1 1 „ Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ofkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe Piiterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. b f1 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt:* für ichentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ——— „——— Die Dorf⸗Plage von V Hendrik Conſcience. Aus dem Flaͤmiſchen Tf 4 von A Dr. Auguſt Scheler. . 2 C. Mit 4 Original⸗Illuſtrationen 1 von J. Bertou. Autoriſirte Ausgabe. Brüſſel und Heipzig. Verlag von Auguſt Schnee. 3 4 1855. Zwe 3 einem No zuruͤc ſten des indeſſen und es l befanden, *) mauern v St. Tron Die Dorfplage. J. Zwei ſchlichte, ſonntaͤglich gekleidete Landbewohner kehrten an einem Nachmittag von der benachbarten Stadt nach ihrem Dorfe zuruͤck. Die Landſchaft, die ſie durchwanderten, war eine der ſchoͤn⸗ ſten des Hagelandes.*) Die Straße ſchlang ſich, quer durch den braunen Eiſenſtein gehauen, neben einem Huͤgelruͤcken in wun⸗ derſamen Wellenlinien uͤber Hoͤhen und Tiefen dahin, bis zu dem kleinen Kreuze mit dem vergoldeten Hahn, das in der Ferne aus dem dunklen Laubwerk hervor glaͤnzte. An der einen Seite des Weges erhob ſich die ſteile Felſenwand, deren dunkle Farbe mit dem lieblichen Gruͤn uͤppigen Brombeergeſtraͤuchs bedeckt war, und welche die Ausſicht nach dieſer Richtung verſperrte... Zuweilen indeſſen ſenkte ſich der Boden zu einem reich bepflanzten Thale und es ließ ſich von der Hoͤhe, auf der ſich unſere Wanderer befanden, mit einem einzigen Blicke die ganze weite Strecke uͤber⸗ *) Hageland heißt ein Strich in Belgien, der, unter den Stadt⸗ mauern von Aerſchot und Dieſt beginnend, ſich ins Limburgiſche, uͤber St. Trond und Thienen(Tirlemont) erſtreckt. Oberhalb Aerſchot iſt die Gegend am reizendſten. Die Dorfplage. 2 ſchauen. Ein ſchoͤnes Schauſpiel gewaͤhrte es beſonders, in der Ferne die Tannenwaͤlder, gleichſam uͤber einander geſtapelt, an den Huͤgelwaͤnden ſich hinauf⸗ und hinabbreiten, und in immer ſchwaͤcherem Farbenton, ihr ſaftiges Gruͤn allmaͤlig mit den Duͤnſten des Horizontes in ein nebelhaftes Grau verſchwimmen zu ſehen. Auf der andern Seite des Weges hatten die Gewitterregen ein breites Bett aufgewuͤhlt, hinter welchem eine weite Flaͤche wohlbebauter Felder ſich erſtreckte, deren regelmaͤßige Furchen bis an den Abhang einer andern Huͤgelreihe fortliefen und dort als bunte Teppiche von den Ruͤcken der Berge herabzuhaͤngen ſchienen. Es war Herbſtzeit; die Spaͤtſonne glaͤnzte mit hoͤherer Gluth am wolkenloſen Himmel und ſpielte in den mannichfal⸗ tigſten Schattirungen mit den bunten Farben des halbverwelkten Laubes. Obgleich ihr Licht noch in voller Klarheit ſtrahlte, ver⸗ kuͤndigte bereits am Fuße der fernen Waͤlder der zarte Purpurton, daß die Luft kaͤlter wurde als die Erde, und die Abendnebel aufſtiegen. „Von den Anhoͤhen, uͤber die ſie der Weg fuͤhrte, konnten die zwei Wanderer Stunden weit blicken und des praͤchtigen Ge⸗ maͤldes genießen, das die ſtille Herbſtnatur vor ihren Augen entrollte, aber ſie ſchienen es kaum zu beachten und wanderten ſchweigſam ihre Straße fort. Der eine war ein alter Mann mit grauem Haare und tief gefurchtem Geſicht. Obſchon von den Jahren gekruͤmmt, ſchritt er noch leichten Trittes dahin und bedurfte kaum des Knoten⸗ ſtockes, der ihm an einer ledernen Schnur von der Fauſt hing. Auch ſeine Augen blickten helle und der ruhig ernſte Ausdruck, der übe Willens Ein theilweiſ berrock In Altare Sorgſau Theil S ſeit jene dann al ſchaͤften Sei Kraft al mitze hit braunen ten Hals Kittels. ein ſuß die er z zens un Au ladenen tig und junge B manche 2 e G Haupte, chritt oten⸗ 3 der uͤber ſeinen Zuͤgen lag, zeugte noch von Gemuͤthsſtaͤrke und Willensfeſtigkeit. Ein grober Filzhut aus dem vorigen Jahrhundert verbarg theilweiſe ſein Silberhaar und ein nicht minder altmodiſcher Ue⸗ berrock hing ihm faſt bis an die Ferſen herab. In demſelben Anzug hatte der gute Mann einſt vor dem Altare gekniet, als er ſeiner Bethe die ewige Treue gelobte. Sorgſam hatte er ihn geſchont, denn derſelbe hatte ihn ein gut Theil Silberſtuͤcke gekoſtet.... Sechsundzwanzig Jahre waren ſeit jenem Hochzeitmorgen verſtrichen und noch holte er ihn nur dann aus dem Schrein, wenn er zur Kirche ging oder in Ge⸗ ſchaͤften ſich nach der Stadt begeben mußte. Sein Begleiter war ein junger Geſell, dem Geſundheit und Kraft aus dem friſchen Geſichte ſtrahlten. Eine huͤbſche Tuch⸗ muͤtze hing ihm uͤber dem linken Ohr und uͤppig wallten die braunen Locken uͤber die Schultern herab. Die Zipfel einer bun⸗ ten Halsbinde bedeckten zierlich den Bruſtſchlitz ſeines feinen blauen Kittels. Es leuchteten ihm die Augen von ſtiller Lebensluſt, ein ſuͤßes Laͤcheln umſchwebte den Mund und die fluͤchtigen Blicke, die er zuweilen um ſich warf, verriethen die Einfalt ſeines Her⸗ zens und das volle Vertrauen, womit er die Zukunft erwartete. Auf der rechten Schulter trug er an einem Stock einen be⸗ ladenen Korb; die Hand, womit er den Stock hielt, war maͤch⸗ tig und breit, und die ſchwieligen Finger bezeugten, daß der junge Bauer, der eben erſt zum Manne herangereift war, ſchon manche ſchwere Arbeit beſtanden habe. Seit einiger Zeit ſchritt der alte Mann mit geſenkterem' Haupte, als er zu thun pflegte, dahin. Offenbar hatten ernſt 4 1* 4 Gedanken ſeinen Geiſt ergriffen, und der haͤufige Wechſel ſeines Ausdrucks ließ auf Kummer und angſtigende Sorgen ſchließen. Wohl war ſeinem Gefaͤhrten dieſe duͤſtere Stimmung nicht entgangen und mit einer ſtillen Theilnahme, die von Achtung und Ehrerbietigkeit zeugte, ſuchte er auf dem Geſichte des Alten die Urſache dieſer traurigen Gemuͤthsbewegungen heraus zu leſen. Als ob der Zug ſeiner Gedanken ihn endlich zu einem Schluſſe gefuͤhrt haͤtte, ſprach endlich der Greis mit nachdruck⸗ vollem Tone:— —„Ja, Lukas, mein Sohn, wolhl iſt es ſo, wie zuweilen unſer alter Paſtor ſcherzend ſich ausdruͤckt:— Als der Teufel ſah, daß er nicht mehr genug Seelen zu fangen im Stande ſei, da verwandelte er ſich in Branntwein und ſeitdem iſt die Hoͤlle zu klein.“ —„Wie kommt Ihr darauf, Vater?“ fragte der Juͤng⸗ ling verwundert. Aber der Alte ließ ſich in ſeinem Gedankengange nicht ſtoͤ⸗ ren, und fuhr fort, mit einem Ausdrucke der Verachtung: —„Was kann es aber auch fuͤr ein veraͤchtlicheres Ge⸗ ſchoͤpf auf der Erde geben, als den Trunkenbold? Traͤge und ſorglos laͤßt er ſeine Felder entweder unbeſaͤet liegen, oder das Unkraut darin ungehemmt ſeine Saaten erſticken; ſchamlos ſieht er ſeine Sachen immer bedenklicher ruͤckwaͤrts ſchreiten und ver⸗ zehrt in elender Schlemmerei das Wenige, das er erworben. Frau und Kinder quaͤlen ſich ab in Angſt und Verdruß, leiden Hunger und Durſt und ſehen die bitterſte Noth drohend vor der Thuͤre ſtehen. Er unterdeſſen ſchlendert herum, laͤrmend, fluchend und ſingend, zur Schande des ganzen Dorfes. Im Taumel ſeines ſtuͤrmiſchen Uebermuthes hofft er der nagenden gewiſſn ſowohl— vom Be ner ung ſeeht, je erfiehen ſen Ged in guten denke, ſe Der rungen Dieſer nen gett brochen. bei eine Ohm, mich zur geworden dem Kr Nichts Gulden. Gott ſe mälig ſ ziemlich nes Hdh vor mend, 3 Im genden 5 Gewiſſensbiſſe Meiſter zu werden, verliert dabei aber am Ende ſowohl ſeine arme Seele, als den Verſtand. Und ſo geht es vom Boͤſen zum Schlimmern fort, bis er ſich endlich mit ſei— ner ungluͤcklichen Familie auf den Bettel zu gehen gezwungen ſteht, ja vielleicht an der Thuͤre deſſelben Hofes ein Stuͤck Brod erflehen muß, den ſein Vater mit ſaurem Schweiße zum ſchoͤn⸗ ſten Gedeihen gebracht hatte, um ihn dem undankbaren Sohne in gutem Stande zu hinterlaſſen. Sieh, wenn ich nur daran denke, ſo kocht mir das Blut in den Adern. Elende Tagediebe!“ Der Juͤngling blickte verdutzt auf ſeinen Vater, deſſen Aeuße⸗ rungen er in ihrer naͤchſten Urſache immer noch nicht begriff. Dieſer aber fuhr fort: —„Sieh meine Haͤnde, Lukas, ſieh mein Geſicht und mei⸗ nen gewoͤlbten Ruͤcken. Vor den Jahren bin ich alt und ge⸗ brochen. Gar fruͤh war ich eine Waiſe, meine Eltern hatten bei einer Feuersbrunſt beide den Tod gefunden, und auch mein Ohm, der gute Mann, der ſich damals meiner annahm und mich zur Schule ſchickte, ſtarb, da ich eben dreizehn Jahre alt geworden. Da wurde ich Knecht auf dem großen Hof hinter dem Kreuzberg. Als ich deine Mutter heirathete, beſaßen wir Nichts als eine Ziege und einige an unſerem Tagelohn erſparte Gulden. Aber wir haben wacker geſchafft und geſorgt, und Gott ſegnet immer die ruͤſtige Arbeit. So haben wir es all⸗ maͤlig ſo weit gebracht, daß wir ein Pferd, vier Kuͤhe und ein ziemliches Stuͤck Land in Pacht beſitzen, und dabei noch ein klei⸗ nes Haͤufchen Geld fuͤr die boͤſen Zeiten im Ruͤckhalte haben. Es wird wohl auch einmal ein Kreuzchen uͤber meinem Grabe auf dem Kirchhofe ragen— aber nicht wahr, Lukas, du wirſt dir es nie aus dem Sinne ſchlagen, daß Alles, was ich dir 6 zuruͤckgelaſſen, die muͤhſame Frucht meiner Arbeit, der wohl⸗ verdiente Lohn meines Schweißes war; daß dein Vater und deine Mutter Mangel gelitten und ſich zu Tode gearbeitet haben, um dir zu deinem Beſitzthum zu verhelfen. Nicht wahr, du wirſt es treulich pflegen, dieſes koſtbar errungene Beſitzthum, es ver⸗ mehren, es mit Umſicht verwalten, als ein theures Andenken unſerer treuen Liebe?“ Der herzliche Ton dieſer Worte ruͤhrte den jungen Bur⸗ ſchen faſt zu Thraͤnen. Mit ſanfter Wehmuth erwiederte er: —„Lieber Vater, was ſagt ihr denn? Ihr irrt euch; habe ja bei Baes*) Anton doch hoͤchſtens ein einziges Glas Dieſter⸗Bier getrunken!“ Da griff ihn der Alte bei der Hand und ſagte: —„Oh, meine Rede geht nicht auf dich, Lukas; Gott ſei es gedankt, du biſt brav und arbeitſam, und deine Guͤte, deine Tugend iſt mir ein theurer Lohn fuͤr meine Muͤhen. Wenn du einmal alt und von der Arbeit aufgerieben, gebuͤckt unter der Laſt deiner Jahre einhergehſt, dann ſollſt du es auch em⸗ pfinden, mein Sohn, wie troſtvoll es iſt, zu wiſſen, daß einem der Segen des Schweißes nach dem Tode nicht von unwuͤr⸗ digen Kindern vergeudet wird.“ —„Aber, Vater, ich werde nicht klug aus euren Wor⸗ tten“, ſagte der Sohn;„es liegt euch etwas auf dem Herzen; agt es doch lieber heraus.“ —„Ach, es wuͤrde dir gar zu wehe thun, Lukas.“ —„Mir?— was mag das ſein?“ „Nun, fruͤher oder ſpaͤter, erfaͤhrſt du's doch; alſo — *) Baes iſt der vlaͤm. Ausdruck fuͤr Schenkwirth. ) hrauche No der Staers die Thi lichen hat freil Vater holte L man de und wir igen? verkauft Saͤufer Jahre, hat. um virſt ver⸗ denken * B B te er euch Glas Gott Gi 2 einem 8₰ alſo 7 brauche ich nicht laͤnger damit einzuhalten. Weißt du, was mir der Notar unſeres Grundbeſitzers heute geſagt hat?— Bauer Staers wird morgen oder uͤbermorgen von Gerichtsdienern vor die Thuͤre ſeines Hofes geſetzt werden!“ „Himmel! und Clara?“ rief der Junge mit ſchmerz⸗ lichem Erſtaunen. —„Ja, Clara, die arme Clara“ verſetzte der Greis.„Sie hat freilich ſolch elendes Loos nicht verdient, aber ſie muß ihrem Vater folgen, wohin ſich dieſer auch wenden mag....“ „Bauer Staers aus ſeinem Pachte getrieben?“ wieder⸗ holte Lukas mit Zittern.„Es iſt nicht moͤglich; was kann man denn gegen ihn haben?“ —„Den vorjaͤhrigen Pachtzins iſt er noch immer ſchuldig, und wir ſind ſchon faſt im Oktober.“ „Aber er beſitzt ja ſelbſt ein huͤbſches Stuͤck Land zu eigen?“ „Zwei Jahre lang war es verpfaͤndet und iſt laͤngſt verkauft“, antwortete der Alte. „Er iſt doch einſt reich geweſen?“ „Das gerade nicht, aber wohlhabend, und haͤtte er beſſer Haus gehalten, er waͤre am Ende auch reich geworden, denn er hat viele gute⸗Bauernjahre erlebt.“ —„Was iſt denn aus ſeiner vaͤterlichen Erbſchaft gewor⸗ den? ſo viel kann doch ein Menſch nicht vertrinken!“ —„Das ſcheint dir ſo, Lukas; aber die Kehle eines Saͤufers iſt ein bodenloſes Faß und es bedarf keiner fuͤnfzehn Jahre, um weit mehr zu verthun, als Bauer Staers je beſeſſen hat. Ich will dir nun erzaͤhlen, wie es mit ihm gegangen iſt; 3 es wird uns Kurzweil geben und kann dir dabei zur Warnung dienen, mein Sohn.... Von anderen Empfindungen beherrſcht, wollte Lukas noch einige Bemerkungen machen, aber der Vater ließ ihn nicht zum Worte kommen und begann: —„oͤre nun und unterbrich mich nicht.— Jan Staers' Eltern waren Leute, bei denen es nicht knapp herging: ſte be⸗ ſtellten ihre Felder vortrefflich und ſcheuten keine Arbeit, aber im Verſtande ſah es nicht ganz richtig bei ihnen aus und die guten Leute bildeten ſich etwas mehr ein, als es Bauersleuten anſteht. So ſollte denn auch ihr geinziger Sohn, nicht wie ſie, hinter dem Pfluge einhergehen; in der Stadt ſollte er wohnen und den Herrn ſpielen. Sie ſchickten ihn in eine Schule, wo Doktoren und Advokaten gebildet werden, aber nach zwei Jah⸗ ren wurde Jan des Lernens muͤde und wollte lieber ein Bauer wer⸗ den, indem er dachte, es ſei doch viel angenehmer, einer Wirth⸗ ſchaft vorzuſtehen, als ſich in der weiten Welt eine unſichere Exiſtenz zu ſuchen. So weit ging es noch an... aber anſtatt ihren Sohn an die Arbeit zu gewoͤhnen, ließen ihn die Eltern ganz nach ſeiner Laune ſchalten und ſteckten ihm viel zu viel Geld in die Taſche.— Die Gelegenheit macht Diebe, ſagt das Sprichwort, und Muͤßigang iſt aller Laſter Anfang, ſagt unſer alter Paſtor. Ganze Tage lang wußte Jan nicht, wohin er ſeinen Koͤrper herumſchleppen ſollte. So lief er ins Wirths⸗ haus, zuerſt aus langer Weile, dann aus Gewohnheit; Anfangs trank er ein einziges Glaͤschen, aber daraus wurden bald zwei, drei und noch mehr. Die Wirthe natuͤrlich behandelten ihn achtungsvoll und ſchmeichelten ſeinem Hochmuthe, und ein Troß von gierigen Speichelleckern, deren es leider gar viele auf un⸗ ſerel um Men Trun ihrem leute unſere noch zum gers be aber die euten 1 ſie, 3 SßB Kwlle wo — Fah wer . rth here iſtatt r viel 3 1 2 9 ſerem Dorfe giebt, begleitete ihn auf jedem Tritt und ruͤhmte, um damit ſeine Zechfreiheit zu erkaufen, Alles, was der junge Menſch that oder ſagte. Kurz Jan Staers war allmaͤlig ein Trunkenbold geworden, ehe er ſelber, geſchweige denn ſeine El⸗ tern, es ahnte. Da ließ er ſich in eine Bekanntſchaft ein mit der Tochter aus dem blinden Pferd, einem kleinen Wirths⸗ haus, das fruͤher dort hinter dem Huͤgel ſtand. Seine Trauung geſchah an demſelben Tage, als die meinige, und es iſt jene Hochzeit die einzige Gelegenheit, bei der ich je einen andern um ſeinen Wohlſtand beneidet habe. Staers' Braut war ſchoͤn in Seide und Sammt aufgeputzt und er ſelber hatte ſich in der Stadt einen feinen Rock machen laſſen, nebſt einem Hute, der wie ein Spiegel glaͤnzte. Sie ſahen aus, als ob ſie die Herren des Dorfes waͤren, waͤhrend ich mit den Kleidern, die ich jetzt noch am Leibe habe, und meine arme Bethe, deine Mutter, mit ihrem kattunenen Mieder und ihrem geſtreiften Rocke, wie Dienſt⸗ leute des Bauern Staers daneben ausſahen. Da habe ich es unſerem Herrgott vor dem Altare gelobt, daß ich raſtlos ar⸗ beiten wuͤrde, bis meine gute Bethe auch in beſſeren Kleidern zur Kirche gehen koͤnne... und ich habe Wort gehalten.... Aber ich vergeſſe weiter fortzufahren in der Geſchichte des Jan Staers... Du magſt daraus lernen, Lukas, daß es wahr iſt, wenn es heißt: Wer einmal ein Sklave des Trunkes ge⸗ worden, hat ſeine Seele dem Teufel verkauft... Im An— fange ſeines Hausſtandes verhielt ſich Jan ziemlich anſtaͤndig und. arbeitete wohl auch zuweilen auf dem Felde und wir glaubten alle, er habe mit dem Junggeſellenleben auch ſeine ſchlimme Lebensart abgeſtreift; aber es dauerte nicht lang und man ſah ihn wieder im Wirthshaus und wenn er auch maͤßi⸗ ——ö— — ger trank, ſo gluͤhten ihm doch manchmal die Backen und leuchteten ihm in nicht natuͤrlicher Weiſe die aufgelaufenen Au⸗ gen... Seine Eltern ſtarben in demſelben Jahre kurz nach⸗ einander und Jan wurde Paͤchter auf dem ſteinernen Hofe. Da er ſeines Vaters Kaſſe wohl verſehen fand, duͤnkte er ſich jeder Sorge fuͤr die Zukunft enthoben und fing an, ſeine Ar⸗ beit immer mehr zu verſaͤumen, um ſeiner Trinkluſt zu froͤh⸗ nen. Ob er ſeine Frau mißhandelte, weiß ich nicht; gewiß iſt, daß ſte von Tag zu Tag mehr abzehrte und Jedermann ſagte ſich, es muͤſſe dies nicht von allzu behaglichem Lebensge⸗ nuſſe herruͤhren.— Jan ging damals noch von Zeit zu Zeit zur Kirche. Eines Sonntags aber ſtellte der Paſtor ein Gleich⸗ niß auf von einer aus Lehm gebauten Huͤtte, die mit der Zeit einen ſteinernen Pachthof aufgezehrt hatte. Die Huͤtte, ſagte er, bewohnte ein arbeitſamer, rechtſchaffener Mann; der Paͤchter des ſteinernen Hofes hingegen war ein leichtſinniger Saͤufer. Da nun unſer Haͤuschen— das zu jener Zeit noch aus Lehm beſtand— nicht weit von ſeinem Hofe lag, glaubte Jan Staers, das Gleichniß des Paſtors ſei auf ihn und mich gemuͤnzt geweſen, und wurde ſo ſehr auf mich erbittert, daß er mich ſeitdem nur mit haͤmiſchem Auge anſah. Unter ſeinen ſaubern Geſellen heißt er mich einen Grillenfaͤnger, einen Haar⸗ klauber, einen Knauſer, einen Splitterrichter u. dgl..... aber was kuͤmmert's mich; weiß ich doch, daß der nur ungluͤcklich genannt werden muß, der von ſchlechtem Geſindel ſich ruͤhmen hoͤrt.— Aber ich komme wieder von meiner Erzaͤhlung ab... Ich habe dir naͤmlich noch kurz zu berichten, was du zum Theil ſelbſt mit angeſehen haſt. Als Jan bemerkte, daß es mit ſeinem Wohlſtand gewaltig bergab ging, wollte er ihm da liefen arme Kuh noch dara ſtatt ich hoden kuͤmn dern eine Menſ Staer koͤnn nes iſt 1 gen nehu geht Troͤp Verb 11 u⸗ mit gewagten Unternehmungen wieder aufhelfen. Er legte ei⸗ b nen Getreidehandel an, aber da er immer noch zu tief ins . Glaͤschen guckte, iſt ihm der Handel auch nicht ſonderlich ge— 3 lungen und in kurzer Zeit ſah er ſich um ſeinen letzten Stuͤ⸗ ber gebracht. Nach ſechs Jahren ſtarb ſeine Frau und von da ab iſt er vollens ins Elend gerathen; Knecht und Magd — liefen davon; die Felder blieben brach liegen oder wurden an arme Leute vermiethet, die Kartoffeln darauf pflanzten; eine Kuh nach der andern wurde verkauft, ſo daß er am Ende nur noch eine einzige uͤbrig behielt. Auch ſein letztes Pferd ging darauf. Denke dir, Lukas, eine einzige Kuh fuͤr einen ſo ſtattlichen Hof! Der Gedanke thut mir faſt ſo weh, als wenn ich von mir ſelber redete. Wir, die wir auf magerem Sand⸗ boden vom Morgen bis zum Abend uns abmuͤhen, um einige kuͤmmerliche Fruͤchte zu erringen, muͤſſen auf den fetten Fel⸗ dern des Nachbars das Unkraut wuchern ſehen! Es iſt dies och eine Schande, behaupte ich, eine Schande vor Gott und der bte Menſchheit.... So begreift ſich's, daß, wie geſagt, Jan Staers im vergangenen Jahre ſeinen Zins nicht hat entrichten koͤnnen; unſer Grundherr, der ihn lange geſchont hat um ſei⸗ nen nes ſeligen Vaters willen, hat endlich die Geduld verloren und ar⸗ iſt auf dem Punkte, kurzen Prozeß mit ihm zu machen. Mor⸗ ber gen ſollen die Gerichtsdiener Alles auf dem Hof in Beſchlag nehmen und den Schlemmer auf die Straße ſetzen... So ien geht es den Saͤufern, mein Sohn; den Anfang macht ein Troͤpfchen Branntwein; aber das Ende iſt der Bettelſack, das um Verbrechen oder noch etwas Aergeres!“ es Der Juͤngling hatte auf dieſe Erzaͤhlung mit einer unwill⸗ m 12 kuͤhrlichen Zerſtreutheit gehorcht. Als nun der Greis zu ſpre⸗ chen aufgehoͤrt, fragte er: —„Seid ihr zu Ende, Vater?“ „Ja, Lukas; und du weißt nun, was mich ſo truͤb⸗ ſinnig ſtimmte?“ —„Weiß denn der Bauer Staers, welches Ungluͤck ihm droht?“ „Gewiß; es iſt ein Urtheilsſpruch gegen ihn erlaſſen worden. Dennoch hat man ihm bis geſtern noch Zeit gelaſ⸗ ſen, um zu bezahlen. Aber was hat er geſtern und vorgeſtern gethan? von einer Kneipe zur andern iſt er geſchlendert, was nicht gerade das paſſendſte Mittel iſt, um ſich Geld zu ver⸗ ſchaffen...“ Beide ſchwiegen eine Weile und ſchritten nachdenklich fort. In einiger Entfernung vor ihnen ſtand auf einer kleinen An⸗ hoͤhe neben der Straße ein ſteinernes Kreuz, wie man deren zur Erinnerung an ein geſchehenes Ungluͤck zu errichten pflegt. „Auf dieſem Kreuze ſteht zu leſen,“ ſagte der Va⸗ ter,„daß ein gewiſſer Petrus Darinckrx an dieſer Stelle ums Leben gekommen. Der ruchloſe Moͤrder war der Branntwein. Das Ungluͤck geſchah, als dieſe Straße noch nicht ausgehauen war und dort unten noch große Steinbloͤcke lagen. Da nun Darineckr in dem Wirthshauſe hinter dem Huͤgel dort ſeine Vernunft zuruͤckgelaſſen hatte, iſt er in der dunkeln Nacht von dieſem Abhang mit der Stirne auf die Steine geſtuͤrzt. Gott iſt barmherzig; aber doch beklage ich ſeine arme Seele...“ Mit geſenktem Haupte wandelte der Juͤngling an ſeines Vaters Seite dahin, ohne ſonderlich auf ſeine Rede zu merken; dem Alten entging der bittere Verdruß, der ſeinen Sohn er⸗ Mitlel und 1 ihr 2 — aber a Vmnf Mädch 1 N —†„ ₰ 4 asägfgge A 22 13 fuͤllte, nicht und er betrachtete dieſen mit tief empfundenem Mitleiden. Auf einmal rief der junge Bauer, den Kopf aufrichtend und mit kraͤftigem Tone: —„Aber Clara, die unſchuldige Clara, was wird aus ihr werden?“ —„Ich habe wohl auch an ſie gedacht, mein Sohn; aber ich ſehe nichts als Elend und Drangſal fuͤr das arme Maͤdchen...“ „Elend und Drangſal!“ erwiederte ſchmerzlich Lukas. „Vater, duͤrfte ich euch doch herausſagen, was mir auf dem Herzen liegt! Aber ich wage es nicht; ihr moͤchtet boͤſe dar⸗ uͤber werden, fuͤrchte ich.“ —„Ich kann mir wohl denken, was dich druͤckt und es thut mir leid genug um dich mein armer Lukas, aber Gott hat es einmal ſo geſchickt und du mußt dich geduldig in ſei⸗ nen Rathſchluß fuͤgen.“ —„Wie, ihr wiſſet, was ich meine?“ ſtammelte der Juͤngling mit Erroͤthen,„Niemand auf Erden weiß es ja; Nie⸗ mand... als die Mutter allein und die hat mich nicht darum geſcholten, im Gegentheil...“ Einige Falten zogen uͤber die Stirne des Greiſes. —„Nein, Vater, laßt es euch nicht verdrießen,“ bat Lukas.„Es hat ſich dies Gefuͤhl nach und nach in meine Seele geſchlichen, ohne mein Wiſſen und Wollen. Zuerſt war es nur Mitleiden; ich konnte doch das ungluͤckliche Schaf, ſo ſchoͤn und ſo zart, nicht allein den Garten des Hofes beſor⸗ gen, den Acker umgraben und duͤngen und vom Morgen bis zum Abend eine Arbeit verrichten ſehen, vor der ſelbſt ein 14 Mann erſchrecken muͤßte. So habe ich ihr denn in der Ab⸗ weſenheit ihres Vaters und wenn es zu Hauſe wenig zu thun gab, geholfen und ihr das Tagwerk erleichtert. Aus ihrer Dankbarkeit und meinem Mitleiden iſt aber mit der Zeit ein anderes Gefuͤhl rege geworden, das ich bisher mit Ausnahme der Mutter vor Jedermann verborgen hielt... Aber der Ge⸗ danke, daß man Clara vom Hofe vertreiben und brodlos auf die Straße werfen will, durchbohrt mir das Herz und macht mich kuͤhn genug, um euch etwas zu ſagen, Vater, das mir ſonſt nicht leicht uͤber die Lippen gekommen waͤre.“ Mit geſchwaͤchter Stimme und zur Erde blickend murmelte er unter ſchwerem Seufzer: „Vater, ich liebe Clara!“ Nach einer Pauſe fragte der Alte wie in Gedanken ver⸗ ſunken: 3 „Haſt du es ihr je geſagt, Lukas?“ —„Nein, niemals!“ fluͤſterte der Juͤngling. „Wie kannſt du dann wiſſen, ob ſie fuͤr dich daſſelbe Gefuͤhl hegt?“ —„Das weiß ich freilich nicht, Vater,“ antwortete Lu⸗ kas mit voͤlliger Niedergeſchlagenheit,„aber ihre Augen, ihre Stimme, ein unbeſchreiblicher Ausdruck in ihrem ganzen We⸗ ſen, etwas Geheimnißvolles, als ob unſere Seelen in eine ver⸗ ſchmolzen waͤren..... 4 7 „Sei nicht gar ſo muthlos, Lukas,“ ſagte der Greis mit ſanftem Tone,„ich wußte es laͤngſt ſchon; und haͤtte ich Arges darin geſehen, ſo wuͤrde ich gleich Anfangs ein Hinder⸗ niß in den Weg gelegt haben. Das Unkraut, wenn es wirk⸗ *„ ———,— lich l man „Jetzt begreif rende krank! immert gutes, zu thl Schale Stůͤbel Aber, Erde. ſchlotte 15 lich Unkraut iſt, muß zeitig ausgejaͤtet werden, ſonſt wird man ſeiner nicht mehr Meiſter.“ „Dank, Vater, fuͤr eure Guͤte,“ rief der Juͤngling. „Jetzt aber muͤßt ihr meine Angſt und meinen Schmerz wohl begreifen. Clara von Haus und Hof gejagt, Clara, eine ir⸗ rende Bettlerin! Das kann doch nicht ſein, Vater; ich wuͤrde krank und ſchwindſuͤchtig daruͤber werden!“ —„Nein, nein, Lukas, ſo arg iſt es noch nicht; aber immerhin verſtehe ich deinen Verdruß recht gut. Clara iſt ein gutes, fleißiges Kind; und waͤre es mir moͤglich, etwas fuͤr ſie zu thun, wuͤrde ich— der Geizhals, der Haarklauber, der Schalenbeißer— es nicht unterlaſſen, und ſollten auch einige Stuͤber aus der Mutter Sparhafen dazu genommen werden. Aber, wenn ich ihr Geld gaͤbe, wuͤrde es ihr Vater bald in die Hand kriegen und es ins„Wirthshaus ſchleppen...“ „Ein Almoſen!“ ſeufzte der Juͤngling mit Ver— zweiflung. —„Mein Schweiß, der Schweiß deiner Mutter ſollte dazu dienen, um Branntwein zu bezahlen? Niemals!“ —„Es bleibt noch ein anderes Mittel, Vater.“ „Ein anderes Mittel? Laß hoͤren.“ Der Juͤngling ſchwieg und ſenkte den Blick verſchaͤmt zur Erde. Es ſchien dem Alten, als ob ſeinem Sohne die Beine ſchlotterten und er an einer heftigen Gemuͤthsbewegung litte. —„Iſt denn das Mittel ſo gar ſchrecklich, mein Sohn,“ fragte er,„daß du es nicht auszuſprechen wagſt?“ „Wohlan, es muß heraus!“ rief der junge Bauer, als haͤtte er einen verzweifelten Entſchluß gefaßt. 16 Aber er verfiel aufs neue ins Schweigen und erſt nach einer Weile ſagte er mit ſtiller, bewegter Stimme: „Ach Vater, ſeid nicht boͤſe auf mich, ich werde mich eurem Willen unterwerfen, und ſollte mich die Achtung, die ich euch ſchulde, vor der Zeit ins Grab fuͤhren... Hoͤrt aber immer, was ich euch nun erzaͤhlen will. Es hat mir in der Nacht geträumt; nicht geſtern, ſondern es iſt ſchon ein Monat daruͤber verſtrichen. Ich hatte des Abends zuvor fuͤr Clara einige Ruthen Land geackert und die Arbeit hatte mich ſehr ermuͤdet...“ —„Nun, es braucht nicht ſo viele Umſchweife. Was war's fuͤr ein Traum?“ —„Ein gar ſchoͤner. Noch ſehe ich euch, Vater, in der Ecke des Kamins mit eurem Pfeifchen im Munde ſitzen, lachend und luſtig, als wie der reichſte Menſch... und die Mutter ſang gemuͤthlich unter dem Spinnen„Wo kann man froher ſein?“ Es war ſo ſchoͤn und herrlich, daß ich wohl ſo fort, bis in die Ewigkeit hinein traͤumen wollte; freilich ihr, Vater, muͤßtet immer dabei ſein, und die Mutter auch und . und Clara auch.“ „Ah ſo, Clara war auch dabei?“ laͤchelte der Alte, „hatte mir's wohl gedacht.“ Sein Geſicht wurde ernſter und er ſprach weiter: „Aber Junge, merke auf deine Worte. Du wollteſt ſo fort in die Ewigkeit hinein traͤumen, ſagteſt du? Gaͤbeſt du denn etwa den Himmel fuͤr einen Traum?“ „Ach, verzeiht mir's, Vater; es war nur ſo eine Redensart und nicht ernſtlich gemeint; ich wollte blos ſagen, daß es gar ein ſchoͤner Traum war.“ V ling, u! heraustret kann ich Traume Land und wie iin dm und and eine ih arbei dinmetun Sonne an moͤglich g. Segen ru herrlich al zu arbeite ſem Bber lch auch nug füͤr ſaßet gen d delde Denn ihr Griff aus und lieber 1 ſo 6 man vohl ilich — *₰ 1 7 —„Aber, Lukas, wird's bald?“ rief der Greis mit Un⸗ geduld;„kriege ich endlich den Traum zu hoͤren? Sonſt wol⸗ len wir lieber von was Anderem reden.“ —„Nein, nein, Vater, habt Geduld,“ bat der Juͤng⸗ ling,„ich werde gleich Muth faſſen und mit der Sprache heraustreten. Ihr koͤnnt nur einmal boͤſe werden, und dazu kann ich doch nichts thun.... So hoͤret denn, was ich im Traume ſah:— Wir hatten acht Kuͤhe und zwei Pferde, Land und Weide im Ueberfluß. Mich duͤnkte, ich ſei ſtark wie ein Rieſe; meine Haͤnde waren breit und ſchwer gewor⸗ den und ich fuͤhlte in mir einen ganz eigenthuͤmlichen Muth und eine ſeltſame Kraft. Wir arbeiteten— ich will ſagen, ich arbeitete... vom fruͤheſten Tageslicht an bis zur Abend⸗ daͤmmerung und fuͤhlte mich ſo uͤbergluͤcklich, daß ich wohl die Sonne an den Himmel feſtgenagelt haben wuͤrde, wenn es mir moͤglich geweſen waͤre. Alles gedieh aufs Schoͤnſte; Gottes Segen ruhte auf unſerem Hauſe; unſer Grund ſtrotzte von herrlich aufbluͤhenden Saaten. Ihr ſelbſt brauchtet nicht mehr zu arbeiten, Vater;— ihr habt ja euer gutes Theil in die⸗ ſem Leben den Spaten gefuͤhrt, nicht wahr?— So betraͤcht⸗ lich auch unſer Gut war, die Arbeit war noch nicht groß ge⸗ nug fuͤr uns,— fuͤr mich, will ich ſagen.— Ihr, Vater, ſaßet gemuͤthlich rauchend in der Stube oder ſpaziertet auf dem Felde herum, um mir rathend und lehrend beizuſtehen.— Denn ihr habt durch lange Uebung gar manchen vortheilhaften Griff ausgefunden. Die Mutter, die wurde treulich verſorgt und liebevoll von Clara verpflegt... Ach, wir waren ſaͤmmt⸗ lich ſo froh, und Clara nicht minder; und ihr, Vater, und die gute Mutter, ihr liebtet Clara wie euer eigenes Kind, denn Die Dorfplage. 2 18 ſie war es ja, die durch ihre innige Hingabe unſer Haus zu einem ſolchen Himmel von Friede und Liebe umgewandelt hatte!...“ Der Juͤngling harrte mit geſenktem Blick auf eine Bemer⸗ kung ſeines Vaters. Nach einer Weile fragte dieſer: „In deinem Traume alſo wohnte Clara bei uns?— Als Magd?“ Zitternd fluͤſterte Lukas faſt unvernehmlich: —„Nein, Vater, ſie war meine Frau!“ Der alte Mann klopfte ſeinem Sohne leiſe auf den Kopf und ſagte ſcherzend: „Schlaukopf! du haͤtteſt ein Advocat werden ſollen. Nur ſo beilaͤufig laͤſſeſt du das Schlagwort fallen!— Aber, Junge, die Sache iſt ernſt; wir wollen gruͤndlich daruͤber ſpre⸗ chen, aufrichtig und offenherzig wie zwei gute Freunde. Zu⸗ erſt will ich dir was ſagen, das dir wohl thun wird. Es ſind uͤber fuͤnf Jahre her, da haben deine gute Mutter und ich ebenfalls davon getraͤumt, daß Clara deine Ehefrau wer⸗ den koͤnnte; denn ſo lange dauert es ſchon, glaube ich, daß du ſtets um den ſteinernen Hof herumſchwaͤrmſt, ſo bald du einen freien Augenblick findeſt?. Glaubſt du wohl, daß d unſer Wirken und Muͤhen ſogar nur darauf zielte, dich einſt mit Clara getraut zu ſehen? Ihr Vater war, oder ſchien wenigſtens ein wohlhabender Paͤchter, aber dabei trug er den Kopf ziemlich hoch. So wuͤrde er niemals in die Heirath ſeiner Tochter mit dem Jungen eines armen Ochſenbauern, der ich damals war, eingewilligt haben.“ „Jetzt aber, Vater, wird er dieſe Einwilligung mit Vergnuͤgen ausſprechen!“. — nicht Luka wollte er fügte der — geſagt, d trautet. zufritden. Geldes w nicht. T mich fuͤr Werth, al mir Jeman men, in d lich ſein k um eine ren Urſpr eſſen oder arbeiten ſe „ wollt ihr mit peinlic ren Veiſpi len meiner als die ei hoͤren?“ dutter und efrau wer⸗ ich, daß bald du wohl, daß dich einſt oder ſchien rug er den ligung mit 19 —„Das wohl! Aber das macht unſere Rechnung noch nicht. Damals hatte er zu viel, jetzt hat er zu wenig...“ Lukas hob ſeine Hand bittend zum Vater empor, als wollte er eine trockene Weigerung in ſeinem Munde erſticken. —„Das will heißen, jetzt hat er gar nichts mehr,“ fügte der Alte hinzu. —„Vater,“ rief der Juͤngling,„habt ihr nicht ſelber geſagt, daß ihr auch nichts beſaßet, als ihr meine Mutter trautet. Und dennoch waret und ſeid ihr mit eurem Schickſal zufrieden. Macht mich alſo nicht ungluͤcklich um ein Bischen Geldes willen!“ —„Geld?“ verſetzte der Alte.„Darum handelt es ſich nicht. Man nennt mich zwar einen Geldhaſcher, und haͤlt mich fuͤr einen Geizhals, aber das Geld hat fuͤr mich keinen Werth, als inſofern es die Frucht meiner Arbeit iſt. Wollte mir Jemand einen Schatz geben, ich wuͤrde ihn wohl anneh⸗ men, in der Hoffnung, er moͤchte dir, Lukas, zu etwas nuͤtz⸗ lich ſein koͤnnen. Was aber mich betrifft, ſo wuͤrde ich wenig um eine Summe Geldes geben, die ich nicht verdient und de⸗ ren Urſprung ich nicht kenne. Ich wuͤrde dabei nicht mehr eſſen oder trinken koͤnnen, als zuvor, und wenn ich nicht mehr arbeiten ſollte, wuͤrde ich vor Muͤßiggang vergehen...“ „Aber, Vater, ihr ſeid doch recht wunderlich! Warum wollt ihr denn eure Zuſtimmung nicht geben?“ rief der Junge mit peinlicher Ungeduld.„Meint ihr, ich wuͤrde eurem wacke⸗ ren Beiſpiel nicht folgen? Seid uͤberzeugt, daß die Schwie⸗ len meiner Haͤnde ſo wenig Zeit finden ſollten zu verſchwinden, als die eurigen. Habt ihr mich denn je uͤber Arbeit klagen hoͤren?“ 2*† 20 —„Nein, Lukas; es laͤuft ein geſundes Blut in deinen Adern: ich weiß es und freue mich daruͤber. Aber du unter⸗ brichſt mich, und ich habe das nicht gerne, denn es bringt mich aus dem Geleiſe.— Es iſt etwas, mein Sohn, woran du nicht denkſt. Wenn Bauer Staers noch im Wohlſtand lebte und Clara deine Frau wuͤrde, da koͤnnte ſie wohl bei uns wohnen oder mit dir auf einen kleinen Pachthof ziehen; aber jetzt weiß ihr Vater nicht mehr, wo er Stand faſſen ſoll. So wird er ihr folgen wollen, mit euch wohnen, von der Frucht eurer Arbeit trinken, und euch vielleicht in den Abgrund ſtuͤrzen.“ Wie von Schrecken ergriffen, blieb der Juͤngling ploͤtzlich ſtehen und ſtieß einen Schrei peinlicher Ueberraſchung aus ſei⸗ ner beklommenen Bruſt. Der Vater fuhr fort: „Es iſt eine Pflicht— ich glaube, es ſteht ſogar im Geſetze geſchrieben— daß die Kinder ihre Eltern unter⸗. halten muͤſſen, ſobald dieſe nicht mehr im Stande ſind, ſelbſt; ihr Brod zu verdienen. Ein Trunkenbold ſein iſt nun noch viel ſchlimmer, als verkruͤppelt oder lahm; denn der Trunken⸗ bold, anſtatt zu verdienen, verzehrt und verpraßt ſogar das Geld, das noch nicht einmal verdient iſt. Stelle dir vor, Lukas, du arbeiteteſt wie ein Sklav, waͤhrend er ſein liederli⸗ ches Weſen forttreibt, in eurem Hauſe mit rohen Worten, mit Got⸗ teslaͤſterungen um ſich wirft, ja vielleicht deine Frau gar miß⸗ handelt, wenn ſte ihm zur Befriedigung ſeines unſeligen Geluͤſtens das noͤthige Geld nicht reichen will... Und dann, es wird euch Gott auch Kinder ſchenken und die wuͤrden von der Wiege an ein ſo trauriges Vorbild vor Augen haben, fluchen und laͤſtern * horen, firche ut fein ſein thig beu legt. Ni und dein ſeines H ſchleunigt langs ſei Zuckungen Der Nach eine kömmt, d chen Pfli Hälfte ur dein Wu aber es Dieſ wendbare indem e verzweifl Vruſt al Auch lenkte er 21 deinen. 4 du mer hoͤren, Großvater ſagen muͤſſen zu einem Wuͤſtling, der von ds bringt⸗ Kirche und Klauſe nichts wiſſen will und mit vollem Bewußt⸗ bhn, woran ſein ſeine Seele dem Teufel uͤberliefert! Nein, mein Sohn, olſtand lebte das darf nicht ſein; du wirſt es ſelbſt einſehen und dich demuͤ⸗ hl bei uns thig beugen unter das Kreuz, das dir Gott zu tragen auf⸗ then; aber legt. Nicht wahr, Lukas, du wirſt gut und vernuͤnftig ſein faſſen ſoll. und dein Leben, dein Gluͤck nicht bloßſtellen, um einer Nei⸗ von der gung zu folgen, die nach einigem Schmerze von ſelber verge⸗ hen wird.“ Der Juͤngling antwortete nicht. Aber wie von der Angſt ing plöͤßzlic ſeines Herzens gejagt oder von ſtillem Aerger getrieben, be⸗ 4 ſchleunigte er ſeine Schritte. Schweigſam rang er die Arme laͤngs ſeines Koͤrpers oder ſchuͤttelte die Glieder unter heftigen Zuckungen. Der Vater blickte mit innigem Mitleid auf. ſeinen Sohn. Nach einer Weile ſagte er traurig: 5—„Lukas, glaube nicht, daß es mir nicht ſchwer an⸗ koͤmmt, dir dieſes Leid anzuthun, aber ich darf meine vaͤterli⸗ chen Pflichten nicht verſaͤumen. Sei gewiß, ich gaͤbe die Haͤlfte unſerer Guͤter, um deinen Wunſch zu befriedigen; denn dein Wunſch iſt ja auch der meinige und der deiner Mutter, aber es kann einmal nicht ſein.“ Dieſe letzte Aeußerung traf den Juͤngling wie ein unab⸗ wendbares Urtheil; ein dumpfer Ausruf entfuhr ſeinem Munde, indem er mit der Hand in die Bruſt fuhr und die Finger verzweiflungsvoll bewegte, als waͤre er beſchaͤftigt, ſich die „„ Bruſt aufzukratzen. Doch verhielt er ſich ſchweigend. Miege an emn Auch der Alte wandelte ſprachlos fort. Nach einer Weile und luͤſtern lenkte er das Geſicht von ſeinem Sohne ab, brachte die Hand en 9 en Abgrund g aus ſei⸗ ſteht ſogar tern unter⸗ ſind, ſelbſt t nun noch er Tuunken⸗ ſogar das le dir vor, ſein liederli⸗ n, mit Got. zu gar miß⸗ en Geluͤſtens s wird euch 22 an die Stirne und verſank in tiefes Nachdenken, wie er ſeinem armen Lukas Muth und Troſt einfloͤßen koͤnne. Inzwiſchen waren ſie in die Naͤhe ihrer Wohnung ange⸗ langt;— am Ende einer Baumallee, die in dem hohen Tan⸗ nenwald angelegt war, konnten ſie ſchon die erſten Haͤuſer des Dorfes erblicken. Ploͤtzlich richtete der Alte den Kopf in die Hoͤhe und ſagte mit froͤhlichem Ausrufe: —„Nun, Lukas, hab' ich's gefunden!“ Der Juͤngling blieb ſtehen und lauſchte in aͤngſtlicher Span⸗ nung ſeinem Vater das bedeutungsvolle Wort ab. —„Nein, nicht ſo haſtig, Lukas,“ ſagte dieſer, ſeine eigene Freude bezwingend.„Es iſt ein Gedanke, uͤber den ich doch noch eine Nacht ſchlafen ſollte.“ „Um Gottes Willen, Vater, ſprecht, ſprecht, was habt ihr ausgefunden?“ bat der tiefbewegte Juͤngling. Der Alte nahm ſeinen Sohn bei der Hand und ſprach mit zuruͤckgehaltener Freude: —„Lukas, wie waͤr's, wenn ich dem Jan Staers den Vorſchlag machte, ſeinen Pacht zu uͤbernehmen, ſo daß er mit mir und deiner Mutter auf dem ſteinernen Hofe wohnen bliebe. So alt ich auch bin, will ich den Leuten zeigen, daß das Grundſtuͤck mit einigem Schweiße reichlich den Pachtzins eintra⸗ gen kann. Mir wird das wuͤſte Treiben Jan's nicht zum Schaden gereichen; das lange Arbeiten hat meinen Leib mit einer harten Rinde umhuͤckt. Auf dieſe Weiſe koͤnnteſt du mit Clara auf unſerem Hofe hauſen und wir wuͤrden uns gegen⸗ ſeitig noch taͤgliche Handreichung leiſten koͤnnen. Du haͤtteſt dann auch Frieden im Hauſe und deine Frau und Kinder, wenn deren kommen, wart nich deren Rat ſraten Luka um ſeines wäͤltigt, ſchluchzend ehren unſ Miͤdchen, Schritte v genen Au Ter losgemach genlaufen nung: horſt du⸗ im Klar Luk verſchwei⸗ Geliebte zücken; was habt ſprach mit Staers den daß er mit ohnen bliebe. daß das zins eintra⸗ nicht zum Leib mit teſt du mit uns gegen⸗ zaͤtteſt dann wenn deren 23 kommen, wuͤrden durch des ungluͤcklichen Trunkenboldes Gegen⸗ wart nicht belaͤſtigt werden... Wenn die Nacht mir keinen an⸗ deren Rath bringt, werde ich morgen mit Jan Staers daruͤber ſprechen.“ Lukas ließ ſeinen Korb zur Erde gleiten, legte den Arm um ſeines Vaters Hals und fing, von ſeinen Empfindungen uͤber⸗ waͤltigt, an ſeines Vaters Bruſt zu weinen an. —„Gott im Himmel lohn' es euch, Vater,“ fluͤſterte er ſchluchzend;„nie werde ich dieſe Guͤte vergeſſen, euch Zeitlebens ehren und lieben. Es ſchwindelt mir im Kopfe, ſo uͤbergluͤck⸗ lich fuͤhle ich mich. Alſo wirklich, Clara, das ſanfte, ſtille Maͤdchen, ſoll...“— „Sieh, dort geht ſie ja, deine Clara!“ ſagte der Vater. In der That, ſeitwaͤrts zwiſchen den Tannenbaͤumen, einige Schritte vor ihnen, nahte ein Maͤdchen, die mit niedergeſchla⸗ genen Augen zerſtreut und langſam daher ſchritt. Der Juͤngling hatte ſich ſchnell vom Halſe ſeines Vaters losgemacht und wollte eben jubelnd dem theuren Weſen entge⸗ genlaufen, als der Greis ihn zuruͤckhielt mit der ſtrengen Mah⸗ nung: —„Lukas, laß kein Wort davon bei Clara verlauten, hoͤrſt du? Ich muß vorerſt noch die Nacht zu Rathe ziehen und im Klaren daruͤber ſein, wie ſich der Vater dazu verſteht.“ Lukas verſprach durch Kopfnicken, ihr die frohe Nachricht verſchweigen zu wollen, und lief in vollem Sprunge auf ſeine Geliebte zu. Der gute Junge kannte ſich nicht mehr vor Ent⸗ zuͤcken; er warf ſeine Muͤtze in die Luft, tanzte und jodelte wie 24 ein Kind— aber warum er ſo guten Muthes war, das ließ er behutſamer Weiſe nicht merken. Er nahm das Naͤdchen bei der Hand und zog es nach der Stelle, wo ſein Vater ihn ernſten Blickes uͤberwachte. —„Ach, Clara“, rief der uͤberſelige Junge,„duͤrfte ich dir nur ſagen, was mich ſo froͤhlich macht. Der Vater aber will's nicht haben; morgen, morgen! ſagt er, ſei's Zeit genug. Einſtweilen kannſt du immerhin lachen, Clara, ſingen und guter Dinge ſein... Ich ſelber erſticke faſt vor Ungeduld, dir die Nachricht mitzutheilen; aber ich moͤchte wohl fuͤnf Franken wet⸗ ten— freilich hab' ich ſie nicht— daß du ſie von ſelbſt er— ratheſt; ach ſie iſt gar ſo herrlich; duͤrfte ich nur damit los⸗ platzen.... Der Alte war einige Schritte vorwaͤrts gegangen und fuͤhlte mit den noch ſtarken Fingern ſeinem Sohne den Puls: —„Lukas, Lukas“ murrte er,„das iſt nicht recht von dir!“ Von dem etwas unſanften Haͤndedruck und dem Ernſte der Anrede, wie aus einem Traume herausgeriſſen, ſenkte Lukas be⸗ ſchaͤmt den Kopf; doch hob er ihn ſogleich wieder mit freund⸗ lichem Laͤcheln: „Es war Zeit, Vater“ ſprach er leiſe;„ich kann nichts dazu, aber es wollte mir ſchon uͤber die Lippen.“ Das Maͤdchen ſchaute Beide verwundert an und ſchien neu⸗ gierig zu forſchen, was ſie wohl fuͤr ein Geheimniß vor ihr zu verbergen haben moͤchten. Sie war ſchoͤn von Geſicht und ſchlank von Geſtalt; aber es lag etwas uͤberaus Ernſtes und Wehmuͤthiges in dem ſchmach⸗ tenden Blick ihrer ſchwarzen Augen. Wenn auch ihre gebraͤun⸗ ten Wangen beit dennoch Kopf auffe Zug, den nicht Jedern beſcheidenere zme zwei üihm Wiſe rraundlicere Wenn Farbe verle von der 2 pflegte, ſo das Maͤdche Bauerntöchte Nachden ſer den Kor gen Leute u Lukas bevorſtehend und von al deutige Wo ihn unverm innern. Clara ſte ſchritt Sie w Haͤuſern de richtete und das ließ . es nach vachte. — Vanft 15 ulet aber Jeit genug. n und guter dir die ranken wet⸗ ſelbſt er damit los⸗ recht von Ernſte der Lukas be⸗ mit freund⸗ ich kann pen. ſchien neu⸗ vor ihr zu eſtalt; aber em ſchmach⸗ re gebraͤun⸗ — —— 25 ten Wangen nicht ſonderliche Fuͤlle verriethen, ſo hatte die Ar⸗ beit dennoch ihre Glieder feſt und ſtark gemacht. Sie trug den Kopf aufrecht und um ihren feingeſchnittenen Mund ſpielte ein Zug, den man leicht mit Hochmuth haͤtte deuten koͤnnen, waͤre nicht Jedermann im Dorfe bekannt geweſen, daß es kaum ein beſcheideneres und ſanfteres Maͤdchen geben koͤnne, als Clara. Jene zwei kleinen Falten ruͤhrten vielmehr von ihrem nachdenk⸗ lichen Weſen, von dem Bewußtſein ihres traurigen und jeder freundlicheren Ausſicht entbehrenden Schickſals. Wenn auch ihre Kleider durch die Jahre ihre urſpruͤngliche Farbe verloren hatten und hie und da eine allzuſichtbare Naht von der Muͤhe Zeugniß ablegte, womit man ihre Erhaltung pflegte, ſo waren ſte doch rein und ſo gefaͤllig geordnet, daß das Maͤdchen faſt noch reicher gekleidet ſchien, als die uͤbrigen Bauerntoͤchter des Dorfes. Nachdem ſie den Alten freundlich gegruͤßt hatte, nahm die⸗ ſer den Korb auf die Achſeln, ſtellte ſich zwiſchen die zwei jun⸗ gen Leute und ſo ſetzten ſie ihren Weg nach dem Dorfe fort. Lukas fing an vom ſchoͤnen Wetter zu ſprechen, von der bevorſtehenden Wallfahrt, von der Kirmeß auf dem Kreuzberg und von allerlei luſtigen Dingen; ſtreute wohl auch einige zwei⸗ deutige Worte mitunter, die ſeinen Vater zuweilen veranlaßten, ihn unvermerkt mit dem Fuße an das gegebene Verbot zu er⸗ innern. Clara indeß ſchien von dem munteren Geplauder unberuͤhrt; ſie ſchritt mit trauriger Miene und ſprachlos ihren Weg fort. Sie waren etwa noch drei Schußweiten von den erſten Haͤuſern des Dorfes entfernt, als Lukas eine Frage an Clara richtete und ſie dadurch noͤthigte, ihm ihr Geſicht zuzuwenden. 26 „Clara, du weinſt?“ rief er, indem er ploͤtzlich von ſeines Vaters Seite weichend, vor ſie hin ſprang. „Faſſe dich, Liebe, es wird bald beſſer werden... du ſollſt noch gluͤckliche Tage genießen... der morgende Tag...“ Ein Blick ſeines Vaters ſchnitt ihm die Rede ab. —„Aber ſage mir doch, Clara, warum weinſt du ſo bitterlich?“ fragte er mit ſchmerzlicher Ruͤhrung, indem ihm ſel— ber eine Thraͤne im Auge perlte, die er heimlich mit dem Fin— ger abwiſchte. „Ach, guter Freund,“ ſeufzte Clara,„ich habe gar ſo viel Verdruß; ja, es bricht mir das Herz im Leibe zuſam⸗ men. Seit dieſem Morgen irre ich in den Waͤldern herum und beweine mein bitteres Loos. Nach Hauſe mochte ich nicht kehren, es waͤre mir dort gar zu veroͤdet und ſterbenseinſam vorgekommen.“ „Himmel, hat ſich denn ein Ungluͤck zugetragen?“ ſchrie Lukas,„Hat dein Vater...“ —„Mein Vater iſt nach der Stadt“ antwortete die Jungfrau. —„Du machſt mir Angſt, Clara; ſprichtdoch, weshalb dieſe Thraͤnen?“ Mit erhoͤhter Traurigkeit erzaͤhlte nun das Maͤdchen: „Ihr kennt doch, Vater Torfs, unſere Kuh— es war die letzte, die uns noch uͤbrig blieb— Lukas nannte ſie nur„das weiße Muͤtterchen“; ich hatte ſie ſelber aufgezogen und verſorgt; ſie war meine einzige Geſellſchaft, das einzige Ge⸗ ſchoͤpf auf Erden, dem ich von den Dingen erzaͤhlen konnte, die ., c. e H.. 1 mich mit Schmerz erfuͤllen. Denn ſie hatte Verſtand, wie ein Menſch, und ſah mir an den Augen ab, was ich ihr ſagen janft die tſt du ſie geit redlich rung gertich wuͤrde ih l nir ängebil gewinnen k mir von de Verluſt ſo davon. D Morgen hat Thomas, der Unter r. ¹ flect, an ſe vor bitteren — 1 Dem a werden und el den Tod kiit, die ſich wenn dieſe ruͤhrten! Bald j um; er ſta enſt du ſo u ihm ſel⸗ 1 Nor dem Fin⸗ habe gar elbe zuſam⸗ dern herum „ 57 ¹ nicht benseinſam getragen?“ d, wie ein ihr ſagen 7 wollte. Wenn ich ſo klagend und mit dem Kopf an ihren Hals gelehnt, Thraͤnen vergoß, da leckte mir das theure Thier ſanft die Haͤnde, um mich zu troͤſten. Mit vollem Recht nann— teſt du ſte die weiße Mutter, Lukas; hat ſie uns doch lange Zeit redlich genaͤhrt und wenn Alles mangelte, mir meine Nah⸗ rung gereicht. Ja ohne ſie und ohne... ohne dich, Lukas, wuͤrde ich laͤngſt ſchon unter dem Graſe ruhen. Nie haͤtte ich mir eingebildet, daß ein Menſch fuͤr ein Thier ſolche Liebe gewinnen koͤnne, aber haͤtte ich eine Schweſter und ſie wuͤrde mir von der Seite geriſſen, ich glaube kaum, daß mich ihr Verluſt ſo tief ſchmerzen wuͤrde. Ich werde gewiß noch krank davon. Das arme, gute Thier!“ —„Nun, iſt die Kuh geſtorben?“ fragte Vater Torfs. —„Oh, viel ſchlimmer als das,“ ſeufzte Clara,„dieſen Morgen hat ſie der Vater an unſern Nachbar, den Metzger Thomas, verkauft....“ Unter reichlichem Thraͤnenguß fuͤgte ſie hinzu: —„und ich habe ſelber ihr weißes Fell, mit Blut be⸗ fleckt, an ſeiner Thuͤre haͤngen ſehen... ja ſterben moͤchte ich vor bitterem Leid.“ Dem alten Vater fingen gleichfalls die Augen an feucht zu werden und Lukas ſchluchzte laut... Alle drei weinten uͤber den Tod einer Kuh!— Wunderbares Gefuͤhl der Dankbar⸗ keit, die ſich der erhaltenen Wohlthaten lebendig erinnert, ſelbſt wenn dieſe Wohlthaten von einem vernunftloſen Thiere her⸗ ruͤhrten!. Bald jedoch ſchlug des Vaters Traurigkeit in Entruͤſtung um; er ſtampfte zornig mit den Fuͤßen und murmelte einige 28—. biſſige Worte hinzu, aus welchen ſich deutlich genug ſeine Er⸗ bitterung gegen Clara's Vater zu erkennen gab. „Und wie kam denn euer Vater dazu, die Kuh zu verkaufen?“ rief er.„Ohne Zweifel abermals um....“ „Um ſeinen ruͤckſtaͤndigen Pachtzins zu bezahlen!“ ant⸗ wortete das Maͤdchen.“. „Er iſt alſo in die Stadt, um ſeinen Zins zu be⸗ zahlen!“ rief Lukas mit freudiger Ueberraſchung. —„Beſchuldigt meinen armen Vater nicht,“ bat Clara; „ihr koͤnnt es freilich nicht wiſſen, aber er iſt recht ungluͤcklich. Habt lieber Mitleiden mit ihm und betet zu Gott, daß er ſich ſeiner erbarme!“. Aufs Neue benetzten ſich die Augen des alten Mannes; die letzten Worte der Jungfrau, die mit ſo inniger Herzlichkeit ge⸗ ſprochen waren, hatten ihn tief geruͤhrt. Er ſchaute ſie ge⸗ dankenvoll und mit warmer Theilnahme an, als waͤre er im Begriffe, ihr eine wichtige Mittheilung zu machen. Der Juͤngling ergruͤndete leicht, was in ſeines Vaters Ge⸗ muͤth vorging und mit ausgeſtreckten Haͤnden ſchien er von ihm eine guͤnſtige Beſchlußnahme zu erbitten. Der Greis faßte bewegt das Maͤdchen bei der Hand und indem er eilig an ihrer Seite nach dem Dorfe zuwanderte, ſprach er zu ihr: —„Clara, ihr ſeid mir werth und theuer; denn ich habe euch als ein braves Kind erkannt. Seid getroſt bei eurem Kum⸗ mer, Gott im Himmel ſucht auch die tugendhaften Menſchen heim, aber doch belohnt er am Ende das Beharren auf dem Wege des Guten und die Geduld im Leiden. Kommt nun mit uns, wir wollen zuſammen eine Schale Kaffee trinken und mit A der guten 2 . was Mulh; d 1 na ch en. — 1 ſie wiſſen d gehorchen w zur Straft Sie le den endlich Clara ges, vor rricgeſchlach A weißgefleckte Aber L. Vater ins 4 Des a geſchoſſes d Vaters eini Eine t 29 der guten Mutter von heiteren Dingen plaudern. Habt guten Muth; was euch auch zuſtoßen mag, ihr ſollt ſtets in uns d zu treue Freunde finden.“ „So ſagt es ihr doch, Vater!“ bat der Juͤngling;„ſagt ant⸗ es ihr! Und mit einmal wird der Verdruß der Freude Platz . machen.“ zu he⸗—„Ich werde der Clara erſt zu Hauſe erzaͤhlen, was ſie wiſſen darf“ antwortete ſtrenge der Vater.„Wenn du nicht gehorchen willſt und heute nicht ſchweigen kannſt, ſo werde ich unglücklic. zur Strafe von meinem Vorhaben ganz abſtehen.“ z er ſich Sie lenkten in dieſem Augenblick um eine Ecke und ſtan⸗ den endlich vor der beſcheidenen Wohnung des alten Torfs. ; die Clara deutete mit dem Finger nach dem Haus des Metz⸗ lichkeit ge⸗ gers, vor deſſen Thuͤre man wirklich die blutige Haut eines— e ſie ge⸗ friſchgeſchlachteten Thieres haͤngen ſehen konnte.. lire er im—„Armes Muüͤtterchen!“ ſchluchzte ſte.„Seht dort Fre — weißgefleckte Haut mit Blut beſpritzt!“ 1 Vaters Ge⸗ Aber Lukas griff ſie beim Arm und ſchob ſie hinter ſeinem t von ihm Vater ins Haus hinein. Hand und—— wanderte,. nn ich habe II.. irem Kum⸗ Menſchen Des andern Tages ſaß Clara in einem Zimmer des Erd⸗ n auf dem geſchoſſes des ſteinernen Hofes, beſchaͤftigt, an einem Kleide ihres t nun mit Vaters einige Riſſe auszubeſſern. 7 2 n und mit Eine vollkommene Stille herrſchte um ſie herum, nicht der 7 2 N — 30 leiſeſte Ton war weder draußen noch drinnen vernehmlich. Selbſt der Pendel der Schlaguhr ruhte, und ſchon lange mußte das Raͤderwerk ins Stocken gerathen ſein, denn die beiden Zeiger waren durch ihre eigene Schwere auf die Ziffer Sechs herab⸗ gefallen.. Das Zimmer war nur duͤrftig mit Hausrath verſehen und das, was noch uͤbrig geblieben, bewies zur Genuͤge, daß Nach⸗ laͤſſigkeit und Armuth die Einwohner verhindert habe, das Zer⸗ ſchlitzte oder Zerbrochene wieder in Stand zu ſetzen oder neu anzuſchaffen. So ſtanden in der fernen Ecke zwei Stuͤhle, an de⸗ nen die Binſen ſich losgemacht hatten und wie Stacheln eines Igels in die Hoͤhe ragten; daneben zwei andere, denen eine oder zwei Sproſſen abgebrochen waren. Ja ſelbſt das Tiſchblatt und die Ecken des großen Kleiderkaſtens trugen Spuren gewaltſamer Be⸗ ſchaͤdigung; denn es fehlten Stuͤcke daran, die nur mit An⸗ ſtrengung von Kraͤften konnten abgeriſſen worden ſein. Auf dem Geſimſe, auf dem ſonſt unſere Bauern ihre ſchoͤn⸗ ſten Teller und Geraͤthſchaften zur Schau ſtellen, ſtanden noch zwei oder drei zinnerne Schuͤſſeln, deren verdrehte Raͤnder eben⸗ falls von Gewaltthaͤtigkeit zeugten; das uͤbrige Tiſchgeraͤthe war ganz zu Scherben zerſchlagen; Teller mit luͤckenhaften Raͤndern, Schalen, denen der Fuß oder die Handhabe fehlte, Loͤffel mit verkuͤrztem Stiele, Gabeln mit ausgebrochenen Spitzen... Deſſenungeachtet hatte Alles in dieſem Zimmer ein reines und ordentliches Ausſehen. Die zinnernen Schuͤſſeln blinkten wie Silber und kein Staͤubchen truͤbte den Glanz der blankgeputzten Teller; das Holz der Stuͤhle war rein gefegt und auf dem mit rothen Backſteinen ausgelegten Boden— der wohl an einigen brechenden— Clara ar. tewegungen,“ Geſichte ſich un ihren M Cy ihte rung zu ſich kleinen Thür tung hͤren l Nachdem ſe den Kopf Wa — ich weiß ja t trrübſinnig ma Dieſe Schmae druß zu erſt herum ſchwi aber wird„ Mann verſpt helfen und i Golt gebe, von der trau nen... A Geberden un zre ſchoͤn⸗ den noch der eben⸗ aͤthe war Raͤndern, öffel mit n reines nkten wie kgeputzten dem mit einigen 31 Stellen ſchadhaft war— hatte man halbweißen Sand in ar⸗ tigen Ringellinien geſtreut. Alles bekundete hier das Walten eines Weſens, das ſich angelegen ſein ließ, ſo viel als moͤglich die Spuren der ein⸗ brechenden Armuth zu verwiſchen. Clara arbeitete ruhig fort, obgleich die vielfachen Gemuͤths⸗ bewegungen, von denen ſie hin und hergezogen war, auf ihrem Geſichte ſich abſpiegelten. Ein Laͤcheln froͤhlicher Unruhe ſpielte um ihren Mund, ihre ſchwarzen Augen leuchteten mit ſanftem Feuer, ihre Bruſt wogte in ſchnelleren Wallungen; ja es be⸗ wegten ſich ihre Lippen, als ſpraͤche ſie Worte der Ermunte⸗ rung zu ſich ſelber.— Von Zeit zu Zeit ſchaute ſie nach einer kleinen Thuͤr und horchte, ob ſich noch nichts in dieſer Rich— tung hoͤren ließe. Nachdem ſie ſo lange ununterbrochen fortgenaͤht hatte, hob ſie den Kopf und murmelte gedankenvoll vor ſich hin: —„Was wird der Vater fuͤr eine Freude haben! Denn ich weiß ja nun, was ihn ſeit langer Zeit ſo ungluͤcklich und truͤbſinnig macht. Aus ſeinem Hofe ſollte er vertrieben werden! Dieſe Schmach nagte ihm an der Seele und dieſen herben Ver⸗ druß zu erſticken, geſchah es, daß er... ſo verzweiflungsvoll herum ſchwaͤrmte, vom Morgen bis tief in die Nacht. Jetzt aber wird Paͤchter Torfs uns beiſtehen, uns retten; der gute Mann verſpricht, meinem Vater aus ſeiner Armuth heraus⸗ helfen und ihm ein ſtilles, ruhiges Leben verſchaffen zu wollen. Gott gebe, daß dem alſo geſchehe! vielleicht wird er noch ſo von der traurigen Plage, die auf ihm laſtet, geheilt werden koͤn⸗ nen... Aber was mochte doch Lukas mit ſeinen ſonderbaren Geberden und Anſpielungen geſtern im Sinne haben; ich werde 32 nicht klug daraus. Jedenfalls muß es gar heiterer Natur ſein; denn er kehrte und drehte ſich unruhig auf ſeinem Stuhl, und ſprang auf, als wollte er mir etwas ſagen, ſetzte ſich wieder, und ſchaute mir dann tief in die Augen.... Ich vergehe vor Neugierde, was das Alles zu bedeuten habe.“ Heiteren Blickes neigte das Maͤdchen den Kopf und dachte dem Sinne des von Lukas zuruͤckgehaltenen Geheimniſſes weiter nach. Bald wurde ſie wieder ernſt, und die anfaͤnglichen Ge⸗ danken wieder aufnehmend, ſagte ſie: —„Wenn aber nur der Vater vernuͤnftig iſt! Er hat geſtern einen Theil ſeines ruͤckſtaͤndigen Pachtzinſes bezahlt; dies wird ihm das Herz erleichtert haben und er wird wohl heute mit froͤhlicher Laune aufſtehen. So wird er doch freundſchaft⸗ lich mit Vater Torfs ſich beſprechen und ſo wird es ſich fuͤgen, daß mein armes weißes Muͤtterchen noch in ſeinem Tode zu unſerer Wohlfahrt behuͤlflich geworden iſt. Aber der Vater bleibt doch gar zu lang im Bette. Schon acht Uhr! Freilich, es war wieder recht ſpaͤt, als er nach Hauſe kam. Vielleicht iſt er krank? Ach, wenn er gerade heute Kopfweh haben ſollte und verſtoͤrt waͤre. Duͤrfte ich doch in ſeine Kammer treten; aber nein, er wuͤrde boͤſe werden.— Und Paͤchter Torfs kann jeden Augenblick kommen... Ich weiß nicht, aber es uͤber— kommt mich eine Angſt. Der Vater kann den alten Torfs nicht wohl leiden; wenn er ihn alſo mit Scheltworten empfinge oder gar mißhandelte?“ Sie richtete die Augen gen Himmel und bewegte die Lip⸗ pen zu einem ſtillen aber inbruͤnſtigen Gebet. Im demſelben Augenblick zeigte ſich der Kopf eines Man⸗ nes an einem der Fenſter, die nach der Straße zu gingen. ihn ſprecher freundlich nach Es war geſichte von Sobald gefaltenen. lachende Ausd nit ſtillet Bei Wie zauk ſie, in bewuß Hinmel iiht das milde Li umſtrahlte— Lange ne ſunken, am 7 cens war zu um ihren Ged Lukas verf wurde Clara überraſcht. S Lukas, der ſt machen. Sie ging —„Cla —„Neir H „Du — ‚Nein —„Meir Er faßte Die Dorfplage. Es war Lukas, der mit geſtrecktem Halſe und froͤhlichem v wieder Geſichte von außen ins Zimmer herein guckte. the vor Sobald er aber das Maͤdchen anſichtig geworden, das mit gefaltenen Haͤnden zum Himmel blickte, verſchwand ploͤtzlich der lachende Ausdruck ſeines Geſichtes und er blieb betroffen und 3 5 mit ſtiller Bewunderung, die betende Jungfrau betrachtend, ſtehen. Wie zauberiſch mußte ihre Geſtalt jetzt auf ihn wirken, da ſie, in bewußtloſer Erhebung zu Gott, den feuchten Blick gen Er hat Himmel richtete; da der Glanz einer bruͤnſtigen Andacht und alt; dies— das milde Laͤcheln inniger Hingabe ihr feines, ſanftes Geſicht ohl heute umſtrahlte! ſ Lange noch waͤre der Juͤngling, in dieſer Betrachtung ver⸗ c fügen, ſunken, am Fenſter ſtehen geblieben; aber das Gebet des Maͤd⸗ Tode zu. chens war zu Ende und ſie hatte den Kopf wieder geneigt, 2 r Vater um ihren Gedanken aufs Neue nachzuhaͤngen. Freilic, Lukas verſchwand vom Fenſter und einen Augenblick darauf dielleich wurde Clara von einem leichten Klopfen an der Hinterthüͤre en ſollte uͤberraſcht. Sie wandte ſich um und bemerkte ihren Freund treten; Lukas, der ſie durch Zeichen bat, doch ja kein Geraͤuſch zu rfs ann machen. 1 3 über⸗ Sie ging auf ihn zu und er fragte ſie mit leiſer Stimme: T e—„Clara, iſt dein Vater ſchon auf?“ 1 rf6—„Nein, er ſchlaͤft noch?“ antwortete ſtie. ampfenge—„Du haſt ihn wirklich noch nicht gehoͤrt?“ je dir—„Nein.“ 1*—„Mein Vater hat mich hergeſchickt, um zu ſehen, ob a WMrr- er ihn ſprechen koͤnne.“ 8 Er faßte das Maͤdchen bei der Hand und indem er ſie gen. freundlich nach der Ecke bei der Thuͤre zog, liſpelte er zu ihr: Die Dorfplage. 3 2 —„Clara, du glaubſt wohl errathen zu haben, was mein Vater dem deinigen vortragen will? Aber, nichts weißt du und das Schoͤnſte, das Allerſchoͤnſte haſt du doch noch nicht heraus⸗ gewittert!“ „Ach guter Lukas“, bat das Mauͤdchen mit leuchtendem Auge,„ſo ſag' es mir doch. Ich habe die ganze Nacht kein Auge zugethan, und ſtets nur an dein Geheimniß gedacht, und dennoch bin ich damit noch nicht ins Reine gekommen.“ „Und wenn du es gar gewußt haͤtteſt, Clara, wuͤrdeſt du noch viel weniger geſchlafen haben. Auch ich habe eine ſchlafloſe Nacht zugebracht— gerade weil ich es wußte. Es iſt aber auch etwas, etwas ſo..., ach ich kann's nicht ſagen, etwas ſo Herrliches, daß man vor Wonne zehn Fuß in die Hoͤhe ſpringen moͤchte. Auch habe ich dieſen Vormittag mehr Spruͤnge gemacht als an einem ganzen Kirmeßtag.“ Clara ſah ihn ſehnſuͤchtig an und ſchien ihm die Worte aus dem Munde reißen zu wollen. Da veraͤnderte er ploͤtzlich Ton und Sprache: —„Maͤdchen, Maͤdchen, du moͤchteſt es wohl gerne wiſ⸗ ſen, nicht wahr? ich glaub's dir wohl und koͤnnteſt du's nur zur Haͤlfte errathen, mit Gewalt wuͤrdeſt du mich zum Reden zwingen: aber es darf nicht ſein. Der Vater hat es verbo⸗ ien... „Du willſt mir's alſo nicht ſagen?“ fragte die Jung⸗ frau mit einem Anfluge drohender Ungeduld. —„Werde nicht boͤſe, Clara; ich darf nicht. Denn ſonſt ... Glaube mir, es laͤßt mir ſelber keine Ruhe, und mich zu erleichtern habe ich geſtern Abend und dieſen Morgen, ſobald ich allein war, mehr als zwanzigmal es dir, als ob du ge⸗ gemwürtig 4 leibhaftig nicht heraut du lachen u in —„G . ſch von ihn mich zu pla⸗ aufſlehen un 7 7 raſchte⸗ =—„9 und uͤbrigen dem Zimme — Nℳ blieben!“ —„Ko dir nun am mehr länger du wohl ſche S S Schweigen a herzutrat. möͤge?... 2 kann ich unn —„N Menſchenplag 9 „c Er ſchl wuͤrdeſt be eine t. GS 1 ſagen, in die ng mehr rne wiſ⸗ du's nur n Reden s verbo⸗ ie Jung⸗ denn ſonſt mich zu I, ſobald b du ge⸗ 35 genwaͤrtig waͤreſt, mit lauter Stimme verkuͤndigt— aber dir, in leibhaftiger Geſtalt, wie du jetzt vor mir ſtehſt, duͤrfte ich es nicht herausſagen. Ach wuͤßteſt du's nur einmal, wie wuͤrdeſt du lachen und froͤhlich ſein!“ —„Geh nur deines Weges!“ murmelte Clara, indem ſie ſich von ihm wegwandte;„biſt, ſcheint's, doch nur gekommen, mich zu plagen. Uebrigens, mein Vater kann jeden Augenblick aufſtehen und er wuͤrde boͤs werden, wenn er dich hier uͤber⸗ raſchte.“ —„Warum? es hat mich ja mein Vater hergeſchickt... und uͤbrigens, ſobald ich was hoͤre, bin ich wie der Pfeil aus dem Zimmer.“ „Thut nichts; ich bin verſtimmt; waͤrſt lieber wegge⸗ blieben!“ „Komm her, Clara,“ ſprach der Juͤngling,„ich will dir nun am Ende doch etwas davon ſagen... ich kann's nicht mehr laͤnger verſchließen, ſonſt erſticke ich daran. Aber wirſt du wohl ſchweigen? deinen Vater nichts davon merken laſſen?“ „Sei unbeſorgt; Maͤdchen verſtehen ſich beſſer auf's Schweigen als Buben“, antwortete Clara, indem ſie wieder naͤher herzutrat. —„So? das ſagſt du wohl, damit ich ſelber ſchweigen moͤge?... Nun, ſchon wieder ſo ein griesgraͤmiſch Geſicht? da kann ich unmoͤglich etwas Luſtiges vorbringen.“ —„Nun, wirſt du bald heraustreten mit der Sprache, Menſchenplager, der du biſt?“. —„Ja, ja, warte nur noch ein Bischen.“ Er ſchlug die Augen zur Erde und ſchien zu uͤberlegen. 3* 1 36 —„Haſt du's am Ende gar vergeſſen?“ ſcherzte Clara mit Ungeduld.. „Vergeſſen? ſolche Dinge vergeſſen? das fehlte noch“, ſprach Lukas verlegen;„aber ſieh, man mag mich, ich weiß nicht wie heißen, wenn ich im Stande bin es von mir zu geben. Ich hatte bis jetzt noch nicht daran gedacht; aber es hat wirk⸗ lich ſeine Schwierigkeit, dergleichen Dinge ſo gerade heraus... einem jungen Mädchen in's Geſicht zu ſagen... Clara, ich bin verſchaͤmt.“ „Wie kindiſch du biſt, Lukas. Es iſt ja nur Schoͤnes und Erfreuliches, was du mir zu ſagen haſt; wie kannſt du dich denn ſcheuen, es auszuſprechen?“ „Ja, du haſt gut reden! Du wuͤrdeſt an meiner Stelle nicht minder verlegen ſein.“ —„Sieh, Lukas, wenn du nicht bald anfaͤngſt, ſo lauf ich davon!“ —„Nun ſo horche; aber ſei nicht toll in deiner Freude, Clara; und beſonders huͤte dich, ſie nicht in allzu lauter Weiſe zu aͤußern.— Mein Vater kommt hierher, um dem deinigen einen Vorſchlag zu thun.“ „Das weiß ich ſchon ſeit geſtern.“ —„ZJa, aber noch einen andern Vorſchlag... Wie pack' ich's an?... Nicht wahr, Clara, du kannſt mich doch noch immer wohl leiden?“ —„Aber wozu alle dieſe Fragen?“ —„und wenn du unter den Burſchen des Dorfes einen zu waͤhlen haͤtteſt, wen wuͤrdeſt du nehmen?“ Mann u Cla gluͤhten Augen zu Luka Bedeutung atbeiten müͤthlich voller G haben Clara ſprach icht wie i. Ich t wirk⸗ faus.. ra, ich Schones annſt du ſo lauf Freude, er Weiſe deinigen Lie pack och noch es einen 37 „Ich glaube, du biſt von Sinnen!“ murrte Clara verdrießlich vor Ungeduld. —„Nun will ich es dir gleich mit einem Male heraus— ſagen... Mein Vater kommt zu dem deinigen, um... um... —„um, um..., kommt's bald?“ —„Um zu fragen, ob Lukas mit Clara getraut werden kann!“ Die Jungfrau ſchaute betroffen und unglaͤubig auf Lukas, der mit kuͤhnerem Tone fortfuhr: —„Ob wir zuſammen ein Hoͤfchen bewohnen und als Mann und Frau mit einander leben duͤrfen!“ Clara zitterte, zuerſt entfaͤrbte ſich ihr Geſicht, dann aber gluͤhten ihr Stirne und Wangen und tiefbewegt ſenkte ſte ihre Augen zu Boden. Lukas, der dieſe Gemuͤthsbewegung nicht in ihrer wahren Bedeutung erkannte, ſeufzte mitleidsvoll: „Habe ich dir's nicht geſagt, Clara, du wuͤrdeſt ſo gut wie ich in Verlegenheit kommen? Es iſt aber deine eigene Schuld, du haſt mich zum Reden gezwungen.“ Das Maͤdchen antwortete nicht, und in jedem ihrer Augen glaͤnzten Thraͤnen. „Du brauchſt dich nicht ſo zu graͤmen, Clara“ ſprach Lukas troͤſtend.„Denke dir doch: mein Vater will dem deinen alle ſeine Schulden bezahlen helfen und ihm wie ein Freund mit Rath und That beiſtehen; wir beide beziehen unſer Hoͤfchen, arbeiten und ſparen wacker zuſammen und fuͤhren ein ſtilles, ge⸗ muͤthliches Leben! Haſt ja lange genug gelitten und in muͤhe⸗ voller Einſamkeit getrauert. Nichts will ich fortan vor Augen haben, als dein Gluͤck; vom Morgen bis zum Abend fuͤr dich 38 ſorgen und ſchaffen; dich lieben und nur darauf bedacht ſein,— daß Alles um dich herum ein heiteres Anſehen gewinne. Meine a4 Mutter wird auch die deinige werden; biſt du ihr doch jetzt bum ſchon lieb und werth. Geſtern noch hat ſie ihre goldene Kette ſind Fie mit dem großen goldenen Herze aus dem Kaſten geholt und ge⸗) rund, ſagt: Dies iſt fuͤr Clara meine Tochter!... Wie kannſt du un . 7. 7. 3 vorſicht alſo ſo bitterlich weinen? Auch dein Vater wird, wenn er um mmvorſt ſich herum nichts als Friede und Gluͤck ſtrahlen ſieht, wenn ihn keine Sorgen mehr druͤcken, wenn er nur Freundſchaft und Wohlwollen ihm entgegenkommen fuͤhlt, von ſeiner Plage be⸗ freit werden und in ſeinen alten Tagen noch frohe und fried⸗ Thuͤre li Hier Ich gehe liche Stunden genießen.“ Stunde Das Maͤdchen ſchluchzte noch ſtaͤrker. 4* Er —„Mein Gott,“ klagte Lukas mit bitterer Wehmuth; 9 er ſeine „ich bildete mir ein, du wuͤrdeſt, wie ich, vor Freude huͤpfen 3 und jetzt vergießeſt du Thraͤnen, als ob ich dir das fuͤrchter⸗ lichſte Ungluͤck angeſagt haͤtte. Sag es nur offen heraus, Clara, wenn ich dir nicht anſtehe; ich werde gelaſſen weggehen... und„ 4 krank werden, und..“* Auf einmal ließ ſich hinter der Thuͤre einer kleinen Neben⸗ kammer ein Geraͤuſch vernehmen, als ob etwas zu Boden ge⸗ worfen wuͤrde. 177 —„Der Vater kommt ſagte erſchrocken die Jungfrau. Lukas machte einen Schritt ruͤckwaͤrts, um das Haus zu verlaſſen, aber vorher richtete er noch mit der Geberde inſtaͤn⸗ digſter Bitte die Worte an Clara: —„Clara, Clara, nicht wahr du ſtimmſt zu? Du wirſt mich nicht vor Kummer ins Grab ſinken laſſen! Du ſollſt Ner um wenn haft und lage be⸗ ſid fried⸗ thmuth; huͤpfen fuͤrchter⸗ Clara, . und Neben⸗ den ge⸗ ungfrau. aus zu inſtaͤn⸗ u wirſt u ſollſt 39 Alles von mir erhalten, wornach dein Herz verlangt, mit der zarteſten Liebe behandelt...“ „Schweig und mache, daß du zum Hauſe hinaus⸗ kommſt!“ fluͤſterte angſtvorl das Maͤdchen.„Meine Thraͤnen ſind Freudenthraͤnen; denn ſo viel Gluͤck haͤtte ich mir niemals traͤumen laſſen...“ „Ach, Gott ſei gelobt, ſie weint vor Freude!“ rief unter unvorſichtig ſtarkem Rufen der gluͤckliche Burſche, indem er zur Thuͤre lief. Hier kehrte er ſich nochmals um und ſagte: „Clara, daß du mir fein Niemand was merken laͤſſeſt! Ich gehe nun meinen Vater zu benachrichtigen und in einer Stunde ſind wir wieder froͤhlich beiſammen... Alſo vor Freude waͤr's!“ Er ſprang zur Thuͤre hinaus; im Hofe angekommen warf er ſeine Kappe in die Luft und rief noch immer:„Die Maͤdchen, die Maͤdchen!— Vor Freude war's, daß ſie weinte!“ Clara hielt eine Weile ihr Auge nach der Thuͤre von ihres Vaters Schlafkammer gerichtet, da ſie aber nichts mehr hoͤrte, lenkte ſie ihre Gedanken wieder auf die Nachricht, die ſie eben tief aber ſo angenehm erſchuͤttert hatte. Sie wiſchte ſich die hraͤnen und fluͤſterte mit dankbarem Blicke zum Himmel: „Gott, wie biſt du doch ſo gut! Frau Torfs ſoll meine Mutter werden! Mein armer Vater wieder geſund und gluͤcklich in ſeinen alten Tagen. Lukas und ich wir ſollen zu⸗ ſammen arbeiten, zuſammen ſorgen und ſparen; es ſoll mir vergoͤnnt werden, ihm das Leben ſuͤß zu machen, ihn zu lieben und alle ſeine Wuͤnſche zu erfuͤllen. Von meiner Kindheit. an habe ich zwiſchen dieſen vier Waͤnden nur geſeufzt und gelitten ſo T 40 . und nun ſoll ich mein Leben unter liebenden Freunden ver⸗ bringen? in ungetruͤbter Heiterkeit wirken und ſchaffen? Dank ſei dir, Gott, fuͤr den irdiſchen Himmel, den Deine milde Hand mir aufſchließt.“ Das Geraͤuſch ließ ſich aufs Neue vernehmen.— Die Thuͤr wurde geoͤffnet und Jan Staers, ihr Vater, trat herein. Er war ein Mann von mehr als mittelmaͤßigem Wuchſe; wenn auch ſein Koͤrperbau Muskelkraft vorausſetzen ließ, ſo ver⸗ riethen doch ſeine ſchlaffen Glieder eine fruͤhzeitige Entkraͤftung und uͤber ſein aufgedunſenes Geſicht lag eine krankhafte Bleiche verbreitet. Das hellere Sonnenlicht, das ihm beim Eintreten in das Zimmer entgegenſchien, zwang ihn, die ſchwach gewordenen Au⸗ gen zu ſchließen. Sein ungeordnetes Haar hing ihm loſe uͤber die Stirne herunter und ſeine Kleider ſahen ſchlottrig und ver⸗ nachlaͤſſigt aus. Er blieb an der Thuͤre ſtehen, die Hand an die Stirne haltend, als ob er an heftigen Kopfſchmerzen litte.. Inzwiſchen war Clara, nach freundlichem Morgengruße an den Herd gelaufen, hatte die Kaffeekanne, Brod und etwas Butter auf den Tiſch geſetzt und einen Stuhl vorgeſchoben. Mit niedergeſchlagenen Augen und ſchwankenden Schrittes naͤherte ſich Jan Staers ſprachlos zum Tiſch und ließ ſich auf den Stuhl nieder. Das Sonnenlicht mußte ihm noch immer beſchwerlich fallen, denn er ſah aͤrgerlich in's Freie und befahl mit muͤrriſchem Tone:„Mach das Fenſter zu, und das ſchnell!“ Clara gehorchte und hielt ſich ſchweigend in einiger Ent⸗ fernung.. Mittlerweile hatte ihr Vater nach dem Brode gegriffen und rat herein. T Vuͤchſe aſt Bleiche in das denen Au⸗ Schrittes ß ſich auf och immer und befahl ſchnell!“ niger Ent⸗ 41 AA verſuchte, ein Stuͤck davon herunter zu ſchneiden, aber es zit⸗ terten ihm die Haͤnde ſo ſehr, daß e unmoͤglich wurde, ſich ſelber zu bedienen. ihm muͤhſam, ja ganz Aergerlich warf er den Laib ſo gewaltig auf den Tiſch, daß ein zweites Stuͤck an dem Teller abſprang, auf welchem die b Butter lag. Ein grober Fluch entfuhr ſeinem Munde; doch be⸗ ſaͤnftigte er ſich, als er ſah, wie Clara, ſeinem Wunſche zuvor⸗ kommend, emſig beſchaͤftigt war, Brotſchnitten fuͤr ihn mit But— ter zu beſtreichen. —„Lieber Vater,“ bat mit ſanfter Stimme das Maͤdchen, „ 8A es „werde nicht ungeduldig; du ſollſt Alles haben, wie du nur —, wuͤnſcheſt!... Nachbar Torfs wird ſogleich herkommen, um euch 4 zu ſprechen.“ „Was? der ſcheinheilige Geizhals ſollte mein Haus zu be— treten wagen!... Du haſt wieder Thraͤnen vergoſſen, Clara? Das Geheul will alſo kein Ende nehmen?“ ——„Ach, Vater, Paͤchter Torfs wird euch einen ſo er⸗ ſeamc freulichen Vorſchag machen; er will uns retten und gluͤcklich — machen....“ b—„Ich will ihn nicht ſehen, den Tropf. Sprich mir alſo kein Wort mehr davon: es aͤrgert mich nur!“ Das Maͤdchen trat zwei oder drei Schritte zuruͤck und blieb unbeweglich mit geſenkten Augen ſtehen. Jan Staers nahm ein Butterbrod und ſteckte ein Stuͤck davon in den Mund; dann legte er das Brod mit Widerwillen zuruͤck auf den Tiſch. 8—„Duͤrr und ſchlecht, wie Sand!“ murrte er.„Ein Stuͤck 9 Holz wuͤrde beſſer ſchmecken... Warum haſt du kein friſches 2 Brod hergeſchafft?“ 42 Clara gab keine Antwort. —„Warum iſt kein friſches Brod im Hauſe, frage ich?“ beſchwöre wiederholte er mit Nachdruck. iön doch „Der Baͤcker will nicht mehr borgen“, ſtammelte das vird tuch Maͤdchen., Ein Ausdruck des Zornes befiel ihres Vaters Geſicht. anhören, Ohne weitere Bemerkungen ſtuͤtzte er den Kopf auf ſeine beiden Arme und blieb eine geraume Zeit in dieſer Haltung ſitzen. Die Tochter betrachtete ihn mit ſtillem Grame und that d.„ 2 e 24. an ſich Gewalt an, um ihre Thraͤnen zuruͤckzuhalten.— Sie nahte 4 Ia . 2„—. lonlich jt unvermerkt an ihn heran, faßte liebkoſend ſeine Hand und ſagte plößich! j tt Biſſte mit bittender Stimme: 1 mit Biſſt —„Vater, haͤrmt euch nicht ſo daruͤber; es wird ſchon b beſſer werden; Paͤchter Torfs wird euch frohe Nachrichten brin⸗ antferne de gen. Trinkt jetzt eure Schale Kaffee; ſie wird euch erleichtern.“ I ch werde —„Was? Der falſche Neidhammel, der ſcheelſuͤchtige Schlei⸗ Und cher, der laͤngſt ſchon auf meinen Hof lauert!“ bruͤllte Jan Staers. „Laß ihn nur kommen, ich ſchmeiß' ihn zur Thuͤre hinaus!“ Bei dieſer Drohung konnte Clara ihren Schmerz nicht mehr bemeiſtern; ſie ließ ſich mit einem Schrei auf einen Stuhl nie⸗ derfallen, hielt die Hand vor die Augen und begann laut zu weinen und zu ſchluchzen. Ihr bitterer Schmerz wirkte peinlich auf ihren Vater; er dreht ſich vor Ungeduld auf dem Stuhle hin und her und ſchloß Daun die Zaͤhne grinſend zuſammen. „Ich habe Kopfweh, Kind“, ſprach er,„warum willſt 3m du mir laͤſtig fallen mit deinen Grillen?... So ſage mir’ Kmauiig denn, was du begehrſt?“ dee qnha 4 —„Antworte doch!“ 1 5 ſch dabei nenguß be beißer in Die ging zum Jan verſchwun rief er erzuͤrnt, als ſie ſchwieg. —— 4 e ich?“ elto.2 elte das Geſicht. e beiden ſitzen. nd that ie nahte zund ſagte ſird ſchon ſten brin⸗ eichtern.“ e Schlei⸗ Staers. hinaus!“ icht mehr ttuhl nie⸗ laut zu gater; er nd ſchloß um willſt ſage mir wieg. 43 —„O Vater,“ bat das Mauͤdchen unter Thraͤnen,„ich beſchwoͤre euch; ſeid nicht ſo barſch gegen Paͤchter Torfs. Hoͤrt ihn doch nur erſt freundlich an; was er euch zu ſagen hat, wird euch gewiß Freude machen.“ „So hoͤre nur auf mit dem Gekreiſch. Ich will ihn anhoͤren, und muͤßte ich in meinem Zorn auch erſticken!“ —„Nein nein, lieber Vater,“ mit Freundſchaft und Sanftmuth.“ Jan Staers verfiel alsbald wieder in ſtummes Bruͤten; ploͤtzlich jedoch richtete er wieder den Kopf empor und ſprach mit Biſſigkeit: —„Laß mich in Ruhe. Das Sprechen thut mir weh; entferne dich, denn deine Stimme erſchuͤttert mir das Gehirn; ich werde dich ſchon rufen, wenn ich dich brauche.“ Und als er ſah, daß ſeine Worte nur einen neuen Thraͤ⸗ nenguß bewirkten, fuͤgte er mit ſanfterem Tone hinzu: „Nun, ich werde mir Gewalt anthun, um den Schal⸗ beißer in Geduld anzuhoͤren.“ Die arme Clara hielt ſich die Schuͤrze vor die Augen und ging zum Zimmer hinaus. Jan Staers ſah ihr nach, bis ſie ganz aus ſeinem Geſichte verſchwunden war. Dann ſtand er auf und that einige unſichere Schritte durch das Zimmer. Sogleich aber blieb er ſtehen, rang ſich die Arme gewaltig laͤngs des Koͤrpers, ſtampfte mit den Fuͤßen und ſchien der aͤußerſten Verzweiflung preisgegeben. 4 Er machte abermals murmelnd einige Schritte, indem er ſich dabei die Stirne rieb, als wollte er ſich mit Gewalt Dinge ſagte Clara,„nicht ſo: 44 zuruͤckrufen, die ſeinem Gedaͤchtniſſe entwiſcht waren. Von Zeit zu Zeit ſchauderte es ihm an allen Gliedern und er rief: —„Buh! wie kalt!.... Mein Gehirn brennt mir im Schaͤdel und es ſchuͤttelt mich am ganzen Leibe!“ „Mit einmal fingen ſeine Augen furchtbar zu glaͤnzen an; ein Ausdruck tiefer Verzweiflung ſpannte ſeine Geſichtsmuskeln: es war, als ob eine ploͤtzliche Klarheit ſeinen Geiſt erleuchtet haͤtte. Aus ſeiner Kehle drang ein heiſeres Roͤcheln und er ſchlug ſich mit der geballten Fauſt vor die Stirn, als wollte er ſich den Schaͤdel zerſprengen. Von dieſer Anſtrengung ſeiner Nerven erſchoͤpft, trat er wankend an den Tiſch und ſetzte ſich unter heftigem Seufzen auf den Stuhl. Den ſtieren Blick auf den Boden geheftet, ſprach er im Tone gaͤnzlicher Muthloſigkeit: „Schreckliches Gift! moͤrderiſch fuͤr Seele und Leib; wer dich erfunden, der war ein Blutfeind des Menſchen... Verachtungswerther Trunkenbold, der ich bin. Wohin iſt es nun mit mir gekommen! Das Licht iſt mir eine Marter; Alles zittert an meinem Leibe; ſelbſt meine Seele ſiecht erbaͤrmlich dahin.... Ich kann weder gehen, noch ſtehen; weder eſſen noch denken! Da drinnen im Kopfe hauſt, wie ein verworrener Klumpen, die Verzweiflung, die Raſerei, die boͤſe Luſt, die Unruhe und die ohnmaͤchtige Feigheit... Und mein Kind, meine arme Clara? Klaglos erträgt ſte's und haͤrmt ſich ab im ſtum⸗ men Schmerze; ihre Liebe erwiedere ich mit grauſamer Barſch⸗ heit;— ich bin ihr Vater, bin ihr zu Danke verpflichtet, und ... ſtatt dieſes Dankes... o verfluchter Miſſethaͤter,— bin ich ihr Henker; aus ſchnoͤder Selbſtſucht zerſtoͤre ich langſam ihr junges/ hereinbräc glück wüt „Moh dine Woh⸗ Dieſe 9 ,n Z nit den (‿ ſinem Di her Und den Tiſe lichſten2 wägen. anderer) die Haar zihlen, Er fanzen an; tomuskeln erleuchtet 1 nd er wollte er trat er eufzen auf im Tone nd Leib; nſchen... in iſt es erbaͤrmlich eder eſſen rworrener 2uſt, die nd, meine im ſtum⸗ Barſch⸗ htet, und — bin gſam ihr 45 junges, friſches Leben!... Wenn Gottes Strafe uber mich hereinbraͤche und mich der Tod nun erhaſchte, ſte muͤßte ſich Gluͤck wuͤnſchen dazu.— Wie fuͤrchterlich, der Tod des Vaters eine Wohlthat, ein Segen fuͤr ſein Kind!“ Dieſer letzte Gedanke erſchuͤtterte ihn tief. Er klapperte mit den Zaͤhnen und faßte krampfhaft das Tiſchblatt, das unter ſeinem Drucke zu biegen ſchien. Nachdem er wieder zu einiger Ruhe gelangt war, blieb er eine Weile unbeweglich ſitzen; bald aber uͤberfielen ihn ſeine duͤſteren Gedanken aufs Neue. Waͤhrend er, die Finger an die Stirne haltend, ſein widerſpenſtiges Gedaͤchtniß zu wecken ſchien, wurde er todtenblaß von einer ploͤtzlich auftauchenden Erinnerung. „Geſtern,“ murmelte er,„geſtern mußte ich nach der Stadt. Ich hatte Geld, Geld um einen Theil meines Pachtes zu bezahlen... Was habe ich damit gethan? Wie bin ich hie⸗ her gekommen? Habe ich wirklich den Pacht bezahlt?... Nein, vermaledeit! getrunken habe ich, geſchlafen....“ Und mit raſcher, fieberhafter Bewegung ſchuͤrzte er ſeinen Kittel auf und ſchnallte einen ledernen Gurt ab, der ihm um den Leib befeſtigt war. Waͤhrend er eine Anzahl Silberſtuͤcke aus dem Gurt auf den Tiſch ſchuͤttete, nahm ſein Geſicht einen Ausdruck der pein⸗ lichſten Angſt an. Er griff nach der Muͤnze und ſchien ſie zu waͤgen. Hiebei durchzog ſeine Glieder ein Zittern, das ganz anderer Natur war als ſein gewoͤhnliches und es wollten ihm die Haare zu Berg ſteigen vor Verzweiflung. „Teufel,“ rief er;„verloren, geſtohlen! Doch ich will zaͤhlen, vielleicht irre ich mich.“— Er verſuchte raſch die Geldſtuͤcke in zwei Reihen zu ordnen; - 46 aber die Hand zitterte ihm ſo ſtark, daß er nur mit grofier Muͤhe damit fertig werden konnte. Manches Fluchwort, manche Verwuͤnſchung gegen ſich ſelber ließ er waͤhrend dieſer langen Arbeit uͤber ſeine Lippen kommen. Seine Angſt ſtieg und ein kalter Schweiß uͤberlief ihn, als er das Geld zaͤhlte und wieder zaͤhlte und immer eine betraͤcht⸗ liche Summe zu wenig herausbrachte. Endlich konnte er ſich nicht mehr mit der Hoffnung troͤſten, er koͤnnte ſich verrechnet haben. Er gerieth außer ſich und indem er ſich die Haare zer⸗ raufte, bruͤllte er mit ſchrecklicher Stimme: —„Fuͤnfzig Franken! Fuͤnfzig Franken zu kurz! Wo ſind die geblieben? Unſere letzte Kuh hatte ich zu Muͤnze gemacht, und dieſes Geld ſollte dazu dienen, die Auspfaͤndung, die mir drohte, zu verhuͤten.... Jetzt aber iſt jede Moͤglichkeit dazu verſchwundenz von meinem Hofe werden ſie mich jagen, wie einen Hund auf die Straße ſchmeißen— und ich kann bet⸗ teln gehen! verſpottet, verachtet, verſchrieen als ein erbaͤrmlicher Saͤufer! Und meine arme Clara? Was wird aus ihr werden? Fluch, Fluch uͤber mich!“ Er ſtieß einen Schrei der bitterſten Muthloſigkeit aus, als ob ihm das Herz im Leibe auseinander geriſſen wuͤrde. Er ſprang von ſeinem Stuhle auf, ſchwankte im Zimmer auf und ab, ſchlug die Faͤuſte gegen die Waͤnde, daß ſie blu⸗ teten, wollte die Stuͤhle aus den Fugen reißen, und heulte dabei wie ein Beſeſſener. Nachdem er ſich in dieſen gewaltſa⸗ men Aeußerungen ſeiner Zerſtoͤrungswuth voͤllig abgemattet, blieb er auf einmal bewegungslos ſtehen; ein ſonderbarer Zug freudiger Empfindung oder hoͤhnenden Spottes erheiterte ſein geſtcht, 1¹ c 1 G ſeiner „ jnemuth, winkt mir ih dem wieder fuͤr haben. noch einen Mit lange We zende Se in kurzen Als war er n terkeit, ſe kar und it leer, 47 tmnit Nroßer ki, manche ſer t langen Geſicht, und indem er die leuchtenden Augen auf die Thuͤre ſeiner Schlafkammer heftete, rief er wie wahnſinnig: „Ha, ha, Verſtand, Geiſtesklarheit, Koͤrperkraft, Her⸗ d 1 zensmuth, dort Hinter der Thüre mag ich ſie holen! Dort -, als winkt mir ein Flaͤſchchen! Meine Vernunft, meine Seele hab 4 beträͤcht⸗ ich dem Teufel des Trunkes uͤberliefert; er allein kann ſte mir ite er ſich wieder fuͤr einen Augenblick zuruͤckſchenken! Ich muß, muß ſie verrechnet haben. Rath, Rath brauche ich... ja, fuͤr das letzte Mal... Haare zer⸗ noch einen Zug!“ Mit dieſen Worten ſprang er in die Kammer hinein. Eine Wo ſind lange Weile war Alles todtenſtill auf dem Hofe, nur der gluch⸗ ze gemacht zende Schall der aus der Flaſche gegoſſenen Fluͤſſigkeit toͤnte , do ür in kurzen Zwiſchenraͤumen in das groͤßere Zimmer herein. Als nun Jan Staers endlich wieder zum Vorſchein kam, keit dazu 4 war er nicht mehr zu erkennen. Sein Antlitz ſtrahlte von Hei⸗ terkeit, ſeine Augen waren hell und weit geoͤffnet, ſein Kopf ſaß feſt auf den Schultern. Er zitterte nicht mehr und ein waͤr⸗ meres Blut faͤrbte ſeine Wangen. Alle ſeine Bewegungen zeug⸗ ten von Erleichterung, von Muth und Kraft. Indem er an den Tiſch trat, ſagte er ſpoͤttiſch: agen, wie kann bet⸗ baͤrmlicher t werden? 5 als„Die neidiſchen Troͤpfe, ſchon hofften ſie, daß es aus dr ſei mit Jan Staers; die Lumpen, ſie ſchlugen frohlockend in n Zinmet die Haͤnde, ihn vom ſteinernen Hofe auf die Straße geſetzt zu ſie blu⸗ ſehen! Aber es iſt noch nicht zu Ende mit mir... Brr, Gift ind heulte ſei's, ſchwatzen die Dummkoͤpfe? Ja wohl, Gift, aber ein ſuͤßes, gewaltſa⸗ das mir wie ein lebendiges Feuer durch die Adern rinnt.“ bgemattet,„Ja, jetzt habe ich wieder Verſtand; jetzt iſt es mir 1 arer Zug klar und hell im Gehirn. Aber, ſchnell zur That. Die Flaſche terte ſein iſt leer, und ich habe vielleicht des Guten zu viel gethan! Nun 48 handelt es ſich zu uͤberlegen, was zu thun ſei, um der Welt zu zeigen, daß ſich Jan Staers nicht ſo leicht hinauswerfen läßt... Er legte die Geldſtuͤcke zurecht und zaͤhlte ſie ſorgfaͤltig. —„Es fehlen nur vierzig Franken,“ rief er freudig, „zehn Franken gewonnen! Aber wo ſind dieſe fehlenden zwanzig Gulden hingekommen? Ach, ich entſtnne mich. Ich ging geſtern nach der Stadt und blieb im„Goldenen Apfel“ am Kreuzwege haͤngen. Es war luſtige Geſellſchaft da und ich lehnte fuͤnf⸗ zehn Gulden dem Klas Grils, dem Sandbauern.— Warum muß ich auch immer den reichen Mann ſpielen! Nun, es war ja nur eine Artigkeit, und ich werde mein Geld zuruͤckbekom⸗ men.— Aber die anderen fuͤnf Gulden? Sie haben mich wie⸗ der die Zeche bezahlen laſſen, die Spitzbuben. Doch es ſind die Toͤpfe noch nicht alle gebrochen. Ich will gleich nach der Stadt und das Geld meinem habſuͤchtigen Grundherrn uͤberbrin⸗ gen, und zwar den Seitenweg nehmen, um auf keine Wirths⸗ haͤuſer mehr zu gerathen. Er wird ſeine Freude haben, wenn er die Muͤnze klingen hoͤrt; denn wohl weiß er, daß es Niemand in den Sinn kommen wird, dieſes verfallene Gemaͤuer und ſeine duͤrren Felder zu uͤbernehmen? Doch ja; Einem wohl, dem Schalbeißer vielleicht; dem neidigen Torfs, der es ſeit Jahren auf meinen Hof abſieht und die Deute in vier Stuͤcke zerſchnei⸗ den moͤchte, um endlich zum Ziele zu kommen... Aber, ich will es ihn lehren! Von morgen ab wird uͤber Hals und Kopf gearbeitet und nicht mehr getrunken; nein, in meinem Leben nicht mehr, und ſollte das Waſſer des Baches ſich in Brannt⸗ wein verwandeln. Ich verkaufe noch das Eine oder das An⸗ dere von den unnuͤtzen Dingen, die dort im Glasſchranke ſtehen. Mein Nau und ein 9 mit ger Einri Neider un ſehe ich Korn lgen Geſ „ D 1 1 1 würfe? D mit Freun als ein g eine luſtig Mit alten Tor ſeinem St lr empfüne Paͤchte erwehren, Staers fal klten und Dennoch 7 um Etwas Lhun. Se 1 Staers biſ ſande bin der( genehmes die Dorfg er W Welt uswerfen ffäͤltig. freudig, i zwanzig i geſtern Rreuzwege nte fuͤnf⸗ Warum „es war rüͤckbekom⸗ mich wie⸗ es ſind nach der uͤberbrin⸗ Wirths⸗ en, wenn Niemand und ſeine ohl, dem eit Jahren zerſchnei⸗ Aber, ich und Kopf em Leben Brannt⸗ 49 Mein Name iſt Geldes werth und ich werde wohl ein Pferd und ein Paar Kuͤhe auf Borg mir verſchaffen. Inzwiſchen wird mit Korn und Holz ein Handel angelegt und bei verſtaͤndi⸗ ger Einrichtung wirxd es mir wohl gelingen, die haͤmiſchen Neider und Anklaͤger zum Schweigen zu bringen... Aber wen ſehe ich dort kommen? Den Schalbeißer mit ſeinem ſcheinhei⸗ ligen Geſicht. Wie waͤr's, wenn ich ihn zur Thuͤre hinaus⸗ wuͤrfe? Doch nein, ich habe ja der Clara verſprochen, ihm mit Freundſchaft zu begegnen. So komme er denn; ich will, als ein guter Junge, den Knauſer ausreden laſſen: eine luſtige Geſchichte!...“ Mit einem Ausdruck ſpoͤttiſchen Hochmuthes ſah er den alten Torfs ins Zimmer treten und ſpreizte ſich vornehm in ſeinem Stuhle, als waͤre er ein großer Herr, der einen Bett⸗ ler empfaͤngt. Paͤchter Torfs konnte ſich eines Anflugs von Zorn nicht erwehren, als er, waͤhrend des Gruͤßens, den Blick auf Jan Staers fallen ließ; denn er ſah, wie ſeltſam ſeine Augen fun⸗ kelten und wie hochroth ſein Geſtcht war. Dennoch naͤherte er ſich freundlich zu ihm und ſagte: —„Raͤchter Staers, ich bin hieher gekommen, um euch um Etwas zu bitten und zugleich um euch einen Vorſchlag zu thun. Seid ihr bereit, mich in aller Ruhe anzuhoͤren?“ „In aller Ruhe? was wollt ihr damit ſagen?“ fragte Staers biſſig;„glaubt ihr etwa, daß ich nicht recht bei Ver⸗ ſtande bin?“. Der Greis ſchuͤttelte verdrießlich den Kopf und fuhr fort: „Es ſollte mir leid thun, wenn ich euch etwas Unan⸗ genehmes geſagt habe. Aber das, was ich mit euch zu ver⸗ Die Dorfplage. 4 das wird 50 handeln habe, iſt ſehr ernſter Natur und erheiſcht eine ſorg⸗ faͤltige Ueberlegung. Ihr erlaubt doch, daß ich mich ſetze?“ „Was liegt mir daran, ob ihr ſitzt oder ſteht?“ ant⸗ wortete Staers.„Aber ſputet euch, denn ich muß in die Stadt und habe nicht zu viel Zeit uͤbrig. All dies Taͤndeln und Saͤu⸗ men macht mich ungeduldig und ſchon ſttzt mir der Schweiß auf der Stirn.“ —„Es iſt ſonach gar nicht noͤthig, daß ich laͤnger hier verweile,“ ſagte aͤrgerlich der alte Mann, indem er ſich zur Thuͤre wandte, als wollte er das Zimmer verlaſſen. —„Nun, nun, ſetzt euch nieder, Nachbar Torfs,“ ſprach Staers mit freundlicherem Geſicht.„Es war nicht boͤs gemeint; laßt hoͤren, was iſt euer Verlangen?“ —„Darf ich darauf rechnen, daß ihr mich nicht unter⸗ brecht; ich ſpreche gern allein, wenn ich etwas darzulegen habe; aber ich kann dann auch um ſo beſſer ſchweigen, wenn ich zu 74 Ende bin.. —„So ſprecht doch; wenn ich euch unterbreche, ſoll mich... —„Nicht noͤthig,“ fiel ihm der Greis in die Rede, der dem Ausſprechen des Fluchwortes, das ihm auf der Zunge lag, zuvorkommen wollte. Er ſetzte ſich und ſprach mit imponirender Ruhe: —„Staers, ihr habt ein Kind, eine Tochter. Sie gluͤck⸗ lich zu wiſſen, darf euch nicht gleichguͤltig ſein; denn ihr ſeid Vater.— Stets hier einſam, ohne alle Beruͤhrung mit den Leuten verweilend, zehrt ſie ſich auf in ihrem ſtill zuruͤckgedraͤng⸗ ten Verdruß und fuͤhrt ein nicht gar beneidenswuͤrdiges Leben... Nehmt alſo nicht fuͤr ungut, was ich nun vorbringen will. Elara iſt verdie al in neues machende hemehmen Staers mi nicht, fu auch er if ſein gutes chen, wenl — 7 geutchen ſe eurer Toch Jan Korfs, d heftete di bemerkte. ſclagen, auch in d Sohn des a hoch, nit noch länger hier zur Thuͤre rfs,“ ſprach bos geneint; nicht unter⸗ llegen habe; wenn ich zu tbreche, ſoll ie Rede, der r Zunge lag, he: Sie gluͤck⸗ enn ihr ſeid ng mit den -ruͤckgedraͤng⸗ es Leben... ringen will. 51 Clara iſt ein wackeres, fleißiges Maͤdchen, ſal verdient und es waͤre wahrhafti ein neues Elend bevorſtaͤnde, machende Schmach ihr jede Ho benehmen ſollte...“ das ein beſſeres Schick⸗ ꝗg beklagenswerth, wenn ihr wenn eine nicht wieder gut zu ffnung auf ein gluͤcklicheres Leben —„Was ſprecht ihr da fuͤr naͤrriſches Zeug?“ brummte Staers mit flammendem Auge.„Schmach, was fuͤr eine Schmach?“ —„Noch ein Paar Worte; bis dahin unterbrecht mich nicht,“ fuhr der Greis fort.„Ihr kennt meinen Sohn Lukas; auch er iſt ein braver Junge, der vom Morgen bis zum Abend ſein gutes Stuͤck wegzuarbeiten verſteht.“ „Glaub's wohl; wozu waͤre er chen, wenn er nicht arbeitete?“ —„Nun ſcheint es, Nachbar, daß ſich die beiden jungen Leutchen ſchon ſeit laͤngerer Zeit lieben, und... —„Und, und,“ ſcherzte der Andere. —„Und ich komme, in der Abſicht fuͤr L eurer Tochter anzuhalten.“ Jan Staers lachte hell auf zum großen Aerger des alten Torfs, der ſich offenbar dadurch tief verletzt fuͤhlte, denn er heftete die Augen mit ernſtem Ausdruck auf ſeinen Nachbar und bemerkte: denn auch zu gebrau⸗ ukas um die Hand „Ich glaube, daß an dem, was ich euch eben vorge⸗ ſchlagen, gar Nichts Laͤcherliches zu finden iſt. —„Nichts Laͤcherliches?“ rief der Andere.„Was ſetzt ihr euch in den Kopf? die Tochter des Paͤchters Staers ſoll den Sohn des Ochſenbaͤuerchen heirathen! Ihr ſteckt die Hoͤrner gar zu hoch, Vater Torfs: Gott ſei gelobt, ſo ſchlecht ſieht es mit mir noch nicht aus.“ 4* 52 Der alte Torfs hielt mit großer Muͤhe an ſich, um ſeine Entruͤſtung nicht ausbrechen zu laſſen; er klemmte die Lippen zuſammen und es zitterte ihm die Hand an der Seite. Mit ruhigem aber bitterem Ernſte ſprach er: —„FEinſt wart ihr allerdings ein wohlhabender Paͤchter, und ich war ein armer Ochſenbauer; aber weder ihr noch ich find jetzt noch, was wir einſtmals geweſen.“ —„Ich koͤnnte mich aͤrgern,“ bemerkte Jan Staers ſpoͤt⸗ telnd,„aber ich will mir jetzt kein boͤſes Blut machen. Alſo auch ihr bildet euch ein, ich ſei ganz und gar auf dem Hund? Nachbar Torfs, ihr ſollt noch die Augen aufſperren; wer zu⸗ letzt lacht, lacht am beſten!“ 2 Es ſchien dem Greis, als ob die Augen ſeines Nachbars immer gluͤhender wuͤrden; ſein Geſicht und ſeine Geberden hat⸗ ten etwas ſo Sonderbares, daß er zu zweifeln anfing, ob Clara's Vater nicht dieſen Morgen ſchon zu viel dem Glaͤschen zugeſprochen habe. In dieſer Meinung wollte er aufbrechen und ſein Vorhaben vorlaͤufig aufgeben, aber er dachte an ſeinen Sohn, an die arme Clara, an die Unmoͤglichkeit, die Sache laͤnger hinauszu⸗ ſchieben; er ſetzte ſich wieder und ſagte ſtolz und entſchieden: —„Ihr moͤgt mich unterbrechen oder nicht; meine Sache will ich bis zu Ende vortragen. Im Namen eures Kindes be⸗ ſchwoͤre ich euch, hoͤrt mich mit Gelaſſenheit an.... —„So fahrt doch fort, ich hoͤre ja.“ —„Seht, Nachbar, es fuͤhrt zu Nichts, mich hinters Licht fuͤhren zu wollen; ich kenne den Zuſtand eurer Sachen ganz genau; weiß alſo recht wohl, daß man euch heute oder morgen aus eurem Hofe vertreibt, wofern ihr den ruͤckſtaͤndigen ich ſeine einem da Unwillen Jan E uch auſamme Sohnes rure ga noch bg bzzahle um ſeine d d ie Lippen te. Mit dor Me der Pichte, Ihr ihr noch ich Plaers ſpoͤt⸗ chen. Alſo dem Hund? en; wer zu⸗ es Nachbars eberden hat⸗ anfing, ob em Glaͤschen in Vorhaben phn, an die Per hinauszu⸗ entſchieden: meine Sache mich hinters urer Sachen heute oder ruͤckſtaͤndigen 52 Pacht nicht, vor Ankunft der Gerichtsdiener bezahlt. Auch weiß ich, daß ihr eure letzte Kuh verkauft habt und daß der Erloͤs daraus nicht zureichend iſt, ſo daß ihr Jan Staers ſchlug auf den Tiſch, daß die Geldſtuͤcke, die noch darauf ausgebreitet lagen, klirrend emporflogen. —„Geld?“ rief er frohlockend.„Hier iſt Geld die Fuͤlle!“ —„Das iſt noch nicht der dritte Theil deſſen, was ihr braucht, um der Ausfuͤhrung des Gerichtsſpruchs vorzubeugen... Wenn ihr euch in vernuͤnftiger Weiſe rathen laſſen wollt, ſo will ich euch gern das Fehlende borgen, damit ihr ſofort den ganzen Pacht zu entrichten im Stande ſeid.“ „Ihr?“ ſpottete Staers.„Wo wollet ihr es herholen?“ —„Ja, ich; und warum das nicht. Denkt ihr, zwanzig Jahre Arbeit und Sparſamkeit laſſen Nichts uͤbrig, wenn man dazu noch einen freundlichen Grundbeſitzer hat?“ —„Ein ſauberer Kerl, unſer Grundherr; der wuͤrde einem das Fell herunterreißen, der Blutſauger!“ „Das moͤchte ich nicht behaupten!“ rief der Greis mit Unwillen.„Mir hat er den Pacht nicht aufgeſchlagen, obgleich ich ſeinem Grundſtuͤck einen weit hoͤheren Werth verliehen habe.“ —„Ha! ihr wollt mir Geld vorſtrecken?“ wiederholte Jan Staers mit milderem Tone.„Das haͤtte ich mir nie von euch traͤumen laſſen. Da koͤnnen wir am Ende noch Freunde zuſammen werden.— Wie viel?“ —„Wenn ihr in das Gluͤck eurer Tochter und meines Sohnes einzuwilligen geſonnen ſeid, ſo leihe ich euch genug, um eure ganze Pachtſchuld abzutragen; und außerdem werde ich euch noch behuͤlflich ſein, um das, was ihr hier oder dort noch zu bezahlen haben koͤnnt, auszugleichen.“ 54 —„Aber, Vater Torfs, ihr ſchneidet wohl auf! Ihr ſprecht ja von Geld, als ob es euch auf dem Buckel wuͤchſe. Habt ihr etwa einen Schatz gefunden.. oder geſtohlen, gleich⸗ viel. Doch werdet nicht boͤſe; iſt blos eine Redensart; ich mein' es nicht ſo. Nun, wovon ſprachen wir doch?... Ach, richtig, ihr wollt mir alſo Geld, viel Geld vorſchießen,... damit euer Sohn meine Clara heirathen moͤge. Nun, mir iſt's recht; da habt ihr meine Hand; ſchlagt zu! Lukas mag zu uns ziehen und arbeiten... an Grund fehlt's nicht. Warum zieht ihr eure Hand ein? wo hapert's noch?“ Der Greis ließ eine Weile auf die Antwort warten und ſprach dann: „So geht's nicht. Laßt mich frei und aufrichtig ausein⸗ anderſetzen, wie ich es meine. Ohne Pferde und Vieh kann dieſer Hof doch nicht bebaut werden; mein Sohn und ihr wuͤr⸗ det euch fruchtlos zu Tode arbeiten und es ließe ſich dennoch nicht die Haͤlfte des Zinſes herausziehen. Alſo hoͤrt meinen Vorſchlag:— ich habe ein wenig Geld im Sparhafen und ziemlich viel Kredit; ſo uͤbernehme ich euren Pacht, uud bringe mein Pferd und meine vier Kuͤhe mit. Ein zweites Pferd kaufe ich ſogleich und werde mir auch nach und nach ſo viel Vieh anſchaffen, als es das Grundſtuͤck erfordert. Ihr ſelber bleibt mit uns auf dem ſteinernen Hofe wohnen, waͤhrend Lukas und Clara, denen ich ebenfalls kraͤftig unter die Arme greifen werde, mein gegenwaͤrtiges Guͤtchen beziehen. So wuͤrdet ihr keine Sorgen mehr haben und gewiß euch behaglich fuͤhlen in einer Wohnung, in der meine Frau und ich durch freundſchaft⸗ liche Pflege und gutes Beiſpiel euch das Leben ſuͤß und ſorg⸗ los zu machen bemuͤht ſein werden. Und ſeid ihr vollens von brüͤderlic dem lleo⸗ geworden Nachbar in häͤtte und tuge debens 9 9 9 meinen V fing an euer Pfe Wohnun ehrlich Ve A wüchſe. n, gleich⸗ varten und ttig ausein⸗ Pieh kann ihr wür⸗ h dennoch rt meinen hafen und uud bringe ites Pferd ach ſo diel Ihr ſelber rend Lukas me greifen wuͤrdet ihr fuͤhlen in reundſchaft⸗ und ſorg⸗ ollens von 5⁵5 dem Uebel befreit, das die Urſache von all eurem Herzeleid geworden, ſo werdet ihr noch Gott danken fuͤr ſeine Guͤte, Nachbar Jan.— Clara, die ſonſt nichts als Elend zu erwar⸗ ten haͤtte, wird ihrerſeits an meinem Sohne einen tuͤchtigen und tugendſamen Ehemann finden und bis ans Ende ihres Lebens gluͤcklich mit ihm leben.— Nun denn, ſtimmt ihr in meinen Vorſchlag ein? Und zwar vollkommen, ohne Abaͤnderung?“ Jan Staers, dem der Kopf vom langen Aufmerken zu ſchwindeln anfing, hatte ſich wahrſcheinlich uͤber den Sinn des Antrags getaͤuſcht; denn er ſtand froͤhlich auf und wollte dem alten Torfs um den Hals fallen; doch dieſer trat mit bedenk⸗ lichem Zweifel zuruͤck und wandte den Nachbar ſanft von ſich ab. Nichtsdeſtoweniger griff ihn Staers bei beiden Haͤnden und rief: „Ihr ſeid ein braver Mann, daß ihr eurem Naͤchſten ſo edelmuͤthig beiſteht. Es war Zeit in der That; denn es fing an, recht duͤſter um mich zu werden... Setzt nur immer euer Pferd und eure Kuͤhe in meinen Stall, ich gebe euch freie Wohnung; wir greifen beide tuͤchtig ans Werk und theilen bruͤderlich den Ertrag. Das heißt, duͤnkt mich, vernuͤnftig und ehrlich geſprochen.“ Verdrießlich das Haupt ſchuͤttelnd bemerkte der alte Torfs: —„Ihr habt mich nicht recht verſtanden; ſo wie ich es meine, ſo werde ich fortan der Paͤchter hier ſein.“ —„Wie? was ſagt ihr?“ fuhr Staers bruͤllend auf. „Ihr wollt der Paͤchter auf dem ſteinernen Hofe ſein?— Und ich?“ —„Ihr wohnet bei mir, und wenn ihr zu arbeiten Luſt haͤttet, ſo wuͤrde ich euch dafuͤr bezahlen. Solltet ihr es in⸗ deſſen vorziehen, fuͤr andere zu arbeiten oder gar nichts zu thun, 1 n ſo ſteht es bei euch; immerhin erhaltet ihr freie Wohnung, Koſt n— und Unterhalt bis daß unſere Kinder, dem Geſetze zufolge, ſel⸗ 5.„ ber dafuͤr ſorgen koͤnnen.“ em Da griff Jan Staers nach dem erſten Gegenſtand, den V 4 ezen! er erreichen konnte, und warf ihn mit aller Kraft auf den Boden: Er dr es war der Teller mit der Butter. Er ſprang in hundert Stuͤcke, lefbetrͤbt wobei der wuthentbrannte Bauer eine Fluth grober Woͤrter ſei⸗ lderne Sc nem Munde entſtroͤmen ließ: waiger E —„Was habe ich nicht noch zu gewaͤrtigen! Da haben As wir ſie nun, die Geſchichte, die uns der Paſtor einſt vorerzaͤhlte? gemeiner Die Huͤtte aus Lehm des Ochſenbauern moͤchte den ſteinernen beißendem Hof des Jan Staers gerne auffreſſen. Ihr ſchnappt ſchon dar⸗—„ nach, neidiſcher Knicker... dankt Gott, daß ich euer ſcheinhei⸗ ſed in eun liges Geſicht nicht gegen die Mauer ſchmeiße. Recht ſo; ihr läſtigen. wollt, daß ihr der Herr und ich euer gehorſamer Knecht ſei? ſagen, ihr Das kommt einem ſchwaͤnzelnd und ſchmeichelnd aufs Zimmer ühr ſeid ei geſchlichen, um mir nichts dir nichts die Tochter ſammt dem fändes ſch Hofe wegzuſtipitzen. urm und —„Wegzuſtipitzen?“ wiederholte der Greis mit Verach⸗ jieſes Ele tung.„Wiſſet ihr wohl, daß ſchon vor zwei Jahren unſer unſchuldige Grundherr mich auf euren Hof ſetzen wollte und ich mich deſ⸗ dunke erl ſen geweigert und ihn vielmehr gebeten, noch laͤnger Ge⸗ diſer Lebe duld mit euch zu haben;— aus Mitleid that ich's fuͤr eure lergekomme ungluͤckliche Tochter... Ich ſehe wohl, wo es hier hinaus⸗ eum, un laufen wird; aber gebt immerhin Acht auf meine Worte, Jan trimmert Staers. Jetzt will ich noch in die Heirath meines Sohnes mit Aben... eurer Tochter einwilligen, weil ich die Schande eurer Auspfaͤn⸗ ſdint zur zu thun, ung, Koſt Alge, ſel⸗ and, den en Boden: ert Stüͤcke irte ſei⸗ (Da haben drerzäͤhlte? ſteinernen ſchon dar⸗ ſcheinhei⸗ ſo; ihr echt ſei? Zimmer mmt dem t Verach⸗ ren unſer mich deſ⸗ nger Ge⸗ fuͤr eure hinaus⸗ rte, Jan ohnes mit Auspfän⸗ 57 dung noch abzuwenden vermag... Waͤre dieſe jedoch ſchon voll⸗ zogen, niemals wuͤrde ich meine Zuſtimmung dazu geben!“ „Weg, aus meinen Augen, ſag' ich euch!“ donnerte Staers.„Ihr lauſiger Geizhals, laßt es euch nicht wieder in den Sinn kommen, je wieder den Fuß uͤber meine Schwelle zu ſetzen!“ Er drohte dem Greis mit erhobenem Arm, waͤhrend tiefbetruͤbt nach der Thuͤre zu ſchritt, aber nicht ohne ſich die lederne Schnur ſeines Stockes um die Hand zu winden, um zu etwaiger Selbſtvertheidigung bereit zu ſein. Als er ſah, daß Jan Staers, unter Ausſprechen allerlei gemeiner Scheltworte ſtehen blieb, ſagte der alte Torfs mit beißendem Tone: „Eure Drohungen machen mir keine Angſt; aber ihr ſeid in eurem Hauſe und ich will euch nicht wider Willen be⸗ laſtigen. Doch muß ich euch zu guter Letzt noch einige Worte ſagen, ihr moͤgt ſie aufnehmen, wie ihr wollt. Jan Staers, ihr ſeid ein Vater ohne Herz; ihr habt das Erbtheil eures Kindes ſchuldvoller Weiſe vergeudet und vertrunken; ihr ſeid arm und der Bettelſack wartet eurer... und dieſe Schande, dieſes Elend, das ihr allein verdient habt, wollt ihr auch eurer unſchuldigen Tochter aufbuͤrden— bis daß endlich ihr dem Trunke erlieget oder ſie ſelber vor Verdruß und Kummer von dieſer Lebenslaſt erloͤft wird. Euch beide zu retten, war ich hergekommen; zwanzig Jahre meines Arbeitsſchweißes gaͤbe ich darum, um eure Tochter gluͤcklich zu machen; ihr hingegen zer⸗ truͤmmert ſelbſtſuͤchtig und hochmuͤthig ihre Zukunft und ihr Leben... Denket doch, daß droben ein Gott wohnet, der euch. einſt zur Strafe ziehen, der einſt vor ſeinem furchtbaren Ge⸗ 58 richt Rechenſchaft fordern wird uͤber das, was ihr fuͤr euer ar⸗ mes Kind gethan habt!“ Der ſtolze, nachdruͤckliche Ton des Greiſes— vielleicht auch der dicke Knotenſtock— hatten Jan Staers anfaͤnglich betroffen und zuruͤckgehalten und er horchte mit ſpoͤttiſcher Miene auf ſeine Rede. Am Ende jedoch verletzten ihn die bitteren Vorwuͤrfe aufs blutigſte. Schnaubend vor Wuth lief er mit den zwei vorgehaltenen Faͤuſten auf den alten Mann los. Doch dieſer war, noch ehe er ihn erreicht, zur Thuͤre hinausgetreten und befand ſich ſchon auf der Straße, auf der eben einige Leute voruͤbergingen. Jan Staers warf ihm noch eine Tracht Scheltworte nach, und ſchlug dann die Hausthuͤre ſo gewaltig hinter ſich zu, daß ein Stuͤck davon losbrach. Etwa hundert Schritte davon warteten Lukas und Clara in angſtvoller Spannung. Der Laͤrm des Zwiſtes hatte ſie ſchon mit Schrecken geſchlagen; doch als ſie den alten Mann mit bleichem Geſicht, mit blitzenden Augen und geballten Faͤu⸗ ſten herannahen ſahen, fanden ſie kaum die Kraft, ihn unter ihren Thraͤnen zu fragen, wie es ihm ergangen ſei. —„Laßt mich in Ruhe“ murrte Torfs,„ich bin ſchrecklich aufgeregt und das Blut kocht mir in den Adern. Es iſt mir, als ob ich krank werden wuͤrde: ein Schlagfluß vielleicht! Ach liebe Kinder, es iſt keine Hoffnung mehr fuͤr euch vorhanden! Es iſt aus, aus fuͤr immer!“ Sich die Haare zerraufend folgte Lukas ſeinem Vater; Clara ſchritt ihm zur Seite bitterlich weinend. Kurz darauf oͤffnete ſich die Thuͤre des ſteinernen Hofes * — —BABAEEp—,f„ ufs Nau drlichen Mit ters herul ſtehen und die ſchwer um und 1 Arme, ſta lih träum vor den den theur deid klag trat dann beſchäftigt fekanne auf eine on ſeine nach dem Mutt Backen u dger Bit 59 r on eler ar⸗...... aufs Neue. Jan Staers lief haſtigen Schrittes und mit wun⸗ derlichen Geberden uͤber die Straße, und lenkte in die Tan⸗ niß ſiicht nenallee ein, die in der Richtung nach der Stadt bis an den anfängli 7. 6 eelandlich ausgehauenen Weg reichte, von dem wir im Anfange geſprochen. ſcher Miene die bitteren orgehaltenen , noch ehe III. ſih ſchon gingen. Mit ſchwerem Herzen lief Lukas auf dem Hofe ſeines Va⸗ ſworte nach ters herum. Gedankenvoll ſehen wir ihn an der Ecke der Scheuer 80 ſtehen und in die Ferne nach der Stelle hinſtarren, von wo die ſchweren Schlaͤge eines Beiles heruͤbertoͤnten. Er kehrte ſich um und machte einige Schritte, blieb wieder ſtehen, kreuzte die Arme, ſtampfte zornig auf den Boden, und entfernte ſich end⸗ lich traͤumeriſch nach dem Stalle zu. Hier ſchritt er langſam vor den Kuͤhen hin und her, ſchlug in Gedanken den Arm den theuren Thieren um den Hals, als wollte er ihnen ſein Leid klagen, warf ſodann etwas Heu in die Pferdekrippe und trat dann ſchweigſam in die Hauskammer, wo ſeine Mutter eben beſchaͤftigt war, Waſſer aus einem ſiedenden Keſſel in die Kaf⸗ feekanne zu gießen. Lukas ließ ſich an der Ecke des Herdes ſch zu, daß und Clara hatte ſie ilten Mann lallten Faͤu⸗ ihn unter in ſchrecklich Es iſt mir, lleicht! Ach auf eine hoͤlzerne Bank nieder. Hier blieb er nachdenklich und vorhanden! von ſeiner Muthloſigkeit gaͤnzlich niedergedruͤckt ſitzen, das Auge nach dem glimmenden Feuer gerichtet. later; Clara Mutter Beth war eine kleine dicke Frau mit noch rothen Backen und großen blauen Augen, deren ſanfter, aber leben⸗ diger Blick von ſtiller Herzensguͤte zeugten. rnen Hofes 60 Gemuͤthe zog. Sohne: als du glaubſt.“ Wenn ſie auch zuweilen beim Anſchauen ihres untroͤſtlichen Sohnes mitleidsvoll den Kopf ſchuͤttelte, ſo ſchwebte doch immer noch ein leichtes Laͤcheln um ihre Lippen, und man ſah es ihr an, daß ſie den Verdruß deſſelben nicht ſo gar tief ſich zu Als der Kaffee eingeſchenkt war, ſetzte ſie die Kanne auf die heiße Aſche, ruͤckte einen Stuhl an den Spinnrocken und ließ emſig den Flachs durch ihre Finger gleiten. Geſchnurre der Spindel ſprach ſie in troͤſtender Weiſe zu ihrem Unter dem —„Lukas, du ſttzeſt da, wie einer, der etwas Boͤſes auf dem Gewiſſen traͤgt. Schlag' dir doch einmal dieſe duͤſtern Ge⸗ danken aus dem Kopfe: die Sache iſt am Ende nicht ſo ſchlimm, —„So ſchlimm nicht?“ antwortete der junge Bauer, ohne ſich umzudrehen.„Warum mußten wir aber auch geſtern ſo froͤhlich hier beiſammen ſitzen; warum mußtet ihr mich vor lau⸗ ter angenehmen Dingen faſt verruͤckt machen? Habt ihr denn ſchon vergeſſen, wie ihr dort in dem Kaſten Alles zuſammen⸗ gelegt, was ihr Clara zum Brautgeſchenk geben wolltet? Ja, Mutter, ich war ſo gluͤcklich— ſo gluͤcklich... ich ſah die fernſte Zukunft ſo heiter, ſo himmliſch ſchoͤn vor mir ausge⸗ breitet... Und habt ihr nicht ſelber euch die Thraͤnen aus den Augen gewiſcht, als ihr uns alle ſo voll Entzuͤcken ſahet? — Und der Vater, der mir ſchon ſeine Lehren gab, wie man es angreifen muͤſſe, um ein tuͤchtiger Bauer zu werden. Und 4 Clara, die gute Clara! Als ich ihr ſagte, daß ihr fuͤr ſie eine ſorgſame Mutter ſein wuͤrdet, lief ihr das Herz uͤber; ſie brach in Thraͤnen aus und war faſt außer ſich vor wonniger bberraſc Mal ' men Haare al- Nach fott: können ve Sonne de fühlen, dann end den Vate aus füͤr nicht, al bringen! 3 ſprach die e9 mein unn ihm die vielle Aber es glücklich diger K. Thüre uln L t Grüͤn troͤſtlichen och immer ſah es ihr . 9 ef ſi ſich zu (Kanne auf rocken und unter dem zu ihrem Bsſes Doſes auf düſtern Ge⸗ 0 ſchlinm, auer, ohne geſtern ſo h vor lau⸗ ihr denn zuſammen⸗ olltet; Ja, ich ſah die mir ausge⸗ hraͤnen aus ken ſahet? wie man den. Und hr fuͤr ſie uͤber; ſie wonniger 61 Ueberraſchung. Jetzt ſitzt ſte wieder zwiſchen den vier ſtum⸗ men Mauern des ſteinernen Hofes und reißt ſich vielleicht die Haare aus vor Verzweiflung!“ Nach einer Weile fuhr er mit noch heftigerer Aufregung fort: „Und eine ganze Nacht davon traͤumen; nicht ſchlafen konnen vor Freude, hundertmal aufſpringen, um zu ſehen, ob die Sonne des erſehnten Tages noch nicht aufſteige; ſein Herz beben fuͤhlen, ſingen, tanzen, den Verſtand faſt verlieren... und dann endlich wie ein Meſſer, das ins warme Herz ſchneidet, den Vater ausrufen hoͤren:„Keine Hoffnung mehr! Es iſt aus, aus fuͤr immer!— Seht, Mutter, ihr moͤgt es glauben oder nicht, aber ſo etwas iſt ſtark genug, um einen in's Grab zu bringen!“ —„Aber Lukas, du biſt auch gar ſo ein halsſtarriger Junge,“ ſprach die Mutter verdrießlich.„Warum willſt du nicht auf meine Worte merken? Laß nur einmal des Vaters Gram ſich abkuͤhlen und es wird ſich ſchon noch gut wenden. Waͤrſt du an ſeiner Stelle, du wuͤrdeſt vielleicht noch muthloſer ſein, als er. Stelle dich nur recht in ſeine Lage: er geht zu Jan Staers, um ihm im Drange ſeines guten Herzens Antraͤge zu machen, die vielleicht unſererſeits nicht ſehr uͤberlegt und rathſam waren. Aber es iſt ihm darum zu thun, ihn zu retten und Clara gluͤcklich zu machen. Und was erhaͤlt er zur Antwort?„Nei⸗ diger Knicker, haͤßlicher Schalbeißer!“ toͤnt's ihm entgegen. Zur Thuͤre will man ihn hinausſchmeißen und droht ihm mit Pruͤ⸗ geln! Lukas, es iſt doch dein Vater und du ſollteſt fuͤhlen, daß er Gruͤnde hat, gerechte Gruͤnde, erbittert zu ſein!“ „Liebe Mutter, das fuͤhle ich recht wohl,“ rief Lukas aus, 62 „aber was kann Clara dazu, daß ihr Gott einen ſolchen Va⸗ ter gegeben?“ —„Ja, Kind,“ ſeufzte die alte Frau,„das iſt freilich ihre Schuld nicht, aber jeder hat hienieden ſein eignes Kreuz zu tragen. Haͤtte ich die Sachen ſo vorausſehen koͤnnen, du wuͤr⸗ deſt mit Clara niemals Bekanntſchaft gemacht haben.“ —„Der Vater behauptet doch, Jan Staers ſei ſchon ſeit zwanzig Jahren ein Trunkenbold? Ihr habt ihn alſo wohl nie anders gekannt.“ —„Ich habe mich verleiten laſſen; verleiten, Lukas, das iſt der wahre Ausdruck. Noch eher als du, Junge, hatte ich mit Wohlgefallen meine Augen auf Clara gerichtet. Sie war von Kindheit an ein vortreffliches Maͤdchen; ſo gottesfuͤrchtig, ſo flei⸗ ßig und ſo ungluͤcklich... und dabei war ſie huͤbſch und hatte gar ſo freundliche ſchwarze Augen. Siehſt du, ſo ſind halt die Muͤtter! noch ehe ihr euch liebtet, ſagte ich ſchon bei mir ſelbſt: dieß waͤre eine gute Frau fuͤr meinen Lukas!“ Ihre Stimme war immer herzlicher geworden, und bei den letzten Worten drangen ihr ſogar Thraͤnen aus den Augen her⸗ vor. Der Juͤngling ſprang auf, griff ihr die Hand und rief: —„O, gute Mutter, habt Dank! Ihr ſeid doch noch immer derſelben Anſicht?“ —„Das heißt, mit der Zeit, ja.“ —„Wie ſo, mit der Zeit?“ —„Der Vater iſt Meiſter und ſo duͤrfen wir nichts An⸗ deres im Sinne haben, als er, und der Dorn, der ihn geſto⸗ chen hat, wird ſich nicht ſo ſchnell wieder herausreißen laſſen. So muͤſſen wir eben Geduld haben, Kind.“ Lukas melte vor kann ich ni hinter den diele Tage ſo wird v kaum anzu von reden. laſſen; ich ken herumg nicht Wille man etwas duͤrfen ihr ich werde auf's Tap guter Man laſſen.“ Lukas gen danke M und ein2 ſich mit d n 2 Va⸗ frellch euz zu wuͤr⸗ on ſeit hl nie das iſt ich mit ar von ſo flei⸗ hatte galt die ſelbſt: d rief. h noch 1s An⸗ geſto⸗ laſſen. 63 Lukas ſetzte ſich wieder entmuthigt auf die Bank und mur⸗ melte vor ſich hin: „Warten, warten! Und inzwiſchen die Gewißheit haben, daß ſie ungluͤcklich iſt und nichts auf der Erde zu gewaͤrtigen hat, als Schrecken und Jammer. Warten, und daruͤber vor Ver⸗ druß krank werden und vergehen!“ „Sieh, Lukas, wenn du keine Geduld haben willſt, ſo kann ich nichts dazu thun. Du moͤchteſt gar zu gern die Ochſen hinter den Pflug ſpannen. Das geht nicht. Es kommen ſo viele Tage im Jahre; und wenn es heute ſchlecht Wetter iſt, ſo wird vielleicht morgen wieder Sonnenſchein eintreten.“ „Und der Vater, der war ſo aufgebracht, daß ich ihn kaum anzuſehen wagte! Ich mag ihm auch gar nicht mehr da⸗ von reden. Aus ſei's fuͤr immer, ſagte er.“ „Ja das ſagt er nur ſo, um ſeinem Aerger Luft zu laſſen; ich aber, die ich mich fuͤnfzehn Jahre mit dem Gedan⸗ ken herumgetragen, daß Clara meine Tochter werden ſoll, bin nicht Willens, ihn ſo auf einmal ſchießen zu laſſen. Zuerſt muß man etwas nachgeben, Lukas: der Vater iſt Meiſter und wir duͤrfen ihm nicht widerſprechen. Aber laß mich nur machen, ich werde ſchon ein Woͤrtchen einlegen und die Sache wieder auf's Tapet zu bringen wiſſen. Dein Vater iſt ein herzens⸗ guter Mann nnd ſeine Verſtimmung wird mit der Zeit nach⸗ laſſen.“ Lukas wollte ſeiner Mutter fuͤr ihre troͤſtlichen Zuſicherun⸗ gen danken, als Vater Torfs zur Hinterthuͤre in die Stube trat und ein Beil aus der Hand zu Boden fallen ließ, waͤhrend er⸗ ſich mit der anderen den Schweiß von der Stirne wiſchte. Ernſt 64 und ruhig war ſein Geſicht; kurz, aber doch freundlich ſeine Begruͤßung. Er ſetzte ſich an den Tiſch, ohne ein Wort zu reden. Die Frau trug den Kaffee und das Brod auf, und winkte ihrem Sohne, daß er auch herzutreten moͤge. Vater Torfs mußte in ſeinem Hauſe eines hohen Anſehens genießen, denn ſeine bloße Erſcheinung hatte im Gemuͤthe des Lukas eine voͤllige Umwandlung bewirkt. Der Juͤngling ſchien ſeine Traurigkeit zu bemeiſtern und ſetzte ſich ſchuͤchtern und mit niedergeſchlagenen Augen ſeinem Vater gegenuͤber und aß und trank, freilich ohne Appetit und wohl nur, um jenem nicht zu mißfallen. Es herrſchte noch immer am Tiſche ein peinliches Schweigen, bis endlich der Greis mit ſanftem Tone anhob: —„Lukas, ich habe dich dieſen Morgen nicht zum Ar⸗ beiten angehalten, weil ich mir wohl vorſtellen konnte, daß dir der Kopf nicht ſonderlich darnach ſtand; ich wollte deinen Ver⸗ druß ſich etwas abkuͤhlen laſſen. Jetzt aber ſollteſt du doch Hand an's Werk legen, um das Buchenholz auf den Karren zu laden... Morgen faͤhrſt du damit zur Stadt, um es unſerm Pachtherrn zu uͤbergeben.“ —„Gut, Vater, ich werde thun, wie ihr befehlt“, ant⸗ wortete ehrerbietig der Juͤngling, wenn auch mit etwas ſchmerz⸗ lichem Tone. Die Mutter war aufgeſtanden, um etwas zu holen; am Fen⸗ ſter jedoch blieb ſte einen Augenblick ſtehen und ſah nach der Straße. Ihre Haltung zeugte von aͤngſtlicher Neugierde. Unter⸗ deſſen ſagte der Vater zum Sohne: „Faſſe Muth, lieber Lukas, es thut mir wehe, dich ſo ver⸗ ſtimmt zu ſehen. Ich bin auch jung geweſen, und weiß recht gut, Straße ins E ters Orellna toffeln vom Päl den! Abend feiern hl recht die ð nur Angſt! —„ wo vor der Thuͦ ſehen, wase — deuten? El Er woll nach und ſa 4 — L geht uns ni So ſpr ſicht gegen di ſich unter de könne. Der vorblinkte, li —„Hi haben?“ jau Gefängniß g Die Dorfpla ſchien nd mit ß und icht zu einliches ob: n Ar⸗ daß dir Ver⸗ u doch ren zu -unſerm ., ant⸗ chmerz⸗ m Fen⸗ ch der Unter⸗ ſo ver⸗ cht gut, was es heißt, ſich in ſeinen Hoffnungen grauſam betrogen zu ſehen; aber es laͤßt ſich nicht aͤndern, du mußt dich darein finden...“ Auf einmal drangen einige verworrene Stimmen aus der Straße ins Zimmer herein, und dazwiſchen ein ſchallendes Gelaͤchter. —„Es ſind die Dienſtboten und Arbeitsleute des Paͤch⸗ ters Drelmans“, bemerkte Torfs,„die den letzten Wagen Kar⸗ toffeln vom Felde hereinbringen; ich habe ſie noch vor einer Weile den Wagen mit gruͤnen Zweigen behaͤngen ſehen. Dieſen Abend feiern ſie das Kuchenfeſt auf ihrem Hofe... Sie ſind wohl recht luſtig, Bethe?“ Die Frau wandte ſich um. Auf ihren Zuͤgen jedoch war nur Angſt und Furcht zu leſen. „Ich weiß nicht,“ antwortete ſte,„es ſteht ſo viel Volk vor der Thuͤre des Nachbars Staers, aber ich kann nicht recht ſehen, was es giebt. Der Feldſchuͤtz iſt dabei mit bloßem Saͤbel.“ „Gott!“ ſchrie Lukas aufſpringend,„was mag das be⸗ deuten? Clara! Clara!“. Er wollte zum Hauſe hinaus, aber ſein Vater lief ihm nach und ſagte mit befehlender Stimme: „Lukas, du bleibſt hier. Was auch dort geſchieht, es geht uns nichts an.“ So ſprang denn der Juͤngling an's Fenſter und das Ge⸗ ſicht gegen die Scheiben gelehnt, ſuchte er herauszubringen, was ſich unter dem Haufen Leute vor dem ſteinernen Hofe zutragen koͤnne. Der Saͤbel des Feldſchuͤtzen, der uͤber die Koͤpfe her⸗ vorblinkte, ließ ihn das Aergſte fuͤrchten. —„Himmel! ſollte Jan Staers ein Verbrechen begangen haben?“ jammerte er wie verzweifelnd.„Wird er vielleicht in's Gefaͤngniß gefuͤhrt? Das fehlte noch!“ Die Dorfplage. 66 —„Sei unbeſorgt,“ ſprach der Vater,„ich ſtelle mir wohl vor, was es iſt. Die Gerichtsdiener ſind aus der Stadt angekommen, ſeinen Hausrath in Beſchlag zu nehmen, und der Feldſchuͤtz haͤlt das Volk von der Thuͤre zuruͤck.— Seht, wie er eben die Leute aus einander treibt, weil ſie ſich zu weit vorgedraͤngt haben.“ Dieſe Sprengung des neugierigen Haufens geſtattete ihnen endlich, von ihrem Fenſter aus beſſer zu erkennen, um was es ſich handle. Ein gellender Schrei fuhr aus Lukas Bruſt.„Gott!“ rief er,„dort ſitzt Clara gegen die Mauer neben der Thuͤre auf einem Strohſack; ſie haͤlt die Haͤnde vor die Augen und weint. Auf die Straße hat man ſie geſetzt, und rund herum lacht und ſpottet das Volk uͤber ihre Erniedrigung, uͤber ihr jammervolles Ungluͤck! Vater, Vater, laßt mich hingehen. Um Gottes Willen, laßt mich gehen!“ Der Greis ſchloß die Thuͤre ab und ſteckte den Schluͤſſel in die Taſche. „Aber Vater,“ rief Lukas faſt außer ſich,„wie koͤnnt ihr ſo gefuͤhllos und grauſam ſein? Clara, die arme Clara ſitzt dort in der freien Luft ohne Obdach, weiß nicht, wohin ſie ſich wende, vergießt Thraͤnen und muß, das unſchuldige Lamm, das Hohngelaͤchter uͤber ſich ergehen laſſen und ſitzen bleiben, zum Geſpötte des ganzen Dorfes! Habt ihr denn kein Herz mehr, Vater?“ —„Es iſt ungluͤcklich, aber.... —„Aber, aber, Vater,“ ſchrie Lukas mit den Fingern in die Haare greifend,„ihr wißt nicht, was ihr thut... laſſet gleichguͤltig die Frau eures Sohnes entehren!“ — Vurdruß Leben al Und ſchrocken hei der wagt. it unglü der fuͤrc Der melte: Frau vorzubring nes tief jett bezw Nun zund:„S auszuſtehe . ſam blauem 9 du doch Stein. es iſt doch folgen m daran eri⸗ ſwas es Gott!“ Thuͤre Pen und herum ber ihr en. Um Schluͤſſel ie koͤnnt e Clara ,wohin lſchuldige iid ſitzen enn kein Fingern .. laſſet 67 „Deine Frau?“ —„Ja, ſie muß meine Frau werden, und ſollte ich vor Verdruß uͤber den Aerger, den ich euch dadurch verurſache, mein Leben aufzehren; meine Frau muß ſie werden, ſage ich!“ Und uͤber den entſchiedenen Ton dieſer Worte ſelbſt er⸗ ſchrocken ging er weinend zu ſeinem Vater, faßte ihn liebkoſend bei der Hand, lehnte den Kopf an ſeine Bruſt und flehte: „Ach, verzeiht mir's, daß ich alſo zu ſprechen ge⸗ wagt... aber ich habe am Ende doch Recht. Sie leidet, ſie iſt ungluͤcklich. Ach, laßt mich gehen, daß ich ſie befreie von der fuͤrchterlichen Schmach!“ —„Sie holen und hierher bringen? Der Greis ſchuͤttelte den Kopf, indem er bedenklich mur⸗ melte: —„uUnd ihr Vater? ihr Vater?“ Frau Torfs hatte noch keine Zeit gefunden, um ein Wort vorzubringen; ſo ſehr ihr die ſchmerzvollen Klagen ihres Soh⸗ nes tief in's Herz ſchnitten, ſo hatte ſie ihre Betruͤbniß bis jetzt bezwungen und ſchweigſam zugehoͤrt. Nun aber brach ſie ploͤtzlich in Thraͤnen aus und rief ſchluch⸗ zend:„Sieh, Torfs, du treibſt es zu weit; es iſt nicht mehr auszuſtehen. Du bringſt unſern Lukas noch in den Brunnen ſammt dem ungluͤcklichen Schaf, das dort unter Gottes blauem Himmel vor aller Welt Thraͤnen vergießt. Wie kannſt du doch ſo kalt dabei bleiben, als haͤtteſt du eine Seele von Stein. Ja, du haſt mehr Verſtand als wir, ich weiß es, aber es iſt doch noch beſſer, barmherzig zu ſein— was auch daraus folgen mag. Wir ſind ja Chriſten, Torfs. Muß ich dich daran erinnern?“ 74 5* —— V—VHOʃ⏑—— ——— 1——— 68 —„Ach, Vater, folgt doch der lieben Mutter, laßt mich die Clara holen!“ Der Greis ſchien von den dringenden Vorſtellungen ſeiner Frau uͤberwunden. „Einen Augenblick nur,“ murmelte er,„laßt mich nachdenken...“ Dann holte er den Schluͤſſel aus der Taſche und oͤffnete die Thuͤre. —„Du machſt einen dummen Streich,“ ſagte er,„aber gehe nur immer in Gottes Namen und bringe das Maͤdchen her!“ Lukas und ſeine Mutter liefen eilig davon und naͤherten ſich dem Haufen Neugieriger vor dem ſteinernen Hofe. Der Juͤngling draͤngte ſich gewaltſam durch die Menge, ſchob in nicht ſehr ſanfter Weiſe einen Lacher zuruͤck, faßte Clara bei der Hand, und indem er ſie aufforderte, ſich aufzurichten, ſagte er: —„Komm, komm, die Mutter iſt da, dich zu holen; hier darfſt du nicht bleiben. Ich werde dafuͤr ſorgen, daß dein Hausrath zu uns gebracht werde. Troͤſte dich, liebe Clara, Lukas wird dich doch nicht verlaſſen.“ Schon hatte Mutter Torfs die andere Hand des weinen⸗ den Maͤdchens gefaßt und zog ſte troͤſtend uͤber die Straße nach ihrer Wohnung. Lukas blieb zuruͤck und machte noch heftige Ausfaͤlle gegen diejenigen, auf deren Geſicht er eine ſpoͤttiſche Miene bemerkt hatte. —„Wie?“ rief er,„ihr koͤnnt boͤſe und grauſam genug ſein, um euch an fremdem Elend zu ergoͤtzen? Ihr ſeht die arme Clara— die Guͤte und Freundlichkeit ſelber— in Thraͤ⸗ nen zerfließen und ſteht lachend daneben! Pfui, ich ſchaͤme mich, daß ihr Menſchen ſeid!— 1 ſprach ei ros Un uns dar gerechten langen. am Ende recht; er das wüſt ſen Mor Funffran zu bezah wenn nich er ſtzt in und ſeine cher Ung moͤchte g tragen. Drei ſſſ ull und wi. Als ſie ihren gangen Das 69 d„Nun, nun, Lukas, macht euch kein boͤs Blut, Junge!“ ſene ſprach ein vierſchröͤtiger Bauer.„Wir lachen nicht uͤber Cla⸗ ra's Ungluͤck, das faͤllt uns gar nicht ein... Aber daß wir t wi uns daruͤber gräͤmen ſollten, daß der hochmuͤthige Soͤffel ſeinen dce gerechten Lohn kriegt, koͤnnt ihr doch billiger Weiſe nicht ver⸗ langen. Jan Staers, der die Naſe immer ſo hoch trug, iſt am Ende doch in die Schlinge gerathen. Und es geſchieht ihm zide recht; er hat es lange her verdient. So kommt doch endlich her das wuͤſte Ungeziefer aus dem Dorfe.“ uͤhene—„Sonderbar!“ bemerkte ein Anderer,„ich bin ihm die⸗ dar ſen Morgen im Hohlweg begegnet, er hatte einen Gurt voller cob in Fuͤnffrankenſtuͤcken um den Leib und ſagte, daß er ſeinen Pacht ara bei zu bezahlen nach der Stadt ginge.“ agte er:—„Seinen Pacht zu bezahlen?“ lachte ein Dritter,„ja holen; wenn nicht ſo viele Wirthshaͤuſer am Wege ſtaͤnden. Ich wette, aß dein er ſitzt im„Bunten Ochſen,“ ſo voll geſoffen, daß er von Gott Clara, und ſeinen Geboten keine Sylbe mehr weiß.“ „Schweigt, Freunde, ſchweigt,“ bat Lukas mit peinli⸗ weinen⸗ cher Ungeduld.„Wer von euch will mir behuͤlflich ſein. Ich Straße moͤchte gern das Bettzeug da und die Kleider in unſre Scheune tragen.“ le gegen Drei oder vier junge Burſchen waren augenblicklich zur Hand bemerkt und willfahrten ſeinem Begehren. n genug ſeht die Als Mutter Bethe mit Clara in ihre Wohnung trat, fand n Thraͤ⸗ ſte ihren Mann nicht mehr, ſie dachte, er ſei in den Hof ge⸗ me wich, gangen und kuͤmmerte ſich nicht weiter um ſeine Abweſenheit.“ Das weinende Maͤdchen zur Bank fuͤhrend, ſagte ſie: 70 —„Clara, liebes Kind, es iſt recht traurig, aber ihr muͤßt nicht verzweifeln. Wir werden euch ſchon wieder auf⸗ helfen.“ „Ach, fuͤr mich ſelber iſt es mir nicht bange,“ erwiederte die Jungfrau,„ich kann arbeiten und mir mein noͤthiges Aus⸗ kommen verdienen, aber mein armer Vater, was wird der an⸗ fangen, wo wird er eine Schlafſtaͤtte finden? Kein Obdach mehr; auf die Straße geworfen wie ein Landſtreicher! Beſſer waͤre es geweſen, Mutter Bethe, wir waͤren beide geſtorben.“ „Kind, Kind, was habt ihr fuͤr ſchwarze Gedanken,“ ſagte die Frau im Tone der Ruͤge. „Und geſtern noch ſo froͤhlich!“ ſeufzte Clara nach⸗ denklich.„Aus dem Himmel fallen, um in die Hoͤlle zu ſtuͤr⸗ zen; in die Schande, die Armuth, die Verzweiflung... Ach, und der Vater, was wird aus ihm werden? —„Allerdings,“ bemerkte bedenklich die Mutter Torfs,„das iſt das Allerſchlimmſte bei der Sache. Denn fuͤr euch werden wir ſchon ein Plaͤtzchen finden, um euch vorlaͤufig unterzubrin⸗ gen; aber fuͤr euren Vater— das iſt ganz was anders. Ich will ihn nicht in meinem Haus... und Torfs ginge lieber ſelber aus ſeiner Wohnung, als mit dieſem— wie ſoll ich ſagen?— mit dieſem Wilden unter demſelben Dache zu ſchla⸗ fen. Ihr muͤßt bedenken, Clara, daß euer Vater, wenn er getrunken hat, ein gefaͤhrlicher Menſch iſt. Er wuͤrde hier mitten in der Nacht das Unterſte zu oberſt ſetzen, und laͤrmen und fluchen und wieder mit ſeinen Schimpfwoͤrtern„Pfennig⸗ fuchſer und Schalenbeißer,“ um ſich werfen! Dem Torfs fahrts auch leicht in den Kragen und er wuͤrde es nicht lange dulden ... und es koͤnnte am Ende noch ein Ungluͤck ſetzen. Nein, „* 2 gethe, nit nich dermann ten, üͤber kain Aust bis daß⸗ nimmt! Gott hät die Frau wohnheit anſteckende meinde iſt Lukas u ging un beſſer al Kleider einer G ter bis ter wo 5,„das werden rzubrin⸗ venn er de hier laͤrmen Pfennig⸗ fäͤhrts dulden Nein, 71 Jan Staers darf hier nicht uͤber die Schwelle; das kann durch⸗ aus nicht ſein. Ach, lieber Gott, das ſehe ich recht wohl ein, Mutter Bethe,“ klagte die Jungfrau,„aber, um Gottes willen, ſagt es mir nicht; es bohrt mir durchs Herz, meinen Vater von Je⸗ dermann verachtet zu wiſſen, die Leute uͤber ſein Ungluͤck ſpot⸗ ten, uͤber unſere Schmach frohlocken hoͤren zu muͤſſen! Und dabei kein Ausweg, keine Hoffnung noch Linderung: es muß ſo dauern, bis daß... bis daß es mit irgend etwas Entſetzlichem ſein Ende nimmt! Mutter Torfs ſagt ſelber, ob es nicht beſſer geweſen, Gott haͤtte uns beide aus der Welt genommen?“ „Der Trunk iſt doch ein furchtbares Uebel,“ bemerkte die Frau.„Und wenn man bedenkt, daß dieſe haͤßliche Ge⸗ wohnheit des Branntweintrinkens ſich in den Doͤrfern wie eine anſteckende Krankheit immer mehr fortpflanzt. In unſerer Ge⸗ meinde iſt es ſo arg noch nicht; aber dort, nach den Kempen zu! dort laufen ſie haufenweiſe herum, die Maͤnner, die Frau und Kind ungluͤcklich machen und allmaͤlig den Bettelſack um⸗ haͤngen muͤſſen!..“ Sie wurde in dieſen Betrachtungen durch die Ankunft des Lukas unterbrochen, der geradezu auf das weinende Maͤdchen zu⸗ ging und ihr troͤſtend die Hand faßte mit den Worten: —„Liebe Clara, weine doch nicht mehr; es wird noch beſſer ablaufen, als wir glauben. Ich habe die Kiſte und die Kleider einſtweilen in die Scheune gelegt und das Bettzeug in einer Ecke auf dem Stroh ausgebreitet. Dort mag euer Va⸗ ter bis morgen ein Unterkommen finden. Dann wird die Mut⸗ ter wohl ein Woͤrtchen beim Vater einlegen, um dich aus der 32 72 Noth zu reißen... Und, das weißt du ja, was auch daraus werden moͤge, ich werde dich ſtets mit Freude bei uns ſehen.“ —„Was ſagſt du da, Lukas?“ fiel ihm die Mutter ſtrenge in's Wort.„Jan Staers ſoll in unſerer Scheune ſchlafen? Ich glaube, es rappelt dir im Kopfe. Es brauchte ihm nur in den Sinn zu kommen, eine Pfeife zu rauchen; und mit dieſer hoͤlliſchen Erfindung der Phosphorhoͤlzchen... waͤre unſer Haus und Erbtheil in einem Augenblicke ein Raub der Flammen. Sprich doch um Gotteswillen nichts dergleichen im Angeſichte des Vaters!“ —„Wo iſt denn der Vater?“ fragte der Juͤngling, indem er ſich umſah. —„Ich weiß es nicht; als ich mit Clara zuruͤckkehrte, war er ſchon weg und ich habe ihn nicht wiedergeſehen.“ „Himmel! iſt er etwa boͤſe?“ — Moͤglich genug, Junge; du haſt aber auns eine Sprache vor ihm hoͤren laſſen, die ein bischen gar zu kuͤhn war. Und du weißt, wie ſehr der Vater darauf haͤlt, daß man ihm mit Achtung begegne.“ 4 — Liebe Mutter,“ verſetzte Lukas,„ich achte den Vater aus ganzer Seele; ich liebe und ſchaͤtze ihn fuͤr ſeine Guͤte und ſeine Einſicht... Aber was kann ſch. dafuͤr, wean mir das Herz uͤberlaͤuft vor bitterem Leid?“ Er ſchwieg, denn eben trat der Vater in's Haus. Der Juͤngling ging auf ihn zu und ſagte mit bittender Stimme: —„Lieber Vater, ihr ſeid doch nicht boͤſe? Ihr muͤßt nachſichtig mit mir ſein; ich wußte nicht xecht, was ich ſagte.“ — ernſtlich in die: Luke nit äͤng s leicht theilung der Vate el Kummer, ſehen. zu holen Höre nu und e6 Wire ſie keine einzl mir denn ſten, abe am Bach Schöffen miethet; mit ihren D *) D Bürgermei fen anverte daraus ſehen.“ ſtrenge 1 Ic nur in t dieſer r Haus ammen. Ngeſichte Sprache Und zm mit Vater uͤte und ir das ttender muüͤßt 7 74 ſagte. 73 —„Setze dich,“ befahl der alte Torfs,„horcht alle ernſtlich auf, was ich euch ſagen will: und daß Niemand mir in die Rede falle.“ Lukas und ſeine Mutter gehorchten ſchweigend, und hielten mit aͤngſtlicher Spannung die Augen auf ihn geheftet, da ſie es leicht an ſeiner Stimme merkten, daß er eine wichtige Mit⸗ theilung zu machen habe.“ —„Du glaubſt, ich ſei auf dich erbittert, Lukas?“ ſprach der Vater.„Ganz und gar nicht. Mitleid habe ich mit deinem Kummer, und mein lebhafteſter Wunſch iſt, dich gluͤcklich zu ſehen. Waͤhrend du mit deiner Mutter fort warſt, um Clara zu holen, habe ich mir, was zu thun ſei, reiflich uͤberlegt. Hoͤre nun, was ich bei mir dachte. Wir alle lieben Clara und es ſchmerzt uns tief, daß ſie ſo unſchuldig leiden muß. Waͤre ſie allein, da waͤre die Sache ſchnell abgemacht; ſie wuͤrde keine einzige Thraͤne mehr zu vergießen haben. Aber wir ha⸗ ben kein Recht dazu, die Tochter von ihrem Vater zu ſcheiden. Wo ſie iſt, da wird er ebenfalls ſein wollen, und in mein Haus darf Jan Staers auf keinen Fall kommen. So habe ich mir denn etwas Anderes ausgedacht. Geld wird's freilich ko⸗ ſten, aber Gott wird es mir einſtens vergelten. Dort hinten am Bach ſteht ein kleines Handwerkerhaͤuschen, das unſerem Schoͤffen*) Putkop gehoͤrt. Ich habe es auf drei Monate ge⸗ miethet; tragt das Bettzeug dahin, Clara kann darin wohnen mit ihrem Vater....“— Die Leitung der Gemeindeangelegenheiten iſt in Belgien einem Buͤrgermeiſter und je nach der Einwohnerzahl zwei, drei oder vier Schoͤf⸗ fen anvertraut. Sie fuͤhren das aus„was der Gemeinderath beſchloſſen. (Anmerk. d. Ueberſ.) ——— 1 — — 74 Lukas machte eine Bewegung, als wollte er ſprechen, auch Clara ſtreckte die Haͤnde zum Danke aus, aber ein Zeichen des Greiſes hielt ihre Worte zuruͤck. „Ich will einen letzten Verſuch machen,“ fuhr er fort. „Es iſt moͤglich, daß Jan Staers durch ſein Ungluͤck auf beſ⸗ ſere Gedanken kommen wird. Clara, ihr koͤnnt ihm ſagen, daß ich morgen vor Mittag ihn zu ſprechen kommen werde; bittet ihn unterdeſſen recht dringend, daß er ſeinen Hochmuth fahren laſſe und die Sachen in ihrem wahren Lichte betrachte. Wenn er meinen Vorſchlag annehmen will und die Bedingungen erfuͤllt, die ich ihm machen werde, dann, Kinder, iſt noch nichts verloren und Alles, wovon wir geſtern getraͤumt haben, kann noch Wirk⸗ lichkeit werden. Ich habe die Hoffnung, daß es gelingen wird.— Jetzt bin ich fertig.“ Lukas und Clara ſprangen zu gleicher Zeit auf den alten Mann zu und benetzten ſeine Haͤnde mit Freudenthraͤnen. —„Vater,“ rief Lukas,„ein Engel kann nicht liebreicher und großherziger ſein als ihr. Tauſend Dank, guter Vater; nie werde ich es euch in dieſem Leben vergelten koͤnnen.“ —„Bleibe auf dem Pfade der Tugend,“ erwiederte ge⸗ ruͤhrt der alte Torfs,“ und wenn ich einſt alt und gebrochen bin, dann erinnere dich deſſen, was ich fuͤr dich gethan habe. Und ihr, Clara, wenn Gott es ſo ſchicken ſollte, daß ihr unſere Tochter werdet, liebet eure neue Mutter bis ans Ende ihrer Tage.“ Das Maͤdchen flog der Mutter Bethe um den Hals und rief aus: —„Za, ſollte ich euch nie mehr wiederſehen, nimmermehr werde ich eure Guͤte vergeſſen und ſtets eurer in meinen Gebeten ge⸗ den Ko jetzt Eim chen, da zum Hau der Felde ſeine nel zeug auf Was mi was abt vid gle Waͤh auszufüͤhr 8 5 Haus ve Vohnun Kau er aus ſchien a nalten ſoreicher NP Vater; ebrochen n habe. 8 Ende ſals und nermehr peten ge⸗ denken, daß Gott euch ſegnen möge und mit langem, langem Leben beſchenke.“ Sich ſeiner druͤckenden Gemuͤthsbewegung erwehrend, ſprach der alte Torfs: „Kommt, laßt uns keine Zeit verlieren. Bethe, nimm jetzt Eimer und Beſen zur Hand und gehe mit Clara ins Haͤus⸗ chen, daß es ſauber hergerichtet werde. Nachher tragt ihr, was zum Hausweſen noͤthig iſt, dahin. Beim ſteinernen Hofe wird der Feldſchuͤtz verweilen, um dem zuruͤckkehrenden Jan Staers ſeine neue Wohnung anzuweiſen. Du, Lukas, faͤhrſt das Bett⸗ zeug auf dem Schubkarren vors Haus; da haſt du den Schluͤſſel. Was mich betrifft, ſo muß ich mit dem Schoͤffen Putkop noch was abmachen. Eilt euch Alle ein wenig, denn der Abend wird gleich da ſein.“ Waͤhrend jedes ſich daran machte, die erhaltenen Befehle auszufuͤhren, ſchritt Paͤchter Torfs zur Thuͤre hinaus. IV. Es war ungefaͤhr zehn Uhr des Morgens, als Torfs ſein Haus verließ, um ſich den Feldweg entlang nach der neuen Wohnung des Jan Staers zu begeben. Kaum hatte er eine Schußweite Weges zuruͤckgelegt, ſah er aus der Ferne Clara ihm entgegenkommen. Das Maͤdchen ſchien aufgeraͤumt und heiterer Laune zu ſein, denn ſie trug den Kopf gerade und kam leichten Schrittes herangeſchritten. 76 Der Greis ſchloß hieraus auf einen guͤnſtigen Verlauf ſeiner Angelegenheit, und froͤhlichen Sinnes ſah er das Maͤdchen auf ſich zukommen. —„Nun, Clara, hat euer Vater ſich geduldig in ſein Ungluͤck geſchickt?“ fragte er.„Iſt er vernuͤnftiger geworden?“ —„Sonderbar“, erwiederte die Jungfrau,„aber es iſt mit ihm eine merkliche Umwandlung vorgefallen. Es war noch fruͤh, als er geſtern Abend von der Stadt zuruͤckkehrte, und er muß nicht getrunken haben, denn er hat ſich durch den Feldſchuͤtzen ohne Einwendung in unſere neue Wohnung fuͤhren laſſen. Dann ſagte er mir einige ſtille freundliche Worte und forderte mich auf, ruhig ins Bett zu gehen. Ich ſchlief wenig, denn ich hoͤrte, daß mein Vater wach war, und in ſeiner Kammer auf- und abging. Als ich aufſtand und hinunterging, fand ich ihn in einer Ecke ſitzen, die Arme uͤber die Bruſt ver⸗ ſchraͤnkt und die Augen nach dem Boden gerichtet. Ich erſchrak daruͤber und faßte ihm weinend die Hand; doch er troͤſtete mich mit Sanftmuth und bat mich um Vergebung fuͤr das Boͤſe, das er, wie er ſagte, mir angethan habe.“ —„Es iſt freilich zu verwundern. Alſo er will ſich beſſern?“ „Er hat hoch und theuer verſprochen, nie wieder ein Wirthshaus betreten, noch ſtarke Getraͤnke, ja keinen Tropfen mehr koſten zu wollen. Er ergiebt ſich demuͤthig in ſein Ge⸗ ſchick und ſagt, er wolle als Tagwerker auf die Arbeit gehen, um uns Beiden die Koſt zu verdienen.“ „Und ihr glaubt, daß er es wirklich aufrichtig meint?“ „Ich zweifle nicht daran, denn er hat ſchon beim Holzſchuhmacher einen Spaten geborgt und ſeit dieſem Morgen in aller binter 1 das, we nicht wle mir das trinken, dieß alle nun Bei verdienen Leben zu ich esn Gott dal Der ſch hin: Zum ſich als Entſchluß as Das des Haͤu weg mit hat es 1 kehre zu reden. ſeiner den auf in ſein den?“ er muß ſchuͤtzen laſſen. forderte 9, denn Kammer ,, fand ſtt ver⸗ erſchrak troͤſtete uͤr das vill ſich eder ein Tropfen ein Ge⸗ t gehen, meint?“ jn beim Morgen 77 in aller Fruͤhe iſt er mit dem Umgraben des kleinen Gaͤrtchens hinter unſerem Hauſe beſchaͤftigt. Vater Torfs, ich ſollte uͤber das, was uns betroffen, traurig geſtimmt ſein, aber ich weiß nicht wie, ich bin ſo ſehr von freudigen Gefuͤhlen bewegt, daß mir das Herz faſt ſpringen will. Mein Vater nicht mehr trinken, und waͤren wir ſo entbloͤßt wie dieſe Steine, es waͤre dieß allein noch immer ein großes Gluͤck... Und wenn wir nun Beide recht arbeiten, ſo werden wir wohl hinreichend verdienen, um die Miethe zu bezahlen und ertraͤglich unſer Leben zu friſten. Ich fuͤhle mich ſo friſch und muthig, daß ich es nicht ausſprechen kann; ja ich noͤchte faſt dem lieben Gott danken, daß er uns ſo tief ins Ungluͤck geſtuͤrzt hat!“ Der Greis, bedenklich den Kopf ſchuͤttelnd, murmelte vor ſich hin: —„Hm, hm, es iſt freilich gar ſo ploͤtzlich!“ Zum Maͤdchen ſich wendend, ſprach er ſodann: „Alſo er hat geſagt, daß er nicht wieder trinken und ſich als Tagloͤhner durchhelfen wolle? Es iſt das ein guter Entſchluß und daruͤber wollte ich eben mit ihm ſprechen.“ Das Maͤdchen wies nun mit der Hand in der Richtung des Haͤuschens und ſagte: —„Seht dort hinter der Hecke den Vater, wie er friſch weg mit dem Spaten arbeitet.“ —„Ihr habt ihm doch meine Ankunft angekuͤndigt?“ —„O gewiß, und er wird euch ehrerbietig anhoͤren; er hat es mir verſprochen.“ „Nun, Clara, geht einſtweilen, bis ich wieder zuruͤck⸗ kehre zur Mutter Bethe; ich muß mit eurem Vater allein“ reden. Faſſet Muth; denn wenn es ſich ſo verhaͤlt, wie ihr 78 ſagt, ſo werden wir noch alle nach der Kirche gehen, um fuͤr Gottes wunderliche Fuͤgung andaͤchtig zu danken.“ Vater Torfs und Clara trennten ſich und Vater Torfs trat in den Garten des kleinen Hauſes. Als Jan Staers ſeinen alten Nachbar herannahen ſah, uͤber⸗ flog ein heftiges Roth ſein Geſicht und ſeine Lippen zogen ſich zu einem ſonderbaren Ausdruck zuſammen. War es die Scham uͤber ſeine elende Lage oder verhaltener Zorn?— Der Greis dachte nicht weiter daruͤber nach, und ſagte ſich, es ſei im Grunde ganz natuͤrlich, daß Clara's Vater durch das uͤber ihn hereingebrochene Begegniß zum mindeſten von einer voruͤber⸗ gehenden Aufwallung befallen werde. Jan Staers hatte ſeinen Spaten in die Erde geſteckt und die Arbeit verlaſſen. Nach etwas duͤſterer und kalter Be⸗ gruͤßung trat er mit Paͤchter Torfs in das Haͤuschen. Nachdem er dem Alten einen Stuhl vorgeruͤckt hatte, ſprach er mit etwas verlegenem Ausdruck: —„Paͤchter Torfs, ihr habt die Guͤte gehabt, mir eine Wohnung zu beſorgen: ich danke euch im Namen meiner Tochter.“ —„Im Namer meiner Tochter?“ wiederholte Torfs. —„Sa, denn fuͤr mich habt ihr's gewiß nicht gethan!“ —„Nachbar, ſo duͤrft ihr die Sache nicht auffaſſen,“ bemerkte der Alte mit Nachdruck.„Wohl geſtehe ich, daß ich lange boͤſe auf euch zu ſprechen war, und wahrhaftig, es war auch nicht leicht, kaltbluͤtig mit anzuſehen, wie ihr leichtſinnig euer Erbtheil aufzehrtet und euer eigenes Kind ungluͤcklich mach⸗ tet; aber glaubt mir, wenn ihr von eurem Laſter euch los⸗ reißen und auf ewig den ſtarken Getraͤnken entſagen wollt, dann ſollt! mich. ich aus mit ein dieſes. Almoſen Er wollte deren e lag ett ſchütteln mir vore das Gli ben; ab hat. T das Un Da Augen gewal n tſ riſſen h liches E hervor. 81 1, um ſs trat über⸗ gen ſich Scham Greis ſei im ber ihn druͤber⸗ ct und r Be⸗ ſprach ir eine meiner 8 14 han! faſſen,“ daß ich es war htſinnig ) mach⸗ ich los⸗ t, dann 79 ſollt ihr erfahren, daß ihr keinen beſſeren Freund habt, als mich.“ —„Moͤglich; immerhin werde ich es ſo einrichten, daß ich aus Niemands Hand zu eſſen brauche,“ murrte Jan Staers mit einer Geberde verhaltenen Aergers.„Ich werde die Miethe dieſes Haͤuschens bezahlen; ſo braucht ihr dem Jan Staers kein Almoſen zu reichen.“ Er legte einen biſſigen Nachdruck auf das Wort ihr, als wollte er dadurch zu erkennen geben, daß er von jedem An⸗ deren eher ſich helfen laſſen wuͤrde, als vom Paͤchter Torfs, und es lag etwas Gereiztes und Feindſchaftliches in ſeinen Worten. —„Nachbar, Nachbar,“ bemerkte der Greis unter Kopf⸗ ſchuͤtteln,„der Hochmuth iſt ein ſchlechter Rather. Ich hatte mir vorgenommen, euch Dinge vorzuſchlagen, die einzig und allein das Gluͤck eures Kindes und euer eigenes Wohl zum Ziele ha⸗ ben; aber ich ſehe wohl, daß euch das Ungluͤck nicht gebeſſert hat. Das betruͤbt mich ſehr; aber ich kann doch auch nicht das Unmoͤgliche thun.— In Gottes Namen denn!“ Er ſtand auf, als wollte er wieder aufbrechen und ſeufzte mit tiefer Wehmuth: —„Arme Clara!“ Da ſchlug ſich Jan Staers plöoͤtzlich die Haͤnde vor die Augen und fing an bitterlich zu weinen. Als ob ihm dieſer gewaltſame Bruch ſeines Hochmuthes die Nerven auseinander ge⸗ riſſen haͤtte, es zuckten alle Glieder an ihm und ein ſchreck⸗ liches Geroͤchel drang aus ſeiner wie zuſammengeſchnuͤrten Kehle hervor. 4 Vater Torfs ſchaute ihn eine Weile ſprachlos an. Dann, von 80 tiefem Mitleid ergriffen, legte er ſeinem Nachbar die Hand auf die Schulter und ſagte in troͤſtlicher Weiſe: —„Fetzt, Jan Staers, maͤßigt euren Truͤbſinn; hoͤrt mich an, ich will euch ſagen, was ich euch vorſchlagen wollte.“ —„Ach ich bin ein veraͤchtliches Geſchoͤpf, ein giftiges Ungeziefer, ein gottverlaſſener Boͤſewicht!“ rief Jan Staers ver⸗ zweiflungsvoll aus.„Fuͤr mich bleibt nichts uͤbrig als in die Hoͤlle zu ſinken, um ewig darin zu verbrennen wie ein Teufel, als welcher ich ſtets gelebt habe. Dieſe ganze Nacht habe ich nicht geſchlafen; denn zum erſten Mal ſeit langer Zeit hatte ich nicht einen einzigen Schluck getrunken. Vater, Mutter, Frau, ſie alle erſchienen mir aus ihrem Grabe vor die Augen; ſchalten mich uͤber mein ehrloſes Betragen und beſchuldigten mich, daß ich ihnen das Leben ſo bitter gemacht und die Urſache ihres fruͤhen Todes geweſen.“ „Ihr faſelt; macht euch nicht ſchuldiger in euren ei⸗ genen Augen, als ihr wirklich ſeid,“ murmelte der alte Torfs. „Ich faſele?“ wiederholte Staers mit bitterem Scherz. „Fuͤnfzehn Jahre habe ich zur Schande des ganzen Dorfes wie ein Vieh hingelebt; meines Vaters Schweiß, meines Kindes Erbe verpraßt; geſchwelgt, geflucht, gelaͤſtert, als wollte ich aus dem Moderpfuhl meiner Saͤuferexiſtenz gegen Gott ſelber in den Kampf treten. Ja, ich habe die Sorgen, die hingebende Liebe, den Kummer Clara's mit Gefuͤhlloſigkeit, wie ein ge⸗ fraͤßiger Schlemmer, hingenommen... ihre Jugendbluͤthe unter der Schande welken machen... und zum Lohne ſie endlich niedergeworfen auf das Stroh der Armuth, in den Abgrund der entſetzlichſten Demuͤthigung. Fluch uͤber mich! meine Seele iſt dahin; nichts bleibt zuruͤck in meinem Herzen als ein ekel⸗ haftes G heit und auszureif Staube heuer, he har zu ſe müͤth geg als gegen bitte, ich üͤber mich Der verzweifel Weile ſetz ſchaftlih nicht wied auch ſchme euer fruͤhe das ſchon wir werd Sagt mi Kuh?“ 1 unſers Eig Kaſſe verſ urtheil de be ich es wie Kindes ich aus bber in gebende ein ge⸗ unter endlich lbgrund e Seele in ekel⸗ 81 haftes Gemiſch von thieriſchem Triebe, von Selbſoſucht, Feig⸗ heit und Hochmuth... Ihr kommt mich aus dieſem Zuſtand her⸗ auszureißen; meine Clara wieder gluͤcklich zu machen und aus dem Staube wieder emporzuheben... und ich, fluchwuͤrdiges Unge⸗ heuer, habe nicht einmal die Kraft uͤber mich ſelbſt, um dank⸗ bar zu ſein. Ja vielmehr, es ſtraͤubt ſich mein niedertraͤchtiges Ge⸗ muͤth gegen die Wohlthat und empoͤrt ſich gegen eure Großmuth, als gegen eine Verletzung meiner Wuͤrde. Ja verlaßt mich, ich bitte, ich bin eurer Guͤte nicht werth. Gott hat ſeinen Fluch uͤber mich ausgeſprochen!“ Der alte Torfs konnte ſich bei dieſer Selbſtanklage eines verzweifelnden Suͤnders der Thraͤnen nicht enthalten. Nach einer Weile ſetzte er ſich wieder neben Staers und ſagte, ihn freund⸗ ſchaftlich bei der Hand faſſend: —„Jan, keine Schuld iſt ſo ſchwer, daß ſie durch Reue nicht wieder gebuͤßt werden koͤnnte. So ſehr mich euer Kummer auch ſchmerzt, ſo freut es mich uͤber die Maßen, daß ihr uͤber euer fruͤheres Betragen endlich die Augen geoͤffnet habt. Es iſt das ſchon viel gewonnen. Laßt mich nun einige Fragen thun; wir werden vielleicht ſchnell zu einem Entſchluſſe kommen.—: Sagt mir, wie viel bleibt euch noch von dem Erloͤs eurer Kuh?“ —„Nichts,“ antwortete Staers,„ich habe es dem Rendanten unſers Eigenthuͤmers zugeſtellt, und erſt, nachdem er es in eine Kaſſe verſchloſſen hatte, ſagte er mir, daß das Austreibungs⸗ urtheil dennoch zur Ausfuͤhrung kommen wuͤrde.“ —„Das iſt gleich; eure Schulden ſind um ſo viel verringert. ... Clara hat mir geſagt, daß ihr den Entſchluß gefaßt habt, Die Dorfplage. 6 2* 82 nicht wieder zu trinken. Iſt dieß ernſtlich und unwiderruflich gemeint?“ —„Wenn ich je wieder ein einziges Glas uͤber die Lippen bringe,“ rief Jan Staers mit geballter Fauſt,„dann ſoll mich....“ —„Nur keinen Schwur,“ unterbrach ihn der Alte Verſprechen genuͤgt fuͤr den Augenblick vollkommen.“ —„VTrinken?“ begann der Andere aufs Neue.„Mein Ent⸗ ſchluß ſteht ſo feſt, daß ich nicht um einen Haufen Goldes je wieder einen Fuß in ein Wirthshaus ſetzen wuͤrde. Niemals, niemals!“ —„Das iſt brav, Nachbar... Und weiter, hoͤre ich, ſeid ihr geſonnen zu arbeiten, wie es die Pflicht eines geſunden Mannes mit ſich bringt?“ —„Ich weiß nicht, Vater Torfs, ob ich es euch ſagen darf; aber was ich am liebſten moͤchte, das iſt ſterben, weil doch mein Tod allein mein Kind gluͤcklich zu machen vermag. Und ſo, in dieſer guten Abſicht, will ich meinem ſchuldvollen Leben ein Ziel ſetzen...“. —„ Was, eurem Leben ein Ziel ſetzen,“ rief der Greis zuruͤck⸗ fahrend;„ihr ſeid von Sinnen, glaubt ihr denn nicht mehr, daß ihr eine Seele habt und daß ein Gott im Himmel iſt? Ungluͤcklicher, eure Worte machen mich ſchaudern.“ —„Ihr habt mich nicht recht verſtanden,“ bemerkte Jan Staers,„arbeiten will ich, ſo ſtark und unaufhaltſam arbeiten, daß ich endlich niederſinke.. daß mein Koͤrper erliege...“ —„Wenn ihr es alſo meint,“ erwiederte Torfs beruhigt, „dann ſeid ohne Sorgen; die Arbeit, der man ſich mit gutem 7 „„euer „Geſccht, Willen Gegemte Unrecht kalter. dem go euren 1 opfern, nit Ge Nuthes tr iſt e bares C beweiſen zweifeln. nommen, euch zu Tochter, weicht. habe ich eurer Cla ich ſtelle ich, daß giiffen ho laſſen un euch nien Ein verrieth wollt Cl euer Hau rruflich Lippen an ſoll „euer in Ent⸗ Goldes diemals, ich, ſeid geſunden en darf; ch mein Und ſo, eben ein f zuruͤck⸗ ht mehr, imel iſt? rkte Jan arbeiten, 74 beruhigt, nit gutem 83 Willen unterzieht, hat noch Niemand getoͤdtet; ſie macht im Gegentheil geſund und ſtark... Aber, Nachbar Jan, ihr habt Unrecht, ſo hitzig zu ſein. Selbſt im Guten muß man mit kalter Beſonnenheit zu Werke gehen, und man kommt nur auf dem goldenen Mittelwege zu ſeinem Ziele. Wollt ihr wirklich euren unſeligen Hang zum Trunke dem Gluͤcke eurer Tochter opfern, dann fangt lieber damit an, eure Widerwaͤrtigkeiten mit Geduld hinzunehmen und ſeht eurer Erniedrigung feſten Muthes ins Angeſicht. Werft euren Hochmuth von euch, denn er iſt es, der euch ſo ſprechen laͤßt und uͤber euer unabwend⸗ bares Schickſal erbittert. Hoͤrt mir gelaſſen zu: ich will euch beweiſen, daß ihr keine Gruͤnde habt, an euch ſelber zu ver⸗ zweifeln.— Geſtern habt ihr euch gegen mich nicht ſchoͤn be⸗ nommen, und ich hatte beſchloſſen, nie wieder ein Wort mit euch zu wechſeln. Aber der Schmerz, das Schamgefuͤhl eurer Tochter, die weinend vor eurer Thuͤre ſaß, haben mich er⸗ weicht. Alles iſt vergeben und vergeſſen. Die ganze Nacht habe ich daruͤber nachgedacht, wie ich euch und ſomit auch eurer Clara behilflich ſein koͤnne. Die erſte Bedingung aber, die ich ſtelle, iſt, daß ihr dem Trunke entſaget... denn wuͤßte ich, daß ihr nur ein einziges Mal wieder zum Branntwein ge⸗ griffen habt, unwiderruflich wuͤrde ich euch eurem Schickſal uͤber⸗ laſſen und mich eurer nicht weiter annehmen, als haͤtte ich euch niemals gekannt.“ Ein Ausdruck von aufwallendem Zorn zog uͤber Staers' Geſicht, aber er ſuchte ihn mit Gewalt zuruͤckzudraͤngen. Doch verrieth ſich derſelbe noch in ſeinen Worten, da er ſagte:„Ihr. wollt Clara von der Armuth erretten? Nun ſo nehmt ſte in euer Haus oder ſorgt ſonſt fuͤr ihr Gluͤck. Ich werde das 6* 84 Dorf verlaſſen und anderswo mein Brod ſauer verdienen, bis daß ich deſſen nicht mehr bedarf.“ „Immer wieder der Hochmuth,“ murmelte der Greis. „Nein, nein, es iſt das nicht noͤthig; denn wenn ihr nur ein ein⸗ ziges Mal wieder ans Trinken geriethet, wuͤrdet ihr doch wieder zuruͤckkehren, und mir die Unannehmlichkeiten verurſachen, denen ich eben ausweichen will und werde.“ —„Aber ich ſage euch, daß ich nie, nie wieder trinken werde.“ —„Dieß eben muͤſſen wir erſt erproben, ihr ſo gut als ich. Man muß in Allem beſonnen verfahren.— Hoͤrt daher mit Aufmerkſamkeit und unterbrecht mich nicht.— Ihr beſitzt nichts mehr, und wollt ihr nicht betteln, ſo muͤßt ihr natuͤrlich arbeiten, auf den Tagelohn ausgehen. So ſeht denn, was ich euch vorſchlage. Ihr ſollt fuͤr mich arbeiten und ich gebe euch den hoͤchſten Lohn, ohne weiter darauf zu achten, wenn ihr am Anfang nicht ſo ruͤſtig zu Werke geht wie ein Anderer.“ —„Fuͤr euch arbeiten? als euer Tagloͤhner, euer Knecht?“ murrte Jan Staers dumpf vor ſich hin. —„Was liegt daran, fuͤr wen ihr arbeitet?“ „Ich kann mir nicht helfen,“ antwortete Jan Staers, „aber dieſer Gedanke will mir nicht in den Sinn. Ich wuͤrde ja vergehen vor Schande.“ „Ich begreife: ihr ſeid ſtets gegen mich erboſt geweſen, aber war es denn meine Schuld? habe ich euch je etwas zu Leide gethan?“ „Nein,“ rief Jan Staers,„es war der Neid, der mir im Herzen nagte. Euer gluͤckliches Fortkommen war mir ein Aerger⸗ niß, weil es mir ſtets auf dem Gewiſſen laſtete und mich an V V b meinen lede ich undern, nothwend vrbliches ſagen. die Heilu eintreten. nate, un dielmehr euer Iren ihr unten inn laß ines Ein und er a ihr Wort det, dann ein ehrlic men und Dann fan legen es n, bis Greis. in ein⸗ wieder denen werde.“ ſo gut —Hort Ihr nͤßt ihr ht denn, und ich achten, wie ein enecht?“ geweſen, etwas zu der mir Aerger⸗ mich an 1 85 meinen eigenen verkehrten Lebenswandel mahnte... Und jetzt noch leide ich an dieſem Neide, und ich wuͤrde viel lieber fuͤr irgend einen andern arbeiten.“ „Das kann nicht ſein; zu eurem eigenen Wohle iſt es nothwendig, daß ich euch beiſtehe im Kampfe gegen euer ver⸗ derbliches Laſter. Seid nicht uͤbermuͤthig; es iſt gar leicht zu ſagen:„Ich trinke nicht mehr;“ das Verſprechen iſt noch nicht die Heilung ſelber.— Alſo, ihr ſollt bei mir als Tageloͤhner eintreten. Ich ſtelle dieſe Bedingung uͤbrigens nur auf drei Mo⸗ nate, und zwar nicht, um euer Meiſter zu ſein, ſondern vielmehr iſt es mir darum zu thun, waͤhrend dieſer Zeit allmaͤhlig euer Freund zu werden.. Dabei iſt es ernſtlich ausgemacht, daß ihr unterdeſſen nie wieder ein Glaͤschen Branntwein zu euch nehmet. Denn ſeht, ſo feſt auch eure Entſchließung ſein mag, laßt nur ein einziges Glas uͤber eure Lippen kommen und der Teufel hat euch aufs Neue in den Krallen!... Ein leichtes Laͤcheln bewegte die Lippen des Jan Staers und er antwortete: —„Seid es uͤberzeugt; ich trinke nicht wieder.“ —„Aber wollt ihr euch der Probe mit gutem Willen und in freundſchaftlicher Geſinnung unterwerfen?“ —„a, da ihr es wollt.“ —„Nun, ſo will ich noch etwas Weiteres ſagen. Wenn ihr Wort haltet, und drei Monate lang das Trinken vermei⸗ det, dann werdet ihr ſtark genug geworden ſein, um fortan als ein ehrlicher Mann und als Vater euren Pflichten nachzukom⸗ men und mich habt ihr inzwiſchen auch zum Freunde gewonnen. Dann fangen wir an, uͤber unſere Kinder zu ſprechen und uͤber⸗ legen es uns, ob es nicht gut waͤre, ſie nach Oſtern trauen 86 zu laſſen. Verſteht ſich, Staers, daß ihr von da ab nicht mehr Tagloͤhner bleibt. Mein Sohn nennt euch alsdann ſeinen Vater und ihr begreift, daß wir euch nicht unter ſolchen Um⸗ ſtaͤnden in einer untergeordneten Stellung beharren laſſen werden. Mein erſter, von euch verworfener Vorſchlag kaͤme dann wieder aufs Tapet. Wir würden unſeren Kindern eine kleine Meierei einrichten und ihr zoͤget zu uns, nicht mehr als Arbeiter oder als Knecht, ſondern als Anverwandter, als Glied der Familie.“ Jan Staers ſah den alten Torfs mit einem ihm unge⸗ gewoͤhnlichen Ausdruck an; ſein Geſicht war von einer ſanften Ruͤhrung erheitert und bezeugte, daß jene Worte wohlthuenden Troſt in ſein Herz gegoſſen hatten. Der Greis bemerkte dieſe guͤnſtige Umwandlung gar wohl und mit ſanfterem, herzlicherem Tone fuhr er fort: —„Jan, bis jetzt hat euch Jedermann im Dorfe verſpottet und verachtet, ihr ſelbſt habt bitter darunter gelitten und euch nur darum immer mehr dem Trunke ergeben, um die Stimme eures Gewiſſens zu erſticken, nicht wahr? Nun denn, fuͤhrt euren Vorſatz aus, ihr ſollt ſehen, wie froͤhlich und heiter das Leben ſich fuͤr euch noch geſtalten ſoll! Die Leute werden ſich freuen uͤber eure Beſſerung, euch hochſchaͤtzen fuͤr euren tugend⸗ haften Entſchluß. Mit der Zeit wird Alles vergeſſen ſein, und in der Ueberzeugung, daß ihr nun eure Pflichten gegen Gott und Menſchen wieder gehoͤrig erfuͤllt, werdet ihr ſelbſt Kraft und Muth ſchoͤpfen; aufrecht duͤrft ihr dann wieder einhergehen, und braucht vor Niemand mehr die Augen niederzuſchlagen. Wir werden gute Freunde ſein, fuͤr unſere Kinder arbeiten— denn ſte muͤſſen doch einmal uns beerben,— uns ihrer Liebe, ihres Gluͤckes mit einander freuen... und wenn endlich der Herr des Him⸗ raffen k angehäͤu finden, ten dün machen? ſchenkt Vertraue Hand de Mi er in Wohlth dieſen 3 und ern eurer G ihr no von euc eurer Tuunke nicht ſeinen Um⸗ erden. wieder Neierei oder nilie.“ unge⸗ ſanften zwenden wohl ſpottet d euch Stimme fuͤhrt ter das den ſich tugend⸗ und in ott und d Muth braucht werden müſſen Gluͤckes 3 s Him⸗ 87 mels euch vor ſeinen Richterſtuhl fordert, mit Vertrauen in ſeine Barmherzigkeit ſeinem Rufe folgen!“ Jan Staers war von dem ſeelenvollen Tone des Greiſes zu Thraͤnen geruͤhrt, und ſagte leiſe: —„Ihr ſeid allzu großmuͤthig gegen mich, ich habe es nicht verdient.“ Und auf einmal freudig die Haͤnde hebend, rief er aus: „Wie! ich ſoll mich alſo aus dieſer Schande empor⸗ raffen koͤnnen? Meine ſchwere Schuld, waͤhrend ſo vieler Jahre angehaͤuft, kann noch abgebuͤßt werden? Eine Familie ſoll ich finden, die mich liebt und verpflegt? Fuͤr meine Clara arbei⸗ ten duͤrfen und mich ihrer aufopfernden Liebe endlich wuͤrdig machen? Sie gluͤcklich ſehen? Oh, Torfs, edler Menſch, ihr ſchenkt mir das Leben zuruͤck, die Ruhe meiner Seele, das Vertrauen auf Gott! Dank, tauſendmal Dank.“ 1 —„Gebt mir die Hand darauf,“ ſprach der Greis,„die Hand der Freundſchaft und der Standhaftigkeit.“ Mit fieberhafter Waͤrme ſchlug Jan Staers ein und als ob er in Nichts mehr Maß zu halten vermoͤchte, uͤberlud er ſeinen Wohlthaͤter mit ſo feurigen Dankesaͤußerungen, daß dieſer, um dieſen Bezeugungen ein Ende zu ſetzen, ihm in die Rede fiel und ernſten Tones ſagte: —„Jan, ich glaube an die Aufrichtigkeit und Feſtigkeit eurer Entſchluͤſſe, aber laßt mich dennoch den Fall ſetzen, daß ihr nochmals der Verfuͤhrung unterliegen koͤnntet.— Was ich von euch verlange, iſt der Preis fuͤr die Zukunft und das Gluͤck eurer Tochter. Wenn ihr nur ein einziges Mal euch vom Trunke fortreißen laſſen ſolltet, ſo wuͤrde ich ohne Gnade mit 88 euch brechen und ſelbſt meinem Sohne verbieten, Clara laͤnger zu ſehen, und muͤßte ich dazu von meinem vaͤterlichen Anſehen Gebrauch machen. Und es fehlt mir nicht an Willensſtaͤrke, denn was ich einſt nach reiflicher Ueberlegung beſchloſſen, das wird unfehlbar auch ausgefuͤhrt. Aber ich habe die Zuverſicht, daß ihr nicht als ein unmenſchlicher Vater das Leben eurer Tochter um eines unheilvollen Triebes willen zertruͤmmern wollt. Ihr muͤßt einſehen, daß vor euren Fuͤßen ein Abgrund der Schande, der Armuth und des Fluches ſich aufgethan; ihr werdet euch nicht blindlings hineinſtuͤrzen und euer Kind mit darein begraben wollen, jetzt da euch die Rettung und das Gluͤck wieder zulaͤcheln.“ —„Nein, nein, ſeid ohne Beſorgniß,“ antwortete Jan Staers,„ich werde eurem Rathe folgen, mich leiten laſſen, wie ein Kind, mich eurem Willen unterwerfen und euch dienen mit Dankbarkeit und Ehrerbietigkeit. Mehr kann ich doch nicht ver⸗ ſprechen: die Worte fehlen mir, um euch das Gefuͤhl der Er⸗ kenntlichkeit, das mich beſeelt, in ſeiner ganzen Staͤrke auszu⸗ druͤcken. Aber ſeid es verſichert, ich trinke nicht mehr, nichts Anderes mehr als Waſſer...“ „Und Kaffee und Kleinbier, die wir euch bereitwillig reichen werden. Ihr duͤrft in euren Vorſätzen nicht zu weit gehen, Nachbar, es iſt dieß unklug und gefaͤhrlich. Weſſen Pfeil zu weit uͤber das Ziel hinausfliegt, verfehlt eben ſo ſehr das Schwarze, als wer zu kurz ſchießt.“ Der Alte ſtand auf und dem Staers die Hand reichend, ſagte er: —„Ich bin zufrieden, eine froͤhliche Hoffnung erfuͤllt mein Herz. Muth geſchoͤpft, Nachbar, es wird ſchon gehen. Wir „ ———-—ÿÿ—Q— werden! tunmt il ſchon nac ſittſte daß der Im that Schlechte für gut und ihr das Herz Pächt müthe. mühungen nern uͤbe es ihm Wohlthat gefüͤhls. bei auch Schmerz Schn nem Hofe Clara ſte laͤnger nſehen ſtaͤfke, „ das erſicht, eurer wollt. dd der ¹ ihr ĩdd mit Gluͤck te Jan —, wie in mit t ver⸗ er Er⸗ auszu⸗ nichts itwillig u weit Weſſen 89 werden noch heitere Tage mit einander verleben. Nun, wann kommt ihr zu uns, um zu arbeiten?“ —„Morgen, wenn es euch recht iſt.“ „Morgen? Es waͤre mir lieber geweſen, ihr kaͤmet ſchon nach dem Mittageſſen, denn ſeht, Jan, die Arbeit iſt die ſtaͤrſſte Waffe gegen alle Schwachheiten, und es iſt nicht gut, daß der Menſch zu lange mit ſeinen Gedanken allein bleibe. Im thatenloſen Zuſtand laͤuft neben dem Guten auch das Schlechte durch den Kopf.“ „Nun, dieſen Nachmittag; ich will Alles thun, was ihr fuͤr gut haltet.“ „Wir werden zuſammen etwas neues Korn dreſchen, und ihr ſollt ſehen, wie das Arbeiten den Geiſt erleichtert und das Herz froͤhlich macht. Alſo, bis ſogleich!“ Paͤchter Torfs verließ das Haͤuschen mit froͤhlichem Ge⸗ muͤthe. So ſehr er Anfangs uͤber den Erfolg ſeiner Be⸗ muͤhungen beſorgt geweſen, frohlockte er nunmehr in ſeinem In⸗ nern uͤber das gute Gelingen derſelben. Der Gedanke, daß es ihm moͤglich geworden, ſeinem Nebenmenſchen eine große Wohlthat zu erweiſen, erfuͤllte ihn mit einer Art heiteren Selbſt⸗ gefuͤhls. Dazu geſellte ſich die ſuͤße Genugthuung, daß er da— bei auch das Gluͤck ſeines Sohnes begruͤndet und ihm viel Schmerz und Kummer erſpart habe. Schnellen Schrittes wandelte er uͤber die Felder nach ſei⸗ nem Hofe zuruͤck, an deſſen Hinterthuͤre er ſeine Frau mit Clara ſtehen ſah, die erwartungsvoll nach ihm blickten und im Voraus ſich an ſeinem heiteren Ausſehen zu erfreuen ſchienen. Beide liefen ihm entgegen und fragten ungeduldig nach dem' Erfolg ſeines Beſuches. 90 „Es iſt Alles ganz nach Wunſch ausgefallen,“ ſagte der Greis,„es iſt noch Gefuͤhl, noch Tugend bei Jan Staers vor⸗ handen, und ich habe Grund, die beſten Hoffnungen zu ſchoͤpfen.“ „Und hat er eure Vorſchlaͤge alle angenommen?“ fragte die Mutter. —„Ja. Zwar koſtete es ihm im Anfang einige Muͤhe; aber man darf nicht zu viel verlangen von Jemand, der in einer ſo ungluͤcklichen Lage ſich befindet, wie Jan Staers. Koͤln und Aachen ſind nicht in einem Tage gebaut worden. Es wird ſich ſchon machen; ich bin nur froh, daß mir Gott dieſen Ge⸗ danken eingegeben, denn es wird Gutes daraus folgen.“ Clara, die ihm zitternd jedes Wort ablauſchte, bei der Hand faſſend, ſprach Vater Torfs mit freundlichem Tone zu ihr: „Ihr muͤßt das Eurige dabei thun, liebes Kind, und durch Liebe euren Vater in ſeinen Vorſaͤtzen ſtaͤrken. Freut euch nur immer des bisherigen Fortgangs der Sache; die geſtrigen Traͤume ſollen noch Wirklichkeit werden. Ihr werdet uns ein theures Kind ſein, und wir alle werden noch in Freundſchaft und Froͤhlich⸗ keit heitere Tage mit einander verbringen.“ Das MNaͤdchen ſenkte geruͤhrt die Augen und ſuchte ihre Thraͤnen zu verbergen. Ploͤtzlich ſchien ein ferner Laͤrm ihr Ohr betroffen zu ha⸗ ben, denn ſie blickte auf und ſchaute uͤber die Felder hin in der Richtung, von welcher der Knall einer Peitſche ſich hatte hoͤren laſſen. Mit einem Schrei der Freude hob ſie die Haͤnde uͤber den Kopf und ſchwang ſie in der Luft. —„Was thut ihr, Clara?“ fragte Mutter Bethe mit Verwunderung. —yÿõ——— dm boh⸗ 9 wie w Sie rief: nh, geißel kn Aerge gehort ha Reißaus! wie der iſt ja nu⸗ ſagen, da „Ja, und krach Theil kri finnig ve⸗ Clar war ſie ling entg Ite der 3 vor⸗ oͤpfen.“ fragte Muͤhe; der in Koͤln s wird ſen Ge⸗ er Hand ihr: d durch uch nur Traͤume theures roͤhlich⸗ 3u ha⸗ hin in ch hatte bber den 91 „Seht ihr denn nicht?“ rief die Jungfrau;„dort in dem Hohlweg kommt Lukas mit ſeinem Karren herangefahren. O wie wird er ſich freuen?“ Sie fuhr noch immer fort, ihrem Geliebten zuzuwinken und rief: „Ah, jetzt hat er mich geſehen. Hoͤrt, wie luſtig er die Geißel knallen laͤßt! Er kommt, er kommt!“ Aergerlich rief nun der Vater, als er ſelber das Geſchnalze gehoͤrt hatte: —„Oh, der loſe Schelm; er wird das Pferd noch zum Reißaus bringen und bricht ſich ſelbſt dabei Hals und Beine. Seht, wie der Wagen hin und her ſchaukelt; er kommt gewiß nicht mehr ganz in den Hof. Der muthwillige Wicht, er ſoll mirs bezahlen. Dieſes junge Volk kann nichts als ſtuͤrmen und to⸗ ben und zertruͤmmern. Aber laßt ihn nur kommen!“ —„Freifert euch nicht ſo, Vater Torfs,“ bat Clara,„es iſt ja nur Freude.... Ich will ihm entgegen laufen und ihm ſagen, daß er langſamer Hiſuen ſoll.“ „Ja, ja, hoͤrt nur meinen armen Wagen, wie er raſſelt und kracht,“ murrte der Alte.„Der Schmied wird wieder ſein Theil kriegen; wie kann der Junge mein ſchoͤnes Geld ſo leicht⸗ finnig verſchleudern. Da, da, das Pferd jagt davon!“ Clara hoͤrte dieſe letzten Klagen nicht mehr; pfeilſchnell war ſie davon und jauchzend und winkend lief ſie dem Juͤng⸗ ling entgegen. V. Nach dem Mittageſſen begab ſich Jan Staers zu ſeinem Nach⸗ bar, um als Tageloͤhner ſeine Arbeit anzutreten. Paͤchter Torfs gab ihm einen Flegel in die Hand und fuͤhrte ihn nach der Scheune, wo ſie mit noch einem Tagewerker zu dritt neues Korn dreſchen ſollten. Als Jan Staers in die Scheune trat, uͤberkam ihn ein pein⸗ liches Schuͤtteln; ſeine Lippen ſchloſſen ſich und es faͤrbte ſich ſeine Stirne mit dem Roth der Beſchaͤmung. Er hatte naͤmlich in dem Tagewerker einen ſeiner fruͤheren Knechte erkannt, den er einſt im Zuſtande der Trunkenheit aus ſeinem Dienſte gejagt hatte. Nun laͤchelte ihm dieſer arme Tageloͤhner vertraulich ent⸗ gegen, und es lag in ſeinen Zuͤgen etwas, das einem ſchaden⸗ frohen Spotte nicht unaͤhnlich ſah. Jan Staers fuͤhlte plotzlich, daß ihm die Galle uͤberlief, und noch aͤrger wurde es, als er aus Zerſtreutheit, oder weil ihm Re Arbeit ungewohnt war, nicht behende genug zuſchlug oder aus dem Takte ſiel, und der Andere ſich uͤber dieſe Ungeſchicklichkeit ſeines einſtigen Dienſtherrn luſtig machte. Dieſer indeſſen erſtickte mit Gewalt ſeinen Zorn, ſtarrte unverruͤckt nach dem ausgebreiteten Stroh und ſchaute nicht wieder auf ſeinen neckiſchen Arbeitsgenoſſen. Der alte Torfs deutete die ununterbrochene Schweigſamkeit des Jan Staers als eine natuͤrliche Folge der Traurigkeit uͤber die ploͤtzliche Umwandlung ſeiner Lage. Den ganzen Nachmittag bot er daher Alles auf, um den Muth deſſelben zu heben, und ſo oft neue Schauſanfei die Tenne gelegt wurden, nahm der 34 7 Grei die natiung ſ hars zu Aber Sthweißb teſſr in nuf die 5 6 gerade So d kaltem Gi der Tage Staers d Den Im Gege uweilen! ahren mn muth mal mit einer fiſt verge Dorfgenof Beſo nen und 3 ſeinne Den Sein ſchloſſene Verzweifl ſchen anh zu beſtehe ſeiner To 1 Nach⸗ füͤhrte zdu dritt n pein⸗ bte ſich näͤmlich nt, den gejagt ich ent⸗ ſchaden⸗ lltzlich, als er at war, und der enſtherrn n Zorn, te nicht gſamkeit eit uͤber hmittag en, und ahm der 93 Greis die Gelegenheit wahr, um irgend eine aufmunternde Be⸗ merkung fallen zu laſſen und die Verſtimmung ſeines alten Nach⸗ bars zu verdraͤngen. Aber Alles war vergeblich; Staers arbeitete, daß ihm der Schweiß von der Stirne rann, und bald hatte er das Geſchaͤft beſſer in der Hand; aber er erwiederte nur kurz und trocken auf die Freundſchaftsbezeigungen des Greiſes, und nur ſo viel es gerade bedurfte, um nicht grob oder trotzig zu ſcheinen. So dauerte es bis zum Abend. Staers verabſchiedete ſich mit kaltem Gruße und begab ſich nach ſeiner Wohnung. Als ihm der Tageloͤhner freundlich einen guten Abend wuͤnſchte, wandte Staers den Kopf und antworrete nicht. Den zweiten und die folgenden Tage ging es nicht beſſer. Im Gegentheil, da Staers nun auf dem Felde arbeitete und zuweilen mit dem Wagen ſeines neuen Meiſters durchs Dorf fahren mußte, wurde ſeinem noch immer nicht erſtickten Hoch⸗ muth manche tiefe Wunde geſchlagen. Die Leute ſchauten ihn mit einer Art Verwunderung an, die ihn reizte und vor Scham faſt vergehen machte, als waͤre jeder Blick, jedes Wort ſeiner Dorfgenoſſen ein hoͤhnender Spott. Beſonders wehe that es ihm, wenn die Bauern aus Scheu⸗ nen und Staͤllen herausliefen, um ihm nachzuſehen, und uͤber ſeine Demuͤthigung zu ſcherzen und zu ſpotten ſchienen. Sein Herz blutete und wohl ſchlug zuweilen dieſer ver⸗ ſchloſſene Gram in bitteren Ingrimm uͤber, der ihn wieder der Verzweiflung und dem ſtummen Hinbruͤten eines troſtloſen Men⸗ ſchen anheimfallen ließ. Doch er hatte beſchloſſen, die Probe zu beſtehen, und ſein Wort zu halten— ſtand ja das Gluͤck ſeiner Tochter zu dieſem Preis. Deßhalb that er ſeinem Hoch⸗ 94 muth Gewalt an und unterwarf ſich geduldig unter die Befehle und Anweiſungen ſeines Dienſtherrn. Dieſe truͤbe Stimmung ihres Vaters war der armen Clara ganz beſonders ſchmerzlich. Alle ihre Bemuͤhungen, ihm Muth und Hoffnung einzufloͤßen, blieben fruchtlos. Wenn er des Mit⸗ tags zum Eſſen nach Hauſe kam, oder des Abends ermattet von der Arbeit zuruͤckkehrte, pflegte ſie ihn aufs zaͤrtlichſte, ſprach die troͤſtlichſten, aufmunterndſten Reden und zauberte ihm froͤh⸗ lichen Tones die Freuden und Genuͤſſe einer beſſern Zukunft vor die Augen. Er antwortete zwar freundlich und ſchien recht leb⸗ haft die ſuͤße Hingabe ſeiner Tochter zu empfinden; doch eben ſo ſchnell wußte er das Geſpraͤch wieder abzubrechen und durch unempfindliche Kaͤlte oder Gleichguͤltigkeit die Jungfrau zum Schweigen zu bringen. Dann ſetzte er ſich in eine Ecke und blieb daſelbſt ſo lange in ſtummes Nachdenken vertieft, bis er mit einem kurzen„Gute Nacht“ in die Bodenkammer hinauf⸗ ging und die Thuͤre hinter ſich zuſchloß. Dieſes ſonderbare Benehmen fing an, Clara und Lukas ernſt⸗ lich zu bekuͤmmern. In ihren Augen truͤbte ſich allmaͤlig das getraͤumte Gluͤck; und obſchon ſie nicht wußten, was ſie eigent⸗ lich fuͤr ſich zu fuͤrchten hatten, ſo wurde es ihnen doch zu⸗ weilen enge ums Herz beim Gedanken an die Zukunft. Ganz anders dachte daruͤber der alte Torfs. Freilich ge⸗ fiel ihm die duͤſtere Schwermuth Jan's nicht ſonderlich, doch war ihm ſchon dieß eine befriedigende Genugthuung, daß er ſich des Trinkens enthielt und die ihm aufgetragene Arbeit puͤnktlich ver⸗ richtete. Mehr duͤrfe man im Anfang nicht verlangen und es wuͤrde mit ihm ſchon beſſer werden, je mehr er ſich an ſeine neue Lage gewoͤhnt haͤtte. Und uͤberdieß, wenn er ſeine Zeit, näͤmlich nicht wie tr ja m wandtet fner La ſines Ki nigen We In wieder a⸗ geſtalten verbannen ihre Bef Was war die Pefehle, kungen u Häͤtte weſenheit und bitte er die B Zehr Luſt zum bereits in überwund neſen kan Jetzt dem alten in ihm a und mit N. e efehle n Clara n Muth 28 Mit⸗ ttet von ſprach m froͤh⸗ unft vor icht leb⸗ och eben ind durch au zum Ecke und bis er hinauf⸗ as ernſt⸗ älg das ie eigent⸗ doch zu⸗ eilich ge⸗ doch war ſich des tlich ver⸗ und es an ſeine eine Zeit, 95 naͤmlich drei Monate, ausgedient haͤtte und waͤhrend dieſer Friſt nicht wieder in ſein fruͤheres Laſter zuruͤckgeſunken waͤre, ſollte er ja nicht mehr als Tageloͤhner arbeiten, ſondern als ihr Ver⸗ wandter und Hausgenoſſe behandelt werden. Dieſe Verbeſſerung ſeiner Lage, die freundſchaftliche Pflege ſeiner Familie, das Gluͤck ſeines Kindes, dieſes Alles werde ihn ſchon aus dem truͤbſin⸗ nigen Weſen herausreißen, von dem er jetzt niedergedruͤckt werde. In dieſer Weiſe richtete er die bekuͤmmerten jungen Leute wieder auf. Er ließ ſie begreifen, daß ſich Alles noch herrlich geſtalten werde, und um die Verduͤſterung aus ihrem Geiſte zu verbannen, ließ er wohl hie und da einen leiſen Spott uͤber ihre Befuͤrchtungen mit unterlaufen. Was ihm zu dieſen troͤſtenden Ausſichten Berechtigung gab, war die voͤllige Unterwuͤrfigkeit Staers' unter ſeine geringſten Befehle, und die Sanftmuth, womit er ihm auf ſeine Bemer⸗ kungen und Fragen erwiederte. Haͤtte er jedoch geſehen, wie Clara's Vater in ſeiner Ab⸗ weſenheit zuweilen ſich die Lippen verbiß, mit den Fuͤßen ſtampfte und bittere Worte in den Bart brummte, dann wahrlich wuͤrde er die Beſorgniß ſeiner Kinder getheilt haben. Zehn Tage waren ſo verſtrichen, ohne daß Staers einige Luſt zum Genuſſe ſtarker Getraͤnke gezeigt hatte, und man glaubte bereits im Dorfe, daß er durch Willensſtaͤrke eine Leidenſchaft uͤberwunden habe, von der man ſonſt nur aͤußerſt muͤhſam ge⸗ neſen kann. Jetzt aber traten einige Vorzeichen an den Tag, die auch dem alten Torfs Sorge zu machen anfingen und einen Zweifel in ihm aufkommen ließen, ob Clara's Vater wirklich aufrichtig“ und mit freier Zuſtimmung in die Probe eingewilligt habe. 96 Wenn er ihn nun von Zeit zu Zeit auf dem Felde be⸗ ſuchte, uͤberraſchte er ihn wohl, wie er mit verſchraͤnkten Ar⸗ men muͤßig da ſtand, und die gethane Arbeit am Ende des Tages ließ ebenfalls merken, daß er mehr als eine Stunde der Ruhe gepflegt haben muͤſſe. Die zwei Fehler, die Torfs am meiſten auf der Welt haßte und verfluchte, waren Traͤgheit und Trunkſucht. Es ſchmerzte ihn alſo zu ſehen, wie Staers, indem er ſich von der letzteren allmaͤlig befreite, doch der erſteren ſich nicht zu erwehren ver⸗ mochte. Deſſenungeachtet ſuchte er ihn auch hierin ſo ſchuldlos darzuſtellen, als nur immer moͤglich war, um ſo mehr, da er bemerkt hatte, daß er ſeit einigen Tagen bleicher und abgezehr⸗ ter wurde als je. Auch ermangelte er nicht, ihm zu ſagen, daß, wenn er ſich unwohl fuͤhle, er es nur zu ſagen brauche, um einige Tage zu Hauſe ſich zu pflegen; aber Jan Staers antwortete darauf, daß er ſich geſund und zu jeder Arbeit, die einem andern nicht zu ſchwer ſei, ſtark genug fuͤhle. Am zwoͤlften Tage— es war ein Samſtag— kehrte Vater Torfs von der Stadt zuruͤck, wohin ihn ſein Grundherr hatte entbieten laſſen. Anſtatt den Weg durch die Tannenallee zu nehmen, war er in einen Fußweg eingelenkt, um an einem Acker vorbei zu kommen, auf welchem, wie er wußte, Jan Staers mit Duͤngen beſchaͤftigt war. Als er bei dieſem angelangt, faßte er ihn zutraulich bei der Hand und ſagte froͤhlich zu ihm: „Nur immer muthig darauf zu, Freund Jan; es wird ſchon gehen. Wollt ihr etwas hoͤren, das euch Vergnuͤgen macht?“ Er klopfte ihm auf die Achſel und ſprach: — daß ihr ſchlafen thig? Hofe we den Boſ geboten; Hier me zu verſte zuſpreche. ſitze nich geld darg ngelmaßt ſeiner Fe wäre es ſteinernen gerichtet bin der rief Sta verſteckt ilde be⸗ ten Ar⸗ nde des Stunde it haßte ſhmerzte letzteren ren ver⸗ ſchuldlo t, da er abgezehr⸗ ner ſich Tage zu auf, daß nicht zu — kehrte vrundherr annenallee an einem in Staers zulich bei ird ſchon macht?“ 97 —„Was wuͤrdet ihr dazu ſagen, wenn ich euch verſicherte, daß ihr noch eher, als ihr denkt, wieder dort im ſteinernen Hofe ſchlafen werdet?“ —„Ich? Hat der neue Paͤchter vielleicht einen Knecht noͤ⸗ thig?“ murmelte Staers mit erzwungenem Scherz. „Ihr verſteht mich nicht; ich meine auf dem ſteinernen Hofe wohnen, wie zuvor.“ „Aber der neue Paͤchter heißt doch Frans Vleugels van den Boſchhoek?“ —„Ja, er hat ſich wohl darum gemeldet und viel Geld dafuͤr geboten; aber dieſer Mann, leider Gottes, verſteht ihr, Staers...“ Hier machte Torfs eine Bewegung mit der Hand, die deutlich zu verſtehen gab, daß der genannte Paͤchter gerne dem Glaſe zuſpreche. „Deshalb, Nachbar Jan,“ fuhr er fort,„will der Be⸗ ſitzer nichts von ihm wiſſen. Lieber will er ein kleineres Pacht⸗ geld daraus ziehen und dafuͤr die Gewißheit des richtigen und regelmaͤßigen Einlaufens deſſelben, ſowie einer beſſern Beſtellung ſeiner Felder haben.— Rathet nun, wer der neue Paͤchter iſt?“ „Was liegt mir daran?“ brummte Staers.„Mir waͤre es am allerliebſten, ich hoͤrte gar nichts mehr ſprechen vom ſteinernen Hofe, von dieſem elenden Loche, in dem ich zu Grunde gerichtet worden!“ —„Nun, nun, gebt euch zufrieden, Nachbar Jan; ich bin der neue Paͤchter.“ „Dachte mirs wohl, es wuͤrde ſo herausſpringen!“ rief Staers mit kuͤnſtlichem Laͤcheln, hinter dem ein bitterer Neid verſteckt lag.. „Und zwar habe ich ihn um einen geringen Pacht er⸗ Die Dorfplage. 7 98 halten, ſagte weiter der Alte.„Ich gebe wenig mehr, als was ihr jaͤhrlich dafuͤr bezahltet. Der Hof iſt eine Goldmine, Freund. Der Beſitzer, der mir wohl will, weil er mich ſeit zwanzig Jahren kennt und recht gut weiß, daß ich ſein Grundſtuͤck ver⸗ beſſern werde, ſtellt mir noch dazu ſeine Kaſſe zur Verfuͤgung; ich ſoll nur Kuͤhe und Pferde kaufen und Dienſtboten halten ſo viel ich will. Nun heißt es tuͤchtig ans Werk gegangen und die Haͤnde aus dem Aermel geſteckt! Ja, Nachbar, unſere Kinder werden ſich noch ſanft betten auf dieſer Welt; denn wenn wir jetzt nicht Haufen Geldes gewinnen, dann muͤſſen wir die Leiter zuruͤckziehen und ſagen: in Gottes Namen, wir waren zu dumm oder zu traͤge, um reich zu werden!“ Waͤhrend dieſer heitern Rede hielt Jan Staers die Augen unverruͤckt zur Erde geheftet; ja es ſchien, als ob ihm die Haͤnde an der Seite zitterten. —„Nun, was ſagt ihr von dieſer Neuigkeit?“ fragte Torfs, dem dieſe froſtige Gleichguͤltigkeit auffiel. —„Nun, es iſt recht ſchoͤn; ich wuͤnſche euch Gluͤck dazu!“ murmelte Jan Staers. —„Seid alſo nur immer guten Muthes,“ ſagte der Alte mit erhoͤhter Froͤhlichkeit.„Eure Pruͤfungszeit wird bald abgelaufen ſein, und ihr zieht dann zu uns auf den ſteinernen Hof. Die Hochzeit unſerer Kinder brauchen wir nicht lange mehr hinaus⸗ zuſchieben, ſonſt bliebe ja der kleine Pachthof unbeſetzt. Zum Gluͤck kommt der Winter, ſodaß in der Zwiſchenzeit noch die Maurer⸗ und Zimmerarbeit am ſteinernen Hofe beendigt werden kann, denn der Grundherr will nichts ſparen, um ihn wieder in den beſten Stand zu ſetzen. Montag wollen wir einmal hin⸗ gehen und mit einander uͤberlegen, was wir noch vor dem Win⸗ ter al nuf ti genug Komm men t vis ſo 5 Staets preisgee lende ihn aus Ei gabel v. weiflun Bal und als faſſung ſeiner ſch ſell 1 „U du zehn da an und ha hand re Trunk, Seele. den Hoch als was Freund. Wwanzig ick ver⸗ ſüͤgung; halten gegangen , unſere t; denn muüͤſſen nen, wir 1 ie Augen ihm die fragte k dazu!“ Alte mit abgelaufen Hof. Die hinaus⸗ t. Zum noch die ſt werden en wieder mmal hin⸗ dem Win⸗ 99 ter auf den Feldern thun koͤnnen, damit wir ſchon naͤchſtes Jahr auf eine ziemliche Ernte rechnen duͤrfen. Das Land hat lange genug brach gelegen, Freund Jan, um reichlich einzutragen.— Kommt in einer Stunde nach Hauſe, wir wollen Kaffee zuſam⸗ men trinken und der Mutter friſchgebackenen Kramik*) verſuchen. Bis ſogleich, Freund Jan!“ Finſteren Blickes und auf ſeine Miſtgabel geſtuͤtzt, ſtierte Jan Staers ſeinem Dienſtherrn nach. Der duͤſterſten Muthloſigkeit preisgegeben, blieb er ſo unbeweglich ſtehen, bis daß einige ſchal⸗ lende Aeußerungen der Freude in der Naͤhe von Torfs' Wohnung ihn aus dieſem Bruͤten aufweckten. Ein Fieberfroſt befiel ſeine Glieder; zornig warf er die Miſt⸗ gabel von ſich weg und mit den Geberden einer wilden Ver⸗ zweiflung murmelte er bittere Fluchwoͤrter hervor. Bald ſtand er abermals in dumpfes Nachdenken vertieft da, und als ob er ſich wieder geſammelt und zu vernuͤnftiger Auf⸗ faſſung ſeiner Lage gekommen waͤre, die krampfhafte Spannung ſeiner Glieder ließ nach und muthloſen Tones ſprach er zu ſich ſelbſt: „Ungluͤckſeliger! es iſt das Gluͤck deines Kindes— und du zehrſt dich auf vor neidiſcher Eiferſucht! Elender! Du liegſt da an dem Abgrunde der Noth, den du dir ſelbſt gegraben, und haſſeſt wie einen Feind den Mann, der dir die Bruder⸗ hand reicht, um dir emporzuhelfen und dich zu retten. O, der Trunk, der hoͤlliſche Trunk! Er verdirbt das Herz, toͤdtet die Seele... Auch will ich ihn bezwingen, im Buſen erſticken, den Hochmuthsteufel, der mich beherrſcht... Gehe alſo, Paͤch⸗, *) Kuchen von feinem Roggenmehl. 100 ter Staers, bedenke dich nicht, erbaͤrmlicher Saͤufer, ſei Knecht auf deines Vaters Hof; ſei gehorſam, arbeite, ſchwitze, matte dich ab im Dienſte der Andern, im Hauſe, wo du einſt als Meiſter deine Befehle ertheilteſt! Laß die Leute lachen, ſpotten und luſtig ſein uͤber deinen tiefen Fall... beuge dich, krieche, trinke dich voll am Gifte der Schande, mit vollen Zuͤgen, bis daß du erſtickeſt!“ Er machte einige Schritte, hob die Miſtgabel von der Erde auf und fing wieder an zu arbeiten;— aber es lag noch etwas Fieberhaftes in ſeinem Thun, und es ſchien, als wollte er ſeine Wuth an dem Miſte kuͤhlen, denn er ſtach gewaltig und grimmig darein, ſtreute es regellos hin und her, und ge⸗ berdete ſich ganz wie ein Mann, der die Beſinnung verloren. Bald floß ihm der Schweiß von der Stirne, und er ſchnappte nach Luft, als waͤre ihm der Athem ausgegangen, doch ſetzte er die Arbeit fort und ſchien ſich durch heiſere Laute, die ſei⸗ ner Bruſt entſtroͤmten, in dieſem Kampfe mit ſich ſelber an⸗ zufeuern, bis er erſchoͤpft hinſtnken wuͤrde. Da vernahm er ploͤtzlich die Stimme des Paͤchters Torfs, der ihm aus der Ferne zurief, er moͤchte nun kommen, den verſprochenen Kaffee mit ihm zu trinken. „„Verdammt!“ bruͤllte Jan Staers.„Vorwaͤrts! ſetze dich an den Tiſch; ſieh, wie ſie ſich alle freuen und in die Haͤnde ſchlagen vor Entzuͤcken; hoͤre zu, wie dein eigenes Kind jubelt uͤber deine Schande. Verſtelle dich, lache und ſei luſtig... denn ſonſt jagt man dich gar noch fort als einen Knecht, der nicht ſkla⸗ viſch genug ſeiner Herrſchaft an den Augen abſteht, was mit ihrer Laune uͤbereinſtimmt! Gehe, gehe, krieche; biſt ja doch nur ein Ungeziefer auf der Welt! Sonne und fri zu traut Torfs u thut ihr fallen. wieder Gedanke ſchlagen denken Knecht „ matte nſt als ſpotten er Erde ag noch à wollte Jewaltig und ge⸗ dloren. chnappte ch ſetzte die ſei⸗ lber an⸗ 3 Torfs ten, den ſetze dich ie Haͤnde nd jubelt .. denn ccht ſkla⸗ was mit ja doch 101 Und langſamen Schrittes zog er murrend in die Wohnung des Paͤchters Torfs. N. Des andern Tags gegen zwei Uhr Nachmittags ſtand Clara mit ihrem Gebetbuch in der Hand bereit zur Kirche zu gehen. Sie ſagte noch mit liebreicher Stimme zu ihrem Vater: „Ihr werdet wohl einen kleinen Spaziergang machen; die Sonne ſcheint ſo freundlich und es iſt draußen ſo angenehm und friſch. Immer hier zwiſchen vier Waͤnden zu ſitzen und zu trauern iſt nicht recht und ungeſund, Vater. Auch Paͤchter Torfs meint, ihr ſolltet ein wenig an die Luft gehen. Und thut ihrs nicht fuͤr euch ſelber, ſo thut es doch mir zu Ge⸗ fallen. Es wuͤrde mir ſo wohl thun, zu wiſſen, daß ihr nicht wieder den ganzen Nachmittag auf euerm Stuhle den truͤben Gedanken nachhaͤngt, die ihr euch durchaus nicht aus dem Kopf ſchlagen wollt. Glaubt ihr denn, daß mir euer ſtetes Nach⸗ denken nicht ſchwer zu Herze geht? —„Du willſt alſo, daß ich wieder unter Menſchen gehe, um auf ihre Neckereien und ſpoͤttiſchen Fragen antworten zu muͤſſen,“ murrte Staers. „Aber Vater,“ bemerkte die Tochter,„es iſt ja Sonn⸗ tag und faſt alle Leute des Dorfes ſind jetzt in der Kirche. Uebri⸗ gens, wenn ihr wirklich Niemand begegnen wollt, ſo geht nur am Waldrande hin ſpazieren.— Doch es laͤutet ſchon, ich muß⸗ eilen.“ *ℳ% 10² Sie gab ihm die Hand und ihm bittend in die Augen blickend, fragte fie:„Nun, lieber Vater, wollt ihr mir folgen und draußen ein wenig friſche Luft einathmen?“ —„Nun ja. Was kann es mir ſchaden? Es iſt mir doch Alles gleich,“ antwortete barſch der Vater. —„und wenn ihr noch nicht zu Hauſe ſeid bei meiner Ruͤckkehr von der Kirche, ſo werde ich zur Mutter Bethe ge⸗ hen: ſie hat mich darum erſucht. Kommt ſpaͤter auch dahin, Vater, ihr wißt, daß wir gegen Abend dort allzuſammen Kar⸗ ten ſpielen ſollen: Paͤchter Torfs hat es alſo beſtimmt.“ „Gut, gut,“ brummte der Vater.„Mach nur, daß du die Kirche nicht verſaͤumſt. Es wird gleich aufhoͤren zu laͤuten.“ Nach haſtigem Gruße verließ das Maͤdchen das Zimmer. Unverruͤckt blieb Jan Staers noch eine Weile ſitzen; mit ſaurem Geſichte blickte er vor ſich hin, als traͤte ihm ein wid⸗ riges Bild vor die Seele. „Karten ſpielen!“ ſprach er zu ſich ſelbſt.„Ja, ſpiele nur zu und friß dir das Herz auf, waͤhrend die andern guter Dinge ſind. Spazieren gehen! Nun ja, wage dich hinaus in die Luft:— Kob Pasmans wird dich fragen, wie er geſtern gethan, wie viel Tagelohn dir der Schalenbeißer verabreiche. Der Beſenbinder— ſelbſt ein Bettler— wird dir mitleidsvoll ins Geſicht ſagen, wie erniedrigend es ſei, auf ſeines Vaters Hof als Knecht dienen zu muͤſſen... Und der verſoffene Schmied wird mit ſpoͤttiſcher Handgeberde dir von ferne zurufen:„Jan, Jan, ſo geht's, Junge, wenn man zu tief in's Glaͤschen guckt.“ Selbſt die Kinder laufen dir nach, als waͤrſt du ein ſeltenes Thier, Lumpen ſcherzen Lohn ü ſchon ſ volle 30 wiſſer mehr 2 Augen folgen iſt mir meiner the ge⸗ dahin, i Kar⸗ ur, daß oren zu mmer. en; mit in wid⸗ ſpiele en guter mnaus in r geſtern fabreiche. lleidsvoll Vaters Schmied 1„Jan, guckt. ſeltenes 103 Thier, und ſprechen mit Verachtung vom Paͤchter Staers, dem Lumpen, der reich war und ſich arm geſoffen hat.“ Dann ſchwieg er, aber nur um dieſen aufſtachelnden Gedan⸗ ken unter noch duͤſtereren Farben weiter nachzuhaͤngen, bis er endlich mit hoͤhniſchem Laͤcheln wieder anfing: „Und morgen ſchon ſoll ich auf dem ſteinernen Hofe als Tagelöhner eintreten; den Maurern neue Ziegel aufs Dach legen helfen. Hoch oben, auf einer Leiter, nach der Straße zu, werde ich ſtehen. Oh, das ganze Dorf wird mich ſehen wollen; die Vaͤter werden mich mit den Fingern ihren Soͤhnen zeigen als ein ſchreckenerregendes Beiſpiel. Hundertfaͤltig wird meine Ge⸗ ſchichte von Mund zu Mund laufen, und waͤhrend ich, ſterbend vor Zorn und Schande, oben auf dem Dache wie ein Maͤrtyrer auf der Folter ſtehe, wird man unten auf der Straße lachen, ſcherzen, ſpotten und ausrufen, ich haͤtte endlich meinen gerechten Lohn uͤberkommen.— Erſt ein halber Monat iſt verſtrichen und ſchon fuͤhle ich, daß ich es nicht aushalten werde! Alſo noch volle zehn Wochen, zehn Jahrhunderte graͤßlicher Leiden, hoͤlliſcher Verzweiflung, breiten ſich aus vor meinem Elend?“ Von krampfhaftem Nervenzucken befallen ſtand er auf, lief im Zimmer auf und ab' und rief aus: „Nein, das kann nicht laͤnger dauern. Es muß ein Ende nehmen!— Clara? Mein Tod kann ſie nur gluͤcklich machen? An ihrer Heirath kann er nichts hindern. Meine Leiche wird noch nicht kalt ſein, ſo werden Torfs' ſchon von der Hochzeit ſprechen. Und ich wuͤrde befreit von der entſetzlichen Schande, die auf mir laſtet, gefuͤhllos werden wie ein Stein, kein Ge⸗ wiſſen mehr haben, das mir die Eingeweide verzehrt, kein Herz mehr, das mich beſtaͤndig mein Elend empfinden macht!“ 104 Er that einen Schritt vorwaͤrts, ſetzte die Hand an das Schloß des Eßſchrankes und oͤffnete das Thuͤrchen. Etwas Glaͤn⸗ zendes, wie funkelnder Stahl, blitzte ihm entgegen. Einen Augenblick ſchaut er es an unter Zittern... aber es ſchlaͤgt ihn mit Grauen und Schrecken, denn er ſchließt ploͤtzlich den Schrank und ſpringt mit dumpfem Angſtſchrei wieder zuruͤck in das Zimmer. Abermals durchſchritt er das letztere in haſtigen Schritten und bruͤllte dazu allerlei Ausrufungen ohne Sinn und Gehalt. Dann hielt er ploͤtzlich vor dem Fenſter und ſchaute ins Freie. Ein Laͤcheln eigenthuͤmlicher Art beſtrahlte ſein Geſicht und er ſchmachtete nach etwas, deſſen Anblick ihn ausnehmend zu feſ⸗ ſeln ſchien. Gegenuͤber naͤmlich, am andern Ufer des Baches ſtand ein Wirthshaus, uͤber deſſen Thuͤre ein Aushaͤngeſchild hing. Es ſtellte daſſelbe einen Schwan vor, dem zur Seite ein Krug ſchaͤumen⸗ den Braunbiers und eine gruͤne Flaſche nebſt mehreren kleinen Gläſern gemalt waren. Auf dieſe Flaſche hefteten ſich nun die ſehnſuͤchtigen Au⸗ gen des ungluͤcklichen Staers und mit innerem Erbeben ſprach er: „Branntwein!— Ach, todt ſein, nicht mehr empfinden, nicht mehr leiden! Trinken, trinken und dann niederfallen ohne Bewußtſein, ohne Seele! Das Feuer durch ſeinen Koͤrper ſtroͤ⸗ men fuͤhlen, reich, gluͤcklich, trotzig und ſtark ſein.— Alles vergeſſen, Alles, Komm, komm!“ Mit fieberhafter Geſchaͤftigkeit ſuchte und ſtoͤberte nun Staers in allen ſeinen Sachen. „Geld?“ murrte er dann.„Ich habe keines! Der Scha⸗. lenbeißer bezahlt mich ja erſt des Montags; er denkt, ich moͤchte d S doch geſ „ 5 ſein. Mit daxaus ine flac Franken dann zu Aber Stimme ſieren 3 zu ſchlott niederfinke Mit „Geh Schauderc manche N weiſe hat den ihr die Uebe Geld, di dienen, 1 zuruͤck chritten Gehalt. Freie. und er zu feſ⸗ nd ein ſtellte umen⸗ kleinen n Au— ach er: pfinden, en ohne r ſtroͤ⸗ Alles S,ue Staers Scha⸗. moͤchte 105 des Sonntags zum Trinken verleitet werden... Aber, ich hab' doch geſtern irgendwo Geld geſehen! Es muß noch vorhanden ſein. Ach, ja, da in Clara's Kiſte!“ Mit dieſen Worten bog er ſich uͤber die Kiſte und holte daraus eine kleine Buͤchſe hervor, aus der er die Muͤnzen auf ſeine flache Hand ſchuͤttete. „Silber?“ rief er frohlockend.„Silber! Ein, zwei, drei Franken und einen halben; genug, genug, um zu leben, und dann zu ſterben....“. Aber als ob ihm auf einmal aus dieſen Geldſtuͤcken eine Stimme mahnend zugerufen haͤtte, er ſchaute mit Abſcheu und ſtieren Blickes auf dieſelben hin und begann ſo ſehr zu zittern und zu ſchlottern, daß er, um nicht zu fallen, auf den Stuhl ſich niederſinken laſſen mußte. Mit wildem Auge brummte er: „Geh! feiger Judas, verkaufe die Seele deines Kindes!... Schaudervoll, was fiel mir in den Sinn! Arme Clara, ſo manche Nacht hat ſie im Geheimen dafuͤr gearbeitet. Pfennig⸗ weiſe hat ſie ſich die kleine Baarſchaft erſpart, an dem Lohne, den ihr die Brauerin fuͤr das Naͤhen ihrer Hemden gegeben; in aller Stille that ſte es, ohne es mir zu ſagen. Aber Lu⸗ kas hat ſie verrathen; ein ſchoͤnes Halstuch auf die Sonntage will ſie mir kaufen, und freut ſich jetzt ſchon himmliſch auf die Ueberraſchung, die ſie ſich davon verſpricht. Wie, dieſes Geld, dieſe Erſparniß der aufopferndſten Liebe, es ſollte dazu dienen, um...? Nein, nimmermehr!“ Eiligſt verſchloß er das Geld wieder in die Kiſte. Indem er dies that, trafen einige Toͤne ſein Ohr, als ob Jemand ſingend ſeinem Hauſe ſich naͤherte. Er lauſchte und erkannte 106 bald, daß es die trallende Stimme eines Berauſchten, und nicht die eines ſeiner Beſinnung vollkommen maͤchtigen Menſchen ſein muͤſſe. „Der Sandbauer!“ murmelte er verdrießlich vor ſich hin. „Wie gluͤcklich er iſt! Getrunken hat er, er lebt, ſingt, iſt froͤhlichen Muthes, und weiß nichts von Schimpf noch von Schande! Freilich, er hat keine Tochter; kann trinken nach Her⸗ zensluſt!“ Der Geſang kam immer naͤher; die Thuͤr oͤffnete ſich und ſein alter Spießgeſell Klas Grils, der Sandbauer, trat luſtig in die Kammer herein. Backen und Naſe waren hochroth angelaufen und die Augen drehten ihm wild in den Hoͤhlen. Mit den Haͤnden um ſich werfend und hellauf lachend ſagte er zum Gruß: —„Seht einmal, er lebt doch noch! Ich dachte, Jan, ihr waͤret in ein Maulwurfsloch verkrochen. Seit der Zeit, Junge, wo ihr euch unſichtbar gemacht, haben wir euch gar manches naſſe Teufelchen in den Leib geſchluckt. Denn er iſt fuͤr den Augenblick ganz ausgezeichnet, der Schnaps aus dem„Weißen Kalb.“— Ich wollte eben des Wagners Sohn nach Hauſe fuͤhren, aber der Kerl iſt in einem Geleiſe liegen geblieben und will nicht mehr auf die Beine. Nun, es hat jeder ſeinen Ge⸗ ſchmack: ich laß ihm den ſeinigen.“ Staers ſchaute mit einem eigenthuͤmlich ſtieren Blick auf ſeinen alten Trinkkameraden, der wackelnd und unter allerlei ſelt⸗ ſamen Geberden fortfuhr: —„Aber, Freund Jan, ihr ſchneidet ein Geſicht, als ob ihr Luſt haͤttet, Menſchenfleiſch zu freſſen. Wohin lauft ihr denn jetzt? oder macht ihr's gar den Großen nach und trinkt behaglich eler Gl ich habe ſf, wohl Hien helle: 74 m Stang alhzuhitig gen zu n Er! prachlos des Sani ttte dieſen Seifenſup obgleih V ſchien. Ein V ſponnen. innige L halten; lockend V Wohlbeh b ihn mit Mö das nach verlieh jener, in und nicht den ſein ſich hin ingt, it noch von ach Her⸗ ſich und luſtig in ie Augen um ſich Jan, ihr , Junge, manches fuͤr den „Weißen ach Hauſe lieben und einen Ge⸗ Blick auf ſerlei ſelt⸗ t, als ob t ihr denn t behaglich 107 euer Glaͤschen zu Hauſe? Ich will's nunmehr auch ſo machen; ich habe da ein kleines gruͤnes Flaͤſchchen, das, wenn es voll iſt, wohl einen halben Liter faſſen mag...“ Hiemit holte er das Flaͤſchchen aus der Taſche und bab⸗ belte:„Da verſucht einmal, was das„Weiße Kalb“ zu leiſten im Stande iſt. Aber nur ein Schluͤckchen ſag' ich euch; nicht allzuhitzig; denn er brennt, einen Todten aus dem Sarg ſprin⸗ gen zu machen.“ Er reichte die Flaſche ſeinem Freunde, der bebend und ſprachlos die Bewegungen des Gefaͤßes in der zitternden Hand des Sandbauern mit dem Blicke verfolgte. —„Nun! ſo nehmt! iſt euch die Kehle zugewachſen?“ ſpot⸗ tete dieſer.„Oder meint ihr etwa, es ſei ſo etwas, wie die Seifenſuppe aus der„Blauen Hand.““ —„Weg, weg, aus meinen Augen!“ bruͤllte Jan Staers, obgleich er unwillkuͤhrlich nach der Flaſche greifen zu wollen ſchien. Ein gefahrvoller Kampf hatte ſich in ſeinem Innern ent⸗ ſponnen. Eben hatte ihn die Erinnerung an die einfaͤltige, doch innige Liebe ſeiner Tochter am Rande des Abgrundes zuruͤckge⸗ halten; nun glaͤnzt ihm die verderbliche Flaſche verfuͤhreriſch lockend entgegen. Allerlei zauberiſche Bilder des Gluͤckes und Wohlbehagens umgaukelten ihn bei ihrem Anblick und ſie zog ihn mit unwiderſtehlicher Kraft an, wie der Magnet eine Nadel. Moͤglich daß ihm das zuruͤckſtoßende Geſicht des Sandbauern, das nach der Flaſche mit thieriſcher Luſt grinſte, die Kraft dazu verlieh— aber er ſiegte uͤber die Verfuͤhrung. Jetzt aber ſagte jener, indem er die Flaſche zuruͤckzog: 3 —„Ah, ich weiß mir's zu erklaͤren; man hat daruͤber 7 71 108 oft genug gemunkelt im„Weißen Kalbe“; ihr koͤnntet die Ruthe kriegen; der Schalenbeißer jagt euch aus dem Dienſte, wenn ihr noch einen einzigen Tropfen...“ —„Her, her damit!“ heulte Jan Staers bei dieſer gif⸗ tigen Stichrede und haſchte gierig nach der Flaſche. „Aber halt, Bruder, holla!“ ſchrie der Andere, in⸗ dem er ihm durchs Zimmer nachlief,„nur einen Schluck, hab' ich geſagt, ich kenne euch von alten Zeiten her und weiß recht gut, daß eurem Maule der Boden gebricht. Zuruͤck damit! he, zuruͤck!“ Jan Staers hielt die Flaſche an den Mund und ſtieß den Sandbauer gewaltſam von ſich weg. Ein neuer Kampf wurde noch an dieſer aͤußerſten Grenze durchgemacht, bis daß Staers endlich unter ſchwerem Seufzer, erſchoͤpft auf den Stuhl niederfiel. Der Sandbauer betrachtete nun abwechſelnd die leere Flaſche und ſeinen ermatteten Kameraden mit ſtummer Verwunderung. —„Oh, geht von hinnen, Teufel, ihr habt mir die Seele geſtohlen, meine Tochter ermordet!“ klagte Jan Staers außer ſich und von ſchrecklicher Reue wie zerſchmettert. —„Vortrefflich!“ murrte der Sandbauer.„Was babbelt ihr mir da vor? Fortjagen wollt ihr mich? Bezahlen ſollt ihr mir dieſen verfluchten Streich. Am hellen Tage habt ihr mich hier angefallen, mich wie in einer Wuͤſte beſtohlen.— Ah, es iſt euch ſchlecht bekommen; ihr ſeid boͤſe, daß ihr euch die Lippen daran verbrannt habt!... Ich gehe jetzt auf den Berg in den „Bunten Ochſen“ und trinke dort auf eure Rechnung den hal⸗ ben Liter, den ihr mir ſchuldig ſeid, und wollt ihr ihn nicht bezahlen, ſo lade ich euch vor Gericht, ſo wahr ich Klas Grils heiße! ſch Mon jchs Eenten Il merkt uuc Grils noch u —„ gute Freu ſehen, m woher dat wuͤthenden mäͤlde der iinander Tropfen 2 wahr, wa beißer ha würdet be eigenen G wäre das hübſche J Gleichniß nertet, n noch zur Ende den Paſtor iſ ſagt er Knecht d † amit! he ſtieß den n Grenze Seufzer, te Flaſche derung. mir die a Staers t. as babbelt ſollt ihr ihr mich Ah, es iſt ie Lippen g in den den hal⸗ ihn nicht klas Grils 109 heiße! Stehlen iſt ſtehlen; und den Sus*), haben ſie auf ſechs Monate aufs Trockene geſetzt, weil er ein Brod von zwanzig Centen auf der Auslage eines Baͤckers gefunden hatte. Das merkt euch, Bruder Jan!“ Grils wollte gehen, doch an der Thuͤre wandte er ſich noch um und fragte: —„Ihr werdet bezahlen, nicht wahr? Dann bleiben wir gute Freunde... Jan Staers, was ſeid ihr ſcheußlich anzu⸗ ſehen, mit euren großen glaſtgen Augen. Wuͤßte man nicht, woher das koͤmmt, man liefe vor euch davon wie vor einem wuͤthenden Hund. Der Teufel, der in der Kirche auf dem Ge⸗ maͤlde des letzten Gerichtes abgemalt iſt und ihr, ihr gleicht einander wie zwei Tropfen Branntwein... wollte ſagen, zwei Tropfen Waſſer... Aber Jan, ich vergaß noch zu fragen: iſt's wahr, was ſie im„Weißen Kalb“ geſagt haben, der Schalen⸗ beißer habe den ſteinernen Hof in Pacht genommen und ihr wuͤrdet bei ihm als Knecht in Dienſte treten?... Auf eurem eigenen Grund... daß heißt eigen geweſenen Grund. Ja, waͤre das Woͤrtchen geweſen nicht, was hätten wir noch fuͤr huͤbſche Metallſcheibchen, die nunmehr verflogen ſind. Alſo das Gleichniß des Paſtors, auf das ihr immer ſo gewaltig losdon⸗ nertet, wenn euch der Wind von hinten kam, waͤre denn doch noch zur Wahrheit geworden? Die Lehmhuͤtte hat alſo am Ende den ſteinernen Hof wirklich aufgefreſſen? Ah, unſer Herr Paſtor iſt halt doch ein geſcheidter Mann: auf fuͤnfzehn Jahre ſagt er einem die Zukunft vorher. Alſo wirklich, ihr ſeid ein Knecht des Pfennigfuchſers, des knickerigen Haarſpalters gewor⸗ *) Flaͤmiſche Verkuͤrzung von Franciscus(Frangois). 110 den? Ich beklag' euch von Herzen; denn ihr moͤgt bei ihm tuͤchtig zu ſchwitzen bekommen... und euren Branntwein. mit dem Eimer aus dem Brunnen heraufziehen!“ Jan Staers, blieb waͤhrend dieſer hoͤhniſchen Reden unver⸗ ruͤckt auf ſeinem Stuhle ſitzen; doch aͤußerte ſich die Wirkung derſelben um ſo heftiger in ſeinen Geſichtszuͤgen. Auch konnte man bemerken, wie der genoſſene Branntwein ihm eine Feuer⸗ gluth in den Kopf zu jagen anfing und ſeine Blaͤſſe war bald von einer waͤrmeren Faͤrbung verdraͤngt. „—„Lebt wohl“, ſagte nun der Sandbauer im Weggehen. „Sagt eurem Baes*), dem Filzen, daß ich ihn vierfach verlache, und wenn er auch Paͤchter des ſteinernen Hofes geworden.“ Jan Staers ſprang auf und hielt noch an der Thuͤre den Sandbauer zuruͤck.. „Wartet ein wenig“, rief er heiſeren Tons, indem er ſich uͤber die Kiſte vorbeugte,„ich gehe mit euch und will euch die Flaſche bezahlen; aber droben im„Bunten Ochſen“. „Das heißt einmal vernuͤnftig geſprochen! Ah, ihr habt Geld, wie es ſcheint? Und das gar in einer Kiſte? Laßt ſehen! Teufel, Silberſtuͤcke gar!“ 4 —„Kommt, kommt!“ rief Jan Staers, dem Sandbauer vorauseilend. Aber auf der Schwelle der Hausthuͤre ſchoß ihm noch ein Gedanke in die Quere, der ihn zuruͤckhielt; vielleicht ſah er das Bild ſeiner Tochter vor ſeinem verduͤſterten Geiſte aufſteigen, wie ſie ihn inſtaͤndig flehte um Mitleid fuͤr ſie und fuͤr ihn. *) Baes iſt ein belgiſcher Ausdruck, unter dem man den Herrn des Hauſes, hauptſaͤchlich den Eigenthuͤmer eines Wirthshauſes verſteht. Er ihn Raſe bemerkt weit und Der Achem: dauft abe ſieß gut.— ßen die! licher Me kann, oh dr.2 ſum, be Da Kameraden hinter der Eine Schwarme Felder na zu Ende. Auch heiteren „Ah ſelbſt;„ fm endli Schwerm Arbeit g tuch vor 111 he de i Er hielt ſich zitternd am Thurpfoſten, aber der Sandbauer ſtieß ihn auf die Straße und ſchlug das Haus hinter ihm zu. Raſch eilte Staers vorwaͤrts, als fuͤrchtete er von Jemand unver⸗ bemerkt zu werden. Doch es war einſam auf den Feldern und Wrrkung ¹ weit und breit war kein lebendes Weſen zu erblicken. ich konnte Der Sandbauer trippelte ihm nach und murmelte faſt außer ne Jeuer⸗ Athem:„He, Jan; brennt es irgendwo, daß ihr ſo ſchießt? war bald Lauft aber nur zu; komme ſchon nach: meine Beine ſind noch gut.— Sapperment, da ſtolpere ich doch ein wenig! Das hei⸗ Weggehen. ßen die Leute die Vizinalwege unterhalten,... daß kein ehr⸗ hverlache, licher Menſch mehr nach dem„Bunten Ochſen“ ſich begeben rden.“ kann, ohne ſich den Hals zu brechen... Nun, es geht wie⸗ thuͤre den der... Aber haltet ein wenig, Jan; wir wollen dort am Wald⸗ ſaum, bei Kobe Snoeks etwas ausruhen...“ 2 indem er Da jedoch Jan trotz des Gemurmels ſeines nachtrippelnden will euch Kameraden immer fortlief, waren die beiden Trinkgeſellen bald 4 hinter der Ecke des Tannenwaldes verſchwunden. „ihr habt Eine Viertelſtunde darnach ſah man von allen Seiten ganze aßt ſehen! Schwaͤrme von Landleuten das Dorf verlaſſen und uͤber die Felder nach Hauſe zuruͤckkehren.— Der Abendgottesdienſt war Sandbauer zu Ende. 4 ſhoß ihm Auch Clara verfuͤgte ſich nach ihrer Wohnung und trat vielleich heiteren Sinnes in das Haͤuschen. „Ah, der Vater hat ſich bewegen laſſen,“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt;„er iſt ausgegangen. Es iſt das erſte Mal und wir duͤr⸗ fen endlich ſeine Beſſerung, das Verſchwinden ſeiner nagenden Schwermuth erwarten... Auch die Brauerin hat mir neue Arbeit geſchickt... Oh was ſah ich doch fuͤr ein ſchoͤnes Hals⸗ tuch vor dem Fenſter des Kuͤſters haͤngen; das hat mir in die ten Geiſte r ſie und den Herrn ſes verſteht. Augen geſtochen; und ich denke wohl, daß ich endlich dazu komme Der Vater wird ſich nicht wenig freuen, wenn er damit zur Kirche gehen kann... denn ich ſchaͤme mich wahrhaftig uͤber den Fetzen, den er jetzt um den Hals traͤgt. Und er weiß nichts davon; ich naͤhe, wenn er zu Bette iſt... Jetzt ſchnell zur Mutter Bethe, daß ich ihr die Neuigkeit bringe... Und dieſen Abend ſpielen wir allzuſammen Karten... und wer ver⸗ liert, muß drei Vater Unſer beten und kriegt noch dazu einen Naſenzwicker. Was wird's luſtig hergehen!“ Flugs verließ ſie das Haus und eilte zu Torfs. VI. „Guten Tag, Mutter Torfs. Was wir heute fuͤr ſchoͤnes Wetter haben!“ —„Ihr ſeht ſo froͤhlich aus, Clara?“ „Ja, ja, ich bin es auch.“ „Setzt euch ans Feuer; wir wollen ein bischen plau⸗ dern. Es ſteht wohl gut dahinten im Haͤuschen?“ „Denkt euch, Mutter Torfs, mein Vater iſt ſpazieren gegangen! Das iſt gewiß ein gutes Zeichen, daß er anfaͤngt, ſich in ſein Schickſal zu fuͤgen, und allmaͤlig von ſeinem Truͤb⸗ ſinn wieder aufkommt?“ —„Spazieren gegangen? Clara, liebes Kind, heute an einem Sonntage, wo alle Schenken uͤberall wagenweit offen ſtehen!“ die de Schenker trinken ſiid üb jetzt ich nich heilt iſt vielleicht wird nn nen kan ſonderlie Kamm und ſan es ſitt gut als für gut wollt, ſeinem ſtarrköͤy nach de Bu komme er damit aftig über der weiß ſeil ſchnell Und wer ver⸗ dazu einen heute für ſchen plau⸗ ſpazieren ar anfäͤngt, em Truͤb⸗ heute an weit offen —„Ach nein, Mutter Bethe; er iſt bloß ein wenig uͤber die Felder gegangen, um friſche Luft zu ſchoͤpfen. Vor den Schenken darf euch nicht bange ſein. Wenn mein Vater haͤtte trinken wollen, jeden Tag haͤtte er Gelegenheit dazu gehabt; aber ſeid uͤberzeugt, er haͤlt feſt bei ſeinem Vorſatz... und wenn es jetzt ein bischen heller wird in ſeinem Gemuͤthe, dann zweifle ich nicht, daß er fuͤr immer von dieſem unſeligen Fehler ge⸗ heilt iſt.“ „Ich glaube auch, daß Alles im beſten Gange iſt. Mag vielleicht auch dieß oder jenes noch dazwiſchen kommen, Lukas wird nicht ablaſſen, bis er... bis ich euch meine Tochter nen⸗ nen kann. Seht ihr, von außen ſieht Lukas ſeinem Vater nicht ſonderlich gleich; aber von innen, da ſind ſie beide uͤber einen Kamm geſchoren worden. Lukas, ſollte man meinen, iſt fromm und ſanft und geduldig, wie ein Kind; aber glaubt mir, Clara, es ſitzt ihm ein harter Kopf auf den Schultern; und er, ſo gut als ſein Vater, wenn er ſich etwas vorgenommen, das er fuͤr gut erachtet, da moͤgt ihr ſchwatzen und treiben wie ihr wollt, er laͤßt ſich nicht davon abbringen, bis die Sache nach ſeinem Kopfe ausgefuͤhrt worden. Die Torfs alle ſind etwas ſtarrkoͤpfig: es liegt das im Blute der Familie.“ „Aber, Mutter Torfs, Lukas wollte doch hier ſein nach der Kirche, wo bleibt er denn ſo lange?“ —„Er iſt mit ſeinem Vater nach der Sankt⸗Georgs⸗ Gilde gegangen; man haͤlt dort Sitzung und ſte werden beide wohl noch ein Stuͤndchen ausbleiben.“ „Ich habe mir ſagen laſſen, daß man Torfs in der Gilde zum Dekan waͤhlen wolle. Iſt's wahr?“ 3 —„Es ſcheint ſo, aber Torfs wird's ausſchlagen. Er Die Dorfplage. 8 will ſich nicht mit neuen Sorgen belaſten. Denn die Gilde ſteht auf einem ſchlechten Fuß und wenn Torfs die Wahl annaͤhme, ſo wuͤrde er ſich abmuͤhen, ſie wieder auf guten Stand zu brin⸗ gen, denn lieber thut er nichts, als etwas zur Haͤlfte.“ „Es waͤre doch ſchoͤn, wenn Paͤchter Torfs Dekan hieße. Seht einmal, Mutter Bethe, was das fuͤr eine Ehre fuͤr die Familie waͤre.“ „Ach, liebes Kind, du machſt mich lachen! Unſchul⸗ diges Maͤdchen, du ſorgſt ſchon fuͤr die Ehre der Familie, bil⸗ deſt dir wohl ein, es ſei Palm-Sonntag und Oſtern ſtehe vor der Thuͤre?... Aber Spaß bei Seite, ich ſagte euch eben, daß die Torfs alle etwas ſtoͤrriſch von Charakter ſeien; wenn ihr aber glaubt, daß das ein Gebrechen iſt, ſo irrt ihr gewaltig. Denn ihr muͤßt wiſſen, daß ſie nichts beſchließen, es ſei denn, daß ſie es vierundzwanzig Stunden im Kopfe herumgetragen haben; ja zuweilen gehen ſie Jahr und Tag mit einem Gedan⸗ ken um, ehe ſie endlich ans Werk ſchreiten. Und taͤuſchen ſie ſich auch hin und wieder, nun, irren iſt menſchlich und ſte haben ſich nichts dabei vorzuwerfen. Aber gute Arbeiter, das ſind die Torfs alle, und auf ihre Pflichten gegen Gott und Menſchen eifrig bedacht. Ja; ſie treiben es ſo weit, daß man ſich faſt aͤrgern moͤchte, nie eine Gelegenheit zu finden, etwas an ihrem Thun oder Laſſen auszuſetzen.“ —„Es faͤllt mir da etwas ein, Mutter Bethe.— Koͤnn⸗ ten ſie denn nicht druͤben in der Gilde den Lukas zum Dekan machen?“ —„Was denkt ihr denn; er iſt noch viel zu jung. Clara, Clara, laßt dieſes thoͤrichte Sinnen und Trachten; ihr muͤßt nicht ſo hoch hinaus wollen. Ehre und Ruhm ſind nichts als nen un nur u ſin. ich nic vilde ſteht annähur, Wind; bblaſt über eure Hand, ihr ſollt es wohl fuͤhlen und dzu brin⸗ denkt, es ſei etwas daran, und doch iſt es Nichts... Daß 2.“ ich euch vorhin ſagte, die Torfs haͤtten einen harten Kopf, das rſs deinn hat ſeine guten Gruͤnde. Man muß ſie naͤmlich bei der rechten eine Chre Seite anzupacken wiſſen, ſonſt geht man ſchief. Seht, wenn es einmal ſo weit gekommen iſt, daß ihr hier, an dieſem Herd, unſchul Baaſin(Wirthin) Torfs heißet— es macht euch laͤcheln, nicht milie, bi⸗ wahr?— dann muͤßt ihr wohl darauf merken, was in Lukas ſtehe vor Kopf vor ſich geht, und wenn ihr denkt, er gehe mit etwas euch eben um, das gefaͤhrlich werden koͤnnte, dann fangt bei Zeiten an, ; wenn Uir eure Bemerkungen zu machen und laßt nicht ab— und muͤßtet r gewalii ihr ihn auch ein wenig martern— bis daß er ſein Vornehmen ſei denn aufgegeben habe⸗ Wenn ihr aber nichts ausrichtet und er ein⸗ umgetras 3 mal ſeinen Beſchluß gefaßt hat, dann durchkreuzt ihn nicht laͤn⸗ agen ger. Das koͤnnen die Torfs nicht vertragen.“ 7 „Ach, Mutter, wenn man ſich gern hat, dann laͤuft doch Alles von ſelber.“ —„Nein, nein, Kind, Nichts laͤuft von ſelber auf dieſer m Gedan⸗ aͤuſchen ſie ih und ſie beiter, das 6 Welt.— Worauf ihr vor Allem Acht geben muͤßt, iſt, daß er Goött und 1„. V1.; 21.; 4 niemals— niemals hoͤrt ihr?— eine Viertelſtunde laͤnger im daß man Wirthshaus bleibe, als in der erſten Zeit eurer Haushaltung. — g den, etwas Sobald ihx ſo etwas wahrnehmt, dann fangt ihr an, ihm einen leiſen Verweis zu geben, dann wenn's nichts hilft, ein ſaures Geſicht zu machen, zu weinen, wenn's ſein muß, und hoͤrt nicht eeher auf, als bis er ſich beſſert. Denn ſeht, die Maͤnner kön⸗ nen unſerem Willen doch nicht widerſtehen und geben gerne nach, nur um das„ewige Gekreiſch“, wie ſie das nennen, los zu ſein.— Von der Plage der Doͤrfer, dem Branntwein, brauche ich nicht zu reden. Ihr habt euer ganzes Leben einen lebendigen 8* — Koͤnn⸗ zum Dekan ung. Clara, ihr muͤßt nichts als 7 — Beweis deſſen, was ſie anzurichten vermag, vor Augen gehabt. Lukas auch; aber wer kann in die Zukunft blicken? Ein Unfall, eine Widerwaͤrtigkeit ſtellt ſich ein; da trinken die Maͤnner gerne ein Glaͤschen, um ſich den Verdruß wegzuſchwemmen, wie ſie ſagen, und oft iſt es nach dieſem Glaͤschen um ihr ganzes Le⸗ bensgluͤck geſchehen. Da habt ihr zum Beiſpiel, droben auf dem Lyſterberg, den Weber Mees; bis ins vierzigſte Jahr iſt er ein ehrlicher Mann geblieben, der redlich ſein Brod verdiente. Da wird ploͤtzlich eines ſeiner fuͤnf Kinder durch des Brauers Pferd todt geſchlagen; außer ſich vor Schmerz, laͤßt er ſich von ſchlechten Freunden verleiten, um ſich die Seele wieder aufzuheitern, zum erſten Mal in ſeinem Leben ein Schnaͤpschen zu trinken. Aber was geſchah; der Weber Mees iſt ein Saͤufer geworden und ganz und gar zu Grunde gerichtet. Um ſich den Kummer um den Tod eines einzigen ſeiner Kinder zu vertreiben, hat er die vier uͤbrigen an den Bettelſtab gebracht. Ja, Clara, wenn es auf den Doͤrfern nicht beſſer wird mit dem leidigen Branntwein⸗ trinken, dann werden wir noch Schlimmes erleben. Waͤre es noch ſo, daß die Trunkenbolde allein dabei litten, dann koͤnnte man ſich drein ergeben und ſagen: Sie haben ihren gerechten Lohn; aber daß Frau und Kind, oft auch noch Mutter und Vater, daruͤber vor Hunger vergehen und ſich zu Tode graͤmen muͤſſen vor Elend und Schande, das iſt doch nicht recht und ich hehaupte, daß ein Trinker kein Herz im Leibe haben muß, um unſchuldige Weſen ſo unmenſchlich zu vergeſſen und ſie wiſſent⸗ lich und willentlich leiden zu machen... Aber ihr ſttzt ſo ſtill da, Clara? Ihr denkt wohl an etwas Anderes.“ —„Ich bin verſtimmt, Mutter Bethe; eure Worte machen mir Angſt. Ihr ſprecht, als ob Lukas auch ſich vom Trunke fortte gſtd iinem nur, Vorko Frau immer Untet ſe di euch d her n. mann. Abende verſchn und tr Pichte da ſte Pferde auf R auf u Sparſ rer, d n gehabt. Unfal, ner gerne wie ſie ZBanzes Le⸗ n auf den iſt er ein ente. Da ers Pferd ſchlechten tern, zum een. Aber orden und mimner um ſat er die wenn es anntwein⸗ Waͤre es inn koͤnnte gerechten Nutter und de graͤmen recht und aben muß, ſie wiſſent⸗ tt ſo ſtill ete machen öm Trunke 117 fortreißen laſſen koͤnnte. Und doch iſt keine Urſache dazu da. Iſt denn die Welt ſo verdorben, daß man nicht einmal von einem Tag zum andern ſicher ſein kann?“ „So duͤrft ihr's nicht aufnehmen, liebes Kind; ich meine nur, daß man immer ein wachſames Auge auf alle moͤglichen Vorkommniſſe haben muͤſſe. Noch eins muͤßt ihr wiſſen. Die Frau ſcheint in einer Haushaltung nur die Sklavin zu ſein, die immer nichts als zu gehorchen habe; das iſt aber nur Schein. Unter hundert Haushaltungen ſind neunzig ſo beſchaffen, wie ſie die Frau gemacht oder hat werden laſſen. Darum gebe ich euch den Rath, des Morgens immer am erſten auf zu ſein, fruͤ⸗ her noch als die Dienſtboten, und dafuͤr zu ſorgen, daß Jeder⸗ mann zeitig an die Arbeit gehe; nie zu leiden, daß man des Abends laͤnger als noͤthig aufbleibe, denn dadurch wird nur Oel verſchwendet und es macht noch obendrein die Maͤnner ſchlaff und traͤge. Jedem muͤßt ihr ein gutes Beiſpiel geben; wo die Paͤchterin zu viel aufs Sitzen haͤlt oder mit verſchraͤnkten Armen da ſteht, da laͤuft der Wagen aus dem Geleiſe und freſſen die Pferde ohne Nutzen ihr Haber. In Allem, Clara, muͤßt ihr auf Reinlichkeit ſehen; die Sauberkeit im Hauſe heitert das Herz auf und macht froͤhlich. Und dann vollens die Sparſamkeit; die Sparſamkeit, Kind, iſt die erſte Pflicht einer Frau. Die Maͤn⸗ rer, die nehmen es nicht ſo genau; aber es thut ihnen doch wohl, wenn ſie am Ende des Jahres ein Haͤufchen Geld im Kaſten liegen ſehen, obſchon ſie nicht viel darnach fragen, wer es mit Muͤhe zuſammengeſcharrt hat. Nichts duͤrft ihr verloren gehen laſſen; Alles hat ſeinen Werth. In der Stadt iſt ein Mann, der durch Aufſuchen von altem Eiſen und zerſchliſſenen Lumpen reich geworden iſt. Ein Teller, an dem ein Stuͤck ab⸗ —— gebrochen iſt, kann immer noch Dienſte thun; und wenn er endlich doch in Stuͤcke faͤllt, dann koͤnnt ihr ſagen, daß er ſtatt des neuen, den ihr gekauft haben wuͤrdet, gebrochen und ihr ſomit dieſen erſpart habt. Und ſo mit Allem. Wenn euer Lu⸗ kas ſeine Jacke oder ſeinen Kittel euch ablaſſen will, weil ſte zu ſchlecht geworden, ſetzt einen Fleck oder zwei darauf und ſte ſind wieder auf ein halbes Jahr gut. Und auch nach⸗ her muͤßt ihr ſie nicht gleich fuͤr ein Paar Kreuzer dem Lum— penſammler verkaufen. Aus einer alten Hoſe des Vaters muß die Mutter noch eine Jacke fuͤr ihren aͤlteſten Jungen zu ma⸗ chen wiſſen, und wenn ſie fuͤr dieſen zu klein geworden, ſo paßt ſie noch immer fuͤr das folgende Bruͤderchen, bis daß am Ende ſich nichts mehr daraus ſchneiden laͤßt, als ein Paar Socken*) fuͤr den Vater.— Aber in einem Stuͤck, Clara, duͤrft ihr nicht haushaͤlteriſch ſein; ich meine das Eſſen; nicht, daß leckere Speiſen auf den Tiſch kommen muͤſſen, aber genug, um ſich ſatt daran zu eſſen. Es iſt ganz verkehrt, den Dienſt⸗ boten das Eſſen ſpaͤrlich zuzumeſſen; am Ende findet man ſich nur dabei betrogen. Wer harte Arbeit verrichtet, muß auch gut eſſen, und was man dabei zuſetzt, kommt nachher doppelt wie⸗ der herein. Mit den Thieren iſt es gerade ſo. Als wir unſer Pferd kauften, war es mager und faſt unbrauchbar zur Arbeit und trotz ſeiner Wohlfeilheit glaubten wir dennoch einen ſchlechten Kauf gemacht zu haben. Aber wir haben dem armen Thier tuͤchtig zu freſſen gegeben, und es iſt ſtark geworden, ja kaum moͤchte man im Dorfe ein Pferd finden, das mehr Arbeit ver⸗ *) Dieſe Art Socken ſetzen die in Belgien allgemein üblichen Holz⸗ ſchuhe voraus. ich wel Goͤtent gab es die elll anbetelt — wenn er er ſtatt und ihr euer Lu⸗ iill, weil arauf und lch nach⸗ dem Lum⸗ ters muß zu ma⸗ den, ſo daß am ein Paar . Clara, en; nicht, er genug, n Dienſt⸗ man ſich auch gut ppelt wie⸗ wir unſer ur Arbeit ſchlechten ien Thier ja kaum rbeit ver⸗ ſchen Holz⸗ 119 richtet, als unſeres! Auch die Kuͤhe, wenn ihr die nicht pflegt und beſorgt, als waͤren ſie eure eigenen Kinder, dann geht's hinter ſich mit euerer Wirthſchaft. Die Kuͤhe, merkt euch das, ſind die Grundpfeiler eines Pachthofs und man muß darauf be⸗ dacht ſein, ſo viel daraus zu ziehen, als ſich daraus ziehen laͤßt, ſie dabei aber immer geſund und ſtark zu erhalten ſu⸗ chen.— Ich werde euch das Naͤhere daruͤber einmal im Stalle ſelbſt lehren.— Ich habe unſern Paſtor einmal predigen hoͤren, ich weiß nicht mehr uͤber welchen Text, aber es war von den Goͤtzenbildern einiger Voͤlker der alten Zeiten die Rede. Da gab es nun welche, die die Sonne oder den Mond, andere, die einen Elephanten oder einen Vogel oder ſonſt was Anderes anbeteten; aber es gab auch ein Land, wo die Leute glaub⸗ ten, Kuͤhe und Ochſen ſeien Goͤtter, und ſte aus Ehrfurcht nicht zu ſchlachten ſich getrauten. Als ich das hoͤrte, wollte es mir duͤnken, dieſe Leute ſeien nicht recht bei Verſtand geweſen, aber am Ende haben ſie doch ſo Unrecht nicht gehabt... Denn ſeht, Clara, die Kuh iſt die Koͤnigin aller Thiere und die Wohlthaͤterin der Menſchen. Ohne die Kuh iſt kein Ackerbau moͤglich, und die Menſchen— wie es ia auch wirklich in ge— wiſſen Laͤndern geſchieht— wuͤrden einander auffreſſen, wenn Gott die Kuh nicht geſchaffen haͤtte... Aber Clara, wie wird euch? Ich glaube gar, ihr weint?“ —„Ach, es iſt Nichts,“ ſtammelte das Maͤdchen,„ich denke an mein armes weißes Muͤtterchen, das uns ſo lange ernaͤhrt und dann zuletzt zum Danke vor der Zeit hat ſterben muͤſſen. Ja, was ihr da geſagt, iſt wohl wahr, Mutter Bethe.“ —„Alſo ihr habt doch auf das, was ich euch geſagt, Acht gegeben; es wollte mir ſcheinen, ihr ſeid zerſtreut ge⸗ ——— 120 weſen; der Lukas ging euch wohl im Kopfe herum, nicht wahr? Nun, ich finde das ganz natuͤrlich.“ —„Ganz und gar nicht, ich habe recht gut aufgemerkt und ich danke euch tauſendmal fuͤr euren guten Rath. Eure Worte ſind mir tief in die Seele gegangen, ich dachte nicht, daß es ſo ſchwer ſei, eine Hausmutter zu ſein, aber jetzt leuchtet es mir ein.“ —„Ja, ja, und das Buͤchlein iſt noch lange nicht zu Ende. Wartet nur, bis ich auf das Kapitel von den Kindern zu ſprechen komme. Wir haben deren drei gehabt, aber meine Marie und mein Peterchen ſind in den Himmel gegangen, als unn ſ ſte ungefaͤhr ſieben Jahre alt waren.— Doch es iſt noch 5 ü nicht an der Zeit, davon zu ſprechen; ich bin noch immer am rih Stall und am Vieh; aber mich duͤnkt, ich hoͤre die Tritte Päigeru meines Mannes. Kommt, wir wollen einſtweilen die Karten 8 i 3l zurechtlegen.“ Kopſe 10 Der alte Torfs und ſein Sohn traten herein. Der Letztere auf halt ging ſtracks auf Clara zu und ſprach leiſe mit ihr. Ihre beider⸗ ſeitige Heiterkeit gab zu vermuthen, daß jene ihm erzaͤhlt habe, ſich wie ihr Vater ſich habe bewegen laſſen, einen Spaziergang uͤber ihm die Felder zu machen. hat „Nun,“ rief Frau Torfs ihrem Manne zu,„wie iſt die es druͤben abgelaufen? Ihr ſeid doch wohl nicht Dekan ge— worden?“ —„Nein, nein,“ ſchmunzelte der Alte,„man hat zwar eine Muͤhe geſpart...“ —„Ja, ja, Vater, ſagt's doch nur heraus,“ fiel ihm Lukas in die Rede.„Denkt euch, Mutter, ſt F T ſie hatten den Va⸗ ter gewaͤhlt, aber da fing er an, mit ſich ſelbſt lange zu Rathe und B um, nicht aufgemerkt b. Cure nicht, daß zt leuchtet nicht zu n Kindern ber meine angen, als 8 iſt noch immer am die Tritte de Karten der Letztere hre beider⸗ ʒaͤhlt habe, rgang uͤber ,„wie iſt Dekan ge⸗ hat zwar fiel ihm den Va⸗ zu Rathe 121 zu gehen, wie ihr ja wißt, daß er es gerne zu thun pflegt. Ich ſah es ihm an, daß er es anzunehmen im Begriffe ſtand, aber da trat ich ihm zufaͤllig auf die Zehen und da rief er auf einmal: Ich danke euch fuͤr die Ehre und mein letztes Wort iſt„nein.“ Man kennt den Vater, und ſo war nichts mehr zu antworten als:„er thuts aus Aerger,“ was auch aller⸗ ſeits geſchah.“ „So, ſo, Torfs,“ ſcherzte die Mutter,„alſo ihr wart doch einen Augenblick Willens, Dekan zu ſein.“ „Es iſt was daran,“ erwiederte der Greis.„Wenn man ſo alle ſeine Freunde einem zureden und dabei einen Be⸗ weis ihrer Zuneigung geben ſieht, da laͤßt man ſich leicht fort— reißen und es hat mir wirklich leid gethan, ſie durch meine Weigerung betruͤbt zu haben. Aber nichts weiter daruͤber! Laßt uns ein Kartenſpiel thun, damit mir die Sache aus dem Kopfe ſchwindet... Aber wo iſt Jan Staers, ich hatte ihn auf halb vier Uhr beſtellt und es iſt ſchon vier Uhr voruͤber?“ —„Der Vater iſt ein wenig luſtwandeln gegangen, um ſich an der friſchen Luft zu erquicken,“ ſagte Clara.„Ich habe ihm geſagt, Paͤchter Torfs, daß ihr es gerne ſaͤhet und er hat eingewilligt. Er wird ſogleich daſein, er hat wohl auf die Uhr nicht Acht gegeben?“ —„So? Ausgegangen iſt er? Gut, wir wollen immerhin einſtweilen anfangen. Setzt euch an den Tiſch... Halt, Lu⸗ kas, nicht neben Clara, das junge Volk hilft ſich gegenſeitig, und das Spiel muß ehrlich getrieben werden.“ Der alte Torfs vertheilte die Karten.— „Trumpf⸗Koͤnig!“ rief Clara voller Freude.„Zwanzig... und Bube.. und Mariage macht ſechzig! Ich⸗hab' gewonnen; ich gaͤbe, ich weiß nicht was, darum, wenn ihr am wenigſten zaͤhltet, Lukas. Ihr wuͤrdet einen Knipps kriegen, der nicht von Stroh ſein ſoll. Paßt nur auf, Junge, ich habe ihn ſchon zur Hand. Hiebei zeigte ſie ein dickes Schwefelhoͤlzchen und ſagte: —„Seht, das heißt ein Knipps, der ſoll euch die Naſe kneipen, daß ihr zwanzig Geſichter auf einmal ſchneidet.“ —„Iſt's moͤglich?“ lachte Mutter Bethe.„Hol muthwillige Maͤdchen das ſchwerſte Hoͤlzchen aus der Buͤchſe. Wenn ich aber die Verlierende bin?“ Dieſer —„Ja dann machen wir den Schlitz etwas tiefer. da iſt bloß fuͤr Lukas beſtimmt. Das ſoll ihn lehren, mich ſo zu plagen, wie er am letzten Sonntag gethan.“ —„Nun, nun, aufgemerkt, heißt das Kartenſpielen?“ be⸗ merkte der alte Torfs. —„Es wird mir wahrhaftig fuͤr meine Naſe bange,“ murmelte Lukas, ſeine Karten beſchauend.„Ich glaube, daß man die Karten fuͤr mich ausgeſucht hat. Nichts als Achter und Neuner und keinen einzigen Trumpf!“ —„LTreffzehn!“ rief der Greis, indem er nach Bauernart die Karten auf die Tafel ſchlug, als fiele ein Quaderſtein aus aus der Luft. —„CTreffaß! mir der Stich!“ frohlockte die Mutter. „Herzkoͤnigin!“ ſagte letztere wieder beim Auswerfen. —„Ich will nicht kaufen,“ ſagte Clara,„dann kriegt Va⸗ ter Torfs auch einen Stich.— Da, Laubneun!.. Und nun an mir. Trumpfneun und Aß fallen...— Eins, zwei, drei! Alles fuͤr mich. Lukas hat keinen einzigen Stich. Junge, deine Naſe her nung ſch Luka one ben ohn en, Fpiel zu die lichter in keſonders Auf hölschen äbrem 6 Baer bott ins mich um laitet ha ſchon nach kommen? dueg ging um auch Da hor ten; i u wenigſte der nict Naſe her! Die Vaterunſer mag dir der Vater auf die Rech⸗ habe ihn nung ſchreiben!“ Lukas mußte mit dem zwickenden Schwefelhoͤlzchen ſitzen blei⸗ ſage. ben, ohne mit der Hand daran zu greifen, bis daß das zweite . Spiel zu Ende ſei. 3 d Naſe Die Geſichter, die er dabei ſchnitt, erweckten ein helles Ge⸗ de laͤchter in der kleinen Geſellſchaft und Clara ergoͤtzte ſich ganz Bolt das beſonders daran. der Lüchſe. Auf einmal wurde Alles ſtill. Lukas warf das Schwefel⸗ hoͤllchen unter den Tiſch und die andern ſprangen alle von efer. Dieſer ihrem Sitze auf. 1 ehren, mich Baes Knops, ein Paͤchter aus dem Dorfe, war faſt unge⸗ hoͤrt ins Zimmer getreten und ſagte nach fluͤchtigem Gruße: lelen?“ be⸗—„Hier geht's luſtig her, wie's ſcheint; thut mir leid, daß ich die Freude ſtoͤren muß, aber ich habe euch etwas mit⸗ ſe bange,“ 1 zutheilen, das euch, wie ich glaube, nicht unangenehm ſein wird. laube, daß Ihr werdet es jedenfalls lieber wiſſen als nicht. als Acter Alle horchten voller Neugierde auf ſeine Mittheilung. —„Seht!“ fuhr Knops fort,„ich war dieſen Nachmittag h Bauernart nach dem„Bunten Ochſen“ gegangen, um nach meinem Thomas derſtein aus mich umzuſehen, den ein paar liederliche Geſellen dahin ver⸗ leitet haben ſollten Das zaͤhlt erſt achtzehn Jahr und lechzt Mutter. ſchon nach Branntwein; ſollte man nicht graue Haare davon be⸗ Jahwerfa kommen? Ich fand den Thomas nicht,— aber beim Nachhauſe⸗ 3 weg ging ich zufaͤllig uͤber die Huͤgel, durch den Tannenwald, kriegt Va⸗ um auch bei Kobe Snoeks nach meinem Burſchen zu ſehen... . Und nun Da hoͤre ich hinter dem ſteinernen Kreuz ploͤtzlich ein Knur⸗ zwei, drei! ren; ich trete hinzu— und wen finde ich dort ausgeſtreckt Junge, deine liegen?“ „, 124 e erbleichten und Clara ſiuͤtzte ſich zitternd auf die Ruͤck⸗ lehne eines Stuhles. —„Wen? den Sandbauer!“ fuhr der Baes Knops fort. —„Gott ſei gedankt,“ rief die wieder mit emporgehobenen Armen. —„Gott ſei gedankt, ſagt ihr?“ wiederholte Knops. „Hoͤrt nur weiter! Ich war kaum fuͤnf Schritt vorwaͤrts ge⸗ gangen, da lag noch einer. Den faßte ich bei den Haͤnden, zog ihn hin und her, um ihn wieder wach zu ſchuͤtteln. Aber es half Alles nichts, er lag da wie ein Klotz; kaum war noch ein Athem an ihm bemerkbar. Ihr errathet von ſelber, wer es war? Es war Jan Staers....“ aufathmende Clara Clara ſank mit einem Schrei auf den Stuhl und ſchlug ſich die Haͤnde vor die Augen. Lukas und ſeine Mutter ſtan⸗ den bleich und unbeweglich in der Mitte der Stube. Der Vater Torfs hingegen wurde hochroth vor Zorn und ſtampfte mit Ungeſtuͤm auf den Boden. —„Ich wollte bloß geſagt haben,“ bemerkte Paͤchter Knops, indem er nach der Thuͤre ging,„daß es gut waͤre, ihr naͤh⸗ met einen Schubkarren, um den Betrunkenen nach Hauſe zu fuͤh⸗ ren, ſonſt bleibt er die ganze Nacht dort liegen! Denkt nicht daran, ihn unter die Arme zu nehmen, er hat gar keine Em⸗ pfindung mehr.... Ich habe das Meinige gethan, jetzt guten Tag allzuſammen!“ Clara ſtand auf und ſprach bittend und unter heftigem Thraͤnenguß zu Vater Torfs und Lukas: —„Ach, Baes Torfs, lieber Lukas, kommt mit und helft mir! Er kann doch nicht die Nacht uͤber dort liegen bleiben!“ Vater ni gebrochen gage hel herzig u Vater T ſeten wi und ich Aber, ter nach Schickſa A Vater Mutter witleids bereit weit v 125 — uf die Rich⸗ V—„Ich?“ rief unwillig der Alte...„Ich ſollte bei hel⸗ 3 lem Tage mit dieſem gewiſſenloſen, undankbaren Trunkenbolde Knops fort. auf der Straße hinſchlendern! Das fehlte noch... Ich kenne wende Clara ihn nicht mehr, will ihn nie gekannt haben. Zwiſchen uns hoͤrt jedes Verhaͤltniß auf... Es thut mir leid, Clara, aber polte Knops. ſo tief es mich ſchmerzt, auch euch kenne ich nicht mehr, armes dorwäͤrts g Kind...“ den Händen, Lukas ſtand wie zerſchmettert da, den Blick zur Erde ge⸗ utteln. Aber ſenkt, und zitterte fuͤrchterlich. kaum war „Aber,“ ſchrie Clara aufs Neue,„ich kann doch meinen von ſelber Vater nicht allein fort tragen! Laßt immerhin Alles zwiſchen uns — gebrochen ſein, vielleicht wird mir doch bald der Tod aus meiner 1 und ſchlug Lage helfen... Aber fuͤr dieſes Mal noch, ich bitte, ſeid barm⸗ herzig und thut ein Werk chriſtlicher Liebe! Ich verſpreche euch, Mutter ſtan⸗ tube. Der Vater Torfs, daß ich nie wieder den Fuß uͤber eure Schwelle und ſtampfte ſetzen will... denn ich begreife wohl, daß es ſo ſein muß... und ich habe Lukas viel zu lieb, als daß ich ihm noch... ichter Knopo, Aber, um Gotteswillen, geht mit. Bringt meinen armen Va⸗ e, ihr näͤh⸗ ter nach Hauſe.. und uͤberlaßt uns dann unſerem unſeligen dauſe zu fühe Schickſal.“ Denkt nicht Auch Lukas hatte die Haͤnde zuſammengefuͤgt und ſchien ſeinen ar keine En- Vater um Erlaubniß zu bitten, Clara folgen zu duͤrfen, und , jetzt guten Mutter Bethe unterſtuͤtzte dieſes Geſuch mit einem traurigen mitleidsvollen Blicke. Als Clara zu bemerken glaubte, daß der Alte nachzugeben bereit war, warf ſie ſich auf die Kniee und rief: „Ich will mit meinem Vater in ein anderes Dorf ziehen, weit von hier, und ihr⸗ſollt uns nicht wieder zu ſehen bekommen!“— ter heftigem mt mit und dort liegen, ——— 126 Der Greis hob das Maͤdchen von der Erde und ſagte, nach ſeinem Hute greifend: —„Wohlan denn, euch zu Liebe, aber es iſt das letzte Mal. Komm, Lukas, wir wollen gehen... Aber laßt mich noch einmal von ihm hoͤren! von ihm oder ſonſt etwas, das ihn nahe oder fern angeht, und ich werde dir zeigen, Lukas, daß ich Meiſter im Haus bin.“ Mutter Bethe fand ſich etwas erleichtert, ſetzte, ſich und fing an bitterlich zu weinen, als ſie ihren Mann mit Lukas und Clara hinausgehen ſah. Der kuͤrzeſte Weg, um zum Huͤgel zu gelangen, wo nach Knops' Angabe Jan Staers liegen mußte, fuͤhrte durch das Dorf, und Clara draͤngte in ihrer liebevollen Haſt den Paͤchter Torfs, dieſe Richtung zu nehmen; aber dieſer zog es vor, quer durch die Felder zu gehen, um nach der Tannenallee zu kommen. Hier nahm er ſeinen gewohnten langſameren Schritt, brach das bisher beobachtete Stillſchweigen und ſagte mit bekuͤmmerter Seele: „Es iſt doch recht ungluͤcklich! Alles war im beſten Gang! Ich hatte ernſtlich daruͤber nachgedacht, wie ich mich zu benehmen habe, um ihn wahrlich wie einen Bruder zu be⸗ handeln, und ihm die Ueberzeugung beizuhpingen, daß er in meiner Wirthſchaft ſo viel gelten ſollte, gße ſelber. Noch vor Oſtern ſolltet ihr getraut werden, Kinder, und in unſerem kleinen Hofe euch niederlaſſen, waͤhrend wir, Jan Staers und ich, auf dem ſteinernen Hofe, wacker darauf zu gearbeitet haͤtten, um euch ein huͤbſches Erbtheil zu hinterlaſſen! Ein wahres Paradies fuͤr uns Alle hatte ich mir ſchon ausgeſonnen... Und dieſer ſinnloſe, ſchwachkoͤpfige Trunkenbold geht hin und ver⸗ Schand vergeſſe mich ja no nicht Gebe ders öte. ſich und mit Af mit Lukas en, wo nach 2 durch s den Paͤchter 25 vor, quer zu kommen. hritt, brach bekuͤmmerter r im beſten wie ich mich ruder zu he daß er in elber. Noch in unſerem Staers und beitet haͤtten, Ein wahres geſonnen... hin und ver⸗ 127 kauft fuͤr ein Glas Branntwein das Gluͤck ſeines Kindes!... Ja, weint nur, liebe Clara, denn euer Loos iſt der Thraͤnen werth. Aber es wird Gott im Himmel euch all dieſes bittere Leid einſt reichlich vergelten.“ Weder Lukas noch Clara ſprach ein Wort. Sie ſchwankten, Beide dem tiefſten Schmerze uͤberliefert, ſchluchzend und weinend an der Seite des Vaters dahin. Da begann der Alte aufs Neue: —„Seht, Kinder, ihr muͤßt vernuͤnftig ſein. Ihr wißt ja, daß ich Alles aufgeboten habe, um euch gluͤcklich zu ſehen, und wenn ihr nun euch nicht in euer unvermeidliches Schickſal ergeben wollt, wiſſet ihr, was daraus entſtehen wird? Dem alten gebrochenen Torfs und der Mutter Bethe verbittert ihr noch den kurzen Reſt ihrer Tage.“ „Nein, das werden wir nicht,“ ſagte Clara mit erſtickter Stimme.„Wohl weiß ich, was aus mir werden wird, mein Plaͤtzchen auf dem Kirchhof iſt ſchon abgeſteckt... aber gleich⸗ viel, von mir ſollt ihr, die ihr meine Wohlthaͤter ſeid, weder Schande noch Verdruß zu erleben haben... Ich werde Lukas vergeſſen und mir meine Liebe zu ihm aus dem Kopfe ſchlagen ... und ſtill in meiner Einſamkeit zu Gott auf den Knieen beten, daß er euch allen lange heitere Tage ſchenken moͤge.“ Dem Zinglinggentfuhr ein Schrei der aͤußerſten Beſtuͤrzung. —„und du Lukas,“ ſeufzte das Maͤdchen,„auch du mußt mich vergeſſen, es muß einmal ſo ſein... Und willſt du mir ja noch deine Liebe zu erkennen geben, ſelbſt wenn wir uns nicht mehr ſehen, o ſo gedenke meines armen Vaters in deinen Gebeten, daß Gott wenigſtens der Seele des unbußfertigen Suͤn⸗ ders ſich gnaͤdig erweiſe!“ 128 —„Clara, liebes Kind, das heißt vernuͤnftig geſprochen,“ ſagte der Greis tief geruͤhrt.„Glaubt mir, die Haͤlfte meiner Habe gaͤbe ich darum, um euch eurer traurigen Lage zu ent⸗ reißen, aber unſer Herrgott hat es anders beſchloſſen.— Lukas, mein Sohn, ſei auch du gefaßt und trage dein Geſchick mit Geduld: verſprich deinem alten Vater, daß du einer unmoͤglich gewordenen Hoffnung entſagſt.“ Der Juͤngling blieb heftig erſchuͤttert ſtehen und erwiederte unter Zittern und den Blick ſtarr auf den Vater gerichtet: „Ich entſagen? Sie vergeſſen? Nein! niemals! Clara taͤuſcht euch: ſie luͤgt! Sie will mich vergeſſen. Aber das kann, das wird ſie nicht. Glaubt ihr, Vater, es ſei genug zu ſagen: ich will nicht mehr an ſie denken. Die Treuloſe, ſie mag mich vergeſſen, wenn ſie's im Stande iſt; aber Lukas, ſeht ihr, der iſt kein Wetterhahn, der ſich nach dem Winde dreht. Das, was ich aufgeben ſoll, iſt ſo mit meinem Herzen verwachſen, daß es nicht auszureißen iſt, ſo lange ich lebe.“ „Lukas, Lukas!“ klagte der Vater,„ſo willſt du denn Vater und Mutter ungluͤcklich machen.“ „Nein, nein!“ rief der Juͤngling in fieberhafter Auf⸗ regung.„Ich werde nicht wieder von Clara ſprechen, ſie nicht mehr ſehen, ſie meiden, aus Liebe zu euch, Vater; aber nie. werde ich je eine andere lieben.... Ich werde warten, Jahre lang harren— und ſollte ich inzwiſchen graue Haare bekom⸗ men; aber Clara muß einſt noch meine Frau werden.... es ſei denn, daß der Tod eines von uns beiden von der Erde abfordere.“ Die Jungfrau hatte mit Angſt und Zittern dieſe Aeuße⸗ rung eines verzweifelten Entſchluſſes angehoͤrt. Unfaͤhig, der A ſchl ihne Auf Ent) beſt ihn gen ein ſprochen, fte meiner e zu ent 65 Lukas, iſcic mit unmoglich erwidderte richtet: ls Clara Aber das f genug zu euloſe, ſie ber Lukas, em Winde em Herzen h lebe.“ ſt du denn after Auf⸗ , ſie nicht aber nie. ten, Jahre are bekom⸗ n es der Erde ſe Aeuße⸗ faͤhig, der 1 3——— 129 Gewalt ihrer Empfindungen länger zu widerſtehen, ſprang ſie auf Vater Torfs zu, und gleichſam um den Zorn, den Lukas' Worte in ſeinem Gemuͤth erweckt haben konnten, abzubitten, ſchlang ſie ihren Arm um ſeinen Hals und neigte den Kopf an ſeine Bruſt, indem ſie angſtvoll ihm zurief: „Vater Torfs, vergebt's ihm; ich bitte, vergebt's ihm!“ Des Alten Geſicht veränderte ſich ploͤtzlich; er ſchob das Maͤd⸗ chen leiſe von ſich und ſagte: „Still! es kommen Leute. Laßt uns eilen! Schnelleren Schrittes ſetzten ſie alle ihren Weg fort. Sie ſchlugen den Blick zur Erde und hofften, daß die Leute, die ihnen entgegen kamen, an ihnen vorbeigehen wuͤrden, ohne ihre Aufgeregtheit gewahr zu werden; aber als jene noch in einiger Entfernung von ihnen waren, rief ihnen einer derſelben zu: „Ihr holt ohne Zweifel den Jan Staers? Es iſt ſchlecht beſtellt mit ihm dieſes Mal. Im„Bunten Ochſen“ findet ihr ihn nicht mehr; er iſt mit dem Sandbauer ſchwaͤrmen gegan⸗ gen.... wenn man das gehen heißen kann... tappend wie ein Blinder von einem Baum zum andern!“ „Seht ihr's nun?“ ſcherzte ein Zweiter.„Hatt' ich's nicht laͤngſt geſagt, Paͤchter Torfs, daß man einen alten Mohren nicht mehr weiß waſchen kann?“ Ohne darauf zu antworten, ging der Greis ſeines Weges und ſie gelangten bald an den Fuß des Huͤgels, auf dem zum Ge⸗ daͤchtniß des verungluͤckten Darinckr das ſteinerne Kreuz ſich erhebt. Hier ſuchten ſie eine Weile zwiſchen den Baͤumen und ent⸗ deckten auch bald den ausgeſtreckten Koͤrper des betrunkenen Jan Staers. Die Dorfplage. 130 Clara's Vater mußte heftige Nervenkraͤmpfe gelitten haben, ehe er in gaͤnzliche Beſinnungsloſigkeit gerathen war; dies be⸗ zeugte die aufgewuͤhlte Erde zu ſeinen Fuͤßen, ſowie das ab⸗ geriſſene Gras in ſeinen krampfhaft geſchloſſenen Haͤnden. Die Augen waren geſchloſſen, die Lippen blau. Clara ließ ſich mit einem Schrei auf die Kniee niederfallen, faßte die Haͤnde des Vaters und benetzte ſie mit reichlichen Thraͤnen. Auch Torfs und ſein Sohn knieten hin, riefen den Hin⸗ geſtreckten beim Namen und zerrten ihn an Kopf und Gliedern; aber es gelang ihnen nicht, das geringſte Gefuͤhl in ſeinem er⸗ ſtarrten Koͤrper zu wecken. Der Alte ſchuͤttelte bedenklich den Kopf, gebot ſeinem Sohne, ſich ſtill zu verhalten, bog ſodann ſeinen Kopf uͤber die Bruſt des Ungluͤcklichen, um zu horchen, ob er noch athme. Dieß gab ihm die Ueberzeugung, daß er noch lebe und er ſagte zu Lukas: „Mach' ihm die Halsbinde los; es wird ihn erleichtern.“ „He, was giebt's da?“ ertoͤnte nun eine Stimme aus dem Gebuͤſche hervor.„Geht eures Weges und laßt doch die Leute ſchlafen!“ „Es iſt der Sandbauer,“ brummte Lukas;„der verdammte Schurke, der Schuld iſt an all' unſerem Ungemach.“ Der Sandbauer hatte ſich mittlerweile auf den Ellbogen geſtuͤtzt und ſchaute mit hoͤhniſcher Neugierde auf das, was in ſeiner Naͤhe vor ſich ging. „Ja, ruft ſo lange ihr wollt,“ murmelte er auf's Neue. „Er iſt vor morgen fruͤh nicht zu Hauſe. Das will es mit unſer einem aufnehmen im Branntweintrinken! Wohl zehn Kerls wie gal, Ihr, der noch „Mi ſeine ihn hat haben, dies be⸗ das ab⸗ r. Die derfallen, ichlichen en Hin⸗ Bliedern; inem er⸗ Sohne, e Bruſt und er ichtern.“ me aus doch die erdammte Ellbogen was in s Neue. es mit hn Kerls 13 wie Staers will ich unter den Tiſch trinken. Doch ich glaube gar, ihr ſeid's, der Schalenbeißer, will ſagen Paͤchter Torfs. Ihr, Schlaukopf, wolltet ihn erſt am Montag bezahlen, damit der Vogel des Sonntags nicht ausfliegen moͤge. Gut, daß er noch in ſeiner Kiſte ein kleines Buͤchschen beſaß...“ Clara und Lukas ſchrieen laut auf bei dieſen Worten. „Was habt ihr?“ rief der Vater verwundert. —„Oh, abſcheulich!“ rief ſchmerzvoll der Juͤngling... „Mit Clara's Geld; mit den ſauer verdienten Sparpfennigen ſeiner Tochter... Ja, waͤre es nicht Clara's Vater, ich ließe ihn erbarmungslos liegen, floͤhe vor ihm zuruͤck, denn Gott hat ihn verflucht!“ Das Maͤdchen, faſt außer ſich vor Beſtuͤrzung, legte ihm die Hand auf den Mund. „Kommt, kommt,“ rief der Vater, von einer entſetzlichen Angſt gejagt.„Wir muͤſſen fort von dieſem Ort. Laßt uns verſuchen, ihn den Huͤgel herunterzutragen. Drunten bei Baes Vlym wollen wir dann einen Schubkarren holen.“ Der Greis nahm den ſtarren Koͤrper unter die Arme; Lu⸗ kas faßte ihn bei den Beinen und ſo trugen ſte ihn mit gro⸗ ßer Anſtrengung langſam uͤber die Unebenheiten des Bodens hin⸗ weg, den Huͤgel hinunter. Clara folgte ſchweigend und bitterlich weinend hinterdrein. Am Fuße des Huͤgels zog Jan Staers auf einmal ſeine Glie⸗ der zuſammen, und ein trockenes Gegurgel drang aus ſeiner Kehle. Mit freudiger Ueberraſchung legten ſie ihn auf die Erde und verfolgten geſpannt dieſe vermeintlichen Anzeichen des zuruͤck⸗ 9*† 132 kehrenden Lebens. Aber ihre Hoffnung war eitel; nicht die leiſeſte Bewegung ließ ſich ferner wahrnehmen. Päͤchter Torfs wurde bleich; eine fuͤrchterliche Ueberzeugung ſank ihm in die Seele; er hielt jenes Lebenszeichen fuͤr nichts anderes mehr, als fuͤr die letzten Zuckungen des Todes. —„Schnell, Lukas,“ rief er,„lauf, was du kannſt, und bringe den Schubkarren her!“ Und mit tiefem Mitleiden ſagte er zu Clara: „Arme Clara! ungluͤckliches Kind! Gott moͤge dir gnaͤdig ſein!“ Das jammernde Kind ſaß wieder knieend neben ihrem Va⸗ ter und hielt ſchluchzend ſeine eiskalte Hand an ihre Lippen, unter dem fortwaͤhrenden Rufe:„Vater, Vater!“ Lukas kam eiligſt mit dem Schubkarren angelaufen, half ſeinem Vater den empfindungsloſen Koͤrper darauf legen, und zog damit raſch durch den Feldweg, der an der Wohnung des Jan Staers vorbeifuͤhrte. Das Maͤdchen murmelte wohl einige leiſe Aeußerungen des Dankes, hatte aber nicht mehr die Kraft, deutliche Worte vor⸗ zubringen. Sie ſchaute unverruͤckt auf das bleiche Geſicht ihres Vaters und eempfand von Zeit zu Zeit ein ſo heftiges Schuͤt⸗ teln, daß der alte Torfs, der ſte fuͤhrte, ihre Hand in der ſeinigen zittern fuͤhlte. Gluͤcklicherweiſe kamen ſie an Staers' Wohnung, ohne Je⸗ mand begegnet zu ſein. Sie nahmen ihn vom Karren und trugen ihn auf's Bett... Das Maͤdchen ruͤckte einen Stuhl herbei, ſetzte ſich und ließ ihren Kopf auf die Bruſt ihres Vaters fallen... Aber der alte Torfs hielt ſte davon zuruͤck und forderte ſte auf aufzuſtehen, indem er ſagte: icht die deugung it nichts — 5. nd bringe t gnaͤdig jrem Va⸗ Lippen, en, half gen, und nung des ungen des oorte vor⸗ ſicht ihres ſs Schuͤt⸗ nd in der ohne Je⸗ erren und den Stuhl ruſt ihres don zuruͤck „Geſchwind, Clara, nach dem Doktor! ſagt ihm, er moͤge ſtehenden Fußes herbeieilen, er duͤrfe auf doppelte Be⸗ zahlung rechnen.“ Die Jungfrau ſchaute ihn ſtier an, als haͤtte ſie ihn nicht verſtanden; doch bald kam ſie wieder zur Beſinnung und rief, nach der Thuͤre laufend: „Ach ja, den Doktor!“ Ihr wehmuͤthig nachſehend, wandte ſich der Alte zu ſeinem Sohne und ſprach: „Lukas, wir ſtehen hier vielleicht vor einer Leiche! Spute dich und hole den Pfarrer, auf daß, wenn noch Leben in dieſen ſtarren Koͤrper dringen ſollte, er ſich mit Gott noch verſoͤhnen koͤnne. Wer weiß, oft am Rande des Grabes Der Jängling, ohne den Schluß von ſeines Vaters Rede abzuwarten, ſprang zur Thuͤre hinaus. Dann wandte ſich der Bauer nach dem Bette und blieb mit gekreuzten Armen in ernſte Betrachtungen vertieft davor ſtehen, indem er von Zeit zu Zeit den Kopf ſchuͤttelte und zu ſich ſelber fluͤſterte: „So viele fangen mit einem Tropfen an, ſich keiner Ge⸗ fahr werſehend; aber wer von ihnen duͤrfte ſagen: dieſes Troͤpf⸗ chen wird mich nicht in die Grube bringen?... Arme Seele, vielleicht ſtehſt dn bereits droben vor dem Richterſtuhle des ge⸗ rechten Gottes! 134 Eine Vorrede zum Schluß. An einem der letzten ſchoͤnen Tage des Oktober— es war im Jahr 1851— ſtreifte ich, von einer herrlichen Herbſtſonne verlockt, durch die Kempen nach dem Hageland hinab. Dort wohnte in einem Dorfe, mitten in jenem Eiſenſteingrunde, einer meiner alten Schulfreunde als Vikar. Er hatte mir laͤngſt bei irgend einem Anlaß, in einem Briefe, eine ſo anziehend poetiſche Schilderung von den Umgebungen ſeines Dorfes gemacht, daß ich der Verſuchung nicht mehr widerſtehen konnte, ſeiner Einladung zu folgen und ihn zu be⸗ ſuchen. So befand ich mich denn in jenem reizenden Lande, mit ſeinem ſo mannichfaltigen Wechſel von Hebungen und Senkun⸗ gen, als haͤtten ſich einſt, waͤhrend eines Sturmes, die Wogen der ungeſtuͤmen See ploͤtzlich verſteinert. Ich hatte mit meinem Freunde, dem Vikar, die Umgegend in die Kreuz und Quere durchſtreift, und ſelbſt am Fuße des ſteinernen Kreuzes einige Augenblicke ausgeruht. Wir plauderten gemuͤthlich von der Jugendzeit. Er erzaͤhlte mir von ſeinen Studien im Seminar, und von den Kaͤmpfen, die er mit ſeinem Innern zu beſtehen gehabt, um endlich den Entſchluß zu faſſen, dem geiſtlichen Stande ſich zu widmen, von dem Frieden, den ſein Sieg uͤber die Lockungen der Welt in ſeiner Seele erzeugt, und dem gluͤcklichen Stillleben, deſſen er nunmehr genieße. Meinerſeits ſtellte ich ihm die Unannehmlichkeiten des Sol⸗ datenlebens vor Augen; berichtete ihm uͤber das Ende eines rrlihen hinab. grunde, Briefe, bungen mehr zu be⸗ , mit enkun⸗ Wogen agegend he des erzäͤhlte impfen, ch den voidmen, rWelt deſſen 3 Sol⸗ eines unſerer gemeinſchaftlichen Freunde, der in der ungluͤcklichen Schlacht bei Loͤwen*) an meiner Seite von einer Kanonenkugel getroffen worden war; redete von den Genuͤſſen und Widerwaͤrtigkeiten der ſchriftſtelleriſchen Laufbahn, von den vielfachen, im hitzigſten Streite ſich bekaͤmpfenden politiſchen Anſtchten und Beſtrebungen der Gegenwart, von der Wiedergeburt Flanderns, unſeres ſo lange verkannten Vaterlandes. Unter dieſen traulichen Geſpraͤchen uͤber Poeſte und Dichter, uͤber die Schoͤnheiten der Natur und die Erinnerungen aus fruͤheren Jahren, ſahen wir den Abendnebel langſam am Fuße der Waͤlder ſich hoͤher und hoͤher erheben und uͤber die weite Flaͤche hin verbreiten, bis daß die Sonne tief unter den weſt⸗ lichen Horizont hinabgeſunken war. Nach Oſten zu gluͤhte der Mond wie eine rieſenhafte Feuer⸗ kugel uͤber den Wipfeln der dunkeln Tannenbaͤume. So kehrten wir denn zuruͤck in's Pfarrhaus, wo ich fuͤr dieſe Nacht einer liebreichen Gaſtfreundſchaft genießen ſollte. Nach dem Abendeſſen hoͤrten wir andaͤchtig den Erzaͤhlun⸗ gen des achtzigjaͤhrigen Pfarrers zu, der uns die bunteſten Bil⸗ der aus der„Verſchloſſenen Zeit“*†) und aus dem Bau⸗ ernkriege vorfuͤhrte. Von den grauſamen Sansculotten verfolgt, hatte er unter ſeinen bewaffneten Landsleuten eine Zuflucht ge⸗ ſucht, und war mitten unter den ſogenannten Brigands bis zu *) Im Jahr 1831 zwiſchen Belgiern und Hollaͤndern. **) Die„Verſchloſſene Zeit“ heißt der Zeitraum unſerer Geſchichte, wo die franzoͤſiſche Republik die Kirchen hatte ſchließen laſſen, weil die Geiſtlichen den Verfaſſungseid verweigert hatten. Man taufte und pre⸗ digte daher in Kellern, Staͤllen, Waͤldern und andern Verſtecken. Anm. d. Verf. 136 deren Vertilgung geblieben. Durch einen Zufall, der einem Wunder gleich kam, war er noch gerettet worden, als die Leichen 3 ſeiner Ungluͤcksgefaͤhrten um Haſſelt herum in ihrem Blute 1 hingeſtreckt lagen. Mir waren dieſe Erzaͤhlungen von ganz beſonderem Inter⸗— h eſſe, da ich gerade damit umging, Materialien zu einem Werke zu ſammeln, das jenen letzten aber ruhmvollen Widerſtand der belgiſchen Freiheit gegen die fremde Zwingherrſchaft zum Ge⸗ d genſtande haben ſollte*). 4 Es mochte wohl acht Uhr ſein, als der Paſtor ſeine Mit⸗ theilungen beendigte; und nachdem noch uͤber dies und jenes d geplaudert worden, ſah der greiſe Prieſter nach der Uhr und ſagte zu ſeinem Vikar: „Vergeſſen Sie nicht, was Sie dem Paͤchter Torfs t verſprochen haben.“ Mein Freund nahm ſofort ſeinen Hut und indem er ein Buch vom Kamingeſimſe holte, ſagte er mir: „Freund Conſcience, ich muß noch ſchnell einen Gang machen, dort hinter dem Bach, ein Paar Minuten von hier. In einer guten halben Stunde bin ich wieder zuruͤck. Unter⸗ halte dich einſtweilen mit dem Herrn Paſtor.“ Ich aber, der laͤngſt ſchon mit Sehnſucht nach dem blaͤu— lichen Lichte des Mondes geſchaut hatte, der mild und freundlich zu den oberſten Fenſterſcheiben ins Zimmer herein ſchien, ſtand ebenfalls auf und ſagte: * *) Dieſes hier angedeutete Werk„Der Bauernkrieg“ iſt im Jahre 1852 erſchienen. Eine Ueberſetzung deſſelben iſt in demſelben Verlag, als die gegenwaͤrtige Schrift, in zwei Baͤnden erſchienen. Anm. d. Ueb. r einem „ 2 Leichen 1 Blute n Inter⸗ i Werke ſtand der zum Ge⸗ eine Mit⸗ und jenes Uhr und r Torfs n er ein en Gang von hier. Unter⸗ dem bläͤu⸗ freundlich en, ſtand Jahre 1852 g, als die d. Ueb. 137 „Wie ſchoͤn muß es jetzt im Freien ſein. Laß mich dich begleiten, ich werde auf der Straße warten und inzwiſchen den Eindruͤcken dieſes ſchoͤnen Landes bei naͤchtlicher Stille mich hingeben. Der Herr Paſtor wird es nicht uͤbel nehmen.“ „O ganz und gar nicht,“ ſagte dieſer.„Meine Stunde hat ohnehin geſchlagen, und ich werde mich legen.“ Kaum hatte mich der Vikar ein Paar Schußweiten durch den Feldweg gefuͤhrt, als er nach einem Haͤuschen deutete, das einſam am Rande des Baches aus den Baͤumen hervorſah. Ich bewunderte die duͤrftige Wohnung, die ſo allein auf dem flachen Feld in der Stille der Nacht unter dem blauen Mondlicht hervorglaͤnzte und funkelte wie ein Diamant. Es ſchien, als haͤtte die Nachtfackel droben am Himmelszelt ihren hellſten Schein auf das Haͤuschen vereinigt; ſeine kleinen Fenſterſcheiben flimmerten im bunteſten Farbenwechſel; die Wein⸗ rebe am Hintergiebel bewegte leiſe ihre kryſtallenen Blaͤtter unter dem Saͤuſeln eines kuͤhlen Windes; und die Wipfel der Baͤume, die uͤber dem Dache hervorragten, ſchwankten wie lebendiges Silber, das durch die Luft zu flattern ſchien. —„Wie herrlich!“ rief ich aus.„Das ſteht da wie hin— gezaubert!“ —„Sobald wir im Pfarrhaus zuruͤck ſind, will ich dir die Geſchichte dieſes Haͤuschens erzaͤhlen,“ ſagte ſchmerzlichen Tons mein Freund. Sie mag dir Stoff bieten zu einer ruͤh⸗ renden Erzaͤhlung, wofern du, wie du uͤbrigens zu thun pflegſt, die Namen der Ortſchaften und Perſonen ſo veraͤnderſt, daß man ſie nicht wieder erkennt... Dieß Haͤuschen, Freund Heinrich, das du hier mit ſo viel Entzuͤcken vor dir ſiehſt,... vor drei Tagen noch wohnte darin ein Maͤdchen, das nur von Gluͤck⸗ 138 ſeligkeit traͤumte und ihre Zukunft beglaͤnzt ſah vom roſigen Lichte der ſuͤßeſten Hoffnung. Sie liebte und nach Oſtern ſollte ſte mit dem Geliebten ihres Herzens zum Altare gefuͤhrt werden. In ihrer Einfalt ſprach ſie ungeſchminkt von dem Gluͤcke, das ihrer warte nach einer Vergangenheit voll Leiden und Entbehrung. Als ſie unſerem alten Paſtor einſt begegnete, erzaͤhlte ſte ihm Alles, was in ihrem keuſchen Gemuͤthe vorging und wie ſie kaum ſchlafen koͤnne vor innerer Seligkeit. Sie wuͤrde reich werden, dachte ſie, Mutter ſein, Gott danken, Alles in ihrer Naͤhe gluͤcklich machen und den Schatz ihrer liebreichen Seele auf ihre ganze Umgebung ausgießen als einen Lichtkranz von 1 Muth und ſtiller Lebensfreude... Und jetzt?“ 1 Mein Freund ſchwieg; ich horchte noch immer, denn der Ton ſeiner Stimme ließ mich etwas Ernſtes und Erſchuͤtterndes vermuthen. —„ und jetzt?“ wiederholte ich daher voller Neugierde. Wir waren am Haͤuschen angelangt; noch einige Schritte und V wir ſtanden an der Schwelle der Hinterthuͤre. „Und jetzt?“ fuhr der Vikar fort, indem er mich nach V einem Seitenfenſter hinfuͤhrte.„Bleib ſtehen und ſchaue, ſo ver⸗ haͤlt es ſich jetzt!“ Ich blickte durch die Scheiben in die Stube. Ein Schauder ergriff mich und ich konnte den Angſtruf nicht bemeiſtern, der wie ein erſtickter Seufzer meinen Lippen entfuhr. b 6 Der Mond beſchien das Zimmer und verlieh den Gegen⸗ ſtaͤnden darin einen duͤſteren violsttfarbenen Anſtrich. Auf einem Tiſch ſtand, zwiſchen zwei kleinen Kerzen von gelbem Wachs, deren fahles Licht wie zwei Stalllaternen flackerte, das Bild des gekreuzigten Heilandes. Drei oder vier Perſonen— ein Greis, 4 1 roſigen en ſollte werden. e, das dehrung. Seele anz von denn der uͤtterndes deugierde. pritte und mich nach „ſo ver⸗ Schauder ſtern, der en Gegen⸗. Auf einem m Wachs, Bild des ein Greis, 139 eine bejahrte Frau und ein Juͤngling— knieeten mit der ſtarren Bewegungsloſigkeit einer Steingruppe um eine lange auf zwei Stuͤh⸗ len ruhende hoͤlzerne Kiſte— es war ein Sarg. Zu den Fuͤßen deſſelben ſah ich den Kopf eines jungen Maͤdchens vorgebogen, deſſen langes Haar uͤber die Planken des Sarges herabwallte und von deren Wangen ein reichlicher Thraͤnenſtrom herabfloß. Der Vikar faßte mir die Hand, und mich vom Fenſter wegfuͤhrend ſagte er: „Entferne dich jetzt von dieſem Orte des Unheils. Wandle einſtweilen auf dieſem Fußwege, ich muß hier einige Ge⸗ bete leſen und in einer Viertelſtunde bin ich wieder bei dir. Bewahre immerhin den Eindruck deſſen, was du eben geſehen: denn ich habe eine duͤſtere Geſchichte dir vorzutragen.“ Schon druͤckte er die Hand an die Thuͤrklinke, als ich ihn tiefergriffen noch fragen konnte: „Wer iſt es denn— der dort im Sarge liegt?“ —„Ein Trunkenbold,“ in's Haus trat. Als mein Freund ſeine Amtspflicht erfuͤllt hatte und mich wieder aufſuchte, fand er mich mit verſchraͤnkten Armen und geſenktem Blicke auf dem Feldwege ſtehen. Er fing ſodann mir Langes und Breites von Jan Staers, von Paͤchter Torfs und ſeiner Frau Bethe, von Lukas und Clara zu erzaͤhlen. Seine Erzaͤhlung dauerte ziemlich lang, denn wir ſaßen ſchon in der großen Stube des Pfarrhauſes, ehe ich wirklich wußte, wer die einzelnen Perſonen waren, die ich um die Todten⸗ bahre verſammelt geſehen hatte. Mein Freund forderte mich endlich auf, eine Dorfgeſchichte auf Grund ſeiner Erzaͤhlung aufzuſetzen. fluͤſterte er mir kurz zu, indem er 140 Wohl ſchien mir der Stoff ruͤhrend genug; aber mein Ge⸗ muͤth ſtraͤubte ſich dagegen, meinen Leſern Bilder vorfuͤhren zu muͤſſen, die in ihrem Herzen nur Abſcheu erwecken muͤßten. Der Vikar indeß ließ es ſich angelegen ſein, mir zu be⸗ weiſen, daß man die Untugenden recht gut in ihrer Abſcheu⸗ lichkeit darſtellen koͤnne, wofern nur Sittſamkeit und Keuſch⸗ heit die Feder fuͤhren und man allein die Bekämpfung des Boͤſen und Gruͤndung des Guten als letztes Ziel dabei verfolge. Mein Buch wuͤrde uͤberdieß den Doͤrfern zu einer guten Lehre dienen— und die Rettung eines einzigen Menſchen waͤre ſchon des Lohnes genug fuͤr meine Arbeit. Ich wendete ein, daß ich es mir zum Grundſatze gemacht habe, nur treffende Gemaͤlde zu entwerfen, und ich mich nicht dazu entſchließen koͤnne, die Farbe meiner Palette dazu zu ge⸗ brauchen, einen ſo widrigen Gegenſtand, wie die Trunkſucht, nach der Natur zu malen; daß ich meine Gemaͤlde nie unausgefuͤhrt ließe und ich deßhalb Gefahr liefe, Bilder zeichnen zu muͤſ⸗ ſen, die meinem eigenen Gemuͤth, als unedel, nur Widerwillen erregen muͤßten. Da erinnerte er mich an das Beiſpiel der alten Griechen, die zu gewiſſen Zeiten des Jahres ihre Sklaven ſich bis zur Beſinnungsloſigkeit berauſchen ließen, und ſie dann in dieſem Zuſtande ihren Soͤhnen zeigten, um in den jungen Gemuͤthern einen Abſcheu vor dieſem haͤßlichen Laſter ſich einwurzeln zu laſſen. Die Sache blieb fuͤr jenen Abend noch unentſchieden. Als ich aber des andern Morgens mich anſchickte, das Pfarr⸗ haus zu verlaſſen, erneuerte mein Freund ſeine Aufforderung. 9iſ genildent hen, ſei ſedoch ſ „Id du doch Dre wir jene ft vor Wu Unl wig ut nem ne⸗ ten Erz mehr ii fͤr me A mir di Vikar. Erbre lichen mit J fland ren zu ten. zu be⸗ bſcheu⸗ Keuſch⸗ ing des derfolge. n Lehre te ſchon gemacht th nicht zu ge⸗ jt, nach sgefuͤhrt zu muͤſ⸗ eerwillen Niechen, bis zur dieſem nuͤthern zeln zu n. Pfarr⸗ rrung. b ¼ in Ge⸗ 141 Obſchon die Nacht die Gefuͤhle des Vorabends einigermaßen gemildert hatte, wollte ich ihm dennoch ein beſtimmtes Verſpre⸗ chen, ſeinem Rathe zu folgen, noch nicht geben. Beim Abſchied jedoch ſagte ich zu ihm: „Ich werde mir die Sache noch uͤberdenken, vielleicht haſt du doch Recht.“ Drei Jahre ſind daruͤber verſtrichen. In dieſer Zeit iſt mir jener Sarg und das Maͤdchen mit dem wallenden Haar wohl oft vor die Seele getreten; aber ich wagte es noch immer nicht, den Wunſch meines Freundes zu erfuͤllen. Unlaͤngſt jedoch— ich hatte mein groͤßeres Werk, Chlod— wig und Chlotilde, eben beendigt— ſuchte ich nach ei— nem neuen Vorwurf; aber es ſollte der Vorwurf einer ſchlich⸗ ten Erzaͤhlung, einer einfachen Bauerngeſchichte ſein, eine Blume mehr in dem Haidebluͤthenkraͤnzchen, das ich verſprochen habe fuͤr meine Freunde zu flechten. r Als ich eines Tages nachdenklich im Zimmer ſaß, bringt mir die Poſt einen Brief. Er war von meinem Freunde, dem Vikar. Was mag er mir zu melden haben? dachte ich beim Erbrechen deſſelben; denn ſeit meinem Beſuche auf ſeinem freund⸗ lichen Dorfe hatte ich Nichts wieder von ihm gehoͤrt. Der Brief erkundigte ſich nach meiner Geſundheit, ſprach mit Begeiſterung von den Juͤnglingstraͤumen des herrlichen flandriſchen Dichters Van Beers*) und ſchloß folgendermaßen: *) Dieſer durch Gemuͤthlichkeit beſonders ausgezeichnete belg. Dich⸗ ter iſt Lehrer am Schullehrerſeminar zu Lier und durch eine flaͤm. Gram⸗ aatik ebenfalls vortheilhaft bekannt. Anm. d. Ueb. 142 „Die eigentliche Urſache meines Schreibens jedoch liegt nicht in den vorſtehenden Zeilen. Weißt du, was mich be⸗ wogen hat, die Feder zu ergreifen? Vielleicht ſchwebt dir noch im Gedaͤchtniſſe jener Sarg vor, auf den ich dich einen Blick werfen ließ, ſowie die Geſchichte, die ich dir bei jener Ge⸗ legenheit erzaͤhlte. Ungeduldig harrte ich lange, aber vergebens auf die Dorfnovelle, die du mir daruͤber zu ſchreiben in Aus⸗ ſicht ſtellteſt. Aber allmaͤlig war auch mir die Sache aus der Erinnerung gefallen; als ſie mir geſtern wieder lebhaft ent⸗ gegentrat, und mich dabei den ganzen Tag an dich denken machte. Geſtern naͤmlich habe ich ein Kind getauft, ein dickes, bluͤhendes Knaͤblein. Rathe nun, wer der Vater und die Mut⸗ ter geweſen?... Lukas, der Juͤngling, den du in der Kam⸗ mer des kleinen mondbeſtrahlten Haͤuschens geſehen haſt, und Clara, die Jungfrau, die ſchmerzerfuͤllt mit ihrem wallenden Haare uͤber dem Sarge gebogen lag. Seit einem Jahre ſind ſte getraut und wohnen, gemeinſchaftlich mit Paͤchter Torfs und Mutter Bethe, auf dem ſteinernen Hofe. Sie fuͤhlen ſich gluͤck⸗ lich, und Alles gedeiht ihnen auf's Beſte. Es iſt die Rede davon, daß der alte Torfs bei der naͤchſten Wahl Buͤrgermei⸗ ſter unſeres Dorfes werden ſoll. Mache mir alſo nochmals das Vergnuͤgen eines Beſuches in meiner ſtillen Pfarrwohnung, da⸗ mit ich dich im ſteinernen Hauft den guten Leuten vorfuͤhre. Wir wollen mit ihnen unter traulichen Geſpraͤchen den Kaffee trinken.— Nun Freund, jetzt haſt du einen Schluß zu dei⸗ ner Erzaͤhlung. Wirſt du noch immer mit dem Aufſchreiben ſaͤumen?“ Des anderen Tages fertigte ich einen Brief nach dem Hage⸗ land ab, deſſen erſte Zeilen alſo lauteten: nich el Lukas 1 pprochen traut d Warnur liegt be⸗ noch Blick Ge⸗ bens Aus⸗ enken ickes Mut⸗ dam⸗ und nden ſind und gluͤck⸗ Rede rmei⸗ n— ee EE 143 ieber Freund, und freue in ich bei Dir, lieber Peein Beumad fehe „Uebermorgen bnd czre ddrſt dur vei. wat mich ſehr darauf, de ouc die Hand 8 eies nue Lukas und Ware ſoll unmittelbar nne Vur dedißte bre en. H de ahrri rcne ich nichts.... Wade d Lehre dienen; weiter verla Warnung und Leh Leipzig. in in 6 5 5 6* 2 6 6 5 5 2 6