. Hebt mich auf und macht mich leicht.“ Allmälig, wie ſie in dieſen Erinnerungen fortſchritt, erhob ſie die Hand, der vorige verzückte Ausdruck kehrte wieder in ihr Geſicht zurück und ſie war vollkommen ſchön. Nachdem ſie einen Augenblick mit einem lauſchen⸗ den Lächeln auf dem Antlitze ſchweigend dageſeſſen, ſchaute ſie um ſich und ſammelte ſich wieder. „Wie wenig unterhaltend Sie mich finden müſſen, Mr. Wrayburn, nicht wahr? Es iſt ſehr begreiflich, daß Sie gelangweilt ausſehen. Doch es iſt Sonnabend Abend und ich will Sie nicht länger aufhalten.“ „Das heißt ſo viel, daß ich gehen ſoll, Miß Wren?“ ſagte Eugen, vollkommen bereit, ſich den Wink zu nutze zu machen. „Nun, es iſt Sonnabend Abend,“ erwiderte ſie,„und mein Kind kommt nach Hauſe. Und mein Kind iſt ein unartiges, widerwärtiges Kind und bedarf unendlich vie⸗ len Auszankens. Ich möchte lieber, daß Sie mein Kind nicht ſähen.“ „Eine Puppe?“ ſagte Eugen, ſie nicht verſtehend, und indem er Lizzie fragend anblickte. Doch da Lizzie mit ihren Lippen die beiden Worte „ihr Vater“ bildete, ohne dieſelben auszuſprechen, hielt er ſich nicht länger auf. Er verabſchiedete ſich augen⸗ blicklich. An der Ecke der Straße angelangt, ſtand er ſtill, um ſich wieder eine Cigarre anzuzünden und viel⸗ leicht, um ſich zu fragen, was er ſonſt noch thue. In dieſem Falle war die Antwort eine unklare und unent⸗ ſchiedene. Wer von uns weiß, was er thut, wenn er um das, was er thut, unbekümmert iſt! Wie er ſich umwandte, um weiter zu gehen, taumelte ein Mann gegen ihn an, der eine halb betrunkene Ent⸗ ſchuldigung ſtammelte. Da er dieſem Manne nachſchaute, ſah er ihn in das Haus hineingehen, welches er ſoeben verlaſſen hatte. Wie der Mann in das Zimmer taumelte, ſtand Lizzie auf, um daſſelbe zu verlaſſen. „Gehen Sie nicht fort, Miß Hexam,“ ſagte er mit unterwürfiger Manier und mit dicker, mühſamer Stimme. „Fliehen Sie nicht unglücklichen Mann in zerrütteter Geſundheit. Erzeigen armen Kranken Ehre Ihrer Ge⸗ ſellſchaft. Es iſt nicht— es iſt nicht anſteckend.“ Lizzie murmelte, ſte habe auf ihrem Zimmer zu thun und ging hinauf. „Was macht meine Jenny?“ ſagte der Mann ſchüch⸗ tern.„Was macht meine Jenny Wren, beſte aller Kin⸗ der, Gegenſtand zärtlichſten Liebe, gebrochenen Herzens, alten Kranken?“ Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. Worauf die Hauswirthin, indem ſie gebieteriſch den Arm ausſtreckte, ohne ihm zu antworten, entgegnete: „Fort mit Dir in die Ecke! Augenblicklich in Deine Ecke!“ Die elende Creatur that, als ob ſie Gegenvorſtellungen zu machen wünſche; doch da ſie ſich der Hauswirthin nicht zu widerſetzen wagte, beſann ſie ſich eines Beſſeren und ging und ſetzte ſich auf einen beſonderen Stuhl der Schande nieder. „O— o—o!“ rief die Hauswirthin, mit ihrem klei⸗ nen Finger auf ihn deutend,„Du böſer alter Knabe! O— o—o, Du garſtiges, gottloſes Geſchöpf! Was willſt Du damit ſagen?“ Die zitternde Geſtalt, die vom Kopf bis zu den Füßen entnervt und ſchlottrig war, ſtreckte ihre beiden Hände ein wenig vor ſich aus, wie um Friedens⸗ und Verſöh⸗ nungsanträge zu machen. Erbärmliche Thränen ſtanden dem Manne in den Augen und benetzten das fleckige Roth ſeiner Wangen. Die geſchwollene bleifarbene Unter⸗ lippe zitterte in einem ſchmachvollen Gewimmer. Die ganze unanſtändige fadenſcheinige Ruine, von den zerriſ⸗ ſenen Schuhen bis zu dem zu früh ergrauten ſpärlichen Haare, ſchien ſich im Staube zu wälzen. Nicht etwa in irgend einem Bewußtſein, das ein Bewußtſein genannt zu werden verdiente, von dieſer grauſamen Vertauſchung der Stellen des Vaters und des Kindes, ſondern in dem jammervollen Flehen, nicht ausgezankt zu werden. „Ich kenne Deine Streiche und Deine Manieren,“ rief Miß Wren.„Ich weiß, wo Du geweſen biſt!“ (Eine Entdeckung, zu der es in der That keiner großen Scharfſichtigkeit bedurfte.))„O, Du ſchamloſer alter Burſch!“ Sogar das Athmen der Geſtalt war verachtenswerth, indem daſſelbe dem ſchwerfälligen Gepolter einer zerbro⸗ chenen Uhr glich. S „Ich arbeite, arbeite, arbeite vom Morgen bis zum Abend, wie eine Sclavin,“ fuhr die Hauswirthin fort, „und habe nichts als Dies dafür! Was willſt Du da⸗ mit ſagen?“ Es lag in dieſem nachdrucksvollen Was Etwas, das der Geſtalt eine lächerliche Furcht verurſachte. So oft die Hauswirthin wieder zu dieſem Worte kam— ja, ſowie er daſſelbe zu ahnen anfing— ſank er in noch jämmerlicherer Weiſe in ſich zuſammen. „Ich wollte, Du wärſt eingefangen und eingeſchloſſen worden,“ ſagte die Hauswirthin.„Ich wollte, man hätte Dich in Zellen und ſchwarze Löcher geſtoßen, wo die Ratten und Spinnen auf Dir umhergelaufen und gekrochen wären. Ich kenne ihre Streiche und ihre Manieren, und ſie würden Dich hübſch gekitzelt haben. Schämſt Du Dich gar nicht?“ „Ja, meine Liebe,“ ſtammelte der Vater. „Dann,“ ſagte die Hauswirthin, indem ſie ihn durch eine große Muſterung ihres Muthes und ihrer Macht in Schrecken ſetzte, ehe ſie zu dem nachdrucksvollen Worte zurückkehrte,„Was willſt Du damit ſagen?“ „Verhältniſſe, über die ich keine Macht hatte,“ war die Entſchuldigung des elenden Geſchöpfes. „Ich will Dich be⸗verhältniſſen und be⸗machten,“ entgegnete die Hauswirthin mit fürchterlicher Schärfe, „wenn Du in dieſer Weiſe zu reden Dich unterſtehſt. Ich will Dich der Polizei übergeben, und Dich fünf Schillinge Strafe zahlen machen, wenn Du nicht zahlen kannſt, und will dann nicht für Dich zahlen, ſondern Dich auf Lebenszeit deportiren laſſen. Wie würde es Dir gefallen, auf Lebenszeit deportirt zu werden?“ „Es würde mir nicht gefallen. Armer zerrütteter Kranker. Niemandem lange mehr läſtig fallen,“ rief die elende Geſtalt. 13* „Komm, komm,“ ſagte die Hauswirthin, indem ſie in geſchäftsmäßiger Weiſe auf den Tiſch an ihrer Seite klopfte und Kopf und Kinn ſchüttelte,„Du weißt, was Du zu thun haſt. Lege augenblicklich Dein Geld hier auf den Tiſch.“ Die gehorſame Geſtalt fing in den Taſchen zu ſu⸗ chen an. „Haſt gewiß ein ganzes Vermögen von Deinem Lohn vergeudet, darauf will ich wetten!“ ſagte die Hauswirthin. „Lege es hierher! Alles, was Du noch übrig haſt! Jeden Heller!“ Welch ein gewaltiges Geſchäft er daraus machte, es aus ſeinen dreieckigen Taſchen zuſammenzuſuchen, indem Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. ——— 5— er es in dieſer erwartete, und nicht fand; es in jener nicht erwartete und des⸗ halb überging; und wo jene Taſche ſein ſollte, gar keine Taſche fand! „Iſt dies Alles?“ fragte die Hauswirthin, als end⸗ lich ein verworrener Hau⸗ fen von Kupferpfennigen und Schillingen auf dem Tiſche lag. „Hab' nicht mehr,“ war die klägliche Antwort, die von einem entſprechen⸗ den Kopfſchütteln begleitet war. „Ich muß mich davon überzeugen. Du weißt, was Du zu thun haſt. Kehre alle Deine Taſchen nach auswendig und laß ſie ſo bleiben!“ rief die Haus⸗ wirthin. Er gehorchte. Und falls ihn irgend Etwas noch er⸗ bärmlicher und lächerlicher ausſehen zu machen im Stande geweſen wäre, ſo würde es dieſer Zuſtand geweſen ſein. „Hier ſind blos ſieben Schillinge und acht und ein halber Penny!“ rief Miß Wren aus, nachdem ſie das Häufchen geordnet hatte.„O, Du verſchwen⸗ deriſcher alter Sohn! Jetzt ſollſt Du verhungern.“ „Nein, laß mich nicht verhungern,“ flehte er wimmernd. „Wenn Du behandelt würdeſt, wie Du es verdienſt,“ Die Hauswirthin und das Kind. 200 „Fort mit Dir, zu Bett!“ rief Miß Wren, ihm ſcharf ins Wort fallend.„Sprich nicht zu mir. Ich werde Dir nicht vergeben. Geh augenblicklich zu Bett!“ Da er ein abermaliges Was unterwegs ſah, vermied er daſſelbe, indem er gehorchte, und man hörte ihn ſchwer⸗ fällig die Treppe hinaufſtolpern, ſeine Thür ſchließen und ſich auf's Bett werfen. Eine kleine Weile ſpäter kam Lizzie wieder herunter. „Sollen wir jetzt zur Nacht eſſen, liebe Jenny?“ „Ah, der Himmel behüt' uns und ſei uns gnädig, wir ſollten wohl Etwas genießen, um uns im Gange zu erhalten,“ erwiderte Miß Jenny, die Achſeln zuckend. Lizzie deckte ein Tiſchtuch auf die kleine Bank(die für die Hauswirthin bequemer war, als ein gewöhnlicher Tiſch), ſtellte das einfache Mahl, das ihr gewöhn⸗ liches Nachteſſen ausmachte, darauf und zog einen höl⸗ zernen Schemel für ſich heran. „Jetzt an's Nachteſſen! Woran denkſt Du, Jenny, Herzchen?“ „Ich dachte daran,“ erwiderte ſie, aus tiefen Gedanken erwachend,„was ich Ihm anthun ſollte, falls er ein Trunkenbold würde.“ 4 „O, aber das wird er nicht werden,“ entgegnete Lizzie.„Dafür wirſt Du ſchon vorher Sorge tra⸗ gen.“ „Ich werde es verſu— chen, aber er könnte mich hintergehen.... O, meine Liebſte, alle jene Burſche mit ihren Streichen und Manieren hintergehen uns!“ Hierbei war das kleine Fäuſtchen in voller Thätig⸗ keit.„Und wenn er Dies thäte, ſo will ich Dir ſa⸗ gen, was ich thun würde. Ich würde, während er ſchliefe, einen Löffel glü⸗ hend heiß machen, und in einer Caſſerole ein ſieden⸗ des Getränk bereit haben, (Seite: 197.) und ich einen ſiedenden Löffelvoll herausfüllen und mit der andern Hand ſeinen Mund öffnen— oder er ſchliefe vielleicht mit offenem Munde— und ich würde ſagte Miß Wren,„ſo würdeſt Du die Spießchen vom es ihm in den Hals hinuntergießen und ihn verbrennen Katzenfleiſch“*) zur Nahrung erhalten;— hörſt Du, nichts, als die Spießchen, nachdem die Katzen das Fleiſch ge⸗ freſſen. So aber— geh zu Bett.“— Wie er gehorſam aus der Ecke ſtolperte, ſtreckte er abermals beide Hände aus und flehte:„Verhältniſſe, über die ich keine Macht—“ *) Eine beſondere Induſtriebranche in London beſteht in dem Verkaufe von kleinen Stückchen Fleiſchabfalls für Haus⸗ Katzen und Hunde, die von den Verkäufern, portionsweiſe auf kleine Holzſtäbchen geſpießt, in den Straßen ausgerufen werden. Anmerkung der Ueberſetzerin. und ihn erſticken.“ „Ich bin überzeugt, daß Du niemals etwas ſo Fürchterliches zu thun im Stande ſein würdeſt,“ ſagte Lizzie. „Meinſt Du nicht? Nun, vielleicht nicht; aber ich würde es zu thun wünſchen!“. „Ich bin überzeugt, daß Du es auch nicht zu thun wünſchen würdeſt.“ „Daß ich es ſelbſt nicht wünſchen würde? Nun, Du weißt es gewöhnlich am beſten. Nur haſt Du nicht, wie ich, ſtets unter ſolchen Leuten gelebt,— und Dein Rücken iſt nicht ſchwach und Deine Beine ſind nicht ſchief. V eol — We zu jen gen. thin n Sorge würdig Bruta Schne den,d geh von! wie o auf d kleine B verſun auf u daß ſi ihr pl tativen nem; getrer erwäl rer 2 Sterl vwohlf Naar mag') Britt die fü dieſel verſch 4 geht neerin eſch ch ſamn einer „ob rechts nicht uu keu bereit Stun d müſſen u Vir den fiehl holt einen ſi 3 Parlix gliede — 200 4 5—;— 201 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 202 ih. dn Während ſie zur Nacht ſpeiſten, verſuchte Lizzie, ſie beliebigen ſelbverläugnenden Frauenweſen des Alterthums u Bett!“ zu jener ſchöneren und beſſeren Stimmung zurückzubrin⸗ zuſammengeſetzt iſt:„Wir müſſen arbeiten.“ vermied gen. Doch der Zauber war gebrochen. Die Hauswir⸗ Veneering, der ſeinem Fuhrmann die Weiſung gege— ſchwer⸗ thin war eine Hauswirthin 1 voll ärmlicher Scham und ben, auf das Publikum in den Straßen loszugehen, wie leßen und Sorge, und Beſitzerin des Zimmers oben, wo jene ent⸗ die Garde zu Waterloo auf den Feind, wird mit wüthen⸗ Rter kam würdigte Geſtalt ſelbſt den unſchuldigen Schlaf durch ihre der Schnelligkeit nach der Duke Street, St. James, ge⸗ Brutalität und Erniedrigung entehrte. Die Puppen⸗ fahren. Dort findet er Twemlow in ſeiner Wohnung anhde Schneiderin war eine ſeltſame kleine Zänkerin gewor⸗ friſch aus den Händen eines geheimen Künſtlers hervor⸗ 8 gnäͤdi den, die ganz dieſer Welt, ganz dieſer irdiſchen Erde an⸗ gegangen, der ſeinem Haare etwas mit Eidottern ange⸗ Un Gange in zuckend. Bant(ie wöhnlicher is einfache gehörte. Die arme Puppen⸗Schneiderin! Wie oft wurde ſie von Händen herabgezerrt, die ſie hätten aufrichten ſollen; wie oft auf den falſchen Weg geleitet, wenn ſie Führung auf dem großen ewigen Wege ſuchte! Die arme, arme kleine Puppen⸗Schneiderin! than hat. Da das Verfahren bedingt, daß Twemlow zwei Stunden lang nach demſelben mit geſträubtem Haare daſitzt, um daſſelbe allmälig trocknen zu laſſen, befindet er ſich gerade in einer geeigneten Verfaſſung für den Empfang einer überraſchenden Nachricht; indem er ſowohl dem Monumente zu Fiſh Street Hill, als uruihn dem Könige Priamus bei einer gewiſſen feuersbrünſtigen inen hal Gelegenheit gleicht, die nicht ganz unbekannt iſt als ein ſur—— hübſcher Punkt in den Claſſikern. ur ſcch V„Mein lieber Twemlow,“ ſagt Veneering, ſeine bei⸗ dachteſſen den Hände ergreifend,„ich frage Sie als meinen liebſten machleffenl. Drittes Capitel und älteſten Freund—“ à, Jenn, Papiif.(„Dann kann es alſo in Zukunft ferner keinem Zwei⸗ 1 4 Ein Stück Arbeit. fel unterliegen,“ denkt Twemlow,„und ich bin es!“) daran„— Meinen Sie wohl, daß Ihr Vetter, Lord 4 aus tiefen Brittania, die eines ſchönen Tages in Nachdenken Snigsworth, ſeinen Namen als den eines Mitglieds mei⸗ end, was verſunken daſitzt(vielleicht in der Stellung, in der ſie ner Committee hergeben würde? Ich gehe nicht ſo weit, uiblte auf unſerer Kupfermünze dargeſtellt iſt), entdeckt plötzlich, um Se. Lordſchaft ſelbſt zu bitten; ich bitte nur um ſei⸗ unfenbold 3 wird er d ue daß ſie Veneering's im Parlamente bedarf. Es kommt ihr plötzlich der Gedanke, daß Veneering„ein repräſen⸗ tativer Mann“ iſt— was in dieſen jetzigen Zeiten kei⸗ nem Zweifel unterworfen iſt— und daß Ihrer Majeſtät nen Namen. Glauben Sie, daß er mir ſeinen Namen geben würde?“ Twemlow erwiderte mit plötzlicher Niedergeſchlagen⸗ heit:„Ich glaube nicht.“ ditſt Du getreue Gemeinen ohne ihn unvollſtändig ſind. Deshalb„Meine politiſchen Anſichten,“ ſagt Veneering, der dorge tra⸗ erwähnt Brittania gegen einen rechtsgelehrten Herrn ih⸗ ſich deren bisher nicht bewußt war,„ſind in Lord Snigs⸗ rer Bekanntſchaft, daß, falls Veneering fünftauſend Pfund worth's Anſichten identificirt, und Lord Snigsworth 5 verſu⸗ Sterling„niederlegen“ will, er für den außerordentlich würde mir vielleicht aus öffentlichen Berückſichtigungen önnte mich wohlfeilen Preis von zweitauſendfünfhundert Pfund ein und öffentlichen Grundſätzen von ſeinem Namen Gebrauch O, meine Paar Anfangsbuchſtaben hinter ſeinen Namen ſchreiben zu machen geſtatten.“ be Burſche mag*). Es iſt eine vollkommen klare Sache zwiſchen„Es könnte wohl möglich ſein,“ ſagt Twemlow; ichen und Brittania und dem rechtsgelehrten Herrn, daß Niemand„aber—“ und indem er ſich, der Eidotter vergeſſend, ſchhenuns!“ die fünftauſend Pfund„aufnehmen“ wird, ſondern, daß verblüfft den Kopf kratzt, wird er um ſo verblüffter, als Löffel glü⸗ dieſelben, ſobald ſie„niedergelegt“ ſind, durch Zauber verſchwinden werden. Der rechtsgelehrte Herr in Brittania's Vertrauen geht direct von dieſer Dame mit dem Auftrage zu Ve⸗ neering; Veneering erklärt, daß er ſich im höchſten Grade geſchmeichelt fühlt, bedarf aber einer kurzen Friſt, um ſich zu überzeugen,„ob ſeine Freunde ſich um ihn ver⸗ ſammeln“ werden. Vor Allem, ſagt er, muß er ſich bei er dadurch an ſeine Klebrigkeit erinnert wird. „Zwiſchen ſo alten und vertrauten Freunden, wie wir ſind,“ fährt Veenering fort,„ſollte bei einer ſolchen Ge⸗ legenheit keine Zurückhaltung ſtattfinden. Verſprechen Sie mir, daß Sie, falls ich Sie um Etwas bitte, das Sie nicht gern thun, oder die geringſte Schwierigkeit Zzu thun haben würden, mir dies aufrichtig ſagen wollen.“ 1, und in—— n, ſagt 1 Dies hat Twemlow die Freundlichkeit, zu verſprechen, ſieden⸗ einer Kriſis von ſo hoher Wichtigkeit klar darüber ſein, und zwar mit allem Anſcheine, von ganzem Herzen ſein thaben,„ob ſeine Freunde ſich um ihn verſammeln werden“. Der Wort halten zu wollen. 1i denden rechtsgelehrte Herr kann ihm in Intereſſe ſeiner Clientin„Würden Sie Etwas dagegen haben, nach Snigs⸗ rülle und nicht viel Zeit hierzu geſtatten, da die Dame Jemanden worth Park zu ſchreiben, und Lord Snigsworth um dieſe Mue, e zu kennen glaubt, der ſechstauſend Pfund niederzulegen Gefälligkeit zu erſuchen? Falls dieſelbe mir bewilligt, 4 würde bereit ſein würde; doch ſagt er, er will Veneering vier ſo würde ich natürlich wiſſen,„daß ich ſie einzig und al⸗ thuunen Stunden geben.. lein Ihnen zu verdanken hätte; während Sie Lord deror„Darauf ſagt Veneering zu Mrs. Veneering:„Wir Snigsworth die Sache durchaus nur aus einem Geſichts⸗ vas ſo müſſen arbeiten“ und wirft ſich in einen Hanſom⸗Fiaker. punkte öffentlicher Berückſichtigungen vorſtellten. Würden awan, t Mrs. Veneering ſteht das Kleine augenblicklich an die Sie Etwas dagegen haben?“ eſt,“ ſag Wärterin ab; drückt ihre Adlerfinger an ihre Stirn, um Sagt Twemlow mit der Hand an der Stirn:„Sie ih den bewegten Verſtand hinter derſelben zu ordnen; be⸗ haben ein Verſprechen von mir gefordert.“ t; aber ich fiehlt, daß man den Wagen vorfahren läßt, und wieder⸗„Ja, mein lieber Twemlow.“ hun holt in ſinnverwirrter und aufopfernder Weiſe, die aus„Und Sie erwarten, daß ich daſſelbe gewiſſenhaft hal⸗ ctt zu einer Miſchung von Ophelia und irgend einem anderen ten werde.“ G—;—„Gewiß, mein lieber Twemlow.“ Nun, v*) Bezieht ſich auf die Buchſtaben M. P.(Member of„Im Ganzen— merken Sie wohl,“ ſagt Twemlow 1 niht u Larliamank. Parlamentsmitglied), die alle Parlamentsmit⸗ mit großer Genauigkeit, wie wenn er, falls es„außer unt aict V glieder zu ihrem Namen hinzufügen. dem Ganzen“ geweſen, es ſogleich gethan haben würde ſind nicht Anmerkung der Ueberſetzerin.—„im Ganzen muß ich Sie bitten, mich davon zu 203 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. entbinden, Lord Snigsworth irgend eine Mittheilung zu machen.“ „Gott ſegne Sie, Gott ſegne Sie!“ ſagt Veneering gräßlich enttäuſcht, aber ihn wiederum beſonders innig bei beiden Händen faſſend. Es iſt nicht zum Verwundern, daß der arme Twem⸗ low es ausſchlägt, ſeinem alten Vetter(in deſſen Tempe⸗ rament die Gicht herrſcht) einen Brief zu ſenden, indem ſein edler Vetter, der ihm eine kleine Jahresrente aus⸗ ſetzt, von der er lebt, ſich durch außerordentliche Strenge gegen ihn hierfür entſchädigt, indem er ihn, wenn er ſich als Gaſt in Snigsworth Park aufhält, unter eine Art von Kriegsgeſetz ſtellt, welches beſtimmt, daß er ſeinen Hut an einem beſtimmten Haken aufhängt, nur auf ei⸗ nem gewiſſen Stuhle ſitzt, nur über gewiſſe Gegenſtände und zu gewiſſen Leuten ſpricht und gewiſſe Exercitien durchmacht, wie, zum Exempel, die Familien⸗Gemälde anpreiſt, und ſich der beſten Weine enthält, außer, wenn er ausdrücklich von denſelben zu trinken aufgefor⸗ dert wird. „Eins aber kann ich für Sie thun,“ ſagt Twemlow, „und das iſt, für Sie arbeiten.“ Veneering ſegnet ihn abermals. „Ich will,“ ſagt Twemlow mit ſteigender Haſt,„nach dem Club gehen;— laſſen Sie ſehen; wie viel Uhr iſt es jetzt?“ „Zwanzig Minuten vor Eilf.“ „Ich will,“ ſagte Twemlow,„Zehn Minuten vor Zwölf im Club ſein, und denſelben den ganzen Tag nicht mehr verlaſſen.“— Veneering fühlt, daß ſeine Freunde ſich um ihn zu verſammeln beginnen, und ſagt:„Ich danke Ihnen, danke Ihnen. Ich wußte, daß ich auf Sie rechnen könne. Ich ſagte ſoeben, ehe ich das Haus verließ, um zu Ihnen zu kommen, der Sie natürlich der erſte Freund ſind, mein lieber Twemlow, den ich in einer mir ſo wichtigen An⸗ gelegenheit zu Rathe ziehe— ich ſagte zu Anaſtaſia: Wir müſſen arbeiten.“ „Sie hätten recht, Sie hatten recht,“ erwidert Twem⸗ low.„Sagen Sie mir, arbeitet ſie?“ „Ja, ſie arbeitet,“ ſagt Veneering. „Gut!“ ruft Twemlow, der höfliche kleine Herr.„Der Tact eines Weibes iſt unſchätzbar. Wenn wir das liebe weibliche Geſchlecht mit uns haben, ſo haben wir Alles mit uns.“ „Aber Sie haben mir noch nicht geſagt,“ bemerkte Veneering,„wie Sie darüber denken, daß ich ins Unter⸗ haus eintrete.“ „Ich bin der Anſicht, daß es der beſte Club in Lon⸗ don iſt,“ erwiedert Twemlow mit Gefühl. Veneering ſegnet ihn nochmals, ſtürzt die Treppe hinunter, dann in ſeinen Fiaker und befiehlt ſeinem Fuhr⸗ manne, auf das brittiſche Volk loszugehen und nach der City zu jagen. Inzwiſchen verſucht Twemlow in zunehmender Haſt ſo gut er es vermag— was nicht ſehr gut iſt— ſein Haar herabzubürſten(denn daſſelbe iſt nach dieſer kleb⸗ rigen Behandlung ſtätig und hat eine gebäckartige Ober⸗ fläche), und langt zu der beſtimmten Zeit im Club an. Hier verſichert er ſich ſchnell einer großen Fenſterniſche, Schreibmaterialien, und aller Zeitungen, und etablirt ſich dort regungslos, um achtungsvoll von Pall Mall betrachtet zu werden. Zuweilen, wenn ein Mitglied eintritt, wel⸗ ches ihm zunickt, ſagt Twemlow:„Kennen Sie Venee⸗ ring?“ Mitglied ſagt:„Nein; Mitglied des Clubs?“ Twemlow ſagt:„Ja. Steht als Candidat für Pocket⸗ Breaches.“ Mitglied ſagt:„Ah! Hoffe, er mag es des Geldes werth finden!“ gähnt und ſchlendert wieder hinaus. 204 Gegen ſechs Uhr Nachmittags fängt Twemlow ſich zu überreden an, daß er von der Arbeit förmlich erſchöpft iſt und denkt, es ſei ſehr zu beklagen, daß man ihn nicht zu einem Parlaments⸗Wahl⸗Agenten erzogen. Von Twemlow fliegt Veneering nach Podsnap's Ge⸗ ſchäftslocale, findet Podsnap mit der Zeitung beſchäftigt, ſtehend und geneigt, ſich redneriſch über die erſtaunliche Entdeckung auszulaſſen, die er gemacht, daß nämlich Ita⸗ lien nicht England iſt. Bittet Podsnap achtungsvoll um Vergebung, daß er ſeine Worte der Weisheit unterbricht und theilt ihm mit, was vorgeht. Unterrichtet Podsnap, daß ihre politiſchen Anſichten genau dieſelben ſind. Giebt Podsnap zu verſtehen, daß er ſich ſeine politiſchen An⸗ ſichten gebildet, da er zu ſeinen, Podsnap's, Füßen ſaß. Wünſcht ernſtlich zu wiſſen, ob Podsnap ſich„um ihn verſammeln will?“ Sagt Podsnap mit einiger Strenge:„Jetzt ſagen Sie mir zuvor, Veneering, verlangen Sie meinen Rath?“ „Veneering erwidert mit bebender Stimme, daß er, als ein ſo alter und lieber Freund— „Ja, ja, das iſt Alles recht ſchön,“ ſagt Podsnap; „aber haben Sie ſich entſchloſſen, dieſen Flecken, Pocket⸗ Breaches, unter ſeinen eigenen Bedingungen anzunehmen, oder wünſchen Sie meine Meinung darüber zu hören, ob Sie denſelben überhaupt annehmen ſollen, oder nicht?“ Veneering wiederholt, daß der Wunſch ſeines Herzens und der heiße Drang ſeiner Seele der iſt, daß Podsnap ſich um ihn verſammelt. „Ich will offen gegen Sie ſein, Veneering,“ ſagt Podsnap mit gerunzelter Stirn.„Sie werden aus dem Factum, daß ich nicht im Parlamente ſitze, natürlich entnehmen, daß mir nicht daran gelegen iſt, dort zu ſein.“ Ei, natürlich weiß Veneering dies! Natürlich weiß Veneering, daß Podsnap, falls er im Parlament zu ſitzen wünſchte, er in weniger als einer halben Sekunde zu dieſem Sitze gelangen würde. „Es verlohnt ſich nicht der Mühe für mich,“ ſagt. Podsnap auf das Edelſte beſänftigt,„und es iſt durch⸗ aus unwichtig für meine Stellung. Doch wünſche ich nicht, einem andern Mann, deſſen Stellung von der mei⸗ nigen verſchieden iſt, Vorſchriften zu machen. Sie den⸗ ken, es verlohne ſich für Sie der Mühe und ſei wichtig für Ihre Stellung. Iſt dem ſo?“ Mit dem beſtändigen Vorbehalte, daß Podsnap ſich um ihn verſammeln will, denkt Veneering, daß dem ſo ſei. „Dann fordern Sie nicht meinen Rath“, ſagt Pods⸗ nap.„Gut. Dann will ich Ihnen denſelben nicht ge⸗ ben. Aber Sie fordern meinen Beiſtand. Gut. Dann will ich für Sie arbeiten.“ Veneering ſegnet ihn augenblicklich und unterrichtet ihn, daß Twemlow bereits bei der Arbeit iſt. Podsnap billigt es nicht ganz, daß irgend Jemand bereits bei der Arbeit iſt— indem er dies eigentlich als eine Dreiſtig⸗ keit betrachtet— duldet indeſſen Twemlow und ſagt, er ſei ein altes Weib von guter Familie, das wenig Unheil anſtiften wird. „Ich habe heute nichts Beſonderes zu thun,“ ſagt Podsnap,„und will mich deshalb unter einigen einfluß⸗ reichen Leuten ſehen laſſen. Ich hatte eine Einladung zu einem Diner angenommen, aber ich will ſtatt meiner Mrs. Podsnap ſchicken und um acht Uhr bei Ihnen ſpei⸗ ſen. Es iſt von Wichtigkeit, daß wir über den Fortſchritt der Sache Bericht abſtatten und einander von dem, was wir gethan, unterrichten. Jetzt laſſen Sie ſehen. Sie ſollten ein paar thätige, energiſche Burſche von gentle⸗ männiſchem Weſen haben, die für Sie umhergingen.“ mäßim laſſen um i geſet Dara. Herrn zarte Rede auf, d püllln ſiner Uuſſtc und ſelbe J Stun⸗ fährt „Zu L Corſet deren Model Unter⸗ mit Stad da ſie 9 Lc einem geſchoß ſchlau ihre lig ten in ſie in M gendſte tiagen ſamma arbeit befind der W tens funkelt zurückk zunehmen, zu hören, ſen, oder Herzens Podsnap a8“ ſagt aus dem natüͤrlich dort zu anſche ich unterrichtet Podsnap ts bei der Dreiſtig⸗ d ſagt 7 er ig Unheil dun““ ſagt en einfluß⸗ Veneering nennt, nach tiefer Ueberlegung, Boots und Brewer. „Die ich in Ihrem Hauſe getroffen habe,“ ſagt Pods⸗ nap.„Ja. Sie ſind ſehr gut dazu. Laſſen Sie Jeden einen Fiaker nehmen und umherfahren.“ Veneering erklärt augenblicklich, wie geſegnet er ſich fühlt, einen Freund zu beſitzen, der ſo großartiger admi⸗ niſtrativer Vorſchläge fähig iſt, und iſt wirklich entzückt über dieſes Umherfahren von Boots und Brewer, welches etwas Wahlartiges für ihn hat, und verzweifelt geſchäfts⸗ mäßig ausſieht. Nachdem er Podsnap im Galopp ver⸗ laſſen, ſtürzt er zu Boots und Brewer, die ſich begeiſtert um ihn verſammeln, indem ſie augenblicklich in entgegen⸗ geſetzten Richtungen in Fiakern von dannen ſtürmen. Darauf begiebt Veneering ſich zu dem rechtsgelehrten Herrn in Brittania's Vertrauen, und verhandelt gewiſſe zarte Geſchäftsangelegenheiten mit ihm und ſetzt eine Rede an die unabhängigen Wähler von Pocket⸗Breaches auf, denen er ankündigt, daß er um ihrer Wahlſtimmen willen unter ſie kommt, wie der Schiffer zu der Heimath ſeiner Kindheit zurückkehrt; eine Redensart, die durch den Umſtand, daß er im ganzen Leben nie in dem Orte war und auch jetzt noch keine Ahnung davon hat, wo der⸗ ſelbe gelegen iſt, um nichts verſchlimmert wird. Mrs. Veneering bleibt während dieſer ereignißvollen Stunden nicht müßig. Sowie der Wagen vorfährt, fährt ſie in denſelben hinein und giebt das Commando: „Zu Lady Tippins.“ Dieſe Zauberin wohnt über einer Corſetfabrikantin auf den Grenzen von Belgravia, in deren Fenſtern des Erdgeſchoſſes ſich ein lebensgroßes Modell einer ausgezeichneten Schönheit in einem blauen Unterröckchen befindet, das Schnürband in der Hand und mit unſchuldigem Erſtaunen über die Schulter auf die Stadt hinausſchauend. Wozu ſie allerdings Urſache hat, da ſie unter ſolchen Verhältniſſen Toilette macht. Lady Tippins zu Hauſe? Lady Tippins iſt zu Hauſe, in einem halb dunklen Zimmer und(gleich der Dame im Erd⸗ geſchoß, obgleich aus einem ganz anderen Grunde) den Rücken ſchlau dem Lichte zugewendet. Lady Tippins iſt ſo überraſcht, ihre liebe Mrs. Veneering ſchon ſo früh bei ſich zu ſehen(mit⸗ ten in der Nacht, wie das reizende Weſen es nennt), daß ſie in dieſer Gemüthsbewegung faſt die Augenlider erhebt. Mrs. Veneering theilt ihr auf das Unzuſammenhän⸗ gendſte mit, wie man Veneering Pocket⸗Breaches ange⸗ tragen; wie dies der Augenblick iſt, ſich um ihn zu ver⸗ ſammeln; wie Veneering geſagt hat:„Wir müſſen arbeiten“; wie ſie ſich als Gattin und Mutter jetzt hier befindet, um Lady Tippins anzuflehen, zu arbeiten; wie der Wagen Lady Tippins zu dieſem Zwecke des Arbei⸗ tens zur Verfügung ſteht; wie ſie, die Beſitzerin dieſer funkelnagelneuen eleganten Equipage, zu Fuße nach Hauſe zurückkehren will— auf blutenden Füßen, wenn es ſein muß— um zu arbeiten(ohne anzugeben, in welcher Weiſe), bis ſie an der Wiege der Kleinen niederſinkt. „Meine Liebe,“ ſagt Lady Tippins,„faſſen Sie ſich; wir wollen ihn in's Parlament einbringen.“ Und Lady Tippins arbeitet wirklich und macht außerdem die Ve⸗ neering'ſchen Pferde arbeiten; denn ſie fährt den ganzen Tag in der Stadt umher, beſucht alle Leute, die ſie kennt, und zeigt ihre Unterhaltungsgabe und ihren grü⸗ nen Fächer auf das Vortheilhafteſte, indem ſie mit un⸗ glaublicher Geläufigkeit plappert:„Meine liebe Seele, was denken Sie nur? Als was komme ich wohl zu Ih⸗ nen? Sie werden es nimmer errathen. Ich thue, als ob ich eine Wahl⸗Agentin wäre. Und für welchen Ort auf dieſer ganzen Erde? Für Pocket⸗Breaches. Und warum? Weil der theuerſte Freund, den ich in der ganzen Welt beſitze, den Ort gekauft hat. Und 205 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. wer iſt der theuerſte Freund, den ich in der ganzen Welt beſitze? Ein⸗Mann Namens Veneering. Seine Gattin nicht zu vergeſſen, welche die theuerſte Freundin iſt, die ich in der Welt beſitze; und ich hätte wahrlich faſt ihr Kleines vergeſſen, das die andere theuerſte Freun⸗ din iſt. Und wir treiben dies kleine Spiel um des Schei⸗ nes willen, und iſt es nicht erquicklich? Und der Spaß von der ganzen Geſchichte, mein herziger Schatz, iſt der, daß Niemand weiß, wer dieſe Veneering's ſind, und daß ſie Niemanden kennen, und daß ſie ein Haus aus den Erzählungen der Genien beſitzen und Diners aus„Tau⸗ ſend und eine Nacht“ geben. Sie ſind neugierig, ſie zu ſehen? Sagen Sie, Sie wollen ihre Bekanntſchaft ma⸗ chen. Kommen Sie und ſpeiſen Sie bei ihnen. Sie ſollen ſich nicht langweilen. Sagen Sie, mit wem Sie dort zuſammenzukommen wünſchen. Wir wollen eine kleine Geſellſchaft für uns zuſammenladen und ich mache mich dafür verantwortlich, daß Sie ſie keinen Augenblick beläſtigen. Sie müſſen wirklich ihre goldenen und ſilber⸗ nen Kameele ſehen. Ich nenne ihre Speiſetafel die Ca⸗ ravane. Bitte, kommen Sie und ſpeiſen Sie bei meinen Veneering's, meinen geliebten Veneering's, meinem aus⸗ ſchließlichen Eigenthum, den theuerſten Freunden, die ich in der Welt beſitze! Und vor Allem, meine Schönſte, verſprechen Sie mir Ihre Stimme und Ihr Intereſſe und allerlei Gewichtiges für Pocket⸗Breaches; denn wir den⸗ ken nicht daran, einen Sixpence dafür zu bezahlen, und wollen einzig und allein durch die freiwillige Dingsda der unbeſtechbaren Wie⸗heißen⸗ſie⸗gleich erwählt werden.“ In dem Geſichtspunkte aber, aus dem die bezau⸗ bernde Tippins die Sache aufzufaſſen beliebt, daß näm⸗ lich dieſes ſelbige Arbeiten und Sich⸗um⸗ihn⸗verſammeln nur geſchieht, um den Schein zu bewahren, liegt mögli⸗ cherweiſe etwas Wahres, doch iſt dies nicht lauter Wahr⸗ heit. Es wird mit dem Fiaker⸗Miethen und Umherfah⸗ ren mehr gethan— oder für mehr gethan angeſehen(was im Grunde daſſelbe iſt), als die ſchöne Tippins ahnt. Es iſt durch dieſes einfache Fiaker⸗Miethen und Umher⸗ fahren manch großer Ruf erworben worden. Dies iſt namentlich auf alle Parlamentsangelegenheiten anwend⸗ bar. Ob es ſich nun darum handelt, einen Mann in's Parlament zu bringen oder aus dem Parlament zu trei⸗ ben oder für die Oppoſition zu gewinnen, oder ein Ei⸗ ſenbahnprojekt zu hindern, oder was es ſonſt ſei,— es iſt wohl bekannt, daß nichts ſo wirkſam iſt, als in unbe⸗ ſchreiblichſter Eile nirgendwo hinzuſtürzen— kurz, als das Fiaker⸗Miethen und Umherfahren. Aus dieſem Grunde wahrſcheinlich wird Twemlow, weit entfernt, in ſeiner Ueberzeugung, daß er wie ein Selave arbeitet, allein zu ſtehen, von Podsnap übertroffen, der dann ſeinerſeits wieder von Boots und Brewer über⸗ troffen wird. Um acht Uhr, zu welcher Stunde alle die ſe Arbeiter ſich zum Speiſen bei Veneering verſammeln, verſteht es ſich von ſelbſt, daß Boots' und Brewer's Fiaker vor dem Hauſe warten und Eimer Waſſer vom nächſten Wirthshauſe herbeigeholt werden müſſen, um an Ort und Stelle die Beine der Pferde zu begießen, indem Boots und Brewer im nächſten Augenblicke genöthigt ſein dürften, wieder von dannen zu eilen. Dieſe geſchwinden Boten befehlen dem Analytiſchen, ihre Hüte an einer Stelle hinzuſtellen, wo ſie dieſelben in jedem Augenblicke finden können; und ſie ſpeiſen(obgleich außerordentlich gut) mit der Miene von Spritzenleuten, die eine Feuer⸗ ſpritze anführen und jede Sekunde die Nachricht von ei⸗ ner fürchterlichen Feuersbrunſt erwarten. Mrs. Veneering bemerkt, wie man ſich zu Tiſche ſetzt, mit ſchwacher Stimme, daß viele ſolche Tage zu viel für ſie ſein würden. 206 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. „Viele ſolche Tage würden für uns Alle zu viel ſein,“ ſagt Podsnap;„aber er ſoll gewählt werden!““ „Er ſoll gewählt werden,“ ſagt Lady Tippins, ſcherz⸗ „Venering ſoll haft ihren grünen Fächer ſchwenkend. leben!“ „Er ſoll gewählt werden!“ ſagt Twemlow. der Rede und Podsnap und Twemlow ſagen: „Er ſoll gewählt werden!“ ſagen Boots und Brewer. Genau genommen, wäre es ſchwer zu ſagen, warum er nicht gewählt werden ſollte, da Pocket⸗Breaches bereits den kleinen Handel abgeſchloſſen hat und keine Oppoſi⸗ tion da iſt. Indeſſen ſind ſie Alle einverſtanden, daß ſie „arbeiten“ müſſen, und daß, falls ſie nicht arbeiten, ſich irgend Etwas ereignen wird. Sie ſind ſich außerdem Alle darüber einig, hinter ihnen liegt, ſo ſehr erſchöpft ſind und für die Ar⸗ beit, die ſie noch vor ſich haben, beſonderer Stärkung aus Veneering's Keller bedürfen. Deshalb erhält der Ana⸗ lytiſche den Befehl, das Allerköſtlichſte aus ſeinem Ver⸗ ſchluſſe hervorzuholen, und deshalb ereignet es ſich, daß das„Verſammeln“ bei dieſer Gelegenheit ein ſchwer aus— zuſprechendes Wort wird; indem Lady Tippins Allen auf's Tapferſte die Nothwendigkeit einzuſchärfen ſucht, ſich um ihren lieben Veneering zu verſammeln; Podsnap ſtimmt dafür, daß man ſich um ihn verſammelt; Boots und Brewer erklären ihre Abſicht, ſich um ihn zu ver⸗ zappeln; und Veneering dankt ſeinen gütigen Freunden mit tiefer Rührung dafür, daß ſie ſich um ihn verſamme⸗ lammeln. In dieſen begeiſternden Augenblicken verfällt Brewer auf einen Gedanken, der die große Idee des Tages iſt. Er zieht ſeine Uhr zu Rathe und erklärt(gleich dem Guy Fawkes), daß er jetzt nach dem Unterhauſe eilen und ſehen will, wie die Sache ſich anläßt. „Ich will mich ein paar Stunden in der Vorhalle umhertreiben,“ ſagt Brewer mit unbeſchreiblich geheim⸗ nißvoller Miene,„und falls Alles gut geht, will ich nicht zurückkommen, ſondern den Fiaker auf morgen früh, neun Uhr, beſtellen.“ „Sie könnten nichts Beſſeres thun,“ ſagt Podsnap. Veneering drückt ſeine Unfähigkeit aus, ihm je für dieſen letzten Dienſt zu danken. Mrs. Veneering's liebe⸗ volle Augen füllen ſich mit Thränen. Boots verräth Neid, verliert an Anſehen und wird als ein untergeord⸗ neter Geiſt betrachtet. Sie drängen ſich Alle an die Hausthür, um Brewer abfahren zu ſehen. Brewer ſagt mit kritiſirend prüfender Miene zu ſeinem Fuhrmanne: „Iſt Euer Pferd hübſch munter und friſch?“ Fuhrmann erwiedert:„Friſch, wie Butter.“—„Dann laßt ihn traben,“ ſagt Brewer.„Nach dem Unterhauſe.“ Fuhr⸗ mann ſpringt auf den Bock, Brewer ſpringt in den Wagen, ſie geben ihm ein„Hoch!“ wie er abfährt, und Mr. Podsnap ſagt:„Merken Sie ſich, wa ich ſage, Sir. Dieſer Menſch iſt voll von Reſourcen; er iſt ein Mann, der im Leben eine Carriere machen wird.“ Wie die Zeit kommt, wo Veneering den Bewohnern von Pocket⸗Breaches ein zierliches und angemeſſenes Ge⸗ ſtammel zu halten genoͤthigt iſt, begleiten ihn nur Podsnap und Twemlow per Eiſenbahn nach dieſem abgelegenen Orte. Der rechtsgelehrte Herr wartet mit einem offenen Wagen, auf den man einen gedruckten Zettel mit den Worten:„Veneering ſoll leben!“(wie wenn der Wagen eine Mauer geweſen) geklebt hatte, auf dem Bahnhofe von Pocket⸗Breaches; und ſie begaben ſich ruhmvoll, unter dem Grinſen der Menge, nach einem ſchwachen kleinen Rathhauſe auf Krücken, unter dem einige Zwiebeln und Stiefelſchnüre zu ſehen ſind, die der rechtsgelehrte Herr ihnen als den Markt vorſtellt; und aus dem vorderen Fenſter dieſes Gebäudes redet Veneering zu der lauſchen⸗ daß ſie von der Arbeit, die bereits den Erde. In dem Augenblicke, wo er den Hut abnimmt, telegraphirt Podsnap nach vorher getroffener Ueverein⸗ kunft mit Mrs. Veneering, an dieſe Gattin und Mutter: „Er iſt aufgetreten.“ Veneering verirrt ſich in den gewohnten Sackgaſſen „Hört, hört!“ und zuweilen, wenn er ſich auf keine erdenkliche Weiſe aus einer unglückſeligen Sackgaſſe wieder herauszu⸗ finden im Stande iſt:„Hö—ö—ö— tt! Hö—ö— ö— rt!“ mit einer Miene ſpaßhafter Ueberzeugung, als ob das Scharfſinnige der Sache ihnen ein unbeſchreibliches Ver⸗ gnügen verurſachte. Aber Veneering äußert zwei außer⸗ ordentlich gute Punkte; ſo gut, daß man glaubt, dieſel⸗ ben ſeien ihm von dem rechtsgelehrten Herrn in Britta⸗ nia's Vertrauen angegeben worden, wie er ſich in Kürze mit dieſem auf der Treppe beſprochen. Der erſte Punkt iſt dieſer: Veneering ſtellt einen originellen Vergleich mit dem Vaterlande und einem Schiffe an, indem er mit Hervorhebung das Schiff„das Staatsſchiff“ und den Miniſter den„Mann am Steuer⸗ ruder“ nennt. Veneering's Zweck iſt, Pocket⸗Breaches wiſſen zu laſſen, daß ſein Freund zu ſeiner Rechten (Podsnap) ein Mann von Wohlſtand iſt. In Folge deſſen ſagt er:„Und, meine Herren, wenn die Balken des Staatsſchiffes verfault ſind und der Mann am Steuer ungeſchickt iſt, würden da wohl jene großen Schiffsrheder, die zu unſern weltberühmten Laufmannsfürſten gehören, das Schiff verſichern, meine Herren? Würden ſie Zu⸗ trauen zu dem Schiffe haben? Meine Herren, wenn ich dieſe Frage an meinen ehrenwerthen Freund zu meiner Rechten richtete, der ſelbſt einer der Größten und Ge⸗ achtetſten jener großen und geachteten Claſſe iſt, ſo würde er„Nein!“ antworten.“ Der zweite Punkt iſt folgender: Das effectvolle Factum, daß Twemlow mit Lord Snigsworth verwandt iſt, muß benutzt werden. Veneering ſetzt einen Zuſtand. öffentlicher Angelegenheiten voraus, der vermuthlich nim⸗ mer exiſtiren könnte(obgleich dies nicht ſo ganz gewiß iſt, da ſein Bild ſowohl ihm, als allen ſeinen Zuhörern vollkommen unverſtändlich iſt) und fährt dann folgender⸗ maßen fort:„Ei, meine Herren, wenn ich irgend einer Claſſe der menſchlichen Geſellſchaft ein ſolches Programm vorlegte, ſo würde daſſelbe mit Geſpött empfangen, mit dem Finger des Hohnes zum Verlachen emporgehalten werden. Wenn ich ein ſolches Programm irgend einem würdigen und verſtändigen Handwerker Ihrer Stadt— ja, ich will perſönlich reden und es unſere Stadt nen⸗ nen— vorlegte,— was würde er darauf erwiedern? Er würde erwiedern: Fort damit! Das würde er er⸗ wiedern, meine Herren. In ſeiner rechtſchaffenen Ent⸗ rüſtung würde er erwiedern: Fort damit! Aber nehmen wir an, ich ſtiege höher auf der geſellſchaftlichen Stufen⸗ leiter. Geſetzt, ich nähme den Arm meines geſchätzten Freundes zu meiner Linken, wandelte mit ihm durch die ſtolzen Wälder ſeiner Vorfahren unter den breitäſtigen Buchen von Snigsworthy Park, nahte mich der edlen Halle, ſchritte über den Hof, ginge durch die hohe Thür hinein, die Treppe hinauf und durch ein Zimmer nach dem andern, bis ich zuletzt in der hohen Gegenwart von Lord Snigsworth, dem nahen Anverwandten meines ge⸗ achteten Freundes zu meiner Linken, ſtände. Und geſetzt, ich ſagte zu dieſem ehrwürdigen Grafen:„Mylord, ich komme vor Ew. Lordſchaft und laſſe mich Ew. ordſchaft durch Ihren Anverwandten, meinen Freund zu meiner Linken, vorſtellen, um Ihnen dieſes Programm vorzu⸗ legen,“— was würde Se. Lordſchaft enkgegnen? Ei, er würde entgegnen: Fort damit! Das würde er ent⸗ gegnen, meine Herren. Fort damit! Indem er ſich in 09 ſeiner Auödt Handä würde ſu m damit Rede Veneg im nung Pods durch G volles in den len, u dyppi Boots Gö ſe unter denes ben, Ernen doch Allen wer's dem U. und n Sache der§ E Vorfa des A neerin neering Thräne nach ih Anſtre großen iung Tippit läßt, vollem chem thöric das u ſich mu ich am an der ſaß, wg Dde zuſchau das V hinguw N 7 Kleine d Mr. nur!⁰ Venee Feen N. P M. Boz, Unſer nimmt, berein⸗ 5 Kutter; cgaſſen „Hört, eenkliche rauszu⸗ d— ul“ db das des Ver⸗ 21 außer⸗ t, dieſel⸗ Britta⸗ in Kürze Ut einen d einem ndas Steuer⸗ Breaches Rechten In Folge ie Balken m Steuer ifferheder, gehören, mſie Zu⸗ wenn ich u meiner und Ge⸗ ſo wurde „ effectvolle verwandt u Zuſtand. glich nim⸗ nz gewiß Zuhötern folgender⸗ gend einer rogranm ngen, mit ſorgehalten dend einem Stadt— Piadt nen⸗ erwiedern? lirde er el⸗ henen Ent⸗ ber nehmen en Stufen⸗ geſchäßten durch die witäſtigen der edlen hohe Thür Gmmer nach nwart von meines ge⸗ Und geſetz I Tippins und dort harren 209 ſeiner erhabenen Sphäre unbewußterweiſe genau deſſelben Ausdruckes bediente, in dem der würdige und verſtändige Handwerker unſerer Stadt ſeine Anſicht kund gegeben, würde der nahe und liebe Anverwandte meines Freundes zu meiner Linken in ſeinem Zorne erwiedern: Fort damit!“ Mit dieſem letzten Erfolge bringt Veneering ſeine Rede zu Ende, und Mr. Podsnap telegraphirt an Mrs. Veneering:„Er iſt abgetreten.“ Dann folgt das Diner mit dem rechtsgelehrten Herrn im Hotel, und in angemeſſener Reihenfolge die Ernen⸗ nung und die Bekanntmachung. Schließlich telegraphirt Podsnap an Mrs. Veneering:„Wir haben ſeine Wahl durchgeſetzt.“ Ein abermaliges pracht⸗ volles Diner harrt ihrer in den Veneering'ſchen Hal⸗ len, und dort harrt Lady Boots und Brewer ihrer. Es ſcheint jeder Einzelne unter ihnen ein beſchei⸗ denes Bewußtſein zu ha⸗ ben, daß er allein ſeine Ernennung durchgeſetzt hat; doch wird im Ganzen von Allen zugegeben, daß Bre⸗ wer's großer Coup, nach dem Unterhauſe zu fahren und nachzuſehen, wie die Sache ſich dort anließe, der Hauptſtreich war. Ein rührender kleiner Vorfall wird im Verlaufe des Abends von Mrs. Ve⸗ neering erzählt. Mrs. Ve⸗ neering iſt von Natur zu Thränen geneigt und hat nach ihren jüngſt gehabten Anſtrengungen einen extra großen Hang in dieſe Rich⸗ tung. Ehe ſie mit Lady Tippins das Eßzimmer ver⸗ läßt, ſagt ſie in gefühl⸗ vollem und phyſiſch ſchwa⸗ chem Tone: „Sie werden es Alle thöricht von mir finden, das weiß ich wohl, aber ich muß es erwähnen. Wie ich am Abend vor der Wahl an der Wiege der Kleinen ſaß, war die Kleine ſehr unruhig in ihrem Schlafe.“ Der analytiſche Chemiker, welcher mit düſterer Miene zuſchaut, fühlt ſich von teufliſcher Bosheit gedrungen, das Wort„Blähungen“ als Löſung des Geheimniſſes hinzuwerfen und dann ſeine Stelle fahren zu laſſen; doch unterdrückt er dieſen Drang. „Nach einem faſt krampfhaften Anfalle ballte die Kleine ihre kleinen Fäuſtchen und lächelte.“ Da Mrs. Veneering hier eine Pauſe macht, hält Mr. Podsnap es für ſeine Pflicht, zu ſagen:„Warum nur!“ Feen der Kleinen erzählten, daß ihr Papa bald ein M. P. ſein werde?“ 5 i 3 Mrs. Veneering iſt dermaßen von ihren Gefühlen Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 210 Sie bringen ihn hinein. Geſſellſchaft ihrer Tochter behelfen. nerſchaft gegen die Lammles. überwältigt, daß Alle aufſtehen, um Platz für Veneering zu machen, der um den Tiſch herum ihr zu Hülfe eilt und ſie, nachdem er bemerkt, daß die Arbeit über ihre Kräfte gegangen, rückwärts aus dem Zimmer ſchleppt, indem ſie die Ferſen auf dem Teppich entlang ſchleift. Ob die Feen Etwas von den fünftauſend Pfund erwähn⸗ ten und dies der Kleinen nicht bekommen— davon wird nicht geredet. Der arme kleine Twemlow, oöllig erſchöpft, iſt ge— rührt und bleibt gerührt, nachdem er ſchon ſicher und woohlbehalten wieder in ſeiner Wohnung, in der Duke Street, St. James, angelangt iſt. Doch dort, wie er auf ſeinem Sopha liegt, kommt dem ſanften kleinen Heerrrn ein fürchterlicher Gedanke, der alle milderen Ge⸗ danken augenblicklich ver⸗ jagt. „Allgütiger Himmel! Jetzt erinnere ich mich, er hatte in ſeinem ganzen Leben zuvor keinen ein⸗ zigen ſeiner Wahlmänner geſehen, bis wir ſie Alle zuſammen ſah'n!“ Nachdem er verſtörten Gemüths und mit der Hand an der Stirn im Zimmer auf und ab ge⸗ gangen, kehrt der unſchul⸗ dige Twemlow zu ſeinem Sopha zurück und ſtöhnt: „Ich werde entweder den Verſtand verlieren oder an dieſem Manne ſterben. Er iſt mir in zu ſpäten Lebensjahren geſandt. Ich bin nicht kräftig genug, um ihn zu ertragen!“ Viertes Capilel. Amor in der Tehre. Mrs. Alfred Lammle machte eifrige und ſchnelle Fortſchritte in ihrer Be⸗ kanntſchaft mit Miß Pods nap. Wie Mrs. Lammle ſich in der warmen Sprache 8 ihrer Liebe ausdrückte: ſie und ihre ſüße Georgiana wurden bald Eins in Herz, Geiſt, Gefühl und Seele. Wenn Georgiana dem Joche der Podsnapperei ent⸗ wiſchen, wenn ſie die Decken des eigelben Phaëtons ab⸗ werfen und aufſtehen, wenn ſie ſich aus dem Bereiche des mütterlichen Hochtrabes flüchten und, ſo zu ſagen, ihre armen erfrorenen kleinen Zehen, vor den zermalmenden Hufen bewahren konnte, begab ſie ſich zu ihrer Freundin, Mrs. Alfred Lammle. Mrs. Podsnap hatte durchaus nichts dawider gehabt. In dem Bewußtſein, daß ſie eine (Seite; 209.) 8„prachtvolle Frau,“ wie ſie ſich von ältlichen Oſteologen 3„Ich fragte mich, ob es möglich ſei,“ ſagte Mrs. Veneering, nach ihrem Taſchentuche ſuchend,„daß die häufig nennen hörte, die während der Feſtmahlzeiten ihre Studien fortſetzten, konnte Mrs. Podsnap ſich ohne die Mr. Podsnap ſeiner⸗ ſeits ſchwoll, da er hörte, wo ſeine Tochter ſei, vor Gön⸗ Daß dieſe, da ſie ſeiner 14 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. nicht habhaft zu werden im Stande, achtungsvoll nach dem Saume ſeines Mantels griffen; daß ſie, da ſie ſich nicht in ſeinem Glanze ſonnen durften, ſich mit dem matten Abglanze des wäſſerigen jungen Mondes, ſeiner Tochter, begnügten, erſchien als vollkommen natürlich, paſſend und ſchicklich. Er faßte hiernach eine beſſere Mei⸗ nung von den Lamnmles, als er bisher von ihnen gehegt, da ſie hierdurch bewieſen, daß ſie den Werth der Bekannt⸗ ſchaft zu ſchätzen wußten. Und ſo ging Mr. Podsnap, wenn Georgiana ihre Freundin beſuchte, Arm in Arm mit Mrs. Podsnap in eine Mittagsgeſellſchaft nach der andern, indem er ſeinen hartnäckigen Kopf in ſeinem Hemdkragen und ſeiner Cravatte hin⸗ und herdrehte, un⸗ gefähr, wie wenn er ſich ſelber zu Ehren, den Sieges⸗ marſch:„Seht, es naht der Siegesheld, rührt die Trom⸗ meln vor dem Zelt!“ auf der Flöte ſpielte. Ein Zug in Mr. Podsnap's Charakter(der übrigens ziemlich allgemein in den Flächen und Tiefen der Pods⸗ napperei zu finden iſt) war der, daß er keine Anſpielung auf die Herabſetzung eines ſeiner Freunde oder Bekannten dulden wollte.„Wie können Sie ſich's unterſtehen?“ ſchien er bei ſolchen Gelegenheiten zu ſagen.„Was wollen Sie damit ſagen?“ Dieſe Perſon hat ein Certificat von mir. Indem Sie dieſe Perſon angreifen, treffen Sie mich, Podsnap den Großen. Und es iſt nicht etwa, daß mir beſonders an der Würde dieſer Perſon, wohl aber außerordentlich viel an Podsnap's Würde gelegen iſt.“ Falls daher irgend Jemand in ſeiner Gegenwart die Acht⸗ barkeit der Lammle's in Zweifel zu ziehen gewagt, ſo würde er ſich dadurch außerordentlich beleidigt gefühlt haben. Nicht etwa, daß dies je geſchah, denn Veneering, M. P., war ſtets Bürge dafür, daß ſie ſehr reich ſeien, und glaubte es vielleicht ſelbſt, und ſoviel er über die Sache wußte, durfte er ſich allerdings dieſem Glauben hingeben. Mr. und Mrs. Lammle's Haus in der Sackoille⸗ Straße, Piccadilly, war nur eine temporäre Wohnung. Dieſelbe war gut genug, wie ſie ihre Bekannten unter⸗ richteten, ſo lange Mr. Lammle als Junggeſelle darin gelebt, doch jetzt reichte ſie nicht mehr aus. Deshalb ſchauten ſie ſich beſtändig in den beſten Theilen der Stadt nach prinzlichen Paläſten um, welche ſie ſtets faſt kauften, über die ſie aber nie zum Abſchluß kamen. Hierdurch verſchafften ſie ſich einen ganz ſeparaten kleinen glänzen⸗ den Ruf. Wenn ihre Bekannten eine leerſtehende fürſt⸗ liche Wohnung ſahen, ſo ſagten ſie:„Genau die Woh⸗ nung für die Lammle's!“ und ſchrieben darüber an die Lammle's und die Lammle's gingen ſtets, dieſelbe in Au⸗ genſchein zu nehmen, aber unglücklicherweiſe paßte keine derſelben jemals ganz. Kurz, ſie erführen ſo häufige Enttäuſchungen, daß ſie faſt zu dem Schluſſent ſi würden einen fürſtlichen Palaſt für 4 genöthigt ſein. Und hierdurch verſcham mals einen kleinen glänzenden Ruf, kannten wurden in der Erwartung unz zufrieden mit ih⸗ ren eigenen Wohnungen und beneideten die Lammle's um deren prachtvolles unerſchaffenes Gebäude. Das Geſpenſt des Lammle'ſchen Gattenpaares war hinter den koſtbaren Meublen des Hauſes in Sackoille verſteckt, und falls es je hinter denſelben flüſterte:„Hier bin ich, hier in dieſem Schranke!“ ſo ward dies jeden⸗ falls nie von Miß Podsnap's Ohren vernommen. Nächſt der anmuthigen Liebenswürdigkeit ihrer Freundin entzückte Miß Podsnap nichts ſo ſehr, als deren eheliches Glück. Daſſelbe bildete ſtets den Gegenſtand ihrer Unterhaltung. „Mr. Lammle geht ganz wie ein Geliebter mit Dir um,“ ſagte Miß Podsnap.„Wenigſtens— wenigſtens ſcheint es mir ſo.“ U 212 „Meine liebe Georgiana!“ ſagte Mrs. Lammle, wahinn den Zeigefinger emporhaltend,„nimm Dich in 2 t!“ „O, du meine Güte!“ rief Miß Podsnap erröthend, „was habe ich jetzt geſagt?“ „Alfred, meine Liebe,“ ſagte ſcherzhaftem Kopfſchütteln.„Du daß Du ihn nie mehr Mr. Lamm „O, Alfred. Ich bin froh, d meres iſt. Ich fürchtete, ich habe ſagt. Ich ſage ſtets etwas Un der Mama rede.“ „Mit mir, liebſte Georgiana?“ „Nein, nicht mit Di u biſt nicht meine Mama; ich wollte, Du wärſt's.“ 4 Mrs. Lammle mit weißt, Georgiana, nennen ſollſt.“ es nichts Schlim⸗ Mrs. Lammle gab ihrer Freundin ein liebliches zärt, liches Lächeln, welches Dieſe nach beſtem Vermögen er⸗ widerte. Sie ſaßen in Mrs. Lammle's Boudoir beim Gabelfrühſtück. „Alfred entſpricht alſo Deinen Begriffen von einem Geliebten, meine Georgiana?“ „Das will ich nicht ſagen, Sophronia,“ erwiderte Georgiana, indem ſie ihre Elbogen zu verſtecken anfing. „Ich habe gar keine Vorſtellung von einem Geliebten. Die ſcheußlichen Geſchöpfe, die die Mama in Geſell⸗ ſchaften zu mir bringt, damit ſie mich quälen und äng⸗ ſtigen, ſind keine Geliebten. Ich meine blos, daß 9—7 „Schon wieder, liebſte Georgiana?“ „Daß Alfred—“— „Klingt viel hübſcher, mein Herzchen.“ „— Dich ſo ſehr liebt. Er behandelt Dich ſtets mit ſo zarter Höflichkeit und Aufmerkſamkeit. Sprich, thut er dies nicht?“ „Gewiß, meine Liebe,“ ſagte Mrs. Lammle, über deren Antlitz ein eigenthümlicher Ausdruck flog. glaube, daß er mich ebenſo ſehr liebt, wie ich ihn.“ „Aber weißt Du wohl, meine Georgiana,“ ſagte 4 Mrs. Lammle nach wenigen Augenblicken,„daß in Dei⸗ ner enthuſiaſtiſchen Théilnahme für Alfred's Zärtlichkeit etwas Verdächtiges liegt?“ „Allgütiger Himmel, nein, das hoffe ich ſichiel „Verräth dies nicht,“ ſagte Mrs. Lammle ſchelmiſch, „daß das kleine Herz meiner Georgiana—“ „O, ich bitte Dich!“ flehte Miß Podsnap mit tiefem Erröthen.„O, ich verſichere Dir, Sophronia, daß ich Alfred nur lobe, weil er Dein Gatte iſt und Dich ſo lieb hat.“ Sophronia's Geſicht trug einen Ausdruck, wie wenn ihr plötzlich ein neues Licht aufgegangen. Derſelbe ging in ein kaltes Lächeln über, indem ſie, die Augen auf ihren Teller heftend und die Brauen emporziehend, er⸗ widerte: „Du täuſcheſt Dich vollkommen über Das, was ich meinte, meine Liebſte. Ich wollte damit nur andeuten, daß das kleine Herz meiner Georgiana ſich einer Leere bewußt zu werden anfängt.“ „Nein, nein, nein,“ ſagte Georgiana,„ich möchte, ich weiß nicht, um wie viele tauſend Pfund nicht, daß ir⸗ gend Jemand in dieſer Weiſe zu mir ſpräche.“ „In welcher Weiſe, meine Georgiana?“ frug Mrs. Lammle mit ihrem kalten Lächeln, die Augen auf den Teller heftend und mit emporgezogenen Brauen. „Du weißt wohl, Sophronia,“ ſagte die arme kleine Miß Podsnap.„Ich glaube, ich würde vor Verlegen⸗ heit und Verdruß den Verſtand verlieren. Es genügt mir, zu ſehen, wie glücklich Du mit Deinem Gatten biſt. „, welche Glückſeligkeit!“ rief Miß Podsnap. D Augenb gaana 71* datf, in ver gebun und küßte. 2 9 und m zwiſche b phrori A giana 1 meinen ärtlich at⸗ Bi eenden giffen in dieſ „ m nig entgeg I hier auszu dem S uhalt davon 4 ammle, NI„ hich in öthend, le mit egiana, Schüm⸗ endes ge⸗ ich mit Mamag; des zaͤrt⸗ ögen er⸗ zir beim in enem erwiderte n anfing. liebten. Geſell und ang⸗ bs, daß H ſtets wit wiich, thut über „Ich ß in Dei⸗ Zärtlichkeit , 4 10 ich chl. ſchelmiſch, mit tiefem ſa, daß ich nd Dich ſo wie wenn rſelbe ging Augen auf ſebend, er⸗ was ich andeuten, einer Leere möchte, ich t daß ir⸗ frug Mro. en auf den en.* arme kl eine Verlegen. Es genügt Gatten bſſt. a“ ſagte fernte und mit Füßen träte.“ Ah! Hier war Alfred. Er war unbemerkt in's Zim⸗ mer geſchlichen und lehnte ſich ſcherzend über Sophronia's Seſſel, und wie Miß Podsnap ihn erblickte, führte er eine von Sophroniggigerſtreuten Locken an ſeine Lippen und warf Miß Podsuap ein Kußfingerchen zu. er Gatten und Verabſcheuungen ubernde Alfred. „Ei, es heißt: T her an der Wand hört ſtets die eig'ne Schand'; Du— aber wie lange, Sir, biſt Du ſchon hier, wenfſich fragen darf?“ „Ich bin in dieſem Augenblicke angelangt, mein Herz.“ „Dann darf ich fortfahren:— wenn Du ein paar Augenblicke früher gekommen wärſt, ſo hätteſt Du Geor⸗ giana Dein Lob können ſingen hören.“ „Nur, wenn es überhaupt ein Lob genannt werden darf, was ich wirklich nicht glaube,“ ſagte Miß Podsnap in verlegener Aufregung;„ich ſprach nur von Ihrer Hin⸗ gebung für Sophronia.“ „Sophronia!“ murmelte Alfred.„Mein Leben!“ und er küßte ihre Hand,— wofür ſie ſeine Uhrkette küßte. Bte. ich hoffe, ich war nicht Derjenige, der entfernt und mit Füßen getreten werden ſollte?“ ſagte Alfred, ſich zwiſchen ihnen auf einen Seſſel niederlaſſend. „Frage Georgiana, meine Seligkeit,“ ſagte So⸗ ronia. Alfred wandte ſich mit rührendem Ausdruck zu Geor⸗ iana.. 5 1„O, Niemand,“ erwiderte Miß Podsnap. Dummheit.“ „Doch wenn Du es durchaus zu wiſſen verlangſt, verhandelt?“ frug „Es war mein neugieriger Herr Liebling,“ ſagte die glückliche und zärtliche Sophronia lächelnd,„ſo war es irgend Jemand, der nach Georgiana zu ſtreben wagen würde.“ „Meine liebe Sophronia,“ ſagte Alfred ernſter wer⸗ dend,„Du ſprichſt nicht im Ernſt.“ „Mein lieber Alfred,“ erwiderte Sophronia,„Ge⸗ orgiana ſprach vermuthlich nicht im Ernſte, ich aber wohl.“. „Dies beweiſt die zufällige Uebereinſtimmung, die ſich ſo oft in gewiſſen Dingen zeigt!“ ſagte Mr. Lammle. „Sollteſt Du es wohl glauben, mein geliebter Engel, daß ich ſoeben mit dem Namen eines Bewerbers um Georgiana auf den Lippen in dieſes Zimmer kam?“ „Natürlich, Alfred,“ ſagte Mrs. Lammle,„ich kann Alles glauben, was Du mir ſagſt.“ „Du Theuere! Und ich glaube Alles, was Du mir ſagſt.“ Wie allerliebſt dieſe Zärtlichkeiten und die ſie beglei⸗ tenden Blicke! Wenn das Geſpenſt die Gelegenheit er⸗ griffen hätte um auszurufen:„Hier bin ich, ich erſticke in dieſem Schranke!“ .„Ich gebe Dir mein Ehrenwort, meine liebe Sophro⸗ nia— „Und ich weiß, was das zu bedeuten hat, mein Herz,“ entgegnete ſie. „Das verſteht ſich, mein Engel— daß ich, da ich hier in's Zimmer trat, den Namen des jungen Fledgeby auszuſprechen im Begriff war. Erzähle Georgiana von dem jungen Fledgeby, mein Schätzchen.“ „O, nein, nein!“ rief Miß Podsnap, ſich die Ohren zuhaltend;„bitte, thu' es nicht! Ich möchte lieber nichts davon hören.“ Boz, Unſer gemeinſ chaftlicher Freund. Mrs. Lammle lachte auf das Fröhlichſte; ſie zog Ge⸗ orgiana's widerſtandsloſe Hände von deren Ohren hin⸗ weg, und hielt dieſelben mit den ihrigen feſt, indem ſie ſie ſcherzend bald dicht auf einander, bald weit von ein⸗ ander entfernt hielt, und fuhr fort: „Du mußt wiſſen, Du liebe herzige kleine Gans, daß es eitiſtmals einen jungen Herrn gab, der der junge Fled⸗ geby genannt wurde. Und dieſer junge Fledgeby war von ehr guter Familie und reich und ein Bekannter von ein Paar andern Leuten, die einander ſehr lieb hatten und Mr. und Mrs. Alfred Lammle hießen. Dieſer junge Fledgeby iſt alſo eines Abends im Theater und ſieht dort in Begleitung von Mr. und Mrs. Alfred Lammle eine gewiſſe Heldin, deren Name—“ „Nein, ſage nicht Georgiana Podsnap!“ flehte dieſe junge Dame faſt in Thränen.„Bitte, bitte, ſage das nicht. O, bitte, nenne einen andern Namen. Nicht Geor⸗ giana Podsnap! O bitto, bitte, bitte nicht!“ „Keine Andere,“ ſagt Mrs. Lammle lachend und in⸗ dem ſie voll liebevoller Innigkeit Georgiana's Arme wie einen Compaß auseinander⸗ und wieder zuſammenzieht, „als meine kleine Georgiana Podsnap. Dieſer junge Fledgeby geht alſo zu jenem Alfred Lammle und ſagt—“ „O, bi—i— i— tte, nein!“ rief Georgiana, wie wenn das Flehen vermittelſt eines gewaltigen Druckes aus ihr herausgepreßt würde.„Ich haßte ihn ſo ſehr dafür, daß er es ſagte!“ „Daß er was ſagte, Lammle. „O, ich weiß nicht, was er ſagte,“ rief Georgiana helbeaber ich haßte ihn fortwährend dafür, daß er es agte.“ „Meine Liebſte,“ ſagte Mrs. Lammle noch immer mit ihrem einnehmendſten Lachen,„der arme junge Menſch ſagt, daß er ſich wie vom Blitz getroffen fühlt.“ „O, was in aller Welt ſoll ich nur anfangen!“ rief Georgiana.„O, meine Güte, welch ein Narr er ſein muß!“ „Und er bittetzamit Dir zu Tiſche geladen zu werden und uns das nächſte Mal ins Theater begleiten zu dür⸗ fen. Und deshalb ſpeiſt er alſo morgen bei uns und geht dann mit uns in die Oper. Das iſt Alles. Aus⸗ genommen, meine liebe Georgiana— und was wirſt Du nur hierzu ſagen! daß er noch viel ſchüchterner iſt, als Du, und ſich weit mehr vor Dir fürchtet, als Du Dich noch je in Deinem ganzen Leben vor irgend einem Menſchen gefürchtet haſt.“ Miß Podsnap zerrte noch immer in großer Gemüths⸗ verwirrung ein wenig an ihren Händen, konnte aber nicht umhin, über die Idee zu lachen, daß ſich Jemand vor ihr fürchten könne. Mit dieſem Vortheile ſchmeichelte So⸗ phronia ihr und neckte ſie mit beſſerem Erfolge, als Al⸗ fred, der ihr verſprach, daß er den jungen Fledgeby, ſo⸗ wie ſie dieſen Dienſt von ihm verlangte, entfernen und mit Füßen treten wolle. Und ſo wurde es freundſchaft⸗ lichſt ausgemacht, daß der junge Fledgeby kommen ſolle, um zu bewundern, und Georgiana, um ſich bewundern zu laſſen; und mit dem ihr ganz neuen Gefühle von Dem was ihr bevorſtehe im Buſen und vielen zärtli⸗ chen Küſſen von ihrer Sophronia auf den Lippen kehrte Georgiana vor einem ſechs Fuß hohen unzufriedenen Be⸗ dienten(der ſie ſtets nach Hauſe holte) nach ihres Va⸗ ters Wohnung zurück. Da das glückliche Paar allein war, ſagte Sophronia zu ihrem Gatten: „Wenn ich mich in dieſem Mädchen nicht täuſche, ſo haben Deine gefährlichen Reize einigen Eindruck auf ſie gemacht. Ich erwähne dieſe Eroberung bei Zeiten, weil A mein Herz?“ lachte Mrs. 214 lichen Lächelns. einen Blick der tiefſten Verachtung und das Bil denſelben dort in Empfang. Im nächſten Auge betrachteten ſie einander ganz ruhig, wie wenn ſie, die beiden handelnden Perſonen, mit jenem kleinen Mienen⸗ ſpiel nichts zu ſchaffen gehabt. Mrs. Lammle verſuchte möglicherweiſe, ſich vor ſich ſelber zu entſchuldigen, indem ſie das arme kleine Opfer herabſetzte, von dem ſie mit ſo bitterer Geringſchätzung ſprach. lang ihr dies, denn es iſt ſehr ſchwer, einem aufrichtigen Zutrauen zu widerſtehen, und ſie wußte, daß ſie das der armen Georgiana beſaß. Das glückliche Paar ſagte weiter nichts. Verſchwö— rer, die einmal zu einem entſchiedenen Verſtändniſſe ge⸗ langt ſind, wiederholen vielleicht die Bedingungen und Zwecke ihrer Verſchwörung nicht gern. Tag kam, und mit ihm kam Georgiana,— kam Fledgeby. Georgiana hatte jetzt bereits ziemlich viel von dem Hauſe und von deſſen Gäſten kennen gelernt. Es gab in demſelben ein gewiſſes ſchönes Zimmer mit einem Billardtiſche,— im Erdgeſchoſſe und in den Hinterhof hinausgebaut— das Mr. Lammle's Expedition, oder ſeine Bibliothek oder ſein Arbeitszimmer hätte ſein kön⸗ nen, aber nur ganz einfach Mr. Lammle's Zimmer genannt wurde, und ſtärkere Frauenköpfe, als der der armen Geor⸗ giana, würden es ſchwer gefunden haben, zu beſtimmen, ob Diejenigen, die daſſelbe beſuchten, in Geſchäfts⸗ oder Vergnügungsangelegenheiten kamen. Zwiſchen dem Zim⸗ mer und den Güäſten herrſchte eine große Aehnlichkeit. Beide waren zu geputzt, rochen zu ſehr nach Cigarren, und waren zu ſehr zu Pferdefleiſch geneigt; dieſer letztere Charakterzug gab ſich in dem Zimmer durch deſſen De⸗ corationen und bei den Männern in der Unterhaltung zu erkennen. Mr. Alfred Lammle's Freunde ſchienen alle hochtrabende Pferde als unerläßlich erachten— ebenſo unerläßlich, wie ihre zigeunerhaft gührten Geſchäftsan⸗ gelegenheiten, die ſie zu unerhörten Tages⸗ und Nacht⸗ ſtunden und wie im Fluge verhandelten. Er hatte Freunde, die dem Anſcheine nach fortwährend in Angele⸗ genheiten der Börſe und der ſpaniſchen, griechiſchen, in⸗ diſchen und mexikaniſchen Conſols und Wechſelkurſe und Prämien und Disconto und drei Viertel und ſieben Ach⸗ tel, über den Kanal hin⸗ und hereilten. Er hatte an⸗ dere Freunde, die anſcheinend fortwährend in und außer⸗ halb der City umherſtanden und ſchlenderten, in Angele⸗ genheiten der Börſe und der ſpaniſchen, griechiſchen, in⸗ diſchen und mexikaniſchen Conſols, und Wechſelkurſe und Prämien und Disconto und drei Viertel und ſieben Achtel. Sie waren Alle fieberhaft und prahleriſch und von einer unerklärbaren Nirgendwohingehörigkeit; und Alle aßen und tranken ſehr viel und machten beim Eſſen und Trinken Wetten. Sie ſprachen Alle von Geldſum⸗ men, und nannten dabei blos die Summen, ohne des Geldes zu erwähnen; wie zum. Beiſpiel„Fünfundvierzig⸗ tauſend, Tom,“ oder„Zweihundertzweiundzwanzig für jede einzelne Actie, Joe.“ Sie ſchienen die Welt in zwei Claſſen von Leuten einzutheilen: in Leute, die enorme Vermögen machten, und Leute, die enorm ruinirt waren. Sie waren ſtets in großer Eile und ſchienen doch nie ir⸗ gend etwas Merkliches zu thun zu haben— einige We⸗ nige ausgenommen(und dieſe meiſtens aſthmatiſch und dicklippig), die beſtändig den Uebrigen mit goldenen Blei⸗ ſtiften, die ſie vor den ſchweren goldenen Ringen auf ih⸗ ren Zeigefingern kaum zu halten im Stande waren, vor⸗ Und möglicherweiſe miß⸗ 216 demonſtrirten, wie Geld zu machen ſei. Schließlich fluch⸗ ten ſie Alle gegen ihre Grooms, und die Grooms waren nicht ganz ſo achtungsvoll und wohlgeſittet, wie die Grooms anderer Herren, und ſchienen gewiſſermaßen, gleichwie ihre Herren nicht ganz echte Gentlemen waren, nicht ganz echte Grooms zu ſein. Der junge Fledgeby gehörte nicht zu Dieſen. Der junge Fledgeby hatte eine Pfirſi⸗ e, oder vielmehr eine Wange, die aus der Pfirſi der rothen Mauer zuſammengeſetzt war, an we wächſt, und war ein ungeſchickter, flachsköpfi giger Jüngling, außerordentlich ſchlank(ſei ürden ihn dürr ge⸗ nannt haben), und zu Selbſtprüfung in Bezug auf Backen⸗ und Sch geneigt. Während er nach dem heißerſehnten Barte fühlte, machte der junge Fled⸗ geby außerordentliche Abwechſelungen der Gemüthsſtim⸗ mung durch, welche die ganze Stufenleiter von der ſicher⸗ ſten Zuverſicht bis zur Verzweiflung beſchrieben. Es gab Augenblicke, wo er heftig zuſammenfuhr, wie wenn er Der folgende V ausriefe:„Beim Jupiter, endlich iſt er da!“ Und dann gab es wieder Zeiten, wo er ſich einer entſprechenden Niedergeſchlagenheit hingab und man ihn den Kopf ſchüt⸗ teln und die Hoffnung aufgeben ſah. Es war ein be⸗ trübender Anblick, wenn man ihn zu ſolchen Zeiten gegen den Kaminſims gelehnt, wie auf eine Urne, welche die Aſche ſeines Ehrgeizes enthielt, daſtehen ſah,— die Wange, die keinen Bart tragen wollte, auf die Hand ſiübend⸗ die ſich dieſe Ueberzeugung von jener Wange geholt. Doch ſo zeigte ſich Fledgebyg nicht bei dieſer Gele⸗ genheit. Herrlich geſchmückt, den Opernhut unter dem Arme haltend, beendete er hoffnungsvoll ſeine Selbſtprü⸗ fung und erwartete unter anmuthig leichter Unterhaltung mit Mrs. Lammle die Ankunft von Miß Podsnap. In ſcherzhafter Huldigung der anmuthigen Leichtigkeit ſeiner Unterhaltung und ſeiner ruckigen Manieren waren Fled⸗ geby's vertraute Freunde übereingekommen, ihm den Ehrentitel„Fascination Fledgeby““*) beizulegen. * „Warmes Wetter, Mrs. Lammle,“ ſagte Fascination Fledgeby. Mrs. Lammle fand es kaum ſo warm, wie es geſtern geweſen.„Vielleicht nicht,“ ſagte Fascination Fledgeby mit ſchnell bereitem Witz;„aber ich denke mir, daß es morgen verdammt warm ſein wird.“ Dann warf er abermals einen kleinen Funken von ſich.„Waren Sie heute aus, Mrs. Lammle?“ Mrs. Lammle erwiderte, ſie habe eine kurze Spazier⸗ fahrt gemacht. „Manche Leute,“ ſagte Fascination Fledgeby,„haben die Gewohnheit, lange Spazierfahrten zu machen; aber es ſcheint mir meiſtens, daß man es übertreibt, wenn man zu lange Spazierfahrten macht.“ 3 Da er ſo glänzend im Zuge war, hätte es ſich leicht ereignen können, daß er ſich in ſeinem nächſten Witzworte ſelber übertroffen, wäre nicht in dieſem Augenblicke Miß Podsnap gemeldet worden. Mrs. Lammle flog, um ihre herzige kleine Georgy zu umarmen, und ſobald ihr erſtes Seligkeitsjubeln ſich gelegt, ſtellte ſie Mr. Fledgeby vor. Mr. Lammle erſchien zuletzt auf dem Schauplatze; er kam ſtets ſpät, ebenſo wie die Gäſte ſeines Zimmers ſtets ſpät kamen; ſie mußten wegen geheimer Nachrichten in Bezug auf die Börſe, die griechiſchen, ſpaniſchen, in⸗ diſchen und mexikaniſchen Conſols, die Wechſelkurſe, die Prämien, das Disconto und drei Viertel und ſieben Achtel ſtets ſpät kommen. Ein hübſches kleines Diner ward ſervirt, und Mr. Lammle ſaß funkelnd an ſeinem Ende des Tiſches und *) Fascination= Bezauberung. 4 hinter; zweifel heute 3 ledgeb prachle lungen ſtrengu durchal Gabel überſt weiche decken Weing D nöthig dermaß 7 und ül ſind ni ſind S Laune keines Sanft M wenn vor d / ich ka einen mit e S Geſch von i 7 1 Welch Erör 7 Lamn Etwa ſagen L ſagte deby i A6 ch fluch⸗ waren wie die rmaßen, waren die Hand er Wange ſet Gele⸗ nter dem Selbſtpru⸗ wie es . 141 nation bv.„haben achen; aber bt, wenn z ſich leicht i Witzworte lice Miß a, um ihre ihr erſtes dgeby vot. uplatze; er z Zimmers Nachrichten niſchen, iſ⸗ ſelkurſe, die gieben Achte und Nr. ſſhs md hinter ihm ſtand ſein Diener, das Gemüth von ewigen Zweifeln in Bezug auf ſeinen Lohn erfüllt. Es bedurfte heute Mr. Lammle's voller Glanzgabe, denn Fascination Fledgeby und Georgiana machten einander nicht nur ſprachlos, ſondern verurſachten einander erſtaunliche Stel⸗ lungen; indem Georgiana, Fledgeby gegenüberſitzend, An⸗ ſtrengungen ihre Elbogen zu verſtecken machte, die ſich durchaus nicht mit der Handhabung von Meſſer und Gabel verſöhnen ließen; und Fledgeby, Georgiana gegen⸗ überſitzend auf jede mögliche Weiſe ihrem Blicke auszu⸗ weichen ſuchte, und ſeine Gemüthsunruhe dadurch zu ver⸗ decken bemüht war, daß er mit ſeinem Löffel, ſeinem Weinglaſe und ſeinem Brode nach ſeinem Barte forſchte. Deshalb waren Mr. und Mrs. Alfred Lammle ge⸗ nöthigt, Souffleur zu ſpielen, und ſie ſoufflirten folgen⸗ dermaßen. „Georgiana,“ ſagte Mr. Lammle leiſe und lächelnd und über und über funkelnd, wie ein Harlequin;„Sie ſind nicht in Ihrer gewohnten heiteren Laune. ſind Sie nicht in Ihrer gewohnten heiteren Laune?“ Georgiana erwiderte mit bebender Stimme, ihre Laune ſei ziemlich dieſelbe, die ſie immer ſei; ſie ſei ſich keines Unterſchiedes bewußt. „Keines Unterſchiedes!“ erwiderte Mr. Alfred Lammle. „Sie, meine liebe Georgiana, die ſonſt bei uns ſtets ſo natürlich und unbefangen ſind! die Sie uns eine ſolche Erholung gewähren nach den Leuten, die ſich alle einan⸗ der gleich ſind! Sie, die Sie eine Verkörperung der Sanftmuth, der Einfachheit und der Wahrheit ſind!“ Miß Podsnap warf einen Blick auf die Thür, wie wenn ſie unbeſtimmte Gedanken habe, ſich durch Flucht vor dieſen Complimenten zu retten. „Ich appellire an meinen Freund Fledgeby,“ ſagte Mr. Lammle mit erhobener Stimme. „O bitte nein!“ rief Miß Podsnap matt; worauf Mr. Lammle das Soufflirbuch aufnahm. „Ich bitte um Vergebung, mein lieber Alfred, aber ich kann Mr. Fledgeby noch nicht freigeben. Du mußt einen Augenblick warten. Mr. Fledgeby und ich ſind mit einer perſönlichen Erörterung beſchäftigt.“ Fledgeby mußte dieſelbe ſeinerſeits mit erſtaunlicher Geſchicklichkeit geführt haben, denn es war keine Silbe von ihm vernommen worden. „Eine perſönliche Erörterung, meine liebe Sophronia? Welche Erörterung? Fledgeby, ich bin eiferſüchtig. Welche Erörterung, Fledgeby?“. „Soll ich es ihm ſagen, Mr. Fledgeby?“ fragte Mrs. Lammle. Indem er ſich auszuſehen bemühte, als ob er irgend Etwas von der Sache wüßte, erwiderte Fascination:„Ja, ſagen Sie es ihm.“ „Wenn Du es alſo durchaus wiſſen mußt, Alfred,“ ſagte Mrs. Lammle,„ſo ſtritten wir uns, ob Mr. Fled⸗ geby in ſeiner gewohnten heiteren Laune ſei.“ „Ei, genau daſſelbe, was ich gerade mit Georgiana in Bezug auf ſie zu beſtreiten im Begriff war, Sophro⸗ nia! Und was ſagte Fledgeby?“ „O, es iſt ſehr wahrſcheinlich, Sir, daß ich Dir Al⸗ les erzählen werde, und dagegen nichts von Dir zu hö⸗ ren bekomme! Was ſagte Georgiana?“ „Georgiana ſagte, ſie ſei geſtimmt wie immer, und ich behauptete das Gegentheil.“ „Genau daſſelbe, was ich zu Mr. Fledgeby ſagte!“ rief Mrs. Lammle. Aber es half noch immer nicht. Sie wollten einan⸗ der nicht einmal anſehen. Selbſt dann noch nicht, als der funkelnde Gaſtgeber dem Quartett ein eben ſo fun⸗ kelndes Glas Wein vorſchlug. Georgiana ſchaute von Warum ihrem Weinglaſe zu Mr. Lammle und zu Mrs. Lammle; aber konnte, durfte, ſollte, wollte Mr. Fledgeby nicht an⸗ ſchauen. Fascination blickte von ſeinem Weinglaſe zu Mrs. Lammle und zu Mr. Lammle hin, aber konnte, durfte, ſollte, wollte nicht Georgiana anſchauen. Es mußte weiter ſoufflirt werden. Amor mußte in⸗ ſtruirt werden. Der Regiſſeur hatte ihm die Rolle zu⸗ ertheilt, und er mußte dieſelbe ſpielen. „Meine liebe Sophronia,“ ſagte Mr. Lammle,„mir gefällt die Farbe Deines Kleides nicht.“ „Ich appellire,“ ſagte Mrs. Lammle,„an Mr. Fled⸗ geby.“ „Und ich,“ ſagte Mr. Lammle,„an Georgiana.“ „Georgy, mein Herz,“ ſagte Mrs. Lammle zu ih⸗ rem lieben Mädchen,„ich verlaſſe mich darauf, daß Du nicht zur Oppoſition übergehſt. Jetzt, Mr. Fledgeby.“ Fascination wünſchte unterrichtet zu werden, ob die Farbe nicht roſa genannt werde? Ja, erwiderte Mr. Lammle,— er wiſſe wirklich Alles, es ſei in der That roſa. Fascination war der Anſicht, daß roſa die Farbe der Roſen bedeute.(Hierin wurde er mit Wärme von Mr. und Mrs. Lammle unterſtützt.) Fascination hatte den Ausdruck Blumenkönigin auf die Roſe anwenden hören. Aehnlicherweiſe dürfe man daher das Kleid die Kleiderkönigin nennen.(„Ein ſehr glücklicher Einfall, Fledgeby!“ von Mr. Lammle.) Deſſenungeachtet war Fascination der Anſicht, daß wir Alle mit Augen begabt — oder wenigſtens eine große Mehrzahl von uns— und daß— und— und ſeine fernere Anſicht beſtand aus verſchiedenen Unds und weiter nichts. „O, Mr. Fledgeby!“ ſagte Mrs. Lammle,„mich ſo im Stiche zu laſſen! O, Mr. Fledgeby, mein liebes, beleidigtes Roſa zu verlaſſen und ſich für Blau zu er⸗ klären!“ „Triumph, Triumphl“ rief Mr. Lammle,„Dein Kleid iſt verworfen, mein Schatz.“ „Doch was,“ ſagte Mrs. Lammle, mit ihrer zärtli⸗ chen Hand nach der ihres geliebten Mädchens ſuchend, „was ſagt meine Georgy?“ „Sie ſagt,“ erwiderte Mr. Lammle, für ſie redend, „daß Du in ihren Augen in jeder Farbe hübſch aus⸗ ſiehſt, Sophronia, und daß ſie, falls ſie hätte ahnen kön⸗ nen, daß ſie durch ein ſo allerliebſtes Compliment, wie ihr gemacht worden, in Verlegenheit geſetzt werden dürfte, ſie lieber eine andere Farbe getragen haben würde. Ob⸗ wohl ich ihr ſage, daß dies ſie nicht zu retten vermocht, denn welche Farbe ſie immer getragen, dieſelbe wäre Fled⸗ geby's Farbe geweſen. Doch was ſagt Fledgeby?“ „Er ſagt,“ entgegnete Mrs. Lammle für ihn das Wort ergreifend und dabei die Hand ihres lieben Mädchens pätſchelnd, wie wenn ſie Fledgeby geweſen, der dieſelbe gepätſchelt hätte,„daß es kein Compliment war, ſondern blos eine kleine natürliche Huldigung, deren er ſich nicht zu enthalten im Stande war. Und,“ fügte ſie mit grö⸗ ßerem Gefühl hinzu, als ob Fledgeby tiefer gefühlt hätte, „er hat recht, er hat recht!“ Dennoch wollten ſie einander immer noch nicht an⸗ ſchauen. Anſcheinend ſeine glänzenden Zähne, Hemdknöpfe, Augen und Weſtenknöpfe, alle zugleich, fletſchend, warf Mr. Lammle heimlich einen düſteren Blick auf die Beiden, in dem ein inniges Verlangen lag, Jene zuſammenzu⸗ bringen, indem er ſie mit den Köpfen zuſammenſtieß. „Haben Sie die Oper gehört, die man heute Abend giebt, Fledgeby?“ fragte er und hielt dann ſehr kurz inne, um ſeine Frage nicht mit einem„Hol' Sie der Henker“ zu enden. „Je nun, das eben nicht,“ ſagte Fledgeby. „In der hat, ich kenne keinen Ton davon.“ T Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. „Und Du kennſt dieſelbe ebenſowenig, wie, Georgy?“ ſagte Mrs. Lammle. „N nein,“ erwiderte Georgiana mit matter Stimme, bei dieſem ſympathiſchen Zuſammentreffen. „Ei,“ ſagte Mrs. Lammle entzückt über die Ent⸗ deckung, die ſich hieraus ergab,„dann kennt Ihr ſie Beide nicht! Wie allerliebſt!“ Selbſt der feige Fledgeby fühlte, daß es Zeit für ihn ſei, einen Streich zu führen. Er führte denſelben, indem er theils zu Mrs. Lammle, theils zu der ihn umfließen⸗ den Luft ſagte:„Ich ſchätze mich ſehr glücklich, von dem Geſchicke dazu—“ Da er plötzlich ſtillſchwieg, offerirte Mr. Lammle, aus ſeinem gelben Bartgebüſch hervorſchauend, ihm das Wort:„erleſen.“ „Nein, das wollte ich nicht ſagen,“ erwiderte Fled⸗ geby.„Ich wollte ſagen, ich ſchätze mich ſehr glücklich, daß es im Buche des Schickſals geſchrieben ſteht— in dem Buche, welches das Eigenthum des Schickſals iſt— daß ich dieſe Oper unter ſo denkwürdigen Umſtänden, wie die Geſellſchaft von Miß Podsnap, ſehen ſollte.“ Worauf Georgiana ihre beiden kleinen Finger in⸗ einander hakte und zum Tiſche gewendet erwiderte:„Ich danke Ihnen, aber ich gehe gewöhnlich mit Niemandem, als mit Dir, Sophronia, und das macht mir großes Vergnügen.“ Für den Augenblick ſich mit dieſem Erfolge zu be⸗ gnügen genöthigt, öffnete Mr. Lammle die Thür für Miß Podsnap, etwa wie wenn er ſie aus ihrem Käfige ent⸗ ließe, und Mrs. Lammle folgte ihr. Als bald darauf im Geſellſchaftszimmer der Kaffee ſervirt ward, hielt Mr. Lammle ſcharfe Wache auf Fledgeby, bis Miß Podsnap ihre Taſſe geleert hatte, und befahl ihm dann, mit dem Finger deutend(wie wenn der junge Herr ein langſamer Rapportirhund geweſen wäre), dieſelbe zu holen. Dieſes Kunſtſtück vollführte er nicht nur ohne Mißlingen, ſon⸗ dern indem er ſogar noch die originelle Verzierung hin⸗ zufügte, Miß Podsnap zu unterrichten, daß grüner Thee ſchädlich für die Nerven ſei. Doch hier brachte Miß Podsnap ihn unabſichtlich aus dem Texte, indem ſie ſagte: „O, wirklich? In welcher Weiſe?“ Worauf er nicht mit einer Erläuterung verſehen war. Als der Wagen gemeldet ward, ſagte Mrs. Lammle: „Kümmern Sie ſich nicht um mich, Mr. Fledgeby, meine Röcke und mein Mantel nehmen meine beiden Hände in Anſpruch; führen Sie Miß Podsnap hinunter.“ Und er führte ſie, und Mrs. Lammle folgte ihnen, und Mr. Lammle kam zuletzt, und folgte ſeiner kleinen Heerde gleich einem wüthenden Viehtreiber. Doch in der Loge im Theater war er wieder lauter Funkelglanz, und dort führten er und ſeine liebe Gattin in folgender ſcharfſinnigen und geſchickten Weiſe eine Unter⸗ haltung zwiſchen Fledgeby und Georgiana. Sie ſaßen in folgender Ordnung: Mrs. Lammle, Fascination Fled⸗ geby, Georgiana, Mr. Lammle. Mrs. Lammle machte leitende Bemerkungen gegen Fledgeby und verlangte nur einſilbige Antworten. Mr. Lammle that desgleichen mit Georgiana. Hin und wieder beugte Mrs. Lammle ſich vorwärts, um folgendermaßen zu Mr. Lammle zu reden: „Lieber Alfred, Mr. Fledgeby bemerkt ſehr richtig in Bezug auf dieſe letzte Scene, daß es für die wahre Treue keiner ſolchen Reizmittel bedarf, wie die Bühne ſie noth⸗ wendig erachtet.“ Worauf Mr. Lammle erwiderte:„Ja wohl, mein Herz, doch, wie Georgiana ſoeben zu mir ſagte, die Dame hatte nicht Grund genug, die Zuneigung des Herrn zu errathen.“ Worauf Mrs. Lammle wieder entgegnete:„Sehr wahr, Alfred, aber Mr. Fledgeby weiſt darauf hin, daß...“ Und Alfred:„Ohne allen Zweifel, Sophronia, aber Georgiana bemerkt ſehr ſcharfſinnig, daß...“ Auf dieſe Weiſe ‚führten die beiden jungen Leute eine lange Unterhaltung und gaben einer Anzahl von zarten Empfindungen Ausdruck, ohne nur ein einziges Mal die Lippen zu öffnen, außer um Ja oder Nein zu ſagen, und ſelbſt dies nicht zu einander. Fledgeby verabſchiedete ſich von Miß Podsnap am Wagenſchlage, und die Lammles den ſie nach Hauſe; auf dem Wege dorthin neckte M ammle ſie in ihrer liebevollen, beſchützenden Weiſe, indem ſie von Zeit zu Zeit ſagte:„O, kleine Georgiana, kleine Georgiana!“ Dies war nicht viel; doch der Ton fügte hinzu:„Du haſt Deinen Fledgeby in Feſſeln geſchlagen.“ Und endlich kehrten die Lammles heim, und die Dame. ſetzte ſich müde und verdrießlich nieder und ſchaute ihren finſteren Gebieter an, der eine Gewaltſamkeit an einer Sodawaſſerflaſche verübte, und dieſelbe handhabte, wie wenn er irgend einem unglücklichen Geſchöpf den Hals umdrehte und dann das Blut in ſeinen Hals hinunter⸗ göſſe. Wie er ſich in einer menſchenfreſſeriſchen Weiſe den triefenden Bart abwiſchte, begegnete er ihrem Blicke und ſagte in nicht ſehr ſanftem Tone: „Nun?“ „Bedurfte es durchaus eines ſolchen Flegels für den Zweck?“ „Ich weiß, was ich vorhabe. Er iſt kein ſolcher Eſel, wie Du glaubſt.“* „Ein Genie vielleicht?“ „Du höhnſt, vielleicht; und Du giebſt Dir ein er⸗ habenes Anſehen, vielleicht! Aber ich will Dir Etwas ſagen: wo das Intereſſe jenes jungen Herrn in Frage kommt, da hält er 5 feſt, wie ein Pferdeigel. Wenn es ſich bei jenem jungen Herrn um Geld handelt, ſo iſt er dem Teufel gewachſen.“ „Iſt er Dir gewachſen?“ „Ja. Faſt ebenſo gut, wie Du mir einſt gewachſen zu ſein glaubteſt. Er beſitzt keine Eigenſchaft der Jugend, als was Du heute an ihm geſehen haſt. Faſſe ihn beim Gelde an, und Du berührſt keinen Eſel. In andern Dingen iſt er wahrſcheinlich ein vollkommener Narr; doch dies dient ſeinem einen Zwecke ſehr wohl.“ „Hat ſie in jedem Falle eigenes Vermögen?“ „Ja wohl, ſie hat in jedem Falle eigenes Vermögen. Du haſt heute ſo gut gearbeitet, Sophronia, daß ich Dir die Frage beantworte, obwohl Du weißt, daß ich im Ganzen ſolche Fragen nicht billige. Du haſt heute ſo gut gearbeitet, Sophronia, daß Du müde ſein mußt. Geh' zu Bett.“ Funftes Capitel. Merkur als Lehrer. Fledgeby verdiente Mr. Alfred Lammle's Lobſprüche. Er war der gemeinſte Hund, der auf einem einzigen Paar Beinen einhergeht. Und da der Inſtinct(ein Wort, das uns Allen klar verſtändlich iſt) ſtets breit auf vier Beinen geht, und die Vernunft auf zweien, ſo erreicht die Ge⸗ meinheit auf vier Beinen niemals dieſelbe Vollkommen⸗ heit, welche die Gemeinheit auf zweien erlangt. Der Vater dieſes jungen Herrn war ein Geldverleiher geweſen und hatte mit der Mutter dieſes juggen Herrn Geſchäftsverhandlungen gehabt, während Letzkérer noch in den finſteren Vorſälen dieſer Welt geboren zu werden abwartete. Da die Dame, eine Wittwe, nicht im Stande — 2 — umee eirathe bun 5 um in giebt 2 virr der Taged haben R Aledge Kunſth wenn oon F beleidi ſee ver eps ſogard u ſein Gexiſſe Grad wandtf Couſi F Fledge gewiſſ die A nahm: Gebran tiven? ſektiver und aͤl Vater dahin, ſie kor dies Folge Stürn Fle hübſche beſtan ſteine; Funken mals V ſteine ööſtete riicher feil in N Flaſſen d b 8 en 220 te eine Zarten Nal die en, und ap am Oauſe; b ſhrer Neit zu rgiana!“ Du haſt die Dame ute ihren an einer dte, wie en Hals inunter⸗ f Weiſe den Slicke und für den ſcher Eſel, ſo iſt er gewachſen ¹r Jugend, ihn beim n andern ſlart; doch „ Vermögen. aß ich Dir aiß ich im heute ſo ſein mußt. obſprüche. igen Paar Wort, das jer Beinen bt die Ge⸗ ollkommen⸗ velleiher aln Hern dn noch in 4 en zu weld b 1 221 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 222 war, dem Geldverleiher das Seinige zurückzuzahlen, ſo heirathete ſie ihn, und in angemeſſenem Verlauf der Zeit ward Fledgeby aus den finſteren Vorſälen hervorgenöthigt, um in das Kirchenregiſter eingetragen zu werden. Es giebt zu ziemlich ſonderbaren Betrachtungen Anlaß, wenn wir denken, in welcher Weiſe Fledgeby ſonſt bis zum Tage des jüngſten Gerichts ſeine Mußeſtunden zugebracht haben würde. Fledgeby's Mutter beleidigte ihre Familie, indem ſie Fledgeby's Vater heirathete. Es iſt eins der leichteſten Kunſtſtücke von der Welt, unſere Familie zu beleidigen, wenn unſere Familie unſer los ſein will. Die Familie von Fledgeby's Mutter hatte ſich durch deren Armuth tief beleidigt gefühlt, und brach ganz und gar mit ihr, als ſie verhältnißmäßig reich wurde. Die Familie von Fled⸗ geby's Mutter war die Familie Snigsworth. Sie genoß ſogar die hohe Ehre, eine Couſine von Lord Snigsworth zu ſein— eine ſo entfernte, daß der edle Lord ſich kein Gewiſſen daraus gemacht haben würde, ſie noch um einen Grad weiter zu entfernen und ſo völlig aus der Ver⸗ wandtſchaft fallen zu laſſen; dennoch war ſie immer ſeine Couſine. Fledgeby's Mutter hatte vor ihrer Verbindung mit Fledgeby's Vater von dieſem unter großem Nachtheile auf gewiſſe anwartſchaftliche Intereſſen Geld geborgt. Da die Anwartſchaft ihr bald nach ihrer Vermählung zufiel, nahm Fledgeby's Vater das Geld ſofort zu ſeinem eigenen Gebrauch und Vortheile an ſich. Dies führte zu ſubjek— tiven Meinungsverſchiedenheiten, um nicht zu ſagen: ob⸗ jektiven Austauſchungen von Stiefelknechten, Schachbrettern und ähnlichen häuslichen Wurfſtücken, zwiſchen Fledgeby's Vater und Fledgeby's Mutter, und dieſe führten wieder dahin, daß Fledgeby's Mutter ſo viel Geld ausgab, wie ſie konnte, und Fledgeby's Vater Alles, was er nicht konnte, dies zu verhindern that. Fledgeby's Kindheit war in Folge deſſen eine ſtürmiſche geweſen; doch die Wogen und Stuͤrme waren ins Grab geſunken und Fledgeby gedieh allein. Fledgeby wohnte allein im Albany und bewahrte ein hübſches ſauberes Anſehen. Doch ſein jugendliches Feuer beſtand einzig und allein aus Funken aus dem Schleif⸗ ſteine; und man ſei überzeugt, daß Fledgeby, wie die Funken aus dem Steine hervorflogen, erloſchen und nie⸗ mals das Geringſte wärmten, ſeine Werkzeuge am Schleif⸗ ſteine hatte und denſelben mit liſtiger Beobachtung um⸗ drehte. Mr. Alfred Lammle kam zum Albany herum, um mit Fledgeby zu frühſtückenn Auf dem Tiſche befanden ſich ein ſpärlicher Theetopf, ein ſpärliches Brödchen, zwei ſpärliche Stückchen Butter, zwei ſpärliche Scheibchen ge⸗ röſteten Specks, zwei jämmerliche kleine Eier und ein reicher Ueberfluß an ſchönem Porzellangeſchirr, das wohl⸗ feil in einer Auction erſtanden worden. „Was halten Sie von Georgiana?“ fragte Lammle. „Nun, ich will Ihnen ſagen,“ erwiderte Fledgeby ſehr gelaſſen. „Thun Sie das, mein Junge.“ „Sie mißverſtehen mich,“ ſagte Fledgeby.„Ich meine nicht, daß ich Ihnen das ſagen will. Ich meine, ich will Ihnen etwas Anderes ſagen.“ „Sagen Sie mir, was Sie Burſch!“ „Ah, aber Sie mißverſtehen mich abermals,“ ſagte Fledgeby.„Ich meine, ich will Ihnen nichts ſagen.“ Mr. Lammle funkelte ihn an und runzelte zugleich die Stirn ugeber ihn. „Schauen Sie her,“ ſagte Fledgeby.„Sie ſind ſchlau und Sie ſind, geſchickt. Ob ich ſchlau bin— darum handelt es ſich nicht. Aber ich bin nicht geſchickt. Aber nur wollen, alter Barte, aus dem er Fledgeby zu betrachten fortfuhr. ich kann Eins thun, Lammle, ich kann den Mund halten. Und dies beabſichtige ich ſtets zu thun.“ „Sie ſind ein vorſichtiger Kopf, Fledgeby.“ „Mag ſein, mag auch nicht ſein. Wenn ich eine vor⸗ ſichtige Zunge habe, ſo mag dies dieſelbe Wirkung haben. Und laſſen Sie ſich geſagt ſein, Lammle, daß ich mich nicht ausfragen zu laſſen beabſichtige.“ „Mein lieber Junge, es war die einfachſte Frage von der Welt.“ „Einerlei. So ſchien es. Aber es iſt in dieſer Welt nicht Alles, was es ſcheint. Ich ſah neulich einen Mann in Weſtminſter Hall als Zeugen vernehmen. Die Fragen, die ihm vorgelegt wurden, ſchienen die einfachſten Fragen von der Welt zu ſein, erwieſen ſich aber als nichts we⸗ niger als das, nachdem er ſie beantwortet hatte. Sehr gut. Er hätte alſo den Mund halten ſollen. Wenn er den Mund gehalten, ſo würde er ſich nicht in die Schmiere gebracht hahen, in die er gerieth.“ „Wenn ich den Mund gehalten, ſo würden Sie nie den Gegenſtand meiner Frage kennen gelernt haben,“ ſagte Lammle mit finſterer Miene. „Ich ſage Ihnen, Lammle,“ entgegnete Fascination, ruhig nach ſeinem Barte taſtend,„es wird nichts draus. Ich will mich nicht in Erörterungen einlaſſen. Ich ver⸗ ſtehe mich nicht auf Erörterungen. Aber ich verſtehe mich darauf, den Mund zu halten.“ „Ob Sie den Mund halten können!“ ſagte Lammle, ihn durch Schmeichelei zu gewinnen ſuchend.„Das wollt' ich meinen! Ei, wenn jene Kerle unſerer Bekanntſchaft trinken und Sie mit ihnen trinken, ſo werden Sie, in dem Grade, wie jene redſeliger werden, immer ſchweigſamer. Je mehr jene verrathen, deſto mehr verſchweigen Sie.“ „Ich habe nichts dagegen, Lammle,“ erwiderte Fled⸗ geby mit einem innerlichen Lachen,„verſtanden zu werden, aber ich habe ſehr viel dagegen, ausgefragt zu werden. Das iſt allerdings meine Weiſe.“ „Und wenn wir Uebrigen uns alle von unſeren Unter⸗ nehmungen unterhalten, erfährt Keiner von uns je Etwas von den Ihrigen.“ „Und Keiner von Ihnen wird je Etwas von mir er⸗ fahren, Lammle,“ ſagte Fledgeby abermals mit einem innerlichen Lachen;„das iſt allerdings meine Weiſe.“ „Ei, natürlich, das weiß ich!“ erwiderte Lammle mit breiter Offenheit und einem Lachen, indem er die Hand ausſtreckte, wie um der Welt in Fledgeby einen merk⸗ würdigen Mann vorzuſtellen.„Würde ich wohl, falls ich dies nicht von meinem Fledgeby gewußt, meinem Fled⸗ geby jenen vortheilhaften kleinen Compact vorgeſchlagen haben.“ „Ah! ſagte Fledgeby, ſchlau den Kopf ſchüttelnd. „Aber mir iſt auf dieſe Weiſe nicht beizukommen. Ich bin nicht eitel. Jene Art von Eitelkeit bringt nichts ein, Lammle. Nein, nein, nein. Complimente machen mich nur um ſo ſchweigſamer.“ Alfred Lammle ſtieß ſeinen Teller zurück(kein großes Opfer unter den Umſtänden, da ſich ſo wenig auf dem⸗ ſelben befand), ſteckte die Hände in ſeine Taſchen, lehnte ſich in ſeinem Seſſel zurück und betrachtete Fledgeby ſchweigend. Dann zog er langſam ſeine Linke aus der Taſche und machte mit derſelben jenes Gebüſch aus ſeinem Dann brach er langſam das Schweigen und ſagte langſam:— „Was— zum— Teufel— hat dieſer Burſch heute Morgen im Sinne?“ 5 „Jetzt ſchauen Sie her, Lammle,“ ſagte Fascination Fledgeby, mit dem gemeinſten Blinzeln in ſeinen gemein⸗ ſten Augen, die, beiläufig, zu nah an einander lagen, „ſchauen Sie her, Lammle, ich bin mir ſehr wohl bewußt, V 223 Boz, Uuſer gemeinſchaftlicher Freund. 224 daß ich mich geſtern Abend nicht in einem günſtigen Lichte er gewann, machte er wieder vortheilhafte Handel; wenn V fandln zeigte, und daß Sie und Ihre Frau— die ich für eine er verlor, ſo ließ er ſich bis zum nächſtenmale halb ver⸗ ns n ſehr geſcheidte und ſehr angenehme Frau halte— ſich hungern. Warum das Geld einem Eſel, der zu dumm V ſber — do dagegen in einem günſtigen Lichte zeigten. Ich bin nicht und zu gemein war, um daſſelbe gegen andere Befriedi⸗ von einer Beſchaffenheit, mich unter ſolchen Umſtänden in gungen auszutauſchen, ſo koſtbar erſchien, iſt unbegreif⸗ ſceint V einem günſtigen Lichte zu zeigen. Ich weiß ſehr wohl, lich; aber kein Thier der Welt wird ſo ſicher damit be⸗ Mr. daß Sie ſich in einem günſtigen Lichte zeigten, und es laden, wie der Eſel, der auf dem Angeſichte des Himmels V vortrefflich machten. Doch kommen Sie deshalb nicht her und der Erde nichts weiter zu leſen vermag, als die drei V Eiſenfre zunahm und reden zu mir, als ob ich Ihre Puppe oder Ihr Hans⸗ Buchſtaben L. S. D.)— nicht etwa Luxus, Sinnlichkeit,H Falle wurſt wäre, denn das bin ich nicht.“ Drreiſtigkeit— die dieſelben oft bedeuten, ſondern nur um die „Und alles Dies,“ rief Alfred, nachdem er mit den die drei trockenen Buchſtaben. Der concentrirte Fuchs iſt a verſ Blicken jene Gemeinheit ſtudirt, die ſich gern der ge⸗ in Geldzucht ſelten mit dem concentrirten Eſel zu ver⸗ V kleine meinſten Hülfe bediente, und dann ſo gemein war, ſich gleichen. friedig gegen dieſelbe zu wenden,„und alles Dies wegen einer Fascination Fledgeby gab ſich für einen jungen Herrn einzigen einfachen natürlichen Frage!“ aus, der von ſeinem Vermögen lebte, war aber dafür be⸗ „Sie hätten warten ſollen, bis es mir angemeſſen ge⸗ kannt, daß er im Geheimen eine Art Geächteter im ſchienen, ſelbſt Etwas darüber zu ſagen. Es gefällt mir Wechſelmakler⸗Geſchäft ſei, und in mancherlei Weiſe zu Lamule Hallund 9 nicht, daß Sie mir mit Ihrer Georgiana kommen, als hohen Zinſen Geld verlieh. Seine vertrauteren Bekannten, ob Sie ihr Beſitzer wären, und der meinige obendrein.“ von Mr. Lammle an, hatten alle einen Anflug von dem „Nun, ſobald Sie ſich gnädigſt geneigt fühlen, ſelbſt Geächteten, in ihrer Weiſe des Umherſchweifens in dem Etwas darüber zu ſagen,“ entgegnete Lammle,„bitte, ſo luſtigen Walde des Wechſelmarktes, und ihrem Umher⸗ thun Sie es.“ V liegen auf den Grenzen des Actienmarkts auf der Börſe. „Ich habe es gethan. Ich habe geſagt, Sie machten„Sie, Lammle,“ ſagte Fledgeby, ſein Butterbrod ver⸗ V die Sache vortrefflich. Sie ſowohl, als Ihre Frau. Wenn zehrend,„haben vermuthlich immer die Geſellſchaft der Sie damit fortfahren wollen, will ich mit meiner Rolle Damen geſucht?“ b fortfahren. Nur müſſen Sie nicht großthun.“„Immer,“ erwiderte Lammle, den die jüngſt erlittene „Ich großthun!“ rief Lammle achſelzuckend. Behandlung düſter gemacht hatte. Lamm „Oder,“ fuhr der Andere fort,„ſich einbilden, daß„War Ihnen ganz natürlich, wie?“ ſagte Fledgeby. Diene man Ihr Hanswurſt iſt, wenn man zu gewiſſer Zeit, wo„Das ſchöne Geſchlecht beliebte Gefallen an mir zu Gelde Sie mit Hülfe einer außerordentlich geſcheidten und liebens⸗ finden, Sir,“ ſagte Lammle verdrießlich, aber dabei mit vinig vuürdigen Frau ſich in einem ſehr günſtigen Lichte zeigen, der Miene eines Mannes, der nichts gegen die Sache zu wendt naicht daſſelbe thun kann. Im Uebrigen fahren Sie ſo thun vermocht. fort und laſſen Sie Mrs. Lammle ſo fortfahren. Und„Machten ein hübſches Geſchäft mit Ihrer Heirath, jetzt habe ich den Mund gehalten, wo es mich gut dünkte, wie?“ fragte Fledgebh.. und geſprochen, wo es mich gut dünkte und damit iſt die Der Andere lächelte(ein häßliches Lächeln), und ſchlug 11 in bit beſſer Sache zu Ende. Und jetzt iſt die Frage die,“ fuhr Fled⸗ V ſich ein einzigesmal mit dem Zeigefinger an die Naſe. rur geby mit größtem Widerſtreben fort,„wollen Sie noch„Mein verſtorbener Alter machte eine Dummheit,“ pvrehh ein Ei haben?“ ſagte Fledgeby.„Aber Geor— heißt ſie eigentlich Geor⸗ wanin „Nein,“ ſagte Lammle kurz. gina— oder Georgiana?“ 8 „Sie haben vielleicht recht, und werden ſich ohne das⸗„Georgiana.“ und ſelbe beſſer befinden,“ erwiderte Fascination in außer⸗„Ich dachte geſtern, daß ich einen ſolchen Namen gar nicht ordentlich verbeſſerter Laune.„Wenn ich Sie fragte, ob nicht kenne. Ich meinte, er müßte auf ina enden.“ 1 Sie noch eine Scheibe Schinken haben wollen, ſo würde„Warum?“ 4 ddies eine ſinnloſe Schmeichelei ſein, denn dieſelbe würde„Je nun, man ſpielt— wenn man kann— auf der SHand Ihnen den ganzen Tag einen beſtändigen Durſt verur⸗ Concertina, wiſſen Sie,“ erwiderte Fledgeby ſehr lang⸗ Fled ſachen. Wollen Sie noch etwas Butterbrod haben.“ ſam überlegend.„Und man hat— wenn man angeſteckt’ Jah „Nein,“ wiederholte Lammle. wird— die Scarlatina**). Undgman kommt von einem ch „Dann will ich noch etwas Butterbrod nehmen,“ ſagte Luftballon in einem Para⸗— nein, das geht nicht. Nun, und Fascination. Und dies war nicht blos, um dem Andern ſagen wir alſo Georgeute— wollt' ich ſagen Georgiana.“ üit zu viderſprechen, ſondern vielmehr eine angenehme Folge„Sie wollten über Georgiana bemerken— 2“ ſagte vur ooon deſſen Abſchlage; denn falls Lammle ſich noch einnal Lammle düſter, nachdem er vergeblich darauf gewartet, 8 3 dem Brode zugewandt, ſo würde er daſſelbe ſo ſchwer daß der Andere fortfahren würde.. Gt heimgeſucht haben, wie Fledgeby meinte, daß er, Fledgeby,„Ich wollte über Georgiana bemerken, Sir,“ ſagte nt ſich für den Reſt dieſes Mahles, wo nicht gar für das Fledgeby, durchaus nicht ſehr angenehm dadurch berührt, Euer nächſte, des Brodes zu enthalten genöthigt geweſen. daß man ihn erinnerte, es vergeſſen zu haben,„daß ſie Wieig Es fragte ſich ſehr, ob dieſer junge Herr(denn er nicht heftig zu ſein ſcheint. Nicht zu der Rauferklaſſe zu dun war erſt dreiundzwanzig Jahre alt) mit dem Laſter des gehören ſcheint.“ diſe Geizes eines alten Mannes irgend welche von den offeneren„Sie hat die Sanftmuth einer Taube, Mr. Fledgeby.“ Sun Laſtern eines jungen verband; ſo verſchwiegen war er über„Natürlich werden Sie dies ſagen,“ erwiderte Fled⸗ l. ſeine eigenen Angelegenheiten. Er kannte den Werth des geby, augenblicklich zur Schlauheit erwachend, ſowie ſein Fe Scheins und kleidete ſich deshalb gut; aber er machte Intereſſe von einem Andern berührt wurde. Aber es V Fed einen Handel über jeden beweglichen Gegenſtand in ſeinem—— ſcei Beſitz, von dem Rocke auf ſeinem Leibe bis zu dem Por⸗*) L. S. D. ſteht für Pounds, Sbillings und Pence— äge zellangeſchirr auf ſeinem Frühſtückstiſche; und jeder Handel, Pfunde, Schillinge und Pfennige.. den er aus dem Verluſte oder dem Ruin eines Andern Anmerkung der Ueberſetzerin. gemacht, erlangte dadurch einen beſonderen Reiz für ihn.**) Scarlatina iſt der engliſche Name für das Scharlach⸗ veh Ein Theil ſeines Geizes beſtand darin, daß er verhält⸗ fieber. Mußte wegen der Endung in der Ueberſetzung beibe⸗ m u nißmäßig große Wetten bei Pferderennen machte; wenn halten werden. Anmerkung der Ueberſetzerin. ran 8 d wenn lb ver. dumm efriedi⸗ begreif⸗ mit be⸗ immels die drei züichkeit, dern nur Juchs iſ en Hernn dafür be⸗ teter im Weiſe zu ekannten, von dem S in dem 4 Umher⸗ „ 55 Vorſe. lſchaft der ſt erlittene ledgeby. u mir zu dabei mit Sache xa er Heirath und ſchlug e Naſe. ummheit, lich Geor⸗ Ramen gar den. — auf der ſehr laug⸗ e angeſteck von einem nicht. Nun, fir,“ ſagte ſch berührt, daß ſie ferklaſſe zu u Fedgeby. derte Fled⸗ ſowie ſein Aber es d Pence jeberin Schullach tzung beibe⸗ ſetzerin. cerſeb handelt ſich hier mehr darum, was ich ſage, als um Das, was Sie ſagen. Ich ſage— indem ich mich meines ver⸗ ſtorbenen Alten und meiner verſtorbenen Mutter erinnere — daß Georgiana nicht der Rauferklaſſe anzugehören ſcheint. Mr. Lammle war von Natur und Profeſſion ein Eiſenfreſer. Da er, wie Fledgeby's Beleidigungen zunahmen, bemerkte, daß die Schmeichelei in dieſem Falle durchaus nicht ſeinen Zweck förderte, warf er, um die Wirkung einer entgegengeſetzten Behandlung zu verſuchen, einen finſter drohenden Blick in Fledgeby's kleine Augen. Durch das, was er dort wahrnahm, be⸗ friedigt, brach er in eine außerordentliche Wuth aus und machte, indem er mit der Fauſt auf den Tiſch ſchlug, die Teller und Taſſen klirren und tanzen. „Sie ſind ein ſehr widerlicher Geſelle, Sir,“ rief Mr. Lammle aufſtehend.„Sie ſind ein höchſt widerlicher Hallunke. Was wollen Sie mit dieſem Betragen ſagen?“ „Wie, was!“ ſagte Fledgeby in vorſtellendem Tone. „Werden Sie nicht böſe.“ „Sie ſind ein ſehr widerliche Geſelle, Sir,“ wider⸗ holte Mr. Lammle.„Sie ſind ein höchſt widerlicher Hallunke!“ „Wie, was, o, ich bitte Sie!“ flehte Fledgeby angſt⸗ erfüllt. „Ei, Sie grober und gemeiner Lump!“ ſagte Mr. Lammle, indem er wüthend um ſich ſchaute,„wenn Ihr Diener hier wäre, um mir einen Sixpence von Ihrem Gelde zu geben, damit ich mir hernach die Stiefeln dafür reinigen ließe— denn ich will nicht das Geld daran wenden— ſo würde ich Ihnen einen Fußtritt verſetzen.“ „Nein, das würden Sie nicht thun,“ ſagte Fledgeby in bittendem Tone.„Ich bin überzeugt, Sie würden ſich's beſſer überlegen.“ „Ich will Ihnen was ſagen, Mr. Fledgeby,“ ſagte Lammle auf ihn zugehend.„Da Sie mir zu wider⸗ ſprechen ſich herausnehmen, will ich meine Würde ein wenig behaupten. Geben Sie mir Ihre Naſe!“ Fledgeby bedeckte dieſelbe ſtatt deſſen mit der Hand und ſagte zurückweichend:„Ich bitte Sie, thun Sie das nicht.“ „Geben Sie mir Ihre Naſe, Sir!“ widerholte Lammle. Indem er dieſen Geſichtstheil noch immer mit der Hand bedeckt hielt und weiter zurückwich, wiederholte Fledgeby(anſcheinend mit einem heftigen Schnupfen): „Ich bitte Sie, ich bitte Sie, thun Sie das nicht.“ „Und dieſer Menſch,“ rief Lammle, indem er ſtillſtand und ſich in die Bruſt warf,„wird arrogant, weil ich ihn unter all' den jungen Leuten meiner Bekanntſchaft zu einer vortheilhaften Gelegenheit auserleſen habe! Dieſer Menſch wird arrogant, weil ich in meinem Schreibtiſche in der Straße um die Ecke ſeinen ſchmutzigen Handſchein für eine erbärmͤliche Summe habe, der bei einem gewiſſen Ereigniſſe fällig wird, welches Ereigniß einzig und allein durch mich und meine Frau herbeigeführt werden kann! Dieſer Menſch, Fledgeby, unterſteht ſich, gegen mich, Launule. impertinent zu ſein! Geben Sie mir Ihre Naſe, iul,. „Nein, halt! ich bitte Sie um Verzeihung,“ ſagte Fledgeby mit Unterwürfigkeit. „Was ſagen Sie, Sir?“ frug Mr. Lammle, dem An⸗ ſcheine nach zu wüthend, um ihn zu verſtehen. „Ich bitte Sie um Verzeihung,“ wiederholte Fledgeby. „Wiederholen Sie Ihre Worte lauter, Sir. Die ge⸗ rechte Entrüſtung eines Gentlemans hat das Blut ſiedend in meinen Kopf getrieben. Ich kann Sie nicht hören.“ „Ich ſage,“ wiederholte Fledgeby mit ſtudirter erklä⸗ render Höflichkeit,„ich bitte Sie um Verzeihung.“ Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. Mr. Lammle hielt inne.„Als Mann von Ehre,“ ſagte er, ſich in einen Seſſel werfend,„bin ich entwaffnet.“ Mr. Fledgeby ſetzte ſich ebenfalls, obgleich mit weniger Demonſtration, und nahm langſam und allmälig ſeine Hand von ſeiner Naſe hinweg. Er fühlte einige natür⸗ liche unſicherheit darüber, ob er ſich, nachdem dieſelbe erſt ſo kürzlich eine perſönliche und zarte, um nicht zu ſagen öffentliche Rolle geſpielt, erlauben könne, das Taſchen⸗ tuch bei ihr anzuwenden; allmälig überwand er jedoch dieſe Scrupel und nahm ſich ganz beſcheiden, und wie deshalb um Entſchuldigung bittend, dieſe Freiheit. „Lammle,“ ſagte er, nachdem er dies gethan, mit kriecheriſchem Weſen,„ich hoffe, wir ſind wieder Freunde.“ „Mr. Fledgeby,“ erwiderte Lammle,„ſagen Sie kein Wort weiter über die Sache.“ „Ich muß zu weit gegangen ſein und mich zu unan⸗ genehm gemacht haben,“ ſagte Fledgeby,„aber es war ge⸗ wiß nicht meine Abſicht.“ „Kein Wort weiter, kein Wort weiter!“ wiederholte Mr. Lammle mit Großmuth.„Geben Sie mir Ihre,“ Fledgeby fuhr erſchrocken zurück,„Hand.“ Sie drückten einander die Hände und dann wurde Lammle außerordentlich herzlich. Denn er war ein ebenſo großer Feigling, wie der Andere, und war ebenſoſehr in Gefahr geweſen, zur zweiten Rolle herabzuſinken, als er noch zu rechter Zeit Muth faßte, und nach dem, was er in Fledgeby's Auge las, zu handeln ſich entſchloß. Das Frühſtück kam unter vollkommenem Einverſtändniß zu Ende. Mr. und Mrs. Lammle ſollten nicht nach⸗ laſſen mit ſchlauen Verſuchen; ſie ſollten für Fledgeby den Hof machen und ihm den Sieg ſichern; denn er gab ſehr demuthsvoll zu, daß er gänzlich der zarteren geſell⸗ ſchaftlichen Gaben ermangele, und flehte ſeine beiden ge⸗ ſchickteren Gehülfen um ihren Beiſtand an. Mr. Podsnap ließ ſich wenig träumen, welche Fallen und Schlingen man ſeiner jungen Perſon legte. Er glaubte ſie in vollkommener Sicherheit im Tempel der Podsnapperei, ruhig die Zeit erwartend, wo ſie Geor⸗ giana, ihn, Fitz⸗Podsnap, zum Gatten nehmen würde, der all ſein irdiſch Gut auf ſie übertrüge. Es würde ein Erröthen auf den Wangen ſeiner jungen Perſon hervor⸗ rufen, falls ſie irgend Etwas mit ſolchen Dingen zu thun hätte, außer, indem ſie nähme, wie ſie geheißen würde und ſich nach Verordnung mit irdiſchen Gütern begaben ließe. Wer giebt dieſes Weib dieſem Manne zur Gattin? Ich, Podsnap. Nieder mit jedem verwegenen Gedanken, daß ſich je ein geringeres Geſchöpf in den Weg zu ſtellen wagen könnte! Es war ein öffentlicher Feſttag, und Fledgeby fand ſeine gewohnte Laune und ſeine gewohnte Naſentemperatur nicht eher als am Nachmittage wieder. Wie er an dem feſtlichen Nachmittage nach der City ging, kam ihm ein lebender Strom aus derſelben entgegen. Und als er in das Gebiet von St. Mary Axe einbog, fand er dort eine vorherrſchende Ruhe und Stille. Ein gelbes überragendes Haus mit einer Stuckofronte, vor dem er ſtillſtand, war ebenfalls ſtille. Die Jalouſien waren alle herabgelaſſen, und die Inſchrift, Pubſey& Co., hatte das Anſehen, als ob ſie in dem Comptoirfenſter des Erdgeſchoſſes, welches auf die ſchläfrige Straße ging, eingeſchlafen ſei. Fledgeby klopfte und ſchellte und Fledgeby ſchellte und klopfte, doch Niemand kam. Fledgeby ging zur gegen⸗ überliegenden Seite der engen Straße hinüber und ſchaute zu den Fenſtern hinauf, doch Niemand ſchaute zu Fled⸗ geby hinab. Er wurde ärgerlich, ging wieder über die enge Straße hinüber und riß an der Klingel, wie wenn dieſe des Hauſes Naſe geweſen, und er einen Wink aus ſeinen jüngſten Erlebniſſen entnommen. Sein Ohr am Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund⸗ 15 228 1 Schlüſſelloche ſchien ihm dann endlich die Verſicherung zu geben, daß ſich im Innern Etwas rege. Sein Auge am Schlüſſelloch ſchien die Verſicherung ſeines Ohres zu be⸗ ſtätigen, denn er riß abermals zornig an der Naſe des Hauſes und riß und riß und fuhr fort zu reißen, bis eine menſchliche Naſe in dem dunklen Gange hinter der ge⸗ öffneten Thür erſchien. „Nun, Sir!“ rief Fledgeby. Betragen!“ Dies war an einen alten Juden in einem langen Rocke mit gewaltigen Taſchen gerichtet. Ein ehrwürdiger Mann deſſen Kopf eine blanke Glatze zeigte und an den Seite langes graues Haar trug, das ſich mit ſeinem Barte ver⸗ miſchte. Ein Mann, der mit orientaliſcher Anmuth grüßend den Kopf neigte, und, die Flächen nach unten gewendet, die Hände ausſtreckte, um den Zorn eines Vor⸗ geſetzten zu beſchwichtigen. „Was habt Ihr vorgehabt?“ ſagte Fledgeby gegen ihn losſtürmend. „Edeler chriſtlicher Gebieter,“ ſagte der Jude,„da es ein Feſttag iſt, erwartete ich Niemanden.“ „Zum Henker mit dem Feſttag!“ ſagte Fledgeby ein⸗ tretend.„Was habt Ihr mit Feſttagen zu thun? Schließt die Thür.“ Der Alte gehorchte mit ſeiner vorigen Geberde. In dem Gange hing ſein rußiger, breitrandiger, niedriger Hut, der ebenſo veraltet war, wie ſein Rock; in der Ecke daneben ſtand ſein Stab— nicht etwa ein Spazierſtock, ſondern ein wirklicher Stab. Fledgeby ging in das Comp⸗ toir, beſtieg einen hohen Schreibſeſſel und ſchob ſeinen Hut auf die Seite. Auf den Bretterſimſen im Comptoir befanden ſich leichte Käſtchen und waren Reihen von falſchen Perlen aufgehängt. Es waren Proben von billigen Uhren und billigen Blumenvaſen,— lauter ausländiſche Spiel⸗ ſache. 2 Wie er mit auf die Seite geſchobenem Hute und einem baumelnden Beine auf dem hohen Seſſel daſaß, bildete Fledgeby's Jugend kaum einen vortheilhaften Contraſt zu dem Alter des Juden, wie dieſer, das entblößte Haupt neigend und mit zu Boden geſchlagenen Augen(die er nur erhob, wenn er ſprach), vor ihm ſtand. Seine Klei⸗ dung hatte daſſelbe rußige Ausſehen, das ſein Hut draußen im Gange trug, doch obgleich er ſchäbig ausſah, hatte er doch nichts Gemeines. Fledgeby dagegen hatte, obgleich er nicht ſchäbig ausſah, entſchieden etwas Gemeines. „Ihr habt mir nicht geſagt, was Ihr vorhattet Sir,“ ſagte Fledgeby, indem er ſich mit dem Hutrande den Kopf kratzte. „Sir, ich athmete die friſche Luft.“ „Was, im Keller, daß Ihr nicht hören konntet?“ „Auf dem Dache.“ —„Wahrhaftig! Das nenne ich nach dem Geſchäfte ſehen.“ „Sir,“ ſagte der alte Mann in vorſtellendem Tone und mit ernſter, geduldiger Miene,„es bedarf zweier Per⸗ ſonen zu einer Geſchäftsverhandlung, und der Feſttag hat mich allein gelaſſen.“. „Ah! Man kann nicht zugleich Käufer und Verkäufer ſein. So ſagen die Juden, wie?“ „Wir ſagen wenigſtens wahr, falls wir dies ſagen,“ erwiderte der alte Mann mit einem Lächeln. „Es iſt Euren Leuten wohl zu rathen, hin und wieder einmal die Wahrheit zu ſagen; ſie lügen oft genug,“ ſagte Fascination Fledgeby. „Sir,“ ſagte der alte Mann mit ruhigem Nachdruck, — giebt unter allen Menſchenklaſſen nur zu viel Unwahr⸗ heit.“ Hierdurch etwas aus dem Texte gebracht, kratzte Fas⸗ „Dies iſt ein ſchönes cination abermals ſein verſtandbegabtes Haupt mit ſeinem Hutrande, um Zeit zur Erholung zu gewinnen. „Zum Beiſpiel,“ ſagte er dann, wie wenn er Der⸗ jenige geweſen, der zuletzt geſprochen,„wer, außer Euch und mir, hätte wohl je von einem armen Juden gehört?“ „Die Juden,“ ſagte der alte Mann, die Augen vom Boden erhebend mit ſeinem vorigen Lächeln.„Sie hören oft von armen Juden, und ſind ſehr gut gegen ſie.“ „Das hol der Henker!“ entgegnete Fledgeby.„Ihr wißt ſehr wohl, was ich meine. Ihr möchtet mich über⸗ reden; wenn Ihr es könntet, daß Ihr ein armer Jude ſeid. Ich wollte, Ihr geſtändet einmal ein, wie viel Ihr in Wirklichkeit aus meinem verſtorbenen Alten heraus⸗ ekriegt Ich würde dann eine beſſere Meinung von Euch haben.“ Der alte Mann neigte blos das Haupt und ſtreckte wie zuvor die Hände aus. „Geberdet Euch nicht wie ein Taubſtummen⸗Inſtitut,“ ſagte der witzige Fledgeby,„ſondern drückt Euch verſtänd⸗ lich aus wie ein Chriſt— oder wenigſtens ſoviel Ihr es im Stande ſeid.“ „Ich hatte Krankheit und Mißgeſchick erlitten und war ſo arm, daß ich keine Hoffnung hatte, dem Vater je weder die Zinſen noch das Capital zurückzuzahlen,““ ſagte der alte Mann.„Der Sohn, der ihn beerbte, war ſo barmherzig, mir beides zu erlaſſen und mich hier ein⸗ zuſetzen.“ Er machte eine kleine Geberde, wie wenn er den Saum eines imaginären Gewandes küßte, das der edele Jüngling vor ihm trüge. Die Geberde war demüthig aber male⸗ riſch und ohne Erniedrigung für den, der ſie machte. „Ich ſehe woht, daß Ihr nicht mehr ſagen wollt,“ ſagte Fledgeby, indem er ihn anſchaute, als ob er Luſt habe, zu verſuchen, welche Wirkung es haben würde, wenn er ihm ein paar Backenzähne auszöge,„und es nützt daher nichts, daß ich Euch Vorſtellungen darüber mache. Doch geſteht mir dies, Riah; wer hält Euch jetzt für arm?“ „Niemand,“ ſagte der Alte. „Darin habt Ihr recht,“ erwiderte Fledgeby. „Niemand,“ wiederholte der alte Mann mit einer langſamen Handbewegung.„Alle verachten es, als eine Fabel. Falls ich ſagte:„Dieſes kleine Geſchäft gehört nicht mir,“ dies mit einer Bewegung ſeiner gelenkigen Hand, die alle die verſchiedenen Gegenſtände auf den Bretterſimſen um ſie her umfaßte,— zes iſt das Geſchäft eines chriſtlichen jungen Herrn, der mir, ſeinem Diener, die Obhut über daſſelbe anvertraut, und dem ich für jede einzelne Perle verantwortlich bin,“ ſo würden ſie lachen. Wenn ich bei größeren Geldgeſchäften zu den Borgenden ſage—“ „Halt, alter Burſch!“ unterbrach ihn Fledgeby,„ich hoffe, Ihr ſeid vorſichtig in dem, was Ihr ihnen ſagt?“ „Sir, ich ſage ihnen nicht mehr, als ich im Begriffe bin, Ihnen zu erzählen. Wenn ich ihnen ſage:„Ich kann dies nicht verſprechen, ich kann mich für jenes nicht ver⸗ antwortlich machen, ich muß zuvor mit meinem Prinzipal reden, ich habe das Geld nicht, ich bin ein armer Mann und die Sache liegt nicht in meinen Händen,“ ſo ſind ſie ſo ungläubig und ungeduldig, daß ſie mir oft in Jehova's Namen fluchen.“ „Das iſt verdammt gut, wahrhaftig!“ ſagte Fascina⸗ tion Fledgeby. „Und zu anderen Zeiten ſagen ſie vielleicht: ‚Kann es nie ohne dieſe Kniffe geſchehen, Mr. Riah? Kommen Sie, kommen Sie, Mr. Riah, wir kennen die Kniffe Ihres Volkse— mein Volk!— ‚wenn das Geld geliehen werden kann, ſo holen Sie es, holen Sie es; wo nicht, — Q— — alten 2 und ge falls e Haares Hutran damit 1 fällige meht Scha 7 daß d Auße! legenl ( weif mein⸗ Ihr Ausſ Mon diſche RN und ( Riah ſelber ausm 1 keit werd eine Zai „ Flel dem V agte —— enſtitut,“ A Ihr es zuzahlen,““ war bier ein⸗ u Saum Inn Jungling ber male⸗ Ichte wollt,“ bb er Luſt ende, wenn des nützt r mache. jetzt für gelenkigen auf den Geſchäft m Diener, b für jede ſie lachen. Borgenden by,„ich ſagt?“ Begriffe Ich kann nicht ver⸗ Prunzipal ner Mann ſo ſind ſie Jehoba Frteim⸗ „Kann s . Kommen die Kniffe ſ güihen wo nicht, 229 ſo behalten Sie es, und ſagen Sie es.’ Sie glauben mir nie.“ „Das iſt recht,“ ſagte Fascination Fledgeby. „Sie Pen:„Wir wiſſen ſchon, Mr. Riah, wir wiſſen ſchon. Wie brauchen Sie blos anzuſchauen, dann wiſſen wir ſchon.“ „Ah, Ihr ſeid ein Guter für den Poſten,“ dachte Fledgeby,„und ich war ein Guter, indem ich Euch bei demſelben anſtellte! Ich mag wohl langſam gehen, aber ich geh' verteufelt ſicher.“ Doch keine Silbe dieſer Betrachtung entſchlüpfte ihm mit dem leiſeſten Hauche, damit nicht etwa der Werth ſeines Dieners dadurch erhöht würde. Wie er aber den alten Mann anſchaute, als dieſer mit gebeugtem Haupte und geſenktem Blicke vor ihm daſtand, fühlte er, daß er, falls er einen Zoll ſeiner Kahlheit, einen Zoll ſeines grauen Haares, einen Zoll ſeines Rockſchooßes, einen Zoll ſeines Hutrandes, einen Zoll ſeines Wanderſtabes fahren ließe, damit Hunderte von Pfunden aufgeben würde. „Schaut her, Riah,“ ſagte Fledgeby, durch dieſe bei⸗ fälligen Betrachtungen erweicht.„Ich wünſche mich etwas mehr mit dem Aufkaufe zweifelhafter Wechſel zu befaſſen. Schaut Euch in dieſer Richtung ein wenig um.“ „Sir, es ſoll geſchehen.“ „Indem ich die Rechnungsbücher durchlaufe, ſehe ich, daß dieſe Branche des Geſchäfts ſich ziemlich gut rentirt. Außerdem mache ich mich gern mit anderer Leute Ange⸗ legenheiten bekannt. Schaut Euch alſo um.“ „Sir, ich will dies unverzüglich thun.“ „Macht es an geeigneten Orten bekannt, daß Ihr zweifelhafte Wechſel— rudelweiſe kaufen wollt— ja, meinetwegen nach dem Gewicht— falls Ihr, nachdem Ihr einen Blick durch den ganzen Haufen geworfen, eine Ausſicht auf einigen Profit ſeht. Und noch eins. Kommt Montag Morgen um acht Uhr wie gewöhnlich zur perio⸗ diſchen Durchſicht mit den Büchern zu mir.“ Riah nahm einige Gedächtnißtäfelchen aus der Taſche und machte ſich ein Memorandum. „Das iſt Alles, was ich Euch jetzt zu ſagen hatte,“ fuhr Fledgeby ſich ungern hiermit begnügend fort, indem er von dem Seſſel herabſtieg,„außer, daß ich wollte, Ihr athmetet die friſche Luft, wo Ihr die Klingel oder den Klopfer, oder eins von beiden, oder alle beide hören könnt. Beiläufig, wie in aller Welt macht Ihr es, wenn Ihr auf dem Dache friſche Luft athmet? Steckt Ihr den Kopf zur Eſſe hinaus?“ „Sir, es iſt dort ein Bleidach und ich habe dort einen kleinen Garten angelegt.“ „In dem Ihr Euer Geld zu vergraben gedenkt, Ihr alter Schlaukopf?“ Ein Garten ſo groß wie ein Daumennagel würde den Schatz bergen können, den ich vergrabe, Herr,“ ſagte Riah.„Zwölf Schillinge die Woche vergraben ſich ſelber, ſelbſt wenn ſie den Lohn eines alten Mannes ausmachen.“ „Ich möchte wohl wiſſen, wie viel Ihr in Wirklich⸗ keit werth ſeid,“ erwiderte Fledgeby, bei dem dieſes Reich⸗ werden durch jenes Stipendium und ſeine Dankbarkeit eine ſehr bequeme fixe Idee geworden.„Doch kommt! Zeigt mir Euren Garten auf dem Dache, eh' ich gehe!“ Der alte Mann trat einen Schritt zurück und zögerte. „In Wahrheit, Sir, ich habe dort Beſuch. „Habt Ihr wirklich, beim heiligen George!“ ſagte Fledgeby.„Ihr wißt vermuthlich, weſſen Haus dies iſt.“ „Sir, es iſt das Eure, und ich bin Euer Diener in demfelben.“ „O, ich glaubte, Ihr hättet dies vielleicht vergeſſen,“ ſagte Fledgeby, die Blicke auf Riah's Bart heftend, in⸗ Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. ſ 230, ————y— dem er nach dem ſeinigen fühlte;„da Ihr in meinem Hauſe Beſuch empfangt, wißt Ihr!“ „Kommen Sie hinauf und ſehen Sie die Gäſte, Sir. Ich hoffe, Sie werden zugeben, daß ſie keinen Schaden thun können.“ Indem er mit einer höflichen Ehrfurcht an ihm vor⸗ beiging, die Mr. Fledgeby, wenn es ſein Leben gegolten, ſeinem Haupte und ſeinen Händen zu verleihen unfähig geweſen wäre, ſtieg der alte Mann die Treppe hinan. Wie er, die Hand auf das Treppengeländer ſtützend, und in ſeinem ſchwarzen Rocke, der über jede Stufe herab⸗ hing, mühſam die Treppe hinanklomm, hätte man ihn für den Anführer einer Pilgergeſellſchaft halten können, die zu dem Grabe eines Propheten hinauf wallfahrte. Ohne ſich bei ſolchen ſchwächlichen Betrachtungen aufzu⸗ halten, erging Fascination Fledgeby ſich blos in Muth⸗ maßungen darüber, zu welcher Lebenszeit wohl ſein Bart zu wachſen angefangen, und dachte nochmals, welch ein „Guter“ er für die Rolle ſei. Einige letzte hölzerne Stufen führten ſie unter einem niedrigen Wetterdache, unter dem ſie ſich zu bücken genö⸗ thigt waren, auf das Dach. Riah ſtand ſtill und zeigte, indem er ſich zu ſeinem Herrn umwandte, dieſem ſeine Gäſte. Lizzie Hexam und Jenny Wren,— für die der alte Jude, vielleicht aus dem alten Inſtinct ſeiner Race, einen Teppich niedergelegt hatte. Auf dieſem und an einen nicht romantiſcheren Gegenſtand, als einen ſchwar⸗ zen Schornſtein lehnend, über den eine beſcheidene Schling⸗ pflanze gezogen war, ſchauten ſie Beide eifrig in ein Buch; Beide mit aufmerkſamen Geſichtern; Jenny mit dem ſchärferen, Lizzie mit dem ſchüchternen Ausdrucke. Noch ein paar kleine Bücher lagen daneben, dazu ein gewöhnliches Körbchen mit gewöhnlichem Obſt, und ein anderes Körbchen mit Reihen von Perlen und Stückchen von Flittergold. Ein paar Kaſten mit beſcheidenen Blu⸗ menarten und Immergrün⸗Pflanzen vollendeten den Garten; und die umliegende Wildniß von verwittweten alten Schornſteinen drehten ihre Blechkappen und ließen ihren Rauch herausflattern, wie wenn ſie ſich zierten und fächelten und mit erhabenem Erſtaunen zuſchauten. Indem ſie die Blicke von dem Buche erhob, um über Etwas, das ſie darin geleſen, ihr Gedächtniß zu prüfen, war Lizzie die Erſte, die ſich beobachtet ſah. Wie ſie aufſtand, ward Miß Wren ſich ebenfalls dieſes Umſtandes bewußt und ſagte, ehrfurchtslos zu dem großen Haupte des Hauſes gewendet:„Wer Sie immer ſein mögen, ich kann nicht aufſtehen, denn mein Rücken iſt krank und meine Beine ſind ſchief.“ „Dies iſt mein Herr,“ ſagte Riah vortretend. („Sieht nicht aus, wie irgend eines Menſchen Herr,“ bemerkte Miß Wren für ſich, indem ſie Kinn und Augen emporruckte.) „Dies, Sir,“ fuhr der alte Mann fort,„iſt eine kleine Schneiderin für kleine Leute. Erkläre es dem Herrn, Jenny.“. „Puppen, das iſt alles,“ ſagte Jenny kurz.„Und zwar ſehr unbequeme Kunden, weil man ſich nicht auf ihre Figuren verlaſſen kann. Man weiß nie, wo man die Taille erwarten ſoll.“ „Ihre Freundin,“ ſagte der Alte darauf, indem er auf Lizzie deutete,„und ſo fleißig, wie ſie brav iſt. Doch das ſind ſie Beide. Sie ſind früh und ſpät bei der Ar⸗ beit, Sir, früh und ſpät, und in den Mußezeiten, wie an dieſem Feſttage, wenden ſie ſich dem Bücherſtudium zu.“ „Da iſt nicht viel Gutes zu holen,“ bemerkte Fledgeby. „Das kommt auf die Perſon an!“ ſagte Miß Wren, ihn kurz abſchnappend. — Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 232 ſagte der alte Jude in der augenſcheinlichen Abſicht, die Schneiderin reden zu machen,„indem ſie herkamen, um von unſerm Abfall und unſern beſchädigten Waaren für Miß Jenny's Putzkram zu kaufen. Unſer Abfall geht auf ihren rothwangigen kleinen Kunden in die beſte Ge⸗ ſellſchaft, Sir. Sie tragen denſelben im Haar, und auf ihren Ballkleidern und werden ſogar(wie ſie mich unter⸗ richtet) in demſelben bei Hofe vorgeſtellt.“ „Oh!“ ſagte Fledgeby, der Mühe hatte, dieſer Puppenphantaſie mit ſeinem Verſtande zu folgen;„ſie hat vermuthlich heute dieſen Korb⸗voll gekauft?“ „Vermuthlich wohl,“ ſagte Miß Jenny; dafür bezahlt, wahrſcheinlich!“ „Laßt einmal ſehen,“ ſagte der argwöhniſche Prin⸗ cipal. Riah reichte ihm den Korb.„Wie viel mag— ſie hierfür gezahlt haben?“ 3 „und auch „Zwei koſtbare Sil⸗ berſchillinge,f“ ſagte Miß Wren. Riah beſtätigte ihre Angabe, da Fledgeby ihn anſchaute, durch ein zwei⸗ maliges Kopfnicken. Ein Nicken für jeden Schilling. „Nun“, ſagte Fledgeby, den Inhalt des Korbes mit den Fingern umherwerfend, „kein ſo ſchlechter Preis. Sie haben gutes Maß be⸗ kommen, Miß Wie⸗heißt's⸗ gleich.“ „Verſuchen Sie Jenny,“ ſagte die junge Dame mit großer Ruhe. „Sie haben gutes Maß bekommen, Miß Jenny, aber es iſt kein ſchlechter Preis. — Und Sie,“ ſagte Fled⸗ geby zu dem andern Gaſte gewendet,„kaufen Sie eben⸗ falls von uns, Miß?“ „Nein, Sir.“ „Und verkaufen auch nichts, Miß?“ „Nein, Sir.“ Den Fragenden von der Seite anblickend, ſtahl Jenny ihre Hand zu der ihrer Freundin hinauf, und zog dieſe zu ſich herab, ſo daß ſie auf ein Knie ne⸗ ben ihr niederkniete. „Wir ſind froh, der Ruhe wegen herkommen zu dür⸗ fen, Sir,“ ſagte Jenny.„Sie wiſſen nicht, ſehen Sie, was dieſer Ort ſonſt noch für uns iſt; wie, Lizzie? Es iſt die Stille und die Luft.“ „Die Stille!“ wiederholte Fledgeby, indem er ver⸗ achtungsvoll den Kopf in die Richtung des City⸗Getöſes wandte.„Und die Luft!“ mit einem Pu—u—ff gegen den Rauch. „Ah,“ ſagte Jenny.„Aber es iſt ſo hoch. Und man ſieht die Wolken über die engen Straßen hinfliegen, ohne ſie zu fühlen und die goldenen Pfeile, die auf die Ge⸗ birge im Wolkenhimmel deuten und die Richtung des Windes angeben, und dann iſt Einem, als ob man todt wäre.“ — — —ä — 1— B(—— —— 4— — Der Garten auf dem Dache. todt wäre?“ fragte Fledgeby ſehr verblüfft. „O, ſo ruhig!“ rief das kleine Weſen lächelnd.„O, ſo friedlich und ſo dankerfüllt! Und man hört die leben⸗ digen Leute unten in den engen finſtern Straßen weinen und arbeiten und einander zurufen, und man bemitleidet ſie ſo ſehr! Und es überkommt Einen ſolch eine ſeltſame, gute, kummervolle Glückſeligkeit!“ Ihre Blicke fielen auf den alten Mann, der mit ge⸗ falteten Händen daſtehend ruhig zuſchaute. „Ei, vor wenigen Augenblicken erſt war es mir, als ob ich ihn aus ſeinem Grabe ſteigen ſähe!“ ſagte ſie auf ihn hindeutend.„Er kam ſo gebeugt und abgehärmt durch jene niedrige Thür herauf, und dann richtete er ſich empor und athmete auf, und ſchaute rings am Wolkenhimmel herum, und der Wind wehte ihn an, und ſein Leben unten im Finſtern war vorüber!— Bis er ins Leben zurück⸗ gerufen ward,“ fügte ſie hinzu, indem ſie ſich mit jenem irdiſcheren Blicke der Klugheit zu Fledgeby um⸗ wandte.„Warum riefen Sie ihn zurück?“ „Er ließ ſich wenigſtens Zeit, bis er kam,“ brummte Fledgeby. „Aber Sie ſind nicht todt, wiſſen Sie,“ ſagte Jenny Wren.„Kehren Sie ins Leben zurück!“ Mr. Fledgeby ſchien den Vorſchlag zu billigen und wandte ſich mit einem Kopfnicken um. Wie Riah ihn die Treppe hinunter begleitete, rief das kleine Weſen dem Juden mit ih⸗ rer ſilberhellen Stimme nach:„Bleiben Sie nicht lange fort. Kommen Sie zurück und ſein Sie todt!“ Und während ſie weiter und weiter abwärts ſtiegen, hör⸗ ten ſie noch immer die kleine liebliche Stimme, die ihnen, matter und matter werdend, halb nachrief, halb nachſang:„Kom⸗ men Sie zurück und ſein Sie todt— zurück und ſein Sie todt!“ Als ſie unten im Hausflur anlangten, ſagte Fledgeby, indem er im Schatten des alten breitrandigen Hutes ſtillſtand und mechaniſch den Stab balancirte: „Das iſt ein hübſches Mädchen, Jene, die bei Ver⸗ ſtande iſt.“ „Und eben ſo brav, wie ſie ſchön iſt,“ ſagte Riah. „Ich hoffe wenigſtens nicht ſchlecht genug, um einen Burſchen ihrer Bekanntſchaft von den Schlöſſern und Riegeln im Hauſe zu unterrichten, damit er hier ein⸗ bricht,“ bemerkte Fledgeby, indem er trocken vor ſich hin pfiff.„Gebt wohl Acht. Habt die Augen offen und macht keine fernere Bekanntſchaften, wie ſchön ſie immer (Seite: 230.) backeit und fü Lippen der T un frohlo Juden ging ſ ſtieg, d und da Weſené einer C lodiſche und ſe M ſaßen ſie ſich des ander. über, artige ſen we A ganz Inſch mit der T ein Tepp lich Doch das m komm ander feuers einge müth 7 lſſg ſagte ob man d. ‿̈ de leben. n weinen mitleidet eſeltſane, er mit ge⸗ mir, als zte ſie auf abgehärnt 2 Dürr in richtee dathmete ungs am rum, und ihn an, unten im geby um⸗ uin riefen venigſtens drummte ſind nicht “ ſagte „Kehren rück! uruck. ſchien u billigen mit einem Wie Riah 2 hinunter das kleine mit ih⸗ Stimme tiegen, här⸗ immer die Stimme, nälle Fledgeby, gen Hutet bei Ver⸗ V ate Riah. um einen läffem und hier ein ue ſch hu 4 offen und ſie immer — 233 Boz, Unſer gemeinſcha ftlicher Freund. feuers,„ich fühle mich ziemlich behaglich. ſein mögen. für Euch?“ „Sir, gewißlich thue ich dies.“ „Wenn ſie Euch fragen, ſo ſagt, es ſei Pubſey, oder ſagt, es ſei Co., oder ſagt was Ihr wollt, nur nicht, was es in Wirklichkeit iſt.“ Sein dankbarer Diener— in deſſen Volke die Dank⸗ barkeit tief, ſtark und dauernd iſt— beugte das Haupt, und führte jetzt wirklich den Saum ſeines Rockes an die Lippen; obwohl mit einer ſo leichten Berührung, daß der Träger deſſelben nichts davon gewahr wurde. Und ſo ging Fascination Fledgeby ſeines Weges, frohlockend über die pfiffige Klugheit, mit der er einen Juden unter ſeinen Daumen gebracht, und der alte Mann ging ſeines Wegs die Treppe hinauf. Wie er hinauf⸗ ſtieg, drang der Ruf oder Geſang wieder an ſein Ohr, und da er emporſchaute, ſah er das Geſicht des kleinen Weſens aus dem glänzenden goldenen Haar wie aus einer Gloria zu ihm hinabſchaun, und hörte ſie mit me⸗ lodiſcher Stimme ihm zurufen:„Kommen Sie herauf und ſein Sie todt—, herauf und ſein Sie todt!“ Ihr behaltet natürlich meinen Namen ſtets ——,* HSecholes Capitel. Ein Räthſel ohne Löſung. Mr. Mortimer Lightwood und Mr. Eugen Wrayburn faßen wieder mit einander im Tempel. Doch befanden ſie ſich am heutigen Abend nicht in dem Geſchäftslocale des ausgezeichneten Rechtsanwaltes, ſondern in einer andern trübſeligen Junggeſellen⸗Wohnung, jenem gegen⸗ über, in demſelben zweiten Stockwerk; auf deren kerker⸗ artiger ſchwarzer äußerer Thür folgende Legende zu le⸗ ſen war: Privat⸗Eingang. Mr. Eugen Wrayburn. Mr. Mortimer Lightwood. (Mr. Lightwood's Expedition gegenüber.) Allem Anſcheine nach war dieſes Etabliſſement eine ganz neue Einrichtung. Die weißen Buchſtaben der Inſchrift waren außerordentlich weiß und drängten ſich mit großer Schärfe dem Geruchsſinne auf. Die Farbe der Tiſche und Stühle war(gleich der der Lady Tippins) ein wenig zu blühend, um als echt zu paſſiren, und der Teppich ſtürzte dem Beſchauer vermöge ſeines ungewöhn⸗ lich auffallenden Muſters gewiſſermaßen in's Geſicht. Doch der Temple, welcher ſowohl das Stillleben, wie das menſchliche Leben, das viel mit ihm in Berührung kommt, herabzuſtimmen gewohnt iſt, mußte dies bald ändern.— „Nun!“ ſagte Eugen auf der einen Seite des Kamin— Ich hoffe, Gemüthsſtimmung — der Tapezierer wird ſich derſelben erfreuen.“ „Warum ſollte er es wohl nicht?“ ſagte Lightwood auf der andern Seite des Kamins. „Allerdings,“ fuhr Eugen nach kurzer Ueberlegung fort,„er iſt nicht in unſere pecuniären Angelegenheiten eingeweiht, und mag ſich deshalb ſeiner gewohnten Ge⸗ müthsruhe hingeben.“ „Wir werden ihn bezahlen,“ ſagte Mortimer. „Meinſt Du wirklich?“ erwiderte Eugen mit nach⸗ läſſigem Erſtaunen.„Was Du ſagſt!“ „Ich meinerſeits beabſichtige ihn zu bezahlen, Eugen,“ ſagte Mortimer in leicht verletztem Tone „Welch ein verrückter Kerl Du biſt, Eugen!“ „Das beabſichtige ich ebenfalls,“ entgegnete Eugen. „Aber ich beabſichtige ſo Manches, das ich— das ich nicht beabſichtige.“ „Nicht beabſichtigſt?“ „So Manches, das ich blos beabſichtige, und immer nur zu beabſichtigen beabſichtige, mein lieber Mortimer. Es iſt Alles daſſelbe.“ Sein Freund, der in ſeinem Seſſel zurückgelehnt ſaß, betrachtete ihn, wie er in ſeinem Seſſel zurückgelehnt ſaß, und ſagte, ſeine Beine lang über den Kaminteppich aus⸗ ſtreckend, mit der beluſtigten Miene, die Eugen ſtets auf ſeinem Geſichte hervorzurufen vermochte, ohne anſcheinend den geringſten Verſuch deshalb zu machen: „Jedenfalls haben Deine Grillen die Rechnung um ein Beträchtliches vergrößert.“ „Nennt die häuslichen Tugenden Grillen!“ rief Eugen, die Augen zur Decke emporſchlagend. „Dieſe außerordentlich vollſtändige Küche, die wir hier haben,“ ſagte Mortimer,„und in der nie das Ge⸗ ringſte gekocht werden wird—“ „Mein lieber, lieber Mortimer, wie oft habe ich Dir ſchon geſagt,“ unterbrach ihn ſein Freund, indem er träge ein wenig den Kopf erhob, um ihn anzuſchauen,„daß der moraliſche Einfluß die Hauptſache iſt!“ „Der moraliſche Einfluß auf dieſen Burſchen!“ rief Lightwood lachend. „Thu' mir die Liebe,“ ſagte Eugen, ſich mit großem Ernſt von ſeinem Seſſel erhebend,„mit mir zu kommen, und dieſen Theil unſeres Etabliſſements, den Du ſo vor⸗ eilig herabſetzeſt, in Augenſchein zu nehmen.“ Mit dieſen Worten nahm er ein Licht und führte ſeinen Stuben⸗ burſchen nach dem vierten Zimmer ihrer Wohnung— ein kleines enges Stübchen—, welches ſehr ſauber und vollſtändig als Küche eingerichtet war.„Schau!“ ſagte Eugen,„Miniatur⸗Mehlliſte, Teigrolle, Gewürzkäſtchen, Sims mit braunen Häfen, Hackebrett, Kaffeemühle, An⸗ richtetiſch, elegant mit Porzellangeſchirr verſehen, Caſſe⸗ rollen, Bratpfannen, Tiegel, Bratſpieß, ein allerliebſter Keſſel, ein Waffenſaal von glänzenden Schüſſeldeckeln. Der moraliſche Einfluß der Gegenſtände, welche die häuslichen Tugenden zu erwecken dienen, wird vielleicht eine große Wirkung auf mich ausüben; nicht auf Dich, Du biſt hoffnungslos geſunken, aber auf mich. Ja, es iſt mir faſt, als fühlte ich die häuslichen Tugenden be⸗ reits in mir erwachen. Thu' mir den Gefallen, in mein Schlafzimmer zu kommen. Secretär, wie Du ſiehſt, und eine ſinnverwirrende Menge von echten Mahagony⸗Fächern, eins für jeden Buchſtaben des Alphabets. Welchem Zwecke widme ich dieſelben? Ich erhalte eine Rechnung — ſagen wir von Jones. Ich ſetze mich an den Se⸗ cretär, ſchreibe ſauber auf die Außenſeite JONES, und lege ſie in das Fach J. Es iſt das Nächſtbeſte nach einer Quittung und vollkommen ſo befriedigend für mich. Und ich wünſche wirklich von Herzen, Mortimer,“ fuhr er auf ſeinem Bette ſitzend mit der Miene eines Philo⸗ ſophen fort, der einem Jünger ſeine Lehre einzuprägen ſucht,„daß mein Beiſpiel Dich bewegen könnte, Dir Gewohnheiten der Pünktlichkeit und Ordnung anzueignen, und daß es Dich, vermittelſt der moraliſchen Einflüſſe, mit denen ich Dich umgeben habe, zur Entwickelung der häuslichen Tugenden antriebe.“ Mortimer lachte wieder und ſagte wie gewöhnlich: „Wie kannſt Du nur ſo lächerlich ſein, Eugen!“ und: Doch, als er zu lachen aufhörte, lag ein faſt ernſter, wo nicht gar beſorgter Ausdruck auf ſeinem Geſicht. Ungeachtet der unglückſeligen Affectation von Schlaffheit und Gleich⸗ gültigkeit, die ihm zur anderen Natur geworden, war er —— — — „Eugen,“ ſagte er,„wenn ich Dich einen Augenblick Kenntniß dieſes unbeſchreiblich ſorgloſen Eugen's als ernſt ſehen könnte, ſo möchte ich wohl ein ernſtes Wort mit Dir reden.“ „Ein ernſtes Wort?“ wiederholte Eugen.„Die mo⸗ raliſchen Einflüſſe fangen zu wirken an! Rede.“ „Nun, ja, ich will reden,“ erwiderte der Andere; „obwohl Du noch immer nicht im Ernſt biſt.“ murmelte Eugen vor ſich hin, wie Jemand, der mit tiefem Nachſinnen beſchäftigt iſt,„nehme ich den glück⸗ lichen Einfluß der kleinen Mehlkiſte und der Kaffeemühle wahr. Sehr erfreulich.“ „Eugen,“ fuhr Mortimer fort, ohne auf dieſe Unter⸗ brechung zu achten, und indem er ihm, vor ihm ſtehend, die Hand auf die Schulter legte,„Du verhehlſt mir Etwas.“ Eugen ſchaute ihn an, ſagte aber nichts. „Dieſen ganzen vergangenen Sommer haſt Du mir Etwas verhehlt. Ehe wir unſere Ruderexpedition an⸗ traten, warſt Du ſo ſehr auf dieſelbe verſeſſen, wie ich Dich nur je geſehen habe, ſeit wir zuerſt zuſammen ruderten. Doch wie dieſelbe kam, war Dir ſehr wenig daran gelegen; Du fandeſt es läſtig und ſtörend und warſt häufig abweſend. Es war ein halbes Dutzendmal, ein Dutzendmal, zwanzigmal ganz gut, auf Deine eigne drollige Weiſe, die mir ſo wohl bekannt und ſo lieb iſt, daß Deine häufigen Abweſenheiten eine Vorſichtsmaßregel dagegen ſeien, daß wir einander langweilig würden; aber ich entdeckte natürlich bald, daß dies Etwas verſtecken ſollte. Ich frage Dich nicht, was, da Du es mir nicht freiwillig erzählt haſt; aber das Factum verhält ſich ſo. Sprich, habe ich recht?“ „Ich gebe Dir mein Ehrenwort, Mortimer,“ erwiderte Eugen nach einigen Augenblickenvernſten Schweigens,„ich weiß es nicht.“ „Du weißt es nicht, Eugen?“ „Bei meiner Seele, ich weiß es nicht. Ich weiß von mir ſelber weniger, als von den meiſten Leuten meiner Bekanntſchaft, und ich weiß es nicht.“ „Du haſt einen Plan im Kopfe?“ „Wirklich? Ich glaube kaum.“ „Jedenfalls haſt Du dort ein Intereſſe, das Du nicht immer gehabt haſt?“ „Ich kann es wirklich nicht ſagen,“ entgegnete Eugen, den Kopf ſchüttelnd, nachdem er abermals eine Pauſe gemacht, um zu überlegen.„Zuweilen habe ich gedacht, Ja; zuweilen wieder, Nein. Bald habe ich mich geneigt gefühlt, einen gewiſſen Gegenſtand zu verfolgen, und dann wieder iſt es mir albern erſchienen und hat es mich ermüdet und verdroſſen. Ich kann es entſchieden nicht ſagen. Offen und ehrlich,— ich wollte es ſagen, wenn ich es könnte.“ 1 Mit dieſen Worten legte er ſeinerſeits ſeine Hand auf die Schulter ſeines Freundes, indem er ſich von ſei⸗ nem Sitze auf dem Bette erhob, und ſagte: „Du mußt Deinen Freund nehmen, wie er iſt. Du weißt, was ich bin, mein lieber Mortimer. Du weißt, wie fürchterlich empfindlich ich gegen die Langeweile bin. Du weißt, daß ich, als ich Mann genug geworden, um ein verkörpertes Räthſel in mir zu erkennen, ich mich auf's Aeußerſte damit langweilte, die Löſung zu mir zu ſuchen. Du weißt, daß ich es endlich aufgab und mich nicht länger mit dem Rathen martern wollte. Wie iſt 235 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. E 236 lautet:„Nein, bei meiner Seele, ich kann es nicht.“ Es lag in dieſer Antwort ſo viel, das er nach ſeiner phantaſtiſch wahr erkannte, daß Mortimer dieſelbe nicht als eine bloße Ausflucht betrachten konnte. Außerdem ward dieſelbe mit einer einnehmenden Offenheit gegeben, und mit einer ſpeciellen Ausnahme des einen Freundes, den er ſchätzte, von ſeiner unbekümmerten Gleichgültigkeit. „In dieſem dringenden Verlangen nach Ernſt,“ „Komm, lieber Junge!“ ſagte Eugen.„Laß uns die Wirkung einer Cigarre verſuchen. Falls dieſelbe mich über dieſen Punkt aufklärt, ſo will ich mich ohne Zurück⸗ haltung ausſprechen.“ Sie kehrten in das Zimmer zurück, welches ſie ver⸗ laſſen hatten, und da ihnen daſſelbe heiß ſchien, öffneten ſie ein Fenſter. Nachdem ſie ihre Cigarren angebrannt, lehnten ſie ſich aus dieſem Fenſter und rauchten und ſchauten in den mondbeleuchteten Hof hinunter. „Keine Aufklärung,“ ſagte Eugen nach einigen Mi⸗ nuten des Schweigens.„Ich bitte von Herzen um Ver⸗ zeihung, mein lieber Mortimer. Es will nichts kommen.“ „Wenn nichts kommen will,“ erwiderte Motimer,„ſo kann nichts daraus entſtehen. Deshalb hoffe ich, daß dies überhaupt gelten möge, und daß nichts im Anſchlage iſt. Nichts, daß Dir ſchaden könnte, Eugen, oder—“ Eugen unterbrach ihn, indem er ihm die Hand auf den Arm legte: nahm ein Klümpchen Erde aus einem alten Blumentopfe auf dem Fenſterſimſe und ſchoß das⸗ ſelbe geſchickt auf eine kleine lichte Stelle ihnen gegenüber ab; nachdem er dies zu ſeiner Befriedigung ausgeführt, ſagte er:„Oder?“ „Oder ſonſt irgend Jemandem.“ „Wie,“ ſagte Eugen, indem er abermals ein Klümp⸗ chen Erde nahm und daſſelbe mit großer Präciſion auf daſſelbe Ziel abſchoß,„ſonſt irgend Jemandem ſchaden könnte?“ „Ich weiß nicht.“ „Und,“ ſagte Eugen, bei dem Worte einen abermaligen Schuß thuend,„wem ſonſt?“ „Ich weiß nicht.“ Indem er vor ſeinem vierten Schuſſe innehielt, ſchaute Eugen ſeinen Freund fragend und ein wenig argwöhniſch an. Doch ſah er keine verſteckte oder halb ausgedrückte Bedeutung in deſſen Geſichte. „Zwei verſpätete Wanderer in dem Labyrinthe des Geſetzes,“ ſagte Eugen, durch den Schall von Schritten aufmerkſam gemacht und indem er in den Hof hinab⸗ ſchaute,„verirren ſich in diefen Hof hinein. Sie unter⸗ ſuchen den Thürpfoſten von Numero Eins und ſuchen nach einem Namen. Da ſie denſelben auf Numero Eins nicht finden, gehen ſie nach Numero Zwei. Auf den Hut des Wanderers Numero Zwei, des Kleineren, laſſe ich dieſes Kügelchen fallen. Nachdem ich ihn auf dem Hute getroffen, rauche ich heiter und unbekümmert und bin in Betrachtung des Himmels verſunken.“ Die beiden Wanderer ſchauten zum Fenſter hinauf; doch nachdem ſie einen Augenblick zu einander gemurmelt hatten, wandten ſie ſich wieder den Thürpfoſten zu. Dort ſchienen ſie zu finden, was ſie ſuchten, denn ſie entſchwanden dem Blicke, indem ſie ins Haus hineingingen.„Wenn ſie wieder herauskommen,“ ſagte Eugen,„ſollſt Du ſehen, wie ich ſie Beide niederſchieße;“ und bereitete dann zwei Kügelchen zu dieſem Zwecke. Er hatte nicht darauf gerechnet, daß ſie ſeinen oder Lightwood's Namen geſucht. Doch ſchien es ſich entweder geheimq Sie ſif .„6( ſelben um die Thür ſgie) durfte blieb r. jahren, zimme Als er daß die meiſter erkanne „6 ſagte, „0, ja Er faſſen, Wrayb. Ind wenn d zu Bre timer! wer m 5 „ich bi „Y Manier Auf ruhig und ſch ſamer aus, W meiſter graufal rieth e Es noch J ſchaute Beiden werden die ſie 21„In ſihm mi natürlich Cöhren, Eugen, ob die ich fra 9 9 230 rt geben underreim Kannſt Antwort cht.“ ſie ver⸗ öffneten gebrannt, chten und en Mi⸗ m Ver⸗ kommen.“ timer,„ſo ich, daß Anſchlage oder—“ Hand auf aus einem in Klümp⸗ ſon auf m ſchaden bermaligen t, ſchaute wöhniſch gedrückte bge printhe des n Schritten Hof hinab⸗ Sie unter⸗ und ſuchen ero Cins kuf den Hut laffe ich dem Hute und bin in tet hinauf; emurmelt u. Dort ntſchwanden ma.„Wenn en. ſt Du ſehen, 1 dann zwei ſeinen odel it unmmedet — — 1 um dieſen oder jenen zu handeln, Thür geklopft.„Ich habe heute Abend den Dienſt,“ ſagte Mortimer,„bleibe, wo Du biſt, Eugen.“ Es be⸗ durfte hierzu keiner großen Ueberredung für ihn, und er blieb ruhig rauchend und durchaus nicht neugierig, zu er— fahren, wer geklopft hatte, bis Mortimer vom Innern des Zimmers aus zu ihm ſprach und ſeine Schulter berührte. Als er darauf den Kopf zum Fenſter hereinzog, ſah er, daß die Gäſte der junge Charley Hexam und deſſen Schul⸗ meiſter ſeien; ſie ſtanden Beide gerade vor ihm und er erkannte ſie auf den erſten Blick. „Du erinnerſt Dich dieſes jungen Burſchen, Eugen?“ ſagte Mortimer. „Laß mich ihn anſchauen,“ entgegnete Wrayburn trocken. „O, ja, ja. Ich erkenne ihn!“ Er hatte nicht beabſichtigt, ihn wieder beim Kinn zu faſſen, aber der Knabe erwartete dies und warf mit einer zornigen Geberde den Arm empor. Wrayburn ſchaute lachend ſeinen Freund an, wie um eine Erklärung dieſes ſonderbaren Beſuchs bittend. „Er ſpricht, er habe Dir etwas Wichtiges zu ſa⸗ gen.“ „Er muß ſicherlich Dich meinen, Mortimer.“ „Das glaubte ich ebenfalls, aber ſagt nein. Er er wünſche mit Dir zu reden.“ „Ja, das ſage ich,“ unterbrach ſie der Knabe.„Und ich beabſichtige zu ſagen, was ich zu ſagen habe, Mr. Wrayburn!“ Indem er ſeinen Blick über ihn hinſchweifen ließ, wie wenn dort, wo er ſtand, nichts zu ſehen ſei, ſchaute Eugen zu Bradley Headſtone hin. Dann wandte er ſich zu Mor⸗ timer und ſagte mit der vollendetſten Impertinenz:„Und wer mag dieſer andere Menſch ſein?“ „Ich bin Charley Hexam's Freund,“ ſagte Bradley; „ich bin Charley Hexam's Schulmeiſter.“ „Mein guter Herr, Sie ſollten Ihrem Schüler beſſere Manieren lehren,“ erwiderte Eugen. Auf der einen Seite des Kamins ſtehend, ſtützte er, denn jetzt ward an die Boz, Unſer gemeinſ chaftlicher Freund. 238 Dieſer Stachel traf um ſo ſchärfer, als Bradley Head⸗ ſtone denſelben in einem Augenblicke unvorſichtigen Zornes ſelbſt dem Feinde in die ein Wort mit Ihnen zu reden. ſelbſt d u Hand gegeben. Er oerſuchte, ſeine Lippen zuſammenzupreſſen, um das Zittern derſelben zu verhindern, doch zitterten ſie heftig.. „Mr. Eugen Wrayburn,“ ſagte der Knabe,„ich wünſche Ich habe dies ſo ſehr gewünſcht, daß wir Ihren Namen im Adreßbuche geſucht haben und dann auf Ihre Expedition gegangen ſind, und von dort kamen wir hierher.“ „Sie haben ſich viel Mühe gegeben, Schulmeiſter,“ bemerkte Eugen, indem er die leichte weiße Aſche von ſeiner Cigarre abblies.„Ich hoffe, Sie mögen ſich für dieſelbe belohnt ſehen.“ „Es freut mich,“ ſagte der Knabe,„daß ich vor Mr. Lightwood reden kann, denn durch Mr. Lightwood geſchah es, daß Sie meine Schweſter überhaupt je ſahen.“ Für einen einzigen Augenblick wandte Wrayburn ſeine Blicke vom Schulmeiſter ab, um die Wirkung zu beob⸗ achten, welche dieſe letzten Worte auf Mortimer hatten, der, auf der anderen Seite des Kamins ſtehend, ſowie dieſelben geſprochen worden, das Geſicht dem Feuer zu—⸗ wandte und in daſſelbe hinabſchaute. ſagt, Sie ſie jemals wiederſahen, denn Sie begleiteten ihn in jener Nacht, wo mein Vater gefunden ward,— und dann „Und es geſchah ebenfalls durch Mr. Lightwood, daß fand ich Sie am folgenden Tage wieder bei ihr. Seit⸗ dem haben Sie meine Schweſter oft geſehen. Sie haben ſie immer häufiger und häufiger geſehen. Und ich ver⸗ lange zu wiſſen, warum?“ „War dies wohl der Mühe werth, Schalmeiſter?“ murmelte Eugen im Tone eines uneigennützigen Rath— gebers.„So viel Mühe um gar nichts? Sie müſſen es am beſten wiſſen, aber mir ſcheint nicht.“ „Ich weiß nicht, Mr. Wrayburn,“ entgegnete Bradley mit ſteigender Wuth,„warum Sie zu mir reden—“ ruhig weiter rauchend, den Ellbogen auf den Kaminſims und ſchaute den Schulmeiſter an. Es war ein grau⸗ ſamer Blick, und drückte eine kalte Verachtung gegen ihn aus, wie gegen ein Geſchöpf ohne Werth. Und der Schul⸗ meiſter ſchaute ihn ebenfalls an, und auch dies war ein graufamer Blick, obgleich von verſchiedener Art, und ver⸗ rieth eine tobende Eiferſucht und glühenden Zorn. Es war bemerkenswerth, daß weder Eugen Wrayburn noch Bradley Headſtone ein einzigesmal den Knaben an⸗ ſchauten. Während des folgenden Geſpräches blickten jene Beiden, wer immer reden oder wer immer angeredet werden mochte, ſtets nur einander an. Es ſchien eine geheime, feſte Ueberzeugung zwiſchen ihnen zu herrſchen, die ſie in jeder Weiſe einander entgegenſtellte. „In gewiſſen höheren Beziehungen,“ ſagte Bradley, ihm mit blaſſen, zitternden Lippen antwortend,„ſind die natürlichen Gefühle meines Schülers mächtiger, als meine Lehren, Mr. Eugen Wrayburn.“ „In den meiſten Beziehungen, vermuthlich,“ entgegnete Eugen, ſich dem Genuſſe ſeiner Cigarre hingebend.„Doch ob dieſelben hoch oder niedrig, iſt nicht von Wichtigkeit. Sie ſind vortrefflich mit meinem Namen bekannt. Darf ich fragen, welches der Ihrige iſt?“ „Es kann Ihnen nicht viel daran gelegen ſein, den⸗ ſelben zu wiſſen, do „Sehr wahr,“ unterbrach ihn Eugen mit einem ſchar⸗ fen Hiebe, ihn bei dieſem Fehler abſchneidend,„es iſt mir durchaus gar nicht daran gelegen. Ich kann Sie Schul⸗ meiſter nennen, ein höchſt reſpektabler Titel. Sie haben recht, Schulmeiſter.“ 474 ſchlungen hätte, um ihn zu erdroſſeln. „Nicht?“ ſagte Eugen. thun.“ Er ſagte dies in ſeiner vollkommenen Gelaſſenheit ſo ſpöttiſch, daß die reſpectable rechte Hand das reſpectable Uhrband packte, und ihm daſſelbe gern um den Hals ge⸗ Eugen erachtete es nicht der Mühe werth, noch ein Wort weiter zu ſagen; er ſtand den Kopf auf die Hand ſtützend und rauchend da, und betrachtete mit größter Gelaſſenheit den wüthenden Bradley Headſtone, bis dieſer faſt raſend wurde. „Mr. Wrayburn,“ fuhr der Knabe fort,„wir wiſſen nicht nur dies, deſſen ich Sie beſchuldigt habe, ſondern wir wiſſen noch mehr. Meine Schweſter weiß noch nicht, daß wir es entdeckt haben, aber wir häben es entdeckt. Wir, Mr. Headſtone und ich, hatten einen Plan zur Aus⸗ bildung meiner Schweſter entworfen, welche von Mr. Headſtone geleitet und überwacht werden ſollte; und Mr. Headſtone iſt in der Sache eine weit competentere Auto⸗ rität, als Sie ihr zu verſchaffen im Stande ſind,— was Sie ſelbſt immer hierüber glauben mögen, wie Sie mit Ihrer Cigarre daſtehen. Was entdecken wir alſo? Was entdecken wir alſo, Mr. Lightwood? Wir entdecken, daß meine Schweſter bereits ohne unſer Wiſſen Unterricht er⸗ hält. Wir entdecken, daß meine Schweſter, während ſie unſeren Plänen für ihr Wohl nur ein kaltes widerſtrebendes Gehör ſchenkt— Pläne, die ich, ihr Bruder, mit Mr. Headſtone entworfen habe, der, wie ſeine Zeugniſſe dies leicht beweiſen können, eine höchſt competente Autorität in der Sache iſt— bereits freiwillig und eigenwilliger⸗ weiſe von anderen Plänen profitirt. Ja, und ſich ſogar Mühe giebt— denn ich weiß, welche Mühe es koſtet. Und Mr. Headſtone ebenfalls! Nun! Unſer natürlicher „Dann will ich es nicht wieder — Gedanke iſt der: Jemand muß hierfür bezahlen; wer be⸗ zahlt? Wir ſuchen uns hierüber aufzuklären, und machen die Entdeckung, Mr. Lightwood, daß Ihr Freund, dieſer Mr. Eugen Wrayburn hier, bezahlt. Und jetzt frage ich Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund.. ihn, welches Recht er dazu hat, und was er damit ſagen Er möge ſich dies ins Gedächtniß einprägen und ſich davon will, und wie er ſich eine ſolche Freiheit herausnehmen kann, ohne meine Einwilligung dazu zu haben, da ich mich durch meine eigenen Anſtrengungen und mit Mr. Headſtone's Hülfe auf der geſellſchaftlichen Stufenleiter zu erheben ſuche, und mir meine Ausſichten nicht durch meine Schweſter trüben und meine Achtbarkeit durch ſie in Frage gebracht zu ſehen verlange.“ Die ſchülerhafte Schwachheit dieſer Rede, verbunden mit der außerordentlichen Selbſtſucht, die ſich in derſelben zu erkennen gab, machte ſie zu einer ſehr erbärmlichen. Und dennoch verrieth Bradley Headſtone, an das geringe Publikum einer Schule gewöhnt, und unbekannt mit der größeren Welt, eine Art von Frohlocken bei derſelben. „Ich ſage Mr. Eugen Wrayburn deshalb,“ fuhr der Knabe in der dritten Perſon zu reden genöthigt fort, da Unterweiſung in häuslichen Tugenden. er einſah, daß es nutzlos ſei, ihn in der erſten anzureden, „daß ich ſeine Bekanntſchaft mit meiner Schweſter ganz und gar mißbillige und ihn erſuche, dieſelbe ganz und gar aufzugeben. Er braucht ſich nicht einzubilden, daß ich be⸗ fürchte, es könne meiner Schweſter etwas an ihm gelegen ſein—“ (Bei dieſen höhniſchen Worten des Knaben lächelte der Lehrer ebenſo höhniſch, und Eugen blies wieder die Aſche von ſeiner Cigarre ab.) —„Aber ich will's nicht leiden, und das genügt. Ich bin von größerer Wichtigkeit für meine Schweſter, als er glaubt. Ich beabſichtige ſie, wie ich mich erhebe, mit mir zu erheben; ſie weiß dies, und ihre Zukunft hängt von mir ab. Ich verſtehe alles dies vollkommen, und Mr. Headſtone ebenfalls. Meine Schweſter iſt ein vortreffliches Mädchen, aber ſie hat einige romantiſche Ideen; nicht etwa in ſolchen Sachen, wie Eure Mr. Eugen Wrayburn's, ſondern über den Tod meines Vaters und andere derartige Dinge. Mr. Wrayburn beſtärkt ſie in ſolchen Ideen, um ſich ein Anſehen bei ihr zu geben, und deshalb meint ſie, ſtone. Und ich ſage Mr. Wrayburn, daß es ſein Schade ſein wird, falls er nicht auf das achtet, was ich ihm ſage. überzeugt halten. Ihr Schade!“ Es erfolgte eine Pauſe, während welcher der Schul⸗ meiſter ſehr ungeſchickt ausſah. „Darf ich bemerken, Schulmeiſter,“ ſagte Eugen, in⸗ dem er ſeine bedeutend verkürzte Cigarre von den Lippen hinwegnahm, um ſie zu betrachten,„daß Sie Ihren Schüler jetzt wieder abführen können?“ „Und, Mr. Lightwood,“ fügte der Knabe, vor Zorn glühend, daß er keiner Antwort gewürdigt ward, hinzu, „ich hoffe, daß Sie ſich deſſen, was ich zu Ihrem Freunde geſagt habe, und was Ihr Freund mich Wort für Wort hat ſagen hören, wie taub er ſich immer ſtellen mag, er⸗ innern werden. Es iſt Ihre Schuldigkeit, es ſich zu merken, Mr. Lightwood, denn, wie ich bereits erwähnte, Sie (Seite 234.) brachten Ihren Freund zuerſt in die Geſellſchaft meiner Schweſter, und ohne Sie würden wir ihn nie geſehen haben. Gott weiß, daß Keinem von uns je an ſeiner Bekanntſchaft gelegen war, und daß ihn Niemand ver⸗ miſſen wird. Und jetzt, Mr. Headſtone, da Mr. Eugen Wrayburn gezwungen, das, was ich zu ſagen hatte, an⸗ zuhören, und nichts dagegen hat machen können, und da ich es bis auf das letzte Wort geſagt habe, ſo haben wir Alles gethan, was wir zu thun hatten, und können wieder ehen.“ 3, Geh hinunter und laß mich einen Augenblick allein, Hexam,“ erwiderte Bradley. Der Knabe leiſtete dem Wunſche Folge, indem er mit einem entrüſteten Blicke und ſo geräuſchvoll als möglich das Zimmer verließ; und Lightwood ging an's Fenſter und lehnte ſich zu demſelben hinaus. „Sie ſchätzen mich geringer, als den Staub unter Ihren Füßen,“ ſagte Bradley zu Eugen, doch in ſorgfältig gemeſſenem Tone, da er anders gar nicht zu ſprechen im Stande geweſen wäre. 3 ſtändi wenn h Freu that nicht nf hinzu ſpra 1 ſtreng — deoz, Un 210 S 241 leicht ga oder ſonſt Nr. Head⸗ in Schade Hihm ſage ſich davon dor er Scul. Eugen, in. den Lippen Sie Ihren vor ZJom ard, hinzu, em Freunde für Wort u mag, er. dzu werken, hnte, Sie lſchaft meiner n nie geſehen je an ſeinet Niemand ver⸗ 2 Mr. Eugen en hatte, an⸗ nnen, und da ſo haben wir önnen wieder enblick allein, leiſtete den Blicke rüſteten entgegnete Eugen, „daß ich gar nicht an Sie denke.“ „Das iſt nicht wahr,“ erwiderte der Andere;„Sie wiſſen es beſſer.“ „Das iſt grob,“ entgegnete Eugen;„doch Sie ver⸗ ſtehen es nicht beſſer.“ ſchlimmer iſt— „Ich weiß wenigſtens ſehr wohl, Mr. Wrayburn, daß ich vergebens verſuchen würde, mich in impertinenten Reden und übermüthigem Weſen mit Ihnen zu meſſen. Der Burſch, der ſo eben das Zimmer verlaſſen, könnte Sie in einer halben Stunde in einem halben Dutzend von verſchiedenen Wiſſenſchaftszweigen beſchämen, doch können Sie ihn wie einen Untergebenen bei Seite ſtoßen. Ich zweifle im Voraus nicht daran, daß Sie daſſelbe mit mir zu thun im Stande ſind.“ „Wohl möglich,“ bemerkte Eugen. „Aber ich bin mehr, als ein Knabe,“ ſagte Bradley, die Hand über ſeinem Uhrbande zuſammenballend.„Und ich will gehört werden, Sir.“ „Als Schulmeiſter,“ ſagte Eugen,„werden Sie be⸗ ſtändig gehört. Dies ſollte Ihnen genügen.“ „Aber es genügt mir nicht,“ ſagte der Andere weiß vor Wuth.„Glauben Sie etwa, daß ein Mann, der ſich für die Pflichten ſchult, welche ich verſehe, und ſich täglich zu beobachten und bekämpfen genöthigt iſt, um ſich derſelben nach ſeiner Schuldigkeit zu entledigen, deshalb die Natur eines Menſchen ablegt?“ „Ich denke mir,“ ſagte Eugen,„daß Sie nach dem, was ich ſehe, etwas zu heftig für einen guten Schulmeiſter ſind.“ Bei dieſen Worten warf er das Ende ſeiner Ci⸗ garre weg. „Daß ich heftig gegen Sie bin, gebe ich zu, Sir. Und ich achte, mich dafür, daß ich heftig gegen Sie bin, Sir. Aber ich habe keine Teufel zu Schülern.“ „Zu Ihren Lehrern, gegnete Eugen. „Mr. Wrayburn.“ „Schulmeiſter.“ „Sir, mein Name iſt Bradley Headſtone.“ „Mein guter Herr, Ihr Name, wie Sie ganz richtig bemerkten, geht mich nichts an. Nun, was weiter?“ „Dies. O, wie unglücklich bin ich,“ rief Bradley ſich unterbrechend, um ſich den Schweiß vom Geſicht zu trocknen, da er vom Kopf bis zu den Füßen an allen Gliedern zitterte,„daß ich mich nicht genug zu beherrſchen vermag, um als ein ſtärkeres Geſchöpf zu erſcheinen, als dieſes, wenn ein Menſch, der in ſeinem ganzen Leben nicht das gefühlt hat, was ich an einem einzigen Tage fühle, ſich ſo bemeiſtern kann!“ Er ſagte dies in wahrer Seelen⸗ qual und fügte den Worten ſogar eine unſichere Hand⸗ bewegung hinzu, wie wenn er ſich hätte zerreißen mögen. möchte ich lieber ſagen,“ ent⸗ „Nein, Sir,“ erwiderte der Andere roth und zornig. „Ich unterſtütze ihn nach Kräften in ſeiner Mißbilligung Ihrer Beſuche bei ſeiner Schweſter, und in ſeinem Tadel gegen Ihre zudringliche Dienſtfertigkeit— und was noch e gegen das, was Sie ſich für ſie zu thun angemaßt.“ 3 „Iſt das Alles?“ fragte Eugen. „Nein, Sir. Ich bin entſchloſſen, Ihnen zu ſagen, daß Sie in dieſem Verfahren nicht gerechtfertigt ſind, und daſſelbe ſeiner Schweſter zu ſchaden geeignet iſt.“ „Sind Sie etwa ihr Schulmeiſter fowohl als der ihres Bruders?— Oder Sie wünſchten dies vielleicht zu ſein?“ fragte Eugen. Dies war ein Stich, der Bradley Headſtone das Blut ins Geſicht trieb, wie wenn ihm derſelbe mit einem Dolche verſetzt worden.„Was wollen Sie damit ſagen?“ war Allles, was er herauszubringen vermochte. „Ein ganz natürlicher Ehrgeiz,“ ſagte Eugen trocken. „Es ſei mir fern, dies läugnen zu wollen. Die Schweſter — die Sie vielleicht ein wenig zu häufig auf den Lippen haben— iſt von all den Umgebungen, an die ſie ge⸗ wöhnt geweſen, und von all den gemeinen, obſeuren Leuten um ſie her ſo verſchieden, daß dies ein ſehr na⸗ türlicher Ehrgeiz iſt.“ „Werfen Sie mir etwa meine Obſcurität vor, Mr. Wrayburn?“ „Das kann kaum der Fall ſein, denn ich weiß von derſelben gar nichts, Schulmeiſter, und verlange nichts darüber zu erfahren.“. „Sie werfen mir meine Herkunft vor,“ ſagte Bradley Headſtone;„Sie machen Sticheleien auf meine Erziehung. Aber ich ſage Ihnen, Sir, ich habe mich aus beiden Nachtheilen und ungeachtet derſelben emporgearbeitet, und habe das Recht, für einen beſſeren Mann zu gelten, als Sie, und habe viel mehr Urſache, ſtolz zu ſein, als Sie.“ „Wie ich Ihnen Dinge vorwerfen kann, die mir un⸗ bekannt ſind, oder, wie ich Steine zu werfen im Stande bin, die ich nie in der Hand hatte,— dies iſt ein Pro⸗ blem für den Scharfſinn eines Schulmeiſters,“ erwiderte Eugen.„Iſt das Alles?“ „Nein, Sir. Wenn Sie glauben, daß jener Knabe—“ „Der wirklich des Wartens müde ſein muß,“ ſagte Eugen höflich. „Wenn Sie glauben, daß jener Knabe ohne Freunde ſei, Mr. Wrayburn, ſo täuſchen Sie ſich. Ich bin ſein Freund, und dies ſollen Sie ſehen.“ 3 „Und Sie werden ihn auf der Treppe ſehen,“ be⸗ merkte Eugen. Eugen Wrayburn betrachtete ihn, wie wenn er ihn als eine ziemlich unterhaltende Studie zu betrachten anfinge. . 2.. A „Kommen Sie, kommen Sie, Schulmeiſter,“ erwiderte Eugen mit einem matten Anfluge von Ungeduld, wie der Andere abermals mit ſich rang;„ſagen Sie, was Sie zu ſagen haben. Und erlauben Sie mir, Sie daran zu erinnern, daß die Thür offen ſteht und daß Ihr junger Freund auf der Treppe auf Sie wartet.“ „Indem ich jenen Knaben hierher begleitete, Sir, unerfahren, freundlos und beiſtandslos hielten. „Sie mögen ſich eingebildet haben, Sir, daß Sie hier thun dürften, was Sie wollten, da Sie es blos mit einem Knaben zu thun hatten, den Sie für völlig Aber ich ſage Ihnen, daß dieſe erbärmliche Berechnung eine falſche iſt. Sie haben es außerdem noch mit einem Manne zu thun. Sie haben es mit mir zu thun. Ich will ihm bei⸗ ſtehen, und, falls dies nöthig iſt, auf eine Genugthuung für ihn dringen. Mein Herz und meine Hand ſind in dieſer Sache und ſtehen ihm offen.“ „Und— welch ein Zuſammentreffen— die Thür ſteht ebenfalls offen,“ bemerkte Eugen. that ich dies in der Abſicht, als ein Mann, den Sie nicht bei Seite ſtoßen können, falls Sie ihn, als Kna⸗ ben, bei Seite ſtießen, ſeinen Worten die Bemerkung hinzuzufügen, daß ſein Inſtinct ein richtiger iſt.“ So ſprach Bradley Headſtone mit großer Mühe und An⸗ ſtrengung. „Iſt dies Alles?“ fragte Eugen. Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. V V „Ich verachte Ihre kleinlichen Ausflüchte, und ich verachte Sie,“ ſagte der Schulmeiſter.„In der Niedrig⸗ keit Ihrer Natur werfen Sie mir die Niedrigkeit meiter Geburt vor. Ich verachte Sie dafür. Doch falls Sie ſich dieſen Beſuch nicht zu Nutze machen und Ihre Hand⸗ lungsweiſe danach einrichten, ſo werden Sie mich voll⸗ kommen ſo ſehr im Ernſte gegen Sie finden, wie ich ſein —.,————— 16 243 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 244 würde, falls ich Sie meiner eigenen eines Gedankens würdig hielte.“ Mit dieſen Worten verließ er mit einer ihm ſelbſt bewußten ſteifen und unbeholfenen Manier, die ſich ihm doppelt fühlbar machte, da Wrayburn ihn ſo unbefangen und ruhig anſchaute, das Zimmer, und die ſchwere Thür ſchloß ſich, wie eine Ofenthür, hinter der rothen und weißen Gluth ſeiner Wuth. „Ein ſeltſamer Verrückter,“ ſagte Eugen.„Der Mann ſcheint zu glauben, daß alle Welt mit ſeiner Mutter bekannt war!“ Da Mortimer Lightwood noch immer am Fenſter ſtand, wohin er ſich aus Zartgefühl zurückgezogen, ſo rief Eugen ihn, und er begann langſam im Zimmer auf und ab zu gehen. „Mein lieber Junge,“ ſagte Eugen, indem er eine andere Cigarre anbrannte,„ich fürchte, meine unerwarteten Gäſte waren Dir läſtig. Falls Du zur Entſchädigung verpflichten, ihr den Hof zu machen.“ „Eugen, Eugen, Eugen,“ erwiderte Mortimer, im Zimmer auf und ab gehend,„dies thut mir herzlich leid. Und daß ich ſo blind habe ſein müſſen!“ „Wie blind, lieber Junge?“ fragte ſein unbewegter Freund. „Wie lauteten Deine Worte in jener Nacht in dem Wirthshauſe am Flußufer?“ ſagte Lightwood ſtillſtehend. „Was fragteſt Du mich noch? Ob mir nicht, wenn ich an jenes Mädchen denke, zu Muthe ſei, wie wenn ich eine finſtere Combination von Verräther und Taſchendieb wäre?“ „Mir iſt, als erinnerte ich mich des Ausdrucks,“ ſagte Eugen. „Wie iſt es Dir zu Muthe, wenn Du jetzt an ſie denkſt?“ Sein Freund gab ihm keine directe Antwort, ſagte aber, nachdem er ein paar Züge aus ſeiner Cigarre ge⸗ than:„Täuſche Dich nicht über die Sachlage. Es giebt in ganz London kein braveres Mädchen, als Lizzie Hexam. Es iſt kein braveres unter meinen Leuten zu Hauſe zu finden, kein braveres unter den Deinigen.“ „Zugegeben. Was folgt daraus?“ „Da,“ ſagte Eugen ihm zweifelhaft nachblickend, wie Perſon wegen nur V Laß uns nicht Tra la ſingen, mein lieber Mortimer (denn das iſt verhältnißmäßig nichtsſagend), ſondern laß uns ſingen, daß wir die Löſung des Räthſels gänzlich aufgeben.“ „Stehſt Du mit dieſem Mädchen im Verkehr, Eugen, und iſt das, was dieſe Leute ſagen, wahr?“ „Beides gebe ich meinem ehrenwerthen und gelehrten Freunde zu.“ „Was ſoll aber daraus werden? Was haſt Du vor? Wo willſt Du hinaus?“. „Mein lieber Mortimer, man ſollte faſt glauben, der Schulmeiſter habe eine Katechiſir⸗Anſteckung hinter ſich zurückgelaſſen. Das Bedürfniß einer zweiten Cigarre hat Dich um Deine gute Laune gebracht. Ich bitte Dich, nimm eine von dieſen hier. Brenne Sie an der meinigen an, die vortrefflich im Gange iſt. So! Jetzt laß mir die Gerechtigkeit widerfahren, zu geſtehen, daß ich Alles thue, was ich vermag, um meine Beſſerung zu befördern, die Tippins zum Thee laden willſt, ſo will ich mich und daß Dir jetzt über jene Haushaltgegenſtände ein Licht aufgeht, die Du— da Du ſie nur gewiſſermaßen undeutlich, wie durch ein Glas hindurch ſahſt— vor— eilig(ich muß es voreilig nennen) herabzuſetzen geneigt warſt. Da ich meine Mängel fühle, habe ich mich mit moraliſchen Einflüſſen umgeben, die ausdrücklich dazu da ſind, die Entwickelung der häuslichen Tugenden zu be⸗ fördern. Dieſen Einflüſſen und der wohlthätigen Wir⸗ kung der Geſellſchaft meines Jugendfreundes kannſt Du mich mit Deinen beſten Wünſchen überlaſſen.“ „Ah, Eugen!“ ſagte Lightwood liebevoll, als er vor ihm ſtillſtand, ſo daß ſie ſich Beide jetzt im Kreiſe einer kleinen Rauchwolke befanden;„ich wollte, Du beantwor⸗ teteſt mir drei Fragen! Was ſoll daraus werden? Was haſt Du vor? Wo willſt Du hinaus?“ „Und mein lieber Mortimer,“ erwiderte Eugen, leicht mit der Hand den Rauch vor ſich hinwegfächelnd, damit die Offenheit ſeines Antlitzes und ſeines Weſens um ſo klarer ſichtbar ſei,„glaube mir, daß ich dieſelben augenblicklich beantworten würde, wenn ich es vermöchte. Dazu muß ich aber zuvor die Löſung jenes langweiligen Räthſels gefunden haben, welche ich längſt aufgegeben. er nach dem anderen Ende des Zimmers ſchritt,„bringſt Du mich wieder zu dem Räthſel, das ich zu rathen auf⸗ gegeben habe.“ „Eugen, beabſichtigſt Du dieſes Mädchen zu gewinnen und dann zu verlaſſen?“ „Mein lieber Junge, nein.“ „Beabſichtigſt Du, ſie zu heirathen?“ „Mein lieber Junge, nein.“ „Beabſichtigſt Du, ihr nachzuſtellen?“ „Mein lieber Junge, ich beabſichtige gar nichts. Ich habe durchaus gar keine Abſicht. Ich bin jeder Abſicht unfähig. Falls ich eine Abſicht faßte, ſo würde ich die⸗ ſelbe, durch die Anſtrengung erſchöpft, ſehr ſchnell wieder fahren laſſen.“ „O Eugen, Eugen!“ Das Räthſel iſt hier: Eugen Wrayburn.“ Hierbei klopfte er ſich auf Stirn und Bruſt.„Rathe mich, rathe mich, rathe mich rein, kannſt Du mir ſagen, was das mag ſein? Nein, bei meiner Seele, das kann ich nicht. Ich gebe es auf!“ „Mein lieber Mortimer, nicht dieſen Ton kummer⸗ vollen Vorwurfs, ich bitte Dich. Was kann ich mehr thun, als Dir Alles ſagen, was ich weiß, und meine vollkommene Ungewißheit über Alles zu bekennen, das ich nicht weiß? Wie lautet noch jener alterthümliche kleine Vers, der unter dem Anſcheine der Heiterkeit, bei Weitem der kläglichſte iſt, den ich je im Leben gehört habe? „Fort mit allem Herzeleid, 13„Kein düſt'res Klaglied ſinget; „Ueber Menſchen⸗Sünd' und Leid 2„Doch luſtig, luſtig ſinget „Tra la!“ HDiebentes Capitel. Worin eine freundſchaftliche Uebereinkunft getroffen wird. Das Arrangement zwiſchen Mr. Boffin und ſeinem literariſchen Manne, Mr. Silas Wegg, erlitt mit Mr. Boffin's veränderter Lebensweiſe inſoweit eben⸗ falls eine Veränderung, als das römiſche Reich jetzt meiſtens Morgens und in der außerordentlich ariſto⸗ kratiſchen Familienwohnung ſtattfand, anſtatt, wie früher, Abends und in Boffin's„Laube.“ Es ereignete ſich indeſſen zuweilen, daß Mr. Boffin, eine kurze Zu⸗ flucht von den Schmeicheleien der Faſhion ſuchend, ſich, um Wegg's nächſtem Beſuche vorzubeugen, nach Dunkel⸗ werden in der Laube einſtellte, und dort auf der alten Bank die ſinkenden Schickſale jener entnervten und ver⸗ derbten Herren der Welt anhörte, die jetzt bereits auf ihren letzten Beinen ſtanden. Wäre Wegg ſchlechter für ſein Amt beſoldet oder demſelben beſſer gewachſen ge⸗ 245 weſen, haft lochbe iber untüch Hert hoched hohen haben uwei meiſte daß Diene leben A ſerm vor d und d von ſ der4 und und ein heit; zurü ſchütt Unſer ſo oft die T men gehen lieben 6 guth zwei gekau 9 Reſu der zufä well mit wor heru Pun Man bin, 1 Venl braun und wäre „ 71 nicht einig hin, etha den der ſchlo daß der meinigen st laß mir den geneigt c mich mit lich dazu da n zu be⸗ gen Wir. kannſt Du als er vor iſe einer ar vor⸗ nden? Was Eugen, wegfächelnd, nes Veſens ch dieſelben s vermöchte. agweiligen eben. einkunſt und ſeinem erlitt mit weit eben⸗ Reich jett ttlich ariſto⸗ Es ereignete ne kutze Zu— ſuchend, ſich, nach Dunkel⸗ auf der altm tten und vel⸗ t bereits auſ ſolecter fü ewachſen ge⸗ anſtatt, wie — — ꝛ—õzxz weſen, ſo würde er dieſe Beſuche angenehm und ſchmeichel— haft gefunden haben; da er aber die Stellung eines hochbeſoldeten Humbugs einnahm, war er aufgebracht über dieſelben. Dies war ganz in der Regel, denn der untüchtige Diener iſt ſtets gegen ſeinen Herrn, wer dieſer Herr immer ſei. Selbſt jene geborenen Herrſcher, jene hochedelen und ehrenwerthen Geſchöpfe, die ſich in ihren hohen Stellungen als unausſprechlich blödſinnig erwieſen, haben ſich allemal(zuweilen mit lügneriſchem Mißtrauen, zuweilen mit widerlicher Frechheit) ihren Herren am meiſten widerſetzt. Und wir ſehen es in der ganzen Welt, daß das, was im öffentlichen Leben von Herren und Dienern gilt, auch auf Herren und Diener des Privat⸗ lebens anwendbar iſt. Als Mr. Silas Wegg endlich freien Zutritt zu„Un⸗ ſerm Hauſe“ fand, wie er das Haus zu nennen pflegte, vor dem er ſo lange obdachlos ſeinen Handel getrieben, und daſſelbe dann in allen Einzelnheiten ſo verſchieden von ſeinen Vorſtellungen fand, wie dies nach der Natur der Dinge wohl möglich war, afeectirte dieſer weit ſehende und weit reichende Character, um ſich ſelber zu behaupten und eine Gelegenheit für eine Entſchädigung zu ſchaffen, eeinn melancholiſches Sinnen über die traurige Vergangen⸗ heit; wie wenn das Haus und er zuſammen in der Welt zurückgekommen. „Und dies, Sir,“ ſagte Silas, traurig das Haupt ſchüttelnd und ſinnend zu ſeinem Gönner,„war einſt Unſer Haus! Dies, Sir, iſt das Gebäude, in dem ich ſo oft jene hohen Weſen, Miß Eliſabeth, Maſter George, die Tante Jane und den Onkel Parker“(ſogar die Na⸗ men waren von ihm erdichtet)—„habe aus⸗ und ein⸗ gehen ſehen! Und iſt es alſo dahin gekommen! Ja, du lieber Himmel, du lieber Himmel!“ Seine Klagen hatten etwas ſo Rührendes, daß der gutherzige Mr. Boffin förmlich für ihn fühlte, und faſt zweifelhaft war, ob er ihm nicht, indem er das Haus gekauft, ein tiefes Unrecht zugefügt. In zwei oder drei diplomatiſchen Unterredungen— Reſultate einer großen Schlauheit von Seiten Mr. Wegg's, der ſich jedoch ſtellte, als ob er einer Combination von zufälligen Umſtänden nachgegeben, die ihn nach Clerken⸗ well geführt— war es ihm gelungen, ſeinen Handel mit Mr. Venus abzuſchließen. „Bringen Sie mir's,“ ſagte Silas, als ſie einig ge— worden,„nächſten Sonnabend Abend nach der„Laube“ herum, und falls ein geſelliges Glas warmen Arack⸗ Punſches Ihren Anſichten entſpricht, ſo bin ich nicht der Mann, der Ihnen daſſelbe zu mißgönnen fähig iſt.“ „Sie wiſſen, daß ich nur ein ſchlechter Geſellſchafter bin, Sir,“ erwiderte Mr. Venus,„doch es ſei.“ Und Sonnabend Abend kommt und mit ihm Mr. Venus, der an dem Pförtchen der„Laube“ ſchellt. Mr. Wegg öffnet das Pförtchen, nimmt eine Art von braun papierenem Knüttel unter Mr. Venus' Arme wahr und bemerkt in trockenem Tone:„O, ich glaubte, Sie wären vielleicht in einem Fiaker gekommen.“ „Nein, Mr. Wegg,“ erwidert Venus,„ich fühle mich nicht über ein Paket erhaben.“ „Ueber ein Paket erhaben! Nein!“ ſagt Wegg mit einigem Mißmuthe. Dann brummt er ungehört vor ſich Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. hin:„Aber eine gewiſſe Art von Paket dürfte über Euch erhabeneſein.“ „Hier iſt Ihr Ankauf, Mr. Wegg,“ ſagt Venus, denſelben höflich überreichend,„ich freue mich, denſelben der Urſprungsquelle zurückzuerſtatten, der er— entquoll.“ „Danke,“ ſagt Wegg. a die Sache jetzt abge⸗ ſchloſſen iſt, will ich Ihnen in aller Freundſchaft bekennen, daß ich meine Zweifel darüber hege, ob Sie, falls ich mich an einen Advocaten gewendet, mir jenen Gegenſtand hätten vorenthalten können. Ich werfe dies blos als einen Rechtsfall hin.“ „Meinen Sie das, Mr. Wegg? Ich habe Sie in offenem Contract gekauft.“ „Sie können in dieſem Lande kein menſchliches Fleiſch und Blut kaufen, Sir; wenigſtens nicht lebendig,“ ha n S kopfſchüttelnd.„Es fragt ſich alſo, ob Kno⸗ en?“ „Als Rechtsfall genommen?“ fragt Venus. „Als Rechtsfall genommen.“ „Dann bin ich nicht zu beurtheilen im Stande, Mr. Wegg,“ ſagt Venus roth erglühend und mit etwas lau⸗ terer Stimme.„Doch als Thatſache bin ich die Sache wohl zu beurtheilen fähig; und aus dieſem Geſichts⸗ punkte würde ich Sie eher— ſoll ich ſagen, an dem Galgen—?“ „Ich würde an Ihrer Stelle nichts Schlimmeres, als Galgen, ſagen,“ bemerkt Mr. Wegg beſänftigend. „— An dem Galgen geſehen haben, ehe ich Ihnen jenes Paket überliefert hätte, ohne vorher meinen bedun⸗ genen Preis dafür erhalten zu haben. Ich weiß nicht, wie es ſich mit dem Rechtsfalle verhalten mag, aber als Thatſache iſt dieſelbe mir vollkommen klar.“ Da Mr. Venus reizbar iſt(ohne Zweifel in Folge ſeiner unglücklichen Liebe) und da es nicht in Mr. Wegg's Intereſſe liegt, ihn zu beleidigen, ſo ſagt dieſer in be⸗ ſänftigendem Tone:„Ich ſetze blos den kleinen Fall; es war eine bloße hypothetiſche Vorausſetzung.“ „Es mag meinetwegen eine apothekiſche Voraus⸗ ſetzung ſein, Mr. Wegg,“ entgegnet Mr. Venus,„aber ich ſage Ihnen offen, daß mir Ihre kleinen Fälle nicht gefallen.“ Da ſie jetzt in Mr. Wegg's kleinem Wohnzimmer an⸗ langen, das an dieſem kalten Abende durch Gaslicht und Kaminfeuer erhellt und erwärmt wird, fühlt Mr. Venus ſich erweicht und beglückwünſcht Mr. Wegg über ſeine Wohnung, und benutzt die Gelegenheit, um ihn daran zu erinnern, daß er(Venus) ihm wohl geſagt habe, er ſei in ein gutes Neſt gerathen. „Erträglich,“ erwidert Wegg.„Doch vergeſſen Sie nicht Mr. Venus, daß es kein ungemiſchtes Gold giebt. Miſchen Sie ſich Ihren Punſch ſelbſt und laſſen Sie ſich im Kaminwinkel nieder. Wollen Sie eine Pfeife rau⸗ chen, Sir?“ „Ich bin nur ein mittelmäßiger Raucher, Sir,“ er⸗ widert der Andere.„Aber ich will Ihnen hin und wie⸗ der mit einem Paff Geſellſchaft leiſten.“ Mr. Venus und Mr. Wegg miſchen alſo ihren Punſch, und dann zünden ſie Beide ihre Pfeifen an und vaffen. 3„Alſo auch Ihr Gold iſt kein ungemiſchtes, Mr. Wegg?“ „Ein Geheimniß,“ erwidert Wegg. „Es gefällt mir nicht, Mr. Venus. Es gefällt mir nicht, daß frühere Bewohner dieſes Hauſes in düſterer Finſterniß um's Leben gebracht worden und ich nicht weiß, wer es ge⸗ than hat.“ „Haben Sie etwa irgend welchen Verdacht, Mr. Wegg?“ „Nein,“ erwidert dieſer Herr.„Ich weiß, wer den Vortheil daraus zieht. Aber ich habe keinen Verdacht.“ Nachdem er dies geſprochen, raucht Mr. Wegg und ſchaut mit einer höchſt entſchloſſenen Miene chriſtlicher Duldſamkeit ins Feuer, wie wenn er dieſe Cardinal⸗ tugend im Augenblicke, wo ſie ihn zu verlaſſen im Be⸗ griff war, am Rockzipfel erwiſcht und jetzt mit Gewalt feſthielte. 246 V V 247 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 248 „Ich kann auch,“ fährt Mr. Wegg fort,„über gewiſſe Leute und Punkte meine Beobachtungen anſtellen; aber ich erhebe keine Einwendungen, Mr.⸗Venus. Hier fällt ein ungeheueres Vermögen aus den Wolken auf eine ge⸗ wiſſe Perſon herab, die wir nicht nennen wollen. Und hier fällt ein wöchentlicher Gehalt, mit einem gewiſſen Gewicht von Kohlen, aus den Wolken auf mich herab. taler Condolenz. Wer von uns Beiden iſt der beſſere Menſch? Die Per⸗ ſon, die wir nicht nennen wollen, gewiß nicht. Dies iſt eine meiner Beobachtungen; aber ich mache dieſelbe nicht zu einem Einwande. Ich nehme meinen Wochengehalt und mein gewiſſes Gewicht von Kohlen hin. Er nimmt ſein Vermögen hin. So ſteht die Sache.“ „Es wäre gut für mich wenn ich meine Angelegen⸗ heiten in demſelben ruhigen Lichte zu ſehen im Stande wäre, Mr. Wegg.“ „Und abermals, ſchauen Sie her,“ fährt Silas mit einem redneriſchen Schwenken ſeiner Pfeife und ſeines hölzernen Beines fort,— welches letztere eine die Würde verletzende Gewohnheit hat, ihn in ſeinen Stuhl zurück⸗ zuwerfen;„hier iſt noch eine Beobachtung, Mr. Venus, die ich, ohne Einwendung zu erheben, mache. wir nicht nennen wollen, iſt leicht zu beſchwatzen. läßt ſich beſchwatzen. gern durch das ſtaubige, ſtruppige Haar fahrend,„ehe eine gewiſſe Beobachtung mich bitter gemacht hatte. Sie verſtehen, was ich meine, Mr. Wegg? Eine gewiſſe ge⸗ ſchriebene Angabe, der zufolge man nicht in einem gewiſſen Lichte angeſehen zu werden wünſchte. Seitdem iſt Alles entflohen, es bleibt mir nichts als Galle.“ „Nicht Alles,“ ſagt Mr. Wegg im Tone ſentimen⸗ „Ja, Sir,“ erwidert Venus,„Alles! Die Welt mag dies ſtrenge nennen, aber ich möchte meinem beſten Freunde zu Leibe gehen, ja, ich würde mir ein Vergnügen daraus machen!“ Wie Venus in der Nachdrücklichkeit dieſer ungeſelligen Erklärung plötzlich aufſpringt, macht Wegg unwillkürlich zu ſeiner Vertheidigung einen Ausfall mit ſeinem hölzer⸗ nen Beine, der ihn mit ſeinem Stuhle auf den Rücken wirft, und wird von jenem harmloſen Menſchenfeinde in einem arg zerrütteten Zuſtande und ſich kläglich den Kopf reibend wieder aufgerichtet. „Ei, Sie verloren das Gleichgewicht, Mr. Wegg,“ ſagt Venus, ihm ſeine Pfeife reichend. Er, den Er Er, den wir nicht nennen wollen, hat mich zu ſeiner Rechten, der ich natürlich höher beför⸗ dert zu werden erwarte und, wie Sie vielleicht denken werden, befördert zu werden verdiene—“ (Mr. Venus murmelt, daß er dies in der That denkt.) „— Er, den wir nicht nennen wollen, kann mich unter ſolchen Umſtänden übergehen und einen beſchwatzen⸗ den Fremden über mich ſtellen. Welcher von uns Beiden iſt der beſſere Mann? Welcher von uns Beiden kann am meiſten Gedichte herſagen? Welcher von uns Beiden hat im Dienſte Deſſen, den wir nicht nennen wollen, die Römer— ſowohl im Cioilſtande als im Militärſtande — angepackt und aufgetiſcht, bis er ſo heiſer geworden, wie wenn er, ſeit er entwöhnt, mit Sägeſpänen aufge⸗ füttert worden? Der beſchwatzende Fremde gewiß nicht. Dennoch ſteht ihm das Haus ſo offen, als ob es ihm gehörte, und er hat dort ſein Zimmer und ſteht auf dem Fuße der Gleichheit und bezieht ſeine tauſend Pfund das Jahr. Ich werde nach der„Laube“ verbannt, um dort 1 gleich einem alten Stück Meuble, zu finden zu ſein, wenn man meiner bedarf. Das Verdienſt wird alſo nicht angeſchlagen. So ſteht die Sache. Ich beobachte dies, weil ich nicht zu beobachten umhin kann, da ich einmal eine ungeheuere Beobachtungsgabe beſitze. Aber ich er⸗ hebe keine Einwendungen. Waren Sie ſchon früher ein⸗ mal hier, Mr. Venus?“ „Nie innerhalb des Thores, Mr. Wegg.“ „Dann ſind Sie alſo bis zum Thore gekommen, Mr. Venus?“ „Ja, Mr. Wegg, und habe aus Neugierde herein⸗ geſchaut.“ „Sahen Sie irgend Etwas?“ „Nichts, als den Kehrichthof.“ Mr. Wegg läßt ſeine Augen in ſeiner unbefriedigten Manier rund ums Zimmer und dann rund um Mr. Venus ſchweifen, wie wenn er ihn im Verdacht habe, daß Etwas an ihm zu entdecken ſei. „Und man hätte doch,“ fährt er fort,„da Sie mit zwiſchen dem Kehricht fand. dem alten Mr. Harmon bekannt waren, faſt annehmen ſollen, daß es nicht mehr wie höflich geweſen, falls Sie ihm Ihren Beſuch gemacht. zur Höflichkeit geneigt.“ Dieſe letztere Clauſel hängt er als ſchmeichelhaftes Compliment für Mr. Venus daran. Und Sie ſind von Natur „Was läßt ſich Anderes erwarten,“ brummt Silas „wenn ſich ein Gaſt ohne ein Wort der Vorbereitung plötzlich wie ein boshaftes Schachtelmännchen benimmt? Stürzen Sie doch nicht auf dieſe Weiſe aus Ihrem Stuhle hervor, Mr. Venus!“ „Ich bitt' um Verzeihung, Mr. Wegg, ich bin ſo erbittert.“ „Ja, aber zum Henker,“ ſagt Mr. Wegg argumen⸗ tirend,„ein wohl regulirter Geiſt kann ſitzend erbittert ſein! Und was das Licht betrifft, in dem man nicht angeſehen zu werden wünſcht, ſo giebt es nicht blos knochige, ſondern auch beulige Lichter. Und in dieſem,“ fügt er ſich den Kopf reibend hinzu,„wünſche ich mich nicht zu ſehen.“ „Ich will es nicht vergeſſen, Sir.“ „Sein Sie ſo gut.“ Mr. Wegg läßt ſeinen ironi⸗ ſchen Ton und ſeinen zögernden Unwillen langſam fahren und kehrt wieder zu ſeiner Pfeife zurück.„Wir ſprachen vom alten Mr. Harmon als einem Freunde von Ihnen.“ „Kein Freund, Mr. Wegg; nur ſo weit mit ihm bekannt, aks ich mich mit ihm unterhielt und zuweilen einen kleinen Handel mit ihm machte. Er war ein ſehr neugieriger Charakter, Mr. Wegg, über Sachen, die er Ebenſo neugierig, wie ge⸗ heimnißvoll.“ „Ah! Sie fanden ihn geheimnißvoll?“ fragte Mr. Wegg mit gierigem Behagen. „Er hatte ſtets ein geheimnißvolles Ausſehen und Weſen.“ „Ah!“ ſagte Wegg abermals die Augen umherrollend. „Was nun die Sachen betrifft, die er im Kehricht fand. Haben Sie ihn je ſagen hören, wie er dieſelben zu fin⸗ den pflegte, mein lieber Freund? Da man an dem ge⸗ heimnißvollen Orte wohnt, möchte man wohl Etwas darüber wiſſen. Zum Beiſpiel, wo er die Sachen fand? Oder zum Beiſpiel, wie er dabei zu Werke ging? Ob er die Hügel von oben angriff oder von unten? Ob er ſtachelte;“ hier macht Mr. Wegg eine geſchickte und aus⸗ drucksvolle Geberde;„oder ob er ſchaufelte? Meinen Sie, daß er ſchaufelte, mein lieber Mr. Venus; oder meinen Sie— indem Sie ſich als Mann ausſprechen— daß er ſtachelte?“ „Ich ſollte meinen, weder das Eine noch das Andere, Mr. Wegg.“ „Das war ich allerdings, Sir,“ ſagt Mr. Venus mit ſeinen ſchwachen Augen blinzelnd und ſich mit den Fin⸗ „Ich frage Sie als d Nebenmenſchen, Mr. Venus — miſchen Sie ſich noch ein Glas— warum weder das Eine noch das Andere?“ 2249 „Weil ich vermuthe, Sir, daß das, was man findet, beim Sortiren und Sichten gefunden wird. Sind alle die Hügel ſortirt und geſichtet?“ „Sie ſollen ſie ſehen und Ihre Miſchen Sie ſich noch ein Glas.“ Jedesmal, wenn er ſagt:„Miſchen Sie ſich noch ein Glas,“ rückt Mr. Wegg, vermittelſt eines Aufſtampfens mit ſeinem hölzernen Beine, ſeinen Stuhl ein wenig näher; mehr, als ob er vorſchlüge, daß er und Mr. Venus ſich mit einander vermiſchten, als daß dieſer ſein Glas wieder füllte. „Wenn man, wie ich ſchon bemerkte, an einem ſolchen geheimnißvollen Orte wohnt,“ ſagt Mr. Wegg, nachdem der Andere ſeiner gaſtfreundlichen Aufforderung Folge ge⸗ leiſtet,„wünſcht man auch Etwas darüber zu wiſſen. Würden Sie ſich nun— wenn ich Sie als Bruder frage— der Anſicht zuneigen, daß er ſowohl Sachen in den Haufen verſteckte, als dort fand?“ Meinung abgeben. Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 250 miſcht Mr. Wegg mit großer Geſchwindigkeit für Beide Punſch, reicht ſeinem Gaſte ſein Glas, berührt den Rand deſſelben mit dem Rande des ſeinigen, ſetzt letzteres an ſeine Lippen, ſtellt es dann auf den Tiſch und redet dann, ſeine Hände auf den Knieen ſeines Gaſtes aufſpreizend, dieſen folgendermaßen an: „Mr. Venus. Es geſchieht nicht, weil ich Etwas dagegen einwende, daß man mich wegen eines Fremden überſieht, obgleich ich dieſen Fremden für einen mehr als zweideutigen Kunden halte. Es geſchieht nicht, um Geld zu machen, obwohl Geld ſtets willkommen iſt. Es ge⸗ ſchieht nicht um meiner ſelbſt willen, wenngleich ich nicht ſo hochmüthig bin, mich darüber erhaben zu fühlen, daß ich mir einen guten Dienſt leiſte. Es geſchieht, um der Sache des Rechtes zu dienen.“ Mr. Venus fragt, indem er paſſiv mit beiden ſchwachen Augen zugleich blinzt: „Was geſchieht, Mr. Wegg?“ „Im Ganzen genommen, Mr. Wegg, ſollte ich meinen, „Die freundſchaftliche Uebereinkunft, Sir, die ich Wegg, daß es wohl möglich geweſen.“ Ihnen jetzt vorſchlage. Sie ſehen die Uebereinkunft, S Mr. Wegg ſetzt ſeine Brille auf und betrachtet Mr. Sir?“ Silas Venus bewundernd vom Kopf bis zu den Füßen.„So lange Sie mir dieſelbe nicht genannt haben, reitung„Ich frage Sie als einen Sterblichen, gleich mir, deſſen Mr. Wegg, kann ich nicht ſagen, ob ich ſie ſehe oder bninui Hand ich heute zum erſtenmale in die meinige nehme, nicht.“ 1 Ihrem nachdem ich dieſen Act, der ein Menſchengeſchöpf voll ſo unbegrenzten Vertrauens an das andere knüpft, unbe⸗ greiflicherweiſe bisher vernachläſſigt,“ ſagt Mr. Wegg, indem er Mr. Venus' Hand zum Einſchlagen bereit hält und jetzt einſchlägt,„— als einen ſolchen, und nichts Anderes, denn ich verachte alle niedrigeren Bande zwiſchen mir und dem Manne, der mit hocherhobenem Kopfe ein⸗ hergeht und den allein ich meinen Zwillingsbruder nennen kann— in dieſem Vertrauensbunde frage ich Sie— was meinen Sie, was hat er wohl verſteckt?“ „Es iſt nur eine Vorausſetzung, Mr. Wegg.“ „Als ein Weſen, das die Hand auf's Herz legt,“ ruft Wegg aus; und die Apoſtrophe iſt nicht um ſo weniger ausdrucksvoll, als das Weſen eben die Hand auf den Punſch gelegt hat;„geben Sie Ihrer Vorausſetzung Worte, und ſprechen Sie aus, Mr. Venus!“ „Er war eine Art von einem alten Herrn, Sir,“ erwidert dieſer praktiſche Anatomiker langſam, nachdem er getrunken hat,„von dem ich glauben ſollte, daß er die Gelegenheiten, die dieſer Ort darbietet, benützen würde, um Geld, werthoolle Gegenſtände, oder Papiere zu ver⸗ ſtecken.“ Als ein Weſen, das ſtets eine Zierde des menſchlichen Lebens war,“ ſagt Mr. Wegg, indem er Mr. Venus' Handfläche abermals offen vor ſich hinhält, wie wenn er ihm wahrzuſagen im Begriff geweſen, und ſeine eigene „Falls es auf dieſem Haus- und Grundgebiet über⸗ haupt Etwas zu ſuchen giebt, ſo laſſen Sie es uns zu— ſammen ſuchen. Laſſen Sie uns die freundſchaftliche Uebereinkunft treffen, den Vortheil mit einander zu theilen. Im Intereſſe des Rechtes.“ Und Silas nimmt eine edle Miene an. „Wenn alſo,“ ſagt Mr. Venus aufblickend, nachdem er, ſein Haar mit den Händen feſthaltend, wie wenn er ſeine Aufmerkſamkeit nur feſtzuhalten im Stande, indem er ſein Haupt hielte, einen Augenblick überlegt hat, „irgend Etwas aus dem Kehricht herausgegraben würde, ſo würde dies von Ihnen und mir als ein Geheimniß bewahrt werden? Meinen Sie das, Mr. Wegg?“ „Das würde darauf ankommen, was es wäre, Mr. Venus. Geſetzt, es wäre Geld, oder Silberzeug oder Kleinodien— in dem Falle würde es eben ſo gut uns, als irgend jemand Anderem gehören.“ Mr. Venus reibt fragend eine Augenbraue. „Im Intereſſe des Rechtes würde dies der Fall ſein. Denn es würde ſonſt ungeahnt mit den Kehrichthaufen verkauft werden, und der Käufer würde Etwas erhalten, was er nie zu haben beabſichtigte und wofür er nie be— zahlte. Und was wäre dies anders, Mr. Venus, als ein Intereſſe des Unrechts?“ „Geſetzt, es wären Papiere,“ ſagt Mr. Venus. „Je nach dem, was dieſelben enthielten, würden wir arkerroled. Hand zum Einſchlagen bereit erhebt, ſobald der Augen⸗ rict fand. blick zum Einſchlagen gekommen ſein würde;—„als ein h p. BVeeſen, das der Dichter in dem Lichte der echten Britti⸗ eben 4 ſſchen Eiche betrachten würde— denn das ſind Sie— ſie den am meiſten intereſſirten Parteien zu Kauf an⸗ bieten,“ erwidert Mr. Wegg unverzüglich. „Im Intereſſe des Rechtes, Mr. Wegg?“ mdem ge- n he„Jmmer, Mr. Venus. Falls die Parteien ſie dann 6 Etwas erklären Sie, Mr. Venus, den Ausdruck Papiere!“ im Jnutereſſe des Unrechtes verwendeten, ſo würde dies h fand?„Wenn man bedenkt, daß der alte Herr gewöhnlich ihre Sache und ihr Thun ſein, Mr. Venus. Ich habe hen i dieſen oder jenen nahen Anverwandten enterbte, oder eine eine Meinung von Ihnen, Sir, der ich nicht leicht Worte oder die andere Ob- 3. 3 4 2 3 3 ging Ob er natürliche Zuneigung von ſich ſtieß,“ zu verleihen im Stande bin. Seit ich Sie an jenem ¹ Suß ſagt Mr. Venus,„ſo ſcheint es wahrſcheinlich, daß er Abende beſuchte, wo Sie, wie ich mich wohl ausdrücken kte und a eeine ziemliche Anzahl von Teſtamenten und Codicillen mag, Ihren mächtigen Geiſt in Thee ſchwemmten, habe Meinen Sie, oder meinen Silas Wegg's Hand fällt mit einem lauten Klatſch machte.“ ich gefühlt, daß es eines Gegenſtandes bedürfe, um Sie ſich ſelber zu entreißen. daß., 1 V In dieſer freundſchaftlichen echen— dah in die ausgeſtreckte Handfläche ſeines Freundes, und Wegg Uebereinkunft, Sir, werden Sie einen herrlichen Gegen⸗ ruft mit überſtrömendem Gefühle:„Mein Zwillings⸗ ſtand finden.“ das Andete bruder in der Anſicht, wie im Gefühl! Miſchen Sie ſich Mr. Wegg ſpricht ſich dann über das aus, was noch ein wenig Punſch!“ ooon Anfang an in ſeinem liſtigen Geiſte der vorherrſchende „Nr. Venub Da er ſich jetzt vermittelſt ſeines hölzernen Beines Gegenſtand geweſen iſt: über Mr. Venus beſondere Be⸗ un weder dab mit ſeinem Stuhle dicht vor Mr. Venus hingerückt hat, fähigung für ſolche Nachforſchungen. Er ſetzt Mr. Venus' V V auseinander, ſeine Geſchicklichkeit, kleine Stückchen an einan⸗ der zu paſſen, ſeine Kenntniß der verſchiedenartigen Stoffe und Gewebe und die Wahrſcheinlichkeit, daß geringe An⸗ zeichen ihn zu großen Entdeckungen führen werden. „Während ich ſelbſt“, fährt Mr. Wegg fort,„darin nicht viel zu leiſten im Stande bin. Ob ich's mit dem Stacheln oder mit dem Schaufeln verſuchte, ich könnte es nimmer mit jener Zartheit thun, die nichts davon verriethe, daß die Hügel angerührt ſeien. Es iſt ganz etwas Anderes mit Ihnen, der Sie, in dem Lichte eines Nebenmen⸗ ſchen und einzig und allein in der freundſchaftlichen Ueber⸗ einkunft mit einem Bruder⸗Manne, zu Werke gehen wür⸗ den.“ Mr. Wegg bemerkt dann beſcheiden, wie wenig ein hölzernes Bein ſich für Leiterſproſſen und dergleichen luftige Expeditionen eignet, und läßt eine leiſe Anſpie⸗ lung auf den dieſer hölzernen Fiction innewohnenden Hang fallen, ſich bei Spaziergängen auf aſchigen Abhängen in den Boden zu verſenken und den Beſitzer an die Stelle zu nageln. Dann, dieſen Theil des Gegenſtandes fallen laſſend, erwähnt er des ſpeciellen Phänomens, wie er, vor ſeiner Einſetzung in der„Laube“, von Mr. Venus zuerſt Etwas von der Legende der in den Kehrichthügeln verborgenen Schätze hörte:„welche“, wie er mit einer unbeſtimmten Miene der Frömmigkeit bemerkt,„doch nimmermehr zu Nichts beſtimmt ſind.“ Schließlich kehrt er zum Intereſſe des Rechtes zurück, mit jener düſteren Vorahnung der Möglichkeit, daß ſie Etwas entdecken dürf⸗ daß er unleugbar durch den Mord profitirt) anzuklagen vor in ihrer freundſchaftlichen Uebereinkunft die Anklage die Gerechtigkeit bringen würden. — obgleich es ein Mangel an Grundſätzen ſein würde, eine ſolche nicht anzunehmen.“ in der Weiſe der Ohren eines Affenpinſchers emporge⸗ richtet oder geſpitzt iſt, mit tiefer Aufmerkſamkeit an. Wie Mr. Wegg dann, nachdem er geendet, weit die Arme öffnet, wie um Mr. Venus zu zeigen, wie offen ſeine Bruſt iſt, und dieſelben, deſſen Antwort erwartend, wie⸗ der in einander ſchlingt, blinzelt Mr. Venus ihn eine Weile mit beiden Augen an, ehe er ſpricht. „Ich ſehe, Sie haben es. bereits allein verſucht, Mr. Wegg“, ſagt er, wie er ſich endlich zu ſprechen ent⸗ ſchließt.„Sie haben durch Erfahrung die Schwierig⸗ keiten entdeckt.“ gemacht habe“, erwidert Wegg, durch dieſen Wink ein wenig verdutzt gemacht.„Ich habe eben einmal ober⸗ flächlich nachgeſchaut, ganz oberflächlich.“ „Und nichts entdeckt, außer den Schwierigkeiten?“ Wegg ſchüttelt den Kopf. „Ich weiß kaum, was ich hierzu ſagen ſoll, Mr. Wegg,“ ſagt Mr. Venus, nachdem er eine Weile gegrübelt. „Sagen Sie Ja,“ ſagt Wegg eindringlich. „Wäre ich nicht ſo bitter, ſo würde meine Antwort Nein ſein. Da ich aber bitter bin, Mr. Wegg, und mich zur Tollheit und Deſperation getrieben fühle, ſo denke ich, daß dieſelbe Ja iſt.“ Wegg bringt freudig die beiden Gläſer wieder zum Vorſchein, wiederholt die Ceremonie des Anſtoßens, und trinkt innerlich mit großer Herzlichkeit auf das Wohl und beſtändige Lebensglück der jungen Dame, die Mr. Venus gebracht hat. Dann werden die Bedingungen der freundſchaftlichen Gewohnheiten der Geduld und ſeine zarte Manipulation Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. Uebereinkunft hergenannt und feſtgeſtellt. Dieſelben ſind Geheimhaltung, Treue und Beharrlichkeit. Mr. Venus ſoll ungehinderten Zutritt in der„Laube“ haben, um ſeine Nachforſchungen anzuſtellen, und es ſoll jede Vorſichts— maßregel dagegen getroffen werden, daß nicht die Auf⸗ merkſamkeit der Nachbarſchaft erregt wird. „Ich höre Schritte!“ ruft Mr. Venus aus. „Wo?“ ruft Mr. Wegg auffahrend.. „Draußen. Pſt!“ Sie ſind im Begriff, den Vertrag ihrer freundſchaft⸗ lichen Uebereinkunft durch einen Handſchlag zu bekräftigen, — doch unterbrechen ſie ſich leiſe hierin, zünden ihre Pfeifen an und lehnen ſich in ihren Seſſeln zurück. Ohne Zweifel— Schritte. Dieſelben nähern ſich dem Fenſter und eine Hand klopft an die Glasſcheibe.„Herein!“ ruft Wegg, womit er meint:„Kommt zur Thür herein.“ Aber der altmodiſche Fenſterrahmen wird langſam in die Höh' geſchoben und aus dem dunkelen Hintergrunde der Nacht ſchaut langſam ein Kopf herein. „Darf ich fragen, ob Mr. Silas Wegg hier iſt? O, ich ſehe ihn!“ Die Verbündeten hätten ſich, ſelbſt wenn der Gaſt auf die übliche Weiſe hereingekommen wäre, vielleicht nicht ganz behaglich gefühlt. Da dieſer ſich aber auf die bruſt⸗ hohe Fenſterſchwelle lehnt und aus der Finſterniß herein⸗ ſtiert, fühlen ſie ſich außerordentlich in Verwirrung ge⸗ ſetzt. Beſonders Mr. Venus, der ſeine Pfeife aus dem ten, das Mr. Boffin(von dem er nochmals offen zugiebt, geeignet wäre, und läßt eine Andeutung fallen, wie ſie „Und zwar“, ſagt Mr. Wegg,„durchaus nicht um der Belohnung willen Alles dies hört Mr. Venus, deſſen ſtaubiges Haar „Nein, ich kann kaum ſagen, daß ich den Verſuch zu ſeinem gegenwärtigen angemeſſenen Gemüthszuſtande Munde nimmt, den Kopf zurückzieht und den Herein⸗ 5 5 ſtierenden anſtiert, wie weun dieſer ſein eigenes Indianer⸗ kind geweſen wäre, das ihn heimzuholen hergekommen. „Guten Abend, Mr. Wegg. Es ſollte nach dem Schloſſe des Hofthores geſehen werden: daſſelbe ſchließt nicht.“ „Iſt es Mr. Rokeſmith?“ ſagte ſicherer Stimme. „Ja, es iſt Mr. Rokeſmith. Laſſen Sie ſich nicht ſtören. Ich beabſichtige nicht, hineinzukommen. Ich habe nur eine Beſtellung an Sie auszurichten, die ich auf dem Heimwege nach meiner Wohnung zu überliefern verſprach. Ich war zweifelhaft, ob ich ohne zu ſchellen durch's Thor hereinkommen ſolle, da ich nicht wußte, ob Sie vielleicht einen Hund hätten.“ „Ich wollte, ich hätte einen,“ murmelt Mr. Wegg mit abgewandtem Kopfe, indem er aufſteht.„Pft! Der be⸗ ſchwatzende Fremde, Mr. Venus.“ „Iſt das Jemand, den ich kenne?“ fragt der herein⸗ ſtierende Secretair. „Nein, Mr. Rokeſmith. Ein Freund von mir, der den Abend bei mir zubringt.“ „O, ich bitt' ihn um Vergebung. Mr. Boffin läßt Ihnen ſagen, er erwarte nicht, daß Sie Abends für den Fall, daß er kommen könnte, zu Hauſe bleiben. Es iſt ihm eingefallen, daß er Sie vielleicht unabſichtlich durch ſein Herkommen gebunden hat. Wenn er Sie in Zukunft nicht zuvor davon benachrichtigt, will er es darauf an⸗ ‚kommen laſſen, ob er Sie zu Hauſe findet oder nicht. Ich übernahm es, dieſen Auftrag an Sie auszurichten. Das iſt Alles.“ b Mit dieſen Worten und einem„Gute Nacht“ läßt der Secretär das Fenſter wieder herab und verſchwindet. Sie lauſchen und hören ſeine Schritte in der Richtung des Hofthores verhallen und dieſes ſich hinter ihm ſchließen. „Und wegen dieſes Individuums, Mr. Venus,“ bemerkt Wegg, ſowie der Andere völlig verſchwunden iſt,„hat man mich zurückgeſetzt! Erlauben Sie mir, Sie zu fragen, was Sie von ihm halten?“ 3 Dem Anſcheine nach weiß Mr. Venus durchaus nicht, was er von ihm hält, denn er macht verſchiedene An⸗ Mr. Wegg mit un⸗ 252 Haſt auf eicht nicht die bruſt ß herein rrung ge⸗ aus dem n Herein Indianer⸗ ſich nicht Ich habe auf dem ich in Zukunft darauf an⸗ 230 Das dacht“ läßt rcchwindet. er Richtung m ſchließen. “ bemelkt 4. hat man 4 zu fragen, 5 nicht, erchaut An An⸗ ſchiedene ſtrengungen, um zu antworten, ohne einen anderen Aus⸗ druck als„ein eigenthümliches Geſicht“ herauszubringen. Mr. Wegg mit Bitterkeit.„Das iſt ſein Geſicht. So dooppeltes Geſicht! Das iſt ein hinterliſtiges Gemüth, Sir!“ V„Meinen Sie, es ſei Etwas gegen ihn zu ſagen?“ fragt Venus. „Etwas gegen ihn!“ wiederholt Wegg.„Etwas? O, welche Erleichterung wäre es für meine Gefühle— als die eines Nebenmenſchen— wenn ich nicht der Sklave der Wahrheit und zu antworten gezwungen wäre Alles!“ Sieh, in welche wunderbaren erbärmlichen Schlupf wuinkel federloſe Sträuße ihre Köpfe ſtecken! Es iſt eine ſo unausſprechliche moraliſche Genugthuung für Wegg, ſich von der Betrachtung überwältigt zu fühlen, daß Mr. Rokeſmith ein hinterliſtiges Gemüth hat. „Wenn man bedenkt, Mr. Venus,“ bemerkt er, indem er dieſen Verbündeten über den Hof ans Thor begleitet und Beide unverkennbare Spuren der häufigen Miſchungen verrathen,„an dieſem ſternhellen Abend bedenkt, daß folche beſchwatzende Fremde und hinterliſtige Gemüther unter dieſem Nachthimmel heimwandeln können, als ob gar kein Arg an ihnen wäre!“ „Der Anblick jener Himmelskörper,“ ſagt Mr. Venus aufwärts blickend, wobei ihm der Hut vom Kopfe fällt, „ruft mir die zermalmende Wucht ihrer Worte zurück, daß ſie ſich nicht in dem Lichte—“ „Ich weiß! ich weiß! Sie brauchen die Worte nicht zu wiederholen,“ ſagt Wegg, ihm die Hand drückend. „Aber bedenken Sie nur, wie gewaltig jene Geſtirne mich in der Sache des Rechtes beſtärken, gegen gewiſſe Leute, ¹ die wir nicht nennen wollen. Ich bin nicht nachtragend. Aber ſehen Sie nur, wie ſie alte Erinnerungen auf uns herabfunkeln! Alte Erinnerungen— an was, Sir?“ Mr. Venus beginnt mit kläglicher Stimme die Ant⸗ wort:„An ihre Worte, in ihrer eigenen Handſchrift, daß ſie ſich nicht in dem Lichte—.“ Wo Silas ihn mit Würde unterbricht. „Nein, Sir! Erinnerungen an Unſer Haus, an * Maſter George, an die Tante Jane, den Onkel Parker —— die Alle dahingegangen, Alle dem Günſtlinge des Glücks, dem Wurm einer Stunde zum Opfer gebracht ſind!“— . Achtes Capilel. In welchem eine unſchuldige Entführung 4 berichtet wird. Der Günſtling des Glücks und der Wurm einer Stunde, oder mit andern Worten, Mr. Nicodemus Boffin, der goldene Kehrichtmann, fühlte ſich jetzt in ſeinem höchſt ariſtokratiſchen Wohnhauſe ſo vollkommen zu Hauſe, wie dies überhaupt je zu erwarten ſtand. Er konnte ſich nicht des Gefühls erwehren, daß daſſelbe, gleich einem höchſt ariſtokratiſchen Käſe, bei Weitem zu groß für ſeine Bedürfniſſe ſei, und eine Anzahl von Pa⸗ raſiten erzeugte; aber er war es zufrieden, dieſen Nach⸗ theil ſeines Wohlſtandes als eine Art beſtändiger Ver⸗ Hoochgenuſſe ſchwelgte und Miß Bella glückſelig war. Dieſe junge Dame war ohne allen Zweifel eine „Ein doppeltes Geſicht meinen Sie, Sir,“ erwidert vwiel eigenthümliche Geſichter, wie Sie wollen, nur kein mächtniß⸗Abgabe zu betrachten. Er ergab ſich um ſo ruhiger darein, als Mrs. Boffin in ihrem vollkommenen Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 254 Acquiſition für die Boffin's. Sie war viel zu hübſch, um je irgendwo überſehen zu werden, und viel zu ge⸗ ſcheidt und beobachtend, um unter dem Tone ihrer neuen Lebensweiſe zu ſtehen. Ob ihr Herz dadurch verbeſſert ward, iſt eine Frage, deren Beantwortung von Anſichten abhängt; was aber den Geſchmack betrifft, ſo unterlag die vortheilhafte Veränderung in ihrem Ausſehen und ihren Manieren keinem Zweifel. Und ſo ereignete es ſich bald, daß Miß Bella Mrs. Boffin's Mißgriffe verbeſſerte; und ſogar ferner, daß Miß Bella ſich unbehaglich und gewiſſermaßen verant⸗ wortlich fühlte, wenn ſie Mrs. Boffin's Verſtöße ſah. Nicht etwa, daß eine ſo liebenswerthe und geſunde Natur, ſelbſt unter den großen Bejuchs⸗Autoritäten, die über⸗ einkamen, daß die Boffin's„reizend ordinair“ ſeien(was natürlich, dadurch, daß ſie dies ſagten, durchaus nicht ihr Fall wurde), jemals weſentliche Verſtöße zu machen fähig war, ſondern daß, wenn ſie auf dem geſellſchaftlichen Glatteiſe, auf dem alle gentilen Seelen der Podsnappe⸗ rei, um ihres Seelenheiles willen, in regelmäßigen Kreiſen oder geraden Linien zu laufen gezwungen ſind, einmal das Unglück hatte, auszugleiten, ſie Bella unfehlbar(wie es dieſer ſchien) mit zu Falle brachte, und ſie vor den Augen der geſchickteren Schlittſchuhläufer auf jenem Eiſe in große Verlegenheit ſetzte. Es iſt nicht zu erwarten, daß Miß Bella ſich, zu ihrer Lebenszeit, ſehr tiefen Betrachtungen über die Schicklichkeit oder Dauer ihrer Stellung im Hauſe der Boffin's hingegeben. Und da ſie ſich— ehe ſie noch Ge⸗ legenheit gehabt, ihr altes Haus mit ihrem neuen Aufent⸗ halte zu vergleichen— in ihren Klagen über erſteres nie den geringſten Zwang angethan, kann es ihr nicht als große Undankbarkeit ausgelegt werden, daß ſie das Letz⸗ tere bei Weitem vorzog. „Mr. Rokeſmith iſt ein unſchätzbarer Mann“, ſagte Mr. Boffin eines Tages nach etwa zwei bis drei Mo⸗ naten.„Aber ich kann ihn nicht ganz verſtehen.“ Daſſelbe war mit Miß Bella der Fall, deshalb fand ſie den Gegenſtand ziemlich intereſſant. „Er verwendet Morgens, Mittags und Abends mehr Mühe und Sorgfalt auf meine Angelegenheiten“, ſagte Mr. Boffin,„als fünfzig andere Männer zuſammen ge⸗ nommen thun würden oder thun könnten; und dabei hat er eine Manier, wie wenn er mir, indem wir ſo zu ſagen Arm in Arm wandeln, plötzlich einen Gerüſtpfahl gerade über den Weg hinlegte, daß ich keinen Schritt weiter könnte.“ „Darf ich fragen, in welcher Weiſe, Sir?“ fragte Bella. „Nun, meine Liebe“, ſagte Mr. Boffin,„er will hier mit Niemandem zuſammenkommen, außer Ihnen. Ich wünſche, daß er, wenn wir Gäſte haben, wie wir Alle ſeinen Platz am Tiſche einnimmt; aber nein, er will's nicht.“ „Wenn er ſich für darüber erhaben hält“, ſagte Miß Bella, den Kopf in den Nacken werfend,„ſo würde ich ihn gewähren laſſen.“ „Das iſt es nicht, meine Liebe“, erwiderte Mr. Bof⸗ fin, nachdem er es überlegt.„Er hält ſich nicht für darüber erhaben.“ „Vielleicht hält er ſich für zu geringe dazu“, meinte Miß Bella.„In dem Falle— muß er es am beſten wiſſen.“ „Nein, meine Liebe, das iſt es eben ſo wenig. Nein“, wiederholte Mr. Boffin kopfſchüttelnd, nachdem er es abermals überlegt;„Rokeſmith iſt ein beſcheidener Mann, aber er hält ſich nicht für zu geringe.“ „Für was hält er ſich da, Sir?“ fragte Bella. f ¹ war dieſer Secretair Miß „Ich will mich hängen laſſen, wenn ich es weiß!“ erwiderte Mr. Boffin.„Es ſchien Anfangs, als ob er blos nicht mit Mr. Mortimer Lightwood zuſammenkom⸗ men wollte. Und jetzt will er, wie es ſcheint, mit Nie⸗ mandem zuſammenkommen, außer Ihnen.“ „Oho!“ dachte Miß Bella.„Wirk-lich! Das iſt es alſo, wie?“ Denn Mr. Mortimer Lightwood hatte dort ein paar Mal geſpeiſt und ſie war in andern Häu⸗ ſern mit ihm zuſammengekommen, und er hatte ihr einige Aufmerkſamkeiten erzeigt.„Ziemlich trocken von einem Secretär— einem Manne, der beim Papa zur Miethe wohnt— mich zum Gegenſtande ſeiner Eiferſucht zu machen!“ Daß Papa's Tochter mit Plhen Verachtung an Papa's Miethsmann dachte, war ſelkſam; aber es gab noch ſelt⸗ ſamere Anomalien in dem. Geiſte dieſes verzogenen Mäd chens: des doppelt verzoge⸗ nen Mädchens— zuerſt durch die Armuth, dann durch den Reichthum. Doch mögen dieſelben ſich in dieſer Er⸗ zählung ſelbſt offenbaren. „Das ſcheint mir doch ein wenig zu ſtark“, dachte Miß Bella verachtungsvoll, „daß Papa's Miethsmann ein Anrecht an mich erheben und andere wünſchenswerthe Leute von mir entfernen will! Wahrlich ein wenig zu ſtark, daß Papa's Miethsmann und ein bloßer Secretair von den Gelegenheiten Ge⸗ brauch macht, die Mr. und Mrs. Boffin mir geboten haben!“ Doch war es noch gar nicht lange her, daß Bella ſich bei der Entdeckung be⸗ wegt gefühlt, daß dieſer ſel⸗ bige Secretair und Mieths⸗ mann ein Intereſſe für ſie zu fühlen ſchien. Ah! aber damals hatten Mrs. Bof⸗ fin's Putzmacherin und das höchſt ariſtokratiſche Wohn⸗ haus noch nicht zu wirken angefangen. Ungeachtet ſeines ſchein⸗ Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. ſchickt gemacht ward, daß die Worte blos eine einfache Antwort zu ſein ſchienen, die in einfachem gutem Glau⸗ ben gegeben wurde— und ſagte mit etwas mehr Nach⸗ druck und Schärfe: „Von welchen Aufträgen und Beſtellungen reden Sie?“ „Nurſolche kleine Worte der Erinnerung, wie Sie ſolche vermuthlich auf eine oder die andere Weiſe ſenden“, er⸗ widerte der Secretär mit ſeiner früheren Miene.„Es würde mir Vergnügen machen, wenn Sie ſich meiner als Ihres Boten bedienen würden. Ich gehe, wie Sie 5 wiſſen, tagtäglich zwiſchen den beiden Häuſern hin und her.“ „Daran brauchen Sie mich nicht zu erinnern, Sir.“ Sie war mit dieſem gereizten Ausfalle gegen ih⸗ res Papa's Miethsmann zu voreilig, und fühlte, als ſie ſeinem ruhigen Blicke begegnete, daß ſie es ge⸗ weſen. „Sie ſenden mir nicht viele— wie drückten Sie ſich gleich aus?— Worte der Erinnerung“, ſagte Bella, eiligſt eine Zuflucht in einem Gefühle der Beleidigung ſuchend. „Sie fragen oft nach Ihnen, und ich gebe ihnen ſolche geringe Auskunft, wie ſie mir zu Gebote ſteht.“ „Ich hoffe, daß dieſelbe der Wahrheit gemäß gege⸗ ben wird“, rief Bella. .„Ich hoffe, daß Sie dies nicht zu bezweifeln im Stande ſind, denn es würde ſehr zu Ihren Ungunſten ſprechen, falls Sie deſſen fähig wären.“ „Nein, ich bezweifle es nicht. Ich verdiene den Vorwurf, der in der That. bar zurückhaltenden Weſens Bella Wilfer's Anſicht nach ein ſehr aufdringlicher Menſch. Es war ſtets Licht in dem Fenſter ſeiner Arbeitsſtube, wenn wir von Geſell⸗ ſchaften oder der Oper heimkamen, und er ſtets am Wagen⸗ ſchlage, um uns beim Ausſteigen behülflich zu ſein. Und in Mrs. Boffin's Geſicht zeigte ſich bei dieſen Gelegen⸗ heiten ſtets eine unausſtehliche ſtrahlende Freude und eine widerlich freundliche Begrüßung für ihn, wie wenn es möglich geweſen, das, was der Mann im Sinne hatte, allen Ernſtes zu billigen! „Sie geben mir nie“, ſagte der Secretär, als er ſie einmal zufällig im großen Geſellſchaftszimmer allein traf, „einen Auftrag an die Ihrigen. Es ſoll mir ſtets Ver⸗ gnügen machen, jede Beſtellung, die Sie mir an dieſel⸗ ben anzuvertrauen wünſchen, richten.“ Papa's Miethsmann und Papa's Tochter.(Seite: 256.) läſtigen, da Sie mich für Sie pünktlich auszu⸗ ein ſehr gerechter iſt. Ich bitte Sie um Verzeihung, Mr. Rokeſüith.“ „Ich würde Sie bitten, dies nicht zu thun, wenn es Sie nicht in einem ſo außerordentlich vortheilhaften Lichte erſcheinen ließe“, erwiderte er eindrucksvoll.„Ver⸗ zeihen Sie mirz ich konnte nicht umhin, dies zu ſagen. Um jedoch zu dem zurückzukehren, wovon ich azufchaden. bin, laſſen Sie mich hinzufügen, daß Sie vielleicht glau⸗ ben, ich richte kleine Beſtellungen, Grüße und derglei⸗ chen an Sie aus. Aber ich wünſche Sie nicht zu be⸗ nie befragen.“ „Ich beabſichtige“, ſagte Bella ihn anſchauend, wie wenn er ihr Vorwürfe gemacht hätte,„ſie morgen zu beſuchen, Sir.“ „Iſt dies“, ſagte er zögernd geſagt” 8 „Für wen Sie wollen.“ „„für mich oder für ſie um i Unte fuhr ten der war Au⸗ Her Abf bis gekü ur kein und doc mein übe 1 G un laff Fin veif übt kun — benn oft nach gebe ihnen skunft, wie ote ſteht.“ aß dieſelbe Ungunſten Sie deſſen V 1 257 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 6 5 „Für Beide? Soll ich es als eine Beſtellung über⸗ nehmen?“ „Das können Sie halten, wie Sie wollen, Mr. Roke⸗ ſmith. Doch Beſtellung oder nicht, ich beabſichtige ſie morgen zu beſuchen.“ „Dann will ich ihnen dies ſagen.“ Er zögerte einen Augenblick länger im Zimmer, wie um ihr, falls es ihr beliebte, Gelegenheit zu geben, die Unterhaltung fortzuſetzen. Doch da ſie zu ſchweigen fort⸗ fuhr, verließ er ſie. Zwei Punkte in der ſo eben gehab⸗ ten kleinen Unterredung fielen Miß Bella, als ſie wie⸗ der allein war, als ziemlich eigenthümlich auf. Erſtens war ſie ſich, ſeit er ſie verlaſſen, eines entſchieden reuigen Ausdrucks in ihrem Geſicht und reuigen Gefühls im Herzen bewußt. Zweitens hatte ſie nicht die entfernteſte Abſicht gehabt, zu Hauſe einen Beſuch abzuſtatten, bis ſie ihm dies als eine bei ihr feſtſtehende Abſicht an⸗ gekündigt. „Was kann ich nur damit meinen, oder was mag er nur damit meinen?“ war ihre innere Frage.„Er hat kein Recht, irgend welche Macht über mich zu beſitzen, und wie komme ich dazu, auf ihn zu achten, da mir doch nichts an ihm gelegen iſt?“ Da Mrs. Boffin darauf beſtand, daß Bella den Be⸗ ſuch in der Kutſche abſtatte, ſo erſchien ſie in großer Pracht zu Hauſe. Mrs. Wilfer und Miß Lavinia hat⸗ ten ſich über die Wahrſcheinlichkeit und Unwahrſcheinlich⸗ keit, daß ſie in dieſem glänzenden Aufzuge kommen würde, in endloſen Muthmaßungen ergangen, und da ſie die Caroſſe durch's Fenſter erblickten, wo ſie im Hinterhalt lagen und dieſelbe erwarteten, kamen ſie überein, daß die Equipage, zum Verdruß und Ingrimm der Nachbarn, möglichſt lange vor der Thür warten müſſe. Dann be⸗ gaben ſie ſich in das gewöhnliche Wohnzimmer, um Miß Bella mit einer angemeſſenen Zurſchauſtellung von Gleich⸗ gültigkeit zu emfangen. Das Wohnzimmer ſah ſehr klein und ſehr ärmlich aus, und die in daſſelbe hinunter führende Treppe ſehr eng und ſehr krumm. Das kleine Haus bildete mit all ſeinen Einrichtungen einen traurigen Contraſt zu dem höchſt ariſtokratiſchen Wohnhauſe.„Ich vermag kaum zu glau⸗ ben“, dachte Bella,„daß ich je das Leben in einem ſol⸗ chen Hauſe zu ertragen im Stande war!“ Mrs. Wilfer's düſtere Majeſtät und Lavy's ange⸗ borene Naſeweisheit machten die Sache nicht beſſer. Bella bedurfte wirklich einigen natürlichen Beiſtandes und ſie fand keinen. „Dies,“ ſagte Mrs. Wilfer, indem ſie eine Wange zum Kuſſe hinhielt, die etwa die ſympathiſche Zärtlichkeit der Rückſeite eines hölzernen Löffels hatte,„iſt eine förm⸗ liche Ehre! Du wirſt Deine Schweſter Lavy wahr⸗ ſcheinlich gewachſen finden, Bella.“ „Ma,“ legte Miß Lavinia ſich dazwiſchen,„es iſt ganz in der Ordnung, daß Du Dich unangenehm machſt, denn Bella hat es reichlich verdient; aber ich muß wirk⸗ lich bitten, daß Du nicht ſolchen lächerlichen Unſinn, wie mein Wachſen, in die Sache hineinziehſt, da ich längſt über das Alter des Wachſens hinaus bin.“ „Ich wuchs noch,“ verkündet Mrs. Wilfer mit Strenge, nmachdem ich ſchon verheirathet war.“ „Sehr gut, Ma,“ entgegnete Miß Lavinia,„dann dünkt mich, daß Du beſſer gethan, wenn Du es unter⸗ laſſen hätteſt.“ 2 Der erhabene Wuthblick, mit dem die majeſtätiſche Frau dieſe Antwort erwiderte, hätte einen weniger naſe⸗ weiſen Gegner wohl in Verlegenheit ſetzen dürfen, doch übte derſelbe auf Miß Lavinia nicht die geringſte Wir⸗ kung, und indem ſie ihrer Mutter geſtattete, ſich ſo viel Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. — Zornblicke zu vergönnen, angemeſſen ſchienen, zu ihrer Schweſter. „Ich nehme an, Bella, daß Du Dich nicht auf ewig entehrt fühlen wirſt, wenn ich Dir einen Kuß gebe? Nun! Und wie geht Dir's Bella? und was machen wie ihr unter den Umſtänden wandte ſie ſich völlig unerſchrocken Deine Boffin's?“ „Stille!“ rief Mrs. Wilfer.„Schweige! Ich kann dieſen leichtfertigen Ton nicht dulden.“ „O du meine Güte! Nun, wie befinden ſich Deine Spoffin's?“ ſagte Lavy,„da die Ma Deine Boffin's nicht dulden will.“ „Du impertinentes Mädchen! Du Naſeweis!“ Mrs. Wilfer mit ſchauerlicher Strenge. 4 „Mir einerlei, ob ich Naſeweis oder Naſeſchwarz ge⸗ nannt werde,“ entgegnete Lavinia, gleichgültig den Kopf in den Nacken werfend;„es iſt mir vollkommen einerlei, und ich bin ebenſo bereit, das Erſtere, wie das Letztere zu ſein; aber ſo viel weiß ich jedenfalls— ich will nicht mehr wachſen, nachdem ich einmal verheirathet bin!“ „Nicht? Du willſt es nicht?“ wiederholte Mrs. Wilfer feierlich. 2 „Nein, Ma, ich will nicht; nichts in der Welt ſoll mich dazu bewegen.“ Mrs. Wilfer machte eine Handſchuhbewegung und wurde erhaben pathetiſch.„Aber es ließ ſich erwarten,“ ſprach ſie.„Eins meiner Kinder verläßt mich, um zu den Stolzen und Reichen überzugehen, und das andere verachtet mich. Es iſt Alles, wie es ſich gehört.“ „Ma,“ ſagte Bella,„Mr. und Mrs. Boffin ſind allerdings reich, aber Du haſt nicht das Recht, ſie ſtolz zu nennen. Du ſollteſt ſehr wohl wiſſen, daß ſie dies nicht ſind.“ „Mit einem Worte, Ma,“ ſagte Lavinia, ohne ein Wort der Warnung zum Feinde übergehend,„Du ſollteſt ſehr wohl wiſſen— oder wenn Du es nicht weißt, deſto größer Deine Schande!— daß Mr. und Mrs. Boffin eben durchaus vollkommen ſind.“ „In Wahrheit,“ erwiderte Mrs. Wilfer, dem Deſer⸗ teur höflich entgegenkommend,„dieſe Anſicht wird, wie es ſcheint, von uns erwartet. Und aus dieſem Grunde, Lavinia, kann ich keine Leichtfertigkeit dulden. Mrs. Boffin(von deren Phyſiognomie ich nie mit der Faſſung zu reden vermag, die ich mir ſtets zu bewahren wünſche) — und Deine Mutter ſtehen nicht auf einem Fuße der Vertraulichkeit. Es ſteht keinen Augenblick zu erwarten, daß ſie und ihr Gatte ſich herausnehmen, dieſer Familie als der Wilfer's zu erwähnen. Ich kann mich daher nicht herablaſſen, ſie die Boffin's zu nennen. Nein; denn ein ſolcher Ton— Du magſt ihn nun einen Ton der Vertraulichkeit, der Leichtfertigkeit oder der Gleichheit, oder was Du ſonſt willſt, nennen— würde einen ge⸗ ſelligen Verkehr andeuten, der nicht exiſtirt. Habe ich mich klar ausgedrückt?“ Ohne von dieſer Frage, ungeachtet der impoſanten und richterlichen Manier, in der dieſelbe gethan ward, die geringſte Notiz zu nehmen, erinnerte Lavinia ihre Schweſter:—„Bei alle dem, Bella, haſt Du uns noch immer nicht geſagt, wie ſich Deine Wie⸗heißen⸗ſie⸗gleichs befinden.“ „Ich wünſche hier nicht von ihnen zu reden,“ erwi⸗ derte Bella, ihre Entrüſtung bekäm nd mit dem Fuße auf den Boden klopfend.„Siet viel zu gut und freundlich, um in dieſe Erörterungen gezogen zu werden.“ „Wozu es ſo ausdrücken?“ ſagte Mrs. Wilfer mit ſchneidendem Spott.„Wozu eine ſo geſuchte Redensart? Dieſelbe iſt zwar höflich und rückſichtsvoll, aber wozu ſagte „ ſich derſelben bedienen? Warum ſagſt Du nicht, daß ſie viel zu gut und freundlich für uns ſind? Wir ver⸗ ſtehen die Anſpielung. Wozu dieſelbe in eine Redensart verſtecken?“ „Ma,“ ſagte Bella,„Du könnteſt eine Heilige zum Wahnſinn treiben, und Lavy ebenfalls.“ „Die arme Lavy!“ rief Mrs. Wilfer in mitleids⸗ vollem Tone.„Sie wird ſtets angegriffen. Mein armes Kind!“ Doch Lavy ging jetzt mit derſelben Geſchwin⸗ digkeit wieder zu dem anderen Feinde über, indem ſie mit großer Schärfe bemerkte:„Protegire mich nicht, Ma; ich kann ſchon ſelber für mich ſorgen.“ „Es nimmt mich nur Wunder,“ fuhr Mrs. Wilfer fort, indem ſie ihre Bemerkung an ihre ältere Tochter richtete, die ihr im Ganzen ſicherer ſchien, als ihre völlig unbändige jüngere,„daß Du überhaupt Neigung und Zeit fandeſt, Dich von Mr. und Mrs. Boffin loszureißen und uns zu beſuchen. Ich bin erſtaunt, daß unſere An⸗ ſprüche, verglichen mit den höheren Anſprüchen von Mr. und Mrs. Boffin, irgend welches Gewicht hatten. Ich fühle, daß ich für das, was ich bei dieſer Nebenbuhler⸗ ſchaft mit Mr. und Mrs. Boffin gewinne, große Dank⸗ barkeit empfinden ſollte.“(Die vortreffliche Dame legte großen Nachdruck auf den Anfangsbuchſtaben des Namens Boffin, wie wenn derſelbe die Haupturſache ihrer Abnei⸗ gung gegen die Beſitzer deſſelben geweſen.) „Ma,“ ſagte Bella aufgebracht,„Du zwingſt mich, zu ſagen, daß ich gekommen zu ſein aufrichtig bedauere, und daß ich nie wiederkommen will, außer, wenn der arme liebe Papa zu Hauſe iſt. Denn der Papa iſt zu großherzig, um Neid und Grooll gegen meine großmü⸗ thigen Freunde zu hegen, und der Papa iſt zartfühlend und liebevoll genug, um ſich zu erinnern, daß ſie der Anſicht geweſen, ich habe gewiſſermaßen Anſprüche an ſie, und daß ich, ohne dies ſelbſt auf irgend eine Weiſe ver⸗ ſchuldet zu haben, in eine ungewöhnlich peinliche Lage verſetzt worden. Ich habe den armen lieben Papa ſtets lieber gehabt, als Euch Uebrigen Alle zuſammen genom⸗ men, und habe ihn noch jetzt lieber und werde ihn ewig lieber haben!“ Hier brach Bella, ſelbſt aus ihrem reizenden Hute und ihrer eleganten Toilette keinen Troſt ſchöpfend, in Thränen aus. „Ich denke mir, R. W.,“ rief Mrs. Wilfer, indem ſie die Augen emporſchlug und die Luft anredete,„daß es, falls Du zugegen wäreſt, Deine Gefühle verletzen würde, Deine Gattin und die Mutter Deiner Kinder in Deinem Namen herabſetzen zu hören. Doch das Ge⸗ ſchick hat Dir dies erſpart, R. W., wie bitter ſie auch von demſelben heimgeſucht ſein mag!“ Hier brach Mrs. Wilfer in Thränen aus. „Ich haſſe die Boffin's!“ betheuerte Miß Lavinia. „Es iſt mir einerlei, wer ſie nicht die Boffin's genannt hören will. Ich will ſie die Boffin's nennen. Die Boffin's, die Boffin's, die Boffin's! Und ich ſage, ſie ſind unheilſtifteriſche Boffin's, und ich ſage den Boffin's, daß ſie Bella gegen mich aufgehetzt haben, und ich ſage den Boffin's ins Geſicht,“ was, ſtrenge genommen, nicht wahr war, aber die junge Dame war aufgeregt,„daß ſie abſcheuliche Boffin's, gemeine Boffin's, unausſtehliche Boffin's, ekel Boffin's ſind. Da habt Ihr's!“ Hier bra Lavinia in Thränen aus. Das Ga ertchen ward laut geöffnet, und man ſah den Secretär mit ſchnellen Schritten die Stufen her⸗ aufkommen.„Ueberlaßt es mir, ihm die Thüre zu öffnen,“ ſagte Mrs. Wilfer, indem ſie, mit würdevoller Ergebung aufſtehend, den Kopf ſchüttelte und ihre Thrä⸗ nen trocknete;„wir haben augenblicklich kein beſoldetes Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 260 Mädchen für dieſen Dienſt. Wir haben nichts zu ver⸗ heimlichen. Wenn er dieſe Spuren der Gemüthsbewe⸗ gung auf unſeren Wangen bemerkt, ſo möge er ſich die— ſelben deuten, wie es ihm beliebt.“ Mit dieſen Worten ſchritt ſie hinaus. Nach wenigen Augenblicken kam ſie wieder hereingeſchritten und verkün⸗ dete auf ihre heraldiſche Weiſe:„Mr. Rokeſmith iſt der Ueberbringer eines Packets an Miß Bella Wilfer.“ Mr. Rokeſmith folgte ſeinem Namen unmittelbar ins Zimmer und ſah natürlich ſogleich, was es gegeben. Doch ſtellte er ſich discreterweiſe, als ſehe er nichts, und wandte ſich zu Miß Bella. „Mr. Boffin hatte dies heute Morgen für Sie in den Wagen zu legen beabſichtigt. Er wünſchte es Ihnen als ein kleines Andenken zu geben— es iſt blos eine Börſe, Miß Wilfer— doch da ihm ſein kleiner Plan mißglückte, erbot ich mich, es Ihnen nachzubringen.“ Bella nahm das kleine Packet und dankte ihm. „Wir haben hier ein wenig gezankt, Mr. Rokeſmith, doch nicht ſchlimmer, als gewöhnlich; Sie ſind mit unſeren angenehmen Manieren, wenn wir unter uns ſind, bekannt. Sie ſehen mich im Begriff, wieder fortzufahren. Adieu, Mama! Adieu, Lavy!“ Und nachdem ſie Beide geküßt, wandte Miß Bella ſich der Thür zu. Der Secretär würde ſie begleitet haben, doch da Mrs. Wilfer vortrat und mit Würde ſprach:„Ich bitte um Vergebung! Erlauben Sie mir, mein natürliches Recht zu behaupten, und mein Kind an die Equipage zu begleiten, welche ihrer harrt,“ ent⸗ ſchuldigte er ſich und machte Platz für ſie. Es war ein ſchöner Anblick, als Mrs. Wilfer die Hausthür offen warf und mit ausgeſtreckten Handſchuhen laut„Mrs. Boffin's Diener!“ rief, und, als dieſer dem Rufe Folge leiſtete, ihm folgende kurze, aber majeſtätiſche Rede hielt: „Miß Wilfer. Kommt ſogleich!“ womit ſie ihm ihre Toch⸗ ter überlieferte, etwa, wie ein Gouverneur des Towers einen Staatsgefangenen überliefern würde. Die Wirkung dieſer Ceremonie auf die Nachbarn war für eine volle Viertelſtunde eine faſt lähmende, und wurde dadurch, daß die würdige Dame ſich während dieſes Zeitraumes in einer Art von ſeliger Verzückung auf der Thürſchwelle ſonnte, noch um ein Beträchtliches erhöht. Als Bella im Wagen ſaß, öffnete ſie das kleine Packet in ihrer Hand. Daſſelbe enthielt eine hübſche Börſe und dieſe eine Fünfzigpfundnote.„Dies ſoll eine freudige Ueberraſchung für den armen lieben Papa ſein,“ ſagte Bella,„und ich will es ihm ſelbſt nach der City bringen!“ Da ſie über die genaue Localität in Unwiſſenheit war, in der das Geſchäft von Chickſey, Veneering und Stob⸗ bles gelegen, jedoch wußte, daß es in der Nähe von Min⸗ cing Lane ſei, ließ ſie ſich nach der Ecke jener düſteren Straße fahren. Dort ſandte ſie„Mrs. Boffin's Diener“ auf Nachforſchungen nach dem Comptoir von Chickſey, Veneering und Stobbles aus, mit dem Auftrage an Mr. Robert Wilfer, daß eine Dame ihn zu ſprechen wünſche. Die Beſtellung dieſes geheimnißvollen Auftrages durch einen Bedienten bewirkte ein ſo großes Erſtaunen unter den Comptoiriſten, daß augenblicklich ein junger Kund⸗ ſchafter abgeſandt ward, um Rumty zu folgen, die Dame in Augenſchein zu nehmen und dann Bericht abzuſtatten. Und die allgemeine Aufregung ward um nichts vermindert, als der Botſchafter mit der Nachricht zurückkehrte, die Dame ſei„ein Blitz⸗Madel in einer Donnerwetter⸗ Equipage.“ 1 Rumty ſelbſt langte athemlos mit ſeiner Feder hinter dem Ohr unter ſeinem ſchäbigen Hute am Wagenſchlage an und war bereits an ſeiner Halscravatte in den Wagen hineingezerrt und halb durch Küſſe erſtickt worden, ehe er ſeine Tochter erkannte.„Mein liebes Kind!“ keuchte 1 . Rokeſmith, it unſeren d, bekannt. a. Adieu, 8 ☛ 8 brin n h bringen.⸗ 4 fjenheit war, und Stob⸗ he von Min.. ner düſteren 8 ½ Dj 1 u's Diener on Gbickſey, rage an Mr. en wünſche. ages durch aunen unter nger Kund⸗ die Dame abzuſtatten. 6 vermindett, cktehrte, die onnerwettee 261 er völlig unzuſammenhängend.„Du gütiger Himmel! Welch ein wunderſchönes Frauenzimmer Du biſt! Ich Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. glaubte ſchon, Du ſeiſt unfreundlich geworden und habeſt Deine Mutter und Schweſter ganz vergeſſen.“ „Ich habe ſie ſo eben beſucht, Herzenspapachen.“ „O! Und wie— wie haſt Du Deine Mutter ge⸗ ſunden?“ fragte R. W. etwas unſicher. „Sehr unliebenswürdig, Papa, und Lavy ebenfalls.“ „Sie ſind allerdings zuweilen ein wenig dazu geneigt,“ meinte der geduldige Cherub;„aber ich hoffe, daß Du nachſichtig warſt, liebe Bella?“ „Nein. Ich war ebenfalls unliebenswürdig, Papa; wir waren Alle mit einander unliebenswürdig. Aber Du mußt irgendwo mit mir zu Mittag ſpeiſen, Papa. „Je nun, mein liebes Kind, ich habe bereits ein— wenn man eines ſolchen Gegenſtandes in dieſer pracht⸗ vollen Caroſſe erwähnen dars ein Knoblauchswürſtchen gegeſſen,“ ſagte R. Wilfer, bei jenem Worte beſcheiden die Stimme ſenkend, indem er die canariengelben Wagen⸗ polſter betrachtete. „O, das iſt gar nichts, Papa!“ „Allerdings, es iſt nicht ſo viel, wie man zuweilen wohl wünſchen dürfte, mein liebes Kind,“ gab er zu, in⸗ dem er ſich mit der Hand über den Mund ſtrich.„Doch wenn ſich Verhältniſſe, über die man ſelbſt keine Macht hat, zwiſchen uns und kleine deutſche Cervelatwürſte ſtellen, ſo thut man am Beſten, wenn man mit zufriedenem Ge⸗ müthe mit“— hier ſenkte er abermals aus Ehrfurcht für die Equipage die Stimme—„Knoblauchswürſtchen fürlieb nimmt!“ „Du armer guter Papa! Papa, o, geh' und bitte und flehe, daß man Dir für den Reſt des Tages Urlaub giebt und bringe denſelben dann mit mir zu!“ um Urlaub bitten.“ „Doch eh' Du zurückläufſt,“ ſagte Bella, die ihn be⸗ reits ans Kinn faßte, ſeinen Hut abgeriſſen und ſein Haar nach ihrer alten Weiſe emporzurichten angefangen,„ſage mir, Du weißt ſehr wohl, daß ich leichtſinnig und rück⸗ ſichtslos bin, biſt aber überzeugt, daß ich mich nie ab⸗ ſichtlich geringſchätzig gegen Dich gezeigt habe, Papa.“ „Mein liebes Kind, das ſage ich von ganzem Herzen. Und darf ich mir zugleich die Bemerkung erlauben,“ ſagte ihr Vater, einen Blick durch's Wagenfenſter werfend,„daß es vielleicht Aufmerkſamkeit zu erregen geeignet iſt, wenn man ſich von einer wunderſchönen Dame in einer eleganten Equipage in der Fenchurch⸗Straße friſiren läßt?“ Bella lachte und ſetzte ihm den Hut wieder auf. Doch als ſeine knabenhafte Geſtalt fortrannte, fühlte ſie ſich von ſeinem ſchäbigen Aeußern und ſeiner Geduld im innerſten Herzen getroffen und zu Thränen gerührt.„Ich haſſe jenen Secretär dafür, daß er es von mir gedacht hat,“ ſprach ſie bei ſich,„und dennoch ſcheint es halb, als ob es wahr wäre!“ Ihr Vater kam ſchnell zurück, mehr als je einem Knaben, der der Schule entſprungen, ähnlich.„Alles in Ordnung, liebes Kind. Urlaub wurde augenblicklich be⸗ willigt. Wirklich auf das Allergütigſte!“ „So, wo können wir jetzt einen ſtillen Ort finden, Papa, wo ich auf Dich warten kann, während Du einen Auftrag für mich ausrichteſt, nachdem ich den Wagen fort⸗ Gefährtin, zu der jeder Mann— hätte— hätte auf⸗ geſchickt habe?“ Dies bedurfte reiflicher Ueberlegung.„Ja, ſiehſt Du, mein liebes Kind,“ erklärte er,„Du biſt wirklich zu einem ſo wunderſchönen Frauenzimmer herangewachſen, daß der Ort in der That ein ſehr ruhiger ſein muß.“ Endlich machte er den Vorſchlag:„Bei dem Garten hinter Tri⸗ nity Houſe auf dem Tower⸗Hügel.“ Demzufolge ließen ſie ſich dort hinfahren und Bella ſchickte den Wagen fort, und mit demſelben ein mit Bleiſtift geſchriebenes Billet an Mrs. Boffin, in dem ſie dieſe unterrichtete, daß ſie bei ihrem Vater ſei.— „Jetzt, Papa, höre an, was ich Dir zu ſagen habe, und verſprich und gelobe mir, gehorſam zu ſein.“ „Ich verſpreche und gelobe es, liebes Kind.“ „Du thuſt keine Fragen. Du nimmſt dieſe Börſe; Du gehſt nach dem nächſten Gewölbe, wo man die aller⸗ allerbeſten fertigen Kleider verkauft; Du kaufſt Dir den allerſchönſten Anzug, den allerſchönſten Hut, das aller⸗ ſchönſte Paar(patentlederne, hörſt Du, Papa) Stiefeln, die für Geld zu haben ſind; ziehſt Alles an und kommſt mit dem Zeigefinger warnend. dann zu mir zurück.“ „Aber meine liebe Bella—“ „Nimm Dich in Acht, Papa!“ rief ſie, ihn höflich „Du haſt verſprochen und gelobt. Es wäre ein Meineid, weißt Du.“ Es ſtanden ein paar helle Thränen in den Augen des thörichten alten Knaben, doch küßte fie dieſelben fort(ob⸗ gleich ihre eigenen Augen ebenfalls naß waren) und er rannte wieder fort. Nach einer halben Stunde kehrte er ſo glänzend umgeſtaltet zurück, daß Bella zwanzigmal in entzücktem Erſtaunen um ihn herumzugehen genöthigt war, ehe ſie ſich entſchließen konnte, ihren Arm in den ſeinigen zu legen und dieſen überglücklich an ſich zu drücken. „Jetzt, Papa,“ ſagte Bella, ihn feſt an ſich preffend, „führe dieſes wunderſchöne Frauenzimmer irgendwo zum Speiſen hin.“ „Wohin ſollen wir gehen, mein liebes Kind?“ „Nach Greenwich!“ ſagte Bella muthig.„Und mache Dich darauf geſaßt, daß Du dieſes wunderſchöne Frauen⸗ „Nun, mein liebes Kind, ich will zurücklaufen und zimmer mit all den größten Delicateſſen tractirſt.“ Während ſie auf dem Wege nach dem Dampfboote waren, ſagte R. W. ſchüchtern:„Wollteſt Du nicht, Deine Mutter wäre hier, liebes Kind?“ ſtets Dein kleiner Liebling und Du der meinige. „Nein, Papa, das wollte ich nicht, ich freue mich, Dich heute ganz für mich zu haben. Ich war zu Hauſe Wir ſind ſchon früher oft mit einander fortgelaufen, nicht wahr, Papa?“ „Ah, gewiß ſind wir das! Manchen Sonntag, wenn Deine Mutter— ein wenig dazu geneigt war,“ ſagte er, ſeine vorherige zarte Ausdrucksweiſe wiederholend, nachdem er innegehalten, um zu huſten. „Ja, und ich fürchte, ich war ſelten oder nie ein ſo gutes Kind, wie ich wohl hätte ſein ſollen, Papa. Ich beſtand darauf, von Dir getragen zu werden, wenn Du mich hätteſt gehen machen ſollen; und ich machte Dich oft als Pferd laufen, wenn Du viel lieber ſtille geſeſſen und Deine Zeitung geleſen hätteſt, nicht wahr?“ „Zuweilen, ja, zuweilen. Aber, du lieber Himmel, welch ein Kind Du warſt! Welch eine Gefährtin!“ „Gefährtin? Das iſt gerade, was ich heute für Dich zu ſein wünſche, Papa.“ „Du magſt überzeugt ſein, daß es Dir gelingen wird, mein liebes Kind. Deine Brüder und Schweſtern ſind alle der Reihe nach bis zu einem gewiſſen Grade Ge⸗ fährten für mich geweſen,— doch nur bis zu einem ge⸗ wiſſen Grade. Deine Mutter war ihr Lebelang eine ſchauen— und— und deren Reden er ſich hätte ins Gedächtniß prägen— und an der er ſich hätte ein Vor⸗ 44 bild nehmen können, wenn— wenn— „Wenn ihm das Muſter gefallen hätte?“ meinte Bella. „N-nun, j— ja,“ erwiderte er, es überlegend und 17* nicht ganz zufrieden mit der Wendung:„oder ich ſollte vielleicht ſagen, wenn es in ihm gelegen hätte. Setzen wir zum Beiſpiel den Fall, daß ein Mann fortwährend zu marſchiren wünſchte,— ſo würde er eine unſchätzbare Gefährtin in Deiner Mutter finden, doch falls er eine Vorliebe für ruhiges Gehen hätte, oder gelegentlich ein⸗ mal in einen Trab auszubrechen geneigt wäre, ſo dürfte er es zuweilen ein wenig ſchwer finden, mit Deiner Mutter Schritt zu halten. Oder nehmen wir es auf dieſe Weiſe, Bella,“ fügte er nach kurzem Ueberlegen hinzu.„Geſetzt, ein Mann wäre genöthigt, nicht mit einer Gefährtin, ſondern— ſagen wir— nach einer ge⸗ wiſſen Melodie durch's Leben zu gehen. Sehr gut. Nehmen wir an, daß die ihm zuerkannte Melodie der Todtenmarſch aus Saul wäre. Gut. Es würde dies für gewiſſe Gelegenheiten eine ſehr paſſende Melodie ſein — könnte keine paſſendere geben— aber es würde ſchwer ſein, in den gewöhnlichen Verhandlungen des alltäglichen Lebens danach Tact zu halten. Wenn er zum Beiſpiel nach einem Tage ſchwerer Arbeit zur Melodie des Todten⸗ marſches aus Saul ſein Nachteſſen verſpeiſte, ſo dürfte ſeine Nahrung ihm ſchwer im Magen liegen. Oder wenn er jemals Luſt verſpürte, ſich durch ein komiſches Lied oder einen Hornpipe das Herz zu erleichtern und dies zur Melodie des Todtenmarſches aus Saul zu thun ge⸗ nöthigt wäre, ſo dürfte er ſich dadurch leicht in der Aus⸗ führung ſeiner lebhaften Abſichten gehindert ſehen.“ „Der arme Papa!“ dachte Bella, wie ſie an ſeinem Arme hing. „Von Dir, mein liebes Kind, muß ich aber ſagen,“ fuhr der Cherub ſanft und ohne die entfernteſte Idee, ſich zu beklagen, fort,„daß Du ſehr ſchmiegſam biſt. Außerordentlich ſchmiegſam.“ „O, ich fürchte, ich habe oft eine abſcheuliche Launen⸗ haftigkeit gezeigt, Papa. Ich fürchte, ich war oft ſehr unzufrieden und verdrießlich. Ich habe bisher ſelten oder nie hieran gedacht. Als ich aber ſo eben im Wagen ſaß und Dich auf dem Trottoir daherkommen ſah, machte ich mir Vorwürfe.“ 3 „Durchaus nicht, mein liebes Kind. Kein Wort da⸗ von.“ Ein glücklicher und ein redſeliger Mann war der Papa heute in ſeinen neuen Kleidern. Alles in Allem genommen, war dies vielleicht der glücklichſte Tag in ſeinem ganzen Leben: ſelbſt den nicht ausgenommen, an dem ſeine heldenmüthige Lebensgefährtin zur Melodie des Todtenmarſches aus Saul mit ihm an den Altar Hymen's getreten war. Die kleine Fahrt auf dem Fluſſe war charmant, und das kleine Zimmer, deſſen Fenſter auf den Fluß hinab⸗ ſchauten, und in dem man ihre Mahlzeit ſervirte, war charmant. Alles war charmant. Der Park war char⸗ mant, der Punſch war charmant, die verſchiedenen Schüſ⸗ ſeln von Fiſch waren charmant und der Wein war char⸗ mant. Bella war charmanter, als ſonſt irgend ein Item des kleinen Feſtes; ſie machte auf ihre fröhlichſte Weiſe den Papa reden; beſtand darauf, ihrer ſelbſt durchweg als des„wunderſchönen Frauenzimmers“ zu erwähnen; ermunterte den Papa, allerlei Sachen zu beſtellen, indem ſie erklärte, das„wunderſchöne Frauenzimmer“ beſtehe darauf, mit denſelben tractirt zu werden; und, mit einem Worte, verſetzte den Papa in ein förmliches Entzücken über die Betrachtung, daß er wirklich der Papa einer ſo reizenden Tochter ſei. Und als ſie dann daſaßen und die Segelſchiffe und Dampſböte betrachteten, die mit der Ebbe in die See hinnausgingen, erſann das wunderſchöne Frauenzimmer V allerlei Reiſen für ſich und den Papa. Bald ſegelte der Boz, Unſer gemeinſchaftlicher F reund. Papa als Eigenthümer eines ſchwerfälligen, beraaſegelten Kohlenſchiffes nach Neweaſtle hinauf, um ſchwarze Dia⸗ manten zu holen und ſein Vermögen zu machen; bald ging er in jenem ſchönen Dreimaſter nach China, um Opium heimzubringen, vermittelſt deſſen er Chickſey, Veneering und Stobbles auf ewig in den Hintergrund drängte, und brachte zahlloſe Seidenſtoffe und Shawls mit, um mit denſelben ſeine charmante Tochter zu ſchmücken. Bald war John Harmon's unglückliches Geſchick nichts als ein Traum, und er war heimgekommen und hatte in dem wunderſchönen Frauenzimmer genau das gefunden, was er ſuchte, und das wunderſchöne Frauenzimmer hatte in ihm genau das gefunden, was ſie ſuchte, und ſie machten jetzt eine Fahrt in ihrem ſtattlichen Schiffe, um nach ihren Weinbergen zu ſehen, und an allen Enden des Fahrzeugs flatterten Wimpel, und auf dem Verdeck ſpiel⸗ ten Muſikanten, und der Papa war in der großen Staats⸗ cäjüte inſtallirt. Bald war John Harmon wieder in ſeinem Grabe und ein Kaufmann von ungeheuerem Reich⸗ thum(deſſen Name unbekannt) hatte um das wunder⸗ ſchöne Frauenzimmer geworben und ſie geheirathet, und er war ſo entſetzlich reich, daß Alles, was man auf dem Fluſſe erblickte, ob es Segel⸗ oder Dampfſchiffe waren, ihm gehörte, und er beſaß eine wahre Flotte von Ver⸗ gnügungsjachten, und jene impertinente kleine Jacht dort drüben mit den weißen Segeln war ſeiner Gattin zu Ehren„Bella“ getauft und ſie hielt, wenn ihr dies Ver⸗ gnügen machte, gleich einer neuen Cleopatra, ihren Hof⸗ ſtaat an Bord. Dann wieder ſchiffte ſich auf jenem großen Truppenſchiffe, wenn daſſelbe vor Gravesend an⸗ langte, ein großer General von gewaltigen Beſitzungen ein(deſſen Name ebenfalls unbekannt), der von keinem Siege hören wollte, falls ſeine Gattin ihn nicht begleite, und deſſen Gattin das wunderſchöne Frauenzimmer war, der es beſchieden, der Abgott aller Rothröcke und Blau— jacken über und unter dem Verdeck zu werden. Und dann wieder: Seht Ihr wohl jenes Schiff, im Schlepptau eines Bugſirboots? Gut! Wohin ſegelte daſſelbe wohl? Es ſegelte nach den Korallenriffen und Kakaonüſſen und all dergleichen, und war für ein gewiſſes beneidenswerthes Individuum, genannt Papa, verfrachtet(der ſich ſelbſt an Bord befand und von der ganzen Mannſchaft geachtet wurde) und ſollte, zu ſeinem alleinigen Nutzen und Vor⸗ theil, ein Cargo von duftenden Hölzern holen, die ſchön⸗ ſten, die man je geſehen, und die einträglichſten, die es je gegeben, und dieſes Cargo war ein großes Vermögen, was es in der That wohl ſein mußte,— denn das wunderſchöne Frauenzimmier, welches das Schiff gekauft und ausdrücklich für dieſe Fahrt ausgerüſtet hatte, war mit einem indianiſchen Prinzen verheirathet, der ein Wie⸗ heißt's⸗gleich war, und der ſich überher mit Caſchmirſhawls behing, und Diamanten und Smaragden in ſeinem Tur⸗ ban trug und dazu von ſchöner Kaffeefarbe und ihr außerordentlich zugethan, wenngleich ein wenig zu eifer⸗ ſüchtig war. Und in dieſer Weiſe plauderte Bella luſtig weiter und entzückte ihren Vater, der eben ſo bereit war, ſeinen Kopf in des Sultans Waſſerbecken zu ſtecken, wie die Bettelbuben unten vor dem Fenſter die ihrigen in den Schlamm.— „Ich nehme an, mein liebes Kind,“ ſagte der Papa nach der Mahlzeit,„daß wir Dich zu Hauſe nun ſo gut wie für uns verloren betrachten dürfen?“ Bella ſchüttelte den Kopf. Wußte es nicht. Konnt's nicht ſagen. Alles, was ſie zu berichten im Stande, war, daß ſie auf das Reichlichſte mit Allem, was ſie ſich nur wünſchen könne, ausgeſtattet werde, und daß Mr. und Mrs. Boffin, wenn ſie etwas von der Abſicht, ſie zu unend kann — ſein, 7 mir,“ Grübc bar ge 3 mit e deſſen 4 1 an de als d nicht zu we von al als mi vereite Hände es thl Ungeh 1 nicht zunickt emporn ſichtche Ich n nicht Art Pausi Kind,“ wäre wähnte A daran Geha du ſollſt mir ein Abwe Opera ſeines dem e wen nem ſeite, war, lau⸗ dann ptau ſohl? und ſethes ſelbſt uchtet Vor⸗ ſchön⸗ ie es ögen, 1 das kauft war Wie⸗ hawls Lur⸗ ihr eifer⸗ peiter einen e die n den Dap ſo gut onnts war, 1 ch nur und ſie zu —— und dieſe dann plötzlich auseinanderzog, bei welchen Ge⸗ 265 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. verlaſſen, fallen laſſe, durchaus nichts davon hören wollten. „Und jetzt, Papa,“ fuhr Bella fort,„will ich Dir ein Bekenntniß ablegen. Ich bin das geldgierigſte kleine Ungeheuer, das es je in dieſer Welt gegeben hat.“ „Das ſollte ich kaum von Dir glauben, mein liebes Kind,“ erwiderte der Papa, zuerſt einen Blick auf ſich und dann einen zweiten auf das Deſſert werfend. „Ich verſtehe, was Du meinſt, Papa, aber das iſt es nicht. Es iſt mir nicht an dem Gelde gelegen, um daſſelbe als Geld zu behalten, ſondern es liegt mir unendlich viel daran wegen deſſen, was ich damit kaufen kann!“ „Das ſcheint mir wirklich bei uns Allen der Fall zu ſein,“ erwiderte R. W. „Aber nicht in dem fürchterlichen Grade, wie bei mir, Papa. O—o!“ rief Bella, den Ausruf aus dem Grübchen in ihrem Kinn herausziehend.„Ich bin furcht⸗ bar geldgierig!“ In Ermangelung von etwas Beſſerem, ſagte R. W. mit einem ernſtlichen Blicke:„Seit wann biſt Du Dir deſſen bewußt geworden, mein liebes Kind?“ „Da liegt es eben, Papa. Das iſt das Fürchterlichſte an der Sache. Als ich noch zu Hauſe war und nichts als die Armuth kannte, murrte ich oft, machte mir aber nicht ſo viel daraus. Als ich zu Hauſe war und reich zu werden erwartete, hatte ich undeutliche Vorſtellungen von all den großen Dingen, die ich thun wollte. Doch als mir die Hoffnung auf mein prachtvolles Vermögen vereitelt worden und ich daſſelbe dann tagtäglich in den Händen Anderer erblickte und vor den Augen hatte, was es thun könne, da wurde ich zu dem geldgierigen kleinen Ungeheuer, das ich jetzt bin.“ „Du bildeſt es Dir nur ein, liebes Kind.“ „Ich gebe Dir die Verſicherung, daß dies durchaus nicht der Fall iſt, Papa!“ ſagte Bella, indem ſie ihm zunickte und ihre ſehr hübſchen Augenbrauen ſo hoch emporzog, wie dieſelben nur gehen wollten und ihr Ge⸗ ſichtchen eine komiſche Furcht ausdrückte.„Es iſt factiſch. Ich mache fortwährend gewinnſüchtige Pläne.“ „Allgütiger Himmel! Aber wie?“ „Das will ich Dir ſagen, Papa. Ich habe nichts dagegen, es Dir zu ſagen, denn Du warſt ſtets mein Liebling und ich der Deinige, und Du biſt durchaus nicht wie ein Papa gegen mich, ſondern mehr wie eine Art jüngeren Bruders, mit einer lieben ehrwürdigen Pausbäckigkeit. Und außerdem,“ fügte Bella lachend hinzu, indem ſie neckiſch mit dem Finger auf ihn wies, „habe ich Dich in meiner Macht, Dies iſt eine große Expedition. Wenn Du je von mir nachſagſt, ſo werde ich von Dir nachſagen. Ich werde der Mama ſagen, daß Du in Greenwich geſpeiſt haſt!“ „Nun, aber in allem Ernſte geſprochen, mein liebes Kind,“ bemerkte R. W. mit einiger Aengſtlichkeit,„es wäre vielleicht eben ſo gut, wenn wir nichts davon er⸗ wähnten.“ „Aha!“ lachte Bella.„Ich wußte wohl, daß Dir daran gelegen ſein würde, Sir. Bewahre Du alſo mein Geheimniß und ich will das Deinige bewahren. Wenn Du aber das wunderſchöne Frauenzimmer verräthſt, ſo ſollſt Du eine Schlange in ihr finden. Jetzt magſt Du mir einen Kuß geben, Papa, und ich möchte Dein Haar ein wenig arrangiren, denn daſſelbe iſt während meiner Abweſenheit fürchterlich vernachläſſigt worden.“ R. W. überließ ſein Haupt dem Operateur, und der Operateur fuhr zu reden fort, wobei er verſchiedene Locken ſeines Haares einem ſeltſamen Verfahren unterwarf, in⸗ dem er dieſelben ſchnell um die beiden Zeigefinger wickelte legenheiten der Patient jedesmal zuſammenzuckte und mit den Augen blinzte. „Ich bin zu dem Entſchluſſe gekommen, daß ich Geld haben muß, Papa. Ich fühle, daß ich nicht im Stande bin, mir daſſelbe zu erbetteln, zu borgen oder zu ſtehlen; und deshalb habe ich beſchloſſen, es zu heirathen.“ R. W. ſchlug, ſo gut ihm dies bei der Operation möglich war, die Augen zu ihr empor, und ſagte in vor— ſtellendem Tone:„Meine lie—be Bella!“ „Beſchloſſen, ſage ich, Papa, um Geld zu erlangen, Geld zu heirathen. Und in Folge deſſen bin ich fort⸗ während bemüht, Geld zu bezaubern.“ „Meine lie—be Bella!“ „Ja, Papa, ſo verhält ſich die Sache. Wenn es je eine geldgierige Ränkeſchmiederin gab, deren Kopf be⸗ ſtändig von ſolchen niederen Plänen erfüllt war, ſo bin ich dieſes liebenswürdige Weſen. Aber es iſt mir einerlei. Ich haſſe und verabſcheue die Armuth, und ich will nicht arm ſein, wenn ich Geld heirathen kann. Jetzt biſt Du reizend friſirt und geeignet, dem Kellner zu imponiren und die Rechnung zu bezahlen!“ „Aber meine liebe Bella, das iſt bei Deiner Jugend wahrhaft beunruhigend.“ „Ich ſagte es Dir wohl, Papa, aber Du wollteſt es nicht glauben,“ erwiderte Bella mit einer allerliebſten kindlichen Ernſthaftigkeit.„Iſt es nicht abſcheulich?“ „Das wäre es jedenfalls, mein liebes Kind, wenn Du vollkommen wüßteſt, was Du ſagſt, oder es überhaupt meinteſt.“ „Nun, Papa, ich kann Dir nur ſagen, daß ich nichts Anderes meine. Man rede mir nur von Liebe!“ ſagte Bella verachtungsvoll: obwohl ihr Geſicht und ihre Ge⸗ ſtalt den Gegenſtand zu keinem unpaſſenden gemacht haben würden.„Man mag mir ebenſo wohl von feurigen Drachen erzählen! Doch wenn man mir von Armuth und Reichthum ſpricht, ſo ſind dies Wirklichkeiten.“ „Mein liebes Kind, dies fängt an, entſetzlich zu wer⸗ den—“ begann ihr Vater nachdrucksvoll, als ſie ihn unterbrach. „Papa, ſage mir Eins. Haſt Du Geld geheirathet?“ „Du weißt es ja, daß ich dies nicht gethan, liebes Kind.“ Bella ſummte den Todtenmarſch aus Saul und ſagte, es mache, im Ganzen genommen, ſehr wenig aus! Doch da ſie ihn ernſt und niedergeſchlagen ſah, ſchlang ſie ihren Arm um ſeinen Nacken und küßte ihn wieder heiter. „Ich meinte das Letzte nicht, Papa: es war nur im Scherz geſagt. Jetzt merke wohl! Du ſollſt nicht von mir nachſagen und ich werde nicht von Dir nachſagen. Und was noch mehr iſt, ich verſpreche, keine Geheimniſſe vor Dir zu haben, Papa, und Du magſt Dich überzeugt halten, daß ich, welche geldſüchtigen Pläne ich immer vorhaben mag, Dir dieſelben ſtets im Vertrauen mittheilen werde.“ Da ihm nichts übrig blieb, als ſich mit dieſem Zu⸗ geſtändniſſe des wunderſchönen Frauenzimmers zu begnügen, ſo ſchellte R. W. und bezahlte die Rechnung.„Jetzt— dieſer ganze Ueberreſt, Papa,“ ſagte Bella, als ſie wieder allein waren, indem ſie die kleine Börſe zuſammenrollte und auf dem Tiſche mit ihrem kleinen Fäuſtchen klein hämmerte, und dann in eine Taſche ſeiner neuen Weſte packte,„iſt für Dich, damit Du ihnen zu Hauſe Geſchenke kaufſt und Rechnungen bezahlſt und es nach Gefallen vertheilſt und ausgiebſt, wie es Dir angemeſſen ſcheint. Schließlich laß Dir noch geſagt ſein, Papa, daß es nicht etwa die Früchte irgend eines geldgierigen Planes ſind. Wäre dies der Fall, ſo würde Dein gewinnſüchtiges kleines — ——ÿ—ꝛ—ꝛ—ꝛ—x—xx:˖—Ko:ñUñAůõn—— Ungeheuer von einer Tochter ſich vielleicht nicht ſo bereit⸗ willig davon trennen!“ Darauf zupfte ſie mit beiden Händen an ſeinem Rocke und zog dieſes Kleidungsſtück, indem ſie es über die koſt⸗ bare Weſte zuſammenknöpfte, ganz ſchief; dann band ſie ihre Grübchen wieder auf eine ſehr ſchlaue Weiſe in ihren Hut ein und kehrte wieder mit ihm nach London zurück. Vor Mr. Boffin's Thüre angelangt, ſtellte ſie ihn mit dem Rücken an derſelben auf, faßte ihn zärtlich bei den Ohren — als ein Paar bequemen Handhaben für ihren Zweck — und küßte ihn, daß er die Thür mit dem Hinterkopfe mit dumpfen Schlägen bearbeitete. Darauf erinnerte ſie ihn nochmals an ihren Compact und ſagte ihm fröhlich Lebewohl. Doch nicht ſo fröhlich, daß ſich ihre Augen nicht mit Thränen gefüllt hätten, als er die finſtere Straße ent⸗ lang ging. Nicht ſo fröhlich, daß ſie nicht wiederholte Male für ſich geſagt hätte:„Ach, du armer kleiner Papa! Du armer, lieber, mit dem Glücke ringender, ſchäbiger, kleiner Papa!“ ehe ſie das Herz hatte, an die Hausthür zu klopfen. Nicht ſo fröhlich, daß das glänzende Zimmer⸗ geräth ſie nicht faſt außer Faſſung gebracht, und ihr den Eindruck gemacht, als ob es darauf beſtünde, mit den ärmlichen Meubles zu Hauſe verglichen zu werden. Nicht ſo fröhlich, daß ſie nicht, wie ſie ſpät allein in ihrem Zimmer ſaß, ſehr traurig geworden und von ganzem Herzen geweint hätte, indem ſie wünſchte, daß der verſtorbene alte John Harmon nie ein Teſtament in Bezug auf ſie gemacht, da der junge verſtorbene John Harmon nicht am Leben geblieben war, um ſie zu heirathen.„Sehr wider⸗ ſprechende Wünſche,“ ſagte Bella,„aber mein Leben und meine Erlebniſſe ſind ganz und gar ſo widerſprechend, daß ſich nichts Anderes von mir erwarten läßt!“ Aeuntes Capitel. In welchem das Waiſenkind ſein Teſtament macht. Als der Secretär am folgenden Morgen frühe in dem „Oeden Sumpfe“ arbeitete, ward ihm gemeldet, daß ein junger Menſch im Flur warte, der den Namen Sloppy abgegeben. Der Diener, der die Nachricht überbrachte, machte eine Pauſe des Wohlanſtandes, ehe er den Namen ausſprach, um zu erkennen zu geben, daß derſelbe ſeinem Widerſtreben durch den in Frage ſtehenden jungen Menſchen aufgedrungen, und daß, falls der junge Menſch ſo viel Verſtand und Geſchmack beſeſſen, einen andern Namen zu erben, dies rückſichtsvaller für ſeine— des Ueberbringers — Gefühle geweſen wäre. „Mrs. Boffin wird ſich freuen,“ ſagte der Secretär mit vollkommener Gelaſſenheit.„Laſſen Sie ihn herein⸗ kommen.“ 2 Mr. Sloppy blieb, da er hereingeführt worden, hart an der Thür ſtehen— und offenbarte an verſchiedenen Theilen ſeiner Geſtalt viele überraſchende, verwirrende und unbegreifliche Knöpfe. „Ich freue mich, Dich zu ſehen,“ ſagte John Roke⸗ ſmith in einem heiteren Tone der Bewillkommnung.„Ich habe Dich erwartet.“ 4 Sloppy ſetzte auseinander, wie er ſchon kommen beabſichtigt, daß aber der Waiſenkna Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 268 2 was er meine, erwiderte er:„die auf ihm, und beſonders auf ſeiner Bruſt, ausgebrochen. Da er erſucht ward, ſich deutlicher zu erklären, machte er die Angabe, daß„einige ſo groß ſeien, daß man ſie nicht mit einem Sixpence be⸗ decken könne.“ Als man um einen Nominativ in ihn drang, war er der Anſicht, daß„ſie ſo roth ſeien, wie nur je was war.“„Aber ſo lange ſie nur herauskommen, Sir,“ fuhr Sloppy fort,„hat es nicht ſo viel zu ſagen. Es muß blos verhütet werden, daß ſie nach innen ſchlagen.“ John Rokeſmith hoffte, das Kind habe ärztlichen Bei⸗ ſtand gehabt? O, ja, ſagte Sloppy, er ſei einmal nach dem Doctor gebracht worden.„Und wie nannte der Doctor es?“ frug Rokeſmith. Nach einigem verblüfften Nachſinnen erhellte ſich Sloppy's Geſicht.„Er nannte es Etwas, das ſehr lang für Flecke war.“ Rokeſmith fragte:„Maſern?“—„Nein,“ ſagte Sloppy mit Zu⸗ verſicht,„viel länger als die, Sir!“(Mr. Sloppy war ſtolz auf dieſes Factum und ſchien der Anſicht zu ſein, daß daſſelbe dem armen kleinen Patienten zur Ehre ge⸗ reiche.) „Es wird Mrs. Boffin betrüben, dies zu hören,“ ſagte Rokeſmith. „Das ſagte Mrs. Higden auch, Sir, als ſie es ihr verſchwieg, in der Hoffnung, daß Unſer Johnny ſich wieder erholen würde.“ „Aber ich hoffe, er wird ſich erholen?“ ſagte Mr. Rokeſmith, ſich ſchnell zu dem Boten hinwendend. „Ich hoffe es,“ erwiederte Sloppy.„Es kommt Alles darauf an, ob ſie nach innen ſchlagen.“ Dann berichtete er ferner, daß die Kleinkinder, ob nun Johnny„ſie von den Kleinkindern, oder die Kleinkinder ſie von Johnny ge⸗ kriegt,“ nach Hauſe geſchickt ſeien und„ſie“ hätten. Ferner, daß— da Mrs. Higden's Tage und Nächte Unſerm Johnny gewidmet, der keine Minute von ihrem Schooße gekommen ſei, die ganzen Rollangelegenheiten ihm zuge⸗ fallen und er„eine ziemlich ſcharfe Zeit“ gehabt. Das unſchöne Stück Ehrlichkeit ſtrahlte und erröthete, indem es dies ſagte, ganz entzückt über den Gedanken, daß es von Nutzen geweſen. „Geſtern Abend,“ ſagte Sloppy,„als ich noch ziem⸗ lich ſpät am Rande ſtand, ſchien das Rollen mit Unſers Johnny's Athem zuſammenzugehen. Es fing herrlich an, dann, wenn es aufhörte, zitterte es ein wenig und wurde unregelmäßig und dann, wenn es den letzten Zug that, rumpelte es, und dann ward es wieder regelmäßig, und ſo ging es fort, bis ich zuletzt kaum mehr wußte, welches die Rolle und welches U ohnny ſei. Und Unſer Johnny, er wußte es auch aum, denn zuweilen, wenn die Rolle rumpelt, ſo ſagt er:„Ich erſtick, Gaßmal“ und Mrs. Higden richt' ihn auf ihrem Schooße auf und ſagt zu mir:„Wart' ein Biſſel, Sloppy,“ und dann halten wir Alle zuſammen ein. Und wenn Ünſer Johnny wieder zu Athem kommt, rolle ich wieder weiter.“ Sloppy war allmälig bei ſeiner Schilderung in ein Stieren und leeres Grinſen ausgebrochen. Da er jetzt ſchwieg, verſank er in ein halbunterdrücktes Weinen und fuhr ſich unter dem Vorwande des Erhitztſeins mit einer merkwürdig ungeſchickten, mühſamen und ſchwerfälligen Bewegung mit dem unteren Ende ſeines Aermels über die Augen. 4 „Dies iſt ſehr betrübend,“ ſagte Mr. Rokeſmith.„Ich muß zu Mrs. Boffin gehen und es ihr ſo ſchonend als mög⸗ lich mittheilen. Bleibe Du hier, Sloppy.“ Sloppy blieb dort und ſtierte das Muſter der Tapete an der Wand an, bis der Secretär und Mrs. Boffin — — 269 mit, einel Wilfer diger 3 9 /1 erwider A 1 8 antwo⸗ Unſen Es gi gaben einen „2 Mré.: mißgön Lichte Umwiſf Sl Krankh ſich vo und ſo geword die Arn ein klei außer d und G von m ſchmach Jahres Herren Bericht an den Und d Vorurf und in Denath eine h und da nehmer agen aufzun 5 Imme ichun Puddif ſeine K mit A Unſer wenn und ſagt lten eder ein jett und einer lligen er die „ch mög⸗ apete offfn 269 mit einander zurückkamen. Und Mrs. Boffin war von einer jungen Dame begleitet(mit Namen Miß Bella Wilfer), die, wie es Sloppy dünkte, des Anſtierens wür⸗ diger war, als die ſchönſte Tapete von der Welt. „Ach, mein armer, lieber, hübſcher kleiner John Har⸗ mon!“ rief Mrs. Boffin aus. „Ja, Madam,“ ſagte der mitfühlende Sloppy. „Du denkſt doch nicht, daß er ſehr krank iſt, wie?“ fragte das liebe Geſchöpf mit ihrer wohlthuenden Herz⸗ lichkeit. reir ſeinen guten Glauben zurückgetrieben und den⸗ ſelben im Streite mit ſeiner Neigung findend, warf Sloppy den Kopf zurück und ſtieß ein ſanftes Geheul aus, das er mit einem Schnüffeln ſchloß. „So krank?“ rief Mrs. Boffin.„Und Betty Higden ſetzte mich nicht früher davon in⸗Kenntniß!“ „Ich denke, ſie war vielleicht im Zweifel, Madam,“ erwiderte Sloppy zögernd. „Weswegen, um's Himmelswillen?“ „Ich denke, ſie war vielleicht im Zweifel, Madam,“ antwortete Sloppy mit Unterwürfigkeit,„ob ſie dadurch Unſerm Johnny nicht vielleicht im Lichte ſtehen würde. Es giebt ſo viel Elend und Krankheit, und ſo viel Aus⸗ gaben, und ſie hat ſo oft geſehen, daß man dies als einen Nachtheil betrachtet hat.“ „Aber ſie kann nimmermehr gedacht haben,“ ſagte Mrs. Boffin,„daß ich dem lieben Kinde irgend Etwas mißgönnen würde?“ „Nein, Madam, aber ſie mag vielleicht(aus einer Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 270 Region des Gürtels, die ſich beſcheiden in gewiſſe Falten zurückzogen. 8 Pünktlich zur beſtimmten Zeit erſchien der Wagen und der Secretär. Dieſer ſaß auf dem Bock, während Sloppy den Bedientenſitz zierte. Und ſo ging's, wie das vorige Mal, nach den Drei Elſtern, wo Mrs. Boffin und Bella ausſtiegen und von wo ſie dann Alle zu Fuße nach Mrs. Betty Higden's Wohnung gingen. Doch auf dem Wege von London hatten ſie vor einem Spielzeugladen ſtillgehalten und jenes edele Roß gekauft, deſſen Beſchreibung das letzte Mal den damals weltlich geſinnten Waiſenknaben gewonnen, und außerdem eine Noah's⸗Arche, und einen gelben Vogel mit einer künſt⸗ lichen Stimme, und eine militäriſche Puppe, die ſo vor⸗ trefflich coſtüämirt war, daß ihre Kameraden in der Garde, falls ſie in Lebensgröße angefertigt geweſen, die Täu⸗ ſchung nimmermehr entdeckt haben würden. Mit dieſen Gaben beladen, hoben ſie Betty Higden's Thürklinke auf, und ſahen die alte Frau, Johnny auf dem Schooße haltend, im dunkelſten und fernſten Winkel des Zimmers ſitzen. Art Gewohnheit) gedacht haben, es könne Johnny im Lichte ſtehen, und deshalb verſucht haben, ihn ohne Ihr Umwiſſen durchzubringen.“ Sloppy begriff die Sachlage vollkommen. Sich in Krankheit zu verſtecken, gleich einem der niedrigeren Thiere; ſich vor den Menſchen zu verkriechen, zuſammenzukauern und ſo zu ſterben, war bei dieſer Frau zu einem Inſtincte geworden. Das arme Kind, das ihr ſo theuer war, in die Arme zu nehmen und es zu verſtecken, wie wenn es ein kleiner Verbrecher wäre, und alle Pflege abzuwehren, außer derjenigen, die ihre eigene unwiſſende Zätrtlichkeit und Geduld ihm zu geben im Stande, war ihr Begriff von mütterlicher Liebe, Treue und Pflicht geworden. Die ſchmachvollen Berichte, die wir jede Woche des chriſtlichen Jahres in den Zeitungen leſen, Mylords und meine Herren des ehrenwerthen Ausſchuſſes, die ſchändlichen Berichte über kleinliche officielle Unmenſchlichkeit, gehen an dem Volke nicht ſo unbeachtet vorüber, wie an uns. Und daher dieſe unverſtändigen, blinden, halsſtarrigen Vorurtheile, die unſere Herrlichkeit ſo in Erſtaunen ſetzen, und in denen eben ſo wenig Sinn und Verſtand liegt— Gott erhalte die Königin, und mache ihre Feinde zu Schanden!—, wie in der Behauptung, daß das Feuer Rauch erzeugt! „Das Kind kann dort nicht bleiben,“ ſagte Mrs. Boffin.„Sagen Sie uns, lieber Mr. Rokeſmith, was dabei zu thun iſt.“ Er hatte bereits überlegt, was zu thun ſei, und die Berathung war deshalb eine ſehr kurze. Er könne in einer halben Stunde die nöthigen Vorkehrungen treffen, und dann wollten ſie nach Brentford hinausfahren.„Bitte, nehmen Sie mich mit,“ ſagte Bell Deshalb ward ein Wagen beſtellt, der geräumig genug war, um ſie Alle aufzunehmen, und inzwiſchen wurde Sloppy allein im Zimmer des Secretärs mit einer vollſtändigen Verwirk⸗ lichung jenes Feentraumes— Fleiſch, Bier, Gemüſe und Pudding— bewirthet. In Folge deſſen drängten ſich ſeine Knöpfe mehr als je der öffentlichen Beachtung auf, mit Ausnahme von zweien oder dreien derſelben in der „Und wie geht's mit meinem Knaben, Betty?“ Mrs. Boffin, ſich zu ihr ſetzend. „'s geht ſchlimm!'s geht ſchlimm!“ ſagte Betty,„ich fange an zu fürchten, daß er eben ſo wenig Ihnen gehören wird, wie mir. Alle die Uebrigen, die ihm angehörten, ſind zur Macht und Herrlichkeit eingegangen, und ich denke mir, ſie ziehen ihn nach ſich— führen ihn von mir fort.“ „Nein, nein, nein,“ ſagte Mrs. Boffin. „Ich weiß nicht, warum er ſonſt ſeine kleine Fauſt ballt, als ob dieſelbe einen Finger gefaßt hielte, den ich nicht ſehen kann. Schauen Sie her,“ ſagte Betty, indem ſie die Tücher öffnete, in denen das erhitzte Kind lag, und ſeine kleine rechte Hand zeigte, die zuſammengeballt auf ſeiner Bruſt ruhte.„Er liegt immer ſo. Er achtet nicht auf mich.“ „Schläft er?“ „Nein, ich glaube nicht. Du ſchläfſt nicht, wie, mein Johnny?“ „Nein,“ ſagte Johnny mit einer ruhigen Miene des Mitleids für ſich und ohne die Augen zu öffnen. „Hier iſt die Dame, Johnny. Und das Pferd.“ Johnny konnte von der Anweſenheit der Dame mit vollkommener Gleichgültigkeit hören, doch mit dem Pferde war es ein Anderes. Indem er die ſchweren Lider hob, zeichnete ſich, beim Anblicke jenes prachtvollen Wunders, ein langſames Lächeln in ſeinem kleinen Geſichte, und er wünſchte es in die Arme zu nehmen. Da es aber zu groß war, ward es neben ihn auf einen Stuhl geſtellt, wo er es bei der Mähne faſſen und betrachten konnte; was er indeſſen bald zu thun vergaß. Da Johnny aber mit geſchloſſenen Augen Etwas murmelte, das Mrs. Boffin nicht hören konnte, neigte die alte Betty ihr Ohr herab, um zu lauſchen, und be⸗ mühte ſich, ihn zu verſtehen. Als ſie ihn bat, zu wieder⸗ holen, was er geſagt, that er dies zwei⸗ oder dreimal, und dann erwies es ſich, daß er, als er aufgeſchaut, um das Pferd zu betrachten, mehr geſehen haben müſſe, als ſie glaubten, denn er hatte gemurmelt:„Wer iſt die ßöne Dame?“ Die ßöne, oder ſchöne, Dame aber war Bella; und obgleich dieſe Bemerkung des armen Kindchens an ſich ſchon genügt haben würde, um ſie zu rühren, ward dieſelbe durch das kürzliche Erweichen ihres Herzens über ihren armen kleinen Vater und durch ihren Scherz über das wunderſchöne Frauenzimmer noch ergreifender für ſie. Daher war Bella's Benehmen ſehr liebevoll und ſehr natürlich, als ſie auf dem ſteinernen Fußboden nie⸗ fragte 8 derkniete und das Kind umarmte, und das Kind, mit der Bewunderung eines Kindes für alles Junge und Schöne, die„ßöne Dame“ liebkoſte. „Meine gute liebe Betty,“ ſagte Mrs. Boffin, in der Hoffnung, daß ſie eine gute Gelegenheit gefunden, indem ſie ihre Hand überredend auf Betty's Arm legte, „wir ſind gekommen, um Johnny mit uns von hier fort und nach einem Hauſe zu nehmen, wo er beſſer gepflegt werden kann.“ Augenblicklich, ehe noch ein Wort weiter geſprochen werden konnte, ſprang die alte Frau mit funkelnden Augen auf und flog mit dem kranken Kinde nach der Thür. „Geht mir aus dem Wege, Ihr Alle mit einander!“ rief ſie wild.„Ich ſehe jetzt, was Ihr meint. Laßt mich meinen Weg gehen, Ihr Alle. Ich will das Herzchen lieber tödten, und mich ſelber dazu!“ „Sachte, ſachte!“ ſagte Rokeſmith beguͤtigend.„Ihr verſteht uns nicht.“ „Ich verſtehe nur zu wohl. Sir. Ich bin zu viele Jahre davor gelaufen Ich weiß zu viel darüber, Nein! Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. mir's, und der liebe Herrgott verzeih' mir! Ich ängſtige mich gar zu ſchnell, und mir iſt von vielem Wachen und Sorgen der Kopf etwas ſchwer.“ „So, ſo, ſo!“ erwiderte Mrs. Boffin.„Kommt, kommt, kein Wort darüber, Betty. Es war ein Irr⸗ thum, es war ein Irrthum, den Jeder an Eurer Stelle hätte machen können, der gefühlt hätte, was Ihr fühlt.“ „Der Herr ſegne Sie!“ ſagte die alte Frau, ihre Hand ausſtreckend. „Jetzt hört, Betty,“ fuhr die liebe mitleidsvolle Seele fort, indem ſie die Hand liebereich in der ihrigen hielt, „was ich wirklich meinte, und was ich gleich hätte ſagen ſollen, wenn ich nur ein wenig klüger und geſchickter ge⸗ weſen wäre. Wir wünſchen Johnny nach einer Anſtalt zu bringen, wo nichts als Kinder ſind; eine Anſtalt, die ausdrücklich für kranke Kinder errichtet iſt; wo die guten Aerzte und Wärterinnen ihr Leben unter Kindern hin⸗ bringen, nur mit Kindern plaudern, nur Kinder anrühren und nur Kinder heilen und pflegen.“ „Giebt es wirklich eine ſolche Anſtalt?“ fragte die alte Frau mit einer Miene der Verwunderung. Unſer Johnny. Niemals für mich oder für dies Kind, ſo lange es Waſſer genug in England giebt, um ſf zu ſchließen!“ Die Angſt, die Scham, das wilde Grauſen und Widerſtreben, die das abgemagerte Geſicht entflammten und es vollkommen wüthend machten, würde ſchon bei einem einzigen Mitgeſchöpfe ein hinlänglich fürchterlicher Anblick geweſen ſein. Doch iſt derſelbe— Mylords und meine Herren des ehrenwerthen Ausſchuſſes— ziemlich häufig bei noch anderen Nebenmenſchen zu ſehen. „Es hat mich mein Lebelang verfolgt und gejagt, aber es ſoll weder mich noch die Meinigen lebendig in die Hände bekommen!“ rief die alte Betty.„Ich bin mit Euch fertig. Ich hätte lieber Fenſter und Thüren verſchloſſen und wäre lieber verhungert, ehe ich Euch ein⸗ gelaſſen, wenn ich gewußt, weshalb Ihr kämet!“ Doch da ſie Mrs. Boffin's wohlwollendes Geſicht er⸗ blickte, ward ſie erweicht. Sie kauerte an der Thür nieder und beugte ſich über das Kind hin, und ſagte de⸗ müthig:„Vielleicht hat meine Furcht mich zu einem Irrthum getrieben. Wenn dem ſo iſt, ſo ſagen Sie ich über unſeren Häuptern (Seite: 270.) „Ja, Betty, auf Ehre, und Ihr ſollt dieſelbe ſehen. Falls mein Haus ein beſſerer Ort für den lieben Knaben wäre, ſo würde ich ihn dorthin nehmen; aber gewiß, ge⸗ wiß, es iſt nicht der Fall.“ „Sie ſollen ihn mitnehmen,“ ſagte Betty, inbrünſtig die tröſtende Hand küſſend,„wohin Sie wollen, meine Liebe, Gute. Ich bin nicht ſo verhärtet, daß ich Ihrem Geſichte und Ihrer Stimme nicht zu vertrauen im Stande wäre, und ſo lange ich ſehen und hören kann, will ich Ihnen vertrauen.“ Als dieſer Sieg errungen, eilte Rokeſmith von dem⸗ ſelben Gebrauch zu machen, denn er ſah, daß bereits zu viel Zeit verloren worden. Er ſandte Sloppy aus, da⸗ mit er den Wagen wor die Thür brächte; ließ das Kind ſorgfältig einhüllen; hieß die alte Betty ihren Hut auf⸗ ſetzen; ſammelte die Spielſachen, indem er dem kleinen Bübchen verſtändlich machte, daß ſeine Schätze ihn be⸗ gleiten ſollten; und hatte Alles mit ſolcher Umſicht und Leichtigkeit gethan, daß ſie Alle völlig bereit waren, als der Wagen vorfuhr, und ſich eine Minute ſpäter wieder unterwegs befanden. Sloppy blieb allein zurück und Zimu einem ſonſt liegen Sime Arche geftell und z landes am Ke zuſchan der al Kinde das glied alle in kl ander den ſi Hunde lichkeit Bruſt Purzel der E A was! Bette zu wij Schwe 83 Dann ſamme Darau alle v beant gaben wort G J unvo einzel waſch und für ih nem k — fü und iß Umſtan Gerin wie die defi fähe ſehr h nicf ſpiel erhöh Kind 7 Boß, un guten hin⸗ ühren e die ſehen. Knaben 79 9. iß, ge rünſtig meine Ihrem Stande ill ich 273 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 274 erleichterte ſich die ſchwere Bruſt durch einen Paroxismus des Rollens. Im Kinderhospitale wurden das edele Roß, die Arche Noah's, der gelbe Vogel und der Offizier der Garde eben ſo freundlich aufgenommen, wie deren kleiner Beſitzer. Aber der Arzt ſagte bei Seite zu Rokeſmith: „Dies hätte ſchon vor mehreren Tagen geſchehen ſollen. Zu ſpät!“ Indeſſen wurden ſie Alle in ein friſches luftiges Zimmer hinaufgebracht, und dort erwachte Johnny aus einem Schlummer oder einer Ohnmacht, oder was es ſonſt ſein mochte, und ſah ſich in einem kleinen Bettchen liegen, und vor ſich über ſeiner Bruſt einen kleinen Sims, auf dem bereits, um ihm Muth einzuflößen, die Arche Noah's, das edele Roß und der gelbe Vogel auf⸗ geftellt waren, über welche der Gardeoffizier Wache hielt, und zwar eben ſo ſehr zur Zufriedenheit ſeines Vater⸗ landes, wie wenn er ſich auf der Parade befunden. Und am Kopfende hing ein colorirtes Bild, das herrlich an⸗ zuſchauen war, ſo zu ſagen, noch einen Johnny darſtellte, der auf dem Schooße eines Engels ſaß, welcher kleine Kinder liebte. Und, o, welch ein wunderſames Factum, das ſich ſeinen Blicken zeigte,— Johnny war ein Mit⸗ glied einer kleinen Familie von Kindern geworden, die alle ruhig in kleinen Bettchen lagen(außer zweien, die in kleinen Armſeſſelchen am Kamine Domino mit ein⸗ ander ſpielten): und auf all den kleinen Bettchen befan⸗ den ſich kleine Simſe, auf denen Puppenhäuſer, wollige Hunde mit mechaniſchem Gebelle, das keine geringe Aehn⸗ lichkeit mit der künſtlichen Stimme hatte, die in der Bruſt des gelben Vogels lebte, zinnerne Armeen, ſchwarze Purzelmännchen, hölzerne Theegeſchirre und die Schätze der Erde zu ſehen waren. Wie Johnny in ſeiner friedlichen Bewunderung Et⸗ was murmelte, fragten die pflegenden Frauen an ſeinem Bette ihn, was er ſagte. Es ſtellte ſich heraus, daß er zu wiſſen wünſchte, ob alle dieſe Kinder Brüder und Schweſtern von ihm ſeien. Sie ſagten ihm deshalb, Ja. Dann verlangte er zu wiſſen, ob Gott ſie dort alle zu⸗ ſammengebracht. Und ſie ſagten ihm abermals, Ja. Darauf verſtanden ſie, daß er zu wiſſen wünſchte, ob ſie alle von ihren Schmerzen befreit werden würden. Sie beantworteten dieſe Frage deshalb ebenfalls bejahend und gaben ihm zu verſtehen, daß er ſelbſt mit in dieſe Ant⸗ wort eingeſchloſſen ſei. 4 Johnny's Unterhaltungsgaben waren bisher noch ſo unvollkommen entwickelt— ſelbſt im geſunden Zuſtande —, daß dieſelben in der Krankheit durch wenig mehr als einzelne Sylben repräſentirt wurden. Aber er mußte ge⸗ waſchen und gepflegt werden und Medicin einnehmen, und obgleich alles Dies viel, viel zarter und geſchickter für ihn gethan wurde, als je ſonſt irgend Etwas in ſei⸗ nem kleinen Leben— das ſo rauh und ſo kurz geweſen — für ihn gethan worden, ſo würde es ihm weh gethan und ihn ermüdet haben, hätte nicht ein erſtaunlicher Umſtand ſeine Aufmerkſamkeit gefeſſelt. Dies war nichts Geringeres, als das Erſcheinen der ganzen Schöpfung, wie dieſe ſich paarweiſe nach ſeiner eigenen kleinen Arche verfügte: der Elephant voran und die Fliege, im Ge⸗ fühle ihrer Kleinheit, beſcheiden am äußerſten Ende. Ein ſehr kleiner Bruder, der mit einem gebrochenen Beine im nächſten Bettchen lag, war ſo entzückt über dieſes Schau⸗ ſpiel, daß ſein Jubel das Intereſſe an demſelben noch erhöhte; und ſo kam Ruhe und Schlaf. „Ich ſehe, Ihr fürchtet Euch nicht, das arme liebe Kind hier zu laſſen, Betty?“ flüſterte Mrs. Boffin. „Nein, Madame. Gar zu froh, gar zu dankbar— von ganzem Herzen und ganzer Seele will ich es hier laſſen.“ Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. Deshalb küßten ſie ihn und ließen ihn dort, und die alte Betty ſollte am folgenden Morgen früh wieder⸗ kommen, und Niemand, außer Rokeſmith, wußte, daß der Arzt geſagt hatte:„Dies hätte ſchon vor mehreren Ta⸗ gen geſchehen ſollen. Zu ſpät!“ 2 aber John Rokeſmith dies wußte und außerdem, daß es dem guten Weibe, welches das einzige Licht in der Kindheit des einſamen, jetzt verſtorbenen John Har⸗ mon geweſen, ſpäter einmal ein Troſt ſein werde, zu er⸗ fahren, daß er ſich daran erinnert, ſo beſchloß er, ſpät Abends noch einmal an das Bettchen von John Har⸗ mon's Namensbrüderchen zu gehen, um nachzuſehen, wie es ſich befinde. Die Geſchwiſter, welche Gott dort zuſammengebracht hatte, waren nicht alle eingeſchlafen, doch alle ſtille und ruhig. Ein leichter weiblicher Tritt und ein angenehmes friſches Geſicht ging in der Stille der Nacht von einem Bettchen zum andern. In dem milden Lichte hob ſich hier und dort ein Köpfchen von dem Kiſſen auf, um von dieſem Geſichte geküßt zu werden— denn dieſe kleinen Patienten ſind alle ſehr zärtlich— und ließ ſich dann gehorſam wieder zur Ruhe legen. Das kleine Weſen mit dem gebrochenen Beine war unruhig und ſtöhnte; nach einer Weile aber wandte es das Geſicht nach Johnny's Bettchen hin, um ſich durch den Anblick der Arche zu ſtärken, und ſchlief dann bald ein. Ueber den meiſten Betten ſtanden die Spielſachen noch ſo aufgeſtellt, wie die Kinder ſie gelaſſen hatten, als ſie ſich zum Schlafe niedergelegt, und in ihrer unſchuldigen Ungereimtheit hätten ſie wohl die Träume der Kinder darſtellen können. Der Arzt kam ebenfalls ins Zimmer, um nach Johnny zu ſehen. Und er und Rokeſmith ſtanden neben einander und ſchauten voll Mitleid auf den Kleinen hinab. „Was giebt's, Johnny?“ Rokeſmith that dieſe Frage und legte ſeinen Arm um das arme Kind, als dieſes eine Anſtrengung machte. „Ihm!“ ſagte der kleine Burſche.„Die dort!“ Der Arzt begriff Kinder ſehr ſchnell: er nahm das Pferd, die Arche, den gelben Vogel und den Gardelieute⸗ nant von Johnny's Bette auf und ſtellte ſie auf dem ſeines kleinen Nachbarn, des kleinen Weſens mit dem gebrochenen Beine, auf. Mit einem müden, doch dabei zufriedenen Lächeln und mit einer Bewegung, wie wenn er ſeinen kleinen Körper zur Ruhe ausſtreckte, bog das Kind ſich in dem unterſtützenden Arme über und ſagte, indem es Rokeſmith's Geſicht mit ſeinen Lippen ſuchte: „Ein Kuß für die ßöne Dame.“ Da er hiermit über ſeine ganze Hinterlaſſenſchaft verfügt und' alle ſeine Angelegenheiten in dieſer Welt geordnet, verließ Johnny dieſelbe mit dieſen Worten. Zehntes Capitel. Ein Nachſolger. Einige von Sr. Ehrwürden Mr. Frank Milvey's geiſtlichen Brüdern hatten ſich im Geiſte ſehr dadurch geängſtigt gefühlt, daß ſie die Todten zu hoffnungsvoll zu begraben genöthigt waren. Aber Se. Ehrwürden Mr. Frank, welcher ſich der Anſicht zuneigte, daß ſie unter— ſagen wir neununddreißig Punkten— leicht zwei bis drei andere finden könnten, die weit mehr ihr 18 Gewiſſen zu beunruhigen geeignet wären, falls ſie ſich eben ſo ängſtlich mit denſelben beſchäftigten, verhielt ſich ruhig. 9n der That, Se. Ehrwürden war än nachſichts⸗ voller Mann, welcher manche betrübende Irrthümer und Mißgriffe in dem Weinberge wahrnahm, in demner ar⸗ beitete, und keine übermäßige Weisheit aus denſe zu ſchöpfen behauptete. Er lernte nur ſo viel, daß er, je mehr er auf ſeine kleine menſchliche Weiſe wußte, um ſo beſſer eine entfernte Ahnung von dem hatte, was der Allwiſſende wiſſe. Deshalb würde Se. Ehrwürden Frank Milvey, falls er die Worte, die einigen ſeiner Brüder ſolche Unruhe verurſachten und unzählige Herzen auf das Vortheilhaf⸗ teſte gerührt hatten, zu leſen genöthigt geweſen, dies ſelbſt in einem ſchlimmeren Falle, als Johnny's, mit dem tiefen Mitleid und der ſanften Demuth ſeiner innerſten Seele gethan haben. Da er ſie über Johnny's kleiner Leiche las, dachte er an ſeine eigenen ſechs Kinder und nicht an ſeine Armuth, und las mit naſſen Augen. Und er und ſeine kleine Frau, die ihm zugehört hatte, ſchau⸗ ten ſehr ernſt in das kleine Grab hinab und gingen dann Arm in Arm heimwärts. In dem ariſtokratiſchen Wohnhauſe herrſchte Kummer, und Freude in der„Laube“. Mr. Wegg's Anſicht war die, daß, falls man eines Waiſenknaben bedürfe, ſo ſei er ſelbſt verwaiſt genug, und einen beſſeren könne man nicht verlangen. Und wozu daher auf die Brentforder Büſche klopfen und Waiſen ſuchen, die keine Art von Anſprüche und niemals Opfer gebracht haben, wenn doch hier ein Waiſenknabe völlig bereit ſteht, der für Euch Miß Eliſabeth, Maſter George, die Tante Jane und den Onkel Parker aufgegeben hat? Deshalb lachte Mr. Wegg ſich ins Fäuſtchen, als er die Nachricht vernahm. Ja, es ward ſpäter von einem Augenzeugen, der für jetzt ungenannt bleiben ſoll, ver⸗ ſichert, daß er in der Zurückgezogenheit der Laube, nach der Weiſe des Corps de Ballet, ſein hölzernes Bein ausſtreckte und mit dem ihm noch bleibenden echten Veine eine höhnende oder triumphirende Pirouette aus⸗ führte. John Rokeſmith's Benehmen gegen Mrs. Boffin war um dieſe Zeit eher das eines jungen Mannes gegen ſeine Mutter, als das eines Secretärs gegen die Gemahlin ſeines Prinzipals. Daſſelbe hatte ſich ſtets durch eine halb unterdrückte liebevolle Ehrfurcht ausgezeichnet, die bereits an dem Tage erwacht, an dem er ſeinen Dienſt angetreten hatte; was an ihrer Kleidung oder in ihrem Weſen immer ſeltſam erſcheinen mochte, hatte nichts Seltſames für ihn; er hatte zuweilen in ihrer Geſell⸗ ſchaft ein ſtill⸗beluſtigtes Geſicht gezeigt, doch hatte es ſtets den Anſchein, als ob das Vergnügen, das ihr liebe⸗ volles Gemüth und ihre glückliche Natur ihm verſchafften, eben ſo gut durch eine Thräne wie durch ein Lächeln ausgedrückt werden könnte. Die Vollkommenheit ſeiner Theilnahme an ihrer Idee, einen kleinen John Harmon zu haben, um ihn zu beſchützen und aufzuziehen, hatte ſich in jedem ſeiner Worte und in jeder ſeiner Handlun⸗ gen gezeigt, und jetzt, da ihr dieſe Hoffnung vereitelt worden, behandelte er dieſelbe mit einer männlichen Zärt⸗ lichkeit und einer Achtung, für die ſie ihm nicht genug zu danken wußte. „Aber ich danke Ihnen gewiß dafür, Mr. Rokeſmith,“ ſagte Mrs. Boffin,„und zwar von ganzem Herzen. Sie lieben kleine Kinder?“ „Ich hoffe, daß alle Leute dies thun.“. „Sie ſollten es wohl,“ ſagte Mrs. Boffin.„Aber wir thun nicht Alle immer das, was wir thun ſollten, wie?“ John Rokeſmith erwiderte:„Einige unter uns machen die Fehler der Uebrigen wieder gut. Sie haben kleine Kinder ſehr lieb gehabt, wie Mr. Boffin mir er⸗ zählt hat.“ „Nicht mehr, als er; doch das iſt ſeine Art: alles Gute ſchreibt er ſtets mir zu. Sie ſprechen faſt traurig, Mr. Rokeſmith.“ „Traurig?“ „So klingt es mir. Geſchwiſtern?“ Er ſchüttelte den Kopf. „Ein einziges Kind?“ „Nein, es war noch eins in der Familie, das längſt geſtorben.“ „Vater oder Mutter am Leben?“ „Beide todt.“ „Und Ihre übrigen Verwandten?“ „Todt— falls ich deren jemals hatte. Ich habe nie von Verwandten gehört.“ Hier kam Bella leichten Schrittes ins Zimmer. Sie zögerte einen Augenblick an der Thür, unſicher, ob ſie eintreten oder ſich zurückziehen ſollte, und ein wenig verwirrt, da ſie ſah, daß man ihrer nicht gewahr ge⸗ worden. „Jetzt laſſen Sie ſich nicht durch das, was eine alte Frau zu Ihnen ſagt, in Verlegenheit ſetzen,“ ſagte Mrs. Boffin,„und ſagen Sie mir, Mr. Rokeſmith, iſt es ganz gewiß, daß Sie nie eine unglückliche Liebe ge⸗ habt haben?“ „Ganz gewiß. Warum fragen Sie das?“ „Ei, aus dieſem Grunde. Sie haben zuweilen eine niedergedrückte Miene, die nicht zu Ihrem Alter gehört. Sie können noch nicht Dreißig ſein.“ „Ich bin noch nicht Dreißig.“ Da es ihr hohe Zeit ſchien, ihre Anweſenheit bekannt zu machen, ſo huſtete Bella hier, um Aufmerkſamkeit zu erregen, entſchuldigte ſich und ſagte, ſie wolle wieder gehen, da ſie ſie in ihren Geſchäftsangelegenheiten geſtört zu haben fürchte. „Nein, gehen Sie nicht,“ erwiderte Mrs. Boffin, „denn wir kommen erſt zu den Geſchäften, anſtatt die⸗ ſelben angefangen zu haben, und Sie haben jetzt eben ſo viel Antheil an denſelben, wie ich ſelber, meine liebe Bella. Aber ich bedarf meines Noddy zu der Berathung. Will Jemand die Güte haben, mir meinen Noddy zu holen?“ Rokeſmith ging, um dieſen Wunſch zu erfüllen, und kehste bald mit Mr. Boffin zurück, der ihn in ſeinem gewohnten Hundetrabe begleitete. Bella fühlte einige unbeſtimmte Beſorgniß über den Gegenſtand dieſer Be⸗ rathung, bis Mrs. Boffin denſelben verkündete. „Jetzt kommen Sie und ſetzen Sie ſich hier zu mir, meine Liebe,“ ſagte die würdige Seele, indem ſie Bella's Arm durch den ihrigen zog und ſich gemüthlich auf ein großes Sopha in der Mitte des Zimmers niederließ; „und Du, Noddy, ſetze Dich hierher und Mr. Rokeſmith dort. Jetzt will ich Euch ſagen, worüber ich mit Euch zu ſprechen wünſche. Mr. und Mrs. Milvey haben mir den freundlichſten Brief von der Welt geſchrieben(den Mr. Rokeſmith, da ich mich nicht gut auf Geſchriebenes verſtehe, mir ſo eben vorgeleſen hat), in welchem ſie ſich erbieten, mir wieder ein kleines Waiſenkind zu ſuchen, dem ich den lieben Namen und eine Erziehung geben kann. Nun, dies hat mich überlegen gemacht.“ („Und darin iſt ſie eine wahre Dampflocomotive,“ murmelte Mr. Bofſin in bewundernder Parentheſe,„wenn ſie einmal anfängt. Es mag nicht ſehr leicht ſein, ſie in den Gang zu bringen, aber, wenn ſie einmal im Waren Sie eins von vielen Gange 4./ darin. vidderl plimen an Zw ber erwecke in denſel wieder 715 Seerel dürfte 4/ Rokeſu es knüj an dene iſt es armen Kind daß ic anderes uir ſei ich nich geben. ſehr we rufen, wie lieber ſachen was i Vella, was v Harmo meinen daß in Harmon Harmon gegnet ide uch dieſer die S kannt it zu jeder ſtört pffin, die⸗ eben liebe hung. 9 zu und ſeinem eeinige Be⸗ mir, ell 7 6 fein ließ; mith Euch li mir (den lebenes lie ſich geben tibe, „wenn iin, fie al im 277 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 278 ſuchen, Gange iſt, dann iſt ſie eine wahre Dampflocomotive darin.“) „— Dies, ſage ich, hat mich überlegen gemacht,“ wiederholte Mrs. Boffin unter dem Einfluſſe dieſes Com⸗ plimentes von ihrem Gatten ſtrahlend,„und ich habe an Zweierlei gedacht. Erſtens bin ich ſchwankend dar⸗ über geworden, ob ich John Harmon's Namen wieder erwecken ſoll. Es iſt ein unglückbringender Name, und ich glaube, ich würde mir Vorwürfe machen, wenn ich denſelben noch einem lieben Kinde gäbe, und es dieſem wieder Unglück brächte.“ „Ob man,“ ſagte Mr. Boffin ernſt, indem er an den Secretär appellirte,„dies wohl einen Aberglauben nennen dürfte?“ „Es iſt eine Gefühlsſache bei Mrs. Boffin,“ ſagte Rokeſmith ſanft.„Der Name war ſtets unglücklich, und es knüpft ſich jetzt noch dieſe neue traurige Aſſociation an denſelben. Der Name iſt ausgeſtorben. Wozu ihn wieder ins Leben rufen? Darf ich fragen, wie Miß Wilfer darüber denkt?“ „Es iſt kein glückbringender Name für mich geweſen,“ ſagte Bella erröthend,„oder wenigſtens nicht, bis er zu meinem Hierherkommen Veranlaſſung ward— doch das iſt es nicht, was ich dabei im Auge habe. Da wir jenem armen Kinde den Namen gegeben hatten, und das arme Kind eine ſolche Zuneigung zu mir faßte, glaube ich, daß ich eine gewiſſe Eiferſucht fühlen würde, wenn ein anderes Kind denſelben erhielte. Ich glaube, es würde mir ſein, als ob der Name mir theuer geworden, und ich nicht das Recht hätte, ihn in dieſer Weiſe zu ver⸗ eben.“ 3„Und iſt dies Ihre Anſicht?“ bemerkte Mr. Boffin, das Geſicht des Secretärs beobachtend, zu dieſem ge⸗ wendet. „Ich wiederhole, daß es eine Gefühlsſache iſt,“ er⸗ widerte der Secretär.„Ich finde Miß Wilfer's Gefühl ſehr weiblich und ſehr hübſch.“ „Jetzt gieb uns Deine Anſicht, Noddy,“ ſagte Mrs. Boffin. „Meine Anſicht, alte Dame,“ entgegnete der goldene Kehrichtmann,„iſt Deine Anſicht.“ „Dann,“ ſagte Mrs. Boffin,„ſind wir uns darüber einig, John Harmon's Namen nicht wieder ins Leben zu rufen, ſondern ihn im Grabe ruhen zu laſſen. Es iſt, wie Mr. Rokeſmith ſagt, eine Gefühlsſache, aber, du lieber Himmel, wie viele Sachen ſind nicht blos Gefühls⸗ ſachen! Nun gut, dann komme ich zu dem Zweiten, was ich gedacht habe. Sie müſſen wiſſen, meine liebe Bella, und Sie, Mr. Rokeſmith, daß, als ich zuerſt et⸗ was von meinem Wunſche, zur Erinnerung an John Harmon einen kleinen Waiſenknaben anzunehmen, gegen meinen Mann erwähnte, ich ferner gegen ihn bemerkte, daß in dem Gedanken, daß der arme Knabe aus John Harmon's eigenem Gelde Nutzen ziehen und gegen John Harmon's Verlaſſenheit geſchützt ſein würde, ein großer Troſt für mich läge.“ „Hört, hört!“ rief Mr. Boffin.„Das ſagte ſie aller⸗ dings. Da Capor!“ „Nein, nicht Da Capor, mein lieber Noddy,“ ent⸗ gegnete Mrs. Boffin,„denn ich beabſichtige, jetzt etwas Anderes zu ſagen. Das meinte ich, das verſichere ich Euch, eben ſo ſehr, wie ich es noch jetzt meine. Doch dieſer kleine Todesfall hat mir die ernſtliche Frage vor die Seele gebracht, ob mir nicht am meiſten daran ge⸗ legen war, mir ſelber Vergnügen zu machen. Warum ſuchte ich wohl ſonſt ſo ſehr nach einem hübſchen Kinde, und nach einem Kinde, das mir beſonders gefiele? Falls ich ein gutes Werk zu thun wünſchte, warum that ich es da nicht um des Werkes ſelber willen, und ließ meinen eigenen Geſchmack ganz bei Seite?“— .„Vielleicht,“ ſagte Bella; und ſie ſagte dies vielleicht mit einer kleinen Empfindſamkeit, die in ihrer alten eigenthümlichen Beziehung zu dem Ermordeten ihren Urſprung hatte;„— vielleicht wollten Sie, indem Sie den Namen wieder ins Leben riefen, denſelben nicht gern einem weniger intereſſanten Kinde geben, als das Ori⸗ ginal geweſen. Er flößte Ihnen große Theilnahme ein.“ „Nun, meine Liebe,“ erwiderte Mrs. Boffin, ſie an ſich drückend,„es iſt ſehr freundlich von Ihnen, dieſen Grund für mich zu erſinnen, und ich hoffe, es möge der Fall geweſen ſein, und bis zu einem gewiſſen Grade glaube ich, daß es der Fall war, doch, ich fürchte, nicht ausſchließlich. Indeſſen, darum handelt es ſich jetzt nicht, denn mit dem Namen ſind wir fertig.“ „Wir haben ihn als eine Erinnerung bei Seite ge⸗ legt,“ ſagte Bella ſinnend. „Das iſt viel beſſer geſagt, meine Liebe; wir haben ihn als eine Erinnerung bei Seite gelegt. Nun gut: ich habe alſo gedacht— falls ich irgend ein Waiſenkind annehme, um es zu verſorgen, ſo ſoll es nicht etwa ein Schooßkindchen und Spielzeug für mich, ſondern ein Weſen ſein, dem um ſeiner ſelbſt willen geholfen wird.“ „Alſo nicht hübſch?“ ſagte Bella. „Nein,“ erwiderte Mrs. Boffin entſchloſſen. „Auch nicht einnehmend,“ ſagte Bella. „Nein,“ antwortete Mrs. Boffin.„Nicht nothwen⸗ digerweiſe einnehmend. Das mag ſein, wie es ſich eben trifft. Es kommt mir ein braver Knabe in den Weg, der ſogar dieſer Vortheile zum Fortkommen in der Welt ein wenig ermangeln mag, der aber ehrlich und fleißig iſt, der einer hülfreichen Hand bedarf und dieſelbe ver⸗ dient. Falls ich es wirklich ernſtlich meine und völlig entſchloſſen bin, unſelbſtſüchtig zu handeln, ſo laßt mich ihn annehmen.“ Hier erſchien der Diener, deſſen Gefühle das vorige Mal verletzt geweſen; er ging zu Rokeſmith heran und meldete in ſich entſchuldigendem Tone den beleidigenden Sloppy. Die vier Mitglieder der Rathsſitzung ſchauten ein⸗ ander an und machten eine Pauſe. „Soll er hereingeführt werden, Madame?“ fragte Rokeſmith. „Ja,“ ſagte Mrs. Boffin. Worauf der Diener ver⸗ ſchwand, mit Sloppy zurückkehrte und ſich mit tiefem Abſcheu zurückzog. Mrs. Boffin's Güte hatte Sloppy in einen ſchwar⸗ zen Anzug gekleidet, über den der Schneider von Roke⸗ ſmith ſelbſt Inſtructionen erhalten, damit er ſeine äußerſte Schlauheit aufwandte, um die zuſammenhaltenden Knöpfe zu verſtecken. Doch waren die Schwächen in Sloppy's Geſtalt ſo viel mächtiger, als die gewaltigſten Hülfs⸗ quellen der Schneiderkunſt, daß er jetzt, in Bezug auf Knöpfe, als ein wahrer Argus vor der Rathsverſamm⸗ lung daſtand: indem er aus hundert blanken metallenen Augen die geblendeten Beſchauer anglänzte, anblitzte und anfunkelte. Der künſtleriſche Geſchmack eines unbekannten Hutmachers hatte ſeinen Hut mit einem en gros-Trauer⸗ flor geſchmückt, der von dem Deckel bis zum Rande reichte und hinten in einer ſchwarzen Schleife endete, vor der die Phantaſie erbebte und welche die Vernunft empörte. Eine beſondere Gabe ſeiner Beine hatte ſeine glänzenden Beinkleider bereits an den Knöcheln empor⸗ geſchoben und mit Knieſäcken verſehen, während daſſelbe Talent an den Armen die Aermel am Handgelenk hin⸗ aufgezogen und in dichten Falten an den Elbogen ange⸗ häuft hatte. Und ſo angethan, und ferner durch † 18* ¹ 1 — ͦ—— ſehr kurze Rockſchöße und einen gähnenden Abgrund zwi⸗ ſchen ſeinen Gürteln verſchönert, offenbarte ſich Sloppy. „Und wie befindet Betty ſich, mein guter Junge?“ fragte Mrs. Boffin. „Danke Madame,“ ſagte Sloppy,„ſie befindet ſich ziemlich wohl und läßt ſich Ihnen unterthänigſt empfeh⸗ len und beſten Dank für den Thee und alle Gefällig⸗ keiten, und läßt ſich nach der Geſundheit der ganzen Familie erkundigen.“ „Biſt Du ſo eben erſt gekommen, Sloppy?“ „Ja, Madame.“ „Dann haſt Du noch nicht zu Mittag gegeſſen?“ „Nein, Madame. Aber ich beabſichtige es; denn ich habe Ihre gütigen Befehle nicht vergeſſen, daß ich nie ohne ein gutes Gericht Fleiſch und Bier und Pudding wieder fortgehen ſollte— nein: es waren vier, denn ich zählte ſie zuſammen, wie ich ſie aß: Fleiſch, eins, Bier, zwei, Gemüſe, drei, und welches war das vierte?— Ei, der Pudding, der war der vierte!“ Hier warf Sloppy den Kopf zurück, öffnete den Mund weit und lachte hoch entzückt. A „Wie geht's den beiden armen kleinen Kleinkindern?“ fragte Mrs. Boffin.. „Sie ſind bei ihnen herausgeſchlagen, Madame, und ſie erholen ſich hübſch.“ Mrs. Boffin ſchaute die andern drei Rathsmitglieder an und ſagte dann, mit dem Finger winkend: „Sloppy.“ „Ja, Madame.“ „Komm her, Sloppy. hier zu Mittag eſſen?“ „Von allen vieren, Madame? O, Madame!“ Sloppy's Gefühle nöthigten ihn, ſeinen Hut zu drücken, und das eine Bein am Knie einzubiegen. „Ja. Und möchteſt Du wohl immer hier verſorgt werden, ſo lange Du fleißig und brav wärſt und es verdienteſt?“ „O, Madame!— Aber da iſt Mrs. Higden,“ ſagte Sloppy, ſeinem Entzücken Zügel anlegend, indem er zu⸗ rücktrat und mit ſehr ernſter Bedeutung den Kopf ſchüt⸗ telte.„Da iſt Mrs. Higden. Mrs. Higden kommt zu⸗ erſt. Es kann niemals beſſere Freunde für mich geben, als Mrs. Higden für mich war. Und es muß für Mrs. Higden gerollt werden. Was würde wohl aus Mrs. Higden werden, wenn nicht für ſie gerollt würde!“ Bei dem bloßen Gedanken an Mrs. Higden in dieſem un⸗ ſäglichen Mißgeſchick erblaßte Mr. Sloppy und ſein Ge⸗ ſicht verrieth die betrübendſte Gemüthsbewegung. „Du haſt vollkommen recht, Sloppy,“ ſagte Mrs. Boffin,„und es ſei ferne von mir, Dir das Gegentheil zu ſagen. Es ſoll danach geſehen werden. Falls deſſen ungeachtet für Betty Higden gerollt werden kann, ſo ſollſt Du hierher kommen und Dein Lebelang verſorgt und in Möchteſt Du wohl jeden Tag den Stand geſetzt werden, ſie auf eine andere Weiſe, als durch's Rollen zu erhalten.“ „Selbſt was das betrifft, Madame,“ erwiderte der entzückte Sloppy,„ſo könnte das Rollen in der Nacht gethan werden, ſehen Sie wohl? Ich könnte am Tage hier ſein und Nachts rollen. Ich bedarf keines Schlafs, ich nicht. Oder ſelbſt wenn ich einmal eines bischen Schlafs bedürfen ſollte,“ fügte Sloppy nach einem kurzen abbittenden Nachſinnen hinzu,„ſo könnte ich ihn beim Rollen haben. Ich habe oft beim Rollen geſchlafen, und mich wunderbar dadurch erquickt gefühlt!“ In dem dankbaren Drange des Augenblicks küßte Sloppy Mrs. Boffin's Hand; dann machte er ſich von dieſem guten Weſen los, um Raum für ſeine Gefühle zu haben, warf den Kopf zurück, öffnete den Mund weit Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 280 und ſtieß ein trübſeliges Geheul aus. Dies machte ſei⸗ nem Herzen alle Ehre, gab jedoch zu der Befürchtung Veranlaſſung, daß er den Nachbarn unangenehm werden könne: um ſo mehr, als der Diener hereinkam und, da er ſah, daß er nicht gerufen, um Vergebung bat, und ſich damit entſchuldigte, daß er geglaubt,„es ſeien die Katzen.“ Elftes Capitel. Yerzensangelegenheiten. Die kleine Miß Peecher hielt von ihrer kleinen offi⸗ ciellen Wohnung aus, welche kleine Fenſter wie Nadel⸗ öhren und kleine Thüren wie Schulbücherdeckel hatte, ſcharfe Wache über den Gegenſtand ihrer ſtillen Zunei⸗ gung. Obgleich gemeiniglich von der Liebe behauptet wird, ſie ſei mit Blindheit geſchlagen, ſo iſt ſie doch ein wachſamer Wächter, und Miß Peecher ließ ſie in Bezug auf Mr. Bradley Headſtone doppelten Dienſt thun. Nicht etwa, daß ſie von Natur zum Spioniren geneigt, oder irgendwie intriguant oder niedrig geſinnt geweſen, — aber ſie liebte den unempfänglichen Bradley mit dem ganzen primitiven einfachen Vorrathe von Zärtlichkeit, der weder durch Examen noch Zeugniſſe in ihr zu ver⸗ nichten geweſen. Falls ihre kleine Schiefertafel die ver⸗ borgenen Eigenſchaften gleichempfindenden Papiers und ihr Griffel die von unſichtbarer Tinte beſeſſen, ſo würde unter dem erwärmenden Einfluſſe von Miß Peecher's zärtlicher Bruſt während der Schulſtunden ſich manche kleine Abhandlung durch die trockenen Rechenexempel hin⸗ durch gedrängt haben, welche die Schülerinnen in Erſtau⸗ nen zu ſetzen geeignet geweſen. Denn oft, wenn die Schulſtunden vorüber waren, und Miß Peecher ſich in ihrem ſtillen kleinen Hauſe ihrer ruhigen Muße hingeben durfte, pflegte ſie der verſchwiegenen Tafel aus ihrer Phantaſie geſchöpfte Schilderungen anzuvertrauen, wie um die Stunde des Zwielichts an einem lauen Sommer⸗ abende zwei Geſtalten auf dem Gemüſegarten⸗Raſen um die Ecke wandelten, deren eine, eine männliche Geſtalt, ſich zu der andern, einer weiblichen Geſtalt, die klein und von einiger Compactheit, niederbeugte und mit leiſer Stimme die Worte hauchte:„Emma⸗Peecher, willſt Du die Meine werden?“ worauf das Haupt der weiblichen Geſtalt an die Schulter der männlichen Geſtalt ſank und die Nachtigallen ihr Lied anſtimmten. Und obgleich von den Schülerinnen ungeſehen und ungeahnt, drang Bradley Heaͤdſtone ſelbſt bis in die Schulübungen. Handelte es ſich um Geographie,— ſo kam er triumphirend, der Lava voraus, aus dem Veſuv oder Aetna geflogen und kochte unverletzt in den heißen Quellen von Island, und ſtrömte majeſtätiſch den Ganges und den Nil hinab. Erzählte die Geſchichte von einem Könige unter den Menſchen,— dort ſtand er in Pfeffer⸗ und Salz⸗ Pantalons, mit der Uhrkette um den Nacken. Wurde Schönſchreiben geübt— ſo zeigten ſich die meiſten Schülerinnen unter Miß Peecher's Autorität in großen B⸗en und H⸗en allen übrigen Buchſtaben des Alphabets um ein halbes Jahr voraus. Und das Kopfrechnen war unter Miß Peecher's Adminiſtration oft der Aufgabe ge⸗ widmet, Mr. Bradley Headſtone mit einer fabelhaften Garderobe zu verſehen:— zweiundachtzig Halscravatten zu zwei Schillingen und Neunpence, zwei Groß ſilberne Uhren zu vier Pfund fünfzehn Schillingen und Sechs⸗ pence, vierundſiebenzig ſchwarze Hüte zu achtzehn Schil⸗ lingen; und viele ähnliche Ueberflüſſigkeiten. b kam- Argw. Allm G I einem „wie mit il ſagte: kürzun genan Anne? unterh 4/ dies off⸗ adel⸗ atte, nnei⸗ ptet hein dezug thun. neigt, veſen, dem chkeit, ver⸗ ver⸗ und vürde chers aanche hin⸗ frſtau⸗ uin die ſich in geben ihrer „wie ſmmer⸗ ſen um heſtalt, klein t leiſer llſt Du blichen k und ich von. radlen elte es d, der een und und hinab. —t den Salz⸗ Wurde meiſten großen phabets en wal abe ge⸗ ſelhaften gbatten filberne Sech Schil⸗ 281 Der wachſame Wächter, der ſeine täglichen Gelegen⸗ heiten, ſeine Blicke in Bradley's Richtung zu werfen, wohl benutzte, unterrichtete Miß Peecher bald, daß Bradley zerſtreuter als gewöhnlich und mehr zum Umherwandern mit abwärts blinkendem und verſchloſſenem Antlitz ge⸗ neigt ſei, wie wenn er im Geiſte mit einer Schwierig⸗ keit beſchäftigt, die nicht auf dem Stundenplan ſtehe. Indem er Dieſes und Jenes zuſammenthat— wobei unter die Rubrik„Dieſes“ der gegenwärtige Anſchein und die Vertraulichkeit mit Charley Hexam, und unter die Rubrik„Jenes“ der Beſuch bei deſſen Schweſter kam— theilte der Wächter Miß Peecher ſeinen ſtarken Argwohn mit, daß die Schweſter die Urſache von Allem ſei. „Ich möchte wiſſen,“ ſagte Miß Peecher, als ſie an einem halben Feiertage ihren Wochenbericht aufſetzte, „wie Hexam's Schweſter heißt.“ Mary Anne, welche zugegen und eifrig bei ihrer Handarbeit war, hielt den Arm empor. „Nun, Mary Anne?“ „Sie heißt Lizzie, Madame.“ „Sie kann kaum Lizzie heißen, wie ich mir denke, Mary Anne,“ erwiderte Miß Peecher mit wohlklingend belehrender Stimme.„Iſt Lizzie ein Taufname, Mary Anne?“ Mary Anne legte ihre Arbeit nieder, ſtand auf, hakte ſich hinter ſich zuſammen, wie unter Examen ſtehend, und erwiderte:„Nein, es iſt eine Abkürzung, Miß Peecher.“ „Wer gab ihr dieſen Namen?“ fuhr Miß Peecher aus reiner Macht der Gewohnheit fort, uuterbrach ſich jedoch, als ſie Mary Anne mit theologiſcher Ungeduld mit ihren„Pathen und Taufzeugen“ bereit ſah, und ſagte:„Ich meine, von welchem Namen iſt es eine Ab⸗ kürzung?“ „Eliſabeth oder Eliſa, Miß Peecher.“ „Ganz recht, Mary Anne. Ob es in der früheſten chriſtlichen Kirche Lizzie's gab, iſt ſehr zweifelhaft, ſehr wiifr haſtg⸗ Miß Peecher war hier außerordentlich weiſe. ſo müſſen wir ſagen, daß Hexam's Schweſter Lizzie genannt wird, und nicht, daß ſie ſo heißt, wie, Mary Anne?“ „Ja, Miß Peecher.“”“ „Und wo,“ fuhr Miß Peecher, ſich in der durchſich⸗ tigen kleinen Verſtellung, als leite ſie die Unterſuchung in halb officieller Weiſe zu Mary Anne's Beſtem, nicht zum ihrigen, wohlgefallend fort,„wo mag dieſe junge Perſon, welche Lizzie genannt wird, doch nicht ſo heißt, wohl wohnen? Jetzt denke nach, ehe Du antworteſt.“ „In der Kirchenſtraße, Smith Square, bei Mill Bank, Madame.“ „In der Kirchenſtraße, Smith Square, bei Mill Bank,“ wiederholte Miß Peecher, wie wenn ſie im Voraus in Beſitz des Buches geweſen, in dem dies geſchrieben ſtehe. „Ganz recht. Und welche Beſchäftigung hat dieſe junge Perſon, Mary Anne? Laſſe Dir Zeit.“ „Sie nimmt einen Vertrauenspoſten bei einem en gros-Schneider in der City ein, Madame.“ „Oh;“ ſagte Miß Peecher, die Antwort überlegend, fügte dann aber in beſtätigendem Tone hinzu:„Bei einem en gros-Schneider in der City. Ja-wohl?“ „Und Charley—“ war Mary Anne fortzufahren im Begriff, als ein erſtaunter Blick von Miß Peecher ſie unterbrach. „Ich wollte Hexam ſagen, Miß Peecher,“ „ Das ſollt' ich meinen, Mary Anne. Es freut mich, dies zu hören. Alſo Hexam— 2“ „Wenn wir uns alſo richtig ausdrücken wollen, „Du haſt ſehr gut geantwortet, Mary Anne. Du nimmſt die vortreffliche Gewohnheit an, Deine Gedanken klar zu ordnen. Das genügt.“ Die discrete Mary Anne kehrte zu ihrem Platze und ihrem Schweigen zurück, und nähte und nähte und war eifrig mit Nähen beſchäftigt, als der Schatten des Schulmeiſters vor ihm hereinkam und meldete, daß dieſer in der nächſten Secunde erwartet werden dürfe. „Guten Abend, Miß Peecher,“ ſagte er, dem Schat⸗ ten folgend und deſſen Stelle einnehmend. „Guten Abend, Mr. Headſtone. Mary Anne, einen Stuhl.“ „Danke,“ ſagte Bradley, indem er ſich in ſeiner ſtei⸗ fen gezwungenen Weiſe ſetzte.„Es iſt dies nur ein flüchtiger Beſuch. Ich bin nur im Vorübergehen her⸗ eingekommen, um Sie um eine nachbarliche Freundlichkeit zu erſuchen.“ „Sagten Sie, im Vorübergehen, Mr. Headſtone?“ fragte Miß Peecher. „Auf meinem Wege nach— wo ich hinzugehen im Begriff bin.“ „Kirchenſtraße, Smith Square, wiederholte Miß Peecher innerlich. „Charley Hexam iſt ausgegangen, um ſich ein paar Bücher zu holen, und wird wahrſcheinlich vor mir wieder heimkehren. Da auf dieſe Weiſe Niemand im Hauſe bleibt, nahm ich mir die Freiheit, ihm zu ſagen, daß ich den Schlüſſel bei Ihnen zurücklaſſen wolle. Wollen Sie mir dies gütigſt erlauben?“ „Gewiß, Mr. Headſtone. Sie gehen vermuthlich, einen Abendſpaziergang zu machen, wie, Sir?“ „Es iſt theils ein Spaziergang, theils— in Ge⸗ ſchäftsangelegenheiten.“ „Geſchäftsangelegenheiten in der Kirchenſtraße, Smith Square, bei Mill Bank,“ wiederholte Miß Peecher bei ſich. „Und damit,“ fuhr Bradley fort, indem er den Thür⸗ ſchlüſſel auf den Tiſch legte,„muß ich bereits gehen. Kann ich keinen Auftrag für Sie ausrichten?“ „Danke, Mr. Headſtone. In welche Richtung gehen Sie?“ „In die Richtung von Weſtminſter.“ „Mill Bank,“ wiederholte Miß Peecher abermals für ſich.„Nein, danke, Mr. Headſtone; ich will Sie nicht bemühen.“. „Sie könnten mir keine Mühe verurſachen,“ ſagte der Schulmeiſter. „Oh!“ erwiderte Miß Peecher, obwohl nicht laut; „aber Du kannſt mir wohl Sorge verurſachen!“ Und ungeachtet ihres ruhigen Weſens und ruhigen Lächelns war ſie voll Sorge, wie er von dannen ging. Sie hatte in Bezug auf ſeinen Beſtimmungsort recht gehabt. Er ging ſo geradewegs, wie die Weisheit ſei⸗ ner Vorfahren, wie dieſe ſich in der Conſtruction der da⸗ zwiſchen liegenden Straßen zu erkennen gab, es ihm ge⸗ ſtattete nach dem Hauſe der Puppenſchneiderin, indem er mit geſenktem Haupte, das an einer einzigen fixen Idee zu hämmern fortfuhr, dahinſchritt. Es war dies eine unbewegliche Idee geweſen, ſeitdem er ſie zum erſtenmale erblickt. Es ſchien ihm, daß er Alles, was er in ſich zu unterdrücken im Stande, unterdrückt habe, daß er Alles, was er in ſich zu bezwingen vermöge, bezwungen bei Mill Bank,“ OAᷣͥ——Q—:::nx n ůönͤ— — ————— ͤͤ1ͤͤ—— 5 283 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 284 3“— 5 8 zll geſt habe, und der Augenblick war gekommen— plötzlich, Rücken befeſtigt— und ſchaute dann von dieſer wieder hein mit Blitzesſchnelle— wo alle Macht der Selbſtbeherr⸗ zu ihr. anwertra ſchung ihn verlaſſen. Liebe beim erſten Erblicken iſt eine„Ich ſtelle die ehrenwerthe Frau Wahrheit auf r abgedroſchene Redensart, über die bereits genug geſagt meine Bank, in dieſe Ecke an die Wand, wo ihre blauen„3ch worden; es genüge, daß in gewiſſen heimlich glühenden Augen Sie anglänzen können,“ fuhr Miß Wren fort, abermal Naturen, gleich der dieſes Mannes, die Leidenſchaft zu indem ſie that, wie ſie ſagte, und zweimal mit der Na— fekzuha einer hellen Flamme auflodert, und um ſich greift, wie del in die Luft ſtieß, wie wenn ſie ihn mit der Nadel war, a ein Feuer vor der Wuth des Windes, wenn andere Lei⸗ in die Augen ſtäche;„und ich fordere Sie heraus, mir, daß es denſchaften, von ſolcher Obergewalt frei, gefeſſelt werden in Gegenwart von Frau W. als Zeugin, zu ſagen, zu ben ei könnten. Eben wie die Menge ſchwacher, nachahmender welchem Zwecke Sie hierher gekommen ſind.“ Ihre 3 Naturen ſtets bereit und auf der Lauer liegt, um über„Um Hexam's Schweſter zu ſehen.“ und J die nächſte verkehrte Idee den Verſtand zu verlieren—„Was Sie ſagen!“ entgegnete Miß Wren das Kinn der Na in unſerer Zeit meiſtens über irgend eine Huldigungs⸗ einzuckend.„Aber weſſenthalben?“ Er form für Jemanden wegen Etwas, das nie gethan wor⸗„Um ihrer ſelbſt willen.“ Namen den, oder, falls es gethan, von jemand Anderem gethan„O, Frau W.!“ rief Miß Wren aus.„Hören Sie der, wie worden— ebenſo liegen dieſe weniger gewöhnlichen Na⸗ ihn wohl!“ Da turen oft jahrelang da, bereit, bei einer einzigen Berüh⸗„Um ihr,“ fuhr Bradley, halb auf das, was gegen⸗ war er rung in Flammen auszubrechen. wärtig, eingehend, und halb zornig auf das, was abwe⸗ mwit neu Der Schulmeiſter ging ſinnend und brütend ſeines ſend war,„um ihrer ſelbſt willen Vorſtellungen zu machen.“ 3h Wegs dahin, und man hätte ein Bewußtſein der Nieder⸗„O, Frau W.!“ rief die Schneiderin. digſlde lage aus ſeinem gequälten Geſichte zuſammenſtückeln„Um ihrer ſelbſt willen,“ wiederholte Bradley warm Tunt können. Wahrlich es lag eine unwillige Scham in ſei⸗ werdend,„und um ihres Bruders willen, und als eine. ner Bruſt, ſich von dieſer Leidenſchaft„für Charley völlig unbetheiligte Perſon.“ denn il Hexam's Schweſter überwältigt zu ſehen, obgleich er in„Wirklich, Frau W., da es hierhin gekommen,“ ſagte wufin demſelben Augenblick ſeinen ganzen Willen darauf con⸗ die Puppenſchneiderin,„müſſen wir Sie entſchieden mit u G centrirte, dieſe Leidenſchaft zu einem glücklichen Ausgange dem Geſichte nach der Wand wenden.“ Sie hatte dies aber d zu bringen. kaum gethan, als Lizzie Hexam anlangte und einige mer 3 Er erſchien vor der Puppenſchneiderin, die allein bei Ueberraſchung zu erkennen gab, als ſie Bradley Headſtone Binn ihrer Arbeit ſaß.„Oho!“ dachte dieſe ſchlaue junge dort und Jenny hart vor ihren Augen ihre kleine Fauſt a 8. Perſon,„alſo Du biſt's, wie? Ich kenne Deine Streiche gegen ihn ſchütteln und die ehrenwerthe Frau W. mit z. Ne und Deine Manieren, mein Freund!“ dem Geſicht an der Wand ſtehen ſah. 73d „Hexam's Schweſter,“ ſagte Bradley Headſtone,„iſt„Hier iſt eine völlig unbetheiligte Perſon, liebſte urrüſig noch nicht heimgekommen?“ Lizzie,“ ſagte die pfiffige Miß Wren,„die um Deiner V wiſſer „Sie ſind ein wahrer Hexenmeiſter,“ erwiderte Miß ſelbſt und Deines Bruders willen mit Dir zu ſprechen geruht Wren. hergekommen. Denke nur! Bei einer ſo außerordentlich vfi Ip „Ich will warten, wenn Sie es mir erlauben wollen, gütigen und ernſten Ermahnung muß keine dritte Perſon Mine⸗ denn ich wünſche, mit ihr zu ſprechen.“ zugegen ſein; und wenn Du der dritten Perſon daher Gs würe „So?“ entgegnete Miß Wren.„Setzen Sie ſich. hinauf helfen willſt, meine Liebe, ſo will die dritte Per⸗ es würde Ich hoffe, der Wunſch iſt gegenſeitig.“ ſon ſich zurückziehen.“. Bradley ſchaute argwöhniſch auf das ſchlaue Geſicht, Lizzie faßte die Hand, welche die Puppenſchneiderin das wieder über die Arbeit hingebeugt war, und ſagte, nach ihr ausſtreckte, um ſich von ihr forthelfen zu laſſen, Ich indem er Zweifel und Zögerung zu überwinden verſuchte: ſchaute ſie jedoch, ohne irgend eine Bewegung zu machen, meiden, „Ich hoffe, Sie wollen damit nicht andeuten, daß nur mit einem fragenden Lächeln an. 1 Er mein Beſuch Hexam's Schweſter unangenehm ſein wird?“„Die dritte Perſon humpelt ſchrecklich, wie Du weißt, gelangt „Da! Nennen Sie ſie nicht ſo. Ich kann's nicht wenn ſie ſich auf ſich ſelbſt zu verlaſſen hat,“ ſagte Miß keit und leiden, ſie ſo nennen zu hören,“ erwiderte Miß Wren Wren,„weil ihr Rücken ſo ſchwach und ihre Beine ſo mit eine mit einer förmlichen Salve von ungeduldigen Finger⸗ ſchief ſind; ſie kann ſich nicht auf anmuthige Weiſe zu⸗ V und ein rückziehen, wenn Du ihr nicht behülflich biſt, Lizzie.“ „Sie kann nichts Beſſeres thun, als bleiben, wo ſie iſt,“ ſagte Lizzie, indem ſie ihre Hand losließ und die ſchnippchen,„denn Hexam gefällt mir nicht.“ V„Wirklich?“ „Nein.“ Miß Wren rümpfte die Naſe, um ihren Widerwillen auszudrücken.„Selbſtſüchtig. Denkt nur an ſich. So iſt's mit Euch Allen.“ „So iſt's mit uns Allen? Dann gefalle ich Ihnen auch nicht?“ „So— ſo,“ erwiderte Miß Wren achſelzuckend und lachend.„Weiß nicht viel von Ihnen.“ „Aber ich wußte nicht, daß es mit uns Allen ſo ſei,“ ſagte Bradley, indem er ein wenig beleidigt zu der Be⸗ ſchuldigung zurückkehrte.„Wollen Sie nicht ſagen, mit Einigen unter uns?“ ſie zu Bradley:„Sie kommen von Charley, Sir?4 nigen zurück. aus eigenem freiwilligen Antriebe.“ ihrige leicht auf Miß Jenny's Locken legte. Dann ſagte Bradley erhob ſich auf unentſchloſſene Weiſe, indem er einen ungeſchickten verſtohlenen Blick auf ſie warf, um ihr einen Stuhl zu reichen, und kehrte dann zu dem ſei⸗ „Genau genommen,“ ſagte er,„komme ich von Char⸗ ley, denn ich habe ihn vor ganz kurzer Zeit verlaſſen; doch komme ich nicht in Charley's Auftrage. Ich komme Die Elbogen auf ihre Arbeitsbank und ihr Kinn in ihre Hände ſtützend, ſaß Miß Wren da und ſchaute ihn mit einem wachſamen Seitenblicke an. Lizzie ſaß auf „Was ſo viel heißen ſoll,“ ſagte das kleine Weſen, „als mit Allen, Sie allein ausgenommen. Ha! Jetzt ſchauen Sie dieſer Dame in's Geſicht. Dies iſt die Frau Wahrheit. Die ehrenwerthe. In Galacoſtüm.“ ihre eigene Weiſe ebenfalls da und ſchaute ihn an. Bradley ſchaute die Puppe an, die ſie zu ſeiner Be⸗„Die Wahrheit zu geſtehen,“ begann Bradley mit ſo ſichtigung emporhielt— und welche bisher mit dem Ge⸗ trockener Kehle, daß er einige Mühe hatte, die Worte ſichte niederwärts gekehrt auf der Arbeitsbank gelegen, herauszubringen— ein Bewußtſein, das ſein Weſen noch während ſie mit Nadel und Zwirn das Kleid auf ihrem ungeſchickter und unentſchloſſener machte:„die Wahrheit — — à Kinn ten Sie gegen⸗ abwe⸗ achen.“ h warm als eine " ſagte den mit tte dies einige eadſtone e Fauſt W. mit „libſte 1 Deiner ſprechen erdentlich e Perſon in daher tte Per⸗ neiderin zu laffen, machen, du weißt, agte Miß Beine ſo Weiſe zu⸗ 41 ſe, indem rarf um dem ſei⸗ on Char⸗ V verlaſſen; ch komme Kinn in haute ihn af.. ley mit ſo die Worte geſen uoc Pahrhei — 285 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 286 Er ſchwieg, und Lizzie fragte:„Welche Sache, Sir?“ „Ich glaubte,“ erwiderte der Schulmeiſter, indem er abermals einen verſtohlenen Blick auf ſie warf und dort feſtzuhalten verſuchte, den er jedoch zu ſenken genöthigt war, als er ihren Augen begegnete,„es ſei ſo überflüſſig, daß es faſt eine Impertinenz, auf eine Erklärung derſel⸗ ben einzugehen. Ich meinte jene Sache in Bezug auf Ihre Zurückweiſung der Pläne Ihres Bruders für Sie, und Ihr Vorziehen derjenigen des Mr.— ich glaube, der Name iſt Mr. Eugen Wrayburn.“ Er machte dieſe Pointe der Unſicherheit über den Namen mit einem abermaligen unruhigen Blicke auf ſie, der, wie der letzte, ſchnell wieder ſank. Da auf der anderen Seite kein Wort geſagt ward, war er noch einmal anzufangen genöthigt, und that dies mit neuer Verlegenheit. „Ihr Bruder theilte mir ſeine Pläne mit, wie er dieſelben zuerſt gebildet. Er erwähnte derſelben, in der That, als ich das letzte Mal hier geweſen— als wir zu⸗ ſammen zurückgingen und ich— als der Eindruck, mit dem ich ſeine Schweſter geſehen, mir noch friſch gegen⸗ wärtig war.“ Es mochte vielleicht keine Bedeutung darin liegen, aber die kleine Schneiderin nahm hier eine der ſtützenden Hände unter ihrem Kinn fort und wandte gedankenvoll das Geſicht der ehrenwerthen Frau W. der Geſellſchaft zu. Dann verfiel ſie wieder in ihre frühere Stellung. „Ich gab ſeiner Idee,“ ſagte Bradley, indem ſeine unruhigen Augen nach der Puppe wanderten und unbe⸗ wußterweiſe länger auf derſelben ruhten, als ſie auf Lizzie geruht hatten,„meinen vollkommenen Beifall, ſowohl, weil Ihr Bruder der angemeſſenſte Urheber eines ſolchen Planes war, als, weil ich denſelben zu fördern hoffte. Es würde mir ein unausſprechliches Vergnügen gewährt, es würde ein unbeſchreibliches Intereſſe für mich gehabt haben, denſelben zu fördern. Deshalb muß ich geſtehen, daß ich mich eben ſo enttäuſcht fühlte, wie Ihr Bruder. Ich wünſche alle Vorbehaltung und Verheimlichung zu meiden, nnd geſtehe dies deshalb offen.“ Er ſchien Muth daraus zu ſchöpfen, daß er bis hierher gelangt war. Jedenfalls fuhr er mit weit mehr Feſtig⸗ keit und weit entſchiedenerem Nachdruck fort,— obgleich mit einer ſeltſamen Neigung, die Zähne zuſammenzubeißen, und einer ſeltſamen krallenden Bewegung ſeiner rechten Hand in der geballten linken, wie Jemand, der körper⸗ lichen Schmerz erduldet und nicht aufſchreien will. „Ich bin ein Mann von ſtarken Empfindungen und habe dieſe Vereitelung meiner Hoffnung tief empfunden. Ich fühle dieſelbe tief. Ich zeige nicht, was ich fühle. Manche von uns ſind gezwungen, ihre Empfindungen zu unterdrücken. Ihre Empfindungen zu unterdrücken. Um jedoch zu Ihrem Bruder zurückzukehren. Er hat ſich die Sache ſo ſehr zu Herzen genommen, daß er Mr. Eugen rayburn— falls das der rechte Name iſt— in meiner Gegenwart darüber zu Rede geſtellt hat. Er that dies jedoch ohne allen Erfolg. Wie Jeder, der über den wahren Character von Mr. Eugen Wrayburn nicht blind i*ſt, leicht begreifen wird.“ „Er ſchaute Lizzie abermals an und hielt den Blick diesmal feſt. Und ſein Geſicht, das glühend roth gewe⸗ ſen, wurde todtenbleich, dann wieder glühend roth und dann bleibend todtenbleich. „Ich entſchloß mich ſchließlich, allein herzukommen und mit Ihnen zu reden. Ich beſchloß, allein herzu⸗ kommen und Sie zu beſchwören, auf dem Pfade, den Sie eingeſchlagen, umzukehren und, anſtatt einem Fremden zu vertrauen— einem Manne, der ſich gegen Ihren Bruder und Andere das impertinenteſte Betragen erlaubt— Ihrem Bruder und dem Freunde Ihres Bruders den Vorzug zu geben.“ Lizzie hatte bei jenen wiederholten Veränderungen in ſeinem Geſicht die Farbe gewechſelt und ihr Geſicht drückte jetzt einigen Unwillen, noch mehr Abneigung und ſogar einen Anflug von Furcht aus. Doch antwortete ſie ihm mit großer Ruhe. „Ich kann nicht daran zweifeln, Mr. Headſtone, daß Ihr Beſuch ein wohlgemeinter iſt. Sie haben ſich als ein ſo guter Freund gegen Charley erwieſen, daß ich nicht das Recht habe, dies zu bezweifeln. Ich habe Charley nichts weiter zu ſagen, als daß ich den Beiſtand, gegen den er ſo große Einwendungen macht, angenommen hatte, ehe er irgend welche Pläne für mich gefaßt, oder wenig⸗ ſtens, ehe ich von ſolchen Plänen etwas wußte. Der Beiſtand war mir auf rückſichtsvolle und. zartfühlende Weiſe geboten worden, und Gründe, welche Charley eben ſo werth ſein ſollten, wie mir, bewogen mich, denſelben anzunehmen. Ich habe Charley über dieſen Gegenſtand nichts weiter zu ſagen.“ Bei dieſer Zurückweiſung ſeiner ſelbſt und Beſchränkung ihrer Worte für ihren Bruder zitterten und öffneten ſich ſeine Lippen. „Falls Charley zu mir gekommen wäre,“ fuhr ſie fort, wie wenn dies ein ſpäterer Gedanke ſei,„würde ich ihm geſagt haben, daß Jenny und ich unſere Lehrerin ſehr geſchickt und ſehr geduldig finden und daß ſie ſich große Mühe mit uns giebt— ja, ſo ſehr, daß wir zu ihr geſagt haben, wir hoffen unſere Studien bald allein fortſetzen zu können. Charley verſteht etwas von Lehrern, und ich würde ihm außerdem geſagt haben, daß unſere Lehrerin aus einer Anſtalt kommt, die allein der Aus⸗ bildung von Lehrern gewidmet iſt.“ „Ich möchte Sie fragen,“ ſagte Bradley Headſtone, der die Worte wie aus einer roſtigen Mühle heraus⸗ knirſchte,„ich möchte Sie fragen, falls ich dies, ohne Sie zu beleidigen, wagen dürfte, ob Sie Etwas dawider ge⸗ habt, nein— ich ſollte vielmehr ſagen, falls Sie es nicht als eine Beleidigung nehmen wollen, ich wollte, ich hätte Gelegenheit gehabt, mit Ihrem Bruder herzukommen, um meine armſeligen Fähigkeiten und Erfahrungen Ihrem Dienſte zu widmen.“ „Ich danke Ihnen, Mr. Headſtone.“ „Aber ich fürchte,“ fuhr er nach einer Pauſe fort, in⸗ dem er verſtohlen an dem Sitze ſeines Stuhles zerrte, wie wenn er den Stuhl hätte in Stücke zerreißen mögen, und ſie dabei finſter betrachtete, während ſie die Augen zu Boden ſenkte,„daß Sie meine beſcheidenen Dienſte nicht mit großer Gunſt würden entgegen genommen haben?“ Sie erwiderte nichts und der arme gemarterte Menſch ſaß, in einer Wuth der Leidenſchaft und Seelenqual, mit ſich ſelber ringend da. Nach einer Weile nahm er ſein Taſchentuch heraus und trocknete ſich Stirn und Hände. „Es bleibt mir nur noch Eins zu ſagen übrig, doch iſt dies das Wichtigſte. Es iſt ein Grund in der Ange⸗ legenheit vorhanden, es hängt eine perſönliche Beziehun mit dieſer Sache zuſammen, die Ihnen noch nicht erklärt worden. Dieſelben könnten Sie möglicherweiſe— ich ſage nicht, daß Sie dies thun werden— aber ſie könnten Sie möglicherweiſe anders zu denken bewegen. Es kann jedoch nicht davon die Rede ſein, unter gegenwärtigen Verhältniſſen noch weiterzugehen. Wollen Sie gütigſt das Uebereinkommen treffen, daß noch eine Unterredung über den Gegenſtand ſtattfinde?“ —õ——õ—— — — V 287 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 288 „Mit Charley, Mr. Headſtone?“ „Mit— nun,“ antwortete er ſich unterbrechend,„ja! Sagen wir, auch mit ihm. Wollen Sie gütigſt das Uebereinkommen mit mir treffen, daß noch eine Unterre⸗ dung unter günſtigeren Verhältniſſen ſtattfinde, ehe Ihnen der ganze Fall vorgelegt werden kann?“ „Ich verſtehe nicht, was Sie damit meinen, Mr. Headſtone,“ ſagte Lizzie, den Kopf ſchüttelnd. „Laſſen Sie es vor der Hand dabei bewenden,“ un⸗ terbrach er ſie,„daß der ganze Fall Ihnen bei einer künftigen Unterredung vorgelegt werden ſoll.“ „Welcher Fall, Mr. Headſtone? Was fehlt noch daran?“ „Sie ſollen— Sie ſollen in der künftigen Unterre⸗ dung davon unterrichtet werden.“ Dann ſagte er, wie in einem Ausbruche unbezwinglicher Verzweiflung:„Ich — ich laſſe es Alles unvollſtändig! Mir iſt, als ob ich mich unter einem Zauberbanne befände!“ Und dann fügte er, faſt wie wenn er um Mitleid bäte, hinzu: „Gute Nacht!“ Er ſtreckte ſeine Hand aus. Wie ſie dieſelbe mit ſichtbarem Zögern, um nicht Widerſtreben zu ſagen, be⸗ rührte, ſchüttelte ihn ein ſeltſames Erbeben, und ſein Ge⸗ ſicht, das ſo todtenbleich, ſah aus, wie wenn es von Schmerz verzerrt. Dann war er verſchwunden. Die Puppenſchneiderin ſaß, ohne ihre Stellung zu verändern, da und betrachtete die Thür, zu der er hinaus⸗ gegangen war, bis Lizzie ihre Arbeitsbank auf die Seite ſchob und ſich neben ſie ſetzte. Dann betrachtete Miß Wren Lizzie, wie ſie vorher Bradley und die Thür be⸗ trachtet hatte, ſchnappte plötzlich in der ſcharfen Weiſe, in der ihre Kinnladen ſich zuweilen zu ſchnappen ver⸗ gönnten, lehnte ſich in ihrem kleinen Seſſel zurück, und gab folgendermaßen ihre Anſichten kund:— „Hm! Falls er— ich meine natürlich den Men— ſchen, meine Liebſte, der ſich, wenn die Zeit kommt, um meine Hand bewerben wird— jene Art von Mann iſt, ſo mag er ſich die Mühe ſparen. Er würde ſich nicht umherſchicken und nützlich machen laſſen. Er würde da⸗ bei in Flammen gerathen und ſich ſelber in die Luft ſprengen.“ „Und damit würdeſt Du ihn los ſein,“ ſagte Lizzie, auf ihre Laune eingehend. „Nicht ſo leicht,“ erwiderte Miß Wren.„Er würde ſich nicht allein in die Luft ſprengen. Er würde mich mitnehmen. Ich kenne ſeine Streiche und ſeine Ma⸗ nieren.“ „Würde er Dir ein Leides anthun wollen?“ fragte Lizzie. „Möchte es vielleicht nicht gerade beabſichtigen,“ er⸗ widerte Miß Wren,„aber ein Haufen Schießpulver unter brennenden Streichhölzern im nächſten Zimmer könnte faſt eben ſo gut hier ſein.“ „Er iſt ein ſehr ſonderbarer Mann,“ ſagte Lizzie nachdenklich. „Ich wollte, er wäre uns eben ſo fremd, wie er ſon⸗ derbar iſt,“ entgegnete das ſpitzige kleine Weſen. Da es eine von Lizzie's regelmäßigen Beſchäftigungen war, Abends, wenn ſie ſich allein befanden, das lange blonde Haar der Puppenſchneiderin aufzulöſen und aus⸗ zubürſten, knüpfte ſie das Band los, welches daſſelbe zu⸗ rückhielt, während das kleine Weſen bei der Arbeit ſaß, und daſſelbe fiel in ſchöner Maſſe über die armen Schul⸗ tern herab, die eines ſolchen Schmuckes ſo ſehr bedurften. „Jetzt nicht, liebſte Lizzie,“ ſagte Jenny,„laß uns beim Feuer plaudern.“ Mit dieſen Worten löſte ſie ihrerſeits dem ſie that, als ob ſie die Farben vergliche und den Contraſt bewunderte, machte Jenny es durch eine bloße Berührung mit ihren geſchickten Händen ſo, daß ſie, ihre Wange auf eine der dunklen Locken legend, durch ihr eigenes über ihr Geſicht fallendes Haar für Alles, außer dem Feuer, blind erſchien, während Lizzie's ſchönes Ge⸗ ſicht und ihre offene Stirn ohne Hinderniß in dem mat⸗ ten Lichte ſichtbar waren. „Laß uns plaudern,“ ſagte Jenny,„von Mr. Eugen Wrayburn.“ Zwiſchen dem blonden Haar, das auf dem dunklen Haar ruhte, funkelte Etwas; und falls dies kein Stern war— und dies konnte es nicht ſein—, ſo mußte es ein Auge ſein; und falls es ein Auge war, ſo mußte es Jenny Wren's Auge ſein,— ein klares und wachſames Auge, wie das des Vogels, deſſen Namen ſie angenom⸗ men hatte. „Warum von Mr. Wrayburn?“ fragte Lizzie. „Aus keinem beſſeren Grunde, als weil ich eben in der Laune bin. Ob er nur reich ſein mag?“ „Nein, nicht reich.“ „Arm?“ „Ich glaube es, für einen vornehmen Herrn.“ „Ah! Das iſt wahr! Ja; er iſt ein vornehmer Herr. Nicht von unſerer Sorte, wie?“ Ein Kopfſchütteln, ein nachdenkliches Kopfſchütteln, und die leiſe geſprochene Antwort:„O nein, o nein!“ Die Puppenſchneiderin hatte einen Arm um den Leib ihrer Freundin geſchlungen. Indem ſie den Arm anders legte, benutzte ſie ſchlau die Gelegenheit, ihr eigenes Haar fortzublaſen, wo dieſes über ihr Geſicht hinfiel; dann funkelte das Auge unter demſelben in bläſſerem Schatten noch heller und wachſamer. „Wenn Er zum Vorſchein kommt, ſoll er kein vor⸗ nehmer Herr ſein; ich will ihn bald wieder hinſchicken, wo er herkam, falls er das iſt. Indeſſen er iſt nicht Mr. Wrayburn; ihn habe ich nicht bezaubert. Ob ihn wohl ſonſt Jemand bezaubert hat, Lizzie?“ „Das iſt ſehr wahrſcheinlich.“ „Iſt es ſehr wahrſcheinlich? mag!“ „Iſt es nicht wahrſcheinlich, daß irgend eine vor⸗ nehme Dame eine Zuneigung zu ihm gefaßt nnd daß er ſie von Herzen ließ hat?“ „Vielleicht. Ich weiß nicht. Was würdeſt Du von ihm denken, Lizzie, wenn Du eine vornehme Dame wärſt?“ „Ich, eine vornehme Dame,“ wiederholte ſie lachend. „Welch eine Idee!“ „Ja. Aber ſag': und wie als Beiſpiel.“ „Ich, eine vornehme Dame! Ich, ein armes Mäd⸗ chen, das den armen Vater auf dem Fluſſe zu rudern pflegte. Ich, die ich den armen Vater noch an demſel⸗ ben Abend, an dem ich ihn zum erſten Male ſah, auf den Fluß hinaus und wieder heim gerudert hatte. Ich, die ich mich, wie er mich anſchaute, ſo ſchüchtern fühlte, daß ich aufſtand und hinausging!“ („Er ſchaute Dich alſo ſchon an jenem Abend an, obgleich Du keine vornehme Dame warſt!“ dachte Miß Wren.) „Ich, eine vornehme Dame!“ fuhr Lizzie mit leiſer Stimme und die Augen auf's Feuer heftend fort.„Ich, die ich das Grab des armen Vaters noch nicht einmal von unverdientem Schimpf für die er dies zu thun bemüht iſt! Ich, eine vornehme Dame!“ Wer dies wohl ſein betrachte es als eine bloße Idee, das dunkle Haar ihrer Freundin, und daſſelbe ſank in zwei ſchweren dichten Locken auf deren Bruſt herab. In⸗ „Blos als eine Idee und wie zum Beiſpiel,“ drang Miß Wren in ſie. und Schande gereinigt, und ſelben! kleines garſtig ſo gerz Hauſe weſen. Du S ſagen 9 7⁸ Dame T „ wie ich O gedanke die P. Dame 3 wohl ( 8 ſer Stit beobach Feuer 7 dann( zu ſein Herz L “/ f. 4/ Treue. lieber f hat, al weil er dem er ſie ſagt nahe ko Stelle, ſelber thun u Du ſo mich, Gedang W dem En den, h Hand ¹ geſtriche on Be Qanhört der un ber Ge : 1 wie ar nieder aus d zu mit flüſtert ie d — Boz, Unſe 288 nd den bloße te, ihre ich ihr außer 2s Ge⸗ n mat⸗ Engen dunklen n Stern nußte es nußte e achſames ngenom⸗ e. eben in 1.1 mer Herr. ſſchütteln, nein!“ den Leib m anders nes Haar el; dann Schatten kein vor⸗ binſchicken, r iſt nicht Ob ihn wohl ſein eine vor⸗ lund daß er ſt Du von ime wärſt?“ ſie lachend. bloße Idee, Abend an, ſachte Miß e mit biſer fort. 7 88 icht einmal einigt, ine vorehme piel, drang und 289 nieder, leg' mich nieder. Phantaſie vermag ſich nicht ſo hoch zu ſchwingen.“ ſinkende Feuer, das ſeine matte Gluth auf ihr Geſicht warf, zeigte daſſelbe traurig und zerſtreut lächelnd. „Aber ich bin eben in der Laune und Du mußt der⸗ ſelben willfahren, Lizzie, denn ich bin doch nur ein armes kleines Geſchöpf und habe einen ſchweren Tag mit meinem garſtigen Kinde gehabt. Schau ins Feuer— ich höre Dich ſo gern erzählen, wie Du dies in jenem düſteren alten Hauſe zu thun pflegteſt, das einſt eine Windmühle ge⸗ weſen. Schau in die— wie nannteſt Du's noch, aus dem Du Deinem Bruder, den ich nicht leiden kann, wahrzu⸗ ſagen pflegteſt?“ „In die Höhlung unten bei der Gluth?“ „Ah! Das iſt's! Du wirſt dort eine vornehme Dame finden, das weiß ich.“ „Viel leichter, als ich eine aus ſolchem Material, wie ich bin, zu erſchaffen vermag, Jenny.“ Das funkelnde Auge ſchaute feſt empor, während das gedankenvolle Geſicht ſinnend hinabſchaute.„Nun?“ ſagte die Puppenſchneiderin.„Wir haben unſere vornehme Dame gefunden.“ Lizzie nickte und fragte:„Soll ſie reich ſein?“ „Es wird beſſer ſein, da er arm iſt.“ „Sie iſt ſehr reich. Soll ſie ſchön ſein?“ „Das kannſt ſelbſt Du ſein, Lizzie, alſo ſollte ſie es wohl ſein.“ „Sie iſt ſehr ſchön.“ „Was ſagt ſie von ihm?“ fragte Miß Jenny mit lei⸗ ſer Stimme; und während der kurzen Pauſe, die erfolgte, beobachtete ſie ſcharf das Geſicht, welches die Blicke auf's Feuer heftete. „Sie iſt froh, ſo froh, daß ſie reich iſt, damit er dann Geld haben kann. Sie iſt froh, ſo froh, ſchön zu ſein, damit er ſtolz auf ſie ſein kann. Ihr armes Herz„ „Wie? Ihr armes Herz?“ ſagte Miß Wren. „Ihr Herz— gehört ihm mit all ſeiner Liebe und Treue. Sie würde freudig mit ihm ſterben, oder noch lieber für ihn ſterben. Sie weiß, daß er ſeine Fehler hat, aber ſie meint, dieſelben ſind in ihm erwachſen, weil er wie ausgeſtoßen war, ohne Etwas zu beſitzen, dem er vertrauen, das er lieben und ehren konnte. Und ſie ſagt, dieſe ſchöne und reiche Dame, der ich nimmer nahe kommen kann,— ſie ſagt:'Gieb mir nur dieſe leere Stelle, laß mich Dir nur zeigen, wie wenig ich an mich ſelber denke, Dir nur beweiſen, wie viel ich für Dich zu thun und zu ertragen im Stande bin, und ich hoffe, daß Du ſogar viel beſſer werden könnteſt, als Du biſt, durch mich, die ich ſo viel ſchlechter und neben Dir kaum eines Gedankens würdig bin.“ Wie das Geſicht, das ins Feuer hinunterblickte in dem Entzücken dieſer Worte, glühend und exaltirt gewor⸗ den, hatte das kleine Weſen, indem es mit der freien Hand unverholen ſich das blonde Haar aus den Augen geſtrichen, mit ernſtlicher Aufmerkſamkeit und einer Art von Beſtürzung emporgeſchaut. Wie Jene zu ſprechen aufhörte, legte das kleine Geſchöpf den Kopf wieder nie⸗ der und ſtöhnte:„O, lieber Gott, o, lieber Gott, o, lie⸗ ber Gott!“— „Haſt Du Schmerzen, liebe Jenny?“ fragte Lizzie wie aus einem Traume erwachend. „Ja, doch nicht die alten Schmerzen. Leg' mich Geh' mir heute Nacht nicht aus den Augen. Verſchließe die Thür und komme dicht zu mir heran.“ Dann wandte ſie das Geſicht ab und flüſterte leiſe für ſich:„O, meine Lizzie, meine arme Liz⸗ zie! O, meine geſegneten Kinder, kommt zurück in Euren Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 290 langen glänzenden Reihen, kommt für ſie, nicht für mich. Sie bedarf der Hülfe mehr als ich, meine geſegneten Kinder!“ Sie hatte mit jenem erhabeneren und beſſeren Ge⸗ ſichtsausdrucke die Hände emporgeſtreckt, und jetzt wandte ſie ſich wieder um, und umſchlang Lizzie mit beiden Armen und wiegte ſich an Lizzie's Bruſt. Zwölftes Kapitel. Noch mehr Kaubvögel. Rogue Riderhood wohnte tief im dunklen Limehouſe⸗ Loch unter den Takelwerk⸗, Maſt⸗ und Rudermachern, unter den Schiffszimmerleuten und den Segelböden, wie in einer Art von Schiffsrumpf, der von Fluß⸗Ufer⸗Cha⸗ rakteren vollgepackt, von denen einige nicht viel beſſer, einige ſehr viel beſſer und keine viel ſchlimmer waren, als er. Das„Loch“, wenngleich im Allgemeinen in der Bekanntenwahl nicht ſchwer zufrieden zu ſtellen, zeigte einiges Widerſtreben, ſich mit Rogue“*) in ſehr ver⸗ trauten Verkehr einzulaſſen, indem es ihm häufiger kalt den Rücken zuwandte, als ihm warm die Hand drückte, und ſelten oder nie mit ihm trank, außer auf ſeine, Ro⸗ gues Koſten. Ein Theil des„Lochs“ zeigte ſogar ſo viel Volksgeiſt und Privattugend, daß ſelbſt dieſe ſtarke Hebekraft ihn zu keiner Kameradſchaft mit einem be⸗ fleckten Angeber bewegen konnte. Doch dieſe erhabene Moralität hatte vielleicht die Schattenſeite, daß die Exponenten derſelben in einem wahren Zeugen vor der Gerechtigkeit einen faſt eben ſo unnachbarlichen und verwünſchenswerthen Charakter ſahen, als wie in einem falſchen. Ohne die Tochter, deren er ſo oft erwähnte, würde das„Loch“ in Bezug auf die Mittel, einen Lebensunter⸗ halt zu gewinnen, ein bloßes Grab für Mr. Riderhood geweſen ſein. Aber Miß Pleaſant Riderhood beſaß eine gewiſſe kleine Stellung und einige Connexionen in Lime⸗ houſe⸗Loch. Sie betrieb in dem allerkleinſten Maßſtabe ein unerlaubtes Pfandleihergeſchäft, indem ſie in ihrem „Leihladen“, wie derſelbe in der Volksſprache genannt wurde, außerordentlich unbedeutende Summen auf außer⸗ ordentlich unbedeutende Gegenſtände lieh, die als Sicher⸗ heit bei ihr zurückgelaſſen wurden. Pleaſant war in ihrem vierundzwanzigſten Lebensjahre— bereits im fünf⸗ ten dieſes Geſchäftsbetriebes. Ihre ſelige Mutter hatte das Geſchäft etablirt und beim Ableben derſelben hatte Pleaſant ſich ein geheimes Capital von fünfzehn Schil⸗ lingen zugeeignet, um daſſelbe fortzuſetzen; die Exiſtenz eines ſolchen Capitals in einem Kiſſen war die letzte verſtändliche vertrauliche Mittheilung geweſen, welche die Verſtorbene ihr gemacht, ehe ſie den waſſerſüchtigen Fol⸗ gen von Schnupftaback und Wachholder erlag, welche mit klarer Vernunft und verlängertem Daſein ſo unver⸗ einbar ſind.. Warum ſie ihre Tochter Pleaſant**) getauft, wäre die verſtorbene Mrs. Riderhood vielleicht einſt zu erklären im Stande geweſen— vielleicht auch nicht. Ihre Tochter beſaß keine Auskunft über dieſen Gegenſtand. Als Pleaſant *) Das Wort Rogue, welches hier als eine Art von Tauf⸗ namen gebraucht wird, bedeutet ſo viel als Schelm, Spitzbube. Anmerkung der Ueberſetzerin. **) Pleasant— Angenehm. V Wirklichkeit war. Ebenſo, wie es einigen Hunden im Blute liegt, oder wie ſie dazu dreſſirt ſind, auf gewiſſe Geſchöpfe Jagd zu machen, ebenſo— ohne den Vergleich mit Unehrerbie⸗ tung machen zu wollen— lag es Pleaſant Riderhood im Blute, oder war ſie dazu dreſſirt worden, die See⸗ leute— innerhalb gewiſſer Grenzen— als ihre Beute zu betrachten. Man brauchte ihr nur einen Mann in einer blauen Jacke zu zeigen— und ſie hatte ihn, figür-⸗ lich geſprochen, augenblicklich beim Schopf. Doch Alles in Allem genommen, hatte ſie kein ſchlechtes Herz oder keine unfreundlichen Gemüthsanlagen. Denn man be⸗ denke nur, in welchem Lichte ihr nach ihren unglücklichen Erfahrungen manche Dinge erſcheinen mußten. Pleaſant Riderhood auf der Straße eine Hochzeit ſah, Wenn ſo erblickte ſie in derſelben nichts, als zwei Leute, die ſich einen regelrechten Erlaubnißſchein geben ließen, um ſich mit einander zu zanken und einander zu prügeln. Sah ſie eine Taufe, ſo erblickte ſie nur einen kleinen Heiden, dem— ganz überflüſſigerweiſe— ein Name gegeben ward, inſofern derſelbe unfehlbar gegen irgend einen Schimpf⸗ oder Spottnamen ausgetauſcht zu werden beſtimmt war; welcher kleine Heide von Niemandem be⸗ gehrt ward, und aus dem Wege geknufft und geſtoßen zu Hauſe und Pleaſant wußte dies. zu werden erwarten mußte, bis er ſelber groß genug ge⸗ worden, um Andere zu knuffen und zu ſtoßen. In einem Begräbniſſe ſah ſie nichts, als eine uneinträgliche Cere⸗ monie von der Beſchaffenheit einer ſchwarzen Maskerade, welche die Theilnehmenden vermittelſt ungeheurer Koſten mit einer zeitweiligen Gentilität bekleidete, und die ein⸗ zige förmliche Geſellſchaft war, die der Verſtorbene je gegeben. Sah ſie einen lebendigen Vater, ſo erblickte ſie in ihm blos ein Duplicat ihres eigenen Vaters, der ſeit ihrer Kindheit Anfälle gehabt, ſich ſeiner Pflichten gegen ſie zu entledigen, welche Pflichten ſtets in einer Fauſt oder einem ledernen Riemen verkörpert waren, und deren das linke Bein, und den rechten eben ſo nachläſſig über Pleaſant Riderhood daher nicht ſo ſehr, ſehr ſchlecht. die Armlehne des hölzernen Seſſels fallen ließ, wobei er Erfüllung ihr weh that. Alles wohl genommen, war hatte ein Auge für Es lag ſogar ein Anflug von Romantik in ihr— von ſolcher Romantik, wie ſie in Limehouſe⸗Loch einzukriechen vermochte— und wenn ſie zuweilen an Sommerabenden an ihrer Ladenthür ſtand, und von der übelriechenden Straße zum Himmel hinaufſchaute, an dem eben die Sonne unterging, mag ſie vielleicht nebelhafte Viſionen von fernen Inſeln in der Südſee oder anderswo(denn ſie verfügte nicht über die geographiſche Lage) gehabt haben, wo es angenehm ſ ein wuͤrde, mit einem theuren 291 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. Gefährten in Brodfrucht⸗Hainen zu wandeln, und der Schiffe zu harren, die aus den Häfen der Civiliſation dahergeſegelt kommen würden. unvollſtändig geweſen. Denn ohne Seeleute, die ſie übervortheilen konnte, wäre Miß Pleaſant's Eden ſehend.„Ich weiß. Ich war ſchon früher einmal hier.“ Es war indeſſen nicht an einem Sommerabend, als ſie an ihre kleine Ladenthür herauskam, und von einem gewiſſen Manne, der an einem Hauſe auf der gegenüber⸗ liegenden Seite der Straße ſtand, bemerkt wurde. Dies war an einem kalten, ſchneidenden, windigen Abende nach V Dunkelwerden. Pleaſant Riderhood theilte mit den mei⸗ reits vor ihr ſtand. „Iſt Ihr Vater zu Hauſe?“ fragte er. „Ich glaube wohl,“ ſagte Pleaſant, die Arme ſinken laſſend.„Kommen Sie herein.“ Es war eine ſpeculative Antwort, denn der Mann hatte ein ſeemänniſches Ausſehen. Ihr Vater war nicht „Setzen Sie ſich ans Feuer,“ waren ihre gaſtlichen Worte, als ſie ihn hereingebracht hatte;„Leute Ihrer Profeſſion ſind hier ſtets willkommen.“ „Danke,“ ſagte der Mann. Seine Manieren und ſeine Hände waren die eines See⸗ mannes, ausgenommen, daß ſie nicht ſo rauh. Pleaſant Seeleute und ſie bemerkte die unge⸗ wohnte Haut und Farbe der Hände, obgleich dieſelben ſonn⸗ verbrannt waren, eben ſo ſchnell, wie ſie deren unverkenn⸗ bare Gelenkigkeit wahrnahm, als er ſich niederſetzte und den linken Arm nachläſſig ein wenig oberhalb des Knies auf die Hand gebogen hielt, halb offen und halb geſchloſſen, wie wenn er ſo eben ein Tau habe fahren laſſen. „Suchen Sie vielleicht ein Koſthaus?“ fragte Pleaſant, ihren Beobachtungspoſten auf der einen Seite des Ka⸗ mins einnehmend. „Ich habe eigentlich noch nichts über meine Pläne beſtimmt,“ erwiderte der Mann. „Sie ſuchen doch nicht etwa einen Leihladen?“ „Nein,“ ſagte der Mann. „Nein,“ ſagte Pleaſant beiſtimmend,„dazu haben Sie einen zu vollſtändigen Anzug an. Doch falls Sie Eines oder des Andern bedürfen, ſo iſt dies Beides.“ „Ja, ja!“ ſagte der Mann, ſich in dem Laden um⸗ „Ließen Sie Etwas als Pfand zurück, als Sie früher hier waren?“ fragte Pleaſant, Capital und Zinſen im Auge haltend. „Nein.“ Der Mann ſchüttelte den Kopf. „Ich bin mir ziemlich ſicher, daß Sie nie als Koſt⸗ gänger hier waren?“ ſchnellen das Aus Ne troffen Veraͤnd nicht nn früheren unterdrt die etwo Pleaſan A ˙d Dann i ſich die auſ ſeinem? .„Jd will nic beliebte. doch ni⸗e geben; Miß R Ich tau haus, Kupferp und dan „Abe wie wer — — 292 lichkeit ſtändi eringſte ſeiner enblicke Haus⸗ iſe be⸗ ade im der ſon⸗ die von Hinter. in der ugen. it einer mit der ler oder nabging. as man Fries⸗ npaſſen, iegenden einigen Labſale „Leihla⸗ thaus.“ erblickte, herüber, s er be⸗ ae ſinken rr Mann ar nicht Sie ſich ſie ihn ſind hier iines See⸗ Pleaſant ſdie unge⸗ ben ſonn⸗ inverkenn⸗ eund den nies auf äſſig über wobei er eſchloſſen, n. Pleaſant, des Kr⸗ ne Pläne 74 aben Sie Pie Eines aden um⸗ nal hier. Pie fruher znſen im Binſen 1 als Koſt⸗ 293 Ihrem Vater zu ſprechen. ſehr wohl,“ ſagte er, indem er ſich verwundert in dem⸗ ſelben umſchaute. „Iſt das nicht vielleicht lange her?“ „Ja, eine ziemliche Weile. Als ich von meiner letzten Reiſe heimkehrte.“ „Dann ſind Sie in letzter Zeit nicht zur See ge— weſen?“ „Nein. War ſeitdem in der Krankenbucht, und war am Lande beſchäftigt.“ „Das erklärt dann das Ausſehen Ihrer Hände.“ Der Mann fiel ihr mit einem ſcharfen Blicke, einem ſchnellen Lächeln und einer veränderten Manier ins Wort. „Sie ſind eine ſcharfe Beobachterin. Ja. Das erklärt das Ausſehen meiner Hände.“ Pleaſant fühlte ſich von ſeinem Blicke ein wenig be⸗ troffen und erwiderte denſelben ziemlich argwöhniſch. Die Veränderung in ſeiner Manier war, obgleich ſo plötzlich, nicht nur vollkommen gefaßt, ſondern es lag in ſeiner früheren Manier, die er wieder aufnahm, eine gewiſſe unterdrückte Zuverſicht und ein Bewußtſein der Macht, die etwas halb Drohendes hatten. „Wird Ihr Vater noch lange ausbleiben?“ fragte er. „Ich weiß nicht. Ich kann's nicht ſagen.“ „Da Sie ihn zu Hauſe glaubten, ſieht es faſt aus als ob er ſo eben erſt ausgegangen? Wie geht dies zu?“ „Ich glaubte, er ſei nach Hauſe gekommen,“ erklärte Pleaſant. „O, Sie glaubten, er ſei nach Hauſe gekommen? Dann iſt er bereits eine Weile fortgeweſen? Wie verhält ſich die Sache?“ „Ich will Sie nicht täuſchen. ſeinem Boote auf dem Fluſſe.“ „Bei der alten Beſchäftigung?“ fragte der Mann. „Ich weiß nicht, was Sie damit ſagen wollen,“ ſagte Pleaſant, einen Schritt zurücktretend.„Was, in aller Welt, verlangen Sie von ihm?“ „Ich will Ihrem Vater nichts zu Leide thun. will nicht ſagen, daß ich dies thun könnte, falls es mir beliebte. Ich wünſche mit ihm zu ſprechen. Darin liegt Der Vater iſt mit doch nicht viel, wie? Es ſoll keine Geheimniſſe für Sie indem er ſich mit der rechten Hand über das Kinn ſtrich ) h 1 Und geradeaus geſagt, geben; Sie ſollen dabei ſein. Miß Riderhood, es iſt Nichts aus mir herauszubringen. Ich tauge weder für den Leihladen, noch für das Koſt⸗ haus, und ich bin für Sie keine Sixpence in halben Kupferpfennigen werth. Legen Sie dieſe Idee bei Seite, und dann werden wir einander verſtehen.“ „Aber Sie ſind ein Seemann?“ ſagte Miß Pleaſant, wie wenn dies Grund genug, daß er Etwas für ſie werth wäre. „Ja und nein. Ich war's und mag es noch wieder werden. Aber ich bin Nichts für Sie. Wollen Sie nicht mein Wort darauf nehmen?“ Die Unterhaltung war zu einer Kriſis gekommen, welche das Herunterfallen von Miß Pleaſant's Haar rechtfertigte. Deshalb fiel es, und ſie ſteckte es wieder auf, wobei ſie unter der herabgebeugten Stirn zu dem Manne hinblickte. Indem ſie ſich Stück für Stück ſeine leicht auf ihm hängenden Schlecht⸗Wetter⸗Matroſenkleider merkte, erblickte ſie in ſeinem Gürtel, hart neben ſeiner Signalpfeife, die an einem Bande um ſeinen Hals hing, und einen kurzen Knotenſtock, deſſen Kopfende mit Blei gefüllt, und der aus einer Taſche in ſeiner loſen äußeren Jacke herausſchaute. Er ſaß, ſie ruhig anſchauend, da; doch mit dieſen Acceſſorien, die ſich theilweiſe an ihm offenbarten, und einer Menge ſtruppigen wergfarbenen Haars und Bartes, hatte er ein fürchterliches Ausſehen. Kopfnicken. Ich Hand, ein furchtbares Meſſer in ſeiner Scheide, eine „Wollen Sie nicht mein Wort darauf nehmen?“ fragte er nochmals. Pleaſant antwortete mit einem kurzen ſtummen Er erwiderte daſſelbe ebenfalls mit einem kurzen ſtummen Kopfnicken. Dann ſtand er auf und ſtellte ſich mit verſchlungenen Armen vor's Feuer, in das er hin und wieder hinunterſchaute, während ſie eben⸗ falls mit verſchlungenen Armen an den Kaminſims ge⸗ lehnt ſtand. „Um uns die Zeit zu verkürzen, bis Ihr Vater kommt,“ ſagte er,—„darf ich fragen, ob jetzt hier am Flußufer viel Raub und Mord an Seeleuten verübt wird?“ „Nein,“ ſagte Pleaſant. „Gar nichts der Art?“ „Es werden dort oben bei Ratcliffe und Wapping und in jener Gegend zuweilen derartige Klagen gehört. Aber wer weiß, wie viel Wahres daran iſt?“ „Allerdings. Und es ſcheint gar nicht nothwendig zu ſein.“ „Daſſelbe, was ich ſage,“ bemerkte Pleaſant.„Wel⸗ cher Grund wäre wohl dafür vorhanden? Der Herr ſegne die Seeleute.'s iſt nicht, als ob ſie ohne das überhaupt im Stande wären, Etwas in ihrem Beſitz zu behalten.“ „Sie haben Recht. Man kann ſie auch ohne Ge⸗ waltthätigkeit ſo leicht um ihr Geld bringen,“ ſagte der Mann. „Das verſteht ſich,“ ſagte Pleaſant;„und dann gehen ſie wieder zur See und verdienen ſich mehr. Und es iſt das Beſte für ſie, daß ſie, ſobald ſie nur irgend dazu zu bewegen ſind, wieder zur See gehen. Sie ſind nie ſo gut aufgehoben, als wenn ſie auf dem Waſſer ſind.“ „Ich will Ihnen ſagen, weshalb ich frage,“ fuhr ihr Gaſt fort, indem er von dem Feuer aufblickte.„Ich ward einſt ſelbſt in ſolcher Weiſe angegriffen und für todt liegen gelaſſen.“ „Nein, was Sie ſagen?“ ſagte Pleaſant. ſich dies zu?“ „Es trug ſich,“ ſagte der Mann mit ſinnender Miene, „Wo trug und die linke in die Taſche ſeiner Jacke ſenkte,„es trug ſich irgendwo in dieſer Umgegend zu, ſo viel ich mich entſinne. Ich glaube, es war keine Meile weit von hier.“ „Waren Sie betrunken?“ fragte Pleaſant. „Ich war benebelt, doch nicht durch gewöhnliches Trinken. Ich hatte nicht getrunken, verſtehen Sie. Ein einziger Schluck hatte es gethan.“ Pleaſant ſchüttelte mit ernſter Miene das Haupt, um anzudeuten, daß ihr das Verfahren verſtändlich, ſie daſſelbe aber entſchieden mißbillige. „Offener Handel,“ ſagte ſie,„iſt Eins, aber das iſt ein Anderes. Es hat Niemand das Recht, ſo mit Jack umzugehen.“ „Dieſe Anſicht macht Ihnen Ehre,“ erwiderte der Mann mit einem grimmigen Lächeln; und fügte dann vor ſich hinmurmelnd hinzu:„um ſo mehr, als ich nicht glaube, daß es die Ihres Vaters iſt.— Ja, es ging mir damals ſchlecht. Ich verlor Alles und hatte einen ſcharfen Kampf um's Leben, ſo ſchwach ich war.“ „Ließen Sie die Thäter beſtrafen?“ fragte Pleaſant. b V 1 295 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. „Es erfolgte eine fürchterliche Strafe darauf,“ ſagte b f der Mann in ernſterem Tone;„doch ward dieſelbe nicht von mir herbeigeführt.“ „Von wem?“ fragte Pleaſant. Der Mann deutete mit dem Zeigefinger nach oben, ihn vom Kopf bis zu den Füßen betrachtend. ſenkte dann langſam wieder die Hand, mit der er ſich wieder über das Kinn ſtrich, indem er ins Feuer hinab: ſchaute. Indem ſie ihn mit dem geerbten Auge betrachtete, fühlte Pleaſant Riderhood ſich immer unbehaglicher, ſein Weſen war ſo geheimnißvoll, ſo ſtrenge, ſo ſicher. gefallen laſſen will? „Jedenfalls,“ ſagte die Jungfrau,„bin ich froh, daß die Strafe darauf folgte, und ich ſage es. Der ehrliche Handel mit Seeleuten bekommt durch ſolche Gewaltthä⸗ tigkeiten einen ſchlechten Namen. Ich bin eben ſo ſehr dagegen, daß Gewaltthätigkeiten an Seeleuten verübt werden, wie die Seeleute es ſelbſt nur ſein können. Ich bin derſelben Anſicht, wie meine Mutter, als ſie noch lebte. Ehrlichen Handel, pflegte die Mutter zu ſagen, doch keinen Raub und keine Schlägereien.“ Im Geſchäfte würde Miß Pleaſant dreißig Schillinge die Woche für eine Beköſti⸗ gung genommen haben— und ſie nahm ſie in der That, wo ſie es konnte—, die zu füͤnf Schillingen theuer geweſen wäre, und ſie führte die Leihladen⸗Ge⸗ ſchäfte nach ähnlichen billi⸗ gen Grundſätzen; doch be⸗ ſaß ſie eine ſolche Zartheit des Gewiſſens und eine ſolche Humanität, daß ſie, ſowie ihre Ideen in Sachen des Handels überſchritten wurden, die Verfechterin der Seeleute wurde und deren Partei ſelbſt gegen ihren Vater nahm, dem ſie ſich ſonſt nicht leicht widerſetzte. Doch hier war ſie von der Stimme ihres Vaters unterbrochen, welcher zornig ausrief:„Nun, Du Pa⸗ pagei!“ Dann folgte ihres Vaters Hut, der heftig aus deſſen Haͤnd in ihr Geſicht flog. An ſolche gelegentliche Kundgebungen ſeines väterlichen Pflichtgefühls gewöhnt, Miß Riderhood zu Hanſe.(Seite: 293.) trocknete Pleaſant ſich blos das Geſicht mit ihrem Haar (welches natürlich heruntergefallen war) und ſteckte daſſelbe dann wieder auf. Damen des„Lochs,“ wenn ſie ſich durch Wort⸗ oder Fauſtkampf erhitzt fühlten. „Mich ſoll der Henker holen, wenn es je einen Papagei gab, der ſchwatzen lernte, wie Du!“ brummte Riderhood, indem er ſich bückte, um ſeinen Hut aufzunehmen und dabei mit ſeinem Kopfe und rechten Elbogen eine Finte nach ihr machte, denn er nahm den zarten Gegenſtand in Bezug auf das Berauben von Seeleuten außerordentlich übel und war außerdem ſchlechter Laune.„Was haſt Du jetzt für Papageigeſchwätz vor? Haſt Du etwa nichts weiter. zu thun, als den ganzen Abend mit verſchlungenen Armen dazuſtehen und wie ein Papagei zu plappern?“ Dies war noch eine Gewohnheit der — „Laßt ſie zufrieden,“ ſagte der Mann,„ſie ſprach blos zu mir.“ „Laßt ſie ſelber zufrieden!“ entgegnete Mr. Riderhood, „Wißt Ihr e⸗ daß ſie meine eigene Tochter iſt?“ „Ja.“ „Und wißt Ihr nicht, daß ich meiner Tochter kein Papageiengeplapper erlauben will? Und eben ſo wenig mir das Papageiengeplapper von irgend einem Manne Und wer mögt Ihr wohl ſein? Und was mag Euch wohl belieben?“ „Wie kann ich Euch das ſagen, ſo lange Ihr nicht ſchweigt?“ erwiderte der Andere zornig. „Nun,“ ſagte Mr. Riderhood, ein wenig nachgebend, „ich bin ganz bereit zu ſchweigen, um zu hören. Aber ich verbiete mir alles Papageiengeplapper!“ „Seid Ihr etwa durſtig, Ihr?“ fragte der Mann in derſelben aufgebrachten kur⸗ zen Weiſe, indem er ſeinen Blick zurückgab. „Ei, natürlich,“ ſagte Mr. Riderhood,„bin ich nicht immer durſtig!“(ent⸗ rüſtet über die Dummheit der Frage). „Was wollt Ihr trin⸗ ken?“ fragte der Mann. „Sherry⸗Wein,“ ent⸗ gegnete Mr. Riderhood in demſelben ſcharfen Tone, „wenn Ihr's leiſten könnt.“ Der Mann griff in ſeine Taſche, nahm einen halben Sovereign heraus und erſuchte Miß Pleaſant, eine Flaſche zu holen. „Aber wohl gekorkt,“ fügte er nachdrucksvoll hinzu, in⸗ dem er ihren Vater an⸗ ſchaute. „Ich will mein Alfred David darauf ablegen,“ murmelte Mr. Riderhood, deſſen Geſicht ſich zu einem düſteren Lächeln verzog, „daß Ihr nicht von geſtern ſeid. Kenne ich Euch? N—n- nein, ich kenne Euch nicht.“ Der Mann entgegnete: „Nein, Ihr kennt mich nicht.“ Und dann ſtanden ſie und ſchauten einander verdrießlich genug an, bis Pleaſant wieder zurückkehrte. „Es ſtehen dort auf dem Sims ein paar Weingläſer,“ ſagte Riderhood zu ſeiner Tochter.„Gieb mir dasjenige, welches keinen Fuß hat.“ Dies hatte ein beſcheidenes, uneigennütziges Anſehen. Doch erwies es ſich bald, daß das Glas, da es, ſo lange es gefüllt war, unmöglich aufrecht hingeſtellt werden konnte, geleert werden mußte, ſowie es gefüllt worden, ein Umſtand, der Mr. Riderhood in Stand ſetzte, im Verhältniſſe zu ſeinem Gaſte wie Drei zu Eins zu trinken. Mr. Riderhood ſetzte ſich mit ſeinem Fortunatusbecher in der Hand an der einen Seite des Tiſches vor's Feuer, und der Fremde ließ ſich an der andern nieder, während Pleaſant einen hölzernen Schemel zwiſchen Letzterem und dem Kamin einnahm. Der Hintergrund, der aus Ta⸗ 296 — 1 291 — ſentich ſtänden, eine allg zuhörern Anzug u plumpen zuwaudt ſprehen .als er der unt Der und un zeugt, langſal taſche u die Fla ſelben den Tiſch halstuche chat er Zue mit ſei und ſei mälig ſank in auf der ſch ſ wie der füllen, hin, un von die und fü letzten; giif Wohlſei D „O Namen „Ind füllte d daſſelbe Frendel Futter feiner in den tig, da derhodd — „Dißt ter kein d wenig Manne 15 8.2 d ſein Ihr nicht chgeben) n. Aber adurſtig, Mann in hien kur⸗ er ſeinen 4 e ſagte nbin ich ig!“ ſent⸗ Summſa Dummheit Ihr trin⸗ Mann. n,“ ent⸗ ehood in en Tone, en konnt.“ grf in ahm einen gn heraus „Pleaſant, zu holen. kt,“ fügte hinzu, in⸗ Pater an⸗ ſein Alfred ablegen,“ Riderhood, b zu einem n verzog, von geſtern ch Euch! ich kenne entgegnete: ennt mich einander rückkehrte. ingläſer, dasſenigen ſcheidenes, bald, daß unmöglich en mußte, Riderhood Gaſte wie lelr. 297* 2 ſchentüchern, Röcken, Hemden, Hüten und andern Gegen⸗ ſtänden, die als„Pfänder“ dort gelaſſen, beſtand, hatte eine allgemeine undeutliche Aehnlichkeit mit menſchlichen Zuhörern; namentlich dort, wo ein glänzender„Südweſter“⸗ Anzug und Hut hingen, welcher ſehr das Anſehen eines plumpen Seemannes hatte, der der Geſellſchaft den Rücken zuwandte und ſo neugierig war, zu hören, was man ſprechen würde, daß er zu dieſem Zwecke innegehalten, als er ſeinen Rock erſt halb an⸗ und die Schultern in der unbeendeten Handlung zu den Ohren hinaufgezogen. Der Gaſt hielt die Flaſche gegen das Licht der Kerze und unterſuchte dann das obere Ende des Korks. Ueber⸗ zeugt, daß nichts mit demſelben vorgenommen, nahm er langſam ein verroſtetes Einlegemeſſer aus ſeiner Bruſt⸗ taſche und öffnete mit einem Korkzieher im Griffe deſſelben die Flaſche. Darauf betrachtete er den Kork, ſchrob den⸗ ſelben von dem Korkzieher ab, legte beide für ſich auf den Tiſch und wiſchte mit dem Zipfel ſeines Matroſen⸗ halstuches das Innere des Flaſchenhalſes ab. Alles dies that er mit großer Gelaſſenheit. Zuerſt hatte Riderhood, während der gelaſſene Fremde mit ſeinen Vorbereitungen beſchäftigt geweſen, dageſeſſen und ſein fußloſes Glas auf Armlänge hingehalten. All⸗ mälig aber kehrte ſein Arm zu ihm zurück und das Glas ſank immer niedriger, immer niedriger, bis es umgekehrt auf dem Tiſche ruhte. In demſelben Grade concentrirte ſich ſeine Aufmerkſamkeit auf das Meſſer. Und jetzt, wie der Mann die Flaſche emporhielt, um alle Gläſer zu füllen, ſtand Riderhood auf, beugte ſich über den Tiſch hin, um das Meſſer näher zu betrachten, und ſtierte dann von dieſem zu ihm hin. „Was giebt's?“ fragte der Mann. „Ei, ich kenne das Meſſer!“ ſagte Riderhood. „Ja, das will ich ſchon glauben.“ Er machte ihm ein Zeichen, ſein Glas hinzuhalten und füllte daſſelbe. Riderhood leerte es bis auf den letzten Tropfen und fing abermals an: „Das Meſſer dort—“ „Halt,“ ſagte der Mann ruhig.„Ich war im Be—⸗ griff, auf das Wohl Eurer Tochter zu trinken. Ihr Wohlſein, Miß Riderhood.“ „Das Meſſer dort gehörte einem Seemann, mit Namen George Radfoot.“ „Ganz recht.“ „Jener Seemann war mir wohl bekannt.“ „Ganz recht.“ „Was iſt aus ihm geworden?“ „Der Tod hat ihn geholt. Der Tod holte ihn in ſehr garſtiger Geſtalt. nachher ſehr ſcheußlich aus.“. „Nach— was?“ ſagte Riderhood mit einem düſteren Stieren. „Nachdem er getödtet war.“ „Getödtet? Wer tödtete ihn?“ Indem er ihm blos durch ein Achſelzucken antwortete, füllte der Mann das fußloſe Glas, und Riderhood leerte daſſelbe, wobei er ſtaunend von ſeiner Tochter nach dem Fremden hinſtierte. „Ihr wollt doch einem ehrlichen Manne nicht etwa ſagen—“ begann er wieder, ſein leeres Glas in der Hand haltend, als ſein Auge plötzlich durch den kurzen „Ich glaube wahrhaftig, Ihr wollt mir in's Geſicht ſagen, daß Ihr ihn getödtet habt!“ rief Riderhood, ließ aber deſſenungeachtet ſein Glas wieder füllen. Der Mann antwortete abermals nur durch ein Achſel⸗ zucken, und zeigte nicht die mindeſte Verwirrung. „Ich will ſterben, wenn ich weiß, was ich aus dieſem Burſchen machen ſoll!“ ſagte Riderhood, nachdem er ihn angeſtiert, und goß ſein letztes Glas die Kehle hinunter. „Laßt uns wiſſen, was wir aus Euch zu machen ha⸗ Sprecht etwas Deutliches.“ „Das will ich thun,“ erwiderte der Andere, indem er ſich über den Tiſch zu ihm hinbeugte, und ſagte dann in leiſem eindrucksvollen Tone:„Welch ein Lügner Ihr ſeid!“ Der ehrliche Zeuge ſtand auf und that, als wolle er dem Manne ſein Glas in’ Geſicht werfen. Da der Mann aber keine Muskel verzog, ſondern blos, halb pfiffig, halb drohend, den Zeigefinger gegen ihn erhob, beſann das Stück Ehrlichkeit ſich eines Beſſern, ſetzte ſich wieder und legte das Glas ebenfalls nieder. „Und als Ihr mit jener erdichteten Geſchichte zu dem Advocaten dort im Tempel gingt,“ ſagte der Fremde mit einer unerträglich gemüthlichen Art von Vertraulichkeit, „hattet Ihr vielleicht einen Eurer eigenen Freunde in ſtarkem Verdacht. Ich denke mir, dies war der Fall, wißt Ihr.“ „Ich— im Verdacht? Welchen Freund?“ „Sagt mir noch einmal, weſſen Meſſer dies war?“ fragte der Mann. „Daſſelbe gehörte dem Manne, und war das Eigen⸗ thum des Mannes, deſſen ich Erwähnung gethan,“ ſagte Riderhood mit dummer Vermeidung des Namens ſelbſt. „Sagt mir noch einmal, weſſen Rock dies war?“ „Jenes Kleidungsſtück gehörte ebenfalls dem Manne, und ward von dem Manne getragen, deſſen ich Erwäh⸗ nung gethan,“ war abermals die dumme Alt⸗Bailey⸗ Ausweichung. „Ich vermuthe, daß Ihr ihm die That zuſchriebt und annahmt, daß er ſich klugerweiſe verborgen halte. Doch es war wenig Klugheit in ſeinem Verborgenhalten. Er würde größere Klugheit bewieſen haben, falls er nur einen einzigen Augenblick an's Tageslicht zurückgekehrt wäre.“ „Es geht wahrlich hübſch in der Welt her,“ brummte ben. Mr. Riderhood, indem er, ſich in den Winkel getrieben Er ſah,“ ſagte der Mann,„er ſah wollenen Oberrock des Fremden gefeſſelt ward. Er beugte ſich über den Tiſch, um denſelben näher zu betrachten, berührte den Aermel, krämpte den Aermel um, um das Futter in Augenſchein zu nehmen(wobei der Mann in ſeiner vollkommenen Gelaſſenheit ihm nicht das Geringſte in den Weg legte) und rief aus:„Ich glaube wahrhaf⸗ tig, daß dieſer Rock ebenfalls George Radfoot gehörte!“ fühlend, aufſtand,„wenn Eiſenfreſſer, die todter Leute Kleider tragen, und Eiſenfreſſer, die ſich mit todter Leute Meſſern bewaffnen, in die Häuſer ehrlicher lebendiger Leute kommen, die ſich im Schweiße ihres Angeſichts ihren Lebensunterhalt verdienen, und ohne Grund oder Urſache, weder Eins noch das Andere, ſolche Beſchuldi⸗ gungen gegen ſie erheben! Warum ſollte ich ihn im Verdacht gehabt haben?“ „Weil Ihr ihn kanntet,“ erwiderte der Mann;„weil Ihr ein Herz und eine Seele mit ihm geweſen und den wahren Charakter kanntet, den er unter einer glatten Außenſeite trug; weil er in der Nacht, die Ihr ſpäter als die Nacht des Mordes anzunehmen Grund hattet, innerhalb einer Stunde, nachdem er ſein Schiff in den Docks verlaſſen, hierher kam und Euch fragte, wo er ein Logis finden könne. War er nicht von einem Fremden begleitet?“ „Ich will in alle Ewigkeit Amen meinen Alfred Da⸗ vid darauf ablegen, daß Ihr ihn nicht begleitetet,“ ant⸗ wortete Riderhood.„Ihr ſchwatzt ſehr großmäulig, aber mir ſcheint, daß der Anſchein ziemlich ſchwarz gegen Euch 4 299 ſelber iſt. Ihr gebt mir die Schuld, daß George Rad⸗ foot verſchwand und daß man nicht wieder von ihm ge⸗ hört hat. Was hat das bei einem Seemanne zu ſagen? Ei, ſolcher giebt es wohl fünfzig, aus den Augen aus dem Sinn, zehn Mal ſo lange, wie er— indem ſie ſich unter falſchen Namen eintragen laſſen, oder in einem an⸗- dern Schiffe abſegeln, oder was es ſonſt ſein mag— und dann eines Tages plötzlich hier wieder ans Tages⸗ licht kommen, und es kümmert ſich kein Menſch darum. fünf⸗ bis zehntauſend Pfund Geldes werth iſt?“ fragte Fragt meine Tochter. Ihr konntet geläufig genug mit ihr plappern, ehe ich zu Hauſe war: plappert jetzt ein⸗ mal ein wenig über dieſen Gegenſtand mit ihr. mit Eurem Verdacht gegen mich mit meinem Verdacht gegen ihn! Welchen Verdacht hege ich gegen Euch? Ihr ſagtet mir, Georg Radfoot ſei getödtet worden. Ihr Ich frage Euch, wer es gethan hat, und woher Ihr es wißt? Ihr habt ſein Meſſer und tragt ſeinen Rock. Ich frage Euch, wie Ihr dazu keuat Gebt die Flaſche her!“ Hier ſchien Mr. Riderhosd ſich in dem tugendhaften Wahne zu befinden, daß dieſelbe ſein Eigenthum ſei. „Und was Dich betrifft,“ fügte er zu ſeiner Tochter ge⸗ digen Mann in Verdacht gebracht habt; und daß ich wendet hinzu, indem er das fußloſe Glas füllte,„ſo würde ich Dir, wenn es nicht ſchade um den guten Wein ner eigenen Perſon als Zeugniß gegen Euch erſcheinen wäre, dies für Dein Geplapper mit dem Manne ins Ge⸗ ſicht werfen. Es kommt Alles von ſolchem Papageien— geplapper, daß Leute, wie er, Verdacht ſchöpfen, wohin⸗ gegen ich durch Vernunftgründe zu dem meinigen gelange, und indem ich von Natur ein ehrlicher Mann bin, und im Angeſichte ſchwitze, wie ſich's für einen ehrlichen Mann geziemt.“ Hier füllte er abermals den fußloſen Becher und ſtand, die eine Hälfte des Inhalts im Munde kau— end und in die andere hinabſchauend, während er dieſelbe langſam im Glaſe umherſpüͤlte, da; während Pleaſant, deren ſympathiſches Haar herabgefallen, ſowie er ſich zu ihr gewendet, daſſelbe ziemlich nach der Mode eines Pferde⸗ ſchweifs aufſteckte, deſſen Inhaber zum Verkauf auf den Markt geführt wird. „Nun? Seid Ihr zu Ende?“ fragte der Fremde. „Nein,“ ſagte Riderhood,„das bin ich nicht. Weit entfernt. Alſo! Ich verlange zu wiſſen, wie George Rad⸗ foot zu ſeinem Tode kam, und wie Ihr zu ſeinen Sachen kommt?“ „Falls Ihr das jemals zu wiſſen bekommt, ſo werdet Ihr es doch jetzt nicht erfahren.“ und ferner verlange ich zu wiſſen,“ fuhr Riderhood fort,„ob Ihr jenen Wie⸗heißt's⸗gleich Mord—“ „Den Harmon⸗Mord, Vater,“ ſagte Pleaſant. „Nein, Du Papagei!“ ſchrie er in Erwiderung. „Halt' den Mund!— Ich verlange zu wiſſen, Ihr, Boz, Unſer gemeinſchaftlicher ungemacht bleiben. Freund. * 300 „Schließe die Ladenthür!“ ſagte er dann zu ſeiner Tochter, indem er plötzlich das Glas niederlegte.„Und drehe den Schlüſſel um, und bleib' dort ſtehen! Warum ſeid Ihr nicht, Ihr, Sir, zum Advocaten Lightwood ge⸗ gangen, falls Ihr alles Dies wißt?“ „Auch das iſt nur mir bekannt,“ war die trockene Antwort. „Wißt Ihr nicht, daß, falls Ihr die That nicht ver⸗ übtet, Das, was Ihr erzählen zu können behauptet, Riderhood. M„ Ich weiß dies ſehr wohl, und wenn ich es fordere, ſollt Ihr es mit mir theilen.“ Der ehrliche Mann machte eine Pauſe und entfernte ſich ein wenig von der Thür, um ſeinem Gaſte ein we⸗ nig näher zu kommen. „ Ich weiß es,“ wiederholte der Fremde ruhig,„eben ſo gut, wie ich weiß, daß Ihr und George Radfoot in mehr als einer finſteren That gemeinſchaftliche Sache ge⸗ macht habt; und eben ſo gut, wie ich weiß, daß Ihr, Roger Riderhood, wegen des Blutgeldes einen unſchul⸗ Euch für Beides den Gerichten überliefern, und in mei⸗ kann,— ja, ich ſchwöre, daß ich dies thun will!— fallsuushr mir Trotz bietet.“ Vater!“ rief Pleaſant von der Thür aus.„Biete ihm nicht Trotz! Gieb ihm nach! Laß Dich nicht in fernere Ungelegenheiten bringen, Vater!“ „Willſt Du Dein Papageiengeplapper laſſen, frage ich Dich?“ rief Mr. Riderhood, durch die Beiden halb von Sinnen gebracht. Dann ſagte er in verſöhnendem und kriecheriſchem Ton:„Aber, Sir! Sie haben nicht geſagt, was Sie von mir fordern. Iſt es wohl billig, iſt es wohl Ihrer ſelbſt würdig, von meinem Trotz⸗ bieten zu reden, ehe Sie mir ſagen, was Sie von mir verlangen?“ „Ich verlange nicht viel,“ ſagte der Mann.„Dieſe Eure Beſchuldigung darf nicht halb gemacht und halb Ihr müßt Das, was Ihr um des Blutgeldes willen gethan, wieder gut machen.“ „Nun, aber Schiffskamerad—“ „Nennt mich nicht Euren Schiffskameraden,“ ſagte der Mann. „Alſo Capitain,“ ſagte Riderhood;„ſo! Sie werden doch gegen Capitain nichts einzuwenden haben. Es iſt ein ehrenvoller Titel, und Sie ſehen ganz ſo aus, Ca⸗ pitain! Sir, ob Ihr den George Radfoot jenes Verbrechens be⸗ ſchuldigt?“ „Falls Ihr das jemals zu wiſſen bekommt, ſo werdet Ihr es doch jetzt nicht erfahren.“ „Vielleicht habt Ihr es ſelbſt gethan?“ ſagte Rider⸗ hood mit einer drohenden Geberde. „Ich allein,“ ſagte der Fremde, ſtrenge den Kopf ſchüttelnd,„weiß die Geheimniſſe jenes Verbrechens. Ich allein weiß, daß Ihre aufgetrumpfe Geſchichte unmöglich wahr ſein kann. Ich allein weiß, daß dieſelbe völlig er⸗ logen ſein muß, und daß Ihr wißt, daß ſie völlig erlo⸗ gen iſt. Ich bin heute Abend hierher gekommen, um Euch ſo viel und nicht mehr von Dem zu ſagen, was ich weiß.“ Mr. Riderhood ſann, ſein ſchielendes Auge auf ſei⸗ nen Gaſt heftend, einige Augenblicke nach; dann füllte er ſein Glas und goß den Inhalt deſſelben mit drei verſchiedenen Hebungen ſeines Armes in ſeinen Hals hin⸗ unter. Iſt der Mann nicht todt? Sein Sie billig— ich frage Sie, iſt Gaffer nicht todt?“ „Nun,“ erwiderte der Andere ungeduldig,„ja, er iſt todt. Was folgt daraus?“ „Können Worte einem todten Manne ſchaden, Capi⸗ tain? Ich bitte Sie blos, billig zu ſein.“ „Sie können dem Gedächtniß eines todten Mannes ſchaden, und ſie können ſeinen lebenden Kindern ſchaden. Wie viele Kinder hatte dieſer Mann?“ „Sie meinen Gaffer, Capitain?“ „Von wem ſprechen wir ſonſt?“ erwiderte der Andere mit einer Bewegung des Fußes, wie wenn Rogue Rider⸗ hood ſowohl körperlich wie geiſtig vor ihm zu kriechen angefangen, und er ihn hiermit von ſich ſtieße.„Ich habe von einer Tochter und einem Sohne gehört. Ich bitte mir Auskunft darüber aus; ich frage Eure Toch⸗ ter, denn ich ziehe es vor, mit ihr zu reden. Wie viele Kinder ließ Hexam zurück?“ Da Pleaſant ihren Vater um Erlaubniß, ihm ant⸗ worten zu dürfen, anſchaute, rief dieſer ehrliche Mann mit großer Bitterkeit: 2 V antvor ug kü Hu! eige In nur zwe 8 ſende 2 ſie hin ter zur wohnt, verlaſſen können. Fremde um ſte darauf Unterha jetzt wa außeror eine D als ich dem A ein wen (um mie dem Ei⸗ ſchen, we um ſeine Geldes; jener be man Etr Jfernt wa Und es Capitai todt wa V ren: M ich au Ninu Capitait ſmirs ül niedergeſ Dick n verden. komme 1 1 — * +— ² 300 u ſeiner „Und M Warum dod ge⸗ trockene ich ver⸗ dugtt, 14 ſrage fordere, entfernte ein we⸗ -,„eben dfoot in dache ge⸗ daß Ihr, unſchul⸗ daß ich din mei⸗ erſcheinen will!— .„Biete nicht in en, frage den halb n nicht ohl billig, em Trotz⸗ von mir .„Dieſe und halb um des len,“ ſagte ie werden an. Es iſt aus, Ea⸗ (billig— zjn, er iſt ben, Capi— Mannes in ſchaden. er Andere 301 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. „Warum, zum Teufel, kannſt Du dem Capitain nicht antworten? Du kannſt Deine Papageienzunge flink ge⸗ nug rühren, wenn man Deines Geplappers nicht bedarf, Du eigenſinige Hexe Du!“ In dieſer Weiſe ermuthigt, erklärte Pleaſant, daß nur zwei Kinder zurückgeblieben, Lizzie, die in Frage ſte⸗ hende Tochter, und der Knabe. Beide ſehr achtbar, fügte ſie hinzu. „Es iſt fürchterlich, daß das Stigma auf ſie fallen ſollte,“ ſagte der Fremde, den dieſe Betrachtung ſo ſehr zu beunruhigen ſchien, daß er aufſtand und auf und ab ging, indem er murmelte:„Fürchterlich! Unvorherge⸗ ſehen? Wie konnte man dies vorherſehen!“ Dann ſtand er ſtill und fragte laut:„Wo wohnen ſie?“ Pleaſant ſetzte ferner auseinander, daß blos die Toch⸗ ter zur Zeit ſeines plötzlichen Todes bei dem Vater ge⸗ wohnt, und daß ſie unmittelbar darauf die Nachbarſchaft verlaſſen habe. „Das weiß ich,“ ſagte der Mann,„denn ich war zur Zeit der Leichenſchau in dem Hauſe, in welchem ſie wohnten. Könnten Sie, ohne Aufſehen zu erregen, für mich in Erfahrung bringen, wo ſie ſich jetzt aufhält?“ Pleaſant bezweifelte nicht, daß ſie dies werde thun können. Wie bald wohl? Innerhalb eines Tages. Der Fremde ſagte, das genüge, und er wolle zurückkommen, um ſich die Auskunft von ihr zu holen, indem er ſich darauf verlaſſe, daß ſie dieſelbe verſchaffen werde. Dieſe Unterhaltung hatte Riderhood ſchweigend angehört, und jetzt wandte er ſich mit Unterwürfigkeit an den Capitain. „Capitain! Was meine unglückſeligen Worte in Be⸗ zug auf Gaffer betrifft, ſo ſollte dahingegen der Umſtand nicht außer Acht gelaſſen werden, daß Gaffer ſtets ein außerordentlicher Schurke, und daß ſeine Beſchäftigung eine Diebsbeſchäftigung war. Zudem mag ich vielleicht, als ich mit meiner Angabe zu jenen beiden Herrſchaften, dem Advocat Lightwood und dem andern Herrn, ging, ein wenig zu eifrig im Intereſſe der Gerechtigkeit, oder (um mich anders auszudrücken) ein wenig zu ſehr unter dem Einfluſſe der Gefühle geweſen ſein, die den Men⸗ ſchen, wenn ein Haufen Geldes zu haben iſt, antreiben, um ſeiner Familie willen ſeine Hand in dieſen Haufen Geldes zu ſtecken. Außerdem glaube ich, daß der Wein jener beiden Herrſchaften— ich will nicht ſagen, daß man Etwas hineingethan hatte— aber, daß er weit ent⸗ fernt war, ein Wein für einen geſunden Geiſt zu ſein. Und es ſollte noch Eins in Betracht gezogen werden, Capitain. Blieb ich etwa bei jenen Worten, als Gaffer todt war, und ſagte ich etwa dreiſt zu jenen beiden Her⸗ ren: ‚Meine Herren beide, Das, was ich angegeben, gebe ich auch jetzt noch an; ich bleibe bei meiner Ausſage?“ Nein. Ich ſagte frei und offen— ohne alle Ausflüchte, Capitain!— ‚ich habe mich vielleicht getäuſcht, ich habe mir's überlegt, es mag Dies oder Jenes nicht richtig niedergeſchrieben worden ſein, und ich will nicht durch Dick und Dünn hindurch ſchwören, ich will lieber Ihre gute Meinung einbüßen.“ Und ſo viel ich weiß,“ ſchloß Riderhood zum Belege ſeines Charakters,„habe ich in der That die gute Meinung verſchiedener Perſonen ein⸗ gebüßt— ſelbſt die Ihrige, Capitain, falls ich Ihre Worte recht verſtehe,— aber ich will dies lieber ertra⸗ gen, als einen Meineid ſchwören. Da; wenn das falſch' Zeugniß iſt, ſo nennen Sie mich einen falſchen Angeber.“ „Ihr ſollt eine Erklärung unterſchreiben,“ ſagte der Fremde, indem er dieſer Rede wenig Beachtung ſchenkte, „daß es Alles von Anfang bis zu Ende erlogen war, und dieſe Erklärung ſoll dem armen Mädchen gegeben werden. Ich will dieſelbe mitbringen, wenn ich wieder⸗ komme, damit Ihr ſie unterſchreibt.“ „Wann darf man Sie erwarten, Capitain?“ fragte Riderhood, indem er ſich abermals zweifelhaft zwiſchen ihn und die Thür ſchob. „Vollkommen bald genug für Euch; ich werde Euch nicht täuſchen; das habt Ihr nicht zu fürchten.“ „Wären Sie vielleicht geneigt, einen Namen zurück⸗ zulaſſen, Capitain?“ „Nein, durchaus nicht. Ich denke nicht daran.“ „Sollen“ iſt ein ziemlich hartes Wort, Capitain,“ ſagte Riderhood, indem er ſich, wie der Andere ſich nä⸗ herte, noch immer ſchwach zwiſchen ihn und die Thüre zu ſchieben verſuchte.„Wenn Sie ſagen, daß ein Mann Dies oder Jenes unterſchreiben ‚ſoll“, Capitain, ſo com⸗ mandiren Sie ihn ziemlich großartig umher. Scheint es Ihnen nicht auch ſo?“ Der Mann ſtand ſtill und heftete einen zornigen Blick auf ihn. „Vater, Vater!“ flehte Pleaſant von der Thür aus, während ihre freie Hand ängſtlich vor ihren Lippen zit⸗ terte,„bringe Dich nicht wieder in Ungelegenheiten! „Hören Sie mich zu Ende, Capitain, hören Sie mich zu Ende! Alles, was ich zu ſagen wünſchte, ehe Sie uns verließen,“ ſagte der kriecheriſche Mr. Riderhood, von ſei⸗ nem Pfade abweichend,„bezog ſich auf Ihre edlen Worte in Bezug auf die Belohnung.“ „Wenn ich dieſelbe fordere,“ ſagte der Mann in ei⸗ nem Tone, der ſehr deutlich die Worte„Ihr Hund“ als Zuſatz zu verſtehen gab,„ſo ſollt Ihr mit mir theilen.“ Indem er Riderhood feſt anblickte, ſagte er nochmals mit leiſer Stimme, diesmal mit einer grimmigen Art von Bewunderung für ihn, wie für ein vollkommenes Exemplar der Scheußlichkeit:„Was Ihr für ein Lügner ſeid!“ und ſchritt, nachdem er das Compliment durch ein zwei⸗ oder dreimaliges Kopfnicken bekräftigt, aus dem Laden. Der Pleaſant aber wünſchte er freundlich gute Nacht. Der ehrliche Mann, der ſich ſeinen Lebensunterhalt im Schweiße ſeines Angeſichts verdiente, blieb in einem Zuſtande zurück, der an Betäubung grenzte, bis ſein Geiſt plötzlich das fußloſe Glas und die Flaſche in ſich auf⸗ nahm. Sein Geiſt führte dieſelben in ſeine Hände, und ſeine Hände führten den letzten Tropfen Wein in ſeinen Magen. Als dies geſchehen, erwachte er zu der klaren Ueberzeugung, daß Das, was ſich zugetragen, einzig und allein vom Papageiengeplapper herbeigeführt ſei. Des⸗ halb ſchleuderte er, um nicht ſeine Vaterpflichten zu ver⸗ nachläſſigen, Pleaſant ein Paar Matroſenſtiefel an den Kopf, welchen auszuweichen ſie ſich bückte; und dann weinte das arme Geſchöpf, wobei ſie ſich ihres Haares als Taſchentuch bediente. Dreizehntes Capitel. Ein Solo und ein Buett. Es wehte ein ſo ſtarker Wind, als der Fremde aus der Ladenthür in die Dunkelheit und den Schmutz von Limehouſe⸗Loch hinaustrat, daß derſelbe ihn faſt wieder hineingeblaſen hätte. Thüren wurden heftig zugeſchlagen, Lampen flackerten oder waren ausgeblaſen, Hausſchilder ſchwangen an ihren Haken und das Waſſer in den Goſ⸗ ſen flog, vom Winde getrieben, wie Regen umher. Gleich⸗ gültig gegen das Wetter, und daſſelbe ſogar, da es die Straßen von Menſchen ſäuberte, beſſerem Wetter vorzie⸗ hend, ſchaute der Mann mit prüfenden Blicken um ſich her.„So viel weiß ich,“ murmelte er.„Ich war ſeit jener Nacht nie wieder hier und war vor jener Nacht noch nie hier geweſen, aber ſo viel vermag ich zu erken⸗ nen. Welchen Weg mögen wir nur eingeſchlagen haben, als wir aus jenem Laden kamen? Wir wandten uns rechts, wie ich es gethan habe, doch weiter vermag ich mir nichts zurückzurufen. Gingen wir durch dieſen Gang? Oder jene kleine Gaſſe hinunter?“ Er verſuchte beide, doch ſah er ſich durch beide gleich verwirrt und kehrte an dieſelbe Stelle zurück.„Ich er⸗ innere mich, daß lange Stangen aus den oberen Fenſtern herausragten, auf denen Kleider zum Trocknen hingen, und ich erinnere mich einer niedrigen Schenke, und der Klänge einer Geige und des Geräuſches von tanzenden Füßen, die einen engen Gang hinunterſchallten, der zur Schenke gehörte. Doch alles Dies finde ich ſowohl in dem Gange als in dem Gäßchen. Und ich finde in mei⸗ ner Erinnerung nichts weiter, als eine Mauer, einen dunklen Thorweg, eine Treppe und ein Zimmer.“ Er verſuchte eine neue Richtung, vermochte aber nichts aus derſelben zu machen; Mauern, dunkle Thorwege, Treppen und Zimmer waren im Ueberfluſſe vorhanden. Und wie die Leute es in einem ſolchen Zuſtande der Un⸗ gewißheit gewöhnlich machen, beſchrieb er immer und immer wieder einen Kreis und ſah ſich wieder an derſelben Stelle, von der er ausgegangen war.„Dies gleicht den Erzäh⸗ lungen, die ich über Entweichungen aus Gefängniſſen ge⸗ leſen habe,“ ſagte er,„wo der kleine Pfad der Flüchtlinge in der Nacht ſtets die Geſtalt der großen runden Welt anzunehmen ſcheint, auf der ſie wandern; wie wenn dies ein geheimes Geſetz der Natur wäre.“ Hier hörte er auf, der wergköpfige und wergbärtige Mann zu ſein, den Miß Pleaſant Riderhood erblickt hatte und wurde, wenn man von dem nautiſchen Rocke abſehen will, in den er gehüllt war, dem vermißten und gefuchten Mr. Julius Handford ſo ähnlich, wie in dieſer Welt noch nie ein Menſch dem andern ſah. Er ſchob das ſtruppige Haar und den Bart in einem Augenblicke, wo der günſtige Wind eine einſame Gaſſe mit ihm hin— unterging, die jener von Fußgängern gereinigt, in ſeine Bruſttaſche. Doch zugleich war er auch der Secretär, Mr. Boffin's Secretär. Denn John Rokeſmith ſah je⸗ nem vermißten und geſuchten Mr. Julius Handfort eben⸗ falls ſo ähnlich, wie in dieſer Welt noch nie ein Menſch dem andern ähnlich ſah. „Ich habe keinen Schlüſſel zu dem Schauplatze mei⸗ nes Todes,“ ſagte er.„Nicht, daß jetzt Etwas daran gelegen wäre. Doch da ich mich, indem ich mich über⸗ haupt hierher wagte, der Entdeckung ausgeſetzt, hätte ich gern eine Spur des Weges finden mögen.“ Mit dieſen ſeltſamen Worten gab er ſeine Nachforſchungen auf, kam aus Limehouſe⸗Loch heraus und ſchlug den Weg ein, der an der Limehouſe⸗Kirche vorüberführt. Vor dem großen eiſernen Thore des Kirchhofes ſtand er ſtill und ſchaute hinein. Er ſchaute zu dem hohen Thurm empor, der ſo geſpenſtiſch dem Winde Widerſtand bot, und er blickte auf die weißen Grabſteine hin, die einige Aehnlichkeit mit den Todten in ihren Todtenhemden hatten, und er zählte die neun Schläge der Thurmuhr. „Es iſt ein Gefühl, wie es nicht vielen Sterblichen zu Theil wird,“ ſagte er,„an einem wilden windigen Abend in einen Kirchhof hinein zu ſchauen, und zu füh⸗ len, daß ich eben ſo wenig einen Platz unter den Leben⸗ den einnehme, wie dieſe Todten hier, und ſogar zu wiſ— ſen, daß ich, wie Dieſe hier, an einer andern Stelle be⸗ graben liege. Ich vermag uiich durch Nichts daran zu gewöhnen. Ein Geiſt, der einſt ein Menſch geweſen, könnte ſich, falls er unerkannt unter den Menſchen um⸗ Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 304 herwandelte, kaum fremder und verlaſſener fühlen, als ich mich fühle. „Doch dies iſt die phantaſtiſche Seite der Situation. Dieſelbe hat noch eine wirkliche Seite, die ſo ſchwierig iſt, daß ich ſie, obwohl ich ſie tagtäglich überlege, nie⸗ mals völlig durchzudenken vermag. Ich will den Ent⸗ ſchluß faſſen, dieſelbe jetzt auf meinem Heimwege durch⸗ zudenken. Ich weiß, daß ich mich gleich vielen Leuten — gleich den meiſten Leuten vielleicht— davor ſcheue, mich klar durch meine größte Schwierigkeit hindurch zu den⸗ ken. Ich will es verſuchen, mich an dieſelbe feſtzuhalten. Weiche nicht aus, John Harmon; weiche nicht aus, denke es zu Ende! „Als ich, durch die Berichte über das ſchöne Erbtheil, die im Auslande an mich gelangten, zu dem Lande hin⸗ gezogen, für das ich keine anderen, als die kummervollſten Erinnerungen beſaß, nach England zurückkehrte, kam ich mit einem Gefühle des Schauderns vor dem Gelde mei⸗ nes Vaters, vor dem Gedächtniſſe meines Vaters, voll argwöhniſchen Zweifels über die mir aufgedrängte eigen⸗ nützige Gattin, voll Argwohn über meines Vaters Ab⸗ ſicht, indem er mir jene Heirath aufgedrängt, voll Arg⸗ wohn, daß ich bereits geldgierig zu werden anfange, voll Argwohn, daß ich bereits in der Dankbarkeit gegen die beiden lieben redlichen Freunde nachließe, die den einzigen Sonnenſchein in mein eigenes Kinderleben und das mei⸗ ner unglücklichen Schweſter hatten fallen laſſen. Ich kam furchtſam, von Zweifel erfüllt, mich vor mir ſelber und allen Uebrigen hier fürchtend, von Nichts wiſſend, das meines Vaters Reichthum je herbeigeführt hatte, als von Elend und Jammer. Jetzt, halt' ein und überlege es wohl, John Harmon. Iſt dies ſo? Ja, genau ſo. „An Bord diente als dritter Mat Georg Radfoot. Ich wußte Nichts über ihn. Ich hörte ſeinen Namen zum erſten Male, als ich, etwa eine Woche vor unſerer Abfahrt, von einem der Comptoiriſten des Schiffsagenten als Mr. Radfoot angeredet wurde. Es geſchah dies eines Tages, als ich an Bord gegangen war, um nach meinen Reiſezurüſtungen zu ſehen; der Comptoiriſt kam hinter mich, wie ich auf dem Verdeck ſtand, berührte meine Schulter und ſagte: Mr. Radfoot, ſchauen Sie her, auf einige Papiere deutend, die er in der Hand hielt. Und Radfoot hörte meinen Namen zuerſt, als etwa zwei oder drei Tage vor der Abfahrt, während das Schiff noch im Hafen lag, ein anderer Comptoiriſt hinter ihm herankam, ſeine Schulter berührte und ſagte: Ich bitt' um Ver⸗ gebung, Mr. Harmon—. Ich glaube, wir glichen ein⸗ ander an Geſtalt und Größe, doch ſonſt nicht, und daß wir ſelbſt hierin keine auffallende Aehnlichkeit hatten, wenn wir neben einander ſtanden und verglichen werden konnten.— „Indeſſen ein paar freundſchaftliche Worte über dieſe Verwechſelungen brachten leicht eine Bekanntſchaft zwiſchen uns zu Stande; und das Wetter war heiß und er ver⸗ half mir zu einer kühlen Cajüte auf dem Verdeck neben der ſeinigen, und ſeine erſte Schule war, gleich der mei⸗ nigen, in Brüſſel geweſen, knd er ſprach, wie ich, Fran⸗ zöſiſch, und er hatte eine kleine Geſchichte über ſich zu erzählen— Gott allein weiß, wie viel an derſelben wahr und wie viel erlogen war—, die einige Aehnlichkeit mit der meinigen hatte. Auch ich war einſt ein Seemann geweſen. Und ſo kam es, daß wir vertraut mit einander wurden, und zwar um ſo mehr, als er und Alle an Bord durch das Gerücht erfahren, was mich nach England zurückrief. Auf dieſe Weiſe ward er allmälig mit meinen Beſorgniſſen bekannt, die ſich zu dieſer Zeit meiſtens auf die mir beſtimmte Gattin bezogen und den Wunſch in mir erweckten, dieſelbe zu ſehen und kennen zu lernen, 2 305 he ſie Beffu uberra Geͤnnke Siande ſehen, T Wg zu beiführe Falls n Schaden Adooca S unmitte Erkennu derſelben meinem Stewar 70 kannte vom Wegsé, ſchlug, Nußen von dor nicht— Richtun bopgen, ohne 3. „D. vermeid hat es oder kru Harmon HA denen ögen, lich nic hielt. ſonſt i einem llcchkeit 81 mir jetz eichein Indem meinen w ſin ir wie Napiet anndere Zweite mal w troſen Giſft! G „ Neile zu der dem 31 — Bon, Unſer ₰ 304 4, als ich eituation. ſchwierig gge, nie⸗ den Ent. ge durch⸗ Lauten or ſchene, ich zu den⸗ tzuhalten. aus, denke Erbtheil Lande hin⸗ nervollſten kam ich elde mei⸗ ters, voll dte aͤgen⸗ daters Ab⸗ voll Arg. b fange, vol gegen die en einzigen das mei⸗ fſen. Ich mir ſelber z viſſend, hatte, als à überlege vor unſerer ifsagenten dies eines lich meinen am hinter hrte meine ie her, a bielt. Und h zwei oder if noch im herankam, um Ver⸗ glichen ein⸗ t, und daß keit hatten, chen werden eüber diſe rft zwiſchen ich, Fran⸗ er ſich zu ſelben wahr lichkeit mit n Seemann ſnit einander Ill an Bord h Sulmd mit meinen V mneiſtens auf Punſch in 3 zu lernen 3 u zu le 1 1 305 ehe ſie wiſſen konnte, wer ich ſei; und außerdem Mrs. Boffin auf die Probe zu ſtellen und ihr eine frohe Ueberraſchung zu bereiten. Wir kamen deshalb auf den Gedanken, uns(da er mich in London umherzuführen im Stande war) mit gewöhnlichen Matroſenkleidern zu ver⸗ ſehen, Bella Wilfer's Nähe zu ſuchen, uns ihr in den Weg zu werfen und zu thun, was der Zufall eben her⸗ beiführen mochte, und dann zu ſehen, was daraus entſtehe. Falls nichts daraus entſtand, ſo hatte ich mir keinen Schaden gethan, und es war blos mein Beſuch beim Advocaten Lightwood ein wenig dadurch verzögert worden. Sind mir alle dieſe Facta richtig gegenwärtig? Ja. Sie ſind alle vollkommen richtig.. „Sein Vortheil in dieſem ganzen Plane war der, daß ich auf eine Weile verloren ſein ſollte. Es mochte nur auf einen Tag oder zwei Tage ſein, aber ich mußte unmittelbar nach dem Landen verſchwinden, oder es mußte Erkennung, Verhinderung unſerer Pläne und Fehlſchlag derſelben ſtattfinden. Deshalb verließ ich das Schiff mit meinem Reiſeſack in der Hand— wie Potterſon, der Steward, und Mr. Jacob Kibble, mein Reiſegefährte, ſpäter ausſagten— und erwartete ihn im Finſtern bei jener Limehouſe⸗Kirche, die jetzt hinter mir liegt. „Da ich den Hafen von London ſtets gemieden hatte, kannte ich die Kirche nur dadurch, daß er mir dieſelbe vom Schiffe aus gezeigt hatte. Ich vermöchte mich des Wegs, den ich vom Fluſſe aus allein nach derſelben ein⸗ ſchlug, vielleicht zu erinnern,— falls dies irgend welchen Nutzen haben könnte; doch auf welchem Wege wir Beide von dort nach Riderhood's Laden gelangten, weiß ich nicht— eben ſo wenig, wie ich mich erinnere, welche Richtung wir einſchlugen und um wie viele Ecken wir bogen, nachdem wir denſelben verlaſſen. Der Weg ward ohne Zweifel abſichtlich verwirrt. „Doch ich muß die Thatſachen ausdenken und es vermeiden, mich durch Muthmaßungen zu verwirren. Was hat es jetzt noch zu bedeuten, ob er mich auf geradem oder krummem Wege dort hinführte? Aufgepaßt, John Harmon. „Hatte ich ihn, als wir bei Riderhood vorſprachen und er ein paar Fragen an den Schurken richtete, von denen er vorgab, daß ſie ſich auf ein Logis für uns be⸗ zögen, im Allergeringſten im Verdacht? Nein. Sicher⸗ lich nicht, bis ſpäter, als ich den Schlüſſel in der Hand hielt. Ich denke mir, er muß das Pulver, oder was es ſonſt immer ſein mochte, das mich ſpäter betäubte, in einem Papier von Riderhood erhalten haben, doch bin ich weit entfernt, mir hierüber klar zu ſein. Das Ein⸗ zige, deſſen ich ihn heute Abend mit Sicherheit beſchul⸗ digen zu können fühlte, war frühere Gemeinſchaft mit ihm in Schurkenſtreichen. Ihre unverkennbare Vertrau⸗ lichkeit damals und der Charakter, unter dem Riderhood mir jetzt bekannt iſt, ließen dies durchaus nicht gewagt erſcheinen. Aber ich bin mir nicht ſicher über das Pulver. Indem ich mir die Umſtände vergegenwärtige, auf die ich meinen Argwohn begründete, finde ich, daß deren nur zwei ſind. wir wieder herauskamen, ein kleines zuſammengelegtes Papier aus der einen Taſche herausnehmen und in die andere ſtecken ſah, die er vorher nicht angerührt hatte. Zweitens weiß ich jetzt, daß Riderhood ſchon früher ein⸗ Erſtens erinnere ich mich, daß ich ihn, als Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. mal wegen einer Beraubung an einem unglücklichen Ma⸗ troſen eingezogen worden, welchem vorher ein derartiges Gift beigebracht worden. „Es iſt meine feſte Ueberzeugung, daß wir uns keine Meile von dem Laden entfernt haben konnten, als wir zu der Mauer, dem dunklen Thorwege, der Treppe und dem Zimmer kamen. Es war eine beſonders finſtere 6 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. n. 306 Nacht und es regnete ſtark. Indem ich zurückdenke, kann ich den Regen auf dem Steinpflaſter des Ganges hören, der nicht bedacht war. Das Zimmer ging auf den Fluß hinaus, oder auf ein Dock oder einen kleinen Canal, und die Ebbe war eingetreten. Da ich mir über die Zeit bis zu jener Stunde völlig klar bin, weiß ich, daß es um die Zeit der Ebbe geweſen ſein muß; doch während der Kaffee gemacht wurde, ſchob ich die Fenſtergardine zurück (es war eine dunkelbraune Gardine) und ſchaute hinaus, und ſah an dem Widerſchein der wenigen Lichter der Nachbarſchaft, daß ſie auf die Ebb⸗Modde fielen. „Er hatte eine Reiſetaſche unter dem Arme getragen, die einen ſeiner Anzüge enthielt. Ich hatte keine Ober⸗ kleider mitgebracht, da ich Matroſenkleider kaufen ſollte. „Sie ſind ſehr naß, Mr. Harmon,“— kann ich ihn ſagen hören,„und ich bin unter dieſem vortrefflichen waſſerdichten Ueberrocke ganz trocken. Ziehen Sie meine Kleider an. Wenn Sie ſie anprobiren, werden Sie fin⸗ den, daß ſie eben ſo gut oder vielleicht beſſer für Ihren Zweck morgen geeignet ſind, wie die Kleider, die Sie zu kaufen beabſichtigen. Während Sie ſich umkleiden, will ich nach dem Kaffee ſehen.“ Als er zurückkehrte, hatte ich mich in ſeine Kleider gekleidet, und er war von einem Schwarzen begleitet, der eine Leinwandjacke trug und wie ein Aufwärter ausſah und das Präſentirbrett mit dem Kaffee auf den Tiſch ſtellte, ohne mich ein einziges Mal anzuſehen. Bin ich bis hierher vollkommen genau in meinen Erinnerungen? Vollkommen genau, deſſen bin ich ganz gewiß. „Jetzt komme ich zu kranken und verworrenen Ein⸗ drücken; zwar ſind dieſelben ſo ſtark, daß ich mich auf ſie verlaſſe, doch finden zwiſchen denſelben Pauſen ſtatt, über die ich gar nichts weiß, und es knüpft ſich keine Vorſtellung von Zeit an ſie. „Ich hatte ein wenig Kaffee getrunken, als er fürchter⸗ lich vor meinen Augen zu ſchwellen anfing, und ein Etwas trieb mich an, mich auf ihn zu ſtürzen. Wir rangen mit einander an der Thür. Er entkam mir, weil ich in dem Kreiſen des Zimmers und wegen der lodernden Feuer⸗ flammen zwiſchen uns nicht wußte, wo ich ihn treffen ſollte. Ich ſank nieder. Wie ich hülflos am Boden lag, ward ich von einem Fuße umgekehrt. Ich wurde beim Nacken in einen Winkel geſchleppt. Ich hörte Männer mit einander ſprechen. Ich wurde von noch mehr Füßen herumgeworfen. Ich ſah eine Geſtalt, gleich mir, in meinen Kleidern auf dem Bette liegen. Eine Stille, die, ſo viel ich darüber wußte, Tage, Wochen, Monate, Jahre gewährt haben mochte, ward plötzlich durch ein heftiges Ringen und Kämpfen von Männern unterbrochen, die das ganze Zimmer füllten. Die Geſtalt, die ausſah wie ich, wurde angegriffen, und mein Reiſeſack befand ſich in deren Händen. Ich wurde mit Füßen getreten und man fiel über mich. Ich hörte ein Geräuſch von Schlägen und glaubte, es ſei ein Holzhauer, der einen Baum fälle. Ich konnte nicht geſagt haben, daß mein Name John Harmon ſei— ich konnte es nicht gedacht haben — ich wußte es nicht—, doch als ich die Schläge hörte, dachte ich an den Holzhauer und ſeine Axt und hatte eine Idee, daß ich in einem Walde liege. „Iſt dies noch immer richtig? Ganz richtig, mit der Ausnahme, daß ich es mir ſelber durchaus nicht zu wiederholen vermag, ohne mich des Wortes„Ich“ zu bedienen. Aber es war nicht„Ich.“ Es gab meines Wiſſens gar kein„Ich.“ „Erſt nach einem Abwärtsgleiten durch Etwas, das eine große Röhre zu ſein ſchien, und nach einem gewal⸗ tigen Lärm und einem Funkeln und Praſſeln, wie von Feuer, kam ich zu dem Bewußtſein:„Dies iſt John Har⸗ 20 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 308 mon, der ertrinkt! John Harmon, ringe für dein Leben! John Harmon, rufe den Himmel an und rette dich!“ Ich denke, ich muß dies in meiner großen Seelenangſt laut geſchrien haben, und da war plötzlich ein ſchweres, grauſiges, unbegreifliches Etwas verſchwunden, und ich kämpfte allein im Waſſer. „Ich war ſehr ſchwach und erſchöpft, von einer fürch⸗ terlichen Schläfrigkeit ergriffen und trieb ſchnell vor der Strömung dahin. Ueber das ſchwarze Waſſer hinweg⸗ ſchauend, ſah ich die Lichter auf beiden Flußufern an mir vorübereilen, wie wenn ſie mich zu fliehen und im Fin⸗ ſtern ſterben zu laſſen wünſchten. Die Ebbe zog das Waſſer mit großer Gewalt ſtromabwärts, doch wußte ich nichts von Ebb' oder Fluth. Als ich mich endlich mit des Himmels Beiſtand vor der heftigen Strömung an ein Boot geſchoben, das unter einer langen Reihe von Böten an einem Damme feſtgekettet lag, ward ich vom Waſſer unter daſſelbe hinabgeſogen und kam, nur eben noch lebendig, auf der anderen Seite wieder herauf. „War ich lange im Waſſer? Lange genug, um bis in’s Herz hinein erſtarrt zu ſein, doch weiß ich nicht wie lange. Die Kälte war barmherzig, denn die kalte Nacht⸗ luft und der Regen erweckten mich aus einer Ohnmacht, in der ich auf dem Damme lag. Als ich nach der Schenke wankte, zu der dieſer Damm gehörte, glaubte man ſehr natürlicherweiſe, daß ich betrunken geweſen und in's Waſſer gefallen ſei; denn ich hatte keine Ahnung, wo ich ſei und konnte, wegen des Giftes, das meine Sprache afficirt hatte, kein Wort hervorbringen; und ich hielt dieſe Nacht für die vorige Nacht, da es noch immer finſter war und regnete. Aber ich hatte vierundzwanzig Stunden verloren. „Ich habe oft eine Zeitberechnung gemacht, und muß danach zwei Nächte in jener Schenke gelegen haben, bis ich mich erholte. Laß ſehen. Ja. Ich weiß gewiß, daß mir damals, wie ich dort im Bette lag, der Gedanke in den Kopf kam, die Gefahr, die ich beſtanden, zu benutzen, um mein angebliches geheimnißvolles Verſchwinden auf eine Weile zu erklären, und um Bella kennen zu lernen. Die Furcht, einander aufgedrängt zu werden und das Schickſal fortzupflanzen, das den Reichthümern meines Vaters anzukleben ſchien, drückte ſich lebhaft der morali⸗ ſchen Schüchternheit auf, die ſich aus meiner Kindheit im Umgange mit meiner armen Schweſter datirt. „Da ich mir bis zu dieſer Stunde nicht zu erklären vermag, wie es kam, daß das Flußufer, auf dem ich die Beſinnung wiederfand, das entgegengeſetzte von dem war, auf dem ich in die Schlinge gelockt worden, ſo werde ich darüber nie zur Klarheit kommen. Selbſt in dieſem Au⸗ genblicke, wo ich auf meinem Heimwege den Fluß hinter mir laſſe, kann ich nicht begreifen, daß derſelbe zwiſchen mir und jener Stelle dahinfließt, oder daß das Meer dort iſt, wo es iſt. Doch dies heißt nicht, es durch⸗ denken; dies heißt einen Sprung ins Jetzt thun. „Ohne das Vermögen in dem waſſerdichten Gürtel, den ich um den Leib trug, hätte ich es nicht durchſetzen können. Für den Erben von über hunderttauſend Pfund waren einige vierzig Pfund kein großes Vermögen! Aber es war genug. Ohne dies wäre ich mich zu erkennen zu geben genöthigt geweſen. Ohne dies hätte ich nicht nach jenem Kaffeehauſe ‚Zum Schatzmeiſtere gehen oder ſpäter Mrs. Wilfer's Wohnung miethen können. „Ich hatte mich etwa zwölf Tage in jenem Wirths⸗ hauſe aufgehalten, als ich an jenem Abend Radfoot's Leiche auf der Polizeiſtation ſah. Das unausſprechliche Grauſen in meinem Herzen, das eine von den Folgen des Giftes war, macht den Zwiſchenraum ſehr viel länger erſcheinen, aber ich weiß, es kann nicht länger geweſen ſein. Jenes Leiden hat ſeitdem allmälig abgenommen, und mich nur in gelegentlichen Anfällen erfaßt, und ich hoffe, daß ich jetzt völlig frei davon bin; doch ſelbſt jetzt bin ich oft genöthigt, zu überlegen, mich zu ſammeln, innezuhalten, bevor ich ſpreche, oder ich vermöchte die Worte nicht herauszubringen, die ich zu ſagen wünſche. „Ich ſchweife wieder von meiner Aufgabe ab. Ich bin nicht ſo weit vom Ende entfernt, daß ich eine Un⸗ terbrechung zu ſuchen brauchte. Alſo vorwärts! „Ich ſuchte täglich in den Zeitungen nach Annoncen, daß ich vermißt werde, fand jedoch nichts. Als ich an jenem Abend einen Spaziergang zu machen ausging (denn ich hielt mich während des Tageslichts zu Hauſe), fand ich eine Menſchenmenge um ein Plakat verſammelt, das in Whitehall angeſchlagen war. Daſſelbe beſchrieb mich, John Harmon als todt und verſtümmelt im Fluſſe gefunden, und zwar unter ſehr verdächtigen Umſtänden, beſchrieb meine Kleidung, beſchrieb die Papiere in mei⸗ nen Taſchen und gab an, wo ich in Augenſchein zu neh⸗ men ſei. In wilder Unvorſichtigkeit ſtürzte ich dorthin, und dort— mit dem Grauen des Todes, dem ich ent⸗ gangen war, in ſeiner entſetzlichſten Geſtalt vor den Au⸗ gen, zu dem noch das unbeſchreibliche Grauſen hinzukam, das ſich meiner ſo marternd bemächtigt, als das Gift am ſtärkſten in mir wirkte— ſah ich, daß Radfoot durch mir unbekannte Hände um des Geldes willen er⸗ mordet worden, wegen deſſen er mich hatte ermorden wollen, und begriff, daß wir wahrſcheinlich Beide zugleich in dieſelbe dunkle Fluth hinabgeworfen worden, als der Fluß tief und gewaltſam dahinſtrömte. „An jenem Abend hätte ich faſt mein Geheimniß ver⸗ rathen, obgleich ich Niemanden im Verdacht hatte, gar keine Auskunft bieten konnte, durchaus gar nichts wußte, außer, daß der Ermordete nicht ich, ſondern Radfoot ſei. Am folgenden Tage, während ich zögerte, und am nächſt⸗ folgenden, während ich noch immer zögerte, hatte es den Anſchein, als ob das ganze Land mich mit Gewalt todt wiſſen wollte. Die Leichenſchau erklärte mich für todt, die Regierung erklärte mich für todt; ich konnte vor meinem Kaminfeuer ſitzend, keine fünf Minuten dem Ge⸗ töſe des Außenlebens zuhören, ohne zu hoͤren, daß ich todt ſei.. „Und ſo ſtarb John Harmon, und Julius Handford verſchwand, und John Rokeſmith's wurde geboren. John Rokeſmith's Abſicht heute Abend ging dahin, ein Unrecht wieder gut zu machen, daß er nie für möglich gehalten, — das ihm durch das Lightwood'ſche Geſchwätz über ihn zu Ohren kam, und daß er auf jeden Fall wieder gut zu machen verpflichtet iſt. In der Erfüllung dieſer Pflicht wird John Rokeſmith beharrlich ſein. „So. Iſt es jetzt Alles durchgedacht? Alles, bis auf dieſen Augenblick? Nichts übergangen? Nein, Nichts. Aber, was nach dieſer Zeit kommt. Die Zu⸗ kunft iſt weit ſchwerer, obgleich zugleich weit kürzer durch⸗ zudenken, als die Vergangenheit. John Harmon iſt todt. Sollte John Harmon wieder ins Leben zurück⸗ kehren? „Falls ja— warum? Falls nein— warum nicht? „Nehmen wir zuerſt ja an. Um die menſchliche Ge⸗ rechtigkeit über das Vergehen eines Menſchen aufzuklären, der ihr entzogen iſt und vielleicht eine lebende Mutter zurückgelaſſen hat. Um ſie vermittelſt des Lichtes eines ſteinernen Ganges, einer Treppe, einer braunen Fenſter⸗ gardine und eines ſchwarzen Aufwärters aufzuklären. Um in den Beſitz von meines Vaters Gelde zu gelangen und mit demſelben niederträchtigerweiſe ein ſchönes Weſen zu kaufen, welches ich liebe— ich kann's nicht ändern; die Vernunft hat nichts damit zu ſchaffen; ich liebe ſie gegen Iuurin 1 4— 309 — alle Ver eben ſo Straßen und wie trieben! Ne vohn H Weil er ſuttet! et ſie i brauch Roſt u in Wir werden. und in günſtige wickeln im Teſt worden, Wäll il ich von Yoſſe wußt mir ſel müßte. der in“ in dieſe „We wahren richtig, Lebzeiten dächtniſ ſie in u hen, wi gierig ü zu ſtürz um ſich armes ft dem Wem den wäre die nicht ein Sul⸗ „Wa oder wif unter de eigennüt dies nic ſo würd geheißen egeben Qerdorbel ben, und Wel ſande hnen for in eage ger lern unt gefunden ich in a ſie vertr vwill w ſein, da zu erhal zu forde Aigenbl hinre * ſenommen „ und ich ſelbſt jetzt ſammeln üchte die wünſche. ab. Ich feine Un⸗ A nonden 1 Als ich an n ausging zu Hauſh) erſammelt, e beſchrieb in Fluſſe Amſtänden, rte in mei⸗ in zu neh⸗ h dorthin, m ich ent⸗ or den Au⸗ hinzukam, das Gift s Nadfoot willen er⸗ e ermorden de zugleich n, als der mniß ver⸗ vatte, gat ichts wußte, Radfoot ſei. am nächſt⸗ atte es den Gewalt todt b für todt, konnte vor en dem Ge⸗ en, daß ich s Handford oren. John ein Unrecht ich gehalten, ſih über ihn wieder gut ieſer Mfliht Alles, bis n? Niin, 1 di, Zu⸗ ünze durch harmon iſt hen zurück⸗ rum nicht! ſchliche Ge⸗ aufzuklären, nde Mutter ichtes eines nen Fenſter⸗ ukläten. 1 elangen un . die andern; be fie gegen Um s Weſen u 1 309 Welch eine Anwendung des Geldes, und wie würdig des alten Mißbrauchs, der mit ihm ge⸗ trieben! „Nehmen wir jetzt nein an. Die Gründe, weshalb John Harmon nicht wieder ins Leben zurückkehren ſollte. Weil er dieſen lieben getreuen alten Freunden paſſiv ge⸗ ſtattet hat, den Beſitz des Vermögens anzutreten. Weil er ſie in dieſem Beſitze glücklich, und einen guten Ge⸗ brauch von demſelben machen ſieht, wodurch ſie den alten Roſt und Schmutz von dem Gelde abſtreifen. Weil ſie in Wirklichkeit Bella adoptirt haben und ſie verſorgen werden. Weil in Bella's Natur hinreichend Zärtlichkeit und in ihrem Herzen Wärme genug liegt, die ſich unter günſtigen Verhältniſſen zu etwas dauernd Gutem ent⸗ wickeln wird. Weil ihre Fehler durch die Stelle, die ſie im Teſtamente meines Vaters eingenommen, vergrößert worden, und weil ſie bereits anfängt, ſich zu beſſern. Weil ihre Heirath mit John Harmon, nach dem, was ich von ihren eigenen Lippen gehört habe, eine empörende Poſſe ſein würde, deren ſowohl ſie als ich uns ſtets be⸗ wußt ſein müßten, und die ſie bei ſich ſelber, mich bei mir ſelber und uns gegenſeitig vor einander herabſetzen müßte. Weil das Vermögen, falls John Harmon wie⸗ der in's Leben zurückkehrt und ſie nicht heirathet, gerade in dieſelben Hände fällt, in denen es ſich jetzt befindet. „Was verlange ich noch? Als Todter habe ich die wahren Freunde meines Lebens noch immer ebenſo auf⸗ richtig, liebevoll und treu gefunden, wie ſie es zu meinen Lebzeiten waren, und geſehen, wie ſie in meinem Ge— dächtniſſe einen Antrieb zu guten Handlungen finden, die ſie in meinem Namen thun. Als Todter habe ich geſe⸗ hen, wie ſie, anſtatt meinen Namen zu verachten und ſich gierig über mein Grab hinweg auf Reichthum und Glanz zu ſtürzen, in der Herzenseinfalt von Kindern zögerten, um ſich ihrer Liebe zu mir zu erinnern, als ich noch ein armes furchtſames Kind war. Als Todter habe ich von dem Weibe, das, falls ich gelebt, meine Gattin gewor⸗ den wäre, die empörende Wahrheit gehört, daß ich ſie, die nichts für mich gefühlt, gekauft haben würde, wie ein Sultan eine Sclavin kauft. „Was verlange ich noch? Falls die Todten wüßten, oder wiſſen, wie die Lebenden mit ihnen umgehen— wer, unter den Schaaren von Todten, hat wohl je eine un⸗ eigennützigere Treue auf Erden gefunden, als ich? Iſt dies nicht genug für mich? Wäre ich zurückgekommen, ſo würden dieſe edlen Geſchöpfe mich froh willkommen geheißen, über mich geweint, Alles freudig für mich auf⸗ gegeben haben. Ich kehrte nicht zurück, und ſie ſind un⸗ verdorben an meinen Platz getreten. Laß ſie an demſel⸗ ben, und Bella an dem ihrigen verbleiben. „Welches Verfahren ſoll ich alſo einſchlagen? Das folgende. Ich muß als derſelbe ruhige Secretär bei ihnen fortleben, indem ich ſorgfältig dem Zufalle eines Erkennens vorbeuge, bis ſie ſich mehr an ihre veränderte Lage gewöhnt, und bis der große Schwarm von Schwind⸗ lern unter ſo mannigfaltigen Namen eine neue Beute gefunden haben wird. Bis dahin wird das Syſtem, das ich in alle ihre Angelegenheiten einführe und mit dem ſie vertraut zu machen ich mir täglich mehr Mühe geben will, wie ich wohl hoffen darf, eine ſo geregelte Maſchine ſein, daß es ihnen leicht ſein wird, dieſelbe im Gange zu erhalten. Ich weiß, daß ich von ihrer Großmuth nur zu fordern brauche, um zu erhalten. Wenn der rechte Augenblick kommt, will ich nicht mehr von ihnen fordern, als hinreicht, um mich wieder auf meinen früheren Le⸗ benspfad zu verfügen, und John Rokeſmith wird dieſes aftlicher Freund. 310 Pfades ſo zufrieden wandeln, wie es ihm möglich iſt. John Harmon aber ſoll nicht mehr zurückkehren. „Um in fernen künftigen Tagen nie von ſchwachen Zweifeln gequält zu werden, daß Bella mich je um meiner ſelbſt willen würde geheirathet haben, falls ich ſie ent⸗ ſchieden um ihre Hand gebeten, ſo will ich ſie entſchieden um dieſelbe bitten, und damit Das, was ich nur ſchon zu wohl weiß, außer aller Frage ſtellen. Und jetzt habe ich es Alles von Anfang bis zu Ende durchgedacht, und fühle mich im Herzen erleichtert.“ Der Lebendig⸗Todte war ſo tief in ſeine Gedanken verſunken geweſen, daß er weder auf den Wind noch auf den Weg geachtet, und gegen den erſteren ebenſo inſtinkt⸗ mäßig gekämpft, wie er den letzteren verfolgt hatte. Doch da er jetzt in der City angelangt war, wo er eine Fiaker⸗ ſtation fand, ſtand er einen Augenblick unentſchloſſen da, ob er nach ſeiner Wohnung heimkehren oder nach Mr. Boffin's Hauſe fahren ſolle. Er entſchied ſich für Letz⸗ teres, indem er, da er den Ueberrock über dem Arme trug, der Anſicht war, daß derſelbe dort weniger Aufmerkſam⸗ keit erregen werde, als wenn er ihn mit ſich nach Hollo⸗ way nähme; denn ſowohl Miß Lavinia als Mrs. Wilfer beſaßen eine wahrhaft wüthende Neugier in Bezug auf jedwedes Kleidungsſtück, das ihr Miethsmann in ſeinem Beſitz hatte. Im Hauſe angelangt, erfuhr er, daß Mr. und Mrs. Boffin ausgegangen, Miß Wilfer ſich aber im Geſell⸗ ſchaftszimmer befinde. Miß Wilfer war zu Hauſe ge⸗ blieben, da ſie ſich nicht ganz wohl gefühlt, und hatte Abends gefragt, ob Mr. Rokeſmith in ſeinem Zimmer ſei. „Meine Empfehlung an Miß Wilfer, und ich ſei jetzt zu Hauſe.“ Miß Wilfer's Empfehlungen kamen als Erwiderung, und wolle Mr. Rokeſmith, falls es ihn nicht zu ſehr be⸗ mühte, die Güte haben, ehe er fortginge, zu ihr hinauf⸗ zukommen? Es bemühte ihn nicht zu ſehr und Mr. Rokeſmith ging hinauf. O, ſie ſah ſehr hübſch aus, ſie ſah ſehr, ſehr hübſch aus! Wenn nur der Vater des verſtorbenen John Roke⸗ ſmith ſein Geld ohne Bedingungen ſeinem Sohne ver⸗ macht, und wenn nur ſein Sohn von ſelbſt dieſes liebens⸗ werthe Mädchen entdeckt und das Glück gehabt hätte, ſie ebenſo liebend als liebenswerth zu machen! „Mein Himmel! Iſt Ihnen nicht wohl, Mr. Roke⸗ ſmith?“ „Doch, ganz wohl! Es that mir leid, zu hören, als ich nach Hauſe kam, daß Sie nicht ganz wohl ſeien.“ „Eine bloße Kleinigkeit. Ich hatte Kopfſchmerzen— ſind jetzt fort— und fühlte mich nicht ganz disponirt für ein heißes Theater, deshalb blieb ich zu Hauſe. Ich fragte Sie, ob Ihnen nicht wohl ſei, weil Sie ſo weiß ausſehen.“. „In der That? Ich war den ganzen Abend ſehr beſchäftigt.“ Sie ſaß auf einem kleinen Sopha vor dem Kamin⸗ feuer, und neben ihr ſtand ein funkelnder kleiner Juwel von einem Tiſchchen, auf dem ihre Arbeit und ihr Buch lagen. Ah! welch ein ganz anderes Leben das des ver⸗ ſtorbenen John Harmon hätte ſein können, falls es ſein glückliches Privilegium geweſen, ſeinen Platz auf jenem Sopha einzunehmen, ſeinen Arm um jene zierliche Geſtalt zu ſchlingen und zu ſagen:„Ich hoffe, daß Dir die Zeit in meiner Abweſenheit lang erſchienen? Welch eine Haus⸗ göttin Du biſt, mein Herz!“ Doch der gegenwärtige John Rokeſmith, der weit entfernt war von dem verſtorbenen John Harmon, blieb in einiger Entfernung vor ihr ſtehen. Eine geringe Ent⸗ 20* 311 fernung in Bezug auf den Raum, doch eine große Ent⸗ fernung in Bezug auf Geſchiedenheit. „Mr. Rokeſmith,“ ſagte Bella, indem ſie ihre Arbeit aufnahm und rund umher in Augenſchein nahm,„ich wünſchte Etwas zu Ihnen zu ſagen, ſobald ſich eine Ge⸗ legenheit dazu bieten würde, um zu erklären, weshalb ich neulich ſo unhöflich gegen Sie war. Sie haben nicht das Recht, ſchlecht von mir zu denken, Sir.“ Die Art und Weiſe, in der ſie ihm einen ſcharfen kleinen Blick zuſchoß, der halb empfindlich beleidigt, halb gereizt war, würde dem verſtorbenen John Harmon große Bewunderung eingeflößt haben. „Sie wiſſen nicht, wie gut ich von Ihnen denke, Miß Wilfer.“ „Sie müſſen in der That eine ſehr hohe Meinung von mir haben, Mr. Rokeſmith, wenn Sie glauben, daß ich im Glück und Wohl⸗ ſtande die Meinigen zu vergeſſen und zu vernach⸗ läſſigen im Stande, bin.“ „Glaube ich dies?“ „Sie glaubten es jedenfalls, Sir,“ entgegnete Bella. „Ich nahm mir die Freiheit, Sie an ein klei⸗ nes Ueberſehen zu erinnern — das Sie unwillkürlich und ganz natürlicherweiſe begangen. Weiter war es Nichts.“ „Und ich erlaube mir, Sie zu fragen, Mr. Ro⸗ keſmith,“ ſagte Bella, „warum Sie ſich dieſe Freiheit nahmen? Ich hoffe, der Ausdruck enthält keine Beleidigung; es iſt der Ihrige, wie Sie wiſſen.“ „Weil ich ein aufrich— tiges, tiefes, ernſtliches Intereſſe an Ihnen nehme, Miß Wilfer. Weil ich Sie ſtets in Ihrem beſten Lichte ſehen möchte. Weil ich— ſoll ich fortfahren?“ „Nein, Sir,“ erwiderte Bella mit glühendem Ge⸗ ſicht.„Sie haben mehr als hinreichend geſagt. Ich bitte, daß Sie nicht fortfahren. Falls Sie irgend welchen Ehrgefühls, irgend Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. Mehr todt als lebendig. welcher Großmuth fähig ſind, ſo werden Sie nicht weiter reden.“ Der verſtorbene John Harmon würde, indem er das ſtolze Antlitz mit den niedergeſchlagenen Blicken und das ſchnelle Athmen geſehen, das die glänzenden braunen Locken auf dem ſchönen weißen Nacken bewegte, wahr⸗ ſcheinlich geſchwiegen haben. „Ich wünſche ein für allemal mit Ihnen zu reden, Sir,“ ſagte Bella,„und ich weiß nicht, wie ich es an⸗ fangen ſoll. Ich habe den ganzen Abend hier geſeſſen und mit Ihnen zu reden gewünſcht und mit Ihnen zu reden beſchloſſen und gefühlt, daß ich es thun müſſe. Ich bitte mir einen Augenblick Zeit zum Ueberlegen aus.“ Er verhielt ſich ruhig und ſie ſaß mit abgewandtem Geſichte da, hin und wieder eine leichte Bewegung machend, wie wenn ſie ſich umzuwenden und zu ſprechen im Begriff ſei. Endlich wandte ſie ſich um. „Sie wiſſen, in welcher Lage ich mich hier befinde, Sir, und Sie wiſſen, in welcher Lage ich mich zu Hauſe befinde. Ich muß für mich ſelber reden, da ich Nieman⸗ den habe, der dies für mich thun könnte. Es iſt nicht großmüthig, es iſt nicht ehrenhaft von Ihnen, ſich zu benehmen, wie— Sie es thun.“ „Iſt es ungroßmüthig und unehrenhaft, Ihnen ergeben, von Ihnen bezaubert zu ſein?“ „Lächerlich!“ ſagte Bella. Der verſtorbene John Harmon würde dieſes Wort der Zurückweiſung ziemlich verachtend gefunden haben. „Ich ſehe mich jetzt fortzufahren genöthigt,“ ſagte der Secretär,„wenn auch nur zu meiner Vertheidigung und zur Erklärung meines Benehmens. Ich hoffe, Miß Wil⸗ fer, daß es— ſelbſt in mir— nicht unverzeihlich iſt, wenn ich ein ehrliches Bekenntniß meiner ehren⸗ haften Hingebung für Sie ausſpreche.“ „Ehrenhafte Hinge⸗ bung!“ wiederholte Bella mit Nachdruck. „Iſt dieſelbe etwa nicht ehrenhaft?“ „Ich muß mir aus⸗ bitten, Sir,“ ſagte Bella, ihre Zuflucht zu einem An⸗ fluge von Unwillen neh⸗ mend,„daß Sie mich nicht ausfragen. Sie müſſen mich entſchuldigen, wenn ich mich keinem Kreuzver⸗ hör unterwerfen will.“ „O, Miß Wilfer, dies iſt kaum nachſichtsvoll zu nennen. Ich frage Sie Nichts, als was Ihr eigener Nachdruck andeutet. Indeſſen will ich ſelbſt dieſe Frage bei Seite ſetzen. Doch bleibe ich bei Dem, was ich erklärt habe. Ich kann das Geſtändniß meiner ernſtlichen, tiefen Zunei— gung zu Ihnen nicht zu⸗ rücknehmen, ich und nehme daſſelbe nicht zurück.“ „Ich weiſe dieſelbe zu— rück, Sir,“ ſagte Bella. „Ich müßte blind und taub ſein, falls ich nicht auf dieſe Antwort vorbereitet geweſen. Vergeben Sie mir mein Vergehen, daſſelbe führt ſeine Strafe mit ſich.“ „Welche Strafe?“ fragte Bella. „Iſt Das, was ich in dieſem Augenblicke zu er⸗ dulden habe, keine Strafe? Doch verzeihen Sie; ich beabſichtigte nicht, Sie abermals ins Kreuzverhör zu nehmen.“ „Sie benutzen ein übereiltes Wort von mir,“ ſagte Bella, ſich von einem kleinen Selbſtvorwurfe geſtochen fühlend,„daß mich als— ich weiß nicht was erſcheinen läßt. Ich ſprach ohne Ueberlegung, als ich mich deſſel⸗ ben bediente. Falls dies unrecht war, ſo thut es mir leid; aber Sie wiederholen daſſelbe, nachdem Sie über⸗ legt haben, und dies ſcheint mir wenigſtens um nichts beſſer zu ſein. Im Uebrigen bitte ich, Mr. Rokeſmith, (Seite 307.) 312 9 313 vi 1 e trach 6 le 8 ‿ nehune 3h zu mi lich u übel eben haber ¹ falls lung 1I ſchen. veran erwi / iſt n zu er Sie ſich und in d Fäh mich Pla ſie von die ettro würe ter befinde 3 zu auſe ch Nieman⸗ s iſt nicht in ſch zu wen ergeden 0 1 ſes Vort der aben. te ſigt de ldigung und „ Miß Vil⸗ — ſelbſt in anverzeihlich en ehrliches ener ehren⸗ ung für Sie be etwa nicht mir aus⸗ ſagte Bella, einem An⸗ Aen neh⸗ Sie mich u. Siemüſſen en, wenn em Kreuzpet⸗ en will.“ Wilfer, dies ſſichtsvoll zu frage Sie was Ihr ruck andeutet. ch bei Dem, thabe. Ich niß meiner en Zunei⸗ een nicht zu⸗ c und nehme zurück.“ e dieſelbe zu⸗ ate Bell. ch nicht auf — Sie mir t ſich.“ el n blicke zu el⸗ en Sie; i euzverhör zu mir,“ ſagte ufe giſochen vas elſchene S mich deſel⸗ jthut es, mi em Sie üün ens um nich r. Kokeſuilh M Boz, daß dies ein für allemal zwiſchen uns als abgemacht be⸗ trachtet werden möge.“ „Ein für allemal,“ wiederholte er. „Ja. Ich erſuche Sie, Sir,“ fuhr Bella mit zu— nehmender Lebhaftigkeit fort,„mich nicht zu verfolgen. Ich erſuche Sie, Ihre Stellung in dieſem Hauſe nicht zu mißbrauchen, um meine Stellung in demſelben pein⸗ lich und unangenehm zu machen. Ich erſuche Sie, Ihre übel angebrachten Aufmerkſamkeiten Mrs. Boffin nicht eben ſo deutlich zu zeigen, wie Sie mir dieſelben gezeigt haben.“ „Habe ich dies gethan?“ „Das ſollte ich meinen,“ erwiderte Bella.„Jeden⸗ falls iſt es nicht Ihre Schuld, wenn es Ihnen nicht ge— lungen iſt, Mr. Rokeſmith.“ „Ich hoffe, daß Sie ſich in dieſem Eindrucke täu⸗ ſchen. Es ſollte mir ſehr leid thun, wenn ich denſelben veranlaßt hätte. Ich glaube, dies nicht gethan zu haben. Für die Zukunft haben Sie Nichts zu befürchten. Es iſt Alles vorbei.“ „Es iſt mir eine große Erleichterung, dies zu hören,“ ſagte Bella.„Ich habe andere Pläne für mein Leben, und warum ſollten Sie das Ihrige in dieſer Weiſe ver⸗ geuden?“ „Das„Mein Leben!“ Der ſeltſame Ton, in dem er ſprach, veranlaßte Bella, zu dem ſeltſamen Lächeln emporzuſchauen, das die Worte begleitete. Daſſelbe verſchwand, wie er ihren Blick erwiderte.„Verzeihen Sie mir, Miß Wilfer,“ ſagte er, als ihre Augen einander begegneten,„Sie ha⸗ ben ſich einiger harten Worte bedient, die Sie in Ihrem eigenen Gemüthe ohne Zweifel zu rechtfertigen im Stande ſind. Ungroßmüthig und unehrenhaft. Worin habe ich mich ſo gezeigt?“ „Ich möchte hierüber lieber nicht befragt werden,“ erwiderte Bella mit hochmüthig geſenktem Blick. „Ich möchte es lieber nicht fragen, aber die Frage iſt mir aufgedrängt. Haben Sie die Freundlichkeit, ſich zu erklären— oder falls nicht aus Freundlichkeit, thun Sie es wenigſtens aus Gerechtigkeit.“ „O, Sir!“ ſagte Bella, nach einem kleinen Kampfe, ſich zu beherrſchen, die Blicke erhebend,„iſt es großmüthig und ehrenhaft von Ihnen, die Macht, welche die Gunſt, in der Sie bei Mr. und Mrs. Boffin ſtehen, und Ihre Fähigkeit in Ihrer Beſchäftigung Ihnen geben, gegen mich zu gebrauchen?“ „Gegen Sie?“ „Iſt es großmüthig und ehrenhaft von Ihnen, einen Plan zu faſſen, um ſie allmälig dazu zu bewegen, daß ſie ihren Einfluß bei einer Bewerbung mitwirken laſſen, von der ich Ihnen gezeigt, daß ſie mir zuwider iſt, und die ich, wie ich Ihnen geſagt habe, zurückweiſe? Der verſtorbene John Harmon wäre ziemlich viel zu ertragen im Stande geweſen, aber ein ſolcher Argwohn würde ihm tief ins Herz geſchnitten haben. „Würde es großmüthig und ehrenhaft ſein, falls Sie meinige!“ ſagte der Secretär. Unſer gemeinſchaftlicher Freund. Ihre Stelle hier in der Erwartung oder der Gewißheit angetreten— ich weiß nicht, ob Sie dies thaten, und hoffe, es war nicht der Fall—, daß ich hierher kommen werde, und in der Abſicht, mir in dieſer Weiſe im Lichte zu ſtehen?“ „In dieſer niedrigen und grauſamen Weiſe?“ ſagte der Secretär. „Ja,“ erwiderte Bella. Der Secretär ſchwieg eine kleine Weile; dann ſagte er blos:„Sie ſind völlig im Irrthum, Miß Wilfer, in großem Irrthume. Ich kann indeſſen nicht ſagen, daß 314 —— es Ihre Schuld iſt. Falls ich etwas Beſſeres von Ihnen verdiene, ſo wiſſen Sie es wenigſtens nicht.“ „Sie ſind mindeſtens mit der Geſchichte bekannt, wie ich überhaupt hierher kam, Sir,“ ſagte Bella mit ihrer alten Entrüſtung.„Ich habe Mr. Boffin ſagen hören, daß Sie mit jeder Zeile, jedem Worte jenes Teſtaments vertraut ſind, eben ſo vertraut, wie mit all ſeinen Ange⸗ legenheiten. Und war es nicht genug, daß man mich, wie ein Pferd oder einen Hund oder einen Vogel, Je⸗ mandem vermacht hatte? Mußten Sie Ihrerſeits auch noch kommen, um im Geiſte über mich zu verfügen und mit mir zu ſpeculiren, ſowie ich aufgehört hatte, das Geſpräch und das Gelächter der ganzen Stadt zu bilden? Soll ich ewig das Eigenthum fremder Leute ſein?“ „Glauben Sie mir,“ ſagte der Secretär,„daß Sie völlig im Irrthume ſind.“ „Es ſollte mir lieb ſein, dies zu erfahren,“ erwiderte Bella. „Ich bezweifele, ob dies je geſchehen wird. Gute Nacht. Ich werde natürlich Sorge tragen, Mr. und Mrs. Boffin jede Spur dieſer Unterredung zu verbergen, ſo lange ich hier bleibe. Verlaſſen Sie ſich darauf, Das, worüber Sie ſich jetzt beklagt haben, iſt auf immer zu Ende.“ „Dann iſt es mir lieb, daß ich geſprochen habe, Mr. Rokeſmith. Es war mir peinlich und wurde mir ſchwer, doch iſt es geſchehen. Falls ich Ihnen weh gethan, ſo hoffe ich, daß Sie mir vergeben werden. Ich bin uner⸗ fahren und ungeſtüm und bin ein wenig verzogen worden; aber ich bin wirklich nicht ſo ſchlecht, wie ich vermuthlich ſcheine, oder wie Sie mich finden.“ Er verließ das Zimmer, als Bella dies geſagt hatte, indem ſie ſich auf ihre launige inconſequente Weiſe er⸗ weichte. Da ſie allein war, warf ſie ſich auf ihr Sopha zurück und ſagte:„Ich wußte nicht, daß das wunder⸗ ſchöne Frauenzimmer ein ſolcher Drache ſei!“ Dann ſtand ſie auf und ſchaute in den Spiegel und ſprach zu ihrem Bilde:„Du haſt dir das Geſicht förmlich an⸗ ſchwellen laſſen, du kleiner Narr!“ Dann machte ſie eine ungeduldige Promenade nach dem anderen Ende des Zimmers und wieder zurück und ſagte:„Ich wollte, der Papa wäre hier, damit ich mich über ſchmutzige Geldhei⸗ rathen mit ihm unterhalten könnte; aber es iſt beſſer, daß er nicht hier iſt, der arme Liebſte, denn ich würde ihm doch nur das Haar zauſen.“ Und dann warf ſie ihre Arbeit fort und ſchleuderte ihr Buch derſelben nach und ſetzte ſich nieder und ſummte ein Lied und ſummte daſſelbe falſch und ward ärgerlich darüber. Und John Rokeſmith— was that er? Er ging in ſein Zimmer hinunter und begrub John Harmon noch viele Faden tiefer als zuvor. Er nahm ſeinen Hut und ging hinaus, und, wie er nach Holloway oder ſonſt irgendwohin ging— nicht im Geringſten dar⸗ auf achtend, wohin— häufte er einen Hügel nach dem andern auf John Harmon'’'s Grab. Sein Umherwandern brachte ihn nicht früher als um Tagesanbruch nach Hauſe; und er war die ganze Nacht ſo emſig beſchäftigt geweſen, Maſſen über Maſſen von Erde auf John Harmon's Grab zu häufen, daß John Harmon jetzt unter einer wahren Alpenkette begraben lag; und noch immer fuhr der Todten⸗ gräber, Rokeſmith, Gebirge auf ihn zu wälzen fort, in⸗ dem er ſich ſeine Arbeit mit dem Grabliede:„Bedeck' ihn, verſteck' ihn, nieder mit ihm!“ erleichterte. 316 ——— Vierzehntes Capitel. Stark im Vorſatz. Die Todtengräber⸗Aufgabe, die ganze Nacht hindurch Erde auf John Harmon zu häufen, begünſtigte den Schlaf nicht ſehr; doch genoß Rokeſmith einigen Morgenſchlum⸗ und jeden Kummer, mer und erhob ſich, in ſeinem Vorſatze geſtärkt, von ſei⸗ nem Lager. Es war jetzt Alles vorüber. Mr. und Mrs. Boffin's Friede ſollte durch kein Geſpenſt geſtört werden; ungeſehen und ungehört ſollte daſſelbe noch eine kleine Weile das Daſein mit anſchauen, aus dem es geſchieden war, und dann auf immer an den Orten zu ſpuken auf⸗ hören, an denen es keinen Platz beſaß. Er ging die ganze Sache nochmals durch. Er war in den Zuſtand, in dem er ſich befand, verſunken, wie manche Leute in manche andere Zuſtände verſinken,— ohne nämlich die ganze Macht der einzelnen Umſtände erkannt zu haben. Als er in dem Mißtrauen, das aus ſeiner unglücklichen Kindheit und den böſen Einflüſſen erwachſen— denn bisher hatte er deren noch keine guten dem Cherub an der Thür. geſehen—, die der Reichthum ſeines Vaters auf Alles geübt, das innerhalb ſeines Bereichs gekommen,— als er in dieſem Gefühle des Mißtrauens auf die Idee ſeiner erſten Verſtellung verfallen, hatte er mit derſelben nichts Arges beabſichtigt und ſie nur wenige Stunden oder Tage fortzuſetzen gedacht; er hatte dieſelbe nur um des Mädchens willen üben wollen, das ihm ſo rückſichtslos aufgedrungen worden, und er hatte es redlich mit ihr gemeint. Denn falls er ſie in der Ausſicht auf dieſe Heirath(entweder, weil ſie einem Anderen zugethan, oder aus irgend einer ſonſtigen Urſache) unglücklich gefunden, ſo würde er allen Ernſtes nur zu ſich geſprochen haben: „Dies iſt abermals eine falſche Anwendung des unheil⸗ bringenden Geldes. Ich will daſſelbe meinen und meiner Schweſter einzigen Beſchützern und Freunden überlaſſen.“ Als die Schlinge, in die er fiel, ſeiner erſten Abſicht ſo weit vorauseilte, daß er ſich durch die Polizei an den Mauern für todt ausgegeben ſah, nahm er, in ſeiner derzeitigen geiſtigen Verwirrung, die ihm in dieſer Weiſe zufallende Hülfe an, ohne in Betracht zu ziehen, wie ſehr dies die Boffin's in ihrem Vermögensantritte be⸗ ſtätigen und beſtärken müſſe. Als er ſie ſah und kennen lernte und ſelbſt von ſeinem vortheilhaften Beobachtungs⸗ poſten aus kein Arg an ihnen entdecken konnte, richtete er die Frage an ſich:„Und ſoll ich wieder ins Leben zurückkehren, um ſolche Leute aus ihrem Beſitze zu ver⸗ treiben?“ Es fiel gegen eine ſo harte Prüfung für ſie nichts Gutes in die Wuagſchale⸗ Er hatte an jenem Abend, da er an der Thür geſtanden und angeklopft, um die Wohnung zu miethen, von Bella's eigenen Lippen erfahren, daß die Heirath von ihrer Seite eine durchaus eigennützige geweſen ſein würde. Er hatte ſie ſeitdem in ſeiner unbekannten Perſönlichkeit und angeblichen Stellung auf die Probe geſtellt, und ſie hatte ſeine An— träge nicht allein zurückgewieſen, ſondern ſich durch die⸗ ſelben beleidigt gefühlt. Sollte er ſich die Schande auf⸗ laden, ſie zu kaufen, oder ſich der Kleinlichkeit ſchuldig machen, ſie zu ſtrafen? Indem er aber ins Leben zurück⸗ kehrte und die Bedingungen des Teſtamentes einging, mußte er Erſteres, und falls er ins Leben zurückkehrte und dieſelben brach, mußte er Letzteres thun. Eine andere Folge, an die er nie gedacht, war die Verwickelung eines unſchuldigen Menſchen in ſeine an⸗ gebliche Ermordung. Er wollte ſich eine vollſtändige Widerrufung von dem Angeber verſchaffen und dieſes Unrecht wieder gut machen; doch hätte dieſes Un⸗ recht offenbar nie begangen werden können, falls er nie an jene Täuſchung gedacht. Jede Unbequemlichkeit die ihm aus dieſer Täuſchung er⸗ wuchſen, mußte er deshalb reumüthig als Mann und ohne ſich zu beklagen, hinnehmen. So dachte John Rokeſmith am folgenden Morgen, und John Harmon ward dadurch noch um viele Klafter tiefer begraben. Da er früher als gewöhnlich ausging, begegnete er Der Weg des Cherubs war auf eine gewiſſe Strecke auch der ſeinige und ſie gingen deshalb zuſammen fort. Es war unmöglich, nicht die Verändernng im Aus⸗ ſehn des Cherubs zu bemerken. Der Cherub war ſich deſſen ſehr bewußt und ſagte beſcheiden:„Ein Geſchenk von meiner Tochter Bella, Mr. Rokeſmith.“ Die Worte verurſachten dem Secretär einen Stich der Freude, denn er erinnerte ſich der fünfzig Pfund und er liebte das Mädchen noch immer. Es war dies ohne Zweifel ſehr ſchwach— es iſt ſtets ſehr ſchwach, wie einige Autoritäten uns unterrichten— aber er liebte das Mädchen. „Ich weiß nicht, ob Sie viele Reisen en über Afrika geleſen haben, Mr. Rokeſn R. W. „Ich habe deren einige geleſen.“ „Nun, wiſſen Sie, es giebt dort meiſtens einen König Georg, oder einen König Junge, oder König Sambo, oder König Bill oder Bull oder Rum od Junk, oder wie die Matroſen ihn eben getauft habe mögen.“ „Wo?“ fragte Rokeſmith. „Irgendwo. Irgendwo in Afrika, meine ich. Oder ich darf wohl ſagen überall— denn ſchwarze Könige ſind wohlfeil— und mir ſcheint“— ſagte R. W. mit ſich entſchuldigender Miene,„garſtig.“ „Ich bin darin ziemlich Ihrer Anſicht, Mr. Wilfer. Sie wollten ſagen—?“ „Ich wollte ſagen, daß der König meiſtens nur in einen Londoner Hut, oder in Hoſenträger aus Mancheſter, oder eine einzige Epaulette, oder in einen Uniformrock, in deſſen Aermel er ſeine Beine ſteckt, oder ſonſt etwas der Art gekleidet iſt.“. „Sehr wahr,“ ſagte der Secretär. „Ich gebe Ihnen im Vertrauen die Verſicherung, Mr. Rokeſmith,“ bemerkte der heitere Cherub, aß ich, als noch mehr Mitglieder meiner Familie zu Hauſe waren und verſorgt werden mußten, ſtark auf jenen König hin⸗ auslief. Sie können ſich, als einzelner unverheiratheter Mann, keine Vorſtellung von meiner Schwierigkeit machen, mehr als ein gutes Kleidungsſtück zu gleicher Zeit zu tragen.“ 3,Jch kann es ſehr wohl glauben, Mr. Wilfer.“ „Ich erwähne dies nur,“ ſagte R. W. in der Wärme ſeines Herzens,„als einen Beweis von der liebenswür⸗ digen, zartfühlenden rückſichtsvollen Zärtlichkeit meiner Tochter Bella für mich. Falls ihr Glück ſie ein wenig verdorben hätte, ſo würde ich ſie unter den obwaltenden Umſtänden nicht ſo ſehr deswegen getadelt haben. Aber nein, dies iſt nicht im Mindeſten der Fall geweſen. Und ſie iſt ſo ſehr hübſch! Ich hoffe, Sie ſtimmen mit mir darin überein, daß Sie ſie ſehr hübſch finden, Mr. Rokeſmith?“ „Sicherlich. Es muß dies Jeder thun.“ „Ich hoffe es. Ja, ich hege keinen Zweifel darüber. Es iſt dies ein großer Vortheil für ſie im Leben, Mr. Rokeſmith. Es werden ihr große Ausſichten dadurch eröffnet.“. 8, 1 eintr eigen 7 überh gu ſa⸗ ſie ni halb wolt aud ſmit Jah geda 1 9 falls er temlichkeit cung er⸗ Kann und Mor, Norgen, ' Kaafter gegnete er erubs war ie gingen im Aus. war ſich Geſchent en Stich ſund und dies ohne vach, wie liebte das ns einen r Kanig um od t hab h. Oder e Könige W. mit .Wilfer. z nur in ancheſter, formrock, ſtt etwas ung, Mr. ich, als ſe waren nig hin⸗ eiratheter tmachen, Zeit zu r. Wärme enswür⸗ meiner n wenig altenden l. Aber en. Und mit mir en, Mr. darüber. V n. Mr. den, M. dadurch 317 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 318 „Miß Wufer könnte keine beſſeren Freunde haben, als Mr. und Mrs. Boffin.“ „Unmöglich!“ ſagte der glückliche Cherub.„Ich fange wirklich an zu glauben, daß Alles ſo, wie es gekommen, am beſten iſt. Falls Mr. John Harmon am Leben ge⸗ blieben—“ „Es iſt beſſer, daß er todt iſt,“ ſagte der Secretär. „Nein, ich gehe nicht ſo weit, das zu behaupten,“ ſagte der Cherub mit einem leichten Anfluge der Gegen⸗ vorſtellung wegen des entſchiedenen und mitleidloſen Tones, in dem der Andere geſprochen hatte;„aber er hätte viel⸗ leicht nicht für Bella gepaßt, oder Bella hätte vielleicht nicht für ihn gepaßt, oder fünfzig andere Umſtände hätten eintreten können, wohingegen ich jetzt hoffe, daß ſie ihre eigene Wahl treffen kann.“ „Hat ſie— da Sie mir ſo viel Vertrauen ſchenken, überhaupt über den Gegenſtand mit mir zu reden, wer⸗ den Sie mir die Frage verzeihen— hat ſie— viel⸗ leicht— ſchon gewählt?“ fragte der Secretär mit unſiche⸗ rer Stimme. „O, nein, durchaus nicht!“ erwiderte R. W. „Junge Damen,“ ſagte Rokeſmith,„thun dies zu⸗ weilen, ohne ihre Väter davon zu unterrichten?“ „In dieſem Falle nicht Mr. Rokeſmith. Zwiſchen mir und meiner Tochter Bella beſteht ein förmliches Vertrauensbündniß. Daſſelbe iſt erſt neulich geſchloſſen worden. Es datirt ſich von dieſen her,“ ſagte der Cherub, indem er an ſeinen Rockſchößen zupfte und auf ſeine Hoſentaſchen ſchlug.„O, nein, ſie hat noch nicht gewählt. Es iſt wohl wahr, daß der junge Georg Sampſon, zur Zeit, wo Mr. John Harmon—“ „Dem ich wünſche, daß er nie geboren wäre!“ ſagte der Secretär mit finſterer Stirn. R. W. ſchaute ihn erſtaunt an, wie wenn er denke, daß er einen unbegreiflichen Groll gegen den armen Ver⸗ ſtorbenen hege, und fuhr dann fort:„Zur Zeit, wo Mr. John Harmon geſucht wurde, umflatterte der junge Georg Sampſon Bella allerdings und die Bella ließ ihn flat⸗ tern. Doch wurde niemals ernſtlich daran gedacht, und jetzt wird noch viel weniger ernſtlich daran gedacht. Denn Bella iſt ehrgeizig, Mr. Rokeſmith, und ich glaube pro⸗ phezeien zu dürfen, daß ſie eine reiche Heirath machen wird. Diesmal, ſehen Sie, wird ſie die Perſon und das Vermögen zugleich vor ſich haben und deshalb mit offe⸗ nen Augen ihre Wahl treffen können. Dies iſt mein Weg. Ich bedauere, daß ich ſchon ſo bald Ihre Geſell⸗ ſchaft verlieren muß. Guten Morgen, Sir!“ Der Secretär ſetzte, ohne ſich im Gemüthe beſonders aufgerichtet zu fühlen, ſeinen Weg fort und fand, als er im Hauſe der Boffin's anlangte, dort Betty Higden vor, die auf ihn wartete. „Ich würde Ihnen ſehr dankbar ſein, Sir,“ ſagte Betty,„wenn ich um Erlaubniß bitten dürfte, ein paar Worte mit Ihnen zu reden.“ Er ſagte ihr, ſie ſolle ſo viel zu ihm reden, wie ſie zu ſagen wünſche; führte ſie in ſein Zimmer und hieß ſie niederſitzen. „'s iſt wegen Sloppy, Sir,“ ſagte Betty,„und des⸗ halb bin ich allein hier. Da ich ihn nicht wiſſen laſſen wollte, was ich Ihnen in ſagen habe, ging ich vor ihm aus und fam hierber Sie haben eine erſtaunliche Energie,“ ſagte Roke⸗ ſmith.„Sie ſind ebenſo jung, wie ich.“ Betty ſchüttelte ernſt den Kopf.„Ich bin für meine Jahre rüſtig genug, Sir, aber nicht jung, Gott ſei's gedankt!“ „Sind Sie dankbar dafür, daß Sie nicht jung ſind?“ „Ja, Sir. Denn wenn ich jung wäre, ſo würde ich es Alles noch einmal durchzumachen haben und das Ende würde in ſo weiter Ferne ſein, ſehen Sie wohl? Doch es handelt ſich nicht um mich,'s iſt wegen Sloppy.“ „Und was von ihm, Betty?“ „Nur eben dies, Sir. Ich kann es ihm auf keine Weiſe ausreden, daß er gegen Ihre guten Damen und den Herrn recht handeln und zugleich meine Arbeit thun kann. Aber er kann's nicht. Wenn er ſich helfen laſſen will, Etwas zu lernen, wodurch er ſich eines Tages ein gutes Brod verdienen und im Leben fortkommen kann, ſo muß er mich aufgeben. Nun,— das will er nicht.“ „Dafür achte ich ihn,“ ſagte Rokeſmith. „Wirklich, Sir? Ich weiß nicht, ob ich nicht daſſelbe thue. Dies iſt aber kein Beweis, daß es recht ſein würde, ihn ſeinen Willen haben zu laſſen. Da er alſo mich nicht aufgeben will, werde ich ihn aufgeben.“ „Wie, Betty?“ „Ich werde von ihm fortlaufen.“ Mit einem erſtaunten Blicke auf das unbezwing— liche alte Geſicht und die klaren Augen wiederholte der Secretär: „Von ihm fortlaufen?“ „Ja, Sir,“ ſagte Betty mit einem einzigen Kopf⸗ nicken; und in dem Kopfnicken und dem feſten Munde lag eine Stärke des Vorſatzes, an der nicht zu zwei⸗ feln war. „Kommen Sie! kommen Sie!“ ſagte der Secretär. „Wir müſſen uns hierüber beſprechen. Laſſen wir uns Zeit und verſuchen wir allmälig den wahren Sinn der Sache und das rechte Verfahren in derſelben zu finden.“ „Jetzt ſchauen Sie her, mein Lieber,“ erwiderte die alte Betty—„wobei ich um Entſchuldigung bitte, mich ſo familiär gegen Sie auszudrücken, da ich ja ſo alt bin, daß ich zweimal Ihre Großmutter ſein könnte. Jetzt ſchauen Sie her. Es iſt nur ein ärmliches und beſchwer⸗ liches Brod, das ich mir mit meiner gegenwärtigen Arbeit zu verdienen im Stande bin, und ich weiß nicht, ob ich ohne Sloppy ſo lange dabei geblieben wäre. Aber es gab uns eben Beiden genug. Jetzt da ich allein bin— und ſelbſt mein Johnny fort iſt— möcht' ich viel lieber auf den Beinen ſein und mich todtmüde machen, als den ganzen Tag vor'm Feuer ſitzen und Wäſche falten. Und ich will Ihnen ſagen, warum. Es beſchleicht mich zu⸗ weilen eine Art von Betäubung, die durch eine ſolche Lebensweiſe befördert wird, und es behagt mir nicht. Bald iſt mir's, als hätte ich Johnny im Arm— bald, als wär's ſeine Mutter— bald, als wär's deren Mutter — bald als wäre ich ſelber wieder ein Kind und läge in den Armen meiner Mutter; dann fühle ich mich in allen Gedanken und Empfindungen wie abgeſtorben, bis ich von meinem Sitze aufſpringe, voll Angſt, daß ich den armen alten Leuten gleich zu werden anfange, die ſie in den Arbeitshäuſern einmauern, und die Sie zuweilen, wenn ſie aus den vier Wänden herausgelaſſen werden, um ſich in der Sonne zu wärmen, ganz ängſtlich in den Straßen umherſchleichen ſehen. Ich war ein flinkes Mädchen und bin ſtets eine thätige Perſon geweſen, wie ich Ihrer Dame ſagte, als ich das erſte Mal ihr gutes Geſicht ſah. Ich kann noch immer zwanzig Meilen zu Fuße gehen, wenn es darauf ankommt. Ich will viel lieber wandern, als dumm und betäubt werden. Ich verſtehe mich gut auf die Stricknadel und kann manche kleine Sachen zum Verkaufe anfertigen. Falls Ihre Dame und Ihr Herr mir zwanzig Schillinge leihen wollten, um damit einen Korb einzurichten, ſo würde dies ein Vermögen für mich ſein. Indem ich im Lande umherwandere und mich müde mache, werde ich die Be⸗ 319 täubung abwehren und mich durch meine eigene Arbeit ernähren. Und was kann ich wohl mehr verlangen?“ „Und dies,“ ſagte der Secretär,„iſt Ihr Plan zum b Fortlaufen?“ „Zeigen Sie mir einen beſſeren! Mein liebſtes Herz, zeigen Sie mir einen beſſeren! Ei, ich weiß ſehr wohl, und Sie ſelbſt wiſſen es ſehr wohl, daß Ihre Dame und Ihr Herr mich gern für den Reſt meines Lebens wie eine Königin erhalten würden, wenn wir zuſammen die Ueberzeugung gewonnen hätten, daß dies recht ſei. Aber und dies würde mich natürlich zurückbringen, wenn mich zu dieſer,Ueberzeugung können wir einmal nicht kommen. Ich habe noch niemals Almoſen genommen, noch hat irgend Eins meiner Angehörigen dies je gethan. Und es hieße wirklich mich ſelber im Stich laſſen und meine todten Kinder im Stich laſſen und ihre todten Kinder im Stich laſſen, wenn ich dem jetzt zum Schluſſe zuwider handeln wollte.“ „Es dürfte zum Schluſſe recht und unvermeidlich werden,“ ſagte der Secretär ſanft und mit einer leichten Betonung des Wortes. „Ich hoffe nicht! Nicht, daß ich irgendwie durch Stolz zu beleidigen wünſche,“ ſagte das alte Geſchöpf einfach,„ſondern weil ich bis zum Tode mir ſelber ge⸗ treu zu bleiben und recht zu thun hoffe.“ „Und Sloppy“— fügte der Secretär als Troſt für ſie hinzu—„wird natürlich begierig die Gelegenheit heranwünſchen, wo er Ihnen daſſelbe ſein kann, was Sie ihm geweſen ſind.“ denn ich fange an, alt zu werden. Aber ich bin ebenfalls ſtark, und weder das Reiſen noch das Wetter haben mir bisher geſchadet! Jetzt, haben Sie die Güte, zu Ihrer Dame und Ihrem Herrn für mich zu ſprechen, und ſagen Sie ihnen, was ich mir von ihrer lieben Freundlichkeit erbitte, und warum ich es mir erbitte.“ Der Secretär fühlte, daß das, was dieſe tapfere alte Heldin vorgebracht, nicht zu widerlegen ſei, und ging deshalb zu Mrs. Boffin und empfahl ſie, Betty Higden, für jetzt wenigſtens, ihren Willen haben zu laſſen.„Ich weiß ſehr wohl,“ ſagte er,„daß es für Ihr liebevolles Herz weit befriedigender ſein würde, ſie zu verſorgen, aber es iſt vielleicht unſere Pflicht, dieſen unabhängigen Geiſt zu achten.“ Mrs. Boffin vermochte dieſer An⸗ ſchauung nicht zu viderſtehen. hatten ebenfalls gearbeitet und ihren einfachen Glauben und ihre Ehre unbefleckt und rein aus den Kehricht⸗ haufen hervorgebracht. Falls ſie eine Pflicht gegen Betty Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. Betty dankte ihm mit einem Knixe. „— So müſſen wir Sie nicht aus den Augen ver⸗ lieren. Sie dürfen ſich nicht ganz uns entziehen. Wir müſſen über Ihr Ergehen unterrichtet bleiben.“ „Ja, meine Guteſte, aber nicht durch Briefſchreiben, denn das Briefſchreiben— überhaupt die meiſten Sorten von Schreiben, war für Leute, wie ich, noch nicht Mode geworden, als ich jung war. Aber ich werde ab⸗ und zugehen. Ueberdies,“ ſagte Betty mit logiſcher Gewiſſen⸗ haftigkeit,„habe ich bei Kleinem eine Schuld abzutragen, ſonſt Nichts zurückbrächte.“ „Muß es geſchehen?“ fragte die noch immer wider⸗ ſtrebende Mrs. Boffin den Secretär. „Ich denke, es muß geſchehen.“ Nach einer ferneren Beſprechung kamen ſie überein, daß es geſchehen ſolle, und Mrs. Boffin ließ Bella kom⸗ men, damit ſie ein Memorandum von den kleinen Ein⸗ käufen machte, deren es bedurfte, um Betty in ihrem Geſchäfte zu etabliren.„Haben Sie meinetwegen keine Furcht, meine Liebe,“ ſagte das unverzagte alte Herz, Bella's Geſicht beobachtend;„wenn ich mich ſauber und fleißig und friſch in der Provinz auf einem Marktplatze niederſetze, ſo werde ich ebenſo ſicher meinen Sixpence einnehmen, wie jede Bauerfrau dort.“ Der Secretär ergriff hier die Gelegenheit, um die praktiſche Frage in Bezug auf Mr. Sloppy's Fähigkeiten zur Sprache zu bringen.„Er würde einen ausgezeich⸗ „Darauf können Sie ſich verlaſſen, Sir!“ ſagte Betty getroſt.„Obgleich er ſich damit wird ſputen müſſen, Sie und ihr Gatte Higden hatten, ſo mußte dieſe Pflicht ſicherlich gethan werden. „Aber Betty,“ ſagte Mrs. Boffin, als ſie mit John Rokeſmith nach deſſen Zimmer zurückkehrte und ihr mit dem Lichte ihres ſtrahlenden Angeſichtes entgegentrat, „alles Andere zugegeben, denke ich doch nicht, daß ich fortlaufen würde.“ „'s würde dadurch Sloppy leichter werden,“ ſagte Mrs. Higden, den Kopf ſchüttelnd.„Und's würde mir ebenfalls leichter werden. Aber ganz, wie Sie's für's Beſte halten.“ „Wann wollten Sie fortgehn?“ „Jetzt,“ war die klare und entſchiedene Antwort. „Heute, meine Liebe, oder morgen. Gott ſegn' Sie, ich bin d'ran gewöhnt. Ich bin in vielen Gegenden wohl⸗ bekannt. Wenn ich nichts Anderes zu thun hatte, habe ich ſchon manchmal in Gemüſegärten und Hopfengärten gearbeitet.“ „Falls ich meine Einwilligung zu Eurem Fortgehen gebe, Betty— und Mr. Rokeſmith iſt der Anſicht, daß dies meine Schuldigkeit iſt—“ wecken und gewiſſe Folgen herbeiführen konnten. neten Kunſttiſchler abgegeben haben,“ ſagte Mrs. Higden, „falls Geld vorhanden geweſen, daß man ihn hätte in die Lehre ſchicken können.“ Sie habe ihn auf erſtaun⸗ liche Weiſe Werkzeuge handhaben ſehen, die er geborgt, um die Wäͤſchrolle auszubeſſern oder ein zerbrochenes Stuͤck Meuble wiederherzuſtellen. Außerdem habe er täglich aus Nichts Spielſachen für die Kleinkinder angefertigt. Und einmal hätten ſich wohl ein Dutzend Leute in ihrer Gaſſe verſammelt, um ihm zuzuſchauen, wie er einem auslän⸗ diſchen Affen die zerbrochenen Stücke ſeiner Orgel wieder zuſammengeleimt. „So iſt's recht,“ ſagte der Secretär.„Dann bin es nicht ſchwer fallen, ein Handwerk für ihn zu inden.“ Da John Harmon jetzt tief unter Bergen begraben lag, machte der Secretär ſich noch des ſelbigen Tages ans Werk, ſeine Geſchäfte zu beenden und mit ihm fertig zu werden. Er ſetzte eine weitläufige Erklärung auf, die Rogue Riderhood unterſchreiben ſollte(denn er wußte, daß er ſich durch einen zweiten weit kürzeren Abendbeſuch ſeine Unterſchrift werde verſchaffen können), und überlegte dann, wem er das Document übergeben ſolle? Hexam's Sohne oder ſeiner Tochter? Er entſchied ſich ſehr ſchnell für die Tochter. Aber es war ſicherer, ein Begegnen mit der Tochter zu vermeiden, denn der Sohn hatte Julius Handford geſehen und— er konnte nicht zu vorſichtig ſein— es mochte möglicherweiſe ein Austauſch von Be⸗ merkungen über ſeine Perſon zwiſchen Sohn und Tochter ſtattfinden, welche den ſchlafenden Verdacht isderwe „Man könnte mich,“ dachte er,„ſogar einfangen oder der Theil⸗ nahme an meiner eigenen Ermordung beſchuldigen!“ Deshalb war es beſſer, das Document zu couvertiren und durch die Poſt an die Tochter zu ſenden. Pleaſant Rider⸗ hood hatte ihre Wohnung ausfindig zu machen verſpro⸗ chen, und es war unnöthig, noch ein einziges Wort der Erklärung hinzuzufügen. So weit war Alles gut. Doch Alles, was ihm über die Tochter bekannt war, hatte er durch Mrs. Boffin's Mittheilungen über das erfahren, was ſie von Lightwood gehört, der ſich durch — feine Ruf ganac John, zu eri hende geſtel wood Julit lich ſchen muß jede liche Eto Hera gebil ſeine war Fan eini mei dur Fra mei ſich ſchr dem den 320 lugen ver⸗ hen. Wir ſchreiben 5— 1 en Sorten ihht Mode 6 ab. und Gewiſſen⸗ alzutragen o. 1 wenn mich uner wider⸗ ie überein, Bella kom⸗ einen Ein⸗ in ihrem en dene alte He, ſauber und Narktplatze Sinpence iit, un die Fähigkeiten ausgezeich⸗ s. Higden, mhätte in f erſtaun⸗ t geborgt, es Stück täglich aus ttigt. Und ihrer Gaſſe em auslän⸗ rgel wieder „Dann für ihn zu en begraben igen Tages tihm fettig ng auf, die mer wußtt, Abendheſuch nd überlegte ? Hexams ſehr ſchnell egegnen mit atte Jllius j vorſichtig h von Be⸗ nd Tochter wieder er⸗ en.„Man s gut. 321 ſeine Art und Weiſe, die Geſchichte zu erzählen, einen Ruf erworben und die Geſchichte zu ſeinem Eigenthum gemacht zu haben ſchien. Dieſelbe intereſſirte ihn— John Rokeſmith— und er wünſchte ſich die Mittel, mehr zu erfahren— wie zum Beiſpiel, daß ſie das freiſpre⸗ chende Document erhalten und daß daſſelbe ſie zufrieden geſtellt— indem er einen Canal eröffnete, der von Light⸗ wood völlig unabhängig ſei: denn dieſer hatte ebenfalls Julius Handford geſehen, hatte Julius Handford öffent— lich in den Zeitungen geſucht und war von allen Men⸗ ſchen derjenige, den der Secretär am meiſten meiden mußte.„Mit dem mich aber das gewöhnlichſte Ereigniß jeden Tag der Woche, jede Stunde des Tages in perſön⸗ liche Berührung bringen kann.“ Es handelte ſich alſo darum, die beſten Mittel zur Eröffnung eines ſolchen Canals zu finden. Der Knabe Hexam ward bei einem Schulmeiſter zu deſſen Fache aus⸗ gebildet. Dies wußte der Secretär, denn der Antheil, den ſeine Schweſter an dieſer Verfügung über ihn gehabt, war der beſte Theil von Lightwood's Geſchichte über die Familie geweſen. Dieſer junge Burſche, Sloppy, bedurfte einigen Unterrichts. Falls er, der Secretär, jenen Schul⸗ meiſter annahm, damit er ihm denſelben ertheilte, ſo durfte hierdurch der Canal eröffnet ſein. Die nächſte Frage war die, ob Mrs. Boffin den Namen des Schul⸗ meiſters wußte? Nein, aber ſie wußte, wo die Schule ſich befand. Dies war vollkommen genug. Der Secretär ſchrieb unverzüglich an den Lehrer der Schule, und an demſelben Abend noch beantwortete Bradley Headſtone den Brief in eigener Perſon. Der Sckretär ſagte dem Schulmeiſter, daß man ihm an gewiſſen Abenden der Woche einen Knaben zum Unter⸗ richten zuſenden möchte, dem Mr. und Mrs. Boffin zu einer arbeitſamen und nützlichen Lebensweiſe behülflich zu ſein wünſchten. Der Schulmeiſter war bereit, einen ſolchen Schüler anzunehmen. Der Secretär fragte, unter welchen Bedingungen? Der Schulmeiſter nannte dieſel⸗ ben. Und damit war die Sache abgemacht. „Darf ich fragen, Sir,“ ſagte Bradley Headſtone, „weſſen guter Meinung ich dieſe Empfehlung an Sie zu verdanken habe?“ „Sie müſſen wiſſen, daß ich hier nicht der Prinzipal bin. Ich bin Mr. Boffin's Secretär. Mr. Boffin iſt ein Herr, der ein Vermögen erbte, deſſen Sie vielleicht öffentlich haben erwähnen gehört: das Harmon'ſche Ver⸗ mögen.“ „Mr. Harmon,“ ſagte Bradley, welcher verwirrter denn je geweſen ſein würde, falls er gewußt hätte, mit wem er ſprach;„ward ermordet und im Fluſſe gefunden?“ „Ward ermordet und im Fluſſe gefunden.“ „Es war nicht durch—“ „Nein,“ unterbrach ihn der Secretär lächelnd,„durch ihn wurden Sie nicht empfohlen. Mr. Boffin hörte durch einen gewiſſen Mr. Lightwood von Ihnen. Ich glaube, Sie kennen Mr. Lightwood, oder haben wenig⸗ ſtens von ihm gehört?“, „Ich kenne ihn vollkommen ſoviel, wie ich ihn zu kennen wünſche. Ich habe keine Bekanntſchaft mit Mr. Lightwood, und ich ſehne mich nicht nach derſelben, Sir. Ich habe nichts gegen Mr. Lightwood einzuwenden, aber ich habe außerordentlich viel gegen einige von Mr. Light⸗ wood's Freunden einzuwenden— kurz, gegen einen der⸗ ſelben. Seinen größten Freund.“ Er vermochte jetzt hier und in dieſem Augenblicke kaum die Worte herauszubringen, ſo wüthend wurde er (obgleich er unſägliche Anſtrengungen machte, ſich zu be⸗ herrſchen), als Eugen Wrayburn's nachläſſiges und ver⸗ achtungsvolles Benehmen gegen ihn vor ſeine Seele trat. Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. Der Secretär ſah, daß es hier irgend eine wunde Stelle gebe und wünſchte der Unterhaltung eine andere Wendung zu geben, doch hielt Bradley Headſtone dieſelbe auf ſeine gewohnte ſchwerfällige Weiſe feſt. „Ich habe nichts dagegen, Ihnen den Namen dieſes Freundes zu nennen,“ ſagte er trotzig.„Der Mann, der mir zuwider iſt, heißt Mr. Eugen Wrayburn.“ Der Secretär erinnerte ſich ſeiner. In ſeiner un⸗ klaren Erinnerung an jenen Abend, wo er noch gegen die Wirkung des vergifteten Trunkes kämpfte, ſah er nur ein ſchwaches Bild von Eugen's Perſönlichkeit; doch erinnerte er ſich ſeines Namens und ſeiner Art und Weiſe beim Sprechen, und wie er mit ihnen gegangen war, um den Leichnam in Augenſchein zu nehmen, und wo er geſtanden und was er geſagt. „Können Sie mir vielleicht ſagen, Mr. Headſtone,“ fragte er, in der abermaligen Abſicht, der Unterhaltung eine andere Wendung zu geben,„wie die Schweſter des jungen Hexam heißt?“ „Sie heißt Lizzie,“ ſagte der Schulmeiſter, indem ſein ganzes Geſicht ſich heftig verzog. „Sie iſt eine junge Perſon von außerordentlichem Charakter, nicht wahr?“ „Sie iſt außerordentlich genug, um Mr. Eugen Wray⸗ burn weit überlegen zu ſein— obgleich jede gewöhnliche Perſon dies ſein könnte,“ ſagte der Schulmeiſter;„und ich hoffe, daß Sie mich nicht für impertinent halten wer⸗ den, Sir, wenn ich Sie frage, warum Sie jene beiden Namen mit einander paaren?“ „Durch einen bloßen Zufall““ erwiderte der Secretär. „Da ich bemerkte, daß Mr. Wrayburn ein unangenehmer Gegenſtand für Sie ſei, verſuchte ich, denſelben fallen zu laſſen, doch wie es ſcheint, war ich nicht glücklich in meiner Wahl.“ „Kennen Sie Mr. Wrayburn, Sir?“ „Nein.“ „Dann können die Namen vielleicht nicht nach irgend einer Angabe von ſeiner Seite mit einander gepaart wor⸗ den ſein?“ „Ganz gewiß nicht.“ „Ich nahm mir die Freiheit, dieſe Frage an Sie zu richten,“ ſagte Bradley, die Augen auf den Boden heftend, „weil er in ſeiner leichtfertigen, übermüthigen Anmaßung jeder möglichen Angabe fähig iſt. Ich— ich hoffe, Sie werden mich nicht mißverſtehen, Sir. Ich— ich fühle ein großes Intereſſe für dieſes Geſchwiſterpaar und der Gegenſtand erregt ſehr mächtige Empfindungen in mir. Sehr, ſehr mächtige Empfindungen.“ Bradley nahm mit zitternder Hand ſein Taſchentuch heraus und trocknete ſich mit demſelben die Stirn. Der Secretär dachte, indem er das Geſicht des Schul⸗ meiſters betrachtete, daß er hier in der That einen Canal gefunden, und zwar einen unerwartet dunklen, tigfen und ſtürmiſchen, der ſchwer zu ergründen ſei. Plötzlich, in⸗ mitten ſeiner gewaltigen Gemüthsbewegung, ſchaute Brad⸗ ley ihn an, wie wenn er eine Herausforderung an ihn richtete. Etwa, wie wenn er ihn gefragt hätte:„Was ſehen Sie an mir?“ „Der Bruder, der junge Hexam, war ihre wirkliche Empfehlung hier,“ ſagte der Secretär, ruhig zur Sache zurückkehrend,„indem Mr. und Mrs. Boffin zufällig durch Mr. Lightwood erfahren, daß derſelbe Ihr Schüler ſei. Die Fragen, die ich ſowohl über den Bruder als die Schweſter an Sie richte, entſpringen aus meinem eigenen perſönlichen Intereſſe an der Sache, und haben weder mit meiner officiellen Stellung noch mit Mr. Boffin irgend Etwas zu thun. Wie ich zu dieſem Intereſſe komme, brauche ich nicht zu erklären. Sie wiſſen, in „Können Sie mir vielleicht ſagen, Mr. Headſtone,“ ſagte der Secretär,„ob die Schweſter durch irgend ein Stigma zu leiden hat, das durch dieſe unmögliche Be⸗ ſchuldigung— oder ich ſollte lieber ſagen, dieſe unbe— gründete Beſchuldigung— gegen den Vater herbeigeführt worden, welche im Weſentlichen widerrufen wurde?“ „Nein, Sir,“ entgegnete Bradley faſt zornig. „Es freut mich ſehr, dies zu hören.“ „Die Schweſter,“ ſagte Bradley, ſehr ſorgfältig ſeine Worte von einander trennend und indem er ſprach, als leſe er dieſelben aus einem Buche ab,„hat keinen Vor⸗ wurf zu ertragen, der einen Mann von tadelloſem Rufe, welcher ſich Schritt für Schritt im Leben emporgearbeitet, abſchrecken würde, ihr ſeine Stellung anzubieten. Ich will nicht ſagen, ſie zu ſeiner Stellung zu erheben— ich ſage, ihr ſeine Stellung anzubieten. Die Schyeſter hat keinerlei Vorwurf zu ertragen, falls ſie ſich denſelben nicht unglücklicherweiſe ſelber zuzieht! Wenn ein ſolcher Mann ſich nicht abgehalten ſieht, ſie als ſeines Gleichen zu betrachten, und wenn er ſich überzeugt hat, daß kein Flecken an ihr haftet, ſo denke ich, daß dieſes Factum als ein ziemlich bedeutungsvolles genommen werden kann.“ „Und es giebt einen ſolchen Mann?“ fragte der Se⸗ cretär. Bradley Headſtone runzelte ſeine Stirn und ſtemmte ſeine breiten Kinnladen vor und ſchaute mit einer Miene keine Veranlaſſung vorhanden zu ſein ſchien, indem er erwiderte:„Und es giebt einen ſolchen Mann.“ Der Secretär hatte weder Grund noch Vorwand, die Unterhaltung noch ferner fortzuſetzen, und deshalb endete dieſelbe hier. Drei Stunden ſpäter war die wergköpfige Erſcheinung nochmals in den„Leihladen“ hinabgetaucht und an demſelben Abend lag Rogue Riderhood's Wider⸗ ruf couvertirt und mit Lizzie's richtiger Adreſſe verſehen auf der Poſt.. Alle dieſe Beſchäftigungen nahmen John Rokeſmith ſo ſehr in Anſpruch, daß er Bella erſt am folgenden Tage wiederſah. Es hatte dann den Anſchein, als ob ſie eine ſtillſchweigende Uebereinkunft getroffen, einander mit zurückhaltender Unbefangenheit zu begegnen, ohne jedoch durch eine auffallende Veränderung in ihrem We⸗ ſen Mr. und Mrs. Boffin's Aufmerkſamkeit zu erregen. Die Ausrüſtung der alten Betty begünſtigte dies, indem Bella dadurch beſchäftigt und die allgemeine Aufmerkſamkeit gefeſſelt ward. 4 „Ich bin der Anſicht,“ ſagte Rokeſmith, wie ſie Alle „Aber manche Leute laſſen ſich gern protegiren, nicht wahr, Sir?“ fragte Bella aufſchauend. „Ich nicht. Und wenn Andere ſich gern begönnern laſſen, meine Liebe, ſo ſollten ſie vernünftiger werden,“ ſagte Mr. Boffin.„Gönner und Gönnerinnen, und Vice⸗Gönner und Vice⸗Gönnerinnen, und weiland Gönner und weiland Gönnerinnen, und Ex⸗Vice⸗Gönner und Ex⸗Vice⸗Gönnerinnen— was ſoll dies Alles in den Mildthätigkeits⸗Circularen bedeuten, die auf Rokeſmith herabregnen, daß er bis am Halſe d'rin ſteckt! Wenn Mr. Tom Noaks ſeine fünf Schillinge hergiebt, iſt er da nicht ein Gönner, und wenn Mrs. Jack Styles ihre fünf Pfund hergiebt, iſt ſie da nicht eine Gönnerin? Was, zum Henker, ſoll das Alles bedeuten? Wie nennt Ihr dies, wenn Ihr's nicht die frechſte Unverſchämtheit nennt?“ „Werde nicht hitzig, Noddy,“ ſagte Mrs. Boffin. „Hitzig!“ rief Mr. Boffin.„Es iſt genug, um's Einem ſiedend heiß zu machen. Ich kann nirgendwo hingehen ohne begönnert zu werden. Wenn ich mir ein Billet zu einer Blumenausſtellung kaufe, oder zu einer Muſtkausſtellung, oder zu irgend einer andern Ausſtellung, und ziemlich theuer dafür bezahle— warum muß ich mich da begönnern und begönnerinnen laſſen, als ob die Gönner und Gönnerinnen mich tractirten? Wenn etwas Gutes gethan werden ſoll— kann es nicht ſeines eige⸗ nen Verdienſtes wegen gethan werden? Wenn was Schlechtes gethan werden ſoll— kann alles Gönnern und Gönnerinnen es recht machen? Und doch ſcheint es mir, daß bei der Errichtung eines neuen Inſtitutes den Ziegelſteinen und dem Kalk nicht halb ſoviel Wichtigkeit der Entſchloſſenheit vor ſich auf den Boden, zu der gar beigelegt wird, als den Gönnern und Gönnerinnen; ja, und dem Zwecke ebenſo wenig. Ich wollte, es ſagte mir Jemand, ob andere Länder nur in demſelben Grade begönnert werden, wie das unſrige hier. Und was die Gönner und Gönnerinnen ſelber betrifft, ſo wundere ich mich nur, daß ſie ſich nicht ſchämen. Sie ſind ja keine Pillen, oder Haaröl, oder nervenſtärkende Eſſenz, um ſich in dieſer Weiſe in den Zeitungen austrompeten zu laſſen!“ Nachdem er dieſe Bemerkungen abgegeben, trabte Mr. Boffin nach ſeiner gewohnten Weiſe wieder zu dem Ausgangspunkte zurück. „Was den Brief betrifft, Rokeſmith,“ ſagte er,„ſo haben Sie vollkommen recht. Geben Sie ihr den Brief, zwingen Sie ſie, den Brief anzunehmen, ſtecken Sie ihr denſelben mit Gewalt in die Taſche.— Sie wiſſen, daß Sie krank werden könnten,“ ſagte Mr. Boffin.„Leugnen Sie es nicht, Mrs. Higden, leugnen Sie es in Ihrer Halſtarrigkeit nicht— Sie wiſſen, daß Sie krank wer⸗ den könnten.“ um ſie her ſtanden, während ſie ihren ſauberen Korb packte— Bella ausgenommen, die neben dem Stuhle kniete, auf welchem derſelbe ſtand, und ihr behülflich war—„daß Sie wenigſtens einen Brief bei ſich in der Taſche führen ſollten, Mrs. Higden, den ich für Sie ſchreiben und von hier aus datiren würde,— in welchem ich blos in Mr. und Mrs. Boffin's Namen angäbe, daß ſie Ihre Freunde ſind;— ich will ſie nicht Gönner nen⸗ nen, denn dies würde ihnen nicht angenehm ſein.“ „Nein, nein, nein,“ ſagte Mr. Boffin,„keine Gönnerei! Laſſen Sie uns das wenigſtens vermeiden, was auch ſonſt alles aus uns werden mag.“ „Es giebt dergleichen auch ohne uns genug in der Welt, wie, Noddy?“ ſagte Mrs. Boffin.. „Das ſollt' ich meinen, Du liebe Alte!“ erwiderte der Goldene Kehrichtmann.„Ja, viel zu viel!“ Die alte Betty lachte und ſagte, ſie wolle den Brief annehmen, und zwar mit Dank. „Das iſt recht!“ ſagte Mr. Boffin.„Kommt, das iſt vernünftig. Und ſein Sie nicht uns dankbar dafür (denn wir haben gar nicht daran gedacht), ſondern Mr. Rokeſmith.“ Der Brief wurde geſchrieben, dann ihr vorgeleſen und ihr gegeben. „Nun, wie iſt Ihnen jetzt zu Muthe?“ ſagte Mr. Boffin.„Gefällt es Ihnen?“ „Der Brief, Sir?“ ſagte Betty. ſchöner Brief!“ „Nein, nein, nein; den Brief meine ich nicht,“ ſagte Mr. Boffin;„die Idee. Wiſſen Sie gewiß, daß Sie kräftig genug ſind, um dieſelbe auszuführen?“ „Ich werde auf dieſe Weiſe kräftiger und die Läh⸗ mung und Betäubung beſſer abzuwehren im Stande „Gewiß, es iſt ein ein ſteſt / offen zahl Lal „‿ Möe dem kenn en, nicht egönnern werden,“ en, und Gönner r und in den dewith unn's rgendwo mir ein zu einer ellung, muß ich Gönnern int es den ief, Sie ihr ſeen, daß ſein, als auf irgend eine andere Weiſe, die mir offen ſteht, Sir.“ „Sagen Sie nicht, als irgend eine andere, die Ihnen offen ſteht,“ ſagte Mr. Boffin,„denn es giebt deren noch zahlloſe andere. Es würde zum Beiſpiel dort in der „Laube“ eine Haushälterin von großem Nutzen ſein. Möchten Sie nicht die„Laube“ anſchauen und einen aus dem Dienſte getretenen literariſchen Mann, Namens Wegg, kennen lernen, der dort— mit einem hölzernen Beine — wohnt?“ Die alte Betty widerſtand ſelbſt dieſer Verſuchung und begann ſich mit Hut und Tuch zu rüſten. „Ich würde Sie jetzt, da der Augenblick gekommen, dennoch nicht gehen laſſen,“ ſagte Mr. Boffin,„wenn ich nicht hoffte, daß dadurch ein Mann und ein tüchtiger Handwerker aus Sloppy gemacht werden wird, und zwar in ſo kurzer Zeit, wie je ein Mann und ein Handwerker gemacht wurde. Ei, was habt Ihr dort, Betty? Doch nicht etwa eine Puppe?“ Es war der Gardelieutenant, welcher über Johnny's Bettchen Wache geſtanden. Die verlaſſene alte Frau zeigte, was es ſei, und ſteckte es dann ruhig in ihr Kleid. Dann nahm ſie dankbaren Abſchied von Mr. Boffin und Mrs. Boffin und Mr. Rokeſmith, und dann ſchlang ſier ihre alten dürren Arme um Bella's blühenden weichen Nacken und ſagte, Johnny's Worte wiederholend:„Ein Kuß für die ßöne Dame.“ Der Secretär ſchaute von der Thür aus auf die in dieſer Weiſe umſchlungene ſchöne Dame, und betrachtete die ſchöne Dame, als ſie allein dort ſtand, noch immer, als die entſchloſſene alte Geſtalt mit den klaren, feſten Augen ſchon durch die Straßen dahintrabte, auf der Flucht vor Bettlerarmuth und Schlagfluß. Fünſzehntes Capitel. Bie ganze Geſchichte bis ſoweit. Bradley Headſtone klammerte ſich mit aller Gewalt Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. an jene letzte Unterredung, die er noch mit Lizzie haben ſollte. Indem er ſich dieſelbe ausbedungen, war er von einem Gefühle getrieben worden, das an Verzweiflung grenzte, und dieſes Gefühl hatte ihn noch immer nicht verlaſſen. Sehr bald nach ſeiner Unterredung mit dem Secretär machten er und Charley Hexam ſich eines blei⸗ grauen Abends— nicht, ohne von Miß Peecher bemerkt V zu werden— auf, um dieſe verzweifelte Zuſammenkunft zu bewerkſtelligen. „Jene Puppenſchneiderin,“ ſagte Bradley,„iſt weder Dir noch mir geneigt, Hexam.“ „Sie iſt ein impertinentes buckeliges kleines Ding, Mr. Headſtone! Ich wußte wohl, daß ſie ſich drein⸗ miſchen und etwas Impertinentes herausſchlagen würde, wenn ſie es könnte. Deshalb ſchlug ich vor, daß wir heute Abend nach der City gingen, um meine Schweſter zu treffen.“ „Dies dachte ich mir,“ ſagte Bradley, ſeine nervöſen Hände in ſeine Handſchuhe hineinarbeitend.„Das dachte ich mir.“ „Niemand als meine Schweſter,“ fuhr Charley fort, „würde ſolch eine merkwürdige Gefährtin gefunden haben. Sie hat dieſelbe in der lächerlichen Idee geſucht, daß ſie ſich Jemandem aufopfern muß. Sie ſagte mir dies an jenem Abend, da wir ſie dort beſuchten.“ 326 „Warum ſollte ſie fragte Bradley. „O!“ ſagte der Knabe erglühend.„Das iſt eine von ihren romantiſchen Ideen! Ich verſuchte, ſie hier⸗ von zu überzeugen, aber es gelang mir nicht. Indeſſen, wir haben nichts weiter zu thun, als uns heute Abend daoſt e zu ſichern, dann folgt alles Uebrige von ſelbſt.“ „Du haſt noch immer Hoffnung, Hexam?“ „Gewiß, Sir. Ei, wir haben Alles für uns.“ „Ausgenommen vielleicht Deine Schweſter,“ dachte Bradley. Doch war es blos ein düſterer Gedanke; er ſagte nichts. „Es iſt Alles für uns,“ fuhr der Knabe mit knaben⸗ hafter Zuverſicht fort.„Achtbarkeit, eine vortreffliche Verbindung für mich, geſunder Menſchenverſtand, Alles!“ „Deine Schweſter hat ſich allerdings ſtets als eine aufopfernde Schweſter gegen Dich bewieſen,“ ſagte Bradley, bereit, ſich ſelbſt durch dieſe geringſte Hoffnung aufrecht zu erhalten. „Ich habe natürlicherweiſe ziemlich großen Einfluß bei ihr, Mr. Headſtone. Und jetzt, da Sie mich mit Ihrem Vertrauen beehrt und zuerſt zu mir geſprochen haben, ſage ich nochmals, es iſt Alles für uns.“ Und Bradley dachte abermals:„Ausgenommen viel⸗ leicht Deine Schweſter.“ Ein grauer, ſtaubiger, trockener Abend in der City von London bietet keinen hoffnungsvollen Anblick. Die geſchloſſenen Verkaufsgewölbe und Comptoirs haben et⸗ was Todtenartiges und der nationale Abſcheu gegen grelle Farben bringt etwas Trauerartiges mit ſich. Die Thürme der zwiſchen vielen Häuſern eingezwängten Kir⸗ chen, welche dunkel und trübe wie der Himmel, der ſich auf ſie herabzuſenken ſcheint, bilden keine Abwechſelung in der allgemeinen Düſterkeit; eine Sonnenuhr an einer Kirchenmauer hat, in ihrem nutzloſen ſchwarzen Schatten, das Ausſehn, als ob ſie in ihrem Geſchäftsunternehmen Bankerott gemacht und auf immer alle Zahlungen ein⸗ geſtellt hätte; melancholiſche vereinſamte Haushälterinnen und Laſtträger fegen melancholiſche verlorene Papier⸗ ſchnitzel und Stecknadeln in die Straßengoſſen, und an⸗ dere melancholiſche, verlorene, herrenloſe Geſchöpfe ſuchen und ſtökern in jenen Goſſen, um Etwas zu finden, das ſie vielleicht verkaufen können. Der auswärts ziehende Menſchenſtrom aus der City gleicht einem Zuge von“ Gefangenen, die den Kerker verlaſſen, und das grauſige Newgate ſcheint eine ebenſo paſſende Veſte für den mäch⸗ tigen Lord Mayor, als deſſen eigenes Staatsgebäude. An einem ſolchen Abende, wenn der Cityſand Einem in Haar, Haut und Augen dringt und wenn die von den unglückſeligen wenigen Citybäumen abgefallenen Blätter vom Winde in die Ecken hineingepeitſcht und gepreßt werden, kamen der Schulmeiſter und ſein Schüler in die Region von Leadenhall Street heraus und ſpähten oſt⸗ wärts nach Lizzie umher. Da ſie ein wenig zu früh für ſie gekommen, lauerten ſie an einer Ecke und erwarteten ſie. Die Hübſcheſten von uns werden ſich beim Lauern nicht ſehr vortheilhaft ausnehmen, und Bradley machte ſich nur ſehr jämmerlich dabei. „Dort kommt ſie, Mr. Headſtone! ihr entgegengehen.“ Als ſie ſich ihr näherten, ſah ſie ſie kommen, und ſchien dadurch ein wenig beſtürzt. Doch begrüßte ſie ihren Bruder mit der gewohnten Wärme und berührte die Hand, welche Bradley ihr entgegenſtreckte. „Ei, mein lieber Charley, wo gehſt Du hin?“ fragte ſie dann. „Nirgendwohin. ſich jener Schneiderin aufopfern?“ Laſſen Sie uns Wir kamen Dir entgegen.“ 21* — ’ ₰ „Mir entgegen, Charley?“ „Ja. Wir wollen Dich begleiten. Aber laß uns nicht in den großen Straßen gehen, wo die ganze Welt ſich drängt, und wir einander nicht hören können. Laß uns durch die ſtillen Nebenſtraßen gehen. Hier bei dieſer Kirche iſt ein großer gepflaſterter Hof, wo es ruhig iſt. Laß uns hier hineingehen.“ „Aber dies iſt nicht der Weg, Charley.“ „Doch, es iſt der Weg,“ ſagte der Knabe heftig. „Es iſt mein Weg, und mein Weg iſt auch der Deinige.“ Sie hatte ſeine Hand nicht losgelaſſen und ſchaute ihm, dieſelbe noch immer feſthaltend, faſt bittend in's Geſicht. Er wich ihrem Auge aus und ſagte:„Kommen Sie, Mr. Headſtone.“ Bradley ging an ſeiner Seite— nicht an der ihrigen— und Bruder und Schweſter gin⸗ gen Hand in Hand. Der gepflaſterte Hof führte ſie in einen Kirchhof— ein viereckiger, ebenfalls gepflaſterter Hof, in deſſen Mitte ſich ein etwa bruſthoher Erdhügel befand, der von einem Eiſengitter eingeſchloſſen war. Hier in bequemer und geſunder Erhöhung, auf gleicher Höhe mit den Lebenden, befanden ſich die Todten und die Grabſteine; einige der letzteren neigten ſich verzagt aus ihrer ſenkrechten Linie, wie wenn ſie ſich der Lügen ſchämten, die ſie berichteten. Sie gingen einmal in gezwungener und unbehaglicher Weiſe rund um dieſen Platz herum; dann ſtand der Knabe ſtill und ſagte: „Lizzie, Mr. Headſtone wünſcht Dir Etwas zu ſagen. Ich wünſche weder für ihn noch für Dich eine Störung zu ſein und will deshalb einen kleinen Spaziergang machen und dann wiederkommen. Ich weiß im Allge⸗ meinen, was Mr. Headſtone zu ſagen beabſichtigt, und ich gebe demſelben meinen höchſten Beifall— was Du, wie ich hoffe, ebenfalls thun wirſt. Ich brauche Dir nicht zu ſagen, Lizzie, daß ich große Verpflichtungen ge⸗ gen Mr. Headſtone habe und daß mir im höchſten Grade daran gelegen iſt, daß Mr. Headſtone in Allem, was er unternimmt, Erfolg hat,— was, wie ich hoffe, und in der That nicht bezweifle— auch bei Dir der Fall iſt.“ „Charley,“ ſagte ſeine Schweſter, indem ſie die Hand feſthielt, die er ihr zu entziehen ſuchte,„ich denke, es wird beſſer ſein, wenn Du dableibſt. Ich denke, Mr. Headſtone ſollte das, was er zu ſagen beabſichtigt, lieber weiß, daß Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Die ſchöne Dame.(Seite 325). Freund. nicht ſagen.“ „Wie, woher weißt Du, was dies iſt?“ fragte der Knabe. 4 „Vielleicht weiß ich es nicht, aber—“ „Vielleicht weißt Du es nicht? Nein, Liz, das ſollt' ich meinen. Wenn Du wüßteſt, was es iſt, ſo würdeſt Du mir eine ganz andere Antwort geben. Da, laß mich los, ſei vernünftig. Ich bin erſtaunt, daß Du Dich nicht erinnerſt, daß Mr. Headſtone Dich ſieht.“ Sie geſtattete ihm, ſich von ihr loszumachen, und nachdem er geſagt:„Nun, ſei ein verſtändiges Mädchen und eine gute Schweſter, Liz,“ ging er von dannen. Sie blieb mit Bradley Headſtone allein ſtehen und dieſer ſprach nicht eher, als bis ſie die Augen erhob. „Als ich Sie das letzte Mal ſah,“ fing er an,„ſagte ich, daß Etwas noch unerklärt ſei, das vielleicht Einfluß auf Sie haben würde. Ich komme heute Abend, um dies zu erklären. Ich hoffe, daß Sie mich nicht nach meiner ſtockenden Manier beurtheilen werden, während ich zu Ihnen ſpreche. Sie ſehen mich zu meinem größten Nach⸗ theile. Es iſt ein großes Unglück für mich, daß ich im beſten Lichte vor Ihnen zu erſcheinen wünſche und dabei ich in meinem ſchlimmſten Lichte erſcheine.“ Sie ſchritt langſam weiter, als er innehielt, und er ging langſam an ihrer Seite. „Es ſieht ſelbſtſüchtig aus, daß ich den Anfang damit mache, ſo viel über mich ſelber zu ſagen,“ fuhr er fort, „doch was ich immer zu Ihnen ſagen mag, klinge ſelbſt meinen eigenen Ohren, verſchieden von dem, was ich zu ſagen wünſche. Ich kann es nicht ändern. Es iſt ein⸗ mal ſo. Sie ſind mein Verderben.“ Sie erſchrak über den leidenſchaftlichen Ton, indem er dieſe letzten Worte ſprach, und über die leidenſchaftliche Geberde, mit der er dieſelben begleitete. „Ja! Sie ſind mein Verderben— mein Verderben— Verderben— Verderben. Ich finde keine Hülfe in mir, habe kein Zutrauen zu mir, vermag mich nicht zu beherr⸗ ſchen, wenn Sie in meiner Nähe oder in meinen Gedanken ſind. Und Sie ſind jetzt beſtändig in meinen Gedanken. bin Sie nie mehr los geworden, ſeit ich Sie zum erſten Male ſah. O, das war ein unglückſeliger Tag Genü ſicht 8s ſi ve rla auf geſcht das g ſprach „ Herze ſchehe obgle doch mir tung Ste ten Hau mein geſe trüg wah gene auf trag Mät der ſelb Hey Da Wo ſcha jene als Ste⸗ währ ich 6 wäre der! Bani 998* lieber gte der 48 ſollt würdeſt mich 10 nicht 6 5 u, und J Mäͤdchen en. Sie de D hieſer . 8 ich zu iſt ein⸗ Gedanken Gedanken.„ Sie zum liger Tag für mich! Tag!“ Es miſchte ſich ein Anflug von Mitleid in ihre Ab⸗ neigung gegen ihn, und ſie ſagte:„Mr. Headſtone, es thut mir leid, wenn ich Ihnen je ein Unrecht zugefügt, aber ich habe dies nie beabſichtigt.“ „Da!“ rief er verzweiflungsvoll.„Jetzt ſieht es aus, als ob ich Ihnen Vorwürfe gemacht, anſtatt Ihnen meinen Gemüthszuſtand offenbart zu haben! Haben Sie Nach⸗ ſicht mit mir. Ich thue immer etwas Verkehrtes, wenn es ſich um Sie handelt. Es iſt dies mein Schickſal.“ Mit ſich ſelber ringend und von Zeit zu Zeit zu den verlaſſenen Fenſtern der Häuſer emporblickend, wie wenn auf deren ſchmutzigen Scheiben möglicherweiſe Etwas geſchrieben ſtehen könne, das ihm helfen würde, ging er das ganze Trottoir an ihrer Seite entlang, ehe er wieder ſprach. „Ich muß es verſuchen, dem, was mir auf dem Herzen liegt, Ausdruck zu geben: es ſoll und muß ge⸗ ſchehen. Obgleich Sie mich in ſolcher Verwirrung ſehen, obgleich Sie mich ſo hülflos machen— bitte ich Sie doch zu glauben, daß es viele Leute giebt, die gut von mir denken; daß es viele Leute giebt, die eine hohe Ach⸗ tung für mich hegen; daß ich mir auf meine Weiſe eine Stellung errungen, die für des Erringens werth gehal⸗ ten wird.“ „Gewiß, Mr. Headſtone, ich glaube es. habe dies ſtets von Charley gehört.“ „Ich bitte Sie, zu glauben, daß, falls ich mein Haus, wie daſſelbe iſt, meine Stellung, wie dieſelbe iſt, meine Zuneigung, wie dieſelbe iſt, irgend einer der an⸗ geſehenſten und ausgezeichnetſten der jungen Damen an⸗ trüge, die in meinem Berufe angeſtellt ſind, dieſelben wahrſcheinlich angenommen würden. Ja, bereitwillig an⸗ genommen würden.“ „Ich zweifle nicht daran,“ ſagte Lizzie, auf den Boden heftend. „Ich habe zuweilen daran gedacht, einen ſolchen An⸗ trag zu machen, und mich niederzulaſſen, wie dies viele Männer in meiner Stellung thun: ich auf der einen Seite der Schule, meine Frau auf der andern, Beide an dem⸗ ſelben Werke arbeitend.“ „Warum haben Sie dies nicht gethan?“ fragte Lizzie Hexam.„Warum thun Sie es nicht?“ „Es iſt weit beſſer, daß ich es nie gethan habe! Das einzige Bischen Troſt, daß ich während dieſer vielen Wochen beſeſſen,“ ſagte er, indem er fortwährend leiden⸗ ſchaftlich ſprach, und, wenn er am nachdrücklichſten war, jene Geberde wiederholte, welche den Eindruck machte, als ob er ſein Herzblut tropfenweiſe vor ihr auf den Steinen ausſchütte;„das einzige Bischen Troſt, das ich während dieſer vielen Wochen beſeſſen, liegt darin, daß ich es nicht gethan. Denn, hätte ich es gethan, und wäre ich dann von demſelben Zauber befangen worden, der mein Verderben bewirkt, ſo weiß ich, daß ich jenes Band wie einen Faden würde zerriſſen haben.“ Sie ſchaute ihn mit einem Blicke der Furcht und einer Geberde an, wie wenn ſie vor ihm zurückbebte. Er beantwortete dies, wie wenn ſie geſprochen hätte. „Nein! Es würde nicht freiwillig bei mir geweſen ſein, ebenſo wenig, wie es freiwillig bei mir iſt, daß ich jetzt hier bin. Sie ziehen mich ſich nach. Wenn ich in ein Gefängniß eingeſchloſſen wäre, ſo würden Sie mich aus demſelben herausziehen. Ich würde durch die Mauer brechen, um zu Ihnen zu kommen. Läge ich auf einem Krankenbette, ſo würden Sie mich emporziehen, daß ich zu Ihren Füßen hintaumelte und dort niederſänke.“ Die wilde Energie des Mannes, der er jetzt freien Das war ein unglückſeliger, jammervoller Gewiß, ich die Augen ———2 2— Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 330 Lauf gegeben, war wahrhaft fürchterlich. Er ſtand ſtill und legte die Hand auf einen Pfeiler des Stakets um den Begräbnißplatz, wie wenn er den Stein hätte um⸗ reißen wollen. „Kein Menſch weiß Etwas von der Tiefe in ihm, bis ſeine Zeit gekommen iſt. Für Manche kommt die⸗ ſelbe nie; laß ſie ruhen und dem Himmel danken! Mir haben Sie dieſelbe gebracht; Sie haben mir dieſelbe auf⸗ gedrungen, und die Tiefe dieſes tobenden Meeres,“ ſagte er, ſich auf die Bruſt ſchlagend,„hat ſeitdem nicht mehr zu wogen aufgehört.“ „Mr. Headſtone, ich habe genug gehört. Laſſen Sie ſich durch mich bewegen, nicht weiter zu reden. Es wird beſſer ſein— für Sie und für mich. Laͤſſen Sie uns meinen Bruder ſuchen.“ „Noch nicht. Es ſoll und muß ausgeſprochen werden. Ich habe, ſeit ich es das vorige Mal unterdrückte, in fort⸗ währenden Höllenqualen gelebt. Sie ſind erſchrocken. Es iſt ein ferneres Unglück, daß ich nicht zu Ihnen oder von Ihnen zu reden vermag, ohne bei jeder Sylbe zu ſtolpern, wenn ich mich nicht ganz und gar gehen laſſen und toll werden will. Hier kommt ein Mann, um die Laternen anzuzünden. Er wird ſogleich wieder gehen. Ich flehe Sie an, uns noch einmal um dieſen Platz her⸗ umgehen zu laſſen. Sie haben keine Urſache, erſchrocken auszuſehen; ich kann mich bezwingen und ich will es.“ Sie gab der Bitte nach— was hätte ſie wohl An⸗ deres thun können!— und ſie ſchritten ſchweigend auf den Steinen dahin. Die Flammen hüpften eine nach der andern empor, und ließen den alten grauen Kirch⸗ thurm ferner denn je erſcheinen, und dann waren ſie wieder allein. Er ſagte nichts, bis ſie wieder an der Stelle angelangt waren, wo er abgebrochen hatte; hier ſtand er abermals ſtill und packte wieder den Stein. Bei dem, was er darauf ſprach, ſchaute er nicht ein ein⸗ ziges Mal ſie, ſondern fortwährend den Stein an, und riß an demſelben. 8 „Sie wiſſen, was ich zu ſagen im Begriff bin. Ich liebe Sie. Was andere Männer meinen, wenn ſie dies ſagen, weiß ich nicht; was ich damit meine, iſt, daß ich mich unter dem Einfluſſe einer fürchterlichen Anziehungs⸗ kraft befinde, der ich mich vergebens widerſetzt habe, und die mich überwältigt. Sie könnten mich zum Feuer, Sie könnten mich zum Waſſer, Sie könnten mich nach dem Galgen, Sie könnten mich zu jedem Tode, zu Allem hinziehen, das ich ſtets am meiſten gemieden habe, Sie könnten mich zu Schimpf und Schande treiben. Dies und die Gedankenverwirrung, die mich verhindert, irgend Etwas zu thun, ſind das, was ich meine, wenn ich ſage, daß Sie mein Verderben ſind. Doch falls Sie mir auf meinen Heirathsantrag eine günſtige Antwort gäben, ſo könnten Sie mich mit derſelben Gewalt zum Guten— zu allem Guten— hinziehen. Ich befinde mich in voll⸗ kommen behaglichen Verhältniſſen und es ſollte Ihnen an nichts fehlen. Ich genieße einen hohen Ruf, und derſelbe würde ein Schild für den Ihrigen ſein. Wenn Sie mich bei meiner Arbeit ſähen, die ich wohl zu ver⸗ richten fähig und in der ich geachtet bin, ſo würden Sie vielleicht einſt ſogar ſtolz auf mich ſein;— ich würde mein Möglichſtes thun, um dies zu erreichen. Welche Berückſichtigungen ich immer gegen dieſen Antrag in Er⸗ wägung gezogen haben mag, dieſelben ſind überwunden, und ich mache denſelben von ganzem Herzen. Ihr Bru⸗ der begünſtigt mich darin mit Eifer, und es iſt wahr⸗ ſcheinlich, daß wir einſt zuſammen leben und arbeiten werden; jedenfalls iſt es gewiß, daß ihm mein Einfluß und mein Intereſſe zu Gebote ſtehen würden. Ich weiß nicht, daß ich noch mehr ſagen könnte, wenn ich es ſelbſt verſuchte. Ich dürfte vielleicht nur die Wirkung des Geſagten, das ohnehin ſchon ſchlecht genug geſagt iſt, dadurch ſchwächen. Ich füge nur noch hinzu, daß, falls es irgend Etwas bei Ihnen gilt, daß ich im Ernſte rede, ich wirklich gründlich,— fürchterlich im Ernſte rede.“ Der zerbröckelte Kalk unter dem Steine, an dem er riß, fiel praſſerlnd auf das Steinpflaſter und beſtätigte ſeine Worte. „Mr. Headſtone—“ „Halt! Ich bitte Sie um Alles, ehe Sie mir ant⸗ worten, noch einmal um dieſen Platz herum zu gehen. Ich will Ihnen eine Minute Zeit zum Ueberlegen und mir eine Minute Zeit geben, um einige Kraft zu ſam⸗ meln.“ 9 Sie gab ſeinem Flehen nochmals nach, und ſie kehrten abermals zur ſelben Stelle zurück, und er riß abermals an dem Steine. „Soll es,“ ſagte er, indem ſeine Aufmerkſamkeit dem ſein?“ „Mr. Headſtone, ich danke Ihnen aufrichtig, und danke Ihnen von Herzen und hoffe, daß Sie bald eine Ihrer würdige Gattin finden und ſehr glücklich ſein wer⸗ den. Aber es muß nein ſein.“ Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 332 fuhr er fort, indem er ſeine Hände vor ſich faltete, offen⸗ bar um ſich an jedem Ausbruche von Heftigkeit zu ver⸗ hindern;„diesmal wenigſtens will ich mich nicht durch Nachgedanken einer weggeworfenen Gelegenheit martern laſſen. Mr. Eugen Wrayburn. „Sprachen Sie etwa in Ihrer zügelloſen Wuth und Heftigkeit von ihm?“ fragte Lizzie gereizt. Er biß ſich auf die Lippe und ſchaute ſie an und ſagte kein Wort. „Wollten Sie etwa Mr. Wrayburn damit drohen?“ Er biß ſich noch immer auf die Lippe und ſchaute ſie an und ſagte kein Wort. „Sie baten mich, Sie zu Ende zu hören und jetzt wollen Sie nicht ſprechen. Laſſen Sie mich meinen Bruder ſuchen.“ „Halt! Ich drohte Niemandem.“ Ihr Blick fiel auf ſeine blutende Hand. Er erhob dieſelbe zu ſeinen Lippen, trocknete ſie auf ſeinem Aermel Anſcheine nach auf denſelben geheftet war,„ja oder nein „Bedarf es nicht einer kleinen Zeit zum Ueberlegen? nicht einiger Wochen oder Tage?“ fragte er in derſelben halb erſtickten Weiſe. „Durchaus gar keiner.“ „Sind Sie völlig entſchloſſen, und iſt keine Aus— ſicht auf eine Veränderung zu meinen Gunſten vor⸗ handen?“. „Ich bin vollkommen entſchloſſen, Mr. Headſtone, und es iſt meine Schuldigkeit, Ihnen zu ſagen, daß ich ganz gewiß weiß, daß keine ſolche Ausſicht vorhan⸗ den iſt.“ „Dann,“ ſagte er in plötzlich verändertem Tone, in⸗ dem er ſich zu ihr wandte und zugleich mit ſolcher Ge⸗ walt mit der geballten Fauſt auf den Stein ſchlug, daß die Knöchel derſelben bluteten,„— dann hoffe ich, daß ich ihn nicht einſt tödten werde!“ Der finſtere Blick des Haſſes und der Rache, der die und legte ſie wieder über die andere. Wrayburn,“ wiederholte er. „Warum wiederholen Sie jenen Namen, Mr. Head⸗ ſtone?“ „Weil in ihm der Text zu dem Wenigen liegt, was ich noch zu ſagen habe. Geben Sie Acht! Es iſt keine Drohung. Falls ich eine Drohung ausſpreche, ſo unter⸗ brechen Sie mich und beſchuldigen Sie mich derſelben. Mr. Eugen Wrayburn.“ Eine ſchlimmere Drohung, als die, welche ſich in ſei⸗ ner Art und Weiſe, jenen Namen auszuſprechen, zu er⸗ kennen gab, hätte ihm kaum entſchlüpfen können. „Er ſucht Sie. Sie nehmen Gefälligkeiten von ihm an. Sie ſind bereit genug, ihn anzuhoören. Ich weiß dies, ebenſo gut, wie er.“ „Mr. Wrayburn iſt rückſichtsvoll und gut gegen mich geweſen, Sir,“ ſagte Lizzie ſtolz,„und zwar in Bezug auf den Tod und das Gedächtniß meines armen Vaters.“ „Ohne Zweifel. Er iſt natürlich ein ſehr rückſichts⸗ voller und ſehr guter Mann, dieſer Mr. Eugen Wray— „Mr. Eugen bpurn.“ Worte begleitete, wie dieſe von ſeinen farbloſen Lippen fielen, und mit dem er ſeine blutige Hand ausſtreckte, wie wenn dieſelbe eine Waffe hielte und ſo eben einen tödtlichen Stoß gethan, flößten ihr eine ſolche Furcht vor ihm ein, daß ſie ſich umwandte, um zu fliehen. Aber er ergriff ſie beim Arme. „Nr. Headſtone, laſſen Sie mich gehen. Mr. Headſtone, ich muß um Hülfe rufen!“ „Ich ſollte vielmehr um Hülfe rufen,“ ſagte er;„Sie wiſſen noch nicht, wie ſehr ich derſelben bedarf.“ Die Verzerrung ſeines Geſichts, als ſie vor ihm zurückbebte und, ungewiß, was ſie thun ſolle, ſich nach ihrem Bruder umſchaute, würde ihr im nächſten Augen⸗ „Er iſt Ihnen gar nichts, denke ich,“ ſagte Lizzie mit einer Entrüſtung, die ſie nicht zu unterdrücken ver⸗ mochte. „O, doch. Sie täuſchen ſich. „Was kann er Ihnen ſein?“ „Er kann unter Anderm ein Nebenbuhler von mir ſein,“ ſagte Bradley. „Mr. Headſtone,“ erwiderte Lizzie mit glühendem Er iſt mir ſehr Viel.“ Geſichte,„es iſt eine Feigheit von Ihnen, in dieſer Weiſe zu mir zu reden. Aber es ſetzt mich in Stand, Ihnen zu ſagen, daß ich Sie nicht leiden kann und daß ich Sie von Anfang an nicht habe leiden können, und daß blicke einen Schrei entriſſen haben; doch plötzlich machte er derſelben ſtrenge ein Ende, wie wenn der Tod ſelbſt es gethan hätte. „So! Sie ſehen, ich habe mich wieder gefaßt. Hören Sie mich zu Ende.“ Mit der Würde des Muthes machte ſie, da ſie ihres ſelbſtändigen Lebens und ihres Rechtes gedachte, dieſem Manne alle Rechenſchaft zu verſagen, ihren Arm von ſeinem Griffe los und ſtand, ihn feſt anblickend, vor ihm. Sie war in ſeinen Augen noch nie ſo ſchön ge— weſen. dieſelben, wie wenn ſie ſogar das Licht aus ihnen zu ſich zöge. Wie er ſie anſchaute, kam ein Schatten über „Diesmal wenigſtens will ich nichts ungeſagt laſſen,““ kein anderes lebendes Weſen irgend Etwas mit dem Ein⸗ drucke zu thun hat, den Sie auf mich hervorgebracht haben.“ Er neigte einen Augenblick den Kopf, wie unter einer ſchweren Wucht, und dann ſchaute er wieder auf und benetzte ſeine Lippen.„Ich wollte das Wenige, was ich noch zu ſagen habe, beenden. Ich wußte alles Dies über Mr. Eugen Wrayburn während der ganzen Zeit, wo ich mich zu Ihnen hingezogen fühlte. Ich kämpfte gegen dieſe Kenntniß, doch ganz vergebens. Es machte keinen Unterſchied für mich. Ich liebte fort, mit Mr. Eugen Wrayburn im Kopfe. Mit Mr. Eugen Wray⸗ burn im Kopfe, ſprach ich ſo eben zu Ihnen. Mit Mr. Eugen Wrayburn im Kopfe habe ich mich abweiſen und verſtoßen laſſen.“ „Iſt es meine Schuld, Mr. Headſtone, wenn Sie — ſo mei weiſung Kaupf, eben ſo geloße D nur die achtung Mr.( Sie k jeßt g L ſie ſch ſtand, / Bradle der nal demn S Selbſta er tram 7 1 h 212 Angeſtc den S mich d wißhei 71 — wohl, habe ke ich hal Sache bis hie 8 nahe Bradle andere 4 heute? Zimme Jemar von ei mich Morge d natürl Die( Kirchh ſicht Tone meinen Wahrh — nich, und ja 4. meinen Er erhob im Aermel i. Cugen Nr. Head⸗ iegt, was iſt keine ſo unter⸗ derſelben. ch in ſei⸗ zu er⸗ von ihm Ich weiß es armen ickſichts⸗ n Wray⸗ e Lizzie ücken ver⸗ ehr Viel.” dem Ein⸗ ggebracht ie unter eder auf ige, was Dies zen Zeit, kämpfte Fs machte mit Mr. n Wray⸗ Mit Mr. ſo meinen Dank für Ihren Antrag und meine Zurück⸗ weiſung deſſelben bezeichnen?“ ſagte Lizzie, den bitteren Kampf, den er nicht zu verbergen im Stande war, faſt eben ſo ſehr bemitleidend, als ſie ſich durch denſelben ab⸗ geſtoßen und erſchreckt fühlte.. „Ich beklage mich nicht,“ erwiderte er,„ich erwähne nur die Lage der Sache. Ich hatte mit meiner Selbſt⸗ achtung zu ringen, als ich mich darein ergab, mich trotz Mr. Eugen Wrayburn's zu Ihnen hinziehn zu laſſen. Sie können ſich denken, wie tief meine Selbſtachtung jetzt geſunken iſt.“ Sie war gekränkt und aufgebracht; doch bezwang ſie ſich aus Rückſicht für ſeinen Schmerz und den Um⸗ ſtand, daß er der Freund ihres Bruders war. „Und dieſelbe liegt unter ſeinen Füßen,“ ſagte Bradley, indem er wider Willen ſeine Hände aus einan⸗ der nahm und eine zornige Bewegung mit denſelben nach dem Steinpflaſter machte.„Bedenken Sie dies! Meine Selbſtachtung liegt unter den Füßen jenes Menſchen, und er trampelt auf dieſelbe und frohlockt darüber!“ „Das thut er nicht,“ ſagte Lizzie. „Doch!“ ſagte Bradley.„Ich habe Angeſicht zu Angeſicht mit ihm geſtanden und er trampelte mich in den Schmutz ſeiner Verachtung hinunter und ſchritt über mich dahin. Warum? Weil er die triumphirende Ge⸗ wißheit von dem hatte, was mich heute Abend erwartete.“ „O, Mr. Headſtone, Sie reden förmlich wild.“ „Mit vollkommener Faſſung. Ich weiß nur zu wohl, was ich ſage. Jetzt habe ich Alles geſagt. Ich habe keine Drohung ausgeſtoßen, vergeſſen Sie das nicht; ich habe nichts weiter gethan, als Ihnen gezeigt, wie die Sache ſich verhält;— wie die Sache ſich verhält— bis hieher.“ In dieſem Augenblicke kam ihr Bruder um eine nahe Ecke. Sie flog auf ihn zu und ergriff ſeine Hand. Bradley folgte ihr und legte ſeine ſchwere Hand auf die andere Schulter des Knaben. „Charley Hexam, ich geh' nach Hauſe. Ich muß heute Abend allein nach Hauſe gehen und mich in meinem Zimmer einſchließen, um nicht genöthigt zu ſein, zu irgend Jemandem zu ſprechen. Gönne mir einen Vorſprung von einer halben Stunde und laß mich allein, bis Du mich morgen früh bei der Arbeit ſiehſt. Ich werde am Morgen wie gewöhnlich bei meiner Arbeit ſein.“ Er faltete heftig die Hände, ſtieß einen kurzen, un⸗ ſicht des Knaben umwölkte ſich, indem er in rauhem Tone ſagte:„Was ſoll dies bedeuten? Was haſt Du meinem beſten Freunde angethan? Heraus mit der Wahrheit!“ „Charley!“ ſagte ſeine Schweſter.„Sprich ein wenig rückſichtsvoller!“ „Ich bin nicht zu Rückſichten oder ſonſtigen Faxen aufgelegt,“ erwiderte der Knabe.„Was haſt Du gethan? Warum hat Mr. Headſtone uns auf dieſe Weiſe ver⸗ laſſen?“ „Er bat mich— Du weißt es, Charley— er bat mich, ihn zu heirathen.“ „Nun?“ ſagte der Knabe ungeduldig. „Und ich war deshalb genöthigt, ihm zu ſagen, daß ich ihn nicht heirathen könne.“ „Du warſt genöthigt, ihm das zu ſagen!“ ſagte der Knabe zornig zwiſchen den Zähnen und indem er ſie heftig von ſich ſtieß.„Du warſt genöthigt, ihm das zu ſagen! aehs Su wohl, daß er fünfzigmal ſo viel werth iſt, a u?“ Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. „Das mag ſehr wohl der Fall ſein, Charley, aber ich kann ihn nicht heirathen.“ „Du meinſt vermuthlich, Du biſt Dir bewußt, ihn nicht hinlänglich ſchätzen zu können und daß Du ſeiner deshalb nicht würdig biſt?“ „Ich meine, daß er mir nicht gefällt, Charley, und daß ich ihn deshalb niemals heirathen will.“ „Nun wahrlich!“ rief Charley.„Du biſt ein hüb⸗ ſches Exemplar von einer Schweſter! Wahrhaftig, Du biſt ein ſchönes Stück Uneigennützigkeit! Alſo alle meine Anſtrengungen, die Vergangenheit auszulöſchen und mich in der Welt emporzuarbeiten und Dich mit mir zu er⸗ heben, ſollen durch Deine gemeinen Launen zu Schanden gemacht werden, wie?“ „Ich will Dir keine Vorwürfe machen, Charley.“ „Hört ſie nur an!“ rief der Knabe in der Dunkel⸗ heit umherſchauend.„Sie will mir keine Vorwürfe machen! Sie thut ihr Möglichſtes, um mein Glück und ihr eigenes zu vernichten, und dann will ſie mir keine Vorwürfe machen! Ei, Du wirſt mir zunächſt ſagen, Du willſt Mr. Headſtone keine Vorwürfe dafür machen, daß er aus ſeiner Sphäre, für die er eine Zierde iſt, herauskommt, um ſich Dir zu Füßen zu legen und von Dir zurückgewieſen zu werden!“ „Nein, Charley, ich werde Dir nur daſſelbe ſagen, was ich ihm geſagt habe,— daß ich ihm dafür danke, daß ich es bedauere und daß ich hoffe, er wird eines Tages eine weit beſſere Heirath machen und glücklich ſein.“ Das ſich verhärtende Herz des Knaben fühlte ſich von einem Anfluge der Reue getroffen, als er ſie an— ſchaute, die die geduldige kleine⸗Wärterin ſeiner Kindheit, ſeine geduldige Freundin, Rathgeberin und Retterin, die aufopfernde Schweſter geweſen, die Alles für ihn gethan hatte. Sein Ton erweichte ſich und er zog ihren Arm durch den ſeinigen. „Komm, Liz, laß uns nicht mit einander zanken; laß uns vernünftig ſein und dies wie Bruder und Schweſter zuſammen überlegen. Willſt Du mich anhören?“ „O, Charley!“ rief ſie, indem ihre Augen ſich mit Thränen füllten.„Höre ich Dich nicht an, und höre ich nicht viele harte Worte von Dir?“ „Dann thut es mir leid. So Liz! Es thut mir wirklich aufrichtig leid. Aber Du reizeſt mich ſo. Jetzt ſchau her. Mr. Headſtone iſt Dir von ganzem Herzen natürlichen, gebrochenen Schrei aus und ging von dannen. Die Geſchwiſter blieben bei einer Laterne des einſamen daß er von dem Augenblicke an, da ich ihn zu Dir Kirchhofes ſtehen und ſchauten einander an, und das Ge⸗ brachte, keine einzige Sekunde mehr derſelbe Menſch ge⸗ ergeben. Er hat mir in den ſtärkſten Ausdrücken erklärt, weſen. Miß Peecher, unſere Schullehrerin— die hübſch und jung und alles Das iſt— hat, wie dies wohl be— kannt iſt, eine große Zuneigung zu ihm, und er will ſie kaum anſehn oder von ihr hören. Seine Zuneigung zu Dir muß aber eine uneigennützige ſein, nicht wahr? Falls er Miß Peecher heirathete, ſo würde er in allen weltlichen Hinſichten ein viel beſſeres Geſchäft machen, als indem er Dich heirathete. Alſo,— er würde nichts dabei gewinnen, wie?“ „Nichts, das weiß der Himmel!“ „Sehr gut alſo,“ ſagte der Knabe;„das ſpricht zu ſeinen Gunſten, und zwar ſehr ſtark zu ſeinen Gunſten. Dann komme ich in Betrachtung. Mr. Headſtone hat mir ſtets vorwärts geholfen und er hat viel in ſeiner Macht, und falls er mein Schwager wäre, würde er mir nicht weniger, ſondern mehr vorwärts helfen. Mr. Headſtone kam zu mir und vertraute ſich mir auf ſehr zartfühlende Weiſe an: Ich hoffe, meine Heirath mit Deiner Schweſter würde Dir angenehm ſein, Hexam, und Dir von Nutzen ſein? Ich antworte: Es giebt in der Welt Nichts, Mr. 335 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. Headſtone, das mir größere Freude machen würde. Und Mr. Headſtone ſagte: Dann darf ich mich darauf ver⸗ laſſen, daß Du, bei Deiner genauen Kenntniß meines Charakters, ein gutes Wort für mich bei Deiner Schweſter einlegen wirſt, Hexam? Und ich ſagte: Ganz gewiß, Mr. Headſtone, und ich habe natürlich beträchtlichen Einfluß auf ſie. Und dies habe ich, nicht wahr, Liz?“ „Ja, Charley.“ „Das war gut geſprochen! Jetzt ſiehſt Du, daß wir zu Etwas kommen, ſowie wir die Sache wie Bruder und Schweſter mit einander beſprechen. Sehr gut. Dann kommſt Du in Betrachtung. Als Mr. Headſtone's Frau würdeſt Du eine höchſt geachtete und weit beſſere Stel⸗ lung in der Geſellſchaft einnehmen als die, in der Du Dich jetzt befindeſt, und Du würdeſt endlich das Fluß⸗ ufer und alle die Widerwärtigkeiten loswerden, die ſich an daſſelbe knüpfen, und würdeſt Dir die Puppenſchnei⸗ derinnen und ihre betrunkenen Väter und all Dergleichen vom Halſe ſchaffen. Nicht, daß ich Miß Jenny Wren herabzuſetzen beabſichtige; ſie iſt auf ihre Weiſe vielleicht ganz gut; aber ihre Wiiſe iſt nicht Deine Weiſe als Mr. Headſtone's Frau. Jetzt alſo ſiehſt Du, Liz, daß es aus allen drei Rückſichten— um Mr. Headſtone's, um meinet⸗ und um Deinetwillen— in der Welt nichts Beſſeres oder Wünſchenswertheres geben könnte.“ Sie waren langſam dahingeſchritten, während der Knabe geſprochen hatte, und jetzt ſtand er ſtill, um zu ſehn, welchen Eindruck er gemacht habe. Die Augen ſeiner Schweſter waren auf ihn geheftet; doch da ſie kein Zeichen des Nachgebens verriethen und da ſie zu ſchwei⸗ gen fortfuhr, zog er ſie wieder weiter. Es lag in ſeinem Tone, als er wieder zu ſprechen anfing, ein Anflug von einem Gefühle der Niederlage, wiewohl er daſſelbe zu verbergen ſuchte. „Da ich ſoviel Einfluß auf Dich habe, Liz, wäre es vielleicht beſſer geweſen, wenn ich zuerſt eine kleine Be⸗ ſprechung mit Dir gehabt hätte, ehe Mr. Headſtone ſel⸗ ber zu Dir ſprach. Aber es ſchien mir wirklich, daß Alles, was zu ſeinen Gunſten ſpricht, ſo klar und un⸗ leugbar vor Augen liege, und ich hatte Dich ſtets als ſo verſtändig gekannt, daß es mir nicht der Mühe werth ſchien. Dies war wahrſcheinlich ein Verſehen von mir. Indeſſen, das iſt bald wieder gut gemacht. Es braucht dazu nichts weiter gethan zu werden, als daß Du mich beauftragſt, ſogleich zu Mr. Headſtone zu gehn und ihm zu ſagen, daß das, was ſich zugetragen, nicht als etwas Endgüultiges zu betrachten iſt, und daß mit der Zeit Alles nach Wunſche ausfallen wird.“.» Er ſtand abermals ſtill. Das bleiche Geſicht ſchaute ihn bekümmert und liebevoll an, aber ſie ſchüttelte den Kopf. „Kannſt Du nicht ſprechen?“ ſagte der Knabe ſcharf. „Ich ſpreche ſehr ungern, Charley. Doch wenn es ſein muß, ſo will ich ſprechen. Ich kann Dir keinen ſolchen Auftrag an Mr. Headſtone geben: ich kann Dir nicht erlauben, irgend Etwas der Art zu Mr. Headſtone zu ſagen. Es bleibt ihm von meiner Seite, nach dem, was ich heute Abend ein für allemal zu ihm geſagt habe, nichts weiter zu ſagen übrig.“ „Und dieſes Geſchöpf,“ rief der Knabe, ſie aber⸗ mals verachtungsvoll von ſich ſtoßend,„nennt ſich eine Schweſter!“ „Mein lieber Charley, dies iſt das zweitemal, daß Du mich faſt geſchlagen haſt. Ich will Dich nicht krän⸗ ken. Ich will damit nicht ſagen,— der Himmel ver⸗ hüte es!— daß Du dies beabſichtigt; aber Du weißt gewiß nicht, mit welchem plötzlichen Stoße Du Dich von mir losgemacht haſt.“ 336 „Aber einerlei!“ ſagte der Knabe, ohne auf ihre Vor⸗ ſtellung zu achten und ſeiner verdrießlichen Enttäuſchung nachhängend,„ich weiß, was dies Alles zu ſagen hat, und Du ſollſt mich nicht entehren.“ „Es hat nur das zu ſagen, was ich Dir geſagt habe, Charley, und weiter nichts.“ „Das iſt nicht wahr,“ ſagte der Knabe in heftigem Tone,„und Du weißt, daß es nicht wahr iſt. Es hat Deinen koſtbaren Mr. Wrayburn zu ſagen, das hat es zu ſagen.“. „Charley! Ich habe an manchem finſtern Abend, wie dieſem, und manchem ſchlimmeren mit Dir auf den Pflaſterſteinen der Straßen geſeſſen und Dich in den Armen gehalten. Nimm jene Worte zurück, ſelbſt ohne zu ſagen, daß Dir dieſelben leid thun, und meine Arme ſowohl, wie mein Herz ſollen Dir noch immer geöffnet ſein.“ „Ich will ſie nicht zurücknehmen. Ich will ſie wieder⸗ holen. Du biſt ein von Grund aus ſchlechtes Mädchen und eine falſche Schweſter und ich bin fertig mit Dir! Auf immer fertig mit Dir!“ Er ſchleuderte ſeine undankbare, liebloſe Hand empor, wie wenn er eine Schranke zwiſchen ihnen aufwürfe, wandte ſich heftig ab und verließ ſie. Sie blieb ſchwei⸗ gend und regungslos an derſelben Stelle ſtehn, bis das Schlagen der Kirchenuhr ſie dieſem Zuſtande entriß und ſie ſich umwandte. Aber mit dieſem Aufhören ihrer Unbeweglichkeit thauten plötzlich die Waſſer, welche das kalte Herz des ſelbſtſüchtigen Knaben hatten erſtarren machen. Und„O, daß ich hier bei den Todten läge!“ und„O Charley, Charley, daß dies das Ende unſerer Bilder im Feuer ſein muß!“ war Alles, was ſie ſagte, indem ſie ihr Geſicht in ihren Händen auf den Eck⸗ ſtein legte. Es ging eine Geſtalt vorüber, doch ſtand dieſelbe ſtill und ſchaute zu ihr zurück. Es war die Geſtalt eines alten Mannes mit gebeugtem Haupte, die einen großen niedrigen Hut und einen langſchößigen Rock trug. Nachdem dieſelbe ein wenig gezögert, kehrte ſie um und ſagte, mit einer ſanften und mitleidsvollen Miene zu ihr herantretend: „Verzeihen Sie mir, junges Mädchen, daß ich zu Ihnen zu ſprechen wage, aber Sie ſcheinen mir eine Bekümmerniß zu haben. Ich kann meinen Weg nicht fortſetzen und Sie weinend hier allein laſſen, als ob Niemand auf dem Platze wäre. Kann ich Ihnen helfen? Kann ich irgend Etwas thun, um Sie zu tröſten?“ Sie erhob beim Klange dieſer liebevollen Worte das Haupt und ſagte freudig:„O, Mr. Riah, ſind Sie es?“ „Meine Tochter!“ ſagte der alte Mann,„ich bin er⸗ ſtaunt! Ich glaubte zu einer Fremden zu ſprechen. Nehmen Sie meinen Arm, nehmen Sie meinen Arm. Was bekümmert Sie? Wer hat dies gethan? Armes Mädchen, armes Mädchen!“ „Mein Bruder hat mit mir gezankt,“ ſchluchzte Lizzie, „und hat mich von ſich geſtoßen.“ „Er iſt ein undankbarer Hund,“ ſagte der Jude zornig. „Laß ihn gehen. Schüttele den Staub von Deinen Füßen und laß ihn gehen. Komm, meine Tochter! Geh heim mit mir— es iſt nur eben auf der andern Seite der Straße— und nimm Dir ein wenig Zeit, damit Deine Augen keine Thränenſpuren zeigen, und dann will ich Dich durch die Straßen geleiten. Denn es iſt ſpäter als gewöhnlich und der Weg iſt lang und es find heute Abend viele Menſchen auf den Straßen.“ Sie nahm die Stütze an, die er ihr geboten, und ſie verließen langſam den Kirchhof. Sie waren eben auf V dem Punkte, in die Hauptſtraße hinauszutreten, als noch . * 4 —— drängte Der Ju gekomme in einem und da. hier wie Blick au gelauert. De nochma m dieſem ſein Si „Ge wundert 4 altlichen 9 Biſcüt d dieſelbe e Geſtalt die einen Rock trug. mir eine Weg nicht Seite der mmnit Deine n will ich iſt ſpäter und heute n, und ſie ben auf noch alo 337 eine Geſtalt, welche unzufrieden vorüberſchlenderte und die Straße hinauf und hinab und überall umherſchaute, erſtaunt zurücktrat und ausrief:„Lizzie! Wie, wo ſind Sie geweſen? Und— was giebt es?“ Wie Eugen Wrayburn ſie in dieſer Weiſe anredete, drängte ſie ſich näher an den Juden und beugte den Kopf. Der Jude, welcher mit einem einzigen ſcharfen Blicke Eugen's ganze Perſon geprüft hatte, ſenkte die Augen zu Boden und blieb ſtumm ſtehen. „Lizzie, was hat es gegeben?“ „Mr. Wrayburn, ich kann es Ihnen jetzt nicht ſagen. Ich kann es Ihnen heute nicht ſagen— wenn ich es Ihnen überhaupt je werde ſagen können. Bitte, verlaſſen Sie mich.“* „Visr Lizzie, ich bin Ihnen ausdrücklich entgegen⸗ gekommen. Ich kam, um Sie heimzubegleiten, da ich in einem Kaffeehauſe in dieſer Gegend zu Mittag geſpeiſt, und da Ihre Stunde mir bekannt war. Und ich habe hier wie ein Gerichtsdiener oder,“ hier warf er einen Blick auf Riah,„wie ein Alter⸗Kleider⸗Jude umher⸗ gelauert.“ zweiten auf Lizzie, wie ſie mit niedergeſchlagenen Augen daſtand. Beide Blicke waren ſo bedeutungsvoll, daß ſelbſt Eugen ſich in ſeinem leichten Weſen unterbrach und mit einem nachdenklichen„Hm!“ endete. Der alte Mann ſtand mit einer Miene vollkommener Geduld, ſtumm und die Blicke zu Boden ſenkend, und Lizzie's Arm in dem ſeinigen haltend da, wie wenn es ihm, bei ſeiner Gewohnheit des paſſiven Duldens, einerlei geweſen, falls er die ganze Nacht regungslos dort ſtehen zu bleiben genöthigt geweſen. „Wenn Mr. Aaron,“ ſagte Eugen, der dies bald er⸗ müdend fand,„die Güte haben will, ſeine Schutzbefohlene mir anzuvertrauen, ſo wird es ihm vollkommen frei⸗ ſtehen, ſich, falls ſeine Anweſenheit dort erforderlich ſein ſollte, nach der Synagoge zu verfügen. Wollen Sie die Güte haben, Mr. Aaron?“ Aber der alte Mann ſtand baunſtill. „Guten Abend, Mr. Aaron,“ ſagte Eugen höflich; „wir wollen Sie nicht länger aufhalten.“ Dann ſagte er zu Lizzie gewendet:„Iſt Ihr Freund, Mr. Aaron, ein wenig taub?“ Ein Freund in der Der Jude erhob die Augen und überſchaute Eugen nochmals mit einem einzigen Blicke. „Mr. Wrayburn, bitte, bitte, laſſen Sie mich mit dieſem Beſchützer allein. Und noch Eins. Bitte, bitte, ſein Sie auf Ihrer Hut!“ „Geheimniſſe des Udolpho!“ ſagte Eugen mit ver⸗ wunderter Miene.„Darf ich mir in Gegenwart dieſes ältlichen Herrn die Frage erlauben, wer dieſer gütige Beſchützer iſt?“ „Ein zuverläſſiger Freund,“ ſagte Lizzie. „Ich will ihn ſeiner Pflicht überheben,“ ſagte Eugen. „Aber Sie müſſen mir ſagen, was es gegeben hat, Lizzie.“ „Ihren Bruder hat's gegeben,“ ſagte der alte Mann, abermals die Blicke erhebend. „Unſern Bruder hat's gegeben?“ entgegnete Eugen mit erhabener Verachtung.„Unſer Bruder iſt keines Gedankens würdig, weit weniger noch einer Thräne. Was hat unſer Bruder gethan?“ Der alte Mann ſchlug nochmals die Augen empor und warf einen ernſten Blick auf Wrayburn und einen Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. Noth. (Seite 338.) „Ich höre ſehr gut, chriſtlicher Herr,“ erwiderte der alte Mann ruhig;„doch will ich heut Abend nur einer Stimme gehorchen, die mir dieſe Jungfrau zu verlaſſen gebietet, nachdem ich ſie heimgeleitet. Falls ſie es wünſcht, will ich es thun. Doch für einen Andern will ich es nicht thun.“ „Darf ich fragen, warum, Mr. Aaron?“ ſagte Eugen, nicht im Mindeſten außer Faſſung gebracht. „Entſchuldigen Sie mich. Falls ſie mich fragt, ſo will ich es ihr ſagen. Doch ſonſt Niemandem.“ „Ich frage Sie nicht,“ ſagte Lizzie,„und bitte ich Sie, mich nach Hauſe zu begleiten. Mr. Wrayburn, ich habe heute Abend einen bittere Prüfung erlitten und ich hoffe, Sie werden mich nicht für undankbar oder ge⸗ heimnißvoll oder veränderlich halten. Ich bin weder das Eine noch das Andere; ich bin unglücklich. Bitte, ver⸗ geſſen Sie nicht, was ich zu Ihnen geſagt habe. Bitte, bitte, ſein Sie auf Ihrer Hut!“ „Meine liebe Lizzie,“ erwiderte er mit leiſer Stimme, ſich auf ihrer andern Seite zu ihr herabbeugend:„wovor? vor wem?“ 339 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 340 „Vor Jemandem, den Sie kürzlich geſehen und er⸗ 3 bniü zürnt haben.“— ſiſmazts 5 Er ichlan 8 Schnidpihen und lachte.„Kommen Bechszehnkes Capitel⸗ 1 us Sie,“ ſagte er,„da nichts Beſſeres zu erlangen iſt ol⸗ Ei Jahreste i dng lan Mr. Naren und ich die Pflicht gemeinſam 5 nſ, Eine Jaßrestagsſeitr. in 5 nehmen und Beide Sie nach Hauſe begleiten. Mr. Aaron 1 swerthe T der ſich in ſei 1 ſen ſoll auf jener Seite gehen, vr ich dleitene nit aron 1„Ser achtungswkrfhe wemlow, der fich in ſeiner Woh⸗ ruchbe ſei an 4 nung über dem Pferdeſtalle in der Duke⸗Straße, St. ackliche Nir eſun i ufdedhdnnde Buenden hat, ſo kann die dnies⸗ ankleidet und die Pferde unten bei ihrer Toilette bun de . hör det, daß e im Verglei it j Se pſſt Er kannte ſeine Macht über ſie. Er wußte, daß ſie eer detemaß de ſtchee iuneetgleichennitclealn dlmn tan nicht darauf beſtehen würde, daß er ſie verließe. Er findet. Denn, wiewohl er, auf der einen Seite Minn den Du wußte, daß ſie jetzt, da ihre Furcht für ihn erregt war, Diener hat, der ihm einen tüchtigen Schlag verſetzt und Fuß zu unruhig um ihn ſein würde, wenn er aus ihren Augen ihn mit barſcher Stimme erſucht herum ufommen“ d 2ii wäre. Ungeachtet all ſeiner ſcheinbaren Leichtfertigkeit„herüberzukommen“, ſo hat er doch, auf nsn nume Sane ein klein und Sorgloſigkeit wußte er vollkommen Alles, was er überhaupt gar keinen Diener; und de die deutacſentt, die Güt von den Gedanken ihres Herzens zu wiſſen wünſchte. und andern Gelenke des ſanften Herrn wordens ſin* ud obi Und wie er ſo heiter, ſo unbekümmert um Alles, was ſteif bewegen, dürfte er es ſogar angenehm finden wenn ihns G gegen ihn geſagt worden, an ihrer Seite dahinging; in er beim Angeſichte an ſeine Schlafkammerthür feſt ebun⸗ Wagen ſeiner Unbefangenheit und ſeinem Witze der düſteren Ge⸗ den und geſchickt begoſſen und abgewaſchen und dS Nieben Emſte a zwungenheit ihres Bewerbers und der ſelbſtſüchtigen und blank polirt und angekleidet würde, während 4 ſelbſt weſen, u Heftigkeit ihres Bruders ſo überlegen; ihr ſo getreu, wie nur einen paſſiven Antheil an dieſen unangenehmen Vor⸗ ſch dur es ſchien, als ihr eigenes Blut ſo treulos war;— welch gängen nähme. and wehmme ich ſalt einen ungeheuren Vortheil, welch einen überwältigenden Wie die reizende Tippins es macht, wenn ſie ſich für Ieborene Einfluß beſaß er da an dieſem Abend! Und man füge die Bezauberung der Sinne der Männer rüſtet dies iſt Und noch hinzu, daß das arme Mädchen ihn um ihretwillen nur den Grazien und ihrer Jungfer bekannt; doch felbſt Laumle hatte ſchmähen hören, und daß ſie um ſeinetwillen gelit⸗ dieſes angenehme Weſen würde vielleicht obgleich nicht Wie⸗he ten,— und dann wird man ſich nicht darüber verwun- ſo ſehr auf ſich ſelber angewieſen wie Twemlow, gern Sie— dern, daß ſein gelegentlicher Ton ernſter Theilnahme(der einen ziemlich beträchtlichen Theil der Mühe entbehren nu forde ggeegen die Leichtigkeit abſtach, die er, wie es den Anſchein welche zur täglichen Wiederherſtellung ihrer Reize lior von mei V hatte, annahm, um ſie zu beruhigen), daß ſeine leiſeſte derlich iſt, indem dieſe anbetungswürdige Gottheit in wegen U Berührung, ſein flüchtigſter Blick, ſeine bloße Gegenwart Bezug auf ihr Geſicht und ihren Nacken gewiſſermaßen laſſung, an ihrer Seite in der dunklen gewöhnlichen Straße, ihr eine Art täglich ſich erneuernden Hummers iſt— da ſie Weaybu wie Lichtblicke aus einer Zauberwelt erſchienen, deren jeden Vormittag eine Schale abwirft und ſich an einen men, d Glanz die Eiferſucht und Bosheit und alle Niedrigkeit, abgelegenen Ort zurückzuziehen genöthigt iſt, bis die neue ſprechen Nlelch bſer hriftenn, nicht zu ertragen vermochten und Kruſte wieder hart geworden. 4 unten i e verhehntede 3 de beleee ehe Keſ Indeſſen, Twemlow hat ſich endlich mit Hemdkragen lichen 28 hid er von einem Einkehren in Riah's und Halstuch und Manchetten verſehen und kommt zum meine L Woömne 3339 Int ward, dingen ſie Alle Lizzie's Woh⸗ Frühſtück heraus. Und zum Frühſtück bei wem? bei ſei⸗ wie den ung zu. ſie in geringer Entfernung von der Haus⸗ nen nahen Nachbarn, den Lammles in der Sackoilleſtraße jene Leu thür andzelanät. ſchied Lizzie von ihnen und ging allein die ihn unterrichtet haben, daß er ſeinen entfernten An⸗ warum in's Hans hineine.— 3 verwandten, Mr. Fledgeby dort treffen wird. Der fürch⸗ noch nie „Mr. Aaron,“ ſagte Eugen, als ſie allein mit ein⸗ terliche Snigsworth durfte Fledgeby ſchon verbieten und ſucht wier in der Straße ſtanden, gich habe Ihnen, mit V ignoriren, aber der friedliche Twemlow denkt:„Wenn er Podena V vefen Mat⸗ für Ihre Geſellſchaft, ein widerſtrebendes auch mein Verwandter iſt, ſo habe ich ihn doch nicht Auch d e urhr 3 end, Andere 1 3. dazu gemacht, und einen Menſchen irgendwo treffen, heißt außeror ten gte der ndere,„ich wünſche Ihnen eine nicht, ihn kennen.“ 1 Zuſamn gute Nacht, ich wollte, Sie wären nicht ſo ſorglos.“ Es iſt der erſte Jahrestag der glücklichen Heirathh 6 tuaachtet .„, n Alaron⸗ erwiderte Eugen,„Ich wünſche Ihnen von Mr. und Mrs. Lammle, und die Feier wird mit Lorgnet V din gute acht, und ich wollte(denn Sie ſind ein wenig einem Frühſtück begangen, denn ein Diner in dem wün-⸗ wilige V angwei ig), Sie wären nicht ſo ſorgenvoll.“ ſchenswerthen Maaßſtabe von Pracht kann nicht in engen⸗ Jel 3 Doch jetzt, als er für den Abend ſeine Rolle zu Ende ren Grenzen als denen des nicht exiſtirenden palaſtartigen windn geſpielt und dem Juden den Rücken gewandt hatte, ver⸗ Wohnhauſes gegeben werden, welches ſo viele Leute mit 4 ließ f disen ihi und ward ſelber nachdenklich.„Wie ſo wahnſinnigem Neide erfüllte. Twemlow trippelt alſo, Freu de V 35 e*. Ao Lightwood's Katechismus?“ murmelte er, V mit nicht geringer Steifheit, über Piccadilly hinüber, ſich Lad 1 indem er ſti lſtand, um ſeine Cigarre anzubrennen.„Was ſchmerzlich bewußt, daß er einſt von aufrechterer Geſtalt. 1 7 joſt ardne, Herden Was haſt Du im Sinne? Wohin und weniger in Gefahr war, von eilenden Fuhrwerken urade V geyſt 2 dir Wir werden dies jetzt bald erfahren. umgefahren zu werden. Dies war allerdings in den dr ni „ beerilos Eennir nem tiefen Seufßer.. Tagen geweſen, wo er von dem fürchterlichen Snigsworth ini ene Decciſes 4 ar eine Stunde ſpäter, wie von Erlaubniß zu erlangen gehofft, Etwas im Leben thun math e ho, wiederholt, als Riah, der dem Hauſe gegen⸗ oder werden zu dürfen und ehe jener mächtige Tartar die züi über auf gewiſſen dunklen Stufen in der Ecke geſeſſen, Ukaſe proclamirt:„Da er ſich niemals auszeichnen wird zußiſ aufſtand und geduldig ſeines Weges ging, indem er wie muß er ein armer Penſionär von mir werden und des⸗ Aerdh das Geſpenſt der„Zeit“ in ſeiner alterthümlichen Klei⸗ halb betrachte er ſich hiemit als penſionirt.“ funf J dung durch die Straßen ſchlich. Ahl! mein Twemlow! Sage, Du kleines ſchwaches d 4 graues Weſen, welche Gedanken ſind dies heute in Dei⸗ 9 2 ner Bruſt, an die Caprice— um ſie noch immer ſo ſt viſc zu nennen— die Dir Dein Herz brach, als daſſelbe wetde noch friſch und Dein Haar noch braun war— und ob zunn alo — Heirath td mit nwün⸗ 1 thun tar die n wird, id des⸗ waches n Dei⸗ mer ſo uſelbe und ob es beſſer ſei oder ſchlimmer, ſchmerzlicher oder weniger ſchmerzlich, noch bis auf dieſen Tag an jene Caprice zu glauben, oder ſie als das gierige beharniſchte Crocodil zu erkennen, welches eben ſo wenig im Stande iſt, die zarte und empfindſame Stelle hinter Deiner Weſte zu begrei⸗ fen, wie dieſelbe unverzüglich mit einer Stricknadel zu durchbohren? Und ſage, mein Twemlow, ob es ein glücklicheres Loos, ein armer Verwandter der Großen zu ſein, oder im winterlichen Schlamme zu ſtehen und den Fiackerpferden aus dem flachen Troge zu ſaufen zu geben, in den Du ſo eben ſo nahe daran warſt, Deinen unſicheren Fuß zu ſetzen? Twemlow ſagt nichts und geht weiter. Wie er an der Thür der Lammles anlangt, fährt ein kleiner einſpänniger Wagen dort vor, welcher Tippins, die Göttliche, bringt. Tippins läßt das Fenſter herunter und lobpreiſet mit ſcherzenden Worten die Wachſamkeit ihres Cavaliers, der ſie dort erwartet, um ihr aus dem Wagen zu helfen. Twemlow hilft ihr mit einem höflichen Ernſte aus dem Wagen, als ob ſie etwas Wirkliches ge⸗ weſen, und ſie gehen die Treppe hinauf: wobei Tippins ſich durchaus nicht auf ihre Beine verlaſſen kann und ſich ſtellt, als ob dieſe unſicheren Glieder ſie nur aus an⸗ geborenem Muthwillen ſtolpern machten. Und meine liebe Mrs. Lammle und mein lieber Mr. Lammle, wie geht es Ihnen— und wann gehen Sie nach Wie⸗heißts⸗gleich— Guy, Grafen von Warwick, wiſſen Sie— wie heißt es— Dun Cow— um die Speckſeite zu fordern? Und Mortimer, deſſen Name auf immer von meiner Liſte von Liebhabern geſtrichen iſt, erſtens wegen Unbeſtändigkeit und dann wegen böswilliger Ver⸗ laſſung, wie geht es Ihnen, Sie Elender? Und Mr. Wrayburn, Sie hier! Wozu können Sie nur herkom⸗ men, da wir Alle im Voraus wiſſen, daß Sie nicht ſprechen werden! Und Veneering, M. P., wie geht es unten im Hauſe zu, und wann wollen Sie jene abſcheu⸗ lichen Leute für uns hinauswerfen? Und Mrs. Veneering, meine Liebe, kann es wahr ſein, daß Sie einen Abend wie den andern nach jenem erſtickenden Hauſe gehen, um jene Leute faſeln zu hören? Und was das anbelangt, warum faſeln Sie nicht, Veneering, denn Sie haben noch nicht den Mund geöffnet, und wir ſterben vor Sehn⸗ ſucht, zu hören, was Sie uns zu ſagen haben. Miß Podsnap, entzückt, Sie zu ſehen. Der Papa hier? Nein! Auch die Mama nicht? O, Mr. Boots, freue mich außerordentlich. Mr. Brewer! Dies iſt eine förmliche Zuſammenkunft der Clans. So ſpricht Tippins und be⸗ trachtet Fledgeby und Unbekannte durch eine goldene Lorgnette, wobei ſie, ſich auf ihre unſchuldsvolle, muth⸗ willige Weiſe um⸗ und umdrehend, murmelt: Noch ſonſt Jemand, den ich kenne? Nein, ich glaube nicht. Nie⸗ mand hier. Niemand dort. Nirgendwo Jemand! Mr. Lammle, der lauter Funkelglanz iſt, bringt ſeinen Freund Fledgeby, der vor Sehnſucht nach der Ehre ſtirbt, Lady Tippins vorgeſtellt zu werden. Fledgeby, indem er vorgeſtellt wird, ſieht aus, als ob er Etwas ſagen wolle, ſieht aus, als ob er Nichts ſagen wolle, verfällt der Reihe nach in eine Miene der Betrachtung, der Er⸗ gebung und der Verzweiflung, tritt auf Brewer zurück, macht die Reiſe um Boots herum, und verſchwindet im äußerſten Hintergrunde, wo er nach ſeinem Barte fühlt, als ob derſelbe hervorgeſchoſſen ſein dürfte, ſeit er vor fünf Minuten dort war. Doch ehe er ſich noch vollkommen von der Kahlheit des Bodens überzeugt, holt Lammle ihn wieder zum Vorſchein. Fledgeby ſcheint ſich in einem ſchlimmen Zu⸗ ſtande zu befinden, denn Lammle meldet ihn abermals als einen Sterbenden. Diesmal ſtirbt er vor Verlangen, Twemlow vorgeſtellt zu werden. Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. Twemlow bietet ihm ſeine Hand. zu ſehen. amir.“ „Ja, ich glaube, das war der Fall,“ ſagt Fledgeby. „Aber meine Mutter und ihre Familie waren Zweierlei.“ „Halten Sie ſich augenblicklich in der Stadt auf?“ fragt Twemlow. „Ich halte mich immer in der Stadt auf,“ ſagt Fledgeby. „Es gefällt Ihnen in der Stadt,“ ſagt Twemlow; fühlt ſich aber flach zu Boden geworfen, als Fledgeby dieſe Bemerkung förmlich übel nimmt und erwidert: Nein, es gefalle ihm nicht in der Stadt. Lammle verſucht, die Gewalt des Sturzes durch die Bemerkung zu brechen, daß es manchen Leuten nicht in der Stadt gefällt. Da aber Fledgeby erwidert, er habe, den ſeinigen ausgenommen, nie von einem ſolchen Falle gehört, ſinkt Twemlow wieder ſchwer danieder. „Es giebt vermuthlich heute Morgen nichts Neues?“ ſagt Twemlow, mit großem Muthe zur Charge zurück⸗ kehrend. Fledgeby hat nichts gehört. „Nein, kein Wort,“ ſagt Lammle. „Keine Spur,“ fügt Boots hinzu. „Keine Sylbe,“ ſtimmt Brewer ein. Dieſes kleine Terzett ſcheint die Lebensgeiſter der Ge⸗ ſellſchaft im Allgemeinen aufzumuntern, indem es den Eindruck macht, als ob es eine Wirkung des Pflichtge⸗ fühls geweſen, und bringt die Unterhaltung in Gang. Es ſcheint ſich Jeder beſſer in das Unglück zu finden, in der Geſellſchaft der Andern ſein zu müſſen. Sogar Eugen, der, an einem Fenſter ſtehend, verdroſſen die Quaſte des Rouleaux hin und her ſchwingt, giebt der⸗ ſelben einen munteren Schwung, wie wenn er ſich jetzt beſſer geſtimmt fühlte. Das Frühſtück wird als ſervirt gemeldet. Alles, was ſich auf dem Tiſche befindet, iſt prachtvoll und prunkhaft, doch haben die Verzierungsgegenſtände ein temporäres und nomadiſches Ausſehn, das zu verkünden ſcheint, daß ſie in dem palaſtartigen Wohnhauſe noch viel prachtvoller und prunkhafter zu ſein beabſichtigen. Mr. Lammle's Leibdiener hinter ſeinem Seſſel und der Analytiſche hinter Veneering's Seſſel ſind Beiſpiele, daß ſolche Diener in zwei Claſſen zerfallen: die eine Claſſe, die die Bekannt⸗ ſchaften des Herrn beargwöhnt, die andere, die dem Herrn ſelber mißtraut. Mr. Lammle's Diener gehört der zwei⸗ ten Claſſe an. Er ſcheint in Verwunderung und Miß⸗ muth verſunken, daß die Polizei es ſo lange verſchiebt, ſeinen Herrn auf eine Anklage erſter Größe einzuziehen. Veneering M. P. zur Rechten von Mrs. Lammle; Twemlow zu ihrer Linken; Mrs. Veneering G. M. P. (Gemahlin des Parlamentsmitgliedes) und Lady Tippins, auf Mr. Lammle's rechter und linker Seite. Doch ſei man überzeugt, daß die kleine Georgiana wohl im Be⸗ reiche der Bezauberung von Mr. Lammle's Auge und Lächeln ſitzt; und ebenſo überzeugt, daß Fledgeby, neben Georgiana, ſich ebenfalls unter der Aufſicht jenes zimmt⸗ farbenen Herrn befindet. Mehr als zwei oder drei Mal im Verlauf des Früh⸗ ſtücks wendet Mr. Twemlow ſich plötzlich zu Mrs. Lammle um und ſagt dann:„Ich bitt' um Vergebung!“ Da dies nicht Twemlow's gewohnte Manier iſt, waruni thut er es heute? Nun, die Wahrheit zu geſtehen, iſt es Twemlow, als ob Mrs. Lammle im Begriff geweſen, zu ihm zu ſprechen, doch da er ſich umwendet, ſieht er mei⸗ ſtens, daß ihre Blicke auf Veneering geheftet ſind. Es iſt ſeltſam, daß dieſer Eindruck bei Twemlow fortdauert, nachdem er ſeinen Irrthum wahrgenommen. Doch dem iſt einmal ſo. Freut ſich, ihn „Ihre Mutter, Sir, war eine Verwandte von 22* heit erhielt. „Ja, Lady Tippins,“ ſagt Mortimer,„ſo war's, wie es auf der Bühne heißt.“— „Dann,“ entgegnete die Bezaubernde,„erwarten wir, daß Sie Ihren Ruf aufrecht erhalten, und uns wieder Etwas erzählen.“ „Lady Tippins, ich habe mich an jenem Tage auf Lebenszeit erſchöpft, und es iſt nichts mehr aus mir her⸗ auszubringen.“ 343 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 344 dem er ſich in ſeinen Seſſel zurücklehnt und Lady Tippins ingrimmig anſchaut, welche ihm zunickt, und ihn ihren lieben Bären nennt und einen ſcherzhaften Wink hinwirft, daß ſie(was ein in die Augen ſpringendes ſich von ſelbſt Verſtehendes) die„Schöne“ und er das„Thier“ iſt. „Das Ereigniß,“ ſagt Mortimer,„das meine ehren⸗ werthe und ſchöne Bezwingerin vermuthlich meint, ver⸗ Namens Riderhood, gegen ihren Vater gemacht. Mortimer parirt auf dieſe Weiſe, weil er fühlt, daß nicht er, ſondern Eugen an andern Orten der Spaßmacher, und in dieſen Kreiſen, wo Eugen darauf beſteht, ſprach⸗ los zu bleiben, er nur eine Copie des Freundes iſt, nach dem er ſich gebildet hat. „Aber,“ ſagt die himmliſche Tippins,„ich bin ent⸗ ſchloſſen, noch Etwas aus Ihnen herauszubringen. Fal⸗ ſcher Verräther! Was höre ich von einem abermaligen Verſchwinden?“ „Da Sie davon gehört haben,“ ſagte Mortimer,„ſo werden Sie vielleicht die Güte haben, es uns zu er⸗- daß der Gegenſtand nach dieſer Richtung hin kein ganz zählen.“ „ ungeheuer, aus meinen Augen!“ entgegnet Lady Tippins.„Ihr eigener Goldener Kehrichtmann hat mich an Sie verwieſen.“ Mr. Lammle legt ſich hier in's Mittel und verkündet laut, daß die Geſchichte des Mannes von Irgendwoher eine Fortſetzung hat. Lautloſe Stille folgt dieſer Pro⸗ clamation. „Ich gebe Ihnen die Verſicherung,“ ſagt Lightwood, ſich rund am Tiſche umſchauend,„daß ich nichts zu er⸗ zählen habe.“ Doch da Eugen leiſe zu ihm ſagt:„Da, erzähl' es, erzähl' es!“ verbeſſert er ſich und fügt hinzu: „Nichts, das des Erzählens werth wäre.“ Boots und Brewer ſind augenblicklich der Anſicht, daß es ganz unendlich des Erzählens werth, und werden höf⸗ lich geräuſchvoll in ihren Bitten. Veneering fühlt ſich von derſelben Ueberzeugung heimgeſucht. im Allgemeinen der Eindruck, daß ſeine Aufmerkſamkeit hält ſich folgendermaßen. Vor ganz kurzer Zeit erhielt das junge Mädchen, Lizzie Hexam, die Tochter des wei⸗ land Jeſſe Hexam, alias Gaffer, von dem man ſich er⸗ innern wird, daß er den Leichnam des Mannes von Irgendwoher gefunden, auf geheimnißvolle Weiſe, ohne daß ſie wußte von wem, eine ausführliche Zurücknahme der Beſchuldigungen, die ein anderer Flußufercharakter, Nie⸗ mand hatte dieſelben geglaubt, denn Rogue Riderhood hatte vorher ſchon in ſeinen Anklagen hin und her ge⸗ ſchwankt,— in der That, hatte dieſelben fallen laſſen. Dieſe Widerrufung, deren ich erwähnt, fand indeſſen den Weg in Lizzie Hexam's Hände; dieſelbe trug einen all⸗ gemeinen Beigeſchmack an ſich, wie wenn ſie von einem anonymen Boten in einem dunklen Mantel und überhän⸗ gendem ſpaniſchen Hute gebracht worden, und wurde von ihr, zur Rechtfertigung ihres Vaters, an meinen Clienten, Mr. Boffin, befördert. Sie werden mir die Advokaten⸗ Phraſeologie hingehen laſſen, denn da ich nie einen andern Clienten beſaß und aller Wahrſcheinlichkeit nach nie einen Doch herrſcht andern finden werde, bin ich ziemlich ſtolz auf ihn, wie auf eine naturgeſchichtliche Merkwürdigkeit, die wahrſchein⸗ lich einzig in ihrer Art iſt.“ Obgleich äußerlich ſo unbefangen wie gewöhnlich, iſt Lightwood dies doch im Inneren nicht in demſelben Grade. Obgleich er ſich das Anſehen giebt, als beküm⸗ merte er ſich durchaus nicht um Eugen, fühlt er dennoch, ſicherer iſt. ein wenig abgenutzt und ſchwer zu feſſeln, da dies der Ton des Unterhauſes iſt. „Bitte, geben Sie ſich nicht die Mühe, ſich zum Zu⸗ hören zurecht zu ſetzen,“ ſagt Mortimer Lightwood,„denn „Die naturgeſchichtliche Merkwürdigkeit, welche die einzige Zierde meines amtlichen Muſeums iſt,“ fährt Lightwood fort,„erſucht darauf ihren Secretär— ein Individuum, das zur Einſiedlerkrebs⸗ oder Auſterngattung gehört und deſſen Name, glaube ich, Schockſmith iſt, doch es thut nichts zur Sache, nennen wir ihn Artiſchocke— Lizzie Hexam aufzuſuchen. Artiſchocke zeigt ſich bereit, dies zu thun, verſucht es zu thun, aber es gelingt ihm nicht.“ „Warum gelingt es ihm nicht?“ fragt Boots. „Wodurch gelingt es ihm nicht?“ fragt Brewer. „Verzeihen Sie einen Augenblick,“ entgegnet Light⸗ wood,„ich muß die Antwort darauf noch einen Augen⸗ blick verſchieben, oder wir werden einen Anti⸗Climax ha⸗ ben. Da es dem Arttiſchocke völlig mißlingt, beauftragt mein Client mich mit der Sache; indem er dabei das Wohl des Gegenſtandes ſeiner Nachforſchungen im Auge hat. Ich ſchicke mich alſo an, ſie aufzuſuchen; ich beſitze ſogar durch Zufall beſondere Mittel,“ dies ſagt er mit ich werde lange, ehe Sie es ſich noch bequem gemacht, ſchon mit meiner Erzählung zu Ende ſein. Es iſt wie—“ „Es iſt,“ unterbricht Eugen ihn ungeduldig,„wie die Kindergeſchichte: 3 Ich will Euch was erzählen; Wie Jack ſich thät vermählen Fängt die Geſchichte an; Und dann erzähl' ich wieder, Wie Jack ſchlug ſeine Brüder, Und mehr ich nicht erzählen kann. — Mach geſchwind, daß es ein Ende hat!“ Eugen ſagt dies in einem Tone des Verdruffes, in⸗ einem Seitenblicke auf Eugen,„dies zu erreichen; aber es mißlingt mir ebenfalls, denn ſie iſt verſchwunden.“ „Verſchwunden!“ hallt es von allen Seiten wieder. „Verſchwunden,“ ſagt Mortimer.„Niemand weiß, wie, Niemand weiß, wann, Niemand weiß, wohin. Und damit endet die Geſchichte, deren meine ehrenwerthe und ſchöne Bezwingerin, mir gegenüber, erwähnte.“ Betten ermordet zu werden erwarten dürfen. Tippins drückt mit einem kleinen bezaubernden Schrei ihre Anſicht aus, daß wir Alle mit einander in unſern Eugen be⸗ trachtet ſie, wie wenn es ihm genügen würde, falls dies nur Einige unter uns befiele. Mrs. Veneering G. M. P. bemerkt, daß dieſe ſocialen Geheimniſſe es wirklich gewagt — 345 — machen 3 nit einer heum an einem heißen ſo Ganubet antwortet irgerlich: meint, ſit völlig Le Ind von Mr gen unt Ve dem ſchwinden ring die aus der⸗ zu alb ih zu reden, find, die wären w wärtigen Freunde fällt Ver vertraul Sing⸗ ſeinen l Jahre lieben an jenen erblickt, meln, z Tippin den vor ſein G er geſte an dieſ ſeine ju er ſieht einigen ordentl Fledgel nennen dern, d nahms hier,) Augen unſern gensw Maſſe rathske der La Jahre, viele d ſelber. lich Ar anfäng Fteund dem J von plia S ſeinen und dem L hande verkeh lienten, vokaten⸗ andern e einen n, wie iſchein⸗ ich, iſt mſelven beküm⸗ dennoch, in ganz che die fährt — ein gattung er. Light⸗ Augen⸗ nax ha⸗ auftragt bei das n Auge beſitze er mit ; aber en. jeder. dweiß, 1. Und the und Schrei unſern igen be⸗ ls dies . M. P. gewagt 15 machen, das Kleine zu verlaſſen. Veneering M. P. wünſcht (mit einer Miene, als erblickte er den höchſt ehrenwerthen Herrn an der Spitze des Miniſteriums des Innern an ſeinem Platze) unterrichtet zu werden, ob dies ſo viel heißen ſoll, als daß die verſchwundene junge Perſon fort⸗ gezaubert oder in anderer Weiſe verletzt worden? Eugen antwortet an Lightwood's Stelle und zwar haſtig und ärgerlich:„Nein, nein, nein, das meint er nicht; er meint, ſie ſei freiwillig verſchwunden,— aber gänzlich— völlig verſchwunden.“ ¹. Indeſſen darf es nicht geſtattet werden, daß das Glück von Mr. und Mrs. Lammle in all dieſen Verſchwindun⸗ gen untergeht— in dem Verſchwinden des Mörders, dem Verſchwinden des Julius Handford und dem Ver⸗ ſchwinden der Lizzie Hexam— und deßhalb muß Venee— ring die anweſenden Lämmer zu der Heerde zurückrufen, aus der ſie ſich verirrt haben. Wem ſteht es ſo wohl zu als ihm, von dem Glücke von Mr. und Mrs. Lammle zu reden, da ſie ja die theuerſten und älteſten Freunde ſind, die er in der Welt beſitzt; oder welche Zuhörer wären wohl ſeines Vertrauens würdiger, als die gegen⸗ wärtigen Zuhörer, welche alle die theuerſten und älteſten Freunde ſind, die er in der Welt beſitzt? Deshalb ver⸗ fällt Veneering, ohne die Ceremonie des Aufſtehens, in eine vertrauliche Rede,— allmälig den parlamentariſchen Sing⸗Sang⸗Ton annehmend, in der er an jenem Tiſche ſeinen lieben Freund Twemlow erblickt, der vor einem Jahre ſeinem lieben Freunde Lammle die Hand ſeiner lieben Freundin Sophronia ſchenkte; und in der er ferner an jenem Tiſche ſeine lieben Freunde Boots und Brewer erblickt, deren Art und Weiſe, ſich um ihn zu verſam⸗ meln, zu einer Zeit, wo auch ſeine liebe Freundin, Lady Tippins, ſich um ihn verſammelt— ja, und zwar in den vorderſten Reihen— er nie vergeſſen kann, ſo lange ſein Gedächtniß ihn nicht im Stiche läßt. Doch muß er geſtehen, daß er ſeinen lieben alten Freund, Podsnap, an dieſem Tiſche vermißt, obwohl derſelbe würdig durch ſeine junge Freundin, Georgiana, repräſentirt wird. Und er ſieht an dieſem Tiſche ferner(dies verkündigt er mit einigem Prunke, wie wenn er ſich der Kraft eines außer⸗ ordentlichen Teleſkopes zu rühmen habe) ſeinen Freund Fledgeby, wenn dieſer ihm geſtatten will, ihn ſo zu nennen. Aus allen dieſen Gründen, und noch vielen an⸗ dern, die, wie er ſehr wohl weiß, Leuten von Ihrer aus⸗ nahmsweiſen Scharfſichtigkeit nicht entgangen ſind, iſt er hier, um Sie darauf aufmerkſam zu machen, daß der Augenblick gekommen, wo wir, mit unſern Herzen in unſern Gläſern und Thränen in unſern Augen, mit Se⸗ genswünſchen auf unſern Lippen und überhaupt mit einer Maſſe von Gewäſch und Gefaſel in unſern Gemüthsvor⸗ rathskammern, Alle auf das Wohl unſerer lieben Freunde, der Lammle's, trinken und ihnen viele ebenſo glückliche Jahre, wie das verfloſſene, wünſchen wollen, und viele, viele Freunde, die ebenſo glücklich verbunden ſind, wie ſie ſelber. Und er will nur noch Eins hinzufügen: daß näm⸗ lich Anaſtaſia Veneering(welche augenblicklich zu weinen anfängt) nach dem Muſter ihrer alten und geliebten Freundin Sophronia Lammle gebildet iſt, inſofern ſie dem Manne, der um ſie geworben und ſie errungen hat, von ganzem Herzen ergeben iſt, und auf's Edelſte die Pflichten einer Gattin erfüllt. Da er keinen andern Ausweg ſieht, bringt Veneering ſeinen redneriſchen Pegaſus hier plötzlich zum Stehen und ſchießt demſelben gerade über den Kopf hinweg, in⸗ dem er ſagt:„Lammle, Gott ſegne Sie!“ Dann kommt Lammle. Es iſt zu viel von ihm vor⸗ handen, in jeder Richtung; zu viel Naſe, von gemeiner verkehrter Form, und ſeine Naſe wiederholt ſich in ſeiner Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. Denkungsart und in ſeinen Manieren; zu viel Lächeln, als daß daſſelbe ächt ſein könnte; zu viel Stirnrunzeln, als daß daſſelbe angenommen ſein könnte; zu viele große Zähne, als daß dieſelben ſichtbar ſein könnten ohne an ein Zubeißen zu erinnern. Er dankt Ihnen, meine lieben Freunde, für Ihren freundlichen Gruß und hofft, Sie— vielleicht ſchon bei der nächſten Wiederholung dieſer an— genehmen Gelegenheit— in einer Wohnung empfangen zu können, die Ihren Anſprüchen auf die Gaſtfreundſchaft beſſer gewachſen iſt. Er wird es nie vergeſſen, daß er bei den Veneerings zuerſt ſeine Sophronia geſehen. Sophronia wird nie vergeſſen, daß ſie ihn zuerſt bei den Veneerings geſehen. Sie hatten bald nach ihrer Ver⸗ mählung hiervon geſprochen und waren Beide überein⸗ gekommen, daß ſie es nie vergeſſen wollten. In der That, ſie haben den Veneerings ihre Vermählung zu verdanken. Sie hoffen, eines Tages ihre Dankbarkeit hierfür an den Tag zu legen(„Nein, nein,“ von Venee⸗ ring)— o, doch, doch, und er verlaſſe ſich darauf, daß ſie es thun werden, wenn ſie es im Stande ſind! Seine Heirath mit Sophronia war weder von ſeiner noch von ihrer Seite eine eigennützige geweſen; ſie hatte ihr kleines Vermögen und er hatte ſein kleines Vermögen, und ſie legten ihre beiden kleinen Vermögen zuſammen. Es war eine Vermählung der reinſten Neigung und Ueberein⸗ ſtimmung. Ich danke Ihnen! Sophronia und er lieben die Geſellſchaft junger Leute; aber er iſt ſich nicht ſicher, daß ihr Haus ein gutes Haus für junge Leute iſt, die unvermählt zu bleiben beabſichtigen, da der Anblick ihrer ehelichen Glückſeligkeit ſie andern Sinnes zu machen ge⸗ eignet ſein dürfte. Er will dies auf Niemanden der Anweſenden angewendet haben; am wenigſten auf ihre geliebte kleine Georgiana. Ich danke Ihnen nochmals! Ebenſo wenig will er es, beiläufig geſagt, auf ſeinen Freund Fledgeby anwenden. Er dankt Veneering für die gefühlvolle Weiſe, in der er ihres gemeinſchaftlichen Freundes, Fledgeby, erwähnt, denn er hegte die größte Achtung für dieſen Herrn. Ich danke Ihnen! In der That(unerwarteterweiſe zu Fledgeby zurückkehrend), je beſſer man mit ihm bekannt iſt, deſto beſſer wünſcht man mit ihm bekannt zu werden. Nochmals— ich danke Ihnen.„In meinem eigenen ſowohl als in So⸗ phronia's Namen danke ich Ihnen!“ Mrs. Lammle ſitzt, die Augen auf das Tiſchtuch ſen⸗ kend, vollkommen ruhig da. Wie Mr. Lammle ſeine Rede ſchließt, wendet Twemlow ſich, da er noch nicht von jenem immer wiederkehrenden Eindrucke geheilt, daß ſie zu ihm zu ſprechen im Begriff iſt, unwillkürlich noch⸗ mals zu ihr um. Diesmal iſt ſie wirklich im Begriff, zu ihm zu ſprechen. Veneering unterhält ſich mit ſeiner Nachbarin auf der andern Seite und ſie ſpricht jetzt mit leiſer Stimme zu ihm: „Mr. Twemlow.“ Er antwortet:„Ich bitt' um Vergebung? Ja?“ Noch immer ein wenig zweifelhaft, weil ſie ihn nicht anſieht. „Sie haben das Herz eines Ehrenmannes und ich weiß, daß ich Ihnen vertrauen darf. Wollen Sie, wenn Sie hinaufkommen, mir eine Gelegenheit geben, ein paar Worte allein mit Ihnen zu reden?“ „Ganz gewiß. Ich werde mich geehrt fühlen.“ „Laſſen Sie es nicht den Anſchein haben und halten Sie mich nicht für inconſequent, falls mein Weſen Ihnen unbekümmerter erſcheint, als meine Worte. Ich mag wielleicht beobachtet werden.“ Im höchſten Grade erſtaunt, preßt Twemlow die Hand an ſeine Stirn und ſinkt in ſeinen Seſſel zurück, um zu überlegen. Mrs. Lammle ſteht auf. Alle ſtehen auf. Die Damen gehen ins Geſellſchaftszimmer hinauf. Die Herren folgen ihnen bald. Fledgeby hat die Zwi⸗ ſchenzeit dazu angewandt, Boots' Bart, Brewer's Bart und Lammle's Bart zu betrachten und zu überlegen, welches Muſter er am liebſten, durch Reibung, auf ſich ſelber hervorbringen möchte, falls der Genius der Wange ſeinem Reiben entgegenkäme. Im Geſellſchaftszimmer bilden ſich, wie gewöhnlich, verſchiedene Gruppen. Lightwood, Boots und Brewer umflattern, gleich Motten, jene gelbe Wachskerze— welche faſt ausgebrannt iſt und etwas„Todtenhand“artiges an ſich hat— die Lady: Tippins. Nebenperſonen cultiviren Veneering M. P. und Mrs. Veneering G. M. P. Lammle ſteht, mit verſchlungenen Armen, Mephiſto⸗artig in einem Winkel, neben Georgiana und Fledgeby. Mrs. Lammle, die ſich auf ein Sopha niedergelaſſen, lenkt Mr. Twemlow's Aufmerkſamkeit auf ein Buch mit Portraits, welches ſie in der Hand hält. Mr. Twemlow läßt ſich vor ihr auf ein kleines Ca⸗ napé nieder, und Mrs. Lammle zeigt ihm ein Portrait. Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. „Sie haben alle Urſache, erſtaunt zu ſein,“ ſagt ſie mit leiſer Stimme,„aber ich wollte, Sie verriethen dies nicht in Ihrem Geſichte.“ Der verblüffte Twemlow macht eine Anſtrengung, es nicht in ſeinem Geſichte zu verrathen, und verräth es da⸗ durch um ſo mehr. 3 „Wenn ich nicht irre, Mr. Twemlow, ſo haben Sie Ihren entfernten Anverwandten bis heute nie vorher geſehn?“ „Nein, nie.“ „Jetzt, da Sie ihn ſehen, ſehen Sie, was er iſt. ſind nicht ſtolz auf ihn, wie?“ „Die Wahrheit zu geſtehen, nein, Mrs. Lammle.“ „Falls Sie ihn beſſer kennten, würden Sie noch we⸗ niger geneigt ſein, ihn anzuerkennen. Hier iſt ein an⸗ deres Portrait. Wie finden Sie es?“ Twemlow hat gerade Geiſtesgegenwart genug, um laut zu antworten:„Sehr ähnlich! Außerordentlich ähnlich!“ „Sie haben vielleicht bemerkt, wen er durch ſeine Aufmerkſamkeiten auszeichnet? Sie ſehen, wo er jetzt ſteht, und wie er beſchäftigt iſt?“ „Ja. Aber Mr. Lammle—“ Sie ſchleudert ihm einen Blick zu, den er nicht ver⸗ ſteht, und zeigt ihm ein anderes Portrait. „Sehr gut; nicht wahr?“ „Allerliebſt!“ ſagt Twemlow. „So ähnlich, daß es faſt eine Carricatur iſt, wie?— Mr. Twemlow, ich vermag Ihnen nicht zu ſagen, wie ich mit mir gekämpft habe, ehe ich mich entſchließen konnte, mit Ihnen zu ſprechen, wie ich jetzt ſpreche. Nichts, als die feſte Ueberzeugung, daß Sie mich nie verrathen werden, macht es mir möglich, fortzufahren. Verſprechen Sie mir aufrichtig, daß Sie mein Vertrauen nie mißbrauchen— daß Sie daſſelbe achten wollen, wenn Sie ſelbſt mich nicht mehr achten werden— das wird mich ebenſo ſehr befriedigen, wie wenn Sie es geſchworen hätten.“ „Madame, ich gebe Ihnen das Wort eines armen Ehrenmannes—“ „Ich danke Ihnen. Twemlow, ich flehe Sie „Jenes Kind?“ „Georgiana. Sie wird geopfert werden. Sie wird verleitet und mit Ihrem Verwandten verheirathet wer⸗ den. Es iſt ein Compagniegeſchäft, eine Geldſpeculation. Sie hat keine Willenskraft oder Charakterſtärke, um ſich zu retten, und ſie ſteht auf dem Punkte, verkauft und für's ganze Leben unglücklich gemacht zu werden.“ Sie Mehr wünſche ich nicht. Mr. an, retten Sie jenes Kind!“ „Unerhört! Doch was kann ich thun, um dies zu verhindern?“ fragt Twemlow, im höchſten Grade empört und erſchüttert. „Hier iſt noch ein Portrait. Nicht gut, wie?“ Völlig verdutzt über die leichte Art und Weiſe, in der ſie den Kopf zurückwirft, um das Bild zu kritiſiren, iſt Twemlow ſich deſſenungeachtet unklar der Nothwen⸗ digkeit bewußt, ebenfalls den Kopf zurückzuwerfen, und thut dies deshalb,— obgleich er von dem Bilde ebenſo wenig ſieht, wie wenn daſſelbe in China geweſen wäre. „Entſchieden nicht gut,“ ſagt Mrs. Lammle.„Steif und outrirt!“ „Und ou—“ Aber Twemlow vermag das Wort in ſeinem niedergeſchmetterten Zuſtande nicht herauszubrin⸗ gen und endigt deshalb mit„Ja— wohl!“ „Mr. Twemlow, Ihr Wort wird bei Ihrem aufge⸗ blaſenen, verblendeten Vater Gewicht haben. Sie wiſſen, wie hoch er Ihre Familie anſchlägt. Verlieren Sie keine Zeit. Warnen Sie ihn.“ „Aber vor wem?“ „Vor mir.“ Glücklicherweiſe erhält Twemlow in dieſem Augen— blicke ein Belebungsmittel. Daſſelbe beſteht in Lammle's Stimme. „Sophronia, meine Liebe, welche Portraits zeigſt Du Twemlow?“ „Leute der Oeffentlichkeit, Alfred.“ „Zeige ihm das letzte von mir.“ „Ja, Alfred.“ Sie legt das Buch nieder, nimmt ein anderes Buch auf, blättert in demſelben und zeigt Twem low das Portrait. „Dies iſt das letzte von Mr. Lammle. Finden Sie es gut?— Warnen Sie ihren Vater vor mir. Ich verdiene es, denn ich bin von Anfang an im Complot geweſen. Daſſelbe geht von meinem Manne, Ihrem An⸗ verwandten und von mir aus. Ich ſage Ihnen dies blos, um Ihnen die Nothwendigkeit zu zeigen, daß dem armen thörichten, liebevollen kleinen Weſen geholfen und es gerettet werde. Sie dürfen dies nicht ihrem Vater ſagen. Soweit werden Sie mich und meinen Mann ſchonen. Denn wiewohl die heutige Feier ein bloßer Spott iſt, ſo iſt er dennoch einmal mein Mann und wir müſſen leben.— Finden Sie es ähnlich?“ Twemlow thut, in ſeinem betäubten Zuſtande, als vergliche er das Portrait in ſeiner Hand mit dem Origi⸗ nale in der Mephiſto⸗Ecke. „Ganz oortrefflich!“ ſind die Worte, die Twemlow endlich aus ſich herauszuzerren vermag. „Es freut mich, daß Sie dies finden. halte ich es ſelbſt für das beſte. ſo düſter. Lammle— „Aber ich verſtehe es nicht; ich ſehe nicht, wie ich es anfangen ſoll,“ ſtammelt Twemlow, indem er ſich, mit der Lorgnette vor dem Auge, über das Buch beugt.„Wie ſoll ich ihren Vater warnen, ohne es ihm zu ſagen? Wie viel ſoll ich ihm ſagen? Wie wenig ſoll ich ihm ſagen? Ich— ich— werde confus.“ „Sagen Sie ihm, ich ſei eine Kupplerin; ſagen Sie ihm, ich ſei eine hinterliſtige Frau; ſagen Sie ihm, Sie ſeien überzeugt, daß meine Geſellſchaft und mein Haus nicht gut für ſeine Tochter. Sagen Sie ihm irgend Etwas der Art über mich; es wird Alles wahr ſein. Sie wiſſen, welch ein aufgeblaſener Menſch er iſt und wie leicht ſeine Eitelkeit in Furcht gejagt werden kann. Sagen Sie ihm genug, um ſeine Furcht zu erwecken, da⸗ mit er ſie unter ſeine Obhut nimmt, und dann ſchonen Sie mich. Mr. Twemlow, ich fühle, wie tief ich plötzlich Im Ganzen Die anderen ſind Hier zum Beiſpiel iſt noch eins von Mr. 74 — in Ihren meinen 3 fähle ih wenigen 9 dn haber immer el darauf⸗ d wüßten, habe, ſo verlange Ihnen, gegeben wagen, beobachte mit ihten wollen, be Sie mir de Sie damit dankbar ſei⸗ das beſten Es bel war ein Ste und blir war ein ob es ſi der das läden fl geſegnetg turen ſe zum Vo wenn die durch di Ausſehn ſch zuſan den auße Nebel do von Lond braun u endlich Are— der ſich merken 1 21 0 viel als dihtig/ „ Wie ſagen? irgen ar ſein. iſt und n kann. da⸗ 349 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 350 in Ihren Augen geſunken bin; ſo vertraut ich auch in Alfred naht. Die Gruppen löſen ſich auf. Lady meinen eigenen Augen mit meiner Erniedrigung bin, fühle ich doch die Veränderung, die während der letzten wenigen Minuten in Ihrer Meinung von mir ſtattgefun⸗ den haben muß, auf das Tiefſte.„Aber ich baue noch immer ebenſo feſt, wie im Augenblicke, da ich begann, darauf, daß Sie Ihr Wort halten werden. Wenn Sie wüßten, wie oft ich heute zu Ihnen zu ſprechen verſucht habe, ſo würden Sie faſt Mitleid mit mir haben. Ich verlange für mich ſelber kein ferneres Verſprechen von Ihnen, ich bin mit dem Verſprechen, welches Sie mir gegeben haben, vollkommen zufrieden. Ich darf es nicht wagen, noch Etwas hinzuzufügen, denn ich ſehe, daß ich beobachtet werde. Falls Sie mich durch die Verſicherung, mit ihrem Vater reden und jenes argloſe Kind retten zu wollen, beruhigen können, ſo ſchließen Sie jenes Buch, ehe Sie mir daſſelbe zurückgeben, und dann werde ich wiſſen, was Sie damit ſagen wollen, und Ihnen aus tiefſtem Herzen dankbar ſein.— Alfred, Mr. Twemlow hält das letzte für das beſte und theilt darin ganz Deine und meine Anſicht.“ (Tippins ſteht auf, um zu gehen, und Mrs. Venee⸗ ring folgt ihrem Beiſpiele. Für den Augenblick wen⸗ det Mrs. Lammle ſich noch nicht zu ihnen, ſondern betrachtet Twemlow, welcher Alfred's Portrait mit ſeiner Lorgnette in Augenſchein nimmt. Sowie dieſer Augenblick verſtrichen, läßt Twemlow ſeine Lorgnette an ihrem Bande herabfallen, ſteht auf und ſchließt das Buch mit einem Nachdrucke, der jenen zarten Pflegling der Feen, die holde Tippins, zuſammenfahren macht. Dann kommt adieu, und adieu, und allerliebſtes Feſt, des goldenen Zeitalters würdig, und noch Einiges über die„Speckſeite“ und dergleichen; und Twemlow geht taumelnd über Piccadilly hinüber und preßt die Hand an die Stirn, und wird faſt von einem eilenden Brief⸗ karren umgefahren, und ſinkt endlich,— der harmloſe gute Herr— ſicher in ſeinen Lehnſeſſel nieder, noch immer die Hand an die Stirn drückend und das Gehirn in einem Strudel. Drittes Buch. Erſtes Napilel. Bewohner der Bueer-Straße.*) Es war ein nebeliger Tag in London, und der Ne⸗ bel war dicht und dunkel. Das lebende London empfand ein Stechen in den Augen und einen Reiz auf der Lunge und blinzte und keuchte und erſtickte; das lebloſe London war ein rußiges Geſpenſt, das mit ſich ſelber uneinig, ob es ſichtbar oder unſichtbar ſein ſolle und deshalb we⸗ der das eine noch das andere war. Die in den Kauf⸗ läden flackernden Gasflammen hatten ein wüſtes und un⸗ geſegnetes Ausſehn, als wüßten ſie, daß ſie Nacht⸗Crea⸗ turen ſeien und es ihnen nicht zukomme, unter der Sonne zum Vorſchein zu kommen; während die Sonne ſelbſt, wenn dieſelbe hin und wieder auf ein paar Augenblicke durch die Wirbelſtröme des Nebels ſichtbar wurde, das Ausſehn hatte, als ob ſienerloſchen und flach und kalt in ſich zuſammengeſunken. Selbſt in den Fluren und Gefil⸗ den außerhalb der Stadt war es nebelig, doch war der Nebel dort grau, wohingegen derſelbe auf den Grenzen von London dunkelgelb, ein wenig weiter in der Stadt braun und dann brauner und dann noch brauner und endlich im Herzen der City— etwa bei Saint Mary Axe— rußig ſchwarz wurde. Von irgend einem Punkte der ſich nordwärts hinſtreckenden Anhöhen hätte man be⸗ merken können, daß die höchſten Gebäude hin und wieder —) Das engliſche Wort„queer“ bedeutet im Deutſchen ſo— viel als ſonderbar, wunderlich— in dieſem Falle faſt„ver⸗ dächtig“.. 3 2 Die Ueberſetzerin. eine Anſtrengung machten, die Häupter über das Nebel⸗ meer zu erheben und daß namentlich der große Dom der St. Paulskirche ſich ungern in ſein Schickſal ergab; doch unten in den Straßen war hiervon nichts wahrnehmbar, denn dort war die ganze Hauptſtadt nur ein mit dumpfem Rädergetöſe ſchwangerer Dunſthaufen, der einen giganti⸗ ſchen Schnupfen in ſich hüllte. Um neun Uhr an einem ſolchen Morgen war das Ge ſchäftslokal von Pubſey& Co. kein heiterer Aufenthalt, ſelbſt in Saint Mary Axe— ein Staͤdttheil, der an ſich der Heiterkeit ermangelt—; eine ſchluchzende Gasflamme brannte im Comtoirfenſter und ein hausbrecheriſcher Ne⸗ belſtrom kroch zum Schlüſſelloch der Eingangsthür herein, um dieſelbe zu erwürgen. Doch das Licht erloſch und die Eingangsthür öffnete ſich, und Riah trat heraus mit einem Beutel unter dem Arme. Faſt in demſelben Augenblicke, in dem Riah zur Thür herauskam, trat er in den Nebel hinein und war den Blicken von Saint Mary Axe entſchwunden. Aber die Blicke dieſer Erzählung können ihm in weſtlicher Richtung durch Cornhill, Cheapſide, Fleet Street, den Strand ent⸗ lang nach Piccadilly und dem Albany folgen. Dorthin lenkte er, den Stab in der Hand, in ſeinem ihm auf die Ferſen hinabreichenden Rocke, ſeine ernſten und gemeſſe⸗ nen Schritte; und mehr als ein Kopf wandte ſich, um der ehrwürdigen, bereits im Nebel verſchwindenden Ge⸗ ſtalt nachzuſchauen, in der Meinung, daß dieſelbe eine gewöhnliche Geſtalt, die durch den Nebel und ihre Ein⸗ bildungskraft in jenes Bild verwandelt worden. In dem Hauſe angelangt, in deſſen zweiter Etage ſich die Wohnung ſeines Herrn befand, ſtieg Riah die Treppe hinan und ſtand vor der Thür des bezaubernden 351 Fledgeby. Er nahm ſich weder mit Klingel noch Klopfer Freiheiten heraus, ſondern ſchlug mit ſeinem Stabe an die Thür und ſetzte ſich dann, nachdem er gelauſcht, auf der Schwelle nieder. Es war bezeichnend und verrieth ſeine gewohnte Unterwürfigkeit, daß er ſich auf der kalten dunklen Treppe niederſetzte, wie viele ſeiner Vorfahren ſich wahrſcheinlich in Kerkern niedergelaſſen, und Alles hinnahm, wie es eben kam. Nach einer Weile, da es ihm ſo kalt geworden, daß er ſich in die Finger zu hauchen genöthigt war, ſtand er auf, ſchlug nochmals mit dem Stabe an die Thür, lauſchte und ſetzte ſich wieder. Er wiederholte dieſe Manöver dreimal, ehe Fledgeby's Stimme ſeine lauſchenden Ohren begrüßte und dieſer ihm von ſeinem Bette zurief:„Laßt das Gepolter!— ich will ſogleich die Thür öffnen!“ Anſtatt jedoch ſogleich die Thür zu öffnen, verſank er auf etwa eine Viertelſtunde Endlich ſtand die Thür offen und Fledgeby's fliehende Gewänder verſchwanden wieder im Bett. Riah folgte denſelben in achtungsvoller Entfernung ins Schlafzimmer, wo ein helles Feuer im Kamin brannte. „Wie, wieviel Uhr in der Nacht nennt Ihr dies?“ fragte Fledgeby, ſich unter der Decke umwendend und der erſtarrten Geſtalt des alten Mannes einen bequemen Schul⸗ ter⸗Wall präſentirend. „Sir, es iſt nach halb zehn Uhr morgens.“ „Das wäre! Da muß es verwünſcht nebelig ſein?“ „Sehr nebelig, Sir.“. „Und naßkalt, wie?“ „Bitter⸗kalt, ſagte Riah, ein Taſchentuch herausneh⸗ mend, um ſich die Näſſe aus dem Barte und dem langen grauen Haar zu trocknen, wobei er auf der äußeren Kante des Kaminteppichs ſtand und die Augen auf das willkom⸗ mene Feuer heftete. Fledgeby kroch mit erneutem Behagen tiefer in ſeine Decken hinein. „Auch Schnee und Graupeln und Schlamm?“ fragte er. „Nein, Sir, nein. So ſchlimm iſt es nicht. Es iſt ziemlich trocken auf den Straßen.“ „Ihr braucht nicht damit zu prahlen,“ entgegnete Fledgeby, der ſich in ſeinem Wunſche, den Contraſt zwiſchen ſeinem Bette und den Straßen zu erhöhen, getäuſcht fühlte. „Aber Ihr müßt ſtets mit Etwas prahlen. Habt Ihr die Bücher gebracht?“ „Sie ſind hier, Sir.“ „Sehr gut. Ich will mir den Gegenſtand im Allge⸗ meinen einen Augenblick überlegen und Ihr könnt in⸗ zwiſchen Euren Sack leeren und Euch für mich bereit halten.“ Und Mr. Fledgeby duckte nochmals behaglich unter und ſchlief wieder ein. Der alte Mann ſetzte ſich, nachdem er den erhaltenen Weiſungen gefolgt, auf der Kante eines Stuhles nieder und wich, die Hände vor ſich faltend, allmälig dem Ein⸗ fluſſe der Wärme und ſchlummerte. Indem er erwachte, erblickte er Mr. Fledgeby aufrecht in türkiſchen Pantoffeln, roſenfarbigen türkiſchen Beinkleidern(die er wohlfeil von Jemanden erſtanden, der jemand Anderen um dieſelben be⸗ trogen) und einem Schlafrock und Käppchen, die mit erſteren übereinſtimmten, am Fußende ſeines Bettes. In dieſem Coſtüm wäre nichts an ihm zu wünſchen übrig ge⸗ blieben, falls er ferner mit einem ſitzloſen Stuhle, einer Laterne und einem Bündel Schwefelhölzchen verſehen geweſen. „Nun, Alter!“ rief Fledgeby, der Bezaubernde, in fei⸗ ner anmuthig ſcherzenden Weiſe,„was habt Ihr jetzt für Kniffe im Sinne, indem Ihr mit geſchloſſenen Augen da⸗ Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 35² p ſitzt? Ihr ſchlaft nicht. Es wäre ebenſo leicht einen Ju⸗ den ſchlafend zu fangen, wie ein Wieſel!“ „In Wahrheit, Sir, ich fürchte, daß ich im Schlafe nickte,“ ſagte der alte Mann. „Ihr denkt nicht d'ran!“ erwiderte Fledgeby mit ſchlauer Miene.„Das mag Euch mit Andern vielleicht glücken, aber ich laſſe mich dadurch nicht hintergehen. Uebrigens kein ſchlechter Gedanke, wenn man ſich bei einem Handel gleichgültig zu ſtellen wünſcht. Ah, Ihr ſeid ein ſchlauer Fuchs!“ 4 Der alte Mann ſchüttelte mit ſanfter Zurückweiſung dieſer Beſchuldigung das Haupt und ſeufzte und trat dann an den Tiſch, an welchem Fledgeby jetzt beſchäftigt war, ſich aus einer Kanne, die auf dem Herde bereit ge⸗ ſtanden, eine Taſſe duftenden Kaffees einzuſchenken. Es war ein erbaulicher Anblick, wie der junge Mann, in ei— u e nem bequemen Armſtuhle ſitzend, ſeinen Kaffee trank, und länger in ſüßen Schlummer, während welcher Zeit Riah auf der Treppe ſaß und mit vollkommener Geduld wartete. der alte Mann mit dem gebeugten grauen Haupte, der Befehle des Andern gewärtig, daſtand. „Nun!“ ſagte Fledgeby.„Heraus mit der Bilanz, und beweiſt mir durch Zahlen, warum dieſelbe ſich nicht höher beläuft. Doch zuerſt zündet jene Kerzen an.“ Riah gehorchte; dann nahm er einen kleinen Geld⸗ ſack aus der Bruſttaſche ſeines Rockes und zählte, nach⸗ dem er einen Blick auf die Summe der Rechnungen ge⸗ worfen, für die man ihn verantwortlich gemacht, das Geld auf den Tiſch. Fledgeby zählte daſſelbe noch ein Mal ſehr ſorgfältig nach und probirte jedes Goöldſtück, indem er es klingend auf den Tiſch warf. „Ich nehme an,“ ſagte er, indem er eins derſelben auf⸗ nahm, um es genau zu betrachten,„daß Ihr keines von dieſen hier leichter gemacht habt; es iſt dies ein Hand⸗ werk Eures Volks, wißt Ihr. Ihr wißt ſehr wohl, was ein Pfund ‚ſchweißen“ heißt, wie?“ „Ich weiß dies ziemlich ebenſo gut, wie Sie, Sir,“ erwiderte der alte Mann, der, die Hände einander gegen⸗ über in ſeine loſen Aermel ſteckend, am Tiſche ſtand und ehrfurchtsvoll das Geſicht ſeines Herrn beobachtete.„Darf ich mir die Freiheit nehmen, Etwas zu ſagen?“ „Das dürft Ihr,“ ſagte Fledgeby gnädiglich. „Verwechſeln Sie nicht— ohne es zu beabſichtigen, ganz gewiß, ohne es zu beabſichtigen— verwechſeln Sie nicht zuweilen den Ruf, den ich mir rechtmäßig in Ihrem Dienſte erwerbe, mit dem Rufe, den Ihre Klugheit mir vor andern Leuten zuſchreibt?“ „Ich halte es nicht der Mühe werth, eine ſo zarte Unterſcheidung zu machen,“ ſagte der Bezaubernde trocken. „Nicht aus Gerechtigkeit?“ „Zum Henker mit der Gerechtigkeit!“ ſagte Fledgeby. „Nicht aus Großmuth?“ „Juden und Großmuth!“ ſagte Fledgeby.„Eine hübſche Zuſammenſtellung! Gebt Eure Belegſcheine heraus und verſchont mich mit Eurem Jeruſalem⸗Gewäſch.“ Die Belegſcheine wurden zum Vorſchein gebracht und für die nächſte halbe Stundbiwar Mr. Fledgeby's edle Aufmerkſamkeit auf dieſe geheftet. Dieſelben, ſowie die Rechnungen, ſtellten ſich als correct heraus, und Bücher und Papiere kehrten wieder in den Calicobeutel zurück. „Jetzt,“ ſagte Fledgeby,„was jenen Wechſel⸗Mäkler⸗ zweig des Geſchäfts betrifft; der Zweig, der mir der liebſte iſt. Was für verdächtige Wechſel giebt es zu kaufen und zu welchen Preiſen? Ihr habt Eure Liſte von dem, was ſich im Markte befindet?“ „Sir, es iſt eine lange Liſte,“ erwiderte Riah, ein Taſchenbuch aus der Taſche nehmend, aus deſſen In⸗ halte er ein zuſammengelegtes Papier herauswählte, das ſich, da er es öffnete, als ein engbeſchriebener Bogen Schreibpapier erwies. 353 Hui Hand na beb uölke tt, retknft In weiß me die Geſ 11 Frage. Ria ſchweift Angenbe kelns he dem ern. den Kan Rücken zu Sims ale wobei er wie wenn Bei die Blick in ihn beol der argr Riah m Mr. ſchäftigt, die Thüt Werk, a könnt di die Sche Stimme Fledgeb. ſen, ſich ten, erw thür öffn „Ko iſt blos ich in- zu eine Pubſey ner und meine g Freund „Jd entgeg mein H Lammla T verſtehen 2 352 Auen Ju. Schlafe t ſchlauer glücken, lebrigens n Handel n ſchlauer ickweiſung und trat veſchäftigt bereit ge⸗ nken. Cs in, in ei⸗ frank, und pte, der Dilanz, ſich nicht an.“ nen Geld⸗ lte, nach⸗ ungen ge⸗ acht, das noch ein Holdſtück, in Ihrem gheit mir ſo zarte de trocken. Fledgeby. v.„Eine ine hetaus äſch. rracht und bys edle ſowie die d Bücher lzurück. d⸗Mäkler⸗ der liebſte aufen und dem, wa? Riah, ein deſſen IN, ählte, daë ner — Bogen 353 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 354 „Hui!“ pfiff Fledgeby, indem er das Blatt in die Hand nahm.„Die Queer⸗Straße iſt augenblicklich ſtark bevölkert, wie es ſcheint! Dieſe ſollen in gewiſſen Parteien verkauft werden, wie?“ „In Parteien, wie hier angegeben,“ erwiderte der alte Mann, ihm über die Schulter ſchauend;„oder der ganze Haufen zuſammen.“ „Die Hälfte des Haufens wird Makulatur ſein, das weiß man im Voraus,“ ſagte Fledgeby.„Könnt Ihr die Geſchichte zum Makulatur⸗Preiſe kaufen? Das iſt die Frage.“ Riah ſchüttelte den Kopf und Fledgeby's kleine Augen ſchweiften die Liſte entlang. Dieſe fingen nach ein paar Augenblicken zu funkeln an, doch ſowie er ſich ihres Fun⸗ kelns bewußt ward, blickte Fledgeby über ſeine Schulter zu dem ernſten Geſichte über ſich empor und trat dann an den Kamin. Hier benutzte er, dem alten Manne den Rücken zuwendend und ſeine eigenen Kniee wärmend, den Sims als Leſepult, und las die Liſte mit Muße durch, wobei er häufig zu gewiſſen Zeilen derſelben zurückkehrte, wie wenn dieſelben beſonderes Intereſſe für ihn beſäßen. Bei dieſer Gelegenheit warf er jedesmal einen ſchnellen Blick in den Spiegel, um zu ſehen, ob der alte Mann ihn beobachte. Dies war anſcheinend nicht der Fall; mit der argwöhniſchen Natur ſeines Prinzipals bekannt, ſtand Riah mit zu Boden geſchlagenen Augen da. Mr. Fledgeby war in dieſer liebenswürdigen Weiſe be⸗ ſchäftigt, als an der äußeren Thür Schritte gehört und die Thür haſtig geöffnet wurde.„Horch! Das iſt Euer Werk, alte Pumpe von Israel,“ ſagte Fledgeby;„Ihr könnt die Thür nicht geſchloſſen haben.“ Dann wurden die Schritte im Innern gehört und Mr. Alfred Lammle's Stimme rief laut:„Sind Sie hier, Fledgeby?“ Worauf Fledgeby, nachdem er Riah mit leiſer Stimme angewie⸗ ſen, ſich in dem, was er ſagen würde, nach ihm zu rich⸗ ten, erwiderte:„Hier bin ich!“ und ſeine Schlafzimmer⸗ thür öffnete. „Kommen Sie herein,“ ſagte Fledgeby.„Dieſer Herr iſt blos Pubſey& Co. von Saint Mary Axe, mit denen ich in Bezug auf unhonorirte Wechſel für einen Freund zu einem Uebereinkommen zu gelangen verſuche. Doch Pubſey& Co. ſind wirklich ſo ſtreng gegen ihre Schuld⸗ ner und ſo ſchwer zu erweichen, daß ich, wie es ſcheint, meine Zeit wegwerfe. Kann ich durchaus nichts für meinen Freund von Ihnen erlangen, Mr. Riah?“ „Ich bin blos der Repräſentant eines Andern, Sir,“ entgegnete der Jude mit leiſer Stimme.„Ich thue, was mein Prinzipal mich thun heißt. Das Capital, welches in dem Geſchäfte angelegt, iſt nicht das meinige. Ich ziehe keinen Vortheil daraus.“ „Ha ha!“ lachte Fledgeby.„Was ſagen Sie dazu, Lammle?“ „Ha ha!“ lachte Lammle.„Ja. Natürlich. Wir verſtehen wohl.“. „Verwünſcht gut das, wie, Lammle?“ ſagte Fledgeby, durch ſeinen geheimen Scherz unausſprechlich beluſtigt. „Immer derſelbe, immer derſelbe!“ ſagte Lammle. , r.— „Riah, Pubſey& Co., Saint Mary Axe,“ ſagte Fled⸗ geby, indem er die Thränen von ſeinen Wangen trocknete, ſo groß war ſein Genuß an dem geheimen Scherze. „Mr. Riah iſt die unveränderlichen Formen, die für derartige Fälle geſchaffen worden, ſtrenge zu beobachten gezwungen,“ ſagte Lammle. „Er iſt blos der Repräſentant eines Andern!“ rief Fledgeby.„Thut, was ſein Prinzipal ihn thun heißt! Das Capital, das in dem Geſchäfte angelegt, iſt nicht das ſeinige. O, das iſt gut! Ha ha ha ha!“ Mr. Lammle ſtimmte in das Gelächter ein und machte ein ſchlaues Geſicht; und je mehr er Beides that, deſto unwiderſteh⸗ licher wurde der heimliche Witz für Mr. Fledgeby. „Indeſſen,“ ſagte dieſer bezaubernde Herr, abermals ſeine Augen trocknend,„wenn wir in dieſer Weiſe fort⸗ lachen, wird es das Anſehen haben, als machten wir uns über Mr. Riah oder Pubſey& Co., Saint Mary Axe, oder über ſonſt Jemanden luſtig, und davon ſind wir weit entfernt. Mr. Riah, wenn Sie die Güte haben wollten, auf einige Augenblicke in dieſes Zimmer hier zu treten, während ich mich mit Mr. Lammle unterhalte, ſo möchte ich ſpäter, ehe Sie fortgehen, noch einmal verſuchen, mit Ihnen zu einem Uebereinkommen zu gelangen.“ Der alte Mann, der während Mr. Fledgeby's Freude an ſeinem geheimen Scherz nicht ein einzigesmal die Au⸗ gen vom Boden erhoben, verbeugte ſich ſtumm und ging durch die Thür hinaus, welche Fledgeby für ihn geöffnet hielt. Nachdem er dieſelbe hinter ihm geſchloſſen, kehrte Fledgeby zu Lammle zurück, welcher mit dem Rücken und mit der einen Hand unter ſeinen Rockſchößen, während die andere ſeinen Bart vorſträubte, vor dem Schlafzim⸗ merfeuer ſtand. „Hollah!“ ſagte Fledgeby. tig!“ 1„Woher wiſſen Sie das?“ fragte Lammle. „Weil es in Ihrem Geſichte zu ſehen iſt,“ erwiderte Fledgeby. 3 „Nun, ja,“ ſagte Lammle;„es iſt in der That Et⸗ was nicht richtig; die ganze Geſchichte iſt nicht richtig.“ „Was ſagen Sie!“ ſagte Fledgeby ſehr langſam, in⸗ dem er ſich niederſetzte und die Hände auf die Kniee ſtemmte, um ſeinen finſter blickenden Frennd vor dem Kaminfeuer zu betrachten. „Ich ſage Ihnen, Fledgeby,“ wiederholte Lammle mit einer ſchwunghaften Bewegung ſeines rechten Armes,„die ganze Geſchichte iſt nicht richtig. Das Spiel iſt zu Ende.“ „Welches Spiel iſt zu Ende?“ fragte Fledgeby ebenſo Tangſam wie vorher, doch ſtrenger. „Das Spiel. Unſer Spiel. Leſen Sie dies.“ Fledgeby empfing ein Billet aus ſeiner ausgeſtreckten Hand und las daſſelbe laut.„Alfred Lammle, Esquire. Sir, geſtatten Sie Mrs. Podsnap und mir, Ihnen unſere vereinte Dankbarkeit für die gefälligen Aufmerk⸗ ſamkeiten auszudrücken, die Mrs. Lammle und Sie ſelbſt unſerer Tochter Georgiana erwieſen haben. Geſtat⸗ ten Sie mir ferner, dieſelben für die Zukunft entſchieden zurückzuweiſen und Ihnen unſern Wunſch zu erkennen zu geben, daß die beiden Familien einander fortan völlig fremd bleiben. Ich habe die Ehre, mich zu zeichnen, Sir, Ihr gehorſamſter und ergebenſter Diener, John Podsnap.“ Fledgeby betrachtete die drei leeren Seiten dieſes Billets ebenſo lange und aufmerkſam, wie die erſte, beſchriebene, und ſchaute dann Lammle an, der den Blick mit einer aber⸗ maligen ſchwunghaften Bewegung ſeines rechten Armes be⸗ antwortete. „Weſſen Werk iſt dies?“ ſagte Fledgeby. „Unmöglich zu errathen,“ ſagte Lammle. „Es hat vielleicht,“ ſagte Fledgeby, nachdem er mit ſehr unzufriedener Miene überlegt,„Jemand Schlechtes über Sie berichtet.“ „Oder über Sie,“ ſagte Lammle mit düſterer Miene. Mr. Fledgeby ſchien im Begriff, ſich zu einem rebelliſchen Ausdrucke fortreißen zu laſſen, als ſeine Hand zufälliger⸗ weiſe ſeine Naſe berührte. Da eine gewiſſe, mit dieſem Geſichtstheile in Verbindung ſtehende Erinnerung ihm aber zur rechtzeitigen Warnung diente, faßte er denſelben nachdenklich zwiſchen Daumen und Zeigefinger und ſann nach; während Lammle ihn verſtohlen beobachtete. „Es iſt Etwas nicht rich⸗ Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 23 35⁵ Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. „Nun!“ ſagte Fledgeby. wieder gut machen. Falls wir je entdecken können, wer es gethan, ſo wollen wir uns die Perſon merken. Es bleibt nichts weiter zu ſagen übrig, als daß Sie Etwas zu thun ſich anheiſchig machten, das auszuführen Sie jetzt durch die Umſtände verhindert werden.“ „Und daß Sie Etwas zu thun ſich anheiſchig mach⸗ ten, das Sie jetzt bereits könnten ausgeführt haben, falls Sie die Umſtände ſchneller benutzt hätten,“ knurrte Lammle. „Ahl Das,“ bemerkte Fledgeby, ſeine Hände in ſeine türkiſchen Beinkleider hinabſenkend,„kommt auf Anſich⸗ zin ſl „ glaube, ſie würde dies in höherem Grade ge⸗ ten an.“ „Mr. Fledgeby,“ ſagte Lammle in eiſenfreſſeriſchem Tone,„wollen Sie damit etwa ſagen, daß Sie in dieſer Affaire irgendwie mich tadeln oder Unzufriedenheit mit mir auszudrücken beabſichtigen?“ „Nein,“ ſagte Fledgeby,„vorausgeſetzt, Sie haben meinen Handſchein mitgebracht und geben mir denſelben jetzt zurück.“ Lammle überlieferte denſelben nicht ohne Widerſtreben. Fledgeby betrachtete das Document, identificirte es, drehte es zuſammen und warf es ins Feuer. Sie betrachteten daſſelbe Beide, wie es aufflackerte, erloſch und in einer federigen Aſche den Kamin hinaufflog. „Jetzt, Mr. Fledgeby,“ ſagte Lammle wie vorher, „wollten Sie damit ſagen, daß Sie in dieſer Affaire irgendwie mich tadeln oder Unzufriedenheit mit mir aus⸗ zudrücken beabſichtigen?“ „Nein,“ ſagte Fledgeb)h.— „Schließlich und ohne Rückhalt, nein?“ 7 q.”¹ „Fledgeby, hier iſt meine Hand.“ Fledgeby faßte dieſelbe und ſagte:„Und falls wir je entdecken, wer dies gethan, ſo wollen wir uns die Perſon merken. Und laſſen Sie mich in der allerfreundſchaft⸗ lichſten Weiſe noch Eins ſagen. Ich weß nicht, weſcher Art Ihre Verhältniſſe ſind, und frage Sie nicht darnach. Sie haben hierin einen Verluſt erlitten. Es ſind viele Leute zuweilen in Verlegenheit, und dies mag vielleicht mit Ihnen der Fall ſein, vielleicht nicht. Doch, was Sie immer thun mögen, Lammle, fallen Sie, ich bitte „Worte werden dies nicht ein quälender Dämon dieſelbe kneipe. Fledgeby, der ihn mit einem gewiſſen Zucken beobachtete, das in ſeinem gemeinen Geſichte die Stelle eines Lächelns vertrat, ſah aus wie der Quälgeiſt, der ihn kneipte. „Aber ich darf ihn nicht zu lange warten laſſen,“ ſagte Fledgeby,„oder er dürfte ſich deshalb an meinem unglücklichen Freunde rächen. Wie befindet ſich Ihre außerordentlich geſcheidte und liebenswürdige Gemahlin? Weiß ſie, daß unſer Plan mißglückt iſt?“ ſinnend hinaus. „Ich habe ihr den Brief gezeigt.“ „Sie war vermuthlich ſehr überraſcht?“ fragte weſen ſein,“ antwortete Lammle,„falls Sie mehr Energie bewieſen.“ „O!— Dann giebt ſie mir die Schuld?“ „Mr. Fledgeby, ich dulde es nicht, daß man meine Worte falſch auslegt.“ „Werden Sie nicht zornig, Lammle,“ ſagte Fledgeby in unterwürfigem Tone,„es iſt dazu durchaus kein Grund vorhanden. Ich richtete blos eine Frage an Sie. Dann giebt ſie mir alſo nicht die Schuld? Um eine andere Frage an Sie zu richten.“ „Nein, Sir.“ „Sehr gut,“ ſagte Fledgeby, welcher deutlich ſah, daß dies dennoch der Fall.„Machen Sie ihr meine Empfeh⸗ lung. Adieu!“ 3 Sie reichten einander die Hände, und Lammle ſchritt Fledgeby begleitete ihn bis an den Nebel hinaus und kehrte dann zum Kaminfeuer zurück, ſtellte ſich mit dem Geſicht vor demſelben hin, bog die Beine der roſenſarbeuesfertiſchen Beinkleider weit aus⸗ Sie um Alles in der Welt, fallen Sie nicht Pubſey u. Co. im nächſten Zimmer in die Hände, denn ſie ſind wahre Mühlſteine. Wahre Schinder und Mühlſteine, mein lieber Lammle,“ wiederholte Fledgeby mit einem eigenthümlichen Behagen,„und ſie würden Ihnen zoll⸗ weiſe die Haut abziehen, vom Nacken an bis zur Sohle, und Ihre Haut Zoll für Zoll zu Pulver zermalmen. Sie haben geſehen, was Mr. Riah iſt. Fallen Sie ihm nie in die Hände, darum beſchwöre ich Sie als Freund, Lammle!“ Mr. Lammle, der über die Feierlichkeit dieſer liebe⸗ vollen Beſchwörung einige Unruhe verrieth, fragte, warum, zum Teufel, er Pubſey u. Co. je in die Hände fallen ſollte? „Die Wahrheit zu geſtehen,“ ſagte der offenherzige der jener Jude Sie betrachtete, als er Ihren Namen hörte, ein wenig beunruhigt. Sein Auge gefiel mir nicht. Doch mag dies die erhitzte Einbildungskraft eines Freundes geweſen ſein. Denn, falls Sie ſich völlig ſicher ſind, daß keinerlei Schuldverſchreibung oder dergleichen von Ihnen in Umlauf iſt, die Sie nicht einzulöſen im Stande ſind, ſo muß es natürlich Einbildung bei mir geweſen ſein. Dennoch gefiel ſein Auge mir nicht.“— Der ſinnende Lammle, an deſſen zitternder Naſe ge⸗ wiſſe weiße Flecke kamen und ſchwanden, ſah aus als ob einander und betrachteté nachdenklich ſeine Kniee, wie wenn er ſich auf dieſelben niederzulaſſen im Sinne habe. „Du haſt einen Backenbart, Lammle, der mir nie gefiel,“ murmelte Fledgeby,„und den kein Geld hervor⸗ zubringen vermag; Du rühmſt Dich Deiner Manieren und Deiner Unterhaltungsgaben; Du wollteſt mir die Naſe zwicken, und haſt mir einen Fehlſchlag zugezogen und Deine Frau ſagt, ich ſei Schuld daran. Ich will Dich in den Sand legen. Das will ich, obgleich ich kei⸗ nen Backenbart habe,“ hier rieb er die Stellen, an de⸗ nen derſelbe fällig war,„und keine Manieren und keine Unterhaltungsgaben!“ Nachdem er ſich in dieſer Weiſe ſein edles Herz er⸗ leichtert, brachte er die Beine ſeiner türkiſchen Beinklei⸗ der einander wieder näher, richtete ſich gerade auf ſeinen Knieen empor und rief Riah im nächſten Zimmer zu: „Hollah, Ihr, Sir!“ Beim Anblicke des alten Mannes, deſſen ſanftes Weſen einen ſo unerhörten Contraſt zu dem Charakter bildete, den Fledgeby ihm beigelegt, fühlte dieſer ſich abermals dermaßen gekitzelt, daß er lachend ausrief:„Herrlich! herrlich! Bei meiner Seele, es iſt herrlich!“ „Jetzt, Alter,“ fuhr Fledgeby fort, als er zur Genüge gelacht,„werdet Ihr dieſe Parteien aufkaufen, die ich mit Bleiſtift angemerkt habe— dieſe hier und dieſe Fledgeby,„fühlte ich mich durch die Art und Weiſe, in hier und dieſe hier— und ich will darauf wetten, daß Ihr jene Chriſten darauf als ächter Jude zwicken und quälen werdet. Und zunächſt werdet Ihr eines Wechſels bedürfen, oder behaupten, daß Ihr deſſelben bedürft, ob⸗ wohl Ihr irgendwo Capital genug beſitzt, wenn man nur wüßte, wo,— aber Ihr würdet Euch, eh' Ihr dies eingeſtändet, lieber pfeffern und ſalzen und auf einem Röſteiſen röſten laſſen— und dieſen Wechſel will ich ſchreiben.“— Nachdem er eine Schublade geöffnet und aus derſelben einen Schlüſſel genommen, mit dem er eine andere Schub⸗ 4 — 4 winkte Wechſel, Gupfand Wetſel, Bruſttaf jebt m uber gen 1/7 Wo habt Der peln laf wirrung um dort ſein mag „Nei Wo 772— Ria legen, antwort wieder; Stande „Ko damit de merkt E Sinne? 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Wo iſt ſie?“ Riah, deſſen Hand noch nicht wieder aus ſeiner Bruſt⸗ taſche hervorgekommen war, machte eine ſchnelle Bewe⸗ gung der Ueberraſchung. „Oho!“ ſagte Fledgeby. Wo habt Ihr ſie verſteckt?“ Der alte Mann verrieth, daß er ſich habe überrum⸗ peln laſſen; er ſchaute ſeinen Herrn mit einiger Ver⸗ wirrung an, an der ſein Herr ſich außerordentlich er⸗ götzte. „Iſt ſie in dem Hauſe in Saint Mary Axe, für das ich Miethe und Steuern zahle?“ fragte Fledgeby. „Nein, Sir.“ 4 „Iſt ſie in Eurem Garten oben auf dem Hauſe— um dort todt zu ſein, oder was ſonſt immer ihr Plan ſein mag?“ fragte Fledgeby. „Nein, Sir.“ „Wo iſt ſie dann?“ Riah ſenkte die Augen zu Boden, wie um zu über⸗ legen, ob er dieſe Frage ohne Vertrauensverletzung be⸗ antworten könne, und erhob dieſelben dann ſchweigend wieder zu Fledgeby's Geſicht, wie wenn er es nicht im Stande ſei. „Kommt!“ ſagte Fledgeby.„Ich will Euch jetzt nicht damit drängen. Aber ich wünſche Eins zu wiſſen, und, merkt Euch dies, ich will es wiſſen. Was habt Ihr im Sinne?“ 4 Der alte Mann warf ihm mit einer ſich entſchuldigen⸗ den Bewegung des Kopfes und der Hände, wie wenn er nicht verſtehe, was ſein Herr meinte, einen ſtummen, fragenden Blick zu. „Ihr könnt kein Courmacher ſein,“ ſagte Fledgeby. „Denn Ihr ſeid ein wahrer ‚erbarmt Euch des Jammers,“ wißt Ihr, falls Ihr überhaupt mit einem chriſtlichen Verſe bekannt ſeid— ‚der zitternd wankt dem Grabe zu“ u. ſ. w. Ihr ſeid einer der Patriarchen; Ihr ſeid ein wackeliger alter Burſch, und könnt deshalb nicht in dieſe Lizzie verliebt ſein.“ „O, Sir,“ fagte Riah in vorſtellendem Tone. Sir, Sir, Sir!“ „Dann möcht' ich alſo wiſſen,“ erwiderte Fledgeby mit einem matten Anfluge eines Erröthens,„warum Ihr nicht mit Euren Gründen für Eure Einmiſchung in die Sache zum Vorſchein kommt?“ „Sir, ich will Ihnen die Wahrheit ſagen. Doch (verzeihen Sie mir die Bedingung) es geſchieht im ſtreng⸗ ſten Vertrauen; auf heiliges Ehrenwort.“ „Ehre ſoll auch noch dabei ſein!“ rief Fledgeby mit jyüttiſcher Lippe.„Ehre unter Juden! Nun. Heraus amit.“ „Habe ich Ihr Ehrenwort, Sir?“ ſagte der Andere mit achtungsvoller Feſtigkeit. „O, verſteht ſich. Auf Ehre,“ ſagte Fledgeby. Der alte Mann, der während der ganzen Zeit keine Aufforderung erhalten, ſich zu ſetzen, legte mit ernſter „Habe ich es nicht geahnt! „O, Jetzt ein Wort Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. Geberde eine Hand auf die Rücklehne des Armſeſſels, in dem der junge Mann ſaß. Der junge Mann ſaß mit einem Geſichte bauendei Neugier da, bereit ihm ins Wort zu fallen und ihn auf einer Unwahrheit zu er⸗ tappen. „Losgeſchoſſen,“ ſagte Fledgeby. Gründen.“ „Sir, ich habe keine anderen Beweggründe, als den Hülfloſen beizuſtehen.“ Mr. Fledgeby vermochte die Empfindungen, die dieſe unglaubliche Angabe in ihm erweckte, auf keine andere Weiſe, als durch ein erſtaunlich langes höhniſches Auf⸗ ſchnüffeln auszudrücken. „In welcher Weiſe ich dieſe Jungfrau kennen und dann achten und ſchätzen lernte, habe ich Ihnen mitge⸗ theilt, als Sie ſie in meinem kleinen Gärtchen auf dem Dache ſahen,“ ſagte der Jude „So?“ ſagte Fledgeby mißtrauiſch. leicht thatet Ihr dies.“ „Je beſſer ich ſie kennen lernte, deſto größere Theil⸗ nahme fühlte ich für ihr Wohlergehn. Ihr Schickſal kam zu einer Kriſis. Ich ſah ſie von einem ſelbſtſüchtigen, undankbaren Bruder und einem ihr unangenehmen Be⸗ werber beſtürmt, von den Schlingen eines mächtigeren Liebenden umſtrickt und von dem Drange ihres eigenen Herzens in die Enge getrieben.“ „Dann fand ſie alſo an dem einen der beiden Burſche Gefallen?“ „Sir, es war nicht mehr als natürlich, daß ſie ihm geneigt ward, denn er hatte mancherlei große Vorzüge. Aber er gehörte nicht ihrem Range an und beabſichtigte nicht, ſie zu heirathen. Sie war von Gefahren umringt und der Kreis, in dem ſie ſich bewegte, verdüſterte ſich ſchnell, als ich— der ich, wie Sie mit Recht ſagen, „Heraus mit Euren „Nun ja, viel⸗ Sir, zu alt und gebrechlich bin, um andere Gefühle als, die eines Vaters für ſie zu hegen— mich ins Mittel legte und ihr zu fliehen rieth. Ich ſagte: Meine Toch⸗ ter, es giebt Zeiten moraliſcher Gefahr, wo der ſchwerſte tugendhafte Entſchluß in der Flucht, und wo die helden⸗ müthigſte Tapferkeit in der Flucht beſteht. Sie erwiderte, ſie habe bereits hieran gedacht; doch wiſſe ſie nicht, wo⸗ hin ſie ohne Hülfe fliehen könne, und ſie habe Nieman⸗ den, der ihr helfen würde. Ich ſagte ihr, daß es Je⸗ manden gebe, der ihr zu helfen bereit, und daß dies ich ſei. Und jetzt iſt ſie fort.“ „Was habt Ihr mit ihr angefangen?“ fragte Fledgeby, ſeine Wange betaſtend. „Ich ſandte ſie in die Ferne,“ ſagte der alte Mann, indem er ſeine beiden Hände ernſt auf Armeslänge von einander entfernte;„in die Ferne— zu gewiſſen Leuten unſeres Volks, wo ihr Fleiß ihr zu Nutzen kommen wird, und wo ſie ſich demſelben, ohne Anfechtung von irgen einer Seite, ungeſtört hingeben kann.“ Fledgeby's Augen hatten das Feuer verlaſſen, um die Bewegung ſeiner Hände zu beachten, als er ‚in die Ferne⸗ ſagte, und er verſuchte jetzt(ohne beſonderen Erfolg) dieſe Bewegung nachzuahmen, indem er den Kopf ſchüt⸗ telte und ſagte:„Sandtet ſie in jene Richtung, wie? O, Ihr weitſchweifiger alter Fuchs!“ Riah ſagte nichts zu ſeiner Rechtfertigung, ſondern wartete, die eine Hand auf die Bruſt und die andere auf die Stuhllehne legend, fernere Fragen ab. Doch ſah Fledgeby mit ſeinen kleinen Augen, die ſich zu nahe an einander befanden, vollkommen wohl, daß es hoffnungs⸗ los ſei, ihn über jenen verbotenen Punkt ferner mit Fra⸗ gen zu drängen. „Lizzie,“ ſagte Fledgeby, wieder ins Feuer ſchauend und dann wieder emporblickend.„Hm, Lizzie. Ihr ſagtet 358 23* 359 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 360 i mir nicht ihren andern Namen in Eurem Garten oben daß man noch obendrein Vortheil aus Euch zieht, dann Lightwood?“ „Sir, durchaus nicht.“ „Kommt, Alter,“ ſagte Fledgeby, ihm zublinzelnd, „ſagt uns den Namen.“ „Wrayburn.“ „Beim Jupiter!“ rief Fledgeby.„Der iſt's? Ich glaubte, es ſei der Andere, es fiel mir nicht im Traume ein, daß es dieſer ſein könne. Ich würde nichts dawider haben, wenn Ihr dieſem wie jenem einen Strich durch die Rechnung machtet, Alter, denn ſie ſind beide einge⸗ bildet genug; dieſer iſt aber ein ſo trockener Geſell, wie mir jemals vorgekommen. Hat obendrein einen Bart und will ſich deshalb ein Anſehn geben. Das war gut gemacht, Alter. Fahrt ſo fort und gedeihet.“ Ueber dieſe unerwartete Belobung erfreut, fragte Riah, ob er noch fernere Befehle für ihn habe. „Nein,“ ſagte Fledgeby,„Ihr mögt jetzt laufen, Juda, und nach den erhaltenen Befehlen umhertaſten.“ Mit dieſen angenehmen Worten entlaſſen, nahm der alte Mann ſeinen breitrandigen Hut und ſeinen Stab und verließ die erhabene Audienz: mehr, wie wenn er ein höheres Weſen, das Fledgeby ſegnete, als der arme Untergebene geweſen, auf dem dieſer mit Füßen trampelte. Da er allein war, verſchloß Fledgeby ſeine äußere Thür und kam wieder zum Feuer zurück. „Das haſt Du gut gemacht!“ ſprach der Bezaubernde zu ſich ſelber.„Du gehſt vielleicht langſam, aber Du gehſt ſicher!“ Dies wiederholte er zwei⸗ oder dreimal mit großem Wohlgefallen, wobei er abermals die Beine ſeiner türkiſchen Beinkleider auseinanderſpreizte und die Kniee beugte. „Ein recht anſtändiger Schuß das, ſchmeichele ich mir,“ ſprach er dann für ſich.„Und holte einen Juden damit herunter! Als ich die Geſchichte bei Lammle er⸗ zählen hörte, verfiel ich nicht auf Riah. Durchaus nicht. Ich kam ganz allmälig auf den Gedanken.“ Dies war vollkommen wahr; denn es war nicht ſeine Gewohn⸗ heit, ſich gerade auf irgend Etwas im Leben zu wer⸗ fen oder zu ſtürzen, ſondern ſich ſtets zu Allem heran⸗ zuſchleichen. „Ich kam,“ fuhr Fledgeby, nach ſeinem Barte fühlend, fort,„ganz allmälig zu ihm heran. Falls eure Lammle's oder eure Lightwood's ſich an ihn herangemacht, ſo wür⸗ den ſie ihn gefragt haben, ob er irgend Etwas mit dem Verſchwinden jenes Mädchens zu thun gehabt. Ich ver⸗ ſtand die Sache beſſer. Nachdem ich ihn hinter die Hecke getrieben, that ich meinen Schuß und holte ihn, plumps, herunter. O! ſein Judenthum hat nicht viel zu ſagen, wenn er es mit mir zu thun hat!“ Ein abermaliges trockenes Verzerren ſeines Mundes, das für ein Lächeln galt, machte hier ſein Geſicht ſchief. „Und was Chriſten betrifft,“ fuhr Fledgeby fort,„ſo rath' ich Euch, aufzupaſſen, meine lieben Micchriſten, namentlich Ihr, die Ihr in der Queer⸗Straße wohnt! Ich habe jetzt freien Aus: und Eingang in der Quer⸗ Straße und Ihr werdet dort einigen Spaß erleben. Euch, die Ihr Euch für ſo ſchlau haltet, ohne Euer Wiſſen in meiner Gewalt zu haben, wäre faſt werth, daß man Geld dafür ausgäbe. Aber wenn es dahin kommt, läßt die Sache ſich hübſch an!“ Mit dieſen Worten ſchickte Fledgeby ſich angemeſſener⸗ weiſe an, ſeine türkiſchen Gewänder abzulegen und ſich in chriſtliches Coſtüm zu kleiden. Während dieſer Be⸗ ſchäftigung und während er ſein Morgenbad nahm und ſich mit der letzten unfehlbaren Zubereitung zur ſchnellen Herſtellung eines luxuriöſen und glänzenden Haarwuchſes im menſchlichen Angeſichte ſalbte(denn Quackſalber wa⸗ ren, außer Wucherern, die einzigen Weiſen, zu denen er Zutrauen hatte), umſchloß ihn der bräunliche Nebel und hielt ihn in rußiger Umarmung. Falls derſelbe ihn nie mehr freigegeben, ſo würde die Welt dadurch keinen un⸗ erſetzlichen Verluſt erlitten haben, ſondern ſie hätte ihn leicht aus der Waare, die ſie beſtändig auf Lager führt, erſetzen können. Zweiles Capitel. Ein geſchätzter Freund zeigt ſich von einer neuen Heite. Am Abend deſſelben nebeligen Tages, als die gelben Fenſterrouleaux in Pubſey u. Co.'s Comptoir nach been⸗ detem Tagewerke herabgelaſſen worden, kam Riah, der Jude, abermals in Saint Mary Axe heraus. Doch dies⸗ mal trug er keinen Calicobeutel und ging nicht in An⸗ gelegenheiten ſeines Herrn aus. Er ging über die London⸗Brücke, kehrte über die Weſtminſter⸗Brücke nach dem Ufer von Middleeſſex zurück und gelangte ſo, durch den Nebel dahinwatend, an die Thür der Puppen⸗ ſchneiderin. Miß Wren erwartete ihn. Er konnte ſie durch's Fenſter beim Scheine des herabgebrannten Kaminfeuers erblicken— welches ſorgfältig durch feuchte Aſche ver⸗ dämmt war, damit es länger währte und weniger ver⸗ brannte, während ſie fort ſein würde— vor dem ſie in ihrem Hute daſaß und auf ihn wartete. Sein Anklopfen an die Glasſcheibe entriß ſie dem einſamen Sinnen, in dem ſie dageſeſſen, und ſie kam, ſich auf einen kleinen Krückſtock ſtützend, an die Thür, um dieſelbe zu öffnen. „Guten Abend, Frau Pathe!“ ſagte Miß Jenny Wren. Der alte Mann lachte und bot ihr ſeinen Arm als Stütze. „Wollt Ihr nicht hereinkommen und Euch wärmen, Frau Pathe?“ fragte Miß Jenny Wren. „Nicht, wenn Du zu gehen bereit biſt, meine liebe Aſchenbrödel.“ „Nun wahrlich!“ rief Miß Wren entzückt.„Sie ſind ein geſcheidter alter Knabe! Falls wir in dieſem Etabliſſement Preiſe austheilen(aber wir haben hier blos Nieten), ſo ſollten Sie die erſte ſilberne Medaille dafür erhalten, daß Sie ſo ſchnell auf meinen Scherz ein⸗ gingen.“ Während ſie ſprach, zog Miß Wren den Schlüſſel aus der Hausthür und ſteckte denſelben in ihre Taſche; dann ſchloß ſie geſchäftig die Thür und verſuchte dieſelbe, wie ſie Beide auf der Schwelle ſtanden. Ueberzeugt, daß ihre Wohnung in Sicherheit ſei, legte ſie die eine Hand in den Arm des alten Mannes und ſchickte ſich an, mit der andern ihren Krückſtock zu führen. Doch war der Schlüſſel ein Werkzeug von ſo rieſenhaften Pro⸗ portionen, daß Riah, ehe ſie ihren Weg antraten, ſich denſelben zu tragen erbot. „Nein, nein, nein! ich will ihn ſelber tragen,“ ent⸗ — = j gaglete wiſen, Scif b trauen, drücklich Und Nebel „‿ mich zu efallen keit wf Jhr und h dieſem Zwecke Jenny, gend. Frau N „Ge meinen Kutſche einmal N 6 ben, m ganz u ein ſo faſt un nicht d ſchauer farben wollten „A ſtets ſchaut Himn Haus ten u wenn mir's und ich fo und ſ 9 D in mi⸗ zunäch und die mit E für mi ein G (◻ g H½ Jan wenig 11 Dand ſprin Jath habe. (a i — aber wa. ennen un⸗ hätte ihn ger führt, en Seite. die gelben ach been⸗ jah, der och dies⸗ in An⸗ uber die ücke nach ſo, durch Puppen⸗ e durch's minfeuers ſſche ver⸗ iger ver⸗ em ſie in Anklopfen innen, in n kleinen zu öffnen. ß Jenny Arm als wärmen, eine liebe 1.„Sik n dieſeu hier blos le dafür erz ein⸗ Schlüffel Taſche; dieſelbe, eberzeugt, die eine bickte ſich 1. Doch ften Pro⸗ aten, ſi en,“ ent⸗ Schiff balanciren. Ich will Euch ein Geheimniß anver⸗ trauen, Frau Pathe, ich trage deshalb meine Taſche aus⸗ drücklich auf meiner hohen Seite.“ Und damit traten ſie ihre Wanderſchaft durch den Nebel an. „Ja, es war wahrhaft ſchlau von Euch, Frau Pathe, gefallen.„Aber Ihr habt wirklich eine ſolche Aehnlich— keit mit den Feenpathen in den hübſchen kleinen Büchern! Ihr ſeht ſo ganz anders aus, wie alle übrigen Leute, 362 mir dies ſagen können: Iſt es beſſer, ein Gut beſeſſen und verloren, oder beſſer, daſſelbe nie beſeſſen zu haben?“ „Erkläre, was Du damit meinſt, mein Pathchen.“ „Ich fühle mich jetzt ohne Lizzie ſo viel einſamer und hülfloſer als je zuvor ehe ich ſie kannte.“(Ihre Augen füllten ſich mit Thränen, indem ſie ſprach.) „Es ſcheidet faſt aus jedem Menſchenleben etwas F Theures, meine Liebe,“ ſagte der Jude—„eine Gattin, mich zu verſtehen,“ ſagte Miß Wren mit großem Wohl⸗ und habt ſo ſehr das Anſehen, als hättet Ihr Euch in dieſem Augenblicke erſt zu irgend einem wohlthätigen Zwecke in dieſe Geſtalt verwandelt. Buh!“ rief Miß Jenny, ihr Geſicht dicht vor das des alten Mannes brin⸗ gend.„Ich kann Eure Züge hinter dem Barte erkennen, Frau Pathe.“ „Geht Deine Phantaſie ſoweit, daß ſie mich auch in Stand ſetzt, andere Gegenſtände zu verwandeln, Jenny?“ Ah! Das verſteht ſich! Wenn Ihr blos meinen 77 Stock borgen und auf dieſes Steinpflaſter ſchlagen woll⸗ tet— auf dieſen ſchmutzigen Stein, auf den ich mit meinem Fuße ſtampfe— ſo würde eine ſechsſpännige Kutſche daraus hervorſpringen. O! Wir wollen dies einmal annehmen!“ „Von ganzem Mann. „Und ich will Euch ſagen, was Ihr thun müßt, Frau Pathe. Ich muß Euch erſuchen, die Güte zu ha⸗ ben, mein Kind mit Eurem Stabe zu berühren und es ganz und gar zu verwandeln. O, mein Kind iſt kürzlich ein ſo ſehr ſehr böſes Kind geweſen! faſt um den Verſtand! Hat dieſe ganzen zehn Tage nicht die Spur von Arbeit gethan. Hat dazu Fieber⸗ ſchauer gehabt und ſich eingebildet, daß vier kupfer⸗ farbene Männer ihn in einen glühenden Ofen werfen wollten.“ „Aber das iſt gefährlich, Jenny.“ „Gefährlich, Frau Pathe? Mein garſtiges Kind iſt ſtets mehr oder weniger gefährlich. Er mag“— hier Herzen,“ erwiderte der gute alte eine ſchöne Tochter und ein hoffnungsvoller Sohn ſind aus dem meinigen geſchieden— aber das Glück war doch.“ „Ah!“ ſagte Miß Wren, keineswegs überzeugt, und den Ausruf auf ihre ſcharfe Weiſe abhackend;„dann will ich Euch ſagen, mit welcher Verwandlung Ihr lieber den Anfang machen ſollt, Frau Pathe. Verwandelt das, was war, in das, was iſt, und das, was iſt, in das, was war, und laßt es dann ſo bleiben.“— „Würde dies in Deinem Falle anwendbar ſein? Wür⸗ deſt Du dann nicht beſtändig Schmerzen leiden?“ fragte der alte Mann mit liebevoller Stimme. „Wahr!“ lautete Miß Wren's abermals abgehackte Antwort.„Ihr habt mich in ein weiſeres Geſchöpf ver⸗ wandelt, Frau Pathe. Nicht etwa,“ fügte ſie mit jenem ſonderbaren Zucken ihres Kinnes und ihrer Augen hinzu, „daß Ihr, um dies zu bewirken, eine ſo wunderbare Frau Pathe zu ſein brauchtet.“ Unter ſolchem Geſpräch, und nachdem ſie über die Weſtminſter⸗Brücke gegangen waren, legten ſie denſelben Weg zurück, den Riah gekommen war, und außerdem Es bringt mich noch ferneren neuen Weg; denn als ſie vermittelſt der London⸗Brücke wieder über die Themſe geſchritten, gingen ſie am Flußufer entlang und ſetzten ihren hier noch nebe⸗ ligeren Weg in dieſer Richtung fort. Doch vorher zog Jenny ihren ehrwürdigen Freund auf die Seite an ein hell erleuchtetes Spielzeugladen⸗ Fenſter und ſagte:„Jetzt ſchaut her! Alles mein Werk!“ Dies galt einem blendenden Halbkreiſe von Puppen in allen Farben des Regenbogens, die für Vorſtellung ſchaute das kleine Weſen über ihre Schulter zurück zum Himmel hinauf—„vielleicht in dieſem Augenblicke das Haus anzünden. Ich weiß wahrlich nicht, wie den Leu⸗ ten um Kinder zu thun ſein kann! Es nützt nichts, wenn ich ihn ſchüttele. Ich habe ihn geſchüttelt, bis mir's ſchwindelte. Warum hältſt Du nicht die Gebote und ehrſt Deine Eltern, Du garſtiger alter Bube? ſprach ich fortwährend dabei zu ihm. Aber er wimmerte blos und ſtierte mich an.“ „Was ſoll nach ihm verwandelt werden?“ fragte Riah in mitleidsvoll ſcherzendem Tone. „Je nun, auf Ehre, Frau Pathe, ich fürchte, ich muß zunächſt ſelbſtſüchtig ſein und Euch bitten, mir den Rücken und die Beine in Ordnung zu bringen. Es iſt Euch, mit Eurer Macht, eine Kleinigkeit, Frau Pathe, aber für mich armes ſchwaches, leidendes Geſchöpf wäre es ein Großes.“ Sie ſprach dieſe Worte nicht mit einem kläglichen Jammertone, doch waren dieſelben deshalb um nichts weniger rührend. 4 „Und dann?“.* „Ja, und dann— Ihr wißt wohl, Frau Pathe! Dann wollen wir Beide in die ſechsſpännige Kutſche ſpringen und zu Lizzie fahren. Dies erinnert mich, Frau Pathe, daß ich eine ernſtliche Frage an Euch zu richten habe. Ihr ſeid ſo weiſe, wie nur ein Weſen ſein kann (da ihr von den Feen erzogen worden) und Ihr werdet bei Hofe, für Bälle, für Spazierfahrt und Spazierritt, für Fußpromenade, für Hochzeit und für alle möglichen frohen Ereigniſſe des Lebens coſtümirt waren. „Allerliebſt, allerliebſt, allerliebſt!“ ſagte der alte Mann, in die Hände ſchlagend.„Höchſt eleganter Ge⸗ ſchmack!“ „Freut mich, daß ſie Ihnen gefallen,“ entgegnete Miß Wren mit Hochgefühl.„Aber der Spaß von der Sache beſteht darin, Frau Pathe, wie ich den großen Damen meine Kleider anprobire. Obgleich es der ſchwerſte Theil meines Geſchäfts iſt und ſein würde, ſelbſt wenn mein Rücken nicht ſo ſchwach und meine Beine nicht ſo ſchief wären.“ Er ſchaute ſie an, als verſtände er nicht, was ſie ſagte. „Gott ſteh' Euch bei, Frau Pathe,“ ſagte Miß Wren, „ich bin zu allen erdenklichen Stunden in der Stadt umherzutraben genöthigt. Falls ich blos an meiner Ar⸗ beitsbank zu ſitzen und zuzuſchneiden und zu nähen brauchte, ſo würde meine Arbeit eine verhältnißmäßig leichte ſein; aber das Anprobiren bei den großen Damen, das iſt's, was mich ſo ſehr ermüdet.“ „In welcher Weiſe— das Anprobiren?“ fragte Riah. „Welch eine einfältige Frau Pathe Ihr bei alledem doch ſeid!“ erwiderte Miß Wren.„Schaut her. Es iſt vielleicht ein„Empfang⸗Tag“ im St. James⸗Palaſt, oder eine Revue im Park, oder eine Blumenausſtellung, oder irgend ein ſonſtiges Feſt. Sehr gut. Ich drücke mich mit unter die Menge und habe meine Augen überall. Wenn ich eine große Dame ſehe, die für mein Geſchäft 363 paßt, ſage ich: Du biſt mir recht, meine Liebe! und dann betrachte ich ſie mit beſonderer Aufmerkſamkeit und laufe heim und ſchneide ſie in Papier aus und hefte ſie zu— ſammen. Dann komme ich an einem andern Tage wie⸗ der gelaufen, um anzuprobiren, und dann betrachte ich ſie abermals mit beſonderer Aufmerſamkeit. Zuweilen ſieht ſie aus, als ob ſie ſagte:„Wie jenes kleine Ge— ſchöpf mich anſtiert!“ und zuweilen gefällt es ihr und zuweilen nicht, aber weit öfter das Erſtere, als das Letz⸗ tere. Inzwiſchen ſpreche ich fortwährend zu mir ſelber: „Ich muß dort ein wenig mehr ausſchneiden, hier ein wenig auslaſſen, und ich mache ſie mit dem Anprobiren meines Puppenkleides förmlich zur Sclavin. Abend⸗ geſellſchaften geben mir ſchwerere Arbeit, weil ich nur durch die offene Thür eine gute Anſicht zu erlangen im Stande bin, und da mich dies zwiſchen den Caroſſen⸗ rädern und Pferdebeinen umherzuhumpeln nöthigt, er⸗ warte ich ſicher, eines Abends überfahren zu werden. Indeſſen habe ich ſie dort ebenſo gut. Wenn ſie aus dem Wagen in die Hausthür hüpfen und im Fluge meine kleine Phyſiognomie hinter dem Regenkragen des Con⸗ ſtablers erblicken, denken ſie vermuthlich, daß ich ſie aus allen Kräften anſtaune und bewundere, aber ſie laſſen ſich wenig träumen, daß ſie für meine Puppen arbeiten! Ich ſah dort eine Lady Belinda Whitroſe. an einem Abend doppelten Dienſt thun. Als ſie aus dem Wagen ſtieg ſagte ich: Du biſt mir recht, meine Liebe! und rannte ſpornſtreichs heim und ſchnitt ſie aus und heftete ſie zuſammen. Dann lief ich wieder zurück Ich ließ ſie Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 364 „Mein Name iſt Riah,“ ſagte der alte Mann mit höflicher Geberde,„und ich bin in der City von London beſchäftigt. Meine junge Gefährtin hier—“ „Wartet einen Augenblick,“ unterbrach ihn Miß Wren. „Ich will der Dame meine Karte geben.“ Sie über⸗ reichte dieſelbe, nachdem ſie mit dem rieſigen Thürſchlüſſel gerungen, der ſich oben auf das Document gewälzt und daſſelbe niedergedrückt, mit würdevoller Miene. Miß Abbey empfing die außerordentlich kleine Karte mit un⸗ verkennbaren Zeichen des Erſtaunens und las auf der⸗ ſelben folgende bündige Inſchrift: Wartet den Puppen in ihrer eigenen Wohnung auf. „Gerechter!“ rief Miß Potterſon ſtierend aus, und ließ die Karte fallen. „Meine junge Gefährtin und ich, Madame,“ ſagte Riah,„nehmen uns die Freiheit Lizzie Hexam's wegen zu Ihnen zu kommen.“ Miß Potterſon bückte ſich eben, um die Hutbänder der Puppenſchneiderin zu löſen. Sie ſchaute ſich ziemlich und wartete hinter den Leuten, welche die Equipagen aufriefen. Whitroſe kommt die Treppe herunter! Und ich ließ ſie Es war noch dazu ſehr ſchlechtes Wetter. Endlich: Lady Belinda Whitroſe's Wagen! Lady Belinda anprobiren— o, ja, und zwar mußte ſie ſich Mühe geben— ehe ſie ſich niederſetzte. Belinda, die bei der Taille aufgehängt iſt, und zwar viel zu nahe bei der Gasflamme für eine Wachspuppe, und mit den einwärtſen Zehen.“ Jene dort iſt Lady Als ſie eine Meile am Fluſſe entlang gegangen, er⸗ kundigte ſich Riah nach dem Wege nach den Sechs lu⸗ ſtigen Brüdern. Indem ſie den erhaltenen Weiſungen folgten, langten ſie, nachdem ſie zwei oder drei Mal un ſicher ſtill geſtanden, um zu überlegen und ſich rings aufgebracht um und ſagte: „Lizzie Hexam iſt ein ſehr hochmüthiges junges Frauenzimmer.“ „Es würde ſie ſo ſtolz machen,“ erwiderte Riah ge⸗ ſchickt,„Ihre gute Meinung zu beſitzen, daß ſie, ehe ſie London verließ, um nach—“ „Um wohin zu gehen, im Namen des Kaps der guten Hoffnung?“ fragte Miß Potterſon, als glaubte ſie, ſie ſei ausgewandert. „Aufs Land,“ war die vorſichtige Antwort.„Sie nahm uns das Verſprechen ab, daß wir zu Ihnen gehen und Ihnen ein Document zeigen wollten, das ſie aus⸗ drücklich zu dieſem Zwecke in unſern Händen zurückließ. Ich bin ein nutzloſer Freund von ihr, und lernte ſie umzuſchauen, vor Miß Abbey Potterſon's Wohnung an. Ein Blick durch den Glastheil der Thür offenbarte ihnen die Herrlichkeiten der Schenkſtube und Miß Abbey ſelbſt auf ihrem gemüthlichen Staatsthrone, mit der Zeitung beſchäftigt. dieſelbe bewieſen. Der ſie ſich mit Unterwürfigkeit vorſtellten. Indem ſie die Augen von der Zeitung erhob und mit einem verhaltenen Geſichtsausdrucke zu leſen innehielt, einem erweichten Blicke auf das kleine Weſen. wie wenn ſie den angefangenen Paragraphen beenden müſſe, ehe ſie irgend etwas Anderes vorzunehmen im Stande, fragte Miß Abbey mit einiger Schärfe: „Nun denn, was wollt Ihr?“ „Könnten wir wohl Miß Potterſon ſehen?“ ſagte der alte Mann, ſein Haupt entblößend. „Ihr könntet es nicht nur, ſondern Ihr könnt es und Ihr thut es,“ erwiderte die Wirthin. „Können wir wohl mit Ihnen reden, Madame?“ Miß Potterſon's Augen hatten jetzt Miß Jenny Wren's kleine Geſtalt wahrgenommen; um dieſelbe näher in Augenſchein zu nehmen, legte Miß Abbey ihre Zeitung fort, ſtand auf und ſchaute über die Halbthür der Schenke hinaus. Der Krückſtock ſchien für ſeine Beſitzerin zu flehen, ob ſie nicht hereinkommen und ausruhen dürfe; deshalb öffnete Miß Abbey die Halbthür und ſagte, wie wenn ſie dem Krückſtocke antwortete:„Ja, kommt herein und ruht beim Feuer aus.“ kennen, nachdem ſie dieſe Gegend verlaſſen hatte. Sie hat einige Zeit bei meiner jungen Begleiterin gewohnt und ſich als eine hülfreiche und werthe Freundin gegen Deren dieſe ſehr bedurfte, Madame,“ fügte er in leiſerem Tone hinzu.„Glauben Sie mir; wenn Sie Alles wüßten, würden Sie einſehen, daß ſie deren ſehr bedurfte.“ „Ich kann es wohl glauben,“ ſagte Miß Abbey mit „Und falls es hochmüthig ſein heißt, wenn man ein Herz hat, das niemals hart, und eine Geduld, die nie ermüdet, und eine Hand, die niemals weh thut,“ ſagte Miß Jenny mit glühendem Geſicht,„ſo iſt ſie hoch⸗ müthig. Doch wo nicht, ſo iſt ſie es nicht.“ 8 Ihre offenbare Abſicht, Miß Abbey geradezu zu wider⸗ ſprechen, war ſo weit entfernt, dieſe gefürchtete Autori⸗ tätsperſon zu beleidigen, daß dieſelbe nur ein gütiges Lächeln hervorrief.„Du thuſt recht, mein Kind,“ ſagte Miß Abbey,„gut von denen zu reden, die gut an Dir gehandelt haben.“ „Recht oder unrecht,“ murmelte Miß Wren unhör⸗ bar, doch ſichtlich mit ihrem Kinn zuckend,„ich beab⸗ ſichtige, es zu thun, darauf können Sie ſich verlaſſen, alte Dame.“. „Hier iſt das Document, Madame,“ ſagte der Jude, daſſelbe, wie Rokeſmith es aufgeſetzt und Riderhood es ſprach,! über ſie hetab. fung de indem dachte; ſaß und hören, Cure2 Da chen Gaum gechi einem Nach ment; die w und b nachde darüh ſonden Schu nicht aber zu we Vater die S Zutra ihre 3 Menj cj Gi vergeſſ ſchließ u ſtätte desh Art wöhn lich es M. V ments 364 ann mit London 8 Wren le über⸗ iſchlüſſel ulzt und Miß us, und ſagte 3 5 wegen utbänder ziemlich junges Niah ge⸗ „ehe ſie daps der nubte ſie, gehen ſie aus⸗ rrückließ. in gegen tadame,“ Sie mir; daß fie bbey mit man ein die nie ſagte ie hoch⸗ wider⸗ Autori⸗ gütiges d ſagee an Dir unhör⸗ ich beab⸗ verlaffen, ande 5 e er Jude, chood es — Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 366 unterſchrieben hatte, in Miß Potterſon's Hände gebend. „Wollen Sie die Güte haben, es zu leſen?“ „Aber vorher,“ ſagte Miß Abbey,„— haſt Du je⸗ mals Shrub gekoſtet, Kind?“ Miß Wren ſchüttelte den Kopf. „Möchteſt Du es koſten?“ „Ja, wenn es gut ſchmeckt,“ erwiderte Miß Wren. „Du ſollſt es koſten. Und wenn es Dir ſchmeckt, will ich Dir ein Glas davon mit heißem Waſſer miſchen. Stelle Deine kleinen Füße auf das Schutzeiſen. Es iſt ein bitter kalter Abend, und der Nebel dringt einem bis ins Mark.“ Wie Miß Abbey ihr behülflich war, ihren Seſſel herumzudrehen, fiel ihr losgebundener Hut zu Boden.„Ei, welch prachtvolles Haar!“ rief Miß Abbey aus.„Und genug, um Perrücken für alle Puppen in der Welt daraus zu machen. Welch eine Maſſe!“ „Nennen Sie das eine Maſſe?“ erwiderte Miß Wren. „Bah! Was ſagen Sie zu dem übrigen?“ Indem ſie ſprach, löſte ſie ein Band und der goldene Regen floß über ſie ſelber, über ihren Seſſel und bis auf den Boden herab. Miß Abbey's Bewunderung ſchien ihre Verblüf⸗ fung zu vergrößern. Sie winkte den Juden zu ſich heran, indem ſie die Shrub⸗Flaſche von ihrer Niſche herunter⸗ nahm, und flüſterte: „Ein Kind oder ein erwachſenes Mädchen?“ „Ein Kind an Jahren,“ war die Antwort;„aber an Selbſtſtändigkeit und Prüfungen ein Weib.“ „Ihr unterhaltet Euch von mir, meine guten Leute,“ dachte Miß Wren, wie ſie in ihrer goldenen Laube da— ſaß und ſich die Füße wärmte.„Ich kann zwar nicht hören, was Ihr ſagt, aber ich kenne Eure Streiche und Eure Manieren.“ Da der Shrub, nachdem derſelbe aus einem Löffel— chen gekoſtet worden, vollkommen mit Miß Jenny's Gaumen im Einklange war, miſchten Miß Potterſon's geſchickte Hände eine angemeſſene Quantität deſſelben in einem Glaſe, von dem auch Riah ſeinen Antheil erhielt. Nach dieſen Präliminarien las Miß Abbey das Docu⸗ ment; und ſo oft ſie hierbei die Augen erhob, begleitete die wachſame Miß Jenny den Blick mit einem nachdrucks⸗ und bedeutungsvollen Schlürfen ihres Getränks. „So weit dies hier geht,“ ſagte Miß Potterſon, nachdem ſie das Document mehrere Male durchgeleſen und darüber nachgedacht hatte,„beweiſt es(was keines be⸗ ſondern Beweiſes bedurfte), daß Rogue Riderhood ein Schurke iſt. Ich hege meine Zweifel darüber, ob er nicht gar der Schurke iſt, der die That allein verübte; aber ich erwarte nicht, daß dieſe Zweifel jetzt je gelöſt zu werden beſtimmt ſind. Ich glaube, ich habe Lizzie's Vater Unrecht gethan, doch Lizzie ſelber nie; denn als die Sache am garſtigſten ausſah, hatte ich vollkommenes Zutrauen zu ihr und verſuchte ſie zu bewegen, bei mir ihre Zuflucht zu nehmen. Es thut mir ſehr leid, einem Menſchen Unrecht gethan zu haben, namentlich, wenn dies nicht wieder gut zu machen iſt. Haben Sie die Büte, Lizzie von dem zu unterrichten, was ich ſage, und vergeſſen Sie dabei nicht, ihr zu ſagen, daß, falls ſie ſchließlich, da das Geſchehene nicht zu ändern iſt, dennoch nach den Brüdern kommen will, ſie dort eine Heimath⸗ ſtätte und eine Freundin finden wird. Sie kennt Miß Abbey von früher her, erinnern Sie ſie daran, und weiß deshalb, welch eine Art von Heimathſtätte und welch eine Art von Freundin dies ſein wird. Ich faſſe mich ge⸗ wöhnlich kurz,“ bemerkte Miß Abbey,„und dies iſt ziem⸗ lich Alles, was ich zu ſagen habe, und es iſt genug.“ Doch ehe das Getränk völlig ausgeſchlürft war, fiel es Miß Potterſon ein, daß ſie eine Abſchrift des Docu⸗ ments behalten möchte.„Es iſt nicht lang, Sir,“ ſagte ſie zu Riah,„und es wird Ihnen vielleicht nicht viel Mühe machen, es für mich abzuſchreiben.“ Der alte Mann ſetzte bereitwillig ſeine Brille auf, trat an das kleine Schreibpult im Winkel, auf dem Miß Abbey ihre Quittungen und Probefläſchchen aufbewahrte(denn den Kunden der„Brüder“ wurden keine Rechnungen geſtattet), und ſchrieb dort in klarer runder Handſchrift das Docu⸗ ment ab. Wie er mit ſeiner alterthümlichen Schriftge⸗ lehrten⸗Geſtalt daſtand und ſich über ſeine Arbeit hin⸗ beugte, während die kleine Puppenſchneiderin in ihrer goldenen Laube vor dem Kaminfeuer ſaß, bezweifelte Miß Abbey, ob ſie nicht dieſe beiden ſeltenen Geſtalten in ihre Schenke hineingeträumt habe, und im nächſten Augen⸗ blicke mit einem Nicken erwachen und finden werde, daß dieſelben verſchwunden. Miß Abbey hatte zweimal das Experiment gemacht, die Augen zu ſchließen und wieder zu öffnen, und hatte noch immer die Geſtalten dort gefunden, als, traumartig, ein verworrenes Geräuſch aus dem Gaſtzimmer herüber⸗ drang. Wie ſie emporfuhr und ſie alle drei einander anſchauten, ward daſſelbe zu einem Geräuſche von lauten Stimmen und eiligen Füßen; dann hörten ſie, wie alle Fenſter haſtig geöffnet wurden, und wie ein Geſchrei und Rufen vom Fluſſe ins Haus hereindrang. Im nächſten Augenblick kam Bob Gliddery, indem ſich das Geklapper aller Nägel in ſeinen Stiefeln in jedem einzelnen Nagel zu concentriren ſchien, den Gang entlang geſtürzt. „Was giebt's?“ fragte Miß Abbey. „Es iſt was im Nebel überfahren worden, Madame,“ antwortete Bob Gliddery.„Es ſind Gott weiß wie viele Leute in den Fluß gefallen.“ „Sage den Mägden, daß ſie alle Keſſel auf's Feuer ſetzen!“ rief Miß Abbey.„Sieh nach, ob der große Waſſerkeſſel gefüllt iſt. Hole eine Badewaune heraus. Hängt wollene Decken vor dem Feuer auf. Macht einige ſteinerne Flaſchen heiß. Und ihr Mädchen dort unten, gebraucht Euren Verſtand.“ Während Miß Abbey dieſe Befehle zum Theil an Bob richtete— den ſie beim Haar ergriff und deſſen Kopf ſie, wie zur allgemeinen Einſchärfung, aufzupaſſen und ſeine Geiſtesgegenwart zu behalten, gegen die Wand ſtieß— zum Theil in die Küche hinunterrief, ſtürzte die Geſellſchaft im Gaſtzimmer, einander ſtoßend und drän⸗ gend, auf den Damm hinaus, und das Getöſe draußen ward immer größer. „Kommen Sie und laſſen Sie uns hinausſchauen,“ ſagte Miß Abbey zu ihren Gäſten. Sie eilten alle drei in das leere Gaſtzimmer und traten durch eines der ge⸗ öffneten Fenſter auf die hölzerne Veranda, die über den Fluß hinausragte. „Weiß irgend Jemand hier unten, was ſich zugetra⸗ gen hat?“ fragte Miß Abbey mit gebieteriſcher Stimme. „Es iſt ein Dampfboot, Miß Abbey,“ rief eine halb verwiſchte Geſtalt im Nebel. „Es iſt jedesmal ein Dampfboot, Miß Abbey,“ rief eine andere. „Das dort ſind ſeine Lichter, Miß Abbey, was Sie dort drüben ſcheinen ſehen,“ rief eine dritte. „Sie laſſen den Dampf ab, Miß Abbey, und das macht den Nebel und den Lärm ſchlimmer, ſehen Sie wohl?“ erläuterte eine andere. Böte ſtießen ab, Fackeln wurden angezündet, und Menſchen liefen lärmend am Waſſerrande hin und her. Ein Mann fiel mit einem lauten Platſchen in's Waſſer und wurde mit ſchallendem Gelächter herausgezogen. Man rief nach Schleifnetzen. Der Ruf nach einer Rettungs⸗ boje lief von Mund zu Munde. Es war unmöglich zu erkennen, was auf dem Fluſſe vorging, denn jedes Boot, 367 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 368 das vom Ufer abſtieß, war nach der erſten Bootslänge im Nebel verſchwunden. Nichts war klar, außer daß das unbeliebte Dampfboot von allen Seiten mit Vorwürfen beſtürmt wurde. Es ward„Der Mörder“ genannt, auf der Fahrt nach der„Galgenbucht“; es war„Der Men⸗ ſchentödter“ auf der Fahrt nach den„Strafcolonien“; der Capitän ſollte des Mordes angeklagt werden; die Mann⸗ ſchaft fahre die Leute in Ruderböten mit wahrem Hoch⸗ genuſſe über; das Fahrzeug zermalme mit ſeinen Rädern die Lichterböte der Themſe; daſſelbe habe ſtets Vernich⸗ tung für Jemanden oder für Etwas mitgebracht, und werde dies, nach dem Brauche ſeiner Gattung, ewig fort⸗ ſetzen. Der ganze Nebel war von ſolchem Geſpött an⸗ gefüllt, das mit einer allgemeinen Heiſerkeit geſchrieen wurde. Während alles Deſſen bewegten die Lichter des Dampfboots ſich ſehr langſam, indem das Fahrzeug bei⸗ gelegt hatte, um abzuwarten, welche Art von Unfall ſich ereignet. Dann fing daſſelbe blaues Licht zu brennen an. Dieſes bewirkte einen hellen Kreis um das Schiff herum, wie wenn daſſelbe den Nebel in Brand geſteckt, und in dieſem Kreiſe konnte man — indem das Geſchrei einen andern Ton annahm und immer aufgeregter wurde— die Schatten von Menſchen und Böten ſich bewegen ſehen, während die Stim⸗ men riefen:„Dort!“„Dort wieder!“„Noch ein paar Ruderſchläge vorwärts!“ „Hurrah!“„Aufgepaßt!“ „Feſtgehalten!“„Angezogen!“ und dergleichen. Endlich ward es, indem noch ein paar Klumpen blaues Feuer in's Waſſer fielen, wieder finſter, man hörte, wie die Räder des Dampfboots wieder in Schwung geſetzt wurden, und dann glitten die 4 109 1 2 Lichter W A, deſſelben ſanft dem Meere zu. G Es ſchien Miß Abbey und ihren beiden Gefährten, daß in dieſer Weiſe eine beträchtliche Zeit verſtrichen. Die Menge drängte ſich jetzt eben ſo eifrig dem Ufer unterhalb des Hauſes zu, wie ſie daſſelbe vorher verlaſſen hatte; und erſt als das erſte Boot an's Ufer ſtieß, ward es bekannt, was ſich ereignet. „Falls das dort Tom Tootle iſt,“ proclamirte Miß Abbey in ihren gebieteriſcheſten Tönen,„ſo komme er augenblicklich hier unten heran.“ Der folgſame Tom gehorchte, von einer Menſchen⸗ menge begleitet. „Was hat es gegeben, Tootle?“ fragte Miß Abbey. „Es iſt ein ausländiſches Dampfſchiff, Miß, das eine Jolle überfahren hat.“ „Wie viele befanden ſich in der Jolle?“ „Ein Mann, Miß Abbey.“ „Iſt er gefunden?“ „Ja. Er iſt lange unter Waſſer geweſen, Miß; aber ſie haben den Leichnam heraufgeholt.“ Die Puppenſchneiderin läßt anprobiren. „Laßt ihn hier hereinbringen. Du, Bob Gliddery, ſchließe die Hausthür und bleibe drinnen daneben ſtehen, und öffne nicht eher, als bis ich Dir's ſage. Iſt dort unten Polizei?“ „Hier, Miß Abbey,“ war die officielle Antwort. „Haltet die Menge zurück, nachdem man den Leich⸗ nam hereingebracht hat, wollt Ihr die Güte haben? Und wollt Ihr, Bob Gliddery, dieſelbe abwehren helfen?“ „Ja wohl, Miß Abbey.“ Die autokratiſche Wirthin zog ſich mit Riah und Miß Jenny in's Haus zurück und ſtellte dieſe Kriegs⸗ mächte zu beiden Seiten von ihrer Perſon innerhalb der Halbthür der Schenkſtube, wie hinter einer Bruſtwehr auf. „Stellt Ihr Beide Euch hierher,“ ſagte Miß Abbey, „und dann könnt Ihr keinen Schaden nehmen und könnt ihn hereinkommen ſehen. Bob, ſtelle Dich an die Thür.“ Die Schildwache gehorchte, indem ſie ſchnell ihre Hemd⸗ ärmel noch einmal der Schul⸗ ter zu überkrämpte. Geräuſch nahender Stim⸗ men. Geräuſch nahender Schritte. Außen Getrampel und Berathung. Kurze Pauſe. Zwei eigenthümlich dumpfe Schläge oder Stöße gegen die Thür, wie wenn der Todte, auf dem Rücken an⸗ langend, mit den Sohlen ſeiner regungsloſen Füße ge⸗ gen dieſelbe angeſtoßen. „Das iſt die Bahre oder der Fenſterladen, worauf ſie ihn immer bringen mögen,“ ſagte Miß Abbey mit er⸗ fahrenem Ohre.„Oeffne die Thür, Bob.“ Die Thür wird geöffnet. Schwere Schritte laſttragen⸗ der Männer. Ein Halt. Ein Stürzen. Einhalt des Stürzens. Thür geſchloſſen. Zorniges Geſchrei aufge⸗ brachter Seelen der ent⸗ täuſchten Draußengebliebe⸗ nen. „Kommt vorwärts, Leute!“ ſagte Miß Abbey; denn ſo gewaltig war ihre Macht über ihre Unt erthanen, daß ſelbſt in dieſem Augenblicke die Träger ihre Erlaubniß abwarteten.„In den erſten Stock.“ Da der Eingang niedrig und die Treppe niedri nahmen ſie die Bürde, die ſie niedergeſetzt hatten, Weiſe wieder auf, daß ſich dieſe niedrig befan liegende Geſtalt befand ſich, als ſie an der Halbthür vorüberkam, kaum ſo hoch wie dieſe. Miß Abbey fuhr beim Anblicke derſelben zurück. „Was, allgütiger Gott!“ ſagte ſie zu ihren beiden Ge⸗ fährten gewendet,„das iſt der Mann, deſſen ſchriftliche Erklärung wir ſo eben in den Händen gehabt haben. Das iſt Riderhood!“ (Seite: 363.) —— gerſelt In T oder diel außere O zumer i wandt un er ſtarr Füͤßegetu bald nach Gefahr,) Treppenge ufgeſchaf „Holt „olt ſeir len Boter Der halbem unterſuch nicht ſeh Belebung ſofort in Herz unf allermind er iſt fü neigung in ihm trennt, wahrſch und eir In Sache deln ſei es ein trunken Boote einem cheriſch des D Tootle figürli Denn Co in den olten Amtes, Zimmel weiſen Ferſen d A rollt w Cnpita einer ihn a eegelm liams ſolchen zurück dz unſe er Stim⸗ nahender hetrampel ze Pauſe. dumpfe ße gegen benn der icken an⸗ Sohlen Füße ge⸗ gen. ahre oder dorauf ſie mögen,“ mit er⸗ Deffne die geöffnet. aſttragen⸗ in Halt. nhalt des geſchlofſen. aufge⸗ der ent⸗ ngebliebe⸗ ts Leutel“ deun ſo te Macht men, daß lugenblicke Erlaubniß drig war, e Drittes Capitel. Berſelbe geſchätzte Freund zeigt ſich von mehr als einer Heite. In Wahrheit, es iſt Niemand anders als Riderhood, oder vielmehr iſt es nichts Anderes als Riderhood's äußere Hülle oder Schale, die in Miß Abbey's Schlaf⸗ zimmer im erſten Stock hinaufgetragen wird. Wie ge⸗ wandt und geſchmeidig Rogue ehedem geweſen, jetzt iſt er ſtarr und ſteif genug, und er kann nicht ohne viel Füßegetrampel der Träger und Schiefhalten der Bahre bald nach dieſer, bald nach jener Seite, und ohne große Gefahr, herunterzugleiten und in einem Haufen über das Treppengeländer zu ſtürzen, in das erſte Stockwerk hin⸗ aufgeſchafft werden. „Holt einen Arzt,“ ſagt Miß Abbey. „Holt ſeine Tochter.“ len Boten befolgt. Der nach dem Arzte eilende Bote trifft dieſen auf halbem Wege, unter Schutzgeleite der Polizei. Der Arzt unterſucht das dumpfige Stück Menſchenfleiſch und ſagt, nicht ſehr hoffnungsvoll, daß es der Mühe werth, einen Belebungsverſuch zu machen. Alle beſten Mittel werden ſofort in Anwendung gebracht, und Jeder iſt mit Hand, Herz und Seele zu helfen bereit. Niemand hegt die allermindeſte Achtung oder Zuneigung für den Mann; er iſt für Alle ein Gegenſtand des Argwohns, der Ab⸗ neigung und des Meidens geweſen; doch der Lebensfunke in ihm iſt jetzt in ſeltſamer Weiſe völlig von ihm ge⸗ trennt, und an dieſem nehmen ſie ein großes Intereſſe, wahrſcheinlich weil es Leben iſt, und weil ſie ſelber leben und einſt ſterben müſſen. 8 In Erwiderung auf die Frage des Arztes, wie die Sache ſich ereignet und ob irgend Jemand dafür zu ta⸗ deln ſei, giebt Tom Tootle ſein Verdict dahin ab, daß es ein unvermeidlicher Unfall und Niemand als der Er⸗ trunkene ſelbſt dafür zu tadeln.„Er ſchlich in ſeinem Boote umher,“ ſagt Tom„wie es— ohne darum von einem Todten Schlechtes ſagen zu wollen— ſeine ſchlei⸗ cheriſche Gewohnheit war, als er gerade vor den Bug des Dampfers kam und dieſer mittendurch ſchnitt.“ Mr. Tootle iſt in Bezug auf dieſe Zerſtückelung in ſo weit figürlich, als er das Boot meint und nicht den Mann. Denn der Mann liegt ganz vor ihnen. Capitän Joey, der flaſchennaſige regelmäßige Kunde in dem lackirten Hute, iſt ein Jünger der hochgeſchätzten alten Schule, und da er ſich vermittelſt des wichtigen Amtes, das Halstuch des Ertrunkenen zu tragen, ins Zimmer eingeſchmuggelt, beehrt er den Arzt mit der b Und dann: Beide Befehle werden von ſchnel⸗ weiſen altväterlichen Anſicht, daß der Körper bei den Ferſen aufgehängt werden ſollte,„ähnlich,“ ſagt Capitän de wie die Schöpſe in einem Fleiſcherladen,“ und s beſonders vortreffliches Manöver zur ſchnellen herſtellung der Athemfunctionen, auf Tonnen ge⸗ rollt werden müſſe. Dieſe Proben der Weisheit von Capitain Joey's Vorfahren werden von Miß Abbey mit einer ſo ſprachloſen Entrüſtung aufgenommen, daß ſie ihn augenblicklich beim Kragen faßt und, ohne ein Wort zu ſagen, zur Thür hinauswirft,— eine Behandlung, der Capitain Joey ſich ohne Widerſetzlichkeit fügt. Es bleiben dann nur noch Tom und jene andern drei regelmäßigen Stammgäſte, Bob Glamour, William Wil⸗ liams und Jonathan(deſſen Familienname, wenn er einen ſolchen überhaupt beſitzt, der Menſchheit unbekannt iſt) zurück, um dem Doctor zu helfen, und ſie ſind vollkom⸗ ſanften Juden und Miß Jenny Wren den Erfolg ab. Wenn Sie nicht ganz und gar aus dieſer Welt ge⸗ ſchieden ſind, Mr. Riderhood, ſo dürfte es etwas werth ſein, zu wiſſen, wo Sie ſich gegenwärtig verſtecken. Die⸗ ſer welke Klumpen von Sterblichkeit, an dem wir mit ſo geduldiger Beharrlichkeit arbeiten, verräth keine Spur von Ihnen. Falls Sie auf immer von uns gegangen, Rogue, ſo iſt dies eine ſehr feierliche Sache, und falls Sie zurückzukommen beabſichtigen, iſt es kaum minder feierlich. Ja, in der Ungewißheit und dem Geheimniſſe dieſer letzteren Frage, welche diejenige in ſich begreift, wo Sie ſich augenblicklich aufhalten mögen, liegt eine noch zum Tode hinzugefügte Feierlichkeit, die uns, die wir hier Hülfe leiſten, ebenſo ſehr Sie anzuſchauen als von Ihnen fortzuſchauen fürchten läßt, und die unten Harrenden bei dem geringſten Krachen der Decke über ihnen zuſammenſchrecken macht. Sieh! Hat jenes Augenlid gezittert? Dies fragt ſich der Arzt, indem er mit verhaltenem Athem lauſcht und beobachtet. Nein. Zuckte jene Nüſter? Nein. Vernehme ich, da dieſes künſtliche Athmen aufhört, ein mattes Zittern unter meiner Hand, die auf ſeiner Bruſt liegt? Nein. Immer und immer wieder nein. Nein. Dennoch ver⸗ ſuchen wir es immer und immer von neuem. Seht! Ein Lebenszeichen! Ein unzweifelhaftes Lebens⸗ zeichen! Der Funke mag glimmen und erlöſchen, oder glühen und ſich ausdehnen, aber ſeht! Die vier rauhen Burſche, welche es ſehen, vergießen Thränen. Weder Riderhood in dieſer Welt, noch Riderhood in jener Welt vermöchte ihnen Thränen zu entlocken; aber eine menſch⸗ liche Seele, die zwiſchen den beiden kämpft, bewirkt dies leicht. Er ringt nach dem Leben. Bald iſt er faſt hier, bald wieder in weiter Ferne. Jetzt ringt er heftiger zurückzu⸗ kehren. Und dennoch läßt er ſich— gleich uns Allen, wenn wir in Ohnmacht geſunken— gleich uns Allen an jedem Tage unſeres Lebens, wenn wir aus dem Schlafe erwachen— ungern zum Bewußtſein des Daſeins zurück⸗ bringen, und möchte fortſchlafen, wenn er könnte. Bob Gliddery kehrt mit Pleaſant Riderhood zurück, die nicht zu Hauſe und ſchwer zu finden war. Sie hat ein Tuch über den Kopf geworfen und wie ſie daſſelbe weinend abnimmt und Miß Abbey mit einem Knixe be⸗ grüßt, iſt ihr Erſtes, daß ſie ihr Hinterhaar aufſteckt. „Ich danke Ihnen, Miß Abbey, daß Sie den Vater hier aufgenommen haben.“* „Ich muß geſtehen, Mädchen, daß ich nicht wußte, wer es ſei,“ erwidert Miß Abbey;„aber ich hoffe, daß es, falls ich dies gewußt, keinen Unterſchied gemacht haben würde.“ Die arme Pleaſant wird, nachdem ſie durch ein Schlück⸗ chen Rum geſtärkt worden, nach dem Zimmer in der erſten Etage hinaufgeführt. Sie könnte, falls ſie ſeine Grab⸗ rede zu halten aufgefordert würde, keine ſehr hohen Em⸗ pfindungen ausdrücken, aber ſie fühlt eine größere Zärt⸗ lichkeit für ihn, als er je für ſie gefühlt hat, und ſie fragt, bitterlich weinend, wie ſie ihn bewußtlos dahinge⸗ ſtreckt ſieht, den Arzt, indem ſie die Hände faltet:„Iſt keine Hoffnung vorhanden, Sir? O, mein armer Vater! Iſt mein armer Vater todt?“ Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. „ 371 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 372 Worauf der Arzt, der geſchäftig und wachſam neben dem Körper kniet, ohne ſich umzuſchauen, erwidert: „Falls Ihr keine Selbſtbeherrſchung habt und Euch nicht völlig ruhig verhalten könnt, mein Mädchen, kann ich Euch nicht geſtatten, im Zimmer zu bleiben.“ Pleaſant trocknet deshalb ihre Augen mit ihrem Hinter⸗ haar, das abermals des Aufſteckens bedarf, und beobachtet, nachdem ſie ſich daſſelbe aus dem Geſichte geſtrichen, mit ſchauderndem Intereſſe Alles, was mit ihm vorgenommen wird. Ihre natürliche Frauenfähigkeit ſetzt ſie bald in Stand, ein wenig Hülfe zu leiſten. Indem ſie des Arztes Bedürfniſſe von Dieſem oder Jenem vorausſieht, hält ſie es ruhig für ihn in Bereitſchaft und erhält mit der Zeit Erlaubniß, den Kopf ihres Vaters in ihrem Arme auf⸗ zurichten. Es iſt für Pleaſant etwas ſo Neues, in ihrem Vater einen Gegenſtand der Theilnahme und des Intereſſes zu ſehen und Jeden bereit zu finden, ſeine Anweſenheit in dieſer Welt zu dulden— um nicht zu ſagen, bereit, ihn inſtändig und dringend anzuflehen, derſelben anzugehören, daß ihr dies ein Gefühl verurſacht, wie ſie es noch nie zuvor gekannt. Eine ſchattenhafte Idee, daß es eine reſpectable Veränderung ſein dürfte, falls der gegen⸗ wärtige Stand der Dinge unverändert bleiben könne, fliegt durch ihren Geiſt. Außerdem eine unbeſtimmte Idee, daß das alte Böſe in ihm beim Ertrinken im Waſſer geblieben und daß, falls er in die leere Hülle zurückkehrt, die auf dem Bette liegt, ſein Gemüth ver⸗ ändert ſein wird. In dieſer Gemüthsſtimmung küßt ſie die ſteinkalten Lippen und glaubt vollkommen daran, daß die lebloſe Hand, welche ſie reibt, falls dieſelbe ſich jemals wieder belebt, darauf eine liebevollere Hand ſein wird. Süße Täuſchung für Pleaſant Riderhood. Aber ſie behandeln ihn mit ſo außerordentlicher Theilnahme, ihre Sorge zeigt ſich als eine ſo lebhafte, ihre Wachſamkeit iſt ſo groß, ihre Freude ſo aufgeregt, wie die Lebens⸗ zeichen ſich deutlicher zu erkennen geben, daß das arme Geſchöpf dem Gefühle kaum widerſtehen kann. Und jetzt fängt er in natürlicher Weiſe zu athmen an, und er be⸗ wegt ſich und der Arzt erklärt, daß er von jener uner⸗ forſchlichen Reiſe zurückkehrt, auf deren dunklem halben Wege er angehalten, und daß er wieder hier iſt. Tom Tootle, der dem Arzte, wie dieſer dies verkün⸗ det, zunächſt ſteht, faßt inbrünſtig die Hand des Doctors. Bob Glamour, William Williams und Jonathan, ohne Vatersnamen, drücken einander Alle die Hände und wie⸗ derholen dies dann mit dem Arzte. Bob Glamour wiſcht ſich die Naſe, und Jonathan, ohne Vatersnamen, fühlt ſich daſſelbe zu thuen gedrungen, giebt aber, da es ihm an einem Taſchentuche fehlt, dieſen Ausweg für ſeine Gemüthsbewegung auf. Pleaſant vergießt frohe Thrä⸗ nen und ihre ſüße Selbſttäuſchung iſt auf ihrem Gipfel. Es iſt Verſtändniß in ſeinen Augen. Er wünſcht eine Frage zu thun. Wünſcht zu wiſſen, wo er iſt. Sagt es ihm. „Vater, Du wurdeſt auf dem Fluſſe überfahren, und biſt in Miß Abbey Potterſon's Hauſe.“ Er ſtiert ſeine Tochter an. Stiert rings um ſich, ſchließt die Augen und liegt ſchlummernd in ihrem Arme. Die kurze Selbſttäuſchung beginnt zu weichen. Das ſchlechte, gemeine, gefühlloſe Geſicht kommt aus der Tiefe des Fluſſes, oder einer ſonſtigen Tiefe, wieder zur Ober⸗ fläche herauf. In dem Grade, wie er ſich erwärmt, kühlen der Arzt und die vier Männer ab. Wie ſeine Züge aus der Erſtarrung ins Leben zurückkehren, verhärten ihre Züge und Herzen ſich gegen ihn. „Es iſt jetzt Alles richtig mit ihm,“ ſagt der Arzt, ſich die Hände waſchend und ſeinen Patienten mit zu⸗ nehmender Abneigung betrachtend. „Manch beſſerer Mann,“ moraliſirt Tom Tootle mit finſterem Kopfſchütteln,„hat nicht ſein Glück gehabt.“ „Es ſteht zu hoffen, daß er einen beſſern Gebrauch von ſeinem Leben machen wird,“ ſagt Bob Glamour, „als ich von ihm erwarte.“ „Oder als er vorher von demſelben gemacht,“ fügt William Williams hinzu. „Aber nein, das fällt ihm nicht ein!“ ſagt Jonathan, ohne Vatersnamen, das Quartett ſchließend. Sie ſprechen, ſeiner Tochter wegen, leiſe, aber ſie ſieht, daß ſie ſich Alle von ihm entfernt haben und daß ſie in einer Gruppe am andern Ende des Zimmers ſtehen und ihn meiden. Es wäre zu viel, wenn man ſie des Bedauerns beargwöhnen wollte, daß er nicht geſtorben, nachdem er ſchon ſo viel zu dieſem Ende vollführt, aber ſie wünſchen offenbar, daß ihre Bemühungen einem beſſe⸗ ren Gegenſtande gewidmet geweſen. Miß Abbey erhält Nachricht in der Schenkſtube und kehrt zu dem Schau— platze zurück, und ſteht betrachtend in der Entfernung, und unterhält ſich flüſternd mit dem Arzte. Der Lebens⸗ funke war außerordentlich intereſſant, ſo lange Zweifel über denſelben herrſchte, doch jetzt, da er wieder in Mr. Riderhood eingekehrt, ſcheint allgemein der Wunſch vor⸗ zuherrſchen, daß die Umſtände gewollt, daß derſelbe ſich lieber in irgend einem andern Menſchen entwickelt, als in jenem Herrn. „Indeſſen,“ ſagt Miß Abbey, ſie aufheiternd,„Ihr habt als gute und brave Männer Eure Pflicht gethan, und könnt hinunter kommen und auf Koſten der ‚ Brüder⸗ eins trinken.“ m* Dieſer Aufforderung leiſten ſie Alle Folge und über⸗ laſſen es der Tochter, nach ihrem Vater zu ſehen. Bob Gliddery begiebt ſich in deren Abweſenheit zur Tochter. „Er ſieht ſehr ſonderbar aus, nicht wahr?“ ſagt Bob, nachdem er den Patienten in Augenſchein genommen. Pleaſant ſtimmt ihm mit einer matten Kopfnei⸗ gung bei.. „Er wird noch ſonderbarer ausſehen, wenn er auf⸗ wacht, nicht wahr?“ ſagt Bob. Pleaſant hofft dies nicht. Warum? „Wenn er ſieht, daß er hier iſt, wiſſen Sie,“ erklärt Bob.„Denn Miß Abbey verbot ihm ins Haus zu kommen, und hieß ihn abmarſchiren. Aber das Schickſal, wie man es wohl nennen mag, commandirte ihn wieder herein. Und das iſt ſonderbar, nicht wahr?“ „Er würde nicht aus freien Stücken hergekommen ſein,“ ſagt die arme Pleaſant mit einem Verſuche, ein wenig Stolz zu zeigen.. „Nein,“ entgegnet Bob,„und er wäre nicht herein⸗ gelaſſen, wenn er es gethan.“ Die kurze Täuſchung iſt jetzt gänzlich entſchwunden. Ebenſo deutlich, wie ſie ihren alten Vater unverſchönert auf ihrem Arme ruhen ſieht, nimmt Pleaſant aß, ſobald er zum Bewußtſein zurückkehrt, ihn w r meiden wird.„Ich will ihn, ſobald wie n end möglich, von hier hinweg führen,“ denkt Pleaſant mit einem Seufzer.„Er iſt zu Hauſe am beſten aufgehoben.“ Nach einer kleinen Weile kehren ſie Alle zurück und warten ab, daß er zum Bewußtſein komme, wie gern ſie Alle ſeiner jetzt los wären. Es werden einige Kleider für ihn zuſammengeſucht, da die ſeinigen völlig durchnäßt ſind und ſein gegenwärtiges Coſtüm blos aus wollenen Decken beſteht. Indem es ihm anſcheinend mit jedem Augenblicke unbehaglicher wird, wie wenn die vorherrſchende Abnei⸗ gung gegen ihn ihn im Schlafe aufſuchte und ſich ihm 1 dem iſt unc beliebte Worte hören de Nr. Hülfe ſ ſo dben er mehr trachten Mißhan auf for dieſelbe keit geg befinde fährt über d nach d keit n Tone, 1' 5 hätte herau eine G ſeine liehen Ohre Bein brum jett mit d Gebrauch Glamour Ct unge ncht fügt Jonathan, „aber ſie en und daß mers ſtehen dan ſie des „geſtorben, Ahb ührt, aber nem beſſe⸗ bey erhält em Schau⸗ Entfernun Der 0,1. 3 Oer Lebens⸗ Zweifel in Mr. ſch vor⸗ elbe ſich ickelt, als nd,„Ihr t gethan, a Brͤder 1 und über⸗ hen. Bob ur Tochter. ſagt Bob, mmen. Kopfnei⸗ an er auf⸗ te,“ erklärt Haus zu hickſal, ihn wieder rgekommen nſuche, ein icht herein⸗ ſcwunden. 1 aſant mit fc ehoben. zurück und je gern ſie ge Kleider durchnäßt wollenen Lugenblik nde Abne- ſic ihm V — 373 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 374 zu erkennen gäbe, öffnet der Patient endlich die Augen weit und richtet ſich, mit Hülfe ſeiner Tochter, im Bette auf. 8 „Nun, Riderhood,“ ſagt der Arzt,„wie iſt's Euch zu Muthe?“ Er erwidert barſch:„Gar nicht beſonders;“ denn er iſt in der That in außerordentlich verdrießlicher Laune zum Leben zurückgekehrt. „Ich will Euch keine Sittenpredigt halten,“ ſagt der Arzt mit ernſtem Kopfſchütteln,„aber ich hoffe, daß dieſe Rettung einen guten Einfluß auf Euch haben möge, Riderhood.“ Die unzufrieden gebrummte Antwort des Patienten i*ſt unverſtändlich; doch könnte ſeine Tochter, wenn es ihr beliebte, eine Verdolmetſchung derſelben geben, denn die Worte bedeuten, daß er„kein Papageiengeplapper“ zu hören verlangt. Mr. Riderhood fordert darauf ſein Hemd, das er mit Hülfe ſeiner Tochter über ſeinen Kopf wirft, als ob er ſo eben einen Fauſtkampf beſtanden. „War's nicht ein Dampfboot?“ fragt er ſie, in ſei⸗ ner Toilette innehaltend. „Ia, Pater.“ „Ich will ihn verklagen, zum Henker mit ihm! Er ſoll mir's bezahlen!“ Dann knöpft er ſehr verdrießlich ſein Hemd zu, wobei er mehrmals innehält, um ſeine Arme und Hände zu be⸗ trachten, wie wenn er ſich zu überzeugen wünſchte, welche Mißhandlungen dieſelben in dem Kampfe erlitten. Dar⸗ auf fordert er ſeine übrigen Kleidungsſtücke und zieht dieſelben langſam und mit einer Miene großer Böswillig⸗ keit gegen ſeinen Gegner und alle Zuſchauer an. Er befindet ſich in dem Wahne, daß ſeine Naſe blutet, und fährt ſich verſchiedene Male mit dem Rücken der Hand über dieſelbe hin, und ſpäht in fauſtkämpferiſcher Weiſe nach dem Reſultate, wodurch er die ungereimte Aehnlich⸗ keit noch vergrößert. „Wo iſt meine Pelzmütze?“ fragt er in mürriſchem Tone, nachdem er ſich in ſeine Kleider hineingearbeitet. „Im Fluſſe,“ erwidert Jemand. „Und war kein ehrlicher Menſch zugegen, der ſie mir hätte herausholen können? Aber natürlich hat ſie Einer herausgeholt und iſt dann damit fortgelaufen. Ihr ſeid eine ſchöne Bande, Ihr Alle mit einander!“ So ſpricht Mr. Riderhoodd, indem er aus der Hand ſeiner Tochter mit außerordentlichem Unmuthe eine ge⸗ liehene Mütze empfängt, die er ſich brummend über die Ohren zieht. Dann erhebt er ſich auf ſeine unſichern Beine, lehnt ſich ſchwer auf ihren Arm, wobei er brummt:„Steh feſt, willſt Du? Was! Mußt Du jetzt auch noch zu taumeln anfangen?“ und verläßt da⸗ mit den Kreis, in welchem er jenes kleine Gefecht mit dem Tode gehabt hat. Viertes Capitel. Frohe Wiederkehr des Tages. Mr. und Mrs. Wilfer hatten den Jahrestag ihrer Hochzeit ein volles Viertelhundertmal öfter erlebt als Mr. und Mrs. Lammle, doch feierten ſie die Gelegenheit immer noch im Schooße ihrer Familie. Wir wollen nicht behaupten, daß dieſe Feier je beſonders angenehme Reſultate herbeiführte, oder daß dieſer Umſtand der Fa⸗ milie eine ſchmerzliche Täuſchung verurſacht, weil ſie dem glücklichen Tage mit zu frohen Erwartungen entgegen⸗ geſehen. Derſelbe wurde im moraliſchen Sinne nicht ſo ſehr als ein Feſt, denn als ein Faſten begangen, das Mes. Wilfer eine Gelegenheit bot, einen düſteren Hof⸗ ſtaat zu halten, der dieſe eindrucksvolle Frau in ihren auserwählteſten Farben erſcheinen ließ. Die Gemüthsverfaſſung der edlen Dame war bei dieſer Gelegenheit eine Miſchung von heldenmüthiger Duldung und heldenmüthiger Vergebung. Durch die grauſige Finſterniß ihrer Stimmung hindurch ſah man rothglühende Anzeichen von beſſeren Heirathen, die ſie hätte machen können, hindurch leuchten, die den Cherub als ein kleines unbegreiflich vom Himmel begünſtigtes Ungeheuer erſcheinen ließen, das ſich eines Segens be⸗ mächtigt, um den viele beſſere Leute vergebens gekämpft und geworben. Dieſe Stellung ſeinem Schatze gegenüber war ſo feſt etablirt, daß er ſich, wenn der Jahrestag wiederkehrte, ſtets in einer abbittenden Gemüthsſtimmung befand. Ja, es iſt nicht unmöglich, daß ſeine beſcheidene Reue ihm ſogar zuweilen ernſtliche Vorwürfe darüber machte, daß er ſich überhaupt jemals die Freiheit ge⸗ nommen, eine ſo erhabene Perſönlichkeit zu ſeiner Gattin zu machen. Was die Kinder dieſer Verbindung betrifft, ſo waren ihre Erfahrungen von dieſen Feſten hinlänglich unange⸗ nehm geweſen, um, nachdem ſie einmal das zarteſte Kindes⸗ alter hinter ſich zurückgelaſſen, alljährlich den Wunſch in ihnen zu erwecken, daß entweder die Ma einen Andern als den vielgeprüften Pa, oder der Pa eine Andere als die Ma geheirathet hätte. Als nur noch zwei Schweſtern zu Hauſe geblieben, verſtieg Bella's verwegener Geiſt ſich dermaßen, daß ſie ſich mit drolligem Verdruſſe darüber verwunderte,„was in aller Welt der Pa nur in der Ma geſehen habe, um ein ſolcher kleiner Narr zu ſein, ſie zu heirathen.“ Da der Umſchwung des Jahres jetzt in natürlicher Zeitfolge wieder den Tag herbeigebracht, langte Bella in der Boffin'ſchen Caroſſe an, um an der Feier theilzu⸗ nehmen. Es war an dieſem Jahrestage Familienbrauch, ein Paar Hühner auf dem Altare Hymens zu opfern, und Bella hatte vorher geſchrieben, daß ſie das Opfer mitbringen werde. Demzufolge wurden Bella und die beiden Hühner vermittelſt der vereinten Kräfte von zwei Pferden, zwei Dienern, vier Rädern und einem plum⸗ puddingartigen Wagenhunde, welcher letztere einen ſo un⸗ bequemen Halskragen trug, wie wenn er Georg der Vierte in ſeiner ſteifen Cravatte geweſen, vor der Thür der elterlichen Wohnung abgeſetzt. Dort wurde ſie von Mrs. Wilfer in eigener Perſon empfangen, deren Würde bei dieſer, wie bei den meiſten beſonderen Gelegenheiten, noch durch ein geheimnißvolles Zahnweh erhöht ward. „Ich bedarf des Wagens nicht für den Abend,“ ſagte Bella.„Ich werde zu Fuße zurückgehen.“ Mrs. Boffin's Diener legte die Hand an den Hut und erhielt im Augenblicke des Abfahrens einen fürchter⸗ lichen Blick von Mrs. Wilfer, der tief in ſeine freche Seele die Verſicherung ſenken ſollte, daß, welcher Art ſeine Privatanſichten immer über dieſen Punkt ſein moch⸗ ten, Livréebediente hier keine Seltenheit ſeien. „Nun, liebe Mama,“ ſagte Bella,„wie geht es Dir?“ „Ich befinde mich ſo wohl, Bella,“ erwiderte Mrs. Wilfer,„wie dies unter den Umſtänden zu erwarten iſt.“ „Gerechter Himmel, Mama,“ rief Bella,„Du ſprichſt, als ob ſo eben Eins geboren wäre.“ „Das hat die Mama gethan,“ ſagte Lavy, über die mütterliche Schulter hinüber ſprechend,„ſeit wir heute Morgen aufgeſtanden ſind. Du magſt wohl lachen, Bella, aber es iſt unmöglich, ſich etwas Unerträglicheres zu denken.“ 24* V 375 Mrs. Wilfer begleitete ihre beiden Töchter mit einer Miene, die zu majeſtätiſch war, um noch der Worte zu bedürfen, in die Küche hinunter, wo das Opfer herge⸗ richtet werden ſollte. „Mr. Rokeſmith,“ ſagte ſie mit Ergebung,„iſt ſo höflich geweſen, uns ſein Wohnzimmer für den heutigen Tag zur Verfügung zu ſtellen. Du wirſt deshalb in der beſcheidenen Wohnung Deiner Eltern inſofern in Ueber⸗ einſtimmung mit Deiner gegenwärtigen Lebensweiſe be⸗ wirthet werden, Bella, als außer dem Eßzimmer auch ein Geſellſchaftszimmer zu Deiner Aufnahme bereit iſt. Dein Papa lud Mr. Rokeſmith ein, an unſerm beſcheidenen Mahle theilzunehmen. Indem er ſich wegen beſonderer Beſchäftigung entſchuldigte, bot er uns den Gebrauch ſeines Zimmers an.“. Bella wußte zufälligerweiſe, daß er keine andere Be⸗ ſchäftigung habe, als die in ſeinem Zimmer in Mr. Bof⸗ fin's Hauſe, aber ſie gab ſeinem Fortbleiben ihren Bei⸗ fall.„Wir würden einander nur in Verlegenheit geſetzt haben,“ dachte ſie,„und dies thun wir ohnehin ſchon oft genug.“ Dennoch fühlte ſie hinreichende Neugier über ſein Rogne Riderhood in's Leben zurückgebracht.(Seite: 373.) Zimmer, um mit möglichſt geringem Zeitverluſte zu dem⸗ ſelben hinaufzulaufen und eine genaue Unterſuchung mit den dort befindlichen Gegenſtänden vorzunehmen. Das Zimmer war geſchmackvoll, doch nicht verſchwenderiſch meublirt, und ſehr ſauber und ordentlich gehalten. Es befanden ſich dort Bücherbretter, die mit engliſchen, fran⸗ zöſiſchen und italieniſchen Büchern angefüllt waren; und in einer Schreibmappe auf dem Schreibtiſche lagen eine Maſſe von Bogen mit Notizen und Zahlenberechnungen, die ſich offenbar auf das Boffin'ſche Eigenthum bezogen. Auf dieſem Tiſch lag außerdem, ſorgfältig auf Leinwand geklebt, lackirt und wie eine Karte zuſammengerollt, das Plakat, das den gemordeten Mann beſchrieb, der aus fernem Lande gekommen, um ſie zu heirathen. Sie ſchauderte vor dieſer geſpenſterhaften Ueberraſchung zurück und fühlte ſich förmlich ängſtlich erſchreckt, indem ſie das Plakat wieder aufrollte und zuſammenband. Wie ſie hier und dort umherſpähte, kam ſie zu einem Kupferſtiche, einem lieblichen Frauenkopfe, der elegant eingerahmt in einem Winkel bei dem Lehnſeſſel hing.„O wahrlich, Sir!“ ſagte Bella, während ſie vor dem Bilde ſtand und überlegte.„O wahrlich, Sir! Ich denke mir, ich errathe, Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. mit wem Sie darin eine Aehnlichkeit ſehen. Aber ich will Ihnen ſagen, womit es noch viel mehr Aehnlichkeit hat— mit Ihrer Unverſchämtheit!“ Und mit dieſen Worten lief ſie aus dem Zimmer, nicht allein, weil ſie ſich beleidigt fühlte, ſondern weil es dort nichts weiter zu betrachten gab. „Nun, Ma,“ ſagte Bella, mit den Ueberreſten eines Erröthens in der Küche erſcheinend,„Du und Lavy ſeid der Anſicht, daß meine Herrlichkeit zu Nichts taugt, aber ich beabſichtige Euch das Gegentheil zu beweiſen. Ich will heute Köchin ſein.“ „Halt!“ ſagte ihre majeſtätiſche Mutter.„Ich kann dies nicht erlauben. Köchin, in jenem Kleide!“ „Was mein Kleid betrifft, Ma,“ ſagte Bella, fröh⸗ lich in den Schubladen des Anrichtetiſches ſuchend,„ſo werde ich daſſelbe völlig mit Servietten und Schürzen bedecken, und was Deine Erlaubniß betrifft, ſo werde ich mich ohne dieſelbe behelfen.“ „Du willſt kochen?“ ſagte Mrs. Wilfer,„Du, die Du, ſo lange Du zu Hauſe warſt, niemals kochen wollteſt?“ 6„Ja, Ma,“ ſagte Bella,„genau ſo verhält ſich die Kche... Sie umgürtete ſich mit einer weißen Schürze und ſtellte vermittelſt Bändchen und Stecknadeln eiligſt einen Latz zu derſelben her, der hoch bis ans Kinn hinauf⸗ reichte, wie wenn er ſich ihr um den Nacken geſchlungen und ſie geküßt. Ueber dieſem Latz nahmen ihre Grüb⸗ chen ſich allerliebſt aus, und ihre Geſtalt unterhalb deſ⸗ ſelben nicht minder charmant.„Jetzt, Ma,“ ſagte Bella, ſich mit beiden Händen das Haar aus den Schläfen ſtreichend,„was kommt zuerſt?“ „Zuerſt,“ erwiderte Mrs. Wilfer feierlich,„f u auf einem Verfahren beſtehſt, das ich durchaus nicht mit der eleganten Equipage im Einklange finde, in der Du gekommen biſt—“ („Und dies thue ich, Ma.“) „Zuerſt alſo hängſt Du die Hühner zum Braten auf.“ „Das— ver— ſteht ſich!“ rief Bella,„und beſtreue ſie mit Mehl und drehe ſie herum und da— fliegen ſie!“ Bei dieſen Worten machte ſie die Hühner mit gewaltiger Geſchwindigkeit herumkreiſeln. „Was dann, Ma? „Dann,“ ſagte Mrs. Wilfer mit einer Bewegung ihrer Handſchuhe, welche, unter Proteſt, ihre Entſagung — lichen machte ſelben es ein Laoinig zimmer die Ta allen i nachka Stöße einen und( klopfte den A 6 das g Ganz dort errege konnt einen Dir, 3* t einen an hinauf⸗ fls Du nicht mit der Du aten auf.“ d beſtreue ggen ſiel gewaltiger Bewegung Entſagung — des Küchenthrones ausdrückte,„würde ich Dir eine Unter⸗ ſuchung des Schinkens in der Caſſerolle auf dem Feuer, ſowie der Kartoffeln, vermittelſt einer Gabel empfehlen. Außerdem wird die Zubereitung des Gemüſes nothwendig ſein, falls Du auf dieſem unpaſſenden Verfahren beſtehſt.“ „Was ich natürlich thue, Ma.“ Die beharrliche Bella richtete ihre Aufmerkſamkeit auf das Eine und vergaß das Andere, richtete dieſelbe auf das Andere und vergaß das Dritte, erinnerte ſich des Dritten, um über dem Vierten alle Geiſtesgegen⸗ wart zu verlieren; und jedes Mal, wenn ſie Etwas ver⸗ kehrt gemacht, verſuchte ſie dies dadurch wieder gut zu machen, daß ſie die an ihrem Spieße hängenden unglück⸗ lichen Hühner mit einer Geſchwindigkeit herumkreiſeln machte, die es ſehr zweifelhaft erſcheinen ließ, ob die⸗ ſelben überhaupt jemals durchgebraten würden. Doch war es ein allerliebſtes Kochen. Inzwiſchen ſchwebte Miß Lavinia zwiſchen der Küche und dem gegenüberliegenden Zimmer hin und her und deckte in letzterem Gemache die Tafel. Sie verrichtete dieſes Amt(wie ſie überhaupt allen ihren häuslichen Pflichten mit großem Widerſtreben nachkam) mit einer überraſchenden Reihe von Riſſen und Stößen, indem ſie das Tiſchtuch legte, wie wenn ſie einen Windſturm zu bewirken wünſchte, und die Gläſer und Salzfäſſer niederſetzte, wie wenn ſie an die Thür klopfte, und die Meſſer und Gabeln in einer ſcharmützeln⸗ den Weiſe hinlegte, die an ein Handgefecht erinnerte. „Sieh nur die Ma an,“ flüſterte Lavinia der Bella zu, als jenes Werk vollendet war und ſie neben einander vor den bratenden Hühnern ſtanden.„Und wenn man das gehorſamſte Kind von der Welt wäre(was man, im Ganzen genommen, zu ſein hofft), ſo würde ſie, wie ſie dort pfeilgrade in der Ecke ſitzt, den Wunſch in Einem erregen, ſie mit einem Stocke in den Rücken zu ſtoßen.“ „Denke Dir blos,“ erwiderte Bella,„falls der Pa ebenfalls pfeilgrade in der andern Ecke ſäße!“ „Mein liebes Kind, das könnte er gar nicht,“ ſagte Lavy.„Der Pa würde ſich augenblicklich zurücklehnen. Aber ich glaube wahrlich, daß es noch nie ein menſch⸗ liches Weſen gegeben, das ſo pfeilgrade aufrecht ſitzen konnte, wie die Ma, oder ſo viel Widerwärtigkeit in einen einzigen Rücken zu legen vermochte! Was fehlt Dir, Ma? Iſt Dir nicht wohl, Ma?“* „Allerdings befinde ich mich ſehr wohl,“ erwiderte Mrs. Wilfer, ihrer Jüngſtgeborenen einen Blick ver⸗ achtungsvoller Feſtigkeit zuwerfend.„Was ſollte mir wohl fehlen?“ „Du ſcheinſt nicht ſehr munter zu ſein, Ma,“ ſagte Lavy, die Kühne. „Munter?“ wiederholte ihre Mutter.„Munter? Wo⸗ her nimmſt Du einen ſo gewöhnlichen Ausdruck, Lavinia? Meine Familie laſſe es ſich genügen, daß ich mich nicht beklage, daß ich mein Loos mit Schweigen ertrage.“ „Nun, Ma,“ entgegnete Lavinia,„da Du mich zu reden zwingſt, muß ich achtungsvoll um Erlaubniß bitten, Dir ſagen zu dürfen, daß Deine Familie Dir natürlich die größte Dankbarkeit dafür ſchuldig iſt, daß Du all⸗ jährlich an Deinem Hochzeitstage Zahnſchmerzen haſt, und daß dies ſehr uneigennützig von Dir und ein uner⸗ meßlicher Segen für uns iſt. Dennoch iſt es, Alles in Allem genommen, vielleicht möglich, ſelbſt mit dieſer Wohlthat zu ſehr zu prahlen.“ „Du eingefleiſchte Impertinenz,“ ſagte Mrs. Wilfer. „Wie kannſt Du Dich unterſtehen, in dieſer Weiſe zu mir zu ſprechen? An dieſem Tage, unter allen Tagen des ganzen Jahres? Weißt Du vielleicht, was aus Dir geworden wäre, falls ich nicht an dieſem Tage R. W., Deinem Vater, meine Hand gereicht?“ Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 378 „Nein, Ma,“ erwiderte Lavy,„das weiß ich wirklich nicht; und ungeachtet meiner Hochachtung für Deine Fähigkeiten und Kenntniſſe zweifle ich ſehr daran, ob Du es ſelber weißt.“ Ob die ſchneidende Gewalt dieſes Ausfalls gegen einen ſchwachen Punkt in Mrs. Wilfer's Verſchanzungen dieſe Heldin für den Augenblick würde überwunden haben, ward durch die Ankunft einer Friedensfahne in der Ge⸗ ſtalt von Mr. George Sampſon unentſchieden gelaſſen; er war als Freund der Familie zum Feſte geladen, deſſen Zuneigung ſich jetzt von Bella auf Lavinia zu übertragen im Begriff war, und den Lavinia— wahrſcheinlich in der Erinnerung an ſeinen ſchlechten Geſchmack, ſie zu Anfang überſehen zu haben— einer ſcharfen Disciplin unterwarf. 4 „Ich bringe Ihnen,“ ſagte George Sampſon, der dieſe zierliche Rede auf dem Herwege erſonnen,„meine Glückwünſche zu dieſem Tage, Mrs. Wilfer.“ Mrs. Wilfer dankte ihm mit einem großmüthigen Seufzer und ward dann wieder eine widerſtandsloſe Beute jenes unerforſchlichen Zahnwehs. „Ich bin erſtaunt,“ ſagte Mr. Sampſon ſchwach, „daß Miß Bella zu kochen ſich herabläßt.“ Hier ſtürzte Miß Lavinia ſich mit der zermalmenden Vermuthung auf den unglücklichen jungen Herrn, daß dies ihn jedenfalls nichts angehe. Dies verſetzte Mr. Sampſon in eine melancholiſch gedrückte Stimmung, bis der Cherub anlangte, deſſen Erſtaunen über die Beſchäftigung des wunderſchönen Frauenzimmers groß war. Indeſſen beſtand ſie darauf, daß Mahl ſowohl anzu⸗ richten, als zuzubereiten, und ſetzte ſich dann, latz⸗ und ſchürzenlos, um, als erhabener Gaſt, an demſelben theil⸗ zunehmen, nachdem Mrs. Wilfer ihres Gatten frohes: „Für alle Deine Gaben, o Herr—“ mit einem grabes⸗ düſteren„Amen“ beſchloſſen, das dem kräftigſten Appetit einen Dämpfer aufzuſetzen geeignet war. „Aber was nur,“ ſagte Bella, wie ſie das Tranchiren der Hühner beobachtete,„kann ſie inwendig roſa ausſehen machen, Pa? Iſt es etwa die Gattung?“ „Nein, ich glaube nicht, daß es die Gattung iſt, mein liebes Kind,“ erwiderte Pa.„Ich denke mir viel⸗ mehr, daß ſie nicht genug gebraten ſind.“ „Das ſollten ſie doch wohl ſein,“ ſagte Bella. „Ja, ich weiß, daß ſie es wohl ſein ſollten, mein liebes Kind,“ entgegnete ihr Vater,„aber ſie— ſind's nicht.“ Demzufolge wurde das Röſteiſen hervorgeholt, und der gutmüthige Cherub, der oft in ſeiner eigenen Fa⸗ milie ebenſo uncherubiſch beſchäftigt war, wie wenn er im Dienſte irgend eines der„Alten Meiſter“ geſtanden, übernahm es, die Hühner zu röſten. In der That, außer in Bezug auf das Um⸗ſich⸗Stieren(eine Branche öffentlicher Aemter, der unſer gemalter Cherub im Be⸗ ſondern zugethan) verrichtete dieſer häusliche Cherub ebenſo ungereimte Functionen, wie ſein Urbild; mit dem Unterſchiede, wie wir bemerken müſſen, daß er die Stiefeln der Familie mit der Wichsbürſte bearbeitete, anſtatt auf ungeheueren Blasinſtrumenten und Basgeigen zu ſpielen, und daß er ſich mit einer frohen Munterkeit zudbli machte, anſtatt ſich zu dem unbegreiflichſten Zwecke in der Luft zu verkürzen. Bella war ihm bei dieſem ſupplementariſchen Röſten behülflich und machte ihn ſehr glücklich; verurſachte ihm aber, als ſie ſich wieder an den Tiſch geſetzt, einen tödt⸗ lichen Schrecken, indem ſie ihn fragte, wie man, ſeiner Anſicht nach, wohl für die Diners in Greenwich die Hühner zubereite, und ob er glaube, daß die Diners in 1* 279 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 2 380 Wirklichkeit ſo hübſch ſeien, wie es behauptet werde? Seine heimlichen Winke und Ellbogenſtöße, durch die er ſie zum Schweigen zu bringen wünſchte, machten die muthwillige Bella lachen, daß ſie faſt erſtickte, und La⸗ vinia war genöthigt, ſie auf den Rücken zu klopfen, wo⸗ rauf ſie noch um ſo mehr lachte. Aber ihre Mutter bildete am andern Ende des Tiſches ein vortreffliches Dämpfungsmittel, und ihr Vater richtete ſich in der Unſchuld ſeiner frohen Geſelligkeit von Zeit zu Zeit mit der Frage an Jene:„Meine Liebe, ich fürchte, Du amüſirſt Dich nicht.“ „Warum dies, R. W.?“ war dann die wohltönende Erwiderung. Mun, meine Liebe, weil Du ein wenig verſtimmt ſcheinſt.“ „Durchaus nicht,“ lautete die Antwort in genau dem⸗ ſelben Tone. „Soll ich Dir ein Bruſtbein geben, meine Liebe?“ „Ich danke Dir. Gieb mir gefälligſt, was Dir be⸗ liebt, R. W.“ „Aber, meine Liebe, iſſeſt Du es gern?“ „Ich eſſe es ebenſo gern, wie alles Andere, R. W.“ Worauf die majeſtätiſche Frau mit einer verdienſtvollen Miene der Aufopferung fürs allgemeine Beſte ihre Mahl⸗ zeit fortſetzte, wie wenn ſie aus hohen öffentlichen Grund⸗ ſätzen eine ganz andere Perſon fütterte. Bella hatte das Deſſert und zwei Flaſchen Wein mit⸗ gebracht und goß hierdurch einen beiſpielloſen Glanz über das Feſt aus. Mrs. Wilfer machte die Honneurs des erſten Glaſes, indem ſie proclamirte:„R. W., ich trinke auf Dein Wohlſein.“ „Ich danke Dir, meine Liebe. Deinige.“ 1 „Auf's Wohl des Pa und der Ma!“ rief Bella. „Erlaube,“ unterbrach ſie Mrs. Wilfer mit ausge⸗ ſtrecktem Handſchuh.„Nein. Ich denke nicht. Ich trank auf das Wohl Deines Papas. Wenn Du indeſſen darauf beſtehſt, mich hierin mit einzuſchließen, darf ich na⸗ türlich aus Dankbarkeit keine Einwendung dagegen er⸗ heben.“ „Ei, du lieber Himmel, Ma!“ rief Lavy, die Kühne, „iſt dies nicht der Tag, an dem Du und der Pa Eins wurden? Es geht wahrlich über meine Geduld!“ „Durch welchen andern Umſtand der Tag ſich immer vor andern auszeichnen mag, ſo iſt es doch nicht ein Tag, Lavinia, an dem ich einem meiner Kinder geſtatten will, mich anzufahren. Ich erſuche Dich— nein, ich befehle Dir!— daß Du mich nicht anfährſt. R. W., es iſt angemeſſen, uns daran zu erinnern, daß es Dir obliegt zu befehlen, und mir, zu gehorchen. Es iſt dies Dein Haus, und Du biſt Herr an Deinem eigenen Tiſche. Unſer Beider Wohlſein!“ Hiermit trank ſie mit ungeheurer Steifheit den Toaſt. „Ich fürchte wirklich, meine Liebe,“ ſagte der Cherub demuthsvoll,„daß Du Dich nicht amüſirſt?“ „Im Gegentheil,“ entgegnete Mrs. Wilfer,„voll⸗ kommen. Warum wohl nicht?“ „Ich glaubte, meine Liebe, daß vielleicht Dein Ge⸗ ſicht. „Mein Geſicht iſt vielleicht ein Märtyrerthum, aber was hat das zu ſagen, oder wer wird dies wiſſen, ſo lange ich lächle?“ 5 Und ſie lächelte; wodurch ſie Mr. Georg Sampſon augenſcheinlich das Blut in den Adern erſtarren machte. Denn dieſer junge Herr war, da ſein Blick ihrem lächeln⸗ den Auge begegnete, über den Ausdruck deſſelben ſo ent⸗ ſetzt, daß er ſein Gewiſſen fragte, was er nur gethan habe, um dieſe Strafe auf ſich zu ziehen. Und 1ih ani das „An einem Tage wie der heutige,“ ſagte Mrs. Wilfer,„verſinkt der Geiſt natürlicherweiſe in eine— ſoll ich ſagen in eine Reverie, oder ſoll ich ſagen in einen Rückblick?“ Lavy, die mit trotzig verſchlungenen Armen daſaß, erwiderte(doch nicht hörbar):„Ums Himmels willen ſage, was von beiden Dir am beſten gefällt, Ma, und komm' damit zu Ende.“ „Der Geiſt,“ fuhr Mrs. Wilfer in redneriſcher Weiſe fort,„wendet ſich natürlicherweiſe dem Papa und der Mama— ich will hiermit meine Eltern gemeint haben — zu einem Zeitpunkte zu, der weit hinter dem früheſten Erwachen dieſes Tages liegt. Ich wurde groß gefunden. Vielleicht war ich es. Der Papa und die Mama waren unfraglich groß. Ich habe ſelten oder nie eine ſchönere Frau geſehen als meine Mutter, oder als meinen Vater.“ Die unbezwingliche Lavinia ſagte laut:„Was der Großpapa immer ſein mochte, er war jedenfall keine Frau.“ „Dein Großpapa,“ entgegnete Mrs. Wilfer mit einem fürchterlichen Blicke und in fürchterlichem Tone,„war das, als was ich ihn beſchrieben habe, und würde jedes ſeiner Enkelkinder, das ſich dies in Frage zu ziehen an⸗ gemaßt, zu Boden geſchlagen haben. Eine der liebſten Hoffnungen der Mama war die, daß ich mich mit einem großen Mitgliede der menſchlichen Geſellſchaft vermählen würde. Es mag dies eine Schwäche geweſen ſein, doch falls dem ſo war, ſo war es, wenn ich nicht irre, eben⸗ falls die Schwäche des Königs Friedrich von Preußen.“ Da dieſe Bemerkungen an Mr. George Sampſon gerich⸗ tet waren, der nicht den Muth hatte, ſich zu dem Zwei⸗ kampfe zu ſtellen, ſondern ſeine Bruſt unter den Tiſch und die Augen zu Boden ſenkte, fuhr Mrs. Wilfer in einem Tone zunehmender Strenge und Nachdrücklichkeit fort, um jenen Feigling zum Herauskommen zu zwingen: „Die Mama hatte, wie es ſcheint, eine unbeſtimmte Ah⸗ nung von dem was ſich ſpäter ereignete, denn ſie drang häufig mit der Bitte in mich: ‚„Nimm keinen kleinen Mann. Verſprich mir's, mein Kind, keinen kleinen Mann. Heirathe nie, nie, niemals einen kleinen Mann!' Der Papa pflegte ebenfalls zu mir zu ſagen(er beſaß außer⸗ ordentlichen Humor): ‚Eine Familie von Walkffiſchen ſolle ſich nicht mit Sprotten vermählen.“ Seine Geſellſchaft war, wie Sie ſich denken können, von den geiſtreichen Leuten jener Zeit eifrig geſucht, und dieſe waren beſtän⸗ dige Gäſte in unſerem Hauſe. Ich habe dort zuweilen nicht weniger als drei Kupferſtecher zugleich einander an Witz überbieten hören.“(Hier gab Mr. Sampſon ſich gefangen und ſagte, indem er ſich unbehaglich auf ſeinem Seſſel bewegte, Drei ſei eine große Anzahl, und es müſſe außerordentlich unterhaltend geweſen ſein.)„Unter den hervorragendſten Mitgliedern jenes ausgezeichneten Kreiſes befand ſich ein Herr, welcher ſechs Fuß vier Zoll maß. Dieſer war kein Kupferſtecher.“(Hier ſagte Mr. Sampſon ohne irgend einen erdenklichen Grund:„Na⸗ türlich nicht.“)„Dieſer Herr war ſo gütig, mich durch Aufmerkſamkeiten auszuzeichnen, die zu verſtehen ich nicht umhin konnte.“(Hier murmelte Mr. Sampſon, ſobald es ſoweit gekommen, könne man es ſtets verſtehen.) „Ich kündigte augenblicklich meinen Eltern an, daß jene Aufmerkſamkeiten bei mir nicht angebracht ſeien, und daß ich ſeine Bewerbung nicht zu begünſtigen im Stande. Sie fragten, ob er mir zu groß ſei? Ich erwiderte, es ſei nicht die Größe ſeiner Geſtalt, ſondern die ſeines Geiſtes, die mir zu erhaben ſcheine. ſagte ich, herrſche ein zu glänzender Ton, ein zu hoher geiſtiger Flug, als daß ich, ein bloßes Weib, denſelben In unſerem Hauſe, — — 381 — im häus ſei. Hände! Mann? uf ſei Haupt.) es in ei krfte: ſie in ich es ſagte fürchte Mona Inner lic, düſtere Mr. Auge f originel ahnunge und ſch an ſein ren S. angenel Denn von M noch d welche ihm n zu be derun behan Anm erhobe Verw er ſich Scha Herre den aur daß beſor C .». hiermi 9 ‿ wieden 3 feſter tröſte er, a mit — 380+ te Mra eine— in einen daſaß, len ſage, komm' eer Weſſe und der haben rüheſten gefunden. da waren ſchönere meinen 1228 Las der Il keine nit einem e,„war dde jedes ehen an⸗ liebſten nit einem ermählen in, doch e, eben⸗ reußen.“ n Rrrich⸗ m Zwei⸗ en Tiſch ie drang kleinen (n Mann. n! Der ß außer⸗ ſchen ſolle eſellſchaft eiſtreichen in beſtän⸗ zuweilen ander an pſon ſich ſeinem erſtehen.) daß jene und daß Stande. iderte, es je ſeines m Hauſe zu hoher denſelben es müſſe V 381 im häuslichen Alltagsleben aufrecht zu erhalten im Stande ſei. Ich erinnere mich deutlich, wie die Mama die Hände rang und ausrief: ‚Dies wird in einen kleinen Mann enden!«““(Hier warf Mr. Sampſon einen Blick auf ſeinen Wirth und ſchüttelte niedergeſchlagen das Haupt.)„Sie ging ſpäter ſo weit, zu prophezeihen, daß es in einen kleinen Mann enden werde, deſſen Geiſtes⸗ kräfte von untergeordneter Beſchaffenheit, doch dies ſagte ſie in einem Paroxismus mütterlicher Enttäuſchung, wie ich es wohl nennen darf. Innerhalb eines Monats,“ ſagte Mrs. Wilfer in tieferem Tone, wie wenn ſie eine fürchterliche Geſpenſtergeſchichte erzählte,„innerhalb eines Monats ſah ich zum erſten Male R. W., meinen Gatten. Innerhalb eines Jahres heirathete ich ihn. Es iſt natür⸗ lich, daß der Geiſt ſich an dem heutigen Tage ſolche düſtere Zufälle zurückruft.“ Mr. Sampſon, der ſich endlich von Mrs. Wilfer's Auge freigegeben ſah, athmete tief auf und machte die originelle und treffende Bemerkung, daß derartige Vor⸗ ahnungen unerklärlich ſeien. R. W. kratzte ſich den Kopf und ſchaute abbittend ſich rings am Tiſche um, bis er an ſeine Gattin kam, wo er, da er ſie in einem dunkle⸗ ren Schleier denn je erblickte, abermals zu ihr ſagte: „Meine Liebe, ich fürchte wirklich, daß Du Dich nicht gründlich amüſirſt?“ Warauf ſie abermals erwiderte: „Im Gegentheil, R. W. Vollkommen.“ Die Lage des unglücklichen Mr. Sampſon bei dieſem angenehmen Feſte war eine wahrhaft bejammernswerthe. Denn er war nicht allein vertheidigungslos den Reden von Mrs. Wilfer ausgeliefert, ſondern erfuhr außerdem noch die verachtungsvollſte Behandlung von Miß Lavinia; welche theils um Bella zu zeigen, daß ſie(Lavinia) mit ihm machen könne, was ſie wolle, theils um ihn dafür zu beſtrafen, daß er noch immer eine ſichtliche Bewun⸗ derung für Bella's Schönheit hegte, ihn wie einen Hund behandelte. Auf der einen Seite durch die majeſtätiſche Anmuth von Mrs. Wilfer's Rednerkunſt in helles Licht erhoben, und auf der andern durch die fortwährenden Verweiſe und das Stirnrunzeln der jungen Dame, der er ſich in ſeiner Verarmung gewidmet hatte, in tiefen Schatten verſenkt, gewährten die Leiden dieſes jungen Herrn einen betrübenden Anblick. Falls ſein Geiſt für den Augenblick darunter zu wanken anfing, können wir zur Entſchuldigung der Schwäche deſſelben nur ſagen, daß es von Natur ein knieſchüſſiger Geiſt war, der nie beſonders feſt auf den Beinen ſtand. In dieſer Weiſe verfloſſen die roſigen Stunden, bis es Zeit war, daß Bella ſich vom Pa heim geleiten ließ. Nachdem die Grübchen wie ſich's gehörte in den Hut ein⸗ gebunden und das Abſchiednehmen vorüber war, traten ſie an die Luft hinaus, und der Cherub athmete tief auf wie wenn er es erfriſchend fände. „Nun, lieber Pa,“ ſagte Bella,„der Jahrestag kann hiermit als vorüber betrachtet werden.“ „Ja, mein liebes Kind,“ erwiderte der Cherub wieder einer hinter uns.“ Bella zog, indem ſie weiter ſchritten, ſeinen Arm feſter durch den ihrigen und pätſchelte denſelben mit tröſtendem Händchen.„Danke, mein Herzchen,“ ſagte er, als ob ſie geſprochen hätte;„'s iſt Alles in Ordnung mit mir. Nun, und wie ergeht es Dir, Bella?“ „Ich habe mich nicht im Mindeſten gebeſſert, Pa.“ „Wirklich nicht?“ „Nein, im Gegentheil, Pa. Ich bin ſchlechter.“ „Meine Güte!“ ſagte der Cherub. „Ich bin ſchlechter, Pa. Ich mache ſo viele Berech⸗ nungen, wie hoch ſich meine jährlichen Einkünfte belau⸗ fen müſſen, wenn ich heirathe, und wie viel das Niedrigſte 1 's liegt 7„ Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 382 iſt, womit ich mich behelfen kann, daß ich bereits Run⸗ zeln über der Naſe bekomme. Haſt Du heute Abend Runzeln über meiner Naſe bemerkt, Pa?“ Da der Pa hierüber lachte, ſchüttelte Bella ihn ein paarmal. „Du wirſt nicht lachen, Sir, wenn Du Dein wun⸗ derſchönes Frauenzimmer häßlich werden ſiehſt. Du magſt Dich lieber zu rechter Zeit darauf vorbereiten, kann ich Dir ſagen. Ich werde nicht mehr lange im Stande ſein, meine Geldgier aus meinen Augen fern zu halten, und wenn Du dieſelbe dort ſiehſt, wird es Dir leid thun, und es wird Dir damit recht geſchehen, weil Du Dich nicht zu rechter Zeit wollteſt warnen laſſen. Nun, Sir, wir machten ein Vertrauensbündniß. Haſt Du mir Etwas mitzutheilen?“ „Ich glaubte, daß Du mir Mittheilungen machen ſollteſt, mein liebes Kind?“ „O, wirklich, Sir, das glaubteſt Du? Warum haſt Du mich da nicht gefragt, ſowie wir herauskamen? Das Vertrauen eines wunderſchönen Frauenzimmers darf man nicht ſo geringſchätzig behandeln. Indeſſen will Dir für diesmal vergeben, und ſchau her, Pa, dies“— hierbei legte Bella den kleinen Zeigefinger ihrer rechten Hand auf ihre Lippen und dann auf die Lippen ihres Vaters —„iſt ein Kuß für Dich. Und jetzt werde ich Dir allen Ernſtes— laß ſehen wie viele— vier Geheimniſſe an⸗ vertrauen. Gieb Acht! Ernſte, gewichtige Geheimniſſe, die wir ſtreng unter uns bewahren müſſen.“ „Nummero Eins, mein Kind?“ ſagte ihr Vater, ihren Arm feſter und vertraulich unter den ſeinigen drückend. „Nummero Eins, Pa,“ ſagte Bella,„wird Dich elek⸗ triſiren. Wer, glaubſt Du wohl,“ ſie war hier, unge⸗ achtet der fröhlichen Art und Weiſe, in der ſie ange⸗ fangen, ein wenig verwirrt,„hat mir einen Antrag ge⸗ macht?“ Pa ſchaute in ihr Geſicht, ſchaute auf den Boden, ſchaute nochmals in ihr Geſicht und erklärte, daß er es nicht zu errathen im Stande ſei. „Mr. Rokeſmith.“ „Was Du ſagſt, mein liebes Kind!“ „Miſ—ter— Roke— ſmith, Pa,“ ſagte Bella, des Nachdrucks wegen die Silben von einander trennend. „Was ſagſt Du dazu?“ Pa erwiderte ruhig mit der Gegenfrage:„Was ſagteſt Du dazu, mein liebes Kind?“ „Ich ſagte Nein,“ entgegnete Bella ſcharf.„Das verſteht ſich.“ „Ja. Das verſteht ſich,“ ſagte ihr Vater nach⸗ denklich. „Und ich ſagte ihm, warum ich dies von ſeiner Seite als einen Vertrauensmißbrauch und als eine Beleidigung gegen mich betrachte,“ ſagte Bella. „Ja. Allerdings. Ich bin in der That erſtaunt. Es nimmt mich Wunder, daß er ſich compromittirte, ohne ſich zuvor von ſeinen Ausſichten zu überzeugen. Doch, da ich jetzt daran denke, vermuthe ich, daß er ſtets eine große Bewunderung für Dich gehegt hat, meine Liebe.“ „Ein Fiakerkutſcher mag mich ebenfalls bewundern,“ ſagte Bella mit einem Anfluge von der Majeſtät ihrer Mutter.. „Das iſt höchſt wahrſcheinlich, meine Liebe. Nummero Zwei, mein liebes Kind?“ „Nummero Zwei, Pa, läuft ziemlich auf daſſelbe hinaus, obgleich es nicht völlig ſo ungereimt iſt. Mr. Lightwood würde mir einen Antrag machen, wenn ich ihn dazu kommen ließe.“ Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 384 „Ich entnehme daraus, meine Liebe, daß Du ihn nicht dazu kommen zu laſſen beabſichtigſt?“ Da Bella hierauf mit ihrer früheren Nachdrücklich⸗ keit erwiderte:„Ei, natürlich nicht!“ fühlte ihr Vater ſich verpflichtet, im Wiederhall ebenfalls: nicht“ zu ſagen. „Er gefällt mir nicht,“ ſagte Bella. „Das genügt,“ unterbrach ihr Vater ſie. „Nein, Pa, das genügt nicht,“ erwiderte Bella, ihn abermals ein paarmal ſchüttelnd.„Habe ich Dir nicht geſagt, welch ein geldgieriges kleines Ungeheuer ich bin? Es genügt nur dann, wenn er kein Geld hat und keine Clienten und keine Ausſichten und Garnichts, außer Schulden.“ „Ah!“ ſagte der Cherub, ein wenig niedergeſchlagen. „Nummero Drei, meine Liebe?“ „Nummero Drei, Pa, iſt etwas Beſſeres. Etwas Großmüthiges, etwa Edles, etwas Herrliches. Mrs. Boffin hat mir ſelbſt mit ihren eigenen Lippen— und aufrichtigere Lippen haben ſich in dieſem Leben nie ge— öffnet, davon bin ich überzeugt— und im Vertrauen geſagt, daß ſie mich gut verheirathet zu ſehen wünſchen, und daß ſie, wenn ich mich nach ihrem Beifalle ver⸗ heirathe, mir eine reichliche Ausſtattung geben wollen.“ Hier brach das dankbare Kind in einen herzlichen Thrä⸗ nenſtrom aus. „Weine nicht, mein Herzenskind,“ ſagte ihr Vater, mit der Hand an den Augen;„es iſt bei mir wohl zu entſchuldigen, wenn ich mich bei dem Gedanken ein we⸗ nig übermannt fühle, daß mein Lieblingstöchterchen nach all ihren bitteren Enttäuſchungen ſo ſchön verſorgt und in der Welt ſo hoch erhoben werden ſoll; aber Du, Du mußt nicht weinen. Ich bin ſehr dankbar. Ich wunſche Dir von ganzem Herzem Glück, mein liebes ind.“ Wie der gute kleine Menſch ſich hier die Augen trocknete, ſchlang Bella ihren Arm um ſeinen Nacken und küßte ihn auf offener Straße, wobei ſie leidenſchaft⸗ lich erklärte, daß er der beſte aller Väter und der beſte aller Freunde ſei, und daß ſie an ihrem Hochzeitmorgen vor ihm auf die Kniee ſinken und ihn um Vergebung bitten wolle, daß ſie ihn je geärgert und jemals gegen den Werth eines ſo geduldigen, theilnehmenden, liebenden, friſchen jugendlichen Herzens unempfindlich geweſen. Bei jedem einzelnen dieſer Adjectiva verdoppelte ſie ihre Küſſe und ſchließlich küßte ſie ihm den Hut ab, und lachte hell und laut, wie der Wind denſelben ergriff und er ihm nachzulaufen genöthigt war. Als er den Hut eingefangen und wieder zu Athem gekommen war, und ſie wieder neben einander weiter⸗ gingen, ſagte der Vater:„Nummero Vier, meine Liebe?“ Bella's Geſicht trübte ſich plötzlich inmitten ihrer Heiterkeit.„Alles wohl überlegt, iſt es vielleicht beſſer, wenn ich Nummero Vier noch verſchiebe, Pa. Laß mich, wenn auch nur auf kurze Zeit, noch einmal hoffen, daß es nicht der Fall ſein möge.“ Die Veränderung in ihrem Geſichte vergrößerte das Intereſſe des Cherubs, und er ſagte ruhig:„Daß es nicht der Fall ſein möge, meine Liebe? Daß was nicht der Fall ſein möge?“ 4 zen ſchaute ihn nachdenklich an und ſchüttelte den opf.. „Und dennoch weiß ich ſehr wohl, daß es der Fall iſt, Pa. Ich weiß es nur zu wohl.“ „Mein liebes Herz,“ erwiderte ihr Vater,„Du machſt mich ganz beſorgt. Haſt Du zu noch ſonſt Jemandem Nein geſagt?“ „Nein, Pa.“ „Natürlich „Ja, zu irgend Jemandem?“ fragte er, die Augenbrauen emporziehend. „Nein, Pa.“ „Giebt es noch ſonſt Jemand, der es auf Ja oder Nein ankommen laſſen würde, wenn Du es ihm ge⸗ ſtatteteſt?“ „Nicht daß ich wüßte, Pa.“ „Es kann doch nicht etwa Jemand geben, dem Du die Chance zu bieten geneigt wärſt, und der ſich dieſelbe nicht zu nutze machen will?“ ſagte der Cherub, als letzte Reſſource. „Ei, natürlich nicht, Pa,“ ſagte Bella, ihn nochmals ein paarmal ſchüttelnd. „Nein, natürlich nicht,“ ſagte er beiſtimmend.„Meine liebe Bella, ich fürchte, ich muß mich entweder dieſe Nacht ohne Schlaf behelfen, oder Dich bitten, mir Nummero Vier mitzutheilen.“ „O, Pa, es iſt nichts Gutes in Nummero Vier. Es thut mir ſo leid, ich will es ſo ungern glauben, ich habe ſo ernſtlich verſucht, es nicht zu ſehen, daß es ſehr ſchwer zu ſagen iſt, ſelbſt um es Dir mitzutheilen. Aber Mr. Boffin fängt an durch ſein Glück verdorben zu werden und verändert ſich mit jedem Tage.“ „Meine liebe Bella, das hoffe ich nicht!“ „Ich habe ebenfalls gehofft, daß es nicht der Fall ſein möge, Pa; aber er wird mit jedem Tage ſchlimmer und ſchlimmer. Nicht gegen mich— er iſt gegen mich noch ſtets ſo ziemlich derſelbe— aber gegen Andere um ihn her. Er wird vor meinen Augen argwöhniſch, launiſch, hart, tyranniſch und ungerecht. Falls je ein guter Mann durch das Glück verdorben ward, ſo iſt dies mein Wohl⸗ thäter. Und dennoch, Pa, denke nur, wie fürchterlich der Zauber des Geldes iſt! Ich ſehe dies und haſſe es und fürchte es, und weiß nicht, ob nicht das Geld in mir eine noch weit ſchlimmere Veränderung hervorbringen würde. Und dennoch iſt das Geld der Gegenſtand aller meiner Gedanken und Wünſche; und das ganze Leben, das ich mir auszumalen verſuche, beſteht aus nichts als Geld, Geld, Geld und was das Geld aus dem Leben zu machen im Stande iſt!“ Fünftes Capitel. Der Goldene Kehrichtmann geräth in ſchlechte Geſellſchaft. Machte Bella Wilfer's ſcharfer kleiner Verſtand ein Verſehen, oder kam der Goldene Kehrichtmann wilrklich als Schlacke aus dem Schmelzofen hervor, in dem er er⸗ probt ward? Schlimme Nachrichten fliegen ſchnell. Wir werden dies bald erfahren. An demſelben Abend, an dem Bella von der Jahres⸗ tagsfeier zurückkehrte, ereignete ſich zufällig Etwas, das Bella aufmerkſam mit Augen und Ohren beobachtete. Es befand ſich auf der einen Seite des Boffin'ſchen Palaſtes ein Gemach, das als Mr. Boffin's Zimmer be⸗ kannt war. Weit weniger prachtvoll als der übrige Theil des Hauſes, war daſſelbe bei weitem behaglicher, und es herrſchte hier eine ſchmuckloſe Gemüthlichkeit, die der Tapezierer⸗Despotismus dorthin verbannt, als er uner⸗ bittlich Mr. Boffin's Gnadenflehen für andere Gemächer abgewieſen. So war es gekommen, daß daſſelbe ſich, obgleich eine nur beſcheidene Lage einnehmend— denn die Fenſter gingen auf Silas Wegg's alte Ecke— und ohne Prätenſionen auf Sammet, Atlas und Vergoldungen, eine hã bequeul und we lichen denſelbe M Rückkel eintrat ſcheine einige auf d brann Lehnſ gegeni S 1 K Miene Anwe gekon 384 g enbrauen Ja oder ihm ge⸗ nochmals d.„Meine Nacht Nuu Nummero Vier. Es ich habe iht ſchwer Aber Mr. zu werden der Fall ſchlimmer ere um launiſch, Soffun ſu zimmer be⸗ brige Theil er, und e die der 6 er uner⸗ Gemäͤcher affelbe ſich 44— und goldungen, — d— denll eine häusliche Stellung gebildet, gleichartig mit der eines bequemen Schlafrocks oder eines Paares Morgenſchuhe; und wenn die Familie einmal einen beſonders gemüth⸗ lichen Abend am Kamine zubringen wollte, genoß ſie denſelben, wie ſelbſtverſtändlich, in Mr. Boffin's Zimmer. Mr. und Mrs. Boffin waren, wie Bella bei ihrer Rückkehr unterrichtet wurde, in dieſem Zimmer. Als ſie eintrat, fand ſie den Secretär ebenfalls dort, dem An⸗ ſcheine nach in officiellen Angelegenheiten, denn er ſtand, einige Papiere in der Hand haltend, an einem Tiſche, auf dem ein Paar durch Lichtſchirme verdunkelte Kerzen brannten, und an dem Mr. Boffin ſich bequem in einen Lehnſeſſel zurücklehnte. 3 „Sie ſind beſchäftigt, Sir,“ ſagte Bella, an der Thür zögernd. „Durchaus nicht, meine Liebe, durchaus nicht. Du gehört ganz zu uns. Wir betrachten Dich nie als einen Gaſt. Komm herein, komm herein. Die alte Dame ſitzt hier an ihrem gewohnten Platz.“ Da Mis. Boffin ihr bewillkommnendes Kopfnicken und Lächeln Mr. Boffin's Worten hinzufügte, ging Bella mit ihrem Buche zu einem Seſſel in der Kaminecke neben Mrs. Boffin's Arbeitstiſche. Mr. Boffin ſaß ihnen gegenüber. „Nun, Rokeſmith,“ ſagte der Goldene Kehrichtmann, indem er, um deſſen Aufmerkſamkeit zu erwecken, ſo ſcharf auf den Tiſch klopfte, daß Bella zuſammenſchrak, wie ſie die Blätter in ihrem Buche umſchlug;„wo waren wir?“ „Sie ſagten eben,“ erwiderte der Secretär mit einer Miene des Widerſtrebens und einem Blicke auf die übrigen Anweſenden,„Sie ſeien der Anſicht, daß der Augenblick gekommen, um meinen Gehalt feſtzuſtellen, Sir.“ „Seien Sie nicht darüber erhaben, es Lohn zu nen⸗ nen, Menſch,“ ſagte Mr. Boffin gereizt.„Zum Henker! Ich ſprach nie von meinem Gehalte, als ich noch im Dienſte war.“ „Meinen Lohn,“ ſagte der Secretär, ſich verbeſſernd. „Rokeſmith,“ bemerkte Mr. Boffin, ihn von der Seite betrachtend,„ich hoffe, Sie ſind nicht ſtolz?“ „Ich hoffe nicht, Sir.“ „Denn ich war dies nie, als ich noch arm war,“ ſagte Mr. Boffin.„Armuth und Stolz paſſen ganz und gar nicht zuſammen. Merken Sie ſich das. Wie können ſie wohl zuſammen paſſen? Es iſt völlig einleuchtend. Ein Menſch, der arm iſt, hat nichts, auf das er ſtolz ſein könnte. Es iſt Unſinn.“ Der Secretär ſchien ihm mit einer leichten Neigung des Kopfes und einer Miene des Erſtaunens hierin bei⸗ zuſtimmen, indem er die Sylben des Wortes„Unſinn“ mit den Lippen bildete. „Nun alſo, was dieſen beſagten Lohn betrifft,“ fuhr Mr. Boffin fort.„Setzen Sie ſich.“ Der Secretär ſetzte ſich. „Warum ſetzten Sie ſich nicht ſchon früher?“ fragte Mr. Boffin mißtrauiſch.„Ich hoffe, das geſchah nicht aus Stolz? Doch um wieder auf den Lohn zu kommen. Ich habe mir die Sache überlegt, und ich ſage zwei⸗ hundert Pfund. Was ſagen Sie dazu? Finden Sie es genug?“ „Ich danke Ihnen. Es iſt ein billiger Vorſchlag.“ „Ich ſage nicht, wiſſen Sie,“ ſtipulirte Mr. Boffin, „daß es nicht vielleicht mehr als genug iſt. Und ich will Ihnen ſagen warum, Rokeſmith. Ein Mann von Ver⸗ mögen, wie ich, hat die Verpflichtung, den Marktpreis zu berückſichtigen. Ich ließ mich anfangs hierauf nicht ſo ſehr ein, als ich es wohl hätte thun ſollen; aber ich habe ſeitdem die Bekanntſchaft anderer Leute von Ver⸗ Boz, Unſer gemeinſthaftlicher Freund. mögen gemacht und mich von den Pflichten des Reich⸗ thums unterrichtet. Ich darf den Marktpreis nicht in die Höhe treiben, weil das Geld zufälligerweiſe kein Gegenſtand für mich iſt. Ein Schaf iſt auf dem Markte ſo und ſo viel werth, und ich darf nur ſoviel und nicht mehr dafür zahlen. Indeſſen kommt mir's nicht darauf an, wenn ich Ihretwegen ein wenig aus dem Wege gehe. „Sie ſind ſehr gütig, Mr. Boffin,“ ſagte der Secre⸗ tär mit Anſtrengung. „Dann nennen wir die Summe alſo zweihundert Pfund das Jahr,“ ſagte Mr. Boffin.„Und damit wäre die Summe abgethan. Jetzt darf aber kein Mißver⸗ ſtändniß darüber walten, was ich mir für zweihundert Pfund das Jahr kaufe. Wenn ich für ein Schaf zahle, ſo kaufe ich daſſelbe ganz und gar. Ebenſo, wenn ich für einen Secretär zahle, ſo kaufe ich ihn ganz und gar.“ „Mit andern Worten, Sie kaufen alle meine Zeit?“ „Sicherlich thu' ich das. Schaun Sie her,“ ſagte Mr. Boffin,„'s iſt nicht, daß ich all Ihre Zeit in An⸗ ſpruch nehmen will; Sie können hin und wieder, wenn Sie nichts zu thun haben, immer auf ein paar Minuten ein Buch in die Hand nehmen, obgleich ich der Anſicht bin, daß Sie faſt beſtändig etwas Nützliches zu thun finden koönnten. Aber ich wünſche, Sie zur Hand zu haben. Es iſt bequem für mich, Sie zu jeder Zeit im Hauſe bei der Hand zu haben, deshalb erwarte ich Sie von Ihrem Frühſtück bis zu Ihrem Nachteſſen im Hauſe zu finden.“ Der Secretär verbeugte ſich. „In früherer Zeit, als ich ſelbſt noch im Dienſte war,“ ſagte Mr. Boffin,„konnte ich nicht nach Luſt und Vergnügen umherlaufen, und Sie werden nicht erwarten, daß Sie nach Luſt und Vergnügen umherlaufen können. Sie haben kürzlich ein wenig dieſe Gewohnheit ange⸗ nommen; aber dies geſchah vielleicht in Ermangelung eines genauen Verſtändniſſes zwiſchen uns. Jetzt laſſen Sie uns zu einem entſchiedenen Einverſtändniſſe kommen, und daſſelbe ſei, daß Sie, wenn Sie deſſen bedürfen, um Urlaub bitten.“ Der Secretär verbeugte ſich abermals. Sein Weſen verrieth einiges Unbehagen, Erſtaunen und ein Gefühl der Demüthigung. „Ich will in dieſem Zimmer,“ ſagte Mr. Boffin, „eine Klingel anbringen laſſen, die mit dem Ihrigen in Verbindung ſteht, und wenn ich Ihrer bedarf, dieſelbe ziehen. Ich erinnere mich nicht, daß ich gegenwärtig ſonſt noch Etwas hinzuzufügen wünſchte.“ Der Secretär erhob ſich, nahm ſeine Papiere auf und verließ das Zimmer. Bella's Augen folgten ihm bis an die Thür, fielen dann auf Mr. Boffin, der ſich wohlgefällig in ſeinem Seſſel zurücklehnte, und ſenkten ſich wieder auf ihr Buch. „Ich habe jenem Burſchen, meinem jungen Menſchen dort, erlaubt, ſich über ſeine Arbeit erhaben zu dünken,“ ſagte Mr. Boffin, im Zimmer auf und ab trabend. „Es geht nicht. Ich muß ihn wieder herunterbringen. Ein Mann von Vermögen hat Pflichten gegen andere Leute von Vermögen und muß ſeinen Untergebenen auf die Finger ſehen.“ Bella fühlte, daß es Mrs. Boffin nicht behaglich ſei und daß die Augen dieſes guten Geſchöpfes auf ihrem Geſichte zu entdecken ſuchten, ob ſie dieſem Geſpräche ihre Aufmerkſamkeit geſchenkt und welchen Eindruck daſ⸗ ſelbe auf ſie gemacht habe. Deshalb heftete Bella die Augen noch aufmerkſamer auf ihr Buch und wandte mit einer Miene der tiefſten Verſunkenheit in daſſelbe das Blatt um. „Noddy,“ ſagte Mrs. Boffin, nachdem ſie eine ge⸗ dankenvolle Pauſe in ihrer Arbeit gemacht. Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 25 „Meine Liebe,“ ſagte der Goldene Kehrichtmann, ſeinen Trab einſtellend. „Verzeih mir, daß ich es Dir vorſtelle, Noddy, aber wirklich! warſt Du heute Abend nicht ein wenig ſtrenge gegen Mr. Rokeſmith? Warſt Du nicht ein wenig— nur ein ganz klein wenig— nicht ganz Dein altes Selbſt?“ „Ei, meine Alte, das hoffe ich,“ erwiderte Mr. Boffin fröhlich, wo nicht gar prahlend. „Hoffſt es, Liebſter?“. „Unſer altes Selbſt würde hier nicht herpaſſen, alte Dame. Haſt Du das noch nicht entdeckt? Unſer altes Selbſt würde hier zu nichts Anderem taugen, als betro⸗ gen und beſtohlen zu werden. Unſer altes Selbſt war kein Mann und keine Frau von Vermögen; wohl aber unſer neues Selbſt; es macht dies einen großen Unter⸗ ſchied.“ „Ah! ſagte Mrs. Boffin, abermals in ihrer Arbeit innehaltend, um einen langen leiſen Seufzer zu thuen und ins Kaminfeuer zu ſchauen.„Ein großer Unter⸗ ſchied.“ 4 „Und wir müſſen uns dem Unterſchiede gewachſen zeigen,“ fuhr ihr Gatte fort; wir müſſen beweiſen, daß wir für die Veränderung tauglich ſind— das müſſen wir. Wir müſſen uns jetzt gegen Jeden zu behaupten wiſſen(denn es ſtreckt Jeder die Hände aus, um die— ſelben in unſere Taſchen zu ſtecken), und müſſen uns erinnern, das Geld— Geld macht, ſo wohl als alles Uebrige.“ „Da Du von Erinnern ſprichſt,“ ſagte Mrs. Boffin, ihre Arbeit vergeſſend, mit den Augen auf dem Feuer und das Kinn in der Hand ſtützend,„erinnerſt Du Dich wohl, Noddy, wie Du, als Mr. Rokeſmith zum erſten Male zu uns nach der„Laube“ kam und Du ihn als Secretair annahmſt— wie Du da zu ihm ſagteſt, daß wir, falls es dem Himmel gefallen, John Harmon ſicher in den Beſitz ſeines Vermögens gelangen zu laſſen, uns vollkommen mit dem einen Hügel, der uns als Ver⸗ mächtniß hinterlaſſen worden, begnügt und nie nach dem Uebrigen verlangt haben würden?“ „Ja, ja, deſſen erinnere ich mich, alte Dame. Aber wir hatten damals noch nicht verſucht, was es hieße, das Uebrige zu beſitzen. Unſere neuen Schuhe waren an⸗ gelangt, aber wir hatten dieſelben noch nicht anprobirt. Jetzt tragen wir ſie, und unſere Schritte müſſen ihnen entſprechen.“ Mrs. Boffin nahm ihre Arbeit wieder auf und nähte ſchweigend weiter. „Was meinen jungen Menſchen, den Rokeſmith, be⸗ trifft,“ ſagte Mr. Boffin mit leiſerer Stimme und einem Blicke auf die Thür, wie wenn er dort Lauſcher be⸗ fürchtete,„ſo iſt es mit ihm Daſſelbe, wie mit den Be⸗ dienten. Ich habe die Entdeckung gemacht, daß man entweder ſie treten oder von ihnen getreten werden muß. Wenn man nicht gebieteriſch gegen ſie iſt, glauben ſie nicht, daß man beſſer iſt als ſie, oder nur ſo gut wie ſie, namentlich nach den Geſchichten(meiſtens Lügen), die ſie darüber gehört, wie man angefangen hat. Man muß ſich entweder ſteif machen oder ſich wegwerfen, darauf kannſt Du Dich verlaſſen, alte Dame.“ Bella wagte einen Augenblick verſtohlen unter ihren Wimpern aufzuſchauen, und ſie ſah eine düſtere Wolke des Argwohns, des Dünkels und der Habgier das einſt ſo offene Geſicht verfinſtern. „Indeſſen,“ ſagte er,„dies iſt nicht ſehr unterhaltend Bella, wie Bella?“ Sie war eine betrügeriſche Bella, wie ſie ihn mit jener abweſenden Miene anſchaute, als ob ihr Kopf voll von dem Buche ſei und ſie kein Wort gehört habe. für Boz, Unſer geteinſchaftlicher Freund. „Durchaus nicht, meine Liebe,“ ſagte Mr. Boffin. „Aber ich finde es ſehr lobenswerth an Dir, daß Du, bei Deiner Jugend, ſchon ſo gut mit der Welt Schritt zu halten verſtehſt und weißt, wonach Du ausſchauen mußt. Du haſt Recht. Schau nach Geld aus, mein liebes Kind. Geld iſt die Sache. Du wirſt Geld aus Deiner Schönheit machen und aus dem Gelde, das Mrs. Boffin und ich Dir als Mitgift zu geben das Vergnügen häben werden, und Du wirſt reich leben und ſterben. Und ſo ſoll man leben und ſterben!“ ſagte Mr. Boffin ſalbungsvoll.„R r— reich!“ In Mrs. Boffin's Geſichte lag ein Ausdruck der Be⸗ kümmerniß, als ſie, nachdem ſie das ihres Gatten beob⸗ achtet, ſich zu ihrem Adoptivkinde wandte und ſagte: „Achte nicht auf ihn, meine liebe Bella.“ „Wie?“ rief Mr. Boffin.„Was! Sie ſoll nicht auf ihn achten?“ „Das meine ich nicht gerade,“ ſagte Mrs. Boffin mit bekümmerter Miene,„ich will damit nur ſagen, halte ihn für nichts Anderes als gut und edel, Bella, denn er iſt der beſte aller Menſchen. Nein, ſo viel muß ich ſagen, Noddy. Du biſt ſtets der beſte aller Menſchen.“ Sie machte dieſe Erklärung, als ob er dagegen proteſtirt hätte, was er ſicherlich nicht im Mindeſten that. „Und was Dich betrifft, meine liebe Bella,“ ſagte Mrs. Boffin noch immer mit jener bekümmerten Miene, „ſo iſt er, was er immer ſagen mag, Dir ſo herzlich zu⸗ gethan, daß Dein eigener Vater keinen größeren Antheil an Dir nehmen und Dich kaum aufrichtiger lieben könnte, als er.“ „Sagen!“ rief Mr. Boffin.„Was er immer ſagen mag! Ei, ich ſage dies ganz offen. Gieb mir einen Kuß, zur Gute⸗Nacht, mein liebes Kind, und laß mich damit beſtätigen, was meine alte Dame ſagt. Ich habe Dich ſehr lieb, mein Kind, und bin ganz und gar Deiner An⸗ ſicht, und Du und ich wollen Sorge tragen, daß Du reich wirſt. Deine Schönheit(auf die ſtolz zu ſein Du alle Urſache haſt, was Du indeſſen nicht biſt, weißt Du) iſt Geldes werth, und Du ſollſt Geld daraus machen. Das Geld, welches ⸗„Du haben wirſt, wird mehr Geld werth ſein, und mit dieſem ſollſt Du noch mehr Geld machen. Es liegt ein goldener Ball zu Deinen Füßen. Gute Nacht, mein liebes Kind.“ Bella war, ohne recht zu wiſſen wie es kam, über dieſe Verſicherung und dieſe Ausſicht nicht ganz ſo er⸗ freut, wie ſie wohl hätte ſein dürfen. Wie ſie Mrs. Boffin umarmte und ihr Gute Nacht wünſchte, ſchöpfte ſie aus dem noch immer bekümmerten Geſichte der guten Frau und aus deren ſichtlichem Wunſche, ihren Gatten Zu entſchuldigen, ein gewiſſes Gefühl der Unwürdigkeit. „Welche Nothwendigkeit, ihn zu entſchuldigen?“ dachte Bella, als ſie ſich in ihrem Zimmer niederſetzte.„Das, was er ſagte, war wirklich ſehr verſtändig und ſehr wahr. Es iſt daſſelbe, was ich oft zu mir ſelber ſage. Gefällt es mir alſo nicht? Nein, es gefällt mir nicht; und ob⸗ gleich er mein großmüthiger Wohlthäter iſt, ſetzt er ſich dadurch bei mir herunter. Dann,“ ſagte Bella, die Frage ſtreng, wie gewöhnlich, an ihr Bild im Spiegel richtend,„möcht' ich wiſſen, was Du hiermit ſagen willſt, Du inconſequentes kleines Unthier?“ — 389 klärung lewahrt andele ihr Lage der nach Polke Sie genprol dieſe⸗ einer Lebela gearbe in die war d Freihe Gattin in Lon ſcloſe uag fü Apwech ein W Haup. ihnen Boffin Famil Reihe ſahen, Interef und we ſich we beſond 5 zu ſac fenſten und? Jett mir, B ſoglei dann den, Jeh Geizl irgen leicht 5 mit währ ein W centri Mit lAleiche Loffi kaufte Nreis auf( ’ ſnen Da Chii ſa, V chen zut drei vierz Loff N. Dergnügen und dllg Ulld ſterbe und ſterben dll nicht auf Boffin gen, halte la, denn er 6„, G ich ſagen, herzlich zu⸗ tren Antheil u könnte, r ſagen inen Kuß, mich damit habe Dich Deiner An⸗ daß Du zu ſein Du weißt Du) aus machen. mehr Geld mehr Geld nen Füßen. kam, über ganz ſo el⸗ e ſie Mrs. ſchöpfte der guten en Gatten ürdigkeit. u?“ dachte e.„Das, ſehr wahr. „Gefällt . und ob⸗ jett er ſih Bella, die m Spiegel anen wilſt Boz, Unſer gemeinſ Da der Spiegel dieſer Aufforderung zu einer Er⸗ klärung gegenüber ein discretes miniſterielles Schweigen bewahrte, ſuchte Bella mit einer Müdigkeit, die eine andere Müdigkeit als das Bedürfniß des Schlafes war, ihr Lager auf. Und am andern Morgen ſchaute ſie wie⸗ der nach der Wolke und dems Immerefinſterer⸗werden der Wolke auf dem Geſichte des Goldenen Kehrichtmannes. Sie war jetzt häufig ſeine Gefährtin auf ſeinen Mor⸗ genpromenaden durch die Straßen geworden, und um dieſe Zeit geſchah es, daß er ſie zur Theilhaberin an einer merwürdigen Beſchäftigung machte. Da er ſein Lebelang in einem einzigen langweiligen, öden Bezirke gearbeitet, fand er eine wahrhaft kindliche Freude daran, in die Schaufenſter der Verkaufsläden zu ſchauen. Es war dies eine der erſten Neuheiten und Seligkeiten ſeiner Freiheit geweſen und es war ebenfalls die Wonne ſeiner Gattin. Viele Jahre lang hatten ſie nur an Sonntagen in London ſpazieren gehen können, wo alle Läden ge⸗ ſchloſſen waren; und als jeder Tag der Woche ein Feier⸗ tag für ſie wurde, fanden ſie an der Pracht und bunten Abwechſelung der in Fenſtern zur Schau geſtellten Sachen ein Vergnügen, das unerſchöpflich ſchien. Als ob die Hauptſtraßen ein großes Theater und das Schauſpiel ihnen neu geweſen, wie Kindern, hatten Mr. und Mrs. Boffin von Anfang an, ſeit Bella ein Mitglied ihrer Familie ausgemacht, fortwährend ihre Plätze in der erſten Reihe eingenommen und, entzückt über Alles was ſie ſahen, kräftig applaudirt. Doch jetzt fing Mr. Boffin's Intereſſe an ſich beſonders auf Buchläden zu richten; und was noch mehr war— denn dies allein würde an ſich wenig zu bedeuten gehabt haben— auf eine einzige, beſondere Art von Büchern. „Schau hier herein, meine Liebe,“ pflegte Mr. Boffin zu ſagen, indem er Bella's Arm vor einem Buchhändler⸗ fenſter einen Druck gab:„Du kannſt vom Blatt leſen, und Deine Augen ſind ebenſo ſcharf, wie ſie klar ſind. Jetzt ſchau Dich wohl überall um, meine Liebe, und ſage mir, ob Du ein Buch über einen Geizhals ſiehſt.“ Wenn Bella ein ſolches Buch fand, ſchoß Mr. Boffin ſogleich in den Laden hinein und kaufte daſſelbe. Und dann ſuchten ſie, als ob ſie jenes Buch gar nicht gefun— den, noch einen Buchladen auf, und Mr. Boffin ſagte: „Jetzt ſchau Dich wohl überall nach dem ‚Leben eines Geizhalſes' oder irgend einem Buche der Art um; nach irgend welchen Büchern von ſeltſamen Leuten, die viel⸗ leicht Geizhälſe waren.“ Bella pflegte dann nach ſolchen erhaltenen Weiſungen mit der größten Aufmerkſamkeit in dem Fenſter zu ſuchen, während Mr. Boffin ihr Geſicht beobachtete. Sowie ſie ein Buch bezeichnete, das entweder„Lebensgeſchichten ex⸗ centriſcher Leute“,„Anecdoten von ſeltſamen Characteren“, „Mittheilungen über merkwürdige Perſonen“ oder der⸗ gleichen betitelt war, erhellte ſich augenblicklich Mr. Boffin's Geſicht, und er ſtürzte in den Laden hinein und kaufte das Buch. Er berückſichtigte dabei weder Umfang, Preis noch Qualität. Jedes Buch, das eine Ausſicht auf Geizhals⸗Geſchichten bot, kaufte Mr. Boffin, ohne einen Augenblick zu zögern, und trug es nach Hauſe. Da er zufällig von einem Buchhändler erfahren, daß ein Theil des„Jahres⸗Regiſters“„Ch. racteren“ gewidmet ſei, kaufte Mr. Boffin ſofort alle Bände dieſes geiſtrei⸗ chen Werkes und begann daſſelbe ſtückweiſe nach Hauſe zu tragen, indem er einen Band an Bella übergab und drei ſelber trug. Dieſe Arbeit beſchäftigte ſie ungefähr vierzehn Tage. Als die Aufgabe verrichtet, fing Mr. Boffin, deſſen Appetit für Geizhälſe, anſtatt geſättigt zu ſein, hierdurch nur noch geſchärft worden, wieder weiter zu ſuchen an. chaftlicher Freund. Es ward ſehr bald unnöthig, Bella zu unterrichten, was ſie ſuchen ſolle, und es fand ein Einverſtändniß zwiſchen ihr und Mr. Boffin ſtatt, daß ſie ſtets nach Lebensgeſchichten von Geizhälſen ausſchaute. Einen Mor⸗ gen nach dem andern wanderten ſie zuſammen in der Stadt umher, um dieſe ſonderbaren Forſchungen fortzu⸗ jetzen. Da die Geizhalsliteratur keine reichhaltige iſt, war das Verhältniß ihrer Erfolge zu ihren Fehlſchlägen wahrſcheinlich wie Eins zu Hundert; doch ermüdete Mr. Boffin nie, ſondern zeigte noch immer dieſelbe Begierde für Geizhälſe, die er zu Anfang gezeigt. Es war ſelt⸗ ſam, daß Bella die Bücher niemals irgendwo im Hauſe erblickte; ebenſowenig hörte ſie Mr. Boffin je ein Wort von dem Inhalte derſelben erwähnen. Er ſchien ſeine Geizhälſe aufzubewahren, wie dieſe ihr Geld aufbewahrt hatten. Ebenſo, wie ſie nach ihrem Gelde gegeizt und mit demſelben geheim geweſen und es verſteckt hatten, geizte auch er nach ihnen, war geheim mit ihnen und verſteckte ſie. Doch war es ohne allen Zweifel bemerk⸗ bar und ward deutlich von Bella bemerkt, daß er, in dem Grade, wie er die Erwerbung dieſer ſchauerlichen Berichte mit der Gluth eines Don QOuixote für ſeine Rittergeſchichten betrieb, mit ſparſamerer Hand ſein Geld auszugeben anfing. Und oft, wenn er mit einer neuen Erzählung von einem jener elenden Verrückten aus einem Buchladen kam, bebte ſie faſt vor dem liſtigen trockenen Lachen zurück, mit dem er ihren Arm nahm und weiter trabte. Dem Anſcheine nach wußte Mrs. Boffin nichts von dieſer eneuen Geſchmacksrichtung. Er erwähnte der⸗ ſelben nie außer während der Morgenſpaziergänge, die er und Bella ſtets allein mit einander machten; und Bella beobachtete, theils in der Vermuthung, daß er ſie ſtillſchweigend in ſein Vertrauen ziehe, theils in der Er⸗ innerung an Mrs. Boffin's bekümmertes Geſicht an jenem Abende dieſelbe Zurückhaltung über den Gegenſtand. Während dieſer Vorgänge machte Mrs. Lammle die Entdeckung, daß Bella einen feſſelnden Einfluß auf ſie habe. Die Lammle's, die urſprünglich von den lieben Veneering's eingeführt worden, beſuchten die Boffin's bei allen großen Gelegenheiten, und Mrs. Lammle hatte dies früher nicht entdeckt; doch jetzt kam ihr ganz plötz⸗ lich dieſe Offenbarung. Es ſei ganz erſtaunlich, ſagte ſie zu Mrs. Boffin; ſie ſei förmlich thöricht empfänglich für die Macht der Schönheit; doch es ſei nicht nur das; ſie ſei nie im Stande geweſen, einer natürlichen Anmuth zu widerſtehen; doch ſei es nicht nur das; es ſei mehr als das, und ſie kenne keinen Ausdruck für den unbe⸗ ſchreiblichen Grad, in dem ſie ſich durch dieſes reizende Mädchen bezaubert fühle. Da Mrs. Boffin(die ſtolz darauf war, ſie bewun⸗ dert zu ſehen und Alles gethan haben würde, um ihr Vergnügen zu machen) dieſe Worte dem reizenden Mäd⸗ chen hinterbrachte, erkannte letzteres natürlich in Mrs. Lammle eine Frau von Verſtand und Geſchmack. Jene Gefühle durch große Freundlichkeit gegen Mrs. Lammle erwidernd, gab ſie dieſer Dame ſo vortreffliche Gelegen⸗ heit, daß die Bezauberung gegenſeitig wurde, obgleich dieſelbe von Bella's Seite ſtets ein geſetzteres Anſehen hatte, als bei der enthuſiaſtiſchen Sophronia. Wie dem immer ſein mochte, ſie waren ſo viel zuſammen, daß die Boffin'ſche Caroſſe weit öfter Mrs. Lammle in ſich hielt als Mrs. Boffin: eine Bevorzugung, auf die dieſe letztere brave Seele durchaus nicht neidiſch war; ſie bemerkte vielmehr ganz ruhig:„Mrs. Lammle iſt eine jüngere Gefährtin für ſie, und du lieber Himmel! ſie iſt viel faſhionabler!“ Doch gab es zwiſchen Bella Wilfer und Georgiana Podsnap unter vielen anderen auch noch den Unterſchied, 25* Boz, Unſ werden. Sie hegte Mißtrauen und Abneigung gegen ihn. Ja, ihre Wahrnehmung war ſo lebhaft und ihre Beob⸗ achtung ſo ſcharf, daß ſie eigentlich auch ſeiner Gattin mißtraute, obgleich ſie dieſes Mißtrauen in ihrer flüch⸗- tigen Eitelkeit und ihrem Eigenſinn in einen Winkel ihres Geiſtes zurückdrängte und dort blokirte. Mrs. Lammle nahm das freundſchaftlichſte Intereſſe an einer guten Partie für Bella. Mrs. Lammle ſagte, ſchäkernd, ſie müſſe ihrer ſchönen Bella wirklich die reichen Geſchöpfe zeigen, die ſie und ihr Mann im Vorrath führten, und die ihr, Einer wie der Andere, gefeſſelt zu Füßen fallen würden. Sobald dann die Gelegenheit herbeigeführt, producirte deshalb Mrs. Lammle die er⸗ V träglichſten unter jenen fieberhaften, ruhmredigen und unbeſchreiblich loſen Herren, die beſtändig, in Angelegen⸗ heiten der Börſe, und der griechiſchen und ſpaniſchen und indiſchen und mexi⸗ caniſchen Papiere und Pari und Prämien und Dis⸗ conto und Dreiviertel und Siebenachtel, in der City ein und aus wanderten; und die Bella in ihrer angenehmen Art und Weiſe huldigten, als ob ſie eine Art Miſchung von einem hübſchen Mädchen, einem Vollblut⸗Pferde, einer ſchön gebauten Kutſche und einer außerordentlichen Pfeife ge⸗ weſen. Doch ohne die aller⸗ mindeſte Wirkung, ob⸗ gleich ſelbſt Mr. Fledgeby's Reiz mit in die Waage fielen. „Ich fürchte, meine liebe Bella,“ ſagte Mrs. Lammle eines Tages in der Caroſſe,„daß es ſehr ſchwer ſein wird, Ihnen zu gefallen.“ „Ich erwarte nicht, daß mir Jemand gefallen wird,“ ſagte Bella mit einem nachläſſigen Auf⸗ blicken. „Ja, wahrlich, meine 1 Liebe,“ erwiderte Sophro⸗ Bücherwuth des G nia mit einem Kopfſchut⸗ teln und ihrem beſten Lächeln,„es würde nicht leicht ſein, einen Mann zu finden, der Ihrer Reize würdig wäre.“ „Es handelt ſich nicht ſo ſehr um einen Mann, meine Liebe,“ ſagte Bella trocken,„als um eine Ver⸗ ſorgung.“ „Meine Liebſte,“ erwiderte Mrs. Lammle,„Ihre Anſicht macht mich ſtaunen— wo haben Sie nur ſo vortrefflich das Leben ſtudirt!— Sie haben recht. In einem Falle, wie der Ihrige, iſt eine paſſende Verſor⸗ gung die Hauptſache. Sie könnten ſich von Mr. Boffin's Hauſe unmöglich zu einem geringeren herablaſſen, und ſelbſt falls Ihre Schönheit allein es Ihnen nicht zu ver⸗ ſchaffen ausreichte, iſt doch anzunehmen, daß Mr. und Mrs. Boffin—“ 3 „O, ja, ſie haben es bereits gethan,“ unterbrach Bella ſie. 2 1* — D ₰ — — Ein wenig ärgerlich über die Ahnung, daß ſie übereilt geſprochen, und zugleich ihrem eigenen Verdruſſe trotzend, beſchloß Bella, nicht zurückzugehen. „Das heißt,“ erklärte ſie,„ſie haben mir geſagt, daß ſie mir als ihrem Adoptiokinde eine Mitgift zu geben beabſichtigen, wenn Sie das etwa meinen. Doch erwäh⸗ nen Sie nichts hiervon.“ „Erwähnen!“ entgegnete Mrs. Lammle, wie wenn ſie bei der bloßen Nennung einer ſolchen Möglichkeit vor Gefühl überſtröme.„Er— wähnen!“ „Es kommt mir nicht darauf an, es Ihnen zu ſagen, Mrs. Lammle—“, begann Bella wieder. „Meine Liebe, nennen Sie mich Sophronia, oder ich darf Sie nicht Bella nennen.“ Bella ſtieß ein kleines, kurzes, gereiztes„O!“ aus gab jedoch nach.„O!— nun denn, Sophronia— es kommt mir nicht darauf an, es Ihnen zu ſagen, Sophronia, daß ich über⸗ zeugt bin, ich habe kein Herz, wie man es nennt; und ich bin der Anſicht, daß Dergleichen Unſinn iſt.“ „Tapferes Mädchen!“ murmelte Mrs. Lammle. „Und deshalb,“ fuhr Bella fort,„denke ich nicht an ein Gefallen, außer in der einen Beziehung, deren ich erwähnt habe. Das Uebrige iſt mir gleichgül⸗ tig.“ 3„Aber Sie können nicht umhin zu gefallen, Bella,“ ſagte Mrs. Lammle neckiſch mit einem ſchelmiſchen Blicke und ihrem beſten Lächeln,„Sie können es nicht ändern, daß Ihr Gatte Sie mit Stolz und Be⸗ wunderung betrachtet. Es mag Ihnen einerlei ſein, ob Sie ſich ſelber oder ob Sie ihm gefallen, aber Sie haben darüber keine freie Verfügung; Sie ſind wider Ihren Willen zu ge⸗ fallen gezwungen, meine Liebe; es fragt ſich deshalb, ob es nicht ebenſo gut ſein wird, wenn Sie, falls Sie es können, auch an Ihr eigenes Wohlgefallen denken.“ Dieſe grobe Schmeichelei hatte die Wirkung, daß Bella den Beweis liefern wollte, daß ſie in der That wider Willen gefalle. Sie hatte eine unbeſtimmte Ahnung, daß ſie unrecht thue— ungeachtet dieſes un⸗ klaren Vorgefühls, daß ſpäter einmal Unheil daraus entſtehen könne, ließ ſie ſich doch nicht im Entfernteſten träumen, welche Folgen in Wirklichkeit daraus entſtehen würden— und dennoch ſetzte ſie ihre vertraute Mitthei⸗ lung fort. „Reden Sie nicht vom Gefallen wider Willen, meine Liebe,“ ſagte Bella.„Ich habe ſchon davon genug ge⸗ habt.“ „Wie?“ rief Mrs. Lammle. reits beſtätigt, Bella?“ „Iſt meine Anſicht be⸗ — 2 — = —5 Z2 4 bg chü abgeſc — 11 Klette, mich W L 76 zu un zu unſ 172 Hintert geſehen / ſchleichen daß er niemand frieden ebenſo Strafe mir die D. erklärun Si Gegenth A .— einet I K natürl ein G Sopht erzählt deſſelh denn drück durch haſt zu h ſende würda vereit „War habe i Sache hätte des Weit Freu anj ſie 4 leich 1 und Boff e überei lt trotzend, ſagt, daß zu geben t erwäh⸗ Tie 6 wenn c keit vor du ſagen, oder ich d [O!“ aus O „9l— ronia— t darauf au ſagen, ich über⸗ habe kein les nennt; Hun —r Anſicht, 4 Unſinn Mädchen!“ ammle. „,“ fuhr ich nicht rußer m ng, deren Das gleichgül⸗ nnen nicht ;, Bella,“ le neckiſch helmiſchen em beſten können es Ihr Gatte und Be⸗ ichtet. Es erlei ſein, er oder ob len, aber über keine „Sie ſind en zu ge⸗ meine ¹ ſſ U en, meit o gut ſein 9 ung, daß der That beſtimmte dieſes un⸗ il daraus tfernteſten entſtehen „Mitthei⸗ len, meine genug ge⸗ Anſcht be⸗ an Ihr Laſſen Sie das, Sophronia, wir wollen nicht weiter davon reden. Fragen Sie mich nicht danach.“ Da dies offenbar ſoviel heißen ſollte als: Frage ihm 2 Verkehr mit Mr. Rokeſmith machte es ihr ſchwer, dies mich, that Mrs. Lammle, wie ihr geheißen worden. „Erzählen Sie mir's, Bella. Kommen Sie, Liebſte. Welche widerwärtige Klette hat ſich ſo unbequem an das und dies war die Frage, ob der Secreiair ihn ebenfalls beobachte und die ſicher fortſchreitende Veränderung in ihm wahrnehme, wie ſie dies that. Ihr ſehr beſchränkter zu entdecken. Ihr Umgang mit einander ging jetzt nie über die Beobachtung des bloßen Scheins vor Mr. und reizende Röckchen gehängt und iſt nur mit Mühe wieder abgeſchüttelt worden?“ „Widerwärtig, in der That,“ ſagte Bella,„und keine Klette, mit der man prahlen dürfte! Aber fragen Sie mich nicht.“ „Soll ich rathen?“— 4 „Sie würden es nimmer errathen. Was würden Sie zu unſerm Secretär ſagen?“— „Meine Liebſte! der einſiedleriſche Secretär, der die Hintertreppe auf und ab ſchleicht, und von Niemandem geſehen wird!“ 3 „Ich weiß nichts über ſein Hintertreppen⸗auf⸗und⸗ab⸗ ſchleichen,“ ſagte Bella ziemlich verachtungsvoll,„außer, daß er dies durchaus nicht thut; und was ſein Von⸗ niemand⸗geſehen⸗werden betrifft, ſo würde ich's wohl zu⸗ je durch Zufall einmal mit einander allein blieben Mrs. Boffin hinaus; und wenn Bella und der Secretair „ 3og er ſich ſtets ſogleich zurück. Sie befragte ſein Geſicht, frieden ſein, ihn niemals geſehen zu haben, obwohl er ebenſo ſichtbar iſt wie Sie. Strafe meiner Sünden), und er hatte die Anmaßung, mir dies zu ſagen.“ „Der Mann hat Ihnen doch nimmer eine Liebes— erklärung gemacht, meine liebe Bella!“ „Sind Sie deſſen ganz gewiß, Sophronia?“ ſagte Bella.„Ich bin dies nicht, In der That, ich bin vom Gegentheil überzeugt.“ „Der Mann muß toll ſein,“ ſagte Mrs. Lammle mit einer Art von Reſignation. „Er ſchien bei Verſtande zu ſein,“ entgegnete Bella, den Kopf zurückwerfend,„und er wußte genug zu ſagen. Ich ſagte ihm meine Meinung über ſeine Erklärung und ſein Benehmen und entließ ihn. Alles dies war mir natürlich ſehr unbequem und unangenehm. Doch iſt es ein Geheimniß geblieben. Das erinnert mich daran, Sophronia, daß ich Ihnen unwillkürlich das Geheimniß erzählt habe! ich verlaſſe mich aber darauf, daß Sie deſſelben nicht erwähnen werden.“ „Erwähnen!“ wiederholte Mrs. Lammle in ihrer vor⸗ herigen gefühlvollen Weiſe.„Er— wähnen!“ Diesmal meinte Sophronia es ſo ernſtlich, daß ſie es nöthig fand, ſich im Wagen vorwärts zu beugen und Bella zu küſſen. Es war ein Kuß von der Judas⸗Sorte, denn ſie dachte, während ſie nach demſelben Bella's Hand drückte:„Du eitles, herzloſes Mädchen, aufgeblaſen durch die vernarrte Thorheit eines Kehrichtmannes, Du haſt mir ſelbſt bewieſen, daß ich für Dich kein Mitleid zu haben brauche. Sollte mein Mann, der mich hierher ſendet, mit Plänen umgehen, durch die Du zum Opfer würdeſt, ſo würde ich ihm dieſelben diesmal ſicher nicht vereiteln.“ Während demſelben Augenblicke dachte Bella: „Warum bin ich ſtets mit mir ſelber im Streite; warum habe ich, wie wenn ich dazu gezwungen geweſen, eine Sache erzählt, von der ich überzeugt bin, daß ich ſie hätte verſchweigen ſollen? Warum mache ich, ungeachtet des Flüſterns in meinem Herzen gegen ſie, aus dieſem Weibe hier an meiner Seite eine Vertraute und eine Freundin?“ Der Spiegel gab, als ſie heimkam und dieſe Fragen an ihn richtete, wie gewöhnlich keine Antwort. Hätte ſie ein beſſeres Orakel befragt, ſo wäre der Erfolg viel⸗ leicht befriedigender ausgefallen; aber dies that ſie nicht, und die Dinge nahmen deshalb ihren Lauf. Ueber einen Punkt, der mit ihrer Beobachtung Mr. Boffin's in Verbindung ſtand, fühlte ſie große Neugier, Aber ich gefiel ihm(zur wenn ſie dies heimlich thun konnte, während ſie las oder arbeitete, und vermochte nichts aus demſelben zu machen. Er ſah gedrückt aus; aber er hatte ſich eine große Gewalt über ſeine Züge erworben, und wenn Mr. Boffin in Bella's Gegenwart zu ihm ſprach, oder in welcher Weiſe Mr. Boffin ſich ihnen immer offenbarte, das Geſicht des Secretairs veränderte ſich ebenſo wenig, wie eine Mauer. Eine leicht gerunzelte Stirn, die nichts als eine faſt mechaniſche Aufmerkſamkeit ausdrückte, und ein Zuſammen⸗ preſſen der Lippen, das vielleicht eine Schutzwehr gegen ein verachtendes Lächeln ſein durfte,— dies allein ſah ſie dort vom Morgen bis zum Abend, von einem Tage zum andern, von einer Woche zur andern, einförmig, unveränderlich feſt, wie an einer Statue. Das Schlimmſte an der Sache war, daß es auf dieſe Weiſe unmerklich— und höchſt ärgerlicherweiſe, wie Bella mit ihrer ungeſtümen kleinen Manier ſich ſelber klagte— dahin kam, daß ihre Beobachtung Mr. Boffin's eine un⸗ ausgeſetzte Beobachtung Mr. Rokeſmith's nach ſich zog. „Wird dies ihm nicht einen Blick entlocken?“—„Iſt es möglich, daß dies keinen Eindruck auf ihn macht?“ Solche Fragen pflegte Bella ſich oft, jede Stunde des Tages vorzulegen. Doch war es unmöglich zu ergründen. Immer daſſelbe unbewegliche Geſicht. „Kann er ſo niedrig ſein, ſeine ganze Natur für einen Jahrgehalt von zweihundert Pfund zu verkaufen?“ pflegte Bella zu denken. Und dann:„Aber warum nicht? Es iſt bei Andern ja auch eine bloße Sache des Preiſes. Ich würde vermuthlich die meinige verkaufen, wenn ich genug dafür bekommen könnte.“ Und ſo kam ſie wieder zu dem Streite mit ſich ſelber zurück. Auch auf Mr. Boffin's Geſicht lagerte ſich eine Art von Unleſerlichkeit, obwohl dieſelbe von einer andern Sorte war. Die alte Einfachheit deſſelben ward durch eine gewiſſe Verſchmitztheit maskirt, die ſich ſogar ſeiner guten Laune beimiſchte. Selbſt ſein Lächeln war verſchmitzt, wie wenn er das Lächeln an den Portraits der Geizhälſe ſtudirt gehabt. Mit Ausnahme eines gelegentlichen Aus⸗ bruchs der Ungeduld oder einer unzarten Behauptung ſeiner herrſchaftlichen Obermacht blieb ſeine gute Laune die alte, doch hatte dieſelbe jetzt eine häßliche Beimiſchung von Mißtrauen; und obgleich ſeine Augen glänzten und ſein ganzes Geſicht lachte, pflegte er dazuſitzen und ſich ſelber in den Armen zu halten, wie wenn er ſich zu⸗ ſammenſcharren möchte und beſtändig eine mißgünſtig defenſive Haltung einzunehmen genöthigt ſei. Bei der beſtändigen Beobachtung dieſer beiden Ge⸗ ſichter und dem Bewußtſein, daß dieſe heimliche Beſchäf⸗ tigung auch dem ihrigen bald ihren Stempel aufdrücken müſſe, fing Bella bald zu denken an, daß es unter ihnen Allen kein einziges offenes oder natürliches Geſicht mehr gebe, Mrs. Boffin's Geſicht allein ausgenommen, und dies zwar nicht um ſo weniger, als es weit weniger ſtrahlend war als ehedem, und in ſeiner Sorge und Be⸗ kümmerniß getreu jeden Zug der Veränderung in dem Goldenen Kehrichtmanne reflectirte. „Rokeſmith,“ ſagte Mr. Boffin eines Abends, als ſie wieder Alle in ſeinem Zimmer verſammelt waren und er und der Secretair einige Rechnungen mit einander durch⸗ 4 geſehen hatten,„ich gebe zu viel Geld aus. Oder wenig⸗ ſtens, Sie geben zu viel Geld für mich aus.“ „Sie ſind reich, Sir.“ 1 „Das bin ich nicht,“ ſagte Mr. Boffin. Der ſcharfe Ton dieſer Entgegnung bedeutete faſt, daß der Secretair lüge. Doch brachte derſelbe in dem unbeweglichen Geſichte keine Veränderung hervor. „Ich ſage Ihnen, ich bin nicht reich,“ wiederholte Mr. Boffin,„und ich will's nicht haben.“ „Sie ſind nicht reich?“ wiederholte der Secretair in gemeſſenen Worten. „Nun,“ erwiderte Mr. Boffin,„wenn ich es bin, ſo iſt dies meine Sache. Ich will weder Ihnen noch ſonſt Jemandem zu Gefallen in dieſem Maße mein Geld aus⸗ geben. Es würde Ihnen ebenſo wenig behagen, falls es Ihr Geld wäre.“ 4„Selbſt in einem ſo unmöglichen Falle, Sir, würde j h— 7 „Halten Sie den Mund!“ ſagte Mr. Boffin.„Es ſollte Ihnen jedenfalls nicht behagen. Dal ich beabſich⸗ tigte nicht, unhöflich zu ſein, aber Sie reizen mich ſo, und ich bin doch der Herr. Ich wollte nicht ſagen, daß Sie den Mund halten ſollten. Ich bitt' Sie um Ent⸗ ſchuldigung. Halten Sie nicht den Mund. Aber wider⸗ ſprechen Sie mir nicht. Haben Sie je die Lebens⸗ geſchichte von Mr. Elwes geleſen?“ ſagte er, endlich auf ſeinen Lieblingsgegenſtand kommend. „Sie meinen den Geizhals?“ „Ah, die Leute nannten ihn einen Geizhals. Die Leute geben einander beſtändig ſchlechte Namen. Haben Sie je von ihm geleſen?“ „Ich glaube ja.“ „Er räumte niemals ein, daß er reich ſei, und dennoch hätte er mich zweimal aufkaufen können. Haben Sie je von Daniel Doncer gehört?“ „Einem andern Geizhalſe? Ja.“ „Er war ein guter,“ ſagte Mr. Boffin,„und hatte eine Schweſter, die ſeiner wuͤrdig war. Sie gaben eben⸗ falls niemals zu, daß ſie reich ſeien. Hätten ſie ſich reich genannt, ſo würden ſie dies wahrſcheinlich nie ge⸗ worden ſein.“ 6„Sie lebten und ſtarben ſehr jämmerlich, nicht wahr, ir?“ „Nein, daß ich nicht wüßte,“ ſagte Mr. Boffin kurz. „Dann ſind ſie nicht dieſelben Geizhälſe, die ich meine. Jene nichtswürdigen Elenden—“ „Keine Schimpfnamen, Rokeſmith,“ ſagte Mr. Boffin. „— Jenes muſterhafte Geſchwiſterpaar— lebte und ſtarb in der ſcheußlichſten, ſchmutzigſten Erniedrigung.“ „Sie thaten, was ihnen beliebte,“ ſagte Mr. Boffin, „und hätten meiner Anſicht nach nicht mehr thun können, falls ſie ihr Geld ausgegeben. Doch, wie dem immer ſei, ich will wenigſtens das meinige nicht fortwerfen. Verringern Sie die Ausgaben. Die Sache iſt die, Sie ſind zu wenig hier, Rokeſmith. Es bedarf einer beſtän⸗ digen Ueberwachung in den kleinſten Dingen. Es werden noch Einige von uns im Arbeitshauſe ſterben.“ „Wie die beiden Perſonen, die Sie genannt, es zu thun erwarteten, Sir, wenn ich nicht irre,“ bemerkte der Secretär ruhig. „Und dies war ſehr lobenswerth von ihnen,“ ſagte Mr. Boffin,„ſehr vorurtheilsfrei von ihnen! Doch laſſen wir ſie für jetzt. Haben Sie Ihre Wohnung aufgeſagt?“ „Auf Ihren Befehl, ja, Sir.“ *„Dann will ich Ihnen was ſagen,“ fuhr Mr. Boffin fort;„zahlen Sie die Miethe für das Vierteljahr.— zahlen Sie die Miethe für das Vierteljahr, es wird dies ſchließlich am wohlfeilſten ſein— und kommen Sie ſo⸗ gleich hierher, damit Sie immer am Orte ſind, Tag und Nacht, um die Ausgaben zu überwachen. Sie werden die Miethe für das Quartal mir anrechnen und wir müſſen dieſelbe in irgend einer andern Weiſe wieder zu erſparen ſuchen. Sie beſitzen einige prachtvolle Meubles, nicht wahr?“ „Die Meubles in meinem Zimmer gehören mir.“ „Dann werden wir nichts für Sie zu kaufen genöthigt ſein. Falls es Ihnen,“ ſagte Mr. Boffin mit einer Miene ganz beſonderer Verſchmitztheit,„in Ihrem ehrenvollen Un⸗ abhängigkeitsſinn eine Erleichterung gewähren ſollte, jene Meubles mir zu überlaſſen, als einen Erſatz für die Vierteljahrsmiethe, ſo verſchaffen Sie ſich dieſe Genug⸗ thuung, verſchaffen Sie ſich dieſelbe. Ich verlange es nicht, aber ich will Ihnen darin nicht hinderlich ſein, falls Sie es ſich ſchuldig zu ſein glauben. Was Ihr Zimmer betrifft, ſo wählen Sie irgend eins der leeren Zimmer im oberſten Stock.“ „ ‚Irgend eins der leeren Zimmer wird mir genügen,“ ſagte der Secretär. „Sie können ſich eins ausſuchen,“ ſagte Mr. Boffin, „und es wird ſo gut, wie acht oder zehn Schilling mehr Wochenlohn ſein. Ich will deshalb nichts von demſelben abziehen; ich erwarte, daß Sie es reichlich wieder gut machen werden, indem Sie die Ausgaben verringern. So, wenn Sie jetzt leuchten wollen, will ich mit Ihnen in Ihr Arbeitszimmer kommen, um ein paar Briefe zu ſchreiben.“ 3 Bella hatte auf Mrs. Boffin's offenem, großmüthigem Geſichte während dieſes Geſprächs ſolche Spuren des Herzwehs geſehen, daß ſie, als ſie allein waren, nicht den Muth hatte, daſſelbe anzuſchauen. Indem ſie ſich ſtellte, als ſei ſie emſig mit ihrer Stickerei beſchäftigt, arbeitete ſie ununterbrochen fort, bis Mrs. Boffin leicht ihre Hand auf die ihrige legte. Da ſie ihr dieſelbe überließ, fühlte ſie, wie die gute Seele ſie an ihre Lippen führte und eine Thräne auf dieſelbe fallen ließ. „O, mein lieber Mann!“ ſagte Mrs. Boffin.„Es iſt hart, dies ſehen und hören zu müſſen. Aber glaube mir, meine liebe Bella, er iſt, ungeachtet all dieſer Ver⸗ änderungen in ihm, der beſte aller Männer.“ In dem Augenblicke, da Bella die Hand tröſtend in die ihre genommen, kam er zurück. „Wie?“ ſagte er, argwöhniſch zur Thür hereinſchauend. „Was ſagt ſie Dir?“ „Sie lobt Sie blos, Sir,“ ſagte Bella. „Lobt mich? Weißt Du das ganz gewiß? taͤdelt ſie mich nicht etwa dafür, daß ich mich gegen eine Räuber⸗ bande vertheidige, die mir gern tropfenweiſe das Blut ausſaugen möchte? Tadelt ſie mich nicht etwa dafür, daß ich einen kleinen Schatz zuſammenſpare?“ Er kam zu ihnen heran und ſeine Gattin faltete ihre Hände auf ſeiner Schulter und ſchüttelte den Kopf, wie ſie denſelben auf ihre Hände legte. 1 „So, ſo, ſo!“ ſagte Mr. Boffin nicht unfreundlich. „Kümmere Dich nicht, alte Dame.“.. „Aber ich kann's nicht ertragen, Dich ſo zu ſehen, lieber Noddy.“ „Unſinn! Bedenke, wir ſind nicht länger was wir früher waren. Bedenke, daß wir entweder Andere treten oder von ihnen getreten werden müſſen. Bedenke, Geld macht Geld. Bedenke, daß wir uns behaupten müſſen. Beunruhige Du Dich nicht, Bella, mein Kind; hege Du keinen Zweifel. Je mehr ich ſpare, deſto mehr wirſt Du erhalten.“ Bella dachte, es ſei gut für ſeine Gattin, daß ſie ihr liebevolles Geſicht ſinnend an ſeiner Schulter barg; denn es funkelte, indem er dies ſagte, ein liſtiges Licht — ü Die Günſtl ſelten Hauſe ten hat u erwa bel, de und die ſchaftsbt anſtimn daß der Cliſabe Parker unterdre Da eiſchien Geſchich lethargiſ Stelle ders dee zuſamm Bade der I matter mit„ Jolge werde Das, lauf ſ Schwi zwiſch ſich er blieb des A C kunft er vo der v ten ſ führte mit d über nahme und de Stund uud ga dieſer richt d allein nachba J 8 Laune 396 find, J hen. dad ai. Sig echnen und elſe wi ⁸ wieder eMeubles erlange es dorli 95 Perlich ſein Ws. Was Ihr 5 genügen,“ lu. 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Mr. Wegg nahm dieſes Arrangement ſehr übel, denn die beſtimmten Stunden waren Abendſtunden, und dieſe betrachtete er als den Fortſchritten des Freund⸗ ſchaftsbündniſſes gewidmet. Doch ſei es völlig in Ueber⸗ einſtimmung, bemerkte er voll Bitterkeit zu Mr. Venus, daß der Emporkömmling, der jene erhabenen Weſen, Miß Eliſabeth, Maſter George, die Tante Jane und den Onkel Parker mit Füßen getreten, auch ſeinen literariſchen Mann unterdrücke. Da das Römiſche Reich ſeinen Untergang vollendet, erſchien Mr. Boffin zunächſt in einem Fiaker mit Rollin's Geſchichte des Alterthums, welches ſchätzbare Werk, da lethargiſche Eigenſchaften an ihm fühlbar wurden, bei der Stelle abgebrochen ward, wo die ganze Armee Alexan⸗ der's des Macedoniers(damals etwa vierzigtauſend Mann) zuſammen in Thränen ausbricht, weil der Fürſt nach dem Bade einen Zitteranfall erleidet. Da daun die Kriege der Juden ebenfalls unter Mr. Weggs Anführerſchaft er⸗ matten, langt Mr. Boffin, abermals in einem Fiaker, mit Plutarch an, deſſen„Lebensgeſchichten“ er in der Folge ſehr unterhaltend fand, obgleich er hoffte, Plutarch werde nicht von ihm erwarten, daß er ſie alle glaube. Das, was er glauben ſolle, bildete in der That, im Ver⸗ lauf ſeiner Studien, Mr. Boffin's größte iiterariſche Schwierigkeit; denn zuweilen ſchwankte er im Geiſte zwiſchen dem Ganzen, der Hälfte und Garnichts; als er ſich endlich als mäßiger Mann, für die Hälfte entſchieden, blieb es noch die Frage, welche Hälfte? Und dieſen Stein des Anſtoßes vermochte er nie zu überſchreiten. Eines Abends, nachdem Silas Wegg ſich an die An⸗ kunft ſeines Herrn in einem Fiaker gewöhnt hatte, in dem er von irgend einem profanen Hiſtoriker begleitet ward, der von unausſprechlichen Namen und unerfaßlichen Leu⸗ ten ſtrotzte, welche, von unmöglicher Herkunft, Kriege führten, die zahlloſe Jahre und Sylben lang, und die mit der größten Bequemlichkeit unerhörte Schätze bis über die Grenzen der Geographie hinaus mit ſich umher⸗ nahmen— eines Abends verging die gewohnte Stunde, und der Gönner kam nicht. Nachdem er eine halbe Stunde gewartet, begab Mr. Wegg ſich ans äußere Thor und gab dort ein Pfeifen von ſich, das Mr. Venus, falls dieſer ſich zufällig innerhalb Hörweite befände, die Nach⸗ richt geben ſollte, daß er, Mr. Wegg, zu Hauſe und allein ſei. Mr. Venus trat aus dem Schutze einer be— nachbarten Mauer hervor. „Waffenbruder,“ ſagte Mr. Wegg in vortrefflicher Laune,„ſei mir willkommen.“ In Erwiderung wünſchte Mr. Venus ihm in ziemlich trockener Weiſe guten Abend. 5 „Kommen Sie herein, Bruder,“ ſagte Silas, ihn auf die Schulter klopfend,„und laſſen Sie ſich in meiner Kaminecke nieder; denn was ſagt das Gedicht? Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 398 ‚Keine Bosheit lauert hier, Sir, Und Falſchheit fürcht' ich nicht. Die Wahrheit, ſie iſt mein Panier, Mr. Venus, Für ſie ein Wie⸗heißts⸗gleich ficht. Hei didel dei didel dudeldum dei! Und von einem Dingsda geführt An meinem eignen Herde ich ſitz,, An meinem eignen Herd.““ Mit dieſem Citat(deſſen Schönheit mehr im Geiſte als in den Worten lag) führte Mr. Wegg ſeinen Gaſt an ſeinen Herd. „Und Sie kommen, Bruder,“ ſagte Mr. Wegg mit gaſtfreundſchaftlicher Gluth,„Sie kommen grade wie ein, ich weiß nicht was— genau ſo— ich würde Sie nicht von ihm unterſcheiden können— und verbreiten ein Licht rings um ſich her.“ „Was für ein Licht?“ fragte Mr. Venus. „Der Hoffnung, Sir,“ erwiderte Silas. Ihre Art von Licht.“ Mr. Venus ſchien über dieſen Punkt in Zweifel zu ſein und ſchaute ziemlich mißvergnügt in's Feuer. „Wir wollen dieſen Abend,“ rief Mr. Wegg,„dem Fortgange unſres Freundſchaftsbündniſſes widmen, Bruder. Und ſpäter den ſchwellenden Becher— ich meine damit⸗ ein Glas Grog— auf gegenſeitiges Wohlſein leeren. Denn wie ſpricht der Dichter? „Bringt mir nicht Eure Flaſche ſchwarz, Mr. Die mein' ich bringen will; Ein Glas ſoll unſer Labſal ſein, mit einer Citronenſcheibe, wie Sie's gern trinken, Zum Gedächtniß alter Zeit.““) Dieſes Uebermaß von Citaten und Gaſtfreundſchaft bei Wegg bedeutete, daß er einige Verdrießlichkeit an⸗ Mr. Venus wahrnahm. „Je nun, was den Fortgang des Freundſchaftsbünd⸗ niſſes betrifft,“ ſagte dieſer letztgenannte Herr, indem er ſich mürriſch die Kniee rieb,„ſo iſt einer meiner Ein⸗ wände gegen daſſelbe der, daß es nicht von der Stelle kommt.“ „Rom, Bruder,“ erwiderte Wegg,„eine Stadt, die (wie vielleicht nicht allgemein bekannt iſt) ihren Ur⸗ ſprung in Zwillingen und einem Wolf hatte, und in kaiſerlichem Marmor endete, ward nicht an einem Tage erbaut.“ „Das iſt Venus, „Habe ich etwa das Gegentheil geſagt?“ fragte Venus. „Nein, das haben Sie nicht gethan, Bruder. Eine 2 verſtändige Frage. „Aber dies ſage ich allerdings,“ fuhr Venus fort, „— daß ich von meinen Trophäen der Anatomie fort⸗ geholt werde, um meine verſchiedenartigen menſchlichen Theile gegen nichts als verſchiedenartige Kohlenaſche auszu⸗ tauſchen, und nichts dabei herauskommt. Ich denke, ich werde es aufgeben müſſen.“ „Nein, Sir!“ ſagte Wegg in vorſtellendem Tone und mit Begeiſterung.„Nein, Sir! „Drauf, Cheſter, drauf, Heran, Mr. Venus, heran!“ Laſſen Sie nicht den Muth ſinken, Sir! Ein Mann von Ihrem Kaliber!“ „Das Leben iſt zu kurz,“ ſagte Mr. Venus,„als daß ich meine Zeit damit verlieren könnte, in der Aſche nach Nichts zu ſuchen.“ „Aber bedenken Sie, Sir, wie wenig Zeit Sie bis jetzt noch dem Freundſchaftsbündniſſe gegönnt haben,“ ſagte Wegg dringend.„Rechnen Sie die Abende, die —) Die Ueberſetzerin bittet den freundlichen deutſchen Leſer, ſie nicht für Mr. Wegg's Gedichte verantwortlich zu halten. M. S. “ 399 wir in dieſer Weiſe zugebracht, zuſammen, und wie hoch belaufen ſich dieſelben? Und Sie, Sir, die Sie in Mei⸗ nungen, Anſichten und ehehge mit mir überein⸗ ſtimmen, Sie, die Sie mit der Geduld begabt ſind, das ganze Zimmerwerk der Geſellſchaft— ich meine damit das menſchliche Skelett— auf Drath zuſammenzufügen, — Sie wollten ſo bald den Muth verlieren!“ „Es gefällt mir nicht,“ entgegnete Mr. Venus ver⸗ drießlich, den Kopf zwiſchen die Kniee ſteckend, mit empor⸗ geſträubtem Haar.„Und es iſt keine Ermuthigung zum Fortfahren vorhanden.“ „Nicht in jenen Hügeln draußen,“ ſagte Mr. Wegg, indem er mit einer Miene feierlicher Vorſtellung die Hand ausſtreckte.„Keine Ermuthigung in jenen Hügeln, die jetzt auf uns herabſchauen?“ „Sie ſind zu groß,“ brummte Venus.„Was macht wohl ein Kratzen hier und ein Kratzen dort, und ein Stoß auf dieſer und ein Graben auf jener Stelle an ihnen aus. Ueberdies, was haben wir gefunden?“ „Was haben wir gefunden?“ rief Mr. Wegg, ent⸗ zückt, ihm beiſtimmen zu können.„Ah, das gebe ich Ihnen zu, Camerad. Nichts. Aber auf der andern Seite, Camerad, was können wir noch finden? Da werden Sie mir's zugeben. Alles Mögliche.“ „Es gefällt mir nicht,“ entgegnete Venus in ſeinem vorigen gereizten Tone.„Ich ließ mich ohne hinläng⸗ liche Ueberlegung auf die Sache ein. Und überdies. Iſt Ihr eigner Mr. Boffin nicht ſehr wohl mit den Hügeln bekannt? Und war er nicht ſehr wohl mit dem Verſtorbenen und deſſen Gewohnheiten bekannt? Und hat er je etwas von einer Erwartung verrathen, daß dort Etwas zu finden ſei?“ In dieſem Augenblicke wurden Räder gehört. „Es ſollte mir wirklich unlieb ſein,“ ſagte Mr. Wegg mit einer verletzten Miene der Duldung,„ſo ſchlecht von ihm zu denken, daß ich ihn für fähig halten könnte, um dieſe Zeit in der Nacht hierher zu kommen. Und dennoch klingt es, als ob er es ſei.“ Es ward am Hofthore geſchellt. „Er iſt es,“ ſagte Mr. Wegg;„und er zeigt ſich in der That deſſen fähig. Es thut mir leid, denn ich hätte mir gern noch einen letzten Reſt von Achtung für ihn bewahrt.“ Hier hörte man Mr. Boffin laut am Hofthore rufen: „Hollah, Wegg! Hollah!“ „Bleiben Sie ſitzen, Mr. Venus,“ ſagte Wegg.„Er bleibt vielleicht nicht da.“ Dann rief er aus:„Hollah, Sir! Hollah! Ich komme ſogleich, Sir! Eine halbe Minute, Mr. Boffin. Ich komme, Sir, ſo ſchnell, wie mein Bein mich bringen will!“ Und damit ſtampfte er mit erheuchelter großer froher Bereitwilligkeit, mit einem Lichte in der Hand, ans Thor, und erblickte dort durch's Fiakerfenſter, mit Büchern eingerammelt, Mr. Boffin. „Hier! Helft mir, Wegg,“ ſagte Mr. Boffin auf⸗ geregt,„ich kann nicht eher ausſteigen, als bis Platz ge⸗ macht iſt. Dies iſt das„Jahresregiſter,“ Wegg, in einem Fiaker⸗voll Bänden. Kennt Ihr es?“ „Ob ich das„Jahresregiſter“ kenne, Sir?“ erwiderte der Betrüger.„Ich wollte eine Kleinigkeit wetten, daß ich Ihnen jedes Jahr blindlings darin hernennen könnte, Mr. Boffin.“ „Und hier iſt Kirby's,„Wunder⸗Muſeum,“ ſagte Mr. Boffin,„und Caulfield'„Charaktere“ und Wilſon's. Solche Charaktere, Wegg, ſolche Charaktere! Ich muß heute Abend einen oder zwei der beſten von ihnen hören. Es iſt erſtaunlich, an was für Stellen ſie die Guineen verſteckten, in Lumpen eingewickelt. Nehmt dieſen Haufen von Bänden, Wegg, oder derſelbe wird auseinander und in die Modde fallen. Iſt nicht Jemand in der Nähe, der helfen könnte?“ „Es iſt ein Freund von mir da, Sir, der den Abend bei mir zuzubringen kam, als ich— ſehr gegen meinen Wunſch— die Hoffnung aufgegeben, Sie heute Abend zu ſehen.“ „Ruft ihn heraus,“ rief Mr. Boffin mit großer Ge⸗ ſchäftigkeit;„laßt ihn Hülfe leiſten. Laßt das Buch nicht fallen, das Ihr unter dem Arme habt. Das iſt Doncer. Er und ſeine Schweſter machten Paſteten aus einem todten Schafe, das ſie auf einem Spaziergange fanden. Wo iſt Euer Freund? O, hier iſt Euer Freund. Wollen Sie wohl die Güte haben, mir und Wegg mit dieſen Büchern behülflich zu ſein? Aber nehmen Sie nicht Jemmy Taylor von Southwark und Jemmy Wood von Glouceſter. Dies ſind die beiden Jemmy's. Ich werde ſie ſelber tragen.“ Unter unaufhörlichem Geplauder und großer Geſchäftig⸗ keit, überhaupt in einem Zuſtande der größten Aufregung, dirigirte Mr. Boffin das Auspacken und Aufſtellen der Bücher, dem Anſcheine nach faſt außer ſich, bis dieſelben alle am Boden lagen und der Fiaker entlaſſen war. „Da!“ ſagte Mr. Boffin, ſich an ihrem Anblicke weidend.„Da ſtehen ſie, wie die vierundzwanzig Geiger — alle in einer Reihe. Setzt Eure Brille auf, Wegg; ich weiß die beſten unter ihnen herauszufinden, und wir wollen uns ſofort eine Probe von dem nehmen, was uns bevorſteht. Wie heißt Euer Freund?“ Mr. Wegg ſtellte ſeinen Freund als Mr. Venus vor. „Wie?“ rief Mr. Boffin, den Namen auffangend. „Von Clerkenwell?“ „Von Clerkenwell, Sir,“ ſagte Mr. Venus. „Ei, ich habe von Ihnen gehört,“ rief Mr. Boffin. „Ich habe zur Zeit des alten Mannes von Ihnen ge⸗ hört. Sie kannten ihn. Haben Sie je Etwas von ihm gekauft?“ Dies ſagte er mit ſcharfer Begier. „Nein, Sir,“ erwiderte Venus. „Aber er zeigte Ihnen allerlei Sachen, wie?“ Mr. Venus bejahte dies mit einem Blicke auf ſeinen Gefährten. „Was zeigte er Ihnen?“ fragte Mr. Boffin, ſeine Hände hinter ſich zuſammenlegend und eifrig den Kopf vorſtreckend.„Zeigte er Ihnen Kiſten, kleine Käſtchen, Taſchenbücher, Pakete, verſchloſſene oder verſiegelte oder zuſammengebundene Sachen?“ Mr. Venus ſchüttelte den Kopf. „Sind Sie ein Kenner von Porzellan?“ Mr. Venus ſchüttelte abermals den Kopf. „Denn, falls er Ihnen je einen Theetopf gezeigt, würde ich mich freuen, dies zu wiſſen.“ ſagte Mr. Boffin. Und dann wiederholte er, die rechte Hand an die Lippen legend, nachdenklich:„Ein Theetopf, ein Theetopf,“ und ſchaute über die Bücher hinweg auf den Boden, wie wenn er wüßte, daß es irgendwo in ihnen etwas Inter⸗ eſſantes über einen Theetopf gebe.. Mr. Wegg und Mr. Venus ſchauten einander ver⸗ wundert an, und wie Erſterer ſeine Brille aufſetzte, öffnete er über den Rändern derſelben die Augen weit und klopfte ſich an die Naſe, um Mr. Venus zu allgemeiner Wach⸗ ſamkeit zu ermahnen. 1 „Ein Theetopf,“ wiederholte Mr. Boffin, indem er zu ſinnen und die Bücher zu betrachten fortfuhr;„ein Theetopf, ein Theetopf. Seid Ihr bereit, Wegg?“ „Ich ſtehe Ihnen zu Dienſten, Sir“ erwiderte dieſer Herr, ſeinen gewohnten Sitz auf der Bank einnehmend und ſein hölzernes Bein unter dem Tiſch vor ſich aus⸗ ſtreckend.„Mr. Venus, möchten Sie ſich wohl nützlich machen, indem Sie ſich an meine Seite ſetzen, Sir, um die Lichter zu putzen?“ 1 aihrand uit ſein uf R finend 12 famkeit dielleich zu mac zu ma Da das, . bend ſegen mej heut weinen dute Abend Froßer Ge⸗ 5 Buch nicht 1 r Geſchäfti⸗ Nrr. tAufregung, tellen der en war. rem Aublicke duzig Geiger auf, Wegz; en, und wir nen, was uns „Venus vor. auffangend. was von ihm vie?“ e auf ſeinen Boffin, ſeine ig den Kopf line Käſtchen, erſiegelte oder ttopf gezeigt, Mr Boffu. lin die Lippen topf,“ und oden, wie etwas Inter⸗ einander ver⸗ ſetzte, offnete tund klopfte neiner Walh⸗ in inden et rtfuhr; Ain 401 Da Venus dieſer Aufforderung bereits Folge leiſtete, während dieſelbe noch an ihn erging, ſtieß Wegg ihn mit ſeinem hölzernen Beine an, um ſeine Aufmerkſamkeit auf Mr. Boffin zu lenken, der zwiſchen den beiden Bänken ſinnend vor dem Feuer ſtand. „Hm! Ahem!“ huſtete Mr. Wegg, um die Aufmerk⸗ ſamkeit ſeines Herrn auf ſich zu ziehen.„Wünſchen Sie vielleicht mit einem Jahre aus dem Regiſter den Anfang zu machen, Sir?“ „Nein,“ ſagte Mr. Boffin,„nein, Wegg.“ Mit die⸗ ſen Worten nahm er ein kleines Buch aus der Bruſt⸗ taſche und überreichte daſſelbe mit großer Sorgfalt dem literariſchen Herrn, indem er fragte:„Wie nennt Ihr das, Wegg?“ „Dies, Sir,“ erwiderte Wegg, indem er ſeine Brille zurechtrückte und das Titelblatt zu Rathe zog,„iſtMerry⸗ weather's Lebensgeſchichten und Anecdoten von Geizhäl⸗ ſen“. Mr. Venus, möchten Sie ſich wohl nützlich machen und die Lichter ein wenig näher bringen, Sir?“ Dies ſagte er, um ſich eine beſondere Gelegenheit zu verſchaf⸗ fen, ſeinen Cameraden anzuſtieren. „Welche von ihnen habt Ihr in jener Sammlung?“ fragte Mr. Boffin.„Könnt Ihr Euch ziemlich leicht darüber unterrichten?“ „Nun, Sir,“ entgegnete Silas, indem er langſam die Blätter umſchlug und das Inhaltsverzeichniß be⸗ trachtete,„ich dächte, ſie wären ziemlich alle hier, Sir; es iſt hier ein großes Sortiment, Sir; mein Auge fällt hier auf John Overs, Sir, John Little, Sir, Dick Jorrel, John Elwes, Sr. Ehrwürden Mr. Jones von Blewbury, Geier Hapkins, Daniel Doncer—“ „Gebt uns Doncer, Wegg,“ ſagte Mr. Boffin. Nachdem er ſeinen Cameraden abermals angeſtiert, ſuchte und fand Silas die Seite. „Seite hundertneun, Mr. Boffin. Achtes Capitel. Inhalt des Capitels. ‚Seine Geburt und Herkunft. Seine Kleidung und ſein Ausſehen. Miß Doncer und ihre Frauenreize. Das Haus des Geizhalſes. Das Finden des Schatzes. des Geizhalſes. Griffiths und ſein Herr. Wie man einen Penny verdient. Ein Subſtitut für ein Kaminfeuer. Die Vortheile einer Schnupftabacksdoſe. Der Geizhals ſtirbt ohne ein Hemd. Die Schätze eines Miſthaufens—“ „Wie? Was iſt das?“ fragte Mr. Boffin. „„Die Schätze“, Sir,“ wiederholte Silas, ſehr deutlich leſend,„eines Miſthaufens.: Mr. Venus, Sir, wollen Sie mich mit der Lichtputze verbinden?“ Dies ſagte er nur, um Mr. Venus darauf aufmerkſam zu machen, wie er blos mit den Lippen das Wort„Hügel!“ hinzufügte. Mr. Boffin zog einen Lehnſeſſel an den Platz hin, wo er ſtand, und ſagte, indem er ſich ſetzte und ſchlau die Hände rieb: „Gebt uns Doncer.“ Mr. Wegg verfolgte die Biographie dieſes bedeuten⸗ den Mannes durch alle ihre Phaſen des Geizes und Schmutzes, über Miß Doncer's Tod, der durch eine Kran⸗ kendiät von kalten Klößen herbeigeführt worden, und durch Mr. Doncer's Lumpenſammlung in einem Heu⸗ ſchober und die Erwärmung ſeines Mittageſſens vermittelſt Sitzens auf demſelben, hindurch bis zu dem tröſtlichen Ereigniſſe ſeines Ablebens— völlig unbekleidet— in einem Sacke. Worauf er dann folgendermaßen fortfuhr: „Das Haus, oder vielmehr der Trümmerhaufen, in dem Mr. Doncer wohnte, und der bei ſeinem Tode Capi⸗ tain Holmes zufiel, war ein höchſt elendes verfallenes Gebäude, denn daſſelbe war ſeit einem Vierteljahrhunderte nicht ausgebeſſert worden.“ Die Geſchichte von den Schöpſenpaſteten. Eines Geizhalſes Vorſtellung vom Tode. Bob, der Hund von faſt zweitauſend fünfhundert Pfund wurde in dieſem reichen Dünger gefunden; und in einer alten Jacke, die ſorgfältig zuſammengebunden und feſt an die Krippe an⸗ genagelt war, fand man noch fünfhundert Pfund än Gold und Banknoten!“ (Hier ſchoß Mr. Wegg's hölzernes Bein unter dem Tiſche vorwärts und richtete ſich langſam höher und höher empor, indem er weiter las.) „Es wurden mehrere Schüſſeln entdeckt, die mit Guineen und halben Guineen angefüllt waren; und als man die Winkel des Hauſes durchſuchte, fand man zu verſchiedenen Malen eine Anzahl von Bündeln mit Bank⸗ noten. Einige derſelben waren in die Ritzen der Wand hineingeſtopft.“ (Hier ſchaute Mr. Venus die Wand an.) „— auch unter den Kiſſen und Ueberzügen der Stühle waren einige ſolche Bündel verſteckt.“ (Hier ſchaute Mr. Venus herunter auf die Bank.) „Einige ruhten gemüthlich weit zurück in den Schub⸗ laden; und Banknoten im Werthe von ſechshundert Pfund wurden, ſauber zuſammengefaltet, in einem alten Thee⸗ topfe gefunden. Im Stalle fand der Capitain ganze Krüge voll von alten Thalern und Schillingen. Der Kamin blieb nicht undurchſucht und belohnte die Mühe, die an ihn verwandt wurde; denn in neunzehn verſchie⸗ denen Löchern, die alle mit Ruß angefüllt waren, fand man verſchiedenartige Summen Geldes, die ſich zuſammen auf mehr als zweihundert Pfund beliefen.“ Auf dem Wege zu dieſer Criſis hatte Mr. Wegg's hölzernes Bein ſich allmälig immer höher und höher er⸗ hoben, und er hatte Mr. Venus ſeinen entgegengeſetzten Ellbogen immer tiefer in die Seite gedrückt, bis ſein Gleichgewicht ſich endlich nicht länger mit dieſen beiden Handlungen vertragen wollte, und er jetzt ſeitwärts auf jenen Herrn fiel und ihn an den Rand der Bank drängte. Auch machte Keiner der Beiden während einiger Secunden oie geringſte Anſtrengung, ſich wieder zu faſſen,— ſie lagen Beide in einer Art von pecuniärer Ohnmacht. Doch Mr. Boffin's Anblick, wie dieſer, ſich ſelber im Arm haltend und die Augen auf's Feuer heftend, in ſeinem Lehnſeſſel daſaß, wirkte als ein Belebungsmittel auf ſie. Mit einem krampfhaften„Piſch⸗ha!“, das ein Nieſen dar⸗ ſtellen und ihr Verfahren maskiren ſollte, zog Mr. Wegg ſich ſelber und ſeinen Freund in meiſterhafter Weiſe wie⸗ der empor. „Gebt uns noch etwas mehr,“— ſagte Mr. Boffin hungrig. „Dann kommt John Elwes, Sir. Wünſchen Sie den John Elwes zu nehmen?“ 2 —„Ah!“ ſagte Mr. Boffin.„Laßt hören, was John that.“ Er hatte, wie es ſchien, nichts verſteckt, und ward deshalb etwas langweilig befunden. Aber eine muſter⸗ hafte Dame, Namens Wilcocks, welche Gold und Silber in einem Pickelkruge, in einer Wanduhr, einen Schatz in Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 26 403 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 404 A einer Theebüchſe, in einem Loche unter ihrer Treppe, und eine Menge Geldes in einer alten Rattenfalle verſteckt, belebte das Intereſſe wieder. Sie ward von einer andern Dame übertroffen, die ſich für eine Bettlerin ausgegeben, und deren Reichthum man in kleinen Papierſchnitzeln und Lumpen fand. Dieſer folgte noch eine Dame, ihres Ge⸗ werbes eine Aepfelfrau, die ein Vermögen von zehntauſend Pfund zuſammengeſpart und daſſelbe„hier und dort, in Riſſen und Spalten, in Winkeln, hinter Mauerſteinen und unter den Brettern“ verſteckt hatte. Darauf ein fran⸗ zöſiſcher Herr, der einen ledernen Mantelſack, enthaltend zwanzigtauſend Franken in Gold und eine große Menge koſtbarer Steine, in ſeinen Schornſtein hinaufgepackt hatte— wodurch allerdings das Ziehen deſſelben beein— trächtigt worden— wo ein Schornſteinfeger denſelben nach dem Tode des Herrn gefunden. Und ſo langte Mr. Wegg allmälig bei dem letzten Beiſpiele, dem der menſch⸗ lichen Elſter, an: „Vor vielen Jahren lebte in Cambridge ein altes geiziges Ehepaar, Namens Jardine; daſſelbe hatte zwei Söhne. Der Vater war ein vollkommener alter Geiz⸗ hals, und nach ſeinem Tode entdeckte man tauſend Guineen, die er in ſeinem Bette verſteckt hatte. Die beiden Söhne wurden, wie ſie heranwuchſen, ebenſo ſparſam wie ihr Vater. Als ſie etwa zwanzig Jahre alt waren, etablirten ſie ſich in Cambridge als Wollwaarenhändler, und blieben bis zu ihrem Tode dort. Das Geſchäft der Herren Jardine war der ſchmutzigſte Laden von allen Läden in Cambridge. Es gingen ſelten Käufer in denſelben hinein, außer vielleicht aus Neugier. Die Brüder waren ganz abſcheulich ausſehende Geſchöpfe; denn obgleich ſie von den bunten Kleidungsſtücken umringt waren, die ihre Waare bildeten, trugen ſie ſelbſt doch die ſchmutzigſten Lumpen. Es hieß, ſie hätten kein Bett, und ſchliefen, um ſich dieſe Ausgabe zu erſparen, ſtets auf einem Bün⸗ del alter Packleinewand unter dem Ladentiſche. In ihrer Hausführung waren ſie im äußerſten Grade karg. Es hatte in zwanzig Jahren nicht ein einzigesmal ein Braten ihren Tiſch geziert. Doch als der erſte der beiden Brü⸗ der ſtarb, fand der andere, zu ſeinem großen Erſtaunen, bedeutende Summen Geldes, die ſelbſt vor ihm ver⸗ borgen worden.“ „Da!“ rief Mr. Boffin.„Selbſt vor ihm ver⸗ borgen, ſeht Ihr wohl! Sie waren ihrer nur Zwei, und dennoch konnte Einer vor dem Andern Geld ver⸗ ſtecken.“ Mr. Venus, der, ſeit er dem franzöſiſchen Herrn vor⸗ geſtellt worden, ſich gebückt hatte, um in den Kamin hinauf zu ſchauen, ward durch dieſe letzten Worte wieder zur Geſellſchaft zurückgerufen und nahm ſich die Freiheit, dieſelben zu wiederholen. „Gefällt es Ihnen?“ fragte Mr. Boffin, ſich plötzlich an ihn wendend. „Ich bitt' um Vergebung, Sir?“ „Gefällt Ihnen das, was Wegg uns vorgeleſen hat?“ Mr. Venus antwortete, daß er es außerordentlich intereſſant finde. „Dann kommen Sie einmal wieder, um noch mehr davon zu hören,“ ſagte Mr. Boffin.„Kommen Sie, wann Sie wollen; kommen Sie übermorgen, eine halbe Stunde früher. Es iſt noch reichlich davon vorhanden, es hat kein Ende.“ Mr. Venus drückte ſeine Dankbarkeit aus und nahm die Einladung an. „Es iſt wunderbar, wie viel zu verſchiedenen Zeiten verſteckt worden,“ ſagte Mr. Boffin gedankenvoll;„waͤhr⸗ haft wunderbar.“ „Sie meinen,“ bemerkte Wegg mit einem einladenden Geſicht, um ihn reden zu machen, und abermals ſeinen Freund und Bruder anſtoßend,„Geld, Sir?“* vier e„“ ſagte Mr. Boffin.„Ja wohl, und Pa⸗ Mr. Wegg ſank in ſchmachtendem Entzücken aber⸗ mals gegen Mr. Venus, und maskirte ſeine Gemüths⸗ bewegung, indem er ſich wieder erholte, nochmals durch ein Nieſen. „Piſch—ha! Sagten Sie auch Papiere, Sir? Die verſteckt worden, Sir?“ „Verſteckt und vergeſſen,“ ſagte Mr. Boffin. Ei, der Buchhändler, der mir das Wunder⸗Muſeum ver⸗ kaufte,— wo iſt das Wunder-Muſeum?“ Er lag be⸗ reits auf den Knieen am Boden und ſuchte eifrig unter den Büchern. „Kann ich Ihnen behülflich ſein, Sir?“ fragte Wegg. „Nein; ich hab's; hier iſt es,“ ſagte Mr. Boffin, das Buch mit ſeinem Rockärmel abſtäubend. Vierter Band. Ich weiß, es war der vierte Band, aus dem der Buchhändler es mir vorlas. Sucht es, Wegg.“ Silas nahm das Buch und ſchlug die Blätter um. „Erſtaunliche Verſteinerung, Sir?“ „Nein, das iſt's nicht,“ ſagte Mr. Boffin. kann keine Verſteinerung geweſen ſein.“ „Memoiren von General John Reid, meiſtens Das wandelnde Nachtlicht genannt, Sir? Mit Portrait?“ „Nein, der iſt's auch nicht,“ ſagte Mr. Boffin. „Merkwürdiger Fall von einer Perſon, die Kronthaler verſchluckte, Sir?“ „Um denſelben zu verſtecken?“ fragte Mr. Boffin. „Nun, nein, Sir,“ erwiderte Wegg, den Inhalt be⸗ fragend,„es ſcheint ein Unfall geweſen zu ſein. O, dies muß es ſein. Seltſame Entdeckung eines Teſta⸗ ments, das einundzwanzig Jahre verloren geweſen.“ „Das iſt's!“ rief Mr. Boffin.„Leſet das!“ „Während der letzten Gerichtsſitzungen in Mary⸗ borough in Irland,“ las Silas Wegg laut,„kam ein höchſt außerordentlicher Fall vor. Derſelbe war in Kürze wie folgt. Robert Boldwin machte im März 1782 ſein Teſtament, in dem er die jetzt in Frage ſtehenden Güter den Kindern ſeines jüngſten Sohnes vermachte; bald darauf verließen ihn alle ſeine Fähigkeiten, er ward völlig kindiſch und ſtarb, mehr als achtzig Jahre alt. Der Angetlagte, der älteſte Sohn, gab unmittelbar darauf vor, daß ſein Vater das Teſtament vernichtet habe; und da kein Teſtament gefunden ward, trat er den Beſitz der in Frage ſtehenden Ländereien an, und dabei verblieb es einundzwanzig Jahre lang, während welcher die ganze Familie in dem Glauben lebte, daß der Vater geſtorben, ohne ein Teſtament zu hinterlaſſen. Doch die Frau des Angeklagten ſtarb und er heirathete bald darauf, im Alter von achtundſiebenzig Jahren, eine ſehr junge Frau wieder: ein Verfahren, das ſeinen beiden Söhnen einige Beſorgniß verurſachte;— und die Schärfe, mit der ſie ſich über daſſelbe ausſprachen, erboste den Vater dermaßen, daß er in ſeinem Zorn ein Teſtament machte, durch das er ſeinen älteſten Sohn enterbte, und daſſelbe in ſeinem Zorn dem jüngſten Sohne zeigte, welcher augenblicklich beſchloß, ſich des Documents zu bemäch⸗ tigen und es zu vernichten, um ſeinem Bruder das Ver⸗ mögen zu erhalten. In dieſer Abſicht öffnete er gewalt⸗ ſam den Secretair ſeines Vaters und fand dort— nicht das Teſtament ſeines Vaters, welches er ſuchte, ſondern das Teſtament des Großvaters, das zu dieſer Zeit bereits gänzlich von der Familie vergeſſen worden.“ „Da!“ ſagte Mr. Boffin.„Seht nur, was die Leute oft verſtecken und vergeſſen, oder zu vernichten beabſich⸗ „Es einen tigen und nicht vernichten!“ Dann fügte er mit leiſer *+ 3 — 4* — 405 Stiume die Aug morge Wagt pel taſche genſta gezoge Verbül Vorſch heraus O dieſes daſſel Scha mit blies Ende dann, ſchauen Latern ſolchen es ihr Wahl ſich andes beide wie I achte verle und Pa. cer den aber⸗ Yemüthz⸗ lſeum ver⸗ Er lag be. fifrig unter die einen Boffin. nhalt de in Mary⸗ ‚kam ein er in Kürze 1782 ſein nden Güter ; bald nichtet trat er den und dabei end welcher zder Vater Doch die vald darauf, ſehr junge Söhnen bäfe, mit den Vater nt machte, nd daſſelbe e, welcher zu bemäch⸗ r das Ver⸗ 1 geualt⸗ ort— nicht „ ſondern zeit bereits „ 5„% Leute 3s die 8 en beabſich nit leiſet Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. Stimme hinzu:„Er— ſtaun— lich!“ Und wie er dabei die Augen ringsum im Zimmer ſchweifen ließ, folgten Wegg und Venus denſelben mit den ihrigen. Und dann heftete Wegg allein ſeine Augen auf Mr. Boffin, als dieſer wieder ins Feuer ſchaute, wie wenn er(Wegg) mit dem Gedanken umginge, ſich auf ihn zu ſtürzen und ſeine Gedanken oder ſein Leben von ihm zu fordern. „Indeſſen, für heut' Abend iſt unſere Zeit abge⸗ laufen,“ ſagte Mr. Boffin mit einer Handbewegung, nachdem er eine Weile ſchweigend dageſeſſen.„Ueber⸗ morgen mehr. Stellt die Bücher auf dem Simſe auf, Wegg. Mr. Venus wird vielleicht ſo gut ſein, Euch zu helfen.“ 4 ſWäͤhrend er ſprach, ſteckte er die Hand in die Bruſt⸗ taſche ſeines Oberrocks und kämpfte dort mit einem Ge⸗ genſtande, der zu groß war, um mit Leichtigkeit hervor⸗ gezogen zu werden. Verbündeten, als dieſer Gegenſtand, da er endlich zum zu ſuchen im Sinne haben. Wie groß war die Beſtürzung der Vorſchein kam, ſich als eine arg verbrauchte Blendlaterne herausſtellte! Ohne im Geringſten die Wirkung zu bemerken, die dieſes kleine Werkzeug hervorbrachte, ſtellte Mr. Boffin daſſelbe auf ſein Knie und zündete, nachdem er auch eine Schachtel mit Zündhölzchen aus der Taſche genommen, mit großer Gelaſſenheit das Licht in der Laterne an, blies das brennende Zündhölzchen aus und warf das Ende deſſelben ins Feuer.„Ich gehe,“ verkündigte er dann,„hinaus, Wegg, um mich einmal im Hofe umzu⸗ ſchauen. Ich bedarf Euer nicht. Ich und dieſe ſelbige Laterne haben ſchon Hunderte— ja Tauſende— von ſolchen Gängen zuſammen gemacht.“ „Aber ich kann es nicht erlauben, Sir,— ich kann auf keinen Fall—“ fing Wegg höflich an, als Mr. Boffin, welcher aufgeſtanden und an die Thür gegangen war, ſtillſtand: „Ich habe Euch geſagt, ich bedarf Euer nicht, Wegg.“ Wegg machte ein verſtändig nachdenkliches Geſicht, wie wenn ihm dies nicht eingefallen, bis die Umſtände es ihm ins Gedächtniß gerufen. Es blieb ihm keine Wahl, als Mr. Boffin hinausgehen und die Thür hinter ſich ſchließen zu laſſen. Doch ſowie dieſer ſich auf der andern Seite derſelben befand, packte Wegg Venus mit beiden Händen und ſagte mit einem erſtickten Flüſtern, wie wenn er ſtrangulirt würde: „Mr. Venus, es muß ihm gefolgt werden, er muß beob⸗ achtet werden, er darf keine Secunde aus den Augen verloren werden!“ „Warum nicht?“ fragte Venus, ebenfalls wie er⸗ ſtickend. „Camerad, Sie müſſen bemerkt haben, daß ich heute Abend, als Sie ankamen, ein wenig ausgelaſſen war. Ich habe Etwas gefunden.“ „Was haben Sie gefunden?“ fragte Venus, ihn mit beiden Händen packend, ſo daß ſie wie ein Paar lächer⸗ liche Gladiatoren in einander verſchlungen daſtanden. „Es iſt keine Zeit dazu, es Ihnen jetzt zu erzählen. Ich denke mir, er muß gegangen ſein, um es zu ſuchen. Wir müſſen ihn augenblicklich beobachten.“ Sie ließen einander los, ſchlichen an die Thür, öffneten dieſelbe und ſchauten hinaus. Es war eine bewölkte Nacht und die ſchwarzen Schatten der Hügel machten den dunklen Hof noch dunkler.„Wenn er nicht ein dop⸗ pelter Schwindler iſt— wozu bringt er da eine Blend⸗ laterne? flüſterte Wegg.„Wir hätten ſehen können, was er vorhat, falls er eine gewöhnliche Laterne gebracht. Leiſe hierher.“ Die Beiden ſchlichen ihm vorſichtig auf dem Pfade nach, der auf beiden Seiten einen Saum von Scherben ſie zu verfallen und unterzugehen angefangen. 3 und Aſche hatte. Sie konnten ihn auf ſeine ihm eigene Weiſe dahintraben hören, wobei er die loſen Kohlen unter ſeinem Fuße knirſchen machte.„Er kennt den Ort aus⸗ wendig,“ murmelte Silas,„und bedarf des Lichts ſeiner Laterne gar nicht, hol' ihn der Henker!“ Doch in dem— ſelben Augenblicke ließ er allerdings das Licht auf die Hügel blitzen. „Iſt das die Stelle?“ fragte Venus flüſternd. „Er brennt,“ ſagte Silas in demſelben Tone. brennt ſehr. Er iſt nahe daran. „Er 1 Ich denke, er muß es Was iſt das dort, was er in der Hand hat?“ „Eine Schaufel,“ erwiderte Venus.„Und vergeſſen Sie nicht, daß er dieſelbe fünfzigmal beſſer, als wir, zu gebrauchen weiß.“ „Was ſollen wir anfangen, Compagnon,“ ſagte Wegg, „falls er es ſucht und es vermißt?“ „Wir wollen zuerſt abwarten, ob er dies thut,“ ſagte Venus. Guter Rath, denn er verdunkelte ſeine Laterne wie⸗ der und der Hügel war wieder ſchwarz. Nach wenigen Secunden öffnete er die Klappen der Laterne wieder und ſie ſahen ihn am Fuße des zweiten Hügels ſtehen, wie er langſam und allmälig die Laterne erhob, bis er dieſelbe auf Armlänge emporhielt, wie wenn er die Beſchaffenheit der ganzen Oberfläche des Hügels in Augenſchein nähme. „Das kann nicht ebenfalls die Stelle ſein?“ ſagte Venus. „Nein,“ ſagte Wegg, p„er fängt an kalt zu werden.“ „Es fällt mir ein,“ flüſterte Venus,„daß er ſich überzeugen will, ob hier irgend Jemand gegraben oder geſucht hat.“ „Pſt!“ ſagte Wegg. iſt er eiskalt!“ Dies ward dadurch hervorgerufen, daß er ſeine La⸗ terne wieder dunkel und dann wieder hell gemacht und am Fuße des dritten Hügels ſichtbar war. „Wiel er ſteigt den Hügel hinauf! ſagte Venus. „Mit Schaufel und Allem!“ ſagte Wegg. In einem flinkeren Trabe, wie wenn die Schaufel auf ſeiner Schulter ihn antriebe, indem ſie alte Erinnerungen in ihm erweckte, ſtieg Mr. Boffin den„Schlangenpfad“ des Hügels hinan, den er Silas Wegg beſchrieben, als Wie er denſelben betrat, verdunkelte er ſeine Laterne. Die Bei⸗ den folgten ihm, doch bückten ſie ſich, damit ihre Ge⸗ ſtalten, ſobald er die Laterne wieder öffnete und falls er ſich zufällig umwandte, ſich nicht am Himmel abzeichne⸗ ten. Mr. Venus ging voran und zog Mr. Wegg nach, damit deſſen widerſpenſtiges Bein ſchnell aus etwaigen Fallgruben herausgeriſſen werden könne, die es ſich ſelber graben würde. Sie konnten eben entdecken, daß der Gol⸗ dene Kehrichtmann ſtillgeſtanden ſei, um Athem zu ſchöpfen. Sie ſtanden natürlich ebenfalls augenblicklich ſtill. „Dies iſt ſein eigener Hügel,“ flüſterte Wegg, als er wieder zu Athem gekommen,„dieſer hier.“. „Nun, ſie ſind alle drei ſeine eigenen,“ ſagte Venus. „Das glaubt er; aber er iſt gewohnt, dieſen ſeinen eigenen zu nennen, weil es derjenige iſt, der ihm zuerſt vermacht wurde; derjenige, der ſein Vermächtniß war, als dies Alles ausmachte, was ihm nach dem Teſtamente zukam.“ „Wenn er die Laterne wieder öffnet,“ ſagte Venus, fortwährend ſeine dunkle Geſtalt bewachend,„ſo bücken Sie ſich tiefer und drängen ſich feſter an mich.“ Er ſetzte ſeinen Weg wieder fort und ſie folgten ihm wieder. Auf dem Gipfel des Hügels anlangend, öffnete er ſeine Laterne— doch nur theilweiſe— und ſtellte „Er wird immer kälter.— Jetzt ..„— 26* 407 — Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 408 dieſelbe auf den Boden. Eine nackte, ſchiefe, verwitterte Stange war dort in den Schutt gepflanzt, und hatte dort manches Jahr geſtanden. Dicht neben dieſer Stange ſtand ſeine Laterne, und beleuchtete ein paar Fuß des unteren Theils derſelben und ein wenig von der umliegen⸗ den Schuttfläche, und warf dann einen zweckloſen kleinen hellen Lichtſtreifen in die Luft empor. „Er kann doch nimmer die Stange ausgraben wollen!“ flüſterte Venus, indem ſie ſich tief bückten und feſt an⸗ einander drängten. „Sie iſt vielleicht hohl und mit Etwas gefüllt,“ flüſterte Wegg. Welchen Zweck er immer haben mochte, er war jeden⸗ falls im Begriff zu graben, denn er krämpte ſeine Rock⸗ ärmel um, ſpie ſich in die Hände und ging ans Werk, wie der alte Gräber, der er war. Er hatte keine Ab⸗ ſichten auf die Stange, außer daß er etwa eine Schaufel⸗ länge von derſelben abmaß, ehe er zu graben anfing; auch beabſichtigte er nicht tief zu graben. Ungefähr ein Dutzend geſchickter Stöße genügten. Dann hielt er inne, ſchaute in das Loch hinab, bückte ſich und nahm einen Gegenſtand heraus, der wie eine gewöhnliche viereckige Flaſche ausſah: eine von jenen unterſetzten, hochſchulterigen, kurzhalſigen Flaſchen, in denen der Holländer, wie es heißt, ſeinen Muth aufbewahrt. Sowie er dies gethan, verdunkelte er ſeine Laterne, und ſie hörten, wie er im Finſtern das Loch wieder zufüllte. Da eine geſchickte Hand leicht mit dem Schutt fertig werden konnte, ließen die Spione ſich hierdurch zu rechtzeitiger Flucht warnen. Demzufolge glitt Venus an Mr. Wegg vorüber und ſchleppte ihn herunter. Aber Mr. Wegg's Herabſtei gen ward nicht ohne einige perſönliche Unbequemlichkeit für ihn vollführt, denn da ſein eigenſinniges Bein auf etwa halbem Wege im Schutte ſtak und die Zeit drängte, nahm Mr. Venus ſich die Freiheit, ihn beim Kragen von ſeinem Pflock zu reißen: wodurch er den Reſt der Reiſe auf dem Rücken, mit dem Kopfe in den Rockſchößen zu⸗ rückzulegen genöthigt war, während ſein hölzernes Bein ihm wie eine Schleife folgte. Mr. Wegg war durch dieſe Reiſeart in eine ſolche Verwirrung gebracht, daß, als er mit den Verſtandesorganen zu oberſt auf ebenen Boden geſtellt worden, er in völliger Unkenntniß darüber war, wo er ſich befinde, und keine Ahnung davon hatte, wo ſeine Wohnung zu finden ſei, bis Mr. Venus ihn in die⸗ ſelbe hineinſchob. Selbſt dann taumelte er noch immer rundum und ſtierte ſchwach umher, bis Mr. Venus mit einer harten Bürſte ſeine Beſinnung wieder in ihn hinein⸗ und den Staub von ſeinem Rocke abbürſtete. Mr. Boffin kehrte gemächlich zurück, denn dieſes Ab⸗ bürſten war vollkommen vollendet und Mr. Venus hatte Zeit gehabt, wieder zu Athem zu kommen, ehe jener wie⸗ der im Zimmer erſchien. Daß er die Flaſche irgendwo bei ſich führte, konnte keinem Zweifel unterliegen; doch wo, das war nicht ſo klar. Er trug einen großen rauhen Oberrock, der feſt zugeknöpft war, und die Flaſche mochte ſich in irgend einer des halben Dutzend Taſchen befinden. „Was giebt's, Wegg? ſagte Mr. Boffin.„Ihr ſeid ſo blaß wie ein Talglicht.“ Mr. Wegg erwiderte mit großer Richtigkeit, es ſei ihm zu Muthe als ob er einen Anfall gehabt. „Galle,“ ſagte Mr. Boffin, das Licht in der Laterne ausblaſend, die er dann ſchloß und wieder, wie zuvor, in die Bruſttaſche ſeines Oberrocks ſteckte.„Leidet Ihr oft an der Galle, Wegg?“ Mr. Wegg erwiderte abermals vollkommen der Wahr⸗ heit getreu, er erinnerte ſich nicht, je ein ähnliches Gefühl im Kopfe gehabt zu haben.. „Nehmt morgen etwas Medicin ein, Wegg,“ ſagte Mr. Boffin,„damit Ihr den folgenden Abend munter ſeid. Beiläufig— es ſteht dieſer Gegend ein Verluſt bevor, Wegg.“* „Ein Verluſt, Sir!“ „Wird die Hügel verlieren.“ Die Verbündeten machten eine ſo ſichtliche Anſtren⸗ gung, einander nicht anzuſchauen, daß ſie einander ebenſo gut mit aller Gewalt hätten anſtieren können. „Haben Sie dieſelben verkauft, Mr. Boffin?“ fragte Silas. „Ja; ſie gehen fort. Der meinige iſt ſchon ſo gut als fort.“ „Sie meinen den kleinſten der drei, auf dem die Stange ſteht, Sir?“ „Ja,“ ſagte Mr. Boffin, ſich in ſeiner alten Weiſe, die aber einen Anflug von ſeiner neuen Verſchmitztheit hatte, das Ohr reibend.„Er hat einen hübſchen Pfennig eingebracht. Man wird ihn morgen abzukarren an⸗ fangen.“ „Gingen Sie hinaus, um von Ihrem alten Freunde Abſchied zu nehmen, Sir?“ fragte Silas ſcherzend. „Nein,“ ſagte Mr. Boffin;„wie zum Teufel kommt Ihr darauf?“ Er ſprach ſo ſchnell und barſch, daß Wegg, der ſich immer näher an ſeine Rockſchöße herangemacht und den Rücken ſeiner Hand auf Entdeckungsreiſen nach der Flaſche ausgeſandt hatte, plötzlich ein paar Schritte zurücktrat. „Wollte nicht beleidigen, Sir,“ ſagte Wegg demüthig. „Wollte nicht beleidigen.“ Mr. Boffin beäugelte ihn, wie ein Hund wohl einen andern Hund betrachtet, der Abſichten auf ſeinen Knochen hat, und antwortete ſogar, wie der Hund wohl thun würde, mit einem leiſen Knurren. „Gute Nacht,“ ſagte er, nachdem er in düſteres Schweigen verſunken, indem er die Hände hinter ſich faltete und Wegg argwöhniſch vom Kopf bis zu den Füßen betrachtete.—„Nein! bleibt hier. Ich kenne den Weg und bedarf keines Lichts.“ Die Habgier und die Geizlegenden des Abends und der entzündliche Eindruck von dem, was er geſehen, und vielleicht der Umſtand, daß ſein bösartiges Blut ihm bei dem Herabſteigen vom Berge in den Kopf geſtiegen, trieben Silas Wegg zu einem ſolchen Grade von Uner⸗ ſättlichkeit, daß er, als die Thür ſich ſchloß, auf dieſelbe zuſtürzte und Venus mit ſich fortzog. „Er darf nicht gehen,“ rief er aus.„Wir müſſen ihn nicht gehen laſſen! Er hat jene Flaſche bei ſich. Wir müſſen jene Flaſche haben.“ „Wie? Sie wollten ihm dieſelbe doch nicht mit Ge⸗ walt abnehmen?“ ſagte Venus, ihn zurückhaltend. „Nicht? Gewiß wollt' ich das. Ich will jede Ge⸗ walt gebrauchen, will ſie um jeden Preis haben! Fürchten Sie ſich vor einem alten Manne, daß Sie ihn gehen laſſen, Sie feige Memme?“ 3 „Ich fürchte mich ſo ſehr vor Ihnen, daß ich Sie nicht gehen laſſen will,“ murmelte Venus entſchloſſen, ihn in ſeine Arme ſchließend. „Hörten Sie ihn nicht?“ entgegnete Wegg.„Hörten Sie ihn nicht ſagen, daß er unſere Hoffnungen zu ver⸗ eiteln entſchloſſen ſei? Hörten Sie ihn nicht ſagen, Sie Lump, daß er die Hügel abtragen laſſen will, wobei dann wahrſcheinlich der ganze Hof durchſtöbert wird? Falls Sie nicht den Muth einer Maus haben, um Ihre Rechte zu vertheidigen, ſo habe ich ihn doch. Laſſen Sie mich ihm nach!“ Da er in ſeiner Wildheit heftig rang, hielt Mr. Venus es für rathſam, ihn aufzuheben, niederzuwerfen . auf den ſo Haar ſchtli Fn a. harter aus polit Herz ten. hatte achtun noch i im hö Erſtau denn — 408 — end end munter ein N. n2'f ſragte hon ſo gut if dem die alten Weiſe rſchmittheit en Dfennig karren an⸗ en Freunde zend. eufel kommt 39, der ſich cht und den mnach der ar Schritte demüthig. wohl Enen nen Knochen wohl thun in düſteres binter ſich is zu den kenne den Albends und geſehen, und „Blut ihm pf geſtiegen, von Uner⸗ auf dieſelbe Wir müſſen ei ſich. Wir ct mit Ge⸗ ltend. ill jede Ge⸗ —n! Fürchten ihn gehen g ich Sie entſchloſſen, g.„Hörten won zu ver⸗ igen zu ver ſagen, Sie wobei dann ird? Fals Ihre Rechte —n Sie mi — — hielt Mr. dderzuwerfen ’ Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 410 und mit ihm zu fallen; da er wohl wußte, daß er, ſobald er einmal am Boden, mit ſeinem hölzernen Bein Mühe haben werde, ſich wieder aufzurichten. Und ſo rollten ſie denn Beide am Boden und in demſelben Augenblicke ſchloß Mr. Boffin das Thor. Siebentes Kapitel. Das Freundſchaftsbündniß nimmt eine ſtarke Poſition ein. Die Verbüündeten ſaßen, nachdem Mr. Boffin das Thor zugeworfen hatte und fortgegangen war, aufrecht auf dem Boden und ſtierten einander keuchend an. In den ſchwachen Augen und jedem röthlichen ſtaubfarbenem Haar auf Mr. Venus' ſtruppigem Haupte lauerte ein ſichtlicher Argwohn gegen Wegg und eine Bereitwilligkeit, ihn auf die geringſte Veranlaſſung zu packen. In Wegg's harten Zügen und ſeiner ſteifen knorrigen Geſtalt(er ſah aus wie eine Nürnberger Holzpuppe) drückte ſich eine politiſche Verſöhnlichkeit aus, die durchaus nicht vom Herzen zu kommen ſchien. Beide waren durch den gehab⸗ ten Kampf erhitzt, verſtört und athemlos; und Wegg hatte bei ſeinem Falle einen gewaltigen Schlag an ſein achtungswerthes Hinterhaupt erhalten, der ihn daſſelbe noch immer mit einer Miene zu reiben bewog, als ob er im höchſten Grade— obgleich höchſt unangenehm— in Erſtaunen geſetzt worden. Beide ſchwiegen eine Weile, denn Jeder wünſchte es dem Andern zu überlaſſen, zuerſt zu ſprechen. „Bruder,“ ſagte Wegg, endlich das Schweigen bre⸗ chend,„Sie hatten Recht und ich hatte Unrecht. Ich vergaß mich.“ Mr. Venus ſträubte ſchlau ſein ſtruppiges Haar, wie wenn er eigentlich der Anſicht ſei, daß Mr. Wegg ſich nicht ſo ſehr vergeſſen, als ſich ſeiner erinnert, inſofern, als er ſich unverſtellt zu erkennen gegeben habe. „Aber, Camerad,“ fuhr Wegg fort,„es war nie Ihr Loos, Miß Eliſabeth, Maſter George, die Tante Jane und den Onkel Parker zu kennen.“ Mr. Venus gab zu, daß er jene ausgezeichneten Per⸗ ſönlichkeiten allerdings nicht gekannt, und fügte hinzu, daß er ſich in der That die Ehre ihrer Bekanntſchaft auch nie gewünſcht. „Sagen Sie das nicht, Camerad!“ entgegnete Wegg. „Nein, ſagen Sie das nicht! Denn da Sie ſie nicht ge⸗ kannt, können Sie ſich nimmer eine Vorſtellung davon machen, was es heißt, durch den Anblick des Uſurpators zur Raſerei getrieben zu werden.“ Indem er dieſe entſchuldigenden Worte in einem Tone ſprach, als ob dieſelben ihm große Ehre machten, ſchob Mr. Wegg ſich mit der Hand an einen Stuhl in einem Winkel des Zimmers und erlangte dort, nach einer Reihe von ungeſchickten Sprüngen, endlich eine perpendikuläre Stellung. Mr. Venus erhob ſich gleichfalls. „Camerad,“ ſagte Wegg,„ſetzen Sie ſich. Camerad, welch ein ſprechendes Antlitz Sie beſitzen!“ Mr. Venus ſtrich ſich augenblicklich über ſein Ange⸗ ſicht und betrachtete dann ſeine Hand, wie um nachzu⸗ ſehen, ob irgend welche von den ſprechenden Eigenſchaften abgerieben. „Denn ich weiß vollkommen, ſehen Sie wohl,“ ſagte Wegg, ſeinen Worten mit dem Zeigefinger Nachdruck gebend,„ich weiß vollkommen wohl, welche Frage Ihre ausdrucksvollen Züge an mich richten.“ „Welche Frage?“ ſagte Venus. „Die Frage,“ erwiderte Wegg mit einer Art freudiger Freundlichkeit,„warum ich nicht früher erwähnte, daß ich Etwas gefunden habe. Ihr ſprechendes Antlitz ſagt zu mir: ‚Warum theilten Sie mir dies nicht mit, ſowie ich heute Abend ankam? Warum verheimlichten Sie es mir, bis Sie glaubten, Mr. Boffin ſei gekommen, um den Gegenſtand zu ſuchen? Ihr ſprechendes Antlitz,“ ſagte Wegg,„ſagt dies deutlicher als Worte. Nun, Sie Tr in meinem Geſichte gewiß nicht meine Antwort eſen?“ „Nein, das kann ich nicht,“ ſagte Venus. „Das wußt' ich! Und warum nicht?“ erwiderte Wegg mit derſelben freudigen Offenheit.„Weil ich keine An⸗ ſprüche auf ein ſprechendes Antlitz mache. Weil ich mir meiner Mängel wohl bewußt bin. Es ſind nicht alle Menſchen gleich begabt. Aber ich kann mit Worten ant⸗ worten. Und in was für Worten? In dieſen Worten: Ich wollte Ihnen eine freudige Ue— ber— raſchung be⸗ reiten!“ Nachdem er in dieſer Weiſe das Wort Ueberraſchung ausgedehnt und hervorgehoben, drückte Wegg ſeinem Freund und Bruder beide Hände und ſchlug ihm dann auf beide Kniee, gleich einem liebevollen Gönner, der ihn bat, eines ſo geringen Dienſtes, wie es ſein angenehmes Privilegium geweſen, zu leiſten, nicht zu erwähnen. „Da Ihr ſprechendes Angeſicht,“ ſagte Wegg,„eine befriedigende Antwort erhalten, fragt es darauf nur noch: ‚Was haben Sie gefunden?“ Ei, ich kann es die Worte ſagen hören!“ „Nun?“ ſagte Venus biſſig, nachdem er vergebens gewartet.„Warum antworten Sie nicht, wenn Sie es die Worte ſagen hoöͤren?“ „Hören Sie mich zu Ende!“ ſagte Wegg.„Ich bin im Begriff, es zu thun. Hören Sie mich zu Ende! Mann und Bruder, Theilnehmer ſowohl an meinen Ge⸗ fühlen als an meinen Abſichten und Handlungen, ich habe eine Geldcaſſe gefunden.“ „Wo?“ „— Hören Sie mich zu Ende!“ ſagte Wegg.(Er verſuchte, ſo viel er vermochte, zu verhehlen, und jedes⸗ mal, wenn er zum Bekennen gezwungen ward, brach er in einen ſtrahlenden Erguß von„Hören Sie mich zu Ende“ aus.)„An einem gewiſſen Tage, Sir—“ „Wann?“ ſagte Venus ſchroff. „N-ein,“ entgegnete Wegg, indem er zugleich beob⸗ achtend, nachdenkend und ſchäkernd den Kopf ſchüttelte. „Nein, Sir! Die Frage kam nicht von Ihrem ſprechen⸗ den Antlitze. Sie wurde nur von Ihrer Stimme ge⸗ than, nur von Ihrer Stimme. Alſo weiter. An einem gewiſſen Tage, Sir, ging ich zufällig im Hofe— machte meine einſame Runde— denn in den Worten eines Freundes meiner Familie, des Verfaſſers von„Alles gut,“ die als Duett arrangirt wurden: „Verlaſſen, wie Sie ſich erinnern werden, Mr. Venus, vom erblaßten Mond, Wenn Sterne, dies werden Sie einſehen, ehe ich des Umſtandes erwähne, Mitternacht verkünden, Auf Thurm und Fort und unter Zelten Die Schildwach' einſam macht die Runde, Ja, einſam ihre Runde macht.“ — unter ſolchen Umſtänden, Sir, ging ich zufällig früh am Nachmittage im Hofe und hatte ganz zufällig eine eiſerne Ruthe in der Hand, mit der ich mir zuweilen die Einförmigkeit eines literariſchen Lebens verſcheucht, als ich plötzlich mit derſelben an einen Gegenſtand ſchlug, mit deſſen Nennung Sie zu bemühen nicht nothwendig iſt— „Es iſt allerdings nothwendig. An welchen Gegen⸗ ſtand?“ fragte Venus in zornmüthigem Tone. N 411 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 412 „— Hören Sie mich zu Ende!“ ſagte Wegg.„Die Pumpe.— Als ich an die Pumpe ſchlug und entdeckte, das nicht nur das obere Ende loſe war und vermittelſt eines Deckels geöffnet werde, ſondern daß auch im Innern Etwas raſſelte. Dieſes Etwas, Camerad, ſtellte ſich als eine kleine, flache, längliche Geldkaſſe heraus. Muß ich geſtehen, daß ich dieſelbe zu meiner Bekümmerniß ſehr leicht fand?“ „Es waren Papiere darin,“ ſagte Venus. „Da ſpricht in der That Ihr ausdrucksvolles An⸗ geſicht!“ rief Wegg.„Ein Papier. Die Kaſſe war verſchloſſen, zuſammengebunden, verſiegelt, und auf der Außenſeite befand ſich ein Pergamentzettelchen mit den Worten:„Mein Teſtament, John Harmon, das ich zeitweilig hier deponire.“ „Wir müſſen uns mit dem Inhalte deſſelben bekannt machen,“ ſagte Venus. „— Hören Sie mich zu Ende!“ ſagte Wegg.„Ich ſagte daſſelbe, und brach die Kaſſe auf.“ „Ohne zu mir zu kommen!“ rief Venus aus. „Ganz recht, Sir!“ erwiderte Wegg freundlich und froh. „Ich ſehe, Sie folgen mir! Hört, hört, hört! Ich be⸗ ſchloß, wie Ihr vortrefflicher Verſtand ſofort begreift, daß, falls Sie eine Ueberraſchung haben ſollten, dieſelbe eine vollſtändige ſein müſſe! Nun wohl, Sir. Und deshalb, wie Sie mir bereits die Ehre erzeigt, zu vermuthen, unterſuchte ich das Document. Daſſelbe iſt nach allen Regeln abgefaßt und nach allen Regeln von Zeugen unterſchrieben, und ſehr kurz. Da er niemals Freunde gefunden und ſtets eine widerſetzliche Familie gehabt, giebt er, John Harmon, Nicodemus Boffin den kleinen Hügel, der völlig hinreichend für ihn iſt, und vermacht den ganzen Ueberreſt ſeines Vermögens der Krone.“ „Wir müſſen das Datum des erwieſenen Teſtaments in Erfahrung bringen,“ bemerkte Venus.„Daſſelbe mag ein ſpäteres ſein als dieſes.“ „— Hören Sie mich zu Ende!“ rief Wegg.„Das⸗ ſelbe ſagte ich. Ich zahlte einen Schilling(denken Sie nicht daran, Ihren Sigxpence daran bezahlen zu wollen), um mir jenes Teſtament anzuſchauen. Bruder, jenes Teſtament iſt monatelang vor dieſem executirt worden. Und jetzt ſagen Sie mir, als Nebenmenſch und als Com⸗ pagnon in dieſem Freundſchaftsbündniſſe,“ fügte Wegg wohlwollend hinzu, indem er ihm abermals beide Hände drückte und ihn auf beide Kniee klopfte,„ob ich mein Liebeswerk zu Ihrer vollkommenen Zufriedenheit vollendet und Sie über— raſcht habe?“ Mr. Venus betrachtete ſeinen Nebenmenſchen und Compagnon mit zweifelnden Blicken und ſagte dann ſteif: „Dies iſt in der That eine große Neuigkeit, Mr. Wegg. Das iſt nicht zu leugnen. Aber ich wollte, Sie hätten mir dieſelbe mitgetheilt, ehe Sie heute Abend den Schreck erhielten, und ich wollte, Sie hätten mich ſtets als Ihren Compagnon darüber zu Rathe gezogen, was wir thun ſollten, ehe Sie daran dachten, daß Sie eine Verantwortlichkeit theilten.“ „— Hören Sie mich zu Ende!“ rief Wegg.„Ich wußte, daß Sie dies ſagen würden. Aber ich trug die Sorge allein, und will auch den Tadel allein auf mich nehmen!“ Dies ſagte er mit einer Miene erhabener Großmuth. „Jetzt,“ ſagte Venus,„laſſen Sie uns dies Teſtament und dieſe Caſſe anſehen.“ „Verſteh' ich recht, Bruder,“ erwiderte Wegg mit be⸗ trächtlichem Widerſtreben,„daß Sie dieſes Teſtament und dieſe Caſſe zu ſehen—“ Mr. Venus ſchlug mit der Hand auf den Tiſch. „— Hören Sie mich zu Ende!“ ſagte Wegg.„Hören Sie mich zu Ende! Ich will gehen und ſie holen.“ Nachdem er eine Weile abweſend geblieben, wie wenn er ſich in ſeiner Habgier kaum dazu entſchließen konnte, ſeinem Compagnon den Schatz zu zeigen, kehrte er mit einer alten ledernen Hutſchachtel zurück, in die er, um dadurch um ſo beſſer einen alltäglichen Schein zu be⸗ wahren und jeden Argwohn zu entwaffnen, die Caſſe hineingeſtellt hatte.„Aber ich möchte ſie kaum hier öffnen,“ ſagte Silas mit leiſer Stimme, indem er ſich ſcheu rings umſchaute;„er könnte zurückkommen, er iſt vielleicht noch nicht fort; wir wiſſen nicht, weſſen er fähig iſt, nach dem, was wir geſehen haben.“ „Daran iſt wohl etwas Wahres,“ ſagte Venus bei⸗ ſtimmend.„Kommen Sie nach meiner Wohnung.“ Neidiſch auf die Verwahrung der Caſſe und dennoch dieſelbe unter obwaltenden Verhältniſſen zu öffnen fürch⸗ tend, zögerte Wegg.„Kommen Sie, ſage ich Ihnen, nach meiner Wohnung,“ wiederholte Venus aufgebracht. Da er nicht wohl einſah, wie er ſich deſſen weigern könne, erwiderte Mr. Wegg mit Ergießung:„— Hören Sie mich zu Ende!— Das verſteht ſich.“ Demzufolge verſchloß er die„Laube“ und ſie machten ſich auf den Weg, wobei Mr. Venus Wegg's Arm nahm und den⸗ ſelben mit außerordentlicher Beharrlichkeit feſthielt. Sie fanden das gewohnte trübe Licht in Mr. Venus' Fenſter vor, das dem Publikum, wie gewöhnlich, einen unklaren Anblick der beiden ausgeſtopften Fröſche, mit den Rappieren in der Hand, gewährte, deren Ehrenſache noch immer nicht ausgefochten war. Mr. Venus hatte ſeine Ladenthür verſchloſſen, als er ausgegangen war, und öffnete dieſelbe jetzt mit dem Schlüſſel und ſchloß ſie wieder, ſowie ſie ſich im Innern befanden; doch erſt, nachdem er zuvor die Fenſterläden vor das Ladenfenſter geſchoben und verriegelt hatte.„Es kann Niemand herein, den wir nicht hereinlaſſen,“ ſagte er darauf,„und wir könnten es nirgend bequemer haben als hier.“ Da⸗ mit ſcharrte er die noch warmen Kohlen in dem roſtigen Feuerroſte zuſammen, machte ein Kaminfeuer an und putzte das Licht auf dem kleinen Ladentiſche. Wie das Feuer ſein flackerndes Licht hier und dort auf die ſchmie⸗ rigen Wände warf, kamen das indiſche Kind, das afri⸗ kaniſche Kind, das articulirte engliſche Kind, das Schä⸗ delſortiment und der Reſt der Sammlung auch an ihren verſchiedenen Stellen zum Vorſchein, wie wenn ſie alle, gleich ihrem Herrn, ausgeweſen und ſich pünktlich zum Rendezvous einſtellten, um bei dem Geheimniſſe gegen⸗ wärtig zu ſein. Der franzöſiſche Herr war, ſeit Mr. Wegg ihn zuletzt geſehen, beträchtlich gewachſen, indem er jetzt mit einem Kopfe und einem Paar Beinen verſehen, obgleich ſeine Arme ihm noch in Ausſicht ſtanden. Wem der Kopf urſprünglich immer angehört haben mochte— Silas Wegg würde es als eine perſönliche Gefälligkeit von ihm aufgenommen haben, falls er nicht gar ſo viele Zähne gezeigt hätte. Silas ließ ſich ſchweigend auf der hölzernen Kiſte vor dem Feuer nieder, und Venus ſank auf ſeinen nie⸗ drigen Stuhl und nahm unter ſeinen Händeſfeletten ſein Theebrett und ſeine Taſſen hervor und ſtellte den Keſſel auf's Feuer. Silas gab dieſen Zurichtungen innerlich ſeinen Beifall, in der Hoffnung, daß ſie ſchließlich zur Folge haben würden, daß Mr. Venus ſeinen Verſtand verdünnte. „Jetzt, Sir,“ ſagte Venus,„iſt Alles ſicher und ruhig.“ Laſſen Sie uns dieſe Entdeckung ſehen.“ Mit noch immer widerſtrebenden Händen und nicht ohne verſchiedene Blicke auf die Händeſkelette, wie wenn er argwöhnte, daß ein Paar derſelben hervorſchießen und men 1 L Venus Jetzt wit anatt 1 1 lang freun kann, ich bi von d zeuge 1 mals. 8 Venu ſelben menſc vollge neren meine ſelber Mr. Proh kaum Dort zöſiſc licher hinte ſage verſch „ in von erwide meine beabſig haben 9 ——— — dagne I Auge zurech „ um An zu be⸗ N d dd Caß. 835 4 G afſe Auauu hier dem er ſich mlen, er iſt en er fähig Venus ba Denus bei. nung.“ und dennoch nen fürch⸗ ich Ihnen aufgebracht. en weigern „— Hören Do. Demzufolge ſich auf den ielt. Mr. Venus alich, einen röſche, mit Ehrenſache us hatte n war, wod d ſchloß ſie doch erſt, Ladenfenſter Niemand darauf,„und Da⸗ r“ l. roſtigen er an und 2. Wie das die ſchmie⸗ d, das afri⸗ „ das Schä⸗ an ihren ſie alle, tlich zum e gegen⸗ ſeit Mr. indem er verſehen, en. Wem n mochte— Gefüligteit aar ſo viele 1 mniſſ ernen Kiſte ſeinen nie⸗ ſteletten ſein den Keſſel nen innerlich ehen. und nich wie wenn richieen un en das Document packen würden, öffnete Wegg die Hut⸗ ſchachtel und zeigte die Caſſe, öffnete dann die Caſſe und zeigte das Teſtament. Er hielt daſſelbe an einer„Ecke feſt, während Venus, eine andere Ecke faſſend, es prüfend und aufmerkſam durchlas. 4 „Habe ich das Document richtig beſchrieben, Com⸗ pagnon? ſagte Mr. Wegg endlich. 1 „Das haben Sie, Compagnon,“ ſagte Mr. Venus. Mr. Wegg machte darauf eine leichte, anmuthige Be⸗ wegung, wie wenn er das Document zuſammenzulegen beabſichtigte; doch Mr. Venus hielt ſeine Ecke feſt. „Nein, Sir,“ ſagte Mr. Venus, mit ſeinen ſchwachen Augen blinzelnd und den Kopf ſchüttelnd.„Nein, Com⸗ pagnon, es iſt jetzt die Frage, wer dies in Gewahrſam nehmen ſoll. Wiſſen Sie, wer dies in Gewahrſam neh⸗ men wird, Compagnon?“ 2 „Nun, ich,“ ſagte Wegg. „O, lieber Himmel, nein, Compagnon,“ entgegnete Venus.„Das iſt ein Irrthum. Ich werde dies thun. Jetzt hören Sie, Mr. Wegg. Ich will keinen Streit mit Ihnen haben, und noch weniger verlangt es mich nach anatomiſcher Beſchäftigung mit Ihnen.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ fragte Wegg ſchnell. „Ich will damit ſagen, Compagnon,“ erwiderte Venus langſam,„daß es kaum möglich iſt, daß ein Menſch freundſchaftlichere Geſinnungen für einen andern hegen kann, als ich in dieſem Augenblicke für Sie hege. Aber ich bin auf meinem eigenen Grund und Boden, ich bin von den Trophäen meiner Kunſt umringt und meine Werk⸗ zeuge ſind bequem zur Hand.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ fragte Wegg aber⸗ mals. „Ich bin umringt, wie ich bemerkt habe,“ ſagte Mr. Venus ruhig,„von den Trophäen meiner Kunſt. Die⸗ ſelben ſind zahlreich, mein Vorrath an verſchiedenartigen menſchlichen Gliedern iſt groß, der Laden iſt ziemlich vollgeſtopft, und es iſt mir eben jetzt nicht an noch fer⸗ neren Trophäen meiner Kunſt gelegen. Aber ich liebe meine Kunſt, und finde Gefallen an der Ausübung der⸗ ſelben.“ „Kein Menſch verſteht ſich beſſer auf dieſelbe,“ ſagte Mr. Wegg mit etwas beſtürzter Miene. „Dort ſind die Miscellen verſchiedener menſchlicher Probeſtücke,“ ſagte Venus,„dort(obgleich Sie dies kaum glauben mögen) in der Kiſte, auf der Sie ſitzen. Dort,“ mit einem Kopfnicken in der Richtung des fran⸗ zöſiſchen Herrn,„ſind die Miscellen verſchiedener menſch⸗ licher Probeſtücke, in jener prachtvollen Zuſammenſetzung hinter der Thür. Dieſelbe bedarf noch der Arme. Ich ſage durchaus nicht, daß ich Eile habe, mir dieſelben zu verſchaffen.“ „Sie müſſen irre reden, Compagnon,“ ſagte Wegg in vorſtellendem Tone. „Sie werden mich entſchuldigen, wenn ich irre rede,“ erwiderte Venus.„Ich leide zuweilen daran. Ich liebe meine Kunſt, und ich verſtehe mich auf dieſelbe, und ich karztise dieſes Document in meinem Gewahrſam zu aben.“ „Aber was hat das mit Ihrer Kunſt zu thun, Com⸗ pagnon?“ fragte Wegg in einſchmeichelndem Tone. Mr. Venus blinzelte mit ſeinen beiden chroniſch müden Augen zugleich und bemerkte, den Keſſel auf dem Feuer zurecht ſtellend, mit hohler Stimme für ſich:„Er wird in zwei Minuten kochen.“ „Sillas Wegg warf einen Blick auf den Keſſel, auf die Simſe, auf den franzöſiſchen Herrn hinter der Thür, und ſchauderte ein wenig, wie er Mr. Venus anſah, der mit ſeinen rothen Augen blinzelte und mit ſeiner freien Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. Hand in ſeiner Weſtentaſche ſuchte— wie nach einer Lanzette. Er und Venus ſaßen nothwendigerweiſe hart neben einander, da Jeder eine Ecke des Documents hielt, das nur ein gewöhnliches Blatt Papier war. „Compagnon,“ ſagte Wegg noch einſchmeichelnder als zuvor,„ich ſchlage vor, daß wir es durchſchneiden und Jeder die Hälfte behält.“ Venus ſchüttelte ſein ſtruppiges Haupt, indem er er⸗ widerte:„Wir dürfen es nicht verſtümmeln, Compagnon. Es könnte dadurch annullirt werden.“ „Compagnon,“ ſagte Wegg nach einer Pauſe, während welcher ſie einander angeſchaut hatten,„ſagt Ihr ſprechen⸗ des Angeſicht mir nicht, daß Sie einen Mittelweg vor⸗ ſchlagen wollen?“ Venus ſchüttelte ſein ſtruppiges Haupt, indem er er⸗ widerte:„Compagnon, Sie haben mir dieſes Document einmal vorenthalten. Sie ſollen dies niemals wieder thun. Ich übergebe die Caſſe und den Zettel Ihrer Ob⸗ hut, aber das Document behalte ich.“ Silas zögerte ein wenig länger und rief dann, indem er plötzlich ſeine Ecke fahren ließ und wieder ſeinen wohl⸗ wollenden Ton annahm:„Was iſt das Leben ohne Ver⸗ trauen! Was iſt ein Nebenmenſch ohne Ehre! Nehmen Sie es immerhin, Compagnon, ich überlaſſe es Ihnen freudig und in vollem Vertrauen.“ Mr. Venus faltete, indem er mit ſeinen beiden rothen Augen zu blinzeln fortfuhr— doch in einer mit ſich ſelber berathenden Weiſe und ohne irgend Triumph zu verrathen— das jetzt in ſeiner Hand bleibende Blatt Papier zuſammen, verſchloß daſſelbe in einer hinter ihm befindlichen Schublade und ſteckte den Schlüſſel in die Taſche. Dann machte er den Vorſchlag:„Eine Taſſe Thee, Compagnon?“, worauf Mr. Wegg erwiderte: „Danke, Compagnon,“ und der Thee gemacht und ein⸗ geſchenkt ward. „Zunächſt,“ ſagte Venus, den Thee in ſeiner Unter⸗ taſſe blaſend und über dieſelbe hin ſeinen Vertrauten an⸗ blickend,„kommt nun die Frage, welches Verfahren ein⸗ geſchlagen werden muß?“ Ueber dieſen Punkt hatte Silas Wegg viel zu ſagen. Silas ſagte, er bitte um Erlaubniß, ſeinen Cameraden, Bruder und Freund an die bedeutungsvollen Worte, die ſie heute Abend zuſammen geleſen, an die deutliche Pa⸗ rallele in Mr. Boffin's Sinne zwiſchen ihnen und dem ehemaligen Eigenthümer der„Laube“ und den gegen⸗ wärtigen Zuſtänden in der„Laube“, an die Flaſche und an die Caſſe, erinnern zu dürfen. Das Glück ſeines Cameraden und Bruders, ſowie das ſeinige, ſei offenbar gemacht, indem ſie nur ihren Preis auf dieſes Document zu ſetzen brauchten, um denſelben von dem Günſtlinge des Glücks und dem Wurm der Stunde zu erhalten, der jetzt weniger von einem Günſtlinge und mehr von einem Wurme zu ſein ſcheine, als man früher vermuthet habe. Es ſcheine ihm klar, daß dieſer Preis durch ein einziges Wort anzugeben und daß dieſes Wort die„Hälfte!“ ſei. Es ſei dann die Frage, wann ſie die„Hälfte!“ for⸗ dern ſollten; und hier wünſche er ein Verfahren zu empfehlen, an das ſich jetzt eine bedingende Clauſel knüpfe. Das Verfahren beſtehe darin, daß ſie ſich ge⸗ duldeten; daß ſie die Hügel allmälig abtragen und fort⸗ ſchaffen ließen, indem ſie dabei die Gelegenheit hätten, die Sache zu beobachten,— wodurch ſie, wie es ihm ſcheine, die Mühe und die Koſten des täglichen Suchens und Grabens Andern übertrügen, während ſie ein ſo vollſtändiges Herumwerfen des Schuttes allnächtlich zu ihren geheimen Nachforſchungen benutzten— und ſobald die Hügel gänzlich hinweggeſchafft, und ſie jene Chance zu ihrem vereinten Vortheile ausgebeutet, dann, und nicht 415 416 früher, wollten ſie den Günſtling und den Wurm ver⸗ nichten. Doch hier komme die bedingende Clauſel, und auf dieſe wünſche er die beſondere Aufmerkſamkeit ſeines Cameraden, Bruders und Compagnons zu lenken. Es ſei nicht zu dulden, daß der Günſtling und Wurm ir⸗ gend einen Theil des Eigenthums erhalte, das jetzt als ihr Eigenthum zu betrachten ſei. Als er, Mr. Wegg, geſehen, wie der Günſtling heimlicherweiſe mit der Flaſche davongegangen, deren koſtbarer Inhalt ihnen unbekannt geblieben, habe er ihn als einen bloßen Räuber betrachtet, und würde ihm als einem ſolchen ſeinen unrechtmäßigen Gewinn abgenommen haben, falls ſein Camerad, Bruder und Compagnon ihn nicht ſo verſtändigerweiſe daran gehindert. Die bedingende Clauſel, die er vorſchlage, ſei deshalb folgende: falls der Günſtling nochmals in ſeiner vorigen hinterliſtigen Weiſe wiederkomme und ſich, unter ihrer ſcharfen Beobachtung, irgend eines Gegen⸗ ſtandes bemächtige, welcher Art derſelbe immer ſei, ſo ſolle ihm das ſcharfe Schwert, das über ſeinem Haupte hänge, augenblicklich gezeigt werden; er ſolle ſofort über das, was er wiſſe oder argwöhne, ausgefragt, von ſeinen Herren und Gebietern mit der größten Strenge behan⸗ delt werden und in einem Zuſtande der niedrigſten mo⸗ raliſchen Knechtſchaft und Sclaverei leben, bis es ihnen angemeſſen ſcheine, ihn, um den Preis ſeines halben Ver⸗ mögens, ſich ſeine Freiheit kaufen zu laſſen. Sollte er, Mr. Wegg, geirrt haben, indem er blos„die Hälfte!“ geſagt, ſo hoffte er, daß ſein Camerad, Bruder und Compagnon nicht zögern werde, ihm ſein Verſehen anzu⸗ deuten und ſeine Schwäche zu tadeln. Es ſei vielleicht der Lage der Dinge entſprechender,„Zweidrittel“ zu ſagen; ja, es ſei vielleicht der Lage der Dinge entſpre⸗ chender,„Dreiviertel“ zu ſagen. Ueber dieſe Punkte ſei er bereit, ſich verbeſſern zu laſſen. Mr. Venus, deſſen Aufmerkſamkeit auf dieſe Rede über drei auf einander folgende Untertaſſen mit Thee zu ihm hinübergeſchwebt war, drückte ſeine Beiſtimmung zu den ausgeſprochenen Anſichten aus. Hierdurch begeiſtert, ſtreckte Mr. Wegg ſeine Rechte aus und erklärte dieſelbe für eine Hand, die noch nie—, ohne ſich auf weitere Einzelnheiten einzulaſſen. Mr. Venus, der ſich zu ſeinem Thee hielt, ſprach— wie die Höflichkeitsformen dies von ihm forderten— in Kürze ſeine Ueberzeugung aus, daß es in der That eine Hand, die noch nie—. Doch be⸗ gnügte er ſich damit, dieſelbe anzuſchauen, ohne ſie an ſeine Bruſt zu drücken. „Bruder,“ ſagte Wegg, nachdem dieſes glückliche Ein⸗ verſtändniß hergeſtellt worden,„ich möchte Sie wohl Etwas fragen. Sie erinnern ſich des Abends, an dem ich zum erſten Male hier einſprach und Sie Ihren mäch⸗ tigen Geiſt in Thee zu ſchwemmen beſchäftigt fand.“ Mr. Venus, der noch immer Thee ſchlürfte, nickte bejahend. „Und dort ſitzen Sie Sir,“ fuhr Wegg mit einer Miene gedankenvoller Bewunderung fort,„als ob Sie dies zu thun nie aufgehört hätten! Dort ſitzen Sie, Sir, als ob Sie eine unbeſchränkte Fähigkeit beſäßen, das balſamiſche Getränk in ſich aufzunehmen! Dort ſitzen Sie, Sir, inmitten Ihrer Werke, und ſehen aus, als ob man Sie um ‚Heimath, ſüße Heimath' gebeten, und Sie die Geſellſchaft durch jenes Lied entzückten. „Von der Heimath verbannt, kein Glanz mich blendet, O gebt mir zurück mein beſcheidenes Fach. Die Vögel, ſo ſchön ausgeſtopft, auf Euren Ruf kommen nicht, Doch Seelenfrieden ſie bringen, der beſſer als ſie. Heimath, o ſüße, ſüße Heimath!' — und wenn ſie,“ fügte Wegg in Proſa hinzu, indem er ſich im Laden umſchaute,„noch ſo ſcheußlich iſt, ſo iſt doch kein Ort mit der Heimath zu vergleichen.“ „Sie ſagten, Sie möchten mich Etwas fragen; aber Sie haben nicht gefragt,“ bemerkte Venus, ohne irgend welche Sympathie zu verrathen. „Ihr Seelenfriede,“ ſagte Wegg troſtbietend,„Ihr Seelenfriede war an jenem Abend in einem betrübenden Zuſtande. Wie ſteht es jetzt mit demſelben? Fängt er an ſich zu erholen?“ „Sie wünſcht ſich nicht,“ erwiderte Mr. Venus mit einer komiſchen Miſchung von entrüſteter Hartnäckigkeit und zärtlicher Trauer,„in jenem beſonderen Lichte zu ſehen, noch von Andern in demſelben geſehen zu werden. Damit iſt die Sache zu Ende.“ „Ah, du mein Himmel, du mein Himmel!“ rief Wegg ſeufzend aus, beäugelte ihn aber, während er ſich ſtellte, als leiſte er ihm im Anſtieren des Feuers Geſellſchaft. „So ſind die Frauen! Und ich erinnere mich, daß Sie an jenem Abend, indem Sie dort ſaßen, wie ich hier ſaß,— daß Sie an jenem Abend, da Ihr Seelenfriede ſeinen erſten Stoß erhalten, zu mir ſagten, daß Sie an dieſen ſelbigen Angelegenheiten Intereſſe genommen. Welch ein Zuſammentreffen!“ „Ihr Vater,“ erwiderte Venus, und hielt dann inne, um einen Schluck Thee zu nehmen,„war in dieſelben verwickelt.“. „Sie erwähnten ihres Namens nicht, wie ich glaube, Sir?“ bemerkte Wegg nachdenklich.„Nein, Sie nannten ihren Namen an jenem Abende nicht.“ „Pleaſant Riderhood.“ „Wirk—lich!“ rief Wegg.„Pleaſant Riderhood. Es liegt etwas Rührendes in dem Namen. Pleaſant.) Du lieber Himmel! ſie hätte ſein können, falls ſie nicht jene unangenehme Bemerkung gemacht— und was ſie, da ſie dieſelbe machte, nicht iſt. Würde es irgendwie eine Linderung Ihres Schmerzes ſein, Mr. Venus, wenn ich Sie fragte, in welcher Weiſe Sie mit ihr bekannt wurden?“ „Ich war unten am Flußufer,“ ſagte Venus, noch einen Schluck Thee nehmend und kummervoll ins Feuer hinabſehend—„und ſchaute mich nach Papageien um“ — hier nahm er noch einen Schluck und hielt inne. Mr. Wegg ſagte, um ſeine Aufmerkſamkeit zu erwecken: „Sie konnten im brittiſchen Klima kaum auf die Papa⸗ geienjagd ausgegangen ſein, Sir?“ „Nein, nein, nein,“ ſagte Venus ärgerlich.„Ich war am Flußufer, um mich nach Papageien umzuſehen, die von Matroſen heimgebracht worden, und die ich kaufen und ausſtopfen wollte.“ „Ja wohl, ja wohl, Sir!“ „— und ich ſah mich nach einem Paar hübſchen Klapperſchlangen um, die ich für ein Muſeum articuliren wollte, als ich das Unglück hatte, mit ihr zuſammenzu⸗ kommen und zu handeln. Es war gerade zur Zeit jener Entdeckung im Fluſſe. Ihr Vater hatte die Entdeckung im Fluſſe ſchleppen ſehen. Ich benutzte die Popularität des Gegenſtandes, um wieder hinzugehen und ihre fernere Bekanntſchaft zu ſuchen, und ich bin ſeitdem nicht mehr derſelbe Menſch geweſen. Sogar meine Knochen erweichen ſich durch mein ewiges Brüten über den Gegenſtand. Falls ſie mir loſe zum Sortiren gebracht werden könn⸗ ten, würde ich kaum die Dreiſtigkeit haben, ſie als die meinigen zu fordern. In dem Grade bin ich dadurch mitgenommen.“ Mr. Wegg, der weniger hierdurch unterhalten war, *) Pleasant— angenehm. Als Name unüberſetzbar M. S Es ſcheint das auszudrücken, was Augen loren Mr. men, berei hölze len, ernſtl naſtiſ Abend N der Hand laſſen zurüc ſich dige Selb ſenken Gem durch ſchw ler Con Geſelſſchaft. -, daß Sie ie ich hier aß Die an umen. Welch t dann inne, in dieſelben eich glaube, Sie nannten Rdethood. Penſant.¹) drücken, was unangenehme ſie dieſelbe ne Linderung Sie fragte, 3 Feuer pageien um“ t inne. zu erwecken: uf die Papa⸗ t 1 ch.„Ich war mzuſehen, die ie ich kaufen aar hübſchen articuliren ſammenzu⸗ geit jener Entdeckung Popularität ihre fernere m nicht mahr hen erweichen Gegenſtand. werden könn⸗ n fie als die n ich dadurch techalten war, rüberſebbar als er vorher geweſen, ſchaute nach einem beſonderen Simſe im Dunkeln. „Ei, ich erinnere mich, Mr. Venus,“ ſagte er in einem Tone freundſchaftlichen Bedauerns,(denn ich er⸗ innere mich jedes Wortes, das von Ihren Lippen fällt, Sir,) ich erinnere mich, daß Sie an jenem Abend ſagten, Sie hätten dort oben— und dann brachen Sie ab mit den Worten— ‚Doch laſſen wir das.““ „— Den Papagei, ſagte Venus mit einem verzagten Erheben und Nieder⸗ ſchlagen der Augen.„Ja, dort liegt er, auf der Seite, vertrocknet; ſein Gefieder ausgenommen mir ſehr ähnlich. Ich habe nie das Herz gehabt, ihn auszuſtopfen, und werde es jetzt nie mehr zu thun im Stande ſein.“ Silas überlieferte, ein enttäuſchtes Geſicht machend, den Papagei im Geiſte ge⸗ wiſſen Regionen, die mehr als tropiſch ſind, und da er, wie es ſchien, für den Augenblick alle Kraft ver⸗ loren, ein Intereſſe an Mr. Venus' Leiden zu neh⸗ men, begann er, als Vor⸗ bereitung zum Gehen, ſein hölzernes Bein feſtzuſchnal⸗ len, deſſen Conſtitution ernſtlich durch ſeine gym⸗ naſtiſchen Uebungen des Abends gelitten hatte. Nachdem Silas, mit der Hutſchachtel in der Hand, den Laden ver⸗ laſſen, und Mr. Venus zurückgeblieben war, um ſich durch das nothwen⸗ dige Maß von Thee in Selbſtvergeſſenheit zu ver⸗ ſenken, fühlte ſich das edle Gemüth des Erſteren ſehr durch den Gedanken be⸗ ſchwert, daß er dieſen Künſt⸗ ler überhaupt mit ins Compagniegeſchäft genom⸗ men. Er fühlte es bitter⸗ 3 lich, daß er ſich von An⸗ W 88 fang übervortheilt, indem NV er Mr. Venus' bloße Strohhalme von Winken aufgegriffen, die ſich jetzt als für ſeinen Zweck werth⸗ los herausſtellten. Indem er über die Wege und Mittel nachſann, durch die er das Bündniß auflöſen könnte, ohne Geld dabei zu verlieren,— ſich Vorwürfe machte, daß er ſich zu einem Bekenntniſſe ſeines Geheimniſſes hatte hinreißen laſſen, und ſich über die Maßen über ſein ganz zufälliges Glück becomplimen⸗ tirte, verkürzte er ſich die Entfernung zwiſchen Clerken⸗ well und dem Hauſe des Goldenen Kehrichtmannes. Denn Silas fühlte, daß es völlig außer Frage ſei, daß er nicht eher ſein Haupt auf ſein Kiſſen legen könne, bevor er nicht Mr. Boffin's Haus als deſſen böſer Geiſt umſchwebt. Die Macht(ausgenommen die Macht des Verſtandes oder der Tugend) hat ſtets den größten Reiz für die niedrigſten Naturen und es lag für Silas Wegg ein großer Reiz darin, das unbewußte Haus, deſſen ſchützen⸗ des Dach er den Bewohnern zu entziehen die Macht hatte, wie wenn daſſelbe das Dach eines Kartenhauſes geweſen, den ich von ihr gekauft hatte,“ Der böſe Genius des Boffin'ſchen Hanſes. wenn auch nur von außen zu bedrohen und zu ver⸗ höhnen. Wie er frohlockend auf der gegenüberliegenden Seite der Straße daſtand, fuhr de Weden vor. 3 „Mit Dir wird es bald ein Ende haben,“ ſagte Wegg, dem Wagen mit der Hutſchachtel drohend.„Dein Glanz fängt bereits zu erblinden an.“ 3 Mrs. Boffin ſtieg aus und ging ins Haus hinein. „Sei eines Falles gewärtig, Mylady Kehrichtfrau,“ ſagte Wegg. 6 Bella ſprang leicht die Stufen hinab und lief ihr nach. „Wie flink wir ſind!“ ſagte Wegg.„Du wirſt nicht ſo munter laufen, wenn es wieder nach dem alten ſchä⸗ bigen Hauſe geht, mein Mädchen. Doch wirſt Du jeden⸗ falls dorthin zurückkehren müſſen.“ Nach einer kleinen Weile kam der Secretair heraus. „Ich wurde Deinet⸗ wegen überſehen,“ ſagte Wegg,„Du magſt Dich lieber nach einer andern Stelle umſehen, junger Mann.“ Mr. Boffin's Schatten fiel auf die Rouleaux dreier großer Fenſter, wie er das Zimmer hinunter trabte, und dann noch einmal, wie er zurücktrabte. „Puh!“ rief Wegg. „Alſo Du biſt da, wie? Wo iſt die Flaſche? Du würdeſt wohl Deine Flaſche für meine Geldcaſſe geben, Kehrichtmann!“ Da er ſich hiermit hin⸗ länglich das Gemüth be⸗ ruhigt, um in Frieden ſchlummern zu können, lenkte er ſeine Schritte heimwärts. Die Habgier dieſes Geſellen war eine ſo gewaltige, daß ſein Geiſt über die Hälfte, Zweidrit⸗ tel und Dreiviertel hinaus⸗ geſchoſſen und geradenwegs auf die Plünderung des Ganzen losgegangen war. „Doch das würde nicht wohl angehen,“ überlegte er, als er ſich beim Fortgehen ab⸗ kühlte.„Das würde ihm geſchehen, falls er uns nicht Dadurch würden wir indeſſen aber nichts er⸗ (Seite 418.) kaufte. langen.“ Wir beurtheilen Andere ſtets ſo ſehr nach uns ſelber, daß es ihm bisher nie in den Sinn gekommen, daß er ‚uns' vielleicht nicht kaufen, ſondern ſich als ehrlich er⸗ weiſen und arm zu ſein vorziehen werde. Der Gedanke verurſachte ihm, im Vorübergehen, einen leichten Schrecken; doch nur einen ſehr leichten, denn der müßige Gedanke ſchwand ſogleich wieder. „Dazu hat er das Geld zu lieb,“ ſagte Wegg.„Er hat das Geld zu lieb.“ Die Worte geſtalteten ſich zu einem Refrain, der in eine gewiſſe Melodie verfiel, als er auf dem Trottoir dahin ſtampfte. Während des ganzen Heimweges ſtampfte er denſelben piano mit ſeinem eige⸗ nen und forte mit ſeinem hölzernen Beine klappernd Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 27 419 e 420 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. durch die Straßen.„Dazu hat er das Geld zu lieb, er hat das Geld zu lieb.“ Selbſt am folgenden Tage erfreute Silas ſich noch an dieſem melodiſchen Refrain, als er bei Tagesanbruch aus dem Bette gerufen ward, um das Hoſthor zu öffnen und den langen Zug von Karren und Pferden einzulaſ⸗ ſen, die den kleinen Hügel fortzuſchaffen kamen. Den ganzen Tag, wie er unausgeſetzt Wache über das lang⸗ ſame Werk hielt, das ſich viele Tage und Wochen hin⸗ zuziehen verſprach, ſtampfte er, wenn er auf einer aſchigen kleinen Promenade patrouillirte, zu der er ſeine Zuflucht nahm, um nicht von dem Staube erſtickt zu werden, noch immer den Refrain:„Dazu hat er das Geld zu lieb, er hat das Geld zu lieb.“ Achtes Kapilel. Das Ende einer langen Keiſe. Der Zug von Karren und Pferden kam und ging den ganzen Tag, von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, und obgleich derſelbe wenig oder gar keinen Eindruck auf den Schutthügel machte, ſchmolz dieſer doch, wie die Tage vergingen, allmälig zuſammen. Herren und ehrenwerthen Ausſchüſſe, auch Sie müſſen, wenn Sie im Verlaufe Ihres Schuttſchaufelns und war lebendig. rauh und die Wege waren ſchlecht geweſen, und ihr Muth Ein weniger ſtandhafter Geiſt wäre ſo ungünſtigen Einflüſſen vielleicht erlegen; aber ſie hatte noch keinen Theil der ihr geliehenen Summe für ihre kleine Ausrüſtung zurückgezahlt, und es war ihr ſchlimmer ergangen, als ſie erwartet hatte, und es ward ihr ſchwer, ihre Sache und ihre Unabhängigkeit zu behaupten. Die treue Seele! Als ſie dem Secretair von jener „Betäubung, die mich zu Zeiten beſchleicht,“ erzählt, hatte ihre Feſtigkeit dieſelbe zu gering angeſchlagen. Die⸗ ſelbe beſchlich ſie immer häufiger und häufiger, dunkler und immer dunkler, wie ein Schatten des nahenden Todes. Daß dieſer Schatten, indem er ſich nahte, dunkel wie der Schatten eines wirklichen Weſens erſchien, war in Uebereinſtimmung mit den Geſetzen der phyſiſchen Welt, denn alles Licht, das auf Betty Higden fiel, leuchtete von jenſeits des Todes zu ihr herüber. Das arme alte Geſchöpf hatte den Weg ſtromauf⸗ wärts an der Themſe eingeſchlagen; es war dies die Richtung, in der ihre letzte Heimath lag, und die ſie zuletzt gekannt und geliebt hatte. Sie hatte ſich zuerſt eine kleine Weile in der unmittelbaren Nähe ihrer ver⸗ laſſenen Wohnung aufgehalten, und hatte verkauft und geſtrickt und verkauft, und war dann weiter gegangen. In den hübſchen Städtchen Chertſey, Walton, Kingston und Staines war ihre Geſtalt ein paar Wochen lang Meine Lords und Aſcheſcharrens ein Gebirge von anmaßenden Fehlſchlags angehäuft haben, die ehrenwehrten Röcke ausziehen, um daſſelbe wieder abzutragen, und mit der Gewalt aller Pferde und Leute der Königin ans Werk gehen, wenn der Berg nicht herunterſtürzen und uns lebendig begraben ſoll. Ja, wahrlich, meine Lords und Herren und ehren⸗ werthe Ausſchüſſe, vermittelſt Anwendung Ihres Katechis⸗ mus und mit Gottes Hülfe müſſen Sie dies thun. Denn wenn wir es bei einem ungeheuren Schatze zum Beiſtande der Armen dahin gebracht haben, daß die Beſten unter den Armen unſere Hülfe verabſcheuen, vor uns das Haupt verſtecken und uns beſchämen, indem ſie mitten unter uns ſich todthungern, ſo iſt dies ein Zuſtand der Dinge, der unmöglich gedeihen, unmöglich beſtehen kann. Es ſteht dies vielleicht nicht im Evangelium der Podsnapperei ge⸗ ſchrieben; Sie werden dieſe Worte vielleicht nicht als Text zu einer Predigt in den Berichten des Handels⸗ ausſchuſſes finden; aber dieſelben waren die Wahrheit, ſeitdem der erſte Grundſtein des Weltalls gelegt ward; und ſie werden die Wahrheit bleiben, bis dieſe Grund⸗ feſte von dem Erbauer erſchüttert wird. Dieſes prahl⸗ hafte Werk unſerer Hände, daß für den profeſſionellen Bettler, den derben Hausbrecher, den ungezügelten Rauf⸗ ganz bekannt geworden, und dann weiter gegangen. Sie pflegte an Markttagen ihren Poſten auf den Marktplätzen einzunehmen, wo dergleichen Gegenſtände verkauft wurden; zu andern Zeiten an den belebteſten Stellen(die ſelten ſehr belebt waren) der ſtillen kleinen Hauptſtraße; und wieder zu andern Zeiten ging ſie auf die Landſtraßen hinaus und bat am Portierhäuschen der großen Landhäuſer um Erlaubniß, mit ihrem Korbe in den Park hineingehen zu dürfen, eine Erlaubniß, die ihr nur ſelten bewilligt ward. Doch Damen in Caroſſen kauften ihr zuweilen etwas aus ihrem Vorrathe ab, und fanden gewöhnlich Gefallen an ihren klaren Augen und ihren hoffnungsvollen Worten. Aus dieſen und aus ihrer ſaubern Kleidung ſchrieb ſich eine Fabel her, daß es ihr in der Welt wohl ergehe, ja, daß ſie für ihre Stellung reich genannt werden könne. Dieſe Sorte von Fabel iſt, indem der Gegenſtand derſelben durch ſie eine bequeme Verſorgung erhält, ohne irgend Jemandem das Geringſte zu koſten, lange beliebt geweſen. In jenen hübſchen kleinen Städtchen an der Themſe kann man das Waſſer über die Schleuſen fallen, oder bei ſtillem Wetter gar das Rauſchen der Binſen hören; und von der Brücke kann man den jungen Fluß, voll Grübchen, gleich einem kleinen Kinde, ſpielend an den Bäumen dahin hüpfen ſehen, unbefleckt durch die Unſauber⸗ keiten, die ihm auf der Lauer liegen, und hier noch außer bold keine Schrecken hat, trifft den niedergebeugten Dulder mit gottloſen, grauſamen Schlägen, und iſt den Verdienſt⸗ vollen und Unglücklichen ein Greuel. Wir müſſen dieſem Zuſtande abhelfen, meine Lords und Herren und ehren⸗ werthen Ausſchüſſe, oder derſelbe wird uns einſt in einer böſen Stunde ſelber zu Schanden machen. Es erging der alten Betty Higden auf ihrer Wander⸗ ſchaft, wie es manchen ſchroff ehrlichen Geſchöpfen, Männern und Frauen, auf ihrem mühſeligen Wege durch's Leben ergeht. Ihre höchſte irdiſche Hoffnung ging dahin, ſich geduldig einen kärglichen Lebensunterhalt zu verdienen, 3 ruhig und unangerührt von Arbeitshaushänden zu ſterben. 5 Seit ſie von dannen getrabt war, hatte man in Mr. Boffin's Hauſe nichts von ihr gehört. Das Wetter war Hörweite des tieftönenden Rufens der See. Es wãre zu viel geſagt, wenn man behaupten wollte, daß dies Betty Higden's Gedanken waren; nein; aber ſie hörte den Fluß vielen Andern, außer ihr ſelber, zuflüſtern: „Kommt zu mir, kommt zu mir! Wenn die grauſame Schmach und Angſt, vor der Ihr ſo lange geflohen, Euch ereilt, dann kommt zu mir! Ich bin vom ewigen Ge⸗ ſetze als Armenpfleger angeſtellt; und werde nicht in dem Grade geſchätzt, wie ich mein Werk vollbringe. Mein Buſen iſt weicher als der der Armenpflegerin; der Tod in meinen Armen iſt friedlicher als der in den Armen⸗ zellen. Kommt zu mir!“ Doch war in ihrem ungeſchulten Geiſte auch reichlich Raum für ſanftere Gedanken vorhanden. Ob wohl jene vornehmen Leute und ihre Kinder in jenen ſchönen Häu⸗ ſern, als ſie zu ihr herausſchauten, eine Vorſtellung da⸗ 1.. lieben ren inner fil, war hart Nac und 4²⁰ nd ihr Nuh uſt wäͤre ſo 8 ſie hatte e für ihre g r ſch⸗ ſclimmer d ſ ſunr ſchwer, es nahenden nahte, dunkel ſſchien war er phyſiſchen fell leuchtete ig ſtromauf⸗ at dies die und die ſie ite ſich zuerſt he ihrer ver⸗ verkauft und her gegangen. „Kingeton Wochen lane - Pangen. en auf den Gegenſtände i belebteſten uöche Korbe in iß, die ihr Caroſſen e ab, und Augen und ud aus ihrer daß es ihr hre Stellung oon Fabel iſt, e bequeme as Geringſte in der Themſe fallen, oder inſen hören; Fluß, voll elend an den die Unſauber⸗ er noch außer Es wäre d, daß dies er ſie hörte zuflüſtern: e grauſame lohen, Euch ewigen Ge⸗ iicht in dem inge⸗ Mein n der Tod den Armen⸗ * 421 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund⸗ 422 von hatten, was es heiße, wirklich zu frieren und hungrig zu ſein? Ob jene wohl dieſelben Muthmaßungen über ſie anſtellten, die ſie über jene anſtellte? Gott ſegne die lieben lachenden Kinder! Ob ſie wohl aus Mitleid ge— weint, falls ſie den kranken Johnny in ihren Armen ge⸗ ſehen hätten? Würden ſie es wohl verſtanden haben, falls ſie den todten Johnny auf dem kleinen Bettchen hätten liegen ſehen? Wie dem immer ſei, Gott ſegne die lieben Kinder um ſeinetwillen! Ebenſo vor den beſcheidene⸗ ren Häuſern in der kleinen Straße, in denen von innen das Licht des Kaminfeuers auf die Fenſterſcheiben fiel, wie außen das Zwielicht immer dunkler ward. Es war eine thörichte Idee von ihr, daß es ihr ein wenig hart erſchien, wenn die Familien, indem ſie ſich für die Nacht im Hauſe verſammelten, die Fenſterläden ſchloſſen und ihr die Flamme entzogen. Ebenſo vor den hell er⸗ leuchteten Läden, wo ſie ſich die Herren und Herrinnen im Hinterſtübchen beim Thee dachte— welches Hinter⸗ ſtübchen nicht ſo entlegen, daß der Duft von Thee und geröſtetem Brot, gemiſcht mit der warmen Lichtgluth, nicht bis in die Straße dringen konnte— und ſie ſich in Muthmaßungen erging, ob ſie das, was ſie verkauften, wohl mit größerem Behagen äßen oder tränken oder trügen, weil ſie damit handelten. Ebenſo bei dem Fried⸗ hofe, als ſie auf einem Nebenwege ihre Nachtherberge aufſuchte.„Ach, lieber Gott! es ſcheint, daß die Todten und ich in der Dunkelheit und in dieſem Wetter ziemlich allein mit einander ſind! Doch deſto beſſer für Die, welche warm im Hauſe ſitzen.“ Die arme Seele benei⸗ dete Niemanden mit Bitterkeit und hegte gegen Nieman⸗ den Mißgunſt. Doch der alte Abſcheu ward ſtärker in ihr, wie ſie ſelber ſchwächer wurde, und derſelbe fand mehr Nahrung, als ſie auf ihrer Wanderſchaft. Bald traf ſie auf der⸗ ſelben den ſchmachvollen Anblick eines verlaſſenen Ge⸗ ſchöpfes— oder Gruppen von Männern und Weibern und Kindern, die alle, wie das kleine Ungeziefer, der Wärme wegen zuſammenkauerten— und auf den Thür⸗ ſchwellen umherhockten, während der angeſtellte Vernach⸗ läſſiger des öffentlichen Vertrauenspoſtens ſein ſchmutziges Amt verrichtete, indem er ihre Geduld zu ermüden und ſie ſich vom Halſe zu ſchaffen verſuchte. Bald traf ſie eine arme achtbare Perſon, gleich ihr, die zu Fuße die vielen langen Meilen wanderte, um eine abgehetzte Freun⸗ din oder Angehörige aufzuſuchen, die barmherzig von einem großen öden Arbeitshauſe gepackt worden, das von der alten Heimath ſo weit entfernt, wie das Grafſchafts⸗ gefängniß(deſſen Entlegenheit ſtets die größte Strafe für kleine ländliche Miſſethäter bildet) und in Bezug auf Nahrung, auf Obdach und Krankenpflege eine weit fürch⸗ terlichere Strafanſtalt iſt. Zuweilen hörte ſie eine Zei⸗ tung vorleſen und erfuhr, wie der Regiſtrator die Einer zuſammenzählte, die während der vergangenen Woche durch Mangel und Kälte umgekommen: für die jener „berichterſtattende Engel“ einen beſonderen Platz in ſei⸗ nem Exempel zu haben ſchien, als wenn dieſelben ſeine Pfennige geweſen wären. Alle dieſe Dinge hörte ſie beſprechen, wie wir, meine Lords und Herren und ehren⸗ werthen Ausſchüſſe, dieſelben in unſerer unnahbaren Herr⸗ lichkeit nie beſprechen hören, und vor all ſolchen Dingen floh ſie auf den Flügeln raſender Verzweiflung. Dies darf nicht als eine Redefigur aufgenommen werden. Die alte Betty Higden mochte noch ſo müde, noch ſo erſchöpft ſein— ſowie ihr altes Grauen, der Mildthätigkeit in die Hände zu fallen, in ihr erwachte, ſprang ſie auf und ward von demſelben weiter getrieben. Es iſt ein erſtaunlicher chriſtlicher Fortſchritt, daß aus dem guten Samariter eine verfolgende Furie geworden; — doch verhielt es ſich ſo in dieſem Falle, der ein Typus für viele, viele andere iſt. Zwei Ereigniſſe vereinigten ſich, um dieſen alten, un⸗ verſtändigen Abſcheu noch zu verſtärken— ein Abſcheu, von dem wir ſchon früher einräumten, daß er unver⸗ ſtändig ſei, weil das Volk ſtets unverſtändig iſt und es ſich zur Pflicht macht, ſtets Rauch ohne Feuer zum Vor⸗ ſchein zu bringen. Sie ſaß eines Tages auf der Bank vor dem Wirths⸗ hauſe auf einem Marktplatze und hatte ihre kleinen Waaren zum Verkauf ausgeſtellt, als die Betäubung, gegen die ſie kämpfte, ſich ſo ſchwer auf ſie ſenkte, daß Alles vor ihren Blicken ſchwand; als ſie wieder zum Bewußtſein kam, ward ſie gewahr, daß ſie ſich am Boden befinde, daß ihr Kopf von einer gutmüthigen Marktfrau aufgerichtet werde und daß eine kleine Gruppe um ſie verſammelt ſtehe. „Fühlt Ihr Euch jetzt wohler, Mütterchen?“ fragte eine der Frauen.„Glaubt Ihr, daß Ihr Euch jetzt er⸗ holt habt?“ „Bin ich krank geweſen?“ fragte die alte Betty. „Ihr habt eine Art Ohnmacht oder Anfall gehabt,“ war die Antwort.„Ihr habt nicht gerade Zuckungen gehabt, Mütterchen, aber Ihr waret ſteif und wie ge⸗ lähmt.“ „Ah!“ ſagte Betty, ihr Gedächtniß wiederfindend. „Es war die Lähmung. Ja. Ich werde zuweilen davon beſchlichen.“ Die Frau fragte ſie, ob es vorüber ſei. „Es iſt jetzt vorüber,“ ſagte Betty.„Ich werde jetzt wieder kräftiger ſein, als zuvor. Ich danke Euch herz⸗ lich, meine Lieben, und wünſche Euch, daß, wenn Ihr einmal ſo alt ſeid wie ich, Andere ebenſo viel für Euch thun mögen.“ Sie halfen ihr, ſich aufzurichten, doch konnte ſie noch nicht ſtehen, und ſie ſetzten ſie deshalb auf die Bank. „Es iſt mir der Kopf ein wenig leicht, und die Füße ſind mir ein wenig ſchwer,“ ſagte die alte Betty, indem ſie den Kopf ſchläfrig an die Bruſt der Frau lehnte, die zuvor geſprochen hatte.„Beide werden ſich bald wieder völlig erholen. Es fehlt mir nichts weiter.“ „Fragt ſie,“ ſagten einige Pächter, die von ihrem Markt⸗Diner herausgekommen waren,„ob ſie keine An⸗ gehörigen hat.“ 8 „Habt Ihr gar keine Angehörigen, Mütterchen?“ ſagte die Frau. „D gewiß,“ erwiderte Betty.„Ich hörte den Herrn dies ſagen, aber ich konnte nicht ſchnell genug ant⸗ worten. Ich habe genug Angehörige. Habt meinet⸗ wegen keine Sorge, meine Liebe.“ „Sind aber welche von denſelben in der Nähe?“ ſagten die Männerſtimmen, in welche die Frauenſtimmen ein⸗ ſtimmten und die Frage verlängerten. „Nahe genug,“ ſagte Betty, ſich ermannend.„Macht Euch meinetwegen keine Sorge, Nachbarn.“ „Aber Ihr ſeid nicht in einem Zuſtande, um reiſen zu können. Wohin geht Ihr?“ lautete der nächſte mit⸗ leidige Chor. „Ich gehe nach London, ſobald ich Alles verkauft habe,“ ſagte Betty, ſich mühſam erhebend.„Ich habe ſehr gute Freunde in London. Es fehlt mir an nichts. Ich werde keinen Schaden nehmen. Danke. Fürchtet nichts für mich.“ Ein wohlmeinender Umſtehender, mit gelben Gama⸗ ſchen und rothem Angeſicht, ſagte, als ſie aufſtand, heiſer über ſein wollenes Halstuch hinüber:„Man ſollte ſie nicht gehen laſſen.“ „Um der Liebe Gottes willen, legt mir nichts in den 2 Weg!“ rief die alte Betty, indem all' ihre Befürchtungen „Es iſt mir jetzt ganz wohl, und ich ſie beſtürmten. muß dieſe Minute weiter gehen.“ Indem ſie ſprach, nahm ſie eiligſt ihren Korb auf und machte einen unſichern Verſuch, von ihnen fortzueilen, als derſelbe Mann, der ſo eben geſprochen, ſie zurückhielt, indem er ſeine Hand auf ihren Aermel legte und ihr dringend anempfahl, mit ihm zum Gemeindearzte zu kommen. Das arme zitternde Geſchöpf ſammelte ihre äußerſte Entſchloſſenheit, ſchüttelte ihn faſt zornig ab Und ſie fühlte ſich nicht eher ſicher, als bis ſie ein paar Meilen der Landſtraße zwi⸗ ſchen ſich und dem Marktplatze zurückgelegt hatte, und, gleich einem gehetzten Thier, in ein Dickicht gekrochen und ergriff die Flucht. war, um ſich zu verſtecken und wieder zu Athem zu kommen. Erſt dann wagte ſie ſich daran zu erinnern, daß ſie, ehe ſie die Stadt verlaſſen, über ihre Schulter zurückgeſchaut und das Schild des„Weißen Löwen“ über der Straße hatte hängen ſehen, und die vom Winde be⸗ wegten Marktbuden, und die alte graue Kirche, und die +‿ Die Flucht. kleine Menſchenmenge, die ihr nachſchaute, ihr iedoch nicht folgte. Das zweite beängſtigende Ereigniß war folgendes. Sie war wieder ebenſo unwohl geweſen und hatte ſich dann wieder einige Tage beſſer befunden, und wanderte an einer Stelle des Wegs dahin, wo dieſer den Fluß berührte und in den naſſen Jahreszeiten ſo oft von dem⸗ ſelben überſchwemmt wurde, daß man hohe weiße Pfähle eingeſchlagen hatte, um den Weg anzugeben. Es ward eine Barke am Schlepptau ihr entgegengeſchleppt, und ſie ſetzte ſich am Ufer nieder, um ſich auszuruhen und dieſelbe zu beobachten. Wie das Schlepptau durch eine Wendung des Stromes ſchlaff gemacht ward und ins Waſſer tauchte, ſchlich eine ſolche Verwirrung in ihren Geiſt ein, daß ſie meinte, ſie erblickte die Geſtalten ihrer verſtorbenen Kinder und Enkel aufe der Barke, die ſie mit feierlichen Geberden mit den Händen grüßten; dann, wie das Tau wieder ſtraff ward und, Diamanten tröpfelnd, wieder aus dem Waſſer heraufkam, war es ihr, als ob daſſelbe ſich in zwei parallel laufende Taue zertheile und ſie ſchwirrend treffe, obwohl daſſelbe weit entfernt war. Als ſie wieder hinſah, war keine Barke, kein Fluß, kein falls Ihr ſie für fähig haltet, Etwas für Euch zu thun,“ ſagte der ſtellvertretende Schließer. Geld?“ Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. Betty mit der Hand am Kopfe. erwiderte der Mann. mung ein gelinder Ausdruck dafür ſei, falls man den⸗ ſelben gebraucht, als wir Euch hereinbrachten. Ihr keine Angehörigen, Miſtreß?“ (Seite: 423.) 424 Tageslicht zu ſehen, und ein Mann, den ſie nie zuvor geſehen hatte, hielt eine Kerze hart vor ihrem Geſicht. „Nun, Miſtreß,“ ſagte er,„woher kommt Ihr, und wohin geht Ihr?“ Die arme Seele richtete verwirrt die Gegenfrage an ihn, wo ſie ſei? „Ich bin der Schließer,“ ſagte der Mann. „Der Schließer?“ „Ich bin ſtellvertretender Schließer, und dies iſt das Stockhaus.(Schließer oder ſtellvertretender Schließer, 's iſt Alles Einerlei, ſo lange der andere Mann im Hospital iſt.) Welches iſt Euer Kirchſpiel?“ „Kirchſpiel!“ Sie war augenblicklich von dem Roll⸗ bette herabgeglitten, indem ſie wild nach ihrem Korbe umhertaſtete und den Schließer voll Schreck und Angſt anſtierte. „Man wird Euch dieſe Frage unten in der Stadt wiederholen,“ ſagte der Mann. — —.— „'s war wieder die Lähmung!“ murmelte die alte „'s war die Lähmung, daran iſt nicht zu zweifeln,“ „Ich ſollte meinen, daß die Läh⸗ Habt „Die beſten Angehörigen Maſter.“ „Ich würde Euch empfehlen, dieſelben aufzuſuchen, „Habt Ihr „Ein Biſſel Geld, Sir.“ „Wünſcht Ihr daſſelbe zu behalten?“ „Gewiß wünſche ich das!“ „Nun,“ ſagte der ſtellvertretende Schließer, indem er, „Man wird Euch dort 1 nur als eine Zufällige aufnehmen. Man wird Euch in aller Geſchwindigkeit an Euer eigen Kirchſpiel befördern.“ die Hände in die Taſchen ſteckend, die Achſeln zuckte, und in verdrießlich ominöſer Weiſe den Kopf ſchüttelte,„die Gemeinde-Obrigkeiten werden Euch daſſelbe, falls Ihr weiter geht, ſchon abnehmen, darauf könnt Ihr Euren Alfred David ablegen.“ „Dann will ich nicht weiter gehen.“ babe m und e ei ſein in Gelaſſe ein ehre Schwei elegen din ſch und p gema ſchon Lähr War gehen Den ſollen die e hätte wäre gewe R 1 ſperr in T in ih 4²½ le nie 4 8 übor 1 Geſicht r Arlihl. t Ihr, und benfrage an n . dies iſt da t„Schließer, „Nann im in de hedem Roll⸗ rem Korbe und Angſt der Stadt (Euch dort Luch in aller rdern.“ te die alte zweifeln,“ ß die Läh⸗ man den⸗ ten. Habt ufzuſuchen, Euch zu Habt Ihr indem er, zuckte, und telte, die jalls Ihr Ihr Euren Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 426 8 V— 8 „Sie werden Euch, ſo weit Euer Geld ausreicht,“ und zugleich ſich fürchtete vorwärts zu gehen; da ſie das, fuhr der Stellvertreter fort,„für Eure Aufnahme als Zufällige und für Eure Beförderung an Euer Kirchſpiel zahlen machen.“ „Ich dank' Euch beſtens, Maſter, für Eure Warnung, danke für Euer Obdach, und gute Nacht.“ „Wartet ein wenig,“ ſagte der Stellvertreter, indem er ſich zwiſchen ſie und die Thür ſtellte.„Warum zittert Ihr ſo und warum ſeid Ihr in ſolcher Eile, Miſtreß?“ „O, Maſter, Maſter,“ erwiderte Betty Higden,„ich habe mein Lebelang gegen das Armenhaus gekämpft und es geflohen, und möchte auch ſterbend von demſelben frei ſein!“ „Ich weiß nicht,“ ſagte der Stellverfketer mit großer Gelaſſenheit,„ob ich Euch gehen laſſen darf. Ich bin ein ehrlicher Mann, und verdiene mir mein Brod im Schweiße meines Angeſichts, und ich kann mich in Un⸗ gelegenheiten bringen, falls ich Euch gehen laſſe. Ich bin ſchon früher in Ungelegenheiten gerathen, bei Georg, und weiß, was es heißt, und dies hat mich vorſichtig gemacht., Ihr könntet eine halbe Meile von hier, oder ſchon eine halbe Viertelmeile von hier, wieder von Eurer Lähmung befallen werden, und dann würde es heißen: Warum ließ jener ehrliche ſtellvertretende Schließer ſie gehen, anſtatt ſie ſicher dem Kirchſpiel zu überliefern? Denn das hätte ein Mann von ſeinem Charakter thun ſollen, würde man ſagen,“ ſagte der Stellvertreter, ſchlau die eine mächtige Saite ihrer Angſt anſchlagend,„er hätte ſie ſicher dem Kirchſpiel überliefern ſollen. Dies wäre von einem Manne ſeines Verdienſtes zu erwarten geweſen.“ Wie er ihr, in der Thür ſtehend, den Ausweg ver⸗ ſperrte, brach die arme ſorgenbeladene, müde alte Frau in Thränen aus und faltete ihre Hände, als wenn ſie in ihrer Angſt gar zu ihm betete. „Wie ich Euch ſchon geſagt habe, Maſter, ich habe die beſten Freunde. Dieſer Brief wird Euch beweiſen, wie wahr ich geſprochen, und ſie werden für mich dank⸗ bar ſein.“ Der ſtellvertretende Schließer öffnete den Brief mit ernſtem Angeſichte, welches letztere keine Veränderung er⸗ litt, während er den Inhalt betrachtete. Dies wäre in⸗ deſſen vielleicht der Fall geweſen, falls er denſelben hätte leſen können.. „Wie viel kleine Münze,“ ſagte er nach kurzem Sinnen mit zerſtreuter Miene,„nennt Ihr wohl„ein Biſſel Geld“, Miſtreß?“ Die alte Betty legte, haſtig ihre Taſche leerend, einen Schilling, zwei Sixpence und ein paar Kupferpfennige auf den Tiſch. „Würde es, falls ich Euch gehen ließe, ohne Euch ſicher dem Kirchſpiele zu überliefern, Euer eigener freier Wunſch ſein, das hier zurückzulaſſen?“ fragte der Stell⸗ vertreter. „Nehmt es, Maſter, nehmt es, ich laſſe es Euch von Herzen gern und bin Euch noch dankbar!“ „Ich bin ein Mann,“ ſagte der Stellvertreter, ihr den Brief zurückgebend und die Geldſtücke einzeln in ſeine Taſche ſteckend,„der ſich im Schweiße ſeines An⸗ geſichts ſein Brod verdient;“ hier ſtrich er ſich mit dem Aermel über die Stirn, als wenn dieſer beſondere Theil ſeines beſcheidenen Verdienſtes das Reſultat ſeiner ſchweren Arbeit und tugendhaften Fleißes geweſen;„und ich will Euch nicht im Wege ſtehen. Geht, wohin Ihr wollt.“ Sowie er ihr dieſe Erlaubniß ertheilt, hatte ſie das Stockhaus verlaſſen und wankte wieder auf der harten Straße dahin. Doch da ſie ſich fürchtete zurückzugehen, wovor ſie floh, in dem von den Lichtern der kleinen Stadt falb glühenden Wolkenhimmel vor ſich erblickte und ein verwirrtes Grauſen vor demſelben überall in jedem Steine auf jedem Marktplatze, von dem ſie entwich, hinter ſich zurückließ, ſchlug ſie die kleinen Nebenwege ein, in denen ſie ſich verirrte und verlor. In dieſer Nacht flüchtete ſie ſich vor dem Samariter, in deſſen neueſter beglaubigter Geſtalt, in eine Kornfeime; und falls der Samariter— und es iſt wohl der Mühe werth, hieran zu denken, liebe Mitchriſten— in der einſamen Nacht auf der andern Seite vorübergegangen wäre, ſo würde ſie dem Himmel inbrünſtig dafuͤr gedankt haben, daß ſie ihm entkommen. Der Morgen ſah ſie wieder auf der Wanderſchaft, doch nahm die Klarheit ihrer Gedanken ſchnell ab, wie⸗ wohl ahre Entſchloſſenheit dieſelbe blieb. Sie begriff, daß ihre Kraft ſie verlaſſe und daß der Kampf ihres Lebens faſt zu Ende, doch vermochte ſie weder die Mittel zu überlegen, vermöge welcher ſie zu ihren Beſchützern zurückkehren könne, noch ſelbſt den Gedanken zu bilden. Die überwältigende Furcht und die ſtolze, hartnäckige Entſchloſſenheit, welche dieſelbe in ihr erzeugt, nämlich unentehrt zu ſterben, waren die einzigen beiden klaren Eindrücke, die noch in ihrem ſinkenden Geiſte lebten. Durch das Bewußtſein, daß ſie in dieſem lebenslangen Kampfe ſiegen müſſe, allein aufgerichtet, ging ſie weiter. Es war jetzt die Zeit gekommen, wo ſie die Bedürf⸗ niſſe dieſes kleinen Lebens nicht mehr empfand. Sie hätte keine Speiſe zu ſich nehmen können, ſelbſt wenn im näch⸗ ſten Felde die Tafel für ſie gedeckt geweſen. Das Wetter war kalt und feucht, doch wußte ſie es kaum. Sie ſchlich weiter, die arme Seele, gleich einem Verbrecher, der ge⸗ fangen zu werden fürchtet, und fühlte wenig, außer der Angſt, daß ſie noch bei Tage niederfallen und am Leben gefunden werden könne. Sie hatte keine Sorge, daß ſie noch eine Nacht durchleben werde. Das Geld, das ihr Begräbniß beſtreiten ſollte, befand ſich noch unangerührt in der Bruſt ihres Kleides ein⸗ genäht. Wenn ſie nur bis zum Ende des Tages leben und ſich dann in der Dunkelheit niederlegen könnte, ſo würde ſie unabhängig ſterben. Falls ſie früher einge⸗ fangen, würde ihr, wie einer Bettlerin, die kein Recht daran habe, das Geld abgenommen und ſie ſelbſt in das verfluchte Arbeitshaus geſchleppt werden. Erreichte ſie aber ihren Zweck, ſo mußte der Brief nebſt dem Gelde auf ihrer Bruſt gefunden werden, und die Herrſchaften würden, wenn ihnen derſelbe zugeſtellt worden, ſagen: „Sie ſchätzte ihn, die alte Betty Higden: ſie war getreu und ſo lange ſie lebte, wollte ſie ihn nicht dadurch ent⸗ ehren, daß ſie in die Hände Derer fiel, die ſie verab⸗ ſcheute.“ Höchſt unlogiſch, inconſequent und leichtköpfig; doch die Reiſenden im Thale des Todesſchattens ſind häufig leichtköpfig; und erſchöpfte alte Leute von niedriger Herkunft haben eine Angewohnheit, ebenſo mittelmäßig zu urtheilen, wie ſie leben, und würden unſere Armen⸗ geſetze bei einem jährlichen Einkommen von zehntauſend Pfund wahrſcheinlich in philoſophiſcherer Weiſe zu ſchätzen im Stande ſein. Und ſo verſteckte ſich dieſe widerwärtige alte Frau in Nebenwegen, alle menſchliche Nähe meidend, und ſchleppte ſich durch den langen düſt Tag dahin. Doch war ſie den ſich verſteckenden Landſtreichern ſo unähnlich, daß, wie der Tag verſtrich, zuweilen ein helles Licht in ihren Augen glühte und ihr ſchwaches Herz ſchneller pochte, als wenn ſie frohlockend zu ſich ſpräche:„Der Herr wird mir durchhelfen!“ Von welchen eingebildeten Händen ſie auf dieſer Flucht vor dem Samariter geleitet, von welchen im Grabe 1——. 427 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 428 ſchweigenden Stimmen ſie angeredet wurde; wie ſie das todte Kind wieder in ihren Armen wähnte und unzählige Male ihr Tuch zuſammenzog, um daſſelbe warm zu „halten; welche unendlich mannigfache Geſtalten von Bur⸗ gen und Dächern und Kirchthürmen die Bäume an⸗ nahmen, wie viele wüthende Reiter auf ſie zuritten und ſchrieen:„Dort iſt ſie! Halt, halt! Betty Higden!“ und wieder entſchwanden, wie ſie gekommen waren— davon wollen wir nicht erzählen. Weiter wandernd und ſich verſteckend, ſich verſteckend und wieder weiter wandernd, verbrachte das arme harmloſe Geſchöpf, als wenn ſie eine Mörderin geweſen und das ganze Land ſie verfolgt hätte, den Tag und erreichte die Nacht. „Waſſerwieſen, oder dergleichen,“ hatte ſie zuweilen während der Wanderſchaft an dieſem Tage gemurmelt, wenn ſie den Kopf erhoben und die wirklichen Gegen⸗ ſtände um ſich her betrachtet hatte. Es erhob ſich jetzt aus der Dunkelheit ein großes Gebäude voll hell erlauch⸗ teter Fenſter. Aus einer hohen Eſſe hinter demfelben ſtieg Rauch empor, und das Geräuſch eines Waſſerrades ließ ſich von der einen Seite her vernehmen. Zwiſchen ihr und dem Gebäude lag ein kleines Waſſer, in dem die hellen Fenſter ſich abſpiegelten und auf deſſen ihr zunächſt liegendem Ufer eine Baumpflanzung ſtand.„Ich danke der ewigen Macht und Herrlichkeit in tiefer De⸗ muth,“ ſagte Betty Higden, ihre dürren Hände empor haltend,„daß ich das Ende meiner Reiſe erreicht habe!“ Sie wankte unter die Bäume an einen Baumſtamm, wo ſie durch die Zweige hindurch die hell erleuchteten Fenſter und deren Widerſchein im Waſſer ſehen konnte. Sie ſtellte ihren ſauberen kleinen Korb neben ſich und ſank auf den Boden nieder, indem ſie ſich an den Baum⸗ ſtamm lehnte. Dies erinnerte ſie an den Fuß des Kreuzes und ſie empfahl ſich Ihm, der an demſelben ſtarb. Sie fand noch hinreichende Kraft, um den Brief in ihrem Buſen ſoweit hervorzuziehen, daß man deſſelben leicht gewahr werden könnte. Soweit hatte ihre Kraft aus⸗ gereicht, dann aber verließ dieſelbe ſie. „Hier bin ich in Sicherheit,“ war ihr letzter betäub⸗ ter Gedanke.„Wenn man mich todt am Fuße des Kreuzes findet, ſo werden es Leute meines Standes ſein; welche von jenen Leuten, die dort unter den Lichtern arbeiten. Ich kann die hellen Fenſter jetzt nicht ſehen, aber ſie ſind dort. Ich bin für Alles dankbar!“ ***** Die Dunkelheit iſt verſchwunden und ein Geſicht beugt ſich zu ihr herab. „Es kann doch nicht die ‚ßöne Dame“ ſein?“ „Ich verſtehe nicht, was Ihr ſagt. Laßt mich Eure Lippen wieder mit dieſem Branntwein benetzen. Ich habe denſelben für Euch geholt. Fandet Ihr, daß ich lange ausblieb?“ Es ſieht aus, wie das Geſicht eines Weibes, das von einer reichen Maſſe dunklen Haars beſchattet wird. Es iſt das ernſthafte Angeſicht eines jungen und ſchönen Weibes. Doch es iſt Alles vorüber mit mir auf Erden und dies muß das Geſicht eines Engels ſein. „Bin ich ſchon lange todt geweſen?“ „Ich verſtehe Euch nicht. Laßt mich noch einmal Eure Lippen benetzen. Ich eilte ſo ſehr es mir möglich war, und brachte Niemanden mit mir zurück, aus Furcht, daß der Anblick von Fremden Euch tödtlich ſein könnte.“ „Bin ich nicht todt?“ „Ich kann Euch nicht verſtehen. Eure Stimme iſt ſo leiſe und gebrochen, daß ich Euch nicht hören kann. Hört Ihr mich?“ „Jag.“ „Meint Ihr ja?“ a.“ „Ich kam ſo eben von der Arbeit, auf dem Pfade außen(ich war geſtern unter den Nachtarbeitern) und ich hörte ein Stöhnen und fand Euch hier am Boden.“ „Was für Arbeit, Liebe?“ „Fragtet Ihr, was für Arbeit? Auf der Papier⸗ mühle.“ „Wo iſt dieſe?“ „Euer Geſicht iſt dem Himmel zugewendet und Ihr könnt ſie nicht ſehen. Sie iſt ganz in der Nähe. Könnt Ihr mein Geſicht zwiſchen Euch und dem Himmel ſehen?“ * „Darf ich Euch aufrichten?“ „Noch nicht.“ „Auch Euren Kopf nicht, um ihn auf meinen Arm zu legen? Ich will es ganz leiſe und langſam thun. Ihr ſollt es kaum fühlen.“ „Noch nicht. Papier. Brief.“ „Dieſes Papier in Eurem Buſen?“ „Gott ſegn' Euch!“ „Laßt mich Eure Lippen benetzen. Brief öffnen? Soll ich ihn leſen?“ „Gott ſegn' Euch.“ Sie lieſt denſelben mit Ueberraſchung und ſchaut mit einem neuen Ausdrucke im Geſichte und mit vergrößerter Theilnahme auf das regungsloſe Antlitz herab, neben dem ſie kniet. „Ich kenne dieſe Namen. Ich habe ſie ſehr oft ge⸗ hört.“ „Wollt Ihr ihn abſenden, meine Liebe?“ „Ich kann Euch nicht verſtehen. Laßt mich wieder Eure Lippen und Eure Stirn benetzen. So. O, Ihr Aermſte, Ihr Aermſte!“ Dieſe Worte ſprach ſie durch ihre ſchnell fließenden Thränen hindurch.„Was fragtet Ihr mich? Wartet, bis ich mein Ohr hart an Eure Lippen lege.“ „Wollt Ihr ihn abſenden, Liebe?“ „Ob ich ihn an die Schreiber abſenden will? Iſt dies, was Ihr wünſcht? Ja, gewiß.“ „Ihr wollt ihn Niemandem, als ihnen, geben?“ „Ja.“ „So wahr Ihr einſt alt werden und zu Eurer Sterbeſtunde kommen müßt, meine Liebe— Ihr wollt den Brief Niemandem, als ihnen, geben?“ 1 „Ja. Ich verſpreche es aufs Feierlichſte.“ Soll ich den „Niemals an das Armenhaus!“ mit einer krampf⸗ haften Zuckung. „Ja. Ihr habt mein feierliches Verſprechen.“ „Und wollt das Armenhaus mich nicht anrühren, mich- ſelbſt nicht einmal anſehen laſſen?“ abermals mit einer krampfhaften Zuckung. „Ja. Ich verſpreche es Euch getreulich.“ Ein Ausdruck der Dankbarkeit und des Triumphes erhellt das arme alte Geſicht. Die Augen, welche dunkel auf den Himmel geheftet geweſen, wenden ſich mit Aus⸗ druck dem mitleidsvollen Geſichte zu, von dem die Thränen herabſtrömen, und ein Lächeln umſpielt die alten Lippen, wie dieſe fragen: „Wie heißt Ihr, meine Liebe?“ „Ich heiße Lizzie Hexam.“ „Ich muß arg entſtellt ſein. Fürchtet Ihr Euch, mich zu küſſen?“ Die Antwort beſteht in dem bereitwilligen ſanften Drucke ihrer Lippen auf den kalten aber lächelnden Mund. Ehrwütd denn im unſetet nicht in und üb üches w Rücke er ſi verme zu fi ſüci verzeit Schwe d am F einem Gras E d erſta ſein, mit dieſ dam dere kam Der ſag gle dem Pfade eitern) und am Boden.“ de Dapier. ſmeinen Arm igſam thun oll ich den d ſchaut mit vergrößerter ¹, neben dem ſehr oft ge⸗ d. O, Ihr ach ſie durch Was fragtet art an Eure d zu Eurer — Ihr wollt „ 1 iner krampf⸗ techen.“ öt anrühren, abermals mit Triumphes velche dunkel c mit Aut⸗ die Thränen alten Lippen, Ihr Guh, uign ſuuftn r lächelnden — Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 430 mich wieder 4., Bot ſegn' Euch! Jetzt richtet mich auf, meine iebe.“ Lizzie Hexam richtete ſehr ſanft das alte graue Haupt empor und hub es hoch hinauf bis in den Himmel. Aeuntes Capitel. Jemand wird der Gegenſtand einer Weiſſagung. „Wir danken Dir, Herr, daß es Dir gefallen hat, dieſe unſere Schweſter aus dem Elende dieſer ſündigen Welt zu erlöſen,“ So las Se. Ehrwürden Frank Milvey mit nicht ungerührter Stimme, denn im Herzen bezweifelte er, ob wohl zwiſchen uns und unſerer Schweſter Alles ſei, wie es ſein ſollte, und ob nicht in jenen Worten, wenn wir ſie über unſere Schweſter und über unſern Bruder leſen, zuweilen etwas Schauer⸗ liches liege. Und Sedh— dem die tapfere Verſtorbene nie den Rücken gewandt, bis ſie von ihm fortrannte, wiſſend, daß er ſich ſonſt nimmer von ihr trennen werde— Sloppy vermochte in ſeinem Gewiſſen noch nicht die Dankbarkeit zu finden, die von ihm erwartet wurde. Dies war ſelbſt⸗ ſüchtig von Sloppy, und dennoch auch vielleicht wieder verzeihlich, laßt uns das demüthig hoffen, denn unſere Schweſter war mehr als eine Mutter für ihn geweſen. Die Worte wurden in einem Winkel eines Friedhofes am Flußufer über Betty Higden's Aſche geſprochen; in einem ſo obſcuren Friedhofe, daß in demſelben nichts als Grashügel und nicht ein einziger Grabſtein zu ſehen war. Es dürfte für die Gräber und Hacker in dieſem bericht⸗ erſtattenden Zeitalter vielleicht nicht ſo übermäßig viel ſein, falls wir ihre Gräber zu dem gewöhnlichen Preiſe mit ihren Namen verſähen, ſo daß eine neue Generation dieſelben von einander zu unterſcheiden im Stande wäre: damit der heimkehrende Soldat, Matroſe oder Auswan⸗ derer die Ruheſtätte des Vaters, der Mutter, des Spiel⸗ kameraden oder der Braut zu identificiren vermöchte. Denn wir ſchlagen die Augen zum Himmel empor und ſagen, daß wir im Tode in jener Welt Alle einander gleich ſind, und wir dürften dieſelben niederſchlagen und in dieſer Beziehung daſſelbe auch von dieſer Welt er⸗ klären. Es würde vielleicht ſentimental ſein? Doch was meinen Sie, meine Lords und Herren und ehrenwerthen Ausſchüſſe, werden wir nicht, wenn wir einen Blick auf unſere Volksmenge werfen, vortrefflichen Raum für einiges Gefühl finden? Neben Sr. Ehrwürden Frank Milvey, als dieſer las, ſtanden ſeine kleine Gattin, John Rokeſmith, der Se⸗ cretair und Bella Wilfer. Dieſe waren außer Sloppy, die Leidtragenden an dem beſcheidenen Grabe. Es war kein Penny zu dem Gelde hinzugethan worden, das man in ihrem Kleide gefunden hatte; der langerſehnte Wunſch ihres rechtſchaffenen Geiſtes war erfüllt. „Ich hab' es mir in den Kopf geſetzt,“ ſagte Sloppy, denſelhen untröſtlich an die Kirchenthür legend, als Alles vorüber war,„ich hab' es mir in meinen erbärmlichen Kopf geſetzt, daß ich zuweilen etwas fleißiger für ſie hätte a können, und der Gedanke ſchneidet mir tief ins erz.“ Se. Ehrwürden Frank Milvey ſetzte, Sloppy tröſtend, dieſem auseinander, wie ſelbſt die Beſten unter uns mehr oder weniger nachläſſig in unſeren reſpectiven Stellen— ja, Manche ſogar ſehr nachläſſig— und wie wir über⸗ haupt Alle eine lahme, ſchwache, unbeſtändige Bande ſeien. „Sie war das nicht, Sir,“ ſagte Sloppy, dieſen geiſtlichen Rath in Bezug auf ſeine verſtorbene Wohl⸗ thäterin etwas übelnehmend.„Wir dürfen dies wohl von uns ſelber ſagen, Sir. Sie ging mit jeder Pflicht gerade bis zu Ende durch. Sie ging mit mir durch, ſie ging mit den Kleinkindern durch, ſie ging mit ſich ſelber durch, ſie ging mit Allem durch. O, Mrs. Higden, Sie waren eine Frau und eine Mutter und eine Wäſchrollerin, wie es unter Millionen mal Millionen keine mehr giebt!“ Nach dieſen tief empfundenen Worten nahm Sloppy ſeinen Kopf von der Kirchenthür fort und trug denſelben nach dem Grabe in dem Winkel, wo er ihn niederlegte und laut weinte.„Es iſt kein ſehr armes Grab,“ ſagte Se. Ehrwürden Frank Milvey, indem er ſich mit der Hand über die Augen ſtrich,„indem jene Geſtalt auf ihm liegt. Reicher, ſcheint es mir, als es durch den größeren Theil der Bildhauerei in der Weſtminſter⸗Abtei gemacht werden könnte!“ Sie ließen ihn ungeſtört und gingen zum Pförtchen hinaus. Das Waſſerrad und die Papiermühle waren dort hörbar und ſchienen einen mildernden Einfluß auf die helle Winterlandſchaft zu üben. Sie waren erſt vor kurzer Zeit angelangt und Lizzie Hexam erzählte ihnen jetzt das Wenige, das ſie noch zu dem Briefe hinzuzu⸗ fügen im Stande war, den ſie Mr. Rokeſmith geſandt, während ſie gleichzeitig um Inſtructionen gebeten. Dies erklärte nun, wie ſie zuerſt das Stöhnen gehört und was ſich dann zugetragen, und wie ſie Erlaubniß erhalten, die Ueberreſte in jenem ſauberen, friſchen, leeren Vorraths⸗ zimmer der Mühle aufzuſtellen, aus dem ſie dieſelben ſo eben nach dem Gottesacker begleitet, und wie die letzten Wünſche gewiſſenhaft berückſichtigt worden. „Ich hätte es nicht Alles, oder nur zum Theil, ſelber thun können,“ ſagte Lizzie.„Es würde mir nicht an dem Willen gefehlt haben; aber ich würde ohne ünſern Ober⸗ aufſeher nicht die Macht gehabt haben.“ „Doch nicht der Jude, der uns in Empfang nahm?“ ſagte Mrs. Milvey. („Meine Liebe,“ bemerkte ihr Gatte per Parentheſe, „warum nicht?“) „Der Herr iſt allerdings ein Jude,“ ſagte Lizzie,„und die Dame, ſeine Gemahlin, iſt eine Jüdin, und ich ward ihnen durch einen Juden vorgeſtellt. Aber ich denke mir, es kann in der ganzen Welt keine gütigeren Menſchen eben.“ 4„Aber wenn ſie Sie zu bekehren verſuchten!“ meinte Mrs. Milvey in ihrer vortrefflichen kleinen Paſtorenfrauen⸗ Weiſe. idean ſie was verſuchten, Madame?“ fragte Lizzie mit einem beſcheidenen Lächeln. „Sie zu einer Religionsänderung zu bewegen,“ ſagte Mrs. Milvey. Lizzie ſchüttelte, noch immer lächelnd, den Kopf.„Sie haben mich nie gefragt, was meine Religion ſei. Sie fragten mich nach meiner Lebensgeſchichte und ich erzählte ihnen dieſelbe. Sie baten mich, fleißig und getreu zu ſein, und ich verſprach ihnen dies. Sie thun auf das Bereitwilligſte und Freundlichſte ihre Pflicht gegen uns Alle, die wir hier beſchäftigt ſind, und wir verſuchen, die unſrige gegen ſie zu thun. In der That, ſie thun viel mehr als ihre Pflicht gegen uns, denn ſie ſind außer⸗ ordentlich rückſichtsvoll gegen uns in mancherlei Weiſe.“ „Man ſieht leicht, daß Sie ein Liebling ſind, meine Liebe,“ ſagte die kleine Mrs. Milvey, nicht beſonders zu⸗ frieden. „Es wäre ſehr undankbar von mir, dies leugnen zu wollen,“ entgegnete Lizzie,„denn man hat mich hier bereits an einem Vertrauenspoſten angeſtellt. Doch dies macht keinen Unterſchied darin, daß ſie ihrer eigenen Religion nachgehen und uns die unſrige laſſen. Sie ſprechen nie weder von der ihrigen noch von der unſrigen zu uns. Und es würde ganz daſſelbe ſein, falls ich die Letzte in der Mühle wäre. Sie fragten mich nie, wel⸗ ches die Religion jenes armen Geſchöpfes geweſen.“ „Mein Liebſter,“ ſagte Mrs. Milvey bei Seite zu Sr. Ehrwürden Frank,„ich wollte, Du ſprächſt zu ihr. „Meine Liebe,“ ſagte Se. Ehrwürden Frank Milvey bei Seite zu ſeiner guten kleinen Gemahlin,„ich denke, ich will dies jemand Anderem überlaſſen. Die Umſtände ſind kaum günſtig. Es gehen eine Menge Schwätzer in der Welt umher, und ſie wird deren bald einen finden.“ Während dieſe Unterhaltung ſtattfand, beobachteten der Secretair und Bella Lizzie Hexam mit großer Auf⸗ merkſamkeit. Da er zum erſten Male die Tochter ſeines angeblichen Mörders von Angeſicht zu Angeſicht erblickte, war es nicht mehr als natürlich, daß John Harmon ſeine geheimen Gründe hatte, ihr Geſicht und ihr Weſen ſorg⸗ fältig zu prüfen. Bella wußte, daß Lizzie's Vater fälſch⸗ lich des Verbrechens angeklagt worden, das einen ſo großen Einfluß auf ihr Leben und ihr Schickſal geübt hatte; und ihr Intereſſe war, obgleich von keinen geheimen Trieb⸗ federn getrieben, wie das des Secretairs, ebenfalls ein ſehr natürliches. Beide hatten etwas ganz Anderes zu ſehen erwartet, als dieſe wirkliche Lizzie Hexam, und ſo ereignete es ſich, daß ſie das unbewußte Mittel wurde, dieſe Beiden zuſammenzuführen. Denn, als ſie mit ihr nach dem kleinen Häuschen in dem ſauberen Dörfchen bei der Papiermühle gegangen waren, in dem Lizzie bei einem ältlichen Ehepaare wohnte, das in der Mühle angeſtellt war, und als Mrs. Miloey und Bella mit ihr in ihr Zimmer gegangen und wieder heruntergekommen waren, ward die Arbeitsglocke der Mühle geläutet. Dies rief Lizzie auf eine Weile fort und der Secretair und Bella blieben ziemlich verlegen mit einander allein in der kleinen Straße; denn Mrs. Milvey war beſchäftigt, die Dorfkinder zu verfolgen und Nachforſchungen anzuſtellen, ob dieſelben Gefahr liefen, Kinder Iſraels zu werden; während Se. Ehrwürden Frank — um die Wahrheit zu geſtehen— dieſen Zweig ſeines geiſtlichen Amtes zu meiden und ſich heimlich aus dem Staube zu machen beſchäftigt war. Endlich ſagte Bella: „Sollten wir uns nicht lieber über den Auftrag unterhalten, den wir übernommen haben, Mr. Rokeſmith?“ „O, gewiß,“ ſagte der Secretair. „Ich nehme an,“ ſagte Bella mit unſicherer Stimme, „daß wir Beide beauftragt ſind, ſonſt würden wir nicht Beide hier ſein.“ „Das vermuthe ich,“ war die Antwort des Secre⸗ tairs. „Als ich Mr. und Mrs. Milvey zu begleiten vor⸗ ſchlug,“ ſagte Bella,„beſtätigte Mrs. Boffin mich hierin, damit ich ihr meinen kleinen Bericht über Lizzie Hexam abzuſtatten im Stande ſei— derſelbe hat keinen Werth, Mr. Rokeſmith, außer inſofern er der Bericht eines Weibes iſt— was in der That für Sie ein neuer Grund ſein mag, ihn werthlos zu finden.“ „Mr. Boffin,“ ſagte der Secretair,„ſandte mich zu demſelben Zwecke her.“ Indem ſie ſprachen, verließen ſie die kleine Straße und kamen in das Gehölz am Fluſſe hinaus. „Sie haben eine gute Meinung von ihr, nicht wahr, Mr. Rokeſmith?“ fuhr Bella fort, indem ſie ſich bewußt war, daß ſie alle Avancen machte. „Ich habe eine ſehr hohe Meinung von ihr.“ „Das freut mich ſehr! Es iſt etwas förmlich Edles in ihrer Schönheit, nicht wahr?“ „Ihre Perſönlichkeit iſt eine ſehr auffallende.“ „Es ruht ein Schatten der Trauer auf ihr, der wahrhaft rührend iſt. Wenigſtens— ich— ich will nicht meine Anſicht als maßgebend aufſtellen, Mr. Rokeſmith,“ ſagte Bella, ſich in einer lieblichen, ſchüchternen Weiſe entſchuldigend und erklärend;„ich wünſche Ihre Anſicht zu hören.“ „Ich bemerkte jene Trauer. Ich hoffe,“ ſagte der Secretair mit leiſer Stimme,„daß dieſelbe nicht in Folge jener fälſchlichen Beſchuldigung iſt, welche zurück⸗ genommen wurde.“ Nachdem ſie ein wenig weiter gegangen waren, ohne mit einander zu ſprechen, ſagte Bella plötzlich, einen verſtohlenen Blick zu dem Secretair emporwerfend: „O, Mr. Rokeſmith, ſeien Sie nicht hart gegen mich, ſeien Sie nicht ſtrenge gegen mich; ſeien Sie groß⸗ müthig! Ich wünſche auf gleichem Fuße mit Ihnen zu reden.“ Der Secretair erhellte ſich ebenſo plötzlich und er⸗ widerte:„Auf Ehre, ich dachte dabei nur an Sie. Ich zwang mich, zurückhaltend zu ſein, aus Furcht, daß Sie ein natürlicheres Weſen mißdeuten könnten. So. Es iſt vorüber.“ „Ich danke Ihnen,“ ſagte Bella, ihm ihre kleine Hand reichend.„Vergeben Sie mir.“ „Nein!“ rief der Secretair eifrig.„Vergeben Sie mirl“ Denn es ſtanden Thränen in ihren Augen, und dieſelben waren in den ſeinigen(obgleich ſie ihn zugleich vorwurfsvoll trafen) ſchöner, als ſonſt irgend welcher Funkelglanz. Als ſie ein wenig weiter gegangen waren, ſagte der Secretair, den Schatten, der auf ihm geruht, völlig ab⸗ werfend:„Sie wollten über Lizzie Hexam mit mir reden. Daſſelbe wünſchte ich zu thun, wenn ich nur anzufangen im Stande geweſen wäre.“ „Jetzt, da Sie anzufangen im Stande ſind, Sir,“ ſagte Bella mit einem Blicke, wie wenn ſie die Worte vermittelſt eines ihrer Grübchen ‚unterſtrichee—„was wollten Sie ſagen?“ „Sie erinnern ſich natürlich, Briefe an Mrs. Boffin— der zwar kurz war, aber Alles enthielt, was zur Sache gehörte— die Bedingung ſtellte, uns geheim gehalten würde.“ 3 Bella nickte bejahend.— „Es iſt meine Pflicht, mich zu überzeugen, warum ſie dieſe Bedingung ſtellte. Ich bin von Mr. Boffin beauftragt worden, und es iſt mir ſelber ſehr daran ge⸗ legen, zu erfahren, ob ſie ſich noch immer durch j e widerrufene Beſchuldigung befleckt fühlt. Ich meine, ob dieſelbe ſie noch immer irgend Jemandem oder ſich ſelber gegenüber in ein unvortheilhaftes Licht ſtelltx“. „Ja,“ ſagte Bella, gedankenvoll mit dem Kopfe nickend, „ich verſtehe. Das ſcheint weiſe und rückſichtsvoll. „Sie haben vielleicht nicht die Bemerkung gemacht, Miß Wilfer, daß ſie daſſelbe Intereſſe für Sie zu fühlen ſcheint, das Sie an ihr nehmen. Ebenſo, wie Sie ſich durch ihre Schönh—, Weſen angezogen fühlen, angezogen.“. 4. „Ich habe dies allerdings nicht bemerkt,“ erwiderte Bella, abermals ihre Worte mit dem Grübchen unter⸗ ſtreichend,„und ich hätte ſie keines ſo—“ Der Secretär hielt lächelnd die Hand empor und drückte damit ſo deutlich die Worte aus:„Sagen Sie nicht, keines ſo ſchlechten Geſchmackes fähig gehalten”“— daß Bella über die kleine Coquetterie erröthete, an der ſie verhindert wurde. iſt auch ſie durch die Ihrige daß ſie in ihrem kurzen daß entweder ihr Name oder ihr Wohnort ſtreng unter durch ihre Erſcheinung upd ihr trauen zu⸗ iicht von⸗ und natür man et b dawider onſertweg an überze in Smid Baug nach enn deſelben „E erwiderte denn ich ich unnü 0 btauen E der S derſell 9 11 ſmith, weinen Secte àd ni Bell zufri ſprac And V uns fiſt zu dan ich ſein wif ling 482 lnde.“ uf ihr, der , ich vill tellen, Mr. lieblichen färend;„ich z adte der nicht i Alche zurück. waren, ohne oßlich, einen werfend: t hatt gegen ien Sie guoß n Sie guoß. „ f mit Ihnen zu Plich und er⸗ an Sie. Ich rcht, daß Sie So. Es iſt re kleine Hand Vergeben Sie in Augen, und fe ihn zugleich rgend welcher wn, e der ht, völlig ab⸗ nir reden. ur anzufangen de ſind, Sir,“ e die Worte e*—„was n ihrem kurzen r, aber Alles ng ſtellte, zeug en, warum ſehr daran ge⸗ er durh jee ch meine, 0 er ſich ſelber ellt. m Kopfe nickend, ſichtsboll. rkung gemacht, Sie zu fühlen wie Sie ſi inung und ihr tt ſtreng unter uch die Ihrgge erkt 11 erwiderte ge 417 3 Hrübchen unter 3. chalten— ig gehalt göthete, 433 „Und deshalb,“ fuhr der Secretair fort,„bin ich über⸗ zeugt, daß Sie, falls Sie allein mit ihr redeten, ehe wir den Ort verließen, ein unbefangenes und natürliches Zu⸗ trauen zu einander faſſen würden. Man würde natürlich nicht von Ihnen verlangen, daß Sie daſſelbe mißbrauchten; und natürlich würden Sie dies nicht thun, ſelbſt wenn man es von Ihnen verlangte. Doch falls Sie nichts dawider hätten, dieſe Frage an ſie zu richten— ſich unſertwegen von ihren Gefühlen in dieſer Angelegenheit zu überzeugen— ſo ſind Sie dies weit beſſer zu thun im Stande, als wir Beide. Mr. Boffin iſt beſorgt in Bezug auf den Gegenſtand. Und ich,“ fügte der Secretair nach einem Augenblicke hinzu,„bin ſehr beſorgt wegen deſſelben.“ „Es ſoll mir Vergnügen machen, Mr. Rokeſmith,“ erwiderte Bella,„mich irgendwie nützlich zu machen: denn ich fühle, nach dem heutigen ernſten Ereigniſſe, daß ich unnütz genug in dieſer Welt bin.“ „Sagen Sie das nicht,“ ſagte der Secretär. „O, aber ich meine es,“ ſagte Bella, die Augen⸗ brauen emporziehend. „Es iſt Niemand unnütz in dieſer Welt,“ entgegnete der Secretair,„der für irgend ein anderes Weſen die Laſt derſelben erleichtert.“ „Aber ich gebe Ihnen die Verſicherung, Mr. Roke⸗ ſmith, daß ich dies nicht thue,“ ſagte Bella faſt weinend. „ Nicht für Ihren Vater?“ „Der gute, liebevolle, uneigennützige, leicht befriedigte Papa! O, ja! Er denkt dies.“ „Es genügt ſchon, wenn er es nur denkt,“ ſagte der Secretär.„Verzeihen Sie die Unterbrechung: ich höre es nicht gern, wenn Sie ſich herabſetzen.“ „Aber Sie ſetzten einſt mich herab, Sir,“ dachte Bella ſchmollend,„und ich hoffe, daß Sie mit den Folgen zufrieden ſind, die Sie ſich daraus zuzogen!“ Indeſſen ſprach ſie hiervon nichts aus; ſie ſagte ſogar etwas ganz Anderes. „Mr. Rokeſmith, es ſcheint ſo lange her, daß wir uns unbefangen mit einander unterhielten, daß es mich faſt verlegen macht, einen anderen Gegenſtand zur Sprache zu bringen. Mr. Boffin. Sie wiſſen, daß ich ihm ſehr dankbar bin, nicht wahr? Sie wiſſen, daß ich eine auf⸗ richtige Achtung für ihn hege und durch das ſtarke Band ſeiner Großmuth an ihn geknüpft bin; nicht wahr, dies wiſſen Sie?“ „Unzweifelhaft. lingsgefährtin ſind.“ „Dies macht es ſo ſchwer,“ ſagte Bella,„von ihm zu reden. Aber—. Behandelt er Sie gut?“ „Sie ſehen, wie er mich behandelt,“ ſagte der Secretair mit geduldiger, doch zugleich ſtolzer Miene. „Ja, und ich ſehe dies mit Schmerz,“ ſagte Bella ſehr nachdrucksvoll. Der Secretair gab ihr einen ſo ſtrahlenden Blick, daß er ihr mit hundert Dankſagungen nicht ſo viel zu ſagen vermocht hätte, als er ihr mit dieſem Blick ſagte. „Ich ſehe es mit Schmerz,“ wiederholte Bella,„und es macht mich oft ſehr unglücklich. Unglücklich, weil ich den Gedanken nicht ertragen kann, daß man mich für fähig halten könnte, dies zu billigen, oder in indirecter Weiſe dabei betheiligt zu ſein. Unglücklich, weil ich es nicht ertragen kann, nur mir ſelber gegenüber einräumen zu müſſen, daß das Glück Mr. Boffin verdirbt.“ „Miß Wilfer,“ ſagte der Secretair mit leuchtendem Antlitze,„wenn Sie wüßten, mit welcher Freude ich die Entdeckung mache, daß das Glück Sie nicht verdirbt, ſo würden Sie begreifen, daß dies mehr als eine Ent⸗ Und außerdem, daß Sie ſeine Lieb⸗ Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 434 ſchädigung für Alles iſt, was mir von anderen Händen zugefügt werden kann.“ „O, reden Sie nicht von mir,“ ſagte Bella, ſich einen ungeduldigen kleinen Schlag mit ihrem Handſchuh gebend.„Sie kennen mich nicht ſo gut, wie—“ „Wie Sie ſich ſelber kennen?“ ſagte der Secretair, da ſie innehielt.„Kennen Sie ſich wirklich?“ „Ich kenne mich hinlänglich genug,“ ſagte Bella mit einer allerliebſten Miene, wie wenn ſie ſich aufgebe, „und ich gewinne nicht bei näherer Bekanntſchaft. Aber Mr. Boffin.“ „Daß Mr. Boffin's Benehmen gegen mich oder Rück⸗ ſicht für mich nicht mehr dieſelben, wie früher, muß ich allerdings zugeben,“ ſagte der Secretair. Dies iſt zu klar, als daß man es leugnen könnte.“ „Sind Sie es zu leugnen geneigt, Mr. Rokeſmith?“ fragte Bella mit einer Miene der Verwunderung. „Sollte es mich nicht freuen, wenn ich es vermöchte, wenn ich es ſelbſt nur um meiner ſelber willen könnte?“ „Wahrlich,“ erwiderte Bella,„es muß eine harte Prü⸗ fung für Sie ſein, und— bitte, verſprechen Sie mir, das, was ich hinzuzufügen im Begriff bin, nicht übel⸗ nehmen zu wollen, Mr. Rokeſmith.“ „Ich verſpreche es von ganzem Herzen.“ „— Und ich dächte, es müßte Sie zuweilen in Ihrer eigenen Achtung ein wenig herabſetzen?“ ſagte Bella zögernd. Der Secretair ſtimmte ihr mit einer Kopfbewegung bei, wobei er jedoch durchaus nicht das Ausſehen hatte, als ob es wirklich der Fall ſei, und erwiderte:„Ich habe ſehr ſtarke Beweggründe, Miß Wilfer, die Nach⸗ theile meiner Stellung in dem Hauſe, das wir Beide bewohnen, zu dulden. Glauben Sie mir, daß dieſelben nicht alle gewinnſüchtig ſind, obgleich ich durch eine Reihe von ſeltſamen Mißgeſchicken von meinem Platze in dieſem Leben entfernt bin. Falls das, was Sie mit einer ſo gütigen und edlen Theilnahme wahrnehmen, meinen Stolz zu empören geeignet iſt, ſo giebt es doch noch andere Rückſichten(und dieſe ſehen Sie nicht), die mich zur Duldung bewegen. Dieſe letzteren ſind bei weitem die mächtigeren.“ „Ich glaube bemerkt zu haben, Mr. Rokeſmith,“ ſagte Bella, ihn mit Neugier betrachtend, als wenn ſie ihn nicht ganz begriffe,„daß Sie ſich bekämpfen und ſich zwingen eine paſſive Rolle zu ſpielen.“ „Sie haben Recht. Ich bekämpfe mich und zwinge mich, eine Rolle zu ſpielen. Ich unterwerfe mich nicht aus Feigheit. Ich habe einen entſchiedenen Zweck dabei.“ „Und einen guten, wie ich hoffe,“ ſagte Bella. „Und hoffentlich einen guten,“ erwiderte er, ſie feſt anblickend. „Ich habe zuweilen gedacht, Sir,“ ſagte Bella, die Blicke abwendend,„daß Ihre große Achtung für Mrs. Boffin ein ſehr mächtiger Beweggrund für Sie iſt.“ „Sie haben abermals Recht; ſo iſt es. Ich würde Alles für ſie thun, Alles für ſie ertragen. Es giebt keine Worte, in denen ich auszudrücken vermöchte, wie ſehr ich jene gute, gute Frau ehre.“ „Wie auch ich ſie ehre! fragen, Mr. Rokeſmith?“ „So viel Sie wollen.“ „Sie ſehen natürlich, wie tief ſie leidet, wenn Mr. Boffin zeigt, wie ſehr er ſich verändert hat?“ „Ich ſehe dies jeden Tag, wie Sie es ſehen, und es betrübt mich, ihr Schmerz zu machen.“ „Ihr Schmerz zu machen?“ ſagte Bella, die Worte haſtig wiederholend und die Augenbrauen emporziehend. „Ich bin gewöhnlich die unſchuldige Urſache davon.“ Darf ich Sie noch Eins Boz, Unſer gemetnſchaftlicher Freund. 28 43⁵ Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 436 „Vielleicht ſagt ſie Ihnen daſſelbe, was ſie oft zu mir ſagt, daß er trotz Allem der beſte aller Menſchen iſt?“ „Ich höre ſie dies, mit ihrer rechtſchaffenen und ſchönen Hingebung für ihn, oft zu Ihnen ſagen,“ er⸗ widerte der Secretair mit derſelben ruhigen Miene,„aber ich kann nicht behaupten, daß ſie dies je zu mir ſagte.“ Bella begegnete ſeinen Augen mit einem fragenden, ſinnenden Blicke, und ſtieß dann, mehrere Male mit ihrem hübſchen Köpfchen nickend(gleich einem mit Grübchen geſchmückten Philoſophen von der beſten Schule, der über das Leben moraliſirte), einen kleinen Seufzer aus, und gab im Allgemeinen Alles auf, wie ſie vorher ſchon ſich ſelber aufzugeben geneigt geweſen. Deſſenungeachtet aber machten ſie einen ſehr ange⸗ nehmen Spaziergang. Die Bäume waren laublos und der Fluß ohne Waſſerlilien; aber der Himmel trug ſein ſchönes Blau und das Waſſer ſpiegelte daſſelbe ab und ein köſtlicher Wind ſtrich mit dem Strome und kräuſelte die Oberfläche deſſelben. Es ward vielleicht noch nie ein Spiegel von Menſchenhänden gemacht, der nicht eine Scene des Grauſens oder des Jammers zeigen würde, falls alle die Bilder, die er während ſeines Daſeins ab⸗ geſpiegelt, wieder auf ſeiner Oberfläche zum Vorſchein ge⸗ bracht werden könnten. Doch der große klare Spiegel des Fluſſes ſah aus, als ob er zwiſchen jenen friedlichen Ufern nie etwas Anderes abgeſpiegelt, als was friedlich, ländlich und blühend war. Und ſo wanderten ſie dahin und ſprachen von dem neuen Grabe und von Johnny und von mancherlei Dingen. Und als ſie umkehrten, begegneten ſie der mun⸗ teren Mrs. Milvey, die ſie ſuchte, und ihnen die ange⸗ nehme Nachricht brachte, daß die Dorfkinder in keiner Gefahr ſeien, indem es eine chriſtliche Schule im Dorfe gebe, bei der keine ſchlimmeren jüdiſchen Einflüſſe ins Spiel kämen, als die Beſtellung des Gartens derſelben. Und ſo langten ſie wieder im Dorfe an, als Lizzie Hexam von der Papiermühle zurückkehrte, und Bella verließ ihre Begleiter, um ſich in Lizzie's Wohnung mit ihr zu unter⸗ halten. „Ich fürchte, es iſt nur ein ärmliches Zimmer für Sie,“ ſagte Lizzie mit einem Lächeln der Bewillkomm⸗ nung, indem ſie ihr den Ehrenplatz beim Kamine darbot. „Nicht ſo ärmlich, wie Sie es ſich vorſtellen, meine Liebe,“ ſagte Bella,„wenn Sie nur Alles wüßten.“ In der That, obgleich man auf einer erſtaunlichen Wendeltreppe, die in einer ſauberen weißen Eſſe errichtet zu ſein ſchien, zu dem Stübchen gelangte, und obgleich daſſelbe eine ſehr niedrige Decke und einen ſehr unebenen Fußboden und in den Verhältniſſen ſeiner Fenſter etwas Schielendes hatte, war es doch ein angenehmeres Zim⸗ merchen, als jenes verachtete Gemach zu Hauſe, in dem Bella einſt das Mißgeſchick beſeufzt hatte, das ſie einen Miethsmann zu nehmen nöthigte. Der Tag neigte ſich dem Ende zu, als die beiden Mädchen einander vor dem Kamine betrachteten. Das Knabe, und hat ſich durch ſeine eigenen Anſtrengungen Zimmer ward nur von dem Kaminfeuer erhellt. Der Roſt hätte für die alte Kohlenpfanne und die Gluth in demſelben für die„Höhlung dort unten in der Gluth“ gelten können. „Es iſt etwas ganz Neues für mich,“ ſagte Liszie, „einen Beſuch von einer Dame zu erhalten, die mir im Alter ſo gleich und die ſo ſchön iſt, wie Sie. Es macht mir Vergnügen, Sie anzuſchauen.“ „Es bleibt mir danach nichts zu ſagen übrig,“ ſagte Bella erröthend,„denn ich war eben auf dem Punkte, zu ſagen, daß es mir Vergnügen macht, Sie anzüſchauen, Lizzie. Aber wir können ohne Anfang anfangen, nicht wahr?“ Lizzie nahm die niedliche kleine Hand, die ihr mit ſo hübſcher Offenheit dargeboten wurde. „Jetzt hören Sie, Liebſte,“ ſagte Bella, ihren Seſſel ein wenig näher rückend und Lizzie's Arm nehmend, wie wenn ſie einen Spaziergang zu machen im Begriff ſei, „ich habe den Auftrag erhalten, Etwas zu ſagen und werde es wahrſcheinlich verkehrt ſagen, doch will ich dies nicht thun, wenn ich d'rumhin kann. Es bezieht ſich auf Ihren Brief an Mr. und Mrs. Boffin und iſt dies— laß ſehen. O, ja! Es iſt dies.“ Mit dieſer Vorrede kam Bella zu Lizzie's Bitte in Bezug auf jene Geheimhaltung und berührte auf das Zarteſte jene fälſchliche Anklage und deren Zurücknahme, V und bat ſie, ihr zu ſagen, ob dieſe irgendwie mit jener Bitte in Beziehung ſtänden.„Ich fühle, meine Liebe,“ ſagte Bella, durch die geſchäftsmäßige Art und Weiſe, in der ſie zu Werke ging, ſich ſelber in Erſtaunen ſetzend, „daß der Gegenſtand ein ſchmerzlicher für Sie ſein muß, aber ich bin ebenfalls mit in denſelben verwickelt; denn — ich weiß nicht, ob Sie es wiſſen oder vielleicht ahnen — ich bin das teſtamentariſch vermachte Mädchen, das den unglücklichen Herrn hätte heirathen ſollen, falls dieſer Gefallen an mir gefunden. Ich ward alſo ohne meine Bewilligung in die Sache hineingezogen, und Sie wurden ohne die Ihrige in dieſelbe hineingezogen und es iſt wenig Unterſchied zwiſchen uns Beiden.“ „Ich hege keinen Zweifel,“ ſagte Lizzie,„daß Sie die Miß Wilfer ſind, die ich oft hatte nennen hören. Können Sie mir ſagen, wer mein unhekannter Freund iſt?“ „Unbekannter Freund, Liebſte?“ ſagte Bella. „Der die Beſchuldigung gegen den armen Vater zu⸗ rücknehmen ließ und mir ein ſchriftliches Document darüber zuſandte?“ Bella hatte nie von ihm gehört, hatte keine Ahnung, wer er ſei. „Ich hätte ihm gern gedankt,“ ſagte Lizzie.„Er hat viel für mich gethan. Ich muß hoffen, daß er mir eines Tages geſtatten wird, ihm zu danken. Sie fragten mich, ob es irgend Etwas mit—“ „Die Zurücknahme oder die Anklage ſelbſt,“ unter⸗ brach Bella ſie. „Ja. Ob die eine oder die andere irgend Etwas mit meinem Wunſche, verborgen und zurückgezogen hier zu leben, zu thun hat? Nein.“ Wie Lizzie Hexam, indem ſie dieſe Antwort gab, den Kopf ſchüttelte und ins Feuer ſchaute, drückte ſie in ihren gefalteten Händen eine ruhige Entſchloſſenheit aus, die Bella's klaren Augen nicht entging.. „Haben Sie viel allein gelebt?“ fragte Bella. „Ja. Dies iſt mir nichts Neues. Ich pflegte Tag und Nacht viele Stunden allein zu ſein, zur Zeit, wo der arme Vater noch lebte.“ „Sie haben einen Bruder, wie ich gehört habe?“ „Ich habe einen Bruder, aber er iſt nicht freund⸗ ſchaftlich gegen mich geſinnt. Doch iſt er ein ſehr guter emporgearbeitet. Ich beklage mich nicht über ihn.“ Wie ſie dies ſagte— wobei ſie die Augen auf die Gluth heftete— flog ein plötzlicher Ausdruck der Be⸗ kümmerniß über ihr Geſicht. Bella benutzte den Augen⸗ blick, um ihre Hand zu berühren. „Lizzie, ich wollte, Sie ſagten mir, ob Sie eine Freundin Ihres Alters haben.“ „Ich habe ein ſo einſames Leben geführt, daß ich deren nie eine beſeſſen habe,“ war die Antwort. „Und auch ich habe deren nie eine beſeſſen,“ ſagte Bella.„Nicht etwa, daß mein Leben einſam geweſen wäre, denn ich hätte mir daſſelbe zuweilen gern etwas auf komiſ die o nen einen ich mid leid lieb lieb inne MNa ſah ſie hie — . 43 ö———— 5ö“ 437 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 438 die ihr 2 ,²³² ſ8ͤſͤſͤͤͤͤͤ1ͤͤͤͤſſ11ä wit einſamer gewünſcht, anſtatt die Ma, gleich der tragiſchen vor Augen. Ich habe mein Möglichſtes verſucht, es ſa, ihren Sefel Muſe, mit Geſichtsſchmerzen in majeſtätiſchen Winkeln nicht der Erinnerung werth zu achten, aber ich vermag nehmend, vi umherſtolziren zu ſehen, und Lavy's Impertinenz anzu⸗ es nicht ſo leicht zu nehmen. Seine Hand troff von nu Begrif ſe hören— obgleich ich ſie natürlich Beide ſehr lieb habe. V Blut, wie er zu mir ſagte:„Dann hoffe ich, daß ich ihn zu ſagen und Ich wollte, Sie könnten ſich eine Freundin aus mir nicht einſt tödten möge!“. ich dies machen, Lizzie. Glauben Sie, daß Sie dies thun könn⸗ Bella machte, etwas erſchrocken, einen Gürtel aus ihren degieht ſih auf ten? Ich habe nicht mehr Charakter, meine Liebe, als Armen, mit dem ſie Lizzie umſchlang, und fragte dann und iſt dies f ein Canarienvogel, aber ich weiß, daß ich zuverläſſig bin.“ ruhig und mit ſanfter Stimme, während ſie Beide ins 4 Die muthwillige, fröhliche, liebevolle Natur, die ſo Feuer ſchauten: fizies Bitte: flüchtig, weil es ihr an dem Gewichte eines leitenden„Ihn tödten! Iſt der Mann ſo eiferſüchtig?“ erührte auf dir Zweckes fehlte, und ſo launiſch, weil ſie ſtets unter klein—„Auf einen Herrn,“ ſagte Lizzie.„Ich weiß kaum, ſen Aurüchahens lichen Dingen umherflatterte, war deſſenungeachtet eine wie ich es Ihnen ſagen ſoll—e auf einen Herrn, der ndwie mit d bezaubernde. Für Lizzie war dieſelbe ſo neu, ſo hübſch, weit über mir ſteht, der mich vom Tode des Vaters in meine dübe zugleich ſo weiblich und ſo kindlich, daß ſie vollkommen Kenntniß ſetzte und der mir ſeitdem ein Intereſſe be⸗ Art und V 8 dasvon eingenommen ward. Und als Bella noch einmal wieſen hat.“ lſtaunen ſßend ſagte:„Glauben Sie, daß Sie dies thun könnten, Lizzie?“,„Liebt er Sie?“ Si Liſehad, poobei ſie die Augenbrauen emporzog, den Kopf fragend Lizzie ſchüttelte den Kopf. † zerwicklt: duh V auf die Seite neigte und in der eignen Bruſt einen„Verehrt er Sie?“ 1 diellict Pnd komiſchen Zweifel hegte, bewies Lizzie in einer Weiſe, Lizzie hörte auf, den Kopf zu ſchütteln, und preßte (Midäh Ahnen die es völlig außer Frage ſtelle, daß ſie es thun zu kön⸗ ihre Hand auf ihren lebendigen Gürtel. lert en, das naen glaubte.„Hat ſein Einfluß Sie hierher gebracht?“ 5* dals dieſer„Sagen Sie mir, Liebſte,“ ſagte Bella,„was es„O, nein! Und in der ganzen Welt giebt es Nie⸗ un vhne meine giebt, und warum Sie in dieſer Weiſe leben?“ manden, den ich ſo ſehr darüber in Unwiſſenheit zu er⸗ und Sie wurden Lizzie begann mit der Vorrede:„Sie müſſen viele halten wünſche, daß ich hier bin.“ Ben und es iſt Verehrer haben—“, als Bella ſie durch einen kleinen„Meine liebe Lizzie! Warum?“ fragte Bella, über 2.. Schrei des Erſtaunens unterbrach. dieſen Ausbruch ſtaunend. Doch dann fügte ſie, da ſie ſöle,„daß Sie„Meine Liebe, nicht einen einzigen!“ in Lizzie's Geſichte las, ſchnell hinzu:„Nein. Sagen Sie nennen hören.„Nicht einen einzigen?“ mir nicht, warum. Das war eine thörichte Frage von er Freund iſt?“„Nun! Vielleicht einen,“ ſagte Bella.„Ich weiß es mir. Ich ſeh', ich ſeh'!“ wirklich nicht. Ich hatte einen, aber was er jetzt darüber Es erfolgte eine Pauſe. Lizzie ſchaute mit geſenk⸗ denken mag, kann ich nicht ſagen. Ich habe vielleicht tem Haupte in die Feuersgluth hinunter, wo ſie ihre ſches Documen einen halben(den blödſinnigen George Sampſon rechne erſten Phantaſien genährt und ihre erſte Zuflucht vor ich natürlich nicht). Indeſſen es handelt ſich nicht um dem grimmigen Leben geſucht, aus dem ſie, obwohl ſie ate keine Ahnung, mmich. Ich wünſche Etwas von Ihnen zu wiſſen.“ ihren Lohn vorausgeſehen, ihren Bruder herausgeriſſen I„Es giebt einen gewiſſen Mann,“ ſagte Lizzie,„einen hatte. gte Lizzie.„Er V leidenſchaftlichen und zornigen Mann, welcher ſagt, er„Sie wiſſen jetzt Alles,“ ſagte ſie, ihre Augen zu en, daß er mir liebe mich, und von dem ich glauben muß, daß er mich Bella's Augen erhebend.„Ich habe nichts verſchwiegen. n. Sie fragen liebt. Er iſt der Freund meines Bruders. Ich ſchauderte Dies iſt der Grund, weshalb ich, mit Hülfe eines guten innerlich vor ihm zurück, als mein Bruder ihn das erſte alten Mannes, der mein wahrer Freund iſt, hier ver⸗ e ſelbſt“ unter⸗ Mal zu mir brachte; das letzte Mal aber, da ich ihn borgen lebe. Während kurzer Zeit meines Lebens zu n ſah, erſchreckte er mich über alle Beſchreibung.“ Hier hielt Hauſe beim Vater wußte ich Dinge— fragen Sie mich e irgend Etwas ſie inne. nicht, was dieſelben waren—, die ich mißbilligte und rückgezogen hier„Kamen Sie hierher, um ihn zu meiden, Lizzie?“ denen ich abzuhelfen ſuchte. Ich glaube nicht, daß ich 2„Ich kam unmittelbar, nachdem er mich ſo erſchreckt, damals hätte mehr thun können, ohne meinen Einfluß wott gah, den hierher.“ 1 auf den Vater zu verlieren; aber jene Dinge liegen mir ſie in ihren„Fürchten Sie ihn hier?“ zuweilen ſchwer auf dem Herzen. Ich hoffe, ſie einſt, „Ich bin ſonſt im Allgemeinen nicht furchtſam, aber indem ich nach beſtem Vermögen handle, überwinden zu vor ihm fürchte ich mich beſtändig. Ich fürchte mich, lernen.“ eine Zeitung zu leſen oder etwas von dem zu hören, was„Und,“ ſagte Bella begütigend,„lernen Sie auch in London vorgeht, aus Furcht, daß er irgend eine Ge⸗ dieſe Schwäche für einen Menſchen überwinden, Lizzie, waltthätigkeit begangen haben könnte.“ der Ihrer nicht würdig iſt.“ „Dann fürchten Sie ihn nicht um Ihrer ſelbſt„Nein. Das wünſche ich nicht zu überwinden,“ war wbzrt habe?“ willen, Liebe?“ ſagte Bella, nachdem ſie über ihre Worte die haſtige Antwort;„und ebenſo wenig wünſche ich zu e eund⸗ nachgeſonnen. glauben, oder glaube ich überhaupt, daß er unwürdig iſt. vihe Luin„Ich würde auch das thun, falls ich ihm begegnete. Was würde ich dadurch gewinnen, und wie viel würde rein jſeh 3 en Ich ſchaue mich ſtets nach ihm um, wenn ich Abends ein⸗ ich nicht verlieren!“ Auſtrengung V her gehe.“ Bella's ausdrucksvolle kleine Augenbrauen machten enheit aus, die 5 gte Bella. ch pflegte Lag n, zur Zeit, wo über ihn. b„Fürchten Sie, er könne ſich ſelber in London ein eine kleine Weile dem Feuer Vorſtellungen, ehe ſie er⸗ Augen adi 3, 4 Leides thun, Liebſte?“ widerte: sdruck d 21„Nein. Er wäre vielleicht wüthend genug, ſogar„Denken Sie nicht, daß ich in Sie zu dringen zte den Augen⸗ ſich ſelber ein Leides anzuthun, aber daran denke ich wünſche, Lizzie; aber würden Sie nicht an Frieden und nicht.“ Hoffnung und ſogar an Freiheit gewinnen? Würde es V„Dann ſcheint es faſt, Liebſte,“ ſagte Bella mit nicht beſſer ſein, wenn Sie nicht genöthigt wären, dieſes drolliger Miene,„als ob es noch einen Andern giebt?“ geheime, verſteckte Leben zu führen und ſich von Ihren Lizzie hielt, ehe ſie antwortete, einen Augenblick die natürlichen und geſunden Ausſichten abzuſperren? Ver⸗ Faände vor's Geſicht:„Die Worte klingen mir beſtändig zeihen Sie mir die Frage, aber würde dies kein Gewinn V in den Ohren, und der Fauſtſchlag auf die ſteinerne ſein?“ d Mauer, mit dem er dieſelben begleitete, iſt mir immer„Sucht ein Frauenherz, das— das die Schwäche 28* 439 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 440 — hat, von der Sie geſprochen haben, überhaupt Etwas zu Lexinnena⸗ entgegnete Lizzie. Ddieſe Frage ſtand ſo direct im Widerſpruche mit Bella's Lobensanſichten, wie dieſe dieſelben ihrem Vater ausgedrückt hatte, daß ſie innerlich zu ſich ſagte:„Da, Du eigennütziges kleines Ungeheuer! Hörſt Du das? Schämſt Du Dich nicht?“ und ihre Arme löſte, aus⸗ drücklich, um ſich einen reumüthigen kleinen Stoß in die Seite zu geben. „Aber Sie ſagten, Lizzie,“ bemerkte Bella, zu dem Gegenſtande zurückkehrend, nachdem ſie ſich dieſe kleine Züchtigung hatte angedelhen laſſen,„daß Sie ſogar ver⸗ lieren würden. Hätten Sie Etwas dawider, mir zu ſagen, was Sie verlieren würden, Lizzie?“ „Ich würde einige der beſten Erinnerungen, der beſten Ermuthigungen, der beſten Zwecke verlieren, die ich mit mir durch's tägliche Leben nehme. Ich würde meinen Glauben verlieren, daß ich, falls ich Seinesgleichen ge⸗ weſen und er mich geliebt hätte, mit aller Kraft verſucht haben würde, ihn beſſer und glücklicher zu machen, als er mich gemacht haben würde. Ich würde faſt den gan⸗ zen Werth verlieren, den ich auf die geringe Ausbildung lege, welche ich beſitze, die ich ihm zu verdanken habe und die zu erwerben ich alle Schwierigkeiten überwand, damit er dieſelben nicht an mich weggeworfen finden möge. Ich würde eine Art von Bild von ihm verlieren — oder von dem, was er hätte ſein können, falls ich eine vornehme Dame geweſen wäre und er mich geliebt hätte— ein Bild, das mich ſtets begleitet, und vor dem ich gewiſſermaßen keine niedrige oder unrechte Handlung zu begehen im Stande wäre. Ich würde die Erinnerung zu ſchätzen aufhören, daß er mir, ſo lange ich ihn gekannt, nichts als Gutes gethan, und daß er eine Veränderung in mir hervorgebracht hat, gleich— gleich der Verände⸗ rung in der Haut meiner Hände, welche rauh und ge⸗ borſten und hart und braun waren, als ich mit dem Vater auf dem Fluſſe ruderte, und die durch dieſe neue Arbeit weich und geſchmeidig geworden ſind, wie Sie ſie jetzt ſehen.“ Dieſelben zitterten, als ſie ſie zeigte, doch nicht vor Schwäche. „Verſtehen Sie mich recht, meine Liebe,“ fuhr ſie fort.„Ich habe nie an die Möglichkeit gedacht, daß er auf dieſer Erde jemals mehr für mich ſein könnte, als jene Art von Bild, das ich Ihnen nicht zu erklären im Stande bin, falls Sie die Erklärung nicht in Ihrem eigenen Herzen tragen. Ich habe an die Möglichkeit, ſein Weib zu werden, ebenſo wenig gedacht, wie er, und 8 giebt keine Worte, die dies kräftiger auszudrücken ver⸗ nöchten. Und dennoch liebe ich ihn. Ich liebe ihn ſo ſehr und ſo innig, daß, wenn ich zuweilen denke, daß mein Leben wohl nur ein trauriges ſein wird, ich darüber ſtolz und froh bin. Ich bin ſtolz und froh, etwas um ihn zu leiden, wenngleich ſelbſt dies ihm nichts nützen kann und er es niemals erfahren oder ſich darum be⸗ kümmern wird.“ Bella ſaß durch die tiefe uneigennützige Leidenſchaft dieſes Mädchens oder Weibes von ihrem eigenen Alter, die ſich muthig in dem Vertrauen auf ihre ſympathiſche Anerkennung der Wahrheit derſelben offenbarte, gefeſſelt da. Und dennoch hatte ſie nie etwas Aehnliches em⸗ „pfunden oder an die Exiſtenz von etwas Aehnlichem ge⸗ dacht. „Es war ſpät an einem ſchauerlichen Abend,“ ſagte Lizzie,„als ſeine Augen mich zum erſten Male in unſe⸗ rer alten Flußuferwohnung, die ſehr verſchieden war von dieſer, anſchauten. Seine Augen werden mich vielleicht nie wieder anſchauen. Ich wollte lieber, daß ſie mich nie wieder erblickten, und ich hoffe, daß ſie mich nie mehr erblicken werden. Aber ich möchte mir das Licht derſelben nicht aus dem Leben hinwegnehmen laſſen,— für Nichts, das mein Leben mir noch zu bieten vermag. Ich habe Ihnen jetzt Alles geſagt, meine Liebe. Wenn es mir ein wenig ſeltſam ſcheint, es mitgetheilt zu haben, ſo bereue ich es doch nicht. Einen Augenblick vor Ihrer Ankunft hatte ich noch nie daran gedacht, mich je von einem Worte davon zu trennen; aber Sie kamen, und ich ward andern Sinnes.“ Bella küßte ſie auf die Wange und dankte ihr mit Wärme für ihr Vertrauen.„Ich wollte nur,“ ſagte Bella,„daß ich deſſelben würdiger wäre.“ „Würdiger?“ wiederholte Lizzie mit ungläubigem Lächeln. „Ich meine nicht in Bezug auf Bewahrung Ihres Geheimniſſes,“ ſagte Bella;„denn ich wollte mich lieber in Stücke reißen laſſen, als eine Sylbe davon verrathen — obgleich darin kein Verdienſt liegt, da ich von Natur ſo halsſtarrig wie ein Eſel bin. Was ich meine, Lizzie, iſt dies, daß ich ein bloßes impertinentes Stück Eitelkeit bin, und Sie mich beſchämen.“ Lizzie hob das hübſche braune Haar auf, das hier vermöge der Energie, mit der Bella den Kopf ſchüttelte, herunterftel, und ſagte dabei in vorſtellendem Tone: „Meine Liebſte!“ „O, es iſt ſchon recht gut, mich Ihre Liebſte zu nennen,“ ſagte Bella in gereizt weinerlichem Tone„und ich laſſe mich gern ſo nennen, obgleich ich nur ſehr wenig dazu berechtigt bin. Ich bin ein ſo garſtiges kleines Geſchöpf!“ „Meine Liebſte!“ ſagte Lizzie abermals. „Solch ein oberflächliches, kaltes, weltlich geſinntes, beſchränktes kleines Unthier!“ ſagte Bella, ihr letztes Adjectiv mit culminirender Kraft herausſchlagend. „Meinen Sie,“ ſagte Lizzie mit ihrem ruhigen Lächeln, da ſie das Haar jetzt wieder befeſtigt hatte, „daß ich es nicht beſſer weiß?“ „Wiſſen Sie es wirklich beſſer?“ ſagte Bella.„Meinen Sie wirklich, daß Sie es beſſer wiſſen? O, es ſollte mich ſehr freuen, wenn Sie es beſſer wüßten, aber ich fürchte ſehr, daß ich es am Beſten wiſſen muß!“ Lizzie fragte, geradeaus lachend, ob ſie je ihr eigenes Geſicht ſehe oder ihre eigene Stimme höre? „Ich glaube wohl,“ entgegnete Bella.„Ich ſchaue oft genug in den Spiegel, und ich plappere wie ein Papagei.“ „Ich habe ebenfalls Ihr Geſicht geſehen und Ihre Stimme gehört,“ ſagte Lizzie,„und ich habe mich da⸗ durch verſucht gefühlt, Ihnen— in der Gewißheit, daß ich keinen Irrthum begehe— Etwas anzuvertrauen, das ich nie einer Seele mittheilen zu können glaubte. Sieht das ſchlimm aus?“ „Nein, ich hoffe nicht,“ ſchmollte Bella auf eine Art, die halb Lachen und halb Schluchzen war. „Ich pflegte einſt Bilder im Kohlenfeuer zu ſehen,“ ſagte Lizzie ſcherzend,„um meinen Bruder zu unterhalten. Soll ich Ihnen ſagen, was ich dort unten ſehe, wo das Feuer glüht?“ Sie hatten ſich erhoben, und ſtanden jetzt, da die Zeit gekommen, wo ſie ſich trennen mußten, einander mit den Armen umſchlingend, vor dem Kaminfeuer. „Soll ich Ihnen ſagen,“ fragte Lizzie,„was ich dort ſehe?“ hi Een beſchränktes kleines U—?“ ſagte Bella mit emporgezogenen Brauen. „Ein Herz, das wohl des Gewinnes werth und das gewonnen iſt. Ein Herz, das, ſowie es einmal gewon⸗ vo Belles E ſprec igel Und dara Lihe de Beſchuldi habe. O ſagen: es Freunde; zugeſandt. Bella fra dieſer unb entfernteſt Sie b weit wa Sie ſoll zuge hei Entfern Mrs. F. ſich zu Pfade ſt und der zurück. „Kö Bella,, in Lizzi I erwider Friedho Sie.“ 0 dn n einem ltr,“ gliubigen ung Ihres rich lieber verrathen on Naturt fae, Vazie, ihr mit ſagte ih ward t Eitelket das hier ſchütelte, m Tone: Liebſte zu one„Und ſehr wenig es kleines gefinntes, ihr letztes nd. n ruhigen igt hatte, „Meinen „es ſollte aber ich r eigenes Ich ſchaue e wie ein und Ihre mich da⸗ heit, daß auen, das te. Sieht eine Att, 1 ſehen,“ tethalten. „wo das t, da die einander euet. ich dort ella mit und das gewon⸗ 441 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 442 — nen, für den Gewinner durch Feuer und Waſſer geht und ſich nie verändert und durch Nichts abſchrecken läßt.“ „Ein Mädchenherz?“ fragte Bella mit Augenbrauen⸗ Accompagnement. Lizzie nickte. ört—“.. „Iſt die Ihrige,“ ſagte Bella.. „Nein. Auf das Entſchiedenſte und Deutlichſte die Ihrige.“ So endete dieſe Unterredung mit hübſchen Worten von beiden Seiten, und mit vielen Erinnerungen von Bella's Seite, daß ſie Freundinnen ſeien, und Ver⸗ ſprechungen, bald wieder in dieſe Gegend zu kommen. Und darauf kehrte Lizzie zu ihrer Beſchäftigung und Bella nach dem kleinen Wirthshauſe zu ihren Begleitern urück. „Sie ſehen etwas ernſt aus, Miß Wilfer,“ war die erſte Bemerkung des Secretairs. „Ich fühle mich etwas ernſt,“ erwiderte Miß Wilfer. Sie hatte ihm nichts weiter mitzutheilen, als daß Lizzie Hexam's Geheimniß nichts mit der grauſamen Beſchuldigung oder der Zurücknahme derſelben zu thun habe. O ja, doch! ſagte Bella; ſie müſſe ihm Eins „Und die Geſtalt, der daſſelbe ange⸗ ſagen: es lisgeisgie ſehr am Herzen, dem unbekannten Freunde zu danken, der ihr die geſchriebene Widerrufung zugeſandt. In der That? bemerkte der Secretair. Ahl Bella fragte ihn, er irgend eine Ahnung habe, wer dieſer unbekannte Freund ſein könne? Er hatte nicht die entfernteſte Ahnung.. Sie befanden ſich an der Grenze von Oxfordſhire, ſo⸗ weit war die arme alte Betty Higden gewandert. Sie ſollten in einer kleinen Weile mit demt Eiſenbahn⸗ zuge heimkehren, und da der Bahnhof ſich in geringer Entfernung befand, machten Se. Ehrwürden Frank und Mrs. Frank und Sloppy und Bella und der Secretair ſich zu Fuße auf den Weg dorthin. Wenig ländliche Pfade ſind breit genug für fünf Perſonen, und Bella und der Secretär blieben ein wenig hinter den Uebrigen urück. —„Können Sie wohl glauben, Mr. Rokeſmith,“ ſagte Bella,„daß mir's iſt, als ob Jahre vergangen, ſeit ich in Lizzie Hexam's Wohnung eintrat?“ „Wir haben ziemlich viel in dieſen Tag gerändt erwiderte er,„und Sie fühlten ſich tief bewegt auf dem Friedhofe. Sie ſind ermüdet.“. „Nein, ich bin durchaus nicht ermüdet. Ich habe mich nicht ganz klar ausgedrückt. Ich meine nicht, es ſei mir zu Muthe, als ob eine lange Zeit vergangen, ſondern als ob ſich Vieles ereignet— für mich, wiſſen Sie.“. „Gutes, hoffe ich?“ „Ich hoffe es,“ ſagte Bella. „Es friert Sie, ich fühle, wie Sie zittern. Bitte, laſſen Sie ſich in meinen Shawl einhüllen. Darf ich ihn über dieſe Schulter ziehen, ohne Ihrem Kleide zu ſchaden? Jetzt wird er zu ſchwer und zu lang ſein. Laſſen Sie mich dieſes Ende auf meinem Arme tragen, da Sie mir keinen Arm zu geben haben.“ Doch, ſie hatte einen Arm für ihn. Wie ſie denſelben in ihrem eingewickelten Zuſtande losmachte, mag der Himmel wiſſen; aber ſie machte es möglich— dort war er— und legte ihn in den Arm des Secretairs. „Ich habe eine lange und intereſſante Unterhaltung mit Lizzie gehabt, Mr. Rokeſmith, und ſie ſchenkte mir ihr volles Vertrauen.“ „Sie konnte Ihnen daſſelbe nicht verſagen,“ meinte der Seeretair. „Ich möchte wiſſen, wie Sie dazu kommen, mir darüber gerade daſſelbe zu ſagen, was ſie ſagte!“ bemerkte Bella ſtillſtehend, indem ſie ihn anſchaute. „Ich denke mir, daß dem ſo ſein muß, weill ich ihre Gefühle darüber theile.“ „Und worin beſtehen dieſelben, Sir?“ fragte Bella, weitergehend. „In der Ueberzeugung, daß, falls Sie ihr Vertrauen — oder irgend Jemandes Vertrauen— zu gewinnen wünſchen, Ihnen dies nicht ausbleiben kann.“ Da die Eiſenbahn in dieſem Augenblicke ſchlau ein grünes Auge ſchloß und ein rothes öffnete, waren ſie zu eilen genöthigt; und da Bellä in ihren Umhüllungen nicht gut laufen konnte, war der Secretair genöthigt, ſie zu unterſtützen. Als ſie ſich in der Ecke des Waggons ihm gegenüberſetzte, war ihr erglühendes Geſicht ſo reizend anzuſchauen, daß der Secretair Ausruf:„Wie ſchön die Sterne und welch eine herrliche„Jal“ erwiderte, die Pracht der Sterne und der Nacht jedoch, anſtatt aus dem Fenſter zu ſchauen, lieber in ihrem lieb⸗ lichen Angeſichte zu bewundern ſchien. O ßöne Damo, reizende ßöne Dame! Wäre ich doch Johnny's geſetzlicher Teſtamentsvollſtrecker! Hätte ich doch das Recht, das Vermächtniß auszuzahlen und den Empfangſchein dafür entgegenzunehmen!— Etwas dieſer Art muß ſich ſicherlich in das Toben des Eiſenbahnzuges gemiſcht haben, als dieſer an den Stationen vorüber⸗ donnerte, die alle ſchlau ein grünes Auge ſchloſſen und ein rothes öffneten, wenn ſie ſich anſchickten, die ßöne Dame vorüberziehen zu laſſen. „ Zehntes Capitel. Auf Kundſchaft aus. „Ich kann Sie alſo nicht dazu bewegen, Miß Wren,“ ſagte Mr. Eugen Wrayburn,„mir eine Puppe anzu⸗ kleiden?“ „Nein,“ erwiderte Miß Wren biſſig,„wenn es Ih um eine Puppe zu thun iſt, ſo gehen Sie und kauf, Sie ſich eine im Laden.“ 3 „Und mein armes kleines Pathchen,“ ſagte Mr. Wrayburn in klagendem Tone,„dort unten in Hert⸗ fordſhire—“ („Unſinn⸗ſhire, denk' ich mir,“ unterbrach ihn Miß Wren.) „— ſoll kalt wie das allgemeine Publikum behandelt werden, und keinen Vortheil aus meiner Bekanntſchaft mit der Hofſchneiderin ziehen dürfen?“ „Falls es Ihrem reizenden Pathchen— und o, 68 hat einen hübſchen Herrn Pathen an Ihnen!“ erwiderte Miß Wren, ihn in der Luft mit ihrer Nadel erdolchend, „— Vortheil bringen kann, zu hören, daß die Hofſchnei⸗ derin Ihre Streiche und Ihre Manieren kennt, ſo können Sie ſie per Poſt und mit meiner Empfehlung hiervon untérrichten.“ „Miß Wren arbeitete geſchäftig beim Kerzenlicht, und Mr. Wrayburn ſtand halb beluſtigt, halb ärgerlich, und völlig müſſig und hülflos neben ihrer Bank und ſchaute ihr zu. Miß Wren's widerwärtiges Kind ſaß in tiefer Ungnade im Winkel und zeigte ſich in einem jammer⸗ vollen Zuſtande, indem er ſich in dem ſchaudernden Sta⸗ dium der Trunkenheit zeigte. „Pfui! Du garſtiger Knabe!“ rief Miß Wren, durch ſein Zähneklappern auf ihn aufmerkſam gemacht,„ich wollte, ſie fielen Dir alle in den Hals hinunter und Nichts taugt, al werden, dey ihn ums Leben bringt, und als eine War⸗ rmu⸗ nicht wieder thun. 443 ſpielten Würfel in Deinem Magen! Puh, Du häßliches Kind! Bäh— bah, ſchwarzes Schaf!“ Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. Da ſie jeden dieſer Vorwürfe mit einem drohenden Fußſtampfen begleitete, erhob das elende Geſchöpf win⸗ ſelnden Proteſt. „Ich ſoll fünf Schillinge für Dich bezahlen, wahr⸗ lich!“ fuhr Miß Wren fort;„wie viele Stunden meinſt Du, daß ich arbeiten muß, um fünf Schillinge zu ver⸗ dienen, Du abſcheulicher Knabe?— Winſele nicht ſo, oder ich werde Dir eine Puppe an den Kopf werfen. Fünf Schillinge Strafgeld für Dich bezahlen, wahrlich! Dies würde in mehr als Liner Beziehung Strafgeld ſein! Ich würde mit Vergnügen dem Kehrichtmanne fünf Schil⸗ liinge zahlen, wenn er Dich fortkarren wollte.“ 1i nein,“ flehte das lächerliche Geſchöpf.„Bitte, nicht!“ „Dieſer Knabe könnte ſeiner Mutter das Herz bre⸗ chen,“ ſagte Miß Wren, halb zu Eugen gewendet.„Ich wollte, ich hätt' ihn nie großgezogen. Er würde ſchärfer ſein als ein Schlangenzahn, wenn er nicht ſo dumm wie ein Fiſch wäre. Schauen Sie ihn an. Ein hübſcher Anblick das für ein Mutterauge!“ Wahrlich, in ſeinem ſchlimmer als ſchweiniſchen Zu⸗ ſtande(denn die Schweine werden durch ihre Gefräßig⸗ kkeit wenigſtens fett und gut zu eſſen) war er ein hübſcher Anblick für jedes Auge. „Ein benebeltes und ſöffiges altes Kind,“ ſagte Miß Wren, ihn mit großer Strenge auszankend,„das zu in dem Branntwein aufbewahrt zu nung für andere ſöffige Kinder in eine Glasflaſche ge⸗ ſteckt zu werden—; wenn er keine Rückſicht für ſeine Leber hat, hat er nicht wenigſtens einige Rückſicht für ſeine Mutter?“ „Ja. Rückſicht, o, laß!“ rief der Gegenſtand dieſer aufgebrachten Bemerkungen. „O, laß, und o, laß,“ fuhr Miß Wren fort.„Es heißt vielmehr, o, thu's, und o, thu's. Und warum huſt Du's?“ Wirklich nicht. Bitte!“ „Da!“ ſagte Miß Wren, die Augen mit den Hän⸗ bedeckend.„Ich kann Deinen Anblick nicht ertragen. G eh hinauf und hole mir meinen Hut und mein Tuch. Mache Dich auf irgend eine Weiſe nützlich, Du böſer Knabe, und gieb mir auf eine halbe Minute lieber Deinen Platz als Deine Geſellſchaft.“ Er gehorchte ihr und ſchlotterte hinaus, und Eugen Wrayburn ſah die Thränen zwiſchen den Fingern des kleinen Weſens hindurchdringen, wie ſie die Hand über ihre Augen hielt. Er bedauerte ſie, aber ſeine Theil⸗ ahme trieb ſeine Sorgloſigkeit zu nichts Anderem, als m Bedauern. „Ich gehe zum Anprobiren nach der italieniſchen Oper,“ ſagte Miß Wren, nach einer kleinen Weile ihre Hand vor ihren Augen hinwegnehmend und ſatyriſch lachend, um zu verbergen, daß ſie geweint hatte;„ich muß Sie den Rücken wenden ſehen, ehe ich gehe, Mr. Wrayburn. Laſſen Sie mich Ihnen vor Allem ſagen, daß es nichts nützt, mir Beſuche zu machen. Sie wür⸗ den das, was Sie ſuchen, nicht aus mir herausbekommen, ſelbſt wenn Sie Zangen mitbrächten, um es mir zu ent⸗ reißen.“ „Sind Sie ſo hartnäckig in Bezug auf ein Puppen⸗ kleid für mein Pathchen?“ „Ah!“ erwiderte Miß Wren, mit dem Kinn zuckend, „ich bin ſo hartnäckig. Und natürlich in Bezug auf ein Puppenkleid oder eine Puppenadreſſe— wie es Ihnen beliebt. Gehen Sie und geben Sie's auf!“ 1 Ihr geſunkener Pflegling war zurückgekehrt und ſtand mit dem Hute und Tuche hinter ihr. „Gieb ſie mir und geh' in Deinen Winkel zurück, Du häßliches altes Ding!“ ſagte Miß Wren, wie ſie ſich umwandte und ſeiner gewahr ward.„Nein, nein, ich verlange Deine Hülfe nicht. Geh' augenblicklich in Deinen Winkel!“ Der elende Menſch ſchlotterte, indem er ſich die zit⸗ ternden Hände ſchwach von dem Handgelenke abwärts rieb, nach ſeinem Schandpoſten zurück, doch nicht ohne Eugen im Vorübergehen einen eigenthümlichen Blick zu⸗ zuwerfen, den er mit einer ſcheinbaren Geberde ſeines Ellbogens begleitete, falls irgend eins ſeiner Glieder überhaupt im Stande war, ſeinem Willen zu gehorchen. Indem er keine weitere Notiz von ihm nahm, außer daß er inſtinctmäßig vor der unangenehmen Berührung zu⸗ rückwich, bat Eugen, mit einem trägen Compliment für Miß Wren, um Erlaubniß, ſeine Cigarre anbrennen zu dürfen, und ging dann fort. „Jetzt, Du verworfener alter Sohn,“ ſagte Jenny, indem ſie nachdrücklich den Kopf und den Zeigefinger gegen ihre Bürde ſchüttelte,„wirſt Du dort ſtilſſitzen, bis ich zurückkomme. Wenn Du es wagſt, eine einzige Minute jenen Winkel zu verlaſſen, ſo wi wiſſen, warum.“ it dieſer Ermahnung blies ſie ihre Arbeitskerzen aus und lies ihn beim Kaminfeuer ſitzen, worauf ſie ihren großen Thürſchlüſſel in die Taſche ſteckte, ihren Krückſtock in die Hand nahn andffen Eugen ſchlenderte langſam, ſeine Cigarre rauchend, dem Templaazu, und ſah, da ſie zufällig in entgegenge⸗ ſetzter Stkäßenrichtung gingen, die Puppenſchneiderin nicht wieder. Er ſchlenderte düſter dahin und ſtand bei Charing Croß ſtill, um ſich umzuſchauen, mit ſo wenigem Intereſſe an der Menge, wie nur ein Menſch zu fühlen vermochte, und war wieder im Begriff, weiter zu ſchlen⸗ dern, als ihm ein höchſt unerwarteter Gegenſtand ins Auge fiel. Nichts Geringeres als Jenny Wren's garſtiger Knabe, der ſich zu entſchließen verſuchte, über die Straße herüberzukommen. Einen lächerlicheren und erbärmlicheren Anblick als den dieſes taumelnden Geſchöpfes, wie es unſichere Aus⸗ fälle in die Fahrſtraße machte und ebenſo oft wieder zurücktaumelte, von Schrecken vor Fuhrwerken ergriffen, die ſich in weiter Ferne oder überhaupt nirgendwo be⸗ fanden, hätten die Straßen nicht aufweiſen können. Hinüber und herüber, wenn die Straße ganz leer war, begann er zu wanken, gelangte bis zur Hälfte des Weges, beſchrieb eine Schleife, wandte wieder um und kehrte zurück, wenn er ein halbes Dutzend Mal ganz hätte hin⸗ uͤber und herüber gehen können. Dann ſtand er zitternd am Rande des Trottoirs, die Straße auf und ab ſchauend, während unzählige Vorübergehende ihn anſtießen, hin⸗ überſchritten und weiter gingen. Im Verlauf der Zeit durch den Anblick ſo zahlreicher Erfolge ermuthigt, machte er dann einen abermaligen Ausfall, beſchrieb wieder eine Schleife, war faſt im Begriff, den Fuß auf das gegen⸗ überliegende Trottoir zu ſetzen, ſah Etwas kommen, oder bildete ſich ein, daß er Etwas kommen ſähe, und taumelte wieder zurück. Dort ſtand er dann und machte krampf⸗ hafte Vorbereitungen, wie zu einem großen Sprunge, und entſchied ſich endlich im verkehrten Augenblicke zum Aufbruche und ward von Fuhrleuten angebrüllt und fuhr abermals zurück und ſtand ſchaudernd wieder an der alten Stelle, um das ganze Verfahren wieder von vorne anzu⸗ fangen. „Es ſcheint mir,“ bemerkte Eugen trocken, nachdem er ihn einige Minuten beobachtet hatte,„daß mein ich den Grund 45— geauund Wah Bemerkung Gddanken u Als er u Hauſe, Seſſ and das Abend daffelbe u j Mein fredenen haften T friedenen biſt Dug 73 1 geweſen. meinen hö übet die „Dein walt it d ſclech ſt ,dt telligent eines Cl licherweiſ vielleicht „Du „Mein rühig ſein einiget C zu erttag „Jd gehabt, ſcheint. 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Eugen zog einen Seſſel ans Kaminfeuer, wo jener ſeinen Wein trank und das Abendblatt las, und brachte ein Glas und füllte daſſelbe um der Geſellſchaft willen. „Mein lieber Mortimer, Du biſt ein Bild des zu⸗ friedenen Fleißes, der(auf Credit) nach dem tugend⸗ haften Tagewerke ausruht.“ „Mein lieber Eugen, Du biſt ein Bild der unzu⸗ friedenen Müßigkeit, das durchaus gar nicht ruht. biſt Du geweſen?“ „Ich bin,“ ſagte Wrayburn,„— in der Stadt umher geweſen. Ich präſentire mich gegenwärtig in der Abſicht, meinen höchſt intelligenten und geachteten Rechtsanwalt über die Lage meiner Angelegenheiten zu conſultiren.“ „Dein höchſt intelligenter und geachteter Rechtsan⸗ walt iſt der Anſicht, daß es mit Deinen Angelegenheiten ſchlecht ſteht, Eugen.“ „Ob indeſſen dies,“ ſagte Eugen gedankenvoll,„in⸗ telligent geſagt iſt in Bezug auf die Angelegenheiten eines Clienten, der Nichts zu verlieren hat und unmög⸗ licherweiſe zu zahlen gezwungen werden kann,— wäre vielleicht die Frage.“ „Du biſt den Juden in die Hände gefallen, Eugen.“ „Mein lieber Junge,“ entgegnete der Schuldner, ſehr ruhig ſein Glas aufnehmend,„da ich früher in die Hände einiger Chriſten gefallen, bin ich dies ſehr philoſophiſch zu ertragen im Stande.“ „Ich habe heute eine Unterredung mit einem Juden gehabt, Eugen, der uns arg zu drängen entſchloſſen ſcheint. Ein wahrer Shylock und ein wahrer Patriarch. Ein maleriſcher, grauköpfiger, graubärtiger alter Jude in einem Schaufelhute und einem langen Rocke.“ „Doch nicht,“ ſagte Eugen ſtockend, indem er ſein Glas niederzuſetzen im Begriff war,„doch ſicherlich nicht mein würdiger Freund, Mr. Aaron?“ „Er nennt ſich Mr. Riah.“ „Beiläufig,“ ſagte Eugen,„da fällt mir ein, daß— ohne Zweifel in dem inſtinctmäßigen Wunſche, ihn in den Schooß unſerer Kirche aufzunehmen— ich ihm den Namen Aaron gab!“ „Eugen, Eugen,“ entgegnete Lightwood,„Du biſt noch lächerlicher als gewöhnlich. Sage, was Du meinſt.“ „Nichts weiter, mein lieber Junge, als daß ich die Ehre und das Vergnügen einer oberflächlichen Bekannt⸗ ſchaft mit einem ſolchen Patriarchen genieße, wie Du ihn beſchreibſt, und daß ich ihn Aaron nenne, weil mir dies ſowohl hebräiſch, als ausdrucksvoll, angemeſſen und ſchmeichelhaft erſcheint. Ungeachtet welcher mächtigen Gründe dies dennoch vielleicht nicht ſein Name iſt.“ „Ich glaube Du biſt der lächerlichſte Menſch auf dem ganzen Erdenrund,“ ſagte Lightwood lachend. „Durchaus nicht, ich gebe Dir meine Verſicherung. Erwähnte er, daß er mich kenne?“ „Nein. Er ſagte nichts weiter von Dir, als daß er von Dir bezahlt zu werden erwarte.“. „Was faſt das Ausſehen hat,“ bemerkte Eugen mit großem Ernſt,„als ob er mich nicht kenne. Ich hoffe, es iſt nicht mein Freund Aaron, denn um Dir die Wahrheit zu geſtehen, Mortimer, fürchte ich faſt, daß er gegen mich eingenommen iſt. Ich habe ihn ſtark im Verdacht, daß er Lizzie fortgezaubert habe.“ „Es ſcheint uns Alles,“ ſagte Lightwood ungeduldig, „wie durch ein Verhängniß zu Lizzie zurückzubringen. Wo „Mein Rechtsanwalt, müſſen Sie wiſſen,“ ſagte Eu⸗ gen, ſich zu den Meubles wendend,„iſt ein Mann von unendlichem Scharfblick!“ „Iſt dies nicht der Fall, Eugen?“ „Ja, es iſt der Fall, Mortimer.“ „Und dennoch weißt Du, Eugen, daß Du ſie nicht wirklich liebſt.“ Eugen Wrayburn ſtand auf und ſteckte ſeine Hände in die Taſchen und ſtand mit einem Fuße, ſich nachläſſig hin⸗ und herwiegend, auf dem Schutzgitter und ſchaute ins Feuer. Nach einer ziemlich langen Pauſe erwiderte er:„Das weiß ich nicht. Ich muß Dich bitten, dies nicht zu ſagen, als ob wir es für ausgemacht anſähen.“ „Aber wenn Du ſie wirklich liebſt, ſo iſt dies um ſo mehr Grund, ſie in Ruh' zu laſſen.“ Nachdem er abermals eine Pauſe gemacht, ſagte Eu⸗ gen:„Das weiß ich ebenfalls nicht. Doch ſage mir, haſt Du je geſehen, daß ich mir um irgend Etwas ſolche Sorge machte, wie um ihr Verſchwinden? Ich bitte nur, mich zu unterrichten.“ „Mein lieber Eugen, ich wollte, ich könnte Ja ſagen.“ „Dann haſt Du dies alſo nicht geſehen? Ganz recht. Du beſtätigſt meine eigene Anſicht. Sieht dies aus, als ob mir an ihr gelegen wäre? Ich bitte nur, mich zu unterrichten.“ „Ich bat Dich, mich zu unterrichten, Eugen,“ ſagte Mortimer vorwurfsvoll. 3 „Lieber Junge, das weiß ich wohl; aber das bin ich nicht zu thun im Stande. Was ich damit meine? Wenn die Mühe, die ich mir gebe, um ſie wiederzufinden, nicht bedeutet, daß mir an ihr gelegen iſt, ſo möchte ich wiſſen, was es bedeutet?“ Obgleich er die Worte fröhlich ſprach, ſagte er ſie zugleich mit einem verblüfften und. fragenden Geſichte, als wenn er wirklich nicht wiſſe, was er aus ſich machen ſolle.„Denke an das Ende—“ begann Lightwood in vorſtellendem Tone, als Eugen ihn unterbrach: „Ah! Siehſt Du! Das bin ich gerade nicht zu thun im Stande. Wie außerordentlich ſchlau Du meine ſchwache Stelle entdeckt haſt, Mortimer! Als wir noch zuſammen in der Schule waren, lernte ich meine Aufgaben ſtets im letzten Augenblicke; und jetzt, da wir zuſammen im wirklichen Leben ſtehen, beobachte ich daſſelbe Verfahren mit denſelben. In der gegenwärtigen Aufgabe bin ich noch nicht weiter gelangt als bis hieher:— ich bin ent⸗ ſchloſſen, Lizzie zu finden, und um ſie zu finden, will ich mich jedes Mittels bedienen, das ſich mir darbietet. Gute 2 Mitttel oder ſchlechte Mittel— es iſt mir Alles einerlei. Ich frage Dich— um mich zu unterrichten— was dies zu bedeuten hat? Wenn ich ſie gefunden habe, werde ich Dich vielleicht— abermals um mich zu unterrichten— wieder fragen: was beabſichtige ich jetzt? Doch dies würde jetzt voreilig ſein, und es iſt nicht meine Geiſtes⸗ richtung.“ Lightwood ſchüttelte den Kopf über die Miene, mit der ſein Freund ſich in dieſer Weiſe ausdrückte— eine ſo drollig offene und argumentirende Miene, daß dieſelbe dem, was er ſagte, faſt das Ausſehen einer Ausflucht nahm—, als ſich außen vor der Thür ein Füßegepolter und an derſelben ein unentſchloſſenes Klopfen hören ließ, wie wenn eine Hand nach dem Klopfer taſtete.„Die aus⸗ gelaſſene Jugend dieſer Gegend, die ich mit Vergnügen ohne weitere Ceremonie von dieſer Höhe in den Kirchhof unten hinabſchleudern möchte, hat wahrſcheinlich die Lampe ausgelöſcht. Ich habe heut Abend den Dienſt und will die Thür öffnen.“ 447 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 448 Sein Freund hatte kaum Zeit gehabt, ſich des bei⸗ ſpielloſen Funkens von Entſchloſſenheit zu erinnern, mit dem er von dem Auffinden jenes Mädchens geſprochen hatte und der mit den Worten ſelber erloſchen war, als Eugen zurückkehrte und den ſchmachvollſten Schatten eines Menſchen hereinführte, der vom Kopf bis zu den Füßen zitterte und in ſchäbigen Schmutz und Schmiere gekleidet war. „Dieſer intereſſante Herr,“ ſagte Eugen,„iſt der Sohn— der gelegentlich ziemlich widerwärtige Sohn, denn er hat ſeine Schwächen— einer Dame meiner Bekanntſchaft. Mein lieher Mortimer— Mr. Puppen.“ Eugen hatte keine Ahnung von ſeinem Namen, da er wußte, daß der der kleinen Schneiderin ein angenommener ſei, ſondern ſtellte ihn mit unbefangener Zuverſicht unter dem erſten Namen vor, der ihm aus Ideenaſſociation durch den Kopf fuhr. „Ich entnehme aus Mr. Puppen's Benehmen, das zuweilen etwas complicirt iſt,“ fuhr Eugen fort, während Lightwood den unſauberen Gaſt anſtierte,„daß er mir eine Mittheilung zu machen wünſcht. Ich habe Mr. legte einige glühende Kohlen auf dieſelbe und warf dann auf dieſe, aus einer Schachtel auf dem Kaminſimſe, einige Räucherkerzchen; dann begann er mit großer Gelaſſenheit dieſe Schaufel vor Mr. Puppen hin⸗ und herzuſchwenken, um ihn von ihrer Geſellſchaft abzuſchneiden. „Gerechter Himmel, Eugen!“ rief Lightwood, wiederum lachend,„welch ein toller Burſche Du biſt! Weshalb kommt dieſes Geſchöpf zu Dir?“ „Das werden wir hören,“ ſagte Wravyburn, ſehr aufmerkſam ſein Geſicht betrachtend.„Jetzt alſo. Reden Sie. Fürchten Sie nichts. Nennen Sie Ihre Angelegenheit, Puppen.“ „Miſte— Wrayburn!“ ſagte der Gaſt mit dicker, belegter Stimme.„—'s is doch Miſte Wrayburn, wie?“ Mit einem dummen Stieren. „Verſteht ſich, iſt er's. Schaut mich an. Was wollt Ihr?“ Mr. Puppen ſank in ſeinem Stuhle zuſammen und ſagte mit matter Stimme:„Für drei Pfe'g Rum.“ „Willſt Du mir die Gefälligkeit erzeigen, mein lieber Mortimer, Mr. Puppen wieder aufzuziehen?“ ſagte Eugen.„Ich bin mit der Räucherung beſchäftigt.“ Für drei Pfennige Rum. Puppen unterrichtet, daß Du und ich auf einem Fuße vollkommenſten Vertrauens mit einander leben, und ihn erſucht, ſeine Anſichten hier zu entwickeln.“ Da das elende Geſchöpf ſich durch das, was ihm noch von ſeinem Hute übrig blieb, ſehr beläſtigt zu fühlen ſchien, ſchleuderte Eugen dies mit erhabener Geberde der Thür zu und ſetzte ihn auf einen Stuhl.„Ich glaube, es wird nothwendig ſein,“ bemerkte Eugen,„Mr. Puppen wie ein Uhrwerk aufzuziehen, ehe irgend etwas Ver⸗ nünftiges aus ihm herauszubringen ſein wird. Branntwein, Mr. Puppen, oder—“. „Für drei Pfe'g Rum,“ ſagte Mr. Puppen. Es ward ihm eine weislich geringe Quantität dieſes Getränkes in einem Weinglaſe verabreicht und er begann daſſelbe mit allerlei Zögern und Verdrehung an ſeinen Mund zu führen.* „Mr. Puppen's Nerven,“ bemerkte Eugen gegen Lightwood gewendet,„find beträchtlich erſchüttert. Und es ſcheint mir im Ganzen rathſam, Mr. Puppen zu räuchern.“ Er nahm eine Feuerſchaufel aus dem Schutzgitter, (Seite: 447.) Es ward wieder eine ähnliche Quantität, wie zuvor, in ſein Glas eingeſchenkt, und er führte daſſelbe ver⸗ mittelſt derſelben Umwege an ſeine Lippen. Sowie er es getrunken, beeilte Mr. Puppen ſich, in der ſichtlichen Beſorgniß, daß er wieder ablaufen werde, ſeine Angelegen⸗ heit vorzubringen. „Miſte Wrayburn. Verſucht' Sie anzuſtoßen, aber Sie wollten nicht. Sie wünſchen jene Adreſſe. Sie wünſchen z' wiſſen, wo ſie iſt. Wie, Miſte Wrayburn?“ Eugen erwiderte, mit einem Blick auf ſeinen Freund, ſtreng:„Das wünſche ich allerdings.“ „Ich bin Ihr Mann,“ ſagte Mr. Puppen, indem er ſich auf die Bruſt zu ſchlagen verſuchte, ſtatt deſſen jedoch die Gegend der Augen traf,„ich kann es thun. Ich bin der Mann, es zu thun.“ „Was ſeid Ihr der Mann, zu thun?“ fragte Eugen noch immer ſtreng. „Jene Adreſſe zu verſchaffen.“ „Habt Ihr ſie?“ Mr. Puppen rollte eine Weile, mit großer Mühe nach einer Miene des Stolzes und der Würde ringend, den von Entſc Mittel anu gut oder brer bedie weiche, M. zuſchlagen. das? S. ſt ſo ſas „Zehl Puppen. Wie wollt G ,3ch! jeſtait. Wie „Ich Tag u ine Maſ Pfeg R „Wei mit der Bruſt ſar Mit wobei en fallen li Puppen mit ein achtendg S „8 bin kei Werder Ebenſo kommen D leiſerer ſchafft das Gel Alles 1 ſchwindi Einſchän die A (◻ 5 rf dann , einige iſenheit ſWenken, ſederum 7 kommt lnen und n lieber agte ie zuvor, elbe ver⸗ Sowie er ichtlichen gelegen⸗ aber Sie vünſchen Freund, „indem tt deffen 2s thun. e Eugen ühe nach end, den 448 V I 449 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 450 3, 9 3 Kopf, wodurch er die höchſten Erwartungen erregte, und antwortete dann, wie wenn dies der glücklichſte Ausgang wäre, den man möglicherweiſe von ihm erwarten könnte: „Nein!“ „Was meint Ihr dann?“. Mr. Puppen erwiderte, indem er nach dieſem geiſtigen Triumphe auf das. Schläfrigſte wieder in ſich zuſammen⸗ ſank:„Für drei Pfe'g Rum.“. „Zieh ihn wieder auf, lieber Mortimer,“ ſagte Eugen, „zieh ihn wieder auf.“ „Eugen, Eugen,“ ſagte Mortimer mit leiſer Stimme, indem er gehorchte,„kannſt Du Dich herablaſſen, ein ſolches Werkzeug zu benutzen?“ z „Ich ſagte,“ war die Antwort, mit demſelben Funken von Entſchloſſenheit, wie vorher, begleitet,„daß ich jedes Mittel anwenden würde, um ſie aufzufinden, ob dieſelben gut oder ſchlecht. Dieſe ſind ſchlecht, und ich will mich ihrer bedienen— falls ich nicht vorher der Verſuchung weiche, Mr. Puppen mit der Schaufel den Schädel ein⸗ Freund damit, daß er mit ſo genauer zuſchlagen. Könnt Ihr die Adreſſe erhalten? Meint Ihr das? Sprecht! Wenn das der Zweck Eures Herkommens iſt, ſo ſagt, wieviel Ihr verlangt.“ „Zehn Schillinge— für drei Pfe'g Rum,“ ſagte Mr. Puppen. „Das ſollt Ihr haben.“ „Fünfzehn Schillinge— für drei Pfe'g Rum,“ ſagte Mr. Puppen, mit einem Verſuche, ſich zu widerſetzen. „Das ſollt Ihr haben. Bleibt aber dabei ſtehen. Wie wollt Ihr die Adreſſe erlangen, von der Ihr redet?“ „Ich bin Ihr Mann,“ ſagte Mr. Puppen mit Ma⸗ jeſtait.„Ich will ſie verſchaffen, Sir.“ „Wie wollt Ihr ſie verſchaffen, frage ich Euch.“ „Ich bin ein mißhan'ltes Viduum,“ ſagte Mr. Puppen. „Tag und Nacht aus'ezankt. Geſchimpft. Sie macht 'ne Maſſe Geld, Sir, und tractirt mich nie mit für drei Pfe'g Rum.“ „Weiter,“ ſagte Eugen, ſein ſchlagflüſſiges Haupt mit der Schaufel klopfend, wie daſſelbe jenem auf die Bruſt ſank.„Was kommt zunächſt?“ Mit einem würdevollen Verſuche, ſich zu ſammeln, wobei er jedoch gewiſſermaßen ein halbes Dutzend Glieder fallen ließ, indem er ein einziges aufnahm, ſchaute Mr. Puppen, das Haupt hin⸗ und herwiegend, den Fragenden mit einem(beabſichtigten) hochmüthigen Lächeln und ver⸗ achtender Miene an. „Sie betrachtet mich wie ein bloßes Kind, Sir. Ich bin kein bloßes Kind, Sir. Mann. Mann von Talent. Werden Briefer zwiſchen ihn g'wechſelt. Briefträgerbriefe. Ebenſo leicht für Mann von Talent, ihre Adreſſe zu be⸗ kommen, wie ſeine eigene Adreſſe.“ „Dann verſchafft ſie,“ ſagte Eugen und fügte mit leiſerer Stimme ein herzliches„Du Vieh!“ hinzu.„Ver⸗ ſchafft ſie und bringt ſie mir hieher, und verdient Euch das Geld zu„für ſechszig Pfe'g Rum,“ und trinkt es Alles auf einmal und trinkt Euch mit möglichſter Ge⸗ ſchwindigkeit zu Tode.“ Dieſe letzteren Clauſeln ſeiner Einſchärfungen richtete er ans Feuer, wie er demſelben die Aſche zurückgab, die er aus ihm genommen, und die Schaufel wieder niederlegte. Mr. Puppen machte jetzt die höchſt unerwartete Ent⸗ deckung, daß er von Lightwood beſchimpft worden, und gab ſeinen Wunſch zu erkennen, es auf der Stelle mit ihm auszufechten, und forderte ihn, mit dem großmüthigen Wettanbieten eines Sovereigns gegen einen Penny, heran⸗ zukommen auf. Dann fing Mr. Puppen zu weinen an, und dann verrieth er eine Neigung zum Einſchlafen. Dieſe letztere Offenbarung, welche die beunruhigendſte von allen war, da ſie ein verlängertes Dableiben drohte, machte Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. kräftige Maßregeln nöthig. Eugen nahm mit der Feuer⸗ zange ſeinen abgetragenen alten Hut auf, ſtülpte ihm denſelben auf den Kopf und führte ihn, ihn beim Kragen packend— doch Alles auf Armeslänge— die Treppe hinunter und aus dem Temple in Fleet Street hinaus. Dort wandte er ſein Geſicht weſtwärts und verließ ihn. Als er zurückkehrte, ſtand Lightwood, ziemlich nieder⸗ geſchlagen, brütend vor dem Feuer. „Ich will mir— phyſiſch geſprochen— von Mr. Puppen die Hände waſchen,“ ſagte Eugen,„und ſogleich wieder zu Dir zurückkehren, Mortimer.“ „Ich würde es bei Weitem vorziehen,“ entgegnete Mortimer,„wenn Du Dir moraliſch die Hände ſeinet⸗ wegen waſchen wollteſt, Eugen.“ „Das würde ich auch thun,“ ſagte Eugen,„aber ich kann nicht ohne ihn fertig werden, lieber Junge, ſiehſt Du.“ In wenigen Minuten ſaß er wieder mit ſeiner ge⸗ wohnten Gelaſſenheit in ſeinem Seſſel und neckte ſeinen Noth der Kühn⸗ 7 heit ihres muskulöſen Gaſtes entgangen. „Ich kann über dieſen Gegenſtand nicht beluſtigt ſein,“ ſagte Mortimer unruhig.„Du kannſt jeden Gegen⸗ ſtand beluſtigend für mich machen, Eugen, nur dieſen nicht.“ „Nun!“ rief Eugen. ſelbſt ein wenig; reden.“ „Es iſt ſo beklagenswerth unehrlich,“ ſagte Mortimer. „Dieſe Benutzung eines ſo ſchmachvollen Kundſchafters iſt „Ich ſchäme mich deſſelben deshalb laß uns von etwas Anderem Deiner ſo unwürdig.“ „Wir haben einen andern Gegenſtand der Unter⸗ haltung gefunden!“ rief Eugen froh.„Und zwar in dem Worte Kundſchafter. Sieh nicht aus wie die Geduld auf einem Kaminſims, indem Du über Puppen grollſt, ſondern ſetze Dich und ich will Dir Etwas erzählen, das Du wirklich beluſtigend finden ſollſt. Nimm eine Cigarre. Schau Dir die meinige an. Ich brenne ſie an— ſauge — blaſe den Rauch von mir— dort geht er hin— des iſt Puppen!— es iſt fort— und da es fort iſt, biſt Du wieder ein Mann.“ „Dein Gegenſtand,“ ſagte Mortimer, nachdem er ſeine Cigarre angebrannt und ſich durch ein paar Züge aus derſelben getröſtet hatte,„war Kundſchafter, Eugen.“ „Ganz recht. Iſt es nicht drollig, daß ich nach dem Dunkelwerden niemals ausgehe, ohne mich von einem, oft von zwei Kundſchaftern begleitet zu ſehen?“ Lightwood nahm erſtaunt die Cigarre zwiſchen den Lippen heraus und ſchaute ihn an, wie wenn er einen geheimen Argwohn hegte, daß hinter ſeinen Worten ein Scherz oder ein verſteckter Sinn lauere. „Auf Ehre, nein,“ ſagte Wrayburn, den Blick beant⸗ wortend und nachläſſig lächelnd;„es überraſcht mich nicht, daß Du dies denkſt, aber auf Ehre, nein. Ich ſage, was ich meine. Ich gehe nach dem Dunkelwerden niemals aus ohne mich in der lächerlichen Lage zu finden, zu⸗ weilen von einem Kundſchafter und oft von zweien in der Entfernung gefolgt und beobachtet zu werden.“ „Biſt Du deſſen gewiß, Eugen?“ „Gewiß? Mein lieber Junge, ſie ſind ſtets die⸗ ſelben.“ „Aber es iſt kein Verhaft gegen Dich ausgeſtellt. Die Juden drohen blos. Sie haben noch nichts ge⸗ than. Ueberdies wiſſen ſie, wo Du zu finden biſt, und ich repräſentire Dich. Wozu ſollten ſie ſich dieſe Mühe nehmen?“ „Bewundert den rechtsgelehrten Geiſt!“ bemerkte Eugen, ſich abermals mit trägem Entzücken zu den Meubles wendend.„Seht die Hand des Färbers, die Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 452 ſich mit dem aſſimilirt, womit ſie arbeitet— oder wo⸗ mit ſie arbeiten würde, falls ihr Jemand Etwas zu thun geben wollte! Geehrter Rechtsfreund, das iſt es nicht. Der Schulmeiſter iſt auf den Beinen.“ „Der Schulmeiſter?“ „Ja wohl! Zuweilen ſind Schulmeiſter und Schüler beide auf den Beinen. Ei, wie ſchnell Du in meiner Abweſenheit roſteſt! Du begreifſt noch nicht? Jene Burſchen, die eines Abends hier waren. Sie ſind die Kundſchafter, von denen ich Dir ſage, daß ſie mich Abends nach dem Dunkelwerden begleiten.“ „Seit wie lange iſt dies der Fall?“ fragte Lightwood, das Lachen ſeines Freundes mit einem ernſten Geſicht beantwortend. „Ich vermuthe, es iſt ſeit dem Augenblicke der Fall geweſen, da eine gewiſſe Perſon verſchwand. Es be⸗ gann wahrſcheinlich eine kleine Weile bevor ich es be⸗ fuite und das würde es ungefähr um jene Zeit fallen laſſen.“ „Glaubſt Du, ſie denken, daß Du ſie fortgelockt habeſt?“ 3 „Mein lieber Mortimer, Du weißt, wie ſehr ich durch meine Berufsgeſchäfte in Anſpruch genommen bin; ich habe wirklich noch nicht Muße gehabt, überhaupt daran zu denken.“ „Haſt Du ſie gefragt, was ſie wollen? Haſt Du Deine Unzufriedenheit zu erkennen gegeben?“ „Warum ſollte ich ſie fragen, was ſie wollen, lieber Junge, wenn es mir gleichgültig iſt, was ſie wollen? Warum ſollte ich Unzufriedenheit zu erkennen geben, wenn ich nicht unzufrieden bin?“ „Du biſt in Deiner unbekümmertſten Laune. Aber Du nannteſt es ſo eben eine lächerliche Lage, und dagegen haben die meiſten Leute Etwas einzuwenden, ſelbſt wenn alles Uebrige ihnen gleichgültig iſt.“ „Du entzückſt mich, Mortimer, durch Deine Auf⸗ faſſung meiner Schwäche.(Beiläufig, jenes Wort: Auf⸗ faſſung, in ſeiner kritiſchen Anwendung, entzückt mich ſtets. Die Auffaſſung einer Schauſpielerin von der Rolle einer Kammerjungfer; die Auffaſſung einer Tänzerin von einem hornpipe; die Auffaſſung einer Sängerin von einem Liede; die Auffaſſung eines Seemalers von dem Meere; die Auffaſſung eines Paukenſchlägers von einer muſika⸗ liſchen Stelle ſind Redensarten, die ewig jung und ent⸗ zückend bleiben.) Ich erwähnte Deine Erkennung meiner Schwäche. Ich bekenne mich zu der Schwäche, daß ich Etwas dawider haben würde, eine lächerliche Stellung einzunehmen, und deshalb überlaſſe ich dieſe Stellung den Kundſchaftern.“ „Eugen, ich wollte, Du ſprächſt ein wenig geſetzter und deutlicher, ſelbſt wenn Du es nur aus Rückſicht dar⸗ auf thäteſt, daß ich mich weniger beruhigt über den Gegenſtand fühle, als Du.“ „Dann ſage ich Dir ganz geſetzt und deutlich, Mor⸗ timer, daß ich den Schulmeiſter einfach zur Raſerei treibe. Ich mache den Schulmeiſter ſo lächerlich und laſſe ihn dies ſo deutlich wahrnehmen, daß ich ihn, wenn wir an einander vorüberkommen, in jeder Pore toben und wüthen ſehe. Dieſe liebenswürdige Beſchäftigung iſt, ſeit ich in der Weiſe, deren zu erwähnen unnöthig iſt, hintergangen wurde, die Erquickung meines Lebens geweſen. Ich habe unausſprechlichen Troſt daraus geſchöpft. Ich gehe fol⸗ gendermaßen zu Werke: Ich gehe nach dem Dunkel⸗ werden hinaus, ſchlendere eine kleine Strecke dahin, ſchaue in ein Ladenfenſter und ſehe mich verſtohlen nach dem Schulmeiſter um. Früher oder ſpäter erblicke ich ihn auf der Lauer; zuweilen von ſeinem hoffnungsvollen Zög⸗ linge begleitet, öfter aber zöglingslos. Sobald ich ſicher 42 bin, daß er mich beobachtet, locke ich ihn durch ganz London mir nach. Einen Abend gehe ich öſtlich, einen andern Abend nördlich, und in ein paar Nächten rund um den Compaß herum. Zuweilen gehe ich zu Fuß; zu⸗ weilen fahre ich in Droſchken, und leere die Taſchen des Schulmeiſters, der mir dann in Droſchken folgt. Ich ſtudire im Verlauf des Tages die verſteckteſten Sackgaſſen und lerne ſie auswendig. Mit venetianiſcher Heimlichkeit ſuche ich Abends dieſe Sackgaſſen auf, ſchlüpfe vermittelſt dunkler Höfe in dieſelben hinein, verlocke den Schul⸗ meiſter, mir zu folgen, wende mich plötzlich um und atrappire ihn, ehe er ſich zurückziehen kann. Dann be⸗ gegnen wir einander und ich gehe an ihm vorüber, als wenn ich keine Ahnung von ſeiner Exiſtenz hätte, und er erduldet die bitterſten Qualen. Ebenſo gehe ich ſchnellen Schrittes eine kurze Straße hinunter, geh' ſchnell um die Ecke, und ſowie er mich aus dem Geſichte verloren, kehre ich ſchnell wieder um. Ich treffe ihn, wie er mit Extra⸗ poſt mir nachſtürzt, gehe abermals an ihm vorüber, als ob ich keine Ahnung von ſeiner Exiſtenz hätte, und er erduldet abermals die bitterſten Qualen. Einen Abend nach dem andern erleidet er die grauſamſte Täuſchung, doch die Hoffnung erhebt ſich elaſtiſch wieder in der Lehrerbruſt, und am nächſten Tage folgt er mir aber⸗ mals. In dieſer Weiſe genieße ich das Vergnügen der Jagd und finde, daß die geſunde Körperbewegung mir außerordentlich wohl thut. Wenn ich das Vergnügen der Jagd nicht genieße, mag er wohl, ſo viel ich weiß, die ganze Nacht am Temple⸗Thore Wache halten.“ „Dies iſt eine erſtaunliche Geſchichte,“ bemerkte Lightwood, der dieſelbe mit ernſter Aufmerkſamkeit zu Ende gehört hatte.„Es gefällt mir nicht.“ „Du biſt ein wenig melancholiſch, lieber Junge,“ ſagte Eugen.„Du haſt zu viel geſeſſen. Komm' und genieße das Vergnügen der Jagd.“ „Willſt Du damit ſagen, Du glaubſt, daß er augen⸗ blicklich Wache hält?“ „Ich hege darüber nicht den mindeſten Zweifel.“ „Haſt Du ihn heute Abend geſehen?“ „Ich vergaß, mich nach ihm umzuſehen, als ich zu⸗ letzt aus war,“ erwiderte Eugen mit der größten Gleich⸗ gültigkeit;„aber vermuthlich war er dort. Komm! Sei ein brittiſcher Sportsmann und genieße das Vergnügen der Jagd. Es wird Dir gut thun.“ Lightwood zögerte; dann aber gab er ſeiner Neugierde nach und ſtand auf. „Bravo!“ rief Eugen, ebenfalls aufſtehend.„Oder falls Dir ein beſſerer Jagdruf bekannt iſt, ſo nimm an, daß ich dieſen ausgerufen. Sorge für Deine Füße, Mor⸗ timer, denn wir werden unſere Stiefeln auf die Probe ſtellen. Falls Du fertig biſt— ich bin's— vorwärts, vorwärts, mit einem Halloh! und Hallali!“ „Iſt nichts Dich ernſt zu machen im Stande?“ ſagte Mortimer, ungeachtet ſeiner ernſten Stimmung lachend. 1. „Ich bin ſtets ernſt, nur in dieſem Augenblicke bin ich ein Wenig aufgeregt durch das herrliche Factum, daß ‚Ein ſüdlicher Wind und ein Himmel grau begünſtigt die Jagd durch Wald und Au.“ Fertig? So. Wir löſchen die Lampe aus und ſchließen die Thür und be⸗ ginnen die Jagd.“ Als die beiden Freunde aus dem Temple auf die of⸗ fene Straße hinauskamen, fragte Eugen mit einer Miene höflicher Gönnerſchaft, in welcher Richtung Mortimer die Jagd zu machen wünſche.„Bethnal Green bietet ein ziemlich ſchwieriges Feld,“ ſagte Eugen,„und wir waren kürzlich nicht in dieſer Gegend. Was ſagſt Du zu Beth⸗ nal Green?“ Mortimer willigte in Bethnal Green und „ 9 geütige iange ſol Aufmwertſe heften. bi Mit! den Schu dann zöge andern K. Straßen e der Welt, er ihn au auf die ſ Lightwoo diferente Menſch Ende der das arme zurückgebr dunkle enn hinein, r faſt gegen „Und merkte C wenn R hören kö erduldend Der heit. W ſehend, etelten Zornes i Augen, riſſen, dies A er in d ſchweben machte ſttalt vo An ſvoon de zu Ha Sie eeſpecti durch G Eiſchein 2 M 1 umhern II rergeſ „2 V unhe V 1 acigaſſen imlüichteit erwittelſ m Schul⸗ dun und Dann be⸗ ddet, als e, und er ſchnellen l um die en, kehre it Extra⸗ uber, als det en Abend räuſchung, tr in der mir aber⸗ nügen der guug mir gergnügen ich weiß, m.“ bemerkte amteit zu Junge,“ omm' und er augen⸗ eifel.“ als ich zu⸗ ten Gleich⸗ um! Sei Vergnügen Neugierde d. Dder nimm an, üße, Nor⸗ die Probe vorwaͤrts, Stande?“ Stimmung nblicke bin ctum, daß begünſtigt So. Wir 453 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 454 ſie wandten ſich nach Oſten.„Wenn wir auf St. Paul's Kirchhof anlangen,“ fuhr Eugen fort,„wollen wir ſchlau umherſchlendern und dann will ich Dir den Schulmeiſter zeigen.“ Aber ſie ſahen ihn Beide, ehe ſie dort anlangten; allein und auf der gegenüberliegenden Seite der Straße im Schatten der Häuſer ihnen nachſchleichend.. „Verſieh Dich mit Athem, denn ich werde ſogleich aufbrechen,“ ſagte Eugen.„Iſt es Dir nicht eingefallen, daß die Knaben des luſtigen England in Bezug auf ihre geiſtige Ausbildung ſchlecht wegkommen werden, falls dies lange fortgeſetzt wird? Der Schulmeiſter kann ſeine Aufmerkſamkeit nicht auf mich und die Knaben zugleich heften. Haſt Du Athem? Vorwärts!“ —*Miit welcher Geſchwindigkeit er dahin marſchirte, um den Schulmeiſter um ſeinen Athem zu bringen; wie er dann zögerte und ſchlenderte, um ſeine Geduld in einer andern Weiſe auf die Probe zu ſtellen; welche unerhörte Straßen er wählte, ohne irgend einen andern Zweck in der Welt, als ihn zu täuſchen und zu ſtrafen, und wie er ihn auf jede mögliche ſcharfſinnige Weiſe ermüdete, auf die ſeine Excentricität verfiel— alles dies bemerkte Lightwood mit dem äußerſten Erſtaunen, daß ein ſo in⸗ differenter Menſch ſo ſchlau ſein und ein ſo müßiger Menſch ſich ſo viel Mühe geben konnte. Endlich, zu Ende der dritten Stunde dieſes Jagdvergnügens, als er das arme nachſpürende Geſchöpf wieder in die City zurückgebracht hatte, zog er Mortimer durch ein paar dunkle enge Gaſſen, in einen kleinen viereckigen Hof hinein, riß ihn ſcharf mit ſich herum und ſie rannten faſt gegen Bradley Headſtone an. „Und Du ſiehſt, wie ich Dir ſagte, Mortimer,“ be⸗ merkte Eugen mit äußerſter Trockenheit ganz laut, als wenn Niemand außer ihnen in der Nähe wäre und ſie hören könnte,„wie ich Dir ſagte— die bitterſten Qualen erduldend.“. Der Ausdruck war kein zu ſtarker für die Gelegen⸗ heit. Wie der Gejagte, und nicht wie der Jäger aus⸗ ſehend, hintergangen, erſchöpft, die Spuren ſeiner ver⸗ eitelten Hoffnung und ſeines verzehrenden Haſſes und Zornes im Geſichte tragend, mit weißen Lippen, wilden Augen, fliegendem Haar, von Eiferſucht und Wuth zer⸗ riſſen, und ſich mit der Ueberzeugung marternd, daß er dies Alles verrathe und daß ſie darüber frohlockten, ging er in der Dunkelheit wie ein geſpenſtiſches in der Luft ſchwebendes Haupt an ihnen vorüber, ſo vollſtändig machte der gewaltige Ausdruck ſeines Geſichts ſeine Ge⸗ ſtalt verſchwinden. Mortimer Lightwood war kein beſonders empfäng⸗ licher Mann, aber dieſes Geſicht machte Eindruck auf ihn. Er ſprach auf dem Heimwege mehr als einmal von demſelben, und mehr als einmal, nachdem ſie wieder zu Hauſe angelangt waren. Sie hatten etwa zwei oder drei Stunden in ihren reſpectiven Schlafzimmern im Bette gelegen, als Eugen durch Schritte zum Theil und dann durch Lightwood's Erſcheinen an ſeinem Bette völlig aufgeweckt wurde. „Es iſt doch nichts paſſirt, Mortimer?“ „Nein.“ „Was fällt Dir denn da ein, daß Du in der Nacht umherwanderſt?“ „Ich bin fürchterlich wach.“ „Wie kommt das, möcht' ich wiſſen.“ „Eugen, ich kann das Geſicht jenes Menſchen nicht vergeſſen!“ „Merkwürdig!“ ſagte Eugen mit einem leichten Lachen. „Ich kann es ſehr gut vergeſſen.“ Und wandte ſich um und ſchlief wieder ein. Elftes Capitel. Im Dunhkeln. „Es gab keinen Schlaf für Bradley Headſtone in dieſer Nacht, in der Eugen Wrayburn ſich ſo unbeküm⸗ mert auf ſeinem Lager umwandte; und auch für die kleine Miß Peecher gab es keinen Schlaf. Bradley ver⸗ brachte die einſamen Stunden und verzehrte ſich ſelber, indem er in der Nähe der Stelle umherſchweifte, wo ſein gleichgültiger Nebenbuhler lag und träumte; die kleine Miß Peecher verbrachte die nächtlichen Stunden, indem ſie auf die Heimkehr des Herrn ihres Herzens lauſchte, und ſich mit kummervollen Weiſſagungen marterte, daß ihm Etwas ſehr verkehrt gehe. Es ging in der That mehr verkehrt mit ihm, als Miß Peecher's einfacher kleiner Gedanken⸗Arbeitskaſten, in dem ſich keine düſter drohenden Winkel befanden, zu faſſen vermochte. Denn die Gemüthsverfaſſung des Mannes war eine mör⸗ deriſche. Die Gemüthsverfaſſung des Mannes war eine mör⸗ deriſche, und er wußte dies. Noch mehr: er reizte dieſelbe mit einer Art eigenſinniger Freude, derjenigen ähnlich, mit der ein Kranker zuweilen eine Wunde auf ſeinem Körper reizt. Den ganzen Tag lang durch eine Zur⸗ ſchautragung der Disciplin gefeſſelt, zur Ausrichtung ſeiner Routine von Erziehungskniffen gezwungen und von einer plappernden Knabenbrut umringt, brach er Abends los, wie ein ſchlecht gezähmtes wildes Thier. In dem Zwange, in dem er den ganzen Tag über lebte, war es ihm ein Erſatz und nicht etwa eine Qual, Abends einen Blick auf ſeinen Zuſtand zu werfen und ſich demſelben ungehindert hingeben zu dürfen. Falls große Verbrecher uns die Wahrheit ſagten— was ſie, als große Ver⸗ brecher, nicht thun— ſo würden ſie ſehr ſelten Etwas von ihrem Kampfe gegen das Verbrechen zu erzählen haben. Sie ringen demſelben vielmehr entgegen. Sie kämpfen gegen die Wogen an, um das blutige Ufer zu erreichen, nicht um vor demſelben zurückzuweichen. Dieſer Menſch begriff vollkommen, daß er ſeinen Nebenbuhler mit all ſeinen verderblichſten Kräften haßte und daß ſeine Handlungen, falls er ihn in Lizzie's Geſellſchaft träfe, ihm nie bei Lizzie irgend welchen Nutzen bringen könnten, noch ihr zu nützen geeignet ſein würden. Er gab ſich alle dieſe Mühe nur, um ſich durch den Anblick jener verhaßten Geſtalt in ihrer Geſellſchaft und in ihrer Gunſt in ihrem Verſteck zur Wuth zu ſtacheln. Und was er in dieſem Falle thun würde, wußte er ſo gut, wie er wußte, daß ſeine Mutter ihn geboren. Wobei es zugegeben werden muß, daß er es vielleicht nicht für nöthig hielt, ſich die eine oder die andere ihm wohlbekannte Wahrheit ſelber zu bekennen. Ebenſo gut wußte er, daß er ſeine Wuth und ſeinen Haß dadurch nährte, und daß er Grimm und Selbſt⸗ rechtfertigung dadurch anhäufte, indem er den leichtfer⸗ tigen und impertinenten Eugen allnächtlich ſein Spiel mit ihm treiben ließ. Konnte ſeine finſtere Seele, da er alles Dies wußte und dennoch mit unendlicher Aus⸗ dauer, Mühe und Beharrlichkeit weiter ging, noch an dem Wege zweifeln, auf dem er ſich befand?“ Von Enttäuſchung, Wuth und Ermüdung überwältigt, ſtand er dem Temple⸗Thore gegenüber, wie dieſes ſich hinter Wrayburn und Lightwood ſchloß, und überlegte bei ſich, ob er für diesmal heimgehen oder noch länger aufpaſſen ſolle. In ſeiner Eiferſucht von der fixen Idee erfüllt, daß Wrayburn das Geheimniß beſitze, falls daſſelbe nicht gar durch ihn ſelber herbeigeführt worden, 295 455 Boz, Unſer gemeinſ ſeines Faches zu bemeiſtern im Stande ſei— und oft bemeiſtert hatte. Als einem Manne von heftigen Leiden⸗ ſchaften und langſamer Begriffsfähigkeit hatte ihm daſſelbe oft gute Dienſte geleiſtet, und ſollte es ihm noch ferner dienen. Wie er ſich, die Blicke auf das Temple⸗Thor heftend, in einem Thorwege ausruhte, kam ihm plötzlich der Ver⸗ dacht, daß ſie vielleicht gar dort in ſeiner Wohnung ver⸗ borgen ſei. Dies würde einen Grund für Wrayburn's zweckloſe Spaziergänge liefern, und es konnte der Fall ſein. Er dachte daran und dachte daran, bis er zu dem Entſchluſſe kam, ſich, falls der Thorwärter es ihm ge⸗ ſtatten wollte, die Treppe hinauf zu ſchleichen und zu lauſchen. Und ſo ſchwebte das wilde, verſtörte Haupt durch die Luft über die Straße hinüber, gleich dem Ge⸗ ſpenſte eines jener vielen Häupter, die ehedem auf dem nahen Temple Bar aufgeſteckt waren und ſtand vor dem Nachtwächter ſtill. Der Nachtwächter ſchaute daſſelbe an und fragte: „Zu wem?“ 8 „Mr. Wrayburn. „Es iſt ſehr ſpät.“ „Er kam, wie ich weiß, vor etwa zwei Stunden mit Mr. Lightwood nach Hauſe. Wenn er indeſſen zu Bette gegangen, will ich ein Billet in ſeinen Briefkaſten werfen. Ich werde erwartet.“ Der Nachtwächter erwiderte nichts, ſondern öffnete, wenngleich mit zweifelhafter Miene, das Thor. Da er je⸗ doch ſah, daß der Fremde gerade und ohne Zögern den rechten Weg einſchlug, ſchien er ſich zu beruhigen. Das wilde, verſtörte Haupt ſchwebte die finſtere Treppe hinauf, und ſenkte ſich, an der äußeren Thür der Advo⸗ katen⸗Wohnung angelangt, vorſichtig tiefer zu dem Boden herab. Die Thüren der Zimmer im Innern ſtanden dem Anſcheine nach offen. Aus dem einen derſelbeu drangen Lichtſtrahlen herüber und ließen ſich Schritte vernehmen. Zwei Stimmen waren im Geſpräch begriffen. Die Worte deſſelben ließen ſich nicht unterſcheiden, doch waren es Männerſtimmen. Nach wenigen Augenblicken ſchwiegen die Stimmen, die Schritte hörten auf und das Licht erloſch. Hätte Lightwood das Geſicht ſehen können, das ihn wach erhielt, wie es draußen vor der Thür im Finſtern ſtierte und lauſchte, während er von demſelben ſprach, ſo würde er während des übrigen Theils der Nacht vielleicht noch weniger Schlaf verſpürt haben. „Nicht dort,“ ſprach Bradley bei ſich;„aber ſie hätte dort ſein können.“ Das Haupt ſtieg zu ſeiner früheren Höhe vom Boden empor, ſchwebte die Treppe hinunter und wieder dem Thore zu. Dort ſtand ein Mann, der ſich mit dem Nachtwächter unterhielt. „O!“ ſagte der Nachtwächter.„Hier iſt er.“ Da er ſah, daß er es ſei, von dem ſie geſprochen, ſchaute Bradley vom Nachtwächter zu dem Manne hin. „Dieſer Mann bringt einen Brief für Mr. Lightwood,“ ſagte der Nachtwächter, denſelben in ſeiner Hand zeigend; „und ich ſagte ihm, es ſei ſo eben Jemand zu Mr. Light⸗ wood's Wohnung hinaufgegangen. Es iſt vielleicht in den⸗ ſelben Geſchäften?“ „Nein,“ ſagte Bradley, einen Blick auf den Mann werfend, der ihm völlig fremd war. „Nein,“ ſagte der Mann in verdrießlichem Tone; „mein Brief,— er iſt von meiner Tochter geſchrieben, aber es iſt meiner— handelt von meinen Angelegenheiten, und meine Angelegenheiten gehen keinen Andern an.“ Als Bradley unentſchloſſenen Schrittes zum Thore hinausging, hörte er daſſelbe hinter ſich ſchließen und die Schritte des Mannes, der ihm nachkam. „Entſchuldigen Sie mich,“ ſagte der Mann, der dem Anſcheine nach zu viel getrunken hatte, und, um ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich zu lenken, mehr gegen ihn an⸗ taumelte als ihn berührte;„aber wären Sie vielleicht mit dem andern Herrn bekannt?“ „Mit wem?“ fragte Bradley. „Mit dem andern Herrn,“ erwiderte der Mann, mit dem Daumen über ſeine rechte Schulter zurückdeutend. „Ich weiß nicht, was Ihr meint.“ „Ei, ſchauen Sie her,“ ſagte er, ſeine Propoſition erläuternd, indem er ſeinen rechten Zeigefinger in die Finger der linken Hand einhakte.„Es⸗ſind dort zwei Herren, wie? Eins und eins macht zwei— Advokat Lightwood, mein erſter Finger, das iſt der eine, nicht wahr? Nun; wären Sie nun vielleicht mit meinem Mittelfinger, dem andern Herrn, bekannt?“ „Ich genieße völlig ſo viel Bekanntſchaft mit ihm,“ ſagte Bradley ſtirnrunzelnd und vor ſich hin, wie in die Ferne, blickend,„wie ich mir wünſche.“ „Hurrah!“ ſchrie der Mann.„Hurrah, mein anderer, anderer Herr! Hurrah, mein anderſter Herr! Ich bin ganz Ihrer Anſicht.“ „Macht keinen ſolchen Lärm in dieſer todtſtillen Nacht⸗ ſtunde. Wovon redet Ihr?“ k „Schaun Sie her, mein anderſter Herr,“ erwiderte der Mann mit heiſerer Vertraulichkeit.„Der andere Herr hat ſtets ſeinen Spaß mit mir getrieben, wahr⸗ ſcheinlich, wie ich glaube, weil ich ein ehrlicher Mann bin, der ſich im Schweiße ſeines Angeſichts ſein Brod ver⸗ dient. Was er nicht iſt und nicht thut.“ „Was geht das mich an?“ „Mein anderſter Herr,“ entgegnete der Mann in einem Tone beleidigter Unſchuld,„wenn's Ihnen nicht darum zu thun iſt, mehr davon zu hören, ſo thun Sie's nicht. Sie haben es angefangen. Sie ſagten, und zeigten deut⸗ lich genug, daß Sie durchaus keine Freundſchaft für ihn fühlten. Aber ich will meine Geſellſchaft und meine An⸗ ſichten keinem Menſchen aufdrängen. Ich bin ein ehr⸗ licher Mann, bin ich. Stellen Sie mich irgendwo vor die Schranken— wo Sie wollen— mir iſt es einerlei, und ich ſage:„Mylord, ich bin ein ehrlicher Mann.“ Stellen Sie mich in den Zeugenſtand— irgendwohin— mir einerlei wo— und ich ſage daſſelbe zu ſeiner Lord⸗ ſchaft und ich küſſe die Bibel. Ich küſſe nicht meinen Rockärmel, ſondern ich küſſe die Bibel.“ Bradley Headſtone erwiderte— nicht ſo ſehr aus Anerkennung für dieſe mächtigen Zeugniſſe ſeines Charakter⸗ werthes, als aus raſtloſer Begierde nach irgend welchem Beiſtande bei der Entdeckung, auf die ſich ſein ganzes Weſen concentrirte—:„Ihr braucht Euch nicht beleidigt zu fühlen. Ich wollt' Euch damit nicht Schweigen gebieten. Ihr ſpracht zu laut auf offener Straße. Das war Alles.“ „Mein anderſter Herr,“ entgegnete Mr. Riderhood beſänftigt und geheimnißvoll,„ich weiß was es heißt, lärmend zu ſein, und ich weiß was es heißt, leiſe zu ſprechen. Natürlich weiß ich das. Es wäre ein Wunder, wenn ich's nicht wüßte, da ich den Taufnamen Roger führe, den ich nach meinem eigenen Vater erhielt, der ihn nach ſeinem eigenen Vater trug, doch wer ihn von unſerer Familie zuerſt urſprünglich führte, das will ich mich nicht unterfangen zu ſagen, da ich Sie nicht irre zu leiten wünſche. Und ſomit wünſche ich Ihnen eine beſſere Geſundheit als Ihr Ausſehen iſt, denn wenn Ihr Inneres mit Ihrem Aeußeren Aehnlichkeit hat, muß es ſehr ſchlecht um daſſelbe ſtehen.“ — 11 — lubur d Gemüthezuſt Arſtrengung leicht der 1 ſo un uannbun, ſich dalan, dielleicht ei Ihr 1 Lachen, 1' Worte zu 6st mit einige „Und hood,„ab fagen, in darauf ank Acbeitshau den Dienſſ „Nun „Nun, meinen N angelegen Schließer tes Flußda werde mich ſchädigen z Bradlei ſpenſt zu „Das ffuhr mi legen von aber ich! mich wied hat es ebe tige, mich vom Dam „War in der Na „Das ſchriftlich von weu in dem? mit mei rechtsgül Lightwor Dampfbe Unterſchr des ſchon lightwor und der (wie ich! gegenwärt ſtatt mir Kopf wer Att von⸗ Und wen anderſte förmigen mſo wer meinem Arbeitsh Wege la Brat Rrihte prechen A 456 m Thore n und die do⸗ der dem um ſeine ihn an⸗ dielleicht lann, mit deutend. topoſition ger in die dort zwei Adookat ne, nicht meinem ait im die in die n anderer, Ich bin len Nacht⸗ erwiderte t andere 1, wahr⸗ Kann bin, Brod ver⸗ n in einem cht darum je's nicht. gten deut⸗ ft für ihn meine An⸗ n ein ehr⸗ endwo vor einerlei, Mann.“ dwohin— einer Lord⸗ cht meinen o ſehr aus ganzes igt zu n Wunder, nen Roger erhielt, der hn von er i 15 will ich icht irre zu eine beſſere r Inneres ſehr ſchlecht 457 Ueber dieſen Wink, daß ſein Geſicht ſo viel von ſeinem Gemüthszuſtande verrathe, erſchrocken, machte Bradley eine Anſtrengung, ſeine Miene aufzuheitern. Es durfte viel⸗ leicht der Mühe werth ſein zu erfahren, was dieſer Fremde zu ſo unpaſſender Stunde mit Lightwood, oder mit Wrayburn, oder mit Beiden zu thun habe. Er machte ſich daran, dies auszukundſchaften, denn der Mann war vielleicht ein Zwiſchenträger zwiſchen den Beiden. „Ihr macht einen ſpäten Beſuch im Temple,“ be⸗ merkte er mit ſchwerfällig affectirter Unbefangenheit. „Ich will ſterben,“ rief Mr. Riderhood mit heiſerem Lachen,„wenn ich nicht im Begriff war, ganz dieſelben Worte zu Ihnen zu ſagen, mein anderſter Herr!“ „Es traf ſich zufällig ſo für mich,“ ſagte Bradley, mit einiger Verlegenheit um ſich blickend. „Und es traf ſich zufällig ſo für mich,“ ſagte Rider⸗ hood,„aber es kommt mir nicht darauf an, Ihnen zu ſagen, in welcher Weiſe. Warum ſollte es mir wohl darauf ankommen? Ich bin ein Unterſchließer in einem Arbeitshauſe am Flußufer, und geſtern hatte ich nicht den Dienſt, wohingegen ich ihn morgen haben werde.“ „Nun?“ „Nun, ja, und ich komme nach London, um mich nach meinen Privatangelegenheiten umzuſehen. Meine Privat⸗ angelegenheiten beſtehen darin, daß ich als regelmäßiger Schließer angeſtellt zu werden wünſche und ein verwünſch⸗ tes Flußdampfboot verklage, das mich erſäuft hat. Ich werde mich nicht erſäufen laſſen, ohne mich dafür ent⸗ ſchädigen zu laſſen!“ Bradley ſchaute ihn an, wie wenn er für ein Ge⸗ ſpenſt zu gelten beanſprucht hätte. „Das Dampfboot,“ ſagte Mr. Riderhood hartnäckig, „fuhr mich über und erſäufte mich. Das Dazwiſchen⸗ legen von andern Leuten brachte mich wieder zum Leben; aber ich habe es gar nicht von ihnen verlangt, daß ſie mich wieder zum Leben brächten, und das Dampfboot hat es ebenſo wenig von ihnen verlangt. Ich beabſich⸗ tige, mich für das Leben bezahlen zu laſſen, das mir vom Dampfboote genommen wurde.“ „War das Euer Anliegen bei Mr. Lightwood mitten in der Nacht?“ fragte Bradley, ihn mißtrauiſch betrachtend. „Das und die Anſtellung als Oberſchließer. Da eine ſchriftliche Empfehlung dazu verlangt wird, weiß ich nicht, von wem ich dieſelbe anders erhalten könnte. Wie ich in dem Briefe in der Handſchrift meiner Tochter und mit meinem Kreuz als Unterſchrift verſehen, um ihn rechtsgültig zu machen, ſage: Wer, als Sie, Advokat Lightwood, ſollte mir wohl den Schadenerſatz von dem Dampfboote verſchaffen? Denn(wie ich mit meiner Unterſchrift ſage) ich habe wegen Ihrer und Ihres Freun⸗ des ſchon Verdruß genug gehabt. Wenn Sie, Advokat Lightwood, mir treu und ehrlich beigeſtanden hätten, und der andere der Herren beide mich richtig aufgeſetzt (wie ich mit meiner Unterſchrift ſage), ſo würde ich im gegenwärtigen Augenblicke Geld werth geweſen ſein, an⸗ ſtatt mir ein Ladungsboot voll Schimpfnamen an den Kopf werfen laſſen zu müſſen, was eine unbefriedigende Art von Speiſe iſt, wie hungrig man immer ſein mag! Und wenn Sie von mitten in der Nacht ſprechen, mein anderſter Herr,“ brummte Mr. Riderhood, den ein⸗ förmigen Catalog der von ihm erlittenen Unbill ſchließend, „ſo werfen Sie den Blick auf dies Bündel hier unter meinem Arm, und erinnern Sie ſich, daß ich nach meinem Arbeitshauſe zurückgehe und daß der Tempel an meinem Wege lag.“ Bradley Headſtone's Geſicht hatte während dieſes Berichtes eine Veränderung erlitten, und er hatte den Sprechenden mit einer ruhigen Aufmerkſamkeit beobachtet. Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 458 „Wißt Ihr wohl,“ ſagte er nach einer Pauſe, während welcher ſie ſchweigend nebeneinander dahingeſchritten waren, „daß ich glaube, ich könnte Euren Namen nennen, wenn ich es verſuchte?“ „Beweiſen Sie Ihre Annahme,“ war die Antwort, begleitet von Stillſtehen und Stieren.„Verſuchen Sie es.“ „Ihr Name iſt Riderhood.“ „Ich will mich hängen laſſen, wenn das nicht wahr 5 ſagte Mr. Riderhood.„Aber ich weiß den Ihrigen nicht. „Das iſt etwas ganz Anderes,“ erwiderte Bradley, „ich habe keinen Augenblick angenommen, daß Ihr ihn wüßtet.“ Wie Bradley gedankenvoll weiterwandelte, hielt der Schurke immer mit ihm Schritt und murmelte erbittert vor ſich hin:„Der Rogue Riderhood ſcheint fürwahr heutiges Tags öffentliches Eigenthum zu werden und Jeder ſeinen Namen zu handhaben, wie wenn es der Straßenpumpenſchwengel wäre.“ Bradley's Gedanke war: „Hier iſt ein Werkzeug. Wie kann ich daſſelbe benutzen?“ Sie waren den Strand und Pall Mall entlang ge⸗ gangen und ſchritten jetzt bergaufwärts Hyde Park Corner zu, wobei Bradley Headſtone es Riderhood überließ, das Tempo und die Richtung zu beſtimmen. Die Gedanken des Schulmeiſters waren ſo langſam und ſeine Abſichten ſo unklar, als ob ſie nur einen Beitrag zu dem einen großen Zwecke lieferten— oder vielmehr als ob ſie, gleich dunklen Bäumen unter einem ſturmbewölkten Himmel, nur die lange Viſta ſäumten, an deren Ende er jene beiden Geſtalten von Wrayburn und Lizzie erblickte, auf die ſeine Augen ſo unabläſſig geheftet waren— daß ſie wenig⸗ ſtens eine gute halbe Meile zurückgelegt hatten, bevor er wieder ſprach. Auch dann geſchah dies nur, um zu fragen: „Wo iſt Euer Arbeitshaus?“ „Ungefähr zwanzig Meilen— oder nennen Sie's fünfundzwanzig Meilen, wenn Sie wollen— den Fluß hinauf,“ war die verdrießliche Antwort. „Wie heißt daſſelbe?“ „Plaſhwater Weir Mühlenhaus.“ „Geſetzt, ich böte Euch fünf Schillinge, was dann?“ „Nun, dann würde ich ſie annehmen,“ ſagte Mr. Riderhood. Der Schulmeiſter griff mit der Hand in die Taſche, nahm zwei halbe Kronthaler heraus und reichte dieſelben Mr. Riderhood, der an einer bequemen Thürſchwelle ſtillſtand, um ſie beide auf den Steinen zu probiren, ehe er ſeine Anerkennung des Geſchenks ausſprach. „Es iſt Eins an Ihnen, mein anderſter Herr,“ ſagte Riderhood, den Weg fortſetzend,„das gut ausſieht und weit geht. Sie ſind ein Mann von baarem Gelde. Jetzt,“ fuhr er fort, nachdem er das Geld umſichtig in diejenige Taſche geſteckt, die am weiteſten von ſeinem neuen Freunde entfernt war,„— wofür iſt dies?“ „Für Euch.“ „Nun, natürlich, das weiß ich,“ ſagte Riderhood, wie über einen Gegenſtand argumentirend, der ſich von ſelber verſtehe.„Ich weiß natürlich ſehr wohl, daß kein Menſch, der bei Sinnen wäre, ſich unterfangen würde, es mir jetzt, da ich es einmal habe, wieder abnehmen zu wollen. Aber was verlangen Sie dafür?“ „Ich weiß nicht, daß ich irgend Etwas dafür ver⸗ lange. Oder wenn ich wirklich Etwas dafür verlange, weiß ich doch nicht, was dies iſt.“ Bradley gab dieſe Antwort in einer ſchwerfälligen, zerſtreuten, in ſich ver⸗ ſunkenen Weiſe, die Mr. Riderhood außerordentlich merk⸗ würdig fand. „Ihr hegt kein großes Wohlwollen für dieſen Wray⸗ burn,“ ſagte Bradley, den Namen mit einer widerſtreben⸗ V V ’ Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 460 den, gezwungenen Manier ausſprechend, wie wenn er zu demſelben hingezerrt würde. „Nein.“ „Und ich ebenſo wenig.“ Riderhood eilte und fragte:„Iſt es dafür?“ „Es iſt ebenſo ſehr dafür, wie für etwas Anderes. Es iſt immer Etwas, eine Uebereinſtimmung, über einen Gegenſtand zu finden, der unſere Gedanken ſo ſehr be⸗ ſchäftigt.“ „Es bekommt Ihnen nicht,“ entgegnete Riderhood ſchroff.„Nein! das thut es nicht, mein anderſter Herr, und es nützt Ihnen gar nichts, ein Geſicht zu machen, als ob es Ihnen bekäme. Ich ſage, es frißt an Ihnen. Es frißt an Ihnen und nagt an Ihnen und vergiftet Sie.“ „Zugegeben, daß es dies thut,“ ſagte Bradley mit zitternden Lippen.„Iſt keine Urſache dafür vorhanden?“ „Urſache genug, darauf wett' ich ein Pfund!“ rief Mr. Riderhood. „Habt Ihr nicht ſelber erklärt, daß der Menſch Euch mit Neckereien, Beſchimpfungen und Beleidigungen oder dergleichen überhäuft hat? Daſſelbe hat er mit mir ge⸗ than. Er iſt vom Scheitel bis zur Sohle aus giftiger Impertinenz und Beleidigungen gemacht. Seid Ihr ſo ſanguiniſch oder ſo dumm, nicht einzuſehen, daß er und der Andere Euer Geſuch mit Verachtung behandeln und ihre Cigarren mit demſelben anbrennen werden?“ „Es ſollte mich nicht überraſchen, wenn ſie das thäten, beim heiligen Georg!“ ſagte Mr. Riderhood, zornig werdend. „Wenn ſie es thäten! Sie werden es thun. Laßt mich eine Frage an Euch thun. Ich weiß mehr als Euren Namen von Euch; ich wußte Etwas über Gaffer Hexam. Wann habt Ihr ſeine Tochter zuletzt geſehen?“ „Wann ich ſeine Tochter zuletzt geſehen habe, mein anderſter Herr?“ wiederholte Riderhood, abſichtlich lang⸗ ſamer begreifend, in dem Grade, wie der Andere ſchneller ſprach. „Ja. Nicht, um mit ihr zu ſprechen. Ich meine blos, wann Ihr ſie irgendwo zuletzt geſehen habt?“ Der Rogue beſaß jetzt den Schlüſſel, den er geſucht hatte, wiewohl er denſelben mit ungeſchickter Hand führte. Indem er verblüfft in das leidenſchaftliche Geſicht ſchaute, wie wenn er im Kopfe ein Exempel auszurechnen bemüht wäre, erwiderte er langſam:„Ich habe ſie nicht mit Augen erblickt— nicht ein einziges Mal— ſeit dem Tage, an dem Gaffer den Tod gefunden.“ „Ihr kennt ſie vollkommen dem Anſehen nach?“ „Das ſollt' ich meinen! Kein Menſch kennt ſie beſſer.“ „Und Ihr kennt ihn ebenfalls? „Wer iſt ihn?“ fragte Riderhood, ſeinen Hut ab⸗ nehmend und ſeine Stirn reibend, indem er einen dum⸗ men Blick auf den Fragenden warf. „Zum Teufel mit dem Namen! Iſt Euch derſelbe ſo werth, daß Ihr ihn noch einmal zu hören wünſcht?“ „O! Ihn!“ ſagte Riderhood, der den Schulmeiſter ſchlau in einen Winkel getrieben, damit er ſein Geſicht unter dieſem böſen Einfluſſe beobachten könne.„Ich würde ihn unter Tauſenden erkennen.“ „Habt Ihr—“ Bradley verſuchte dies ruhig zu fragen; doch wie er immer ſeine Stimme zu beherrſchen im Stande war, ſein Geſicht vermochte er nicht zu ver⸗ ſtellen;—„habt Ihr ſie je beiſammen geſehen?“ (Jetzt hielt der ſchlaue Schurke den Schlüſſel in Händen.) 3 „Ich habe ſie an demſelben Tage beiſammen geſehen, mein anderſter Herr, an dem Gaffer ans Ufer geſchleppt wurde.“ Bradley hätte den neugierigen Augen einer ganzen Knabenclaſſe ein Geheimniß vorzuenthalten vermocht, aber den Augen des unwiſſenden Riderhood war er nicht die verſteckte Frage zu verheimlichen im Stande, die zunächſt ſein Gemüth beſchäftigte.„Du ſollſt ſie deutlich ausſprechen, wenn Du ſie beantwortet haben willſt,“ dachte Riderhood trotzig;„ich werd' Dir nicht damit entgegen kommen.“ „Nun! War er gegen ſie ebenfalls impertinent?“ fragte Bradley nach einem inneren Kampfe.„Oder ſtellte er ſich gütig gegen ſie?“ „Er ſtellte ſich ganz außerordentlich gütig gegen ſie,“ ſagte Riderhood.„Beim heiligen Georg! jetzt, da j h— 1 Dieſer Ausbruch hatte etwas unzweifelhaft Natür⸗ liches bei ihm. Bradley betrachtete ihn deshalb auf⸗ merkſam. „Jetzt, da ich daran denke,“ ſagte Mr. Riderhood ausweichend, denn er ſubſtituirte dieſe Worte für„jetzt, da ich Sie ſo eiferſüchtig ſehe,“ die in Wirklichkeit in ſeinen Gedanken geweſen waren; vielleicht hat er mich abſichtlich falſch aufgeſetzt, weil er in ſie verliebt war.“ Die Niedrigkeit, ihn in dieſem Verdachte, oder die⸗ ſem vorgeblichen Verdachte(denn er konnte denſelben nicht in Wahrheit hegen) zu beſtärken, lag um eine Linie jenſeit des Punktes, den der Schulmeiſter erreicht hatte. Die Niedrigkeit, mit dem Elenden, der ihr und ihrem Bruder jenen Schimpf hatte aufheften wollen, zu verkehren und Ränke zu ſchmieden, war begangen wor⸗ den. Die eine Linie weiter lag jenſeit derſelben. Er erwiderte nichts, ſondern ſchritt mit düſterem Geſicht weiter. Welchen Vortheil er aus dieſer Bekanntſchaft ziehen werde, vermochte er in ſeinem langſamen ſchwerfälligen Geiſte nicht ſogleich zu berechnen. Der Mann hatte ſich über den Gegenſtand ſeines Haſſes zu beklagen, und dies war Etwas; obgleich es weniger war, als er ſich vor⸗ ſtellte, denn in der Bruſt des Mannes wohnte kein ſo tödtlicher Haß und Groll wie in der ſeinigen. Der Mann kannte ſie, und durfte durch irgend einen glück⸗ lichen Zufall ſie zu ſehen oder von ihr zu hören bekom⸗ men; dies war Etwas, indem er dadurch ein Paar Augen und Ohren mehr in ſeinen Dienſt preßte. Der Mann war ein Böſewicht und bereitwillig genug, ſich von ihm anwerben zu laſſen. Dies war Etwas, denn ſein eigener Gemüthszuſtand, ſowie ſein Zweck, waren ſo ſchlimm und gottlos, wie ſie nur immer ſein konnten, und er ſchien eine unbeſtimmte Unterſtützung in dem Beſitze eines paſſenden Werkzeuges zu finden, wiewohl er ſich deſſelben vielleicht niemals bedienen konnte. Plötzlich ſtand er ſtill und fragte Riderhood geradezu, ob er wiſſe, wo ſie ſei? Dies wußte er offenbar nicht. Dann fragte er Riderhood, ob er gewillt ſei, ihn, falls er irgend welche Auskunft über ſie erlangte, oder darüber, ob Wrayburn ſie ſuchte, oder mit ihr verkehrte, hierüber zu benachrichtigen, wenn er dafür bezahlt würde? Er ſei von Herzen dazu bereit. Er hege gegen Beide einen Groll, ſagte er mit einem Fluche, und warum? Weil ſie ihm Beide im Wege geſtanden, ſich im Schweiße ſeines Angeſichts ſein Brod zu verdienen. „Dann wird es nicht lange währen,“ ſagte Bradley Headſtone, nachdem ſie ſich noch eine Weile in dieſem Tone beſprochen,„bis ich Euch wiederſehe. Hier iſt die Landſtraße, und eben wird es Tag. Beide haben mich überrumpelt.“„ „Aber, mein anderſter Herr,“ ſagte Mr. Riderhood, „ich weiß nicht, wo Sie zu finden ſind““ 1 ibermals, Gläc gebra Rum und! Bradler gefffnete G lem Heu u und Aceets Biergattur Schlafen guickten; aubere S verzeftten den erſten kannte. Die ein neigung be Wag dng Körben au ſeine Reiſ ſeinem B ſeinen Hei gebürſtet, Peſte getle tuche und ſeiner anſta anſtändiger Jager, zu Hunden u Die G und ließ herab, i wie dieſe durfte die als ob e⸗ ſchaffen ſ Mrs. gegenüben das ange hatte, ven tend da. daſſelbe a legen, ſo dieſe Fam ganzen vermocht er richt nnde, die deutlich willſt“ ht damit ertinenth NDar 4 der ſtelle dgen fi jeßt, da ft Natür. halb auf. Niderhood ur jitzt, uchet t er mich ie verliebt oder die⸗ denſelben um eine er erreicht r ihr und vollen, zu gen wor⸗ lben. Er m Geſicht haft ziehen werfälligen hatte ſich , und dies r ſich vor⸗ nte kein ſo igen. 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Bradley willigte ein und ging mit ihm in eine früh geöffnete Schenke, in welcher unliebliche Düfte von fau⸗ lem Heu und Stroh herrſchten, und heimkehrende Kärrner und Ackersleute, magere Hunde und Federvieh von der Biergattung und gewiſſe menſchliche Nachtvögel, die zum Schlafen heimgingen, ſich Jeglicher nach ſeiner Weiſe er⸗ quickten; und wo jeder der Nachtvögel, die um die un— ſaubere Schenke umherſtanden, in dem von Leidenſchaft verzehrten Nachtvogel mit dem reſpectabeln Gefieder auf den erſten Blick den ſchlimmſten aller Nachtvögel er⸗ kannte. Die einem halb betrunkenen Kärrner eingeflößte Zu⸗ neigung bewirkte es, daß dieſer, da er Mr. Riderhood's Weg ging, den Letzteren auf einen hohen Haufen von Körben auf ſeinem Frachtwagen hinaufſchob, wo Rogue ſeine Reiſe auf dem Rücken und mit dem Haupte auf ſeinem Bündel ruhend fortſetzte. Dann trat Bradley ſeinen Heimweg an und langte auf gewiſſen wenig be⸗ ſuchten Nebenwegen ſchließlich wieder in ſeiner Schule an. Die Sonne ging auf und ſah ihn gewaſchen und gebürſtet, ordentlich in ſeinen ſchwarzen Rock und ſchwarze Weſte gekleidet, mit einem anſtändigen ſchwarzen Hals⸗ tuche und pfeffer⸗ und ſalzgeſprenkelten Beinkleidern, mit ſeiner anſtändigen ſilbernen Uhr in der Taſche und deren anſtändiger Haarkette um den Nacken: ein ſcholaſtiſcher Jäger, zur Jagd gerüſtet, den ſeine friſche Koppel von Hunden umſprang und umbellte. Zwolftes Capilel. Welches Unheil bedeutet. Die Sonne ging auf, ergoß ſich über ganz London und ließ ſich in ihrer großartigen Unparteilichkeit ſogar herab, in Mr. Alfred Lammle's Backenbarte zu funkeln, wie dieſer beim Frühſtück ſaß. Mr. Alfred Lammle be⸗ durfte dieſer Beleuchtung von außen, denn er ſah aus, als ob es in ſeinem Innern allerdings düſter genug be⸗ ſchaffen ſei, und zeigte eine höchſt mißvergnügte Miene. Mrs. Alfred Lammle ſaß ihrem Herrn und Gebieter gegenüber. Das glückliche Schwindlerpaar, das durch das angenehme Band, daß Jedes das Andere beſchwindelt hatte, verbunden war, ſaß finſter das Tiſchtuch betrach⸗ tend da. Es ſah in dieſem Frühſtückszimmer, wiewohl daſſelbe auf der Sonnenſeite der Sackville⸗Straße ge⸗ legen, ſo düſter aus, daß die Kaufleute, deren Kunden dieſe Familie war, falls ſie einen Blick durchs Fenſter zu werfen im Stande geweſen, ſich vielleicht hätten be⸗ wogen fühlen dürfen, ihre Rechnungen einzuſenden und auf ſofortige Bezahlung zu beſtehen. Doch dies hatten in der That die meiſten Kaufleute bereits auch ohne jenen Blick gethan. „Es ſcheint mir,“ ſagte Mrs. Lammle,„daß Du, ſo lni,nit verheirathet ſind, noch gar kein Geld gehabt haſt.“ 9 „Was Dir,“ ſagte Mr. Lammle,„der Fall geweſen zu ſein ſcheint, mag vielleicht der Fall geweſen ſein. Es hat Nichts zu ſagen.“ War es etwa eine Specialität⸗ bei Mr. und Mrs. 462 Lammle, oder ereignet es ſich auch zuweilen zwiſchen andern zärtlichen Ehepaaren? Bei dieſen erheblichen Ge⸗ ſprächen redeten ſie nie einander, ſondern immer irgend eine unſichtbare dritte Perſönlichkeit an, die ſich etwa auf halbem Wege zwiſchen ihnen zu befinden ſchien. Vielleicht kommt bei ſolchen häuslichen Veranlaſſungen das Familienſkslett aus dem Schranke, um ſich anreden zu laſſen?. „Ich habe außer meinem eigenen Jahrgehalte nie⸗ mals Geld im Hauſe geſehen,“ ſagte Mrs. Lammle zu dem Skelette.„Das will ich beſchwören.“ „Du brauchſt Dich nicht zu bemühen, es zu be⸗ ſchwören,“ ſagte Mr. Lammle zu dem Skelette.„Ich wiederhole, es hat Nichts zu ſagen. Du haſt nie einen beſonderen Gebrauch von Deinem Jahrgehalte gemacht.“ „Guten Gebrauch! In welcher Weiſe?“ fragte Mrs. Lammle. „Indem Du Credit dadurch erlangt und gut gelebt haſt,“ ſagte Mr. Lammle. Vielleicht lachte das Skelett verachtungsvoll auf, wie ihm dieſe Frage und dieſe Antwort anvertraut ward; jedenfalls thaten Mr. und Mrs. Lammle dies. „Und was ſoll zunächſt geſchehen?“ fragte Mrs. Lammle das Skelett. „Ruin iſt das Nächſte,“ ſagte Mr. Lammle zu der⸗ ſelben Perſönlichkeit. Hierauf warf Mrs. Lammle einen verachtenden Blick auf das Skelett— ohne denſelben jedoch bis zu Mr. Lammle weiter zu tragen— und ſenkte die Lider. Da⸗ nach that Mr. Lammle genau daſſelbe und ſenkte eben⸗ falls die Lider. Wie dann ein Diener mit den geröſteten Brodſchnittchen eintrat, zog das Skelett ſich in ſeinen Schrank zurück und ſchloß ſich ein. „Sophronia,“ ſagte Mr. Lammle, ſobald der Diener wieder hinausgegangen war. Und dann noch einmal ſehr viel lauter„Sophronia!“ „Nun?“ „Merke auf mich, wenn Du ſo gut ſein willſt.“ Er betrachtete ſie ſtrenge, bis ſie wirklich auf ihn merkte, und fuhr dann fort:„Ich wünſche mich mit Dir zu berathen. Komm, komm, keine Kindereien mehr. Du biſt mit unſerm Bündniſſe und Vertrage bekannt. Wir ſind übereingekommen, für das beiderſeitige Intereſſe zu arbeiten, und Du biſt vollkommen ebenſo geſchickt wie ich. Wir würden nicht beiſammen ſein, wenn Du dies nicht geweſen. Was iſt jetzt zu thun? Wir ſind in einen Winkel getrieben. Was ſollen wir anfangen?“ „Haſt Du keinen Plan im Gange, der Etwas ein⸗ bringen wird?“ Mr. Lammle vertiefte ſich ſinnend in ſeinen Backen⸗ bart und kam hoffnungslos wieder aus demſelben her⸗ auf:„Nein, als Abenteurer ſind wir genöthigt, ein ge⸗ wagtes Spiel um hohen Gewinn zu ſpielen, und wir haben in letzter Zeit kein Glück gehabt. Sie begann nochmals:„Haſt Du Nichts—“ Doch er unterbrach ſie: „Wir, Sophronia. Wir, wir, wir.“ „Haben wir Nichts, das wir verkaufen können?“ „In der Welt gar Nichts. Ich habe einem Juden einen Pfandcontract für dieſes Zimmergeräth gegeben, und er könnte daſſelbe morgen, heute, ja dieſen Augen⸗ blick fortnehmen. Ich glaube, daß er es ohne Fledgeby bereits abgeholt haben würde.“ „Was hat Fledgeby mit ihm zu thun?“ „Kannte ihn. Warnte mich vor ihm, ehe ich ihm in die Klauen fiel. Konnte ihn damals nicht zu Gunſten eines andern Freundes ſtimmen.“ — 463 „Willſt Du damit ſagen, daß Fledgeby ihn im Ge⸗ ringſten günſtig für Dich geſtimmt hat?“ „Uns, Sophronia. Uns, uns, uns.“ „Für uns?“ „Ich meine, daß der Jude noch nicht gethan hat, was er hätte thun können, und das Fledgeby ihn bewogen zu haben behauptet, uns zu ſchonen.“ „Traueſt Du Fledgeby?“ „Sophronia, ich traue Niemandem. Ich habe Nie⸗ mandem mehr getraut, meine Liebſte, ſeitdem ich Dir traute. Aber es ſieht faſt ſo aus.“ Nachdem er ſie durch dieſen Rückenſchlag an ihre re⸗ belliſchen Bemerkungen gegen das Skelett erinnert, ſtand Mr. Lammle vom Tiſche auf— vielleicht um deſto beſſer ein Lächeln und ein Paar weiße Flecke um die Naſe zu verbergen,— und machte einen kurzen Spaziergang auf dem Teppich und kehrte dann zu de Kaminteppiche zurück. 8 „Wenn wir nur das Unthier an die Georgiana hätten feſſeln können;— doch es nützt nicht davon zu reden; das iſt aus und vorüber.“ Wie Lammle, die Schöße ſeines Schlafrocks auf⸗ hebend, vor dem Kaminfeuer ſtand und bei dieſen Worten zu ſeiner Gattin herabſchaute, erblaßte ſie und ſchlug die Augen nieder. In dem Bewußtſein, Verrath geübt zu haben und in dem Bewußtſein der Gefahr— denn ſie fürchtete ſich vor ihm, fürchtete ſogar ſeine Hand und ſeinen Fuß, obgleich er ſich nie gewaltſam gegen ſie ge⸗ zeigt— eilte ſie, ſich ihm zuvorkommend zu zeigen. „Falls wir Geld borgen könnten, Alfred—“ „Ob wir Geld betteln, oder Geld borgen, oder Geld ſtehlen, bleibt ſich bei uns Alles gleich, Sophronia,“ unterbrach ihr Gatte ſie. „— Dann könnten wir uns aus dieſer Verlegenheit herausreißen—“ „Ohne Zweifel. Um noch eine originelle und unleug⸗ bare Bemerkung zu machen, Sophronia: zwei und zwei macht vier.“ Da er indeſſen ſah, daß ſie Etwas bei ſich überlegte, nahm er mit der einen Hand wieder ſeine Rockſchöße auf und heftete, mit der andern ſeinen großen Bart faſſend, ſchweigend ſein Auge auf ſie. „Es iſt natürlich, Alfred,“ ſagte ſie, mit einiger Schüchternheit zu ſeinem Geſicht aufblickend,„in einer Verlegenheit, wie die, in der wir uns befinden, an die reichſten fachſten Leute zu denken, die wir kennen.“ „Ganz recht, Sophronia.“ „Die Boffins.“ „Ganz recht, Sophronig.“ „Ließe ſich Nichts mit ihnen anfangen?“ „Was ließe ſich wohl mit ihnen anfangen, Sophronia?“ Sie überlegte abermals und er heftete abermals ſein Auge auf ſie. „Natürlich häbe ich häufig an die Boffins gedacht, Sophronia,“ ſagte er nach einem fruchtloſen Schweigen, „aber ich habe keine Gelegenheit zu irgend Etwas ge⸗ funden. Sie ſind wohl bewacht. Jener verdammte Secretär ſteht zwiſchen ihnen und— Leuten von Ver⸗ dienſt.“ „Wenn man ſeiner los werden könnte?“ ſagte ſie, ſich ein Wenig erhellend, nachdem ſie nochmals eine kleine Weile nachgeſonnen. „Nimm Dir Zeit, Sophronia,“ bemerkte ihr aufmerk⸗ ſamer Gatte mit einer Gönnermiene. „Falls man Mr. Boffin glauben machen könnte, daß man ihm einen Dienſt erzeigte, indem man ihn aus dem Wege ſchaffte?“ „Nimm Dir Zeit, Sophronia.“ N * „Wir haben in letzter Zeit die Bemerkung gemacht, Alfred, daß der alte Mann ſehr argwöhniſch und miß⸗ trauiſch zu werden anfängt.“ „Geizig ebenfalls, meine Liebe; was für uns bei Weitem am wenigſtens verſprechend iſt. Deſſenungeachtet laß Dir Zeit, Sophronia, laß Dir Zeit.“ Sie ließ ſich Zeit und ſagte dann: „Geſetzt, wir wendeten uns an diejenige Seite in ihm, von der wir uns vollkommen überzeugt haben. Geſetzt, mein Gewiſſen—“; „Und wir wiſſen, welch ein Geviſſen es iſt, meine theure Seele. Ja—“ .„Geſetzt, mein Gewiſſen geſtattete mir nicht, noch länger das zu verheimlichen, was jenes eingebildete Mädchen mir über die Liebeserklärung des Secretärs anvertraut hat? Geſetzt, mein Gewiſſen nöthigte mich, es Mr. Boffin wiederzuſagen?“ „Das gefällt mir wohl,“ ſagte Mr. Lammle. „Geſetzt, ich ſpräche mich in einer Weiſe darüber gegen Mr. Boffin aus, als ob mein Zart⸗ und Ehr⸗ gefühl—“ „Sehr hübſche Worte, Sophronia.“ „— Als ob unſer Zart⸗ und Ehrgefühl,“ ſagte ſie mit bitterem Nachdruck auf die Redensart,„uns nicht geſtatten wollte, ſtillſchweigende Theilnehmer an einer ſo eigennützigen und hinterliſtigen Speculation von Seit des Secretärs, und einer ſo gröblichen Vertrauensver⸗ letzung gegen ſeinen Herrn zu ſein? Geſetzt, ich hätte meine tugendhafte Unruhe meinem vortrefflichen Gatten mitgetheilt, und dieſer hätte in ſeiner Rechtſchaffenheit zu mir geſagt:„Sophronia, Du mußt dies unverzüglich Mr. Boffin mittheilen?““ „Noch einmal, Sophronia,“ bemerkte Mr. Lammle, von dem einen Bein zum andern übergehend,„das ge⸗ fällt mir wohl.“ „Du meinſt, er ſei wohl bewacht,“ fuhr ſie fort; „dies glaube ich ebenfalls. Doch falls dies zur Ent⸗ laſſung des Secretärs führte, ſo würde damit eine Breſche geöffnet ſein.“ „Fahre fort in Deiner Auseinanderſetzung, Sophronia. Dies fängt an, mir außerordentlich zu gefallen.“ „Nachdem wir ihm in unſerer unangreifbaren Recht⸗ ſchaffenheit den Dienſt geleiſtet, ſeine Augen zu öffnen und ihm die Falſchheit des Mannes zu zeigen, dem er vertraute, werden wir uns dadurch ein Anrecht auf ſein Vertrauen erworben haben. Ob wir viel oder wenig hieraus machen können, das müſſen wir abwarten,— das iſt nicht zu ändern. Wahrſcheinlich werden wir den größten Vortheil daraus ziehen, der überhaupt daraus zu ziehen iſt.“ „Wahrſcheinlich,“ ſagte Lammle. „Scheint es Dir wahrſcheinlich,“ fragte ſie in der⸗ ſelben kalten ränkehaften Weiſe,„daß Du in die Stelle des Secretärs eintreten könnteſt?“ „Nicht unmöglich, Sophronia. Es ließe ſich wohl machen. Jedenfalls könnte man es geſchickt dahin bringen.“ Sie nickte, um ihr Verſtändniß des Winkes zu er⸗ kennen zu geben, und ſchaute ins Feuer.„Mr. Lammle,“ ſagte ſie ſinnend und nicht ohne einen leichten Anflug von Ironie,„Mr. Lammle würde ſo glücklich ſein, Alles zu thun was in ſeiner Macht läge. Mr. Lammle, der ſelber ein Geſchäftsmann und ein Capitaliſt iſt. Mr. Lammle, der daran gewöhnt iſt, mit den zarteſten An⸗ gelegenheiten betraut zu werden. Mr. Lammle, der mein eigenes kleines Vermögen ſo vortrefflich verwaltet hat, der aber allerdings den Anfang mit dem Vorzuge mächte, ein vermögender Mann zu ſein, ein Mann, der über alle Verſuchung, wie über alles Mißtrauen erhaben.“ — Mir der Sach Weiber v Mädchen Mi. hücſten G Äffred. rretairs nie Aber ſchiefen L ſollen. trauen in ſollen.“ Soph „Num „Gatte eir Es könnte Beide aus verwaltete Tauſend! Sie e werden f werden d in das J 272 di nicht, mWie Lammle, „Du Unſere A geſagth müſſen gerichtet Ich Falls ſt Wogen ſeiner ausbrug ſo iſt ſ uns bei -nungeachtet dte in haben. S G7 iſt, meine t, noch ge zildete eeretärs higte mich N darüber und Chr⸗ t „ich hätte Gatten affenheit anverzuglch tr. Lammle d g d.,„das ge⸗ 3 zu öffnen n, dem er echt auf ſein oder wenig bwarten,— ſie in der⸗ in die Stelle ze ſich wohl * 3 4 hin bringen. zinkes zu er⸗ r. Lamünlle, ichten Anflug c fein, Ales d Lammle, del 2* 4 Mr. Lammle lächelte und pätſchelte ſie ſogar auf den Kopf. Er ſchien, in ſeinem düſteren Behagen an dem Plane, wie er denſelben bei ſich überlegte, zweimal ſo viel Naſe im Geſichte zu haben, als er je in ſeinem ganzen Leben beſeſſen. Er ſtand eine Weile ſinnend da, während ſie regungs⸗ los in das aſchige Kaminfeuer ſtierte. Doch ſowie er wieder zu ihr ſprach, blickte ſie ſchnell zuſammenzuckend zu ihm auf, wie wenn ihre Gedanken mit ihrem Verrath beſchäftigt geweſen, und ſie ſich wieder vor ſeiner Hand und ſeinem Fuße fürchtete. „Mir ſcheint, Sophronia, daß Du einen Punkt in der Sache überſehen haſt. Vielleicht auch nicht, denn die Weiber verſtehen einander. Wir könnten vielleicht das Mädchen ſelber ausſtechen?“ Mrs. Lammle ſchüttelte den Kopf.„Sie beſitzt im höchſten Grade die Zuneigung der beiden alten Leute, Alfred. Ihre Stellung iſt mit der eines beſoldeten Se⸗ cretairs nicht zu vergleichen.“ „Aber das liebe Kind,“ ſagte Lammle mit einem ſchiefen Lächeln,„hätte offen gegen ihre Wohlthäter ſein ſollen. Das herzige Engelchen hätte unbedingtes Ver⸗ trauen in ihren Wohlthäter und ihre Wohlthäterin ſetzen ſollen.“ Sophronia ſchüttelte abermals den Kopf. „Nun! Die Weiber verſtehen einander,“ ſagte ihr „Gatte ein wenig enttäuſcht.„Ich dringe nicht darauf. Es könnte vielleicht unſer Glück machen, wenn wir ſie Beide aus dem Wege ſchafften. Falls ich das Vermögen verwaltete und meine Frau die Leute bearbeitete, der Tauſend!“ Sie entgegnete nochmals den Kopf ſchüttelnd:„Sie werden ſich nimmer mit dem Mädchen entzweien. Sie werden das Mädchen nimmer beſtrafen. Wir müſſen uns in das Mädchen fügen, verlaß Dich drauf.“ „Nun!“ rief Lammle achſelzuckend,„ſo ſei's; nur ver⸗ giß nicht, daß uns durchaus nicht an ihr gelegen iſt.“ „Die einzige Frage iſt jetzt nur noch die,“ ſagte Mrs. Lammle,„wann ich anfangen ſoll?“ „Du kannſt nicht zu bald anfangen, Sophronia. Unſere Angelegenheiten befinden ſich, wie ich Dir bereits geſagt habe, in einem verzweifelten Zuſtande, und wir müſſen jeden Augenblick erwarten, uns völlig zu Grunde gerichtet zu ſehen.“ „Ich muß Mr. Boffin allein zu treffen ſuchen, Alfred. Falls ſeine Frau zugegen wäre, würde ſie Oel auf die Wogen gießen. Ich weiß, daß es mir in Gegenwart ſeiner Frau nicht gelingen würde, ihn zu einem Zornes⸗ ausbruche zu treiben. Und was das Mädchen betrifft, ſo iſt ſie, da ich eine Vertrauensverletzung gegen ſie Zu begehen im Begriff bin, ebenfalls außer Frage.“ „Wäre es thunlich, ihn ſchriftlich um eine Unter⸗ redung zu bitten?“ ſagte Lammle. „Nein, ſicherlich nicht. Sie würden ſich Alle in Muth⸗ maßungen ergehen, zu welchem Zwecke ich geſchrieben, und ich wünſche ihn völlig unvorbereitet zu treffen.“ „Mache einen Beſuch und verlange, ihn allein zu ſprechen,“ ſchlug Lammle vor. „„Das möchte ich ebenfalls lieber nicht thun. Ueber⸗ laſſe ees mir. Laſſe mir für heute und morgen(falls es mir heute nicht gelingen ſollte) den kleinen Wagen, und ich will ihm auflauern.“ Sie waren kaum zu dieſer Uebereinkunft gelangt, als eine männliche Geſtalt an ihren Fenſtern vorüberkam und darauf an der Hausthür ſchellte.„Hier kommt Fled⸗ geby,“ ſagte Lammle;„er bewundert Dich und hegt eine hohe Meinung von Dir. Ich will ausgegangen ſein. Schmeichele ihm, damit er ſeinen Einfluß bei dem Juden * Sie zu ſehen! Mein armer lieber Alfred, der augen⸗ zu unſern Gunſten verwendet. Der Jude heißt Riah, von der Firma Pubſey& Co.“ Nachdem er dieſe Worte geflüſtert, damit dieſelben nicht etwa durch zwei Schlüſſel⸗ löcher und den Hausflur hindurch von Mr. Fledgeby's ſpitzen Ohren vernommen würden, ging Lammle, dem Diener Zeichen der Verſchwiegenheit zuwinkend, leiſe die Treppe hinauf. „Mr. Fledgeby,“ ſagte Mrs. Lammle, ihn außer⸗ ordentlich liebenswürdig empfangend,„freue mich ſehr, blicklich große Geſchäftsſorgen hat, iſt ſchon ziemlich früh Maaeuü Bitte, lieber Mr. Fledgeby, nehmen Sie atz.“ Der liebe Mr. Fledgeby nahm Platz und überzeugte ſich, daß ſich in Bezug auf Bartſproſſen nichts Neues ereignet, ſeit er vom Albany um die Ecke kam. „Mein lieber Mr. Fledgeby, es war unnöthig, Ihnen zu ſagen, daß mein armer lieber Alfred augenblicklich große Geſchäftsſorgen hat, denn er hat mir geſagt, wel⸗ cher Troſt Sie in ſeiner augenblicklichen Verdegenhett für ihn ſind, und welchen großen Dienſt Sie ihm ge⸗ leiſtet haben.“ „O!“ ſagte Mr. Fledgeby. „Ja,“ ſagte Mrs. Lammle.— „Ich wußte nicht,“ bemerkte Mr. Fledgeby, einen neuen Theil in ſeinem Seſſel verſuchend,„ob Mr. Lammle nicht vielleicht zurückhaltend über ſeine Geſchäftsangelegen⸗ heiten ſei.“ „Nicht gegen mich,“ ſagte Mrs. Lammle mit tiefem Gefühl. „O, wirklich?“ ſagte Fledgeby. „Nicht gegen mich, lieber Mr. Fledgeby; ich bin ſeine Gattin.“ „Ja. Das— das habe ich gehört,“ ſagte Fledgeby. „Und darf ich, lieber Mr. Fledgeby, als Alfred's Gattin, doch, wie Ihr Scharfblick ſofort erkennen wird, völlig ohne ſeine Kenntniß und Erlaubniß, Sie bitten, Ihren wohlerworbenen Einfluß bei Mr. Riah noch ein wenig länger zu ſeinen Gunſten geltend zu machen? Der Name, den ich Alfred in ſeinen Träumen habe nennen hören, iſt doch Riah, nicht wahr?“ 3 „Der Name des Gläubigers iſt Riah,“ ſagte Mr. Fledgeby mit etwas unnachgiebigem Nachdruck auf das Subſtantivum.„Saint Mary Axe. Pubſey& Co.“ „O ja!“ rief Mrs. Lammle, indem ſie im Aufwallen des Gefühles in die Hände ſchlug.„Pubſey& Co.!“ „Das Flehen des weiblichen—,“ begann Mr. Fled⸗ geby, blieb jedoch eine ſo lange Weile dort ſtecken, indem er nach dem nächſten Worte ſuchte, daß Mrs. Lammle ihm in der lieblichſten Weiſe„Herzens?“ offerirte. „Nein,“ ſagte Mr. Fledgeby,„Geſchlechts— ſollte ſtets vom Manne berückſichtigt werden, und ich wollte, die Sache läge in meiner Macht. Aber dieſer Riah iſt ein garſtiger Geſelle, Mrs. Lammle; das iſt er wirklich.“ „Nicht, wenn Sie mit ihm reden, lieber Mr. Fledgeby.“ „Ich gebe Ihnen mein heiliges Ehrenwort, daß er es iſt!“ ſagte Fledgeby. 3 „Verſuchen Sie es. Verſuchen Sie es noch ein Mal, liebſter Mr. Fledgebyp. Was könnten Sie wohl nicht durchſetzen, wenn Sie es wollten!“ „Danke,“ ſagte Fledgeby,„es iſt ſehr ſchmeichelhaft für mich, Sie dies ſagen zu hören. Ich will es, auf Ihren Wunſch, gern noch einmal verſuchen. Aber ich kann mich natürlich für den Erfolg nicht verbürgen. Riah iſt ein zäher Burſche, und wenn er ſagt, er will Dies oder Jenes thun, ſo thut er es.“ „Ganz recht,“ rief Mrs. Lammle,„und wenn er Ihnen verſpricht zu warten, ſo wird er warten.“ Brz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. ☛ 30 („Sie iſt eine verdammt geſcheidte Frau,“ dachte 467 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 2 Fledgeby.„Ich ſah dieſe Breſche nicht, aber ſie erſpäht dieſelbe ſogleich und ſchießt ohne Zögern hinein.“) „Um Ihnen die Wahrheit zu ſagen, lieber Mr. Fled⸗ geby, und Ihnen, der Sie ein ſo aufrichtiger Freund meines Alfred ſind, ſeine Ausſichten nicht zu verheimlichen,“ fuhr ſie in ſehr intereſſanter Weiſe fort,„ſo bricht ein fernes Licht an ſeinem Horizonte an.“ Dieſe Redefigur erſchien dem bezaubernden Fledgeby etwas geheimnißvoll und er ſagte:„Es bricht ein Was an ſeinem— wie?“ „Alfred, mein lieber Mr. Fledgeby, hat ſich heute Morgen, ehe er ausging, über gewiſſe Ausſichten gegen mich ausgeſprochen, die ſeinen Angelegenheiten ein völlig verändertes Anſehen geben würden.“ „Wirklich?“ ſagte Fledgeby. „O, ja!“ Hier brachte Mrs. Lammle ihr Taſchen⸗ tuch zum Vorſchein.„Und Sie wiſſen, lieber Mr. Fled⸗ geby, Sie, der Sie das menſchliche Herz ſtudiren und die Welt kennen— welch ein Mißgeſchick es ſein würde, unſere Stellung und unſer Anſehen zu verlieren, wenn wir andererſeits durch eine kleine Verzögerung den Schein zu retten im Stande wären.“„ „O!“ ſagte Fledgeby.„Dann glauben Sie, Mrs. Lammle, daß Lammle, falls ihm Zeit gelaſſen, nicht platzen würde, um mich eines Ausdruckes zu bedienen, der im Geldmarkte gang und gäbe iſt,“ ſagte Mr. Fledgeby, ſich entſchuldigend. „In der That, ja. ewiß, gewiß, ſo iſt es.“ „Das macht den größten Unterſchied,“ ſagte Fledgeby. „Ich will unverzüglich mit Riah reden.“ „Gott ſegne Sie, liebſter Mr. Fledgeby!“ „Durchaus nicht,“ ſagte Fledgeby. Sie reichte ihm die Hand.„Die Hand,“ ſagte Mr. Fledgeby,„einer ſchönen und hochſinnigen Dame iſt ſtets der Lohn—“ „Einer edlen Handlung!“ ſagte Mrs. Lammle, der im höchſten Grade darum zu thun war, ſeiner los zu werden. „Das wollt' ich nicht gerade ſagen,“ erwiderte Fiedgeby, der niemals und unter keinen Verhältniſſen elne ihm dargebotene Wort⸗Aushülfe annahm.„Aber Sie drücken ſich ſehr ſchmeichelhaft aus. Darf ich einen — einen— einzigen darauf drücken? Guten Morgen!“ „Ich darf mich auf Ihre Pünktlichkeit verlaſſen, lieb⸗ ſter Mr. Fledgeby?“ Und Fledgeby ſagte, von der Thür zurückſchauend und ihr einen achtungsvollen Kußfinger zuwerfend:„Sie dürfen ſich auf mich verlaſſen.“* In der That, Mr. Fledgeby ward von ſeinem barm⸗ herzigen Vorhaben mit einer Geſchwindigkeit durch die Straßen dahingetrieben, als ob er die Flügel aller guten Geiſter der Großmuth beſeſſen. Dieſe Geiſter mochten zugleich ihre Wohnung in ſeiner Bruſt genommen haben, denn er war fröhlich und munter. Seine Stimme hatte einen förmlich friſchen Klang, wie er, im Geſchäftslokale zu St. Mary Axe anlangend und daſſelbe für den Augen⸗ blick leer vorfindend, an den Fuß der Treppe trat und ausrief:„Heda, Judäa, was habt Ihr dort oben vor?“ Der alte Mann erſchien mit ſeiner gewohnten Unter⸗ würfigkeit. 3 „Hollah!“ rief Fledgeby mit einem Augenblinzeln zurückfahrend.„Ihr habt Unheil im Sinne, Jeruſalem!“ Der alte Mann erhob fragend den Blick. „Ja, das thut Ihr,“ ſagte Fledgeby.„O, Ihr Sün⸗ der! O, Ihr Schlaufuchs! Was! Ihr wollt Lammle mit jenem Pfandcontracte zu Leibe gehen, wie? Es ſoll Euch Nichts davon abbringen, was? Ihr wollt Euch keine Minute länger davon abhalten laſſen, wie?“ Durch den Ton und die Miene des Herrn zu unver⸗ züglichem Handeln aufgefordert, nahm der alte Mann ſeinen Hut von dem kleinen Zahltiſche auf. „Ihr habt erfahren, daß er ſich, falls Ihr der Sache nicht ſogleich ein Ende machtet, noch würde aus der Ver⸗ legenheit reißen können, Ihr ſchlauer Geſelle, wie?“ ſagte Fledgeby.„Und es paßt Euch nicht, daß er ſich heraus⸗ reißt, wie? Da Ihr Sicherheit in Händen habt und genug vorhanden iſt, um Euch zu bezahlen? O, Ihr Jude!“ Der alte Mann ſtand einen Augenblick zögernd und unentſchloſſen da, wie wenn vielleicht noch fernere In⸗ ſtructionen für ihn in Reſerve ſeien. „Gehe ich wirklich, Sir?“ fragte er endlich mit leiſer Stimme. „Fragt mich, ob er wirklich geht!“ rief Fledgeby. „Fragt mich, als ob er nicht mit ſeinem eigenen Vor⸗ haben bekannt wäre! Fragt mich, als ob er nicht bereits den Hut auf dem Kopfe hätte! Fragt mich, als wenn ſein ſcharfes altes Auge— das ſcharf iſt, wie ein Meſſer — nicht bereits auf ſeinen Spazierſtock dort an der Thür geheftet wäre!“ „Gehe ich wirklich, Sir?“ „Geht Ihr wirklich!“ entgegnete Fledgeby. geht. Marſch, Judäa!“ „Ja, Ihr Dreizehntes Capitel. Man gebe einem Hunde einen ſchlechten Namen und hänge ihn. Da der bezaubernde Fledgeby im Geſchäftslocale allein geblieben, ſchlenderte er, mit dem Hute auf der einen Seite, umher und pfiff und durchſtöberte die Schub⸗ laden und ſuchte hier und dort nach Anzeichen, daß er betrogen werde, und fand deren keine.„Es iſt nicht ſein Verdienſt, daß er mich nicht betrügt,“ bemerkte Mr. Fled⸗ geby mit einem Augenblinzeln,„ſondern meine Vorſicht.“ Dann behauptete er mit träger Großartigkeit ſeine Rechte als Herr und Oberhaupt von Pubſey& Co., in⸗ dem er ſeinen Stock in die Comptoir⸗Seſſel und Kiſten ſtieß und in den Kaminherd ſpie und dann mit könig⸗ licher Würde ans Fenſter trat und in die enge Straße hinausſchaute, wobei ſeine kleinen Augen gerade oberhalb Pubſey& Co.'s Jalouſie blinzelten. Plötzlich erinnerte er ſich, daß er ſich allein im Comptoir befinde und die Hausthür offen ſtehe. Er wollte ſich eben umwenden, um dieſelbe zu ſchließen, damit er nicht etwa mit dem Etabliſſement identificirt werde, als er durch das Er⸗ ſcheinen einer Perſon, die ſich der Thür näherte⸗ davon abgehalten ward. ¹ 4 Dieſe Perſon war die kleinen Korbe über dem Arme und ihrer Krücke in der Hand. Ihre ſcharfen Augen hatten Mr. Fledgeby längſt erſpäht, ehe er ihrer noch gewahr geworden, und er wurde nicht ſo ſehr durch ihr Erſcheinen an der Thür, als durch einen Schauer von Kopfnicken mit dem ſie ihn begrüßte, ſowie er ſie erblickt, daran verhindert, die Thür zu ſchließen. Dieſen Vortheil benutzte ſie, indem ſie mit einer ſolchen Geſchwindigkeit die Stufen hinanhumpelte, daß ſie, ehe Mr. Fledgeby noch ſeine Maßregeln zu treffen vermochte, daß ſie Niemanden zu Hauſe finden ſolle, ihm im Comtoir gegenüber ſtand.. „Hoffe, Sie wohl anzutreffen, Sir,“ ſagte Miß Wren. „Mr. Riah zu Hauſe?“ Fledgeby war mit der Miene eines gelangweilt War⸗ Puppenſchneidekin, mit einem. meinen.“ Denkung 1 Pren, den 916 „äls erinnere n Sch erwiderte „Ein ſchlieend Freundin Durc eirte Mi Korb auf der Thür geduldigen „Ich Me. Riah vald gew meine arr leicht hal kann ich „Ich nach ihr blinzelnd Sie denke dem Geſch Stande.“ „Nun Wren., Herr und „Das mit eine „Er iſt zu mir: will Ihr Sie den Dach un wohl de nannt. es ſelbe willen; ausdruck kniffigen „D, ſelben m drohte., „Dag Regnete F Ihnen.“ Dieſe nihnende Lall, d würde, ihrer ub Beiſpiel „Er hat dafür 1 aus ihr ward jetz — . 7 468 zu 7 469 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 470 ——————— zu under 3.— te Nan tenden in einen Seſſel geſunken.„Er wird vermuthlich anmaßte, ein Geheimniß vor ihm zu haben: obgleich er bald zurückkehren,“ erwiderte er;„er iſt in ſehr ſeltſamer gegen das Geheimniß ſelbſt, inſofern daſſelbe einer andern der Sach Weiſe davongelaufen und hat mich hier zurückgelaſſen, Perſon, die er ungern hatte, Verdruß verurſachte, durch⸗ der Ver⸗ ihn zu erwarten. Habe ich Sie nicht ſchon geſehn?“ aus nichts einzuwenden hatte. 1. 9 ſa t„Einmal— falls Sie Augen hatten,“ erwiderte Miß Miß Wren ſaß mit betrübter Miene hinter der Thür heagie Wren, den Zuſatz in leiſerem Tone. 4 und ſchaute ſinnend auf den Boden, und es hatte wieder deäus„Als Sie ſich oben auf dem Dache amüſirten. Ich eine Weile ein geduldiges Schweigen geherrſcht, als Mr. und erinnere mich. Was macht Ihre Freundin?“ Fledgeby's Geſicht zu erkennen gab, daß er durch den J. Ihr„Ich hoffe mehr als eine Freundin zu beſitzen, Sir,“ oberen Theil der Thür, welcher von Glas war, Jemanden ernd u erwiderte Miß Wren.„Welche Freundin?“. auf der Schwelle des Comptoirs erblickte. Gleich darauf mere ind„Einerlei,“ ſagte Mr. Fledgeby, eins ſeiner Augen ließ ſich eine Bewegung und Klopfen hören und dann * In ſchließend,„die erſte beſte Ihrer Freundinnen, alle Ihre nochmals eine Bewegung und ein Klopfen. Da Fled⸗ mit leiſ Freundinnen. Befinden ſie ſich ziemlich wohl?“ geby keine Notiz davon nahm, ward die Thür endlich leiſer Durch dieſen Scherz ein wenig verblüfft gemacht, pa⸗ leiſe geöffnet, und das dürre Geſicht eines ſanften ält⸗ rirte Miß Wren denſelben dadurch, daß ſie ſich, ihren lichen Herrn ſchaute herein. wüledgelh. Korb auf den Schooß nehmend, in einem Winkel hinter„Mr. Riah?“ ſagte dieſer Gaſt ſehr höflich. nen Vor. der Thür niederſetzte. Nach einer beträchtlichen Weile„Ich erwarte ihn, Sir,“ erwiderte Mr. Fledgeby. ht bereitz geduldigen Wartens ſagte ſie:„Er ging aus und ließ mich hier allein. Ich erwarte uls wenn„Ich bitt' um Vergebung, Sir, aber ich bin gewohnt, ihn jede Minute zurück. Vielleicht thäten Sie beſſer, n Mäſſer Mr. Riah um dieſe Zeit hier zu treffen und komme des⸗ wenn Sie ſich ſetzten.“ an der „Ja, Ihr Uamen häftslocale te auf der 8 die Schub⸗. n, daß er— nicht ſein 1 Mr. Fleddè Vorſicht.“ gkeit ſeine & Co., in- und Kiſten mit könig⸗ ige Straße de oberhalb h erinnerte de und die umwenden, a mit dem h das E⸗ erte, davon mit einen ite in der gehy längtt der wurde als durch V n begküßte, ſchließen⸗ zu ſch b iner ſolchen V ſie ehe daß ſie, e vermochte, in Comtoir NMiß Wren. gweilt Par⸗ halb gewöhnlich um dieſe Zeit. Ich wünſche blos für meine armſeligen zwei Schillinge Abfall zu kaufen. Viel⸗ leicht haben Sie die Güte, es mir zu geben, und dann kann ich wieder zu meiner Arbeit zurückkehren.“ „Ich ſoll es Ihnen geben?“ ſagte Fledgeby, den Kopf nach ihr umwendend; denn er hatte ins Licht hinaus⸗ blinzelnd und ſeine Wange betaſtend dageſeſſen.„Ei, Sie denken doch nicht wirklich, daß ich irgend Etwas mit dem Geſchäfte hier zu thun habe, wie?“ „Denken?“ rief Miß Wren.„Er ſagte an jenem Tage, Sie ſeien der Herr!“ „Der alte Burſch in Schwarz ſagte das? Riah ſagte das? Ei, er iſt alles Mögliche zu ſagen im Stande.“ „Nun, aber Sie ſagten es ebenfalls,“ entgegnete Miß Wren.„Oder Sie geberdeten ſich wenigſtens wie der Herr und widerſprachen ihm nicht darin.“ „Das iſt einer von ſeinen Kniffen,“ ſagte Fledgeby mit einem trocknen und verachtungsvollen Achſelzucken. „Er iſt aus lauter Kniffen zuſammengeſetzt. Er ſagte zu mir:„Kommen Sie mit mir auf's Dach, Sir; ich will Ihnen ein hübſches Mädchen zeigen. Aber ich werde Sie den Herrn nennen.“ Und ich ging mit ihm auf's Dach und er zeigte mir das hübſche Mädchen(das ſich wohl der Mühe verlohnte) und ich wurde der Herr ge⸗ nannt. Ich weiß nicht warum. Vermuthlich weiß er es ſelber nicht. Er liebt einen Kniff um des Kniffes willen; denn er iſt,“ ſagte Mr. Fledgeby, nach einer ausdrucksvollen Redensart ſuchend,„der kniffigſte aller kniffigen Füchſe.“ „O, mein Kopf!“ rief die Puppenſchneiderin, den⸗ ſelben mit beiden Händen haltend, als wenn er zu berſten drohte.„Sie können das, was Sie ſagen, nicht im Ernſte meinen.“ „Das kann ich allerdings, mein kleines Weib,“ ent⸗ gegnete Fledgeby,„und ich thue es, das verſichere ich Ihnen.“ Dieſe Zurückweiſung war nicht nur ein Act be⸗ rechnender Politik von Seiten Mr. Fledgeby's, für den Fall, daß er durch noch andere Beſuche überrumpelt würde, ſondern auch ein Verweis für Miß Wren wegen ihrer übertriebenen Schlauheit, ſowie ein liebenswürdiges Beiſpiel ſeines Humors in Bezug auf den alten Juden. „Er hat, als Jude, einen ſchlechten Namen und er wird dafür bezahlt, und ich will den Werth meines Geldes aus ihm heraus haben.“ Dies war Mr. Fledgeby's Denkungsweiſe in Geſchäftsangelegenheiten, und dieſelbe ward jetzt noch dadurch geſchärft, daß der alte Mann ſich * Der Herr nahm einen Seſſel und legte ſeine Hand an die Stirn, als wenn er ſich in einer melancholiſchen Gemüthsverfaſſung befände. Mr. Fledgeby betrachtete ihn von der Seite und ſchien ſich an ſeiner Haltung zu ergötzen. „Ein ſchoͤner Tag, Se. bemerkte Fledgeby. Der kleine dürre Berr war ſo ſehr mit ſeinen drückenden Betrachtungen beſchäftigt, daß er die Be⸗ merkung nicht eher beachtete, als bis der Klang von Mr. Fledgeby's Stimme bereits in dem Comtoir er⸗ ſtorben war. Dann fuhr er plötzlich auf und ſagte: „Ich bitte um Vergebung, Sir. Ich fürchte, Sie ſprachen zu mir?“ „Ich ſagte,“ erwiderte Fledgeby ein wenig lauter als vorher,„es ſei ein ſchöner Tag.“ „Ich bitt' um Vergebung, bitt' um Vergebung. Ja.“ Der kleine dürre Herr legte abermals die Hand an Stirn und Mr. Fledgeby ſchien ſich abermals hieran ergötzen. Als der Herr mit einem Seufzer ſeine ſprach Mr. Fledgeby ihn an⸗ die zu Stellung veränderte, grinſend: „Mr. Twemlow, wenn ich nicht irre.“ Der dürre Herr ſchien ſehr überraſcht. „Hatte das Vergnügen, bei den Lammle's mit Ihnen zu ſpeiſen,“ ſagte Fledgeby.„Habe ſogar die Ehre, eine Art von Verwandter von Ihnen zu ſein. Ein unerwar⸗ tetes Zuſammentreffen hier; aber man weiß nie, wenn man in die City geräth, gegen was für Leute man anrennen wird. Ich hoffe, Sie genießen eine gute Ge⸗ ſundheit und ein behagliches Leben.“ Es mochte in den letzten Worten ein Anflug von Impertinenz liegen; doch mochte es auf der andern Seite nur die angeborene Grazie in Mr. Fledgeby's Weſen ſein. Mr. Fledgeby ſaß, miit dem Hute auf dem Kopfe, auf einem Comptoirſeſſel und ſtellte den einen Fuß auf das Querhölzchen eines andern Seſſels. Mr. Twemlow hatte, da er zur Thür hereingeſchaut, das Haupt entblößt und es auch nicht wieder bedeckt. Der gewiſſenhafte Twemlow aber, welcher fühlte, was er gethan, um die Anſchläge des anmuthigen Fledgeby zu vereiteln, fühlte ſich durch dieſes Begegnen außer⸗ ordentlich in Verlegenheit geſetzt. Er fühlte ſich ſo be⸗ fangen, wie dies einem Herrn nur möglich iſt, und fühlte ſich zugleich verpflichtet, ſich ſo ſteif als möglich gegen Fledgeby zu benehmen, weshalb er ihm eine zurückhaltende Verbeugung machte. Fledgeby machte ſeine kleinen Augen noch kleiner, indem er ſein Benehmen beſonders beobachtete. Die Puppenſchneiderin ſaß mit niedergeſchlagenen Blicken — 30 * —— f und mit über ihrem Korbe gefalteten Händen, zwiſchen denen ſie ihre Krücke hielt, im Winkel hinter der Thür, und ſchien auf Nichts zu achten. „Er bleibt lange aus,“ murmelte Mr. Fledgeby, auf ſeine Uhr ſchauend.„Wie ſpät mag es wohl nach Ihrer Uhr ſein, Mr. Twemlow?“ Es war nach Mr. Twemlow's Uhr zehn Minuten nach Zwölf, Sir. „Auf ein Haar richtig,“ ſagte Mr. Fledgeby.„Ich hoffe, Mr. Twemlow, daß Ihr Geſchäft hier von ange⸗ nehmerer Beſchaffenheit ſein wird als das meinige.“ „Ich danke Ihnen, Sir,“ ſagte Mr. Twemlow. Fledgeby machte ſeine kleinen Augen abermals kleiner, als er mit großem Behagen Twemlow betrachtete, der ſchüchtern mit einem zuſammengelegten Briefe auf den Tiſch klopfte. „Alles, was mir von Mr. Riah bekannt iſt,“ ſagte Fledgeby mit ſehr herabſetzender Betonung des Namens,„macht mich glau⸗ ben, daß dies ſo ziemlich das Local für unangenehme Geſchäfte iſt. Ich habe ihn ſtets als den knei⸗ fendſten alten Schraubſtock in London gekannt.“ Mr. Twemlow beant⸗ wortete die Bemerkung mit einer kleinen kalten Ver⸗ beugung. Jene machte ihn offenbar nervös. „Ja, ich habe ihn ſo vollkommen als einen ſol⸗ chen kennen gelernt,“ fuhr Fledgeby fort,„daß, wenn ich nicht einem Freunde zu dienen wünſchte, mich wahr⸗ lich Niemand nur eine ein⸗ zige Minute hier ſollte warten ſehen. Doch wenn unſere Freunde in Noth ſind, müſſen wir ihnen beiſtehen. Das ſage ich und danach handle ich.“ Derunparteiiſche Twem⸗ low fühlte, daß er die⸗ ſem Grundſatze ſeine Bei⸗ ſtimmung geben müſſe, ohne dabei denjenigen in Betracht zu ziehen, der denſelben geäußert.„Darin haben Sie vollkommen recht Sir,“ erwiderte er mit Wärme.„Sie bezeichnen damit ein großmüthiges und (Seite T „Freut mich, Ihren Beifall zu haben,“ entgegnete Fledgeby.„Es iſt ein merkwürdiges Zuſammentreffen, Mr. Twemlow,“— hier ſtieg er von ſeinem Sitze herab und trat ihm nachläſſig näher,—„daß die Freunde, Mr. Fledgeby geht, um ſein barmherziges Vorhaben auszuführen. männliches Verhalten.“ V denen ich heute beizuſtehen hier bin, dieſelben ſind, in deren Hauſe ich Sie kennen lernte! Die Lammle's. Mrs. Lammle iſt eine ſehr einnehmende und liebenswürdige Frau?“ Das Gewiſſen machte den ſanften Twemlow erblaſſen. „Ja,“ fagte er,„das iſt ſie.“ „Und als ſie mich heute Morgen anflehte, hierher zu gehen und zu verſuchen, was ich thun könne, um ihren Gläubiger, dieſen Mr. Riah, zu beſänftigen— auf den V b I * 472 ich allerdings durch Geſchäftsverhandlungen für einen andern Freund einigen Einfluß habe, obgleich bei weitem nicht ſo viel, wie ſie vermuthet— und wenn eine Frau wie dieſe mich ihren liebſten Mr. Fledgeby nannte und Thränen vergoß— nun, was konnte ich da wohl thun, wiſſen Sie?“ Twemlow hauchte:„Nichts, als herkommen.“ „Nichts, als herkommen. Und deshalb kam ich. Doch warum,“ ſagte Fledgeby, die Hände in die Taſchen ſteckend und tiefes Sinnen heuchelnd,„warum Riah, als ich ihm ſagte, daß die Lammle's ihn beſchwören ließen, noch mit der Einforderung des Pfandbriefes zu warten, den er über ihr ganzes Hausgeräth beſitzt, aufſprang und hinausrannte, indem er ſagte, er wolle ſogleich wie⸗ der hier ſein, und warum er mich ſo lange hier allein gelaſſen, kann ich mir durchaus nicht erklären.“ Der ritterliche Twem⸗ low, dieſer Ritter vom ein⸗ fachen Herzen, befand ſich nicht in der Lage, ihm hierüber zu einer Aufklä⸗ rung verhelfen zu können. Er war zu reuig, zu zer⸗ knirſcht. Zum erſten Male 66 in ſeinem Leben hatte er eine verſteckte Handlung begangen, und er hatte un⸗ recht gethan. Er hatte ſich’ heimlich dieſem vertrauens⸗ vollen jungen Manne in den Weg geſtellt, und zwar aus keinem andern 4 wahren Grunde, als weil die Art und Weiſe dieſes 4 jungen Mannes nicht die ſeinige war. Aber der vertrauens⸗ 4+ volle Mann ſammelte feux rige Kohlen auf ſein ge⸗ fühlvolles Haupt. 1 „Ich bitte Sie um Vergebung, Mr. Twemlow; aber, ſehen Sie, ich bin mit der Beſchaffenheit der 3 Geſchäfte, die hier verhan⸗. delt werden, vertraut. Kann ich irgend Etwas 4 für Sie thun? Sie ſind jwu durchaus als ein Gentleman erzogen worden und nie 467 als Geſchäftsmann;“ hier ) wäre vielleicht ein aber: maliger Anflug von Impertinenz verneh bar geweſen; „und vielleicht ſind Sie nur ein mittelmäßiger Geſchäfts⸗ mann. Wus ließe ſich wohl anders erwarten!“ „Ich bin der allererbärmlichſte Geſchäftsmann von der Welt, Sir,“ erwiderte Mr. Twemlow.„Ich begreife nicht einmal meine Stellung in der Angelegenheit ganz klar, in der ich hier bin. Aber es ſind Gründe vor⸗ handen, die mir faſt verbieten, Ihren Beiſtand an⸗ zunehmen. Ich trage das größte, das allergrößte Be⸗ denken, mir daſſelbe zu Nutze zu machen. Ich verdiene es nicht.“ Das gute kindliche Geſchöpf! Das auf ſeiner Wan⸗ derung durch die Welt zu einem ſo engen und ſchwach erhellten Pfade verdammt, und nur ſo wenige Flecken auf demſelben fand!. „Sie ſind,“ ſagte Fledgeby,„vielleicht ein wenig zu *¼ hier irgen mit Verg „3 ¹ Biike f daß meil: ſeen Nubzer wohl von dee Geſel Gaſellſha Mr. Ria Tweu feine Sti Der! Sache mi — indem Begrif r Augenblic ereigne, ſ frcherlic aufe von wverſtorber eamten benöthigt Namen g gleich in es ihm ü er nie er die Sun et, bei ſ Großmu ur ſtre b ſtets die laufe de ſeines liches —— wenige Mr. Ri er denſe Summe V Dies u Expediti ennen“ mochte) fführt, da in ſunden, Unſtang Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 474 für ein,— bei 8 ſtolz, um ſich auf den Gegenſtand einzulaſſen— da Sie Twemlow ſchloß, ſchüttelte er das Haupt.„Es gefällt eine Frau als Gentleman erzogen ſind.“ mir nicht, Mr. Twemlow,“ ſagte Fledgeby,„es gefällt annte und„Das iſt es nicht, Sir,“ erwiderte Twemlow.„das mir nicht, daß Riah das Capital eingefordert hat. Falls ohl thun iſt es nicht. Ich hoffe, den Unterſchied zwiſchen ächtem er dazu entſchloſſen iſt, muß es bezahlt werden.“ und falſchem Stolze zu kennen.“„Aber geſetzt, Sir,“ ſagte Twemlow niedergeſchlagen, n.“„Ich ſelbſt beſitze gar keinen Stolz,“ ſagte Fledgeby,„daß es nicht bezahlt werden kann?“ hm ih.„und vielleicht bin ich ſelbſt nicht im Stande, die eine„Dann,“ ſagte Fledgeby,„wiſſen Sie, werden Sie die Ta Sorte von der andern zu unterſcheiden. Aber ich weiß, gehen müſſen. 1 Riah 5 daß dies hier ein Local iſt, wo ſogar ein Geſchäftsmann„Wohin?“ fragte Twemlow matt. ren n all ſeines Verſtandes bedarf, und falls der meinige Ihnen„Ins Gefängniß,“ erwiderte Fledgeby. Worauf 1 ui hier irgendwie von Nutzen ſein kann, ſo ſteht er Ihnen Mr. Twemlow ſein unſchuldiges Haupt auf ſeine Hand auff klen mit Vergnügen zu Dienſten.“ ſtützte und ein kleines Stöhnen des Jammers und der gleic ung„Sie ſind ſehr gütig,“ ſagte Twemlow mit un⸗ Schande ſtöhnte.—. dier 8 ſicherer Stimme.„Aber ich nehme den größten An-„Indeſſen,“ ſagte Fledgeby, dem Anſcheine nach Muth Meer allein ſtand—“ einflößend,„wollen wir hoffen, daß es noch nicht ſo he Twem⸗ rvom ein⸗ befand ſich age, ihm ner Aufklaͤ⸗ „Ich beſitze,“ fuhr Fledgeby mit einem häßlichen Blicke fort,„natürlich nicht die Eitelkeit, mir einzubilden, daß mein Verſtand Ihnen in der Geſellſchaft den gering⸗ ſten Nutzen bringen könnte, aber hier dürfte er Ihnen wohl von Nutzen ſein. Sie ſuchen die Geſellſchaft und die Geſellſchaft ſucht Sie, aber Mr. Riah iſt nicht die ſchlimm iſt. Wenn Sie mir's erlauben wollen, will ich Mr. Riah, wenn er nach Hauſe kommt, ſagen, wer Sie ſind, und daß Sie mein Freund ſind, und will für Sie ſprechen, anſtatt Sie für ſich ſelber reden zu laſſen. Ich bin vielleicht im Stande, es in geſchäftsmäßigerer Weiſe zu thun. Sie werden es mir nicht als eine Dreiſtigkeit zu können. Geſellſchaft. In der Geſellſchaft läßt man nichts über anrechnen?“ g, zu zer- Mr. Riah verlauten, wie, Mr. Twemlow?“„Ich danke Ihnen einmal über das andere, Sir,“ erſten Nale Twemlow erwiderte ſehr verlegen und mit der Hand ſagte Twemlow.„Ich nehme großen, den größten An⸗ en hatte er ſeine Stirne umſchwebend:„Sehr wahr.“ ſtand, von Ihrer Großmuth Gebrauch zu machen, doch Handlung Der vertrauensvolle junge Mann bat ihn, ihm ſeine macht meine Hülfloſigkeit mich nachgeben. Denn ich er hatte un⸗ Sache mitzutheilen. Der unſchuldige Twemlow erzählte kann nicht umhin zu fühlen,— um mich in der mildeſten r hatte ſich— indem er Fledgeby über das, was er zu enthüllen im BWeiſe auszudrücken— daß ich nichts gethan habe, es zu vertrauens⸗⸗ Begriff war, ſtaunen zu ſehen erwartete und keinen verdienen.“ Manne in Augenblick die Möglichkeit ahnte, daß ſich dies jeden Tag„Wo kanner nur ſein?“ murmelte Fledgeby, abermals dlt, und ereigne, ſondern vielmehr ſich geberdete, als ob es eine auf ſeine Uhr ſchauend.„Wozu kann er nur ausgegangen em anderrn fürchterliche Naturerſcheinung ſei, die ſich nur im Ver⸗ ſein? Haben Sie ihn je geſehen, Mr. Twemlow?“ e, als weil laufe von Jahrhunderten einmal zutrüge,— wie er einen„Niemals.“ Leiſe dieſes verſtorbenen Freund beſeſſen, einen verheiratheten Civil⸗„Er iſt dem Ausſehen nach ein ächter Jude, aber in s vicht die beamten mit Kindern, der wegen einer Verſetzung Geldes Geſchäften ein noch ächterer. Er iſt am ſchlimmſten, vertrauens⸗ benöthigt geweſen, und wie er, Twemlow, ihm„ſeinen Namen gegeben“ und zwar mit dem gewöhnlichen, ob— Falls er ruhig iſt, werde ich dies wenn er ruhig iſt. Faſſen Sie ihn zals ein ſehr ſchlimmes Zeichen nehmen. nmelte fe gleich in Twemlow's Augen unglaublichen Reſultat, daß wohl ins Auge, wenn er kommt, und falls Sie ihn uf ſein ge⸗ es ihm überlaſſen geblieben, das zurückzuerſtatten, was ruhig ſehen, ſein Sie nicht zu hoffnungsvoll. Hier kommt t. er nie erhalten hatte. Wie er im Verlaufe von Jahren er!— Er ſieht ruhig aus.“ Sie um die Summe durch kleine Abtragungen vermindert,„da Mit dieſen Worten, die den argloſen Twemlow in Twemlov⸗ er, bei ſeinem beſchränkten feſten Einkommen, das er der eine ſchmerzliche Gemüthsbewegung verſetzten, kehrte Mr. bie, ih bn Großmuth eines gewiſſen Edelmannes zu verdanken habe, Fledgeby wieder an ſeinen früheren Poſten zurück, und ffenheit der 5 zur ſtrengſten Sparſamkeit genöthigt ſei,“ und wie er der alte Mann trat ins Comptoir. bier verhayn.. ſtets die vollen Zinſen gezahlt habe. Wie er im Ver⸗„Ei, Mr. Riah,“ ſagte Fledgeby,„ich glaubte ſchon, wertraut. laufe der Zeit dahin gekommen, dieſe einzige Schuld Sie ſeien verloren gegangen!“ tnd Etwas ſeines ganzen Lebens als ein regelmäßiges vierteljähr⸗ Der alte Mann warf einen Blick auf den Fremden ⸗ Sie find Ä liches Mißgeſchick zu betrachten, und zwar um nichts und ſtand baumſtill. Er ſah, daß ſein Herr ihm ſeine Gentleman weniger, als„ſein Name“ auf die eine oder andere Weiſe Inſtructionen anzudeuten im Begriff ſei und wartete, um — dund mie Mr. Riah in die Hände gefallen, der ihm gemeldet, daß dieſelben klar zu verſtehen. 1 n;“ hier er denſelben durch völlige Abtragung der ganzen runden„Ich glaubte wirklich,“ wiederholte Fledgeby lang⸗ umn; aber. Summe einlöſen oder fürchterliche Folgen erwarten müſſe. ſam,„daß Sie verloren gegangen. Ei, da ich Sie jetzt tein en Dies und eine nebelhafte Erinnerung, wie er nach einer anſchaue— doch nein, Sie können's nicht gethan haben; ar rarte, Expedition gebracht worden, um„die Schuld anzuer⸗ nein, Sie können's nicht gethan haben!“ a Geſhij V kennen“(ſo viel er ſich der Redensart zu erinnern ver⸗ Der alte Mann ſtand mit dem Hute in der Hand won mochte) und wie er dann nach einer andern Expedition und erhob das Haupt mit einem bekümmerten Blicke auf zmann 5 geführt, wo ſein Leben für Jemand verſichert worden, Fledgeby, wie wenn er zu wiſſen wünſchte, welche neue ch begreif 6 der in gewiſſen Beziehungen zu dem Weinhandel ge⸗ moraliſche Laſt ihm aufgelegt werden ſolle. enheit ganz Hründe vot⸗ Zeiſtand an⸗ ergrößte Be⸗ Ich verdiene fene Wan und ſchwa enige Flecken ein wenig zu — ſtanden, und deſſen er ſich vermittelſt des merkwürdigen Umſtandes erinnerte, daß er eine Straduarius⸗Geige und eine Madonna beſeſſen, bildete den Sinn und Inhalt von Mr. Twemlow's Erzählung, durch die der Schatten des fürchterlichen Snigsworth hinſtolzirte, wie er von Wucherern im Nebel als Bürgſchaft erblickt worden und Twemlow mit ſeinem hochadeligen Knüttel bedroht. Alles dies hörte Mr. Fledgeby mit dem beſcheidenen Ernſte eines vertrauensvollen jungen Mannes an, der die ganze Geſchichte bereits vorher gewußt, und wie Mr. „Sie können doch nicht fortgeſtürzt ſein, um allen Andern zuvorzukommen und jenen Pfandbrief auf die Lammle's geltend zu machen?“ ſagte Fledgeby.„Sagen Sie, daß Sie dies nicht gethan haben, Mr. Riah.“ „Sir, ich habe es gethan,“ ſagte der alte Mann mit leiſer Stimme. „O, meine Güte!“ rief Fledgeby.„O, o, ol Du lieber, lieber Himmel! Nun! ich wußte wohl, daß Sie ein harter Geſelle ſeien, Mr. Riah, aber für ſo hart hätte ich Sie doch nicht gehalten.“ Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 476 „Sir,“ ſagte der alte Mann mit großem Unbehagen, „ich thue, was mir geheißen wird. Ich bin hier nicht der Prinzipal. Ich bin nur der Diener eines Vorgeſetzten und habe keine Wahl und keine Macht.“ „Saͤgen Sie das nicht,“ entgegnete Fledgeby, im Geheimen über die Geberde des alten Mannes froh⸗ lockend, der die Hände ausſtreckte, wie um ſich gegen die harte Auslegung vor den beiden fremden Beobachtern zu vertheidigen.„Singen Sie doch nicht immerfort das alte Lied, Mr. Riah. Sie haben das Recht, Ihre aus⸗ ſtehenden Schulden einzufordern, falls es Ihnen beliebt, aber machen Sie nicht denſelben Vorwand, den alle Leute Ihres Faches gebrauchen. Wenigſtens nicht gegen mich. Warum ſollten Sie es wohl verſuchen, Mr. Riah? Sie wiſſen, daß mir Ihre ganze Geſchichte be— kannt iſt.“ Der alte Mann ergriff ſeinen langen Rockſchoß und warf einen prüfenden Blick auf Fledgeby. „Und ſein Sie,“ ſagte Fledgeby,„ich bitte Sie um Alles in der Welt, Mr. Riah, ſein Sie nicht ſo ver⸗ dammt demüthig, denn ich weiß ſehr wohl, was geſchehen wird, wenn Sie das ſind. Schauen Sie her, Mr. Riah. Dieſer Herr iſt Mr. Twemlow.“ Der Jude wandte ſich zu ihm und verbeugte ſich. Jenes arme Lamm verbeugte ſich ebenfalls: höflich und zu Tode geängſtigt. „Es iſt mir ſo vollſtändig mißglückt,“ fuhr Fledgeby fort,„irgend Etwas für meinen Freund Lammle bei Ih⸗ nen auszurichten, daß ich kaum Hoffnung habe, für meinen Freund(und in der That, meinen Verwandten) Mr. Twemlow Etwas bei Ihnen zu erwirken. Aber ich glaube, daß Sie, falls Sie uüͤberhaupt irgend Jemandem eine Gefälligkeit erzeigen könnten, dieſelbe mir erzeigen würden, und es ſoll mir wenigſtens nicht aus Mangel an Verſuch mißlingen,— außerdem habe ich Mr. Twem⸗ low mein Verſprechen gegeben. Nun, Mr. Riah, hier iſt Mr. Twemlow. Stets correct mit ſeinen Zinſenzah⸗- lungen, ſtets pünktlich, ſtets rechtſchaffen. Warum ſollten Sie Mr. Twemlow alſo wohl drängen? Sie können keinen Groll gegen Mr. Twemlow hegen! Warum alſo nicht nachſichtig gegen Mr. Twemlow ſein?“ Der alte Mann ſuchte in Fledgeby's kleinen Augen nach einem Zeichen, nachſichtig gegen Mr. Twemlow ſein zu dürfen; doch fand er kein ſolches Zeichen. „Mr. Twemlow iſt kein Verwandter von Ihnen, Mr. Riah,“ ſagte Fledgeby;„Sie können ſich nicht an ihm rächen wollen, weil er ſein Lebelang den vornehmen Herrn geſpielt und ſeiner Familie angehangen hat. Was kann es Ihnen ausmachen, falls Mr. Twemlow Verach⸗ tung für's Geſchäft hegt?“ „Aber, verzeihen Sie,“ ſagte das ſanfte Opfer,„das thue ich nicht. Ich würde dies als eine Anmaßung be⸗ trachten.“ „Da, Mr. Riah!“ ſagte Fledgeby,„iſt das nicht ſchön geſprochen? Kommen Sie! Sein Sie mir zu Ge⸗ fallen nachſichtig gegen Mr. Twemlow.“ Der alte Mann ſuchte abermals nach einem Zeichen, den armen kleinen Herrn ſchonen zu dürfen. Nein. Mr. Fledgeby beabſichtigte, daß er gefoltert würde. „Es thut mir ſehr leid, Mr. Twemlow,“ ſagte Riah. „Ich habe meine Inſtructionen erhalten. Ich beſitze nicht die Macht, von denſelben abzuweichen. Das Geld muß bezahlt werden.“ „Die volle Summe und baar, meinen Sie das, Mr. Riah?“ fragte Fledgeb)p, um die Sache klarer zu machen. „Die volle Summe, Sir, und ſofort,“ war Riah's Antwort. Mr. Fledgeby ſchüttelte bedauernd das Haupt gegen Twemlow, und drückte, in Bezug auf die ehrwürdige Geſtalt, die vor ihm ſtand, ſtumm die Anſicht aus: „Welch ein Ungeheuer von einem Iſraeliten dies iſt!“ „Mr. Riah,“ ſagte Fledgeby. Der alte Mann erhob nochmals die Blicke zu den kleinen Augen in Mr. Fledgeby's Haupte, mit der be⸗ lebenden Hoffnung, daß das Zeichen ſchließlich doch noch erfolgen werde. „Mr. Riah, es nützt gar nichts, das Factnm ver⸗ bergen zu wollen. Es befindet ſich in Mr. Twemlow's Angelegenheit eine gewiſſe große Perſönlichkeit im Hinter⸗ grunde, und Sie wiſſen dies.“ „Ich weiß es,“ gab der alte Mann zu. „Jebt will ich es Ihnen als eine einfache Geſchäfts⸗ ſache vorlegen, Mr. Riah. Sind Sie(um die Sache aus dem einfachen geſchäftlichen Geſichtspunkte aufzu⸗ faſſen) völlig entſchloſſen, entweder die Bürgſchaft oder das Geld dieſer beſagten großen Perſönlichkeit zu haben?“ „Völlig entſchloſſen,“ antwortete Mr. Riah, wie er das Geſicht ſeines Herrn ſtudirte und dort ſeine Auf⸗ gabe lernte. „Indem Sie ſich um den gewaltigen Spectakel, den dies zwiſchen Mr. Twemlow und der beſagten großen Perſönlichkeit herbeiführen muß, durchaus nicht bekümmern, ſondern ſich vielmehr daran ergötzen?“ ſagte Fledgeby mit eigenthümlicher Salbung. Dies bedurfte keiner Antwort und erhielt deren keine. Der arme Mr. Twemlow, der ſeit Nennung ſeines edlen Anverwandten die ſchneidenſten Seelenqualen verrathen, erhob ſich ſeufzend, um ſich zu verabſchieden.„Ich danke Ihnen aufrichtig, Sir,“ ſagte er, indem er Fledgeby ſeine fieberhaft glühende Hand darreichte.„Sie haben mir einen unverdienten Dienſt geleiſtet. Ich danke Ihnen, ich danke Ihnen.“ „Sprechen Sie nicht davon,“ ſagte Fledgeby.„Es iſt bisher noch nicht geglückt, aber ich will hier bleiben, und es noch einmal mit Mr. Riah verſuchen.“ „Täuſchen Sie ſich nicht, Mr. Twemlow,“ ſagte der Jude, ihn zum erſten Male perſönlich anredend.„Haben Sie keine Hoffnung. Sie dürfen hier keine Nachſicht er⸗ warten. Sie müſſen die volle Summe bezahlen, und Sie können dies nicht zu bald thun, da Ihnen ſonſt ſchwere Koſten daraus erwachſen werden. Erwarten Sie Nichts von mir, Sir. Geld, Geld, Geld.“ Nachdem er mit großem Nachdruck dieſe Worte geſprochen, erwiderte er Mr. Twemlow's noch immer höflichen Gruß, und dieſer liebenswürdige kleine Herr verabſchiedete ſich in tiefſter Niedergeſchlagenheit. Der bezaubernde Fledgeby war, nachdem jener das Comptoir verlaſſen, in ſo luſtiger Stimmung, daß er ans Fenſter treten, ſeine Arme auf die Drahtjalouſie legen, und, mit dem Rücken ſeinem Untergebenen zu⸗ gewendet, ein ſtilles Lachen genießen mußte. Als er ſich mit ruhigem Geſichte wieder umwandte, ſtand ſein Unter⸗ gebener noch an derſelben Stelle, und die Puppen⸗ ſchneiderin ſaß mit einer Miene des Abſcheus hinter derg Thür. „Hollah!“ rief Mr. Fledgeby,„Sie vergeſſen dieſe junge Dame, Mr. Riah, und ſie hat doch ſchon lange genug gewartet. Verkaufen Sie ihr Ihren Abfall und geben Sie ihr gutes Maß, wenn Sie ſich entſchließen können, einmal großmüthig zu ſein.“ Er ſchaute ein Weilchen zu, wie der Jude ihr Körb⸗ chen mit ſolchen Schnitzeln füllte, wie ſie zu kaufen pflegte; da er jedoch wieder einen Anfall von Luſtigkeit verſpürte, war er genöthigt, ſich wieder zum Fenſter umzuwenden und ſeine Arme wieder auf die Jalouſie zu lehnen. 44 ¹ —— * ” 1 7 1 (Sriiche eh! den Nennen 1 ungegnete G hathe!“ *And ſie vollen kein vot ſeinem guimmiges „Sie w ſind der W liebe Lißſi ic wiſen Mr. Wli Nachde hraphien v bei dieſen Der Umſtau beſaß, wel noch einen Kaminen, derattigen Mr. Bofff während diſchen Te Verhältniſſ Anatomiken war, dieſ nicht eiwa fühlte, n ſäumte, deſſen Ge Aunßerdem eine freur Venus n entfeint, mäßig un Daaan haber wa nur das lehrender Plock, un NVanus g jechen laſf haacedur „Dan ſth dirzanü ſicch dei wünſcht, verleßen. Bei gewifſe niemals jeder Be er den lif — deinm ver⸗ Dwemlow's im Hinter⸗ Geſchäfts⸗ die Sache kte aufzu⸗ ſchaft oder u haben?“ Riah, wie ſeine Auf⸗ eetakel, den großen bekümmern, e Fledgeby deren keine. eines edlen verrathen, „Ich danke dgedy ſäne haben mir Ihnen, ich er bleiben, ſagte der nd.„Haben achſicht er⸗ ahlen, und Vhnen ſonſt ſwarten Sie Nachdem er , erwiderte Gruß, und dete ſich in jener das nhtjalouſie ebenen zu⸗ ſein Unter⸗ e Puppen⸗ geſſen dieſe ſchon lange Abfall und entſchleßen de ihr Korb⸗ ufen pflegtei it verſpurte, unzubenden lehnen. Als er ſich ng, daß er hinter der 477 „Da, mein liebes Aſchenbrödel,“ ſagte der alte Mann flüſternd und mit einer kummerkranken Miene, „der Korb iſt jetzt voll. Gott ſei mit Dir! Und jetzt eh!“ 1) Rennen Sie mich nicht Ihr liebes Aſchenbrödel,“ entgegnete Miß Wren.„O, Du grauſame Frau Pathe!“ Und ſie ſchüttelte beim Scheiden ihren nachdrucks⸗ vollen kleinen Zeigefinger ſo ernſtlich und vorwurfsvoll vor ſeinem Geſichte, wie ſie denſelben nur je gegen ihr grimmiges altes Kind geſchüttelt hatte. „Sie ſind gar nicht die Pathe!“ ſagte ſie.„Sie ſind der Wolf im Walde, der böſe Wolf! Und falls meine liebe Lizzie jemals verkauft und verrathen wird, ſo werde ich wiſſen, wer ſie verkauft und verrathen hat!“ Vierzehntes Capitel. Mr. Wegg bringt ZBaumenſchrauben für Mr. Boffin in Bereitſchaſt. Nachdem er noch einige Vorleſungen aus den Bio⸗ graphien von Geizhälſen beigewohnt, wurde Mr. Venus bei dieſen Abenden in der„Laube“ faſt unentbehrlich. Der Umſtand, daß er noch einen Zuhörer für die Wunder beſaß, welche Wegg ihnen enthüllte, oder ſo zu ſagen, noch einen Berechner der Guineen, die in Theetöpfen, Kaminen, Pferderaufen und Stallkrippen und andern derartigen Depoſiten⸗Banken gefunden worden, ſchien Mr. Boffin's Vergnügen um ein Bedeutendes zu erhöhen; während es Silas Wegg, wenngleich er von einem nei⸗ diſchen Temperament war, das ſich unter gewöhnlichen Verhältniſſen gegen eine zu günſtige Begegnung des Anatomikers empört haben würde, ſo ſehr daran gelegen war, dieſen Herrn im Auge zu behalten,— damit er nicht etwa, falls er zu viel allein bliebe, ſich verſucht fühlte, mit dem ihm anvertrauten koſtbaren Documente Streiche zu ſpielen— daß er nie eine Gelegenheit ver⸗ ſäumte, ihn Mr. Boffin als einen Mann zu empfehlen, deſſen Geſellſchaft im höchſten Grade wünſchenswerth ſei. Außerdem erzeigte Mr. Wegg ihm jetzt regelmäßig noch eine freundſchaftliche Aufmerkſamkeit. Er begleitete Mr. Venus nach jeder Vorleſung, nachdem der Beſchützer ſich entfernt, nach Hauſe. Allerdings bat er ebenſo regel⸗ mäßig um die Vergünſtigung, ſich durch den Anblick des Documents erquicken zu dürfen, an dem er ein Theil⸗ haber war; doch unterließ er es nie, zu bemerken, daß nur das große Vergnügen, das er an Mr. Venus' be⸗ lehrender Geſellſchaft finde, ihn wieder nach Clerkenwell gelockt, und daß er, da er ſich wieder einmal durch Mr. Venus' geſellſchaftliche Gaben nach der Stelle habe hin⸗ ziehen laſſen, um Erlaubniß bitten müſſe, jene kleine Procedur, als eine bloße Form, durchmachen zu dürfen. „Denn ſehr wohl weiß ich, Sir,“ pflegte Mr. Wegg hinzuzufügen,„daß ein Mann von Ihrem Zartgefühl ſich bei jeder Veranlaſſung controliren zu laſſen wünſcht, und es ſteht mir nicht an, Ihre Gefühle zu verletzen.“ Bei Mr. Venus machte ſich etwa um dieſe Zeit eine gewiſſe Roſtigkeit bemerkbar, die durch Mr. Wegg's Oel niemals hinlänglich beſeitigt wurde, um ihn nicht bei jeder Berührung knarren und kreiſchen zu machen. Als er den literariſchen Abenden beiwohnte, ging er ſogar ein Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 478 paar Mal ſo weit, Mr. Wegg zu corrigiren, da dieſer ein Wort falſch ausſprach, oder Unſinn aus einem Satze machte; ſo daß Mr. Wegg es für rathſamer hielt, ſich ſeine Aufgabe am Tage anzuſehen und ſeine Vorkeh— rungen zur Umſchiffung der Klippen des Abends zu treffen, auf denen er ſonſt ſcheitern mußte. Er fürchtete ſich beſonders vor der kleinſten anatomiſchen Anſpielung, und pflegte, wenn er einen Knochen vor ſich erblickte, lieber jeden beliebigen Umweg zu machen, als ſich einem perſönlichen Begegnen mit ihm auszuſetzen. Die mißgünſtigen Schickſalsgöttinnen fügten es, daß Mr. Wegg's ſchwacher Nachen eines Abends von viel⸗ ſylbigen Wörtern beſtürmt und in einem wahren Archi— pelagus von ſchweren Wörtern umhergeworfen ward. Da er ſich genöthigt ſah, jede Minute das Senkblei auszu— werfen und mit der größten Vorſicht ſeinen Weg zu taſten, war ſeine Aufmerkſamkeit völlig in Anſpruch ge⸗ nommen. Dieſes Dilemma ward von Mr. Venus be⸗ nutzt, um ein Papierzettelchen in Mr. Boffin's Hand gleiten zu laſſen und den Finger auf ſeine, Mr. Venus', Lippen zu legen.— Als Mr. Boffin Abends zu Hauſe anlangte, fand er, daß das Papier Mr. Venus' Karte und folgende Worte enthielt:„Würde mich freuen, falls Sie mich, in Ihrem eigenen Intereſſe, baldigſt eines Abends gegen Dunkel⸗ werden mit einem Beſuche beehren wollten.“ Schon am folgenden Abend ſchaute Mr. Boffin durch Mr. Venus Ladenfenſter zu den eingemachten Fröſchen herein, und erblickte Mr. Venus, der, ſeiner mit der Geſchwindigkeit eines Mannes auf der Wache gewahr werdend, ihn in das Innere ſeiner Wohnung einzutreten bedeutete. Nachdem er dieſer Aufforderung Folge ge⸗ leiſtet, ward Mr. Boffin eingeladen, ſich auf der Kiſte mit den menſchlichen Miscellen vor dem Kaminfeuer niederzulaſſen, und er that dies, indem er ſich mit be⸗ wundernden Blicken im Laden umſchaute. Da das Feuer niedrig und flackernd brannte und das Zwielicht düſter geworden, hatte es den Anſchein, als ob der ganze Laden⸗ vorrath mit beiden Augen blinzelte, wie Mr. Venus es that. Der franzöſiſche Herr blieb hierin, wiewohl er keine Augen beſaß, nicht zurück, ſondern ſchien, wie die Flamme ſtieg und ſank, ebenſo regelmäßig, wie die glasäugigen Hunde, Enten und Vögel, ſeine Nichtaugen zu öffnen und zu ſchließen. Die großköpfigen Säuglinge thaten ebenfalls das Ihrige, um zu dem allgemeinen Effecte beizutragen. „Sie ſehen, ich habe keine Zeit verloren, Mr. Venus,“ ſagte Mr. Boffin,„hier bin ich.“ „Hier ſind Sie, Sir,“ ſtimmte Mr. Venus bei. „Ich liebe keine Heimlichkeiten,“ fuhr Mr. Boffin fort, „— wenigſtens im Allgemeinen nicht— aber ich zweifle nicht, daß Sie mir gute Gründe anzugeben haben, wes⸗ halb Sie bis hierher geheimnißvoll waren.“ „Ich denke wohl, Sir,“ erwiderte Mr. Venus. „Gut,“ ſagte Mr. Boffin.„Ich nehme an, daß Sie Wegg nicht erwarten?“ „Nein, Sir. Ich erwarte Niemanden, außer der anweſenden Geſellſchaft.“ Mr. Boffin ſchaute ſich rings um, wie wenn er in dieſe incluſive Redensart auch den franzöſiſchen Herrn und den Kreis, in dem dieſer ſich nicht bewegte, mit einſchlöſſe, und wiederholte:„Außer der anweſenden Ge⸗ ſellſchaft.“ „Sir,“ ſagte Mr. Venus,„ehe wir auf die Sache eingehen, muß ich Sie um Ihr Ehrenwort darauf er⸗ ſuchen, daß wir im Vertrauen reden.“ „Warten wir einen Augenblick und erklären wir, was wir mit dem Ausdrucke ſagen wollen,“ antwortete Mr. 4 und ewig im Vertrauen?“ „Ich verſtehe Sie, Sir,“ ſagte Mr. Venus;„Sie meinen, die Sache könne Ihnen, nachdem Sie Kenntniß von derſelben erlangt, als unvereinbar mit Verſchwiegen⸗ heit von Ihrer Seite erſcheinen?“ „Das wäre wohl möglich,“ ſagte Mr. Boffin mit vorſichtiger Miene. „Wahr, Sir. Nun, Sir,“ ſagte Venus, nachdem er ſein ſtaubiges Haar gepackt, um ſeine Gedanken zu ſchärfen,„ſagen wir es in einer andern Weiſe. Ich er⸗ öffne Ihnen die Sache und verlaſſe mich auf Ihre Ehre, daß Sie ohne mein Vorwiſſen Nichts in derſelben unternehmen und meiner nicht darin erwähnen wollen.“ „Das klingt billig,“ ſagte Mr. Boffin.„Dazu bin ich bereit.“ „Dann habe ich Ihr Ehrenwort darauf, Sir?“ „Mein guter Burſch,“ entgegnete Mr. Boffin,„Sie haben mein Wort, und wie Sie dies ohne meine Ehre haben können, iſt mir unbegreiflich. Ich habe in meinem Leben viel Kehricht ſortirt, und nie gefunden, daß dieſe beiden Dinge von einander getrennt gehen. Dieſe Bemerkung ſchien Mr. Venus ein wenig zu beſchämen. Er ſtockte und ſagte dann:„Sehr wahr, Sir,“ und wiederholte nochmals„ſehr wahr, Sir,“ be⸗ vor er den Faden ſeiner Rede wieder aufnahm. „Mr. Boffin, wenn ich Ihnen bekenne, daß ich mich auf einen Vorſchlag einließ, deſſen Gegenſtand Sie waren, und deſſen Gegenſtand Sie nicht hätten ſein ſollen, ſo werden Sie mir hinzuzufügen erlauben und gütigſt in Betracht ziehen, daß ich mich zu jener Zeit in gedrückter Gemüthsſtimmung befand.“ Der goldene Kehrichtmann ſaß da, die Hände über ſeinem dicken Stock gefaltet und das Kinn darauf ge⸗ ſtützt. Ohne den Kopf zu erheben nickte er nur und ſagte mit einem launigen Seitenblick: „Ganz Recht, Venus!“ „Jener Vorſchlag, Sir, war eine Vertrauensverletzung von ſolcher Ausdehnung gegen Sie, daß ich Sie ſogleich davon hätte in Kenntniß ſetzen ſollen. Aber dies that ich nicht, Mr. Boffin, ich ließ mich darin fangen.“ Mr. Boffin nickte, ohne ein Auge oder einen Finger zu bewegen, abermals und wiederholte vollkommen ruhig: „Ganz recht, Venus.“ „Nicht, daß ich je von Herzen Antheil daran ge⸗ nommen,“ fuhr der reuige Anatomiker fort,„oder daß ich mir je etwas Anderes als Vorwürfe darüber gemacht, daß ich die Pfade der Wiſſenſchaft verlaſſen, um die Pfade der—“ er war im Begriff„Schurkerei“ zu ſagen, doch wollte er ſich nicht gern zu hart beurtheilen und ſubſtiturrte deshalb mit großem Nachdruck„Weggerei zu betreten.“ Mr. Boffin erwiderte mit derſelben ruhigen und pfiffigen Miene:„Ganz recht, Venus.“ „Und jetzt, Sir, da ich Sie im Allgemeinen auf die Sache vorbereitet habe, will ich die Einzelnheiten articuliren.“ Mit dieſem kurzen Exordium begann er die Geſchichte des Freundſchaftsbündniſſes und erzählte dieſelbe der Wahrheit gemäß. Man hätte annehmen dürfen, daß dieſelbe Mr. Boffin ein Zeichen der Ueber⸗ raſchung oder des Unwillens oder irgend einer ſonſtigen Gemüthsbewegung entlocken würde, aber ſie entlockte ihm Nichts, als ſeine vorherige Bemerkung:„Ganz recht, Venus.“ „Ich habe Sie in Erſtaunen geſetzt, wie, Sir?“ ſagte Mr. Venus zweifelhaft. Mr. Boffin erwiderte einfach, wie vorher:„Ganz recht, Venus.“ 479 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 480 Das Erſtaunen war jetzt völlig auf der andern Seite. Doch verblieb es ſo nicht lange. Denn als Venus zu Wegg's Entdeckung überging und zu dem Umſtande, daß ſie Beide Mr. Boffin die Flaſche hatten ausgraben ſehen, da wechſelte dieſer Herr die Farbe und ſeine Stellung und wurde außerordentlich unruhig und endete (als Mr. Venus endete) damit, daß er ſich in einem Zuſtande der ſichtlichſten Angſt und Verwirrung befand. „Nun, Sir,“ ſchloß Venus,„Sie wiſſen ſelber am beſten, was ſich in jener Flaſche befand und warum Sie dieſelbe ausgruben und mit ſich fortnahmen. Ich behaupte, Nichts weiter darüber zu wiſſen, als was ich ſah. Alles, was ich weiß, iſt dies: ich bin trotz Allem ſtolz auf meine Kunſt(obgleich dieſelbe mir ein fürchterliches Miß⸗ geſchick zugezogen, das ſeine Wirkung auf mein Herz und, wie ich wohl ſagen darf, auf main Skelett nicht verfehlt hat) und ich wünſche, von müineRunſt zu leben. Sagen wir daſſelbe mit andern Worten, ich wünſche keinen ein⸗ zigen unredlichen Heller durch dieſe Angelegenheit zu verdienen. Ich mache Sie, um meinen Antheil an der Sache wieder gut zu machen, mit Wegg's Entdeckung bekannt, um Sie zu warnen. Meine Anſicht iſt die, daß Wegg nicht durch eine beſcheidene Summe zum Schweigen zu bringen iſt, und ich ſtütze dieſe Anſicht auf den Umſtand, daß er, ſowie er ſeine Macht erkannt, über Ihr Eigenthum zu verfügen anfing. Sie werden ſelber darüber entſcheiden, ob es ſich für Sie der Mühe verlohnt, ihn um jeden Preis zu beſchwichtigen und“ werden danach Ihre Maßregeln treffen. Soviel die Sache mich betrifft, habe ich keinen Preis. Falls jemals die Wahrheit von mir verlangt wird, will ich dieſelbe ſagen, aber ich wünſche nichts weiter darin zu thun zu haben, als ich jetzt gethan habe.“ „Danke, Venus!“ ſagte Mr. Boffin mit einem herz⸗ lichen Händedruck;„danke, Venus, dauke, Venus!“ und dann ging er in großer Aufregung in dem kleinen Laden auf und ab.„Aber ſchauen Sie her, Venus,“ ſagte er nach einer kleinen Weile, indem er ſich nervös wieder niederſetzte:„Falls ich Wegg abzukaufen genöthigt bin, werde ich ihn um Nichts wohlfeiler abkaufen können, weil Sie nicht mehr an der Sache betheiligt ſind. An⸗ ſtatt der Hälfte des Geldes— es ſollte vermuthlich die Hälfte ſein, wie? Sie wollten ſich darein theilen?“ „Es ſollte die Hälfte ſein, Sir,“ antwortete Venus. „Statt deſſen wird er jetzt das Ganze verlangen. Ich werde daſſelbe zu bezahlen haben, wo nicht noch mehr. Denn wie Sie mir zu verſtehen gaben, iſt er ein gewiſſenloſer Hund, ein habgieriger Hallunke.“ „Das iſt er,“ ſagte Venus. „Denken Sie nicht, Venus,“ meinte Mr. Boffin, nachdem er eine Weile in's Feuer geſchaut—;„meinen Sie nicht, daß Sie— ſich vielleicht ſtellen könnten, als betheiligten Sie ſich an der Sache, bis Wegg abgekauft worden, und daß Sie ſich dann das Herz erleichterten, indem Sie mir das einhändigten, was Sie ſich ſelber anzueignen vorgegeben?“ „Nein, das denke ich nicht,“ erwiderte Venus ſehr entſchieden. „Nicht, um Ihr Unrecht wieder gut zu machen?“ meinte Mr. Boffin. 5 „Nein, Sir, nachdem ich es mir reiflich überlegt, ſcheint es mir, daß die beſte Genugthuung, die ich dafür geben kann, von dem breiten Pfade abgewichen zu ſein, darin beſteht, daß ich wieder auf denſelben zurückkehre!“ „Hm!“ ſagte Mr. Boffin ſinnend.„Mit dem breiten Pfade meinen Sie—“ „Ich meine,“ ſagte Venus kurz und entſchieden,„das Recht.“ w “ 431„ „Mit ſh über dem den auf meiner 4 ds Geld de felbe befthen Steueru t Alem ür len de durch die 2 toliſch gem nit dieſer ſich nicht in demſelben nlnd äglichem⸗ uns ich be fangen? S Wann ſol geſagt van Venus wälcher A Hügel ab aufmeriſo Hoffnung dieſes ver „Nich „Wo fragte M „Es i So? es wohl, würde, in „Nein Venns. Fragen fo ließ, das ſagte Ve denn jung Ihr eig anzünde kein an⸗ Weggi halb ni Beine Paar ſtecken, boffi, werden iſt ein ähnlich. Mr. flüſtert, pagnon, behinden .„S ich dm — 4 3n Unſe 8 und endete Amn einem ng dgfand. ſelber an warum Sie ch baß c behaupte ſah. Alles, in ſtolz auf n Herz und, icht verfehlt 8 den. Sagen keinen ein⸗ genheit zu Heil an der Cnideckung cht iſt die dumme zum ieſe Anſicht acht erkannt, Sie werden e der Mühe htigen und“ l die Sache jemals die gelbe ſagen, in zu haben, einem herz⸗ Venus!“ und kleinen Laden 5,“ ſagte er ervös wieder nöthigt bin, ufen können, gt ſind. An⸗ rmuthlich die heilen?“ artete Venus. ze verlangen. wo nicht noch en, iſt er ein Mr. Boffin, — wmelne könnten, als egg abgekauft erleichterten, ie ſich ſelber „Venus ſehr zu machen!“ fi überlegt/ ſſcieden, da 481 Boz, Unſer gemeinſ V Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. „Mir ſcheint,“ ſagte Mr. Boffin mit verletzter Miene über dem Feuer brummend,„daß das Recht, wenn irgendwo, auf meiner Seite iſt. Ich habe weit mehr Anrecht auf das Geld des alten Mannes, als die Krone je auf daſ⸗ ſelbe beſitzen kann. Was war die Krone fuͤr ihn als. Steuern? Wohingegen ich und meine Frau Alles in Allem für ihn waren.“ Mr. Venus, der, mit den Händen am Kopfe daſitzend, durch die Betrachtung von Mr. Boffin's Habgier melan⸗ choliſch gemacht war, murmelte blos, um ſich noch mehr mit dieſer Gemüthsſtimmung zu ſättigen:„Sie wünſchte ſich nicht in dieſem Lichte zu ſehen, noch von Andern in demſelben geſehen zu werden.“. „Und wie ſoll ich leben?“ fragte Mr. Boffin in kläglichem Tone,„wenn ich die Leute mit dem Wenigen, was ich beſitze, abkaufen ſoll? Und wie ſoll ich es an— fangen? Wann ſoll ich mein Geld in Bereitſchaft halten? Wann ſoll ich zu bieten anfangen? Sie haben mir nicht geſagt, wann er ſich auf mich ſtürzen will?“ Venus erklärte, unter welchen Bedingungen und in welcher Abſicht das Stürzen verſchoben worden, bis die Hügel abgetragen ſein würden. Mr. Boffin hörte ihn aufmerkſam an.„Ich nehme an,“ ſagte er mit einem Hoffnungsſtrahle,„daß über die Aechtheit und das Datum dieſes verdammten Teſtaments kein Zweifel obwaltet?“ „Nicht der geringſte,“ ſagte Mr. Venus. „Wo mag daſſelbe augenblicklich aufbewahrt ſein?“ fragte Mr. Boffin in einſchmeichelndem Tone. „Es iſt in meinem Beſitze, Sir.“ „So?“ ſagte Mr. Boffin ſehr eifrig.„Würden Sie es wohl, falls Ihnen eine reichliche Summe geboten würde, ins Feuer ſtecken, Venus?“ „Nein, Sir, das würde ich nicht,“ unterbrach ihn Venus. „Auch nicht es mir übergeben?“ „Das würde daſſelbe ſein. Nein, Sir,“ ſagte Mr. Venus. Der Goldene Kehrichtmann ſchien im Begriff, dieſe Fragen fortzuſetzen, als ſich draußen ein Stampfen hören ließ, das ſich der Thür näherte.„Pſt! hier kommt Wegg!“ ſagte Venus.„Verſtecken Sie ſich dort in der Ecke hinter dem jungen Alligator, Mr. Boffin, und bilden Sie ſich Ihr eigenes Urtheil über ihn. Ich will nicht eher Licht anzünden, als bis er wieder fortgegangen iſt; es wird kein anderes Licht im Zimmer ſein, als die Feuersgluth; Wegg iſt mit dem Alligator wohl bekannt und wird des⸗ halb nicht beſonders auf ihn achten. Ziehen Sie Ihre Beine an ſich, Mr. Boffin, gegenwärtig ſehe ich noch ein Paar Stiefel am Schwanzende des Alligators. Ver⸗ ſtecken Sie Ihren Kopf wohl hinter ſeinem Lächeln, Mr. Boffin, dann werden Sie dort ſehr bequem liegen; Sie werden hinter ſeinem Lächeln reichlich Platz finden. Er iſt ein wenig ſtaubig, aber ſonſt an Farbe Ihnen ſehr ähnlich. Sind Sie untergebracht, Sir?“ Mr. Boffin hatte kaum ſeine bejahende Antwort ge⸗ flüſtert, als Wegg ſchon hereingeſtampft kam.„Com⸗ pagnon,“ ſagte dieſer Herr mit heiterem Weſen,„wie befinden Sie ſich?“ „ So ziemlich,“ erwiderte Mr. Venus. ich damit prahlen könnte.“ „Wirklich!“ ſagte Wegg;„bedaure, Compagnon, daß Sie ſich nicht ſchneller erholen, aber Ihre Seele iſt zu groß für Ihren Körper, das iſt das Unglück. Und wie befindet ſich unſere Waare, Compagnon?“ „Wünſchen Sie dieſelbe zu ſehen?“ fragte Venus. „Wenn Sie ſo gut ſein wollen, Compagnon,“ ſagte Wegg, ſich die Hände reibend.„Ich wünſche, ſie mit Ihnen zuſammen in Augenſchein zu nehmen. Oder mit „Nicht, daß um ſich in unſer Eigenthum zu miſchen. chaftlicher Freund. 482 ähnlichen Worten, die vor Kurzem in Muſik geſetzt worden: „Mit Deinen Augen will ich ſehn, Die meinen ſollen helfen.“ Mr. Venus wandte ſich ab, drehte einen Schlüſſel um und brachte das Document zum Vorſchein, das er in gewohnter Weiſe an dem einen Zipfel feſthielt. Mr. Wegg ließ ſich, den andern Zipfel feſthaltend, auf dem Sitze nieder, den Mr. Boffin erſt ſo kürzlich verlaſſen und durchlief das Document mit den Blicken.„Alles in Ordnung, Sir,“ gab er, in ſeinem Widerſtreben, es fahren zu laſſen, langſam und ungern zu,„Alles in Ordnung!“ Und dann beobachtete er mit gierigen Blicken ſeinen Compagnon, wie dieſer wieder den Rücken wandte und den Schlüſſel umdrehte. „Es giebt vermuthlich nichts Neues!“ ſagte Venus, indem er ſich wieder auf ſeinen niedrigen Seſſel hinter dem Ladentiſche niederſetzte. „Doch, Sir,“ entgegnete Wegg;„es hat heute Mor⸗ gen etwas Neues gegeben. Jener fuchſige alte Gier⸗ hammel—“ „Mr. Boffin?“ fragte Venus mit einem Blicke auf das zwei Ellen lange Lächeln des Alligators. „Den Miſter mag der Henker holen!“ rief Wegg in ſeiner rechtſchaffenen Entrüſtung.„Boffin. Kehricht⸗ Boffin. Jener fuchſige alte Gierhammel, Sir, hat heute Morgen ein gemeines Werkzeug ſeiner Ränke, einen jungen Menſchen, mit Namen Sloppy, in unſern Hof geſchickt, Wahrhaftig, wie ich zu ihm ſage: Was wollt Ihr hier, junger Menſch? Dies iſt ein Privat⸗Hof,“ zieht er einen Zettel von jenem andern Lumpenkerl des alten Boffin aus der Taſche, wegen deſſen ich überſehen wurde:„Sloppy wird hiermit autoriſirt, die Arbeit beim Abtragen der Hügel zu beauf⸗ ſichtigen.“ Das ſcheint mir ziemlich ſtark, wie, Mr. Venus?“ „Bedenken Sie, daß er noch Nichts von unſerem An⸗ rechte an dem Eigenthume weiß,“ ſagte Mr. Venus. „Dann müſſen wir ihm einen Wink darüber zu⸗ kommen laſſen,“ ſagte Wegg,„und zwar einen deutlichen, um ihm einen kleinen Schreck einzujagen. Man gebe ihm einen Zoll und er nimmt gleich eine Elle. Was wird er wohl zunächſt mit unſerm Eigenthume anfangen, falls wir ihn jetzt gewähren laſſen? Ich will Ihnen was ſagen, Mr. Venus, die Sache iſt dieſe: ich muß mich entweder hochmüthig gegen Boffin zeigen, oder ich werde in Stücke zerſpringen. Ich kann mich nicht halten, wenn ich ihn anſehe. Jedesmal, daß ich ihn ſeine Hand in die Taſche ſtecken ſehe, fühle ich, daß er ſie in die meinige ſteckt. Jedesmal, daß ich ihn mit ſeinem Gelde klimpern höre, fühle ich, daß er ſich Freiheiten mit meinem Gelde herausnimmt. Fleiſch und Blut kann dies nicht ertragen. Nein,“ ſagte Mr. Wegg, im höchſten Grade aufgebracht,„ich will noch weiter gehen: ſelbſt ein höl— zernes Bein kann es nicht ertragen!“ „Aber Mr. Wegg,“ ſagte Venus,„es war Ihre eigene Idee, daß er nicht eher angepackt werden ſolle, als bis die Hügel abgetragen ſeien.“ „Aber es war ebenfalls meine Idee, Mr. Venus,“ entgegucte Wegg,„daß er, falls er auf unſerm Eigen⸗ thume umherſchliche und ſchnüffelte, ſofort bedroht und ihm verſtändlich gemacht werden ſolle, daß er kein An⸗ recht an demſelben hat, und daß er unſer Sclave ſein ſolle. War dies etwa nicht meine Idee, Mr. Venus?“ „Allerdings, Mr. Wegg.“ „Allerdings, wie Sie ſagen, Compagnon,“ erwiderte Wegg, durch die bereitwillige Zugabe in beſſere Laune . 483 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund.. 484 1 1———ꝛ—ꝛ—ꝛ——— verſetzt.„Sehr gut. Ich betrachte den Umſtand, daß V nen, daß die dickköpfigen Säuglinge in ihren waſſer⸗ er eines ſeiner beſoldeten Werkzeuge in unſern Hof ge⸗ pflanzt hat, als einen Act des Schleichens und Schnüffelns. Und dafür ſollen ihm die Daumenſchrauben aufgeſetzt werden.“ „Ich muß zugeben, Mr. Wegg, daß es nicht Ihre Schuld war, daß er an jenem Abend mit der Flaſche davonkam,“ ſagte Venus. „Wie Sie ſehr edel bemerken, Compagnon! Allein, es war nicht meine Schuld. Ich hätte ihm jene Flaſche abnehmen ſollen. War es wohl zu dulden, daß er wie ein Dieb in der Nacht daherkam und in einem Haufen zu graben anfing, der weit mehr uns als ihm angehörte (da wir ihn jedes Sandkorns in demſelben berauben könnten, falls er uns nicht für unſere eigene Summe aufkaufte) und Schätze aus den Eingeweiden deſſelben forttrug? Nein, dies war nicht zu erdulden. Und dafür ſollen ihm ebenfalls die Daumenſchrauben aufgeſetzt werden.“ 3 „In welcher Weiſe beabſichtigen Sie dies zu thum, Mr. Wegg?“ „Wie ich ihm die Daumenſchrauben aufſetzen will? Ich gedenke,“ erwiderte dieſer achtungswerthe Mann,„ihn öffentlich zu beſchimpfen, und, falls er, mir ins Auge ſchauend, nur ein Wort zu erwidern wagt, ihm, ehe er noch wieder zu Athem kommen kann, zurufen:„Noch ein Wort, Du ſtaubiger alter Hund, und Du biſt ein Bettler.““ „Geſetzt, er ſagt Nichts, Mr. Wegg?“ „Dann,“ erwiderte Wegg,„werden wir mit ſehr leichter Mühe zu einem Verſtändniſſe kommen, und ich werde ihn ſchnell bändigen und nach Gefallen reiten, Mr. Venus. Ich will ihn einſpannen, und ihn kurz halten und bändigen und mit der Peitſche regieren. Je ſchärfer der alte ‚Kehrichte getrieben wird, deſto beſſer wird er be⸗ zahlen. Und ich beabſichtige, mich hoch bezahlen zu laſſen, Mr. Venus, daß verſpreche ich Ihnen.“ „Sie ſprechen förmlich rachſüchtig, Mr. Wegg.“ „Rachſüchtig, Sir? Bin ich nicht einen Abend nach dem andern für ihn verfallen und untergegangen? Habe ich nicht ſeinetwegen jeden Abend zu Hauſe gewartet, um mich wie einen Kegel aufſtellen und mich mit einer Kugel oder einem Buche, oder was er immer mitzubringen be— liebte, umwerfen und wieder aufſtellen und wieder um⸗ werfen zu laſſen? Ei, ich bin hundert Mal ſo gut als er, Sir; fünfhundert Mal ſo gut!“ Es mochte vielleicht in der boshaften Abſicht, ihn aufzuſtacheln, geſchehen, daß Mr. Venus eine Miene machte, wie wenn er dies bezweifelte. „Was? Habe ich nicht, ich, Silas Wegg, der ich fünfhundert Mal ſo gut bin, als er je werden kann, in jedem Wetter und zu jeder Stunde vor jenem Hauſe ge⸗ ſeſſen, das jetzt zu ſeiner Schande von jenem Günſtlinge des Glücks, jenem Wurm des Augenblicks bewohnt wird,“ ſagte Wegg, auf ſeine ſtärkſten Ausdrücke der Mißbil⸗ ligung zurückverfallend und mit der Hand auf den La⸗ dentiſch ſchlagend,„um auf einen Auftrag oder einen Kunden zu warten? War es nicht vor jenem Hauſe, daß ich ihn zuerſt ſich im Schooße des Ueberfluſſes wälzen ſah, als ich dort zum Broderwerb Penny⸗Balladen ver⸗ kaufte? Und ſoll ich etwa im Staube kriechen, damit er auf mir mit den Füßen trampelt? Nein!“ Unter dem Einfluſſe des Lichtes vom Kaminfener ſpielte ein Grinſen auf dem geſpenſtiſchen. Antlitze des Franzoſen, als wenn er berechnete, wie viele tauſend Ver⸗ räther und Verläumder ſich wohl genau unter denſelben Vorwänden, wie Mr. Wegg, gegen die vom Glücke Be⸗ günſtigten auflehnen. Man hätte ſich faſt einbilden kön⸗ köpfigen Bemühungen, zu berechnen, wie viele Menſchen⸗ kinder vermittelſt deſſelben Verfahrens wohl ihre Wohl⸗ thäter in ihre Beleidiger verwandeln, Purzelbäume ſchlugen. „In dem zwei Ellen langen Lächeln hätte man allenfalls die Worte leſen können:„Alles Dies waren ſchon vor Jahrtauſenden alte Geſchichten dort unten im Schlamme.“ „Doch Ihr ſprechendes Antlitz, Mr. Venus,“ ſagte Mr. Wegg, vielleicht mit einer ſchwachen Wahrnehmung des ſo eben Geſagten,„bemerkt, daß ich langweiliger und aufgebrachter als gewöhnlich bin. That vielleicht zu ſehr dem Brüten hingegeben. Fort mit der Sorge! Sie iſt fort, Sir. Ich habe Ihnen Keinen Beſuch gemacht, und das Reich nimmt wieder feinen Zepter auf. Denn wie das Lied ſagt— indem ſich es Ihrer Berichtigung unterwerfe, Sir— „Wenn das Herz des Menſchen von Sorge voll, Kommt Venus und ſcheuchet allen Groll. Gleich den Tönen der Geige ſo lieblich, ſo ſüß Die Freude erhöht und das Ohr entzückt.“ Gute Nacht, Sir.“ „Ich werde binnen Kurzem in Bezug auf meinen Antheil an dem ſoeben von uns beſprochenen Plane ein Paar Worte mit Ihnen zu reden haben, Mr. Wegg,“ bemerkte Venus. „Meine Zeit, Sir,“ erwiderte Wegg,„gehört Ihnen. Inzwiſchen laſſen Sie uns vollkommen einig darüber ſein, daß ich dem ſtaubigen Boffin nicht die Daumen⸗ ſchrauben aufzuſetzen verſäumen werde. Und wenn ich ſie ihm einmal aufgeſetzt habe, Mr. Venus, ſollen dieſe Hände ihn feſthalten, bis ihm die Funken aus den Augen ſtieben!“ Mit dieſem angenehmen Verſprechen ſtampfte Wegg hinaus und ſchloß die Ladenthür hinter ſich.„Warten Sie, bis ich ein Licht angezündet habe, Mr. Boffin,“ ſagte Venus,„dann werden Sie bequemer dort heraus⸗ kommen.“ Dann, als er ein Licht angezündet und das⸗ ſelbe auf Armslänge emporhielt, kam Mr. Boffin mit einem ſo außerordentlich niedergeſchlagenen Geſichte hinter dem Lächeln des Alligators hervor, daß es nicht nur den Anſchein hatte, als ob der Alligator ſich ganz allein an dem Scherze ergötze, ſondern auch, als ob derſelbe auf Mr. Boffin's Koſten erdacht und ausgeführt worden. „Das iſt ein falſcher Geſelle,“ ſagte Mr. Boffin, in⸗ dem er ſich die Arme und Beine abſtäubte, da der Alli⸗ gator ſich als ziemlich ſchimmelige Geſellſchaft erwieſen. „Das iſt ein fürchterlicher Geſelle.“ „Der Alligator, Sir?“ ſagte Venus. „Nein, Sir, nein. Die Schlange.“ „Sie werden die Güte haben, zu beachten, Mr. Boffin,“ bemerkte Venus,„daß ich ihm kein Wort von meiner Abſicht, aus der Sache auszutreten, ſagte, denn ich wünſchte Sie in keiner Weiſe zu überrumpeln. Aber zu meiner eigenen Genugthuung kann ich nicht zu bald austreten, Mr. Boffin, und ich frage Sie hiermit, wann es Ihnen gelegen ſein wird, mich austreten zu laſſen?“ „Danke, Venus, danke, Venus; aber ich weiß nicht, was ich ſagen ſoll,“ erwiderte Mr. Boffin,„ich weiß nicht, was ich thun ſoll. Er wird ſich auf jeden Fall auf mich ſtürzen. Er ſcheint völlig entſchloſſen, ſich auf mich zu ſtürzen, nicht wahr?“ Mr. Venus meinto, dies ſei offenbar ſeine Abſicht. „Sie dürften vielleicht eine Art von Schutz für mich ſein, wenn Sie dabei blieben,“ ſagte Mr. Boffin;„Sie könnten ſich zwiſchen mich und ihn ſtellen, und mich von ſeiner ſchärfſten Kante bewahren. Meinen Sie nicht, daß Ich habe mich in der ſ Antwort. Wenn ich! wir richts ſize iſt e Sie das Mr. diſe zatt Ich ſagte Mr. ſo iſt dies und dann benſo gut Arbeitshau Mann, Re abkaufen ſich natür ſcheint, ic mich ſtür Mr. rend Mr. hielt wie „Bei zu thun b. ken Sie a Venus gefunden und ihn ner nichte Wegg na ſich nehm „Dan mich ſtün lieber, da daß Sie allein! Mr. feſte Abf zukehren ſich nich bis ſie beſcheide „Wi ſtellen, fragte„ „Könnte fort wätß „Nei zu ſehr „Nic M. Vof Grand d all K 3 ſagte „B mit ein „ 1 dn waſeer Menſchen⸗ hre Wohl— ne ſchlugen n alloncne allenfalls ſd Uſchon vo 5 1 —c lamme.“ dse“ ſagte nehmung liger und mich in der eben. Fort habe Ihnen nint wieden — indem ört Ihnen. ig darüber 3 Daumen⸗ wenn ich ſollen dicſe n aus den mpfte Wegg „Warten r. Boffin,“ ort heraus⸗ t und das Boffin mit te hinter cht nur den nz allein an derſelbe auf worden. Boffin, in⸗ da der Ali⸗ ft erwieſen. achten, Mr. Wort von ſagte, denn u. Aber öt zu bald ie hiermit, ustreten zu weiß nicht, „ich weiß jeden Fall ſen ſich auf le Abſicht. z für mich * 485— Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. Sie ſich ſtellen könnten, als blieben ſie noch bei der Sache, Venus, bis ich Zeit hätte, mich umzuſchauen?“ Venus fragte ſehr natürlicherweiſe, wie lange es Mr. Boffin ungefähr in Anſpruch nehmen werde, ſich umzu⸗ ſchauen?. „Ich weiß es wirklich nicht,“ war die völlig rathloſe Antwort.„Es iſt Alles in einer ſolchen Verwirrung. Wenn ich das Vermögen nie beſeſſen hätte, würde ich mir nichts daraus machen. Doch da ich es einmal be⸗ ſitze, iſt es hart, es wieder hergeben zu müſſen; geſtehen Sie das nicht ſelber ein, Venus?“ Mr. Venus ſagte, er ziehe es vor, Mr. Boffin über dieſe zarte Frage ſelber verfügen zu laſſen. „Ich weiß wirklich nicht, was ich anfangen ſoll,“ ſagte Mr. Boffin.„Falls ich Jemanden zu Rathe ziehe, ſo iſt dies noch eine Perſon mehr, die ich abkaufen muß, und dann bin ich auf dieſe Weiſe ruinirt, und hätte ebenſo gut das Vermögen hingeben und ſogleich ins Arbeitshaus gehen können. Wenn ich meinen jungen Mann, Rokeſmith, zu Rathe zöge, ſo würde ich ihn abkaufen müſſen. Denn früher oder ſpäter würde er ſich natürlich auf mich ſtürzen, wie Wegg es thut. Mir ſcheint, ich kam in die Welt, damit die Leute ſich auf mich ſtürzten.“ Mr. Venus hörte dieſe Klagen ſchweigend an, wäh⸗ rend Mr. Boffin auf und ab trabte und ſich die Taſchen hielt, wie wenn er Schmerzen in denſelben hätte. „Bei Alledem haben Sie noch nicht geſagt, was Sie zu thun beabſichtigen, Venus. In welcher Weiſe geden⸗ ken Sie auszutreten, wenn Sie wirklich austreten? Venus erwiderte, daß er, da Wegg das Document gefunden und ihm übergeben, daſſelbe Wegg zurückgeben und ihn zu unterrichten beabſichtige, daß er, Venus, fer⸗ ner nichts mehr damit zu thun zu haben wünſche und Wegg nach Gefallen damit verfahren und die Folgen auf ſich nehmen müſſe. „Dann wird er ſich mit ſeiner ganzen Wucht auf mich ſtürzen!“ rief Mr. Boffin kläglich.„Ich will lieber, daß Sie ſich auf mich ſtürzen, als er, oder lieber, daß Sie ſich Beide zuſammen auf mich ſtürzen, als er allein!“ Mr. Venus konnte blos wiederholen, daß es ſeine feſte Abſicht ſei, zu den Pfaden der Wiſſenſchaft zurück⸗ zukehren, und ſein Lebelang auf denſelben zu wandeln; ſich nicht eher auf ſeine Nebenmenſchen zu ſtürzen, als bis ſie verſtorben, und dann nur, um ſie nach ſeinem beſcheidenen Vermögen zu artikuliren. „Wie lange würden Sie ſich bewegen laſſen, ſich zu ſtellen, als ob Sie bei der Sache betheiligt blieben?“ fragte Mr. Boffin, ſich mit ſeiner andern Idee begnügend. „Könnten Sie ſich dazu überreden laſſen bis die Hügel fort wären?“ „Nein. Dies würde Mr. Venus' geiſtiges Mißbehagen zu ſehr in die Länge ziehen,“ ſagte er. „Nicht, falls ich Ihnen Grund dafür angäbe?“ fragte Mr. Boffin.„Nicht, falls ich Ihnen guten ausreichenden Grund dafür angäbe?“ Falls Mr. Boffin mit gutem ausreichenden Grunde rechtſchaffenen und untadeligen Grund meine, ſo dürfte dies vielleicht bei Mr. Venus gegen ſeine eigenen Wünſche und Bequemlichkeiten ins Gewicht fallen. Doch müſſe er hinzufügen, daß er keine Möglichkeit ſehe, daß ihm ſolche Gründe aufgewieſen werden könnten. „Kommen Sie zu mir, Venus, beſuchen Sie mich,“ ſagte Mr. Boffin. „Befindet der Grund ſich dort?“ fragte Mr. Venus mit einem ungläubigen Lächeln und Augenblinzeln. „Das kann ſein und kann auch nicht ſein,“ ſagte Mr. Boffin,„wie Sie's eben nehmen mögen. Aber in— zwiſchen treten Sie nicht aus. Schauen Sie her. Thun Sie dies. Geben Sie mir Ihr Wort, daß Sie keine Schritte mit Wegg thun wollen ohne mein Vorwiſſen, gerade wie ich Ihnen mein Wort gegeben habe, Nichts ohne das Ihrige zu thun.“ „Abgemacht, Mr. Boffin!“ ſagte Venus nach kurzem Ueberlegen. „Danke, Venus, danke, Venus! Abgemacht!“ „Wann ſoll ich zu Ihnen kommen, Mr. Boffin?“ „Wann Sie wollen. Je eher, je lieber. Ich muß jetzt gehen. Gute Nacht, Venus.“ „Gute Nacht, Sir.“ „Und gute Nacht der übrigen anweſenden Geſellſchaft,“ ſagte Mr. Boffin, ſich rings im Laden umſchauend.„Sie bilden eine ſeltſame Ausſtellung, Venus, und ich möchte eines Tages nähere Bekanntſchaft mit ihnen machen. Gute Nacht, Venus, gute Nacht. Danke, Venus, danke, Venus!“ Dabei trabte er auf die Straße hinaus und trabte auf ſeinem Heimwege dahin. „Jetzt möcht' ich wohl wiſſen,“ ſann er, ſeinen Stock umarmend, nach, als er emſig weiter trabte,„ob es möglich iſt, daß Venus Wegg zu überliſten gedenkt? Ob er vielleicht, nachdem ich Wegg abgekauft, mich ebenfalls vorzunehmen und mir das Fleiſch bis auf die Knochen abzunagen beabſichtigt!“ Es war ein ſchlauer, argwöhniſcher Gedanke, ganz nach dem Zuſchnitte ſeiner Geizhals⸗Schule, und er ſah ſehr ſchlau und argwöhniſch aus, wie er durch die Straßen dahintrabte. Mehr als ein oder zwei Mal, ja, mehr als zwei oder drei Mal, ſagen wir ein halbes Dutzend Mal, nahm er ſeinen Stock aus dem Arm und verſetzte mit dem Knopfe deſſelben der Luft einen ſchnellen ſcharfen Schlag. Vielleicht befand ſich in ſolchen Augenblicken ein Bild von Mr. Silas Wegg's hölzernem Angeſichte vor ihm, denn er ſchlug mit unendlichem Vergnügen zu. Er befand ſich wenige Straßen von ſeiner Wohnung entfernt, als eine kleine Privatequipage, die aus der ent⸗ gegengeſetzten Richtung kam, an ihm vorüber fuhr, um— kehrte und nochmals an ihm vorüber fuhr. Es war ein excentriſcher kleiner Wagen, denn er hörte denſelben aber⸗ mals hinter ſich ſtill halten, umkehren, und ſah ihn aber⸗ mals an ſich vorüber fahren. Dann hielt ier ſtill, und dann fuhr er fort, bis er nicht mehr zu ſehen war. Je⸗ doch nicht weit, denn als Mr. Boffin an der Ecke ſeiner eigenen Straße anlangte, hielt dort der Wagen. Als er an den Wagen herankam, ſah er das Geſicht einer Dame am Fenſter deſſelben, und er ging eben vor⸗ über, als die Dame ihn leiſe beim Namen rief. „Ich bitt' um Vergebung, Madame?“ ſagte Mr. Boffin, ſtillſtehend. „Es iſt Mrs. Lammle,“ ſagte die Dame. Mr. Boffin trat ans Fenſter und hoffte, Mrs. Lammle befinde ſich wohl. „Nicht ſehr wohl, lieber Mr. Boffin; ich habe mich erregt, indem ich— vielleicht thörichtermaßen— ängſt⸗ lich und beſorgt war. Ich habe eine geraume Zeit auf Sie gewartet. Kann ich mit Ihnen ſprechen?“ Mr. Boffin ſchlug vor, daß Mrs. Lammle ein paar hundert Schritte weiter nach ſeinem Hauſe führe. „Ich möchte dies lieber nicht thun, Mr. Boffin, falls Sie es nicht beſonders wünſchen. Ich fühle das Schwierige und Zarte der Sache ſo tief, daß ich es lieber vermeiden möchte, in Ihrem eigenen Hauſe mit Ihnen zu ſprechen. Sie müſſen dies ſehr, ſehr ſeltſam finden?“— Mr. Boffin ſagte Nein, und meinte Ja. „Es geſchieht, weil ich für die gute Meinung all * 34 486 *. meiner Bekannten ſo dankbar, und durch dieſelbe ſo ge⸗ rührt bin, daß ich den Gedanken, Gefahr zu laufen, dieſelbe zu verlieren, nicht ertragen kann, ſelbſt wenn es im Intereſſe der Pflicht ſein müßte. Ich habe meinen Gatten(meinen lieben Alfred, Mr. Boffin) gefragt, ob es in der That meine Pflicht ſei, und er hat auf das Nachdrücklichſte Ja erwidert. Ich wollte, ich hätte ihn früher gefragt. Es würde mir viel Bekümmerniß er⸗ ſpart haben.“. („Kann dies noch ferneres Auf⸗mich⸗Stürzen zu be⸗ deuten haben!“ dachte Mr. Boffin verblüfft.) „Alfred ſendet mich zu Ihnen, Mr. Boffin. Alfred ſagte: ‚Komm nicht zurück, Sophronia, bis Du Mr. Boffin geſehen und ihm Alles geſagt haſt. Was er immer darüber denken mag, er muß jedenfalls davon unterrichtet werden.. Wäre es Ihnen unangenehm, in den Wagen zu ſteigen?“ Mr. Boffin erwiderte:„Durchaus nicht,“ und ließ ſich an Mrs. Lammle's Seite nieder. „Fahrt langſam irgendwohin,“ rief Mrs. Lammle ihrem Kutſcher zu,„und laßt den Wagen keinen Lärm machen.“ — Mr. Wegg bringt Daumenſchrauben für M. „Es muß noch ferneres Auf⸗mich⸗Stürzen zu be⸗ deuten haben,“ ſprach Mr. Boffin bei ſich.„Was wird es zunächſt geben? Funfzehntes Capilel. Der Goldene Kehrichtmann zeigt ſich von ſeiner ſchlimmſten Heite. Das Frühſtücksmahl war in Mr. Boffin's Hauſe ge⸗ wöhnlich ein ſehr gemüthliches, und Bella führte bei Das Antlitz und ganze demſelben ſtets den Vorſitz. Weſen des Goldenen Kehrichtmannes war bei dieſem Mahle meiſtens heiter und unumwölkt: wie wenn er jeden Tag in ſeinem geſunden und natürlichen Charakter begönne, und es weniger wacher Stunden bedürfte, um ihn zu den verderblichen Einwirkungen ſeines Reichthums zurückzuführen. Man hätte um dieſe Tageszeit leicht annehmen können, daß keine Veränderung in ihm vor⸗ gegangen. Erſt in dem Grade, wie der Tag vorſchritt, zogen die Wolken ſich zuſammen und verdüſterten die Klarheit des Morgens. Man möchte faſt ſagen, daß die Schatten ſeines Geizes und ſeines Mißtrauens ſich verlängerten, wie ſein eigener körperlicher Schatten ſich verlängerte, und daß ihn allmälig die Nacht umzog. Eines Morgens aber, deſſen noch lange nachher ge⸗ dacht werden ſollte, war es bereits ſchwarze Mitternacht, als der Goldene Kehrichtmann ſich zuerſt ſehen ließ. Sein veränderter Charakter war nie ſo ſchroff hervor⸗ getreten. Sein Benehmen gegen den Secretair war ſo voll impertinenten Mißtrauens und frecher Arroganz, daß dieſer aufſtand und den Tiſch verließ, ehe das Früh⸗ ſtück noch zur Hälfte vorüber war. Der Blick, den er der verſchwindenden Geſtalt des Secretairs nachwarf, war von einer ſo liſtigen Bosheit, daß Bella erſtaunt und entrüſtet geweſen ſein würde, ſelbſt wenn er nicht noch ſo weit gegangen wäre, Rokeſmith, wie dieſer die Thür ſchloß, mit der geballten Fauſt zu drohen. Dieſer un⸗ glückſeligſte Morgen aller Morgen des ganzen Jahres war der Morgen nach dem Tage, an dem Mr. Boffin —= Bereitſchaft.(Seite: 483). r. Boffin in eine Unterredung mit Mrs. Lammle in deren kleinem Wagen gehabt. „Bella ſuchte in Mrs. Boffin's Geſichte nach einem Commentar oder einer Erklärung dieſer ſtürmiſchen Laune in ihrem Gatten, doch fand ſie nichts. Eine ſorgenvolle und bekümmerte Beobachtung ihres eigenen Geſichts war Alles, was ſie dort zu entdecken im Stande war. Als ſie endlich allein geblieben— was nicht eher als um Mittag geſchah, denn Mr. Boffin ſaß lange in ſeinem Lehnſeſſel, von dem er ſich von Zeit zu Zeit erhob, um vor ſich hinbrummend und die Fäuſte ballend im Früh⸗ ſtückssimmer auf und ab zu traben— fragte Bella in großer Beſtürzung, was ſich ereignet habe, was es gebe? „Es iſt mir unterſagt, mit Dir davon zu ſprechen, meine liebe Bella; ich darf es Dir nicht ſagen,“ war die einzige Antwort, die ſie erlangen konnte. Doch jedes⸗ mal, wenn ſie in ihrer Verwunderung und Beſtürzung die Blicke zu Mrs. Boffin's Geſicht erhob, ſah ſie dort dieſelbe ſorgenvolle und bekümmerte Beobachtung ihres eigenen Geſichts. Von dem Gefühle bedrückt, daß ihr Kummer bevor⸗ ijlgt ſei bereits d zimmer, 3 und ſiee kowmen. Mes. Sopha u Bella erb und 30g nicht, Me vöſe mit meine 3 ſchieht. git dh wiederholt gitiht. „Ja, ſchicht. 4 Bella falls ſich Mr. Rot augenblit „It hab nücht ger „Ich Sir,“ en giſchloſſen ſehr wah⸗ „Wa iſt, Din hören m H! „ N: teefen,“ umherwa „Da ruhig u 85 Bella männli „Nl junge J Bei Bella des Sc ſchweift noch in Vlitzes gethan. G 488 n ihm vor, J vorſchritt üſterten die ſagen, daß tr 1 trauens ſich chatten ſich unzog. Machher ge⸗ Nätternacht, ſehen ließ rooff hervor. ſtair war ſo 4 Aroganz de das Früh⸗ li den er cwarf, war iſtaunt und nicht noch et die Thür Dieſer p Dieſer un⸗ azen Jahres Mr. Boffin deren kleinem te nach einem niſchen Laune ne ſorgenvolle Geſichts war de war. Al her als um de in ſeinem 1 ethob, um end im Fruͤh aate Bella in was es gebe! mzu ſprechen, ſagen,“ war „Doch jedes⸗ 1n Beſtürzung ſah fie dort zachtung ihres dumm — er hebol⸗ 489 Mrs. Boffin ſie wohl anſchaue, als ob ſie dabei be⸗ theiligt ſei, fand Bella den Tag lang und traurig. Es war bereits ſpät am Nachmittage und ſie in ihrem eigenen Zimmer, als ein Diener von Mr. Boffin zu ihr kam und ſie erſuchte, in Mr. Boffin's Zimmer hinunterzu⸗ kommen. Mrs. Boffin befand ſich dort und ſaß auf einem Sopha und Mr. Boffin trabte auf und ab. Sowie er Bella erblickte, ſtand er ſtill, winkte ihr näher zu kommen und zog ihren Arm durch den ſeinigen.„Fürchte Dich nicht, mein liebes Kind,“ ſagte er ſanft;„ich bin nicht vöſe mit Dir. Ei, Du zitterſt förmlich! Fürchte Nichts, meine liebe Bella. Ich will dafür ſorgen, daß Dir Recht geſchieht.“ „Daß mir Recht geſchieht?“ dachte Bella. Und dann wiederholte ſie in erſtauntem Tone laut:„Daß mir Recht geſchieht, Sir?“ „Ja, ja!“ ſagte Mr. Boffin.„Daß Dir Recht ge⸗ ſchieht. Schickt Mr. Rokeſmith zu mir, Ihr, Sir.“ Bella würde ſich in Verwunderungen verloren haben, falls ſich eine Pauſe dazu geboten; doch der Diener fand Mr. Rokeſmith in der Nähe, und derſelbe erſchien faſt augenblicklich.— „Schließen Sie die Thür, Sir!“ ſagte Mr. Boffin. „Ich habe Ihnen Etwas zu ſagen, das Sie wahrſcheinlich nicht gern hören werden.“ „Ich muß Ihnen zu meinem Bedauern erwidern, Sir,“ entgegnete der Secretair, nachdem er die Thür geſchloſſen und ſich zu ihm umgewandt,„daß mich das ſehr wahrſcheinlich dünkt.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ fuhr Mr. Boffin V ſtehe, und in Muthmaßungen darüber verſunken, warum auf. V„Ich will damit ſagen, daß es mir nichts Neues mehr iſt, Dinge von Ihren Lippen zu hören, die ich lieber nicht hören möchte.“ „O! Darin werden wir vielleicht eine Veränderung treffen,“ ſagte Mr. Boffin, indem er drohend den Kopf umherwarf. „Das hoffe ich,“ erwiderte der Secretair. Er war ruhig und achtungsvoll; doch behielt er dabei, wie es Bella dünkte(und was zu ſehen ihr lieb war), ſeine männliche Würde. junge Dame an meinem Arme an.“ Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. „Nun, Sir,“ ſagte Mr. Boffin,„ſchauen Sie dieſe Bei dieſer plötzlichen Erwähnung ihrer Perſon erhob Bella unwillkürlich die Blicke und dieſe begegneten denen ddes Secretairs. Er war blaß und ſchien bewegt. ſchweiften ihre Augen zu Mrs. Boffin und ſahen dort noch immer denſelben Ausdruck. Derſelbe klärte ſie mit Blitzesſchnelle auf und ſie fing zu begreifen an, was ſie gethan. „Ich ſage Ihnen, Sir,“ wiederholte Boffin, „ſchauen Sie dieſe junge Dame an meinem Arme an.“ „Ich thue dies,“ entgegnete der Secretair. Wie ſein Blick abermals einen Augenblick auf ihr uhte, war es Bella, als ob ſie einen Vorwurf in dem⸗ pjelben ſähe. Doch iſt es möglich, daß der Vorwurf in ihrem eigenen Herzen war. „Wie können Sie ſich unterſtehen, Sir,“ ſagte Mr. Boffin,„ſich hinter meinem Rücken um dieſe junge Dame zu bewerben? Wie können Sie ſich unterſtehen, aus Ihrer Stellung in meinem Hauſe heraustreten zu wollen und dieſe junge Dame mit Ihrer frechen Bewerbung zu verfolgen?“ „Ich muß es ausſchlagen,“ ſagte der Secretair,„Fra⸗ ggen zu beantworten, die in ſo beleidigender Weiſe an b mich gerichtet werden.“ 1 — Dann „Sie ſchlagen es aus, zu antworten?“ entgegnete Mr. Boffin.„Sie weigern ſich, zu antworten, wie? Dann will ich Ihnen was ſagen, Rokeſmith; ich will für Sie antworten. Dieſe Sache hat zwei Seiten, und ich will jede Seite für ſich vornehmen. Die erſte Seite iſt reine Frechheit. Das iſt die erſte Seite.“ Der Secretair lächelte mit einiger Bitterkeit, wie wenn er ſagen wollte:„Das ſehe ich und höre ich wohl.“ „Es war die reinſte Frechheit von Ihnen,“ ſagte Mr. Boffin,„ſelbſt nur an dieſe junge Dame zu denken. Dieſe junge Dame ſtand hoch über Ihnen. Dieſe junge Dame war keine Partie für Sie. Dieſe junge Dame ſchaute nach Geld aus(wie ſie zu thun berechtigt war) und Sie hatten kein Geld.“ Bella ließ den Kopf hängen, und ſchien ſich ein wenig von Mr. Boffin's ſchützendem Arme zurückziehen zu wollen. „Ich möchte wohl wiſſen, was Sie ſind,“ fuhr Mr. Boffin fort,„daß Sie ſich erdreiſten konnten, dieſe junge Dame zu verfolgen? Dieſe junge Dame ſchaute ſich auf dem Markte nach einem guten Angebot um; ſie beab⸗ ſichtigte nicht, einem Menſchen in den Rachen zu fallen, der kein Geld für ſie auszugeben hatte; Nichts, womit er kaufen konnte.“ „O, Mr. Boffin!— Mrs. Boffin, bitte, ſprechen Sie für mich!“ murmelte Bella, indem ſie ihren Arm losmachte und ihr Geſicht mit den Händen bedeckte. „Alte Dame,“ ſagte Mr. Boffin, ihr zuvorkommend, „Du hältſt den Mund. Meine liebe Bella, laß Dich nicht beunruhigen. Ich will dafür ſorgen, daß Dir recht geſchieht.“ Aber das thun Sie nicht, das thun Sie nicht 1 rief Bella mit großem Nachdruck.„Sie thun mir Un⸗ recht, bitter Unrecht!“ „Laß Du Dich nicht beunruhigen, meine Liebe, ent⸗ gegnete Mr. Boffin mit Selbſtgefälligkeit.„Ich will dieſen jungen Mann zur Rede ſtellen. Jetzt alſo, Sie, Rokeſmith. Sie können ſich nicht ſo wohl zu hören als zu antworten weigern, wiſſen Sie. Sie haben mich' ſa⸗ gen hören, daß die erſte Seite Ihres Betragens Frechheit war— Frechheit und Anmaßung. Beantworten Sie mir Eins, wenn Sie's können. Hat dieſe junge Dame Ihnen das nicht ſelbſt geſagt?“ „Habe ich das geſagt, Mr. Rokeſmith?“ fragte Bella, noch immer ihr Geſicht bedeckend.„O, ſprechen Sie, Mr. Rokeſmith! Habe ich das geſagt?“ „Betrüben Sie ſich nicht, Miß Wilfer. jetzt ſehr wenig aus.“ „Ah! Aber Sie können es wenigſtens nicht leugnen!“ ſagte Mr. Boffig mit einem ſchlauen Kopfſchütteln. „Aber ich Me ihn ſeitdem um Vergebung gebeten,“ rief Bella,„und ich würde ihn jetzt noch einmal auf meinen Knien um Vergebung bitten, wenn es ihm helfen könnte!“ Hier brach Mrs. Boffin in Thränen aus. „Alte Dame,“ ſagte Mr. Boffin,„mach' keinen ſol⸗ chen Lärm! Das iſt ſehr weichherzig von Dir, Bella; aber ich gedenke es mit ieſem jungen Manne, da ich ihn jetzt in einem Winkel habe, bis zu Ende durchzuneh⸗ men. Jetzt, Sie, Rokeſmith. Ich ſage Ihnen, das iſt die eine Seite Ihres Betragens— Frechheit und An⸗ maßung. Jetzt komme ich zu der andern, die noch viel ſchlimmer iſt. Es war dies eine Speculation von Ihnen.“ „Dieſe Beſchuldigung weiſe ich mit Entrüſtung zurück.“ „Es nützt Ihnen nichts, ſie zurückzuwei durchaus gar nichts aus, ob Sie ſie zurüch 71 Es macht es macht heiſen oder .—— ͦ—————— 493 4 491 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 492“ b b b— DMNar nu nicht: ich habe einen Kopf zwiſchen den Schultern und„Sehr unglückſelig für Sie, das kann ich Ihnen meine Piuge dies iſt kein Kinderkopf. Was!“ ſagte Mr. Boffin, ſeine verſichern,“ ſagte Mr. Boffin. aucgenoum mißtrauiſchſte Haltung annehmend und ſein Geſicht zu„— iſt durch Niemanden zu bekämpfen, und ich will deſelbe tee einer förmlichen Landkarte von Biegungen und Ecken zu⸗ keine ſo hoffnungsloſe Aufgabe übernehmen. Aber ich„bört i ſammenrunzelnd.„Weiß ich etwa nicht, wie die Leute will ein Wort Wahrheit über die Sache ſagen.“ wo er doch nach einem Menſchen packen, der Geld hat? Wenn ich„Bah! Sie kümmern ſich viel um die Wahrheit,“ pricht! 5 nicht die Augen offen hielte und meine Taſchen zuknöpfte, ſagte Mr. Boffin, ein Schnippchen ſchlagend. dlinzelke würde ich da nicht, ehe ich mich's verſähe, im Arbeits⸗„Noddy! Mein liebſtes Herz!“ ſagte Mrs. Boffin in de Stelle v hauſe ſein? Haben nicht Doncer und Elwes und Hopkins vorſtellendem Tone. Meine und Blewbury Jones, und wer weiß wie Viele noch„Alte Dame,“ erwiderte Mr. Boffin,„Du ſchweigſt. fort, ohne außer ihnen, dieſelben Erfahrungen gemacht, wie ich? Ich ſage zu Rokeſmith hier, daß er ſich viel um die ſcaffenheit Wollte nicht Jeder nach dem greifen, was ſie hatten, und ſie in Armuth und Verderben ſtürzen? Waren ſie nicht gezwungen, Alles was ihnen gehörte zu verſtecken, damit es ihnen nicht entriſſen würde? Natürlich waren ſie das. Man wird mir noch ſagen wollen, daß ſie die menſchliche Natur nicht kannten!“ „Sie! Die Aermſten!“ murmelte der Secretair. „Was ſagen Sie da?“ fuhr Mr. Boffin ihn an. „Indeſſen, Sie brauchen ſich nicht die Mühe zu geben, es zu wiederholen, denn es iſt nicht werth, gehört zu werden, und wird mich nicht überzeugen. Ich will Ihren Plan jetzt vor dieſer jungen Dame bloßſtellen; ich will dieſer jungen Dame eine zweite Anſicht von Ihnen ver⸗ ſchaffen; und nichts, das Sie ſagen können, ſoll mich däran verhindern.(Jetzt paß auf, meine liebe Bella.) Rokeſmith, Sie ſind ein bedürftiger Geſelle. Sie ſind ein Geſelle, den ich von der Straße holte. Sind Sie das, oder ſind Sie's nicht?“ „Fahren Sie fort, Mr. Boffin; fragen Sie mich Wahrheit kümmert.“ „Da unſere Beziehungen zu einander zu Ende ſind, Mr. Boffin,“ ſagte der Secretair,„kann es mir wenig ausmachen, was Sie ſagen.“ „O! Sind Sie ſchlau genug,“ entgegnete Mr. Boffin mit pfiffigem Geſicht,„entdeckt zu haben, daß unſere Be⸗ ziehungen zu einander zu Ende ſind, wie? Aber Sie ſollen mir nicht zuvorkommen. Sehen Sie ſich dies hier in meiner Hand an. Dies iſt Ihr Gehalt, bei Ihrer Entlaſſung. Sie können blos thun was Sie ge⸗ heißen werden. Sie können mich nicht meines Vorranges berauben. Thun Sie nicht, als ob Sie ſelber Ihre Entlaſſung gefordert. Ich entlaſſe Sie.“ „Falls ich überhaupt gehe,“ bemerkte der Secretair, mit einer Handbewegung den Punkt auf die Seite ſchiebend,„iſt mir das Uebrige einerlei.“ 6 „So?“ ſagte Mr. Boffin.„Mir aber nicht, kann ich Ihnen ſagen. Einem Menſchen, hinter deſſen Streiche man gekommen, zu geſtatten, daß er ſelber ſeine Ent⸗ bekenne eb. wenn ich! gehe ich in Jaa nir zurückt von einemn 1 ſüchtigen N din führ achten fort ſeder Lohn zuſtellen i keit verſin höchſte Ra ſicht nur i nir noch fe loſer gemac ſeinem ehe ſ1 S. A.—„angenomn nicht.“ laſſung einreicht, iſt Eins, und ihn wegen Frechheit und a ſein „Ich ſoll Sie nicht fragen,“ entgegnete Mr. Boffin, Anmaßung und wegen böswilliger Anſchläge auf das denjelben wie wenn er dies nicht gethan.„Nein, das ſollt' ich meinen! Es wäre ziemlich komiſch, wenn ich Sie dar⸗ über befragen wollte. Wie ich ſo eben ſagte, Sie ſind ein bedürftiger Geſelle, den ich von der Straße holte. Sie kamen zu mir auf der Straße und baten mich, Sie als meinen Secretair anzunehmen, und ich nahm Sie an. Sehr gut.“ „Sehr ſchlimm,“ murmelte der Secretair. „Was ſagen Sie?“ fuhr Mr. Boffin ihn aber⸗ mals an. Geld ſeines Herrn aus dem Dienſte jagen, iſt ein Anderes. Eins und eins macht zwei, und nicht eins.(Alte Dame, miſche Dich nicht drein. Verhalt' Dich ruhig.“) „Haben Sie Alles geſagt, was Sie mir zu ſagen wünſchen?“ fragte der Secretair. „Das weiß ich noch nicht,“ ſagte Mr. Boffin.„Es kommt darauf an.“ „Sie werden vielleicht in Ueberlegung ziehen, ob Sie mich mit noch ferneren Kraftausdrücken zu beehren wünſchen?“. keinen gr hat.“ „Was zu ſeiner Mr. Vofft nicht zu verlange es immer mögens b Er gab keine Antwort. Nachdem Mr. Boffin ihh„SIch will mir's überlegen,“ ſagte Mr. Boffin hals⸗ ſau ui mit einer komiſchen Miene getäuſchter Neugierde betrach⸗ ſtarrig,„und zwar wenn es mir gelegen iſt, und nicht„Nein tet, ſah er ſich genöthigt, noch einmal anzufangen. Ihnen. Sie wünſchen das letzte Wort zu haben. Es gerade in „Dieſer Rokeſmith iſt ein bedürftiger junger Mann, mag mir aber nicht paſſen, Sie es haben zu laſſen.“„Ha, den ich von der offenen Straße zu meinem Secretair„Noddy! Mein lieber, lieber Noddy! Du biſt ſo zar Hälſt annahm. Dieſer Rokeſmith macht ſich mit meinen An⸗ hart!“ rief die arme Mrs. Boffin, die nicht ganz zu„Jch gelegenheiten bekannt und entdeckt, daß ich dieſer jungen unterdrücken war. wa ich Dame eine Summe Geldes zu vermachen beabſichtige.„Alte Dame,“ ſagte ihr Gatte, doch ohne Härte, Secretai „Oho!“ ſagt dieſer Rokeſmith,“ hier ſchlug Mr. Boffin„wenn Du Dich dreinmiſcheſt, nachdem Du erſucht wor⸗ Wilen j ſich mehrmals mit einer hinterliſtigetsMiene mit dem den, es nicht zu thun, werde ich ein Kiſſen holen und Wilfer be Finger an die Naſe, um Rokeſmith darzuſtellen, wie Dich eemſelben aus dem Zimmer tragen. Was ſn als dieſer ſich vertraulich mit ſeiner eigenen Naſe beſprochen, wünſchen Sie zu ſagen, Sie, Rokeſmith?“ in der T „Dies wird ein guter Fang ſein; ich will danach angeln!'“ Und damit macht dieſer gierige und hungrige Rokeſmith ſich daran, auf Händen und Knieen nach dieſem Gelde „Zu Ihnen, Mr. Boffin, Nichts. Miß Wilfer aber und Ihrer guten, freundlichen Gattin wünſche ich ein Wort zu ſagen.“ in den W ſet hat di ewwäͤhne d zu kriechen. Und zwar keine ſ te Speculation; denn„Dann heraus damit,“ ſagte Mr. Boffin, u jest falls dieſe junge Dame eeſ und weniger machen Sie's kurz, denn wir haben genug von Ihner uhige Selbſtbewußtſein beſeſſen, indem ſie ſich im Geringſten gehabt.“.— werden romantiſchen Gefühlen hingegeben, ſo dürfte er es, beim„Ich habe meine falſche Stellung hier ertragen,“ ſagte„Die heiligen Georg, wahrlich erreicht und den Lohn geerntet der Secretair mit leiſer Stimme,„um nicht von Miß mit pfff haben! Aber glücklicherweiſe war ſie zu klug für ihn, und er ſpielt jetzt, da er bloßgeſtellt iſt, eine hübſche Figur. Wilfer getrennt zu werden. In ihrer Nähe zu ſein iſt mir Tag für Tag eine Entſchädigung für die unverdiente einer B Seht nu Da ſteht er!“ ſagte Mr. Boffin mit lächerlicher In⸗ Behandlung geweſen, die mir hier zu Theil geworden, beht. G conſequer„Sehen Sie ihn an!“. und für die Entwürdigung, die ſie mich oft hat ertragen dieſer ju „S lückſeliger Argwohn, Mr. Boffin—“, be⸗ ſehen. Seit Miß Wilfer meine Bewerbung zurückge⸗ des arme gann d ecretair. wieſen, habe ich dieſelbe, ſoviel ich mir bewußt bin, nie ſammen — 492 *A J hnen ind ich will Aber ich um die V Ende ſind „ 38 mir venig M 9 Mr. Boffin unſere Be⸗ Ab., Ab* Sie 2 ſich dies Nehalt, bei le ge⸗ Vorranges ſelber Ihre icht, kann en Streiche ſeine Ent⸗ techheit und e auf das n Anderes. (Alte Dame, -.) r zu ſagen offin.„Es hen, ob Sie 1 zu beehren Boffin hals⸗ und nicht haben. Es Hlaſſen.“ Du biſt ſo cht ganz zu ohne Härte, erſucht wol⸗ n holen und agen⸗ Was Wilfer aber ſche ich ein fffin, wunl von Ihnent agen,“ ſagte bt von Miß zu ſein iſt „unverdiente eil geworden, hat ertragel ng zurütkge ußt bin, nie — 493 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. wieder durch eine Sylbe oder einen Blick erneuert. Aber meine Hingebung für ſie hat keine Veränderung erlitten, ausgenommen wenn ſie mir's verzeihen will— daß dieſelbe tiefer und beſſer begründet iſt, als ehedem.“ „Hört nur, wie dieſer Burſch„Miß Wilfer“ ſagt, wo er doch nur von Pfunden, Schillingen und Pencen ſpricht!“ rief Mr. Boffin mit einem ſchlauen Augen⸗ blinzeln.„Hört nur, wie dieſer Burſch Miß Wilfer an die Stelle von Pfunden, Schillingen und Pencen ſtellt!' „Meine Gefühle für Miß Wilfer,“ fuhr der Secretair fort, ohne ihn zu beachten,„ſind nicht von einer Be⸗ ſchaffenheit, daß ich mich ihrer zu ſchämen brauchte. Ich bekenne es. Ich liebe ſie. Wohin ich immer gehen möge, wenn ich dieſes Haus verlaſſe, indem ich ſie verlaſſe, gehe ich in ein ödes Leben hinaus.“. „Indem ich die Pfunde, Schillinge und Pence hinter mir zurücklaſſe,“ war Mr. Boffin's Commentar, begleitet von einem abermaligen Augenblinzeln. „Daß ich in Bezug auf Miß Wilfer eines gewinn⸗ ſüchtigen Planes oder gewinnſüchtigen Gedankens unfähig bin,“ fuhr der Secretair noch immer ohne auf ihn zu achten fort,„iſt durchaus kein Verdienſt von mir, denn jeder Lohn, den ich in meiner Einbildungskraft mir vor⸗ zuſtellen im Stande wäre, würde neben ihr in Nichtig— keit“ verſinken. Falls der größte Reichthum und der höchſte Rang ihr gehörte, ſo würde dies in meiner An ſicht nur inſofern von Wichtigkeit ſein, als ſie dadurch mir noch ferner entrückt und ich wo möglich noch hoffnungs⸗ loſer gemacht würde. Angenommen,“ ſagte der Secretair, ſeinem ehemaligen Herrn gerade ins Geſicht ſchauend, „angenommen, ſie könnte Mr. Boffin durch ein einziges Wort ſeines Vermögens berauben und ſelber Beſitz von demſelben nehmen, ſo würde ſie dadurch in meinen Augen keinen größeren Werth erlangen, als ſie bereits für mich hat.“ „Was ſagſt Du jetzt zu dieſem Rokeſmith hier und zu ſeiner Achtung für die Wahrheit, alte Dame?“ ſagte Mr. Boffin in ſpöttiſch neckendem Tone.„Du brauchſt nicht zu ſagen, was Du denkſt, meine Liebe, denn ich verlange nicht, daß Du Dich dreinmiſcheſt, aber Du magſt es immer denken. Was die Beſitznahme meines Ver⸗ mögens betrifft, ſo ſtehe ich Dir dafür, daß er für ſich ſelber nicht daran denken würde, ſelbſt wenn er es könnte.“ „Nein,“ entgegnete der Secretair, ihm abermals gerade ins Geſicht ſchauend. „Ha, ha, ha!“ lachte Mr. Boffin.„Man ſoll nichts zur Hälfte thun.“ „Ich habe mich einen Augenblick von dem Wenigen, was ich zu ſagen wünſche, abbringen laſſen,“ ſagte der Secretair, indem er ſich von ihm abwandte und wieder in ſein früheres Weſen verfiel.„Mein Intereſſe für Miß Wilfer begann, ſowie ich ſie zum erſtenmale erblickt h ja, als ich nur erſt von ihr gehört hatte. D war in der That die Ürſache davon, daß ich mich offin in den Weg warf und in ſeinen Dienſt trat. Wil⸗ fer hat dies bis zu dieſem Augenblicke nie gewußt. Ich erwähne der Sache(obgleich ich hoffe, daß dies unnöthig 7 jetzt nur, um dadurch zubeſtätigen, daß ich von den mutzigen Abſichten frei bin, die mir zugeſchrieben werden.“ „Dies iſt ein ſehr ſchlauer Fuchs,“ ſagte Mr. Boffin mit pfiffiger Miene.„Dies iſt ein Ränkeſchmied von einer Berechnung, wie ich ſie ihm nicht zugetraut hätte. Seht nur, wie ſyſtematiſch und umſichtig er zu Werke geht. Er hört von mir und meinem Vermögen, und von dieſer jungen Dame und ihrem Antheile an der Geſchichte des armen jungen John, und er ſtellt Dies und Das zu⸗ ſammen und ſpricht zu ſich:„Ich will mich an dieſen ſ dihr Geld den Kirchen⸗Wetterhähnen an den eef wirft 221„ 494 Boffin und an dieſe junge Dame machen, und ſie Beide zugleich bearbeiten und dann bei dem Einen oder der Andern meine Schweine zu Markte tragen.“ Ei, ich kann es ihn ſagen hören! Ja, indem ich ihn jetzt an— ſchaue, kann ich es ihn ſagen ſehen!“ Mr. Boffin wies auf den Verbrecher hin, wie wenn er ihn eben dabei ertappte, und ergötzte ſich an ſeinem erſtaunlichen Scharfblicke., „Glücklicherweiſe aber hatte er nicht mit den Leuten zu thun, für die er uns hielt, meine liebe Bella!“ ſagte Mr. Boffin.„Nein! Er hatte es glücklicherweiſe mit Dir zu thun, und mit mir, und mit Daniel und Miß Doncer, und mit Elwes und mit Geier Hopkins und mit Blewbury Jones und mit all den Uebrigen,— ſo— wie der Eine am Boden, ging der Andere auf ihn los. Und er iſt geſchlagen; das iſt er; völlig geſchlagen. Er gedachte Geld von uns zu erpreſſen und hat ſtatt deſſen ſich ſelber um ſeine Stelle gebracht, meine liebe Bella!“ Meine liebe Bella erwiderte nichts und machte kein Zeichen der Beiſtimmung. Als ſie zuerſt ihr Geſicht mit den Händen bedeckt, war ſie mit den Knieen auf einen niedrigen Seſſel geſunken, auf deſſen Rücklehne ſie ihre Hände gelegt, und hatte ſich ſeitdem nicht geregt. Es trat hier ein kurzes Schweigen ein und Mrs. Boffin er⸗ hob ſich, wie um zu ihr zu gehen. Doch hielt Mr. Boffin ſie durch eine Handbewegung hiervon ab, und ſie ſetzte ſich gehorſam wieder nieder und blieb wo ſie war. „Hier iſt Ihr Lohn, Mr. Rokeſmith,“ ſagte der Gol⸗ dene Kehrichtmann, indem er ſeinem ehemaligen Secretair das zuſammengelegte Papierzettelchen zuwarf, das er in ſeiner Hand hielt.„Nach dem, wozu Sie ſich hier er niedrigt haben, denke ich wohl, daß Sie ſich auch ſo weit erniedrigen können, das aufzunehmen.“ „Ich habe mich hier zu nichts Anderem erniedrigt, als dies aufzunehmen,“ entgegnete Rokeſmith, das Zet⸗ telchen vom Boden aufnehmend;„und dies iſt mein, denn ich habe es mir durch die ſchwerſte Arbeit ver⸗ dient.“ „Sie ſind hoffentlich ein ziemlich ſchneller Packer,“ ſagte Mr. Boffin;„denn je eher Sie ſich mit Sack und Pack aus dem Hauſe machen, deſto beſſer wird es für alle Parteien ſein.“ „Sie brauchen nicht zu fürchten, daß ich unnöthig zögern werde.“ „Ich möchte Sie indeſſen um Eins fragen,“ ſagte Mr. Boffin,„ehe wir Sie glücklich loswerden, und wäre es nur, um dieſer jungen Dame zu zeigen, wie einge⸗ bildet ſolche Ränkeſchmiede, wie Sie, ſind, indem ſie denken, daß Niemand dahinterkommen werde, wie ſie ſich ſelber widerſprechen.“. „Fragen Sie, was Sie wollen,“ erwiderte Rokeſmith, „doch befleißigen Sie ſich dabei der Eile, die Sie mir empfehlen.“ „Sie behaupten, eine außerordentliche Bewunderung für dieſe junge Dame zu hegen,“ ſagte Mr. Boffin, in⸗ dem er ſchützend die Hand auf Bella's Haupt legte, ohne jedoch zu ihr herabzuſchauen. „Ich behaupte es nit „O! Sehr gut. Bewunderung für dieſe genau nehmen?“ „nSl. „Wie bringen Sie dies damit in Einklang, daß dieſe junge Dame eine ſchwachſinnige, unkluge Verrückte iſt, die nicht weiß, was ſie ſich ſelber ſchuldig iſt, ſondern gen eine außerordentliche Dame— da Sie es ſo und aus Leibesgewalt dem Armenhauſe zurenn „Ich verſtehe Sie nicht.“ V davon unterrichtet, die einen ſo guten Kopf beſitzt, es nur einen giebt, ————— 495 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 496 V „Nicht? Oder wollen Sie mich vielleicht nicht ver⸗ ſtrom und die Arme ausſtreckend ausrief:„O, Mr. ſtehen? Für was anders hätten Sie dieſe junge Dame wohl halten können, falls ſie auf eine Bewerbung, wie die Ihrige, gehört?“ „Was anders, falls ich das Glück gehabt hätte, Zuneigung zu gewinnen und ihr Herz zu beſitzen?“ „Ihre Zuneigung zu gewinnen!“ entgegnete Mr. Boffin mit unausſprechlicher Verachtung,„und ihr Herz zu beſitzen! Miau— miau, ſagt die Katz', Quak— quak, ſagt die Ente, Wau, wau— wau, ſagt der Hund! Ihre Zuneigung zu gewinnen, ihr Herz zu beſitzen! Miau quak, wau— wau!“ John Rokeſmith ſtarrte Mr. Boffin bei dieſem Aus⸗ bruche an, als ob er einen ſchwachen Verdacht hegte, daß dieſer plötzlich verrückt geworden. „Das, was dieſer jungen Dame zukommt,“ ſagte Mr. Boffin,„iſt Geld, und das weiß dieſe Dame ſehr wohl.“ „Sie verleumden die junge Dame.“ „Sie verleumden die junge Dame; Sie mit Ihren Zuneigungen und Herzen und Faxen,“ erwiderte Mr. ihre arm machen könnten! Rokeſmith, wenn Sie mich nur, ehe Sie gingen, wieder O! Ich bitte und flehe, daß mich Jemand wieder arm macht, oder es wird mir das Herz brechen, wenn dies ſo fort geht! Lieber Pa, mach' mich wieder arm und nimm mich wieder heim! Ich war dort ſchon ſchlecht genug, aber ich bin hier noch weit ſchlechter geworden. Geben Sie mir kein Geld, Mr. Boffin, ich will kein Geld haben. Behalten Sie es, und laſſen Sie mich blos zu meinem guten lieben Pa ſprechen und meinen Kopf auf ſeine Schulter legen und ihm alle meine Noth erzählen. Niemand anders kann mich ver⸗ ſtehen, Niemand anders kann mich tröſten, Niemand an⸗ ders weiß, wie unwürdig ich bin, und kann mich den⸗ noch lieben, wie ein kleines Kind. Ich bin beim Pa beſſer, als bei ſonſt irgend Jemandem— unſchuldiger, trauriger und froher!“ Und mit einem wilden Ausrufe, daß ſie dies nicht ertragen könne, ließ Bella den Kopf an Mrs. Boffin's bereitwillige Bruſt ſinken. John Rokeſmith und Mr. Boffin ſchauten ſie von der Stelle an der ſie ſtanden ſchweigend an, bis ſie ſelbſt Bella wird zu ihrem Kechte verholfen. Boffin.„Es ſteht dies ganz mit Ihrem übrigen Be⸗ nehmen im Einklange. Ich habe erſt geſtern Abend Ihr Thun in Erfahrung gebracht, ſonſt würden Sie ſchon früher von mir Etwas darüber gehört haben, darauf können Sie ſich verlaſſen. Ich ward durch eine Dame wie und ſie kennt dieſe junge Dame, und ich kenne dieſe junge Dame, und wir wiſſen alle Drei, daß ſie nach Geld ausſchaut,— nach Geld, Geld— und daß Sie und Ihre Zuneigungen eine Lüge ſind, Sirl“ „Mrs. Boffin,“ ſagte mith, ſich ruhig zu ihr wendend,„ich ſage Ihnen een wärmſten Dank für Ihre zarte und unveränder Hüte gegen mich. Leben Sie wohl! Miß Wilfer, leben Sie wohl!“ „Und jetzt, meine Liebe,“ ſagte Mr. Boffin, aber⸗ mals ſeine Hand auf ihren Kopf legend,„magſt Du Dich wieder völlig beruhigen, und ich hoffe, Du fühlſt, daß Dir Recht geſchehen. Aber Bella dem Anſcheine nach ſo weit entfernt, dies zu fühlen, ſie vor ſeiner Hand und von dem Seſſel zurückwich, und unter einem heftigen Thränen⸗ b V I V V (Seite: 489.) Dann bemerkte Mr. Boffin in begü⸗ „So, meine Liebe und es iſt Alles i wieder ſchwieg. tigendem und gemüthlichem Tone: es iſt Dir jetzt Recht geſchehen, ſo, Ordnung. Es überraſcht mich nicht, daß dieſer Auftritt mit j Menſchen Dich ein wenig aufgeregt hat, aber es i Alles vorüber, mein liebes Kind, und es iſt Dir geſchehen— und es iſt Alles in Ordnung! Welche Worte Mr. Boffin mit einer höchſt zufriedenen Miene des Zuendegeführthabens und des Endabſchluſſes wiederholte. „Ich haſſe Sie!“ rief a, indem ſie ſich plötzli mit ihrem kleinen Fuße ſtampfend, gegen ihn umwandte —„oder, wenigſtens, denn ich kann Sie nicht haſſen, ich habe Sie nicht lieb!“ „Hol—lah!“ rief Mr. Boffin ſtaunend mit gedämpf⸗ ter Stimme. „Sie ſind ein zankendes, ungerechtes, beleidigendes, widerwärtiges, ſchlechtes altes Geſchöpf!“ rief Bella. „Ich bin böſe auf mein undankbares Selbſt, daß ich Ihnen garſtige Namen gebe; aber Sie ſind es, Sie wiſſen, daß Sie es ſind!“ 4 Bella. M ſhümung ſ llatſche eine Sie ſind K Ma. Bd Wahnſiunsg den Augen „Abi und hatte iſt mir 2 nicht, ob. ein— O großem K weinte „de ſagte Bell Sie kene ein wahre könnte, ſo von Venn Nachd zweiten noch heft und Ich bin v Sie meir bitte Sie Wie wie ſie ſeine Lij Thränen rein und „Jede und Entt ſwith, ha konnte, d Rokeſwit das, wa mir zu ſchlüpfer über m thöricht meint. und Th e von Da ich zu verg „De —1„Ich Sie nich habe, un ſdinzige Lie anmf dhaten das we ſo dand werfen ſinnte hatte, deſſen dieſes werth bedau niedrig d, uiſ „d, M. gen, wieder flehe, daß ird mir das r P 5 rda nach 1 Ich war noch weit Deld, Mr. An ed, und a ſprechen ihm alle a wich ver⸗ Niemand an un mich den U⸗ ein beim Pa unſchuldiger, den Ausrufe, a den Kopf aten ſie von dis ſie ſelbſt offn in begü⸗ meine Liebe, s iſt Alls in dieſer Auftritt eregt hat, aben nd, und es iſt ufriedenen abſchluſſes 1 3 End ich püitg ihn umwande e nicht haffen, mit gedämpf beleidigended ſa rief Bell vl Felbſt, daß ich find 66, O 8 Nr. Boffin ſtierte hierhin und dorthin, als wenn er fürchte, daß er eine Art von Wahnſinnsanfall habe. „Ich habe Sie mit Beſchämung angehört,“ ſagte Bella.„Mit Beſchämung für mich ſelber und mit Be⸗ ſchämung für Sie. Sie ſollten über das niedrige Ge⸗ klatſche einer achſelträgeriſchen Frau erhaben ſein; aber Sie ſind jetzt über Nichts erhaben!“ Mr. Boffin, der jetzt überzeugt ſchien, daß dies ein Wahnſinnsanfall auf ſeiner Seite ſein müſſe, rollte mit den Augen und löſte ſeine Halscravatte. „Als ich hierherkam, achtete ich Sie und ehrte Sie und hatte Sie bald ſehr lieb,“ rief Bella.„Und jetzt iſt mir Ihr Anblick zuwider. Wenigſtens— ich weiß nicht, ob ich ganz ſo weit gehen darf— aber Sie ſind ein— Sie ſind ein Ungeheuer!“ Nachdem ſie mit großem Kraftaufwande dieſen Bolzen abgeſchoſſen, lachte und weinte Bella hyſteriſch zu gleicher Zeit. „Der beſte Wunſch, den ich für Sie haben kann,“ ſagte Bella, zum Angriff zurückkehrend,„iſt der, daß Sie keinen Heller in der Welt beſäßen. Falls irgend ein wahrer Freund und Gönner Sie bankerott machen könnte, ſo würden Sie ein Engel ſein; aber als Mann von Vermögen ſind Sie ein Dämon!“ Nachdem ſie mit noch größerem Kraftaufwande dieſen zweiten Bolzen abgeſchoſſen, lachte und weinte Bella noch heftiger als zuvor. „Mr. Rokeſmith, bitte, warten Sie einen Augenblick. Bitte, hören Sie ein Wort von mir an, ehe Sie gehen! Ich bin von Herzen bekümmert über die Vorwürfe, die Sie meinetwegen zu ertragen genöthigt waren. 3 9 bitte Sie aus tiefſtem Herzen um Verzeihung.“ Wie ſie ſich ihm näherte, trat er ihr entgegen. Und wie ſie ihm ihre Hand reichte, führte er dieſelbe an ſeine Lippen und ſagte:„Gott ſegne Sie!“ Bella's Thränen waren jetzt von keinem Lachen begleitet, ſondern rein und inbrünſtig. „Jedes ungroßmüthige Wort, das ich mit Verachtung und Entrüſtung an Sie habe richten gehört, Mr. Roke⸗ ſmith, hat mich weit tiefer verletzt, als es Sie verletzen konnte, denn ich habe es verdient und Sie nicht. Mr. Rokeſmith, Sie haben dieſen verdrehten Bericht über das, was an jenem Abende zwiſchen uns vorgegangen, mir zu verdanken. Ich ließ mir das Geheimniß ent⸗ ſchlüpfen und war in demſelben Augenblicke ärgerlich über mich, daß ich dies gethan. Es war dies ſehr thöricht von mir, aber gewiß, es war nicht gottlos ge⸗ meint. Ich that es in einem Augenblicke der Eitelkeit und Thorheit— einem von vielen ſolchen Augenblicken — oon vielen ſolchen Stunden, ſolchen Jahren bei mir. Da ich ſo arg dafür beſtraft worden, verſuchen Sie mir zu vergeben!“ „Das thue ich von ganzem Herzen.“ „Ich danke Ihnen. O, ich danke Ihne Sie nicht von mir, bis ich noch ein Wo habe, um Ihnen Gerechtigkeit angedeihen z Das einzige Vergehen, deſſen Sie dafür zu zeihen ſind, daß Sie an jenem Abende zu mir ſprachen, wie Sie es thaten— mit welchem ühl und welcher Nachſicht, das weiß Niemand ſo ich, und ich bin Ihnen ſo dankbar dafür— beſt in, daß Sie ſich der weg⸗ iden chen werfenden Behandlung von einem albernen, weltlich ge⸗ noch mehr iſt!“ fügte Bella, ſinnten Mädchen ausſetzten, der man den Kopf verdr hatte, und das völlig unfähig war, ſich zu dem We deſſen zu erheben, was Sie ihr boten. Mr. Rokeſmith, dieſes Mädchen hat ſich ſeitdem oft in einem bedauerns⸗ werthen, ärmlichen Lichte geſehen, doch nie in einem bedauernswerthen und ärmlichen Lichte, wie jetzt, wo niedrige Ton, in dem ſie— ein eigennütziges und eitl 498 Mädchen— Ihnen antwortete, vor ihren Ohren von Mr. Boffin's Lippen widerhallt.“ Er küßte abermals ihre Hand. „„Mr. Boffin's Reden waren abſcheulich, empörend für mich,“ ſagte Bella, dieſen Herrn durch ein aber⸗ maliges Aufſtampfen erſchreckend.„Es iſt vollkommen wahr, daß es eine Zeit gegeben hat, und zwar ganz kürzlich, wo ich es verdiente, daß mir in dieſer Weiſe „Recht’ verſchafft worden wäre, Mr. Rokeſmith; aber ich hoffe, daß ich es nie wieder verdienen werde!“ Er führte ihre Hand nochmals an ſeine Lippen, ließ dieſelbe dann ſinken und verließ das Zimmer. Bella war im Begriff, zu dem Seſſel zurückzukehren, in dem ſie ſo lange ihr Geſicht geborgen hatte; da ſie aber zu⸗ fällig einen Blick auf Mrs. Boffin's Geſicht warf, ſtand ſie neben ihr ſtill.„Er iſt fort,“ ſchluchzte Bella ent⸗ rüſtet, verzweifelt, in fünfzig verſchiedenen Weiſen, Mrs. Boffin's Nacken mit ihren Armen umſchlingend.„Er iſt auf das Schmachvollſte beſchimpft, auf das Ungerecht⸗ fertigtſte und Schändlichſte vertrieben worden, und ich bin die Urſache davon.“— Während all dieſer Zeit hatte Mr. Boffin über ſeiner gelöſten Halscravatte die Augen gerollt, wie wenn er ſich noch immer unter dem Einfluſſe des Wahnſinnsan⸗ falles befände. Da er jetzt der Anſicht ſchien, daß er ſich zu erholen anfange, ſtierte er eine Weile gerade vor ſich hin, knüpfte ſein Halstuch wieder feſt, that mehrere tiefe Athemzüge, ſchluckte einige Male, und rief ſchließ⸗ lich mit einem tiefen Seufzer, wie wenn er ſich im Gan⸗ zen wohler fühlte:„Nun!“ Mrs. Boffin ſprach kein gutes und kein böſes Wort; aber ſie nahm Bella zärtlich in ihre Arme und ſchaute ihren Gatten an, wie um ſich ſeine Befehle zu erbitten. Mr. Boffin ließ ſich, ohne ihr deren zu ertheilen, ihnen gegenüber auf einem Seſſel nieder, und ſaß dort mit ſtarrem Angeſicht, geſpreizten Beinen, einer Hand auf jedem Knie, und ausgeſtreckten Ellbogen, ſich vorwärts lehnend da, bis Bella ihre Augen trocknen und den Kopf aufrichten würde, was ſie im Verlauf der Zeit endlich that. „Ich muß heimgehen,“ ſagte Bella, ſich. haſtig auf⸗ richtend.„Ich bin Ihnen ſehr dankbar für Alles, was Sie für mich gethan haben, aber ich kann hier nicht bleiben.“ „Mein Herzens⸗Mädchen!“ ſagte Mrs. Boffin in vor⸗ ſtellendem Tone. „Nein, ich kann hier nicht bleiben,“ ſagte Bella.„Ich kann es wirklich nicht.— Pfui! Sie altes boshaftes Ge⸗ ſchöpf!“(Dies zu Mr. Boffin.) „Handele nicht übereilt, mein liebes Herz,“ ſagte Mrs. Boffin bittend.„Ueberlege wohl, was Du thuſt.“ „Ja, überlege es Dir lieber,“ ſagte Mr. Boffin. „Ich werde nie wieder gut von Ihnen denken,“ unterbrach ihn Bella mit tiefer Verachtung in ihren ausdrucksvollen kleinen Augenbrauen, und Streitluſt für den ehemaligen Secretair in jedem Grübchen.„Nein! Nie wieder! Ihr Geld hat Sie in Marmor verwandelt. Sie ſind ein hartherzi eizhalz. Sie ſind ſchlimmer als Doncer, ſchlimmer opkins, ſchlimmer als Black⸗ berry Jones, ſchlimme alle die Elenden. Und was abermals in Thränen aus⸗ brechend, hinzu,„Sie waren des Gentleman, den Sie verloren haben, völlig unwürdig!“ „Wie, Sie wollen doch nicht ſagen, Miß Bella,“ ſagte der goldene Kehrichtmann langſam,„daß Sie Mr. Rokeſmith mit mir vergleichen?“ „Allerdings thue ich das!“ ſagt illion mehr werth, als Sie!“ eella.„Er iſt eine Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 499 Boz, Sie ſah ſehr hübſch aus, wenngleich ſehr zornig, in⸗ dem ſie ſich ſo groß wie möglich machte(was immerhin nicht ſehr groß war) und mit einem hochmüthigen Zurück— werfen des Kopfes ihren Gönner verſtieß.— „Ich möchte lieber ſeine gute Meinung beſitzen,“ ſagte Bella,„ſeloſt wenn er ſich durch Straßenkehren ſein Brod verdiente, als die Ihrige, ſelbſt wenn Sie ihn in einem Wagen von reinem Golde mit Koth beſpritzten. — Da!“. „Nun, wahrhaftig!“ rief Mr. Boffin, ſtierend. „Und ſeit langer Zeit, während Sie ſich über ihn zu erheben glaubten, habe ich Sie immer nur unter ſeinen Füßen erblickt,“ ſagte Bella.„Da! Und ich habe ſtets in ihm den Herrn und in Ihnen den Knecht geſehen. Dal! Und wenn Sie ihn ſo ſchändlich behandelten, nahm ich ſeine Partei und liebte ihn— Da! Und ich rühme mich deſſen!“ Nach dieſem ſtarken Bekenntniſſe erlitt Bella eine Reaction und weinte, das Geſicht auf den Rücken ihres Seſſels lehnend, nach Herzensluſt. „Jetzt, ſchau her, Bella,“ ſagte Mr. Boffin, ſowie er eine Gelegenheit ſah, das Schweigen zu brechen. „Schenke mir Deine Aufmerkſamkeit, Bella. Ich bin nicht böſe.“ „Aber ich bin böſe!“ ſagte Bella. „Ich ſage,“ fuhr der Goldene Kehrichtmann fort, „ich bin nicht böſe, und ich meine es gut- mit Dir und wünſche Dir dies nachzuſehen. Deshalb ſollſt Du bleiben, wo Du biſt, und wir wollen nicht weiter davon reden.“ „Nein, ich kann hier nicht bleiben,“ ſagte Bella, abermals haſtig aufſtehend;„ich kann nicht daran denken, hier zu bleiben. Ich muß für immer nach Hauſe gehen.“ „Sei nicht thöricht,“ ſagte Mr. Boffin in vor⸗ ſtellendem Tone.„Thu' nicht Etwas, was Du nicht ungeſchehen machen kannſt; thu' nicht Etwas, was Du ſicherlich bereuen wirſt.“ „Ich werde es niemals bereuen,“ ſagte Bella.„Und falls ich nach dem, was ſich zugetragen, hier bliebe, würde ich es ſtets bereuen und mich, ſo lange ich lebte, verachten.“ „Laß uns wenigſtens kein Verſehen in der Sache machen, Bella,“ ſagte Mr. Boffin.„Schau wohl vor Dich, ehe Du den Sprung thuſt. Bleib', wo Du biſt, und dann iſt Alles in Ordnung, und Alles, wie es ſein ſollte. Gehſt Du aber fort, ſo kannſt Du nie zurück⸗ kommen.“ „Ich weiß, daß ich niemals zurückkommen kann, und ich beabſichtige das auch nicht,“ ſagte Bella. „Du mußt nicht erwarten,“ ſagte Mr. Boffin,„daß⸗ ich Dir Geld vermachen werde, wenn Du uns in dieſer Weiſe verläſſeſt, denn das fällt mir nicht ein. Nein, Bella, nimm Dich in Acht! Keinen Kupferpfennig.“ „Erwarten!“ ſagte Bella hochmüthig.„Denken Sie, daß irgend eine Macht der Erde mich bewegen könnte, es anzunehmen, Sir?“ Aber hier war Mrs. B. von der ſie ſcheiden mußte, und in der vollen A ung ihrer Würde ſank die empfindſame kleine Seele wieder in ſich zuſammen. Vor dieſer guten Frau auf ihre Kniee ſinkend, warf ſie ſich an ihre Bruſt und weinte und ſchluchzte, und ſchloß ſie mit aller Gewalt in ihre Arme. „Sie ſind eine Liebe, Liebe, die beſte aller Lieben!“ rief Bella.„Sie ſind das Beſte aller menſchlichen Ge⸗ ſchöpfe. Ich kan nen niemals dankbar genug ſein kann Sie nie ver. Und wenn ich blind und tau 2 ſie an⸗ Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 500 würde, ſo weiß ich doch, daß ich Sie bis zu meinem letzten Lebenstage im Geiſte ſehen und hören würde!“ Mrs. Boffin weinte aus vollem Herzen und um⸗ armte ſie mit größter Zärtlichkeit; doch ſagte ſie kein einziges Wort, außer daß ſie ſie ihr liebes Mädchen nannte. Dies ſagte ſie zwar oft genug, denn ſie wieder⸗ holte es einmal über das andere; ſonſt aber ſagte ſie kein Wort. Bella riß ſich endlich von ihr los und war im Be⸗ griff, weinend aus dem Zimmer zu gehen, als ſie in ihrer drolligen liebevollen kleinen Weiſe ſich halb gegen Mr. Boffin erweichte. „Ich freue mich ſehr,“ ſchluchzte Bella,„daß ich Sie ausgezankt habe, Sir, denn Sie haben es vollkommen verdient. Aber es thut mir ſehr leid, Sie ausgezankt zu haben, weil Sie ehedem ſo ganz anders waren. Sagen Sie mir Adieu!“ 5 „Adieu,“ ſagte Mr. Boffin kurz. „Wenn ich wüßte, welche von Ihren Händen am wenigſten verdorben, ſo würde ich Sie bitten, mir die⸗ ſelbe zum Abſchiede zu reichen,“ ſagte Bella.„Doch nicht etwa, weil ich das bereue, was ich zu Ihnen geſagt habe. Denn ich bereue es nicht. Es iſt wahr!“ „Verſuche die linke Hand,“ ſagte Mr. Boffin, die⸗ ſelbe gleichgültig ausſtreckend.„Ich brauche ſie am wenigſten.“ „Sie ſind außerordentlich gut und freundlich gegen mich geweſen, Sir,“ ſagte Bella,„und dafür küſſe ich ſie. Sie ſind ſo garſtig wie nur möglich gegen Mr. Rokeſmith geweſen, und dafür werfe ich ſie von mir. Ich danke Ihnen füͤr mich, und Adieu!“ „Adieu,“ ſagte Mr. Boffin, wie zuvor. Bella umſchlang ihn und küßte ihn und lief dann auf immer hinaus. Sie lief auf ihr Zimmer, ſetzte ſich auf den Boden und vergoß reichliche Thränen. Aber der Tag neigte ſich zu Ende und ſie hatte keine Zeit zu verlieren. Sie öffnete alle Schränke, in denen ſie ihre Kleider aufbe⸗ wahrt hatte, wählte nur diejenigen unter denſelben her⸗ aus, die ſie mitgebracht hatte, und aus denen ſie ein großes ungeſtaltes Bündel anfertigte, das ſpäter abge⸗ holt werden ſollte. „Ich will kein einziges der übrigen Kleider mitnehmen,“ ſagte Bella, indem ſie in der Strenge ihres Entſchluſſes ihr Bündel mit einem ſehr feſten Khoten zuſammen⸗ ſchnürte.„Ich will alle Geſchenke zurücklaſſen und ganz wieder von vorn anfangen.“ Um dieſen Entſchluß in ſeiner ganzen Ausdehnung durchzuführen, vertauſchte ſie das Kleid, welches ſie trug, gegen dasjenige, in dem ſie in dieſem ſtolzen Palaſte angelangt war. Selbſt der Hut, den ſie aufſetzte, war derjenige, mit dem ſie in Hollo die Boffinſche Caroſſe eingeſtiegen. . i ich fertig,“ ſagte Bella.„Es iſt ein weni aber ich habe meine Augen in kaltem Waſſ t und will jetzt nicht mehr weinen. Du liebes en biſt mir ein behaglicher Aufenthalt ge⸗ weſen. Adieu, wir werden einander niemals wieder⸗ ſehen.“ Dem Stübchen zum ein Kußfingerchen zu⸗ werfend, ſchloß ſie leiſe d und ging leichten Fußes die große Treppe hinunter, indem ſie hin und wieder ſtand lauſchte, um jedem Begegnen vorzubeugen. ieß ſich zufällig Niemand ſehen und ſie langte un⸗ bemerkt im Hausflur an. Die Thür des Zimmers, wel⸗ ches der ehemalige Secretair bewohnt, ſtand offen. Sie ute im Vorübergehen hinein und ſchloß aus der Leere ſeinem Tiſche und dem allgemeinen Ausſehen des mergeräths, daß er bereits fortgegangen. Sie öffnete —. der nächſten wir Athem würde ich 1 lieber Helze Franenämm 5 Die Ei Anblick, alc entlang ging griff die Se Tag zu ma heimgegangen gleichen zu t hatten ein a ermüdetes A Millionen Fü die Tagebver zu beruhigen gen gebracht ſchien noch i eher den Ei eines Rieſen Kräfte zu er Wennglei England anſ es ſein wür Kupferſchauf nicht in gel⸗ bedeutend zu halb geſtalt Geld befan der würzig zu Muthe lade geöffne Eine ä Obhut hat wiſchend, Wtigkeit beſc ſchaft der Verſicherun geſchaut, un das Conpt Uh Dieſes Con neben einen ſcch denſelb iih iegend und nach; mand and Fenſter ſit ſich zu me Da fi ſhung au Dantität ſie dieſe G — ſe ich ſie. okeſinith ch danke ehmen,“ ziſt ein m kaltenn 1. Du halt ge⸗ wieder⸗ cchen zu⸗ en Jußes d wieder zubeugen. ngte un⸗ ers, wel⸗ leiſe die große Hausthür und ſchloß ſie eben ſo leiſe 501 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 502 hinter ſich, und dann wandte ſie ſich um und küßte die Außenſeite jener unempfindlichen alten Zuſammenſetzung von Holz und Eiſen! Und darauf lief ſie geſchwinde von dem Hauſe fort. „Das war wohl gethan!“ keuchte Bella, als ſie in der nächſten Straße ihre Schritte mäßigte.„Falls ich mir Athem genug gelaſſen, um weinen zu können, ſo würde ich wieder geweint haben. Jetzt, mein armer lieber Herzens⸗Papa, ſollſt Du Dein wunderſchönes Frauenzimmer ganz unerwartet zu ſehen bekommen.“ Hechszehntes Capitel. Der Schmaus der drei Kobolde. Die City gewährte einen ziemlich hoffnungsloſen Anblick, als Bella die knirſchenden Straßen derſelben entlang ging. Die meiſten Geldmühlen waren im Be— griff die Segel einzuziehen, oder hatten bereits für den Tag zu mahlen aufgehört. Die Müllermeiſter waren heimgegangen und die Müllergeſellen im Begriff, des- gleichen zu thun. Die Geſchäftshöfe und Durchgänge hatten ein abgehetztes und ſogar das Steinpflaſter ein ermüdetes Ausſehen, verwirrt durch die Schritte von Millionen Füßen. Es bedurfte der Nachtſtunden, um die Tagesverwirrung eines ſo fieberhaft aufgeregten Ortes zu beruhigen. Das Getöſe des ſo eben erſt zum Schwei⸗ gen gebrachten Schwirrens und Klapperns der Geldmühlen ſchien noch in der Luft zu ſchweben, und die Stille machte eher den Eindruck, als ob ſie die Folge der Erſchöpfung eines Rieſen ſei, als die Ruhe eines Menſchen, der ſeine Kräfte zu erneuen wünſche. Wenngleich Bella, indem ſie die mächtige Bank von England anſchaute, den Gedanken hatte, wie angenehm es ſein würde, ein Stündchen dort mit einer blanken Kupferſchaufel im Gelde arbeiten zu dürfen, war ſie doch nicht in geldgieriger Stimmung. In dieſer Beziehung bedeutend zu ihrem Vortheile verändert, und mit gewiſſen halb geſtalteten Bildern, in deren Compoſition ſich wenig Geld befand, vor ihren glänzenden Augen, langte ſie in der würzigen Region von Mincing Lane an, wo es ihr zu Muthe war, als ob ſie ſo eben eine Apotheken⸗Schub⸗ lade geöffnet. Eine ältliche Frau, welche die Comptoirs unter ihrer bhut hatte, und in dieſem Augenblicke, ſich den Mund wiſchend, aus einer Schenke kam— indem ſi tigkeit beſagten Mundes nach natürlichen, i ſchaft der Phyſik wohlbekannten Grundſätze Verſicherung erklärte, daß ſie nur eben zur geſchaut, um zu ſehen, wie viel Uhr es ſei— das Comptoir von Chickſey, Veneering und Stobbles. Dieſes Comptoir war in einem glasäugigen Erdgeſchoſſe neben einem dunklen Thor elegen, und wie Bella ſich demſelben näherte, ü ſie, ob es wohl in der City irgend eine Formel gebe, nach der ſie hineingehen und nach R. Wilfer fragen könne, als ſienplötzlich nit mand anders als R. Wilfer ſelbſt an eine r d Fenſter ſitzen ſah, im Begriff, eine leichte Erfriſchung ſich zu nehmen. Da ſie näher kam, bemerkte Bella, daß dieſe ſchung aus einem kleinen Weißbrode und einer g Quantität Milch beſtand. In demſelben Augenbli ſie dieſe Entdeckung machte, entdeckte ihr Vater ſie u Stück Papier auf dem Fenſterſims ſervirt. haben. weckte die Echos von Mineing Lane, daß ſie ein„Du meine Güte!“ erſchallen ließen. Dann kam er cherubiſch ohne Hut herausgeflogen und umarmte ſie, und führte ſie hinein.„Denn es iſt nach den Geſchäftsſtunden und ich bin ganz allein, mein liebes Kind,“ erklärte er,„und nehme— wie ich dies zuweilen thue, nachdem ſie Alle fortgegangen ſind— einen ruhigen Thee zu mir.“ Nachdem ſie ſich im Comptoir umgeſchaut, wie wenn daſſelbe eine Zelle und ihr Vater ein Gefangener ge⸗ weſen, herzte und erſtickte Bella ihn nach Herzensluſt. „Ich war mein Lebtage nicht ſo überraſcht, liebes Kind!“ ſagte ihr Vater.„Ich vermochte meinen Augen kaum zu trauen. Ich glaubte, auf mein Wort, daß ſie ſich dem Lügen ergeben! Daß Du ſelber hier in dieſen Hof herunterkommen mußteſt! Warum ſchickteſt Du nicht den Diener in den Hof herunter, mein liebes Kind?“ „Ich habe keinen Diener mitgebracht, Pa.“ „O, wirklich! Aber Du haſt doch die elegante Equipage mitgebracht, mein liebſtes Kind?“ „Nein, Pa.“ „Du kannſt doch nimmer zu Fuße gekommen ſein, mein liebes Kind?“ „Doch, Pa.“ Er ſah ſo außerordentlich erſtaunt aus, daß Bella ſich nicht entſchließen konnte, ihm ſchon ſogleich die Wahrheit zu ſagen. „Und die Folge davon iſt, Pa, daß Dein wunder⸗ ſchönes Franenzimmer ſich ein wenig angegriffen fühlt, und ſehr gern Deinen Thee mit Dir theilen würde.“ Das Weißbrödchen und die Milch waren auf einem Das che⸗ rubiſche Taſchenmeſſer, auf deſſen Spitze ſich noch das erſte Stückchen Brod befand, lag daneben, wie er es haſtig bei Seite geworfen hatte. Bella nahm das Stück⸗ chen Brod und ſteckte es in den Mund.„Mein liebes Kind,“ ſagte ihr Vater,„daß Du an einem ſo beſchei⸗ denen Mahle theilnehmen mußteſt! Doch ſollſt Du wenig⸗ ſtens Dein Weißbrödchen und Deine Milch für Dich Einen Augenblick, mein Kind. Die Milchfrau wohnt gerade gegenüber und um die Ecke.“ Ohne auf Bella's Abreden zu achten, eilte er hinaus und kehrte ſehr bald mit dem neuen Vorrathe zurück. „Mein liebes Kind,“ ſagte er, indem er denſelben auf einem zweiten Stück Papier vor ihr ſervirte,„daß eine prachtvolle—!“ und dann ſchaute er ihre Geſtalt an und ſchwieg plötzlich. „Was giebt es, Pa?“ „— daß eine prachtvolle Dame,“ fuͤhr er langſamer fort,„an einem ſo beſcheidenen Mahle theilnehmen mußte! Iſt das ein neues Kleid, mein liebes Kind?“ „Nein, Pa, ein altes. Erinnerſt Du Dich deſſelben nicht?“ „Nun, es war mir, als ob ich mich ſeiner erinnerte, mein liebes Kind!“ „Das ſollteſt Du wohl, denn Du haſt es gekauft, „ Pa. „Ja, es war mir, hätte ich es gekauft, mein Kind!“ ſagte der Cherub, ſich ein wenig ſchüttelnd, wie um ſeine Geiſtesfähigkeiten zu erwecken. „Biſt Du ſo wankelmüthig geworden, daß Dir Dein eigener Geſchmack nicht mehr gefällt, Pa, Du Lieber?“ „Nun, meine Liebe,“ erwiderte er, mit beträchtlicher Anſtrengung ein Stück Brod verſchluckend, denn daſſelbe ſchien auf halbem Wege ſtecken bleiben zu wollen:„ich hätte es unter gegenwärtigen Verhältniſſen kaum für glänzend genug gehalten.“ 3 „Und Du trinkſt hier alſo,“ ſagte Bella, ſich ſchmei⸗ * 32* chelnd an ſeine Seite ſetzend,„zuweilen Deinen ruhigen Thee, wenn Du allein biſt, Pa? Ich bin Dir doch nicht beim Trinken im Wege, wenn ich ſo den Arm um deinen Nacken ſchlinge, Pa?“ „Ja, mein liebes Kind, und nein, mein liebes Kind. Ja auf die erſte Frage, und ſicherlich nein auf die zweite. Was den Thee betrifft, mein liebſtes Töchterchen, ſo ſind die Tagesbeſchäftigungen hier zuweilen ein wenig er⸗ müdend, ſiehſt Du; und wenn ich nichts zwiſchen den Tag und Deine Mutter ſchiebe, ſo iſt ſie ebenfalls zu⸗ weilen ein wenig ermüdend.“ „Ich weiß wohl, Pa.“ „Ja, mein liebes Kind., Deshalb ſchiebe ich zuweilen einen ruhigen Thee hier am Fenſter und ein wenig fried⸗ liche Betrachtung des Hofes(die etwas Beruhigendes für die Nerven hat) zwiſchen den Tag und die häus⸗ liche—“ „Glückſeligkeit,“ ſagte Bella kummervoll. „Und die häusliche Glückſeligkeit,“ ſagte ihr Vater, völlig zufrieden mit der Redensart. Bella küßte ihn.„Und hier in dieſem garſtigen düſteren Gefängniſſe bringſt Du alſo Dein Leben zu, Du armer Lieber, wenn Du nicht zu Hauſe biſt?“ „Wenn ich nicht zu Hauſe bin, oder nicht auf dem Wege dorthin, oder auf dem Wege hieher, mein liebſtes Kind, ja. Du ſiehſt jenes Pult in der Ecke dort?“ „In der dunklen Ecke dort, vom Lichte ſowohl als vom Kamine am weiteſten entfernt. Das ſchäbigſte von all den Pulten hier?“ „Fällt es Dir wirklich in dieſer Weiſe auf, mein liebes Kind?“ ſagte ihr Vater, indem er den Punkt mit künſt⸗ leriſch beurtheilender Miene und den Kopf auf die Seite neigend betrachtete.„Ja, das iſt das meinige. Es wird Rumty's Vogelſtange genannt.“ „Weſſen Vogelſtange?“ fragte Bella mit großer Ent⸗ rüſtung. 4 „Rumty's. Sie nennen es eine Vogelſtange, da es ziemlich hoch zwei Stufen hinaufgeht, ſiehſt Du. Und ſie nennen mich Rumty.“ „Wie können ſie ſich das unterſtehen!“ rief Bella aus. „Sie ſcherzen, meine liebe Bella; ſie ſcherzen. Sie ſind alle mehr oder weniger jünger als ich, und ſie ſind muthwillig. Was macht es aus? Sie könnten mich „Brummer“ oder„Murrkopf“ nennen, oder fünfzig un⸗ angenehme Dinge, die ich wirklich nicht genannt werden möchte. Aber Rumty! Du mein Himmel, warum wohl nicht Rumty?“ Dieſer ſanften Natur, die durch alle ihre Launen hin⸗ durch ſeit ihrer Kindheit der eine Gegenſtand ihrer Ach⸗ tung, Liebe und Verehrung geweſen, eine ſo ſchwere Ent⸗ täuſchung zu bereiten, ſchien Bella die ſchwerſte Aufgabe dieſes ſchweren Tages zu ſein.„Es wäre beſſer geweſen,“ dachte ſie,„wenn ich es ihm gleich zu Anfang geſagt hätte. Ich hätte es ihm ſoeben ſagen ſollen, als er einen kleinen Verdacht ſchöpfte; er iſt jetzt wieder ganz glücklich, und ich werde ihn ſchrecklich unglücklich machen.“ Er hatte ſich mit der behaglichſten Gelaſſenheit an ſein Brod und ſeine Milch cht, und Bella hattte ſich, indem ſie ihn ein wenig feſt it dem Arme umſchlang, und zugleich mit der unwiderſtehlichen Gewohnheit ihres ganzen Lebens ſein Haar emporſtrich, eben angeſchickt zu ſagen:„Du lieber Pa, werde nicht traurig, aber ich muß Dir etwas Unangenehmes ſagen!“ als er ſie plötzlich in der unerwartetſten Weiſe unterbrach. „Du meine Güte!“ rief er aus, wie zuvor die Echos uen Mincing Lane erweckend.„Dies iſt ganz erſtaun⸗ i 1 * „Was, Pa?“ Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. „Ei, dort kommt Mr. Rokeſmith!“ „Nein, nein, Pa, nein,“ rief Bella höchſt erregt. „Sicherlich nicht!“ „Doch, dort iſt er! Schau her!“ In der That, Mr. Rokeſmith ging nicht nur am Fenſter vorüber, ſondern kam ſogar ins Comptoir herein. Und er kam nicht nur ins Comptoir herein, ſondern eilte, da er ſich dort mit Bella und deren Vater allein ſah, auf Erſtere zu und zog ſie, mit den entzückten Worten: „Mein liebes, liebes Mädchen; mein braves, großmüthiges, uneigennütziges, muthiges, edles Mädchen!“ heftig an ſeine Bruſt. Und ſelbſt nicht nur dies(und man hätte wohl annehmen dürfen, daß dieſe Ueberraſchungen für eine Doſis ausgereicht hätten), ſondern nachdem Bella einen Augenblick den Kopf hatte hängen laſſen, hob ſie denſelben empor und legte ihn an ſeine Bruſt, als wenn dies der auserwählte und dauernde Ruheplatz für ihren Kopf wäre! „Ich wußte, daß Du zu ihm kommen würdeſt, und folgte Dir deshalb,“ ſagte Rokeſmith.„Mein Lieb, mein Leben! Du biſt doch mein?“ Darauf erwiderte Bella:„Ja, ich bin Dein, wenn Du mich des Annehmens für werth hältſt!“ Und danach ſank ſie anſcheinend in ſeiner Umarmung zu Nichts zu⸗ ſammen, theils weil ſeine Umarmung eine ſo gewaltige war, und theils weil ſie ſich derſelben ſo gern überließ. Der Cherub, deſſen Haar unter dem Einfluſſe dieſes erſtaunlichen Anblickes das, was Bella ſo eben mit ihm vorgenommen, von ſelber ausgeführt haben würde, tau⸗ melte in den Fenſterſitz zurück, von dem er ſich erhoben, und betrachtete das Paar mit weit aufgeriſſenen Augen. „Aber wir müſſen an den lieben Pa denken,“ ſagte Bella;„ich habe dem lieben Pa noch Nichts geſagt; wir müſſen es dem lieben Pa ſagen.“ Worauf ſie ſich umwandten, dies zu thun. „Ich wollte, Du beſprengteſt mich zuvor ein wenig mit Milch, mein liebes Kind,“ bemerkte der Cherub matt, „denn es iſt mir zu Muthe als ob ich— ohnmächtig werden müßte.“ Der gute kleine Burſch war in der That außerordent⸗ lich welk geworden, und es ſchien, als ob ihm, von den Knien aufwärts, mit großer Geſchwindigkeit die Sinne ſchwänden. Bella beſprengte ihn mit Küſſen anſtatt Milch, und gab ihm von dieſer letzteren Erfriſchung ein wenig zu trinken, ſo daß er ſich unter ihrer liebevollen Pflege bald wieder erholte. „Wir wollen Dich allmälig darauf vorbereiten, liebſter Pa,“ ſagte Bella. „Mein liebes Kind,“ erwiderte der Cherub, ſie Bei betrachtend„Ihr habt mir in dem erſten— Ueberſtrömen ich es ſo nennen darf— ſchon ſo viel geſagt, daß ziemlich ſtarke Doſis vertragen kann.“ ilfer,“ ſagte Rokeſmith aufgeregt und freu⸗ nimmt mich, obgleich ich kein Vermögen bärtig ſelbſt nicht einmal eine Beſchäftigung — Nichts, als was ich mir in dem Leben, welches vor uns liegt, verdienen werde. Belka nimmt mich!“ hrend dieſer letzten wenigen „Ja, aus dem, wa Minuten geſehen, ſoll ohl ſchließen, daß Bella Sie nimmt, mein lie err,“ erwiderte der Cherub ach. „Du weißt nicht, Pa,“ ſagte Bella,„wie ſchlecht ich behandelt habe.“. 4 „Sie wiſſen nicht, Sir,“ ſagte Rokeſmith,„welch ein Herz ſie hat!“ u weißt nicht, Pa,“ ſagte Bella,„welch ein ab⸗ iches Geſchöpf ich zu werden anfing, als er mich r mir ſelber rettete.“ Weiſe verſchu „Ich den daß wir vie ſtändlicher mi Jedes an ein ſwith bemerk ſchäftigung.“ „Gar ke „Nein,? „Woraus er Mr. Boff „Ja, Ja, „Halt, e wünſche allme ihn nicht gut „Daß er Pali rief B „Was,“ die Geduld 2„.. ¹ ſüchtige jun nicht billigen Micht h mit einem thr „Darauf, füchtige jung dem ſie vorh Boffin verde was recht und dem wa was unbilli „Und d glühender G an ſeiner D dieſe geldſüg den Preis a die einen T nißmäßig äl geben, und den beiſtehe Habe ch 85 Väldd ihr Koyf r die wandt, „Mie geld andt, h undere d werwandt hineſiſhen — en, wenn Und danach Nichts zu⸗ eenIſ gewaltige ſes mit ihm rde, tau⸗ erhoben, a Augen. ſagte ts geſagt; U ſie ſich e die ein wenig erub matt, ohnmächtig ßerordent⸗ on den e Sinne n anſtatt ſchung ein en, liebſter ſie Beid und freu⸗ Vermögen cäftigung elches vor lu wenigen daß Bella er Cherub ſchlecht ich ih, welch c ein ab⸗ er mich „Sie wiſſen nicht, Sir,“ ſagte Rokeſmith,„welch ein Opfer ſie mir gebracht hat!“ „Meine liebe Bella,“ erwiderte der Cherub, noch immer in einem Zuſtande gefühlvoller Verblüfftheit,„und mein lieber John Rokeſmith, wenn Sie mir erlauben wollen, Sie ſo zu nennen—“ „Ja, ja, Pa, nenne ihn ſo!“ ſagte Bella..„Ich erlaube es Dir, und mein Wille iſt ſein Gebot. Nicht wahr, lieber John Rokeſmith?“. Es lag in der Art und Weiſe, wie ſie ihn zum erſten Male bei ſeinem Namen nannte, eine ſo ein— nehmende Schüchternheit, gepaart mit einer ſo bezaubern⸗ den Zärtlichkeit und Vertraulichkeit und Stolz, daß das, was John Rokeſmith that, völlig zu entſchuldigen war; und dies war, daß er ſie in der bereits beſchriebenen Weiſe verſchwinden ließ. „Ich denke, meine Lieben,“ bemerkte der Cherub, „daß wir vielleicht etwas zuſammenhängender und ver⸗ ſtändlicher mit einander reden könnten, wenn Ihr Euch Jedes an einer Seite von mir niederſetztet. John Roke⸗ ſmith bemerkte ſo eben, er habe gegenwärtig keine Be⸗ ſchäftigung.“ „Gar keine,“ ſagte Rokeſmith. „Nein, Pa, gar keine,“ ſagte Bella. „Woraus ich ſchließe,“ fuhr der Cherub fort,„daß er Mr. Boffin verlaſſen hat?“ „Ja, Pa, und daſſelbe—“ „Halt, einen Augenblick, mein liebes Kind. Ich wünſche allmälig dazu zu kommen. Und daß Mr. Boffin ihn nicht gut behandelt hat?“ „Daß er ihn ganzuſchändlich behandelt hat, lieber Pa!“ rief Bella mit gluüͤhendem Geſicht. „Was,“ fuhr der Cherub mit einer Handbewegung, die Geduld empfehlen ſollte, fort,„eine gewiſſe geld⸗ ſüchtige junge Perſon, die mir entfernt verwandt iſt, nicht billigen konnte? Rathe ich recht?“ „Nicht billigen konnte, Du ſüßer Pa,“ ſagte Bella mit einem thränenvollen Lachen und einem freudigen Kuſſe. „Darauf,“ fuhr der Cherub fort,„die gewiſſe geld⸗ ſüchtige junge Perſon, die mir entfernt verwandt, nach⸗ dem ſie vorher gegen mich erwähnt, daß das Glück Mr. Boffin verderbe, fühlte, daß ſie ihr Gefühl von dem was recht und dem was unrecht, von dem was wahr und dem was falſch, und von dem was billig und dem was unbillig, um keinen Preis, den ihr je ein Lebender zu bieten vermöchte, zu verkaufen im Stande ſei. Rathe ich recht?“ Bella küßte ihn abermals freudig und lächelte unter Thränen. „Und darum— und darum,“ fuhr der Cherub mit glühender Stimme fort, während Bella's Hand allmälig an ſeiner Weſte hinauf zu ſeinem Nacken ices jchus dieſe geldſüchtige, mir entfernt verwandte junge Perſon den Preis aus, legte die prachtvollen Manegatßede ab, die einen Theil deſſelben ausmachten, that das verhält⸗ nißmäßig ärmliche Gewand an, das ich ihr zuletzt ge⸗ geben, und kam dann, in der Zuverſicht, daß ich ihr in dem beiſtehen werde, was recht iſt, geradeswegs zu mir. Habe ich es errathen?“ ³ Bella's Hand hatte jetz nen Nacken erreicht und ihr Kopf ruhte auf derſelben. „Die geldſüchtige junge Perſon, die mir entfernt Iewandt, hat wohl gethan,“ ſagte ihr guter Vater. „Die geldſüchtige junge Perſon, die mir entfernt ver⸗ wandt, hat mir nicht vergebens vertraut! Ich be⸗ wundere dieſe geldſüchtige junge Perſon, die mir entfernt verwandt iſt, in dieſem Kleide mehr, als wenn ſie in chineſiſchen Seidengewändern, Caſchmir⸗Shawls und Gol⸗ 505 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 506 konda'ſchen Diamanten zu mir gekommen wäre. Ich liebe dieſe junge Perſon von ganzem Herzen. Ich ſage zu dem Manne ihres Herzens aus vollem Herzen: ‚Nehmen Sie meinen Segen zu Ihrer Verlobung mit ihr, und ſie bringt Ihnen ein gutes Vermögen in der Armuth zu, die ſie um Ihretwillen und um der Wahrheit willen angenommen hat!e“ Es verſagte dem braven kleinen Manne die Stimme, als er John Rokeſmith die Hand reichte, und er ſchwieg und neigte den Kopf tief zu ſeiner Tochter herab. Doch nicht auf lange. Er ſchaute bald wieder auf und ſagte in munterem Tone:„Und jetzt, mein liebes Kind, wenn Du denkſt, daß Du John Rokeſmith eine Minute lang allein unterhalten kannſt, will ich zur Milchfrau laufen und auch ihm ein Weißbrödchen und ein Kännchen Milch holen, damit wir Alle zuſammen Thee trinken.“ Es war, wie Bella fröhlich bemerkte, ein Mahl, wie das für die drei Kobolde in ihrer Waldhütte her⸗ gerichtete Nachteſſen, ohne deren gewitterhaftes Gemurmel bei der beunruhigenden Entdeckung:„Es hat Jemand von meiner Milch getrunken!“ Es war eine köſtliche Mahlzeit; bei weitem die köſtlichſte, die Bella oder John Rokeſmith oder ſelbſt R. Wilfer je genoſſen. Die un⸗ gereimte Seltſamkeit der Umgebung wie die beiden Meſ⸗ ſingknöpfe in der eiſernen Geldkiſte von Chickſey, Venee⸗ ring und Stobbles, die wie die Augen eines ſchläfrigen Drachen aus einem Winkel hervorſtierten, machten es nur noch um ſo herrlicher. „Daß irgend Etwas von einer zärtlichen Beſchaffen⸗ heit,“ ſagte der Cherub, mit unausſprechlichem Behagen um ſich ſchauend,„hier vor ſich gehen ſollte, beluſtigt mich im höchſten Grade. Daß ich meine Bella hier in der Umarmung ihres künftigen Gatten erblicken ſollte, wiſſen Sie!“ Erſt nachdem die Weißbrödchen und die Milch bereits eine Weile verſchwunden waren und die warnenden Schat⸗ ten der Nacht ſich auf Mincing Lane herabzuſenken be⸗ gannen, fing der Cherub an allmälig ein wenig nervös zu werden und ſagte, ſich räuſpernd, zu Bella: „Ahem!— Haſt Du ſchon irgendwie an Deine Mutter gedacht, mein liebes Kind?“ „Ja, Pa.“ „Und Deine Schweſter Lavy, zum Beiſpiel, mein liebes Kind?“ „Ja, Pa. Ich denke es wird beſſer ſein, wenn wir uns zu Hauſe nicht auf Einzelnheiten einlaſſen. Ich denke es wird genügen, wenn ich fage, ich habe einen Zwiſt mit Mr. Boffin gehabt und ſein Haus deshalb auf immer verlaſſen.“ „Da John Rokeſmith mit Deiner Mama bekannt iſt, mein liebſtes Kind,“ ſagte ihr Vater nach kurzem Zögern, „darf ich wohl, ohne das Zartgefühl zu verletzen, vor ihm erwähnen, daß Du Deine Ma vielleicht ein wenig er⸗ müdend finden wirſt.“ „Ein wenig, Du geduldiger Pa?“ ſagte Bella mit einem melodiſchen Lachen,— um ſo melodiſcher, als es ſo liebevoll klang. „Nun! Wir wollen im ſtrengſten Vertrauen unter uns ſagen ermüdend; wir wollen es nicht näher bezeich⸗ nen,“ gab der Cherub unerſchrocken zu.„Und das Tem⸗ perament Deiner Schweſter iſt ebenfalls ermüdend.“ „Ich mache mir nichts daraus, Pa.“ „Und Du mußt Dich darauf gefaßt machen, weißt Du, mein Herzenskind,“ ſagte ihr Vater mit großer Zärtlichkeit,„daß wir uns zu Hauſe ſehr ärmlich und mager ausnehmen, und es, im beſten Falle, im Ver⸗ gleich mit Mr. Boffin's Hauſe nur ſehr unbequem bei uns iſt.“ ☛ geſprochen, um nicht von John gehört worden zu ſein, und John zeigte dies, indem er Bella abermals zu einem jener geheimnißvollen Verſchwinden verhalf. „Nun!“ ſagte der Cherub fröhlich und ohne irgend eine Mißbilligung auszudrücken,„wenn Du— wenn Du wieder aus der Zurückgezogenheit auf die Oberfläche zu⸗ rückkehrſt, mein liebes Kind, wird es wohl Zeit ſein, zuzuſchließen und zu gehen.“ Falls das Comptoir von Chickſey, Veneering und Stobbles je von drei glücklicheren Leuten geſchloſſen worden, ſo mußten dieſe— wiewohl die meiſten Leute froh genug waren, wenn ſie es zuſchloſſen— in der That überglückliche Leute geweſen ſein. Doch zuvor be⸗ ſtieg Bella Rumty's Vogelſtange und ſagte:„Zeige mir, was Du hier den ganzen Tag thuſt, lieber Pa. Schreibſt Du ſo?“ ſagte ſie, indem ſie ihre runde Wange auf den linken Arm ſtützte und die Feder in höchſt ungeſchäfts⸗ mäßiger Weiſe in den Wellen ihres Haars aus dem Geſichte verlor. Es ſchien John Rokeſmith indeſſen zu gefallen. Und ſo kamen die drei Kobolde, nachdem ſie alle Spuren ihrer Mahlzeit verwiſcht und die Krumen fort⸗ gekehrt, aus Mincing Lane heraus, um nach Holloway zu wandern; und falls zwei von den Kobolden ſich die Entfernung nicht zweimal ſo groß wünſchten, als die⸗ ſelbe war, ſo befand ſich der dritte Kobold in einem Irrthume. Ja, dieſer beſcheidene Geiſt wähnte ſich ihrem tiefen Genuſſe an der Wanderſchaft ſo ſehr im Wege, daß er, um ſich zu entſchuldigen, bemerkte:„Ich denke, meine Lieben, ich will auf der andern Seite der Straße gehen und thun, als ob ich nicht zu Euch gehörte.“ Und er that dies, indem er den Pfad cherubiſch, in Ermange⸗ lung von Blumen, mit Lächeln beſtreute. Es war faſt zehn Uhr, als ſie in Sicht von Wilfer Caſtle Halt machten; und dann begann Bella, da der Ort ſtill und einſam war, eine Reihe von Verſchwin⸗ dungen, die die ganze Nacht zu währen drohten. „Ich denke, John,“ ſagte der Cherub endlich,„ich will die mir entfernt verwandte junge Perſon, falls Sie ſie entbehren können, jetzt mit mir herein nehmen.“ „Ich kann ſie nicht entbehren,“ antwortete John, „aber ich muß ſie Ihnen leihen.— Mein Herzenslieb⸗ ling!“ Ein Zauberwört, das Bella augenblicklich wieder verſchwinden machte. „Jetzt, liebſter Pa,“ ſagte Bella, ſowie ſie wieder ſichtbar wurde,„gieb mir Deine Hand, und dann wollen wir, ſo ſchnell wir können, nach Hauſe laufen, und es ſo überwinden. Jetzt, Pa. Eins!—“ „Mein liebes Kind,“ ſagte der Cherub mit unſicherer Stimme und einer faſt feigen Miene,„ich wollte eben noch bemerken, daß falls Deine Mutter—“ „Du mußt nicht zurückſtehen, Sir, um Zeit zu ge⸗ winnen,“ rief Bella, den rechten Fuß vorſtellend:„ſiehſt Du das, Sir? Das iſt die Aufbruchſtelle; komm zur Aufbruchſtelle heran, Sir. Eins, zwei, drei und vor⸗ wärts, Pa!“ Damit flog ſie von dannen und zog den Cherub mit ſich fort, ohne ein einziges Mal ſtill zu ſtehen, oder ihn ſtillſtehen zu laſſen, bis ſie geſchellt hatte.„„Jetzt, lieber Pa,“ ſagte Bella, indem ſie ihn bei beiden Ohren ergriff, als wenn er ein Steinkrug geweſen, und ſein Geſicht an ihre roſigen Lippen brachte, „wird es losgehen!“ Miß Lavy kam heraus, das Pförtchen zu öffnen, begleitet von jenem aufmerkſamen Cavalier und Haus⸗ freunde, Mr. Georg Sampſon.„Wie, es iſt doch wohl „Mal! Bella iſt da!“ Dies bewirkte, ehe ſie noch ins Haus hineingehen konnten, das Erſcheinen von Mrs. Wilfer, die, am Por⸗ tale ſtehen bleibend, ſie mit geiſterhafter Düſterkeit und allen übrigen Zuthaten der Ceremonie empfing. „Mein Kind iſt willkommen, wenngleich unerwartet,“ ſagte ſie, indem ſie ihre Wange präſentirte, wie wenn dieſelbe eine kühle Schiefertafel wäre, auf der alle Be⸗ ſuche ihre Namen niederſchrieben.„Auch Du, R. W., biſt willkommen, wenngleich Du ſpät kommſt. Hört der Diener von Mr. Boffin mich dort?“ Dieſe tieftönende Frage ward in die Nacht hinausgeworfen, um von dem in Frage ſtehenden Knechte beantwortet zu werden. „Es wartet Niemand, liebe Ma,“ ſagte Bella. „Es wartet Niemand?“ wiederholte Mrs. Wilfer mit majeſtätiſcher Stimme. „Nein, liebe Ma.“ In Mrs. Wilfer's Schultern und Handſchuhen ſprach ſich ein würdevolles Schaudern aus, wie wenn ſie ſagte: „Ein Räthſel!“ und dann marſchirte ſie an der Spitze der Prozeſſion nach dem Wohnzimmer, wo ſie bemerkte: „Falls Du, R. W.,“— dieſer zuckte bei der feierlichen Anrede zuſammen,—„nicht die Vorſichtsmaßregel ge⸗ troffen, auf Deinem Heimwege für einen Zuſatz zu unſerm beſcheidenen Nachteſſen zu ſorgen, ſo wird daſſelbe Bella— als ein ſehr unſchmackhaftes erſcheinen. Eine kalte Schöp⸗ ſenſchulter und Lattich kann nur ſchlecht mit dem Luxus auf Mr. Boffin's Tafel wetteifern.“ „Bitte, ſprich nicht in dieſer Weiſe, liebe Ma,“ ſagte Bella;„Mr. Boffin's Tafel eot für mich.“ Doch hier legte Lavy, welche aufmerkſam Bella's Hut betrachtet, ſich dazwiſchen, indem ſie ausrief:„Wie, Bella!“ „Ja, Lavy, ich weiß wohl.“ Die Unbezwingliche ſenkte die Augen zu Bella's Kleide herab und bückte ſich, um daſſelbe näher in Augen⸗ ſchein zu nehmen, wobei ſie abermals ausrief:„Wie, Bella!“* „Ja, Lavy, ich weiß, was ich anhabe. Ich wollte es eben der Ma erzählen, als Du mich unterbrachſt. Ich habe Mr. Boffin's Haus auf immer verlaſſen, Ma, und bin wieder heimgekommen.“ Mrs. Wilfer ſprach kein Wort, ſondern zog ſich, nach⸗ dem ſie ihr Kind ein paar Minuten mit grauſigem Schweigen angeſtiert, in ihren Staatswinkel zurück und ſetzte ſich nieder, gleich einem erfrorenen Gegenſtande, der auf einem ruſſiſchen Markte zum Verkauf ausgeſtellt iſt. „Kurz, liebe Ma,“ ſagte Bella, den heruntergekom⸗ menen Hut abnehmend und ihr Haar ſchüttelnd,„i habe mit Mr. Boffin eine ſehr ernſte Veruneinigung über ſeine udlung eines Mitgliedes ſeines Hausſtandes geha id dieſelbe iſt von einer Beſchaffenheit, daß ſie nicht asgeglichen werden kann, und damit iſt die Sache u Ende. .„Und ich fühle, daß es meine Pflicht iſt, Dir zu ſagen, meine Liebe,“ fügte R. W. unterwürfig hinzu, „daß Bella wahrhaft muthig und mit wahrhaft richtigem Gefühl gehandelt ee deshalb hoffe ich, meine Liebe, daß Du die En ſchung nicht zu tief empfinden wirſt.“ 4„Georg!“ ſagte Miß Lavy mit einer warnenden rabesſtimme, die nach der ihrer Mutter gebildet 4 „Georg Sampſon, ſprich! Boffin's geſagt?“ Mr. Sampſon, der ſeinen Nachen zwiſchen Sand⸗ änken und Klippen erblickte, hielt es für das Sicherſte, keiner beſondern Bemerkung zu erwähnen, die gegen ihn Was habe ich Dir über jene zanſſche nänich Jg on Guch beſe werthen Boſſi vn. Streit loren, gethau, oderh oder ltte it über Deine— Lavy und und Mrä. Bo von ihnen ge ihnen ſagen. laſſen, heulte Ich hoffe, daß liebe Ma,“ hi daß es auch T bier küßte ſie Ma erwähnte miſchen.“ Da Bella Wilfer's ausdr wobei daſſelbe hausſchildes, de Ubrwerkes darſ Eindruck macht wenn ſie in d ließe. Doch ei kein Wort. U. licher(und viel der Beredtſam bauen im Ste „Jetzt, lie Weile,„iſt d eſſens⸗eit.” Mrs. Wil „Georg!“ ſagt Varnung. ſon flog dem folgte ihr, mi˖ die gaſtliche I ſtarr nieder, Blick ausgezei Verwirtung a Da der C Perſönlichkeit die Vermittel eſſen.„Schp und:„Lavy kattich effen legteſt.“ Mra. Vil Kenzzunehmen, trrutheit aus auch u ſih, del nicderlegte prͤche; Vag des Migled entrüſtet un 9 ulnt di T ſich d getums Mrs. Wilfer ſtierte, indel ſtierten ihre Miß Lay 50§ †„ ¹ zurück⸗ iſt da!“ neingehen am Po am Por. kteit und wartet,“ foie wenn Be⸗ F den. ella. wilfer mit en ſprach ſie ſagte: zu unſerm ſelbe Bella te Schäp⸗ em Luxus zu Bella's in Augen⸗ Wie „Wle, Ich wollte rbrachſt. afſen, Ma, ſich, nach⸗ rauſigem zurück und ſtande, der ſtellt iſt. untergekom⸗ Id, ul igun ng über „Dir zu ſig hinzu, richtigem ch, meine empfinden warnenden bildet 9 r über fene ben Sand⸗ Sitzerſe gegen ihn — — 509 gemacht worden, damit er nich etwa die verkehrte träfe. Er brachte ſeinen Nachen mit bewunderungswürdiger ſee⸗ männiſcher Geſchicklichkeit in tiefes Waſſer, indem er murmelte:„Ja, allerdings.“ „Ja! ich ſagte Georg Sampſon, wie Georg Samp⸗ ſon Euch bezeugt,“ deac enf Lavy,„daß jene haſſens⸗ werthen Boffin's, ſobal ella ihre Neuheit für ſie ver⸗ loren, Streit mit ihr anfangen würden. Haben ſie dies gethan, oder haben ſie es nicht gethan? Hatte ich Recht oder hatte ich Unrecht? Und was haſt Du uns jetzt über Deine Boffin's zu ſagen, Bella?“ „Lavy und Ma,“ ſagte Bella,„ich ſage von Mr. und Mrs. Boffin noch immer daſſelbe, was ich bisher von ihnen geſagt habe, und werde ſtets daſſelbe von ihnen ſagen. Aber icherwill mich durch Nichts bewegen laſſen, heute Abend mit irgend Jemandem zu zanken. Ich hoffe, daß es Dir nicht unlieb iſt, mich zu ſehen, liebe Ma,“ hier küßte ſie ihre Mutter,„und ich hoffe, daß es auch Dir nicht unlieb iſt, mich zu ſehen, Lavy,“ hier küßte ſie Lavy,„und da ich den Lattich, deſſen die Ma erwähnte, auf dem Tiſche ſehe, will ich den Salat miſchen.“ Da Bella ſich munter ans Werk machte, folgte Mrs. Wilfer's ausdrucksvolles Angeſicht ihr mit ſtarren Blicken, wobei daſſelbe eine Combination des einſt beliebten Gaſt⸗ hausſchildes, des Saracenenkopfes, und eines holländiſchen Uhrwerkes darſtellte, und dem phantaſiereichen Geiſte den Eindruck machte, daß ihre Tochter weiſe thun würde, wenn ſie in der Miſchung des Salats den Eſſig aus⸗ ließe. Doch entfiel den Lippen der majeſtätiſchen Dame kein Wort. Und dies war für ihren Gatten fürchter⸗ licher(und vielleicht wußte ſie das), als irgend ein Strom der Beredtſamkeit, durch den ſie die Geſellſchaft zu er⸗ bauen im Stande geweſen wäre. „Jetzt, liebe Ma,“ ſagte Bella nach einer kleinen Weile,„iſt der Salat fertig, und es iſt längſt Nacht⸗ eſſens⸗Zeit.“ Mrs. Wilfer erhob ſich, blieb jedoch ſprachlos. „Georg!“ ſagte Miß Lavinia mit ihrer Stimme der Warnung.„Einen Stuhl für die Ma!“ Mr. Samp⸗ ſon flog dem Rücken der vortrefflichen Dame zu und folgte ihr, mit dem Stuhle in der Hand, bis hart an die gaſtliche Tafel. Am Tiſche angelangt, ließ ſie ſich ſtarr nieder, nachdem ſie zuvor Mr. Sampſon durch einen Blick ausgezeichnet, der dieſen jungen Herrn in größter Verwirrung an ſeinen Platz eilen machte. Da der Cherub ſich nicht erkühnte, eine ſo ungeheure Perſönlichkeit unmittelbar anzureden, verſah er ſie durch die Vermittelung einer dritten Perſon mit ihrem Nacht⸗ eſſen.„Schöpſenbraten für Deine Ma, meine liebe Bella;“ und:„Lavy, Deine Ma würde vielleicht ein wenig Lattich eſſen, falls Du denſelben auf ihren Teller legteſt.“ Mrs. Wilfer's Art und Weiſe, dieſe Speiſen entge⸗ genzunehmen, zeichnete ſich durch eine verſteinerte Zer⸗ ſtreutheit aus; und in dieſem Zuſtande nahm ſie dieſelben auch zu ſich, indem ſie von Zeit zu Zeit Meſſer und Ga⸗ bel niederlegte, wie wenn ſie im Geiſte zu ſich ſelber ſpräche:„Was thue ich?“ und dabei das eine oder an— dere Mitglied der Geſellſchaft anſtierte, wie wenn ſie entrüſtet um Auskunft hierüber bitte. Ein magnetiſches Re ultat dieſes Anſtierens war das, daß die angeſtierte 3ie ſich durchaus nicht ſtellen konnte, als ſei ſie ſich des Factums nicht bewußt; ſo daß ein Zuſchauer, ohne Mes. Wilfer zu ſehen, ßt haben würde, wen ſie an⸗ ſtierte, indem er auf Antlitze des oder der Ange⸗ ſtierten ihre Strahlen ſich brechen ſah. Miß Lavinia war bei dieſer beſondern Gelegenheit Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 510 ſehr freundlich gegen Mr. Sampſon, und ergriff dieſelbe zugleich, um ihre Schweſter zu unterrichten, weshalb. „Es verlohnte ſich nicht der Mühe, Dich damit zu langweilen, Bella, ſo lange Du Dich in einer Sphäre befandeſt, die Deiner Familie ſo entlegen, daß es dadurch eine Sache wurde, an der Du nur ſehr geringes Intereſſe nehmen konnteſt,“ ſagte Lavinia, ihr Kinn emporruckend; „aber Georg Sampſon bewirbt ſich um meine Hand.“ Bella freute ſich, dies zu hören. Mr. Sampſon er⸗ röthete gedankenvoll, und fühlte ſich berufen, ſeinen Arm um Miß Lavinia's Taille zu legen; da er jedoch auf eine große Stecknadel im Gürtel der jungen Dame ſtieß, gab er einen grellen Aufſchrei von ſich, und zog den Blitz von Mrs. Wilfer's Blicken auf ſich. „Es geht Georg augenblicklich ſehr gut,“ ſagte Miß Lavinia— was man allenfalls hätte bezweifeln können—, „und ich denke wohl, daß wir eines Tages werden hei⸗ rathen können. Es war mir nicht daran gelegen, Etwas davon zu ſagen, als Du bei Deinen Bof—“; hier unter⸗ brach Miß Lavinia ſich plötzlich, und fügte etwas fried⸗ licher hinzu:„als Du bei Mr. und Mrs. Boffin warſt; doch jetzt ſcheint es mir ſchweſterlich, des Umſtandes zu erwähnen.“ „Danke, liebe Lavy, ich wünſche Dir alles Glück.“ „Danke, Bella. Die Wahrheit zu geſtehen, ſo be— riethen Georg und ich uns darüber, ob wir es Dir ſagen ſollten; aber ich ſagte zu Georg, daß Du Dich für einen ſo erbärmlichen Umſtand wenig intereſſiren würdeſt, und daß es weit wahrſcheinlicher ſei, daß Du Dich ganz und gar von uns losſagteſt, als daß Du ihn noch zu uns Uebrigen hinzunähmeſt.“ „Das war ein Irrthum, liebe Lavy,“ ſagte Bella. „So erweiſt es ſich jetzt,“ erwiderte Miß Lavinia; „aber die Umſtände haben ſich geändert, ſiehſt Du, meine Liebe. Georg hat eine neue Stelle und ſeine Ausſichten ſind vortrefflich. Ich würde geſtern, wo Dir ſeine Aus⸗ ſichten gering und als nicht der Rede werth erſchienen wären, nicht den Muth gehabt haben, Dir dies zu ſägen; heute Abend aber fühle ich mich dazu im Stande.“ „Wann haſt Du angefangen, Dich furchtſam zu fühlen, liebe Lavy?“ ſagte Bella lächelnd. „Ich ſagte nicht, daß ich mich zu furchtſam gefühlt, Bella,“ erwiderte die Unbezwingliche.„Aber, falls ich mich nicht durch Zartgefühl für eine Schweſter hätte ab⸗ halten laſſen, würde ich vielleicht geſagt haben, daß ich mich ſeit einiger Zeit unabhängig fühle; zu unabhängig, um meine bevorſtehende Heirath(Du wirſt Dich wieder ſtechen, Georg) mit Geringſchätzung behandeln zu laſſen. Nicht, daß ich Dich wegen ſolcher Geringſchätzung hätte tadeln dürfen, Bella, als Du noch eine große und reiche Partie zu machen hoffteſt, ſondern nur weil ich mich unabhängig fühlte.“ Ob die Unbezwingliche ſich durch Bella's Erklärung, daß ſie mit Niemandem zanken wolle, verletzt fühlte, oder ob ihr Ingrimm dadurch erweckt worden, daß Bella zur Sphäre von Mr. Georg Sampſon's Huldigungen zurückgekehrt, oder ob ihr Gemüth nothwendig des Schnellers bedurfte, daß ſie bei dieſer Gelegenheit mit irgend Jemandem in Colliſion gerieth— jedenfalls machte ſie jetzt mit der größten Heftigkeit einen Ausfall gegen ihre Mutter. „Ma, bitte, ſtiere mich nicht in jener entſetzlichen, unausſtehlichen Weiſe an! Falls Du einen Rußflecken auf meiner Naſe ſiehſt, ſo ſage mir dies; wo nicht, ſo laß mich zufrieden.“ „Willſt Du mit jenen Worten mich haben?“ ſagte Mrs. Wilfer.„Du wagſt es?“ „Sprich ums Himmelswillen nicht von wagen, Ma. angeredet 511 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. Ein Mädchen, das alt genug iſt, um ſich zu verloben, iſt auch vollkommen alt genug, um ſich zu verbitten, daß man ſie anſtiert, als ob ſie eine Wanduhr wäre.“ „Verwegen!“ ſagte Mrs. Wilfer.„Hätte eine ihrer Töchter, in irgend einem Alter, in dieſer Weiſe zu Deiner Großmutter zu ſprechen gewagt, ſo würde dieſe ſie in ein dunkles Gemach verwieſen haben.“ „Meine Großmutter,“ erwiderte Lavinia, indem ſie ſich mit verſchlungenen Armen in ihrem Seſſel zurück⸗ lehnte,„würde die Leute nicht durch Anſtieren außer Contenance zu bringen verſucht haben, denke ich mir.“ „Das würde ſie doch gethan haben!“ ſagte Mrs. Wilfer. „Dann iſt es ſchade, daß ſie nicht beſſere Sitte kannte,“ ſagte Lavy.„Und wenn meine Großmama nicht kindiſch war, als ſie die Leute in dunkele Gemächer zu verweiſen anfing, ſo hätte ſie dies wohl ſein können. Meine Groß⸗ mama muß ſich äußerſt lächerlich gemacht haben! Ich möchte wiſſen, ob ſie die Leute je in die Kuppel der Paulskirche verwies, und auf welche Weiſe ſie ſie dort hinſchaffte!“ „Schweig!“ rief Mrs. Wilfer.„Ich gebiete Schweigen!“ „Ich habe nicht im Geringſten die Abſicht zu ſchweigen, Ma,“ entgegnete Lavinia trocken;„ganz im Gegentheil. Ich will nicht ſtillſitzen und mich anglotzen laſſen, als ob ich von den Boffin's heimgekommen wäre. Ich will Georg Sampſon ebenſo wenig ſtillſitzen und ſich anglotzen laſſen, als ob er von den Boffin's heimgekommen wäre. Falls es dem Pa beliebt, ſtill zu ſitzen und ſich anglotzen zu laſſen, als ob er von den Boffin's heimgekommen, ſo mag es drum ſein. Mir beliebt es nicht. Und ich will's nicht haben!“ Da Lavinia's Ingenieurkunſt dieſen krummen Weg zu Bella geöffnet, betrat Mrs. Wilfer denſelben. „Du rebelliſcher Geiſt! Du aufrühreriſches Kind! Sage mir Eins, Lavinia. Glaubſt Du, daß, falls Du Dich, den Gefühlen Deiner Mutter zum Trotz, dazu her⸗ abgelaſſen, Dich von den Boffin's protegiren zu laſſen, und aus jenen Hallen der Knechtſchaft zurückgekehrt—“ „Das iſt reiner Unſinn, Ma,“ ſagte Lavinia. „Wie!“ rief Mrs. Wilfer mit erhabener Strenge. „Hallen der Knechtſchaft iſt der reinſte Unſinn, Ma,“ erwiderte die Unbezwingliche gelaſſen. „Ich ſage, anmaßendes Kind, falls Du aus der Nähe von Portland Place gekommen wärſt, gebeugt unter dem Joche der Protection und begleitet von Dienern in funkelnden Kleidern, um mich zu beſuchen— glaubſt Du, daß meine tiefen Gefühle ſich in Blicken hätten kundgeben können?“ „Das Einzige, was ich darüber denke,“ entgegnete Lavinia,„iſt, daß ich dieſelben gegen die rechte Perſon gerichtet zu ſehen wünſche.“ „Und glaubſt Du,“ fuhr Mrs. Wilfer fort,„daß falls Du, meiner Warnungen vor dem von Unheil ſtrotzenden Angeſichte der Mrs. Boffin nicht achtend, Dich an Mrs. Boffin gehängt, anſtatt an mich, und ſchließlich, von Mrs. Boffin verſtoßen und von Mrs. Boffin mit Füßen getreten, wieder heimgekommen wärſt— glaubſt Du, daß meine Gefühle ſich in Blicken hätten kundgeben können?“ Lavinia war im Begriff, ihrer verehrten Mutter zu erwidern, daß ſie ſich dann überhaupt ganz und gar ohne ihre Blicke hätte behelfen können, als Bella aufſtand und ſagte:„Gute Nacht, liebe Ma. Ich habe einen ermüdenden Tag verlebt und will ſchlafen gehen.“ Dies brachte die angenehme Geſellſchaft zum Aufbruch. Bald darauf verabſchiedete ſich Mr. Georg Sampſon, von Miß Lavinia bis in den Hausflur mit Licht und bis an das Gartenpförtchen ohne Licht begleitet; Mrs. Wilfer verfügte ſich, nach dem Muſter der Lady Macbeth ſich über die Boffin's die Hände waſchend, zur Ruhe und R. W. blieb unter den Trümmern des Nachteſſens in kummervoller Stellung allein. Doch wurden ſeine Reflexionen durch leichte Schritte unterbrochen, die ſich als Belas Scrit erwieſen. Ihr hübſches Haar hing aufgelöſt um ihre Schultern herab, und ſie war barfuß und mit der Haarbürſte in der Hand leiſe die Treppe heruntergeſchlüpft, um ihm gute Nacht zu ſagen. „Mein liebes Kind,“ ſagte der Cherub, eine Flechte in ſeine Hand nehmend,„Du biſt ganz unfraglich ein wunderſchönes Frauenzimmer.“ „Schau her, Sir,“ ſagte Bella,„wenn Dein wunder⸗ ſchönes Frauenzimmer ſich verheirathet, ſollſt Du dieſe Flechte haben, wenn Du willſt, und ſie wird Dir eine Kette daraus machen. Würde Dir ein ſolches Andenken von dem lieben Geſchöpfe theuer ſein?“ „Ja, mein Herzenskind.“ „Dann ſollſt Du es haben, Sir, wenn Du hübſch artig biſt. Es thut mir ſehr leid, liebſter Pa, daß ich all dieſen Kummer ins Haus gebracht habe.“ „Mein Liebling,“ erwiderte ihr Vater im einfachſten guten Glauben,„mache Dir darüber keine Sorgen. Es iſt wirklich nicht der Rede werth, denn zu Hauſe würde ſich Alles dennoch in derſelben Weiſe geſtaltet haben. Falls Deine Mutter und Deine Schyeſter nicht den reinen Gegenſtand haben, über den ſie zuweilen ein wenig ermüdend werden, ſo haben ſie den andern. Ich gebe Dir die Verſicherung, mein liebes Kind, daß wir um einen ermüdenden Gegenſtand nie verlegen ſind. Ich fürchte, Du findeſt Dein altes Zimmer, mit Lavinia, furchtbar unbequem, Bella?“ „Nein, das thu' ich nicht, Pa; es liegt mir nichts daran. Warum liegt mir wohl nichts daran, Pa?“ „Nun, mein Kind, Du pflegteſt Dich über daſſelbe ſchon zu beklagen, als es noch keinen ſolchen Contraſt bot, wie es Dir jetzt bieten muß. Ich kann wirklich nur antworten, weil Du ſo ſehr viel beſſer geworden biſt.“ „Nein, Pa; ſondern weil ich ſo dankbar bin, und ſo glücklich!“ Hier erſtickte ſie ihn, daß ihr langes Haar ihn nie⸗ ſen machte und dann lachte ſie ſo, daß ſie ihn lachen machte, und dann erſtickte ſie ihn wieder, damit ſie nicht gehört würden. „Hör' zu, Sir,“ ſagte Bella.„Es iſt Deinem wunderſchönen Frauenzimmer heute Abend auf dem Heim⸗ wege die Zukunft prophezeiht worden. Sie wird kein großes Vermögen erhalten, denn falls ihr Verlobter die Stelle erhält, die er bald zu erhalten hofft, wird ſie mit hundertfünfzig Pfund das Jahr heirathen. Doch das iſt nur zu Anfange, und ſelbſt falls es niemals mehr würde, wollte das wunderſchöne Frauenzimmer es ausreichend mache Aber das iſt nicht Alles, Sir. In dieſer Prophezeihung befindet ſich ein gewiſſer blonder Mann — ein kleiner Mann, wie der Wahrſager ihn bezeichnete — der ſich ſtets in der Nähe des wunderſchönen Frauen⸗ zimmers befinden wird, wie es ſcheint, und dem in dem kleinen Häuschen des wunderſchönen Frauenzimmers ſtets ein ſo friedlicher Winkel bewahrt ſein wird, wie es nur je einen gab. Sage mir den Namen dieſes Mannes, Sir.“ rub mit funkelnden Augen. „Ja!“ rief Bella in hö Entzücken, ihn aber⸗ mals erſtickend.„Es iſt der fer⸗Bube! Lieber Pa, das wunderſchöne Frauenzimmer ſehnt ſich ſo ſehr nach der Zukunft, die ihr prophezeiht worden, und hofft, daß 512 „Iſt es der Bube im Kartenſpiel?“ fragte der Ghe— V ein Diner hroniſchen 3 Boz, Unſer gzemei und ſo glückl blonder Man⸗ Giebenzehale Ein geſeli Staunen den Angeſicht kanntenkreiſes Mrs. Alfred ihr vortrefflic räth(incluſive tiſch in großen auf einem fla minteppich in ille⸗Straße liche Verſtei Verkauf ausg Niemand abe erſtaunt, als neering, Esg für Pocket B augenblicklichd macht, daß ¹ die einzigen dem Regiſter eingetragenen nicht die liebſten Freu er in der Mrs. Veneer für Pocket B als getreue G dchng in ſein unausſp ſtaunen. Vi daß ſie dieſen ſonders ihren daß die ſchla ſollen ausgeſ vabindungen dot ihnen er daß wdder können, um ſie die Noch reunden, d diner „Denn e ring's bei B heiſen, und eth ſig würde haben. icht den ein wenig Ich gebe wir um . 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Staunen malt ſich auf den Angeſichtern des Be⸗ kanntenkreiſes von Mr. und Mrs. Alfred Lammle, als ihr vortreffliches Hausge⸗ räth(incluſive ein Billard⸗ tiſch in großen Buchſtaben) auf einem flatternden Ka⸗ minteppich in der Sack⸗ ville⸗Straße durch öffent⸗ liche Verſteigerung zum Verkauf ausgeboten wird. Niemand aber iſt halb ſo erſtaunt, als Hamilton Ve⸗ neering, Esquire, M. P. für Pocket Breaches, der augenblicklich die Entdeckung macht, daß die Lammle's die einzigen unter den auf dem Regiſter ſeiner Seele eingetragenen Leuten, die nicht die älteſten und liebſten Freunde ſind, die er in der Welt beſttzt. Mrs. Veneering, G. M. P. für Pocket Breaches, theilt, als getreue Gattin, die Ent⸗ deckung ihres Gemahls und ſein unausſprechliches Er⸗ ſtaunen. Vielleicht dünkt es den beiden Veneering's, daß ſie dieſes letztere unausſprechliche Gefühl ganz be⸗ ſonders ihrem Rufe ſchuldig, wegen gewiſſer Gerüchte, daß die ſchlaueren Köpfe der City ſich einſt vor Lachen ſollen ausgeſchüttet haben, als die ausgedehnten Geſchäfts⸗ verbindungen und der große Reichthum der Veneering's vor ihnen erwähnt worden. Jedenfalls iſt es gewiß, daß weder Mr. noch Mrs. Veneering Worte finden können, um ihre Verwunderung auszudrücken, und daß ſie die Nothwendigkeit fühlen, den älteſten und liebſten Freunden, die ſie in der Welt beſitzen, ein Verwunde⸗ r diner zu geben. Denn es iſt jetzt bemerkbar geworden, daß die Venee⸗ ring's bei jeder Gelegenheit, welches dieſelbe immer ſei, ein Diner geben müſſen. Lady Tippins lebt in einem chroniſchen Zuſtande der Einladungen, bei Veneering's zu ſpeiſen, und in einem chroniſchen Zuſtande der Magen⸗ Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. ſſeine Diners zu fangen. Abend mit fünfundzwanzig funkelnagelneuen Geſichtern; entzündung in Folge dieſer Diners. Boots und Brewer fahren in keiner andern begreiflichen Angelegenheit, als, Gäſte für die Veneering's zuſammenzutrommeln, beſtändig in Droſchken umher. Veneering ſchweift in den Vor⸗ hallen der Legislatur umher, um ſeine Mitgeſetzgeber für Mrs. Veneering ſpeiſte geſtern macht ihnen allen heute ihren Beſuch; ſendet jedem mor⸗ gen eine Einladung zum Diner für die nächſtfolgende Woche; und ehe dieſes Diner noch verdaut iſt, macht ſie all ihren Brüdern und Schweſtern, ihren Söhnen und Töchtern, ihren Neffen und Nichten, ihren Onkeln und Tanten und Vettern und Baſen ihren Beſuch und ladet ſie Alle zum Diner ein. Und es iſt noch immer, wie zu Anfange, bemerkbar, daß, wie ſehr ſich immer der Kreis der Gäſte erweitert, dieſe beſtändig das Anſehen haben, als ob ſie zu den Veneering's gingen, nicht, um mit Mr. und Mrs. Ve⸗ neering(was ihnen in der That nicht im Entfern⸗ teſten in den Sinn zu kommen ſcheint), ſondern, um mit einander zu ſpeiſen. Doch, wer weiß?— Veneering mag dieſe Di⸗ ners, wenngleich koſtſpielig, doch auch einträglich finden, indem ſie ihm Parteigänger einbringen. Mr. Podsnap ſteht, als Repräſentant, nicht allein darin, daß ihm, falls nicht an der ſeiner Bekannten, doch an ſeiner eigenen Würde gelegen iſt, weshalb er mit großer Be⸗ fliſſenheit diejenigen Be⸗ kannten aufrecht erhält, die von ihm zugelaſſen worden ſind, damit nicht etwa durch ihren Fall auch er an Anſehen verliere. Die goldenen und filbernen Kameele und die Eiseimer und die übrigen Tafel⸗ Decorationen der Venee⸗ ring's gewähren einen glän⸗ zenden Anblick, und wenn ich, Podsnap, anderswo beiläufig bemerke, daß ich vorigen Montag mit einer prachtvollen Caravane von Kameelen ſpeiſte, iſt es für mich perſönlich beleidigend, An⸗ ſpielungen zu hören, daß die Kameele knieſchüſſig oder Kameele ſind, denen überhaupt irgend eine Art von Ver⸗ dächtigkeit anhaftet.„Ich ſelber trage keine Kameele zur Schau, ich fühle mich über Kameele erhaben; ich bin ein ſoliderer Mann; aber dieſe Kameele haben ſich in dem Lichte meines Angeſichts geſonnt, und wie können Sie, Sir, ſich unterſtehen, zu behaupten, daß ich je an⸗ dere als völlig vorwurfsfreie Kameele angeſtrahlt habe?“ Die Kameele werden zu dem Verwunderungsdiner, bei Gelegenheit des Lammle'ſchen Fracas, in der Silber⸗ kammer des Analytiſchen blank geputzt, und Twemlow, auf ſeinem Sopha in ſeiner Wohnung über dem Stalle in der Duke⸗Straße, St. James, fühlt ſich in Folge zweier Pillen, die er auf die Empfehlung einer gedruckten, die Schachtel begleitenden Gebrauchsanweiſung um Mittag zu ſich genommen, und die dieſer zufolge„ſich als außer⸗ Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 516 ordentlich wohlthuend bewähren werden, als Vorſichts⸗ maßregel in Bezug auf die Genüſſe der Tafel“— ein wenig unwohl. Und während der Gedanke einer un⸗ auflöslichen Pille in ſeiner Gurgel und das Gefühl eines Depoſitums von warmem Leim, der ein wenig tiefer in ihm umherſchleicht, ihm einige Uebelkeit verurſacht, tritt, ein Diener ein und meldet, daß ihn eine Dame zu ſprechen wünſcht. „Eine Dame!“ ſagt Twemlow, ſeine zerknitterten Federn glättend.„Erſucht die Dame um ihren Namen.“ Der Name der Dame iſt Lammle. Die Dame wird Mr. Twemlow nur wenige Minuten aufhalten. Die Dame iſt überzeugt, daß Mr. Twemlow ihr die Freund⸗ lichkeit erzeigen wird, ſie zu empfangen, wenn er hört, daß ſie aufs Dringendſte eine kurze Unterredung mit ihm zu haben wünſcht. Die Dame zweifelt keinen Augenblick an ſeiner Bereitwilligkeit, ſie zu ſehen, wenn er ihren Namen gehört haben wird. Sie hat den Diener erſucht, Acht zu geben, daß er kein Verſehen in ihrem Namen mache. Würde eine Karte geſchickt haben, hat aber keine bei ſich. „Führt die Dame herein.“ Die Dame wird herein⸗ geführt und kommt herein. Mr. Twemlow's kleine Zimmer ſind beſcheiden mit altmodiſchem Zimmergeräth meublirt(ziemlich ähnlich dem Zimmer der Haushälterin zu Snigsworthy Park), und würden jeder Zierde bar ſein, wenn ſich nicht über dem Kamine ein lebensgroßes Gemälde des göttlichen Snigsworth befände, wie er, eine ungeheure Pergament⸗ rolle zu ſeinen Füßen und einen ſchweren Vorhang, der auf ſein Haupt herabzuſtürzen droht, über ſich, eine ko⸗ rinthiſche Säule anſchnauft: welche Zuthaten dem edlen Lord gewiſſermaßen das Anſehen geben ſollen, als ſei er im Begriff, ſein Vaterland zu retten. „Bitte, nehmen Sie Platz, Mrs. Lammle.“ Mrs. Lammle nimmt Platz und beginnt die Unterhaltung. „Ich bezweifle nicht, Mr. Twemlow, daß Sie von unſerm Vermögensverluſte gehört haben. Natürlich ha⸗ ben Sie davon gehört— denn keine Art von Neuigkeit verbreitet ſich ſo ſchnell, wie dieſe— beſonders unter unſern Freunden.“ Des Verwunderungsdiners gedenkend, räumt Twemlow dies mit einem kleinen Gewiſſenszucken ein. „Es wird Sie wahrſcheinlich,“ ſagt Mrs. Lammle mit einer harten Manier, welche Twemlow unangenehm berührt,„nicht ſo ſehr überraſcht haben, wie Andere, nach dem, was ſich zwiſchen uns in jenem Hauſe zuge⸗ tragen, das jetzt unterſt zu oberſt gekehrt iſt. Ich habe mir die Freiheit genommen, Ihnen dieſen Beſuch zu machen, Mr. Twemlow, um eine Art von Nachſchrift zu dem hinzuzufügen, was ich an jenem Tage zu Ihnen ſagte.“. Mr. Twemlow's trockne und hohle Wangen wurden bei der Ansſicht auf fernere Verwickelungen noch trockner und hohler als ſie bereits waren. „Sie würden mir wirklich eine Gefälligkeit erzeigen, Mrs. Lammle,“ ſagte der ängſtliche kleine Herr,„wenn Sie mich mit ferneren vertrauten Mittheilungen ver⸗ ſchonten. Einer meiner Zwecke in dieſem Leben— das unglücklicherweiſe nicht viele Zwecke gehabt hat— iſt ſtets der geweſen, in keiner Weiſe Anſtoß zu geben und mich von allen Cabalen und Intriguen fern zu halten.“ Mrs. Lammle, die von Beiden bei weitem die ſchärfſte Beöachlerin iſt, 6 es kaum nöthig, Twemlow anzu⸗ ehen während er ſpricht, ſo leicht wird es ihr u leſen.) h p 5 4hn z „Meine Nachſchrift— um den Ausdruck beizubehal⸗ ten, deſſen ich mich ſo eben bedient habe—,“ ſagt Mrs. Lammle, indem ſie ihre Blicke auf ſein Geſicht heftet, um dem, was ſie ſagt, Nachdruck zu geben,„ſtimmt genau mit dem überein, was Sie ſagen, Mr. Twemlow. Weit entfernt, Sie mit ferneren vertrauten Mittheilungen beläſtigen zu wollen, wünſche ich Sie vielmehr blos daran zu erinnern, worin die frühere beſtand. Weit entfernt, Ihre Einmiſchung zu verlangen, möchte ich Sie nur um Ihre Neutralität erſuchen.“ Da Twemlow ihr zu antworten im Begriff iſt, ver⸗ gönnt ſie ihren Augen wieder Ruhe, da ſie weiß, daß ihre Ohren für den Inhalt eines ſo ſchwachen Gefäßes völlig hinreichen. „Ich kann vermuthlich,“ ſagt Twemlow ängſtlich, „keinen vernünftigen Einwand dagegen erheben, Etwas anzuhören, das Sie mir unter ſolchen Bedingungen mit⸗ zutheilen haben. Doch darf ich, ohne im Geringſten das Zartgefühl oder die Höflichkeit zu verletzen, Sie erſuchen, jene Grenzen nicht zu überſchreiten, ſo— ſo bitte ich um Erlaubniß, dies thun zu dürfen.“ „Sir,“ ſagt Mrs. Lammle, wieder die Augen er⸗ hebend und ihn durch ihr hartes Weſen förmlich unter⸗ jochend,„ich machte Ihnen eine gewiſſe Mittheilung, die Sie nach Ihrem beſten Gutdünken einer gewiſſen andern Perſon machen ſollten.“ „Was ich that,“ ſagt Twemlow. „Und wofür ich Ihnen danke; obgleich ich in der That kaum weiß, warum ich in der Sache Verrath gegen meinen Gatten übte, denn das Mädchen iſt eine erbärm⸗ liche kleine Närrin. Ich war ſelbſt einſt eine erbärmliche kleine Närrin: einen beſſern Grund wüßte ich nicht an⸗ zugeben.“ Da ſie die Wirkung wahrnimmt, die ſie durch ihr gleichgültiges Lachen und ihren kalten Blick auf ihn hervorbringt, heftet ſie, wie ſie fortfährt, feſt ihre Augen auf ihn.„Mr. Twemlow, falls Sie zufällig ſehen ſollten, daß mein Gatte, oder ich, oder wir Beide, irgend Je⸗ mandes Vertrauen genöſſen— ob das Vertrauen eines gemeinſchaftlichen Bekannten oder nicht, hat nichts zu ſagen,— ſo haben Sie nicht das Recht, Ihre Kennt⸗ niß deſſen, was ich Ihnen zu einem beſonderen Zwecke mittheilte, welcher erfüllt iſt, gegen uns anzuwenden. Dies iſt es, was Ihnen zu ſagen ich herkam. Es iſt dies keine Bedingung; für einen Ehrenmann iſt es nichts weiter als ein Erinnern.“ Twemlow ſitzt, die Hand an der Stirn, vor ſich hin murmelnd da. „Die Sache iſt ſo einfach,“ fährt Mrs. Lammle fort, „ſoweit dieſelbe zwiſchen mir(die ich von Anfang an auf Ihre Ehre baute) und Ihnen liegt, daß ich kein Wort weiter darüber verlieren will.“ Sie heftet ihre Blicke feſt auf Mr. Twemlow, bis er ihr achſelzuckend ſeitwärts eine kleine Verbeugung macht, wie um zu ſagen:„Ja, ich denke, Sie haben das Recht, ſich auf mich zu verlaſſen,“ und dann feuchtet ſie ihre Lippen an, und zeigt ein Gefühl der Erleichterung. „Ich hoffe, das Verſprechen, das ich Ihnen durch den Diener machen ließ, gehalten zu haben, indem ich Sie nur wenige Minuten beläſtigt. Ich brauche Sie nicht länger aufzuhalten, Mr. Twemlow.“ „Bitte!“ ſagt Twemlow aufſtehend, wie ſie aufſteht. „Verzeihen Sie einen Augenblick. Ich würde Sie nie⸗ mals aufgeſucht haben, Madame, um Ihnen das zu ſagen, was ich Ihnen ſagen werde; da Sie jedoch mich aufgeſucht haben und einmal hier ſind, will ich mir darüber das Herz erleichtern. Iſt es wohl mit der recht⸗ lichen Offenherzigkeit vereinbar, Sie zuerſt jenen Ent⸗ ſchluß gegen Mr. Fledgeby ausführten, und ſich ſpäter an ihn wandten, als an Ihren lieben, vertrauten Freund, und ihn um eine Gefälligkeit erſuchten? Immer voraus⸗ —7 — 51 diß 6 alſebt, Fenn dain vorden d Dann he gamule d geſhont hal, benutt 3 9 Es iſt n 2 ſagt Ms. Lc ud ſch ein Swemlon als die Dam ihren wohlge ſich ſo ſehr 1 Geſchlchte e „Darf ich lop! In ſt „Ich muf allmälig mit einige Jerkni egen wich in einem ge als Mr. Fle nicht von ih denſelben Di erbeten hatte Dieſe let herzigkeit des gedacht,„wer als ob ich ſe die ihtigen u von wir, ſeh „Wat N in Ihrer A Mrs. Laum „Ebenſo „Könne Twemlow, w „ch bit vor, dies zu lichung. 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Er iſt ſowohl kleiner und ſchwächer als die Dame, und wie ſie mit ihrem harten Weſen und ihren wohlgebrauchten Augen vor ihm daſteht, fühlt er ſich ſo ſehr im Nachtheil, daß er dem entgegengeſetzten Geſchlechte angehören möchte. „Darf ich fragen, wo ſich dies zutrug, Mr. Twem⸗ low? Im ſtrengſten Vertrauen?“ „Ich muß geſtehen,“ ſagt der milde kleine Mann, allmälig mit ſeiner Antwort herauskommend,„daß ich einige Zerknirſchung fühlte, als Mr. Fledgeby der Sache gegen mich erwähnte. Ich gebe zu, daß ich mich nicht in einem gefälligen Lichte ſehen konnte. Um ſo mehr, als Mr. Fledgeby ſich mit großer Höflichkeit, die ich nicht von ihm verdient zu haben mir bewußt war, mir denſelben Dienſt zu leiſten erbot, den Sie ſich von ihm erbeten hatten.“ Dieſe letzte Rede iſt ein Stück von der ächten Hoch⸗ herzigkeit des armen Herrn.„Sonſt,“ hat er bei ſich gedacht,„werde ich mir eine Ueberlegenheit anmaßen, als ob ich ſelber keine Schwierigkeiten hätte, während die ihrigen mir bekannt ſind. Und dies wäre niedrig von mir, ſehr niedrig.“ „War Mr. Gledgeby's Vermittelung ebenſo wirkſam in Ihrer Angelegenheit, wie in der unſrigen?“ fragte Mrs. Lammle. „Ebenſo fruchtlos.“ „Könn ie ſich entſchließen, mir zu ſagen, Mr. Twemlow, wo Sie Mr. Fledgeby ſahen?“ „Ich bitte um Verzeihung. Ich hatte entſchieden vor, dies zu thun. Es war keine beabſichtigte Verheim⸗ lichung. Ich traf Mr. Fledgeby, ganz durch Zufall, am 9 Orte ſelbſt.— Mit dem Ausdrucke„am Orte ſelbſt“ will ich Mr. Riah's Comptoir in St. Mary Axe ge⸗ meint haben.“. „Dann haben Sie alſo das Unglück, ſich in Mr. Riah's Händen zu befinden?“ „Die einzige pecuniäre Verpflichtung, die auf mir laſtet, Madame,“ erwidert Twemlow,„die einzige Schuld meines Lebens(doch iſt dieſelbe eine gerechte; bitte, be⸗ merken Sie, daß ich dieſelbe nicht beſtreite) iſt unglück⸗ licherweiſe Mr. Riah in die Hände gefallen.“ „Mr. Twemlow,“ ſagt Mrs. Lammle, ſeine Augen durch die ihrigen feſſelnd— was er verhindern möchte, wenn er es im Stande wäre, aber er kann es nicht ver⸗ hindern;„dieſelbe iſt in Mr. Fledgeby's Hände gefallen. Mr. Riah iſt ſeine Maske. Sie iſt in Mr. Fledgeby’s Hände gefallen. Laſſen Sie mich Ihnen dies behufs Ihres weiteren Verhaltens ſagen. Es kann Ihnen von Nutzen ſein, dies zu wiſſen, wenn auch nur, um zu ver⸗ hindern, daß Ihre Leichtgläubigkeit, indem Sie die Wahr⸗ haftigkeit Anderer nach Ihrer eigenen Wahrhaftigkeit be⸗ urtheilen, hintergangen werde.“ „ Unmöglich!“ ruft Twemlow, indem er ſtaunend da⸗ ſteht.„Woher wiſſen Sie dies?“ „Ich kann kaum ſagen, woher ich es weiß. Der ganze Gang der Ereigniſſe ſchien mit einem Male Feuer zu fangen und es mir zu zeigen.“ Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 518 „O! Dann haben Sie keinen Beweis dafür!“ „Es iſt ſehr ſeltſam,“ ſagt Mrs. Lammle mit kalter Dreiſtigkeit und einiger Verachtung,„wie ſehr die Männer in gewiſſen Dingen einander gleichen, während ihre Charaktere doch ſo verſchieden als möglich ſind! Nicht zwei Männer können weniger Aehnlichkeit mit einander haben, als Mr. Twemlow und mein Gatte. Und dennoch erwidert mein Gatte mir: ‚Du haſt keinen Beweis', und Mr. Twemlow antwortet mir mit denſelben Worten!“ „Aber warum, Madame?“ wagt Twemlow ſanft zu ſtreiten.„Bedenken Sie, warum ich mit denſelben Worten antworte? Weil Sie ein Factum angeben. Weil Sie in der That keinen Beweis haben.“ „Die Männer ſind auf ihre Art ſehr weiſe,“ ſagt Mrs. Lamnle, einen hochmüthigen Blick auf das Snigs⸗ worth⸗Portrait werfend und, als Vorbereitung zum Gehen, ihr Kleid ſchüttelnd;„aber es bleibt ihnen noch einige Weisheit ſich anzueignen übrig. Mein Gatte, der nicht übertrieben vertrauensvoll, naiv oder unerfahren iſt, ſieht dieſe deutliche Sache ebenſo wenig wie Mr. Twemlow— weil kein Beweis vorhanden iſt! Doch glaube ich, daß von ſechs Frauen an meiner Stelle fünf es ebenſo klar ſehen würden, wie ich. Indeſſen will ich nimmer ruhen (wenn auch nur zur Erinnerung an den Umſtand, daß Mr. Twemlow meine Hand geküßt hat), bis mein Gatte es ebenfalls ſieht. Und Sie werden wohl thun, es von jetzt an für ſich zu ſehen, Mr. Twemlow, obgleich ich Ihnen keinen Beweis liefern kann.“ Wie ſie, von Mr. Twemlow begleitet, der Thür zu ſchreitet, ſpricht dieſer ſeine Hoffnung aus, daß die Lage der Dinge für Mr. Lammle keine unverbeſſerliche ſein möge. 8,2c weiß es nicht,“ ſagt Mrs. Lammle, indem ſie ſtillſteht und mit ihrem Sonnenſchirme das Tapeten⸗ muſter auf der Wand nachzeichnet;„das kommt darauf an. Es mag ſich ihm jetzt eine Ausſicht eröffnen— vielleicht auch nicht. Wir werden es bald erfahren. Wo nicht, ſo ſind wir hier bankerott, und werden vermuthlich ins Ausland gehen müſſen.“ Mr. Twemlow bemerkt in ſeinem gutmüthigen Wunſche, die Sache vom angenehmſten Geſichtspunkte darzuſtellen, daß es ſich im Auslande ſehr angenehm lebt. „Ja,“ ſagt Mrs. Lammle, ihre Zeichnung fortſetzend; „aber ich bezweifle, ob Kartenſpiel und Billardſpiel u. ſ. w. um die Mittel, in verdächtigter Stellung an einer ſchmutzigen table d'hôte ſpeiſen zu können, ein an⸗ genehmes Leben zu nennen ſei.“ „Es iſt ſehr viel werth für Mr. Lammle,“ ſagt Twemlow artig(obgleich innerlich tief empört),„beſtän⸗ dig ein Weſen zur Seite zu haben, das ihm unter allen Umſtänden treu zugethan iſt, und deſſen zügelnder Ein⸗ fluß ihn von einem Lebenswandel zurückhalten muß, der ebenſo ehrlos als verderblich ſein würde.“ „Zügelnder Einfluß, Mr. Twemlow? Wir müſſen eſſen und trinken und ein Dach über dem Kopfe haben. Stets an ſeiner Seite, und unter allen Umſtänden treu zugethan? Damit iſt nicht ſehr zu prahlen; was kann ein Weib in meinem Alter thun? Mein Gatte und ich täuſchten einander, als wir heiratheten; wir müſſen die Folgen dieſer Täuſchung hinnehmen— das heißt ein⸗ ander ertragen, und die Laſt ertragen, tagtäglich mit einander für das heutige Mittageſſen und das morgende Frühſtück Ränke zu ſchmieden— bis der Tod uns ſcheidet.“ Mit dieſen Worten ging ſie in die Duke⸗Straße, St. James hinaus. Mr. Twemlow kehrt zum Sopha zurück und legt ſein ſchmerzendes kleines Haupt auf das glatte Roßhaarkiſſen, in der feſten innerlichen Ueberzeu⸗ 2 29* 050 gung, daß eine peinliche Unterredung nicht gerade das Zuträglichſte iſt, was man nach zwei Diner⸗Pillen genießen kann, welche eine ſo wohlthuende Wirkung in Bezug auf die Genüſſe der Tafel üben ſollen. Doch um ſechs Uhr Abends fängt der würdige kleine Herr an ſich wohler zu fühlen, und beginnt ſich mit ſei— nen veralteten kleinen Schuhen und ſeidenen Strümpfen zu dem Verwunderungs⸗Diner bei den Veneering's zu ſchmücken. Und um ſieben Uhr trippelt er in die Duke⸗ Straße hinunter und bis an die Ecke derſelben, um einen Sixpence am Fiakerlohn zu erſparen. Tippins, die Göttliche, hat ſich jetzt in einen ſolchen Zuſtand hinein dinirt, daß ein melancholiſches Gemüth ihr eine geſegnete Veränderung wünſchen möchte; daß ſie nämlich endlich einmal zur Nacht ſpeiſte und zur Ruhe ginge. So denkt Mr. Eugen Wrayburn, den Twemlow die Tippins mit dem düſterſten Geſichte betrachten ſieht, während dieſes muthwillige Geſchöpf ihn damit neckt, daß er ſich ſo lange auf dem Wollſacke“) erwarten laſſe. Auch ſchäkert die Tippins mit Mortimer Lightwood, und giebt ihm ſcherzhafte leichte Schläge mit ihrem Fächer dafür, daß er Schemelmann bei der Vermählung dieſer falſchen Wie⸗heißen⸗ſie⸗gleich geweſen, die ſich ruinirt haben. Obwohl der Fächer in der That eine allgemeine Lebhaftigkeit beſitzt, und den Männern in allen Rich⸗ tungen Schläge verſetzt, und zwar mit einem knöchernen Schalle, der an das Klappern von Lady Tippin's Ge⸗ beinen erinnert. Seitdem Veneering zum öffentlichen Beſten in's Par⸗ lament eintrat, iſt eine neue Race von intimen Freunden bei den Veneering's aufgeſchoſſen, gegen die Mrs. Venee⸗ ring außerordentlich aufmerkſam iſt. Von dieſen Freun⸗ den wird, wie von aſtronomiſchen Entfernungen, nur in den allergrößten Zahlen geſprochen. Boots ſagt, daß Einer derſelben ein Contrahent ſei, der(wie man be⸗ rechnet habe) in directer und indirecter Weiſe fünfmal⸗ hunderttauſend Leute beſchäftigt. Brewer ſagt von einem Andern, er ſei ein Vorſitzender, der nah und fern ſo ſehr geſucht iſt, daß er nie weniger als dreitauſend Meilen die Woche per Eiſenbahn reiſt. Buffer ſagt von einem Dritten, er habe vor anderthalb Jahren keinen Siyxpence beſeſſen, und jetzt durch ſein glänzendes Genie, indem er jene Actien zu fünfundachtzig ausgegeben, und dann alle für Nichts aufgekauft, und darauf zu Pari für baares Geld verkauft, dreihundertundfünfundſiebenzigtauſend Pfund beſitzt— Buffer beſteht beſonders auf die fünf⸗ undſiebenzigtauſend und will keinen Heller weniger gel⸗ ten laſſen. Die Tippins unterhält ſich außerordentlich ſcherzhaft mit Buffer, Boots und Brewer über dieſe Väter der Actien⸗Kirche; ſie betrachtet ſie durch ihre Lorgnette und fragt Buffer, Boots und Brewer, ob ſie meinen, daß jene Herren ihr Glück machen würden, falls. ſie ihnen den Hof machte? und andere ähnliche Scherze. Veneering iſt auf ſeine Weiſe ebenfalls ſehr mit den Vätern beſchäftigt; er zieht ſich fromm mit ihnen in das Gewächshaus zurück, aus welchem Schlupfwinkel zuweilen das Wort„Committee“ vernommen wird, und wo die Väter Veneering unterrichten, wie er das Thal des Cla⸗ viers zur Linken verlaſſen, die Ebene des Kaminſimſes betreten, bei dem Candelaber hinübergehen, ſich der Fahr⸗ ſtraße bei der Conſole bemächtigen und die Oppoſition bei den Fenſtervorhängen von Grund aus vernichten muß. Mr. und Mrs. Podsnap befinden ſich unter den Gäſten, und die Väter erkennen in Mrs. Podsnap eine *) Wollſack= woolsack, der gepolſterte Sitz des Lord⸗ Großkanzlers im engliſchen Oberhauſe. 519 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 520 ſchöne Frau. Sie iſt einem Vater überwieſen— Boot's Vater, der fünfmalhunderttauſend Leute beſchäftigt— und zur Linken von Veneering vor Anker gelegt worden; wodurch der ſchäkernden Tippins zu ſeiner Rechten Ge⸗ legenheit wird(indem er, wie gewöhnlich, nichts weiter als leeren Raum darſtellt), ſich einige Auskunft über jene lieben, charmanten Eiſenbahnarbeiter zu erbitten, und ſich unterrichten zu laſſen, ob ſie wirklich von rohen Beefſteaks leben und Porter aus ihren Schubkarren trin⸗ ken. Doch all ſolcher kleinen Scharmützel ungeachtet fühlt man, daß dies ein Verwunderungs⸗Diner ſei, und daß das Verwundern nicht vernachläſſigt werden dürfe. Demzufolge wird Brewer, als der Mann, der den größten Ruf aufrecht zu erhalten hat, der Dolmetſcher des allge⸗ meinen Inſtincts. „Ich nahm heute Morgen,“ ſagte Brewer während einer günſtigen Pauſe,„einen Fiaker und fuhr nach jener Auction.“ Boots(von Neid verzehrt) ſagt:„Daſſelbe that auch ich. Buffer ſagt:„Ich ebenfalls,“ doch will ſich durchaus Niemand darum bekümmern, ob er es that oder nicht. „Und wie ging es dort zu?“ fragt Veneering. „Ich verſichere Ihnen,“ erwidert Brewer, ſich nach jemand Anderem umſchauend, an den er ſeine Antwort richten kann, und ſchließlich Lightwood den Vorzug gebend, „ich verſichere Ihnen, die Sachen wurden für ein Butter⸗ brod fortgeſchlagen. Recht ſchöne Sachen,— brachten aber gar nichts ein.“ „Das hörte ich heute Nachmittag,“ ſagt Lightwood. Brewer bittet um Erlaubniß, einen Geſchäftsmann fragen zu dürfen, wie es möglich ſei, daß„dieſe— Leute einen— ſo totalen— Bankerott— machen konnten?“ (Brewer's Abtheilungen wurden des Näͤchdrucks wegen gemacht.) Lightwood erwidert, daß er allerdings conſultirt worden ſei, jedoch keinen Rath zu ertheilem gehabt habe, in welcher Weiſe der Pfandbrief einzulöſen ſei, und ver⸗ letzt deshalb kein Vertrauen, indem er meint, es ſei wahrſcheinlich daher gekommen, daß ſie über ihre Mittel elebt. 4„Aber wie,“ ſagt Veneering,„können die Leute dies thun?“. Ah! Dies trifft, wie Alle fühlen, den Nagel auf den Kopf. Wie können die Leute das thun! Der analytiſche Chemiker, der mit dem Champagner die Runde macht, ſieht ſehr danach aus, als ob er ihnen einen ziemlich guten Begriff davon geben könnte, wie die Leute dies thun können, falls es ihm beliebte. „Wie,“ ſagt Mrs. Veneering, indem ſie ihre Gabel niederlegt, um die Fingerſpitzen ihrer Adlerkrallen zu⸗ ſammenzupreſſen, und ſich zu dem Vater wendet, der die dreitauſend Meilen per Woche reiſt,„wie eine Mutter ihr Kindchen anſchauen und ſich dabei bewußt ſein kann, daß ſie über die Mittel ihres Gatten lebt, das vermag ich nicht zu begreifen.“ Eugen meint, daß Mrs. Lammle, da ſie nicht Mutter, kein Kindchen anzuſchauen im Stande geweſen ſei. „Sehr wahr,“ ſagte Mrs. Veneering.„Aber das Princip bleibt immer daſſelbe.“ Boots findet es klar, daß das Princip daſſelbe bleibt. Buffer ebenfalls. Es iſt Buffer's unglückſeliges Geſchick, einer Sache zu ſchaden, indem er ſich zum Verfechter derſelben aufwirft. Die übrige Geſellſchaft hat ſich demüthig darein gefügt, daß das Princip daſſelbe iſt, bis Buffer es ſagt; worauf ſich augenblicklich ein allge⸗ meines Gemurmel hören läßt, daß das Princip nicht daſſelbe ſei. Aber ich 7 tund ihre Verſchwe en konnte, d die überhaupt ttets ein gewt Eugen(d en zu befind Mittel und l Dik. daß der Vat ihe im 5t liche, daß Je daß ſich Jeder darüber abzug tiſch“ Ein? wiſſen, daß di ſagt: ⸗„Mferde „Zwei getren Nichts ſagt, ſehr erhitt; maßen abgieb „Fragen S ſprechungen de theil zu nehme iſt ein wider ſtand, ein C ich—,“ und Aunes, mit abthut, ſtreift lichen Geſchö total bankero Weltalls hinn Cugen, de achtet Mr. P und iſt vielle wagen, als! Kutſcher gew verräth, ſich tirteller vorzu Kinder zu ſan Servirtiſche d lichkeit und? 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Haiit Leuten, die überhaupt irgend eine Stellung einnehnien, läßt ſich ſtets ein gewiſſer Accord machen.“ Eugen(der ſich in einem Zuſtande düſterer Meinun⸗ gen zu befinden ſcheint) meint:„Geſetzt, man hat keine Mittel und lebt über dieſelben?“ Dies iſt ein zu inſolventer Zuſtand der Dinge, als daß der Vater ſich eine Vorſtellung von demſelben zu machen im Stande wäre. Aber es iſt etwas ſo Erſtaun⸗ liches, daß Jemand einen totalen Bankerott machen kann, daß ſich Jeder verpflichtet fühlt, eine ſpezielle Erklärung darüber abzugeben. Der eine der Väter ſagt:„Spiel⸗ tiſch.“ Ein anderer Vater ſagt:„Speculirte, ohne zu wiſſen, daß die Speculation eine Wiſſenſchaft iſt.“ Boots ſagt:„Pferde.“ Lady Tippins ſagt zu ihrem Fächer: „Zwei getrennte Haushaltungen.“ Mr. Podsnap, der Nichts ſagt, wird um ſeine Anſicht erſucht, welche er, ſehr erhitzt und außerordentlich aufgebracht, folgender⸗ maßen abgiebt: „Fragen Sie mich nicht. Ich wünſche an den Be⸗ ſprechungen der Angelegenheiten dieſer Leute keinen An⸗ theil zu nehmen. Ich verabſcheue den Gegenſtand. Es iſt ein widerwärtiger Gegenſtand, ein verletzender Gegen⸗ ſtand, ein Gegenſtand, der mich unwohl macht, und ich—,“ und mit ſeiner beliebten Schwenkung des rechten Armes, mit der er Alles hinwegſtreift und auf immer abthut, ſtreift Mr. Podsnap dieſe widerwärtig unerklär⸗ lichen Geſchöpfe, die über ihre Mittel gelebt haben und total bankerott geworden ſind, von der Oberfläche des Weltalls hinweg. Eugen, der ſich in ſeinem Seſſel zurückgelehnt, beob⸗ achtet Mr. Podsnap mit einem unehrerbietigen Geſichte, und iſt vielleicht wieder im Begriff, eine Meinung zu wagen, als man den Analytiſchen in Colliſion mit dem Kutſcher gewahr wird, indem der Kutſcher die Abſicht verräth, ſich der Geſellſchaft mit einem ſilbernen Präſen⸗ tirteller vorzuſtellen, wie wenn er für ſein Weib und ſeine Kinder zu ſammeln wünſchte, und der Analytiſche ihm am Servirtiſche den Weg abſchneidet. Die überlegene Statt⸗ lichkeit und Taktik des Analytiſchen trägt den Sieg über einen Mann davon, der von ſeinem Kutſcherbocke gar nichts iſt; und der Kutſcher zieht ſich, ſeinen Präſentir⸗ teller überliefernd, geſchlagen zurück. Dann lieſt der Analytiſche einen Papierzettel, der auf dem Präſentirteller liegt, und zwar mit der Miene eines literariſchen Recenſenten, legt denſelben wieder zurecht, läßt ſich Zeit, indem er ihn nach dem Speiſetiſche trägt, und präſentirt ihn Mr. Eugen Wrayburn. Worauf die ſpaßige Tippins ausruft:„Der Lord⸗Großkanzler hat ſeine Entlaſſung eingereicht!“ Eugen ſtellt ſich mit empörender Trockenheit und — 521 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 522 Langſamkeit— denn er weiß, daß die Neugierde der Zauberin ſtets eine verzehrende iſt—, als ob er ſeiner Lorgnette bedürfte, dieſelbe putzen und dann mit deren Hülfe mühſam den Zettel leſen müßte, deſſen Inhalt er längſt geleſen hat. Das, was mit naſſer Tinte darauf geſchrieben ſteht, iſt Folgendes: „Der junge Blight.“ „Wartet er?“ ſagt Eugen über ſeine Schulter im Vertrauen zum Analytiſchen. „Wartet,“ antwortet der Analytiſche in begegnendem Vertrauen. Eugen wirft Mrs. Veneering einen Blick zu, welcher „Entſchuldigen Sie mich“ ſagt, geht hinaus und findet den jungen Blight, Mortimer's Schreiber an der Haus⸗ thür. „Sie ſagten mir, ich ſolle ihn zu Ihnen bringen, wo Sie immer wären, falls er käme, wenn Sie abweſend und ich zu Hauſe wäre,“ ſagt dieſer discrete junge Herr, auf den Fußſpitzen ſtehend, um zu flüſtern;„und ich habe ihn gebracht.“ „Schlauer Burſch. Wo iſt er?“ fragt Eugen. „Er iſt in einem Fiaker, Sir, vor der Thür. Ich hielt es für's Beſte, ihn nicht zu zeigen, ſehen Sie, falls es ſich verhindern ließe; denn er zittert am ganzen Leibe, wie—“, Blight's Gleichniß wird ihm vielleicht durch die umherſtehenden Schüſſeln mit Gelée eingegeben— „wie Gallerte.“ „Nochmals ein ſchlauer Burſch,“ erwidert Eugen. „Ich will zu ihm gehen.“ Er geht ſofort und ſchaut, ſeine Arme nachläſſig auf das herabgelaſſene Fenſter des Fiakers ſtützend, zu Mr. Puppen hinein, der ſeine eigene Atmoſpäre mitge⸗ bracht hat, und zwar dem Geruche nach, wie es für die Fahrgelegenheit am bequemſten, in einem Rumfaſſe. „Nun, Puppen, wacht auf.“ „Miſt Wrayburn? Adreſſe! Funfzehn Schilling!“ Nachdem er ſorgfältig den ſchmutzigen Papierzettel geleſen, der ihm überreicht wird, und denſelben ebenſo ſorgfältig in ſeine Weſtentaſche geſteckt hat, zählt Eugen das Geld ab, wobei er unvorſichtigerweiſe den Anfang damit macht, den erſten Schilling in Mr. Puppen's Hand zu zählen, der denſelben augenblicklich auf die Straße wirft, worauf Eugen dann die fünfzehn Schilling auf den Rückſitz hinzählt. „Fahrt ihn nach Charing Croß zurück, ſchlauer Burſch, und ſchafft ihn Euch dort vom Halſe.“ Wie er in das Eßzimmer zurückkehrt und einen Augenblick hinter dem Schirme an der Thür ſtehen bleibt, hört Eugen durch das Gemurmel und Tellergeklapper hindurch die ſchöne Tippins ſagen:„Ich ſterbe vor Ver⸗ langen, ihn zu fragen, wozu er hinausgerufen worden!“ „Wirklich?“ murmelt Eugen.„Dann wirſt Du viel⸗ leicht ſterben, falls Du ihn nicht fragen kannſt. Des⸗ halb will ich mich zum Wohlthäter der menſchlichen Ge⸗ ſellſchaft machen und gehen. Auf einem Spaziergange und mit einer Cigarre kann ich mir dies überlegen. Kann ich mir dies überlegen.“ Damit ſucht er, von dem Analytiſchen nicht geſehen, mit gedankenvollem Geſicht Hut und Mantel und geht von dannen. Viertes Buch. 7 Eine Wendung. * Erſtes Capitel. Wie man Schlingen legt. Die Plaſhwater Weir⸗Mill⸗Schleuſe machte an einem ſtillen Sommerabende einen angenehmen und friedlichen Eindruck. Ein ſanfter Wind bewegte das Laub der friſchen grünen Bäume, und ſchlich wie ein glatter Schat⸗ ten über den Fluß und wie ein noch glatterer über das nachgebende Gras dahin. Das Rauſchen des fallenden Waſſers war, gleich dem Rauſchen des Windes und des Meeres, wie eine äußerliche Erinnerung für den beſchau⸗ lichen Lauſcher; doch nicht in einem beſondern Grade ſo für Mr. Riderhood, welcher halb ſchlummernd auf einem der hölzernen Hebebäume ſeiner Schleuſenthore ſaß. Der Wein muß auf irgend eine Art und Weiſe zuerſt in ein Faß hineingeſchafft werden, ehe man denſelben abzapfen kann; und da der Wein des Gefühls auf keine Weiſe je in Mr. Riderhood hineingeſchafft worden war, vermochte nichts in der Welt denſelben aus ihm herauszuzapfen. Wie der Rogue, ſich hin und wieder in ſehr kurzen Zwiſchenräumen aus dem Gleichgewicht nickend, daſaß, war ſeine Erholung ſtets von einem zornigen Stieren und Knurren begleitet, als wenn er, in Ermangelung irgend eines anderen Gegners, feindſelige Abſichten gegen ſich ſelber gehegt. Während eines Auffahrens dieſer Art verhinderte der Ruf:„Hollah, Schleuſe!“ ſeinen Rückfall in den Schlummer. Die verdrießliche Beſtie ſchüttelte ſich, wie ſie aufſtand, und gab ihrem Knurren am Ende eine antwortende Wendung, indem er das Geſicht ſtrom⸗ abwärts wandte, um zu ſehen, wer ihn anriefe. Es war ein Dilettanten⸗Ruderer, der ſein Werk ver⸗ ſtand, obgleich er ſich's dabei bequem machte, und zwar in einem ſo leichten Fahrzeuge, daß der Rogue die Be⸗ merkung machte:„Noch eine Kleinigkeit weniger und du wäreſt faſt ein Wettboot geweſen;“ dann machte er ſich an ſeine Windengriffe und Schleuſen, um den Ruderer hindurch zu laſſen. Als Letzterer, mit ſeinem Bootshaken an das Holzwerk der Schleuſen anhaltend, in ſeinem Boote aufſtand und wartete, bis die Thore geöffnet ſein würden, erkannte Riderhood ſeinen„andern der Herrn beide“, Mr. Eugen Wrayburn, der indeſſen zu gleich⸗ gültig oder zu beſchäftigt war, um ihn zu erkennen. Die knarrenden Schleuſenthore öffneten ſich langſam, und das leichte Boot kam, ſobald Raum genug dazu vorhanden, durch dieſelben herein; dann ſchloſſen ſie ſich wieder knarrend hinter ihm und es ſchwamm tief in dem Dock zwiſchen den beiden Schleuſen dahin, bis das Waſſer ſteigen und die zweite Schleuſe ſich öffnen und es hin— durch laſſen würde. Als Riderhood an ſeine zweite Winde gelaufen war und dieſelbe gedreht hatte, und indem er ſich gegen den Hebebaum dieſes Thores ſtemmte, um daſſelbe beim Aufgehen zu unterſtützen, ward er hinter der grünen Hecke bei dem Leinpfade hinter der Schleuſe einen Bootsführer gewahr. Das Waſſer ſtieg und ſtieg, als der Strom herein⸗ ſtürzte, und zerſtiebte den aum, der ſich hinter den ſchwerfälligen Thoren gebildet hatte, und hob das Ruder⸗ boot empor, ſo daß daſſelbe vom Geſichtspunkte des Bootsführers aus allmälig wie eine Erſcheinung gegen den Abendhimmel ſich abhebend aufſtieg. Riderhood be⸗ merkte, wie der Bootsführer ebenfalls, ſich auf ſeinen Arm ſtützend, aufſtand und ſeine Augen auf die emporſchwebende Geſtalt geheftet hielt. Aber es mußte der Flußzoll bezahlt werden, da die Thore ſich jetzt ächzend geöffnet hatten. Der„Andere Herr“ warf denſelben, in ein Stück Papier eingewickelt, ans Ufer, und erkannte dabei den Mann. „So, ſo? Ihr ſeid es, rechtſchaffener Freund?“ ſagte Eugen, ſich niederſetzend, um ſeine Ruder wieder aufzu⸗ nehmen.„Ihr habt alſo die Stelle erhalten?“ „Ich hab' die Stelle erhalten, und zwar ohne Ihnen oder Advokat Lightwood Dank dafür ſchuldig zu ſein,“ erwiderte Riderhood barſch. „Wir bewahrten unſere Empfehlung für den nächſten Candidaten auf, rechtſchaffener Freund,“ ſagte Eugen, „für den, der ſich um die Stelle bewerben wird, wenn Ihr deportirt oder gefangen ſein werdet. Seid ſo gütig, ihn nicht zu lange darauf warten zu laſſen!“ Er machte ſich mit einem ſolchen Gleichmuthe wieder an ſeine Arbeit, daß Riderhood ihm, ohne ſogleich eine Erwiderung zu finden, nachſtierte, bis er an einer Reihe von hölzernen Gegenſtänden bei dem Wehr vorbeigerudert war, die wie rieſige Drehwürfel ruhig im Waſſer ſchwebten, und bis er, die Gegenſtrömung meidend, weiterrudernd faſt unter den überhängenden Zweigen des linken Ufers verſteckt war. Da es dann zu ſpät war, um eine effect⸗ volle Entgegnung zu machen— falls dies überhaupt möglich geweſen wäre,— ſo begnügte ſich der recht⸗ ſchaffene Mann mit einigem grimmigen, leiſen Fluchen und Brummen. Nachdem er darauf ſeine Thore wieder geſchloſſen, kehrte er auf ſeiner bretternen Schleuſenbrücke wieder nach der Leinpfad⸗Seite des Fluſſes zurück. Falls er hierbei einen abermaligen Blick auf den Bootsführer warf, ſo that er dies verſtohlenerweiſe. Er warf ſich träge, den Rücken nach jener Richtung wendend, neben der Schleuſe im Graſe nieder und begann ein paar Grashalme zu kauen, die er gepflückt hatte. Das Ein⸗ ſchlagen von Eugen Wrayburn'’s Rudern war faſt un⸗ hörbar geworden, als der Bootsführer, die größtmögliche Entfernung zwiſchen ſich und jenem bewahrend und ſich hart an die Hecke haltend, an ihm vorüberkam. Dann ſtand Riderhood auf, heftete einen langen prüfenden Blick auf ſeine Geſtalt und rief plötzlich:„Hollah! Schleuſe! hollah! Schleuſe! Plaſhwater Weir⸗Mill⸗ Schleuſe!“ Der Bootsführer ſtand ſtill und ſchaute zurück. „Plaſhwater Weir⸗Mill⸗Schleuſe, mein anderſter Herr — rer— rer!“ ſchrie Riderhood, mit ſeinen Händen ein Sprachrohr bildend.. Der Bootsführer kehrte um. Wie er immer näher und näher herankam, verwandelte ſich derſelbe in Bradley Headſtone, in grobem, für alt gekauftem Flußufer⸗Coſtüm. ,30 bin DHhood wit ein bi bei Ihf haben nicht Wie er! ung wies, eine ſchnelle ſchaute beſorg „Sie wa ſcftigt,“ ſe neiſters zurüc „Mit wel beſchäftigt?“ langes Wolt ſo'“ ſagte R „Ich wil brummte An „Was ſol „Voshaft erlittene und und dergleich Bradley vermochte es Küöthe der Augen ſich „Hal hal ſagte Riderh rudern genöt ihn bald w das zu ſage der Stell, V Richmond falls es Ihr ’„Ihr de „Ich we „Nun ja gab Bradlen gen beſorgte Deruhi ſelbſt wenn Joot zurüch ein Packet mit anz 9— „Er ſ Grjſe 4 V lafend. „Jrechh „Was? 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Dies zeigte ſich jetzt genau in der Kleidung, die er trug. Und während er in ſeinem eigenen Schulmeiſteranzuge ſtets ausſah, als trüge er die Kleider eines Andern, hatte er vielmehr jetzt in den Kleidern Anderer das Ausſehen, als befinde er ſich in ſeinen eigenen. „Dies iſt Eure Schleuſe?“ fragte Bradley, deſſen Ueberraſchung wie ächt ausſah;„an der Stelle, wo ich zuletzt fragte, ſagte man mir, es ſei die dritte, zu der ich kommen werde, und dies iſt erſt die zweite.“ „Ich bin der Anſicht, mein Alter,“ erwiderte Rider⸗ hood mit einem Augenblinzeln und Kopfſchütteln,„daß Sie bei Ihrem Zählen eine ausgelaſſen haben. Sie haben nicht an Schleuſen gedacht. Nein, nein!“ Wie er bedeutungsvoll mit dem Finger in die Rich⸗ tung wies, welche das Boot genommen, ſtieg 2 eine ſchnelle Röthe der Ungeduld ins Geſicht, und er ſchaute beſorgt den Fluß hinunter. „Sie waren nicht mit Aufzählen der Schleuſen be⸗ ſchäftigt,“ ſagte Riderhood, als die Augen des Schul⸗ meiſters zurückkehrten.„Nein, nein!“ „Mit welcher andern Berechnung war ich dann wohl beſchäftigt? Mit Mathematik?“ A „So habe ich es nie nennen hören. Das iſt ein langes Wort dafür. Indeſſen— Sie nennen es vielleicht ſo,“ ſagte Riderhood, hartnäckig ſein Gras kauend. „Es. Was?“ „Ich will ſie ſagen, anſtatt es,“ war die trocken ge⸗ brummte Antwort.„Es iſt außerdem richtiger.“ „Was ſoll ich unter ſie verſtehen?“ „Boshaftigkeiten, Beſchimpfungen, Beleidigungen— erlittene und Andern zugefügte,— tödtliche Kränkungen und dergleichen,“ antwortete Riderhood. Bradley Headſtone mochte thun was er wollte, er vermochte es nicht zu verhindern, daß ihm abermals die Röthe der Ungeduld ins Geſicht ſchoß und daß ſeine Augen ſich wiederum beſorgnißvoll flußaufwärts wandten. „Ha! ha! Haben Sie keine Angſt, mein Anderſter,“ ſagte Riderhood.„Der Andere iſt gegen den Strom zu rudern genöthigt, und er macht ſich's bequem. Sie können ihn bald wieder einholen. Aber was nützt es, Ihnen das zu ſagen! Sie wiſſen, wie weit Sie ihm zwiſchen der Stelle, wo er die Strömung verlor— etwa zu Richmond— und hier hätten vorauskommen können, falls es Ihnen beliebte.“ „Ihr denkt, ich ſei ihm gefolgt?“ ſagte Bradley. „Ich weiß, daß Sie ihm gefolgt ſind.“ „Nun ja, ich bin ihm gefolgt, ich bin ihm gefolgt,“ gab Bradley zu.„Aber,“ ſagte er mit einem abermali⸗ gen beſorgten Blicke ſtromaufwärts,„er könnte landen.“ „Beruhigen Sie ſich! Er wird nicht verloren gehen, ſelbſt wenn er landet,“ ſagte Riderhood.„Er muß ſein Boot zurücklaſſen. Er kann aus demſelben nicht etwa ein Packet oder ein Bündel machen und es unterm Arme mit ans Land nehmen.“ „Er ſprach ſo eben zu Euch,“ ſagte Bradley, ſich im Graſe neben dem Schleuſenwärter af ein Kni⸗ lihdin laſſend.„Was ſagte er?“ 1aibei, ſagte Riderhood. as?“ „Frechheit,“ wiederholte Riderhood mit einem zorni⸗ gen Fluche;„er kann einmal nichts Anderes als Frechheit ſagen. Ich wäre ihm gern über Hals und Kopf ins Boot geſtürzt, um es ſinken zu machen.“ Bradley wandte auf einige Augenblicke ſein wildes Geſicht ab und ſagte dann, eine Handvoll Gras auf⸗ reißend:„Hol' ihn der Teufel!“ „Hurrah!“ rief Riderhood.„Macht Ihnen Ehre! Hurrah! Ich ſtimme mit dem anderſten Herrn ein.“ „Welche Richtung,“ ſagte Bradley mit einer An⸗ ſtrengung um Selbſtbeherrſchung, die ihn zwang, ſich das Geſicht abzutrocknen,„welche Richtung nahm ſeine Impertinenz heute?“ „Die Richtung,“ antwortete Riderhood mit verhal⸗ tener Wuth,„daß er hoffte, ich bereite mich zum Ge⸗ hängtwerden vor.“ „Davor nehme er ſich in Acht,“ rief Bradley.„Da⸗ vor nehme er ſich in Acht! Es wird ſchlimm für ihn ſein, wenn Leute, die er beleidigt und die er verſpottet hat, ans Gehängtwerden zu denken anfangen. Er möge ſich für ſein Schickſal bereit halten, wenn daſſelbe kommt. Es lag mehr Bedeutung in dem, was er ſagte, als er ſich ſelber bewußt war, oder er würde nicht Verſtand ge⸗ nug gehabt haben, es zu ſagen. Er mag ſich in Acht nehmen, er mag ſich in Acht nehmen! Wenn Leute, denen er Unrecht angethan und die er durch ſeine Unverſchämt⸗ heit gereizt hat, ſich zum Gehängtwerden anſchicken, da läutet bald die Todtenglocke. Und zwar nicht für ſie.“ Während der Schulmeiſter mit fürchterlichſter Con⸗ centration der Wuth und des Haſſes dieſe Worte ſprach, erhob Riderhood, ihn feſt anblickend, ſich allmälig aus ſeiner liegenden Poſitur. Und als die Worte alle aus⸗ geſprochen, lag auch er auf einem Knie im Graſe, und die beiden Männer ſchauten einander an. „O!“ ſagte Riderhood ſehr gelaſſen, indem er das Gras ausſpie, das er bisher gekaut hatte.„Daraus ent⸗ nehme ich, mein Anderſter, daß er ſie zu beſuchen im Begriff iſt?“ „Er verließ London geſtern,“ erwiderte Bradley. „Ich hege diesnkal kaum noch einen Zweifel, daß er ſie endlich beſucht.“ „Dann wiſſen Sie's nicht gewiß?“ „Ich bin hier,“ ſagte Bradley, die Bruſt ſeines groben Hemdes packend,„ſo überzeugt davon, wie wenn es dort ‚mit einem Stoße oder Stiche nach den Wolken“ geſchrieben ſtünde.“ „Ah! Aber Ihrem Ausſehen nach zu urtheilen,“ ent⸗ gegnete Mr. Riderhood, indem er den Reſt des gekauten Graſes ausſpie und ſich mit dem Aermel über den Mund ſtrich,„waren Sie früher ſchon ebenſo feſt überzeugt und ſahen ſich dann getäuſcht. Es hat Sie ziemlich mitge⸗ nommen.“ „Hört,“ ſagte Bradley mit leiſer Stimme, indem er ſich vorbeugte, um ſeine Hand auf die Schulter des Schleuſenwärters zu legen.„Ich habe Ferien.“ „Wirklich, beim heiligen Georg!“ murmelte Rider⸗ hood, die Augen auf das durch Leidenſchaft verſtörte Ge⸗ ſicht heftend.„Ihre Arbeitstage müſſen ziemlich bitter ſein, wenn dies Ihre Ferien ſind.“ „Und ich habe ihn,“ ſagte Bradley, die Unterbre⸗ chung ungeduldig mit der Hand bei Seite ſchiebend,„ſeit dieſelben anfingen, nie verlaſſen. Und ich will ihn jetzt nicht mehr verlaſſen, bis ich ihn mit ihr zuſammen ge⸗ ſehen habe.“ „Und wenn Sie ihn mit ihr zuſammen geſehen ha⸗ ben?“ ſagte Riderhood. „— Dann will ich zu Euch zurückkommen.“ Riderhood ſteifte das Knie, auf dem er geruht hatte, 4— &◻ d — Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. ſtand auf und ſchaute ſeinen neuen Freund düſter an. Nach einigen Augenblicken gingen ſie, wie auf ſtillſchwei⸗ gende Uebereinkunft, nebeneinander in der Richtung fort, die das Boot genommen hatte— Bradley eilend und Riderhood zögernd; Bradley, indem er ſeine ſaubere kleine Börſe(ein durch Penny⸗Contributionen unter ſeinen Schülern zuſammengebrachtes Geſchenk) aus der Taſche nahm; und Riderhood, indem er ſeine Arme aus⸗ einandernahm und ſich mit nachdenklicher Miene mit dem Rockärmel über den Mund ſtrich. „Ich habe eine Guinee für Euch,“ ſagte Bradley. „Sie haben zwei Guineen für mich,“ ſagte Rider⸗ hood. Bradley hielt einen Sovereign zwiſchen den Fingern. Die Augen auf den Leinpfäd geheftet, an ſeiner Seite dahin ſchlurfend, hielt Riderhood ihm ſeine linke Hand mit einer gewiſſen an⸗ſich⸗ziehenden Bewegung offen hin. Bradley griff nach einem zweiten Sovereign in ſeine Börſe, und es klimperten ihrer zwei in Riderhood's Hand, deren an⸗ſich⸗ziehende Bewegung ſich vüfrhte und das Geld in ſeine Taſche brachte. „Jetzt muß ich ihm folgen,“ ſagte Bradley Headſtone. „Er wählt dieſen Flußweg— der Narr!— um ſich der Beobachtung und Aufmerkſamkeit zu entziehen, wo nicht einzig und allein um mich irre zu leiten. Aber er muß die Macht beſitzen, ſich unſichtbar zu machen, ehe er mich abzuſchütteln im Stande iſt.“ Riderhood ſtand ſtill.„Wenn Sie ſich nicht aber⸗ mals getäuſcht ſehen, mein Anderſter, ſo kehren Sie viel⸗ leicht, wenn Sie zurückkommen, im Schleuſenhauſe ein?“ „Das will ich thun.“ Riderhood nickte und die Geſtalt des Bootsführers ging auf dem weichen Raſen an dem Leinpfade entlang, — mit ſchnellen Schritten und ſich hart an die Hecke haltend. Sie waren an eine Biegung gekommen, von wo aus ſie eine lange Strecke des Fluſſes überſahen. Ein Fremder in dieſer Gegend wäre vielleicht überzeugt geweſen, daß er hier und dort der Hecke entlang eine Geſtalt ſtehen ſah, die den Bootsführer beobachtete und ſein Herankommen abwartete. Anfang oft geglaubt, bis ſeine Augen ſich an die Pfähle gewöhnten, auf denen der Dolch zu ſehen war, der Wat Tyler traf, wie dies im Schilde der Stadt London dar⸗ geſtellt iſt.— Für Mr. Riderhood waren alle Dolche gleich. Selbſt für Bradley Headſtone, der ohne Buch die ganze Ge⸗ ſchichte von Wat Tyler, Lord Mayor von Walworth, und dem Könige, und Allem, was die Jugend plflicht⸗ ſchuldigſt lernen ſollte, wörtlich hätte herſagen können, gab es an dieſem Sommerabende in der ganzen Welt für jedes ſcharfe tödtliche Werkzeug nur ein einziges le⸗ bendes Subject. Und ſo ſtanden Riderhood, der ihm nachſchaute, wie er dahinging, und er, wie er verſtohlen die Hand auf ſeinen Dolch legte und die Augen auf das Boot heftete, ziemlich auf gleichem Fuße. Das Boot glitt unter den überhängenden Bäumen und über deren ſtille Schatten auf dem Waſſer dahin. Der Bootsmann, der am gegenüberliegenden Ufer dahin⸗ ſchlich, folgte ihm. Ein helles Funkeln zeigte Riderhood, wann und wo der Ruderer mit ſeinen Rudern einſchlug, bis die Sonne, während er noch müßig beobachtend da⸗ ſtand, unterging und die Landſchaft roth färbte. Und dand batts das Roth den Anſchein, als ob es aus der⸗ ſelben ſchwinde und zum Himmel emporſtiege, wie man dies von böslich vergoſſenem Blute ſagt. Zu ſeiner Schleuſe zurückkehrend(er hatte ſich nicht weit genug von derſelben entfernt, um ſie aus dem Ge⸗ ſichte zu verlieren), überlegte der Rogue ſo tief, wie dies Dies hutte er ſelbſt zu in der beſchränkten Macht eines ſolchen Menſchen liegt: „Warum ahmte er meine Kleidung nach? Er hätte auch ohne das ſo ausſehen können, wie er auszuſehen wünſchte.“ Dies bildete den Gegenſtand ſeiner Gedanken, in denen auch mit der Zeit, gleich halb ſchwimmendem, halb ſin⸗ kendem Flußkehricht, die ge aufſtieg, ob er es durch Zufall gethan? Die Schlingen, die er erdachte, um aus⸗ findig zu machen, ob es durch Zufall geſchehen, wichen bald, in praktiſcher Schlauheit, der ſchwierigeren Frage, warum es ſonſt gethan ſei. Und er erſann einen Plan. Rogue Riderhood ging in ſein Schleuſenhaus und brachte in das jetzt trübe, graue Abendlicht ſeine Kleider⸗ kiſte heraus. Sich neben dieſelbe im Graſe niederſetzend, nahm er der Reihe nach jeden Gegenſtand einzeln heraus, bis er zu einem auffallenden grell rothen Halstuch kam, das hier und da vom Tragen ſchwarze Flecke erhalten. Daſſelbe zog ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich, und er ſaß ſinnend mit ihm da, bis er den häßlichen, farbloſen Wiſch, den er um den Hals trug, abnahm und an deſſen Stelle das rothe Halstuch umband, deſſen Enden er loſe flattern ließ. „Wenn ich ihn jetzt,“ ſagte der Rogue,„nachdem er mich mit dieſem Halstuche geſehen, mit einem ähnlichen Halstuche ſehe, ſo wird es kein Zufall ſein!“ Ueber ſeinen Plan entzückt, trug er ſeine Kiſte wieder hinein und machte ſich an ſein Nachteſſen. „Schleuſe! Hollah, Schleuſe!“ Es war eine helle Nacht und ein Boot, das den Fluß herab kam, riß ihn aus einem langen Schlummer. Er hatte das Boot hin⸗ ennge und war, mit dem Schließen ſeiner Thore R äftigt, wieder allein, als Bradley Headſtone, am e ſeiner Schleuſe ſtehend, vor ihm erſchien. „Hollah!“ ſagte Riderhood. mein Anderſter?“ „Er iſt für die Nacht in ein Angler⸗Wirthshaus ein⸗ gekehrt,“ war die müde und heiſere Antwort.„Er ſetzt früh um ſechs Uhr die Fahrt den Fluß hinauf fort. Ich bin zurückgekommen, um ein paar Stunden zu ruhen.“ „Sie bedürfen derſelben,“ ſagte Riderhood, auf ſeiner Bretterbrücke zum Schulmeiſter hinüber gehend. „Ich bedarf ihrer nicht,“ entgegnete Bradley gereizt, „denn ich möchte ſie lieber nicht haben, und würde vor⸗ ziehen, ihm die ganze Nacht zu folgen. Indeſſen, wenn er nicht vorangehen will, kann ich ihm nicht folgen. Ich habe dort gewartet, bis ich mit Gewißheit erfahren konnte, wann er wieder aufbricht; falls ich mir dieſe Gewißheit nicht hätte verſchaffen können, würde ich dort⸗ geblieben ſein.— Dies wäre ein garſtiges Loch für einen Mann, der mit gebundenen Händen hineingeworfen würde. Dieſe glatten, ſchlüpfrigen Mauern würden ihm alle Aus— ſicht auf Rettung nehmen. Und jene Thore würden ihn vermuthlich unters Waſſer ſaugen?“ „Ob ſie ihn hinunterſaugten oder überſchluckten, her⸗ auskommen würde er nicht mehr,“ ſagte Riderhood. „Selbſt nicht, wenn ſeine Hände nicht gebunden wären. Man ſchließe ihn an beiden Enden ein, und ich will ihm ein Töpfchen alten Ale's geben, falls er je wieder herauf⸗ kommt, wo ich hier ſtehe.“. 1 Bradley ſchaute mit einem grauſigen Behagen hin⸗ unter.„Ihr lauft in dieſem unſicheren Lichte auf einem wenige Zoll breiten, verfaulten Brette hier am Rande und über das Waſſer hin,“ ſagte er.„Es wundert mich, daß Ihr nicht zu ertrinken fürchtet.“ „Das kann ich nicht!“ ſagte Riderhood. „Ihr könnt nicht ertrinken?“. „Nein!“ ſagte Riderhood, mit einer Miene gründ⸗ licher Ueberzeugung den Kopf ſchüttelnd.„Das iſt ſehr wohl bekannt. Ich bin vom Ertrinken gerettet und kann „Schon wieder zurück, — Bradley la die er be ſſ voll gegen ſü egen Andere, Falls et zu e zurückgetreten, gethan und ſtürzt hätte, keine überra ſe ung zu jel dörihen Ge Vieleicht ſch unruhige See Gewaltthat er Augenblick zu und einer and that. „Sagten fragte Rider er ihn eine! nem Seitenl tet,„daß gekommen, n Stunden aus Doch ſelbſt genöthigt, ii Ellbogen an Jener antwo „Wie? „Thäten beiſer, wenn kämen und legten?” „Danke. Er folg mit einer M et ſo eben au erwacht, in; haus, wo die Nindfleiſch 1 aiuas Vach Vaſſer in ei und träöpfelnd 1 diet, 1 ihn hinbenge 29 ſehmen 8 Sie ſih ſch Halstuchs auf ſich. g .„O!“ d wie? 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Aber es iſt unter Flußufer⸗Charakteren, wie ich, ſehr wohl bekannt, daß Einer, der vom Ertrinken ge⸗ rettet worden, nie ertrinken kann.“ Bradley lächelte ein herbes Lächeln über die Unwiſſen⸗ heit, die er bei einem ſeiner Schüler getadelt haben würde, und fuhr fort, ins Waſſer hinabzuſchauen, als wenn die Stelle einen düſteren Reiz für ihn hätte. „Es ſcheint Ihnen zu gefallen,“ ſagte Riderhood. Er beachtete die Worte nicht, ſondern fuhr fort hinab⸗ zuſchauen, als wenn er dieſelben gar nicht gehört. Es lag ein ſehr finſterer Ausdruck in ſeinem Geſicht ein Aus⸗ druck, den der Rogue ſich nicht wohl zu erklären ver⸗ mochte. Derſelbe war wild und entſchloſſen; doch mochte dieſe Entſchloſſenheit ebenſo 3 4 wohl gegen ſich ſelber, als gegen Andere gerichtet ſein. Falls er zu einem Anlaufe zurückgetreten, einen Sprung gethan und ſ zbenge ſtürzt hätte, äre dies keine überraſchende Fort⸗ ſetzung zu jenem Ausdruck in ſeinem Geſicht geweſen. Vielleicht ſchwankte ſeine unruhige Seele, von einer Gewaltthat erfüllt, für den Augenblick zwiſchen dieſer und einer andern Gewalt⸗ that. „Sagten Sie nicht,“ fragte Riderhood, nachdem er ihn eine Weile mit ei⸗ nem Seitenblicke beobach⸗ tet,„daß Sie zurück⸗ gekommen, um ein paar Stunden auszuruhen?“— Doch ſelbſt jetzt war er genöthigt, ihn mit dem Ellbogen anzuſtoßen, ehe Jener an twortete. „Wie? Ja.“ „Thäten Sie da nicht beſſer, wenn Sie herein⸗ kämen und ſich zur Ruhe legten?“ „Danke. Ja.“ Er folgte Riderhood mit einer Miene, als wenn er ſo eben aus dem Schlafe erwacht, in das Schleuſen⸗ haus, wo dieſer aus einem Schranke etwas kaltes gepökeltes Rindfleiſch und ein halbes Brod herausnahm, und dann etwas Wachholderbranntwein in einer Flaſche und etwas Waſſer in einem Kruge brachte. Letzteren trug er kühl und tröpfelnd vom Fluſſe herein. „Hier, mein Anderſter,“ ſagte Riderhood, ſich über ihn hinbeugend, um den Krug auf den Tiſch zu ſtellen. „Nehmen Sie lieber einen Biſſen und einen Trunk, ehe Sie ſich ſchlafen legen.“ Die hängenden Zipfel des rothen Halstuchs zogen die Aufmerkſamkeit des Schulmeiſters auf ſich. Riderhood ſah ihn dieſelben betrachten. „O!“ dachte dieſer Würdige.„Du merkſt Dir was, wie? Komm, dann ſollſt Du Dich ſatt d'ran ſehen.“ Mit dieſem Gedanken ſetzte er ſich an die andere Seite des Tiſches und öffnete ſeine Jacke und machte ſich an Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. ein umſtändliches Zuſammenknüpfen ſeines bunten Hals⸗ tuches. Bradley aß und trank. Wie er bei ſeinem Teller und Töpfchen daſaß, ſah Riderhood ihn wiederholt verſtohlene Blicke effame Im Hauſe des Schleuſenwärters.(Seite: 530.) auf ſein Halstuch werfen, als wenn er ſeine lang⸗ Beobachtung corrigirte und ſeinem trägen Gedächt⸗ niſſe hülfe.„Wenn Sie bereit ſind, den Schlaf zu ſuchen, mein Anderſter,“ ſagte jenes rechtſchaffene Geſchöpf,„ſo werfen Sie ſich auf mein Bett dort in der Ecke. Es ais es vor drei Uhr heller Tag ſein. Ich will Sie früh wecken.“ „Ich werde des Weckens nicht bedürfen,“ erwiderte Bradley. Und bald eaf ſge er ſich nieder, nachdem er blos ſeine Schuhe un iI Rock ausgezogen. Riderhood lehnte ſich mit über der Bruſt verſchlun⸗ genen Armen in ſeinen Seſſel zurück und betrachtete ihn, wie er im Schlafe mit geballter Rechten und feſt zuſammengebiſſenen nen dalag, bis ſeine eige⸗ nen Augen trübe wurden und auch er einſchlief. Wie er erwachte, fand er, daß es bereits Tag, ſein Gaſt aufgeſtanden und nach dem Fluß hinunterzugehen im Begriff war, um ſich den Kopf zu kühlen:—„Ob⸗ gleich ich mich hängen laſ— ſen will,“ murmelte Ri⸗ derhood, an der Thür des Schleuſenhauſes ſtehend und ihm nachſchauend,„wenn es in der ganzen Themſe Waſſer genug giebt, um das für Dich zu thun!“ In fünf Minuten hatte er ſich verabſchiedet und war, wie geſtern, in die ſtille Ferne hinausgegangen. Ri⸗ derhood merkte an ſeinem Zuſammenfahren und Um⸗ wenden, wenn ein Fiſch auf⸗ geſprungen war. „Schleuſe!— Hollah, Schleuſe!“ ging es von Zeit zu Zeit den ganzen Tag, und„Schleuſe! Hol⸗ lah, Schleuſe!“ erſcholl es dreimal in der folgenden Nacht, aber Bradley kehrte nicht zurück. Der zweite Tag war ſehr ſchwül und drückend. Nachmittags zog ein Gewitter auf und war ſoeben in einen wüthenden Regenguß ausgebrochen, als er, wie der Sturm ſelbſt, zur Thür hereinſtürzte. „Sie haben ihn mit ih ammengeſehen!“ rief Ri⸗ „Am Ziele ſeiner Reiſe. Tage auf's Ufer gezogen. ben. Ich ſah ſie—,“ er hielt inne, wie wenn er er⸗ ſtickte, und begann noch einmal:—„ich ſah ſie geſtern Abend mit einander gehen.“ „Was thaten Sie?“ „Nichts.“ „Was werden Sie thun?“ Zäh⸗ Sein„Boot iſt auf drei Ich hörte ihn d en Befe 1 en Befehl ge 1 531* darauf ſtürzte ihm das Blut heftig aus der Naſe. „Wie kommt dies?“ fragte Riderhood. „Ich weiß es nicht. Ich kann's nicht zurückhalten. Es iſt mir ſeit geſtern Abend zwei vier mal, ich weiß nicht wie oft ſchmecke es, rieche es, ſehe es, es erſti ſtürzt es in dieſer Weiſe hervor.“ 8 Er ging mit entblößtem Haupte wieder in den menden Regen hinaus, bückte ſich tief zum Fluſſe ſchaufelte mit beiden Händen das Waſſer auf und dunklen Vorhang, der ſi Viertel des Himmels hinbewegte. auf und kam, vom Kopf bis zu den Füßen durchnäßt, . während der untere Theil ſeiner Aermel, wo er dieſelben in den Fluß getaucht, von Waſſer ſtrömte, zurück. 5„Sie ſehen aus wie ein Geſpenſt,“ ſagte Riderhood droſ ich nach einem gewiſſen „Habt Ihr je ein Geſpenſt geſehen?“ war die ver⸗ ſſene Entgegnung. 3 „Ich will damit ſagen, Sie ſind völlig abgemattet.“ „Das mag wohl ſein. Ich habe keine Ruhe gehabt, ſeit ich Euch verließ. Ich erinnere mich nicht, mich auch nur ein einziges Mal niedergeſetzt zu haben, ſeit ich Euch verließ.“ — „Das will ich, wenn Ihr mir zuvor Etwas wollt, um meinen Durſt zu löſchen.“ Die Flaſche und der Krug wurden abermals zur ſchein gebracht und er miſchte ſich einen ſchwache, und dann einen zweiten, die er beide ſchnell nach ein⸗ ander austrank.„Ihr fragtet mich Etwas,“ ſagte er dann. „Nein, ich fragte Sie Nichts,“ ſagte Riderhood.“ „Ich ſage Euch,“ entgegnete Bradley, ſich mit einer wilden, verzweifelten Manier zu ihm wendend,„Ihr fragtet mich Etwas, ehe ich an den Fluß hinausging, mein Geſicht zu baden.“ „O, da,“ ſagte Riderhood, ein wenig zurückweichend. „Ich fragte Sie, was Sie thun würden?“ 2* „Wie kann ein Menſch in eine dies wiſſen?“ antwortete er, in ſo gewaltigen rne mit ſeinen beiden zitternden baige proteſtirend er das Waſſer aus ſeinen Aermeln auf den Fußboden ſchüttelte, als wenn er dieſelben ausgerungen hätte. „Wie kann ich irgend einen Entſchluß faſſen, ſo lange ich keinen Schlaf habe!“— „Je nun, faſt daſſelbe ſagte ich ſo eben,“ entgegnete der Andere.„Sagte ich nicht, legen Sie ſich nieder?“ „Nun, vielleicht ſagtet Ihr es.“ „Nun! Jedenfalls ſage ich es jetzt noch einmal. Schlafen Sie, wo Sie das letzte Mal ſchliefen; je feſter und länger Sie ſchlafen tönnen, deſto beſſer werden Sie danach wiſſen, was Sie vornehmen ſollen.“ Wie er auf das in der Ecke ſtehende Rollbett deutete, ſcchien Bradley ſich allmälig dieſes ärmlichen Lagers zu erinnern. Er warf ſeine abgetragenen und ſchiefgetretenen Schuhe ab und ſich ſelber ſchwer, naß, wie er war, auf das Bett. Riderhood ſetzte ſich auf ſeinen hölzernen Lehnſtuhl und ſchaute durchs Fenſter auf den Blitz hinaus und lauſchte auf den Donner. Doch waren ſeine Gedanken weit entfernt, von dem Donner und Blitz in Anſpruch genommen zu ſein, denn er ſchaute immer und immer und immer wieder mit neugierigen Blicken nach dem er⸗ ſchöpften Manne auf dem Bette hin. den Kragen ſeines groben Rockes in die Höhe gekrämpt, 4%& . 2 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. Er ſank auf einen Stuhl und lachte. Unmittelbar — drei ma zaſſirt.— Sc, wefe wäre, wenn er denſelben gelöſt hätte. am Fenſter ſaß und das Bett anſchaute. das Blut fort. Wie Ri od von der Thür zu ihm hin ſchaute, ſah er jenſei Geſtalt einen gewaltigen Er richtete den Kopf F 74 6. „Dann legen Sie ſich jetzt nieder,“ ſagte Riderhood.) obgleich n 3 Donner nicht gelingt; und nun gar meine Berührung! olchen Zuſtande Der Mann hatte 53² um ſich gegen das Ungewitter zu ſchützen, und denſelben am Halſe zugeknöpft. Sich deſſen, wie der meiſten Dinge, nicht bewußt, hatte er den Rock ſo gelaſſen, ſowohl wie er ſein Geſicht im Fluſſe gebadet, als wie er ſich aufs Bett' geworfen; obgleich es weit bequemer für ihn ge Der Donner rollte dumpf und der Blitz machte große Riſſe in den dunklen Wolkenvorhang, während Riderhood. Zuweilen 6. er den Schläfer auf dem Bette in einem rothen, zu⸗ weilen in einem blauen Lichte; zuweilen vermochte er ihn in der Gewitterfinſterniß kaum zu erblicken, und zu- weilen, in der blendenden Helle des weißen zitternden Feuers, fah er ihn gar nicht. Dann wieder ſtürzte der egen in einem fürchterlichen Guſſe vom Himmel, ſah als ſtiege er ihm entgegen, und Thür aufriß, machte das Haar annes flattern, wie wenn unſichtba das Bett gekommen wären, um ihn von dannen Von all dieſen Phaſen des Gewitterſturms od ſich ab, als wenn dieſelben Störungen — vielleicht ziemlich merkwürdige gen, immer aber doch Störungen— für ihn in ſeiner Beobachtung des Schläfers ſeien. B „Er ſchläft feſt,“ ſprach er bei ſich;„aber er iſt ſo argwöhniſch gegen mich und beobachtet mich ſo ſcharf, daß mein Aufſtehen ihn wecken dürfte, obgleich es dem der Fluß ndſt Er ſtand ſehr vorſichtig auf.„Mein Anderſter,“ ſagte er mit leiſer, ruhiger Stimme,„ Sie bequem? Die Luft iſt kühl, Alter. Soll ich Sie mit einem Rocke zudecken?“ Keine Antwort. „So iſt es ungefähr ſchon, ſehen Sie,“ murmelte Riderhood mit leiſerer und veränderter Stimme;„mit einem Rocke zude mit einem Rocke!“ Da der Sch en Arm bewegte, ſetzte Riderhood ſich wieder in ſeinen Seſſel und ſtellte ſich als beobachte er das Gewitter durchs Fenſter. Es war ein großartiges Schauſpiel, doch nicht ſo großartig, daß es ſeine Augen eine halbe Minute lang abgehalten hätte, einen verſtohlenen Blick auf den Mann auf dem Bette zu werfen.. Der verborgene Hals des Schläfers war derjenige Punkt, den Rit od ſo oft und ſo neugierig ins Auge faßte, bis aShhe des Mannes ſich in die Betäubung eines an iſt und Körper bis zum Tode Erſchöpften verwandelte. Dann verließ Riderhood behutſam ſeinen Platz am Fenſter und ſtand am Bette. „Der arme Menſch!“ murmelte er mit leiſer Stimme, liſtiger Miene, einem wachſamen Auge und zur Flucht bereiten Fuß, falls Jener plötzlich erwachen ſollte; „dieſer Rock muß ihm im Schlafe ſehr unbequem ſein. Ob ich ihm denſelben aufknöpfe und es ihm bequemer mache? Ah, das ſollte ich wohl. Ich denke, ich will's thun.“ Er berührte den erſten Knopf mit ſehr vorſichtiger Hand und einem Schritte zurück. Da aber der Schläfer in tiefer Bewußtloſigkeit dazuliegen fortfuhr, berührte er die übrigen Knöpfe mit einer ſicherern Hand und deshalb um ſo leichter. Leicht und langſam öffnete er den Rock und ſchlug ihn zurück. Es zeigten ſich die herabhängenden Zipfel eines grell rothen Halstuchs, und er hatte ſich ſogar die Mühe ge⸗ geben, daſſelbe an verſchiedenen Stellen in eine Flüſſig⸗ keit zu tauchen, um ihm das Anſehen des Getragenſeins zu geben. Riderhood ſchaute mit höchſt verblüfftem Ge⸗ ſicht von dem Halstuche zu dem Schläfer und von dem Schläfer zu dem Halstuche, und ſchlich endlich zu ſeinem 4 nd. u * 533 — — 7 lrück, Siſſe Grübeln iefem er Golden Mraand, rühſtück aber ſi 4 au fenring 3 eweſen, ſ Mr. u zmanten Ge toße Zärtlicht wie füt einand Mäine l „6 giebt mit Umgange mit dazu geboren, verbunden mi Scharfſtnn in Sanftmuth— Beider. Da dies lo als dieſer mit tiſch kam, ein und hochgeſchä „Meine S parteiſſche Ar Gatten—“ Nein! zäͤrtlich beweg Mein Ki nem Gatten- nichts einzuwe „Wie kan „Deine gi ſäßt Mr. Bof widerfahren.“ Die erſte Die zweite al „Du biſt Sophronig, raliſcher Eih dadurch auf vitd; undu Wu nich da erhebſt. Mr als ich zu: würde.“ „Weit m und zu überſ Mein§ 8„Darum Mté. Lamml „Nein, 6 punkte aus ſu ſchr von ide unwi ggenſchafte eil ſie e zelbt ſehe.“ „Affred! „Sie er dannen tterſtuuns Siorungen immer eobachtung er iſt ſo ſo ſcharf es dem grunAI“ rung! 14 „* ſagte 88: tem? D 9 n Rocke murmelte mme;„mit Pfer Riderhood erſtohlenen derjenige ns Auge Betäubung Erſchöpften ſam ſeinen orſichtiger Schlafer rührte er d deshalb den Rock 6 Flüſſig⸗ ragenſeins em Ge⸗ 533 Boz, Seſſel zurück, wo er, mit der Hand am Kinn, lange in tiefem Grübeln ſaß und beide anſtierte. Zweiles Capilel. er Goldene Kehrichtmann erhebt ſich ein wenig. Mr. zund Mrs. Lammle hatten Mr. und Mrs. Boffin Frühſtück beſucht. Sie waren nicht gerade ungeladen, aber ſie hatten ſich dem goldenen Paare ſo gewaltſam aufgedrängt, daß es dieſem, falls es ihm wünſchenswerth eweſen, ſchwer geworden ſein würde, der Ehre zu ent⸗ Mr. und Mrs. Lammle befanden ſich in einer armanten Gemüthsſtimmung, und legten faſt ebenſo roße Zärtlichkeit für Mr. und Mrs. Boffin an den Tag, wie für einander.„ „Meine liebe Mrs. Boffin,“ ſagte Mrs. Lammle, „es giebt mir neues Leben, meinen Alfred in vertraulichem Umgange mit Mr. Boffin zu ſehen. Die Beiden ſind dazu geboren, Freunde zu werden. So viel Herzenseinfalt verbunden mit ſolcher Charakterſtärke, ſolch natürlicher Scharfſinn im Verein mit ſolcher Liebenswürdigkeit und Sanftmuth— dies ſind die hervorragenden Eigenſchaften Beider.“ Da dies laut geſprochen wurde, gab es Mr. Lammle, als dieſer mit Mr. Boffin vom Fenſter an den Frühſtücks⸗ tiſch kam, eine Gelegenheit, auf das, was ſeine geliebte und hochgeſchätzte Gattin ſagte, einzugehen. „Meine Sophronia,“ ſagte dieſer Herr,„Deine zu parteiiſche Anerkennung des Charakters Deines armen Gatten—“ „Nein! Nicht zu parteiiſch, Alfred,“ ſagte die Dame, zärtlich bewegt;„ſage das nie.“ „Mein Kind, alſo Deine günſtige Meinung von Dei⸗ nem Gatten— gegen dieſe Ausdrucksweiſe haſt Du doch nichts einzuwenden, mein Herz?“ „Wie kann ich das wohl, Alfred?“ „Deine günſtige Meinung alſo, mein theuerſtes Weſen, läßt Mr. Boffin weniger und mir mehr als Gerechtigkeit widerfahren.“ „Die erſtere Beſchuldigung, Alfred, erkenne ich an. Die zweite aber— o, nein, nein!“ „Du biſt weniger als gerecht gegen Mr. Boffin, Sophronia,“ ſagte Mr. Lammle, ſich zu einem Tone mo⸗ raliſcher Erhabenheit emporſchwingend,„weil Mr. Boffin dadurch auf meinem niedrigeren Standpunkte dargeſtellt wird; und mehr als gerecht gegen mich, Sophronia, weil Du mich dadurch zu Mr. Boffin's höherem Standpunkte erhebſt. Mr. Boffin duldet und überſieht weit mehr, als ich zu dulden und zu überſehen im Stande ſein würde.“ „Weit mehr, als Du für eigene Rechnung zu dulden und zu überſehen im Stande wärſt, Alfred?“ „Mein Herz, darum handelt es ſich hier nicht.“ „Darum handelt es ſich nicht, Herr Advocat?“ ſagte Mrs. Lammle ſchelmiſch. „Nein, Sophronia. Von meinem niedrigeren Stand⸗ punkte aus betrachte ich Mr. Boffin als zu großmüthig, zu ſehr von Milde erfüllt, als zu gütig gegen Leute, die ſeiner unwürdig und undankbar gegen ihn ſind. So edle Eigenſchaften kann ich mir nicht zuſprechen. Im Gegen⸗ theil, ſie erwecken meine Entrüſtung, wenn ich ſie aus⸗ geübt ſehe.“ „Alfred!“ „Sie erwecken meine Entrüſtung, mein liebes Kind, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 534 gegen ſolche unwürdige Leute, und erfüllen mich mit dem kampfſüchtigen Verlangen, mich zwiſchen ſie und Mr. Boffin zu ſtellen. Warum? Weil ich in meiner niedri⸗ geren Natur weltlicher und weniger zartfühlend bin. Da ich nicht Mr. Boffin's Edelmuth beſitze, fühle ich das ihm zugefügte Unrecht tiefer, als er ſelber, und bin beſſer fähig, mich ſeinen Beleidigern zu widerſetzen.“ Es fiel Mrs. Lammle auf, daß es heute Morgen ziemlich ſchwer ward, Mr. und Mrs. Boffin in eine angenehme Unterhaltung zu ziehen. Es waren bereits mehrere Lockſpeiſen hingeworfen worden, und keins von Beiden hatte noch ein Wort geſprochen. Hier unter⸗ hielten ſie, Mrs. Lammle und ihr Gatte, ſich ebenſo zärtlich als effectvoll, aber immer ganz allein. Ange⸗ nommen, daß die lieben alten Geſchöpfe ſich von dem, was ſie hörten, angenehm berührt fühlten, ſo war es doch wünſchenswerth, deſſen ſicher zu ſein, und zwar um ſo mehr, als wenigſtens das eine der lieben alten Ge⸗ ſchöpfe ziemlich deutlich angegeben wurde. Falls die lieben alten Geſchöpfe zu ſchüchtern oder zu dumm waren, ihre Stellung in der Verhandlung einzunehmen, je nun, ſo ſchien es wünſchenswerth, daß man die lieben alten Ge⸗ ſchöpfe bei den Köpfen und Schultern in dieſelbe hinein⸗ ſchob.* „Aber ſagt mein lieber Mann damit nicht in Wirk⸗ lichkeit,“ fragte Mrs⸗ Lammle Mr. und Mrs. Boffin mit unſchuldsvoller Miene,„daß er in ſeiner Bewunderung eines Andern, dem er ſehnlichſt zu dienen wünſcht, ſein eigenes zeitweiliges Mißgeſchick vergißt? Und iſt dies nicht eine Einräumung, daß ſeine Natur eine großmüthige iſt? Ich bin entſetzlich ſchwach im Argumentiren, aber iſt es nicht ſo, lieber Mr. und Mrs. Boffin?“ Noch immer ſagte weder Mr. noch Mrs. Boffin ein Wort. Er ſaß mit den Augen auf ſeinen Teller geheftet, und aß Schinken und Butterkuchen, während ſie ſchüchtern den Theetopf betrachtete. Mrs. Lammle's unſchuldsvolle Anrede war in die Luft hinausgeſtreut, um ſich mit dem Dampfe der Theemaſchine zu vermengen. Mit einem Blick auf Mr. und Mrs. Boffin zog ſie leicht die Augen⸗ brauen empor, wie um ihren Gatten zu fragen:„Iſt hier irgend Etwas nicht richtig?“ Mr. Lammle, der bei verſchiedenen Gelegenheiten ſeine Bruſt von großem Effect gefunden, gab ſeiner ge⸗ räumigen Hemdevorderſeite das größtmögliche Anſehen und antwortete dann lächelnd ſeiner Gattin folgender⸗ maßen: „Sophronia, mein liebes Herz, Mr. und Mrs Boffin werden Dich an das alte Sprichwort erinnern, daß das Selbſtlob keine Empfehlung iſt.“ „Selbſtlob, Alfred? Meinſt Du, weil wir Beide Eins ſind?“ „Nein, mein liebes Kind. Ich meine, daß Du Dich, wenn Du nur einen Augenblick nachdenkſt, erinnern mußt, daß Du daſſelbe, worüber Du mir in Bezug auf meine Gefühle für Mr. Boffin Complimente machſt, als Dein eigenes Gefühl in Bezug auf Mrs. Boffin anvertraut haſt.“ („Ich werde von dieſem Advocaten geſchlagen werden,“ flüſterte Mrs. Lammle Mrs. Boffin fröhlich zu.„Ich fürchte, ich muß es zugeben, falls er mich drängt. Denn es iſt vollkommen wahr.“) 8 „Es fingen verſchiedene weiße Flecke an, ſich um Mr. Lammle's Naſe zu zeigen und zu ſchwinden, wie er be⸗ merkte, daß Mrs. Boffin blos einen Augenblick mit einem verlegenen Lächeln, das kein Lächeln war, vom Theetopfe aufſchaute, und dann wieder niederblickte. „Läßt Du die Beſchuldigung zu, Sophronia?“ fragte Alfred in neckendem Tone. 4 4½ „Ich glaube wirklich,“ ſagte Mrs. Lammle noch im⸗ mer fröhlich,„daß ich mich unter den Schutz des Ge⸗ richts ſtellen muß. Bin ich jene Frage zu beantworten verpflichtet, Mylord?“ ſagte ſie zu Mr. Boffin ge⸗ wendet. „Das brauchen Sie nicht zu thun, Madame, wenn es Ihnen nicht beliebt,“ war ſeine Antwort.„Es iſt durchaus gleichgültig.“ Der Gemahl ſowohl als die Gattin ſchauten ihn ſehr zweifelnd an. Sein Benehmen war ernſt, nicht roh, und erhielt einige Würde durch ein gewiſſes unterdrücktes Mißfallen an der Unterhaltung. Mrs. Lammle erbat ſich nochmals mit einem leichten Emporziehen der Augenbrauen Inſtructionen von ihrem Gatten. Er erwiderte vermittelſt eines leichten Kopf⸗ nickens:„Verſuch's noch einmal mit ihnen.“ „Um mich gegen den Verdacht einer verſteckten Selbſt⸗ belobigung zu ſchützen, meine liebe Mrs. Boffin,“ ſagte die heitere Mrs. Lammle,„muß ich Ihnen ſagen, wie dies kam.“. „Nein. Bitte, thun Sie das nicht,“ ſagte Mr. Boffin, ſie unterbrechend. Mrs. Lammle wandte ſich lachend zu ihm hin.„Das Gericht verbietet es?“. „Madame,“ ſagte Mr. Boffin,„das Gericht(falls ich das Gericht bin) verbietet es allerbings. Das Gericht verbietet es aus zwei Gründen. Erſtens, weil es dem Gericht nicht billig ſcheint. Zweitens, weil die liebe alte Dame, Mrs. Gericht(falls ich Mr. bin) dadurch be⸗ trübt wird.“ Es war ein ſehr auffallendes Schwanken zwiſchen zwei Haltungen— ihrer verhöhnenden Haltung hier und ihrer trotzigen Haltung bei Mr. Twemlow— an Mrs. Lammle wahrzunehmen, wie ſie ſagte:„Was ſcheint dem Gerichte nicht billig?“ „Sie fortfahren zu laſſen,“ erwiderte Mr. Boffin mit begütigendem Kopfnicken, wie wenn er ſagen wollte: Wir woollen nicht härter gegen Euch ſein, als wir zu ſein ge⸗ zwungen ſind; wir wollen es ſo leicht als möglich machen. „Es iſt nicht offen und es iſt nicht billig. Wenn die alte Dame bekümmert iſt, ſo iſt ſicherlich Grund dafür ooorhanden. Ich ſehe, daß ſie bekümmert iſt, und ich ſſeehe, daß dies der gute Grund dafür iſt. Haben Sie gefrühſtückt, Madame?“ Mrs. Lammle entſchied ſich für die trotzige Haltung, ſtieß ihren Teller zurück, ſchaute ihren Gatten an und lachte, jedoch durchaus nicht fröhlich. „Haben Sie gefrühſtückt, Sir?“ fragte Mr. Boffin. „Danke,“ erwiderte Alfred, alle ſeine Zähne zeigend. „Falls Mr. Boffin ſo gütig ſein will, erſuche ich ſie noch um eine Taſſe Thee.“ Er verſchüttete ein wenig von dem Thee auf das weiße Vorhemd, das ſo effectvoll hatte ſein ſollen, und das ſo wenig ausgerichtet hatte; im Ganzen aber trank er denſelben mit einem gewiſſen Anſehen, wiewohl die kommenden und ſchwindenden weißen Flecke dabei faſt ſo groß wurden, wie wenn ſie mit dem Theelöffel gemacht worden.„Beſten Dank,“ ſagte er dann.„Ich habe geefrühſtückt.“ „Nun, wer,“ ſagte Mr. Boffin ſanft, ein Taſchen⸗ buch herausnehmend,„wer von Ihnen Beiden führt die Caſſe?“. „Sophronia, meine Liebe,“ bemerkte ihr Gatte, ſich I in ſeinen Seſſel zurücklehnend und ihr mit der rechten Hand zuſchwenkend, während er die linke mit dem Dau⸗ men in das Armloch ſeiner Weſte einhakte:„es ſoll dies Departement ſein.“ 4 „Ich hätte lieber geſehen, wenn Ihr Gemahl es über⸗ Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. Stimme,„es geht wirklich nicht. Sie müſſen uns wirklich 536 nommen hätte, Madame,“ ſagte Mr. Boffin,„weil— doch einerlei. Ich möchte lieber mit ihm zu thun haben. Indeſſen will ich das, was ich zu ſagen habe, ſo wenig beleidigend ausdrücken, wie es mir möglich; falls ich es ohne alle Beleidigung zu ſagen im Stande bin, ſo ſoll mir dies von Herzen lieb ſein. Sie Beide haben mir durch das, was Sie gethan, einen Dienſt, einen ſehr großen Dienſt geleiſtet(meine alte Dame weiß, was es war), und ich habe in dieſes Couvert eine Banknote v hundert Pfund eingelegt. Ich halte den Dienſt dieſes Geldes werth und bin gern bereit, daſſ da zu bezahlen. Wollen Sie mir die Gefälligkeit erzei es anzunehmen, und zugleich damit meinen ik gegenzunehmen?“ Mit hochmüthiger Geberde und ohne ihn anzuſchauen, ſtreckte Mrs. Lammle ihre linke Hand aus, und Boffin legte das kleine Paket in dieſelbe. Sobald das Paketchen in den Bruſttheil ihres Kleides geſchoben, ſah Mr. Lammle aus, als ob ſich erleichtert fühle und freier athme, wie wenn er nicht ganz ſicher geweſen, daß die hundert Pfund ihm gehörten, bis dieſelben aus Mr. Boffin's Hand in die ſeiner geliebten Sophronia übergegangen. „Es iſt nicht unmöglich,“ ſagte Mr. Boffin, zu Alfred gewendet,„daß Sie eine allgemeine Idee hatten, Sir, mit der Zeit an Mr. Rokeſmith's Stelle zu treten.“ „Es iſt nicht,“ ſagte Alfred mit einem funkelnden Lächeln und einer großen Quantität Naſe,„nicht un⸗ möglich.“ I „Und Sie, Madame,“ fuhr Mr. Boffin, zu Sophronia gewendet, fort,„hatten vielleicht die Güte, ſich meiner alten Dame zu erinnern und ihr die Ehre zu erzeigen, V daß Sie bei ſich überlegten, ob Sie ſie eines Tages ſo zu ſagen unter Ihre Obhut nehmen wollten? Ob Sie eine Art von Miß Bella Wilfer für ſie ſein wollten, und noch Etwas mehr?“ „Ich ſollte hoffen,“ entgegnete Mrs. Lammle mit ver⸗ achtungsvollem Blicke und lauter Stimme,„daß ich, falls ich irgend Etwas für Ihre Gemahlin wäre, kaum umhin könnte, Sir, etwas mehr für ſie zu ſein, als Miß Bella Wilfer, wie Sie ſie nennen.“ „Wie nennen Sie ſie, Boffin. Mrs. Lammle verſchmähte es, zu antworten, und ſaß trotzig, mit einem Fuße auf den Boden klopfend, da. „Ich denke, ich darf wiederum wohl ſagen, daß dies nicht unmöglich ſei. Wie, Sir,“ ſagte Mr. Boffin, ſich zu Alfred wendend.. „Es iſt nicht,“ ſagte Alfred mit einem bejahenden Lächeln, wie zuvor,„nicht unmöglich.“ „Nun,“ ſagte Mr. Boffin ſanft,„es geht nicht an. Ich wünſche kein Wort zu ſagen, daß Ihnen ſpäter eine unangenehme Erinnerung ſein könnte; aber es geht nicht an.“ „Sophronia, meine Liebſte,“ wiederholte ihr Gatte in ſpottender Weiſe,„hörſt Du wohl? Es geht nicht an.“ Madame?“ fragte Mr. „Nein,“ ſagte Mr. Boffin noch immer mit leiſer entſchuldigen. Falls Sie Ihres Weges gehen wollen, ſo wollen wir den unſerigen gehen, und damit endet dieſe Geſchichte zur Zufriedenheit aller Betheiligten.“ V Mrs. Lammle gab ihm den Blick einer entſchieden unzufriedenen Betheiligten, die von der von ihm er⸗ wähnten Gattung ausgenommen zu werden verlange; doch ſagte ſie Nichts. „Das Beſte, was wir mit dieſer Geſchichte anfangen können,“ ſagte Mr. Boffin,„iſt, daß wir eine Geſchäfte Achſeln und— „Sehr gu alte Dame un daß wir den haben, den (meine alte einander beſpt nicht vcht ſein der Sache beſt ließen. deshe geben, daß— Redewendung, alte, zu find wiederholte in geht. Hätte ſo würde ich nicht in zu u falls iſt dies ſagte Mr. Bo dem Wege, der ſchließen mit auf dieſen Wo Mr. Lam mit einem f ihrigen mit Augenblicke: nommen, und in Thränen i „O, mei Hände ringen armen,„daß meine liebe C mußtet! O, mir dieſes un wifſen nich, hapa nich u was ich für wie ſie in de Sie können wie ich R. gute Sophr Freundin!“ Mrs. La aumungen d außerordentl Ms. Voffn verſtanden ſie kommen, als nehmungen Fall würden 2„„Jch dar lleine Geory Einkaufen ſchuerzen u 5 Piccadill uhe hen e M. alten Frau lace einen 538 inden Sie haben mir einen großen, einen ſehr großen Dienſt geleiſtet, und ich habe für den⸗ ſelben gezahlt. Haben Sie irgend Etwas gegen den Preis einzuwenden?“ Mr. und Mrs. Lammle ſchauten einander über den Tiſch hinweg an, doch konnte keins von beiden ſagen, daß Etwas dagegen einzuwenden ſei. Mr. Lammle zuckte die Achſeln und Mrs. Lammle ſaß ſteif da. „Sehr gut,“ ſagte Mr. Boffin.„Wir hoffen(meine alte Dame und ich), Sie werden es uns Dank wiſſen, daß wir den offenſten und ehrlichſten Weg eingeſchlagen haben, den die Umſtände uns boten. Wir haben es (meine alte Dame und ich) mit großer Sorgfalt mit einander beſprochen, und wir haben geglaubt, daß es nicht recht ſein würde, falls wir Sie im Geringſten in der Sache beſtärkten, oder Sie nur ſich ſelber täuſchen ließen. Deshalb habe ich Ihnen offen zu verſtehen ge⸗ geben, daß—,“ Mr. Boffin ſuchte nach einer neuen Redewendung, kehrte jedoch, da er keine beſſere, als die alte, zu finden im Stande war, zu dieſer zurück und wiederholte in vertraulichem Tone,„— daß es nicht an⸗ geht. Hätte ich die Sache angenehmer abmachen können, ſo würde ich dies gern gethan haben; doch hoffe ich, es nicht in zu unangenehmer Weiſe gethan zu haben; jeden⸗ falls iſt dies nicht meine Abſicht geweſen. Und damit,“ ſagte Mr. Boffin zum Schluß,„wünſchen wir Ihnen auf — nicht mit der Mama hinaufgehen, ſondeen hierher fahren und Karten bei den Boffins abgeben womit ich mir eine Freiheit mit Ihrem Namen herausnahm; aber, o mein Gott, ich bin halb von Sinnen, und der Phaeton ſteht vor der Thür, und was würde der Papa wohl ſagen, wenn er es wüßte!“ „Fürchten Sie ſich micht, meine Liebe,“ ſagte Mrs. Boffin.„Sie kamen, uns zu beſuchen.“ „O nein, das that ich nicht,“ rief Georgiana.„Es iſt ſehr unhöflich von mir, das weiß ich wohl, aber ich kam, um meine arme Sophronia, meine einzige Freundin, zu ſehen. O, wenn Du wiüßteſt, wie ich die Trennung empfunden habe, meine liebe Sophronia, ehe ich wußte, daß Du in der Welt heruntergekommen, und wie viel mehr noch ich ſie jetzt empfinde!“ Es ſtanden wirklich Thränen in den Augen des ver⸗ wegenen Weibes, wie das ſchwachköpfige und weichherzige Mädchen die Arme um ihren Nacken ſchlang. „Aber ich bin in Geſchäften hergekommen,“ ſagte Georgiana ſchluchzend und ihr Geſicht trocknend, und dann in einer kleinen Handtaſche ſuchend,„und falls ich dieſelben nicht ausrichte, werde ich vergebens gekommen ſein, und o, meine Güte! was würde der Papa ſagen, wenn er von der Sackville⸗Straße wüßte, und was würde die Mama ſagen, wenn ſie auf der Thürſchwelle jenes ſchrecklichen Turbans zu warten hätte, und es gab noch nie ſolche ſcharrende, ſchnaufende Pferde wie die nicht un⸗ dem Wege, den Sie zu wandeln gedenken, alles Gute, und unſerigen, die mich jeden Augenblick verwirrter im Kopf 1 ſchließen mit der Bemerkung, daß Sie ſich ſelbſt vielleicht machen, wo ich doch eines beſſeren Kopfes bedarf, als ich ophronia ich, falls n umhin ß Bella auf dieſen Weg machen werden.“ Mr. Lammle erhob ſich auf ſeiner Seite des Tiſches mit einem frechen Lachen und Mrs. Lammle auf der ihrigen mit einem verachtenden Stirnrunzeln. In dieſem Augenblicke ward auf der Treppe ein eiliger Fuß ver⸗ nommen, und Georgiana Podsnap flog ungemeldet und in Thränen ins Zimmer. „O, meine liebe Sophronia,“ rief Georgiana, die Hände ringend, indem ſie zu ihr lief, um ſie zu um⸗ armen,„daß Du und Alfred ruinirt ſein müßt! O, meine liebe Sophronia, daß Ihr, nach all Eurer Freund⸗ lichkeit gegen mich, eine Auction in Eurem Hauſe haben von Natur beſitze, indem ſie Mr. Boffins Straßenpflaſter aufſcharren, wo ſie gar nicht ſein ſollten. O, wo iſt es, wo iſt es! O, ich kann's nicht finden!“ Dabei ſchluchzte ſie und ſuchte unausgeſetzt in der kleinen Handtaſche. „Was ſuchen Sie, meine Liebe?“ fragte Mr. Boffin, nähertretend. „O, es iſt wenig genug,“ erwiderte Georgiana, „denn die Mama behandelt mich ſtets, als ob ich noch in der Kinderſtube ſei(ich wollte ich wär's!), aber ich gebe faſt niemals davon aus und es hat ſich zu fünfzehn Pfund angeſammelt, Sophronia, und ich hoffe, daß drei Fünfpfundnoten beſſer als Nichts ſein werden, obgleich ragte Mr. mußtet! O, Mr. und Mrs. Boffin, bitte, vergeben Sie es ſo wenig, ſo wenig iſt! Und jetzt, da ich das ge⸗ mir dieſes unberufene Eindringen bei Ihnen, aber Sie funden habe— o, meine Güte!l jetzt iſt das Andere fort! n, und ſaß wiſſen nicht, wie lieb ich die Sophronia hatte, als der O nein, doch nicht, hier iſt es!“* ind, da. Papa mich nicht länger wollte zu ihr gehen laſſen, oder Damit brachte Georgiana, fortwährend ſchluchzend daß dies was ich für ſie fühlte, als ich von der Mama erfuhr, und in der Handtaſche ſuchend, ein Halsband zum Vor⸗ Boffin, ſich wie ſie in der Welt heruntergekommen. Sie wiſſen nicht, ſchein. Sdie können ſich niemals eine Vorſtellung davon machen,„Die Mama ſagt, kleine Kinder haben Nichts mit bejahenden wie ich Nachts wachend dagelegen und um meine Koſtbarkeiten zu ſchaffen,“ fuhr Georgiana fort,„und gute Sophronia geweint habe, meine erſte und einzige deshalb beſitze ich keine Schmuckſachen, außer dieſer, aber tricht an. Freundin!“ meine Tante Hawkinſon war vermuthlich anderer Anſicht, ſväter eine Mrs. Lammle's Weſen veränderte ſich bei den Um⸗ da ſie mir dies vermachte, obgleich ſie es ebenſo gut eht nicht armungen des armen albernen Mädchens, und ſie wurde hätte vergraben können, da es ſtets in Watte eingewickelt 3* außerordentlich blaß, indem ſie bittende Blicke erſt auf liegt. Indeſſen hier iſt es, und, wie ich froh bin zu ir Gatte Mrs. Boffin und dann auf deren Gatten warf. Beide ſagen, endlich von Nutzen, und Du wirſt es verkaufen,“ ht nicht verſtanden ſie augenblicklich mit einem zarteren Entgegen⸗ liebe Sophronia, und Dir Sachen dafür anſchaffen.“ kommen, als manche weit gebildetere Leute, deren Wahr⸗ nehmungen weniger direct vom Herzen kommen, auf den Fall würden angewendet haben.— „Geben Sie es mir,“ ſagte Mr. Boffin, es ihr ſanft aus der Hand nehmend.„Ich will Sorge tragen, daß in angemeſſener Weiſe darüber verfügt wird.“ wollen,„„Ich darf keine Minute bleiben,“ ſagte die arme„O, ſind Sie ein ſolcher Freund der Sophronia, Mr. uaheſ kleine Georgiana.„Ich bin zeitig mit der Mama zum Boffin?“ rief Georgiana.„O, wie gütig von Ihnen! endet Einkaufen ausgefahren, und ich ſagte, ich habe Kopf⸗ Op mein Gott ich hatte noch Eins zu ſagen, und jetzt rtiiede ſchmerzen und bewog die Mama, mich außen im Phaeton, iſt es mir entfallen! O nein, doch nicht, ich erinnere mich, eniſgtee⸗ un Piccadilly, zu laſſen, und ich lief nach der Sackville⸗ was es war. Das Vermögen meiner Großmama, welches ange; doch anfangen Geſchäfts⸗ — — 6 Straße herum und hörte, Sophronia ſei hier, und dann kam die Mama, um einer ol ſo ſcheußlichen ſteinernen alten Frau vom Lande mit einem Turban in Portland Place einen Beſuch zu machen, und ich ſagte, ich wollte mir zufällt, ſobald ich majorenn bin, Mr. Boffin, wird ganz und gar mein Eigenthum ſein, und weder der Papa, noch die Mama, noch ſonſt Jemand wird irgend welche Macht darüber haben, und was ich zu thun wünſche, iſt 1 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 540 dies— ich wünſche einen Theil davon an Sophronia und Alfred zu übermachen, indem ich irgendwo Etwas unterzeichne, das irgend Jemanden bewegt, ihnen Etwas darauf vorzuſtrecken. Ich wünſche ihnen etwas Stattliches zu geben, das ſie wieder in der Welt emporbringt. O, meine Güte! Da Sie ein ſolcher Freund meiner lieben Sophronia ſind, werden Sie mir dies gewiß nicht ab⸗ ſchlagen, wie?“.* „Nein, nein,“ ſagte Mr. Boffin,„es ſoll dafür ge⸗ ſorgt werden.“ „O, danke, danke!“ rief Georgiana.„Falls meine Jungfer ein Billet und eine halbe Krone erhielte, könnte ich nach dem Conditor herum laufen, um Etwas zu unterzeichnen, oder ich könnte Etwas im Garten des Squares unterzeichnen, wenn Jemand für mich huſtete, damit ich ihn mit dem Schlüſſel einließe und er Feder und Tinte und ein Stückchen Löſchpapier mitbrächte. O, meine Güte! Ich muß mich losreißen oder der Papa und die Mama, Beide werden mich entdecken! Liebe, liebe Sophronia, lebe, o lebe wohl!“ Das leichtgläubige kleine Weſen umarmte Mrs. Lammle abermals auf das Zärtlichſte und reichte dann Mr. Lammle die Hand. „Leben Sie wohl, lieber Mr. Lammle— wollt' ich ſagen Alfred. Sie werden hiernach nicht glauben, daß ich Sie und Sophronia verlaſſen habe, weil Sie in der Welt heruntergekommen, wie? O, meine Güte, meine Güte! Ich habe mir die Augen faſt aus dem Kopfe geweint, und die Mama wird gewiß fragen, was mir fehlt. O, will mich Jemand hinunterführen, o bitte, bitte!“ Mr. Boffin führte ſie hinunter und ſah ſie fortfahren, wie ſie mit ihren armen kleinen rothen Augen und ihrem ſchwachen Kinn über das große Schooßleder des eiergelben Phaetons hinſchaute, wie wenn ſie zur Ab⸗ büßung irgend eines kindiſchen Vergehens verurtheilt, indem ſie bei hellem Tage zu Bette geſchickt, und jetzt in einer jammervollen Aufregung der Reue und der Be⸗ trübniß uͤber die Decke hinblickte. Wie er in das Früh⸗ ſtückszimmer zurückkehrte, fand Mr. Boffin Mrs. Lammle noch immer auf ihrer Seite des Tiſches und Mr. Lammle auf der ſeinigen ſtehend vor. „Ich will Sorge tragen,“ ſagte Mr. Boffin, auf das Geld und das Halsband deutend,„daß dieſe Sachen bald zurückgegeben werden.“ Mrs. Lammle hatte ihren Sonnenſchirm aufgenommen und zeichnete mit demſelben auf dem Damaſttiſchtuche, wie ſie auf Mr. Twemlow's Tapete gezeichnet hatte. „Ich hoffe, Sie werden ſie nicht enttäuſchen, Mr. Boffin?“ ſagte ſie, das Geſicht, doch nicht die Augen, zu ihm hinwendend. „Nein,“ ſagte Mr. Boffin. 4 „Ich meine über den Werth ihrer Freundin,“ erklärte Mrs. Lammle in gemeſſenem Tone und einem Nachdruck auf das letzte Wort. „Nein,“ erwiderte er.„Ich mag vielleicht in ihrem Hauſe einen Wink fallen laſſen, daß ſie der liebevollen und wachſamen Beſchützung bedarf, doch mehr als das werde ich nicht zu ihren Eltern ſagen, und der jungen Dame ſelbſt werde ich gar Nichts ſagen.“ „Mr. und Mrs. Boffin,“ ſagte Mrs. Lammle, noch immer zeichnend und dem Anſcheine nach die größte Auf⸗ merkſamkeit auf ihr Werk verwendend,„ich glaube, ges giebt nicht viel Leute, die unter den Umſtänden ſo rück⸗ ſichtsvoll und ſchonend an mir gehandelt haben würden, wie Sie es ſo eben gethan. Iſt Ihnen Etwas an mei⸗ nem Danke gelegen?“ „Der Dank iſt ſtets willkommen,“ ſagte Mrs. Boffin mit bereitwilliger Gutherzigkeit. „Dann danke ich Ihnen Beiden.“ „Sophronia,“ fragte ihr Gatte ſpöttiſch,„biſt Du ſentimental?“ „Nun, nun, mein guter Herr,“ ſagte Mr. Boffin, ihn unterbrechend,„es iſt eine gute Sache, von einer andern Perſon Gutes zu denken, und es iſt eine ſehr gute Sache, wenn Andere gut von Einem denken. Es wird um Nichts ſchlimmer für Mrs. Lammle ſein, wenn es der Fall iſt.“ „Sehr verbunden. ſie es ſei.“ Sie ſtand mit düſterem, ſtarrem Geſichte, Tiſche zeichnend, da und ſchwieg. „Denn,“ ſagte Alfred,„ich bin ſelber zur Sentimen⸗ talität geneigt, und zwar wegen Ihrer Aneignung des Schmuckes und des Geldes, Mr. Boffin. Wie unſere kleine Georgiana ſagte, drei Fünfpfundnoten ſind beſſer als Nichts, und wenn man ein Halsband verkauft, kann man mit dem Ertrage andere Sachen kaufen.“ „Wenn man es verkauft,“ ſagte Mr. Boffin, den in Frage ſtehenden Gegenſtand in die Taſche ſteckend. Alfred folgte demſelben mit den Augen und ver⸗ ſchlang gierig die Banknoten mit den Blicken, bis die⸗ ſelben in Mr. Boffin's Weſtentaſche verſchwanden. Dann warf er einen halb aufgebrachten, halb höhniſchen Blick auf ſeine Gattin. Sie zeichnete noch immer: doch während ſie zeichnete, fand ein Kampf in ihrem Innern ſtatt, der ſich in den letzten Strichen kund gab, die die Spitze ihres Sonnenſchirms in das Tiſchtuch preßten, und dann entfielen ihren Augen einige Thränen. „Wie, zum Henker mit dem Frauenzimmer,“ rief Lammle aus,„ſie iſt wahrhaftig ſentimental!“ Sie ging, vor ſeinem zornigen Blick erbebend, ans Fenſter, ſchaute einen Augenblick hinaus und wandte ſich dann völlig kalt wieder um. „Du haſt Dich bisher noch nie über Sentimentali⸗ tät bei mir zu beklagen gehabt, Alfred, und ſollſt in Zukunft keine Urſache wieder dazu haben. Es iſt nicht Deiner Beachtung werth. Wir werden mit dem Gelde, das wir uns hier verdient haben, bald ins Ausland gehen?“ „Du weißt das ſehr wohl; Du weißt, daß wir dazu genöthigt ſind.“ „Es iſt keine Gefahr vorhanden, daß ich irgend welche Sentimentalität mit mir nehme, Es würde mir dieſelbe bald abgenommen werden. Doch werde ich dieſelbe ganz hinter mir zurücklaſſen. Ich habe ſie be⸗ reits hinter mir zurückgelaſſen. Biſt Du bereit, Alfred?“ „Worauf, zum Henker, habe ich wohl gewartet, Sophronia, als auf Dich?“ „Dann laß uns gehen. Ich bedauere, unſern würde⸗ vollen Abgang verzögert zu haben.“ Sie ſchritt hinaus und er folgte ihr. Mr. und Mrs. Boffin beſaßen die Neugierde, leiſe ein Fenſter zu öffnen und ihnen nachzuſchauen, wie ſie die lange Straße hin⸗ abgingen. Sie gingen langſam genug Arm in Arm da⸗ hin, doch dem Anſcheine nach ohne ein Wort mit ein⸗ ander zu wechſeln. Es wäre vielleicht eine phantaſtiſche Idee geweſen, falls man ſich eingebildet, daß ſie unter der äußeren Haltung Etwas von dem beſchämten Aus⸗ ſehen zweier Betrüger bargen, die durch verborgene Hand⸗ ſchellen an einander gefeſſelt waren; doch war es durch⸗ aus nicht phantaſtiſch, anzunehmen, daß ſie einander, die ganze Welt und ſich ſelber von Herzen ſatt hatten. Indem ſie um die Straßenecke bogen, hätten ſie, ſoweit dies Mr. und Mrs. Boffin betraf, ebenſo wohl aus der Welt hinausſchreiten können; denn ſie ſahen die Lammle's niemals wieder. Aber ich fragte Mrs. Lammle, ob auf dem 1 4 V b Der Go Da der 2 war, an dener wurden, küßte finf Uhr n roßen S ſo dij erhi flüſtere er ihm einen ſo rußen daß db den An ſprechung mit merkſamkeit bei gedankenvollen theilung, un ſchaute er je der Miene ein ſagen!! Mr. Bof ander weiter, wo ſie Ausſ treffen, der ginge. Hier ſeine Uhr. „Es fehlen Venus beſtim früh gekommer Doch Ven bereits, als ſteckte, in g. Schritte, als Stelle erblick „Danke,? danke!“ Es würde Anatomiker de „Alles in da Sie mich Schein bewah betheiligt, hab in Ounung, danke!“ Mr. Ven⸗ dargebotene „Lnube“ fon „Halten, ſich heute A Boffin bedeu ſchritten. „Ich glau „Haben S Llauben, Venn 29 Je nun,( iſt die— Giltieit un wultigkeit unſ jengen, und 3 werſindern zu ihm tämen T r. Ven n- nächſte? us 1 . ſte Nal i D.„ Je 9 Daumenſ Soeffin. 67 entimen⸗ ſgnung des Vie unſere d beſſer auft, kann wend. n. Dann r: doch em Innern die die ſh preßten ¹ rief bend, ans adte ſich 1 ntimentali⸗ d ſollſt in S iſt nicht dem Gelde, nd gehen?“ aß wir dazu ich irgend Es würde r zu öffnen Ztraße hin⸗ mit ein⸗ bantaſtiſche z ſie unter n Aus⸗ Driltes Capilel. Der Goldene Kehrichtmann ſinkt wieder. Da der Abend dieſes Tages einer von denjenigen war, an denen die Leſeſtunden in der„Laube“ gehalten wurden, küßte Mr. Boffin ſeine Gattin, nachdem er um fünf Uhr mit ihr zu Mittag geſpeiſt, und trabte, ſeinen großen Stock mit beiden Armen an die Bruſt ſchließend, ſo daß derſelbe, wie ehedem, das Anſehen hatte, als flüſtere er ihm ins Ohr, die Straße entlang. Er trug einen ſo außerordentlich geſpannten Ausdruck im Geſicht, daß es den Anſchein hatte, als ob die vertrauliche Be⸗ ſprechung mit dem großen Stocke der ungetheilteſten Auf⸗ merkſamkeit bedürfe. Mr. Boffin's Geſicht war das eines gedankenvollen Zuhörers bei einer verwickelten Mit⸗ theilung, und wie er auf ſeinem Wege dahintrabte, ſchaute er jenen Gefährten von Zeit zu Zeit mit der Miene eines Mannes an, der ausruft:„Was Sie ſagen!“ 1 Mr. Boffin und ſein Stock gingen allein mit ein⸗ ander weiter, bis ſie an eine gewiſſe Querſtraße kamen, wo ſie Ausſicht hatten, mit Jemandem zuſammenzu⸗ treffen, der von Clerkenwell ebenfalls nach der„Laube“ ginge. Hier ſtanden ſie ſtill und Mr. Boffin befragte ſeine Uhr.. „Es fehlen noch wenigſtens fünf Minuten an der von Venus beſtimmten Zeit,“ ſagte er.„Ich bin etwas zu früh gekommen.“ Doch Venus war ein pünktlicher Mann und erſchien bereits, als Mr. Boffin ſeine Uhr wieder in die Taſche ſteckte, in geringer Entfernung. Er beſchleunigte ſeine Schritte, als er Mr. Boffin bereits an der verabredeten Stelle erblickte, und war bald an deſſen Seite. „Danke, Venus,“ ſagte Mr. Boffin.„Danke, danke, danke!“ Es würde nicht ſehr klar geweſen ſein, wofür er dem Anatomiker dankte, hätte er nicht in dem, was er darauf ſagte, die Erklärung hierfür geliefert. „Alles in Ordnung, Venus, Alles in Ordnung. Jetzt, da Sie mich beſucht und vor Wegg auf eine Weile den Schein bewahrt haben, als blieben Sie an der Sache betheiligt, habe ich eine Art von Schutz an Ihnen. Alles in Ordnung, Venus. Danke, Venus. Danke, danke, danke!“ Mr. Venus drückte mit beſcheidener Miene die ihm dargebotene Hand und ſie ſetzten ihren Weg nach der „Laube“ fort. „Halten Sie es für wahrſcheinlich, Venus, daß Wegg ſich heute Abend auf mich ſtürzen wird?“ fragte Mr. Boffin bedeutungsvoll, wie ſie neben einander dahin⸗ ſchritten. „Ich glaube es wohl, Sir.“ „Haben Sie irgend einen beſondern Grund, dies zu glauben, Venus?“ „Je nun, Sir,“ entgegnete jene Perſonage,„die Sache iſt die— er war abermals bei mir, um ſich von der Gültigkeit unſerer Waare, wie er es nennt, zu über⸗ zeugen, und er ſprach ſeine Abſicht aus, ſich durch Nichts verhindern zu laſſen, ſchon das nächſte Mal, daß Sie zu ihm kämen, mit Ihnen anzufangen. Und da dies,“ ſagte Mr. Venus mit zarter Anſpielung,„in der That das nächſte Mal iſt, Sir, wiſſen Sie—“ .—„Je nun, ſo meinen Sie, er werde ſich an die Daumenſchrauben machen, wie, Venus?“ ſagte Mr. Boffin. Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 8½ „Ganz recht, Sir.“ Mr. Boffin faßte ſeine Naſe mit der Hand, als wenn ſich dieſelbe unter der Bearbeitung jenes Folterwerkzeuges befände.„Er iſt ein ſchrecklicher Geſelle, Venus; er iſt ein fürchterlicher Geſelle. Ich weiß nicht, wie ich je mit ihm fertig werden ſoll. Sie müſſen mir beiſtehen, Venus, als ein braver und getreuer Mann. Sie werden Alles thun, was in Ihrer Macht liegt, mir beizuſtehen, nicht wahr, Venus?“ Mr. Venus erwiderte mit der Verſicherung, daß er dies thun wolle; und Mr. Boffin, welcher ſorgenvoll und bekümmert ausſah, ſetzte ſchweigend den Weg fort, bis ſie am Thore der„Laube“ ſchellten. Mr. Wegg ſtampfte bald hinter demſelben heran, und wie es ſich öffnete, zeigte er ſich mit der Hand am Schloſſe. „Mr. Boffin, Sir,“ bemerkte er,„Sie ſind hier faſt ein Fremder!“ „Ja. Ich bin anderweitig beſchäftigt geweſen, Wegg.“ „In der That, Sir?“ entgegnete der Literariſche mit drohendem Hohne.„Ah! Ich habe Sie, wie ich wohl ſagen darf, ganz beſonders zu ſehen gewünſcht.“ „Was Ihr ſagt, Wegg?“ „Ja, in der That, Sir. Und wenn Sie nicht heute Abend zu mir gekommen wären, ſo ſoll mich der Kukuk holen, wenn ich nicht Morgen zu Ihnen gekommen wäre. Da! Das ſage ich Ihnen!“ „Es iſt doch Nichts paſſirt, Wegg, wie?“ „O, nein, Mr. Boffin,“ war die ironiſche Antwort. „Nichts paſſirt! Was ſollte in Boffin's Laube wohl paſſiren! Treten Sie näher, Sir. „So du in die Laube kommſt, die ich für dich geſchattet, Nicht auf Roſen ſollſt du ruhn, das wird nicht geſtattet. Kommſt du, kommſt du, kommſt du, kommſt du, kommſt du in die Laube? Oder kommſt du, kommſt du nicht, nicht hier in die Laube?““ Es leuchtete eine unheimliche Gluth des Trotzes und der Beleidigung in Mr. Wegg's Augen, als er hinter ſeinem Gönner zuſchloß und ihn mit dieſem geſungenen Citat in den Hof führte. Mr. Boffin ſah niedergeſchla⸗ gen und unterwürfig aus. Als ſie hinter ihm über den Hof gingen, flüſterte Wegg dem Anatomiker zu:„Sehen Sie nur den Wurm und Günſtling des Augenblickes an; er läßt bereits den Kopf hängen.“ Und Venus flüſterte zurück:„Das iſt, weil ich es ihm bereits geſagt habe. Ich habe den Weg für Sie gebahnt.“ Mr. Boffin trat in das gewohnte Gemach ein, legte ſeinen Stock auf die Bank, die gewöhnlich für ihn reſer⸗ virt ward, ſteckte die Hände in die Taſchen, zog die Schultern empor, daß ſein Hut auf dieſelben zurückſank und ſchaute Wegg mit kläglichem Geſichte an.„Mein Freund und Compagnon, Mr. Venus, unterrichtet mich,“ bemerkte dieſer mächtige Mann zu ihm gewendet,„daß Sie von unſerer Macht über Sie Kenntniß haben. So⸗ bald Sie alſo Ihren Hut abgenommen, wollen wir die Sache vornehmen.“„ Mr. Boffin warf denſelben mit einem Rucke vom Kopfe, ſo daß er hinter ihm auf den Boden fiel, und verharrte in ſeiner früheren Stellung und bei derſelben troſtloſen Miene. „Erſtens werde ich Euch der Kürze wegen Boffin nennen,“ ſagte Wegg.„Wenn Euch dies nicht gefällt, ſo mögt Ihr's bleiben laſſen.“ „Ich mache mir nichts daraus, Wegg,“ entgegnete Mr. Boffin. „Das iſt ein Glück für Euch, Boffin. Jetzt verlangt Ihr, daß Euch vorgeleſen werde?“ „Es iſt mir heute Abend nicht beſonders daran gele⸗ gen, Wegg.“ „Denn falls Ihr es verlangen ſolltet,“ fuhr Mr. Wegg fort, deſſen ſcharfſinnige Bemerkung dadurch an Glanz verloren, daß er eine unerwartete Antwort erhal⸗ ten,„ſo würdet Ihr Euch enttäuſcht ſehen. Ich bin lange genug Euer Sclave geweſen. Ich werde mich nicht län⸗ ger von einem Kehrichtmanne mit Füßen treten laſſen. Den Gehalt einzig und allein ausgenommen, gebe ich die ganze Anſtellung hiermit auf.“ „Da Ihr ſagt, es müſſe ſo ſein, Wegg,“ entgegnete Mr. Boffin mit gefalteten Händen,„ſo muß es wohl ſo ſein.“ „Ich denke, es muß wohl ſo ſein,“ entgegnete Wegg. „Zunächſt(um das Feld zu reinigen, ehe wir auf die Geſchäfte eingehen) habt Ihr einen lungernden, lauernden und ſchnüffelnden Burſchen in dieſem Hofe angeſtellt.“ „Er hatte keinen Schnupfen, als ich ihn herſchickte,“ ſagte Mr. Boffin. „Boffin!“ rief Wegg.„Ich warne Euch, Späße mit mir zu verſuchen!“ Hier legte Mr. Venus ſich in's Mittel und erklärte, keine daß Mr. Boffin die Beſchreibung wörtlich genommen; um ſo mehr, als er, Mr. Venus ſelbſt, angenommen, daß der Burſche ein Leiden oder eine Gewohnheit an der Naſe habe, die ein ernſtliches Hinderniß bei dem Ver⸗ gnügen des geſelligen Verkehrs ſei, bis er die Entdeckung gemacht, daß Mr. Wegg's Schilderung eine blos figür⸗ liche ſei. „Jedenfalls,“ ſagte Wegg,„iſt er hierhergepflanzt worden und befindet ſich hier. Ich will ihn aber nicht hier haben. Deshalb fordere ich Boffin auf, ehe ich noch ein Wort weiter ſage, ihn hereinkommen zu laſſen und ſeiner Wege zu ſchicken.“ Der nichts ahnende Sloppy trug in dieſem Augen⸗ blicke ſeine vielen Knöpfe in Sicht des Fenſters ſpazieren. Mr. Boffin öffnete, nach einer kurzen Pauſe ſtumpfer Ergebung, das Fenſter und winkte ihm, hereinzukommen. „Ich fordere Boffin auf,“ ſagte Wegg, den einen Arm in die Seite ſtemmend und den Kopf auf eine Seite neigend, gleich einem eiſenfreſſeriſchen Rechtsanwalt, der eine Antwort von einem Zeugen abwartet,„dieſen Burſchen zu unterrichten, daß ich hier Herr bin!“ Wie der knöpfeſtrahlende Sloppy hereintrat, ſagte Mr. Boffin mit demuthsvoller Folgſamkeit zu ihm: „Sloppy, mein guter Junge, Mr. Wegg iſt hier Herr. Er bedarf Deiner nicht und Du ſollſt gehen.“ „Auf immer!“ ſtipulirte Wegg mit Strenge. „Auf immer,“ ſagte Mr. Boffin. Sloppy ſtierte mit beiden Augen, mit all ſeinen Knöpfen und weit geöffnetem Munde, ward jedoch ohne Zeitverluſt von Silas Wegg hinausgeführt, zum Hof⸗ thore hinausgeſtoßen und ausgeſchloſſen. „Die Atmoſphäre,“ ſagte Wegg, indem er, durch ſeine jüngſten Anſtrengungen etwas geröthet, wieder in's Zim⸗ mer ſtampfte,„iſt jetzt freier zum Athmen. Mr. Venus, Sir, nehmen Sie Platz. Boffin, Ihr mögt Euch ſetzen.“ Mr. Boffin, noch immer mit den Händen in den Taſchen, ſaß, in ſich zuſammengeſchrumpft, auf der Kante der Bank, und betrachtete den mächtigen Silas mit ver⸗ ſöhnenden Blicken. „Dieſer Herr,“ ſagte Silas Wegg, auf Venus deu⸗ tend,„dieſer Herr iſt milch⸗und⸗wäſſeriger gegen Euch, als ich es ſein werde. Aber er hat nicht das römiſche Joch getragen, wie ich, und iſt nicht, wie ich, Eurem verderbten Appetit nach Geizhälſen zu fröhnen genöthigt geweſen.“ 543 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. „Ich hatte nie die Abſicht, mein lieber Wegg—,“ begann Mr. Boffin, als Silas ihn unterbrach. „Haltet den Mund, Boffin! Antwortet, wenn Ihr gefragt werdet. Ihr werdet finden, daß Ihr daran völlig genug zu thun habt. Ihr habt alſo Kenntniß davon, daß Ihr im Beſitz eines Vermögens ſeid, an das Ihr nicht das geringſte Anrecht beſitzt? Wie?“ „So hat Venus mir geſagt,“ ſagte Mr. Boffin, die⸗ ſen mit einem Blicke um Beiſtand bittend. „Ich ſage es Euch,“ entgegnete Silas.„Nun, hier iſt mein Hut, Boffin, und hier iſt mein Spazierſtock. Verſucht es, Euer Spiel mit mir zu treiben und ich ſetze augenblicklich meinen Hut auf und nehme meinen Stock in die Hand und geh' aus und ſchließe einen Han⸗ del mit dem rechtmäßigen Eigenthümer ab. Was ſagt Ihr jetzt?“ „Ich ſage,“ erwiderte Boffin, indem er ſich, beide Hände auf die Knie ſtemmend, in flehender Unruhe vor⸗ wärts beugte,„daß ich gewiß nicht mein Spiel mit Euch zu treiben verlange, Wegg. Ich habe dies bereits zu Venus geſagt.“ „Das haben Sie allerdings, Sir,“ ſagte Venus. „Sie ſind zu milch⸗und⸗wäſſerig gegen unſern Freund, das ſind Sie wirklich,“ ſagte Silas Wegg mit einem mißbilligenden Schütteln ſeines hölzernen Kopfes.„Dann bekennt Ihr Euch ſogleich begierig, zu einem Einver⸗ ſtändniſſe zu kommen, wie, Boffin? Ehe Ihr antwortet, Fdent Euch wohl dieſes Hutes und dieſes Spazier⸗ ſtockes.“ „Ich bin bereit, Wegg, zu einem Einverſtändniſſe zu kommen.“ „Bereit iſt nicht genug, Boffin. Von bereit will ich nichts hören. Seid Ihr begierig, zu einem Ein⸗ verſtändniſſe zu kommen? Erbittet Ihr es Euch als eine Vergünſtigung, zu einem Einverſtändniſſe kommen zu dürfen?“ Mr. Wegg pflanzte nochmals ſeinen Arm ein und neigte den Kopf auf die Seite. Ja.“ „Ja, was?“ ſagte der unerbittliche Wegg.„Ich will kein Ja. Ich will es ganz aus Euch heraus haben, Boffin.“ 8 „Meine Güte!“ rief dieſer unglückliche Herr.„Wie ich gequält werde! Ich bitte um Erlaubniß, zu einem Einverſtändniſſe kommen zu dürfen, vorausgeſetzt, Euer Doocument iſt völlig gültig.“ „Darüber ſeid nicht beſorgt,“ ſagte Silas, ihm mit dem Kopfe zunickend.„Ihr ſollt darüber zufriedengeſtellt werden, indem Ihr es ſeht. daſſelbe zeigen, während ich Euch derweile halte. Dann verlangt Ihr die Bedingungen zu wiſſen. Iſt das etwa der Sinn und Inhalt Eurer Gedanken? Wollt Ihr ant⸗ worten, Boffin, oder nicht?“ Denn er hatte einen Augenblick geſchwiegen. „Meine Güte!“ rief der unglückliche Herr abermals, „ich werde in einem Grade gequält, daß ich faſt den Kopf verliere. Ihr drängt mich ſo. Habt die Güte, die Bedingungen anzugeben, Wegg.“. „Jetzt gebt wohl Acht, Boffin,“ erwiderte Wegg. „Gebt wohl Acht, denn es ſind meine niedrigſten und äußerſten Bedingungen. Ihr werdet Euren Hügel(den kleinen Hügel, der jedenfalls Euch gehört) mit in das allgemeine Beſitzthum werfen, und dann werdet Ihr das ganze Vermögen in drei Theile theilen, wovon Ihr zwei abgeben und den einen behalten werdet.“ Mr. Venus verzog den Mund in dem Grade, wie Mr. Boffin's Geſicht ſich verlängerte; denn Mr. Venus war auf eine ſo räuberiſche Forderung nicht gefaßt ge⸗ geweſen..— 544 Mr. Venus wird Euch denk Etwas, I wahrſam 9 mit beiden L „Jetzt wc Etwas. Ihl herumgeſtöber Augenblicke 1 ausgraben ſeh „Sie geho ſie ſelbſt dort „Was wal „Kein Go Koſtbarkeiten, Wegg; ich g „Da ich Kehricht⸗Freun Wegg, ſich mi Compagnon! die, wie ich u Vir rechnen tauſend Pfund Mr. Boff „Jetzt w Etwas. Es liſtiger Lump ihn dabei zu uns im Gan Rokeſmi mit gedämpf Händen bede wiegte. „Schon aun, Voffin bleibt.“ ſ Da der und von Zei Venus ihn a und ſich Zeit neuen Lage z war gerade d ſüren wollte regeln!“ lan Serr viele J die Fauſt ge nen Beine auf den Bo Endlich zeit und lenden Sp 3 Voz, Unſer dem P Aun, hier Pazierſtock en und ich me meinen einen Han⸗ W 2 Was ſagt ſich, beide nruhe vor⸗ mit Euch bereits zu und, einem 8. D .„Daun m Einver⸗ antwortet, Spazier⸗ andniſſe zu ereit will einem Ein⸗ ich als eine kommen zu n Arm ein „Ich aus haben, Wie zu einem „ Euer s, ihm mit geſtellt Dann t das etwa lt Ihr ant⸗ einen patte lle abermals, H faſt den die Güte, Wegg⸗ ſten und ügel(den in das wird Euch „Jetzt wartet einen Augenblick, Boffin,“ fuhr Wegg fort.„Es kommt üdch Etwas. Ihr habt dieſes Ver⸗ mögen vergeudet— indem Ihr einen Theil deſſelben für Euch ſelher ausgegeben. Das geht nicht an. Ihr habt ein Hans gekauft. Dies wird Euch angerechnet werden.“ „Ich werde zu Grunde gerichtet ſein, Wegg!“ ſagte Mr. Boffin mit matter Stimme. „Jetzt wartet ein wenig, Boffin; es kommt noch Etwas, Ihr werdet dieſe Hügel in meinen alleinigen Gewahrſam geben, bis ſie gänzlich abgetragen ſind. Falls ſich irgend welche Koſtbarkeiten in denſelben finden ſollen, ſo will ich ſolche Koſtbarkeiten an mich nehmen. Ihr werdet Euren Contract über den Verkauf der Hü⸗ gel vorweiſen, damit wir auf einen Heller wiſſen, wie viel ſie werth ſind, und Ihr werdet außerdem eine ge— naue Liſte von dem übrigen Vermögen machen. Wenn die Hügel bis zur letzten Schaufel voll abgetragen ſind, ſo wird die richtige Theilung ſtattfinden.“ „Schrecklich, ſchrecklich, ſchrecklich! Ich werde im Ar⸗ beitshauſe ſterben!“ rief der goldene Kehrichtmann, ſich mit beiden Händen den Kopf haltend. „Jetzt wartet ein wenig, Boffin; es kommt noch Etwas. Ihr habt ungeſetzticherweiſe in dieſem Hofe herumgeſtöbert. Zwei Paar Augen, die Euch in dieſem Augenblicke erblickten, haben Euch eine viereckige Flaſche ausgraben ſehen.“ „Sie gehörte mir,“ proteſtirte Mr. Boffin.„Ich hatte ſie ſelbſt dort eingegraben.“ „Was war darin, Boffin,“ fragte Silas. „Kein Gold, kein Silber, keine Banknoten, keine Koſtbarkeiten, Nichts, das Ihr zu Gelde machen könntet, Wegg; ich gebe Euch mein Wort!“ „Da ich auf eine ausweichende Antwort von unſerm Kehricht⸗Freunde hier vorbereitet war, Mr. Venh“ ſagte Wegg, ſich mit kluger und überlegener Miene zu ſeinem Compagnon hinwendend,„bin ich auf eine Idee verfallen, die, wie ich mir denke, Ihren Anſichten entſprechen wird. Wir rechnen unſerm Kehricht⸗Freunde dieſe Flaſche für tauſend Pfund an.“ Mr. Boffin ſtieß einen tiefen Seufzer aus. „Jetzt wartet ein wenig, Boffin; es kommt noch Etwas. Es befindet ſich in Eurem Dienſte ein hinter⸗ liſtiger Lump, Namens Rokeſmith. Es paßt mir nicht, ihn dabei zu haben, während dieſe Angelegenheit zwiſchen uns im Gange iſt. Er muß entlaſſen werden.“ „Rokeſmith iſt bereits entlaſſen,“ ſagte Mr. Boffin mit gedämpfter Stimme, indem er das Geſicht mit den Händen bedeckte und ſich auf der Bank hin- und her⸗ wiegte. „Schon entlaſſen, wie?“ rief Wegg überraſcht. dann, Boffin, bleibt.“ Da der unglückliche Herr ſich hin- und herzuwiegen und von Zeit zu Zeit zu ſtöhnen fortfuhr, flehte Mr. Venus ihn an, ſich in ſeinem Mißgeſchicke zu ermannen und ſich Zeit zu laſſen, um ſich an den Gedanken ſeiner neuen Lage zu gewöhnen. Aber dieſes Sich⸗Zeit⸗laſſen war gerade das, wovon Silas Wegg am allerwenigſten hören wollte.„Ja oder nein, und keine halben Maß⸗ regeln!“ lautete das Motto, welches dieſer hartherzige Herr viele Male wiederholt, indem er gegen Mr. Boffin die Fauſt geſchüttelt und ſein Motto mit ſeinem hölzer⸗ nen Beine in einer drohenden und beunruhigenden Manier auf den Boden geſtampft hatte. Endlich bat Mr. Boffin ſich eine Viertelſtunde Be⸗ denkzeit und Erlaubniß aus, während derſelben einen küh⸗ lenden Spaziergang im Hofe machen zu dürfen. Mr. Wegg „O! denke ich, daß jetzt weiter nichts zu ſagen 545 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. geſtattete ihm dies, nachdem er einige Schwierigkeiten ge⸗ macht, doch nur unter der Bedingung, daß er Mr. Boffin auf dieſem Spaziergange begleitete, da er nicht wiſſe, was dieſer, falls er allein gelaſſen, noch betrüglicherweiſe ausgraben würde. Einen lächerlicheren Anblick als Mr. Boffin, wie er in ſeiner geiſtigen Aufregung flink dahin⸗ trabte, und Mr. Wegg, der ihm mit großer Anſtrengung nachhüpfte, um jede Bewegung einer Augenwimper zu beobachten, die vielleicht eine mit einem Geheimniß ver⸗ knüpfte Stelle bezeichnen könnte, hatte es ſicherlich im Schatten dieſer Hügel nie gegeben. Mr. Wegg war am Ende der Viertelſtunde außerordentlich erſchöpft, und er⸗ wies ſich als ein ſehr ſchlechtes Zweites(Pferd) in dieſem Rennen. „Ich kann mir nicht helfen!“ rief Mr. Boffin, indem er in großer Hülfloſigkeit auf die Bank niederplumpſte und die Hände tief in die Taſchen hinabſteckte, wie wenn die Taſchen geſunken wären.„Was nützt es, daß ich mich ſtelle, als weigere ich mich, wenn ich mir doch nicht helfen kann? Ich muß mich den Bedingungen fügen. Aber ich möchte das Dokument ſehen.“ Wegg, dem darum zu thun war, die Sache ſofort abzumachen, verkündete, daß er daſſelbe ſehen ſolle, ehe noch eine Stunde darüber vergehe. Indem er ihn zu dieſem Zwecke in Gewahrſam nahm, oder ihn überſchat⸗ tete, wie wenn er in Wirklichkeit in ſichtbarer Geſtalt ſein böſer Engel geweſen, ſetzte er ihm ſeinen Hut auf den Kopf und zog ihn am Arme hinaus, indem er ein Eigenthumsrecht an ſeinen Körper und ſeine Seele be⸗ hauptete, das zugleich grauſiger und lächerlicher war, als irgend Etwas in Mr. Venus' ſeltener Sammlung. Dieſer blonde Herr folgte ihnen hart auf den Ferſen, indem er Mr. Boffin wenigſtens im wörtlichen Sinne den Rücken hielt, als ob er nicht kürzlich alle Gelegenheit gehabt, dies im figürlichen Sinne zu thun; während Mr. Boffin, indem er mit größter Geſchwindigkeit dahintrabte, Silas Wegg in häufige Colliſion mit dem Publikum brachte, wie dies öfters ein zerſtreuter Blinden-Hund mit ſeinem Herrn macht. Deshalb langten ſie durch die Art und Weiſe, in der ſie ſich dorthin verfügt, ein wenig erhitzt in Mr. Venus' Wohnung an. Mr. Wegg namentlich befand ſich in einer flammenden Gluth und ſtand keuchend und ſich mit dem Taſchentuche das Haupt trocknend mehrere Minuten lang ſprachlos in dem kleinen Laden da. Inzwiſchen ſchloß Mr. Venus, der es den duellirenden Fröſchen überlaſſen, während ſeiner Abweſenheit zum Er⸗ götzen des Publikums bei Lichte zu einem Ausgange ihres Kampfes zu kommen, die Fenſterläden. Als Alles ge— müthlich gemacht und die Ladenthür verſchloſſen war, ſagte er zu dem transpirirenden Silas:„Wir dürfen vermuth⸗ lich jetzt das Document vorzeigen, Mr. Wegg?“ „Warten Sie einen Augenblick, Sir,“ erwiderte dieſer vorſichtige Mann;„warten Sie einen Augenblick. Wollen Sie die Güte haben, jene Kiſte, von der Sie bei einer früheren Gelegenheit erwähnten, daß Sie Miscellen enthalte— mir hier in die Mitte des Ladens zuzu— ſchieben?“ Mr. Venus that, was von ihm verlangt wurde. „Sehr gut,“ ſagte Silas, ſich umſchauend;„ſe— hr gut. Wollen Sie mir jenen Stuhl reichen, Sir, damit ich ihn oben drauf ſtelle?“ Venus reichte ihm den Stuhl. „Jetzt, Boffin,“ ſagte Wegg,„ſteigt herauf und ſetzt Euch.“ Mr. Boffin beſtieg, wie wenn er dem Maler zu ſitzen, oder electriſirt, oder zu einem Freimaurer gemacht, oder in eine ſonſtige abgeſonderte mißliche Lage verſetzt zu Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 546 werden im Begriff geweſen, das für ihn hergerichtete Roſtrum. „Jetzt, Mr. Venus,“ ſagte Silas, ſeinen Rock aus⸗ ziehend,„während ich unſern Freund um den Leib und die Arme faſſe und ihn feſt an die Lehne ſeines Stuhls halte, mögen Sie ihm das zeigen, was er zu ſehen ver⸗ langt. Falls Sie es öffnen und ihm mit der einen Hand vorhalten und in der andern ein Licht halten wollen, kann er es prächtig leſen.“ Mr. Boffin ſchien ſtark geneigt, Einwendungen gegen dieſe Vorſichtsmaßregeln zu erheben; da er jedoch augen⸗ blicklich von Wegg umarmt ward, ergab er ſich darein. Dann brachte Venus das Document zum Vorſchein und Mr. Boffin buchſtabirte daſſelbe langſam laut vor, ſo langſam, daß Wegg, der ihn mit dem Griffe eines Rin⸗ gers in ſeinem Stuhle feſthielt, abermals durch ſeine Anſtrengungen ſehr ermüdet ward.„Melden Sie mir's, wenn Sie es ſicher wieder fortgelegt haben, Mr. Venus,“ ſagte er mühſam,„denn dieſe Anſtrengung iſt fürchter⸗ lich!“ G Endlich war das Document wieder an ſeinen Platz gelegt, und Wegg, deſſen unbequeme Stellung die eines beharrlichen Mannes geweſen, der erfolgloſe Verſuche gemacht, auf dem Kopfe zu ſtehen, ſetzte ſich nieder, um ſich wieder zu erholen. Mr. Boffin ſeinerſeits ver⸗ ſuchte nicht, herunterzukommen, ſondern blieb troſtlos oben ſitzen. „Nun, Boffin!“ ſagte Wegg, ſobald er zu ſprechen fähig war.„Jetzt wißt Ihrs.“ „Ja, Wegg,“ ſagte Mr. Boffin demüthig.„Jetzt weiß ich's.“ „Ihr hegt keine Zweifel darüber, Boffin?“ „Nein, Wegg. Nein, Wegg. Gar keine,“ war die langſame und kummervolle Antwort. „Dann nehmt Euch in Acht, hört Ihr,“ ſagte Wegg, „daß Ihr an den Bedingungen feſthaltet. Mr. Venus, falls Sie zufälligerweiſe bei dieſer frohen Gelegenheit Etwas im Hauſe haben ſollten, das nicht ganz ſo ſchwach wie Thee wäre, ſo glaube ich, daß ich mir die freund⸗ ſchaftliche Freiheit nehmen würde, Sie um eine Probe davon zu erſuchen.“ An die Pflichten der Gaſtfreundſchaft erinnert, brachte Mr. Venus etwas Rum zum Vorſchein. Auf die An⸗ frage:„Wollen Sie ihn miſchen, Mr. Wegg?“ erwiderte dieſer Herr fröhlich:„Ich denke nicht, Sir. Bei einer ſo frohen Gelegenheit zieh' ich ihn in Geſtalt eines Gaumenkitzlers vor.“ Mr. Boffin, der den Rum ausſchlug und noch immer auf ſeinem Poſtament ſaß, befand ſich in einer günſtigen Stellung, angeredet zu werden. Nachdem daher Wegg ihn in Muße mit einem frechen Blick angeſtiert, redete er ihn, während er ſeinen Rum genoß, folgendermaßen an: „Bof— fin!“ „Ja, Wegg,“ antwortete dieſer, ſich mit einem Seufzer ſeinem zerſtreuten Brüten entreißend. „Ich habe einer Sache nicht erwähnt, weil dies eine Einzelnheit iſt, die ſich von ſelbſt verſteht. Ihr müßt bewacht werden. Ihr müßt fortwährend unter Aufſicht ſtehen.“ „Ich verſtehe nicht recht,“ ſagte Mr. Boffin. „Nicht?“ ſpottete Wegg.„Wo iſt Vuer Verſtand, Boffin? Bis die Hügel abgetkagen und dieſe Sache ins Reine gebracht, ſeid Ihr für das ganze Vermögen ver⸗ antwortlich, wie Ihr Euch erinnern werdet. Betrachtet Euch als mir verantwortlich. Da Mr. Venus hier zu milch⸗und⸗wäſſerig mit Euch umgeht, ſo bin ich der rechte Burſche für Euch.“ „Ich habe gedacht,“ ſagte Mr. Boffin in niederge⸗ 547 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher à Freund. ſchlagenem Tone,„daß ich es meiner alten Dame ver⸗ hehlen muß.“ 2 „Den Umſtand der Theilung, meint Ihr?“ fragte Wegg, indem er ſich zu einem dritten Gaumenkitzler verhalf— denn den zweiten hatte er beretts zu ſich ge⸗ nommen. „Ja. Falls ſie von uns Beiden zuerſt ſtürbe, ſoll ſie ihr Lebelang in dem Glauben verbleiben, die arme Seele, daß ich noch immer im Beſitz des ganzen Ver⸗ mögens ſei und nur ſpare.“ 3 „Ich vermuthe, Boffin,“ erwiderte Wegg mit einem ſcharfſinnigen Kopfſchütteln und hölzernen Augenblinzeln, „daß Ihr irgendwo eine Erzählung von einem alten Burſchen aufgeſtöbert habt, der für einen Geizhalz galt und ſich den Ruf verſchaffte, als ob er weit mehr Geld habe, als er in Wirklichkeit beſaß. Indeſſen mir iſt's einerlei.“ „Seht Ihr's nicht ein, Wegg?“ ſtellte Mr. Boffin ihm gefühlvoll vor:„ſeht Ihr's nicht ein? Meine alte Dame hat ſich ſo ſehr an das Vermögen ge⸗ wöhnt. Es würde eine ſo grauſame Ueberraſchung für ſie ſein. „Das ſeh' ich durchaus nicht ein,“ ſagte Wegg roh. „Ihr werdet eben ſo viel haben, wie ich. Und wer ſeid Ihr?“ „Aber außerdem,“ ſagte Mr. Boffin ſanft,„hat meine alte Dame ſehr rechtſchaffene Grundſätze.“ „Wer iſt Eure alte Dame,“ entgegnete Wegg,„daß ſie ſich rechtſchaffenere Grundſätze als die meinigen an⸗ maßt?“ Mr. Boffin erſchien bei dieſem Punkte ein wenig un⸗ geduldiger, als bei irgend einem andern der Verhandlung. Doch beherrſchte er ſich und ſagte ziemlich unterwürfig: „Ich denke doch, daß es meiner alten Dame verheimlicht bleiben muß; Wegg.“ „Nun,“ ſagte Wegg verachtungsvoll, wiewohl er viel⸗ leicht einige Anſpielung auf Gefahr erblickte, falls er anders handle, dann verſchweigt es Eurer alten Dame. Ich werde es ihr nicht ſagen, Ich kann Euch auch ohne das unter ſcharfer Aufſicht haben. Ich bin ebenſo gut, wie Ihr. Ladet mich zu Tiſche ein. Oeffnet mir Euer Haus. Ich war ehedem gut genug für Euch und Eure alte Dame, als ich Euch bei Euren Schinkenpaſteten half. Gab es etwa keine Miß Eliſabeth, keinen Maſter Georg, keine Tante Jane und keinen Onkel Parker vor Euch Beiden?“ „Sachte, Mr. Wegg, ſachte,“ ſagte Venus be⸗ gütigend. „Milch⸗ und ⸗wäſſeriger meinen Sie, Sir,“ erwiderte er mit etwas dicker Sprache, in Folge der Gaumenkitzler. „Ich habe ihn unter Aufſicht und ich will ihn beaufſichtigen. „Die Reih' entlang lief das Signal: „England erwartet, daß dieſer Mann „Den Boffin hält zu ſeiner Pflicht.“ — Boffin, ich will Euch nach Hauſe begleiten.“ Mr. Boffin ſtieg mit einer Miene der Ergebung herab und überließ ſich ihm, nachdem er freundſchaft⸗ lichen Abſchied von Mr. Venus genommen. Der Auf⸗ ſeher und der Beaufſichtigte gingen abermals zuſammen Thür. Doch ſelbſt dort, als Mr. Boffin ſeinem Wärter gute Nacht gewünſcht und ſich vermittelſt ſeines Hausſchlüſſels eingelaſſen und leiſe die Thür geſchloſſen, ſelbſt dann und dort mußte der allgewaltige Silas ſeine neuerworbene Macht behaupten. „Bof—fin!“ rief er durch das. Schlüſſelloch. durch die Straßen und gelangten an Mr. Boffin's S — = = ¹Ja, We diesmal g außen vor⸗ den Daunenſchrau Innern zu de und ſtampfte! Der cher früh mit mö neeben der ma ſicch hatte. zimmer hatte zu halten. Und denr Frauenzimme vier Uhr au der Treppe— um den Pa ſchien ihr ein maus dem Hat dDein Fr ſie ihn mit ichts weiter entweichen. „ Soviel Hanseinbrech liebes Kind, den Ort wie Sie ſcho V ihren Arm i ſpitzen in di elnen Stuf auf ihre r legen, wie liebkoſen. fnagte R. W „Mir iſt währte, lieb Fenau ſo zei 3„Ohol ater. V 3 Bella d' lippen und nieend; 8 zu verdienen verſprach ic gewiſſen G. Auf m b nüſend — 5 u alten abal⸗ Shalz galt mehr Geld mir iſts Nr. Voffin Meine noͤgen ge⸗ Aichnn 8- Nchung für Wenn Wegg roh. d ver ſeid hat meine — Von 8 daß Degg,„daß en an⸗ einig mnterwürfig: verheimlicht ohl er viel⸗ falls er n Dame. auch ohne ebenſo gut, t mir Cuer erwiderte aumenkitzler. aufſichtigen. 4. Ergebung eundſchaft⸗ Der Auf⸗ zuſammen Boſffin's Wärter gute ausſchlüfels ſt dann und euervorbene 4 h. „Ja, Wegg,“ wan die Antwort durch denſelben Ver⸗ kehrscanal. „Kommt heraus. Zeigt Euch noch einmal. Euch noch einmal anſchauen!“ 5 Mr. Boffin— ah, wie tief geſunken von der Höhe ſeiner rechtſchaffenen Herzenseinfalt!— öffnete die Thür und gehorchte. Die Thür hatte ſich kaum geſchloſſen, als er nochmals durch das Schlüſſelloch rief: „Bof— fin!“ „Ja, Wegg.“ Diesmal gab Silas keine Antwort, ſondern arbeitete außen vor dem Schlüſſelloche eifrig an einem imaginären Daumenſchraubenaufſetzen, während Mr. Boffin ſich im Innern zu demſelben herabbückte; dann lachte er ſtill und ſtampfte nach Hauſe. Laßt Vierles Capitkel. Eine Ausreißer-Heirath. Der cherubiſche Pa erhob ſich eines Morgens ſehr früh mit möglichſt geringem Geräuſch von ſeinem Lager neben der majeſtätiſchen Ma, da er einen Feiertag vor ſich hatte. Der Pa und das wunderſchöne Frauen⸗ zimmer hatten eine ziemlich abſonderliche Verabredung zu halten. Und dennoch gingen der Pa und das wunderſchöne Frauenzimmer nicht zuſammen aus. Bella war ſchon vor vier Uhr auf, aber ohne Hut. Sie wartete am Fuße der Treppe— ſaß in der That auf der unterſten Stufe— um den Pa beim Herunterkommen zu empfangen; doch ſchien ihr einziger Zweck dahin zu gehen, den Pa ſicher aus dem Haunſe zu ſchaffen. „Dein Frühſtüͤck iſt bereit, Sir,“ flüſterte ſie, nachdem ſie ihn mit einer Umarmung begrüßt,„und Du haſt nichts weiter zu thun, als es zu verzehren und dann zu entweichen. Wie iſt Dir zu Muthe, Pa?“ „Soviel ich zu beurtheilen im Stande bin, wie einem Hauseinbrecher, der in dem Geſchäfte ein Neuling iſt, mein liebes Kind, und dem es nicht ganz behaglich iſt, bis er den Ort wieder verlaſſen.“ Sie ſchob mit einem fröhlichen geräuſchloſen Lachen ihren Arm in den ſeinigen, und ſie gingen auf den Fuß⸗ ſpitzen in die Küche hinunter; wobei ſie auf jeder ein⸗ zelnen Stufe ſtill ſtand, um die Spitze ihres Zeigefingers auf ihre roſigen Lippen und dann auf die ſeinigen zu legen, wie dies ihre Lieblingsmethode war, den Pa zu liebkoſen. „Wie iſt Dir zu Muthe, mein liebes Herzchen?“ fragte R. W., wie ſie ihm ſein Frühſtück gab. „Mir iſt es zu Muthe, als ob der Wahrſager ſich be⸗ währte, liebſter Pa, und der kleine blonde Mann ſich genau ſo zeigte, wie es verheißen wurde.“ „Oho! Blos der kleine blonde Mann,“ ſagte der Vater. Bella drückte ein abermaliges Fingerſiegel auf ſeine Lippen und ſagte dann, am Tiſche neben ihm nieder— knieend:„Jetzt ſchau her, Sir. Was glaubſt Du wohl zu verdienen, falls Du Dich heute brav aufführſt? Was verſprach ich Dir für den Fall, wo Du Dich bei einer gewiſſen Gelegenheit gut betragen würdeſt?“ „Auf mein Wort, deſſen erinnere ich mich nicht, mein liebſtes Töchterchen. Und doch. War es nicht eine von Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 550 dieſen pracht—vollen Flechten?“ fragte er, ſeine Hand liebkoſend auf ihr Haar legend. „War es nicht, wahrhaftig!“ erwiderte Bella, ſich ſtellend, als ob ſie ſchmolle.„Auf mein Wort! Weißt Du wohl, Sir, daß der Wahrſager(falls er dazu in der Lage wäre, was er nicht iſt) fünftauſend Guineen für die prachtvolle Locke geben würde, die ich für Dich ab⸗ geſchnitten habe? Du kannſt Dir gar keine Vorſtellung davon machen, wie unzählige Male er eine im Vergleich ganz erbärmliche kleine Locke geküßt hat, die ich für ihn abſchnitt. Und er trägt ſie, das kann ich Dir ſagen, auf ſeinem Herzen!“ ſagte Bella nickend.„Ah! Gerade auf dem Herzen! Indeſſen, Du biſt ein guter, guter Junge geweſen, und biſt heute Morgen der beſte aller theuerſten Jungen, die es je gegeben hat, und hier iſt die Kette, die ich daraus gemacht habe, Pa, und Du mußt mich ſie mit meinen eigenen zärtlichen Händen Dir um den Nacken hängen laſſen.“ Wie der Pa den Kopf neigte, weinte ſie ein wenig über ihm und ſagte dann(nachdem ſie ſich auf ſeiner weißen Weſte die Augen getrocknet, welche Ungereimtheit, als ſie dieſelbe entdeckte, ſie lachen machte):„Hetzt, mein Herzenspapa, gieb mir Deine Hände, damit ich ſie falte, und ſprich mir dann nach:— Meine kleine Bella.“ 5 „Meine kleine Bella,“ wiederholte der Pa. „Ich habe Dich ſehr lieb.“ „Ich habe Dich ſehr lieb, mein Herzchen,“ ſagte der Pa. „Du mußt Nichts ſagen, was Dir nicht dictirt wird, Sir. Du unterſtehſt Dich nicht, dies bei Deinen Re⸗ ſponſen in der Kirche zu thun, und darfſt es eben ſo wenig außer der Kirche thun.“ „Ich nehme das Herzchen zurück,“ ſagte der Pa. „So biſt Du ein guter, frommer Junge. weiter:— Du warſt ſtets—“ „Du warſt ſtets—“ wiederholte der Pa. „Ein ungezogenes—“ „Nein, das warſt Du nicht,“ ſagte der Pa. „Ein ungezogenes(hörſt Du, Sir), ein ungezogenes, eigenſinniges, undankbares, widerwärtiges Thier; aber ich hoffe, daß Du Dich in der Zukunft beſſer zeigen wirſt, und ich ſegne Dich und vergebe Dir!“ Hier ver⸗ gaß ſie ganz, daß der Pa an der Reihe ſei, die Reſpon—⸗ ſen zu machen, und hing ſich an ſeinen Nacken.„Lieber Pa, wenn Du wüßteſt, wie viel ich heute Morgen an das denke, was Du mir einſt darüber erzählteſt, wie wir zum erſten Male den alten Mr. Harmon geſehen, als ich ſtrampelte und ſchrie und Dich mit meinem abſcheu⸗ lichen kleinen Hute ſchlug! Es iſt mir faſt, als ob ich von dem Tage meiner Geburt ean geſtrampelt und ge⸗ ſchrien und Dich mit meinem haſſenswerthen Hute ge⸗ ſchlagen hätte, Du liebſter Pa!“ „Unſinn, mein Herzchen. Und was Deine Hüte be⸗ trifft, ſo ſind dieſelben ſkets hübſch geweſen, denn ſie haben Dich ſtets gekleidet— oder Du haſt ihnen ge⸗ kleidet— vielleicht war es mehr dies Letztere— in je— dem Alter.“ „That ich Dir ſehr weh, Du armer kleiner Pa?“ fragte Bella(ungeachtet ihrer Reue mit phantaſtiſchem Vergnügen an dem Bilde lachend),„wenn ich Dich mit meinem Hute ſchlug?“ „Nein, mein Kind. thun können.“ „Wohl, aber ich fürchte, daß ich Dich gar nicht ge⸗ ſchlagen haben würde, falls ich nicht Dir weh zu thun beabſichtigt,“ ſagte Bella.„Kniff ich Dich in die Beine, Pa? Alſo Das hätte keiner Fliege weh V 1 —— ☛ ³◻☛ „Nicht ſehr, mein liebes Kind. Aber ich glaube, es iſt faſt Zeit, daß ich—“ „O, ja!“ rief Bella.„Wenn ich noch lange zu plap⸗ pern fortfahre, wirſt Du lebendig gefangen werden. Fliehe, Pa, fliehe?“ Demzufolge ſchlichen ſie auf den Fußſpitzen die Küchen⸗ treppe hinauf, und Bella zog mit ihrer leichten Hand leiſe die Riegel der Hausthür zurück, worauf der Pa ſich nach einer letzten Umarmung auf den Weg machte. Als er eine kleine Strecke gegangen war, ſchaute er ſich um; worauf Bella abermals eins jener Fingerſiegel in die Luft ſandte und ihren kleinen Fuß vorſtellte, um das Ziel zu bezeichnen. Pa drückte in angemeſſener Thätig⸗ keit ſeine Gewiſſenhaftigkeit in Bezug⸗auf das Ziel aus, indem er ſich ſo geſchwind als möglich aus dem Staube machte. Bella ging nachdenklich eine Stunde oder länger im Garten ſpazieren und ſetzte, als ſie nach dem Schlaf⸗ zimmer zurückkehrte, wo Lavy, die Unbezwingliche, noch in ſüßem Schlummer lag, einen kleinen Hut von be⸗ ſcheidenem, aber im Ganzen pfiffigem Ausſehen auf, den ſie am geſtrigen Tage ſelber angefertigt hatte.„Ich gehe aus, um einen Spaziergang zu machen, liebe Lavy,“ ſagte ſie, indem ſie ſich bückte, um ſie zu küſſen. Die Unbezwingliche warf ſich mit der Bemerkung, daß es noch nicht Zeit zum Aufſtehen ſei, im Bett herum und ver⸗ ſank wieder in Bewußtloſigkeit, falls ſie überhaupt aus derſelben herausgekommen. Siehe, wie Bella die Straßen entlang trippelt, das liebſte Mädchen unter der Sommerſonne! Siehe, wie der Pa hinter einer Pumpe, wenigſtens drei Meilen vom väterlichen Dache, auf Bella wartet! Siehe, wie Bella und der Pa ſich in einem zeitigen Dampfboote nach Greenwich einſchiffen. Wurden ſie in Greenwich erwartet? Wahrſcheinlich. Wenigſtens ſtand Mr. John Rokeſmith ſchon ein Paar Stunden vor der Abfahrt des ſteinkohligen(aber für Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. ihn goldſtaubigen) kleinen Dampfers von London auf der Orgel, obgleich es augenblicklich vorüber war und dem Schiffsdamme und ſchaute aus. Wahrſcheinlich. Wenigſtens ſchien Mr. John Rokeſmith vollkommen zu⸗ frieden, als er ſie an Bord erſpähte. Wahrſcheinlich. Wenigſtens war Bella kaum au's Land getreten, als ſie ſofort Mr. John Rokeſmith's Arm mit einer ätheriſchen Miene der Glückſeligkeit nahm, welche ſo zu ſagen aus dem Erdboden emporſtieg und ihnen einen barſch⸗ und⸗ brummigen alten invaliden Seemann nachzog, der das Ende davon ſehen wollte. Zwei hölzerne Beine hatte dieſer barſch⸗und⸗brummige alte Invalide, und zwei Minuten vor dem Augenblicke, da Bella aus dem Boote ſtieg und ihren zuverſichtlichen kleinen Arm in Roke— ſmith's Arm legte, hatte er keinen andern Lebenszweck auf ihn wirkten, indem ſie die Prigmuichen in ihm herunter⸗ preßten und condenſirten, eine Fanlienähnlichkeit zwiſchen dem Cherubim in der Kirchenarchitektur und dem Cherub in der weißen Weſte entdeckte. Eine Erinnerung an die alten Valentinsbriefchen, in denen er einen Cherub in einem weniger für ein ſprichwörtlich unzuverläſſiges Klima paſſenden Coſtüm geſehen, wie er Liebende zum Altare führte, entflammte vielleicht die Gluth ſeiner hölzernen Zehe. Wie dem immer ſein mochte, er machte ſich von ſeinem Hafenanker los und ſchloß ſich der Jagd an. Der Cherub ging mit ſtrahlendem Lächeln voran; Bella und John Rokeſmith folgten ihm; Barſch⸗und⸗ brummig klebte ihnen an wie Wachs. Seit Jahren wa⸗ ren die Flügel ſeines Geiſtes nach den Beinen ſeines Körpers umhergeflogen; aber Bella hatte ihm dieſelben per Dampfboot zurückgebracht und ſie waren wieder ent⸗ faltet. Er war im Winde der Glückſeligkeit ein langſamer Segler, aber er ſchlug einen Richtweg nach dem Orte der Zuſammenkunft ein, und ſtampfte dahin, wie wenn er wüthend mit einer Partie Cribbage beſchäftigt ſei. Als der Schatten der Kirchthür die Geſellſchaft verſchlang, ſtellte der ſiegreiche Barſch-und⸗brummig ſich rechtzeitig ein, um ebenfalls verſchlungen zu werden. Und inzwiſchen war der cherubiſche Vater dermaßen von Furcht vor Un⸗ terbrechung erfüllt, daß, falls Barſch⸗und⸗brummig nicht auf einem ſo beruhigenden Paar hölzerner Beine geſtan⸗ den hätte, ſein Gewiſſen ihm in der Geſtalt dieſes In— validen ſeine eigene ſtattliche Gattin in Verkleidung vor⸗ geführt haben würde, wie ſie in einem mit einem Vogel Greif beſpannten Siegeswagen in Greenwich ankam, gleich der böſen Fee bei den Taufen der Prinzeſſinnen, um etwas Fürchterliches mit der Vermählungs⸗Ceremonie vorzuneh⸗ men. Und in der That, er hatte momentan Urſache, zu erbleichen und Bella zuzuflüſtern:„Du denkſt doch nicht, daß das Deine Ma ſein kann, mein liebes Kind?“— in Bezug auf ein geheimnißvolles Rauſchen und eine ſchleichende Bewegung irgendwo in der entfernten Region nicht mehr gehört ward. Wiewohl ſpäter noch davon gehört ward, wie ſich dies weiterhin in dieſem wahrhaf⸗ ten Heirathsberichte ergeben wird. Wer nimmt? Ich, John, und ich, Bella. Wer ver⸗ giebt? Ich, R. W. Denn Barſch⸗-und⸗brummig, da John und Bella einig geworden, ſich in heiliger Ehe zu verbinden, ſo mögt Ihr dies(mit einem Worte) als ab⸗ gemacht anſehen, und Eure beiden hölzernen Stöcke aus dieſem Tempel hinwegnehmen. In dieſer Weiſe ſpricht der Geiſtliche, wie es in der Rubrik vorgeſchrieben, zum beſeſſen als Taback, und von dieſem nicht einmal genug. Barſch⸗ und⸗brummig war er in einem Hafen von ewi⸗ ger Modde geſtrandet, als plötzlich Bella ihn flott machte, und er von dannen ging. Sprich, cherubiſcher Vater, der du vorangehſt, in welche Richtung ſteuern wir zuerſt? Mit einer derartigen innerlichen Frage ſtellte Barſch⸗und⸗brummig, von einem ſo plötzlichen Intereſſe ergriffen, daß er den Hals ſtreckte und über die Leute hinſchaute, wie wenn er mit ſeinen beiden hölzernen Beinen auf den Zehen zu ſtehen ver⸗ ſuchte, ſeine Beobachtung R. W.'s an. Es war kein Zuerſt bei der Sache, wie Barſch⸗undbrummig bald ge⸗ wahr wurde; der cherubiſche Vater ſteuerte gerade auf die Kirche von Greenwich zu, um ſeine Verwandten zu beſuchen. Denn es ließ ſich annehmen, daß Barſch⸗und⸗brummig, obwohl die meiſten Ereigniſſe einfach als Pfeifenſtopfer Volke, das bei dieſer Gelegenheit in ausgeſuchter Weiſe, wie oben erwähnt, durch Barſch⸗-und⸗brummig repräſen⸗ tirt wird. Und da die Kirchenthür jetzt Bella Wilfer auf ewig verſchlungen, beſaß dieſelbe nicht die Macht, dieſes junge Frauenzimmer wieder von ſich zu geben, ſondern ließ ſtatt deſſen Mrs. John Rokeſmith in den glücklichen Sonnenſchein hinaus. Und Barſch⸗und⸗brummig ſtand lange auf den hellen Stufen und ſchaute der hübſchen jungen Gattin nach, mit einem narkotiſchen Gefühle, wie wenn er einen Traum geträumt. Danach nahm Bella einen Brief aus der Taſche— wovon hier eine richtige Abſchrift erfolgt— und las denſelben dem Pa und John laut vor: „Liebſte Mal „Ich hoffe, Du wirſt nicht böſe werden, aber ich bin ſehr glücklich mit Mr. John Rokeſmith ver⸗ heirathet, der mich aufrichtiger liebt, als ich es je Dann hee Couve auf dreuſi wohl ein licheligen R in den Brieftaſ hn, biſt d geingen wad Der Ja u Gewiſſens ſo er majeſttiſ Parks zu Gr der Sternwan Taſchentuch ei von dort auf der Königlich Sterne beobach keine Mra. I zuverſicht, un Appetit nach zu Blackheath Ein beſche friſch, und lichſte kleine aufwartenden und Schleifen heirathet, ſtat Geſchlechts in regung ſowo! wie wenn ſie Euch Allen ko Dieſe ſelbige überlieferte ih allerlei Pökel gemachten Ff dem Frühſtu klärte:„De oder es wie Pa allerlei denen er dar fangen wußt Dann m fahrt und de Haidekraut, und⸗brummig hölzernen B dieſes Lebens eihtheige als? Walc nuf Barſch Rorgen ſich wenn’s nicht den ſchönſte im Allgeme zappelte er und mit de — ahren wa⸗ ſen ſeines u dieſelben wwieder ent⸗ langſamer d ₰△ dem Orto em Orte wi wie wenn m etwas vorzuneh⸗ Urſache, zu doch nicht, Kind?“— und eine egion war und ch davon n wahrhaf⸗ Wer ver⸗ ummig, da ger Che zu te) als ab⸗ nig f rhübſchen fühle, wie Taſche— und las den, aber ſmith ver⸗ z ich es ſe Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 554 verdienen kann, außer, indem ich ihn von ganzem Herzen liebe. Ich hielt es für's Beſte, zu Hauſe lieber Nichts vorher davon zu ſagen, um etwaigen kleinen Zwiſtigkeiten darüber vorzubeugen. Bitte, ſage es dem Herzens⸗Pa. Mit herzlichen Grüßen für Lavy. „Stets, meine liebſte Ma, „Deine Dich liebende Tochter Bella (P. S. Rokesmith).“ Dann befeſtigte John Rokeſmith das Bild der Königin auf das Couvert— wann hatte Ihre Gnädigſte Majeſtät wohl ein wohlwollenderes Antlitz gehabt, als an dieſem glückſeligen Morgen!— und dann warf Bella den Brief in den Briefkaſten und ſagte fröhlich:„Jetzt, mein liebſter Pa, biſt Du in Sicherheit und wirſt nimmer lebendig gefangen werden!“. Der Pa war zu Anfang in den bewegten Tiefen ſeines Gewiſſens ſo weit entfernt, ſich geſichert zu fühlen, daß er majeſtätiſche Frauen hinter den harmloſen Bäumen des Parks zu Greenwich lauern ſah, und an einem Fenſter der Sternwarte ein ſtolzes Angeſicht in ein wohlbekanntes Taſchentuch eingewickelt zu erblicken glaubte, das düſter von dort auf ihn herabſchaute, wo die dienſtbaren Geiſter der Königlichen Aſtronomie allnächtlich die blinkenden Sterne beobachten. Doch da die Minuten verſtrichen und keine Mrs. Wilfer im Fleiſche erſchien, gewann er an Zuverſicht, und begab ſich frohen Muthes und mit gutem Appetit nach Mr. und Mrs. John Rokeſmith's Häuschen zu Blackheath, wo das Frühſtück bereit ſtand. Ein beſcheidenes kleines Häuschen, aber freundlich und friſch, und auf dem ſchneeweißen Tiſchtuch das appetit⸗ lichſte kleine Frühſtück. Den Dienſt verſah, gleich einer aufwartenden Sommerbriſe, eine Jungfrau ganz in Roſa und Schleifen geſchmückt, erröthend, wie wenn ſie ſich ver⸗ heirathet, ſtatt der Bella, die aber dabei den Sieg ihres Geſchlechts in einer frohlockenden und gehobenen Auf⸗ regung ſowohl über John als den Pa geltend machte, wie wenn ſie hätte ſagen wollen:„Dahin muß es mit Euch Allen fommen, meine Herren, wenn es uns beliebt.“ Dieſe ſelbige Jungfrau war Bella's Dienſtmädchen und überlieferte ihr einen Bund Schlüſſel, der ihr Zugang zu allerlei Pökelwaaren, Gewürzkrämereien, Pickles, und ein⸗ gemachten Früchten verſchaffte, deren Beſichtigung nach dem Frühſtück einen Zeitvertreib bildete, indem Bella er⸗ klärte:„Der Pa muß von Allem koſten, lieber John, oder es wird uns kein Glück bringen,“ worauf dem Pa allerlei Sachen in den Mund geſteckt wurden, mit denen er dann, wenn ſie ſich dort befanden, nichts anzu⸗ fangen wußte. Dann machten ſie alle Drei eine herrliche Spazier⸗ fahrt und dann einen Spaziergang unter dem blühenden Haidekraut, und ſiehe! dort ſaß derſelbige alte Barſch⸗ und⸗brummig, mit ſeinen horizontal vor ſich ausgeſtreckten hölzernen Beinen, anſcheinend über die Unbeſtändigkeit dieſes Lebens nachſinnend! Zu dem ſprach Bella in ihrer leichtherzigen Ueberraſchung:„O, wie geht es Euch noch⸗ mals? Welch ein lieber alter Invalide Ihr ſeid!“ Wo⸗ rauf Barſch⸗und⸗brummig erwiderte, er hab' ſie heut' Morgen ſich verheirathen ſehen, mein Prachtherzchen, und wenn'’s nicht eine Freiheit wäre, wollt' er ihr Gluͤck und den ſchönſten Segelwind und Wetter wünſchen, und ferner im Allgemeinen ſich erkundigen, wie's geht? und dann zappelte er ſich auf ſeinen beiden hölzernen Beinen empor, und mit dem Hute in der Hand nach Schiffsart und mit der Galanterie eines ächten Kriegsſchiffmatroſen und Eichen⸗ herzen zu ſalutiren. Es war ein hübſcher Anblick unter der goldenen Blüthenpracht, wie dieſer ſalzige alte Barſch⸗und⸗brum⸗ mig ſeinen Schaufelhut gegen Bella ſchwenkte, während ſein dünnes weißes Haar im Winde flatterte, wie wenn ſie ihn nochmals flott gemacht und auf das blaue Waſſer hinausgeſandt.„Ihr ſeid ein prächtiger alter Invalide,“ ſagte Bella,„und ich bin ſo glücklich, daß ich Euch ebenfalls glücklich machen möchte.“ Und Barſch⸗ und⸗ brummig antwortete:„Erlauben Sie mir, Ihnen die Hand zu küſſen, mein ſchönes Schätzchen, und es iſt ge⸗ ſchehen!“ Und ſo geſchah es zur allgemeinen Zufrieden⸗ heit; und falls Barſch⸗und⸗brummig im Verlauf dieſes Nachmittags nicht doppelt ſah, ſo war dies nicht in Er⸗ mangelung der Mittel, den Gefühlen der„hoffnungs⸗ vollen Jugend“ dieſen Schimpf anzuthun. Aber das Hochzeitsdiner ſetzte Allem die Krone auf, denn Braut und Bräutigam hatten nicht Geringeres be⸗ ſchloſſen, als dieſes Feſtmahl in demſelben Zimmer in demſelben Gaſthofe zu halten, in dem der Pa einſt mit dem wunderſchönen Frauenzimmer geſpeiſt hatte! Bella ſaß zwiſchen dem Pa und John, und vertheilte ihre Auf⸗ merkſamkeiten ziemlich gleichmäßig, erachtete es jedoch (während der Abweſenheit des Kellners vor der Mahlzeit) für nothwendig, den Pa zu erinnern, daß ſie nicht länger ſein wunderſchönes Frauenzimmer ſei. „Ich weiß dies ſehr wohl, mein liebes Kind,“ er⸗ widerte der Cherub,„und bin gern bereit, Dich aufzu⸗ geben.“ „Gern brechen.“ „Das würde es allerdings, mein liebes Kind, falls ich Dich verlieren müßte.“ „Aber Du weißt, daß Du mich nicht verlieren wirſt, nicht wahr, Du armer lieber Pa? Du weißt, daß Du nur einen neuen Verwandten gewonnen, der Dich ebenſo lieb haben und Dir— um meinetwillen ſowohl, als um Deiner ſelbſt willen— ebenſo dankbar ſein wird, wie ich; nicht wahr, Du lieber kleiner Pa? Schau her, Pa!“ Bella legte ihren Finger auf ihre eigenen Lippen und dann auf die des Pa, und dann wieder auf ihre eigenen und dann auf die ihres Gatten.„Jetzt bilden wir ein Compagniegeſchäft zu Dreien, lieber Pa.“ Das Erſcheinen des Diners unterbrach Bella hier in einer ihrer Verſchwindungen; und zwar um ſo wirkſamer, als daſſelbe unter der Beaufſichtigung eines feierlichen Herrn in ſchwarzen Kleidern und weißer Cravatte aufge⸗ tragen wurde, der weit mehr einem Geiſtlichen ähnlich ſah, als der Geiſtliche, und weit höher in der Kirche zu ſtehen, um nicht zu ſagen, den Thurm erklommen zu ha⸗ ben ſchien. Dieſer Würdenträger beugte, wie er heimlich mit John Rokeſmith über Weine und Getränke berath⸗ ſchlagte, das Haupt, wie wenn er katholiſcher Weiſe die Ohrenbeichte entgegennähme. Und da John einen Vor⸗ ſchlag machte, der nicht ſeinen Anſichten entſprach, um⸗ wölkte ſich ſein Angeſicht und blickte vorwurfsvoll. Welch ein Diner! Proben von allen Fiſchen des Meeres waren herangeſchwommen, und falls ſich keine Proben jener bunten Fiſche darunter befanden, die in den Arabiſchen Nächten Reden hielten(eine wahrhaft mini⸗ ſterielle Erklärung in Bezug auf Nebelhaftigkeit) und dann aus der Pfanne hüpften, ſo war dies nur, weil ſie alle in derſelben Butter geſchmort, in der man die Themſe⸗ fiſche gebraten. Und da die Schüſſeln mit Glückſeligkeit gewürzt— ein Gegenſtand, der nicht immer in Green⸗ wich vorräthig iſt—, waren ſie alle von vortrefflichem Geſchmack, und die goldenen Getränke, die im goldenen bereit, Sir? Es ſollte Dir das Herz 5⁵5⁵ Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 556 Zeitalter auf Flaſchen gezogen, hatten ſeit jener Zeit ihre ſprudelnden Perlen zuſammengeſpart. Das Beſte bei der ganzen Sache war dies, daß Bella und John und der Cherub ein Bündniß geſchloſ⸗ ſen, kein ſterbliches Auge gewahr werden zu laſſen, daß dies eine Hochzeitsgeſellſchaft ſei. Der die Oberaufſicht führende Erzbiſchof von Greenwich wußte dies aber ſo gut, wie wenn er ſelbſt die Heirath vollzogen. Und die Hoheit, mit der Se. Gnaden ungeladen auf ihr Vertrauen einging und darauf beſtand, die Kellner von demſelben ben zu halten, war die größte Herrlichkeit des ganzen Feſtes. Es war ein unſchuldsvoller junger Kellner von zarter Geſtalt und mit ſchwächlichen Beinen zugegen, der noch ungeübt in den Schlichen der Kellnerei und nur zu ſicht⸗ lich von romantiſchem Temperament und zugleich heftig (um nicht hinzuzufügen: hoffnungslos) in eine junge Dame verliebt war, die ſich ſeiner Verdienſte nicht bewußt. Dieſer argloſe Jüngling beſchränkte ſein Aufwarten, da er die Lage der Dinge erkannte, über die ſelbſt ſeine Un⸗ ſchuld ſich nicht zu täuſchen vermochte, darauf, daß er ſich mit ſchmachtender Bewunderung an den Seitentiſch lehnte, wenn Bella ſeiner Dienſte nicht bedurfte, und ſich auf ſie ſtürzte, ſobald ſie Etwas verlangte. Se. Gnaden, der Erzbiſchof, ſtellte ſich ihm fortwährend in den Weg, indem er ihn im Augenblicke des Erfolges mit dem Ell⸗ bogen auf die Seite ſchob, ihn mit erniedrigenden Auf⸗ trägen nach Butterſaucen fortſchickte und ihn, ſowie er ſich durch Zufall irgend einer Schüſſel bemächtigte, die ſich des Präſentirens verlohnte, augenblicklich derſelben beraubte, und ihm zurückzugehen befahl. „Bitte, entſchuldigen Sie ihn, Madame,“ ſagte der Erzbiſchof mit leiſer, würdewoller Stimme,„er iſt ein ſehr junger Menſch, den wir auf Probe genommen ha⸗ ben, und er gefällt uns nicht.“ Dies bewog John Rokeſmith zu der Bemerkung— um der Sache ein natürliches Anſehen zu geben—: „Meine liebe Bella, dies iſt ſo viel gemüthlicher, als alle unſere früheren Jahrestage, daß ich denke, wir müſſen dieſelben in Zukunft immer hier feiern.“ Worauf Bella, vielleicht mit dem erfolgloſeſten Ver⸗ ſuche, ſich ein frauenhaftes Anſehen zu geben, den man je geſehen hat:„Ja, das denke ich wirklich ebenfalls, lieber John.“ Hier hüſtelte der Erzbiſchof von Greenwich ein würde⸗ volles Hüſteln, um die Aufmerkſamkeit ſeiner drei anwe⸗ ſenden Miniſtranten zu erwecken, und hatte, wie er ſie ſcharf anblickte, das Anſehen, als ſagte er:„Ich fordere Euch im Namen Eurer Dienſttreue auf, dies zu glauben!“ Dann trug er mit eigenen Händen das Deſſert auf, wie wenn er hiermit zu den drei Gäſten bemerkt:„Der Augenblick iſt jetzt gekommen, wo wir uns ohne den Beiſtand jener Geſellen behelfen können, die nicht unſer Vertrauen genießen,“ und würde ſich mit vollkommener Würde zurückgezogen haben, wäre nicht dem irregeleiteten Gehirn des jungen Mannes, der auf Probe angenommen, eine verwegene That entſprungen. Da er durch irgend ein Mißgeſchick irgendwo in dem Vorſaale eine Orangen⸗ blüthe gefunden, nahte er ſich jetzt unvermerkt mit der⸗ ſelben in einem Fingerglaſe, das er zu Bella's rechter Hand hinſtellte. Der Erzbiſchof excommunicirte und warf ihn augenblicklich hinaus, aber die That war vollbracht. „Ich hoffe, Madame,“ ſagte Se. Gnaden, als er allein zurückkehrte,„daß Sie die Güte haben werden, dies als die That eines ſehr jungen Mannes zu überſehen,, der blos auf Probe angenommen und nimmer für uns paſſen wird.“ Damit machte er eine feierliche Verbeugung und ging, und ſie brachen Alle in ein langes und fröhliches Geläch⸗ ter aus.„Es nützt nichts, daß ich mich verſtelle,“ ſagte Bella;„es kommt Jeder dahinter; ich denke, der Grund muß darin liegen, lieber John und Pa, weil ich ſo glück⸗ lich ausſehe!“ Da ihr Gatte es hier für nothwendig befand, daß Bella eine ihrer geheimnißvollen Verſchwindungen erlitte, gehorchte ſie ufld ſagte mit gedämpfter Stimme von ihrem Verſtecke: „Erinnerſt Du Dich, wie wir an jenem Tage von den Schiffen plauderten, lieber Pa?“ „Ja, mein liebes Kind.“ „Iſt es nicht ſeltſam, Pa, daß ſich in all jenen Schiffen kein John befand??. „Durchaus nicht, mein liebes Kind.“ „O, Pa! Durchaus nicht?“ „Nein, mein Herzchen. Wie können wir ſagen, was für Leute ſich auf den Schiffen befinden, die jetzt auf unbekannten Meeren zu uns herſegeln mögen!“ Da Bella ſtill und unſichtbar blieb, blieb ihr Vater bei ſeinem Wein und Deſſert, bis er ſich erinnerte, daß es Zeit für ihn ſei, nach Holloway heimzukehren.„Ob⸗ gleich ich mich wirklich nicht losreißen kann,“ fügte der Cherub hinzu,„— und es wäre eine Schande, es zu verſuchen— ohne auf die häufige und glückliche Wieder⸗ kehr dieſes glücklichſten Tages zu trinken.“ „Hört! zehntauſend mal!“ rief John. Ich fülle mein Glas und das meiner herzigen kleinen Frau.“ „Meine Herren,“ ſagte der Cherub, ſich in ſeiner angelſächſiſchen Gewohnheit, ſeinen Gefühlen durch eine Rede Luft zu machen, an die Buben wendend, die unten Wettkämpfe für Sixpence hielten, wer den Kopf in die Modde ſtecken würde,„meine Herren— und Bella und John— Ihr werdet leicht begreifen, daß ich nicht die Abſicht habe, Euch Pei gegenwärtiger Gelegenheit mit vielen Bemerkungen zu beläſtigen. Ihr werdet zugleich die Beſchaffenheit und die Abſichten des Toaſtes errathen, 1 ich bei gegenwärtiger Gelegenheit auszubringen im Begriff bin. Meine Herren— und Bella und John— die gegenwärtige Gelegenheit iſt mit Gefühlen verknüpft, die auszuſprechen ich mich nicht getraue. Aber meine Herren— und Bella und John— für den Antheil, der mir an derſelben geſtattet, und für die liebevolle Güte und Freundlichkeit, mit der Ihr entſchloſſen geweſen, mich 1 nicht im Wege zu finden, da ich doch nicht umhin konnte zu fühlen, daß ich dies mehr oder weniger ſein mußte,* danke ich Euch von ganzem Herzen. Meine Herren— und Bella und John 4. nehmt meine aufrichtigſten Glück⸗ wünſche, und auf daß wir, wie bei der gegenwärtigen, bei noch vielen künftigen Gelegenheiten beiſammen ſein mögen; das heißt, meine Herren— und Bella und John— bei der häufigen glücklichen Wiederkehr der ge⸗ genwärtigen frohen Gelegenheit.“ Nachdem er in dieſer Weiſe ſeine Rede geendet, um⸗ armte der liebenswürdige Cherub ſeine Tochter und floh dem Dampfboote zu, das ihn nach London fahren ſollte, und das augenblicklich an dem ſchwebenden Hafen⸗ damme lag und ſein Möglichſtes that, denſelben in Stücke zu ſtoßen. Aber das glückliche Paar wollte ſich nicht in dieſer Weiſe von ihm trennen, und ehe er ſich noch zwei Minuten an Bord befunden, waren ſie dort und ſchauten von der Werfte zu ihm hinab. „Liebſter Pal“ rief Bella, ihn mit ihrem Sonnen⸗ ſchirme an ihre Seite winkend und ſich anmuthig hinab⸗ neigend, um ihm zuzuflüſtern. „Ja, mein Herzenskind.“ „Schlug ich Dich ſehr hart mit jenem garſtigen klei⸗ nen Hute, Pa?“ *& b Gs war Knif ich 1 „Richt mel techen 9 mein lieber 8 Und ſo g Pfade heim, reitete. Und Lebens und d herrliches alter 1diee Liebe bewe Hande Die eindre Qihren Gatten! ſchlug ſo hefte und beeinträch Beine dermaße Beſchaffenheit ihren eigenen toiſche Dame, freund, Mr.( erweckt haben ausſchließlich nommen ward ſchuldbeladene Umſtande er ſagte Mré. 2 Veeiſe ſich ſel Du frag „„Das iſt ſcheulich verſte unterlaſſen. S ſagen— wo „Nicht hit 7 genen Armen. Der Cher ds die veru diebel“ hatte V„Nict hi volltönender laſt keine T V.„Keine Main. V einer erhabe — Lage von al; all jenen agen, was jett auf fülle mein in ſeiner durch eine die unten pf in die Bella und nicht die enheit mit det zugleich verknüpfl, lber meine ntheil, der n konnte ßte, enwärtigen, mmen ſein Bella und ehr der ge⸗ endet, um⸗ hter und on fahren en Hafen⸗ in Stücke hnicht in noch zwel d ſchauten Sonnen⸗ big hinab⸗ tigen klei⸗ — „Es war nicht der Rede werth, mein Kind.“ „Kniff ich Dich in die Beine, Pa?“ „Nicht mehr als angenehm war, terchen.“ „Biſt Du feſt überzeugt, daß Du mir völlig verge⸗ ben haſt, Pa? Bitte, Pa, bitte, bitte, vergieb mir ganz!“ Halb ihn anlachend, halb weinend, flehte Bella in der lieblichſten Weiſe; in einer ſo einnehmenden, ſpielenden und natürlichen Weiſe, daß der cherubiſche Vater ein ſchmeichelndes Geſicht machte, wie wenn ſie noch nicht erwachſen geweſen, und ſagte:„Welch ein lächerliches kleines Mäuschen es iſt!“ „Aber Du vergiebſt mir das und alles Uebrige, nicht wahr, Pa?“ „Ja, mein liebſtes Kind.“ „Und Du fühlſt Dich nicht einſam und vernachläſſigt, indem Du ſo allein fortgehſt, wie, lieber Pa?“ „Gott ſegne Dich! Nein, mein Leben!“ „Adieu, liebſter Pa. Adieu!“ „Adieu, mein Herzenskind! Nimm ſie fort mit Dir, mein lieber John! Nimm ſie mit Dir nach Hauſe!“ Und ſo gingen ſie Arm in Arm auf einem roſigen Pfade heim, den die Sonne im Untergehen für ſie be⸗ reitete. Und o, es giebt Tage in dieſem Leben, die des Lebens und des Todes werth ſind! Und o, welch ein herrliches altes Lied iſt es, das da ſagt:„Die Liebe, ja, die Liebe bewegt allein die Welt!“ liebſtes Töch⸗ Funfles Napitel. Handelt von der Gattin des Bettlers. Die eindringliche Düſterkeit, mit der Mrs. Wilfer ihren Gatten bei deſſen Heimkehr von der Hochzeit empfing, ſchlug ſo heftig an die Thür des cherubiſchen Gewiſſens und beeinträchtigte zugleich die Sicherheit der cherubiſchen Beine dermaßen, daß die wackelige Körper⸗ und Gemüths⸗ Beſchaffenheit des Verbrechers in Leuten, die weniger mit ihren eigenen Gedanken beſchäftigt, als die grimmig he⸗ roiſche Dame, Miß Lavinia und jener geſchätzte Haus⸗ freund, Mr. Georg Sampſon, unfehlbar müßte Verdacht erweckt haben. Da aber die Aufmerkſamkeit aller drei ausſchließlich durch die Heirath ſelbſt in Anſpruch ge⸗ nommen ward, blieb ihuen glücklicherweiſe keine für den ſchuldbeladenen Verſchwörer uͤbrig,— welchem glücklichen Umſtande er ein Entkommen verdankte, das er in keiner Weiſe ſich ſelber zuſchreiben durfte. „Du fragſt nicht nach Deiner Tochter Bella, R. W.?“ ſagte Mrs. Wilfer aus ihrem majeſtätiſchen Winkel. „Das iſt wahr, meine Liebe,“ erwiderte er mit ab⸗ ſcheulich verſtellter Unwiſſenheit,„ich habe dies allerdings unterlaſſen. Wie befindet— oder ich ſollte vielleicht lieber ſagen— wo iſt Bella?“ „Nicht hier,“ verkündete Mrs. Wilfer mit verſchlun⸗ genen Armen. Der Cherub murmelte mit matter Stimme Etwas, das die verunglückte Wirkung von„O, wirklich, meine Liebe!“ hatte. „Nicht hier,“ wiederholte Mrs. Wilfer mit ſtrenger, volltönender Stimme.„Mit Einem Worte, R. W., Du haſt keine Tochter Bella mehr.“ „Keine Tochter Bella mehr, meine Liebe?“ „Nein. Deine Tochter Bella,“ ſagte Mrs. Wilfer mit einer erhabenen Miene, als wenn ſie nie den geringſten 558 Antheil an dieſer jungen Dame beſeſſen, und deren jetzt in vorwurfsvoller Weiſe als eines Luxusgegenſtandes er⸗ wähnte, den ihr Gatte einzig und allein und in directem Widerſpruche mit ihrem Rath für ſich angeſchafft,„— Deine Tochter Bella hat ſich einem Bettler hingegeben.“ „Allgütiger Himmel, meine Liebe!“ „Zeige Deinem Vater den Brief ſeiner Tochter Bella, Lavinia,“ ſagte Mrs. Wilfer in ihrem einförmigen Par⸗ lamentsacten⸗Tone mit einer Handbewegung.„Ich denke, Dein Vater wird denſelben als einen documentariſchen Beweis von dem, was ich ihm ſage, anerkennen. Ich glaube, Dein Vater iſt mit der Handſchrift ſeiner Tochter Bella bekannt. Aber ich weiß es nicht. Er wird Dir vielleicht ſagen, er ſei dies nicht. Mich ſoll Nichts mehr überraſchen.“ „In Greenwich auf die Poſt gegeben,“ ſagte die Un⸗ bezwingliche mit einer ſtolzen Schwenkung, indem ſie ihrem Vater das Beweisſtück einhändigte.„Hofft, die Ma werde nicht böſe ſein, iſt aber glücklich mit Mr. John Rokeſmith verheirathet, und ſagte vorher nichts davon, um Wortwechſel zu vermeiden, und nennt Dich ihren Liebling, und ſendet Grüße an mich, und ich möchte wiſſen, was Du geſagt haben würdeſt, falls irgend ein anderes unver⸗ heirathetes Mitglied der Familie dies gethan!“ Er las den Brief und ſtieß dann ein ſchwaches„Du mein Himmel!“ aus. „Du magſt wohl ‚Du mein Himmel' ſagen!“ ent⸗ gegnete Mrs. Wilfer mit tiefer Stimme. In dieſer Weiſe dazu ermuthigt, ſagte er es noch einmal, wenn⸗ gleich kaum mit dem Erfolge, den er ſich davon ver⸗ ſprochen; denn die verachtungsvolle Dame bemerkte dann mit außerordentlicher Bitterkeit:„Das haſt Du ſchon einmal geſagt.“ „Es iſt ſehr überraſchend. Aber ich vermuthe, meine Liebe,“ ſagte der Cherub, indem er nach einem verblüff⸗ ten Schweigen den Brief zuſammenlegte,„wir werden uns darüber zufrieden zu geben genöthigt ſein. Würde es Dir unlieb ſein, meine Liebe, wenn ich zu bemerken wagte, daß Mr. John Rokeſmith(ſoweit ich mit ihm bekannt bin) ſtreng genommen kein Bettler iſt?“ „In der That?“ entgegnete Mrs. Wilfer mit einer ſchauerlichen Miene der Höflichkeit.„Wirklich? Es war mir nicht bekannt, daß Mr. Rokeſmith ein vermögender Grundeigenthümer ſei. Aber es gewährt mir eine große Beruhigung, dies zu hören.“ „Ich bezweifle, ob Du dies wirklich gehört habeſt, meine Liebe,“ ſagte der Cherub mit einigem Zögern. „Ich danke Dir,“ ſagte Mrs. Wilfer.„Es ſcheint, ich mache falſche Angaben? Sei es ſo. Wenn meine Tochter ſich mir trotzig widerſetzt, ſo darf mein Gatte ſicherlich desgleichen thun. Das Eine iſt nicht unnatür⸗ licher, als das Andere. Die Sache ſcheint ſich von ſelbſt zu verſtehen. Auf jeden Fall!“ Damit nahm ſie mit einem Schaudern der Ergebung eine tödtliche Heiter⸗ keit an. Doch hier ſtürzte die Unbezwingliche ſich in den Kampf und ſchleppte die widerſtrebende Geſtalt von Mr. Georg Sampſon nach ſich. „Ma,“ ſagte die junge Dame, ſich ins Mittel legend, „ich muß ſagen, ich denke, daß es weit beſſer ſein würde, wenn Du bei der Sache bliebeſt, und nicht Vorträge über trotzige Widerſetzlichkeit hielteſt, was nichts als Unſinn iſt.“ „Wie?“ rief Mrs. Wilfer, ihre finſtere Stirn runzelnd „Es iſt eben Unſinn, Ma,“ entgegnete Lavinia,„und Georg Sampſon weiß dies ebenſo wohl, als ich.“ Mrs. Wilfer heftete, plötzlich verſteinert werdend, ihre entrüſteten Blicke auf den unglücklichen Georg, der, im Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 560 Zwieſpalte mit ſich über das, was er ſeiner Geliebten, und das, was er der Mutter ſeiner Geliebten ſchuldig ſei, Niemandem eine Stütze war, ſogar ſich ſelber nicht. „Die Hauptſache iſt die,“ fuhr Lavy fort,„daß Bella ſich im höchſten Grade unſchweſterlich gegen mich benommen, und mich bei Georg und bei Georg's Fa⸗ milie faſt ernſtlich compromittirt hätte, indem ſie in dieſer außerordentlich gewöhnlichen und ſchimpflichen Weiſe fortlief und ſich verheirathete— wobei ſie ver⸗ muthlich irgend eine Kirchenſchließerin zur Kammer⸗ jungfer hatte— da ſie doch ſich mir hätte vertrauen und ſagen ſollen:„Falls Du es Deiner Verlobung mit Georg ſchuldig zu ſein glaubſt, Lavy, daß Du durch Deine Gegenwart bei der Gelegenheit Deinen Beifall zu erkennen giebſt, dann bitte ich, Lavy, bei derſelben an⸗ weſend zu ſein und der Ma wie dem Pa mein Geheim— niß zu verſchweigen.“ Was ich natürlich gethan haben würde.“ „Was Du natürlich gethan haben würdeſt? Undank⸗ bare!“ rief Mrs. Wilfer.„Natter!“ „O, bitte! O, hören Sie, Madame. Auf Ehre, das „Du ſollſt nicht vernichtet werden, Georg!“ rief Miß Lavinia.„Die Ma ſoll mich zuerſt umbringen, und dann wird ſie zufrieden ſein. O, o, o! Habe ich Georg von ſeinem glücklichen heimathlichen Herde hinweggelockt, um ihn ſolcher Behandlung auszuſetzen! Georg, Geliebter, ſei frei! Ueberlaſſe mich, ewig theuerſter Georg, der Ma und meinem Schickſal. Grüße Deine Tante von mir, Georg, und flehe ſie an, der Natter nicht zu fluchen, die über Deinen Pfad gekrochen und Dein Daſein verdüſtert hat. O, o, o!“ Die junge Dame, die, in hyſteriſcher Hinſicht, eben erſt mündig geworden, und noch nie einen derartigen Anfall gehabt hatte, verfiel hier in eine äußerſt anerkennenswerthe Kriſis, die, als erſter Verſuch be⸗ trachtet, ſehr erfolgreich war; während Mr. Sampſon ſich in einem Zuſtande der Verzweiflung über den Körper hinbeugte, der ihn bewog, Mrs. Wilfer die ungereimten Worte:„Teufel— mit der größten Achtung für Sie— ſiehe Dein Werk!“ zuzurufen. Der Cherub ſtand, ſich hülflos das Kinn reibend, da und ſchaute zu, war aber im Ganzen geneigt, dieſe Stö⸗ rung willkommen zu heißen, in der Hoffnung, daß der — Das Hochzeitsmahl in müſſen Sie nicht,“ ſagte Mr. Sampſon, ernſt den Kopf ſchüttelnd,„Bei aller Achtung vor Ihnen, Madame, das müſſen Sie, auf Ehre, nicht thun. Nein, wirklich, wiſſen Sie. Wenn ein Mann, mit den Gefühlen eines Gent⸗ leman, ſich mit einer jungen Dame verlobt hat, und es (ſelbſt von Seiten eines Mitglieds der Familie) zu Nattern kommt, wiſſen Sie!— Ich ſtelle dies blos Ihrem eigenen richtigen Gefühle anheim, wiſſen Sie,“ ſagte Mr. Sampſon, etwas lahm ſchließend. Mrs. Wilfer's vernichtender Blick auf den jungen Herrn für deſſen gütige Vermittelung war von einer Be⸗ ſchaffenheit, daß Miß Lavinia in einen Thränenſtrom aus⸗ brach und ſeinen Nacken umſchlang, um ihn zu beſchützen. „Meine eigene unnatürliche Mutter,“ ſchrie die junge Dame,„will meinen Georg vernichten. Aber Du ſollſt nicht vernichtet werden, Georg. Eher will ich ſterben!“ Mr. Sampſon bemühte ſich in den Armen ſeiner Ge⸗ liebten noch immer, gegen Mrs. Wilfer den Kopf zu ſchütteln und zu bemerken:„Mit jedem Gefühle der Achtung für Sie, wiſſen Sie, Madame— Nattern macht Ihnen keine Ehre.“ vorher beſprochene Punkt in den alles Andere in den Hintergrnnd drängenden Eigenſchaften eines hyſteriſchen Anfalls untergehen werde. Und ſo ereignete es ſich in der That, denn als die Unbezwingliche allmälig wieder zur Beſinnung kam und mit wilder Gemüthsbewegung fragte:„Theuerſter Georg, biſt Du gerettet?“ und ferner: „Georg, Geliebter, was hat ſich zugetragen? Wo iſt die Ma?“ hob Mr. Sampſon die am Boden liegende Ge⸗ ſtalt mit tröſtenden Worten auf und überreichte ſie Mrs. Wilfer, wie wenn die junge Dame irgend Etwas in der Beſchaffenheit von Erfriſchungen geweſen. Da Mrs. Wilfer, ſie auf die Stirn küſſend(wie wenn ſie eine Auſter annähme), mit Würde von den Erfriſchungen ge⸗ nſſoen, kehrte Miß Lavy mit ſchwachen, unſicheren Schrit⸗ ten unter Mr. Sampſon's Schutz zurück und ſagte zu dieſem:„Mein lieber Georg, ich fürchte, ich bin thöricht geweſen; aber ich bin noch immer ein wenig ſchwach und mir ſchwindelt; laß meine Hand nicht los, Georg!“ Und dann verſetzte ſie ihn ſpäter von Zeit zu Zeit in große Aufregung, indem ſie, wenn er es am wenigſten erwar⸗ tete, einen Laut von ſich gab, der ein Mittelding zwi⸗ ſich auégezeichne der Vergäbung Miene, wie Dieſer Einfluß 8 71*. Georg,“ ſagte ich überzeugt,“ Bella zu ſagen, icren Gatten d Mr. Sam zeugt, indem Wilfer ewig⸗ ſagte er, als „Es ſei fe tiefer Stimme meines Kindes Mr. Sampſon der Gegenſtand — vielleicht, d Ich fühle—j und hintenang vielleicht, daß gegen Mr. un unter dieſem? Deine Tochter ten,„unter de Deine Tochter wendend,„in! wärtigen und gezogen hätte. daß, indem ſich einem M phiſterei unge wohl die Ue Vella“ aber Familie keine Bettlers wird ſage nichts de Mr. San von einem W ſtets ein Be zwar niemale nit einiger! Deſſen, was nehmen, hin, auch für die die rührenden tragen Beider daß es keine erzen in de deſprochen bl Rede wankte .„Darm wieder aufn wendend will, und 4 nach einer doh, Unſer gem nie einen eine aͤußerſt N — Ur Sie— Sid⸗ 3, daß der dere in den Avſteriſchen z ſich in wieder egung und ferner: Wo iſt die gende Ge⸗ Da Mrs. an ſie eine ſchungen ge⸗ eren Schrit⸗ nd ſagte zu bin thöricht ſcwach und 4 1 große erwar⸗ ſchen einem Schluchzen und dem Korkknalle einer Flaſche Sodawaſſer war und den Buſen ihres Kleides zu zer⸗ reißen ſchien. Zu den merkwürdigſten Wirkungen dieſer Kriſis ge⸗ hörte, als der Friede wieder hergeſtellt war, ein gewiſſer unerklärlicher moraliſcher Einfluß von erhabener Be⸗ ſchaffenheit auf Miß Lavinia, Mus. Wilfer und Mr. Georg Sampſon, von dem R. W. Fals ein Verſtoßener und Nicht⸗Theilhaber, völlig ausgeſchloſſen war. Miß Lavinia nahm eine beſcheidene Miene an, wie wenn ſie ſich ausgezeichnet habe; Mr. Wilfer eine heitere Miene der Vergebung und Reſignation; Mr. Sampſon eine Miene, wie wenn er ſich gebeſſert und geläutert fühlte. Dieſer Einfluß durchdrang den Geiſt, in dem ſie die vorige Frage wieder aufnahmen. „Nach dem, was ſich zugetragen hat, mein lieber Georg,“ ſagte Lavy mit einem traurigen Lächeln,„bin ich überzeugt, daß die Ma dem Pa auftragen wird, der Bella zu ſagen, daß wir uns Alle freuen werden, ſie und ihren Gatten zu ſehen.“ Mr. Sampſon ſagte, er ſei ebenfalls hiervon über⸗ zeugt, indem er murmelnd hinzufügte, wie hoch er Mrs. Wilfer ewig achten müſſe und achten werde, nie höher, ſagte er, als jetzt, nach dem, was ſich zugetragen. „Es ſei ferne von mir,“ verkündete Mrs. Wilfer mit tiefer Stimme aus ihrem Winkel her,„den Gefühlen meines Kindes und eines Jünglings,“ dieſes Wort ſchien Mr. Sampſon kaum zu behagen,„entgegen zu ſein, der der Gegenſtand ihrer Wahl iſt. Ich fühle— ja, weiß — vielleicht, daß ich hintergangen und getäuſcht worden. Ich fühle— ja, weiß— vielleicht, daß ich überſehen und hintenangeſetzt worden bin. Ich fühle— ja, weiß— vielleicht, daß es, nachdem ich ſo weit meinen Abſcheu gegen Mr. und Mrs. Boffin überwunden, daß ich ſie unter dieſem Dache empfangen und darein gewilligt, daß Deine Tochter Bella,“ hier wandte ſie ſich zu ihrem Gat— ten,„unter dem ihrigen wohnte, klug geweſen wäre, wenn Deine Tochter Bella,“ ſich abermals zu ihrem Gatten wendend,„in materieller Beziehung aus einer ſo wider⸗ wärtigen und ſchimpflichen Bekanntſchaft einigen Vortheil gezogen hätte. Ich fühle— ja, weiß— vieleeicht, daß, indem ſie ſich mit Mr. Rokeſmith verband, ſie ſich einem Manne gab, der, aller oberflächlichen So⸗ phiſterei ungeachtet, ein Bettler iſt. Und ich muß wohl die Ueberzeugung hegen, daß Deine Tochter Bella,“ abermals zu ihrem Gatten gewendet,„ihrer Familie keine Ehre macht, indem ſie die Gattin eines Bettlers wird. Aber ich unterdrücke meine Gefühle und ſage nichts darüben“ Mr. Sampſon murmelte, dies ſei genau, was ſich von einem Weſen erwarten laſſe, das für ſeine Familie ſtets ein Beiſpiel und nie eine Schande geweſen. Und zwar niemals in höherem Grade(fügte Mr. Sampſon mit einiger Unklarheit hinzu), als in Dem und während Deſſen, was ſich zugetragen. Er müſſe ſich die Freiheit nehmen, hinzuzufügen, daß das, was für die Mutter, auch für die jüngſte Tochter gelte, und daß er nimmer die rührenden Gefühle vergeſſen werde, welche das Be⸗ tragen Beider in ihm erweckt. Zum Schluſſe hoffte er, daß es keinen Mann gebe, der mit einem klopfenden Herzen in der Bruſt zu Etwas fähig ſei, das unaus⸗ geſprochen blieb, da Miß Lavinia ihn, wie er in ſeiner Rede wankte, zum Schweigen brachte. „Darum, R. W.,“ ſagte Mrs. Wilfer, ihre Rede wieder aufnehmend und ſich nochmals zu ihrem Gatten wendend,„laß Deine Tochter Bella kommen, wenn ſie will, und ſie ſoll empfangen werden. Und,“ fuhr ſie nach einer kurzen Pauſe fort, während welcher es den Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 562 Anſchein hatte, als habe ſie Medicin eingenommen,„ihr Gatte ebenfalls.“ „Und ich bitte darum, Pa,“ ſagte Lavinia,„daß Du der Bella nichts von dem ſagſt, was ich gelitten habe. Es kann nichts nützen und es möchte ihr Selbſt⸗ vorwürfe verurſachen.“ „Mein theuerſtes Mädchen,“ ſagte Georg Sampſon, „ſie ſollte es erfahren.“ „Nein, Georg,“ erwiderte Lavinia in einem Tone entſchloſſener Selbſtverleugnung.„Nein, theuerſter Georg, laß es in Vergeſſenheit begraben ſein.“ Mr. Sampſon fand dies„zu edel!“ „Es iſt nichts zu edel, theuerſter Georg,“ erwiderte Lavinia.„Und Pa, ich hoffe, daß Du, falls Du umhin kannſt, vor Bella nichts von meiner Verlobung mit Georg erwähnſt. Es könnte den Anſchein haben, als wollte man ſie daran erinnern, daß ſie ſich weggeworfen. Und ich hoffe, Pa, daß Du ebenfalls vermeideſt, in Bella's Ge⸗ genwart etwas von Georg's verbeſſerten Ausſichten zu erwähnen. Es könnte den Anſchein haben, als wollte man ihr aus ihren eigenen ärmlichen Ausſichten einen Vorwurf machen. Möge ich mich ſtets erinnern, daß ich ihre jüngere Schweſter bin, und ihr ſtets die ſchmerzlichen Contraſte erſparen, die ſie nothwendigerweiſe tief verletzen müßten.“ Mr. Sampſon ſprach ſeine Anſicht aus, daß dies das Benehmen von Engeln ſei. Miß Lavy erwiderte mit Feierlichkeit:„Nein, theuerſter Georg, ich bin mir nur zu wohl bewußt, daß ich ein blos menſchliches Weſen bin.“ Mrs. Wilfer benutzte ihrerſeits die Gelegenheit, indem ſie daſaß und ihre Augen gleich zwei großen ſchwarzen Fragezeichen auf ihren Gatten heftete, wie wenn ſie ihn ſtreng fragte: ſchauſt Du in Dein Gewiſſen? Verdienſt Du Deine Glücksgüter? Kannſt Du die Hand auf's Herz legen und ſagen, Du ſeiſt einer ſo hyſteriſchen Tochter würdig? Ich frage Dich nicht, ob Du einer ſolchen Gattin würdig biſt— laß mich außer Frage— aber biſt Du Dir der moraliſchen Größe des Familien⸗ anblicks bewußt, den Du genoſſen, und biſt Du dankbar dafür? Dieſe Fragen waren ſehr quälend für R. W., der außerdem, daß er ſich ein wenig durch Wein verſtört fühlte, in beſtändiger Angſt lebte, daß er ſich durch irgend ein zufälliges Wort compromittiren könne, das ſein ſchul diges Mitwiſſen verrathen würde. Indeſſen da der Auf⸗ tritt vorüber und— Alles wohl erwogen— glücklich vorüber war, ſuchte er ſeine Zuflucht im Schlummer, wodurch er ſeiner Gemahlin ungeheuern Anſtoß gab. „Kannſt Du an Deine Tochter Bella denken und ſchlafen?“ fragte ſie verachtungsvoll. Worauf er mild erwiderte:„Ja, ich denke wohl, meine Liebe.“. „Dann,“ ſagte Mrs. Wilfer mit feierlicher Ent⸗ rüſtung,„möchte ich Dir, falls Du noch menſchliches Gefühl beſitzeſt, empfehlen, daß Du Dein Nachtlager ſuchteſt.“ „Danke, meine Liebe,“ war die Erwiderung,„ich denke in der That, daß das der beſte Platz für mich iſt.“ Und mit dieſen gefühlloſen Worten zog er ſich froh zurück. Wenig Wochen ſpäter kam die Frau des Bettlers (Arm in Arm mit dem Bettler) auf eine durch ihren Vater überbrachte Einladung zum Thee. Und die Art und Weiſe, in der die Frau des Bettlers ſich auf die von Miß Lavy ſo rückſichtsvoll angenommene unangreifbare Stellung ſtürzte und die ganzen Feſtungswerke in alle Winde zerſtreute, war eine triumphirende. „Liebſte Ma,“ rief Bella, mit ſtrahlendem Geſichte Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 564 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. in's Zimmer eilend,„wie geht es Dir, liebſte Ma?“ und umarmte fie freudig.„Und Du, Herzens⸗Lavy— wie geht es Dir, und was macht Georg Sampſon, und wie geht es ihm, und wann werdet Ihr heirathen, und wie reich werdet Ihr werden? Du mußt mir ſogleich Alles darüber erzählen, liebe Lavy. John, Du Lieber, küſſe die Ma und Lavy, und dann werden wir uns Alle heimiſch und gemüthlich fühlen.“ Mrs. Wilfer ſtierte, war aber hülflos. Bella warf dem Anſcheine nach ohne Reue und ſicherlich ohne Cere⸗ monie ihren Hut fort, und ſetzte ſich, den Thee zu machen. „Liebſte Ma und Du, Lavy, Ihr trinkt Euren Thee Beide mit Zucker, das weiß ich. Und Pa(Du guter kleiner Pa), Du trinkſt ihn ohne Milch. Aber John trinkt Milch. Ich that dies nicht, ehe ich mich verhei⸗ rathete; aber jetzt trinke ich Milch, weil John ſeinen Thee mit Milch trinkt. John, Du Lieber, haſt Du die Ma und Lavy geküßt? O, Du haſt ſie geküßt? Ganz recht, lieber John, aber ich ſah es nicht, deshalb fragte ich Dich. Schneide etwas Butterbrod, lieber John, bitte; die Mama ißt es zuſammengelegt. Und jetzt, liebſte Ma und Lavy, müßt Ihr mir's auf Euer Chrenwort geſte⸗ hen! Dachtet Ihr nicht einen Augenblick— eben für einen Augenblick— als ich Euch ſchrieb, ich ſei davon⸗ gelaufen, daß ich ein abſcheuliches kleines Ungeheuer ſei?“ Ehe Mrs. Wilfer noch eine Handſchuhbewegung zu machen im Stande war, fuhr die Frau des Bettlers in ihrer fröhlichſten, liebevollſten Weiſe fort. „Ich denke, es muß Euch wohl ein wenig ärgerlich gemacht haben, liebe Ma und Lavy, und ich weiß, ich verdiene, daß Ihr ärgerlich auf mich waret. Aber ich war ein ſo unbekümmertes herzloſes Geſchöpf geweſen, ſeht Ihr, und hatte Euch ſo ſehr zu der Erwartung be⸗ rechtigt, daß ich um des Geldes willen heirathen werde, und Euch dadurch in der Ueberzeugung beſtärkt, daß ich unfähig ſei, eine Heirath aus Neigung zu machen— daß ich dachte, Ihr würdet mir keinen Glauben ſchenken. Denn, ſeht Ihr, Ihr wußtet nicht, wie viel Gutes, Gutes, Gutes ich von John gelernt hatte. Nun! Deshalb war ich heimlich damit, und ſchämte mich deſſen, wofür Ihr mich hieltet, und fürchtete, daß wir einander nicht ver⸗ ſtehen, und es zu Worten zwiſchen uns kommen dürfte, die uns Allen ſpäter leid thun würden, und deshalb ſagte ich zu John, falls er mich ohne alles Aufhebens haben wolle, ſo ſei ich dazu bereit. Und er war damit einverſtanden, und es geſchah. Und wir wurden in Ge⸗ genwart von Niemandem— ein unbekanntes Individuum, das zufällig hereinkam“— hier glänzten ihre Augen etwas fröhlicher,„und einen Invaliden ausgenommen, in der Kirche zu Greenwich verheirathet. Und iſt es jetzt nicht hübſch, liebſte Ma und Lavy, zu wiſſen, daß Niemand von uns Worte geſprochen hat, die uns leid thun würden, und daß wir Alle bei dieſem gemüthlichen Thee die beſten Freunde ſind?“ Nachdem ſie aufgeſtanden war und ſie nochmals ge⸗ küßt hatte, glitt ſie nach ihrem Seſſel zurück(wobei ſie unterwegs ihren Gatten umſchlang und an ſich drückte) und fuhr dann abermals fort. „Und jetzt wünſcht Ihr natürlich zu wiſſen, liebſte Ma und Lavy, wie wir leben und was wir zu leben haben. Nun! Wir wohnen alſo zu Blackheath, in dem reizend—ſten Puppenhäuschen, wunder— voll meublirt, und wir haben ein pfiffiges kleines Hausmädchen, das ent— ſchieden hübſch iſt, und wir ſind ſparſam und or⸗ dentlich und thun Alles nach der Uhr, und wir haben hundertundfünfzig Pfund das Jahr, und haben Alles, was wir drau hn, und drüber. Und ſchließlich, wenn Ihr es im Vertrauen wiſſen möchtet(wie dies wohl ſein mag), was meine Anſicht über meinen Mann iſt, ſo iſt meine Anſicht die— daß ich ihn faſt liebe!“ „Und falls Ihr vielleicht im Vertrauen wiſſen möchtet (wie dies wohl ſein mag),“ ſagte ihr Gatte lächelnd, wie er neben ihr ſtand, ohne daß ſie ihn hätte kommen ſehen, „was meine Anſicht über meine Frau iſt, ſo iſt meine Anſicht die—“ Aber Bella ſprang auf und legte ihre Hand auf ſeine Lißhen. „Halt, Sir! Nein, lieber John! Ernſtlich! Bitte, noch nicht! Ich möchte erſt etwas ſo viel Würdigeres geworden ſein, als die Puppe im Puppenhauſe.“ „Mein liebſtes Herz, biſt Du das nicht?“ „Nicht halb, nicht ein Viertel ſo gut, als Du mich hoffentlich eines Tages finden wirſt! Verſuche mich erſt unter Widerwärtigkeiten, John,— verſuche mich erſt im Unglück— und dann ſage ihnen Deine Anſicht über mich.“ „Das will ich, mein Leben,“ ſagte John,„ich ver⸗ ſpreche es Dir.“ „So biſt Du mein lieber John. Und Du wirſt jetzt kein Wort ſagen, wie?“ „Und ich werde,“ ſagte John, einen Blick um ſich werfend, der ſehr deutlich ſeine Bewunderung ausdrückte, „jetzt kein Wort ſagen.“ Sie legte ihr lachendes Geſicht an ſeine Bruſt, um ihm zu danken, und ſagte, indem ſie den Uebrigen einen Seitenblick aus ihren glänzenden Augen zuwarf:„Ich will noch weiter gehen, Pa, und Ma und Lavy. Der John vermuthet Nichts davon— er hat nicht die ge⸗ ringſte Ahnung davon— aber ich liebe ihn wirklich!“ Selbſt Mrs. Wilfer gab dem Einfluſſe ihrer verhei⸗ ratheten Tochter nach, und ſchien in einer majeſtätiſchen Weiſe entfernt anzudeuten, daß, falls R. W. ein würdi⸗ gerer Gegenſtand geweſen, auch ſie vielleicht von ihrem Piedeſtal herabgeſtiegen wäre, ihm zu ſchmeicheln. Miß Lavinia dagegen hegte ſtarke Zweifel über das Politiſche einer ſolchen Behandlung, und ob dieſelbe bei Georg Sampſon anſchlagen würde, falls man ſie an dieſem jungen Herrn verſuchte. R. W. ſeinerſeits war überzeugt, daß er der Vater des reizendſten Mädchens, und daß Rokeſmith der glücklichſte aller Männer ſei: eine Anſicht, die Rokeſmith, falls ihm dieſelbe vorgelegt, wahrſcheinlich nicht würde beſtritten haben. Das neuvermählte Paar ging früh fort, um mit Muße nach dem Landungsplatze zu gehen, an dem ſie ſich von London nach Greenwich einzuſchiffen gedachten. Anfangs waren ſie ſehr heiter und plauderten viel; aber nach einer Weile ſchien es Bella, als ob ihr Gatte ein wenig nachdenklich geworden. Deshalb fragte ſie: „Was giebt's, lieber John?“ „Was es giebt, mein Herz?“ „Willſt Du mir nicht ſagen,“ fragte Bella, zu ſei⸗ nem Geſichte aufſchauend,„woran Du denkſt?“ „Es liegt nicht viel in dem Gedanken, mein Leben. Ich dachte, ob Du wohl möchteſt, daß ich reich wäre?“ „Du reich, John?“ wiederholie Bella, ein wenig zu⸗ rückweichend. „Ich meine, wirklich reich. Zum Beiſpiel ſo reich, wie Mr. Boffin. Das würde Dir Freude machen?“ „Ich würde faſt fürchten, den Verſuch zu machen, lieber John. Wurde er durch ſeinen Reichthum viel beſſer? War ich viel beſſer durch den kleinen Theil, den ich einſt an demſelben hatte?“ „Aber nicht alle Leute werden ſchlechter durch den Beſitz von Reichthümern, mein Liebſtes.“ „Die meiſten Leute,“ meinte Bella ſinnend, mit em⸗ porgezogenen Brauen. „Selbſt nicht die meiſten, wollen wir hoffen. Wenn * J ſchättelnd.— ſch d leict, ol anſchaued. Warum i ich nicht amn für möglich,d „Gewiß, & „O, Johr Verſtehe . 71, 4 daß ich durch mich machen k In einem ſole mich zuerſt be nach in keinen Aber Du haſt! und iſt es des geben zu könn „Es iſt ſe Es bringt mi Augen, Dich verlangt mich „Und dan durch die ſch hübſchen Füß aauch nur die Iſt es darum in einem Was „Es iſt ſ ſtehenden Füf ſehr bewunder bedaure ich, d find. Aber glaube mir.“ „Es würd haben könnte „Ein W ſo viel Freu Du lieber J lichkeit für! die alle erfü Viünſche mir das Du von ich es hätte, Sie war veniget glüch wegen um nell ein w öotter und Dienſt getre anziehend 1 Ihr ehe den ganzen V Norgen ne V tehrte erſt — n unöchte d, wie me en en ſehen, meine degte i re ce emice 1 Plick um ſich 3 ausdrückte, ihrer verhei⸗ mnajeſtätiſchen ein würdi⸗ at von ihrem icheln. Miß Politiſche bei Georg an dieſem ar überzeugt, 3, und daß eine Anſicht, wahrſcheinlich rt, um mit an dem ſie gedachten. e viel; aber er Gatte ein te ſie: ella, zu ſei⸗ 2 mein Leben. eich wäre!“ mwenig zu⸗ el ſo reich, nchen?“ zu machen, chthum viel Theil, den 5 r durch den nd, mit eln⸗ nd u fen. Wenn 565 ſchüttelnd. Du zum Beiſpiel reich wärſt, ſo würdeſt Du große Macht haben, Andern Gutes zu thun.“ „Ja, Sir, zum Beiſpiel,“ erwiderte Bella ſcherzend; „aber würde ich zum Beiſpiel dieſe Macht benutzen? Und dann, Sir, zum Beiſpiel, würde ich zugleich eine große Macht beſitzen, mir ſelber zu ſchaden?“ Er entgegnete lachend und ihren Arm an ſich drückend: „Aber dennoch, abermals zum Beiſpiel, würdeſt Du jene Macht benutzen?“ „Ich weiß nicht,“ ſagte Bella, nachdenklich den Kopf „Ich hoffe nicht. Ich glaube nicht. Aber es iſt ſo leicht, ohne den Reichthum es nicht zu hoffen und nicht zu glauben.“ „Warum ſagſt Du, ſtatt jener Wendung, nicht lieber ‚wenn man arm iſte, mein Herz?“ fragte er, ſie ernſtlich anſchauend. „Warum ich nicht ſage ‚wenn man arm iſt?e Weil ich nicht arm bin. Lieber John, Du hältſt es doch nicht für möglich, daß ich denke, wir ſeien arm?“ „Gewiß, mein liebes Herz.“ „O, John!“ „Verſtehe mich wohl, mein herziges Leben. Ich weiß, daß ich durch Deinen Beſitz reicher bin, als alles Gold mich machen kann; aber ich denke an Dich und für Dich. In einem ſolchen Kleide, wie Du jetzt trägſt, haſt Du mich zuerſt bezaubert, und Du könnteſt meiner Anſicht nach in keinem Kleide ſchöner und anmuthiger ausſehen. Aber Du haſt noch heute viele ſchönere Kleider bewundert; und iſt es deshalb nicht natürlich, daß ich Dir dieſelben geben zu können wünſche?“ „Es iſt ſehr hübſch von Dir, dies zu wünſchen, John. Es bringt mir, ſieh, Thränen dankbarer Freude in die Augen, Dich dies ſo liebevoll ſagen zu hören. Aber es verlangt mich nicht nach den Kleidern.“ „Und dann,“ fuhr er fort,„wir gehen jetzt zu Fuße durch die ſchmutzigen Straßen dahin. Ich liebe dieſe hübſchen Füßchen ſo ſehr, daß es mir unerträglich iſt, auch nur die Sohle Deines Schuhes beſchmutzt zu ſeben Iſt es darum nicht natürlich, wenn ich wünſche, daß D in einem Wagen fahren könnteſt?“ „Es iſt ſehr hübſch,“ ſagte Bella, auf die in Frage ſtehenden Füße hinabblickend,„zu wiſſen, daß Du ſie ſo ſehr bewunderſt, Du lieber John, und da Du dies thuſt, bedaure ich, daß ſie eine ganze Nummer zu groß für mich ſind. Aber es verlangt mich nicht nach einem Wagen, glaube mir.“ „Es würde Dir nicht angenehm ſein, wenn Du einen haben könnteſt, Bella?“ „Ein Wagen an und für ſich würde mir nicht halb ſo viel Freude machen, als ein ſolcher Wunſch von Dir. Du lieber John, Deine Wünſche haben ebenſo viel Wirk⸗ lichkeit für mich, wie die Wünſche in den Feenmährchen, die alle erfüllt wurden,„ſowie ſie ausgeſprochen waren. Wünſche mir Alles, das Du dem Weibe geben möchteſt, das Du von Herzen lieb haſt, und dann iſt es ſo gut, als ob ich es hätte, John. Es iſt dann beſſer, als wenn ich es hätte, John!“ Sie waren um ſolchen Geplauders willen nicht weniger glücklich, und der heimathliche Heerd war des⸗ wegen um nichts weniger behaglich. Bella entwickelte ſchnell ein wahres Genie für Häuslichkeit. Alle Liebes⸗ götter und Grazien(dachte ihr Gatte) ſchienen in ihren Dienſt getreten zu ſein, und ihr zu helfen, die Häuslichkeit anziehend zu machen. Ihr eheliches Leben glitt glücklich dahin. Sie war den ganzen Tag allein, denn ihr Gatte begab ſich jeden Morgen nach einem zeitigen Frühſtück in die City und kehrte erſt zu ihrem ſpäten Mittageſſen zurück. Er war —5, Anſer neuernſch haflicher Freund. 566 „in einem chineſiſchen Hauſe,“ wie er ſeiner Bella er⸗ klärte: und dies genügte ihr vollkommen, und ſie ließ ſich nicht weiter in Speculationen über das ciwefiſch. Haus ein, als daß ſie en gros Viſionen von Thee, Reis, ſeltſam riechenden Seidenſtoffen, geſchnitzten Käſtchen und auf durchſichtiges Porzellan Amalen ſchmaläugigen Leuten in mehr als dickſohligen Schuhen hatte, deren Zöpfe ihnen anſcheinend das Haar vom Kepie zerrten. Sie begleitete ihren Gatten ſtets bis an die Eiſenbahn ven kam ihm Abends jedesmal wieder entgegen, wobei ihr altes dr nsztie Weſen ein wenig(aber nicht viel) gemildert, und ihr An⸗ zug ſo ſauber und Kiaich war, als ob ſie nichts Anderes thue. Aber ſowie John ins Geſchäft gegangen und Bella wieder heimgekeyrt, wurde das Kleid ausgezogen, ein hübſches kleines Hausröckchen nebſt Schürze ſtatt ſeiner angethan, und dann begab Bella ſich, indem ſie mit beiden Händen das Haar zurückſtrich, wie wenn ſie die geſchäftsmäßigſten Vorkehrungen träfe, um in dramatiſcher Weiſe den Verſtand zu verlieren, an ihre täglichen Haus⸗ haltgeſchäfte. Welch ein Wägen und Miſchen und Hacken und Reiben, welch ein Stäuben und Waſchen und Putzen, welch ein Beſchneiden und Gäten und Schaufeln und andere Gärtnereien, welch ein Anfertigen und Ausbeſſern und Zuſammenlegen und Lüften, welche vielfache Be⸗ ſchäftigungen, und vor Allem, welch ernſtes Studium! Denn Mrs. J. R., die zu Hauſe als Miß R. W. nie ſehr viel zu thun gepflegt, ſah ſich fortwährend in die Nothwendigkeit verſetzt, in einem gelehrten Buche, be⸗ titelt:„Die vo llkommene brittiſche Hausfrau,“ Rath zu ſuchen, das ſie, die Ellbogen auf den Tiſch und die Schläfen mit den Händen ſtützend, gleich einer verblüfften Hexe beim Studium der ſchwarzen Kunſt, eifrigſt und mit angeſtrengter Aufmerkſamkeit zu ſtudiren pflegte, und namentlich, da⸗ die„Vollkommene brittiſche Hausfrau,“ wie ächt brittiſch ſie im Herzen immer ſein mochte, doch durchaus nicht geſchickt darin war, ſich in der brittiſchen Sprache klar und verſtändlich auszudrücken, und zuweilen ihre Anleitungen mit ebenſo gutem Erfolge in der Kam⸗ ſchatkiſchen Sprache hätte geben können. Bei einer der⸗ artigen Kriſis pflegte Bella dann plötzlich laut auszu⸗ rufen:„O, du lächerliches altes Geſchöpf, was willſt du damit ſagen? Du mußt zu viel getrunken haben!“ Und nach dieſer Randgloſſe kehrte ſie dann wieder zur Haus⸗ frau zurück, indem ſie alle ihre Grübchen zu einem Aus⸗ drucke tiefer Forſchung zuſammenzog. Die brittiſche Hausfrau beſaß außerdem eine Trocken⸗ heit, die Mrs. John Rokeſmith im höchſten Grade wider⸗ wärtig fand. Sie ſagte zum Beiſpiel:„Man nehme einen Salamander,“ wie wenn ein General einem Sol⸗ daten commandirte, einen Tartaren zu fangen. Oder ſie gab beiläufig die Weiſung:„Man thue eine Handvoll So⸗und⸗ſo hinzu—“ von einer durchaus unerreichbaren Ingredienz. In ſolchen Augenblicken der kraſſeſten Un⸗ vernunft von Seiten der Hausfrau pflegte Bella das Buch zu ſchließen, mit demſelben auf den Tiſch zu ſchlagen und ſie mit den Worten:„O, du dumme alte Gans! Wo ſoll ich es wohl hernehmen?“ zu becompli⸗ mentiren. Ein anderer Zweig des Studiums nahm Mrs. John Rokeſmith's Aufmerkſamkeit täglich regelmäßig auf eine gewiſſe Zeit in Anſpruch. Dies war die Zeitung, damit ſie im Stande ſein würde, wenn John heim käme, ſich mit ihm über die allgemeinen Ereigniſſe zu unterhalten. Bei ihrem Verlangen, in Allem ſeine Gefährtin zu ſein, würde ſie ſich mit ebenſo großem Eifer an das Studium von Algebra oder des Euclid gemacht haben, falls ſein Herz zwiſchen dieſen und ihr getheilt geweſen. Es war wunderbar, wie ſie die City⸗Nachrichten zuſammenlas und 36* 567 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 568 b dann im Verlauf des Abends ſtrahlend über John aus⸗ ſchüttete, indem ſie beiläufig der Waaren erwähnte, die im Markte zu ſteigen anfingen, und wie viel Geld auf die Bank gebracht worden, wobei ſie weiſe und ernſt aus⸗ zuſehen verſuchte, bis ſie ganz reizend über ſich ſelber lachte und, ihn küſſend, zu ihm ſagte:„Das kommt Alles von meiner Liebe, mein herziger John.“ Für einen Geſchäftsmann in der City ſchien John ſich übrigens ſo wenig als möglich daraus zu machen, ob die Waaren im Markte ſtiegen oder fielen, oder wie viel Geld auf die Bank getragen. Aber es war ihm über allen Ausdruck an ſeiner Frau, als einer unendlich koſtbaren Waare, gelegen, die immer im Werthe ſtieg und niemals minder werth war, als alles Geld in der Welt. Und ſie, durch ihre Liebe begeiſtert und mit einem hellen Verſtande und lebhaften Inſtinct begabt, machte erſtaunliche Fortſchritte in der häuslichen Wirkſamkeit, obwohl ſie, als ein liebes herziges Weiſen, durchaus gar keine Fortſchritte machte. Dies war der Ausſpruch ihres Gatten, und er rechtfertigte denſelben, indem er ihr ſagte, daß ſie ihre Ehe bereits als das liebſte, herzigſte Weſen von der Welt angefangen. „Und Du haſt ein ſo heiteres Gemüth!“ ſagte er zärtlich.„Du biſt wie ein helles Licht im Hauſe.“ „Bin ich das wirklich, John?“ „Biſt Du's wirklich? Ja, wirklich, nur noch viel mehr und viel beſſer.“ „Weißt Du wohl, Du lieber John,“ ſagte Bella, ihn beim Knopfe ſeines Rockes faſſend,„daß ich zu⸗ weilen— eben hin und wieder einmal— bitte, lache nicht, John.“ Nichts hätte John zu lachen bewogen, wenn ſie ihn bat, es nicht zu thun. „— Daß ich zuweilen denke, Johm, daß mir ein wenig ernſt zu Muthe iſt.“ „Biſt Du zu viel allein, mein Herzensliebling?“ „O nein, John, gewiß nicht! Die Zeit iſt ſo kurz, daß ich keinen Augenblick zu viel in der Woche habe.“ „Warum dann ernſt, mein Leben? Wann ernſt?“ „Wenn ich lache, glaube ich,“ ſagte Bella, lachend ihren Kopf an ſeine Schulter legend,„Du würdeſt es nicht glauben, Sir, daß mir augenblicklich ernſt zu Muthe iſt? Aber es iſt wahr.“ Und ſie lachte wieder und es glänzte Etwas in ihrem Auge. „Möchteſt Du reich ſein, mein Herz?“ fragte er ſie liebkoſend. „Reich, John? Fragen thun?“ „Vermiſſeſt Du irgend Etwas, mein Liebſtes?“ „Ob ich Etwas vermiſſe? Nein!“ antwortete Bella zuverſichtlich. Doch dann ſagte ſie mit einer plötzlichen Veränderung, zwiſchen Lachen und Thränenfunkeln:„O, doch! Ich vermiſſe Mrs. Boffin.“ „Auch ich bedauere dieſe Trennung ſehr. Doch iſt dieſelbe vielleicht nur eine zeitweilige. Es fügt ſich viel⸗ leicht ſo, daß Du ſie zuweilen wiederſehen kannſt— und daß wir ſie zuweilen wiederſehen können.“ Der Gegen⸗ ſtand mochte Bella ſehr am Herzen liegen, doch hatte es in dieſem Augenblicke kaum den Anſchein. Sie unter⸗ ſuchte mit zerſtreuter Miene jenen Knopf am Rocke ihres Gatten, als der Pa hereinkam, um den Abend bei ihnen zuzubringen. Es war dem Pa unter allen Umſtänden ein beſon⸗ derer Lehnſtuhl und ein beſonderer Winkel reſervirt, und er war hier— ohne ſeinen häuslichen Freuden zu nahe Wie kannſt Du nur ſolche alberne ſammen zu ſehen, aber an dieſem Abende erſchien ſie ihrem Gatten noch phantaſtiſcher als gewöhnlich mit ihm. „Du biſt ein ſehr guter kleiner Burſch,“ ſagte Bella, „unerwartet herzukommen, ſobald Du dich aus der Schule fortmachen konnteſt. Und wie hat man Dich heute in der Schule behandelt, Du Lieber?“ „Nun, mein Herzchen,“ erwiderte der Cherub lächelnd und ſich die Hände reibend, als ſie ihn in ſeinen Seſſel ſetzte„ich beſuche zwei Schulen. Die Schule in Mincing Lane und die Academie Deiner Mutter. Welche von beiden meinſt Du, mein liebes Kind?“ „Beide,“ ſagte Bella. „Beide, wie? Je nun, die Wahrheit zu geſtehen, ſo haben ſie mich beide heute ein wenig mitgenommen, mein liebes Kind; aber das ließ ſich erwarten. Es giebt keinen gebahnten Weg zum Lernen, und was iſt das Leben wohl anders als ein beſtändiges Lernen!“ „Und was fängſt Du an, wenn Du es auswendig weißt, Du albernes Kind?“ „Nun dann, mein liebes Kind,“ erwiderte der Cherub nach kurzem Ueberlegen,„dann ſterbe ich vermuthlich.“ „Du biſt ein ſehr garſtiger Burſch,“ entgegnete Bella, „von ſolchen betrübenden Sachen zu reden und traurig zu ſein.“ „Meine Bella,“ erwiderte ihr Vater,„ich bin nicht traurig. Ich bin ſo froh, wie eine Lerche,“ was ſein Geſicht beſtätigte. „Dann— wenn Du ganz ſicher und gewiß biſt, daß Du nicht traurig biſt, ſo muß ich es wohl ſein,“ ſagte Bella;„deshalb will ich es nicht wieder thun. Mein lieber John, wir müſſen dieſem kleinen Burſchen ſein Nachteſſen geben, weißt Du.“ „Das verſteht ſich, mein Herz.“ „Er hat in der Schule geſchmiert und geſchmiert,“ ſagte Bella, die Hand ihres Vaters betrachtend und der⸗ ſelben einen kleinen Schlag gebend,„daß er ſich kaum ſehen laſſen darf. O, welch ein ſchmieriges Kind!“ „In der That, mein liebes Kind,“ ſagte ihr Vater, „ich wollte eben um die Erlaubniß bitten, mir die Hände waſchen zu dürfen, Du entdeckſt nur ſo ſchnell meine Mängel.“⸗ 3 „Komm her, Sir!“ rief Bella, ihn vorn beim Rocke faſſend,„komm augenblicklich her und laß Dich waſchen. Man darf Dir nicht trauen, daß Du es ſelbſt thueſt. Komm her Sir!“ Demzufolge ward der Cherub zu ſeiner Beluſtigung in ein kleines Waſchzimmer geführt, wo Bella ihm das Geſicht wuſch und rieb, und die Hände wuſch und rieb, und ihn beplätſcherte und beſpülte und abtrocknete, bis er bis an die Ohren ſo roth wie eine Runkelrübe war. „Jetzt mußt Du gekämmt und gebürſtet werden, Sir,“ ſagte Bella geſchäftig.„Halte das Licht, John. Schließe die Augen, Sir, und laß mich, Dein Kinn faſſen. Sei augenblicklich artig und thu', was Dir geſagt wird!“ Da ihr Vater mehr als bereit war, zu gehorchen, friſirte ſie ihn auf das Künſtlichſte, indem ſie ſein Haar gerade emporbürſtete, dann abtheilte, es um ihre Finger wand und ſteif aufſteckte, und dabei beſtändig gegen John zurückſank, um deſto beſſer den Effect bewundern zu kön⸗ nen. John empfing ſie in ſeinem unbeſchäftigten Arm und hielt ſie in demſelben feſt, während der geduldige Cherub daſtand und wartete, bis er fertig friſirt ſein würde. „So!“ ſagte Bella, als ſie ſchließlich die letzte Po⸗ litur angelegt.„Jetzt ſiehſt Du einem gentilen Knaben etwas ähnlicher! Zieh Deine Jacke an und komm zum treten zu wollen— glücklicher als ſonſt irgendwo. Es Nachteſſen.“ war ſtets allerliebſt komiſch, den Pa und die Bella zu⸗ Sobald der Cherub ſeinen Rock angezogen, ward er 4 eihm ſehr teinke e ſe n ihem gu in dieſer Weiſ in dieſe Weiſ doch in Bella ar. Man ke drollig oder n wolte ihrem! fär das vorha als ob inmitt ein verſteckter V Ein Uuf beſtärkte, wa Pfeife anget ſich auf eine ürem Gatt des Letzteren als ihr Yate menſchrak, wi „Wirſt D John: a, mei „Ich hab ſchrieben, ſeit einen Liebſte Liebſten habe ſagen, wie ſe in der Kohle Waſſet zu ge Abend aufgel vill zu Hau „Du biſ „Durcha Lizzie zu ſch Gute Nacht, Da ſie langen Brie det und wie zurückkehrte. ſagte Bella predigt hal digt ſein. wenn ich n ich will de Dir zukom virſt Du 1 Nachden un adreſſt finger von? und an ſei mit einer welche die men dürfen muſtkaliſch ihren Ga auf den ch bin nicht was ſein arſchen ſein geſchmiert,“ nd und der⸗ er ſich kaum Kind!“ eihr Vater, t die Hände chuell meine beim Rocke ihre Finger gegen John ern zu kön⸗ ftigten Arm er geduldige friſirt ſein i letzte Ho⸗ ſlen Knaben komm zum en, ward 3 —, — 4 569 *wieder in ſeinen Winkel zurückgeführt, wo Bella mit eigener Hand ſein Tiſchchen für ihn deckte und ihm auf einem Präſentirbrette ſein Nachteſſen brachte.„Wart' einen Augenblick,“ ſagte ſie,„wir müſſen, ihm ſeinen kleinen Anzug recht ſauber erhalten,“ und damit band ſie ihm ſehr ſyſtematiſch eine Serviette um den Hals. Während er ſein Nachteſſen genoß, ſaß Bella neben ihm, indem ſie ihn bald ermahnte, ſeine Gabel wie ein gebildetes Kind am Griffe zu halten, und bald ihm zu trinken einſchenkte. So phantaſtiſch alles dies war, und wie ſehr ſie auch gewohnt geweſen, ſtets ein Spielzeug aus ihrem guten Vater zu machen, der ſtets froh war, in dieſer Weiſe von ihr verwendet zu werden, ſo lag doch in Bella's Weſen gelegentlich ein Etwas, das neu war. Man konnte nicht ſagen, daß ſie weniger fröhlich, drollig oder natürlich ſei, als ſie ſtets geweſen; aber es wollte ihrem Gatten ſcheinen, als ob ein ernſterer Grund für das vorhanden ſie kürzlich zu ihm geſagt, und als ob inmitten all Fieſes Scherzens ſich hin und wieder ein verſteckter Ernſt fühlbar machte. Ein Umſtand, der ihn in dieſer Anſicht der Sache beſtärkte, war der, daß ſie, nachdem ſie ihrem Vater die Pfeife angebrannt und das Glas Grog für ihn gemiſcht, ſich auf einen kleinen Schemel zwiſchen ihrem Vater und ihrem Gatten niederſetzte, ihren Arm auf den Schooß des Letzteren legte und ſehr ruhig war; ſo ruhig, daß ſie, als ihr Vater aufſtand, um ſich zu verabſchieden, zuſam⸗ menſchrak, wie wenn ſie vergeſſen, daß er da ſei. „Wirſt Du den Pa eine kleine Strecke begleiten, John“* „Ja, mein Herz; gehſt Du mit?“ „Ich habe noch nicht wieder an Lizzie Hexam ge⸗ ſchrieben, ſeit ich ſchrieb, um ihr zu erzählen, daß ich einen Liebſten— einen ganzen, mir allein gehörigen Liebſten habe. Ich habe oft gedacht, ich möchte ihr wohl ſagen, wie ſehr ſie recht hatte, als ſie that, als läſe ſie in der Kohlenglut, daß ich für ihn durch Feuer und Waſſer zu gehen im Stande ſein werde. Ich bin heute Abend aufgelegt, ihr dies zu erzählen, John, und ich will zu Hauſe bleiben und es ſogleich thun.“ „Du biſt angegriffen.“ „Durchaus nicht angegriffen, lieber John, aber an Lizzie zu ſchreiben aufgelegt. Gute Nacht, lieber Pa. Gute Nacht, Du lieber, guter, ſanfter Pa!“ Da ſie allein war, ſetzte ſie ſich und ſchrieb einen langen Brief an Lizzie. Sie hatte denſelben kaum been⸗ det und wieder durchgeleſen, als ihr Gatte ſchon wieder zurückkehrte.„Du kommſt gerade zu rechter Zeit, Sir,“ ſagte Bella;„ich werde Dir jetzt Deine erſte Gardinen⸗ predigt halten. Es ſoll eine Wohnſtuben⸗Gardinenpre⸗ digt ſein. Du ſollſt Dich in dieſem Seſſel niederlaſſen, wenn ich meinen Brief zuſammengelegt haben werde, und ich will den Schemel nehmen(obgleich dieſer eigentlich Dir zukommt, inſofern es ein Bußſchemel iſt) und dann wirſt Du gründlich zur Rede geſtellt werden.“ Nachdem ſie ihren Brief zuſammengelegt und verſiegelt und adreſſirt und ihre Feder gewiſcht und ihren Mittel⸗ finger von Tinte geſäubert und ihr Schreibpult verſchloſſen und an ſeinen Platz geſtellt und alle dieſe Vorkehrungen mit einer geſchäftsmäßigen Geſetztheit getroffen hatte, welche die vollkommene brittiſche Hausfrau hätte anneh⸗ men dürfen, ohne dabei, wie Bella, mit einem hellen muſikaliſchen Lachen aus der Rolle zu fallen, machte ſie ihren Gatten auf ihren Seſſeel niederſitzen, und ſetzte ſich auf den Schemel neben ihn. „Jetzt, Sir! Um alſo Was iſt Dein Name?“ Sie hätte ihn durch keine Frage überraſchen können, beim Anfange anzufangen. die einen directeren Angriff auf das Geheimniß machte, das er vor ihr hatte. Aber er bewahrte ſeine Geiſtes⸗ gegenwart und ſein Geheimniß und antwortete:„John Rokeſmith, mein Liebſtes.“ „Artiges Kind! Wer gab Dir dieſen Namen?“ Mit einem wiederkehrenden Argwohne, daß ihn irgend Etwas ihr verrathen habe, erwiderte er fragend:„Meine Pathen in der Taufe, mein Herz?“ „Ziemlich gut!“ ſagte Bella.„Nicht zum beſten, weil Du dabei zögerteſt. Da Du indeſſen ſoweit Deinen Katechismus ziemlich gut weißt, will ich Dir das Uebrige erlaſſen. Jetzt werde ich Dich aus meinem eigenen Kopfe examiniren. Lieber John, warum kehrteſt Du heute Abend zu der Frage zurück, die Du mir vorher ſchon einmal vorgelegt hatteſt— ob ich reich ſein möchte?“ Wieder ſein Geheimniß! Er ſchaute zu ihr hinab, wie ſie, mit ihren gefalteten Händen auf ſeinem Schooß, zu ihm aufblickte, und das Geheimniß war ſo nahe daran, verrathen zu werden, wie dies nur je ein Geheimniß war. Da er keine Antwort bereit hatte, konnte er nichts Beſſeres thun, als ſie umarmen. „Mit einem Worte, lieber John,“ ſagte Bella,„dies bildet den Gegenſtand meiner Gardinenpredigt: ich ver⸗ lange Nichts in der Welt, und ich verlange, daß Du mir das glaubſt.“ „Wenn dies Alles iſt, ſo mag die Gardinenpredigt hiermit als beendigt betrachtet werden, denn ich glaube Dir.“ „Es iſt nicht Alles, lieber John,“ ſagte Bella ſtockend. „Dies iſt nur Erſtens. Es kommt noch ein ſchreckliches Zweitens und ein fürchterliches Drittens— wie ich mir während der Predigt zu ſagen pflegte, als ich noch eine außerordentlich kleine Sünderin in der Kirche war.“ „Laß ſie hören, mein Herz.“ „Biſt Du Dir ganz ſicher, John,— biſt Du Dir im allerinnerſten Innern Deines Herzens—“ „Das nicht in meinem Beſttze iſt,“ ſagte er, ſie unterbrechend. „Nein, John, aber der Schlüſſel zu demſelben iſt in Deinem Beſitze.— Biſt Du ſicher, daß Dir tief im unterſten Grunde Deines Herzens, das Du mir gegeben, wie ich Dir das meinige gab, keine Erinnerung daran lebt, daß ich einſt ſehr geldſüchtig war?“ „Ei,“ fragte er leiſe, indem ſeine Lippen die ihrigen berührten,„könnte ich Dich wohl ſo ſehr lieben, wie ich Dich liebe, wenn nicht die Erinnerung an jene Zeit in mir lebte, von der Du ſprichſt; könnte ich da den ſchön⸗ ſten Tag meines Lebens in meinem Kalender haben; könnte ich da, wenn ich Dein liebes Geſicht ſehe und Deine liebe Stimme höre, die edle Verfechterin meiner Sache ſehen und hören? Dies kann doch nimmer das geweſen ſein, was Dich ernſt gemacht hat, mein Herz?“ „Nein, John, dies war es nicht, und noch weniger Mrs. Boffin, obgleich ich ſie von Herzen Warte einen Augenblick und dann will ich Strafpredigt fortfahren. Gieb mir einen Zeit, denn ich muß vor Freude weinen. Es lieb habe. in meiner Augenblick iſt ſo ſüß, lieber John, vor Freude zu weinen.“ Sie weinte an ſeinem Halſe und ſagte dann, ſich noch immer an ihn ſchmiegend, indem ſie lachte:„Jetzt, denke ich, bin ich zu Drittens bereit, John.“. „Ich bin jedenfalls zu Drittens bereit, was es immer ſei,“ ſagte John.“ „Ich glaube, John,“ fuhr Bella fort,„Du glaubſt, daß ich glaube—“ „Mein liebes Kind,“ rief ihr Gatte fröhlich,„welch eine Menge Glaubens?“ 571 „Nicht wahr?“ ſagte Bella, abermals lachend.„Eine ungeheure Menge! Es iſt wie die Zeitwörter in einer Sprachübung. Aber ich kann mit weniger Glauben nicht fertig werden. Ich will's noch einmal verſuchen. Ich glaube, lieber John, Du glaubſt, daß ich glaube, daß wir ſo viel Geld haben, wie wir bedürfen, und daß es uns an Nichts fehlt.“ „Das iſt die ſtrenge Wahrheit, Bella.“ „Aber falls unſere Geldmittel auf irgend eine Weiſe vermindert werden ſollten— falls wir uns Entbehrungen aufzuerlegen genöthigt wären, denen wir jetzt nicht aus⸗ geſetzt ſind— würdeſt Du dann noch daſſelbe Zutrauen zu mir haben, und glauben, daß den ſei, John?“ „Genau daſſelbe Zutrauen, mein Engel.“ 5 „Danke, lieber John, ich danke Dir tauſend und aber tauſend Mal. Und ich darf es ohne Zweifel als abgemacht annehmen,“ dies ſprach ſie mit etwas unſicherer Stimme,„daß Du ebenſo zufrieden ſein würdeſt, John? Doch ja, das weiß ich ja. Denn da ich weiß, daß ich es ſein würde, kann ich zuverſichtlich annehmen, daß auch Du es ſein würdeſt; Du, der Du ſo viel ſtärker und feſter und verſtändiger und großmüthiger biſt, als ich.“ „Stille!“ ſagte ihr Gatte.„Laß mich davon nichts hören. Darin haſt Du vollkommen unrecht, wiewohl Du in allem Uebrigen ſo recht wie nur möglich haſt. Und jetzt komme ich auf eine kleine Neuigkeit, mein Liebſtes, die ich Dir ſchon den ganzen Abend hätte mit⸗ theilen können. Ich habe guten Grund, mit Zuverſicht anzunehmen, daß unſer Einkommen niemals geringer ſein wird, als jetzt.“ Sie dürfte vielleicht mehr Theilnahme an dieſer Nach⸗ richt an den Tag gelegt haben; aber ſie war wieder zu der Unterſuchung des Rockknopfes zurückgekehrt, der ihre Aufmerkſamkeit vor ein paar Stunden in Anſpruch ge⸗ nommen, und ſchien kaum auf das zu achten, was er ſagte. „Und jetzt ſind wir der Sache endlich auf den Grund gekommen,“ ſagte ihr Gatte, ſie neckend,„und dies machte Dich alſo ernſt?“. „Nein, lieber John,“ ſagte Bella, an dem Knopf drehend und den Kopf ſchüttelnd,„dies war es nicht.“ „Wie? Gott ſegne mein kleines Weib, dann kommt alſo noch ein Viertens!“ rief John aus. „Dies quälte mich allerdings ein wenig, ebenſo ſehr, wie Zweitens,“ ſagte Bella, mit dem Knopfe beſchäftigt, „aber es war eine ganz andere Art von Ernſt— eine weit tiefere und ruhigere Art von Ernſt— die ich meinte, lieber John.“ 3 Wie er ſein Geſicht zu dem ihrigen hinabneigte, er⸗ hob ſie das ihrige zu ihm, und legte ihm ihre kleine rechte Hand auf die Augen. „Erinnerſt Du Dich wohl, John, wie der Pa an dem Tage, an dem wir uns heiratheten, von den Schiffen ſprach, die vielleicht aus unbekannten Meeren zu uns herſegelten?“ „Vollkommen, mein liebſtes Herz!“ „„Ich glaube..... es iſt unter dieſen Ocean ein Schiff das ein kleines Kind bringt, John.“ ich vollkommen zufrie⸗ auf dem Dir und mir .— 8 Sechstes Capitel. Ein Rülferuf. Die Papiermühle hatte für den Abend die Arbeit eingeſtellt und die Wege und Fußpfade waren hier und dort mit Gruppen von Leuten beſtreut, die von ihrem Tagewerke heimkehrten. Dort waren Männer, Frauen und Kinder, und es fehlte nicht an bunten Farben, die in dem ſanften Abendwinde flatterten. Die vermiſchten Stimmen und der Schall von frohem Gelächter machten einen heitern Eindruck auf das Ohr, dem ähnlich, den die flatternden Farben auf das Auge machten. In das glatte Waſſer, das im Vordergrunde den gerötheten Wolkenhiminel abſpiegelte, warf ein Haufe von kleinen Buben Steine und beobachtete die Ausdehnung der Waſſerringe. In derſelben Weiſe könnte man in dem roſigen Abendlichte die ſich immer mehr erweiternde Schö8nheit der Landſchaft beobachten— jenſeit der ſo eben freigelaſſenen Arbeiter auf dem Heimwege— jenſeit des filbernen Fluſſes— jenſeit der dunkelgrünen Kornfelder, die ſo üppig daliegen, daß die Wanderer auf den ſchmalen Pfaden, die ſich wie Fäden durch he hinziehen, bis 9 an die Bruſt verſunken dort hi weben ſcheinen— jenſeit der Hecken und Baum en— jenſeit der Windmühlen an dem Abhange— weithin bis dort, wo die Wolken die Erde zu küſſen ſcheinen, wie wenn zwiſchen der Menſchheit und dem Himmel keine Unendlich⸗ keit liege. 4 Es war Sonnabend Abend, und zu dieſer Stunde waren die Hunde, die ſtets weit mehr Antheil an dem Thun der Menſchheit nehmen, als an den Angelegenheiten ihrer eigenen Race, beſonders geſchäftig. Vor dem Laden des Gewürzkrämers, vor der Fleiſcherbude und vor der Dorfſchenke legten ſie einen Forſchungsgeiſt an den Tag, der kaum zu ſättigen war. Ihr beſonderes Intereſſe fuͤr die Schenke ſchien einen verborgenen Hang zur Aus⸗ ſchweifung im Hundecharakter anzudeuten; denn es ward dort wenig gegeſſen, und da ſie keine Vorliebe für Bier und Tabak hatten(es heißt, daß der Hund der Mutter Hubbard rauchte, doch fehlt es an Beweis), konnten ſie ſich nur durch Sympathie mit liederlichen Kneipengewohn⸗ heiten überhaupt dort hingezogen fühlen. Ueberdies ward im Innern auf einer ganz ſchauerlichen Geige gegeigt— einer ſo unausſprechlich ſcheußlichen Geige, daß ein hagerer langleibiger Hund, der mit einem beſſeren muſi⸗ kaliſchen Gehör begabt war als die übrigen, ſich gedrungen fühlte, von Zeit zu Zeit um die Ecke zu gehen und zu heulen. Doch ſelbſt er kehrte jedesmal mit der Beharr⸗ lichkeit eines Trunkenboldes nach der Schenke zurück. Grauſig, es zu ſagen, aber es ward ſogar eine Art kleinen Jahrmarkts im Dorfe gehalten. Einige ver⸗ zweifelnde Honigkuchen, die im ganzen Lande vergebliche Verſuche gemacht, ſich loszuwerden, und ſich in ihrem Kummer mit einer Menge Staubes beſtreut hatten, flehten in einer wackeligen Bude abermals das Publikum an. Ebenſo ein Haufe von Nüſſen, die vor langer, langer Zeit aus Barcelona verbannt, doch aber nur ſo mittelmäßig engliſch ſprachen, daß ſie ſich in der Anzahl von vierzehn ein Nöſel nannten. Ein Guckkaſten, der urſprünglich mit der Schlacht von Waterloo angefangen hatte, welche ſich ſeitdem in jene ſpätere Schlacht ver⸗ wandelt, indem ſie die Naſe des Herzogs von Wellington veränderte, verlockte den Forſcher illuſtrirter Geſchichte. Eine fette Dame, die vielleicht theilweiſe von alt ge⸗ b wordenem Schweinefleiſch genährt ward, da ihr Gefährte ein abgerichtetes Schwein, war in Lebensgröße in aus⸗ geſchnittenem Kleide in einem Gemälde dargeſtellt, wie ſie, viele Ellen im Umfange, bei Hofe vorgeſtellt ward. Alles Dies war ein verworfenes Schauſpiel, wie jede ent⸗ V fernte Idee von Unterhaltung bei den roheren Holzhackern V und Waſſerträgern in dieſem engliſchen Lande ſtets iſt V und bleiben wird. Sie dürfen den Rheumatismus nicht durch Unterhaltung unterbrechen. Sie dürfen es „ ſch übereinand und der zerſte zwiſchen den wich Ende d einen Ende einigen ſchwim jeden Punkte inw eine gewiſ Eo iſt ü Es war Flußrande gr habe er noch mit dem ſie ſchaute ſie an „Iyr ſe aber geſcheidt Zufriedenheit obwohl Ihr 4 vor mir vorau Ein Raſch weckte ſeine Au er ſich, inden hinüberſchaute. Es giebt hier Fiſchfang hier Das Feld dem gelbgrüne wie der Räde die Spur mit bei dem neue Wäre er ſelben herumg kommen ſollt ſolche Specul wäre, welche eines auf ſe legen? „Ein V was er darü ſetzte wieder „Wenn ließe,“ ſagte mal auf⸗ ur daß ſie mich ſie verſprach Wie er ſah er ſie k C 1„Ich ſag würdeſt, obg „Ich wa ich keinen b im Vorübe Wrayburn. „ Sind ſcher?” ſag durch ſeine 8 Sie e ſchlagenen 579 3 573 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 574 on ihre er dnuen. wohl durch Fieber und Cholera, oder ſo viele Varia⸗ ihre Hand an ſeine Lippen und ſie enzzog ihm dieſelbe zaren, die tionen von Rheumatismus unterbrechen, wie ſie Glieder ruhig. derniſchten haben, aber entſchieden durch keine Unterhaltung nach ihrer„Wollen Sie neben mir gehen, Mr. Wrayburn, und dder machten eigenen Weiſe. 1. 4 mich nicht anrühren 2“ denn er machte den Verſuch, ſeinen dlich, den Die verſchiedenartigen Klänge, die von dieſem Schau⸗ Arm um ihre Taille zu legen. J das platze des Laſters in die ſtille Nachtluft emporſtiegen, Sie ſtand wieder ſtill und gab ihm einen ernſtlichen, gerätheten ließen den Abend an ſolchen Stellen, wo ſie durch be— flehenden Blick.. von kleinen trächtliche Entfernung erträglicher gemacht, des Contraſtes.„Nun, Lizzie, nun!“ ſagte er leichthin, obwohl er ſich dehnung der wegen noch ſtiller erſcheinen. Und ſo erſchien die Abend⸗ innerlich nicht ganz behaglich fühlte.„Sei nicht unglück⸗ man zu u in dem erweiternde f. De„, ſernde ——— ſtille dem Eugen Wrayburn, wie er, die Hände hinter ſich übereinanderlegend, am Fluſſe dahinwandelte. Er ging langſam und mit dem gemeſſenen Schritte und der zerſtreuten Miene eines Wartenden. Er ſchritt zwiſchen den beiden Punkten auf und ab, die an dem einen Ende durch ein Weidenbett und am andern von einigen ſchwimmenden Lilien bezeichnet wurden, und bei jedem Punkte ſtand er ſtill und ſchaute erwartungsvoll in eine gewiſſe Richtung. „Es iſt ſehr ſtill,“ ſagte er. lich, ſei nicht vorwurfsvoll.“ „Ich kann nicht umhin, mich aber ich beabſichtige nicht, Ihnen Mr. Wrayburn, ich flehe Sie an, früh dieſe Gegend.“ „Lizzie, Lizzie, Lizzie!“ ſagte er in vorſtellendem Tone, „Du magſt ebenſowohl vorwurfsvoll ſein, als völlig un⸗ vernünftig. Ich kann nicht fortgehen.“ „Warum nicht?“ „Je nun!“ ſagte Eugen in ſeiner unbekümmert offenen unglücklich zu fühlen, Vorwürfe zu machen. verlaſſen Sie morgen Es war in der That ſtill. Auf dem Raſen am Weiſe.„Weil Du mich nicht fortlaſſen willſt. Doch Flußrande graſten einige Schafe, und es war ihm, als wiſſe! Auch ich beabſichtige Dir keine Vorwürfe zu habe er noch nie zuvor den ſcharf reißenden Ton gehört, mit dem ſie das Gras abbiſſen. Er ſtand müßig da und machen. Ich beklage mich nicht, daß Du mich abſichtlich hier feſthältſt. Aber Du thuſt es, Du thuſt es.“ jer Stunde ſchaute ſie an.„Wollen Sie neben mir gehen und mich nicht an— heil an dem„Ihr ſeid wahrſcheinlich dumm genug. Wenn Ihr rühren,“ denn ſein Arm ſtahl ſich wieder um ihre Tallle, egenheiten aber geſcheidt genug ſeid, um ſo ziemlich zu Eurer eigenen „während ich ſehr ernſt mit Ihnen rede, Mr. Wrayburn?“ oemn Laden Zufriedenheit durchs Leben gehen zu können, ſo habt Ihr,„Ich will Alles für Dich thun, Lizzie, was innerhalb nd vor der obwohl Ihr Hämmel ſeid, und ich ein Menſch, Etwas der Grenzen der Möglichkeit liegt,“ antwortete er mit den Lag, vor mir voraus.“ ſcherzender Fröhlichkeit, indem er die Arme über einander eſſe fuͤr un es ward ebe für Bier der Mutter konnten ſie daß ein ſſeren muſi⸗ h gedrungen ehen und zu Publikum or langer, aber nur ſo Anzahl Wellington Geſchichte. 3 zur Aus⸗ Ein Raſcheln in einem Felde jenſeit der Hecke er⸗ weckte ſeine Aufmerkſamkeit.„Was giebt es hier?“ fragte er ſich, indem er gemächlich dem Pförtchen zuging und hinüberſchaute.„Doch kein eiferſüchtiger Papiermüller? Es giebt hier herum nicht viel Jagdvergnügen! Meiſtens Fiſchfang hier herum!“ Das Feld war ein friſch gemähtes und es waren auf dem gelbgrünen Boden noch die Spuren der Senſe, ſo⸗ wie der Räder von dem Heuwagen zu ſehen. Wie er die Spur mit den Augen verfolgte, endete die Anſicht bei dem neuen Heuſchober in einem Winkel. Wäre er nur bis an den Heuſchober und um den⸗ ſelben herumgegangen! Aber nehmen wir an, daß es ſo kommen ſollte, wie es kam, und wie unnütz ſind dann ſolche Speculationen! Ueberdies, falls er dorthingegangen wäre, welche Warnung hätte für ihn in dem Anblicke eines auf ſeinem Geſichte liegenden Bootsmannes ge⸗ legen? „Ein Vogel, der nach der Hecke flog,“ war Alles, was er darüber dachte; und dann kam er zurück und ſetzte wieder ſeinen Spaziergang fort. „Wenn ich mich nicht auf ihre Wahrhaftigkeit ver⸗ ließe,“ ſagte Eugen, nachdem er noch ein halbes Dutzend mal auf- und abgegangen war,„ſo würde ich glauben, daß ſie mich zum zweiten Mal im Stich gelaſſen. Aber ſie verſprach es und ſie iſt ein Mädchen von Wort.“ Wie er bei den Waſſerlilien ſich wieder umwandte, ſah er ſie kommen und ging ihr entgegen. „Ich ſagte mir eben, Lizzie, daß Du ſicherlich kommen würdeſt, obgleich Du Dich verſpätet.“ ſchlug.„Schau her! Napoleon auf St. Helena.“ „Als Sie vorgeſtern Abend mit mir ſprachen, als ich von der Mühle heimkehrte,“ ſagte Lizzie, indem ſie ihre Augen mit jenem flehenden Ausdrucke auf ihn heftete, der ſeine beſſere Natur unruhig machte,„ſagten Sie, daß Sie ſehr überraſcht wären, mich zu ſehen, und daß Sie auf einer einſamen Angel⸗Ausflucht begriffen ſeien. War dies wahr?“ „Es war nicht im Geringſten wahr,“ ſagte Eugen vollkommen gelaſſen.„Ich kam her, weil ich erfahren, daß ich Dich hier finden würde.“ „Können Sie ſich denken, weshalb ich London verließ, Mr. Wrayburn?“ „Ich fürchte, Lizzie,“ erwiderte er offen,„daß Du London verließeſt, um meiner los zu werden. Dies iſt nicht ſchmeichelhaft für meine Selbſtliebe, aber ich fürchte, es war der Fall.“ „Es war in der That der Fall.“ „Wie konnteſt Du ſo grauſam ſein?“ „O, Mr. Wrayburn,“ entgegnete ſie, plötzlich in Thränen ausbrechend,„iſt die Grauſamkeit auf meiner Seite! O, Mr. Wrayburn, Mr. Wrayburn, iſt es nicht grauſam, daß Sie heute Abend hier ſind!“ „Im Namen alles deſſen, was gut iſt— und damit beſchwöre ich Dich nicht in meinem Namen, denn der Himmel weiß, daß ich nicht gut bin—“ ſagte Eugen, „ſei nicht ſo bekümmert!“ „Was kann ich anders ſein, da ich den Unterſchied und die Entfernung zwiſchen uns erkenne? Was kann ich anders ſein, wenn Sie mich durch Ihre Erklärung, kon aliſt.„ Ich war im Dorfe zu zögern genöthigt, wie wenn weshalb Sie hierher kamen, ſchamroth machen!“ ſagte hr e. ich keinen beſtimmten Zweck vor mir hätte, und ich mußte Lizzie, ihr Geſicht mit den Händen bedeckend. he in auff im Vorübergehen mit mehreren Leuten ſprechen, Mr. Er betrachtete ſie mit einer wirklichen Regung reuiger Wrayburn.“ 5 „Sind die Dorfbuben— und Damen— ſolche Klät⸗ ſcher?“ ſagte er, indem er ihre Hand nahm und dieſelbe durch ſeinen Arm zog. Sie ergab ſich darein, langſam und mit niederge⸗ ſchlagenen Blicken mit ihm dahinzugehen. Er führte Zärtlichkeit und aufrichtigen Mitleids. Dieſelbe war nicht ſtark genug, um ihn zu bewegen, ſich ſelber aufzuopfern und ſie zu ſchonen, dennoch aber war es eine ſtarke Regung. „Lizzie! Ich habe bisher nie geglaubt, daß es in der ganzen Welt ein Weib gebe, das mir durch ſo wenige Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 576 Worte eine ſo tiefe Rührung bereiten könne. Aber be⸗ urtheile mich nicht zu hart. Du weißt nicht, welcher Art meine Gefühle in Bezug auf Dich ſind. Du weißt nicht, wie Du mich verfolgſt und verwirrſt. Du weißt nicht, wie die verdammte Gleichgültigkeit, die ſich mir ſonſt bei jeder Wendung meines Lebens ſo dienſtfertig zeigt, mir hier ihren Beiſtand verſagt. Ich glaube, Du haſt die⸗ ſelbe in mir todtgeſchlagen, und ich wünſche zuweilen, daß Du mich zugleich mit ihr todtgeſchlagen hätteſt.“ Sie war auf eine ſo leidenſchaftliche Sprache nicht gefaßt geweſen, und dieſelbe erweckte einige natürliche Fun⸗ ken weiblichen Stolzes und Vergnügens in ihrer Bruſt; indem ſie bedachte, daß er ſie, ſo unrecht er that, doch ſehr liebte, und ſie die Macht hatte, ihn ſo tief zu be⸗ wegen. „Es thut Ihnen leid, mich bekümmert zu ſehen, und es thut mir leid, Sie bekümmert zu ſehen, Mr. Wrayburn. Ich mache Ihnen keine Vorwürfe. Gewiß, ich mache Ihnen keine Vorwürfe. Sie haben dies nicht gefühlt, wie ich es fühle, weil Sie ſo verſchieden ſind von mir, und weil Sie von einem anderen Geſichtspunkte aus⸗ gehen. Sie haben nicht überlegt. Aber ich flehe Sie an, uͤberlegen Sie jetzt, überlegen Sie jetzt!“ „Was ſoll ich überlegen?“ fragte er mit Bitterkeit. „Denken Sie an mich.“ „Sage mir, wie ich nicht an Dich denken ſoll, Lizzie, und dann wirſt Du mich gänzlich umwandeln.“ „Ich meine nicht in jener Weiſe. Denken Sie an mich, als einem andern Lebensrange angehörig, als in Ehren völlig von Ihnen abgeſchnitten. Erinnern Sie ſich, daß ich keinen Beſchützer bei mir habe, falls ich denſelben nicht in Ihrem edlen Herzen beſitze. Achten Sie meinen guten Namen. Falls Sie in einer Beziehung Gefühle für mich hegen, wie wenn ich eine vornehme Dame wäre, ſo geſtatten Sie mir durch Ihr edles Be⸗ tragen die vollen Rechte einer vornehmen Dame. Ich bin Ihnen und Ihrer Familie, in meiner Eigenſchaft als Arbeiterin, gänzlich entrückt. Wie ächt gentlemänniſch wäre es, wenn Sie mich mit einer Rückſicht behandelten, wie wenn ich Ihnen als Königin entrückt wäre!“ Der Mann, den ein ſolches Flehen ungerührt gelaſſen, wäre in der That ein Böſewicht geweſen. Sein Geſicht drückte Beſchämung und Unentſchloſſenheit aus, indem er fragte:„Habe ich Dir ein ſo großes Unrecht angethan, Lizzie?“ „Nein, nein. Sie können es noch wieder gut machen. Ich rede nicht von der Vergangenheit, Mr. Wrayburn, ſondern von der Gegenwart und von der Zukunft. Sind wir jetzt nicht hier beiſammen, weil Sie mich zwei Tage lang ſo beſtändig verfolgt haben, wo es ſo viele Augen gab, um Sie zu beobachten, daß ich, um ſolcher Beob⸗ achtung zu entgehen, in dieſe Zuſammenkunft einwilligte?“ „Das iſt abermals nicht ſchmeichelhaft für meine Selbſtliebe,“ ſagte Eugen düſter;„aber ja. Ja. Ja.“ „Dann bitte ich Sie und flehe ich Sie an, Mr. Wrayburn, dieſe Gegend zu verlaſſen. Bedenken Sie, woßi Sie mich zwingen werden, wenn Sie dies nicht thun.“ Er dachte einen Augenblick für ſich darüber nach und entgegnete dann:„Wozu ich Dich zwinge? Wozu werde ich Dich zwingen, Lizzie?“ „Sie werden mich von hier forttreiben. Ich lebe hier geachtet und in Frieden und habe gute Beſchäftigung. Sie werden mich dieſen Ort zu verlaſſen zwingen, wie ich London verließ, und— indem Sie mir abermals folgen— den nächſten Ort zu verlaſſen zwingen, in dem ich eine Zuflucht finde, wie ich dieſen werde verlaſſen haben.“ „Biſt Du ſo entſchloſen,— Lizzie— verzeih' mir den Ausdruck, deſſen ich mich bedienen werde, um ſeiner buchſtäblichen Richtigkeit willen— einen Liebhaber zu fliehen?“ „So entſchloſſen bin ich,“ erwiderte ſie mit Entſchie⸗ denheit, obwohl mit Beben,„einen ſolchen Liebhaber zu fliehen. Es ſtarb hier vor Kurzem eine arme Frau, viele, viele Jahre älter als ich, die ich zufällig auf dem naſſen Boden fand. Sie haben vielleicht etwas über ſie ge⸗ hört?“ 1„Ich glaube ja,“ antwortete er,„falls ſie Higden hieß.“ „Sie hieß Higden. Obgleich ſie ſo alt und ſchwach war, blieb ſie einem gewiſſen Vorſatze doch bis zuletzt getreu. Selbſt zu allerletzt nahm ſie mir das Verſprechen ab, daß nach ihrem Tode ihr Vorſatz geachtet werden ſolle— ſo groß war ihre Feſtigkeit. Das, was ſie that, kann auch ich thun. Mr. Wrayhurn, falls ich glaube — aber ich glaube dies nicht— Jaß Sie grauſam ge⸗ nug ſein könnten, mich von einem Orte zum andern zu treiben, um meinen Entſchluß zu erſchüttern, ſo ſollten Sie mich in den Tod treiben, ehe Ihnen dies gelänge.“ Er ſchaute gerade in ihr ſchönes Geſicht, und in ſei⸗ nem eigenen ſchönen Geſichte lag eine Miſchung von Be⸗ wunderung, Zorn und Vorwurf, vor der ſie— die ihn heimlich ſo innig liebte, deren Herz ſeit langer Zeit ſo voll geweſen, und er die Urſache ſeines Ueberſtrömens— zuſammenſank. Sie verſuchte mit aller Macht ihre Feſtig⸗ keit zu bewahren, aber er ſah dieſelbe unter ſeinen Augen zerſchmelzen. In dem Augenblicke, da dieſelbe nieder⸗ brach und er die volle Ausdehnung ſeines Einfluſſes auf ſie erkannte, ſank ſie zuſammen und er fing ſie in ſeinem Arme auf. „Lizzie! Bleibe einen Augenblick ſo. Beantworte, was ich fragen werde. Würdeſt Du, falls ich nicht von Dir abgeſchnitten, Dir entrückt geweſen, wie Du es nennſt— würdeſt Du mich dann Dich zu verlaſſen an— gefleht haben?“ „Ich weiß nicht, ich weiß nicht. Fragen Sie mich nicht, Mr. Wrayburn. Laſſen Sie mich zurückgehen.“ „Ich ſchwöre Dir, Lizzie, daß Du ſogleich gehen ſollſt. Ich will Dich nicht begleiten, will Dir nicht folgen, wenn Du mir antworten willſt.“ „Wie kann ich das, Mr. Wrayburn? Wie kann ich Ihnen ſagen, was ich gethan haben würde, falls Sie nicht geweſen, was Sie ſind?“ „Falls ich nicht das geweſen, als was Du mich dar⸗ ſtellſt,“ unterbrach er ſie, geſchickt ihre Worte verdrehend, „würdeſt Du mich dennoch gehaßt haben?“ „O, Mr. Wrayburn,“ erwiderte ſie flehend und wei⸗ nend,„Sie verſtehen mich zu gut, als daß Sie das von mir glauben könnten!“ „Würdeſt Du, falls ich nicht das geweſen, als was Du mich darſtellſt, dennoch gleichgültig gegen mich ge⸗ weſen ſein, Lizzie?“ Es lag in ihrer ganzen Haltung, wie er ihre Geſtalt unterſtützte und ſie den Kopf ſinken ließ, Etwas, das ihn barmherzig zu ſein und ſie nicht zur Aufdeckung ihres Herzens zu zwingen anzuflehen ſchien. Er hatte kein Erbarmen mit ihr und zwang ſie, dies dennoch zu thun. „Falls ich Dich zu gut kenne, um zu glauben(ich unglückſeliger Kerl!), daß Du mich haſſeſt oder ſelbſt nur völlig gleichgültig gegen mich biſt, Lizzie, ſo laß mich nur dies noch wiſſen, ehe wir uns trennen, Lizzie. Laß mich wiſſen, wie Du an mir gehandelt haben würdeſt, falls Du mich als mit Dir auf gleichem Fuße ſtehend betrachtet hätteſt.“ „Es iſt unmöglich, Mr. Wrayburn. Wie kann ich ꝛie zu Anfan 2de nich bekü 9 95 eizier Wofü zür ſo ſchech „dꝛs ſg nach det elſte Jemand bei Allen, die bi an, daß es geſehen hätt „Warun „Eben ſie mit leiſer los war. G .„Dachtef wie wenn er „Nicht n ni Willſt „Ich da bedürften. Sie in ihrg That das f genannt, übrig bleib ſegne Sie Die V von ihrer — Aod Une So, Unjer de zu thun. lauben(ich vor ſelbſt nut laß mich Laß n würdeſt, 95 ſtehend 4ℳ kaun ich — Boz, Unſer ge Sie mir, als mit mir auf gleichem Fuße ſtehend, vor⸗ ſtellen? Falls mein Geiſt Sie mir als auf gleicher Stufe mit mir vorſtellen könnte, ſo würden Sie nicht Sie ſein. Wie könnte ich mich dann des Abends er— innern, an dem ich Sie zum erſten Male ſah, und aus dem Zimmer ging, weil Sie mich ſo aufmerkſam an⸗ ſchauten? Oder jener Nacht, die in Morgen überging, als Sie mich auf die Nachricht vorbereiteten, daß mein Vater todt ſei? Oder der Abende, an deneſt Sie mich in meiner nächſtfolgenden Wohnung zu beſuchen pflegten? Oder Ihrer Entdeckung von meiner Unwiſſenheit und des Unterrichts, den Sie mir zu Theil werden ließen? Oder meiner Verehrung und Bewunderung für Sie, wie ich Sie zu Anfang für ſo gut hielt daß Sie ſich überhaupt um mich bekümmerten?“ „Nur ‚zu Anfange“ hielteſt Du mich für ſo gut, Lizzie? Wofür hielteſt Du mich nach„zu Anfange“? Für ſo ſchlecht?“ Aber „Das ſage ich nicht. Das meine ich nicht. nach der erſten Verwunderung und Freude darüber, von von Jemand beachtet zu werden, der ſo verſchieden war Allen, die bisher zu mir geſprochen, fing ich zu fühlen an, daß es beſſer für mich geweſen, wenn ich Sie nie geſehen hätte.“ „Warum?“ „Eben weil Sie ſo verſchieden waren,“ antwortete ſie mit leiſer Stimme.„Weil es ſo endlos, ſo hoffnungs— los war. Schonen Sie mich!“ „Dachteſt Du gar nicht für mich, Lizzie? fragte er, wie wenn er ſich ein wenig gekränkt fühle. „Nicht viel, Mr. Wrayburn. Bis heute Abend nicht viel.“— „Willſt Du mir ſagen, warum nicht?“ „Ich dachte bis heute Abend niemals, daß Sie deſſen bedürften. Aber wenn Sie deſſen wirklich bedürfen; falls Sie in ihrem innerſten Herzen fühlen, daß Sie in der That das für mich geweſen, was Sie ſich heute Abend genannt, und daß uns in dieſem Leben nichts weiter übrig bleibt, als Trennung, dann helfe Ihnen Gott, dann ſegne Sie Gott!“ Die Reinheit, mit der ſie in dieſen Worten Etwas von ihrer eigenen Liebe und ihrem eigenen Schmerze aus— Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 6 Der Abſchied am Fluſſe. meinſchaftlicher Freund. 578 drückte, machte für den Augenblick einen tiefen Eindruck auf ihn. Er hielt ſie, faſt wie wenn der Tod ſie für ihn geweiht, und küßte ſie ein einziges Mal, faſt wie er eine Todte geküßt hätte. „Ich verſprach, daß ich Dich nicht begleiten, Dir nicht folgen wolle; ſoll ich Dich im Auge behalten? Du biſt erregt geweſen, und es fängt an finſter zu werden.“ „Ich bin daran gewöhnt, um dieſe Zeit allein auszu⸗ gehen, und ich bitte Sie, es nicht zu thun.“ „Ich verſpreche es Dir. Ich bin Dir heute Abend nichts weiter zu verſprechen im Stande, ausgenommen, daß ich verſuchen will, was ich zu thun vermag.“ „Es giebt nur ein Mittel, Mr. Wrayburn, wie Sie ſich ſelber und mich in jener Hinſicht ſchonen können. Verlaſſen Sie morgen früh dieſe Gegend.“ „Ich will's verſuchen.“ Wie er in ernſtem Tone dieſe Worte ſprach, legte ſie ihre Hand in die ſeinige, zog dieſelbe wieder zurück und ging am Flußufer fort. „Ob Mortimer dies wohl glauben würde?“ murmelte 578.) (Seite: Eugen, noch eine Weile an der Stelle ſtehen bleibend, an der ſie ihn verlaſſen hatte.„Vermag ich ſelber ſogar es zu glauben?“ Er ſprach dies in Bezug auf den Umſtand, daß ſeine Hände, wie er ſich mit denſelben die Augen bedeckte, von Thränen naß waren.„Dies wäre eine höchſt lächerliche Lage, falls man in derſelben entdeckt würde!“ war ſein nächſter Gedanke. Und der nächſte faßte in einem kleinen erwachenden Groll gegen die Urſache dieſer Thränen Wurzel. „Und dennoch habe ich eine erſtaunliche Macht über ſie gewonnen, wie ſehr ſie immer im Ernſte ſein mag!“ Dieſer Gedanke führte ihm wieder die Hingebung ihres Geſichts und ihrer Geſtalt vor die Seele, wie ſie vor ſeinem Blicke zuſammengeſunken. In der Betrach⸗ tung dieſes Bildes war es ihm zum zweiten Male, als ob er in dem Flehen und dem Bekenntniſſe der Schwäche einige Furcht entdeckte. „Und ſie liebt mich. Und ein ſo ernſtlicher Charakter muß es mit dieſer Leidenſchaft ſehr ernſtlich nehmen. Sie 4 579 580 dem andern ſchwankend und in dem dritten ſchwach zu ſein. Sie muß ganz ihrer Natur folgen, wie ich der meinigen folgen muß. Falls die meinige durchweg ihre Schmerzen und Strafen fordert, ſo muß die ihrige ver⸗ muthlich daſſelbe thun.“ Dann, indem er die Forſchung über ſeine eigene Natur fortſetzte, dachte er:„Geſetzt, ich heirathe ſie. Falls der Lächerlichkeit der Situation in Correſpondenz mit M. G. V. zum Trotze, ich M. G. V. bis aufs Aeußerſte ſeiner geachteten Fähigkeiten in Erſtaunen ſetzte, indem ich ihn unterrichtete, daß ich ſie geheirathet, wie würde da wohl M. G. V. zu dem rechtsgelehrten Geiſte ſprechen? ‚Du weigerteſt Dich, um einigen Geldes und einigen Ranges willen zu heirathen, weil Du eine fürchterliche Wahrſcheinlichkeit vorausſahſt, Dich zu lang⸗ weilen. Iſt weniger Wahrſcheinlichkeit dieſer Art vor⸗ handen, wenn Du um keines Geldes und keines Ranges willen heiratheſt? Biſt Du Deiner ganz ſicher?⸗ V V V Der rechtsgelehrte Geiſt iſt, ungeachtet der gerichtlichen Proteſtationen, heimlich zuzugeben genöthigt: ‚Sehr gutes Raiſonnement von Seiten M. G. V Bin nicht ganz ſicher.“ Wie er dieſen leichtfertigen Ton zu Hülfe rief, fühlte er zugleich, daß derſelbe unwürdig und gemein ſei, und ließ ſie ſich gegen denſelben behaupten. „Und dennoch,“ ſagte Eugen,„möchte ich den Menſchen ſehen(Mortimer ausgenommen) der ſich unter⸗ ſtehen würde mir zu ſagen, daß dies kein ächtes Gefühl in mir ſei, das ihre Schönheit und ihr Werth mir wider meinen Willen eingeflößt, und daß ich ihr nicht treu bleiben würde. Ich möchte den Menſchen, der mir dies oder irgend Etwas ſagen würde, das zu ihrem Nachtheile ausgelegt werden könnte, beſonders gern heute Abend ſehen; denn ich bin ſchauerlich verſtimmt über einen ge⸗ 3. meiner wiſſen Wrayburn, der eine traurige Figur ſpielt, und möchte mich viel lieber über irgend einen Andern ärgern. Eugen, Eugen, Eugen, dies iſt eine ſchlimme Geſchichte!“ Ach! So klingt Mortimer Lightwood's Geläute, und zwar heute Abend ſehr melancholiſch!“ Wie er langſam dahin ſchlenderte, dachte er an etwas Anderes, worüber er ſich zur Rede zu ſtellen hatte.„Wo liegt die Analogie, Du Vieh,“ ſagte er ungeduldig, „zwiſchen dem Weibe, das Dein Vater Dir ausſucht, und dem Weibe, das Du ſelbſt gefunden und zu dem Du Dich mit immer wachſender Innigkeit hingezogen gefühlt, ſeit Du ſie zum erſten Male erblickt? Eſel! Kannſt Du nicht beſſer raiſonniren?“ Dann aber verſank er wieder in die Erinnerung an ſeine ſo eben gehabte volle Erkenntniß ſeiner Macht über ſie, und der Enthüllung ihres Herzens. Der leichtſinnige Entſchluß, der aus derſelben entſprang, war der, daß er keine Verſuche mehr machen wolle, ſie zu verlaſſen, wohl aber, ſie zu gewinnen. Und dennoch klang es nochmals: „Eugen, Eugen, Eugen, dies iſt eine ſchlimme Geſchichte!“ Und:„Ich wollte, ich könnte dieſem Lightwood'ſchen Glockenſpiele Einhalt thun, denn daſſelbe klingt wie ein Grabgeläute.“ Indem er aufwärts ſchaute, ſah er, daß die Mondes⸗ ſichel aufgegangen, und daß die Sterne am Himmel zu funkeln angefangen, an dem die gelben und rothen Strei⸗ fen verlöſcht waren, um dem ſtillen Blau einer Sommer⸗ nacht Platz zu machen. Er befand ſich noch immer am Flußufer. Wie er ſich plötzlich umwandte, ging ein Mann ſo hart hinter ihm, daß Eugen überraſcht zurück⸗ trat, um ein Zuſammenſtoßen zu vermeiden. Der Mann trug Etwas auf ſeiner Schulter, das ein zerbrochenes Ruder oder ein Sparren oder eine Holzſtange ſein — 4 mochte, und nahm keine Notiz von ihm, ſondern ging weiter. „Hollah, mein Freund,“ rief Eugen ihm nach,„ſeid Ihr blind?“ Der Mann erwiderte nichts, ſondern ſetzte ſeinen Weg fort. Eugen ging mit hinter ſich gefalteten Händen und ſeinen Zweck im Herzen tragend, in entgegengeſetzter Rich⸗ tung weiter. Er kam an den Schafen und an dem Pfört⸗ chen vorüber und innerhalb Hörweite der Dorfklänge und langte an der Brücke an. Das Wirthshaus ſowohl, als das Dorf und die Mühle lagen auf demjenigen Ufer des Fluſſes, auf dem er dahingewandelt. Da ihm indeſſen das ſchilfbewachſene Ufer auf der andern Seite als eine entlegene, einſame Stelle bekannt war, und er ſich nicht in der Stimmung für Lärm und Geſellſchaft fühlte, ging er über die Brücke und wanderte weiter, wobei er zu den Sternen hinaufſchaute, die, einer nach dem andern, am Himmel angezündet zu werden, und dann in den Fluß hinab, wo dieſelben Sterne tief aus dem Waſſer hervor⸗ zuleuchten ſchienen. Wie er dahinſchritt, fiel ſein Blick auf eine Landungsbrücke und auf ein Vergnügungsboot, das zwiſchen einigen Pfählen feſtgemacht lag. Die Stelle lag in ſo tiefem Schatten da, daß er ſtillſtand, um ſich zu überzeugen, was ſich dort befinde, und dann wieder weiter ging. Das Rauſchen des Fluſſes ſchien in ſeinen unbehag⸗ lichen Gedanken eine ähnliche Bewegung hervorzurufen. Er hätte ſie, wenn es ihm möglich geweſen, gern ein⸗ ſchlummern laſſen, aber ſie waren, gleich dem Strome, in Bewegung, und gingen mit gewaltiger Strömung alle in derſelben Richtung. Wie die Wellen ſich hin und wieder unter dem Monde zertheilten, und bleich in einer neuen Geſtaͤlt und mit einem neuen Laute rauſchten, ebenſo trennten ſich gewiſſe Gedanken in ihm unaufge⸗ fordert von den übrigen und offenbarten ihre Gottloſig⸗ keit.„Außer Frage, ſie zu heirathen,“ ſagte Eugen, „und außer Frage, ſie aufzugeben. Die Kriſis!“ Er war weit genug geſchlendert. Ehe er ſich um⸗ wandte, um zurückzugehen, ſtand er am Rande des Waſ⸗ ſers ſtill und betrachtete die ſich in demſelben abſpiegeln⸗ den Sterne. Schnell wie der Blitz, mit einem fürchter⸗ lichen Krachen, brach ſich das widergeſpiegelte Licht, Flam⸗ men ſchoſſen wild durch die Luft dahin, und der Mond und die Sterne ſtürzten vom Himmel herab. War er vom Blitz getroffen? Mit einem unzuſam⸗ menhängenden, halb gebildeten Gedanken dieſer Art wandte er ſich unter den Schlägen, die ihn erblindeten und ſein Leben in ihm zermalmten, um und rang mit einem Mör⸗ der, den er bei einem rothen Halstuche ergriff— falls nicht das Blut, das über ſein Geſicht herabfloß, demſel⸗ ben dieſe Farbe verlieh. Eugen war ſchlank, flink und gewandt; aber ſeine Arme waren gebrochen, oder er war gelähmt und konnte nichts weiter thun, als, mit zurückhängendem Kopfe, ſo daß er nichts als den wogenden Himmel ſah, ſich an dem Manne feſtklammern. Nachdem er an dem Angreifer gezerrt, fiel er mit ihm auf dem Ufer nieder, und dann gab es ein abermaliges fürchterliches Krachen und dann ein gewaltiges Platſchen und Alles war vorüber. Auch Lizzie Hexam hatte das Geräuſch und das Sonnabend⸗Getöſe der Leute auf der Straße gemieden, und ging lieber einſam das Waſſer entlang, bis ihre Thränen getrocknet und ſie hinlänglich gefaßt ſein würde, um bei der Heimkehr aller Beobachtung ihres kranken oder bekümmerten Ausſehens zu entgehen. Die friedliche Stille der Stunde und des Ortes ſank ihr, da ſie mit keinen Gewiſſensbiſſen oder böslichen Abſichten zu kämpfen hatte, heilend in ihre Bruſt. Sie hatte nachgeſonnen ruhig. Wie ſe Stöhnen und Ihre a te beſeelte ſie aug Niemand hören Athem zu verg das Geräuſch ihr und der Br als ſie geglau und der Klang veiter. h Endlich ka die körzäch he ſphter und ſah ſie, daß Streifen folg rand blutig mung folgte, zugewendet im Jetzt, barn Zeit, und gie Deine gnädige das ſchwimmen einem Manne Händen, o G Jemandem zur Dies dacht hielt das Geb ab. Sie eilte aufwogte, for Allem ruhig- volfüühren— Weidenbaume, machte Boot! Mit ſichere übten Fußes, ſaß ſie bereits übten Auges Schatten, die Inmu nächſten? abgeſtoßen, usgeſchoſſen, nie ein Weil Dhre in ſchaute ſie ſchwimmende platze des K Linken, gera dem Ende e vom Fluſſe hinſchoß übe aus. Sie lie treiben, und das Geſict unken ſein ungeübtes 4 genommen lägen hi 7 T ſalt 8 mpfen un d nach ſondern 1 ſeid ſetzte dunden und geſetzter Rich. anden pſär orfklänge und s ſovohl, als gen Ufer des ihu indeſſen Seite alz eine er ſich ni⸗ fühlte 3 bei er zu den nandern, am in den Fluß gaſer hervor⸗ tel ſein Bück nugungsboot, Oi Cr.r J. Die Stell tand, um ſich dann wieder nen unbehag. dervorzurufen. en, gern ein⸗ dem Strome, trömung alle ich hin und leich in einet ate rauſchten, ihm unaufge⸗ zre Gottloſig⸗ ſagte Eugen, riſis!” er ſich um⸗ dde des Waſ⸗ n abſpiegeln⸗ nem fürchter⸗ Licht, Flam⸗ nd der Mond b. tdem unzuſam⸗ er Art wandte eten und ſein t einem Mör⸗ griff— falle floß, demſel⸗ t; aber ſeine t und konnte em Kepfe, ſo ſah, ſich an em Angreifer „ und dann n und dann uͤber. ch und das ge gemieden, ag, bis ihre t ſein würde, dres kranken Die friedliche 4 da ſie mit 8 kämpfen nachgeſonnen — 581 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 582 und Troſt gefunden. Auch ſie wandte ſich heimwärts als ſie ein ſeltſames Geräuſch hörte. Daſſelbe erſchreckte ſie, denn es klang wie ein Ge⸗ räuſch von Schlägen. Sie ſtand ſtill und lauſchte. Es verurſachte ihr ein Gefühl des Grauſens, denn die Schläge fielen ſchwer und grauſam in die Stille der Nacht. Wie ſie unentſchloſſen lauſchte, war Alles wieder ruhig. Wie ſie zu lauſchen fortfuhr, hörte ſie ein mattes Stöhnen und ein ſchweres Fallen im Waſſer. Ihre alte verwegene Lebensweiſe und Gewohnheit beſeelte ſie augenblicklich. Ohne an einer Stelle, wo ſie Niemand hören konnte, durch unnützes Hülferufen den Athem zu vergeuden, lief ſie nach der Stelle, von der das Geräuſch zu ihr gedrungen. Dieſelbe lag zwiſchen ihr und der Brücke, doch war ſie ferner von ihr entlegen, als ſie geglaubt hatte: denn die Nacht war ſehr ſtill und der Klang drang mit Hülfe des Waſſers um ſo viel weiter. Endlich kam ſie an eine Stelle des grünen Ufers, die kürzlich heftig betrampelt ſchien, und wo einige Holz⸗ ſplitter und Kleiderfetzen lagen. Indem ſie ſich bückte, ſah ſie, daß der Raſen blutig war. Den Tropfen und Streifen folgend, bemerkte ſie, daß auch der naſſe Ufer⸗ rand blutig war. Wie ſie mit dem Blicke der Strö⸗ mung folgte, ſah ſie ein blutiges Geſicht dem Monde zugewendet im Waſſer liegen und fortſchwimmen. Jetzt, barmherziger Himmel, ſei gelobt für jene alte Zeit, und gieb, allgütiger Gott, daß dieſelbe, durch Deine gnädige Fügung, endlich zum Guten wirke! Wem das ſchwimmende Antlitz immer angehören möge, ſei es einem Manne oder einem Weibe, hilf meinen ſchwachen Händen, o Gott, daſſelbe dem Tode zu entreißen und Jemandem zurückzugeben, dem es theuer ſein muß! Dies dachte ſie, und dachte es mit Inbrunſt, doch ab. Sie eilte von dannen, ehe daſſelbe in ihrem Geiſte aufwogte, fort— ſchnell und ſicher und dennoch vo Allem ruhig— denn ohne Ruhe konnte ſie es nimmer vollführen— eilte ſie an den Landungsplatz unter dem Weidenbaume, wo auch ſie das an den Pfählen feſtge⸗ machte Boot hatte liegen ſehen. Mit ſicherer, geübter Hand, ſicherem Schritte ihres ge⸗ hielt das Gebet ſie nicht eine Secunde vom dcein legen, um ſich vom Waſſer tragen zu laſſen. Genau ſo hatte ſie zuerſt undeutlich das Geſicht geſehen, welches ſie jetzt nochmals ebenſo undeutlich erblickte. Mit feſtem Blick und feſtem Vorſatz beobachtete ſie geſpannt das Herannahen deſſelben, bis es ganz nahe war; dann zog ſie leicht ihre Ruder ein und ſchob ſich halb knieend, halb ſich bückend nach der Hinterſeite des Bootes. Einmal, ſich ihres Griffes nicht ganz ſicher, ließ ſie den Körper entſchlüpfen. Das zweite Mal hatte ſie ihn bei dem blutigen Haare ergriffen. Derſelbe war bewußtlos, wo nicht in Wirklichkeit ſchon todt; er war entſtellt und färbte das Waſſer ringsum mit dunklen rothen Streifen. Da er ſich nicht ſelber zu helfen im Stande, war es ihr unmöglich, ihn an Bord zu nehmen. Sie beugte ſich über den Spiegel, um ihn mit der Leine feſtzumachen, und dann hallten Fluß und Ufer von dem fürchterlichen Schrei wider, den ſie ausſtieß. Doch wie von übernatürlichem Muthe und Kraft be⸗ ſeelt, band ſie ihn ſicher feſt, nahm ihren Sitz wieder ein, und ruderte verzweifelt der nächſten ſeichten Stelle zu, wo ſie das Boot auf den and bringer Verzweifelt, doch nicht wild, denn f verloren ſein würde, falls ſie die verlöre. in dem er Hülfe finden konnte. Sobald ſie dies in großer Geſchwindigkeit vollführt, ßte ſie ſeine entſtellte Stirn, ſchaute mit innerſtem Schmerz zu den Sternen hinauf, und ſegnete ihn und vergab ihm:„falls ſie Etwas zu vergebe be.“ Nur in dieſem einzigen Augenblicke dachte ſie an ſich ſelber, und dachte ſie nur für ihn an ſich. 2 etzt, barmherziger Himmel, ſei gelobt für jene alte Zeit, die mich in den Stand ſetzen wird, ohne einen Augenblick zu verlieren, das Boot wieder flott zu machen übten Fußes, und ſicherem Gleichgewichte ihres Körpers und gegen den Strom zurückzurudern! Und gieb, all⸗ ſaß ſie bereits im Boote. Ein ſchneller Blick ihres ge⸗ übten Auges zeigte ihr, ſelbſt in dem tiefen dunkeln Schatten, die Ruder an der ziegelrothen Gartenmauer. Im nächſten Augenblicke war abgeſtoßen, und das Boot war in ausgeſchoſſen, und ſie ruderte den E nie ein Weib auf engliſchem Waſſer Ohne in der Anſtrengung des Ruderns nachzulaſſen, ſchaute ſie mit angeſpannter Aufme kſam eit nach dem ſchwimmenden Geſichte aus. Sie k platze des Kampfes vorbei— dort lag derſelbe, zu ihrer Linken, gerade hinter dem Boote— zu ihrer Rechten an wie das Boot da⸗ hinſchoß, überall, überall nach dem ſchwimmenden Geſichte aus. Sie ließ das Boot jetzt blos vor dem Strome dahin treiben, und ruhte auf den Rudern, wohl wiſſend, daß das Geſicht, falls es ſich nicht bald zeigte, hinunterge⸗ ſunken ſein, und über daſſelbe hinaustreiben müſſe. Ein ungeübtes Auge würde in dem Mondſcheine nimmer wahr⸗ genommen haben, was ſie endlich nach wenigen Ruder⸗ ſchlägen hinter ſich erblickte. Sie ſah die ertrinkende Ge⸗ ſtalt zur Oberfläche emporſteigen, leicht mit dem Waſſer kämpfen und ſich dann wie durch Inſtinct auf den Rücken gütiger Gott, daß er durch mich Arme vom Tode errettet und einer Andern erhalten werden möge, der er eines Tagegetheue ſein darf, obgleich niemals theurer, als er mir iſt! W Sie ruderte eifrig— ruderte verzweifelt, aber keinen Augenblick wild— und verwandte ſelten die Blicke von ihm am Boden des Bootes. Sie hatte ihn ſo dort hin⸗ gelegt, daß ſie ſein entſtelltes Geſicht ſehen konnte; daſſelbe war ſo ſehr entſtellt, daß ſeine Mutter es wohl bedeckt haben würde, aber für ſie war es über alle Ent⸗ ſtellung hinaus und— erhaben. Das Boot berührte den Rand des kleinen Raſens, der ſich hinter dem Wirthshauſe nach dem Waſſer hinab⸗ zog. Es waren Lichter in den Fenſtern, aber es war zu⸗ fällig Niemand draußen. Sie machte das Boot feſt, nahm ihn abermals mit einer Gewaltanſtrengung in den Armen auf und legte ihn nicht eher nieder, als bis ſie im Hauſe war. Es ward nach Wundärzten ausgeſandt, und ſie hielt ſeinen Kopf auf ihrem Schooße. Sie hatte in früherer Zeit oft davon gehört, wie die Aerzte die Hand eines bewußtloſen Verwundeten aufnähmen und dieſelbe fallen ließen, falls dieſer todt ſei. Sie wartete auf den fürchterlichen Augenblick, wo die Aerzte ſeine gebrochene zerquetſchte Hand aufnehmen und wieder fallen laſſen würden. Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 584 Der erſte der Wundärzte kam und fragte, ehe er ſeine Unterſuchung vornahm:„Wer hat ihn herein⸗ gebracht?“ „Ich habe ihn hereingebracht, Sir,“ ſagte Lizzie, die alle Auweſenden anſchauten. „Ihr, meine Liebe? Ihr könnt dieſes Gewicht nicht aufheben, viel weniger tragen.“ „Ich glaube wohl, daß ich zu einer andern Zeit nicht dazu im Stande ſein würde, Sir; aber ich habe es ge⸗ wiß gethan.“ Der Wundarzt betrachtete ſie mit großer Auf⸗ merkſamkeit und einigem Mitleid. Nachdem er mit ernſter Miene die Wunden an dem zerſchlagenen Kopfe und die gebrochenen Arme berührt, nahm er die Hand auf. O! ob er ſie würde fallen laſſen? Er ſchien unentſchloſſen. Er behielt dieſelbe nicht, ſondern legte ſie ſanft nieder, nahm ein Licht und be⸗ trachtete aufmerkſamer die Verletzungen am Kopfe und die Pupillen der Augen. Darauf ſtellte er das Licht wieder fort und nahm nochmals die Hand auf. Da jetzt nooch ein Wundarzt anlangte, flüſterten die Beiden mit einander, und der zw Auch er ließ dieſelbe nich Geht ſanft mit ihr um.“ 3 Hiebenles Capitel.— 1 Lieber Abel ſein als Kain. L Zu Plaſhwater Weir Mill brach der Tag an. Die Sterne waren noch ſichtbar, aber im Oſten zeigte ſich ein ſchwaches Licht, das nicht das Licht der Nacht war. Der Mond war untergegangen und es kroch an aa ufer ein Nebel dahin, durch den die Bäume Ge⸗ ſpenſter von Bäumen und das Waſſer wie Geſpenſt von einem Waſſer ausſah. Dieſe Erde ſah geſpenſtiſch aus und die blaſſen Sterne ebenſo; während man das kalte öſtliche Leuchten, das keinen Ausdruck von Wärme oder Farbe trug, ſo lange das Auge des Firmaments er⸗ loſchen blieb, mit dem ſtarren Blicke eines Todten hätte vergleichen mögen. Vielleicht ward dieſer Vergleich von dem einſamen Bootsführer gemacht, der am Rande der Schleuſe ſtand. Jedenfalls ſchaute Bradley Headſtone in jene Richtung, als ein kalter Luftzug daherkam und murmelnd vorüber⸗ ſtrich, wie wenn er Etwas flüſterte, das die Baum- und Waſſergeſpenſter erbeben— oder drohen— machte, denn die Phantaſie mochte ſich Beides denken. 6 Er wandte ſich ab und verſuchte die Thür des Schleu⸗ ſenhauſes. Dieſelbe war von innen verſchloſſen.— „Fürchtet er ſich vor mir?“ murmelte er, indem er anklopfte.. 2 Rogue Riderhood war bald wach und zog den Riegel zurück, um ihn einzulaſſen. „Wie, mein Anderſter, ich glaubte, Sie wären ver⸗ loren gegangen! Zwei Nächte fort! Ich glaubte faſt, Sie hätten mich im Stiche gelaſſen, und ich dachte ſchon daran, Sie in den Zeitungen aufrufen zu laſſen.“ Bradley's Geſicht wurde bei dieſem Winke ſo finſter, daß Riderhood es für gerathen hielt, denſelben zu mil⸗ dern und in ein Compliment umzuwandeln. „Aber das thaten Sie nicht, Alter, das thaten Sie nicht,“ fuhr er fort, indem er dumm den Kopf ſchüttelte. „Denn was ſagte ich mir wohl, nachdem ich mich mit dieſer drolligen Idee wie mit einer luſtigen Art von Spiel unterhalten? Je nun, ich ſagte mir: ‚Er iſt ein Ehrenmann.“ Das ſagte ich zu mir. ‚Er iſt ein dop⸗ pelter Ehrenmann.““ Sehr auffallender Weiſe richtete Riderhood keine Frage an ihn. Er hatte ihn angeſchaut wie er ihm die Thür geöffnet, und jetzt ſchaute er ihn abermals an(diesmal verſtohlen) und der Erfolg dieſes Anſchauens war, daß er keine Frage an ihn richtete. „Sie werden ſich wohl ein wenig ſchlafen legen, Alter, wie mich dünkt, ehe Sie an ein Frühſtück denken,“ ſagte Riderhood, als ſein Gaſt ſich ſetzte, das Kinn auf die Hand ſtützte und die Augen auf den Boden heftete. Und es war abermals ſehr auffallend, wie Riderhood ſich ſtellte, als ordne er das ſpärliche Zimmergeräth, indem er ſprach, um einen vorgeblichen Grund zu haben, ihn nicht anzuſehen.— „Ja. Ich denke, es wird beſſer ſein, daß ich ſchlafe,“ ſagte Bradley ohne ſeine Stellung zu verändern. „Ich würde es Ihnen anempfehlen, Alter,“ ſagte Riderhood beiſtimmend.„Iſt es Ihnen irgendwie trocken?“ „Ja. Ich hätte gern einen Trunk,“ ſagte Bradley, doch anſcheinend ohne beſonders Acht zu geben. Mr. Riderhood nahm ſeine Flaſche hervor, holte einen Dann 5 Krug voll Waſſer und gab ihm einen Trunk. Bradley ſtreckte ſich in den Kleidern, die er trug, darauf lieder. Meelier hun bemerkte poetiſcherweiſe, er wolle die Knochen er Nachtruhe auf ſeinem Stuhle nagen, und ſetzte ſich, wie zuvor am Fenſter nieder; doch, wie zuvor, beobachtete er den Schläfer ſcharf, bis dieſer feſt eingeſchlafen war. Dann ſtand er auf und betrachtete ihn im hellen Tageslicht mit großer Aufmerkſamkeit von allen Seiten. Er ging nach ſeiner Schleuſe hinaus, um ¹s, was er geſehen hatte, zuſammenzurechnen. Der eine ſeiner Aermel iſt unter dem Ellbogen ganz at einen guten Riß an der hat ſich Einer ziemlich feſt emd iſt im Nacken ganz aus t im Graſe geweſen und er . Und er iſt befleckt und ich weiß a. Hurrah!“ Früh am Nachmittag kan ein Boot den Fluß herab. Es waren vor dieſem ſchon mehrere Böte in beiden Richtungen durchgekommen; aber der Schleuſenwärter rief nur dieſes beſondere Boot um Neuigkei, wie wenn er eine ſehr genaue Zeit⸗ rechnung gen Die Leute im Boote erzählten ihm eine Neuig und ſie hielten ſich etwas damit auf, ſich über dieſelbe auszuſprechen. Es waren, ſeit Bradley ſich niedergelegt, zwölf Stun⸗ den vergangen, als er wieder aufſtand.„Nicht daß ich glaube,“ ſagte Riderhood, ſeiner Schleuſe zublinzelnd, als er Bradley aus dem Hauſe kommen ſah,„daß Du die ganze Zeit geſchlafen habeſt, alter Burſch!“. Bradley kam zu ihm, wo er auf ſeinem hölzernen Hebel ſaß und fragte ihn, wie viel Uhr es ſei? Rider⸗ hood ſagte ihm, es ſei zwiſchen zwei und drei Uhr. „Wann werdet Ihr abgelöſt?“ fragte Bradley. 1 ſchüttelte er ſeine Bettdecke und ſtrich dieſelbe glatt, und iſt im Waſſer g womit, und u it Bradley ſchue frendlichem 1 V Sie mir nich Sie es und 1 zweifel darübe Wenn di ſagte Baadley⸗ luun ſo n Altet,“ entge ud ihun A. V Da in) des Tiſchdecke der Erfriſch Qſtand blos Schüſſel mit paſtete, und meeſſern, einen Flaſche Bier. Beide aße rechlichſten. Maan zwei d und legte ſe ALiſſch: die ei I ſälber. Auf! des Jihalts! das ungewohn V ſeines Tellers V Vhrte, wobe Stüͤcke Fleiſe V ſelben endlie Nnd zu fü glitten. AIndley ordentlich un ¹„Aufgep werden ſich i Aler die ſich in deſe zine erſc zu verbinden ihm ſtand, ſchüttelte 8 Als das reſte der T Naſtete getl allerlei Erf becher mit! chaute er? „Mein ibengend lit iſt vo 6 Sie that es.” dk m die T ſeine Frage hür an(diesmal ens w.. * war daß legen, Alter lken* ſ,, enden, ſagte Aun auf die koden heſtete. Rideihood ſich geräth, indem u haben, ihn Fich ſchaff,“ udern. Alter,“ ſagte irgendwie agie Vradley, ben. , holte einen Danu trug, darauf e, er wolle Stuhle nagen, ; doch, wie is dieſer feſt nd betrachtete erfſamkeit von e hinaus, um nen. Ellbogen ganz an der renlich feſt gauz aus weſen und er und ich weiß bmittag kan dieſem ſchon archgekommen; ſondere Bool naue Zeit⸗ ezählten ihm amit auf, ſich zwölf Stun⸗ Nicht daß ich 4 zublinzelnd, „o daß Du ah,„dah 4 11 31* nem hößzernen s ſei? Rider⸗ drei Uhr. Bradleh. — 585⁵ „Uebermorgen, Alter.“ „Nicht eher?“ „Keinen Zoll eher, Alter.“ Es ſchien dieſer Frage der Ablöſung von beiden Sei⸗ ten Wichtigkeit beigelegt zu werden. Riderhood liebkoſte ſeine Antwort förmlich; er wiederholte dieſelbe und ſagte, ſein verneinendes Kopfſchütteln verlängernd:„Kei— nen — Zoll— eher, Alter.“ „Habe ich Euch geſagt, daß ich heute Abend weiter zu gehen beabſichtige?“ fragte Bradley. „Nein, Alter,“ erwiderte Riderhood mit heiterem, freundlichem und converſationellem Weſen,„das haben Sie mir nicht geſagt. Aber wahrſcheinlich beabſichtigten Sie es und vergaßen es. Wie hätte Ihnen ſonſt ein Zweifel darüber in den Sinn kommen können, Alter?“ „Wenn die Sonne untergeht, werde ich weiter gehen,“ ſagte Bradley. „Um ſo nothwendiger iſt es, daß Sie Etwas eſſen, Alter,“ entgegnete Riderhood.„Kommen Sie herein und thun Sie das, mein Anderſter.“ Da in Mr. Riderhood's Haushalte die Ceremonie des Tiſchdeckens nicht beobachtet ward, war das Serviren der Erfriſchung die Sache eines Augenblicks; daſſelbe be⸗ ſtand blos in dem Herunternehmen einer geräumigen Schüſſel mit drei Viertheilen einer ungeheuern Fleiſch⸗ paſtete, und dem Zumvorſcheinbringen von zwei Taſchen⸗ meſſern, einem irdenen Trinkbecher und einer großen braunen Flaſche Bier. Beide aßen und tranken, doch Riderhood weitaus am reichlichſten. Anſtatt der Teller ſchnitt dieſer rechtſchaffene Mann zwei dreieckige Stücke der dicken Paſtetenrinde ab und legte ſie, mit der innern Seite zu oberſt, auf den Tiſch: die eine vor ſeinen Gaſt und die andere vor ſich ſelber. Auf dieſe Teller legte er zwei ſtattliche Portionen des Inhalts der Paſtete, und verlieh damit dem Banquet das ungewohnte Intereſſe, daß jeder Speiſende das Innere ſeines Tellers ausſtach und mit der übrigen Mahlzeit ver⸗ zehrte, wobei er außerdem das Vergnügen hatte, die Stücke Fleiſchgelée über den Tiſch zu verfolgen und die⸗ ſelben endlich mit der Spitze ſeines Meſſers in den iid zu führen, falls ſie nicht vorher von derſelben ab⸗ glitten. Bradley Headſtone war bei dieſen Uebungen ſo außer⸗ ordentlich ungeſchickt, daß Rogue es bemerkte. .„ Aufgepaßt, mein Anderſter!“ rief er aus.„Sie werden ſich in die Hand ſchneiden.“ Aber die Warnung kam zu ſpät, denn Bradley ſchnitt ſich in demſelben Augenblicke. Und was noch ſchlimmer war, er ſchüttelte, da er Riderhood gebeten, die Hand zu verbinden, und wie er zu dieſem Zwecke dicht neben ihm ſtand, vor Schmerz in der Wunde die Hand, und ſchüttelte Blut über Riderhood's Kleider. Als das Mittagsmahl vorüber, und als die Ueber⸗ reſte der Teller und der Gelée zu den Ueberreſten der Paſtete gethan, die als eine ökonomiſche Anlegung für allerlei Erſparniſſe diente, füllte Riderhood den Trink⸗ becher mit Bier und that einen langen Trunk. Und jetzt ſchaute er Bradley an, und zwar mit einem böſen Blicke. „Mein Anderſter!“ ſagte er heiſer, ſich über den Tiſch hinbeugend, um ſeinen Arm zu berühren.„Die Neuig⸗ keit iſt vor Ihnen den Fluß herabgereiſt.“ „Welche Neuigkeit?“ „Wer, glauben Sie wohl,“ ſagte er mit einem Rucke des Kopfes, wie wenn er verachtend die Verſtellung zu⸗ rückwieſe,„fiſchte den Körper auf? Rathen Sie.“ „Ich bin nicht ſtark im Rathen.“ „Sie! Hurrah! Da hatten Sie ihn abermals. that es.“ Sie Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. V Das krampfhafte Zucken in Bradley Headſtone's Ge⸗ ſicht und die plötzliche heiße Gluth, die daſſelbe übergoß, verriethen, wie grimmig die Nachricht ihn berührte. Aber er ſagte kein einziges Wort, weder im Guten noch im Boͤſen. Er lächelte blos in einer finſteren Weiſe und ſtand auf und lehnte ſich ans Fenſter, zu dem er hinausſchaute. Riderhood folgte ihm mit den Blicken. Riderhood warf ſeine Blicke auf ſeine eigenen blutbe⸗ ſprengten Kleider hinab. Riderhood fing an auszuſehen, als ob er ſtärker im Rathen ſei, als Bradley es von ſich zugeben wollte. „Ich habe ſo lange der Ruhe entbehrt,“ ſagte der Schulmeiſter,„daß ich mich, falls Ihr's erlaubt, wieder niederlegen will.“. „Mit Vergnügen, mein Anderſter!“ war die gaſt⸗ freundliche Antwort des Wirthes. Er hatte ſich nieder⸗ gelegt, ohne dieſelbe abzuwarten, und er blieb auf dem Bette liegen, bis die Sonne tief ſtand. Als er ſich er⸗ hoben und hinauskam, um ſeine Wanderſchaft wieder fort⸗ zuſetzen, fand er ſeinen Wirth im Graſe neben dem Lein⸗ pfade vor der Thür. „Sobald es nothwendig wird, daß Ihr und ich ferneren Verkehr mit einander haben,“ ſagte Bradley, „will ich zurückkommen. Gute Nacht!“ „Nun, da nichts Beſſeres zu haben iſt,“ ſagte Rider⸗ hood, ſich auf der Ferſe umwendend,„gute Nacht!“ Aber wie der Andere ſeinen Weg antrat, wandte er ſich wieder um und fügte, mit einem ſcheelen Blick ihm nachſchauend, hinzu:„Ich würde Dich nicht ſo gehen laſſen, wenn ich nicht ſchon ſo gut wie abgelöſt wäre. Ich will Dich einholen, ehe Du noch eine Meile weit fort biſt.“ Mit einem Worte, da in der That ſeine Ablöſungs⸗ zeit ſchon an dieſem Abend mit Sonnenuntergang kam, langte ſein Kamerad bereits in einer Viertelſtunde ein. Da er nicht bis zur äußerſten Friſt ſeiner Zeit zu bleiben wünſchte, borgte er ſich etwa eine Stunde, die er zurückzuzahlen verſprach, wenn ec ſeinerſeits ſeinen Ablöſer ablöſen würde, und begab ſich ſofort auf Bradley Headſtone's Spur. Er war ein beſſerer Verfolger als Bradley. Es war ſein Lebensberuf geweſen, zu ſchleichen und zu lauern und aufzupaſſen und den Leuten nachzuſtellen, und er verſtand ſich wohl auf das Geſchäft. Er marſchirte, als er das Schleuſenhaus verlaſſen, mit einer ſolchen Geſchwindigkeit, daß er ihn, ehe er noch an einer zweiten Schleuſe vorbeigekommen, eingeholt hatte— das heißt, ihm ſo nahe gekommen war, wie er es für rathſam hielt. Der Mann ſchaute ziemlich oft zurück, aber er ſah keine Spur von ihm. Er wußte das Terrain zu benutzen, und wußte, wo er die Hecke zwiſchen ſich und ihn bringen mußte, und wo die Mauer, und wo er ſich bücken und wo ſich flach niederlegen mußte, und hatte tauſend Kniffe, die weit über die langſamen Begriffe des dem Unheil geweihten Bradley gingen. Aber alle ſeine Kniffe wurden, wie er ſelber, zum Stillſtehen gebracht, als Bradley, in einen grünen Neben⸗ oder Reitweg am Flußufer einbiegend— eine einſame Stelle, die von Neſſeln und Dornen und Sträu⸗ chern überwachſen und mit den faulen Stämmen langer Reihen von gefällten Bäumen angefüllt, am Saume eines kleinen Gehölzes— auf dieſe Stämme zu ſteigen anfing und wieder von denſelben hinabſprang und wieder hinauf⸗ ſprang, anſcheinend wie ein Schulknabe dies wohl gethan hätte, doch ſicherlich mit keinem Schulknaben⸗Vorſatze oder Mangel an Vorſatz. „Was haſt Du vor?“ murmelte Riderhood unten im Graben, indem er mit beiden Händen die Hecke ein wenig auseinander bog. Und bald gab ihm jenes Verfahren die 1 ——— Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 588 erſtaunlichſte Antwort.„Beim heiligen Georg und dem Drachen!“ rief Riderhood,„er will ſich, ſo wahr ich lebe, baden!“ Er war auf und zwiſchen den Baumſtämmen wieder zurück nach dem Ufer gegangen und hatte ſich im Graſe zu entkleiden angefangen. Einen Augenblick hatte die Sache ein verdächtiges Selbſtmord-Anſehen, ſo einge— richtet, daß derſelbe einem Unfalle gleichen würde.„Aber wenn du das im Sinne gehabt, würdeſt du nicht ein Bündel unter dem Holze herausgeſucht haben!“ ſagte Riderhood. Deſſenungeachtet fühlte er ſich erleichtert, als der Badende, nachdem er einmal untergetaucht und ein paar Schwimmſchläge gethan, wieder herauskam.„Denn ich hätte dich nicht gern verloren,“ ſagte er mit Ge⸗ fühl,„bis ich noch etwas mehr Geld aus dir heraus⸗ gebracht.“ Flach in einem Graben liegend(denn er hatte ſeinen Graben vertauſcht, wie ſein Mann ſeine Stellung ver⸗ ändert) und ein ſo unbedeutendes Stückchen der Hecke auseinander haltend, daß das ſchärfſte Auge ihn nicht würde entdeckt haben, beobachtete Rogue Riderhood den Badenden, wie dieſer ſich ankleidete. Und jetzt zeigte ſich allmälig das Wunder, daß er völlig angekleidet als ein anderer Mann, und nicht als der Bootführer, aufſtand. „Aha!“ ſagte Riderhood.„Ungefähr wie du an jenem Abend gekleidet warſt. Ich verſtehe! Ich folge dir jetzt. Du biſt ſchlau. Aber ich weiß einen noch Schlaueren.“ Als der Gebadete ſich angekleidet, kniete er im Graſe nieder und that Etwas mit den Händen, und richtete ſich dann mit einem Bündel unter dem Arme wieder auf. Indem er ſich dann mit großer Aufmerkſamkeit rings umſchaute, ging er an den Rand des Fluſſes und ſchleu⸗ derte das Bündel ſo weit und ſo leicht als möglich hin⸗ ein. Nicht eher, als bis er ſo entſchieden wieder ſeinen Weg fortgeſetzt, daß er jenſeit einer Biegung und für den Augenblick nicht mehr zu ſehen war, kroch Riderhood aus ſeinem Graben hervor. „Jetzt,“ überlegte dieſer für ſich,„fragt es ſich, ob ich dir weiter folge oder dich diesmal laufen laſſe und ſtatt deſſen fiſchen gehe?“ Da er noch nicht einig mit ſich hierüber war, folgte er ihm einſtweilen der Vorſicht halber, und hatte ihn wieder in Sicht.„Falls ich dich diesmal loßließe,“ ſagte Riderhood, ihm noch immer folgend,„könnte ich dich wieder zu mir kommen, oder dich auf die eine oder die andere Weiſe ausfindig machen. Falls ich nicht fiſchen ginge, dürften Andere dies thun.— Ich will dich diesmal laufen laſſen und fiſchen gehen!“ Damit gab er plötzlich die Verfolgung auf und kehrte um. Der elende Menſch, den er auf eine Weile, doch nicht auf lange, freigegeben, ſchritt in der Richtung nach Lon⸗ don dahin. Bradley beargwöhnte jeden Laut, den er hörte, und jedes Geſicht, das er ſah, befand ſich aber unter einem Zauberbanne, der ſehr gewöhnlich den Blut⸗ vergießer befällt, und hatte keine Ahnung von der wirk⸗ lichen Gefahr, die ſein Leben bedrohte und auf daſſelbe Anſpruch machte. Riderhood lag ihm viel in Gedanken — er war ihm ſeit dem Abende ihres nächtlichen Be⸗ gegnens faſt nicht mehr aus dem Sinn gekommen; doch nahm Riderhood in demſelben eine ganz andere Stelle ein, als die des Verfolgers; und Bradley hatte ſich die Mühe gegeben, ſo viele Pläne zu erſinnen, um ihm jene Stelle anzupaſſen und ihn in dieſelbe hineinzuzwängen, daß ſein Geiſt nicht die Möglichkeit erfaſſen konnte, daß er eine andere einnehmen würde. Und dies iſt wieder ein Zauberbann, gegen den der Blutvergießer ſich ver⸗ gebens zu ſichern ſucht. Es giebt fünfzig Thüren, durch V welche die Entdeckung hereinkommen mag. Mit unſäg⸗ licher Mühe und Schlauheit verſchließt und verriegelt er neunundvierzig derſelben und kann nicht ſehen, daß die fünfzigſte weit offen ſteht. Und jetzt war er zu einer Gemüthsverfaſſung ver⸗ dammt, die marternder und unerträglicher iſt, als ſelbſt Gewiſſensbiſſe. Er hatte keine Gewiſſensbiſſe; aber der Miſſethäter, der dieſem Rächer die Spitze bieten kann, vermag nicht, der langſameren Folterqual zu entgehen, mit der er die böſe That immer wiederholt und wirkſamer ausführt. In den Vertheidigungen und angeblichen Be⸗ kenntniſſen von Mördern kann man dem rächenden Schat⸗ ten dieſer Qual durch jede Lüge hindurch folgen, die ſie vorbringen. Iſt es wohl denkbar, daß ich, falls ich es gethan, wie man angegeben, dieſes und jenes Verſehen begangen haben würde? Hätte ich es gethan, wie man angegeben, würde ich da wohl jene Stelle unbeachtet ge⸗ laſſen haben, die dieſer falſche und gottloſe Zeuge ſo ſchändlich gegen mich vorbringt? Der Gemüthszuſtand des Elenden, der fortwährend die ſchwachen Punkte in ſeinem Verbrechen entdeckt und ſie zu ſtärken verſucht, wenn daſſelbe nicht mehr anders zu vollführen, iſt ein Zuſtand, der das Vergehen noch vergrößert, indem es ihn die That, anſtatt einmal, tauſendmal begehen macht; aber es iſt zugleich ein Zuſtand, der dieſelbe höhnend jedesmal mit ſeiner ſchwerſten Strafe an der trotzigen, verſtockten Natur rächt. Bradley wanderte mühſam weiter, ſchwer an den Ge⸗ danken ſeines Haſſes und ſeiner Rache gekettet, und über⸗ legend, in welcher Weiſe er beide weit beſſer hätte be⸗ friedigen können, als in der Weiſe, die er gewählt hatte. Das Werkzeug hätte ein beſſeres, der Ort und die Stunde hätten beſſer gewählt ſein können. Es war ganz gut, einem Menſchen im Finſtern am Rande eines Fluſſes im Rücken mit Schlägen zu Leibe zu gehen, aber er hätte ihn augenblicklich kampfunfähig machen ſollen; wohin⸗ gegen derſelbe ſich umgewandt und ſeinen Angreifer ge⸗ packt hatte; weshalb er, um der Sache ein Ende zu machen, ehe zufällige Hülfe herbeikäme, ihn, um ihn los zu werden, eiligſt rücklings in den Fluß geworfen, ehe er noch das Leben ganz in ihm erſchlagen? Wenn es daher noch einmal gethan werden konnte, ſo mußte es nicht in dieſer Weiſe gethan werden. ſeinen Kopf eine Weile unter dem Waſſer feſtgehalten. Geſetzt, der erſte Schlag wäre wirkſamer geweſen. Ge⸗ ſetzt, er hätte ihn erſchoſſen. Geſetzt, er hätte ihn er⸗ droſſelt. Geſetzt Dies, geſetzt Das, geſetzt Jenes. Ge⸗ ſetzt Alles, nur kein Entfeſſeln von dem einen Gedanken, denn dies war von einer unerbittlichen Unmöglichkeit. Die Schule ward am folgenden Tage wieder geöffnet. Die Schüler ſahen wenig oder gar keine Veränderung im Geſichte ihres Lehrers, denn daſſelbe trug ſtets denſelben ſchwerfällig arbeitenden Ausdruck. Doch während er die Klaſſen ihre Aufgaben herſagen hörte, war er fortwäh⸗ rend mit der Verübung der That beſchäftigt und verübte er dieſelbe ſtets beſſer. Wie er mit dem Stückchen Kreide vor der ſchwarzen Tafel ſtillſtand, ehe er auf derſelben ſchrieb, dachte er an die Stelle, und ob das Waſſer ein wenig höher hinauf oder ein wenig weiter abwärts nicht tiefer ſei und mehr geradeaus falle. Er dachte faſt daran, ein paar Linien auf der Tafel zu ziehen, um ſich zu zei⸗ gen, was er meine. Beim Morgengebet, beim Kopfrechnen, während all ſeiner Schulfragen, den ganzen Tag lang that er es immer und immer noch einmal und verbeſſerte die Art und Weiſe. Charley Hexam war jetzt in einer andern Schule unter einem andern Oberlehrer ſelber ein Lehrer. Es war Abend und Bradley ging in ſeinem Garten ſpazieren, Geſetzt, er hätte. 6 4 ☛ 2 1 1 aus hineinge auf den junge dieſer ebenfall ſchloſfen.“ lſatnw Nary Am Arbeit. Was we „Sie mü denn das Ro Keiner von! „Es läßf traurigen kle ihre Hand läßt ſich über Ann.“ Wie Chau ſtill, als er ſe ten ſtehen ſah „Kommh Charley Hand zu faſſ ſelbe annahn des Schulme Geſichte erho „Mr. He „Was es „Mr. He Die Neuigke daß er getöd „Dann i Vie der benetzte er ſe Zimmer um, Zögling und der Gewalttt ſeines Munde nicht das Er „Wo we Stimme, ei Halt! Das nichtt. Fals Headſtone, Siel Laſſe 3 ort angebe „Das ele ditteren S Auedrudk g ein ſichtbare Es iſt der Knabe. Ihre Gefa Sälbſtſucht ſcaftliche, zu zeigen, thun haben e höhnend er trotzigen, an den Ge⸗ und über⸗ hätte be⸗ dählt hatte. e Stunde ganz gut, Fluſſes im ber er hätte wohin⸗ eifer ge⸗ n Ende zu um ihn los en, ehe Wenn es Gedanken, glichkeit. zer geöffnet. erung im s denſelben tend er die er fortwäͤh⸗ Wafſer ein värts nicht faſt daran, ſich zu zei⸗ opfrechnen, ag lung verbeſſerte en Schule e,brer. E⸗ 9 ſpazieren, — — 2 A 589 den Arm emporhielt. „Nun, Mary Ann?“ „Der junge Mr. Hexam, wenn Sie erlauben, Ma⸗ dame, kommt, Mr. Headſtone zu beſuchen.“ „Sehr gut, Mary Ann.“ Mary Ann hielt abermals den Arm empor. „Du darfſt ſprechen, Mary Ann.“ „Mr. Headſtone hat den jungen Mr. Hexam in ſein Haus hineingewinkt und iſt ſelbſt hineingegangen, ohne auf den jungen Mr. Hexam zu warten; und jetzt iſt dieſer ebenfalls hineingegangen und hat die Thür ge⸗ ſchloſſen.“ „Meinetwegen, Mary Ann.“ Mary Ann's telegraphiſcher Arm war wieder bei der Arbeit. „Was weiter, Mary Ann?“ „Sie müſſen es ziemlich traurig und dunkel finden, denn das Rouleau in der Wohnſtube iſt herabgelaſſen und Keiner von ihnen zieht es auf.“ „Es läßt ſich,“ ſagte die gute Miß Peecher mit einem traurigen kleinen Seufzer, den ſie unterdrückte, indem ſie ihre Hand auf ihr ſauberes kleines Leibchen legte,„es läßt ſich über den Geſchmack einmal nicht ſtreiten, Mary Ann.“.. Wie Charley in das dunkle Zimmer trat, ſtand er ſtill, als er ſeinen alten Freund in dem gelblichen Schat⸗ ten ſtehen ſah. „Komm herein, Hexam, komm herein.“ Charley trat näher, um die ihm entgegengeſtreckte Hand zu faſſen; ſtand aber wiederum ſtill, ehe er die⸗ ſelbe annahm. Die ſchweren, blutunterlaufenen Augen des Schulmeiſters, die ſich mit Anſtrengung zu ſeinem Geſichte erhoben, begegneten ſeinem prüfenden Blicke. „Mr. Headſtone, was giebt es?“ „Was es giebt? Wo?“ „Mr. Headſtone, haben Sie die Neuigkeit gehört? Die Neuigkeit über jenen Menſchen, Eugen Wrayburn, daß er getödtet iſt?“ „Dann iſt er alſo todt!“ rief Bradley aus. Wie der junge Hexam daſtand und ihn anſchaute, benetzte er ſeine Lippen mit der Zunge, ſchaute ſich im Zimmer um, warf einen Blick auf ſeinen ehemaligen Zögling und ſchlug die Augen nieder.„Ich hörte von der Gewaltthat,“ ſagte Bradley, indem er das Zucken ſeines Mundes zu unterdrücken verſuchte,,„aber ich hatte nicht das Ende derſelben erfahren.“ „Wo waren Sie,“ ſagte der Knabe mit leiſerer Stimme, einen Schritt näher tretend,„als es geſchah? Halt! Das will ich nicht fragen. Sagen Sie mir's nicht. Falls Sie mir Ihr Vertrauen aufdrängen, Mr. Headſtone, will ich jedes Wort davon angeben. Hören Sie! Laſſen Sie ſich's geſagt ſein. Ich will jedes Wort angeben und will Sie angeben. Das will ich!“ Das elende Geſchöpf ſchien durch dieſe Verſtoßung bitteren Schmerz zu leiden. Es ſenkte ſich ein trauriger Ausdruck gänzlicher und vollkommener Verlaſſenheit wie ein ſichtbarer Schatten auf ihn herab. „Es iſt an mir, zu ſprechen, nicht an Ihnen,“ ſagte der Knabe.„Falls Sie es thun, ſo thun Sie es auf Ihre Gefahr hin. Ich bin im Begriff, Ihnen Ihre Selbſtſucht vorzuhalten, Mr. Headſtone— eine leiden⸗ ſchaftliche, heftige, zügelloſe Selbſtſucht— um Ihnen zu zeigen, warum ich ferner nichts mehr mit Ihnen zu thun haben kann und will.“ Er ſchaute den jungen Hexam an, als warte er, bis ein Schüler ſeine Aufgabe hergeſagt, die er auswendig wußte, und deren er herzlich überdrüſſig. Aber er hatte ſein letztes Wort zu ihm geſprochen. „Falls Sie irgend welchen Antheil— ich ſage nicht wie viel— an dieſem Angriffe hatten,“ fuhr der Knabe fort;„oder falls Sie irgend Etwas darüber wiſſen— ich ſage nicht, was— oder falls Sie wiſſen, wer den⸗ ſelben verübt— ich will nicht näher darauf eingehen — ſo fügten Sie mir ein Unrecht zu, das nimmer ver⸗ ziehen werden kann. Sie wiſſen, daß ich Sie mit mir nach ſeiner Wohnung im Temple nahm, als ich ihm meine Meinung über ihn ſagte und mich für meine Mei⸗ nung von Ihnen verantwortlich machte. Sie wiſſen, daß ich Sie mitnahm, als ich ihn beobachtete, in der Abſicht, meine Schweſter zu retten und zur Vernunft zu bringen. Und wie können Sie wiſſen, ob Sie, indem Sie dem Ziele Ihres gewaltthätigen Temperamentes nachgingen, mich nicht dem Verdachte ausgeſetzt haben? Iſt dies Ihre Dankbarkeit gegen mich, Mr. Headſtone?“ Bradley ſaß und ſchaute ruhig vor ſich in die leere Luft. So oft der junge Mann innehielt, wandte er ſeine Blicke auf ihn hin, wie wenn er wartete, daß er mit dem Herſagen ſeiner Lection fortführe und damit zu Ende käme. So oft der Knabe ſeine Rede wieder auf⸗ nahm, nahm Bradley wieder ſein ſtarrres Geſicht an. „Ich will deutlich mit Ihnen reden, Mr. Headſtone,“ ſagte der junge Hexam, mit drohender Geberde den Kopf ſchüttelnd,„denn dies iſt nicht der Augenblick für mich, zu thun, als wiſſe ich nichts von Dingen, die mir wohl bekannt ſind— gewiſſe Dinge ausgenommen, deren noch⸗ mals zu erwähnen nicht ſehr erquicklich für Sie ſein dürfte. Was ich meine, iſt Folgendes: Falls Sie ein guter Lehrer waren, war ich ein guter Schüler. Ich habe Ihnen reichlich Ehre gemacht, und indem ich meinen Ruf verbeſſerte, habe ich daſſelbe für den Ihrigen ge⸗ than. Sehr gut alſo. Indem wir von gleichem Stand⸗ punkte ausgehen, wünſche ich Ihnen zu zeigen, in welcher Weiſe Sie mir Ihre Dankbarkeit dafür zu erkennen ge⸗ geben, daß ich mein Möglichſtes gethan, Ihre Wünſche in Bezug auf meine Schweſter zu fördern. Sie haben mich compromittirt, indem man Sie mit mir geſehen hat, wie ich dieſem Mr. Eugen Wrayburn entgegen zu wirken verſuchte. Das iſt das Erſte, was Sie gethan haben. Falls mein Ruf und mein Aufgeben alles Ver⸗ kehrs mit Ihnen mir da heraus helfen, Mr. Headſtone, ſo habe ich dies mir und nicht Ihnen zu verdanken. Ich bin Ihnen wahrlich nichts dafür ſchuldig!“ Da der Knabe hier wieder inne hielt, bewegte Bradley abermals die Augen. „Ich fahre fort, Mr. Headſtone, fürchten Sie nichts. Ich werde bis an's Ende fortfahren, und ich habe Ihnen im Voraus geſagt, welches das Ende iſt. Sie kennen meine Geſchichte. Sie wiſſen ſo gut wie ich, daß ich manche Hinderniſſe in meinem Leben hinter mir zurück⸗ zulaſſen hatte. Sie haben mich meines Vaters erwähnen hören und ſind hinlänglich mit der Thatſache be⸗ kannt, daß das Vaterhaus, aus dem ich, ſo zu ſagen, entfloh, ein achtbareres hätte ſein dürfen, als es war. Mein Vater ſtarb, und man könnte wohl annehmen, daß mein Weg zur AOchtbarkeit dann ziemlich klar vor mir gelegen. Nein. Denn dann fängt meine Schweſter an.“ Er ſprach ſo zuverſichtlich und mit einer ſo völligen Abweſenheit aller verrätheriſchen Farbe auf den Wangen, wie wenn gar keine rührende alte Zeit hinter ihm gelegen. Dies war nicht zum Verwundern, denn es gab deren keine in ſeinem hohlen, leeren Herzen. Was ſieht die Selbſt⸗ ſucht wohl anders im Rückblicke, als das Selbſt? — ᷣ—— — — —— — — — 4 1 2* 592 „Wenn ich von meiner Schweſter rede, wünſche ich von ganzem Herzen, daß Sie ſie nie geſehen hätten, Mr. Headſtone. Indeſſen, Sie haben ſie geſehen, und dies kann daher jetzt nichts nützen. Ich ſchenkte Ihnen mein Vertrauen über ſie. Ich erklärte Ihnen ihren Charakter, und erzählte Ihnen, wie ſie der Achtbarkeit, die ich für uns zu erringen ſuchte, gewiſſe lächerliche, phantaſtiſche Ideen in den Weg legte. Sie verliebten ſich in ſie, und ich that mein Möglichſtes, Sie zu begünſtigen, und in dieſer Weiſe kamen wir mit dieſem Mr. Eugen Wray⸗ burn in Colliſion. Was haben Sie jetzt gethan? Je nun, Sie laſſen meine Schweſter von Anfang bis zu Ende gerechtfertigt und haben mich wieder im Unrecht erſcheinen laſſen! Und warum haben Sie dies gethan? Weil Sie in all' Ihren Leidenſchaften ſo ſelbſtſüchtig und auf ſich ſelbſt concen⸗ trirt ſind, Mr. Headſtone, mir fern halten, und Troſt darin finden werden, daß Sie Alle, außer ſich ſelber, von jeglicher Schuld frei ſprechen. Ich hoffe, ehe noch viele Jahre vergehen, als Nachfolger in die Stelle des Oberlehrers meiner Schule einzutreten, und da die Oberlehrerin unverheirathet, wenngleich einige Jahre älter iſt, als ich, könnte ich ſie vielleicht gar hei⸗ rathen. Falls es Ihnen irgend welchen Troſt gewährt, zu wiſſen, welche Pläne ich ausführen werde, indem ich mir eine ſtrenge Achtbarkeit in der Geſellſchaft bewahre, ſo ſind dies die Pläne, die ich gegenwärtig gefaßt habe. Schließlich, falls Sie ſich bewußt ſind, mir ein Unrecht angethan zu haben, und den Wunſch hegen, dies in ge— ringem Maße wieder gut zu machen, ſo hoffe ich, daß Sie bedenken werden, wie achtbar Sie ſelber hätten ſein können, und daß Sie Be⸗ trachtungen über Ihr ver⸗ daß Sie keinen einzigen rückſichtsvollen Gedanken auf mich verwendet haben.“ Die trockene Ueberzeu⸗ gung, mit der der Knabe ſeine eigene Stellung be⸗ hauptete, hätte keinem an⸗ dern Laſter in der ganzen Menſchennatur entſproſſen ſein können. „Es iſt ein merkwür⸗ diger Umſtand in meinem Leben,“ fuhr er wirklich mit Thränen fort,„daß jede Anſtrengung, die ich mache, um vollkommene Achtbarkeit zu erringen, durch keine Schuld von meiner Seite durch Andere zu Schanden gemacht wird! Nicht zufrieden mit dem, was ich Ihnen vorgehalten habe, werden Sie meinen Namen, indem Sie den Namen meiner Schweſter der Oeffentlichkeit preisge⸗ ben— was Sie, falls mein Argwohn irgendwie begründet iſt, ſicherlich thun werden— ebenfalls vor die Oeffentlichkeit zerren, und als je ſchlechter Sie nichtetes Daſein anſtellen mögen.“ War es ſeltſam, daß der elende Menſch ſich dies ſchwer zu Herzen nahm? Vielleicht hatte er während langer, mühſamer Jahre zuerſt den Knaben ins Herz geſchloſſen; vielleicht hatte er ſich während derſelben Jahre durch den Verkehr mit einem helleren und ſchneller faſſenden Geiſte, als der ſeinige, die eigene Plackerei erleichtert; viel⸗ leicht traf eine Familien⸗ ähnlichkeit in Geſicht und Stimme zwiſchen dem Kna⸗ ben und ſeiner Schweſter ihn tief in der Finſterniß ſeiner Geſunkenheit. Ob aus dieſem oder jenem oder all dieſen Gründen— 8 K K ließ er das Haupt ſinken und kauerte am Boden und lag dort, die Hände feſt an die heißen Schläfen drückend, in unſäglicher Qual, und ohne die Er⸗ leichterung einer einzigen Thräne, flach auf dem ſich erweiſen, je ſchwerer wird es für mich ſein, mich davor zu bewahren, in der Anſicht der Leute mit Ihnen in Verbindung gebracht zu werden.“ Nachdem er ſich die Augen getrocknet und im Gefühle des ihm angethanen Unrechts einmal aufgeſchluchzt hatte, begann er ſich der Thür zuzuwenden. „Ich habe indeſſen den feſten Entſchluß gefaßt, eine achtbare Stellung in der Geſellſchaft einzunehmen, und mich nicht durch Andere herunterziehen zu laſſen. Mit meiner Schweſter ſowohl als mit Ihnen bin ich fertig. Da ihr ſo wenig an mir gelegen iſt, daß ſie ſich nichts daraus macht, ob ſie meine Achtbarkeit untergräbt, ſo mag ſie ihrer Wege gehen und ich will die meinigen gehen. Meine Ausſichten ſind ſehr gut, und ich beabſichtige denſelben allein nachzugehen. Mr. Headſtone, ich ſage nicht, was Sie auf dem Gewiſſen haben, denn ich weiß es nicht. Was immer auf demſelben laſten möge— ich hoffe, daß Lieber Abel ſein als Kain.(Seite: 592.) Geſichte. Rogue Riderhood war an dieſem Tage mit dem Fluſſe beſchäftigt geweſen. Er hatte ſchon am vorigen Abend fleißig gefiſcht, aber er hatte nur noch wenig Tageslicht gehabt und deshalb ohne Erfolg gefiſcht. Er hatte an dieſem Tage abermals gefiſcht und zwar mit mehr Glück, und er trug ſeinen Fiſch in einem Bündel heim nach dem Plaſhwater⸗Weir⸗ Mill⸗Schleuſenhauſe. Achtes Capitel. Ein wenig pfeffer. Die Puppenſchneiderin ging, nachdem der Zufall ihr (wie ſie glaubte) Mr. Riah's ſteinernen und heuchleriſchen Charakter verrathen, nicht mehr nach dem Geſchäftslocale als der Knabe fort war, wirſt mi 9 laufen, und d zerfällt, und ſammelt.“ Bei ſolche pflege der zu winſeln u einzuzittern, Hauſe hinaut zittern konnt todt nüchtern Stadium ang wenigſten lebe ſcheuche beſtän Mutter um ſe die alle verſcht oder ſpäter en und wenn ma körperlichen 3 auf dem er ru ufd Blätter gi nichts als auf Miß Wre offener Thür einer lieblicher hatte angehör war und die Schmelzbarkei kleines Lied Straßenpflaſte blickte, der zu „Ich dacht die beiden St „Wirklich? daß Sie es ſ tuffen! Sie nicht. Wie g „Nun, un une geht iderte Miß Nutter, 8 geguält wird. Aldgeby für Augen v als er ſich n er als das „Aber S ds nützt dal heiten zu r die Chre?” „Der etwiderte 9 5Miß A Jaden ab — Bo, Unſer de 8 den, daß di von Pubſey und Comp. in Saint Mary Axe. Sie mo⸗„Wir treffen einander jetzt niemals,“ ſagte Fledgeby, dei ſprechen raliſirte oft bei ihrer Arbeit über die Streiche und Ma⸗„wie?“ Nachfolger nieren jenes ehrwürdigen Betrügers, machte aber ihre„Nein,“ ſagte Miß Wren, das Wort abbeißend. einzutreten kleinen Einkäufe anderswo und führte ein zurückgezogenes„Es fiel mir deshalb ein, daß ich herkommen und Nleich einige Leben. Nachdem ſie wohl mit ſich zu Rathe gegangen, mich ein wenig mit Ihnen über unſeren pfiffigen Freund, eich d 8 di Jar hei⸗ koſ e.27 woſt devwährt e, indem 74 de, indem j daß daß Sie Be⸗ ber g der Ihr ver⸗ ein auſtellen ſeltan, daß enſch ſich dies erzen nahmn? ite er waͤhrend n uns Herz eicht hatte end derſelben den Verkehr helleren und nden Geiſte, e, die eigene ichtert; Rel⸗ ne Familien⸗ Geſicht und chen dem Kna⸗ ger Schweſter der Finſterniß kenheit. Ob er jenem oder Gründen— e fort war, Haupt ſinken um Boden und Haͤnde feſt 1 unſäglicher die Er⸗ einzigen ah auf dem liderhood wat e mit dem at geweſen. tig neffſcht, ater und deshalb age abermals rug ſeinen Weir⸗ hwater⸗ ßen Schläfen beſchloß ſie, Lizzie nicht vor dem alten Manne zu warnen, indem ſie meinte, daß ſie bald genug zu dem Bewußt⸗ ſein kommen werde, ſich in ihm getäuſcht zu haben. Deshalb ſchwieg ſie in ihren Briefen an die Freundin gänzlich über dieſen Gegenſtand, und ſprach ſich haupt⸗ ſächlich über Vergehungen ihres garſtigen Kindes aus, das mit jedem Tage garſtiger wurde. „Du gottloſer alter Knabe,“ pflegte Miß Wren mit drohend erhobenem Zeigefinger zu ihm zu ſagen;„Du wirſt mich ſchließlich noch zwingen, von Dir fortzu⸗ laufen, und dann wirſt Du zittern, bis Du in Stücke zerfälſſt, und es wird Niemand da ſein, der ſie auf⸗ ſammelt.“ Bei ſolchen Prophezeiungen eines elenden Ablebens pflegte der gottloſe alte Knabe dann zu wimmern und zu winſeln und ſich in die allerrrübſte Stimmung hin⸗ einzuzittern, bis der Augenblick kam, wo er ſich zum Hauſe hinaus und noch für drei Pfennige in ſich hinein zittern konnte. Doch öb er nun total betrunken oder todt nüchtern ſein mochte(er war bereits in einem ſolchen Stadium angelangt, daß er in dem letzteren Zuſtande am wenigſten lebendig war), es laſtete der paralytiſchen Vogel⸗ ſcheuche beſtändig auf dem Gewiſſen, daß er ſeine ſchlaue Mutter um ſechszigmal für drei Pfennige Rum verrathen, die alle verſchwunden, und daß ihre Schlauheit dies früher oder ſpäter entdecken werde. Alles in Allem genommen, und wenn man Mr. Dolls' Geiſteszuſtand mit ſeinem körperlichen Zuſtande zuſammennahm, war das Lager, auf dem er ruhte, ein Roſenbette, von dem die Blüthen und Blätter gänzlich hinweggeweht waren und wo er auf nichts als auf Stengeln und Dornen lag. Miß Wren ſaß eines Tages der Kühle wegen bei offener Thür allein bei ihrer Arbeit, und ſummte mit einer lieblichen kleinen Stimme, die allenfalls der Puppe hätte angehören dürfen, die ſie anzukleiden beſchäftigt war und die möglicherweiſe die Zerbrechlichkeit und Schmelzbarkeit des Wachſes beklagte, ein trauervolles kleines Lied vor ſich hin, als ſie plötzlich auf dem Straßenpflaſter Niemand anders als Mr. Fledgeby er⸗ blickte, der zu ihr hereinſchaute. „Ich dachte wohl, daß Sie es ſeien,“ ſagte Fledgeby, die beiden Stufen heraufſteigend. „Wirklich?“ entgegnete Miß Wren.„Und ich dachte, daß Sie es ſeien, junger Mann. Welch ein Zuſammen⸗ treffen! Sie täuſchten ſich nicht und ich täuſchte mich nicht. Wie geſcheidt wir ſind!“ „Nun, und wie geht es Ihnen?“ ſagte Fledgeby. „Es geht mir ziemlich wie gewöhnlich, Sir,“ er⸗ widerte Miß Wren.„Ich bin eine ſehr unglückliche Mutter, die durch einen ſehr ſchlechten Sohn zu Tode gequält wird.“ Fledgeby's kleine Augen öffneten ſich ſo weit, daß ſie für Augen von gewöhnlicher Größe hätten gelten können, als er ſich nach dem ſehr jungen Weſen umſchaute, das er als das in Frage ſtehende annahm. „Aber Sie ſind kein Vater,“ ſagte Miß Wren,„und es nützt daher nichts, mit Ihnen über Familienangelegen⸗ heiten zu reden.— Was verſchafft mir das Glück und die Ehre?“* „Der Wunſch, beſſer mit Ihnen bekannt zu werden,“ erwiderte Mr. Fledgeby. Miß Wren ſchaute ihn, indem ſie innehielt, um ihren Faden abzubeißen, ſehr ſchlau an. den Sohn Israel's, unterhalten wollte.“ „Alſo er gab Ihnen meine Adreſſe, wie?“ fragte Miß Wren. „Ich wurmte es aus ihm heraus,“ ſagte Fledgeby ſtockend.. „Sie ſcheinen ihn ziemlich häufig zu ſehen,“ ſagte Miß Wren mit ſchlauem Argwohn.„Alles wohl er⸗ wogen, ſcheinen Sie ihn ziemlich oft zu ſehen.“ „Ja, das thu' ich,“ ſagte Fledgeby;„Alles wohl er⸗ wogen.“ „Sind Sie,“ fragte die Schneiderin, indem ſie ſich über die Puppe hinneigte, an der ſie eben ihre Kunſt verſuchte,„noch nicht mit Ihren Fürbitten bei ihm zu Ende?“ „Nein,“ ſagte Fledgeby, den Kopf ſchüttelnd. „Meine Güte! Haben all dieſe Weile Fürbitte bei ihm gethan, und halten noch immer an ihm feſt?“ ſagte Miß Wren, mit ihrer Arbeit beſchäftigt. „Das iſt der rechte Ausdruck,“ ſagte Fledgeby. Miß Wren ſetzte mit concentrirter Miene ihre Arbeit fort un fragte nach einer Pauſe ſchweigſamen Fleißes: „Sind Sie in der Armee?“ „Das eben nicht,“ ſagte Fledgeby, ziemlich geſchmei⸗ chelt durch die Frage. „Im Seedienſt?“ fragte Miß Wren. „N— nein!“ ſagte Fledgeby. Erkmuancirte dieſe beiden Verneinungen, wie wenn er nicht gerade einem oder dem andern dieſer beiden Stände, aber faſt beiden angehörte. „Was ſind Sie denn?“ fragte Miß Wren. „Ich bin ein Gentleman, bin ich,“ ſagte Fledgeby. „O!“ ſagte Jenny, mit einer Miene der Ueberzeu⸗ gung den Mund zuſammenziehend.„Ja, verſteht ſich! Das erklärt den Umſtand, daß Sie ſo viel Zeit zu Für⸗ bitten haben. Aber welch ein gütiger, freundſchaftlicher Herr Sie ſein müſſen!“ Mr. Fledgeby fand, daß er um ein Brett herum Schlittſchuh laufe, auf dem die Warnung„Gefährlich“ geſchrieben ſtand, und daß es beſſer für ihn ſein werde, in eine neue Bahn einzulenken.„Kehren wir zu dem ſchlaueſten aller Schlauköpfe zurück,“ ſagte er.„Was hat er in Bezug auf Ihre Freundin, das ſchöne Mädchen, im Sinne? Er muß einen Zweck haben. Worin beſteht ſein Zweck?“ „Bin ich nicht zu ſagen im Stande, Sir!“ erwiderte Miß Wren gelaſſen. „Er will nicht bekennen, wohin ſie gegangen,“ ſagte Fledgeby;„und ich möchte ſie mir noch einmal anſehen. Ich weiß aber, daß er weiß, wohin ſie gegangen iſt.“ „Bin's nicht zu ſagen im Stande, Sir!“ erwiderte Miß Wren abermals. „Und Sie wiſſen, wohin ſie gegangen,“ wagte Fled⸗ geby zu fragen. „Bin's wirklich nicht zu ſagen im Stande, Sir!“ erwiderte Miß Wren. Das merkwürdige kleine Kinn begegnete Mr. Fled⸗ geby's Blicken mit einem ſo abweiſenden Rucke, daß dieſer angenehme Herr eine Weile nicht wußte, wie er ſeinen Theil an der Unterhaltung wieder aufnehmen ſollte. End⸗ lich ſagte er: „Miß Jenny!— So heißen Sie doch, wenn ich nicht irre?“ „Sie irren wahrſcheinlich nicht, Sir,“ war die trockene — Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 596 Antwort;„denn Sie haben es aus der beſten Quelle. Von mir, wiſſen Sie.“ „Miß Jenny! Anſtatt wie ſtumm und dumm da zu ſitzen, kommen Sie lieber heraus und werden Sie leben⸗ dig. Es macht ſich beſſer bezahlt, das verſichere ich Ihnen,“ ſagte Fledgeby, indem er die Schneiderin ſchmeichelnd anblinzte.„Sie werden finden, daß ſich's beſſer bezahlt macht.“ „Sie haben,“ ſagte Miß Jenny, indem ſie, die Scheere auf der Lippe balancirend, mit zurückgeworfenem Kopfe die Puppe auf Armlänge vor ſich hinhielt und den Effect ihrer Geſchicklichkeit betrachtete, wie wenn ihr Intereſſe dort und nicht in der Unterhaltung liege,„— Sie haben vielleicht die Güte, zu erklären, was Sie meinen, junger Mann, denn dies iſt Griechiſch für mich.— Du mußt noch ein wenig Blau im Beſatze haben, mein Schatz.“ Nachdem ſie dieſe Bemerkung an ihre ſchöne Kundin ge⸗ richtet, ſchnitzelte Miß Wren an gewiſſen blauen Seiden⸗ ſtückchen, die ſich unter einer Menge von bunten Fleckchen befanden, und fädelte einen Faden blaue Seide in ihre Nadel. „Schauen Sie her,“ ſagte Fledgeby. Acht?“ „Ich gebe Acht, Sir,“ erwiderte Miß Wren, ohne im Geringſten das Anſehen zu haben, als thue ſie dies.„Noch ein wenig Blau in Deinem Beſatz, mein Schatz.“ „Nun, ſchauen Sie her,“ ſagte Fledgeby, durch die Umſtände, unter denen er ſich genöthigt ſah, die Unter⸗ haltung fortziſetzen, etwas entmuthigt.„Falls Sie Acht geben— („Denn Hellblau,“ bemerkte Miß Wren in munterem Tone,„paßt ſich am beſten für Deine weiße Haut und Deine hellblonden Locken, meine ſüße junge Dame.“) „Ich ſage, wenn Sie Acht geben,“ fuhr Mr. Fled⸗ geby fort,„es wird ſich in dieſer Weiſe beſſer bezahlt machen. Sie Ihre beſchädigte Waare und Ihren Abfall um einen nominellen Preis von Pubſey und Comp. kaufen, oder ſogar umſonſt erhalten.“ „Aha!“ dachte die Schneiderin.„Aber Du biſt nicht ſo indirect, Kleinauge, daß ich nicht wahrnehmen könnte, daß Du dennoch ſelber Pubſey und Comp. biſt! Klein⸗ auge, Kleinauge, Du biſt viel zu ſchlau!“ „Und ich nehme an,“ fuhr Fledgeby fort,„daß es ſich für Sie der Mühe verlohnen würde, den größten Theil Ihres Mat'’rials umſonſt zu erhalten, wie, Miß ſein. Nachdem ich ſie dort abgeſetzt, will ich zu Ihnen Jenny?“ „Sie dürfen annehmen,“ erwiderte die Schneiderin mit wiederholtem ſchlauem Kopfnicken,„daß es ſich ſtets der Mühe für mich verlohnt, Geld zu machen.“ „Jetzt,“ ſagte Fledgeby beifällig,„antworten Sie verſtändig! Jetzt kommen Sie zum Vorſchein und werden lebendig! Deshalb erlaube ich mir die Bemerkung, Miß Jenny, daß Sie und Juda zu dicke Freunde waren, als daß es hätte von Dauer ſein können. Man kann mit einem ſo liſtigen Fuchſe, wie Juda, nicht vertraut werden, ohne ihn allmälig ein wenig zu durchſchauen, wiſſen Sie,“ ſagte Fledgeby blinzelnd.. „Ich muß geſtehen,“ ſagte die Schneiderin, die Augen auf ihre Arbeit heftend,„daß wir augenblicklich keine guten Freunde ſind.“ „Ich weiß, daß Sie augenblicklich keine guten Freunde ſind,“ ſagte Fledgeby,„ich weiß Alles. ſeinen ſchlauen Willen zu haben. In den meiſten Din⸗ gen gelingt ihm dies auf die eine oder die andere Art, aber— zum Henker!— es muß ihm nicht in Allem „Geben Sie Es wird indirecter Weiſe dahin führen, daß Ich möchte es dem Juda abtragen, und ihm nicht geſtatten, in Allem gelingen. Das iſt zu viel.“ Mr. Fledgeby ſagte dies mit einem Anſcheine von entrüſteter Wärme, wie wenn er als Anwalt in Sachen der Tugend redete. „Wie kann ich es verhindern, daß er ſeinen Willen hat?“ begann die Schneiderin. „Seinen ſchlauen Willen nannte ich es,“ ſagte Fled⸗ geby.. „— Seinen ſchlauen Willen alſo?“ 1 „Das will ich Ihnen ſagen,“ ſagte Fledgeby.„Ich höre Sie dies gern fragen, denn es ſieht aus, als ob Sie lebendig würden. Es iſt genau das, was ich von Ihrem ſcharfen Verſtande erwartet haben würde. Auf⸗ richtig.“ „Wie?“ rief Miß Jenny. „Ich ſagte aufrichtig,“ erklärte Mr. Fledgeby ein wenig verblüfft. „O— o!“ „Ich möchte ihm gern in Bezug auf Ihre Freundin, das ſchöne Mädchen, entgegenarbeiten. Er hatte Etwas dabei im Sinne. Sie können ſich darauf verlaſſen, Juda hat Etwas dabei im Sinne. Er hat einen Zweck, und ſein Zweck iſt natürlich ein finſterer. Was nun immer ſein Zweck ſein mag, es iſt zur Erfüllung des Zweckes nothwendig“— Mr. Fledgeby's Redegaben waren hier nicht im Stande, ihn vor einiger Tautologie zu retten—,„daß es mir nicht verborgen bleibt, was er mit ihr angefangen hat. Deshalb lege ich Ihnen, die Sie es wiſſen, die Frage vor: Was hat er mit ihr an⸗ gefangen? Mehr verlange ich nicht. Und iſt dies viel verlangt, wenn Sie erwägen, daß die Auskunft ſich be⸗ zahlt machen würde?“ Miß Jenny Wren, die nach ihrer letzten Unterbre⸗ chung die Augen auf die Bank geheftet, ſaß einige Augen⸗ blicke dieſelbe anſchauend, doch ohne zu arbeiten, da. Dann nahm ſie munter ihre Arbeit wieder auf und ch mit einem Seitenblicke auf Mr. Fledgeby: „Wo wohnen Sie?“ „Im Albany, Piccadilly,“ erwiderte Fledgeby. „Wann ſind Sie zu Hauſe?“ „Wann Sie wollen.“ „Um die Frühſtückszeit?“ ſagte Jenny in ihrer kür⸗ zeſten und abgebiſſenſten Weiſe. „Könnte am ganzen Tage keine beſſere Zeit geben,“ ſagte Fledgeby. „Ich will morgen bei Ihnen einſchauen, junger Mann. Jene beiden Damen,“ auf ein paar Puppen deutend, müſſen morgen pünktlich um zehn Uhr in Bond Street herumfahren.“ Miß Jenny deutete mit einem elfenhaften kleinen Lachen auf ihren Krückſtock als ihre Equipage. „Dies heißt in der That lebendig werden!“ rief Fled⸗ geby aufſtehend. „Doch merken Sie ſich's! Ich verſpreche nichts,“ ſagte die Puppenſchneiderin, indem ſie zweimal in der Luft mit ihrer Nadel nach ihm ſtieß, wie wenn ſie ihm beide Augen ausſtechen wollte. „Nein, nein. Ich verſtehe wohl,“ erwiderte Fledgeby. „Der Punkt in Bezug auf die beſchädigte Waare und den Abfall ſoll zuerſt erledigt werden. Es ſoll ſich be⸗ zahlt machen, fürchten Sie nichts. Guten Tag, Miß Jenny.“ „Guten Tag, junger Mann.“ Mr. Fledgeby's einnehmende Geſtalt entfernte ſich, und die kleine Schneiderin ſetzte ſchnitzelnd und ſchneidend und nähend, nähend und ſchneidend und ſchnitzelnd ihre Arbeit emſig wieder fort, wobei ſie unausgeſetzt nach⸗ grübelte und vor ſich hin muxmelte. „Dunkel, nebelig, geheimnißvoll. Kann nicht dahinter V n. bumriſe Bündlaben de ein L er iſt ein* ſehen kann⸗ wit ihrem Fad uppe eüit ſranend bei ü ihre Stellung von ihr entt Ueberdies ha Auge dem ſeit den alten Kn und bebte. Fieberſchauern durch verbeſſer jigmal für dre vollſtundige Se lich war ſonde auf Schnaps! Mißhelligkeiten anfuhr und ih Ein unan, nicht anders d ſein. Sie wa munter und ft beiden Damen Cquipage nac Hauſes angel Wohnung ge ſelben eine D Gegenſtänden Hand hielt. „Sie ſuch gem Weſen. „Ich gehe „Das kön it ein Herr Geſchäft bei und dann kör unter kommt, „Pihrend die Dame ſic wenn ſie bere dringen zu u war, daß ſi konnte, und ſtand Letzter MNun⸗ Ich la T andere Wof nIſt d höre?“ ſag „Mr. 7 merkte die — te Freundin, atte Etwas — derlaſſen, inen Zweck ſſenl, die nit ihr an⸗ ſt dies viel kunft ſich be⸗ m Unterbre⸗ inige Augen⸗ ten, da. auf und ſagte Bond Street ich zu Ihnen em elfenhaften e Eguipage. en!“ rief Fled⸗ vreche nichte,“ preche nichts, veimal in der enn ſie ihm erte Fledgebh. „Waare und z ſoll ſich be⸗ n Tag, Miß Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 598 kommen. Kleinauge und der Wolf mit einander im Bündniſſe? Kann nicht dahinter kommen. Meine arme Lizzie, haben ſie Beide auf ihre Art Anſchläge gegen Dich im Sinne? Kann nicht dahinter kommen. Iſt Kleinauge Pubſey und der Wolf Compagnie? Kann nicht dahinter kommen. Iſt Pubſey der Compagnie und Compagnie dem Pubſey getreu? Oder Pubſey falſch gegen Compagnie und Compagnie falſch gegen Pubſey? Kann nicht dahinter kommen. Doch wie's immer ſei, er iſt ein Lügner. Das iſt Alles, was ich bis jetzt klar ſehen kann. Aber Du magſt Dich im Albany, Piccadilly ſchlafen legen, junger Mann, und das zu Deinem Kiſſen nehmen!“ Dabei that die kleine Schneiderin abermals zwei Stiche nach ſeinen Augen und ſchien ihn, indem ſie mit ihrem Faden in der Luft eine Schlinge machte, durch die ſie geſchickt mit ihrer Nadel hindurch fuhr und ſo einen feſten Knoten zog, außerdem noch zu erwürgen. Für die Schrecken, die an dieſem Abend von Mr. Puppen erlitten wurden, als ſeine kleine Mutter tief ſinnend bei ihrer Arbeit ſaß, und er ſich jedesmal, wo ſie ihre Stellung veränderte oder ihre Blicke auf ihn warf, von ihr entdeckt wähnte, giebt es keine Beſchreibung. Ueberdies hatte ſie die Gewohnheit, jedesmal, wenn ihr Auge dem ſeinigen begegnete, ihren Kopf gegen den elen⸗ den alten Knaben zu ſchütteln, während dieſer zitterte und bebte. Er ward an dieſem Abend von heftigen Fieberſchauern geſchüttelt und ſein Zuſtand nicht ſehr da⸗ durch verbeſſert, daß er häufig mit reuiger Miene„ſechs⸗ zigmal für drei Pfennige Rum“ ſtöhnte. Da dieſer un⸗ vollſtändige Satz als Bekenntniß durchaus nicht verſtänd⸗ lich war, ſondern vielmehr wie eine Gargantuaniſche Ordre auf Schnaps klang, gerieth er durch denſelben in neue Mißhelligkeiten, indem ſeine Mutter ihn biſſiger denn je anfuhr und ihn mit bitteren Vorwürfen überſchüttete. Ein unangenehmer Abend für Mr. Puppen konnte nicht anders als unangenehm für die Puppenſchneiderein ſein. Sie war indeſſen am nächſten Morgen friſch und munter und fuhr nach Bond Street, wo ſie pünktlich die beiden Damen abſetzte, und ließ ſich dann von ihrer Equipage nach dem Albany bringen. An der Thür des Hauſes angelangt, in dem Mr. Fledgeby's Junggeſellen⸗ Wohnung gelegen worſgf ſie auf der Schwelle der⸗ ſelben eine Dame in ekleidern vor, die— von allen Gegenſtänden in der Welt— einen Herrenhut in der Hand hielt. „Sie ſuchen Jemanden?“ fragte die Dame mit ſtren⸗ gem Weſen. „Ich gehe zu Mr. Fledgeby hinauf.“ „Das können Sie in dieſem Augenblicke nicht. Es iſt ein Herr bei ihm. Ich warte auf den Herrn. Sein Geſchäft bei Mr. Fledgeby wird bald abgemacht ſein, und dann können Sie hinaufgehen. Bis der Herr her⸗ unter kommt, müſſen Sie hier warten.“ Während ſie ſprach und nachdem ſie geſprochen, ſtellte die Dame ſich wachſam zwiſchen ſie und die Treppe, wie wenn ſie bereit ſei, ſich ihrem etwaigen gewaltſamen Ein⸗ dringen zu widerſetzen. Da die Dame von einer Statur war, daß ſie die Schneiderin mit einer Hand feſthalten konnte, und überdies außerordentlich entſchloſſen ausſah, ſtand Letztere ſtill. „Nun? Warum lauſchen Sie?“ fragte die Dame. „Ich lauſche nicht,“ ſagte die Schneiderin. „Was hören Sie?“ ſagte die Dame, ihre Frage in andere Worte kleidend. „Iſt es eine Art von Geplätſcher, das ich irgendwo höre?“ ſagte die Schneiderin mit einem fragenden Blicke. „Mr. Fledgeby vielleicht in ſeinem Regenbade,“ be⸗ merkte die Dame lächelnd. * „Und es klopft Jemand den Teppich aus, wie mir ſcheint?“ „Wahrſcheinlich Mr. Fledgeby's Teppich,“ erwiderte die lächelnde Dame. Miß Wren hatte einen ziemlich guten Blick für ein Lächeln, da ſie bei ihren jungen Freunden ſehr an daſſelbe gewöhnt, obgleich deren Lächeln meiſtens von kleinerer Beſchaffenheit war. Aber ſie hatte nie ein ſo merkwür⸗ diges Lächeln geſehen, wie das im Geſichte dieſer Dame. Daſſelbe öffnete ihre Nüſtern in einer erſtaunlichen Weiſe, und verzog ihre Lippen und Augenbrauen. Es war deſſenungeachtet ein Lächeln der Freude, doch von einer ſo wüthenden Art von Freude, daß Miß Wren dachte, ſie möchte ſich lieber gar nicht freuen, als es in ſolcher Weiſe thun. „Nun!“ ſagte die Dame, ſie beobachtend. jetzt?“ „Ich hoffe— es geſchieht doch nicht etwa ein Un⸗ glück!“ ſagte die Schneiderin. „Wo?“ fragte die Dame. „Ich weiß nicht, wo,“ ſagte Miß Wren, ſich rings umſchauend.„Aber ich habe in meinem Leben kein ſo merkwürdiges Getöſe gehört. Meinen Sie nicht, daß ich lieber Jemanden rufen ſollte?“ „Ich denke, daß Sie das lieber bleiben laſſen,“ er⸗ widerte die Dame mit einem bedeutungsvollen Stirn⸗ runzeln und indem ſie näher an ſie herantrat. Auf dieſen Wink gab die Schneiderin den Gedanken auf und ſtand die Dame anſchauend da, wie die Dame ſie anſchaute. Inzwiſchen lauſchte die Schneiderin mit Staunen dem merkwürdigen Getöſe, das noch immer fortfuhr, und die Dame lauſchte ebenfalls, doch mit einer Ruhe, in der keine Spur von Staunen lag. Bald darauf ward ein heftiges Thürzuſchlagen ge⸗ hört; und dann kam ein Herr die Treppe herunter⸗ gelaufen, ein Herr mit einem Backenbarte und außer Athem, der glühend heiß zu ſein ſchien. „Iſt Dein Geſchäft abgemacht, Alfred?“ fragte die Dame. „Sehr gründlich abgemacht,“ erwiderte der Herr, in⸗ dem er ihr den Hut abnahm. „Sie können jetzt zu Mr. Fledgeby hinaufgehen, ſo⸗ bald es Ihnen beliebt,“ ſagte die Dame, hochmüthig aus dem Wege gehend. „O! Und Sie können dieſe drei Stücke eines Stocks mitnehmen,“ fügte der Herr höflich hinzu,„und ſagen, dieſelben kommen von Mr. Alfred Lammle, mit ſeiner Empfehlung, da er England verläßt. Mr. Alfred Lammle. Haben Sie die Güte, den Namen nicht zu vergeſſen.“ Die drei Stücke waren drei zerbrochene und zerfetzte Bruchſtücke eines ſtarken und geſchmeidigen Rohrſtocks. „Was Miß Jenny empfing dieſelben mit Verwunderung, und g g der Herr wiederholte mit einem grinſenden Lächeln: „Mr. Alfred Lammle, wenn Sie die Güte haben wollen. Seine Empfehlung, da er England verläßt,“ worauf die Dame und der Herr ganz gelaſſen fortgingen und Miß Jenny und ihre Krücke ſich die Treppe hinauf, verfügten. „Lammle, Lammle, Lammle?“ wiederholte Miß Jenny, indem ſie von einer Treppe zur anderen keuchte,„wo habe ich den Namen gehört? Lammle, Lammle? Ich weiß! Saint Mary Axe!“ Mit einem Strahle neuen Verſtändniſſes in ihrem klugen Geſicht, zog die Puppenſchneiderin an Mr. Fled⸗ geby's Klingel. Niemand antwortete; doch aus dem Innern der Junggeſellenwohnung drang ein fortwähren⸗ des plätſcherndes Geräuſch von höchſt eigenthümlicher und unbegreiflicher Beſchaffenheit zu ihr. V 599 „Gerechter Himmel! Iſt Kleinauge etwa im Begriff, zu erſticken?“ rief Miß Jenny. Nachdem ſie nochmals geklingelt und keine Antwort erhalten, ſtieß ſie an die äußere Thür und fand, daß dieſelbe nicht geſchloſſen war. Da ſie, als ſie die Thür weiter öffnete, Niemanden erblickte und das merkwürdige Geräuſch nicht nachließ, nahm ſie ſich die Freiheit, eine innere Thür zu öffnen, und hatte dann den erſtaunlichen Anblick von Mr. Fledgeby in einem Hemd, türkiſchen Beinkleidern und einer türkiſchen Mütze, wie er ſich heftig ſchnaufend und nieſend auf ſeinem Teppich hin und her wälzte. „O, Gerechter!“ keuchte Mr. Fledgeby.„O, meine Güte! Haltet den Dieb! Ich werde erwürgt. Feuer! O, mein Himmel! Ein Glas Waſſer. Geben Sie mir ein Glas Waſſer. Schließen Sie die Thür. Mörder! O, mein Gott!“ und dann waälzte er ſich und huſtete und nieſte heftiger denn je. Miß Jenny eilte in ein Nebenzimmer, holte ein Glas Waſſer und brachte daſſelbe zu Mr. Fledgeby's Erleich⸗ terung, der keuchend und ſchnaufend und im Halſe gurgelnd etwas von dem Waſſer trank und matt den Kopf auf ihren Arm ſinken ließ. ringen anfangend.„Es iſt Salz und Schnupftabak. Es iſt in meiner Naſe und in meiner Kehle und in meiner Luftröhre. Puh! Au! au! Ah—h—h— h!“ Und hier ſchien er, fürchterlich krähend und indem die Augen ihm weit aus dem Kopfe traten, mit jeder erdenklichen Hühnerkrankheit zu ringen. „Und, o mein Himmel, es thut mir ſo weh!“ rief Fledgeby, ſich in einer krampfhaften Weiſe auf den Rücken werfend, daß die Schneiderin an die Wand zurückwich. „O, es beißt ſo! O, legen Sie mir etwas auf den Rücken und die Arme und die Beine und die Schultern. O! Es ſitzt mir wieder in der Kehle und kann nicht heraufkommen. Au! au! au! Ah—h— h— h! O, es beißt ſo!“ Hier ſprang Mr. Fledgeby auf und warf ſich wieder nieder und wälzte ſich wieder. Die Puppenſchneiderin ſchaute ihm zu, bis er ſich, mit ſeinen türkiſchen Pantoffeln zu oberſt, in einen Winkel gewälzt, und gab ihm dann, indem ſie beſchloß, ihre Heilkunſt zuerſt gegen das Salz und den Schnupf⸗ tabak zu verſuchen, noch etwas Waſſer und klopfte ihn auf den Rücken. Dieſer letztere Verſuch war indeſſen durchaus nicht erfolgreich, denn derſelbe machte Mr. Fledgeby aufſchreien und ausrufen:„O, mein Himmel! Klopfen Sie mich nicht! Ich bin mit Schwielen bedeckt, und es thut ſo weh!“ Indeſſen hörte er allmälig zu erſticken und zu krähen auf, außer hin und wieder einmal, und Miß Jenny machte ihn in einen Lehnſeſſel niederſitzen, wo er mit ſeinen gerötheten und wäſſerigen Augen, ſeinem geſchwol⸗ lenen Geſicht und etwa einem halben Dutzend gelber Streifen quer über das Antlitz einen höchſt jämmerlichen Anblick bot. „Was in aller Welt bewog Sie, Salz und Schnupf⸗ tabak zu nehmen, junger Mann?“ fragte Miß Jenny. „Ich habe es nicht ſelber genommen,“ erwiderte der betrübte Jüngling.„Es ward mir in den Mund geſtopft.“ „Wer ſtopfte es?“ fragte Miß Jenny. „Er,“ antwortete Fledgeby.„Der Mörder Lammle. Er rieb es mir in den Mund und in die Naſe und in die Kehle hinunter— Au! au! au! Ah—h—h—h! O! — um mich am Schreien zu verhindern, und prügelte mich dann auf das Grauſamſte!“ „Etwa hiermit?“ fragte Miß Jenny, ihm die Stücke zeigend. 1 „Das iſt die Waffe,“ ſagte Fledgeby, dieſelbe mit der Miene eines alten Bekannten betrachtend.„Er zerſchlug den Stock auf meinem Rücken. O, es thut ſo weh! Wie kommen Sie dazu?“. „Als er die Treppe herunter gelaufen und zu der Dame kam, die er mit ſeinem Hute am Eingange hatte ſtehen laſſen—“ begann Miß Jenny. „O!“ ſtöhnte Mr. Fledgeby, ſich krümmend,„ſie hielt ſeinen Hut, wie? Ich hätte wiſſen können, daß ſie etwas damit zu thun hatte.“*. „Als er zur Dame herunterkam, die mich nicht hin⸗ auflaſſen wollte, gab er mir die Stücke für Sie, und trug mir auf, zu ſagen: ‚Mit Mr. Alfred Lammle's Empfehlung, da er England verlaſſe.““ Miß Jenny ſagte dies mit einer ſo boshaften Freude und einem ſolchen Rucke mit ihrem Kinn und ihren Augen, daß dies noch Mr. Fledgeby's Leiden erhöht haben würde, falls er es in ſeinem körperlichen Schmerze, mit der Hand am Kopfe, hätte wahrnehmen können. „Soll ich die Polizei holen?“ fragte Miß Jenny, mit einer geſchwinden Bewegung der Thür zu. „Halt! Nein, thun Sie das nicht!“ rief Fledgeby. „Bitte, nein. Laſſen wir es lieber nicht verlauten. Wol⸗ „O, mein Himmel!“ rief Fledgeby, von Neuem zu len Sie ſo gut ſein, die Thür zu ſchließen? O, es thut ſo weh!“ Zum Zeugniſſe, wie ſehr weh es that, wälzte Mr. Fledgeby ſich aus dem Lehnſeſſel und wieder ein paar Mal auf dem Teppich umher. „Jetzt, da die Thür geſchloſſen iſt,“ ſagte Mr. Fled⸗ geby, mit dem türkiſchen Käppchen ſchief auf dem Kopfe und den immer blauer werdenden Streifen im Geſicht aufrecht ſitzend,„erzeigen Sie mir die Gefälligkeit, mei⸗ nen Rücken und meine Schultern anzuſchauen. Sie müſſen in einem fürchterlichen Zuſtande ſein, denn ich hatte meinen Schlafrock noch nicht angezogen, als das Ungeheuer hereingeſtürzt kam. Schneiden Sie mir das Hemd vom Kragen ab; die Scheere liegt dort auf dem Tiſche. O!“ ſtöhnte Mr. Fledgeby, die Hand wieder an den Kopf legend.„Du mein Himmel, wie weh es thut!“ „Hier?“ fragte Miß Jenny, auf den Rücken und die Schultern deutend. „O, mein Gott, ja!“ ſtöhne Fledgeby, ſich hin und her wiegend.„Ueberall! Am ganzen Leibe!“ Die flinke kleine Schneiderin ſchnitt ſchnell das Hemd fort und legte die Reſultate einer ſo gewaltigen und gründlichen Tracht Schläge zur Schau, wie eben Mr. Fledgeby dieſelbe verdient.„Es mag Ihnen wohl weh thun, junger Mann!“ rief Miß Jenny aus und rieb ſich heimlich hinter ihm die kleinen Hände und that ein paar frohlockende Stöße mit ihren beiden Zeigefingern über ſeinem Haupte. „Was meinen Sie zu Eſſig und Löſchpapier?“ fragte der leidende Fledgeby, noch immer ſtöhnend und ſich hin und her wiegend.„Sieht es aus, als ob Eſſig und Löſchpapier gut dafür ſeien?“ „Ja,“ ſagte Miß Jenny mit einem ſtillen Lachen. „Es ſieht aus, als ſollte es gepökelt werden. Mr. Fledgeby ſank bei dem Worte„gepökelt“ zu⸗ ſammen und ſtöhnte wieder.„Meine Küche befindet ſich in dieſer Etage,“ ſagte er;„Sie werden in einer Schub⸗ lade des Anrichtetiſches Löſchpapier und auf dem Sims eine Flaſche mit Eſſig finden. Wollten Sie wohl die Güte haben, ein paar Pflaſter zu machen und mir die⸗ ſelben aufzulegen? Die Sache kann nicht zu geheim ge⸗ halten werden.“ „Eins, zwei— ahem— fünf, ſechs. Sie werden ſechs haben müſſen,“ ſagte die Schneiderin. * V 45 9 2 9 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. A 600 Da Nr. dem Kaminſit nahm dieſelb mit wohl ber Fledgeby zurt Fledgeby ein Stelle geleg⸗ „So, jj „Jetzt iſt Muthe?“ Dies wa geby ſchrie z Miß Jeu ihm ſeine per ihm ans Bet zwiſchen Ihne junger Manr ſagte Niß I len Sie ſichj „O, mein ic nicht! O, Das Letzt giif. die Dh war Mr. Fled phin in ſeine umherwarf r Schlafzimme und nahm, a hinaustreteng dem ſie unt fie durch's und zu unb während ſie An der abgeſetzt un ihren Krüch ſih nach Dort war nern Alles dieſſeits 1 Beobachtn ſchreibend er. gfe hiet dh ſie etwas nicht hin. Dle, und A Lamnles mulh Jenny 9 und einem Augen, daß aben würde, ze, mit der Jenny 7, edgeby. auten. Wol⸗ 1 O, es thut wäͤlzte Mr. der ein paar te Mr. Fled⸗ dem Kopfe im Geſccht gkeit, mei⸗ ſchauen. Sie denn ich als das Sie mir das dort auf dem nd wiederan wie weh es ücken und die ſich hin und wohl weh aus und rieb und that ein a Zeigefingern avier?“ fragte und ſich hin 5 Efſig und illen Lachen. zevökelt“ zu⸗ befindet ſi Sie— und mi die⸗ u gehein ge ie werden ſeche 602 Miß Jen nach der Küche, fand das Löſchpapier und den Eſſig und ſchnitt geſchickt ſechs große Pflaſter aus, die ſie in Eſſig tränkte. Als ſie alle fertig auf dem Tiſche lagen, kam ihr, als ſie dieſelben eben aufzunehmen im Begriff war, ein Gedanke. „Ich denke,“ ſagte Miß Jenny mit einem ſtillen Lachen,„er ſollte ein wenig Pfeffer darauf haben? Eben ein paar Körnchen? Ich denke, die Streiche und Ma⸗ nieren des jungen Mannes fordern ein wenig Pfeffer von ſeinen Freunden?“ dem Kaminſimſe erblicken ließ, ſtieg ſie auf einen Stuhl, nahm dieſelbe herunter und beſtreute alle die Pflaſter mit wohl berechnender Hand. Dann kehrte ſie zu Mr. Fledgeby zurück und legte ſie ihm alle auf, während Mr. Fledgeby ein lautes Geheul ausſtieß, als jedes an ſeine Stelle gelegt ward.— „So, junger Mann!“ ſagte die Puppenſchneiderin. „Jetzt iſt es Ihnen hoffentlich ziemlich behaglich zu Muthe?“ Dies war anſcheinend nicht der Fall, denn Mr. Fled⸗ geby ſchrie zur Antwort:„O—h! wie es beißt!“. Miß Jenny zog ihm ſein perſiſches Gewand an, zog ihm ſeine perſiſche Mütze ſchief über die Augen und half ihm an's Bett, das er ſtöhnend beſtieg.„Da Geſchäfte zwiſchen Ihnen und mir für heute außer Frage ſind, junger Mann, und meine Zeit überdies koſtbar iſt,“ jagte Miß Jenny darauf,„will ich mich entfernen. Füh⸗ len Sie ſich jetzt behaglich?“ „O, mein Himmel!“ rief Fledgeby.„Nein, das finde ich nicht! O, wie es beißt!“ Das Letzte, was Miß Jenny ſah, als ſie, im Be⸗ griff, die Thür zu ſchließen, in's Zimmer zurückſchaute, war Mr. Fledgeby, der ſich, wie ein Tummler oder Del⸗ phin in ſeinem heimathlichen Elemente, auf ſeinem Bett umherwarf und ⸗wälzte. Dann ſchloß ſie die Thür des Schlafzimmers und alle anderen Thüren, ging hinunter, und nahm, aus dem Albany in die geſchäftigen Straßen hinaustretend, den Omnibus nach Saint Mary Axe, in⸗ dem ſie unterwegs all die ſchön gekleideten Damen, die ſie durch's Fenſter ſehen konnte, in den Dienſt preßte und zu unbewußten Muſterfiguren für Puppen benutzte, während ſie dieſelben im Geiſte ausſchnitt und aufheftete. Aeuntes Capitel. Zwei Stellen werden varant. An der Ecke von Saint Mary Axe vom Omnibus abgeſetzt und ſich in dieſem Bereiche auf ihre Füße und ihren Krückſtock verlaſſend, begab die Puppenſchneiderin ſich nach dem Geſchäftslocale von Pubſey und Comp. Dort war äußerlich Alles ſonnig und ſtill, und im In⸗ nern Alles ſchattig und ſtill. Wie ſie ſich im Flur dieſſeits der Glasthür verſteckte, konnte ſie von dieſem Beobachtungspoſten den alten Mann mit ſeiner Brille ſchreibend an ſeinem Pulte ſitzen ſehen. „Bohn“ rief die Schneiderin, ihren Kopf zur Glas⸗ thür hineinſteckend.„Mr. Wolf zu Hauſe?“ Der alte Mann nahm ſeine Brille ab und legte die⸗ ſelbe ſanft neben ſich nieder.„Ah, Jenny, ſeid Ihr es? Ich glaubte, Ihr hättet mich aufgegeben?“ begab ſich mit der Scheere in der Hand zu ſehen, aufgeben. Da Mr. Fledgeby's Unſtern ſie die Pfefferbüchſe auf „Ict, Jenny ja.“ die Thür, wie wenn er meinte, ſein Principal könne dort zu unrechter Zeit erſcheinen. „Falls Du Dich vor dem Fuchſe fürchteſt,“ ſagte Miß Jenny,„ſo magſt Du für jetzt alle Hoffnung, jenes Thier Er wird ſich noch manchen Tag nicht außer dem Hauſe zeigen.“ „Was wollt Ihr damit ſagen, mein Kind?“ „Ich will damit ſagen, Frau Pathe,“ erwiderte Miß Wren, ſich neben dem Juden niederſetzend,„daß der Fuchs eine prachtvolle Tracht Schläge erhalten hat, und daß, falls ihm nicht in dieſem Augenblicke Haut und Knochen weh thun und brennen und beißen, noch nie einem Fuchſe die Haut weh gethan.“ Darauf erzählte Miß Jenny, was ſich im Albany zugetragen, ohne jedoch der Pfefferkörnchen Erwähnung zu thun. „Und jetzt, Frau Pathe,“ fuhr ſie fort,„möchte ich Dich ganz ausdrücklich fragen, was ſich hier zugetragen, ſeitdem ich den Wolf hier verließ? Denn es rollt mir eine Idee von der Größe einer Erbſe in meinem kleinen Kopfe herum. Vor Allem, biſt Du Pubſey und Comp., oder biſt Du Eins von Beiden? Auf Dein feierliches Ehrenwort!“ Der alte Mann ſchüttelte den Kopf. „Zweitens: Iſt nicht Fledgeby ſowohl Pubſey als Compagnie?“ Der alte Mann antwortete mit einem widerſtrebenden Kopfnicken. „Meine Idee,“ ſagte Miß Wren,„iſt jetzt ungefähr von der Größe einer Apfelſine. Doch ehe ſie noch größer wird, laß Dich zurückbewillkommnen, Du liebe alte Pathe!“ Das kleine Weſen ſchlang mit großer Ernſtlichkeit die Arme um den Nacken des alten Mannes und küßte ihn.„Ich bitte Dich demüthiglich um Vergebung, Frau Pathe. Es thut mir aufrichtig leid. Ich hätte mehr Zutrauen in Dich ſetzen ſollen. Aber was konnte ich denken, daß Du nichts zu Deiner Entſchuldigung ſagteſt, weißt Du? Ich will mich damit nicht rechtfertigen, aber was konnte ich wohl denken, da Du zu Allem ſchwiegſt, was er ſagte? Es ſah garſtig aus, nicht wahr?“ „Es ſah ſo garſtig aus, Jenny,“ erwiderte der alte Mann mit großem Ernſt,„daß ich Euch ſofort erzählen will, welche Wirkung es auf mich hervorbrachte. Ich war mir ſelber verhaßt. Ich war, indem ich dem Schuldner und Dir ſo haſſenswerth erſchien, mir ſelber verhaßt. Aber, was noch mehr und ſchlimmer iſt, und um ganz von mir ſelber abzuſehen— ich ſann an jenem Abend, als ich in meinem Garten auf dem Dache ſaß, nach und kam zu der Ueberzeugung, daß ich meinem alten Glauben und Geſchlechte Unehre mache. Ich ſah zum erſten Male deutlich ein, daß ich, indem ich meinen Nacken unter dem Joche beugte, das ich zu tragen bereit war, das ganze jüdiſche Volk, gegen ſeinen Willen, ſich dieſem Joche unter⸗ werfen machte. Denn es iſt in chriſtlichen Ländern mit den Juden nicht, wie mit andern Leuten. Die Leute ſagen:„Dies iſt ein ſchlechter Grieche, aber es giebt gute Griechen. Dies iſt ein ſchlechter Türke, aber es giebt gute Türken.“ Nicht ſo, wenn ſie von den Juden reden. Die Leute finden die Schlechten unter uns leicht genug 603 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 604 heraus— und bei welchen Völkern wären die Schlechten wohl nicht leicht herauszufinden?— aber ſie nehmen die Schlechteſten unter uns als Proben von den Beſten an; ſie laſſen die niedrigſten unter uns als Repräſentanten der Höchſten gelten; und ſie ſagen: ‚Die Juden ſind ein⸗ ander alle gleich.“ Falls ich bei dem, was ich hier zu thun, zufrieden, weil ich dankbar für die Vergangenheit war und jetzt nur wenig des Geldes bedarf, ein Chriſt geweſen, ſo hätte ich es thun können, ohne irgend Je⸗ manden, außer mir ſelber, zu compromittiren. Doch da ich es als Jude that, konnte ich nicht umhin, die Juden aller Stände und aller Länder zu compromittiren. Es iſt dies ein wenig hart für uns, aber es iſt die Wahr⸗ heit. Ich wollte, daß alle Leute dies bedächten! Obgleich ich kaum das Recht habe, dies zu ſagen, da es mir ſelber erſt ſo ſpät klar wurde.“ Die Puppenſchneiderin hielt die Hand des alten Mannes in der ihrigen und ſchaute ihm nachdenklich in's Geſicht. „So dachte ich, wie geſagt, als ich an jenem Abend in meinem Garten auf dem Dache ſaß. Und indem ich den ſchmerzlichen Auftritt des Tages vielmal mit mir durchging, ſah ich ſtets, daß der arme Herr die Geſchichte bereitwillig glaubte, weil ich ein Jude war,— daß die Geſchichte dem Erfinder ſelber nur in den Sinn kam, weil ich ein Jude war. Dies war das Reſultat davon, daß ich Euch alle Drei vor mir gehabt und die Sache Weshalb wie auf einer Bühne dargeſtellt geſehen hatte. ich die Verpflichtung fühlte, dieſen Dienſt zu verlaſſen. Aber, meine liebe Jenny,“ ſagte Riah, ſich unterbrechend, „ich verſprach, daß Ihr Eure Fragen fortſetzen ſolltet, und ich verhindere ſie.“ „Im Gegentheil, Frau Pathe; meine Idee iſt jetzt ſo groß, wie ein Kürbis— und Du weißt wohl, was ein Kürbis iſt, wie? Du haſt ihm alſo den Dienſt auf⸗ geſagt? Kommt das zunächſt? fragte Miß Jenny mit einem Blicke angeſtrengter Aufmerkſamkeit. „Ja, ich habe zu dem Behufe an meinen Herrn ge⸗ ſchrieben.“ „Und was ſagte der wälzende, beißende, ſchreiende, kratzende Schmerzensmann?“ fragte Miß Wren mit einem unausſprechlichen Vergnügen an dem Ausſprechen jenes Ehrentitels und der Erinnerung an den Pfeffer. „Er hielt mich an gewiſſe Dienſtmonate gebunden, die ihm von Rechtswegen zukommen. Dieſe Friſt iſt morgen verſtrichen. Nachdem dieſelbe abgelaufen ſein würde, hatte ich die Abſicht, mich vor meinem Aſchen⸗ brödelchen zu rechtfertigen, doch nicht früher.“ „Meine Idee wird jetzt ſo groß,“ rief Wiß Wren, die Hände an die Schläfen drückend,„daß mein Kopf ſie nicht zu halten vermag! Höre mich an, Frau Pathe. Ich komme zu einer Auseinanderſetzung. Kleinauge(das iſt der ſchreiende, kratzende Schmerzensmann) hegt einen tiefen Groll gegen Dich dafür, daß Du ihn verläſſeſt. Kleinauge ſchaut ſich nach dem Mittel um, Dich dies entgelten zu laſſen. Kleinauge denkt an Lizzie. Klein⸗ auge ſpricht bei ſich: ‚„Ich will dahinter kommen, was er mit jenem Mädchen angefangen hat, und ich will ſein Geheimniß verrathen, weil ihm daſſelbe theuer iſt.“ Klein⸗ auge denkt vielleicht: ‚Ich will ihr ebenfalls den Hof machen;“ doch das kann ich nicht beſchwören— alles Uebrige will ich beſchwören. Kleinauge kommt alſo zu mir, und ich gehe zu Kleinauge. So verhält ſich die Sache. Und jetzt, da der ganze Mord an's Tageslicht gebracht,“ fügte die Puppenſchneiderin, vor Energie ſtarr an allen Gliedern, hinzu, indem ſie ihre kleine Fauſt vor ihren Augen ſchüttelte,„thut mir's leid, daß ich ihm nicht uynehiſte und gehackten ſpaniſchen Pfeffer gegeben abe!“ ———— Da dieſer Ausdruck des Bedauerns nur he lich für Mr. Riah war, erwähnte der al Verletzungen, die Mr. Fledgeby erhalten, und die Nothwendigkeit hin, daß er ſog hi jenen geprügelten Hund zu pflegern. „Frau Pathe, Frau Pathe, Frau Pathe!“ rief Miß Wren gereizt,„ich verliere wirklich alle Geduld über Dich. Man ſollte faſt annehmen, daß Du an den barm⸗ herzigen Samariter glaubteſt. Wie kannſt Du ſo in⸗ conſequent ſein!“.. „Liebe Jenny,“ begann der alte Mann ſanft,„es iſt die Gewohnheit unſeres Volkes, Denen zu helfen—“ „O! Zum Kuckuck mit Eurem Volk!“ unterbrach ihn Miß Wren, den Kopf in den Nacken werfend.„Falls Dein Volk nichts Beſſeres zu thun weiß, als hinzugehen, um Kleinauge zu helfen, ſo iſt es ſchade, daß Dein Volk jemals aus Aegypten geführt ward. Ueberdies würde er Deine Hülfe gar nicht annehmen, falls Du ſie ihm an⸗ böteſt. Schämt ſich zu ſehr. Wünſcht es geheim und Dich aus dem Wege zu halten.“ Sie ſtritten ſich noch über dieſen Punkt, als ein Schatten den Eingang verdunkelte und die Glasthür von einem Boten geöffnet ward, der einen Brief brachte, welcher ohne alle Ceremonie an„Riah“ adreſſirt war „und auf den, wie der Bote ſagte, eine Antwort erwartet werde. 2 Der Brief, der mit Bleiſtift bergauf, bergab und krumm um die Ecken geſchrieben war, lautete folgender⸗ maßen: „Alter Riah! Da Eure Rechnungsbücher völlig in Ordnung ſind, ſo geht. Verſchließt die Expedition, geht augen⸗ blicklich Eurer Wege und ſchickt mir den Schluͤſſel durch den Ueberbringer. Geht. Ihr ſeid ein un⸗ dankbarer Hund von einem Juden. Scheert Euch. E.* Die Puppenſchneiderin fand einen hohen Genuß daran, in der verzerrten Schrift dieſes Briefes die Spuren der ſchreienden Schmerzen von Kleinauge zu finden. Sie lachte und ſpottete(zum Erſtaunen des Boten) in einem bequemen Winkel darüber, während der alte Mann ſeine wenigen Sachen in einen ſchwarzen Beutel packte. So⸗ bald dies geſchehen, die Läden der oberen Fenſter ge⸗ ſchloſſen und die Rouleaux in der Expedition herabge⸗ zogen worden, gingen ſie, von dem Boten begleitet, auf die Hausſtufen hinaus. Dort verſchloß der alte Mann, während Miß Jenny den ſchwarzen Beutel hielt, die Hausthür und übergab den Schlüſſel dem Boten, der ſich ſofort mit demſelben entfernte. „Nun, Frau Pathe,“ ſagte Miß Wren, als ſie zu⸗ ſammen auf den Stufen ſtanden und einander anſchauten, „Du biſt alſo in die Welt hinausgeſtoßen!“ .„So ſcheint es, Jenny, und zwar ziemlich plötzlich.“ „Wo beabſichtigſt Du Dein Glück zu ſuchen?“ fragte Miß Wren. Der alte Mann lächelte, ſchaute ſich aber rings um, wie wenn er ſich im Leben verirrt hätte, was der Puppen⸗ ſchneiderin nicht entging. „Wahrlich, Jenny,“ ſagte er,„die Frage iſt wohl angebracht, und leichter zu thun, als zu beantworten. Doch da ich Erfahrung in dem Wohlwollen und der Hülfsbereitwilligkeit Derer habe, die Lizzie Beſchäftigung gegeben haben, ſo denke ich, daß ich ſie meiner ſelbſt wegen aufſuchen will.“ „Zu Fuße?“ fragte Miß Wren mit einem Kinnrucke. „Ja wohl!“ ſagte der alte Mann.„Habe ich nicht meinen Stab?“ 3 — Nutter ſtreng natürlich ause Stadium geif verſchiedenen: tend zu mache jedem Brann ſonſt wit mfu und zweitens Wrayburn z einbringen u ſichten verfol einzige Bede das geſunkene und bivouakit fall von Jieb Dieſer M Elende im S dieſelbe Anzie ſclimmſten J ſittt. Dieſe nächtlichen At Branntweins vergoſſen wird Gemüſeabfalle den Markt fiü es immer ſei, Trunkenbolde Namentlich Proben von blicken, wie London ſuche Kohlblätter⸗ Apfelſinen⸗G ſonſt nirgend jiehungskraft hin gezogen, in einem Th her eine Fra „Es umſe jungen Wild yfelſinenkiſ der Himmel ſtleppen d Lüße mit e Steinpflaſte und die(ci den höherer Reitſtiefeln die ſich an ihnen umſ den Köpfe warfen ih kenzurückg folge von limmer geheim und in Ordnung geht augen⸗ n Schlüſſel ſeid ein un⸗ ſcheert Euch. F. 4 Henuß daran, Spuren der finden. Sie Hin einem Mann ſeine rrings um, der Puppen⸗ age iſt wohl antworten. und der ſchäftigung aer ſelbſt De m Kinnrucke abe ich nicht mein garſtiger Knabe, und Lizzie's Wohnung ſteht leer.“ Da der alte Mann ſich überzeugt, daß durch ſeine Ein⸗ willigung Niemand irgendwelche Unbequemlichkeit werde zu leiden haben, nahm er das Anerbieten bereitwillig an, und das ſeltſame Paar ging abermals zuſammen durch die Straßen dahin. Der garſtige Knabe aber war, da er von ſeiner Mutter ſtrengen Befehl erhalten, zu Hauſe zu bleiben, natürlich ausgegangen, und da er ſich in dem allerletzten Stadium geiſtiger Gebrechlichkeit befand, ging er zu zwei verſchiedenen Zwecken aus: erſtens, um ein Anrecht gel⸗ tend zu machen, das er, ſeinem Dafürhalten nach, bei jedem Branntweinhändler darauf hatte, von dieſem um⸗ ſonſt mit„für drei Pfennige Rum“ verſehen zu werden; und zweitens, um einige betruͤnkene Reue an Mr. Eugen Wrayburn zu verwenden und zu ſehen, was ihm dies einbringen werde. Indem er taumelnd dieſe beiden Ab⸗ ſichten verfolgte— dieſelben bedeuteten beide Rum, die einzige Bedeutung, deren er noch fähig war—, ſtolperte das geſunkene Geſchöpf auf den Convent⸗Garden⸗Markt und bivouakirte dort in einem Thorwege, um einen An⸗ fall von Fieberſchauern vorübergehen zu laſſen. Dieſer Markt lag völlig außer der Richtung, die der Elende im Sinne gehabt, aber er übte wahrſcheinlich dieſelbe Anziehungskraft auf ihn aus, die er für die ſchlimmſten Mitglieder der Trunkenbold⸗Brüderſchaft be⸗ ſitzt. Dieſe mag vielleicht in der Verbindung ſeiner Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. ſchlimmſten; denn als er in eine Schenke ging und in der Eile des Geſchäfts mit Rum verſehen ward, dann aber ohne zu bezahlen zu verſchwinden verſuchte, ward er am Kragen gepackt, durchſucht, geldlos befunden und dies Gera eil er ſeinen Stab hatte und einen ſo eigenthü ublick bot, ſetzte ſie kein Zutrauen in die Reiſe.. 1 „Das 2 was Du thun kannſt,“ ſagte Jenny, „wenigſtens ublick, iſt, daß Du mit mir heimkommſt, Frau Pathe. Es iſt dort Niemand, als nicht noch einmal zu verſuchen gewarnt, indem man ihn mit einem Eimer ſchmutzigen Waſſers begoß. Dieſe Be⸗ handlung bewirkte einen abermaligen Anfall von Fieber⸗ ſchauern, worauf Mr. Puppen ſich, da er ſich in ange⸗ meſſener Verfaſſung wähnte, um einem rechtsgelehrten Freunde ſeine Aufwartung zu machen, nach dem Temple verfügte. Es war auf der Expedition Niemand anweſend, als der junge Blight. Dieſer wohlmeinende Jüngling war ſich der Ungereimtheit in der Ideenverbindung zwiſchen einem ſolchen Clienten und dem Geſchäft, das eines Ta⸗ ges noch kommen könnte, ſo lebhaft bewußt, daß er in der beſten Abſicht von der Welt ihn ſich vom Leibe zu ſchaffen ſuchte und ihm einen Schilling anbot, damit er in einem Fiaker heimfahre. Mr. Puppen, der den Schil⸗ ling annahm, legte denſelben unverzüglich in zweimal „für drei Pfe'g“ Verſchwörung gegen ſein Leben, und dem wachſamen jungen Blight durch's nächtlichen Atmoſphäre mit den Dünſten des Bieres und Branntweins beſtehen, der von den Krämern und Hökern vergoſſen wird, oder in der Aehnlichkeit des zertretenen Gemüſeabfalles mit ihrer eigenen Kleidung, ſo daß ſie Tragbahre genannt zweimal„für drei Pfe'g“ raſende Reue an. Als er mit dieſer Bürde nach dem Temple zurückkehrte, ward er von Fenſter erſpäht, gerade als er um die Ecke in den Hof kam; dieſer ſchloß augenblicklich die äußere Thür und geſtattete dem elenden Geſchöpfe, ſeine Wuth am Täfelwerk auszulaſſen. Je mehr die Thür ihm widerſtand, deſto gefährlicher und drohender ward ſeine blutige Verſchwörung gegen ſein Leben. Als die Polizei herbeikam, erkannte er in ihr die Verſchwörer und ſchlug, heiſer, wüthend, ſtierend, krampfhaft und ſchäumend um ſich. Eine beſcheidene Maſchine, mit denen die Verſchwörer eine vertraute Be⸗ kanntſchaft genoſſen und die im gewöhnlichen Leben eine wird, mußte unvermeidlicherweiſe herbeigeholt werden, und er wurde als ein harmloſes Bündel von Lumpen auf dieſelbe feſtgeſchnallt, aus dem den Markt für eine große Garderobe anſehen; doch was es immer ſei, man wird nirgendwo ſolche ausgeſprochene Trunkenbolde auf den Thürſchwellen ſehen, wie dort. Namentlich wird man dort im Morgen⸗Sonnenſchein Proben von ſchlummernden weiblichen Trunkenbolden er⸗ Stimme und Bewußtſein gewichen und das Leben zu ſchwinden im Begriff war. Wie dieſe Maſchine von vier Männern zum Temple⸗Thore hinausgetragen ward, kam blicken, wie man ſie ſonſt vergebens in den Straßen von London ſuchen dürfte. Solche alte, ekelhafte, verworfene Kohlblätter⸗ und Kohlſtengel⸗Kleidung, ſolche Faule⸗ Apfelſinen⸗Geſichter, ſolche zerquetſchte Menſchheit ward ſonſt nirgendwo vom Tageslicht beſchienen. Die An⸗ ziehungskraft des Marktes hatte alſo Mr. Puppen dort⸗ hin gezogen, und er hatte ſeinen Anfall von Fieberſchauern in einem Thorwege genoſſen, wo ein paar Stunden vor⸗ her eine Frau ihren betrunkenen Schlummer gehalten. Es umſchwebt dieſen Ort ſtets ein Schwarm von die arme kleine Puppenſchneiderin eben mit ihrem jüdi⸗ ſchen Freunde die Straße herunter gegangen. „Laß uns ſehen, was es iſt,“ rief die Schneiderin. „Laß uns eilen und ſehen, Frau Pathe.“ Der flinke kleine Krückſtock war nur zu flink. Ihr Herren, Ihr Herren, er gehört mir!“ „Gehört Euch?“ ſagte das Oberhaupt der Leute, ſie „O, ſtillſtehen heißend. Knabe! jungen Wilden, die ſich mit den Stücken zerbrochener Apfelſinenkiſten und moderigem Stroh davonſchleichen— der Himmel mag wiſſen, in was für Löcher ſie dieſelben türlich war) den alten Mann um eine Erklärung an. ſchleppen, da ſie kein Obdach beſitzen!— deren nackte Füße mit einem matten, ſtumpfen, weichen Laut auf dem Steinpflaſter dahineilen, wenn der Conſtabler ſie hetzt, und die(vielleicht eben aus dieſem Grunde) wenig von den höheren Gewalten gehört werden, wohingegen ſie in Reitſtiefeln ein betäubendes Getöſe machen würden. Dieſe, die ſich an Mr. Puppen's Fieberſchauern wie an einem ihnen umſonſt gelieferten Schauſpiel ergötzten, ſtießen mit den Köpfen nach ihm, ſprangen gegen ihn an und be⸗ warfen ihn. Deshalb war er, als er aus ſeiner Kran⸗ kenzurückgezogenheit herauskam und das zerlumpte Ge⸗ folge von ſich abſchüttelte, arg beſchmutzt und in einem der ſchlimmeren Zuſtande denn je. Aber noch nicht im * „O ja, liebe Herren, er iſt mein Knabe, ohne Er⸗ laubniß ausgegangen. Mein armer, ſchlechter, ſchlechter Und er kennt mich nicht, er kennt mich nicht! O, was ſoll ich anfangen,“ rief das arme kleine Weſen, wild die Hände zuſammenſchlagend,„wenn mein eigenes Kind mich nicht kennt!“ Das Oberhaupt der Leute ſchaute(wie dies ſehr na⸗ Dieſer flüſterte, wie die Puppenſchneiderin ſich über die erſchöpfte Geſtalt hinbeugte und vergebens derſelben ein Erkennungszeichen abzulocken verſuchte:„Es iſt ihr be⸗ trunkener Vater.“ Wie die Bürde in der Straße niedergeſetzt wurde, zog Riah das Oberhaupt der Träger auf die Seite und flüſterte dieſem zu, er glaube, daß der Mann im Sterben liege.„Nein, das wollen Sie doch nicht ſagen?“ er⸗ widerte der Andere. Doch ward er, da er hinſchaute, weniger zuverſichtlich und befahl den Trägern,„ihn nach nächſten Apotheke zu bringen.“ Dorthin ward er gebracht, und das Fenſter ward von Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 608 innen eine wahre Geſichtermauer, die mit Hülfe von run⸗ den rothen Flaſchen und grünen Flaſchen und blauen Flaſchen und Flaſchen von allen möglichen Farben zu allerlei wunderlichen Geſtalten verzerrt ward. Ein ſchau⸗ erliches Licht, deſſen er wahrlich nicht bedurfte, fiel auf ihn; das Unthier, das vor ſo wenigen Minuten noch ſo wüthend geweſen, war jetzt ruhig genug, und trug eine ſeltſame, geheimnißvolle Schrift auf dem Angeſichte, die von einer der großen Flaſchen reflectirt wurde, wie wenn der Tod ihn mit„Mein“ bezeichnet. Das ärztliche Zeugniß war beſtimmter und unum⸗ wundener, als es oft in den Gerichtshöfen abgegeben wird.„Laſſen Sie lieber Etwas bringen, womit Sie ihn bedecken. Es iſt Alles vorüber.“ Deshalb ließ die Polizei Etwas bringen, womit ſie ihn bedeckten, und er ward durch die Stkaßen dahinge⸗ tragen, in denen die Vorübergehenden davor zurücktraten. Hinter ihm kam die Puppenſchneiderin, ihr Geſicht in dem jüdiſchen Rockſchoße bergend, an dem ſie ſich mit der einen Hand feſthielt, während die andere den Krück⸗ ſtock lenkte. Er ward nach Hauſe getragen und, da die Treppe ſehr enge war, im Wohnzimmer niedergeſetzt— die kleine Arbeitsbank ward bei Seite geſchoben, um Platz für ihn zu machen— und dort, mitten unter den Puppen ohne Ausdruck in den Augen, lag Mr. Puppen ohne Ausdruck in den ſeinigen. Es mußten viele putzſüchtige Puppen glänzend aus⸗ ſtaffirt werden, ehe die Schneiderin das Geld in der Taſche hatte, um Trauerkleider um Mr. Puppen anlegen zu können. Wie der alte Mann Riah neben ihr ſaß und ihr in ſolchen kleinen Sachen half, die er verſtand, ward es ihm ſchwer, ſich klar darüber zu werden, ob ſie ſich wirklich vergegenwärtige, daß der Verſtorbene ihr Vater geweſen.— „Falls mein armer Knabe eine beſſere Erziehung ge⸗ habt,“ ſagte ſie,„würde er vielleicht ein beſſeres Leben geführt haben. Nicht, daß ich mir Vorwürfe mache. Ich hoffe, daß ich dazu keine Urſache habe.“ „Gewiß keine, Jenny, deſſen bin ich ganz gewiß.“ „Ich danke Dir, Frau Pathe. Es freut mich, Dich dies ſagen zu hören. Aber es iſt ſo ſchwer, ſiehſt Du, ein Kind gut zu erziehen, wenn man den ganzen Tag arbeiten, arbeiten, arbeiten muß. Wenn er keine Be⸗ ſchäftigung hatte, war es mir nicht möglich, ihn bei mir zu behalten. Er wurde widerſpenſtig und nervös, und ich war genöthigt, ihn auf die Straße hinausgehen zu laſſen. ut, wenn er von mir fort war. Ich konnte nicht ſpielen. ber mein armer unglücklicher Knabe konnte ſpielen, und dies war um ſo ſchlimmer für ihn.“ „Und nicht für ihn allein, Jenny.“ „Nun! Das weiß ich nicht, Frau Pathe. Mein armer unglücklicher Knabe hat ſchwer gelitten. Er war zuweilen ſehr, ſehr krank, und ich gab ihm eine Menge von Schimpf⸗ namen,“ ſagte ſie über ihrer Arbeit, den Kopf ſchüttelnd und Thränen auf jene herabfallen laſſend.„Ich weiß nicht, ob ſeine ſchlimme Lebensweiſe beſonders ſchlimm für mich war. Falls es dies je geweſen, wollen wir es vergeſſen.“ „Ihr ſeid ein gutes Mädchen, Ihr ſeid ein geduldiges Mädchen.“ „Was die Geduld betrifft, Frau Pathe,“ erwiderte ſie achſelzuckend,„ſo haben wir davon nicht eben zu viel. Wäre ich geduldig geweſen, ſo würde ich ihm niemals Schimpfnamen gegeben haben. Aber ich hoffe, daß ich dies zu ſeinem Beſten that. Und überdies fühlte ich meine Verantwortlichkeit als Mukter ſo tief. Ich ver⸗ ſuchte Vernunftgründe, und die Vernunftgründe hatten Und er that nie gut auf der Straße, that nie V keine Wirkung. Ich verſuchte es mit Schr das Schmeicheln hatte keine Wirkung. mit Auszanken, und das Auszanken Aber ich war verpflichtet, bei einer lichkeit Alles zu verſuchen. Wie⸗ wohl gegen meinen armen verlorenen Knaben meine Pflicht erfüllt, wenn ich nicht Alles verſucht hätte!“ Unter ſolchem Geſpräch, das von Seiten des fleißigen kleinen Weſens meiſtens in heiterem Tone a hr ward die Tagearbeit und Nachtarbeit verkürzt, bis hinreichend fein geputzte Puppen fortgeſandt waren, um in die Küche, wo die Arbeitsbank jetzt ſtand, den dunklen Stoff, den die Gelegenheit erforderte, und die andern düſtern Zu⸗ richtungen in's Haus zu bringen.„Und jetzt,“ ſagte Miß Jenny,„da ich mit meinen rothwangigen jungen Freundinnen fertig bin, will ich mich an mein weißwan⸗ giges Selbſt machen.“ Dies bezog ſich auf das Anfer⸗ tigen ihres Trauerkleides, das endlich fertig ward.„Der Nachtheil bei der Arbeit für die eigene Perſon,“ ſagte Miß Jenny, auf einem Stuhle ſtehend, um das Reſultat im Spiegel zu betrachten,“*„beſteht darin, daß man Nie⸗ mand Anders dafür bezahlen machen kann, und der Vor⸗ theil darin, daß man nicht auszugehen braucht, um an⸗ zuprobiren. Hm! Wirklich ganz leidlich! Ich hoffe, daß er(wer er immer ſein möge), falls er mich jetzt ſehen könnte, ſeinen Handel nicht bereuen würde!“ Die einfachen Vorkehrungen waren von ihr ſelber angeordnet, und ſie machte Riah folgendermaßen mit denſelben bekannt: „Ich beabſichtige, allein, in meiner gewohnten Equi— page, zu folgen, Frau Pathe, und Du wirſt die Güte haben, das Haus zu bewachen, während ich fort bin. Es iſt nicht weit von hier. Und wenn ich zurückkomme, wollen wir eine Taſſe Thee trinken und uns mit Plä⸗ nen für die Zukunft unterhalten. Das letzte Haus, das ich meinem armen unglücklichen Knaben zu geben im Stande war, iſt ein ſehr einfaches; aber er wird den Willen für die That annehmen, falls er überhaupt etwas davon weiß; und falls er nichts davon weiß,“ indem ſie ſchluchzte und ſich die Augen trocknete,„nun, dann wird es ihm nichts ausmachen. Ich ſehe im Gebetbuche, daß wir nichts mit uns in die Welt bringen und es iſt ganz ſicher, daß wir nichts aus derſelben mit uns fortnehmen können. Dies tröſtet mich darüber, daß ich nicht im Stande bin, eine Menge dummen Begräbnißſtaat für meinen armen Knaben zu miethen, und mir das Anſehen icheln, und zu geben, als ob ich denſelben mit ihm aus der Welt ſchmuggeln möchte, während ich doch bei dem Verſuche durchfallen und Alles wieder mit zurückbringen müßte. So aber wird nichts weiter zurückgebracht werden, als ich, und dies iſt völlig conſequent, denn eines Tages werde auch ich nicht wieder zurückgebracht werden.“ Nach jenem erſten Tragen durch die Straßen war es, als ob der erbärmliche alte Burſche zum zweiten Mal begraben würde. Er ward auf die Schultern von einem halben Dutzend Männern mit blühenden Geſich⸗ tern gehoben, die mit ihm nach dem Kirchhofe wankten und denen noch ein Mann mit blühendem Angeſicht vor⸗ ausging, der einen majeſtätiſchen Gang affectirte, wie wenn er ein Conſtabler der T(odes)⸗Diviſion geweſen, und der ſich ceremoniös ſtellte, als kenne er ſeine ver⸗ trauten Bekannten hinter ſich gar nicht, wie er dem Zuge voranſchritt. Doch machte der Anblick einer einzi⸗ gen kleinen Trauernden, die ihnen nachhumpelte, viele Leute mit Theilnahme zurückſchauen. Endlich war der widerwärtige Verſtorbene in die Erde geſchafft, und der majeſtätiſche Vorgänger marſchirte vor der einſamen kleinen Schneiderin zurück, als ob ſie 1 —— h Niah. Betncht deg in Ehren u zu wege m ⸗ di ar Weiſe „Ich mn weinen, Fic tere,“ ſagte ein Kind ble Es wäh! Indeſſen er und dann ka Augen und! aß th eiuns fragte ſie ihr Mein Mann in ausruhen?, 0;, emn Miß Jenny, reits am Pa⸗ Frau Pathen ſiiſch im Ge „Dann 0 A „Jg, F iſt ein Prieſ lichen trage hatte. „Und w „e nu „Du mußt Geſchmack Augen offe bereits, da ſo kam es weinte, in Geiſtlichen n Was alte Man Keir Jenny, beugend. Vrg Uſer 610 609 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. in Ehren verpflichtet ſei, keine Ahnung von dem Heim⸗ nicht gern traurig machen läßt. Ich werde ſelten auf⸗ wege zu h. Nachdem jene Furie, die Etiquette, in gefordert, meine jungen Freundinnen in Trauer zu kleiden; dieſer Weiſe befriedigt, verließ er ſie. das heißt, nicht in wirkliche Trauer; auf Hoftrauer ſind „Ich muß mich einen ganz kleinen Augenblick aus⸗ ſie aber ganz ſtolz. Aber eine geiſtliche Puppe, mein weinen, Frau Pathe, ehe ich mich wieder ganz aufhei⸗ Lieber— mit glänzendem ſchwarzen Haar und Bart,— tere,“ ſagte das kleine Weſen, wie ſie hereinkam.„Denn der zwei meiner jugendlichen Freunde in heiliger Ehe n des ſlißige ein Kind bleibt immer ein Kind, weißt Du.“ vereint,“ ſagte Miß Jenny, den Zeigefinger erhebend, — at vnd Es währte länger, als man hätte erwarten ſollen.„iſt ganz etwas Anderes. Falls Du dieſe drei Figuren dinriczend Indeſſen erſchöpfte es ſich in einem ſchattigen Winkel, nicht in einem Handumdrehen an dem Altar in Bond und dann kam die Schneiderin heraus, wuſch ſich die Street ſiehſt, will ich Jack Robinſon heißen!“ Augen und machte den Thee.„Du haſt nichts dagegen, Mit ihrer flinken kleinen Geſchicklichkeit hatte ſie, noch — ward.„Der rſon,“ f Reſugte Rſultat man Nie⸗ und der Vor⸗ cht, um an⸗ I hoß. 1 Ich hoffe, daß ch jetzt ſehen n ihr ſelber ermaßen mit t die Güte fort bin. Cs zurückkomme, uns mit Pläͤ⸗ zte Haus, das zu geben im er wird den rhaupt etwas 8,“ indem ſie n, daun wird ebetbuche, daß z iſt ganz fortnehmen nicht im nd ud 6 t das Anſehen aus der Welt em Verſuche igen müßte. werden, als eines Tages werden.“ Straßen war zum zweiten Schultern von den Geſich⸗ bofe wankten Uageficht vor⸗ fectirte, wie — daß ich etwas ausſchneide, während wir Thee trinken, wie?“ fragte ſie ihren jüdiſchen Freund mit ſchmeichelnder Miene. „Mein liebes Aſchenbrödelchen,“ ſagte der alte Mann in vorſtellendem Tone,„wollt Ihr niemals ausruhen?“ „O, ein Muſter ausſchneiden iſt keine Arbeit,“ ſagte Miß Jenny, indem ihre geſchäftigen kleinen Hände be⸗ reits am Papier ſchnitzelten.„Die Wahrheit zu geſtehen, Frau Pathe, wünſche ich es zu thun, ſo lange ich es noch friſch im Gedächtniß habe.“ oinlgp 7Ngg; 7' 1 —1 1 1 1' — ehe das Mahl vorüber war, einen Geiſtlichen in braunem Papier⸗Prieſtergewande hergeſtellt, den ſie zur Erbauung des jüdiſchen Geiſtes zur Schau ſtellte, als an die Haus⸗ thür geklopft wurde. Riah ging dieſelbe zu öffnen und führte, als er zurückkehrte, mit jenem ernſten höflichen Weſen, das ihn ſo gut kleidete, einen Herrn herein. Der Herr war der Schneiderin fremd; doch ſchon in dem Augenblick, da er die Blicke auf ſie warf, lag Etwas in ſeinem Weſen, das ſie an Mr. Eugen Wrayburn er— innerte. „Dann haſt Du es alſo heute geſehen?“ fragte Riah. „Ja, Frau Pathe. Habe es ſo eben geſehen. Es iſt ein Prieſterhemd. Ein Gewand, das unſere Geiſt⸗ lichen tragen, weißt Du,“ erklärte Miß Jenny in Betracht des Umſtandes, daß er einen andern Glauben hatte. „Und was habt Ihr damit zu thun, Jenny?“ „Je nun, Frau Pathe,“ erwiderte die Schneiderin, „Du mußt wiſſen, daß wir Künſtler, die wir von unſerm Geſchmack und unſeru Erfindungstalent leben, ſtets die Augen offen zu haben genöthigt ſind. Und Du weißt bereits, daß ich eben jetzt viele Extraausgaben habe. Und ſo kam es mir, als ich am Grabe meines armen Knaben weinte, in den Sinn, daß ſich wohl etwas mit einem Geiſtlichen machen ließe.“ „Was kann ſich mit ihm machen laſſen?“ fragte der alte Mann. 4 „Kein Begräbniß, das fürchte nicht!“ erwiderte Miß Jenny, ſeiner Einwendung mit einem Kopfnicken vor⸗ beugend.„Ich weiß ſehr wohl, daß das Publikum ſich Miß Wren ſtellt ihre Ider zur Schau.(Seite: 640.) „Verzeihen Sie,“ ſagte der Herr.„Sie ſind die Puppenſchneiderin?“ „Ich bin die Puppenſchneiderin, Sir.“ „Lizzie Hexam's Freundin?“ „Ja, Sir,“ erwiderte Miß Jenny augenblicklich auf der Defenſive.„Und Lizzie Hexam's Freundin.“ „Hier iſt ein Billet von ihr, indem ſie Sie dringend erſucht, der Bitte des Ueberbringers, Mr. Mortimer Light⸗ wood, Gehör zu geben. Mr. Riah weiß zufällig, daß ich Mr. Mortimer Lightwood bin und wird Ihnen dies be⸗ ſtätigen.“ Riah neigte zur Beſtätigung das Haupt. „Wollen Sie das Billet leſen?“ „Es iſt ſehr kurz,“ ſagte Miß Jenny mit verwun⸗ derter Miene, nachdem ſie das Billet geleſen. „Es war keine Zeit, es länger zu machen. Die Zeit war ſo ſehr koſtbar. Mein lieber Freund, Mr. Eugen Wrayburn, liegt im Sterben.“ Die Schneiderin ſchlug die Hände zuſammen und ſtieß einen kleinen Jammerſchrei aus. „Liegt in einer kurzen Entfernung von hier im Ster⸗ Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund.. 39 —— tlicher Freund. 612 1 ben,“ wiederholte Lightwood mit tiefer Gemüthsbewegung. „Er ſiecht unter den Verletzungen dahin, die er von den Händen eines Schurken erhielt, der ihn im Finſtern an⸗ fiel. Ich komme direct von ſeinem Sterbelager. Er iſt fortwährend bewußtlos. Während eines kurzen unruhi⸗ gen Augenblicks der Beſinnung, oder theilweiſen Beſin⸗ nung, gab er mir zu verſtehen, daß ihn danach ver⸗ langte, daß Sie an ſeinem Bette ſäßen. Da ich mich kaum auf meine eigene Ausdeutung der undeutlichen Laute verließ, die er von ſich gab, ließ ich Lizzie auf dieſel⸗ ben lauſchen. Ihnen verlangte.“ Die Schneiderin ſchaute, mit noch immer gefaltenen Händen, erſchrocken von dem einen zum andern ihrer beiden Gefährten. „Falls Sie es verzögern, ſtirbt er vielleicht mit dem unerfüllten letzten Wunſche— einem Wunſche, den er mir anvertraut, die wir längſt mehr als Brüder für ein⸗ ander waren. Ich werde die Faſſung verlieren, falls ich noch mehr zu ſagen verſuche.“ In wenigen Minuten war der ſchwarze Hut aufge⸗ ſetzt, der Krückſtock in Bewegung geſetzt, der gute Jude blieb zur Bewachung der Hauſes zurück und die Puppen⸗ ſchneiderin fuhr an Mr. Mortimer Lightwood's Seite in einer Poſtchaiſe zur Stadt hinaus. Zehntes Kapitel. Die Puppenſchneiderin entdeckt ein Wort. Ein verdunkeltes ſtilles Zimmer; außen unter dem Fenſter ſtrömt der Fluß dem weiten Meere zu; dort liegt, hülflos auf dem Rücken, eine Geſtalt mit Pflaſtern und Verbänden und zwei unbrauchbaren Armen in Arm⸗ ſchienen an ihrer Seite. Zwei Tage hatten hingereicht, die kleine Schneiderin mit dieſer Scene ſo vertraut zu machen, daß dieſe zwei Tage ebenſoviel Jahre in ihrem Gedächtniß zu ſein ſchienen. Er hatte ſich ſeit ihrer Ankunft kaum geregt. Seine Augen waren zuweilen offen, zuweilen geſchloſſen. Wenn ſie geöffnet waren, lag in ihrem ſtarren Blicke auf einen und denſelben Fleck hin kein Ausdruck, falls er nicht auf einen Augenblick mit einem ſchwachen Schimmer des Zornes oder der Verwunderung die Stirn runzelte. Dann pflegte Mortimer Lightwood zu ihm zu ſprechen, und zuweilen fand er ſo viel Beſinnung, daß er den Verſuch machte, den Namen ſeines Freundes auszu⸗ ſprechen. Aber das Bewußtſein war augenblicklich wieder geſchwunden und Eugen's Geiſt hatte Eugen's äußere zerſchlagene Geſtalt wieder verlaſſen. Sie verſahen Jenny mit den Materialien zu ihrer Arbeit und ſtellten am Fuße des Bettes einen kleinen Tiſch für ſie auf. Sie hofften, daß ſie, wie ſie unter ihrem reichen goldenen Haarwuchs, der über die Stuhl⸗ lehne herabwallte, vor ihm da ſaß, ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich ziehen würde. In derſelben Abſicht pflegte ſie, wenn er die Augen öffnete, oder ſie ihn mit jenem ſchwachen Ausdrucke, der ſo flüchtig war, wie eine Digur. die man im Waſſer zeichnet, die Stirn runzeln ſah, leiſe vor ſich hin zu ſingen. Doch bis jetzt hatte er noch kein Zeichen der Beachtung von ſich gegeben. Die„ſie,“ von denen wir oben reden, waren der Arzt, Lizzie, die während all ihrer Erholungsſtunden dort war, und Lightwood, der ihn nie verließ. A Wir waren Beide überzeugt, daß er nach Aus den zwei Tagen wurden drei und aus den drei Tagen vier. Endlich, ganz unerwarteter Weiſe, flüſterte er Etwas. „Was war es, mein lieber wnsf „Willſt Du, Mortimer—“ „Will ich— 2“— —„Sie holen laſſen?“ „Mein lieber Junge, ſie iſt hier.“ Der langen leeren Zwiſchenzeit ſich völlig unbewußt, meinte er, daß ſie noch mit einander redeten. Die kleine Schneiderin ſtand am Fuße des Bettes auf, ſummte ihr Liedchen und nickte ihm heiter zu.„Ich kann Dir nicht die Hand drücken, Jenny,“ ſagte Eugen, mit Etwas von ſeiner alten Miene;„aber ich freue mich ſehr, Dich zu ſehen.“. Mortimer wiederholte ihr dies, denn er konnte es ſelber nur verſtehen, indem er ſich über ihn beugte und ſeine Verſuche es zu ſagen, aufmerkſam beobachtete. Nach einer kleinen Weile fügte er hinzu: „ Frage ſie, ob ſie die Kinder geſehen hat.“ Mor⸗ timer konnte dies nicht verſtehen, und auch Jenny ſelbſt verſtand es nicht, bis er hinzufügte: „Frage ſie, ob ſie die Blumen gerochen hat?“ „O! Ich weiß!“ rief Jenny.„Ich verſtehe ihn jetzt!“ Lightwood räumte ihr ſeinen Platz ein, als ſie ſchnell herbei eilte, ſich über das Bett hinbeugte und mit jenem beſſeren Ausdrucke im Geſichte ſagte:„Sie meinen meine langen ſtrahlenden Reihen von Kindern, die mir Linde⸗ rung und Ruhe zu bringen pflegten? Sie meinen die Kinder, die mich aufzuheben und leicht zu machen pflegten?“ Eugen lächelte„Ja.“. „Ich habe ſie, ſeit ich Sie ſah, nicht wiedergeſehen. Ich ſehe ſie jetzt nie mehr. Aber ich habe jetzt faſt nie mehr Schmerzen.“ „Es war ein hübſcher Einfall,“ ſagte Eugen. „Aber ich habe meine Vögel ſingen hören,“ rief das kleine Weſen,„und ich habe meine Blumen ge— rochen. Ja, gewiß und beide waren wunderſchön und göttlich!“ „Bleibe hier und hilf mich pflegen,“ ſagte Eugen ruhig.„Ich möchte, daß Du die Idee hier hätteſt, ehe ich ſterbe.“ Sie berührte ſeine Lippen mit der Hand und hielt dann dieſelbe Hand über ihre Augen, wie ſie zu ihrer Arbeit und ihrem kleinen Liede zurückkehrte. Er hörte ihrem Geſange mit ſichtlichem Vergnügen zu, bis ſie denſelben allmälig verklingen ließ. „Mortimer.“ „Mein lieber Eugen.“ „Wenn Du mir Etwas geben kannſt, um mich nur auf wenige Minuten hier feſtzuhalten—“ „Dich hier feſtzuhalten, Eugen?“ „Um mein Fortwandern— ich weiß nicht wohin— zu verhindern— denn ich fange an mir bewußt zu wer⸗ den, daß ich ſo eben zurückgekommen bin und daß ich mich wieder verirren werde— ſo thu' dies, lieber Junge!“ Mortimer gab ihm ſolche Stärkungsmittel, wie er. ſie mit Sicherheit zu ſich nehmen durfte(dieſelben waren ſtets zur Hand), und war, indem er ſich über ihn hin⸗ beugte, im Begriff, ihn zu warnen, als Eugen ſagte: „Verbiete mir nicht zu ſprechen, denn ich muß ſprechen. Wenn Du wüßteſt, von welcher marternden Sorge ich genagt und gequglt werde, wenn ich an jenen Orten wandere— wo ſind alle jene endloſen Orte, Mortimer? Sie müſſen in einer ungeheuren Entfernung ſein!“ Er ſah im Geſichte ſeines Freundes, daß er ſich zu verirren anfing; denn er fügte nach einem Augenblicke — ein Weinglas hinzu: JFun war Hu wol leber Imnge ſagen— vundert und Nicts gewe Deiner Stell „Stille, Blice, wie, deckte.„3 h es mir angen nicht würdig. dieſer Mord Sein Fre hit über ihn Jemanden.“ —Es iſt! verlafſe mich nachdem ich zut Strafe g 1 ns „Eugen 2. „Ihr unſ Freund. Sis ihr in der T ihr in der A veiſt— die Derſelbe Ort tigt. Mortim „Düöſte D „Das will geben haſt. verfolgt werde Du ihn ſchwe daran, mich vertuſcheſt un verwirren un ich Dir ſage. Headſtone. icht der Sd mich? Und r Bradley Hea Er hielt gebrochen und Aaſtrengung, worden, um „Lieber noch einen A Lightwoo & .Ich wei ſchah, ob W ſind Nachfor It dem nich „Ja.“ „Thu de ſe nicht zur Schuldige Aamen befl kommen. L allem Ande Euger Im B zu heften, und ſtierte (Stund dieſem Zu langen„ — aus it den drei flüſterte Unhar d mwewußt, des B * Dettes tehe ihn jetzt!” als ſie ſchnell und mit jenem meinen meine ie mir Linde⸗ meinen die zu machen wiſdergeſehen. jetzt faſt nie boren,“ riej Blumen ge⸗ iderſchön und ſagte Eugen t hätteſt, ehe and und hielt ſie zu ihrer Er hörte zu, bis ſie um mich nur cht ohin— wußt zu wer⸗ aber ihn hin⸗ agen ſagte: muß ſprechen. Sorge ich janen Due , Mortimer! ſein!“ ia ſich zu n Augenblice —— 4 613 hinzu:„Fürchte nichts— ich bin noch nicht fort. Was war es?“ „Du wollteſt mir Etwas ſagen, Eugen. Mein armer lieber Junge, Du wollteſt Deinem alten Freunde Etwas ſagen— dem Freunde, der Dich ſtets geliebt und be⸗ wundert und ſich nach Dir gebildet hat, der ohne Dich Nichts geweſen iſt und der, Gott weiß es, jetzt hier an Deiner Stelle liegen wollte, wenn er es könnte.“ „Stille, ſtille!“ ſagte Eugen mit einem liebevollen Blicke, wie der Andere ſein Geſicht mit der Hand be⸗ deckte.„Ich bin deſſen nicht würdig. Ich bekenne, daß es mir angenehm iſt, lieber Junge, aber ich bin deſſen nicht würdig. Dieſer Anfall, mein lieber Mortimer; dieſer Mord—“ Sein Freund beugte ſich mit erneuter Aufmerkſam⸗ keit über ihn und ſagte:„Wir Beide beargwöhnen Jemanden.“ „Es iſt mehr als Argwohn. Aber, Mortimer, ich verlaſſe mich auf Dich, daß, ſo lange ich hier liege und: nachdem ich hier nicht mehr liege, der Miſſethäter nie zur Strafe gebracht werde.“ „Eugen?“ „Ihr unſchuldiger Ruf würde dadurch leiden, mein Freund. Sie würde geſtraft werden, nicht er. Ich habe ihr in der That ſchon Unrecht genug zugefügt; ich will ihr in der Abſicht nicht noch mehr Unrecht anthun. Du weißt— die Hölle iſt mit guten Vorſätzen gepflaſtert. Derſelbe Ort iſt auch mit ſchlechten Abſichten angefer⸗ tigt. Mortimer, ich liege darin, und ich weiß es.“ „Tröſte Dich, mein lieber Eugen!“ „Das will ich, ſobald Du mir Dein Verſprechen ge⸗ geben haſt. Lieber Mortimer, der Mann muß nimmer verfolgt werden. Falls er angeklagt werden ſollte, mußt Du ihn ſchweigen machen und ihn retten. Denke nicht daran, mich zu rächen, ſondern nur, wie Du die Sache vertuſcheſt und ſie beſchützeſt. Du kannſt die Geſchichte verwirren und die Indicien abwenden. Höre an, was ich Dir ſage. Es war nicht der Schulmeiſter, Bradley Headſtone. Hörſt Du wohl? Noch einmal: es war nicht der Schulmeiſter, Bradley Headſtone. Hörſt Du mich? Und noch einmal: es war nicht der Schulmeiſter, Bradley Headſtone.“ Er hielt erſchöpft inne. Seine Rede war geflſtert, gebrochen und undeutlich geweſen; aber durch die große Anſtrengung, die er gemacht, war dieſelbe klar genug ge⸗ worden, um nicht mißverſtanden zu werden. „Lieber Junge, ich fange an zu wandern. Halte mich noch einen Augenblick feſt, wenn Du es kannſt.“ Lightwood richtete ſanft ſeinen Kopf auf und hielt ein Weinglas an ſeine Lippen. Er erholte ſich wieder. „Ich weiß nicht, wie lange es her iſt, ſeit es ge— ſchah, ob Wochen, Tage oder Stunden. Einerlei. Es ſind Nachforſchungen und Verfolgung im Gange. Sprich! Iſt dem nicht ſo?“ 471 „Ja.„ „Thu' dem Einhalt; wende die Entdeckung ab! Laß ſie nicht zur Sprache gebracht werden. Schütze ſie. Der Schuldige würde, falls er zur Strafe gebracht, ihren Namen beflecken. Laß den Schuldigen ungeſtraft ent⸗ kommen. Lizzie und meine Rechtfertigung vor ihr gehen allem Anderen vor! Verſprich mir's!“ „Eugen, ich thu's. Ich verſpreche Dir's!“ Im Begriff, die Blicke dankbar auf ſeinen Freund zu heften, wanderte er fort. Seine Augen ſtanden ſtill und ſtierten ſtarr mit der vorigen Ausdrucksloſigkeit. Stunden lang, Tage und Nächte lang verblieb er in dieſem Zuſtande. Es gab Augenblicke, wo er nach einer langen Pauſe der Bewußtloſigkeit zu ſeinem Freunde — 614 ſprach und ſagte, er fühle ſich beſſer, und Etwas ver⸗ langte; doch ehe ihm dies noch gegeben werden konnte, war er ſchon wieder fortgewandert. Die Puppenſchneiderin, die jetzt lauter ſanftes Mit⸗ leid war, wachte mit einer Aufmerkſamkeit bei ihm, die niemals nachließ. Sie wechſelte regelmäßig das Eis oder das kühlende Waſſer auf ſeinem Kopfe und hielt da⸗ zwiſchen den Kopf an das Kiſſen, um auf jedes etwaige ſchwache Wort zu lauſchen, das ihm in ſeinen Phanta⸗ ſien entfiel. Es war erſtaunlich, wie viele Stunden lang ſie in gebückter Stellung, auf ſein leiſeſtes Stöhnen lauſchend, an ſeiner Seite blieb. Da er keine Hand be⸗ wegen konnte, vermochte er kein Zeichen irgend eines Be⸗ dürfniſſes zu machen; aber vermittelſt dieſer ſcharfen Be⸗ obachtung(wenn nicht durch irgend eine geheime Macht oder Sympathie) war das kleine Weſen zu einem Ver⸗ ſtändniſſe ſeiner gelangt, das Lightwood nicht beſaß. Mortimer pflegte ſich oft zu ihr zu wenden, wie wenn ſie eine Dolmetſcherin zwiſchen dieſer fühlenden Welt und dem bewußtloſen Manne ſei; und ſie wechſelte den Ver⸗ band einer Wunde, oder löſte denſelben, oder wandte ſein Geſicht um, oder veränderte den Druck der Bett decken auf ſeinen Körper mit der abſoluten Gewißheit, daß ſie es recht mache. Ohne Zweifel hatte die natür⸗ liche Zartheit und Leichtigkeit der Berührung, die bei ihr durch die Uebung hei ihrer Miniaturarbeit noch verfeinert, etwas damit zu thun; aber ihre Wahrnehmung war wenigſtens eben ſo zart. Das eine Wort„Lizzie“, murmelte er millionenmal. In einem gewiſſen Stadium ſeines betrübenden Zuſtandes, das für Diejenigen, die ihn pflegten, das ſchlimmſte war, pflegte er den Kopf auf dem Kiſſen hin und her zu rollen und unaufhörlich mit eiligem und ungeduldigem Weſen, mit dem Jammer eines beunruhigten Geiſtes und der Eintönigkeit einer Maſchine dieſen Namen zu wiederholen. Ebenſo, wenn er ſtill und ſtierend dalag, ſprach er ihn ſtundenlang, ohne aufzuhören, aus, doch dann ſtets in einem Tone gedämpfter Warnung und des Grauſens. Ihre Gegenwart und ihre Berührung ſeiner Bruſt oder ſeines Geſichts that dem oft Einhalt, und ſie pflegten darauf zu erwarten, daß er eine Weile mit geſchloſſenen Augen ſtill daliegen würde, worauf er dieſelben oft bei vollem Bewußtſein wieder öffnete. Aber die ſchwere Ver⸗ eitelung ihrer Hoffnungen, die durch die willkommene Stille im Zimmer erweckt worden, beſtand darin, daß ſein Geiſt ſchon in dem Augenblicke ihrer Freude über deſſen Wiederkehr wieder entſchwebte und verloren war. Dieſes häufige Emporkommen eines Ertrunkenen aus der Waſſertiefe, das nur ein Zeichen ſeines Wiederunter⸗ ſinkens, zu ertragen, war für die Beſchauer fürchterlich. Allmälig aber ging die Veränderung in ihm vor, daß es ihm ſelber fürchterlich ward. Sein Verlangen, Etwas mitzutheilen, das er auf dem Herzen hatte, ſeine unaus⸗ ſprechliche Sehnſucht, ſich mit ſeinem Freunde zu unter⸗ halten und ihm eine Mittheilung zu machen, quälte ihn, wenn ihm das Bewußtſein wiederkehrte, ſo ſehr, daß daſſelbe dadurch verkürzt ward. Eben wie ein Menſch, der aus der Tiefe emporkommt, um ſo ſchneller wieder hinabſinkt, weil er mit dem Waſſer kämpft, ſank auch er in ſeinem verzweifelten Kampfe wieder hinab. 4 Eines Nachmittags, als er ſtill gelegen und Lizzie ſich, unerkannt, eben aus dem Zimmer geſchlichen hatte, um wieder an ihre Beſchäftigung zu gehen, ſprach er Lightwood's Namen aus. „Mein lieber Eugen, ich bin hier.“ „ Wie lange ſoll dies noch währen, Mortimer?“ Lightwood ſchüttelte den Kopf.„Es geht Dir aber doch nicht ſchlimmer, als es der Fall war, Eugen.“ 39* * Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 84 616 That vollziehe. 4 Mortimer. Verſuch' es, verſuch' es!“ Sein Freund leiſtete ihm allen Beiſtand, der in ſeiner V Macht lag, und ermuthigte ihn, zu glauben, daß er ge⸗ faßter ſei, obwohl ſeine Augen ſelbſt in dieſem Augen— blicke den Ausdruck zu verlieren anfingen, den ſie ſelten wiederfanden. „Halte mich feſt, lieber Junge, wenn Du kannſt. Laß mich nicht fortwandern. Ich wandere!“ „Noch nicht, noch nicht. Sage mir, was ich thun ſoll, lieber Eugen.“ „Halte mich nur eine einzige Minute hier feſt. Ich wandere ſchon wieder. Laß mich nicht fort. Laß mich erſt ſprechen. Halte mich — halte mich!“ „Mein armer Eugen, verſuche ruhig zu ſein.“ „Ich verſuche es. Ich gebe mir ſolche Mühe. Wenn Du nur wiüßteſt, welche Mühe! Laß mich nicht fort, bis ich ge⸗ ſprochen habe. Gieb mir noch ein wenig Wein.“ Lightwood that dies. Eugen ſagte mit einem rrührenden Kampfe gegen die Bewußtloſigkeit, die ihn beſchlich, und mit einem flehenden Blicke, der ſeinen Freund tief bewegte: „Du kannſt mich mit Jenny allein laſſen, wäh⸗ rend Du mit ihr ſprichſt und ihr ſagſt, um was ich ſie bitte. Du kannſt mich mit Jenny allein laſſen, während Du fort biſt. Du wirſt nicht viel zu thun haben, wirſt nicht lange auszubleiben genö⸗ thigt ſein.“ „Nein, nein, nein. Aber ſage mir, was ich thun ſoll, Eugen!“ „Ich wandere! Du kannſt mich nicht halten.“ „Sag' mir's mit Einem Worte, Eugen!“ Seine Augen waren wieder ſtarr, und das einzige Wort, das von ſeinen Lippen fiel, war das millionenmal wiederholte Lizzie, Lizzie, Lizzie. Aber die wachſame kleine Schneiderin war ſo auf— merkſam wie je in ihrer Beobachtung geweſen und kam jetzt heran und berührte Lightwood's Arm, wie dieſer verzweifelnd auf ſeinen Freund herabſchaute. „Stille!“ flüſterte ſie, den Finger auf die Lippen legend.„Er ſchließt die Augen. Er wird bei Bewußt⸗ ſein ſein, wenn er ſie das nächſte Mal wieder öffnet. Soll ich Ihnen ein Leitwort geben, das Sie zu ihm ſprechen müſſen?“- „O, Jenny, wenn Sie mir nur das rechte Wort geben könnten!“ 8 „Ich kann's. Bücken Sie ſich.“ damil. 6 aie.. Er bückte ſich und ſie flüſterte ihm in's Ohr. Sie flüſterte ihm ein einziges Wort in's Ohr. fuhr erſtaunt zurück und ſchaute ſie an. „Verſuchen Sie's,“ ſagte das kleine Weſen mit auf⸗ geregtem, frohlockendem Geſicht. Dann beugte ſie ſich üͤber den Bewußtloſen und küßte ihn zum erſten Male auf die Wange, und küßte die arme verſtümmelte Hand, die ihr zunächſt lag. Dann kehrte ſie zum Fuße des Bettes zurück. Etwa zwei Stunden ſpäter ſah Mortimer, wie ihm das Bewußtſein wiederkehrte und beugte ſich augenblicklich, doch ſehr ruhig, zu ihm herab.. 4 „Sprich nicht, Eugen. Sie mich blos an und höre mich an. Verſtehſt⸗Du, was ich ſage?“ Lightwood Er bewegte den Kopf zur Bejahung. „Ich gehe von dem Punkte aus, bei dem wir ab⸗ brachen. Iſt das Wort, zu dem wir bald gekommen wären— iſt es— Weib?“ „O,- Gott ſegne Dich, Mortimer!“ „Stille! Rege Dich nicht auf. Sprich nicht. Höre mich an, lieber Eugen. Es wird Dein Gemüth hier auf dieſem Lager er⸗ leichtern, wenn Du Lizzie zu Deinem Weibe machſt. Du wünſcheſt, daß ich mit ihr rede und ihr dies ſage, und ſie einzuwilligen bitte, Dein Weib zu werden. Du flehſt ſie an, an dieſem Bett niederzu⸗ knien„und ſich mit Dir vermählen zu laſſen, damit Du ihr vollſtändige Ge⸗ nugthuung geben kannſt. Iſt es ſo?“ „Jel. Gott Dich! Ja.“ „Es ſoll geſchehen, Eugen. Verlaß Dich auf mich. Ich werde auf einige Stunden fortgehen müſſen, um Deine Wünſche zu erfüllen. Siehſt Du ein, daß dies unvermeidlich iſt?“ „wéieber Freund, ich ſagte es ja.“ „Das iſt wahr. Aber noch Wie ſegne ich beſaß damals nicht den Schlüſſel. habe ich denſelben wohl erhalten?“ Eugen ſah, indem er bedeutungsvoll um ſich blickte, Miß Jenny am Fuße des Bettes ſtehen, wo ſie, die Elbogen auf das Bett und den Kopf in die Hände ſtützend, ihn anſchaute. Es lag eine Spur ſeines drol⸗ ligen Weſens in der Art und Weiſe, in der er ſie anzu— lächeln verſuchte. „Ja, in der That,“ ſagte Lightwood,„die Entdeckung war die ihre. Gieb Acht, mein lieber Eugen; während ich fort bin, wirſt Du wiſſen, daß ich Deinen Auftrag an Lizzie ausgerichtet habe, indem Du ſie hier an mei⸗ ner Stelle ſiehſt, die ſie nicht mehr verlaſſen wird. Noch ein letztes Wort, ehe ich gehe. Dies iſt das rechte Ver⸗ fahren eines wahren Mannes, Eugen. Und ich hege in meiner innerſten Seele die feſte Ueberzeugung, daß Du, falls die Vorſehung Dich uns gnädiglich erhält, in der X — 617 Rettetin De Netien Herzel ganzel Amen. Dein vunſt 3c. u mich, w nuthige Mäd mich überzeugt, heirathen zu⸗ fü Miß Jenny völlig zuſamme Laube, die ihr Rüͤcken dem Be Nortimer Lighe Abendlicht die Fluſſe verlänge Denn Jenny konnte in dem „an die ſie get ſehen. „Er iſt bei Eugen für ſich In dem nach Nos. Johr ügt,in dr Korbe von zie das Anſehen waaren der„ ben ſollen, ſie etablirt. Ot weiſen Rath ſtimmen; wa Drakel war; Mrs. John 9 Unterricht vor Liebe iſt in o deshalb hatte nichts als ei ſmith dieſe W Sie erw aber vor T Lanſt zu vo Mit einem ſeßte ſie ihre fort, wie ei uhr, von be Es wa klingelt.— eflogen ſe Bella frag Hausmäͤde 616 dightwood auf⸗ 75 ſie ſich eſten Male Aie Hand, n mit Po ed Vettes d wit ihm 1 genblücklich un und höre vir ab⸗ d gekommen 6·— Weib?“ ſegne Dich, 8d Dich dich vicht. eber Eugen. n Gemüth 1 Lager er⸗ Du Lißzie ibe machſt. ſſen, damit indige Ge⸗ n kannſt. ſegne ige ben müſſen, r ſie anzu⸗ Entdeckung während einen Auftrag — Retterin Deines Lebens ein edles Weib finden und ſie von ganzem Herzen lieben wirſt.“ „Amen. Das weiß ich gewiß. durchkommen, Mortimer.“ „Du wirſt durch dies nicht um ſo weniger hoffnungs⸗ voll oder ſtark ſein, Eugen.“ „Nein, lege Dein Geſicht an das meinige, für den Fall, daß ich nicht ausdauern ſollte, bis Du zurück⸗ kommſt. Ich liebe Dich, Mortimer. Sei nicht beſorgt um mich, während Du fort biſt. Falls mein liebes muthiges Mädchen mich nur haben will, ſo fühle ich mich uͤberzeugt, daß ich lange genug leben werde, um ſie heirathen zu können, lieber Junge.“ Miß Jenny brach bei dieſem Scheiden der Freunde völlig zuſammen und vergoß, indem ſie ſich unter der Laube, die ihr goldenes Haar für ſie machte, mit dem Rücken dem Bett zugewendet, heiße, doch ſtille Thränen. Mortimer Lightwood war bald fortgegangen. Als das Abendlicht die ſchweren Schatten der Bäume auf dem Fluſſe verlängerte, kam eine andere Geſtalt mit leiſem Schritt in das Krankenzimmer. „Iſt er bei Bewußtſein?“ fragte die kleine Schnei⸗ derin, als die Geſtalt ihren Poſten am Kiſſen einnahm. Denn Jenny hatte augenblicklich Platz gemacht und konnte in dem dunkeln Zimmer und an der neuen Stelle, an die ſie getreten war, das Geſicht des Leidenden nicht ſehen. „Er iſt bei vollem Bewußtſein, Jenny,“ murmelte Eugen für ſich.„Er kennt ſein Weib.“ Aber ich werde nicht Elftes Capitel. In dem nach der Entdeckung der Puppenſchneiderin gehandelt wird. Mrs. John Rokeſmith ſaß, mit Handarbeit beſchäf— tigt, in ihrem ſauberen kleinen Zimmer neben einem Korbe von zierlichen kleinen Kleidungsſtücken, die ſo ſehr das Anſehen hatten, als gehörten ſie zu den Geſchäfts— waaren der Puppenſchneiderin, daß man faſt hätte glau⸗ ben ſollen, ſie habe ſich in Oppoſition gegen Miß Wren etablirt. Ob die„Vollſtändige Britiſche Hausfrau“ weiſen Rath über dieſelben ertheilt, ließ ſich nicht be⸗ ſtimmen; wahrſcheinlich aber nicht, denn jenes nebelige Orakel war nirgendwo zu ſehen. Jedenfalls nähte aber Mrs. John Rokeſmith mit ſo geſchickter Hand, daß ſie Unterricht von Jemandem genommen haben mußte. Die Liebe iſt in allen Dingen eine erſtaunliche Lehrerin, und deshalb hatte vielleicht die Liebe(in bildlichem Sinne in nichts als einen Fingerhut gekleidet) Mrs. John Roke⸗ ſmith dieſe Branche der Handarbeit gelehrt. Sie erwartete John binnen Kurzem heim; da ſie aber vor Tiſche noch einen beſonderen Triumph ihrer Kunſt zu vollenden wünſchte, ging ſie ihm nicht entgegen. Mit einem ſanften, wenngleich etwas wichtigen Lächeln ſetzte ſie ihre Beſchäftigung mit einem regelmäßigen Tone fort, wie eine Art reizender kleiner Meißener Porzellan⸗ uhr, von beſten Fabrikanten. Es ward an die Hausthür geklopft und zugleich ge⸗ klingelt. Nicht John, ſonſt würde Bella ihm entgegen⸗ geflogen ſein. Wer aber dann, wenn nicht John? Bella fragte ſich dies, als jene aufgeregte Närrin, das Hausmädchen, hereineilte und„Mr. Lightwood!“ meldete. „O, meine Güte!“ Bella hatte nur noch Zeit, ihr Taſchentuch über den Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 618 Korb zu werfen, als Mr. Lightwood in's Zimmer trat. Es war Etwas nicht richtig mit Mr. Lightwood, denn er ſah merkwürdig ernſt und leidend aus. Nach einer kurzen Anſpielung auf die glückliche Zeit, wo er das Privilegium genoſſen, Mrs. Rokeſmith's Be⸗ kanntſchaft als Miß Wilfer zu haben, erklärte Mr. Light⸗ wood, was nicht richtig mit ihm war und warum er komme. Er überbrachte Lizzie Hexam's ernſtlichen Wunſch, daß Mrs. John Rokeſmith kommen und bei ihrer Ver⸗ mählung gegenwärtig ſein wolle.. Bella fühlte ſich durch das Erſuchen und den kurzen Bericht, den er ihr mit tiefer Empfindung abgeſtattet, ſo bewegt, daß es nie ein rechtzeitigeres Riechfläſchchen gab, als das Klopfen, vermittelſt deſſen John ſeine Heim⸗ kehr ankündigte.„Mein Mann,“ ſagte Bella.„Ich will ihn hereinholen.“ Aber das war leichter geſagt, als gethan; denn ſowie ſie Mr. Lightwood's Namen ausſprach, ſtand John, mit der Thürklinke des Wohnzimmers in der Hand, ſtill.“ „Komm mit mir hinauf, mein Herz.“. Bella war im höchſten Grade erſtaunt, als ſie das Blut in ſein Geſicht ſteigen und ihn daſſelbe abwenden ſah.„Was kann dies zu bedeuten haben?“ dachte ſie, als ſie ihn die Treppe hinauf begleitete. „Jetzt, mein Leben,“ ſagte John, ſie auf den Schooß nehmend,„erzähle mir die ganze Sache.“ Es war ſchon ganz gut, zu ſagen:„Erzähle uiir die ganze Sache,“— aber John war außerordentlich ver⸗ wirrt. Seine Aufmerkſamkeit wanderte offenbar von Zeit zu Zeit, ſelbſt während Bella ihm die ganze Sache er⸗ zählte. Dennoch wußte ſie, daß er großen Antheil an Lizzie und ihrem Wohlergehen nehme. Was konnte es nur zu bedeuten haben?“ „Du wirſt doch mit mir zu dieſer Vermählung gehen, John, Du. Lieber?“ „N— nein, mein Herz, das kann ich nicht.“ „Das kannſt Du nicht, John?“ „Nein, mein Engel, es iſt ganz außer Frage. nicht daran zu denken.“ „Soll ich dann allein gehen, John?“ „Nein, mein Herz, Du ſollſt mit Mr. Lightwood gehen.“— „Meinſt Du nicht, es ſei Zeit, daß wir zu Mr. Lightwood hinuntergingen, lieber John?“ ſagte Bella ſchmeichelnd. „Mein liebes Leben, es iſt faſt Zeit, daß Du hin⸗ untergehſt, aber ich muß Dich bitten, mich ganz bei ihm zu entſchuldigen.“ „Du meinſt doch nimmer, liebſter John, daß Du ihn nicht ſehen willſt? Ei, er weiß, daß Du heimgekommen biſt. Ich habe es ihm geſagt.“ „Das trifft ſich ein wenig unglücklich, aber es iſt nicht zu ändern. Ob es ſich nun glücklich oder un⸗ glücklich trifft, ich kann ihn entſchieden nicht ſehen, mein Herz.“ Bella zerbrach ſich, während ſie auf ſeinem Schooße ſaß und ihn erſtaunt und ein wenig ſchmollend anſchaute, den Kopf darüber, was wohl die Urſache dieſes unbe⸗ greiflichen Benehmens ſein könne. Es bot ſich ihr eine ſchwache Urſache. „John, Du Lieber, Du kannſt doch nimmer eiferſüchtig auf Mr. Lightwood ſein?“ „Wie, mein Herzenskind,“ entgegnete ihr Gatte, geradeaus lachend,„wie könnte ich eiferſüchtig auf ihn ſein? Warum ſollte ich wohl eiferſüchtig auf ihn ſein?“ Pei Du weißt, John,“ fuhr Bella noch ein wenig Gar r ſchmollend fort,„obgleich er mich allerdings einſt bewunderte, daß es nicht meine Schuld war.“ ſagte ihr Gatte mit einem Blicke des Stolzes auf ſie, „und warum ſollte es da nicht Deine Schuld geweſen ſein, daß er Dich bewunderte? Aber daß ich deshalb eiferſüchtig ſein ſollte?⸗Ei, ich müßte doch auf Lebenszeit verrückt werden, falls ich auf Jeden, der mein Weib ſchön und einnehmend zu finden pflegte, eiferſüchtig ſein wollte!“ „Ich bin Dir halb böſe, lieber John,“ ſagte Bella, ein wenig lachend,„und halb gut, weil Du ein ſo alberner alter Junge biſt und dennoch ſo hübſche Sachen ſagſt, als ob Du ſie wirklich meinteſt. Sei nicht ge⸗ heimnißvoll, Sir. Was weißt Du Böſes von Mr. Lightwood?“ „Gar nichts, mein Herz.“ „Was hat er Dir jemals angethan, John?“ „Er hat mir nie Etwas angethan, mein Leben..Ich weiß eben ſo wenig gegen ihn, wie ich gegen Mr. Wray⸗ buͤrn weiß. Und dennoch habe ich gegen Beide denſelben Einwand, zu machen.“ „O, John!“ ſagte Bella, wie wenn ſie ihn aufgäbe, wie ſie ſich ſelber aufzugeben pflegte.„Du biſt um nichts beſſer, als eine Sphinx! Und eine verheirathete Sphinx iſt kein— iſt kein lieber, vertrauensvoller Gatte,“ ſagte Bella mit beleidigter Miene. „Bella, mein Leben,“ ſagte John Rokeſmith mit einem ernſten Lächeln ihre Wange berührend, wie ſie die Augen niederſchlug und abermals ſchmollte;„ſchau mich an. Ich wünſche mit Dir zu reden.“ „Im Ernſt, Blaubart vom geheimen Gemach?“ fragte Bella, indem ihr hübſches Geſicht ſich erheiterte. „Im Ernſt. Und ich bekenne das geheime Gemach. Erinnerſt Du Dich nicht, daß Du mich bateſt, nichts über Deine höheren Eigenſchaften zu ſagen, bis ich Dich würde erprobt haben?“. „Ja, lieber John. Und ich meinte dies und meine es noch jetzt von ganzem Herzen.“ „Es wird eine Zeit kommen, mein Leben— ich bin kein Weiſſager, doch ſage ich es Dir,— wo Du in der That wirſt erprobt werden. Ich glaube, daß die Zeit kommen wird, wo Dir eine Prüfung auferlegt werden wird, die Du nimmer ganz ſiegreich für mich beſtehen kannſt, falls Du kein vollkommenes Zutrauen in mich ſetzeſt.“ „Dann magſt Du meiner ſicher ſein, lieber John, denn ich kann das vollkommenſte Zutrauen in Dich ſetzen, und ich thue dies jetzt, und werde er immer, immer thun. Beurtheile mich nicht nach einer Kleinigkeit, wie dieſe, John. In Kleinigkeiten bin ich ſelber klein— bin ich es ſtets geweſen. Aber in großen Dingen hoffentlich nicht; ich will mich nicht rühmen, lieber John, aber ich ſage, in großen Dingen hoffentlich nicht.“ 3 Er war von der Wahrheit deſſen, was ſie ſagte, ſogar noch feſter überzeugt, als ſie ſelber, wie er ihre zärtlichen Arme um ſeinen Nacken fühlte. Hätte er die Schätze des goldenen Kehrichtmannes beſeſſen, ſo würde er bis auf den letzten Heller auf die Treue ihres zärtlichen Herzens in Glück und Unglück gewettet haben. „Jetzt will ich zu Mr. Lightwood hinunter und mit ihm fortgehen,“ ſagte Bella aufſpringend.„Du biſt der allerunordentlichſte, plumpſte, ungeſchickteſte Packer von der Welt, John; aber wenn Du ſehr artig ſein und ver⸗ ſprechen willſt, es niemals wiederzuthun(obgleich ich eigentlich nicht weiß, was Du gethan haſt), ſo magſt Du mir eine kleine Handtaſche für die Nacht packen, während ich meinen Hut aufſetze.“ Er gehorchte fröhlich, und ſie knüpfte ihre Grüb in den Hut ein und ſchüttelte den Kopf in denſelben z recht, zupfte die Schleifen aus und zog dann Finger für Finger ihre Handſchuhe auf ihre weichen kleinen Hände, und wünſchte ihm ſchließlich Lebewohl und ging hinunter. Mr. Lightwood's Ungeduld war bedeutend erleichtert, als er ſie zur Abfahrt bereit ſah. „Mr. Rokeſmith begleitet uns?“ ſagte er zögernd, mit einem Blicke auf die Thür. „O, ich vergaß!“ erwiderte Bella.„Seine beſten Empfehlungen. Sein Geſicht iſt zur Größe von zweien angeſchwollen, und er ſoll augenblicklich zu Bett gehen und den Doctor erwarten, der ſein Geſicht ſchneiden ſoll.“ „Es iſt eigenthümlich,“ bemerkte Lightwood,„daß ich Mr. Rokeſmith noch nie geſehen habe, obwohl wir in denſelben Angelegenheiten beſchäftigt waren.“ „Wirklich?“ ſagte die unverſchämte Bella. „Ich fange an zu glauben,“ ſagte Lightwood,„daß ich ihn nie ſehen werde.“ „Dieſe Dinge ereignen ſich zuweilen ſo ſonderbar,“ ſagte Bella mit ruhigem Angeſicht,„daß es faſt wie ein Verhängniß ausſieht. Aber ich bin jetzt völlig bereit, Mr. Lightwood.“ Sie fuhren ſofort in einem kleinen Wagen ab, den Lightwood aus dem unvergeßlichen Greenwich mitgebracht hatte, und von Greenwich reiſten ſie direct nach London, und in London warteten ſie auf einem Bahnhofe, bis Se. Ehrwürden Frank Milvey und Margaretta, deſſen Gattin, mit denen Mortimer Lightwood ſich bereits be⸗ ſprochen hatte, ſich zu ihnen geſellen würden. Dieſes würdige Paar ward durch ein ungeheuerliches altes Gemeindemitglied weiblichen Geſchlechts aufgehalten, das eine der Plagen ihres Lebens ausmachte und das ſie mit muſterhafter Sanftmuth und Gutmüthigkeit ertrugen, ungeachtet eines ihr anhaftenden Anſteckungsſtoffes von Abgeſchmacktheit, der ſich Allem und Jedem mittheilte, mit dem ſie in Berührung kam. Sie war ein Mitglied der Kirchgemeinde des Herrn Paſtors und machte es ſich zur Pflicht, ſich bei Allem, was Se. Ehrwürden in ſeiner öffentlichen Amtsverwaltung ſagte, wie ermuthigend und erfreulich dies immer ſein mochte, durch heftiges Weinen bemerkbar zu machen; auch wandte ſie alle Lamentationen des Königs David auf ſich an und klagte in einer per⸗ ſönlich gekränkten Manier(ſtets in den Reſponſen hinter dem Küſter und der übrigen Verſammlung zurückbleibend), daß ihre Feinde Fallgruben um ſie grüben und ſie mit eiſernen Ruthen zerſchlügen. Ja, dieſe alte Wittwe ver⸗ richtete dieſen Theil ihrer Morgen⸗ und Abendgebete in einer Weiſe, wie wenn ſie eine eidlich bekräftigte Anklage vorbrächte und beim Richter um einen Verhaftsbefehl einkäme. Dies war indeſſen noch nicht ihr unbequemſter Charakterzug, denn dieſer zeigte ſich in der Ueberzeugung, die ſich meiſtens bei fürchterlichem Wetter und bei Ta⸗ gesanbruch fühlbar machte, daß ſie Etwas auf dem Her⸗ zen habe, deſſen Se. Ehrwürden Mr. Milvey ſie unver⸗ züglich entlaſten müſſe. Viele Male war dieſer guther— zige Mann aufgeſtanden und zu Mrs. Sprodgkin(ſo hieß ſeine Jüngerin) hinausgegangen, indem er durch ſein tiefes Pflichtgefühl ſeine faſt eben ſo ſtarke. Schätzung des Komiſchen an ihr zurückgetrieben, wohl wiſſend, daß nichts Anderes als eine Erkältung danach kommen werde. Indeſſen erwähnten Se. Ehrwürden und Mrs. Milvey, außer unter ſich, faſt nie Etwas davon, daß Mrs. Sprodgkin kaum der Mühe werth ſei, die ſie ihnen machte; aber Beide unterzogen ſich ihr mit dem beſten Muthe, wie ſie dies mit all ihren Widerwärtigkeiten thaten. Dieſes außerordentlich läſtige Lamm der Heerde ſchien mit einem ſechsten Sinne begabt zu ſein, inſofern ſie — wollten, wi liſſen un müſſen von Mrs. S Mivey in- widerte: mm Frank, und 1 7 aum ihren Li als in pflicht meldet vurde, Da die Punkt ſochte, ſelten? fie ſic meiſte der irgend ſcränkte), na legenheit ihre Geſchenkes do Butter. Die ſtand aber im zu warten, u als dieſer herc in ſeiner Gut Ihr ja,“ eine auf ſich herabt that, wie ſie⸗ und Weihrauch ſchrecken und dieſe erbaulich noch immer während Mr. legten Gelg thut mir dem Bahnhof zur Ehre eines die, Repräſen leute, ebenſo ihres Werkes wegs in Gefa ſie ſich zu un „Ward n aufgehalten, hat,“ war S wood, indem Doch fügte M Weibe, das ſi im letzten Au ſprüche betriff zuweilen ein dieſer Beziehn Bella wa Gatten den 9 1 Verwunderun ganz unvefan „Wie be vorausgeei 3 Reilt, m Da es Jett zu ſch ſo that Be nicht halb geſagte No man nicht 2d, T tereſſe an waren. u dnd„ 90, daß ohl wir in ſonderbar, 1 faſt wie ein volig bereit, agen ab, den tgebracht ch London, Bahnhofe, bis aretta, deſſen h bereits be⸗ euerliches mitthe Mitglied es ſich tiges Weinen Lamentationen n einer per⸗ hinter ibend), und ſie mit Wittwe ver⸗ gebete in tigte Anklage Verhaftsbefehl equemſter onſon berzeugung, nd bei Ta⸗ auf dem Her⸗ ney ſte Unvel⸗ disſer guthe⸗ ke⸗Schätzung wiffend, daß ommen werde. Mrs. Milvey, 1 daß Nü. die ſie ihnen dem beſten wawärtigkeite „Heerde ſchien iſofern ſie b 621 ſtets wußte, wann Mr. Milvey ihre Geſellſchaft am we⸗ nigſten wünſchte, wo ſie dann unverzüglich in ſeinem kleinen Hausflur erſchien. Deshalb ſagte Se. Ehrwürden, nachdem er mit Bereitwilligkeit das Verſprechen gegeben, daß er und ſeine Gattin Mr. Lightwood zurückbegleiten wollten, wie Etwas, das ſich von ſelbſt verſtand:„Wir müſſen uns beeilen, liebe Margareta, oder wir werden von Mrs. Sprodgkin heimgeſucht werden,“ worauf Mrs. Milvey in ihrer charmanten nachdrucksvollen Weiſe er⸗ widerte:„O ja, denn ſie iſt ein ſolcher Freudenſtörer, Frank, und ſolch ein Quälgeiſt!“ Dieſe Worte waren kaum ihren Lippen entfallen, als der Gegenſtand derſelben als in pflichtſchuldiger Aufwartung unten harrend ge⸗ meldet wurde, des Rathes in geiſtlichen Dingen bedürftig. Da die Punkte, über welche Mrs. Sprodgkin Aufklärung ſuchte, ſelten von dringender Beſchaffenheit waren(indem ſie ſich meiſtens auf die Frage: oder irgend welche Auskunft über die Amoniter be⸗ ſchränkte), nahm Mrs. Milvey bei dieſer beſonderen Ge⸗ legenheit ihre Zuflucht zur Beſtechung vermittelſt eines Geſchenkes von Thee und Zucker, einem Brod und etwas Butter. Dieſe Gaben nahm Mrs. Sprodgkin an, be⸗ ſtand aber immer noch darauf, pflichtſchuldigſt im Flur zu warten, um Sr. Ehrwürden ihren Knix zu machen, als dieſer herauskam, der, indem er unvorſichtigerweiſe in ſeiner Gutmüthigkeit ſagte:„Nun, Sally, hier ſeid Ihr ja,“ eine discurſive Anrede von Mrs. Sprodgkin auf ſich herabrief, in der ſie mit weiten Umſchweifen dar⸗ that, wie ſie Thee und Zucker in dem Lichte von Myrrhe und Weihrauch anſehe und Brod und Butter mit Heu⸗ ſchrecken und wildem Honig identificire. Nachdem ſie dieſe erbauliche Auskunft ertheilt, blieb Mr. Sprödgkin, noch immer unabgefertigt, allein im Hausflur zurück, während Mr. und Mrs. Milvey in großer Erhitzung nach dem Bahnhof eilten. Und alles Dieſes haben wir hier zur Ehre eines guten chriſtlichen Gattenpaares mitgetheilt, die, Repräſentanten vieler anderen guten chriſtlichen Ehe⸗ leute, ebenſo gewiſſenhaft und pflichtgetreu die Kleinheit ihres Werkes in deſſen Größe vergeſſen und ſich keines⸗ wegs in Gefahr wähnen, an Würde zu verlieren, wenn ſie ſich zu unbegreiflichen Humbugs herbeilaſſen. „Ward noch im letzten Augenblicke durch eine Perſon aufgehalten, welche Anſprüche auf meine Aufmerkſamkeit hat,“ war Sr. Ehrwürden Entſchuldigung gegen Light⸗ wood, indem er ſich ſelber keine Berückſichtigung ſchenkte. Doch fügte Mrs. Milvey, gleich dem verfechteriſchen kleinen Weibe, das ſie war, für ihn denkend hinzu:„O ja, noch im letzten Augenblicke aufgehalten. Was aber die An⸗ ſprüche betrifft, Frank, ſo muß ich ſagen, daß Du mir zuweilen ein wenig zu rückſichtsvoll erſcheinſt und in dieſer Beziehung Mißbrauch geſtatteſt.“ Bella war ſich, ungeachtet des ſo kürzlich für ſich ab⸗ gelegten Gelöbniſſes, bewußt, daß die Abweſenheit ihres Gatten den Milvey's eine unangenehme Gelegenheit zur Verwunderung geben werde. Und ſie vermochte nicht ganz unbefangen auszuſehen, als Mrs. Milvey fragte: „Wie befindet ſich Mr. Rokeſmith, und iſt er uns vorausgeeilt, oder kommt er uns nach?“ Da es hierauf nothwendig ward, ihn wiederum zu Bett zu ſchicken und dort auf den Arzt warten zu laſſen, ſo that Bella dies, doch bei dieſer zweiten Gelegenheit nicht halb ſo gut, als bei der erſten; denn eine zweimal geſagte Nothlüge wird faſt eine wirkliche Léüge, wenn man nicht daran gewöhnt iſt. „O, mein Himmel!“ ſagte Mrs. Milvey.„Das thut mir ſo leid! Mr. Rokeſmith nahm ein ſolches In⸗ tereſſe an Lizzie Hexam, als wir das vorige Mal dort waren. „Wer erzeugt Wen?“ Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund.— 622 wußt, hätten wir ihm Etwas geben können, um das Schwellen bis nach dieſem kurzen Ausfluge zu verhin⸗ dern.“ Um die Nothlüge ein wenig zu übertünchen, fügte Bella eiligſt hinzu, daß er keine Schmerzen leide. Mrs. Milvey freute ſich ſo ſehr, dies zu hören. „Ich weiß nicht, wie es kommt,“ ſagte Mrs. Mil⸗ vey,„und ich bin überzeugt, daß Du es eben ſo wenig weißt, Frank, aber die Geiſtlichen und ihre Frauen ſchei⸗ nen geſchwollene Geſichter zu verurſachen. Wenn ich ein Kind in der Schule beobachte, ſcheint mir augen⸗ blicklich ſein Geſicht anzuſchwellen. Sowie Frank die Bekanntſchaft einer neuen alten Frau macht, bekommt dieſe unverzüglich Geſichtsſchmerzen. Und dann machen wir die armen Kinder ſo fürchterlich ſchnüffeln. Ich weiß nicht, wie wir dies anfangen, aber ich würde ſo froh ſein, wenn wir es nicht thäten; aber je mehr wir ſie beachten, deſto mehr ſchnüffeln ſie. Gerade wie ſie es machen, wenn der Textſpruch geleſen wird,— Frank, das iſt ein Schulmeiſter. Ich habe ihn irgendwo ge⸗ ſehen.“ Dies bezog ſich auf einen jungen Mann von zurück⸗ haltendem Ausſehen, der einen ſchwarzen Rock, ſchwarze Weſte und Pfeffer⸗ und Salz⸗farbene Beinkleider trug. Er war, unmittelbar nachdem Lightwood auf den Perron hinausgegangen, in einer unruhigen Weiſe vom Innern des Bahnhofes in das Eiſenbahn⸗Bureau hineingekommen, und hatte haſtig die gedruckten Anſchlagezettel und War⸗ nungen an den Wänden geleſen. Er hatte ein unſtätes Intereſſe an den Sachen genommen, die von den Aus⸗ und Eingehenden geſprochen wurden. Er war in dem Augenblicke, wo Mrs. Milvey Lizzie Hexam's Namen ausgeſprochen, näher herangekommen und ſeitdem in der Nähe geblieben, obgleich er fortwährend nach der Thür geblickt, durch welche Lightwood hinausgegangen war. Er ſtand mit dem Rücken ihnen zugewendet und die be⸗ handſchuhte Hand hinter ſich gefaltet da. Es war jetzt eine ſo ſichtliche Unſicherheit an ihm bemerkbar, wie wenn er mit ſich uneinig ſei, ob er die über ihn gemachte Bemerkung beachten ſolle, daß Mr. Milvey ihn an⸗ redete. „Ich kann mich nicht Ihres Namens entſinnen,“ ſagte dieſer,„aber ich erinnere mich ſehr wohl, Sie in Ihrer Schule geſehen zu haben.“ „Mein Name iſt Bradley Headſtone, Sir,“ dieſer, an eine entlegenere Stelle zurücktretend. „Ich hätte mich deſſelben erinnern ſollen,“ ſagte Mr. Milvey, ihm die Hand reichend.„Ich hoffe, Sie befin⸗ den ſich wohl? Haben ſich ein wenig zu ſehr angeſtrengt, fürchte ich.“— „Ja, ich habe mich eben jetzt wohl etwas zu ſehr angeſtrengt, Sir.“. „Hatten während ihrer letzten Ferien kein Vergnügen, wie?“ „Nein, Sir.“. „Lauter Arbeit und kein Vergnügen, würde bei Ihnen vermuthlich keine Langeweile bewirken, wohl aber Ver⸗ dauungsſchwäche, falls Sie ſich nicht in Acht nehmen.“ „Ich will mich in Acht zu nehmen bemühen, Sir. Dürfte ich Sie erſuchen, einen Augenblick draußen mit mir zu ſprechen, Sir?“ „Gewiß.“ Es war Abend und das Bureau hell erleuchtet. Der Schulmeiſter, der ſeine Beobachtung der Thür, durch welche Lightwood hinausgegangen, keinen Ausgenblick aus⸗ geſetzt hatte, ging jetzt durch eine andere Thür einem inkel draußen zu, der ziemlich im Schatten lag, und erwiderte Und wenn wir nur von ſeinem Geſicht ge⸗ ſagte, an ſeinen Handſchuhen reißend: 624 „Eine Ihrer Damen erwähnte ſo eben eines Namens, Sir, der mir bekannt iſt; ich darf wohl ſagen,— ſehr wohl bekannt. Es iſt der Name der Schweſter eines alten Schülers von mir. Er war lange mein Schüler und hat ſich emporgearbeitet und ein ſchnelles Fortkom⸗ men gefunden. Sein Name iſt Hexam. Der Name der Schweſter Lizzie Hexam.“ Er ſchien ein ſchüchterner Mann zu ſein, der mit Nervoſität rang, und er ſprach mit ſehr gezwungenem Weſen. Die Pauſe, die er zwi— ſchen ſeinen beiden letzten Sätzen machte, war ſeinem Zuhörer förmlich peinlich. „Ja,, erwiderte Mr. Milvey. ſie zu beſuchen.“ „Ich entnahm dies aus dem, was ich hörte, Sir. Ich hoffe, es iſt der Schweſter meines alten Zöglings nichts zugeſtoßen? Ich hoffe, ſie hat keinen Verluſt er⸗ litten? Ich hoffe, ſie hat keinen Kummer? Hat nicht etwa— irgend einen ihrer Angehörigen verloren?“ Mr. Milvey meinte, dies ſei ein Mann von ſehr ſeltſamem Weſen und ſcheuem Blick; doch antwortete er in ſeiner gewohnten offenen Weiſe. „Ich freue mich, Ihnen ſagen zu können, Mr. Head⸗ ſtone, daß die Schweſter Ihres Zöglings keinen derarti⸗ gen Verluſt erlitten hat. Sie glaubten, ich reiſe zu ihr, um Jemanden zu begraben?“ „Das mag vielleicht in Betracht Ihres geiſtlichen Standes die Ideenverbindung geweſen ſein, Sir, aber ich war mir deſſen nicht bewußt.— Dann iſt dies nicht der Zweck Ihrer Reiſe, Sir?“ Ein Mann mit einem ganz merkwürdigen Weſen und einem lauernden Blick, der förmlich beängſtigend war. „Nein. In der That,“ ſagte Mf. Milvey,„da Sie ein ſo großes Intereſſe an der Schweſter Ihres alten „Wir ſind im Begriff, Zöglings nehmen, kann ich Ihnen wohl ſagen, daß der Zweck meiner Reiſe zu ihr— Heirath iſt.“ Der Schulmeiſter fuhr heftig zurück. „Nicht etwa, daß ich ſie ſelber zu heirathen im Be⸗ griff bin, ſagte Mr. Milvey lächelnd,„denn ich bin be⸗ reits verheirathet; ſondernaum die Ceremonie der Ver⸗ mählung zu vollziehen.“ Bradley Headſtone faßte einen Pfeiler hinter ſich. Falls Mr. Milvey ein aſchgraues Geſicht kannte, wenn er daſſelbe ſah, ſo ſah er jetzt ein ſolches. „Sie ſind ganz krank, Mr. Headſtone!“ „Es hat nicht viel zu ſagen, Sir. Es wird ſehr bald vorüber gehen. Ich bin daran gewöhnt, vom Schwindel ergriffen zu werden. Laſſen Sie ſich nicht durch mich aufhalten, Sir; ich bedarf keines Beiſtandes; ich danke Ihnen. Ich bin Ihnen ſehr verbunden, daß Sie mir dieſe Minuten Ihrer Zeit geſchenkt haben.“ Wie Mr. Milvey, der keine Minuten mehr zu ver⸗ ſchenken hatte, eine angemeſſene Erwiderung machte und in das Bureau zurückkehrte, ſah er, wie der Schulmeiſter ſich mit dem Hute in der Hand an den Pfeiler lehnte und an ſeinem Halstuche zerrte, wie wenn er daſſelbe abzureißen verſuchte. Se. Ehrwürden lenkte deshalb die Aufmerkſamkeit eines der Eiſenbahnbeamten auf ihn, in⸗ dem er ſagte:„Es befindet ſich draußen ein Mann, der wirklich krank zu ſein und des Beiſtandes zu bedür— fen ſcheint, obgleich er dies verneint.“ Lightwood hatte unterdeſſen ihre Plätze genommen und es ſollte eben zur Abfahrt geläutet werden. Sie nahmen ihre Plätze ein und der Zug fing an ſich lang⸗ ſam in Bewegung zu ſetzen, als derſelbe Beamte den Perron entlang gelaufen kam und in alle Waggons hin⸗ einſchaute.. „O! Hier ſind Sie, Sir!“ auf den Magentge ſpringend und ſich, wie der Waggon ſich fortbewegte, it dem Elbogen am Fenſterrahmen feſthaltend.„Der Mann, den Sie mir bezeichneten, hat einen Krampf⸗ anfall.“ „Ich ſchließe aus dem, was er mir ſagte, daß er häufig an ſolchen Anfällen leidet. Er wird ſich in der friſchen Luft bald erholen.“ 2 Der Mann ſagte, es ſei ein ſehr ſchlimmer Anfall, er beiße und ſchlage wie ein Wüthender um ſich. Dann fragte er, ob der Herr ihm nicht ſeine Karte geben wolle, da er ihn zuerſt geſehen? Der Herr that dies, indem er die Erklärung hinzufügte, daß ihm nichts weiter über den Mann bekannt, als daß derſelbe einen ſehr achtba⸗ ren Beruf habe und daß er geſagt, er ſei augenblicklich leidend, wie dies ſchon aus ſeinem Ausſehen zu entneh⸗ men ſei. Der Beamte nahm die Karte, wartete die Gelegenheit zum Hinuntergleiten ab, glitt hinunter, und damit endete die Sache. Dann raſſelte der Zug über den Häuſerdächern und unter den zertrümmerten Häuſermauern dahin, welche ab⸗ geriſſen worden, um Platz für ihn zu machen, und über den wimmelnden Straßen und unter der fruchtbaren Erde hindurch, bis er über den Fluß dahinſchoß; wie eine Bombe über der ſtillen Oberfläche zerplatzend, und wieder verſchwindend, wie wenn er in Rauch und Dampf und Gluth aufgegangen. Eine kleine Weile und er don⸗ nerte abermals über den Fluß daher gleich einer großen Rakete, die wäſſerigen Windungen und Biegungen mit unausſprechlicher Verachtung von ſich ſtoßend und gerade auf ſein Ziel losgehend, wie die Zeit, auf das ihrige losgeht,— die Zeit der es einerlei iſt, welche lebenden Waſſer oben und unten fließen, die himmliſchen Lichter und die Dunkelheit abſpiegeln, ihre kleinen Erzeugniſſe an Kräutern und Blumen hervorbringen, ſich hierhin wen⸗ den und dorthin wenden, bald lärmen, bald ſchweigen, unruhig oder ſtille ſind, denn ihr Lauf hat ein ſicheres Endziel, obwohl ihre Quellen und Windungen mannig— fach ſind. Dann folgte eine Fahrt in offenem Wagen, an dem feierlichen Fluſſe entlang, der ſich in der Nacht dahin⸗ ſchlich, wie alle Dinge Tag und Nacht dahinſchleichen, und ſo ruhig der Anziehungskraft des Magnets, des Felſens der Ewigkeit, nachgeben; und je näher ſie dem Zimmer kamen, in welchem Eugen lag, deſto größer wurden ihre Befürchtungen, daß ſein Fortwandern bei ihrer Ankunft ſchon vorüber ſein dürfte. Endlich ſahen ſie das matte Licht in ſeinem Zimmer zu ihnen heraus⸗ leuchten und dies gab ihnen Hoffnung, obgleich Light⸗ wood erbebte, als er dachte:„Sie würde noch bei ihm ſitzen, ſelbſt wenn er ſie ſchon verlaſſen hätte.“ Aber er lag ruhig da, halb in Schlummer, halb in Betäubung. Bella, die mit warnend erhobenem Finger eintrat, küßte Lizzie leiſe, ſagte jedoch kein Wort. Auch von den Uebrigen ſprach Niemand; ſie ſetzten ſich Alle am Fuße des Bettes nieder und warteten. Und jetzt in dieſer Nachtwache vermiſchten ſich mit dem Rauſchen des Fluſſes und dem Getöſe des Eiſenbahnzuges in Bella's Geiſte wieder die Fragen: Was konnte nur in der Tiefe jenes Geheimniſſes ihres Gatten liegen? Warum hatte er ſich noch nie von Mr. Lightwood ſehen laſſen, den er noch immer mied? Wann ſollte jene Prüfung kommen, durch die ihr Vertrauen auf ihn und ihre Pflichttreue gegen ihn, ihren lieben Gatten, ſich bewähren und ihn ſiegreich machen ſollte? Denn dies war ſein Ausdruck geweſen. Ihr Beſtehen dieſer Prüfung ſollte den Mann, den ſie von ganzem Herzen liebte, ſiegreich machen. Ein Ausdruck, den Bella's Herz nicht aus dem Geſichte ver— lieren konnte. Spät in der Nacht öffnete Eugen die Augen. Er ten. 7 uurlgi ber ſir danken wie willkomt wenn ich „Es bed wiſſen es. ch füh 2, „Viel wo Eugen! ſchonen, und Dann ſta Mr. Milvey der Celemonie in Verbindung froher Lebens Freude iſ. eigenen ſonnig Milvey ſtröm Die Puppenſc den und wein Milvey verrich ſich über Eug tete, ſein Gel Bräutigam ni berühiten ſie dann der Bre legten, legte dort liegen. es alle Uebrigen Anter ſein Ha gen auf das „Oeffne d ſagte Eugen Hochzeitstag Die Som ins Zimmer, den ihrigen b „Ich ſegne d „Du haſt ſüßes Weib,“ ſchlagenen, u Länge nach Vittwe zurü „Ich hah zu dürfen i widerte ſie. Du haſ ſchüttelnd. zens gefolgt. dies zuerſt Mein. „Ganz! „Stil, 46 Dhränen dieſelben zu de Kopf ſt ich es no du Heldir Ihre e ten. Und Haupt ei bcgen der nid un Loß,duſer a 8„Der Krampf de, daß er d td ſich; ich in d er mmer Anfall n ſich. Dnu 2 d Nann Keben wolle f Deo 3 t dies indem weiter über ir achtba⸗ denblicklich zu entneh⸗ „Lartete die Dinunter, und erdächern und an, welche ab⸗ den, und über ſruchtbaren inſchoß; wie latzend, und c und Dampf e und er don⸗ teiner großen Biegungen mit d und gerade nuf das ihrige diche lebenden ſchen Lichter Erzeugniſſe c bierhin wen⸗ d ſchweigen, at ein ſicheres gen mannig⸗ gen, an dem ht dahin⸗ leichen, Nagneis, des aher ſie dem deſto giößer twandern bei ldlich ſahen huen heraué⸗ cbgleichLiht noch bei ihu uner, halb in obenem Finger in Wort. Auch ſezten ſih Ale dund jett in Rauſchen des Bella's er Tiefe s in n d Maun, ugachen. Ein — Gejchte ber— die Augen. Er war bei vollem Bewußtſein und ſagte ſogleich:„Was iſt es an der Zeit? Iſt unſer Mortimer zurück?“ Lightwood war augenblicklich da, um ſelber zu ant⸗ worten.„Ja Eugen, und es iſt Alles bereit.“ „Lieber Junge!“ erwiderte Eugen mit einem Lächeln, „wir danken Dir Beide von Herzen. Lizzie, ſage ihnen, wie willkommen ſie ſind, und daß ich beredt ſein wollte, wenn ich es im Stande wäre.“ „Es bedarf deſſen nicht,“ ſagte Mr. Milvey.„Wir wiſſen es. Fühlen Sie ſich beſſer, Mr. Wrayburn?“ „Ich fühle mich viel glücklicher,“ ſagte Eugen. „Viel wohler ebenfalls, hoffe ich?“ Eugen wandte die Blicke auf Lizzie, wie um ſie zu ſchonen, und antwortete nicht. Dann ſtanden ſie Alle um das Bett herum und Mr. Milvey begann, ſein Buch öffnend, ſein Amt in der Ceremonie, die ſo ſelten mit dem Schatten des Todes in Verbindung gebracht wird und ſo unzertrennlich von froher Lebensgluth und Hoffnung und Geſundheit und Freude iſt. Bella dachte, wie verſchieden dies von ihrer eigenen ſonnigen kleinen Hochzeit ſei, und weinte. Mr. Milvey ſtrömte von Mitleid über und weinte ebenfalls. Die Puppenſchneiderin barg ihr Geſicht in ihren Hän⸗ den und weinte unter ihrem goldenen Haarregen. Mr. Milvey verrichtete, mit leiſer, klarer Stimme leſend und ſich über Eugen hinbeugend, der die Blicke auf ihn hef— tete, ſein Gebet mit angemeſſener Einfachheit. Da der Bräutigam nicht die Hand zu rühren im Stande war, berührten ſie ſeine Finger mit dem Ringe und gaben ihn dann der Braut. Als die Beiden das Ehegelübde ab⸗ legten, legte ſie ihre Hand auf die ſeinige und ließ ſie dort liegen. Und als die Ceremonie vorüber war und alle Uebrigen das Zimmer verlaſſen, ſchob ſie ihren Arm Unter ſein Haupt und legte ihren Kopf neben den ſeini⸗ gen auf das Kiſſen. „Oeffne die Fenſtervorhänge, mein liebes Mädchen,“ ſagte Eugen nach einer Weile,„und laß uns unſeren Hochzeitstag ſehen.“ Die Sonne ging auf und warf ihre erſten Strahlen in's Zimmer, als ſie zurückkam und ſeine Lippen mit den ihrigen berührte.„Ich ſegne den Tag!“ ſagte Eugen. „Ich ſegne den Tag!“ ſagte Lizzie. „Du haſt nun eine armſelige Heirath gemacht, mein ſüßes Weib,“ ſagte Eugen.„Haſt nichts als einen zer⸗ ſchlagenen, unwürdigen Geſellen bekommen, der hier der Länge nach hingelegt und Dir, wenn er Dich als junge Wittwe zurückläßt, ſo gut wie Nichts hinterläßt.“ „Ich habe die Heirath gemacht, auf die nur hoffen zu dürfen ich die ganze Welt hingegeben hätte,“ er⸗ widerte ſie. „Du haſt Dich weggeworfen,“ ſagte Eugen, den Kopf ſchüttelnd.„Aber Du biſt dem Schatze Deines Her⸗ zens gefolgt. Meine Rechtfertigung liegt darin, daß Du dies zuerſt weggeworfen hatteſt, mein liebes Mädchen.“ „Nein. Ich hatte es Diragegeben.“ „Ganz daſſelbe, meine arme Lizzie!“ „Still, ſtill! Ganz etwas Anderes.“ Thränen füllten ſeine Augen und ſie flehte ihn an, dieſelben zu ſchließen.„Nein,“ ſagte Eugen, abermals den Kopf ſchüttelnd:„laß mich Dich anſchauen, ſo lange ich es noch kann. Du muthiges, aufopferndes Mädchen! Du Heldin!“ Ihre eigenen Augen füllten ſich bei ſeinen Lobeswor⸗ ten. Und als er Kraft genug fand, um ſein verletztes Haupt ein wenig zu bewegen und an ihre Bruſt zu legen, vermiſchten ſich ihre Thränen. „Lizzie,“ ſagte Eugen nach einer Weile,„wenn Du mich von dieſer Zufluchtſtätte fortwandern ſiehſt, die ich Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. ſo wenig verdient habe, ſo rufe mich bei meinem Namen, und dann, glaube ich, werde ich zurückkommen.“ „Ja, lieber Eugen.“ „Da!“ rief er lächelnd.„Ich würde ohne das ſchon jetzt eben fortgewandert ſein!“ „ Eiine kleine Weile ſpäter, als er bewußtlos zu werden ſchien, ſagte ſie mit einer ruhigen, liebevollen Stimme: „Eugen, mein lieber Gatte!“ Er antwortete augenblick⸗ lich:„Schon wieder! Du ſiehſt, wie Du mich zurück⸗ rufen kannſt!“ Und ſpäter, wenn er nicht zu ſprechen ver⸗ mochte, antwortete er mit einer leichten Bewegung ſeines Kopfes an ihrer Bruſt. Die Sonne ſtand hoch am Himmel, als ſie ſich leiſe losmachte und ihm die Stärkungs⸗ und Nahrungsmittel reichte, deren er bedurfte. Die gänzliche Hülfloſigkeit der Trümmer des hier geſtrandet Daliegenden erfüllte ſie jetzt mit Sorge und Furcht; er ſelbſt aber ſchien ein wenig hoffnungsvoller. 1 „ Ah, meine geliebte Lizzie!“ ſagte er matt.„Wie ſoll ich Dir jemals, falls ich wieder geneſe, vergelten, was ich Dir zu verdanken habe!“ „Schäme Dich meiner nicht,“ erwiderte ſie,„und dann wirſt Du mir Alles überreichlich vergolten haben.“ „Es würde eine ganze Lebenszeit erforderlich ſein, Lizzie, um Alles zu vergelten; mehr als eine Lebenszeit.“ „Dann lebe dafür; lebe für mich, Eugen; lebe, um zu ſehen, welche Mühe ich mir geben werde, mich zu bilden und Dir keine Schande zu machen.“ „Mein Herzensmädchen,“ erwiderte er mit mehr von ſeinem alten Weſen, als er bisher noch zu ſammeln im Stande geweſen.„Daran dachte ich nicht. Das, woran ich dachte, war dies: in Deinem Mitleid für mich in dieſem zerſchlagenen und verſtümmelten Zuſtande machſt Du ſo Großes aus mir— denkſt Du ſo gut von mir— liebſt Du mich ſo innig!“ „Der Himmel weiß, ich liebe Dich innig!“ „Und der Himmel weiß, das ich dies zu ſchätzen weiß! Nun. Falls ich lebe, wirſt Du mich kennen lernen.“ „Ich werde entdecken, daß mein Gatte eine wahre Mine von Vorſatz und Energie beſitzt, und den beſten Gebrauch von derſelben machen wird!“ „Ich hoffe es, liebſte Lizzie,“ ſagte Eugen, nachdenk⸗ lich und zugleich mit etwas wunderlicher Miene.„Ich hoffe es. Aber ich bin nicht der Eitelkeit fähig, es zu glauben. Wie kann ich es wohl glauben, wenn ich auf eine ſo müſſige, vergeudete Jugend, wie die meinige, zu⸗ rückblicke! Ich hoffe in aller Demuth! aber ich wage nicht, es zu glauben. Ich habe ein ſchneidendes Gefühl in meinem Gewiſſen, daß ich, falls ich lebte, Deine und meine eigene gute Meinung enttäuſchen würde, und daß ich lieber ſterben ſollte, mein Herz!“ 4 Zwölftes Capilel. Ein flüchtiger Schatten. Die Stürme und Fluthen wechſelten ſo viele Male, die Erde bewegte ſich ſo viele Male um die Sonne, das Schiff auf dem Meere legte ſeine Fahrt in Sicherheit zurück und brachte einen kleinen Bella⸗Säugling heim. Wer fühlte ſich da wohl geſegneter und glücklicher, als Mrs. John Rokeſmith— ausgenommen Mr. John Ro⸗ keſmith! „Möchteſt Du jetzt wohl reich ſein, mein Leben?“ 40 * 4 ihr große Unruhe verurſachte. 627 „Wie kannſt Du nur eine ſolche Frage thun, lieber John! Bin ich etwa nicht reich?“ Dies waren faſt die erſten Worte, die neben der kleinen Bella geſprochen wurden, wie dieſe ſchlafend da⸗ lag. Sie erwies ſich bald als ein Kind von erſtaun⸗ licher Intelligenz, indem ſie die größte Abneigung gegen die Geſellſchaft ihrer Großmutter an den Tag legte, und unabänderlich an einer unangenehmen Säure im Magen litt, ſowie dieſe würdevolle Dame ſie mit ihrer Beach⸗ tung beehrte. 3 Es war allerliebſt anzuſehen, wie Bella dieſes Kind⸗ chen betrachtete, und ihre eigenen Grübchen an dieſem kleinen Abbilde entdeckte, wie wens ſie ohne perſönliche Eitelkeit in den Spiegel geſchaut. Ihr cherubiſcher Va⸗ ter bemerkte mit Recht gegen ihren Gatten, daß das Kleine ſie jünger denn je mache, indem es ihn an die Zeit erinnerte, wo ſie eine Lieblingspuppe hatte, zu der ſie zu plaudern pflegte, wie ſie ſie umhertrug. Es konnte in der ganzen Welt kein zweites Kindchen geben, dem ſo viel allerliebſter Unſinn vorgeſchwatzt und vorgeſungen wurde, wie Bella dieſem Kindchen vorplauderte und vor⸗ ſang; oder das ſo viele Male innerhalb vierundzwanzig Stunden umgekleidet wurde, wie Bella dies Kindchen umkleidete; oder hinter Thüren verſteckt und dann plötz⸗ lich hervorgeſtreckt ward, um dem Vater den Eingang ‚zu wehren, wie es mit dieſem Kindchen geſchah; oder, mit einem Worte, das durch die lebhafte Erfindung einer fröhlichen und ſtolzen jungen Mutter nur halb ſo viel lindliche Kunſtſtückchen verübte, wie dieſes unerſchöpfliche eine. Dies unerſchöpfliche Kleine war etwa zwei bis drei Monate alt, als Bella auf dem Antlitze ihres Gatten eine Wolke wahrzunehmen anfing. Da ſie daſſelbe beob⸗ achtete, ſah ſie dort eine immer wachſende Sorge, die Mehr als einmal weckte ſie ihn, da er im Schlafe murmelte; und obgleich er nichts Schlimmeres murmelte, als ihren eigenen Namen, war es ihr doch klar, daß ſeine Raſtloſigkeit in irgend einem Gewicht von Sorge ihren Urſprung hatte. Des⸗ halb machte Bella endlich ihr Recht, dieſe Sorge zu theilen, und ihre Hälfte der Laſt zu tragen, geltend. „Du weißt, lieber John,“ ſagte ſie mit heiterer Be⸗ zugnahme auf ihre frühere Unterhaltung,„daß ich ſicher mit großen Dingen betraut werden zu können hoffe. Und es kann ſicherlich nichts Geringes ſein, das Dir ſo viel Unruhe verurſacht. Es iſt ſehr rückſichtsvoll von Dir, daß Du mir Deine Unruhe zu verbergen verſuchſt, lieber John, aber es iſt nicht ausführbar.“ 5„Ich gebe zu, daß ich ein wenig unruhig bin, mein erz.“ „„Dann habe die Gewogenheit, mir zu ſagen, wor⸗ über, Sir.“ Aber nein, er wich ihr aus.„Macht nichts!“ dachte Bella entſchloſſen.„John verlangt, daß ich unbedingtes Vertrauen in ihn ſetze, und er ſoll ſich nicht in mir täuſchen.“ „Sie fuhr eines Tages nach London, um dort mit ihm zuſammenzutreffen und einige Einkäufe zu machen. Sie fand ihn am verabredeten Orte und dann gingen ſie zuſammen durch die Straßen hin. Er war in heiterſter Stimmung, obwohl er immer wieder auf die Idee ihres Reichwerdens zurückkam; und er ſagte, ſie wollten eben annehmen, daß jene ſchöne Equipage ihnen gehörte und warte, um ſie nach ihrem prachtvollen Hauſe zurückzu⸗ fahren— was möchte Bella dann wohl am liebſten in dieſem Hauſe vorfinden? da ſie bereits Alles beſitze, was ſie wünſche, ſo könne ſie's nicht ſagen. Aber allmälig ward ſie verleitet, zu beken⸗ Nun! das wußte Bella nicht: Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 628 nen, daß ſie für das unerſchöpfliche Kleine eine Kinder⸗ ſtube haben möchte, wie ſie noch nie von Menſchenaugen geſehen worden. Dieſelbe ſollte an Farben ein wahrer Regenbogen ſein, denn ſie ſei feſt überzeugt, daß das Kleine ſchon auf Farben achte; und die Treppe ſollte mit den ſchönſten Blumen verziert ſein, denn ſie ſei ſich vollkommen ſicher darüber, daß das Kleine ſchon auf Blumen achte; und es ſollte irgendwo ein Vogelhaus aufgeſtellt werden mit allerliebſten kleinen Vögeln, denn es unterliege nicht dem allergeringſten Zweifel, daß das Kleine bereits auf Vögel achte. Sonſt nichts? Nein, lieber John. Da für die Liebhabereien des Kleinen ge⸗ ſorgt, wußte Bella ſich weiter nichts zu wünſchen. Sie plauderten in dieſer Weiſe fort, und John hatte geſagt:„Keine Kleinodien für Dich ſelbſt, zum Beiſpiel?“ und Bella hatte erwidert: O! was das betreffe, ja, ſo könne gern ein ſchöner Schmuckkaſten von Elfenbein auf ihrem Toilettetiſche ſtehen,— als alle dieſe Bilder plötz⸗ lich verdunkelt und ausgelöſcht wurden. Sie kamen um eine Ecke und begegneten Mr. Light⸗ wood. Sobald er Bella's Gatten erblickte, der in dem⸗ ſelben Augenblicke die Farbe wechſelte, ſtand er, wie verſteinert, ſtill. „Mr. Lightwood und ich haben einander ſchon früher geſehen,“ ſagte John Rokeſmith. „Schon früher geſehen, John?“ ſagte Bella in ver⸗ wundertem Tone.„Mr. Lightwood ſagte mir, er habe Dich noch nie geſehen.“. „Ich wußte damals nicht, daß dies dennoch der Fall geweſen,“ ſagte Lightwood, ihretwegen außer Faſſung gebracht.„Ich glaubte nur von Mr.— Rokeſmith ge⸗ hört zu haben,“ ſagte er, den Namen betonend. „Als Mr. Lightwood mich ſah, mein Herz,“ bemerkt ihr Gatte, ſeinen Augen nicht ausweichend, ſondern ihr anblickend,„war mein Name Julius Handford.“ Julius Handford! Der Name, den Bella ſo oft in alten Zeitungen geleſen, als ſie noch in Mr. Boffin's Hauſe gelebt! Julius Handford, welcher öffentlich an⸗ gefleht worden, ſich zu ſtellen, und über den Auskunft zu erhalten man eine hohe Belohnung ausgeboten! „Ich würde es vermieden haben, dies in Ihrer Gegen⸗ wart zu erwähnen,“ ſagte Lightwood mit Zartgefühl zu Bella;„da aber Ihr Gemahl es ſelbſt geſagt, muß ich ſeine ſeltſame Zulaſſung beſtätigen. Ich ſah ihn als Mr. Julius Handford und gab mir ſpäter(wie dies ihm unfraglich bekannt war) die größte Mühe, ihn aus⸗ zuſpüren.“. „Vollkommen wahr. Aber es lag nicht in meinem Zwecke oder Intereſſe, mich ausſpüren zu laſſen,“ ſagte Rokeſmith ruhig. Bella ſchaute ſtaunend von dem Einen zum Andern. „Mr. Lightwood,“ fuhr ihr Gatte fort,„da der Zu⸗ fall uns endlich einander gegenübergeſtellt hat— was nicht zum Verwundern, denn das Wunder liegt vielmehr darin, daß derſelbe uns nicht, all meinen Bemühungen in der entgegengeſetzten Richtung zum Trotz, ſchon längſt zuſammengeführt— brauche ich Sie nur daran zu er⸗ innern, daß Sie in meinem Hauſe geweſen ſind, und hinzußufügen, daß ich meine Wohnung nicht verändert ahe.“.. „Sir,“ erwiderte Lightwood mit einem bedeutungs⸗ vollen Blick auf Bella,„ich befinde mich in einer wahr⸗ haft peinlichen Lage. Ich hoffe, daß Ihnen keine Mit⸗ ſchuld an einer ſehr ſchwarzen That anhaftet, aber Sie können nicht umhin, zu wiſſen, daß Ihr eigenes merkwürdiges Benehmen Sie dieſem Verdachte ausgeſetzt hat.“ „Das weiß ich,“ war die ganze Antwort. Deumn wood wird ich hier vo Rokemith hi ihm zu vera Un Fc den 1 3d kaum leugnel auf die Sie abſichtlich aus „Ich gebe uß ich wede zu leugnen. begegnet ware haben, Ihne Jch gehe jetzt Nittag dort zukunft beſſe Tag. Lightwood ging, mit Be an ihm vorbei ferner von il oder ſonſtige? Als ſie zu John Rokeſmi bewahrt hatte: warum ich jen „Nein, li endlich gern iigte),„aber theilen kannſt. Vertrauen zu erden! p binem M beſchwoͤren ſchen anfing. ich meinte es. Es entgin geſtigkeit; a vürde ſie ſie haben. „„du kan reitet geweſe voll Mr. 9 Nelſon ſei?“ „Nein, l teſt wir, ich und das tha Er zog werde bald verden.„Ij Vorte, mei befinde mich wir unmägl werden.” „Deſſen 85 „MNein die Hand eAAbel in einem zee Kinder⸗ treffe, ja, ſo Elfenbein auf Bilder plötz⸗ Mr Laht⸗ der in dem⸗ ſtand er, wie er ſchon früher Boſſg in Vor. Bella in ver⸗ er habe noch der Fall ßer Faſſung Rokeſmith ge⸗ 8 d ct in meinem u ſagte n zum Andern. da der Zu⸗ hat— Was iegt vielmehr ühungen on längſt daran zu er⸗ ſen ſind, und zt verändert „ Benn Beu ſch bedeutungs⸗ ner wahr' ——— 629 „Meine Amtspflicht,“ ſagte Lightwood zögernd, mit einem abermaligen Blicke auf Bella,„liegt mit meiner Neigung im Streit; aber ich bezweifle, Mr. Rokeſmith, ob ich darin gerechtfertigt bin, mich hier von Ihnen zu eerabſchieden, ohne eine Erklärung über Ihr Verfahren zu 8 3 haben.“ Bella ergriff die Hand ihres Gatten. „Beunruhige Dich nicht, mein Herz. Mr. Light⸗ wood wird ſehen, daß er völlig darin gerechtfertigt iſt, ſich hier von amir zu verabſchieden. Jedenfalls,“ fügte Rokeſmith hinzu,„wird er ſehen, daß ich mich hier von ihm zu verabſchieden gedenke.“ „Ich denke, Sir,“ ſagte Lightwood,„Sie können es kaum leugnen, daß Sie, als ich bei jener Gelegenheit, auf die Sie bereits angeſpielt, in Ihrem Hauſe war, mir abſichtlich aus dem Wege gingen.“ „Ich gebe Ihnen die Verſicherung, Mr. Lightwood, daß ich weder den Wunſch noch die Abſicht hege, dies zu leugnen. Ich würde, falls wir einander nicht jetzt begegnet wären, noch eine Weile länger fortgefahren haben, Ihnen abſichtlich aus dem Wege zu gehen. Ich gehe jetzt direct nach Hauſe, und werde bis morgen Mittag dort zu finden ſein. Ich hoffe, daß wir in Zukunft beſſer mit einander bekannt werden. Guten Tag.“ Lightwood ſtand unentſchloſſen da, aber Bella's Gatte ging, mit Bella am Arm, mit der größten Sicherheit an ihm vorbei, und ſie kehrten heim, ohne daß ihnen ferner von irgend Jemandem der geringſte Widerſtand oder ſonſtige Beläſtigung zugefügt wurde. Als ſie zu Mittag geſpeiſt und allein waren, ſagte John Rokeſmith zu ſeiner Gattin, die ihre Heiterkeit bewahrt hatte:„Und Du fragſt mich nicht, mein Herz, warum ich jenen Namen trug?“ „Nein, lieber John. Ich möchte es natürlich un⸗ endlich gern wiſſen,“(was ihr beſorgtes Geſicht beſtä⸗ tigte),„aber ich warte, bis Du es mir freiwillig mit⸗ theilen kannſt. Du fragteſt mich, ob ich vollkommenes Vertrauen zu Dir haben könne, und ich ſagte ja, und ich meinte es. Es entging Bella nicht, daß er triumphirend auszu⸗ ſehen anfing. Sie bedurfte keine Stärkung in ihrer Feſtigkeit; aber falls ſie derſelben benöthigt geweſen, würde ſie ſie aus ſeinem ſtrahlenden Geſichte geſchöpft aben. z„Du kannſt unmöglich auf die Entdeckung vorbe⸗ reitet geweſen ſein, mein Herz, daß dieſer geheimniß⸗ volle Mr. Handford und Dein Gatte eine und dieſelbe Perſon ſei?“ „Nein, lieber John, natürlich nicht. Aber Du ſag⸗ teſt mir, ich ſolle mich auf eine Prüfung vorbereiten, und das that ich.“ Er zog ſie näher an ſich heran und ſagte ihr, es werde bald vorüber ſein und die Wahrheit bald bekannt werden.„Und jetzt,“ fuhr er fort,„merke Dir dieſe Worte, mein Leben, welche ich jetzt noch hinzufüge. Ich befinde mich durchaus in gar keiner Gefahr, und es kann mir unmöglich von irgend Jemandem Schaden zugefügt werden.“ „Deſſen biſt Du Dir ganz, ganz ſicher, John?“ „Es kann kein Haar meines Hauptes verletzt werden! Ueberdies habe ich nichts Unrechtes gethan und keinem Menſchen ein Leid zugefügt. Soll ich es Dir beſchwören?“. „Nein, John!“ rief Bella, ihm mit ſtolzer Miene die Hand auf die Lippen legend.„Mir nimmermehr!“ „Aber die Verhältniſſe,“ fuhr er fort,„— die ich in einem Augenblicke aufklären kann und will— haben Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 630 einen höchſt ſeltſamen Verdacht auf mich geworfen. Du hörteſt Mr. Lightwood einer ſchwarzen That erwähnen?“ „Ja, John.“ „Biſt Du darauf gefaßt, zu hören, meinte?“— „Ja, John.“ „Mein Leben, er meinte den Mord des John Harmon, des Dir zugedachten Gatten.“ Bella faßte ihn mit heftig klopfendem Herzen am was er damit Arm.„Du kannſt unmöglich beargwöhnt werden, John?“ „Doch, liebes Herz,— ich werde beargwöhnt!“ Sie ſchwiegen, wie ſie mit bleichen Wangen und Lippen da ſaß und in ſein Geſicht ſchaute.„Wie können ſie es wagen!“ rief ſie endlich mit einem Ausbruche edler Ent⸗ rüſtung.„Mein theuerſter Gatte, wie können ſie es wagen!“ Er umſchlang ſie, wie ſie die Arme öffnete, und drückte ſie feſt ans Herz.„Selbſt nachdem Du dies weißt, vermagſt Du mir zu trauen, Bella?“ „Ich vertraue Dir von ganzem Herzen, John, Du Lieber. Wenn ich Dir nicht vertraute, müßte ich todt zu Deinen Füßen hinſinken.“ Sein Geſicht ſtrahlte von tiefem innern Jubel, wie er entzückt emporblickte und ausrief, was er gethan, um das Herz dieſes theuren vertrauensvollen Weſens zu ver⸗ dienen! Sie legte ihm abermals die Hand auf die Lippen und ſagte:„Still!“ und ſagte ihm dann in der ihr eigenen natürlichen, gefühlvollen kleinen Weiſe,— falls die ganze Welt gegen ihn ſei, ſie wolle für ihn ſein; falls die ganze Welt ihn verdamme, ſie wolle ihm glauben; falls er in Aller Augen beſchimpft, in ihren Augen ſolle er geehrt daſtehen; und ſie könne bei dem ſchlimmſten unverdienten Verdachte ihr Leben ihm zur Tröſtung widmen, und ihr unerſchütterliches Vertrauen zu ihm ihrem kleinen Kinde einprägen. Als ihr ſtrahlender Mittag von einem ruhig glück⸗ lichen Zwielichte gefolgt ward, ſaßen ſie ſtill und ſchwei⸗ gend bei einander, bis ſie Beide von einer fremden Stimme im Zimmer erſchreckt wurden. Da es jetzt finſter im Zimmer war, ſagte die Stimme:„Die Dame muß nicht erſchrecken, wenn ich ein Licht anmache,“ und gleich darauf kniſterte ein Streichhölzchen und brannte in einer Hand auf. Die Hand und das Streichhölzchen und die Stimme gehörten, wie Mr. John Rokeſmith dann ſah, dem Herrn Inſpector, der einſt in dieſer Chronik ſo ſinnend thätig war. „Ich nehme mir die Freiheit,“ ſagte der Herr In⸗ ſpector in geſchäftsmäßiger Weiſe,„mich Herrn Julius Handford, ins Gedächtniß zurückzurufen, der mir vor ziemlich langer Zeit dort unten bei uns ſeinen Namen und ſeine Adreſſe gab. Würde die Dame Etwas da⸗ wider haben, wenn ich die Kerzen hier auf dem Kamin⸗ ſims anzündete, um etwas mehr Licht auf die Sache zu werfen? Nein? Ich dank' Ihnen, Madame. Jetzt hat es ein freundlicheres Anſehen.“. Der Herr Inſpector hatte in ſeinem dunkelblauen, feſtzugeknöpften Rocke, und Beinkleidern von derſelben Farbe, ein nützlich⸗königlich⸗außer⸗Dienſten⸗mäßiges An⸗ ſehen, indem er ſich ſeines Taſchentuchs bediente und ſich gegen die Dame verbeugte. „Sie erzeigten mir die Gefälligkeit, Mr. Handford,“ ſagte der Herr Inſpector,„Ihren Namen und Ihre Adreſſe für mich aufzuſchreiben, und hier iſt das Stück Papier, auf dem Sie Beides angegeben. Da ich die Schrift mit derjenigen vergleiche, die ich auf dem Vor⸗ ſetzeblatt dieſes Buches hier auf dem Tiſche ſehe— und * 40 —— ——— — 631 zwar ein allerliebſtes kleines Buch— mit der Inſchrift: „Mrs. John Rokeſmith. Von ihrem Gatten zum Ge⸗ burtstage— und ſolche Andenken ſind wohlthuend für die Gefühle— finde ich, daß beide genau mit einander übereinſtimmen. Kann ich ein Wort mit Ihnen reden?“ „Gewiß. Hier, wenn's beliebt,“ war die Antwort. „Je nun,“ entgegnete der Herr Inſpector, ſich aber⸗ mals ſeines Taſchentuchs bedienend,„obgleich die Dame ſich durchaus nicht zu beunruhigen braucht— weiß ich dennoch, daß die Damen ſich leicht durch Geſchäftsſachen beunruhigen laſſen denn ſie ſind von ſo zartem Geſchlecht, daß ſie nicht daran gewöhnt ſind— aus⸗ genommen im ſtreng häuslichen Sinne— und ich mache es mir gewöhnlich zur Regel, mich, ehe ich auf Geſchäfts⸗ ſachen eingehe, aus der Geſellſchaft der Damen zurück⸗ zuziehen. Oder,“ meinte der Herr Inſpector,„die Dame möchte vielleicht eben hinaufgehen, und einmal nach dem Kleinen ſehen?“ „Mrs. Rokeſmith—,“ begann ihr Gatte, als der Herr Inſpector, die Worte als eine Vorſtellung be⸗ trachtend, ſagte: Macht mich glücklich, die Ehre zu haben,“ und ſich galant verbeugte. „Mrs. Rokeſmith,“ wie⸗ derholte ihr Gatte,„iſt überzeugt, daß ſie keine Urſache hat, ſich zu be⸗ unruhigen, von welcher Be⸗ ſchaffenheit das Geſchäft immer ſei.“ „Wirklich? Iſt das der Fall?“ ſagte der Herr Inſpector.„Aber es iſt ein Geſchlecht, von dem wir zu lernen leben, und es giebt nichts, das eine Dame nicht zu thun im Stande wäre, ſobald ſie ſich einmal dazu entſchloſſen hat. Nun, Madamo, dieſer gute Herr hier hat zu be⸗ trächtlichen Ungelegenheiten Anlaß gegeben, die hätten vermieden werden können, falls er zum Vorſchein gekom⸗ men wäre und ſich erklärt hätte. Nun, ſehen Siel Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 3 CErziehung V Lightwood, endlich!(Seite: 628.) „Aus welchem Grunde?“ „Gott ſei meiner Seele gnädig!“ entgegnete der Herr * „Weſſen beſchuldigen Sie mich?“ „Ich wundere mich über Sie— vor einer Dame,“ ſagte der Herr Inſpector, vorwurfsvoll den Kopf ſchüt⸗ telnd;„ich wundere mich, daß Sie bei der Erziehung, die Sie genoſſen, nicht mehr Zartgefühl beſitzen! Ich be⸗ ſchuldige Sie alſo“ in irgend einer Weiſe an dem Har⸗ mon⸗Morde betheiligt geweſen zu ſein. Ich ſage nicht, ob vor oder während oder nach der That. Ich ſage nicht, ob blos wegen einer Kenntniß derſelben, die noch nicht an den Tag gekommen. 3„Sie überraſchen mich nicht. Ich ſah Ihren Be⸗ ſuch heute Nachmittag vor⸗ aus.“ „O, nicht doch!“ ſagte der Herr Inſpector.„Wozu noch argumentiren? Es iſt meine Pflicht, Sie zu un⸗ terrichten, daß Alles, was Sie ſagen, gegen Sie be⸗ nutzt werden wird.“ „Das glaube ich nicht.“ „Aber ich ſage es Ihnen,“ ſagte der Herr Inſpector.„Alſo, nach⸗ dem ich Sie jetzt gewarnt behaupten Sie noch immer, daß Sie meinen Beſuch heute Nachmittag vorausgeſehen?“ „Ja. Und ich will noch etwas mehr hinzu⸗ fügen, wenn Sie eben mit mir ins nächſte Zim⸗ mer kommen wollen.“ Nachdem er der angſt⸗ vollen Bella einen Kuß auf die Lippen gedrückt, nahm ihr Gatte(dem der Herr Inſpector höflich den Arm bot) ein Licht, und entfernte ſich mit dem Herrn. Sie blieben eine volle halbe Stunde in Beſprechung mit einander fort. Als ſie zurückkamen, verrieth das Geſicht des — yy—rj Er kam nicht zum Vorſchein und erklärte ſich nicht. Herrn Inſpectors beträchtliches Erſtaunen. Da wir einander nun begegnen, werden Sie ſagen— und zwar mit Recht— daß durchaus nichts Beunruhi⸗ gendes darin liegt, wenn ich ihm vorſchlage, jetzt zum Vorſchein zu kommen— oder um Dasſelbe mit andern Worten auszudrücken— mit mir zu kommen und ſich zu erklären.“ Als der Herr Inſpector ſich dieſer andern Form„mit mir zu kommen“ bediente, lag in ſeiner Stimme ein Ton des Behagens und ſein Auge ſtrahlte mit amtlichem Glanze. „Beabſichtigen Sie mich zu verhaften?“ fragte John Rokeſmith ſehr trocken. „Wozu noch darüber argumentiren? erwiderte der Herr Inſpector mit einer gemüthlichen Art von Gegen⸗ vorſtellung;„iſt es nicht genug, wenn ich vorſſchlage, daß Sie mit mir kommen?“ „Ich habe dieſen würdigen Beamten aufgefordert, mein Herz,“ ſagte John,„eine kurze Ausflucht mit mir zu machen, an der Du theilnehmen ſollſt. Er wird, wenn Du ihn darum erſuchſt, vermuthlich etwas Speiſe und Trank genießen, während Du Deinen Hut aufſetzeſt.“ Der Herr Inſpector dankte für Speiſe, nahm jedoch den Vorſchlag eines Glaſes Grog bereitwillig an. Nach⸗ dem er daſſelbe kalt gemiſcht und während er es ſinnend ſchlürfte, brach er von Zeit zu Zeit in Selbſtgeſpräche aus, in denen er bemerkte, daß er in ſeinem Leben nie von ſo Etwas gehört, daß er in ſeinem ganzen Leben nicht ſo erſtaunt geweſen, und dies ſei die wahre Ge⸗ ſchichte, um dahinter zu kommen, von welcher Beſchaffen⸗ heit die Meinung eines Mannes von ſich ſelber ſei! Zu gleicher Zeit brach er mehr als einmal in ein Gelächter 4 Inſpector.„Ich muß mich bei einem Manne von Ihrer hierüber wundern. Wozu noch argumen⸗ tiren?“. — Veränderung, halb zurückwe Jene wkonme innenden Bli in einem gel net Stim, ſuche, die ſein hatten ſich ei ihm heimlich; jetzt mntlaffen, inen öffentlich ihm jedoch un jalls ſie ſich 1 an ihm würde nicht zu beſtim und ſie hatter lichen Lage der tung, die der⸗ ige Art und ſo wie ihre B er ſie ftagte: ihre Furchtſam allen dieſen Gre gegen neun Uh ren, und von d werften und T wie im Traum klären, wozu ſ ahnen, was ſic fahre oder wa in der unmit John vertraus trumphirenden wißheit war n Sie ſtiege uo ein Gebäl ſölzernen Pfö ſelben unterſch und erkläͤrte Station.“ „Vr g. Vella, ſich an „Ja, me nichts, wir w Die weiß iſtematiſche ſtatten, und ſeulendes G din permane Macſſtube. regelmäßig j vie per Far etinge Spu Der He Gäſte vorz legen(der nägige Aus nach ſeiner Schreibleh ſeine Schü kehrte der ding dann Luſtigen? die Sache lho, nach⸗ zt gewarnt meinen Pachmi Nachmittag — ich will hinzu⸗ Sie eben er der angſt⸗ inen Kuß gedrückt, tte(dem der tor hüflich ein Licht, ch mit dem ben eine tunde in nit einander kamen, des G fordert, mein t mir zu vird, wenn gan. Nach . z ſinnend e lbſtgeſpräche S geben nie — er Leben Aüber ſeil Zu Mein Gelächter — aus, mit der halb befriedigten, halb piquirten Miene eines Menſchen, der ein gutes Räthſel aufgegeben, und V dem man jetzt die Löſung geſagt. Bella war ſo furcht⸗ ſam vor ihm, daß ſie dieſe Dinge, ſowie eine große Veränderung in ſeinem Benehmen gegen John, in einer V halb zurückweichenden, halb beobachtenden Weiſe bemerkte. Jene„kommen⸗Sie⸗mit⸗mir⸗“ Miene war jetzt in langen ſinnenden Blicken auf John und ſie untergegangen und V in einem gelegentlichen ſchweren, langſamen Reiben ſei⸗ ner Stirn, wie wenn er die Falten auszuglätten ver⸗ ſuche, die ſein tiefes Nachſinnen dort hervorgebracht. Es hatten ſich einige huſtende und pfeifende Satelliten von ihm heimlich in der Nähe aufgehalten, doch dieſe waren jieetzt entlaſſen, und er betrachtete John, als ob er ihm eeiinen öffentlichen Dienſt zu leiſten verſucht, indem man ihm jedoch unglücklicherweiſe zuvorgekommen. Ob ſie, falls ſie ſich nicht vor ihm gefürchtet, noch ſonſt Etwas aan ihm würde wahrgenommen haben, vermochte Bella nicht zu beſtimmen; aber es war ihr Alles unerklärlich, b und ſie hatte nicht die entfernteſte Ahnung von der wirk⸗ lichen Lage der Verhältniſſe. Die zunehmende Beobach⸗ tung, die der Herr Inſpector ihr ſchenkte, und ſeine pfif⸗ fige Art und Weiſe, ſeine Augenbrauen emporzuziehen, ſo wie ihre Blicke zufällig einander begegneten, wie wenn er ſie fragte:„Verſtehen Sie wohl?“ vergrößerte noch ihre Furchtſamkeit und folglich ihre Verwirrung. Aus aallen dieſen Gründen war Bella, als er und ſie und John gegen neun Uhr an einem Winterabend nach London fuh⸗ ren, und von der London⸗Brücke unter flachliegenden Ufer⸗ werften und Docks und ſeltſamen Oertern umherfuhren, wie im Traume, durchaus nicht im Stande, ſich zu er⸗ klären, wozu ſie dort ſei; durchaus nicht im Stande, zu aanhnen, was ſich zunächſt ereignen werde, oder wohin ſie fahre oder warum ſie dorthin fahre; ſicher über Nichts in der unmittelbaren Gegenwart, außer, daß ſie auf John vertraue, und daß John mit jedem Augenblicke V triumphirender zu werden ſcheine. Aber welch eine Ge⸗ wißheit war nicht dies! Sie ſtiegen endlich an der Ecke eines Hofes aus, wo ein Gebäude mit einer hellen Laterne und einem hölzernen Pförtchen ſtand. Das ſaubere Ausſehen des⸗ ſelben unterſchied ſich ſehr von der übrigen Nachbarſchaft, und erklärte ſich durch die Inſchrift:„Polizei⸗ Station.“ „Wir gehen doch nicht hier hinein, John?“ ſagte Bella, ſich an ihn hängend.. „Ja, mein Herz; doch ganz freiwillig. Fürchte nichts, wir werden eben ſo leicht wieder herauskommen.“ Die weißen Kalkwände waren ſo weiß wie je, das ſyſtematiſche Buchhalten ging noch ſo ruhig wie je von ſſtctten, und in einer fernen Zelle ſtieß, wie früher, ein heulendes Geſchöpf an die Thür. Das Sanctum war kein permanenter Wohnort, ſondern eine Art crimineller Packſtube. Die niederen Laſter und Leidenſchaften waren regelmäßig im Buche verzeichnet, in Zellen aufgelagert, wie per Factura angegeben, fortgekarrt, und ließen nur geringe Spuren zurück. Der Herr Inſpector ſtellte zwei Stühle für ſeine Gäſte vors Feuer und beſprach ſich leiſe mit einem Col⸗ legen(der dasſelbe nützlich⸗königlich⸗außer⸗ Dienſten⸗ mäßige Ausſehen hatte), und der, falls man ihn nur nach ſeiner gegenwärtigen Beſchäftigung beurtheilte, ein Schreiblehrer hätte ſein können, welcher Vorſchriften für ſeeine Schüler ſchrieb. Nachdem die Berathung zu Ende, kehrte der Herr Inſpector an den Kamin zurück und V ging dann, nachdem er bemerkt, daß er eben nach den LLuſtigen Brüderne hinumgehen und nachſehen wolle, wie die Sache ſich anlaſſe, hinaus. Er kehrte bald zurück Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. und ſagte:„Es könnte nicht beſſer ſein, denn ſie ſitzen Alle mit Miß Abbey in der Schenke beim Nachteſſen;“ worauf ſie alle Drei zuſammen hinausgingen. Bella ſah ſich, noch immer wie im Traume, bald in einer gemüthlichen altmodiſchen Schenke, wo ſie in ein kleines dreieckiges Zimmer hineingeſchmuggelt ward, das der Schenkſtube gerade gegenüber lag. Der Herr In⸗ ſpector vollführte dieſes Einſchmuggeln ihrer ſelbſt und Johns in dieſes merkwürdige kleine Zimmer, das ver⸗ mittelſt einer Inſchrift auf der Thüre als ‚die Ge⸗ müthlichkeite bezeichnet wurde, indem er ihnen voran in den engen Gang hineintrat und ſich dann plötzlich mit ausgeſtreckten Armen zu ihnen umwandte, wie wenn ſie ein Paar Schafe geweſen. Das Zimmer war zu ihrem Empfange erleuchtet. „Jetzt,“ ſagte der Herr Inſpector, indem er die Gas⸗ flamme verkleinerte, zu John,„will ich mich wie zufällig zu ihnen geſellen, und wenn ich ‚‚Identification' ſage, ha⸗ ben Sie vielleicht die Güte, ſich zu zeigen.“ John nickte, und der Herr Inſpector ging allein an die Halbthür der Schenke. Durch die matt erleuchtete Thür der ‚Gemüthlichkeit,“ in deren Innerem Bella und ihr Gatte ſtanden, konnten ſie drei Perſonen bei einem behaglichen Nachteſſen in der Schenke ſitzen ſehen und Alles hören, was geſprochen wurde. Dieſe drei Perſonen waren Miß Abbey und zwei männliche Gäſte. Gegen dieſe bemerkte der Herr In⸗ ſpector insgeſammt, daß das Wetter für die Jahreszeit ſcharf zu werden anfange. „Es muß wohl ſcharf werden, um Ihrem Verſtande gleich zu kommen, Sir,“ ſagte Miß Abbey.„Was haben Sie jetzt vor?“ „Danke für das Compliment, Miß Abbey; nicht viel, Miß Abbey,“ war die Antwort des Herrn Inſpectors. „Wen haben Sie in der ‚Gemüthlichkeit?“ fragte Miß Abbey. „Nur einen Herrn mit ſeiner Gemahlin, Miß!“ „Und wer ſind ſie? Falls man dies fragen darf, ohne Ihren ſchlauen Plänen im Intereſſe des ehrlichen Publikums zu nahe zu treten,“ ſagte Miß Abbey, die auf den Herrn Inſpector ſtolz war, wie auf ein admini⸗ ſtratives Genie. „Sie ſind in dieſem Theile der Stadt fremd, Miß Abbey. Sie warten hier, bis ich des Herrn bedarf, da⸗ mit er ſich eben auf eine halbe Secunde irgendwo ſehen läßt.“ „Können Sie nicht zu uns hereinkommen, während ſie warten?“ ſagte Miß Abbey. Der Herr Inſpector ſchlüpfte augenblicklich in die Schenkſtube hinein und ſetzte ſich neben der Halbthür und den beiden Gäſten gerade gegenüber nieder.„Ich ſpeiſe erſt ſpäter zur Nacht,“ ſagte er,„und will des⸗ halb nicht die Tiſchordnung ſtören. Aber ich will ein Glas Flipp annehmen, falls das in dem Kruge dort Flipp iſt.“ „Das iſt Flipp,“ ſagte Miß Abbey,„und mein eigenes Gebräu, und falls ſelbſt Sie irgendwo beſſeren zu finden wiſſen, ſo ſoll es mich freuen, zu hören, wo.“ Nachdem ſie mit gaſtfreier Hand ein dampfendes Glas voll für ihn ausgeſchenkt, ſtellte Miß Abbey den Krug wieder beim Feuer nieder; denn die Geſellſchaft war in ihrem Nachteſſen noch nicht bei dem Flippſtadium angelangt, ſondern noch ig mit ſtarkem Bier beſchäftigt. „Ah— h!“ rief der Herr Inſpector.„Das ſchmeckt! Es giebt in der ganzen Polizei keinen Spürer, der beſſeres Zeug aufzuſtöbern im Stande wäre, als das da!“ „Freut mich, Sie das ſagen zu hören,“ erwiderte 635⁵ Miß Abbey.„Sie ſollten es wohl verſtehen, wenn's überhaupt Jemand verſteht.“ „Mr. Job Potterſon,“ fuhr der Herr Inſpector fort, „auf Ihr Wohlſein. Mr. Jacob Kibble, auf das Ihrige. Hoffe, Sie haben eine angenehme Heimfahrt gehabt, meine Herren.“. Mr. Kibble, ein ſchmieriger, breiter Mann von wenig Worten und vielen Biſſen, ſagte, mehr kurz als witzig, „Gleichfalls.“ Mr. Job Potterſon, ein halb ſeemänni⸗ ſcher Mann von höflichem Benehmen, ſagte:„Danke, Sir.“ „Der Herr ſei meiner Seele gnädig!“ rief der Herr Inſpector.„Da wir von Profeſſionen ſyrechen, Miß Abbey, und wie ſie den Leuten ihren Stempel aufdrücken (ein Gegenſtand, deſſen kein Menſch erwähnt), wer würde wohl nicht ſogleich in Ihrem Bruder einen Steward er⸗ kennen! Es leuchtet ein klares Blinzeln in ſeinem Auge, es iſt eine Sauberkeit in ſeiner Perſon, eine Gewandt⸗ heit in ſeinem Weſen, er hat etwas ſo Zuverläſſiges an ſich, für den Fall, wo man des Beckens bedürfte,— die ihn ſofort als den Steward bezeichnen! Und Mr. Kibble, iſt er nicht ganz der Paſſagier? Sieht man nicht, un⸗ geachtet jenes kaufmänniſchen Zuſchnitts, der Jeden glücklich machen würde, ihm Credit für fünfhundert Pfund zu geben, auch auf ihm das Glänzen des ſal⸗ zigen Meeres?“ „Sie ſehen es vielleicht,“ ſagte Miß Abbey.„Aber ich ſehe nichts davon. Und was das Stewardsgeſchäft anbelangt, ſo ſcheint mir's Zeit zu ſein, daß mein Bru⸗ der es aufgiebt und dies Haus übernimmt, während ſeine Schweſter ſich vom Geſchäft zurückzieht. Das Haus wird ſonſt zerfallen. Ich wollte es für kein Geld der Welt an einen andern Menſchen verkaufen, als einen ſolchen, auf den ich mich verlaſſen könnte, daß er in den ‚Brüdern’ ein Gebot wäre, wie ich es geweſen bin.“ „Darin haben Sie recht, Miß,“ ſagte der Herr In⸗ ſpector.„Es iſt unſern Leuten kein Haus bekannt, in dem eine vorzüglichere Wirthſchaft geführt würde. Was ſage ich? in dem eine halb ſo vortreffliche Wirthſchaft geführt würde. Man zeige der Polizei die ‚Sechs luſtigen Brüdere, und die Polizei will Ihnen Conſtabler für Conſtabler ein Stück von Vollkommenheit zeigen, Mr. Kibble.“ Dieſer Herr pflichtete dem Artikel mit einem ſehr ernſten Kopfſchütteln bei. „Und da wir davon ſprechen, wie die Zeit uns durch die Finger ſchlüpft, wie wenn ſie ein Thier bei ländlichen Spielen mit geſeiftem Schweife wäre“(abermals ein Gegenſtand, deſſen kein Menſch erwähnt);„je nun, das mögen Sie wohl ſagen. Das mögen Sie wohl ſagen. Wie iſt nicht die Zeit entſchlüpft ſeit dem Tage, an dem der hier gegenwärtige Miß Job Potterſon, der hier gegenwärtige Mr. Jacob Kibble und ein hier gegenwär⸗ tiger Polizeibeamter zum erſten Male in Angelegenheiten einer Identification hier zuſammenkamen!“ Bella's Gatte trat leiſe an die Halbthür der Schenk⸗ ſtube und blieb dort ſtehen. „Wie iſt nicht die Zeit verſtrichen,“ fuhr der Herr Inſpector langſam fort, während ſein Auge ſcharf die beiden Gäſte beobachtete,„ſeit wir drei ſelbigen Männer bei einer Leichenſchau in dieſem ſelbigen Wirthshauſe— Mr. Kibble? Iſt Ihnen nicht wohl, Sir?“ Mr. Kibble war mit herabſinkender Kinnlade von ſeinem Sitze aufgetaumelt, indem er Potterſon bei der Schulter packte und auf die Halbthür deutete. Jetzt ſchrie er auf:„Potterſon! Sieh! Sieh dort!“ Potterſon ſprang auf, fuhr zurück und rief aus:„Der Himmel ſei uns gnädig, was iſt das!“ Bella's Gatte trat zu Bella zurück, nahm ſie in ſeine Arme(denn das ihr unerklärliche Grauſen der beiden Männer erſchreckte ſie), und ſchloß die Thür des kleinen Zimmers. Haſtige Stimmen wurden vernommen, unter denen die des Herrn Inſpectors die eifrigſte war; die⸗ ſelbe ward allmälig ruhiger und ſchwieg, und der Herr Inſpector kam zurück.„'s heißt aufgepaßt, Sir!“ ſagte er, mit einem ſchlauen Augenblinzeln hereinſchauend.„Wir wollen Ihre Dame ſofort hinaus ſchaffen.“ Gleich da⸗ rauf befanden Bella und ihr Gatte ſich unter den Ster⸗ nen und kehrten allein nach dem Fuhrwerke zurück, das dort auf ſie gewartet hatte. Alles Dies war höchſt ſeltſam und Bella konnte nichts davon begreifen, als daß John recht gehabt. In welcher Weiſe er recht gehabt, und welches Unrechts er beargwöhnt worden, vermochte ſie nicht zu errathen. Eine unbeſtimmte Idee, daß er nie in Wirklichkeit den Namen Handford angenommen und daß er nur eine auffallende Aehnlichkeit mit jener geheimnißvollen Perſönlichkeit habe, war ihre größte Annäherung an eine Erklärung. Doch John triumphirte, ſo viel war klar; und das Uebrige konnte ſie abwarten. Als John am folgenden Tage zu Tiſche heimkam, ſagte er, indem er ſich neben Bella und das Kleine auf's Sopha ſetzte:„Mein Herz, ich habe Dir etwas Neues mitzutheilen. Ich habe das China⸗Haus verlaſſen.“ Da ihm dies angenehm zu ſein ſchien, nahm Bella es für ausgemacht an, daß es kein Unglück ſei, „Mit einem Worte, mein Engel,“ ſagte John,„das Chinahaus iſt aufgehoben und abgeſchafft. Es exiſtirt nichts mehr dergleichen.“ „Dann biſt Du bereits in einem andern Hauſe, John?“ 1 „Ja, mein Leben, ich bin in einem andern Geſchäft. Und bin etwas beſſer geſtellt. Das unerſchöpfliche Kleine mußte ihm augenblick⸗ lich gratuliren und mit angemeſſener Bewegung eines ſehr quabbeligen Arms und fleckigen Fäuſtchens ausrufen: „Drei Cheers, meine Herren und Damen, Hurr— rah!“ „Ich fürchte, mein liebes Herz,“ ſagte John,„daß Du eine große Vorliebe für dieſes Häuschen gefaßt haſt?“ „Du fürchteſt es, John? Ei, natürlich habe ich das gethan.“ „Der Grund, weshalb ich es befürchte,“ erwiderte John,„iſt der— daß wir ausziehen müſſen.“ „O, John!“ „Ja, mein Herz, wir müſſen ausziehen. Wir müſſen unſer Hauptquartier jetzt in London aufſchlagen. Mit Einem Worte, es iſt mit meiner neuen Stelle eine freie Wohnung verbunden und wir müſſen Gebrauch von der⸗ ſelben machen. „Das iſt ein Vortheil, John.“ „Ja, mein Herz, dies iſt ohne Zweifel ein Vor⸗ theil.“ 3 Er warf ihr einen ſehr fröhlichen Blick und einen ſehr ſchlauen Blick zu. Worauf das unerſchöpfliche Kleine die fleckigen Fäuſtchen gegen ihn erhob und mit drohender Geberde zu wiſſen verlangte, was er damit ſagen wolle. „Mein Herz, Du ſagteſt, es ſei ein Vortheil, und ich ſagte, es ſei ein Vortheil. Dies iſt doch ſicherlich eine ſehr unſchuldige Bemerkung.“ „Ich will— Dir— nicht— erlauben,“ ſagte das unerſchöpfliche Kleine, ihm bei jedem Innehalten mit einem der fleckigen Fäuſtchen ins Geſicht ſtoßend,„Dich — über— meine— ehrwürdige Ma— luſtig— zu machen.“ 6 4 abermals die keine Kinderſt ſagen, 15 ma herzige Vater Art von Kinde verde“. un inrihe noch fernere 31 mich?“ Und den Rücken gel „Aber witt ſtengung liebl⸗ wie es daſteht, 9 el“ has fühlte und traf dahe mittag mit i ſollteſt.“ Es ward Vormittag begl Bella entzückt; Als ſie ihre langten, nahme ende zu. Nicht ſonderen Theile Ils ſie Mr. B nicht nur nach endlich ſogar nicht nur in di ten ſchließlich, „Mein lieh Puſtet ſchauen WJa, mein Die Haus geln goöffnet, Pagen. Der binerlei Frag ſoch folgte er gingen. Nur atjinderte ſie uppe ſtehen ſch ſſe, daß ſönſten Blu D Joh B 5 ſoll di Aen deDa ſie ei alerlieſten s ügel umher lumen wa Gold. und gſſerlilien under. D. dies beden Michts Sie gu John die lla ſeine ſie in ſein, 5 eine Ser beiden des kleinen nen, unter nDar; die⸗ der Her. r 85 err ze ſagte Fauend. We * Gaet dl Oleich da⸗ ter den ½ „. den Ster⸗ * zurück das Della konnte ot gehabt. a 3 h 3 M ed Uu ts er Eine it den N Namen le auffalle d ht— tende dullchkeit habe, heimkam, auf's N ifel ein Vor⸗ glick und einen Anerſchöpfliche chob und mit a et damit ortheil, und doch ſicherlich 636 Wie John ſich bückte, um dieſe Züchtigungen ent⸗ gegenzunehmen, fragte Bella ihn, ob es nöthig ſein werde, daß ſie ſchon bald auszögen? Nun, ja,(ſagte John), er denke allerdings, daß ſie ſchon bald würden ausziehen müſſen. (ſagte Bella). Nun, nein,(ſagte John), die Sache ſei die— daß das Haus— gewiſſermaßen bereits meu⸗ blirt ſei. Da das unerſchöpfliche Kleine dies hörte, nahm es abermals die Offenſive an und ſagte:„Aber es iſt dort keine Kinderſtube für mich, Sir. Was willſt Du damit ſagen, Du marmorherziger Vater?“ Worauf der marmor⸗ herzige Vater erwiderte, es befinde ſich allerdings eine— Art von Kinderſtube dort, die— die wohl„hinreichen werde“. „Hinreichen wird?“ entgegnete das Unerſchöpfliche, noch fernere Züchtigung austheilend,„wofür hältſt Du mich?“ Und dann ward es auf Bella's Schooße auf den Rücken gelegt und mit Küſſen erſtickt. „Aber wirklich, John,“ ſagte Bella, durch dieſe An⸗ ſtrengung lieblich geröthet,„wird das neue Haus, ſo wie es daſteht, für das Kleine paſſen? Das iſt die Frage!“ „Ich fühlte, daß dies die Frage ſei,“ erwiderte er, „und traf daher die Verabredung, daß Du morgen Vor⸗ mittag mit mir kommen, und es Dir anſchauen ſollteſt.“ Es ward alſo abgemacht, daß Bella ihn morgen Vormittag begleiten ſolle, worauf John geküßt ward und Bella entzückt war. Als ſie ihrem kleinen Plane zufolge in London an⸗ langten, nahmen ſie einen Fiaker und fuhren dem Weſt⸗ ende zu. Nicht nur dem Weſtende zu, ſondern dem be⸗ ſonderen Theile des Weſtendes, das Bella zuletzt geſehen, als ſie Mr. Boffins Thür den Rücken gewandt. Und nicht nur nach dieſem beſonderen Stadttheile, ſondern endlich ſogar in dieſelbe Straße hinein. Und ſie fuhren nicht nur in dieſe beſondere Straße hinein, ſondern hiel⸗ ten ſchließlich gar vor demſelben Hauſe ſtill. „Mein lieber John!“ rief Bella, aufgeregt aus dem Fenſter ſchauend.„Siehſt Du, wo wir ſind?“ „Ja, mein Herz. Der Kutſcher hat ganz recht.“ Die Hausthür ward ohne alles Anklopfen oder Klin⸗ geln geöffnet, und John half ihr geſchwind aus dem Wagen. Der Diener, der die Thür offen hielt, richtete keinerlei Fragen an John, und ging ihnen weder voran noch folgte er ihnen, als ſie geradezu die Treppe hinauf⸗ gingen. Nur der ſie umſchlingende Arm ihres Gatten verhinderte ſie, indem er ſie ſanft fortzog, am Fuße der Treppe ſtehen zu bleiben. Wie ſie dieſelbe hinanſtiegen, ſah ſie, daß dieſelbe auf das Geſchmackvollſte mit den ſchönſten Blumen verziert war. „O, John!“ ſagte Bella mit ſchwacher Stimme. „Was ſoll dies bedeuten?“ „Nichts, mein Herz, nichts. Laß uns weiter gehen.“ Da ſie ein wenig höher ſtiegen, kamen ſie zu einem allerliebſten Vogelhauſe, in dem eine Menge tropiſcher Vögel umherflogen, deren Gefieder noch bunter als die Blumen war; und unter den Vögeln befanden ſich Gold⸗ und Silberfiſche, und alle Arten von Moos und Waſſerlilien und ein Springbrunnen und alle möglichen Wunder.. „O, mein lieber John!“ ſagte Bella.„Was ſoll dies bedeuten?“ „Nichts, mein Herz, Nichts. Laß uns weiter gehen.“ Sie gingen weiter, bis ſie an eine Thür kamen. Wie John die Hand ausſtreckte, um dieſelbe zu öffnen, ergriff Bella ſeine Hand. Und das Hausgeräth natürlich mitnehmen? 637 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 638 „Ich weiß nicht, was es zu bedeuten hat, aber es iſt zu viel für mich. Halte mich, lieber John.“ John fing ſie in den Armen auf und trug ſie leicht ins Zimmer hinein. Siehe da— Mr. und Mrs. Boffin, ſtrahlend! Mrs. Boffin, die entzückt in ihre Hände ſchlägt, mit Freuden⸗ thränen auf dem hübſchen Geſicht zu Bella eilt, ſie an ihr Herz ſchließt und ausruft:„Mein liebes, liebes, lie⸗ bes Mädchen, das Noddy und ich ſich verheirathen ſahen und nicht beglückwünſchen, ja nicht einmal anreden durf⸗ ten! Mein liebes, liebes, liebes Weibchen John's und Mutter ſeines kleinen Kinds! Mein zärtliches, liebevolles, ſchönes, ſchönes Schätzchen! Willkommen in Deinem eige⸗ nen Hauſe, mein Herzchen!“ Dreizehntes Capitel. Zeigt, wie der Goldene Kehrichtmann den Teuten Hand in die Augen ſtreut. In all der erſten Verwirrung ihres Erſtaunens war Mr. Boffins leuchtendes Angeſicht das Allerverwirrendſte für Bella. Daß ſeine Gattin freudig und offenherzig und liebevoll war, oder daß ihr Geſicht jede Eigenſchaft ausdrückte, die groß und vertrauend und keine einzige, die klein oder gemein, ſtimmte durchaus mit Bella's Er⸗ fahrung überein. Aber daß er mit vollkommen wohl⸗ wollender Miene und rundem, roſigen Angeſicht daſtand und ſie und John wie ein jovialer guter Geiſt betrach⸗ tete, war wunderbar! Denn wie hatte er ausgeſchaut, als ſie ihn das letzte Mal in dieſem ſelben Zimmer ge⸗ ſehen(es war das Zimmer, in dem ſie ihm beim Schei⸗ den ihre Meinung geſagt), und was war aus all den krummen Runzeln des Argwohns, Geizes und Mißtrauens geworden, die damals ſein Geſicht entſtellt? Mrs. Boffin ließ Bella auf ein großes Sopha nie⸗ derſitzen und ſetzte ſich zu ihr, während John, ihr Gatte, ſich zu ihrer andern Seite niederließ und Mr. Boffin mit überſchwänglicher Vergnüglichkeit und Freude daſtand, und ſie Alle anſtrahlte. Darauf hatte Mrs. Boffin einen Lachanfall, indem ſie ſich in die Hände und auf die Kniee ſchlug und ſich hin⸗ und herwiegte, und dann noch einen Lachanfall, in dem ſie Bella umarmte und hin⸗ und herwiegte— beide Anfälle von beträchtlicher Dauer.—„Alte Dame, alte Dame,“ ſagte Mr. Boffin endlich;„falls Du nicht anfängſt, muß jemand Anderes anfangen.“ „Ich fange jetzt an, lieber Noddy,“ erwiderte Mrs. Boffin.„Aber es iſt nicht ſo leicht, anzufangen, wenn man ſo überſelig glücklich iſt. Bella, mein Herzchen, ſage mir, wer iſt dies?“ „Wer iſt dies?“ wiederholte Bella.„Mein lieber Mann.“ „Ahl Aber ſage mir ſeinen Namen, Herzchen!“ rief Mrs. Boffin. „Rokeſmith.“ „Nein, das iſts nicht!“ rief Mrs. Boffin, in die Hände ſchlagen und den Kopf ſchüttelnd.„Nicht die Spur.“ „Handford alſo,“ ſagte Bella. „Nein, das iſts nicht!“ rief Mrs. Boffin, abermals in die Hände ſchlagend und den Kopf ſchüttelnd.„Nicht die Spur.“ 4 „Er heißt doch wenigſtens John, wie?“ ſagte Bella. ——õ— —— Name? Rathe einmal, mein Tauſendſchönchen!“ ¹ 640 wie er einen frommen Betrug an ihr geübt, der ihn, wie die Zeit der Offenbarung jetzt herangerückt, mit Be⸗ ſorgniß erfüllt, daß ſie vielleicht keine volle Entſchuldigung für den Zweck zu bieten im Stande ſein werde, in dem „Ich kanns nicht rathen,“ ſagte Bella, ihr blaſſes Geſicht von dem Einen zum Andern wendend. S 9 „Ich konnt's!“ rief Mrs. Boffin,„und was noch mehr iſt, ich errieth ihn! Ich entdeckte ihn eines Abends ganz auf einmal, wie ich wohl ſagen darf. Nicht wahr, Noddy?“ „Ja, ja! Das that die alte Dame!“ ſagte Mr. Bof⸗ fin mit wackerem Stolz auf den Umſtand. „Höre mich an, Herzchen,“ fuhr Mrs. Boffin fort, indem ſie Bella's Hände in die ihrigen nahm und die⸗ ſelben von Zeit zu Zeit ſanft klopfte. einem gewiſſen Abend, an dem John— wie er glaubte— „Es war nach eine Enttäuſchung in ſeiner Liebe erfahren. Es war nach einem gewiſſen Abend, an dem John einer gewiſſen jun⸗ gen Dame einen Antrag gemacht, und die gewiſſe junge Dame ihn abgewieſen. Abend, an dem er ſich wie ausgeſtoßen fühlte und fort⸗ zugehen beſchloß, um ſein Glück zu ſuchen. dem nächſtfolgenden Abend. Mein Noddy bedurfte eines Documents aus der Stube des Secretairs, und ich ſage zu Noddy:„Ich gehe an der Thür vorbei und will ihn drum erſuchen“. Ich klopfte an ſeine Thür und er hörte h p) mich nicht. Kaminfeuer ſitzen und vor ſich hin bruͤten. ſah, ſchaute er zufällig mit einer zufriednen Art von Lächeln auf, und plötzlich, in einem einzigen Augenblicke, fing jedes Körnchen Pulver, das, ſeit ich ihn zuerſt als Mann in der Laube erblickt, dicht auf ihn geſprenkelt gelegen, Feuer! Nur zu oft hatte ich ihn, als er noch ein armes Kind und von ganzem Herzen zu bemitleiden war, ſo einſam daſitzen ſehen! Nur zu oft hatte ich ihn eines Troſtwortes bedürftig geſehen, um ſich aufzuheitern! Nur zu oft, nur zu oft, um mich zu täuſchen, als dieſer Lichtblick endlich kam! Nein, nein! Ich kann noch eben ausrufen: ‚Ich kenne Sie jetzt! Sie ſind John!“ Und dann fängt er mich in den Armen auf, wie ich niederſinke.— Alſo was,“ ſagte Mrs. Boffin, ihre Rede abbrechend, um auf das Strahlendſte zu lächeln, „meinſt Du jetzt wohl, iſt der Name Deines Mannes, Herzchen?“ „Doch nicht,“ erwiderte Bella mit zitternden Lippen; „doch nicht Harmon? Das iſt nicht möglich!“ „Zittere nicht. Warum nicht möglich, Herzchen, wenn doch ſo Vieles möglich iſt?“ fragte Mrs. Boffin in be⸗ ruhigendem Tone. „Er ward getödtet,“ ſagte Bella athemlos.. „So glaubte man,“ ſagte Mrs. Boffin.„Doch falls John Harmon je auf Erden athmete, ſo iſt der Arm, der Dich umſchlingt, ſicherlich JFohn Harmon's Arm, mein Tauſendſchönchen. Falls John Harmon je auf Erden ein Weibchen beſaß, ſo biſt Du dies Weibchen. Falls John Harmon und ſein Weibchen je ein kleines Kind hatten, ſo iſt es ſicherlich dieſes Kindchen.“ Durch ein Meiſterſtück heimlicher Vorkehrung erſchien hier das unerſchöpfliche Kleine in der Thür, vermittelſt unſichtbaren Beiſtandes in der Luft ſchwebend. Mrs. Boffin ſtürzte ſich auf daſſelbe und legte es in Bella's Schooß, wo Mr. uns Mrs. Boffin es mit Liebkoſungen erſtickten. Nichts als dieſe rechtzeitige Ankunft des Kleinen konnte Bella vor einer Ohnmacht bewahren. Dies, und die ernſtlichen Bemühungen ihres Gatten, ihr zu zeigen, wie es gekommen, daß er für ermordet gehal⸗ ten und ſogar ſeines eigenen Mordes beargwöhnt; ferner, Ich ſchaute hinein und ſah ihn allein beim Es war an Es war nach einem gewiſſen Wie er mich derſelbe ſeinen Urſprung gehabt, und zu dem derſelbe ſich vollſtändig entwickelt. „Aber du mein Himmel, mein Prachtherzchen!“ rief Mrs. Boffin, ihn hier mit einem abermaligen Hände⸗ klatſchen unterbrechend.„John war nicht der Einzige, der dahinterſteckt. Wir Alle haben dahintergeſteckt.“ „Ich kann,“ ſagte Bella, mit leerem Blicke von Einem zum Andern ſchauend,„noch nicht begreifen—“ „Natürlich nicht, mein Herzchen,“ rief Mrs. Boffin aus.„Wie könnteſt Du das wohl, ehe es Dir geſagt worden! Deshalb will ich es Dir jetzt erzählen. Lege alſo Deine beiden Hände wieder in die meinigen,“ rief das gemüthliche Geſchöpf, ſie abermals umarmend,„wäh⸗ rend dies geſegnete Bildchen Dir im Schooße liegt, und dann ſollſt Du die ganze Geſchichte hören. Jetzt will ich alſo die Geſchichte erzählen. Eins, zwei, drei— und vorwärts gehen die Pferde. Vorwärts im Galopp! Wie ich an jenem Abend ausrufe: ‚Ich kenne Sie jetzt, Sie ſind John!«— was genau die Worte waren, nicht wahr, John?“. „Genau die Worte,“ ſagte John, ſeine Hand auf die ihrige legend. 4. „Das iſt eine ſehr gute Idee,“ rief Mrs. Boffin. „Laß die Hand ſo liegen, John. Und da wir Alle da⸗ hinterſteckten, ſo komm Du ebenfalls her, Noddy, und lege Deine Hand oben auf die ſeinige, und dann wollen wir ſie nicht eher auseinander nehmen, als bis die Ge⸗ ſchichte auserzählt iſt.“ Mr. Boffin zog einen Seſſel heran und legte ſeine breite, braune Rechte auf das Häufchen von Händen. „Das iſt herrlich!“ ſagte Mrs. Boffin, ihm einen Kuß gebend.„Sieht ganz wie ein kleines Familienge⸗ bäude aus, nicht wahr? Aber die Pferde galloppiren ſchon davon. Nun! Wie ich alſo an jenem Abend ausrufe: „Ich kenne Sie jetzt, Sie ſind John! da fängt John mich allerdings in den Armen auf, aber ich bin kein leichtes Gewicht, ſiehſt Du, und er ſieht ſich genöthigt, mich niederzulegen. Noddy hört ein Geräuſch und kommt hereingetrabt, und ſowie ich nur ein wenig zur Beſinnung komme, ſage ich zu ihm: ‚Noddy, ich hatte wohl Urſache zu ſprechen, wie ich an jenem Abend in der Laube ſprach, denn Gott ſei gelobt, dies iſt John!“ worauf er tief auf⸗ athmet und ebenfalls umſinkt, mit dem Kopf unter den Schreibtiſch. Das bringt mich zur Beſinnung, und dies bringt ihn wieder zur Beſinnung, und dann fangen John und er und ich alle vor Freude zu weinen an.“ „Ja! Sie weinen vor Freude, mein Herz,“ ſagte Bella's Gatte hier.„Verſtehſt Du wohl? dieſe Beiden, die ich durch mein Wiederaufleben ihres Reichthums be⸗ raube, weinen vor Freude!“ 1 Bella ſchaute ihn verwirrt an, und ſchaute dann wieder in Mrs. Boffin's ſtrahlendes Geſicht. „Das iſt recht, Schätzchen, kümmere Dich nicht um ihn,“ ſagte Mrs. Boffin,„halte Dich an mich. Nun! dann ſetzen wir uns wieder, beruhigen uns allmälig und halten eine Berathſchlagung. John erzählt uns, wie er wegen einer gewiſſen ſchönen jungen Perſon in Ver⸗ zweiflung iſt und, falls ich ihn nicht entdeckt hätte, ent⸗ ſchloſſen geweſen, fortzugehen und in der weiten Welt ſein Glück zu ſuchen, und nie wieder ins Leben zurückzu⸗ kehren, ſondern uns das Vermögen für immer und ewig als unſer unrechtliches Erbe zu überlaſſen. Du haſt noch nie einen Menſchen ſo erſchrocken geſehen, wie mein Noddy hierüber war. Denn der Gedanke, daß er unrechtermaßen, ——— Vedrückunge 641 Sie mag niſe verdorbe er, aber d Leben daran, 7, 9 fahr Mrs. 2 Dann ſagt I gugen könnte Ueberzenge D Bella fuh Mr. Boffin.⸗ Aicheln da un entweder beme rauf achten. „ Ueberzeu Mes. Boffin. Deine Zweifel, und für den J John in eine Was wird D theidigte, wen Herz zeigte, w treueſten ergeb väreſt— und Intereſſe— ſagte John,„3 „Daun,“ ſagte John, denn dort hinauf m Bella fing Blck von M Aliich wieder „du warſ ling Noddys Ze, jg, dar Dir vielleicht ut geneigt à mein Prac lichen Lachen u meinem b tt um die Koddy, ſich ueh⸗ thun u ☛☚ ſeinen harten mir einen ſt Mrs. Vofft dimmel, da Bella ſc „Abet, zwenn Du de er d Wie er zu Dat geweſ ein Ungeh und ſich i Be 1* Unſer 3 I — d dann wollen die Ge⸗ ihm einen nge⸗ zur Beſinnung ohl Urſache prach, eiden, bthums be⸗ teichth aute daun wieder Dich nicht um lch Mun a mich. Nun zallmälig und 7, une wie el n in Ver⸗ kt hätte, ent⸗ der weiten Pelt de ben zurückzu⸗ ³. wner und ewig Du huſt noch „„ mein Noddy uurechtermaßen, jetzt um die Ecke galoppirt. 641 wenngleich ganz unſchuldigerweiſe, in den Beſitz eines Vermögens gelangt— und was noch mehr— daſſelbe vielleicht bis an ſein Ende hätte behalten können, machte ihn im Geſicht weißer als Kalk.“ „Und Dich ebenfalls,“ ſagte Mr. Boffin. „Kümmere Dich um ihn ebenſo wenig, mein Herzchen,“ fuhr Mrs. Boffin fort,„ſondern halte Dich an mich. Damit kommen wir zu einer Beſprechung über ein ge⸗ wiſſes ſchönes junges Frauenzimmer, und Noddy ſpricht ſeine Anſicht aus, daß ſie ein liebes Geſchöpfchen iſt. „Sie mag vielleicht ein klein wenig durch die Verhält⸗ niſſe verdorben ſein, und zwar ſehr natürlicherweiſe,“ ſagt er, ‚aber das iſt nur oberflächlich, und ich ſetze mein Leben daran, daß ihr Herz von ächtem Golde iſt,“ ſagt er.“ „Und Du ebenfalls,“ ſagte Mr. Boffin. „Achte Du keine Secunde auf ihn, mein Herzchen,“ fuhr Mrs. Boffin fort,„ſondern halte Dich an mich. Dann ſagt John:„O, wenn er ſich hiervon nur über⸗ zeugen könnte!e Und wir ſagen Beide augenblicklich: „Ueberzenge Dich davon!““ Bella fuhr auf und warf einen haſtigen Blick auf Mr. Boffin. Dieſer ſaß jedoch mit einem gedankenvollen Lächeln da und betrachtete ſeine breite braune Hand, und entweder bemerkte er es nicht, oder er wollte nicht da⸗ rauf achten. „„Ueberzeuge Dich, John!“ ſagen wir,“ wiederholte Mrs. Boffin.„„Ueberzeuge Dich und triumphire über Deine Zweifel, und ſei zum erſten Male in Deinem Leben und für den Reſt Deines Lebens glücklich.: Dies verſetzt John in einen ſolchen Zuſtand! Darauf ſagen wir: „Was wird Dich zufrieden ſtellen? Falls ſie Dich ver⸗ theidigte, wenn Du beleidigt, falls ſie ein großmüthiges Herz zeigte, wenn Du bedruͤckt würdeſt, falls ſie Dir am treueſten ergeben, wenn Du am ärmſten und freundloſeſten wäreſt— und alles Dies anſcheinend gegen ihr eigenes Intereſſe— würde Dir das genügen?—„Genügen!“ ſagte John, ‚es würde mich in den Himmel erheben!“— „Dann, ſagte Noddy, ‚triff Deine Reiſevorkehrungen, John, denn ich habe die feſte Ueberzeugung, daß Du dort hinauf mußt!““ Bella fing auf eine halbe Secunde einen funkelnden Blick von Mr. Boffin auf, doch wandte er denſelben ſo⸗ gleich wieder von ihr ab auf ſeine breite braune Hand. „Du warſt von Anfang an immer ein beſonderer Lieb⸗ ling Noddy's,“ ſagte Mrs. Boffin, den Kopf ſchüttelnd. „Ja, ja, das warſt Du! Und ich weiß nicht, was ich Dir vielleicht hätte anthun können, falls ich zur Eifer⸗ ſucht geneigt geweſen. Da ich dies aber nicht war,— ei, mein Prachtherzchen,“ ſagte ſie, Bella mit einem herz⸗ lichen Lachen umarmend,„ſo machte ich Dich ebenfalls Aber die Pferde kommen Nun! Dann ſagt mein Noddy, ſich vor Lachen ſchüttelnd, daß ihm die Seiten weh' thun mußten: ‚Mach' Dich auf Beleidigungen und Bedrückungen gefaßt, John, denn wenn je ein Menſch einen harten Herrn hatte, ſo ſollſt Du von jetzt an in mir einen ſolchen finden.“ Und dann fing er an!“ rief Mrs. Boffin, außer ſich vor Bewunderung.„Du mein Himmel, da fing er an! Und wie!“ Bella ſchaute ihn halb ängſtlich, halb lachend an. „Aber, du mein Himmel,“ fuhr Mrs. Boffin fort, zu meinem beſonderen Liebling. „wenn Du ihn damals Abends hätteſt ſehen können! Wie er dazuſitzen und in ſich hinein zu lachen pflegte! Wie er zu ſagen pflegte: ‚Ich bin heute ein ächter brauner Bär geweſen,“ und ſich dann bei dem Gedanken, welch ein Ungeheuer zu ſein er ſich geſtellt, in die Arme nahm und ſich innerlich freute. Aber jeden Abend ſagt' er zu Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 642 mir: Es geht immer beſſer, alte Dame. Was ſagten wir wohl von ihr? Sie wird als ächtes, wahres Gold daraus hervorgehen. Arbeit ſein, das wir je verrichtet haben.“ Und dann pflegte er zu ſagen: ‚Ich will morgen noch ein brummi⸗ gerer alter Bär ſein!’ und zu lachen, wahrlich, bis John und ich ihn oft auf den Rücken zu klopfen und es ihm mit einem Tropfen Waſſer aus der Luftröhre herauszu⸗ ſchaffen genöthigt waren.“ Mr. Boffin gab, wie ſeiner in dieſer Weiſe Erwäh⸗ nung gethan ward, keinen Laut von ſich, ſondern zuckte, das Geſicht auf ſeine ſchwere Hand herabbeugend, mit den Schultern auf und ab, wie wenn er ſich im höchſten Grade beluſtigt fühle. „Und ſo, mein bravſtes Tauſendſchönchen,“ fuhr Mrs. Boffin fort,„verheiratheteſt Du Dich und wir waren während der Ceremonie von Deinem Gatten hinter der Orgel verſteckt; denn er wollte uns damals noch nicht mit der Wahrheit zum Vorſchein kommen laſſen, wie wir es anfangs beabſichtigt hatten. ‚Nein,“ ſagte er, ‚ſie iſt ſo uneigennützig und zufrieden, daß ich noch nicht reich ſein mag. Ich muß noch ein wenig warten.“ Dann, als das Kleine erwartet wurde, ſagt' er: ‚Sie iſt eine ſo fröhliche, herrliche kleine Hausfrau, daß ich noch nicht reich ſein mag. Ich muß noch ein wenig warten.“ Als darauf das Kleinchen geboren ward, ſagt' er: ‚Sie iſt ſo viel beſſer, als ſie noch je geweſen, daß ich noch nicht reich ſein mag. Ich muß noch ein wenig warten.“ Und ſo macht er es immer fort und fort, bis ich endlich geradezu ſage: ‚Nun, John, wenn Du jetzt nicht die Zeit beſtimmſt, wo Du ſie in ihrem eigenen Hauſe ein⸗ ſetzen und uns aus demſelben hinausſpazieren laſſen willſt, ſo werde ich zur Angeberin.“ Darauf ſagt er, er will nur noch warten, bis er über alle unſere Erwartungen triumphirt, und er ſie uns als noch beſſer zeigen kann, als ſelbſt wir ſie je geglaubt; und er ſagt: ‚Sie ſoll mich des Mordes an mir ſelber verdächtigt ſehen, und dann ſollt Ihr ſehen, wie treu ſie an mir feſthalten wird.’ Nun! Noddy und ich fügten uns darein, und er hatte recht, und hier biſt Du, und die Pferde ſind an— gelangt, und die Geſchichte iſt aus, und Gott ſegne Dich, mein Prachtherzchen und Gott ſegne uns Alle!“ Die Hände flogen auseinander, und Bella und Mrs. Boffin hielten einander in einer guten langen Umarmung feſt, zur anſcheinenden Gefahr des unerſchöpflichen Klei⸗ nen, das ſtierend auf Bella's Schooße lag. „Aber iſt die Geſchichte wirklich zu Ende?“ ſagte Bella nachdenklich.„Geht ſie nicht weiter?“ „Was ſollte ſie noch ſonſt erzählen, Herzchen?“ er⸗ wiederte Mrs. Boffin voll Fröhlichkeit.- „Sind Sie ſicher, daß Sie nichts ausgelaſſen haben?“ fragte Bella. „Ich glaube, nichts ausgelaſſen zu haben,“ ſagte Mrs. Boffin ſchelmiſch. „Lieber John, Du biſt eine vortreffliche Kinderwär⸗ terin,“ ſagte Bella;„willſt Du eben das Kleine neh⸗ men?“ Nachdem ſie mit dieſen Worten das Unerſchöpf⸗ liche in ſeine Arme gelegt, heftete Bella einen ſcharfen Blick auf Mr. Boffin, der ſich an einen Tiſch geſetzt hatte, wo er, das Geſicht abwendend, den Kopf auf die Hand ſtützte, und ſagte, indem ſie ſich ruhig neben ihm auf die Kniee niederließ und ihren Arm über ſeine Schulter legte:„Bitte, ich bitte um Verzeihung, und ich machte ein kleines Verſehen in einem Ausdrucke, als ich von Ihnen Abſchied nahm. Bitte,— ich glaube Sie ſind beſſer(nicht ſchlechter) als Hopkins, beſſer (nicht ſchlechter) als Doncer, beſſer(nicht ſchlechter) als Blackberry Jones, beſſer(nicht ſchlechter) als ſie Alle Dies wird das glückſeligſte Stück Boz, unſer gemeinſchaftlicher Freund. 41 —— 643 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 644 miteinander! Bitte, noch Etwas!“ rief Bella mit froh: khat es nicht, um Dir zu ſchaden, deſſen darfſt Du ſicher lockendem Lachen, indem ſie mit ihm kämpfte und ihn zwang, ſein glückliches Geſicht zu ihr zu wenden.„Bitte, ich habe etwas entdeckt, das bisher noch nicht erwähnt worden. Biltte, ich glaube gar nicht, daß Sie ein hart— herziger alter Geizhals ſind, und bitte, ich glaube nicht, daß Sie dies überhaupt je nur auf eine einzige Minute 1 einem ſehr häßlichen und falſchen Vorhaben beſtärkte, geweſen!“ Hierüber ſchrie Mrs. Boffin förmlich vor Entzücken, und ſaß, mit den Füßen ſtampfend, händeklatſchend und ſich hin- und herwiegend da, wie wenn ſie ein wahnſin⸗ niges Mitglied einer Mandarinenfamilie geweſen wäre. „O, ich verſtehe Sie jetzt, Sir!“ rief Bella.„Der Reſt der Geſchichte braucht mir jetzt weder von Ihnen noch ſonſt Jemandem erzählt zu werden. Ich kann den⸗ ſelben jetzt Ihnen erzählen, falls Sie ihn zu hören wünſchen.“ „Wirklich, mein liebes Kind?“ ſagte Mr. Boffin. „Dann erzähl' ihn mir.“ „Wie?“ rief Bella, Rocke feſthaltend.„Als Sie ſahen, welches habgierige kleine Geſchöpf Sie unter Ihren Schutz genommen, be⸗ ſchloſſen Sie, ihr zu zeigen, wie viel falſch angewandte, ihn mit beiden Händen am und falſch angeſchlagene Reichthümer dazu beitragen könn⸗ „ten und oft dazu beigetragen hatten, die Leute ſchlecht zu machen, wie? Ohne ſich darum zu bekümmern, was ſie von Ihnen denken werde(und der Himmel weiß, daß daran nichts gelegen war!), zeigten Sie ihr an ſich ſelber die abſcheulichſten Seiten des Wohlſtandes, indem Sie bei ſich dachten:„Dieſes ſeichte Geſchöpf würde die Wahrheit nie aus ihrer eigenen ſchwachen Seele hervor⸗ zuarbeiten im Stande ſein, und wenn ſie hundert Jahre dazu hätte; aber falls man ihr ein grelles Beiſpiel vor⸗ führte, ſo dürfte daſſelbe ſogar ihr die Augen öffnen und ſie nachdenken machen. So ſprachen Sie bei ſich, wie, Sir?“ „Ich habe nie irgend etwas der Art zu mir geſagt,“ erwiderte Mr. Boffin mit unendlichem Hochgenuſſe. ſein. Und ich hoffte allerdings, daß es eben eine kleine Warnung ſein möge. Dennoch ſollte zugleich erwähnt werden, daß John, ſowie meine alte Dame ihn entdeckt hatte, ihr zu wiſſen that, daß er eine gewiſſe undankbare Creatur, Namens Silas Wegg, beobachte. Und theil⸗ weiſe, um dieſen Wegg zu ſtrafen, indem ich ihn in das er gegen mich im Schilde führte, ließ ich mir jene Bücher, die Du und ich zuſammen kauften(und bei⸗ läufig, mein liebes Kind, er hieß nicht Blackberry, ſon⸗ dern Blewberry Jones) von dem beſagten Menſchen Namens Silas Wegg vorleſen.“ Bella, die noch immer zu Mr. Boffin's Füßen kniete, ſank allmälig in eine ſitzende Stellung am Boden zurück und ſann, die Augen auf ſein ſtrahlendes Geſicht heftend, immer tiefer und tiefer nach. „Es bleiben mir dennoch zwei Dinge noch immer unerklärlich,“ ſagte ſie nach dieſer Pauſe des Nachdenkens. „Mrs. Boffin hielt doch nie irgend einen Theil der Veränderung in Mr. Boffin für wirklich, wie? Das thaten Sie doch nicht, wie?“ ſagte ſie, ſich zu ihr wendend. „Nein,“ erwiderte Mrs. Boffin mit einer höchſt runden und glühenden Verneinung. „Und dennoch nahmen Sie ſich's ſehr zu Herzen,“ ſagte Bella.„Ich erinnere mich, daß es Sie außer⸗ ordentlich betrübt machte.“ „Meiner Treu, Du ſiehſt, Mrs. John hat einen ſcharfen Blick, John!“ rief Mr. Boffin, mit bewundern⸗ der Miene den Kopf ſchüttelnd.„Du haſt recht, mein liebes Kind. Die alte Dame hat uns manches und manches Mal fürchterlich ausgezankt.“ „Dann hätten Sie es ſagen ſollen, Sir,“ ſagte Bella, indem ſie ihn erſt ſchüttelte und dann küßte,„denn Sie müſſen es gedacht und gemeint haben. Sie ſahen, daß das Glück mir meinen dummen Kopf verdrehte und mein albernes Herz verhärtete— daß es mich habſüchtig, be⸗ rechnend, unverſchämt, unleidlich machte— und Sie gaben ſich die Mühe, der liebſte und gütigſte Wegzeiger für mich zu ſein, der je irgendwo aufgeſtellt ward, und mir den Weg anzudeuten, den ich eingeſchlagen, und das Ziel, zu dem derſelbe führte. Bekennen Sie es augenblicklich!“ „John,“ ſagte Mr. Boffin, vom Kopf bis zu den Füßen ein einziges großes Stück Sonnenſchein,„ich wollte, Du hülfeſt mir aus dieſer Lage heraus.“ „Sie können nicht in einem Sachwalter vernommen werden, Sir,“ entgegnete Bella.„Sie müſſen für ſich ſelber reden. Bekennen Sie auf der Stelle!“ „Nun, mein liebes Kind,“ ſagte Mr. Boffin,„die Wahrheit zu geſtehen, fragte ich John, als wir auf den Plan eingingen, den die alte Dame Dir angegeben hat, was er dazu ſage, falls wir im Allgemeinen einen der⸗ artigen Plan ausführten, wie Du ihn ſo eben angedeutet haſt. Aber ich habe es durchaus nicht ſo ausgedrückt, und zwar, weil ich es durchaus nicht ſo meinte. Ich ſagte blos zu John, ob es, falls ich einmal als ein ächter brauner Bär gegen ihn aufträte, nicht beſſer ſein würde, wenn ich mich durchweg als ein ſolcher zeigte?“ „Bekennen Sie auf der Stelle, Sir,“ ſagte Bella, „daß Sie es thaten, um mir einen Verweis zu geben und vorher nie eine Minute dran gedacht, meine Liebe!“ be⸗ mich zu beſſern!“ „Gewiß, mein liebes Kind,“ ſagte Mr. Boffin,„ich „Warum?“ fragte Bella. ſie mit im Vertrauen ſteckte?“ „Je nun, es war dies eine Schwäche von der alten Dame,“ ſagte Mr. Boffin.„Und dennoch bin ich, um Dir die Wahrheit und nichts als die Wahrheit zu ge⸗ ſtehen, eigentlich ſtolz darauf. Mein liebes Kind, die alte Dame hat eine ſo hohe Meinung von mir, daß es ihr unerträglich war, mich den ächten Braunen ſpielen zu ſehen. Konnt's nicht leiden, daß ich mich ſtellte, als meine ich es wirklich! In Folge weſſen wir be⸗ ſtändig mit ihr in Gefahr ſchwebten.“ Mrs. Boffin lachte herzlich über ſich ſelber; doch ein gewiſſes Glänzen in ihren ehrlichen Augen verrieth, daß ſie von dieſer gefährlichen Schwäche durchaus noch nicht gründlich geheilt ſei. 4 „Ich gebe Dir die Verſicherung, mein liebes Kind,“ ſagte Mr. Boffin,„daß an jenem berühmten Tage, an „Wie konnte ſie das, da dem ich die ſeitdem als meine großartigſte anerkannte Demonſtration machte— ich meine die Worte: Miau, ſagt die Katz', Quak— quak, ſagt die Ent', und Wau, wau— wau, ſagt der Hund— ich gebe Dir die Ver⸗ ſicherung, mein liebes Kind, daß jene ſteinharten und un⸗ gläubigen Worte die alte Dame an jenem berühmten Tage meinetwegen ſo hart trafen, daß ich ſie zu halten genöthigt war, um ſie zu verhindern, daß ſie Dir nach⸗ liefe und mich vertheidigte, indem ſie Dir ſagte, daß ich blos eine Rolle ſpiele.“ Mrs. Boffin lachte abermals herzlich, und ihre Augen glänzten wie zuvor, und es ergab ſich dann, daß nicht nur ſeine beiden Mitverſchwörer der Anſicht geweſen, daß Mr. Boffin in jenem Ausbruche ſarkaſtiſcher Beredtſam⸗ keit ſich ſelhſt übertroffen, ſondern daß er ſelbſt eine ebenſo hohe Meinung von demſelben hegte.„Hatte merkte er zu Bella.„Als John ſagte, falls er ſo glück⸗ . — vie Sie, „Dü ſagt Boffin Bella böunteſt? „D, jab den bedeckend; nie zu begreif nich ſo lieben Si geſen im Ste um mich ein ur zu einer ic bin ſehr, Es warj auf immer— ſmith— ſie bitten wegen mal über das daß derſelbe d Lieblichkeit in gert worden. Fartlichkeit u inmitten derer ſchäpfliche in fis Bruſt hit ſnnig in Bez und den Da ſetigen Fäuß dentlich kurze ſeehen gebe: ecerrichtet, daß Dann ſa mon kommen wolle? Es oller Pracht Und auf B b n der Geſellſ lnßae 2„Ko N Schmuckkaſt zeſſion in de Mré. Boffin punkt einna befanden ſic eträumen laf ine Kinder 11b bogens; Harmon,, Nachden das Unerſch darauf im im Regen fin zu M Mr. der Kinde ſchagen als Vell ſelgkeit 1* dn„ Dähut lhn entdeckt eundankt lberry Jußen kniete 1 Bod 1d) Doden zurück Hoß 4 3 t heftend, e noch immer Kachdenkens. Weil der d, wie? Dae ie! Das ſich zu ihr Fchſt dochſt runden zu Oerzen,“ 5 Sie außer⸗ . hat einen at bewundern⸗ mein anches und das, da der alten ich, um gahrheit zu ge⸗ s Kind, die daß aunen ſpielen mich ſtellte, ſſen wir be⸗ ber; doch ein verrieth, daß baus noch nicht s Kind,“ ent' und Wau, Ver⸗ Dir die rten und un⸗ dihre Augen nicht daß „ Beredtſam⸗ Der ſelbſt eine 6 Hatte bete. u0 4. aiebe!“ be⸗ 1, daß „aeweſen, ato e Lie 2 ſo glück⸗ 645 lich geweſen, Deine Zuneigung zu gewinnen und Dein Herz zu beſitzen, kam es mir plötzlich in den Kopf, mich zu ihm zu wenden und zu ſagen:„Ihre Zuneigung ge⸗ winnen und ihr Herz beſitzen! Miau, ſagt die Katz', Quak— quak, ſagt die Ent', Wau, wau— wau, ſagt der Hund.’ Ich könnte Dir nicht ſagen, wie mir's in den Kopf kam, oder woher, aber es hatte ſo ſehr den Klang eines Zerſchmetterers, daß ich Dir bekenne, es ſetzte mich ſelbſt in Erſtaunen. Aber ich war fürchter⸗ lich nahe daran, in Lachen auszubrechen, als ich ſah, was für Augen John machte!“ „Du ſagteſt, mein Tauſendſchönchen,“ erinnerte Mrs. Boffin Bella,„daß Du noch Eins nicht begreifen könnteſt?“ „O, ja!“ ſagte Bella, ihr Geſicht mit beiden Hän⸗ den bedeckend;„aber das werde ich, ſo lange ich lebe, nie zu begreifen im Stande ſein. Das iſt, wie John mich ſo lieben konnte, da ich es ſo wenig verdiente, und wie Sie, Mr. und Mrs. Boffin, ſich ſelber ſo zu ver⸗ geſſen im Stande waren, und ſich ſo viel Mühe gaben, um mich ein wenig zu beſſern, und ihm ſchließlich doch nur zu einer ſo unwürdigen Frau zu verhelfen. Aber ich bin ſehr, ſehr undankbar.“ Es war jetzt John Harmon an der Reihe— jetzt auf immer John Harmon und nie mehr John Roke⸗ ſmith— ſie(ganz überflüſſigerweiſe) um Verzeihung zu bitten wegen des an ihr geübten Betrugs und ihr ein⸗ mal über das andere die Verſicherung zu wiederholen, daß derſelbe durch ihre eigene einnehmende Anmuth und Lieblichkeit in der muthmaßlichen Lebensſtellung verlän⸗ gert worden. Dies führte mancherlei Austauſche von Zärtlichkeit und Glückſeligkeit von allen Seiten herbei, inmitten deren es plötzlich bemerkt ward, daß das Uner⸗ ſchöpfliche in höchſt blödſinniger Weiſe auf Mrs. Bof⸗ fins Bruſt hinſtiere, wofür es für übernatürlich ſcharf⸗ ſinnig in Bezug auf alles Stattgehabte erklärt wurde, und den Damen und Herren, vermittelſt Schwenken des fleckigen Fäuſtchens(das mit Mühe von einer außeror⸗ dentlich kurzen Taille losgemacht werden mußte) zu ver⸗ ſtehen gebe:„Ich habe meine ehrwürdige Ma bereits un⸗ terrichtet, daß ich die ganze Geſchichte verſtehe!“ Dann ſagte Mr. John Harmon, ob Mrs. John Har⸗ mon kommen und ihr Haus in Augenſchein nehmen wolle? Es war ein ſchmuckes Haus und mit geſchmack⸗ voller Pracht ausgeſtattet; und ſie marſchirten in Pro⸗ zeſſion in demſelben umher, indem das Unerſchöpfliche an Mrs. Boffin's Buſen(noch immer ſtierend) den Mittel⸗ punkt einnahm und Mr. Boffin die Nachhut bildete. Und auf Bella's reizendem Toilettentiſchchen ſtand ein Schmuckkaſten von Elfenbein, und in dem Schmuckkaſten befanden ſich Kleinodien, wie ſie ſich deren nie hatte träumen laſſen; und oben in einer höheren Etage war eine Kinderſtube hergerichtet, in allen Farben des Regen⸗ bogens;„obgleich wir große Mühe hatten,“ ſagte John Harmon,„es in ſo kurzer Zeit fertig zu bringen.“ Nachdem das Haus in Augenſchein genommen, ward das Unerſchöpfliche von Emiſſären abgeführt und bald darauf im Regenbogen gehört; worauf Bella ſich aus der Geſellſchaft der Herren entfernte, und das Schreien im Regenbogen aufhörte und lächelnder Friede bei jenem jungen Oelzweige einkehrte. „Komm und ſchau herein, Noddy,“ ſagte Mes. Bof⸗ fin zu Mr. Boffin. Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. Mr. Boffin ließ ſich auf den Fußſpitzen an die Thür der Kinderſtube führen und ſchaute mit unausſprechlichem Behagen hinein, wiewohl es dort nichts zu ſehen gab als Bella in einem gedankenvollen Zuſtande der Glück⸗ ſeligkeit auf einem niedrigen Seſſel vor dem Kaminfeuer, mit ihrem Kinde in ihren ſchönen jungen Armen, die Augenlider ſenkend, um mit ihren ſeidigen Wimpern die Augen vor dem Feuer zu ſchützen. „Es ſieht aus, als ob der Geiſt des alten Mannes endlich Ruhe gefunden hätte, nicht wahr?“ ſagte Mrs. Boffin. „Ja, alte Dame.“ „Und als ob ſein Geld, nach langem Roſten im Fin⸗ ſtern, wieder blank geworden, und endlich im Sonnen⸗ ſchein zu funkeln anfinge? „Sa, alte Dame.“ „Und es macht ein hübſches, hoffnungsvolles Bild, nicht wahr?“ „Ja, alte Dame.“ Da er aber in dem Augenblicke eine ſchöne Gelegen⸗ heit zu einer Pointe ſah, dämpfte Mr. Boffin jene Be⸗ merkung, indem er mit dem knurrigſten Gebrumme eines ächten braunen Bären ſagte:„Ein hübſches und hoffnungsvolles Bild! Miau, Quak, quak, Wau, wau!“ und dann ſchweigend, doch mit lebhaft bewegten Schul⸗ tern, die Treppe hinunter trabte. Vierzehntes Capitel.“ Schach und matt dem Freundſchaftsbündniſſe. Mr. und Mrs. John Harmon hatten die Beſitznahme von ihrem rechtmäßigen Namen und ihrem Hauſe in London ſo angeſetzt, daß dieſelbe gerade an demſelben Tage ſtattfand, an dem die letzte Karrenladung des letz⸗ ten Kehrichthügels in Boffin's Laube zum Thore hin⸗ ausgefahren wurde. Wie dieſelbe fort fuhr, fühlte Mr. Wegg ſich von einer entſprechenden Laſt befreit, und ſchaute mit Jubel dem glücklichen Augenblicke entgegen, wo jenes ſchwarze Schaf, Boffin, kahlgeſchoren werden ſollte. Ueber das ganze langſame Werk des Abtragens der Hügel hatte Silas mit gierigen Augen Wache gehalten. Aber Augen, die nicht minder habgierig, hatten in längſt vergangenen Jahren das Wachſen jener Hügel beobach⸗ tet, und aufmerkſam das Sichten des Kehrichts bewacht, aus dem dieſelben beſtanden. Es wurden keine Koſtbar⸗ keiten gefunden. Wie hätte dies wohl geſchehen können, da der harte alte Kerkermeiſter des Harmonie⸗Gefäng⸗ niſſes längſt jeden kleinſten Fund zu Gelde gemacht? Obgleich durch dieſes kahle Reſultat enttäuſcht, fühlte Mr. Wegg ſich doch am Schluſſe des Werks zu ſehr er⸗ leichtert, um ſtark zu murren. Ein Repräſentant der Kehrichtlieferanten, die die Hügel angekauft, hatte Mr. Wegg zu Haut und Knochen herabgearbeitet. Dieſer Oberaufſeher der Arbeiten wäre, indem er das Recht ſeiner Herren behauptete, bei Tage oder bei Nacht fort⸗ zukarren, falls es noch viel länger gewährt hätte, Silas' Tod geworden. Indem er ſelbſt dem Anſcheine nach nie des Schlafes bedurfte, pflegte er mit einem verbundenen zerſchlagenen Kopfe, einem Hute, der am Hinterkopfe mit einem breiten Schirme verſehen, und Kniehoſen von Baumwollenſammet wie ein verdammter Gnom zu den allerunheiligſten und unzeitigſten Stunden wieder zu er⸗ ſcheinen. Durch ſeine Bewachung eines langen Tage⸗ werks in Nebel und Regen gänzlich erſchöpft, war Silas vielleicht eben zu Bette gekrochen und im erſten Schlum⸗ mer, wenn ein abſcheuliches Schütteln und Rumpeln unter ſeinem Fenſter eine ſich nahende Prozeſſion von Karren 41* 646 V Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 648 V verkündete, die, von dieſem Dämon der Unruhe ange⸗ führt, wieder zur Arbeit herkamen. Ein andermal ward er vielleicht aus dem tiefſten Schlaf geſtört, und wieder ein andermal achtundvierzig Stunden ununterbrochen an ſeinem Poſten feſtgehalten. Je mehr ſein Verfolger ihn bat, ſich nicht zu bemühen, indem er herauskäme, je argwöhniſcher ward der liſtige Wegg, daß man Spuren von etwas Verborgenem gefunden, und Verſuche mache, ihn zu überliſten. Seine Ruhe ward auf dieſe Weiſe ſo unausgeſetzt unterbrochen, daß er ein Leben führte, wie wenn er eine Wette gemacht, binnen zehntauſend Stunden zehntauſend Hundewachen zu halten, und ſich ſtets in dem kläglichen Lichte eines Menſchen ſah, der Er war beſtändig aufſtehe und doch nie zu Bette gehe. endlich ſo hager und elend geworden, daß ſein höl⸗ zernes Bein unproportio⸗ nirt erſchien und im Ver⸗ gleich mit dem übrigen Theil ſeines geplagten Kör⸗ pers ein behäbiges Aus⸗ ſehen hatte, das man faſt wohlbeleibt hätte nennen können. Indeſſen hatte Wegg den Troſt, daß alle ſeine Unannehmlichkeiten jetzt ein Ende hatten und er unver⸗ züglich ſein Vermögen an⸗ treten werde. In letzter Zeit hatte es allerdings mehr das Anſehen gehabt, als ob die Daumſchrauben ihm aufgeſetzt geweſen, anſtatt dem Boffin, aber deshalb ſollten ſie jetzt Boffin um ſo ſchärfer auf⸗ geſetzt werden. Bis hieher hatte Mr. Wegg es milde mit ſeinem kehrichtigen Freunde gemacht, da er durch die Ränke des ſchlaf⸗ loſen Kehrichtmannes an der Ausführung ſeiner liebenswürdigen Abſicht, oft bei ihm zu ſpeiſen, ver⸗ hindert worden. Er hatte ſich genöthigt geſehen, Mr. „Was nennen Sie Schuſterpunſch?“ fragte Wegg in ſchlechterer Laune, denn je. „Es iſt ſchwer, Ihnen das Recept dafür mitzutheilen, Sir,“ erwiderte Venus,„denn wie vorſichtig Sie immer in der Miſchung des Materials ſein mögen, es kommt immer noch ſo viel auf die individuellen Gaben und das Gefühl an, mit dem ſie gemiſcht werden. Aber die Grund⸗ lage iſt Wachholderbranntwein.“ „In einer viereckigen Branntweinflaſche?“ ſagte Wegg düſter, indem er ſich ſetzte. „Sehr gut, Sir, ſehr gut!“ rief Venus.„Wollen Sie ein Gläschen, Sir?“ „Will ich ein Gläschen?“ erwiderte Wegg ſehr ver⸗ drießlich.„Natürlich will ich! Will ein Menſch ein Gläschen, der durch einen ewigen Kehrichtmann mit verbundenem Kopf um Sinn und Verſtand ge⸗ bracht worden! Will er, wahrlich! Als ob er wohl nicht wollte!“ „Werden Sie nicht är⸗ gerlich, Mr. Wegg. Sie ſcheinen nicht in Ihrer ge⸗ wohnten guten Stimmung zu ſein.“ „Was das betrifft,“ brummte Wegg,„ſo ſchei⸗ nen Sie ebenſo wenig in Ihrer gewohnten Stim⸗ mung zu ſein. Sie ſchei⸗ nen plötzlich munter zu werden.“ Dieſer Umſtand ſchien Mr. Wegg in ſeiner ge⸗ genwärtigen Gemüthsver⸗ faſſung großen Anſtoß zu verurſachen. „Und Sie haben ſich's Haar ſchneiden laſſen!“ ſagte Wegg, den ſtaubigen Haarbuſch vermiſſend. „Ja, Mr. Wegg. Aber laſſen Sie ſich dadurch eben⸗ ſo wenig ärgerlich machen.“ „Und ich will mich hängen laſſen, wenn Sie nicht corpulent zu werden Venus abzuſenden, ihren anfangen!“ ſagte Wegg kehrichtigen Freund Boffin mit geſteigertem Mißver⸗ zu bewachen, während er 4— gnügen.„Was werden in der Laube dürr und—— Sie noch zunächſt thun?“ mager ward. Als endlich die Hügel abgetragen und fort waren, begab Mr. Wegg ſich zu Mr. Venus' Muſeum. Da es Abend war, fand er dieſen Herrn, wie er erwartet, vor dem Kaminfeuer; aber nicht, wie er erwartet, beſchäftigt, ſeinen gewaltigen Geiſt in Thee zu ſchwemmen. „Wie, es riecht hier ziemlich gemüthlich bei Ihnen!“ ſagte Wegg, dies anſcheinend übelnehmend, und indem er ſtillſtand und ſchnüffelte. „Ich fühle mich in der That recht gemüthlich, Sir,“ ſagte Venus. „Sie bedienen ſich doch nicht etwa in Ihrem Geſchäfte der Citronen, wie?“ fragte Wegg, abermals ſchnüffelnd. „Nein, Mr. Wegg,“ ſagte Venus.„Wenn ich mich ihrer je bediene, ſo geſchieht dies in Schuſterpunſch.“ Mr. Boffin macht an der Kinderſtubenthür ſeine Aufwartung.(S. 645.) „Nun, Mr. Wegg,“ ſagte Venus mit einem muntern Lächeln,„ich denke mir, Sie werden kaum erra⸗ then, was ich zunächſt thun werde.“ „Ich verlange es nicht zu rathen,“ entgegnete Wegg. „Alles, was ich zu ſagen habe, iſt, daß es ein Gluͤck für Sie geweſen, daß die Theilung der Arbeit das war, was ſie war. Es traf ſich glücklich für Sie, daß Ihr An⸗ theil an⸗dem Geſchäft ſo leicht, während der meinige ſo ſchwer war. Ihre Ruhe iſt nicht geſtört worden, dar⸗ auf wollt ich ſchwören.“ „Durchaus nicht, Sir,“ ſagte Venus.„Habe in meinem ganzen Leben nie ſo vortrefflich geſchlafen, ich dank' Ihnen.“ „Ahl“ brummte Wegg.„Sie hätten an mein er Stelle ſein ſollen. Wären Sie an meiner Stelle ge⸗ 649 weſen unde aus dem Verſtand g. ſchlchter dn ſagte Wegg. man faſ franzöſiſchen machen, anſte Wie Mi franzöftſchen etwas Neues egenüberliege aufzuſeten un Vinkel des m „Wie— „Dann we es das, was d „Das iſt s Silas— Benehmen ſein gewidert fühlt ertragen zu kö fragte: „Mit der „Mr. We Zornesblitzen. keine alte Perſ „Ich meint „die ſich frühe „Mr. Weg gelegenheit mu Es giebt Sait fettig berührt angeſchlagen ad uelodiöſe it Miß Ride „Dann iſ „Sir,“ er veränderte Re dee ſic frühe „Wann „Nr. W ich kann Ihr als handele aber feſt dar ſeiner beſſern „Wann und ſeine ſ pagnongeſchä ſchend, vih geſchenkt ha⸗ te M. Wegg in mitz mltzuthei⸗ 18 Sie 1 len, d Sie ummer aben kommt üden und das der die K die Grund⸗ ſagte Wegg 3. „Vollen degg ſehr ver⸗ u Nenſch ein 0 8 durch einen dtmann mit Kopf um ge⸗ Vill er, 1 ob er wohl Verſtand Sie nicht aͤr⸗ Wegg. Sie 7 Jtra ge . Stimmung . betrifft,“ gg,„ſo ſchei⸗ ſo wenig in Stim⸗ Sie ſchei⸗ munter zu Auſtand ſchien n ſeiner ge⸗ Gemüthsver⸗ en Anſtoß zu e haben ſich's iden laſſen!“ hdadurch eben⸗ erlich machen.“ will mich n, wenn Sie zu werden agte Wegg m Mißper⸗ Was verden naächſt thun?““ Mr. Wegg, s mit einem en kaum erta⸗ egnete Wegg. ein Gluͤck fur das war, was daß Ihr An⸗ der meinige t worden, 8.„habe in geichafm, 4 m an mein er r Stelle ge⸗ u: —. — 1j dar⸗ 649 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 650 weſen und ſeit Monaten fortwährend aus dem Bett und aus dem Schlaf und von den Mahlzeiten und um den Verſtand geärgert worden, ſo würden Sie ebenfalls in ſchlechter Körper- und Gemüthsverfaſſung ſein.“ „Es hat Sie allerdings mitgenommen, Mr. Wegg,“ ſagte Venus, ihn mit einem Künſtlerblicke betrachtend. „Hat Sie wirklich ſehr arg heruntergebracht! Die Be⸗ deckung Ihrer Knochen iſt ſo verſchrumpft und gelb, daß uran faſt glauben ſollte, Sie wären gekommen, um dem franzöſiſchen Herrn im Winkel dort einen Beſuch zu machen, anſtatt mir!“ Wie Mr. Wegg in großem Unmuthe nach dem franzöſiſchen Herrn im Winkel ſchaute, ſchien er dort etwas Neues zu bemerken, das ihn bewog, nach dem gegenüberliegenden Winkel zu blicken, dann ſeine Brille aufzuſetzen und dann der Reihe nach in alle Ecken und Winkel des matt erleuchteten Ladens zu ſtieren. „Wie— Sie haben den Laden aufräumen laſſen!“ rief er aus. „Ja, Mr. Wegg. Durch die Hand eines anbetungs⸗ würdigen Weibes.“ „Dann werden Sie ſich vermuthlich verheirathen? Iſt es das, was Sie zunächſt thun werden?“ „Das iſt's, Sir.“ Silas— der ſich durch das frohe Ausſehen und Benehmen ſeines Freundes und Compagnons zu tief an⸗ gewidert fühlte, um einen verſchärften Anblick deſſelben ertragen zu können— nahm ſeine Brille wieder ab und fragte: „Mit der alten Perſon?“ „Mr. Wegg!“ ſagte Venus mit einem plötzlichen Zornesblitzen.„Die Dame, um die es ſich handelt, iſt keine alte Perſon.“ „Ich meinte damit die Perſon,“ ſagte Wegg gereizt, „die ſich früher weigerte?“. „Mr. Wegg,“ ſagte Venus,„bei einer ſo zarten An⸗ gelegenheit muß ich Sie bemühen, ſich klarer auszudrücken. Es giebt Saiten im menſchlichen Gemüthe, die nicht leicht⸗ fertig berührt werden dürfen. Nein, Sir! Nicht anders angeſchlagen werden dürfen, als in der achtungsvollſten und melodiöſeſten Weiſe. Aus ſolchen melodiöſen Saiten iſt Miß Riderhood gebildet.“ „Dann iſt es die Dame, die ſich früher weigerte?“ ſagte Wegg. „Sir,“ erwiderte Venus mit Würde,„ich nehme die veränderte Redeform an. Es iſt in der That die Dame, die ſich früher weigerte.“ „Wann geht die Geſchichte vor ſich?“ fragte Silas. „Mr. Wegg,“ ſagte Venus abermals zornerglühend, „ich kann Ihnen nicht geſtatten, ſich darüber auszudrücken, als handele es ſich um einen Fauſtkampf. Ich muß ruhig aber feſt darauf beſtehen, Sir, daß Sie die Frage in einer beſſern Form ſtellen.“ „Wann wird die Dame,“ fragte Wegg widerſtrebend, und ſeine ſchlechte Laune aus Rückſicht auf das Com— pagnongeſchäft und die gemeinſchaftliche Waare beherr⸗ ſchend,„ihre Hand dort geben, wo ſie bereits ihr Herz geſchenkt hat?“ „Sir,“ erwiderte Venus,„ich nehme die veränderte Redeform nochmals an und zwar mit Vergnügen. Die Dame wird am nächſten Montag dem Manne ihre Hand reichen, dem ſie bereits ihr Herz geſchenkt hat.“ „Dann ſind die Einwendungen der Dame beſeitigt?“ ſagte Silas. „Mr. Wegg,“ ſagte Venus,„da glaube, ſchon bei einer frühere bei früheren Gelegenheiten—“ „Bei früheren Gelegenheiten,“ unterbrach ihn Wegg. Ihnen, wie ich heit, wo nicht „— Geſagt,“ fuhr Venus fort,„welcher Beſchaffen⸗ heit der Einwand der Dame war, ſo kann ich Ihnen, ohne dadurch das zarte Vertrauensverhältniß zu verletzen, das ſeitdem zwiſchen der Dame und mir erſtanden, mit⸗ theilen, daß derſekbe durch die gütige Vermittelung zweier guter Freunde von mir aus dem Wege geräumt iſt, von denen der eine früher mit der Dame bekannt war und der andere nicht. Es ward ihr von jenen beiden Freun⸗ den, als ſie mir den großen Dienſt erzeigten, der Dame eine Aufwartung zu machen, um wo möglich eine Ver⸗ einigung zwiſchen der Dame und mir zu fördern, die Frage vorgelegt, Sir, ob es ihr— da ſie eine Dame iſt— in Bezug auf das knochige Licht, in dem ſie nicht geſehen zu werden wünſcht, eine Erleichterung gewähren würde, falls ich mich auf die Artikulation von Män⸗ nern, Kindern und den niedern Thieren beſchränkte. Es war dies ein glücklicher Gedanke, Sir, und derſelbe faßte Wurzel.“ „Es hat faſt den Anſchein, Mr. Venus,“ ſagte Wegg mit einem Anfluge von Mißtrauen,„daß Sie einen Ueberfluß an Freunden beſitzen?“ „Ich bin darin ziemlich wohl berathen, Sir,“ er⸗ widerte dieſer Herr in einem zufrieden geheimnißvollen Tone.„So ſo, Sir. So ziemlich.“ „Indeſſen,“ ſagte Wegg, nachdem er ihn nochmals mit einem Anfluge von Mißtrauen betrachtet,„wünſch' ich Ihnen Glück. Der Eine giebt ſein Geld in dieſer und der Andere in jener Weiſe aus. Sie werden es mit dem Eheſtande und ich mit Reiſen verſuchen.“ „Wirklich, Mr. Wegg?“ „Eine Luftveränderung, See⸗Gegend und der Genuß meiner natürlichen Nachtruhe werden hoffentlich dazu beitragen, mich von den Wirkungen der Verfolgungen wiederherzuſtellen, denen ich durch den ſo eben erwähnten Kehrichtmann mit dem verbundenen Kopfe ausgeſetzt war. Da das widerwärtige Werk damit zu Ende und die Hügel abgetragen ſind, ſo iſt Boffin's Stunde zum Blechen gekommen. Würde es Ihnen morgen früh um zehn Uhr genehm ſein, Boffin ſchließlich die Daumen— ſchrauben aufzuſetzen, Compagnon?“ Die genannte Stunde war Mr. Venus zu dieſem vortrefflichen Zwecke vollkommen genehm. „Sie haben ihn hoffentlich ſcharf beobachtet?“ ſagte Silas. Mr. Venus hatte ihn ziemlich jeden Tag beobachtet. „Geſetzt, Sie gingen da eben heute Abend einmal zu ihm hinum und gäben ihm meine Befehle— ich ſage meine Befehle, denn er weiß, daß ich nicht mit mir ſpielen laſſe—, ſich um jene Stunde mit ſeinen Papieren, Rechnungen und Geldern bereit zu halten?“ ſagte Wegg.„Und der Form wegen, und um Ihren eigenen Wünſchen entgegenzukommen, wollen wir uns, ehe wir gehen(denn ich will eine Strecke mit Ihnen gehen, wenngleich mir mein Bein vor Müdigkeit den Dienſt verſagt), noch einmal unſere Waare anſchauen.“ Mr. Venus brachte dieſelbe zum Vorſchein und ſie erwies ſich als vollkommen in Ordnung. Mr. Venus verſprach, dieſelbe folgenden Morgens abermals zum Vor⸗ ſchein zu bringen und pünktlich um die zehnte Stunde mit Mr. Wegg auf Mr. Boffin's Thürſchwelle zuſammen⸗ zutreffen. An einer gewiſſen Stelle des Weges zwiſchen Clerken⸗ well und Boffin's Hauſe(Mr. Wegg beſtand ausdrück⸗ lich darauf, daß das Präfix zum Namen des Goldenen Kehrichtmannes fortgelaſſen würde) trennten ſich die Com⸗ pagnons für die Nacht. Es war eine ſehr garſtige Nacht, der ein ſehr garſti⸗ ger Morgen folgte. Die Straßen waren am Morgen ſo * 4 3 41 4 651 außergewöhnlich ſchlammig, kothig und unbehaglich, daß Wegg ſich zu Wagen nach dem Schlachtfelde verfügte; indem er ſich vorſtellte, daß ein Mann, der ſo zu ſagen auf die Bank gehe, um ein beträchtliches Vermögen zu erheben, ſehr wohl eine ſo unbedeutende Ausgabe er⸗ ſchwingen könne. Venus war pünktlich, und Wegg übernahm es, an⸗ zuklopfen und die Unterhaltung zu leiten. Er klopfte alſo an die Thür. Die Thür ward geöffnet. „Boffin zu Hauſe?“. Der Diener erwiderte, Mr. Boffin ſei zu Hauſe. „Ich will mich mit ihm begnügen,“ ſagte Wegg, „obgleich ich ihn nicht ſo nenne.“ Der Diener fragte, ob ſie auf Beſtellung kämen. „Ich will Euch was ſagen, junger Mann,“ ſagte Wegg,„ich will dies nicht haben. Dies ſagt mir nicht zu. Ich habe nichts mit dem Geſinde zu ſchaffen. Ich ſuche Boffin.“ Sie wurden in ein Empfangzimmer geführt, wo der allmächtige Wegg ſeinen Hut aufbehielt und pfiff, und mit dem Zeigefinger an eine Stutzuhr auf dem Kamin⸗ ſimſe ſtieß, bis er dieſelbe ſchlagen machte. Nach wenigen Minuten wurden ſie dann in ein Zimmer hinaufgeführt, das früher Boffin's Zimmer geweſen, und außer der Eingangsthür noch eine Flügelthür hatte, die es mit einer Reihe von anderen Gemächern verband. Hier ſaß Boffin an einem Leſetiſche und hier zog Wegg, nachdem er den Diener durch eine gebieteriſche Geberde gehen ge⸗ heißen, den Hut aufbehaltend, einen Seſſel herbei und ſetzte ſich hart neben ihm nieder. Und hier machte Mr. Wegg ferner die Erfahrung, wie ihm der Hut vom Kopfe geriſſen und dann aus dem Fenſter geworfen ward, zu welchem Zwecke letzteres geöffnet und dann wieder ge⸗ ſchloſſen wurde. „Sehen Sie ſich vor, daß Sie ſich in Gegenwart dieſes Herrn keine impertinenten Freiheiten herausneh⸗ men,“ ſagte der Eigenthümer der Hand, die dies aus⸗ geführt,„ſonſt werde ich Sie dem Hute nachwerfen.“ Wegg griff ſich unwillkürlich mit den Händen an den unbedeckten Kopf und ſtierte den Secretair an; denn dieſer war es, der mit ſtrengem Geſicht zu ihm ſprach und der ſoeben ruhig durch die Flügelthür hereinge⸗ kommen war. „O!“ ſagte Wegg, ſowie er die Sprache wiederfand. „Sehr gut! Ich gab Befehl, daß Sie entlaſſen würden. Und Sie ſind nicht gegangen, wie? O! Wir wollen ſo⸗ gleich hierüber reden; ſehr gut!“ „Und ich bin auch nicht gegangen,“ ſagte eine andere Stimme. Es war noch Jemand durch die Flügelthür herein⸗ gekommen. Wie er den Kopf umwandteo, erblickte Wegg ſeinen Verfolger, den immer wachen Kehrichtmann, voll⸗ ſtändig equipirt, im Hute mit breitem Nackenſchirm und baumwollenſammetnen Kniehoſen. Der, indem er ſeinen zerſchlagenen Kopf von ſeinem Verbande befreite, einen Kopf zeigte, der ganz, und ein Geſicht, das Sloppy's war. „Ha, ha, ha, meine Herren!“ ſagte Sloppy mit brüllendem Gelächter und unausſprechlichem Hochgenuſſe. „Er dachte nicht daran, daß ich ſtehend ſchlafen könne, wie ich es oft gethan, wenn ich für Mrs. Higden gerollt habe! Er dachte nicht daran, daß ich Mrs. Higden die Polizeinachrichten mit verſchiedenen Stimmen vorzuleſen pflegte! Aber ich habe ihm während der ganzen Zeit das Leben verbittert, meine Herren, das hoffe ich wenigſtens von ganzem Herzen!“ Und hier offenbarte Mr. Sloppy, indem er in einem wahrhaft beunruhigenden Maße den Mund öffnete und zu einem abermaligen Gelächter den Kopf zurückwarf, unzählige Knöpfe. tend außer Faſſung gebracht;„Eins und Eins macht Zwei, die noch nicht entlaſſen worden, wie? Bof—fin! Laſſen Sie mich jetzt eine Frage an Sie richten. Wer ſtellte dieſen Burſchen in dieſer Kleidung an, als das Abfahren anfing? Wer beſchäftigte dieſen Burſchen?“ „Hört einmal!“ ſagte Sloppy, mit dem Kopfe vor⸗ wärtsſtoßend.„Kein Geburſche, oder ich werfe Euch aus dem Fenſter!“ Mr. Boffin beruhigte ihn durch eine Handbewegung und ſagte:„Ich beſchäftigte ihn, Wegg.“ „Ol Sie beſchäftigten ihn, Boffin? Sehr gut. Mr. Venus, wir ſteigern unſern Preis und wir können nichts Beſſeres thun, als zur Sache kommen. Boffin! ich ver⸗ lange, daß das Zimmer von dieſen Beiden, von dieſem Abſchaum der Erde, geſäubert werde.“ „Das wird nicht geſchehen, Wegg,“ erwiderte Mr. Boffin, indem er ruhig auf der einen Ecke des Leſetiſches daſaß, während der Secretair eben ſo ruhig auf der andern ſaß. „Boffin! wird nicht geſchehen?“ wiederholte Wegg. „Nicht, wenn ich Sie vor Ihrer Gefahr warne?“ „Nein, Wegg, ſagte Mr. Boffin, gutmüthig den Kopf ſchüttelnd,„ſelbſt nicht, wenn Ihr mich vor meiner Gefahr warnet, und auch unter keiner andern Bedingung.“ Wegg überlegte einen Augenblick und ſagte dann: „Mr. Venus, wollen Sie die Gefälligkeit haben, mir jenes Document zu reichen?“ „O, gewiß, Sir,“ erwiderte Venus, ihm daſſelbe mit großer Höflichkeit überreichend.„Hier iſt es. Nachdem ich daſſelbe hiermit abgegeben, möchte ich eine kleine Bemerkung machen: nicht ſo ſehr, weil dieſelbe irgend⸗ wie nothwendig iſt, oder irgend eine neue Lehre oder Entdeckung enthält, ſondern weil ſie mir einen Troſt ge⸗ währt. Silas Wegg, Ihr ſeid ein erſtaunlicher alter Schurke!“ Mr. Wegg, der während der Höflichkeit des Andern mit dem Document den Tact geſchlagen, wie wenn er ein Compliment erwartete, ſtellte das bei dieſem un⸗ erwarteten Schluſſe plötzlich ein. „Silas Wegg,“ ſagte Venus,„wißt, daß ich mir die Freiheit nahm, Mr. Boffin ſchon zu einer ſehr frühen Zeit der Exiſtenz unſerer Firma als ſtillen Geſellſchafter mit in dieſelbe aufzunehmen.“ „Vollkommen wahr,“ fügte Mr. Boffin hinzu;„und ich ſtellte Venus durch ein paar Vorſchläge auf die Probe und fand, daß er im Ganzen genommen ein ſehr recht⸗ licher Mann ſei, Wegg.“ „Dies beliebt Mr. Boffin in ſeiner Nachſicht zu ſagen,“ bemerkte Venus;„obwohl meine Hände zu An⸗ fang dieſer ſchmutzigen Geſchichte für einige Stunden— nicht ganz ſo ſauber waren, als ich gewünſcht hätte. Aber ich hoffe, daß ich es bald und vollſtändig wieder gut gemacht.“ „Das habt Ihr, Venus,“ ſagte Mr. Boffin.„Ver⸗ ſteht ſich, verſteht ſich, verſteht ſich.“ Venus verneigte achtungsvoll und dankbar das Haupt. „Ich danke Ihnen, Sir. Ich bin Ihnen für Alles ſehr dankbar. Für Ihre gegenwärtige gute Meinung von mir, für die Art und Weiſe, in der Sie mich empfingen und ermuthigten, als ich mich zuerſt mit Ihnen in Rapport ſetzte, und für den Einfluß, den Sie ſeitdem ſo gütiger⸗ weiſe bei einer gewiſſen Dame zu meinen Gunſten gel⸗ tend gemacht— Sie ſowohl, als Mr. John Harmon,“ gegen den er Nennung ſeines Namens ver⸗ beugte. Wegg folgte dem Namen mit ſcharfen Ohren und — Aufmertfam nommen wa Alles! nus, erkla ohne fernere m gründl verſtändniſſe Hunkt vorzl ſcaft völlig und Mr. Jo wiederholen unterworfen. „Sie ſind hen ſchlagend Halſe geſchaf ch es anfan lgt, das kan war mit Fre⸗ denn, ſehen merkung wiſe ſich bin meine Dies Ausbeu mnatomiſche— „Eindruck, ab kung. Ich bi habe meinen nich oder laff „Ich will fn lachend,„ „Bof- fin du ihm wende hit. Ich erk ſtirung. Sie viſſen, daß 7 Sie den Una ſchauen, wie fndet ſich i tiskirt, iſt 4 nun kützlich mon iſt* ich darüber Rehalb falle ftage Mr. H duiediſſs „Es iſt von ſpäterem devieſen(un diſem Herrn uede ih C Rnge Verm mon mit ſg Adentlicher „Gang dn ſich mit Nin legte, mit dem ei iſt dies Do „Micts Wegg ſann eben lc, m binde geps ten, taum und dort ee Thr däff dem — 7 fehr gut. M nen nichts lich ver⸗ von dieſem en erwiderte Mr. des Leſetiſches ruhig auf der tmüthig den Ihr mich vor teiner andern ſagte dann: t haben, mir daſſelbe mit 8. Nachden ch eine kleine dieſelbe irgend⸗ ge Lehre oder einen Noſt ge⸗ taunlicher alter keit des Andern wie wenn er ei dieſem un⸗ daß ich mir die e ſezr füühe Geſellſchafter in hinzu;„und auf die Probe ein ſehr recht⸗ ge r Nachſicht u zu An⸗ V einige Stunden wünſcht häfte. alſſtändig wieder 2 Hand 9„Ver⸗ ttar das Haupt. V „fär Alles ſehr von mit, 653 Bein legte, ſeinen hölzernen Kopf ſehr ſchief hielt und nommen ward. „Alles Uebrige zwiſchen uns, Mr. Wegg,“ ſagte Ve— nus,„erklärt ſich jetzt von ſelber, und Sie werden es ohne fernere Worte von mir begreifen können. Um je⸗ doch gründlich jeder Unannehmlichkeit oder jedem Miß⸗ verſtändniſſe über einen mir ſehr wichtig erſcheinenden Punkt vorzubeugen, der am Schluſſe unſerer Bekannt⸗ ſchaft völlig aufgeklärt ſein muß, bitte ich Mr. Boffin und Mr. John Harmon um Erlaubniß, eine Bemerkung wiederholen zu dürfen, die ich bereits ihrer Beachtung unterworfen. Ihr ſeid ein erſtaunlicher alter Schurke!“ „Sie ſind ein Narr,“ ſagte Wegg, ihm ein Schnipp⸗ chen ſchlagend,„und ich würde Sie mir ſchon längſt vom Halſe geſchafft haben, falls ich nur gewußt hätte, wie ich es anfangen ſolle. Ich habe es mir wohl über⸗ legt, das kann ich Ihnen ſagen. Sie mögen gehen, und zwar mit Freuden. Sie laſſen deſto mehr für mich übrig. Denn, ſehen Sie wohl,“ ſagte Wegg, ſeine nächſte Be⸗ merkung zwiſchen Mr. Boffin und Mr. Harmon theilend, nich bin meinen Preis werth und beabſichtige, ihn zu haben. Dies Ausbeugen iſt ſchon recht gut und macht auf eine anatomiſche Pumpe, wie dieſe hier,“ auf Venus deutend, „Eindruck; aber für einen Mann iſt es ohne alle Wir⸗ kung. Ich bin hier, um mich kaufen zu laſſen, und ich habe meinen Preis angegeben. Jetzt alſo kaufen Sie mich oder laſſen Sie mich gehen.“ „Ich will Euch gehen laſſen, Wegg,“ ſagte Mr. Bof⸗ fin lachend,„ſo weit es mich betrifft.“ „Bof—fin!“ erwiderte Wegg, ſich mit ſtrenger Miene zu ihm wendend,„ich begreife Ihre neugeborene Frech⸗ heit. Ich erkenne das Zinn unter Ihrer ſilbernen Plat⸗ tirung. Sie haben ſich die Naſe verrenkt. Da Sie wiſſen, daß für Sie nichts nuf dem Spiele ſteht, können Sie den Unabhängigen ſpielen. Ei, Sie ſind zu durch— ſchauen, wie ein ſchmieriges Glas! Aber Mr. Harmon befindet ſich in einer andern Lage. Was Mr. Harmon riskirt, iſt ein ganz ander Paar Stiefeln. Ich habe nun kürzlich Etwas darüber gehört, daß dies Mr. Har⸗ mon iſt— ich verſtehe jetzt gewiſſe Andeutungen, die ich darüber in den Zeitungen geleſen— und laß Sie deshalb fallen, Boffin, als unter meiner Beachtung. Ich frage Mr. Harmon, ob er eine Vorſtellung von dem In⸗ halte dieſes Documents hat?“ „Es iſt ein Teſtament meines verſtorbenen Vaters, von ſpäterem Datum als dasjenige, welches Mr. Boffin bewieſen(und falls Ihr Euch noch einmal unterſteht, zu dieſem Herrn zu ſprechen, wie Ihr es ſo eben gethan, ſo werde ich Euch zu Boden ſchlagen), und in dem er das ganze Vermögen der Krone vermacht,“ ſagte John Har⸗ mon mit ſo viel Gleichgültigkeit, als ſich mit außer⸗ ordentlicher Strenge vereinbaren ließ. „Ganz recht!“ rief Weng.„Dann,“ ſagte er, indem er ſich mit ſeinem ganzen Gewicht auf ſein hölzernes mit dem einen Auge blinzelte,„dann frage ich Sie, was iſt dies Document werth?“ „Nichts,“ ſagte John Harmon. Wegg hatte das Wort höhnend wiederholt und be⸗ gann eben eine ſpöttiſche Erwiderung, als er ſich plötz⸗ lich, zu ſeinem unbegrenzten Erſtaunen, bei der Hals⸗ binde gepackt, dann geſchüttelt, bis ihm die Zähne wackel⸗ ten, taumelnd in eine Ecke des Zimmers zurückgeſchoben und dort feſtgehalten ſah.. „Ihr Schurke!“ ſagte John Harmon, deſſen Matroſen⸗ griff dem einer Schraube gleichkam. 2 V „Ich beabſichtige, Euren Kopf gegen die Wand zu ſtoßen,“ erwiderte John Harmon, indem er aufs Herz⸗ hafteſte die That dem Worte folgen ließ;„und ich gäbe tauſend Pfund darum, wenn ich Euch den Schädel ein⸗ ſchlagen dürfte. Hört zu, Ihr Schurke, und ſchaut jene Branntweinflaſche an.“ Sloppy hielt dieſelbe zu ſeiner Erbauung empor. „Jene Branntweinflaſche enthielt das letzte von allen Teſtamenten meines unglücklichen, ſich ſelbſt quälenden Vaters. Dieſes Teſtament giebt Alles unbedingt meinem und Eurem edlen Wohlthäter, Mr. Boffin, indem er mich und meine Schweſter(die damals bereits an ge⸗ brochenem Herzen geſtorben) ausſchließt und beſchimpft. Jene Branntweinflaſche war von meinem und Eurem edlen Wohlthäter gefunden worden, nachdem er bereits den Beſitz des Vermögens angetreten. Jene Brannt⸗ weinflaſche betrübte ihn über alle Maßen, weil durch ihren Inhalt, obwohl wir Beide nicht mehr lebten, ein Vorwurf auf unſer Andenken geworfen ward, den zu verdienen wir in unſerer elenden Kindheit nichts gethan. Jene Branntweinflaſche vergrub er deshalb in den Hügel, der ihm gehörte, und dort lag dieſelbe, während Ihr, undankbarer Hallunke, wahrſcheinlich ganz in der Nähe umherſtacheltet und grubt. Seine Abſicht war, daß die⸗ ſelbe nie ans Tageslicht kommen ſolle; aber er fürchtete ſich, das Teſtament zu vernichten, aus Sorge, daß die Vernichtung eines ſolchen Documents, ſelbſt bei ſeinem edlen Beweggrunde, eine Geſetzesverletzung ſein dürfe. Nachdem hier die Entdeckung gemacht worden, wer ich ſei, theilte mir Mr. Boffin, der noch immer unruhig über den Gegenſtand war, unter gewiſſen Bedingungen, welche ein Hund, wie Ihr, unmöglich zu ſchätzen im Stande iſt, das Geheimniß jener Branntweinflaſche mit. Ich ſtellte ihm die Nothwendigkeit vor, daß dieſelbe aus⸗ gegraben, und das Document gerichtlich erwieſen und geltend gemacht würde. Das Erſtere habt Ihr ihn thun ſehen, und das Letztere iſt ohne Euer Wiſſen geſchehen. Deshalb iſt das Document, das in Eurer Hand zittert, wie ich Euch ſchüttele— und ich möchte Euch die Seele aus dem Leibe ſchütteln— weniger werth, als der verfaulte Kork in der Branntweinflaſche, verſteht Ihr wohl?“ Nach dem langen Geſichte zu urtheilen, das Silas machte, wie er auf das Unbehaglichſte den Kopf hin⸗ und herwiegte, verſtand er es allerdings. „Jetzt, Schurke,“ ſagte John Harmon, ihn abermals mit einem Matroſengriffe bei der Halscravatte packend und auf Armeslänge in der Ecke feſthaltend,„werde ich noch zwei kurze Reden an Euch richten, in der Hoffnung, daß dieſelben Euch quälen werden. Eure Entdeckung war eine vollkommen rechtsgültige, denn es hatte kein Menſch daran gedacht, an jener Stelle danach zu ſuchen. Auch wußten wir nichts davon, daß Ihr dieſelbe ge⸗ macht, bis Venus zu Mr. Boffin ſprach, obgleich ich Euch von meinem erſten Erſcheinen an ſcharf beobachtete, und Sloppy es ſich längſt zur Hauptbeſchäftigung und Hauptfreude ſeines Lebens gemacht, Euch wie Euer Schat⸗ ten zu folgen. Ich ſage Euch dies, damit Ihr wißt, daß wir hinlänglich mit Euch bekannt waren, um Mr. Boffin zu bewegen uns zu geſtatten, daß wir Euch bis zum allerletzten Augenblick in Eurem Verfahren beſtärk⸗ ten, damit Eure Enttäuſchung möglichſt bitter ſei. Dies iſt meine kurze erſte Rede, verſteht Ihr?“ Hier unterſtützte John Harmon ſein Verſtändniß durch ein Schütteln. „Jetzt, Schurke,“ fuhr er fort,„komme ich zum 655 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund.. 656 Schluſſe. Ihr hieltet mich ſo eben für den Beſitzer des Vermögens meines Vaters.— Und das bin ich. Aber etwa durch irgend eine Verordnung meines Vaters oder irgend ein perſönliches Anrecht? Nein. Durch Mr. Bof⸗ fin's hochherzige Großmuth. Die Bedingungen, die er mit mir machte, ehe er mir das Geheimniß der Brannt⸗ weinflaſche mittheilte, waren die, daß ich das Vermögen und er ſeinen Hügel nehmen ſolle, und weiter nichts. Ich verdanke Alles, was ich beſitze, einzig und allein der Uneigennützigkeit, Rechtſchaffenheit, Liebe, Güte(ich kann nicht Worte genug dafür finden) von Mr. und Mrs. Boffin. Und bei dem, was ich wußte, iſt es nur zum Verwundern, daß ich, als ich einen ſolchen Kothwurm, wie Ihr, ſich in dieſem Hauſe gegen jene edle Seele ſolche Frechheit herausnehmen ſah, Euch nicht den Hals umzudrehen verſuchte, um Euren Kopf Eurem Hute aus dem Fenſter nachzuwerfen!“ fügte John Harmon durch ſeine zuſammengebiſſenen Zähne hindurch und mit einem ſehr garſtigen Riſſe an Wegg's Cravatte hinzu.„So! Dies iſt meine letzte kurze Rede, verſteht Ihr?“ Silas führte, ſobald er freigelaſſen, die Hand an die Kehle, und ſah aus, als ob ihm dort eine ziemlich große Fiſchgräte ſtecken geblieben. Gleichzeitig mit dieſer Be⸗ wegung von ſeiner Seite in ſeiner Ecke ward eine ſehr ſonderbare und, dem Anſcheine nach, ſehr unerklärliche Bewegung von Mr. Sloppy gemacht, der ſich an der Wand entlang rückwärts zu Mr. Wegg hinſchob, etwa in der Weiſe eines Kohlen⸗ oder Laſtträgers, der einen Sack Kohlen oder Mehl aufzunehmen im Begriff iſt. „Es thut mir leid, Wegg,“ ſagte Mr. Boffin in ſeiner Milde,„daß meine alte Dame und ich keine beſſere Meinung von Euch haben können, als die ſchlechte, die Ihr uns aufgedrungen habt. Aber ich möchte Euch, nach⸗ dem Alles vorüber und abgemacht iſt, nicht gern in einer ſchlimmern Lage laſſen, als die, in der ich Euch urſprüng⸗ lich fand. Deshalb ſagt mir, ehe wir ſcheiden, mit einem Worte, was es koſten wird, um Euch wieder in einer Bude zu etabliren?“ „Und zwar an einer andern Stelle,“ fügte John Harmon hinzu,„denn Ihr laßt Euch nicht wieder vor dieſen Fenſtern ſehen.“ „Mr. Boffin,“ erwiderte Wegg mit habgieriger Unter⸗ würfigkeit,„als ich die Ehre hatte, Ihre Bekanntſchaft zu machen, war ich im Beſitz einer Sammlung von Bal⸗ laden, die, wie ich wohl ſagen darf, unſchätzbar war.“ „Dann kann ſie nicht bezahlt werden,“ ſagte John Harmon,„und deshalb verſucht es lieber gar nicht, mein lieber Herr.“ „Ich bitt' um Vergebung, Mr. Boffin,“ fuhr Wegg mit einem boshaften Blicke in die Richtung des Sprechen⸗ den fort,„ich richtete meine Worte an Sie, da Sie, falls mich nicht meine Sinne trügen, die Frage an mich gerichtet. Ich hatte eine ſehr ausgeſuchte Sammlung von Balladen, und es befand ſich ein neuer Vorrath von Honigkuchen in dem zinnernen Kaſten. Weiter ſage ich nichts, ſondern überlaſſe es lieber Ihnen.“ „Aber es iſt ſchwer zu beſtimmen, was recht iſt,“ ſagte Mr. Boffin unruhig, mit der Hand in der Taſche, „und ich will nicht mehr thun, als recht iſt, weil Ihr Euch wirklich als ein ſo außerordentlich ſchlechter Menſch erwieſen. Ihr wart ſo hinterliſtig und undankbar, Wegg; denn wann habe ich Euch je ein Unrecht angethan?“ „Es war ferner,“ fuhr Mr. Wegg mit ſinnender Miene fort,„eine Botenkundſchaft damit verbunden, in der ich ſehr geachtet war. Aber ich möchte nicht für habſüchtig gehalten werden und möchte es deshalb lieber Ihnen überlaſſen, Mr. Boffin.“ „Ich weiß auf Ehre nicht, wie ich die Ge⸗ ſchichte anſchlagen ſoll,“ murmelte der Goldene Kehricht⸗ mann. „Es gehörten außerdem,“ fuhr Wegg fort,„ein Paar Holzböcke dazu, für die allein ein Irländer, der ſich auf Holzböcke verſtand, mir fünf Schillinge und Sixpence bot— eine Summe, von der ich nicht hören wollte, denn ich würde dabei verloren haben— und es war ein Schemel, ein Regenſchirm, ein Kleiderbock und ein Prä⸗ ſentirbrett dabei. Aber ich überlaſſe es Ihnen, Mr. Boffin.“. Da der Goldene Kchrichtmann mit einer ſchwierigen Berechnung beſchäftigt zu ſein ſchien, unterſtützte Mr. Wegg ihn durch folgende ferneren Poſten. „Außerdem waren dort Miß Eliſabeth, Maſter Georg, die Tante Jane und der Onkel Parker. Ah! Wenn man den Verluſt einer ſolchen Gönnerſchaft bedenkt; wenn man einen ſo ſchönen Garten durch die Schweine umwühlt ſieht, dann wird es Einem in der That ſchwer, es, ohne ſehr hoch zu gehen, in Geld anzuſchlagen. Aber ich überlaſſe es ganz Ihnen, Mr. Boffin, Sir.“ Mr. Sloppy blieb noch immer bei ſeiner merkwür⸗ digen und anſcheinend unerklärlichen Bewegung. „Es iſt etwas von Beſtärken erwähnt worden,“ ſagte Wegg mit melancholiſcher Miene,„und es läßt ſich nicht leicht beſtimmen, wie weit mein Gemüth durch die un⸗ geſunde Lectüre über Geizhälſe verdorben worden, als Sie mich und Andere darin beſtärkten, Sie ſelbſt für einen ſolchen zu halten, Sir. Ich kann blos ſagen, daß ich zur Zeit fühlte, daß es mein Gemüth verdarb. Und wie kann man wohl ſein Gemüth in Geld anſchlagen! Es war dort außerdem ſoeben noch ein Hut, Aber ich überlaſſe das Ganze Ihnen, Mr. Boffin.“ „Kommt!“ ſagte Mr. Boffin.„Hier ſind zwei Pfund.“ „Die kann ich, um mir ſelber gerecht zu ſein, un⸗ möglich annehmen, Sir.“* Die Worte waren kaum über ſeine Lippen, als John Harmon den Finger erhob und Sloppy, der jetzt hart bis an Wegg herangekommen, ſich mit dem Rücken an Wegg's Rücken ſtellte, ſich bückte, feſt mit beiden Hän⸗ den Wegg's Rockkragen packte und ihn geſchickt, gleich einem Mehl⸗ oder Kohlenſacke, auf ſeinen Rücken ſchwang. Mr. Wegg trug in dieſer Lage, in der ſeine Knöpfe ſich faſt ebenſo ſehr dem Beſchauer aufdrängten, wie Sloppy's, und ſein hölzernes Bein einen höchſt unbequemen Anblick⸗ bot, ein Antlitz von beſonderem Mißbehagen und Er⸗ ſtaunen zur Schau. Doch war daſſelbe nicht viele Minu— ten lang im Zimmer ſichtbar; denn Sloppy trabte leicht mit ihm hinaus und die Treppe hinunter, während Mr. Venus ihn begleitete, um die Hausthür zu öffnen. Mr. Sloppy's Inſtructionen waren dahin gegangen, daß er ſeine Laſt auf der Straße abſetzte; da aber zufälliger⸗ weiſe ein Straßenfegerkarren an der Ecke ſtand, an deſſen Rade eine kleine Leiter gelehnt war, vermochte Mr. Sloppy der Verſuchung nicht zu widerſtehen, Mr. Silas Wegg zu dem Inhalte des Karrens hinzuzuſchütten. Ein ziemlich ſchwieriges Kunſtſtück, das indeſſen mit großer Gewandtheit und einem ungeheuren Platſchen ausge⸗ führt ward. Funfzehntes Capitel. Was in den Schlingen gefangen, die gelegt worden. Wie Bradley Headſtone ſeit jenem Abend, an dem er ſo zu ſagen aus der Aſche des Bootsmannes erſtanden, im Geiſte gequält und gemartert geweſen, hätte Nie⸗ — —————;—— herunter, Ein übel kann zu Laſt vera jenem Gl ringe Erl ſelige Na elende M Atmoſphe Die Verdacht rihten üͤ aufgenon Lightwoc delte), ſi immer m Gifer nac begreifen Mr. Mi Mußeſtu irgend bekannt zu finde geführt De Verſuch worden Bbuat als ei Euger werfe Er d was die if mach er ſe 9 der Verm und fahr, viel ergrif mußte U theic ht zu ſein, un⸗ n, als John jetzt haut Rücken an t beiden Hän⸗ gäſchickt, gleich Kücken ſchwaug. ine Knöpfe ſich , wie Sloppys, quemen Anblick hagen und Er⸗ r während Mr. möffnen. Mr. agen, daß er zufälliger⸗ and, an deſſen vermochte Mr Mr. Silas ſchütten. Ein ſen mit großer glaatſchen ausge⸗ 3 geltgt worden⸗ Abend, au dem 2 20e erſtanden, bätte Nie trabte leict 657 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 658 mand als er ſelber zu ſagen vermocht. hätte es nicht ſagen können, denn ſolches Elend läßt ſich nur fühlen. Er hatte erſtens die dreifache Wucht des Bewußt⸗ ſeins deſſen, was er gethan, und des ihn beſtändig ver⸗ folgenden Vorwurfs, daß er es ſo viel beſſer hätte thun können, und der Furcht vor der Entdeckung zu tragen. Dies war ſchwer genug, um ihn zu erdrücken, und er hatte es Tag und Nacht auf ſich. Es lag in ſeinem ſpärlichen Schlafe ebenſo ſchwer auf ihm, wie während der rothäugigen Stunden des Wachens. Es zog ihn Und ſelbſt er mit einer fürchterlichen unveränderlichen Einförmigkeit herunter, in der kein Augenblick der Abwechſelung eintrat. Ein überladenes Laſtthier oder ein überladener Sclave kann zu gewiſſen Augenblicken den Druck der körperlichen Laſt verändern und ſelbſt, indem er dieſen Muskeln oder jenem Gliede ferneren Schmerz verurſacht, ſich eine ge⸗ ringe Erleichterung verſchaffen. Doch ſelbſt dieſe arm⸗ ſelige Nachahmung von Erleichterung vermochte ſich der elende Menſch in dem beſtändigen Drucke der hölliſchen Atmoſphäre nicht zu gewähren, in die er eingetreten war. Die Zeit verging und es folgte ihm kein ſichtbarer Verdacht; die Zeit verging, und in den öffentlichen Be⸗ richten über den Anfall, die von Zeit zu Zeit wieder Lightwood,(der als Rechtsanwalt des Verwundeten han⸗ delte), ſich immer weiter von der Wahrheit entfernte, immer mehr von dem Ausgange abwich und offenbar an Eifer nachließ. Allmälig fing er die Urſache hiervon zu begreifen an. Dann kam das zufällige Begegnen mit Mr. Milvey auf dem Bahnhofe,(wo er ſich in ſeinen Mußeſtunden häufig umhertrieb, da es ein Ort, an dem irgend welche friſche Nachrichten in Bezug auf ſeine That bekannt gemacht oder Anſchlagezettel darüber angeklebt zu finden waren), und dann ſah er klar, was er herbei⸗ geführt hatte. Denn dann ſah er, wie er durch ſeinen verzweifelten da Riderhood ihm als ein ſehr unwiſſender Mann be⸗ kannt war, der weder leſen noch ſchreiben könne, fing er zu bezweifeln an, ob er überhaupt zu fürchten ſei, oder ob ſie einander jemals wiederzuſehen brauchten. Inzwiſchen war ſein Geiſt keinen Augenblick von der Folter frei, und das marternde Bewußtſein, daß er ſich als Brücke für dieſe Beiden über den Abgrund hinge⸗ worfen, der ſie trennte, konnte nimmer abkühlen. Dieſer fürchterliche Zuſtand führte neue Anfälle herbei. Er hätte nicht ſagen können, wann oder wie oft; aber er las in den Geſichtern ſeiner Schüler, daß ſie ihn in je⸗ nem Zuſtande geſehen und daß ſie in Furcht vor einem Rückfalle bei ihm lebten. An einem Winterabende, als ein leichter Schnee auf die Schwelle und die Rahmen der Fenſter der Schul⸗ ſtube fiel, ſtand er mit der Kreidggin der Hand vor ſei⸗ ner ſchwarzen Tafel, im Begriff, den Unterricht zu be⸗ ginnen, als er, da er in den Geſichtern der Knaben las, daß ſich etwas ereignet und ſie ſeinetwegen in Sorge ſeien, ſein Geſicht der Thür zuwandte, der ſie gegen⸗ überſaßen. Er erblickte einen ſchlotterig und abſtoßend ausſehenden Mann, der mit einem Bündel unter dem Arme mitten in der Schulſtube ſtand, und ſah, daß es Riderhood ſei. aufgenommen wurden, fing er an zu ſehen, wie Mr. Er ſank auf einen Stuhl, den einer der Knaben für ihn hinſtellte, und hatte ein flüchtiges Bewußtſein, daß Verſuch, jene Beiden zu trennen, nur das Mittel ge⸗ worden, um ſie zu vereinen. Daß er ſeine Hände mit Blut befleckt, nur um ſich als einen elenden Narren und als ein erbärmliches Werkzeug zu kennzeichnen. Daß Eugen Wrayburn ihn, um ſeiner Gattin willen, bei Seite werfe, und auf ſeiner giftigen Bahn hinkriechen laſſe. Er dachte an das Schickſal oder die Vorſehung, oder was immer die leitende Gewalt geweſen, als eine Macht, die ihn betrogen, ihn übervortheilt habe, und in ſeiner machtloſen, tollen Wuth biß er und tobte er und hatte er ſeine Anfälle. 1 Neue Beſtätigung der Wahrheit erhielt er während der nächſten Tage, als bekannt gemacht wurde, wie der Verwundete ſich auf ſeinem Krankenbette verheirathet, und mit wem und wie er, obgleich noch immer in Ge⸗ fahr, doch um einen Schatten beſſer ſei. Bradley hätte viel lieber gewollt, daß man ihn ſeines Mordes wegen ergriffen, als daß er dies leſen und ſich geſchont ſehen mußte, und dazu wiſſen mußte, warum er geſchont werde. Um jedoch nicht noch ferner betrogen und übervor⸗ theilt zu werden— was geſchehen mußte, falls er durch Riderhood implicirt und durch das Geſetz für ſein erbärm⸗ liches Mißlingen beſtraft ward, wie wenn daſſelbe ein Erfolg geweſen— blieb er während des Tages ſtill in ſeiner Schule, ging Abends nur mit großer Vorſicht aus, und nicht mehr nach dem Bahnhofe. Er ſuchte in den Zeitungsannoncen nach Beweiſen, daß Riderhood ſeine Drohung, ihn in dieſer Weiſe zur Erneuerung ihrer Be⸗ er in Gefahr ſei, zu fallen, und daß ſein Geſicht ſich verzerrte. Aber der Anfall ging für diesmal vorüber und er wiſchte ſich den Mund und ſtand wieder auf. „Bitt' um Vergebung, Meiſter! Mit Verlaub!“ ſagte Riderhood, mit einem ſchielenden Grinſen die Hand an die Stirn legend.„Was mag dies wohl für ein Haus ſein?“ „Dies iſt eine Schule.“ „Wo junge Leute lernen, was recht iſt?“ ſagte Ri⸗ derhood mit ernſtem Kopfnicken.„Bitt' um Vergebung, Meiſter! Mit Verlaub! Aber wer lehrt in dieſer Schule?“ „Ich.“ „Sie ſind der Lehrer, wie, gelehrter Meiſter?“ „Ja. Ich bin der Lehrer.“ „Und es muß etwas Herrliches ſein“, ſagte Riderhood, „die jungen Leute zu lehren, was Recht iſt, und zu wiſſen, daß ſie wiſſen, daß man es thut. Bitt' um Vergebung, Meiſter! Mit Verlaub! Jene ſchwarze Tafel dort— wozu nützt ſie?“. „Sie wird benutzt, um darauf zu ſchreiben oder zu zeichnen.“ „Was Sie ſagen!“ meinte Riderhood.„Wer hätte das gedacht, nach dem Ausſehen zu urtheilen! Würden Sie wohl die Güte haben, Ihren Namen darauf zu ſchreiben, gelehrter Meiſter?“ ſetzte er in hündiſch ſchmei⸗ chelndem Tone hinzu. Bradley zögerte einen Augenblick, ſchrieb aber dann ſeine gewöhnliche Unterſchrift in vergrößertem Maßſtabe auf die Tafel. „Ich bin kein gelehrter Mann,“ ſagte Riderhood, die Blicke über die Claſſe hinſchweifen laſſend,„aber ich be⸗ wundere die Gelehrſamkeit in Anderen. Ich moͤchte was drum geben, dieſe jungen Leute hier jenen Namen dort von der Tafel ableſen zu hören.“ Die Arme der Claſſe fuhren in die Höhe. Beim Kopfnicken des elenden Lehrers erhob ſich der gellende Chor:„Bradley Headſtone!“. „Nein!“ rief Riderhood.„Was Sie ſagen! Head⸗ ſtone! Ei, das ſteht ja auf einem Gottesacker.“) Hurrah, kanntſchaft aufzufordern, ausgeführt, fand deren jedoch noch einmal!“ keine. Da er ihm für die Erfriſchung und Bequemlich⸗ keit, die er im Schleuſenhauſe genoſſen, gut bezahlt, und Boz, unſer gemeinſchaftlicher Freund. *) Headstone bedeutet ſo viel wie Grabſtein. Anmerkung der Ueberſetzerin. 42 — —— 1 4 * —— Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 660 659 Ein abermaliges Emporſtrecken der Arme, ein aber⸗ maliges Kopfnicken und ein abermaliger gellender Chor: „Bradley Headſtone!“ „Jetzt hab' ich's!“ ſagte Riderhood, nachdem er auf— merkſam zugehört und innerlich wiederholt:„Bradley. Ich verſteh'. Taufname. Bradley, ähnlich wie Roger, was mein Name iſt. Wie? Vatersname Headſtone, ähnlich wie Riderhood, was mein Name iſt. Wie?“ Gellender Chor:„Ja!“ „Wären Sie vielleicht mit einer Perſon von Ihrer Größe und Breite, und die auf der Waagge ziemlich Ihrem Gewicht gleichkommen würde, bekannt, gelehrter Meiſter, der auf den Namen ziemlich wie ‚„der Anderſte“ hört?“ ſagte Riderhood. Mit einer innerlichen Verzweiflung, die ihn voll⸗ kommen ruhig maſß obgleich ſeine Kinnlade ſchwer — vortrat, die Augenauf Riderhood heftend und mit Spuren beſchleunigten Athmens in den Nüſtern, ant⸗ wortete der Schulmeiſter nach einer Pauſe mit ver⸗ haltener Stimme:„Ich glaube, ich weiß, wen Ihr meint.“ „Ich dachte mir wohl, daß Sie wüßten, wen ich meinte, gelehrter Meiſter. Ich ſuche den Mann.“ Bradley erwiderte, ſich halb unter ſeinen Zöglingen umſchauend:„Denken Sie etwa, er ſei hier?“ „Bitt' um Vergebung, gelehrter Meiſter, und mit Verlaub,“ ſagte Riderhood, auflachend,„wie fönnt' ich wohl glauben, daß er hier ſei, wenn Niemand hier iſt, als Sie und ich und dieſe jungen Lämmer, die Sie unterrichten? Aber er iſt ein ganz vortrefflicher Geſell⸗ ſchafter, jener Mann, und ich wünſche, daß er kommt und mich bei meiner Schleuſe am Fluſſe oben beſucht.“ „Ich will's ihm ſagen.“ „Denken Sie, daß er kommen wird?“ fragte Rider⸗ hood. „Ich bin dapon überzeugt.“ „Da ich Ihr Wort dafür habe,“ ſagte Riderhood, „will ich auf ihn rechnen. Vielleicht verpflichten Sie mich ſo weit, gelehrter Meiſter, ihm zu ſagen, daß ich, falls er nicht ſehr bald kommt, mich nach ihm umſchauen werde.“ „Er ſoll es wiſſen.“ „Danke. Wie ich vor einer kleinen Weile bemerkte,“ fuhr Riderhood fort, indem er ſeine heiſere Stimme ver⸗ änderte und wieder über die Claſſe hinſchielte,„obgleich ſelbſt kein gelehrter Charakter, bewundere ich doch die Gelehrſamkeit bei Anderen außerordentlich! Darf ich wohl, da ich einmal hier bin und Ihre gütige Aufmerk⸗ ſamkeit genoſſen habe, gelehrter Meiſter,— ehe ich gehe, dieſen Ihren jungen Lämmern eine Frage vorlegen?“ „Falls es ſich auf Schulſachen bezieht,“ ſagte Brad⸗ ley, noch immer ſeinen finſtern Blick auf den Andern heftend und mit verhaltener Stimme ſprechend, ſo mögen Sie es thun.“ „O! Es iſt eine Schulſache! rief Riderhood.„Ich will's ſo einrichten, Meiſter, daß es eine Schulſache iſt. Wie werden die Gewäſſer eingetheilt, meine Lämmer? Welche Arten von Gewäſſer giebt es auf dem Lande?“ Gellender Chor:„Meere, Flüſſe, Seen und Teiche.“ „Meere, Flüſſe, Seen und Teiche,“ ſagte Riderhood. „Sie wiſſen ſie alle auswendig, Meiſter! Will mich hän⸗ gen laſſen, wenn ich nicht die Seen ausgelaſſen hätte, da ich, ſo viel ich weiß, in meinem Leben keinen geſehen habe. Meere, Flüſſe, Seen und Teiche. Was, meine Lämmer, wird wohl in Meeren, Flüſſen., Seen und Teichen gefangen?“ Gellender Chor(mit einiger Verachtung für die Leich⸗ tigkeit der Frage):„Fiſche!“ „Wieder gut!“ ſagte Riderhood. Aber was wird wohl ſonſt noch zuweilen in Flüſſen gefangen, meine Lämmer?“ Chor in Unſicherheit. Eine gellende Stimme:„See⸗ tang!“ „Wiederum gut!“ rief Riderhood.„Aber Seetang iſt es auch nicht. Ihr werdet es nimmer errathen, meine Lieben. Was fängt man außer Fiſchen wohl ſonſt noch zuweilen in Flüſſen? Nun! Ich will's Euch ſagen: Kleider.“ Bradley's Geſicht veränderte ſich. „Wenigſtens,“ ſagte Riderhood, ihn aus den Win⸗ keln der Augen beobachtend,„dieſe fiſche ich zuweilen in den Flüſſen auf, meine Lämmer. Denn ich will mit Blindheit geſchlagen werden, wenn ich nicht dieſes ſelbige Bündel hier unter meinem Arm aus einem Fluſſe her⸗ ausgefiſcht habe, meine Lämmer!“ 7 Die Claſſe ſchaute den Lehrer an, wie wenn ſie we⸗ gen der unregelmäßigen, fallſtrickartigen Examinirweiſe an ihn appellire. Der Lehrer ſchaute den Examinator an, wie wenn er ihn in Stücke hätte zerreißen mögen. „Ich bitt' um Vergebung, gelehrter Meiſter,“ ſagte Riderhood, ſich mit dem Aermel über den Mund ſchmie⸗ rend, indem er mit großem Wohlbehagen lachte,„es iſt ungerecht gegen die Lämmer, das weiß ich wohl. Es war nur ein kleiner Scherz von mir. Aber ich geb' Ihnen mein Wort, daß ich dies Bündel hier aus dem Fluſſe zog! Es iſt ein Bootmanns⸗Anzug. Derſelbe war dort von dem Manne, der ihn getragen, verſenkt wor⸗ den, und ich holte ihn wieder heraus.“ „Woher wißt Ihr, daß derſelbe dort von dem Manne, der ihn getragen, verſenkt worden?“ fragte Bradley. „Weil ich es ihn thun ſah,“ ſagte Riderhood. Sie ſchauten einander an. Bradley wandte langſam die Augen von ihm ab, richtete ſein Geſicht der ſchwar⸗ zen Tafel zu und löſchte langſam ſeinen Namen aus. „Tauſend Dank, Meiſter,“ ſagte Riderhood,„daß Sie ſo viel von Ihrer und der Lämmer Zeit an einen Mann verwendet haben, der keine andere Empfehlung hat, als daß er ein rechtſchaffener Menſch iſt. Mit dem Wunſche, daß ich den Mann, von dem wir ſprachen und für den Sie ſich verbürgt haben, in meinem Schleuſen⸗ hauſe am Fluſſe ſehen werde, verabſchiede ich mich hier⸗ mit von den Lämmern und ihrem gelehrten Meiſter.“ Mit dieſen Worten ſchlotterte er aus der Schule und überließ es dem Lehrer, ſich ſo gut er konnte durch ſein ſchweres Tagewerk hindurch zu arbeiten, und den Schü⸗ lern, flüſternd das Geſicht ihres Lehrers zu beobachten, bis dieſer den Krampfanfall bekam, der ihn längſt bedroht. Der Tag nach dem folgenden war Sonnabend und ein Feiertag. Bradley ſtand zeitig auf und machte ſich zu Fuß auf den Weg nach der Plaſhwater Weir⸗Mill⸗ Schleuſe. Er ſtand ſo früh auf, daß es noch nicht hell war, als er ſeine Reiſe antrat. Ehe er das Licht aus⸗ löſchte, bei dem er ſich angekleidet, that er die anſtän⸗ dige ſilberne Uhr und deren auſtändige Kette in ein klei⸗ nes Paket und ſchrieb inwendig auf das Papier:„Bitte, dies gütigſt für mich aufzubewahren.“ Dann adreſſirte er das Paket an Miß Peecher und ließ es in der ge⸗ ſchützteſten Ecke der kleinen Bank in ihrem kleinen Vor⸗ häuschen liegen. Es war ein kalter, ſcharfer oſtwindiger Morgen, als er das Gartenpförtchen zuklinkte und ſich abwandte. Der leichte Schnee, der am Donnerſtag wie Dunen auf dem Schulſtubenfenſter gelegen hatte, hing noch in der Luft, und fiel weiß herab, während der Wind ihn ſchwarz an⸗ blies. Der ſpäte Tag erſchien nicht eher, als bis Bradley 4 in G dieſ mit ſeiner Licht tung Gren ( ſame wen hera hefte an d Hand gefo feuen auf Mun G ſein liche rock ſetzte hood 1 G klop 660————— — . N V 661 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 662 was wird 6—————-———————— angen 48..„ gen, meine bereits zwei Stunden unterwegs geweſen und einen gro⸗ wo er Waffen bei ſich führte. Jetzt aber beugte er ſich tiume, ßen Theil von London von Oſten nach Weſten durch⸗ vorwärts und fragte, indem er Bradley neugierig den „ See⸗ ſchritten hatte. Solches Frühſtück, wie er genoß, nahm Kragen ſeiner Weſte zurückwandte:„Was, wo iſt Ihre Uber S Seetang er in dem ungemüthlichen Wirthshauſe zu ſich, in dem er ſich bei Gelegenheit ihres nächtlichen Spazierganges Uhr?“ „Ich habe ſie daheim gelaſſen.“ Ab rath 8 ahm wiin voon Riderhood getrennt hatte. Er genoß es ſtehend an„Ich verlange ſie. Aber ſie kann geholt werden. Ich 1 duſt noch dem unordentlichen Schenktiſche und warf dabei finſtere habe eine Vorliebe dafür gefaßt.“ uch ſagen: Blicke auf einen Mann, der an der Stelle ſtand, wo Bradley beantwortete dies mit einem verachtenden V Riderhood an jenem frühen Morgen geſtanden. Lachen. dus Er ließ auf ſeinem Marſche den kurzen Tag hinter„Ich verlange ſie,“ wiederholte Riderhood mit lauterer 620 den Win⸗ ſ ſſiich zurück und langte, als die Nacht hereingebrochen Stimme,„und ich will ſie haben.“ d zuweilen in war, etwas fußwund auf dem Leinpfade am Fluſſe an.„Das wollen Sie alſo von mir, wie?“ uich vill mit DOpwohl es noch zwei bis drei Meilen bis zur Schleuſe„Nein,“ ſagte Riderhood noch lauter;„das iſt nur t dieſes ſelbige war, fing er jetzt langſamer zu gehen an, ging jedoch ein Theil von dem, was ich von Ihnen will. Ich will em Fluſſe her⸗ rruhig weiter. Der Boden war jetzt, obgleich nur dünn, Geld vongShnen haben.“ mit Schnee bedeckt, und auf den ungeſchützteren Stellen„Sonſſt noch Etwas?“ wenn ſie we⸗ ddees Fluſſes ſchwammen Eisklumpen, während im Schutze„Sonſt noch Alles! brüllte Riderhood ſehr laut und Craminirweiſe der Ufer zerbrochene Eisſchichten lagen. Er achtete auf wüthend.„Wenn Sie mir in dieſer Weiſe antworten, en Examinator nichts als das Eis und den Schnee und die Entfernung, will ich gar nicht mit Ihnen ſprechen. reißen mögen. bis er ein Licht vor ſich ſah, von dem er wußte, daß es Bradley ſchaute ihn an. Meiſter,“ ſagte im Fenſter des Schleuſenhauſes leuchte. Daſſelbe machte„Und ſelbſt, wenn Sie mich nur in dieſer Weiſe an⸗ Mund ſchmie⸗ iihn ſtillſtehen und er ſchaute ſich ringsum. Das Eis ſehen, will ich gar nicht mit Ihnen ſprechen,“ ſchrie lachte,„es iſt und der Schnee und er und jenes eine Licht waren Alles, Riderhood.„Aber anſtatt zu ſprechen, will ich meine ich wohl. Es was es rings zu ſehen gab. In der Ferne vor ihm lag Hand mit ihrem ganzen Gewicht auf Sie legen und Aber ich geb der Ort, wo er jene weniger als nutzloſen Schläge ge⸗ Sie zermalmen,“ ſagte er, mit großer Gewalt auf den hier aus dem Qthan, und der ihn durch Lizzie's Gegenwart dort, als Tiſch ſchlagend.. Derſelbe war GEugen's Gattin, verhöhnte. In der Ferne hinter ihm„Fahrt fort,“ ſagte Bradley, nachdem er ſeine Lip⸗ verſeakt wor⸗ lag der Ort, wo die Kinder, wie es ihm geſchienen, ihn pen benetzt.. 3 mit erhobenen Armen den Teufeln preisgegeben, wie ſier„Ol ich fahre ſchon fort. Fürchten Sie nicht, daß en dem Mane ſeinen Namen geſchrien hatten. Dort drinnen, wo das ich nicht ſchnell genug von der Stelle kommen oder weit e Bradlee Licht war, befand ſich der Mann, der ihn nach beiden Rich⸗ genug für Sie gehen werde, auch ohne daß Sie mir's dahood. tungen hin dem Verderben überliefern konnte. Zu dieſen ſagen. Schaun Sie her, Breadley Headſtone, Schul⸗ dedn— dn Grenzen war ſeine Welt zuſammengeſchrumpft. 3 meiſter. Sie hätten meinetwegen den andern Herrn zu icht der ſtun Err beſchleunigte ſeine Schritte, indem er mit ſelt⸗ Splitter. und Spähne zerſchlagen können, ohne daß ich Phnr n lo ſamer Intenſität die Augen auf das Licht heftete, wie mich weiter darum bekümmert, als indem ich vielleicht Namen as. wenn er auf daſſelbe zielte. Wie er ſo nahe an daſſelbe hin und wieder einmal ein Glas von Ihnen gefordert.“ derhood,„daß herankam, daß es ſich in Strahlen brach, war es, als Warum hiütte ich ſonſt überhaupt je etwas mit Ihnen Zeit an einen hefteten dieſe ſich auf ihn und zögen ihn fort. Als er zu thun gehabt? Aber als Sie meine Kleidung nach. e Empfehlung an die Thür klopfte, folgte ſein Fuß ſo ſchnell ſeiner ahmten und mein Halstuch nachahmten und mich mit iſt. Mit dem ir ſprachen und ich mi m Schleuſen⸗ c hier⸗ ten Meiſter.“ nte du der Schule und rch ſein und den Schü⸗ zu beo der ihn bachten, längſt Sonnabend und Hand, daß er im Zimmer ſtand, ehe er einzutreten auf⸗ gefordert worden. Das Licht war das doppelte Erzeugniß eines Kamin⸗ feuers und einer Kerze. Zwiſchen beiden, mit den Füßen auf dem Schutzeiſen, ſaß Riderhood, mit der Pfeife im Munde. Er blickte mit einem verdrießlichen Nicken auf, als ſein Gaſt eintrat. Sein Gaſt blickte mit einem verdrieß⸗ lichen Nicken zu ihm hinab. Nachdem er ſeinen Ober⸗ rock abgezogen, ſetzte der Gaſt ſich auf der entgegenge⸗ ſetzten Seite des Kaminfeuers nieder. „Sind kein Raucher, ſoviel ich weiß?“ ſagte Rider⸗ Blut beſprenkelten, nachdem Sie das Stück ausgeführt, da thaten Sie das, wofür ich bezahlt, und zwar hoch bezahlt werden will. Falls der Verdacht auf Sie fiel, waren Sie bereit, ihn auf mich zu werfen, wie? Wo war wohl anders ein Mann zu finden, der gekleidet, wie beſchrieben worden, als an der Plaſhwater Weir⸗Mill⸗ Schleuſe? Wo anders, als an der Plaſhwater Weir⸗ Mill⸗Schleuſe, war wohl ein Mann, der Worte mit ihm gewechſelt, als er in ſeinem Boote durchgefahren? Seht doch den Schleuſenwärter der Plaſhwater Weir⸗Mill⸗ Schleuſe in der ſelbigen Kleidung und mit dem ſelbigen rothen Halstuche an, ob ſeine Kleider blutig ſind oder und machte ſich hood, ihm eine Flaſche über den Tiſch zuſchiebend. nicht. Ja, ſie ſind allerdings blutig. Ah, Sie liſtiger ater Weir⸗Mil⸗„Nein.“ Teufel!“ znoch nicht hell Sie verfielen Beide, die Augen auf's Feuer heftend, Bradley ſaß mit ſehr weißem Geſichte da und ſchaute das Licht aus⸗ 2 die anſtän⸗„ch brauche Euch nicht zu ſagen, daß ich hier bin,“„Aber Sie waren nicht allein ſo ſchlau,“ ſagte Ri⸗ tte in ein klei⸗ ſagte Bradley endlich.„Wer ſoll anfangen?“ derhood, ein halbes Dutzend Schnippchen ſchlagend,„und e„Bitte, 6„ Ich will anfangen,“ ſagte Riderhood,„ſobald ich ich habe Ihr kleines Spiel ſchon vor langer Zeit ge⸗ 3 apier: Dann adreffite 2 in der ge⸗ Er rauchte dieſelbe mit großer Gelaſſenheit zu Ende, ſuchten; zur Zeit, wo Sie noch nicht in Ihrer Schule 1 an Vor⸗ klopfte die Aſche heraus und legte die Pfeife fort. zu buchſtabiren angefangen. Ich weiß auf ein Haar,ł“ 5 m klei„Ich will anfa„“ wiederholte er dann,„Bradley wie Sie es gethan haben. Wo Sie ſich fortſchlichen, A Flargen, dl Headſtone, Schulmeter wenn Sie es wünſchen.“ hätte ich Ihnen nachſchleichen und es geſchickter machen ger No. d.„Wünſchen! Ich wünſche zu wiſſen, was Ihr von mir können als Sie. Ich weiß, wie Sie in Ihren eigenen abwand 3 dem woollt.“ Kleidern aus London fortkamen, und wo Sie Ihre Klei⸗ Dunen„ duft„Und das ſollen Sie.“ Riderhood hatte ſeine Hände der wechſelten und wo Sie ſie verſteckten. Ich ſah Sie noch in der 2 und ſeine Taſchen ſcharf in Augenſchein genommen, mit eigenen Augen Ihre Kleider aus ihrem Verſteck ihn ſhebralm V dem Anſcheine nach als Vorſichtsmaßregel für den Fall, zwiſchen den gefällten Bäumen herausnehmen und dann als bi in Stillſchweigen. dieſe Pfaife satrnucht habe.“ ihn ſchweigend an. ſpielt; lange, ehe Sie Ihre ungeſchickte Hand daran ver⸗ . 8 e 8 42 663 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 664 V di faufen ein Bad im Fluſſe nehmen, damit irgend Jemand, der„Ich meine, daß ich Sie begleiten will, wohin Sie 3 zufällig vorüberkäme und ſähe, wie Sie ſich ankleideten, immer gehen mögen, nachdem Sie von hier fortgehen. ai ſich dies erklären könne. Ich ſah Sie an der Stelle, Die Schleuſe mag für ſich ſelber ſorgen. Ich will nach dood an der Stelle an der Sie ſich als Bootsmann nieder⸗ Ihnen ſehen, da ich Sie einmal habe.“ 5 f ſetzten, als Bradley Headſtone, Schulmeiſter, wieder auf⸗ Bradley ſchaute wieder ins Feuer. Riderhood nahm, und d ſtehen. Ich ſah Sie Ihr Bootsmannbündel in den Fluß ihn von der Seite betrachtend, ſeine Pfeife auf, füllte lüd werfen. Ich fiſchte Ihr Bootsmannbündel wieder aus dieſelbe wieder, brannte ſie an und ſaß rauchend da. 3 dem Fluſſe heraus. Ich habe Ihre Bootsmannkleider, Bradley ſtützte die Elbogen auf die Knie und den Kopf Pie⸗ beim Kampfe hier und dort zerriſſen, mit grünen Gras⸗ auf die Hände und ſchaute mit der größten Geiſtesab⸗ ſeque flecken und überher beſpritzt mit dem, was durch die weſenheit ins Feuer. 1 Schläge hervorſprang. Ich habe ſie, und ich habe Sie.„Riderhood,“ ſagte er, indem er ſich nach langem din Es iſt mir keinen Pfifferling an dem andern Herrn ge⸗ Schweigen auf ſeinem Stuhle aufrichtete, ſeine Börſe ſagte legen, ob er todt oder lebendig, aber es ſind mir viele aus der Taſche nahm und auf den Tiſch legte.„Nehmen gen Pfifferlinge an mir ſelber gelegen. Und da Sie Ihre An⸗ wir an, ich gebe Euch dies, was alles Geld iſt, das ich nie ſchläge gegen mich machten und ein liſtiger Taulel gegen beſitze; nehmen wir an, ich gebe Euch meine Uhr; neh⸗ mich mich waren, ſo will ich dafür bezahlt werdenne dafür men wir an, ich zahle Euch jedesmal, wenn ich meinen nicte bezahlt werden— dafür bezahlt werden, bis ich Sie Gehalt empfange, einen gewiſſen Theil deſſelben aus?“ Del trocken ausgeſogen habe.„Nehmen wir nichts dergleichen an,“ entgegnete Rider⸗ ſah, Bradley ſchaute mit heftig arbeitendem Geſicht ins hood, indem er rauchend den Kopf ſchüttelte.„Sie ſind ſu le Feuer und ſchwieg eine Weile. Endlich ſagte er mit einer mir einmal entſchlüpft und ich will es nicht noch einmal W Ruhe in Stimme und Geſicht, die inconſequent erſchien: riskiren. Es hat mich Mühe genug gekoſtet, Sie zu ui mi V Er iſt nicht abzuſchütteln.(Seite: 666.) „Ihr könnt kein Blut aus einem Steine ſaugen, finden, und ich würde Sie gar nicht gefunden haben,ł“ Riderhood.“ falls ich Sie nicht eines Abends auf der Straße hätte hin⸗ „Aber ich kann Geld aus einem Schulmeiſter heraus⸗ ſchleichen ſehen und Ihnen dann gefolgt wäre, bis Sie preſſen.“ ſicher zu Hauſe angelangt waren. Ich will's ein für „Ihr könnt nichts aus mir herauspreſſen, das nicht allemal mit Ihnen abgemacht haben.“ in mir iſt. Ihr könnt mir nichts entreißen, was ich„Riderhood, ich bin ein Mann, der ein eingezogenes nicht habe. Mein Beruf iſt ein ärmlicher. Ihr habt Leben geführt hat. Ich habe außer mir keine Hülfs⸗ bereits über zwei Guineen von mir erhalten. Wißt Ihr, V quellen. Ich habe durchaus gar keine Freunde.“ wie lange es gewährt hat, bis ich,(abgeſehen von einem„Das iſt eine Lüge,“ ſagte Riderhood.„Sie haben vi langen und mühſamen Studium), eine ſolche Summe zu eine Freundin, die mir bekannt, und die ſo gut wie mt verdienen im Stande war?“ ein Sparkaſſenbuch iſt, oder ich will ein blauer Affe 1 3 „Ich weiß nicht und's iſt mir auch einerlei. Ihre ſein!“ nß Profeſſion iſt eine reſpectable. Um Ihre Achtbarkeit zu Bradley's Geſicht verfinſterte ſich und ſeine Hand retten, verlohnt es ſich für Sie der Mühe, jedes Klei⸗ ſchloß ſich langſam um die Börſe und zog dieſelbe zu⸗ ein dungsſtück, das Sie beſitzen, zu verſetzen, jeden Stock in rück, wie er auf das lauſchte, was der Andere ferner inn Ihrem Hauſe zu verkaufen und jeden Heller zu erbetteln ſagen werde. 8 und zu borgen, den man Ihnen leihen will. Wenn Sie„Ich kam vorigen Donnerſtag zuerſt in die„verkehrte dun das gethan und mir's eingehändigt haben, will ich Sie Bude,“ ſagte Riderhood.„Sah mich unter den jungen ah gehen laſſen. Eher nicht.“ Damen, beim heiligen Georg! Bei den jungen Damen N „Wie meint Ihr das— daß Ihr mich gehen laſſen ſah ich eine Lehrerin. Jene Lehrerin iſt hinreichend ver⸗ ner wollt?“ narrt in Sie, Meiſter, um ſich auf der Stelle zu ver d 664 wohin Sie aortgehen. d vill nach edd nahm, E auf, füllte rans llchend nuchend d. 40 den Kopf eiſtesab⸗ nach langem ſeine Börſe le. P. 95„Nehmen d Uſ, das ich he Uhr; neh⸗ n ich meinen bben aus?“ gnete Rider⸗ „Sie ſind t noch einmal „Sie zu zfunden haben, naße hätte hin⸗ wire, bis Si wills ein für ein eingezogenes keine Hülfs⸗ reunde. „Sie haben d.* gut wie lauer Affe Mr band von dieſelbe zu⸗ „ Andere feruer zn die verkehite in 9 den jungen er 9 Damen ichend bel⸗ II, zu ver⸗ elle zu 66⁵5 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. kaufen und Sie aus der Noth zu reißen. Machen Sie alſo, daß ſie's thut.“ Bradley ſtierte ihn plötzlich dermaßen an, daß Rider⸗ hood, nicht wiſſend, wie er dies nehmen ſolle, ſich ſtellte, als ſei er mit dem Rauche von ſeiner Pfeife beſchäftigt, und denſelben mit der Hand fortfächelte und fortblies. „Ihr ſpracht zur Lehrerin, wie?“ fragte Bradley mit jener früheren Ruhe in Stimme und Geſicht, die incon⸗ ſequent erſchien, und mit abgewandten Blicken. „Paff! Ja,“ ſagte Riderhood, ſeine Aufmerkſamkeit von dem Rauche abziehend.„Ich ſprach zu ihr. Ich ſagte nicht viel zu ihr. Mein Erſcheinen unter den jun⸗ gen Damen brachte ſie ganz außer Faſſung,(ich habe mich nie für einen Damenmann ausgegeben), und ſie nahm mich mit ſich in ihr Wohnzimmer und hoffte, es ſei doch nichts paſſirt. Ich ſagt' ihr:„O, nein, nichts paſſirt. Der Herr Lehrer iſt mein ſehr guter Freund. Aber ich ſah, wie die Sachen ſich verhielten, und daß ſie bequem zu leben habe.“ Bradley ſteckte die Börſe in die Taſche, packte das linke Handgelenk mit der rechten Hand und betrachtete mit ſtarren Blicken das Feuer. „Sie könnte nicht bequemer für Sie wohnen, als ſie es thut,“ ſagte Riderhood,„und wenn ich mit Ihnen heimgehe,(was ich natürlich thun werde), empfehle ich Ihnen, ohne Zeitverluſt ihre Taſchen zu leeren. Sie können ſie dann heirathen, nachdem Sie ſich mit mir abgefunden haben. Sie iſt hübſch und ich weiß, daß Sie kein anderes Schätzchen haben können, da Sie erſt ſo kürzlich in einem andern Viertel eine Täuſchung er⸗ fahren.“ Bradley ſprach während der ganzen Nacht kein ein⸗ ziges Wort mehr. Er veränderte nicht ein einziges Mal ſeine Stellung und ließ ſein Handgelenk nicht wieder los. Er ſaß ſtarr vor dem Feuer, wie wenn daſſelbe eine be⸗ zauberte Flamme geweſen, die ihn alt machte, und die dunkeln Furchen in ſeinem Geſichte wurden tiefer, das Stie ren immer wilder, die Geſichtsfarbe immer weißer und weißer, wie wenn es mit Aſche überzogen würde, und ſelbſt ſein Haar ſchien ſtarr und grau zu werden. Erſt als das ſpäte Tageslicht das Fenſter durchſichtig machte, fing dieſe verwelkende Natur an ſich zu regen. Sie ſtand langſam auf, ſetzte ſich an das Fenſter und ſchaute hinaus. Riderhood hatte die ganze Nacht auf ſeinem Stuhle ſtillgeſeſſen. Zu Anfang der Nacht hatte er ein paar Mal gemurmelt, es ſei bitter kalt, oder, das Feuer brenne ſehr ſchnell— wenn er aufſtand, daſſelbe zu ſchüren; da er aber ſeinem Gefährten weder einen Laut noch eine Bewegung zu entlocken vermochte, hatte er danach geſchwiegen. Er traf eben einige unordentliche Vorbereitungen zum Kaffeemachen, als Bradley vom Fenſter kam, und ſeinen Oberrock anzog und ſeinen Hut aufſetzte. „Sollten wir nicht lieber ein Biſſel frühſtücken, ehe wir aufbrechen?“ ſagte Riderhood.„Es iſt nicht gut, mit leerem Magen zu frieren, Meiſter.“ Bradley ging, ohne ein Zeichen von ſich zu geben, daß er ion gehört, aus dem Schleuſenhauſe hinaus. Riderhood nahm haſtig ein Stück Brod vom Tiſche, ſeinen Bootsmannbündel unter den Arm und folgte ihm augenblicklich. Brasley wandte ſich in die Richtung von denbon Riderhood hocte ihn ein und ging neben ihm ahin. Die beiden Männer travan ſchweigend wohl drei Meilen neben einander weiter. Paͤtzlich wandte Bradley ſich um und ging zurück. Riderhood vehrte ebenfalls um und ſie ſchritten wieder neben einander davin. Bradley ging wieder ins Schleuſenhaus hinein. Rider⸗ hood folgte ihm. Bradley ſetzte ſich ans Fenſter. Rider⸗ hood wärmte ſich vor dem Feuer. Nach einer Stunde etwa, oder darüber, ſtand Bradley plötzlich wieder auf und ging abermals hinaus, wandte ſich aber diesmal in die entgegengeſetzte Richtung. Riderhood kam dicht hinter ihm drein, holte ihn mit wenigen Schritten ein und ging wieder an ſeiner Seite. Wie vorher kehrte Bradley, da er fand, daß ſein Be⸗ gleiter ſich nicht abſchütteln laſſe, auch diesmal plötzlich wieder um. Und wie vorher ging Riderhood mit ihm zurück. Doch gingen ſie diesmal nicht, wie vorher, ins Schleuſenhaus hinein, denn Bradley ſtand auf dem ſchnee⸗ bedeckten Raſen an der Schleuſe ſtill und ſchaute den Strom hinauf und den Strom hinab. Die Schifffahrt war durch den Froſt gehemmt, und die Landſchaft war nichts als eine weiße und gelbe Wüſte. „Kommen Sie, kommen Sie, Meiſter,“ ſagte Rider⸗ hood neben ihm.„Dies iſt ein ſchlechtes Vergnügen. Und was ſoll es wohl nützen? Sie können mich nicht anders loswerden, als indem Sie ſich mit mir abfinden. Und ich gehe mit, wohin Sie immer gehen.“ 8 Ohne ein Wort zu erwidern, ſchritt Bradley ſchnell von ihm fort über die hölzerne Brücke, oberhalb der Schleuſenthore hin.„Nun, hierin iſt ſogar noch weni⸗ ger Sinn und Verſtand, als in dem andern Verfahren,“ ſagte Riderhood ihm folgend.„Dort iſt der Wehr⸗ damm, und Sie werden wieder umkehren müſſen, wiſſen Sie.“ Bradley lehnte ſich, ohne im Geringſten auf ihn zu achten, gegen einen Pfahl und ruhte dort, die Augen auf den Boden heftend, aus. „Da ich einmal hierher gebracht bin,“ ſagte Rider⸗ hood ärgerlich„will ich Gebrauch davon machen und meine Schleuſen wechſeln.“ Dann ſchlug er mit lautem Geklapper und einem Waſſerſturze die Schleuſenthore, die offen geſtanden, zu, ehe er die andern öffnete. In dieſer Weiſe waren jetzt beide einander gegenüberliegende Thore für den Augenblick geſchloſſen. „Sie werden viel beſſer daran thun, wenn Sie ver⸗ nünftigeſind, Bradley Headſtone, Schulmeiſter“, ſagte Riderhood, an ihm vorübergehend,„oder ich will Sie nur um ſo trockner ausſaugen, wenn's zum Zahlen kommt.— Ah! Wollt Ihr wohl!“ Bradley hatte ihn um den Leib gefaßt. Es war, als ob er mit einem eiſernen Ringe umgürtet ſei. Sie befanden ſich am Rande der Schleuſe, ungefähr auf hal⸗ bem Wege zwiſchen den beiden Thoren. „Laßt los!“ ſagte Riderhood,„oder ich ziehe mein Meſſer heraus und ſteche Euch, wo ich Euch immer treffen kann. Laßt mich los!“ Bradley zog ihn dem Schleuſenrande zu— Rider⸗ hood riß ſich von demſelben fort. Es war ein gewalti⸗ ges Ringen, ein wüthender Kampf mit Armen und Bei⸗ nen. Bradley riß ihn herum, daß er den Rücken der Schleuſe zuwandte, und ſchob ihn immer mehr rück⸗ wärts. „Laßt los!“ ſagte Riderhood.„Halt! Was ver⸗ ſuchen Sie eigentlich? Sie können mich nicht erſäufen. Habe ich Ihnen nicht geſagt, daß ein Menſch, der ein⸗ mal vom Ertrinken gerettet worden, nie ertrinken kann? Ich kann nicht erſäuft werden.“ „Aber ich!“ erwiderte Bradley mit verzweifelter Stimme durch ſeine feſt zuſammengebiſſenen Zähne hin⸗ durch.„Ich bin's entſchloſſen. Ich halte Euch lebend und im Tode feſt. Kommt herunter!“ Riderhood ſank rücklings in das glatte Gewäſſer hinab und Bradley Headſtone folgte oben auf ihm. Als die 667 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 668 Beiden unter dem Schlamme der faulenden Schleuſen gefunden wurden, hatte Riderhood's Griff nachgegeben— wahrſcheinlich beim Fallen, und ſeine Augen ſtierten nach oben. Aber er war noch immer von Bradley's eiſernem Ringe umgürtet, und die Klammern des eiſernen Ringes hielten ihn feſt. Sechszehntes Capitel. Erzählt von Leuten und Sachen im Allgemeinen. Mr. und Mrs. John Harmon's erſte glückſelige Be⸗ heimniſſe, daß Mr. John Harmon das Geld vorgeſchoſſen und der Gläubiger geworden. In dieſer Weiſe ward dem Zorne des erhabenen Snigsworth vorgebeugt, und in dieſer Weiſe geſchah es, daß er die korinthiſche Säule auf dem Bilde über dem Kamine mit keiner noch höhe⸗ ren moraliſchen Größe anſchnaufte, als urſprünglich in ſeiner(und der britiſchen) Conſtitution lag. Mrs. Wilfer's erſter Beſuch bei der Bettlerbraut in dem neuen Bettelhauſe war ein großes Ereigniß. Pa war ſchon an dem Tage der Beſitzahme aus der City geholt, durch Erſtaunen betäubt, wieder zur Beſinnung gebracht und bei einem Ohr durch das ganze Haus geführt weſen. ſchäftigung beſtand darin, Alles, was in irgend einer Weiſe verkehrt gegangen, oder das in irgend einer hätte verkehrt gehen können, oder dürfen, oder wollen, während ihr Name unerklärt blieb, ins richtige Geleiſe zu brin⸗ gen. Indem ſie Dingen nachſpürten, für die John's angeblicher Tod irgendwie als verantwortlich betrachtet werden konnte, bedienten ſie ſich der weiteſten und freie⸗ und Stobbles einzureichen. ſten Auslegung; indem ſie zum Beiſpiel entſchieden, daß die Puppenſchneiderin ein Anrecht an ihre Protection habe, und zwar wegen ihrer Beziehung zu Mrs. Eugen Wrayburn und Mrs. Eugen Wrayburn's Beziehung zur dunklen Seite der Geſchichte. Es folgte natürlich, daß der alte Mann, Riah, als ein guter und nützlicher Freund von Beiden, nicht überſehen werden durfte. Selbſt der Herr Inſpector, der auf einer falſchen Spur zu einer emſigen Jagd verleitet worden, ward nicht vergeſſen. Es darf in Bezug auf dieſen würdigen Beamten erwähnt werden, wie ſich unter der Polizei bald darauf ein Ge⸗ rücht verbreitete, nach dem er Miß Abbey Potterſon bei einem warmen Glaſe Flipp in der Schenkſtube der „Sechs Luſtigen“ anvertraut, daß er bei Mr. Harmon’s Aufleben keinen Heller verliere, und vollkommen ebenſo zufrieden damit ſei, als wenn dieſer Herr barbariſch er⸗ mordet worden und er(der Herr Inſpector) die Beloh⸗ nung von der Regierung eingeſteckt hätte. Bei all ihren Verhandlungen dieſer Art genoſſen Mr. und Mrs. John Harmon großen Beiſtand von ihrem ausgezeichneten Rechtsfreunde, Mr. Mortimer Lightwood, der in ſeinen amtlichen Beſchäftigungen mit ſo unge⸗ wöhnlicher Schnelligkeit und Einſicht zu Werke ging, daß ein Stück Arbeit, ſowie es zugeſchnitten, ſogleich von Statten ging, wodurch auf den jungen Blight wie durch jenen transatlantiſchen Schnaps, poetiſcherweiſe„Augen⸗ öffner“ genannt, gewirkt wurde, und er, anſtatt aus dem Fenſter zu ſchauen, wirkliche Clienten anſtierte. Da ſich die Zugänglichkeit Riah's, betreffs einiger Winke in Be⸗ zug auf die Entwirrung von Eugen's Geldangelegen⸗ heiten, ſehr nützlich erwies, machte Lightwood ſich mit worden, um die vielfachen Schätze deſſelben in Augen⸗ ſchein zu nehmen, und war entzückt und außer ſich ge⸗ Pa war außerdem zum Secretair ernannt wor⸗ den und hatte Befehl erhalten, augenblicklich und für immer und ewig ſeine Abdankung bei Chickſey, Veneering Aber die Ma kam ſpäter, und zwar, wie ſie ſich's ſchuldig war, in Gala. Es ward der Wagen für die Ma geſchickt, die mit einer der Gelegenheit würdigen Haltung einſtieg, von Miß Lavinia— eher begleitet als unterſtützt, welche ſich entſchieden weigerte, die mütterliche Majeſtät anzuerken⸗ nen. Mr. Georg Sampſon folgte demuthsvoll. Er ward im Wagen von Mrs. Wilfer empfangen, als ob er zur Ehre zugelaſſen, einem Familienbegräbniſſe beizu⸗ wohnen, und dann ertheilte ſie dem Knechte des Bettlers den Befehl:„Von dannen!“ „Ich wollte wirklich, Ma,“ ſagte Lavy, ſich mit ver⸗ ſchlungenen Armen in die Kiſſen zurückwerfend,„daß Du Dich ein wenig runxteſt.“ „Wie!“ wiederholte Mrs. Wilfer.„Runxen!“ „Ja, Ma.“ 2 „Ich hoffe,“ ſagte die eindrucksvolle Dame,„daß ich deſſen unfähig bin.“ „Du ſiehſt in der That ſo aus, Ma. Aber ich be⸗ greife wirklich nicht, warum wir in einer Haltung, als ob unſer Schnürleibchen ein Brett wäre, zu unſerer eige⸗ nen Schweſter oder Tochter ſpeiſen gehen ſollen.“ „Und ich begreife nicht,“ erwiderte Mrs. Wilfer mit tiefer Verachtung,„wie eine junge Dame den Namen des Kleidungsſtuͤckes auszuſprechen im Stande iſt, deſſen Du erwähnſt. Ich erröthe für Dich.“ „Danke, Ma,“ ſagte Lavy gähnend;„aber ich kann dies ſelber beſorgen, wenn ſich die Gelegenheit dazu bietet.“ Hier ſagte Mr. Sampſon, in der Abſicht, Einigkeit herbeizuführen, was ihm nie unter irgend welchen Ver⸗ hältniſſen jemals gelang, mit einem angenehmen Lächeln: „Aber Sie wiſſen, Madame, daß wir deſſenungeachtet wiſſen, daß es exiſtirt!“ Worauf er augenblicklich fühlte, daß er ſich compromittirt habe. und zu peinigen, der, ſowie er ſich in Gefahr ſaͤh, durch gewiſſe gefährliche Verhandlungen, in die er verwickelt geweſen, in die Luft geſprengt zu werden, und der durch die erhaltene Tracht Schläge hinlänglich geſchunden war, capitulirte und um Gnade flehte. Der harmloſe Twemlow profitirte durch die von ihm eingegangenen Bedingungen, wiewohl er ſich dies wenig träumen ließ. Mr. Riah er⸗ weichte ſich auf das Unerklärlichſte; machte ihm perſön⸗ lich und nicht länger tobend, ſondern milde, in ſeiner Wohnung über dem Pferdeſtalle in der Dukeſtraße, St. James', ſeine Aufwartung, um ihn zu unterrichten, daß die bisherige Einzahlung der Zinſen, jedoch in Zukunft auf Mr. Lightwood's Expedition, ſeinen jüdiſchen Grimm beſänftigen werde,— und entfernte ſich mit dem Ge⸗ „Wir wiſſen, daß es exiſtirt!“ ſagte Mrs. Wilfer unbeſchreiblichem Hochgenuſſe daran, Fledgeby anzugreifen mit einem Wuthblicke. „Ich muß wirklich ſagen, Georg,“ ſagte Miß Lavinia, „daß ich Deine Anſpielungen nicht verſtehe, und Dich erſuchen muß, etwas zartfühlender und weniger perſönlich u ſein.“ ſüidar zu!“ rief Mr. Sampſon, auf die allergeringſte Veranlaſſung der Verzweiflung zur Beute fallend.„O, ja wohl! nur zu, Miß Lavinia Wilfer!“ 1 „Ich habe durchaus keine Vorſtellung, was Du mit Deinen Omnibuskutſcher⸗Ausdrücken ſagen wollen kannſt, Georg Sampſon. 1 Auch wünſche ich dieſelben gar nicht zu verſtehen, Mr. Georg Sampſon. Es genügt mir, in meinem eigenen Herzen zu wiſſen, daß ich nicht daran dachte—“, da Miß Lavinia ſich unvorſichtiger Weiſe in eine Rede hineingewagt, ohne den Ausweg vorzube⸗ 17 Vefinnung Hans 8„ aus geführt in Augen. mit ver⸗ nd,„daß 8. Wilfet mit den Namen nde iſt, deſſen aber ich kann egenheit dazu cht, Einigkeit welchen Ver⸗ bmen Lächeln: nungeachtet bücklic fühlte, Mrs. Wilfer Miß Lavinia, de, und Di iger perſönlich allergerikgſte 9 fallend. M, mns Du mit „ len kannſt, Lu 25 gar nicht at mir, in Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 670 reiten, ſah ſie ſich genöthigt, mit„nur zu“ zu ſchließen. Ein ſchwacher Schluß, der indeſſen von der Verachtung, mit der er geſprochen wurde, Kraft entlieh. „O, ja!“ rief Mr. Sampſon mit Bitterkeit.„So geht es ſtets. Ich hab' noch nie—“ „Wenn Du zu ſagen gedenkſt, daß Du noch nie eine junge Gazelle aufgezogen,“ unterbrach Miß Lavinia ihn kurz,„ſo magſt Du Dir die Mühe ſparen, denn es glaubt hier im Wagen Niemand, daß Du es nie gethan. Wir kennen Dich dazu zu wohl.“(SDies ſollte ein Gnadenſtoß ſein.) „Lavinia,“ erwiderte Mr. Sampſon in jammervollem Tone,„das beabſichtige ich nicht zu ſagen. Was ich ſagen wollte, war, daß ich nie erwartet habe, meinen glücklichen Platz in dieſer Familie zu behalten, nachdem das Glück ſeine Strahlen auf dieſelbe geworfen. Warum führt Ihr einigen Anſchein der V V V mich,“ ſagte Mr. Sampſon,„nach den funkelnden Hallen, mit denen ich nimmer wetteifern kann, und verhöhnt mich dann mit meinem beſcheidenen Gehalt? Iſt dies edel? Iſt dies gütig?“ Da die würdevolle Dame, Mrs. Wilfer, eine legenheit ſah, einige Bemerkungen von ihrem Throne fallen zu laſſen, nahm ſie hier den Wortwechſel auf.. Ge⸗ „Mr. Sampſon,“ begann ſie,„ich kann Ihnen nicht geſtatten, die Abſichten eines Kindes von mir falſch aus⸗ zulegen.“ „Laß ihn in Ruh', Ma,“ unterbrach Miß Lavinia ſie hochmüthig.„Es iſt mir völlig gleichgültig, was er ſagt oder thut.“ „Nein, Lavinia,“ ſprach Mrs. Wilfer,„dieß greift das Blut der Familie an. Falls Mr. Georg Sampſon ſelbſt meiner jüngſten Tochter—“ („Ich ſehe nicht ein, warum Du Dich des Wortes ‚ſelbſte bedienen mußteſt, Ma,“ ſprach Miß Lavinia da⸗ zwiſchen,„denn ich bin von ebenſo großer Wichtigkeit als alle die Uebrigen.“) „Ruhe!“ ſagte Mrs. hole, falls Mr. Georg Sampſon meiner jüngſten Tochter Wilfer feierlich.„Ich wieder⸗ niedrige Beweggründe zuſchreibt, ſo wirft er denſelben Vorwurf auf die Mutter meiner jüngſten Tochter. Dieſe Mutter leugnet dieſelben, und fordert Mr. Georg Samp⸗ ſon, als einen Jüngling von Ehre, auf, zu ſagen, was er verlangt. Ich mag im Irrthum ſein— Nichts iſt wahrſcheinlicher— aber es ſcheint mir, daß Mr. Georg, Sampſon“(mit einer majeſtätiſchen Handſchuhbewegung) „in einer Equipage erſten Ranges ſitzt. Mir ſcheint, Mr. Georg Sampſon befindet ſich, wie er dies ſelber zugegeben, auf dem Wege nach einem Hauſe, das ein Pa⸗ laſt genannt werden dürfte. Mir ſcheint, daß Mr. Georg Sampſon aufgefordert iſt, an der— ſoll ich ſagen — Erhebung Theil zu nehmen, die der Familie zuge⸗ fallen, mit der er ſich— ſoll ich ſagen— zu vereinen den Ehrgeiz beſitzt? Woher alſo dieſer Ton von Mr. Sampſon?“ „Es kommt blos daher, Madame,“ ſagte Mr. Sampſon in unendlich gedrückter Stimmung,„weil ich mir, im pecuniären Sinne, aufs Schmerzlichſte meines Unwerthes bewußt bin. Lavinia hat jetzt hohe Anver⸗ wandte. Darf ich hoffen, daß ſie noch immer die alte Lavinia bleiben wird? Und iſt es nicht verzeihlich, daß ich mich verletzt fühle, wenn ich ſie geneigt ſehe, mich anzufahren?“ „Falls Sie mit Ihrer Stellung nicht zufrieden ſind, Sir,“ bemerkte Miß Lavinia mit großer Höflichkeit,„ſo können wir Sie an jeder beliebigen Straßenecke abſetzen, die Sie dem Kutſcher meiner Schweſter anzugeben die Güte haben wollen.“ „Theuerſte Lavinia,“ ſagte Mr. Sampſon,„ich bete Dich an.“— „Wenn Du dies nicht in einer angenehmeren Weiſe thun kannſt, ſo wollt' ich, Du thäteſt es nicht,„entgeg⸗ nete die junge Dame. „Und ich achte Sie, Madame,“ fuhr Mr. Sampſon fort,„in einem Grade, der, wie ich wohl weiß, ſtets hinter Ihrem Verdienſte zurückbleiben muß, aber deſſen⸗ ungeachtet in einem außerordentlichen Grade. Habe Nachſicht mit einem Elenden, Lavinia, haben Sie Nach⸗ ſicht mit einem Elenden, Madame, der das edle Opfer, das Sie ihm bringen, tief empfindet, der aber den Ver⸗ ſtand verliert,“ hier ſchlug Mr. Sampſon ſich vor die Stirn,„wenn er daran denkt, mit den Begüterten und Einflußreichen zu wetteifern.“ „Es wird Dir wahrſcheinlich, falls Du mit den Be⸗ güterten und Einflußreichen wetteifern ſollſt, zu rechter Zeit angedeutet werden,“ ſagte Miß Lavinia.„Wenig⸗ ſtens in dem Falle, wo die Sache mich betrifft.“ Mr. Sampſon drückte augenblicklich ſeine glühende Ueberzeugung aus, daß dies„übermenſchlich“ ſei und kniete augenblicklich zu Miß Lavinia's Füßen. Es ſetzte dem vollen Glücke der Mutter ſowohl als der Tochter die unentbehrliche Krone auf, daß ſie Mr. Georg Sampſon als einen bereitwilligen Gefangenen in die funkelnden Hallen, deren er ſelbſt erwähnt, ein⸗ und in denſelben umherführen konnten, indem ſie ihn zugleich zu einem lebendigen Zeugen ihrer Herrlichkeit und einem glänzenden Beiſpiele ihrer Herablaſſung machten. Wie ſie die Treppe hinangingen, geſtattete Miß Lavinia ihm, an ihrer Seite zu gehen, mit einer Miene, als ſage ſie: „Ungeachtet all dieſer Pracht bin ich noch die Deine, Georg. Wie lange es noch währen mag, das iſt eine andere Sache, aber für jetzt bin ich noch die Deine.“ Sie machte ihn außerdem ſehr wohlwollend und mit lauter Stimme mit der Beſchaffenheit der Gegenſtände bekannt, die er erblickte und an die er nicht gewöhnt war; wie z. B.:„Ausländiſche Pflanzen, Georg,“— „Ein Vogelhaus, Georg,“ und ſo weiter. Während Mrs. Wilfer an all den Verzierungen mit der Haltung eines Wilden⸗Häuptlings vorüberging, der ſich compro⸗ mittirt fühlen würde, falls er das geringſte Zeichen von Erſtaunen oder Bewunderung von ſich gäbe. 4 In der That, das Benehmen dieſer verſtändigen Frau war ein Muſter für alle verſtändigen Frauen in ähnlichen Verhältniſſen. Sie erneuerte die Bekanntſchaft mit Mrs. und Mr. Boffin, als ob Mrs. und Mr. Bof⸗ fin von ihr geſagt, was ſie von ihnen geſagt hatte, und als ob die Zeit allein die Beleidigung zu verwiſchen im Stande ſei. Sie betrachtete jeden Diener, der ſich ihr nahte, als ihren geſchworenen Feind, der ihr mit den Schüſſeln, die er ihr darreichte, eine ausdrückliche Belei⸗ digung bot und aus den Weincaraffen Kränkungen auf ihre moraliſchen Gefühle ausgoß. Sie ſaß zur Rechten ihres Sohnes aufrecht am Tiſche, wie wenn ſie halb Gift in den Speiſen argwöhne und mit angeborener Characterſtärke all den andern tödtlichen Hinterhalten begegne. Ihr Benehmen gegen Bella war das Be⸗ nehmen, das ſie einer jungen Dame in guter Stellung gegenüber würde beobachtet haben, der ſie vor einigen Jahren in der Geſellſchaft begegnet. Selbſt, als ſie, unter dem Einfluſſe des ſchäumenden Champagners ein wenig aufthauend, ihrem Schwiegerſohne einige Scenen häuslichen Intereſſes über ihren Papa mittheilte, ließ ſie in dieſe Erzählung ſo arktiſche Andeutungen ein⸗ fließen, daß ſie ſeit dem Ableben ihres Papas ein ver⸗ kannter Segen der Menſchheit, und jener Herr eine froſtige Perſonification einer froſtigen Race geweſen, daß 671 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. ihre Zuhörer bis in die Fußſohlen dabei erkalteten. Da das Unerſchöpfliche gebracht ward und ſtierend offenbar künſtlich ein ſchwaches wäſſeriges Lächeln beabſichtigte, ward es, ſowie es ſie erblickte, augenblicklich krampfhaft und untröſtlich. Als ſie ſich endlich verabſchiedete, wäre es ſchwer zu beſtimmen geweſen, ob ſie dies mit einer Miene that, als ob ſie ſelber zum Schaffot abgeführt werde, oder die Bewohner des Hauſes zu unverzüglicher Hinrichtung zurückließ. Doch John Harmon ergötzte ſich fröhlich an Allem und ſagte ſeiner Gattin, als ſie wieder allein waren, daß ihr natürliches Weſen neben dieſer Folie nur um ſo lieblicher natürlich erſcheine, und daß er, wiewohl er keinen Augenblick beſtreite, daß ſie die Tochter ihres Vaters, doch feſt bei der Ueberzeugung bleiben müſſe, daß ſie nicht die Tochter ihrer Mutter ſein könne. 3 Dieſer Beſuch war, wie geſagt, ein großes Ereigniß. Ein anderes Ereigniß, das nicht groß, aber im Hauſe als ein beſonderes angeſehen wurde, trug ſich ziemlich um dieſelbe Zeit zu, und dies war das erſte Begegnen Mr. Sloppy's mit Miß Wren. Die Puppenſchneiderin arbeitete eben an einer glän⸗ zend gekleideten Puppe für das Unerſchöpfliche, die volle zwei Nummern größer war, als die letztgenannte junge Perſon, und die Sloppy abholen ſollte, und abzuholen kam. „Kommen Sie herein, Sir,“ ſagte Miß Wren, die arbeitend an ihrer Bank ſaß. wohl ſein?“ Mr. Sloppy ſtellte ſich beim Namen und mit allen Knöpfen vor. „O, wirklich!“ rief Jenny.„Ah! Ich habe mich da⸗ rauf gefreut, Sie kennen zu lernen. Ich hörte, wie Sie ſich ausgezeichnet.“ „Wirklich, Miß?“ grinſte Sloppy.„Ich freue mich ſehr, das zu hören, aber ich weiß nur nicht, wie?“ „Indem Sie Jemanden in einen Schmutzkarren warfen,“ ſagte Miß Wren. „O, auf die Art!“ rief Sloppy.„Ja, Miß,“ und damit warf er den Kopf zurück und lachte. 4 „Meine Güte!, rief Miß Wren aus.„Oeffnen Sie doch nicht den Mund ſo weit, junger Menſch, oder er wird eines Tages ſo ſtehen bleiben und ſich nicht mehr ſchließen.“ Mr. Sloppy öffnete den Mund wo möglich noch, weiter und hielt ihn offen, bis er ausgelacht hatte. „Ei, Sie gleichen dem Rieſen,“ ſagte Miß Wren, „als er in das Land Bohnenſtange heimkam und Jack zum Nachteſſen verzehren wollte.“ „War er hübſch, Miß?“ fragte Sloppy. „Nein,“ ſagte Miß Wren.„Häßlich!“ Ihr Gaſt ſchaute ſich in dem Zimmer um, in dem es jetzt viele kleine Bequemlichkeiten gab, die früher dort nicht zu finden geweſen, und ſagte:—„Dies iſt ein hübſches Zimmer, Miß.“ 4 „Freut mich, das Sie das finden, Sir,“ erwiderte Miß Wren.„Und wie finden Sie mich?“ Da dies eine große Verlegenheit für Mr. Sloppy's Ehrlichkeit war, konnte er nur an einem Knopfe drehen, grinſen und ſtocken. „Heraus damit!“ ſagte Miß Wren mit einem ſchel⸗ miſchen Blicke.„Finden Sie nicht, daß ich ein ſonder⸗ bares kleines Stück von Drolligkeit bin?“ Indem ſie nach dieſer Frage den Kopf gegen ihn ſchüttelte, fiel ihr Haar herunter. „O!“ rief Sloppy mit einem Ausbruche der Be⸗ wunderung.„Welch' eine Maſſe! und welche Farbe!“ Miß Wren fetzte mit ihrem gewohnten ausdrucksvollen V „Und wer mögen Sie Rucke ihre Arbeit fort. Sie ließ jedoch, durch den Ein⸗ druck, den daſſelbe gemacht, nicht unangenehm berührt, ihr Haar loſe hängen. „Sie wohnen' hier doch nicht allein, wie, Miß?“ fragte Sloppy. „Nein,“ ſagte Miß Wren abgebiſſen. mit meiner Feenpathe.“ „Mit—“ Mr. Sloppy konnte es nicht verſtehen; „mit wem, ſagten Sie, Miß?“ „Nun!“ ſagte Miß ren etwas ernſter,„mit meinem zweiten Vater. er, was das betrifft, mit meinem erſten.“ Und ſie ſchüttelte den Kopf und ſeufzte. „Falls Sie ein armes Kind gekannt, das ich hier hatte,“ fügte ſie hinzu,„ſo würden Sie mich verſtanden haben. Aber Sie kannten ihn nicht und können es deshalb nicht. Deſto heſſer!“ „Sie müſſen lange gelernt haben,“ ſagte Sloppy, in⸗ dem er die Reihe von Puppen anſchaute, die ſie in Ar⸗ beit hatte,„um ſo ſauber und mit ſo hübſchem Geſchmack Harbeiten zu können.“ „Habe nie in einem einzigen Stiche Unterricht er⸗ halten, junger Menſch,“ ſagte Miß Wren, den Kopf zu⸗ rückwerfend.„Ich verſuchte und verſuchte eben, bis ich „Wohne hier dahinterkam. Machte es anfangs ſchlecht genug, jetzt aber geht's beſſer.“ „Und ich habe ſchon, wer weiß wie lange, gelernt und gelernt,“ ſagte Sloppy in ſelbſtvorwerfendem Tone, „und Boffin bezahlt und bezahlt!“ „Ich habe gehört, was Ihr Handwerk iſt,“ ſagte Miß Wren;„Sie ſind ein Kunſttiſchler.“ Mr. Sloppy nickte.„Jetzt, ſeit wir mit den Hügeln fertig ſind. Ich will Ihnen was ſagen, Miß. Ich möchte wohl Etwas für Sie machen.“ „Sehr verbunden. Aber was?“ „Ich könnte Ihnen eine kleine Commode machen,“ ſagte Sloppy, ſich im Zimmer umſchauend,„in die Sie Ihre Puppen legten, oder ein Schubladenkäſtchen, in dem Sie Ihre Seide, Baumwolle und Schnitzel aufbewahrten. Oder ich könnte Ihnen eine ſchöne Krücke für jenen Stock drechſeln, falls derſelbe dem gehört, den Sie Ihren Vater nennen.“ „ Er gehört mir,“ erwiderte das kleine Weſen mit einem ſchnellen Ergluͤhen des Geſichts und Nackens.„Ich bin lahm.“ Der arme Sloppy erglühte ebenfalls, denn es wohnte hinter ſeinen Knöpfen ein inſtinctmäßiges Zartgefühl und er hatte daſſelbe mit eigener Hand berührt. Er ſagte, um es wieder gut zu machen, vielleicht das Beſte, was hätte geſagt werden können.„Es freut mich ſehr, daß er Ihnen gehört, denn ich möchte ihn lieber für Sie als für ſonſt irgend Jemanden verzieren. Bitte, darf ich ihn mir einmal anſehen?““ Miß Wren war im Begriff, ihm den Stock über die Bank hinzureichen, doch hielt ſie plötzlich inne und ſagte: „Aber es wird beſſer ſein, wenn Sie mich ihn gebrauchen ſehen. So geht's: Humpeldi, pumpeldi, pick pick pick. Nicht hübſch, wie?“— „Es ſcheint mir, daß Sie ſeiner kaum bedürfen,“ ſagte Sloppy. Die kleine Puppenſchneiderin ſetzte ſich wieder und gab ihm den Stock in die Hand, indem ſie mit jenem beſſeren Ausdruck im Geſicht und einem Lächeln ſagte: „Ich danke Ihnen!“ „Und was die Commode und das Schubkäſtchen be⸗ trifft,“ ſagte Sloppy, nachdem er den Griff an ſeinem Aermel gemeſſen und den Stock ſanft an die Wand ge⸗ ſtellt,„ſo würde es mir eine wahre Freude ſein. Ich habe ſagen hören, daß Sie wunderſchön ſingen können; .. ——ͤ———— 48 — = — — widerte d er Mam vermuthlie hinzu; m 1u¹ Sie 1' werben u „Nenx⸗ „D! und ein gar nicht „Wel das wiſſe „Wo „Ei kommt ver nuthlich über ihn.“ Dies Scherz,! anbegrenzt in dieſer herzlich a müde war „So, Alls in d übergeſchle V haben mi kommen ſ „Ich abzuholen V„Das zund hier ſertig für V Sie, als V Banknoten und hier 13c goldenes find me V wiederkon V ur mit einen S iiger u ahrſch wa Ne. in ihre Nr. ur und te ebenfal — 4 unſe 672—————— 673 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 674 c den Ein.——õℳo⸗—————-———— 4 beriht und ein Lied würde mir beſſere Bezahlung ſein, als Mrs. John Harmon theilte Mr. Eugen Wrayburn die, Mise Geld, denn ich habe an dergleichen immer großes Ver⸗ im Vertrauen mit, was ſie während der Zeit ſeines Meig? gnügen gefunden, und Mrs. Higden und Johny ſelbſt Leichtſinns von den Gefühlen ſeiner Gattin gewußt. Und Bohne z oft ein komiſches Lied mit„Geſprochen“ drin vorgeſun. Mr. Eugen Wrayburn theilte Mrs. John Harmon im Ine hier gen; obgleich dies wohl nicht Ihre Sorte iſt, darauf Vertrauen mit, daß ſie, wenn es Gott gefalle, ſehen icht defß wollt' ich wetten.“ werde, wie ſeine Gattin ihn verändert habe! verſtehen,„Sie ſind ein ſehr gutherziger junger Mann,“ er⸗„Ich mache keine Betheuerungen,“ ſagte Eugen;— widerte die Schneiderin;„ein wahrhaft gutherziger jun⸗„wer machte deren wohl, falls er ſie meinte!— Ich habe ttrift mmit ger Mann. Ich nehme Ihr Anerbieten an.— Er wird einen Entſchluß gefaßt.“. f unmit vermuthlich nichts dagegen haben,“ fügte ſie achſelzucken]d„Aber ſollteſt Du es wohl glauben, Bella,“ ſagte d bie eligte. hinzu;„und falls er was dagegen hat, ſo mag er es ſeine Gattin, indem ſie kam, um ihren Platz als Pfle⸗ d lier hatte,“ thun!“ gerin an ſeiner Seite wieder einzunehmen, denn er konnte Aden haben.„Sie meinen ihn, den Sie Ihren Vater nennen, ſich nie wohl ohne ſie behelfen,„daß er an unſerm Hoch⸗ halb nicht. Miß?“ fragte Sloppy. zeitstage zu mir ſagte, er denke faſt, daß er am beſten e Sloppy, in⸗ e fie in Ar⸗ 1 Geſchmack Unterricht er⸗ den Kopf zu⸗ ben, bis ich genug, jetzt gelernt fendem Tone, ſagte Miß t den Hügeln Miß. Ich wahrten. en Stock Ibren Vater 2 Weſen mit an es wohnte Er ſagte, s Beſte, was nich ſehr, daß Stock über die ne Und ſagte: ihn gebrauchen n gebrane wick pic pick imm bedürfen,“ wieder und it jenem ſagte: ubkäſtchen be⸗ iiff an ſeinem Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. „Nein, nein,“ antwortete Miß Wren.„Ihn, ihn, ihn!“ „Ihn, ihn, ihn!“ wiederholte Sloppy, um ſich ſtie— rend, wie wenn er Ihn ſuchte. „Ihn, der kommen wird, um ſich um mich zu be— werben und mich zu heirathen,“ erwiderte Miß Wren. „Meine Güte, wie ſchwer Sie begreifen!“ „O! Ihn!“ ſagte Sloppy und ſchien nachdenklich und ein wenig unruhig zu werden.„An ihn dachte ich gar nicht. Wann kommt er, Miß?“ „Welche Frage!“ rief Miß Wren.„Wie ſollte ich das wiſſen!“ „Wo kommt er her, Miß?“ „Ei, du meine Güte, wie kann ich das ſagen. Er kommt vermuthlich von irgendwoher, und er kommt ver⸗ muthlich eines Tages. Weiter weiß ich für jetzt nichts über ihn.“ Dies kitzelte Mr. Sloppy als ein ausgezeichneter Scherz, und er warf den Kopf zurück und lachte mit unbegrenztem Vergnügen. Wie die Puppenſchneiderin ihn in dieſer lächerlichen Weiſe lachen ſah, fing ſie ebenfalls herzlich an zu lachen. Und ſo lachten ſie Beide, bis ſie müde waren. „So, ſo, ſo!“ ſagte Miß Wren.„Ich bitte Sie um Alles in der Welt, hören Sie auf, Rieſe, oder ich werde übergeſchluckt werden, ehe ich michs verſehe. Und Sie haben mir immer noch nicht geſagt, wozu Sie herge⸗ kommen ſind?“„ 8 „Ich komme, um der kleinen Miß Harmon ihre Puppe abzuholen,“ ſagte Sloppy. „Das dacht' ich mir wohl,“ bemerkte Miß Wren, „und hier iſt die Puppe der kleinen Miß Harmon ganz fertig für Sie. Sie iſt in Seidenpapier eingepackt, ſehen Sie, als ob ſie vom Kopf bis zu den Füßen in neue Banknoten eingehüllt wäre. Nehmen Sie ſie in Acht, und hier iſt meine Hand, und ich danke Ihnen noch⸗ mals.“ „Ich will ſie beſſer in Acht nehmen, als wenn ſie ein goldenes Götzenbild wäre,“ ſagte Sloppy,„und hier ſind meine beiden Hände, Miß, und ich will bald wiederkommen.“ Aber das größte von allen Ereigniſſen in Mr. und Mrs. John Harmon's neuem Leben war ein Beſuch von Mr. und Mrs. Eugen Wrayburn. Der einſt ſo ſtatt⸗ liche Eugen war traurig abgezehrt und elend, und konnte nur mit Hülfe des Armes ſeiner Gattin, und ſich auf einen Stock ſtützend, gehen. Aber er ward täglich kräf⸗ tiger und wohler, und die Aerzte erklärten, er werde wahrſcheinlich mit der Zeit keine große Entſtellung zeigen. Es war in der That ein großes Ereigniß, als Mr. und Mrs. Eugen Wrayburn Mr. und Mrs. John Harmon in ihrem Hauſe zu beſuchen kamen, wo, beiläufig geſagt, Mr. und Mrs. Boffin(die unausſprechlich glücklich waren und täglich ausgingen, um Ladenſchau zu halten) ſich ebenfalls auf unbeſtimmte Zeit als Gäſte aufhielten. — thun würde, falls er ſtürbe.“ „Da ich dies indeſſen nicht that, Lizzie,“ ſagte Eugen, „will ich, um Deinetwillen, jenes Beſſere thun, was Du vorſchlugſt.“ An demſelben Nachmittage, als Eugen oben in ſeinem Zimmer allein auf dem Sopha lag, während Bella ſeine Gattin zu einer Spazierfahrt mit ſich fortgenommen, kam Lightwood, um mit ihm zu plaudern.„Nichts, als Gewalt, wird ſie zu gehen bewegen,“ hatte Eugen geſagt; deshalb hatte Bella ſcherzend Gewalt angewandt. „Mein lieber alter Junge,“ begann Eugen zu Light⸗ wood, ihm ſeine Hand entgegenſtreckend,„Du hätteſt zu keiner beſſern Zeit kommen können, denn mein Herz iſt voll und es verlangt mich, daſſelbe auszuſchütten. Zuerſt von meiner Gegenwart, ehe ich etwas von meiner Zukunft erwähne. M. G. V., der ein weit jüngerer Cavalier als ich, und ein anerkannter Bewunderer der Schönheit iſt, hatte neulich die Freundlichkeit, zu bemerken(er machte uns dort unten am Fluſſe einen zweitägigen Beſuch und drückte ſein entſchiedenes Mißfallen an dem Mangel an Bequemlichkeiten in dem Wirthshauſe aus), daß Lizzie ihr Portrait malen laſſen ſollte. Was von den Lippen M. G. V.'s gleichbedeutend mit einem melodramatiſchen Segen iſt.“ „Du fängſt an Dich zu erholen,“ ſagte Mortimer lächelnd. „Wirklich,“ ſagte Eugen,„ich meine es im Ernſt. Als M. G. V. dies ſagte und darauf den Burgunder im Munde umherſpülte(den er forderte und ich bezahlte) und ſagte: ‚Mein lieber Sohn, warum trinkſt Du nur ſolches Zeug?“ war dies— bei ihm— gleichbedeutend mit einem väterlichen Segen über unſere Vermählung, begleitet von einem Thränenſtrome. Die Trockenheit M. G. V.'s darf nicht nach dem gewöhnlichen Maßſtabe gemeſſen werden.“ „Wohl wahr,“ ſagte Lightwood. „Das iſt Alles,“ fuhr Eugen fort,„was ich je von M. G. V. über den Gegenſtand hören werde, und er wird ſeinen gemächlichen Weg durch die Welt mit dem Hute auf der Seite fortſetzen. Da meine Heirath in dieſer Weiſe feierlichſt vor dem Familienaltare anerkannt iſt, habe ich in dieſer Hinſicht keine fernere Sorge. Zu⸗ nächſt haſt Du wirklich Wunder für mich gethan, Mor⸗ timer, im Ordnen meiner Geldverlegenheiten, und mit einer ſolchen Pflegerin und Verwalterin zur Seite, wie die Retterin meines Lebens(ich bin noch immer nicht ſehr kräftig, wie Du ſiehſt, denn ich vermag ihrer noch nicht ohne ein Zittern der Stimme zu erwähnen— ſie iſt mir ſo unausſprechlich theuer, Mortimer!)— wird das Wenige, was ich mein nenne, weiter reichen, als es je zuvor gethan. Es iſt dies wohl zu wünſchen, denn Du weißt, was es ſtets in meinen Händen war. Nichts.“ „Schlimmer als Nichts, denke ich, Eugen. Mein eigenes kleines Einkommen(ich wollte Herzen, mein Großvater hätte es lieber dem Ocean ver⸗ macht, als mir!) iſt ein wirkſames Etwas geweſen, um mich daran zu verhindern, mich ernſtlich an die Arbeit zu machen. Und ich glaube, daß es mit Dir ziemlich daſſelbe geweſen.“ „Da ſpricht die Stimme der Weisheit,“ ſagte Eugen. „Wir ſind ein Paar Schäfer. Indem wir uns endlich an die Arbeit machen, thun wir es im Ernſte. Laß uns auf einige Jahre nicht wieder hiervon reden. kürzlich den Gedanken gehabt, Mortimer, mit meiner Frau nach einer der Colonien auszuwandern und dort in meinem Berufe zu arbeiten.“ „Ich würde ohne Dich verrathen und verkauft ſein, Eugen; aber Du magſt recht haben.“ „Nein,“ ſagte Eugen nachdrucksvoll. Unrecht!“ Er ſagte dies mit ſo lebhaftem— faſt zornigem— Erglühen, daß Mortimer ſich höchſt überraſcht zeigte. „Du glaubſt, mein zerſchlagener Kopf ſei aufgeregt?“ fuhr Eugen mit hoher Miene fort;„dem iſt nicht ſo, glaube mir. Ich kann Dir von der geſunden Muſik meines Pulſes daſſelbe ſagen, was Hamlet von dem ſei⸗ nigen ſagte. Mein Blut ſiedet, aber es ſiedet geſund, wenn ich dran denke. Sprich! Soll ich feige gegen Lizzie werden und mich mit ihr fortſchleichen, als ob ich mich „Nicht recht. ihrer ſchämte? Wo wäre wohl Deines Freundes Platz in dieſer Welt, Mortimer, falls ſie ſich gegen ihn feige ge⸗ zeigt, und zwar bei unendlich beſſerer Gelegenheit?“ „Ehrenvoll und treu,“ ſagte Lightwood.„Und dennoch, Eugen—“ „Und dennoch was, Mortimer?“ „Biſt Du Dir ſicher, daß Du nicht— ihretwegen, ich ſage ihretwegen, jede kleine Kälte empfinden würdeſt, die die— Geſellſchaft gegen ſie verübte?“ „O! Wir Beide dürfen wohl über das Wort ſtol⸗ pern,“ erwiderte Eugen lachend.„Meinen wir unſere Tippins?“ „Vielleicht wohl,“ ſagte Mortimer, ebenfalls lachend. „Meiner Treu, das thun wir!“ erwiderte Eugen mit großer Lebhaftigkeit.„Wir mögen uns hinter dem Buſch von ganzem Ich habe 675 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. verſtecken und um den Brei herumgehen, aber wir mei⸗ nen dies dennoch! Meine Frau aber ſteht meinem Her⸗ zen etwas näher, Mortimer, als Tippins, und ich ver⸗ danke ihr etwas mehr, als ich Tippins verdanke, und ich bin etwas ſtolzer auf ſie, als ich je auf Tippins war. Deshalb will ich es hier, mit ihr und für ſie, auf offenem Felde bis zu meinem letzten Athemzuge durch⸗ kämpfen. Wenn ich ſie in einem Loche oder Winkel ver⸗ ſtecke, oder den Kampf für ſie uufgebe, dann ſage Du, den ich nächſt ihr auf Erden am liebſten habe, mir das, was ich wohl zu hören verdient habe:— daß ſie wohl gethan haben würde, falls ſie mich an jenem Abend, da ich zu Tode blutend am Boden lag, mit ihrem Fuße umgewendet und mir in das feige Geſicht geſpieen.“ leuchtete, verklärte ſeine Züge für den Augenblick der⸗ maßen, daß er ausſah, als ob er gar nicht verſtümmelt ſei. Sein Freund antwortete, wie Eugen dies von ihm erwartet, und dann plauderten ſie von der Zukunft, bis Lizzie zurückkehrte. Nachdem ſie ihren Platz an ſeiner Seite wieder eingenommen und zärtlich ſeine Hand und ſein Geſicht mit den Lippen berührt, ſagte ſie: „Lieber Eugen, Du veranlaßteſt mich auszugehen, aber ich hätte bei Dir bleiben ſollen. Du biſt erhitzter, als Du ſeit langer Zeit geweſen. Was haſt Du vorgenommen?“ „Nichts,“ ſagte Eugen,„außer daß ich mich nach Deiner Rückkehr geſehnt habe.“ ——— „Und mit Mr. Lightwood geplaudert haſt,“ ſagte Lizzie, ſich lächelnd zu ihm wendend.„Aber es kann nicht die Geſellſchaft ſein, die Dich ſo erhitzt hat?“ „Meiner Treu, mein liebes Leben!“ entgegnete Eugen mit ſeinem alten hohen Weſen, indem er lachte und ſie küßte;„ich denke wirklich, daß es dennoch die Geſell⸗ ſchaft war!“ Dieſes Wort ging Lightwood ſo ſehr im Kopfe her⸗ um, als er Abends nach ſeiner Wohnung im Temple zurückkehrte, daß er einmal bei der Geſellſchaft, die er ft 38 ich Weile nicht geſehen, einzuſchauen be⸗ hloß. Detztes Capitel. Die Stimme der Geſellſchaft. Deshalb geziemte es Mortimer Lightwood, eine Ein⸗ ladungskarte von Mr. und Mrs. Veneering, ihnen die Ehre zum Diner zu erzeigen, zu beantworten und aus⸗ zudrücken, daß er ſeinerſeits die Ehre haben werde. Die Veneerings haben, wie gewöhnlich, unermüdlich Ein⸗ ladungskarten an die Geſellſchaft ausgetheilt, und wer an dem Spiele Theil zu nehmen wünſcht, beeile ſich lieber, denn im Buche der Inſolvenz⸗Göttinnen ſteht es ge⸗ ſchrieben, daß die Veneerings nächſte Woche einen glän⸗ zenden Bankerott machen ſollen. Ja. Da er die Löſung jenes großen Geheimniſſes gefunden, wie die Leute es machen, über ihre Mittel hinaus zu leben, und da er als der durch die makelloſen Wähler von Pocket Breeches ans Weltall deputirte Geſetzgeber in ſeinen Wuchereien über⸗ wuchert, ſoll es ſich ereignen, daß Veneering die Chilter⸗ Hundreds annimmt, daß der rechtsgelehrte Herr in Bri⸗ tania's Vertrauen die Tauſende von Pocket Breeches an⸗ nimmt, und daß Veneering ſich nach Calais zurückzieht, um dort von Mrs. Veneerings Diamanten zu leben(in denen Mr. Veneering, als vortrefflicher Gatte, von Zeit zu Zeit beträchtliche Summen angelegt hat) und Neptun d Andern zu erzählen, wie das Unterhaus, ehe Venee⸗ ring aus dem Parlaͤment ausgetreten, aus ihm und den ſechshundertundſiebenundfünfzig älteſten und theuerſten Freunden beſtanden, die er in der Welt beſeſſen. Es ſoll ſich ebenfalls ſo genau als möglich um dieſelbe Zeit er⸗ eignen, daß die Geſellſchaft die Entdeckung macht, daß ſie Veneering ſtets verachtet und ſtets beargwöhnt und ſtets, wenn ſie zu Veneering zu Tiſche ging, ihre ſchlimmen Ahnungen gehabt hat— obgleich zur Zeit ganz im Ge⸗ heimen, wie es ſcheint. Da indeſſen die Bücher der Inſolvenz⸗Göttinnen für die nächſte Woche noch nicht geöffnet ſind, findet das ge⸗ wohnte Stürzen der Leute ſtatt, die mit einander, und nicht mit ihnen, in ihrem Hauſe zu ſpeiſen gehen. Dort iſt Lady Tippins. Dort iſt Podsnap, der Große, und Die Gluth, die bei dieſen Worten in ſeinem Geſicht Mrs. Podsnap. Dort iſt Twemlow. Dort iſt Buffer und Boots und Brewer. Dort iſt der Lieferant, der die Vorſehung für fünfmalhunderttauſend Mann iſt. Dort iſt der Vorſitzende, der dreitauſend Meilen die Woche reiſt. Dort iſt das glänzende Genie, welches die Actien in jene merkwürdig genaue Summe von dreihundertfünf⸗ undſiebenzigtauſend Pfund, keine Schillinge und keine Pence umſetzte.. Zu denen wir noch Mortimer Lightwood hinzufügen, der ſich mit ſeinem alten ſchmachtenden Weſen, das er ſich nach Eugen gebildet, und das zu den Zeiten gehört, wo er die Geſchichte von dem Manne von Irgendwoher erzählte, zu ihnen geſellt. — 67 Jene fr ires tuule de Deſette eur, tntich und ſpricht der gegen angeſtellt Podénap) was Amer land iſt. Als ine auf ſeinem läßt, kann „Lange berin, Gr Danke über Schm Syrec fragte Lad „Sie Fernandez aßen ſie „Quäl wiſſen, we geduld. 6 neue Ehep „War großer Mu dahr.“ „Wie Mortin Antwort. 7,8c ſteuerborde techniſche? die ſchäkern „Wie ſelbe jeden Lady? die allgen Nehmen E Veneering weiblicher Verz Lady Tip Wort, in tragend, „Sie verdrießli „Sie ſoll Eugen in hat. Si lächerliche verdammt eine Cou bilden.” Mrs. entzückt mite des 81 ſag. ſagen Io haben da geringſte »Detz ruft Lade Jene friſche Fee, ihres treuloſen Corydons faſt laut auf. Sie beſcheidet den Deſerteur mit ihrem Fächer zu ſich, aber der Deſer⸗ teur, der vorher entſchloſſen, nicht zu gehen, ſpricht britiſch mit Podsnap. Podsnap ſpricht ſtets britiſch, und ſpricht, als ob er eine Art Privat⸗Nachtwächter ſei, der gegen die ganze übrige Welt in britiſchem Intereſſe angeſtellt. Podsnap;„wir wiſſen, was Frankreich meint; wir ſehen, was Amerika im Sinne hat; aber wir wiſſen, was Eng⸗ land iſt. Das genügt uns.“ Als indeſſen das Diner ſervirt iſt und Mortimer ſich auf ſeinem alten Platze, Lady Tippins gegenüber, nieder⸗ läßt, kann ſie nicht länger vermieden werden. „Lange verbannter Robinſon Cruſoe,“ ſagt die Zau⸗ berin, Grüße austauſchend,„wie verließen Sie die Inſel?“ „Danke,“ ſagt Lightwood,„ſie klagte in keiner Weiſe über Schmerzen.“ „Sprechen Sie, fragte Lady Tippins.. „Sie fingen an ſich zu civiliſiren, als ich Juan Fernandez verließ,“ ſagte Lightwood.„Wenigſtens aßen ſie einander, und das ſah faſt ſo aus.“ „Quälgeiſt!“ erwidert das liebe junge Geſchöpf.„Sie wiſſen, was ich meine, und Sie ſpielen mit meiner Un⸗ geduld. Erzählen Sie mir augenblicklich Etwas über das neue Lhepaz Sie waren auf der Hochzeit.“ War ich das wirklich?“ Mortimer ſtellt ſich mit großer Muße, wie wenn er überlegte.„Ja, das iſt wahr.“ „Wie war die Braut gekleidet? In Rudercoſtüm?“ Mortimer macht ein finſteres Geſcht und giebt keine Antwort. „Ich hoffe, ſie ſteuerte ſich, ruderte ſich, kahnte ſich, ſteuerbordete ſich, backbordete ſich, oder was immer der techniſche Ausdruck ſein mag, nach der Ceremonie?“ fuhr die ſchäkernde Tippins fort. „Wie ſie immer dort anlangen mochte, ſie ziert⸗ ſelbe jedenfalls,“ ſagte Mortimer. Lady Tippins zieht durch einen ſcheuen kleinen Schrei die allgemeine Aufmerkſamkeit auf ſich.„Zierte ſie! Nehmen Sie ſich meiner an, falls ich in Ohnmacht ſinke, Veneering. Er will uns fagen, daß ein abſcheulicher weiblicher Ruderknecht anmuthig iſt!“ „Verzeihen Sie. Ich will Ihnen gar Nichts ſagen, Lady Tippins,“ erwidert Mortimer. Wort, indem er, die größte Gleichgültigkeit zur Schau tragend, ſein Diner verſpeiſt. „Sie ſollen mir nicht in dieſer Weiſe entgehen, Sie verdrießlicher Hinterwäldler,“ entgegnet Lady Tippins. „Sie ſollen der Frage nicht ausweichen, um Ihren Freund Eugen in Schutz zu nehmen, der ſich ſo lächerlich gemacht hat. Sie ſollen zur Erkenntniß kommen, daß eine ſo lächerliche Geſchichte von der Stimme der Geſellſchaft verdammt wird. Meine liebe Mrs. Veneering, wir müſſen eine Comite des ganzen Hauſes über den Gegenſtand bilden.“ Mrs. Veneering, die über dieſe plaudernde Sylphe ſtets entzückt iſt, ruft aus:„O, ja! Wir müſſen ein Co⸗ mite des ganzen Hauſes bilden! Wie herrlich!“ Venee⸗ ring ſagt:„Diejenigen, welche jener Meinung ſind, ſagen Ja— der entgegengeſetzten— Nein. Die Ja's haben das Uebergewicht. Aber es nimmt Niemand die geringſte Notiz von ſeinem kleinen Scherz. „Jetzt alſo, ruft Lady Tippins. („Welche heitere Laune ſie hat!“ ruft Mrs. Venee⸗ ring, die ebenfalls von Niemandem beachtet wird.) wie verließen Sie die Wilden?“ die⸗ Vos Unſer e gemei inſchaftlicher Freund. die Tippins, ſchreit beim Anblicke „Wir wiſſen, was Rußland meint, Sir,“ ſagt ſagt: Und er hält ſein fegend, 678 „Und dies,“ fährt die Heitere fort,„iſt eine Co⸗ mite des ganzen Hauſes, um, wie heißt's gleich— die Stimme der Geſellſchaft zu vernehmen. Die Frage, die dem Comite vorgelegt wird, iſt die, ob ein junger Mann von ſehr guter Familie, gutem Aeußern und einigem Talent ein Narr oder ein weiſer Mann iſt, in⸗ dem er einen weiblichen Ruderknecht heirathet, der ſpäter Fabrikarbeiterin geworden. „Wohl kaum, unterbricht ſie hier der hal sſtarrige Mortimer.„Mir ſcheint, die F Frage iſt die, ob ein Mann, wie Sie ihn beſchreiben, Lady Tippins, recht oder un⸗ recht thut, indem er ein muthiges Weib heirathet(ich ſage nichts von ihrer Schönheit), das mit wunderbarer Energie und Geſchicklichkeit ſein Leben gerettet; das ihm als tugendhaft und mit eichneten Eigenſchaften be⸗ gabt bekannt iſt; das er lange bewundert hat, und das ihm innig zugethan iſt.“ „Aber entſchuldigen Sie,“ ſagt Podsnap, deſſen Laune und Hemdkragen in gleichem Maße zerknittert ſind,„war dieſes junge Frauenzimmer je ein weiblicher Ruderknecht?“ „Nie. Aber ſie ruderte zuweilen mit ihrem Vater in einem Boote, wie ich glaube.“ Allgemeine Senſation gegen das junge Frauenzimmer. Brewer ſchüttelt den Kopf. Boots ſchüttelt den Kopf. Buffer ſchüttelt den Kopf. ſi jetzt, Mr. Lightwood,“ fährt Mr. Podsnap fort, indem ihm die Entrüſtung bis in die Haarborſten ſteigt,„war ſie je eine Fabrikarbeiterin?“ „Nie. Aber ſie war auf einer Papiermühl wie ich glaube.“ Abermalige allgemeine Senſation. Brewer ſagt:„O mein Himmel!“ Boots ſagt:„O, mein Himmel!“ Buffer „O, mein Himmel!“ „Dann habe ich weiter Nichts zu ſagen,“ entgegnet Podsnap, die Sache mit dem rechten Arme hinter ſich „als daß ſich mein Inneres gegen eine ſolche Heirath empört— daß ſie mich verletzt und anwidert— daß ſie mich unwohl macht— und daß ich nichts weiter davon zu hören wünſche.“ („Jetzt möcht' ich wiſſen,“ denkt Mortimer beluſtigt, „ob Du die Stimme der Geſellſchaft biſt!“) „Hört, hört, hört!“ ruft Lady Tippins.„Ihre Mei⸗ nungen über dieſe mésalliance, ehrenwerthe Collegen des ehrenwerthen Mitgliedes, das ſich ſo eben geſetzt?“ Mrs. Podsnap iſt der Meinung, daß in dieſen Dingen eine Gleichheit des Standes und Vermögens berückſichtigt werden ſolle, und daß ein Mann, der an die Geſellſchaft gemwichut, eine Frau ſuchen ſolle, die ebenfalls an die Ge⸗ ſellſchaft gewöhnt und im Stande iſt, ihre Rolle in der⸗ ſelben mit einer Unbefangenheit und Würde zu ſpielen, die—.“ Hier ſchweigt Mrs. Podsnap, wodurch ſie zart ebeſchäftigt, darauf hindeutet, daß jeder Mann eine Frau ſuchen ſollte, ich bin eine Vorſitzende des Comite!“ die ſo genau ein Ebenbild von ihr iſt, wie er es nur zu entdecken vermag. („Jetzt möcht' ich wiſſen, ob Du die Stimme der Geſellſ chaft biſt!“ denkt Mortimer.) Lady Tippins nimmt zunächſt den Lieferanten von fünfmalhunderttauſend Kraft vor. Es ſcheint dieſem Potentaten, daß der in Frage ſtehende Mann dem jungen Frauenzimmer ein Boot hätte kaufen und ihr eine kleine Jahresrente ausſetzen ſollen, damit ſie ſich ſelbſtſtändig hätte etabliren können. Dieſe Dinge ſind eine Frage von Beef⸗ ſteak und Porterbier. Man kauft der jungen Perſon ein Boot. Sehr gut. Man kauft ihr zu gleicher Zeit eine kleine Jahresrente. Man ſpricht von dieſer Jahresrente als von ſo vielen Pfund Sterling, aber dieſelbe bedeutet in Wirzlichkeit ſo viele Pfund Beefſteaks und ſo viele 7 679 Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 680 Perſon das Boot. Auf der andern verzehrt ſie ſo viele Pfund Beefſteak und ſo viele Nöſel Porterbier. Jene Beefſteaks und jenes Porterbier bilden das Brennmaterial zu der Locomotive der jungen Perſon. Sie ſchöpft dar⸗ aus eine gewiſſe Quantität von Kraft, das Boot zu rudern; dieſe Kraft producirt ſo und ſo viel Geld; dies fügt man Nöſel Porterbier. Auf der einen Seite hat die junge zu der kleinen Jahresrente hinzu, und damit hat man das Einkommen der jungen Perſon vor ſich. Dies(ſo ſcheint es dem Lieferanten) iſt die richtige Art und Weiſe, die Sache zu beleuchten. Da die ſchöne Zauberin während dieſer Auseinander⸗ ſetzungen in einen ſanften Schlummer verſunken, hat Niemand das Herz, ſie zu wecken. Sie erwacht glück⸗ licherweiſe von ſelbſt und richtet die Frage an den wan⸗ dernden Vorſitzenden. Der Wanderer kann den Fall nur behandeln, als ob es ſein eigener wäre. Falls ein junges Frauenzimmer, wie das beſchriebene, ſein Leben gerettet, ſo würde er ihr dafür recht herzlich verbunden geweſen ſein; würde ſie nicht geheirathet, ſondern ihr eine Stelle auf einem Telegraphenbureau verſchafft haben, wo die jungen Frauenzimmer vortreffliche Dienſte leiſten. Was meint das Genie mit den dreimalhundertfünf⸗ Pences? Er vermag dies nicht zu ſagen, ohne zuvor zu fragen, ob die junge Perſon Geld hatte? „Nein,“ ſagte Lightwood, in unnachgiebigem Tone, „kein Geld.“ „Wahnſinn und Mondſchein!“ iſt darauf das kurze Verdict des Genies.„Für Geld mag ein Mann Alles thun, was geſetzlich iſt. Aber für kein Geld!— Un⸗ ſinn!“ Was ſagt Boots? Boots ſagt, er würde es nicht unter zwanzigtauſend Pfund gethan haben. Was ſagt Brewer? Brewer ſagt, was Boots ſagt. Was ſagt Buffer? Buffer ſagt, er kenne einen Mann, der eine Badefrau heirathete und dann ausriß. Lady Tippins meint, ſie habe die Stimmen des gan⸗ zen Comite geſammelt(es denkt kein Menſch im Entfernteſten daran, die Veneerings um ihre Meinung zu fragen), als ſie, indem ſie mit ihrer Lorgnette rings um den Tiſch ſchweift, Twemlow erblickt, der die Hand an die Stirn drückt. „Ich neige mich der Anſicht zu, daß es ſich in dieſer Frage um die Gefühle eines Gentleman handelt.“ „Ein Gentleman, der eine ſolche Heirath macht, kann keine Gefühle haben,“ brauſt Podsnap. „Verzeihen Sie, Sir,“ ſagt Twemlow etwas weni⸗ ger ſanft als gewöhnlich.„Ich ſtimme nicht mit Ihnen überein. Falls dieſes Herrn Gefühle der Dankbarkeit, der Achtung, der Bewunderung und der Liebe ihn be⸗ wogen(wie ich dies annehme), die Dame zu heirathen—“ „Die Dame!“ wiederholt Podsnap. „Sir,“ entgegnete Twemlow mit leicht erregten Handmanſchetten,„Sie wiederholen das Wort, und ich wiederhole das Wort. Dieſe Dame. Wie würden Sie ſie ſonſt wohl nennen, falls der Herr anweſend wäre?“ Da dieſe Frage etwas von der Beſchaffenheit eines Verblüffers an ſich hatte, ſchwenkte Podsnap dieſelbe nur mit einer ſprachloſen Schwenkung von ſich. „ Ich ſage,“ fährt Twemlow fort,„falls ſolche Ge⸗ fühle dieſen Herrn bewogen, dieſe Dame zu heirathen, ſo finde ich, daß er durch dieſe Handlung nur um ſo mehr ein Gentleman wird und ſie um ſo mehr zur Dame macht. Ich wünſche zu verſtehen zu geben, daß 1 ich, indem ich mich des Wortes ‚Gentleman“ bediene, undſiebenzigtauſend Pfund, keinen Schillingen und keinen „Gerechter! Mein Twemlow vergeſſen! Mein Theuer⸗ ſtes! Mein Einzigſtes! Wie lautet ſeine Stimme?“ Dwemlow ſieht aus, als fühle er ſich etwas unbe— haglich, wie er die Hand von der Stirn nimmt und er⸗ widert: 4 dies in dem Sinne thue, in dem dieſe Bezeichnung jedem Manne erreichbar iſt. Die Gefühle eines Gentleman ſind mir heilig, und ich bekenne, daß ich mich nicht be⸗ haglich fühle, wenn dieſelben zum Gegenſtande des Scher⸗ zes oder allgemeiner Beſprechung gemacht werden.“ „Ich möchte wiſſen, ob Ihr edler Anverwandter Ihrer Anſicht ſein würde,“ höhnt Podsnap. „Erlauben Sie, Mr. Podsnap,“ entgegnet Twem⸗ low.„Er mag dieſelbe theilen oder nicht. Aber ich könnte ſelbſt ihm nicht geſtatten, mir über einen ſehr zarten Punkt Vorſchriften zu machen, in Bezug auf den ich tief fühle.“ Es ſenkt ſich hiernach eine Art naſſen Tuches auf die Geſellſchaft herab und Lady Tippins iſt noch nie ſo außerordentlich gefräßig und ſo außerordentlich verdrieß⸗ lich geſehen worden. Mortimer Lightwood allein heitert ſich auf. Er hat ſich der Reihe nach bei jedem Mit⸗ gliede des Comite gefragt:„Ob Du nur die Stimme biſt!“ Aber nachdem Twemlow geſprochen, richtet er die Frage nicht mehr an ſich, ſondern wirft blos einen Blick in Twemlow's Richtung, wie wenn er dankbar ſei. Als die Geſellſchaft ſich zurückzieht— zu einer Zeit, wo Mr. und Mrs. Veneering völlig ſo viel von der Ehre ge⸗ noſſen, wie ſie ſich wiſſen, und die Gäſte vollkommen ſo viel ihrerſeits von der Ehre gehabt haben— beglei⸗ tet Mortimer Twemlow nach Hauſe, drückt ihm beim Scheiden herzlich die Hand und begiebt ſich fröhlich heim— nach dem Temple. ͤG— 8 8* Druck 3 in W. Moeſer in Berlin, Stallſchreiberſtraße 34. *„* —— 2———— 4 1„— 9 ** 2* 6—* 6 4 L ,—·““ ——=———— ÿ————— 680 do dieſer — t kann weni⸗ Ar Nnen Dankbar t n be⸗ athen. — MʒʒW— 5b MEr f 4 . 4 3 6 — . 1—— * ic⸗ 3