4—,—. 2 8„ ₰ 2 4 ⸗ — tr/ 56 5 ₰ —————-———— 9 9. 7 Leihbibliothek F deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256 Leih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun den angenommen 3.(aution. Unbekannt ſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem 2 deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und— beträgt für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— 8 auf 1 Monat 1 Mt Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mt Pf. 3 2„. 3„—„ 4„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 4 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der 1 Ladenpreis erſetzt werden Iſt das zerriſſene, beſchmutzte lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 8 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird 5 beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ 1 ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben — — — —. —— 9 Narramatta und Conanchet. Eine Erzählung für die reifere Jugend. — 4 2 Nach dem Engliſchen des J. F. Cooper von 4 Franz Hoffmann. — Mcotto. 2 So Ihr Liebe übt in dem Herrn, wird Gnade Gottes an Euch offenbar werden 7 1—— ee Stuttgart. Verlag von Anton Stoypa 1 ₰ Ein Wort zur Beherzigung. Indem ich Euch, meine jungen Freunde und Freun⸗ dinnen, dieſes nach einem Meiſterwerke Coopers gearbeitete Schriftchen übergebe, ſpreche ich die Hoffnung aus, daß es Euch als eine Unterhaltung nach anſtrengenden geiſtigen 3 Studien Freude und Erholung gewähren möge. Doch ſchrieb ich es nicht allein zu dieſem Zwecke; ſon⸗ dern ich wünſche vielmehr, daß Ihr daraus auch einige Belehrung über die Sitten und Verhältniſſe eines Volks⸗ ſtammes ſchöpfen mögt, welcher leider allmählig von der Erde verſchwindet, nachdem er durch die Weißen weiter und immer weiter von den Küſten ſeines heimathlichen Meeres in die Wildniſſe und Urwälder des Feſtlandes von Amenka zurückgedrängt ward.— Vor allem Andern aber wünſche ich Core Lehre einzuprägen, daß die Liebe als die her — unvergängte Frucht von dem Walten unſeres Heilandes, welche ſelbſt die eingewurzelten Vorurtheile eines in heid⸗ niſcher Unwiſſenheit aufgewachſenen Jünglings zu brechen im Stande war, nimmer aus Eurem Herzen weichen dürfe, daß Ihr ſie wie ein köſtliches Kleinod hegen und pflegen müſſet, und wie einen demantnen Schild gegen alles Böͤſe und Gott⸗ loſe hochhalten ſolltet. Wenn ich dieſes hohe Ziel nur an⸗ nähernd erreicht hätte, würde es nicht nur mir zu einer — —. reinen und erhebenden Freude, ſondern auch Euch Selber gewißlich zu unvergänglichem Heile gereichen. Ballenſtädt am Harz, Januar 1845. Franz Hoffmann. 4 2 V 1 — Erſtes Kapitel. Vor mehr als zweihundert Jahren lag in Connecticut, inmitten des unendlichen, amerikaniſchen Urwaldes, eine große und ſtattliche Anſtedelung, in welche wir unſere Leſer einführen wollen, um ſie mit den Schickſalen ihrer Bewohner bekannt zu machen. Der Be⸗ ſitzer derſelben war Kapitän Heathcote, ein alter, tapferer Officier von ſtreng religiöſen Grundſätzen, welcher ſich in dieſe weit von allen anderen Menſchenwohnungen entfernte Einſamkeit zurückgezo⸗⸗ gen hatte, um von den Verſuchungeun und Verlockungen der Welt ar ¹ nicht in ſeinen frommen Betrachtungen geſtört zu werden. Außer N. 5. ihm bewohnte die Anſiedelung die Familie ſeines Sohnes Content, welche in deſſen Gattin, Namens Ruth, und zwei Kindern, einem Knaben und einem Mädchen, beſtand, welcher Erſtere etwa vier⸗ zehn, das Letztere acht Jahre zählte. Mit ihnen ſowohl, wie mit der Dienerſchaft werden wir jedoch am beſten und ſchnellſten ver⸗ traut werden, wenn wir unſere Erzählung ohne weiteres Zögern beginnen. Gegen das Ende der fruchtbarſten Jahreszeit hatte Content Heatheote mit ſeinen Dienſtleuten einen Tag damit zugebracht, die Ernte des üppig emporgeſchoſſenen Mais einzubringen. Sein Va⸗ ter, der Kapitän, war zwiſchen den Arbeitern umhergeritten, um überall, als erſter Befehlshaber der Anſtedelung, nach dem Rech⸗ ten zu ſehen, die nöthigen Anweiſungen zu geben, den Läſſigen an⸗ zuſpornen, und zwiſchen ſeine Befehle zuweilen und gelegentlich eine dSder die andere heilſame chriſtliche Lehre einzuſtreuen, welche das Gemüth der Leute volt Dankbarkeit dem Höchſten zuwenden ſollte. Denn die Ernte fiel ſehr reichlich aus, und verſprach für den be⸗ vorſtehenden Winter einen Ueberfluß von Fatter für die Schaf⸗ und Rinderheerden des Beſitzers.„ Rarramatta und Conanchet. unverg⸗ 3 Als aber die Sonne ſich dem Weſten zuneigte, und ihre Strab⸗ welch len den Himmel röthlich und golden färbten, wendete der Kapitän „„ den Kopf ſeines Rößleins heimwärts, und verließ das Feld, um niſche den Rückweg nach ſeinem Hauſe anzutreten. Das Pferd führte . ihn über eine Anhöhe, von wo aus er die ganze Gegend über⸗ Stan blicken konnte, und hier hielt er ſein Roß an, um ſein Ange an der reichen, vor ihm ausgebreiteten Landſchaft zu weiden. J r... 4 Ih 3 Zur Rechten und Linken eines kleinen, aber außerordentlich und klaren Fluſſes, welcher ſich in den größeren Strom Connecticut ergießt und die ganze Landſchaft in zwei faſt gleiche Hälften theilte, loſe breiteten ſich fruchtbare Ebenen aus, die ſchon frühe von den Bäumen des Waldes geſäubert waren, und jetzt als freundliche nähen Wieſen und Felder das Auge entzückten. Die ganze Fläche wurde . durch roh gezimmerte, aber ſehr ſtarke hölzerne Einzäunungen, reine welche ſieben bis acht Fuß hohe Schranken gegen das Eindringen gewiß der wilden Büffel und Hirſche bildeten, in viele Gehäge eingetheilt. 8 Ueberall ſah man noch auf der weiten Ebene zahlloſe Baumſtümpfe, „„ ddie letzten eberse. des Waldes, welcher vormals die Gegend Baller, bedeckt hatte; aber zwiſchen ihnen entſproßte dem reichen jungfraͤu⸗ lichen Boden überall in herrlicher Fülle und Ueppigkeit das junge Korn in hellgrünen, glänzenden Halmen. An der Seite eines nahe liegenden, felſigen Hügels war eben⸗ falls der Wald gelicht worden; doch hatte man die Lichtung nur 1 zu einer einzigen Err benutzt, und ſie alsdann, vielleicht weil 15 man die Mühe und Arbeit ſcheute, wiederum ſich ſelbſt überlaſſen. Hierher richtete Kapitän Heatheote öfters ſeine Augen, denn aus * dden Gebüſchen des wieder aufgeſchoſſenen Unterholzes erſchallten die Töne von einem Dutzend harmoniſch geſtimmter Kuhglocken, welche lieblich und hell durch die ſtille Abendluft zu ihm herüberklangen. Flüßchens ziemlich ſchroff und ſteil in die Höhe ſtieg; denn Kapi⸗ tän Heatheote hatte dieſelbe erwählt, um auf ihrem Gipfel einen, Vertheidigungsplatz anzulegen, welcher zum Schutze vor eetwaigen wendig erſchien. 1 Da aus dem gewöhnlichen Fachwerk Holz, welches mit nen Brettern bedeckt war, und erhob ſich nahe am Rande des en Am deutlichſten zeigten ſich die Spuren der Menſchenhand in der nächſten Umgebung einer Anhöhe, welche hart am Ufer des lange, niedrige und unregelmäßig erbaute Wohnhaut 115 Angriffen der Wilden nicht nur zweckmäßig, ſondern durchaus noth⸗ Abhanges, dem Fluſſe zugewendet. Längs der ganzel Porder jimmer Daͤcher deutlich die B. hatte. des h waren! mit den wei alt Rebenge ſchaften Dienerſ von beh dienten verſchlof Feinden A durch lichen! hoch, auf deſ Manne in eina maſſtve Holzblü cher, e Doch b gen, w e Strah⸗ Kapitän feld, um d führte end über⸗ Auge an ordentlich onnecticut en theilte, von den freundliche che wurde aͤunungen, Lindringen ingetheilt. imſtümpfe, ie Gegend jungfräu⸗ das junge war eben⸗ chtung nur leicht weil überlaſſen. denn aus hallten die en, welche erklangen. enhand in Ufer des enn Kapi⸗ pfel einen etwaigen haus noth⸗ Wohnhaus elches mit Rande des er ganz en der Anhöhe bemerkte man eine ununterbrochene Reihe hoher und durch Eiſenklammern und querüberliegende Holzblöcke mit einan⸗ ——-—* —o—— 9 S X☛ Vorderſeite des Gebäudes lief, den Fluß überragend, ein roh ge⸗ zimmerter Balkon, und an verſchiedenen Stellen entſtiegen den Dächern große, unregelmäßige und plumpe Schornſteine, welche deutlich zeigten, daß man bei dem ganzen Bau des Hauſes mehr die Bequemlichkeit als die Schönheit deſſelben im Auge gehabt hatte. Dicht bei dieſem Wohnhauſe, und ebenfalls auf dem Gipfel des Hügels, bemerkte man noch zwei oder drei Nebengebäude. Sie waren nicht ſo lang wie das Erſtere, bildeten aber in Verbindung mit demſelben ein regelmäßiges Viereck, deſſen fehlende Theile durch zwei aus Holzblöcken beſtehende Einhegungen ergänzt wurden. Dieſe Nebengebäude dienten theils zur Aufbewahrung von allerlei Geräth⸗ ſchaften und Lebensmitteln, theils wurden ſie von der zahlreichen Dienerſchaft des Kaitäns bewohnt. Einige ſtarke und hohe Thore von behauenem Bauholze zwiſchen den Haupt⸗ und Nebengebäuden dienten zur Verbindung mit außen, und bildeten zugleich, wenn ſie verſchloſſen waren, eine ſtarke Schranke gegen etwaige Angriffe von Feinden. d. Am meiſten aber zog das Auge, durch ſeine Lage ſowohl, wie durch ſeine Bauart, ein Gebäude auf ſich, welches auf einer künſt⸗ lichen kleinen Erhöhung in der Mitte des Vierecks ſtand. Es war hoch, ſechseckig, und mit einem ſpitz zulaufenden Dache verſehen, auf deſſen Höhe ein langer Flaggenſtock angebracht war. Bis auf Manneshöhe beſtanden die Waͤnde deſſelben aus gemauerten, feſt in einander gefugten Steinen, von hier ab aber wurden ſie durch maſſive, viereckige, durch Klammern und Stützen zuſammengefugte Holzblöcke gebildet, in denen ſich zwei verſchiedene Reihen laͤngli⸗ cher, enger Luglöcher, aber keine ordentlichen Fenſter befanden. Doch bemerkte man im Dache einige mit Glas verſehene Oeffnun⸗ gen, welche blitzend die Strahlen der Abendſonne zurückwarfen und zum Beweiſe dienten, daß der obere Theil des Blockhauſes(ſo wurde es von den Bewohnern der Anſiedelung benannt) nicht allein zur Vertheidigung, ſondern mitunter auch wohl zu anderen Zwecken be⸗ nutzt ward. Etwa in der Mitte zwiſchen den Gebänden und dem Fuße ſtarker, aus jungen Baumſtämmen gezimmerter Palliſaden, welche der verbunden waren, und auf das Sorgfältigſte in gutem Stande erhalten wurden. Sie trugen nicht wenig zur Sicherheit der Be⸗ wohner bei, und wenn man das Ganze mit Einem Blicke überſah⸗ 1 3⁸. ſo glaubte man eine kleine Gränzfeſtung vor ſich zu haben, welche ſehr wohl zur Abwehrung eines Angriffes der Wilden geeignet ſchien. In geringer Entfernung vom Fuße des Hügels bemerkte man die Scheuern und Ställe, umgeben von warmen, wenn auch nicht zierlich gebauten Schuppen, unter welchen die Schaf⸗ und Rinder⸗ Heerden ein Obdach fanden, wenn die Stürme des Herbſtes ein⸗ herbrausten und die Kälte des Winters erſtarrend über den Fluren lag. In ihrer Umgebung erblickte man üppige und fruchtbare Wieſen, ſorgſamer und zierlicher eingehägt, wie die entfernteren Grundſtücke, und ihr friſcherer Schmelz, ihr ſaftigeres Grün be⸗ zeugte, daß man ihnen auch eine größere Pflege widmete. Außer⸗ dem ſah man noch einen großen, vor zehn bis fünfzehn Jahren angepflanzten Obſtgarten, welcher nicht wenig dazu beitrug, das kul⸗ tivirte Ausſehen des lachenden Thales zu erhöhen und den Gegen⸗ ſatz zwiſchen ihm und der unabſehbaren, faſt unbewohnten Wald⸗ einſamkeit um ſo ſtärker hervorzuheben. Wenn man hinüberſchaute auf dieſe waldige unbegränzte Wild⸗ niß, ſo erblickte man nichts, als ein grünes endloſes Meer dicht in einander geſchlungener Baumwipfel, uur ſelten hie und da durch eine Windlichtung unterbrochen, welche ihren Urſprung aus den wüthenden Luftſtößen herleitete, die zuweilen in einer einzigen Minute bedeutende Strecken der Waldung über den Haufen warf und die mächtigſten Stämme mit ſammt den Wurzeln aus der Erde riß. Trotzdem gewährte die weite Fläche einen lieblichen An⸗ blick, wenn die Sonne ihre Strahlen darauf warf und die heiteren lebendigen Farben hervorhob, welche eben jetzt das glänzende Laub der dichten Waldung überall zeigte. Denn ſie prangte in dem ſchönſten, herbſtlichen Schmucke, und die breiten, ausgezackten Blät⸗ ter des Ahorns glänzten braun und golden, während das Laub der übrigen Bäume ſeine hellen rothen und gelben Farben da⸗ zwiſchen ſtreute. Während der alte Heatheote ſeine Augen über die ruhig ſchöne Gegend ſchweifen ließ, kam ſein Enkel, ein hübſcher muthiger Knabe, über das Gefilde daher, und trieb eine kleine Schafheerde den heimi⸗ ſchen Gebäuden zu. In der nämlichen Zeit trat ein etwas blödſinni⸗ ger Knabe, welchen der alte Kapitän aus Mitleiden in ſeine Dienſte genommen hatte, aus dem Walde, und trieb durch unaufhörliches Schreien und Rufen einen Haufen junger Pferde vorwärts, welche eben ſo ſtruppig ausſahen, und eben ſo wild und eigenſinnig ſchie⸗ n, wie der Knabe ſelbſt. —— —ÿ—ÿ—ÿ—ꝛx D ————— —— X 5 N „He, Whittal Ring, ſchwachſinniger Junge,“« rief Kapitän Heatheote dem Knaben mit ſtrenger Stimme zu,„warum jagſt du das Vieh auf ſo tolle Weiſe hin und her? Ich habe noch nie ge⸗ hört, daß ein gehetztes und ſcheu gemachtes Füllen ein ſo ſanftes und nutzbares Thier geworden wäre, wie ein Solches, das man mit Güte und Sanftmuth Khandelt hatte.“ „Der Gottſeibeiuns muß in die Thiere gefahren ſein,“ erwie⸗ derte der Junge mit mürriſchem Weſen.„Ich habe ihnen zornig und freundlich zugerufen, aber weder gute noch böſe Worte mach⸗ ten ſie willig und folgſam. Es muß irgend etwas Schreckhaftes in den Wäldern ſtecken, da ſie heute ſo ungeberdig ſind!« Kapitän Heathcote antwortete nicht, ſondern wendete ſich ernſt und gebieteriſch zu Marcus, ſeinem Enkel, indem er fragte:„Deine Schafe ſind doch wohl gezählt, Knabe? He? Deine Mutter kann die Wolle nicht eines einzigen Thieres entbehren, wenn ſie uns für den kalten Winter mit warmen Kleidern verſorgen ſoll.“« Der Knabe ſah verlegen und zugleich verdrießlich aus.„Es fehlt mir ein Hammel, Großvater,“ ſagte er.„Ich habe ihn über eine Stunde lang in den Hecken und Gebüſchen geſucht, konnte aber keine Klaue von ihm entdecken.“« „So haſt du alſo ein Schaf verloren, Marcus? Das wird deiner Mutter ſehr ſchmerzlich ſein, wenn ſie es vernimmt.“ „Wirklich, Großvatsr, ich bin unſchuldig an dem Verluſte,« erwiederte Marcus.„Wenn ich nicht wüßte, daß weder ein Wolf, noch ein Bär, noch ein Panther im Walde ſteckt, ſo würde ich glauben, ein wildes Thier habe den Hammel zerriſſen; ſo aber hat ſeit der letzten Jagd Niemand ſolche Beſtie geſehen, und faſt muß ich glauben, daß Gradhorn in einer Felſenſpalte verunglückt iſt.« „Wenn man den Hammel nicht geſtohlen hat,“ ſetzte der alte Heathcote nachdenklich hinzu, indem er einen mißtrauiſchen Blick auf die Felder und Wälder warf.„Aber geh' nur, Marcus! Bringe deine Heerde in die Pferche, und du, ſchwachſinniger Whit⸗ tal, ſchaffe die Pferde nach Haus, aber mit weniger Geräuſch und Lärmen, als du ſonſt zu thun pflegſt.« Die beiden Knaben trieben die ihnen anvertrauten Thiere vor⸗ wärts, und gedankenvoll ſchaute der Kapitan ihnen nach.„Es wäre nichts Unmögliches, daß ſich Indianer in unſern Waͤldern verloren und den Hammel geſtohlen hätten,“ murmelte er vor ſich bin, indem er nicht ohne Beſorgniß den Kopf ſchüttelte, und ſeine frengen Züge noch ernſter wurden, als gewöhnlich. Gleich darauf pp—.— — aber, als er die Stille und Ruhe der Wälder bemerkte, lächelte er wieder über ſeine Beſorgniß, die er für unnöthig hielt, und ſetzte dann langſam ſeinen Ritt nach Hauſe fort.„Wenn India⸗ ner da wären,“ ſagte er vor ſich hin,„ſo würden ſie ſich nicht mit Einem Hammel begnägt, ſondern entweder nichts, oder die ganze Heerde genommen haben. Bei alledem müſſen wir wachſam ſein und dürfen der nöthigen Vorſicht nicht vergeſſen. Content wird bald von der Arbeit heimkommen, und dann will ich mit ihm reden.“ Zweites Kapitel. Eine Stunde, nachdem Kapitän Heathcote den Hügel verlaſſen hatte, waren die Arbeiter heimgekehrt, die Kühe und Ochſen ſtan⸗ den ſicher unter ihren Schuppen, die Schafheerden in ihren Pfer⸗ chen, die Pferde in ihren Ställen, und für alles Lebendige war die gehörige Sorgfalt getragen. Nur Content fehlte noch im Hauſe und war wie gewöhnlich der Letzte, welcher die Felder und Wirth⸗ ſchaftsgebäude verließ. Als er an die Pforte kam, welche in den Palliſaden angebracht war, rief er hinauf, ob alle Arbeiter bereits oben wären und ſich kein Nachzügler mehn außerhalb der Befeſti⸗ gungen befng und trat ſodann, als er eine befriedigende Antwort empfangen, Mnein, zog die kleine aber ausnehmend ſtarke Pforte hinter ſich zu, und verſchloß ſie ſorgfältig mit doppeltem Riegel und Schloß. Dieſe Vorſichtsmaßregel wurde keinen Ahend ausge⸗ ſetzt, um gegen jeglichen unverhofften Ueberfall geſichert zu ſein, und ſobald Content dafür Sorge getragen hatte, begab er ſich in das Haus hinein. Er betrat die Küche, wo auf einem ungeheuren Herde ein ſo helles und freundliches Feuer brannte, daß Lichter oder Fackeln überflüſſig erſchienen. Um den Herd ſaßen ſechs oder ſieben kräf⸗ tige junge Männer, welche ſich mit dem Verfertigen von mancher⸗ lei Wirthſchaftsgeräth beſchäftigten, und einige Hausmädchen, die entweder ein Spinnrad dreheten, oder bald hier bald dort häus⸗ liche Geſchäfte zu verrichten hatten. Mit einem freundlichen Gruße ſchritt Content hindurch und betrat ein kleineres, aber beſſer und behaglicher eingerichtetes Gemach, welches unmittelbar an die Küche eß. Auch hier loderte ein helles Feuerchen im Kamin, aber 6 4 4 V außerdem brannten auch ein paar Lichter auf einem Tiſche von Kirſchbaumholz, um welchen und um den Kamin herum die vor⸗ nehmſten Mitglieder des Hauſes Platz genommen hatten. Content wünſchte Allen einen glückſeligen Abend, und ſetzte ſich dann zu Ruth, ſeiner Gattin, welche ihm mit lächelndem Geſicht die Hand entgegenſtreckte. „Marcus, warum ſiehſt du ſo mürriſch aus, mein Knabe?« fragte Content ſeinen Sohn, welcher ſtill bei Seite ſaß, und nicht, wie gewöhnlich, dem Vater entgegenlächelte.„Iſt dir heute etwas Böſes widerfahren im Walde draußen?“ Der Knabe erröthete und wendete ſich ab, ohne zu antworten; der alte Heatheote aber ſagte:„Gradhorn, der beſte Hammel aus ſeiner Heerde, iſt ihm abhanden gekommen, und er hat ihn trotz allen Suchens nicht wiedergefunden.“ „Wo ſaheſt du ihn zuletzt?« fragte Content ſeinen Sohn ohne irgend ein Zeichen ſeines Mißfallens, außer daß er die Stirne ein wenig runzelte. „Nicht weit von der Lichtung, Vater, die wir nur ein Mal beſäet haben,“ erwiederte Marcus.„Ich war nicht träge im Su⸗ chen, aber der Hammel iſt verſchwunden, als ob die Erde ihn ein⸗ geſchluckt hätte.“ Content ſprang auf und ſchritt der Thüre zu, um ſich hinaus⸗ zubegeben. Aber ſeine Gattin hielt ihn auf. „Wohin willſt du gehen?« fragte ſie.„Es iſt ſchon ſpät und die Nacht iſt finſter. Ich hoffe, du wirſt das Gehöft nächt verlaſſen.“ „Das verlorene Thier darf die Nacht hindurch nicht im Freien bleiben,“ erwiederte Content.„Die Wölfe würden es wittern und wir morgen nichts von ihm finden, als ſein blutiges und zerriſſe⸗ nes Fell. Laß mich gehen, liebes Weib. Ein Pferd iſt bald ge⸗ ſattelt und der Ritt ſchnell gethan. Ehe eine Stunde vergeht, habe ich den Hammel gefunden und bin zurückgekehrt.“ Frau Ruth aber hielt Contents Hand feſt und ſah den Gatten mit einem ſo flehenden Blicke an, daß er ihm nicht zu widerſtehen vermogt haben würde, wenn ſich der alte Heatheote nicht in das Geſpraͤch gemiſcht hätte. „Die Frau Contents darf ihren Gatten nicht zuruͤckhalten, wenn es gilt, eine Pflicht zu erfüllen,“ ſagte der Kapitän ſtreng.„Reite hinaus, mein Sohn, und durchforſche die Lichtung. In ihrer Nähe muß Gradhorn ſtecken. Findeſt du ihn nicht binnen einer Stunde, ſo kehre zurück.« 1“ Content machte ſich ſanft von ſeiner Frau los und wies die Diener zurück, welche das Geſpräch durch die offene Thür gehört hatten und bereitwillig ſchienen, ihn zu begleiten. „Bleibt,“ ſagte er,„ich gehe allein. Und du, geliebtes Weib, ſei ohne Furcht. Der Mond ſcheint hell, und ich werde bald zu⸗ ruͤckkehren.« „Run wohlan, ſo will ich dir folgen, und draußen bei der Pforte deiner harren, bis du wiedergekommen biſt,« erwiederte die Frau entſchloſſen.„Mir iſt Angſt, und ich werde keine Ruhe ha⸗ ben, wenn ich dich nicht wenigſtens mit meinen Augen begleiten kann.“ Lächelnd wollte Content ſeine Gattin zurückhalten; dieſe aber beſtand auf ihrem Willen, und gleich darauf verließen Beide die Wohnung. Der Vollmond ſtand am Himmel, und leuchtete, obwohl ein wenig umwölkt, doch mit hellem Lichte, als ſie den Thorweg durch⸗ ſchritten und zu der Palliſadenpforte hinabgingen. Die Riegel wur⸗ den weggeſchoben, und nachdem Content noch einmal, aber vergeb⸗ lich, ſeine Gattin gebeten hatte, in das Haus zurückzukehren, ſchwang er ſich auf das ſchnellſte Pferd, und jagte in geſtrecktem Laufe dem Theile des Waldes zu, welchen ſein Sohn Marcus ihm bezeichnet hatte. Ruth blickte ihm ein Weilchen nach; dann aber zog ſie ſich wieder hinter die Palliſaden zurück, ſchloß die Pforte, legte einen Riegel vor, und erwartete nun mit Ungeduld die Wiederkehr ihres Gatten, während ſie von Neuem nach ſeiner jetzt ſchon ziemlich weit entfernten Geſtalt ausſchaute. Die Beſorgniß der bebenden Frau war nicht ohne Grund; denn damals gab es keinen noch ſo kühnen Jäger, welcher ſich bei Nacht dem Walde genähert hätte, ohne ein lebhaftes und ſtarkes Gefühl zu empfinden, daß er unvermeidlichen Gefahren entgegen⸗ gehe. Und eben um dieſe Stunde waren die Bewohner des Wal⸗ des, die reißenden Beſtien, am meiſten in Thätigkeit und Bewe⸗ gung; und oft genug traf es ſich, daß ein ganz leiſes Geräuſch, das Kniſtern eines dürren Blattes, das Brechen eines trockenen Zweiges, einen gierigen, rothäugigen Panther, oder wohl gar einen noch ſchlimmeren Feind, einen lauernden Indianer, herbeirief. Freilich geſchah dieß nicht immer, aber dennoch oft genug, um die Beſorgniſſe zu rechtfertigen, welche im Herzen von Contents Gattin ſehr lebhaft wach waren. *— e Als Content die Anhöhe hinankam, von welcher aus ſein Ba⸗ ter noch vor einigen Stunden das Thal überſchaut hatte, erblickte Ruth zum letzten Male deutlich ſeine Geſtalt. Jetzt folgten einige aͤngſtliche Augenblicke, und athemlos lauſchte ſie auf das Geräuſch der Huftritte von Contents Roſſe, welche nur ſchwach und in Zwi⸗ ſchenraͤumen bis zu ihr herübertönten. Bald verhallten auch dieſe in der Ferne, da der junge Mann jetzt den Saum des Waldes erreicht hatte, und mit jäher Haſt in das Dickicht hineinſetzte. Je läͤnger Ruth bei den Palliſaden harrte, deſto lebhafter wurde natürlich ihre Ungeduld, deſto höher ſtieg ihre fieberhafte Unruhe, bis ſie endlich die Pforte wieder öffnete, und hinter den Palliſaden hervortrat, welche ihr die Ausſicht bisher beengt hatten. Ein unbeſtimmtes Gefühl von Angſt trieb ſie weiter und weiter, und ſie wandelte den Pfad entlang, welchen noch eben ihr Mann eingeſchlagen hatte. Anfangs ging ſie zögernd und langſam; dann raſcher und raſcher; bis ſie endlich athemlos den Hägel erreichte, wo ſie Content zuletzt geſehen hatte. Hier ſtand ſie ſtill; denn ſie glaubte eine Geſtalt zu ſehen, welche aus dem Walde gerade an dem Punkte hervortrat, von wo ſie ihren Gatten erwartete. Aber ihr Auge hatte ſich von dem Schatten einer ſanft dahingleitenden Wolke täuſchen laſſen, deren finſtere Umriſſe über den Bäumen und dem Waldrande ſchwebten. Während ſie das unangenehme Gefühl der getäuſchten Hoff⸗ nung niederkämpfte, fiel ihr plötzlich voll Schreckens ein, daß ſie ja die Pforte in den Palliſaden offen gelaſſen habe. Eine tödtliche Angſt durchrieſelte ſie, und die Beſorgniß, daß ihren Kindern et⸗ was Böſes nahen könne, trieb ſie unwiderſtehlich den kaum durch⸗ meſſenen Weg wieder zurück. Während ſie der Pforte zueilte, waren ihre Augen an den Boden geheftet, um auf der holperigen Flaͤche mit leichterer Mühe jedes Hinderniß überwinden zu können. Dennoch flog ihr Blick zuweilen ringsum, und traf plötzlich auf ein Etwas, das ihre Ner⸗ ven erbeben, ihr Blut in den Adern gerinnen machte. Halb be⸗ wußtlos ſtuͤrzte ſie weiter, und hielt nicht eher wieder inne, als in einer gewiſſen Entfernung von dem Gegenſtande, welcher ſie ſo hef⸗ tig erſchreckt hatte. Ihr Fuß zauderte, und ſie überlegte, was ſte in ihrer Lage am beſten thun könne. Aber nur einen Angenblick; dann eilte ſie mit neu beflügelter Eile der Pforte zu, warf die Thüre in's Schloß, und legte in großer Haſt und mit zitternden Händen alle Riegel vor. „* Während ihr Athem flog und ihr Herz erbebte, bemühte ſie ſich, ihre Gedanken zu ſammeln, um einen Weg ausfindig zu machen, welcher ſowohl zur Sicherung ihrer Kinder, wie zur Ret⸗ tung ihres Gatten würde dienen können. Faſt war ſie entſchloſſen, das gewöhnliche Lärmzeichen zu geben, und dadurch alle Bewohner der Anſiedelung zur Hilfe anzurufen, als ſie wieder bedachte, daß eine ſolche Maßregel ihrem Gatten höchſt verderblich ſein könne. So ſchwankte ſie denn von Neuem, und ihre Unruhe endete nicht eher, als bis ſie Content wieder aus dem Walde hervorkommen ſah. Er näherte ſich ihr unglücklicher Weiſe gerade auf dem Wege, wo ſie den Gegenſtand ihres Schreckens auf der Lauer liegend wußte, und in dieſem Augenblicke dachte ſie an nichts, als daran, wie ſie ihrem Gatten Nachricht von der drohenden Gefahr geben könne, ohne daß ihre Warnung von einem anderen Ohre, als dem Contents, verſtanden würde. Die Nacht war ſtill und die Luft ruhig. Wenn Ruth ihre Stimme anſtrengte, ſo war es nicht unmöglich, daß ſie bis zu ihrem Gemahle hinüberdrang. Und ſie wagte den Verſuch, um ihrem gepreßten Herzen auf ſolche Weiſe Luft zu verſchaffen. „Mann, Mann!“ rief ſie anfänglich in klagenden Tönen, die aber bald zur höchſten Stärke, deren ihre Stimme fähig war, an⸗ ſchwellten.„Mann, reite raſch! Unſere Tochter, die kleine Ruth, liegt in den letzten Zügen! So lieb dir ihr Leben iſt, reite ſo ſchnell, wie dein Pferd zu laufen vermag! Hierher, Content! Nicht auf den Stall zu! Hierher nach der Pforte, die ich dir öffnen werde!« Die Aufforderung ſeiner Gattin, wenn Content ſie gehört haͤtte, würde ihn gewiß zur höchſten Eile angetrieben haben. Aber das Rufen blieb fruchtlos und verhallte in der Luft, ohne bis zu Con⸗ tent hinüberzudringen. Dennoch flog Content raſch herbei, und befand ſich jetzt auf der Hügelſpitze, von welcher er auf dem ge⸗ radeſten Pfade den zunächſtliegenden Gebäuden zutrabte. Ruth ſah es, und die Angſt überwältigte ſie ſo ſehr, daß ſie die Pforte aufriß, in's Freie trat, und nochmals mit lauter Stimme ihrem Gatten zurief. Dießmal verhallte ihre Stimme nicht ungehört; Content wen⸗ dete ſich um, und galoppirte raſch auf die Pforte zu. „Tritt herein!« ſagte ſie mit bebender Stimme, indem ſie zu⸗ 1 weh ben in Zügel des Pferdes ergriff und es durch die Pforte hinter 2 3 4 8 Augen eines Wilden funkeln ſehen!« entgegnete Ruth. die ſchützenden Palliſaden hereinzog.„Komm, komm, und zögere nicht, ſondern danke Gott, daß er dich gerettet hat!« „Wovor entſetzeſt du dich, Ruth?“« fragte Content überraſcht. „Was iſt dir ſo Seltſames begegnet, daß du zitterſt und bebſt?« Ruth gab keine Antwort. Sie zog haſtig die Pforte an, ſchob die Riegel wieder vor, drehte hurtig die Schlüſſel um, und ath⸗ mete nun erſt auf, als ob ihr eine große Laſt vom Herzen genom⸗ men wäre. „Aber, Ruth, ſo rede doch, was haſt du vor?« fragte Con⸗ tent von Neuem.„Haſt du vergeſſen, daß mein Pferd, fern von ſeinem Stalle und ſeiner Krippe, hier hungern müßte.« „Mag es lieber vor Hunger ſterben, als daß Ein Haar auf deinem Haupte gekrümmt werde!“ erwiederte die liebende Gattin. „Es iſt ein Feind auf dem Felde.“ „Geh', geh', du biſt daran gewöhnt, jetzt im Bette zu liegen, und ſo hat der Schlaf dich auf deinem Wachtpoſten überfallen und dich mit böſen Träumen erſchreckt. Vielleicht hat dich auch der Schatten einer Wolke beben gemacht, oder ein wildes Thier hat ſich auf unſere Lichtung verloren. Komm, und halte das Pferd am Zügel, während ich ihm ſeine Laſt erleichtern will.“ Die Ruhe Contents verfehlte ihres Eindruckes auf ſeine Gat⸗ tin keineswegs, und ihre Gedanken wurden auf einen Augenblick von dem Gegenſtande abgezogen, welcher ſie ſo lebhaft beſchäftigt hatte. „Sieh' da,“ ſagte ſie,„haſt du wirklich Gradhorn gefunden? Aber das Thier iſt todt!« „Ja wohl, und zwar ſo geſchickt geſchlachtet, daß ich beinahe fürchte, ein Indianer mögte ſeine Hand dabei im Spiele gehabt haben,« erwiederte Content. „Und wo fandeſt du das Thier?“ „An dem Aſte eines Wallnußbaumes aufgehängt.“ Jetzt fiel Ruth der Gegenſtand ihrer Befürchtungen wieder ein, und der Anblick des getödteten Hammels trug nicht wenig dazu bei, ihre Vermuthungen zu beſtätigen. „Content,« ſagte ſie,„der mordſüchtige Heide iſt in unſeren Feldern.“ „Du träumſt, Ruth,“ lautete die Antwort, mit lächelndem Munde gegeben. „Nein, nein, es iſt kein Traum! Ich habe die gl 1 ich träumen oder gar ſchlafen können bei einer Wache, wie dieſe? Dort auf dem Hügel, in der Vertiefung, die von einem umgefal⸗ lenen Baume herruͤhrt, liegt ein Indianer.« Ruth ſprach mit ſo großem Ernſte, und das todt zu Contents Füßen liegende Thier unterſtützte ihre Worte auf ſo beredte Weiſe, daß der junge Anſiedler ebenfalls einen Anflug von Beſorgniß verſpürte.— „Wohlan,« ſagte er nach kurzem Bedenken,„wenn es auch nur wäre, um deine Furcht zu beſchwichtigen, will ich die Vorſicht nicht außer Acht laſſen. Verweile hier hinter den Palliſaden, wo du den Hügel beobachten kannſt, und ich will indeſſen hingehen, um ein paar junge Leute zu wecken. Den handfeſten Eben Dudley und den erfahrenen Ruben Ring zur Seite kann das Pferd ohne Gefahr in den Stall gebracht werden. Aber komme hierher, Ruth; ſtelle dich hierher, wo das Holz ſo dicht gefügt und ſtark iſt, daß ſelbſt eine Kanonenkugel dir keinen Schaden zufügen könnte.“ Ruth folgte den Anweiſungen ihres Gatten ohne Bedenken, und Content eutfernte ſich mit raſchen Schritten, um die genannten Arbeiter herbeizurufen. Er konnte ſich auf Beide verlaſſen; denn ſie waren ſtämmige, kraftvolle, junge Leute, abgehärtet gegen jeg⸗ liche Mühe, und mit allen Liſten und Winkelzügen der tuͤckiſchen Indianer wohl vertraut. Sobald er bei ihrem Schlafgemache an⸗ langte, klopfte er ſtark gegen die verriegelte Thür. „Wer pocht?“« fragte innen eine rauhe, aber feſte Stimme. „Steh' auf, komm heraus, und bringe deine Waffen mit, Ruben,“ erwiederte Content. Wenige Augenblicke nachher traten die Männer bewaffnet her⸗ aus und folgten ihrem Herrn nach, welcher ihnen mit kurzen Wor⸗ ten die Urſache der Störung erklärte. Ruth befand ſich, als die Männer zu ihr traten, noch auf ihrem Poſten; aber als Content ſie fragte, ob während ſeiner Abweſenheit irgend etwas Bemerkens⸗ werthes vorgefallen ſei, mußte ſie geſtehen, daß ſie nichts entdeckt habe, was ihre Furcht hätte vermehren können, obgleich der Mond in der Zwiſchenzeit dunſtfreier und glänzender geworden wäre. „So wollen wir denn das Thier in den Stall führen und für den Reſt der Nacht, damit wir ruhig ſchlafen können, eine Schild⸗ wache ausſtellen,“ ſagte Content. Er nahm das Pferd beim Zügel, öffnete die Pforte, und trat in Begleitung Eben Dudley's und ſeiner Gattin in's Freie. Draußen gar noch Alles ruhig und ſtill; gleichwohl aber fühlte ſelbſt Content —.. 1 jetzt ſein Herz ein wenig bedrückt, und wenn er über die Slache ſchaute, die mit den Ueberbleibſeln des Waldes, den ſchwarzen Baumſtumpfen, überſäet war, fürchtete er hinter jedem ſolchen Verſtecke einen Wilden zu erblicken, und ſah vorſichtig umher, ob nicht etwa die Schatten der Einzäunungen einen Feind ſeinen Au⸗ gen verborgen hielten. Es zeigte ſich jedoch keine weitere Veranlaſſung zu erneueter Furcht, und ſobald das Pferd an ſeiner gewöhnlichen Stelle unter⸗ gebracht worden war, drang Ruth mit leichterem Herzen in ihren Mann, in das Haus zurückzukehren, um ſich dem Schlafe zu über⸗ laſſen. Der Riegel an der Stallthüre wurde vorgeſchoben, und mit ſchnellen aber geräuſchloſen Schritten begaben ſich die drei Per⸗ ſonen wieder hinter die ſchützenden Palliſaden. „Haſt du etwas geſehen?“« fragte Content den Ruben Ring, welcher als Wachtpoſten bei der Pforte zurückgelaſſen worden war. „Nichts Beſonderes,“ erwiederte der Mann.„»Aber dennoch will mir der Baumſtumpf dort, der nicht weit von dem Gehäge am Hügel ſteht, gar nicht gefallen. Wenn man nicht ſo deutlich ſähe, daß es nur halb verkohltes Holz iſt, ſo mögte man darauf ſchwö⸗ ren, es müſſe etwas Lebendiges ſein. Aber wenn die Einbildungs⸗ kraft rege iſt, ſo täuſcht ſich das Auge leicht. Ein paar Mal ſchien es mir, als ob es dem Bache näher rolle, und ich glaube in der That, daß es anfänglich zehn oder zwölf Fuß höher lag, als eben jetzt.“. „Vielleicht täuſcheſt du dich nicht,“ entgegnete Content.„Es mag etwas Lebendiges ſein. Jedenfalls will ich hingehen und es unterſuchen.« Ruth wagte es nicht, ihrem Gatten von ſeinem Vorhaben ab⸗ zurathen, und von Eben Dudley begleitet verließ Content nochmals die Pforte, und ſchritt auf dem nächſten Wege auf den Punkt los, wo man den unbekannten Gegenſtand des Verdachtes entdeckt hatte. Er lag unbeweglich und regungslos, ſo daß ſelbſt Dudley ungewiß war, ob er nicht ein bloßes Holzſcheit für ein lebendiges Weſen gehalten habe. Dennoch ließen ſich Content und ſein Gefährte nicht von ihrem Vorſatze abbringen, und näherten ſich dem Dinge bis auf fünfzig Schritte. Selbſt jetzt, obgleich der Mond mit ſeinem hellen Lichte die Gegend erleuchtete, ſcheiterten noch alle ihre Vermuthungen, und waͤhrend der Eine behauptete, ein verkohlter Klotz liege vor ihnen, wie es deren in Menge auf dem Felde gab, blieb der Andere— — 4½ War 39 dabei, es müſſe ein zuſammengekauertes Thier der Wildniß ſein. Zweimal hob Content ſeine Flinte auf, um zu ſchießen; aber eben ſo oft ſenkte er auch ſein Gewehr wieder, in der Beſorgniß, einem unſchuldigen Geſchöpfe ein Leides zuzufügen. „Wir müſſen ganz nahe herannahen,“ flüſterte er endlich ſei⸗ nem Begleiter zu.„Lockere dein Jagdmeſſer in der Scheide, und halte auch die übrigen Waffen bereit. Ich will und nuß jedem Zweifel ein Ende machen.“ Mit feſtem Schritte gingen ſie weiter, bis ſie dicht neben dem Gegenſtande ihres Mißtrauens ſtanden. Er gab kein Zeichen des Lebens von ſich, ſondern blieb unbeweglich liegen, bis Dudley ihn mit dem Kolben ſeiner Flinte derb in die Seite ſtieß. Jetzt end⸗ lich erhob ſich, als ob alle fernere Verſtellung vergeblich und frucht⸗ los ſei, ein indianiſcher Knabe mit großer Gelaſſenheit von der Erde, und ſtand da in der düſteren Würde eines Kriegers, der ſeine Gefangennahme vor Augen ſieht. Haſtig packte Content ihn am Arme, um ſich ſeiner Perſon zu verſichern, und kehrte ſchnell mit ihm zu den Palliſaden zurück, während Dudley dem Indianer von Zeit zu Zeit einen leichten Kolbenſtoß verſetzte, um ſeine Schritte möglichſt zu beſchleunigen. „In dieſer Nacht, darauf will ich mein Leben verwetten, hö⸗ ren wir nichts mehr von den Gefährten dieſes rothen Jünglings,“ ſagte Eben Dudley, indem er die Pforte mit den Riegeln wieder verſchloß.„Noch nie habe ich vernommen, daß die Indianer ihr gellendes Geſchrei erhoben hätten, wenn ihr Spion in die Hände des Feindes gefallen war.“ „Das mag richtig ſein, aber doch dürfen wir uns nicht ſorg⸗ los dem Schlafe überlaſſen,“ erwiederte Content.„Bis Sonnen⸗ aufgang muß eine Wache ausgeſtellt werden, damit wir nicht unſere Nachlaͤſſigkeit zu bereuen und zu beweinen haben.“ Content war im Grunde ein Mann von wenig Worten, aber ſein Herz war von einer außerordentlichen Ausdauer und Entſchloſ⸗ ſenheit beſeelt. Er ſah deutlich ein, daß ein Indianer unter den vorliegenden Umſtänden und an ſolchem Orte nicht gefunden worden wäre, wenn ſeinem Erſcheinen nicht ein tief angelegter Plan zu Grunde läge; und überdieß ließ ſchon das zarte Alter des Gefan⸗ genen den Glauben nicht zu, als ob er ohne Gefährten gekommen ſei. Bei alledem theilte er die Meinung Dudley's, daß man, in dieſer Nacht wenigſtens, keinen Angriff zu beſorgen habe, und bat aher ſeine Gattin, ſich in ihr Zimmer zurückzuziehen, waͤhrend er inmi gebe gan⸗ Zuh Hau ernſ trof blaf rend etwa an und keine Ged i ſein. der eben einem vich ſei de, und 3 jedem den dem hen des ley ihn zt end⸗ frucht⸗ on der er ſeine hu am dell mit ner von Schritte en, hö⸗ lings,« wieder ner ihr Häͤnde t ſorg⸗ oonnen⸗ unſere , aber niſchloſ⸗ tter den worden dlan zu Gefan⸗ kommen nan, in und bat rend er die nothwendigen Maßregeln treffen wolle, die Wohnung für den ſchlimmſten Fall in Vertheidigungsſtand zu ſetzen. Ohne unnöthige Lärmzeichen zu geben, ließ er noch einige Arbeiter ſich bewaffnen und an die Palliſaden beſcheiden, und unterſuchte hierauf genau alle die verſchiedenen Zugänge des Platzes. Die Waffen wurden nachgeſehen, und an geeigneten Orten Schildwachen ausgeſtellt, die, ſelbſt ungeſehen im tiefen Schatten der Gebäude, dennoch mit leichter Mühe die ganzen umliegenden Felder überſchauen konnten. Hierauf befahl Content durch ein Zeichen ſeinem Gefangenen, ihm in das Blockhaus zu folgen, hieß ihn auf einer Leiter in das obere Stockwerk hinaufſteigen, nahm hierauf die Leiter weg, ver⸗ ſchloß die Thüre zu dem Eingange des feſten Gebäudes, und konnte ſich nunmehr verſichert halten, daß dem Indianerknaben jeder Weg zur Flucht abgeſchnitten ſei. Unter all' dieſen Geſchäften verging die Zeit raſch, und der Tag dämmerte beinahe, ehe Content ſein Lager aufſuchen konnte. Aber ſelbſt jetzt hielten ihn Beſorgniß und Unruhe noch längere Zeit wach, und die Sonne vergoldete ſchon den öſtlichen Himmel, ehe er in einen tiefen, durch keine Störung mehr unterbrochenen Schlaf verſank. X Drittes Kapitel. Am folgenden Morgen, nachdem der alte Kapitän Heatheote inmitten ſeiner ſämmtlichen Hausgenoſſen das gewöhnliche Morgen⸗ gebet verrichtet hatte, erzählte Content die Begebenheiten der ver⸗ gangenen Nacht, welche einen nicht geringen Eindruck auf alle Zuhörer hervorbrachten. Der alte Kapitän ſchüttelte ſein graues Haupt, und ſeine ohunehin ernſte und ſtrenge Miene wurde noch ernſter und gedankenvoller. Die ſtarken Männer umher ſahen be⸗ troffen, aber auch entſchloſſen aus; das weibliche Geſinde ward blaß, ſchauderte zuſammen und ziſchelte leiſe unter einander, wäh⸗ rend die kleine Ruth, Contents Tochter, und ein anderes Kind von etwa demſelben Alter, Namens Martha, ſich dicht und angſtlich an die Seite der Mutter drängten, welch' letztere eine Feſtigkeit und Entſchloſſenheit heuchelte, die ſie, um die Wahrheit zu ſagen, keineswegs fühlte. Kapitäu Heatheote, nachdem er eine kurze Weile ſich ſeinen— Gedanken hingegeben hatte, erhob endlich ſeine Stimme zu einen⸗ neuen Gebete, in welchem er Gott anflehte, ihm und den Seinigen Schutz in der Gefahr zu ertheilen, welche ſie Alle bedrohete, und ihnen den Sieg über jene grauſamen Feinde zu verleihen, von de⸗ ren Erbarmungsloſigkeit faſt alle Anſiedler des Weſtens ſchreckliche Beeiſpiele erzählen konnten. Darauf wendete er ſich zu Content, legte ihm mehrere Fragen vor, um ſich über die Umſtände, welche die Gefangennahme des jungen Indianers begleitet hatten, völlige Klarheit zu verſchaffen, und lobte alsdann die Klugheit ſeines Soh⸗ nes, deſſen Benehmen er in jeder Beziehung billigte. „Du haſt gut und mit Weisheit gehandelt, mein Sohn,“ ſagte er ernſt;„aber noch bleibt deiner Tapferkeit und Weisheit Manches zu thun übrig. Ich habe erfahren, daß die Heiden unweit der Pflanzungen von Providence unruhig werden, und wir dürfen uns keineswegs für ſicher halten, weil ſich eine waldige Strecke von ei⸗ nigen Tagreiſen zwiſchen jenen Dörfern und unſerer Lichtung erſtreckt. Führe den Gefangenen her! Ich will ihn fragen, welche Urſache wir ſeinem Beſuche zuzuſchreiben haben.“. Conkent vernahm kaum dieſen Befehl ſeines Vaters, ſo eilte er daoon, um ihm Folge zu leiſten. Er ſelbſt war geſpannt auf die Nachrichten, welche der Jüngling ertheilen würde, und hatte om in der vergangenen Nacht nur deßhalb keine Fragen vorgelegt, ₰ w 8 einige Oeffnungen, aus welchen auf angreifende Feinde, die ſich — eil jene gefahrdrohenden Augenblicke ihn zu der wachſamſten Thä⸗ tigkeit anſpornten.— Content nahm den Schlüſſel zu der Thüre des Blockhauſes, öffnete ſie, legte die Leiter an, und ſtieg in das Gemach hinauf, woſelbſt er den jungen Indianer untergebracht hatte. Es war das unterſte von drei Zimmern, welche in dem Gebäude über einander lagen, und beſtand in einem ſechseckigen, unerleuchteten Raume, der außer der Thüre keine weitere Oeffnung hatte und mit verſchie⸗ denen Gegenſtänden angefüllt war, welche bei einem unverhofften Angriffe nöthig ſein mogten. Doch ſtanden außerdem noch man⸗ cherlei häusliche Geräthſchaften darin umher, denen man in dem Hauſe vielleicht keinen paſſenderen Platz anweiſen konnte. In der Mitte des Zimmers befand ſich ein ummauerter Brunnen, deſſen Einrichtung ſo getroffen war, daß man das Waſſer aus ihm bis in die oberen Stockwerke hinaufziehen konnte. Die Eingangsthüre beſtand aus ſchwerem, behauenem Zimmerholze, und die viereckigen Holzblöcke der oberen Stockwerke ragten ein wenig über das manns⸗ hohe ſteinerne Fundament hinaus. Die zweite Balkenreihe enthielt ——— — — AR ⁴☛ ,/ der ⸗— konnt P b b'hi 7 2 3. V 9 ₰, mne, I na ſie· . Zufl Dach Vettl einen war! dianen gefühl Oeffn verſeh mehr des ſ Kapit Sohn b oft ge er au V V V tent E bemer thun, die Le Vorw rigen blickte Freih mogte Geräl dem Anſied dann ) Urſach Komn Nat 17 der unteren Eingangsthüre etwa nähern mogten, geſchoſſen werden konnte. Zu dieſem Zwecke dienten auch die bereits erwähnten Schießſcharten, welche nebenbei die Stelle von Fenſtern vertreten mußten; und obgleich das ganze Gebaͤude hauptſächlich zur Verthei⸗ digung eingerichtet war, ſo konnte es doch auch zugleich zu einem nicht ganz unbequemen Aufenthalte für die Familie dienen, wenn ſie je einmal durch drängende Feinde gezwungen worden wäre, ihre Zuflucht in dem feſten Gebäude zu nehmen. Gerade unter dem Dache befand ſich noch ein Gemach, das zwar nicht unmittelbar zur Vertheidigung ſich eignete, aber trotzdem bei ſeiner hohen Lage einen Nutzen gewährte, welchen man nicht überſehen hatte. Es war hier hinauf eine kleine Kanone gebracht worden, und alle In⸗ dianer, die ſeit langen Jahren Zufall oder Abſicht in das Thal geführt hatte, konnten ihre drohende Mündung durch eine jener Oeffnungen klaffen ſehen, welche in neuerer Zeit mit Glasfenſtern verſehen worden waren. Vielleicht trug der Anblick dieſer Kanone mehr als alles Andere dazu bei, den bisher ungeſtörten Frieden des ſchönen aber einſamen Thales aufrecht zu erhalten. Der alte Kapitän hielt ſich oft und gern in dieſem Gemache auf, und ſein Sohn ſowohl, wie alle Bewohner der Anſiedlung, wußten, daß er oft ganze Nächte einſam und allein in demſelben zubrachte, indem er auf einer Matratze ſchlummerte, für deren Hinaufſchaffung Con⸗ tent Sorge getragen hatte, ſobald er die Liebhaverei ſeines Vaters bemerkte. Für jetzt hatte Content es nur mit dem untern Gemache zu thun, in welchem der junge Indianer gefangen ſaß, und indem er die Leiter hinanſtieg und die Fallthüre öffnete, machte er ſich ſtille Vorwürfe darüber, daß er den Knaben mit ſeinen gewiß recht trau⸗ rigen Gefühlen ſo lange allein gelaſſen hatte. Der junge Indianer ſtand vor einer der Schießſcharten, und blickte durch dieſelbe in den Wald hinaus, den er geſtern noch in Freiheit und feſſellos hatte durchſtreifen können. Seine Gedanken mogten wohl tief und lebhaft ſein; denn er ſchien nicht einmal das Geräuſch zu vernehmen, welches Content beim Hinaufſteigen und dem Oeffnen der Fallthüre nothwendig verurſachen mußte. Der Anſiedler betrachtete ihn einen Augenblick nachdenklich, und ſagte dann mit ſanfter und milder Stimme: „»Komm, Knabe, und verlaß dein Gefängniß. Was auch die Urſache deines Kommens ſei, du ſollſt mich nicht rachgierig finden. Komm, du biſt ein Menſch, und wirſt menſchliche Bedürfniſſe ken⸗ Narramatta und Conanchet. 2 nen. Folge mir, und ſättige dich unbeſorgt mit Speiſe und Trank. Niemand wird dir hier ein Leid zufügen.“ Obgleich der Knabe den Sinn der au ihn gerichteten Worte nicht verſtehen mogte, ſo iſt doch die Sprache des Mitgefühls allge⸗ mein ſo verſtändlich, daß ihm die gütigen Abſichten Contents nicht verborgen blieben. Er wendete langſam ſein Auge vom Walde ab, und blickte dem jungen Anſiedler lange und feſt in's Geſicht. An dem Ausdrucke in den Zügen des Knaben glaubte Content zu mer⸗ ken, daß Jener ſeine Worte nicht verſtanden haben könne, und ſuchte ſich nun ihm durch Winke und Geberden deutlich zu machen. Schweigend und ruhig gehorchte nun der Knabe, folgte Content willig in den Hofraum hinab, und von dort in das Wohnzimmer, wo ihre Ankunft von der verſammelten Familie erwartet wurde. Der Sohn der Wälder, welcher jetzt vor dem ſtrengen und prüfenden Auge des alten Kapitäns Marcus Heathcote ſtand, mogte etwa fünfzehn Jahre alt ſein. Seine Geſtalt war hoch, ſchlauk und zierlich, und obgleich er die Höhe eines Mannes noch nicht erreicht hatte, zeugten doch ſeine Glieder von einer ungewöhnlichen Kraft und Muskelſtärke. Jede ſeiner Bewegungen war leicht, anmuthig und frei, und als er in den Kreis der Anſiedler trat, geſchah es mit einer Sicherheit und Unerſchrockenheit, als ob er gekommen wäre, ein Urtheil zu ſprechen, nicht aber ein ſolches zu empfangen. Der alte Heathceote betrachtete mit einem langen Blicke das helle, ruhige Auge, die tadelloſe Geſtalt und das verſchloſſene aber ſchöne Geſicht des Knaben, welcher ſeinen Blick ohne irgend ein Zeichen innerer Bewegung aushielt. „Ich will ihn auszuforſchen ſuchen,“ ſagte er dann.„Vielleicht entlockt ihm Furcht das Geſtändniß der Abſichten, welche ihn in unſer friedliches Thal geführt haben.“ „Ich fürchte, er verſteht unſere Sprache nicht,“ nahm Content jetzt das Wort.„Ich habe ihn ſanft und freundlich angeredet, aber dabei nicht die geringſte Veränderung in ſeinen Zügen bemerkt.“ „Ei nun,“ ſagte Eben Dudley,„ich habe mich eine Zeit lang unter den Judianern aufgehalten, und verſtehe ein wenig von ihrer Sprache. Wenn es erlaubt iſt, ſo mögte ich einige Fragen an den ſtörrigen Wildling richten.“ Die Erlaubniß wurde vom Kapitän Heathcote ertheilt, und nun ſtieß Dudley einige ungeſchlachte Kehltöne heraus, welche, wie er behauptete, die gewöhnlichen Begrüßungsworte der Narraganſett⸗ Indianer ſeien. Sie machten aber gleichwohl nicht den mindeſten jin ſein Eindi Zwech elend einen ſprüc Stoß eaſſin es G Häup Ehriſt gut ſy behauf dringe war; 6 ſenden Benen hervor dender feſt zu tiefer, wieder Kehlto ) obglei⸗ Knabe wiß b löbliche ) VWott; wollen wachſe göttii 19 Eindruck auf den gefangenen Knaben und verfehlten alſo ihren Zweck ganz und gar. »Und doch wollte ich darauf ſchwören, daß der Burſche ein elender Narraganſett iſt,« ſagte der Gränzmann zornig, indem er einen unfreundlichen Blick auf den Jüngling warf, der ſeinen An⸗ ſprüchen auf die Kenntniß der Indianerſprache einen ſo merklichen Stoß verſetzt hatte.„Der Kranz von Seemuſcheln um ſeinen Moc⸗ caſſin verräth mir Alles, und dies Kennzeichen iſt ſo ſicher, wie es Sterne am Himmel gibt. Ueberdieß ſieht er aber auch einem Häuptlinge ähnlich, der zu jener Zeit auf den Wunſch von uns Chriſten von den verbündeten Pequods erſchlagen ward.« »Und wie hieß dieſer Häuptling?« fragte der Kapitän. „Ei nun, er führte mancherlei Namen,“ entgegnete Dudley. »Einige nannten ihn den„ſpringenden Panther,« weil er ſo erſtaunt gut ſpringen konnte; Andere hießen ihn die„Pfefferhaut,« weil ſie behaupteten, daß weder Kugel noch Schwert in ſeinen Körper zu dringen vermöge, was, wie ſich ſpäter auswieß, eine pure Lüge war; und die Indianer ſelber nannten ihn Miantonimohl« Sobald Dudley dieſen Namen ausſprach, richteten alle Anwe⸗ ſenden ihre Augen auf den gefangenen Knaben, auf welchen die Benennung des indianiſchen Häuptlings einen auffallenden Eindruck hervorbrachte. Seine bisher ſo ruhigen Augen glänzten in blen⸗ dender Glut, ſeine Naſenlöcher erweiterten ſich, er preßte die Lippen feſt zuſammen, aber nur, um ſie ſogleich wieder zu öffnen. Ein tiefer, weicher, aber klagender Ton entglitt ihnen, und trauernd wiederholte der Knabe den Namen:„Miantonimohl« Deutlich ſprach er das Wort aus, obgleich mit dem tiefen Kehltone, welcher den Indianern eigen iſt. „Das Kind trauert um ſeinen Vater,“ ſagte Ruth mitleidig, obgleich ſie im erſten Schrecken über die ſichtbare Aufregung des Knabens angſtvoll ihre Tochter an die Bruſt gedrückt hatte.„Ge⸗ wiß hat die Hand, welche jenen Krieger erſchlug, keine gute und löbliche That gethan.“ »Sei dem, wie ihm wolle,« nahm Kapitän Heatheote das Wort;„der Knabe ſoll unter den Meinigen wohnen, und wir Alle wollen für ihn unſere Gebete zu Gott erheben, damit alles Böſe in ſeinem Innern erſtickt werde und das Gute um deſto üppiger wachſen könne. Wir wollen ihn ernähren und pflegen ſowohl mit göttlichen Dingen, wie mit Dingen von dieſer Welt; denn wir 2** 20 9 15 können nicht wiſſen, was für ihn noch aufbewahrt iſt, und ob Gott nicht ſein Herz zum wahren Glauben lenken wird!« Mit dieſen Worten wurde die Vernehmung des Gefangenen abgebrochen, und derſelbe von Content in das Blockhaus zurückge⸗ führt, da eben jetzt auch die Leute wiederkehrten, welche man zur Erforſchung der Umgegend ausgeſandt hatte. Niemand wollte in⸗ deß die geringſte Spur von mehr Indianern oder einem vorbedach⸗ ten Hinterhalte bemerkt haben, und da der Gefangene ſelbſt keine Waffen trug, ſo gab ſich Ruth ſchon der Hoffnung hin, daß nur ein Ungefähr den Knaben in dieſe Gegend geführt haben mögte. Sie ſorgte dafür, daß man ihm Speiſe und Trank reichte, und befahl ihren Leuten im Hauſe, dem Knaben allezeit mit Liebe und Freundlichkeit zu begegnen. Viertes Kapitel. Die Hoffnung Ruths ward dies Mal wenigſtens nicht zu Schan⸗ den, und die Behauptungen der Kundſchafter, keinen Wilden in der ganzen Gegend ringsum geſehen zu haben, wurden durch die Erfahrung beſtätigt. Jene Nacht ſowohl, wie die darauf folgenden, gingen ohne alle Beunruhigung vorüber, und die Leute des Kapi⸗ täns ſetzten ihre Arbeiten und Beſchäftigungen im Freien fort, ohne jemals geſtört zu werden, oder nur einen neuen Grund zu Beſorg⸗ niſſen zu finden. Whittal Ring trieb ſeine Füllen unbeläſtigt in die Tiefen der umliegenden Wildniß, und ſo lange die Witterung es geſtattete, zogen die Heerden der Anſiedler auf die freie Waide in's Gehölz hinaus, ohne beunruhigt zu werden. Der erſte Ein⸗ druck des Schreckens wurde durch die Zeit in der Seele verwiſcht, und man würde das Ereigniß vielleicht ſchon gänzlich vergeſſen ha⸗ ben, wenn nicht ein lebendes Andenken, der junge Indianer, ſich inmitten der Familie befunden hätte. Der alte fromme Heathcote ließ nicht ab von dem Verſuche, den Jüngling ſeinem Heidenthume zu entreißen und den Samen chriſtlicher Grund⸗ und Glaubensſätze in ſeine Bruſt zu ſtreuen. Aber obgleich er es nicht an Eifer fehlen ließ, konnte er ſich den— noch keines günſtigen Erfolges erfreuen. Es blieben ſogar alle Verſuche, dem Knaben die Sitten der Anſiedler anzuſchmeicheln, ohne jeglichen Erfolg. Als die Strenge der Witterung zunahm, bemühete ſich Ruth, ihn zur Annahme wärmerer Kleidung zu be⸗ 21 wegen, indem ſie ſogar nicht die Vorſicht vergaß, die einzelnen Stücke mit ſolcher Zierrath zu ſchmücken, wie ſie dem Geſchmacke eines Indianers zuſagend ſind. Gleichwohl verſchwendete man ver⸗ gebens Bitten und Drohungen an den ſtarrſinnigen Jüngling, und als man ihn mit Gewalt ankleidete, ließ er es zwar ohne großes Sträuben geſchehen, riß ſich aber im erſten unbewachten Augenblicke dennoch die Kleidungsſtücke wieder vom Leibe. Alle Verſuche, den jungen Wilden an ein geſittetes Leben zu gewöhnen, ſcheiterten an der Freiheit und Ungebundenheit ſeines Geiſtes, und er wollte ſich durchaus nicht die Bande einer Lebensweiſe anlegen laſſen, die man im Allgemeinen für ſo weit angenehmer und vorzüglicher zu halten pflegt. Wo man ihm freie Wahl geſtattete, verwarf er jedesmal die Gebräuche der Weißen mit Verachtung, und hielt mit ſtand⸗ hafter und beinahe heldenmüthiger Ausdauer an den Sitten ſeines Volkes und ſeines wilden Zuſtandes feſt. Obgleich man den Knaben mit Freundlichkeit und Milde be⸗ handelte, wurde er dennoch mit der ſchärfſten Aufmerkſamkeit be⸗ wacht. Einmal, als man es gewagt hatte, ihn in's Freie hinaus zu laſſen, war er ohne Zögern den Wäldern zugerannt und hatte einen unverholenen Verſuch zur Flucht gemacht, den Eben Dudley mit Hilfe ſeiner langen Beine nur mit genauer Noth zu verhindern im Stande geweſen war. Seitdem hielt man ihn bedeutend kürzer, und er durfte nicht mehr die Palliſaden verlaſſen.„Wenn die Ar⸗ beiter durch ihre Geſchäfte in's Freie gerufen wurden, ſchloß man den Indianer in das Blockhaus ein, und nur zur Zeit, wo die Thore verſchloſſen oder Leute genug zur Bewachung da waren, er⸗ laubte man ihm, nach Gefallen zwiſchen den Gebäuden der kleinen Feſtung umherzuſpazieren. Und der arme gefangene Indianer, dem Luft und Freiheit ſo nothwendig zum Leben ſein mußten, da er von Kindheit auf feſſellos die großen Wälder durchſtreift hatte, verſaͤumte niemals, dieſe Erlaubniß zu benützen, und dieß oft in einer Art und Weiſe, welche alle Gefühle des Mitleidens in dem weichen Herzen von Contents Gattin wach rief. Anſtatt mit anderen Knaben ſich zu beluſtigen und zu ſpielen, ſtand der junge Indianer ſtill abſeits, und blickte ſtarr und theil⸗ nahmlos, aber traurig vor ſich nieder. Noch öfter näherte er ſich den Palliſaden, und ließ ſeine Blicke wehmüthig und ſehnſuchtsvoll auf der endloſen Wildniß ruhen, welche gewiß Alles enthielt, was ihzs irgend lieb und theuer war. Seine traurige Stimmung rührte die fromme Ruth bis in's Innerſte ihrer Seele, und ſie bemühte ſich, aber vergebens, ihn an leichte Beſchaͤftigungen zu gewöhnen, um ihn auf ſolche Weiſe den Schmerz der Gefangenſchaft ver⸗ geſſen zu machen, oder doch wenigſtens zu lindern. Der hartnäckige, entſchloſſene, und zugleich ſo ruhige Knabe wies alle dieſe Verſuche zurück. Er verſtand offenbar die gütigen Abſichten ſeiner ſanftmü⸗ thigen Gebieterin, und ließ ſich nicht ſelten von ihr in den Kreis ihrer fröhlichen Kinder führen; allein immer nur, um ihre Spiele mit dem früheren, theilnahmloſen Blicke anzuſtarren, und, ſobald ſich Gelegenheit dazu darbot, an ſeinen Lieblingsort, die Palliſaden, zurückzukehren. Bei alledem fehlte es jedoch nicht an ſeltſamen, beinahe geheimnißvollen Beweiſen, daß er immer mehr und mehr die Geſpräche verſtand, welchen er öfters im Kreiſe der Familie beiwohnte; und leichtlich konnte man daraus ſchließen, daß er der engliſchen Sprache bei Weitem mehr mächtig ſein müſſe, als ſeine gänzliche Zurückhaltung von jedem Geſpräche erwarten ließ. Sein Verſtändniß offenbarte ſich durch die häufigen, ſprechenden Blicke ſeines Auges, wenn er irgend Etwas, ſeinen Zuſtand Berührendes verhandeln hörte, und beſonders dann, wenn Eben Dudley, wie es öfters geſchah, die Tapferkeit der Weißen auf Koſten des india⸗ niſchen Heldenmuths ungebührlich hervorhob. Dann glühte ſein Auge, und ſtolze und wilde Blicke ſtrahlten auf den Gränzmann, welcher ſich den Anſchein gab, die urſprünglichen Beſitzer des Lan⸗ des zu verachten. Dem alten Heathcote entgingen dieſe Zeichen nicht, aber an⸗ ſtatt ſie zu fürchten, ſchöpfte er nur Hoffnung daraus, daß der Knabe ſich mehr und mehr an ſeinen jetzigen Zuſtand gewöhnen und ſein Herz mit der Zeit den Lehren der chriſtlichen Religion öffnen würde. Als nun der Winter kam, und die Fluren und Wälder rings⸗ um mit einer dichten Hülle von Schnee und Eis bedeckte, pflegten die Gränzbewohner häufig die Waldung zu durchſtreifen, um Wild aufzuſuchen, welches ſo erfahrenen Jägern, wie Eben Dudley und Ruben Ring mit Recht genannt werden konnten, zu einer leichten Beute wurde. Die jungen Männer zogen aber nie zu ihren Jag⸗ den aus, ohne daß ihre Bewegungen die lebhafteſte Theilnahme in dem Herzen des jungen Indianers erweckten. Unfehlbar pflegte er an ſolchen Tagen unverrückt an den Luglöchern ſeines Kerkers zu ſtehen und auf den fernen Knall der Gewehre zu lauſchen, welche das vieltönige Echo des Waldes häufig wiederholte. Das edle Waidwerk erfreute ſich einer ſo großen Theilnahme von ſeiner Seite, daß auf hatt heit löſe des da kein run. wie Wa Jün wür zurt ſchl an ſträ ihn aus 23 daß es ſogar einmal ſeine Seele ſo ſehr erheiterte, um ein Lächeln auf ſeine ſonſt immer düſter verſchloſſenen Lippen zu locken. Nie hatte man ihn während ſeiner, Monate dauernden, Gefangenſchaft heiter geſehen; aber als man ihm eines Tages die ſtarken musku⸗ löſen Tatzen eines großen Panthers zeigte, welchen die gute Büchſe des ſcharf zielenden Dudley bei einem Jagdausfluge erlegt hatte, da funkelten ſeine Augen und er lächelte mit einer Freude, welche keinem Anweſenden verborgen blieb. Vielleicht wachte eine Erinne⸗ rung in ihm auf an frühere Zeiten, wo er nicht minder geſchickt wie Dudley die Raubthiere der Wildniß mit der nie fehlenden Waffe erlegt hatte. Niemand im ganzen Hauſe verſagte ſein Mitgefühl einem Jünglinge, der ſeine Leiden mit ſo vieler Würde trug, und gern würde man ihm erlaubt haben, an dem Vergnügen der Jagd Theil zu nehmen, wenn es die Sicherheit irgend geſtattet hätte. Dudley ſchlug vor, um das Entweichen des Gefangenen zu verhüten, ihn an einem Stricke mit ſich zu führen; aber gegen dieſen Vorſchlag ſträubte ſich das rege Ehrgefühl des Jünglings, und er verwarf ihn, weil er ihn mit ſeiner Würde als indianiſcher Krieger durch⸗ aus nicht vereinbar hielt. Ruth, welche den Knaben fortwährend mit ſtiller Theilnahme beobachtete, und ſo gut wie die Uebrigen bemerkt hatte, daß er die engliſche Sprache recht gut verſtand, machte endlich den Verſuch, ſich von ihm eine Art von Ehrenwort zu verſchaffen, daß er am Abend in die Feſtung zurückkehren wolle, wenn man ihm mit den Jägern in's Freie zu ziehen erlaube. Mit ſanften Worten bat ſie ihn um ein ſolches Verſprechen, und wiederholte mehr als einmal die Bitte, ihr ein Zeichen des Einverſtändniſſes zu geben; aber es gelang ihr nicht, den Knaben zu irgend Etwas zu bewegen. Stumm und theilnahmlos ſtand er da, und Ruth gab ſchon verzweifelnd ihr menſchenfreundliches Vorhaben auf, als der alte Heathcote, bis jetzt ein ſtummer Zuſchauer ihrer fruchtloſen Bemühungen, plötzlich erklärte, daß er der Redlichkeit des Knaben vollkommen vertraue, und ihn ſchon an dem nächſten Jagdausfluge werde Theil nehmen laſſen. Ein plötzliches und unwiderſtehliches Aufblitzen der Wonne durchzuckte die dunklen Züge des Gefangenen, als er dieſe Worte Heathceote's vernahm und am nächſten Morgen Ruth ihm den Bo⸗ gen ihres eigenen Sohnes reichte, damit er ſich deſſelben während der Jagd bedienen könne. Aber dieſes Zeichen der Freude ver⸗ 24 ſchwand eben ſo ſchnell wieder, als es ſich gezeigt hatte; und als der Jüngling die Waffe in Empfang nahm, geſchah es mit der vollkommenſten Selbſtbeherrſchung und in einer Weiſe, als ob er ſich täglich ihrer bedient habe. Die Erlaubniß des alten Heathcote wurde von allen Bewoh⸗ nern der Anſiedelung entſchieden gemißbilligt, obgleich Niemand es wagte, dem ſtrengen Manne den geringſten Vorwurf weder mit Worten noch mit Blicken zu machen. Keiner von Allen glaubte, daß der Indianer, ſeiner Haft einmal entledigt, in dieſelbe frei⸗ willig zuruͤckkehren werde, und als die Thore zum Auszuge geöffnet wurden, war Jeder überzeugt, nun den Knaben zum letzten Male geſehen zu haben. Der Indianer ſelbſt verrieth durch kein ſichtba⸗ res Zeichen ſeine Gedanken und Abſichten. Nur, als er die Schwelle überſchritt, zögerte ſein Fuß, und ſein Auge ruhete einen Augen⸗ blick theilnehmend auf Ruth und deren Kindern. Gleich darauf aber nahm er wieder die ruhige Haltung eines indianiſchen Krie⸗ gers an; das Feuer in ſeinen Blicken erloſch, und mit fluchtigen, leichten Schritten folgte er den ihm vorauseilenden Jägern. Seit der Zeit, wo man ſich des Knaben bemäͤchtigt hatte, bis zu dem Tage, an welchem man ihm den Ausflug in's Freie ge⸗ ſtattete, war etwa ein halbes Jahr verſtrichen. Es war im April, alſo in einem Monate, der zu Connecticut wenigſtens eben ſo lau⸗ niſch und wetterwendiſch iſt, wie bei uns in Deutſchland. Nach ein paar warmen Frühlingstagen war die ganze Strenge des Win⸗ ters mit aller Macht wieder eingetreten, und dem Thauwetter war ein Schnee⸗ und Hagelſturm gefolgt, der die kaum hervorgelockten Blüthen wieder vernichtete und eine ſtarre Decke von Eis über die Felder breitete. Alle Jäger verließen die Feſtung in wärmenden Pelzröcken und zerſtreueten ſich nach allen Richtungen in den Wäldern. Stunde auf Stunde verging, ohne Nachricht von der Jagd zu bringen. Man vernahm zwar von Zeit zu Zeit den Knall der Feuergewehre in der Ferne; aber auch dieſe Zeichen von dem Daſein der Jäger verſchwanden nach und nach, und ehe die Mittagsſtunde eintrat, lag der Wald ſo ſchweigſam da, als ob kein lebendiges Weſen unter ſeinen laubloſen Zweigen verborgen wäre. Indeſſen die Jäger das Wild verfolgten, wandelte daheim Ruth unter den Mägden umher, und beſorgte mit gewöhnlicher Achtſamkeit und thätigem Fleiße die häuslichen Geſchäfte. Wenn ſie an die Jäger dachte, ſo geſchah dieß ohne Beſorgniß, und ſie 25 erinnerte ſich dabei nur ihrer Pflicht, für die Bequemlichkeit und Erquickung der Heimkehrenden die nöthige Sorge zu tragen, was ſie niemals zu verſäumen pflegte. Als der Abend dämmerte und die Rückkehr der Jäger erwar⸗ tet werden konnte, befahl ſie ihrer Tochter und deren Geſpielin, an die Pforte zu gehen und in die Felder hinauszuſchauen, ob ſich noch keine Spur von Content und ſeiner Geſellſchaft zeige. Sie ſelbſt begab ſich in das erſte Stockwerk des Blockhauſes, und ſchaute durch die verſchiedenen Luglöcher ebenfalls nach allen Richtungen hin. Die Schatten der Bäume fielen bereits breit und dunkel über die gefrorene Schneefläche hin, und der höher ſteigende Froſt, wel⸗ cher mit dem Verſchwinden der Sonne ſich einſtellte, verkündigte das ſchnelle Heranrücken einer Nacht, welche an Kälte dem Tage wenigſtens nichts nachgeben zu wollen ſchien. Ruth erwartete jeden Augenblick die Jäger aus dem Walde kommen zu ſehen, weil die Stunde da war, wo ſie ihre Ankunft mit Fug und Recht erhoffen durfte. Aber als ſich die Schatten der Nacht immer tiefer und ſchwärzer auf das Thal hinabſenkten, die Dämmerung mehr und mehr in völlige Finſterniß überging, und noch immer keine Spur von den Ausbleibenden ſich zeigte, ſtellte ſich eine ganz natürliche Angſt bei ihr ein, welche ſich mit jeder Minute vergeblicher Hoffnung noch ſteigerte. Endlich erſchien Eben Dudley an der verſchloſſenen Pforte, und Ruth ſchickte ſogleich eine Magd ab, den Jäger einzulaſſen und zu ihr zu führen, damit ſie Erkundigungen über die Uebrigen bei ihm einziehen könne. „Oeffne ſchnell, ſagte Dudley zu dem Mädchen, als es an die Pforte kam;„öffne ſchnell und ſchiebe den Riegel weg, denn ich muß nothwendig mit dem Kapitän oder ſeinem Sohne reden.“« »Mit dem Kapitän magſt du ſprechen,“ erwiederte das Mäd⸗ chen,„aber ſein Sohn iſt noch nicht wieder aus dem Walde zurück.« „Noch nicht zuruͤck?« fragte Dudley erſchrocken.„Es kann doch gewiß Niemand mehr draußen ſein, nun ich zu Hauſe bin.“ „Nein, nein, du biſt im Irrthum,“ ſagte das Mädchen.„Wir haben außer dir noch keinen einzigen Jaͤger geſehen, und wenn Gefahr vorhanden iſt, ſo eile ſchnell zu unſerer Herrin und benach⸗ richtige ſie von Allem, damit die ſchleunigſten Maßregeln zu un⸗ ſerer Sicherheit getroffen werden.“ 8 „Beim Himmel, das würde wenig nützen,« murtelte der Jäaͤger nachdenklich und ſichtbar in großer Beſorgniß.„»Bleibe du hier, Mädchen, und bewache die Pforte, während ich in das Holz 26 zurück will, um die Uebrigen zu ſuchen. Mein Ruf und der Schall meiner Muſchel mag ihre Rückkehr beſchleunigen helfen. Aber ſtill! Ich höre das Geräuſch von Schritten und das Kniſtern des ge⸗ frorenen Schnee's! Wahrlich, ſie ſind es!« Anſtatt aber nun ſeinen Freunden entgegenzugehen, trat Dud⸗ ley in die mittlerweile geöffnete Pforte, zog ſie hurtig hinter ſich zu, und legte mit eigener Hand die Riegel vor. „Warum thuſt du das?« fragte das Mädchen verwundert. „Man kann doch nicht genau wiſſen, ob Freund oder Feind herankommt,“ erwiederte Dudley. Seine Furcht zeigte ſich jedoch überflüſſig; denn gleich nachher erſchien Content an der Pforte, und ſeine wohlbekannte Stimme forderte Einlaß. Das Geräuſch der Ankommenden, denn mit Con⸗ tent traf der ganze, mit Wildpret beladene Haufe der Jäger ein, machte dem Geſpräche zwiſchen Dudley und dem Mädchen ein Ende. Das Letztere eilte davon, um ihrer Gebieterin die willkommene Nachricht vom Eintreffen der Jäger mitzutheilen, und Dudley, nachdem er die Pforte ſorgfaͤltig wieder verſchloſſen hatte, folgte den Uebrigen ruhig in das Haus, wo Content voller Freude von ſeinen Augehörigen empfangen wurde. Nichts Außergewöhnliches hatte an dieſem Tage die Rückkehr der Jäger verzögert, und die Entſchuldigungsgründe für das lange Ausbleiben beſtanden einfach in dem Jagdeifer, welcher die Män⸗ ner heute ein wenig weiter als gewöhnlich in den Wald hineinge⸗ lockt hatte. Die Jäger lachten und ſcherzten, und thaten dem Mahle, welches Ruth für ſie bereitet hatte, die möglichſte Ehre an. Der Einzige von Allen, welcher in die Fröhlichkeit der Uebri⸗ gen nicht einſtimmte, war Eben Dudley, ſonſt in der Regel der Vergnügteſte von der ganzen Geſellſchaft. Dieß blieb nicht unbe⸗ merkt, und man neckte ihn mit ſeiner Schweigſamkeit, indem man ihm vorwarf, daß nur der Verdruß, keine Jagdbeute heimgebracht zu haben, die Veranlaſſung zu ſeinem mürriſchen Weſen ſei. Der ehrliche Gränzmann ertrug eine ganze Weile dieſe Neckereien mit der größeſten Geduld, bis er endlich ſagte:„Anſtatt Euren Witz an mir auszulaſſen, ſolltet Ihr ihn lieber dazu anwenden, ein Ge⸗ heimniß zu ergründen, welches Keinem von uns willkommen ſein kann. Einer von den Jägern iſt ausgeblieben.“ Verwundert blickten alle Anweſende umher, und durchliefen mit flüchtigem Auge die Reihe, um in Erfahruung zu bringen, wer denu der Abweſende ſein möge. Sie ſchütteiten die Köpfe, als ſie 27 die Züge jedes wohlbekannten Geſichtes wiederfanden, und wollten eben die Bemerkung ausſprechen, daß Niemand fehlen könne, als Ruth ausrief: „Wahrlich, der Indianer iſt nicht wiedergekommen!« Bei dieſen wenigen Worten ſprangen Alle erſchrocken in die Höhe, und eine Ahnung von bevorſtehender Gefahr erweckte eine geheime Furcht in jedem Herzen, obgleich da Keiner war, der nicht ſchon am Morgen das Ausbleiben des indianiſchen Knaben vermu⸗ thet hatte. „Seltſam, der Knabe war doch bei uns, als wir den Wald verließen,“ nahm Content nach einer todtenſtillen, minutenlangen Pauſe das Wort.„Ich ſelbſt ſprach zu ihm, indem ich ſeine Ge⸗ ſchicklichkeit und Gewandtheit bei dem Erlegen des Wildes und bei dem Auffinden ſeiner Schlupfwinkel belobte, und ich glaube, er verſtand mich recht wohl, obwohl ſeine Miene es nicht verrieth.“ „Und ich,“ ſagte Ruben Ring,„ich möchte darauf ſchwören, daß er noch bei uns war, als wir in den Obſtgarten eintraten.“ „Das mag ſein,« entgegnete Eben Dudley,„doch kann auch ich einen Eid darauf ablegen, daß er nicht zur Pforte hereinge⸗ kommen iſt, als ich ſie öffnete, um Euch einzulaſſen. Ich zählte Euch Alle beim Eintreten, und bin gewiß, daß ſich keine Rothhaut in Euren Reihen befand.“ „Kannſt du uns nicht vielleicht Auskunft über den Knaben geben?« fragte Ruth, nicht ohne Beſorgniß. „Leider nein,“ erwiederte der Gränzmann.„Seit Mittag hat ihn mein Auge nicht geſehen, wie ich denn überhaupt kein leben⸗ des Geſchöpf erblickte, ausgenommen einen Fremdling, der mir im Walde begegnete.“ »Einen Fremdling?« fragte Content überraſcht.„Zögere nicht, uns das Nähere dieſes Zuſammentreffens mitzutheilen und zu er⸗ zaͤhlen, was für eine Art Mann es geweſen iſt.« „Ihr Alle wißt,“ ſagte Eben Dudley,„daß ich mich auf dem Berggipfel drüben von Euch trennte, um den mir angewieſenen Waldbezirk zu durchſtreifen. In den erſten zwei Stunden, während welchen ich tief in die Wildniß eindrang, ſtieß mir nichts Außer⸗ gewöhnliches auf, obgleich ich zuweilen auf ein Gewirre von Reh⸗ ſpuren traf, die auf nichts Weſentliches hinausliefen. Nach Ablauf jener zwei Stunden aber ſtörte ich einen edeln Rehbock von ſeinem Lager unter den Schierlingstannen auf, und ſeine Verfolgung führte mich wohl noch eine Meile tiefer in den Wald hinein.« 28 „Und fandeſt du auf dem ganzen Wege keinen Augenblick, wo du hätteſt ſchießen und den Bock erlegen könmen?« fragte Content. „Keinen Augenblick,« entgegnete Dudley,„und ſelbſt wenn er Gußracht geſtanden hatte, würde ich doch nicht auf ihn geſchoſſen aben.“ „Und warum nicht?« fragte Content von Neuem.„Bemerk⸗ teſt du etwas an dem Wilde, das dich veranlaſſen konnte, es ab⸗ ſichtlich zu ſchonen?« „Ei nun,“ erwiederte der Jäger geheimnißvoll,„ich ſah an dem Wilde etwas, ſo einen Chriſtenmenſchen zu ernſtlichen Be⸗ trachtungen führen kann.“« Content wußte, daß Eben Dudley, wie Viele der damaligen Gränzbewohner, ein gutes Theil Aberglauben beſaß, und daher ſagte er ein wenig ungeduldig:„Ich bitte dich, ſprich offen und geradezu von dem Ausſehen und der Beſchaffenheit des Thieres. Was hatte es mit dem Rehbock für eine Bewandtniß, daß du nicht auf ihn ſchießen wollteſt?«. Eben Dudley zögerte noch einen Augenblick; da er aber die Ungeduld ſeines jungen Gebieters nicht zu lange auf die Probe zu ſtellen wagte, entgegnete er endlich mit ein wenig gedämpfter Stimme: „Erſtlich, Herr, hinterließ das Thier keine Fährte; und zwei⸗ tens, erſchrak es nicht im mindeſten, als ich es aufſtörte, ſondern ſprang wie ſpielend auf mich zu und tanzte immer vor mir her, doch ſo, daß es ſich jederzeit außer dem Bereiche meiner Büchſe hielt. Auch ſchien mir die Art ſeines Verſchwindens nicht minder auffallend und merkwürdig, wie ſeine Bewegungen.“ „Und auf welche Weiſe verſchwand es?« „Ich hatte es bis auf die Spitze eines Hügels verfolgt, wo ein ſicheres Auge und eine feſte Hand wohl kaum einen noch klei⸗ neren Gegenſtand als den Bock fehlen konnten, da... Aber hat Niemand von Euch Allen etwas gehört, was in jetziger Jahreszeit, wo der Schnee noch auf der Erde liegt, für wunderbar gehalten werden kann?« Neugierig blickten die Zuhörer einander an, und Jeder be⸗ mühete ſich, irgend einen ungewöhnlichen Ton, den er etwa gehört haben könnte, in ſein Gedächtniß zurückzurufen, um einer Erzäh⸗ lung, welche des Wunderbaren ſo viel beſaß, noch mehr Anſchein von Wahrheit zu geben. 1 29 „Höre, Carity,« fragte eines der Dienſtmädchen eine blau⸗ äugige Genoſſin,—„höre, Carity, weißt du auch ganz gewiß, daß jenes ſchreckliche Geheul, was wir vom Walde her erſchallen hör⸗ ten, von einem geprügelten Jagdhunde herrührte?« „Ei nun, es könnte wohl etwas Anderes geweſen ſein,“« lautete die Antwort;„aber die Jäger ſagten, ſie hätten das Windſpiek geſchlagen, weil es unruhig war.“ „Das Echo, welches von dem Abfeuern der Gewehre geweckt wurde, klang beinahe wie das Krachen eines niederſtürzenden Bau⸗ mes,“ ſagte Ruth.„Wenigſtens behauptete der Vater, daß der Tod die Wurzeln einer ſchweren Eiche untergraben hätte, während ich der Meinung war, daß alle Schützen zu gleicher Zeit auf ein gefährliches Raubthier abgefeuert haben würden!“ „Um welche Stunde mogte das ſein?“ fragte Dudley. „Nun, Mittag war vorüber, denn ich dachte ſchon daran, daß ich fur Euch das Nachteſſen bereit halten müſſe.« „Gut; das war der Ton, den ich meine,« fuhr Dudley fort. „Kein ſtürzender Baum gab die Veranlaſſung, ſondern er erſchallte hoch aus der Luft herab. Wenn Jemand, der mehr von den Ge⸗ heimniſſen der Natur verſteht, ihn gehört hätte, ſo würde er viel⸗ leicht ſagen... „Daß es gedonnert habe,« fiel Glaube Ring, eine neckiſche Magd, dem Erzähler in die Rede.„Wirklich, Eben Dudley hat bei dieſer Jagd Wunderdinge verrichtet; er iſt, anſtatt mit einem fetten Rehbocke, mit einem Donnerkeile im Kopfe nach Hauſe ge⸗ kommen.“ „Still, und ſprich ehrerbietig von Dingen, welche du nicht verſtehſt, Mädchen,“ ſprach der alte fromme Kapitän in gebieteri⸗ ſcher Weiſe.„Noch iſt die Zeit der Wunder nicht vorüber, und ſie können ſich eben ſo gut den Unwiſſenden wie den Gelehrten offenbaren« Jungfer Glaube erröthete und ſchwieg, indem ſie ſich vermuth⸗ lich der Unterbrechung ſchämte, zu welcher ihr Muthyoille ſie hin⸗ geriſſen hatte. Eben Dudley aber fuhr fort: „Waͤhrend mein Auge nach dem Schimmer des Blitzes um⸗ herſpähte, welcher dem Donner doch nothwendig hätte vorangehen müſſen, war der Rehbock verſchwunden; und als ich mit Haſt den Hügel vollends hinanſtürzte, um ihn von Neuem zu Geſicht zu be⸗ kommen, trat mir von dem anderen Abhange ein Mann ſo plötzlich 30 entgegen, daß unſere Flinten ſchon gegenſeitig unſere Bruſt be⸗ rührten, ehe nur Einer Zeit gewann, ein Wort hervorzubringen.“ „Und was für ein Mann war es?« fragte Content. „Nach meiner Anſicht, die ſich ſpäter völlig beſtätigte, ein Reiſender, welcher auf ſeinem Wege von den Städten im Oſten nach den entfernteren Anſiedelungen im Weſten durch die Wildniß wandert,“ entgegnete Dudley.„Höchſt merkwürdig und wunderbar erſchien es mir aber, daß gerade ein ſpringender Bock uns zu⸗ ſammenbringen mußte.“ „Kam dir das Reh während deiner Unterredung mit dem Fremden nicht wieder zu Geſicht?« „Nicht eigentlich! Freilich ſchien es mir anfangs, als ob ich einen Schimmer von ihm in dem niedrigen Unterholze entdecken könne; aber man weiß ja, wie ſehr der Schein trügt, und ich ſelbſt glaube, daß mein ſonſt ziemlich ſcharfes Auge mich dieſes Mal getäuſcht hat. Das Reh verſchwand, als es ausgeführt hatte, was es ausrichten ſollte, und wer mag wiſſen, welch' ein Geiſt es durch die Wolken davongeführt hat.“ „Spracheſt du nicht mit dem Fremden?“ fragte Content. „Allerdings gab ich ihm, und Er mir Red' und Antwort,“ erwiederte Dudley.„Ich lud ihn ein, in unſerem Hauſe einzukeh⸗ ren, er aber behauptete, noch verſchiedene Geſchäfte im Walde zu haben, die er nothwendig beſſer kennen muß, als ich. Auch ſagte er, daß Unglück bevorſtehe, und daß die Pilgerfahrt der Gerechten in dieſen Wildniſſen durch irgend eine heftige Feindſeligkeit der tückiſcheſten Weſen unter der Sonne heimgeſucht werden würde. Was er für Weſen meinte, kann ich nicht ergrübeln, aber doch zweifle ich nicht daran, daß ſie gewiß eine Fülle von Unheil an⸗ richten können.“ „Ich weiß, welchen Feind der Fremde gemeint hat,“ erhob der alte Heatheote ſeine Stimme, ohne Dudley ſeine Geſchichte bis zum Ende erzählen zu laſſen.„Das böſe Weſen der Sünde, das da in unſerer eigenen Bruſt hauſet, bedrohet uns jederzeit, und wir müſſen wachen und beten, damit wir im Kampfe mit ihm nicht unterliegen. So laſſet uns denn zu der einzigen Waffe greifen, die in dieſem Kriege zu führen erlaubt iſt, aber uns auch gewiß den Sieg erringt, wenn wir ſie mit Fleiß und Eifer zu fuͤhren verſtehen.“ Nach dieſen, Worten erhob ſich der Alte, und ſchickte ſich mit gefalteten Händen an, ein frommes Gebet zu ſprechen. Die ganze 31 Verſammlung folgte ſeinem Beiſpiel, und ſchon öffneten ſich die Lippen des Puritaners zum Reden, als plötzlich ein leiſer, beben⸗ der Ton, wie von einem Blasinſtrument, ſich draußen vernehmen ließ, und bis zu den Ohren der zur Andacht bereiten Familie drang. Draußen an der Pforte hing nämlich eine Seemuſchel, deren ſich Jeder bediente, um Einlaß zu fordern, wenn er durch Zufall oder Arbeit nach Thorſchluß außerhalb der Palliſaden zurückgehalten worden war. Man konnte daher jetzt vermuthen, daß Jemand an der Thür draußen ſtehen möge, und in die Feſtung eingelaſſen zu werden wünſche. Dennoch fuhren Alle zuſammen, und die Män⸗ uer ſahen ſich unwillkürlich nach ihren Waffen um, während die Frauenzimmer ſich an einander drängten, wie eine Heerde erſchreck⸗ ter, zitternder Schäflein. „Was fürchtet Ihr?« fragte Content, der allein bei dem un⸗ erwarteten Tone ruhig geblieben war.„Der Schall kommt von der Muſchel, und vermuthlich nimmt nur ein Jäger, der ſeinen Weg verloren hat, unſere Gaſtfreundſchaft in Anſpruch.“« 8 Eben Dudlen ſchüttelte den Kopf, als ob er ganz anderer Meinung wäre, unh ſtand, mit der Flinte in der Rechten, ſo un⸗ entſchloſſen da, wie ulle Uebrigen. Niemand dachte daran, hinaus⸗ zugehen und die Pforte zu öffnen, und die Unſchlüſſigkeit hätte noch lange dauern können, wenn die Muſchel nicht noch einmal erklun⸗ gen wäre, und zwar mit weit mehr Nachdruck, als das erſte Mal. Der Schall war anhaltender, heller und kühner, wie der vorige, und drang ſo volltönig und klangreich in das Gemach, daß der, welcher die Lippen an das Inſtrument geſetzt hatte, gewiß äußerſt geübt darauf ſein mußte. Jetzt zögerte Content nicht länger. Er befahl Eben Dudley und Ruben Ring, ihm mit den Büchſen in der Hand zu folgen, gab den Uebrigen einen Wink, ſich ganz ruhig zu verhalten, be⸗ waffnete ſich ſelbſt mit einem Gewehre, deſſen Tüchtigkeit er ſchon mehr als einmal erprobt hatte, und ſchritt darauf ſeinen Begleitern voran der ſchon oft erwähnten Pforte zu. „Wer iſt es, der die Muſchel an meiner Thüre ertönen läßt?« fragte er mit feſter Stimme, nachdem er ſich mit Wing und Dud⸗ ley hinter einem Erdaufwurfe, welcher ſie vor einem verrätheriſchen Büchſenſchuſſe gedeckt haben würde, aufgeſtellt hatte.„Wer ruft eine ruhige Familie zu dieſer ſpäten Stunde an die Außenwerke ihrer Wohnung?« „Einer, der Eurer Gaſtfreundſchaft bedarf und ſonſt Eure Ruhe nicht geſtört haben würde,“ erwiederte eine feſte, wohlklingende Stimme von außen.„Oeffne deine Pforte ohne Sorge, Content Heathceote, es iſt nur ein Bruder im Glauben, der deine Nächſten⸗ liebe in Anſpruch nimmt.“ „Wahrlich, es iſt ein Chriſt,« rief Content aus, indem er, alle Vorſicht bei Seite ſetzend, an die Pforte eilte und unverzüg⸗ lich alle Riegel von derſelben entfernte.„Komm in Gottes Namen, Fremdling! Dein Eingang ſei geſegnet und von ganzem Herzen heiße ich dich willkommen.“ Ein hoher ſtarker Mann, in einen Mantel gehüllt, trat durch K Pforte herein, welche ſofort hinter ihm wieder verſchloſſen wurde. Content ſchüttelte ihm die Hand, und führte ihn dann hurtig in das gemeinſchaftliche Zimmer, wo die Familie noch immer in Angſt und Beſorgniß beiſammen ſaß. Allen ſchwebte das Bild eines Anfalles der Wilden vor, ein Bild, welches allerdings ſchrecklich genug war, um das Blut in den Adern, beſonders der ſchwächeren Frauen, gerinnen zu machen. „Hier findeſt du Erwärmung, Trank und Speiſe, und einen herzlichen Willkommen,“ ſagte Content zu dem Fremden, indem er ihn zu ſeinem Vater, dem alten Heathcote, geleitete. Der Fremde legte ſeinen ſpaniſchen Mantel ab, welcher bis jetzt ſein Geſicht und ſeine Geſtalt den Augen der Neugierigen ver⸗ borgen hatte, und nun erkannte Eben Dudley in ihm den Fremden, den er am heutigen Tage in der Waldung draußen geſehen und geſprochen hatte. „Er iſt es!« rief er überraſcht aus,„indem er ſich zu dem Kapitän wendete.„Es iſt der Reiſende aus den Städten des Weſtens!« Mit gelaſſener und würdiger Höflichkeit erhob ſich der alte Puritaner von ſeinem Sitze, ging dem Fremdlinge entgegen, reichte ihm die Hand, und hieß ihn, wie Content, mit wenigen aber herz⸗ lichen Worten willkommen. Der Fremde verneigte ſich gegen ihn, ſowie auch gegen Ruth und die Uebrigen, und nahm ſeinen Platz in ihrer Mitte ein. In demſelben Augenblicke öffnete ſich leiſe die Thür, und der junge Indianer, welcher bisher vermißt worden war, ſchlüpfte in das Gemach, glitt unhörbar an den Verſammel⸗ ten vorüber, und nahm ſeinen gewöhnlichen Platz in einer der ent⸗ fernteren Zimmerecken ein. In allen Bewegungen des jugendli⸗ chen Gefangenen lag ſo viel von ſeiner bekannnten Zuverſicht und Gela mene Eber Blic eing mag Cont men nahe men er el diſc lͤch will ſout lch d 33 Gelaſſenheit, daß man ſein langes Ausbleiben vielleicht vergeſſen haben würde, wenn man ſich die Art und Weiſe ſeines Hereinkom⸗ mens hätte erklären können. „Ich glaube, wir müſſen nach den Palliſaden ſchauen,« nahm Eben Dudley das Wort, nachdem er ſich durch einen wiederholten Blick überzeugt hatte, daß wirklich der Indianer es ſei, welcher eingetreten war.„Wo ein ſolches Bürſchchen überſteigen kann, ver⸗ mag auch ein ganzer Haufe von Wilden zu folgen.« „In der ⸗That, die Sache muß aufgeklärt werden,« ſagte Content ernſt.„Iſt der Knabe vielleicht mit Euch zugleich gekom⸗ men, Fremdling?“ „So iſt es,« lautete die Antwort.„Ich fand den Indianer nahe bei deinem Thore, und hieß ihn in deinem Namen willkom⸗ men. Gewiß wirſt du ihn nicht von deiner Schwelle weiſen, weil er ein Fremdling in deinem Hauſe iſt.« 3 „Er iſt kein Fremder weder in unſerem Hauſe noch an unſerem Tiſche,“ ſagte Ruth, indem ſie den jungen Indianer freundlich an— lächelte.„Aber wenn er es auch wäre, ſo würde er uns dennoch willkommen geweſen ſein.« Eben Dudley ſah mißmuthig und ungläubig aus, und konnte ein Mißtrauen in die Ausſagen des Fremden kaum unterdrücken. „Es könnte nicht ſchaden,“ ſagte er,„wenn nach den Thürſchlöſſern geſehen würde, damit nicht unverſehens noch andere Leute in das Haus kommen, deren Erſcheinen wohl kaum angenehm ſein dürfte. Es iſt mir heute ſo viel Wunderliches begegnet, daß ich die ganze Nacht nicht ruhig ſchlafen würde, wenn man ſorglos der Wachſam⸗ keit vergäße.“ „Wohlan, ſo übernimm die Wache, bis die Mitternachtsſtunde herangekommen iſt,“ nahm Kapitän Heathcote mit ernſter Stimme das Wort. 3 „Und halte die Augen wohl offen,“ fügte der Fremde hinzu; „denn ich habe Zeichen im Walde geſehen, die auf die Gegenwart von Wilden deuten.“ „Ja,“ fuhr der Fremde fort, indem er ſich an den Heerrn der Familie, den alten Puritaner wendete, ohne den Schrecken der Uebrigen, welcher ſich in den blaſſen Geſichtern ausſprach, zu beach⸗ ten,—„ja, es ſind Indianer im Walde, und es ſollte mich wundern, wenn ſie nicht den Verſuch machten, einige ihrer gewöhn⸗ lichen Teufeleien an Euch auszulaſſen. Ich ſpähete nach ihnen, Narramatta und Conanchet⸗ 3 und das iſt der Grund, warum ich erſt zur Nachtzeit gekommen nn. bin, um Eure Gaſtfreundſchaft in Anſpruch zu nehmen.“ a Der alte Heatheote war über dieſe Nachrichten vielleicht nicht minder erſchrocken, wie alle Uehrigen, aber gewiß verſtand er es ui am beſten ſich zu beherrſchen.„Ich zweifle nicht an Euren Worten, Lan Fremdling,“ ſagte er;—„nein, ich ſetze keinen Zweifel in Eure von Wahrhaftigkeit, aber gleichwohl muß ich Euch die Frage vorlegen, fi ob Ihr außer jenem jungen Knaben mit eigenen Augen Indianer geſehen habt?“ „Ein Indianer vermag ſich leicht dem Auge zu entziehen,“ ſag erwiederte der Fremde.„Ich ſah keinen von ihnen, und gleichwohl 4 bin ich überzeugt, daß eine wilde Schaar nahe iſt.« rief „Gut!« nahm Kapitän Heathcote wieder das Wort.„Gut, wät ſo müſſen wir die Augen offen halten. Hörſt du, Dudley? Obgleich 3 9 ich hoffe, daß unſer Gaſtfreund ſich getäuſcht haben möge, ſollſt du os doch Wache halten, und um Mitternacht von einem Andern abgelöst Ver werden. Geh', Mann, geh' an deinen Poſten!“— kan Die tiefſte Stille herrſchte, als Kapitän Heathcote ſchwieg, da Uet nicht nur alle Anſiedler daran gewöhnt waren, mit ehrfurchtsvollem N. Schweigen auf die Worte des Herrn zu lauſchen, ſondern auch die hin Furcht vor den Indianern eben jetzt ſo drückend auf jedem Herzen 300 lag, daß man faſt keinen Athemzug hörte, als der Puritaner ſeinen 1 Befehl ausgeſprochen hatte. Und gerade während dieſer minuten⸗ alle langen, todtenähnlichen Pauſe geſchah es, daß abermals ein Ton Na von der am Thore hängenden Muſchel durch die Lüfte drang, und ſell faſt wie ein Echo des Rufes tönte, welcher noch vor Kurzem die 69 ohnehin ſchon aufgeregten Hausgenoſſen in Schrecken geſetzt hatte. ſuh Alle ſprangen bei der Wiederholung dieſer ſo ungewöhnten Klaͤnge in die Höhe, und blickten ſich ſtarr in's Geſicht, ohne ein Wort. hervorbringen zu können. Content warf einen haſtigen Blick auf ſeinen Vater, um deſſen Verhaltungsbefehle einzuholen; dieſer aber ſtarrte den Fremden an, welcher unwillkürlich mit der Rechten nach 1 ein einer Waffe griff, die in einem breiten, ſein Wams umſchließenden me Ledergurt ſteckte. „Der Ton klingt beinahe, als ob er von einem Weſen käme, rei das wenig mit irdiſchen Inſtrumenten umzugehen gewöhnt iſt,“ un ſagte ſchuͤchtern Einer von den Jägern, welcher vorhin mit feier⸗ 3 of licher Furcht die Erzählung des abergläubiſchen Dudley angehört hatte. „Mag er kommen, von wo er wolle, er muß erwiedert werden,“ ge 4 8r ſagte Content eutſchloſſen.„Dudley, nimm mein Gewehr und folle ———P———** —. 3— 35⁵ mir hinaus; denn dieſer Beſuch iſt ſo ungewöhnlich, daß mehr als eine Hand das Thürſteheramt verrichten muß.“— Ohne Zögern gehorchte der Angeredete, ſchüttete neues Pulver auf die Pfanne, und ſtieß die Ladung ſeiner Büchſe tiefer in den Lauf hinein. Hierauf war er im Begriffe, Content zu folgen, als von Neuem die Stille durch einen Ton unterbrochen ward, der noch feſter, reiner, anhaltender und heller klang, als der unmittelbar vorhergegangene. „Wahrlich, man ſollte glauben, die Töne ſpotteten unſer,“ ſagte Content, indem er ſeinen Blick auf den Fremden richtete. „Sie gleichen ſo genau dem Schalle, der uns an die Pforte rief, als Ihr draußen ſtandet, daß ich darauf ſchwören könnte, ſie wären von denſelben Lippen hervorgebracht worden.“« Ueberraſcht ſchaute der Fremdling in die Höhe, als ob ihm ein plötzliches Licht aufgegangen ſei. Mit einem Freimuth und einer Vertraulichkeit, als ob er ſchon Jahre lang mit den Anſiedlern be⸗ kannt wäre, trat er mitten in den Kreis, und ſagte, indem er den Uebrigen durch einen Wink Schweigen befahl:„Bleibet Alle hier! Nur der Sohn des Kapitäns, dieſer junge Jäger, und ich wollen hinaus, um über die Sicherheit der Zurückbleibenden zu wachen. Zweifelt nicht, daß wir unſer Beſtes thun werden!« „Niemand widerſprach dieſem Vorſchlage des Fremdlings, der allerdings ein wenig ſeltſam ſcheinen mußte, da Niemand ſeinen Namen und ſeine Verhältniſſe kannte. Der Fremde fühlte das ſelbſt, und nachdem er einige Papiere aus einer großen rothen Saffiantaſche nahm, die er in ſeinem breiten Ledergürtel verwahrte, fuhr er fort: „Kapitän Heathcote, Ihr dürft mir vertrauen. Aus dieſen Papieren ſeht Ihr, daß ich ein königlicher Offizier bin, welcher, ſeine Freunde zu beſuchen, die weite Reiſe durch die Wildniß macht. Gott ſelbſt, ſo muß ich glauben, hat mich hergeführt, um Euch in einem vielleicht ſchon nahe bevorſtehenden Kampfe meinen Arm und meine Kräfte zu leihen.“ Kapitän Heathcote warf einen flüchtigen Blick auf die darge⸗ reichten Papiere und ſchüttelte dann dem Fremdlinge auf eine Art und Weiſe die Hand, welches jeglichem Mißtrauen gegen denſelben ſofort ein Ende machte. „Ich bin Euch dankbar, Herr Warley, daß Ihr ſo freundlich gegen mich und uns Alle geſinnt ſeid,“ ſagte er mit freunt lichen⸗ Ernſte.„Doch will ich zu Gott hoffen, daß wir Eures Armes, 3 36 wenſgſiens in einem Kampfe mit den Indianern, nicht bedürfen werden.“« Der Fremde unterſuchte ſeine Piſtolen, ſchüttete friſches Pulver auf, und ſagte dann:„Die Vorſicht eines Soldaten muß ſich auf alle Fälle gefaßt machen. Wir haben ſchon zu viele Beiſpiele von der Tücke der Indianer erlebt, als daß wir bei den ſeltſamen Tönen der Muſchel ruhig zuſehen dürften.“ Bei dieſen Worten ballte ſich die Hand Warley's noch feſter um die Waffe, die er in ſeiner Rechten hielt, und aus ſeinem Auge funkelte Kamfluſt und Entſchloſſenheit. Ohne weiteres Zögern begab er ſich mit ſeinen zwei Gefährten hinaus, und ging ihnen voran auf den Hofraum. Die Schatten der Nacht waren mittlerweile immer dunkler geworden, und die Finſterniß lagerte ſo dicht auf dem Thale, daß es ſchwer hielt, nur einigermaßen entfernte Gegenſtände genau zu erkennen und zu unterſcheiden. Mit der größten Vorſicht ſchlüpf⸗ ten trotz dem die drei Männer zu den Palliſaden hinab, um nicht der Gefahr ausgeſetzt zu ſein, von einem lauernden Feinde hinter⸗ rücks erſchoſſen zu werden; und erſt, als die Palliſaden ihre Ge⸗ ſtalten von den Schultern abwärts deckte, erhob Content ſeine Stimme, indem er laut fragte, wer draußen an der Pforte ſei und zu ſo ungewöhnlicher Stunde Einlaß in die Wohnung begehre? Auſtatt aber, wie früher, eine Antwort zu erhalten, war vielmehr das draußen herrſchende Schweigen ſo tief, daß ſeine letzten Worte ganz deutlich von dem Echo des gegenüber liegenden Waldes wieder⸗ holt wurden. 1 Nach einer kurzen Pauſe flüſterte Warley:„Es iſt kein Zweifel, hier lauert Verrath, und wir müſſen der Liſt mit Liſt zu begegnen ſuchen. Rede, Content! denn du biſt jedenfalls in den Liſten und und Schlichen der Indianer erfahrener, als ich, der nur zu den Kämpfen der Weißen erzogen wurde.“ „Was iſt deine Meinung, Dudley?“« fragte Content.„Sollen wir ſogleich einen Ausfall verſuchen, oder müſſen wir noch einen wiederholten Ruf der Muſchel abwarten?« „Ich für meinen Theil glaube, daß es am Beſten iſt, wenn Ihr Beide in das Haus zurückgeht,« erwiederte Dudley.„Doch müßt Ihr unterwegs ſtark auftreten und laut mit einander reden, damit die Feinde, wenn deren wirklich draußen ſtecken, getäuſcht werden und bie Pforte unbewacht glauben. Ich will indeſſen, wenn Ihr im Hauſe ſeid, nahe am Thore ein Verſteck a ufſuchen, wo ich jeden Schuft von Indianer, der ſich etwa der Pforte zu näheru wagt, ſogleich erkennen und niederſchießen kann.“« „Gut! der Vorſchlag läßt ſich hören,“ entgegnete Content, welcher Dudley's Liſt ſeinen Beifall nicht verſagen konnte.„Und damit du für den Fall eines wirklichen Angriffs nicht allein der Gefahr ausgeſetzt biſt, ſollen einige der jungen Jäger zur geheimen Thür aus dem Hauſe kommen, und ſich bereit halten, auf deinen Ruf Hilfe und Beiſtand zu bringen. Aber was auch geſchehen möge, Dudley, vergiß nicht, daß unter keiner Bedingung die Pforte geöffnet werden darf!« „Seid unbeſorgt, und ſchickt mir nur die Verſtärkung,« er⸗ wiederte Dudley.„Wenn Ihr es wohl mit mir meint, ſo laßt Ruben Ring unter der Mannſchaft ſein, denn der iſt ein Burſche, in welchen man Vertrauen ſetzen kann.“ „Ruben ſoll mitkommen, verlaß dich darauf,« ſagte Content. „Und nun wiederhole ich dir, daß Alles verſchloſſen bleiben muß, und wünſche dir guten Erfolg bei einer Liſt, die gewiß nicht ſünd⸗ haft ſein kann, da ſie nur die Sicherheit einer chriſtlichen Familie bezweckt.« Mit dieſer wiederholten Ermahnung überließen Content und Warley den jungen Jäger ſich ſelbſt und den Eingebungen ſeines natürlichen Scharfſinns, indem ſie es nicht verſäumten, auf dem Rückwege nach dem Hauſe laut mit einander zu reden, um einen etwa lauernden Feind ſorglos zu machen. Während dieß geſchah, traf Eben Dudley bei der Pforte alle Anſtalten, um das ihm übertragene Amt mit der größten Gewiſſen⸗ haftigkeit auszuüben. Anſtatt in gerader Linie an den Palliſaden hinabzugehen, ſtieg er ebenfalls den Hügel hinan, und machte oben einen Umweg durch die Außengebäude. Hierauf bückte er ſich ſo tief zur Erde nieder, daß ſeine Geſtalt von andern auf dem Schnee umherliegenden Gegenſtänden kaum in nächſter Nähe zu unterſchei⸗ den war, und rutſchte in dieſer Stellung auf die Palliſaden zu, woſelbſt ihn die Dunkelheit der Nacht, wie die Schatten des Hügels jedem Späherauge unſichtbar machen mußten. Dicht unter den Pal⸗ liſaden angekommen, ließ er ſich auf alle Viere nieder, und kroch mit der äußerſten Vorſicht auf den unterſten wagrecht liegenden Balken vorwärts, bis er eine Art von Schilderhaus erreichte, welches eigens zu dem von ihm beabſichtigten Geſchäfte eingerichtet war. Sobald er dieſen trefflichen Schlupfwinkel erreicht hatte, nahm der ſtämmige Burſch eine ſo bequeme Lage an, wie ſich nur immer mit ſeiner 38 8, mächtigen Geſtalt und mit ſeiner Sicherheit vereinigen ließ, und hielt ſich nun darauf gefaßt, daß er wohl eine geraume Zeit darin verbleiben könne, ehe ſeine Dienſte anderwärts vonnöthen ſein würden. Anfänglich war Eben Dudley durch die Umſtände ſeiner eigen⸗ thümlichen Lage ſo aufgeregt, daß es ziemlich lange dauerte, ehe eine Anwandlung von Schlaf mit ſeiner Wachſamkeit in Streit gerieth. Endlich aber fingen ſeine Gedanken an, weniger klar und lebhaft zu werden, und die Ermüdung ſeines Körpers begann eini⸗ ges Uebergewicht über die Thätigkeit des Geiſtes zu erlangen. Mehr⸗ mals kämpfte der kräftige Jäger die Anwandlung zum Schlummer nieder. Er erhob ſich zur Hälfte, ſchaute ſpähend umher, ließ aber dann immer die ſchwere Wucht ſeines Körpers in die vorige halb liegende Stellung zurückfallen. Dieſe Bewegung wiederholte ſich, jedoch in einem längeren Zwiſchenraume, mehrere Male, bis nach Ablauf einer Stunde der junge Mann der nicht mehr zu bewältigen⸗ den Müdigkeit unterlag, und im Schlummer Alles, Indianer und Wachſamkeit, völlig vergaß. Die ſtarken Eichen des nahen Waldes waren nun in der windſtillen Nacht nicht unbeweglicher, als die hohe Geſtalt des Jägers, welcher ſich jetzt behaglich gegen die Holz⸗ wand ſeiner engen Behauſung lehnte. Eine ziemlich lange Zeit verging auf ſolche Weiſe, bis Eben Dudley endlich von einem zufaͤlligen Geräuſche erweckt wurde, was vielleicht durch irgend ein nächtliches Thier verurſacht ſein mogte. An der Stellung der Sterne gewahrte der Jäger, daß die Nacht ſchon ziemlich weit vorgerückt ſei, und daß die Zeit wohl gekommen ſein möge, wo er von ſeiner Wache Rechenſchaft werde ablegen müſſen. Alſo warf er noch einen prüfenden Blick um ſich her, unter⸗ ſuchte Schloß, Riegel und Balken an der Pforte, und ſtieg dann den Berg hinauf, um ſich in das Wohnzimmer der Familie zu begeben. „Was für Nachrichten bringſt du mit,“ fragte Content, als der junge Mann in das Gemach trat.„Haſt du irgend Jemanden geſehen oder etwas gehört, das allenfalls Verdacht erregen önnte? 24 .„Nein,“« erwiederte er,„die Wache iſt ruhig abgelaufen, und ich ſehe keinen Grund mehr vorliegen, die Schläfrigen von ihren Betten abzuhalten Wenn Ruben Ring und ich die Nacht hindurch noch vollends Wache halten, ſo mögen alle Uebrigen ſich ruhig dem Schlummer hingeben.“ „Wohlau, ſo laßt uns denn dankbar und in Frieden die Ruhe aufſuchen,“ ſagte der edle Puritaner.„Dein Dienſt ſoll übrigens 34 nicht einer ſein Nlau die berü Stu wied muſc fand nicht nicht er ſ meh geſe auß geb eber Und 3 voll deſ 1-——— —.„— 39 nicht vergeſſen werden, Eben Dudley. Du haſt dich uns zu lieb einer Gefahr ausgeſetzt, wenn auch nur einer ſcheinbaren.“ „Sprecht nicht von der Kleinigkeit,“ entgegnete Dudley, dem ſein Gewiſſen bei dieſem Lobe Vorwürfe machte, erröthend.„Ich glaube beinahe, wir haben uns Alle über die Töne getäuſcht und die Muſchel iſt, ſeit der Fremde Einlaß begehrte, gar nicht wieder berührt worden.“ „Nun, bei'm Himmel,“ rief Content, indem er von ſeinem Stuhle in die Höhe ſprang,—„wenn es eine Täuſchung war, ſo wiederholt ſie ſich eben jetzt wieder!“ Und in der That, ein ſchwacher, bebender Ruf aus der See⸗ muſchel ertönnte von Neuem, und Jeder, der ſich im Hauſe be⸗ fand, vernahm ihn ſo deutlich, daß eine Selbſttänſchung durchaus nicht mehr möglich ſein konnte.« „Hier haben wir eine geheimnißvolle Warnung, die uns ſicher nichts wie Unglück verkündet,« ſagte der alte Heatheote, nachdem er ſich, wie die Uebrigen, von der erſten Ueberraſchung, oder viel⸗ mehr Beſtürzung, einigermaßen erholt hatte.„Haſt du denn Nichts geſehen, was einen ſolchen Ruf einigermaßen erwarten ließ?« Eben Dudley befand ſich, wie die meiſten Andern, ſo ſehr außer Faſſung, daß er nicht im Stande war, eine Antwort zu geben. Alle Verſammelten ſchienen ängſtlich zu lauſchen, ob der eben vernommene Ton, wie früher, nicht wiederholt werden würde. Und ſie brauchten nicht lange zu harren; denn nach einem kurzen Zwiſchenraume erfolgte ein zweiter Ruf, ſo feſt und anhaltend, ſo vollkommen gleich dem erſten, daß man ihn leicht für ein Echo deſſelben hätte halten können. Fünftes Kapitel. 1 „Sollte das nicht ein Warnungszeichen ſein, welches Gott uns aus Gnaden ertheilt?« fragte mit einer Feierlichkeit, welche tiefen Eindruck auf alle Gegenwärtigen machte, der Puritaner, welcher vermöge ſeiner ſehr großen Frömmigkeit immer an übernatürliche Offenbarungen des Höchſten zu glauben ſchien.„Die Anſiedelungen ſind voll von Beweiſen der göttlichen Fürſehung⸗« „Laßt es uns wenigſtens als ein Solches betrachten, entgeg⸗ nete Warley, an welchen die Frage vorzugsweiſe gerichtet zu ſein ſchien.„Das Erſte, was wir thun oder verſuchen müſſen, iſt, die wirkliche Gefahr ausfindig zu machen. Und damit hiezu wenigſtens Schritte geſchehen mögen, bitte ich mir den Beiſtand des jungen Mannes aus, welcher den Namen Eben Dudley führt, und eine große Körperkraft, ſowie männlichen Muth zu beſitzen ſcheint. Mit ſeinem Beiſtande hoffe ich zu entdecken, was dieſe wiederholten Rufe mit der Muſchel beſagen wollen.« „So wollteſt du wieder der Erſte ſein, Fremdling, welcher für uns der Gefahr die Stirne bietet!« rief der alte Heathcote über⸗ raſcht aus.„Ueberlege wenigſtens, welches Wageſtück du unter⸗ nimmſt, damit du ſpäͤter deine Bereitwilligkeit nicht bereuen mögeſt.“ „Ueberhaupt glaube ich,“ nahm Content das Wort,„daß es beſſer wäre, wenn Ich die Nachforſchung anſtellen dürfte. Ich bin ſeit Jugend auf an die Erſcheinungen des Waldes gewöhnt, und habe mich ſchon frühe mit den Zeichen derer, die uns gern ſcha⸗ den mögten, vertraut gemacht.“ „Nein, nein,“ ſagte Warley, der Fremde, ernſthaft,„mir allein ſteht dieſer Dienſt zu. Du, Content, biſt Gatte und Vater, und Viele ſchauen zu dir auf, weil deine Sicherheit der Fels iſt, auf welchem ihrer Aller Sicherheit, Unterhalt und Freude beruht. Aber genug! Komm, Forſtmann, ergreife dein Gewehr, und halte dich bereit, deiner Männlichkeit Ehre zu machen, wenn ſie in der That auf die Probe geſtellt werden ſollte.« „Und warum ſoll nicht auch Ruben Ring Euch begleiten?« fragte haſtig die Schweſter des erwähnten Jünglings, welche uns ſchon unter dem ſeltſamen Namen Glaube bekannt iſt.„Er iſt tapfer und ſcharfſichtig, ſo gut wie Einer, und gewiß wäre es gut, wenn Ihr Euch durch eine ſo wackere Hilfe verſtärktet.“« „Still, Mädchen,« ſagte Ruth mit ihrer gewöhnlichen Sanft⸗ muth, aber ernſt.„Ein Mann von Erfahrung hat ſich der Sache als Führer angenommen, alſo, daß es deiner Rathſchläge nicht bedarf.“ Glanbe ſchämte ſich ihrer voreiligen und unberufenen Einmi⸗ ſchung ſo ſehr, daß ihr gebräuntes, hübſches Geſicht von einer dunklen Pupurröthe überflogen ward, während Warley einen feſten, aber nicht unfreundlichen Blick auf ſie heftete. „Wir wollen etwas beobachten und ausſpähen,“ ſagte er,„wo⸗ zu wir in der Folge die ſchnelle Hilfe des erwähnten tapferen Jünglings gewiß gebrauchen, wenn meine Ahnungen mich nicht betruͤgen. Aber fuͤr jetzt würde eine ſtärkere Macht nur dazu dienen, 5 unſere tung einen freil voll Muſe welch heit derte 66! herve Unte ſeine in d ihre aus. Mu dan Na⸗ ihm bed mal geh 41 unſere Abſicht zu verrathen, weil wir um ſo leichter der Beobach⸗ tung ausgeſetzt ſein würden. Freilich,“ fügte er hinzu, iudem er einen langen und ernſten Blick auf den indianiſchen Knaben warf, „freilich wäre vielleicht Alles überflüſſig, wenn dieſer da ſprechen wollte; denn gewiß, er würde uns den beſten Aufſchluß über die Muſcheltöne geben können.« Dieſe Bemerkung lenkte Aller Augen auf den Gefangenen hin, welcher mit der ganzen unerſchütterlichen und unbeweglichen Gelaſſen⸗ heit ſeines Stammes die ſcharfe Prüfung aushielt. Sein Auge erwie⸗ derte allerdings ſtolz und würdevoll die Blicke ſeiner Umgebung, aber es lag nicht jener düſtre Trotz darin, der ſo oft aus demſelben hervorblitzte, wenn ſein Schickſal oder ſeine Perſon den Stoff zur Unterhaltung hatte hergeben müſſen. Vielleicht deutete der Ausdruck ſeiner Züge eher auf freundliche Geſinnungen als auf Haß, und in dem Blicke, welchen er auf die ſanfte, wohlwollende Ruth und ihre Kinder warf, ſprach ſich deutlich ein unverkennbares Mitleid aus. Dieſer Ausdruck blieb der ſcharfſichtigen Wachſamkeit der Mutter natürlich nicht verborgen, und wie plotzlich von einem Ge⸗ danken ergriffen, ſprach ſie: „Der Knabe hat ſich unſeres Vertrauens würdig gezeigt; im Namen deſſen, der Herz und Nieren prüft, bitte ich Euch, gebt ihm noch einmal die Freiheit, und laßt Ihn erforſchen, was uns bedrohen möge!« Ehe Jemand antworten konnte, ſchrak ſie zuſammen. Aber⸗ mals ertönte die Muſchel zum Zeichen, daß Jemand Einlaß be⸗ gehre, und gleich einem Schalle, welcher die Nähe irgend eines großen und furchtbaren Gerichts verkündigt, durchbebten die ſtarken, vollen Töne die Nerven aller beſtürzten Zuhörer. Der Fremde allein ſchien über dieſe ſchauerlichen und geheimnißvollen Laute ſeine ruhige und unbewegte Faſſung nicht zu verlieren. Bis der letzte Nachhall in den Windungen der Gebäude verklungen war, blickte er den indianiſchen Knaben an, welcher ſein Haupt, ohne den Blick zu erwiedern, auf die Bruſt hinabſenkte. Nun aber zögerte War⸗ ley nicht länger; er gab Dudley einen Wink, und Beide verſchwan⸗ gen ſofort durch die Thür. Die einſame Lage des Thales, die nächtliche Stunde, und die eigenthümliche Beſchaffenheit der öfters wiederholten Störungen blieben nicht ganz ohne Einfluß ſelbſt auf die Herzen der uner⸗ ſchrockenen Männer, welche jetzt in das Freie hinaustbaten, um das beunruhigende Räthſel zu löſen, welches ihnen wie allen Uebrigen höchſt peinlich zu werden begann. Schweigend ging Warley voran nach einem Punkte auf der Anhöhe außerhalb der Gebäude, von wo aus er nicht nur die Palliſaden, ſondern auch einen großen Theil der umliegenden Landſchaft zu überſehen vermogte. Der An⸗ blick hatte in dieſer Stunde etwas Düſteres und Schauerliches. In unüberſehbarer, geheimnißvoller Ausdehnung breitete ſich der ſchein⸗ bar pfadloſe Wald aus und umſchloß das enge Thal, wie eine feſte Mauer, welche keinen Ausgang in die Welt draußen zu verſtatten ſchien. Weniger beunruhigend ſah die nächſte Umgebung aus, ob⸗ gleich man kaum die nächſten und bekannteſten Gegenſtände in dem Dunkel der ſchweigſamen Nacht zu erkennen vermogte. „Hier ſehe ich nichts, als regungsloſe Baumſtümpfe und ent⸗ laubte Hecken, welche von ſchimmerndem Schnee bedeckt ſind,“ ſagte Warley, nachdem ſein forſchender und vorſichtiger Blick die ganze düſtre Ausſicht überſchaut hatte.„Ich fürchte, wir müſſen hinaus, um die Felder in näheren Augenſchein nehmen zu können.“ „Hier hinab geht der Weg zur Pforte,« erwiederte Dudley, da er bemerkte, daß ſein Begleiter eine falſche Richtung einſchlug. Aber auf einen gebieteriſchen Wink des Fremden verſtummte er ſogleich wieder, und folgte ſchweigend und gehorſam dem Voran⸗ ſchreitenden nach. Warley umging beinahe die ganze Hälfte der Anhöhe, bis er an einen Platz gelangte, wo große Holzſtöße aufgehäuft lagen, welche den Feuerungsbedarf zum Gebrauche der Anſiedler lieferten. Dieſer Ort lag an dem ſteilſten Abhange des Hügels, welcher hier ſo ſchwer zu erſteigen war, daß die Palliſaden heinahe überflüſſig erſchienen. Gleichwohl hatte man nicht verabſäumt, ſie auch an dieſem günſtigen Punkte auzubringen, damit kein zur Sicherheit der Familie dienendes Mittel— werde. Die Holzſtöße waren in einiger Entfernung von der eſtigung aufgeſchichtet worden, und konnten den Vertheidigern im Nothfalle zu einer Bruſtwehr dienen, hinter welcher hervor ſie mit ziemlich großer Sicherheit auf die angreifenden Feinde feuern konnten. Dieß wurde jedoch im jetzigen Angenblicke von Warley nicht beachtet, welcher raſch zwi⸗ ſchen den Holzſtößen hindurch ging, und ſich von hier zu den Pal⸗ liſaden hinab begab. Dort blieb er an einem Orte ſtehen, wo er ohne Unbequemlichkeit in's Freie hinaus ſchauen konnte, und ſchien mit Anſtrengung jeden Holzſtumpf, jede Vertiefung erforſchen zu wollen. „»Hier dicht neben uns befindet ſich eine geheime Pforte in der 4 palli neben War Schl hoch Nich und ſaden Frem ten. hinte meng „Kal im beot lage 43 Palliſadenreihe,“ begann Dudley, nachdem er eine Weile ſchweigſam neben dem Fremden geſtanden hatte.„Soll ich ſie öffnen?« „Gewiß, wenn du den Schlüſſel dazu haſt,“ entgegnete Warley. Dudley griff nach Etwas in ſeinem Gürtel, und zog einen Schlüſſel hervor, welchen er in ein Schloß ſteckte, das, etwa manns⸗ hoch vom Boden, künſtlich in eines der Holzſtücke eingeſenkt war. Nicht ohne Anſtrengung drehte er den Schlüſſel zwei Mal herum, und nun öffnete ſich eine etwa drei Fuß breite Thür in den Palli⸗ ſaden, durch welche man bequem in's Freie hinausſchluͤpfen konnte. „Dieß iſt eine treffliche Ausfallpforte,“ ſagte kaltblütig der Fremde, indem er ſeinem Begleiter einen Wink gab, voranzuſchrei⸗ ten. Er ſelbſt folgte ohne Zögern, und Dudley verſchloß die Pfore hinter ihm mit der genaueſten Sorgfalt. „Was nun?“ fragte er kurz. „Nun befinden wir uns im Freien, ohne daß irgend eine menſchliche Seele uns bemerkt haben kann,“ erwiederte der Fremde. „Laß uns tiefer hinabſteigen nach der Pforte, wo wir die Muſchel im Angeſicht haben und das tückiſche Beginnen unſerer Feinde beobachten können. Denn Feinde müſſen in der Gegend herum lagern.« „Wenn es nur nicht Feinde überirdiſcher Art ſind,« erwiederte Dudley ängſtlich.„Es geht die Rede, daß von Zeit zu Zeit böſe Geiſter in dieſen Gegenden ihr unheimliches Weſen treiben.“ Der Fremde lächelte, während er mit der Hand nach einer Waffe fühlte, welche er in den Falten ſeines Wamſes verborgen trug.„Solche Geiſter werden uns nichts zu Leide thun,« ſagte er ſpottend.„Folge mir auf dem Fuße nach, und ſei unbeſorgt.« Dudley fügte ſich dem Befehle des Fremden, indem er ſeine Furcht zu uͤberwinden ſuchte, und die beiden Männer glitten nun ſo vorſichtig und unhörbar den Abhang hinunter, daß ſie wohl hof⸗ fen konnten, dem Auge und Ohre etwa auf der Lauer liegen⸗ der Feinde verborgen zu bleihen. Sobald ſie einen für ihren Zweck paſſenden Ort in der Nähe der Palliſadenthür ausfindig gemacht hatten, nahmen ſie eine zugleich vorſichtige und bequeme Stellung ein, um nun ſchweigend den Erfolg ihres Unternehmens abzuwarten. Vor ihnen lagen in tiefer Ruhe die Außengebäude, und kein Ton ließ ſich von ihren vielen vierbeinigen Bewohnern vernehmen; die Einzäunungen der Felder, die ſchwarzen, auf ihrer oberen Fläche mit Schnee bedeckten Baumſtümpfe, die einzelnen noch unverſehrten 44 6 Baumſtämme, wie auch der endloſe, ſchweigſame Wald, Alles lag da regungslos, ſtill und düſter, eingehüllt in den ſchwach durch⸗ der 1 ſichtigen Schleier der Finſterniß. Nur der Raum, welcher ſich un⸗ 341 mittelbar vor der feſt verſchloſſenen und verriegelten Pforte aus⸗ de 4 breitete und mit einer Lage hell ſchimmernden Schnee's bedeckt war,. das ließ ſich ſo deutlich überſehen, daß keine Geſtalt ſich der Muſchel uf hätte nähern können, ohne von den beiden verborgenen Lauſchern begle erblickt zu werden. Seku „So, hier wollen wir die Ankunft des Muſchelbläſers erwar⸗ ſaden ten,“ ſagte Warley flüſternd, indem er ſeine Waffe zum augen⸗ V 1 blicklichen Gebrauche fertig machte, und zugleich eine Stellung ein— Gruß nahm, welche der Ermüdung einer langen Wache am leichteſten derlie Trotz bieten konnte. bewo „Wenn ich nur mein Gewiſſen darüber beruhigen könnte, ob Rute es auch recht iſt, einen Mann nur deßwegen niederzuſchießen, weil er aus Muthwillen oder andern Gründen die Ruhe einer einſamen gegen Gränzlerfamilie ſtört,“ ſagte Dudley ebenfalls mit gedämpfter Stimme. nach „Aber gleichviel! Jedenfalls ſcheint es mir nothwendig, hier den erſten ¹ gebor Streich zu führen, wenn ein Unberufener...« Er verſtummte; denn ein Ruf aus der Muſchel erſcholl jetzt feuen bebend und langſam durch die Lüfte, bis das ganze Thal von dem Sch vollen und klagenden Tone erfüllt war. der „Keine menſchliche Lippe hat unſere Muſchel berührt!“ rief der 4 Fremde aus, der ſich, wie Dudley, vornüber gebogen hatte, um men die Pforte genau in Augenſchein zu nehmen.„Dieß überſteigt Ange Alles, was ich je von überſinnlicher Heimſuchung gehört oder erfah⸗ meln ren habe,“ fügte er mit einer Beſtürzung hinzu, welche er in der den erſten Ueberraſchung nicht zu verbergen im Stande war. welt „Mir ſcheint es vergeblich, Dingen zu trotzen, die offenbar wie JPaus einer unſichtbaren Welt kommen,“ ſagte der Forſtmann leiſe auf unnd erſchrocken.„Laßt uns in das Haus zurückkehren und den Geſt d Kapitän bitten, daß er durch ein tromnies Gebet die böſen Geiſter vertreiben möge. von Warley hatte gegen dieſen Vorſchlag, der ihm ganz vernünf⸗ Umf tig ſchien, nichts einzuwenden, und die beiden Männer zogen ſich bint zurück, ohne die Vorſicht anzuwenden, ihre Geſtalten vor lauern⸗ gläc den Feinden zu verbergen, wie ſie es doch beim Hinausgehen ge⸗ ihn than hatten. Nach wenigen Minuten erreichten ſie die geheime geto Ausfallpforte, welche Dudley ſogleich aufſchloß, indem er den Srem⸗ grei den einlud, hindarch zu treten. 5 gin 1 1 45 „Vorwärts, Mann, vorwärts!“ ſagte plötzlich Warley.„Um des Himmels willen hinein, denn ich weiß nun, daß wir weder Zeit noch Kräfte verſäumen dürfen, um unſerem unbekannten Feinde die Spitze zu bieten.« Dudley ſtand eben im Begriff, dieſer dringenden Aufforderung Folge zu leiſten, als eine dunkle Linie, von einem leiſen Pfeifen begleitet, an ſeinem Haupte vorüberſchwirrte, und in der nächſten Sekunde als ein Pfeil mit ſteinerner Spitze in einem der Palli⸗ ſadenpfähle zitterte. „Der Heide!“ rief Dudley jauchzend aus, indem bei dieſem Gruße von einem indianiſchen Bogen alle ſeine Geſpenſterfurcht ihn verließ, und der gewohnten männlichen Tapferkeit des kühnen Gränz⸗ bewohners Raum gab.„Der Heide, der blutige Heide! Heran, Leute, an die Palliſaden, der Heide iſt da!« Bei dieſen Worten brannte er auf's Gerathewohl ſeine Büchſe gegen die noch unſichtbaren Feinde ab, und ein Feuerſtrahl ſchoß nach der Richtung hin, von welcher die verrätheriſche Indianerwaffe gekommen war. „Der Heide!“ ſchrie auch Warley mit ſtarker Stimme, und feuerte zugleich ein Piſtol ab, deſſen Kugel eine raſch über die Schneefläche herüber gleitende Geſtalt niederſtreckte.„Der Heide! der blutige Heide iſt gekommen!“ Auf dieſe plötzliche Unterbrechung der ſchweigſamen, Ruhe ath⸗ menden Nacht folgte ein Augenblick tiefer Stille, als wenn die Augegriffenen ſowohl, wie die Angreifenden neue Beſonnenheit ſam⸗ meln müßten. Dann aber ward der Ruf der beiden Männer an den Palliſaden durch ein lautes und furchtbares Geheul erwiedert, welches von der ganzen Fläche, die ſich bis an den Wald erſtreckte, wiederhallte, und in dem nämlichen Augenblicke ſchlüpfte hinter jedem auf dem Felde befindlichen, dunklen Gegenſtand eine menſchliche Geſtalt hervor. 4 Noch während das Geheul forttönte, flog eine dichte Wolke von Pfeilen herüber auf die Angegriffenen, welche unter dieſen Umſtänden es für rathſam hielten, ſich ohne weiteres Zögern hinter die ſchützenden Palliſaden zurück zu ziehen. Dudley kam glücklich hinein; Warley aber würde vermuthlich von der haſtig auf ihn zuſpringenden Rotte abgeſchnitten worden ſein, wenn nicht noch gerade zu rechter Zeit ein breiter Feuerſtrom vom Hügel die An⸗ greifenden zurückgetrieben hätte. Die Kugeln pfiffen um die rothen, grimmigen Geſichter der Indianer, und einen Momeut nachher ſtan⸗ den die beiden Flüchtlinge ſicher hinter den ſtarken Palliſaden, und verloren keinen Augenblick Zeit, um die Riegel des Schloſſes in der Ausfallthüre zwiſchen ſich ſelbſt und ihre blutgierigen Feinde zu bringen. Sechstes Kapitel. Bisher mogten in dieſer Nacht die Gemüther der Anſiedler mehr von einer abergläubiſchen, als von irgend einer anderen Furcht ergriffen geweſen ſein. Jetzt aber zeigte ſich die wirkliche Gefahr in ſo augenſcheinlicher Weiſe, daß einer ferneren Ungewiß⸗ heit kein Raum mehr geſtattet werden konnte. Alle Lippen riefen: „der Heide! der Heide!“ und ſelbſt die Tochter, und Martha, die Pflegetochter Ruths, wiederholten das Geſchrei, indem ſie laut weinend im Zimmer umher rannten, und den Schrecken und die Ueberraſchung der Angegriffenen, welche offenbar nicht wenig in Verwirrung waren, in hohem Grade theilten. Die Beſonnenheit und raſche Entſchloſſenheit Contents ſtellte jedoch bald die zerſtörte Ordnung wieder her. Er rief die jungen Leute zu den Waffen, und ſtürzte mit ihnen in's Freie hinaus, wo ſie noch eben zur rech⸗ ten Zeit anlangten, um ihre Freunde an den Palliſaden von der Gefangenſchaft, wo nicht gar von dem Tode zu erretten. Auch die Frauenzimmer gewannen bald ihre gewöhnliche Gelaſſenheit wie⸗ der, da die Anſiedler zu ſehr auf dergleichen Schrecken vorbereitet ſein mußten, um auf längere Zeit, als die erſten und ſchrecklich⸗ ſten Augenblicke der Ueberraſchung, außer Faſſung zu bleiben. Sobald der Feind von den Befeſtigungen zurückgeſchlagen war, fanden die Anſiedler von Neuem ganz die Erfahrung beſtätigt, welche Einzelne von ihnen bei früyeren Kämpfen mit den Indianern zu machen Gelegenheit gehabt hatten. Das Angriffsgeheul ver⸗ ſtummte im Nu, ſo ſchnell, wie es ſich erhoben hatte, und eine ſo tiefe Stille, eine ſo regungsloſe Ruhe folgte dem Lärmen, daß ein mit den Sitten der Wilden nicht vertrauter Krieger faſt auf den Gedauken hätte kommen müſſen, als ob alles Vorhergegangene nuͤr ein Traum oder eine Täuſchung der Sinne geweſen wäre. Warley und Eben Dudley verließen während dieſer Pauſe eines allgemeinen Stillſchweigens ihren Platz hinter den Holzſtößen, und begaben ſich an den Ort, wo Content, wie Dudley wußte unſer liche groß ſon gibſt ſam Verb geket Auge gefu will nicht ſorſ daß der zu l kam men ſein oder 11 beſe ——. 47 im Falle eines unverhofften Angriffs ſeinen Poſten einzunehmen hatte. Als ſie ihn richtig dort fanden, ſagte der Fremde: „Wenn mich nicht Alles täuſcht, was ich von den Liſten der Indianer gehört habe, ſo werden wir uns einiger Stunden Ruhe erfreuen können, bevor uns ein neuer Angriff bedroht. Nach mei⸗ ner Erfahrung als alter Soldat iſt es nun unſere dringendſte und nächſte Pflicht, von der Anzahl unſerer Feinde Kundſchaft einzu⸗ ziehen, und womöglich ihre eigentliche Stellung zu erforſchen, da⸗ mit wir unſere Vertheidigung nach genauer Kenntnißnahme ihrer Streitkräfte einrichten können.« „Aber wie könnte dies geſchehen?« fragte Content.„Wie du ſiehſt, umgibt uns nichts, als die Stille und Finſterniß der Nacht. Die Anzahl unſerer Feinde läßt ſich insgeheim jetzt nicht erforſchen, und einen Ausfall verſuchen, hieße muthwillig unſer Leben und unſere Freiheit den wüthenden Feinden in die Hände liefern.“ „Du denkſt des Knaben nicht, an welchem wir eine treff⸗ liche Geißel beſitzen, entgegnete Warley.„Er mag uns einen großen Vortheil gewäbren, wenn wir es verſtehen, uns ſeiner Per⸗ ſon auf die rechte Weiſe zu bedienen.“ „Ich fürchte, das iſt eine leere Hoffnung, der du dich da hin⸗ gibſt,« erwiederte Content, indem er während des Geſprächs lang⸗ ſam auf den Hofraum zuſchritt, welcher mit dem Hauptgebände in Verbindung ſtand.„Seitdem der Knabe in unſere Wohnung zurück⸗ gekehrt iſt, habe ich genau ſein Benehmen beobachtet und in ſeinem Auge geleſen, aber leider habe ich nur wenig oder nichts darin gefunden, was uns zu einigem Vertrauen berechtigen könnte. Ich will mich ſchon glücklich ſchaͤtzen, wenn er mit denen da draußen nicht im geheimen Einverſtändniſſe iſt, und ihnen nicht zum Aus⸗ forſchen unſerer Macht und unſerer Pläne dient. Faſt glaube ich, daß er nur durch ihre Hilfe in unſeren Hofraum gelangt iſt.« „O nein, hinſichtlich ſeines Hereinkommens ohne das Blaſen der Muſchel und das Oeffnen der Pforte brauchſt du dich nicht zu beunruhigen,“ erwiederte der Fremde mit Gelaſſenheit.„Er kam in meinem Geleite, und dies erklärt das Geheimniß vollkom⸗ men. Schwieriger mögte für unſeren Scharfſinn die Entdeckung ſein, ob er mit unſeren Feinden irgendwie in Verbindung ſteht, oder nicht; denn die Seele eines Eingebornen weiß ihre Geheimniſſe beſſer zu verhüllen, wie die Oberfläche eines glänzenden Spiegels. Mit den letzten Worten des Fremden traten die Beiden in 48 das Gemach ein, wo ſie ſich in Gegenwart derer befanden, welche ſie aufſuchten. Während Content ſich draußen mit dem Fremden unterhielt, ertheilte ſeine Gattin drinnen ihren weiblichen Untergebenen unterſchied⸗ liche Befehle, welche der Gebrauch mit ſich brachte, und der Drang der Umſtände gebieteriſch zu erheiſchen ſchien. Denn die einſame Lage der Anſiedlerfamilie hatte ſie gezwungen, auf einen etwaigen Angriff von Wilden jederzeit gefaßt zu ſein, und ſich an eine genau angeordnete und beſtimmte Vertheidigungsweiſe zu gewöhnen. Für den Fall des Allarmrufes mußte ſich ein Jeder rührig zeigen und hatte ſein beſtimmtes Geſchäft zu verſehen; und von ſolcher Pflicht waren ſelbſt die nicht ausgeſchloſſen, welche am wenigſten Muth und Körperkraft zu beſitzen ſchienen. „Du, Carity,« befahl die Herrin,„eilſt nach dem Blockhauſe und ſiehſt nach, ob die Eimer und Leitern in gutem Stande ſind, damit es uns nicht an Waſſer und einem geeigneten Zufluchts⸗ orte fehlt, wenn die Heiden uns im Kampfe überwältigen und zurückdrängen ſollten. Du, Glaube, eile raſch in die oberen Ge⸗ mächer hinauf und löſche die Lichter aus, wo deren brennen ſollten, damit nicht nach irgend Jemand im Hauſe geſchoſſen werde. Wenn der Pfeil dem Bogen, und die Kugel der Büchſe ſchon entflogen iſt, kommen die Gedanken zu ſpät.„Und nun, Marcus,« wendete ſie ſich an ihren Sohn,„nun, der erſte Sturm vorüber iſt und wir hoffen dürfen, die Liſt eende durch unſere Vorſicht zu Schande zu machen, kannſt du hinaus eilen und nach deinem Va⸗ ter ſehen. Geh' nur, geh'! Hätteſt du dich ungeheißen der Gefahr entgegen geſtürzt, ſo würdeſt du zu tadeln geweſen ſein; jetzt aber magſt du von dem Segen und dem Gebete deiner Mutter begleitet gebhen, und wirſt dich mit um ſo größerer Zuverſicht und Sieges⸗ hoffnung unter die Kämpfenden ſtellen. Bedenke aber, mein Sohn, daß du zwar das Alter erreicht haſt, um deines Namens und dei⸗ ner Herkunft würdig handeln zu können, aber noch nicht alt genug biſt, um in einer Nacht, wie dieſe, den Befehlshaber zu ſpielen, oder wohl gar in den vorderſten Reihen zu kämpfen.”« Sin fluͤchtiges, ſchnell verſchwindendes Roth überzog bei dieſen Worten die Wange der zugleich muthigen und beſorgten Mutter, worauf alſobald eine um ſo tiefere Bläſſe folgte. Sie beugte ſich hber den ungeduldigen Knaben hinweg, zog ihn an ihre Bruſt und drückte einen heißen und zärtlichen Kuß auf ſeine Stirne. Sobald Mareus aber dleſe Zeichen der mütterlichen Liebe empfangen hatte entri ſich wend ſich laſſe kein eign Glal ſo f hina zielle Hör dich rufe ſelbi Fei wir Zuf verf Pal ſieh wach die wer und 49 entriß er ſich ihren Armen und flog raſchen Schrittes hinaus, um ſich kühnen Muthes in die Reihen der Vertheidiger zu ſtellen. Nur langſam vermogte Ruth ihr Auge von der Thür abzu⸗ wenden, durch welche der geliebte Knabe verſchwunden war; dann, ſich mit Gewalt zuſammenraffend, ſprach ſie mit erzwungener Ge⸗ laſſenheit weiter: „Jetzt wollen wir für die Sicherheit derer ſorgen, die ſich zu keinem wichtigeren Geſchäfte, als zum Aufpaſſen und Lärmſchlagen eignen. Wenn du dich mit eigenen Augen davon überzeugt haſt, Glaube, daß in den oberen Gemächern kein Licht mehr geblieben iſt, ſo führe die Kinder in das geheime Zimmer, wo ſie in die Felder hinausſchauen können, ohne der Gefahr ausgeſetzt zu ſein, von einem ziellos abgeſchoſſenen Pfeile der Indianer verwundet zu werden. Hörſt du, meine Tochter,“ wandte ſie ſich an die kleine Ruth;„laß dich ja durch Nichts, durch kein Schießen und Geſchrei und Lärm⸗ rufen aus dieſem Gemache locken; denn du biſt dort ſicherer, als ſelbſt im Blockhauſe, deſſen befeſtigtes Ausſehen die Augen der Feinde auf ſich ziehen und der Zielpunkt ihrer Wurfgeſchoße ſein wird. Für den Fall, daß wir uns gezwungen ſehen, dieſen letzten Zufluchtsort aufzuſuchen, werde ich ſelbſt kommen, um es dir zu verkündigen. Komm alſo ja nicht herab, bis du den Feind die Palliſaden an der Seite, welche den Strom überragt, erſtürmen ſtehſt. Dert ſind die Bewegungen der Indianer am wenigſten be⸗ wacht, weil unſere Leute meiſt an dem Punkte aufgeſtellt ſind, wo die Außengebäude und die Ebenen im Umkreiſe derſelben überſehen werden können. Geht, Kinder, geht; und der Himmel behüte Euch und nehme Euch in ſeinen mächtigen Schutz!« Bei den letzten Worten beugte die Mutter ſich nieder, um die zarte Wange ihrer lieblichen Tochter zu küſſen, und umarmte dann auch das andere Kind, welches ihrem Herzen nur um ein Weniges minder lieb und theuer war. Das kleine Mädchen war die ver⸗ waiste Tochter einer verſtorbenen Freundin, welche ſie gleich einer Schweſter geſchaͤtzt und geliebt hatte. Aber dieſe Umarmungen ſchienen flüchtiger, die Rührung minder tief, und die Küſſe weniger heiß, als jene, mit welchen Ruth ihren Sohn entlaſſen hatte. Denn dieſer ſtürzte kühn einer Menge drohender Gefahren entgegen, wäh⸗ rend die beiden Mädchen an einen Ort geſandt wurden, wo ſie nicht nur einigermaßen zum Schutze der Belagerten beitragen konnten, ſondern auch ſich vergleichungsn veiſe in ziemlicher Sicherheit befanden. Bei alledem ließ ſich doch eine tiefe mütterliche Zärllichkeit ereennen. Narramatta und Conanchet. — —,— 5⁰ und eben, als die kleine Ruth durch die Thüre verſchwinden wollte, wurde ſie noch einmal von der Mutter zurückgerufen. „Erhebe deine Gedanken zu Gott und bete um ſeinen heiligen Schutz vor den Gefahren, mit welchen uns in dieſer Nacht die Wuth der Indianer bedroht,“ ſagte ſie.„Vergiß auch nicht, mein theures Kind, für deinen Vater zu beten, der eben jetzt für unſere Rettung ſein Leben wagt. Du kennſt des Chriſten Hort und Fels, und auf ihn, auf ſeinen Grund mußt du das Gebäude deiner Zuverſicht auferbauen.“ „Mutter,« fragte das liebliche Kind,„gehören die Wilden, die uns tödten wollen und nach unſerem Leben trachten, auch zu den Menſchen? für welche unſer Heiland ſein Leben dahin gab?“ „Gewiß, wir dürfen nicht daran zweifeln, wenn das Herz in unſerer Lage ſich auch dagegen ſtränben mag,“ entgegnete die Mutter. „Wenn ſie auch wild und ſchonungslos ſind, ſo bleiben ſie doch immer Geſchöpfe Gottes und Gegenſtände ſeiner allliebenden Obhut.« Die weiße, ſchöne Stirn des Kindes war von hellen blonden Locken umwallt, welche das Geſicht zur Hälfte bedeckten, und den milden Glanz ihrer ſchimmernden Haut erhöheten. Unter dieſen glänzenden Locken hervor wendete die kleine Ruth jetzt ihr blaues Ange zu dem jungen Indianer, welcher trotz der verſoͤhnenden Worte ihrer Mutter ihr in dieſem Augenblicke ein Gegenſtand geheimen Abſcheues war. Aber der Knabe ahnte dieſe Gefühle des Kindes nicht, ſondern ſtand ruhig, ſtolz und anſcheinend achtlos da, ohne bei dieſen Auftritten der lebhafteſten Gemüthsbewegungen irgend ein Zeichen von Rührung oder Schwäche zu verrathen. „Liebe Mutter, flüſterte die Kleine leiſe,„könnten wir denn den rothen Jungen nicht in den Wald gehen laſſen? Ich liebe ihn gar nicht, und...“. „Geh', geh', Kind, dieß iſt keine Zeit, um unnütze Worte auszutauſchen,« unterbrach ſie die Mutter.„Geh' und begib dich an deinen Zufluchtsort, und vergiß nicht, deine Seele zu dem zu erheben, von dem alles Heil und alle Guade kommt. Vergiß auch die Vorſichtsmaßregeln nicht, die ich dir anempfahl, und des Himmels Schutz und ſeine Engel mögen dein ſchuldlos Haupt beſchirmen.“ Noch einmal beugte ſich Ruth zu ihrem Kinde nieder, drückte ihr Geſicht in die weichen duftigen Locken deſſelben, und betete ein ſtilles, inbrünſtiges Gebet. Stille herrſchte ringsum. Als Ruth das Haupt wieder erhob, glänzte eine Thräne auf der Wange ihres Kindes, welches ſich bei der Umarmung mehr leidend als thätig verhalten hatte. Als es ſich endlich von der Mutter trennte, um 51 der Magd in das geheime Zimmer zu folgen, richtete ſie auch dann nicht ihre Blicke auf Ruth, ſondern unverwandt auf die Geſichtszüge des jungen Indianers, bis die zufallende Thür ihn zuletzt ihren Augen entzog. In dieſem Augenblicke war es, wo Content mit Warley in das Gemach trat, und die Ruhe, Selbſtbeherrſchung und Beſonnenheit ſeiner Gattin mit einem zärtlichen und ermuthigenden Blicke belohnte. „Du biſt vortrefflich, und ganz, wie ich es von dir erwarten konnte, zu Werke gegangen,“ ſagte er.„Unſere Jünglinge haben dem Feinde nicht kühner ihre Stirne geboten, als deine Mägde eifrig ihre minder blutigen aber nicht minder ſchwierigen Geſchäfte verrichteten In dieſem Momente iſt nun draußen Alles völlig ruhig, und wir kommen jetzt mehr in der Abſicht, Rath zu halten, als den Kampf fortzuſetzen.« „So müſſen wir alſo den Vater rufen? Er ſitzt oben im Blockhauſe bei ſeiner Kanone.“ „Nein, nein, es iſt unnöthig,« erwiederte der Fremde.„Auch haben wir keine Zeit zu verlieren, denn auf dieſen erſten fehlge⸗ ſchlagenen Sturm wird bald ein zweiter folgen, dem wir vielleicht mit aller Kraft, mit allem Muthe und mit allen unſeren Mitteln nicht zurückzuſchlagen im Stande ſind. Bringt mir lieber den Gefangenen her.« Content ergriff den Knaben bei der Hand, führte ihn vorwärts und ließ ihn dicht vor Warley ſtehen. Dieſer blickte lange und mit ſcharf prüfenden Blicken den Knaben in's Geſicht, und ſagte endlich nach einer Minute hindurch dauernden Pauſe. „Knabe, ich kenne weder deinen Namen, noch dein Volk, aber ich weiß, daß großmüthige Gefühle deinem Herzen nicht fremd ſind, obgleich ſie mit minder guten noch um die Oberherrſchaft in deinem Buſen ringen. Sprich, haſt du uns von keiner Gefahr zu ſagen, von der dieſe ſtille und friedliche Familie bedroht iſt? Ich habe an dieſem Abende Manches aus deinem ſtummen Weſen geſchloſſen; aber jetzt iſt es Zeit, daß ich dein Inneres deutlicher verſtehe. Darum ſprich in klaren offenen Worten!« Der Kuabe ſah, ſo lange Warley ſprach, dieſen mit unbeweglichen und ſtarren Augen in's Geſicht; dann aber, ale er ſchwieg, wandte er ſich langſam ab, heftete ſein Auge auf die Züge der geaͤngſtigten Mutter, und ließ ihn eine Weile ſcharf beobachtend darauf verweilen. Beinahe ſchien es, als ob in ſeinem Innern Stolz und Menſch⸗ lichkeit um die Oberherrſchaft rängen. Die letztere ſlegte endlich; 4 35 5² überwältigend den tiefen Widerwillen eines Eingeborenen, öffnete er zum erſten Male ſeit ſeiner Gefangenſchaft den Mund, um in der verhaßten Sprache der Blaßgeſichter zu reden. „Ich höre das Geſchrei der Krieger,“ antwortete er gelaſſen und mit ſanfter Stimme.„Sind die Ohren der bleichen Männer verſchloſſen?“ „Haſt du mit den jungen Kriegern deines Stammes im Walde geredet, oder wußteſt du nichts von dem Angriffe deiner Brüder?« Unverzagt und furchtlos begegnete der Blick des Knaben dem prüfenden Auge des Fragenden; aber er gab keine Antwort. Warley ſah ein, daß er mehr gefragt hatte, als der Knabe zu erwiedern geneigt war, und änderte daher den Ton der Unterredung, indem er ſeine Zwecke mit verſteckter Liſt zu erreichen ſuchte. „Es kann nicht ſein, daß ein großes Volk auf dem Kriegspfade wandert,« ſagte er.„»Tapfere Krieger würden ſo leicht über die Pfäahle der Palliſaden hinweghüpfen, wie ſie über weiches und junges Röhricht wandeln. Ein Pequod iſt es, der draußen im Walde heult und den Vertrag mit den Weißen gebrochen hat. Die Männer vor den Palliſaden ſind heulende Wölfe!« Ein Ausdruck der ungebändigſten Wildheit entſtellte bei dieſen hohnvollen Worten des Knaben Züge. Seine Lippen zitterten und mit bitterem Ingrimme murmelte er zwiſchen den Zähnen hervor: „Der Pequod iſt ein Hund!« „Das dachte ich; ja, die Schurken ſind aus ihren Dörfern gekommen, um ihre leeren Ranzen bei den Blaßgeſichtern zu füllen. Aber ein Narraganſett oder Wompanoag iſt ein Mann, der es verſchmähet, heimtückiſch im Finſtern zu lauern. Wenn er kommt, ſcheint die Sonne auf ſeinen Pfad; aber der Pequod ſchleicht ſich leiſe und ſtill hervor, weil er fürchtet, daß tapfere Krieger ſeine Schritte vernehmen.“ Des gefangenen Knaben Züge blieben ſo unbewegt bei dieſen Worten, ſo marmorkalt und ruhig, daß ſelbſt der ſcharfe Blick des beobachtenden Warley keine Spur von einer innerlichen Erregung gewahr ward, wäͤhrend er Lob und Tadel über die verſchiedenen Indianerſtämme ausſprach. Da er nun ſah, daß er die Gedanken ſeines Herzens auf ſeinen Zügen nicht zu entziffern vermogte, ſo trat er ihm naͤher, legte die Hände auf ſeine Schultern und fuhr fort: „Knabe, du haſt ſo Mancherlei in dieſem Hauſe angehört, was dazu dienen konnte, deinen harten Sinn geſchmeidig und nachgiebiger 1 zu machen; du haſt vernommen, daß Gebete fuͤr dein Heil von S= 5³ allen Lippen, und aus allen Herzen für dein Wohl zum Himmel emporſtiegen; du haſt nichts, wie Güte, Sanftmuth, Milde und Verſöhnung erfahren!— Sollte ſo vieler gute Same nur auf ſteinigen Boden gefallen, ſollte er nur vergeudet und der Vernichtung anheim gegeben ſein? Das vermag ich nicht zu glauben. Rede! darf ich Vertrauen in dich ſetzen?« „Blicke auf den Schnee! Mein Vater wird die Tritte von Moccaſſins ſehen hinwärts und herwärts!« „Das iſt wahr. Bis jetzt haſt du dich als wahr und redlich erwieſen. Aber wenn das Kriegsgeſchrei in deine Ohren erſchallt, wirſt du dann nicht in Verſuchung kommen, dich zu jenen Kriegern zu geſellen? Haſt du kein Unterpfand, keine Bürgſchaft, welche uns ermächtigen könnte, dich ziehen zu laſſen?« Der junge Gefangene ſah Warley mit einem Ausdrucke an, welcher dem Fremden ſogleich verrieth, daß er nicht verſtanden worden ſei.„Ich möchte erfahren, welches Pfand deiner Rückkehr du geben könnteſt, wenn wir das Thor öffneten und dich in die Felder hinausließen,“ wiederholte er. Der Blick des Knaben veränderte ſich nicht; noch immer blieb er ſtarr, verwundert und offenbar im Unklaren. „Wenn ein Blaßgeſicht,“ ſagte Warley,„den Kriegspfad betritt, und ſich der Treue ſeines Feindes verſichern will, ſo behält er zur Bürgſchaft das Leben Eines, der Jenem theuer und werth iſt. Welch ein Pfand vermagſt du anzubieten, um mich zu verſichern, daß du von einer Botſchaft an unſere Feinde zurückkehren werdeſt?« „Iſt der Pfad denn nicht offen?« fragte der Knabe ihn. „Er iſt offen; aber wir wiſſen nicht, ob du auf ihm wandeln willſt. Vielleicht läßt Furcht dich nicht ſehen, wohin er führt.« Jetzt erſt verſtand der Gefangene, welche Zweifel eigentlich gegen ihn gehegt wurden; aber als ob er es verſchmähe, ein ſolches Mißtrauen zu beſeitigen, blickte er zur Seite, und ſtand ſo völlig unbeweglich und regungslos da, wie eine dunkle Statue, die den Händen eines vollkommen geſchickten Bildhauers ihr Daſein verdankt. Content und ſeine Gattin hatten ruhig dem Zweigeſpräche Warley's und des gefangenen Knaben gelauſcht, obgleich ſie einen ſchwachen Ausruf der Verwunderung nicht hatten unterdrücken können, da ſie ſahen und hörten, daß der junge Indianer die engliſche Sprache nicht nur verſtand, ſondern ſie auch zu ſprechen wußte. Sie ſchöpften jedoch einen Schimmer von Hoffnung aus der beab⸗ ſichtigten Vermittlung des Indianers, welcher jederzeit von Ruth 54 ſowohl, wie von allen übrigen Bewohnern der Anſiedlung mit Güte und Nachſicht behandelt worden war. „Laßt den Knaben ziehen,“ ſagte ſie.„Ich will für ſeine Treue bürgen. Und gewiß, wenn er treuloſe Geſinnungen im Herzen hegte, ſo mögte ich ihn lieber draußen vor den Palliſaden ſehen, als hier innen im Hauſe wünſchen.“ Die einleuchtende, nicht zu verkennende Wahrheit dieſer Anſicht verfehlte ihres Eindrucks bei Warley nicht. „Dieß iſt nicht ohne Grund,« ſagte er.„Geh' hinaus in die Felder, Knabe, ſprich zu deinem Volke und ſage zu ihm: Ihr ſeid auf den falſchen Kriegspfad gerathen! Der, welchen ihr betratet, hat Euch zu der Wohnung eines Freundes geleitet. Hier wohnen keine Pequods, ſondern chriſtlich geſinnte Blaßgeſichter, welche die india⸗ niſchen Männer ſtets behandelt haben, wie ein rechtlich denkender Mann immer ſeine Freunde behandelt. Geh', und wenn die Muſchel an der Pforte erſchallt, ſo ſoll ſie dir zum Einlaß geöffnet werden.“ Bei den letzten Worten gab Warley dem Knaben einen Wink zu folgen, und ſagte ihm beim Hinausſchreiten an die Palliſaden noch mancherlei Worte, welche dazu dienen konnten, die Feindſchaft der Indianer in Freundſchaft umzuwandeln. Darauf ermahnte er ihn nochmals zur Treue und Redlichkeit, entließ ihn an der Pforte, und kehrte dann in das Zimmer zurück, wo er nicht ohne lebhafte Unruhe auf den Ausgang der Botſchaft wartete. Mit großen Schritten ging er in dem Gemache auf und nieder, ganz wie Einer, welcher die lebhafteſte Unruhe oder Aufregung empfindet, und durch ſtarke Bewegung das allzu ſtürmiſch fließende Blut beſänftigen will. Von Zeit zu Zeit unterbrach er ſeinen Gang und ſeinen ſchweren dröhnen⸗ den Schritt, und dann horchten alle Anweſenden mit lebhafter Spannung in's Freie hinaus, damit ihnen auch nicht der geringſte Ton entgehen möge, welcher ſie von den draußen vorkommenden Ereigniſſen allenfalls unterrichten konnte. In einer dieſer Pauſen erhob ſich plötzlich ein lautes Jubelgeſchrei der Wilden. Aber es dauerte nur einige Augenblicke hindurch, und gleich darauf trat wieder jeue tiefe, todtenäͤhnliche Stille ein, welche den Lauſchenden weit ſchrecklicher ſchien, als alles Getöſe und alle Unruhe, die noth⸗ wendig mit dem Kriegsgeheul der kampfluſtigen Indianer verknüpft ſein mußte. Indeſſen vermogte ſelbſt die angeſtreugteſte, ängſtlichſte Aufmerkſamkeit keinen Fingerzeig über die Beſchlüſſe oder Bewegungen der Feinde Aufſchluß zu verleihen. Noch viele Minuten hindurch dauerte die durch Nichts, ſelbſt nicht durch das leiſeſte Geräuſch —— — unterbrochene ſchauerliche Stille. Auf einmal aber, während alle Gemüther noch auf das Aeußerſte geſpannt waren, wurde der Drücker der Thür geöffnet, und mit dem völlig geräuſchloſen Schritte und jenem geſammelten, ernſten Geſichtsausdruck, der nur den Indianern eigenthmlich zu ſein pflegt, kehrte der abgeſandte Knabe in die Mitte ſeiner verwunderten und höchlich überraſchten Abſender zurück. „Biſt du bei den Kriegern deines Stammes geweſen?« fragte Warley haſtig.„Haſt du ihnen geſagt, daß wir Freunde ſind?« „Die Worte meines Vaters wurden geſprochen,“ lautete die Antwort. „Und wurden ſie auch angehört? Waren ſie laut genug, um von den jungen Männern vernommen zu werden?« Der Knabe ſchwieg. „Rede!« fuhr Warley nach einer kurzen, ängſtlichen Pauſe fort, indem er ſeine Geſtalt höher aufrichtete, wie Einer, der da bereit iſt, einen harten Schlag mit allem Stolze eines Mannes und Kriegers zu erdulden.„Männer ſind es, die deine Worte hören. Iſt die Friedenspfeife des Wilden gefüllt? Will er ſie mit uns, als ſeinen Freunden rauchen? oder hat ſeine geballte Fauſt nach dem Tomahapk gegriffen?« In den Zügen des Knaben ſprach ſich Mitleiden aus; ein Gefühl, welches nur ſelten ein Indianer zu verrathen pflegt. Er richtete einen traurigen Blick auf die ſanften Augen der tief bewegten Gattin Contents, zog dann zögernd ein Bündel Pfeile, welches mit der glänzend geſtreiften Haut einer Klapperſchlange zuſammengebunden war, unter ſeinem leichten baumwollenen Gewande hervor, und warf es dem Fremden vor die Füße. 4 „Das iſt ein Zeichen des Krieges,“ ſagte Content, indem er das ihm wohlbekannte Sinnbild unbedingter Feindſeligkeit von der Erde aufnahm und ſeiner Gattin zeigte.„Sprich, Knabe, was haben die Leute von meiner Farbe deinen Landsleuten gethan, daß ſie ſo ſehr nach unſerem Blute verlangen?« Der junge Indianer war, nachdem er ſeinen Auftrag ausge⸗ richtet hatte, ſchon wieder ſtill auf die Seite getreten, und beinahe ſchien es, als ob er nicht Zeuge von der Wirkung ſeiner Botſchaft ſein wolle. Als jedoch Content die erwähnte Frage an ihn richtete, überwältigte beinahe der Zorn ſeine ſanfteren Gefühle, und eine finſtere, drohende Wolke zog über ſeine Stirne. Ein raſcher Blick auf Ruth dämpfte uübrigens ſogleich ſeine Aufregung, und anſtat zu ſprechen, blieb er ruhig ſtehen und ſchwieg. 56 „Ich frage dich, Knabe, warum Eure Krieger nach unſerem Blute verlangen?“ wiederholte Content. Ein glänzender, beinahe leuchtender Funken ſchien dem Auge des Wilden zu entſprühen, indem es mit Einem Blicke alle An⸗ weſenden überflog. Heftiger, faſt unzubewältigender Zorn redete aus ſeinen Mienen; ſeine Bruſt hob und ſenkte ſich raſch, und die Lippen ſchienen ſchon geöffnet, um leidenſchaftliche Worte des Grimms und der Verachtung hervorzuſtoßen. Aber der Knabe beſaß die Selbſtbeherrſchung eines gereiften Mannes. Durch eine gewaltige Annſtrengung gewann er die Herrſchaft über ſich ſelbſt wieder, näherte ſich Content mit geräuſchloſem Schritte, berührte die Bruſt deſſelben mit dem Finger, und ſagte dann ſtolz: „Siehe, die Welt iſt ſehr groß. Das Reh und der Panther haben Raum darauf. Warum trafen die Blaßgeſichter mit den Roth⸗ häuten zuſammen?“ „Antworte ihm nicht,“ ſagte Warley zu Content.„Wir haben Wichtigeres zu thun, als die koſtbaren Augenblicke in nutzloſer Unterredung mit einem verſtockten Indianerknaben zu verſäumen. Wir wiſſen nun, was ſeine Landsleute wollen, und mit Gottes Hilfe werden wir ihre ſchlimmen Abſichten zu ſchanden machen. Nachdem wir der Klugheit Gehör gegeben, und unſere Kinder in Sicherheit gebracht haben, laßt uns zu den Palliſaden eilen und zeigen, daß wir Männer ſind.“« Gegen dieſen Vorſchlag ließ ſich nichts Vernünftigeres einwenden, und Content war eben im Begriff, den Gefangenen davon zu führen, um ihn im Keller einzuſperren, als die Bitte ſeiner Frau ihn bewog, von ſeinem Vorhaben abzuſtehen. Ruth, obwohl ſie die ſtolzen und drohenden Mienen des Indianers bemerkt hatte, gab doch noch nicht alle Hoffnung auf, daß er ihnen nach Kräften beiſtehen werde, da ſie ſich eines gewiſſen Einfluſſes auf den Knaben, durch ihre Güte und Sanftmuth erworben, bewußt war. „Komm,“ ſagte ſie zu dem Indianer,„komm, wenn auch Andere glauben, daß du nicht viel Gutes im Sinne haben könneſt, ſo will doch ich wenigſtens dir vertrauen. Komm, ich verſpreche dir Sicherheit für dich ſelbſt, wenn du dich dafür meiner Kinder annehmen und ſie beſchützen willſt.«. Der Knabe antwortete zwar nicht, aber in dem Ausdrucke ſeines ſprechenden Anges glaubte Ruth eine Betheurung ſeiner Treue und Anhänglichkeit leſen zu können, und überdieß ließ er ſich ohne Widerſtreben von ihr hinweg führen. In demſelben Augenblicke verli ſadel übri wor erva fließ ſtehe Wal Doch Blic und ——-⏑ᷣᷣ—— 57 verließen auch Content und Warley das Gemach, um an die Palli⸗ ſaden zu eilen und dort zur Vertheidigung ihrer ſelbſt und der übrigen Hausbewohner ihre Poſten einzunehmen. Siebentes Kapitel. Das Gemach, in welches auf Ruth's Befehl die Kinder gebracht worden waren, lag im oberſten Stockwerk, und zwar, wie bereits erwähnt, auf der Seite des Gebäudes, welche dem unten vorüber⸗ fließenden Strome zugekehrt war. Es hatte nur ein, etwas vör⸗ ſtehendes Fenſter, aus welchem man den Theil der Felder und des Waldes überſehen konnte, der jenſeit des Fluſſes ſich ausdehnte. Doch geſtatteten noch einige Oeffnungen in den Wänden auch einen Blick auf die nach der entgegengeſetzten Seite liegenden Gründe und Gebäude. Doppeltes Gepälk ſchützte dieſes Gemach hinlänglich gegen das Eindringen aller Geſchoße und Wurfwaffen, deren man ſich zu jener Zeit und in jenen Gegenden noch bediente. „Ich weiß,“ ſagte Ruth zu dem jungen Indianer, als ſie Beide ſich in dieſem Zimmer befanden,—„ich weiß, daß dir die Pflichten eines Kriegers bekannt ſind. Du wirſt mich nicht täuſchen. Ich vertraue dir das Leben und die Sicherheit meiner Kinder an, und du wirſt ſie bewachen, ſo gewiß der Gott der Chriſten in der Stunde der Noth auch deiner gedenken und dich bewachen wird.“« Der Knabe antwortete nicht, aber die ſanften Züge des jungen Indianers ſchienen ihr eine ſtillſchweigende Bürgſchaft ſeiner guten Geſinnungen zu ſein. Still trat er auf die Seite, um durch ſeine Gegenwart den Austauſch der Zärtlichkeiten zwiſchen Mutter und Tochter nicht zu ſtören, und Ruth wendete ſich nun mit aller Zaͤrtlichkeit einer Mutter zu ihrem geliebten Kinde. „Noch einmal bitte ich dich, nicht zu emſig dem furchtbaren Kampfe zuzuſchauen, der ſich nun bald vor unſerer Wohnung er⸗ heben wird,“ ſagte ſie zu der kleinen Ruth.„Der Heide iſt wirklich da und mit blutgierigen Geſinnungen gekommen, und unſere Pflicht iſt es, Alles dem anheimzuſtellen, deſſen Macht allein uns be⸗ ſchützen kann.“ „Aber, Mutter, warum wollen ſie uns ein Leides zufügen?« fragte die Kleine.„Wir haben ihnen doch niemals Böſes gethan!“« „Nein, nein, gewiß nicht!“ antwortete die bekümmerte Mutter. a „Der Gott, der die Erde erſchuf, gab ſie uns zu unſerem Gebrauche, und es kann nichts Unrechtes ſein, daß der Bedürftige den Grund und Boden in Gebrauch nimmt, welcher noch nicht von einem Andern beſetzt worden iſt.« Die kleine Ruth ſchmiegte ſich jetzt dichter an die Bruſt ihrer Mutter, und verbarg ihren Kopf zwiſchen den Armen derſelben. „Mutter!“« flüſterte ſie,—„der Wilde! wie ſein Auge funkelt! Es blitzt heller, wie der Stern, der durch das Laub der dunkeln Bäume ſchimmert.« 1* „Sei ruhig, liebes Kind;« erwiederte Ruth.„Er glaubt beleidigt worden zu ſein, und darüber brütet ſein ungebändigtes Gemüth.« Die Kleine ſchien beruhigt durch die Worte der Mutter.„Gewiß,“ ſagte ſie,„haben wir ein Recht, hier zu wohnen. Der Vater hat mir ſchon oft erzählt, daß früher hier nichts, wie Geſtrüpp und Waldung war, und daß es viele Mühe gekoſtet hat, bis die Erde fruchtbar gemacht wurde.« „Auch ich hoffe, daß wir Alles, was wir beſitzen, mit Fug und Recht genießen,“ antwortete die Mutter.„Und dennoch ſcheint es, als ob die Heiden unſere ſo gerechten Anſprüche nicht gelten laſſen wollen.“ „Und wo iſt denn die Heimath dieſer blutdürſtigen Heiden?“ fragte das Kind.„Wohnen ſie auch in Thäͤlern wie das unſrige, und fallen die Chriſten bei Nacht über ſie her, um ihr Blut zu vergießen, und ihnen das Leben zu rauben, wie ſie uns das unſrige?“ „Ihre Natur iſt von unbezähmter Wildheit, liebes Kind, und ſie wiſſen von unſerer Lebensweiſe ſo viel wie nichts. Sie glauben ein Recht zu haben, uns zu tödten, und die Lehre des Heilandes, welche da gebietet, daß wir den Nächſten lieben ſollen wie uns ſelbſt, iſt noch nicht bis zu ihnen gedrungen.“ Nach dieſen Worten umarmte Ruth ihr kleines Töchterchen, küßte es auf die Stirn und auf den Mund, und flehete mit lauter Stimme Gott an, daß er es ſchützen und ſegnen möge. Hierauf wandte ſie ſich zum Gehen, um noch andere Pflichten zu erfüllen, die ihrer harrten, und wollte eben das Zimmer verlaſſen, als ſie noch einmal inne hielt und zu dem jungen Indianer zurückkehrte. Feierlich ſagte ſie: „Ich üͤberlaſſe meine geliebten Kinder dem Schutze und der Obhut eines Kriegers!“ Der Blick, welchen der junge Wilde auf ſie heftete, war kalt, aber nicht zurückſchreckend; und im Vertrauen darauf, daß er die 59 vielen Beweiſe von Güte, welche Ruth ihm während ſeiner Geſangen⸗ ſchaft hatte zukommen laſſen, nicht mit Undankbarkeit und Verrath vergelten werde, näherte ſie ſich von Neuem der Thür. Aber noch⸗ mals blieb ſie, die Hand auf der Thürklinke, unentſchloſſen ſtehen, und neue Zweifel ſtiegen in ihr auf. Aber ihr Entſchluß wurde plötzlich durch einen Lärm veranlaßt, welcher auf einmal das Thal mit alle dem gräulichen Geſchrei und Geheul erfüllte, das einen Angriff der Wilden zu begleiten pflegt. Jetzt durfte ſie nicht länger zögern, denn ſie wußte, wie nothwendig ihre Gegenwart auf einem andern Platze war. Haſtig warf ſie die Thür in's Schloß, legte den Riegel vor, und eilte dann ohne weiteres Nachdenken davon, den Indianer bei ihrer Tochter und der kleinen Martha allein zurücklaſſend. „Steh' feſt bei den Palliſaden, Ruben Ring! Schleudert die ſchleichenden Meuchelmörder auf ihre blutgierigen Genoſſen zurück! Die Piken vor! Hierher, Dudley! Hier iſt Spielraum für deine Tapferkeit! Feſt geſtanden! Drauf und dran, und der Herr ſei den Seelen der rohen Heiden gnädig!« Dieſe Worte, und das Krachen der Büchſen, das Geheul der indianiſchen Krieger, das Schwirren der Pfeile, und das Pfeifen der Kugeln, ſo wie alle das übrige Gelärm und Gedröhne eines ſolchen Kampfes, waren die ſchrecklichen Töne, welche Ruth ver⸗ nehmen mußte, als ſie in den Hofraum hinaustrat. Sie ſah das Aufblitzen der Gewehre, welches eine raſch verſchwindende Helligkeit verbreitete, die im nächſten Augenblicke von um ſo dichterer Finſterniß verſchlungen ward; ſie hörte, wie der entſetzliche Lärm trotz der Dunkelheit forttoſete, und ihre Seele wurde von Zagen und Schrecken ergriffen. Aber zum Glück blieben die jungen Krieger bei all' dieſer Verwirrung, bei all' dieſen heftigen und gewaltſamen Auftritten, ihrer Pflicht und Tapferkeit eingedenk. Schon waren zwei oder drei Scheinangriffe der Feinde errathen worden, und die Hauptmacht der Beſatzung zeigte ſich eben in voller Arbeit, den wirklichen Angriff zurückzuſchlagen. „Im Namen Gottes, der in jeglicher Gefahr bei uns iſt, ſaßt mir, wie der Kampf ſteht?« ſchrie Ruth, indem ſie auf zwei Geſtalten zueilte, die ſo ſehr mit ihren eigenen Angelegenheiten beſchäftigt waren, daß ſie ihr Näherkommen gar nicht merkten.„Um des Himmels willen ſagt mir, wo iſt mein Gatte und mein Sohn? Iſt Einer von den Unſrigen getroffen worden?« „Ein indianiſcher Pfeil iſt durch Jacke und Haut hier in dieſen meinen Arm geflogen,« erwiederte Eben Dudley, als er ſeine Gebie— terin erkannte.„Der Herr möge dem Schelm den Streich verzeihen, den er meinem Fleiſche geſpielt hat, da er ohnedieß in dieſer Welt nur wenig mehr zu hoffen hat. Aber jetzt muß ich wieder hinüber, und die rothen Schufte von den Palliſaden zurücktreiben helfen!« Schnell griff er nach ſeiner Waffe, die er an die Wand des Blockhauſes gelehnt hatte, und bald hörte man den Knall der Büchſe und den Schall ſeiner Stimme mitten aus dem Getümmel heraus ertönen „Was hat er dir von dem Angriff erzählt, Glaube?« fragte Ruth das Mädchen, welches neben ihr ſtehen geblieben war.„Hat er dir keine Kunde von den Palliſaden gebracht?« »Die Unſrigen ſind noch zu wenig Schaden gekommen, während die Indianer ihre Kühnheit haben büßen müſſen,“ erwiederte das Mädchen.„Bis jetzt iſt Niemand verwundet worden, ſo viel ich weiß, als Eben Dudley, den, wie Ihr hörtet, die Feuerſteinſpitze eines Pfeiles getroffen hat.“ „Horch! Sie ziehen ſich zurück, Glaube!« ſagte Ruth, indem ſie mit geſpannter Aufmerkſamkeit lauſchte.„Das Geheul ertönt nicht mehr ſo nahe, und ich hoffe, unſere jungen Krieger haben geſiegt! Geh' hinüber nach den Holzſtößen, Glaube, und ſieh' zu, ob ſich keine lauernde Rothhaut eingeſchlichen hat, um Unheil zu ſtiften. Wenn Gott in Gnaden unſerer gedenkt, ſo mag es wohl ſein, daß der Kelch des Unglücks noch einmal von uns vorüber geht.“ Das geübte und durch die Angſt noch geſchärfte Ohr Ruth's hatte ſie nicht getäuſcht. Das Getöſe des Sturms entfernte ſich allmählig von den Befeſtigungswerken, und obgleich das Blitzen der Gewehre und der heulende Wiederhall aus dem Walde ringsum noch eben ſo häufig erfolgte wie bisher, ſo ließ ſich doch nicht in Zweifel ziehen, daß der gefährliche Augenblick des Kampfes glücklich vorüber war. Anſtatt den ſchnell entſcheidenden Verſuch, den Platz durch Sturm zu nehmen, fortzuſetzen, griffen die Wilden zu über⸗ dachteren Mitteln, welche, ſcheinbar minder ſchrecklich, doch vermuthlich um ſo ſicherer zum Ziele führen mußten. Ruth benutzte indeß die Pauſe der Ruhe zum Aufſuchen ihres Gatten und ihres Sohnes, deren Wohl ihr natürlich am Meiſten am Herzen lag. „Iſt außer dem tapfern Dudley noch ſonſt ein Freund verwundet worden?« fragte Ruth, indem ſie zu einer Gruppe düſterer, auf der Spitze der Anhöhe verſammelten Männer trat, die wahrſcheinlich eine Berathung halten wollten.„Iſt irgend einer der Pflege bedürftig, die Du behü unſet verle Ern meit ſond nahl fließ ein Aus zu r dieſe poſt den verſ Gen fahl mit aug Ma Feu zum ſcht 61 die eine weibliche Hand ihm geben kann? Ach, da biſt du, Content! Du haſt doch keine Wunde erhalten?“« „Gottes Gnade, deren wir in der That bedurften, hat mich 3* behütet,“ erwiederte Content.„Doch fürchte ich, daß einige von unſern jungen Leuten nicht vorſichtig genug geweſen ſind, um un⸗ verletzt aus dem Kampfe hervorzugehen.« 2 „Marcus, der unbeſonnene Knabe, hat doch nicht etwa meine Ermahnungen vergeſſen?“ fragte die ängſtliche Mutter.„Höre, mein Sohn, du haſt doch deine Pflicht nicht außer Acht gelaſſen, ſondern biſt ſtets deinem Vater im Rücken geblieben?« „Mutter, wenn das Kriegsgeſchrei der Wilden von den Palliſaden her Einem in die Ohren gellt, da ſieht man keine Rothhaut und denkt an keine Gefahr,« erwiederte der muthige Knabe, indem er mit der Hand verſtohlen einige Blutstropfen von der Stirne wiſchte, die aus einer im Kampfe empfangenen leichten Streifwunde floßen. „So viel weiß ich, daß ich mich immer in der Nähe des Vaters gehalten habe; ob aber vor ihm oder hinter ihm, das iſt mehr, als ich hehaupten kann, in Betracht, daß Alles ſo finſter um uns her war.« „Der Knabe hat tapfer gefochten und ſich würdig betragen,“ nahm Warley jetzt das Wort.„Das Blut ſeiner tapferen Vorfahren fließt unvermiſcht in ſeinen Adern.— Ha, was iſt das? Welch' ein Schimmer unter den Schuppen. Wahrlich, wir müſſen einen Ausfall machen, um deine Heerden und Scheunen vom Untergange zu retten!« „Zu den Scheunen! vorwärts zu den Scheunen!“ ertönte in dieſem Augenblicke der Ruf zweier junger Männer von ihren Wacht⸗ poſten her, wo man ſie der Vorſicht wegen aufgeſtellt hatte. „Feuer iſt in den Gebäuden!« rief zugleich eine Magd, welche den gleichen Dienſt, aber unter dem Schutze des Wohnhauſes, verſehen mußte. Kaum erſchallte dieſes Geſchrei, ſo folgte das Krachen aller Gewehre, ſämmtlich nach dem ſchimmernden Lichte gerichtet, deſſen fahler Schein ſchon fürchterlich nahe den brennbaren Stoffen loderte, mit denen die meiſten Außengebäude bis unter die Dächer hinauf angefüllt waren. Ein Schrei, der allen Zuhörern ſchauernd durch Mark und Bein ging, und das plötzliche Erlöſchen des flackernden Feuerbrandes bewieſen, daß der Verſuch der Indianer ihnen ſelbſt zum Verderben gereicht hatte. „In dieſem Augenblicke dürfen wir uns nicht läſſig zeigen! ſchrie Content, welcher durch die drohende Gefahr im höchſten Grade — nn— 62 aufgeregt war.„»Vater! Vater! es iſt an der Zeit, unſere äͤußerſte Macht zu entwickeln!“ Einen Moment hindurch blieb nach dieſer dringenden Auffor⸗ derung Contents Alles ruhig und todtenſtill. Dann aber ward das Thal ſo plötzlich erleuchtet, als wenn ein blendender electriſcher Strom durch daſſelbe hingezuckt wäre; ein Feuerſtrom drang durch dem oberſten Gemache des Blockhauſes, und gleich darauf erfolgte der Donuer der kleinen Kanone, welche wir bereits weiter oben erwähnt haben. Man vernahm ein Geknatter, welches der Schuß verurſachte, indem er die Balken der Schuppen auseinander riß und zerſchmetterte, und zugleich mit dem Blitze ſah man etwa fünfzig dunkte Geſtalten aus den Gebäuden hervor gleiten. Schrecken zeigte jede ihrer Be⸗ wegungen, und eben dieſer Schrecken trieb ſie mit wunderbarer Geſchwindigkeit vorwärts. „Jetzo iſt es Zeit,« ſagte Content.„Der Augenblick iſt günſtig.“ Er gab Ruben Ring einen ſtummen Wink, und gleich darauf drangen die beiden Männer durch die Pforte und verſchwanden in der Richtung nach den Scheunen hin. Die Uebrigen ſchauten ihnen nicht ohne Beſorgniß nach, und ſo lange ihre Abweſenheit dauerte, pochte Ruth's Herz heftig vor großer Angſt. Aber die Männer blieben nicht lange aus, und alle Zurückgebliebenen athmeten leichter auf, als die kühnen Gängler wohlbehalten und ſo ſtill, wie ſie die Palliſaden verlaſſen hatten, wieder zurückkamen. Das Geſtampf auf der gefrorenen Schneekruſte, das Wiehern der Pferde und das Gebruüll des erſchreckten, jach in den Feldern umher rennenden Rindvieh's errieth alſogleich den Zweck, weshalb Content ſich der Gefahr, von den Wilden ergriffen zu werden, ausgeſetzt hatte. „Komm herein, Content! Komm ſchnell!« fluͤſterte die liebende Gattin, welche mittlerweile mit eigener Hand die Pforte offen ge⸗ halten hatte.»„Um Gottes willen komm herein! Nicht wahr, du haſt die Thüre frei gelaſſen, damit kein lebendiges Geſchöpf in den Flammen umkommen ſolle?“ „Ja, das habe ich, und verfuhr dabei nicht zu ſchnell,« er⸗ wiederte Content.„Sieh, der Feuerbrand flackert ſchon wieder empor.“ Content hatte in der That alle Urſache, ſich wegen des gelun⸗ genen Wageſtücks Glück zu wünſchen; denn noch hatte er nicht zu ſprechen aufgehört, als man auch ſchon wieder möglichſt verborgen ge⸗ haltene Brände ſah, die, wie gewöhnlich, aus zuſammengebundenen, angezündeten Kienſpähnen beſtanden. Sie wurden uͤber die Felder getragen und kamen den Außengebaͤnden immer näher und näher. hnen erte, nner chter die umpf das anden der bende en ge⸗ e, du n den 8 er⸗ por.« gelun⸗ cht zu en ge⸗ denen, Felder näher. Doch geſchah dieß auf Umwegen und bedeckten Pfaden, und zwar mit großer Vorſicht, um die Fackelträger vor den Schüſſen der wachſamen Belagerungsmannſchaft zu ſichern. Dieſe letztere verſuchte jetzt noch eine kühne und allgemeine Anſtrengung, um wo möglich die ſo nahe drohende Gefahr abzuwenden. Die Musketen und Büchſen der jungen Krieger knatterten und krachten, und öfter als ein Mal ſprühte aus dem Gemache des alten, ernſten Puritaners ein Feuer⸗ ſtrom hervor, der die gefährlichen Beſucher zurückweiſen ſollte. Die Schüſſe blieben allerdings nicht ohne Wirkung; denn mehr⸗ fach ertönte das gellende Geſchrei der Rothhäute, welches theils durch den körperlichen Schmerz der Getroffenen, theils durch die Wuth, ihr Vorhaben aufgeben zu müſſen, veranlaßt wurde. Aber trotzdem, und obwohl die Meiſten, welche ſich den Scheunen näͤherten, zurückwichen und für ihre Verwegenheit büßen mußten, gelang es doch Einem, liſtiger oder kühner, wie die Andern, ſich an die Ge⸗ bäude heran zu ſchleichen, und ſeine gefährliche Abſicht in's Werk zu ſetzen. Das Abfeuern der Gewehre hatte aufgehört und die Belagerten glaubten ſchon die Feinde glücklich zurückgetrieben zu haben, als auf einmal die Felder ringsum erhellt wurden, und in demſelben Augenblicke eine breite Flamme von einem Kornſchuppen bis zur Spitze emporloderte, und mit unglaublicher Geſchwindigkeit das leicht entzündliche Getreide in Brand ſetzte. Gegen dieſe Verheerung gab es kein Rettungsmittel. Die Scheunen, Stackete und Palli⸗ ſaden, die eben noch in tiefer Finſterniß lagen, wurden in einem Nu ſonnenhell erleuchtet, und gefährlich würde es geweſen ſein, in dem Glanze dieſes hellen Lichtes ſtehen zu bleiben, um den jauchzen⸗ den Wilden zur Zielſcheibe zu dienen. Unausbleiblicher Tod würde die Folge ſolcher Vermeſſenheit geweſen ſein; und daher ſahen ſich die Gränzbewohner gezwungen, tiefer in die Schatten des Hügels und der Gebäude zurück zu treten, und innerhalb der Palliſaden ſichere Verſtecke vor den Geſchoßen der feindlichen Wilden aufzuſuchen. „ SDas iſt ein trauriger undaherzbedrückender Anblick für Einen, der mit Mühe und im Frieden ſeine reiche Ernte eingebracht hat!« ſagte mit einem Seufzer Content, indem er ſein Auge auf die lodern⸗ den Flammen heftete, welche hoch empor in die Luft wirbelten, und bei ihrem Hin⸗ und Herwogen bald auch das Gebälk eines benach⸗ barten Schuppens ergriffen.„Da, geliebtes Weib, wird der Ertrag eines geſegneten Jahres in wenigen Minuten von dem Feuer dieſer ſchäudlichen Raubmörder zerſtört, die Gott verfteerene —— „Still, Content! Still!« fiel ihm die Gattin in die Rede. „Alles iſt Wohlhabenheit und die Fülle deiner Speicher gegen das, was uns noch geblieben iſt. Nein, nein, murre nicht gegen Gott, ſondern bete zu ihm, daß er uns nur unſere Kinder und die Sicher⸗ heit unſerer Wohnung erhalten möge.“ „Ja, ich ſehe ein, daß du Wahrheit redeſt!« antwortete Con⸗ tent ſanfter, indem er danach rang, ſich die Gottergebenheit ſeiner Gattin anzueignen.„Was ſind die Güter und Reichthümer der Welt gegen das Glück und den Frieden der Seele! Aber ſieh,“ fuhr er, in neuen Zorn ausbrechend, fort,—„ſieh, dieſer Windzug vollendet das Werk der Böſen und die Zerſtörung unſerer Habe! Da fliegt das wüthende Feuer dahin und dorthin, und jetzt iſt es mitten unter den Speichern! Oh!“ „Ruth vermogte keine Antwort zu geben; denn wenn auch die Sorge um die weltlichen Güter nicht ſo lebhaft in ihrem Herzen wie in dem Herzen ihres Gatten war, ſo flößte ihr das unaufhaltſame Weiterſchreiten des verheerenden Elementes doch andere Beſorgniſſe ein, welche mit dem Gedanken an ihre und ihrer Lieben perſönliche Gefahr verknüpft ſchienen. Die Flammen ſchoſſen wie feurige Schlan⸗ gen von Dach zu Dach, und da ſie überall, wohin ſie auch kamen, Nahrung von der leichteſt entzündlichen Art fanden, ſo ſah man bald die ganze, lange Reihe der Scheuern, Schuppen, Speicher, Ställe in Ein Feuer⸗ und Rauchmeer eingehüllt. Bis zu dieſem Augenblicke hatte die Ungewißheit der Hoffnung von der einen, wie Furcht und Bangen von der andern Seite, alle lauten Ausbrüche der Freude oder des Grimms zurückgehalten; jetzt aber verkündigte ein lautes Aufjauchzen der Freude den Jubel, mit welchem die Rothhäute ihren grauſamen und erbarmungsloſen Plan zur Wirklichkeit werden ſahen. Gleich auf dieſen lauten Ausbruch der Freude folgte ein neues Kriegsgeſchrei, ein neuer, allgemeiner Angriff. — Die Flammen verbreiteten die Helle des Tages auf dem Platze, und die beiden feindlichen Partheien ſahen einander ſo deutlich, als wenn die Sonne geſchienen hätte. Angeſpornt durch die Ausſicht auf günſtigen Erfolg, ſtürmten die Wilden mit mehr Kühnheit, als ſie ſonſt im offenen Kampfe zu zeigen pflegen, gegen die Palliſaden an. Der Seite, wo die Flammen wütheten, gegenüber, warfen der Hügel und die darauf ſtehenden Gebäude einen breiten Schatten quer über die Felder, und die kühnſten Wilden benutzten dieſen Streifen der Dunkelheit, um ſich ungeſtraft einen Weg bis an die 65 Palliſaden zu bahnen. Erſt ihr Freudengeſchrei verkündigte den Angegriffenen ihre Gegenwart; denn Content und alle Uebrigen hatten mit zu großer Aufmerkſamkeit das ſchreckliche Schauſpiel der um ſich greifenden Flammen verfolgt, um auf die Fortſchritte der Wilden ein wachſames Auge haben zu können. Jetzt aber flogen Alle pfeilgeſchwind zu dem bedrohten Punkte hinüber, und gewahrten mit Einem Blicke die errungenen Vortheile des Feindes. Das Feuer der Büchſen ſowohl, wie das Abſchießen von Pfeilen wäre hier ganz vergeblich geweſen, indem die Palliſaden den An⸗ gegriffenen ſowohl, wie den Angreifenden hinlängliche Sicherheit gewährten. Jetzt mußte Mann gegen Mann gekämpft werden, und die Minderzahl wurde unzweifelhaft den Kürzeren gezogen haben, wenn ſie nicht glücklicher Weiſe ſich nur vertheidigend zu halten gebabt hätte. Jede Spalte in den Palliſaden wurde dazu benutzt, Meſſerſtiche auszutheilen, und bald vernahm man auch wieder das Krachen einer einzelnen Büchſe, oder das Knarren eines geſpannten Bogens. „Nur immer hart an den Palliſaden geblieben, ihr Männer!« rief Warley während des grauſamen Kampfes mit munterer, Muth einflößender Stimme den Vertheidigern zu.„Ich bin ſchon mehr bei dergleichen geweſen, und wenn Ihr nur nicht von den Bruſt⸗ wehren zurückweicht, ſo ſind und bleiben ſie für den Feind unein⸗ nehmbar. He das war gut gemeint, Freund Indianer,« murmelte er zwiſchen den Zähnen, und wehrte mit der Hand, und zwar nicht ohne Gefahr für dieſelbe, einen Meſſerſtoß ab, welcher eigentlich ſeinem Halſe galt. Hierauf packte er mit der andern Hand den Rothen, welcher den Stoß gethan hatte, hob ihn mit Rieſenkraft in die Höhe bis an eine Oeffnung in den Palliſaden, und rannte ihm ſeine eigene ſcharfe Klinge bis an's Heft in den Leib. Die Augen des auf ſolche Weiſe verwundeten Schlachtopfers rollten wild hin und her, und entſetzlich war es zu ſehen, wie er ohnmächtig mit Armen und Beinen gegen die Gewalt rang, welche ſich ſeiner ſo plötzlich und mit ſo unwiderſtehlicher Stärke bemächtigt hatte. Endlich, als Warley ihn los ließ, fiel er wie ein Stein zur Erde, und blieb regungslos liegen. Der Tod hatte ſeine Seele von dannen geführt. Die Wirkung von dieſem Kampfe war plötzlich und überraſchend. Sobald die Indianer ſahen, daß ihr Freund gefallen ſei, ſtießen ſie ein gellendes Klagegeheul aus, zogen ſich zurück, und verſchwan⸗ den eben ſo ſchnell, als ſie ſich vorhin genähert hatten. Narramatta und Conanchet. 5 „Dem Himmel ſei Dank für dieſen glücklich errungenen Vor⸗ theil,“ ſagte Content, als er mit ſeinen Leuten wieder oben auf dem Gipfel des Hügels ankam, wo man beſſer, als an jedem andern Orte, die ganze Reihe der Befeſtigungen zu überſchauen und zu beobachten vermogte.„Ich ſehe, wir ſind noch Alle bei— ſammen und am Leben, aber Viele von uns werden mehr oder minder verwundet ſein.“« Das Schweigen der wackern Burſche, welche meiſt damit be⸗ ſchäftigt waren, das Blut abzuwiſchen und zu ſtillen, war eine mehr als hinreichende Antwort, und Content wendete ſich betrübt von ihnen ab. „He, Vater,“ flüſterte der junge aber höchſt ruͤhrige und auf⸗ merkſame Marcus,„ſieh dort an der Palliſade, dicht neben dem Pförtchen liegt noch Einer. Gewiß iſt er ein Wilder; ich müßte denn mein Auge von einem alten Baumſtumpfe täuſchen laſſen.“ Die Blicke Aller folgten der Richtung von Marcus ausgeſtreck⸗ ter Hand, und in der That bemerkten ſie etwas Schwebendes an der innern Seite der Palliſaden, welches auf das Täuſchendſte einer menſchlichen Geſtalt ähnlich ſah. Da jedoch dieſer Theil der Be⸗ feſtigungen mehr im Dunkel lag, als alles Uebrige, ſo theilte ſich der Zweifel des Knaben auch den Andern Vertheidigern mit. „Heda, wer hängt dork an unſern Palliſaden?“ rief Eben Dudley endlich, um die Ungewißheit mit einem Male aufzuklären. Sprich, damit wir keinen Freund verletzen!« Der dunkle Gegenſtand blieb ſo unbeweglich bei dieſem Anrufe, wie der Pfahl, an welchem er hing. Nun aber krachte die Büchſe des entſchloſſenen Gränzmannes, und kaum hatte man den Schuß vernommen, ſo ſtürzte auch jener fremde Gegenſtand, einem todten Körper gleich, auf die Erde nieder. „Da liegt er, wie ein getroffener Bäaͤr, der vom Baume ge⸗ fallen iſt,“ ſagte Dudley ſelbſtgefällig.„Lebendig muß er geweſen ſein, denn ſonſt würde meine Büchſe ſchwerlich ihn herunter geholt haben.“ „Ich will ſehen,« ſagte der junge Marcus raſch,—„ich will ſehen, ob es wirklich vorbei mit ihm iſt.« Er wollte hinweg eilen. Marley aber hielt ihn auf, indem er gelaſſen ſeine Hand ihm auf die Schulter legte und ſagte:„Dieß iſt ein Geſchäft für reifere Erfahrung, mein Sohn. Ich ſelbſt will hin und ſchauen, was aus dem Heiden geworden iſt.“ „Marcus gab nach, und Warley wollte ſich eben an den Ort 67 hin begeben, als der vermeintlich ſchwer Verwundete oder Todte plötzlich auf die Füße ſprang, einen gellenden Schrei ausſtieß, welcher das Echo des ganzen Waldſaumes weckte, und dann mit weiten, hohen und raſchen Sprüngen in das Wohngebäude hinein ſetzte. Raſch wurden zwar einige Büchſen abgefeuert und die pfeifenden Kugeln ihm nachgeſendet; aber die Sprünge des Wilden geſchaben, wahrſcheinlich mit Abſicht, in ſolcher Art und Weiſe, daß ſie alles Zielen unſicher machten und das Treffen der Kugeln verhinderten. Unverletzt erreichte er eine Ecke des Hauſes, ſtieß nochmals einen jubelnden Siegesſchrei aus, und verſchwand ſodann mit Blitzesſchnelle hinter den Mauern. Sein Schrei verhallte nicht ungehört. Auch die Indianer draußen vernahmen und erwiederten ihn, und verſammelten ſich gleich darauf zu einem erneuten Angriffe. „Hier dürfen wir keinen Augenblick verlieren,« ſagte Warley, deſſen Geiſtesgegenwart und Tapferkeit allen Vertheidigern eine ſo große Achtung eingeflößt hatte, daß man allen ſeinen Befehlen ohne Widerrede und gern gehorchte.»Ein Indianer in unſeren Gebäuden kann bald der ganzen Beſatzung den Untergang bereiten, kann dem Feinde die Pforte öffnen.... „Nein, das nicht,« fiel Content ihm in die Rede,„die Pforte iſt durch dreifache ſtarke Schlöſſer geſichert, und der Schlüſſel befindet ſich an einem Orte, wo Niemand, als einer von den Unſrigen ihn zu finden vermag.“ „Das iſt gut,« flüſterte Warley einigermaßen beruhigt.„Auch über das geheime Pförtchen können wir ohne Sorgen ſein, denn glücklicher Weiſe ſind die Mittel, es zu öffnen, in meinem Beſitz, da ich Dudley den Schlüſſel abgefordert habe. Ja ja, inſoweit iſt Alles gut, aber das Feuer! das Feuer! Die Mägde müſſen auf Herd und Lichter Acht haben, und unſere tapferen jungen Krieger die Palliſaden behaupten, mag es koſten was es wolle. Sieh da, der Sturm beginnt ſchon wieder!“ 3 Bei den letzten Worten ſtürzte er ſelbſt ohne Zögern an die Palliſaden hinab, und gab auf ſolche Weiſe den Uebrigen ein Bei⸗ ſpiel, welches nachzuahmen ſie keinen Augenblick zögerten. Von ihnen unterſtützt ſuchte Warley das Herannahen des Feindes zu verhindern; aber ihre Büchſenſchüſſe wurden durch einen Pfeilregen erwiedert, welcher für die tapferen Vertheidiger wenigſtens nicht gefahrlos genannt werden konnte.“ Während ſo die Kugeln und Pfeile herüber und hinüber flogen, 5* beeilte ſich Ruth mit ihren Mägden, die von Warley angedeuteten Anordnungen auszuführen. Alle Feuerſtellen im Hauſe wurden reichlich mit Waſſer übergoſſen, und da draußen noch immer der Brand fortdauerte und beinahe Tageshelle verbreitete, ſo zögerte man nicht, alle Lichter und Fackeln auszulöſchen, welche im Wohn⸗ hauſe oder in den Nebengebäuden bisher noch gebrannt hatten. Achtes Kapitel. Sobald alle dieſe Vorſichtsmaßregeln getroffen waren, kehrten die Mägde an die ihnen angewieſenen Wachtpoſten zurück, und ließen Ruth, deren eigentliches Geſchäft während den Augenblicken der Gefahr in der Oberaufſicht über alle weiblichen Perſonen beſtand, mit ihren Sorgen, Befürchtungen und Betrachtungen allein. Die Furcht trieb Contents Gattin zu einer mehr als gewöhnlichen Wach⸗ ſamkeit an; ſie vermogte in den innern Gemächern nicht auszuhalten, ſondern näherte ſich der in den Hofraum führenden Thüre und be⸗ trachtete den ſchrecklich ſchönen Anblick des ſie umgebenden Schau⸗ ſpiels, über welches ſie einige Augenblicke ihre unmittelbaren Pflichten vergaß. Das Feuer hatte ſich jetzt ſchon ſo weit verbreitet, daß die ganze Maſſe der Schuppen, Ställe und Scheunen, welche ſammt und ſonders aus den leichteſt brennbaren Materialien aufgeführt waren, von Einem großen Flammenmeere umwogt waren. Trotz der dazwiſchen liegenden Gebäude loderten doch unaufhörlich breite Feuer⸗ wellen ſo hoch auf, daß ihr Schimmer in den Hof hinab fiel, und der ganze Himmel war mit einem düſtern, ſchillernden Roth über⸗ zogen, in deſſen Wiederſchein man rund umher den kleinſten Gegen⸗ ſtand unterſcheiden konnte. Durch die Lücken zwiſchen den Haupt⸗ und Nebengebäuden der viereckigen kleinen Feſtung vermogte Ruth in das Feld hinüber zu ſchauen, und indem ſie es that, mußte ſie ddie betrübende Bemerkung machen, daß die Wilden nicht eher wieder 1 von dannen ziehen würden, als bis ſie vollſtändig ihren Zweck erreicht hätten. Sie ſah finſtere, grimmig ausſchauende, halb nackte Ge⸗ ſtalten von einem Schlupfwinkel zum andern ſchleichen, und auf dem ganzen Felde war innerhalb Pfeilſchußweite kein halb verkohlter Baumſtamm, keine Erhöhung, kein Holztlon, hinter welchem ſich nicht ein trotziger, blutdürſtiger Wilder verborgen gehaht und Schutz geſucht hätte. Unverkennbar waren mehrere Hunderte um die Feſtung 4— r —— r e 69 her verſammelt, und da ſie ſich nach der verſuchten aber glüeklich vereitelten Ueberrumpelung der Belagerten nicht zurückgezogen, ſo mußte man ſchließen, daß ſie bis auf's Aeußerſte kämpfen würden, um ihre Zwecke zu erreichen, mogte der Sieg auch koſten, was er wolle. Und während des furchtbaren Kampfes vernachläſſigten ſie kein einziges Mittel, welches irgend dazu dienen konnte, das Schreck⸗ liche deſſelben bis auf das Höchſte zu ſteigern. Rings umher er⸗ dröhnte ihr Kriegsgeheul und ihr triumphirendes Geſchrei, und mehr als einmal erſcholl der dumpfe ſchrille Ton der Seemuſchel, deren ſich die Heiden mit ſchauerlicher Liſt bedient hatten, um die Anſiedler aus ihren ſicheren Verſchanzungen in's Freie herauszulocken. Aber während die Wilden mit Anſtrengung kämpften, waren auch die Belagerten nicht müßig. Schuß krachte auf Schuß, und der Erfolg bewies, daß ſich die Anſiedler mit eben ſo viel Beſonnen⸗ heit wie Wachſamkeit vertheidigten. Keine Kugel wurde unnöthiger Weiſe vergeudet, ſondern jede hatte ihr beſtimmtes Ziel, und nur ſelten geſchah es, daß ſie daſſelbe verfehlte. Die Kanone im ober⸗ ſten Stockwerke des Blockhauſes ſchwieg. Der vorſichtige alte Puri⸗ taner widmete ihr ſeine Sorgfalt, und er war viel zu klug und erfahren, um die Schrecken, welche ſie einflößte, durch allzu häufigen und zweckloſen Gebrauch zu vermindern. Er erſparte ſich den Ge⸗ brauch des Geſchützes auf dringendere und gefährlichere Augenblicke, welche, wie er recht gut wußte, beſtimmt nicht ausbleiben würden. Dieß war ungefähr das Schauſpiel, welches die traurigen und furchtſamen Blicke der Gattin Contents auf ſich zog und trübe Gedanken in ihrer Seele erweckte. Die bisherige friedliche und ſtille Ruhe ihres Hauſes war zerſtört worden und an die Stelle derſelben Gräuelſcenen getreten, die ihr Blut erſtarren machten und Alles zu vernichten drohten, was ihr das Liebſte und Theuerſte auf Erden ſein mußte. Sie dachte an ihren Gatten, an ihren Sohn, an ihre Tochter, und plötzlich, wie von einer unbeſtimmten aber traurigen Ahnung ergriffen, flog ſie in das Gebäude zurück und eilte mit hurtigen Schritten dem Gemache zu, wo ſie ihre kleine Ruth und deren Geſpielin geborgen glaubte. „Ihr habt doch meinem Befehle, nicht in die Felder hinans zu ſchauen, Gehorſam geleiſtet, meine Kinder?« fragte ſie halb athemlos die kleinen Mädchen, als ſie in das Zimmer trat. „Danket dem Herrn und preiſet ihn, denn bisher ſind die Angriffe der ſchrecklihen Wilden fruchtlos geblieben, und noch ſind wir Herren unſerer Wohnung.“« 4 „Mutter,“« fragte die kleine Ruth,„wovon iſt denn nur die Nacht ſo roth und hell? Sieh nur einmal hierher; du kannſt in den Wald hinaus ſchauen, als ob die Sonne am Himmel ſtaͤnde.« „Die Heiden haben Feuer in unſre Scheuern geworfen, und was du ſiehſt, iſt nur der Wiederſchein der Flammen,“ entgegnete Ruth.„Aber fürchte dich nicht zu ſehr, liebes Kind, denn glück⸗ licher Weiſe können ſie den Feuerbrand nicht in unſere Wohnung tragen, ſo lange noch dein Vater und andere tapfere Männer ihre Waffen zu unſerem Schutze zu ſchwingen vermögen. Wir müſſen ihnen Allen dankbar ſein, und gewiß, meine kleine liebe Ruth, ge⸗ wiß biſt du ſchon auf deine Kniee gefallen und haſt Gott um Schutz und Segen für den Vater und deinen Bruder Marcus an⸗ gefleht. Nicht wahr?“« „Ja, meine Mutter, das that ich und will es wieder thun,“« antwortete das Kind leiſe, indem es ſich auf die Knie niederwarf und ihr jugendliches Geſicht im Schooße der Mutter verbarg. „Aber warum verhüllſt du dein Antlitz?« fragte die Mutter. „Wer noch ſo jung und unſchuldig iſt, wie du mein Kind, der kann wohl ohne Scheu und Furcht ſein Auge zu dem allliebenden Vater erheben.“« „Ach Mutter, ich fürchte immer den Indianer zu ſehen, wenn ich meine Augen aufſchlage,“ erwiederte die kleine Ruth.„Gewiß ſiunt er darauf, uns Böſes zu thun.“« „O nein, liebes Kind, da biſt du ungerecht gegen den Kna⸗ ben,“ erwiederte Ruth, indem ſte zugleich einen hurtigen Blick auf den jungen Indianer warf, der ſich beſcheiden in einen fernen und dunkeln Winkel des Gemaches zurückgezogen hatte.„Ich habe ihn bei dir gelaſſen, damit er dich ſchützen, nicht aber, daß er dir ein Leid zufügen ſolle. Nein, nein, liebes Kind, du thuſt ihm Unrecht. Bete zu Gott, erhebe deine Gedanken zu ihm, dem Vater über den Wolken, und vertraue auf ſeine Güte.“ Mit dieſen Worten drückte ſie einen Kuß auf die blaſſe Stirne des furchtſamen Kindes und wendete ſich dann vor den Indianer, welcher ohne ein ſichtliches Zeichen von Theilnahme die Worte der Mutter und Tochter angehört hatte. 3 „Knabe,“ ſagte ſie,„ich gehe, und von Neuem laſſe ich dich als den Beſchützer meines Kindes zurück, denn ich liebe dich und vertraue dir.“ Dyne eine Erwiederung abzuwarten, näherte ſie ſich hierauf der Thüre. 71 —— „Mutter!“ ſchrie jetzt plötzlich die kleine Ruth,»„Mutter, komme zu mir, oder ich ſterbe!“ Schnell wendete ſich Ruth wieder zu der Kleinen, deren angſt⸗ voller Ruf ihre Seele erſchüttert hatte, und ſah mit Einem Blicke die ganze Gefahr, in welcher ihr geliebtes Kind ſchwebte. Ein nackter Indianer von rieſenhafter Geſtalt und dunkler Haut, ſchreck— lich anzuſchauen in der Grauſen erregenden Bemalung eines india⸗ niſchen Kriegers, ſtand vor der kleinen Ruth, und hatte um die eine Hand das ſeidenweiche lange Haar des Kindes gewunden, während er mit der andern ſich die blanke, geſchliffene Streitapt über das Haupt ſchwang, welches unrettbar dem Untergange ge⸗ weihet zu ſein ſchien. Einen Augenblick blieb Ruth ſtarr vor Entſetzen ſtehen. Dann aber ſchrie ſie laut auf, ſtürzte ſich dem Indianer zu Füßen, um ſein Erbarmen anzuflehen, und kreiſchte mit angſtbebender Stimme: „Gnade! Gnade! Ermorde mich, Ungeheuer, und ſchone nur das arme, unſchuldige Kind!« Das rollende Auge des Indianers blitzte kalt auf die jam⸗ mernde Mutter nieder; der gefühlloſe Wilde ſchien ſich mehr uüͤber das neue Opfer, welches in ſeine Hand gegeben war, zu freuen, als Mitleid oder Erbarmen zu empfinden, und keine Miene oder Bewegung deutete an, daß er ſein blutiges Vorhaben aufzugeben geneigt ſei. Mit einer teufliſchen Kaltblütigkeit riß er das bebende, ſprachloſe und halb ohnmächtige Kind in die Höhe, ſchwang den Tomahamk über ſeinem Haupte und ſuchte mit grimmigem Auge den Fleck, auf welchem der tödtliche Streich geführt werden ſollte. Zum letzten Male wirbelte die blitzende Waffe in der Luft herum, und das Loos der Kleinen ſchien in der nächſten Sekunde der Tod ſein zu müſſen, als plötzlich der gefangene Knabe vor dem grau⸗ ſamen Krieger ſtand, welcher die ganze entſetzliche und herzbrechende Scene herbeigeführt hat. Schnell ſtreckte er ſeinen Arm aus, und dieſe hurtige und zugleich kraftvolle Bewegung hinderte den tödt⸗ lichen Streich. Der auf dieſe Weiſe in ſeinem blutigen Werke ge⸗ hemmte Indianer ſtieß jenen tiefen Kehllaut aus, welcher bei den Wilden der gewöhnliche Ausdruck des Staunens oder der Ueber⸗ raſchung iſt, ließ darauf die bewaffnete Hand langſam herabſinken und die bisher ſchwebend erhaltene Geſtalt des Kindes wieder auf die Erde gleiten, und warf dann einen raſchen Blick auf den Kna⸗ ben, der zwiſchen ihn und ſein Opfer getreten war. Der Jüng⸗ ling ſelbſt zeigte weder Zorn, noch Unwilten oder Entſetzen; unbe⸗ 3 — weglich ſtand er da, aber der Ausdruck ſeines Auges, ſeiner gan⸗ zen Geſtalt war in hohem Grade Ehrfurcht heiſchend und gebiete— riſch. Und dieſe geſammelte Ruhe verfehlte nicht ihres Zweckes, ſondern erzwang ſich augenblicklichen Gehorſam. „Geh,« ſagte er in der Sprache ſeines Volkes zu dem Wil— den,—„geh! Die Krieger der Blaßgeſichter rufen Deinen Namen.“ „Der Schnee iſt geröthet von dem Blute unſrer jungen Män⸗ ner,« lautete die grimmige Antwort des rieſigen Kriegers;„der Schnee iſt roth, und noch ſchmückt kein Skalp den Guͤrtel Eines der Unſrigen.“ „Dieſe ſind mein!“ erwiederte der Knabe mit ruhiger Würde, indem er zugleich während des Sprechens eine Bewegung mit dem Arme machte, welche andeuten ſollte, daß alle im Gemache Be⸗ findlichen unter ſeinem Schutze ſtänden. Mit unverhehltem Grimme und noch keineswegs geſonnen, ſeine Schlachtopfer aufzugeben, blickte der indianiſche Krieger um⸗ her. Die Gefahr, der er ſich beim Eindringen in das Gebäude ausgeſetzt hatte, war zu groß geweſen, als daß er ſich ſo leicht von ſeinem Vorſatze hätte abbringen laſſen. „Horch!« ſagte er nach einer kurzen Pauſe, welche nur durch den Donner der Kanone, die der alte Puritaner auf dem Block⸗ hauſe abfeuerte, unterbrochen ward,—„horch, das Rollen des Donners iſt auf der Seite der Blaßgeſichter! Unſre jungen Mäd⸗ chen werden das Geſicht von uns abwenden und uns Pequods nen⸗ nen, wenn wir ohne Skalpe am Gürtel in unſer Dorf zurück⸗ kehren.« Dieſe Worte des Kriegers machten einen tiefen und augen⸗ ſcheinlichen Eindruck auf den jungen Knaben. Seine Geſichtsfarbe wechſelte, ſeine Züge veränderten ſich, und einen Augenblick hin⸗ durch ſchien ſein Entſchluß zu ſchwanken. Der Krieger bemerkte dieſe Umwandlung ſogleich, und mit einem grimmigen Lächeln und triumphirend blitzenden Auge griff er ſchon wieder nach den Haaren ſeines kaum geretteten Schlachtopfers, um von Neuem den Verſuch zu machen, es mit kaltblütiger Grauſamkeit zu erſchlagen. „Knabe, Knabe!« ſchrie Ruth mit den gellenden Tönen der Verzweiflung;„wenn du jetzt uns verläſſeſt, ſo wird Gott dich einſt verlaſſen in deiner ſchlimmſten Stunde!« 8 Der Jüngling raffte ſich zuſammen und erhob mit einer ge⸗ bieteriſchen Geberde ſeine Hand. Milleidsvoll ruhte einen Moment 4 —— hind und wie die baͤn Kri me wa Aug und erh aug öffa eine Wo vor tö rel ein den 73³ hindurch ſein Auge auf dem bleichen Antlitze der entſetzten Mutter, und alle Liebe und Gute, die ſie ihm ſo lange Zeit hindurch be⸗ wieſen hatte, ſchien klar vor ſeiner Seele zu ſchweben und ſelbſt die tief eingewurzelten Gewohnheiten und Vorurtheile ſeines unge⸗ bändigten Stammes zu überwältigen. „Sie ſind mein!“ herrſchte er dann mit wilder Stimme dem Krieger zu.„Höre auf meine Worte, Wompahwiſſet; das Blut meines Vaters rollt ſehr heiß in meinen Adern!“ Der trotzige Indianer ließ das Haar des Kindes fahren und wagte es nicht, den Todesſtreich zu führen. Die dunkel glühenden Augäpfel des Kriegers hafteten feſt auf der ſtolz erhobenen Geſtalt und dem ernſten Geſichte des kühnen Jünglings, deſſen drohend erhobener Arm bereit ſchien, den Ungehorſam gegen ſeine Befehle augenblicklich zu rächen. Die geſchloſſenen Lippen des Kriegers öffneten ſich, und mit ſo weichen Tönen, wie man ſie nimmer bei einer ſo trotzigen Geſtalt erwartet haben würde, ſprach er das Wort„Miantonimoh« aus. Hierauf, als eben ein lautes Gebrüll von gellenden Indianerſtimmen das Gepraſſel der Flammen über⸗ tönte, ließ er vollends das bebende und faſt bewußtloſe Kind fah⸗ ren, wandte ſich ab und ſprang davon, wie ein Bluthund, der eine friſche Fährte gewittert hat. „Knabe, theurer Knabe,“« ſtammelte Ruth, indem ſie ſich an den jungen Indianer wendete,„dir verdanke ich das Leben mei⸗ nes Kindes, und ob du nun Heide oder Chriſt ſeieſt, einſt wird eine Stunde kommen, wo Gott deine gute That ſegnen und be⸗ lohnen wird!« Mit einer raſchen Bewegung ſeiner Hand deutete der Knabe auf die Geſtalt des raſch ſich entfernenden Wilden, und unterbrach dadurch den Daukesausbruch der tief bewegten Mutter. Hierauf, und während er mit dem Finger eine kreisförmige Bewegung um mden Schädel beſchrieb, ſagte er mit dem ernſten Nachdruck eines Indianers die wenigen, aber Entſetzen erregenden Worte: „Das junge Blaßgeſicht, welches an der Seite ſeines Vaters kämpft, hat einen Skalp!« Ruth hörte die Worte und verſtand ſogleich ihre ſchreckliche Bedeutung. Neue Todesangſt ergriff ſie, und mit haſtigen Schrit⸗ ten ſtürzte ſie davon, um ihren Sohn, den jungen muthigen Kua⸗ ben, vor der Hinterliſt eines ſo überlegenen und erbarmungsloſen Feindes zu warnen. Kaum waren ihre Schritte in den weiten Gemächern verhallt, ſo nahm der indianiſche Knabe ſeine vorherige — 72 Stellung wieder ein; und ſo ruhig waren alle ſeine Bewegungen, ſo unbewegt und leidenſchaftlos die jugendlichen Züge ſeines ſchö⸗ nen, obwohl ernſten Geſichtes, als ob er an den ſchrecklichen und alle Gefühle aufregenden Scenen dieſer fürchterlichen Nacht nicht den geringſten Antheil gehabt hätte. Mittlerweile war die Lage der Beſatzung immer gefährlicher und drohender geworden. Das Feuer machte noch immer reißende und unaufhaltſame Fortſchritte. Bei den Außengebänden hatte es ſich von Haus zu Haus, von Schuppen zu Schuppen, von Stall zu Stall fortgewälzt, und nun endlich ein Gebäude erreicht, welches den Vertheidigungswerken am nächſten lag. Die Palliſaden wurden durch die Gluth erhitzt, und die Hitze ſtieg ſo hoch, daß man eine Entzündung der Holzpfähle befürchten mußte. Lärmruf erſcholl, durch dieſe dringende Gefahr veranlaßt, und als Ruth in den Hofraum trat, ſtürzte eben eine der Mägde mit großer Haſt an ihr vorüber. „Haſt du ihn geſehen? Wo iſt er? Wo kämpft er?“ fragte die vor Angſt athemloſe Mutter, indem ſie das Mädchen am Arme feſthielt. „Wer?“ fragte Glaube Ring zurück.„Wen meint Ihr?“« „Wen anders, als meinen Sohn? Ein Indianer iſt inner⸗ halb der Palliſaden und ſucht mordgierig ein Opfer, zu dem er ſich Marcus auserſehen hat.“ „Marcus iſt ſicher, Madame, und kämpft bei ſeinem Vater und dem Fremden, welcher mit unglaublicher Tapferkeit für unſer Leben ſtreitet. Auch iſt kein Indianer weiter in die Palliſaden gedrungen, als jener Schurke, der mit Hülfe böſer Mächte der ſonſt ſo ſichern Büchſe Eben Dudley's entwiſcht iſt.« „O Gott, ſchütze meinen Sohn!“ ſeufzte Ruth, indem ſie die Hände faltete und einen flehenden Blick zum Himmel empor ſandte. „Iſt noch Niemand im Kampfe gefallen, Glaube?« „Niemand, ſo viel ich weiß,« lautete die Antwort.„Bis jetzt hat noch immer der Himmel die Unſrigen beſchützt, obgleich die Rothhäute ihnen tüchtig zugeſetzt haben. Aber das Herz im Leibe bebt auch vor Freuden, wenn man ſieht, mit welcher Kühn⸗ heit und Tapferkeit unſre jungen Leute kämpfen. Sie hätten nur ſehen ſollen, Madame Heatheote, wie mein Bruder Ruben die Waffen benutzt und wie entſchloſſen und männlich Eben Dudley an ſeiner Seite ſteht. Ein wahres Wunder iſt es, daß noch Keiner von ihnen getödtet iſt, denn ſchon zwanzig Mal ſchwebte in dieſer Nacht ihr Leben an einem Faden.“ „Aber wer liegt dort?«“ fragte Ruth entſetzt und mit halb erſtickter Stimme, indem ſie auf eine Geſtalt deutete, welche ent⸗ fernt von dem Getümmel des Streites auf dem Boden lag.„Wer iſt es, der von der Hand der Feinde gefallen iſt?« Ueber den Leichnam hatte die mitleidige Hand irgend eines Freundes, trotz der allgemeinen Verwirrung und Trauer, ein wei⸗ ßes Tuch gebreitet, und ſo bleich wie dieſes ward die Wange des Maͤdchens, als Ruth demſelben den Schreckensanblick zeigte. „Der?“ antwortete ſie mit zitternder Stimme.„Das weiß ich nicht. Mein Bruder Ruben iſt zwar verwundet und blutet, aber doch bin ich gewiß, daß er drüben bei der Schießſcharte im weſtlichen Winkel ſteht. Whittal, obgleich zu Zeiten unklug und närriſch, hat doch Verſtand genug, um der Gefahr aus dem Wege zu gehen. Der Fremde kann es auch nicht ſein, da ich ihn eben noch in Berathung mit Eurem Gatten an der Bruſtwehr ſtehen ſah.“ „Weißt du das gewiß, Glaube? Ganz gewiß?“ „Ganz gewiß, denn es iſt noch keine Minute her, daß ich ſie Beide ſah,« erwiederte das Mädchen.»Aber Eben Dudley! Wollte Gott, wir könnten ſeinen lärmenden Ruf jetzt hören, Ma⸗ dame Heathcote, denn in einem ſo angſtvollen Augenblicke, wie dieſer iſt, würde es gewiß unſer Herz erleichtern.“ „Wohlan, da du nicht weißt, wer der Gefallene iſt, ſo nimm das Tuch weg,« befahl Ruth in ernſtem und feierlichem Tone. „Dann werden wir erfahren, welchen von unſern tapfern Verthei⸗ digern der Himmel aus unſrer Mitte zu ſich gerufen hat.“ Glaube zögerte noch eine Weile; und als ſie endlich ihren Widerwillen mit einer gewaltigen Selbſtüberwindung erſtickte, und den Befehlen ihrer Gebieterin gehorchte, da geſchah es mit einer „Art von entſchloſſener Verzweiflung. Nachdem ſie die Leinwand aufgehoben hatte, ruheten die Augen beider Frauen auf dem blaſ⸗ ſen Geſichte eines jungen Mannes, welcher von der eiſernen Spitze eines indianiſchen Pfeils durchbohrt worden war. Leiſe ließ Glaube das Tuch wieder niedergleiten und ſagte mitleidig:„Es iſt der Jüngling, welcher erſt vor Kurzem zu uns kam. Dem Himmel ſei Dank, daß er bis jetzt noch uns vor dem Verluſte eines älteren Freundes in Gnaden behütet hat.“ „Ach, dieſer arme Jüngling iſt für unſre Sicherheit geſtor⸗ ben,« erwiederte Ruth,„und viel wollte ich darum geben, wenn der Tod an ihm voruübergegangen oder doch ihm eine längere Friſt zum Sterben gegönnt haͤtte. Aber ſtill, wir dürfen jetzt nicht kla⸗ gen und die Augenblicke in Trauer zubringen. Geſchwind laß den Lärmruf ertönen, Mädchen, und ſage den Unſrigen, daß eine ſchleichende Rothhaut ſich in unſern Mauern befindet und umher⸗ ſpürt, wo ſie einen tödtlichen Streich führen könne. Empfiehl in meinem Namen Allen Vorſicht, und wenn du Marcus ſiehſt, ſo wiederhole ihm mehrmals meine Warnung vor der Gefahr. Der Knabe iſt raſch und hört vielleicht nicht auf Worte, die flüchtig und in Eile zu ihm geſprochen werden.« Während die Magd davon eilte, um den Weiſungen ihrer Gebieterin Folge zu leiſten, begab ſich Ruth nach dem Orte zu, wo ſie nach den eingezogenen Erkundigungen ihren Gatten ver⸗ muthen mußte. Er befand ſich dort. Content und der Fremde ſtanden bei⸗ ſammen und beriethen in ernſter Unterredung, was bei der Gefahr, welche ihren ſaͤmmtlichen Vertheidigungswerken über kurz oder lang den Untergang drohte, zu thun ſein würde. Die Gefahr war in der That ſehr groß, und auch die Wilden ſogar ſchienen zu wiſſen, daß ihnen die Flammen in die Hände arbeiteten; denn ihre An⸗ griffe ließen allmählig nach, und hörten endlich ganz auf. Sie zogen ſich, nachdem ſie bei den verſchiedenen Verſuchen, ihren Fein⸗ den zu ſchaden, arg mitgenommen worden waren, in ſichere Ver⸗ ſtecke zurück, und warteten hier geduldig den Augenblick ab, der ihnen zeigen würde, daß ihr verſchmitzter Anſchlag hinlänglich weit gediehen ſei, um einem erneutem Angriffe beſſeren Erfolg zu ſichern. Als Ruth ſich zu den beiden Männern geſellte, bedurfte es nur weniger Worte, um ſie mit dem ganzen Umfange der Gefahr bekannt zu machen; und das Gefühl noch größerer Schrecken ließ ſie vergeſſen, warum ſie eigentlich gekommen war. Still und trau⸗ rig ſtand ſie da. Schlaff hingen ihre Arme am Körper hinab, und mit vor Entſetzen halb geſchloſſenen Augen ſchaute ſie, wie ihre Gefährten, aber ohnmächtig und raſtlos, auf die immer mehr und mehr um ſich greifende Verheerung. „Wenn ein Soldat ſeine Zeit mit Vorwürfen und Klagen verlieren dürfte,« ſprach Marley düſter,„ſo würde ich mein Be⸗ dauern darüber ausſprechen, daß die Hand, welche jene Palliſaden pflanzte, nicht zugleich einen Graben um die ganze kleine Feſtung zog.« „Wir müſſen das Feuer von den Pfählen abzuhalten ſuchen,« ſagte Ruth.„Ich will zu den Mägden eilen und ihnen befehlen, daß ſte Waſſer aus dem Brunnen herbeiſchaffen.“ ſie al ſee de ſterbe hſd riger ein jeigt Flan die g jeht, Verh zugle kehrt Trin Pfei verr men Blo Wei unſr Dich die gent unr. als Wa den eine einer gabe 77 »„Das kann uns nichts helfen,« antwortete Marley.„Wenn ſie auch den Verſuch machten, ſo würden die Pfeile der Indianer ſie dennoch bald wieder verſcheuchen, und überdieß vermögte kein ſterbliches Weſen jene Gluth lange auszuhalten. Sieh nur, die Pfähle rauchen ſchon und werden ſchwarz unter der Wuth des feu— rigen Elementes.“ Marley hatte noch nicht das letzte Wort geſprochen, als ſich ein kleines zitterndes Flämmchen an der Stellen der Palliſaden zeigte, welche den brennenden Gebäuden zunächſt lag. Die kleine Flamme hüpfte von Pfahl zu Pfahl, und bald breitete ſie ſich über die ganze Oberfläche der furchtbar erhitzten Palliſaden aus. Und jetzt, als wäre alles Bisherige nur das Zeichen zur allgemeinen Verheerung geweſen, jetzt zündete die Flamme an fünfzig Stellen zugleich in einem Nu, und die ganze Reihe der dem Feuer zuge— kehrten Palliſaden loderte in hellen Flammen auf. Ein gellendes Triumphgeſchrei hallte von den Feldern herüber, und ein dichter Pfeilhagel folgte, der mehr als alles Andere die lebhafte Ungeduld verrieth, mit welcher die blutdürſtigen Rothhäute auf das Zuneh— men des Brandes gewartet hatten. „Ich ſehe ſchon, wir müſſen weichen, und werden in das Blockhaus zurückgetrieben,« ſagte Content.„Schnell, geliebtes Weib, rufe Deine Mägde zuſammen und beſorge alles Nöthige zu unſrem ſchaurigen Rückzuge.“ »Ja ja, ich gehe,« erwiederte Ruth.„Aber vorher laß mich Dich bitten, Dein Leben nicht in unnützen Verſuchen zu wagen, die Fortſchritte der Flammen zu hemmen. Wir haben noch Zeit genug, für unſre Sicherheit Sorge zu tragen.«. »Ich wollte wünſchen, das wäre ſo,« entgegnete der Fremde unruhig;„aber da zeigt ſich der Angriff in einer neuen Geſtalt.« Wie verſteinert vor Entſetzen blieb Ruth ſtehen und erblickte, als ſie aufwärts ſchaute, den Gegenſtand, welcher die Bemerkung Warley's veranlaßt hatte. Ein kleiner, glänzender Feuerball war den Feldern entſtiegen, beſchrieb in der Luft über ihren Häuptern einen weiten Bogen und ſenkte ſich dann auf die Dachſchindeln eines der Gebäude nieder, welche im Vierecke das Blockhaus um⸗ gaben. Dieſer brennende Pfeil, welcher gleich einer feurigen Lufter⸗ ſcheinung dahinſchwebte und einen Schweif glänzender Funken hinten ſich zurückließ, war mit einer ſolchen Sicherheit, mit einer ſo ruhigen und geübten Berechnung vom Bogen entſendet worden, daß er gerade auf die trockenen, ebenfalls ſchon von der Gluth des Feuers erhitzten Schindeln fiel, mit denen das Dach gedeckt war. Dieſer leicht entzündliche Stoff fing Feuer, wie Pulver, und kaum hatten die Augen der beſtürzten Zuſchauer den Pfeil auf das Dach fallen ſehen, als auch ſchon eine helle Flamme über die er⸗ hitzte Fläche deſſelben hinſchlüpfte. „Jetzt gilt es einen neuen Kampf um unſern Heerd; wir müſſen löſchen!« rief Content aus, indem er vorwärts gegen die Gebäude ſtürzen wollte. Aber Warley hielt ihn mit kräftiger Hand an der Schulter zurück. In dem nämlichen Augenblicke erhoben ſich mehr als ein Dutzend aͤhnliche Feuerbälle in die Luft, und ſtürzten hie und da auf das ſchon halb in Brand geſetzte Dach nieder. Die Flamme griff zu raſch um ſich, um noch der Hoffnung, ihn zu löſchen, Raum zu geben, und mit traurigem Herzen mußte man das ver⸗ heerende Element wütben laſſen, ohne auf etwas Anderes, als die perſönliche Sicherbeit bedacht ſein zu können. Ruth, als ſie ſich von ihrem Schrecken, der ihr das innerſte Herz durchkrampft hatte, wieder erholt, eilte ohne Zögern mit be— flügelten Schritten davon, um ihre immer dringender werdenden Obliegenheiten zu erfuͤllen. Es mußte alles zum Unterhalt Nö⸗ thige, was nicht ſchon früher im Blockhaus untergebracht worden war, in dieſes feſte Gebäude getragen werden, und die Mägde ſäumten nicht, den hierauf hinzielenden Befehlen ihrer Herrin die ſchleunigſte Folge zu leiſten. Leider konnte dieſes Geſchäft bei dem hellen Scheine der Flammen, welcher die dunkelſten Gänge und Gemächer der Gebäude erleuchtete, nicht unentdeckt in Ausführung gebracht werden. Die Feinde bemerkten die beflügelte Thätigkeit, und von Neuem erſcholl ihr Kriegsgeſchrei über die Gefilde. Immer dichter wurde der Pfeilhagel, und die thätigen Frauen konnten nicht ohne Gefahr ihre wichtigen Geſchäfte vollbringen, da ſie jedes⸗ mal, wenn ſie mit verſchiedenen Sachen und Gegenſtänden aus den Gebänden über den Hofraum nach dem Blockhauſe eilten, die Möglichkeit vor Augen ſahen, von den Geſchoßen der Wilden ge⸗ tödtet zu werden. Ein Glück für ſie war es, daß der immer dich⸗ ter qualmende Rauch ſie wie ein Schirm einhüllte und ein genaues Zielen der Indianer unmöglich machte. Unter dem Schutze deſſel⸗ ben ſetzten ſie hurtig ihre Arbeit fort, und bald konnte Ruth ihrem Gatten die erwünſchte Nachricht mittheilen, daß er ſeiner tapfern nun Poſte der e Einig nicht ſei; tigen preßt rufer liche Eife unte Umſ an dard ſcha Kre daß drol Tuch ſchle oben Alle aus an d rauc Con voll die erſte be⸗ den Nö⸗ den gde die dem und rung keit, umer uten ꝛdes⸗ den die ge⸗ dich⸗ aues eſſel⸗ hrem pfern 79 jungen Mannſchaft den Befehl zum Rückzuge von den Palliſaden ertheilen könne. Das gehörige Zeichen ward durch die Muſchel gegeben; und ehe der Feind Zeit hatte, den Sinn des Signales zu deuten, oder aus dem entblößten Zuſtande der Vertheidigungs⸗ werke Vortheil zu ziehen, hatte ſchon die ganze Mannſchaft wohl— behalten den Eingang des Blockhauſes erreicht, obgleich der Rück⸗ zug mit mehr Eile und Verwirrung bewirkt worden war, als ſich mit der Sicherheit der Belagerten vertrug. Die Männer, welche nun an die Schießſcharten geſchickt wurden, ſtiegen eilig zu ihren Poſten hinan, und hielten ſich bereit, auf Jeden Feuer zu geben, der es wagen würde, ihrem letzten Zufluchtsorte nahe zu kommen. Einige Andere zögerten noch im Hofe, um nachzuſehen, ob auch nichts, was irgend zur Sicherheit dienen könne, vergeſſen worden ſei; und Ruth, welche bisher die Geſchäftigſte unter den Geſchäf⸗ tigen geweſen war, ſtand jetzt da, ihre Hände an die Schläfe ge⸗ preßt, als ob ſie auf ſolche Weiſe ihre kaltblütige Beſinnung zurück— rufen wolle. „ Unſer gefallener Freund!“« ſagte ſie;„haben wir ſeine ſterb⸗ lichen Ueberreſte der Willkühr unſrer blutigen Feinde preisgegeben?« „Nein, das darf nicht geſchehen!« rief Content mit edlem Eifer.„Komm', Dudley, hilf mir! Wir wollen die Leiche in den unteren.. ha! der Tod hat noch Einen der Unſrigen getroffen!« Der Schrei, welchen Content ausſtieß, zog die Blicke aller Umſtehenden auf das weiße Leintuch, und mit Schrecken ſahen Alle an den Falten der leichten Decke, daß zwei menſchliche Körper darunter liegen mußten. Mit angſtvollen und raſchen Blicken ſchauten Alle umher, um zu erforſchen, welcher Freund ihrem Kreiſe entriſſen worden ſei; Content aber, der recht gut wußte, daß keine Zeit verloren gehen durfte, wenn man den ringsum drohenden Gefahren entgehen wollte, hob raſch das eine Ende des Tuches in die Höhe, um allen Zweifeln durch den Augenſchein ein ſchleuniges Ende zu machen. Man erblickte zuerſt die Geſtalt des oben ſchon erwähnten gefallnen Jünglings, und Content zögerte, Alle Uebrigen ſtießen einen Schrei des Schreckens und Entſetzens aus, als ihre Augen ſahen, daß ein Wilder ſeine ſchändliche Hand an den Leichnam gelegt und das Haupt deſſelben von dem noch rauchenden Rumpfe getrennt hatte. „Der Andere!“ ſtieß Ruth mit Anſtrengung hervor, während Content, das Geſicht halb abgewendet, noch zögerte, die Decke vollends aufzuheben;—„nehmt Euch in Acht vor dem Andern t. ——O 80„ Die Warnung war keineswegs überflüſſig; denn die Leinwand bewegte ſich heftig, und als Content ſie vollends in die Höhe hob, ſprang ein grimmig ausſehender blutübergoſſener Indianer auf die Füße und mitten in die vor Schrecken auseinander ſtiebende Menge hinein. Mit wilden Geberden ſchwang der entſetzliche Menſch ſei— nen Tomahawk um das Haupt, brach ſich Bahn durch den geöff⸗ neten Kreis, und ſetzte mit wilden, weit ausgeholten Sprüngen ſo raſch in das eigentliche Wohnhaus der Anſiedler hinein, daß ſeine Schnelligkeit jeden Verſuch zur Verfolgung vereitelte. Ruth ſtreckte die Arme nach ihm aus, ſtarrte nach der Stelle, wo er verſchwun⸗ den war, und wollte eben wie wahnſinnig ihm nachſtürzen, als die Hand ihres Gatten ſie feſthielt. „Ruth, willſt du dein koſtbares Leben auf's Spiel ſetzen, um vielleicht noch eine unbedeutende Kleinigkeit zu retten?« fragte er vorwurfsvoll. „Laß mich, Mann!“ rief Ruth verzweiflungsvoll aus, indem die Todesangſt ſie beinahe erſtickte.„Laß mich! die Stimme der Natur ſchlummerte in meiner Seele!« „Furcht und Schrecken verdüſtern deinen Verſtand, geliebtes Weib!“ erwiederte Content. ch bitte dich, ſei ruhig!« Starr und bewegungslos blieb Ruth ſtehen und ſträubte ſich nicht länger gegen die Kraft ihres Gatten. An die Stelle ihrer fürchterlichen Aufregung trat eine faſt übernatürliche Ruhe, und indem die Verzweiflung faſt auf den höchſten Grad ſtieg, ſchien ſie ihr auf einmal ihre Selbſtbeherrſchung zurückzugeben. „ Content,“« ſagte ſie mit einer Stimme, welche nicht wankte und zitterte, und dennoch einen Jeden, der ſie hörte, durch ihren ſchrecklichen Ausdruck beben machte,—„Content, wenn du ein Vaterberz haſt, ſo laß mich gehen. Unſre Kleinen ſind im Hauſe zurückgeblieben!«. Erſchreckt ließ Content ſeine Hand ſinken, und im naͤchſten Augenblicke verſchwand die Geſtalt ſeiner Gattin mit Blitzesſchnelle aus ſeinen Augen. Sie eilte dem Wilden nach und ſtürzte, gleich ihm, in das Wohnhaus hinein. 8 In demſelben Momente, als dieß geſchah, benützten die Feinde ihren Vortheil, und drangen zum Angriffe vorwärts. Pin wildes Geſchrei verkündigte ihre blutdürſtige Thätigkeit, und ein allgemei⸗ nes Feuern aus den Schießlöchern des Blockhauſes verkündigte den noch im Hofraume verſammelten Männern, daß der ſtürmende Feind in das Herz der Feſtung eingedrungen ſei. Die Angaht * btes ſich Prer und ſie ukte hren ein auſe 4 jſten gelle leich inde ldes mei⸗ den ende zahl 81 Jener war zu gering, als daß ſie hoffen durften, den Indianern ſtarken Widerſtand zu leiſden. Dennoch zögerten ſie, ſich in das Blockhaus zu ziean; denn Keiner von Allen konnte es über ſich gewinnen, die tief erſchüttsrte Mutter und ihre Kleinen ohne einen Verſuch zur Rettung den Händen der Wilden zu überlaſſen. „Geht Ihr hinein!« ſagte Content endlich, indem er mit der Hand nach der Thüre des Blockhauſes deutete.„Meine Pflicht iſt es, das Loos derer zu theilen, die meinem Herzen die Theuer⸗ ſten ſind.« Niemand antwortete. Warley aber legte ſeine gewaltigen Hände auf den faſt betäubten, unglücklichen Mann, drängte ihn mit unwiderſtehlicher Kraft in den untern Raum des Blockhauſes, und befahl dann allen Uebrigen durch einen Wink, ohne Zögern ihrem Gebieter zu folgen. Die Männer wagten nicht, ſich dieſer Anordnung zu widerſetzen, und ſobald die letzte Geſtalt durch die Thür verſchwunden war, gab Warley den Befehl, die Pforte feſt zu ſchließen, in dem ſichern Glauben, daß er der allein Zurück— gebliebene ſei. Die Pforte krachte zu und nun erſt ſah der tapfere Fremdling, daß der blödſinnige Whittal Ring noch im Hofe ſtand und mit dumpfem Staunen die Leiche des gefallenen jungen Krie⸗ gers betrachtete. Jetzt war es zu ſpät, den Irrthum wieder gut zu machen. Schon ertönte das Geſchrei der Wilden aus dem Qualme der brennenden Häuſer heraus, und es unterlag keinem Zweifel, daß nur ein Raum von wenigen Schritten Warley und Whittal von den Rothhäuten trennte. Ohne ſich eines Augenblickes länger zu bedenken, gab Warley dem blödſinnigen Knaben einen Wink, zu folgen, und ſtürzte ſodann raſch in das Hauptgebäude, welches bis jetzt noch wenig von den Flammen gelitten hatte. Nun befand er ſich zwar in dem Hauſe, aber wohin ſollte er ſeine Schritte wenden? Er war zu wenig bekannt mit den Einrichtun⸗ gen des Gebäudes, um ſich darin zurecht finden zu könnegt und ſeine heldenmüthige Aufopferung würde vielleicht ganz vergeb⸗ lich geweſen ſein, wenn des Himmels Fügung ihm nicht den Blöd⸗ ſinnigen zum Begleiter gegeben hätte. Whittal Ring wurde ſein Führer, und im nächſten Augenblicke befanden ſich Beide an der Thüre des geheimen Zimmers. „Still,« ſagte Warley, indem er eintretend mit erhobener Hand Ruhe gebot.„Alle unſre Heffnung hängt vom Schweigen ab.« »Aber wie ſollen wir unentdeckt entrinnen?« fragte die ge⸗ ängſtete Mutter.„Dieſes ſchreckliche Feuer erleuchtet die ganze Narramatta und Conanchet. 6 8² Gegend und verbreitet ein helleres Licht, als ſelbſt die Mittags⸗ ſonne.“ „Gott wird uns ſeinen Beiſtand verleihen,“ entgegnete War⸗ ley mit ernſter und zugleich tröſtender Stimme.„»Gott, der den Elementen gebietet, wird uns den beſten Weg zeigen! Folgen Sie mir, ohne ein Wort zu ſprechen; denn hier dürfen wir keinen Augenblick länger verweilen, da die Schindeln des Daches bereits von den Flammen ergriffen ſind.“ 3 Ruth preßte die Kinder dicht an ſich, und Alle verließen das Dachzimmer. Schnell und ohne entdeckt zu werden, bewerkſtellig⸗ ten ſie ihre Flucht, und erreichten ein Gemach, das auf ebener Erde lag. Hier angekommen blieb Warley ſtehen; denn die Lage der Dinge draußen erheiſchte gebieteriſch die höchſte Unerſchrocken⸗ heit und ſorgfältigſte Ueberlegung. Die Indianer waren in dieſem Augenblicke Herren der ganzen Beſitzungen Heatheote's, das Blockhaus ausgenommen, wohin die kühnen und tapferen Vertheidiger ſich zurückgezogen hatten. Das Praſſeln der Flammen, das betäubende Krachen der berſtenden Waände und Balken erſchallte von allen Seiten, und die Flinten⸗ ſchüſſe ſo wie das brüllende Kriegsgeſchrei der Indianer vermehr⸗ ten noch die Schrecken des ganzen grauſenvollen Schauſpiels. Aus einem Fenſter des Gemaches konnte Warley ziemlich genau Alles, was draußen vorging, überſehen. Der Hof, von dem Scheine der Flammen wie mit Tageshelle übergoſſen, zeigte ſich leer; denn nicht allein die immer heftiger werdende Gluth des Feuers, ſondern auch das Feuer aus den Schießlöchern des Blockhauſes hielt die vorſich⸗ tigen Wilden in ihren Schlupfwinkeln zurück. Warley ſchöpfte daraus einen ſchwachen Hoffnungsſchimmer, daß er mit ſeinen Be⸗ gleitern noch in ziemlicher Sicherheit den Weg zwiſchen dem Wohn⸗ hauſe und dem letzten Zufluchtsorte der Belagerten werde zurück⸗ legen können. „Ich mögte wohl wünſchen, daß ich den Leuten im Blockhauſe befohlen hätte, die Thür deſſelben zum Oeffnen bereit zu halten,“ murmelte der Fremde nachdenklich vor ſich hin.„Ein Augenblick des Zögerns kann den Tod unter unſer kleines Häuflein bringen, und leider haben wir auch keine Waffe, die uns ſchützen oder ver⸗ theidigen könnte.“ Noch ſprach Warley, als er plötzlich ſeinen Arm berührt fühlte, und ſich umwendend, das dunkle Auge des indianiſchen Knaben ſah, welcher ihm feſt in's Angeſicht ſchaute. s⸗ ar⸗ een die den its 9as ig⸗ ſer ge en⸗ zen die das den ten⸗ ehr⸗ Aus les, der icht uch ſch⸗ pyfte Be⸗ ohn⸗ uück⸗ auſe en,« blick gen, ver⸗ ührt ſchen 8³ „Willſt du hinübergehen und die Pforte öffnen laſſen?« fragte Warley überraſcht und mit einer Miene, die zwiſchen Zweifel und Höoffnung ſchwankte. Eine deutliche, einwilligende Geberde des Knaben, welcher gleich darauf mit unhörbaren Schritten aus dem Gemache glitt, war die Antwort. Einen Augenblick nachher erſchien der junge Indianer im Hofe. Gelaſſen ſchritt er einher, und ſo ruhig, als ob er von keiner Seite irgend eine Feindſeligkeit zu befürchten habe. Die eine Hand hob er zum Zeichen der Freundſchaft gegen die Schießſchar— ten des Blockhauſes empor, und ließ ſie nicht eher wieder ſinken, als bis er die Mitte des Hofes erreicht hatte. Hier, von dem hellſten Lichte des ringsum zum Himmel lodernden Brandes um⸗ floſſen, blieb er ſtehen, wandte langſam ſein Antlitz nach allen Seiten umher, damit er von Jedermann geſehen und erkannt wer⸗ den möge, und machte mit der Hand ein Zeichen des Friedens. Sofort verſtummte das Geheul und Gebrüll der Indianer, und auf dem weiten Raume vernahm man nichts mehr als das Kni⸗ ſtern und Flackern des unaufhaltſam fortwüthenden Feuers. Der Knabe, nachdem er mit würdevoller Haltung und bewunderungs⸗ werther Ruhe und Gelaſſenheit Stille geboten und erlangt hatte, ſetzte ſeinen Weg fort und näherte ſich um einige Schritte dem Blockhauſe. „Kommſt du in Frieden oder willſt du den Bluthunden eine ihrer gewöhnlichen teufliſchen Liſten ausfuͤhren helfen?« fragte eine barſche Stimme durch eine Oeffnung, welche man Behufs einer etwaigen Unterhandlung mit Feinden in der Thür angebracht hatte. Ohne zu antworten, hob der Knabe ſeine linke Hand flach gegen den Sprecher in die Höhe, während er die Rechte zum Zei⸗ chen des Friedens auf ſeine nackte Bruſt legte. „Biſt du gekommen, um mir ein Anerbieten hinſichtlich, mei⸗ ner Gattin und meiner Kleinen zu machen?« fragte jetzt Content's Stimme.„Wenn Gott ſie aus Euren Händen befreien kann, ſo nenne den Preis, und er ſoll Euch nicht vorenthalten werden.“« Der junge Indianer verſtand ſehr wohl, was Content meinte. Aber ohne auf das Anerbieten eines Löſegeldes zu achten, ſa gte g ruhig und mit entſprechenden Geberden: „Kann ein Weib der Blaßgeſichter durch hölzerne Wände hin. durchgehen? Die Pfeile der Indianer ſind ſchneller als der Fuß meiner Mutter!“ „Knabe, ich traue dir!“ antwortete Content von innen. „Wahrlich, wenn Du mich jetzt hintergehen könnteſt, ſo würde der Nacheſtrahl des großen Geiſtes auf dein Haupt hernieder⸗ fallen!“ Der junge Indianer öffnete den Mund nicht zu einer Antwort, ſondern machte nur noch ein Zeichen, welches Vorſicht anempfehlen ſollte, und zog ſich dann mit derſelben Gelaſſenheit und Ruhe, welche er ſchon beim Kommen entwickelt hatte, wieder zurück. Ohne Zögern, und ohne auf ſeine Landsleute, die noch immer ſchweigend ſeine Bewegungen mit ſcharfem Auge beobachteten, die mindeſte Rückſicht zu nehmen, begab ſich Miantonimoh, ſo wurde der Knabe von den Anſiedlern genannt, zu Warley und den Uebri⸗ gen, die im Wohnhauſe ſeiner Ankunft harrten, und führte ſie, ohne in dem Rauche der umliegenden Gebäude bemerkt zu werden, an eine Stelle, wo ihr kurzer aber gefahrvoller Weg vor ihren Augen lag. In dieſem Momente wurde die Thür des Blockhauſes zur Hälfte geöffnet, aber auch ſogleich wieder geſchloſſen. Warley zögerte indeß, den gefährlichen Gang anzutreten, denn als eine er⸗ fahrener Krieger wußte er recht wohl, daß ein glückliches Hinüber⸗ kommen der ſämmtlichen Flüchtlinge höchſt unwahrſcheinlich war, während auf der andern Seite die Unmöglichkeit vorlag, den Ueber⸗ gang in wiederholten Verſuchen und einzeln zu bewerkſtelligen. „Knabe,“ redete er den jungen Indianer an,„Knabe, du haſt viel gethan, aber gewiß viſt du im Stande, noch mehr zu thun, wenn du willſt. Bitte dein Volk auf eine Weiſe, welche ihre Herzen rührt, um Gnade für dieſe unglüͤckliche Mutter und ihre armen, ſchuldloſen Kinder.“ Miantonimoh ſchüttelte langſam den Kopf, und indem er auf die ſchrecklich verſtümmelte Leiche im Hofraume hindeutete, antwor⸗ tete er mit kalter Ruhe: „Es iſt nichts! Der rothe Mann hat Blut gekoſtet!“ „Nun denn, ſo muß der verzweifelte Verſuch gewagt werden,« ſagte Warley entſchloſſen.„Gedenke nicht deiner Kinder, unglück⸗ liche und doch heldenmüthige Frau; denke nur an deine eigene Sicher⸗ heit und wie du gerettet werden kannſt. Die Sorge für die Klei⸗ uen en wir, der blödſinnige Junge und ich, über uns nehmen.“ tb uth, anſtatt dem wohlmeinenden Rathe des Fremden zu fol⸗ gen, drückte ihr ſprachloſes, zitterndes Kind feſt an ihr Herz und gab durch eine ablehnende Bewegung zu erkennen, daß ihr Ent⸗ ſchluß bereits gefaßt ſei. Der Fremde ſah ein, daß ein weiteres 8⁵ Zureden nutzlos ſei, und wendete ſich an Whittal Ring, der, ohne ſich ſeiner eigenen perſönlichen Gefahr bewußt zu ſein, ſtarr und theilnahmlos in die glänzend hellen, lodernden Flammen ſchaute. Mit wenigen Worten befahl er ihm, die Sorge für die kleine Martha über ſich zu nehmen, und begab ſich dann wieder zu Ruth, um ihr in der Gefahr den erforderlichen Beiſtand leiſten zu können. Nun war es übrigens die höchſte Zeit, die Flucht anzutreten, denn eben jetzt wurde ein Fenſter an der Rückſeite des Hauſes eingeſchlagen und gab den Beweis, daß keine Sekunde mehr zu verlieren ſei. Zwiſchen den Flüchtlingen und ihren Verfolgern lag⸗ nur noch ein einziges Zimmer. Das edle Gemüth Ruths er⸗ wachte; ſie riß die kleine Martha aus den Armen Whittal Rings, und verſuchte mit verzweifelter Kraftanſtrengung, beide Kinder mit ihrem Gewande zu ſchützen und zu umhüllen. „Seid ruhig, meine kleinen Lieblinge,“ flüſterte ſie ihnen zu; „ſeid ruhig, ich bin bei Euch und werde mich nicht wieder von Euch trennen. Stille, liebe Ruth, deine Mutter iſt dir nahe!« Während die geängſtigte Mutter dieſe Worte der Beruhigung und Tröſtung flüſterte, ſtürzte Warley, ſo bald er das Glas des zerbrochenen Fenſters klirren hörte, mit Windeseile davon, um den Flüchtlingen den Rücken zu decken, und gerieth alsbald mit dem bereits mehrere Male erwähnten Krieger in Kampf, welcher etwa einem Dutzend grimmig ausſehender, das Schlachtgeheul brüllender Indianer, zum Anführer und Wegweiſer diente. „In's Blockhaus!“ rief mit ſtarker Stimme der tapfere und wohlbeſonnene Warley, während er mit kräftiger Fauſt ſeinen Geg⸗ ner packte, feſt hielt und ſeines Körpers ſich wie eines Schildes bediente, um die nachdrängenden Feinde zurückzuhalten.„Vor⸗ wärts, in's Blockhaus! Wenn du dein Leben und deine Kinder liebſt, Unglückliche, ſo zögere keinen Augenblick länger! In's Blockhaus! In's Blockhaus!« 5 Der Ruf des tapfern Fremdlings gellte furchtbar in die Ohren der Mutter, welche zum Unglück grade im Momente dieſer drin⸗ gendſten Gefahr die bisher ſtandhaft aufrecht erhaltene Geiſtes⸗ gegenwart verlor. Noch einmal mußte Warley ſeinen Ruf wieder⸗ holen, und dann erſt riß die ganz außer Faſſung gerathene Mut⸗ ter eins der Kinder von der Erde auf und preßte es mit krampf⸗ hafter Gewalt an ſich. So, das Kind am Herzen, und mit ſchener Wildheit die Augen nach dem ſchrecklichen Kampfe zurückgewendet, entfloh Contents Gattin und befahl mit wenigen Worten dem blödſinnigen Knaben, ihr zu folgen. Whittal Ring gehorchte; und noch hatte ſie den Hofraum nicht zur Hälfte zurückgelegt, als auch Warley ihr nacheilte, und noch immer die feſtgehaltene Geſtalt des Wilden den Feinden gleich einem Schilde entgegenſtreckte. Mittlerweile ſtieg die Gefahr höher und höher, wie deutlich genug das ringsum ſich erhebende Kriegsgeſchrei, der Pfeilhagel der Indianer und die Büchſenſalven der Belagerten bewieſen. Ruth ſchien aber Alles für nichts zu achten. Die Furcht verlieh ihr mehr, als gewöhnliche Kräfte, und kaum durchziſchten die Pfeile mit größerer Geſchwindigkeit die Luft, als ſie über den Hof hinweg flog und in die offene Pforte des Blockhauſes hinein ſchoß. Minder glücklich gelang das Wagſtück Whittal Ring. Während er mit dem ihm anvertranten Kinde über den Hof hinwegeilte, flog ihm ein Pfeil in's Fleiſch, und von Schmerz ärgerlich gemacht, drehte der blödſinnige Junge ſich um und erhob zornig ſeine Hand, als wolle er den Indianer bedrohen, deſſen Pfeil ihm die Wunde verſetzt hatte. „Vorwärts! Halt' dich nicht auf, thörichter Knabe!“« ſchrie Warley ihm zu, in deſſen rieſenſtarker Fauſt noch immer der Wilde ſich krümmte, wie ein Wurm.„Immer vorwärts, wenn du dein und des Kindes Leben retten willſt!« Die Warnung kam zu ſpät. Schon hatte ein ſpringender In⸗ dianer mit der Hand die unſchuldige Kleine ergriffen, riß ſie bei den Haareu aus Wbhittals Armen, hielt ſie mit der Linken ſchwe⸗ bend in die Luft empor, und ſchwang mit der Rechten unter wildem Gelächter ſeinen Tomahawk, um mit einem einzigen Streiche dem Kinde das Lebenslicht auszublaſen. Aber ehe die Streitaxt fiel, krachte ein Schuß aus dem Blockhauſe, und ſtreckte das Ungeheuer auf der Stelle todt zur Erde nieder. Allein noch während er ſank, ward die Kleine ſchon von der Fauſt eines andern Wilden gepackt, welcher ſie, ohne Widerſtand zu finden, in das Wohngebäude zurück⸗ ſchleppte. Während im Blockhauſe der Ruf nach„Miantonimoh“ ertönte, benutzten zwei andere Wilde die nun folgende Pauſe des Schreckens und Entſetzens, ergriffen den blödſinnigen Whittal, der in ſeiner Verwirrung nicht von der Stelle gewichen war, und brachten ihn ebenfalls in das brennende Wohngebaͤude. In demſelben Augen⸗ blicke, wo dieß geſchah, ſchleuderte der Fremde den gefangenen und jetzt ganz mittelloſen und mürbe gemachten Indianer den Pfeilen ſeiner Genoſſen entgegen, und ihn, den blutenden und ſchon halb erwürgten Krieger trafen die Streiche, welche eigentlich dem Leben 2 ——— fiel euer ſank, ackt, rück⸗ noh des r in hten gen⸗ und eilen halb be 87 des Weißen gelten ſollten. Während der Indianer anfänglich wankte, und dann zuſammenſtürzte, entwich ſein ſtarker Beſieger unverletzt durch die offene Pforte, die ſchnell hinter ihm wieder verſchloſſen ward. Die Wilden, als ſie ingrimmig auf dieſelbe losſtürzten, hörten nur noch das Klirren ihrer Riegel, welche eine ſtarke Schranke zwiſchen den feindlichen Partheien bildete, und muß⸗ ten ſich, um nicht den tödtlichen Kugeln der Weißen zu erliegen, knirſchend vor Grimm und Wuth in ihr Verſteck zurückziehen. Dieß geſchah mit großer Schnelligkeit, und bald nach dem Verſchwinden Warley's ſah man auf dem ganzen Hofraum nichts weiter, als nur die Körper der Todten, welche man in der Eile hatte liegen laſſen müſſen. Neuntes Kapitel. „Laß uns Gott für ſeine Gnade danken, geliebtes Weib,« ſagte Content freudig, indem er ſeine halb bewußtloſe Gattin die Leiter emporklimmen half.„Haben wir auch ein Kind, das wir liebten, verloren, ſo bleibt uns doch wenigſtens unſere eigene Tochter, die der Himmel ſelber beſchützt hat.« „Ja, ich danke Gott, danke ihm vom Grunde meiner Seele,“ erwiederte die Mutter faſt athemlos, indem ſie ihr geliebtes Kind an ihr Herz drückte. „Aber warum verhüllſt du mir den Anblick der Kleinen?« fragte Content, ſich über ſie hinneigend, mehr, um eine Thräne, die ſeinen Augen entſtrömte, zu verbergen, als um das Kind zu betrachten und in ſeine Arme zu ſchließen, das ihm ſo theuer war. Aber kaum, daß er ſeine Arme nach der Kleinen ausſtreckte, fuhr er wieder zurück, und rief entſetzt aus:„Ruth!« Erſchreckt über den Ausdruck, mit welchem die Mutter ihren Namen ausſprechen hörte, ſprang ſie auf, warf die Falten des Gewandes auseinander, in welche ſie bisher das Kind eingehüllt hatte, blickte ihm in das hübſche unſchuldige Geſicht, bemerkte nun erſt, daß ſie in der Verwirrung der Flucht und der ſie umringenden Schrecken die Kinder verwechſelt, und anſtatt ihres Töchterchens die kleine Martha in das Blockhaus getragen habe. Obgleich Ruth in jeder Beziehung eine vortreffliche Fran war, ſo wurde ſie im erſten Augenblicke dennoch vom Gefühle getäuſchter Erwartung überwältigt. Die Natur war ſtaͤrker, als alle anderen — Rüäckſichten, und behauptete anfänglich ihre Oberherrſchaft in einem furchtbar mächtigen Grade. „Es iſt nicht unſer Kind!“ rief die unglückliche Mutter kreiſchend aus, indem ſie mit einem ſo wilden und ſchreckensvollen Ausdrucke auf Martha niederſtarrte, daß dieſe in ihrer innerſten Seele zu⸗ ſammenſchauderte.„Es iſt nicht unſer Kind!« Die kleine Martha verſuchte ihre Arme um den Hals der Pflegemutter zu ſchlingen, vermogte es aber nicht, weil dieſe ſie in Armeslänge von ſich entfernt hielt.„Ich bin ja dein! Bin ja dein Kind!« ſagte ſie weinend. Wenn ich nicht dein bin, wem ſollte ich denn angehören? Ach Mutter, verlaß mich nicht! Die bisher ſtarren und entſetzenvollen Augen Ruths nahmen jetzt einen milderen Ausdruck an, und ihr Herz wurde erweicht von den traurigen Klagetönen der armen, verlaſſenen Waiſe. Sie zog die Tochter ihrer Freundin mit ſtürmiſcher Heftigkeit an ihre Bruſt, drückte ſie feſt an ſich, und brach in einen Thränenſtrom aus, ſo heftig und erſchütternd, daß er das Band zwiſchen Seele und Körper aufzulöſen drohete. „Komm, Martha, komm, die Tochter meines Freundes John Harding, komm auch an mein Herz!“ ſagte Content mit der milden Stimme eines tief gebeugten Mannes, der aber ſeines Schmerzes 8 Herr zu bleiben verſteht, während der Kampf in ſeinem Inckpih fortdauert. Gottes Wille hat uns die Tochter genommen, ees ale uns ſeinen Rathſchlüſſen beugen, nicht aber gegen den orſchlichen murren. Auch iſt noch nicht Alles verloren, und villkicht bringt der nächſte Morgen ſchon uns Mittel zur Unter⸗ handlungzsund zugleich Gelegenheit, unſer Kind auszulöſen.“ — ſſe Worte Contents, welche in Ruths Herzen einen neuen Hoffnungsſtern dämmern ließen, gaben ihr einen Theil ihrer ge⸗ wöhnlichen Ruhe zurück, und ſie vermogte wenigſtens ſo viel über ſich, daß ſie den Schein annehmen konnte, als ob ſie ſich in den Willen der Vorſehung ergeben habe. Ihre Thränen verſiegten, und die Ausbrüche ihrer Verzweiflung wiederholten ſich nicht mehr; aber gleichwohl war die unglückliche Mutter nicht im Stande, mit derſelben Umſicht und Entſchloſſenheit, wie bisher, die Leitung der von den Mägden zu verrichtenden Geſchäfte zu übernehmen. Während ſo die Aeltern ſich ihrem Schmerze hingaben und am Ende doch Troſt in dem Vertrauen auf Gott und in dem Feſthalten an der Hoffnung fanden, waren die übrigen im Blockhauſe ver⸗ ſammelten Männer und Frauen ſo ſehr mit ihren eigenen Angelegey⸗ heite Ihr und Aeuſ gewe Ang fah furc Grü Dud worn ſcche Scht entg und Wu lag An für glei all gen dag lich auf 2E — 89 l. heiten beſchäftigt, daß ſie auf nichts Anderes zu achten ſchienen. Ihr Loos näherte ſich offenbar mit ſtarken Schritten der Entſcheidung, und ein Jeder mußte ſich, ſo wie die Sachen ſtanden, auf das Aeußerſte gefaßt halten. Die Beſchaffenheit des Kampfes war mittlerweile eine andere geworden. Man hatte zwar von den Pfeilen und Wurfſſpeeren der Angreifenden nichts mehr unmittelbar zu befürchten, aber die Ge⸗ fahr näherte ſich den Eingeſchloſſenen in einer neuen, und noch viel furchtbareren und beſonderen Geſtalt. Gleichwohl fehlte es nicht an Gründen, ſich auch vor den Pfeilen gedeckt zu halten, denn Eben Dudley war beinahe auf tödtliche Weiſe von einem ſolchen verwundet worden, der durch Zufall entweder, oder von einer ungewöhnlich ſicheren und geſchickten Hand entſendet ſeinen Weg durch eine der Schießſcharten gefunden hatte. Nur durch eine ſchnelle Wendung entging der tapfere und ſtarke Gängler einer tödlichen Verwundung, und hütete ſich fortan, ſeine Perſon, wie bisher, rückſichtslos den Wurfgeſchoßen der Indianer auszuſetzen. Aber wie geſagt, dieß war nicht die Gefahr, welche die Be⸗ lagerten zunächſt bedrohte und ihre Aufmerkſamkeit hauptſächlich in Anſpruch nahm; ſondern am Meiſten hatten ſie die Flammen zu fürchten, von denen ſie ſich auf allen Seiten umgeben ſahen. Ob⸗ gleich man bei der Erbauung des Kaſtells einen ſolchen Nothfg⸗ allerdings vorausgeſehen und berückſichtigt, auch bis zu A gewiſſen Grade im unteren Raume des Blockhauſes Vorkehus dagegen getroffen hatte, ſo zeigte ſich jetzt dennoch auf aug liche Weiſe, daß die herannahende Gefahr alle vorherige B auf eine ſchreckliche Weiſe zu Schanden machte.— Das untere Stockwerk gab keinen Anlaß zur Beſorg 6; den wie wir wiſſen, war es aus Stein und zwar ſo ſorgfaͤltig aufge⸗ führt, daß es jeglicher Liſt, welche die grauſamen Wilden allenfalls zu erſinnen vermogten, Trotz bieten konnte. Auch die beiden aberen Stockwerke konnten vergleichungsweiſe ſicher genannt werden, da ſie aus ſtarken und maſſiven Blöcken beſtanden, die vermöge ihrer Dicke dem Feuer einen langen Widerſtand entgegenſetzen konnten. Aber das Dach, leider! beſtand aus leichten, ſehr entzündbaren Fichtenſchindeln, mit denen man noch heutzutage in Amerika die Dächer zu decken pflegt. Die anſehnliche Höhe des Thurms konnte allerdings einigen Schutz verleihen; aber da die Flammen praſſelud über die Hofgebäude ſtiegen, und in breiten Garben⸗ und Bändern den erhitzten Raum umwogten, ſo geſchah es gar nicht ſelten, daß 4 1 989. man die ganze gebrechliche Decke des Blockhauſes wie von einem Flammenmantel umhüllt ſah. Die Folgen dieſes Umſtandes ließen ſich natürlich leicht vor⸗ ausſehen, und das Erſte, was Content aus dem Schmerze über den Verluſt ſeines Kindes mit rauher Hand aufſchüttelte, war ein allgemeiner Schrei der Beſatzung, daß die Bedeckung des Block⸗ hauſes in lichten Flammen ſtehe. Einer der gewöhnlichen Brunnen der Familie befand ſich, wie bereits erwähnt, mitten im unteren Raum des Gebäudes, und in dieſem ſchrecklichen Augenblicke konnten die Belagerten ſich glücklich ſchätzen, daß man bei der Errichtung des Blockhauſes nicht verſäumt hatte, denſelben ſo brauchbar zu machen, wie es in der jetzigen drangvollen Lage die Nothwendigkeit erforderte. Vom unteren Raume bis zum erſten Stockwerk hinauf erhob ſich eine feſt gefugte, runde, ſteinerne Mauer, und die Mägde benützten dieſe glückliche Einrichtung, fleißig die Eimer zu füllen, während die jungen Männer vom oberſten Gemache aus unaufhörlich das Dach mit Waſſer übergoſſen. Dieſe letztere Arbeit war natürlich mit großer Gefahr verbunden, indem fortwährend ein Schauer von Pfeilen gegen die Löſchenden geſchleudert wurde; aber dennoch hielten die wackern Männer ſtandhaft aus, obgleich Einige von ihnen mehr oder weniger bedeutende Verletzungen erhielten. Und bei all' dieſen Gefahren blieb es mehrere Minuten hindurch noch immer ſehr zweifelhaft, ob die angeſtrengten Bemühungen der jungen Leute von einem günſti⸗ gen Erfolge gekrönt werden würden oder nicht; denn die entſetzliche Gluth der ringsum brennenden Gebäude, und die mehrfache Be⸗ rührung der den Platz überlodernden Flammen, ſchienen allen Be⸗ ſtrebungen menſchlicher Kräfte ein unzuüberwältigendes Hinderniß in den Weg zu legen. Sogar die dicken, ſtarken Wände des Block⸗ hauſes fingen zu rauchen an und wurden ſo gluͤhend heiß, daß man keinen Augenblick hindurch die Hände darauf legen konnte, ohne empfindliche Schmerzen zu leiden. So lange man keine Gewißheit über den endlichen Ausgang dieſer ſchrecklichen Lage gewinnen konnte, mußten alle jungen Männer nach und nach die Schießſcharten verlaſſen und die Waffen weglegen, um löſchen zu helfen. Sogar Ruth wurde durch die immer dringen⸗ der werdende Gefahr aus ihrem Brüten aufgeſchreckt, und alle Hände und Gedanken verweilten nun angeſtrengt bei einer Arbeit, von deren Erſolge ihre Sicherheit und ihr Leben abzuhängen ſchien. inem vor⸗ üͤber r ein Plock⸗ „wie id in cklich ſäumt tzigen iteren fugte, liche uͤnner Paſſer hefahr en die ackern eniger ahren t, ob ünſti⸗ zliche Be⸗ Be⸗ iß in Block⸗ man ohne gang nner egen, gen⸗ alle rbeit, hien, —— b 91 Niemand bekümmerte ſich um etwas Anderes, als um die Flammen, da keine andere Gefahr ſo unmittelbar Verderben drohend ſchien. Und den unausgeſetzten Bemühungen der rüſtigen jungen Männer gelang es nach und nach in der That, des verheerenden Elementes Herr zu werden. Die Flammen erloſchen ziſchend, und Alles ſchien ganz vortrefflich zu gehen, als plötzlich von unten her wieder der Allarmruf der Mägde erſcholl, welche bei dem Brunnen mit dem Füllen der Waſſereimer beſchäftigt waren. „Zu den Waffen! zu den Waffen! An die Schießſcharten!« erſcholl das gellende Geſchrei.„An die Lücken, oder wir ſind verloren!« Dieß war ein Ruf, dem ohne alles Zögern gehorcht werden mußte. Warley an ihrer Spitze ſtrömten die jungen Männer hin⸗ über, und ſahen denn nun hier auf den erſten Blick, daß allerdings ihre ganze Entſchloſſenheit und Geiſtesgegenwart in Anſpruch ge⸗ nommen ward. Den Indianern fehlte es nicht an jenem Scharfſinn, welcher dieſer ſchlauen Menſchenraſſe und ihrer Weiſe, Krieg zu führen, ſo ganz eigenthümlich iſt. Während die Belagerten ſo eifrig mit dem Löſchen des Feuers beſchäftigt waren, blieben ihre Verfolger keinen Augenblick müßig, ſondern wußten Mittel und Wege zu finden, brennende Fackeln bis an die Thür des Blockhauſes zu bringen, wo vorher ſchon eine Menge leicht entzündbaren Stoffes angehäuft worden war; eine Verrichtung, welche nur zu bald den Weg in den unteren Raum des Blockhauſes zu öffnen drohte. Um dieſen Plan zu verber⸗ gen und ihre Annäherung zu decken, hatten die Wilden mit gutem Erfolge Bündel Stroh und andere Stoffe an den Fuß des Gebäu⸗ des herangeſchleppt, denen ſich das Feuer bald mittheilte. Hierdurch erreichten ſie einen doppelten Zweck; ſie vermehrten und erhöhten die Gefahr, welche unmittelbar dem Blockhauſe drohete, und zer⸗ ſplitterten zugleich die Aufmerkſamkeit der Vertheidiger. Außerdem diente zwar das vom Dache herabträufelnde Waſſer dazu, die raſchen Fortſchritte der unten angezündeten Flammen zu hemmen; auf der andern Seite aber brachte es eine Wirkung hervor, welche den Wilden erwünſchter, als alles Andere ſein mußte. Durch die dichten, dem halb gedämpften Feuer entſteigenden Rauchwolken wurde zuerſt der weibliche Theil der Belagerten auf die neue Gefahr aufmerkſam gemacht, und ihr Ruf erſchallte nun ſogleich, um die Freunde auf den bedrohten Punkt heran zu ziehen. Als Warley und Content, raſch herbei ſtürzend, die Haupt⸗ pforte des Blockhauſes erreichten, ſo erforderte es einige Zeit und die ganze Sammlung ihrer männlichen Beſonnenheit, um ſich von der Lage, in welche ſie ſich verſetzt ſahen, einen deutlichen und umfaſſenden Begriff zu machen. Schon war der dicke, qualmende Dampf in dichten Wolken in den unteren Raum gedrungen, und nicht ohne Schwierigkeit vermogten die darin Befindlichen die Gegen⸗ ſtände zu unterſcheiden und Athem zu ſchöpfen. „Hier müſſen wir unſere ganze Tapferkeit zuſammenraffen,“ ſagte Warley zu ſeinem Begleiter.„Wenn wir dieſe neue teufliſche Liſt nicht unſchädlich machen können, ſo müſſen wir im Feuer un⸗ ſern Tod finden. Rufe die Tapferſten und Unerſchrockenſten deiner jungen Krieger auf, und überlaß' es mir, ſie zu einem Ausfalle zu führen, ehe es zu ſpät iſt, dem uns drohenden Uebel abzuhelfen.“ „Das hieße uns den Feinden freiwillig in die Hände liefern,“ erwiederte Content. An ihrem Geſchrei hörſt du, daß nicht nur einige wenige Krieger uns umzingeln, ſondern daß ein ganzer Stamm ſeine Teufel gegen uns ausgeſandt hat, um uns zu ver⸗ nichten. Beſſer wird es, nach meiner Anſicht, ſein, wenn wir alle unſere Kraft aufbieten, die Heiden von der Thüre wegzujagen und die Rauchwolken zu vertreiben, welche uns immer mehr beläſtigen. Nein nein, unter den jetzigen Umſtänden einen Ausfall wagen, wäre nichts weiter, als unſere Köpfe dem Tomahawk darbieten; denn von einem Indianer Gnade zu erwarten wäre eben ſo thöricht, als der Verſuch, einem Steine Thränen auszupreſſen.« „Wie aber ſollen wir deine Pläne zur Ausführung bringen?“ fragte Warley. „Ganz einfach durch Benutzung dieſer Schießſcharten, deren Mündungen ſich nach unten zu öffnen,“ antwortete Content.„Sie geſtatten uns nicht nur das Abfeuern unſerer Gewehre, ſondern wir können durch dieſelben Oeffnungen auch Ströme von Waſſer auf die Flammen hinabgießen. Als wir das Blockhaus erbauten, iſt eine Noth dieſer Art nicht von uns unberückſichtigt geblieben.« „Nun denn, drauf und dran!« rief Warley.„Wir dürfen auch nicht einen Augenblick unbenutzt vorübergehen laſſen.« Ohne weiteres Zögern wurden nun die nöthigen Vorſichtsmaß⸗ regeln getroffen. Even Dudley ſteckte die Mündung ſeiner Büchſe durch eine der erwähnten Schießſcharten, richtetete ſie nach dem gefährdeten Eingang und feuerte. Da jedoch die herrſchende Dunkel⸗ heit ein genaues Zielen völlig unmöglich machte, ſo blieb der Schuß ohne Erfolg, wie man aus dem triumphirenden Hohngelächter der blutdürſtigen Wilden draußen mit Leichtigkeit ſchließen konnte. Man 93 verſuchte nun, das Feuer zu löſchen, und ein Waſſerſtrom wurde durch die Oeffnung gegoſſen. Aber auch dadurch wurde nicht viel erreicht, indem die Wilden ein ſolches Hilfsmittel vorausgeſehen und ſeiner Wirkung vorgebeugt hatten. Bretter und allerlei in den Wohngebäuden zerſtreut umher liegende Gefäße waren zuſammen⸗ geſucht und dermaßen über das Feuer gelegt worden, daß der größte Theil des herabgeſchütteten Waſſers, ohne irgend eine Wirkung zu thun, über das Feuer hinweg und an der Seite herunter floß. „Ruben Ring,“« ſagte Content haſtig,„komm hierher mit deiner Flinte. Der Wind treibt den Rauch auf die Seite, und ich ſehe, daß die Wilden noch mehr Brennſtoff gegen die Mauer häufen.« Der alſo aufgeforderte junge Mann gehorchte ſogleich, und trat an die Stelle, wo man in der That von Zeit zu Zeit dunkle Ge⸗ ſtalten unterſcheiden konnte, welche geräuſchlos das Gebäude um⸗ glitten. Die Dichtigkeit des noch immer aufwallenden Dampfes verhinderte jedoch, daß man ihre Geſtalten und Bewegungen genau zu erkennen vermogte. Mit ſeiner gewöhnlichen Beſonnenheit ſuchte Ruben Ring ſich ein Opfer, nahm es genau auf's Korn und feuerte. In dem Augen⸗ blicke aber, wo er das Gewehr abdrückte, ſtreifte an ſeinem eigenen Geſichte eine dunkle Linie vorüber, als ob die eigene Kugel ſich gegen ihn ſelber gewendet hätte, und ein wenig erſchrocken zurück⸗ fahrend, ſah er, daß Warley auf einen Pfeil deutete, der in der Decke haftete und von der Gewalt ſeiner heftigen Bewegung noch zitterte. „Lange, das ſehe ich wohl, können wir dieſen Angriffen nicht mehr wirkſamen Widerſtand leiſten, murmelte der Krieger vor ſich hin.„Es muß ein ſchnelles Mittel erſonnen und ergriffen werden, wenn wir nicht unterliegen ſollen.« Er verſtummte, ein gellender Schrei, welcher laut und deutlich durch den Boden drang, auf welchem er ſtand, verkündigte, daß die Pforte unten geſprengt und die wilde Schaar der Indianer in den unteren Raum des Thurmes eingedrungen ſei. Bei dieſem unerwarteten Erfolge ſtanden beide Partheien einen Augenblick re⸗ gungslos da. Die Einen wurden vor Staunen, Schrecken und Furcht, die Anderen durch die Plötzlichkeit des Triumphs überwäl⸗ tigt. Aber die Pauſe dauerte nicht lange. Von Neuem begann das Gefecht. Die Angreifenden kämpften mit aller Zuverſicht auf Erringung des baldigen Sieges, die Belagerten mit der ganzen, vollen Entſchloſſenheit der Verzweiflung. Oben wurden Gewehre, unten Pfeile abgeſchoſſen; aber die Dicke der Zimmerdecke verhin⸗ derte jede Wirkung, und nun erhob ſich ein Kampf, bei welchem die Eigenſchaften der beiden Partheien ſich auf äußerſt charakteriſti⸗ ſche Weiſe zeigten. Während die Indianer unten alle Künſte ihrer Kriegsweiſe anwendeten, um ihre errungenen Vortheile auf jede mögliche Weiſe zu benutzen, leiſteten die jungen Krieger der Weißen einen Wider⸗ ſtand, welcher die ganze Zweckmäßigkeit der Hilfsmittel und jene raſche Entſchloſſenheit in Anwendung derſelben an den Tag legte, wodurch der amerikaniſche Gränzbewohner ſich vorzugsweiſe und ſehr vortheilhaft auszeichnet. Vor allen Dingen machten die Stürmenden den Verſuch, den Fußboden des unteren Gemaches in Brand zu ſtecken, und warfen zu dieſem Ende große Haufen von Stroh und dergleichen in den unteren Raum hinein. Das Stroh wurde mit Fackeln angezündet; aber ehe es recht in Brand kommen konnte, ſchütteten die Belager⸗ ten Ströme von Waſſer darüber aus und verwandelten die Glut in einen großen feuchten Haufen ſchwarzer Aſche. Aber obgleich es gelang, das Feuer zu löſchen, wären dennoch die Wilden beinahe Sieger geblieben, indem die Dampfwolken, welche durch die Spalten und Ritzen des Fußbodens drangen, ſo erſtickend waren, daß die Frauen ſich bald genöthigt ſahen, ſich in das oberſte Gemach zu flüchten, wo theils die Oeffnungen im Dache, theils ein ſtarker Luftzug ſie einigermaßen von der Beläſtigung befreite und ſie freien Athem ſchöpfen ließ. Sobald die Wilden bemerkten, daß allein die Benutzung des Brunnens es den Belagerten möglich machte, das Holzwerk im Innern des Blockhauſes vor den Flammen zu ſchützen, ſo machten ſie einen verzweifelten Verſuch, die runde ſteinerne Mauer zu zer⸗ ſtören, in welcher die Eimer geſichert auf und nieder gelaſſen wurden. Dieſe Abſicht ſcheiterte jedoch an der Schnelligkeit der Vertheidiger. Dieſe ſchnitten im Nu Löcher in den Fußboden, und bedienten ſich derſelben als Schießſcharten, aus denen der ſichere Tod auf alle unten befindlichen Indianer herniederfuhr. Vielleicht war zu keiner Zeit während der Belagerung mit mehr Hartnäckigkeit geſtritten worden, als eben jetzt in dieſem für die Anſtedler ſo ſchrecklichen und drohenden Augenblicke; wenigſtens ſahen ſich noch zu keiner Zeit die Angreifenden ſowohl, wie die Angegrif⸗ fenen einer ſo unmittelbar ihr Leben bedrohenden Gefahr ausgeſetzt. Lange ſchwankte der Kampf hin und her; endlich aber neigte ſich 4 der diane ihre Ausf ware Hüug Triu unte oder und Gtüͤc unten Rau blickl Hoh⸗ Eler Blo Tro ſie No — — ₰ 95⁵ der Sieg auf die Seite der bedrängten Vertheidiger, und die In⸗ dianer mußten zu neuen Plänen, zu neuen Hilfsmitteln und Anſchlägen ihre Zuflucht nehmen, wenn ſie ihr unmenſchliches Vorhaben zur Ausführung bringen wollten. Gleich nachdem die Wilden in das Wohngebäude eingedrungen waren, hatten ſie den größten Theil des Hausgeräthes auf dem Hügel umher zerſtreut, in der Abſicht, erſt dann die Früchte ihres Triumphes zu ärndten, wenn die Weißen vollſtändig ihren Waffen unterlegen ſein würden. So hatten ſie auch unter Anderem ſechs oder ſieben Betten aus den Schlafzimmern in den Hof geworfen, und dieſe bedienten ſie ſich nun als mächtiger Angriffswerkzeuge. Stück nach Stück ſchleuderten ſie die einzelnen Kiſſen auf das, zwar unterdrückte, aber noch immer fortglimmende Feuer im unteren Raume des Blockhauſes, und die Folge dieſer Liſt war, daß augen⸗ blicklich eine ſtinkende Wolke des unerträglichſten Dampfes in die Höhe ſtieg. Und gerade jetzt, in dieſem Augenblicke fürchterlichen Elends, erſcholl der gellende Schreckensruf durch die Räume des Blockhauſes, daß alles Waſſer des Brunnens bis auf den letzten Tropfen verſiegt ſei! Die Eimer ſtiegen ſo leer wieder herauf, wie ſie hinabgelaſſen worden waren, und man ſah ſich in die ſchreckliche Nothwendigkeit verſetzt, ſie als unnütz auf die Seite zu werfen. Die Wilden ſchienen dieſen Vortheil, den ihnen das Schickſal in die Hände ſpielte, augenblicklich gewahr zu werden; denn ohne Zögern benutzten ſie die auf dieſes Unglück erfolgende Verwirrung der Belagerten dazu, die ſchlummernde Flamme von Neuem anzu⸗ ſchuͤren, ſie mit neuem Brennſtoffe zu verſehen und anzufachen. Wild praſſelte die Flamme auf, und die Gluth ſtieg in weniger als zwei Minuten zu einer ſolchen Höhe, daß die Unmöglichkeit, ſie zu dämpfen, den unglücklichen Anſiedlern vor Augen lag. Das Feuer drang ſpielend an den Bohlen der Decke empor, ſetzte ſie in Brand, und züngelte nun ungehindert von Punkt zu Punkt vor⸗ wärts. Nicht lange dauerte es, ſo ſtahl es ſich auch an der Außen⸗ ſeite des Blockhauſes hinan. Jetzt nun hatten die Wilden die Gewißheit, daß der vollſtän⸗ dige Sieg ihnen nicht entgehen könne, und ihr lautes, gellendes, feindſeliges Geheul ſprach die grauſame, teufliſche Freude aus, welche ihre erbarmungsloſen Herzen über dieſe Gewißheit empfanden. Während ſie draußen jubelten, lag eine ſchauerliche, todten⸗ ähnliche Ruhe über dem Blockhauſe, und kein Geräuſch erſchallte aus den Feuer umwogten, brennenden Wänden. Der ganze Ban ——xãx--- ſtand in Flammen gehüllt, aber nirgends bemerkte man ein Anzeichen fortgeſetzten Widerſtandes, und keine einzige Stimme ertönte, welche um Gnade und Erbarmen geflehet hätte. Dieſe widernatürliche, fürchterliche Stille theilte ſich allmählig auch den das Haus umringenden Wilden mit, und das allgemeine feierliche Schweigen ſtach ſeltſam und ſchauervoll ab gegen das Ge⸗ praſſel der fort und fort wüthenden Flammen, gegen das Krachen und Splittern des der Vernichtung anheimfallenden Gebälkes. Endlich vernahm man eine einzelne Stimme, welche aus dem flammenden Thurme erſchallte. Ihre Töne erklangen tief, feierlich und flehend, und die ungebändigten wilden Geſchöpfe, welche das brennende Gebäude umſtanden, und deren feinen Sinneswerkzeugen auch nicht der leiſeſte Ton entging, beugten ſich vorwärts und lauſch⸗ ten mit Anſtrengung auf die flehende Stimme. Marcus Heathcote war es, der alte Puritaner, welcher ſeine Gedanken in Andacht zu Gott erhob. Sein lautes Gebet war glühend und voll Zuverſicht, und obgleich die Indianer weder die Worte noch den Sinn deſſel⸗ ben verſtanden, ſo kannten ſie doch genugſam die Sitten der wei⸗ ßen Anſiedler, um zu wiſſen, daß der Vater der Blaßgeſichter ſich mit ſeinem Gotte unterhielt. Theils von unwiderſtehlicher Ehrfurcht getrieben, theils in ihrem Aberglauben die Folgen fürchtend, welche das geheimnißvolle Gebet auf ihre Häupter herabziehen köunte, wich die düſtere Rotte in einige Entfernung zurück und beobachtete von hier aus in tiefem Schweigen die Fortſchritte des immer mehr um ſich greifenden, entfeſſelten Elementes. Seltſame Sagen waren über die Gottheit der Blaßgeſichter bis in die Wildniß ihrer heimathlichen Wälder gedrungen, und da die Schlachtopfer ihres Grimmes ſo plötzlich jedes Mittel zur Rettung aufgaben, konnten ſie ſich des Gedankens nicht entwehren, daß die Macht jenes„großen Geiſtes,“ zu welchem der alte Puritaner betete, ſich auf eine unverkennbare Weiſe offen⸗ baren würde. Trotz dem aber gab Keiner von den Wilden irgend ein Zei⸗ chen von Mitleid zu erkennen, oder zeigte ſich geneigt, in dieſem Falle einmal von der erbarmungsloſen Grauſamkeit indianiſcher Kriegsweiſe abzugehen. Wenn ſie ja an das zeitliche Schickſal der unglücklichen Anſtedler dachten, welche mitten unter den Flammen noch lebten, ſo geſchah es allerdings mit Bedauern, aber nur einem Bedauern darüber, daß die hartnäckige Vertheidigung ſie jener Triumphzeichen beraubte, ohne welche ein indianiſcher Sieg 8 eichen welche nahlig emeine 16 Ge⸗ tachen 3 dem ierlich e das ſeugen lauſch⸗ atheote cht zu rſicht, deſſel⸗ rwei⸗ er ſich ls in Fvolle Rotte tiefem enden, ottheit Vaͤlder lötzlich ankens elchem offen⸗ n Zei⸗ dieſem niſcher al der zmmen er nur ng ſie r Sieg —— — -— 97 nie vollkommen iſt. Der Gedanke, ohne erbeutete Skalpe in ihr Dorf einziehen zu müſſen, grollte in der Bruſt der, rothen Krieger, und erſt, als die immer mehr überhand nehmenden Flammen jede Hoffnung, dieſes Verlangen zu befriedigen, gänzlich vereitelte, erſt dann waren ſie im Stande, dieſes eigenthümliche, tief einge⸗ wurzelte Vorurtheil zu vergeſſen. Das Feuer züngelte immer höher und erreichte bald auch das Dach des Blockhauſes wieder. Dabei ließ der glänzende Schein, welcher durch die Schießſcharten blitzte, ohne Mühe erkennen, daß nunmehr auch das innere Balkenwerk des Gebäudes in Brand ge⸗ rathen ſei. Ein paar Mal hörte man halb unterdrückte, dumpfe Töne aus dem Gebäude erſchallen, ähnlich dem erſtickten Schrei angſtvoller Frauen. Aber immer brach dieſes Geräuſch ſo plötzlich wieder ab, daß die Lauſchenden in Zweifel blieben, ob ſie die Töne wirklich vernommen, oder ob nur ihre Einbildungskraft ſie getäuſcht haben möge. Die Wilden, welche hier um das Haus verſammelt waren, hatten oft ſchon ähnlichen Scenen des Jammers und Leides beige⸗ wohnt; aber Keiner von ihnen konnte ſich erinnern, daß die Opfer ihres unverſöhnlichen Haſſes jemals mit ſolcher Unerſchütterlichkeit dem Tode entgegen gegangen wären. Ein ſeltſamer, unwiderſteh⸗ licher Schrecken ergriff ſie bei der fortdauernden Ruhe, welche im Blockhauſe herrſchte, und als endlich der wankende Thurm als eine halb verkohlte Maſſe von Trümmern krachend zuſammenſtürzte, da mieden ſie den Ort, wie wenn ſie die Rache einer Gottheit fürch⸗ ten müßten, welche den Herzen ihrer Anbeter ein ſo tiefes Gefühl der Hingebung einzuflößen vermogte, daß ſie unter den ſchrecklich⸗ ſten Martern ohne Klage und Geſchrei zu ſterben wußten. Obgleich während dieſer Nacht noch hie und da vereinzeltes Siegesgeſchrei ertönte, und die Sieger ſich noch auf dem Gipfel des Hügels befanden, ſo hatte doch eine Menge aus der unbändi⸗ gen Rotte die Entſchloſſenheit, dem rauchenden Scheiterhaufen, unter welchem ſo viele tapfere Herzen begraben lagen, nahe zu kommen. Die Wenigen aber, welche es wagten, umſtanden den Platz nicht mit dem Gefühl einer grauſamen Freude bei der Stil⸗ lung des Rachedurſtes an einem gefallenen Feinde, ſondern ſie fühlten die Ehrfurcht, welche die Indianer immer bei den Gräbern ihrer Gerechten empfinden. Narramatta und Conanchet. 7 98 Zehntes Kapitel. Die Winterkälte des Monates April pflegt in Amerika nur ſelten anhaltend zu ſein, und ſchon als die Jaͤger, wie oben er⸗ zählt wurde, von ihren Jagdſtreifungen in die Wohngebäude zurück⸗ kehrten, ſchloßen die Erfahrenen aus der Veränderung des Windes und der Wolken, daß der Froſt nicht mehr lange dauern werde. So lange mit den Indianern gekämpft wurde, hatte natürlich Kei⸗ ner von der Beſatzung Zeit, Witterungsbeobachtungen anzuſtellen, obgleich mehr als Einmal im Verlaufe der Nacht den jungen Leu⸗ ten ſich die Bemerkung aufdrängte, daß in der That der Winter im Scheiden begriffen ſei. Das Blockhaus war noch nicht völlig dem Feuer unterlegen, als ſchon das Wehen eines ſanften Süd⸗ windes in die Flammen fächelte, und die letzten Spuren des Win⸗ ters von der Erde zu tilgen gewillt ſchien. Gleich einem warmen und weichen Hauche durchzogen die Alles durchdringenden Luftſtröme Wald und Feld, und überall ſchmolzen die Schneemaſſen dahin, überall zeigte ſich der Eindruck der belebenden Wärme, welchen natürlich Menſchen und Thiere am lebhafteſten empfinden mußten. Am Morgen zeigte ſich daher um die Agſiedelung herum ein ganz anderes Bild, als das, welches wir zuletzt unſern Leſern zu ſchil⸗ dern geſucht haben. Der Winter war gänzlich verſchwunden, und da ſchon früher der beginnende Frühling einige warme Tage gehabt und die Kno⸗ ſpen geſchwellt hatte, ſo würde Niemand, der jetzt ſich plötzlich an Ort und Stelle verſetzt geſehen hatte, geglaubt haben, daß die bereits ſo milde geweſene Jahreszeit von einem ſo rauhen Winter⸗ ſturme unterbrochen worden ſei. Traurig war der Wechſel, den die Werke von Menſchenhand in der Anſiedelung hatten erleiden müſſen. An der Stelle jener einfachen Wohnungen, welche nichts als Friede und Ruhe athme⸗ ten, die ein ſtilles aber dafür um ſo größeres Glück in ihren Mauern geborgen hatten, ſah man jetzt nichts als einen ſchwarzen, verkohlten Trümme aufen. Auf der Seite des Hügels lagen einige zerbrochene, halb derbrannte, halb zerſtörte Hausgeräͤthſchaften umher, und hin und wieder erblickte man, als Merkzeichen eines traurigen Schickſals, ein Dutzend einzeln ſtehende Palliſaden, welche, durch einen Zufall vielleicht, den verzehrenden Flammen und den zerſtörenden Händen der Indianer entgangen waren. Ueber den Trümmern erhoben ſich, gleich rieſigen Geſpenſtern, acht bis in⸗ men köme ahin, lchen ßten. ganz ſchil⸗ üher Kno⸗ ) an die nter⸗ hand jener hme⸗ hren zen, nige ften ines den, men eber bis 99 zehn maſſiv aus Steinen errichtete Schornſteine, welche der Flamme genügſamen Widerſtand hatten leiſten können, und mitten in der Verwüſtung ſah man noch unverſehrt das untere ſteinerne Geſchoß des Blockhauſes, auf deſſen Mauern man einige verkohlte Bohlen erblicken konnte. Aus dem Mittelpunkte der Ruine ragte das Ge⸗ mäuer des nackten, frei ſtehenden Brunnens empor, faſt einem finſteren Denkmal der Vergangenheit gleichend. Weiterhin erblickte man die geringen Ueberbleibſel der Außengebäude, welche die eine Seite des gelichteten Thales wie mit einer ſchwarzen Decke über⸗ zogen, und an mehreren Stellen hatten die Palliſadenpfähle die Flammen auch nach den Feldern geleitet. Im Hintergrunde lagen einige wiederkäuende Hausthiere, und ſelbſt auch die gefiederten Bewohner der Scheuern, die Hühner und Tauben, wagten ſich ihren vormaligen Wohnplätzen nicht zu nähern, als ob ſie fürchte⸗ ten, daß der Ort, welcher ſie früher vor Gefahr und Ungemach beſchützt hatte, jetzt von Verderben aller Art umringt ſei. Im Uebrigen zeigte ſich die Ausſicht ſo ruhig und lieblich, wie jemals. Von dem blauen, wolkenloſen Himmel glänzte ſtrahlend die Sonne auf die Erde nieder, und die weiche, klare Luft, das helle, ſchöne Wetter überhäufte ſelbſt den jetzt noch blätterloſen Wald mit einem Schimmer von Anmuth. Der weiße Dampf, der noch immer den Trümmerhaufen entſtieg, ſchien nicht ein Ueberbleibſel der Zerſtö⸗ rung zu ſein, ſondern, wie er ſo ſanft gekräuſelt ſich erhob und hoch in den Lüften ſchwebend von den Sonnenſtrahlen aufgeſogen ward, glaubte man den Rauch einer friedlichen Hütte zu ſehen, wie er langſam über das gaſtliche Dach davon zieht. Die erbarmungsloſe Bande der Indianer, welche Brand und Mord in das friedliche Thal getragen hatte, befand ſich bereits auf dem Rückwege nach dem heimathlichen Dorfe, wenn ſie nicht darauf ausging, ein anderes, gleich blutiges und grauſames Schau⸗ ſpiel bei andern Anſiedlern auszuführen. Ein geubtes Auge hätte leicht die Spur des Pfades verfolgen können, welchen die wilde Rotte eingeſchlagen hatte; denn man erkannte ſie an den im Muth⸗ willen zerſtörten Einhägungen, wie auch an den Leichnamen fried⸗ licher Hausthiere, denen der triumphirende Feind in ſeinem Sieges⸗ rauſch zum Abſchiede noch den Todesſtreich verſetzt hatte. Niemand war von der ganzen Schaar zurückgeblieben, als nur ein junger Indianer, und dieſer weilte an der Stätte der Trauer mit Gefüh⸗ len und Empfindungen, welche von den Leidenſchaften ſeiner grau⸗ ſamen und blutgierigen Landsleute himmelweit verſchieden waren. 7* 100 Mit leiſen und geräuſchloſen Schritten wandelte der zurückge⸗ bliebene einſame Jüngling zwiſchen den Trümmern und Schutthau⸗ fen umher. Zuerſt betrachtete er ſinnenden Blickes die rauchenden Ueberbleibſel des zerſtörten Wohngebäudes, und dann näherte er ſich, tief bewegt, wie es ſchien, von dem ſchrecklichen Ende der unglücklichen Anſiedler, den gemauerten, aber vom Brande ge— ſchwärzten Reſten des Blockhauſes. Mit leichtem Fuße betrat er die öde Stelle, und ſein Athmen war leiſe wie der Athem eines Kindes, als er inmitten des Platzes ſtand, welcher erſt vor weni⸗ gen Stunden durch die ſtandhafte Ergebung einer chriſtlichen Fa⸗ milie in ihr ſchreckliches Schickſal geheiligt worden war. Der Jüngling, welcher hier einſam unter Ruinen wandelte, war der indianiſche Knabe, den wir unter dem Namen Miantoni— moh kennen gelernt haben. Er ſuchte nach einigen Ueberreſten der wackern, frommen Leute, mit welchen er ſo viele Tage in Frieden und Zutrauen unter einem Dache verweilt hatte. In den lebhaften und ſprechenden Zügen des Jünglings würde ein geübter und den Leidenſchaften der Wilden nicht ganz fremder Beobachter leicht geſehen haben, welche Gefühle abwechſelnd die Seele deſſelben bewegten. Das dunkle, glänzende Auge des Kna⸗ ben rollte hurtig über die noch glimmenden Bruchſtücke des Ge⸗ bäudes hinweg, und ſchien gierig nach einem Ueberbleibſel menſch⸗ licher Geſtalten zu ſuchen. Aber das Feuer war zu heftig und zu zerſtörend geweſen, als daß ſich noch viele ſichtbare Ueberbleibſel von der Wuth deſſelben hätten vorfinden können. Nur einen Ge⸗ genſtand bemerkte des Indianers Auge, der ihm Befriedigung ſei⸗ nes Wunſches zu gewähren ſchien, und als er leichten Schrittes darauf zueilte, hob er den Knochen eines vormals kraͤftigen Armes aus dem Schutte auf. Der erſte Blick auf dieſen traurigen Ge⸗ genſtand war wild und triumphirend, und ſprach die ganze Freude aus, welche den indianiſchen Krieger bei dem Gefühle geſättigter Rachgier durchſchauert; aber je länger das Auge des Jünglings auf dem halb verbrannten Ueberbleibſel einer menſchlichen Geſtalt verweilte, deſto mehr gewannen ſanftere Gefühle die Oberhand über die erſten Regungen des Haſſes, welcher ihm von Jugend auf gegen das Geſchlecht der Weißen, das er als den Verderber ſeines Stammes betrachten mußte, eingeprägt worden war. Der Kuochen entſank ſeiner Hand, und ein wehmuthsvoller, vergebender Schatten überflog ſeine ſchwärzlichen Züge, welcher Ruth, wenn ſie ihn hätte ſehen können, überzeugt haben würde, daß ihre, Mian⸗ eines veni⸗ Fa⸗ 101 tonimoh jederzeit bezeigte Güte nicht ganz vergeblich verſchwendet worden ſei. Das mitleidige, bedauernde Gefühl wich bald einem andern, einem Gefühle geheimnißvoller, nicht zu überwältigenden Furcht. Es däuchte dem jungen Indianer, als ob eine ſäuſelnde Stimme über dieſem Grabe der Geiſter ſich hören ließe, und, den Körper vorgebeugt, lauſchte er mit geſpanntem Ohr auf die ſeltſamen Töne. Er glaubte, die gedämpfte Stimme des alten Puritaners zu ver— nehmen, der ſeine Worte an den großen Geiſt über den Wolken richte, und von einem Schauer ergriffen, begab ſich der verwun⸗ derte Knabe langſam und ehrerbietig von dem Platze hinweg. Sein Blick, rückwärts gewendet, ſtarrte aufwärts in die leere Luft, dort⸗ hin, wo geſtern noch die Balken und Gemächer des Blockhauſes geſtanden, von wo aus die Wilden die letzten Gebete und Klage⸗ töne der unglücklichen Familie erſchallen gehört hatten. Seine Einbildungskraft ward lebhaft rege und malte ihm die ſterben den Schlachtopfer indianiſchen Haſſes in ihrem lodernden Thurme. Ein Weilchen noch zauderte der Jüngling, vielleicht in der Erwartung, daß ihm ſogar die Geſtalten der ermordeten Blaßge⸗ ſichter erſcheinen würden. Dann aber, mächtig von einem gehei⸗ men Schauer ergriffen, betrat er ſchwebenden Fußes den Pfad, welchen ſeine Landsleute eingeſchlagen hatten, und verfolgte nach⸗ denkend und von weichen ſanften Gefühlen erfüllt, ihre für ein in⸗ dianiſches Auge leicht erkennbgre Fährte. Als ſeine ſchlanke ſchöne Geſtalt den Saum des Waldes erreichte, blieb er noch einmal ſtehen, wie um einen letzten Abſchiedsblick auf den Ort zu werfen, wo er Zeuge ſo vieler häuslichen Freuden und dann eines ſo namen— loſen Jammers geweſen war. Eine Thräne ſchimmerte in ſeinem Auge; aber raſch unterdrückte er das einem indianiſchen Krieger unwürdige Gefühl, und verſchwand im nächſten Augenblicke in dem undurchdringlichen Düſter ſeiner geheimnißvollen Wälder. Das Werk der grauſamen Wilden war nun vollendet und die ſchöne, fruchtbare Anſiedelung der Weißen ſchien für immer zer⸗ ſtört. Wenn die Natur ſich ſelbſt überlaſſen geblieben wäre, ſo würden wenige Jahre hingereicht haben, die verödete Lichtung mit neuem Geſträuche zu bedecken, und nach einem halben Jahrhun⸗ derte hätte wohl ſelbſt das ſcharfſichtigſte Auge die Stellen nicht mehr anzugeben vermogt, welche von der Hand der Anſiedler be⸗ reits urbar gemacht worden waren und reichliche Früchte getragen hatten. Aber dieſem Schickſale ſollte das ſchöne und üppige Thal nicht anheimfallen. Die Sonne hatte beinahe ſchon den Scheitelpunkt erreicht, und von der Rotte der indianiſchen Krieger war ſeit Stunden keine Spur mehr zu entdecken geweſen. Nirgends vernahm man ein Geräuſch, außer vielleicht das Wehen der Luft über den Ruinen, welches ein abergläubiſches Gemüth leicht für das Flüſtern der hingeſchiedenen Geiſter halten konnte, und Alles hatte das Anſehen, als ob das Schweigen der einſamen Wildniß von Neuem die un⸗ geſtörte Herrſchaft uͤber die ganze Gegend übernehmen werde. Da, plötzlich, ward die tiefe Ruhe, obwohl nur durch leiſe Töne, unterbrochen. Im Innern der Trümmer des Blockhauſes regte ſich Etwas. Es hörte ſich an, als ob Holzſcheite, Eins nach dem Andern, vorſichtig auf die Seite geſchoben würden, und dann hob ſich langſam und mit vorſichtig ſpähendem Ausdrucke in den Mienen ein menſchlicher Kopf, ein menſchliches Antlitz über den Brunnenrand empor. Das Geſicht war hager und bleich, von Rauch geſchwärzt und mit Blut beſchmiert; der Kopf war mit Bin⸗ den, aus den ſchmutzigen Fetzen eines zerriſſenen Kleidungsſtückes gefertigt, umwunden; die Augen ſtarrten unbeweglich, wie von einem entſetzlichen Anblicke verſteinert; und das ganze Ausſehen des Hauptes war der Art, daß es mit den grauſenvollen Gegen⸗ ſtänden, welche der Ort darbot, in vollkommenem Einklange zu ſtehen ſchien, und vielleicht noch ihren unheimlichen Charakter er⸗ höhte. „Was ſieht dein Auge?« fragte eine rauhe, heiſere Stimme innerhalb des Gemäuers, die da klang, als töne„ſie aus einem Grabe herauf. „Müſſen wir von Neuem zu den Waffen greifen, oder ſind die Werkzeuge Molochs davongezogen? Ringe nach Faſſung und rede, Jüngling! Was erblickſt du?« „Ich ſchaue einen Anblick, der einem Wolfe Thränen aus⸗ preſſen könnte!“ lautete die Antwort Eben Dudley's, welcher ſich jetzt auf den Schaft eines Spießes ſtützte und ſich vollends mit den Füßen auf den Brunnenrand emporſchwang, von welchem er⸗ höhten Standpunkte er den größten Theil des grauſam verheerten Thales überſchauen konnte.„Ihr könnt herausſteigen, ohne Ge⸗ fahr befürchten zu müſſen. Die Kinder Belials haben ihr Müth⸗ chen gekühlt, und wir werden wohl ungeſtört friſche Luft ſchöpfen können.“ nicht und keine i ein ſlinen, der ehen, ee Un⸗ leiſe lauſes nach dann den den von Bin⸗ lückes von ſehen egen⸗ e zu -er⸗ mme inem ſind und — 103 Sobald dieſe Worte geſprochen waren, verriethen unterſchied⸗ liche Töne, daß man die Nachrichten mit Freude vernahm und ohne Zögern Anſtalten traf, das enge und tiefe Grab zu verlaſſen. Zuerſt wurden dem tapfern Eben Dudley von unten ſorgfältig mehrere Bretter und Holzklötze in die Höhe gereicht, und von dieſem, als jetzt unnütz und unbrauchbar, mit Verachtung unter das übrige Trümmerwerk des Gebäudes geworfen. Hierauf ſtieg er ſelbſt von dem Brunnenrande hinab, um den andern Herauskommenden Raum und Platz zum Aufſteigen zu geben. Der Erſte, welcher nach ihm erſchien, war der Fremde, Warley geheißen, der der unglücklichen Familie in der Noth ſo treulich Beiſtand geleiſtet hatte. Ihm folgte Content, der alte Puritaner, Ruben Ring und alle übrigen Jünglinge und Männer, welche nicht während des vorhergegangenen Kampfes den Waffen der Indianer erlegen waren. Nachdem ſie Alle den Brunnenrand überſtiegen und ihre Füße wieder auf feſten Grund und Boden geſetzt hatten, machten ſie ſich hurtig daran, eine kleine Vorrichtung zu treffen, um auch den ſchwächeren Theil der Geſellſchaft aus ihrem engen Gefängniſſe zu erlöſen. Die erforderlichen Mittel wurden durch die raſche und entſchloſſene Betriebſamkeit der wackeren Gränzler bald herbeigeſchafft, und vermittelſt einiger Ketten, Bretter und Eimerwurde bald Contents Gattin, die kleine Martha, Glaube, Ring uͤnd alle übri⸗ gen Mägde ohne Ausnahme, Eine nach der Andern aus den dunkeln Tiefen der Erde herausgezogen und dem freundlichen hellen Tages⸗ lichte zurückgegeben. Die ganze Ausführung des Unternehmens bedurfte weder einen großen Aufwand an Zeit, noch auch eine bedeutende Anſtrengung, und war daher binnen weniger als einer Viertelſtunde beendigt. Nicht ohne Furcht und Schrecken war dieſer heimliche Rückzug der Anſiedler vor den Flammen, und den Tomahawks der Wilden bewerkſtelligt worden. Sobald man übrigens einmal auf den Ge⸗ danken gekommen war, Schutz in den maſſiven, feſt gemauerten Brunnen zu ſuchen, ſo war nicht nur das Hinabſteigen leicht, ſon⸗ dern die jungen Männer wußten auch den Frauen und Kaudenehe⸗ Lage in der Tiefe unten viel leichter und angenehmer zu machen, als man anfänglich gefürchtet hatte. Sie warfen verſchiedene Möbel⸗ ſtücke hinab, legten abgeriſſene Bretterſtücke der Fußböden darüber, und bildeten dadurch ein Dach, welches ſie vollkommen wirkſam gegen die zuſammenſtürzende Maſſe des Blockhauſes beſchützen konnte. Die ganze Einrichtung des Gebäudes war uͤbrigens ohnehin ſchon der Art, daß die ſchwerſten Stücke der Balken nach Außen fallen mußten, was nicht wenig dazu beitrug, ihre Lage minder peinlich und weit ſicherer zu machen, als die furchtſamen Frauen zu glauben geneigt waren. Obgleich die ganze Familie ſich ſelber ſagen mußte, daß ſie einer großen Gefahr, einem entſetzlichen Looſe entgangen ſei, ver⸗ ſammelte ſie ſich nach ihrer Rettung, doch mit traurigen Gefühlen, die ſich leichter denken als beſchreiben laſſen. Alle ihre Gebäude waren bis auf den Grund zerſtört, ihr Vieh zerſtreut oder getödtet, ihre Aernte verbrannt, ihre Felder verwüſtet worden. Dennoch war ihre erſte Handlung ein kurzes aber warmes Dankgebet für ihre Rettung aus ſo dringender Gefahr, und dann trafen ſie mit der ganzen Unverdroſſenheit von Menſchen, die unter Mühen und An— ſtrengungen aufgewachſen ſind, alle Vorkehrungen, welche die Klug— heit ihnen als nothwendig vorſchreiben mußte. Einige der rüſtigſten und thätigſten Jünglinge wurden ausgeſchickt, um die Fährte der Wilden aufzuſuchen, die von ihnen genommene Richtung zu verfolgen, und über ihre ſämmtlichen Bewegungen ſo genaue Kunde, wie irgend möglich, einzuziehen. Die Mägde be⸗ müheten ſich, die im Walde zerſtreuten Kühe zuſammenzubringen; und die übrigen Anſiedler ſuchten mit ſchwerem Herzen unter dem Schutt nach Lebensmitteln umher, welche geeignet ſein mogten, das dringendſte Bedürfniß der Natur, den Hunger, zu befriedigen. Nach Verlauf von zwei Stunden war Alles geſchehen, was ſich hinſichtlich dieſer verſchiedenen Zwecke thun ließ. Die jungen Männer kehrten mit der Verſicherung zurück, daß die Spuren, welche die Indianer hinterlaſſen, der Art ſeien, daß man von ihnen nichts mehr zu befürchten brauche; die Kühe waren aus dem Gehölze ge⸗ trieben, und der Hunger nothdürftig befriedigt worden. Jetzt unter⸗ ſuchte man noch die Waffen und ſetzte davon in Stand, was irgend brauchbar aus dem ſchweren Kampfe hervorgegangen war; dann traf man einige Vorbereitungen, um die ſchwächeren Frauen vor den Einwirkungen der kalten Nachtluft zu beſchützen, und unterließ endlich, mit einem Worte, nichts, was die Einſicht eines Gränzlers angeben und ſein Scharfſinn erfinden konnte, um die Lage der armen Heimgeſuchten ſo erträglich wie möglich zu machen. Die verſchiedenen Vorkehrungen waren noch nicht völlig been⸗ digt, als die Sonne ſich ſchon den Gipfeln der Bäume zuneigte, welche in weſtlicher Richtung die Ausſicht in die Ferne beſchränkten. Um dieſe Zeit trat Ruben Ring, von einem anderen nicht minder fallen ſeinlich auben aß ſie „ ver⸗ ühlen, bäude lödtet, war ihre t der An⸗ Klug⸗ biick, mene den ſo de be⸗ ngen; dem das 1. s ſich änner e die nichts e ge⸗ unter⸗ tgend dann vor erließ zlers rmen been⸗ igte, kten. inder 105 kräftigen und muthvollen Jünglinge begleitet, vor den Puritaner, um ihm zu verkündigen, daß ſie zu einer Reiſe durch den Wald ſo gut gerüſtet ſeien, wie man in ihrer Lage erwarten könne. „Wohlan, ſo geht, ſprache der alte fromme Kapitän zu den beiden jungen Männern, welche ſeiſer Aufträge harrten;— geht, und verbreitet die Kunde von unſerem Unglück, damit die Menſchen kommen, uns Hilfe zu leiſten. Ich verlange keine Rache an dieſen armen bethörten Kindern des Molochs, da ſie alles Unheil nur in ihrer Unwiſſenheit angerichtet haben; und Keiner von den Unſrigen ſoll ſich wappnen, um zu vergelken, was die armen ſündhaften fehlenden Geſchöpfe verübten. Möge Jeder lieber in die verborgenen Tiefen ſeines Herzens ſchauen und darauf denken, daß das Unglück zu ſeinem Heile gereichen und ſeinen inwendigen Menſchen beſſern möge. Der Himmel hat uns heimgeſucht zur Strafe unſerer Sünden, und unſere Pflicht gebietet, nicht zu murren über die Laſt, ſo er uns auferlegt hat. Geht, meine Söhne; geht, und fordert unſere getreuen Nachbarn auf, fünfzig Meilen in der Runde, damit Alle, welche abkommen können, zu unſerer Hilfe herbei eilen. Sie wür— den uns ſehr willkommen ſein, und wir wollen beten, daß ſie niemals in die Nothwendigkeit verſetzt werden mögen, mich oder die Meinigen zu einer gleich traurigen Hilfleiſtung in Anſpruch zu nehmen. Geht mit Gott, meine Kinder, und vergeſſet nicht, daß ich Euch ſende als Boten des Friedens, nicht aber als Boten der Rache, daß ich meine Brüder nicht bitte, die Wilden mit den Waffen zu verfolgen und in ihre Schlupfwinkel zu jagen, ſondern daß ich ſie nur um Hilfe in meiner Noth anrufen laſſe.« Nach dieſer Ermahnung des wackeren und frommen alten Mannes nahmen die beiden jungen Männer Abſchied, indem ſie verſprachen, auf das Genaueſte die. Befehle ihres Gebieters zu befolgen. Aber trotz ihrer friedlichen Worte konnte man deutlich genug an ihrer finſter gerunzelten Stirn und ihren feſt zuſammengepreßten Lippen ſehen, daß ſie leichtlich das Verbot ſich zu rächen vergeſſen dürften, wenn das Schickſäl ihnen während der Reiſe einen im Walde um⸗ herſtreifenden Indianer in den Wurf bringen ſollte. Wenige Minuten nachher ſah man ſie mit weiten Schritten über die Felder eilen, indem ſie die Richtung einſchlugen, welche nach den tiefer am Fluſſe liegenden Anſtedlungen führen mußte. Bald verſchwanden ſie im Düſter des Waldes. Für die Zurückbleibenden blieb noch eine andere Aufgabe zu löͤſen übrig. Als man ſich an das Geſchäft begab, für die ſchwaͤcheren —. Mitglieder der Familie ein Obdach zu ſuchen, zog natürlich vor Allem das ehemalige Blockhaus die Aufmerkſamkeit auf ſich. Die unteren, aus Steinen gemauerten Wände dieſes Gebäudes ſtanden noch unverſehrt, und bald zeigte es ſich, daß es nicht ſchwer fallen würde, mit Benutzung einiger, wenn auch halb verbrannter, Balken und Bretter eine Decke darüber zu legen, die wenigſtens eine Zeit lang Schutz und Schiri gegen den Ungeſtüm des Wetters zu ge⸗ währen vermogte. Man ging ohne Säumen an das Werk, und die Vorrichtung, obgleich nur aus dem Rohen und in möglichſter Haſt gearbeitet, genügte einſtweilen zu einem Obdache, bis die Anſiedler mit dem Beiſtande Anderer ſich eine neue und bequemere Wohnung herſtellen konnten. Während man den Schutt aus dem bedeckten Raume des kleinen Thurmes hinwegſchaffte, wurden mit Sorgfalt die Gebeine der Un⸗ glücklichen geſammelt, welche während des Kampfes mit den Roth⸗ häuten ihr Leben hatten einbüßen müſſen. Den Körper des Jüng⸗ lings, der gleich im Beginn des Gefechtes getödtet worden war, fand man, nur halb von den Flammen verzehrt, im Hofe liegen, aber die Gebeine von zwei anderen, während der Vertheidigung des Blockhauſes Gefallenen, mußten aus dem Schutt und den Trüm⸗ mern hervorgeleſen werden. Den Ueberlebenden blieb die traurige Pflicht, ſie ſämmtlich mit feierlichem Anſtand der Erde zurückzugeben, aus welcher ihr ſterblicher Körper erſchaffen war. Die Stunde des Abends, wo der weſtliche Himmel von all' dem Glanze ſtrahlt, welcher den Auf⸗ und Niedergang der Sonne begleitet, war zur Verrichtung dieſes Trauerdienſtes beſtimmt worden. Die Sonne ſchimmerte in gebrochenen Lichtern anmuthig und golden durch die Baumwipfel, und nicht leicht hatte ein lieblicheres und weicheres Licht für eine ſolche ernſte und tief ergreifende Feierlichkeit erwählt werden können. Die Felder, oder doch ein großer Theil derſelben lag noch vom hellen Glanze des Tages übergoſſen, während der dunkle Forſt mehr und mehr von den Schatten des Abends eingehüllt ward. Wie ein breiter dunkler Saum war die Wald⸗ gränze zu ſchauen; und auch außer ſeinem Bereich, auf den Wieſen, warfen die hier und da einſam ſtehenden Bäume einen rauhen, finſtern Streifen ſchattend über das röthliche Sonnenlicht. Ein ſolcher Streifen wurde durch eine hohe, ſchwankende Fichte gebildet, deren immergrüner Stamm faſt hundert Fuß hoch die beſcheidenere Höhe der Buchen überragte. Der rieſige Schatten, den ſie warf, reichte bis an das Blockhaus und ſtahl ſich langſam nach und nach lich vor h. Die ſtanden er fallen Balken ine Zeit G zu ge⸗ kk, und glichſter bis die quemere zkleinen der Un⸗ n Roth⸗ s Jüng⸗ den war, e liegen, gung des Trüm⸗ traurige zugeben, von all⸗ r Sonne worden. d golden deres und jerlichkeit ßer Theil während 8 Abends je Wald⸗ (Wieſen, rauhen, ct. Ein gebildet, cheidenere ſie warf, und hach 107 bis an das geöffnete Grab hin, gleichſam ein Sinnbild des Dunkels, in welches eingehüllt alle erſchaffene Weſen der Vergeſſenheit an⸗ heimgegeben werden. Um das Grab herum hatten ſich Marcus Heatheote und der Reſt ſeiner Gefährten und Untergebenen verſammelt. Der ehrwür⸗ dige Greis ſaß auf einem alten eichenen Stuhle, den die Flammen verſchont hatten, an dem einen Ende des Grabes; auf der Seite deſſelben konnte man auf zweien mit wenig Umſtänden und leichter Mühe hergerichteten Bänken die übrigen Mitglieder des Haushaltes erblicken; und dem alten Puritaner gegenüber, an des Grabes anderem Ende, ſtand Warley, der Fremdling, deſſen ſchon ſo oft Erwähnung geſchah, mit gefalteten Händen und ſorgenvoller, ge⸗ dankenſchwerer Stirn. „Eine gerechte, aber dennoch gnadenvolle Hand hat mein Haus⸗ weſen heimgeſucht,« hob mit gelaſſener Stimme der Puritaner zu reden an, indem er ſeine wechſelnden Gefühle wie ein Mann be⸗ kämpfte, der ſeit langer Zeit daran gewöhnt iſt, die ſchwerſten Leiden mit Demuth und Ergebung zu tragen.„Gott, der uns gab mit reichlicher Hand, hat uns wieder genommen; Gott, der lange mit meinen Schwächen und Fehlern Nachſicht hatte, wendet jetzt ſein Angeſicht von mir und verhüllt es in Zorn. Ich habe ſeine Macht kennen gelernt, da ſie Segen auf mich herab träufelte, und wohl war es an der Zeit, daß ich auch ſein Mißfallen fühlte. Ein Herz, das da anfing, ſicher zu werden, würde der Stolz ver⸗ härtet haben; und Niemand murre daher über das Geſchehene, Niemand gleiche dem Weibe Hiob's, welches im Unglücke thörigte Worte ſprach. Wie? Sollten wir allein das Gute aus den Händen des Herrn empfangen wollen, und nicht auch das Böſe? Das ſei fern von uns! Und wenn die ſchwachen Gemüther der weltlich Geſinnten, die das Heil ihrer Seele verſchleudern um der Eitelkeit willen und verächtlich auf die Armuth herniederſchauen, wenn ſie ſehen würden, wie reich der iſt, der da im Glauben an Gott wandelt, ſie würden niederſinken in den Staub, und würden mit lauter Stimme Gott anrufen, und würden ſchreien:„Herr, ſei uns armen Sündern gnädig!« Alſo laßt uns die Stimme des Dankes in der Wüſte erheben! Oeffnet den Mund zu Lobpreiſungen, damit die dankbaren Gefühle des Reuigen nicht in Verborgenheit bleiben.« Als die tiefen aber kräftigen Töne des alten Puritaners ver⸗ hallten, fiel ſein ernſtes Auge auf das Autlitz des ihm zunächſt ſitzenden Jünglings, und ſchien eine freudige Antwort auf dieſen 3 5 erhabenen Ausdruck ſeiner Hingebung zu fordern. Aber der Jüng⸗ ling konnte ſich noch nicht zu einer ſo hohen Seelenſtärke erheben; er ſah mit trauernder Miene auf die ſterblichen Ueberreſte ſeines tapferen Gefährten nieder, und warf dann einen irrenden Blick auf die Felder rings um, deren Verwüſtung ſo ſchrecklich gegen ihr frü⸗ heres geregeltes Ausſehen abſtach. Auch der Schmerz ſeiner im Kampfe empfangenen Wunden hinderte den Aufſchwung ſeiner Seele, und indem er verwirrt ſein Auge niederſchlug, zeigte er deutlich genug, daß die geforderte freudige Ergebung in den Willen Gottes bei Weitem ſeine Kräfte überſtieg. Der alte Marcus Heathcote bemerkte dieß ſogleich und fuhr fort: „Hat denn Niemand unter Euch eine Stimme, den Herrn zu preiſen? Die Horden der Heiden ſind in meine Hürden eingefallen! Der Feuerbrand hat meine Wohnung vernichtet! Meine Jünglinge fielen unter den wüthenden Streichen der Unerleuchteten— und Niemand iſt hier, der da ſagt, daß der Herr gerecht iſt? Ich wünſche, daß ſich Laute des Dankes in meinen Feldern erheben, daß der Lobgeſang kräftiger erſchalle, als das Schlachtgeſchrei der Wilden, daß die ganze Gegend ringsum wiedertöͤne von dem Aus⸗ drucke himmliſcher Freude!“ Auch dieſe begeiſterte Aufforderung zum Lobgeſange blieb ohne Wirkung, und ein langes, tiefes und erwartungsvolles Schweigen erfolgte darauf. Endlich erhob Content ſeine Stimme, und ſagte mit ruhiger und feſter Beſcheidenheit: „Die Hand, welche die Wagſchale gehalten hat, iſt gerecht, wir aber ſind zu leicht befunden worden. Der die Wildniß erblühen läßt, hat dießmal die Unwiſſenden und Grauſamen zu Werkzeugen ſeines Willens gemacht. Er hat das Fortſchreiten unſeres Ge— deihens gehemmt, damit wir erkennen ſollen, daß Er der Herr ſei. Er hat durch den Sturmwind zu uns geſprochen, aber ſeiner Gnade verdanken wir es, daß wir ſeine Stimme nicht verkennen. Ein Schimmer der Freude ergoß ſich bei dieſen Worten ſeines Sohnes über die bleiche und abgezehrte Wange des alten fromm⸗ gläubigen Puritaners. Von Content wendete er ſein forſchendes Auge auf Ruth, welche, ein Bild tiefen, mütterlichen Schmerzes, unter ihren Mägden ſaß. Die Blicke der Uebrigen folgten ſeiner Richtung, und eine athemloſe Stille ſchwebte über der Verſammlung, als die Männer und Frauen das ſtille, bleiche Geſicht der Leidenden anſchauten. Ernſt und traurig, aber thränenlos ruhte das Auge Ruths auf den Ueberreſten der Gefallenen, und ohne es ſelbſt zu eathcote derrn zu efallen! unglinge erheben, crei der em Aue⸗ ieb ohne chweigen nd ſagte gerecht, erblühen erkzeugen eres Ge⸗ Herr ſei. er Gnade en ſeines mfromm⸗ orſchendes chmerzes, en ſeiner ummlung, Leidenden das Auge ſelbſt zu 1⁰09 wiſſen ſuchte ſie nach einer Reliquie ihres Töchterchens, welches ſie während des Kampfes verloren hatte. Ein leiſer Schauer machte ihren Körper erbeben und verrieth den Kampf ihrer Seele. Endlich aber öffnete ſte ihre bleichen Lippen, und mit bebenden, kaum für die nächſte Umgebung vernehmbare Stimme ſprach ſie die wenigen Worte: „Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn ſei gelobet!« »Der Herr züchtiget, die er lieb hat,« nahm Marcus Heath⸗ cote wieder das Wort, indem er würdevoll ſich von ſeinem Sitze erbob, um die Seinigen anzureden.„Und da ich dieß weiß, ſo weiß ich auch, daß die Hand, welche mich ſchlug, mir gnäͤdig iſt. Unſer Leben iſt ein Leben des Stolzes und Hochmuthes. In der Jugend ſind wir erfüllt von Uebermuth, und wenn das Alter kommt, dann ſagen wir in unſerem Herzen: es iſt hier gut ſein. Aber voll Majeſtät und unergründlich iſt der Herr, welcher ſitzet in der Höhe. Der Himmel iſt ſein Thron, und die Erde hat er geſchaffen zu ſeinem Fußſchemel. Wer will ihn erforſchen und ſeine Gedanken ergründen? Hat Einer von Allen, die da athmen, gelebt, ehe denn die Hügel ſtandens Die Feſſeln des Böſen ſind gelöſet worden, damit der Glaube der Auserwählten geprüft und geläutert werde in dem feurigen Bade der Schmerzen! Die Dauer der Menſchen— kinder iſt nur ein Athemzug in den Augen deſſen, der die Ewigkeit gegründet hat, und die Erde iſt unſere Wohnung nur für eine kurze Zeit. Wer mag ergründen, was die nächſte Stunde in ihrem Schooße verbirgt? In einer einzigen Nacht, meine Kinder, hat uns all' dieſes Unglück betroffen, und die Männer, deren Stimmen kühn und kräftig in meinen Hallen ertönten, ſind nicht mehr; die geſtern ſich freuten, ſind heute in Trauer gehüllt. Und dennoch, wer wollte daran zweifeln, daß uns dieſes ſcheinbare Uebel von Gott nur deßhalb geſandt wurde, damit uns lauter Gutes daraus entſpringen mögte?“ „Wir en in einem wüſten Lande, ferne von andern Men⸗ ſchen,“ fuhr er mit erhabener Stimme fort.„Aber, obgleich wir geſcheucht ſind, wie das flüchtige Reh, obgleich die Sternendecke des Himmels unſer Obdach iſt, und Niemand mehr in unſeren Mauern ſeine Andacht im Geheimen verrichten kann, obgleich unſer Pfad ſteinig iſt und von Dornen überwuchert,— dennoch führt er den Gläubigen zum Frieden, und die innere Ruhe des Rechtſchaffenen kann nicht geſtört werden. Wer um der Wahrheit willen Hunger 110 und Durſt und die Schmerzen des Fleiſches überwinden kann, der verſteht es auch, die Schickungen Gottes mit Freudigkeit hinzu⸗ nehmen, und wer den Frieden des Gerechten zum Ziele hat, dem wird die längſte Stunde leiblicher Trübſal nicht zu lange währen.“ „Wenn irgend ein weibliches Herz in dieſer Verſammlung den frühen Tod deſſen beweint, der im gerechten Kampfe um Leben und Heimath den Geiſt aufgab, ſo mag es ſich erinnern, daß von An⸗ beginn der Welt her ſeine Tage bereits gezählt waren, und daß kein Haar vom Haupte und kein Sperling vom Dache faͤllt, ohne den Zwecken ewiger Weisheit zu entſprechen. Anſtatt zu trauern, laßt uns das Geſchehene an die Nichtigkeit des irdiſchen Lebens erinnern, damit wir einſehen lernen, wie leicht es iſt, in die Un— ſterblichkeit des ewigen Lebens einzugehen. Der Jüngling iſt nieder⸗ gemähet worden, gleich einem unreifen Grashalme; aber die Sichel wurde von Einem geführt, der am Beſten weiß, wann er die Ernte in ſeine ewigen Vorrathskammern einſammeln muß. Ja, ein weibliches Herz beweint den ſchnellen Tod des freundlichen Jünglings; aber ihre Trauer ſei die einer Chriſtin, nicht ungemiſcht mit heiliger Freude!“ Bei dieſen Worten des frommen Puritanersbrach ein heißer Thränenſtrom aus den Augen einer Punafraſſtbetche, wie Alle wußten, Einem der gefallenen Krieger verlobt geweſen war. Die Rede Heathcote's wurde durch dieſen Ausbruch natürlichen Schmerzes unterbrochen, und auch ihm ſchimmerte eine Thraͤne in den langen Wimpern. Als aber Alles wieder ſchwieg, erhob er von Neuem ſeine Stimme, und redete von den Leiden, die ihn ſelbſt und ſeine Familie betroffen hatten. „Der Tod war kein Fremdling in meinem Hauſe,“ ſagte er. „Als ich meine theure Gattin verlor, da lag Gottes Hand ſchwer auf meinem gebeugten Haupte, und ich rang lange mit dem Schmerze, der mich erdrücken zu wollen ſchien. Aber ich überwand den Schmerz, und die Welt gewann von Neuem die Obergewalt in meinem Herzen. Du gabſt mir, allmächtiger Gott, ein Abbild jener Reinen und Lieblichen, indem du meinem Sohne ein Töchter⸗ lein ſchenkteſt, das fröhlich aufwuchs, wie eine Blume des Waldes, zu unſerer Freude und Wonne. Du haſt es uns wieder genommen, damit wir deine Macht kennen lernten, und wir beugen uns vor deinem Gericht. Wenn du das liebliche Kind in die Wohnungen der Seligen gerufen haſt, ſo iſt es ganz dein, und ferne ſei es von uns, daß wir klagen. Läſſeſt du es aber noch auf dem rauhen Pilgerpfade des Lebens wandeln, oh, ſo vertrauen wir auf deine 111 in, d ſnna Güte, und hoffen, daß du ſeine Schritte lenken und es wohl mit t dem ihm machen werdeſt. Sie ſtammt aus einer Familie chriſtlicher chren„Dulder, und du wirſt ſie nicht der Blindheit des Heidenthums preis ung den geben. Mit Geduld wollen wir eine weitere Offenbarung deines ben und Willens abwarten, damit wir wiſſen, ob die Quellen unſerer ſchmerz— von An⸗ lichen Thränen, durch die Gewißheit ihrer Verklärung, verſiegen nd daß ſollen, oder ob die Hoffnung, ja die Pflicht gegen dich, ihre Bluts⸗ t, ohne verwandten zu Nachforſchungen auffordert. 1 Verfahre mit uns, trauern Herr, wie es deiner unerforſchlichen und nie irrenden Weisheit am Lebens Beſten däucht!“«—— 1. die U Ruth weinte ſchmerzlich, und helle Tropfen rieſelten bei den Unich— Worten des alten frommen Mannes über ihre todtenblaſſe Wange; Siae Content konnte ſeine ſchmerzlichen Seufzer nicht unterdrücken; und 6 ce der alte Puritaner ſelbſt vermogte nicht ſeine tiefe Bewegung zu rute in überwältigen. Seine Stimme bebte und verſagte ihm ihren Dienſt, eibliches und einen Augenblick lang bot er ſeinen Zuhörern das ſchmerzhafte 8; aber Schauſpiel eines durch Leiden erſchütterten, würdevollen Greiſes dar. Jreudel Nach einer kräftigen Anſtrengung überwand er jedoch ſeine Schwäche in heißer ſo weit, daß er anſtatt die ermahnende und tröſtende Rede fort⸗ wie Alle zuſetzen, zum G überging. In der Erhebung zu Gott fand er ar. Die Kraft; ſeine Stimme ward nach und nach wieder rein, feſt und ſchmerzes deutlich, und er beendigte die Andacht zuletzt mit der tiefen und n langen gehaltenen Ruhe eines Heiligen. Neuem Nach dem Beſchluß ſeines Gebetes wurden die Gebeine der und ſeine Gebliebenen in das offene Grab hinabgelaſſen und von den jungen Männern mit Erde überdeckt. Dann ſprach Marcus Heathceote ſagte er. laut den Segen über die Verſammelten aus, und gab endlich den nd ſchwer Seinigen ein Zeichen, ſich zu entfernen. Alle gingen hinweg, bis mit dem auf Warley, der allein bei dem Puritaner am Grabe zurückblieb. uͤberwand»„Ich darf nicht länger in Eurer Mitte verweilen,“ ſagte der bergewalt Fremdling zu Heathcote.„Die Gefahr, welche Euch bedrohte; iſt din Abbild vorüber, nachdem ſie ihre Wuth an Euch ausgelaſſen, und ein Tüchter⸗ längeres Bleiben wäre Euch nutzlos. Ich fand dich im Frieden, Waldes, und tief ſchmerzt es mich, daß ich dich beim Scheiden im tiefſten enommen, Leide ſehen muß.“ muns vor»Habe Dank, Fremdling, für deine treuen Dienſte im Sturme vohnungen der Gefahr,« erwiederte Marcus Heathceote, indem er Warley ſeine zne ſei es Hand reichte.„Wie du uns geholfen haſt in der Stunde der Noth, im rauhen ſo wird auch Gott dir einſt helfen, wenn du von tödlichen Gefahren auf deine umringt biſt. Gedenke unſer in Frieden, und wenn deine Wege 11²2 dich eines Tages wieder dieſe Straße führen, ſo vergiß nicht, bei denen einzuſprechen, deren Liebe dich auf deinem Wege begleitet. Lebe wohl!“ „Lebe wohl auch du, Marcus Heathcote,“ antwortete der Fremde. „Wer ein Obdach hatte für den müden Wanderer, der wird nicht lange ſelbſt, ohne eines bleiben, und der Gottergebene wird alle Trübſal überwinden in der Hoffnung auf die Hilfe des Herrn. Lebe wohl! Gewiß werden wir uns wiederſehen, ſo lange wir noch unter den Lebendigen wandeln!“ Noch einmal drückten die beiden Männer ſich die Hände, und 2 dann ſchieden ſie. Warley eilte quer über die Felder davon, dem Walde zu, und Marcus Heathrote, nachdem er einige Minuten lang dem kühnen und tapferen Fremdlinge nachgeſchaut, wandelte langſam dem bedeckten Raum entgegen, welcher bis auf beſſere Zeiten der unglücklichen Familie zum nothdürftigen Obdache dienen mußte. Elftes Kapitel. Der Gang unſerer Erzählung bringt Sn ſich, daß wir jetzt einen Zeitraum von mehreren Jahren uͤberſpringen müſſen. Doch wollen wir, bevor wir den Faden der Geſchichte wieder auf⸗ nehmen, von Neuem einen flüchtigen Blick auf die Lage der Gegend thun, wo die Begebenheiten, welche wir zu ſchildern verſuchten, Statt gefunden haben. Wenn marn ein Vogel geweſen wäre, und hoch aus der Luft herab auf die weite Fläche, die ſich dem Auge darbot, niedergeſehen hätte, ſo würde man zunächſt ein breites wellenförmiges Feld ge⸗ ſchaut haben, welches mit unzähligen Arten von amerikaniſchen Waldbäumen bedeckt war. Im Mittelpunkte dieſes faſt endloſen Urwaldes dehnte ſich zwiſchen den niedrigen Bergen eine mehrere Meilen lange Ebene aus, deren ganze Oberfläche alle Merkmale einer in gluͤcklichem Gedeihen begriffenen Anſiedlung zeigte. Mitten durch üppig grünende Wieſengründe ſchlängelte ſich ein tiefer, breiter und reißender Bach, deſſen Ufer von Weiden⸗ und Sumachbaͤumen eingefaßt wurde. Etwa in der Mitte des Thales wurde das Waſſer durch einen kleinen Damm aufgehalten, und dicht dabei auf einer künſtlichen Anhöhe gewahrte man eine Mühle, deren Räͤder durch die Kraft des geſammelten Waſſers getrieben wurde. Nicht weit davon lag ein amerikaniſches Dorf. — 113 dht, bei 9 begleitet. Man erblickte hier etwa vierzig, von ſtarkem Gebälk gezimmerte 2 und mit glatten Brettern zierlich bekleidete Gebäude, welche ſammt Fremde. und ſonders ein ſo gleiches Anſehen hatten, daß man beinahe ver⸗ dird nicht muthen konnte, ſie wären alle aus der Hand eines und deſſelben dird alle Baumeiſters hervorgegangen. Größtentheils beſtanden ſie aus zwei tn. Lebe Stockwerken, von denen das obere einen oder zwei Fuß über das och unter untere hervorragte, wie man es auch bei uns in Deutſchland häufig an ſehr alten Gebäuden bemerkt. Jedes Haus hatte ſeinen einzigen de, und Schornſidin iumitten des Daches; und nur zwei oder drei wieſen n on, dem rechts und links von dem Eingange mehr als ein Fenſter auf. Vor uten laag jeder Wohnung befand ſich ein reinlicher, mit Gras bewachſener langſam Platz, der durch ein bretternes Geländer von der öffentlichen Straße zeiten der geſchieden war. Die Straße ſelbſt war breit und auf beiden Seiten nußte. mit einer doppelten Reihe von jungen kräftig emporgeſchoſſenen Ulmen eingefaßt. In der Mitte des Dörfchens zeigte ſich ein ziem— lich geräͤumiger Platz, auf dem ein ungeheurer Maulbeerfeigenbaum ſeine rieſenhaften ſchattigen Zweige ausbreitete. Hier pflegten ſich oft die Bewohner des Dorfes zu verſammeln, um ſich gegenſeitig daß wit nach dem Befinden der Familien zu erkundigen, Neuigkeiten auszu⸗ n müſen. tauſchen, und die Erzählungen der erfahrenen oder weit gereisten ſeder auſe Einwohner⸗ von fremden Völkern und ihren Sitten und Gewohn⸗ er Gegend heiten anzuhören. Eine ſchmale, aber wenig benutzte Wagenſpur erſuchten zog ſich von einem Ende des Dorfes bis zu dem andern hindurch, 1 und lief noch außerhalb deſſelben zwiſchen hohen, aus Holz gezim⸗ der d merten Stacketen oder Feldgehägen fort, bis ſie ſich, immer ſchmaler er Luft werdend, weit drüben in dem Dunkel der Urwälder verlor. Hin dergeſehen und wieder ſah man Roſen und andere Blumen durch die Spalten z deld ge⸗ und Zwiſchenräume der umzäunten Höfe ſchimmern, deren äußerſte ritaniſchen Enden immer mit Gebüſchen von wohlriechendem, ſpaniſchem Flieder t endloſen geſchmückt erſchienen. 4 ne mehreke Die Wohnungen hingen nicht unmittelbar an einander, ſondern Merkmale jede ſtand auf einem abgeſonderten Grundſtück, und zeigte einen te. Mitten dicht an das Gebäude ſtoßenden Garten. Die Nebengebaude hin⸗ fer, breiter gegen lagen ziemlich entfernt, was die geringen Preiſe von Grund gachbäumen und Boden möglich, und die Gefahren eines etwa ausbrechenden das Waſſer Feuers nothwendig machten. jauf einer Dicht neben der Fahrſtraße, und beinahe am Ende des Dörf⸗ ͤder durch chens, erhob ſich die Kirche. Wie alle übrigen Gebäude beſtand Nicht weit auch dieſes aus Holz, und ſchien ebenfalls zwei Stockwerke zu haben. Man erblickte zwar einen Thurm darauf, aber er war Narramatta und Conancher. 8 ——— niedrig und hatte keine Spitze, ſo daß man gleich ſehen konnte, daß er nur den geheiligten Zweck des Gebäudes andeuten ſolle. Nicht weit von der Kirche entfernt, ebenfalls an der Seite der Dorfſtraße, befand ſich ein kleiner eingefriedigter Raum, der zum letzten Ruheplatze für die in dem Herrn Entſchlafenen beſtimmt war. Man erblickte nur erſt einen einzigen Grabhügel darin. Auch ein Gaſthaus bemerkte man in dem Dorfe. Es unter⸗ ſchied ſich von den umliegenden Gebaͤuden ſowohl durch ſeine Größe, wie auch durch ein weit vorſpringendes Dach zum Unterſtellen der Pferde. Ein Schild hing daran mit der Abbildung einer Eule, unter welcher zu leſen war:„Dieß iſt das Gaſthaus zum Whip⸗Poor⸗ Will;“ ein Name, welcher im gemeinen Leben der gewöhnlichen amerikaniſchen Nachteule beigelegt wird. In der unmittelbaren Umgebung nur noch wenige Ueberbleibſel der Waldung, welche vormals die ganze Gegend in ihre Schatten eingehüllt hatte. Seit man die Bäume zuerſt gefällt hatte, war manches Jahr über die Lichtung hinweg gezogen, und der ſicher wirkende Einfluß der Zeit hatte faſt jede Spur ihres früheren Daſeins verwiſcht. Janweiter ſich jedoch der Blick von den Gebäuden entfernte, deſto tlicher ſah man noch die Zeichen ſpäterer Eingriffe in das Waldgebiet, und die Ausſicht endete zuletzt mit angefangenen Lichtungen, wo Holzhaufen und lange Reihen umgehauener Bäume bewieſen, daß noch ganz vor Kurzem die Axt daſelbſt am Werke der Zerſtörung thätig ge⸗ weſen ſei. In jener Zeit, das heißt, gegen das Ende des ſiebzehnten Jahrhunderts, wohnten die amerikaniſchen Landbebauer in der Regel innerhalb ihres Dorfes, da ſie jederzeit einem Anfalle der unge⸗ bändigten Indianer ausgeſetzt waren. Doch erblickte man hier einige Ausnahmen in zehn oder zwölf beſcheidenen Hütten, die zer⸗ ſtreut an den Berghängen auf gelichteten Stellen lagen, welche erſt kürzlich dem Walde abgenommen und zu weit vom Dorfe entfernt waren, um gegen einen plötzlichen Ueberfall des gefürchteten, blut⸗ dürſtigen und grauſamen Feindes geeſichert zu ſein. Gegen den äußerſten Nothfall war indeß zum Schutze aller Thalbewohner ein mit Palliſaden umgebenes Gebäude an einer geeigneten Stelle bei dem Dorfe aufgeführt worden. Die Verthei⸗ digungswerke deſſelben waren mit mehr als gewöhnlicher Sorgfalt und großem Bedachte errichtet, und auf beiden Flanken der Palliſaden erblickte man feſte Blockhäuſer, die einen langen und hartnäckigen des Dorfes bemerkte man —————2 Aͤ—9—ò—-—— ——2 ————— —ηᷓ— — ͤ— ,— dAH==g= konnte, olle. Seite m, der eſtimmt in. unter⸗ Gruße, len der unter Poor⸗ znlichen te man als die nan die lichtung atte faſt h jedoch ah man und die zhaufen genz ätig ge⸗ bzehnten er Regel der unge⸗ nan hier die zer⸗ gelche erſt entfernt ten, blut⸗ uße aller an einer Verthei⸗ Sorgfalt Palliſaden rtnäͤckigen 115 Widerſtand leiſten konnten. Das ganze Gebäude, im Uebrigen ziemlich demjenigen ähnlich, welches wir als die Wohnung des alten Puritaners bereits beſchrieben haben, durfte mit vollem Rechte eine Feſtung genannt werden, welche allen Angriffen der wilden Indianer mit gegründeter Ausſicht auf guten Erfolg Trotz bieten konnte. Sie diente dem Geiſtlichen des Dorfes zur Wohnung, und wurde zugleich als Siechenhaus benutzt, wohin jedes Mitglied der Gemeinde gebracht wurde, ſobald es von einer Krankheit ergriffen ward, um der Nothwendigkeit vorzubeugen, es dann erſt hinzu⸗ ſchaffen, wenn es nicht ohne Gefahr geſchehen konnte. Die ganze Ebene war, wie es in Amerika noch heutzutage gebräuchlich iſt, in einzelne Gehäge abgetheilt, und jedes der von roh aber feſt gearbeiteten hölzernen Zäunen eingefaßte Feld mogte etwa dreißig bis vierzig Quadratruthen im Umfange haben. Hier und da gewahrte man, ohne Hirten und Hunde, Schaf⸗ und Rinder⸗ heerden, welche mit Behagen das fette Gras der fruchtbaren Wieſen abweideten. Die den Häuſern zunächſt liegenden Aecker waren ſehr ſorgfältig bebaut; je weiter aber die Felder von den Häuſern ab dem Walde zu lagen, deſto mehr nahm die Sorgfalt ab, und die unmittelbar an den Forſt gränzenden Stellen zeigten ſich nur halb gelichtet und voller verkohlter Baumſtümpfe und abgeſtorbener, ge⸗ ringelter Stämme, die ſich mit dem Düſter der dahinter liegenden dicht belaubten Waldung vermiſchten. Etwa eine kleine Viertelſtunde von der Feſtung entfernt, welche durch eine ſeltſame Wortverwechſelung von den Dorſbewohnern die »„Garniſon“ genannt wurde, lag ein Wohngebäude, das ſich von den übrigen Häuſern durch ſein ſtattliches Ausſehen bedeutend unter— ſchied und Allen bei weitem überlegen war. Obgleich eben ſo ein— fach, hatte es doch einen viel beträchtlicheren Umfang, und die ganze Anordnung der Nebengebäude, das beſſere Material, die größere Sorgfalt, womit es errichtet war, ſo wie noch manche an⸗ dere in die Augen fallende Aeußerlichkeiten deuteten darauf hin, daß hier die vornehmſte, reichſte und angeſehenſte Familie des ganzen Dorfes wohnen müſſe. Die zunächſt um das Gebäude liegenden Felder zeugten von beſonderer Pflege; die Stackete waren minder roh und mit einer gewiſſen Zierlichkeit gearbeitet; nirgends mehr erblickte man einen ſchwarzen verkohlten Baumſtamm oder irgend ein anderes Anzeichen der überwundenen Waldherrſchaft, und die Gärten, wie auch der Platz vor dem Hauſe, war mit friſch grünen⸗ den, im üppigſten Blätterſchmucke prangenden Obſtbäumen bepflanzt. 8* Nicht weit hinter dem Hauptgebäude erhob ſich eine ſanft gerundete Anhöhe, deren Gipfel von einer Gruppe hoch aufgeſchoſſener Apfel⸗ bäume mit ſchlanken glatten Stämmen gekrönt wurde. Ein von der Zeit und dem Rauche geſchwärzter ſteinerner Thurm, verkohlte Balken tragend, ſchimmerte durch das Laub der Baͤume hindurch, und ſtand da als ein leicht erkennbares Denkmal des furchtbaren Kampfes mit den Indianern, welchen wir in den vergangenen Blättern zu ſchildern verſucht haben. Nicht weit von der Wohnung entfernt erblickte man auch ein kleines Blockhaus; aber ſein ganzes Ausſehen zeigte, daß es nur in aller Eile aufgeführt worden war, und nur einem vorübergehenden Zwecke gedient hatte. Es war zur Wohnung benützt worden, bis man die neuen Gebäude beziehen Fonnte. Nachher wurde es ſich ſelbſt überlaſſen und gerieth dann bald in den verwahrlosten und baufälligen Zuſtand, welcher es vor allen andern Gebäuden im Dorfe auszeichnete. Auſſer dem erwähnten Obſtgarten erblickte man noch hie und da Anpflanzungen von Fruchtbäumen, wie denn das ganze Thal von bereits ſehr vorgeſchrittener Kultur Zeugniß gab. Alles war freundlich, heiter und gefällig, und wenn ein Fremdling von einem der Hügel in die liebliche Thalebene hinabſchaute, ſo ſtieg ganz gewiß jedesmal der Wunſch in ſeiner Seele auf, hier ſich eine Hütte zu bauen inmitten der klugen Leute, welche dieſen frucht— baren Grund und Boden zu einer ſo glüͤcklich erblühenden Anſiede⸗ lung benützt hatten. Zwölftes Kapitel. Es war im Junimonat, um die Zeit, wo das graue Däm⸗ merlicht anfängt, der tiefen Dunkelheit einer amerikaniſchen Nacht die Gegenſtände wieder zu entreißen. Die in bewaldeten Gegen⸗ den ſo gewöhnliche Nachtkühle war gewichen. Die Sonnenmorgen⸗ wärme hob ſchon die auf den Wieſen liegenden, lichten Dunſt— ſtreifen über die Baumwipfel hinweg, wo ſie in einander floſſen und, in Wolken verwandelt, dem Gipfel eines eutfernten Berges zuzogen, der, wie es den Anſchein hatte, der Sammelplatz aller in der Nacht entſtandenen Nebel war. Der in goldener Gluth prangende öſtliche Himmel kündigte bereils die Soune an, obwohl man ſie ſelbſt, die Königin des Ta⸗ ges, noch nicht erblicken konnte. Ungeachtet es noch ſo früh war, undete Ähfel⸗ in von nahle ndur 3 — ngenen ohnung ganzes n war, 8 war eziehen h dann es vor ſie und e Thal es war neinem eg ganz ich eine frucht⸗ Anſiede⸗ de Däm⸗ en Nacht Gegen⸗ ꝛmmorgen⸗ Dunſt⸗ r floſſen Berges ütz aller kundigte des Ta⸗ rüh war, 117 erblickte man doch ſchon auf der Straße, nicht weit von dem ſüd⸗ lichen Ende des Dorfes, einen Maun, welcher mit kräftigem, aber zugleich auch gemächlichem Schritt eine mäßige Anhöhe erſtieg, von der aus er alle die im vorigen Kapitel geſchilderten Gegenſtände überſehen konnte. Ueber ſeiner linken Schulter hing eine Flinte, an der Seite eine Jagdtaſche und ein Pulverhorn, und auf dem Rücken ein kleines Torniſter, Alles Anzeichen, welche darauf ſchlie⸗ ßen ließen, daß der Wandersmann entweder auf der Jagd oder auf einem noch kriegeriſchen Ausfluge begriffen geweſen war. Aus⸗ genommen einen breiten, durch den ledernen Leibgurt geſteckten Säͤbel, zeichnete ſich ſein Anzug durch nichts Beſonderes aus. Stoff und Schnitt ſeiner Kleidung waren ſo, wie damals in der Anſiedelung gebräuchlich, und offenbar war der Mann ein Bewoh⸗ ner des Dorfes, den ſeine Pflicht oder auch das Vergnügen für eine kurze Zeit von ſeiner Hütte hinweggerufen hatte. Nur wenige Leute, mogten ſie fremd oder einheimiſch ſein, ſchritten über dieſen Hügel hinweg, ohne einen Blick auf die lieb⸗ liche vor ihnen ausgebreitete Landſchaft zu werfen. Auch unſer Dorfbewohner blieb einen Augenblick ſtehen, ſchritt dann langſam auf die nächſte Einfügung zu, nahm von den zwiſchen zwei Pfäh⸗ len befindlichen Querhölzern einige herunter und winkte einem Rei⸗ ter, welcher über ein unebenes und holperiges Stück Weidengrund näher kam, dieſen Weg zu verlaſſen, und durch die gemachte Oeffnung im Gatter auf die Hauptſtraße einzulenken. »Gebt dem Klepper nur tüchtig die Sporen!« rief er dem Reiter zu, als dieſer zögerte, mit ſeinem Pferde über die unregel⸗ mäßig umherliegenden Hölzer hinweg zu ſetzen.„Ich gebe Euch mein Wort, das Rößlein überſpringt ſie alle, ohne mit mehr als drei von ihren Füßen anzurennen. Vorwärts, Doktor, vorwärts! Keine Kuh im ganzen Thale würde ſich weigern, den Satz zu machen, wenn es zum Melkkübel ginge, und Ihr wolltet Eurem Pferde ſo wenig zutrauen?« »Nur ſachte, ſachte, Herr Fähndrich!« erwiederte der furcht⸗ ſame Reiter in bedächtigem Tone.„Dein Muth macht dir alle Ehre, da du vom Himmel zu tapfern Thaten beſtimmt biſt; aber für mich, der ich für das Leben der Kranken ſorgen ſoll, würde es ſich nicht ziemen, mein eigenes Leben der Gefahr auszuſetzen.“ Lachend nahm der Wandersmann auch noch die unterſten Querhölzer aus dem Gatter hinweg, machte reine Bahn, indem * — 118 —:——— er die Stämme auf die Seite warf, und ſah nun mit Vergnügen den Doktor näher heran kommen. „Woher kommt Ihr?“ fragte er;„ Iſt Jemand krank im Dorfe?“ „Nein, nicht, daß ich wüßte,“« lautete die Antwort.„Wir brauchen keine Furcht zu haben, daß jenes Dörflein ausſterben werde, ſo lange der liebe Gott ſo freigebig mit kleinen Menſchlein iſt, wie jetzt. Ich komme vom Hügel dort drüben.« „Alſo aus dem Hauſe meines Schwagers Ruben Ring?“ fragte lebhaft der Dorfbewohner, welcher kein Anderer, als der tapfere Vertheidiger des Blockhauſes, Eben Dudley, war.„Was iſt dort geſchehen, das Eure Hülfe nöthig machte?“« „Nichts von geſchehen und helfen,« erwiederte lächelnd Dok⸗ tor Ergot.„Der Himmel hat Eurer Schwägerin über Nacht drei kleine Knaben geſchenkt, das iſt Alles!« „Drillinge alſo?« fragte Dudley mit leuchtenden Augen.„Da wird mein Schwager eine große Freude haben, wenn er nach Hauſe kommt. Und hat es keine Gefahr mit Mutter und Kindern?“ „Keine, ſo viel ich geſehen,“ erwiederte der Doktor mit einem ſo ſorgloſen und freundlichen Lächeln, daß es den wackeren Gränz⸗ mann augenblicklich vollkommen beruhigte. „Wahrlich,“ ſagte er,„ das iſt eine große Freude für einen tapferen Schwager. Vier Söhne hatte er ſchon, jetzt noch drei dazu, ihm kann es in der That nicht anders als wohl gehen.“ „So weit menſchliche Weisheit dergleichen vorausſehen kann, ja!“ ſagte der Doktor.„Bei uns zu Lande iſt es, Gottlob! nicht wie in der alten Welt, wo die Leute es beinahe für ein Unglück anſehen, wenn ſie der Himmel mit Kindern ſegnet. Nein, hier gibt es noch Land genug zu billigen Preiſen, und jeder fleißige Sohn eines wackeren Mannes kann ſich ſeinen Hausſtand gründen, ohne gar zu viel mit dem Ungemach des Lebens ringen zu müſſen. Ja, ja, Ruben Ring iſt ein glücklicher Mann! Er wird in ſeinem Alter ſieben kräftige Stützen an ſeinen Söhnen haben, und ich weiß nur wenige Hausväter hier in der Gegend, die ſich ſolch eines Schatzes rühmen können.“ „Seht, dort kommt er eben,“ ſagte Dudley, der ſchon ſeit einer Minute öfters in die Ferne hinausgeſchaut hatte.„Da über die Wieſe geht er, gerade auf uns zu. Er iſt in den Bergen ge⸗ weſen wie ich, um die Gegend rings umher ein wenig auszukund⸗ ſchaften.“ —2— ͤ—S=— S —.— »Wit oſterben enſchlein Ring?« als der »Was nd Dok⸗ cht drei n. 3„Da v Hauſe ru?« it einem Gränz⸗ uür einen och drei den.« en kann, ob! nicht —Unglück ein, hier r fleißige gründen, u müſſen. in ſeinem und ich ſich ſolch ſchon ſeit „Da über zergen ge⸗ uszukund⸗ 119 „Ja, ich erkenne Ruben Rings kraftvolle und mächtige Ge⸗ ſtalt,“ erwiederte der Doktor, indem er ſeine Augen nach der von Dudley angegebenen Richtung hinwendete.„Aber wer geht da in ſeiner Begleitung einher? Es ſcheint ein ungeſtalteter und häß— licher Kerl zu ſein, den ich nicht kenne und noch niemals geſehen habe.« »„Ha, es ſcheint, daß Ruben den Wilden auf die Spur ge⸗ kommen iſt!“ ſagte Dudley.„Der Menſch dort, der meinen Schwager begleitet, iſt wenigſtens bunt, wie ein Indianer, bemakk, und ein Fell hängt um ſeine Schultern. Laßt uns näher an die Oeffnung im Gehäge dort gehen und da meinen Schwager er⸗ warten.“« Doktor Ergot hatte gegen dieſen Vorſchlag nichts Weſentliches einzuwenden, und folgte daher Eben Dudley auf den Platz, wo die aus dem Felde immer näher Kommenden in die Hauptſtraße ein⸗ biegen mußten. Sie gingen raſch und ließen Dudley und ſeinen Begleiter nicht lange warten. Nach einigen Minuten ſchon kam Ruben Ring, eben ſo bewaffnet und gerüſtet, wie ſein Schwager, an der Oeffnung im Gatter an, und dicht hinter ihm ging der Fremdling, deſſen häßliche Geſtalt dem Doktor ſo ſehr aufgefal⸗ len war.— „He, Schwager Ruben, Sergeant Ring, haſt du eine India⸗ nerſpur gefunden und einen Gefangenen gemacht, oder iſt dir eine junge Eule aus einem Neſte auf den Weg gefallen?« Dieſe Worte ſchrie Eben Dudley ſeinem Verwandten zu, als er nahe genug herangekommen war, um ſte verſtehen zu können, bekam aber nicht eher eine Antwort, als bis ſich der glückliche Kundſchafter bis auf wenige Schritte genähert hatte. Hier ſtieß er den Flintenkolben auf den Boden, ſtuͤtzte ſich mit beiden Händen auf den langen Lauf, blickte dem Gefangenen eine Weile ſcharf in das halb bemalte, nichts ſagende und zugleich ſehr zweideutige Ge⸗ ſicht, und ſprach ſodann: „Schwager, ich glaube, dieſes Geſchöpf gehört allerdings dem Menſchengeſchlechte an. Es hat ganz die Farben eines Indianers aus dem Stamme Narraganſett an Stirn und Augen, allein ſeine Geſtalt und ſein Benehmen ſtimmt wenig mit dieſem Umſtande überein.« „Wir wollen bald dahinter kommen, was für ein Menſchen⸗ kind dieſer iſt!« ſagte Doktor Ergot, indem er von ſeinem Pferde ſtieg, um den anſcheinenden Wilden näher in's Auge zu faſſen. — 6 4 4 120 „Sieh, ſieh! Die ganze Bildung ſeines Schädels deutet darauf, daß er von den Indianern abſtammt. Seine Stirne iſt ſchmal und zurückgebogen, wie Ihr Euch durch den Augenſchein überzeu⸗ gen könnet, werthen Nachbarn; die Backenknochen hervorſtehend; die Naſe, wie bei Vollen Eingebornen, hervorſtehend und von ge⸗ bogener, römiſcher Form.“ „Mir kommt es aber vor, als ob der Menſch mehr eine Stutznaſe als eine römiſche hätte, erwiederte Dudley kaltblütig. „Nun ja, ich muß geſtehen, daß du nicht ganz Unrecht haſt,“ entgegnete der Doktor ein wenig verdrießlich über die Anfechtung ſeines Urtheils.„Aber gleichwohl iſt dieß nur eine Ausnahme von der Regel, welche öfters vorzukommen pflegt. Ich haͤtte ſagen ſollen, die Naſe habe ſich anfänglich zur römiſchen Form hinge⸗ neigt! Daß ſie ihre Regelmäßigkeit verloren hat, rührt jedoch nicht von einem Naturſpiele her, ſondern findet ſeinen Grund in einem Ayxtbiebe, welcher den Naſenknochen zerſchmettert haben muß. Ha, ſieh, da iſt ja noch die Narbe davon zu ſehen! Geht, Kinder, geht! Der Menſch iſt, wie er da leibt und lebt, ein Indianer vom Stamme der Narraganſetts!“ „Wenn es Einer iſt, ſo hat er einen Fuß, an dem man leichtlich irre werden könnte,“ bemerkte Eben Dudley, welcher mitt⸗ lerweile den Fremden nicht minder aufmerkſam wie der Doktor betrachtet hatte.„Bruder Ring, haſt du je einen Indianer ge⸗ ſeben, deſſen Fußſtapfen eine ſo auswärts gehende Fährte auf dem Wege zurücklaſſen?“ „Fähndrich,“ rief der Doktor, aärgerlich über den noch immer fortdauernden Widerſpruch,„ich muß mich in der That wundern, wie du in meine Behauptung noch irgend einen Zweifel ſetzen kannſt. Ich behaupte, daß der Fremde ein Narraganſett iſt, und habe meine Behauptung durch augenſcheinliche und höchſt einleuch⸗ tende Beweiſe unterſtützt; alſo... Der Doktor verſtummte und zog ein gewaltig langes Geſicht; denn Eben Dudley, der ſich mittlerweile dem Gefangenen genähert hatte, lüftete das Thierfell, welches über ſeinen Oberkörper gewor⸗ fen war, und enthüllte dadurch eine Haut, welche unzweifelhaft einem Blaßgeſichte angehören mußte. Dennoch gab ſich Doktor Ergot noch nicht verloren. Sobald der erſte Eindruck der Ueber⸗ raſchung vorüber war, erwiederte er den triumphirenden Blick Eben Dudley'’s mit einem gleich triumphirenden, nahm die Miene der * darauf, ſchmal berzeu⸗ tehend; von ge⸗ ür eine ltig. haſt, ſechtung ne von ſagen hinge⸗ jedoch und in n muß. Kinder, zudianer m man er mitt⸗ Doktor mer ge⸗ auf dem hHimmer sundern, el ſetzen iſt, und einleuch⸗ Geſicht; genähert tgewor⸗ veifelhaft —Doktor er Ueber⸗ glick Eben ſiene der 121 höchſten Verwunderung an, hob Hände und Augen voller Erſtau⸗ nen zum Himmel empor und rief aus: „Da haben wir einen Beweis mehr von der wunderſamen Kraft, welche dieNatur in ihren Spielereien entwickelt! Das ſehen wir nun an dieſem Narraganſett, der....« „Aber, zum Henker, Doktor!“ rief Dudley ein wenig wild und ungeduldig;„habt Ihr denn keine Augen? Seht Ihr nicht, daß dieſer Mann ein Weißer iſt?« „Ja, weiß iſt er, das ſehe ich,“ lautete die Antwort.„Aber gleichwohl iſt er auch ein Narraganſett. Von Geburt gehört er in das Geſchlecht der Blaßgeſichter. Zufall aber, oder Unglück führten ihn in die Hände der Indianer, und nun nahm ſein Aeußeres ſchnell die Eigenthümlichkeiten an, welche man ſonſt nur bei ge⸗ borenen Wilden findet. Daher die ſchmale und zurückgebogene Stirne! Daher die vorſtehenden Backenknochen! Daher die römiſche Naſe! Ja, ja, die Natur ſpielt zuweilen höchſt ſonderbar!« Unwillig wendete ſich Eben Dudley bei dieſer ſeltſamen Be⸗ hauptung von dem Doktor ab, und ſagte zu ſeinem Schwager: „Höre, Ruben, du gibſt mir deinen Gefangenen in Verwah⸗ rung, und ich werde Sorge tragen, ihn zur gehörigen Zeit vor die geſetzmäßige Behörde zu bringen. Du ſelber darſſt dich jetzt nicht damit befaſſen, indem während deiner Abweſenheit etwas in deinem Hauſe geſchehen iſt, was deine Anweſenheit nothwendig macht. Der Himmel hat deine Familie vergrößert.“ „Wie?“ rief Ruben Ring voll Ueberraſchung aus.„Verſtehe ich dich recht?« „Gewiß, Schwager! Ja, ja, der Himmel meint es wohl mit dir. Du wirſt daheim, anſtatt vier Knaben, heute nicht weniger als ſieben finden, und alle friſch und geſund!« Ruben Ring wartete nicht länger. Seinen Freunden ein kur⸗ zes Lebewohl zurufend, ging er davon und eilte im Sturmſchritt ſeinem Hauſe zu, während er leiſe Dankgebete zu Gott vor ſich hin murmelte. Während er in der Ferne verſchwand, gaben ſich Doktor Ergot und Eben Dudley viele Mühe, den gefangenen Burſchen zum Spre⸗ chen zu bewegen, deſſen ganzes Aeußere ſo völlig den gewöhnlichen Merkmalen eines indianiſchen Kriegers widerſprach. Er war zwar über die Knabenjahre hinaus, aber ſein Benehmen zeigte etwas Furchtſames und Ungewiſſes, ſein Auge ſtarrte leer und ohne Ausdruck vor ſich hin, und ſeine ganze Geſtalt war widrig und unangenehm. Ehe Ruben Ring wegging, hatte er noch die nöthigen Auf⸗ ſchlüſſe über die Art und Weiſe gegeben, wie er zu dem Gefange⸗ nen gekommen ſei. Im Walde, wohin ihn ſeine Pflicht gerufen, da neuerlich einige verdächtige Zeichen von Wilden bemerkt worden waren, hatte er ihn gefunden und ſich ſeiner bemächtigt, wie es die Sicherheit der Landsleute in der Anſiedelung zu erfordern ſchien. Uebrigens, ſagte er, ſei der Menſch weder abſichtlich auf ihn zu⸗ gekommen, noch vor ihm geflohen; doch könne oder wolle er über ſeinen Stamm und über ſeine beabſichtigten Verrichtungen in den Waldhügeln keine Auskunft geben. Geſprochen habe er faſt gar nicht, und die wenigen Worte, welche über ſeine Lippen gekommen, wären ein Gemiſch geweſen von verdorbenem Engliſch und dem Kauderwälſch irgend eines Indianerſtammes. Von dieſen dürftigen Nachrichten geleitet, verſuchten, wie ge⸗ ſagt, Eben Dudley und der Doktor den Gefangenen mit Anwen⸗ dung aller möglichen Liſt und Schlanheit über ſeine Pläne auszu⸗ forſchen, während ſich alle drei, der vermeintliche Wilde in der Mitte, dem Dorfe zu begaben. Trotz aller Mühe erhielten ſie je⸗ doch nur höchſt unverſtändliche und unzuſammenhängende Antwor⸗ ten, in denen ſich bald die unergründliche Verſchlagenheit eines Indianers, bald die geiſtige Unfähigkeit eines Blödſinnigen bemerk⸗ bar machte. Dreizehntes Kapitel. Während die im vorigen Kapitel erzählten Begebenheiten ſich zutrugen, fand nicht weit von der Stelle, wo Dudley mit dem Doktor und ſeinem Schwager zuſammentraf, in einer Familie an⸗ derer Anſiedler eine Zuſammenkunft ſtatt. Kaum war die tiefe Nacht der beginnenden Dämmerung gewichen, ſo bemerkte man ſchon, wie in dem ſtattlichen Gebäude auf der weſtlichen Seite des Thales alle Fenſterladen und Thüren geöffnet wurden. Das Ge⸗ bäude war die Wohnung unſerer alten Freunde, des frommen Pu⸗ ritaners Heathcote und ſeiner Angehörigen, welche wir von Neuem, da ſeit der Zerſtörung ihres vormaligen Wohnſitzes ſo manches Jahr üͤber ihrem Hauſe dahingeſchwunden iſt, unſern Leſern zu ſchildern verſuchen wollen. Der ehrwurdige, fromme Greis lebte noch, obgleich das Alter SͤͤͤAe —44—— wie ge⸗ Anwen⸗ auszu⸗ in der T ſie je⸗ Antwor⸗ it eines bemerk⸗ eiten ſich nit dem nilie an⸗ die tiefe kte man Seite des Das Ge⸗ men Pu⸗ Neuem, manches zeſern zu das Alter die Quellen ſeines Lebens beinahe ausgetrocknet und ſeine vormals kraftvolle und ſtattliche Geſtalt zum Wanken gebracht hatte. Zu der jetzigen frühen Morgenſtunde ſaß er ſchon in der Vorhalle, welche ſich längs der ganzen Vorderſeite ſeines Hauſes hinzog, und die Sonne warf ihre erſten Strahlen auf ein Angeſicht, das zwar eingefallen und tief gefurcht war, aber gleichwohl den Ausdruck der tiefſten Ruhe und Frömmigkeit wies. Der alte Heatheote war ein Greis von beinahe neunzig Jahren, und gleichwohl hatte ſein Geiſt unter der Laſt dieſes hohen und ſeltenen Alters nicht gelitten. Eben jetzt verrichtete er die gewöhnliche Morgenandacht mit den Seinigen, die daran gewöhnt waren, ſich nach den Stunden der nächtlichen Ruhe um ihn zu verſammeln, um der Vorſehung für die genoſſene Sicherheit ihren Dank darzubringen. Keines von den Mitgliedern der Familie fehlte, und die Zahl der Dienerſchaft zeigte ſich eben ſo ſtark, wie vor der Zerſtörung des Blockhauſes durch die Wil⸗ den, welche den Theilnehmern jener ſchrecklichen Nacht noch immer wohl im Gedächtniſſe war. In Contents Aeußeren hatte die Zeit keine merkbare Verän⸗ derung bewirkt. Denn obgleich ſein Geſicht etwas gebräunter ſchien und ſeine Bewegungen im Allgemeinen ruhiger und gelaſſener ge⸗ worden waren, ſo trat dieß doch nicht auffallend hervor, weil der junge Capitän von jeher in ſeinem äußeren Thun und Treiben eine würdevolle Gemeſſenheit gezeigt hatte. Seine Geſtalt war ein wenig voller und weicher geworden; im Uebrigen aber zeigte ſich Nichts, was auf den Einfluß der zerſtörenden Zeit bingedeutet hätte. An Contents Gattin, der unglücklichen Mutter, welche in dem furchtbaren Kampfe ihr geliebtes Kind, die kleine Ruth, verloren hatte, war die Zeit nicht ſo ſpurlos vorübergegangen. Ihre Geſtalt hatte zwar noch immer das Zarte und Liebliche, was ſie ſchon fruͤher auszeichnete, aber es war umflort und umdüſtert von dem raſtlos und unausgeſetzt nagenden Kummer um die verlorene Toch⸗ ter. Sie lächelte nur ſelten und nie hörte man einen lauten Aus⸗ bruch der Fröhlichkeit aus ihrem Munde. Dennoch war ihr Mit⸗ gefühl für die Freuden und Leiden Anderer keineswegs abgeſtumpft, und der ſchmerzliche Gram hatte ihr Herz nicht gegen diejenigen erkaltet, welche ihr im Leben nahe ſtanden und durch die Bande des Blutes und der Liebe mit ihr verbunden waren.* Wenn Ruth mit Sicherheit gewußt hätte, daß ihre Tochter nicht mehr am Leben ſei, ſo würde ihr tiefer und kummervoller Schmerz gewiß milder geweſen ſein. Aber ſie fürchtete minder den Tod des geliebten Mädchens, als ihre Gefangenſchaft in der Mitte der heidniſchen Indianer. Wenn die Lippen des ehrwürdigen alten Heathcote von der Pflicht der Ergebung in Gottes Willen ſpra⸗ chen, ſo horchte ſie auf ſeine Worte mit allem Dulderſinn einer ächten und wahren Chriſtin; aber ach! noch während die heilige Lehre um ihre Ohren tönte, machte die Stimme der unbeſiegbaren Natur ſich wieder geltend und rief den Schmerz der Mutter wieder in ihrer Seele wach. Wie geſagt, die Gewißheit des Todes ihrer Kleinen wäre eine Wohlthat für Ruth geweſen. Wenn aber ihre Einbildungskraft geſchäftig war, wenn ſie ihre Tochter lebend dachte, und ſie ſah, wie ſie im Winterfroſt bebte, im heißen Strahle der Sommerſonne zuſammenſank, eine troſtloſe, aller Theilnahme be⸗ raubte Sklavin der Wilden, unter einem vielleicht grauſamen Herrn das Loos körperlicher Schwäche mit himmliſcher Geduld ertragend, — dann, ja dann überwältigte ſie der Schmerz und erſchütterte mit furchtbarer Gewalt die Wurzeln ihres Lebens. Nachdem das Blockhaus zerſtört worden war, verſuchte man es, die Spur der liſtigen Wilden ausfindig zu machen, und ihre Fährte zu verfolgen. Aber dieß war eine Sache der Unmöglichkeit geweſen. Die Indianer hatten ſich auf dem gefrorenen Schnee zurückgezogen, und jedes Zeichen von ihnen verſchwand, als der Schnee unter dem Hauche des Thauwindes, unter dem Strahl der wärmenden Sonne zerſchmolz. Daher blieb es ungewiß, zu wel⸗ chem Stamme der Streifzug der Wilden gehört haben mußte. Man hatte Kundſchafter unter die der Anſiedelung zunächſt wohnenden Stämme geſchickt, und es weder an Belohnungen noch auch Drohungen fehlen laſſen, um das Schickſal der unglücklichen Gefangenen in Erfahrung zu bringen. Aber jeder Verſuch, die leider unergrüͤndliche Wahrheit zu erſorſchen, zeigte ſich erfolglos. Die verſchiedenen Stämme ſuchten ſich von dem verübten Frevel rein zu brennen. Die Narraganſetts behaupteten, die beſten Freunde der Yengifs(Engländer) zu ſein, und ſchoben die Schuld auf die Mohegans, mit denen ſie in beſtändiger Feindſchaft lebten, und die, nach ihrer gewöhnlichen Verräͤtherei, ſicherlich den ſchändlichen Streich ausgeführt hätten. Die Mohegans hinwieder wieſen die Anſchuldigung mit Unwillen von ſich, und bezeichneten die Narra⸗ ganſetts als die Urheber der That. Mitunter gaben auch beide Stämme zu verſtehen, daß vielleicht die verbündeten fü nf Na⸗ tionen, wie man ein Indianervolk nannte, welches in den neuen Niederlanden ſeinen Wohnſitz hatte, das Blockhaus verbraunt et Mitte fen alten n ſora⸗ n einer heilige egbaren t wieder es ihrer er ihre dachte, hle der hme be⸗ n Herrn kragend, ſchütterte te man und ihre bglichkeit Schnee als der tahl der zu wel⸗ ßte. zunächſt gen noch ücklichen ich, die ffolglos. Freoel Freunde auf die n, und nolichen ſen die Narra⸗ beide f Na⸗ neuen braunt 125 haben könnten; aber auch dieſe läugneten hartnäckig die That, und die unglücklichen Eltern konnten keine Aufklärung über das Schickſal des davon geführten oder getödteten Kindes erlangen. Lebte es noch, dann konnte kaum ein Zweifel darüber obwalten, daß es in unermeßlicher Ferne in den endloſen Wäldern, welche damals noch den größten Theil des Feſtlandes bedeckten, umher⸗ irren müſſe. Und dieſes Schickſal grade war es, welches der Mut⸗ ter den tiefſten und bitterſten Kummer bereitete. Eines Tages gelangte indeß der Fäͤmilie eine Kunde zu Ohren, welche ganz dazu geeignet ſchien, die lebhafteſte Hoffnung in ihrer Seele zu erwecken. Ein reiſender Hauſirer kam aus den Wildniſ⸗ ſen im Innern des Landes in das Thal und erzählte, daß er von einem Kinde habe reden hören, welches unter den Wilden an den Ufern der kleinen Seen leben ſolle. Die äußere Beſchreibung des Kindes ſtimmte beinahe völlig mit dem Ausſehen der kleinen Ruth überein, und man kann ſich leicht denken, welche Aufregung der Bericht des Händlers im Thale verurſachen mußte. Die Entfer⸗ nung bis zu den Seen war allerdings ſehr groß, der Weg müh⸗ ſam und mit tauſend Gefahren drohend, der Erfolg wenigſteus kein gewiſſer: aber dennoch ließ die einmal aufgeweckte Hoffnung ſich nicht wieder zum Schweigen bringen. Der Entfernung, der Gefahr und allen Mühſeligkeiten der Reiſe trotzend, machten Content und Eben Dudley ſich auf, die Verlorenen zu ſuchen und den entfernten Indianerſtamm zu erfor⸗ ſchen, in deſſen Mitte eine Blüthe aus dem Volke der Weißen prangen ſollte. Sie überſchritten die großen Flüſſe, den Hudſon, den Delaware, den Susquehannah, deren Ufer nur erſt weuige Blaßgeſichter mit eigenen Augen geſchaut hatten, und kamen end lich nach einer langen, mühevollen und wagehalſigen Reiſe bei jeuen Binnenſeen an, welche jetzt von ſchönen Dörfern und Meierhöfen umkränzt ſind, während ſie damals keinen Schmuck aufwieſen als die einſame und wilde Schönheit des beinahe undurchdringlichen Urwaldes. Hier nun, inmitten der wilden, ungebändigten India⸗ ner, umringt von tauſend Gefahren, die ihm jeden Augenblick den Tod bringen konnten, ſuchte der Vater mit einem Herzen voll Hoff⸗ nung, Sehnſucht und Liebe nach ſeinem verlorenen Kinde. Lange blieb auch hier jede Nachforſchung vergeblich. Endlich aber mittelten ſie den Stamm aus, in deſſen Mitte ein Kind der Blaßgeſichter lebte. Mit Gefühlen, die ſich leichter denken als be⸗ ſchreiben laſſen, näherte ſich Content dem Dorfe, das den Gegen⸗ 126 ſtand ſeiner brennendſten Wünſche enthalten ſollte. Er verheim⸗ lichte es nicht, aus welchem Grunde, zu welchem Zwecke er kam, und der unglückliche Vater erweckte, ſelbſt bei den barbariſchen Be⸗ wohnern der Wildniß, Achtung und Mitleid. Eine Verſammlung der älteſten und angeſehenſten Häuptlinge empfing Content beim Eingange des Dorfes, und nach ernſter Begrüßung ward er in ein Wigwam geführt, wo bald darauf das gewöhnliche Berathungs⸗ feuer loderte. Ein Dollmetſcher eröffnete die Verhandlung, nannte den Betrag des dargebotenen Löſegeldes, und wiederholte die Worte der weißen Fremdlinge, welche betheuerten, nur mit friedlichen Abſichten den Wigwams des Stammes genahet zu ſein. Obgleich die Wilden nur ſelten und ungern einen Gefangenen, der einmal bei ihnen eingebürgert iſt, ausliefern, ſo weckte doch das ſanfte und würdevolle Benehmen Contents und ſein edles Ver⸗ trauen auf die Großmuth des Stammes alle beſſeren Gefühle in den Herzen dieſer rauhen Söhne der Wildniß, und die älteſten Häuptlinge gaben den Befehl, daß die kleine Tochter der Blaßge⸗ ſichter vor die Verſammlung geführt werden ſollte. Sie kam; aber keine Gewalt der Rede vermag die Empfin⸗ dungen zu ſchildern, welche den unglücklichen Vater erſchütterten, als er den erſten Blick auf die kleine Gefangene der Indianer warf. Ja, die Jahre und das Geſchlecht der Kleinen ſtimmten mit ſeinen Wünſchen überein; aber ach, ſtatt der goldblonden Locken und blauen Augen ſeines verlorenen Lieblings erblickte er dunkles Haar und ſchwarze Augen, und alle ſeine Hoffnungen ſanken in ein ſchreckliches Nichts dahin. Ein halb unterdrückter Schrei entrang ſich ſeinen Lippen, und er verhüllte ſein Geſicht, um die Thräne zu verbergen, welche heiß und ſchmerzlich in ſein Auge ſchoß. Aber nur wenige Minuten hindurch dauerte dieſe Aufregung furchtbar getäuſchter Erwartung; dann gewann er ſeine gewöhnliche Selbſtbeherrſchung wieder, und in ſeinem Aeußeren zeigte ſich nichts mehr, als eine Ehrfurcht gebietende Größe chriſt⸗ lich frommer Ergebung. Er erhob ſich, dankte den Häuptlingen mit wenigen würdigen Worten für ihre Bereitwilligkeit, ſeine Wünſche zu erfüllen, und verhehlte ihnen nicht, daß die Vermu⸗ thungen, welche ihn in ihre Mitte geführt, leider nur trüglich geweſen ſeien. Noch ſprach er, als er bemerkte, daß Eben Dudley ihm winkte, wie wenn er ihm eine wichtige Mittheilung zu machen habe. Da er zu ihm trat, veruahm er von dem wackeren Gränzmann die 2— erheim⸗ er kam, den Be⸗ mmlung ut beim in ein thungs⸗ nannte eWorte ſedlichen les Ver⸗ fuͤhle in aälteſten Blaßge⸗ Empfin⸗ ütterten, Indianer timmten blonden lickte er fnungen drückter Geſicht, ˖Hin ſein rte dieſe erz ſeine Aeußeren ße chriſt⸗ uptlingen it, ſeine Vermu⸗ truglich m winkte, abe. Da mann die Bitte, daß er die Wahrheit verſchweigen möge, um wenigſtens das Kind, welches ſie anſtatt der kleinen Ruth gefunden hatten, den Händen der Wilden zu entreißen. Aber obgleich dieſe Liſt, wenn ſie früher in Anwendung gebracht worden wäre, bei den In⸗ dianern ſicherlich ihren Zweck nicht verfehlt haben würde, ſo war es dennoch jetzt zu ſpät dazu, wenn auch Content erklärt hätte, die Lüge zu unterſtützen. Dennoch machte der edle Mann den Ver⸗ ſuch, indem er den Häuptlingen die Summen, welche er für Ruth zu geben bereit geweſen war, für die kleine Franzöſin(eine ſolche war das Mädchen) als Löſegeld darbot. Aber ſein Anerbieten ward einſtimmig verworfen. Dem unglücklichen Vater, der ſein eigenes Kind ſuchte, würde man es nicht verweigert haben; aber eine Fremde, die der Stamm einmal als Kind angenommen hatte, für Geld weggeben, dazu würden ſich die ſtolzen Häuptlinge nim⸗ mermehr entſchloſſen haben. Content und Eben Dudley mußten nach doppelt verfehltem Ziele mit ſchwerem Herzen und müden Füßen das Dorf verlaſſen, um in die Heimath zurückzukehren. Während Content in den Wäldern umherſtrich, blieb ſeine Gattin mit einem Herzen voll Furcht und Hoffnung daheim. Die Gefahren der Reiſe vergaß ſie über den erwarteten glücklichen Er⸗ folg, und ihre Mägde freuten ſich von ganzer Seele, als ſie ihre Herrin wieder einmal lächeln ſahen, als ſie ſahen, wie auf ihrem Angeſichte die Freude durch die düſteren Züge der Ergebung hin⸗ durch ſchimmerte, und wie ihr ſtrahlendes Auge wieder einmal von wirklich empfundenem Glücke zeugte. Der alte Heathcote ſogar fühlte ſich hoch erfreut, als er bei Gelegenheit einmal ein ſanftes Lachen aus dem Munde ſeiner Schwiegertochter erſchallen hörte. Das war in vielen Jahren nicht mehr vorgekommen, und ſo tief war der Eindruck, welchen es auf ihn machte, daß er ſich noch auf ſeinem Sterbebette an dieſes ſanfte und zarte Lachen erinnerte. Ruths Hoffnung ſteigerte ſich noch, als ſie von Content die Nach⸗ richt erhielt, daß alle ihre Erwartungen wahrſcheinlich erfüllt wer⸗ den würden. Er hatte wirklich durch einen Zufall Gelegenheit ge⸗ funden, ſeiner Gattin, als er noch kaum eine Tagreiſe von ſeinem Pegden Ziele entfernt war, dieſe Nachricht durch einen Boten zu enden. Alle dieſe ſo hoch geſteigerten Hoffnungen ſollten nun vernich⸗ tet werden; alle die wiederauflebende Liebe in der ſchrecklichſten Täuſchung untergehen. 3 Die Sonne nahete ſich bereits mit ſtarken Schritten dem Unter⸗ — gange, als Content und Dudley die Stelle erreichten, wo vormals die Wohngebäude geſtanden hatten. Der Weg fuͤhrte ſie an ihnen vorbei nach dem Abhange des Hügels, und ſie konnten von dieſem Punkte aus deutlich die Gebäude erblicken, die aus der Aſche des Brandes emporgewachſen waren. An dieſer Stelle blieben ſie ſtehen, denn Content vermogte es nicht, weiter zu wandern und ſeiner Gattin die Nachricht von ihren zerſtörten Hoffnungen mitzutheilen. Er ſandte Dudley voraus und gab ihm den Auftrag, dieß Geſchäft an ſeiner Statt zu übernehmen. Glaube, welche mittlerweile die Frau Eben Dudley's geworden war, ſah zuerſt von allen Hausbewohnern ihren Mann, wie er matten Schrittes quer über die Felder auf die Wohnung zuſchritt. Ihre Stimme verſammelte die übrige Dienerſchaft in der Vorhalle; aber ſobald die Männer und Frauen das niedergeſchlagene Weſen des ſonſt ſo kecken und luſtigen Gränzmannes gewahrten, da ging ihnen eine Ahnung der Wahrheit auf, und Eben Dudley ward von traurigen Geſichtern und einem peinlichen, drückenden Stillſchwei⸗ gen empfangen. Als ſein Fuß die Schwelle berührte, kam auch Ruth mit todtenblaſſem Geſichte und rief mit zitternder Stimme dem jungen Gränzmanne zu: „Eben Dudley! wo haſt du meinen Gatten gelaſſen?“ „Der junge Kapitän war ſehr müde und blieb auf dem Hügel droben ein wenig zurück,“ lautete die Antwort;„aber bei alledem kann er nicht weit entfernt ſein, und wir werden ihn bald dort an der Oeffnung bei der abgeſtorbenen Buche erblicken.“ „Das ſieht ganz ſeiner gewöhnlichen Vorſicht und Beſonnen⸗ heit ähnlich,“ erwiederte Ruth, indem ein Lächeln der Freude ihr Angeſicht überglänzte.„Aber es war überflüſſig, gewiß, ganz überflüſſig, denn er weiß ja, daß Gott mein Stab und meine Stütze iſt. Aber ſage, Dudley, wie hat mein Kind die ſo lange und beſchwerliche Reiſe überſtanden?“« Der unſtäte Blick Eben Dudley's wanderte von dem Geſichte ſeiner Frau auf die Geſichter der Uebrigen, und in ſeinen ehrlichen Zuͤgen prägte ſich eine große Verlegenheit aus. „Sprich, Eben Dudley,“ fuhr die hoffnungsreiche Mutter mit Lebhaftigkeit zu ſprechen fort,„ ſprich, iſt die Kleine auf dem lan⸗ gen Wege bis hierher nicht umgeſunken? Hat ſie Euch nicht durch Eigenſinu aufgehalten? Nein? Ich kenne deine Gutmüthigkeit, Ehen Dudley! Gewiß haſt du ſie mehr als einmal auf deinen Ar⸗ men getragen, und ſie manche lange Meile Weges über ſteile Hügel vormals in ihnen dieſem ſche des öſeha, d ſeiner ateie Geſchäft geworden wie er zuſchritt. orhalle; e Weſen da ging ard von⸗ illſchwei⸗ am au eium 24 em Hügel alledem dort an⸗ Beſonnen⸗ freude ihr biß, ganz nd meine e ſo lange m Geſichte ehrlichen Nutter mit dem lan⸗ nicht durch muͤthigkeit, deinen Ar⸗ geile Hügel 129 ö und verſchlungene Wälder geführ. Dudley? Ha!« Jetzt erſt ſchien der ungl dämmern; mit unſtäter Hand zwang den Mann, ihr in's Ge⸗ Augen Gewißheit 8 leſen. ,8 Die Muskeln des ſonny 8 s Gränzmannz Und ſenkte ſie 4 Teopfen iſ Stelle erreichten, wo vormals S Weg fuͤhrte ſie an ihnen ℳs, und ſie konnten von dieſem ccken, die aus der Aſche des eſer Stelle blieben ſie ſtehen 8 r zu wandern und ſein Hoffnungen mitzuthe⸗ 5 Auftrag Dudleyy’ Mank .— ormals ihnen dieſem ſhe des ſtehen ſein⸗ the: 129 und verſchlungene Wälder geführt!— Wie? Du antworteſt nicht, Dudley? Ha!“ Jetzt erſt ſchien der unglücklichen Mutter die Wahrheit zu dämmern; mit unſtäter Hand griff ſie Dudley bei der Schulter, zwang den Mann, ihr in's Geſicht zu ſehen, und ſuchte in ſeinen Augen Gewißheit zu leſen. Die Muskeln des ſonnverbrannten, rauhen aber ehrlichen Ge⸗ ſichtes unſeres Gränzmannes zuckten unwillkührlich; ſeine mächtige Bruſt hob und ſenkte ſich raſch; er haſchte nach Athem, und heiße brennende Tropfen rieſelten aus ſeinen Augen über ſeine braunen Wangen hinab. Mit einer gelaſſenen Bewegung ergriff er Ruths Hand, zwang ſie ehrerbietig aber auch unwiderſtehlich, ihn gehen zu laſſen, ſchob ſeine eigene Frau ohne beſondere Umſtände auf die Seite und ſchritt mitten durch die verſammelte Dienerſchaft hindurch in das Innere des Hauſes hinein. Ruth wußte jetzt Alles. Ihr Haupt ſank matt auf ihre Bruſt nieder, die frühere ſchreckliche Bläſſe kehrte auf ihre Wangen zurück, und halb ohnmächtig mußte ſie von Glaube in ihre Ge⸗ mächer geführt werden. Seit jener Zeit nun bemächtigte ſich eine unausgeſetzte Trauer der unglücklichen Mutter, und obgleich die Zeit den tiefen Schmerz nach Außen hin ſänftigte, ſo vermogte ſie doch nicht den Stachel abzuſtumpfen, welcher ohne Aufhören das innerſte Herz der armen Frau verwundete. Vierzehntes Kapitel. „Dort kommt Glaube mit Nachrichten aus dem Dorfe„ fagte Content, indem er zu der ſchon erwähnten Frühſtunde ſeinen Platz in der Vorhalle des Hauſes einnahm.„Ihr Mann iſt die Nacht hindurch mit andern Kriegern auf Kundſchaft in die Wälder aus⸗ geweſen, und wahrſcheinlich iſt ſie abgeſchickt worden, um uns mit⸗ zutheilen, was die Leute hinſichtlich der bemerkten verdächtigen Spur ausgekundſchaftet haben.“« „Dudley iſt wohl kaum weit genug vorgerückt, um die der indianiſchen Mocaſſins geſehen zu haben,“ beme ſcher Jüngling, in welchem wir Contents Sohn, de 1 cus Heathceote, wiedererkennen.„Was ai6t allss 4 Narramatta und Conanchet. e 130 wenn der Führer der ausgeſandten Mannſchaft nicht weit genug vordringt?“« „Schweig, Knabe,“ erwiederte Content.„Wenn du glaubſt, daß dein junger Fuß es mit Dudley's Kraft aufnehmen kann, ſo mögteſt du ſehr bald finden, daß du dich irreſt. Du biſt noch viel zu jung und leichtfertig, als daß man dir ein Geſchäft an⸗ vertrauen könnte, auf welchem vielleicht die Sicherheit aller Thal⸗ bewohner beruhet.“ Mißmuthig darüber, daß ſein Vatereſeine Gedanken ſo genau errathen hatte, wendete ſich der Jüngling ab und ſuchte den Aer⸗ ger niederzukämpfen, den ſein eigener Vorwitz ihm zugezogen hatte. Mittlerweile erreichte Glaube die Geſellſchaft und wurde von Con⸗ tent gefragt:„Was für gute Neuigkeiten bringſt dn aus deinem Gaſthauſe zur Nachteule? Haſt du den Fähndrich Dudley geſeben, ſeit er mit den Leuten auf den Streifzug ausgezogen iſt, oder führt dich irgend eine andere Angelegenheit zu uns?“ „Meinen Mann habe ich mit keinem Auge erblickt, ſeit er ſeinen roſtigen Amtsſäbel umgeſchnallt hat,“ erwiederte Frau Du⸗ dley, indem ſie beim Eintreten in die Halle die Verſammelten mit einem freundlichen Kopfnicken begrüßte.„Auch würde er mir kaum ſagen, was er auf ſeinem Zuge erforſcht hat, da er immer in ſol⸗ chen Angelegenheiten ein geheimnißvolles Schweigen zu beobachten pflegt. Wahrbhaftig, der königliche Statthalter hätte viel beſſer gethan, wenn er meinem Bruder Ruben die Fahne anvertraut und dem Dudley die Hellebarde des Sergeanten gelaſſen hätte. Dabei würde die Anſiedelung nur gewonnen haben.“ „Du ſprichſt leichtfertig von den Talenten deines Mannes, und das iſt unrecht, obwohl ich weiß, daß deine geheimen Gedan⸗ ken anders lauten als deine Worte,“ entgegnete Content ernſthaft. „Der Statthalter hat bei Vertheilung ſeiner Gunſtbezeugungen Männer zu Rathe gezogen, die Verdienſte zu würdigen verſtehen; und bei jedem blutigen Kampfe hat Eben Dudley immer in den vorderſten Reihen gefochten und ſich ſo wacker gehalten, wie man es vom tapferſten Manne nur verlangen kant. Gewiß, weun er kühn und muthig bleibt, ſo kannſt du es noch erleben, Glaube, die Frau eines Kapitains zu werden.“ „Nun, das wird Zeit haben, wenn er keine größeren Helden⸗ thaten ausführt, wie in der vergangenen Nacht,“ entgegnete Glaube mit unverwüſtlich heiterer Laune.„Dort kommt er grade angeſtiegen mit ſo heiler Haut, wie er ausgezogen iſt. Aber ach! Da i gzute 3 ) ſen G tent. komm wenig S in die dianer Aber l nen B C und il ſofort welche )) Troph 6 willige erwarl „ nicht e blödſir ſiedelu für u nicht nem Gefr Goon Con⸗ s deinem geſehen, der führt t, ſeit er Frau Du⸗ elten mit mir kaum er in ſol⸗ beobachten viel beſſer traut und e. Dabei Mannes, en Gedan⸗ ernſthaft. zeugungen verſtehen; der in den wie man weun er Glaube, n Helden⸗ entgegnete er grade Aber ach! 131 Da iſt der Doktor bei ihm! Himmel, ich will hoffen, daß der gute Mann doch nicht etwa verwundet iſt!« »Und hinter den Beiden ſchreitet noch ein Dritter einher, deſ⸗ ſen Gang und Ausſehen mir gänzlich unbekannt iſt,« ſagte Con⸗ tent.„Aha, Dudley iſt wirklich den Indianern auf die Spur ge⸗ kommen und führt einen Gefangenen mit ſich. Ein Wilder iſt es, wenigſtens nach ſeiner Bemalung und Kleidung zu urtheilen.« Bei dieſer Bemerkung Contents ſprangen Alle von ihren Sitzen in die Höhe, da in jener abgelegenen Gegend die Nähe von In⸗ dianern nicht wenig Bangen und Beſorgniß einzuflößeu pflegte. Aber keiner öffnete den Mund zum Sprechen, bis Dudley mit ſei⸗ nen Begleitern ganz nahe herangekommen war. Glaube, ſobald ſie ſah, daß ihre Befürchtung ungegründet und ihr Mann unverletzt aus dem Walde zurückgekehrt ſei, gewann ſofort ihre gewöhnliche muntere Laune wieder und war die Erſte, welche ihn mit einigen neckenden Worten begrüßte. „Ha, Fähndrich Dudley,“« fragte ſie lächelnd,„ſind das alle Trophäen, die du aus deinem Feldzuge heimbringſt?« Dudley antwortete nicht auf die ſpottende Frage ſeiner muth⸗ willigen Frau, ſondern wendete ſich ſogleich an Content, der ihn erwartungsvoll anſchaute. »Dieſer Burſche hier iſt kein Häuptling,« ſagte er,„nein, nicht einmal ein Krieger, wie man ſogleich an ſeinem Gange und blödſinnigen Auge ſehen kann. Da er aber in der Nähe der An⸗ ſiedelung auf der Lauer gefunden ward, ſo erachtete man es doch für rathſam, ihn aufzuheben und mitzunehmen. Uebrigens bin nicht ich der Glückliche, der den Fang gemacht hat, ſondern mei⸗ nem Schwager Ruben Ring iſt der Burſche in's Gehege gekommen. Gefragt haben wir ihn ſchon genug und ſatt, aber es läßt ſich aus dem verſtockten Kerl nichts herausbringen.“« »Welchem Stamme gehört der Wilde eigentlich an?« fragte Content. »Darüber ſind wir noch nicht ganz einig,“ erwiederte Dudley mit einem ſpöttiſchen Seitenblicke auf Doktor Ergot.„Der Eine von uns behauptet, er ſei ein Narraganſett, während der Andere glaubt, er ſtamme von weiter öſtlich her. Jedoch die Wahrheit zu ſagen: der Gefangene iſt ein Weißer.“ S. „Ein Weißer?!“ riefen Alle höchlich erſtaunt und verwundert aus. „Ja, ein Weißer,« beſtaͤtigte Eben Dudley, indem er die 9 2⁵ Bekleidung des Gefangenen lüpfte und ſo den Gegenwärtigen den augenſcheinlichſten Beweis ſeiner Behauptung in die Häͤnde gab. „Madame Heathcote!“ rief Glaube, welche den Gefangenen bisher ſcharf in's Auge gefaßt hatte, jetzt plötzlich aus,—„Ma⸗ dame Heathceote, laſſen Sie ſchnell von den Mägden Waſſer und Heif herbeiſchaffen, damit wir das Geſicht des Menſchen abwaſchen önnen.“ „Was für eine Thorheit bewegt dich wieder, Glaube?“ ſagte Fähndrich Dudley ernſthaft.„Bedenke, Frau, wir ſind hier nicht unter dem Dache unſeres Gaſthauſes zur Nachteule, ſondern be⸗ finden uns unter Leuten, die deines Rathes füglich entbehren können.“ Glaube hörte kaum nach dem Verweiſe ihres Mannes hin. Von lebhaftem Eifer ergriffen wartete ſie nicht ab, bis die Mägde das Verlangte herbeiholen würden, ſondern machte ſich ſelbſt mit einer Gewandtheit an das Geſchäft, die ſie eben jetzt nicht allein ihrer gewöhnlichen Uebung, ſondern auch einer außergewöhnlichen Gemüthsbewegung zu verdanken hatte. Nach weniger als einer Minute waren die Farben aus dem Geſichte des Gefangenen abge⸗ waſchen und man erblickte eine Hautfarbe, die, wenn auch ein wenig gebräunt, doch unverkennbar auf europäiſche Abſtammung hin⸗ deutete. Alle beobachteten mit lebhafter Theilnahme Glaube's Eifer, und ſobald ſie ihr Geſchäft beendigt hatte, entfuhr jeglichem Munde zu gleicher Zeit ein Ausruf der Verwunderung und des Staunens. „Dieſe Malerei iſt nicht ohne Abſicht dem Geſichte aufgepin⸗ ſelt worden,“ ſagte Content, nachdem er mit einem langen und ſcharfen Blicke die häßlichen und abſtoßenden Züge des Gefangenen betrachtet hatte.„Ich hörte ſchon von Chriſten erzählen, die ſich dem ſchnöden Gewinnſte verſchacherten, und, uneingedenk ihres chriſtlichen Glanbens, mit den Wilden Bündniſſe ſchloſſen, um in Gemeinſchaft mit ihnen friedliche Anſtedelungen zu überfallen und auszuplündern. Aus dem Auge dieſes Unglücklichen ſchimmert Etwas von der Verſchlagenheit der Franzoſen in den Canada's.“ „Hinweg! Hinweg!“ rief Glaube lebhaft, indem ſie ſich vor⸗ drängte, und ſich dem Gefangenen, den ſie ſcharf anblickte, gegen⸗ über ſtellte.„Dieß iſt kein Franzmann und kein ränkeſchneidender Abtrünniger vom Glauben! Dieß iſt ein unglücklicher Blödſinni⸗ ger! Dieß iſt Whittal! Whittal, mein Bruder, erkennſt du mich?« Bei den letzten Worten entſtrömten Thränen den Augen der Ander Euren inmit lebhaß plötzli lichee vor ſt von T druck mit b ) und) kleine und mer gend, ) „Ich freie ein? ktigen den de gab. Pefangenen —»Ma⸗ Daſſer und abwaſchen e?« ſagte hier nicht udern be⸗ enthehren annes hin. die Mägde ſelbſt mit nicht allein ewöhnlichen —r als einer Penen abge⸗ ein wenig rmung hin⸗ e Glaube's r jeglichem ug und des te aufgepin⸗ langen und Gefangenen en, die ſich eedenk ihres ſen, um in erfallen und ſchimmert aanada's.“ ſie ſich vor⸗ ickte, gegen⸗ iſchneidendet r Blodſinui⸗ du mich! Augen der 13³3 tief bewegten Frau, und im Auge des Gefangenen zeigte ein leb⸗ haftes Aufblitzen einen Schimmer von Verſtand. Dann aber lachte er auf eine gemeine, nichtsſagende Weiſe und antwortete: „Einige ſprechen wie die Leute von drüben über'm Meer und Andere reden wie die Männer in den Wäldern. Habt Ihr in Eurem Wigwam Honig und Bärenfleiſch?« Wenn die Stimme eines längſt Geſtorbenen und Begrabenen inmitten der Familie Heathceote ertont wäre, würde ſie kgaum eine lebhaftere und gewaltigere Wirkung hervorgebracht haben, als die plötzliche und unerwartete Entdeckung, wer eigentlich der vermeint⸗ liche Indianer oder Franzoſe war. Eine Weile vermogte Niemand vor ſtarrem Erſtaunen ein Wort hervorzubringen, bis endlich Ruth von Allen zuerſt ſich faßte, und mit gefalteten Händen, den Aus⸗ druck flehender Bitte in ihren Augen, vor den Gefangenen trat und mit bebender Stimme ihn fragte: „Sage mir, Whittal, ſage mir, wenn noch ein Funken von Gefühl und Mitleid in deinem Herzen lebt, ſage mir, ob meine Ruth, meine kleine unglückliche Tochter noch unter den Lebendigen wandelt?« Der Burſche blickte die tief bewegte Frau mit ſtarrem Ange und unbewegten Zügen an, wendete dann ſeinen Blick voll dum⸗ mer Verwunderung abermals auf Glaube, und lachte ſo nichtsſa⸗ gend, wie vorher, ohne daran zu denken, eine Antwort zu geben. „Laſſen Sie mich ihn fragen,« nahm Glaube raſch das Wort. „Ich kenne die eigentliche Natur des Jungen, und wenn Sie mir freie Hand laſſen, ſo richte ich wohl mehr mit ihm aus, als irgend ein Anderer.“ Die Bitte war überflüſſig, denn die arme Ruth war nicht im Stande, darauf zu antworten. Erſchöpft von tiefer Gemüthsbewe⸗ gung ſank ſie ohnmächtig in die Arme ihres beſonneneren Gatten und wurde von dieſem hurtig davon getragen; eine kurze Zeit hin⸗ durch blieben nur Männer in der Vorhalle zurück, da die beſorgten Mägde ihrer weggetragenen Herrin folgten. „Whittal! Whittal Ring, mein alter Spielkamerad, wie geht es dir?« fragte indeſſen der junge Marcus Heathcote, indem er auf den Gefangenen zutrat und deſſen Hand ſchüttelte.„Ha, Menſch, haſt du den Gefährten deiner Jugendſpiele vergeſſen? Beſinne dich, Marcus iſt es, Marcus Heathcote, der mit dir ſpricht.“« Whittal ſchaute dem Jünglinge in's Geſicht, und wiederum flammte ein Blitz der Erinnerung in ſeinem Auge auf. Aber eben 134 ſo ſchnell erloſch er auch wieder. Der Blödſinnige ſchüttelte den Kopf, trat ganz erbost einen Schritt weit zurück und brummte vor ſich hin. „Was ein Blaßgeſicht doch für ein ſalſcher Lügner iſt! Der iſt einer von jenen erwachſenen Halunken, die ſich ſo gern für einen indianiſchen Hirtenjungen ausgeben mögten.“ Mehr verſtanden die Umſtehenden nicht, denn der Blödſinnige fuhr in indianiſcher Sprache zu reden fort. „Vernachläſſigung und die Gebräuche der Wilden haben den Geiſt des Unglücklichen noch mehr abgeſtumpft, als er hier ſchon war,“ ſagte Content, der mit den Uebrigen in die Vorhalle zurück⸗ kehrte, um die für ihn ſo wichtige Unterſuchung fortzuſetzen.„Gebt Raum und laßt die Schweſter mit ihm reden. Sie allein iſt im Stande, die Wahrheit aus ſeiner Seele zu locken.« Seine Worte lauteten gebieteriſch; augenblicklich zertheilte ſich der Schwarm der Neugierigen, und auf die ſchnell auf einander folgenden verworrenen Fragen folgte nun ein regelmäßiges Verhör. Die Dienerſchaft ſtellte ſich in einem Halbkreiſe um den Seſ⸗ ſel des alten greiſen Kapitains Heathcote auf. Content trat an die Seite deſſelben, und der Gefangene ward durch die Ueberredung ſeiner Schweſter bewogen, ſich auf die Treppe der Vorhalle nieder⸗ zuſetzen, wo Jedermann ihn ſehen und hören konnte. Glaube, um den blödſinnigen Bruder zutraulich zu machen, hatte ihm etwas Speiſe in die Hände gegeben. „Und nun, Wbhittal,“ begann die kluge Frau das Verhoͤr, „nun mögte ich wohl wiſſen, ob du dich noch des Tages erinnerſt, an welchem ich dir das Kleid von dem ſchönen, überſeeiſchen Tuche ſchenkte? Weißt du wohl noch, wie ſeine bunten Farben dir ge⸗ fielen, und wie du es ſo gerne trugeſt, wenn du die Kühe auf die Waide führteſt?“ Der Blick, mit welchem Whittal ſeine Schweſter betrachtete, zeigte deutlich, daß ihre Stimme angenehme Empfindungen in ſei⸗ ner Seele erweckte. Aber ohne zu ankworten, blickte er dann auf das große Stück Brod in ſeiner Hand wieder, führte es zum Munde, biß davon ab und kaute das Stück mit großer Selbſt⸗ gefälligkeit und Behaglichkeit. „Aber, Whittal,« fuhr Glaube fort,„du kannſt unmöglich mein Geſchenk ſo ſchnell wieder vergeſſen haben! Sieh, du weißt ja doch wohl, daß ich mir das Geld dazu durch nächtliches Spin⸗ nen verdiente. Gelt, deſſen erinnerſt du dich? Ah, und ſo ſchön ttelte den mmte vor itl Der für einen lödſinnige haben den bier ſchon le zurück en.„Gebt ein iſt im theilte ſich f einander les Verhör. den Seſ⸗ lit trat an eberredung alle nieder⸗ laube, um ihm etwas as Verhöͤr, erinnerſt, chen Tuche den dir ge⸗ he auf die betrachtete, gen in ſei⸗ r dann auf te es zum zer Gelbſt⸗ unmöglich du weißt ſches Gpin⸗ d ſo ſchön 135 ſaheſt du aus in dem neuen Kleide! Schöner, als der Pfau mit allen ſeinen bunten, glänzenden Farben. Jetzt haſt du es freilich nicht mehr; aber warte nur, ich mache dir ein anderes, und dann kannſt du alle Tage mit den jungen Kriegern auf den Muſterungs⸗ platz gehen.“ Bei dieſen Worten horchte Whittal auf, beugte ſich vorwärts, ließ das Fell, welches ihn bekleidete, von ſeinen Schultern fallen und ahmte die wundervolle Haltung eines Indianers nach. „Whittal iſt ein Krieger, der auf dem Kriegspfade geht,“ ſagte er.„Er hat keine Zeit, mit Weibsbildern zu ſchwatzen.“ „Du vergißt, lieber Bruder,“ fuhr Glaube fort,„wie oft ich dich ſpeiste, wenn dich in der Morgenkühle fröſtelte und du mit den Kühen in den Wald hinausgehen mußteſt. Du vergißt das, ſonſt würdeſt du mich, deine Schweſter Glaube, nicht ein Weibsbild ſchelten!“ „Haſt du ſchon die Pegnods verfolgt?« fragte der Gefangene. „Haſt du in das Kriegsgeſchrei mit eingeſtimmt, wenn die Männer verſammelt waren?“ „Ach, was gilt alles Kriegsgeſchrei der Wilden gegen das Blöcken deiner Schaafe und das Gebrüll deiner glatten Rinderheerde im Walde? Erinnerſt du dich nicht daran, wie lieblich die Kuhglocken läuteten, wenn du ſie Abends aus den Gebüſchen oder von den Kleefeldern heim geleiteteſt?“« Der ehemalige Hirt drehte ſich um, ſpitzte die Ohren und ſchien aufzuhorchen, wie ein wachſamer Hund, der einen nahenden Tritt bemerkt. Aber auch dieſer Schimmer der Erinnerung erloſch ſogleich wieder, und von Neuem biß er in das Stück Brod, wel⸗ ches er in ſeiner Hand hielt. „So mußt du denn dein Gehör ganz und gar verloren haben, Whittal,« ſagte Glaube;„denn ſonſt würdeſt du gewiß nicht ſagen, daß du das Geläute der Kühglocken nicht kennſt.“. „Haſt du ſchon jemals den Wolf heulen hören?« Das iſt der Ton, den der Jäger verniknmt! Ich war zugegen, als der große Häuptling den gefleckten Panther erlegte, bei deſſen Anblicke die Geſichter aller Krieger ſo weiß wurden wie die Wange der Blaß⸗ geſichter.“« „Ach, was kümmern mich deine ſpringenden Panther und großen Häuptlinge?“ ſagte Glaube keck hin.„Laß uns lieber der Tage gedenken, wo wir noch jung waren und du Vergnügen daran fan⸗ deſt, mit ehrlichen Chriſtenkindern zu ſpielen. Weißt du wohl noch, wie oft die Mutter uns erlaubte, in den Freiſtunden draußen vor dem Hauſe große Schneemänner zu bauen?“« „Nipſets Mutter iſt daheim im Wigwam, aber er braucht ſie nicht um Erlaubniß zu fragen, wenn er auf die Jagd gehen will. Nipſet iſt ein Mann, und wenn der nächſte Schnee kommt, ſo wird er unter die Krieger gezählt.« „Alberner, ſchwacher Junge, die Indianer haben dich zum Narren gehabt und deiner geiſtigen Schwäche die Feſſeln ihrer Argliſt angelegt. Deine Mutter, Whittal, war eine fromme, chriſtliche Frau, und manch liebes Mal hat ſie über deinen Schwach⸗ ſinn getrauert. Erinnerſt du dich denn gar nicht, du undankbarer Junge, wie oft ſie dich in deinen Knabenjahren pflegte, wenn du krank warſt? Weißt du nicht mehr, wer dir zu eſſen gab, wenn dich hungerte? Wer Mitleid mit deinem Eigenſinne hatte und alle deine Unarten mit deinem ſchwachen Verſtande entſchuldigte? Weißt du das nicht mehr, du Narr du?« Der halb verwilderte Junge blickte verwundert auf das ge⸗ röthete Geſicht ſeiner ärgerlichen Schweſter, und leicht konnte man wahrnehmen, daß wiederum ein matter Schimmer der Erinnerung an vergangene Zeiten ſeine verdüſterte Seele durchflog. Aber wie immer erloſch er wieder und von Neuem fing der Gefangene an zu eſſen. „Da mögte Einem wirklich die Geduld reißen!“ rief Glaube verdrießlich aus.„Sieh mich einmal genau an, Blödſinniger, und dann ſage mir, ob du die noch kennſt, die ſpäterhin Mutterſtelle bei dir vertreten mußte. Habe ich es mir nicht oft genug ſauer werden laſſen müſſen, um für deine Bedürfniſſe zu ſorgen? Lieh ich nicht allen deinen Klagen ein williges Ohr? Fandeſt du nicht immer bei mir ein Herz voll Theilnahme bei deinen Leiden? Blicke mich an und ſprich; kennſt du mich noch?« „Freilich!“ erwiederte er lachend, und ſein Nicken zeigte, daß er ſich wirklich ihrer Züge wieder erinnerte.„Ja, ich kenne dich! Es iſt eine Frau der Blaßgeſichter, und nicht eher wird ſie Ruhe haben, als bis ſie alle Pelze in Amerika auf dem Rücken, und alles Wildpret der Wälder auf ihrem Heerde in der Küche hat. Hörteſt du ſchon jemals erzählen, wie die Blaßgeſichter in unſere Jagdgründe drangen und die Krieger des Landes ihres Eigenthumes beraubten?« Glaube, die ſich in ihren Erwartungen ſo ſchmerzlich betrogen ſah, war ſo ärgerlich geworden, daß ſie nicht die mindeſte Luſt dr nehr ein ſe aufſtel ſtellte und dem Eige Rute und in d Verhör f glücklicen und ihren ſaͤumte rrſchüttert „Ru denn die eingedrun „Fol Rothen, „Rund u und Bäl fürchten, unſerem Wege in bis ihnel daß ſie ſee haͤng Haut; Stamm haßten 7 ziehen. Autlitz Große 137 ſen w dor mehr empfaud, das Verhör noch weiter fortzuſetzen. Schon wollte ſie aufſtehen und ſich entfernen, als ſich eine Frau an ihre Seite br ducht ſtellte und ihr mit ſchweigender Geberde befahl, ſich noch eine Weile 5 dem Eigenſinne des Gefangenen zu fügen. 1 Ruth war es, die jetzt ihre vorige Aufregung überwunden hatte zum und in dem Gedanken an ihre verlorne Tochter Kraft fand, das iins Verhör ferner mit anzuhören. Glaube wußte die Gefühle der un⸗ umner glücklichen Mutter, welche ſich deutlich genug in ihren blaſſen Wangen bwach⸗ und ihrem umflorten Auge ausſprachen, wohl zu würdigen, und ſbarer ſäumte daher keinen Augenblick, dem ſtummen Winke der tief un er erſchütterten Frau Folge zu leiſten. 1 du„Nun, Wbittal,“ fragte ſie den Blödſinnigen,„was erzählen wenn denn die Indianer von den Blaßgeſichtern, die in ihre Jagdgründe nd all eingedrungen ſind?« Weißt„Folgendes berichten die alten Männer in den Wigwams der Rothen, und was ſie ſagen, das iſt Wahrheit,“ entgegnete Whittal. das ge⸗„Rund umher, ſo weit du ſchaueſt, ſiehſt du Thäler und Hügel, ſe man und Bäume wuchſen auf dem fruchtbaren Boden, ohne die Axt zu anerung fürchten, und Wild lief in den Büſchen umher in großer Zahl. In ber wie unſerem Stamme gibt es gute Läufer und Jäger, die auf geradem Bene an Wege immer vorwärts der untergehenden Sonne zu gezogen ſind, bis ihnen die Füße weh thaten und ihre Augen ſo trübe wurden, Glaube daß ſie die Wolken nicht ſehen konnten, die über dem großen-Salz⸗ eer, und ſee hängen. Dieſe Männer ſagen aus, es ſei überall ſo ſchön, wie tterſtelle dort auf dem grünen Hügel Hohe Bäume, und Wälder voll ig ſauer kühler Schatten, Flüſſe und fiſchreiche See'n, und Biber und Hirſche 2 Lieh in ſolcher Fülle, wie Sand am Strande der See. Dieſes Land du nicht und dieſes Waſſer alle gab der große Geiſt den Leuten mit rother Blicke Haut; denn er liebte ſie, weil ſie die Wahrheit ſprachen in ihrem Stamme, weil ſie treu an ihren Freunden hielten, ihre Feinde gte, daß haßten und es verſtanden, ihnen die Skalpe zu nehmen. Gut! ne dich! Tauſend Mal fiel der Schnee und ging wieder hinweg, ſeit ſie dieß je Ruhe Geſchenk empfingen,« fuhr Whittal in ſo feierlichem Tone fort, als en, und ob er ſich eines hochwichtigen Auftrages zu entledigen habe, obgleich iche hat. er nur wiederholte, was er unzählige Male in den Wigwams der n unſeee Indianer gehört hatte,—„tauſend Winter verfloſſen, und doch nthumes ſah man nur Rothhäute das Muſethier jagen und in den Krieg ziehen. Endlich aber zürnte der große Geiſt und verbarg ſein betrogen Antlitz vor ſeinen Kindern, weil ſie uneins unter einander wurden. iſte Luſt 4 Große Comoes kamen über den Salzſee herüber von der anfgehenden Sonne her, und brachten ein hungriges und ſchlimmes Volk. Im Anfange ſprachen die Fremdlinge ſanft und klagend, wie Weiber. Sie baten um Raum für einige Wigwams, und wenn die Krieger ihnen ein wenig Land geben wollten, um ihr Brod darauf zu bauen, ſo wollten ſie ihren Gott bitten, daß er die rothen Leute wieder gütig anblicke. Die Krieger gaben ihnen Land; als ſie aher ſtark wurden, da vergaßen ſie ihre Worte und wurden Lügner. Sie waren bübiſche Halunken! Ein Blaßgeſicht iſt ein Panther. Wenn ihn hungert, ſo hört man ihn im Gebüſch weinen, wie ein Kind, das in der Irre umherläuft; aber kommt man ihm nahe, ſo muß man ſich vor ſeinen Zähnen und Krallen hüten.“ „Die böſen Leute haben alſo den Rothhäuten ihr Land ge⸗ nommen?“ „So iſt es! Sie ſprachen wie kranke Weiber, bis ſie Kraft gewonnen hatten. Dann aber wurden ſie ſchlimmere und boshaftere Teufel, als ſelbſt die Pequods. Sie gaben den Kriegern brennende Milch zu trinken und tödteten ſie durch ihre Erfindungen.“ „Und was machten die Pequods indeſſen? Bebte ihr großer Häuptling nicht mehr, als die weißen Fremdlinge über den Salzſee kamen?“ „Ihr ſeid ein Weib, und wißt nichts von unſeren Sagen, ſonſt würdet Ihr anders fragen. Ein Pequod iſt ein ſchwacher, junger, kriechender Bär.“« „Aber du? du biſt ein Narraganſett?“ „Seh' ich nicht aus, wie ein Menſch, daß du noch frägſt?“ „Ich hielt dich für einen näheren Nachbar, für einen mohe⸗ ganſchen Pequod.“« „Die Mohegans flechten den Theagihs Körbe, der Narragan⸗ ſett aber ſpringt durch den Wald, wie ein Wolf, der das Rehperfolgt.“ Ja, ja, das leuchtet mir ein! Aber wir mögten gern noch mehr von dem großen Stamme erfahren. Haſt du nie von einem deiner Landsleute, einem großen Häuptlinge gehört, den ſie Miantonimoh nennen?“« 3 Bisher hatte Whittal faſt ohne Unterbrechung an ſeinem Brode gekaut. Sobald er aber die letzte Frage hörte, ſchien er plötzlich ſeinen Hunger zu vergeſſen, blickte zur Erde nieder und antwortete langſam und feierlich: „Der Menſch kann nicht ewig leben!“ „Wie?« ſagte Glaube, indem ſie den Zuhörern ringsum einen Wink gab, ihre immer lebhafter werdende Ungeduld zu bändigen— Aller Er Hoffnun hatte, nieder. ſie die Geiſtes weiter C Gedan großen zweite lk. Im Weiber. Krieger garauf zu en Leute ſie aher Lügner. anther. wie ein Im nahe, Land ge⸗ ſie Kraft oshaftere brennende 6 ar großer en Salzſee hen, ſonſt junger, frägſt 2« nen mohe⸗ Larragan⸗ verfolgt.“ noch mehr em deiner antonimoh eem Brode t plötzlich antwortete zum einen ndigen— — 139 „wie? Hat er ſein Volk ſchon verlaſſen? Kannteſt du ihn nicht, Whittal, ehe er ſeinen Tod fand?« „Nipſet hat ihn niemals geſehen!« „Von Nipſet will ich nichts hören! Du ſollſt mir vom großen Miantonimoh erzählen.“« „Soll ich meine Worte zwei Mal ſagen. Der Häuptling iſt in die glücklichen Jagdgründe gegangen, und wenn der nächſte Schnee fällt, wird Nipſet ein Krieger.« Dieſes immerwährende Abſpringen des Blödſinnigen täuſchte Aller Erwartungen und verurſachte eine allgemeine Betrübniß. Der Hoffnungsſchimmer, welcher wieder einmal in Ruths Augen geleuchtet hatte, erloſch abermals, und ſchmerzlich betrübt ſah ſie vor ſich nieder. Glaube gab indeß noch nicht alle Hoffnung auf, und indem ſie die Umſtehenden vom Sprechen zurückhielt, ſammelte ſie ihre Geiſteskräfte wieder, und ſetzte nach kurzer Pauſe das Verhör weiter fort. „Ich glaubte, der große Miantonimoh befände ſich noch inmitten der Krieger ſeines Stammes,“ ſagte ſie.„In welcher Schlacht iſt er gefallen?« „Mohegan Uncas tödtete ihn, und die Blaßgeſichter gaben ihm viele Reichthümer zum Lohne, weil er den Sachem gemordet hatte.« „Jetzt verſtehe ich dich! Du ſprichſt vom Vater. Es gab aber noch einen Miantonimoh, der als Knabe eine kurze Zeit unter den Blaßgeſichtern gewohnt hat.« Whittal lauſchte aufmerkſam, ſammelte mit Anſtrengung ſeine Gedanken, ſchüttelte den Kopf und ſagte:„Es gab nur Einen großen Krieger, der dieſen Namen führte, und nie wird es einen zweiten geben. Zwei Adler können nicht auf Einem Baume horſten.“ „Da haſt du Recht, Whittal,“ erwiederte Glaube, die recht gut wußte, daß ihr blödſinniger Bruder keine Antwort mehr geben würde, ſobald ſie ihm geradezu widerſpräche.„Aber erzähle mir doch nur auch ein Weniges von dem jetzigen Häuptlinge der Narragan⸗ ſetts, von dem jungen Conanchet, der vor kurzer Zeit erſt ein Bündniß mit Metacom ſchloß und von ſeinem Wohnſitze an dem Ufer des Sees vertrieben wurde. Lebt er noch?“ Abermais konnte man bei dieſer Frage eine Veränderung in den Zügen des Halbwilden bemerken. Der kindiſche Ernſt, mit dem er die bisherigen Fragen beantwortet hatte, verſchwand, und an ſeiner Stelle machte ſich ein Ausdruck von liſtiger Verſchlagen⸗ heit bemerkbar, der ſich beſonders um die Winkel ſeines ſonſt nichtsſagenden Auges zeigte. Langſam und umſichtig ließ er ſeinen Blick umherſchleichen, als erwarte er, den in ihm aufſteigenden Verdacht durch irgend ein ſichtbares Zeichen in ſeiner Umgebung beſtätigt zu finden. Anſtatt eine Antwort zu geben, fuhr er fort zu eſſen, aber nicht aus Hunger, ſondern in der Abſicht, durch ferneres Sprechen ſich keine Gelegenheit zur Verwickelung zu geben. Dieſe Veränderung blieb von Niemand und am wenigſten von Glaube unbemerkt, welche ſogleich klüglich verſuchte, die Gedanken ihres ſchwachſinnigen Bruders auf andere Gegenſtände zu lenken. „Ich wette,“ begann ſie,„ihre bisherige Art und Weiſe des Ausfragens ändernd,—„ich wette, du fängſt nun an, dich der früheren Zeiten zu erinnern, wo du die Kühe ins Gebüſch triebeſt und deine Schweſter Glaube um Eſſen bateſt, wenn du bei der Heimkehr von dem vielen Umherlaufen nach den ſtörrigen Kühen müde und hungrig geworden wareſt. Biſt du wohl ſelbſt ſchen einmal von den Narraganſetts überfallen worden, als du noch unter den Blaßgeſichtern wohnteſt, Whittal?« Der Blödſinnige hörte wieder auf zu eſſen, und ſchien von Neuem ſo angeſtrengt nachzudenken, wie es ſein ſchwacher Kopf nur erlauben wollte. Dann aber ſchüttelte er mit verneinender Geberde den Kopf und biß wieder ein tüchtiges Stück von ſeinem Brode ab. „Wie?“ fragte Glaube,—„biſt du zum Krieger herange⸗ wachſen, und haſt nie eine Kopfhaut ſkalpiren und Feuer in einen Wigwam werfen ſehen?“« Whittal legte das Brod auf die Seite, und blickte ſeine Schweſter an. Der Ausdruck ſeines Geſichtes wurde immer wilder und grim— miger, und nach dem Ausbruche eines lauten hohnvollen Gelächters antwortete er: 4 „Ich habe es geſehen! Nachts zogen wir gegen die lügenhaften Thengihs und verſengten ihre Felder, wie der Waldbrand die Erde ausdörrt. Alle ihre ſtolzen Häuſer haben wir zu einem Haufen Kohlen gemacht.“ Wo und zu welcher Zeit verübtet Ihr dieſe glorreiche That tapferer Rache?« fragte Glaube. „Ha, ha, der Platz wurde nach dem Nachtvogel benannt, als ob ein indianiſcher Name ſie gegen indianiſche Liſten hätte ſchützen können. Richug, du ſprichſt von dem Vogel Wisb-ton⸗Wish, nach dem wir unſer Thal benannt hatten. Aber als das Feuer auf⸗ Weib dennoch brannl wa ren, jemals li jhr Br erinner Aber Abſchel weiter 3 Haben Du he , einge die H rückzo erſchla 5 waltig ſich z und aber ſeinen ſgenden debung er fort durch 3 eedanken eenken. iſe des dich der triebeſt bei der Kühen ſt ſchen u noch jen von er Kopf einender ſeinem berange⸗ in einen Schweſter d grim⸗ elaäͤchters enhaften die Erde Haufen che That innt, als ſchützen h, nach ger auf⸗ ᷑ 141 loderte, da gehörteſt du ja nicht zu der Parthie der Sieger, ſondern befandeſt dich bei den Ueberwundenen.“« „Das lügſt du, Weib! das lügſt du, wie ein ſpitzbübiſches Weib der Blaßgeſichter! Nipſet war freilich damals nur ein Knabe, dennoch aber ging er mit den Seinigen. Ich ſage dir, wir ver⸗ brannten Alles, bis die Gebäude dem Erdboden gleich gemacht waren, und kein einziges Haupt von den Blaßgeſichtern hat ſich jemals wieder aus der Aſche erhoben.“ Trotz ihrer Selbſtbeherrſchung ſchauderte Glaube zuſammen, als ihr Bruder mit ſo kaltbluͤtiger Freude ſich der fürchterlichen Rache erinnerte, welche die Indianer an den Weißen genommen hatten. Aber mit einer gewaltſamen Anſtrengung unterdrückte ſie ihren Abſcheu, um wo möglich das erſehnte Ziel zu erreichen und ſprach weiter: „Richtig, Whittal! Aber Einige ſind dennoch verſchont worden. Haben die Krieger nicht Gefangene mit in ihre Wigwams genommen? Du haſt doch nicht Alle tödten ſehen?« „Alle!« „Ja, ja, du ſprichſt von den Armen, die im brennenden Thurm eingeſperrt waren. Aber Einige draußen ſind Euch doch gewiß in die Hände gefallen, ehe die Belagerten ſich in das Blockhaus zu⸗ rückzogen. Beſinne dich nur, Whittal. Gewiß, nicht Alle ſind erſchlagen worden.“ Ruth, von dem Sturme ihrer innigſten Empfindungen über⸗ wältigt, athmete tief und hörbar. Whittal vernahm es, wendete ſich zu ihr, blickte ſie einen Augenblick ſtier und verwundert an, und ſchuͤttelte dann den Kopf, indem er mit dumpfer Stimme, aber mit der größeſten Entſchiedenheit antwortete: „Alle mußten ſterben! Ja, Alle! Da half den Weibern kein Gekreiſch, den Kindern kein Wimmern! Alle! Alle?« „Aber es gibt doch ein Kind.. ich wollte ſagen, eine Frau in deinem Stamme, die eine hellere Haut und eine andere Geſtalt hat, als die Franen der Rothhäute. Iſt ſie nicht vor dem Brande des Blockhauſes gefangen davon geführt worden?“ „Meinſt du, das Reh könne mit dem Wolfe zuſammen leben? Oder haſt du jemals die feigherzige Taube in dem Neſte des Falken gefunden?“ 3 »Warum nicht, Whittal? Biſt du doch auch von einer andern Farbe, als die Indianer! Sollteſt du das einzige B zelchei in den Wigwams der Rothen ſein?“ A Der blödſinnige junge Mann ſah mit unverhehltem Mißfallen auf ſeine Schweſter, und wendete ſich dann plötzlich ab, indem er murmelte: „Die lügenhaften Thengihs haben nicht mehr Wahrheit in ihrem Herzen, als Feuer im Schnee vorhanden iſt.“ „Laßt es gut ſein, nahm jetzt Content, ſchwer auſfſeufzend, das Wort.„Vielleicht führt eine ſpätere Unterredung einen beſſern Erfolg herbei; aber für jetzt müſſen wir ſie abbrechen, da Jemand von dort drüben her auf unſer Haus zu geritten kommt, der wichtige Nachrichten zu überbringen haben muß, indem er an dieſem heiligen Tage reitet und ſo geſchäftig ausſieht.“ Alle blickten bei dieſen Worten des jungen Kapitäͤns nach der angedeuteten Richtung hinüber, und als man dort den Gegen⸗ ſtand ſeiner Bemerkung gewahr wurde, ſo wendete man ſich vorläufig von Whittal ab. Die frühe Stunde, die Eile, zu welcher der nahende Fremd⸗ ling ſein Pferd anſpornte, und der Umſtand, daß er an der offen ſtehenden, einladenden Pforte des allgemeinen Gaſthauſes vorüber ritt, ließen in ihm einen Boten der Regierung erkennen, der ver⸗ muthlich dem jungen Heatheote, als der oberſten Perſon in dieſer entfernten Anſiedelung, eine wichtige Nachricht mitzutheilen hatte. Man erwartete ihn daher allgemein mit geſpannter Neugierde. Sobald er vom Pferde geſtiegen war, trat er, ganz von Staub bedeckt und von ſeinem langen und eiligen Ritte ſichtbar erſchöpft, in die Halle, um ſich dem Manne, an den ſeine Botſchaft gerichtet war, vorzuſtellen. „Ich habe Befehle für Kapitän Heathcote,“ ſagte er mit einer Verbeugung gegen die Verſammelten. Content trat ſogleich vor, und nahm die Depeſchen des Reiters in Empfang. Hierauf machte er dem Boten eine gelaſſene Bewe⸗ gung, daß er ihm folgen möchte, und ging ihm in ein inneres Gemach des Hauſes voran. Fünfzehntes Kapitel. Wäbrend der junge Kapitän ſich mit dem Fremden unterhält, müſſen wir einige Worte über die Indianer⸗Stämme ſagen, von welchen eben jetzt wieder die verſchiedenen Anſiedelungen in Neu⸗ England bedroht wurden.. — ſghly 2. 5 lan Die waren d die Anſie füͤrlich el Wompal und zue ſich, un Der welcher q ſchonungt das Ska wüthen, Heathcot wie jene bis ſich Wilden Die hundert auf ſech ſeine P in Neu⸗ Manche unter d Maſſe mögte, vertilger maßen ihres H Bunde liche S verſtri Womp kleines ſernter ißfallen dem er deit in ſeuſzend, beſſern Jenand wichtige heiligen ais nach Gegen⸗ orläufig Fremd⸗ er offen vorüber der ver⸗ in dieſer m hatte. eugierde. n Staub ſchöpſt, gerichtet nit einer Reiters e Bewe⸗ inneres nterhäͤlt, en, von in Neu⸗ — 143 Die Pläne eines berühmten Häuptlings, Namens Metacom, waren durch die Treuloſigkeit eines ihm untergebenen Kriegers an die Anſiedler verrathen worden, und dieſer Verrath veranlaßte na⸗ türlich eine Unterſuchung der Weißen gegen den großen Sachem der Wompanoags. Metacom war zu ſtolz, um ſich lange zu vertheidigen und zu entſchuldigen; raſch entſchloſſen warf er die Fredenezelcſen von ſich, und trat öffentlich mit gewaffneter Hand auf den Scha platz. Der Krieg hatte etwa ein Jahr vor der Zeit begonnen, in welcher aber jetzt unſere Erzählung ſich bewegt. Die Indianer kämften ſchonungslos, nach ihrer Gewohnheit, und ließen den Feuerbrand, das Skapiermeſſer und die Streitaxt zerſtörend in einem Ueberfalle wüthen, der viele Aehnlichkeit mit der Zerſtörung der Anſiedlung Heathcote's batte. Aber dieſe That blieb nicht ſo vereinzelt ſtehen, wie jene. Aehnliche Schreckensſcenen folgten Schlag auf Schlag, bis ſich endlich beinahe ganz Neu-England in den Kampf mit den Wilden verwickelt ſah. Die ganze Bevölkerung der Weißen mogte ſich damals auf hundert und zwanzigtauſend, die Anzahl ihrer waffenfähigen Krieger auf ſechszehntauſend belaufen. Hätte Metacom Zeit genug gehabt, ſeine Pläne zur Reife zu bringen, ſo würden vielleicht die Weißen in Neuengland gänzlich überwunden und vernichtet worden ſein. Manches Jahr ſchon hatte Metacom damit zugebracht, alle Zwiſte unter den indianiſchen Stämmen auszugleichen, damit die ganze Maſſe der rothen Krieger ſich zu dem großen Zwecke vereinigen mögte, mit unwiderſtehlicher Kraft das Geſchlecht der Weißen zu vertilgen. Aber der Verrath wendete die furchtbare Gefahr einiger⸗ maßen ab. Durch ihn gewannen die Engländer Zeit, dem Stamme ihres Häuptlings einige herbe Niederlagen beizubringen, ehe deſſen Bundesgenoſſen ſich völlig entſchieden hatten, mit ihm gemeinſchaft⸗ liche Sache zu machen. Der Sommer und Herbſt des Jahres 1675 verſtrich unter lebhaften Gefechten zwiſchen den Engländern und Wompanoags, ohne daß ein anderer Stamm der Rothhäute am Kampfe Antheil genommen hätte. Ein Theil der Pequods ſchlug ſich ſogar zu den Weißen, und auch die Mohagans ſaäumten nicht, ihren alten Erbfeinden möglichſt viel Schaden zuzufügen. Metacom war zu klug, den Kriegsſchauplatz auf ſein eigenes kleines Gebiet zu beſchränken. Er fübrte ſeine Krieger in die ent⸗ fernteren am Conecticut gelegenen Anſiedelungen, griff mehrere Städte und Ortſchaften an dieſem Fluſſe an, und zerſtörte ſie. Der Winter that ſeinen Fortſchritten Einhalt; aber mit dem Beginn des 144 neuen Frühlings führte er ſein Heer wieder in's Feld, und die Anſiedler ſahen ſich genöthigt, Vorkehrungen und Anſtalten zum Empfange eines Feindes zu treffen, der ſie nicht wenig beunruhigen konnte. Daher kam es, daß wir unſere ehemaligen Freunde in ſo kriegeriſcher Aufregung wiedergefunden haben. Der Stamm der Narraganſetts hatte zwar anfänglich an den feindlichen Ueberfällen in den engliſchen Colonien keinen öffentlichen Antheil genommen; aber bald kamen den Weißen Nachrichten zu Ohren, welche über die feindliche Geſinnung dieſes Stammes keinen Zweifel mehr übrig ließen. Ein großer Theil ſeiner jungen Krieger hatte ſich Metacom angeſchloſſen, und in den Dörfern fand man Waffen, die von den Weißen erbeutet worden waren. Die Anführer dieſer Letzteren ſuchten daher einem ernſtlichen Angriffe der Narra⸗ ganſetts zuvorzukommen, und brachten mitten im Winter eine Streitmacht von tauſend Mann zuſammen, welche den Streich gegen die Feinde führen ſollte. Die Narraganſetts wurden überrumpelt und erlitten eine verheerende Niederlage. Freilich aber wurde der Sieg nicht wohlfeil erkauft, da Conanchets Gegenwehr in jeder Beziehung des Rufes würdig war, den er ſich als Anführer oder Häuptling dieſes Stammes durch Muth und große Geiſtesgaben erworben hatte. Der junge Sachem hatte ſich mit ſeinen Kriegern auf ein Stück feſten Landes zurückgezogen, das inmitten eines von dichtem Geſtrüpp überwachſenen Sumpfes gelegen war. Hier ward er von den Anſiedlern, unter welchen ſich auch Content mit den ſtreitfähigen jungen Leuten aus ſeinem Dorfe befand, angegriffen. Den erſten Sturm ſchlug er mit großem Verluſt der Weißen zurück. Später aber unterlag er, nach mehrſtündigem Kampfe, den beſſeren Waffen und der Ueberzahl ſeiner Bedränger. Gleichwohl waren die Narraganſetts nicht gänzlich vernichtet worden. Mehr als einmäal ſetzten ſie noch während des Winters bald dieſe, bald jene Gränzgegend in Schrecken, und ein paar Male fand ihr heldenmüthiger Häuptling, Conanchet, Gelegenheit, die ſeinem Volke ſo verhängunißvolle Niederlage auf glänzende Weiſe zu rächen. Mit dem Beginne des Frühlings wurden auch dieſe Ueber⸗ falle häufiger, und die Gefahr erſchien ſo dringend, daß abermals der Ruf zu den Waffen ertönen mußte. Der oben erwähnte Bote nun brachte Content Aufträge, welche mit dieſen beabſichtigten Rüſtungen in genauer Verbindung ſtanden. „Hochwichtige Geſchäfte ſtehen Euch bevor, Kapitän Heathcote,“ ſagte der eilige Bote, ſobald er ſich mit Content allein ſah.„Die häh ſtellunge die Waf Indinne ſam ihre durch L beſonden kämpfen quamſe nicht, raſtloſe rotten. Hand 10. J abgefü Wacwi und be und jer Pierre vielerfa und die falten zum Unruhigen nde in ſo c an den bffentlichen richten zu nes keinen n Krieger fand man Anführer er Narra⸗ ſinter eine freich gegen berrumpelt wurde der r in jeder ührer oder eiſtesgaben en Kriegern eines von Hier ward at mit den angegriffen. hen zuruck. een beſſeren vernichtet s Winters paar Male enheit, die de Weiſe zu dieſe Ueber⸗ zabermals äge, welche g ſtanden. Heatheote,“ ſah.„Die ——— 145 Befehle des Gouverneurs lauten, weder Sporn noch Peitſche zu ſchonen, bis alle angeſehenen Männer unter den Anſiedlern des ganzen Landſtrichs davon unterrichtet ſind, wie gefährlich die Lage der Coloniſten iſt.« „Hat ſich irgend etwas Bedeutendes ereignet, was dieſe Vor⸗ ſicht des Gouverneurs nothwendig macht?« ſagte Content.„Wir hoffen noch immer zu Gott, daß auf die blutigen Auftritte, denen wir, durch unſeren Vertrag gebunden, beiwohnen mußten, obgleich ſie uns mit Trauer und Gram erfüllten, eine friedliche Zeit folgen werde. Gewiß wäre es beſſer, die Wilden durch vernünftige Vor⸗ ſtellungen und Ueberredung zur Ruhe zu bringen, als ohne Aufhören die Waſſen gegen ſie zu erheben. Denn mich dünkt, als ob die Indianer in beſſerem Rechte wären, als wir, die wir ihnen gewalt⸗ ſam ihre großen Länderſtriche eutriſſen, oder ſie den leicht Bethörten durch Liſt genommen haben. Aber genug davon! Wie lautet dein beſonderer Auftrag?« »Er iſt, wie geſagt, von beſonderer Wichtigkeit,« erwiederte der Bote mit gedämpfter Stimme.„Ihr waret Zeuge und Mit⸗ kämpfer, als wir die Narraganſetts ſchlugen und ihr Dorf Petty⸗ quamſcott von der Erde vertilgten, aber vielleicht wißt Ihr noch nicht, wie die Indianer jene Züchtigung aufgenommen haben. Der raſtloſe und noch immer unbezwungene, wenn auch beſiegte Conanchet, hat ſeine Heimath verlaſſen und ſich in die offenen Wälder geflüchtet, und die Geſchicklichkeit unſerer Leute iſt nicht ſo groß, um dort ſeine Stellung und die Zahl der ihm gebliebenen Streitkräfte auszu⸗ rotten. Die Folge war, daß die Wilden mit den Waffen in der Hand hervorbrachen und viele Ortſchaften zerſtörten. Zuerſt am 10. Mai Cancaſter, von wo Viele unſerer Landsleute gefangen abgeführt wurden; zweitens am 12. Marlborough; am 13. Groten; Wacwick am 17; und Rehoboth, Chelmsford, Andower, Weymouth und verſchiedene andere Orte zwiſchen dem letztangeführten Tage und jenem, an welchem ich meine Befehle vom Gouverneur empfing. Pierre von Scituate, ein tapferer und in allen Liſten der Rothhäute vielerfahrener Krieger, iſt ſammt ſeiner ganzen Maunſchaft von den Wilden in die Pfanne gehauen worden; und Wadsworth und Brocklebank, Männer von hohem Muthe und bewährter Erfahrung, haben ihre Gebeine in den Wäldern laſſen müſſen, und ſchlafen mit ihren unglücklichen Soldaten auf gemeinſamer Stäͤtte.* * Alles, was hier und im Vorhergehenden über die Verhältniſſe der Indianer erzählt wird, iſt hiſtoriſche Thatſache. 2 Narramatta und Conanchet. 10 „Das iſt freilich eine tiefbetrübende Kunde,“ ſeufzte Content; und ich ſehe nicht ab, wie wir dem Greuel ein Ende machen ſollen, außer durch eine große und allgemeine Schlacht.“ „Dieſer Meinung iſt auch der Gouverneur, ſo wie alle ſeine Räthe,“ ſtimmte der Bote bei. „Und welches Verfahren ſollen wir bei dieſer drangvollen Lage der Dinge befolgen?« fragte Content. „Vor Allem iſt von der Regierung ein allgemeines Faſten an⸗ befohlen worden, damit wir als Menſchen in den Kampf gehen, die ſich durch geiſtiges Ringen und Selbſtprüfung gereinigt haben. Dann wird den Gemeinden der Rath gegeben, ſtrenger als gewöhn— lich gegen etwaige Verbrecher und Uebelthäter zu verfahren, damit die Suͤndhaftigkeit der Menſchen nicht den Zorn Gottes auf die Anſiedelungen herabzieht; drittens ſoll alle waffenfähige Mannſchaft zu dem Kriegszuge aufgeboten, und endlich eine angemeſſene Be⸗ lohnung für die Köpfe unſerer Feinde ausbezahlt werden.« „Die drei erſten Maßregeln haben meinen Beifall,« ſagte Content;„denn es ſind die herkömmlichen und erlaubten Mittel chriſtlicher Völkerſchaften. Die letzte Maßregel aber kann ich nicht billigen, da ihre Ausführung viele Umſicht erfordert, und zu un⸗ lautern Abſichten und Thaten Veranlaſſung geben kann.“ „Seid ohne Sorgen,“ erwiederte der Bote.„Die Regierung hat dieſen Punkt ſorgfältig erwogen, und wird nur die Hälfte deſſen zahlen, was die Anſiedlungen an der Bai verſprachen. Auch ſoll für Kinder überhaupt kein Preis feſtgeſetzt werden. Im Uebrigen, Kapitän Heathcote, erlaubt mir nun, Euch auseinander zu ſetzen, welche Mannſchaft Ihr bei dem nächſten Feldzuge perſönlich an⸗ führen ſollt.“ Waͤhrend der Bote n Kapitän ſeine Mittheilungen macht, wollen wir zu den anderen Mitgliedern der Anſiedelung zurückkehren. Als Glaube durch die Ankunft des Fremden in ihrer Unter⸗ haltung geſtört ward, hatte ſie, wie erzählt worden, eben einen nenen Weg zur Erforſchung der Wahrheit eingeſchlagen. Von dem größten Theil der Hausbewohner begleitet führte ſie nun ihren blödſinnigen Bruder auf den Gipfel des wohlbekannten Hügels, wo vormals das Blockhaus geſtanden hatte, während jetzt der Platz mit dem friſchen Grün der fröhlich gedeihenden Obſtbaͤume geſchmückt erſchien. Hier ſtellte ſie ihn neben die Trümmer der kleinen Feſtung, indem ſie ſich der Hoffnung hingab, dadurch Erinnerungen aufzu⸗ friſchen, deren Eindrücke vielleicht lebendig genug waren, um das geheimd Ruth ſch Abe Platz ni. Get auch ein wiederet⸗ Whiltal Stufe geſchwät Bewvegut vollen rothblüh die ſchw rings u weſentli nerung das ſeit Platz a einen v von der nerunge ob die Wahnbi Lontent; Rſollen, elle ſeine llen Lage aſten an⸗ f gehen, at haben. gewöhn⸗ u, damit auf die faunſchaſt eſſene Be⸗ 6 Qll,« ſagte en Mittel un ich nicht und zu un⸗ Regierung ie Hälſte den. Auch Uebrigen, zu ſetzen, önlich an⸗ gen macht, rückkehren. rer Unter⸗ eben einen Von dem nun ihren n Hügels, der Platz geſchmückt n Feſtung, een aufzu⸗ „ um das 147 Geheimniß, welches noch immer über dem Schickſal der kleinen Ruth ſchwebte, aufklären zu helfen. Aber der Verſuch wurde nicht durch Gelingen gekrönt. Der Platz nicht nur, ſondern auch das Thal hatten ſeit der Zerſtörung der Gebäude eine ſo große Umwandlung erlitten, daß vielleicht auch ein von der Natur reicher begabter Menſch die Gegend nicht wiedererkannt haͤtte. Wie viel weniger nun der arme blödſinnige Whittal Ring, deſſen Geiſtesfähigkeiten auf einer ſo niedrigen Stufe ſtanden. Gleichwohl ließ der Blick auf die vom Brande geſchwärzten Ruinen das Innere des Halbwilden nicht ganz ohne Bewegung. Obgleich das Gras am Fuße der Ruine eben jetzt im vollen friſchen Grün des Frühſommers ſtand, und der Duft des rothblühenden Klees die Luft mit ſeinem Hauche erfüllte; obgleich die ſchwarzen düſteren Mauern, und die Ausſicht auf die Waldung rings umher, welche ſich durch das Niederſchlagen vieler Bäume weſentlich verändert hatte, kaum dazu geeignet waren, die Erin⸗ nerung zu wecken— ſo lag doch in der ganzen Umgebung Etwas, das ſeine früheſten Eindrücke leiſe berührte. Whittal ſchaute den Platz an beinahe wie ein Hund, der nach langer, langer Trennung einen vormaligen Herrn wiederfindet; und als Dieſer und Jener von den Umſtehenden verſuchte, die matten und ſchwachen Erin⸗ nerungen des jungen Mannes zu ſchaͤrfen, ſchien es wirklich, als ob die Kräfte des Gedächtniſſes die Nebel durchbrechen, und die Wahnbilder des Blödſinnigen verſcheuchen würden. Aber die Reize des freien und ungebundenen Lebens unter den Wilden, die be— zaubernden Freuden der Jagd und der Wälder machten bald wie⸗ der ihre überwiegende Herrſchaft geltend. Wenn Glaube ihn an die körperlichen Genüſſe erinnerte, die er im Knabenalter ſo hoch geſchätzt hatte, dann ſchien ſich die Einbildungskraft Whittals auf die Seite der Wahrheit zu neigen; ſobald er aber gewahrte, daß er die Würde eines Kriegers und alle Genüſſe und lieb geworde⸗ nen Gewohnheiten ſeines ſpäteren Lebens werde aufgeben müſſen, wenn er in ſeine früheren Verhältniſſe zurückkehre, dann ſträubte ſich ſein Geiſt hartnäckig, die aufwachenden Erinnerungen durch Nachdenken zu unterſtützen.. Unter ſolchen Verſuchen Glaube's, das Gedächtniß des Bru⸗ ders zu ſchärfen, verging eine Stunde, ohne daß irgend ein be⸗ deutender Fortſchritt gemacht worden wäre. Der Blödſinnige nannte ſich zwar zuweilen Whittal, blieb aber trotzdem fort⸗ während dabei, daß er auch Nipſet, ein Narraganſet, ſei, eine 10 8 148 Mutter in ſeinem Wigwam habe, und noch vor dem naächſten Schneefalle in die Zahl der Krieger ſeines Stammes aufgenommen zu werden hoffe. Sechzehntes Kapitel. Die Heiligkeit des Sonntags wird von der Religionsſecte, welche ſich Puritaner nennt, viel höher gehalten, als von der übri⸗ gen Chriſtenwelt, und der Umſtand, daß Jemand während des Sonntages eine Reiſe fortſetzte, hatte die Aufmerkſamkeit des gan⸗ zen Dorfes erregt. Da man jedoch ſah, daß der Fremde die Richtung nach der Wohnung des allgemein hochgeachteten Heatheote einſchlug, und man auſſerdem bedachte, daß die Zeitläufe mehr oder minder Gefahr drohten, ſo glaubte man, daß die Eile des Reiſenden durch die dringendſte Nothwendigkeit gerechtfertigt werde. Mittlerweile ſtieg die Sonne höher und höher, und eine kleine Glocke auf dem Thurme des Bethauſes rief die Gemeinde zum Gottesdienſte. Sobald der Ruf ertönte, ſah man die Straße von einzelnen Familiengruppen bedeckt. Vorn an der Spitze jedes Häuf⸗ leins ging mit ernſtem und würdigen Schritte der Familienvater. Dann folgte die Frau deſſelben, ihre Blicke ſtreng auf die Schaar ihrer Kleinen gerichtet, wenn dieſe letztere in jugendlichem Muth⸗ willen ſich einem Ausbruche kindiſcher Laune, der unter keiner Be⸗ dingung geduldet wurde, hinzugeben verſuchte. In der Regel trug der Hausvater die geladene Muskete im Arme; oder wenn er durch ein kleines Kind, welches noch nicht allein zu gehen vermogte, daran verhindert ward, ſo trug ſie der älteſte von ſeinen Knaben auf der Schulter. Auf keinen Fall durfte dieſe nothwendige Vor⸗ ſicht verabſäumt werden, da die Ueberfälle der Indianer oft ſo plötzlich geſchahen, daß man die Pflicht der Wachſamkeit ſelbſt während des Gottesdienſtes nicht vernachläſſigen durfte. Auf dem Gange nach der Kirche waren alle Leute ſo geſam⸗ melt und ernſt, daß Niemand eine leichtſinnige, weltliche Unter⸗ haltung anknüpfte, ja ſich nicht einmal einen fröhlichen Gutenmor⸗ gen zurief. Die nothwendigen Grüße beſchränkten ſich auf das ſchweigende Abnehmen des Hutes und ein ernſtes Kopfnicken, wel⸗ ches als das äußerſte Merkmal der ſonntägigen Höflichkeit einge⸗ führt war und geduldet ward. Als die Gemeinde ſich verſammelt hatte, erſchien auch der pfarte von ſe⸗ ſtalt ſ liche warf, fung Stille S meinde bereite weltlich nahmer Dinger 2 „es iſ und he Reiſen baths er be hatte, ruhige Auftra der M Grün Aufm rer, mein dir, onsſecte, der ubri⸗ tend des des gan⸗ fende die Heatheote ufe mehr Eile des ot werde. ine klene inde zium wn traße von des Häuf. ilienvater. ie Schaag m Muth⸗ teiner Be⸗ ſegel trug n er durch vermogte, en Knaben dige Vor⸗ ier oft ſo kkeit ſelbſt ſo geſam⸗ iche Unter⸗ Gutenmor⸗ hauf das icken, wel⸗ keit einge⸗ 1 auch der V 149 Pfarrer, Namens Meek, dem eine mehr als gewöhnliche Macht von ſeiner Gemeinde zugeſtanden wurde. Seine hohe, magere Ge⸗ ſtalt ſchritt durch die Reihen der Andächtigen, bis er ſeine gewöhn⸗ liche Stelle erreicht hatte, wo er einen ſtrengen Blick rundum warf, und jedes einzelne Geſicht in der Kirche einer genauen Prü⸗ fung zu unterwerfen ſchien. Ringsum herrſchte indeſſen die tiefe Stille, welche jederzeit der heiligen Handlung vorausging. Die auffallend ernſte Miene, welche der Geiſtliche ſeiner Ge⸗ meinde zeigte, ſollte dieſe jedoch noch nicht auf das Gebet vor⸗ bereiten, ſondern vielmehr ihren Geiſt auf einen Gegenſtand von weltlicher Wichtigkeit lenken. Denn die Geiſtlichen der Puritanern nahmen durchaus keinen Anſtand, auch als Richter in weltlichen Dingen öffentlich aufzutreten. „Capitain Content Heathcote,“ nahm der Prediger das Wort, „es iſt Jemand am Tage des Herrn durch dieſes Thal geritten und hat deine Wohnung zum Abſteigequartier erwählt. Kann der Reiſende Gründe anführen, um dieſe ſeine Entweihung des Sab⸗ baths zu entſchuldigen, und kannſt du ſelbſt es verantworten, daß er bei dir Eingang gefunden hat?« Content, der ſich ſogleich ehrerbietig von ſeinem Sitze erhoben hatte, als der Geiſtliche ſeinen Namen nannte, zögerte nicht, eine ruhige Antwort zu ertheilen.„Der Fremde ritt in beſonderem Auftrage,“ ſagte er,„und ſeine Reiſe geſchah nur für das Wohl der Mitglieder unſerer Anſiedelung Ich würde ſogleich die näheren Gründe mittheilen, wenn ich nicht fürchten müßte, dadurch die Aufmerkſamkeit auf den heiligen Gottesdienſt zu ſchwächen.« „Darin handelſt du gut und beſonnen,« erwiederte der Pfar⸗ rer, von dieſer Erklärung vollkommen befriedigt.„Aber ſage mir, mein Sohn, warum ſind nicht alle Migglieder der Familie, gleich dir, in der Kirche verſammelt?“ Content entſchuldigte ſeine Gattin, indem er mit wenigen Worten erklärte, daß am heutigen Morgen ihre Gefühle zu lebhaft aufgeregt worden waͤren; und nun endlich begann der Pfarrer den Gottesdienſt, indem er ein kurzes Einleitungsgebet ſprach, einen Spruch aus der heiligen Schrift vorlas, die Verſe eines Pſalmes angab, welche geſungen werden ſollten, ſelbſt in den Geſang ſeiner Gemeinde mit einſtimmte, und dann auf die zu haltende Predigt überging. Während der Geſang erſchallte, zeigte ſich im Haupigang⸗ der Kirche eine Geſtalt, welche ſowohl durch ihren Anzug, wie 5 150 durch ihr ganzes Ausſehen die Blicke aller Verſammelten auf ſich zog. Dieſer Eindringling war kein Anderer, als Whittal Ring, der ſich heimlich aus der Wohnung ſeiner Schweſter entfernt hatte, um ſeinen Weg in die Kirche zu nehmen. Bei ſeinem früheren Aufenthalte im Thale ſtand die Kirche noch nicht, und das Ge⸗ bäude, die Einrichtung deſſelben, die Verſammlung, das Geſchäft, was ſie herberufen, kurz Alles, was er ſay, war ihm fremd. Nur der Geſang ſchien eine ſchwache Saite ſeiner Erinnerungen zu berühren, und die Macht der Töne verfehlte nicht, einen ſichtbar angenehmen Eindruck auf ihn zu machen. Ruhig blieb er ſtehen, horchte mit ſtumpfer Verwunderung auf den Geſang und benahm ſich ſo geſittet, daß ſelbſt der raſche und entſchloſſene Eben Dudley, welcher ſein erſtes Eindrängen nicht ohne Mißfallen bemerkt hatte, ihn nicht hinderte, dem Gottesdienſte fernerhin beizuwohnen. Mittlerweile erhob Pfarrer Meek ſeine Stimme und predigte gewaltig. Aller Ohren horchten aufmerkſam auf ſeine weiſen und kraftvollen Worte, als plötzlich abermals die Audacht unterbrochen ward. Ein Fremder, ernſten Ausſehens und ruhigen verſtändigen Weſens, ſtand neben Whittal Ring und wurde augenblicklich von Allen, die ihn früher ſchon geſehen hatten, wiedererkannt. Sein Anzug war einfach und aus den gewöhnlichſten Stoffen gefertigt; aber ſeine Hand war mit einem großen, blitzenden Säbel bewaff⸗ net, und über dem Rücken hing ein kurzer Carabiner, wie ihn die engliſchen Dragoner zu tragen pflegten. „Warum iſt Jemand, deſſen Antlitz mir fremd iſt, gekom⸗ men, die heilige Andacht der Kirche zu ſtören?« fragte Pfarrer Meek, als er den bewaffneten Mann, nicht ohne einigen Schrecken, bemerkte. Der Fremde antworteſ nicht auf die Frage des Prieſters; er wendete ſich an die ganze Gemeinde und ſprach mit lauter und ſtarker Stimme:„Greift zu den Waffen, ihr Männer von Wish⸗ ton⸗Wish! Rüſtet Euch zu Eurer Vertheidigung!« Zugleich mit dieſen Worten ließ ſich von Außen her ein Ge⸗ ſchrei vernehmen, von welchem das ganze Thal wiederhallte. Ein tauſendſtimmiges Kriegsgeheul erfolgte darauf aus dem Walde und brauste über das dem Verderben geweihte Dorf dahin. Es waren die bekannten ſchrecklichen Töne indianiſcher Wuth, die von Allen, welche ſie hörten, keinen Augenblick mißverſtanden wurden. Ein Auftritt wilder Verwirrung erfolgte, ſobald ſie erſchallten. Beim Eintritt in die Kirche hatten die Männer ihre Waffen neben d ſich det Kinder und der 1 das G⸗ Hände Gebet; zu unſe zu mult, der Fre hatte, andächt „. Himme den go Gewal ausgen Für d gehen Sende baoth, Ohren 5 men ſtreng Män Herze Tapfe auf die auf ſic al An ut hatte, früheren das Ge⸗ Geſchſt fremd. ungen zu ſichtbar t ſtehen, benahm Dudley, rkt hatte, en. predigte eiſen und terbrochen ſtändigen clich von nt. Sein gefertigt; l bewaf⸗ eihn die „ gekom⸗ e Pfareer Schrecken, eſters; er auter und on Wish⸗ r ein Ge⸗ llte. Ein m Walde ahin. Es „die von a wurden. allten. re Waffen — 151 neben der Thüre derſelben niedergelegt. Jetzt eilten ſie dahin, um ſich der Gewehre wieder zu bemächtigen, während die Frauen und Kinder ſich um ſie her drängten und ein Geſchrei des Entſetzens und der Angſt an die Stelle der bisherigen, gelaſſenen Ruhe trat. „Still!« rief jetzt der Pfarrer mit machtvoller Stimme in das Getümmel hinein.„Ruhe! Ehe wir weiter gehen, laßt uns Hände und Stimme zu unſerem himmliſchen Vater erheben. Das Gebet zu ihm wird uns ſtark machen, als ob tauſend Kriegsleute zu unſerer Hülfe herbeigezogen wären.“ Sobald dieſe Worte des Prieſters ertönten, hörte aller Tu⸗ mult, jede leidenſchaftliche Bewegung in der Kirche auf. Selbſt der Fremde, welcher eben noch die Männer zu den Waͤffen gerufen hatte, neigte in Ehrfurcht ſein Haupt und ſchien in das Gebet mit andächtigem Herzen und vollem Vertrauen einzuſtimmen. „Herr,« ſprach der Pfarrer, indem er die Hände hoch zum Himmel empor hob,„Herr, auf deinen Befehl ziehen wir gegen den gottloſen Feind, und mit deinem Beiſtande werden ſelbſt die Gewalten der Hölle nichts über uns vermögen. Mit deiner Guade ausgerüſtet, haben wir Hoffnung im Himmel und auf Erden! Für dein Heiligthum fließt unſer Blut! Für dein heiliges Wort gehen wir in den Kampf! Streite mit uns, König der Könige! Sende deine himmliſchen Heerſchaaren zur Hülfe herbei, Herr Ze⸗ baoth, und laß unſer Siegeslied einen Schreckenston ſein in den Ohren unſerer Feinde! Amen.“. Dieſe kräftigen Worte des Prieſters drangen tief in die Her⸗ zen ſeiner Zuhörer ein, welche von einer lebhaften Begeiſterung ergriffen wurden. Es war aber auch nothwendig, nicht blos from⸗ men Eifer zu zeigen, ſondern auch die Kräfte zur äußerſten An⸗ ſtrengung anzuſpornen. Das Schauſpiel, welches ſich, als die Männer in's Freie gelangten, ihrem Augen darbot, würde die Herzen geübterer Krieger erbeben gemacht und die Kräfte der Tapferſten gelähmt haben, wenn ihre Herzen nicht vom Vertrauen auf den Beiſtand des Höchſten erfüllt geweſen wären. Dunkle Geſtalten huſchten ſpringend und laufend quer über die Felder und längs den Anhöhen hin. Von allen Hügeln, welche das Thal umgeben, ſtürzten voll Wuth bewaffnete Judianer hinab, Zerſtörung und Rache drohend. Hinter ihnen hatten ſchon Feuer⸗ brände gewüthet, waren ſchon Meſſer geſchäftig geweſen; denn von dem Blockhauſe, den Palliſaden und den Außengebäuden Ruben Rings und mehrerer Anderen, welche gleich ihm an den äußerſten Gränzen der Anſiedelung wohnten, ſtiegen bereits graue Dampf⸗ wolken empor, und glänzende Streifen lodernder Flammen blitzten dazwiſchen hindurch, indem ſie flackernd ſich in die Lüfte erhoben. Aber dringender noch als dort dräuete die Gefahr in der Nähe. Schon war ein ſtarker Haufe grimmiger Krieger auf die Wieſen vorgedrungen, und wohin das Auge ſchaute, überall gewahrte es die ſchrecklichſten Beweiſe, daß die ganze Anſiedelung auf allen Seiten von einer unwiderſtehlichen Uebermacht indianiſcher Krieger umzingelt worden ſei. „Zur Garniſon! Zur Citadelle! Zur Garniſon!“ riefen einige der Vorderſten, welche zuerſt den ganzen Umfang der Gefahr er⸗ meſſen konnten, und während ſie riefen, ſelber ſchon ihren Lauf nach der kleinen Feſtung richteten.„Vorwärts zur Garniſon! Zur Garniſon! Sonſt ſind wir Alle verloren!“ „Halt!“ rief jetzt die Stimme des Fremden, welcher kein Anderer als Warley war, in den Tumult binaus.„Halt! Bei ſolcher Verwirrung und Unordnung würden wir freilich verloren ſein. Halt, ihr Männer, und laßt den Kapitain Heatheote zu mir, damit wir berathſchlagen können!“ Coutent, der den Fremden auf den erſten Blick wiedererkannt und ihn nur darum nicht ſogleich begrüßt hatte, um die Heiligkeit des Gottesdienſtes nicht zu ſtören, eilte jetzt zu ihm und ſagte: „Hier bin ich, mein theurer Frennd!“ Zeige mir mit deiner geprüften Beſonnenheit und Erfahrung den Weg, den ich die be⸗ ſtürzte Menge führen ſoll!« „Rede zum Volke, Content, und theile ſeine ganze Streit⸗ macht in drei Haufen von gleicher Stärke,« erwiederte der Fremde, indem er ohne weitere Begrüßung, zu welcher, jetzt wenigſtens, keine Zeit war, Content die Hand ſchüttelte.„Die erſte Abthei⸗ * Wieſen entgegenrücken und die Wil⸗ den zurücktreiben, ehe es ihnen gelingt, die Feſtung zu umringen. Der zweite Haufe muß die Schwachen und Kleinen auf der Flucht nach der Citadelle beſchützen; und der dritte— nun, du wirſt ſchon errathen können, was ich mit der dritten im Sinne habe! Aber ſchnell zum Werke geſchritten, denn durch Zögern geht Alles verloren!“ Es war ein Glück, daß Content ein Mann war, der an über⸗ flüſſigem Wortkram keinen großen Gefallen hatte. Ohne Zögerung und Einwendungen gehorchte er den Anordnungen Warley's, der eine größere kriegeriſche Erfahrung vor ihm voraus hatte, und lung muß dem Feinde au ſein Be Anſehen des Do Lieben ger, a nig mit vertral getheilt erſte w ſchritt den, ſchneide würden, ein und Feinden ten, ein blieb ei führers J antrete Auf ſer der Vo In ſeit por, w Rechter ſagen komme ,. 153 Dampf⸗ n rig ſein Beiſpiel wirkte ſo vortrefflich, daß Jeder ihm folgte, ſeinem erhoben. Anſehen ſich fügte, und auf ſeine Befehle achtete. Alle Männer er Naͤhe. des Dorfes, durch den Augenſchein von der Gefahr, welche ihren 9. Lieben drohte, ſchrecklich überzeugt, gehorchten ſchneller und willi⸗ * Wiej dn ger, als es ſonſt wohl bei Leuten vorzukommen pflegt, die ſo we⸗ vahrte es nuf allen nig mit eigentlicher ſtrenger Kriegszucht und geregeltem Felddienſte r Krieger vertraut ſind. Die kampfbereiten Mäaͤnner wurden in drei Haufen getheilt, deren jeder etliche zwanzig Mann ſtark war. Der en einige erſte wendete ſich unter Anführung Eben Dudley's im Geſchwind⸗ efahr 54 ſchritt nach den Wieſen, damit die brüllenden Schaaren der Wil⸗ ren Luuf den, welche den Frauen und Kindern ſchon den Rückweg abzu⸗ ſon!— ſchneiden drohten, in ihrem Anlaufe gehemmt und zurückgeworfen 1ns Püll würden. Der zweite Haufen ſchlug die entgegengeſetzte Richtung lcher kii ein und bemächtigte ſich der Straße nach dem Dorfe, um jenen alt! Be Feinden, welche von Süden her in das Thal einzudringen verſuch⸗ derld ei ten, einen kräftigen Damm entgegen zu ſetzen. Der dritte Haufen thrate e blieb einſtweilen ruhig ſtehen, um die ferneren Befehle ſeines An⸗ zu führers zu erwarten. dere In dem Augenblicke, als die erſte Abtheilung ihren Marſch ererkannt antreten wollte, erſchien der ehrwürdige Geiſtliche an ihrer Spitze. Heiligkeit Auf ſeinem Antlitze malte ſich ein freudiges Zutrauen auf die Hulfe ſagte: der Vorſehung, vereinigt mit unerſchütterlichem, weltlichen Muthe. nit deiner In ſeiner Linken hielt er die heilige Schrift und hob ſie hoch em— h die be⸗ por, wie ein Panner, das unfehlbar zum Siege voranfliegt; in der Rechten ſchwang er ein Schwert mit ſo kühner Geberde, als ob er ze Etreit ſagen wolle:„Wehe denen, die es wagen, mir in den Weg zu r Fremde, kommen.“ denigſteus, Die Bibel war aufgeſchlagen und ihre Blätter flatterten im te Abthei⸗ Winde. Dieß hinderte jedoch den muthigen Prieſter nicht, mit die Wil⸗ lauter Stimme einzelne Sprüche herzuſagen, welche dazu dienen umringen. konnten, den Muth der zum Kampfe bereiter Männer immer höher der Flucht zu entflammen. 1 du wirſt„Israel und die Philiſter ſtellten ihre Heere auf in Schlacht⸗ inne habe! ordnung, einander gegenüber!“ Dieß waren die erſten Worte, geht Alles durch welche der Pfarrer ſeine Krieger begeiſterte; und während der Marſch vorwärts ging, las er immer weiter mit erhöheter ran über⸗ Stimme fort:„Siehe, ich will Dinge thun in Israel, daß Jedenn, Zögerung der ſie höret, beide Ohren gellen ſollen!— O Haus Aaxrons, ver⸗ ley's, der traue auf den Herrn, denn er iſt deine Hülfe und dein glänzender halte, und Schild!— Rette mich, o Herr, vor den Gottloſen, nd behi i ☛. mich vor den Gewaltigen!— Laß glühende Kohlen auf ihre Häͤup⸗ ter fallen und ſtürze ſie hinab in's Feuer, in tiefe Gruben, aus denen die Rettung unmöglich iſt!— Laß die Gottloſen in ihre eigenen Netze fallen, und hüte mich, daß ich daneben um⸗ komme!— Wer mich haſſet, der haſſet auch meinen Vater!— Vergib ihnen, o Herr, denn ſie wiſſen nicht, was ſie thun!— Sie haben gehört, daß geſagt worden: Auge um Auge und Zahn um Zahn!— Aber Joſua zog nicht ſeinen Arm zurück und ſenkte nicht den ausgeſtreckten Speer, als bis er ganz und gar zerſtört und zernichtet hatte die Stadt und Einwohner von Ai!“ So weit waren die begeiſtert geſprochenen Worte des Pfar⸗ rers von den Zurückbleibenden gehört worden; jetzt aber verhallte ſeine Stimme immer mehr und ward immer undeutlicher, je weiter ſich die kleine, bewaffnete Schaar von ihnen entfernte. Zuletzt vernahmen ſie nichts mehr, als das Geſchrei des Feindes, die Fuß— tritte der mit Ungeduld vorrückenden Mannen, und einzelne ſcharfe und gellende Töne, womit der Prieſter Blut und Herzen der ihm nachfolgenden Schaar wie mit Trompetenſchall anfenerte. Wenige! Minuten ſpäter verſchwand der kleine Haufe hinter den Gebüſchen des Feldes, und nichts verrieth mehr die Richtung ihres Marſches, als das Geklirre ihrer Waffen. Während dieſe Bewegung mit Raſchheit und Lebendigkeit aus⸗ geführt wurde, verlor auch die zweite Abtheilung, welche zur Deckung des Dorfes abgeſandt worden war, keinen Augenblick Zeit. Mit haſtigen Schritten ſchlug ſie unter Auführung ihres Lieutenants die Richtung nach Süden ein, und bald vernahm man das Getöſe ihres Zuſammentreffens mit dem Feinde. Die Hitze des Gefechtes bewies, daß die Maßregel ihrer Abſendung eine ſehr dringende und von äußen Nothwendigkeit gebotene war. Die Männer, welch r dem Eingange der Kirche aufgeſtellt waren, zeigten nicht weniger Entſchloſſenheit, als die Andern. Doch mußten ſie in Folge des Auftrags, die Frauen und Kinder zu ſchüͤtzen, nothwendiger Weiſe gemäßigter ſein. Sobald der Schlachthauſe des Pfarrers weit genug vorgerückt war, um den Zurückgebliebenen genügende Sicherheit zum Aufbruche zu geben, ertheilte Warley den Befehl, die Kinder in die Feſtung zu geleiten. Die bebenden Mütter gehorchten ohne Zögern, da ſie ſchon mit Sehnſucht darauf gewartet hatten und bisher kaum zurückzuhalten geweſen waren. Einige von ihnen zerſtreuten ſich in die verſchiede⸗ nen Wohnungen, um die Schwachen und Kranken aufzuſuchen, und die erwa notllwend den Pa 8s verft Ausführ T „2 zntückhä du? De ibtigen „ feſter S ziehen, „) duldig. Maͤnne lieren! kommen Di empfan zu ſein mal u Conten im Au 8 re Häup⸗ ben, aus dn in ihre wen um⸗ Vater! thun!— und Zahn -und ſenkte er zerſtött des qfar⸗ verhallte (je weiter Zulett die Fuß⸗ elne ſcharfe en der ihm Wenige Gebüſchen Marſches, — igkeit aus⸗ velche zur Augenblick rung ihres nahm man Die Hite g eine ſehr ar. aufgeſtellt e Andern. und Kinder dobald der , um den zu geben, zu geleiten. ſchoön mit ückzuhalten verſchiede⸗ ſuchen, u —— 15⁵ die erwachſenen Knaben beſchäftigten ſich damit, einen Theil der nothwendigſten Habſeligkeiten aus den Gebäuden hinter die ſchützen⸗ den Palliſaden zu tragen. Alles dieß geſchah zu gleicher Zeit, und es verfloſſen nur wenige Minuten zwiſchen dem Befehle und der Ausführung deſſelben. „Vorhin war ich der Meinung, du ſollteſt mit dem erſten Haufen die Wieſen beſetzen,“ ſagte Warley zu Content.„Da aber Saer drüben Alles gut geht, ſo wollen wir zuſammen fort, du e ißt ſchon, wohin?« Warum aber zögert das Mädchen dort noch?“« „Das weiß ich in der That nicht, wenn nicht etwa Furcht ſie zurückhält,« erwiederte Content.„Höre, Martha, warum ſäumeſt du? Der Weg nach der ECitadelle iſt offen, und du mußt mit den übrigen Frauen gehen.“ »Nein, nein,“ erwiederte Ruths Pflegetochter mit ſanfter aber feſter Stimme,„nein, ich will mit den Kriegern in den Kampf ziehen, die unſere Wohnung beſchützen.« »Nichts da, Mädchen!“ entgegnete Warley ein wenig unge⸗ duldig.„Sei klug und eile in das Fort hinüber. Und Ihr, Männer, vorwärts! Wir dürfen keine Zeit mehr mit Reden ver⸗ lieren! Vorwärts, mir nach, Ihr tapferen und kühnen Leute, ſonſt kommen wir zu ſpät!“.G Die Männer eilten vorwärts, und Martha wartete, bis der Zug einige Schritte zurückgelegt hatte. Dann aber, anſtatt der empfangenen Weiſung zu folgen und auf ihre Sicherheit bedacht zu ſein, folgte ſie den Kriegern und eilte ihnen auf dem Fuße nach. »„Ich fuͤrchte, wir werden nicht ſtark genug ſein, um das Haus behaupten zu können,“ ſagte Warley leiſe zu Content, wäh⸗ rend ſie Beide an der Spitze des Truppes einherzogen.„Unſere Zahl iſt nicht groß, und auf Verſtärküng können wir auf keine Weiſe rechnen.“ »Und doch wäre es ein großes Unglück, wenn wir noch ein⸗ mal uns nach einem Wohnplatze umſehen müßten,“ entgegnete Content.„Aber ſage mir, wie kommt es, daß du gerade wieder im Augenblicke drohender Gefahr zu uns ſtößeſt?«. „Ich hörte von den Bewegungen der Indianer und daß ſie ihre Richtung hierher nehmen wollten,« entgegnete Warley.„Da zögerte ich nicht, mich ebenfalls auf den Weg zu machen, um die Gaſtfreundſchaft zu vergelten, welche Ihr mir einſtens erwieſen habet?« tene erwiclen — ——————— 156 Der Fremde ſchwieg und auch Content gab keine Antwort, da Beide einſahen, daß die Zeit nicht zu einer vertraulichen Unter⸗ haltung geeignet war. Mit hurtigen Schritten näherten ſie ſich den Wohngebäuden Heathcote's und konnten nun die Lage der Dinge aus der des Hauſes beſſer abnehmen. Das Gebäude lag ſo weit vom Dorfe ab, daß der Verſuch, es vor Ankunft der Hülfe zu verlaſſen und nach der Citadelle zu fliehen, jedenfalls ein gefährliches, ja verzweifeltes Wageſtück genn weſen wäre. Auf den Wieſen, welche es vom Dorfe ſchieden, wa es ſchon lebendig und wimmelte von den grimmigen Geſtalten blutdürſtiger Indianer. Auch dachte der alte Mritaner bei ſeiner Gebrechlichkeit und Schwäche nicht an Flucht; denn die herbeieilen⸗ den Männer ſahen deutlich, daß die Fenſter verrammelt und noch mancherlei andere Vorkehrungen zu einer hartnäckigen Vertheidigung getroffen wurden. Contents Empfindungen aufgeregt und tief waren lebhaft ſchmerzlich. Er wußte, daß außer ſeinem Vater und Ruth nur ein einziges, und noch dazu weibliches Weſen, ſich im Hauſe be⸗ fand, und drüben vom Walde her ſah er einen Haufen von Wil⸗ den heranſtürmen, welcher ſich dem Hauſe mindeſtens eben ſo nahe befand, als er ſich mit ſeiner kleinen Schaar. Zwar wurden in dem Gebäude die gewöhnlichen Maßregeln zum Schutze und zur Vertheidigung getroffen; aber bei ſeiner Angſt ſchien es ibm, als ob dabei die zitternden Hände ſeiner Gattin ermatteten, oder als ob Furcht und Eile die Kraft ihrer Muskeln gelähmt habe. „Drauf auf die Schurken, zum Angriff, oder die Wilden kom⸗ men uns zuvor!“ ſchrie der bange Content mit einer Haſt, die ſeinem ſonſt ſo ruhigen und gelaſſenen Charakter gar nicht eigen war.„Vorwärts, Männer, im Sturme! Seht doch! Schon ſind ſie im Obſtgarten, und mäch einer Minute werden ſie im Beſitze des Hauſes ſein!“ „Fürchte nichts, Content,“ ſagte Warley, der feſten Fnßes und kaltblütigen Auges neben ſeinem Gefährten her ging, ohne den Schritt bei ſeinem dringenden Rufe zu verdoppeln.„»Fürchte nichts! Dein Vater Marcus iſt ein Mann, der es wohl verſteht, ſein Haus gegen einen erſten Angriff ſolcher ungeregelten Horden zu vertheidigen, vollends, wenn Huͤlfe nahe iſt. Wir dürfen unſere Schlachtordnung nicht aufgeben, weil wir ſonſt das Uebergewicht des geſchloſſenen Aurückens verlieren würden. Sobald wir verein⸗ zelt heranſtuͤrmen, iſt unſere Niederlage unvermeidlich; bieten wir dm Feig nägten, Content, Wilden Kamyfes „J mühſam Ruth, 1 Iuzum tet ſein/ richtete, Auſregul wenn de 9 ) die Sch Feinde nimmt! uns die handfeſt und we Kinder, da ober wer an Arbeit, ger! der To wärts E es not der ver D den p twott, b den Unter⸗ 1. ſie ſich t Verſuch itadelle zu zu 1 geſtück ge Geſtalen bei ſeiee herbeieilen⸗ t und noch theidigung und tief Ruth nur Hauſe bee von Wil⸗ en ſo nahe wurden in e und zur ibm, als moder als abe. Gilden kom⸗ Haſt, die nicht eigen Schon ſind im Beſite ſten Fnßes ging, ohne .»Fürchte hl verſteht, ten Hordenu) 18 2 nothwendig, einen allgemeinen Ueberblick des Schlachifetdes und r ürfen unſere lebergenicht wir verein⸗ bieten nit 157 dem Feinde aber eine feſte Stirne in enggeſchloſſenen Reihen, ſo mögten ſie unſern Angriff nicht leicht zurückweiſen können. Ruhig, Content, ruhig! Du weißt, daß ich ſchon mehr als einmal mit den Wilden handgemein geworden bin und die Art und Weiſe des Kampfes mit ihnen kenne.“« „Ja, ich weiß es, ich weiß es!« entgegnete Content mit mühſam unterdrückter Leidenſchaft.„»Aber da ſieh meine arme Ruth, wie ſie mit zitternder Hand ſich quält, den Fenſterladen zuzumachen, der durchaus nicht anſchließen will. Sie wird getöd⸗ tet ſein, ehe ſie ſich deſſen verſteht! Höre nur, eine volle Salve des Feindes!“« »„Nein, nein, die Feinde ſind es nicht, deren Gewehre kra⸗ chen,“ entgegnete Warley, indem er ſeine Geſtalt höher empor richtete, und ſeine Züge von der zugleich ernſten und lebhaften Aufregung ſtrahlten, welche ein tapferer Krieger immer empfindet, wenn der Kampf anhebt. „Sieh, der altkühne Marcus Heatheote hat die Kanone auf die Schurken abgefeuert. Schau, wie ſie laufen und von einem Feinde ablaſſen, der ſie mit ſo kräftigem Gruße in Empfang nimmt! Sieh, ſieh, dort brechen ſie durch die Gehäge, und geben uns die beſte Gelegenheit, an ſie zu kommen. Wohlan denn, Ihr handfeſten und tapferen Männer, Ihr habt Euer Handwerk gelernt und werdet jetzt ein gutes Beiſpiel geben. Dort ſind Weiber und Kinder, die auf Euch nieder ſchauen und Euch fechten ſehen, und da oben iſt Einer mit hellem und ſcharfem Auge, der Acht gibt, wer am beſten in ſeiner Sache die Waffen ſchwingt. Hier gibt es Arbeit, meine Männer! Zeigt Euch als kühne, unerſchrockene Krie⸗ ger! Züchtigt die blutgierigen, mordbrenneriſchen Cannibalen mit der Todesgeißel! Auf ſie los, Männer!« Drauf und dran! Vor⸗ wärts zum Angriff! Zum Siege!« Siebenzehntes Kapitel. Ehe wir in unſerer Erzählung weiter vorwärts ſchreiten, iſt verſchiedenen Gefechte auf ihm zu geben. Die Ordnung des Haufens, den Eben Dudley ange ührt und Piarrer Meek mit frommen Spruͤchen begeiſtert e, war —* 3 A 158 aufgelöst worden, als er ſich auf den Wieſen hinter der Citadelle befand, wo es im Schutze der Sümpfe und Gebüſche überall Ge⸗ legenheit gab, auf die regellos anſtürmenden Indianer mit Vor⸗ theil Feuer zu geben. Die Gewehrſalve hemmte ſofort den An⸗ drang des Feindes; dieſer eilte in das Buſchwerk, und das Gefecht nahm nun den wechſelnden, gefährlichen Charakter an, wobei Fe⸗ ſtigkeit und Erfahrung des Einzelnen nicht immer ausreichen wol— len. Der Erfolg ſchwankte hin und her. Bald ſchienen die Wei⸗ ßen die Oberhand zu gewinnen, indem ſie vorwärts drangen und einen größeren Raum zwiſchen ſich und die Gebäude legten; bald waren die Indianer im Vortheil, welche ihren Feind ſo weit zurück⸗ drängten, daß es beinahe ſchien, als ob ſie Schutz hinter den Pal⸗ liſaden des Forts ſuchen wollten. Die Indianer hatten den Vor⸗ theil bei weitem überwiegender Anzahl; die Weißen dagegen konn⸗ ten ſich beſſerer Waffen und überlegener Kriegskunſt rühmen. Die Indianer hatten offenbar die Abſicht, den kleinen Haufen ihrer Feinde zu werfen oder zu durchbrechen; denn ſie ſahen recht gut, wie man die beſſeren Geräthſchaften aus den Häuſern in die„Gar⸗ niſon« ſchleppte, und dieß war ein Anblick, der wenigſtens nicht dazu geeignet ſchien, ihr Kriegsfeuer abzukühlen. Die Art und Weiſe jedoch, wie Dudley und ſeine Mannſchaft ſich ihnen entgegen⸗ ſtemmte, machte den Verſuch, wenn auch nicht unmöglich, doch wenigſtens ſehr gefahrvoll. Obgleich der Fähndrich bei anderen Gelegenheiten nicht eben ſeinen Geiſt anſtrengte, ſo entwickelte er um ſo mehr in ſolchen Gefechten ſeine mannhaften Eigenſchaften, welche hauptſächlich in einer kühnen Tapferkeit und einer ganz unerſchüͤtterlichen Kaltblü⸗ tigkeit beſtanden. Auch waren dieſe Eigenſchaften ihm niemals nothwendiger geweſen, als in der höchſt bedenkiichen und bedrängten Lage, worin er eben jetzt 1 befand. Bald mußte er ſeine gerin⸗ gen Streitkräfte zuſammenziehen, bald ſie ausdehnen; bald in Linie bleiben, bald wieder ſie brechen; bald Ermunterungen zum Feuern geben, bald wieder die Hitze der tapferen Mannſchaft zu mäßigen Mit der unermüdlichſten Thätigkeit, Ausdauer und Wachſam⸗ keit gelang es ihm denn auch endlich, die Indianer von Sumpf zu Sumpf, von Hügel zu Hügel, von Gehäge zu Gehäge zurückzutreiben, bis ſie den Saum des Waldes erreicht hatten. Hier mußte er aber Halt machen, denn Klugheit und Erfahrung verboten es, den Feind noch weiter zu drängen. Einige von ſeinen Leuten bluteten, und ihre Kräfte nahmen ab, je nachdem das Blut ihren ſuchen. Wunden ent⸗ hrömte. theile un wäre, ſie vermeid Vernicht In Büick hi ſeinen 9 ends er 38- 7 waͤlt, immer ihren 9 ſolchen vor der womit d war, U weiteren W ſtens i aus de den Il zu äuß und ve nicht di Alle ihh bewegli Nach; des W wo ſte ſchienen gehobe das Alb dennoc D verlaſſe 1 Häupte fernun währer Aaderu dianiſe ſCitadelle erall Ge⸗ mit Vor⸗ den An⸗ 8 Geſe bebe chen wol⸗ die Wei⸗ ngen und en; bald eit zurück⸗ den Pal⸗ den Vor⸗ egen konn⸗ ſnen. Die ufen ihrer recht gut, die Gar⸗ tens nicht Art und entgegen⸗ lich, doch nicht eben in ſolchen ſächlich in Kaltblü⸗ n niemals bedraͤngten eine gerin⸗ id in Linie m Feuern mäßigen Wachſam⸗ Sumpf zu tzutreiben, te er aber den Feind eten, und unden ent⸗ 159 ſtrömte. Dazu verliehen die Bäume den Indianern ſo viele Vor⸗ theile und einen ſo ſicheren Schutz, daß es wirklich tollkühn geweſen wäre, ſie in einer ſo vortrefflichen Stellung anzugreifen. Die un— vermeidliche Folge wäre ein ungleicher Kampf und endliche völlige Vernichtung des kleinen Häufleins Weißer geweſen. In dieſer zweifelhaften Lage warf Dudley einen ängſtlichen Blick hinter ſich, und ſah nicht ohne Bekümmerniß, daß er von ſeinen Freunden her keine Verſtärkung mehr zu hoffen hatte. Nir— gends erblickte er einen Krieger, der zu ſeiner Hülfe herbeigeeilt wäre, wohl aber bemerkte er, daß die Weiber und Kinder noch immer damit beſchäftigt waren, das Beſte und Nothwendigſte von ihren Habſeligkeiten in die Citadelle zu ſchleppen. Da nun unter ſolchen Umſtänden weiter nichts zu thun war, ſo zog Eben Dudley vor der Hand ſich in das dichtere Gebüſch zurück, wo die Gefahr, womit die Pfeile der Feinde ſie bedrohten, bedeutend vermindert war, und wartete nun einen günſtigen Augenblick ab, um ſeinen weiteren Rückzug ohne große Beſorgniß antreten zu können. Waährend Dudley's kleine Heldenſchaar ſich in dieſer, wenig⸗ ſtens nicht beneidenswerthen Lage befand, vernahm man plötzlich aus dem Dickicht des Waldes ein lautes, wildes Geſchrei, welches den Jubel ausdrückte, wie ihn die Indianer auf ihre rohe Weiſe zu äußern pflegen. Die weißen Krieger ſahen einander erſchrackt und verlegen an; da ſie aber auf dem Geſichte ihres Anführers nicht die Spur von Schwanken oder Unruhe bemerkten, ſo ſuchten Alle ihre eigene Beſorgniß niederzukämpfen, und erwarteten in un⸗ beweglicher Ruhe, was die kreiſchenden Feinde vornehmen würden. Nach Ablauf weniger Minuteu theilten ſich die Büſche am Saume des Waldes, und zwei Krieger traten auf die Lichtung vor, von wo ſie mit ſcharfem Auge die Auftritte im Thale zu beobachten ſchienen. Sobald ſie ſich zeigten, wurden mehrere Musketen auf— gehoben und angelegt; aber Dudley's Wink verhinderte ſogleich das Abfeuern, da wegen der ziemlich großen Entfernung die Schützen dennoch wahrſcheinlich ihr Ziel verfehlt haben würden. Die zwei Krieger, welche das Dunkel des bergenden Gehölzes verlaſſen hatten, waren offenbar zwei höchſt angeſehene indianiſche Häuptlinge. Der Eine von ihnen hatte bereits, ſo weit die Ent⸗ fernung es erkennen ließ, die volle Höhe der Lebenskraft erreicht, während die leichteren Bewegungen und der ſchlankere Wuchs des Andern auf ein jüngeres Alter deuteten. Beide waren, nach in⸗ dianiſchen Begriffen wenigſtens, koſtbar gekleidet, und im vollen 160 Krigesſchmuck. Ihr Wamms beſtand aus Scharlachtuch, und ihre Beinkleider, aus demſelben Stoffe, waren mit Franſen und bunten Verzierungen geſchmückt. Der äͤltere Krieger trug auf ſeinem Haupte eine Art von Turban; der Scheitel des Jüngeren aber war geſcho⸗ ren und zeigte keinen Schmuck, als die gewöhnliche, ritterliche Skalpirlocke. Die beiden Häuptlinge ſchienen Rath mit einander zu halten. Ihre Unterredung dauerte jedoch nur wenige Minuten, worauf der ältere Häuptling ſeinem jungen Begleiter einen Befehl zu ertheilen ſchien, deſſen Sinn Dudley für ſein Leben gern erfahren hätte, um wo möglich der Ausführung zuvorzukommen. Aber Beide ver⸗ ſchwanden jetzt, und Dudley würde vermuthlich noch lange ſeinen Scharfſinn vergeblich angeſtrengt haben, wenn ihm nicht der Erfolg baldigen Aufſchluß gegeben hätte. Plötzlich erſchöll nämlich auf ſeiner Rechten ein allgemeines lautes Geſchrei, und als er im Begriffe ſtand, dieſen Flügel mit Dreien oder Vieren ſeiner beſten Schützen zu verſtärken, ſahnter ſchon den jungen Häuptling mit gewaltigen Sätzen quer über die Wieſen herbeiſtürzen. Ein ſtarker Haufe von Wilden folgte unter lantem Kriegsgeſchrei. Sie raunten auf einem Umwege dem jen—⸗ ſeitigen Gebuͤſche zu, umgingen auf dieſe Weiſe Dudley's ohnehin ſchon mißliche Stellung und drohten ihm, mit ſeiner Schaar ganz und gar den Rückzug abzuſchneiden. Eine ſo gefährliche Lage erheiſchte einen raſchen Entſchluß. Dudley verſammelte ſeine Mannſchaft, ehe noch der Feind den errungenen Vortheil zu benützen vermogte, und eilte auf die Cita⸗ delle zu. Da ihm glücklicher Weiſe der Boden günſtig war, ein Umſtand, den er ſchon beim Vorrücken in Anſchlag gebracht hatte, ſo bedurfte er nur wenige Minuten, um mit ſeiner Schaar un⸗ verletzt den Schutz des Musketenfeuers zu erreichen, welches luſtig von den Palliſaden herüber knatterte, dem Anlaufe der Indianer kraftvollen Widerſtand bot, und ſofort die weitere Verfolgung hemmte.. Vor der Feſtung angelangt, machte Dudley erſt ein wenig Halt, um den Indiauern zu zeigen, daß ſein Rückzug wenigſtens keine Flucht ſei. Dann ließ er die Verwundeten ſich in die Auſſen⸗ werke zurlickziehen, was die Anzabl ſeiner Schaar beinahe um die Hälfte verminderte; und endlich beſchloß er, ohne Zögern mit ſei⸗ ner geringen Macht den Frennden zu Hülfe zu eilen, welche am und ihre ad bunten ſn Haupte at geſch ritterliche du halten, orauf der ertheilen en hätte, Seide ver⸗ lage ſeinen der Etfolg Ulgemeines Flügel mit n, ſaheer über die olgte unter dem jen⸗ 1s ohnehin haar ganz Entſchluß. Feind den ſ die Cita⸗ war, ein racht hatte, Schaar un⸗ ſches luſtig r Indianer Verfolgung ein wenig wenigſtens die Auſſen⸗ ahe um die in mit ſei⸗ welche am warell. Sc ſiedelun Grund haus 1 Meile, Gemein . allgem dern eben h zwar 1 giif, zu verſ chender noch ſt * tung Hügel bequet meine üͤbrig, ») ter,- wir ſo D len, u trauri Nat 161 jenſeitigen Ende des Dorfes mit den Feinden im Gefechte begriffen waren. Schon früher iſt erwähnt worden, daß die Häuſer in den An⸗ ſiedelungen in der Regel ziemlich dicht bei einander lagen. Ein Grund dafür war auch der Puritaniſche Glaube, daß ein Wohn⸗ haus nicht weiter als eine halbe, höchſtens eine ganze engliſche Meile, deren fünf auf eine deutſche gehen, von dem Bethauſe der Gemeinde entfernt ſein dürfe. Daher kam es, daß im Fort Einige der Meinung waren, daß ſie die Zerſtörung ihrer Wohnungen nur in Folge des Abweichens von dieſer Regel zu beklagen hätten; und beſonders Ruben Ring betrachtete den Verluſt ſeines Hauſes als eine gerechte Strafe für den Leichtſinn, der ihn vermogt hatte, ſich auf der äußerſten Grenze der vorgeſchriebenen Entfernung an⸗ zubauen. Als Dudley's Haufe ſich zurückzog, ſtand Ruben am Fenſter des Zimmers, in welchem ſein Weib mit ihren kleinen Kindern noch zur rechten Zeit einen ſichern Zufluchtsort gefunden hatte. Eine Wärterin war nicht zugegen, und der Vater mußte in dem allgemeinen Aufſtande nicht nur die Stelle derſelben vertreten, ſon⸗ dern auch zugleich den Dienſt einer Schildwache verrichten. So eben hatte er ſein Gewehr auf die vordrängenden Indianer, und zwar nicht ohne günſtigen Erfolg, abgefeuert, und ſtand im Be⸗ griff, die Muskete mit einer neuen, Verderben bringenden Ladung zu verſehen, als ſein trübſinniges Auge ſich auf den Haufen rau⸗ chender Trümmer heftete, welcher jetzt die Stelle ſeines geſtern noch ſo behaglichen Häuschens einnahm. „Ich fürchte ſehr, liebes Weib,“ ſagte er mit einem tiefen Seufzer und traurigen Kopfſchütteln,—„ich fürchte ſehr, daß bei der Vermeſſung des Raumes zwiſchen der Kirche und unſerer Rich⸗ tung ein Verſehen vorgefallen iſt. Bei alledem ſchien mir der Hügel, auf dem unſer Haus gebauet werden ſollte, ſo geſund und bequem, daß ich der Verſuchung nicht widerſtehen konnte, dort meine Hütte aufzurichten. Ach, jetzt iſt kein Balken mehr davon übrig, der nicht zu Kohlen und Aſche verbrannt worden wäre.“« „Hilf mir in die Höhe, Mann,“ erwiederte die ſchwache Mut⸗ ter,—„hilf mir auf, damit ich noch einmal die Stätte ſehe, wo wir ſo viele vergnügte Stunden mit einander verlebt haben.“ Ruben Ring zögerte nicht, den Wunſch ſeiner Frau zu erfuͤl⸗ len, und eine Minute lang ſtarrte das arme Weib ſtumm und mit traurigen Blicken auf die öde, rauchende Brandſtsee Als aber Narramatta und Conanchet 1 4 ein neues Geſchrei von Außen her die Luft erſchütterte, bebte ſie zurück und wendete ſich mit mütterlicher Liebe zu den kleinen We⸗ ſen, welche neben ihr auf dem Lager ſchlummerten, und in ihrer bewußtloſen Unſchuld von keiner Gefahr etwas ahnen konnten. „Dein Bruder,« nahm Ruben Ring wieder das Wort,„iſt von den Heiden bis an die Palliſaden zurückgetrieben und hat da ſeine Mannſchaft durch Ausſcheiden der Verwundeten um ein Be⸗ deutendes verringert.“ Eine kurze, drückende Pauſe folgte dieſen Worten. Endlich ſchlug die betruͤbte Frau ihre thränenſchweren Augen auf, reichte ihrem Gatten die Hand und ſagte dann: „Ruben, ich leſe in Deiner Seele und weiß recht gut, was du thun mögteſt. Es geziemt ſich nicht, daß der Sergeant Ruben Ring die Dienſte einer Krankenwärterin verrichtet, wenn der In⸗ dianer draußen in den Feldern ſeiner Nachbarn und Freunde wü⸗ thet. Geh, beſter Mann, geh, wohin die Pflicht dich ruft, und vollbringe, was als Krieger zu thun deine Schuldigkeit iſt. Geh, aber vergiß nicht, wie Viele ſind, die ein Recht an dein Leben und an deine Vaterſorge haben.“ Ruben warf einen zweifelvollen, ſchwankenden Blick umher; dann aber entſchloß er ſich raſch, drückte einen Kuß auf die Wange ſeines heldenmüthigen Weibes, heftete einen zärtlichen Blick auf ſeine geliebten, kleinen Kinder, und warf dann die Muskete über ſeine Schulter, um hinaus auf den Hof zu eilen. Als der tapfere Ruben ſich der kleinen Schaar der Kämpfer anſchloß, hatte Dudley eben den Befehl gegeben, zu jenen Kriegern zu ſtoßen, welche noch immer den ſüdlich gelegenen Zugang zum Dorfe mit mannhafter Standhaftigkeit vertheidigten. Noch war das Ausräumen und Wegſchaffen der verſchiedenen Hausgeräth⸗ ſchaften nach der Feſtung keineswegs beendigt, und es handelte ſich alſo vor allen Dingen um die Aufgabe, das Dorf gegen das Eindringen der Feinde zu beſchützen. Es war dieß allerdings eine ſchwere Aufgabe, obwohl immer noch nicht ſo ſchwierig, als die große Uebermacht der Indianer es befürchten ließ. Die Indianer waren gezwungen worden, ihre Streitmacht zu theilen, indem das Geſecht mit dem Haufen, welcher unter Contents Anführung ſtand, ebenfalls ſchon begonnen hatte. Außerdem gaben die Häuſer mit ihren Stacketen und Außengebäuden vortreffliche Bollwerke ab, und endlich gingen die Feinde mit einer Behutſamkeit zu Werke, die weniger von, überraſchenden Ueberfällen befürchten ließ, obwohl ſie Minu Weiſe Gefat waͤre ſchiede auszu Feinde zunäch nicht; davon ſogle ſobal ben. auch zuſche Heate Dorf ſeine Geba von leiſtet der 1. Endli uf, dan gut, was rant Ruben in der In⸗ reunde wü⸗ rüft, und iſt. Geh, dein Leben lick umher; die Wange Blick auf uskete üͤber der Kaͤmpfer nen Kriegern Zugang zum Noch war Hausgeräth⸗ es handelte gegen das lerdings eine rig, als die die Indianer indem das brung ſtand, Häuſer mit erke ab, und Werke, die „obwohl ſie 163 zugleich zu erkennen gab, daß die Indianer unter der Leitung eines Anführers von mehr als gewöhnlichen Geiſtesfähigkeiten ſtanden. Dudley's Stellung war nicht mehr ſo bedraͤngt wie früher, indem die Feinde ihm mehr Ruhe ließen, um die Bewegungen der Beſatzung in Heathcote's Hauſe zu beobachten, deren Staͤrke ihnen unbekannt war, und ſie mit einem unverhofften Ausfalle bedrohe⸗ ten. Sobald nun Dudley's Schaar ſich mit dem Haufen vereinigt hatte, welcher von dem erwähnten Lieutenant angeführt wurde, gab dieſer Letztere das Zeichen zu einem allgemeinen Angriffe. Mit lautem Kriegsgeſchrei rückte die Mannſchaft vor. Einige ſangen geiſtliche Lieder, Andere erhoben ihre Stimme zu lauten Gebeten, und noch Andere ſtießen furchtbar grimmige Töne aus, um dem Feinde dadurch einen heilſamen Schrecken einzujagen. Da all' dieſes Getöſe von einem kräftigen Musketenfeuer unterſtützt wurde, ſo erreichten die Männer ihren Zweck, und nach wenigen Minuten ergriffen die Indianer die Flucht, indem ſie auf ſolche Weiſe für den Augenblick dieſen Theil der Anſiedelung von jeglicher Gefahr befreiten. An eine Verfolgung durfte nicht gedacht werden, denn ſie wäre eine reine Thorheit geweſen. Man begnügte ſich, an ver⸗ ſchiedenen ſichern Orten zwiſchen den Häuſern einzelne Vorpoſten auszuſtellen, und der Hauptgewaltshaufen wendete ſich, um die Feinde abzuſchneiden, welche bis jetzt noch immer die der Feſtung zunächſt gelegenen Wieſen beſetzt hielten. Aber dieſe Abſicht gelang nicht; denn ſobald die Indianer ſich gedrängt ſahen, eilten ſie zwar davon, um den Schutz der Waldung zu erreichen, kehrten aber ſogleich wieder um und folgten den Weißen auf dem Fuße nach, ſobald dieſe Miene machten, ſich wieder nach der Feſtung zu bege⸗ ben. So mußte denn ſowohl die Beſatzung der„Garniſon«, wie auch die davor verſammelte Mannſchaft unthätig den Auftritten zuſchauen, welche bei dem Hauſe des alten Puritaners Marcus Heatheote Statt finden ſollten. Dieſes befeſtigte Gebäude war allerdings zum Schutze des Dorfes und ſeiner Bewohner aufgeführt worden, wozu es durch ſeine Lage vorzugsweiſe geeignet war; aber natürlich konnte es den Gebaͤuden, welche auſſerhalb der Schußweite lagen, durchaus nicht von Nutzen ſein. Die kleine Kanone hatte ihre guten Dienſte ge⸗ leiſtet und für den Augenblick wenigſtens ein weiteres Vordringen der Feinde verhindert. Aber der Zuruf des Fremden an ſeine 11* Mannſchaft, mit welchem wir das vorige Kapitel beſchloſſen, und die darauf folgende Bewegung zeigte deutlich genug, daß der für jetzt vom Hauſe abgewendete Angriff bald auf gefäͤhrlichere Weiſe erneuert werden dürfte. Die nächſte Umgebung von Heathcote's Hauſe eignete ſich mehr als irgend eine andere auf dem Schauplatze unſerer Erzäh⸗ lung zu einem nahen, gedrängten und tödtlichen Kampfe. Die Obſtbäume ringsum waren mit den Jahren ſtark in die Höhe und Breite gewachſen, die Gaͤrten mit großem Fleiße und aller erſinn⸗ lichen Feſtigkeit eingezäunt worden, und die Außengebäude befan⸗ den ſich ſämmtlich in feſten und dauerhaften Zuſtande. In dem Obſtgarten nun geſchah das Zuſammentreffen der feindlichen Par⸗ teien, und hier kam es zu dem Ausgange, welchen der kriegs⸗ erfahrene Warley mit Sicherheit und großem Scharfblicke voraus⸗ geſehen hatte. Content theilte ſeine Mannſchaft, wie es auch Dudley gethan, und ließ ſie unaufhörlich aus dem Rückhalte feuern. Der Erfolg zeigte ſich günſtig, und die Indianer wurden von den tapferen Anſiedlern Schritt für Schritt zurückgetrieben, bis es ganz den Anſchein gewann, als würden die Wilden in's offene Feld gedrängt und ein glänzender Sieg errungen werden. Aber in dieſem Augen⸗ blicke freudiger Hoffnung erſchallte mit einem Male in verſtärkter Gewalt das Kriegsgeſchrei der zügelloſen Banden, und zwiſchen Dampfwolken hervor ſtürzten die grimmigen Geſtalten der indiani⸗ ſchen Krieger, gleich den finſteren Schatten bösgeſinnter Geſpenſter. Boran ſtürmte der rieſige Häuptling, deſſen Kopf mit einer Art von Turban bedeckt war, und trieb mit donnernder Stimme ſeine Krieger zum Kampfe an. Dieſe vorhin ſchwankende Schaar eilte jetzt feſt gedrängt vorwärts. Das Kriegsgeſchrei, das Heho! Heho! der Wilden erſchallte jetzt mit verdoppeltem Grimm; denn von der rechten Seite her rückte ein zweiter Anführer vor, der den blanken Tomahawk mit kraftvoller Fauſt über ſeinem Haupte ſchwenkte. Beide Haufen vereinigten ſich zu Einer gewaltigen Schaar, und drohten, die Weißen im Sturme mit ſich fortzureißen, wie ein ergrimmter Waldſtrom, der alle Schranken in ſeinem Laufe zerſtört und ver⸗ nichtet. „Stellt Euch im Viereck auf, Männer!“ rief Warley mit aller Anſtrengung ſeiner kräftigen Stimme, indem er bei der heran⸗ nahenden drohenden Gefahr auf ſeine eigene Sicherheit nicht die mind ſteht b er vo aber ſchon geſpr Man ſtritt erſtenn Gpief menge liche Händ den, Hauf ger ſ Grim knirſe von ten Wide auf, ſen, und der für ere Weiſe gnete ſich der Erzäͤh⸗ apfe. Die Höhe und ler erſinn⸗ .— be befan⸗ ₰ In dem ſhen Par⸗ der kriegs⸗ de voraus⸗ ley gethan, N. Der Erfolg n tapferen ganz den d gedrängt em Augen⸗ verſtärkter d zwiſchen er indiani⸗ Geſpenſter. einer Art imme ſeine ſchaar eilte en erſchallte Seite her nahawk mit ide Haufen rohten, die ergrimmter rt und ver⸗ Warley mit der heran⸗ it nicht die 165 mindeſte Rückſicht nahm.„In's Viereck, tapfere Männer, und ſteht wie Mauern!« Content wiederholte den Befehl, und mit Blitzesſchnelle flog er von Mund zu Mund. Hurtig ſuchte man ihm nachzukommen; aber ehe noch das Viereck gebildet werden konnte, waren die Feinde ſchon herangeſtürmt, der Stoß erfolgt und die Schlachtordnung geſprengt. Jetzt erhob ſich ein furchtbarer Kampf, Mann gegen Mann, Fauſt gegen Fauſt, Kopf gegen Kopf. Die eine Partei ſtritt für den Sieg; die Andere für Leib und Leben, und nach dem erſten Abfeuern der Musketen und dem Schleudern der Pfeile und Spieße von Seiten der Wilden begann das mörderiſche Handge⸗ menge. Meſſerſtiche und Tomahawkhiebe wurden durch das tödt⸗ liche Niederſchmettern der Flintenkolben erwiedert, und würgende Hände umklammerten noch im Todeskampfe die Gurgeln der Wil⸗ den, um ihnen auf ſolche Weiſe Athem und Leben zu rauben. Haufenweiſe ſtürzten Menſchen über Menſchen, und wenn der Sie⸗ ger ſich wieder erhob, ſo geſchab es nur, um mit ungeſättigtem Grimm von Neuem über die Feinde herzufallen. Die Zähne knirſchten und die Augen funkelten, und der Obſtgarten erſcholl von dem wüthenden Geſchrei der Indianer. Die Anſiedler kämpf⸗ ten ſtumm, aber mit aller Anſtrengung der Verzweiflung. Der Widerſtand der Einzelnen hörte nur mit ihrer Kraft zu kämpfen auf, und mehr als einmal ſah man an dieſem furchtbaren Tage, daß die Indianer ihren noch lebenden Schlachtopfern die Skalpe von den Hirnſchädeln riſſen und ſie vor den offenen, entſetzten Augen der unglücklichen Gefallenen ſchwangen. Waͤhrend dieſer ſchrecklichen Auftritte der wildeſten, ungebän⸗ digſten Wuth, des blutigſten, jammervollſten Gemetzels blieben auch unſere Freunde nicht unthätig. Rücken an Rücken gelehnt, ſtanden in ſchweigender Uebereinkunft Warley, Content und deſſen junger Sohn, Marcus, und ſuchten mit ſo vereinigter Kraft dem ſchrecklichen Feinde und ihrem dunkel werdenden Glücksſterne den tapferſten Widerſtand zu leiſten. Warley ſchwang ſeine tödtliche Waffe mit kraftvollem Arme, und verſetzte Streich auf Streich, ohne nur einen Laut von ſich zu geben, da er recht wohl einſah, daß bei einem Kampfe, wie der gegenwärtige, wo das Leben eines Einzelnen auf dem Spiele ſteht, auf keinen Befehl gehorcht werden kaun. Wetteifernd folgte Content dem Beiſpiele des tapferen Krie⸗ gers; und Waich der junge Marcus kämpfte mit einer Entſchloſſen⸗ heit und Ncktdauer, die er nur der ganzen Aufregung des Gefechtes 7 und der ungeſchwächten Muskelkraft ſeines jugendlichen Alters ver⸗ dankte. Mit unerhörter Anſtrengung wurde ſo der erſte Angriff der Wilden zurückgeſchlagen, und einen Augenblick ſchimmerte die Hoffnung, daß man ungeſtört den Rückzug nach dem Hauſe werde antreten können. Auf Warley's Zuruf ſchlugen ſchon die vereinig⸗ ten drei Männer, getrennt von den Uebrigen, die Richtung nach demſelben ein; aber die kaum entſtandene Hoffnung verſchwand eben ſo ſchnell, wie ein zuckender Blitz, welcher die finſtere Nacht nur erbellt, um eine noch dichtere Finſterniß zurückzulaſſen. Eben, als Warley und ſeine Freunde das erſehnte Ziel vor Augen zu ſehen glaubten, ſtürzte ein indianiſcher Häuptling aus dem dichten Haufen der Wilden hervor, und ſchauete ſich, mit hoch erhobener Streitaxt, auf allen Seiten nach einem Schlachtopfer um. Eine ganze Schaar blutdürſtiger Feinde ſtürmte ihm auf dem Fuße nach, und nun endlich ſchien der letzte furchtbare Augenblick des unrett⸗ haren Unterganges unſerer Freunde nicht mehr verzögert werden zu önnen. Als die Indianer ſo die gewaltigſten und ausgezeichnetſten ihrer Feinde dem Verderben geweihet und ſie Alle ſchon als ihre Opfer ſahen, da öffneten ſich ihre Lippen zu einem gellenden und furchtbaren Triumphgeſchrei. Ihr Anführer aber, dem Anſcheine nach über die niederen Ausdrücke der Freude ſeiner Krieger erha⸗ ben, nahete ſich ſchweigend den Anſiedlern, während die Uebrigen raſch einen Kreis ſchloſſen, um die dem Tode geweiheten, von ihren Freunden getrennten Unglücklichen von allen Seiten zu umzingeln. Der Zufall führte ihn dem jungen Marcus Heathcote gegenüber. Beide Krieger befanden ſich in der vollen Friſche, Kraft und Ge⸗ wandtheit des jugendlichen Alters und ſchienen an Wuchs und Jahren einander beinahe gleich. Ein verzweifelter Zweikampf zwiſchen ihnen ſtand bevor; denn die Indianer, in der Ueberzeu⸗ gung, daß ihr tapferer Anführer keines Beiſtandes bedürfen würde, beſchäftigte ſich nur mit Warley und Content. Dennoch ſchien es einen Augenblick, als ob keiner von den beiden jugendlichen Kämpfern der angreifende Theil ſein wolle, obgleich auch keiner von ihnen den Angriff des Gegners zu ſcheuen ſchien. Marcus hatte, wie die meiſten Anſiedler, vor dem Beginne des Kampfes alle überflüſſigen Kleidungsſtücke auf die Seite ge⸗ worfen. Der obere Theil ſeines Leibes war nur von einem Hemde bedeckt, und auch dieſes war bereits im Kampfe hioeind da zer⸗ ſetzt worden. Seine gewölbte ſtarke Bruſt war zum Deit“ ſichtbar;z fine kuhr wie in d vorn hin des dein nach hint ſeiner M tern zu f Seine Et die Adern angeſchuol im Blick V heit, ſonde Der wohnheit Seine Ste bereit iſt. gepackt, T umklamme ſeinem G und etwat unbeweglie ber⸗ griff die zerde inig⸗ nach dand dacht kben, n zu hten dener Eine nach, nett⸗ en zu ttſten ihre und heine elha⸗ rigen ihren geln. üͤber. Ge⸗ und kampf erzeu⸗ ürde, en es gliichen keiner ginne e ge⸗ Hemde a zer⸗ tbar; 167 ſeine kühne, kräftige Geſtalt ruhte auf dem einen Fuße, welcher wie in den Boden eingewurzelt ſchien, während der andere nach vorn hin ausgeſtreckt war, um den Körper nach den Bewegungen des Feindes mit Leichtigkeit drehen zu können; ſeine Arme waren nach hinten gebogen, und ſeine Hände umklammerten den Lauf ſeiner Muskete, um mit dem Kolben derſelben Alles niederſchmet⸗ tern zu können, was ſich in den Bereich derſelben wagen würde. Seine Stirne glühte, ſeine Lippen waren feſt zuſammengepreßt, die Adern am Halſe und an den Schläfen bis zum Zerſpringen angeſchwollen. Seine Augen flammten in düſterem Feuer, und im Blick ſprach ſich nicht allein die unerſchütterlichſte Entſchloſſen⸗ heit, ſondern auch Ueberraſchung und Erſtaunen aus. Der junge indianiſche Krieger ihm gegenüber war, der Ge⸗ wohnheit ſeiner Vorfahren getreu, halb nackt in das Feld gezogen. Seine Stellung ähnelte der des Panthers, welcher zum Sprunge bereit iſt. Mit der einen Hand hielt er den Stiel ſeiner Streitaxt gepackt, welche an ſeiner Hüfte ſchimmerte, und mit der andern umklammerte er den Griff eines Meſſers, das bis jetzt noch in ſeinem Gürtel ſteckte. Sein Geſicht wies einen ernſten, düſtern und etwas grauſamen Ausdruck, obgleich derſelbe ein wenig von jener unbeweglichen, würdevollen Ruhe gemildert war, welche ſo oft den indianiſchen Häuptlingen eigenthümlich iſt. Sein Auge blickte ſtarr und wie verſteinert, aber es malte ſich in ihm ebenſo, wie in den Blicken des jungen Marcus, ein hoher Grad des Erſtaunens und der Ueberraſchung. 6 Während der kurzen Pauſe, welche nach den erſten Bewegun⸗ gen der beiden jugendlichen Krieger eintrat, ſprach Keiner ein Wort, rührte Keiner ein Glied, ſchien ſogar Keiner zu athmen. Beide ſtanden bereit, einen tödtlichen Streich zu führen, und man konnte aus der feſten, entſchloſſenen Haltung des jungen Heatheote, noch auch aus dem Ausdrucke der kühnen Stirne und des flammenden, ſtarrenden Auges des indianiſchen Häuptlings die Abſicht leſen, daß die Kampfluſt der beiden jugendlichen Helden gemindert worden ſei. Aber eimzunbeſtimmtes Gefühl, welches ſich der Herzen Bei⸗ der bemächtigt zu haben ſchien, hielt den Ausbruch des Kampfes zurück und ſchien für einen Augenblick ihre Willenskraft gelähmt zu haben. Ein gellender Todesſchrei, über die Lippen eines Wilden glei⸗ tend, den Warley's Arm zu den Füßen des jungen Häuptlings niedergeſtreckt hatte, und ein kurzer Ruf des Letztern zur Ermu⸗ thigung, ſchien auf einmal den ſeltſamen Zauber zu brechen. Jetzt erhob der Indianer die Spitze ſeines Tomahawk, und die Klinge ſeines Meſſers blitzte aus der Scheide hervor. Marcus ſchwang mit äußerſter Anſtrengung ſeiner Kraft den Kolben ſeiner Muskete, und wollte ihn eben auf den Feind niederſchmettern,— als plötzlich ein Schrei, ein Gekreiſch, verſchieden von Allem, was man den Tag über gehört hatte, ganz in der Nähe erſcholl, und augenblicklich den ſchen im Fallen begriffenen Streich der beiden jungen Krieger wie mit Zauberkraft hemmte. Marcus füblte ſich von Armen umklammert, die kräftig genug waren, ſeine Bewegungen zu hindern, obgleich nicht ſtark genug, ihn zu uͤberwältigen; und ſein Ohr vernahm die bekannte Stimme und die Worte Whittal Rings, des blödſinnigen Halbwilden, welcher laut krächzend ſchrie: „Schlagt ſie todt, die lügenden Hunde von Blaßgeſichtern. Schlagt ſie todt, die räuberiſchen Betruͤger, die uns keine Speiſe gönnen als die Luft, kein Getränk, als das Waſſer!“ Der junge Indianer fühlte ſich ebenfalls gefeſſelt und aufge⸗ halten, und als er ſich zürnend umſah, um den Verwegenen zu ſtrafen, ſah er Martha zu ſeinen Füßen, wie ſie mit flehendem Blick und ſchmerzlich gefalteten Händen zu ihm empor ſchaute. Er ſtutzte und gewann eben noch Zeit genug, einen tödtlichen Streich, welchen Einer ſeiner Krieger zu führen im Begriff war, von dem Haupte der Unglücklichen abzuwehren. Hierauf ſprach er haſtig und mit Blitzesſchnelle ein paar Worte in ſeiner Sprache, indem er mit dem Finger auf den ſich noch immer gegen Whittals Um⸗ armung ſträubenden Marcus zeigte, und hurtig fielen Einige der ſtärkſten Krieger über den ſchon halb bezwungenen Krieger her. Ein tauſendſtimmiges Freudengebrüll erſchallte nun auf dem Schlacht⸗ ſelde, und auf das Geſchrei folgte im Obſtgarten eine friedliche tiefe Stille, die faſt eben ſo ſchauerlich war, wie das ihr voran⸗ gegangene Getöſe. Bald darauf aber ließ ſich das langgezogene, furchtbare und ſprechende Geſchrei hören, durch welches der india⸗ niſche Krieger ſeinen Triumph verkündigt. Mit dem Gefechte im Obſtgarten hörte aller weitere Kampf auf. Denn durch die grellen Töne von dem Siege ihrer Feinde unterrichtet, ſah die Beſatzung der Garniſon deutlich genng ein, daß ſie keinen Ausfall wagen dürfe, wenn ſie nicht ihr eigenes Verderben und zugleich den Untergang aller Frauen und Kinder herbeiziehen wollte, welche in der Citadelle eine Zuflucht geſucht Beobachtu Gebaͤuden vor den noch imm baͤnden zu bringen; Beſonnen und meht wohl im Feindes z Angſt und feſte, küh ſie nichtr So aus, den geräͤth, Familie nahme i Fenſterl und viel an den Ueberfal ſtörung daß ma nachgebe ſtaͤnden Gewaltt dtern. Speiſe aufge⸗ den zu endem e. Er treich, : dem haſtig indem s Um⸗ ge der r her. hlacht⸗ iedliche voran⸗ pogene, india⸗ Kampf Feinde g ein, eigenes Kinder geſucht 169 hatten. Auch war die Entfernung von Heathcote's Hauſe zu groß, um den darin Eingeſchloſſenen Hilfe bringen zu können, und die tapferen Krieger mußten ſich daher in das Schickſal fügen, zähne⸗ knirſchend die Zeugen und Zuſchauer eines Unglücks zu ſein, deſſen Abwehrung durchaus nicht in ihre Gewalt gegeben war. Achtzehntes Kapitel. Etwa eine Stunde nachher konnte man ein durchaus verſchie⸗ denes Schauſpiel gewahr werden. Kleine feindliche Banden zer⸗ ſtreuten ſich nach verſchiedenen Richtungen hin, und ſtellten ſich in den Lichtungen des Waldes, die dem Dorfe zunächſt lagen, als Beobachtungspoſten auf. Die Anſiedler blieben indeß bei ihren Gebäuden unter den Waffen ſtehn, oder ſtanden in Reih' und Glied vor den Palliſaden der Citadelle aufmarſchirt. Man fuhr zwar noch immer fort, die häuslichen Geräthſchaften aus den Wohnge⸗ bänden zu ſchaffen, um dieſelben in der ſicherenaFeſtung unterzu⸗ bringen; aber die große übermäßige Eile hatte einer ruhigeren Beſonnenheit Platz gemacht, und die Eigenthümer ſchienen ſich mehr und mehr vertrauensvoll der Hoffnung hinzugeben, daß ſie recht wohl im Stande ſeien, ſich und ihr Habe gegen die Gewalt des Feindes zu behaupten. Nicht einmal die Weiber wurden mehr von Angſt und Beſorgniß geſcheucht, und die Männer wußten eine ſo feſte, kühne und planmäßige Ordnung an den Tag zu legen, daß ſie nicht verfehlte, dem Feinde eine ſehr heilſame Achtung einzuflößen. So gut hier die Sachen ſtanden, ſo traurig ſahen ſie drüben aus, denn Heatheote's Wohnhaus, ſeine Nebengebäude, ſein Haus⸗ geräth, kurz Alles, was den bisherigen Wohlſtand der frommen Familie ausgemacht hatte, befand ſich vollſtändig und ohne Aus⸗ nahme in den Händen der Indianer. Die offenen Thuͤren und Fenſterlaͤden, das umhergeſtreute, zum Theil zertrümmerte Geräth, und viele Spuren muthwilliger Zerſtörung, die man da und dort an den Gebäuden bemerkte, Alles bezeugte, daß den Wilden der Ueberfall gelungen war. Man hatte jedoch dem Werke der Zer⸗ ſtörung und des Plünderns ſo bald als möglich Einhalt gethan; nur daß mancher Krieger, ſeinen ungebändigten und rohen Begierden nachgebend, ein Vergnügen daran fand, ſich mit einzelnen Gegen⸗ ſtänden der zerſtreuten Habſeligkeiten Heatheote's zu ſchmücken. Die Gewaltthätigkeiten hatten jedoch vollkommen aufgehört; die Wuth der Indianer war beſänftigt worden, und ſo völlig hatten ſich die Wogen des Kampfes geebnet, daß nothwendig die eintretende Ruhe von einem der mächtigſten Gewalthaber herrühren mußte. Die trotzigen Krieger, welche eben noch das Spiel der wildeſten Leiden⸗ ſchaften geweſen waren, ließen ſich, wenn auch nicht gänzlich be⸗ ſänftigen, doch wenigſtens im Zaume halten; und anſtatt ſich einer triumphirenden Rache hinzugeben,— die gewöhnliche Folge india⸗ niſcher Triumphe— ſchweiften die Wilden in den Gebäuden und deren Umgebungen, zwar mürriſch und finſter, doch aber auch zu⸗ gleich mit einer Stille umher, welche vollkommen ihre Unterwürfig⸗ keit gegen die Befehle ihrer Häuptlinge bezeichnete. In der Vorhalle des Heathcote'ſchen Hauſes waren ſowohl die Hauptanführer des Ueberfalles, wie auch die überwundenen Ge⸗ fangenen verſammelt. Auf der Seite ſtand blaß und abgehärmt, aber mehr für Andere als für ſich ſelbſt beſorgt, Content's unglück⸗ liche Gattin; dicht neben ihr erblickte man Martha; weiter im Vorder⸗ grunde ſtanden Content, Warley und der junge Marcus überwältigt und gebunden, und tief ſchmerzlich mußte der Gedanke für ſie ſein, daß ſie die Einzigen waren, welche von der Schaar, die ſie angeführt, ihr Leben gerettet hatten. Den alten Puritaner erblickte man eben⸗ falls, aber ungefeſſelt. Sein ſchneeweißes Haar und ſeine Hinfällig⸗ keit erſparte ihm die Demüthigung, gebunden zu werden. Mitten unter den Gefangenen ſchlich der blödſinnige Whittal Ring umher, und von Zeit zu Zeit ſchienen ältere Erinnerungen in ſeinem Ge⸗ dächtniſſe aufzublitzen, wenn er ſeine trüben Augen auf die Geſichter der Gefangenen richtete. Aber dieſe Erinnerungen wurden bald wieder von den Vorwürfen verdrängt, welche er den Gefangenen machte, weil ſie ſich unrechtmäßiger Weiſe des Landes und der Gerechtſame der Indianer bemächtigt hätten, zu deren Kriegern er nun bald gerechnet werden würde. Die Häuptlinge der ſieghaften Indianer nahmen den Mittel⸗ platz in der Halle ein, und ſchienen in einer tiefen und ernſten Berathung begriffen. Ihre Anzahl war ſehr gering, und man konnte aus dieſem Umſtande leicht abnehmen, daß nur die Vornehmſten und Mächtigſten hier verſammelt ſein müßten. Unter den Bäumen, oder auf dem Hofe ſah man noch andere verſchiedene Gruppen von Indianern, welche entweder leiſe ſprechend bei einander ſtanden, oder mit langſamen Schritten auf und nieder wandelten. Es waren ebenfalls Häuptlinge, aber von niederem Range, die ſich ſorgfältig hüteten, den berathſchlagenden Häuptlingen zu nahe zu kommen. Einen ſeiten der fönnen, n iinfußreic ſchon öfter ein, und 1 minite oder eine hawf ſtect niederen 4 Scjulter hi leices Ge Hälfte unbe und befeuch ſprach ſich das in raſt ſein Geiſt ichlammeri Zwei ſelbſt, bere zeigten in nur viellei man in ihr bisweilen, vortraten. begtiffen, die Ruhe Die iden⸗ d be⸗ einer ndia⸗ und ll⸗ ürfig⸗ il die Ge⸗ aͤrmt, glüͤck⸗ order⸗ ältigt daß füͤhrt, eben⸗ fällig⸗ ninen mher, T Ge⸗ ſichter bald genen d der ern er Nittel⸗ eruſten fonnte ymſten umen, en von anden, waren gfältig nen. 171 Einem unterrichteten Auge, das mit den Sitten und Gewohn⸗ heiten der Indianer vertraut geweſen wäre, hätte es nicht entgehen können, welcher von den ausgezeichneteren Häuptlingen wieder der einflußreichſte war. Der Krieger mit dem Turban, deſſen wir ſchon öfters Erwähnung gethan haben, nahm die Mitte der Gruppe ein, und zwar ganz in der würdevollen und ruhigen Stellung eines indianiſchen Häuptlings, der entweder den Anſichten Anderer lauſcht, oder ſeine eigenen Meinungen zu erkennen gibt. Meſſer und Toma⸗ hawk ſteckten in ſeinem Guͤrtel; ſeine Muskete aber hatte er einem niederen Krieger zur Aufbewahrung übergeben. Ueber ſeiner linken Schulter hing, in ſchönen Faltenwurf geordnet, ein ſcharlachrothes leichtes Gewand, welches den Arm nackt und die breite Bruſt zur Hälfte unbedeckt ließ. Von dieſer Bekleidung träufelte Blut herab und befeuchtete den Boden, auf dem er ſtand. In ſeinem Antlitze ſprach ſich indeß nichts als gelaſſene Ruhe aus; und nur ſein Auge, das in raſtloſer Bewegung umherblitzte, ließ erkennen, daß weder ſein Geiſt noch auch der den Indianern angeborene Argwohn ſchlummerte. Zwei an ſeiner Seite ſtehende Häuptlinge hatten, wie er ſelbſt, bereits die Jahre der reiferen Maͤnnlichkeit überſchritten, und zeigten in ihren Zügen ganz den Geiſt und Ausdruck des Erſteren, nur vielleicht etwas weniger deutlich ausgeprägt. Auch bemerkte man in ihrem Geſicht keine Zeichen verhaltenen Mißmuths, welche bisweilen, trotz aller Gewalt, die Jener ſich anthat, bei ihm her⸗ vortraten. Einer von den letzteren Häuptlingen war im Sprechen begriffen, und ſein Blick verrieth den Gegenſtand ſeiner Worte, indem er auf einem vierten Häuptling haftete, der indeß weit genug von den Vorigen abſtand, um den Inhalt der Rede nicht verſtehen zu können.* Dieſer letzte Häuptling war jener junge Krieger, welcher vorhin im Begriff geſtanden hatte, ſich mit dem jungen Marcus im Zwei⸗ kampfe zu meſſen. In würdevoller Ruhe ſtand er da, und keine Spur von Leidenſchaft zeigte ſich in den wie aus Marmor gemeißel⸗ ten Zügen ſeines edeln Antlitzes. Mit der einen Hand ſtützte er ſich leicht auf ſeine Muskete, und am Gelenke der anderen hing der gefährliche Tomahawk, von deſſen Schneide einige helle Bluts⸗ tropfen auf die Erde hinabrieſelten. Es war das Blut der von ihm Erſchlagenen, denn er ſelbſt hatte im Kampfe nicht die leichteſte Wunde empfangen. Der junge Krieger war an Geſtalt und Zügen das Muſter⸗ bild eines vollkommen ſchönen, indianiſchen Mannes. Seine ſchlanken und doch kräftigen Glieder waren rund und trefflich geformt; ſein Auge glänzte in reinem Glanze und ſchoß Adlerblicke, deſſen Feuer ſelbſt auch einen Muthigen einſchüchtern konnte. Jetzt aber verrieth ſein Blick, obwohl er von Zeit zu Zeit forſchend umherſchweifte, offenbar eine weiche Empfindung und eine ſeltſame, ungewöhnliche Bewegung der Seele.. Nach beendigter Berathung der drei erſten Häuptlinge trat der Krieger mit dem Turban zu den Gefangenen. Als Whittal das furchtbare Oberhaupt ſich nähern ſah, entfernte er ſich von den Anſiedlern und ſtellte ſich dem jungen Krieger zur Seite, als ob er gewöhnt ſei, bei dieſem Schutz und Hilfe zu finden. Der junge Häuptling ſchaute ihn an, und eine ſchnell vorübergehende Ver⸗ aͤnderung in ſeinen Geſichtszügen deutete an, daß ihm ein lichter Gedanke gekommen ſei. Er führte den Blödſinnigen abſeits an das äußerſte Ende der Vorhalle, ſprach eine kurze Weile leiſe und ernſt mit ihm, deutete einige Male auf den Wald, und ſah ihm ſinnend nach, als Whittal mit hurtigen Schritten über die Felder hinweg auf das Dickicht zu eilte. Erſt als ſein Bote ein gutes Theil Weges zurückgelegt hatte, kehrte er zu ſeinen Gefährten zurück, und ſtellte ſich ſo dicht neben dem Häuptlinge mit dem Turban auf, daß er mit dem Ellenbogen die dichten Falten ſeines purpurrothen Ge⸗ wandes berührte. Kein Wort wurde bei dieſem Vorgange geſprochen; nur einen zaudernden Blick warf der ältere Häuptling auf ſeinen jüngeren Genoſſen, nahm dann aber ſogleich wieder ſeine vorige gelaſſene Miene an, und wandte ſich an den alten Heatheote, in⸗ dem er in engliſcher Sprache ſagte: „Mann ſo vieler Winter, warum hat der große Geiſt dein Geſchlecht hungrigen Wölfen gleich gemacht? Warum haben die Blaßgeſichter den Magen eines Geiers, den Schlund eines Hundes, und das Herz eines Rothhirſches? Viele Male haſt du den Schnee ſchmelzen und zerrinnen ſehen, und mußt dich der Zeit erinnern, wo der Baum nur noch ein Sprößling war. Sage mir, woher kommt es denn, daß die Thengihs ſo unerſättlich find? Warum ſie nach Allem die Hand ausſtrecken, was zwiſchen der aufſteigenden und untergehenden Sonne liegt? Rede! Gerne mögten wir wiſſen, warum an ihrem kleinen Körper ſo lange Arme ſitzen?“ Natürlich waren durch die blutigen und ſchreckensvollen Auf⸗ tritte des Tages alle Kräfte und Leidenſchaften des alten Puritaners aufgeregt worden; aber gleichwohl war ſeine durch unausgeſetzte bung un Ä mit ruh „Der er;„denn gelobt und auf den 11 währender Unver den, deſſen iiefegendes iöm eine Schwäche! ſchenen Ehr ſich dann a jedenfalls l „der aber ſein tanne. ſcharfen B hier Maͤnt der Camel ſie kaum er „Schw ſie ſchwarz dunkel gef „Wen es nur, d Eigenthu der India anken ſein Feuer trieth veiſte, nliche ſe trat Pbittal n den nls ob junge lichter ſts an e und h ihm Felder Theil k, und f, daß i Ge⸗ ochen; ſeinen vorige te, in⸗ ſt dein den die zundes, Schnee innern, woher um ſie genden wiſſen, a Auf⸗ itaners geſehte 173 Uebung und Frömmigkeit erlangte Selbſtbeherrſchung ſo groß, daß er mit ruhiger Würde und gelaſſenem Ernſte Antwort geben konnte. „Der Herr hat uns in die Gewalt der Heiden gegeben,“ ſagte er;„dennoch aber ſei ſein heiliger Name unter meinem Dache gelobt und geprieſen. Aus dem Böſen entſpringt das Gute, und auf den Triumph der Gottloſen folgt unſer Sieg, ewiger, immer⸗ währender Sieg!“ Unverwandten Blickes ſtarrte der Häuptling auf den Sprechen⸗ den, deſſen lange, hagere Geſtalt, deſſen ehrwürdiges Antlitz und tiefliegendes, aber noch immer in düſterem Feuer brennendes Auge ihm eine Würde verliehen, welche ſich hoch über alle menſchliche Schwäche und Hinfäͤlligkeit zu erheben ſchien. Mit einer ſeltſam ſcheuen Ehrerbietung neigte der Indianer ſein Haupt, und wendete ſich dann an die jüngeren Gefangenen, bei denen er ſeine Abſichten jedenfalls leichter zu erreichen hoffte. „Der Geiſt meines Vaters iſt ſtark und mächtig,“ ſagte er, „aber ſein Leib iſt gleich dem Stamme der verdorrten Schierlings⸗ tanne. Aber wie kommt es,“ fuhr er fort, einen flüchtigen aber ſcharfen Blick auf die Andern werfend,—„wie kommt es, daß hier Männer ſtehen, deren Angeſicht ſo weiß iſt, wie die Bluthe der Camella, und deren Hände ſo ſchwarz ſind, daß mein Auge ſie kaum erblickt?“« „Schwere Arbeit und der Strahl der glühenden Sonne haben ſie ſchwarz gefärbt,“ entgegnete Content, indem er ſich der bilder⸗ reichen Art zu ſprechen bediente, wie die Indianer ſie lieben. „Wir mußten Arbeiten, um unſeren Frauen und Kindern Speiſe zu verſchaffen.“ „So iſt es nicht, das Blut der rothen Männer hat eure Hände dunkel gefärbt,“ entgegnete der Häuptling. „Wenn wir zu den Waffen griffen,“ ſagte Content,„ſo geſchah es nur, damit das Land, welches der große Geiſt uns gab, unſer Eigenthum bliebe, und daß unſere Schädelhaut nicht in den Wigwams der Indianer vom Rauche gebräunt würde. Wird der Narraganſett ſeine Waffen verbergen und freiwillig ſeine Hände binden, weun das Kriegsgeſchrei der Feinde ſeine Ohren erfüllt?& Als Content auf das Eigenthumsrecht hindeutete, welches er an dem Thale von Wish⸗ton⸗Wish zu haben glaubte, fuhr ein zornigfunkelnder Strahl aus den Augen des Häuptlings, und das Blut ſchoß aus dem Herzen ſo gewaltig in ſeine Wangen, daß ſeine ohnehin ſchon dunkle Geſichtsfarbe beinahe ſchwarzbraun erſchien. Mit krampfhafter Gewalt haſchte er nach dem Griffe ſeines Tomahawk; aber im nächſten Augenblick gewann er wieder ſeine gewöhnliche Selbſtbeherrſchung, und ließ Content ohne Unterbrechung ausreden. „Was eine Rothhaut zu thun vermag, das mögt Ihr ſehen,“ antwortete er, indem er mit dem Finger nach dem Obſtgarten deutete und hierauf einen Zipfel ſeines Gewandes zurückſchlug, um zwei noch rauchende Schädelhäͤute ſehen zu laſſen, welche an ſeinem Gürtel hingen. „Unſere Ohren ſind offen. Wir mögten erfahren, auf welche Weiſe aus den Jagdrevieren der Indianer gepflügter Acker der Thengihs geworden iſt. Rede! Und meine weiſen Männer mögen aufhorchen, damit ſie klüger werden, wenn Schneeflocken auf ihre Häupter fallen. Die blaſſen Männer verſtehen es, aus ſchwarz weiß, und aus weiß ſchwarz zu machen.“ „Narraganſett..« begann Content. „Wompanoag,“ unterbrach ihn ſtolz der Häuptling, indem er ſich höher aufrichtete und einen feurigen Strahl aus ſeinem Auge ſchoß. Gleich darauf aber milderte er den Stolz ſeines Blickes, indem er ſein Auge auf den jungen, ihm zunächſt ſtehenden An⸗ führer heftete, und ſetzte raſch und im freundlichſten Tone hinzu: „Es iſt gut! Sehr gut! Narraganſett oder Wompanoag.. Wom⸗ panoag oder Narraganſett! Die rothen Männer ſind Eins, ſind Brüder und Freunde. Sie haben die Schranken zwiſchen ihren Jagdgründen niedergeworfen, und die Pfade, die zu ihren Dörfern führen, von Geſträuch und von Dornen geſäubert. Was wollteſt du dem Narraganſett ſagen? Rede, ſein Ohr iſt offen!« „Wohlan, ſo höre denn, Wompanoag, wenn das der Name deines Stammes iſt, was meine Pflicht dir zu ſagen befiehlt,« erwiederte Content.„Der Gott der Thengihs iſt der Gott aller Menſchen, der Rothen, wie der Weißen.“ Die Haͤuptlinge Alle, bis auf den Jüngſten von ihnen, welcher mit geſpannter Aufmerk⸗ ſamkeit auf Contents Worte hörte, und unverwandt ſein Auge auf die Züge deſſelben heftete, ſchüttelten bei der Behauptung des Blaßgeſichts ungläubig ihre Köpfe, ohne jedoch ſeine Rede zu unter⸗ brechen. Content aber ſprach weiter: „Ich biete Eurem Unglauben und Eurer Läſterung Trotz, und verkündige aufs Neue die unendliche Macht deſſen, zu dem ich bete. Ja, unſer Gott iſt auch der Eurige, und mit ſtrahlendem Auge blickt er herab auf dieſe Verſammlung und ſieht unſer Thun und ſchaut die verborgenſten Gedanken unſerer Herzen. Die Erde iſt in gußſ fandich ich nicht, in dem dieſe Gege gerechte G var mit! Demuth/ beſchubdgſt verderblich kommt nur uns ließen bleiben. in em ſchmeicheln, 3 Jagdgründ derrlichen! unter der derem Fa ſchmückt d um irdiſche land verla Die Siege ſeine Rede konnte ſie Bäume ni awk; liche ſreden. ſehen,« Parten um ſeinem welche er der ögen f ihre ſdwarz em er Auge Plickes, en An⸗ hinzu: Wom⸗ , ſind ihren dörfern vollteſt Name fſehlt,« it aller e Ale, ufwerk⸗ gee auf ng des unter⸗ 6, und h bete. Auge un und erde iſt 175 ſein Fußſchemel und der Himmel ſein Thron. Seine Macht iſt nnendlich und ſeine Geheimniſſe ſind unerforſchlich, und darum weiß ich nicht, warum er die eine Hälfte ſeiner ſchönen Erde ſo lange in dem Pfuhle heidniſcher Greuel gelaſſen hat, worin meine Väter dieſe Gegenden fanden. Das aber weiß ich, daß der große und gerechte Geiſt Männer in dieſe Gegenden führt, deren Herz erfüllt war mit Liebe zur Wahrheit und zugleich mit dem Gefühle der Demuth, das ihr Haupt vor Gott in den Staub hinab beugte. Du beſchuldigſt uns, daß wir deine Ländereien begehren und nach den verderblichen Schätzen irdiſchen Reichthums trachten, aber das kommt nur daher, weil du nicht weißt, welche Schätze wir hinter uns ließen, um dem Geiſte der göttlichen Wahrheit getreu zu bleiben. Als die Thengihs in dieſe Wildniſſe kamen, verließen ſie in ihrem Vaterlande Alles, was dem Auge gefallen, den Sinnen ſchmeicheln, und die Bedürfniſſe eines begehrlichen Herzens befriedigen konnte. Denn ſo ſchön auch dieſe Länder und eure friſchen, üppigen Jagdgründe ſind, ſie halten doch keinen Vergleich aus mit dem herrlichen Lande der Heimath meiner Väter, Dort ſeufzt die Erde unter der Laſt ihrer Früchte; dort prangen die Wieſen in glänzen⸗ derem Farbenſchmelze; dort duften die Blumen lieblicher; dort ſchmückt die Baͤume des Waldes ein friſcheres Grün. Nein, nicht um irdiſchen Wohllebens willen haben die Blaßgeſichter ihr Vater⸗ land verlaſſen, wo ſie Alles hatten, was das Leben ſüß und ange⸗ nehm macht; ſondern ſie verließen es, um Gott zu dienen, und treu an dem Glauben zu halten, in dem ihre Seele Erquickung und Beſeligung fand.« Content hielt inne, indem er fühlte, daß er, von ſeinem Eifer fortgeriſſen, ſich zu weit von ſeinem Hauptgegenſtande entfernte. Die Sieger hörten ihm indeſſen ſehr aufmerkſam zu, und hatten ſeine Rede durch kein Zeichen des Mißfallens oder der Ungeduld unterbrochen. Da Content nicht weiter ſprach, beruͤhrte der Häupt⸗ ling der Wompanvags die Schulter deſſelben leicht mit dem Finger und ſagte: „Warum verirrten ſich die Thengihs auf einem blinden Pfade? Wenn das Land ihrer Heimath lieblich und heiter iſt, warum konnte ſie ihr Gott nicht hören in ihren Wigwams? Wenn unſere Bäume niedrig und ohne Glanz ſind, ſo laßt ſie den rothen Män⸗ nern. Sie finden Raum in den Schatten ihrer Zweige, und ruhen unter dem Laube auf weichem Mooſe. Wenn unſere Bäche klein ſind, ſo ſind wir es auch. Sind unſere Berge niedrig, und unſere Thäler eng, nun, ſo werden die Füße unſerer Jäger ſie um ſo leichter durchſtreifen und um ſo weniger ermüden. Aber ſoll der rothe Mann nicht behalten, was der große Geiſt der Rothhäute für ihn geſchaffen hat? Muß das Blaßgeſicht nicht dahin zurück⸗ kehren, woher es gekommen iſt, nur um uns Leid zuzufügen?“ Der Häuptling ſprach ohne Leidenſchaft, aber in einer Weiſe, die genugſam zeigte, daß er daran gewöhnt war, einen ſpitzfindigen Streit nach Art ſeines Volkes geſchickt durchzuführen. „Gottes Wille hat es anders beſchloſſen,“ erwiederte Content; „er hat die Blaßgeſichter hieher geführt, damit ſein heiliger Name auch in der tiefſten Wildniß geprieſen werde.“ „Dein großer Geiſt iſt ein böſer Geiſt,« antwortete der Häupt⸗ ling.„Eure Ohren ſind mit Lügen gefüllt. Nicht Manittu war es, der Euren jungen Männern den Rath ertheilte, ſo weit herüber zu ziehen. Der Rath kam aus dem Munde eines Böſen, den es freut, wenn das Wild verſchwindet und die Weiber Hunger leiden. Geht! ihr lauſcht auf die Stimme des böſen Geiſtes, ſonſt wären Eure Hände weniger ſchwarz.“ „Ich kann nicht wiſſen,“ entgegnete Content,„welches Leid böſe Menſchen den Wompanvags zugefügt haben; denn böſe Menſchen gibt es überall, auch in den Wigwams der Blaßgeſichter. Aber ich und mein Haus, wir haben Euch nichts Schlimmes zugefügt. Den Boden, auf dem du ſtehſt, haben wir bezahlt; die Fruchtbar⸗ keit des Thales haben wir durch viele Mühe und Arbeit errungen. Du mußt es wiſſen, Wompanvag, daß die Jagdgründe deines Stammes jederzeit heilig und unverletzt von uns gehalten worden ſind. Da ſtehen die Geländer, welche unſere Hände aufrichteten, damit Euer Korn nicht von den Hufen unſerer Pferde zertreten werde! Und ich frage dich, ob ſchon jemals ein Indianer Klage führen konnte über einen Stier, der in ſein Gehäge gebrochen, ohne bei uns Gehör gefunden zu haben?“ „Das Muſethier verſchmähet das Gras und nährt ſich von den Blättern der Bäume,“ lautete die ſtolze Antwort des Indianers. „Es iſt zu ſtolz, etwas von den Früchten zu verzehren, welche es mit Füßen tritt. Blickt der Habicht nach dem Geſchmeiß der Muskito's? Sein Auge verachtet es und ſchaut ſich um nach Vögeln. Geh! Wenn dem Wompanoag das Wild fehlt, ſo bricht er in die Gehäge und wirft ſie darnieder! Der Arm des Hungrigen iſt kraft⸗ voll! Das kluge Blaßgeſicht hat die Gehäge aufgerichtet und den 8 — dianet. 7 will nich der iſes beifa uts das dippen ni ob deinem ward. W dianer Epe den Saſt!! Platz am Und wer t Waffn gri Jahr ſcho wit ehrlich aber nach Wompano liche Thal unſere jun Bekuͤmme Conte heren, fun verſagte il volle Geſt Arm ihres Waͤhrend geſpaunter Lippen ha Stellung ſeines Inn „Abe Wolken, Rede, ind deutete un den junge hell, obgl verſteht es Indianer wißlingt u Ja, 84 X 6 anrauat n ſo l der aäute rruck⸗ Jeiſe, digen ntent; Name däupt⸗ ar es, erüber den es eiden. wären id böſe enſchen Aber efügt. dibar⸗ ungen. deines worden dteten, rtreten Klage rochen ich von ianers. elche es diß der Lögeln. in die j kraft⸗ und den 177 Indianer ausgeſchloſſen. Aber der Geiſt eines Kriegers iſt ſtolz, er will nicht Gras verzehren, wie ſein Stier.« Die Begleiter des Häuptlings ließen nach der Rede deſſelben ein leiſes beifälliges Gemurmel vernehmen, Content aber antwortete ruhig: „Das Gebiet deines Stammes liegt weit entfernt. Um meine Lippen nicht mit einer Lüge zu beflecken, mag ich nicht entſcheiden, ob deinem Volke Unrecht geſchah, als Grund und Boden vertheilt ward. Wir aber ſind unſchuldig. Haben wir jemals einem In⸗ dianer Speiſe verſagt, wenn er ſie verlangte? Gaben wir ihm nicht den Saft unſerer Früchte, wenn ihn dürſtete? War nicht der beſte Platz am Herde ſein, wenn die Kälte ſeine Glieder zittern machte? Und wer trägt die Schuld, wenn meine Hand ſchon früher zu den Waffen griff und mein Fuß auf dem Kriegspfade wandelte? Manches Jahr ſchon lebten wir in Ruhe und Frieden auf dem Boden, den wir ehrlich theils von Weißen, theils von Rothhäuten erkauften; aber nach langem Sonnenſchein kam eine Zeit der Wolken. Ja, Wompanoag, finſtere, ſchreckensvolle Nacht ſank auf dieſes freund⸗ liche Thal. Mord und Brand nahete meiner friedlichen Hütte; unſere jungen Männer wurden getödtet, und mein Herz von tiefer Bekümmerniß erfullt.“ Content vermogte bei der traurigen Erinnerung an jenen frü⸗ heren, furchtbaren Ueberfall nicht weiter zu reden, und ſeine Stimme verſagte ihm ganz und gar, als ſein Auge auf die bleiche, kummer⸗ volle Geſtalt ſeiner Gattin fiel, die ſich in ihrer Schwäche auf den Arm ihres jugendlich kraftvollen Sohnes Marcus ſtützen mußte. Während Content ſprach, hatte ihm der junge Häuptling mit ſo geſpannter Aufmerkſamkeit zugehört, als ob er die Worte von ſeinen Lippen haſchen wolle, und durch ſeine ganze nach vorn gebeugte Stellung gab er deutlich genug zu erkennen, wie ſehr alle Gefühle ſeines Innern aufgeregt waren. „Aber die Sonne ging auf's Neue auf und verſcheuchte die Wolken,“« erwiederte der Häuptling der Wompanoags auf Contents Rede, indem er mit der Hand auf die blühenden Gefilde ringsum deutete und zugleich einen forſchenden und ungewöhnlichen Blick auf den jungen Häuptling an ſeiner Seite warf.„Der Morgen leuchtete hell, obgleich die Nacht düſter geweſen war. Das kluge Blaßgeſicht verſteht es, Korn auf dem nackten Felſen zu gewinnen. Der thörichte Indianer muß ſich mit Wurzeln begnügen, wenn die Aernte ihm mißlingt und die Jäger ohne Beute in die Wigwams zurückkehren.“ „Ja, Gott zürnte nicht mehr,“ ſagte Content mit weicher Narramatta und Conanchet⸗ 12 178 Stimme, indem er zugleich die Arme auf der Bruſt über einander ſchlug und ſich abwendete, als ob er entſchloſſen ſei, nicht weiter u reden. 3 Ehe der Häuptling der Wompanoags eine Antwort zu geben vermogte, legte ſein junger Gefährte einen Finger auf ſeine unbe⸗ deckte Schulter, und gab ihm durch ein Zeichen zu verſtehen, daß er ihm eine geheime Mittheilung zu machen habe. Ohne Zögern und mit einer Geberde der Ehrerbietung fügte ſich Jener dem Verlangen des jugendlichen Kriegers, obgleich man ihm deutlich anmerkte, daß ihm der Geſichtsausdruck deſſelben mißfiel und er nur ungern und mit innerlichem Widerſtreben nachgab. Aber in den Zügen des Jünglings zeigte ſich eine ſolche Feſtigkeit, daß es einer mehr als gewöhnlichen Entſchloſſenheit bedurft hätte, dem nachdrücklichen Winke ſeiner Augen den Gehorſam zu verſagen. Ehe ſich aber der Wompanvag zum Fortgehen anſchickte, ſprach er einige leiſe Worte zu dem neben ihm ſtehenden Krieger, welchen er Annawon nannte, und gab dann erſt ſeinem jungen Freunde durch eine eben ſo würdige als ausdrucksvolle Geberde zu erkennen, daß er zu folgen bereit ſei. Die übrigen Häuptlinge zogen ſich ſo ehrer⸗ bietig vor dem jungen Mann zurück, daß man aus ihren Geberden leicht abnehmen konnte, in welch' ungewöhnlich hoher Achtung er bei ihnen ſtehen müſſe, und die beiden Krieger verließen hierauf die Halle mit ſo leichten und geräuſchloſen Schritten, daß man das Auftreten ihrer Mocaſſins kaum zu vernehmen vermogte. Der Gang der beiden Männer nach der Gegend hinter dem Hauſe war in hohem Grade bezeichnend für die Eigenthümlichkeiten der Indianer. Keiner von ihnen ſprach ein Wort; keiner gab das geringſte Zeichen von weibiſcher Neugier und Ungeduld zu erkennen; keiner verabſäumte jene kleinen, zuvorkommenden Höflichkeiten, welche das Gehen leichter und bequemer machen konnten. Auf ſolche Weiſe erreichten ſie die ſchon öfters erwähnte Anhöhe, und glaubten nun weit genug von den Uebrigen entfernt zu ſein, um ein Geſpräch zu fuͤhren, das ſie vor Jenen geheim zu halten wünſchten. In den Schatten der Bäume, und inmitten der Wohl⸗ gerüche, welche den Blumen im Garten entſtrömten, blieb der ältere Häuptling ſtehen, indem er einen raſchen und bedachtſamen, dabei aber kaum merklichen Blick umherwarf, welcher ihn auf das Ge⸗ naueſte von den Eigenthümlichkeiten ſeiner Lage unterrichtete. Hier⸗ auf begann er die Unterredung, natürlich in indianiſcher Sprache. „Was wünſcht mein Bruder?« fragte er, die tiefen Kehllaute ſeiner E bewegt 4 Seine Ge ſehen, al mein Br wie ein züngigen nach den damit z0 zwiſchen! eines Frel Mich von hier i erwiederte reichen nic Mein Vat gibt, und ſeine Fähr wo die Feuer, w hinaus. wie ſie di hinterwär anzünden. den Seuf Feigheit „Wo kühnen B Nacht, w hat ſich hatte die immer ſc vergeſſen. ttugen auf aber, den „Wa eberden ung er dierauf an das er dem ckeiten ab das kennen; hkeiten, a. Auf e, und in, um halten r Wohl⸗ er aͤltere „ dabei das Ge⸗ e. Hier⸗ rache. tehllaute 179 ſeiner Stimme zur Freundſchaft und Herzlichkeit zwingend.„Was bewegt und beſchäftigt den großen Sachem der Narraganſetts? Seine Gedanken ſcheinen trübe, doch ſeine Augen ſcheinen mehr zu ſehen, als die meinigen, welche anfangen, matt zu werden. Sieht mein Bruder vielleicht den Geiſt des tapferen Miantonimoh, der wie ein Hund von den niederträchtigen Pequods und den zwei⸗ züngigen Thengihs erſchlagen wurde? Oder ſehnt ſich ſein Herz nach den Skalpen der verhaßten Blaßgeſichter, um ſeinen Guͤrtel damit zu ſchmücken? Die Streitaxt iſt begraben auf dem Pfade zwiſchen unſern Dörfern und deine Worte klingen in die Ohren eines Freundes. Rede!« »Nicht ſchaue ich den Geiſt meines Vaters, denn er iſt weit von hier in den glücklichen Jagdgründen der abgeſchiedenen Krieger,« erwiederte der junge Häuptling.„Meine Augen ſind ſchwach; ſie reichen nicht hinaus über ſo viele Hügel, ſo viele Bäche und Ströme. Mein Vater jagd das Muſethier in Gefilden, wo es keine Dornen gibt, und er braucht weder mein Auge, noch meine Leitung, um ſeine Fährte zu finden. Warum ſoll ich die Stelle in's Auge faſſen, wo die Pequods und Thengihs meinen Vater erſchlugen? Das Feuer, welches dieſen Hügel verſengte, hat ihn ſchwarz gefärbt. Ich ſehe nicht mehr eine blutige Spur.« „Mein Sohn iſt weiſe und erfahren, und ſeine Klugheit iſt alter als ſeine Jahre!“« erwiederte der Andere.„Was gerächt worden iſt, hat er vergeſſen! Aber er blickt nicht über ſechs Monate hinaus. Er ſieht es nicht, wie die Thengihs in ſein Dorf dringen, wie ſie die alten Mütter und die jungen Töchter ermorden, wie ſie hinterwärts ſeine Krieger erſchlagen, und mit ihren Gebeinen Feuer anzünden. Ich muß mir die Ohren zuſtopfen, denn die jammern⸗ den Seufzer der Gemordeten machen mein Herz weich, daß es in Feigheit ſchmilzt.“ »Wompanoag,“ entgegnete der junge Häuptling mit einem kühnen Blicke, indem er die Hand auf ſeine Bruſt legte;„die Nacht, welche den Schnee mit dem Blute meiner Krieger röthete, hat ſich auf dieſe Gefilde geſenkt. Niemand aus meinem Volke hatte die Stätte wiedergeſehen, wo ſeine Wigwams ſtanden; aber immer ſchwebt ſie vor meinen Augen und noch nie habe ich ſie vergeſſen. Seit jener Zeit hauſeten wir in den Wäldern, und trugen auf unſeren Schultern, was uns geblieben. Unſeren Kummer aber, den verſchloſſen wir tief im Herzen.« „Warum iſt die Seele meines Bruders ergriffen?« fragte 12* 180 Metacom, der Häuptling der Wompanoags.„Sein Volk trägt viele Skalpe an ſeinen Gürteln, und ſieh, ſein eigener Tomahawk träufelt von Blut. Mein Bruder bändige ſeinen Zorn! Wenn die Nacht kommt, ſoll er die Waffe noch roͤther vom Blute der Ver⸗ haßten färben. Er muß ſeine Ungeduld zügeln. Die Verſchlagen⸗ heit der Blaßgeſichter iſt zu groß für die Anzahl unſerer Krieger. Im Rathe iſt beſchloſſen, das Dunkel abzuwarten.“ „Ein Narraganſett blieb nie zurück, wenn es zum Kampfe ging, aber er verſchloß auch niemals ſein Ohr, wenn ein grauer Häuptling ſprach:„ſo iſt es beſſer.“ Dein Rath iſt voll Weisheit, und ich liebe ihn. Aber ein Indianer iſt nur ein Menſch! Kann er mit dem großen Geiſte der Blaßgeſichter kämpfen? Er iſt zu ſchwach! Ein Indianer iſt ein Menſch, obgleich ſeine Haut roth gefärbt iſt.“ „Ich ſchaue hinauf in die Wolken und in die Wipfel der Bäume, wie umher in den Hütten, aber nirgends erblicke ich den Gott der Weißen;“ erwiederte Metacom, indem er zugleich ſeine Augen raſch umherſchweifen ließ.„Die Blaßgeſichter riefen ihn an, da die Gefilde von unſerem Kriegshohn erdröhnten, aber er hat ihre Stimme nicht gehört. Mein Sohn hat mit eigener Hand viele Krieger erſchlagen; hat er vergeſſen zu zählen, wie Viele unter den Blüthen der Bäume lagen?“ „Metacom,“ entgegnete der Sachem der Narraganſetts, indem er dem Genoſſen näher trat und leiſer redete, als ob er einen un⸗ ſichtbaren Zuhörer fürchte,—„Metacom, du haſt die Herzen der rothen Männer voll Haß gegeſſen, aber du kannſt ſie nicht klüger und verſchlagener machen, als die Geiſter. Der Haß iſt ſehr ſtark, aber die Liſt hat einen Arm, der länger iſt. Sieh,“ fügte er hinzu, indem er beide Hände aufhob und dem Haͤuptlinge die Finger ausgeſpreizt entgegenſtreckte,—„zehn Winter ſind vergangen, als eine Wohnung der Bleichgeſichter auf dieſem Hügel ſtaud. Damals war Conauchet ein Knabe, und ſein Arm hatte nur erſt Thiere des Waldes erlegt. Aber er ſehnte ſich auf dem Kriegepfade zu geben. Am Tage dachte er an die Skalpe der Pequods und bei Nacht vernahm er die Worte ſeines geſtorbenen Baters Miantonimoh. In jeder Nacht kam ſein Vater in ſein Wigwam, obwohl er von den Hunden, den Pequods, und von den lügenhaften Thengihs erſchlagen war, und ſprach zu ſeinem Sohne: „Iſt das Kind ſo vieler Sachems herangewachſen? Iſt ſein Arm noch nicht ſtark, ſein Fuß leicht, ſein Auge hurtig, ſein Herz voll Muthes? Wird Conauchet ſeinem Vater ähnlich werden? Wie lauge wird Mann geu Jact. A oft die W vommen? füllen ihr 4„»ie der Hand andere Se Conat gewohnhei erwägen 4 ſoch )) u gehen, zurückkehte ſchwach, werden. gab in i durch blie gleich ein Nachricht zu den 3. der Narre es kam, großen G werden; ſeines Vo Männer waren mi dern erbli erweiterte erkannte Vaters u geſchrei. Dieß iſt Im obere gegen me Feuer erg Pettung. Krieger Zluthen indem en un⸗ Herzen ſe nicht Haß iſt Sieh,“ uptlinge er find n Hügel hatte auf dem Ano dor alpe der torbenen in ſein on den Sohne: ein Arm derz voll die lange 9 181 noch wird es dauern, bis der junge Sachem der Narraganſetts ein Mann geworden iſt?« Dieſe Stimme hörte ich oft im Düſter der Nacht. Aber wozu ſoll ich davon reden? Hat nicht Metacom ſchon oft die Worte der verſtorbenen Häuptlinge der Wompanoags ver⸗ nommen? Die tapferen Sachems erſcheinen ihren Söhnen und er⸗ füllen ihre Herzen mit Muth.« „Sie ſind hier!« entgegnete Metacom ſtolz, indem er ſich mit der Hand kräftig an die Bruſt ſchlug.„In Metacom hauſet keine andere Seele, als der Geiſt ſeiner Väter.« Conanchet ſchwieg eine Weile, als ob er nach indianiſcher Gewohnheit den Ausruf ſeines Gefährten nach allen Seiten hin erwägen wolle, und fuhr dann fort: „Miantonimoh kam in der Nacht, und ließ ſeine Stimme hören. Er befahl ſeinem Sohne, ſich zu erheben und unter die Thengihs zu gehen, damit er mit Skalpen an ſeinem Gürtel in ſein Wigwam zurückkehren könne. Conanchets Stimme war damals noch zu ſchwach, um bei dem Berathungsfener ſeines Volkes gehört zu werden. Er redete nicht, ſondern zog von dannen. Der böſe Geiſt gab ihn in die Hände der Blaßgeſichter, und mehrere Monde hin⸗ durch blieb er ihr Gefangener. Sie ſperrten ihn in einen Käfig, gleich einem gezähmten Panther, und ſein Käfig war hier! Die Nachricht von Conanchets Unglück kam aus dem Munde der Thengihs zu den Jägern, und von den Jägern gelangte ſie zu den Ohren der Narraganſetts. kein Volk hatte ſeinen Sachem verloren, und es kam, ihn zu ſuchen. Metacom, Conanchet hatte die Macht des großen Gottes der Blaßgeſichter empfunden; er fing an ſchwach zu werden; ſein Geiſt dürſtete nicht mehr nach Rache, und der Schatten ſeines Vaters erſchien nicht mehr an ſeinem Lager. Die blaſſen Männer ſprachen viel und oft zu ihrem Manittu, und ihre Worte waren mild und liebreich. Conanchet jagte mit ihnen; in den Wäl⸗ dern erblickte ſein Auge die Spur ſeiner Krieger, und ſein Geiſt erweiterte ſich, denn er wußte, warum ſie gekommen waren und erkannte ihre Abſicht. Hierauf erblickte er wieder den Geiſt ſeines Vaters und erwartete die Zeit. In der Nacht ertönte das Kriegs⸗ geſchrei. Männer fielen, und die Narraganſetts nahmen ihre Skalpe. Dieß iſt das Gebaͤude von Stein, worüber das Feuer hinwegging. Im oberen Stockwerke waren die Blaßgeſichter und wehrten ſich gegen meine Krieger auf Tod und Leben. Aber es ward vom Feuer ergriffen und den Weißen blieb keine Hoffnung mehr zur Rettuͤng. Als Conanchet es ſah, da wurde ſein Herz gerührt, denn die Blaßgeſichter waren freundlich und voll Güte gegen ihn geweſen. Sie waren es nicht, die ſeinen Vater erſchlugen, obgleich ihre Haut weiß iſt. Aber die Flamme erloſch nicht und an der Stätte des Hauſes erblickte das Auge nur noch einen Haufen ſchwarzer Kohlen. Der Thurm war zu Aſche verbrannt, und Alles, was drinnen war. Wenn ſich Miantonimohs Geiſt darüber freute, ſo that er Recht; Conanchets Seele aber war voll Betrübniß. Sein Gemüth wurde ſchwach, und er dachte nicht daran, ſeine Kriegsthaten im Triumph zu verkündigen.“ „Das Feuer erkannte den Blutfleck auf der Ebene des Sachem; Conanchets Vater war gerächt!“ ſagte Metacom. „Er war es!“ entgegnete der junge Haͤuptling.„Ich ſah nicht mehr das Blut meines Vaters. Das graue Haupt, Männer, Jünglinge und Knaben ſtanden in jenem Feuer, und als die Balken zuſammenſtürzten, erblickte das Auge nichts mehr, als Kohlen. Nun aber ſtehen dort druben diejenigen, deren Gebeine von den Flammen verzehrt wurden.“ Metacom, der mit geſpannter Aufmerkſamkeit zugehört hatte, erſtaunte, warf einen ſcheuen und haſtigen Blick auf die Trümmer des ehemaligen Blockhauſes, und fragte: „Sieht mein Bruder die Geiſter Erſchlagener in der Luft?« „Nein, ich ſehe Lebendige, die zu den Martern aufgeſpart ſind,“ entgegnete Conanchet.“ Der alte Mann mit den weißen Haaren iſt der Greis, der ſo oft mit ſeinem Gotte redete; der ältere An⸗ fuͤhrer, der unſere jungen Männer ſo hart drängte, befand ſich damals wie jetzt bei ſeinen Freunden; der Mann, mit dem du ſpracheſt, und die blaſſe Frau, die noch bläſſer iſt, als ihr Volk, ſie Alle ſtarben in jener Nacht, und jetzt ſind ſie hier und leben. Auch der tapfere Juͤngling, der ſich ſo muthig vertheidigte, auch dieſer ähnelt dem Knaben, der damals im Feuer umkam, und darum ſage ich, die Thengihs haben ſtarke Götter und ſind zu verſchlagen für die Krieger aus unſerem Volke.“ Metacom hatte der Erzählung mit abergläubiſchem Erſtaunen zugehört; dennoch aber ſträubte ſich ſeine Seele, das Vernommene als Wahrheit anzunehmen, da er zu begierig wunſchte, das ganze verhaßte Geſchlecht der Blaßgeſichter von der Erde zu vertilgen. „Was wünſcht Conanchet?“ fragte er, nachdem er eine Weile ſich ſeinem ſchwankenden Gedanken hingegeben hatte.„Zwei Mal ſind ſeine Krieger in dieſes Thal gedrungen, und haben ſich ſeine Tomahawks vom Blute geröthet. Das Feuer hat ſeine Schuldigkeit Gemüͤth, was die e ſeine eigen Nut Zeit dure muthe b Gefangen Wilden i verrieth, geweſen hatte, li und erwe beginnen Gruppe „di gefalle, iſt ſie di Orten iſ wo ſie g Weg vei Jenſeits „Th Puritane nach Euk ſeinem G alle Gege nicht anner, Zalken ohlen n den hatte, immer ſt2« ſind,“ daaren te An⸗ nd ſich em du Volk, leben. „auch u, und ſind zo ſtaunen ömmene ganze igen. Weile ei Mal ch ſeine ldigkeit 183 nicht gethan. Mein Sohn hätte die Männer ſkalpiren ſollen, dann würden ſie nicht lebendig dort ſtehen.« „Freund meines Vaters, eine Wolke ſchwebt über meinem Gemüth, und macht es trübe,« ſagte Conanchet.„Laß uns hören, was die Gefangenen ſprechen, dann werden wir die Wahrheit ſehen.« „So ſei es!“ erwiederte Metacom, nachdem er einen Augen⸗ blick nachgeſonnen hatte. Hierauf gab er Einem der in einiger Entfernung umherſchweifen⸗ den Krieger einen Wink, näͤher heran zu kommen, und befahl ihm, die Gefangenen auf den Hügel zu geleiten. Sie erwartend, ſchritten die beiden Häuptlinge ſchweigend auf dem Platze hin und her, und jeder dachte über den ſeltſamen Vorgang nach, den ſich jeder auf ſeine eigene Weiſe zu erklären ſuchte. Neunzehntes Kapitel. Nur ſelten laſſen ſich die indianiſchen Häuptlinge auf laͤngere Zeit durch irgend ein Geheimniß aus ihrem gewöhnlichen Gleich⸗ muthe bringen. Als daher der alte Heathcote und die übrigen Gefangenen den Hügel erreichten, ſahen ſie die beiden Anführer der Wilden in vollkommener Ruhe auf und nieder ſchreiten, und nichts verrieth, daß noch eben ihre Seelen auf das Lebhafteſte bewegt geweſen waren. Annawon, welcher die Gefangenen herbeigeführt hatte, ließ ſie ſich am Fuße der Ruinen in einer Reihe aufſtellen, und erwartete nun in Geduld, daß ſeine Befehlshaber das Verhör beginnen ſollten. Es dauerte nicht lange, ſo trat Metacom der Gruppe näher und ſagte: „Die Erde iſt gut und hat viele bunte Farben, damit ſie dem gefalle, aus deſſen Hand ſie hervorgegangen iſt. An einigen Stellen iſt ſie dunkel, und die Jäger auf ihr ſind ſchwarz; an anderen Orten iſt ſie weiß, und dort iſt das Vaterland der Blaßgeſichter, wo ſie geboren ſind und auch ſterben müſſen, wenn ſie nicht den Weg verfehlen wollen, der nach den gluͤcklichen Jagdgründen im Jenſeits führt.« „Thor, elender blinder Thor, der du biſt,« nahm der alte Puritaner eifrig das Wort;„wir ſind keine Götzendiener, um uns nach Euren Jagdgründen zu ſehnen. Wir haben den Herrn in ſeinem Glanze kennen gelernt, und ſeinen auserwählten Anbetern ſind alle Gegenden gleich. Der Geiſt kümmert ſich nicht um die Scholle, 184 an die er geheftet iſt. Er kann zu ihm ſich erheben von dem Eiſe des Nordens, wie aus der Gluth des Südens, aus den Tiefen des Oceans, wie aus Feuer, aus Wald... 8 Metacom unterbrach ihn, ſobald er das Wort Feuer ausſprach, indem er mit bedeutſamer Geberde behutſam den Finger auf ſeine Schulter legte; und als der Greis von ſelbſt ſchwieg, fragte ihn der Hänptling mit ernſter Miene: „Wenn ein Blaßgeſicht im Feuer umgekommen iſt, kann es dann wieder lebendig auf Erden wandeln? Iſt der Strom zwiſchen dieſer Waldlichtung und dem jenſeitigen Leben ſo ſchmal, daß ein Weißer ihn jederzeit überſchreiten kann?« „Nicht alſo!« entgegnete der noch immer feurige Greis.„Der⸗ gleichen kann ſich nur ein in Finſterniß befangener Heide einbilden. Wiſſe, du Kind des Unglaubens und der Unwiſſenheit, Niemand kann die Schranken überſchreiten, welche den Himmel von der Erde trennen.“ „Das graue Blaßgeſicht ſagt eine Lüge!“ rief Metacom aus. „Es will nicht, daß der Indianer ſeine Künſte erforſche und ſtaͤrker werde als die Thengihs! Ja, mein Vater, du lügſt, denn einſtens wurdeſt du und Alle, die bei dir ſind, in dem Thurm dort ver⸗ brannt, und jetzt ſtehſt du doch lebendig vor mir, und könnteſt den Tomahawk ſchwingen, wenn du nicht ein Gefangener wäreſt.“ „Ich will nicht daran Schuld ſein, daß ſich ein Irrthum unter den Kindern der Heiden verbreitet,« erwiederte der alte Marcus Heathcote, den die Beſchuldigung, daß er ein Zauberer ſei, nicht wenig erzürnte.„Ja, es iſt die Wahrheit, daß ich und die Meinigen in dieſem Thurm einſt in großer Lebensgefahr ſchwebten, und daß die Maͤnner draußen kaum zweifeln konnten, unſere Leiber wären in den Flammen umgekommen und von denſelben verzehrt worden. Aber ſiehe, der Herr erleuchtete unſeren Geiſt, daß wir ein Mittel zur Rettung fanden und uns verbergen konnten, wo die vernichtende Gluth uns nicht zu erreichen vermogte. Jener Brunnen ward das Werkzeug zu unſerer Erhaltung, alſo, daß die Gnade Gottes ſich an uns offenbarte.“ So ſehr auch die Zuhörer des Greiſes von Kindheit an daran gewöhnt waren, alle Bewegungen ihrer Seele zu beherrſchen und vor den Augen der Beobachter zu verhüllen, ſo konnten ſie doch jetzt ihr Erſtaunen nicht verbergen, als ihnen das einfache Rettungs⸗ mittel der Weißen enthüllt wurde, deren Leben ihnen ein Werk der Zauberei ſchien. Das erſte Gefühl, welches in den Herzen der Vidden Blaßgeſ aber wun ob ſich könne⸗ lings ab gingen Mundart Di ſein Bet Er iſt ei noch jut nehmen, Füchſe.“ „Y Haͤuptlit Krieger entgegen Aber wo Schnee ſichtbar die Wö Der⸗ Alden. mand Erde aus. drker aſtens t ver⸗ ſt den unter darcus nicht inigen d daß wären oorden. Mittel htende rd das es ſich daran en und e dech ttungs⸗ Werk gen der 185 Wilden auftauchte, war Bewunderung der Klugheit, welche die Blaßgeſichter bei dieſer Gelegenheit an den Tag gelegt hatten. Dann aber wurden ſie von Zweifeln ergriffen, und ſuchten ſich zu überzeugen, ob ſich in Wirklichkeit die Sache ſo, wie ſie gehört, verhalten haben könne. Der Brunnen wurde unterſucht. Eine kleine eiſerne Thür, welche früher zum Deckel gedient hatte, war noch vorhanden, und die beiden Häuptlinge überzeugten ſich durch eine genaue Beſichtigung der Mauern, daß die Erzählung des Puritaners möglicher Weiſe Wahrheit enthalten könne. Bei dieſer Entdeckung funkelten Meta⸗ coms Augen in triumphirendem Glanze, in den Zügen des Jüng⸗ lings aber ſprach ſich zugleich Befriedigung und Trauer aus. Beide gingen auf die Seite, und ſprachen mit einander wieder in der Mundart ihres Volkes. „Die Zunge meines Sohnes lügt nicht,“ ſagte Metacom ſanften und ſchmeichelnden Tones.„Er berichtet, was er geſehen, und ſein Bericht ſagt die Wahrheit. Conanchet iſt kein Knabe mehr. Er iſt ein Häuptling mit grauer Weisheit, obgleich ſeine Glieder noch jung ſind. Seine Krieger mögen die Skalpen der Thengihs nehmen, damit ſie ſich nicht wieder in Löcher verkriechen, wie liſtige Füchſe.“ „Dein Geiſt dürſtet nach Blut, Sachem,“ erwiederte der junge Häuptling mit ungewöhnlicher Wärme.»Die Arme meiner jungen Krieger mögen ruhen, bis die Thengihs ihnen bewaffnet wieder entgegentreten. Sie haben Skalpe genug erbeutet und ſind befriedigt. Aber wohin ſchaut Metacom ſo ſtarren Blickes? Was erblickt mein Vater?“ „Er ſieht einen ſchwarzen Flecken auf der weiten Ebene; das Gras iſt nicht grün, ſondern roth wie Blut; es iſt dunkelroth, nicht, wie das Blut eines bleichen Mannes. Es iſt das Blut eines tapferen Kriegers, eines großen Häuptlings. Der Regen kann es nicht auslöſchen und die Sonne färbt es nur dunkler. Der Schnee faͤrbt es nicht weiß, und ſchon viele Winter hindurch iſt es ſichtbar geweſen. Die Vögel kreiſchen, wenn ſie darüber hin fliegen; die Wölfe heulen, und die Eidechſen machen einen Umweg, damit ſie es nicht berilhren!«“ „Deine Augen werden alt,“ entgegnete Conanchet.„Feuer hat die Stelle geſchwärzt, und Kohlen ſind, was du erblickſt!« „Das Feuer ward in einem Brunnen entzündet, es brannte düſter; was ich ſehe, iſt Blut!« „Conanchet richtete ſich ſtolz auf und ſagte:„Wompanvag, ich 186 all habe die Wohnungen der Thengihs von der Erde vertilgt, und das zuugfa Grab meines Vaters mit Stalpenn bedeckt, die ſein Sohn den Ser war Feinden abzog.. Aber wohin blickt der Häuptling wieder? Sieht Se⸗ w er abermals etwas?«. ſe 3 9 „Ich ſehe ein Dorf der Indianer, und ſehe es brennen mitten ihre ble im Schnee; ich ſehe, wie die jungen Männer hinterrücks erſchlagen vend werden; ſehe die krechzenden Jungfrauen und wie die Kinder leben⸗ orde dig über Kohlen gebraten werden. Die Alten ſterben, wie Hunde! urfn Es iſt ein Dorf der feigherzigen Pequods!.. Doch nein, mein bon ückte Auge wird heller!.. Die Thengihs ſind in das Land der Narra⸗ ſtna ganſetts eingebrochen; ein tapferer junger Häuptling kämpft an jgen der Spitze der Seinen; er ſtreitet mit Macht! Aber ach, ich drücke ſinnd meine Augen zu, denn der Rauch macht ſie blind!“ und in Mit finſterem Schweigen vernahm Conanchet die Anſpielungen Ilder des Häuptlings auf das Unglück, welches ſeinen Stamm betroffen Wid hatte, und der nur ſchlummernde Rachedurſt regte ſich leiſe in ſeiner, Seele. Düſter rollte ſein Auge von der Geſtalt ſeines Verführers als cb auf die unglücklichen Gefangenen hinüber, deren Schickſal völlig vernom in ſeiner Hand lag, indem die um das Dorf verſammelte Krieger⸗ vollen ſchaar meiſtentheils aus den übrig gebliebenen Kriegern ſeines Tomah Stammes beſtand. Gleichwohl beherrſchte er ſich wieder, und da die 99 er einen neuen Wechſel in Metacoms Geſichtszügen bemerkte, ſo Zügen fragte er: ſeine G „Was ſieht mein Vater weiter?“ ſcheinen „Ich ſehe ein weibliches Weſen, das weder weiß iſt noch roth. Blck a Es gleicht dem hüpfenden Rehe und lebt in einem Wigwam der heit la Indianer. Es ſpricht mit geſpaltener Zunge, und bedeckt mit druck, baiden Händen die Augen eines jungen Häuptlings, alſo daß er ſo und ho blind wird, wie eine Nachteule im Sonnenſchein. Ich ſehe ſie...“„ In dieſem Augenblicke unterbrach Metacom ſich ſelbſt, denn fragte in der That zeigte ſich eben jetzt das Weſen, das er mit ſeinen ſehen, Worten zu bezeichnen und zu ſchildern geſucht hatte. worten Mit den ſchüchternen, und ungewiſſen Schritten des ſchlanken„ Rehes näherte ſich eine Jungfrau, und ging bald vorwärts, bald ſtolz d blieb ſie ſtehen, als ob ſie nicht genau wiſſe, was ſie zu thun oder„. zu laſſen habe. Jetzt kam ſie raſch näher; ſobald aber Conanchets großen Auge ſie traf, nahm ſie die demüthige, beſcheidene Stellung eines darunt indianiſchen Mädchens an, wenn es einem Häuptlinge ihres Stammes SHimm gegenüber ſteht, und rührte ſich nicht mehr von der Stelle. tdtlich Man konnte kaum eine lieblichere Erſcheinung ſehen, als dieſe wo die 1 △ 1— das den leht itten agen tben⸗ nde! mein Arra⸗ an rrüͤcke ngen offen ſeiner prers öllig eger⸗ eines d da denn inen nken bald oder hets ines mes dieſe 187 Jungfrau. Sie mogte etwa achtzehn Jahre alt ſein, und ihre Geſtalt ſowohl wie ihr Antlitz waren von ungewöhnlicher Schönheit. Sie war in ein einfaches Gewand von Baumwolle gekleidet, welches ſie ſo weit einhullte, daß man nur ihre Hände, ihr Geſicht und ihren Hals entblößt erblickte. Ihre Hautfarbe, obwohl urſprünglich vom blendendſten Weiß, war durch die Luft ein wenig gebräunt worden, aber ihre Wangen ſchimmerten röthlich, wie der Kelch einer aufbrechenden Roſe. Ihr Auge war blau, und eine Fülle von blonden glänzenden Locken rollte unter einer mit Perlen ge⸗ ſchmückten Schnur hervor über Stirn und Nacken hinab. Als ſie ſtehen blieb, deutete ſie mit dem Finger auf den blöd— ſinnigen Whittal Ring, der in einiger Entfernung hinter ihr verweilte, und fragte mit ſaufter Stimme in der Sprache der Narraganſetts: „Warum hat Conanchet ſeiner Schweſter befohlen, aus den Wäldern zu ihm zu kommen?« Der junge Sachem gab keine Antwort, und beinahe ſchien es, als ob er das Mädchen gar nicht geſehen, ihre holde Stimme nicht vernommen habe. Endlich aber heftete er einen gütigen und liebe⸗ vollen Blick auf ſie, warf den noch immer von Blute triefenden Tomahawk in die Höhlung ſeines gekrümmten Armes, und blieb, die Hand um den Griff der Waffe geſchlungen mit unveränderten Zügen und unbeweglicher Haltung ſtehen. Metacom aber konnte ſeine Gefühle nicht ſo vollkommen beherrſchen. Beim erſten Er— ſcheinen der ihm höchſt unwillkommenen Jungfrau blitzte ein zorniger Blick aus ſeinen Augen, und ein düſterer Ausdruck der Uuzufrieden⸗ heit lagerte ſich auf ſeiner Stirn. Bald aber wechſelte dieſer Aus⸗ druck, und der finſtere Blick verwandelte ſich in einen ſpöttiſchen und hohnvollen. 4 „Wünſcht mein Bruder von Neuem zu wiſſen, was ich ſehe?« fragte er, nachdem er eine ganze Weile gewartet hatte, um zu ſehen, ob Conanchet dem jungen Mädchen in der That nicht ant⸗ worten würde. 3 „Und was ſieht der Häuptling der Wompanvags?“ entgegnete ſtolz der junge Sachem. »Er ſieht, was ſeine Augen nicht gern glauben. Er ſieht einen großen Stamm auf dem Kriegspfade. Viele tapfere Krieger ſind darunter, und ein Häuptling führt ihn an, deſſen Väter vom Himmel ſtammen. Ihre Tomahapks durchſchneiden die Luft, und tödtliche Streiche fallen nieder; die Sehne des Bogens klingt, und wo die Kugel fliegt, folgt ihr der Tod. Blut entſtrömt den Wunden, 188 aber es iſt das Blut des verhaßten Volkes!.. Nun ſieht der Sachem nicht mehr, er hört. Er vernimmt das Siegesgeſchrei, und hört die Krieger ſich freuen. Die Haͤuptlinge in den glücklichen Jagdgründen gehen fröhlich den erſchlagenen Kriegern entgegen, denn ſie wiſſen, was der Jubel über die errungenen Skalpe bedeutet, und erkennen ihn.“ Die Beſchreibung des Auftrittes, welchen der ſchlaue Metacom ſo lebendig zu ſchildern wußte, blieb auf das Gemüth ſeines jungen Gefahrten nicht ohne Eindruck. Schon ſeine Erziehung brachte es mit ſich, daß ihm dabei das Blut raſcher nach den ruhmbegierigen Herzen ſtrömte. „Was ſieht mein Vater noch?« fragte er mit einer Stimme, die nicht ohne Anklang eines innern Siegesjubels blieb. „Ich ſehe einen Boten, und dann— höre ich den Mocaſſin eines Mädchens.“ „Genug, Metacom! Die Frauen der Narraganſetts haben keine Wigwams. Ihre Dörfer ſind Aſche, und ſie müſſen den Kriegern folgen, um Nahrung zu finden.“ „Ich ſehe kein Wild,“ ſagte Metacom.„In einer Lichtung der Blaßgeſichter wird der Jäger kein Muſethier finden. Aber Korn gibt es hier, und Conanchet hungert. Er hat zu ſeiner Schweſter geſchickt, damit ſie ihm Speiſe bereite.“ Bei dieſen höhniſchen Worten ſchienen ſich die Finger Conanchets in den Stiel ſeiner Streitaxt einzugraben, ſo feſt preßte er ſeine Hand zuſammen. Der blitzende Tomahawk wurde erhoben, und beinahe ſchien es, als ob die Unterredung ein blutiges Ende nehmen werde. Aber die raſche Aufwallung des jungen Sachem machte bald wieder einer würdevollen Ruhe Platz, und ſein grimmiger Zornblick erloſch ſo raſch, wie er aufgelodert war.— „Geh, Wompanoag,“ ſagte er, ſtolz mit der Hand in die Ferne deutend, als ob er feſt entſchloſſen ſei, kein Wort ſeines argliſtigen Gefährten mehr anzuhören. Geh! Meine jungen Leute werden jubeln und Hohn ſchreien, wenn ſie meine Stimme ver⸗ nehmen, und dann werden ſie das Wild jagen für ihre Weiber. Geh! Mein Wille iſt mein eigen!« Metacom erwiederte den Blick Conanchets mit einem düſteren und rachedrohenden. Aber ſeine gewohnte Weisheit beſiegte den aufſteigenden Grimm, und er entfernte ſich auf eine Weiſe, die mehr Mitleid als Empfindlichkeit ausdrückte. — So u dem Stimme Wälder * Sachen dieſen R unter di in dit! geſehen Tomahc Seele! De auf. 1 blitzten nach a Natur Sinne überfto daun z betrach Aeſte den g erhob im Zu Nachd ſtaͤnde ſie ſa ) ganſe ) iſt gr Du b denen zur A himm Sonne gerede der brei, den gen, utet, com ugen e es rigen ame, aſſin keine egern tung Aber einer chets ſeine und hmen achte niger die eines teute ver⸗ iber. eren den die 189 Zwanzigſtes Kapitel. Sobald der Sachem verſchwunden war, trat die Jungfrau näher zu dem jungen Häuptlinge und ſprach mit weniger ſchüchterner Stimme:„Warum hat Conanchet nach dem Mädchen aus den Waͤldern geſchickt?« „Tritt näher, Narramatta, noch näher!« erwiederte der Sachem mit freundlicher und milder Stimme.„Blicke dich um in dieſen Räumen mit offenem Auge, und dann ſage mir, ob du etwas unter dieſen Bäumen ſiehſt, das alte ſchlummernde Erinnerungen in dir weckt. Haſt du jemals in deinen Träumen ein ſolches Thal geſehen? Saheſt du niemals die Züge jener Blaßgeſichter, die das Tomahawk meiner jungen Krieger verſchonte, im Spiegel deiner Seele?« Das junge Mädchen horchte mit außerordentlicher Spannung auf. Wild, unſtät und flüchtig ſchweifte ihr Blick umher, aber es blitzten darin Funken aufwachender Erinnerung. Sie wendete ſich nach allen Richtungen hin, und beobachtete alle Gegenſtände der Natur mit einer Genauigkeit, wie es nur diejenigen können, deren Sinne durch Gefahr und Nothwendigkeit geſchärft worden ſind. Erſt* überflog ſie mit den Augen die Waldung ringsum, wendete ſich dann zu den entfernteren, dann zu den naͤher liegenden Hütten, betrachtete ſinnend den Schmelz der grünen Gefilde und die ſchattigen Aeſte der Obſtbaͤume, deren Wipfel über ihrem Haupte rauſchten; den geſchwärzten Thurm, der, ein finſteres Denkmal, düſter ſich erhob, und wendete ſich dann wieder auf die ganze Landſchaft, die im Zuſtande des Friedens nichts als Ruhe und Lieblichkeit athmete. Nachdenklich und ſchweigend faßte ſie alle dieſe verſchiedenen Gegen— ſtände auf, und wendete ſich dann wieder an Conanchet, indem ſie ſagte: „Dieß iſt ein Dorf der Thengihs. Ein Mädchen der Narra⸗ ganſetts ſchaut ungern auf die Wohnungen der Feinde ihres Volkes.« „Horche auf!« erwiederte Conanchet.„»Du weißt, meine Zunge iſt grade, und hat niemals Lügen in Narramatta's Ohren gefluſtert. Du biſt nicht das Kind der Indianer, und deine Hand ähnelt nicht denen der Weiber meines Stammes. Der große Geiſt hat ſie nicht zur Arbeit geſchaffen; ſie iſt röthlich, wie die Farbe des Morgeu⸗ himmels, denn deine Väter ſind in dem Lande geboren, wo die Sonne aufgeht. Du weißt es; denn Niemand hat falſch zu dir geredet. Siehſt du nun niemals das Wigwam deines Vaters? Vernimmt dein inneres Ohr niemals Worte aus der Sprache deines Volkes?“ Das junge Mädchen hatte aufmerkſam zugehört, und nach einer kurzen Pauſe ſagte es:„Warum thut Conanchet ſeiner Schweſter ſolche Fragen? Er weiß, was ſie weiß; und er ſieht, was ſie ſieht! Wenn der große Geiſt ihre Haut von verſchiedener Farbe erſchuf, ſo gab er ihr doch ein Herz für den Haͤuptling ihres Stammes. Narramatta höͤrt nicht auf lügenhafte Worte! Sie verſchließt ihr Ohr, denn in Conanchets Worten lauert Betrug. Warum ſollte Narramatta auf Träume achten, wenn ein großer Häuptling ihr Bruder iſt?« „Mädchen,“ erwiederte Conanchet mit Freundlichkeit,„als ich dich von dem Neſte wegtrug, wareſt du wie eine Taube, die ihre Flugel noch nicht gebrauchen kann, obwohl die Winde von manchem Winter ſchon über dich hin gewehet hatten. Denkſt du niemals an die Wärme der Hütte, wo du deine erſten Jugendjahre verlebteſt?« „Conanchets Wigwam iſt nicht kalt! Kein Weib der Narra⸗ ganſetts hat ſo viel Pelzwerk, als Conanchets Schweſter.« „Ja, Conanchet iſt ein großer Jäger! Er liebt ſeine Schweſter und ſorgte für ſie! Wenn die Biber das Geräuſch ſeiner Mocaſſins vernehmen, ſo vergeſſen ſie vor Schrecken, zu fliehen, und bleiben liegen, damit er ſeine Beute erlege. Aber die Blaßgeſichter führen den Pflug. Erinnert ſich der friſchgefallene Schneer nicht der Männer, die das Wigwam ihres Vaters vor der Kälte ſchützten? Weiß ſie nicht mehr, wie die Thengihs leben?“ Narramatta ließ ihren Kopf niederſinken und ſchien angeſtrengt nachzudenken. Als ſie aber ihr liebliches Antlitz wieder erhob, ſchüttelte ſie verneinend das Haupt und ſagte:„Sieht ſie nicht das Feuer in den Gebäuden? Hört ſie nicht das Geſchrei der Krieger, wenn ſie in eine Anſtedlung brechen? Manches Feuer ſah ſie lodern, und die Aſche des Narraganſettsdorfes iſt noch heiß.“ „Aber hört Narramatta nicht ihren Vater mit dem Gr 3 der Thengihs reden? Horch! Er fleht um Gnade und Segen für ſein Kind!« „Der Manittu der Narraganſetts hat Ohren für ſein Volk.“ „Aber ich höre eine ſanftere Stimme! die Stimme einer Frau der Blaßgeſichter mitten unter ihren Kindern. Kann meine Schweſter ſie nicht hören?« Bisher hatte das junge Mädchen ihre Gefühle zu verbergen gewußt, jetzt aber trat ſie vor, legte ihre Hand auf den Arm des fayfere und ſa Die T. verborg vergaß Bruder weißen großen Aber ſ ſehen. ſanften Iih hu Hier ſin Sie ma ſauften ſchafen wenn m und ſein ihre St Volkes, von den Zunge f und gere Ihre St gleicht d kſirengt ethob, cht das krieger, lodern, gen für Volk.“ er Frau cweſter rbergen llem des häͤgen der Blaßgeſichter gefangen. Er war noch ſehr jung, und 191 tapferen und kühnen, und doch zugleich ſo freundlichen Häuptlings, und ſagte mit ſüßer Stimme:„Höre mich, Haupt meines Volkes! Die Traͤume eines Mädchens in deinen Wigwams ſollen dir nicht verborgen bleiben. Siehe, Narramatta hat Alles vergeſſen! Sie vergaß die Wohnungen der Blaßgeſichter, denn das Wigwam ihres Bruders iſt wärmer! Sie vergaß die Speiſe und Kleidung des weißen Volkes, denn Conanchets Schweſter iſt reich; ſie vergaß den großen Geiſt der Thengihs, denn Manittu iſt mächtiger, als Er! Aber ſie ſieht Eine, welche die Frauen der Narraganſetts nicht ſehen. Sie ſieht im Traume eine Frau mit weißer Haut, die mit ſanften und milden Augen auf ihr ſchlafendes Kind niederblickt. Ich hoͤre, wie ſie ſpricht. Sie fragt:„friert Conanchet's Schweſter? Hier ſind Felle! Hungert ſie?— hier iſt Wildbret! Iſt ſie müde? Sie mag ruhen in den Armen ihrer Mutter!« Und die Arme der ſanften Frau öffnen ſich, damit Narramatta in ihnen ruhen und ſchlafen kann. Wenn Alles ſtill und ruhig iſt in den Wigwams, wenn meine Pflegerin an meiner Seite ſchlummert, wenn Conauchet und ſeine jungen Krieger ſchlummern, dann läßt er die bleiche Frau ihre Stimme hören. Aber ſie redet nicht von den Schlachten meines Volkes, nicht von den Skalpen, die unſere Krieger gewinnen, nicht von den Feinden meines Stammes, die Conanchet fürchten. Ihre Zunge führt eine ſeltſame Rede. Sie erzählt von einem mächtigen und gerechten Geiſte, ſie erzählt vom Frieden, und nicht vom Kriege. Ihre Stimme tönt lieblich, als ob ſie aus den Wolken klänge, und gleicht dem Gerieſel der Waſſer zwiſchen den Felſen. Narramatta lauſcht gern auf ihre Worte, denn ſie tönen wie die Laute der Wish⸗ton⸗Wish, wenn er in den Wäldern pfeift.« Mit inniger Theilnahme hielt Conanchet den Blick auf die liebliche Jungfrau geheftet, ſo lange ſie ſprach. Als ſie ſchwieg, legte er mild ſeine Hand auf ihr demüthig geſenktes Haupt und antwortete: 3 „Wish⸗ton⸗Wish iſt der Vogel der Nacht, der ſeinen Jungen ſingt. Der große Geiſt deiner Väter zürnt, daß du in dem Wigwam eines Narraganſett lebſt. Du mußt heimkehren in die Hutte deines Baters. Sieh', einſtens ward der Adler meines Volks in den Ge⸗ die Weißen lehrten ihn mit fremder Zunge ſingen. Sein Gefieder veränderte ſich, und ſie glaubten ihn fur immer gezähmt zu haben, Aber kaum ſtand die Thür ſeines Käfigs offen, ſo breitete er ſeine Flügel aus und flog in ſein Neſt zurück. So auch du! Wir glaubteu deine Aeltern todt, aber ſie leben. Was geſchehen iſt, iſt gut; was geſchehen ſoll, beſſer. Komm, meine Schweſter, ein gerader Pfad liegt vor uns.“. Conanchet winkte bei dieſen Worten der Jungfrau und ſchritt ihr voran. Bald ſtand er mit ſeiner Begleiterin den Gefangenen gegenüber, ließ die letztere einige Schritte hinter ſich, trat in den Kreis, faßte die vor Gram und Kummer gebeugte Gattin Contents unter den Arm, führte ſie vorwärts, und ſtellte ſie der Jungfrau gegenüber. „Seht,“ ſagte er in engliſcher Sprache, waͤhrend, trotz ſeines nach Kriegerſitte bemalten Geſichts, eine tiefe Ruͤhrung in ſeinen Zuͤgen ſich ausdrückte,—„ſeht, der große Geiſt meint es gut; was er gethan, kann kein Narraganſett und kein Thengih ändern. Dieſe hier,“ ſetzte er hinzu, indem er mit den Finger leicht die Schulter Ruths berührte,—„dieſe iſt der weiße Vogel, der über das Meer gekommen iſt, und dieſe,“— auf die Jungfrau deutend,— „dieſe iſt das Junge, ſo er unter ſeinen Flügeln erwärmte.“« Nachdem er dieſe Worte geſprochen, ſchlug Conanchet die Arme auf ſeiner Bruſt über einander, und nahm eine Stellung an, als ob er ſich mit ganzer Kraft gegen den Auftritt rüſten wolle, der nun nothwendiger Weiſe folgen mußte. Denn es hätte ſeiner Würde als Häuptling eines tapferen Volkes Nachtheil gethan, wenn er ſich von ſeinen Gefühlen zu ſichtbaren Zeichen der Rührung hätte hinreißen laſſen. Den Gefangenen blieb mittlerweile der Sinn des ganzen Auf⸗ tritts, deſſen Zeuge ſie waren, ein Geheimniß. Es hatten ſich an dieſem Tage ihrem Blicke in raſcher Abwechſelung ſo viele ſeltſame und wilde Geſtalten gezeigt, daß Eine mehr oder minder ihre Auf⸗ merkſamkeit kaum zu feſſeln vermogte. Ruth aber ſah ſich plötzlich durch die auffallenden Geberden und Worte Conanchets aus ihren traurigen Empfindungen herausgeriſſen. Eine Ahnung der Wirklich⸗ keit ſtieg in ihrer Seele auf, und ſie richtete ihre Augen lcüge, ernſt, und mit einem Ausdruck, der mit jedem wechſelnden Gefühle ihres Herzens ebenfalls wechſelte, auf die fremde Jungfrau. Mit beiden Armen hielt ſie dieſelbe von ſich, und ſchien völlig ungewiß, ob ſie ſie los laſſen, oder ihre zarte Geſtalt an ihr Herz drücken ſollte. In ihrer Erinnerung lebte noch die kleine, zarte Geſtalt eines Kindes von noch nicht acht Jahren, und jetzt ſah ſie plötzlich eine erwachſene Jungfrau vor ſich, die ſo wenig zu dem Bilde paßte, welches vor ihrem inneren Auge ſchwebte. ſeines ſeinen gut; udern. ct die r über end,— Arme als e, der Würde er hätte e, ernſt, lee ibres t beiden 3, ob ſſe n ſollte. Kindes wachſene ches vor 7 4) zittet du li gewo ſolche Stin lieben und ſich neigt Bieg dann Indi gewe aus gib Züg „Co Nar —— Indianers, den ſie als Freund, Bruder un zer zu betrachten gewohnt war. „Willſt du mir keine Antwort geben, iche Erſcheinung aus den Wäldern?« fragte Ruth von No ‚Ich bitte dich, gib eine Antwort, damit ich dich kennen le „Conanchet,“ fluͤſterte die Jungfrau en anmuthigen Zügen mehr und mehr die Sonne dero g leuchtete,— „Conanchet, komm näher! Wiſſe, Sachem deſſen Stimme Narramatta in ihren Träumen hörte, iſtr „Frau der Blaßgeſichter,« ſagte Conc Würde, indem er den Beiden näher trat und einen Blick rung und Liebe auf ſie warf,—„laß die Wolken von de tlitz ſchwinden; und du, Bluͤthe der Narreganſetts, öffne deine Der Manittu Eures Volkes redet aus Eurem Herzen! Er ſa. r Mutter, daß ſie ihr Kind erkennen ſoll.“ Jetzt konnte Ruth nicht länger zweifeln. Bewegung war ſo tief, daß ihr der Athem fehlte, einen S Freude, des Entzückens auszuſtoßen; aber ſie zog ihre an die Bruſt und umſchlang ſie mit einer ſo leidenſchaft! gkeit, als ob ſie das Herz der Wiedergefundenen mit d⸗ verſchmelzen wollte. Die Uebrigen ließen einen Laut nens und der Wonne hören. Alle traten näher, und d tzücken dieſes himmliſchen Augenblicks ließ Alle die: sgeſtandenen 1 Leiden und Gefahren vergeſſen. Selbſt de tarkmüthigen jungen Häuptlings Conanchet wurde bis in e te erſchüttert. 2 „Wer biſt du?« fragte ſie endlich mit einer Stimme, in deren zitterndem Tone alle Gefühle einer Mutter ſich ausſprachen.„Sprich, du liebliches, geheimnißvolles Weſen, wer biſt du?« Narramatta hatte indeſſen einen flehenden Blick auf Conanchet geworfen, als ob ſie bei demjenigen Schutz ſuche, von welchem ſie ſolchen zu empfangen gewohnt war. Sobald ſie aber die Töne einer Stimme vernahm, die in ihrer frühen Jugend ſo oft zärtliche und liebevolle Worte zu ihr geſprochen hatte, da wich die Angſt von ihr, und eine neue Empfindung bemächtigte ſich ihrer Seele. Sie bog ſich mit dem Ausdrucke der geſpannteſten Aufmerkſamkeit vorn über, neigte ihr Haupt ein wenig auf die Seite, damit nicht die leiſeſte Biegung dieſer rührenden Stimme ihr entgehen möge, und heftete dann ihr Auge verwirrt und entzückt auf de Geſtalt des jungen Als er die Tochter an der Bruſt der Mutter uns ſah, da hob 1 ſer die Hand auf, an welcher noch der blu er⸗ ahawk hing, Narramatta und Conanchet. 13 Bewunderung m. nd erſchrocken bedeckte ſein Antlitz, wendete ſich auf die Seite, damit Niemand die Schwäche eines großen Kriegers ſehen ſollte, und— weinte. Einundzwanzigſtes Kapitel. Sobald die erſte Aufregung der Freude und des Entzückens vorüber war, und ihr Herz ſeinen ſtillen aber inbrünſtigen Dank gegen Gott ausgeſtrömt hatte, wendete Ruth ſich wieder an ihre Tochter, und das Schimmern der Freude ſpielte auf ihrer Stirn, welche ſo lange von ſtillem aber verzehrendem Kummer in Wolken eingehüllt geweſen war. „Und du erinnerſt dich alſo deiner Kindheit wieder, meine Ruth?« fragte die Mutter.„Wir ſind deinem Herzen noch nicht gänzlich ſremd geworden? Die Natur hat noch einen Platz in deinem Herzen offen gehalten? Erzähle uns, mein Kind, von deinem Umherirren im Walde und vo en Leiden, die du bei einem fremden Volke erdulden mußteſt. tzt, wo das Unglück vorüber iſt, ſehnt man ſich darnach, de rgangene anzuhören, ſich darüber zu freuen, oder es zu beklage Die Mutter) zu einem, bis jetzt noch für ſolche Sprache taubem Ohre. M konnte wohl merken, daß Narramatta die einzelnen Worter and, aber den Geſammtſinn derſelben verhüllte ihr eine Dunkelhe die ſie weder durchdringen konnte, noch auch den Willen dazu igte. Ihr Blick, in dem ſich Vergnuͤgen und gleicher Kraft ausſprach, ruhte bald auf dem ſtrahlenden Auge der Mutter, bald auf der anchets, welcher, von einer tiefen Bewegung zuſpiele zwiſchen Mutter und Tochter beiwohnte. natta mit der Hand haſtig in die Falten ihres un umher, und zog endlich einen ſehr ſchön mückten Gürtel hervor, welchen ſie mit zittern⸗ um den Leib legte, dabei ſorgend, daß der es recht in die Augen fallen möge. Dieſer dem einfachen Weſen eine große Freude elnd blickte Narramatta umher, um in den hen Beifall zu leſen. Aber ſie begegnete nur Zoden gehefteten Blicken, und ergriff zagend chets Hand, als ob ſie bei ihm Schutz vor aolle. 8 milden, obn Li ſchönen Geſtalt ergriffen, dieſen Plötzlich fuhr Gewandes, ſuc gearbeiteten,! der Hand ihr Reichthum der Beweis der Li zu machen, u Augen der Um fraurigen auf den Uebrigen ſu Oprache ta die rhüllte d auch en und af dem uf der begung sohnte. mihres ſchöu ittern⸗ aß der Dieſer Freude n den te nur agend z vor 195 Die Schweſter des Häuptlings ſei ohne Furcht,“ ſagte Conanchet, „Sie möge ſich die Tage ihrer Kindheit erinnern, und ſie wird Diejenigen wieder erkennen, die ihr damals am liebſten waren. Narramatta braucht nicht mehr den Schutz Conanchets; dort iſt ihre Mutter.“ „Der freundliche und liebevolle Ton des jungen Haͤuptlings verfehlte ſeinen Zweck nicht, und als Ruth kam und ihr Kind wieder an ſich zog, folgte ſie ohne Widerſtreben und horchte aufmerkſam auf der Mutter Worte. „Komm näher, Narramatta,“ ſagte Contents Gattin.„Du biſt noch ſehr jung, mein liebes Kind, und dennoch hat es Gott gefallen, dich in einem wechſelvollen Leben ſchon viele Veränderungen erfahren zu laſſen. Sage mir, ob du dich der Tage deiner Kindheit entſinnſt, und ob deine Gedanken während der langen Jahre, wo unſere Blicke dich vermißten, jemals zu dem Hauſe deines Vaters zurückflogen?“« Während Ruth dieſe Worte ſprach, batte ſie ſich niedergeſetzt, und ihre Tochter kniete vor ihr in einer Stellung, die ſie als Kind ſehr häufig einzunehmen pflegte. Dieſe Stellung ſchien auch wirklich ein Fülle ſo ſüßer Erinnerungen in ihrer Seele aufzuwecken, daß ſie mit Vergnügen darin verharrte und mit einem Blicke der Liebe zu ihrer Mutter emporſah. Ibre Geberden zeigten indeß, daß ſie wenig mehr begriff, als die Zärtlichkeit, welche ſich im Ton und in der Weiſe ihrer Mutter ausſprach, und da Conanchet den Schmerz derſelben über dieſen Umſtand bemerkte, ſo ag er ſelbſt ſich an Narramatta, indem er ſie fragte:„Auch df Häupter meines Volkes waren einſt jung, und ſie erinnen Hütten ihrer Väter. Denkt meine Schweſter nicht bis wellen Zeit, wo ſie mit den Kindern der Blaßgeſichter ſpielte? Sie muß es noch wiſſen!“ Narramatta horchte geſpannt auf, und an ihren Zügen ſah man, daß es maͤchtig in ihrem Innern arbeitete. Sie warf einen verſtohlenen Blick umher, ſah Martha, ihre vorige Geſpielin, tief ſinnend wohl eine Minute lang an, und verfiel dann wieder in ein angeſtrengtes Nachdenken, wobei ſie lächelnd ihren Kopf hin und her wiegte. »„Nein, ich ſehe, du haſt uns noch nicht vergeſſen,« fuhr die Mutter fort.„Der Blick auf die Geſpielin deiner Kindheit hat mich davon überzeugt, und gewiß wirſt du uns bald wieder deine frühere herzliche Liebe zuwenden. Vielleicht erinnerſt du dich nicht? 12* ———.ͤ—„ mehr der ſchrecklichen Nacht, in welcher die Indianer dich unſeren Armen entriſſen und das Herz deiner Mutter mit den bitterſten Schmerzen erfüllten,— aber Einen gibt es, deſſen Andenken noch in deiner Seele leben muß. Hat der große Geiſt, der über den Wolken ſchwebt, der die Erde hält in ſeiner gewaltigen Hand, und mit dem Blicke der Liebe und Gnade auf Alle hinabſchaut, die ſeine Pfade wandeln, hat Er noch Raum in deinen Gedanken? Erinnerſt du dich noch ſeines heiligen Namens? Gedenkſt du noch ſeiner Allmacht?“ Narramatta beugte ihr Haupt ein wenig zur Seite, als ob ſie den ganzen Sinn des Gehörten recht klar erfaſſen wolle, und in ihren Zügen malte ſich der Ausdruck der tiefſten Ehrfurcht. Nach einer kurzen Pauſe murmelte ſie leiſe das Wort: „Manittu!“ „Manittu oder Jehovah! Gott, König der Könige, oder Herr der Herren! Das Alles ſind ſeine Namen und wenig kommt es darauf an, bei welchem er angerufen wird,« entgegnete Ruth. „Gewiß, du kennſt ihn, und haſt nie aufgehört, ſeinen Namen anzurufen.“ „Narramatta iſt ein Weib,“« lautete die Antwort.„Sie fürchtet ſich, zu dem Manittu mit lauter Stimme zu reden.“ »„Aber kennſt du denn wirklich Niemanden mehr von allen Denen, die in deiner Kindheit dich umgaben?“ fragte die Mutter, jetzt wirklich auf das Lebhafteſte von der Beſorgniß ergriffen, von ihrer Tochter t wiedererkannt zu werden.„Sage mir, wer bin ich? 4 „Na ut dich wohl! Du biſt der Geiſt, der mit ſanfter S ei Nacht zu mir redete, als ich in den Wigwams der Narraganſetts verweilte.“ „Und wer iſt dieſer?« fragte Ruth, auf ihren Gatten deutend, der mit einem traurigen Blicke auf die Jungfrau blickte. „Narramatta kennt ihn nicht!« entgegnete das Mädchen kopf⸗ ſchüttelnd. Tief ſeufzend ließ Ruth ihre Hände in den Schooß ſinken, und faſt drang ſich ihr die Ueberzeugung auf, daß ihr Einfluß auf die Seele ihres Kindes für immer vernichtet worden ſei. Selbſt C her ſchien die Hoffnung aufzugeben, daß die klängſt te ldſen e ne⸗ 4 rungen an das väterliche Haus in Narramatta's Gedächtniſſe wieder aufleben könnten; und die Uebrigen verzweifelten ganz und gar daran, 4 Jaß die Jungfrau ſich ihnen mit Liebe wieder anſchließen werde. 6½ A einem üge. Haar vetſeh und in an, Male traf Geſpi auch beina ſaͤule Freui ſteige Antl⸗ dieſe 197 Auf einmal aber überglänzte ein hoffnungsvoller Schein, gleich einem Sonnenſtrahl, das Antlitz der Mutter und erheiterte ihre Züge. Ein Gedanke blitzte in ihrer Seele auf und noch ein letztes Mittel fiel ihr ein, ihre Tochter in die Vergangenheit zurückzu⸗ verſetzen. Die Natur hatte ihr eine liebliche Stimme gegeben, und indem ſie Narramatta feſter an ſich zog, fing ſie auf einmal an, eines jener Wiegenlieder zu ſingen, mit denen ſie unzählige Male ihr Kind und Martha in den Schlaf gelullt hatte. Zufällig traf ſie eine Melodie, welche die kleine Ruth oft auch mit ihrer Geſpielin Martha geſungen; und ſobald ſie daher ihre ſüße, wenn auch ein wenig zitternde Stimme ertönen ließ, horchte Narramatta beinahe athemlos auf, und blieb unbeweglich ſitzen, wie eine Bild⸗ ſäule von Marmor. Nur in ihrem Auge zeigte ſich Leben; die Freude erglänzte darin mehr und mehr mit jedem Tone, und ſteigerte ſich bald zu einer Wonne, die ſich in jedem Zuge ihres Antlitzes, wie in ihrer ganzen Stellung ausſprach. Ruth bemerkte dieſen Erfolg; die Rührung verlieh ihrem Geſange etwas unaus⸗ ſprechlich Seelenvolles, und als ſie ſich beim zweiten Verſe auf ihr Kind niederbeugte, ſchimmerten die blauen Augen deſſelben in Thränen der Sehnſucht. Durch dieſes unverkennbare Zeichen des Gelingens ermuntert, ſetzte ſie ihre Bemühungen fort, und als Narramatta ſich dicht an ihr Herz lehnte und anfing, die Melodie mit leiſer, holder Stimme mitzuſingen, hüpfte ihr das Herz vor Wonne und Entzücken. Content und Conanchet, ſo wie die Uebrigen bemerkten dieſe Zeichen der Erinnerung mit tiefer Bewegung, aser Jeder hütete ſich, die entſcheidende Scene durch einen Laut oder eine Bewegung zu unterbrechen. Ruth ſang das Lied zu Ende und Narramatta ſang immer leiſe mit. Endlich ſchwiegen Beide. Die Jungfrau lehnte am Herzen ihrer Mutter mit halb geſchloſſenen Augen, aus denen ſich eine Thräne hervordrängte, während ein Lächeln ihren lieblichen Mund umſpielte. Plötzlich richtete ſie ſich auf, ſchlang die Arme um Ruths Hals, preßte ſie feſt an ſich und fragte ganz in dem Tone der früheren kindlichen Liebe: „Mutter, wo iſt Martha, meine Schweſter?« Ein allgemeiner Schrei des Entzückens ertönte, denn jetzt, das ſahen Alle, war der Sieg gewonnen. Martha flog an Narramatta's Bruſt und küßte die Wiedergefundene unter Freudenthränen. Con⸗ tent umſchlang ihre zarte Geſtalt mit dem Arme, Marcus, ihr Bruder, drückte ihre Hand, und der alte Puritaner erhob dankend 4 Stamme der Narraganſetts dazu bewogen, gab er nach, ut K N Augen und Hände zum Himmel und pries die Güte des Herrn in einem lauten feurigen Gebete. Narramatta oder Ruth, wie ihr eigentlicher Name lautete, erinnerte ſich jetzt, wo einmal das Eis gebrochen war, aller der vormals bekannten und vertrauten Geſtalten wieder, und neue und immer neue Erinnerungen tauchten in ihrer Seele auf, die mit Lebhaftigkeit ausgeſprochen, und mit Entzücken vernommen wurden. Plötzlich aber überzog ein tiefer Ernſt Narramatta's Geſicht und ſie flog auf Conanchet zu, welcher ſtill und ſchweigend bei Seite ſtand und mit gerührtem Blick auf die glückliche Familie hinüberſchaute. d„Aber wird mein Bruder ſeine Schweſter verlaſſen, nachdem ſie Bater und Mutter wiedergefunden hat?« fragte ſie, indem ſie lebhaft Conanchets Hand ergriff. Conanchet lächelte.„Der Haͤuptling der Narraganſetts wird mit ſeinen Kriegern in die Wälder gehen, aber er wird Narra⸗ matta nicht aus den Augen verlieren,“ lautete die Antwort.„Die Aeltern der weißen Blüthe bedürfen des Schutzes. Conanchet wird ſeinen Arm vor ſie halten, und kein rother Mann wird jemals ihre Ruhe wieder ſtören. Sie waren freundlich gegen Conanchet, als der junge Adler in ihren Gehägen gefangen war. Conanchet hat es nicht vergeſſen. Er hütete die weiße Blüthe und gab ſie der Mutter zurück. Er wird ſie auch in Zukunft behüten, und ſich nicht weit von ihr entfernen. Es iſt Raum in den Wäldern neben dem Thale Wish⸗ton⸗Wish, und unter den Baͤumen wimmelt es von Wild. 3. Conanchet wird dich nicht verlaſſen!“ Eine ſkrahkende Freude verklärte bei dieſen Worten des Jüng⸗ lings die Züge Narramatta's, und von neuer Wonne erfüllt kehrte ſie in die Arme ihrer Mutter zurück. Conanchet aber wendete ſich ab, und entfernte ſich mit raſchen Schritten, um ſich zu Metacom, dem Häuptlinge der Wompanoags, zu begeben, welcher ſich mit ſeinen Kriegern nicht weit von den Trümmern des ehemaligen Blockhauſes aufgeſtellt hatte. Eine ernſte Unterredung zwiſchen den beiden Häuptlingen folgte. Metacom ſchien anfänglich dem Willen Conanchets zu widerſtreben. Endlich aber, vielleicht durch die Ueberzahl der Krieger aus de — ſchie d voon ſeinem bisherigen Bundesgenoſſen, um in die düſteren Wälde ſeiner Heimath zurückzukehren. Conanchet ſah ihm nach, bis der letzte ſeiner Krieger in den Schatten der Bäume verſchwand, und Bn 1 rey Control Chart Green Vellow Hed Magenta