8 — A—— ) 0 9 9 1 Leihbibliothek J deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 7† Teih- und Ceſebedingungen. w 3 1 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗— pfangnahme und Rückgabe der Bucher jeden Tag von Morgens„. 4 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. ul 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme 1 eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtatret G wird. 6 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und ſſl— beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 7 wer— Pf. „ 3 7 2„— 3„„„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und 1 defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern dc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ſt lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt J der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſani gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Eine große Dame. Novelle von Z. van Dewall. Zweite Auflage. Zweiter Band. — vL )— Stuttgart. 8 Druck und Verlag von Eduard Hallberger. 1875. 4 ————— Hauſ behal er ſei die * —Q——ʒ—᷑—ͦ—ñ—L—’—;—ꝛꝛꝛ—— Tünfzehntes Kapitel. „ s war beinahe Mitternacht, als Mengden nach Hauſe kam. Die Großfürſtin hatte ihn zum Thee da behalten. In der beſten Laune von der Welt betrat er ſein Zimmer. Die Bewegung des Schlittſchuhlaufens, die frohe Geſellſchaft hatten ſeine Nerven belebt und trübe Gedanken verſcheucht. Auf ſeinem Tiſch lag ein kleines duftendes Billet von Roſapapier. „Parbleu— was iſt das?“ ſprach er erſtaunt. „Schon wieder ſolch' ein Brief!— Sollte Mademoi⸗ ſelle Juliette?— nein, oder die, Gräfin?“ er betrachtete die Aufſchrift genauer—„ah, mein ſchwarzer Domino, vortrefflich— laß ſehen, was gibt es.“— Er las: „Unwürdiger Sklave! „Deine Herrin hat nicht Luſt, Dich länger in den Ketten Anderer ſchmachten zu ſehen. Sie befiehlt Dir deßhalb, Dich morgen Abend Punkt 5 Uhr und zwar allein und in bürgerlichem Gewande genau auf dieſelbe Van Dewall, Eine große Dame. II. 1 Stelle wie heute auf das Eis zu begeben, und Deine reizende Gebieterin in demſelben Schlitten ſpazieren zu fahren, in welchem heute die ſchöne Gräfin mit Dir kokettirte. „Ein Blumenſtrauß am Fenſter morgen früh be⸗ deutet, daß Du Deiner Pflicht eingedenk biſt. Der ſchwarze Domino.“ „Das fängt ja in der That an intereſſant zu werden,“ murmelte Mengden, nachdem er dieſe Worte geleſen—„man kommt hier aus den Intriguen gar nicht heraus.“— Er überdachte beim Auskleiden noch einmal die letzten Erlebniſſe.— Die Gräfin hatte ihm ihre Feſſel völlig über den Kopf geworfen. Sie war ſo ſchön und ſo verliebt. Sie war in Mengden's Daſein hineingefallen wie eine volle blühende Päonie, die einem Wanderer, der ſorglos unter einem Gebüſche ſeine Raſt hält, in den Schooß geworfen wird. Heute Abend auf dem Eiſe hatte ſie das Spiel vom Morgen fortgeſetzt— ſie hatte ihn bei ſeinem Vornamen genannt und ihm befohlen, Alexandra zu ihr zu ſagen. Sie hatte ihm wiederholt, daß ſie ihn liebe und ohne ihn vergehen müſſe, und er hatte ihr mit den kühnſten Betheuerungen geantwortet— das Ende vom Liede war eine beſtimmte Verabredung geweſen, wie man ſich gegenſeitig verhalten wollte und wo man ſich h ſchädi zul feſſ ein Ge ſeine( flamm in den ſich heimlich ſehen und für den offenen Zwang ent⸗ ſchädigen könnte. Nach jenem kühnen Sprunge auf dem Eis war die Gräfin wie toll vor Enthuſiasmus und Liebe— glücklicherweiſe war die Bewunderung für Mengden ſeit jenem Augenblicke ſo allgemein, daß die ihrige nicht beſonders auffiel. Mengden hätte ein Schneeballen ſein müſſen, wäre bei einer Frau wie Alexandra ſein Blut nicht in Wal— lung gekommen; das ſtolze, ſchöne Weib lag ſchmachtend und liebeflehend zu ſeinen Füßen, ſie verſchwendete alle die reichen Mittel, die ihr zu Gebot ſtanden, um ihn zu feſſeln, jeder Blitz aus ihren prächtigen Augen war ein Geſtändniß, jedes Wort eine heimliche Liebkoſung, ſeine Eitelkeit, ſeine Sinnlichkeit wurden dadurch ent⸗ flammt und ließen ihn willig der verlockenden Sirene in den gefährlichen Taumel folgen. Er legte das Billet auf den Tiſch und dachte an Alexandra. Er trat an das Fenſter und ſchaute durch die Nacht hinüber nach ihren Gemächern. Der Anblick des Wachtfeuers und der gekoppelten Pferde dicht unter ſeinem Fenſter zog allmälig ſeine Gedanken von ihrer urſprünglichen Richtung ab.— Fröſtelnd hüllte er ſich nach einer Weile in ſeinen ſeidenen Schlafrock und ſah nach der Uhr.— 4— „Zwei Uhr— gehen wir zu Bett,— mein Gott, welch' ein Tag heute!“ Als er die Kerze ergriff, fielen ſeine Blicke wieder auf jenes Billet.—„Ja ſo— Dich hätte ich bald vergeſſen,“ ſprach er zu ſich ſelbſt und betrachtete noch einmal die zierliche Handſchrift— „que faire?“ Er dachte unwillkürlich an die kleinen roſigen Hände der Maske.—„Es war ein thörichtes Verſprechen, welches ich der Unbekannten gab— aber da ich es nun einmal gegeben, muß ich es auch halten,“ und ſo ſetzte er Mademoiſelle Juliette's Kamellien auf ſein Fenſterbrett und legte ſich zu Bett.— „Aufſtehn, Kamerad— nix gut, ſo lang ſchlafe!“ weckte ihn ſpät am nächſten Morgen Prinz Muſſa. A— 3—: An. „Was Teufel,— Sie ſtören michf in meinen herrlichſten Träumen, Durchlaucht!“ fuhr Mengden von ſeinem Kopfkiſſen empor. „Nur hurtig— altes General ſein ſchon lang aus die Poſen und auf die Pferd— revidiren die Poſten— wiſſen ſchon? Haben heute früh gefunden einen Polen todt auf der Straße— ſoll verrathen haben ſeine Brüder, haben fünfzig junge Männer heute Nacht abgefangen die Koſaken, wollten gehen in die Wald daver Meng bequen ſchon — 1! 9 t Wald zu Inſurgenten! Dolch ſtak noch in ſeine Ka⸗ 1 4 n daver— geſchah ihm ganz recht— Hundeblut!“ „Wie— der General iſt ſchon ausgeritten!“ rief t Mengden und fuhr in ſeine Kleider—„mein Gott, * ſchon zehn Uhr, wo iſt denn nur der Calpak*) von n einem Purſehen— Er zog die Klingelſchnur. 8„O hat nix zu ſagen,“ beſchwichtigte Muſſa, ſich 3 bequem auf den Divan kauernd.„Altes General ſein 4 ſchon ſeit ſieben Uhr fort bloß mit eine Ordonnanz f.— wollten ſein allein.“ . Deerr Koſak kam herein. Mengden, etwas zornig noch, ſchalt ihn aus und hieß ihn ſchnell ein Pferd 4 ſatteln. g„Sa ſa, welch' eine großige Hitze!“— ſcherzte 3 3 Muſſa—„dachte biſſel frühſtücke, biſſel plaudern von die geſtrige Tag— nix nix, wiſſe nicht, daß heute n Sonntag, iſt verboten zu arbeiten?— Schau— was. n zierliche billet-doux— von kleines hübſchiges Du⸗ raſchki!“*—) fuhr er fort, während Mengden ſeinen g Kopf in die Waſchſchüſſel tauchte.—„Is erlaubt, zu ie werfen einen Blick hinein?“ n„Immerhin.“— n 8 te*) Schlafmütze.„. **) Närrchen. 6 „Sapristi,“ ſprach Muſſa mit den Fingern ſchnip⸗ pend,„alſo von die ſchwarze Domino in die Statt⸗ halterei! Was Sie haben für eine succès bei ſchönes Geſchlecht!— Werden mich doch mitnehmen, alter Freund, hab' Sie doch Bekanntſchaft gemacht durch mich — he?“ „Haben Sie nicht geleſen, daß ich allein kommen ſoll,— ſehen Sie, da iſt bereits meine Antwort,“ er⸗ wiederte Mengden ablehnend und wies auf den Blu⸗ menſtrauß.= „Thue Sie das nicht thue Sie das ja nicht,“ ſprach Muſſa ernſthaft—„das kann ſein eine ſchlimme Falle parole d'homneur!— Is hier nix zu ſpaßen — allein und in eine bürgerliche Rock, das ſein ſehr verdächtig von eine fremde Perſon.“ „Was ſollte mir jene Maske Böſes wünſchen, wem könnte daran liegen, mir eine Falle zu ſtellen? Das ganze Weſen jener Unbekannten hat Etwas, was mir eher alles Andere, als einen ſolchen Verdacht einflößt.“ „Ah— C'est(a! O Sie glaube, is eine affaire d'amour von eine polniſche Dame, die wollen ſein un⸗ erkannt— nix, nix, Sie kennen nicht die Polinne, — denken nicht mit uns an andere affaires als an die von die Politik und die Rache— ich bitt' Sie, ſein Sie vorſichtig!“ Tage Viell ihn z Muſſ Jene lange Gräf wo ſieur — 7— „Alles gut— Principe, dann ſitze ich in einer Patſche,“ ſprach Menoden, ruhig ſich ein Glas Port⸗ wein einſchenkend, da er zum Kaffeetrinken nicht mehr Zeit hatte,—„aber Sie wiſſen, ich verſprach acht Tage lang der gehorſame Sklave jener Frau zu ſein. Vielleicht war es ein dummer Streich, aber ich muß ihn zu Ende führen.“ „Et qu'en dira la belle comtesse?“ ſprach Prinz Muſſa liſtig blinzelnd und ungemein ſchlau ausſehend. Mengden wurde blutroth, er drehte ſich um, damit Jener ſeine Verlegenheit nicht bemerke, und ſchnallte lange an ſeinem Säbel herum.—„Was geht das die Gräfin an?“ ſprach er kurz. „Sa ſa— ſie iſt eine fehr gute Schauſpielerin, ſie ſitz ſtarr wie eine Bildſäule in die lebendige Bilder, aber Muſſa ſehn mit einem clin-d'oeil großige Flamme, wo brennt in ſeine weiße Herzche für die ſchöne Mon⸗ ſieur Mengden.“ „Principe, Sie würden mich verpflichten, wenn Sie weniger ſcharf beobachteten,“ ſprach Mengden ernſt „es iſt wirklich nicht freundlich von Ihnen, ſolchen Rauch zu erzeugen, man könnte dahinter ein wirkliches Feuer vermuthen, und das würde leicht üble Folgen haben können.“ „Nicht ich machen den Rauch— ich waren nur 8 unter räucherige Menſchen“— erwiederte Muſſa mit Bedeutung—„ich bringe nur den Geruch mit in dieſe Zimmer und Sie ihn deßhalb riechen.“ „Was wollen Sie damit ſagen, Principe?— Das ſind halbe Worte, zu viel oder zu wenig!“ ſprach Mengden mit gerunzelten Augenbrauen. „Das ſollen ſagen, Gunſt machen Feinde, mon ami, hüten Sie ſich vor ſolche, welche machen vorn ein glattiges Geſicht und werden blaß vor Neid hinter Ihren Rücken.“ „Sie warnen mich vor Jemanden?“ „Ich bin Ihre Freund,“ ſprach Muſſa warm, „ich nicht neidiſch fein, ich der Falke, Du der Adler. Welt haben Raum für Beide, aber die Krähe haſſen den Adler— fallen viele, viele heimtückiſch hinter ihm her.“— „Und wer iſt dieſe Krähe?“ „Oberſtlieutenant Moroſielzoff.— Prinz Wittgen⸗ ſtein bitten mich, Sie zu warnen— ich haben es ge⸗ than.“— „Ich danke Ihnen, Principe,“ ſprach Muffa herz⸗ lich dem Oberſten die Hand bietend,„obgleich ich nicht begreife, womit ich Moroſielzoff je in meinem Leben zu nahe getreten bin, aber eine Warnung aus dem Munde eines Freundes ſoll man nie verachten. Doch — 9 — nooch einmal, wie kommen Sie darauf, daß die Gräfin irgend ein anderes Intereſſe an mir nimmt, als das, welches ſich aus einem geſelligen Zuſammen⸗ leben folgegemäß entwickelt?“— „O liebe Baron, ich meinen es ſehr, ſehr gut — Muſſa haben ſcharfe Augen— hüten ſich vor grandes dames! Machen es mit die Männer wie mit die Artiſchoken, wenn ſie habe gegeſſen das Fleiſch, ſchmeißen ſie die Blätter auf die Aſſiette und kümmern ſich nicht mehr darum ſo viel—— doch da kommen die Pferd. Adieu!“ Mengden, nur von ſeinem Koſaken begleitet, ritt die neue Welt hinunter nach der Vorſtadt Praga zu, da er erfuhr, daß ſein General dieſe Richtung einge⸗ ſchlagen hatte.— Wo es der Weg geſtattete, ritt er in ſcharfem Trabe. An der Brücke erfuhr er, der General ſei in der Citadelle, und ſo begab er ſich eben— falls dorthin.— Es wartete ſeiner dort ein gar trau⸗ riger Anblick.— In der That hatten etwa vierzig junge Leute, welche ſich in den Häuſern bis dahin vor der Konſkription verborgen gehalten hatten, in der vorigen Nacht verſucht, zu den in den nahen Wäldern ſich aufhaltenden Inſurgenten zu entkommen. Es waren zumeiſt Jünglinge, welche den beſſeren Volks⸗ klaſſen angehörten. Ihr Plan war aber verrathen 410— worden. Von den Poſten und Karvalleriepatrouillen verfolgt, gelang es nur Wenigen, unter dem Dunkel der Nacht ſich durchzuſchleichen, die Meiſten wurden ge— fangen, einige getödtet, einige verwundet. Soeben waren jene Unglücklichen unter ſtarker Eskorte in die Citadelle eingebracht worden und ſtanden jetzt in einem Haufen mit blaſſen, aber entſchloſſenen Geſichtern zwiſchen den Kaſematten, ihres harten Schick⸗ ſals gewärtig. Man hatte ihnen die Hände mit Stricken auf den Rücken gebunden wie Verbrechern. Ein Offizier ging von Einem zum Anderen und ſchrieb ihre Namen auf. „Was befehlen Eure Excellenz, daß mit den Menſchen geſchehen ſoll?“ „Iſt einer Namens Welinski unter denſelben?“ erwiederte Graf P., der finſter auf ſeinem Pferde hielt. „Nein.“ „Iſt er entkommen?“ „Erſchoſſen!“ rief einer von den Gefangenen mit blitzenden Augen,„hinterliſtig erlegt von Deinen Skla⸗ ven, Du grauſamer Schlächter!“ Ein Koſak hieb dem Sprecher ſeinen Kantſchu über den Kopf. „Laß ihn, Iwan,“ ſprach der General kalt. Dann rief er den Kommandanten des Kommandos näher 14 heran.„Laſſen Sie den Leuten zu eſſen geben und in zwei Stunden ſchaffen Sie ſie nach Modlin, dort ſoll ihnen der Prozeß gemacht werden.“ In dieſem Augenblick erkannte er Mengden, ſein Geſicht nahm einen etwas freundlicheren Ausdruck an. —„Ah, ſieh da Mengden, wo kommen Sie her?“ „Ich ſuche Eure Excellenz,“ ſprach dieſer ſalutirend. „Was Beſonderes vorgefallen?“— „Nein— ich glaubte nur, da Excellenz ſo allein ausgeritten ſind—“ „Ich danke Ihnen“— ſprach der General und drückte ihm die Hand. Dann wandte er ſein Pferd und ritt langſam ſeinem Palaſte zu. Unterwegs theilte er Mengden die Ergebniſſe der vergangenen Nacht mit, ſo kalt und theilnahmlos, als ſpräche er von einer Haſenjagd. Nur ſchwer gelang es Mengden, ſein gegebenes Verſprechen zu erfüllen.— Der General hatte ihn zum Mittageſſen bei ſich behalten und erzählte über Tiſch ſeiner Frau von der zarten Aufmerkſamkeit ſeines Ad⸗ jutanten gegen ſeine Perſon. Es war ein ganz eigenthümliches Lächeln geweſen, mit welchem Jene ihrerſeits Mengden ihren Dank ausſprach. Gleich nach Tiſche bat der Offizier, ſich beurlauben — 412— zu dürfen, da er mit Jemanden eine beſtimmte Verab⸗ redung für den Abend getroffen hätte. 1 Man hatte verſucht, ihn zurückzuhalten, aber Mengden beſtand auf ſeinem Wunſch ſo feſt, daß der General lächelnd die Vermuthung ausſprach, ſeine Schlittſchuhkünſte von geſtern Abend hätten ihm gewiß ein zärtliches Rendezvous eingetragen. Mengden wurde verlegen, die Gräfin erbleichte und lächelte gezwungen.— Kurz vor fünf Uhr verließ er das Schloß in bürger⸗ licher Kleidung. Muſſa's Warnungen hatten ihn bewogen, einen leichten Revolver in ſeine Bruſttaſche zu ſtecken, um nicht waffenlos zu ſein; auf dem Eiſe erwartete ihn ſein Diener mit dem Stuhlſchlitten und den Schlittſchuhen. Angenehm angeregt durch die Ausſicht auf ein kleines Abenteuer, ſchritt er mit elaſtiſchen Schritten der Brücke zu. Die Sonne war eben hinter dem Gewölk am Horizont untergegangen und vergoldete mit ihrem letzten Schimmer die Spitzen und Kuppeln der ehr⸗ würdigen Kirchen der Stadt, in den Straßen herrſchte ſchon das Halbdunkel der einbrechenden Dämmerung, die Laternen brannten bereits hier und dort. Welch' ein intereſſantes altes Neſt, dachte Mengden, die älteren Stadttheile durchmeſſend, wie viek Kämpfe und Revo⸗ lutionen ſahen dieſe dunklen Häuſermaſſen hier, die ſo unheimlich und verräuchert auf die Menſchen hernieder⸗ —————— 9 ſchauen, welch' blutige Geſchichten könnten hier die Steine erzählen, welche Greuel paſſiren hier noch alle Tage!— Unglückliches Polen!— 1 4 Er gelangte an den Strom, der, ruhig von der 4 Härte des Winters gefeſſelt, eine blinkende Eisfläche, zu ſeinen Füßen lag, auf welcher ſich einzelne Schlitt⸗ 4 ſchuhläufer, meiſt Knaben und Kinder, noch erluſtigten. Er blieb einen Augenblick ſtehen und ſchaute ſich neugierig nach allen Seiten um, ohne zu finden, was er ſuchte— dann ſah er nach der Uhr— es war einige Minuten vor Fünf. Langſam ſchritt er einer Ausladeſtelle zu und begab ſich auf das Eis. Sein Diener erkannte ihn nicht, erſt als er ihn anredete, be⸗ merkte er ſeinen Herrn und ſchnallte ihm die Schlitt⸗ — ſchuhe an die Füße. „Warte hier, bis ich Deiner bedarf!“ befahl er 1 ihm und begann in einiger Entfernung vom Ufer ſich langſam vorwärts zu bewegen. Es ſchlug auf den Thürmen der Stadt die fünfte Stunde— keine Seele ließ ſich blicken. Die Dunkelheit brach ſchnell herein und mit ihr wurde es auf dem Eiſe immer leerer. Einige Kähne lagen zum Ueberwintern dicht vor 3 4 dem Kai feſt eingefroren im Strome, aus den kleinen Kajütenſchornſteinen derſelben kräuſelten ſich leichte Rauchwolken empor. An einem derſelben entlang glei⸗„ 14— tend hörte Mengden ſich angerufen. Eine weibliche Geſtalt kam hinter dem ſchwarzen Rumpfe mit zögern— den Schritten hervor. Mengden hielt an, er ließ die— ſelbe an ſich herankommen, er muſterte ſie mit ſcharfem Blicke nicht ohne Staunen. Ein kleines Hütchen mit wehender Feder auf dem Haupte, von welchem ein dichter ſchwarzer Schleier herniederfiel, der das ganze Geſicht und einen Theil des Haares wie eine ſchützende Maske verbarg, kam der ſchwarze Domino mit kleinen Schritten auf ihn zu: eine Kaſaweika von dunklem Sammet, reich mit koſtbarem Pelz verbrämt, ein Muff und ein rauſchen⸗ des Seidenkleid, unter welchem ein kleiner Fuß hervor⸗ ſchaute, vollendete die reiche und geſchmackvolle Toilette der geheimnißvollen Unbekannten. Sie hielt eine auf⸗ geblühte Kamellie in ihrer Hand. „Ich danke Ihnen, mein getreuer Ritter, daß Sie meinen Befehlen pünktlich Folge leiſteten,“ ſprach ſie in fließendem Franzöſiſch,„erlauben Sie mir, Ihnen dieſes Zeichen meiner Huld und meines Dankes darzubieten.“ Mengden verneigte ſich, und die Hand mit der Blume zugleich erfaſſend, drückte er galant einen Kuß auf dieſelbe, dann ſteckte er die Kamellie in's Knopfloch. „Belle dame aux caméllias,“ ſprach er, auf den angeſchlagenen Ton eingehend, indem er vergebens ver⸗ ſuchte, durch die verhüllenden Spitzen hindurch die Züge wied verne lirt! von und eing gebo Hat mei lich —ᷣ—ᷣ—— 8— 15⸗— 4 3 des Geſichtes zu erkennen,„ich fühle mich hoch geehrt durch Eure Gunſt, obgleich Ihr fortfahrt, Euer holdes Antlitz vor Eurem demüthigſten aller Sklaven grau⸗ 1 ſam zu verhüllen.“ 4„Was würde Mademeiſelle Juliette ſagen,“ er⸗ 1 wiederte die Unbekannte mit leichtem Spotte,„wenn ſie vernähme, daß Ihr mich la dame aux caméllias titu-⸗ lirt! Leſen Sie vielleicht in müßigen Stunden Romane 1 von Dumas Fils, Herr Baron?“ Mengden prallte erſtaunt zurück, nicht wenig myſtiſtzirt 3 und geärgert durch dieſe Worte und den Ton der Stimme. „Ma foi, Madame— je ne comprends pas—“ „O,“— lachte die Maske, und ihre weißen Zähne ſchimmerten hinter der Verhüllung—„Sie wundern ſich, woher ich ſo tief in Ihre Herzensangelegenheiten eingeweiht bin, edler Don, auch ich bin in Arkadien geboren— auch ſtelle ich Horoſkope und leſe in der 1 Hand die Schickſale der Menſchen, doch täuſcht mich 3 meine Kunſt nicht, wie Sie die Ihrige, armer Sterb⸗ licher. Sie haben allerdings nicht Zeit, Romane zu 1 leſen— Sie ziehen vor, dieſelben zu improviſiren. In der That, Ihr Debüt auf dieſem Felde war nicht ſchlecht, ſchöner Baron!“— Wäre es nicht ſo dunkel geweſen— ſie hätte Mengden's Verlegenheit und Erröthen ſehen können. G ———— ͦ—ͤ— ————————— 2— ſchöne Zauberin,“ er⸗ „Wenn Sie Alles wi ein nen Pauſe, indem er ſich an⸗ wiederte er na ſtrengte, niaſ Ihnen nicht u hier di * geblieben ſein, daß dieſe Kamellie ‚welche ich an meinem Herzen trage.“ wbeiß, ich weiß,“ erwiederte die Dame leb⸗ t die Maus und ſinnt auf edlere Beute.“ „In der That, holde Maske, wer Du auch ſeieſt, Du irrſt.“ 4 „Ich irre niemals,“— ſprach die Unbekannte, plötzlich ernſter werdend,„ſei klug— bedenke, daß die Reue an jedem Ziele ſitzt, auf welches der Menſch im blinden Wahne eines Herzensbedürfniſſes zueilt; erſt kommt der Rauſch, hinterher hinkt die Reue und treibt unerbittlich ihren bittern Zoll ein!“ „Sprichſt Du aus Erfahrung?“ entgegnete Meng⸗ den mit einiger Schärfe. „Quien sabe, edler Spanier; doch hier iſt der Schlitten, helfen Sie mir hinein und laſſen Sie uns im beflügelten Laufe dahinſchweben.“ Mengden gehorchte. Das leichte Gefährt mit ſeiner ſchönen Laſt glitt ſchnell wie eine Windsbraut über die glatte Eisfläche dahin. Mengden, auf das Höchſte ge⸗ reizt Und beſchöfih, cin zuſnmm ſchwieg 1' Augenblic — keine doch ihnen zu nähern „Bi die Mas ſamer, ic mir ein! das iſt d meine W. wiſſen, ic mir einen ich hoffe 6 Weſen, was wij eindringl ihn in ‿ A —— — 17— reizt und intriguirt, war lebhaft mit ſeinen Gedanken beſchäftigt, auch verhinderte ihn die ſchnelle Bewegung, ein zuſammenhängendes Geſpräch zu führen. Die Dame ſchwieg ebenfalls und überließ ſich dem Vergnügen des Augenblicks. Schnell flogen die Ufer an ihnen vorüber — keine Menſchenſeele war weit und breit ſichtbar— doch ihnen entgegen glitt eine vereinzelte männliche Ge⸗ ſtalt im langſamen Bogen daher, ohne ſich ihnen indeſſen, zu nähern. „Bitte, wenden Sie um, mein Herr Ritter,“ ſprach die Maske nach einer Weile,„und fahren Sie lang⸗ ſamer, ich möchte mit Ihnen plaudern.— Sie zürnen mir ein wenig, weil ich Ihnen einen guten Rath gab, das iſt der Lauf der Welt, doch befolgen Sie immerhin meine Warnung, ſie kommt aus gutem Herzen. Sie wiſſen, ich ſchulde Ihnen noch meinen Dank, Sie haben mir einen großen Dienſt an jenem Abende erwieſen, ich hoffe Ihnen meine Schuld einſtmals abzutragen.“ „Sagen Sie mir nur das Eine, Sie räthſelhaftes Weſen, woher kennen Sie Mademoiſelle Juliette und was wiſſen Sie von den Blumen?“ ſprach Mengden eindringlich; es quälte ihn der Gedanke, man könnte ihn in dem, Verdacht einer näheren Bekanntſchaft mit der Zofe haben. „Die geſchickten Hände der Pariſerin haben bis⸗ Van Dewall, Eine große Dame. II. 2 B 8 4 4 . 4 1 weilen die Ehre, meine Perſon durch ihre genialen Er⸗ findungen zu verſchönern.“ „Sie können doch unmöglich glauben, daß ich mit dieſem zweideutigen Mädchen in irgend einem Verhält⸗ niſſe ſtehe— ſchon der Gedanke empört mich!“ ſprach Mengden. „Ich weiß das Alles— ich weiß, wie hart Sie ihr Entgegenkommen zurückweiſen— en parenthese, bitte, laſſen Sie ſich ein anderes Schloß vor Ihre Thüre machen.— Uebrigens erlauben Sie mir, Ihnen zu ſagen, daß Sie vorgeſtern Abend ſchön wie Apoll ſelbſt ausſahen und es daher kein Wunder iſt, daß die holde Gräfin, hingeriſſen von Ihren Liedern ohne Worte, dem Gotte in die Arme ſank.“— Mit einem plötzlichen Ruck ſtand der Schlitten ſtill.— „Parbleu, Madame,“ ſprach Mengden bebend vor zornigem Schrecken.„Sie mißbrauchen Ihr Inkognito auf eine unverantwortliche Weiſe! Man hat mich ge⸗ warnt, hieher zu gehen,— ich kam, weil ich glaubte, Ihnen vertrauen zu dürfen, aber Sie laſſen mich dieſes Vertrauen bitter bereuen!“ „Zürnen Sie auch Ihrem Arzte, wenn er Ihnen eine heilſame, aber bittere Medizin verſchreibt?“ frug die Unbekannte mit einem Tone der Stimme, welcher 49— auf Mengden Eindruck machte.„Ich wollte Ihnen nur den Beweis liefern, Baron von Mengden, daß auch die Wände Ohren haben.“ „Sie verſetzen mich in die tödtlichſte Unruhe!“ „Dieſelbe wird hoffentlich dieſe Stunde nicht über— dauern. Seien Sie verſichert, Niemand außer mir war Zeuge jenes Augenblickes— parole d'honneur! aber es hätte leicht anders ſein können und die Folgen davon wären dann unberechenbar geweſen.— Daß ich ſchweige, — hier meine Hand darauf, aber weil ich Sie achte und Ihnen dankbar bin, bitte ich Sie noch einmal, ſeien Sie klug!“— Sie reichte ihm die Hand. „Aber wer ſind Sie denn, räthſelhaftes Weſen?!“ ſprach Mengden, hingeriſſen von Staunen. „Ein vielgeprüftes Menſchenkind, welches Ihnen wohl will wie eine Schweſter und Ihnen Leid und Reue erſparen möchte,“ ſprach die Dame ernſt, faſt innig. „Und darf ich niemals Ihren Namen wiſſen, wollen Sie jene Maske nicht auf einen Augenblick nur fallen laſſen, damit ich weiß, wem ich für ſolche Theil⸗ nahme danken darf?“ ſprach Mengden mit Wärme und hielt die kleine Hand der Fremden feſt und bittend in der ſeinen. „Vielleicht— in einigen Tagen, mein Freund,“ erwiederte Jene mit ſanftem Drucke. 20— Mengden fuhr langſam der Brücke zu, ein paar Male begegneten ſie auf dem Wege dahin derſelben männlichen Geſtalt von vorhin, welche in weitem Bogen den Schlitten umkreiste. „Wer hat Sie vor mir gewarnt?“ frug plöͤtzlich die Unbekannte, ihr Geſicht dem jungen Offizier zu⸗ kehrend. „Ein Freund warnte mich, Ihrer Aufforderung Folge zu leiſten, er meinte, es könnte eine geſchickte Falle für den Adjutanten des Generals Graf P. ſein.“ „Sie kamen dennoch, Sie vertrauten mir, nicht wahr?“ „Ich that es,— Ihre Stimme, Ihr ganzes Be⸗ nehmen hatte mir Zutrauen und Achtung eingeflößt, auch galt es ein gegebenes Wort einzulöſen.“ „Sie thaten Recht, zu kommen— einem Manne von Ihrem Charakter und Ihrer Denkungsart ſtellt ſelbſt der Feind keine unedlen Fallen.— Ich würde Sie übrigens nicht bemüht haben, mein Herr Kapitän, hätte ich nicht eine Bitte, die ich herzlich erſuche mir zu erfüllen.“ „O, ſprechen Sie dieſelbe aus!“ entgegnete Meng⸗ den eifrig,„wenn ſie irgend nur im Bereiche der Mög— lichkeit liegt, iſt ſie Ihnen im Voraus gewährt.“ „So hören Sie denn,“ ſprach Mincia mit einem ——— do p — 21— tiefen Seufzer,„ich habe einen Stiefbruder, welcher einigermaßen kompromittirt iſt. Er iſt der edelſte der Menſchen, er ſieht, die Sache ſeines Vaterlandes iſt hoffnungslos durch die Uneinigkeit der Parteien. Seine Abſicht iſt, das Königreich zu verlaſſen und nach Preu⸗ ßen zu gehen,— ich wünſche einen Paß für ihn— ſchlagen Sie mir meine Bitte nicht ab!“ Mincia hatte mit aller Wärme und Innigkeit ge⸗ ſprochen. Ihre Stimme bebte, ihr Herz pochte hörbar, als Mengden einige Sekunden mit der Antwort zögerte. „Und glauben Sie in der That, daß ich nicht einen Vertrauensbruch begehe, wenn ich Ihnen willfahre, daß ich damit nicht gegen meine Dienſtehre handle?“ ſprach Mengden nachdenklich.— „Gewiß nicht— ich ſchwöre es Ihnen. Schenken Sie mir Vertrauen— glauben Sie mir, Baron, es iſt weiſer, einem edlen Mann Gelegenheit zu geben, ſich dem Elende zu entziehen, als ihn durch eiſerne Strenge zum Aeußerſten zu bringen und ihn der In⸗ ſurrektion in die Arme zu treiben.“ „Gehört Ihr Bruder zu den Konſkribirten?“ „Nein— ich gebe Ihnen mein Mädchenwort darauf!“ „Nun wohlan— ich will Ihnen glauben. Auf welchen Namen ſoll der Paß lauten?“ 8 — 22— „Auf den Namen Stanislaus Winiewski— auf dieſem Zettel ſteht alles Nöthige aufgezeichnet.“ „Ich will Alles thun, wie Sie es wünſchen— ohne auch nur zu wiſſen, für wen ich es thue,“ ſprach Mengden ernſt,„ich habe das Gefühl, daß ich recht handle. Wohin ſoll ich dieſen Paß adreſſiren?“ „Er wird durch einen Kommiſſionär abgeholt wer⸗ den, und laſſen Sie mich die Verſicherung ausſprechen, daß unſer Dank unbegrenzt ſein wird.“ Sie waren an der Brücke angekommen, Mengden drehte abermals um. Es ſchlug ſechs Uhr. „Und nun bitte ich Sie, mich zu jenem Kahn dort zurückzubringen— meine Zeit iſt leider ſchon um.“ „Darf ich Sie nicht begleiten, grauſame Zauberin?“ „Erfüllen Sie mir auch dieſe letzte Bitte noch— es darf nicht ſein.“ Der Schlitten hielt, Mincia ſtieg aber noch nicht aus. „Wenn ein Kavalier eine polniſche Dame im Schlitten fährt, ſo hat er nach altem Gebrauche einen Anſpruch auf das Schlittenrecht,“ ſprach ſie neckiſch. „Wie habe ich das zu verſtehen?“ Mincia erhob ſich und ſchob den Schleier ſo weit empor, daß ihr Mund frei wurde. Einen Augenblick umſchlangen ihre Arme den — Hal auf Mä ſchw murn wand Schl Hau 23— Hals des Offiziers, und er fühlte ihre Lippen warm 5 4 auf den ſeinen. 6„Das iſt mein vorläufiger Dank,“ ſprach das t— Mädchen, und ſchon war ſie hinter dem Kahn ver— ſchwunden. Mengden ſtand wie bezaubert.„Räthſelhaftes Weſen,“ murmelte er vor ſich hin, ihr nachſchauend— dann wandte er ſich langſam ſtromabwärts, übergab den Schlitten ſeinem Diener und ging nachdenklich nach Hauſe. Sechzehntes Kapitel. Mengden's Gedanken waren keineswegs angenehmer Art, als er ſich daheim das Erlebte noch einmal über⸗ dachte. Er hatte jenes unheimliche Gefühl, als ob der Boden unter ſeinen Füßenzſchwanke, als ob der nächſte Schritt ſchon ihm verhängnißvoll ſein könnte. Wer war jene Sphinx von einem Weibe, die ihm ein ſo ſchweres Räthſel zu löſen gegeben? Woher konnte ſie alle jene Einzelnheiten wiſſen, die ſie ihm mitgetheilt hatte? Vergebens ließ er alle Damen ſeiner Bekannt⸗ ſchaft, alle die, welche bei den lebenden Bildern mit⸗ wirkten oder ſonſt in's Haus kamen, in ſeinem Geiſte die Revue paſſiren— vergebens marterte er ſein Ge⸗ hirn mit Nachſinnen und Grübeln— der dunkle Vor⸗ hang lüftete ſich nicht um ein Haar. „Dieſe Polin, zeigte ſie nicht offenbar ein ſolches Intereſſe für ſeine Perſon, hätte ſie nicht etwas ſo Sympathiſches in ihrem ganzen Weſen, ſie würde mir 25— ₰* eine Gänſehaut, einen gelinden Schauder verurſachen! ——— Dieſe Stimme und dieſe zarte Hand wollte ich unter Tauſenden heraus erkennen!— Unter allen Umſtänden muß ich erfahren, wer ſie iſt.“— Mengden nahm ſich vor, den Rathſchlägen zu folgen und nebenbei nach jenem Stanislaus Winiewski, dem Stiefbruder der Unbekannten, unter der Hand zu forſchen, einmal um ſeine Neugierde zu befriedigen und ſodann um ſein Gewiſſen wegen des verſprochenen Paſſes zu beruhigen. An den flüchtigen Kuß— das Zeichen der Dankbarkeit jenes Mädchens, dachte er dabei ſo gut wie gar nicht, eben weil er denſelben lediglich für eine Dankesäußerung hielt. Mengden's Laune wurde durchaus nicht verbeſſert, als ihm Michael, der Koſak, am anderen Morgen mit⸗ theilte, daß er am Abend vorher Mademoiſelle Juliette auf dem Zimmer des Barons überraſcht hatte, wie ſie einen neuen Blumenſtrauß in ſeine Vaſe ſteckte.„Sie hat auch an den Papieren da herumgekramt, wie ich: nachher bemerkt habe,“ fügte er indignirt hinzu,„und als ich ſie das Zimmer verlaſſen hieß, ſchalt ſie mich einen Durack*) und Bolwan**). *) Narr. **) Lümmel. 26 „Geh' gleich zum Schloſſer und laß ein neues Schloß an die Thüre machen,“ befahl Mengden und brummte hinterher etwas in den Bart, was durchaus nicht wie ein Kompliment für die neugierige und zu⸗ dringliche Zofe klang. Michael lächelte ſchadenfroh bei dem Gedanken an das neue Schloß, und trollte ſich hinaus, ſeinen ſonſt ſo ſanftmüthigen Herrn in tiefſter Entrüſtung zurück⸗ laſſend.— Gegen zehn Uhr ging Mengden wie immer zum Rapport, dann ließ er ſich bei der Gräfin melden, welche ihn wegen ſeines Benehmens am Tage vorher mit eiferſüchtigem Schmollen empfing, und ihn mit Fragen quälte, die er durchaus keine Luſt hatte zu beantworten. Von zärtlichen Vorwürfen ging ſie dann ſchnell, ihrem heißen Temperament folgend, zu den glühendſten Liebkoſungen und Gunſtbezeugungen über — dieſe Ruſſin hatte einen Geiſt, der verzehrend wirkte wie ein Prärieenbrand. Ihr ganzes Weſen war eine Flamme, welche mit glühender Lohe über dem Manne ihrer Wahl zuſammen⸗ ſchlug, ihn abzutrennen von der übrigen Welt. Ganz verkörperter Egoismus lebte ſie nur in Ekſtaſen, ſchwankte ſie zwiſchen glühender Liebe und raſender Eiferſucht hin und her und zog den geliebten — Gegenſtand in einen ſolchen Taumel hinein, daß derſelbe, bald gequält von ihrer Caprice, bald erſtickt von ihren Umſchlingungen, beinahe Alles außer ihr vergeſſen mußte. Wenn die dunklen, verderbenſchwangeren Wolken mit zuckenden Leuchten, einen. Brandgeruch vor ſich her wälzend, über die Steppe ziehen, und die Vögel und Thiere des Waldes in athemloſer Haſt vor jenem ſchreck⸗ lichen Phänomen die Flucht ergreifen, dann ſteigt der Indianer von ſeinem bebenden Roſſe herab, reißt das trockene Gras in einem Kreis umher aus dem dürren Boden und zündet es an, das kleine Feuer vernichtet dann die Wirkungen und Gefahr des großen, ruhig ſehen Roß und Reiter den Sturm und das Flammen— meer rechts und links an ſich vorüberbrauſen; wenn auch die Aſche ihnen den Athem verſagte und die Glut und der Qualm ihnen die Haut ein wenig ſchwärzte 2 ſie entgehen doch der Gefahr durch dieſe Liſt und retten ihr Leben.— So hat ſchon Mancher ſich durch eine zerſtreuende Liebelei vor dem vernichtenden Einfluſſe einer großen, verhängnißvollen Leidenſchaft gerettet und flatterte, wenn auch mit verſengtem Gefieder, weiter durch das Leben. Solch' ein Gefühl— ein Ahnen deſſelben kam manchmal über Mengden— er hätte ſich losreißen, fliehen mögen, hätte er nur gewußt, wohin!— — 28— Bisweilen trat dann plötzlich der ſchwarze Domino vor ſeine Seele mit ſeinem Zauber des Geheimnißvollen und Pikanten, er dachte dann wohl daran, die Gräfin zu meiden und jene Intrigue fortzuſetzen, die ſo anregend für ihn begonnen hatte, aber ſchnell erloſch jenes Bild immer wieder wie ein flüchtiger Nebel unter den glühen⸗ den Küſſen der Gräfin. Mengden war gefangen wie ein Schmetterling, der an einer Roſe feſtgebunden iſt;— ganz berauſcht von der Süßigkeit des Genuſſes vermochte er die Feſſel nicht zu zerreißen. So ſaß er ihr gegenüber und beob— achtete ſie, wie ſie in ihrem perſiſchen Schlafrock, ſchön wie eine Huri, auf dem Divan ausgeſtreckt lag, das Haar gelöst, die nackten Arme über dem Haupte zu⸗ ſammengefaltet. Ihre dunklen Augen mit dem halb ſchläfrigen, halb ſchmachtenden Feuer beobachteten ihn unabläſſig unter den langen Wimpern hervor, und er ſeinerſeits konnte ſich nicht ſatt ſehen an ihrer ſchlanken und doch ſo üppigen Geſtalt, welche die glänzend dicke Seide wie eine Schlangenhaut umſchloß, die ſchönen Linien derſelben mehr hervorhebend als verhüllend. Sie tändelte mit den goldgeſtickten Pantoffeln an ihren nackten Füßen und plauderte phantaſtiſches Zeug. — Dann richtete ſie ſich plötzlich halb empor:„Was bedeutete geſtern der Blumenſtrauß an Deinem Fenſter, — 29— Georg, wo kaufſt Du die ſchönen Kamellien?“ ſprach ſie, und ihre Augen wurden forſchend, faſt lauernd. Mengden verbarg ſeine Verlegenheit gewandt hinter einem Lächeln, er wollte eben etwas antworten, als der kleine Hund der Gräfin, den ſie immer um ſich hatte, zu knurren anfing und die Ohren ſpitzte. „Still!“ ſprach ſie ſchnell, die Haltung der vor⸗ nehmen Dame annehmend,„Siſi bellt allemal, wenn mein Mann kommt oder ein anderer Fremder.“ Mengden nahm ſein Schwert zwiſchen ſeine Kniee und die Mütze in die Hand. Er lachte— dießmal ohne allen Zwang. „Ich werde ein Luſtſpiel ſchreiben, gnädigſte Gräfin — es ſoll den Titel führen: ‚Ueber den Nutzen der Hausthiere'.“ „Thun Sie das——“ In dieſem Augenblicke kam der Lakai die Zimmerflucht herabgeſchritten und meldete Beſuch. Die Gräfin bat näher zu treten, glitt gewandt wie eine Schlange in's Nebenzimmer und kam mit einem Häubchen auf den Locken und einer langen ſeide⸗ nen Mantille angethan wieder herein, ehe noch die ange⸗ kündigten Gäſte ſichtbar wurden. Als Jene ankamen, war ſie jeder Zoll die große Dame, die ſtolze Gräfin. * —V—Vʒÿõÿ—ᷣ——ᷣ—ᷣ—:—:————— ———— — 30— Am Abend fand die Generalprobe im großen Saale des Schloſſes ſtatt, mit Koſtüm, Muſik, Pauken und Trompeten. Dieſes Mal wurde die ſchöne Gräfin nicht ohnmächtig, ja ſie war ſogar ihrer Sinne derart mächtig, daß ſie gar wohl bemerkte, wie ihr holder Sänger in einer ganz unerklärlichen Gemüthsverfaſſung ſich befand— offenbar eine Beute großer Aufregung. „Was fehlt Ihnen?“ flüſterte ihm die junge Frau befremdet zu. „Dienſtliche Unannehmlichkeiten,“ erwiederte Meng— den ohne Zögern. „O— ſprechen Sie mir nicht davon— gewiß wieder eine von dieſen ſchrecklichen Polengeſchichten, die— mir ſo zuwider ſind.“ Die ſchöne Gräfin ſchloß ſich immer noch hermetiſch gegen die rauhe Wirklichkeit ab — ſie war nun einmal eine egoiſtiſche Natur durch und durch, ſie fürchtete, ein unangenehmer Eindruck könnte ihr eine koſtbare Minute ihres Daſeins rauben, — und deßhalb ſchloß ſie Augen und Ohren, um aus ihren ſüßen Träumen nicht erweckt zu werden. Mengden fand hierdurch die Möglichkeit, ſeine Auf⸗ regung zu verheimlichen. Hören wir, was ſich ereignet hatte. Wie bei den anderen Proben hatte ſich auch heute der Offizier, in ſeinen langen Mantel gehüllt, unter den Zuſchauern aufgehalten, bis die Reihe an ihn ſelbſt kam. An einem kleinen Tiſchchen lehnend, bemerkte er unter anderen Nippesſachen auf demſelben einen kleinen tſcherkeſſiſchen Dolch von ſo ausgezeichfteter Arbeit, daß er dem Drange nicht widerſtehen konnte, denſelben ge— ſ nauer zu betrachten. Er bewunderte den juwelenbeſetzten Griff und die ciſelirte Scheide von Goldblech, dann zog er die Klinge heraus, welche wie grauer Atlaß ſchimmerte, und nicht vermuthend, daß dieſelbe ſo ſcharf ſei, wie ſie es in — der That war, fuhr er leicht mit dem Daumen über die Schneide. Augenblicklich tropfte Blut an derſelben hernieder, er hatte ſich nicht unbedeutend geſchnitten. Seine verwundete Hand mit dem Taſchentuche um⸗ wickelnd, legte er das gefährliche Spielzeug wieder auf ſeinen Platz und ging hinaus, um ſich etwas Waſſer und Leinwand zu ſuchen. Auf dem Vorflur begegnete er Mincia, der Wäſche⸗ bewahrerin, welcher er ſeinen Wunſch mittheilte. „Kommen Sie, Herr Baron,“ erwiederte dieſe ge⸗ fällig und führte ihn in ein Gemach, wo ein Lavoir ſtand. „Sie haben ſich doch nicht ernſtlich verletzt?“ frug die Deutſchpolin beſorgt. — 32— „O nein— es iſt nichts, Fräulein Mincia,“ ant⸗ wortete Mengden leichthin—„ein bischen Waſſer und Charpie wird Alles wieder in's Geleis bringen, ich danke ſehr für Ihre Güte.“ Während er das Taſchentuch vorſichtig abwickelte, goß Jene Waſſer in das Becken und eilte dann hinaus, etwas Leinwand zu holen. Sie kehrte auch bald mit derſelben zurück und ſtand eine Weile und ſah zu, wie der Offizier ſeinen Finger badete. „Ich habe gar nicht geglaubt, daß dieſes kleine Damenſpielzeug ſo gefährlich wäre,“ ſprach Mengden lächelnd und trocknete ſich die Hand ab, denn die Blutung ließ allmälig nach. „Wollen Sie meine barmherzige Samariterin ſein?“ fuhr er ſcherzend fort, als er ſah, wie das junge Mäd⸗ chen mit dem Streifen Leinwand in der Hand näher herantrat. „Mit großem Vergnügen,“ erwiederte dieſelbe zu⸗ vorkommend und begann ihn zu verbinden. Mengden ſah ziemlich gleichgültig zu, wie Mincia geſchickt und behutſam ihr Amt verrichtete. Auf ein⸗ mal erweiterten ſich aber ſeine Pupillen, ſeine Mienen nahmen den Ausdruck hellen Staunens an und ſeine Augen hafteten wie gebannt an den kleinen Händen, frug ſam welche ihm den Liebesdienſt erwieſen. Dieſe ſchlanken Finger, dieſe roſigen Nägel erweckten eine unbeſtimmte Erinnerung— ſie kamen ihm bekannt vor! Wäre es möglich? dachte er unwillkürlich. Auch die Stimme i*ſt dieſebe— und doch— Unſinn, es kann ja nicht ſein! Eifrig prüften ſeine ſcharfen Blicke ihre ganze Geſtalt, ihr feines Geſicht mit den regelmäßigen Zügen, ihr Haar, ihren Teint— dann glitten ſie herab an ihren Gewändern und blieben wieder an den kleinen Händen haften. Dummes Zeug— jenes ſchöne Räthſel kann Alles ſein, nur keine Dienerin— eine ſeltſame Aehnlichkeit, weiter nichts. Da aber fielen ſeine Blicke zufällig auf einen kleinen ſchwarzen Leber⸗ fleck, welcher ſich neben dem linken Ohr des Mädchens befand. Mincia, welche eifrig in ihre Verrichtung ver⸗ tieft war, ſchaute plötzlich auf— ſo hatte Mengden's Hand in der ihrigen gezuckt. „Ich thue Ihnen doch nicht weh, Herr Baron?“ frug ſie erſchrocken. „Gott bewahre— ich ſchrak bloß ein wenig zu⸗ ſammen,“ erwiederte Mengden, ſich ſchnell ſammelnd. Gleich darauf war der Verband beendet. „Herzlichen Dank, Fräulein,“ ſprach Mengden artig und hielt ihr ſeine geſunde Hand entgegen. „O nicht Urſache,“ erwiederte ſie heiter und in Van Dewall, Eine große Dame. II. 3 —— 2 — 34— ihren Augenwinkeln zuckte es und leuchtete es von Schelmerei. Mengden hielt ihre Hand länger als gebräuchlich in der ſeinen, ſie wollte ſie leicht zurückziehen, aber es ging nicht; ſie zog ſtärker, Mengden hielt feſt. Mincia ſchoß das helle Blut in die Wangen. „Ich bitte, laſſen Sie mich fort, Herr Baron,“ ſprach ſie ernſt. Mengden ſchien ſie nicht zu hören. Mit einem Male wurde ihm Alles klar. Daher alſo dieſe detaillirten Nachrichten, daher alle jene räthſel⸗ haften Mittheilungen.— Aber wie konnte dieſe Diene⸗ rin identiſch ſein mit jener eleganten, witzigen Frau von geſtern Abend, mit jenem ſchwarzen Domino, mit der Polin, die er der Patrouille entriſſen! Das Alles war ja unglaublich!— Minciaſtand in höchſter Unruhe:„Ichbitte Sie, laſſen Sie meine Hand los, ich habe Geſchäfte,“ ſprach ſie faſt zornig. Mendden ſchaute ſie lächelnd an. Er betrachtete noch immer forſchend ihr Geſicht— wahrlich ſie war ſchön in ihrem Unmuthe. Wie ihre dunklen Augen blitzten, gar nicht wie die einer Zofe, wie ihre ſtolze Lippe ſich bäumte, ihre Naſenflügel ſich blähten— o, es war eine Wonne, ſich zu revanchiren, dieſen Fiſch ein wenig an der Angel zappeln zu ſehen. ———— — — — 35— Mincia ſtampfte zornig mit dem Fuße und zog die Augenbrauen zuſammen:„Sie thun mir weh!“— rief ſie heftig,„laſſen Sie mich los, kein Kavalier hat das Recht, eine Dame ſo zu behandeln!“ Vor Mengden's Blicken mußte ſie die ihren zu Boden ſchlagen, es war ein gar ſo eigenthümliches, halb ſpöttiſches, halb treuherziges Lächeln in denſelben, als er langſam und mit Nachdruck ſagte:„Schlittenrecht!“ „Was ſoll das heißen?“ ſprach Mincia erbleichend. „Schöne Maske— ich kenne Dich!— leugne nicht länger, Deine Bläſſe verräth Dich nur zu deut⸗ lich,“ raunte er ihr in's Ohr. Mincia fühlte ihre Kniee wanken. „Um Gottes willen, was bedeutet das?“ ſagte ſie bebend. „Sie ſollten zur Bühne gehen, Fräulein— Sie ſind hier nicht an Ihrem Platze,“ ſprach Mengden mit Ironie,„Sie verſthen ſich, wie es ſcheint, vortreff— lich auf alle Rollen!“— Ihn traf ein vorwurfsvoller Blick aus den dunklen, tiefblauen Augen des Mädchens— an ihren Wimpern hingen Thränen! „Sie thun mir bitteres Unrecht, Herr Baron“ — ihre Stimme zitterte. „Sie leugnen noch?“— 36— —„Nein— ich leugne nicht mehr,“ ſprach ſie plötz⸗ ¹ lich.—„Ich ergebe mich Ihrer Großmuth auf Gnade 1 ſe ij und Ungnade— verrathen Sie mich nicht, ich war ein thörichtes Mädchen. Ich ſpielte ein wenig Komödie. Zerſt Verzeihen Sie mir— Sie glaubten eine Perle zu fiſchen und fanden nur eine Auſter!“ „Auſtern ſind etwas ſehr Delikates— pourvu qu'ils sont frais,“ ſprach Mengden cavalièrement. ſich en Mincia wurde bleich., „Nun kennen Sie mich und verkennen mich doch 1 ihn u ſo ganz und gar, Herr Baron,“ ſprach ſie vorwurfsvoll. „Spielte ich denn meine Rolle als Dame ſo ſchlecht, Bauj daß nicht eine kleine Reminiscenz in Ihrem Herzen dieſe davon übrig blieb?“ „Seien Sie nicht böſe.— Ich bin in der That Aſche nicht klüger als zuvor; ich weiß nicht, ſind Sie die heute Zofe und ſpielen die Dame, oder ſind Sie die Dame ihm und ſpielen nur ein wenig die Zofe—“ leone „Quien sabe!“ ſprach Mincia, ihren ſcherzenden 4 Ton wiederfindend,„bitte, nehmen Sie das Letztere an„Wi und laſſen Sie mich los.“ blick „Nun gut— ſo küſſe ich denn die kleine Hand der Dame und gebe ſie frei— doch unter einer Bedingung.“ ſpro 2 17 „Nun!“ „Ein ehrliches Geſtändniß— Sie reizen mich.“ 4 N — 37— e glt⸗ 8 Gnad„Topp, Vertrauen um Vertrauen!“ Damit entfloh Enade ich war ſie ihm ſchnell wie ein Reh.— onädi Dieß war der Grund zu Mengden's Unruhe und .. 8 Zerſtreutheit bei der Generalprobe. rle zu 3 Als er erſt ſpät am Abende der Gräfin gute ou Nacht ſagte, reichte ſie ihm mit einem verbindlichen Vu 3 Lächeln die Hand. Als er die ſeine zurückzog, befand ſich ein kleiner Zettel in derſelben. h don Auf ſeinem Zimmer angekommen, entfaltete er ſhh doch. de ſ. ihn und las: rſsvoll. 3 Geh' morgen Mi zur Generali ſhleht„Geh morgen Mittat um 1 Uhr zur eneralin Banjutoff, Du wirſt mich dort treffen. Verbrenne Herzen e dieſe Zeilen!“— — Dann hielt er ihn an die Kerze und blies die That. 74 r e d Aſche in die Luft. Und wie dieſelbe zerſtob, zerflatterten le die. G 6.da. 3 heute ſeine Gedanken an die ſchöne Schreiberin, die Dame 4 7 1. 4 ihm ſo große Huld erwies, und kehrten zu der chamä⸗ leonartigen Zofe zurück. eendden 97„. Michael, der Koſak, ſtörte ihn in ſeinem Sinnen. re an.— „Wie, noch nicht zu Bette?“ rief Mengden, ihn er⸗ blickend. d der Ip„ d der Michael ſchmunzelte.„Das neue Schloß iſt fertig,“ 71—— ang. ſprach er ſchlau. „S iſt gut— allons marſch in die Federn!“ und 71 1.— 4.„. 9. Michael ging, ohne daß er erzählen konnte, wie er heute 38 Abend der Mademoiſelle Juliette abermals aufgelauert hatte, wie er ſie hinter einem Pfeiler ſtehend in der Dämmerung heranſchleichen ſah zu der Thür ſeines Herrn, welche ſie vergeblich zu öffnen ſuchte. Er ſagte auch nichts davon, daß er, als ſie mit ihrem Bouquet die Treppe wieder hinaufeilte, ihr höhniſch nachgelacht und nachgerufen hatte.— Er konnte die Franzöſin nicht leiden. Seit jenem Abend wußte übrigens Mademcoiſelle Juliette, daß ſie abgewieſen war, und Mengden beſaß eine Feindin im Schloſſe, die nicht zu verachten war, um ſo gefährlicher, als es eine heimliche Feindin und ein verletztes Weib war. —, in der r ſagte Uet die iht und — nicht noiſelle beſaß war, un und Gelanert ſeines Siebenzehntes Kapitel. Das Feſt zu Ehren der Großfürſtin im Palais Feſt 5 9 des Grafen P. war glänzend ausgefallen. Die Faſten⸗ Weiſe, wie ſie der zeit hatte begonnen in der ſtrengen Alle Luſtbar⸗ griechiſch⸗katholiſche Ritus vorſchreibt. keiten waren zu Ende— und wahrlich, die Zeit war wenig genug zu ſolchen angethan.— Da draußen in allen Theilen des Königreichs floß das Blut in Strö⸗ aſt tägliche Gefechte fielen vor, mit einer Hart⸗ men, f ſie eben nur näckigkeit und Grauſamkeit geführt, wie ein Raſſenkrieg in ſeinem Gefolge zu haben pflegt. Mieroslawski hatte wie erwähnt nur einen ſchwachen. ſche Grenze über⸗ Anhang gefunden, als er die preußi ſchreitend in Polen erſchien. Bei Krzywoſanz von den Ruſſen geſchlagen, war er über dieſelbe wieder zurück⸗ gejagt worden, dieſer bluthrothe Stern fiel und erloſch ſchnell wie eine ungefährliche Sternſchnuppe. An der galiziſchen Grenze kommandirte als unum⸗ — 40 i ſchränkter Diktator Langiewicz und ſuchte die zerſtreuten Inſurgentenhaufen zu ſammeln. Abenteurer aller Na— tionen, namentlich viele Franzoſen, fochten unter ſeinem Kommando, und Henriette Poſtowojtoff, eine jener glühenden polniſchen Frauenſeelen, theilte als getreuer Adjutant des Generals mit dieſem Gefahren und Ent— behrungen. Anfangs in einzelnen Gefechten Sieger, erlag Langiewicz ſpäter aus Mangel an Artillerie und weil er ſich ſelbſt konzentrirend die ruſſiſche Uebermacht bewog, ein Gleiches zu thun. Seinen Fehler einſehend, theilte er zwar ſeine Macht auf's Neue und begann von Neuem den kleinen Guerillakrieg, aber ſchon war es zu ſpät,— von den Ruſſen überfallen, wurde er am 17. und 18. geſchlagen und am 19. März über die öſterreichiſche Grenze gedrängt. Er verſchwand vom Kriegsſchauplatz nach kurzer Wirkſamkeit, verfolgt von dem bitteren Tadel Mieroslawski's und ſeiner Anhänger. Mit dem Siege über Langiewicz war aber nur der erſte Akt des großen Dramas beendet, der kleine Krieg währte überall mit unerhörter Hartnäckigkeit fort, für jeden Kopf, den man der Schlange abſchnitt, wuchſen ſchnell zehn andere aus dem blutenden Leibe hervor. Die Zerwürfniſſe unter den Parteien wuchſen mit dem Allgemeinwerden der Bewegung zum Nachtheil Polens, die Ruſſen zogen immer neue Truppen in's Land, und 41 ohne eine Intervention ſeitens Frankreichs oder Eng⸗ lands konnte man ſchon damals die Sache Polens als hoffnungslos anſehen— alle die Ströme edlen Blutes floſſen vergeblich. Auch auf die Stimmung in Warſchau warfen dieſe Ereigniſſe ihre unheimlichen Reflexe.— Je weniger die Bevölkerung hier durch offene Ge⸗ walt etwas ausrichten konnte, um ſo mehr wirkte das Gift im Stillen. Hinterliſtige Mordanfälle waren an der Tagesordnung und unterbrachen den paſſiven Widerſtand, welcher ſich ſonſt nur in zähneknirſchenden, aber unſchädlichen Demonſtrationen ſichtbar machte. Die ruſſiſchen Damen zupften Charpie und nähten Bandagen für die verwundeten Soldaten, die Polinnen gingen in Trauer und legten ihr letztes Scherflein auf den Altar des Vaterlandes nieder. Die Gräfin P., eine der Vorſteherinnen eines Vereins zur Pflege der Verwundeten, ging häufig, faſt täglich in das Haus der Generalin Banjutoff, die ebenfalls zum Komite gehörte— darin konnte Nie⸗ mand etwas finden, auch darin nicht, daß Mengden dort häufig verkehrte, denn auch er gehörte zum Komite. Die Stille in der Stadt war erdrückend, ſie wurde nur unterbrochen von Wagen mit verwundeten Soldaten, Verhaftungen und Erſchießungen. Während der Hof fleißig in die Kirche ging und — 4„ die Gräfin P. ihre ſchönen Hände mit Zupfen von Charpie beſchäftigte, entſchädigte ſich Prinz Wittgenſtein durch kleine pikante Herrendiners in ſeiner eleganten Junggeſellenwohnung für den äußeren Zwang. Der alte Epikuräer verſammelte da beinahe täglich einige Bevorzugte zu einem ausgeſuchten zwangloſen Mahle, deren Tritte auf den dicken Teppichen verſtummten und deren luſtiges Lachen die ſchweren Vorhänge für die Außenwelt begruben. An einem regneriſchen Mittage ſtiegen Mengden und Prinz Muſſa, in dichte graue Mäntel gehüllt, die breiten Treppen des gutdurchwärmten Vorſaals hinauf, um„einen Teller Suppe“ beim Prinzen zu eſſen. Ein ſchweigſamer, rieſengroßer Lakai empfing ſie, nahm ihnen ihre Umhüllungen ab und führte ſie in das Empfangszimmer. In dem halbdunkeln, mit präch⸗ tigen Waffen verzierten Gemach fanden ſie außer dem Wirth des Hauſes nur noch zwei Perſonen, einen kleinen dicken Huſarenoffizier und einen preußiſchen Major 1 vom Generalſtabe mit einem offenen, geſcheidten Geſicht. Zwiſchen der Zahl der Muſen und Grazien— das war auch des Prinzen Grundſatz. „Ah— charmant, daß Sie kommen, meine Herren“ — trat dieſer ihnen entgegen und reichte ihnen beide Hände,„militäriſche Pünktlichkeit— es geht nichts von ſtein inten darüber, namentlich bei einer guten Mahlzeit.— Ich hoffe, die Herren bringen einen echten Faſtenhunger mit— ich habe einen prachtvollen Lachs direkt aus Biberich bekommen von dem alten Miniſter Seiner Höoheit von Naſſau und eine Schachtel voll Beccaſſinen von meinen Gütern in Kurland.“ Der Bediente meldete, daß aufgetragen ſei, und man begab ſich in den Speiſeſaal, einen kleinen ovalen Salon mit Oberlicht und prachtvollen Fresken an den Wänden. Der Keller und die Küche des Prinzen waren berühmt, aber die Hauptwürze ſeiner Mahlzeiten war die dabei herrſchende Ungezwungenheit und der liebens⸗ würdige Humor des Wirthes. „Als ich noch Kadet war, ſpeiste ich Sonntags regelmäßig bei einem alten Oheim,“ ſprach der Prinz. ‚Setz' Dich mir gegenüber, mein Sohn,“Ä ſagte er jedes— mal, wenn es zu Tiſche ging— ‚es iſt eine Freude, Dich eſſen zu ſehen, Du biſt appetitreizend:— ich bitte Sie, Oelzen(ſo hieß der§K uſarenoffizier), thun Sie mir den Gefallen und ſetzen Sie ſich mir heute vis-Aà-Vis.“ Unter ſchallendem Gelächter nahm man Platz. Als dann das Mahl zu Ende war und die Flaſche kreiste und die Havannah ihren bläulichen Rauch zur 44— Decke hinauf ſandte, jagte eine Geſchichte, ein Witz den andern. „Was meinen Sie, Durchlaucht,“ frug der Major —„welches Alter iſt das geeignetſte für den höchſten Lebensgenuß?“ Pro primo, ſagen Sie mir gefälligſt, welches iſt der höchſte Lebensgenuß überhaupt, mon brave Prussien?“ „Meinen Sie etwa den Ehrgeiz?“ ſprach er, mit dem Finger neckiſch drohend—„das iſt ein Geizhals, welcher ewig einſcharrt, ohne zu genießen und nie genug be— kommt, flögen ihm auch die Millionen nur ſo zu.“ „Nix von die Ehrgeiz!“ rief Prinz Muſſa. „Wein, Weib und Geſang nennt der Dichter uns als ſchönſte Gaben dieſer Erde“— ſprach Oelzen— „wie iſt's mit dem Wein?“— „O die Zunge, ſie iſt der Troſt des Alters,“ ſprach Wittgenſtein mit einem dankbaren Blick nach oben „wenn alle anderen Sinne des Menſchen ſchlafen gehen, dann erwacht ſie, dann wird ſie unſer einziger Troſt— es gibt keine Feinſchmecker unter ſechzig Jahren, behaupte ich.“ „Gut,“ ſprach Muſſa,„wenn wir ſein alt, ſchmecken gut der Wein und die Trüffeln— wann aber am beſten ſchmeckt der Kuß von kleiniges Mundchen?“ „Beginnen Sie doch mit Ihren eigenen Erfah⸗ rungen, Prinz,“ forderte ihn Mengden heraus. „Ei, ei, Mengden— das iſt die erſte Sylbe, welche Sie heute ſprechen,“ neckte der Major,„dieſes Thema gibt Ihnen Worte wie es ſcheint; ich traue Ihnen gerade ein recht kompetentes Urtheil in dieſem Fache zu— möchten Sie nicht die Güte haben, unſere Erfahrungen ein wenig zu bereichern?“ „Keine Abſchweifungen, meine Herren!“ wehrte ſich Mengden.„Es handelt ſich darum, zu beſtimmen, welches Alter für die Liebe am meiſten geſchaffen iſt — da bin ich nicht kompetent, ich zähle erſt ſechsund⸗ zwanzig Sommer.“— „Ich auch nicht, ich auch nicht!“ riefen die Andern zugleich—„was urtheilen Sie, Durchlaucht?“ „Hm“— erwiederte Jener etwas zögernd—„ich bin leider der Aelteſte unter Ihnen, meine Herren. Ich habe alle Lebensſtadien durchſchritten.— Die Jugend iſt ein Verſchwender, der blühende Apfelbaum läßt ſeine Blüten freigebig den Winden, die ſie überallhin wehen — die letzten Aepfel aber werden am theuerſten bezahlt, man wiegt ſie mit ſchwerem Gelde auf.“ Es trat eine kleine Pauſe ein— dann erhob ſich ein hartnäckiger Streit wider des Prinzen Ausſpruch, denn jeder der Herren behauptete eben ſelbſt in dem 46— Alter zu ſein, wo man am beſten zu lieben ver⸗ ſtände. „Sie beweiſen höchſtens, daß ich Recht habe, meine Herren,“ ſprach der Prinz zuletzt.„Mengden's Schwei⸗ gen iſt zu beredt— er und Oelzen ſind etwa von gleichem Alter und geben dieſem die Krone— Prinz Muſſa zählt dreißig und erkennt ſeinen Jahren den Preis, ebenſo macht es der Major mit ſechsunddreißig Lenzen; wenn Sie ſo alt ſein werden, wie ich, wenn Sie vom Thurme herabſchauen werden, nicht an dem— ſelben hinauf, dann werden Sie ſich meiner Worte er⸗ innern und ihnen beipflichten— jetzt können Sie es allerdings noch nicht.“ Das Geſpräch lief dann in andere Bahnen— man ſprach von den jüngſten Ereigniſſen, von den wich⸗ tigſten Perſönlichkeiten. Muſſa ſpöttelte über Langie⸗ wicz' weiblichen Generalſtab, Wittgenſtein nannte Wie⸗ lopolski le Machiavelliste de la décadence, man ſprach über den neugeſtifteten Frauenverein und erwähnte auch der häufigen Beſuche der Gräfin P. bei der Generalin Banjutoff. Mengden ſtieg das Blut in die Wangen— Wittgenſtein, der ſcharfe Menſchen⸗ kenner, ſah es und dachte ſein Theil.— Er that aber ſpäter, was er ſelten that, er ertheilte ihm einen Rath. Im Billardzimmer zog er Mengden in einen Fau⸗ J 3 3L J — 41— teuil neben dem Kaminfeuer und warnte ihn ernſtlich vor der Gräfin. „Hüten Sie ſich vor dieſem Weibe, Baron— wahrlich, Sie ſind zu gut für ſie. Sie kennen dieſe Ruſſinnen nicht. Sie lieben nicht, ſie lodern, das aſiatiſche oder orientaliſche Blut in ihnen kennt nur den raffinirteſten Egoismus. Sie treiben es mit ihren Liebhabern wie der Uhu mit der Krähe, ſie preſſen ſie an ihr Herz, bloß um ihnen das Blut auszuſaugen und ſie dann fallen zu laſſen.— Noch einmal— hüten Sie ſich— Sie kennen dieſe Petersburgerin nicht ſo, wie ich! Gehen Sie der Gräfin aus dem Wege, ſo lange es noch Zeit iſt— ſie hat alle böſen Inſtinkte einer verdorbenen Mutter, ſie iſt kaltherzig, treulos, Gh eitel und ſinnlich wie Jene— ihre Schönheit iſt die einer glänzenden Schlange, glauben Sie mir, ſie hat Gift. Glauben Sie mir auch, lieber Mengden, daß ich Ihnen herzlich wohl will— ſprechen Sie kein Wort des Dankes, aber folgen Sie meinem Rathe und nun laſſen Sie uns à la poule ſpielen.“—— Mengden befand ſich in einer eigenthümlich pein⸗ lichen Lage. Wiederholt hatte man ihn gewarnt und dieſe Warnungen fanden ein nur zu lautes Echo in ſeiner Seele, aber ohne daß er es vermocht hätte, den⸗ ſelben zu folgen. 48— Es war eine entſchiedene Charakterſchwäche des ſchönen Adjutanten, mit ſehenden Augen zu träumen, den Abgrund ſich zu verhehlen, welchen man ihm zeigte, und an ſeinem Rande weiter zu tändeln. War er allein in ſeinem Zimmer, dann machte er ſich die bitterſten Vorwürfe— aber ein Blick der Gräfin vermochte ihn ſchnell zu ihren Füßen zu bannen. So ging auch heute Mengden gedrückt und miß⸗ geſtimmt nach Haus, aber der Abend fand ihn wieder bei der Generalin Banjutoff in den Armen der Ge⸗ liebten. Während Mengden beim Prinzen ſpeiste, ſaß Mademoiſelle Juliette in ihrem eleganteſten Anzuge in einer Droſchke und fuhr nach der krakauer Vorſtadt, wo Oberſtlieutenant von Moroſielzoff wohnte. Der erſte Adjutant war nicht wenig erſtaunt, als die Zofe ſich bei ihm anmelden ließ. Er war ein verheiratheter Mann und vermuthete anfänglich, ſie wollte zu ſeiner Gemahlin, um vielleicht wegen Anfertigung eines Kleides mit Jener Rückſprache zu nehmen, aber Mademoiſelle Juliette bat um ein wichtiges Privatgeſpräch mit dem Oberſtlieutenant ſelbſt. „Womit kann ich Ihnen dienen?— Bitte, nehmen Sie einen Stuhl, Mademoiſelle,“ ſprach der glatte Ruſſe, als die Zofe hereinrauſchte. -— — e des Umen, eigte, te er der men. miß⸗ jeder Ge⸗ — 49— Juliette ſchlug züchtig die Augen nieder und begann nach Worten zu ſuchen.„Ach, Monſieur le Colonel— ich hatte ſchon längſt die Abſicht, mich Ihnen in einer gewiſſen Sache mitzutheilen, indeſſen——— ¹ „O ſdreihen Sie ganz ungenirt— ſo ſetzen Sie ſich doch— „Dieſelbe iſt allerdings von der größten Wichtig⸗ keit,“ fuhr Mademeiſelle Juliette ſchon geläufiger fort und ſchaute auf mit ihren großen kalten Augen, welche durch einen ſchwarzen Strich unter denſelben noch größer erſchienen——„ich muß Ihnen, ſo ſchwer es mir auch ankommt, eine Mittheilung machen, aber vor Allem, ehe ich dieß thue, bitte ich Sie um die allerſtrengſte Verſchwiegenheit.— Ach, Sie glauben nicht, wie ſauer es mir wird, einen ſolchen Schritt zu wagen,“ ſprach ſie ſcheinheilig. Moroſielzoff zog ſich einen Stuhl heran und ſetzte ſich der Zofe gegenüber:„Sprechen Sie nur frei von der Leber weg, Mademoiſelle, und ſeien Sie meiner ſtrengſten Diskretion gewiß,“ erwiederte er;„um was handelt es ſich?“— „Sie wiſſen, daß ich die Ehre habe, um die gnä— digſte Gräfin zu ſein, und ihr Vertrauen genieße. Meine Dame iſt ſo edel, ſo gut, ſie iſt eben noch ein Kind an Unſchuld und Lebenserfahrung.“ Van Dewall, Eine große Dame. II. 4 — Der Adjutant nickte ermuthigend, die Zofe fuhr fort:„Der General iſt ein vortrefflicher Mann, der galanteſte und zuvorkommendſte aller Gatten— kein Wunder, daß die Gräfin ihn vergötterte.“ Mademoi⸗ ſelle Juliette flocht hier einen tiefen Seufzer ein.— „Seit einiger Zeit bemerke ich einen Umſchwung in ihrer Geſinnung, und darüber muß ich mit Ihnen ſprechen, Monſieur le Colonel, ſollte es mich auch meine Stellung koſten— ich kann es nicht länger ruhig mit anſehen— ich liebe den Grafen und die Gräfin zu ſehr, um—“; hier übermannten ſie die Thränen. Ueber das gelbe Geſicht Moroſielzoff's glitt ein Schimmer von ſchadenfroher Erkenntniß— ſchöne Seelen finden ſich!— er ahnte bereits beim Beginn dieſer Komödie, wo das Mädchen hinauswollte, hier bot ſich ihm ein williges Werkzeug, entweder ſeine Ziele zu erreichen, oder ſich zu rächen; ſein Auge fun— kelte daher lebhaft vor Erwartung, das Licht ſpielte grünlich in der kleinen Pupille, wie in denen einer Katze. „Faſſen Sie ſich, Mademoiſelle,“ ſprach er theil— nehmend—„ich ehre Ihre Motive— Sie dürfen ſich mir unbedingt anvertrauen.“ „Nun, ſo ſei es,“ erwiederte die Zofe, ihr Taſchen⸗ tuch einſteckend und einen Entſchluß faſſend.„Ich 54— glaube, die Gräfin hintergeht ihren Gemahl— ſie hat eine Liebſchaft mit Baron Mengden—— „Um Gotteswillen— was ſagen Sie da!— Sind Sie Ihrer Sache gewiß?“ rief Moroſiel⸗ zoff und wider ſeinen Willen wurde ſein Geſicht fahl vor Neid. „Ach, Monſieur le Colonel— leider nur zu ſehr!“ 74 erwiederte dieſe mit zerknirſchten Mienen—„jener falſche Menſch hat es nur zu gut verſtanden, die junge, harmloſe Frau zu überliſten— ach Gott, wer hätte das gedacht— hier leſen Sie!“ Sie zog aus einem eleganten Taſchentuche ein Zettelchen hervor.—„Ich fand dieſes am Erdboden, auf dem Korridor— denken Sie nur, welche Unvor⸗ ſichtigkeit, in welche Hände hätte es gerathen können!“ Haſtig ergriff der Offizier den Papierſtreifen und trat zum Fenſter. Er erkannte die Handſchrift der Gräfin in den Worten:„Komm' ſo früh als möglich zur B., ich muß Dich ſprechen, ehe die Anderen kommen. Tauſend heiße Küſſe! Verbrenne dieß!“ Seine Hand zitterte, während er las, ſein Herz krampfte ſich zuſammen vor Neid, Groll und Rachſucht. Mademoiſelle Juliette beobachtete ihn— ſie triumphirte, als ſie den unheimlichen Glanz ſeiner Augen ſah, als ſie bemerkte, wie er die Farbe wechſelte. —————— Moroſielzoff fuhr ſich mit der Hand nachdenklich über die Stirn, dann ſich faſſend ſprach er ſtreng und abſtoßend:„Kein Zweifel, es iſt ihre Handſchrift. Ha — jener Abſcheuliche!— Laſſen Sie mich vor allen Dingen dieſes verrätheriſche Papier hier vernichten!“ Er zerriß es und verließ einen Augenblick das Zimmer, um gleich darauf wieder zurückzukehren.„Ich habe nur gethan, was jener Elende verſäumte— es iſt verbrannt.“— Dann trat er zu ſeinem Schreibtiſch und nahm einige Goldſtücke heraus. „O Monſieur le Colonel, was thun Sie!“ rief Mademoiſelle Juliette beleidigt aufſpringend. „Ich weiß, Sie werden ſchweigen, Mademeiſelle, um der Ehre Ihres Hauſes, Ihrer Herrſchaft willen, — aber nehmen Sie immerhin,— ſolche Treue iſt ſelten in unſeren Tagen und muß belohnt werden. Schweigen Sie auch fernerhin wie das Grab und be⸗ richten Sie nur mir, was Sie bemerken— ich bin ſtets für Sie zu Haus, verſtehen Sie, und werde mich Ihnen dankbar erweiſen.— Laſſen Sie mir Zeit, zu überlegen, was hier zu thun iſt— dieſe Angelegenheit iſt eine ſehr delikate, eine ſehr böſe—— Mein armer General!“ „Meine gute Gräfin!“ Die Zofe fand nichts Beſſeres nunmehr zu thun 2 5 nach dieſen Worten, als zu gehen. 53— „Infamer Knicker!“ murmelte ſie draußen im Vorflur,„drei Goldſtücke für ein ſolches Billet!— Mais ça ne fait rien,— Rache iſt ſüß, mein ſchöner Baron!“ Damit verließ ſie das Haus. Achtzehntes Kapitel. Mengden ritt in den nächſten Tagen beinahe alle Morgen mit ſeinem General hinaus, um zu rekognos⸗ ziren oder Inſpektionen abzuhalten. Der alte Herr war ausnehmend freundlich und geſprächig zu ſeinem Adjutanten, ganz wider ſeine ſonſtigen Gewohnheiten, er fand offenbar Gefallen an ihm, und während er früher meiſt ſeinen erſten Adjutanten zu ſolchen Aus⸗ flügen mitgenommen hatte, überließ er dieſem allmälig immer mehr die Bureauarbeiten und hielt Mengden um ſeine Perſon. Zwei⸗ oder dreimal in der folgenden Zeit mußte dieſer gefährliche und längere Ritte unternehmen, um Depeſchen von beſonderer Wichtigkeit an einzelne Be⸗ fehlshaber zu befördern.— Es geſchah dieß zum nicht geringen Aerger und Kummer der ſchönen Gräfin, während ſich Mengden nie froher fühlte, als im Sattel und fünfzig gut berittene Koſaken hinter ſich; bis dahin — hatte übrigens der Offizier nur Beſchwerden, aber keinerlei Gefahren zu beſtehen gehabt. ℳ Es war in der Mitte des März, als Mincia eines Tages mit rothgeweinten Augen in ihrem Stüb⸗ chen am Fenſter ſaß und kummervoll in den grauen Regentag hineinſtarrte. Wenn ſie eine Weile ſo brütend in ihrem Schmerze geſeſſen hatte, dann hob ſich ihr Buſen und neue Thrä⸗ nen ſtürzten unaufhaltſam hervor und tropften auf ihre Hände und ihren Schooß. Ach, Mincia war ſehr unglücklich und bekümmert! Ein Brief von der Hand ihres Geliebten hatte ſie in die äußerſte Beſtürzung verſetzt, derſelbe lag jetzt offen auf dem Fenſterbrett neben ihr und enthielt nur die wenigen Zeilen: „Theuerſte Mincia! „Was ich längſt vorausſah, iſt nun ſchneller einge⸗ troffen, als ich es erwartete. Die unſeligſten aller Zer⸗ würfniſſe gefährden meine Sicherheit und binden mir die Hände. Ich gehe auf einige Wochen, wohin ich Dir geſagt habe, und hoffe heute Abend ſchon in Sicher⸗ heit zu ſein. Ich laſſe Dich allein— hoffentlich nur auf eine kurze Weile. Morgen ſchreibe ich Dir ein 56— † Näheres.— Ich kann nicht abreiſen, ohne Dich in Gedanken wenigſtens tauſendmal zu küſſen und zu ſegnen, da die Zeit, welche drängt, zu kurz gemeſſen iſt, um Dir perſönlich Lebewohl zu ſagen, oder viel⸗ mehr auf Wiederſehen! Ewig Dein St.“ Dieſen Brief hatte ihr am Morgen der Portier gebracht, und ſeitdem ſaß Mincia in Thränen. Das arme Geſchöpf! Mit einem Herzen voll Frohſinn ge⸗ boren, mit allen Mitteln, glücklich zu ſein und Andere zu beglücken, verdammte ſie ein grauſames Geſchick dazu, eine der ſchwerſten Bürden zu tragen, die je einem Weibe zugemuthet wurde.— Gegen Mittag klärte ſich der Himmel auf und Mincia verließ das Schloß. Sie ſchritt lebhaft die Gaſſen hinab, mit herabgelaſſenem Schleier, und bemerkte ſo Mengden nicht, welcher ihr entgegenkam. „Ah, Mademoiſelle— gelingt es mir endlich ein⸗ mal, Ihrer habhaft zu werden!“ redete er ſie gut ge⸗ launt an. Mincia wandte ihm ihr großes, von Thränen feuchtes Auge zu und ſchaute ihn mit einem Blicke an, ſo voll Schmerz, daß er ihm bis tief in die Seele drang. „Was iſt Ihnen?— Haben Sie Kummer?“ frug er, ſeinen Ton ſogleich umſtimmend, voller Theilnahme. g. 4— 57— „Ich habe ſehr großen Kummer,“ antwortete das Mädchen traurig. „Kann ich Ihnen irgendwie beiſtehen, Mincia? Sie wiſſen, ich war ja einſt Ihr Sklave,“ fuhr er gut⸗ müthig fort. „Nein— ach nein! O bitte, laſſen Sie mich gehen! Ich habe Eile.“ „Verzeihung— es ſchmerzt mich, Sie leiden zu ſehen—“ „Ich danke Ihnen von ganzem Herzen, Herr Baron,“ ſprach Mincia mit einem Blicke der Erkenntlichkeit und ging weiter. „Armes Kind!“ murmelte Mengden—„was mag ihr nur fehlen?— Ich verlor ſie ganz aus den Augen 9 9 ganz und dem Gedächtniſſe ſeit jenem Abende.— Schade drum— ſie iſt ſo ſchön und voll Feuer und Geiſt! „Welche Schickſale brachten ſie nur in das Haus Alexan⸗ dra's— und in eine dienende Stellung; ſie würde, in ſchöne Kleider geſteckt, eine Zierde eines jeden Zir— kels ſein!“ Mincia hatte mittlerweile die Wohnung erreicht; ſie fand dort den alten Jan bei der Matka. Beide ſaßen niedergedrückt am warmen Ofen und tranken Kaffee. Von ihnen erfuhr ſie Folgendes: Als Stephan am Abende vorher zu Hauſe gekommen war, hatte er —= — einen Brief vorgefunden, welcher ihn offenbar in große Aufregung verſetzte. Er war lange Zeit allein, mit ſich ſelbſt redend, im Zimmer herumgegangen, dann hatte er Jan befohlen, ihm Kleider und Wäſche einzu— packen, da er nothwendig für einige Tage verreiſen müſſe. Er habe dann beinahe die ganze Nacht wachge— ſeſſen und geſchrieben, auch habe er eine Menge Papiere verbrannt. Gegen Morgen habe er ſich endlich ein wenig niedergelegt und ſei dann mit dem Schnellzuge in der Richtung nach Thorn abgereist. „Und hat er nichts hinterlaſſen?“ frug Mincia aufgeregt,„nicht wo er hingeht, nicht wann er wieder— kehrt?“ „Nichts,“ erwiederte der Alte.„Er gab mir nur die Briefe zu beſorgen und befahl mir, das Haus feſt zuzuhalten und Allen, die nachfragen ſollten, zu ſagen, er ſei auf einige Zeit verreist.“ Mincia ging auf Stephan's Zimmer und durch⸗ ſuchte daſſelbe mit ängſtlicher Haſt, ob ſie vielleicht irgend eine Spur von dem entdecken könnte, was des Geliebten Abreiſe ſo ſeltſam beſchleunigt hatte, aber ſie bemühte ſich vergebens. Endlich ſetzte ſie ſich an den Schreibtiſch und ſchrieb einen langen Brief voll zärtlicher Vorwürfe, — 59— welchen ſie in einen andern an ihre Mutter ein⸗ ſchloß. Nachdem ſie ſo ihren Empfindungen Luft gemacht hatte, fand ſie den Muth, in das Palais zurück— zukehren. Sie wartete den nächſten und den zweiten Tag vergeblich auf eine Nachricht; erſt am dritten Abend bekam ſie einen Brief. Er lautete: Theure Mincia! / „Ich bin glücklich auf preußiſchem Grund und Boden, Dank ſei es dem Paſſe des liebenswürdigen Barons, angekommen. Ich beabſichtige morgen in aller Frühe zu Taczanowski aufzubrechen, welcher bei Peyſern, unmittelbar an der Grenze, ſteht; dorthin ruft mich eine unaufſchiebbare Verpflichtung. „Wir Alle ſtehen in Gottes Hut, mein geliebtes Mädchen, und unſere Geſchicke, ob hell oder dunkel, kommen aus ſeiner Hand, darum ängſtige und beſorge Dich nicht um mich und hoffe allezeit das Beſte. „Es könnte leicht ſein, daß es mir in den nächſten Tagen unmöglich wäre, Dir wieder Nachricht zu geben, — ſollte ich länger wie acht Tage nichts von mir hören laſſen, dann reiſe nach Poſen zur Mutter, dort erfährſt Du Näheres von mir. „Ich bin vielleicht nur wenig dazu geſchaffen, ein 60 oe Weib zu beglücken, noch dazu ein Mädchen von Deiner Schönheit, Deiner Güte und Vortrefflichkeit; aber deſſen ſei gewiß, Mincia— niemals, ſo lange ich Dich kenne, hat eines andern Weibes Angeſicht ſich in dem Spiegel meiner Seele beſchaut.— Dich küſſe und Dich ſegne ich mit meinem reichſten Segen. „Gott gebe uns ein fröhliches Wiederſehen! Dein Stephan.“ Anſtatt durch dieſe ſo heiß erſehnte Nachricht über das Geſchick ihres Geliebten beruhigt zu werden, erhöhter dieſelbe nur noch ihre quälende Unruhe und verſetzte ſie in einen faſt unerträglichen Zuſtand von Seelenangſt. Ihre Phantaſie war nur zu geſchäftig, ſich die ſchreck⸗ lichſten Bilder auszumalen, der Schlaf floh ihr Lager 3 — Tag und Nacht flehte ſie zu Gott um Erlöſung aus dieſer Pein. m Endlich kam ſie zu dem Entſchluſſe, Mengden um A T einen zweiten Paß für ſich ſelbſt zu bitten, ſich bei der — Gräfin einen Urlaub zu nehmen und ſo ſchnell wie möglich nach Poſen zu eilen, obgleich dieß gegen Bobrowski's Befehl war. Gedacht, gethan. Sie beſah ſich in dem Spiegel, glättete ihr Haar und wuſch ſich die Augen mit kaltem Waſſer, dann ſtieg ſie langſam die Treppe hinauf und bat den Bedienten, ſie der Gräfin zu melden. — 61— „Ich darf Niemand hineinlaſſen, Fräulein,“ er⸗ wiederte dieſer flüſternd,„die gnädige Frau liegt auf dem Sopha mit ganz verweinten Augen.“ „O— das bedaure ich!— Was iſt ihr denn widerfahren?“ ſprach Mincia, einen Augenblick ihr eigenes Leid vergeſſend. „Ich weiß es ſelbſt nicht genau,“ erwiederte Jener achſelzuckend,—„ſie ſagen, ſie hätte heute Mittag , 4 eine unangenehme Nachricht bekommen, und ſeit der fe Zeit iſt ſie ſo.“ nit„O, wie fatal!“ murmelte Mincia.—„Haben „ Sie Annuſchka nicht geſehen, Pierre?“ frug ſie dann laut. 4„Sie iſt hier drüben im Garderobenzimmer— be gehen Sie nur hinein,“ verſetzte dieſer. ing.,.: Ae.. 3 Mincia fand die Amme in einer troſtloſen Stim⸗ mung und mehr wie je in der Nothwendigkeit, ſich nn mitzutheilen. d„Ach— gut, daß Sie kommen, Herzchen!“— 5 Damit watſchelte ſie der Wäſchebewahrerin entgegen— ſ„denken Sie ſich meinen Kummer— da liegt mein Liebling, meine Seele, da drüben im Zimmer und d, weint und ſtößt ſelbſt mich von ſich, von deren Blut ai ſie getrunken— o, alle Heiligen und mein Schutz⸗ ĩd patron, wo ſoll das hinaus?“— „Mein Gott, was hat es denn gegeben?“ rief 62 Mincia ganz erſchrocken, obwohl ſie die exaltirte Weiſe der Amme hinlänglich kannte. „Ach— ich ſollte es eigentlich Niemanden ſagen, denn ein jeder Menſch hat nun einmal ſeine Geheim— niſſe, aber Sie ſind ja eine vernünftige Perſon, nicht ſo ſchwatzhaft und neugierig, als die Anderen— Ihnen kann ich's wohl ſagen: Denken Sie ſich— unſer Baron ſoll morgen eine große Reiſe machen, an die preußiſche Grenze, durch alle die blutgierigen Polen und Mord⸗ brenner da draußen in den Wäldern, der arme, ſchöne junge Mann, denken Sie ſich!— O, ich weiß, wer ihm das einbrockt, wer vor Eiferſucht beinahe platzen will, auch die Alexandra Paulowna weiß es gut ge⸗ nug, aber was hilft's!— Und wenn ihm was paſſirte! — Ach, wir überlebten das nicht, ſo ein prächtiger Menſch, und ihn hinauszujagen bei dieſem Wetter!“ Mincia horchte hoch auf— ein plötzlicher Ge⸗ danke durchzuckte ſie, ſie hörte weiter nichts von dem Geſchwätz der Alten, als die Worte:„Mengden reist an die preußiſche Grenze,“ mehr brauchte ſie nicht zu wiſſen.„Gott ſei Dank!“ murmelte ſie, ihr Entſchluß war gefaßt.. Geſchickt begann ſie die Amme immer mehr zum Sprechen zu bringen und erfuhr durch jene, daß der Adjutant mit wichtigen Depeſchen zum General Brunner — 63— beordert war, und daß er ſich bei der Länge des Weges nicht eines Pferdes, ſondern einer Kurierbritſchke be— dienen würde, eines kleinen Fahrzeuges mit Federn von Holz und ſtarken Rädern. Die Generalin hatte nicht den Muth gehabt, ihren Gemahl um Gegenbefehl zu bitten, eine ſolch Bitte hätte ja Alles verrathen, und ſo lag ſie nun weinend vor Zorn und Schmerz, daß man ihr ihr liebſtes Spielzeug zu rauben wagte, und wünſchte Moroſielzoff alles Böſe, denn ſie wußte trotz ihrer Abgeſchloſſenheit, von wem ſolche Anord⸗ nungen ausgingen. Die Fragen wegen der Reiſeroute des Adjutanten und wo der General Brunner kommandire, vermochte die unwiſſende Amme nicht zu beantworten. Als Mincia eine halbe Stunde ſpäter wieder ihr Zimmer betrat, war ſie feſt entſchloſſen. Sie ſchrieb zwei Briefe, einen an Mengden, einen an die Generalin, und ging dann aus, um Jan aufzuſuchen. Spät am Abend fuhr auch die Gräfin aus zur Generalin Banjutoff. „O meine beſte, theuerſte Freundin!“ empfing ſie dieſe mit ausgebreiteten Armen,„ich habe mit Bedauern ver⸗ nommen, was unſerem jungen Freunde bevorſteht, er iſt be⸗ reits ſeit zehn Minuten im Salon— kommen Sie! Er zählt die Augenblicke und ſchmachtet nach Ihrem Anblicke!“ ——— — 64— Die Gräfin nahm ſich nicht einmal die Zeit, um abzulegen. „Iſt er allein?“ frug ſie haſtig, und als die Generalin dieß bejahte, eilte ſie in's Zimmer. „Georg— mein geliebter, mein theurer Freund!“ rief ſie außer ſich und ſchlang ihre Arme um den Nacken des jungen Mannes—„man will Dich mir rauben — ich ertrage es nicht!“— Seine Antwort erſtickte ſie mit ihren glühenden Küſſen. Sie zog ihn dann auf einen Seſſel nieder, und immer noch in Hut und Mantel, kniete ſie neben ihm auf den Teppich und barg ihr Haupt in ſeinem Schooße. Mengden, hingeriſſen von dieſer plötzlichen Glut und Heftigkeit der Empfindungen der jungen, reizenden Frau, gerieth in eine ſüße Verwirrung— zum erſten Male, überwältigt von ſo viel Theilnahme und Gefühl, glaubte er die Gräfin wirklich zu lieben und erſchöpfte ſich in beredten Worten und feurigen Betheurungen. „Ich bitte Dich— beruhige Dich, Alexandra!“ — ſprach er, ſeine Lippen auf ihre Augen preſſend, die ſo ſprechend und thränenfeucht zu ihm aufblickten „o weine nicht, Geliebte— fürchte nichts, wenn Deine holden Lippen für mich beten, ſo bin ich gefeit gegen jede Gefahr.— In ſpäteſtens drei oder vier Tagen hoffe ich geſund zurückzukehren!“ von wied dem R 4 — 65— „Ich kann— ich will Dich nicht von mir laſſen — ich mag ohne Dich nicht eine Stunde lang leben— ich ertrage es nicht!“— ſchluchzte die Gräfin. Mengden nahm ihr den Hut ab und öffnete die Haken des Mantels. Die Gräfin hatte nicht Zeit ge— funden, Toilette zu machen in ihrem Schmerze, ſie war in einem jener Kleider von perſiſcher Seide, ohne alle engenden Feſſeln, ein einfacher Gürtel umſpannte ihre feine, biegſame Taille. Er hob ſie empor und führte ſie zum Divan. Seinen Worten und Liebkoſungen gelang es end— lich, Alexandra zu beruhigen. Sie begann zu ſprechen l . und Pläne zu ſpinnen für die Zukunft. Sie entwarf tauſend Projekte, wie ſie es verhindern könnte, jemals von Mengden wieder getrennt zu werden, dann folgten wieder jene ſtürmiſchen Umarmungen und Küſſe, die dem Geliebten beinahe den Verſtand raubten. Dieſes Weib hatte eine Seele von Feuer und einen Körper von Stahl. Nach einer Stunde etwa klopfte die Generalin Banjutoff leiſe an die Thür und mahnte zum Aufbruch. Alexandra vermochte nicht ſich loszureißen, und nur das Verſprechen Mengden's, ſie noch einmal vor der Abreiſe zu ſehen, konnte ſie endlich bewegen, in den Wagen zu ſteigen. Van Dewall, Eine große Dame. II. Gc — 66— Während ſie davonfuhr, ging Mengden langſam, noch ganz berauſcht und träumeriſch dem Palaſte zu. Gegen elf Uhr betrat er ſein Zimmer.. Mincia in fieberhafter Ungeduld ſaß oben an ihrem Fenſter und erwartete ihn. Als das Licht der Lampe ſeine Vorhänge erhellte, athmete ſie erleichtert auf. Sie hatte kurz vorher den Wagen der Gräfin ankommen ſehen und ahnte Alles. Mengden fand auf ſeinem Tiſche den Brief der Anfangs las er nur die Adreſſe und legte ihn gleichgültig wieder aus der Hand, ohne ihn zu öffnen. Aufgeregt ging er im Zimmer umher, noch ſchwelgend in der Erinnerung an die verlebten Minuten— ſein Glück dünkte ihn übergroß— er glaubte deſſen nicht werth zu ſein und ſeine Lippen murmelten den Namen Alexandra's unzählige Male. 3 1 Allmälig aber kühlte ſich ſein erregtes Blut mehr und mehr ab und ſeine Pulſe ſchlugen weniger heftig. Zufällig fielen ſeine Augen noch einmal auf das ungeöffnete Billet, dabei erinnerte er ſich der letzten Begegnung mit dem hübſchen Mädchen, ſein Mitgefühl wurde rege— er erbrach das Siegel und las. Während er dieß that, prägte ſich Staunen und eine keineswegs freudige Ueberraſchung in ſeinen Mienen immer deutlicher aus. „Sie muß mich ſprechen— ſie bittet mich, meine Thüre vor Mitternacht nicht zu ſchließen— ſie will auf mein Zimmer kommen!— Was bedeutet das?!“ — murmelte er kopfſchüttelnd.—„Sie beſchwört mich bei der Liebe meiner Mutter!— Das iſt ſtark— eine ganz neue Ueberraſchung— was mag ſie nur von mir wollen— iſt denn nur dieſes ganze Schloß hier verhext!?“ Er klingelte ſeinem Diener und befahl ihm, ſchla⸗ fen zu gehen, dann ſetzte er ſich in einen bequemen Lehnſtuhl und dachte nach. Sein Hund kam heran und legte vertraulich den Kopf auf ſein Knie, er ſtreichelte ihm mechaniſch das zottige Fell. Plötzlich wandte das kluge Thier ſich nach der Thüre und knurrte leiſe— Mengden ſchaute auf, gleich darauf klopfte es. Auf ſein„Herein!“ öffnete ſich die Thüre und zögernd übertrat Mincia die Schwelle des Zimmers. Offenbar koſtete ſie dieß einen großen Entſchluß, ihr Geſicht war bleich, ihr Auge unnatürlich weit ge⸗ öffnet und ſtarr, ſie hatte faſt das Anſehen, als wan⸗ delte ſie im Schlafe. Mengden erhob ſich und trat ihr entgegen— ihm 68— entging der aufgeregte Zuſtand des Mädchens keines⸗ wegs, er ſchloß die Thüre hinter ihr und bat ſie, Platz zu nehmen— er reichte ihr die Hand— mechaniſch legte ſie die ihre hinein,— ſie war kalt wie Eis. „Ich fand Ihre Zeilen erſt ſoeben, als ich nach Haus zurückkehrte; es iſt gewiß etwas ſehr Wichtiges, welches Sie veranlaßte, mir dieſelben zu ſchreiben— womit kann ich Ihnen dienen?“— ſprach der Baron, ſeine Blicke aufmunternd auf der zitternden Mincia ruhen laſſend. Dieſe rang eine Weile mit ſich ſelbſt, ehe ſie ihrer Unruhe und Befangenheit Herr wurde— ihr Buſen hob und ſenkte ſich krampfhaft, ihre Wangen wechſelten endlich vermochte ſie einige Male ſchnell die Farbe es, Mengden anzuſchauen. Ihr Blick war ſo voll Weh und Scham zugleich, daß Jener ſich im tiefſten Herzen davon gerührt fühlte. „Was fehlt Ihnen, Fräulein Mincia?“ ſprach er mit jener Herzlichkeit und Wärme, welche den Haupt⸗ reiz ſeines Gemüthes bildeten.—„Sprechen Sie ſich aus, Sie ſind bei einem Freunde. Womit kann ich Ihnen beiſtehen?“ Ach, Herr Baron,— ich muß Sie noch einmal 7I5 — hoffentlich zum letzten Male, mit einer Bitte be⸗ läſtigen!“ begann Mincia endlich, und Thränen über⸗ — —— — — — — er fluteten ihr Geſicht.—„Wie wiel mir an der Erfül⸗ lung derſelben liegt, das ermeſſen Sie an dem unge⸗ wöhnlichen Schritte, der mich zu Ihnen führt.“ Mengden ergriff auf's Neue die kleine Hand des Mädchens und drückte ſie mit aufrichtiger Theilnahme. „Sehen Sie,“ ſprach er gutmüthig und verſuchend, demſelben durch einen halben Scherz über das Peinliche der Situation hinfort zu helfen,„iſt es denn nicht ganz in der Ordnung, daß die Herrin ihren Sklaven ruft, wenn ſie ſeiner bedarf?“— Mincia ſchüttelte traurig den Kopf. „Darf ich wiſſen, was Sie ſo tief betrübt?“ fuhr er dann wieder ernſter werdend fort. „Ich bin ſo namenlos unglücklich!“ ſchluchzte ſie beinahe faſſungslos,—„mein Herz iſt ſo beklommen!“ und nun begann ſie, erſt ſtockend, dann immer fließen⸗ der und beredter, Mengden ihre Bitte vorzutragen.— Es entſtand eine Pauſe. „Verzeihen Sie, daß ich Sie belog,“ fuhr das Mädchen fort,„Stanislaus Winiewski iſt nicht mein Bruder— er iſt mein Bräutigam— ſeit mehr als zwei Jahren bin ich ſeine Braut.——— Ich fürchte, ſeinem unerwarteten Gehen liegen tiefere, mir unbekannte Motive zu Grunde— ich bin nicht im Stande, Ihnen zu ſagen, weßhalb ich dieſes glaube,— ich bitte Sie — 10 nur, erfüllen Sie mir dieſe eine Bitte noch,— nehmen Sie mich mit, damit ich unter Ihrem Schutze ſo ſchnell wie möglich die Grenze erreiche.“ Mengden war betroffen, doch war er nicht im Stande, dem Flehen Mincia's auf die Dauer zu wider⸗ ſtehen. Er hätte gewiß ſogleich eingewilligt, hätte er überhaupt eine Möglichkeit geſehen, wie dieß geſchehen konnte. „Und wohin gedenken Sie augenblicklich zu gehen?“ frug er. „Nach Poſen, zu meiner Mutter.“ „Aber ich fahre ja gar nicht nach jener Richtung, mein Weg führt auf Peyſern zum General Brunner, welcher Taczanowski gegenüher kommandirt.“ „Nach Peyſern?“ rief Mincia aufſpringend mit blitzenden Augen und tief Athem ſchöpfend,—„o— dann erſt recht beſchwöre ich Sie— nehmen Sie mich mit ſich und Gott und die heilige Jungfrau werden es Ihnen tauſendfältig lohnen!“ „Wie ſoll ich das verſtehen?“ frug Mengden ganz überraſcht,„erſt wollen Sie nach Poſen und nun nach Peyſern.“ „Hier leſen Sie— o bitte, leſen Sie!“ Sie gab ihm, ohne zu zögern, Bobrowski's Brief. Mengden machte ein ſehr ernſtes Geſicht.— — — — — —ÿ—ÿ—ÿ—ÿ—ꝛ—;—O—Z—ꝛ—⸗———— ———⏑—ʒ—ꝛ———— 4 — 6— Fräulein, Sie haben mich hintergangen!“ ſprach er vor⸗ wurfsvoll, ihr das Schreiben zurückgebend;„jener Paß, um den Sie baten, war nicht für einen friedlichen Bürger beſtimmt.“ 2* Mincia ſchlug die Augen nieder— ſie war in einer eigenthümlichen Verlegenheit. Einen Augenblick überlegte ſie— dann nur ihrem feurigen Naturell folgend, ergriff ſie Mengden's Hand und preßte ſie an ihren Buſen.—„Ich will, ich kann Sie nicht mehr belügen!“ ſprach ſie feſt.—„Bei meiner Seligkeit— bei der meiner Mutter, welche ich über Alles liebe, ſchwöre ich Ihnen, Sie ſollen die ganze Wahrheit wiſſen— nur dießmal noch vertrauen Sie mir und thun Sie, um was ich Sie bat, mein ganzes Lebens⸗ glück hängt davon ab!“— 1 Mengden ſchwankte noch.„Aber ich kann Sie ja doch nicht ſo in meinem Wagen mit von hier fort⸗ nehmen?“ ſprach er, ſich nur ſchwach noch ſträubend. „Beſorgen Sie nichts— ich habe an Alles ge⸗ dacht.— Wann werden Sie abreiſen?“ „Heute Abend zwiſchen ſechs und ſieben Uhr.“ Auf welchem Wege?“ 77* „In der Richtung auf Lowiez.“ „Wohlan— wenn Sie mir einen Platz einräumen wollen, vor dem Thore, etwa zweihundert Schritte hinter —— — ———— 72 der Stadt, zur rechten Hand liegt eine Judenwirth⸗ ſchaft, zwei hohe Akazien ſtehen vor der Thür, dort will ich auf Sie warten. Ich werde meine Frauen⸗ A 1 kleider ablegen und Männertracht anziehen, ich will kein Wort unterwegs ſprechen und keine Bewegung machen, ich will nicht hören und ſehen— fordern Sie von mir, was Sie wollen— nur gewähren Sie mir meine Bitte!“ ſie ſank überwältigt auf ihre Kniee und ihre Blicke hingen mit einem Ausdrucke von Angſt an ſeinen Lippen, als erwartete ſie Leben oder Tod von denſelben. „Mincia,“ ſprach Mengden beſiegt und hob das Mädchen auf,„ich kann Ihnen Ihren Wunſch nicht abſchlagen, wenn Sie ſo mich bitten— in Gottes Namen denn, ich will an jenem Wirthshauſe eine Viertelſtunde auf Sie warten.“— Ehe er es verhindern konnte, drückte die Polin ihren Mund auf ſeine Hand.—„Sie werden es nicht bereuen, was ſie an einem unglücklichen Mädchen thun, — ſo lange dieſe Lippen lallen können, werden ſie für Ihr Wohl beten— Gott ſegne Sie!“ Als Mincia hinausgegangen war, wurde Meng⸗ den wieder nachdenkender. „Meine verdammte Gutmüthigkeit hat mich wieder einmal zu einem dummen Streiche verleitet,“ ſprach ———ÿy—— er halblaut,„aber wer kann dieſem Mädchen etwas abſchlagen, ſie hat eine Art zu bitten, die unwider⸗ ſtehlich iſt, ſie bittet mit dem Herzen— armes Kind!“——— —— õ ——* Neunzehntes Kapitel. Am nächſten Morgen war Mengden ſehr beſchäf⸗ tigt; der General hielt ihn lange Zeit auf und gab ihm Depeſchen und mündliche Inſtruktionen, dann hatte er die verſprochene Zuſammenkunft mit der Gräfin. Gegen zwölf Uhr ließ er ſich bei ihr anmelden und blieb bis zwei Uhr in ihrem Gemache. Als er ging, hielt die Gräfin in ihren Händen ein reiches, geſchmackvolles Medaillon, welches ihr der Geliebte mit ſeinem Bilde darin verehrt hatte. Sie drückte daſſelbe immer auf's Neue an ihre Lippen, und ihre Thränen blitzten zugleich mit den Brillanten. Währenddeſſen ging Mengden aus, um noch einige Beſuche zu machen, und ſpeiste dann mit Muſſa zu⸗ ſammen bei den Gardehuſaren. So wurde es Abend. Mengden wurde noch einmal zu ſeinem General gerufen, welcher ihm noch mancherlei Verhaltungsmaßregeln gab und ihn beinahe väterlich ermahnte, vorſichtig zu ſein und unnütze Gefahren zu vermeiden. Kurz nach ſechs Uhr fuhr dann ein niedriger Wagen mit drei kräftigen Pferden beſpannt in den Hof, Michael, der Koſak, legte einen kleinen Koffer und einige Decken unter die waſſerdichte Plane auf dem Strohſack, welcher den Sitz dieſes ſehr urſprünglichen, aber praktiſchen Fuhrwerkes bildete. Von mehreren Offizieren begleitet, trat Mengden aus dem Palaſt, warf noch einen letzten Blick nach den Fenſtern der Gräfin und ſtieg in den Wagen. Gleich darauf ſetzte ſich dieſer in Bewegung, draußen ſchwenkte eine Sotnie Koſaken ein unter dem Befehle eines Offiziers, und ſo ging es durch die Straßen Warſchaus in lebhaftem Trabe dem Thore zu. Cs regnete, was vom Himmel herunter wollte, dazu wehte ein rauher Wind und trieb den Pferden und Reitern die ſchweren Waſſertropfen in's Geſicht. Gleich hinter dem Thore gab Mengden Michael, welcher neben dem Kutſcher ſaß, einen leiſen Befehl und der Wagen hielt vor einer kleinen, elenden Aus⸗ ſpannung mit zwei Bäumen neben der Thüre. Kaum ſtand derſelbe, ſo öffnete ſich dieſe und zwei Perſonen traten heraus, wovon die eine mit einer La⸗ terne leuchtete. 26 Die vorderſte derſelben, ein kleiner Offizier in Koſakenuniform, den Mantelkragen weit über das Ge⸗ ſicht herabgezogen, um dem Regen Trotz zu bieten, legte ſeine Hand auf den Schlag und murmelte einige Worte, dann ſtieg ſie auf das Rad und ſetzte ſich neben Mengden auf den Strohſitz. Eine Reiſetaſche ward hinten in den Wagen geworfen, dann ſetzte ſich dieſer wieder in Bewegung und die Koſaken auf ihren kleinen, dauerhaften Pferdchen trotteten raſſelnd hinterher. Mengden hatte ſeinem Reiſegefährten bereitwillig, ſo weit es die Umſtände erlaubten, Platz gemacht und war nun bemüht, denſelben ſo gut wie möglich gegen die Näſſe zu ſchützen. „Hier, nehmen Sie ſich dieſe Decke und den Pelz über die Kniee, Kamerad!“ ſprach er laut,„und ziehen Sie das Spritzleder herauf. So— das iſt ein heil⸗ loſes Wetter, doch à la guerre comme à la guerre; rauchen Sie vielleicht eine Cigarre?“ Der Koſakenoffizier ſchlug ein wenig ſeine Kapuze zurück und brachte eine kleine, zierliche Hand zum Vorſchein, welche, anſtatt das dargebotene Etui zu be⸗ rühren, die Hand, die daſſelbe hielt, ergriff und lebhaft an ſich preßte. Mengden fühlte durch die ſchweren Falten des Mantels hindurch die zarten Umriſſe eines weib⸗ lichen Buſens. — — „Der Himmel lohne Ihnen dieſen Dienſt!“ flüſterte Mincig's Stimme zitternd vor Empfindung. „Nehmen Sie eine Cigarre und rauchen Sie ein paar Züge, es iſt wegen der Leute hier vorn— ich kenne den Kutſcher nicht,“ ſagte ihr Mengden in's Ohr; —„im Uebrigen ſeien Sie ohne Sorgen und ſpielen Sie Ihre Rolle ſo gut wie die der ſchönen Unbekannten.“ Mincia nahm in der That eine Cigarre, wie Meng⸗ den ihr gerathen, und rauchte ein paar Züge, dann warf ſie dieſelbe fort, ſtarrte hinaus in die dunkle Märznacht und hing ihren Gedanken nach. Wer jemals auf einem Strohſack ſitzend auf ſchlechten Wegen gereist iſt, der weiß, daß es damit, ſeine eigene Bewandtniß hat:— ſitzen Zwei darauf, ſo rutſcht der von Beiden, welcher das leichtere Gewicht hat, unwiderſtehlich immer wieder zu dem hinüber, welcher vermittelſt ſeiner Schwere das Stroh am meiſten niederdrückt. So ging es auch der Polin.— Mitten in ihrem Nachdenken wurde ſie plötzlich gewahr, daß ſie Mengden ſo nahe ſaß, daß dieß für beide Theile gleich unbequem und peinlich ſein mußte. Hurtig rutſchte ſie, ſo gut es gehen wollte, zur Seite, aber ſchon nach fünf Minuten mußte ſie plötzlich dieſelbe Wahrnehmung wie vorher machen. Mengden ſeinerſeits, ebenfalls mit allerhand Ge⸗ — 718— danken und Erinnerungen beſchäftigt, bemerkte dieſe unfrei⸗ r. willigen Annäherungen und lächelte ſtill vor ſich hin; als J das Mädchen aber ihre eine Hand frei machte und ſich an den Wagenbaum anklammerte, um ihren Sitz zu behaupten, legte er ohne Weiteres ſeinen Arm um ihre Schulter, zog ſie beinahe zärtlich an ſich heran und flüſterte ihr ü in's Ohr:„Sie werden ſich erkälten, nehmen Sie Ihre v Hand herein und lehnen Sie ſich getroſt an mich an, — wir müſſen nun einmal enge Freundſchaft mit 5 einander ſchließen für vierundzwanzig Stunden; laſſen Sie mich die Freude haben, zu ſehen, daß Sie ſich wohl fühlen unter meinem Schutze.“ Mincia widerſtrebte nicht länger. Sie litt es vertrauend, daß er ihren Kopf leiſe an ſeine Schulter drückte, ſie war ſo müde und matt von Kummer und ſchlafloſen Nächten, ſie ließ ihm ruhig ihre linke Hand, er that ihr wohl, der ſanfte, herzliche Druck, unter dem Schatten der ſchweren Mantelfalten hervor ſchauten ihre Augen zu ihm auf ohne eine Spur von Furcht oder Mißtrauen. So ſaßen ſie und unterhielten ſich flüſternd mit einander. So fuhren ſie wohl eine halbe Meile weit die aufgeweichte Straße entlang, das Geraſſel des Wagens und die Hufſchläge der Pferde machten ihre Worte für Jedermann außer ihnen unverſtändlich. ———— —— ——ꝭ—ę—ę— —— —— —— — ,—, — 70— „Sie wiſſen, Mincia, daß Sie mir noch Aufklä⸗ rungen ſchuldig ſind,“ ſprach Mengden, ſich an des Mädchens Verſprechen vom vorigen Abend erinnernd. „Sie wollten den Schleier lüften, welcher über Ihrer Perſon und Exiſtenz ausgebreitet liegt.— Ich leiſte Ihnen einen Dienſt, der vielleicht weit über meine Be⸗ fugniſſe hinausgeht— nicht wahr, Sie geſtehen mir das Recht zu, Sie an Ihre Zuſage zu erinnern?“ Mincia richtete ſich auf.„Wie lange fahren wir zuſammen?“ „Ich denke, vierundzwanzig bis ſechsunddreißig Stunden.“ „Wohlan— ich werde dann Zeit haben, Ihnen Alles, was Sie intereſſirt, mitzutheilen— warten Sie bis morgen früh; nicht Mangel an Vertrauen, nur große Erſchöpfung hindert mich augenblicklich, Ihnen zu willfahren— aber ſeien Sie überzeugt, mein Freund,“ fügte ſie mit Nachdruck hinzu,„daß Sie keiner Undank⸗ baren ſo viel Güte erwieſen— Sie dürfen mir ver⸗ 4 trauen.“— „Stoi!“ rief plötzlich draußen eine gebieteriſche Stimme durch die finſtere Nacht und aus dem Dunkel eines Gebüſches tauchten Bewaffnete auf— Bajonnette blinkten und eine Patrouille näherte ſich. Mincia verbarg ihr Geſicht noch tiefer in ihre — 80— Kapuze und lehnte ſich zurück, während Mengden ſich vorbeugte und ſeinen Grad und ſeinen Namen nannte. 8 aber Der Führer der Patrouille trat an den Wagen heran und gab dem Adjutanten auf ſeine Fragen über nd die Stellung der Truppen und etwaige Nachrichten von ſorgſe den Inſurgenten die nöthige Auskunft; auch der Koſaken⸗ 1a ſ offizier der Eskorte kam herangeritten. Man erfuhr, daß doſt Blonie, der nächſte Ort, von einem ruſſiſchen Detache⸗ efüh ment beſetzt ſei und auf dem Wege dahin keine Gefahr vorhanden war, den Banden der Koſſyniers zu begegnen.. ſeine Deſſen ungeachtet befahl Mengden, eine Spitze 3 Athen von einem Unteroffizier und zwölf Koſaken auf einige Entfernung vorauszuſenden. Der Offtzier ritt zurück, Peade ein kleiner Trupp Reiter löste ſich von der Maſſe der vom d andern los und trabte vor, die langen Gewehre ſchuß⸗ 7 bereit im Arme, dann ſetzte ſich der Zug wieder in. niie Bewegung. 4 den e Mengden fühlte, wie das Mädchen an ſeiner Seite Warſ zitterte. Er ſchlang wieder ſeinen Arm um ihre Hüfte nit ih und flüſterte ihr zu:„Fürchten Sie nichts, Sie ſind unter ſicherer Obhut.“ „Es iſt nicht die Furcht, welche mich durchſchauert ihren dachte — nur die Aufregung und die Schwäche machen mich hinau 1 falls ſo kindiſch— ich habe in den letzten Nächten nur wenig Ruhe gefunden.“ wer — p — 8— „So verſuchen Sie jetzt ein wenig zu ſchlafen, Mincia; aber erſt nehmen Sie einen Schluck Wein zu ſich.“ Er zog eine Flaſche aus der Wagentaſche hervor und ließ das Mädchen trinken. Dann hüllte er ſie ſorgſam in die ſchützenden Decken, lehnte ihren Kopf an ſeine Schulter, und ſeine Cigarre rauchend, den Troſt der Krieger, ſaß er ſo ſtill, als es das ſtoßende Gefährt geſtattete, um ſeine Begleiterin nicht zu ſtören. Bald ſank deren Haupt ſchwer und ſchwerer auf ſeine Schulter und er vernahm die regelmäßigen, tiefen Athemzüge derſelben— die Natur forderte ihre Rechte. Weiter und weiter trabte der Zug auf dem ſchmutzigen Pfade dahin, noch immer goß der Regen in Strömen vom dunklen Himmel herab. Welch' eine Nacht! dachte Mengden. Seine Phan⸗ taſie begann zu ſchweifen, ſie führte ihn den Weg, den er durchmeſſen, ſchnell noch einmal zurück nach Warſchau, er durchlebte noch einmal die letzten Wochen mit ihren Aufregungen, ſo reich an Erlebniſſen. Er dachte an Alexandra,— ob ihre Gedanken wohl eben⸗ falls jetzt bei ihm weilten?— Sie lag nun ſchon in ihren ſeidenen Kiſſen, während er in die kalte Nacht hinausraſſelte. Was würde ſie wohl ſagen, wüßte ſie, wer hier in ſeinen Armen ſchlummerte? Er kannte ihre Eiferſucht und Heftigkeit bereits zur Genüge, um zu Van Dewall, Eine große Dame. II. 6 82— wiſſen, daß ſie ihm auch einen Schimmer von Untreue’ nie verzeihen würde. Welch' ein Unterſchied zwiſchen 3 dieſen beiden Frauen! öff So ſaß er eine lange Weile zwiſchen Träumen fi und Wachen— da regte ſich Mincia— ſie richtete ſich verwundert auf und ſchlug den Mantel zurück. de „Wo bin ich?“ murmelte ſie und ſtrich ſich über die I Stirn, als wollte ſie ihre Gedanken ordnen. ſin „In Freundes Arm!“ erwiederte Mengden freundlich. Das Mädchen lächelte und drückte ihm die Hand. 8„Wie gut Sie ſind!“ murmelte ſie. 1 du Wieder wurden ſie angerufen, ſie hatten die kleine die Brücke vor Blonie erreicht, welche über ein unbedeu⸗ den tendes Flüßchen geht, das der Bzura ſein lehmiges Waſſer zuführt. m Nach einem kleinen Aufenthalt fuhren ſie in die. dunkle, ſchweigende Stadt hinein, über ein ſchlechtes un Pflaſter, und gelangten auf den weitläufigen Marktplatz. In der größten Schänke des Ortes brannte noch Licht und einige Koſakenpferde ſtanden trotz des ſchlechten tra Wetters draußen angebunden und kauten fröſtelnd an 1 raſ ihren Zäumen. Die klugen, ſtruppigen Thiere ſpitzten die Ohren und wieherten freudig, als ſie den klappernden Huſ⸗ ſchlag der Ankommenden vernahmen. noch hten an — Michael ſtieg vom Bock, einige Koſaken klopften mit ihren Kantſchuſtielen an die Fenſter. Die Thüre öffnete ſich und ein Mann in einen Schafpelz gehüllt trat in's Freie. Mengden rief ihn heran und frug ihn, wo der die Truppen kommandirende Offizier wohne. Der Jude kratzte ſich verlegen den Kopf und antwortete ſein:„nie rozumie“*). „Spricht Jemand hier polniſch?“ frug Mengden. „Ich, Herr Baron,“ ſprach der Kutſcher, ein alter durchwetterter Kerl, und ſtieg vom Bock; Michael hielt die Zügel und dieſer begann ein kurzes Geſpräch mit dem Judenwirth. „Der Offizier liegt hier im Hauſe,“ ſprach er dann zum Baron gewandt,„ſoll ich ihn wecken laſſen?“ „Jawohl, auf der Stelle!“ befahl der Adjutant und machte ſich fertig, aus dem Wagen zu ſteigen. „Bleiben Sie ruhig ſitzen, Kamerad, ich komme gleich zurück,“ damit ſprang er auf den Erdboden und trat in's Haus, während die Koſaken aus den Sätteln raſſelten und ſich ſtampfend und ſchlagend die ſteifen Glieder erwärmten. Der alte Kutſcher trat an den Schlag und ſprach *) Ich verſtehe nicht. ———— — — — — 84— — ſich vorſichtig vorher umſehend, ob ihn Niemand beobachte, einige Worte leiſe mit dem Koſakenoffizier im Wagen. Aus der offenen Thür fiel ein Lichtſchein auf ſein Geſicht— es war Jan, der Diener Bobrowski's. Gleich darauf beſchäftigte er ſich wieder mit ſeinen Pferden und plauderte dann, ſeine Pfeife rauchend, mit Michael und den Koſaken. Der Judenwirth und ein anderer Mann gingen ab und zu, den Soldaten ihr Lieblingsgetränk, den Raki, heraustragend. Mengden trat unterdeſſen in die dunſtige, über⸗ hitzte Stube, welche von einem dünnen Talglichte in einem eiſernen Leuchter ſpärlich erhellt wurde. Neben dem Ofen auf der Streu ſchnarchten in ihren Kleidern drei Koſaken. Mengden befahl zwei Gläſer heißen Thee, nahm dann ſein Taſchenbuch heraus nnd machte einige flüch⸗ tige Notizen. Mittlerweile wurde der Offizier oben geweckt und kam nach einer kurzen Zeit mit ungekämmtem Haar und ſehr derangirter Toilette in die Schenkſtube herab. Wiederum nannte Mengdden ſeinen Grad und ſeinen Namen. Er frug, welche größeren Detachements in der Nähe ſtänden und ob irgend etwas vom Feinde geſpürt worden ſei. Die Anworten, welche er erhielt, verzeich⸗ nete er ebenfalls in ſeine Brieftaſche und bat dann den ——— — 35— verſchlafenen Infanteriekapitän, ſich nicht weiter durch ihn in ſeiner Nachtruhe ſtören zu laſſen, worauf dieſer verſchwand. Der Thee wurde hereingebracht, Mengden trank ein wenig von dem warmen und ſtarken Getränk und ging mit dem andern Glas hinaus an den Wagen. „Wollen Sie einen Augenblick ausſteigen?“ frug er leiſe,„die Luft iſt rein— trinken Sie ein wenig Thee, er wird Sie erwärmen.“ Mincia dankte und trank— Mengden reichte dann dem Wirth das Glas nebſt einigen Rubeln und ſtieg in den Wagen. „In Serocki halten Sie an!“ befahl er dem Kutſcher. Die Koſaken ſchwangen ſich in die naſſen Sättel und auf's Neue ging es vorwärts. „Wie ſpät iſt es 3 frug Mincia mit einem Seufzer. Mengden ließ die Uhr repetiren.—„Ein Uhr,“ antwortete er,„drei Meilen haben wir bereits zurück⸗ gelegt— in Serocki wollen wir die Pferde wechſeln.“ Hinter Blonie konnte man der ſchlechten Wege halber nur langſam, oft nur im Schritt vorwärts kommen. Mengden bemerkte Mincia's Unruhe. „Weßhalb ängſtigen Sie ſich eigentlich ſo?“ ſprach er, ſie beſchwichtigend,„ich finde, Sie peinigen und härmen ſich ohne Grund. Jener Brief ſagt ja nur, ꝑſgꝑo——. — 86— daß Ihr Bräutigam zu Taczanowski gegangen iſt. Neh⸗ men wir an, daß er bereits dort iſt,— ſo iſt dieß immer noch kein Grund zu ſchwerer Beunruhigung, ich weiß beſtimmt, daß dort bis heute nichts Ernſtliches vorgefallen iſt und ſpäteſtens morgen früh erreichen wir die preußiſche Grenze. Kommen Sie, Mincia, ſeien Sie verſtändig! Ich weiß nicht, warum es mir ſo wehe thut, Sie leiden zu ſehen— machen Sie mir die Freude und laſſen Sie ſich ein wenig aufheitern. Wären die Umſtände nicht gar ſo ernſt, wir könnten eine ganz romantiſche Reiſe miteinander machen! Wie Mancher würde mich um meinen kleinen Kameraden hier gar ſehr beneiden!“— Ehe Mincia noch zu antworten vermochte, fiel vorn ein Schuß und gleich darauf knallte es noch einige Mal hinterher wie eine unregelmäßige Salve. Augenblicklich hielt der Wagen an, Mengden machte ſeine Arme frei und griff nach ſeinem Revolver. Der Koſakenoffizier der Bedeckung ſprengte vor. — Es war ein peinlicher Moment, man hörte rufen, fluchen und Pferdegetrappel. „Sitzen Sie ganz ſtill,“ ſprach der Adjutant kalt⸗ blütig zu ſeiner Begleiterin,„wir werden ſogleich wiſſen, was es gibt.“ O fürchten Sie nicht für mich,“ erwiederte Jene ——— ruh Ku — 87— ruhig,„ich bin eine Polin und zittre nicht vor einer Kugel.“ Der Offizier ſprengte zurück. „Was gibt's?“ frug Mengden. „Blinder Lärm,“ erwiederte derſelbe gelaſſen,„dieſe Kalpaks ſehen Geſpenſter. Paschol!“ und weiter ging es. In Serocki ſpannte man um, ohne den Kutſcher zu wechſeln, welcher mit Michael abwechſelnd die Zügel führte. Die Geliebte Bobrowski's, von Mengden’'s Arm gehalten, ſchlummerte tief, ihre zarten Finger hatten ſich feſt um deſſen Hand geſchloſſen und preßten dieſelbe bisweilen krampfhaft im Schlafe, wie es die Kinder thun; auch Mengden ſchlief manchmal eine kurze Weile lang. Zögernd begann endlich der Morgen heraufzudämmern, die Gegenſtände am Wege wurden allmälig dem Auge erkennbarer, dunkle Fichtenwälder, einzelne Ortſchaften und Gehöfte, Sümpfe und Bäume. Ein grauer, feuchter Nebel lag wie ein dichter Schleier unten am Boden. Der Regen hatte etwas nachgelaſſen, langſam trabten die dampfenden Roſſe dahin, das ſchmutzige Waſſer ſpritzte hoch unter ihren Hufen auf. Müde trabten auch die Koſakenpferde vorwärts mit geſenkten Köpfen, bis auf die Haut durchnäßt kauerten die eben ſo müden Reiter in den hohen Sätteln, die Lanze am Ellenbogen hängend. —m ————— —,—— B——ſ ——ö— Endlich tauchten die Thürme von Lowicz aus dem Dufte hervor, die Pferde griffen kräftiger aus mit einer letzten Anſpannung ihrer Kräfte und warfen die Köpfe, als witterten ſie den nahen Stall. Mincia ſchlief noch immer. Ihr Haupt war tief und tiefer herabgeſunken, bis es auf dem Schooße des Adjutanten einen feſten Ruhepunkt gefunden hatte. Nur ungern entſchloß ſich Mengden, ſie zu wecken. Vorſichtig ſchob er den Mantel zur Seite und betrach⸗ tete das Geſicht der Schläferin mit den langen, wirren Haarflechten, den glühenden Wangen und den halbge⸗ öffneten Lippen.„Wie ſchön ſie iſt!“ murmelte Meng⸗ den unwillkürlich. Die kalte Morgenluft, welche über ihr erhitztes Geſicht ſtrich, weckte ſie, ſie ſchlug die großen tiefblauen Augen auf und ſah ſich erſtaunt um. Mengden ver⸗ glich in ſeinen Gedanken dieſe ſanften Sterne mit den heißen Augen der Gräfin. „Wachen Sie auf, Kamerad,“ ſprach er aufmun⸗ ternd,„die Roſſe wittern Morgenluft und drüben kräht der Hahn!“ Mincia fuhr ein wenig verwirrt empor. „O tauſendmal Verzeihung— ich habe Sie wohl ſehr beläſtigt?“ ſprach ſie erröthend wie eine Mairoſe. „Nicht der Rede werth,“ erwiederte dieſer und ————— —— — — ——jjj ——— m. drückte ihr die Hand.„Dort liegt Lowicz,“ fuhr er er 3 dann leiſe fort, während Mincia ihre Kapuze herab⸗ d daſelbſt einigen Aufenthalt und müſſen die Eskorte I. zog, um nicht ihr Geſchlecht zu verrathen.„Wir haben 1 wechſeln, die armen Kerls werden müde genug ſein. 8 Spielen Sie Ihre Rolle gut!— Wie ſoll ich Sie 3 nennen?— Petrowski etwa?— Gut. Verſtellen Sie 3 Ihre Stimme und machen Sie große Schritte.— Sie P waren in Warſchau im Spital und kehren kaum geneſen 1 zu Ihrem Korps zurück— iſt's ſo recht?“ d Man erreichte die Stadt und hielt vor dem erſten 3 Gaſthofe. Der Ort war mit Truppen überfüllt, doch gelang es Mengden, zwei Zimmer im Hotel zu bekom⸗ 8 men. Während Mincia ſich in dem einen derſelben 1 auf das Bett warf, ganz in ihr Koſakenkoſtüm gehüllt, 3 verließ Mengden den Gaſthof, um ſich bei dem komman⸗ 1 1 direnden Offizier zu melden, ſeine Depeſchen abzugeben und eine neue Eskorte zu fordern. l⸗ 3 Es dauerte eine geraume Zeit, ehe er zurückkehrte; ſt 1 trotzdem er Alles nach Möglichkeit beſchleunigte, wurde es neun Uhr, ehe ſie weiterfuhren. Die Eskorte, welche ſie bis Kutnow begleiten ſollte, l beſtand wegen der Unſicherheit der Gegend aus hundert ſe 1 Koſaken unter einem bewährten Offizier. Hinter Lowicz beginnen ausgedehnte Sümpfe und — 90— Wälder zu beiden Seiten der Straße, welche unzählige Schlupfwinkel enthalten, in denen ſich kleinere Trupps, welche mit den Verhältniſſen der Gegend genau bekannt ſind, leicht gegen weit größere Abtheilungen mit Erfolg vertheidigen können. Mengden hatte erfahren, daß eine Menge ſolcher Guerillabanden die Wege unſicher machten, welche bald hier bald dort hervorbrachen, um eben ſo ſchnell, je nach Umſtänden, wieder ſpurlos zu verſchwinden. Er traf daher beſondere Vorſichtsmaßregeln für ſeine weitere Reiſe. Er theilte ſeine Begleitung in zwei Haufen zu je fünfzig Mann, von denen der eine dreihundert Schritte vor, der andere dicht hinter dem Wagen ritt. Unangefochten kamen ſie ſo bis an den kleinen Ort Plecka. Dicht hinter dieſem Orte fanden ſie die Brücke über einen kleinen ſchlammigen Bach ab⸗ getragen und mußten denſelben durchfuhrten, was nicht ohne Schwierigkeit von Statten ging. Die Koſaken ſetzten theils watend, theils ſpringend hinüber, der Wagen aber blieb ſtecken und mußte erſt durch einige mit Kantſchuhieben herbeigeholte Bauern wieder in Gang gebracht werden. Als man kaum dieſes Hinderniß überwunden hatte, ſah Mengden, wie vorne ſeine Be⸗ gleitung plötzlich anhielt. Augenblicklich ſtand auch der Wagen ſtill. Mengden ſprang herab und ſtieg, — 91— ſeinen Säbel umſchnallend, auf eine kleine Erhöhung neben der Straße. In der nächſten Minute befand ſich der Koſakenoffizier auf ſchäumendem Pferde an ſeiner Seite. „Herr Kapitän, dort vorne im Walde iſt's nicht richtig, ich ſah Berittene hin und her galoppiren und erblickte einige Menſchen unter den Bäumen.“ Mengden nahm ſeinen Krimſtecher aus dem Futteral und ſchaute aufmerkſam nach einer Baumgruppe hinüber, welche als die Spitze eines größeren Gehölzes auf etwa tauſend Schritte Entfernung vor ihnen lag. Durch ſein vortreffliches Glas nahm er allerdings einige Berittene wahr, deren viereckige Mützen dieſelben als Inſurgenten kennzeichneten, ſodann erblickte er ein— zelne kleine Abtheilungen hier und da im Walde, welche theils mit Gewehren, theils mit Senſen bewaffnet waren. Die Anzahl derſelben ſchien ihm indeſſen keines⸗ wegs groß genug, um ihn an einem weiteren Vorrücken verhindern zu können. Er theilte dieſe Bemerkungen dem Offizier mit, befahl ihm, noch fünfundzwanzig Mann von den hinter dem Wagen haltenden Koſaken nach vorn zu ſenden und ſodann den Durchgang mit Waffengewalt zu erzwingen. Nicht zehn Minuten ſpäter fielen vorn die erſten — 92— Schüſſe und der Zug rückte langſam vorwärts. Meng⸗ den, neben dem Wagen herſchreitend, beobachtete ſo gut er es vermochte den Gang des Scharmützels. Mincia ſaß blaß, mit klopfendem Herzen im Wagen. Michael war herabgeſprungen und ging neben den Köpfen der Pferde her, während der alte Kutſcher oben auf dem Bock ruhig ſeine Pfeife rauchte und keine Miene verzog. So erreichte man langſam das Gehölz und näherte ſich einem einzelnen größeren Gehöfte, welches rechts hart am Wege lag. Die Straße dahin bildete eine Art von ſanft ab⸗ fallendem Hohlweg und war auf beiden Rändern mit dichtem Gebüſch bewachſen, man konnte von dem höchſten Punkte derſelben aus ganz deutlich überſehen, was vorn ſich ereignete. Ein Theil der Koſaken war abgeſeſſen und plän⸗ kelte gegen die nächſten Baumgruppen, ſie feuerten leb⸗ haft aus ihren langen einläufigen Gewehren und trieben den Gegner, der im Beſitz nur weniger Feuerwaffen zu ſein ſchien, langſam vor ſich her, die Uebrigen be⸗ gannen jenes Gehöft zu umreiten und Eingang in den Hof zu ſuchen. Derſelbe war ſcheinbar unbeſetzt, indeſſen die Ko⸗ ſaken, den kleinen Krieg und die Tücke der Polen wohl kennend, beobachteten alle nur möglichen Vorſichtsmaß⸗ —y— — 93— deckten ſich ſo gut wie möglich durch das Terrain regeln, hielten in einiger Entfernung eine Reſerve von und etwa zwanzig Reitern. Sie thaten wohl daran, denn mit einem Male ſchauten überall die Pelzmützen über die niedrige Mauer herüber, Gewehrläufe wurden ſichtbar und ganze Salven wurden auf die Soldaten abgefeuert. Mengden, ſein Feuer kaum noch zügelnd, war eben im Begriff, nach vorn zu eilen, als Schüſſe ganz in ſeiner Nähe ſeitwärts im Walde ihn zum Bleiben be⸗ wogen. Er ſprang die Böſchung am Wege hinauf, den Revolver ſchußbereit in der Hand, und bemerkte mit Schrecken, wie die zu Fuße kämpfenden Koſaken eiligſt zurückgingen. Seine Zurufe waren vergeblich, die In⸗ ſurgenten, welche ſchnell, ihnen beinahe auf den Ferſen folgend, vordrangen, gaben ihnen keine Zeit, denſelben Folge zu leiſten. Die Lage des Detachements war hierdurch überaus kritiſch. Mengden befahl deßhalb, den Wagen umzukehren und mit dem Reſt der Koſaken ſich ſchnell aus dem Feuerbereich zu begeben; ehe man aber hiermit zu Stande kam, fielen ſchon aus nächſter Nähe Schüſſe— eine Kugel warf das Deichſelpferd nieder, eine andere ſchlug durch die Wagendecke. Michael, ohne ſich eine 94— Minute zu beſinnen, riß ſein Meſſer heraus und be⸗ gann die Stränge zu durchſchneiden, während Mengden voller Beſorgniß den Abhang herabſprang, um ſelbſt mit Hand anzulegen, damit der Wagen mit dem er⸗ ſchrockenen Mädchen in Sicherheit käme; aber Alles war umſonſt, die Koſaken kamen ſchon eilig auf die Chauſſee zugeeilt und auch die Berittenen vorn machten Anſtalten, ſich ſchleunigſt zurückzuziehen, um nicht abgeſchnitten zu werden. In dieſem gefahrvollen Augenblicke ſprang Jan, welcher bis dahin die Leinen der unruhigen Pferde feſt in ſeinen Händen gehalten hatte, vom Bock herab,— Mengden, welcher anfangs glaubte, daß er ihnen helfen wollte, den Wagen herumzudrehen, war nicht wenig er⸗ ſtaunt, ihn ohne Weiteres die Böſchung hinauflaufen zu ſehen, wo er ſchnell hinter den Büſchen verſchwand. „Der Feigling— ſeine Angſt treibt ihn den Koſſyniers gerade in den Rachen,“ brummte verächtlich der Adjutant über das Geſchirr gebückt. „Durak!“ rief auch Michaele ingrimmig mit der Fauſt hinter ihm her drohend— aber was half es, der Kutſcher war fort, man mußte ſich ohne ihn behelfen! Mit der größten Anſtrengung hatte man das Fahrzeug endlich einige Schritte unter dem Feuer des 2 r —— — 95— Feindes zurückgebracht, da zeigte ſich ganz dicht in der Flanke eine neue ſtärkere Abtheilung. Die Koſaken, nicht im Stande, die ſteile Böſchung hinauf zu attakiren und ſchlechte Kämpfer zu Fuß, ge— riethen hierdurch in die größte Verwirrung, ſie ſchoſſen nach allen Richtungen und ſchrieen wild durcheinander, die Pferde drängten ſich auf der ſchmalen Straße und ſchlugen hinten aus, hier und da brach auch ein Thier zuſammen und wurde ein Sattel leer durch eine feind— liche Kugel, der Offizier bemühte ſich vergebens, Ord⸗ nung in dieſes Gedränge zu ſchaffen, und die Gefahr ſtieg auf das Allerhöchſte. Mengden ſah kaum den Wagen in Bewegung, als er auch ſchon, die ganze Größe derſelben erkennend, einem Theil der Reiter abzuſitzen befahl. Sich an die Spitze derſelben ſtellend und den Säbel ziehend, warf er ſich furchtlos dem Feinde entgegen. Dieſe Attake, eigentlich nur zu dem Zwecke unter⸗ nommen, dem Detachement Luft zu ſchaffen, hatte einen ganz ungeahnten Erfolg; ohne einen bemerkbaren Grund nämlich zog ſich der Gegner nach einer kurzen Weile, faſt ohne einen Schuß zu thun, vor demſelben zurück und verſchwand bald im Dunkel des Waldes. Die Gefahr war ſomit vorüber.— Staunend ſah Mengden, wie die weit überlegenen Inſurgenten vor 96— ihm die Flucht ergriffen; doch hielt er es nicht für ge⸗ rathen, ſie weiter als nöthig zu verfolgen. Anfangs glaubte er an eine Liſt, aber nach einer Viertelſtunde bemerkte er ganz deutlich, wie der Feind über eine Waldblöße ziehend ruhig von dannen marſchirte. In Folge deſſen befahl auch er den Rückzug und zog ſich langſam auf ſeinen Haupttrupp zurück. „Dießmal hat uns der Himmel noch gnädig be— ſchützt,“ ſprach er zu dem Koſakenoffizier, welcher ihm entgegengeritten kam und Mengden zu ſeinem kecken Vorgehen gratulirte.„Gehängt will ich werden, wenn ich eine Ahnung habe, weßhalb jene Burſchen ſich von mir werfen ließen.“ „Vielleicht haben ſie Nachricht bekommen, daß irgendwo in ihrem Rücken nicht Alles in Ordnung iſt, es ſtehen hier überall einzelne Kommandos in der Gegend,“ erwiederte dieſer—„leider haben wir nicht unerhebliche Verluſte durch dieſe verd...... gehabt, vier Mann ſind todt und elf mehr oder weni⸗ ger verwundet.“ „Bindet die Letzteren auf die Pferde und dann ſo raſch als möglich vorwärts!“ befahl Mengden mit einer Miene des Bedauerns. Einen Augenblick ſpäter ſtand er neben dem Wagen. ——— ⸗ 97— „Nun, Kamerad, das Feuer iſt vorüber!“ rief er in deſſen Inneres hinein; der kleine Offizier, der darin, nickte langſam mit dem Kopfe.—„Armer Freund!— verlieren Sie den Muth nicht,“ fuhr er mit Bedeutung fort,„ich denke, nun geht es luſtig wieder vorwärts, die Gefahr iſt vorüber.“ In dieſem Augenblick wurde er Jan gewahr, der ruhig wieder neben den Pferden ſtand und dem friſch eingeſpannten Koſakengaul die Zügel einſchnallte. „Ei ſieh doch, mein Freund,— iſt Er wieder da?!“ ſprach er, ſich zornig zu Jenem wendend und ihn am 4 Arme erfaſſend,„wo waren wir denn ſo ſchleunig hin verſchwunden?“ Jan drehte ſein eiſernes Geſicht dem fu anhe zu und rührte ſich nicht von der Stelle.„Ich wollt nur dem Kerl eins auswiſchen, der uns den Gaul er ſchoß,“ erwiederte er trocken. G„Was, ohne Waffen?“ rief M zengden ärgerlich über eine ſo handgreifliche Lüge. Ruhig ſchlug Jan den Mantel zurück und brachte ein altes Reiterpiſtol zum Vorſchein, deſſen Mündung und Schloß noch ſchwarz waren von einem friſch abge⸗ feuerten Schuſſe:„Hier!“ ſprach er ingrimmig und ließ den Mantelſchoß wieder herabfallen. „Ah, mein Braver!“ lachte Mengden—„nimm Van Dewall, Eine große Dame. II. 7 — 98— nicht übel, wir hielten Dich für einen Ausreißer,— ein andermal bleib' aber hübſch bei Deinen Pferden und überlaß uns das Andere.“ Jan lachte noch ingrimmiger und ſeine kleinen grauen Augen funkelten, während er auf den Bock zu Michael kletterte. Ohne weiteren Aufenthalt ſetzte ſich der Zug abermals in Bewegung. „Armes Mädchen, welche Angſt haben Sie aus⸗ geſtanden!“ ſprach Mengden leiſe, indem er Mincia's Kapuze ein wenig entfernte und einen Blick von ihr zu erhaſchen ſuchte. Er ſah ihr liebliches Geſicht, bleich, aber doch gefaßt, in ihren Augen prägte ſich eher Freude und Dank als Furcht aus. „Gottlob, daß der Himmel Sie behütete,“ ſprach ſie mit Innigkeit und preßte ſeine Hand—„o möchte er alle guten Menſchen ſo beſchirmen!“ „Wahrlich, Kamerad, Sie haben außerordentlich kaltes Blut,“ ſprach er laut,„denn, genau genommen, ſaßen wir in einer ſchönen Patſche und auf meine Ehre, ich weiß bis jetzt noch nicht, warum uns die Inſur⸗ genten nicht in dieſer Mauſefalle ſämmtlich gefangen nahmen. Faſt möchte ich an ein Wunder glauben,— ſie zogen ab beinahe ohne einen Schuß zu thun und ohne einen irgendwie ſichtbaren Grund. Haben Sie vielleicht wie Aaron uns einen Stab empor gehalten?“ — —ꝙ———— Mincia lächelte ganz eigenthümlich bei dieſen letzten Worten:„Und wenn dem ſo wäre!“ ſprach ſie nach einigem Zögern. „O ich weiß wohl, daß Sie zaubern können!“ erwiederte Mengden in ſeinen ſcherzenden Ton zurück fallend— aber Mincia's eigenthümlichen Geſichtsaus— druck bemerkend, ſtockte er ſchnell und frug:„Was haben Sie?— Sie verbergen mir Etwas?“ „Dieſes Mal wachte wirklich ein Schutzengel über Ihnen und den Ihrigen— dort ſitzt er!“ ſie zeigte auf Jan. „Wie ſoll ich das verſtehen?“ frug Mengden, deſſen Neugierde rege wurde, das Mädchen erſtaunt und ungläubig anſchauend. „Sie verlangten heute Nacht von mir die ver⸗ ſprochenen Aufklärungen über meine Perſon— ich bin bereit, ſie Ihnen jetzt zu geben, in der Hoffnung, daß Sie mir Ihre Freundſchaft und Ihr Vertrauen nicht entziehen. Dafür, daß Sie ſchweigen und mich nicht verrathen werden, bürgt mir Ma Charakter. So hören Sie denn—“ und an ſeine Schulter gelehnt begann Mincia zu erzählen, von ihrer Kindheit, ihrer Heimat, von ihren Eltern und ihrer erſten Bekannt⸗ ſchaft mit ihrem Bräutigam. Sie nannte ihm ihren wirklichen Namen, den einer der edelſten Familien — 100— Polens,— den ihres Geliebten verſchwieg ſie, doch ſagte ſie Mengden, daß derſelbe unter einem angenomme⸗ nen Namen in Warſchau gelebt habe und daß ein Eid ihr verbiete, etwas Weiteres hierüber zu verrathen.— Mengden hörte ihr mit der größten Spannung zu, ohne ſie zu unterbrechen, aber ihre Hand ruhte in der ſeinigen. „Stanislaus Winiewski,“ fuhr ſie fort,„hatte Medizin ſtudirt und beabſichtigte, ſich im Großherzog⸗ thume eine Praxis zu ſuchen und einen Hausſtand zu gründen, um mich zu heirathen, denn mein Vater war todt und meine Mutter beſaß nur ein geringes Vermögen, mein Vater hatte es leider nicht verſtanden zu ſparen. „Da kam im Jahre 1861 die nationale Bewegung in Ruſſiſchpolen in Fluß. Mein Geliebter, eng be— freundet mit einigen Mitgliedern der europäiſchen Revo⸗ lutionspropaganda und von einem glühenden Patriotis⸗ mus beſeelt, gab ſeine urſprünglichen Pläne auf deren Drängen auf und reiste nach Warſchau. Bald war er dort einer von den Müern welche an der Spitze der Bewegung ſtanden und im Geheimen Alles vorbereiteten zu einer Befreiung unſeres zerriſſenen und geknechteten Vaterlandes.“ Mengden horchte mit der geſpannteſten Aufmerk⸗ ſamkeit und Unruhe. ———— — 101 gte ne⸗ 1 Sie erzählte weiter, wie ſie, ſeinen dringenden Eid und fortgeſetzten Bitten nachgebend, endlich ihm nach— gereist ſei und einige Zeit bei einer betagten weit⸗ zu, läufigen Verwandten gelebt hätte und wie ſie endlich dr in das Haus der Gräfin P. gekommen ſei. „Die Wogen der Revolution ſchlugen über uns. tte Beiden zuſammen,“—— fuhr ſie fort,„aus ſeiner 9f Geliebten wurde ich ſeine Gehülfin.— O ſehen Sie 8 mich nicht ſo ſtrafend an, laſſen Sie mir dieſe Hand und glauben Sie mir, daß ich meine Stellung in jenem Hauſe nur benützt habe, um Thränen zu trocknen und 4 unnützes Blutvergießen zu verhüten. Vor den Men— 4 ſchen bir ich ſtraſbar, verächtlich, ich weiß es wohl— be vor Gott aber und meinem Gewiſſen bin ich rein! „Fehlte ich, ſo fehlte ich aus Liebe zu einem viel⸗ 0 leicht irregeleiteten, aber edlen Manne und meine Fehler ins habe ich mit blutigen Thränen geſühnt. 6*„Mein Geliebter denkt groß. Er iſt es, der Ver⸗ Pi 1 räther beſtraft, aber Verbrechgg verhütete, er benach⸗ der richtigte an jenem Ballabende den Chef der Polizei von rien dem beabſichtigten Blutbade, er ſelbſt in den Kleidern dirn 3 eines Domeſtiken befand ſich im Schloſſe, um Unheil. zu verhüten und jene Raſenden zurückzuhalten mit Ge⸗ nerk fahr ſeines Lebens. „Winiewski hatte Feinde. Die Zwietracht im — — 102— Schooße der leitenden Parteien wurde bitter von ihm getadelt, die kleinlichen Ränke und Intriguen hirnloſer Ehrgeiziger und Abenteurer ſchonungslos bloßgelegt— er begann für ſeine eigene Sicherheit zu fürchten. „Damals war es, als ich Sie um einen Paß für ihn bat, das Uebrige wiſſen Sie. Er entwich aus Warſchau, er floh nicht vor den Ruſſen, ſondern vor ſeinen eigenen Landsleuten.— Gott allein weiß, was Alles in ſeinem Herzen vorging und welche Gründe ihn bewogen, ſo eilig abzureiſen— mich zu verlaſſen, ohne einen Kuß, ein Wort des Abſchieds!— Ich nur kann es empfinden, was er gelitten hat, kann wiſſen, wie dringend jene Urſachen geweſen ſein müſſen, um ihn ſo plötzlich aus ſeiner zweiten Heimat fortzutreiben.— „Ein Glück, ein Troſt, daß ich Sie kennen lernte! — Man hatte mir einſt aufgetragen, keine Mittel, keine Mühe zu ſcheuen, Sie auszuforſchen— ich vermochte es nicht, nachdem ich erkannt hatte, daß unter Ihrer Uniform das Herz einezedlen Menſchen ſchlug.——— Nun ſagte ich Ihnen Alles; alles Andere wiſſen Sie,“ ſprach Mincia zitternd——„nun erwarte ich von Ihren Lippen mein Urtheil!“ Es trat eine lange Stille ein zwiſchen Beiden. „und Jener dort?“ frug Mengden. „Jener Mann iſt Jan, der Bediente, der Ver⸗ — 103— traute meines Geliebten— er iſt treu wie Gold, in tauſend ſchwierigen Lagen erprobt. Ich nahm ihn mit mir in der Hoffnung, daß er uns nützlich ſein könnte. — Als er vorhin im Augenblicke der Gefahr davon zu laufen ſchien— da rettete er Sie und die Ihrigen vor dem Tode oder Gefangenſchaft, er eilte in die Reihen ſeiner Landsleute— gar Viele kennen ihn— ein Wort von ihm und ſie ließen von uns ab und zogen von dannen.“ Mengden ſah unwillkürlich hinüber zu jenem Alten, der ruhig in ſeinem grauen Mantel und der Pelzmütze vor ihm auf dem Strohſitz ſaß, und betrachtete ihn mit leicht erklärbarem Intereſſe und Staunen. Endlich wandte er ſich wieder zu Mincia— er begegnete ihrem flehenden Blicke— „Wunderbares Mädchen!“ ſprach er ernſt—„ich will nicht richten zwiſchen Dir und mir— wenn Dein Herz, Deine Liebe zu jenem Manne Dich irreleitete— wir fehlen ja Alle und Gokt allein vermag zu ſagen, was Recht, was Unrecht iſt.—— Ach, glücklich der Mann, der ſo geliebt wird!“ Der Buſen Mincia's hob ſich ſtürmiſch, ein ver⸗ klärtes Lächeln glitt über ihre Züge, dann alles Andere um ſich her vergeſſend ſchlang ſie ihre Arme um Meng⸗ ———...——— ———.—ᷣ—ᷣ—ÿ—ÿ—ÿ—ÿ—ꝛ—ꝛ—ᷣ—ꝛ—ꝛ—ꝛ;-F=UBͤ———— ——ʒ—— 2— 104— den's Hals und preßte ihr Haupt an ſeine Bruſt. „O Dank, tauſend Dank!“ ſtammelte ſie—„o möge der Allmächtige mir geſtatten, Ihnen Alles zu vergelten, was Sie an mir gethan in dieſem Augenblicke— o laß mich Deine Schweſter ſein, Deine treue, zärtliche 4 Schweſter!“ Mengden richtete ſanft ihr ſchönes Haupt empor und nickte ihr zu, auch in ſeinen Augen ſtanden die 1 Thränen, er ſtrich ihr leiſe die Haare aus dem Geſicht und küßte ſie ſanft auf die Stirn.„Es ſei ſo— ich nehme Dich beim Wort, meine kleine Schweſter,“ ſprach— er herzlich, dann zog er die Kapuze vorſichtig wieder über ihr Geſicht und ſchlang ſeinen Arm um ſie. In dieſem Augenblicke dachte er an Alexandra und wieder machte er unfreiwillige Vergleiche.— Wie ſo verſchieden waren ſie doch, dieſe beiden Frauen, wie verſchieden ihre Schönheit, ihr Charakter und ihre Art, zu fühlen und zu denken! Traulich ſaßen dieſe beiden Menſchen dann nach⸗ barlich bei einander, ſprachen ſie und, ihre Schleuſen 3 einmal geöffnet, ergoſſen ſie ſich ſchrankenlos in einander. Wie verſchieden waren doch ihre Lebenswege, ihre Wünſche und Intereſſen, aber auf der kleinen Strecke deſſelben, den ſie das Geſchick zuſammengehen hieß, ſchloſſen ſie den Bund der innigſten Freundſchaft, der ruſſiſche Offi⸗ —— — — A — —-— Y * —— — 105— zier und die Geliebte des geheimen Stadtchefs.— Ja, in der That, es gibt eine Freimaurerei edler Seelen und geheime Zeichen, an welchen ſich die Guten erkennen unter jedem Kleide der Welt! In Kutno wurde wieder geraſtet und zu Mittag gegeſſen, Pferde und Eskorte gewechſelt; um fünf Uhr Abends ging es weiter und um zehn Uhr wurde Kolo erreicht, ohne daß etwas Bemerkenswerthes ſich ereignet hätte. Kolo iſt nur noch acht Meilen von der preußi⸗ ſchen Grenze entfernt; wenn nicht beſondere Hinderniſſe oder Verzögerungen eintraten, durfte man rechnen, am nächſten Morgen mit Tagesanbruch das Hauptquartier des Generals Brunner in Zagorow an der Warthe zu erreichen, doch machte das Herumtreiben zahlreicher Ban⸗ den in jener Gegend die Fahrt wiederum gefährlich und mahnte dringend zur Vorſicht. Je näher ſie dem Ziele ihrer Reiſe kamen, deſto mehr ſteigerte ſich Mincia's Aufregung trotz Mengden's Bemühungen, dieſelbe zu verſcheuchen. Vor Zagorow mußte man ſich trennen, auch dieſe Trennung fiel dem Mädchen ſchwer. Sie bat Mengden wohl hundertmal, ihr zu ſchreiben, und gab ihm die Adreſſe ihrer Mutter, ſie verſprach ihm ebenſo Nachricht von ſich ſelbſt zu — 106— geben. Gern hätte ſie ihn ſchließlich noch vor der Gräfin gewarnt, deren Charakter ſie durchſchaute, das Verhältniß Mengden's zu derſelben ſchien ihr verhäng⸗ nißvoll und gefährlich, aber ſie ſchwieg aus Zart⸗ gefühl, der Name der Generalin wurde nicht genannt zwiſchen ihnen. Beide ſchliefen nur wenig— ein paarmal gab's auch wieder blinden Lärm, indeſſen erreichten ſie, ohne angegriffen zu werden, den Ort Lavek, eine halbe Meile von Zagorow. Mengden ließ halten und trat mit Mincia in die kleine Schänke am Wege, Michael folgte mit dem Mantelſack des Koſakenoffiziers. In der niedrigen, dumpfigen Stube ſagten ſich die Beiden Lebewohl. Nincia hing lange ſchluchzend an dem Halſe ihres neugewonnenen Bruders und konnte ſich nicht los⸗ reißen.„O, möchten wir uns glücklich wiederſehen!“ rief ſie mehrere Male mit halberſtickter Stimme.——— Endlich trat Mengden wieder auf die Gaſſe. Er befahl Michael, die Zügel zu nehmen, und Jan, zu dem kranken Offizier zu gehen, da er der Einzige wäre, der Polniſch verſtände und mit dem Volke hier reden könnte; dann ſetzte er ſich in den Wagen und fuhr davon. Eine halbe Stunde ſpäter verließ auch Mincia — — 102— mit Jan auf einem Bauernwagen den Ort. Unter ihrem langen Soldatenmantel trug ſie Frauenkleider, und während Mengden gen Süden fuhr, eilte ſie nach Weſten der Grenze entgegen. — 5 6 5 — Zwanzigſtes Kapitel. Kn dem Abende, an welchem der Adjutant mit ſeinen Depeſchen Warſchau verließ, ſaß die Gräfin in ihrem üppigen Schlafkabinet und ließ ſich von der Amme die Haare für die Nacht friſiren, während die blonde Saſchinka, vor ihr am Boden knieend, ihre kleinen, wachsweißen Füße mit einem wollenen Lappen frottirte. Alexandra ſtarrte trübe vor ſich hin und hörte nicht auf das Geſchwätz der Amme, ſie dachte an Mengden. Nicht, daß ihre Gedanken ihn mit jener zarten und hingebenden Frauenliebe begleitet hätten, die jedem Schritte, jedem Gedanken des Geliebten folgt, die ihm nacheilt über Berg und Meer mit einem heißen Gebet oder einer zärtlichen Sorge im Herzen— nein— man hatte ihr Mengden genommen— er war nicht da, ſie konnte ihn nicht faſſen, nicht ſchauen, ihre Hände konnten ihn nicht an ſich ziehen, ihre Lippen ihn nicht —= — 109— küſſen, man hatte ein himmelſchreiendes Unrecht an ihr begangen— ſie war mehr noch zornig als betrübt. Wer ſollte nun die langen Stunden ausfüllen, bis er wiederkehrte, und wenn ihm nun gar etwas zuſtieß unterwegs!— Sie zog das ſchwere goldene Armband unter den weiten Falten des Nachtkleides hervor, öffnete die Kapſel und ſchaute das Bild des geliebten Mannes an, welches dieſelbe verbarg. Ihr Auge wurde ſchmachtend, ihr Buſen hob und ſenkte ſich lebhafter.— Plötzlich flog eine finſtere Wolke über ihre Züge, ihr ganzer Ausdruck ſchien mit einem Schlage verändert. Ihre Augen ſchoſſen Blitze, die Brauen zogen ſich zu⸗ ſammen und der Mund verzerrte ſich, ſo daß man die weißen Zähne ſchimmern ſah.„Abſcheuliche Kreatur!“ rief ſie zornig und ſchleuderte Saſchinka mit einem kräftigen Fußſtoße zurück,„wie kannſt Du ſo unge⸗ ſchickt ſein, mir Schmerz zu machen! Nimm Deine groben Hände von meinem Knöchel, pack' Dich!“— Die kleine Ruſſin erhob ſich ganz verwirrt vom Erdboden und ging weinend hinaus. Die Gräfin be⸗ trachtete ärgerlich einen kleinen rothen Fleck an ihrer Ferſe und fuhr fort, das Mädchen zu ſchmähen, während Annuſchka ſie zu beſchwichtigen ſuchte, indem ſie eben— falls auf daſſelbe ſchalt und der jungen Frau gut zu⸗ redete, wie man dieß bei kleinen Kindern thut. 2 * ——— — — 440— Bald darauf trat der General herein.— Er pflegte alle Abende ſeine ſchöne Gattin noch einmal zu ſehen, ehe ſie ſich niederlegte. Siſi ging ihm knurrend ent⸗ gegen, Alexandra betrachtete ihn mit gerunzelten Augen⸗ brauen und untergeſchlagenen Armen. Wie alt, wie häßlich dünkte er ihr gerade heute, wie ordinär waren ſeine Geſichtszüge! Und an dieſen alten Mann war ſie geſchmiedet, ihm hatte man ihr blühendes Leben verhandelt für eine Penſion von zwölf⸗ tauſend Rubel!?—— Sie ſchauderte. Der General bemerkte gar wohl ihre Eiſeskälte und ihre gereizte Stimmung, aber er war viel zu klug, um dieſe Launen durch begütigende Worte noch mehr zu ſchüren— er beſaß die ganze Feinheit und Ver— ſchlagenheit des Ruſſen, an ſeiner tadelloſen Höflichkeit prallten alle jene Pfeile machtlos ab. Er liebte das ſchöne junge Weib, wie ein Bettler die Sonne liebt, er hütete ſie wie einen koſtbaren Schatz— er wußte recht gut, ſie konnte einem Manne von fünfundſechzig Jahren nicht mit der Glut ihrer Jahre zugethan ſein, aber er wollte ſein ſchönſtes Kleinod ſich unter allen Umſtänden bewahren! Der geringſte häusliche Streit hätte bei Alexandra's heißblütigem Naturell leicht die unberechenbarſten Folgen haben können— er wich dem⸗ ſelben ſtets mit einer bewundernswürdigen Ruhe aus. — 141— Er ſtritt niemals mit ſeiner Frau. Er war der gü⸗ tigſte und galanteſte Ehemann— ſeine ſtahlblank po⸗ lirten Formen gaben nirgends einen Punkt zu einem Angriff für Alexandra's Geſchoſſe. So war es auch heute.— Der Graf kam nur, um ſeiner Frau die Hand zu küſſen und ſich nach ihrem Befinden und nach ihren Befehlen für den folgenden Tag zu erkundigen. Er fand ihr Ausſehen entzückend, und ohne Platz zu nehmen ſagte er ihr nach zehn Minuten gute Nacht. Mit ernſter Stirn, aber ruhigen Schritten ging er auf ſein Zimmer und ſetzte ſich in einen hohen le⸗ dernen Stuhl. Er ergriff die Zeitung und las eine Weile, dann legte er dieſelbe wieder bei Seite. Seine Gedanken kehrten zu ſeiner Frau zurück. Er fand ſie ſeit einigen Wochen auffallend verändert. Er wußte, daß ſie ſich für Mengden intereſſirte, aber er war viel zu klug, um zu glauben, daß er ein Mo— nopol auf die Gefühle ſeiner Gattin habe. Mengden war ein charmanter und liebenswürdiger Kavalier, warum ſollte ſie nicht Gefallen an ihm finden? Gefiel er ihm doch ſelbſt. War ſein Benehmen, ſein Cifer für den Dienſt und für ſeine eigene Perſon nicht ohne allen Tadel, ſah ſeine Frau nicht zum Entzücken ſchön aus, wenn ſie mit dem ſtattlichen Offizier tanzte oder lebende — 112— Bilder ſtellte? Schwoll ſein Herz nicht vor befriedigter Eitelkeit, das Kleinod Alexandra in einer ſo prächtigen Faſſung zu bewundern und bewundert zu ſehen— der alte Herr war ſeinem Adjutanten nur dankbar, es kam ihm auch nicht einen Augenblick der Gedanke in den Sinn, daß ſie Beide ihn hintergehen könnten. Er verlangte von ſeiner Frau nur, daß ſie ſeinen Lebensabend verſchönerte— ſeine alten Augen waideten ſich an ihren ſtrahlenden Reizen— für ihre Sprödig⸗ keit entſchädigte er ſich leicht bei der gefälligeren Zofe. Dieſe zu ſehen hatte er in der letzten Zeit nur wenig Gelegenheit gehabt— als ſie heute noch ſpät in ſeinem Zimmer erſchien mit einem Präſentirteller in der Hand, auf welchem ein Pokal mit heißem Thee— punſch dampfte, hielt er ſie eine Weile zurück und plauderte mit ihr— die geſtrenge Excellenz legte die Löwenhaut für eine Weile ab und zeigte ſich im Hauskoſtüm. Man erkannte den gefürchteten General in dieſer Rolle kaum wieder. Er wurde beredt, witzig— er lächelte erſt, dann lachte er, das blendende Wortgeprunke der pariſer Putzmachermamſell amüſirte ihn und regte ihn an wie eine Flaſche Cliquot, er fing ſelber an zu ſprudeln, und ſein derber Soldatenhumor wurde bis⸗ weilen unterbrochen durch wahre Gedankenblitze.— Excellenz ſchien um zehn Jahre jünger ſo— Made⸗ dade⸗ moiſelle Juliette ſagte um fünfundzwanzig Jahre. Auf tauſenderlei Arten verſuchte es dann die intrigante Perſon, als ſie den General in guter Laune ſah— das Geſpräch auf ſeine Gattin zu bringen, ſie war uner— ſchöpflich in allerland Umſchweifen und wand ſich wie eine Schlange hin und her, um dieſen Zweck zu er— reichen; aber der Graf war ein überlegener Kämpe, er warf ſie auf allen Linien zurück, er litt es nie, daß die Zofe ihrer in ſolchen geheimen Stunden erwähnte, und ſo ſchwer es Jener auch wurde, dieſes intereſſante Kapitel unerwähnt zu laſſen— ſie mußte ihrer Zunge auch dießmal einen Zaum anlegen. Dafür wußte es aber am andern Mittage ſchon der Oberſtlieutenant von Moroſielzoff, daß die Gräfin von Mengden ein prachtvolles Medaillon bekommen hatte,— er gab ihr für dieſe Nachricht abermals drei Goldſtücke und ſchwoll vor Neid und Zorn wie eine giftige Kröte. Am vierten Tage früh war Mengden glücklich zurückgekehrt. Der General empfing ihn herzlich und war wahrhaft froh, den jungen Mann geſund wieder vor ſich zu ſehen, Muſſa warf ſich ihm jubelnd um den Hals und lud ihn zum Frühſtück ein, die Gräfin em— pfing ihn höflich, denn ſie hatte Beſuch— aber am Nachmittage ſah er ſie insgeheim bei der Generalin Banjutoff— da entſchädigte ſie ihn und ſich. Van Dewall, Eine große Dame. II. 8 ———-ʒ—— 114— Sie fand Mengden auffallend ernſt und verändert. Sie ſchob das auf die Anſtrengungen der Reiſe und hoffte, er würde in kurzer Zeit ſich wieder erholt haben. In der That war Mengden ſeit jener Reiſe wie verwandelt. Seine Gedanken beſchäftigten ſich viel mit jenem kleinen Koſakenoffizier, der ſo vertrauend an ſeinem Herzen geruht hatte— mit dem Schickſale ſeiner neugewonnenen Schweſter. Er ſah immer noch ihr liebliches, bekümmertes Geſicht und die ſprechenden, un— ergründlichen Augen, er fühlte noch den Druck ihrer kleinen Finger, wie ſie ihn im Schlafe preßten, er ver⸗ nahm ihre ſanfte, zu Herzen gehende Stimme. Eine Welt von Gefühl— ein tiefes, edles Frauen⸗ herz hatte ſich ihm in den wenigen Stunden erſchloſſen, er hatte hinabgeſchaut in den unergründlichen Born der Seele eines liebenden Weibes. Dreimal glücklicher Winiewski! dachte er und ſeine Gedanken wanderten dann zur Gräfin und machten wieder Vergleiche, und ſie fielen keineswegs immer zu deren Gunſten aus. Alexandra empfand mit dem Inſtinkte eines ver⸗ liebten Weibes, daß etwas Fremdes in dem Innern ihres Geliebten vorgehe, und erſchöpfte ſich in Be⸗ mühungen, daſſelbe nicht aufkommen zu laſſen. Mit fieberhaftem Eifer ſchürte ſie die herabgebrannte Glut, ſie war unerſchöpflich in ihren Liebesbeweiſen, und ſo rauen⸗ loſſen, en der klicher derten 2, und us. es ver⸗ Innern — 145— gelang es ihr auf kurze Zeit, Mengden wieder in den Taumel hineinzuziehen, der ihn unfähig machte, ſich mit etwas Anderem zu beſchäftigen als mit ihr, und klar zu ſehen.— Wo er auch hinſchauen mochte— überall ſchaute er in ihre Augen, ſie ließ ihn nirgends ent— ſchlüpfen aus dieſem Zauberkreiſe. Nur wenn Mengden Abends auf ſein Zimmer zurückkehrte, hielt er Einkehr und dachte an Mincia, und ſo ſetzte er ſich denn hin und ſchrieb ihr den ver— ſprochenen Brief. Nach wenigen Tagen brachte ihm ein Kommiſſionär als Antwort einen ſchwarzgeſiegelten Brief ohne jede Adreſſe. Er erbrach denſelben mit einer trüben Vorahnung und erkannte Mincia's Hand⸗ ſchrift. Es war ein herzzerreißender Schmerzensſchrei des ſchwer geprüften Mädchens. Sie ſchrieb ihm, daß ſie ihren Geliebten bei Taczanowski nicht gefunden habe, in Folge deſſen ſei ſie nach Poſen zu ihrer Mutter geeilt und habe dort erfahren, daß das Entſetzlichſte geſchehen war. Ihre Vorahnungen hatten ſie nicht ge⸗ täuſcht. 3 Stanislaus Winiewski war im Walde von Laczezin von einem politiſchen Gegner im Duell erſchoſſen worden. „Auf dem kleinen Kirchhof des Dorfes in einer Mauerecke liegt der edelſte der Menſchen begraben— ſo ſchrieb ſie—„ich habe auf ſeinem Grabe gekniet 7 —— — — 146— und Gott gebeten, mich zu ſich zu nehmen; er hat mein Flehen nicht erhört, ich bin verdammt zu leben, zu leben ohne ihn!“ O unglückſeliges Polen, wo ſich die unnatürlichen Brüder ſelber abſchlachten! Wie kann aus ſolchem Blute ein Segen aufkeimen!— Tief gebeugt zu ihrer Mutter zurückgekehrt, hatte ſie dort Mengden's Brief gefunden. So hatte er doch wenigſtens an ſie gedacht!— Ueber ihr künftiges Schickſal hatte ſie noch nichts beſchloſſen. Sie wollte die Generalin um Entlaſſung aus dem Dienſt bitten und in einiger Zeit nach Warſchau zurückkommen, um dort den Nachlaß ihres Bräutigams in Empfang zu nehmen, der ſie als Erbin eingeſetzt hatte. Sie ſprach endlich Mengden ihren tiefgefühlten Dank aus für alle ſeine Liebe und bat ihn, ihr zu ſchreiben. Mengden war im tiefſten Herzen erſchüttert durch dieſen Brief, er liebte Mincia wirklich wie eine Schweſter — er erſchöpfte ſich nicht in Troſtesworten, denn er wußte, wie wenig in einer ſolchen Lage zu tröſten iſt, wenn die Wunde noch klafft— aber er beklagte mit ihr den herben Verluſt, er bat ſie, ſich nicht zu ſehr ihrem Schmerze zu überlaſſen und zu bedenken, daß es noch andere Menſchen auf Erden gäbe, welche auf ſie ein Anrecht hätten, und daß er ſelbſt zu jenen gehörte. ein ben Einundzwanzigſtes Kapitel. Oo rückte das Ende der Faſtenzeit mit ſchnellen Schritten heran und Oſtern kam, das ruſſiſche Oſtern mit ſeinem Jubel. Hier in Warſchau feierte man es nur in den Hof- und Beamtenkreiſen; die katholiſche Bevölkerung nahm natürlich keinen Theil daran. Wenn der Pope die Speiſen geſegnet hat, dann iſt die lange Zeit der ſtrengen Entbehrung vorüber, man küßt ſich auf beide Backen und ruft freudig: Christos woskres“, man empfängt und macht Be⸗ ſuche, überall erhält oder macht man Geſchenke, welche meiſt in Eiern oder koſtbar gemalten Nachahmungen beſtehen, die bisweilen werthvolle Gegenſtände enthalten — ſo will es die ruſſiſche Sitte. Wenige Tage vor dem Feſte ſaß die Gräfin in großer Verlegenheit in ihrem Boudoir und berieth ſich eifrig mit der Amme. Sie beabſichtigte ihrem Geliebten ein Oſterngeſchenk zu machen und hatte kein Geld. Wie ——·— 1 — 178— gar viele Damen der ruſſiſchen Ariſtokratie liebte ſie das Spiel, ſelbſt in den geſelligen Kreiſen gewann und verlor ſie große Summen in Ecarté und Maccao. Alexandra ſpielte mehr gern als gut, ihr Gemahl, der ſie mit Schmuck und allen Gegenſtänden einer koſt⸗ baren Garderobe überhäufte, hielt ſie doch mit Geld ziemlich knapp— ſo kam es, daß faſt immer Ebbe war in ihrer Schatulle. Mengden hatte ihr jenes koſtbare Medaillon ge⸗ ſchenkt mit ſeinem Bilde.— Ach, Bilder von ihr beſaß ihr Geliebter wohl genug, denn die Gräfin hatte die Schwäche, faſt allemal, wenn ſie eine neue Robe trug oder ihr Haar anders ordnete, den Photographen in Nahrung zu ſetzen— aber ſie fühlte die Verpflich⸗ tung, ihm ein werthvolleres Zeichen der Erinnerung zu ſchenken. „Duſchka— wir haben ja noch die ſchöne, mit Türkiſen beſetzte Uhr!“ rief plötzlich die Amme ganz glücklich über ihren guten Einfall. Alexandra erſchrak— ſie ſelbſt hatte auch ſchon daran gedacht, aber dieſen Gedanken als unmöglich gleich wieder verworfen. Jene Uhr war ein altes, koſtbares Erbſtück in der Familie ihres Mannes, ein Vorfahr von ihm hatte ſie einſt von der Kaiſerin Katharina zum Geſchenk erhalten. Es war ein altes Kabinet⸗ —V—ʒ— O————— ————õ— — 110— ſie und ſtück von engliſcher Arbeit, maſſio wie jene bekannten no. nürnberger Eier und reich mit Türkiſen und Brillanten hl. beſetzt. Ihr Gemahl legte einen ganz beſonderen Werth ſi. 1 auf dieſes Erbſtück. Er hatte es ihr als Bräutigam db in einer zärtlichen Stunde verehrt, nachdem er daſſelbe be durch ſein Porträt verziert oder verunſtaltet hatte, wel⸗ ches in einem geheimen Fache verborgen war. „Amme, was biſt Du ſo einfältig— wie kann ich ihm eine Sache ſchenken, die mein Gemahl ſchließlich. 3 bei mir vermiſſen würde und in der ſein eigenes Bild⸗ 4 niß ſich befindet!“ mug Annuſchka verſiel wieder in Nachdenken.—„Ja, I dann weiß ich keinen Rath,“ ſprach ſie nach einer Weile c⸗ betrübt,„Du müßteſt denn zu einem Goldarbeiter fahren ng und Dir etwas kaufen.“ „Ohne Geld?“— verſetzte die Gräfin heftig. nit„Er wird leihen.“ an 5.. C 8 an„Er wird leihen, und nachher erfährt es der Gene— ral! Wie dumm Du biſt!“ ſon„Ja, dann weiß ich nichts,“— brummte die Amme dich mürriſch.„Vielleicht leiht die Banjutoff.“ res„Willſt Du mich denn geradezu zur Verzweiflung ahr bringen, Amme?“ rief die Gräfin zornig.—„Die Ban⸗. ina jutoff und Geld leihen!— o welche Thorheit!— Sie net⸗ leiht ſchon Geld— aber nicht Anderen, Du Närrin! — 120— Mincia!“ „Die Mincia iſt ja gar nicht mehr im Hauſe und die Juliette iſt ausgegangen!“ grollte die Alte.—„Nun gehe ich auch!“ Damit watſchelte ſie in komiſcher Wuth zum Zimmer hinaus und ließ die Gräfin allein. Eine ganze Weile verblieb dieſe in tiefes Nach⸗ denken verſunken— endlich ſtand ſie auf, öffnete ihren Sekretär und nahm eine ſchwere Kaſſette von künſtlicher Arbeit heraus. Sie begann darin zu wühlen, reicher Schmuck aller Art blinkte zwiſchen ihren Fingern und die verſchiedenen Leder- und Sammetetuis thürmten ſich neben ihr zu kleinen Bergen auf. Plötzlich hielt ſie inne, ſie hatte ein Armband von ſchöner Filigranarbeit in der Hand; ſie öffnete die Feder des Schloſſes; unter dem Moſaik deſſelben zeigte ſich ein Miniaturporträt, vortrefflich auf Elfenbein gemalt — ihr eigenes Bild, welches einer der renommirteſten pariſer Künſtler auf ihrer Hochzeitsreiſe gemalt hatte. — Das Pendant beſaß ihr Gemahl. Sie lächelte vor befriedigter Eitelkeit— aus dem kleinen goldenen Rah⸗ men ſchauten ſie ihre eigenen Augen mit ſtolzer Freund⸗ lichkeit an. Eine Weile waidete ſie ſich an ihrer eige— nen Schönheit, dann holte ſie die Uhr mit den Türkiſen aus der Schatulle, öffnete eine verborgene Feder und Geh', Du biſt mir läſtig— ſende mir Juliette oder ————ᷣ—ꝛ———————C—C—⸗xx:::—᷑—ęOO:—ᷣ—;O;;;;:˖OO˖—˖n— 121— der d ſchaute ein anderes Porträt an. Der Anblick ſchien und ihr Pein zu verurſachen— das junge, ſchöne Weib—. den der alte, huͤßliche Gemahl!— Feſten Schrittes ging th ſie an einen kleinen Nebentiſch, ergriff eine feine Scheere,. — ein paar ſchnelle Bewegungen ihrer Hand und das Fach in der Uhr war leer.— f⸗ Die Gräfin räumte Alles wieder fort bis auf die 1 Uhr und das Armband, und zog dann heftig die Klingel. M„Meinen Wagen!“ befahl ſie. her Oſtern kam. Der Großfürſt mit ſeiner Familie, d— alle guten griechiſch-katholiſchen Chriſten und Alles, ſich was zu den Hrfkreiſen oder den höheren Beamtenklaſſen gehörte, gleichviel, welchen Glauben ſie bekannten, be⸗ a fanden ſich heute Nacht in der erleuchteten Kirche. Die 1 Damen ſtrahlten in reicher Toilette, die Männer in Uniformen und Ordensſternen.— Herrlicher Chorgeſang lt zog in leiſen Wellen über der andächtig ſtehenden Ver— en ſammlung hin, der Pope(Archimandrit) in ſeinen gold— de beladenen Gewändern, mit ſeinem weißen, wallenden T Barte ſtand vor dem Altare.— Nun ſegnete er die h⸗ Speiſen, nun plöͤtzlich ſchwoll der Chor zu mächtigen d⸗ Akkorden an, die hellen Knabenſtimmen klangen wie e⸗ Engelszungen und„Christos woskres!“(Chriſt iſt en erſtanden!) jubelte es durch die geweihten Räume, und „woistima woskres“(er iſt wirklich erſtanden) ant— wortete es zurück. Die bange, ahnungsvolle Stille war 5 1 2 vorüber— der Feſtesjubel erklang. Alle Augen ſtrahl⸗ ten, man ſank ſich an die Bruſt— Männer und Frauen. Der Großfürſt küßte den Grenadier, ebenſo wie den General, auf die bärtige Wange. Die Kirche war aus. Am Mittag rpollten die Wagen zur Cour zum Brühl'ſchen Palaſt, wo der Großfürſt reſidirte, die Truppen marſchirten mit Muſik und fliegenden Fahnen zur Parade und dann in die Kaſernen zurück zu Käſekuchen, Reisbrei und Schweine⸗ fleiſch. Ueberall erblickte man zu Wagen und zu. Fuß Gratulanten, die eilends von Haus zu Haus gingen, beladen mit Düten und Schachteln. Nach dem Großfürſten empfingen die Generale und erſten Würdenträger, nach dieſen die Oberſten und Räthe und ſo herab die ganze Skala der Militär⸗ und Beamten⸗ hierarchie bis zum Letzten— überall gab es Eier, Um⸗ armungen und Geſchenke. „Wiſſe was, Kamerad,“ ſprach Prinz Muſſa, wel⸗ cher in höchſter Gala mit Mengden Arm in Arm die Schloßtreppe herunterſtieg,„jetzt hole uns Küßche von ſchöne Generalin— ick ſein Oberſt, ick komme vor Ihne.“ Mengden lachte. — me 123 „Wenn ich gleich nach Ihnen käme, ließe ich mir welchen Wo dermann Sie das Fefallen aber wer weiß, bekommen— ich wünſche Ihnen Moroſielzoff. „Sacrement— welch' eine diaboliſche Wunſch!“ ſchüttelte ſich der kleine Tſcherkeſſe—„was für eine böſe Sitte mit das Geküſſige— o ſa Ha!“ Sie ſtiegen ein und fuhren nach dem Z... ſchen Palais. Die Räume der Gräfin waren bereits ziemlich an⸗ gefüllt von Menſchen, der General ſtand neben ſeiner Gattin und hielt eine Art kleiner Cour ab. Er küßte mit der ſtoiſchen Ruhe eines Automaten den Einen nach dem Andern.— Die Gräfin reichte in der Regel ihre weiße Hand zum Kuſſe, nur den ſtrenggläubigen Altruſſen bot ſie die Wange dar. Hinter ihnen ſtan— den einige Körbe mit Geſchenken. Nachdem beide jungen Männer die Kußprozedur mit dem Grafen durchgemacht hatten, wandten ſie ſich zur Gräfin. Sie umarmte eben Moroſielzoff mit einer Miene, ſo Trnſt wie eine Steinfigur, und wandte ſich dann um, ein Geſchenk für ihn auszuſuchen. Mengden tauſchte ein bedeutſames Lächeln mit M euſſa. Der Oberſt⸗ lieutenant bemerkte es und runzelte die Brauen, aber nur einen Augenblick, dann drückte er Einen nach dem Andern an ſeine Wangen und murmelte:„Christos woskres.“ 2 — 124— Die Gräfin reichte ihm ein prachtvolles Ei mit einem kleinen goldenen Vogel darauf, dann empfing ſie die Glückwünſche Muſſa's und Mengden's. Sie reichte Beiden die Hand zum Kuſſe, ſo daß die Abſicht des kleinen Oberſten vereitelt wurde, und beſchenkte Beide mit zwei Eiern von Porzellan; Muſſa ſchenkte ihr ein Körbchen mit Konfekt, Mengden eine Attrape von Stroh mit einem prachtvollen Veilchenſtrauß, der das ganze Zimmer durchduftete.— Sie bedankten ſich und traten ab, nachdem die Gräfin ſie zum Mittageſſen einge⸗ laden hatte. „O verdammtiges!“— ſprach Muſſa draußen eifrig,„wenn ich wäre Liebhaber oder Mann von ſchönes Generalin— ſollt mir ſchmecke nach Kuß von Oberſtlieutenant, als wenn von ein roſiges Quell hätte geſoffen ein ſchmutziges Schwein.— Was wir ſein doch Alle für Eſel in dieſe Welt!! Sa ſa! Und ſchönes Generalin, o wie dumm! küſſen nit ſchöne Muſſa, ſchöne Mengden, küſſen eklige Kerl— uns nit! O ja“ „Es geht Ihnen wohl ſehr zu Herzen, alter Freund?“ „O— Sie habe gut reden— ſitzen immer an das Quell', aber wo ich?“— Mengden warf einen blitzſchnellen, fragenden Blick al an ick auf den Principe.„Was wollen Sie damit ſagen?“ frug er ſtreng. „Nun— glaube Sie Kamerad, Muſſa ſein blind? — Hab' zwei Augen— ſehe Alles; ſchönes Generalin ſchau'n gern ſeine ſchöne Adjutant, tanzen mit es, machen lebendiges Bild mit es, ſingen mit es und gehen in die Komite vor die Wunden und die Charpie.“ „So— das nennen Sie an der Quelle ſitzen? — Das Bild ſcheint mir wenig gut gewählt.“ In dieſem Augenblicke begegneten ſie Prinz Witt⸗ genſtein. Sie tauſchten ihre Glückwünſche mit ihm aus und wurden zum nächſten Tage zum Diner einge⸗ laden.—„Wir küſſen uns durch ein Fäßchen Auſtern hindurch, meine Herren. Ca Vaut mieux= au revoir!“ Noch einige Viſiten und die beiden Freunde ſaßen auf Mengden's Zimmer und betrachteten ihre Geſchenke. Auf den Eiern, welche ihnen die Generalin ge— geben hatte, ſtand ein einfaches„Souvenir“. Mengden ſchien das ſeine auffallend ſchwer von Gewicht, er ver— muthete eine Ueberraſchung und ſuchte nach einer Feder. Der Punkt über dem i war ein wenig erhaben, er drückte darauf und ein in Papier gehüllter ſchwerer Gegenſtand fiel in ſeine Hand. Ohne daß Muſſa es gewahr wurde, ſchloß er ſchnell das Ei wieder und⸗ — 126 legte es in ſeinen Sekretär. Als er es ſpäter allein zu unterſuchen Gelegenheit fand, war er nicht wenig überraſcht durch das koſtbare Geſchenk, welches es ent— hielt. Dieſe Ueberraſchung verwandelte ſich erſt dann in eine freudige, als er nach der Anleitung eines kleinen beiliegenden Zettels mit den Worten„Cherchez-moi!“ das Porträt der Gräfin fand— jetzt erſt preßte er das Kleinod an ſeine Lippen. Nach dem Diner fand er eine Gelegenheit, Alexandra ſeinen Dank auszuſprechen; er that es in den wärmſten Ausdrücken und verſprach der Geliebten, keinen Tag ſeines Lebens hingehen zu laſſen, ohne an ſie zu denken.— „Ich wünſche, theurer Georg, daß Du mein Bild allezeit in und auf Deinem Herzen trägſt, darum ſchenkte ich Dir jene Uhr. Trage ſie mir zum Andenken, doch insgeheim, zeige ſie Niemanden.— So oft Du nach der Zeit ſiehſt, denke an mich, und möge bald die Stunde ſchlagen, wo wir uns völlig einander ange⸗ hören und nichts mehr geheim zu halten haben.“ Dieſe letzten Worte kühlten Mengden's Gluten ſo plötzlich ab, als würde er mit kaltem Waſſer über⸗ goſſen. Es lag ſo viel Unzartes in dieſem Wunſche, ſo viel Unweibliches!— Sollten ſie Beide auf den Tod des alten Gemahls ſpekuliren?— Konnte er ſich — 1260— überhaupt Alexandra als. ſein Weib, als die Mutter ſeiner Kinder denken?!— Der Gedanke, ewig an ſie gefeſſelt zu ſein, ſtieß ihn ab. Sein ganzer innerer Menſch gerieth in die heftigſte Aufregung, es fiel ihm wie Schuppen von den Augen, das Bewußtſein, daß er jene Frau nicht liebte, nie geliebt hatte, durchzuckte ihn mit einem Male— ſein ganzes Beginnen ſchien ihm ein großer Frevel, er war eine Beute der peinlichſten Gewiſſensbiſſe und Vorwürfe. Mechaniſch verſprach er der Gräfin Alles, was ſie von ihm forderte, die Uhr geheim zu halten, aber ſtets bei ſich zu tragen Tag und Nacht.— Alexandra bemerkte wohl ſeine Aufregung, doch legte ſie dieſelbe nur zu ihren Gunſten aus. Noch an demſelben Abende ſchrieb Mengden an einen Freund in Petersburg und bat ihn, ohne ſpezielle Gründe anzugeben, ſeine Abkommandirung aus Warſchau ſo geheim und ſo energiſch wie nur möglich zu betreiben — er wollte fort. Er fühlte ſich zu ſchwach, um offen mit Alexandra zu ſprechen, um mit ihr zu brechen, jene Bande zu löſen; andererſeits aber wollte er unter jeder Bedingung jenes ſträfliche Verhältniß abbrechen, nach⸗ dem er erkannt hatte, daß ihm ſelbſt die einzige Ent⸗ ſchuldigung für daſſelbe fehlte— daß er die Frau ſeines Chefs nicht einmal liebte. — 128— Eifriger als je widmete er ſich ſeitdem ſeinen dienſtlichen Geſchäften und wich den Begegnungen mit der Gräfin aus, ſo weit er dieß nur irgend vermochte, ohne deren Schmollen ſcheinbar zu bemerken. Seinem Verſprechen gemäß trug er zwar die koſt⸗ bare Uhr ſtets bei ſich, aber die kleine goldene Kette, an welcher ſie befeſtigt war, dünkte ihm eine ſchwere Laſt, eine Sklavenkette, von welcher er ſtrebte, ſich je eher je beſſer zu befreien. Wenige Tage nach Oſtern bekam er einen zweiten Brief von Mincia, in welchem ihm dieſelbe mittheilte, daß ſie in der nächſten Woche nach Warſchau kommen würde, um ihre Angelegenheiten zu regeln. Sie theilte ihm auch mit, daß ſie ſich nur kurze Zeit dort aufzu⸗ halten gedenke, und ſprach ihre Freude aus, ihn wieder zu ſehen. „In der nächſten Woche?“ ſprach Mengden, den Brief zuſammenfaltend,„wer weiß, ob ich dann noch hier bin, mein kleines Schweſterlein! So ſehr ich mich freuen würde, Dich wiederzuſehen— ich wollte doch, meine Abberufung käme vor dieſer Zeit an!“ in? noch mich Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Alnterdeſſen ſetzten die Polen, auf europäiſche Unterſtützung hoffend, ihren Verzweiflungskampf fort. Trotz der ſtrengen Grenzbewachung, die preußiſcher⸗ ſeits geübt wurde, erhielt der Aufſtand von dorther nachdrückliche Hülfe. Derſelbe entfaltete, nachdem Langie⸗ wicz geſchlagen war, ſeine größte Kraft in dem nörd⸗ lichen Theile des Königreichs, um hierdurch, wenn möglich, über Samogetien die Küſte zu erreichen und von England her Zufuhren zu erlangen. Bei Konin, Kolo und Kaliſch ſtanden beträchtliche Korps unter Seifried, Zanieczek und Malczewski, im ſieradzer Kreiſe unter Czinski. Den meiſten Zulauf aus Poſen fand Taczanowski in Peyſern. Aber auch im warſchauer Gouvernement ſtanden Inſurgentenſchaaren, ganz in der Nähe der Hauptſtadt, ſo in der campinoſer Haide unter Kuczyk, bei Jablonna und zwiſchen Modlin und Praga. Van Dewall, Eine große Dame. II. 9 9 — 130— Man kämpfte mit wechſelndem Glück, ohne etwas Entſcheidendes zu leiſten.— Es bildete ſich eine ganz eigenthümliche Taktik mit der Zeit heraus. Gewitzigt durch die Vorgänge im Süden, beſchränkten die Polen ſich darauf, die Ruſſen fortwährend zu necken und zu ermüden. Gefechte wurden vermieden oder ſchnell ab⸗ gebrochen, und die eben geworfenen Inſurgenten ver⸗ ſchwanden ſchnell in den Wäldern, um am nächſten Tage an einem andern Punkte von Neuem anzugreifen. Dieſe erbitterten Guerillakämpfe hielten die Ruſſen und ſelbſt die Garniſon von Warſchau fortwährend in Athem und koſteten ihnen viele Leute. Auch Mengden kam wenig aus dem Sattel in jenen Tagen und fand es dadurch leicht, ſich der Gräfin gegenüber wegen ſeines ſeltenen Erſcheinens zu entſchuldigen. Die Nähe der Inſurgenten ſetzte die ganze Stadt in eine fieberhafte Bewegung und Aufregung, und die Niederlage einer ruſſiſchen Abtheilung in der campinoſer Haide, unmittelbar vor den Thoren der Stadt, erregte bei den Polen großen Jubel, während ſie das Gouver⸗ nement zu größeren Anſtrengungen anſpornte. Die Sicherheitsmaßregeln wurden verdoppelt und zahlreiche größere und kleinere Streifkorps und Patrouillen ſtreiften längs der Weichſel und gegen Modlin; Warſchau glich einem großen Feldlager. — 1314— 4 Man war bemüht, dieſen Verhältniſſen ein Ende ig 3 zu machen. 1 le An einem herrlichen Frühlingsmorgen ritt der General mit ſeinem Stabe und einer ſtarken Kavallerie— 1 abtheilung zum Thore der Vorſtadt Praga hinaus, um 3 in der Richtung auf Jablonna eine größere Rekognos— 3 zirung vorzunehmen. 3 Prinz Muſſa befand ſich an der Spitze ſeiner Reiter 1n und ließ ſeinen kleinen Araberſchimmel neben Mengden 5 3 courbettiren. Vor ihnen ritt der Graf mit Moroſielzoff hem f und einigen Ordonnanzen. Jenſeits der Barriere ſetzte ſich derſelbe in Trab und in lebhaftem Tempo folgten ihm die bunten Reitergeſchwader in einer langen, glän⸗ ber zenden Linie auf der Chauſſee. Der General beabſichtigte, ſich eine genaue Kennt⸗ adt niß von der Stellung der Inſurgenten zu verſchaffen, die um wo möglich heute noch oder am nächſten Tage einen gſer 3 umfaſſenden Angriff auf dieſelben einzuleiten, dieſelben fegte 3 zu umzingeln und völlig zu vernichten. Durch Spio⸗ ber⸗ ¹ nage war bei der Erbitterung der Bevölkerung nur G wenig zu erreichen, auch hatte die geheime Regierung und 3 einzelne Fälle von Verrätherei ſo ſchnell und nachdrück⸗ llen 1 lich geahndet, daß ſie dadurch einer Wiederholung wirk⸗ thau ſam vorgebeugt hatte, man war daher gezwungen, ſich ganz auf eigene Beobachtung zu verlaſſen. — 132— „Will machen eine Wette zehn gegen eins— reiten wieder ganz umſonſtig,“ ſagte Muſſa halblaut zu Mengden.—„Komme mit große Spektakel mitten auf die große Straße. Wenn Jäger will haben den Fuchs, muß er ſein liſtig— nicht machen ſo viel Lärm.“ d „Nun, ſo machen wir wenigſtens einen angenehmen Spazierritt und holen uns Appetit zu Mittag,“ er⸗ wiederte Mengden lachend. „Haſt auch biſſel Durſt, Kamerad?“ frug Muſſa dann und ſchlug ſeine Pelzſchabracke zurück, um an ſeine Satteltaſche zu gelangen.„Ihr immer nix in die Taſchen, als Karten und viele Papier, ick Fläſchchen mit gutes Rum.“ Beide tranken. Gleich darauf wurde gehalten. Man hatte die Spitze eines Waldes erreicht, der ſich von der Weichſel her quer über den Weg zog wie eine dichte Barriere, und ſich mit ſeinem dunklen Grün meilenweit in's Land hinein erſtreckte. Hier hörte das Terrain für Kavallerie beinahe vollſtändig auf, denn wenn auch der Forſt aus hoch⸗ ſtämmigen Fichten ohne Unterholz beſtand, ſo hinderte doch der dichte Baumwuchs jede Bewegung geſchloſſener Maſſen und jede Ueberſicht, zugleich machte derſelbe es aber einer feindlichen Infanterie ſehr leicht, ſich unbe⸗ — 133— merkt heranzuſchleichen und durch ihr Feuer der Kaval⸗ lerie bedeutenden Schaden zuzufügen, ohne daß man im Stande geweſen wäre, dieſelbe wirkſam zu attakiren oder zu verfolgen. Der General befahl, die Schwadronen abſitzen zu laſſen, und rief dann die Kommandeure zu ſich, um ihnen ſeinen Operationsplan mitzutheilen und die nöthigen Anweiſungen zu geben. Er beabſichtigte, bis an den Kreuzungspunkt der Straßen nach Modlin und Sierock vorzurücken, ſich dort zu theilen und dann von beiden Seiten in das Dreieck zwiſchen beiden vorzudringen. Die Gardehuſaren unter ihrem Oberſt ſollten die öſtliche, Muſſa mit ſeinen Tſcherkeſſen die weſtliche Richtung einſchlagen, eine ſtarke Koſakenabtheilung ver— blieb beim General ſelbſt. Während ſo neben dem Wege berathſchlagt wurde, hielten die abgeſeſſenen Reiter auf der Chauſſee bei ihren Pferden. Einige gurteten ihre Sättel nach, andere lagen bequem am Erdboden und rauchten, ein großer Theil aber, namentlich der Gardehuſaren, umſtand ein kleines, elendes Marketenderfuhrwerk, welches wenige Minuten, nachdem Halt befohlen wurde, angekommen war, um den Soldaten Brod, Branntwein und Ci⸗ garren zuzuführen. Ein alter Jude, in einen ſchmutzigen Pelz einge⸗ 194— hüllt, ſtand am Hintertheile des Wagens und leitete das Geſchäft, während ein anderer bejahrter Mann, mit einem Flausrock und hohen Stiefeln bekleidet, den 3 mageren Kleppern ein Bündel Heu vorwarf. Der General wurde kaum den Marketenderkarren gewahr, als er auch ſchon in heller Wuth im Sattel auffuhr und, mit der Fauſt hinüberdrohend, ſeinem Un⸗ willen Worte gab:„Reiten Sie hinüber, Baron Meng⸗ 1 den, und ſagen Sie jenen Leuten, wenn ſie nicht binnen fünf Minuten ihren Heimmarſch angetreten haben, ſo werde ich ihnen den ganzen Kram verbrennen laſſen und ſie in Eiſen legen!— Wie iſt es möglich, irgend eine Unternehmung geheim zu halten, wenn Einem dieſes Geſchmeiß überall nachläuft— dieſe Kerle ſpio⸗ niren Alle, und am beſten knüpfte man ſie ſofort an den erſten beſten Baum!“ Er blickte Mengden unge— duldig nach, wie dieſer über den Chauſſeegraben ſetzte und auf den Gegenſtand ſeines Zornes zuritt. Er ſah, wie Jener den Soldaten befahl, in ihre Glieder zurückzukehren, und mit den beiden Männern ſprach, die unter heftigen Geſtikulationen ihren Kummer über eine ſolche Behandlung, wie ſie ihnen hier zu Theil wurde, zu erkennen gaben, und ſein Zorn nahm erſt ab, als er den Wagen in einem kurzen Trott unter dem Hohnlachen der Soldaten den Rückweg nach Warſchau nehmen ſah. dem do⸗ an —C—Y—Vyyyjjj=gyy——— — —.—— — —— 1☛ — Mengden kehrte, nachdem er ſeinen Auftrag aus⸗ geführt hatte, zu ſeinem General zurück. Dieſer fuhr in ſeiner Befehlsertheilung fort. „Ich habe genaue Nachrichten, meine Herren, daß eine ſtarke Reiterabtheilung unter Kuczyk und Putt⸗ kammer gleich hinter der Wegkreuzung vorige Nacht bivouakirt hat. Infanteriepoſten ſind im Laufe des Morgens auf beiden Straßen etwa eine Meile weit vorpouſſirt worden. Da ich noch keine Meldung be⸗ kommen habe, ſo hat bis jetzt ein Zuſammenſtoß nicht ſtattgefunden und es iſt möglich, den Feind in ſeinem Lager zu überraſchen. „Es wird daher auf beiden Straßen ſo weit vor⸗ gerückt, bis Sie die Spitzen der Infanterie erreichen, ſodann dringt Alles, die Infanterie als Deckung auf dem Flügel behaltend, ſo ſchnell und geräuſchlos wie möglich in den Wald und verfährt den Umſtänden ge⸗ mäß.— Ich ſelbſt werde an der Wegkreuzung ſtehen bleiben und erwarte dort Ihre Meldungen. „Haben Sie mich verſtanden, meine Herren?“— wandte er ſich dann noch an die beiden Oberſten ſpeziell. Dieſe bejahten es. Der General zog ſeine Uhr. „Es iſt jetzt neun Uhr vorüber, in einer Viertel⸗ ſtunde brechen wir auf,— um zehn Uhr ſind wir an — 136— der Kreuzung. Ich rechne darauf, daß Punkt elf Uhr auf beiden Seiten von der Chauſſee abgebogen wird; Sie werden mir den Feind entgegentreiben, im Falle er überhaupt noch vor uns ſteht.— Wollen die Herren Ihre Uhren jetzt genau nach der meinigen ſtellen,— ich habe neun Uhr und fünf Minuten.“ Die ganze Suite tauchte mit ihrer rechten Hand in die Bruſttaſche. Auch Mengden neſtelte dienſteifrig ſeinen Pelz auf und zog ſeine Uhr hervor. Er verfuhr hierbei ein wenig haſtig und— war nun jene zweite Uhr, das zarte Souvenir der Gräfin,— beim ſchnellen Ritte, oder beim Springen vorhin über den Graben ihrem Verſteck entglitten, oder war es eine beſondere Schickung, kurzum, ohne daß er es gewahr wurde, brachte er die— ſelbe unvorſichtiger Weiſe zu gleicher Zeit mit zum Vorſchein, und während er nur, mit ſeiner Taſchenuhr beſchäftigt, den Zeiger derſelben ſtellte, hing die andere Uhr an ihrer Kette, ohne daß er die geringſte Ahnung davon hatte, in ihrer ganzen auffallenden Größe und funkelnd von den Juwelen, in welchen die Sonnen⸗ ſtrahlen ſpielten, an ſeiner Bruſt herab.— Der General faßte eben an ſeine Feldmütze, zum Zeichen, daß die Herren entlaſſen ſeien, als Moroſielzoff, welcher dem zweiten Adjutanten gerade gegenüber hielt, mit einem Geſichte, in welchem hämiſche Bosheit und Eiferſucht ͤͤͤ —— — —— — — † wild durcheinander zuckten, durch die ſarkaſtiſch ge⸗ ſprochenen Worte:„Herr von Mengden, Sie verlieren etwas ſehr Werthvolles!“ Aller Aufmerkſamkeit auf. das Geſchenk der Gräfin richtete. Mengoden ſchaute be⸗ troffen an ſeinem Körper herab und wurde im nächſten Augenblicke erdfahl.— In der namenloſeſten Verwir— rung ſuchte er mit zitternden Händen ſeine unverant⸗ wortliche Unvorſichtigkeit wieder gut zu machen, dann glitt ſein Auge im Fluge hinüber nach dem Geſichte des Grafen,— derſelbe hatte aber bereits ſein Pferd herumge⸗ dreht und war im Begriff, langſam der Straße zuzu⸗ reiten, ſo daß Mengden zweifelhaft blieb, ob derſelbe die Uhr überhaupt geſehen und erkannt hatte oder nicht. Daß Moroſielzoff dieſelbe kannte und nur zu gut geſehen hatte, las er klar genug in deſſen kalten, höhniſchen und faſt drohenden Mienen. Mengden war in Verzweiflung.— Er hätte vor Scham und Unwillen über ſich ſelbſt ſich das Leben nehmen können. Er war eine Beute der peinlichſten Empfindungen, die je in eines Mannes Buſen tobten, — nur mit der größten Mühe gelang es ihm, einiger⸗ maßen ſeine äußere Haltung zu bewahren.— Wäre es jetzt zum Gefecht gekommen, er würde ſich freudig in den dichteſten Haufen der Feinde geworfen haben, um ſeinen Tod zu ſuchen.— 138— „Was iſt, Kamerad?“ frug ihn Prinz Muſſa leiſe, als ſie ein paar Schritte aus dem Kreiſe geritten waren—„was wollten Moroſielzoff mit ſeine Frage? — Sie bleich ſein wie Schimmel meinigtes, Baron— nix gut, was? Nehme's biſſel Rum!“ Mengden trank in der That, er war in Verzweiflung. Hätte er nur das Geſicht ſeines Chefs einen Augenblick ſehen können! Aber dieſer ritt, nur von einer Ordonnanz begleitet, langſam vorwärts und blieb dann mit abgewandtem Geſichte halten. 1 Prinz Muſſa verwandte kein Auge von Mengden, er war ein ſcharfer Beobachter, der kleine Oberſt— wenn er auch nicht Alles begriff, ſo ahnte er doch Manches. Jenes auffallend koſtbare Juwel, Moroſiel⸗ zoff's Schadenfreude und Wuth— Mengden's maßloſe Verlegenheit———, er traf mit ſeinen Schlüſſen bald ſo ziemlich das Richtige und ſah ein, daß jedes Wort hierüber jetzt verloren ſein würde.— Er hielt den Vorfall für fatal, aber konnte ihm bei Weitem nicht ſo viel Gewicht beilegen, wie Mengden dieß zu thun ſchien.— „Sa ſa!“ ſprach er nach längerem Ueberlegen, „ruhig Blut, wird nix ſo warm geſpeist, wie kommt auf den Tiſch, mon ami.“— Doch dieſer war für keinen Troſt zugänglich. dan kan Leb Uhr ruſſe der vorw Men etwa ſielze zum GeneM Niem ahnen war Menſ die S trenn bliebe zum Geſi Muſſa eritten rage? on— fllung einen evon blieb engden, eſt— r doch vroſiel⸗ aaßloſe hlüſſen 3 jedes er hielt Weitem dieß zu erlegen, kommt ar für — — — —— ééééééͤéqq———, — 139— „Gott ſei Dank,“ dieß war ſein lebhafteſter Ge— danke,—„daß jeden Tag deine Abberufung ankommen kann! Dieß ſoll mir eine Lehre ſein für mein ganzes Leben— ich werde Alexandra heute noch bitten, die Uhr zurückzunehmen, ich darf und will ſie nicht behalten!“ Die Trompete rief zum Aufſitzen— die Reiter raſſelten in die Sättel, ſchwenkten zu Dreien ab und der Zug ſetzte ſich in Bewegung.— Es wurde lebhaft vorwärts getrabt, um die befohlene Zeit einzuhalten. Mengden beobachtete die ganze Zeit ſeinen Chef, der etwa zwanzig Schritte vor ihm ſchweigend neben Moro— ſielzoff herritt.— Vielleicht waren ſeine Befürchtungen zum Theil wenigſtens grundlos— vielleicht hatte der General nichts bemerkt und außer Moroſielzoff konnte Niemand etwas von dem eigentlichen Werthe jener Uhr ahnen. Dieſen nöthigenfalls zum Schweigen zu bringen, war ſein feſter Entſchluß.„Man hat mich vor dieſem Menſchen gewarnt, es iſt Zeit, daß ich ihm ein wenig die Zähne zeige!“. Man erreichte die Wegkreuzung, die Truppen trennten ſich, die Koſaken allein— drei Sotnien— blieben halten. Mengden näherte ſich ſeinem General und ſah zum erſten Male nach dem Unfalle von vorhin in ſein Geſicht— daſſelbe war vollkommen ruhig. Sein Auge — 140— haftete mit ſeinem gewöhnlichen kalten und ſtrengen Blicke auf den Schwadronen, die an ihm vorübertrabten — keine Muskel regte ſich. Als die letzten Rotten an ihm vorüberraſſelten, gab er Mengden den Befehl, ſich der Abtheilung des Oberſten Muſſa anzuſchließen, mit dem Hinzufügen, ſich nicht zu ſehr zu exponiren. Mengden fiel eine Laſt von ſeinem Herhen⸗ A er war jetzt überzeugt, der Graf hatte nichts bemerkt. Er hatte vielleicht ſein Gchecht ſchon abgewandt gehabt oder Moroſielzoff's gleichgültige Bemerkung gar nicht beobachtet,— er athmete auf und mit einem Blicke des Dankes nach oben gab er ſeinem Pferde die Sporen, um die Spitze der Kolonne des Principe zu reichen.— Dieſem fiel ſein verändertes Weſen auf, aber jetzt war nicht Zeit, darüber viele Worte zu verlieren, die Aktion begann. Der kleine Oberſt, eine Spitze von ſechs ſeiner gewandteſten Leute vorſchiebend, ließ ſeine Tſcherkeſſen beinahe lautlos in den mit Gras bewachſe⸗ nen Gräben rechts und links vom Wege reiten und vermied jedes Geräuſch. Die kampfesgewohnten Reiter aus den ſchwarzen Bergen, denen ſolche Ueberfälle ein ebenſolches Vergnügen bereiteten, wie dem Fuchsjäger die Parforcejagd, ſaßen tief, mit vornüber gebeugten die Wal nicht Sch mit i zweife nehnnu an we daß ruhig ar nicht n Blicke Sporen, zul er⸗ ren, die itze von ſieß ſeine bewachſe⸗ fälle ein ichsjäger ebeugten I Köpfen, ſpähend auf ihren ſehnigen, dauerhaften Stuten, die Waffen zum Gebrauch bereit. Prinz Muſſa war hier ganz in ſeinem Element. Waren die Polen überhaupt noch da, ſo konnten ſie ihm nicht entgehen, denn er bewegte ſich mit einer ſolchen Schnelligkeit vorwärts, daß dieſelben im Walde unmöglich mit ihm gleichen Schritt halten konnten,— aber er zweifelte durchaus an dem Gelingen der ganzen Unter— nehmung. Als er endlich den Infanteriepoſten, welcher am weiteſten vorgeſchoben war, erreicht hatte und erfuhr, daß dieſer noch keinen Schuß gethan, drehte er ſich ruhig zu Mengden um und ſagte:„Verdienten alle die Ohre abzuſchneide, wenn ſein ſo dumm ſich zu laſſen greife. Alles kundſchaften vor ſie;— müſſen kommen bei der Nacht oder machen großen guet-à-pens, um Pole zu erwiſchen— ſonſt nicht.“ Er behielt Recht. Zur befohlenen Zeit wurde von beiden Seiten in den Wald eingedrungen, aber man fand nur die Spuren ihrer Bivouaks— von ihnen ſelbſt war weit und breit nichts zu ſehen.— Um zwei Uhr Nachmittags wurde der Rückmarſch un⸗ verrichteter Sache angetreten. Der General ritt ſehr verſtimmt über dieſen Schlag in's Blaue hinter den Truppen her und war ſo wenig geſprächig wie immer. Er paffte in kurzen Zügen aus 142— einer kleinen Feldpfeife und ſchien ärgerlich über den Staub, welchen ſeine Reiter aufwirbelten. Dicht vor Praga ritten ſie noch einmal an dem Marketenderfuhr⸗ werke vorüber. Der alte Kerl mit den hohen Stiefeln zog ehrfurchtsvoll ſeine Mütze.— Mengden ſtutzte und beinahe wäre ihm ein Ausdruck der Ueberraſchung ent⸗ ſchlüpft,— er ſchaute in die eiſernen Geſichtszüge Jan's, des Bedienten und Vertrauten Winiewski's.— Was bedeutete das?— Seine Gedanken bekamen mit einem Male eine ganz neue Richtung: er dachte an Mincia, an jene Reiſe. Es that ihm leid, daß es ihm nun wahrſcheinlich nicht mehr vergönnt ſein würde, ſeine kleine Schweſter zu ſehen— daß er abreiſen würde, ohne ſie noch einmal geſprochen zu haben. Doch die Hufe klapperten bereits auf dem Pflaſter, man ritt durch die Werke der befeſtigten Vorſtadt Praga — verſtaubt und hungrig zogen die Truppen ihren Kaſernen zu. Der Graf mit ſeiner Suite ritt langſam die neue Welt hinab durch die gaffende Bevölkerung hindurch, bog dann in die Gitter ſeines Palais ein und ſtieg vom Pferde; eine dankende Bewegung mit der Hand und ſeine Umgebung war entlaſſen. Mengden warf Michael die Zügel zu und ging in ſein Quartier; er bemerkte den Kopf der Gräfin ſpra⸗ Sche Höfl Gene kurſi beauf Ihner anzub blick hatte, Säbe btiefeln te und ig ent⸗ Jan', Was einem Mincia, hm nun e, ſeine mwürde, flaſter, t Praga i ihren die neue hindurch, nd ſtieg er Hand und ging —r Gräfin — — —yr:—ͤ·. hinter den zurückgeſchobenen Gardinen und ſah, wie ſie ihre weiße Hand an ihre Lippen hob zum Willkommen. Auch noch ein Anderer ſah es und lächelte höhniſch. Nur wenige Minuten ſpäter trat Oberſtlieutenant von Moroſielzoff in das Palais und ſchritt, anſtatt zu den Bureauzimmern, den Korridor hinab zu den Zim⸗ mern, welche der zweite Adjutant bewohnte. Er klopfte an deſſen Thür und trat ein. „Der Grund meines Erſcheinens, Herr Rittmeiſter,“ ſprach er, während ſeine zuckenden Geſichtsmuskeln ſeine Schadenfreude nur ſchlecht verhehlten, mit ironiſcher Höflichkeit,„iſt für beide Theile kein angenehmer. Der General iſt über Ihr Benehmen bei der heutigen Ex⸗ kurſion im höchſten Grade ungehalten. Er hat mich beauftragt, Ihnen ſein Mißfallen auszuſprechen und Ihnen in ſeinem Namen einen fünftägigen Stubenarreſt anzukündigen!“— Nachdem er ſich dann einen Augen⸗ blick an Mengden's grenzenloſer Beſtürzung gewaidet hatte, fügte er hinzu:„Ich muß Sie bitten, mir Ihren Säbel zu überliefern.“ Mengden,— eben im Begriffe, ſich umzukleiden, um ſo ſchnell wie möglich die Gräfin zu ſprechen und ſie zu bitten, ihr gefährliches Geſchenk zurückzunehmen, — war im Anfange mehr unangenehm überraſcht als erſchrocken über Moroſielzoff's unerwarteten Beſuch ge⸗ — 6 — 144— weſen; deſſen Worte aber trafen ihn wie ein Blitzſchlag aus heiterem Himmel. Er fühlte nur zu wohl, daß jene Rüge wegen ſeines Verhaltens am heutigen Tage nur ein unter⸗ geſchobener Grund für eine Strafe war, welche ihn der Freiheit ſeines Handelns und ſeiner Perſon beraubte. Er konnte nicht einen Augenblick länger in Zweifel ſein, der General hatte nur zu wohl jenes verhängniß⸗ volle Geſchenk der Gräfin erkannt— der beleidigte Gemahl begann bereits ſich zu rächen. Mengden war außer ſich. Er hatte ſeinen Mund ſchon geöffnet, um Aufklärungen zu fordern, aber des Oberſtlieutenants ſchadenfrohes Lächeln ließ ihn ſchweigen. Er maß den Sprecher mit einem Blicke, in welchem Verachtung ſo klar ausgeſprochen war, wie der Spiegel einer menſchlichen Seele dieß nur vermag, einen Augen⸗ blick ſchwankte ſeine ganze Geſtalt, dann aber mit ſicheren Schritten das Gemach durchmeſſend, ergriff er die im gegenüberliegenden Winkel lehnende Waffe und übergab ſie ruhig ſeinem Vorgeſetzten, ohne ein Wort der Ent⸗ gegnung oder eine Frage. „Ich bedaure nochmals, der Ueberbringer eines ſo unangenehmen Auftrags geweſen zu ſein,“ ſprach der glatte Ruſſe mit einer Verbindlichkeit, die Mengden beinahe alle Faſſung raubte,„ich hoffe, daß unſere gewe ſeiten ſcho gebe der, das nicht und ſonde beim allem Schre tiſch, Sein Garni die ihe Schrei Va Vo dſchlag wegen unter⸗ ihn der rraubte. gweifel ingniß⸗ leidigte Mund ber des hweigen. welchem Spiegel Augen⸗ ſicheren die im übergab er Ent⸗ eines ſo rach der Rengden unſere — 145— kameradſchaftlichen Beziehungen in Folge deſſen nicht leiden werden— au revoir!“ Er verneigte ſich ſpöttiſch und ging. Gleich darauf hörte Mengden das Nieder⸗ fallen eines Gewehrkolbens auf den ſteinernen Flieſen des Ganges vor ſeinem Zimmer, er öffnete erſtaunt die Thüre, ein Poſten ſtand vor derſelben. Wäre Mengden noch einen Augenblick im Zweifel geweſen über die Urſache dieſes brutalen Verfahrens ſeitens ſeines Chefs, dieſer Anblick hätte ihm allein ſchon ſagen müſſen, daß viel tiefere Beweggründe maß⸗ gebend geweſen waren bei dieſer urplötzlichen Beraubung der Freiheit— dieß war kein gewöhnlicher Stubenarreſt, das war Gefangenſchaft— dieſe Wände umſchloſſen nicht mehr ein Privatzimmer, ſondern ein Gefängniß, und nicht ein gegebenes Wort hielt ihn mehr zurück, ſondern eine Schildwache, die ihn niederſtoßen würde beim erſten Verſuche, daſſelbe zu verlaſſen.— Und zu allem dem war Moroſielzoff ſein Gefangenwärter! Einen Augenblick war Mengden ſprachlos vor Schrecken und Entrüſtung. Er ſtürzte zum Schreib— tiſch, ergriff einen Bogen Papier und begann zu ſchreiben. Sein Brief war an den nächſtälteſten General der Garniſon gerichtet und enthielt eine Beſchwerde über die ihm angethane Behandlung.— Plötzlich mitten im Schreiben hielt er inne.—„Alexandra!— Um Van Dewall, Eine große Dame. II. 10 Gotteswillen, wenn ſie erfährt, was ſich ereignet hat! — Ich habe ihren Ruf vernichtet, ihre Liebe mit ſchwarzem Undank gelohnt!“— Er ſtürzte zum Fenſter und ſchaute hinüber, aber Niemand war zu ſehen dort drüben, die meiſten Vorhänge waren herabgelaſſen und nur an einem Fenſter lehnte ein goldbetreßter Lakai; dagegen erblickte er einen zweiten Poſten unter ſeinem eigenen Fenſter, welcher im Hofe ſchilderte. Mengden prallte zurück. Er warf ſich in einen Lehnſtuhl und hing ſeinen finſtern Gedanken nach.— Die Wuth wich, ihr gieriger Rachen ließ ab von ſeiner Seele, dagegen kam die Reue und nagte mit dem ſcharfen Zahn der Maus an derſelben, die Vorwürfe kamen und bohrten ſich mit ſpitzem Stachel in ſein innerſtes Mark unbarmherzig hinein!— Ach, daß die Reue und Erkenntniß gewöhnlich im Leben zu ſpät kommen, daß wir nicht bei Zeiten auf das leiſe und wiederholte Mahnen hören, welches tief aus unſerem Gewiſſen zu uns ſpricht!— Die Worte jenes treuen Warners verhallen leider meiſt ungehört im Geräuſche des Lebens, die wilde Luſt drückt ihre rauhe Hand auf ſeinen Freundesmund und übertönt ihn.— „Was wird nun geſchehen?“— ſo frug ſich Mengden. Die Antwort ließ nicht lange auf ſich warten, — 147— dmt Wie wenig kannte er doch die Ruſſen! Hätte 1 u er ſie gekannt, er wäre aufmerkſamer auf die Woßle denſe ſeines Generals heute Morgen geweſen:„Exponiren ndo Sie ſich nicht zu ſehr!“ en und Lakai; ſeinem einen ach.— ſeiner ſcharfen nen und 8 Mark lich im ſiten auf ches tief e Worte —,⏑Qʒę—ʒ—ᷣ——— ungehört ict ihre übertönt rug ſich »j warten, 1I — —y——————— Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Die Gräfin ſtand noch hinter den Vorhängen halb verborgen. Sie hatte Mengden in's Haus treten ſehen und erwartete, daß er ihr ein Zeichen geben würde, oder wenigſtens an's Fenſter träte, damit ſie ihm ein ſolches machen könnte.— Sie berechnete nach ihrer eigenen verliebten und leidenſchaftlichen Ungeduld die Gefühle des Adjutanten. Sie brannte vor Sehnſucht, ihn zu ſprechen, ſeit beinahe einer Woche hatten ſie ſich nicht insgeheim geſehen und ſie vermochte dieſen Zuſtand kaum noch länger zu ertragen. Während ſie ſo auf dem Teppich ſtand, mit vor⸗ gebeugter Geſtalt, die Augen ſtarr auf das Parterre — gerichtet, in welchem Mengden wohnte, während ſie ſich ungeduldig auf ihren Hüften hin und her bog und all⸗ mälig dem eigenen Fenſter immer näher kam, ärgerlich auf Mengden, der ſo lange zauderte, hörte ſie hinter ſich ein leiſes Geräuſch, ein gedämpftes Räuſpern. Sich it vor⸗ arterre umwendend und die Gardine fallen laſſend, gewahrte ſie den Lakaien dicht neben der Thüre ſtehend. „Was gibt's, Waſſili?“ frug die Gräfin haſtig. „Seine Excellenz!“ flüſterte dieſer ſich verneigend. Die Gräfin ließ ſchnell einen Blick über ihre Toilette ſchweifen. Sie runzelte kaum merklich die ſchön geſchwungenen Brauen, aber trotzdem trat ſie erſt vor den Spiegel und beſah ſich in demſelben vom Kopf bis zu den Füßen und ſtrich über ihr glänzendes Haar, el bitten. Sie ging langſam zum Divan und ließ ſich ſie Waſſili den Befehl gab, Seine Excellenz zu nachläſſig auf denſelben nieder, dann ſchlug ſie die Arme übereinander und umſchlang ihre Ellenbogen mit den ſchlanken Fingern. „Was in aller Welt mag er nur wollen, zu ſo ungelegener Stunde?“— Sie bohrte mit ihrem hohen Stiefelabſatz in den Teppich.„Seine Neuigkeiten wür⸗ den bis zum Diner auch nicht kalt geworden ſein— nous verrons!“— Der Graf trat ein, noch ganz beſtäubt und erhitzt von dem Marſche. Er ſchritt lebhaft auf ſeine Frau zu, welche ſich mit einem affektirten Schmachten ein wenig aus ihrer halbliegenden Stellung aufrichtete und ihm die Hand reichte. Mit der unbefangenſten Miene von der Welt und — 4150— einer Grazie, die den Hofmann verrieth, beeilte ſich der Graf, dieſelbe an ſeine Lippen zu ziehen. „Verzeihe, Alexandra, daß ich ſo mit Stiefeln und Sporen zu ungewohnter Zeit in Dein friedliches Gemach eindringe,“ ſprach er verbindlich—„die Sehnſucht, Dich zu ſehen, treibt mich zu Dir, Du lagſt heute Morgen noch im Bett, als ich fortritt, und ich wollte Dich nicht ſtören.“ Er zog ſich einen Seſſel herbei und nahm ihr dicht gegenüber Platz. „Das iſt eine Aufmerkſamkeit, für die ich Dir ſehr dankbar bin, Nikolaus— doppelt dankbar, weil Du mit derſelben meinem eigenen Wunſche entgegen⸗ kommſt,“ erwiederte die Gräfin mit vinem Lächeln, wel⸗ ches, obgleich gut einſtudirt, keineswegs ganz natürlich war. Sie hatte mit Staunen bemerkt, wie der General ſich den Seſſel herbeiholte—„was führt ihn nur her — wozu dieſe Umſchweife?“ dachte ſie und fuhr flüchtig mit der Hand über die Falten ihres Kleides, um zu verhindern, daß ſie durch die ſtaubigen Stiefeln ihres Gemahls beſchmutzt würden. „Haſt Du Deinen Morgen angenehm verbracht, Alexandra?“ „Merci!— 0 ja,— ich empfing einige Beſuche und machte zu Wagen einige Einkäufe in der Stadt, das Wetter war ſo verlockend.— Und Du?...“ ) der gegen⸗ , wel⸗ ch war. beneral sur her flüchtig um zu In ihres rbracht, Beſuche Stadt, 11 151— △ „Ich war bis halbwegs Modlin auf einer vergeb⸗ lichen Rekognoszirung— es war ein coup-de-vent, ich glaubte ein Rudel Wölfe zu fangen und erlegte nur einen glänzenden Buntſpecht,“ ſprach der General ſarkaſtiſch. „O ſchweig mir— ich bitte Dich, von ſolchen häßlichen Geſchichten,“ erwiederte die Gräfin haſtig und mit beiden Händen von ſich abwehrend,„ich werde den⸗ ſelben niemals ein Intereſſe abgewinnen lernen— ich will nichts von ihnen hören!— War es ſehr heiß?... Die Sonne hat Dich ordentlich gebräunt in den weni— gen Stunden, dünkt mich... Ich bitte Dich, brauche ein wenig pate. Wann willſt Du diniren?“ „Ich bedaure lebhaft, heute Dich allein laſſen zu müſſen, belle amie, Du vergißt, daß ich eine Ein⸗ ladung zu Graf Berg angenommen habe. Das iſt ſo gut wie ein Befehl, denn Seine kaiſerliche Hoheit wird ebenfalls erwartet.—— Da ich noch zeitig genug von meiner Exkurſion zurückkehrte, ſo kann ich dieſes Diner nicht wohl umgehen... Haſt Du mir irgend welche Befehle zu geben für heute Abend?— Wirſt Du in's Theater fahren und wünſcheſt Du meine Begleitung? ——— Doch nein, es iſt ja heute Dein Empfangs— tag,“ fügte er gleich darauf ſich verbeſſernd hinzu. Die Gräfin machte ein bedauerndes Geſicht, ſie —— 452— ſchmollte allerliebſt— ſie war eine ſo vortreffliche Komödiantin, die junge Frau!— Innerlich aber jubelte ſie und war kaum im Stande, ihre Ungeduld zu ver⸗ bergen: Der Gemahl ging fort,— ſo konnte ſie mit dem Geliebten einige Stunden in köſtlichem Alleinſein verbringen... Ach, ſie ahnte nicht das Geringſte von Allem, was mittlerweile vorgefallen war. Sie über⸗ legte in ihrem Geiſte, wie ſie Mengden wohl am ſchnell⸗ ſten zu ſich herüber zaubern könnte, ſie konnte den Augenblick kaum erwarten, daß ihr Gemahl ſich ent⸗ fernte. „Wie fatal,“ ſprach ſie mit einem vollen Blicke ihres dunklen Auges,„ich hatte beſtimmt gehofft, Dich heute bei mir zu haben. So muß ich mich denn ge⸗ Aber willſt Du nicht ein wenig ruhen noch vor dem Eſſen, biſt Du dulden bis zum Abend, Nikolaus... nicht angegriffen von dem weiten ſtaubigen Ritte?“— und ſie legte ihre ſchlanken ſchneeweißen Finger zutrau⸗ lich auf die große gebräunte Hand, welche auf dem Degenknauf ruhte. Der General ſchwieg einen Augenblick. Die Be— rührung dieſer glatten Haut, dieſe freundlichen, mit ſo einſchmeichelnder Stimme geſprochenen Worte verletzten den gehärteten, ſturmzerwetterten alten Soldaten wie der Stich einer Schlange. Ein eiſiges Gefühl legte nnit ſo letzten wie legte ſich um dieß ſtrenge, aber keineswegs gefühlloſe Herz und ſchnürte es unter Folterqualen zuſammen. Er hatte dieſes junge, ſchöne Mädchen zu ſeiner Frau genommen, weil er ſich ſonnen wollte in ihrer Schönheit und Jugendfriſche, er wollte der feſte Stab ſein für die ſchlanke Winde und ſeine Freude haben an den ſproſſenden Blättern und den buntfarbigen Blüten, die ſie trieb. Er hegte und pflegte ſie, er gab ſich alle nur erdenkliche Mühe, ſie ſo glücklich zu machen wie nur möglich. Er hatte es mit Freuden geſehen, wenn man ſeine junge Frau bewunderte und umſchwärmte: „Mag ſie ihr Leben genießen, ſie iſt ja jung und lebens— luſtig— ſie ſoll nicht den Druck der Ehefeſſeln kennen lernen,“ ſo dachte er.— Er hatte bemerkt, wie Alexandra gegen Mengden nicht gleichgültig war, er hatte nicht einen Augenblick ſcheel oder mißtrauiſch dazu geſehen — er glaubte ſeine Ehre geborgen in dem dankbaren Herzen ſeines Weibes gegen alle Wechſelfälle, er hätte eben ſo gut an ſeinem Muthe als an ihrer Ehrenhaftig⸗ keit gezweifelt. Er hatte ihr vollkommen vertraut, alle leiſen Einflüſterungen hier und dort waren an ſeinem zuverſichtlichen Glauben in die Rechtſchaffenheit ſeines Weibes abgeprallt, wie eben ſo viele Pfeile an einem Stahlpanzer;— ach, mit einem Male waren ihm die Augen heute geöffnet worden! ———— — — 154— Wie ſo oft im Leben hinter der feſteſten und rauheſten Hülle das zarteſte Gefühl ſich verbirgt, ſo gab es in dieſem verknöcherten, verhärteten Herzen einen Punkt, welcher um ſo verletzlicher war, je tiefer er eben unter jener Schale verborgen lag:— das Gefühl für Ehre. Als er heute Morgen, durch Moroſielzoff's hämiſche Bemerkung aufmerkſam gemacht, ſeine Augen auf Meng⸗ den richtete und jenes Kleinod, das er einſtmals dem jungen Mädchen, der Braut, geſchenkt hatte, nun an eines Anderen Bruſt ſah— da hatte es ihn durchzuckt wie ein Dolchſtich, wie ein Hammerſchlag aus einem Hinterhalte;— er brach beinahe zuſammen und hatte nur noch ſo viel Geiſtesgegenwart behalten, raſch ſein Pferd zu wenden und abſeits zu reiten.— Er hatter Mengden geliebt wie einen jüngeren Freund, wie einen Sohn beinahe, und gerade dieſer war es, welcher ihm das Liebſte entriſſen hatte auf dieſer Erde!— Er hatte jenes ſchöne Weib gehegt und gepflegt mit aller Liebe ſeines alten Herzens, und ſie betrog ihn. Sie gab einem Anderen das Andenken ſeiner Liebe, jene Uhr mit ſeinem Porträt!— Unmöglich!— Alſo hatte ſie es herausgenommen, vielleicht vernichtet!— O wie das nagte an dem Herzen des alten, ſtrengen Offi⸗ ziers!... Und Mengden, dieſer Bube!— nicht genug, wie HOffi⸗ enug, 155— daß er ihn im Stillen beſtahl, mußte er ihn auch noch öffentlich der Verachtung preisgeben?! War es nicht ſeine Pflicht, ein ſolch' gefährliches Geſchenk im tiefſten Schreine zu verbergen, wo es Niemand ſehen kon hing doch ſeine Ehre und ſein Glück und die Ehre ſeiner Frau an jener kleinen goldenen Kette!— Als der erſte jähe Schmerz vorüber war, den er ſchweigend getragen hatte, drängte er ſich aus ſeinem tiefſten Herzen empor in jene ſtrengen Augen, welche ſeit langen, langen Jahren keine Thräne mehr gekannt hatten, und feuchtete ſeine graue Wimper unter Höllen⸗ qualen. Er war im Begriff, den Degen zu ziehen und ſich auf Mengden zu ſtürzen, ihn zu vernichten wie ein ſchädliches Gewürm, aber der Gedanke, daß damit ſeine Schmach nur noch offenkundiger würde vor aller Welt, hielt ihn zurück. Er ſandte ihn fort mit Muſſa, um von ſeiner Gegenwart befreite zu ſein.— Während er in ſtrenger Haltung ſtundenlang an der Wegkreuzung hielt, ſann er nach. Nicht einmal die Aufregung eines möglichen Gefechtes konnte ihn einen Augenblick lang aus ſeinem Brüten herausreißen. Was war zu thun— wie ſollte er handeln? Wie konnte er einem öffentlichen Skandal vorbeugen? — Daß Moroſielzoff jene Uhr kannte und erkannt — — 156 hatte, wußte er. Sein Blick ruhte einen Augenblick voll unſäglicher Verachtung und Groll auf dem Oberſt⸗ lieutenant, ſeine ganze Geſtalt erbebte, ſeine Hände ballten ſich, jenen heimtückiſchen Mann zu zerſchmettern — ein furchtbarer Aufruhr durchbebte Seele und Kör⸗ per— dann ſank ſein Haupt noch einmal vornüber, von Neuem erwog er und ging er mit ſich zu Rathe. „Oberſtlieutenant Moroſielzoff!“ „Excellenz!“ 1 „Kündigen Sie hernach dem Rittmeiſter v. Meng⸗ den einen fünftägigen Stubenarreſt an,“ ſprach er barſch, den Gerufenen fixirend mit ſeinen ſtechenden Augen und an ſeinem Barte nagend.—„Sagen Sie ihm... jene Marketenderei... iſt meinerſeits oft genug getadelt worden... verboten worden mit aller Strenge. Jene Leute ſpioniren, tragen Alles weiter, was ſie erfahren können.— Es iſt Sache der Adjutanten, dieſem Un⸗ weſen vorzubeugen; war beſonders Sache des Ritt⸗ meiſters.—... Ich kann Sie indeſſen ebenfalls von Schuld nicht freiſprechen, Oberſtlieutenant Moroſielzoff — ich ertheile Ihnen hiermit einen ſtrengen Verweis wegen Mangels an dienſtlichem Takt, Sie mußten den Rittmeiſter darauf aufmerkſam machen als älterer Kame⸗ rad,— ich muß verlangen, daß dieß in allen Sachen geſchieht... danke!—“ eng⸗ uiſch, hren Un⸗ Ritt⸗ von off ſweis den ume⸗ chen — 157— Der Oberſtlieutenant ritt bei Seite bleich vor Wuth, der General nagte weiter an ſeinem Barte und folgte ihm mit ſeinen Blicken— er haßte— o nein, er verachtete den erſten Adjutanten, ſeine rechtſchaffene Natur erkannte in ihm auf tauſend Schritte weit die gemeine Natur. Im nächſten Augenblicke bemerkte er Prinz Muſſa und Mengden, welche unverrichteter Sache an der Spitze ihrer Leute dahergeritten kamen. Der Oberſt ſprengte auf ſeinem wiehernden Roſſe heran und machte ſeine Meldung, der Graf hörte ihn kaum, er beobachtete Mengden, wie er, der ſchöne, liebenswürdige Offizier, ſonſt heiter und voll Leben, jetzt ſo tiefſinnig und trübe herankam. „Die Schuld drückt ihn,“ murmelte er.„Ich hatte ihn einſt lieb— ich achtete ihn——— o falſche Welt ohne Treue und Glauben, o Alexandra!“ Er ritt allein, ſeiner Ordonnanz abwinkend, eine Strecke weit in den Wald hinein. „Wie kann es nur ſein— wie mag das nur Alles gekommen ſein!“ brach es in ihm los. Er ſtemmte beide Hände auf den Sattelknopf und ſaß vornübergebeugt da— er ſtarrte auf einen kleinen Sonnenfleck, welcher durch das Birkengrün hindurch goldig auf den Raſen ſchien— vernichtet, gebrochen. — 158— Und nun ſaß er vor ſeiner Frau; er wußte, ſie war ſchuldig, wenn auch nicht, wie ſehr. Er ſaß vor ihr und ſtudirte ſie mit dem peinlichen Gefühle eines Arztes, welcher forſchend in ſein eigenes Fleiſch ſchnei⸗ det, ſein eigenes Gebein ſecirt. Er ſah, wie ſie Komödie mit ihm ſpielte, wie ihre Freundlichkeit nur Maske, ihr Lächeln Heuchelei war, er bemerkte, wie ſie ihn los ſein wollte, wie ihre Augen nach dem Fenſter ſchweiften, hinüber, wo Mengden's Zimmer lagen.— Sein Herz blutete, es kam ein Ge⸗ fühl bitterer Verachtung gegen jenes ſchöne, perfide Weib über ihn, aber in einer ſtrengen Lebensſchule grau ge⸗ worden, vermochte er zu verbergen, was in ihm vorging. Einen Augenblick zögerte er noch in gleichgültigem Geſpräch, dann erhob er ſich langſam. Nur ein auf— merkſamer Beobachter hätte vielleicht das Zucken ſeiner Brauen und das Beben ſeiner Lippen wahrgenommen und das leiſe Zittern ſeiner Glieder, als er ſchwerfällig ſich aufrichtete. Zögernd reichte er ſeiner Frau die Hand:„Au revoir m'amie!“ ſprach er mit ſcheinbar heiterer Stirn und war ſchon halb zum Gehen gewendet, als er ſich plötzlich noch einmal umdrehte:„Pardon, ma chere!“ ſprach er mit ruhiger Artigkeit—„ich muß Dir noch mit einer Bitte zur Laſt fallen!“ en's Ge⸗ Weib 1 ge⸗ ging. igem auf⸗ „Au Ptirn ſich re!“ noch 159— Die Gräfin horchte hoch auf.„Alſo doch! Ich wußte es ja, er kam nicht umſonſt... er führt etwas im Schilde!“ Sie fühlte ſich etwas unbehaglich, denn ſie hatte kein gutes Gewiſſen. Sie ſetzte ſich alſo von vornherein in Poſitur und machte ſich bereit, den Hieb zu pariren, ſie fühlte gleichſam das Schwert über ihrem Haupte ſchwirren. Unwillkürlich kauerte ſie ſich in dem weichen Polſter zuſammen und umfaßte feſter ihre Ellenbogen, ſie ſchloß ihre dunklen, langen Wim⸗ pern zur Hälfte und unter dieſem Verſteck hervor beob⸗ achteten ihre Augen lauernd die Mienen ihres Ge⸗ mahls. „Womit kann ich Dir gefällig ſein, Nikolaus?“ erwiederte ſie mit einem leichten fingirten Gähnen. „O, nur eine Kleinigkeit, m'amie, ich bitte Dich, gib mir doch auf einige Stunden jene Uhr mit den Türkiſen, welche ich Dir als Bräutigam zu Deinem achtzehnten Namenstage ſchenkte. Ich verſprach ſie dem Grafen Berg bei Gelegenheit zu zeigen und möchte ſie ihm heute mitbringen.“ Die Gräfin erfaßte ein eiskalter Schrecken— ſie zuckte innerlich zuſammen, ſie war auf alles Andere vorbereitet, nur hierauf nicht.— Wie kam er zu dieſem Wunſche? Zufall war es ſicherlich nicht, aber was denn?— Hatte er eine Ahnung?... Hatte er etwas — 160— errathen oder entdeckt durch eine Unvorſichtigkeit des Juweliers— oder ſollte gar Mengden...2 Sie erbleichte ein wenig, kaum merklich, aber ſie verlor ihre Faſſung keineswegs. Sie mußte Zeit ge⸗ winnen.— Sie raffte ſich augenblicklich auf. Der Graf blickte ſtarr. Alexandra begann zu lächeln, ſie vermochte es ſogar, ihrem Manne unbefangen in das Geſicht zu ſchauen. Sie erhob ſich langſam aus ihrer kauernden Stellung.. „Bitte, ziehe die Klingel“— ſprach ſie unbe⸗ fangen. Der General klingelte, Annuſchka kam hereinge⸗ watſchelt und blickte etwas erſtaunt den Grafen an, als wunderte ſie ſich, wie dieſer zu ſo ungewohnter Zeit hier hereinkam. „Hole meine Schlüſſel!“ befahl die Gräfin. „Gedulde Dich nur einen Augenblick, Nikolaus, ich werde Dir die Uhr ſogleich ſchicken,“ ſprach ſie, ohne mit der Wimper zu zucken.. Der Graf verbeugte ſich und ging. Sie ſah ihm nach, bis er verſchwunden war— ſie hörte, wie er die Thüre ſchloß, dann ſprang ſie auf. Sie eilte nach ihrem Sekretär, ſie warf ein paar flüchtige Zeilen auf ein Blatt Papier und verſchloß es mit einer Oblate, dann klingelte ſie heftig. Die Amme —-——y t des de ſie it ge⸗ Der n, ſte n das ihrer unbe⸗ ereinge⸗ fen an, wohnter kolaus, e, ohne ſah ihm er die n paar hloß es Amme — 1614— erſchien wieder. Ohne auf ihre Worte zu achten, gab ihr die Gräfin das noch feuchte Billet. „Geh'— ſchicke augenblicklich Waſſili hiermit zu Baron Mengden, er ſoll ſich ſputen und auf Antwort warten— geh'!“ damit ſchob ſie die verblüffte Annuſchka zur Thüre hinaus und begann unruhig im Zimmer auf und ab zu gehen. Bisweilen blieb ſie ſtehen und wandte ſich zum Fenſter, dann ging ſie wieder auf und ab— die Zeit wurde ihr lang, Waſſili blieb lange. Sie klingelte wieder, die Amme kam noch einmal mit geröthetem Geſicht herein. „Moje moj*), wo bleibſt Du,“ fuhr ſie dieſelbe an,„iſt Waſſili noch nicht zurück?“— Dieſe wackelte erſtaunt mit ihren Haubenbändern. „Njet, njet, Milinka maja** er iſt noch nicht zurück.“. „Wo bleibt der Kalpak, ich ſtehe wie auf Kohlen,“ herrſchte ſie die Frau an und runzelte die Augenbrauen, „wo ſind meine Schlüſſel?“— „Hier, Seelzi tschka* ⁵), hier ſind ſie ja,“ erwie⸗ derte dieſe mit Staunen und ließ ihre kleinen Aeuglein verwundert auf der Gräfin ruhen. *) Mein Gott. **) Nein, nein, mein liebes Herzchen. ***) Seelchen. Van Dewall, Eine große Dame. II. groß 162— Die Gräfin trat auf's Neue haſtig zum Fenſter und ſchob die Vorhänge bei Seite, dann drehte ſie ſich plötzlich herum. „Oeffne meinen Schrank dort und nimm die Schmuck⸗ ſchatulle heraus!“ herrſchte ſie der Alten zu. „Da— da!“*) brummte dieſe ärgerlich und ſuchte unter den Schlüſſeln herum. Sie öffnete den Schrank, dann die Schatulle, die Gräfin warf allen Schmuck heraus, er lag in bunter Unordnung auf dem Teppich herum, Gold, Juwelen— Perlen. Die Gräfin riß Alles heraus, ohne ſich an die erſtaunten Mienen der Amme zu kehren... Wollte ſie ſich ſelbſt be⸗ lügen?... Zu derſelben Zeit trat Moroſielzoff mit einem Briefe in das Gemach des Grafen. „Excellenz,“ ſtammelte er—„ich komme, um mir Verhaltungsmaßregeln von Ihnen zu ecbitten.“ Der Graf runzelte die Stirn und ſtand auf.— „Was gibt's?“— „Soeben erhalte ich die Meldung, daß der Lakai der gnädigſten Gräfin mit einem Billete bei Baron Mengden Einlaß begehrte— ich glaubte...“ „Genug,“ erwiederte der General barſch und riß *) Ja, ia. ————— ſuchte crank, ſchmuck Leypich ſin riß Mienen lbſt be⸗ einem ler Lakai Baron und riß — 4653— Jenem das Billet aus der Hand, er trat zum Fenſter und las mit abgewandtem Geſſicht. Er zitterte am ganzen Leibe, während er dieß that— nach einer Weile drehte er ſich herum und trat auf den Oberſtlieutenant zu. Moroſielzoff war durchaus nicht wohl bei der ganzen Sache— er ſchaute in das blaſſe, finſtere Ge— ſicht des Grafen und ſchlug die Augen nieder. „Was wiſſen Sie von Alledem?“ frug der Gene⸗ ral mit einer Stimme wie ferner Donner. „Excellenz!—“ „Sprechen Sie— ich befehle es Ihnen!“ „Excellenz!!—“ „Sabak!“*) brüllte der Graf ganz außer ſich, „ſprich— oder...! „Excellenz!“— rief der Oberſtlieutenant erblaſſend mit unſicherer Stimme,„was ſoll ich ſagen?“— Er warf einen flüchtigen, kriechenden Blick auf ſeinen zornes⸗ rothen Chef, der mit geballten Fäuſten drohend vor -74 ihm ſtand...„Dieſer Baron Mengden hat es ver⸗ ſtanden... er iſt ein Elender.“ „Heraus, heraus! Alles heraus!!“— „Die gnädigſte Gräfin hat eine Schlange an ihrem *) Hund. 164— Buſen genährt.— Schon ſeit Wochen weiß ich, daß er es gewagt hat, ſeine Blicke zu ihr zu erheben— beben daß er es verſtanden, ſich in ihr Vertrauen einzuſchlei⸗ chen.— Seit jenem Abende, wo die lebenden Bilder ſichk geſtellt wurden!—... Er hat die Unverſchämtheit begangen, ihr zu ſchreiben, ihr ein Medaillon zu ſchen— V Weile ken mit ſeinem Bilde—— er verlockte ſie, ihn bei der Generalin Banjutoff insgeheim zu treffen...“ „Von wem wiſſen Sie dieß Alles— ſchnell?!“— ihren „Excellenz, ich berichte nur—... was——— Julie außerdem erfuhr ich Einiges durch Leute aus dem Hauſe.“ im? „Durch wen?“— Auge „Durch Mademoiſelle Juliette, welche mir ohne meinen Willen Mittheilungen machte.“ Der Graf erbebte wieder und ſeine Zornader ſchwoll. Mit großen Schritten maß er einige Male das Gemach. „Genug!“ rief er plöͤtzlich, entſtellt von Leiden. ſchaft—„entfernen Sie ſich, ich habe genug gehört! — Aber wehe Ihnen, wenn ein Laut, eine Sylbe über Ihre Lippen kommt— ich würde Sie zerſchmet⸗ tern wie ein ſchädliches Gewürm!“ und dabei hob er einen ſchweren Stuhl empor und zertrümmerte ihn mit einem Stoß auf das Parket. doch rück, ware aber kann ſprac vor ſ finde wir dem hne — — 165— Der Graf hielt noch immer jenes Billet in ſeinen bebenden Händen. Er blieb ſtehen, er las es noch einmal. Er fuhr ſich krampfhaft mit ſeiner Hand über d.⸗ Stirn. „O Gott, o Gott!“ murmelte er und nach einer Weile ſprach er dumpf:—„Es muß ſein!“ So ging er abermals hinauf zur Gräfin. Er fand ſie am Boden knieend, mitten zwiſchen ihren Schmuckſachen, die Amme und Mademoiſelle Juliette waren zugegen. Sie erſchrak heftig, als ſie ihren Gemahl mitten im Zimmer ſtehen ſah, ſeine ſtrengen, durchdringenden Augen ſtarr auf ſie geheftet, ſein Geſicht ehern und doch ſo gromverzerrt. Sie err. ſich eilig und ſtrich ſich die Haare zu⸗ rück, welche beun Bücken über ihr Geſicht herabgefallen waren. Eine Ahnung der Wirklichkeit kam über ſie, aber immer noch verlor ſie die Faſſung nicht.„Ich kann ſie mit dem beſten Willen nicht finden, Nikolaus,“ ſprach ſie dreiſt mit gerunzelter Stirn, dann ſchlug ſie vor ſeinen Blicken die Augen nieder. „Seltſam,“ ſprach er kalt,„ſie muß ſich indeſſen finden.“ „Ich habe Alles vergeblich durchſucht— ich weiß mir keinen Rath— ſie iſt fort, je suis au désespoir.“ — 166— „Es wäre ein unangenehmer Verluſt,“ erwiederte 1 der Graf, ohne ſich vom Fleck zu regen—„wann haſt 3 Du ſie zum letzten Male geſehen, Alexandra, be⸗ ſinne Dich!“ 1 „Es war kurz vor Oſtern, als ich meinen Schmuck 14 zum Feſte herausnahm— Annuſchka weiß, damals 4 war ſie noch da.“ 14 „Und ſeitdem iſt ſie fort?— Sie kann doch nicht. von ſelbſt verſchwunden ſein, beſinne Dich doch! Gabſt 34 Du ſie vielleicht zum Uhrmacher oder zum Gold— 4 3 arbeiter?“— „Nein, gewiß nicht,“ antwortete die Gräfin in peinlicher Verlegenheit,„wenn ſie ſich nicht findet, muß ich leider annehmen, daß man ſie mir entwendet hat.“ „Geſtohlen alſo?“ frug der Graf haſtig und ſeine Lippe bebte vor Entrüſtung, die Röthe der Scham ſtieg in ſein Geſicht. „Ja geſtohlen,“ ſprach noch einmal Alexandra, „was ſonſt!“ Sie wagte es ſogar, ihren Gemahl trotzig anzublicken.— Das böſe Wort war geſprochen, was ſie für ewig ſchied.— „Feiles, elendes Geſchöpf!“ wollte der General ihr zurufen, ihr den Brief, der ihre Schuld enthielt, vor die Füße ſchleudern, aber er dachte an ſeinen Ruf — ———Vʒ⅓ꝛ———— — —.. ————;—2—,——.,.—·———— — 4660— und ſeine Stellung, an den namenloſen Skandal— er wandte ſich ab und ging. Die Gräfin ſandte ihre Dienerinnen hinaus und warf ſich auf den Divan. Sie bedeckte ihr Geſicht mit beiden Händen. Welch' ein Unglück! Sie wußte nicht, was ſie beginnen, was ſie glauben ſollte. Die Mahnungen ihres Gewiſſens waren ihr ſo unbequem — die Vorwürfe, welche aus ihrem Inneren herauf⸗ ſtiegen, kränkten ihre Eigenliebe ſo ſehr, Furcht und Ungewißheit marterten ſie— ſie zürnte der ganzen Welt, ſo aus ihrem Gleichgewicht, ihrem egoiſtiſchen Behagen herausgedrängt zu ſein, und begann zu weinen wie ein Kind. Sie dachte nur an ſich und an alle die Unbe— quemlichkeiten, welche noch folgen konnten.„Es mußte ſein, es mußte ſein, ich konnte nicht anders,“ murmelte ſie—„er wird ſich ſchon zu helfen wiſſen!“ Ach— wie wenig kannte ſie Mengden! Der Graf wankte mittlerweile auf ſein Zimmer. Lange ging er dort auf und ab. Endlich blieb er ſtehen:„Es muß ſein— ich kann nicht anders,“ ſprach auch er und klingelte. „Oberſtlieutenant von Moroſielzoff!“ befahl er und ging langſam wieder im Zimmer herum. Der Gerufene erſchien. — 168— „Laſſen Sie mit Dunkelwerden ganz im Stillen Rittmeiſter von Mengden als Arreſtant auf die Haupt— wache bringen! Sorgen Sie dafür, daß Niemand etwas davon erfährt! „Noch Eins,“ fuhr er nach einer Weile fort. „Mademoiſelle Juliette, die Zofe meiner Frau, wird noch heute Abend unter ſicherer Begleitung über die Grenze gebracht, hier ſind dreihundert Rubel für die⸗ ſelbe— ihre Sachen wird man ihr nachſenden. Sie bürgen mir dafür, daß Alles ſchnell und in aller Stille geſchieht.“ Der Offizier verbeugte ſich und ging rückwärts zur Thüre hinaus voller Haſt und Schadenfreude.— Der General machte Toilette und fuhr dann zum Diner des Grafen Berg. W 7‿ nod —y— ꝑ-ͤQ——— Vierundzwanzigſtes Kapitel. Oberſtlieutenant Moroſielzoff's Lakaienſeele trium⸗ phirte. Kichernd rieb er ſich die Hände und ſchritt den langen, hallenden Korridor hinab, ſein gelbes abſtoßendes Geſicht leuchtete von gemeiner Freude, hämiſche Rachſucht blitzte aus den grünlichen, geſchlitzten Augen— er war geradezu abſcheulich. Er ging auf ſein Bureau und ſetzte ſich in eine Ecke, um zu überlegen, wie er jene Befehle des Generals ſo ausführen könnte, daß ſie Mengden und Mademoi⸗ ſelle Juliette am unangenehmſten und verletzendſten würden. Er kaute an ſeinen Nägeln und rutſchte un⸗ ruhig hin und her auf ſeinem Lederſtuhle. Er hörte den Wagen des Generals davonfahren, — drohend ballte er die kleine Fauſt hinterher.— „Wart nur, Balwan, Dir will ich den Sabak ſchon noch anſtreichen!“ Dann kicherte er wieder und rieb ſich — 170— die Hände.„Welch' alter Narr, welch' alter Hahnrei er iſt!“— frohlockte er in ſich hinein. Wie ſchön konnte er ſich nun rächen! An Mengden durch größte Härte und erniedrigendes Mitleid, an der Gräfin, ha!— indem er alle ſeine Maßregeln ſo traf, daß ſie nicht aus der Aufregung und dem Aerger heraus⸗ kam. Quälte er Mengden, ſo quälte er auch ſie, zwei Fliegen mit einer Klappe und— veelleicht ließ ſie ſich ſogar zu Bitten, zu Flehen herab!... Nun dann?... Und der General, der ſollte es am bitterſten empfinden — er wollte Alles ſo ſchnell und geheim betreiben, daß es die ganze Stadt erfuhr und die Schuld doch nur auf die Schultern des Alten fiel, nebenbei quälte er dann auch noch ein wenig Mademoiſelle Juliette;— welch' reiches Feld für ſeine Thätigkeit! Mengden ſaß noch immer in ſeinem Zimmer, eine Beute der ſchmerzlichſten Vorſtellungen. Er hatte an Alexandra geſchrieben, einen langen Brief mit Selbſt⸗ vorwürfen, ſie um Verzeihung gebeten wegen ſeiner be⸗ gangenen Unvorſichtigkeit und ihr geſchworen, alle Schuld auf ſich zu nehmen. Er hatte ihr verhängnißvolles Geſchenk in ein Paket geſiegelt, er bat ſie, es wieder an ſich zu nehmen und ihm nur das Bild zurückzuſenden. Dann hatte er einen zweiten Brief an Prinz Muſſa angefangen, derſelbe lag noch unvollendet vor ihm. — ꝑy————— — 171— Es dunkelte. Er klingelte nach Licht, man ſchlug es ihm ab. So ſaß er, den Kopf in die Hände ge⸗ ſtützt, gekränkt, gedemüthigt, knirſchend vor Zorn, ein Opfer namenloſer Aufregung. „Noch ahnt ſie nichts,“ das war ſein einziger Troſt; von ihrer Botſchaft durch Waſſili hatte er na— türlich nichts erfahren; ebenſowenig ahnte er, daß die Uhr und ſein Brief niemals ihre Beſtimmung erreichen würden, ſondern ſogleich von Moroſielzoff in Empfang genommen wurden. Wohl tauſendmal ſchaute er hinüber nach den Fenſtern der Gräfin, ob ſie ſich nicht zeigte. Er ſah endlich, wie die Rouleaux herabgelaſſen wurden, wie ein heller Lichtſchein durch dieſelben drang, aber nichts regte ſich hinter denſelben. Plötzlich fuhr er auf aus ſeinem Hinbrüten, er vernahm ſchnelle Männertritte auf den Flieſen des Ganges, gleich darauf öffnete ſich die Thüre und anſtatt ſeines Dieners trat Moroſielzoff herein, gefolgt von zwei Unteroffizieren. Eine halbe Stunde ſpäter ſaß Mengden, durchſucht wie ein gemeiner Verbrecher, ſeiner Habſeligkeiten ent⸗ ledigt, feſt hinter den Traillen eines abſcheulichen Loches der Hauptwache. „Glatt ausgeſchält wie ein Aal, hinter den eiſer— —— — 2 — 1472 nen Gardinen,“ wie Moroſielzoff ſich deſſen ſpäter rühmte. Während Mengden ſo volle Muße erhielt, etwas ſpät ſeine Reflexionen zu machen, kramte der Oberſt⸗ lieutenant begierig in deſſen Sachen herum— es war ihm ein wahres Feſt, ſeine Spürnaſe in alle Privat— briefe und Dokumente zu ſtecken. Er fand auch jene Briefe von Mincia, andere von der Gräfin, von ſeiner Mutter, ſeinen intimſten Freunden, auch ein Streifchen Papier mit den zierlichen Schriftzügen Mademoiſelle Juliette's fand er und ſteckte es zu ſich. Er ſteckte das Alles zuſammen zu dem Paket mit der Uhr, dazu noch etwa ein Dutzend Photographieen der ſchönen Generalin in allen nur denkbaren Stellungen und Toiletten.— „Warte nur, alter Einfaltspinſel, das ſoll Dich kitzeln!“ frohlockte er. Endlich ging er auf ſein Zimmer und ließ Mademoiſelle Juliette kommen. Nachdem er eine halbe Stunde lang zu ſeinem Privatvergnügen mit ihr geſpielt hatte, wie die Katze mit der Maus, zeigte er ihr den kleinen Zettel mit dem„Je vous aime!“ und quälte ſie damit ſo lange, bis ſie ihm ihre intimſten Beziehungen zu dem General mitgetheilt hatte.— Dann richtete er ſeinen Auftrag an ſie aus, kurz, mit aller Härte. Er ſagte ihr im Namen des Grafen einige gemeine Injurien, welche die — 173 Zofe ſchäumen machten vor Wuth, und ſandte ſie ſo mit zweihundert Rubeln, anſtatt mit dreihundert, zur Bahn, unter dem ſicheren Geleite eines brutalen Poli⸗ zeimannes. Gegen 1 Uhr in der Nacht kam der Graf zu ſeiner Frau herauf und legte ſchweigend Mengden's letzten Brief und die Uhr auf ihren Nachttiſch, die Cuvette war ſo geöffnet, daß man das Porträt der jungen Frau erblickte.— Alexandra fuhr erſchrocken empor und fiel in Ohnmacht. Der Graf ſprach kein Wort, er ging holzgerade wieder zur Thüre hinaus, aber alle ſeine Mienen drückten die tiefſte Verachtung aus. Die Gräfin kam ſogleich wieder zu ſich,— ſie war noch in den eleganten ſeidenen Kleidern, welche ſie heute Abend ihren Gäſten zu Ehren angelegt hatte, in welchen ſie ſo unbefangen wie immer die Honneurs des Hauſes gemacht hatte.— Sie ergriff die Uhr und warf ſie mit einem Krach in eine Schublade, dann nahm ſie den Brief. Sie erkannte Mengden's Hand⸗ ſchrift, das Siegel war erbrochen, ſie biß vor Wuth die kleinen, ſcharfen Zähne aufeinander und las. All⸗ mälig wurden ihre Züge immer ſtarrer, ihre Augen öffneten ſich übergroß.„Ah, le maladroit!— alſo das war es?“ murmelte ſie.— Sie eilte an's Fenſter 474— und ſah hinüber. Alles war dunkel und ſtill.— Sie rief Annuſchka, gab ihr leiſe Aufträge, ſie ſprach haſtig mit ihr und eilte dann auf das Zimmer ihres Gemahls. — Erſt nach einer vollen Stunde kehrte ſie von dort zurück, und noch klangen die letzten höhniſchen Worte ——— — des Grafen in ihren Ohren.— „Alſo nehmen wir denn an, Madame, die Uhr ſei Ihnen geſtohlen worden.— Der Dieb iſt entdeckt und bereits gefänglich eingezogen— man wird ihm einfach den Prozeß machen. Bitte, verwahren Sie' eim künftighin Ihre Juwelen etwas gewiſſenhafter! Bonne lichen nuit, Madame!— Noch Eins: was werden Sie über⸗ hatte morgen zum Ball bei der Großfürſtin anziehen?— für ſi bei M geſtohle erheiſch Ein weißes Kleid mit Fliederzweigen garnirt— noch einmal bonne nuit!“ Weiſe — 1 Famili ſtahl, 1 mand den rei gemein ———— Tünfundzwanzigſtes Kapitel. Wer einigermaßen mit den ruſſiſchen Verhältniſſen vertraut iſt, der wird begreifen, in welch' einer gefähr— lichen Situation ſich Mengden befand. General Graf P., obwohl mit einigem Bedauern, hatte ſich entſchloſſen, die ganze Strenge des Geſetzes für ſich in Anſpruch zu nehmen. Man hatte die Uhr bei Mengden gefunden, ſeine Frau gab an, ſie ſei ihr geſtohlen worden, die Ehre und Stellung des Generals erheiſchten, daß kein anderer Gedanke über die Art und Weiſe laut werden konnte, wie ſein Adjutant zu jenem Familienjuwel gekommen war, als durch einen Dieb⸗ ſtahl,— er war das Opfer, welches fallen mußte. Was nutzte es Mengden, daß jene Annahme Nie⸗ mand glauben würde, daß es ganz abſurd war, ihn, den reichen Sohn einer geachteten Familie, als einen gemeinen Dieb hinzuſtellen!—— Noch ahnte ja Mengden gar nicht, weſſen man — 176— ihn eigentlich zieh— er wußte gar nicht, wo man eigentlich hinaus wollte mit ihm. Er hatte der Gräfin ſein Wort gegeben, ſie nicht zu kompromittiren in jenem Briefe, und war feſt ent⸗ ſchloſſen, ſein Verſprechen zu halten. Als er ſpäter einſah, wohin dieſes Verſprechen führte, war es leider zu ſpät. Mittlerweile war, Dank Moroſielzoff's übergroßer Eile, die ganze Geſchichte bereits ſtadtkundig geworden, überall raunte und flüſterte man von dem Unerhörten. Als der General am Morgen zum Grafen Berg kam, ihn von dem Diebſtahl in Kenntniß zu ſetzen, fand er dieſen zu ſeinem größten Staunen und Schrecken bereits völlig informirt über das, was ihn herführte — er knirſchte vor Wuth.— „Aber meine beſte Excellenz, Sie werden das doch ſelbſt nicht glauben, daß Baron Mengden— mag er ſonſt gethan haben was er will— jene Uhr geſtohlen hat?“ hatte ihm der K ochſtkommandirende erwiedert. „Excellenz,“ hatte Graf P. mit gerunzelten Brauen ſich hoch aufrichtend erwiedert——„dann gäbe es nur noch eine Lesart und die wäre noch unglaublicher. Ich ſelbſt ſah die Uhr beim Rittmeiſter von Mengden, Andere ſahen ſie ebenfalls— meiner Frau iſt dieſelbe geſtohlen worden, ihre ganze Dienerſchaft bezeugt es, — ich vorzube ſo gut „ Alle ve Graf i das Ge Es der Uhr Freund Beſorg ihn ein In das Bit beklagt rüſtung eine ſehe endete, d So ernt in die C Als man hab mit eine hen ßer den, den. Derg etzen, recken ührte pauen e es icher. oden, dſelbe ht es, — — 1770— — ich verlange Gerechtigkeit, um allen böſen Gerüchten vorzubeugen. Mag ſich Baron Mengden vertheidigen ſo gut er kann.“ Prinz Wittgenſtein und ſelbſt der Großfürſt— Alle verwandten ſich für Mengden, aber umſonſt, der Graf war eiſern, unerſchütterlich.— So mußte denn das Geſetz ſeinen Gang gehen. Es kam nun Alles darauf an, was Mengden ſelbſt über die Art und Weiſe, wie er in den Beſitz der Uhr gelangt war, ausſagen würde;— ſeine vielen Freunde verhehlten ſich darüber keineswegs ihre großen Beſorgniſſe und baten Prinz Muſſa, entſchieden auf ihn einzuwirken, keine falſche Delikateſſe zu zeigen, da ſein ganzes Lebensglück von ſeinen Worten abhinge. In ſeinem erſten Verhör hatte ſich Mengden auf das Bitterſte über die ihm widerfahrene Behandlung beklagt und die Folge davon war ein Schrei der Ent⸗ rüſtung gegen den alten General und Moroſielzoff, dem eine ſehr unangenehme Unterſuchung folgte, welche damit endete, daß Moroſielzoff auf die Feſtung wanderte.— So erntete Jener ſeinen verdienten Lohn und fiel mit in die Grube, welche er einem Anderen gegraben hatte. Als man in der Stadt erfuhr, die Gräfin behaupte, man habe ihr jene Uhr geſtohlen, brachen alle Schleuſen mit einem Male auf und von allen Seiten warf man Van Dewall, Eine große Dame. II. 12 ————— —— — 178— den Stein auf ſie. Die Großfürſtin ignorirte ſie gänz⸗ lich auf dem nächſten Balle, die Damen mieden ſie wie auf ein gegebenes Uebereinkommen, kein Kavalier for⸗ derte ſie zum Tanzen auf.— In Thränen aufgelöst kam ſie heim.— Wollte Gott, dieſe Behandlung hätte ſie gebeſſert und zu einem ehrlichen Geſtändniſſe be— wogen, wo ohnehin nichts mehr zu verbergen war.— Noch wäre Alles gut zu machen geweſen, ja ſie würde ſich damit ſelbſt einen Theil der Achtung ihres Gemahls wieder gewonnen haben,— aber nein, ſie verhärtete ſich immer mehr, ſie ſaß allein, litt nur ihre Amme um ſich, die ihr nichts Unangenehmes ſagen durfte, und klagte über die Ungerechtigkeit der Menſchen. In Folge ſeiner Beſchwerde hatte man Mengden ſofort in ein anſtändigeres Zimmer gebracht und ließ ihm eine ſeinem Stande gebührende Behandlung ange⸗ deihen. Er durfte Beſuche und Briefe empfangen. So kam es, daß er wenig allein war, und war er dieß, ſo brauchte er ſich keineswegs zu langweilen, ſondern nur, durch die allerdings vergitterten Fenſter, hinabzu⸗ ſchauen auf die Gaſſe, wo von früh bis ſpät mitleidige und neugierige Seelen auf und ab gingen, die ſich ab⸗ mühten, einen Blick von dem intereſſanten Baron, dem Helden des Tages, zu erhaſchen. Drollige Welt!— „ eigene Er h als! mite weiſer ſo wa ſich J dennoe geſteh bei de verzwe bringe Gräfin ſihm di mals, noden ließ fgange⸗ So dieß, ndern abzu⸗ ſeidige h ab⸗ dem — Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Mit jedem Verhör indeſſen wurde Mengden ſeine eigene Lage klarer, ward ſeine Stirn ſorgenvoller.— Er hatte es anfangs nicht faſſen, nicht glauben wollen, als man ihm die Ausſage Alexandra's vorlas.— Nun mit einem Male war es ihm klar: konnte er nicht nach— weiſen, wie er ſonſt in den Beſitz der Uhr gelangt war, ſo war er ein gemeiner Dieb. Schwieg er, ſo konnte ſich Jeder ſein Theil denken, aber verurtheilt wurde er dennoch, es gab nur eine Rettung— die Wahrheit zu geſtehen, und eben das konnte und wollte er nicht.— Irgend eine geheime Triebfeder mußte übrigens bei den Unterſuchungen mitwirken, man ſtellte ihm die verzweifeltſten Fragen, um ihn zu dem Geſtändniß zu bringen, daß er in einem näheren Verhältniß mit der Gräfin geſtanden hatte, um daraus zu folgern, daß ſie ihm die Uhr geſchenkt hatte; aber er verſprach ſich nie⸗ mals, er that genau, was ihm ſeine Ehre vorſchrieb, — 180— nur wunderte er ſich, wie es möglich war, daß Alles, was ſie ſo verborgen getrieben hatten, nun auf einmal vom hellen Tageslicht beſchienen wurde— es ſchmerzte und verletzte ihn tief. Aber gerade der Umſtand, daß er begriff, wie offenkundig ſelbſt die Einzelnheiten ihres unerlaubten Verhältniſſes bereits geworden waren, ließ ihn nicht daran zweifeln, daß Alexandra, die ihn ja mit einem Worte aus ſeiner verzweifelten Lage erretten konnte, endlich dieſes Wort doch noch ſprechen würde.— Wie wäre das anders möglich geweſen!— Sie war jung, unerfahren— ſie hatte ſich die Tragweite ihrer Aus⸗ ſage unmöglich klar gemacht.— Wie ſo tauſendmal hatte ſie ihm geſagt, wie ſehr ſie ihn liebe— unmög— lich würde ſie ihn jetzt hartherzig in's Verderben ſtoßen — unmöglich! In ſeinen Verhören verharrte er daher betreffs des Beſitzes der Uhr in hartnäckigem Schweigen und wies alle zu ſeiner Rettung unternommenen Verſuche mit einer Halsſtarrigkeit von ſich, welche einer Tollheit ähn⸗ lich ſahen;— ſeine Freunde waren in heller Ver⸗ zweiflung. So finden wir Mengden eines Abends kurz vor ſeinem Schlußverhöre in ſeiner engen Zelle ſitzen neben dem Ofen, in welchem heute ein Feuer praſſelte, denn Men armes führt und ſie e ſpät — 184— draußen wehte ein kalter Nordoſtwind. Er ſaß in eeinem altmodiſchen, hohen Lederſtuhl an einem ſchweren eichenen Tiſche und ſchrieb an ſeine alte Mutter. Ganz verſunken in dieſe Beſchäftigung, achtete er nicht auf alles Andere, was um ihn vorging, er hörte es nicht, wie die Thüre ſich langſam öffnete und eine weibliche Geſtalt hereinſchwebte in dunklen Trauerkleidern. Erſt als eine weiche, warme Hand ſich zärtlich auf ſeine Haare legte, ſchaute er verwundert in die —, Höhe und im nächſten Augenblick lag Mincia an ſeiner Bruſt. Lange hielten ſie ſich ſchweigend umſchlungen, Mincia weinte, als wollte ihr das Herz brechen, auch Mengden's Auge feuchtete ſich. „Müſſen wir uns ſo wiederſehen, mein armes, armes Schweſterchen!“ ſprach er tief ergriffen, dann führte er ſie mit zarter Aufmerkſamkeit zu dem Stuhl und drückte ſie leiſe in die alten Polſter. „Geſtern erſt erfuhr ich das Entſetzliche,“ ſprach ſie ergriffen.„Jan's Brief kam auf Umwegen erſt ſpät zu mir und ich eilte herbei, um Sie zu ſehen, um Sie zu retten, Mengden;— meine arme Mutter wird nun auch ohne mich geneſen— ſie war ſehr krank.“ „Liebe, treue Schweſter,“ ſprach Mengden und ſeine Stimme vibrirte, und ſeine Blicke, jene ſchönen, ehrlichen, — 182— guten Augen dankten mehr noch als alle Worte,„wie kann ich Dir das vergelten?— Sieh' mich an, Theure, laß mich Dich anſchauen,— o welch' ein Troſt iſt es für mich, Dein liebes Geſicht noch einmal zu ſehen und Deine Stimme zu hören!— Was haſt Du nicht Alles gelitten und erlebt, ſeitdem wir uns zum letzten Male die Hand reichten!“— Er nahm ihr den Hut mit dem langen ſchwarzen Schleier ab, er wollte ihr auch das Tuch abnehmen, aber ſie litt es nicht und ließ es nur leicht von ihrer Schulter herabgleiten.— Dann holte er ſich einen Stuhl und ſetzte ſich ihr dicht gegen⸗ über.— Jetzt mit einem Male empfand er klar, warum ihn dieſes Mädchen vom erſten Begegnen an ſo ſehr angezogen hatte, es war die echt weibliche Seele, welche aus ihren tiefen, innigen Augen ſprach, der herzliche Ton ihrer Stimme, welche ihn, damals wie heute, ſo ſympathiſch berührte. „Und nun erzähle mir, wie iſt das Alles gekom⸗ men?“ ſprach er, ihre Hand ergreifend, nur an den Kummer und die Trauer denkend, welche Mincia jene dunklen Gewänder aufgenöthigt hatten. Sie trocknete ihre Thränen und begann zu erzäh⸗ len: wie ſie damals in Peyſern vergeblich nach ihrem Bräutigam geforſcht hatte und einige Tage ſpäter erſt nach der peinlichſten Ungewißheit, die Nachricht von ſeinen tom⸗ den jene — 183— ſeinem Tode erhielt, wie ſie mit gebrochenem Herzen an ſein friſches Grab geeilt war und dann nach Poſen zurückkehrte, um ihre ſchwer erkrankte Mutter zu pflegen. „Und wie iſt das Alles ſo plötzlich hereinge⸗ brochen, was war die Veranlaſſung zu jenem unſ Duell?“— „Er ſtarb als ein Opfer ſeiner Ueberzeugung. eligen Er war gereizt und krankhaft aufgeregt, die fortdauern— den politiſchen Streitigkeiten hatten ihm die letzten Wochen vor ſeinem Tode namenlos verbittert. Er war ein hartnäckiger Widerſacher der Czartoriskis und ihres Werkzeuges Langiewicz. Als er mir damals in ſeinem zweiten Brief ſchrieb, er ſei nach Peyſern gefahren, be⸗ fand er ſich bereits in Krakau. Am Abend ſeiner An⸗ kunft war daſelbſt eine größere Berathſchlagung— dort bekam er Streit mit einem Herrn von Grabowski; ſie waren verſchiedener Meinung über die Art und Weiſe, wie der Kampf fortgeſetzt werden ſollte. Mit Mühe nur verſöhnte man ſie ſcheinbar. Am anderen Morgen trafen ſich die beiden Männer zufällig vor dem Hotel. Grabowski reichte Stephan die Hand hin, dieſer legte kalt ſeine beiden Arme auf den Rücken— er konnte ſo ſchwer vergeſſen, ach ſo ſchwer!— Er war ein Kopf von Eiſen!— Das Duell war unvermeidlich. Man — 184— traf ſich jenſeits der Grenze. Mein Bräutigam fehlte ſeinen Gegner— dann ſchoß ihn dieſer durch die Bruſt, er war beinahe augenblicklich todt.“ Mincia weinte bitterlich. „Armes Mädchen!“ ſprach Mengden weich und ſtrich ihr ſanft über das volle Haar...„Gott möge Dir Troſt verleihen und die Zeit Deinem Schmerz den Stachel rauben!“ Mincia lehnte ihr Haupt an ſeine Schulter und ſtarrte traurig eine Weile vor ſich hin, von ihrem Schmerze überwältigt. „Aber Du!— was wird nun aus Dir!?“— rief ſie, plötzlich ſich aufraffend und Mengden's Arm erfaſſend.„Man ſagt mir, Deine Lage ſei gefährlich— Du verharrteſt in einem verhängnißvollen Schweigen— und jenes Weib, jenes feige, kaltherzige Weib, würde es ruhig mit anſehen, daß Du Dich ihretwegen opferſt!...“ „Mincia!...“ „Schweig', ſchweig', unterbrich mich nicht, ſag' mir nur das Eine, liebſt Du ſie, liebſt Du ſie wirklich?!“ — Sie ſah ihm forſchend bange in das Geſicht. Mengden ſchwieg eine Weile und blickte zu Boden. „Ich glaubte einſtmals, ſie zu lieben,“ ſprach er endlich trübe,„aber ſeitdem weiß ich, daß es anders iſt... Seit dem Tage... doch genug davon, ſag' mir für ſi nicht es h Dein Kinde Lebene die D ruhig laſſen. geſagt damal⸗ Glaub —-— ——·, — lieber, woher biſt Du ſo genau von meiner Lage unter⸗ richtet, Schweſterlein?“ Er verſuchte zu lächeln.„Haſt Du wieder ein Zaubermittel gefunden?“ „Frage mich nicht,“ unterbrach ſie ihn heftig,„ant— worte mir,— Du liebſt ſie alſo nicht?“ „Nein— ich liebe ſie nicht.“ „Und weßhalb willſt Du Dich zum Opfer bringen für ſie?“ „Du ſiehſt zu ſchwarz,— es wird ſo ſchlimm nicht werden.“ „Unſeliger, iſt es das?— O täuſche Dich nicht, es handelt ſich um Alles! Sind Deine Stellung, Dein Rang, Dein guter Name, Deine Freiheit ein Kinderſpiel? Willſt Du das Alles, Dein ganzes Lebensglück einem herzloſen, koketten Weibe opfern, die Dich liſtig in ihren glänzenden Netzen fing, die es ruhig mit anſieht, daß ſie Dich hier einſperren, Dich verurtheilen!“ „Glaube mir, ſo weit wird ſie es niemals kommen laſſen. Sie hat im erſten Augenblicke der Ueberraſchung geſagt, die Uhr ſei ihr geſtohlen worden— ſie wußte damals oder überlegte vielleicht nicht, was ſie ſprach... Glaubſt Du denn, ſie wird es zugeben, daß man mich wie einen gemeinen Dieb verurtheilt; glaubſt Du, ſie würde nicht zuletzt noch, jetzt, wo ja nichts mehr zu —— 8 4 8 — 186— verſchweigen iſt, denn aus den Akten weiß ich, daß man uns mit Spionen völlig umgeben hatte— die Wahrheit ſagen?“ „Hab' ich Dich nicht vor ihr gewarnt, habe ich Dir nicht geſagt: Du kennſt dieſe petersburger Damen nicht, ſie ſtreifen Dich ab wie einen Handſchuh und kennen Dich nicht mehr, wenn Du ihnen unbequem wirſt?— O ich bitte, ich beſchwöre Dich, komme zu Dir! ſieh' die ganze Tiefe des Abgrundes, in welchen Du Dich ſtürzen willſt! Jene Hoffnung iſt ein mor— ſches Brett, welches Dein Vertrauen in eine feſte Brücke verwandelt.— Im Namen Deiner alten Mutter, im Namen Aller, welche Intereſſe an Dir nehmen— baue nicht auf das Herz jener Frau, glaube nicht an ihre Liebe— die Liebe eines Weibes iſt ganz Aufopferung und Selbſtvergeſſen— jenes egoiſtiſche, ſinnliche Er⸗ glühen, welches bei der erſten Prüfung zu hartem Stahl ſich erkältet, bei Gott, das iſt nicht Liebe!“— Sie ergriff mit flehender Geberde Mengden's beide Hände und hielt ſie in den ihrigen feſt. Mengden kämpfte einen harten Kampf. Er ver⸗ glich das warmherzige, vielgeprüfte Mädchen mit der großen Dame, die ihn verrieth, es kam zum erſten Male eine volle Ahnung ihres Weſens über ihn und er ſchauderte. „ Ich kann's nicht glauben,“ ſprach er dumpf,„ich Mäde Du n Du h „ willen Dir ben? mit ei ich we dem C alten umſon J Zimmo / zur Ei druck „denk T or⸗ rücke in baue ihre rung Er⸗ rtem beide ver⸗ t der Male derte. ich — — —— — will's nicht glauben... Wäre es aber ſo, wie Du ſagſt... ich kann nicht anders! mir nur den einen Weg in dieſer peinlichen Lage... — Meine Chre zeigt ich muß ihn gehen und wäre es mein Verderben!“ „O Mengden, Mengden!“ jammerte das edle Mädchen,„wohin treibt Dich Deine Verblendung!... Du wirſt bereuen, wenn es zu ſpät iſt!... Während Du hier ſitzeſt und leideſt um ihretwillen———* „Um meiner Schwachheit und Charakterloſigkeit willen.“ „Um Deinet⸗ und ihretwillen,— ſag', hat ſie Dir ſchon ein liebendes, theilnehmendes Wort geſchrie⸗ ben? Kam ſie zu Dir, Dich zu tröſten, hat ſie je mit einem Gedanken nur an Dich gedacht!!!— Nein, ich weiß es gewiß, ſie denkt nur daran, wie ſie ſelbſt dem Sturme entgeht, ſie ſchließt ſich ein mit ihrer alten dummen Amme— ſie iſt gebeten, gewarnt,— umſonſt, ſie bleibt bei ihrer frevelhaften Lüge!“ Mengden ſtand auf und begann aufgeregt im Zimmer hin und her zu gehen. „Kann denn nichts Dich erweichen, nichts Dich zur Einſicht bringen?“ flehte Mincia, welche den Ein⸗ druck bemerkte, welchen ihre Worte hervorbrachten— „denk' an Deine alte Mutter!!———* „Es iſt Alles umſonſt,“ ſprach Mengden trübe, —— —,— 1 * 3 — „ſie hat mein Verſprechen, ich werde es halten... Das andere lenke Gott zum Beſten!“— „O ihr Thoren!“ rief Mincia aufgebracht mit thränenden Augen,„wie kann Gott euch helfen, wenn ihr ſelbſt euch verderbt!— Glaubſt Du denn, er wird ein Wunder thun?—— So bleibt denn nur ein Mittel... flieh', noch iſt es Zeit!“— Mengden hielt plötzlich ein in ſeinem ruheloſen Umhergehen. Es war ein ganz eigenthümlicher Blick, mit welchem er das glühende Mädchen anſchaute. Er lächelte wehmüthig.„Ach, Mincia,“ ſprach er traurig,„hätte mir doch das Geſchick die Liebe ſolch' eines edlen Weibes geſchenkt, wie Du es biſt, in einer Hütte würde ich mit ihr glücklich gelebt haben!— Womit habe ich alle Deine Güte und Theilnahme nur verdient!!— Du haſt Recht... ſie liebt mich nicht... Alexandra hat mich nie geliebt, ich war ein Spiel⸗ zeug— ein angenehmer Zeitvertreib für ihr blaſirtes Herz... Und Du?— Du ſelbſt noch in tiefer Trauer, Du eilſt herbei, Du bringſt mir Troſt, warmes Mit⸗ gefühl— Du kommſt hierher in die Zelle des Ge⸗ fangenen, ich ſehe, ich faſſe Dich... während ſie keine Zeile, kein Wort für mich hat, vielleicht nur das Ge⸗ fühl des Zorns!“— Er ſtarrte vor ſich nieder in ſtummem, bitterem Schmerze. Bruſt thräne Theil mich ſeinen Wege nur war Lenzee auf w beſelig röthe roth. ſeinen mit be dem G I Zimme in die heiße ſich ü nur wiel⸗ ſirtes lauer, Mit⸗ Ge⸗ keine Ge⸗ r in — 189— Mincia ſtand auf und lehnte ſich ſtill an ſeine Bruſt, ſie ſah zu ihm auf mit ihren ſchimmernden, thränenfeuchten Augen, aus welchen eine Welt von Theilnahme ſprach. „Mengden— theurer Freund... hör' auf, ſieh' mich an... „Schau!“ fuhr Jener fort, als gäbe er unbewußt ſeinen innerſten Gedanken Raum,—„des Menſchen Wege ſind oft wunderbar. Ich glaubte einmal... ach nur kurze Zeit, zu lieben— ich war ein Thor... es war ein Taumel des Glückes, ein Sonnenſchein des Lenzes... Der Glanz verwirrt und die Sonne blendet. —— Und nun im Dunkel des Kerkers geht es mir auf wie ein Licht am fernen Horizonte, erwärmend und beſeligend, meine ganze Seele erfaſſend, eine Morgen— röthe beſſerer Tage... oder ein verglühendes Abend⸗ roth...“ Er wandte ſich plötzlich, überwältigt von ſeinen Gefühlen, zum Fenſter, und ergriff die Stäbe mit beiden Händen, ſein ganzer Körper wankte unter dem Gewicht ſeiner ſtürmiſchen Empfindungen.— Mincia ward bleich wie die Wand. Mitten im Zimmer ſtand ſie, die Hände gefaltet und ſtarrte hinaus in die Leere. So blieb ſie eine ganze Weile, bis die heiße Glut ihr wieder in die Wangen ſtieg. Sie ſtrich ſich über die Haare, dann wandte ſie ſich um, trat — —— — 190— langſam zu Mengden und legte ihre Hand leiſe auf ſeine Schulter. „Ah bon soir— ick doch nicht ſtören?“— Beide fuhren zugleich empor. Prinz Muſſa ſtand mitten im Zimmer und ſchaute lächelnd auf das Pär⸗ chen, welches traulich dort am Fenſter ſtand und in die Dämmerung hinausſchaute. „Sacre nom!“ Er prallte ordentlich zurück, als er Mengden's verſtörtes Geſicht erblickte und in der Dame die ehemalige Wäſchebewahrerin der Gräfin erkannte, in tiefer Trauer. Mengden faßte ſich zuerſt. Sich gewaltſam aufraffend trat er dem Freunde entgegen und reichte ihm die Hand. „Seien Sie herzlich willkommen, Prinz... Fräu⸗ lein von P. iſt Ihnen bekannt— ſeit Sie ſie nicht mehr geſehen haben, begrub ſie ihren Bräutigam. Sie traf heute erſt wieder in Warſchau ein und faſt ihr erſter Weg führte ſie zu mir...“ Er küßte ihr die Hand und führte ſie zum Sopho. Prinz Muſſa war ein vollkommener Weltmann; mochte er innerlich auch denken was er wollte, er be— handelte von dieſem Augenblicke an das junge Mäd⸗ chen mit der zarteſten Aufmerkſamkeit. Muſſa kam täglich ein⸗, auch zweimal zu Meng⸗ den, ſo oft es ſeine Zeit nur erlaubte. 4 1 4 —— — —— — 191— Er war es, der mit einer Schlauheit und einer Unermüdlichkeit ohne Gleichen die Unterſuchungskommiſ⸗ ſion immer wieder auf neue Fährten lenkte und ſie namentlich auf die Zuſammenkünfte bei der Generalin Banjutoff aufmerkſam machte.— Er ſah ein— da auch ſeine Vorſtellungen alle vergeblich waren— der einzige Weg zu Mengden’'s Rettung war, das Verhält⸗ niß zwiſchen ihm und der Gräfin möglichſt klar zu legen, damit ſich daraus den Richtern von ſelbſt die völlige Ueberzeugung aufdrängte, daß jene Uhr ein Liebespfand der Gräfin war und Mengden nur aus Delikateſſe verweigerte, die Wahrheit zu ſagen. Er wüthete gegen den alten General, er korreſpon⸗ dirte mit aller Welt, ſelbſt mit Mademeoiſelle Juliette in Paris, die geſchwollen von Rachſucht die ſkandalöſe— ſten Dinge berichtete, dagegen Mengden herausſtrich und über ihre Behandlung ſeitens des Generals und Moro⸗ ſielzoff's Klage führte. Mengden zur Vernunft zu bringen, hatte er be— reits aufgegeben, dagegen konſpirirte er zu ſeinen Gun⸗ ſten mit allen ſeinen Kameraden, mit allen ſeinen Freunden und deren waren nicht wenige. Die Folgen blieben nicht aus. Der Graf war in wenigen Tagen ein Greis ge⸗ worden, aber die Gräfin ſchloß ſich mehr wie je ein 192— — ſie geſtand nicht, mit einem grauſamen kindiſchen Eigenſinn blieb ſie bisher feſt bei ihrer erſten Ausſage. Trotzdem gab Prinz Muſſa ſeine fieberhafte Thä⸗ tigkeit nicht auf. Man hatte ſich um den Eichentiſch geſetzt, Meng⸗ den hatte die Lampe angezündet und, um ſicher zu ſein vor allen Störungen, die Thüre zugeriegelt. Das Geſpräch wollte aber zu Anfang nicht recht in Gang kommen, Mincia fühlte ſich äußerſt unbehaglich unter den Blicken des kleinen Oberſten und wäre gern ge⸗ gangen, wenn ſie nicht gehofft hätte, dennoch Mengden umzuſtimmen; Mengden dagegen war ſo erregt, daß es 5 5 g rregt, ihm beinahe unmöglich wurde, ſich zu beherrſchen, ja nur ſtill auf ſeinem Stuhle zu ſitzen. Prinz Muſſ ſtrich an ſeinem Barte und beſah ſich ſeine Nägel. „Ja, ja— in der Noth erkennt man ſeine Freunde,“ begann er endlich, um der peinlichen Stille ein Ende zu machen—„hübſch von Sie, daß Sie kommen!— Großiges Malheur paſſirt“— fuhr er dann fort, vor ſich hinnickend und ein Bein auf den Stuhl herauf⸗ ziehend...„Alles ganz plöͤtzlich... ſa ſa, wer hätte das geglaubt!— Haben uns lang nit geſehen, drei, vier Wochen ſeit vor die Oſtern, habe Trauer, ſage Ihne mein herzlichſtes Beileid.“ Mincia dankte, Muſſa dachte, während ſie es that: konn began mache änder Vorſt gefaf zu ſ revoc den alls d läßt ihr 6 ganz Kappe ganze den ſi hen — — — —— — 193— „Wie ſchön das Mädchen iſt, wie kommt es, daß du das früher nie bemerkteſt! Vielleicht ſtehen ihr nur die Trauerkleider ſo gut... Dieſer Mengden, was ſie nur bei ihm will?...“ Allmälig kam dann das Geſpräch in Fluß, es konnte natürlich nur die eine Richtung nehmen, Beide begannen noch einmal Mengden ſeine Lage klar zu machen und in ihn zu dringen, ſein Verfahren zu ändern.— Sie erſchöpften ſich umſonſt in Bitten und Vorſtellungen, Mengden blieb feſt in ſeinem einmal gefaßten Entſchluſſe. „Er is eben ſo ſteifiglich auf ſeine Kopf, nichts zu ſagen, wie ſchöne Gräfin auf ſeine Kopf, nichts zu revociren,“ ſprach endlich Muſſa ärgerlich zu der weinen⸗ den Mincia—„laſſe Sie ihn— er ſpielt den Ritter aus die alte Rittertage— ſagen immer, ſeine Ehre läßt nicht anders zu.—— Pah!... Was nennt ihr Ehre? klingt wie große Glocken und iſt doch nur ganz kleine blecherne Schelle, auf jeden Narren ſeine Kappen. Weil ihnen ſein zu großig zu halten die ganze Moral von die Religion und das Geſetz, ſchnei⸗ den ſich ein Stückchen ab und nennen es Ehre. Laſſen ſich drauf todtſchlagen, thun aber alles Andere. Sehr kommod das— ſehr dumm bisweilen! Steht in der Bibel, du ſollſt nicht ehebrechen. Gut— gleich daneben d— 1 2 Van Dewall, Eine große Dame. II. 13 — 4194— du ſollſt nicht ſtehlen; Eins wie's Andere. Will aber doch lieber ſein ein gemeiner Dieb, als ein Ehrebrecher. Steht ganz vorn, du ſollſt Vater und Mutter ehren, will lieber ſein ein Dieb, verlieren Alles und tödten ſeine arme Mutter, als ſprechen einziges Wort gegen ſeine Ehre!— Iſt das zu verſtehen?!— Wenn ich hab' ſchlechte Gaul vor meine Wagen, ſpann' ich aus und fahr' mit zwei weiter, lieber einer gehn auf der Wildbahn, als ruinir ganzes Geſpann! Wenn ich immer denk, lahmiges Pferd werden wieder können laufen von ſelber— ſehr dumm das, komme nicht mehr vom Fleck und bleiben ganz liegen.“ Mengden ſaß mit zuſammengepreßten Lippen, die Hände auf den Tiſch geſtemmt, und ſtarrte finſter vor ſich nieder. Beider Augen hingen mit der peinlichſten Erwar⸗ tung an ſeinen Mienen— endlich ſeufzte er tief:„Ich danke euch,“ ſprach er müde,„ihr meint es gut und habt vielleicht Recht— aber thäte ich, wie ihr es wollt, ich würde mir vorkommen wie ein gemeiner Verbrecher — man würde mich freiſprechen... aber ich ſelbſt müßte mich verurtheilen.“ Er knickte zuſammen. „Es iſt Alles vergebens!“ rief Mincia ganz außer ſich—„Alles vergebens!“ Plötzlich ſprang ſie auf— ſie hatte einen Entſchluß gefaßt, wie ein Blitz zuckte ———————-y— lber cher. ren, den egen ich aus außer uf— zuckte name—·—·—·—·—·— — 195— ihr derſelbe durch den Kopf.— Das war die einzige Art, ihn zu retten.— „Ich muß gehen,“ ſprach ſie leichter athmend und ſah nach der Uhr.„Meine Verwandten werden um mich beſorgt ſein!“ Sie griff nach Hut und Tuch. „Gehe mit,“ ſprach Prinz Muſſa—„nix gut könne gehen allein zu ſpätige Stunde über die Straße.“ Sie brachen auf. Langſam gingen ſie die ſteile Treppe hinunter, an dem Poſten vorüber und gelangten, durch ein feſtes Thor in's Freie. Muſſa frug das Mädchen, welche Richtung ſie einſchlagen würden— Mincia war einen Augenblick unſchlüſſig, dann erwiederte ſie:„Dort drüben ſehe ich Licht in jener Kukiernia(Konditorei), laſſen Sie uns hineintreten, ich habe noch etwas Nothwendiges mit Ihnen zu ſprechen, Durchlaucht.“ Sie gingen in den Laden, Muſſa beſtellte bei der glutäugigen, ſehr geputzten dame du comptoir, die hinter dem Ladentiſche eine Cigarrette rauchte, zwei Gläſer Thee, dann ſetzten ſie ſich in ein leeres Neben⸗ zimmer. „Verzeihung, daß ich Sie noch aufhalte,“ ſprach Mincia, ihren Schleier zurückſchlagend,„aber ich möchte nichts in der Welt verſäumen, was Mengden retten * ——— ——ÿ—— —— — 196— könnte. Betrachten wir ihn als einen Kranken, der jede Medizin zurückweist— man muß ſie ihm mit Gewalt einflößen, damit er geneſe.“ Muſſa nickte zuſtimmend.— „Ich ſehe nur ein Mittel,“ ſprach ſie energiſch... „er muß fliehen.“ „Geht nix, geht nix— gaben e es auch ſchon über⸗ legen,“ antwortete der Oberſt ernſt—„kann nix ſein — ſitzen ſo gut wie auf Ehrenwort... unmöglich.“— Auch dieſe Hoffnung war alſo vergeblich!— Was nun?— Mincia ſeufzte ſchmerzlich.— „Wäre nur ein Augenblick“— fuhr Muſſa nach einer Weile wieder fort—„nur einmal möglich, — wann geſprochen ſein ſeine Sentenz und kommen aus Kriegsgericht.“ „Großer Gott!“— lummelie das Mädchen. „Nicht anders möglich.“ „Aber dann?—— „Dann bringen ihn mit Eskorte nach der Cita⸗ delle,... dann einzige, einzige Moment... aber wie ihm anfangen?“— Mincia ſaß eine Weile ſtumm und überlegte.— „Wo iſt das Gerichtszimmer?“ frug ſie flüſternd, denn eben kam der Thee und die Kellnerin machte ſich neugierig in ihrer Nähe Mancherlei zu thun. it ſich ——— — 4196— „Auf der Hauptwache,“ erwiederte Prinz Muſſa eben ſo leiſe auf Franzöſiſch. Sie flüſterten eine Weile geheimnißvoll mit ein⸗ ander, Mincia's Augen begannen allmälig zu leuchten, ihre Züge belebten ſich, ihre Bewegungen wurden kühner und energiſcher.— Muſſa ſah ſie einige Male erſtaunt an, Ausdrücke der Ueberraſchung entſchlüpften ihm wider ſeinen Willen. Endlich ſtanden ſie auf. „Erlauben Sie mir, Mademeoiſelle, zu küſſe dieſe kleine Hand, à-présent nous sommes des alliés fidèles — soyez bien süre que je ferai tout ce que vous souhaitez!“ Der kleine Oberſt zog galant ihre Finger⸗ ſpitzen an ſeine Lippen, gab ihr das Tuch um und reichte ihr den Arm. Sie verließen die Kukiernia. Es ſchien, als habe ſich ein neuer Hoffnungsſtrahl in ihre Herzen getaucht und ſie neu belebt. Sie gingen aufrechter und elaſti⸗ ſcher in lebhaftem Geſpräch das Trottoir entlang bis zur neuen Welt. Plötzlich blieb Mincia an einer Querſtraße ſtehen. —„Alſo, Prinz, Sie werden mich benachrichtigen?“— „Verlaſſe Sie ſich darauf!“ „Sie wiſſen meine Adreſſe?“— „Ick wiſſen ganz genau.“— .— —n— 5 ¹ ſ „ — 198— „Dann gute Nacht und auf Wiederſehen!“ „Da swidanije!“*) Sie trennten ſich. 1„Braves Mädchen, kluges Mädchen!“ murmelte 1 Muſſa im Weitergehen—„wolle Gott, Alles werden noch gut!“ *) Auf Wiederſehen. den Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Is war am Tage vor dem Schlußakte unſeres Dramas. Mengden war zum letzten Male vernommen worden und hatte über ſich ſelbſt den Stab gebrochen, getreu ſeinem Begriffe von Chre— wer wollte ihn deßhalb verdammen!?— Soeben fuhr der General Graf P. in den Hof ſeines Palais. Er ſtieg aus dem Wagen und ſchritt langſam die breite Freitreppe empor. Der Mann war in wenigen Tagen ſichtlich gealtert. Sein Haar war beinahe weiß geworden, ſeine Züge verdüſtert und eingefallen, ſeine ſonſt ſo rüſtigen Bewegungen und die ſtraffe ſoldatiſche Haltung waren verſchwunden, er ging wie müde, unter einer Laſt, die Schärpe hing ihm ſchräg am Körper herunter. Er kam vom Grafen Berg, welcher ihm noch ein⸗ mal die dringendſten Vorſtellungen betreffs ſeines Vor⸗ ————— 1 4 8 1 6 — — 200— gehens gegen ſeinen Adjutanten gemacht hatte. Der⸗ ſelbe hatte ihm geradezu zu verſtehen gegeben, daß die Ungnade des Großfürſten einer Verurtheilung Mengden's auf dem Fuße nachfolgen würde, er hatte ihn verpflichtet, noch einmal mit ſeiner Gemahlin zu ſprechen und ſeinen ganzen Einfluß auf dieſelbe geltend zu machen, um ſie zu einer wahrheitsgemäßen Ausſage zu bewegen, man wollte dann die ganze Angelegenheit niederſchlagen und Mengden verſetzen.— Der Graf hatte in den letzten Wcochen zu viel gelitten,— dieß Letzte ſtieß ſeiner Ge⸗ duld den Boden aus.— Seine ganze wilde Natur war losgebrochen mit einem Male, es hatte eine fürchter⸗ liche Szene gegeben zwiſchen den beiden hohen Offizieren — entſchloſſen, ſeinen Abſchied zu fordern, kehrte er jetzt heim. Dort fand er Prinz Wittgenſtein, welcher kam, um ein Wort für Mengden einzulegen.— Die Gräfin hatte ſich verleugnen laſſen.— Er erklärte dieſem rund heraus mit matter Stimme, er könne in der Angelegenheit durchaus nichts mehr thun, als der Gerechtigkeit ihren Weg zu laſſen.„Mehr nehme ich für mich ſelbſt nicht in Anſpruch!“ hatte er bitter hin⸗ zugefügt. Der Graf, gebeugt durch alles Das, was er in der letzten Zeit erfahren und durchgemacht hatte, voll Groll, daß man den Stein auf ihn warf, weil er nicht im Geſte ging Gem Diva Rom Ge⸗ NRatur rhter⸗ zieren te er elcher Die kläͤrte le in der e ich hin⸗ r in voll nicht — 201— im Stande war, ſeine Frau zu einem freimüthigen Geſtändniſſe zu bewegen, welches er ſelber wünſchte, ging jetzt den Korridor entlang und trat bei ſeiner Gemahlin ein.— Sie lag wie gewöhnlich im Morgenkleide auf dem Divan und langweilte ſich mit einem franzöſiſchen Roman. Was hätte der alte Mann darum gegeben, wäre dieſes glänzende Geſchöpf dort aufgeſprungen, hätte ſeine Hand ergriffen und ihm zugerufen:„Ich habe gefrevelt, Dich hintergangen, Nikolaus, ich war zu feige, es zu geſtehen!— Ich kann Deine Verachtung nicht ertragen, ich will die Wahrheit ſprechen, aber verzeihe mir!“ Ach — er würde das Weib emporgezogen haben an ſein Herz und ihr vergeben haben mit Freuden. Statt deſſen fand er ſie gewappnet mit Trotz und eiſiger Kälte. Sie begann ihm etwas über ihre Nerven vorzu⸗ klagen— ſie erzählte ihm, daß ſie ſchlecht geſchlafen habe. Der Graf bezwang kaum noch ſeinen Unwillen. „Ich komme, um Dir mitzutheilen, daß morgen über Mengden das Urtheil geſprochen wird— das Kriegsgericht iſt heute befohlen. Wenn Du irgend noch etwas anzuführen haſt, was den jungen bemit⸗ leidenswerthen Mann retten kann, dann ſprich, heute ——— ——— ———— öö—öoööoͤoͤoͤſſͤſoſoſſſſſſſſſſ iſt es noch Zeit,“— er ſagte dieß langſam, jedes Wort betonend. Die Gräfin richtete ſich auf— ſie ſtrich ſich das dunkle Haar aus ihrem Geſichte und ſah einen Augen⸗ blick erſchrocken um ſich— ſie war ſehr blaß, ihr Auge hatte etwas Starres und Unheimliches. „Und glaubſt Du wirklich, daß man ihn verur⸗ theilen wird, Nikolaus?“ frug ſie, den Mahnungen ihres Gewiſſens ausweichend. „Man wird es— nach dem Wortlaut des Ge⸗ ſetzes wird er als gemeiner Verbrecher wegen Diebſtahls verurtheilt werden.“ Der Gräfin Augenlider zuckten ein paar Male auf und ab, wie im Krampf, ſie umfaßte feſt ihre Ellenbogen und ſah vor ſich nieder.„Und wozu wird man ihn verurtheilen?“ frug ſie mit unſicherer Miene. „Zu infamer Kaſſation, Ausſtoßung aus dem Offiziersſtande und Degradation zum Gemeinen,“ ſprach der Graf mit einem Blicke unſäglicher Verachtung und bebender Lippe.— Er ging und ließ ſein Weib allein. —„Unglücklicher junger Mann!“ murmelte er, den Gang hinabſchreitend,„ſie betrog mich und Dich!“ Kaum war er fort, ſo ſchaute das dicke, glänzende Geſicht der Amme vorſichtig durch die Portière in's Zimmer. —QAR entſch Auge nicht. über ſie le einen mein glauk 30²0 herri Thie — 203— Sie erblickte die Gräfin, welche in finſterem, un⸗ entſchloſſenem Brüten vor ſich niederſah, und war einen Augenblick zweifelhaft, ob ſie dieſelbe ſtören ſollte oder nicht. Ihre Affenliebe gewann aber bald die Oberhand über alle Bedenken und ſie trat hinein. „Milinka maja, was bekümmerſt Du Dich?“ ſprach ſie leiſe in dem kindiſchen Tone der Amme, welche einen Säugling beruhigen will;„was thun ſie Dir, mein Anjel, meine Schönheit?— O Duraſchka, ich glaube gar, Du weinſt, komm, trockne Deine Thränen, Boze mo)j, ſie wird ſich die ſchönen Aeuglein verderben.“ „Laß mich in Ruhe, einfältiges altes Weib,“ herrſchte ſie die Gräfin an,„geh' hinaus, Du dummes Thier— beleidige meine Blicke nicht!“ Aber die Amme machte nicht mehr Umſtände mit ihr, als eine Wärterin mit einem ſchreienden, unge— zogenen Kinde. „Komm, Golluwitſchka, ruhig, Sertzitſchka,“ ſprach ſie, den ganzen Vorrath von Schmeichelnamen erſchöpfend, an welchen die ruſſiſche Sprache ſo reich iſt, und ſo groß iſt die Macht der Gewohnheit, ſo groß war ihr Einfluß auf die Gräfin, daß es ihr nur gar bald ge⸗ lang, die Stimme des Gewiſſens derſelben zu über⸗ täuben. „Bei Leibe nichts ſagen— um der Jungfrau von — 204— Kaſan willen, das wäre ſchön! Daß die ganze Stadt es erführe und der Graf einen Scheidungsgrund in die Hand bekäme! O ja doch,— daß Du uns die 12,000 Rubel entzögeſt und uns heimſchicken könnteſt zur Baronin⸗Mutter ſo kahl!— pah, ſo einfältig werden wir nicht ſein.'S wird auch ſo ſchlimm nicht werden mit üxſerem ſchönen Baron, der hat viele Konnexionen, der geht ihnen durch das Garn— ſollſt mal ſehen, aber nur nicht fangen laſſen!“— ſo ſchwatzte die Alte und übertäubte alle beſſeren Regungen der ſchlechten Frau. 4 Achtundzwanzigſtes Kapitel. Am dieſelbe Zeit— es war gegen Mittag— wo dieſes im Zamoiski'ſchen Palais ſich ereignete, kam Mincia heim von einem Ausgange. Die Alte öffnete ihr die Thür und Jan ſtand wartend auf dem Haus⸗ flur, ſie gab dieſem einen Wink, ihr zu folgen, und trat in das uns bekannte Zimmer, welches ſonſt dem Stadtchef gehört hatte.—. Ohne abzulegen, zog ſie einen Brief aus der Taſche ihres Kleides. Derſelbe enthielt nur wenige Zeilen in franzöſiſcher Sprache. Sie las ihn mit Aufmerkſamkeit ein, zwei Male; dann öffnete ſie den Schreibtiſch.— Mit beinahe flüchtiger Haſt ſchrieb ſie zwei Billets und ſiegelte ſie in zwei verſchiedene Couverts. Auf das Ene ſchrieb ſie eine Eins, auf das andere eine Zwei. Dann wandte ſie ſich zu Jan. „Gib dieſe beiden Briefe ſogleich an ihre Adreſſe,“ —;ʒ;—˖·—— befahl ſie ihm,„ſage, ſie ſollen eilen, und komm dann ſogleich zurück und bringe mir Beſcheid.“ Jan nahm die beiden Briefe, betrachtete die Num⸗ mern auf denſelben und das Siegel mit dem einge⸗ ſchnittenen Adler, der eine Schlange in ſeinen Krallen hielt, er ſteckte ſie beide in die Falten ſeines weiten Kittels und verſchwand. Gegen zwei Uhr Nachmittags fuhr ein kleiner, mit drei flinken Pferdchen beſpannter Bauernwagen im munteren Trabe zum Thore von Praga hinaus auf dem Wege nach Tablona. Auf demſelben ſaßen ein älterer Mann, welcher die Zügel hielt, und zwei junge, ziemlich angeheiterte Bauernburſchen. Wenn ſie die Patrouille anhielt, was einige Male geſchah, zeigte der Alte mürriſch einen vielfach gebrauchten Paſſirſchein vor, während die Burſchen ſich noch betrunkener ſtellten, als ſie wirklich waren. Unterwegs an einem Holzwege ſtieg einer derſelben herunter von dem Fuhrwerke und verſchwand im hohen Gebüſch. Der Zweite blieb in Tablona ſelbſt, während der Wagen mit Heu beladen am Abend wieder heimkehrte nach Warſchau. Spät am Nachmittage ſehen wir Mincia noch ein⸗ mal in jener Kukiernia mit Prinz Muſſa zuſammen. — 207— dann Sie beriethen und verabredeten noch Mancherlei Nun⸗ mit einander, dan ging der Oberſt hinüber zu Mendden, ig um dieſem Geſellſchaft zu leiſten und ihm die bangen, ralln peinvollen Gtunden verbringen zu helfen weite Man ſchien ſtillſchweigend übereingekommen zu ſein, . nicht über Dasjenige zu ſprechen, was Beide gerade Giſe 1 am melſten beſchäftigte; ſo war es denn wohl natürlich, 1 daß Mincia der Hauptgegenſtand ihrer Unterhaltung 3 6 1 wurde, welche in den letzten Tagen das Intereſſe Prinz aman Muſſa's im hohen Grade erregt hatte. Es war beinahe Mitternacht, als er aufbrach. ulhe„A propos,“ ſprach er im Gehen—„hab' Sie jitere Geld— viele Geld?“— was Mengden war etwas erſtaunt über dieſe Frage ielfuch und ging an eine Schublade, um Muſſa ſein Taſchen⸗ liſchen buch anzubieten. aren.„O nix, nix, vous me comprenez— möchte wiſſen, elben ob gut bei Kaſſe, ſonſt ick Ihnen gebe!“ hohen 1„Ich bin reichlich verſehen— ich danke!“ Y„Nun dann vergeſſe ja nich, ſtecke morgen alles d der Geld in Ihre Taſchen, wenn Sie gehen in die Kriegs— kehrte gericht— müſſe mir das feſt verſpreche.“ „Darf ich nicht fragen, weßhalb?“ frug Mengden ein⸗ erſtaunt und beunruhigt. nnen.„Sein nix nöthig, werden Alles ſehe,“ erwiederte 1 Muſſa eifrig,„thun Alles, was ich ſage, und rechne auf Ihre Freunde. Gute Nacht, Kamerad!“ „Gute Nacht!“ Muſſa hielt Mengden's Hand noch in der ſeinen. In ſeinem Geſichte fing es an zu zucken und zu ar⸗ beiten, plötzlich, einem inneren Drange folgend, warf er ſich dem Freunde um den Hals, dann verließ er eilends das Gemach.— Auch das verſtockteſte, egoiſtiſchſte Herz kann jenen inneren Regungen des Gewiſſens ſich nicht ganz ver⸗ ſchließen. Es iſt der nimmer ruhende Mahner, der in uns aufſteht und alle unſere ſelbſtgemachten Entſchuldigungen über den Haufen wirft— der tief in unſerer Bruſt wohnt. Es half der Gräfin nichts, daß ſie ſich verhärtete und unerſchöpflich war im Selbſtbetrügen, daß ſie ſich mit einem künſtlichen Panzer umgab, der alle äußeren Unannehmlichkeiten von ihr abwehren ſollte. Jene innere Stimme ſprach zu ihr immer auf's Neue, immer lauter und eindringlicher— unruhig warf ſie ſich auf ihrem ſeidenen Lager hin und her, der Schlaf floh ſie. Finſtere Bilder, ſchreckliche Phantaſieen an jenen hanz ver⸗ in uns digungen ter Bruſt erhärtete ſie ſich äußeren — — 209— umgaukelten ſie und ängſtigten ſie. Umſonſt vergrub ſie ihr trotziges Haupt in ihre Kiſſen, umſonſt redete ſie ſich ein, nicht anders handeln zu können. Sie hatte Furcht, ſie begann zu weinen wie ein Kind.— Dann zogen alle die Bilder der Vergangenheit an ihr vorüber; ſie ſah Mengden, den ſchönen, lebensfrohen Mann, kühn und ſtattlich ſtand er vor ihr. Aber ſeine Züge ver⸗ finſterten ſich, ſie klagten ſie an und warfen ihr ihre Feigheit, ihre niedrige Selbſtſucht vor, ihre ſchändliche Verleumdung. Sie hatte ihm Liebe gelogen, ſie hatte ihn gewaltſam auf jene gefährlichen Bahnen geleitet und nun vernichtete ſie ihn durch ihre ſchreckliche Anklage. Morgen wurde er verurtheilt— ein Wort von ihr konnte ihn retten! Sie ſah ihn gefangen, gerichtet um ihretwillen, nicht einmal ein Wort der Liebe, der Entſchuldigung hatte ſie ihm gegönnt, nicht gerührt hatte ſie ſein Edel⸗ muth, ſeine Selbſtverleugnung, nun ging er um ihret⸗ willen ſeinem ſchrecklichen Looſe entgegen. Sie weinte, ruhelos ſchwankte ſie hin und her zwiſchen ihrer feigen Selbſtſucht und edleren Entſchlüſſen. Langſam verrannen ſo die qualvollen Stunden, aber als der Morgen heraufdämmerte, der erſte Schim⸗ mer eines verhängnißvollen Tages, und die Schreck⸗ gebilde der Nacht von ihrem Lager ſcheuchte, erloſchen Van Dewall, Eine große Dame. II. 14 ⸗ 2410— allmälig auch ihre guten Vorſätze, das Opfer ſchien ihr nun mit einem Male wieder zu groß, ihre eigene Zukunft lag ihr mehr am Herzen, als die des armen Gefangenen, ſie zog die Decke über ihr Geſicht und ſchlummerte ein. fer ſchien br ſdigene des armen eſicht und Neunundzwanzigſtes Kapitel. Goldig ſtieg die Frühlingsſonne über den Hori⸗ zont empor. Warſchau war in einer fieberhaften Aufregung, Gerüchte der beunruhigendſten Art flogen hin und her, es hieß, bedeutende Inſurgentenſchaaren befinden ſich ganz in der Nähe der Stadt. Von Gora und Nieporent her, zwei kleinen Orten ganz in der Nähe von Warſchau, ſollten ſtarke Maſſen im Anmarſch ein, Kuczik mit ſeinen Reiterſchaaren habe ſein Verſteck in der campinoſer Haide verlaſſen und rücke heran, und alle Wälder in der Umgegend wimmelten von den Banden der Aufſtändiſchen. Die Truppen waren konſignirt, Adjutanten ritten hin und her und die Bevölkerung ſah mit ſcheuer Furcht oder höhniſchem Trotz dieſem Treiben zu. Unter dieſen äußeren Einwirkungen verſammelte ſich kurz vor zehn Uhr das Kriegsgericht in einem Zimmer des Erdgeſchoſſes der Hauptwache. — 212— Mit betrübten oder finſteren Mienen ſtanden die Männer, welche das Urtheil ſprechen ſollten über den unglücklichen Mengden, in dem kahlen Gemache und unterhielten fich flüſternd. Noch fehlten der Oberſt, welcher als Präſes zu fungiren hatte, und der Auditeur; mit dem Glockenſchlage traten dieſe herein. Dann wurde der Gefangene vorgeführt. Die Augen ſeiner Richter hafteten mit der innigſten Theilnahme auf ihm. Sie wußten im Voraus, was ihm bevorſtand, der Fall war in den militäriſchen Kreiſen ſo oft und vielfach in den letzten Tagen beſprochen worden, daß kein Zweifel übrig blieb. Und nun ſtand er vor ihnen, der ſchöne, vielbenei⸗ dete Mengden, der begünſtigte Liebhaber der ſchönſten Frau Warſchaus, vor wenigen Wochen noch ein Schooß⸗ kind des Glückes— heute des harten, unwiderruflichen Spruches gewärtig, welcher ihn zerſchmettern mußte, ihn zum tiefſten Elende verdammte, und das Alles, weil er als ein Mann von Ehre ſich ſelbſt zum Schweigen verdammt hatte. „Mag ſie handeln wie ſie will— das iſt kein Grund für mich, mich ebenfalls zu erniedrigen!“ Das waren ſeine letzten Worte geweſen, und ſo ſtand er nun blaß, aber aufrecht vor ſeinen Richtern— ſeine Bruſt hob und ſenkte ſich ſichtbar unter den peinlichen den die ber den he und Dhent uditeur, migſten , was driſchen ſprochen jelbenei⸗ cöönſten Schooß⸗ fuflichen mußte, 8, weil weigen iſt kein Das und er ſeine inlichen Gefühlen, welche ihn bewegten, ſein ſchönes Auge war umflort. Der Auditeur begann ſeine traurige Pflicht. Er frug den Gefangenen, ob er gegen die Beſetzung des Gerichts etwas einzuwenden habe. Dieſer verneinte. Dann wurden die Richter beeidigt und nahmen Platz. Die Akten wurden verleſen. Die monotone Stimme des Auditeurs wurde einige Male unterbrochen durch den Tumult auf der Gaſſe, noch mehr durch das Signal der Trompete, welche Allarm blies, und durch den Ton der Trommeln.— Endlich faltete der Auditeur das Aktenſtück zu⸗ ſammen und frug Mengden, ob er noch irgend etwas zu ſeiner Vertheidigung anzuführen habe. Aller Augen hingen mit athemloſer Spannung an ſeinen Lippen. Einen Augenblick zögerte er— draußen blies die Trompete hell und heller, dieſelbe Trompete, die ihn ſo oft hinausgerufen hatte an die Spitze ſeiner Schwa⸗ dron, hinaus in's freie Feld, draußen ſchien die helle Frühlingsſonne ſo luſtig.——. Er hielt ſich an der Lehne eines Stuhles feſt— dann ſprach er ein lautes und deutliches„Nein“— ſein eigenes Verdammungsurtheil. Mit einer Stimme, der er ſich vergebens bemühte einen Ton der Strenge beizumiſchen, befahl der Obriſt dem Gefangenen, abzutreten. Die Berathung begann, ſie währte nur wenige Minuten, dann rief man Mengden wieder herein, um ihm ſein urtheil zu verkünden. „Laut kriegsgerichtlichem Erkenntniß,“ ſprach der Auditeur feierlich,„ſind Sie, Georg Baron von Meng⸗ den, Rittmeiſter im Garde⸗Huſaren⸗Regiment, Adjutant des Kavallerie⸗Korps, Ritter ꝛc., wegen dringlichem Verdacht des Diebſtahls zur Kaſſation, Ausſtoßung aus dem Offizierſtande und Degradation zum Gemeinen ordentlich verurtheilt worden— aus beſonderen Rück— ſichten ſieht ſich außerdem das Kriegsgericht veranlaßt, ein dringliches Gnadengeſuch an Seine Majeſtät dieſem Urtheile beizulegen; bis die Antwort auf dieſes Geſuch eintrifft, werden Sie als Gefangener auf der Citadelle in ſtrengem Gewahrſam gehalten werden...“ Mengden wurde bleich wie die Wand, einen Augen⸗ blick taumelte er, als träfe ihn ein Stoß von unſicht⸗ barer Hand, dann plötzlich richtete er ſich hoch empor. Er verneigte ſich und ließ ſich ſchweigend dem Offizier übergeben, welcher beſtimmt war, ihn auf die Citadelle zu geleiten— er ging, den Tod im Herzen! Vor der Hauptwache hielt ein geſchloſſener Wagen, 7 ——— 4——— 9——— bemühte. 1 7.S; r.,; 5 2., ℳ Obriſt neben dem Kutſcher ſaß ein Unteroffizier auf dem Bock. Der Offizier ließ Mengden hineinſteigen und nahm wenige dann neben ihm Platz, das Fuhrwerk ſetzte ſich langſam n, um in Bewegung— Mengden ſah und hörte nichts, er hatte nur eine Empfindung, die eines großen, uner⸗ ch der träglichen Druckes, welcher auf ſeiner Seele laſtete. reng Der Wagen konnte meiſtens nur im Schritt fahren jutant in den engen Gaſſen, welche heute ganz beſonders belebt glichen waren. Eben bog derſelbe auf einen kleinen Platz vßung hinaus, als unlotzlich gunz in ſeiner Nähe ein Tumult nneiner entſtand. Im nächſten Augenblicke wurde die Thüre Rück geöffnet und Mengden fühlte ſich herausgeriſſen, während nlaßt der Wagen in wüthender Eile dadon fuhr. 4 dieenn Lin kleiner Mann in einem jüdiſchen Talar hielt Gejut ſeine Hand wie in eiſernen Klammern und zerrte ihn 8 wider Willen mit ſich fort, während ein Anderer ihm nͤalt ſeinen Säbel reichte und ihn zu einer Thorfahrt drängte. Mengden wußte gar nicht, wie ihm geſchah. ligen⸗„Fort, fort,— reiten weg nach Jablona. Hier ſiht ſein Michael, Jan Sie begleiten!“— ſprach der kleine pit. Jude leiſe und eindringlich. denn Mengden erwachte wie aus einem Traume. f die„Muſſa— edelſter, theuerſter Freund!“ rief er rzen! und ſeine Augen flammten,—„ha— Ihr kommt jagen, zur rechten Zeit!“— — 2416— „Still, ſtill, nix Muſſa hier, bloß alte Jud,“ damit erreichten die Drei den Thorweg und Mengden erblickte Michael mit ſeinem Pferde. Ein Freudenſchrei entrang ſich ſeiner gequälten Bruſt, er fühlte, wie man ihm den Säbel umgürtete, im nächſten Augenblick ſprang er in den Sattel,„frei — frei!“ rief er aus tiefſter Bruſt mit einem Auf⸗ jauchzen ſeiner ganzen Seele, dann ſtob er davon, Michael und Jan hinter ihm her. Die Menge gab rechts und links Ferſengeld, die Gaſſe flogen die Drei hinab, daß die Funken ſtoben. Ueber die Brücke jagten ſie und zum modliner Thor hinaus. Niemand fiel es natürlich ein, den Offizier aufzuhalten. Man vermuthete, er hätte ſich verſpätet und eilte ſeiner Truppe nach, die Gardehuſaren hatten ja vor einer Stunde ſchon die Stadt verlaſſen. So erreichte Mengden das freie Feld und ritt im ſcharfen Trabe vorwärts, ohne das blaſſe Geſicht zu bemerken, welches hinter den trüben Scheiben der kleinen Judenſchenke am Wege ihn mit ſeinen Augen verfolgte. Jan trieb ſein Pferd an, daß es mit einigen Sprüngen neben dem des Offiziers herflog. „Herr Baron,“ ſprach der Bediente des Stadtchefs „hier können wir nicht weiterreiten, die ganzen Wälder ſtecken voller Truppen und Inſurgenten, wir müſſe ſchon bring als dort it A Ihr nach ſeien Nähe n— — 21764— müſſen rechts abbiegen— hören Sie nur, vorn iſt ſchon Alles im Kampfe— ich muß Sie nach Jablona bringen, dort weiß ich einen ſicheren Verſteck, von wo aus wir noch morgen die preußiſche Grenze gewinnen.“ Mengden ſchien ihn kaum zu hören. „Herr Baron— hören Sie nicht das Schießen dort vor uns?— hier rechts, um Gotteswillen, ſonſt iſt Alles umſonſt!“ Mengden ſah ihn groß an. „Ah, Ihr ſeid es, mein Freund?— Wie kommt Ihr hierher?“ „Ich habe Auftrag, Sie in Sicherheit zu bringen nach Jablona.“ „Nach Jablona?— Sagte man mir nicht, wir ſeien angegriffen, die Inſurgenten ſtünden ganz in der Nähe?“— Der Alte wurde ungeduldig. „Wenn Sie ſo fortreiten, werden Sie ſie bald genug zu ſehen bekommen,“ rief er ärgerlich—„hören können Sie ſie jetzt ſchon.“ Mengden's Augen leuchteten auf, er hatte die Schüſſe ebenfalls vernommen und ſpornte ſein Pferd zu größerer Eile. Bald erblickte er einzelne Schwadronen ruſſiſcher Reiterei, welche in der Reſerve ſtanden, neben einer — 218— leichten Batterie, die eben ihr Feuer eröffnete. An dieſer vorbei jagte er einem Gehölz zu, aus welchem dichte graue Maſſen hervorbrachen und ſich zum Kampfe fertig machten. Bald befand er ſich mitten auf dem Schlachtfelde. Soeben wurden zwei Schwadronen ſeines Regi⸗ ments von einer ſtarken Abtheilung Lanciers unter Puttkammer attakirt. Jetzt trafen ſie auf einander und die Huſaren wurden geworfen. Eine dritte Schwa⸗ dron griff in das Gefecht ein und brachte es zum Stehen. Die Geworfenen ſammelten ſich, und wüthend über den ihnen angethanen Schimpf griffen die braven Truppen zum zweiten Male an. Ihnen weit vorweg ſprengte ein einzelner Offizier, gefolgt von einem Koſaken und einem großen Wolfs⸗ hunde. Verwundert ſahen ihm Alle nach. Wer konnte der Tollkühne ſein? Jetzt ſtürzte er ſich mitten hinein in den dichteſten Haufen der Feinde.„Mengden!“ ruft Einer zweifelnd nach—„Mengden, Mengden!“ riefen Andere,„um Gotteswillen, rettet ihn!“ Die Schwadronen donnern heran, die Lanciers fliehen dem Walde zu, mit Blut überſtrömt bleibt ein einzelner Reiter immer dicht an ihren Klingen. ſchützenden Jetzt erreichen die Inſurgenten die Bäume ſie ein einzeln edlen lang, haut D in den von ei verwu finden trägt 219— Bäume, die Schwadronen laſſen nach, athemlos halten ſie ein und ſammeln ſich zum zweiten Male, nur jener einzelne blutende Reiter folgt allein auf ſchweißtriefendem edlen Renner, den Säbel in der Fauſt. Die Polen flüchteten einen engen Waldweg ent⸗ lang, ganz zuletzt ein einzelner Offizier; auf dieſen haut Mengden ein und verſetzt ihm einen ſchweren Hieb in den Hinterkopf, im nächſten Augenblick ſinkt er ſelbſt, von einem Revolverſchuß in die Bruſt getroffen, tödtlich verwundet vom Pferde. So findet ihn Michael, ſo finden ihn die Kameraden. Auf vwier Gewehre gebettet trägt man ihn zurück. Manches Auge wurde feucht, manche Bruſt hob ſich ſchmerzlich, als man den zu Tode Getroffenen die Glieder entlang trug. „Armer Kamerad,— armer Mengden!“ flüſterte man, und doch dachte es ein Jeder: Das war das Beſte, was ihn treffen konnte, eine mitleidige Kugel, mitleidiger als der Dolch in jenes Weibes Munde. „Wen bringt Ihr da?“ frug ein General die Träger, als ſie bei ihm vorüberſchritten mit ihrer traurigen Laſt. „Meinen armen Herrn!“ ſprach Michael mit Thränen in den Augen. Der General verlor plötzlich alles Blut aus ſeinen —— —O——— 220— Wangen.„Mengden!...“ rief er, auf das Heftigſte erſchüttert— weiter ſprach er nichts. Man fand einen Wagen und legte den Sterbenden darauf. Man fuhr ihn nach der Stadt zurück in ſein altes Quartier, nach dem Z...'ſchen Palaſt. Die Gräfin ſchlummerte noch nach einer unruhigen Nacht, ſie erfuhr ſo erſt ſpäter, was vorgefallen war, und ſchloß ſich feſter ein wie je. Man legte Mengden auf ſein Bett und rief den Arzt herbei.— Neben ſeinem Lager kniete ein bleiches Weib in Trauerkleidern, in ſtummem Schmerze. Der Arzt kam und ſchüttelte den Kopf.—„Er hat nur noch wenige Stunden zu leben, hier iſt unſere Kunſt zu Ende!“ flüſterte er betrübt und ging. Am Nachmittage gegen halb drei Uhr gab Meng⸗ den ſeinen Geiſt auf, ohne noch einmal zur Beſinnung gekommen zu ſein. Er ſchlummerte ſo ſanft hinüber in das Jenſeits, daß es die Umſtehenden kaum be⸗ merkten. An demſelben Abend lag er ſchon in ſeinem Sterbehemde in dem engen Sarge, an welchem Muſſa und Mincia mit ſtummer Klage knieten. Den darauf folgenden Morgen wurde er begraben. So ſtarb der Mann, welcher ein beſſeres Loos verdient hätte— ein Opfer ſeiner Auffaſſung des Be⸗ giſß ſeiner damm und Tage — E in den tauſen 9 die F Stadt kehren ſein; ſtreuf toſte den ſein gen var, den hes tem ſſa — 3 . 221 griffs von Ehre— und die Vorſehung ſelbſt ſchien ſich ſeiner Verirrung zu erbarmen, da ſie dieſelbe zu ver⸗ dammen nicht vermochte. Ganz Warſchau war in namenloſer Aufregung und Beſtürzung. Der Graf bat noch an demſelben Tage um ſeinen Abſchied, die Gräfin ging auf Reiſen. — Ein halbes Jahr ſpäter war ſie Wittwe und trat in den unbeſchränkten Beſitz ihrer Penſion von zwölf⸗ tauſend Rubeln. Verachtet, mit Verwünſchungen beladen, verließ die Frau, für welche Mengden ſein Leben opferte, die Stadt und das Land, um nie wieder dahin zurückzu⸗ kehren; heimatlos irrte ſie ſeitdem umher. Im vorigen Jahre lernte ich in Homburg eine junge polniſche Dame kennen, welche ihre Mutter be⸗ gleitete, die das Bad gebrauchte. Wir wohnten in demſelben Hauſe und der Zufall brachte uns einander näher. Eines Tages ging ich mit derſelben durch den Park. Eine Kavalkade, aus einer Dame und vier oder fünf jungen Dandys beſtehend, kamen uns entgegenge⸗ ritten. Die Dame ſchien etwa dreißig Jahre alt zu ſein; aus einem bleichen, mit Poudre⸗de⸗riz dicht be⸗ ſtreuten Geſicht hervor ſchauten ein paar große ſchwarze — 292— Augen. Die ſchönen Züge hatten etwas Abgeſpanntes und Verlebtes, ihre Geſtalt entbehrte jener zarten Rundung, welche Frauen in jenem Alter meiſt eigen⸗ thümlich iſt. Ich bemerkte, wie die Polin an meiner Seite bei ihrem Anblicke plötzlich ſtehen blieb und er— bleichte— ich hörte mit Erſtaunen, wie ſie eine Ver⸗ wünſchung hinter jener Reiterin her murmelte. „Wer iſt jene Amazone?“ frug ich faſt erſchrocken. „Ein ſchlechtes Weib!“ antwortete ſie mir rauh. Dann erzählte ſie mir dieſe Geſchichte.— Ihr habe ich ſie nacherzählt. — Im Verlage von Eduard Hallberger in Stuttgart iſt er⸗ ſchienen und durch alle Buchhandlungen des In⸗ und Auslandes zu beziehen, ſowie in jeder guten Leihbibliothek vorräthig: Anlösliche Bande. Novelle Karl n. tlef Zweite Auflage. 8. Eleg. broſch. 1 Thlr. 15 Sgr. oder 2 fl. 30 kr. rhein. Erzählungen. Die Teuerdore. Erzählung aus dem Pfälzer Volksleben. Der Belm von Cannü. Von Otto Müller. Zweite Aufklage. 8. Eleg. broſch. 1 Thlr. 10 Sgr. oder 2 fl. 15 kr. rhein. Zwölf Zettel. Roman von F. W. Hackländer. Zweite Auflage. 2 Bände. 8. Eleg. broſch. 2 Thlr. oder 3 fl. 30 kr. rhein. Ferner erſchien in demſelben Verlage: Bis in die Gleppe. Novelle von Karl Detlef. Zweite Auflage. 8. Eleg. broſch. 1 Thlr. 10 Sgr. oder 2 fl. 15 kr. rhein. Vom Gaidehaus. Novellen T. W. Rackländer. Zweite Auflage. 8. Eleg. broſch. 1 Thlr. 15 Sgr. oder 2 fl. 30 kr. rhein. Die Förſtersbraut von Neunkirchen. Erzählung von Otto Müller. Zweite Auflage. 8. Eleg. broſch. 1 Thlr. 10 Sgr. oder 2 fl. 15 kr. rhein. “ „ rey Control Chart 2Ses Green vellow Hed Magenta 1 — * 4 8 8 1