Gerücht. Uoman von Emilie Carlén. Aus dem Schwediſchen von A. Kretzſchmar. 22r— 24r Band. Grimma und Leipzig, Druck und Verlag des Verlags⸗Comptoirs. 1851. Ein Gerücht. Achter Theil. 5⁵ Ein Gerücht. Vlll.. 1 Sechſtes Zuch. Ein Gerücht.⸗ Ln (Fortſetzung.) 9 ¹ Unter dem großen Kaſtanienbaum. Waäͤhrend man ſich ſo auf allen Seiten mit der jungen Wirthin des Hauſes beſchaͤftigte, war dieſe ſchon laͤngſt hinunter in den Garten gekommen, wo ihr erſter Blick Alban traf, der ganz einſam ſaß und. ſeine Lection lernte. .Alban war jetzt zu einem ſechsjaͤhrigen, ſtarken und praͤchtigen Knaben, mit ſchoͤnen, lebhaften Zuͤgen, herangewachſen und in ſeinem ganzen Weſen, vorzuͤg⸗ lich in ſeinem Geſicht, lag ein Ausdruck von Beſtimmt⸗ heit und Feſtigkeit, den er von ſeinem Vater nicht ge⸗ erbt, der aber dem jungen Herrn Alban nichtsdeſto⸗ weniger recht gut ſtand.— „Warum biſt Du fortgegangen, mein Soͤhn⸗ chen?“ ſagte Honorine, indem ſie auf ihren Liebling zuging und ſich neben ihm auf die niedrige Garten⸗ bank ſetzte, die ſich in einem Halbkreis an den großen, 6 alten Kaſtanienbaum anſchloß, unter deſſen Zweigen Alban ſein Studierzimmer aufgeſchlagen hatte. „Du hoͤrteſt ja, Tante, daß ich nichts konnte!“ antwortete der Knabe in kurzem, verdrießlichen Ton. „Aber Du uͤbertreibſt es— es waren ja blos ein paar Jahrzahlen, auf die Du Dich nicht beſinnen konnteſt.“— „Ja, aber ich will es allemal koͤnnen, wenn Du mich fragſt.“ „Ich will Dich noch einmal uͤberhoͤren und dann gehſt Du wieder mit; Du warſt ein wenig zerſtreut wegen unſerer vielen, lieben Gaͤſte— ſie plaudern ſo gern mit dem kleinen Alban.“ 1 „Und Onkel Arnold fragt mich immer, was ich geleſen habe, wenn wir mit einander ſpatzieren gehen. Onkel Arnold gefaͤllt mir ſehr.“ „Aber Onkel Dick iſt Dir doch wohl der aller⸗ liebſte.“ „Ja, wenn wir ſpielen, er und ich und Jolli... aber warte, liebe Tante, noch einen einzigen Augen⸗ blick, ich will es noch einmal durchleſen.“ Und um dieſes letzte Durchleſen um ſo ſicherer und einflußreicher zu machen, legte Alban das Buch auf die Bank und begann ſo, die Ellbogen auf die gruͤn angeſtrichenen Latten geſtuͤtzt und den Kopf zwi⸗ ſchen den Haͤnden, mit jener kurzen, fluͤſternden Stimme zu leſen, welche zum richtigen Auswendiglernen gehoͤrt. — 9 Mit zaͤrtlichem Laͤcheln betrachtete Honorine den Knaben, waͤhrend ihr ſchoͤner Arm ſich um ſeine Schul⸗ tern ſchlang.— Der Strohhut der jungen Frau war ein wenig auf die eine Seite geruͤckt, ſo daß ein Theil ihres Antlitzes ſichtbar ward. Die Wangen waren friſch, wie die Roſenknospen, welche um ſie herum bluͤheten, aber das Auge, welches gedankenvoll auf dem Kinde verweilte, nahm immer mehr und mehr einen wehmů⸗ thigen Ausdruck an. Und dann bemaͤchtigte ſich auch der Wange eine andere Farbe— es war, als ob das weiße Sammtblatt der Narciſſe uͤber die Roſe gefallen waͤre.— In dieſem Augenblicke blieb Jemand vor dem Gitterthore ſtehen. „Der große Kaſtanienbaum ſtand links und nicht weit von dem Thore. Der, welcher ſich vor demſelben befand, war Philipp. Er war zur Mittagszeit in Madaͤngsholm ange⸗ kommen, da aber auch Madame Malmelin, auf die gringende Einladung der Oberſtlieutenantin, der Braut, und beſonders des Braͤutigams, nach Tjuſtorp gefahren war, um bei den großen Arrangements behuͤlflich zu ſein, ſo hatte Philipp Niemanden, bei welchem er im Voraus ſich eines Theils der ſchmerzlichen Bewegungen nerung an die Vergangenheit nicht los werden zu koͤnnen. 8 haͤtte entledigen koͤnnen, die ſeine Seele gleichzeitig be⸗ laſteten und erhoben. Er ſtand an einem großen Wendepunkt, an dem groͤßten Wendepunkte ſeines Lebens. Die, nach deren Herz, nach deren vollem Beſitz er ſich ſo lange geſehnt, ſollte endlich ſein werden... die, fuͤr welche er ſo lange als Sklave gegluͤht, hatte ihn ja ſelbſt ihren Herrſcher genannt, ſie hatte ihm ge⸗ ſagt, daß er es nun waͤre, der eine Sklavin haͤtte und ihre unvergleichlich ſchoͤnen Lippen hatten dieſe Wahr⸗ heit durch ein theureres Zeugniß bekraͤftigt, als das der Worte. Ja, es war wahr, daß er der gluͤcklichſte Menſch unter der Sonne, der Seligſte der Sterblichen war, um ſo ſeliger, als nunmehr weder Verbrechen, noch Furcht, noch die geringſte Ungeſetzllichkeit das Licht verdunkelte, welches ihn umfloß. Aber es iſt weit ſchwerer, als Jemand ſich vor⸗ ſtellen kann, der Gluͤcklichſte unter der Sonne zu ſein, der Seligſte der Sterblichen. Wenn man ſich lange an das Ungluͤck, an Seuf⸗ zen und an Trauer gewoͤhnt hat, wo nur dann und wann ein ſchwacher Hoffnungsſtrahl hindurchleuchtet, ſo gehoͤrt wirklich etwas dazu, ſich fortwaͤhrend in dem begeiſterten Fluge einer gluͤcklichen Leidenſchaft zu er⸗ halten, wenn man das grauſame Ungluͤck hat, die Erin⸗ — Dieſes Ungluͤck war es, welches Philipp hatte. Waͤhrend der Reiſe hatte er gleichwohl alles Moͤg⸗ liche gethan, um dieſen Feind zu toͤdten und zu be⸗ graben. Aber es giebt Erinnerungen, welche Geſpenſter von einem ungeheuer zaͤhen Leben ſind. Man mag ſie noch ſo oft begraben, man mag den Staub uͤber ihnen mehrere Ellen hoch zuſammentreten, man mag endlich ſeine Gedanken durch den Troſt erfriſchen: Nun bin ich frei... man wendet ſich um und da ſtehen dieſel⸗ ben Phantome wieder da. Ein hoͤhnender Beweis, daß es zu nichts dient, das toͤdbten zu wollen, was niemals ſterben kann. Armer Philipp! Was ſollte er mit ſeinem großen Ueberfluß von irdiſcher Gluͤckſeligkeit machen, wenn er genoͤthigt war, dieſen unerbittlichen Geſellſchafter mit ſich herumzu⸗ ſchleppen, der ſich nicht blos damit beluſtigte, daß er unter der Geſtalt einer Art Bajazzo alle die vergange⸗ nen Scenen wieder auffuͤhrte, in welchen Philipp die jaͤmmerliche Rolle eines guten Narren geſpielt, ſondern der auch die Miene eines ſtrengen Richters annahm, eines Richters, der mit duͤſterem Ton fragte, ob es wohl einen groͤßeren Beweis von der Herzloſigkeit des Weſens, welches Philipp anbetete, geben koͤnnte, als das Billet, welches ſie geſchrieben, ehe noch die Leiche 10 des Mannes ordentlich kalt geworden und waͤhrend ſie vor der betrogenen Welt die verzweifelte Witwe ſpielte. „Stelle Dir vor,“ ſagte der unbewegliche Weiler, „welchen Jubelchor die dienenden Geiſter des grauſa⸗ men Asmodeus anſtimmen werden!“ Die Ehe, die heiligſte und erſte aller menſchlichen Einrichtungen, welche unverletzlich und unaufloͤslich ſein ſollte, wie iſt ſie fuͤr Dich und ſie geweſen?“ Bei dieſer Frage fuͤhlte Philipp ſich niedergebeugt — er ſenkte das Haupt. „Eine Gaukelei iſt es geweſen, mit der ihr aller⸗ hand unwuͤrdige Spiele aufgefuͤhrt habt... Asmodeus hat regiert, mit Deiner Frau als Mitregentin. Und wenn endlich Alles verbrannt und zerriſſen iſt, wenn man Dich hinausgeſtoßen hat, wie einen uͤberfluͤſſigen Acteur, deſſen man uͤberdruͤſſig iſt und bei deſſen Kla⸗ gen man blos veraͤchtlich laͤchelt... Philipp glaubte zu erſticken. „... da, nachdem alles dies geſchehen, nachdem man gewagt, das zu kraͤnken, was ſtets verehrt, nach⸗ dem man das getrennt, was niemals getrennt werden ſollte, da— nachdem Du endlich durch einen Engel, den der Himmel zu Deiner Rettung geſandt, die Truͤm⸗ mer Deiner Vernunft wieder geſammelt— kommt die Verſucherin, von Asmodeus geſandt, und ſagt zu Dir: Laß uns von Neuem anfangen! Nun werden wir es beſſer machen.“ Philipp ſeufzte und war wie betaͤubt. „Und Du, was thuſt Du nun,“ fuhr der ſtrenge Richter fort.„Immer noch die Ehe fuͤr ein Gaukel⸗ ſpiel haltend, ſtreckſt Du die Haͤnde wieder nach dem Anfange aus, vergiſſeſt, was Du Dir ſelbſt ſchuldig biſt, Deine Kinder, dieſe armen Weſen, welche ebenſo darunter leiden muͤſſen und endlich, was Du mir ſchuldig biſt, der Dir Deine Thorheiten bewahrt hat, damit ſie Dir zu Nutzen ſein koͤnnten!“ Es iſt ungewiß, welcher Haupteindruck aus allen dieſen Warnungen der Erinnerung, welche Philipps Hirn unglaublich marterten, haͤtte hervorgehen koͤnnen, dafern nicht Lilia mit einer Vorausſicht, die wirklich bewundernswuͤrdig war, eingeſehen haͤtte, daß ſie eben in der Erinnerung einen Feind hatte, der ſchwerer zu beſiegen war, als Doctor Warvner und Honorine zuſammengenommen. Sie hatte ſich daher bereit gemacht, dieſem Gegner wuͤrdig zu begegnen. Als Philipp zum letzten Mal ſeine ſchoͤne Geliebte verlaſſen hatte, kam Gunnel ihm nachgeſprungen, und uͤberreichte ihm ein Packet. 4 Erraͤth wohl Jemand, was dieſes Packet enthielt? — Schwerlich. 3 Es war mit einer ganzen Maſſe kleiner, roſen⸗ farbener Billets angefuͤllt, die, nach ihrer Ueberſchrift, 1² zu verſchiedenen Tagen und zu verſchiedenen Stunden geoͤffnet werden ſollten. Durch dieſe Politik beherrſchte Lilia ihren Geliebten fortwaͤhrend, denn ihre reizenden Briefchen, die in allen moͤglichen Tonarten variirten, waren nicht ſo geſchickt geſchrieben worden, um Widerſtand zu finden. Auch war die Folge die, daß Philipp jedesmal, wo er ſich von der Erinnerung faſt beſiegt fuͤhlte, ſo⸗ fort eins ſeiner Opiate einnahm, worauf er dann un⸗ mittelbar in einen Zuſtand verſetzt ward, der die lieb⸗ lichſten Traͤume erzeugte. Endlich hatte er das Ziel erreicht, vor welchem er heimlich bebte und trotzdem, daß er am Morgen ſeinen gewoͤhnlichen Opium zu ſich genommen, hatte derſelbe diesmal doch die Kraft verloren. Er ſtand wach, voͤllig wach. und nuͤchtern an dieſem Thor, uͤber deſſen Gitter hinweg ſich ihm ein himmliſch⸗ſchoͤner Anblick darbot. Es war Honorine, mit dem Arm um ſeinen Sohn geſchlungen, der auf den Knien zu ihren Fuͤßen lag und las.. Eine Wolke flog uͤber Philipps Augen, ſie flog auch uͤber ſeine Seele. Niemals hatte er etwas ſo anmuthig Blendendes, etwas fuͤr das Herz ſo Wohlthuendes, wie Honorinens Antlitz, geſehen oder zu ſehen geglaubt. Er war jetzt den — 13 der ſtuͤrmiſchen Eindruͤcke der Leidenſchaft uͤberdruͤſſig, er war ihrer tauſend ſchwaͤrmeriſchen Grillen uͤberdruͤſ⸗ ſig, er begann Alles deſſen muͤde zu werden und fuͤhlte eine erhabene Wolluſt in der Ruhe, die er jetzt erfuhr. Wie war doch an dieſer Staͤtte Alles ſo ruhig und ſo rein! „Und dieſe Frau haͤtte die Mutter Deines Kin⸗ des, Deine Gattin, Dein Schutzengel ſein koͤnnen!“ Er ſagte dies leiſe, ohne Hohn, ohne Sturm und Raſerei, aber nicht ohne eine tiefe, maͤchtige Bewegung⸗ „Wenigſtens werde ich ſie nicht zum zweiten Male betruͤgen!“ murmelte er mit noch undeutlicherer Stimme. Hiierauf wollte er die Hand an das Schloß des Gitterthors legen, aber ſeine Hand zitterte ſo heftig, daß er noch einen Augenblick warten mußte. Er wuͤnſchte nun, nicht im Hinterhofe vom Pferde geſtiegen zu ſein; er wuͤnſchte, daß er gefahren waͤre, ſo daß das Geraͤuſch Honorinens Aufmerkſamkeit auf die Straße gelenkt haͤtte. Aber es war nun einmal ſo. Und hinein mußte er, denn jeden Augenblick konnte Jemand kommen. „Ja, ich will hineingehen, ich will... ich will muthig ſein... Und nun war er muthig, denn er brachte alle andere Gedanken durch den zum Schweigen: „Wenn Lilia Dich ſaͤhe!“ Aber ſelbſt in dem Muthe lag ein heimlicher 14 Schauer— hatte nicht Lilia im letzten Briefe ge⸗ ſchrieben: „Wenn Du dieſe Frau wiederſiehſt, welche meine Feindin iſt, ſo wiſſe, daß meine Seele⸗bei Dir iſt! Ich ahne dieſen Moment und folge Dir mit meinem Blick.“ Jetzt entſtand ein Geraͤuſch am Giterthore. Honorine gab jedoch nicht Acht darauf. Sie fuhr in ihrem gedankenvollen Schweigen fort, bis noch Je⸗ mand, ebenſo wie ſie, ſich uͤber den Knaben nieder⸗ beugte. Mit Beſtuͤrzung zog ſie ihre Hand zuruͤck— ein warmer Thautropfen war darauf gefallen. „Papa,“ rief Alban und flog jubelnd in die Arme des Vaters,„Papale Und der Vater ſchloß ihn feſt an ſeine Bruſt, er verbarg das Geſicht an Albans Haupt und waͤhrend dieſer langſamen Umarmung erhielt Honorine hinrei⸗ chend Zeit, ſich fuͤr den Gruß zu ſammeln, der ſie er⸗ wartete. Und nun war dieſer Augenblick da. „Ich ſpringe voran,“ rief Alban,„zum Onkel Arnold und Onkel Dick— ſie ſind im Pavillon, im neuen Pavillon, lieber Papa.“ „Ja, geh', mein Sohn, mein lieber Alban.“ Und nachdem Alban noch eine. heftige Umar⸗ mung gegeben und empfangen, eilte er im Galopp fort. „Darf ich nun mein Willkommen ausſprechen?** 15 ſagte Honorine, indem ſie Philipp ihre Hand mit der⸗ ſelben Herzlichkeit hinhielt, wie fruͤher. Philipp haͤtte jedoch— o du unſeliges, unzufrie⸗ denes Menſchenherz— ſich lieber mit ein wenig min⸗ derer Vertraulichkeit behandeln werden ſehen. Das, was er jetzt ſah, bewies ebenſo, wie Hono⸗ rinens ganze bluͤhende und edle Geſtalt, daß der Schlag, den ſie moͤglicherweiſe erhalten, an ihrem Herzen vor⸗ beigegangen war. Aber ihm wurde es nicht ſo leicht, dieſen unbe⸗ fangenen Ton anzunehmen. Er betrachtete die junge Frau mit Blicken, welche Lilia nur mit Entſetzen verdollmetſcht haben wuͤrde. Und vielleicht that dies auch Honorine, denn ſie ſenkte ihre Augen nieder, indem ſie noch einmal wiederholte: „Ja, herzlich willkommen in Tjuſtorp.“ „Ich glaube,“ ſagte Philipp mit gewaltſamer An⸗ ſtrengung,„daß ich vielleicht zu ſpaͤt komme, um will⸗ kommen zu ſein.“ „Spaͤt oder früͤh iſt die Ankunft unſerer Freunde ſtets das Signal zur Freude.“ „Immer— ach, gnaͤdige Frau... Ich weiß, daß es der Form zuwider iſt, im erſten Augenblick einer lange unterbrochenen und wieder erneueten Freund⸗ ſchaft von etwas Anderem zu ſprechen, als von bedeu⸗ tungsloſen Dingen; aber erlauben Sie mir, auf die Convenienz keine Ruͤckſicht nehmen zu duͤrfen.“ — 146 „Sprechen Sie, von was Sie am liebſten wollen, Herr Thurné— ich habe meine Gaͤſte niemals an den Zwang der Etiquette zu binden geſucht.“ „Es iſt entſetzlich lange, ſeitdem ich Tjuſtorp ver⸗ ließ. Es kommt mir vor, als wenn zehn Jahre ſeit dieſer Zeit verfloſſen waͤren.“ „Und gleichwohl iſt es nur eins.“ „Ja, aber eins, welches mir zehn Jahre meines Lebens geraubt hat— deshalb habe ich das Recht, zehn zu ſagen.“ Honorine gab keine Antwort. „Und nun, da ich dieſe Heimath des Beſten und Schoͤnſten wiederſehe, was die Erde zu bieten hat, jetzt, gnaͤdige Frau, muß ich... ja, ich muß Ihnen ſagen, daß es ein tiefer Schmerz iſt, in dieſe Heimath ſo zu kommen, wie ich.“ „Mein Herr, ich weiß nicht...“ „Nein, Sie wiſſen vielleicht nicht, daß ich als der komme, der ſein Erbtheil am Paradieſe verloren hat... daß ich—“ ſeine Stimme ward immer unſicherer und zitternder—„als ein armer Pilger komme, der noch einmal die Staͤtte wiederſehen und beweinen will, wo er gluͤcklich geweſen iſt... Sie wiſſen nicht, daß ich endlich als ein Bittender komme, um Verzeihung zu erflehen, daß ein maͤchtigerer Wille, als der meine, mich weit von dem Orte hinweggefuͤhrt, zu welchem doch der edlere Theil meines Weſens mich fortwaͤhrend hinzieht.“ 8 —=S————, 17 Wenn dieſer letzte, aufrichtige Zuſatz nicht geweſen waͤre, koͤnnte man es fuͤr moͤglich halten, daß Honorine, in deren Antlitz ſich eine lebhafte Ruͤhrung malte, eine andere Antwort gegeben haͤtte, als welche ſie jetzt gab.— „In allen dieſen Eigenſchaften,“ ſagte ſie mit ihrer milden Wuͤrde, mit einer Wuͤrde, welche aber jetzt einen Anflug von Kuͤhle erhalten hatte,„ſind Sie dennoch willkommen und werden es auch allezeit bleiben.“ Philipp hatte tief aus ſeinem Herzen und warm geſprochen. Dieſe gemeſſene und ſteife Antwort erbit⸗ terte ihn daher. Und ſogleich fuhr ein neuer Wind⸗ ſtoß durch ſeine Seele. „Dieſer Ring,“ ſagte er, ſich ſtolz aufrichtend, indem er Lilia's Geſchenk zeigte,„iſt nun mein Schick⸗ ſal. Ich habe das Weib wiedergewonnen, welches die Leidenſchaft meiner Jugend war... Auch meine Kinder werden nun bald ihre Mutter wiederbekommen.“ „Das Geruͤcht hat ſchon Ihre Siege verkuͤndet. Ich wußte, nach welchem Orte der heimkehrende Pilger zuerſt wallfahrtete.“ Honorine ſprach vielleicht etwas ſchneller als ge⸗ woͤhnlich— das war Alles. „Wie— Sie wußten... man hatte geſagt... Sie wußten es, Sie und...“ „Aber, mein Gott, was Abſonderliches finden Sie Ein Gerücht. VlII. 2 18 denn darin, daß ein Geruͤcht nach Tjuſtorp ebenſogut kommt, als wie nach anderen Orten?“ „O, das iſt es nicht!“ fadie er verwirrt und⸗ grenzenlos gedemuͤthigt. Honorine hatte gewußt, daß er bei Lilig geweſen,„ ſie hatte gewußt, daß ſie ihren Bund aufs Neue ge⸗ ſchloſſen hatten! Wie ſie ſo ſchnell dieſe Nachricht bekommen hatte, darauf kam nichts an, aber daß ſe nicht den geringſten Eindruck auf ſie gemacht, das. das. „Die Sache iſt ganz einfach,“ hob Honorine wie⸗ der an;„mein Couſin Siyten, ebenſo wie der Huͤtten⸗ meiſter Montin, waren auf ihrer Reiſe an der Stadt— vorbeigekommen, in welcher Sie ſich aufhielten, Herr Thurné. Und wenn eine ganze Stadt nicht mehr als einen Gegenſtand hat, uͤber den ſie ſpricht, ſo wird er natuͤrlich auch den Reiſenden bekannt.“ „Und— nicht wahr— der Gegenſtand war merkwuͤrdig genug, um dieſe Aufmerkſamkeit zu ver⸗ dienen? Es war ein eigen ndiches, ein unglaubliches Geruͤcht— Sie bezweifelten es gewiß, nicht wahr, 5 gnaͤdige Frau?“ „Nein, ich bezweifelte es durchaus nicht.“ „Darf ich dann fragen, was Sie dachten? Wuͤr⸗ den Sie wohl die Gnade haben, mir das zu ſagen?“ „Wenn Sie es wechäe wuͤnſchen?“ „Ich bitte inſtaͤndig darum!“ 5 19 gut„Nun denn, wie Sie wollen... ich dachte: Moͤchte doch Gott Erbarmen haben mit dieſem ſchwa⸗ und⸗ chen, von ſeinen Kaͤmpfen zerriſſenen Mann; moͤchte er ihn zu ſich rufen, bevor es ihm noch moͤglich gewor⸗ en,„ den iſt, ſeinen Thorheiten die letzte Krone aufzuſetzen! ge⸗ Das dachte ich.“ icht Philipp druͤckte heftig die Haͤnde an ſeine erblei⸗ ſie chende Stirn. ..„Ah,“ ſagte er nach einem Augenblicke ſtummer 4 Qual,„Sie wuͤnſchten mir den Tod.“ ier„Ich glaubte, es ſei dies das hoͤchſte Gluͤck, wel⸗ at. ches Ihnen zufallen koͤnnte.“ err Ihre Stimme war jetzt ſo ſchmeichelnd, ſo aus als dem innerſten Herzen hervortoͤnend, daß Philipp ſchon et den Todesengel in ſein Ohr fluͤſtern zu hoͤren glaubte. „Vielleicht haben Sie recht,“ ſagte er, indem er var ihre Hand ergriff und ſie heftig und leidenſchaftlich der⸗ zwiſchen die ſeinen druͤckte. hes„Ja, dafern,“ hob ſie wieder an und machte lang⸗ hr,„ ſam ihre Hand los,„dafern dieſer Ring wirklich das Unterpfand eines...“ 5 Ein blutrother Schein flog uͤber Philipps Antlitz. uͤr⸗„Ja, er iſt das Unterpfand meiner aufs Neue verpfaͤndeten Treue und das Ende mag ſein, welches es wolle..Ium Leben oder im Tode— ich kuͤſſe 3 meine Feſſel.“*. w 2* 20 Und mit einer Art wahnſinnigen Taumels fuͤhrte er den Ring an ſeine Lippen. „Es iſt genug!“ Honeine Kland Lf„Laſſen Sie uns gehen!.. — 66 Dicks Stimme ließ ſich von weitem vernehmen. „Was ſagte ich, was ſagte ich!— Ich wußte ſchon, daß er kommen wuͤrde.“. Wir ſchildern nicht das allgemeine Wiederſehen. Es war ein gezwungenes fuͤr alle Theile, ausge⸗ nommen fuͤr Dick, welcher nichts ahnte. . 10. Der Hochzeitstag. Honorine hatte die große Feierlichkeit bis zum Jo⸗ hannistage aufſchieben wollen, um dadurch dieſes Feſt zu einem doppelten zu machen. Aber nichts in der Welt hatte Dick vermoͤgen koͤnnen, ſeine Zuſtimmung hierzu zu geben. Die Urſache zu dieſem Eigenſinne von Seiten des Braͤutigams lag darin, daß er die Ankunft in Ribyhus eben auf den Johannisabend feſtgeſetzt hatte. Nun konnte doch Niemand glauben, daß Dick nicht blos den Maibaum— den unvergleichlichſten Maibaum, der jemals geſehen worden— ſondern auch die geputzten Bauernmaͤdchen im Stiche laſſen wuͤrde, welche aus neuen Koͤrben fuͤr den Herrn Direktor und die Frau Direktorin Blumen ſtreuen mußten. Noch weniger konnte man darauf rechnen, daß er die Theertonnen im Stiche laſſen wuͤrde, welche beſtimmt waren, auf dem 22 Berge verbrannt zu werden— der großen Kanonade nicht zu gedenken, denn man hatte viel Pulver gekauft und zwei Kanonen angeſchafft. Nein, alles dies war viel zu gut und ſinnreich arrangirt, als daß es den Zeitverluſt einer ganzen Woche haͤtte geſtatten koͤnnen. Am ſechzehnten Juni, dieſem wichtigen Tag in Dicks und Jolli's Leben— begannen Beide ihre dankbaren Ge⸗ fuͤhle auf eine und dieſelbe Weiſe an den Tag zu legen, naͤmlich durch ein anhaltendes Pochen an die Zwiſchen⸗ wand, welche ihre Zimmer von einander trennte. Dieweil aber die große Anzahl der Gaͤſte Honorine genoͤthigt hatte, Frau Walborg mit in dem Zimmer ih⸗ rer Tochter einzuquartieren, ſo mußte das unruhige Brautpaar ſehr bald en bieſoß Morgenconverſation wieder abſtehen.. Frau Walborg hatte naͤntich aufs Strengſte er⸗ klaͤrt, daß ſie, dafern ſie zu zeitig geſtoͤrt wuͤrde, ſicher⸗ lich den ganzen Tag an ihrer Kolik leiden muͤßte. Es dauerte nicht lange, ſo klopfte es, anſtatt an die Wand, ganz leiſe an Jolli's Thuͤr. „Was ſoll ich nun thun?“ fragte ſich die ſchoͤne Jungfrau.„Es iſt gewiß nicht weiter, als hoͤchſtens fuͤnf Uhr. Wenn ich mich raſch ankleidete, ſo koͤnnten wir ein wenig mit einander ſprechen. Es braucht es ja Niemand zu wiſſen und in wenigen Stunden heiße ich ja ohnedies Frau Sorenius.“ Es pochte wieder leiſe und anhaltend. 4 23 Jolli ſtand auf. In fuͤnf Minuten war ſie an⸗ gekleidet. Dann ſchlich ſie ſich an die Thuͤr und nach⸗ dem ſie ein paar Mal forſchend nach Frau Walborgs Bette geblickt, oͤffnete ſie ganz, ganz leiſe. „Meine liebe Frau,“ ſagte Dick, welcher glaubte, daß ein paar Stunden mehr oder weniger in der An⸗ wendung dieſes angenehmen Titels nichts zu bedeuten haͤtten. „Mein lieber Mann,“ antwortete Jolli ver⸗ ſchaͤmt. Aber um ſich nicht allzu nachgiebig zu zeigen, machte ſie die Thuͤre nur ſoweit auf, daß Dicks Augen nur eben durch die Oeffnung hindurchdringen konnten. „Ach, wie ſchoͤn war der Laut Deiner Stimme, als Du dieſes Wort ausſprachſt.“ „Ja, was Du ſagteſt, klang guch nicht uͤbel,“ er⸗ klaͤrte Jolli.. „Kannſt Du die Thuͤr nicht einen halben Zoll weit oͤffnen!“— „Woran denkſt Dul“ „An wen ſoll ich denken, als an meine ſchoͤne Braut?“ „Aber ich brauche nicht zu ſehen, um an meinen lieben Braͤutigam zu denken.“ „Liebe Jolli!“ „Lieber Dick!“ „Einen halben Zoll, liebe Jolli.“ „Still, ſtill..“. „Es iſt gewiß um ſieben Uhr.“ 24 „Nein.“ „Aber ſechs Uhr iſt es ganz beſtimmt!“ „Nein.“ „Ich ſetze meine Ehre als verheiratheter Mann zum Pfande, daß es wenigſtens eine Viertelſtunde und vier Minuten uͤber Fuͤnf iſt und da iſt es nicht mehr ſo zeitig, daß wir nicht eine Promenade zuſammen ma⸗ chen koͤnnten.“ „Lieber gar!’’e „Wenn Du unerbittlich biſt, ſo vergehe ich vor Kummer.“ „Ach, mein Freund li „Du, meine irdiſche Gattin!“ „Dick!“ „»Meine himmliſche Gattin!“ Die Thuͤr gab nach und Jolli kam, in einem leich⸗ ten, weiten Kleide und mit einem kleinen Shawl uͤber den Kopf gebunden, auf den Corridor heraus. Aber Dick hatte ſeine zukuͤnftige Ehehaͤlfte noch nicht ordentlich in ſeine ſtarken Arme gefaßt, als ſie heftig wieder zuruͤckfuhr und ehe noch der zukuͤnftige Ehemann ſich die Groͤße eines ſo grenzenloſen Ungluͤcks denken konnte, war ſie, leicht wie ein Vogel, aus ſeinen Armen geglitten, zuruͤck in das Zimmer geſprungen und hatte die Thuͤr zugeſchlagen. „Aber was iſt denn das?“ rief Dick in Verzweif⸗ lung draußen. b —⏑— —— ⏑ 25 „Ach, mein Gott,“ antwortete Jolli keuchend, ich habe ja ganz vergeſſen le. „Was iſt denn das fuͤr ein Laͤrm?“ rief Frau Walborg, indem ſie ſich auf dem Ellbogen im Bett auf⸗ richtete.„Der Zeiſig will wohl hinaus und Stroh⸗ halme ſuchen?“ „Nein, Mama, durchaus nicht.“ „Oder will der Zeiſig im Garten ſingen? Ich glaube doch, der Zeiſig hat doch wohl kein ſo ſchlechtes Gedaͤchtniß, daß er nicht weiß, daß er jetzt noch einige Stunden in ſeinem Bauer ſingen muß.“ „Liebe Mama!“ „Iſt das Dick, der an der Thuͤr kratzt?“ „Ja, Mama, er will durchaus... „Nun, was will er denn durchaus?“ „Er will... er will, daß wir einen kleinen Spatziergang mit einander machen ſollen.“ „Halt, halt, liebes Kind— es kommt Ungluͤck in den Brautkranz, wenn der Braͤutigam die Braut am Hochzeitstage eher ſieht, als bis ſie in den Brautſtuhl kommt.“ „Vor zwei Uhr kommen wir ja da nicht hinl ſagte Dick mit jammernder Stimme.„Ach, Schwie⸗ germutter, denke nur, wie lange es noch iſt, bis um zwei Uhr.“ 4 „Beruhige Dich, mein Sohn! „Beruhigen— ich ſterbe, Schwiegermutter.“ .„ 26 „Schon gut— Du wirſt ſchon wieder aufleben!“ „Aber Jolli weiß ja, daß ich ſie ſchon geſehen 3 g habe. Es war wohl nicht laͤnger, als eine Minute, aber wenn geſchehene Dinge ſich einmal nicht mehr aͤn⸗ dern laſſen, ſo koͤnnte ich ſie eben ſo gut auch noch„ v auf laͤngere Zeit ſehen.“ k „Iſt das wahr?“ fragte Frau Walborg in beinahe d barſchem Ton.„Haſt Du gewagt, Mamſell, an dem 6 letzten Morgen ungehorſam zu ſein, wo Du unter dem Commando Deiner Mutter ſtehſt?“ E „Ich betheure, Mama, daß ich mich nicht darauf b beſonnen hatte, daß...“ „Gut, gut— Ihr koͤnnt Euch nun damit troͤſten, daß die Trauung vor drei Uhr gewiß nicht ſtattfindet.“ d „Liebe Schwiegermutter, willſt Du nicht, daß ich Dir ein paar von den neuen Cigarren bringe, die ich. kuͤrzlich bekommen habe?“ „Was ſind das fuͤr Cigarren? G „Die aͤchteſten Havanna.“ „Sehr ſchoͤn?“ „Ganz gewiß von der Sorte, wie ſie im Paradieſe 2 geraucht wurden.“ „Hm!“. „Wenn Du befiehlſt, Schwiegermutter, ſo.. „Ja, Du kannſt drei oder vier Stuͤck zur Probe herbringen.“ „Gleich, liebe Schwiegermutter!“ — u 1 27 Dick eilte in ſein Zimmer und kam einige Au⸗ genblicke darauf wieder zuruͤck. „Nun bin ich da!“ Er klopfte an die Thuͤr. „Ich auch!“ ließ ſich Frau Walborgs Stimme vernehmen und— 0 grauſames Schickſal, es war keine andere Hand, als die der Schwiegermutter, welche diesmal die Thuͤr ein wenig öͤffnete und zugleich die Cigarren in Empfang nahm. Dick ſeufzte tief auf. Er mußte gehen. Da er keine Hoffnung mehr hatte, ſeine Braut zu ſehen zu bekommen, ſo eilte er zu Philipp, um ihn zu wecken. Aber er hatte dies nicht noͤthig. Philipp war ſchon auf. Er lag im Fenſter und blickte hinaus in den Garten. Als er aber Dick hoͤrte, machte er, erroͤthend, das Fenſter wieder zu. Dick ging nicht bis an das Fenſter, ſonſt wuͤrde er Honorinen geſehen haben, die ſchon auf und in Be⸗ ſorgung ihrer vielen Geſchaͤfte begriffen war. Sie kam eben, von dem Gaͤrtner und ein paar Knechten, welche Gewaͤchſe trugen, gefolgt, aus dem Orangeriehauſe. —„Ach, wie ungluͤcklich bin ich!“ rief Dick, indem er Philipps Hand heftig ergriff und druͤckte. „Wie ſo?“ fragte Philipp mit einem Laͤcheln, welches die alte, heitere Herzlichkeit erſetzen ſollte.„Ich daͤchte, geſtern haͤtt(fſt Du mir etwas ganz anderes geſagt. 28 „Geſtern, das glaube ich; aber heute darf ich ſie vor Mittag nicht ſehen.“ „Armer Junge!“ „Was ſoll ich nur bis dahin vornehmen?⸗ „Das will ich Dir ſagen!“ antwortete Baron Sixten, der in demſelben Augenblick an der Thuͤr vor⸗ beiging, welche Dick offen gelaſſen hatte. „Ach, lieber Gott, wenn Du mir einen ſolchen Rath geben koͤnnteſt!« Dicks Augen funkelten ſchon vor Dankbarkeit. „Ich weiß einen ganz vortrefflichen!“ „Nun, ſo laß doch hoͤren.“ „Du kleideſt Dich ſogleich wieder aus.“ „Hilft das?“ „und dann gehſt Du zu Bett.“ „Aha!“ „Und dann ſchlaͤfſt Du.“ „Wenn ich nun nicht ſchlaͤfrig bin?“ „Dann ſtehſt Du wieder auf, machſt einen langen Spatziergang, ißt dann ein tuͤchtiges Fruͤhſtuͤck und gehſt dann wieder zu Bett.“ „Hm!“ „Dann ſchlaͤfſt Du beſtimmt und traͤumſt, daß Du vor dem Altare ſtehſt, bis Dein Schwager— denn ich habe keine Zeit— Dich weckt und Dir verkuͤndet, daß es Zeit iſt, Dich anzukleiden. Auf dieſe Weiſe biſt Du den ganzen Morgen in Deiner Rolle beſchaͤf⸗ Iee 4 —— 29 tigt geweſen und gehoͤrig darauf vorbereitet, wenn das Stuͤck dann wirklich aufgefuͤhrt wird.“ „Der Tauſend,“ ſagte Dick,„was der Sixten doch manchmal fuͤr gluͤckliche Ideen hat— ich ſpringe ſo⸗ gleich fort und kleide mich aus.“..... „Wer doch auch ſolche Gefuͤhle beſaͤße, wer doch auch einen ſolchen Fond von Hoffnungen haͤtte!“ mur⸗ melte Philipp, nachdem beide Herren ihn verlaſſen hat⸗ ten...„aber ich habe meinen Fond beinahe erſchoͤpft!“ Er ſtuͤtzte ſeine Stirn auf die eben ſo heiße Hand. Ein Name zitterte uͤber ſeine Lippen— es war Lilia's... Und nun griff er nach ſeiner Brieftaſche, oͤffnete dieſelbe und nahm ein verſiegeltes Billet heraus, welches blos die Aufſchrift hatte: 1 „Den 16. Juni.“ Dieſes Billet, in derſelben lakoniſchen Sprache und mit derſelben Gluth geſchrieben, wie die vorherge⸗ henden, enthielt folgende Zeilen:* „Erwachteſt Du von dem Hauche eines Kuſſes? „Es war mein Geiſt, der Dich beſuchte. „Welche Wolke der Schwermuth hat gewagt, ſich auf Deiner Stirn zu lagern... Still— ruͤhre Dich nicht... fuͤhlſt Du dieſe Hand? Es iſt die meinige, welche die Wolke hinwegſtreicht. 8 „Siehſt Du zufaͤllig eine Frau, geboren, um in 30 ewiger, friedlicher Ruhe ihre Bahn zu wandeln? Sie traͤgt ein ſchimmernd⸗weißes Heiligengewand, denn auf ihrem Wege hat keine Verſuchung gelauert. „Aber ſieh nun weiter hin, noch weiter hin... was ſiehſt Du da... was fuͤhlſt Du? „Ein gluͤhender Wind ſtreicht an Deinen Wan⸗ gen, Deinen Lippen, Deinem Haar vorbei. „Dieſe Duͤfte: frage nicht, woher ſie kommen! dieſe fluͤſternde Stimme: frage nicht! Dieſe Arme, die Dich umſchlingen: frage nicht! Schweige, leide und hoffe auf das Unausſprechliche, was nichts von einer er⸗ muͤdenden Windſtille weiß.“ Und Philipp fuͤhlte den gluͤhenden Wind an ſei⸗ ner Wange, ſeinen Lippen, ſeinem Haar vorbeiſtreichen. Er fing die Gedanken ſeiner Geliebten auf— er war gehorſam und hoffte auf das Unausſprechliche. Inzwiſchen war Honorine aus dem Garten wie⸗ der zuruͤckgekommen. In der Hausflur begegnete ſie Sixten. „Nun, mein beſter Couſin, haſt Du Deine Rede bald fertig? Das klingt ſtark. Ich wollte blos ein ſchoͤ⸗ nes Bild haben und nun habe ich eins getroffen. „Aber ich hoffe, daß Du mich nicht wirſt darin je⸗ 31 figuriren laſſen, weder in verbluͤmter, noch in unver⸗ bluͤmter Redeweiſe! „Du haͤltſt mich doch immer fuͤr einen wahren Baͤren— kann denn nicht Dein bloßer Anblick mir einen ſchoͤnen Gedanken eingeben, ohne daß ich von Deiner Perſon ſelbſt zu ſprechen brauche?“ „Ach, lieber Sixten, nur nicht verdrießlich! Unter Freunden kann man Alles ſagen..Laß mich nun ſehen, daß Du einen vortrefflichen Wirth ſpielſt! Ich will, daß unſere Hochzeitsgaͤſte ſich amuͤſiren ſollen und daß es, wie man zu ſagen pflegt, munter zugehe.. Aber, mein armer Freund, fuͤr Dich wird es wohl kein Amuͤſement ſein, ſo viele Geſundheiten ausbringen und beantworten zu muͤſſen!“ „Wie verſtehe ich Dich ſo gut... o nein, nun hat es keine Gefahr mehr— ich glaubte, daß Du es wuͤßteſt.“ „Wenn wir nicht einander ſeit ſo vielen Jahren „kennten, wuͤrde ich uͤber den Vorwurf erroͤthen, der in Deinem Blicke liegt, mein guter Couſin; aber nun ſage ich Dir aufrichtig, daß ich mich uͤber dieſen Vor⸗ wurf freue und daß ich beſtaͤndig darauf baue.“ „Dank— das war ſchoͤn geſagt. Nun habe ich blos noch eilten Wunſch.“ „Welchen denn?“ „Daß Du Dich nicht zu ſchoͤn machſt.“ 32 „Dieſes Verſprechen kann ich nicht geben, denn ich moͤchte gern ſchoͤn ſein.“ Und ſie eilte laͤchelnd in den Saal hinein, ohne zu thun, als ob ſie den tiefen Seufzer des Barons 11. Der Hochzeitstag.(Fortſetzung.) Die Mittagstafel war in großem Styl arrangirt. Es war im Hochzeitsprogramm feſtgeſtellt, daß es langweilig, ſehr langweilig hergehen ſollte, bis acht Uhr, wo der Ball anfing.— Honorine hatte gewollt, daß dieſer ſogenannte Ball nach der Hochzeit ſtattfinden ſollte, aber Dick erklaͤrte, daß man ihn allerdings dann fortſetzen koͤnnte; er wuͤrde jedoch niemals eine ordentliche Hochzeit gehabt zu haben glauben, wenn er nicht mit ſeiner Braut alle Arten von Taͤnzen auffuͤhren koͤnnen. Und Jolli fuͤr ihren Theil war, wenn auch weniger laut, ganz derſelben Meinung beigetreten. Wann konnte ſie wohl mit ihrem Talent, in Be⸗ zug auf das Tanzen, Aufſehen machen, wenn nicht an ihrem Hochzeitstage? Und im wehenden Braurſchleier Ei Gerücht. VlII. 3 3 4¾ zu tanzen und im weißen Atlaskleide— von welchem, wie Dick ihr heimlich zugeſchworen, die Elle einen gan⸗ zen Reichsthaler mehr koſtete, als von dem der Koͤnigin Adele— ach mein Gott, ſo etwas entbehren zu muͤſſen, das waͤre beinahe eben ſo ſchlimm geweſen, als wenn Dick ſeine Theertonnen verbrannt und ſein Pulver ver⸗ ſchoſſen haͤtte, ohne ſelbſt mit beim Feſte zu ſein. Wir ſprechen kein Wort von der Trauung ſelbſt, oder wie Honorine und Adele das Hochzeitszimmer praͤch⸗ tig ſchmuͤckten, nicht einmal von Baron Siyxtens huͤb⸗ ſcher Rede, welche zu Honorinens Freude und Sixtens eigenem, billigen Entzuͤcken uͤber alle Erwartung— er⸗ traͤglich ausfiel. Und noch weniger ſprechen wir von dem langen Diner, wo Alles, was der Ort Großes und Vor⸗ nehmes aufzuweiſen hatte, in feſtlichem Glanze ſtrahlte. Nein, dieſe Dinge kennen wir ſchon ziemlich von Alters her. Wir erzaͤhlen daher nichts weiter, als daß Dick, obſchon er den ganzen Vormittag im Traume ſeine Rolle probirt, doch ein wenig aus der Faſſung kam, daß er entſetzlich ſchwitzte und waͤhrend der langen Tafel ſeiner „Frau“ unaufhoͤrlich in's Ohr fluͤſterte: „Ich wuͤnſchte, dieſe Geſchichte hier waͤre vorbei— es iſt ſo entſetzlich feierlich!“ Worauf die Braut, welche ihre Wuͤrde weit beſſer zur Schau trug, ganz ernſthaft antwortete: „Mein Freund, das muß ſo ſein!“ em, an⸗ gin fen, enn ver⸗ lbſt, aͤch⸗ juͤb⸗ tens er⸗ dem Vor⸗ hlte. von Dick, Rolle ß er einer i— eſſer 3⁵ Endlich war das Feierliche, das Großartige, das Langweiligt zu Ende. Schollgach dem Kaffee begannen die Gaͤſte freier Athem zu ſäßspfen, ſich in den verſchiedenen Zimmern freier zu gruppiren und als die Stunde zur Eroͤffnung des Balles ſchlug, war aller Zwang verſchwunden und eine elektriſirende Munterkeit verbreitete ſich in der gan⸗ zen Verſammlung. Aber es war nicht blos die vornehme Geſellſchaft, die von Freude elektriſirt ward, ſondern auch ſaͤmmtliche Unterthanen von Tjuſtorp tanzten auf einem großen Grasplatze, wo Honorine und ihr hilfreicher Siyten, vielleicht nicht die wenigſten Arrangements zu treffen gehabt hatten. Fuͤr dieſe Abtheilung war Madame Malmelin die Wirthin. Hier deklamirte ſie die letzten Verſe, die ſie hier im Leben ihrer Muſe zu entlocken vermocht hatte. Und nicht blos das„Volk“ war es, welches von der einfachen Schoͤnheit des Hochzeitsgedichtes geruͤhrt ward, ſondern auch Braut und Braͤutigam kamen auf ei⸗ nen erhaltenen Wink zur Stelle, ſo daß die Malmelin vor Aller Augen, die große Umarmung des Directors und die leiſe und dankbare Verneigung der Directorin empfing. Spaͤter ſpielte die Muſik auf dem Grasplatze, gleichzeitig mit der im großen Saale. Aber es iſt ſehr die Frage, ob die, welche nach 3* 36 der Regimentsmuſik tanzten, ſich mehr amuͤſirten als die, welche ſich von ein paar alten, beruͤhmten Bierfied⸗ lern aufſpielen ließen. Frau Walborg, die den ganzen Tag entſetzlich fe⸗ tirt ward und fuͤr diesmal ihre alte Tracht mit einem paſſenden Seidenkleid hatte vertauſchen muͤſſen, ſaß vornehm oben an. Und obſchon ſie, die Wahrheit zu geſtehen, nach den vielen Geſundheiten, die ſie am Tiſche tapfer beantwortet, lieber fortgegangen waͤre, um in Jerkers Geſellſchaft den Alten zu beſuchen, oder allein in ihrem Bett uͤber die Rede nachzudenken, die ſie bei der Ankunft in Ribyhus an Jolli zu halten gedachte, mußte ſie doch in Parade ſitzen bleiben, denn heute ver⸗ lohnte es ſich nicht der Muͤhe, von der Kolik zu ſpre⸗ chen, obſchon ſie vielleicht niemals mehr Grund gehabt hatte, ſich darauf zu bevufen. Aber zur Belohnung fuͤr ihre Aufopferung ſah ſie nun auch, wie der„Zeiſig“ tanzte, nicht die„Kaſurka“ und„Machucha,“ wie damals, als ſie(ſtets zwoͤlf Jahr alt) als Luſtigmacherin umherreiſ'te; ſondern gleich der beruͤhmten Stieftochter in dem Maͤhrchen, welche durch ihre Tugend und Schoͤnheit, und vielleicht auch mit Beihuͤlfe eines kleinen Wunders, zu Gluͤck und Reich⸗ thum kam— ſich munter mit ihrem Ritter im Wal⸗ zer herumſchwenkte. Aber doch konnte man— es ſei dies mit allem Reſpect vor dem ſtattlichen Brautpaare geſagt, welches 37 noch Mehrern, als Frau Walborg, Vergnuͤgen machte— doch konnte man behaupten, daß es im Saale noch ein zweites walzendes Paar gab, welches weit mehr Auf⸗ ſehen erweckte, ſowie weit verſchiedenartigere Intereſſen und Gefuͤhle. Wir wollen uns dieſes Paar anſehen und hoͤren, was man davon denkt. Es war Honorine, die ſchoͤne, anziehende Wirthin, welche im prachtvollen Ballcoſtuͤm und von der an⸗ ſteckenden Freude belebt, ja faſt inſpirirt, von ihrem ele⸗ ganten und nicht minder belebten Cavaliere in dem ſchwebenden Tanze fortgefuͤhrt ward. Von Mund zu Mund gingen die Worte:„Aha, ein neuer Freier! Diesmal wird der ſelige Oberſtlieu⸗ tenant gewiß einen Nachfolger bekommen.“ „Liebe Adele,“ fluͤſterte Arnold, der hinter dem Stuhle ſeiner Gattin ſtand und ſich auf die Lehne deſ⸗ ſelben ſtuͤtzte,„liebe Adele, ich glaube wirklich, Gott verzeihe es mir, daß Dein Plan eine ganz andere Wen⸗ dung nimmt, als Du vermutheſt.“ „Was denn fuͤr eine Wendung?“ „Haſt Du wohl jemals— wenigſtens duͤrfte es ziemlich lange her ſein— Honorinen ſo ſtrahlend, ſo jugendlich, ſo ganz irdiſch geſehen? Wenn Montin eine ernſtliche Neigung zu ihr gewinnen ſollte, ſo... „Ach, wie ſchwer Ihr Maͤnner doch begreift!“ „Glaubſt Du das, mein Engel?“ — 38 „Ja, gewiß... Aber was meinſt Du, was es fuͤr mich ſagen will, daß ich zum erſtenmale auf einem Balle nur eine Wandzierde ausmache?“ „Wir wollen hoffen,“ fluͤſterte der Doctor heiter, „daß dies nicht zum letztenmale der Fall iſt.“ „O, pfui doch!“ „Moͤchteſt Du jetzt lieber tanzen?« Und der Blick des Mannes ſuchte mit einem ſolchen Ausdruck den der jungen Frau, daß ſie ſich erroͤthend abwendete, waͤh⸗ waͤhrend ſie jedoch zugleich ihre Hand in die ſeine fal⸗ len ließ. Und die Hand gab eine Antwort, welche der liebende Gatte verſtand. „Alſo,“ ſagte er,„wollen wir wieder auf unſer Paar zuruͤckkommen.“ „Das heißt, auf die Armuth der Maͤnner an kla⸗ ren Begriffen, wenn es ſich darum handelt, Frauen zu beurtheilen.“ „Das mag ſein— aber auch bei Tafel ſprach ſie ſehr viel mit ihm und ſchien ſich ſehr fuͤr ihn zu intereſſiren.“ „Und dann?“ „Iſt das noch nichts?“ „Gar nichts. Zuerſt und vor allen Dingen wird er ſich nicht in ſie verlieben.“ „Wie weißt Du das?“ „Still,“ ſagte Adele laͤchelnd,„er hat ſich ja ſchon in mich verliebt.“ —,.— on 39 „Das iſt wahr! Aber im Fall einer Untreue... „Davon kann gewiß nicht die Rede ſein! Aber ſiehſt du— ¹ſie ſenkte die Stimme—„die Sache iſt die, daß Honorine ſtark ſein will. „Das iſt auch moͤglich... Ich bin noch nicht mit Philipp zu ſprechen gekommen— und er weicht mir ebenfalls aus.“ „Aber mit ihr hat er geſprochen. Er hat vor ih⸗ ren Augen den Ring gekuͤßt, den er traͤgt... Gieb Acht, er ſteht dort am Ofen und ſtreicht ſich jetzt uͤber die Stirn... Ja, ſtreiche nur Deine Wolken fort, Du Ther, ſie bleiben doch zuruͤck... Siehſt Du den Ring?— Er iſt das Symbol ſeiner neuen Verlobung.“ „Ja, ich ſehe ihn.“ „Honorine ſagte mir es heute Vormittag, waͤh⸗ rend wir im Salon mit den Blumen beſchaͤftigt wa⸗ ren; aber ſie ſagte es auf eine Weiſe, welche mich uͤber⸗ zeugte, daß aus ihr niemals eine liebeskranke Roman⸗ heldin wird.“ „Alſo iſt Alles vorbei!“ fluͤſterte Arnold in ge⸗ daͤmpftem und ſchmerzlichem Tone. „Vollkommen. Welche Wirkung Dein Brief auch geaͤußert haben mag, ſo iſt Dein Freund doch nun ent⸗ ſchloſſen, ihr zu trotzen.“ „Wir werden ſehen. Glaubſt Du, es habe nichts weiter zu bedeuten, daß er ſich ſo oft mit der Hand uͤber die Stirn faͤhrt?“ 40 „Das ſage ich nicht. Ich glaube an die Erſchuͤt⸗ terung, die Du vorausſagteſt. Aber er iſt in unauf⸗ loͤsliche Feſſeln geſchmiedet und aus ſeinen Erſchuͤt⸗ terungen, wie aus ſeinen Thraͤnen, wird nichts, denn er iſt kaum mehr als der Schatten eines Mannes.“ „Bemerkſt Du, wie rund umher gefluͤſtert wird? Das gilt unſerer Wirthin— man ahnt eine zweite Hochzeit.“ „Ach, mein Gott, ſiehſt Du dort Sixtens bleiches Geſicht, der um die andere Seite des Ofens herum⸗ guckt?“* »Mein armer Sixten! Ich muß, um des lieben Barons willen, den Huͤttenmeiſter zu mir winken, ſobald der Walzer zu Ende iſt. Denn iſt er die Urſache von Thurné's unruhigen Handbewegungen, ſo iſt er nicht weniger die Urſache von Siytens Blaͤſſe und es waͤre ſehr ſchlimm, wenn er, der den Wirth vorſtellen muß, gerade heute Abend einen ſolchen Stoß erhielte. Ja, dann waͤre es bald mit ihm vorbei.“ Und ſehr, ſehr ſchlimm, ſtand es mit dem armen Baron. Er warf einen Blick innigen, aber doch ſanften Vorwurfes auf Adelen. Sie war es, die dieſen ganz unvermutheten Nebenbuhler mit nach Tjuſtorp gebracht hatte. Jetzt ſchwieg die Muſik. Adele gab dem Huͤttenmeiſter ein Zeichen, und er r— — 41 eilte mit einer Bereitwilligkeit von Honorinen hinweg, welche dem Baron eine große Laſt vom Herzen nahm. Er naͤherte ſich ſeiner Couſine, welche, anſtatt den Platz einzunehmen, zu welchem der Huͤttenmeiſter ſie gefuͤhrt, uͤber den Saal ging und an dem Ofen vorbei, an welchem Philipp ſtand, wie eine Bildſaͤule und wo er geſtanden, ſeitdem er die erſte Françaiſe mit der Braut beendet, den einzigen Tanz, dem er ſich ange⸗ ſchloſſen hatte. „Liebe Honorine,“ ſagte Sixten ſchuͤchtern,„es iſt ſſchon ein wenig lange her, daß ich getanzt habe, aber ich glaube nicht, daß ich alle Touren vergeſſen habe.“ „Willſt Du mich vielleicht engagiren?“ „Ja, das war allerdings meine Abſicht, wenn.. Du mit mir vorlieb nehmen willſt.“ „Das verſteht ſich von ſelbſt... Aber jetzt gieb mir Deinen Arm, wir wollen einmal hinuntergehen und einen Gang uͤber den Raſenplatz machen.“ — Baron Sirtens Augen glaͤnzten, wie funkelnde Sterne. „Und ich, der ich ſo eben noch ſo betruͤbt war!“ ſagte er. „Wie ſo? „Ich will es Dir ſagen, wenn wir aus dem Saale hinaus ſind.“. Und als ſie in eines der Vorgemaͤcher gekommen 42 waren, ſetzte er haſtig, und ſich gleichſam vor ſeinen ei⸗ genen Worten fuͤrchtend, hinzu: „Man fluͤſterte davon, daß der Huͤttenmeiſter ſich in Dich verliebt habe und daß er keinen Korb bekom⸗ men werde!“ „Mein beſter Sixten, haſt Du wohl gehoͤrt, daß ein einziger Herr hierherkommt, von welchem man nicht behauptete, er habe ſich in mich verliebt? Wollte ich mich mit allen dieſen verheirathen, ſo...“ „Du denkſt alſo durchaus nicht daran, den zu er⸗ hoͤren, von welchem wir ſprachen? Wenn Du das ſagſt, ſo glaube ich Dir auch.“ „Armer Thor, wie viele Bekuͤmmerniſſe haſt Du!“ Und Honorine ſah ihren langjaͤhrigen, treuen Rit⸗ ter mit einem Blicke ſo unbeſchreiblicher Guͤte an, daß der Baron ſich ſo weit vermaß, einen ehrerbietigen Kuß auf die Hand ſeiner Couſine zu druͤcken. „Ich kann alſo ruhig ſein?“ ſagte er vergnuͤgt. „Ja, ſehr ruhig!“ In demſelben Augenblick kamen auch Braut und Braͤutigam heraus. Die Braut ſollte ſich zum zwanzigſten Male zeigen. Jolli ward es nicht uͤberdruͤſſig, ſich anſehen zu laſſen, und Dick ward nicht muͤde, zu ſagen: „Na, ſo ſieht ſie aus— habt Ihr die junge Frau nun geſehen, guten Leute?“ „'Es iſt wirklich zu heiß hier— ich muß durchaus 43 unten ein wenig friſche Luft ſchoͤpfen!“ ſagte Honorine in kurzem und heftigem Tone. „Wenn Du Dich nur nicht erkaͤlteſt... Laß mich wenigſtens erſt Deinen Shawl holen.“ Und der Baron lief fort. Gerade in dieſem Augenblicke draͤngte ſich Je⸗ mand ganz dicht an der jungen Witwe vorbei. Das Gedraͤnge im Zimmer— denn hier verſammelte man ſich, um die Braut zu ſehen— machte dies verzeihlich. Honorine brauchte nicht aufzublicken, um zu wiſ⸗ ſen, wer es war. „Gnaͤdige Frau,“ fluͤſterte Philipp und ſeine Stimme war nicht weniger kurz und heftig als die, welche ſo eben zu Siyten geſprochen—„ich fuͤhle mich nicht wohl, oder vielmehr, ich fuͤhle mich recht unwohl... Erlauben Sie mir, Abſchied zu nehmen, um nach Madaͤngsholm zuruͤckzukehren?“ „Sie haben das Verſprechen erfuͤllt, welches Sie Ihrem Schwager gegeben— Honorinens Stimme hatte ihre ganze Feſtigkeit wieder gewonnen—„es kann da⸗ her Niemand etwas gegen Ihre Abreiſe einzuwenden haben, beſonders da Sie nicht recht wohl ſind.“ Philipp hatte Vorſtellungen, ja vielleicht Bitten erwartet— aber davon war nichts zu hoͤren. In demſelben Augenblicke kam Sipxten mit dem Shawle und nun ſagte Honorine laut: „Leben Sie wohl, Herr Thurné— gluͤckliche Reiſe 44 und laſſen Sie ſich bald wieder in Tjuſtorp willkommen heißen.“ „Ich danke, gnaͤdige Frau.“ Und Philipp eilte auf ſein Zimmer, wohin er ſo⸗ gleich Madame Malmelin rufen ließ, die alle ihre un⸗ zaͤhligen Geſchaͤfte in den untern Regionen im Stiche laſſen mußte. „Bin ich denn ganz aus der Geſellſchaft ausge⸗ ſtoßen? Habe ich denn keinen Menſchen mehr, der ſich um mich bekuͤmmert? Habe ich eine Haushaͤlterin, damit ſie in anderer Leute Haͤuſern herumreiſ't und Ordnung haͤlt? Reiſen ſie ſogleich nach Hauſe, Madame Malme⸗ lin, reiſen Sie ſogleich und halten Sie in meinem Hauſe Ordnungl“ Mit einer unendlich, ausdrucksvollen Miene ſchlug Madame Malmelin die Haͤnde zuſammen. „Herr Philipp,“ ſagte ſie, mit einer gewiſſen Sanft⸗ heit, die ihren Urſprung nur in dem nach einem ganzen Jahre der Trennung vor Kurzem gefeierten Wiederſehen haben konnte,„mein guter Herr Philipp, ich habe ſchon geſtern bemerkt, daß es mit Ihnen nicht ganz richtig iſt, aber jetzt ſehe ich, daß es mit Ihnen immer toller und toller wird! Es iſt moͤglich, daß das ſo kommt, wenn der Menſch im Auslande geweſen iſt; aber neh⸗ men Sie doch Ihren Verſtand zuſammen!“ „Nehmen Sie ſich in Acht, Madame Malmelin— es handelt ſich hier nicht um einen Scherz! Sind Sie — ☛ 2—— — — — ,5.- ͤ— — 45 in meinem Hauſe oder nicht.„ laſſen Sie an⸗ ſpannen. 4 „Ja, fuͤr Sie, wenn Sie wollen, aber fuͤr mich ganz gewiß nicht. Haben Sie denn ganz vergeſſen, wel⸗ chen Dank Sie der Oberſtlieutenantin ſchuldig ſind, die uns aus dem Gebirge herausgezogen hat, wo wir ſonſt Alle miteinander begraben worden waͤren? Ich we⸗ nigſtens weiß, was zu meinem Frieden dient und werde die Angelegenheiten der Oberſtlieutenantin auf keinen Fall im Stiche laſſen. Und damit Punktum!“ „Geſindel ſeid Ihr, elendes, nichtswuͤrdiges Geſin⸗ del; meinetwegen geht zum Teufel, oder wo Ihr ſonſt hin wollt; aber laßt wenigſtens fuͤr mich anſpannen!“ Nun that Madame Malmeliu drei Schritte ruͤck⸗ waͤrts und nickte. Aber ſie entgegnete kein einziges Wort. Madame Malmelin hatte Verſtand und be⸗ griff recht wohl, daß es, da ihr Herr— der fromme Poet in dem Dachſtuͤbchen, der noch niemals einen Fluch hatte hoͤren laſſen, auf dieſe Weiſe tobte, recht ſchlimm in ſeinem Kopfe ausſehen mußte. Sie eilte hinunter. Der Wagen ward angeſpannt und Philipp reiſ'te ab. Aber nicht allein. Madame Malmelin war dazu viel zu ſchlau— ſie wußte wohl, mit wem ſie zu ſprechen hatte. „Ich begleite Dich ein Stuͤck!“ ſagte dehner, der in demſelben Augenblicke heraustrat. 46 Philipp wollte Einwendungen machen, aber es half nichts, er mußte die aufgedrungene Geſellſchaft an⸗ nehmen........... Als der Doctor bei Sonnenaufgang wieder nach Hauſe kam, dauerte der Tanz ſowohl im Ballſaale, als auch auf dem Raſenplatze noch fort; aber das Braut⸗ paar war verſchwunden und die vorgefahrenen Wagen zeigten, daß die Gaͤſte auch bald daſſelbe thun wollten. „Ach, wie habe ich Dich erwartet, wie ungeduldig bin ich geweſen!“ ließ ſich Adelens Stimme vernehmen, als ihr Gatte in das Zimmer kam, welches ihnen an⸗ gewieſen war.„Wie ſteht es mit ihm? Haſt Du in ſeine Seele geblickt?“ „Ja,“ antwortete Arnold,„ich habe in ſeine Seele und ſein ſogenanntes Gluͤck geſchaut; es laͤßt ſich eher zu einer Hoͤlle, als zu einem Himmel an.“ „Nun, bricht er ſeine Feſſeln?“ „Nein! Ich glaubte es wirklich einen Augenblick lang, als ich ihn gegen Honorinen raſen hoͤrte— Ho⸗ norinen, die ſich ſo ſehr veraͤndert, die den affectirten Montin geradezu aufgemuntert und die gegen ihn nicht einmal mit einem Worte geſucht, ihn zum Dableiben zu vermoͤgen.“ „Aber, beſter Arnold,“ ſagte Adele,„wenn er wirk⸗ lich eiferſuͤchtig geworden iſt, ſo muß doch ſein Gefuͤhl „— 47 fuͤr Honorinen wieder lebendig geworden ſein? Dann iſt unſer Plan gelungen.“ „Ja, ſo weit gelungen, daß ſeine Krankheit, ſein wahnſinniges Liebesfieber dadurch gebrochen und zer⸗ theilt worden iſt. Aber ein Bruch iſt nicht immer Ge⸗ ſundheit und glaube mir, er iſt davon ſo weit entfernt, daß ich, wenn die Zeit der Zaubertraͤnke nicht vorbei waͤre, glauben wuͤrde, daß ſie ihm einen ſolchen gegeben haͤtte.“ „Er giebt ſie alſo nicht auf 2“ „Niemals— wenn ſie nicht in Folge des Schrit⸗ tes, den ich gethan, ihn aufgiebt. Er giebt gleichwohl zu, daß Honorine ſein groͤßtes Gluͤck geweſen ſein wuͤrde, wenn er nicht bei Lilia gelernt, daß es noch etwas Hoͤ⸗ heres gaͤbe, als das Gluͤck— den Rauſch.“ „Armer Mann!“ „Und nun, liebe Adele, kann die Eiferſucht nichts weiter ausrichten. Sie hat Lilia's Macht erſchuͤttert, aber Niemand anders, als ſie ſelbſt, wird jemals im Stande ſein, ſie zu vernichten.“ „Aber wir koͤnnen doch Montin nicht hindern, ſich artig zu zeigen— das iſt ſeinem Weſen einmal eigen⸗ thuͤmlich. Und was Honorinen betrifft, ſo iſt es, wenn ſie ein einzigesmal in ihrem Leben— wenigſtens ſeit den letzten zehn Jahren— ich meine, waͤhrend dieſes Abends, moͤglicherweiſe in Philipps Gegenwart, einen Anflug 48 von Koketterie gefuͤhlt hat, doch nun aus damit. So viel ſah ich in ihren muͤden Augen, als wir uns trennten.“. „Gut— dann haben wir nichts weiter zu thun, als die Ereigniſſe abzuwarten. Ich habe nicht einmal verſuchen wollen, ihn mit Vernunftgruͤnden zu beſiegen, denn jeder ſolcher wuͤrde an ſeiner wahnwitzigen Ma⸗ nie abprallen, wie ein Pfeil an einem Harniſch ab⸗ prallt.“ 4 „Bekommſt Du auch ſicher ihre Antwort, waͤh⸗ rend wir noch hier ſind?“ „Ich hoffe ſie bis zum Donnerſtag zu haben.“ „Alſo in drei Tagen... Nun muß ich verſuchen zu ſchlafen— aber dieſer Laͤrm, wird er denn niemals ein Ende nehmen?“ „Still, ſtill, ſchlafe, liebe Plaudrerin— ſie werden bald Alle fortgehen, die in der Naͤhe wohnen und dann werde ich hier auf dem Corridor Schildwache ſtehen und dafuͤr ſorgen, daß Du nicht durch Thuͤrenzuſchlagen ge⸗ ſtoͤrt wirſt.“ „Und Du glaubſt, daß ich das zugeben werde? Wenn Du mir nicht ſogleich verſprichſt, dieſen Ent⸗ ſchluß wieder aufzugeben, ſo ſtehe ich auch wieder auf.⸗ „Eigenſinnige— ſchickt es ſich wohl fuͤr meine Frau, einen ſolchen Ton anzunehmen!“ Nein, aber wohl fuͤr eine Herrſcherin— Ich habe 49 Dir es niemals verſchwiegen, daß es Dir ſchlimm ge⸗ hen wuͤrde.“ „Ja, das habe ich ſchon empfunden!“ ſagte der Doctor, indem er laͤchelnd die kleinen, roſenfarbenen Fin⸗ at ger kuͤßte, die er in ſeiner Hand feſthielt. Ein Gerücht. VIII. 12. Adele und Honorine. Die Antwort der Kammerräthin. Die Hochzeitsfeſtlichkeiten auf Tjuſtorp hatten drei Tage gedauert. Drei Tage nach einander hatte der wuͤrdige Dick darauf geſchworen, daß er, wenn man noch in den frommen Zeiten lebte, wo die Menſchen, zum Anden⸗ ken an gewiſſe große Gelegenheiten, Geluͤbde thaten und Wallfahrten unternahmen, unbedingt die Pilger⸗ kutte angelegt und barfuß eine Reiſe nach dem gelobten Lande unternommen haͤtte; denn dies ſei das Wenigſte wodurch er ſeinen Dank dafuͤr beweiſen koͤnnte, daß er auserſehen worden, um auf Erden der einzige Sterbliche zu ſein, der nichts zu wuͤnſchen uͤbrig haͤtte. „Und ich,“ hatte Frau Dick bei dieſen feierlichen Verſicherungen heldenmuͤthig hinzugefuͤgt,„ich, mein Freund, waͤre Dir, in Sandalen und in eine einfache Leinwandkutte gehuͤllt, gefolgt, denn auch ich haͤtte 51 Buße thun muͤſſen fuͤr das Gluͤck, die Frau des einzi⸗ gen beneidenswerthen Sterblichen zu ſein, der nichts mehr zu wuͤnſchen uͤbrig hat.“ Nun war der vierte Morgen angebrochen und mit demſelben ein Anſtrich von haͤuslichem Leben, denn Alle waren des Tanzens und Spielens ſatt, um nicht zu ſagen uͤberdruͤſſig. Blos die zuerſt angekommenen Gaͤſte waren noch da— jedoch nicht alle: Philipp hatte noch nicht ein einziges Mal nach der Ruͤckreiſe nach Madaͤngsholm ſeine Einſamkeit verlaſſen. Aber wie genau auch Honorine in Folge dieſes Außenbleibens von ihren Freunden beobachtet ward, hatte gleichwohl Niemand auf ihrer Stirn eine Wolke geſehen, die eine verborgene Melancholie verrathen haͤtte. Sie war niemals uͤbertrieben heiter und daher dies auch jetzt nicht. Aber ſie zeigte eine gleichmaͤßige und freundliche Laune. Ihre Bemuͤhungen als Wirthin waren unermuͤdlich und man konnte nicht gut argwoͤh⸗ nen, daß ſie von Unruhe oder Zweifel in Bezug auf die Frage gepeinigt wuͤrde, in wie weit der Gaſt, der ſie verlaſſen, wiederzukommen gedachte. Es war beſtimmt, daß die ganze Geſellſchaft in zwei Tagen Tjuſtorp verlaſſen ſollte. Dicks Theertonnen und Schießpulver geſtatteten weiter keinen Gedanken an Aufſchub. 4* 52 Aber wie innig auch Adele bat und Jolli Hono⸗ rinen zu uͤberreden ſuchte, mitzukommen, ſo waren doch alle ihre Bitten vergebens— ſie hatte durchaus nicht Zeit. „Ich laß mich aber doch nicht mit einem blanken Nein ohne vollwichtige Gruͤnde abſpeiſen!“ ſagte Adele, indem ſie nach dem Fruͤhſtuͤck Honorinens Arm ergriff und mit ihrer Freundin in den Garten hinunterging. „Iſt es wohl recht von Dir, Adele, ſo eigenſin⸗ nig zu ſein?“ ſagte Honorine, im Tone ſanften Vor⸗ wurfes. „Ja, denn wir ſind Freunde,“ ſagte Adele zaͤrt⸗ lich,„und Du ſollteſt nicht zuruͤckhaltend gegen mich ſein.“ „Aber was willſt Du denn?“ „Ich will, daß Du mit uns kommſt und ein paar Wochen bei uns bleibſt.“ „Adele, haſt Du vergeſſen, daß Ihr noch einen Gaſt eingeladen habt? Dein Mann ſagte geſtern, als er von Madaͤngsholm kam, daß...“ „... daß Thurné ihm verſprochen haͤtte, ſelbſt Alban zu uns zu bringen. Nun ja, er wird wohl gern den Knaben unter der Obhut eines wohlbeſtallten Lehrers ſehen wollen.“ „Wenn er eingewilligt hat, ſo bald ſeinen Land⸗ ſitz zu verlaſſen, ſo glaubte ich, daß er einen andern Grund dazu hat.“ „Du glaubſt— nun?“ „... daß der Grund darin liegt, daß es gewiſſe Nachbarſchaften giebt, die ihn unangenehm beruͤhren.“ „Erlaubſt Du mir offen zu ſprechen, Honorine 2 „Nachdem wir ſchon ſo weit ſind, ſo fahre fort:“ „Wohlan; glaubſt Du, daß ſeine fieberhafte Lei⸗ denſchaft fuͤr Lilia, welche ſie durch Kuͤnſte, die wir nicht kennen, zu naͤhren verſteht, glaubſt Du, frage ich Dich, daß dieſe ein wahres und ſanftes Gefuͤhl fuͤr eine Andere ausſchließt?“ „Aber, rief Honorine mit Heftigkeit,„weißt Du, was es heißt, ein ſogenanntes ſanftes Gefuͤhl zu er⸗ wecken? Nun, es heißt zu wiſſen, daß man arm, daß man ſo arm iſt, daß kein Weib unſer Loos beneidet, wie gluͤcklich es auch zu ſein ſcheint.“ „Ach, meine theure Freundin, klingt es ſo, dann gehe ich auch im Vertrauen noch ein wenig weiter und erzäͤhle Dir, was mein Mann, der ihn am Hochzeits⸗ abend ein Stuͤck begleitete, mir erzaͤhlt hat.“ Honorine gab kein Zeichen der Ermunterung, aber Adele fuhr dennoch fort: „Er ſagte mir, daß das Gefuͤhl, von welchem wir ſo eben ſprachen, nicht ſanft ſei, ſondern daß es im Gegentheil, von einer aufflammenden Eiferſucht unter⸗ ſtuͤtzt, einen Bruch in ſeinem Wahnſinne herbeigefuͤhrt habe und daß er, wenn ſie ihm die Freiheit wieder⸗ ſchenkte, noch gerettet, werden koͤnne.“ 54 „Und wer kann ſich traͤumen laſſen, daß ſie dies thun wird? „Arnold traͤumt jeden Augenblick davon.“ Adele theilte nun Alles mit, was ſie Honorinen mittheilen durfte. 31 Aber Honorine ſchuͤttelte blos den Kopf. „Du glaubſt nicht an einen gluͤcklichen Ausgang?“ „Ich kann nicht ſagen, daß ich daran glaube und ich kann nicht ſagen, daß ich nicht daran glaube. Aber ich fuͤhle wohl, daß, wenn er gezwungen wuͤrde, zu entſagen, es eben keine Ehre fuͤr die waͤre, welcher zu⸗ letzt die Truͤmmer ſeines ausgebrannten Herzens ange⸗ boten wuͤrden.“ „Honorine— Du mit Deinem edlen Verſtand!“ „Meine Freundin, Du ſprichſt immer von mei⸗ nem Verſtand— ſchließe dann die Forderungen des Herzens aus. Dieſer Mann hatte mich tief verwun⸗ det, aber die Wunde war noch zu heilen, als er ſie mit ſeiner letzten Handlung unheilbar machte. Und nun, Adele, laß uns dieſes peinliche Thema ſchließen... Ich bleibe hier ſtehen.“ „Das heißt, daß Du den Weg der Verſoͤhnung, der Hoffnung verſchließeſt. Haſt Du Dir es genau uͤberlegt 2 in: „Das habe ich.“ „Honorine, Du ſprichſt gegen Dein eig enes Gefuͤhl!“ ah es en 5⁵ „Das kann ſein, aber ich ſpreche aus feſter Ueber⸗ zeugung.“ „Du wirſt Dich alſo niemals wieder verheirathen?“ „Mich verheirathen?“ „Jae „In dieſer Hinſicht gebe ich kein Verſprechen.“ „Gut, liebe Freundin,“ hob Adele wieder an, welche, da ſie auf dem Wege des Ernſtes nicht weiter kommen konnte, ſich auf den des Scherzes warf,„gut, dann iſt doch noch wenigſtens Hoffnung fuͤr Herrn Montin.“ „Herr Montin... Hoͤre Adele— nimm Dich in Acht— gerade in Bezug auf ihn wollte ich Dir ein vertrauliches Wort ſagen.“ „Mir 2* „Er liebt Dich.“ „Das will ich nicht leugnen,“ ſagte Adele lachend. „Aber wenn ſeine Gefuͤhle fuͤr Dich nicht anders be⸗ ſchaffen ſind, ſo haft Du wenig Hoffnung, ihn auf die Liſte Deiner Freier zu bekommen.“ „Scherze nicht, Adele, ich ſpreche in vollem Ernſte. Ich habe durch ſeine ritterliche und hoͤfliche Maske den Schimmer von etwas ganz Anderem geſehen!“ „Honorine, ich gebe Dir mein Wort, daß Du eine Viſion gehabt haſt!“ 1 n⸗ „Durchaus nicht! Er beherrſcht ſich vollkommen, aber ein ernſtes Gefuͤhl liegt auf der Tiefe ſeines Her⸗ zens. Und nun habe ich Dich gewarnt— geſtatte ihm keine Vertraulichkeit, denn dieſe koͤnnte, ſelbſt gegen ſei⸗ nen Willen, kuͤhne Gedanken in ihm erwecken.“ „Du haſt tauſendmal Unrecht,“ antwortete Adele, aber haͤtteſt Du auch Recht, ſo aͤndere ich doch nichts in unſerem Verhaͤltniß, denn er iſt ein Ehrenmann und weiß, wie ich meinen Gatten mehr liebe, als alles Andere auf Erden... Aber ſieh, da kommt Arnold— er winkt mir mit einem Briefe... Nun werden wir wohl ſehen.“ „Nun, was ſagte ich!“ rief Arnold, indem er ſeine Gattin nach einem entlegenen Theile des Gartens fuͤhrte. „Hier lies!“ Adele wollte nicht fragen, ſie wollte ſelbſt ſehen. Und ſich auf eine Raſenbank ſetzend, ſchlug ſie den Brief auf und befriedigte ihre Neugierde. Sie las Folgendes: 1„Herr Doctor! „»Waͤhrend meines ganzen Lebens, welches— ich bekenne es— voll von Fehlern und Verirrungen gewe⸗ ſen iſt, habe ich niemals Gott mit ſolcher Innigkeit um etwas gebeten, wie ich ihn jetzt bitte, daß es mir gelingen moͤge, Sie zu erweichen. „Ich weiß wohl, daß ich Ihnen wehe gethan, daß 57 ich Sie beleidigt habe und daß Sie ein Recht hatten, Rache zu nehmen. Aber auf der andern Seite weiß ich auch, daß niemals ein kleinliches und unedles Gefuͤhl Raum in Ihrer Seele finden koͤnnte, welche die Ehre und Rechtſchaffenheit ſelbſt iſt. „Ich ſage dies nicht als eine niedrige Schmeichelei, ſondern weil ich es als meine Pflicht anſehe, zu erklaͤ⸗ ren, daß ich nicht eine Minute lang Sie in dem Ver⸗ dacht gehabt habe, daß Ihre Handlung aus einem ſo niedrigen Beweggrund hervorgegangen ſei. „Ich weiß, mein beſter Doctor Warvner, daß Sie Philipps wirklicher Freund ſind und daß Sie einzig und allein um ſeinetwillen ſich fuͤr befugt halten, Ihr Ehren⸗ wort zu brechen. „Aber wie koͤnnen Sie nur uͤberzeugt ſein, daß Sie recht haben? „Es iſt, wenn nicht eine Unbilligkeit, doch wenig⸗ ſtens etwas ſehr Ungewoͤhnliches, behaupten zu wollen, daß eine ungluͤckliche Vergangenheit eine ſichere Buͤrg⸗ ſchaft fuͤr kuͤnftiges Ungluͤck ſei. „Aber ich will nicht eine Beweisfuͤhrung unterneh⸗ men— ich will bitten. „Ja, auf meinen Knieen bitte ich Sie, mir nicht die Hoffnung auf mein Gluͤck zu eiltreißen, die ich ſchon beſitze! „Und dieſe Hoffnung beruͤhrt Philipps Herz eben ſo nahe. 58 „Er hat niemals Jemanden ſo geliebt und wird nie⸗ mals Jemanden ſo lieben, wie mich. „Ich bin die Mutter ſeiner Kinder, ich bin uͤber⸗ dies eine mit Fehlern behaftete, aber von tiefer Reue erfuͤllte Frau, welche Gott um die Gnade bittet, daß er ihr erlauben moͤge, das Uebel wieder gut zu machen, welches ſie fruͤher angerichtet... Sollten Sie denn ſtrenger ſein, als Gott? denn dieſer gab mir ſchon einen Beweis ſeiner Milde, indem er Philipp wieder zu mir kommen ließ. „In Bezug auf die delikate Frage, welche Sie an mich thun, antworte ich Ihnen auf mein Gewiſſen, daß Sie ruhig ſein koͤnnen. Es iſt mir gelungen, Alles ſo gut einzurichten, daß es nicht beſſer werden kann. „O, geben Sie mir nun ein Wort der Hoffnung, des Troſtes! Zwingen Sie nicht mein Herz, welches jetzt von Liebe, Verſoͤhnlichkeit und Sanftmuth erfuͤllt iſt, zwingen Sie es nicht, wieder Bitterkeit und Kaͤlte zu fuͤhlen! „Aber wenn, wenn Sie unbeweglich ſind, ſo ver⸗ ſprechen Sie mir wenigſtens eins— eins, was Sie nicht verweigern koͤnnen, ohne aus perſoͤnlicher Feindſchaft zu handeln!. „Dieſes Letzte, was ich begehre, iſt, daß Sie nicht ſelbſt ein Wort daruͤber mit Philipp ſprechen. Laſſen Sie mich, da ich dies am zweckmaͤßigſten finde, dies —* — 59 zuerſt thun. Spaͤter werde ich nicht verſuchen, Sie zu hindern, ihm Alles mitzutheilen, was Sie wollen. „Wenn Sie mich nicht haßten, ſo wuͤrden Sie meinen Thraͤnen glauben! Aber nun glauben Sie an nichts mehr, nicht einmal an die aufrichtige Reue der— ungluͤcklichen Lilia.“ Mit Thraͤnen in den Augen fragte Adele: „Und Du antworteſt 2 „Ich habe ſchon geantwortet.“ „Wie iſt das zugegangen?* „Als ich dieſen Brief auf der Probſtei abholte, ſchrieb ich ſogleich meine Antwort, um ſie mit derſelben Poſt abſenden zu koͤnnen.“ „Was ſchriebſt Du denn 2“* Arnold nahm aus ſeiner Brieftaſche ein zuſam⸗ mengelegtes Blatt und uͤbergab es Adelen. Daſſelbe enthielt blos folgende Zeilen: „Wenn ich einmal einen Entſchluß gefaßt habe, geehrte Frau, ſo iſt er unumſtoͤßlich. Aber ich ver⸗ ſpreche, Sie zuerſt reden zu laſſen. Philipp reiſ't jetzt mit mir nach Lilliby. Beeilen Sie ſich daher, Ihren Entſchluß zu faſſen! 8. 8 A. Warvner.“ — 60 „Arnold,“ ſagte Adele und ergriff die Hand ihres Mannes,„ich habe mit Honorinen eine wichtige Unter⸗ redung gehabt. Ich argwoͤhne, daß Philipp, welches Ende auch die ganze Sache nehmen moͤge, ungluͤcklich wird. Sollteſt Du ihn daher nicht handeln laſſen, wie er will?“ „Ich laſſe ihn auch handeln, wie er will; Niemand kann ihn daran hindern. Ich fordre blos, daß er es mit offenen Augen thun ſoll, und das ſoll er!“ „Und wenn er nun die Eine verſtoͤßt, ohne die Andere zu gewinnen?“ „So hat er auf alle Faͤlle den einzigen Gewinn gemacht, der ihm uͤbrig blieb.“ Adele ſchuͤttelte leiſe den Kopf. „Eine Scheidung, meine Liebe, iſt eine ſo tiefe und entſetzliche Kraͤnkung des Ernſteſten im Leben, daß ſie, einmal vollendet, nicht gut etwas Anderes, als eine Reihe von Unfällen uͤber die Perſonen bringen kann, welche den Entſchluß gefaßt haben, dem Heiligſten Ge⸗ walt anzuthun. Kein wahres Gluͤck— das Leben mag ſich geſtalten, wie es wolle und noch ſo taͤuſchende Illu⸗ ſionen zeigen— bluͤht mehr fuͤr ſolche Abtruͤnnige. Davon habe ich mich jetzt waͤhrend der letzten Tage voll⸗ kommen uͤberzeugt, wenn ich es nicht ſchon vorher ge⸗ glaubt haͤtte. Jedoch ich glaubte es, obſchon ich gern gewuͤnſcht, daß ich mich getaͤuſcht haͤtte.“ „Mein beſter Arnold, es iſt blos Deine tiefe Nie⸗ 5 D. 61 dergeſchlagenheit uͤber Philipps Schickſal, die Dich, einen aufgeklaͤrten und edeldenkenden Menſchen, bewegen kann, ſo einſeitig zu ſprechen!“ „Was— Du vertheidigſt...“ „... die Scheidung unter verſchiedenen Um⸗ ſtaͤnde— ja, ganz gewiß! Ich kann mir viele Faͤlle denken wo es ein groͤßeres Ungluͤck, ja eine Suͤnde iſt, das Band nicht zu zerreißen und wo es fuͤr eine Grau⸗ ſamkeit angeſehen werden muß, wenn die Geſetze es nicht geſtatten.“ „Du haſt recht, Adele— es kann ſolche Faͤlle ge⸗ ben, denn wo gaͤbe es nicht Ausnahmen? Aber Gott weiß, daß ich doch innig uͤberzeugt bin, daß man in den meiſten Ehen, wo Mißſtaͤnde eintreten, viel zu wenig thut, um den Grund des Uebels zu unterſuchen und es zu heilen.“ „Dazu ſage ich Ja und ich wuͤnſche eben ſo auf⸗ richtig, wie Du, daß Alle, die dieſes wichtige Buͤndniß ſchließen, den Willen, den Muth und auch die Gelegen⸗ heit haben moͤchten, den Umfang ihrer Pflichten im voraus zu pruͤfen und zu erwaͤgen. Aber wie oft ver⸗ heirathet man nicht junge Maͤdchen, ohne daß ſie einen einzigen ernſten Gedanken gehabt haben?“ ‚Das iſt wahr.“ Adele, welche die tiefe Gemuͤthsbewegung ihres Mannes ſah, ſagte nichts weiter. Schweigend gingen ſie zuruͤck Als ſie auf den Hof kamen, blieb Arnold ſtehen, um Frau Walborg zu begruͤßen, die eben beſchaͤftigt war, Jerker in der Kunſt, eine anſtaͤndige Verbeugung zu machen, zu unterrichten. Dieſer Unterricht fand auf die Weiſe ſtatt, daß Frau Walborg den kleinen Jerker, der den rechten Fuß ausgeſtreckt hatte, mit der Hand bei den Haaren gefaßt hielt und ſich jedes Mal ſelbſt mit verbeugte, wo ſie ihren Schuͤtzling in dieſer Kunſt dreſſirte, in der er je⸗ doch, der Wahrheit gemaͤß, nicht ſehr bedeutende Fort⸗ ſchritte zu machen ſchien. Waͤhrend der Doctor auf die wuͤrdige Frau zuging, um ſich nach dem Befinden des Alten zu erkundigen— eine Art Morgenceremonie, auf welche Frau Walborg mehr Werth legte, als wenn man nach ihrer eigenen Geſundheit fragte— ging Adele, welche ihrer Pflicht in dieſer Hinſicht bereits genuͤgt hatte, hinein in das Haus. Fuͤr den Augenblick befand ſich in dem Salon nur eine einzige Perſon, der Huͤttenmeiſter, der am Forte⸗ piano ſaß und die Melodie eines Volksliedes ſpielte, welches Honorine den Tag vorher geſungen hatte. „Wo ſind denn die Menſchen alle?“ fragte Adele. 4„Ich weiß es nicht— ich weiß blos, daß man mich gaͤnzlich der Einſamkeit uͤberantwortet hat.“ — 63 „Und unſer junges Ehepaar?* „... iſt hinuntergegangen, um eine Wette an⸗ zuſtellen.“ „Eine Wette 2* „Eine ſehr unſchuldige— es handelte ſich darum, welches von Beiden im Stande waͤre, die laͤngſte Pro⸗ menade auf Stelzen zu machen.“ „Wie ſie ſich doch beluſtigen, die lieben Kinder, denen ſo viele muntere Beluſtigungen zugaͤngig ſind!“ „Ja, ich glaube wirklich, daß dieſe equilibriſtiſchen Beluſtigungen, welche Frau Dick beſchaͤftigen, ſie ver⸗ hindern werden, auf praͤtentioͤſere Zerſtreuungen zu fallen.“ „Ich fuͤrchte, mein beſter Herr Huͤttenmeiſter, daß es ſich hier um eine Malice handelt. Wollen Sie da⸗ mit ſagen, daß ich zum Beiſpiel praͤtentioͤſe Zerſtreuun⸗ gen liebe 2* „Man ſollte es wenigſtens behaupten.“ „Wirklich!“ „Aber es iſt wahrſcheinl ich am beſten, nichts der⸗ artiges zu behaupten.“ „Im Gegentheil— eine Anklage kann nicht ge⸗ rechtfertigt werden, wenn ſie nicht erſt geſtellt wird.“ Und wenn ſie geſtellt wird, 10 wurde ſie nicht verſtanden werden.“ . Si erwecken meine Neugierde— erklaͤren Sie ſich! Es iſt gar nichts, geehrte Frau,“ ſagte Montin, indem er laͤchelnd vom Inſtrument aufſtand.„Sie 64 werden nicht zugeben, daß Sie mich in einer gewiſſen Abſicht hierher eingeladen beme „Nun nehmen Sie mein entereſſe ganz unerhoͤrt in Anſpruch... Abſicht— man ſehe doch!“ „Und noch weniger werden Sie zugeben, daß es in der Hoffnung geſchehen iſt, daß ich bei der Behand⸗: lung von Herrn Thurné's Gemuͤthskrankheit, wie Ar⸗ nold ſein Uebel nennt, von Nutzen ſein koͤnnte.“ „Ach, lieber Gott, das gebe ich allerdings zu ⸗ „Wie— Sie geſtehen...“ „Ich geſtehe ſtets die Wahrheit, wenn man mich auf eine liebenswuͤrdige Weiſe angreift.“ „Wirklich! Aber... „Nun, lieber Herr Huͤttenmeiſter, die Sache iſt ja ſo unſchuldig! Ich war ſtets im Voraus uͤberzeugt, daß Sie meine Freundin nicht ſehen koͤnnten, ohne... ohne...“ „Weiter, wenn ich bitten darf!⸗ „... ohne ſich ein wenig eingenommen, ein we⸗ nig artig, ein wenig munter zu zeigen. Weiter brauch⸗ ten wir nichts. Sie haben ſelbſt geſehen, daß dieſes Mittel eine gute Wirkung gethan hat.“ „Aber wenn mir dabei zugleich eine laͤcherliche Rolle zugefallen iſt— ich habe wirklich das Gluͤck, im⸗ mer mit einen thaͤtigen Antheil an den Intriguen zu haben, in welche Herr Thurné verwickelt wird— ſo macht Ihnen das nicht den geringſten Kummer.“ —„——.» +—„——— 65 „Wie wollen Sie denn,“ ſagte Adele mit einem reizenden Laͤcheln,„daß ich mir denken ſollte, Sie koͤnn⸗ ten ſich laͤcherlich machen und wie waͤre dies uͤberhaupt Jemandem dadurch moͤglich, daß er artig gegen Hono⸗ rinen iſt! Es ſtand Ihnen ja eben ſo frei, wie jedem Andern, ſie zu gewinnen.“ „Das iſt ein Verſuch, den ich niemals— werde. Man braucht blos zu wiſſen, daß man zu einem gewiſſen Zwecke beſtimmt iſt, um ſogleich zu fuͤhlen, daß alle Anziehungskraft in dieſer Richtung verſchivunden iſt.« „Sie thaten es alſo blos mir zu willen, als Sie ſich am Hochzeitstage ſo lebhaft zeigten und es ſich ſo angelegen ſein ließen, mit ihr zu converſiren und ihren Beifall zu erhalten?“ „Einzig und allein um Ihretwillen that ich dies. Als wir uns an jenem Abend im Parke beſprachen, durchſchaute ich Ihre Abſicht, nachdem ich mir naͤmlich die Sache uͤberlegt hatte. Und obſchon ein wenig Aufrichtigkeit von Ihrer Seite mir ſehr angenehm ge⸗ weſen waͤre, ſo gehorchte ich Ihnen dennoch.“ „O, davon glaube ich Ihnen kein Wort.“ „Nun, haben Sie doch die Guͤte, Ihr Gedaͤcht⸗ niß zu Nathe zu ziehen! Drei Tage ſind vergangen, ſeitdem Thurné uns verlaſſen hat. Bin ich ſeit dieſer Zeit wohl unſerer ſchoͤnen Wirthin mit uͤbertriebenen Artigkeiten beſchwerlich gefallen? „Das iſt genug— ich glaube Ihnen; und wenn Sin Gerücht. VIll. 5 meine boshaften Wuͤnſche Sie nicht erzuͤrnt haben, ſo verzeihen Sie mir wohl nun 2 Adele hielt mit naiv⸗gnaͤdiger Miene Montin ihre Hand hin. „Ich verzeihe Ihnen,“ antwortete er,„erſtens des⸗ halb, weil Sie jetzt aufrichtig gegen mich geweſen ſind, zweitens, weil Sie nichts Boͤſes beabſichtigten und drit⸗ tens, weil, wenn Sie mir auch wirklich etwas Boͤſes zugefuͤgt haͤtten, ich Ihnen doch auf alle Faͤlle haͤtte ver⸗ zeihen muͤſſen.“ „Das heißt ſo viel als, daß wir Freunde ſind und beſſere Freunde, als vorher; denn in der Freundſchaft, ſehen Sie, iſt es nicht wie in der Liebe, daß der erſte Zwiſt neue gebiert.“ „Woher wiſſen Sie das?“ „Es geht aus der Natur der Sache ſelbſt hervor. Die Liebe iſt nachſichtig und verzeiht viele Male. Die Freundſchaft nimmt es mit ihrem Anſehen genauer. Zwei Freunde koͤnnen jeden Tag mit einander disputiren, wenn es aber etwas zu verzeihen giebt, ſo geſchieht dies nur ein Mal.“ „Ihre Freundſchaft hat ſtrenge Grundſäͤtze.“ „Ja, ſo ſtreng, daß, obſchon ich, wie ſo eben, von Ihnen Verzeihung begehrte und gern empfing, ich Ihnen doch niemals verzeihen wuͤrde, wenn Sie mir Veran⸗ laſſung zu einem wirklichen Verdruſſe gaͤben. Sie ver⸗ έ— 67 ſtehen wohl,“ ſetzte ſie mit heiterem Laͤcheln hinzu,„daß dies eine Ausnahme fuͤr mich als Frau iſt.“ „Und ich werde es nicht vergeſſen, denn ich weiß, wie aufrichtig Sie ſind.“ —— Zu derſelben Zeit, wo dieſes Geſpraͤch im Salon ſtattfand, hatte Sixten eine Unterredung mit Honorinen. „Ich wuͤnſche, daß Du beſchließen moͤchteſt, was ich machen ſoll; ſie wollen mich durchaus mit fort neh⸗ men. Aber, mein Gott, wenn Du zufaͤllig nichts dage⸗ gen haͤtteſt, daß ich hier bliebe...“ „Mein guter Sixten— da die Andern alle ab⸗ reiſen. a „Ach ſo— na, das iſt deutlich genug... Nun, ich darf doch wohl wiederkommen.. naͤchſtes Jahr wenigſtens?“ 1 „Und warum willſt Du ſo lange wegbleiben? Jetzt aber dazubleiben, wo...“ „Darf ich dann vielleicht naͤchſten Monat einmal ſehen, wie es hier ſteht? Du weißt ja, daß ich Dir mit Wiſſen und Willen niemals beſchwerlich falle. Und ſei uͤberzeugt, daß ich auch hinfort niemals anders ſein werde.“ „Komme, wenn Du willſt, mein lieber Couſin! 5* 68 Du biſt wirklich der uneigennuͤtzigſte und edelſte Freund, den ich habe, und Du biſt auch der willkommenſte.“ „Das ſagſt Du wohl blos, damit ich nur fortgehe?2⸗ „Nein, Du wirſt hoͤren, daß ich es auch noch ſage, wenn Du wiederkommſt.“ „Ach, mein Gott, Dich ſo im Ernſte zu mir reden zu hoͤren, zu wiſſen, daß Du mich ein wenig ſchaͤtzeſt! Honorine, Du mußt mich nicht fuͤr einen Narren an⸗ ſehen, weil ich ein Menſch bin... Du ſiehſt es... ich kann kaum die Thraͤnen zuruͤckhalten.“ „Guter Siyten, ich habe Dich ja immer geſchaͤtzt.“ „Aber Du haſt mir es nicht in dieſem Tone ge⸗ ſagt. Ach, fuͤrchte Dich nur nicht und glaube nicht, daß ich Dich mißverſtehe— laß mich mein Gluͤck behal⸗ ten! Du wirſt mir es alſo nicht wieder nehmen?“ („Nein, Du biſt mit ſo wenigem gluͤcklich, daß ich es gewiß niemals uͤbers Herz bringen koͤnnte.“ Unñnd mitten unter Honorinens ſchoͤnem Laͤcheln perlte eine Thraͤne auch in ihrem Auge. eſt! an⸗ üt. ge⸗ cht, dal⸗ daß rlte —.,— 13. Der Abſchied. Es war am letzten Nachmittage vor der Abreiſe der Gaͤſte. Frau Walborg, welche die Bequemlichkeit des Alten uͤber alles Andere ſtellte, war ſchon am Morgen in ihrem Wagen, mit Jerker an ihrer Seite, abge⸗ zogen. Sie bedurfte einen Tag Vorſprung und reiſ'te deshalb am liebſten ohne große Geſellſchaft. Der Herr Director und die Frau Directorin hat⸗ ten mit dem Einpacken ihrer Sachen zu thun; der Doctor und der Huͤttenmeiſter machten Abſchiedsbeſuche in der Nachbarſchaft. Adele, die ſich etwas unpaͤßlich fuͤhlte, hatte ſich eben zur Ruhe niedergelegt, waͤhrend endlich Baron Sixten— der einen Auftrag fuͤr Honorinen auszurich⸗ ten uͤbernommen— ſo eben fortgeritten war, uͤbergluͤck⸗ 7⁰ lich in der Gewißheit, daß Honorine ihn zuweilen be⸗ durfte und vermißte, wenn er nicht zugegen war. Die junge Wirthin ſaß eben ſo verlaſſen, als ob ſie ſchon ganz allein waͤre, in dem Zimmer, welches wir von Alters her kennen— dem Heiligthum mit den kleinen Kabinetten. Die Fenſter ſtanden offen, um die kuͤhle Luft her⸗ einzulaſſen, und die Gardinen wehten, von dem ſpielen⸗ den Winde gehoben, vor ihrem Antlitz hin und her, als ſie ſo in der mittelſten Vertiefung in einen Zuſtand verſunken ſaß, der fuͤr ihr thaͤtiges Leben ein ſehr ſelt⸗ ſamer war— naͤmlich einen Zuſtand unthaͤtiger Be⸗ taͤubung. Schon ſeit mehreren Tagen hatte ſie ein Gefühl von Ermuͤdung, von Mattigkeit, ja beinahe von Man⸗ gel an Lebensluſt empfunden. Aber ihre Anſtrengung, dieſen Zuſtand zu verbergen, war ihrer wuͤrdig ge⸗ weſen. Vielleicht wußte ſie auch, vielleicht glaubte ſie, als ſie ſo mit dem Kopfe an dem Fenſterrahmen in halb liegender Stellung daſaß, das Recht zu haben, wenig⸗ ſtens eine Stunde die ſchmerzreiche Wolluſt zu genießen, welche in jenem Chaos liegt, das ſich oͤffnet, wenn der Seele erlaubt wird, ihren Flug zu nehmen, wohin ſie will, waͤhrend der Koͤrper in paſſiver Unthätigkeit ver⸗ harrt. Honorinens Seele, die ſo ſelten dieſe vollſtändige 71 Freiheit erhielt, machte jetzt launenhafte und phantaſtiſche Reiſen nicht blos durch die Regionen der Vergangen⸗ heit, ſondern auch durch die der Zukunft. Waͤhrend der erſtern— naͤmlich der Reiſen durch die Vergangenheit— fand ſie auf ihrem Wege meh⸗ rere ausgetrocknete Quellen, welche einmal, neben ſchoͤn bluͤhenden Blumenbeeten hervorſprudelnd, dem nach Gluͤck duͤrſtenden Herzen geſunde und gedeihliche Nah⸗ rung gegeben hatten. Aber alle dieſe Quellen waren in Folge einer gewaltſamen innern Revolution zuſam⸗ mengeſtuͤrzt. Jetzt gaben ſie keine Nahrung mehr. „Ich moͤchte wiſſen,“ ſagte da die umherſchwei⸗ fende Seele zu ſich ſelbſt, waͤhrend ſie einen neugieri⸗ gen Blick in den oͤden Ruinen um ſich her warf, vich moͤchte wiſſen, ob meine Schweſter, das Herz, aufge⸗ hoͤrt hat, jenen irdiſchen Durſt zu fuͤhlen, von dem ſie fortwaͤhrend gequaͤlt ward.“ Und gleichſam, um auf dieſe von Neugier oder Theilnahme dictirte Frage Antwort zu geben, hoͤrte man das Herz— welches ſich allein und unbelauſcht glaubte — laut ſagen: „O, ihr meine heiligen, vermißten Quellen, ihr, die ihr der Fluth entſprangt, uͤber welche der Weg zum Himmel fuͤhrt, ihr, die ihr jeden Morgen mir einige Tropfen von dem wunderbaren Tranke ſchenktet, welcher macht, daß man das Leben mit der Hoffnung und die Hoffnung mit dem Leben verwechſelt, warum, ach, warum kann ich nicht aufhoͤren, ſehnſuchtsvoll zu euch zuruͤck⸗ zukehren, warum hoͤre ich nicht auf, meine Thraͤnen auf die Truͤmmer fallen zu laſſen, welche euch jetzt be⸗ decken... ja, warum 2* 1„Arme Klagende, du rufſt und beennſt keine Antwort! ja, warum?“ ſagte die Seele, betruͤbt um ihrer Schweſter willen..„Aber harre geduldig aus— ich will ſie dir holen— ich will die Antwort des Orakels mit heimbringen.“ Und nun richtete die Seele ihren Flug nach den unbekannten Landen und die ſchnellen Fittige der Phan⸗ taſie leihend, flog ſie eilend durch nachiſchwarze und ſon⸗ nenhelle Gegenden. Es war eine farbenreiche, eine wechſelvolle und glaͤnzende Reiſe, welcher die naͤchtlichen Schatten nur noch ein hoͤheres Intereſſe verliehen. Aber die Pilger, welche eine Reiſe in dieſe unbe⸗ kannten Welten gemacht haben, duͤrfen ihre Abenteuer und Entdeckungen nicht mittheilen. Dies, daß ſie allein die ganze Laſt ihres Wiſſens tragen muͤſſen, iſt eine große, aber gerechte Strafe fuͤr ihren Vorwitz. Deshalb durfte die Seele, als ſie wiederkam, nicht anders, als in einer geheimnißvollen Sprache ihrer Schweſter, dem Herzen, die Antwort des Orckels mit⸗ theilen. Und dieſe geheimnißvolle Antwort lautete: „Nachdem Du noch eine Zeitlang mit deinen & a 1 73 Thraͤnen den Sand bethaut haſt, welcher deine geliebten Quellen fuͤllt, werden die Winde in einem heftigen Sturme ihn hinwegfuͤhren. „Dann wirſt du eine Taube herabſchweben ſehen und da, wo ihre Fluͤgel auf die Erde ſchlagen, ſollſt du eine neue Quelle ſuchen!“ Ein ſchnelles Laufen und laͤrmendes Geraͤuſch be⸗ wog Honorinen, aufzuſpringen. Wenige Augenblicke waren hinreichend, den magi⸗ ſchen Traum zu zerſtoͤren. Sie trat ſogleich wieder in das wirkliche Leben ein. Aber ein Gefuͤhl angenehmen Schmerzes und einer ſanften Sehnſucht blieb in ihr zuruͤck. Es war Alban, der ſo laͤrmend herbeiſtuͤrzte. Am Tage nach der Hochzeit war er mit Madame Malmelin zu Hauſe nach Madaͤngsholm gereiſ't, um bei dem Papa zu ſein; aber ſchon den Tag darauf mit dem Doctor wieder zuruͤckgekommen, weil es ihm beim Papa bei weitem nicht ſo gefiel, als bei ſeiner lieben Tante. Man hatte ihm noch nicht mittheilen wollen, daß er dieſe ſeine zaͤrtliche Pflegemutter verlaſſen ſollte, man hatte warten wollen, bis Philipp ſelbſt ſich wieder einfinden wuͤrde. Und nun war Philipp gekommen und hatte ſeinem Sohn, den er allein ſpielend auf dem Hofe traf— ge⸗ ſagt, daß er den naͤchſten Morgen, in Geſellſchaft mit allen Uebrigen, abreiſen ſollte. 74 Aber dieſe Nachricht, weit entfernt, Alban zu er⸗ freuen, erſchreckte ihn ſo, daß er huchſtaͤdlich zu Hono⸗ rinen hineinſtuͤrzte. „Iſt es wahr,„ ſagte er, indem er ſchluchzend ſeine Arme um die junge Frau ſchlang,„iſt es wahr, daß Du mich willſt mit fortreiſen laſſen, Tante?⸗ Honorine ſtreichelte zaͤrtlich die bluͤhenden Wangen des Knaben. Aber ehe ſie noch antworten konnte, fiel ihr Blick auf den Vater, der bleich und ernſt an der Schwelle ſtand, wo er mit einer tiefen, aber beinahe kalten Ver⸗ beugung Die begruͤßte, die er einmal in dieſem ſelben Zimmer knieend angebetet. „Willſt Du, daß ich von Dir fortgehe, Tante?“ wiederholte Alban jammernd,„willſt Du es?“ „Nicht gern, das weiß Gott, denn ich liebe Dich ſehr. Aber ſiehſt Du, lieber Alban, es muß ſo ſein! Du biſt nun ſo deoß, daß Du einen Lehrer be⸗ kommen mußt.“ „Warum kann denn der nicht hierherkommen?* fragte der Knabe ungeduldig. „Das geht nicht; Dein Lehrer muß bei Dir in Deiner Heimath ſein.“ „Wo iſt denn dieſe, iſt ſie nicht hier?⸗ Honorine erroͤthete tieer. Philipp zitterte an allen Gliedern. „Hier iſt ſie nicht, Alban,“ fluͤſterte die junge Pflegemutter mit geſenktem Blick. „Nun, dann iſt ſie wohl in Madaͤngsholm— aber der Papa iſt ja dort auch nicht.“ „Moͤchteſt Du nicht gern Deine Heimath bei Onkel Arnold haben? Du weißt es, wie gut er iſt und wie lieb Tante Adele Dich hat.“ „Ich will auch nicht in dieſe Heimath, wenn gleich Onkel Arnold gut iſt und Tante Adele mich lieb hat.“ „Du kannſt auch zu dem Onkel Dick in Deine alte Heimath Ribyhus kommen— das willſt Du doch 2* „Aber warum,“ rief der Knabe im Tone der Ver⸗ wunderung,„warum habe ich denn an ſo vielen Orten eine Heimath, waͤhrend andere Knaben nur eine haben?“ Honorine ſchwieg— es war nun an dem Vater die Reihe, zu antworten. Und indem er ſeinen Geſichts⸗ zuͤgen Ruhe, und ſeiner Stimme Kraft und Feſtigkeit zu geben ſuchte, ſagte er, indem er herantrat und Alban leiſe auf die Schulter klopfte: „Sei uͤberzeugt, mein Sohn, daß Du bald nur eine Heimath haben wirſt, wie andere Knaben! Du wirſt binnen Kurzem wieder zu Deiner Mutter zuruͤck⸗ kehren.“ „Nein, nein, das will ich nicht!“ rief Alban mit einem Trotz, den er gewiß nicht von Honorinen gelernt, welche aber doch bei dieſer unvermutheten Antwort Phi⸗ 76 lipps Augen mit einem Ausdruck kalten Vorwurfes auf ſich gerichtet ſah. „Urtheilen Sie nicht, mein Herr!“ ſagte die junge Frau, indem ſie mit Stolz und Wuͤrde ſich aufrichtete, und durch ihren bloßen Blick Alban befahl, ihr Kleid loszulaſſen. Philipp zuckte die Achſeln— ſeine ſcharf zuſam⸗ mengezogenen Augenbrauen und das Zucken ſeiner Lip⸗ pen verrieth nur mit Muͤhe zuruͤckgehaltenen Zorn. „Alban,“ ſagte Honorine, welche den Knaben bei der Hand ergriff und ihm in die Augen ſah,„ſag uns aufrichtig, wer hat Dir dieſen Widerwillen eingefloͤßt, zu Deiner Mutter zu gehen?“ „Ich will nicht zu ihr,“ antwortete Alban immer noch hartnaͤckig. „Und weshalb nicht? „Sie iſt garſtig.“ „Wie kannſt Du wagen, ſo etwas zu ſagen? „Sie iſt von mir und dem Papa fumgoangen, ſie hat Sylvia mitgenommen— ſie iſt garſtig... ſie war auch ſo garſtig gegen den Papa.“ Pyhilipp mußte ſich an eins der Zimmergeräthe halten. Dieſe Pruͤfung. Honorine war bleicher, als eine geknickte Lilie. „Alban,“ ſagte ſie ſanft, aber mit Feſtigkeit,„Du mußt mir mehr ſagen, wer ſo⸗ mit Dir uͤber Deine Mutter geſprochen hat.“ 77 „Nun, die Kuͤchenlieſe und Maja auf dem Hofe und Balle Skoͤld in Stombo und die kleine Stina und Britta und Onkel Dick und noch viele Andere.“ Honorine und Philipp ſahen einander beſtuͤrzt an. Dienſtboten wiſſen in der Regel Alles und ſchonen kein Geheimniß, wenn es darauf ankommt, die Kinder uͤber etwas aufzuklaͤren. Daſſelbe iſt der Fall mit Spielkameraden, welche einander ebenfalls gern aufklaͤren. Was Dick dagegen geſagt, hatte natuͤrlich aus nichts Anderem, als aus Unuͤberlegtheit herfließen koͤn⸗ nen; ungluͤcklicherweiſe aber war der Saamen dieſer Un⸗ uͤberlegtheit in einen Boden gefallen, in den er niemals haͤtte fallen ſollen. „Du betruͤbſt mich ſehr durch Deine uͤble Mei⸗ nung, Alban!“ ſagte Philipp nun in einem Tone, in welchem weit mehr Strenge als Milde lag.„Deine Mutter, welche Du nicht liebſt, liebt Dich deſto mehr. Sie ſehnt ſich ſehr nach Dir und Sylvia auch.“ „Sylvia iſt ſo klein— ich werde ſie ſehen, wenn ſie groß iſt, aber aus der Mama mache ich mir nichts. Die Tante iſt meine Mama, ich will hier bei ihr blei⸗ ben... darf ich das nicht, Tante?“ Du wirſt bleiben, wo ich willl“ ſagte Philipp, deſſen Geduld und Selbſtbeherrſchung in gleichem Grade durch dieſen ſo aͤußerſt ſchmerzlichen Auftritt erſchoͤpft waren.„Du gehſt nun augenblicklich hinaus.“ „Biſt Du auch garſtig geworden, Papa?... Ja, Du biſt es* Und noch einmal rief Alban mit lautem Schluchzen:„Ja, Du biſt es!“ „Gehe!“ ſagte Philipp ſtreng. Er oͤffnete die Thuͤr. Alban mußte gehorchen. Sobald er aber in das Nebenzimmer gekommen war, rief er laut und mit dem ganzen Trotze eines Kindes, welchem, nach ſeiner Meinung, unrecht ge⸗ ſchehen: „Weil Du bei der Mama geweſen biſt, biſt Du auch garſtig geworden, Papa! Ich hoͤrte wohl geſtern, daß Du zu dem Onkel Arnold ſagteſt, Du waͤreſt bei ihr geweſen.“ „Es iſt die hoͤchſte Zeit, daß der junge Mann in ernſthafte Zucht genommen wird!“ ſagte Philipp, noch von den ſtuͤrmiſchen Bewegungen zitternd, welche ſeine Seele durchwogten. „Meiner Erziehung hat es, wie ich glaube, nie⸗ mals an dem Ernſte gefehlt, der einem Kinde gegenuͤber mit Guͤte gepaart ſein ſoll!“ antwortete Honorine in einem Tone faſt wegwerfender Verachtung.„Ihr aufgeregtes 4 und verletztes Gefuͤhl giebt mir eine Schuld, die Sie bei einer ruhigeren Pruͤfung ganz wo anders ſuchen werden.“ „Gott behuͤte mich, Ihnen irgend eine Schuld beizumeſſen— aber es war ein Schmerz, der, wie ich glaube, keiner Schüiderung hedarf„welchen ich jetzt eme⸗ 79 pfand, als ich das Kind ſo reden hörte... doch ich verſtehe, ich habe keine Nachſicht mehr zu nehmen... Jetzt iſt nicht ſonſt— da waren Sie ſchonend.“ „Ich hoffe, daß ich es noch bin. Aber auch ich beſitze ein Zartgefuͤhl, welches verletzt werden kann und ich bin empoͤrt, ja, ich bin erſtaunt uͤber den Argwohn, mit welchem Sie mich fuͤr die Pflege belohnen, die ich Ihrem Kinde habe angedeihen laſſen.“ „Aber ich ſchwoͤre, daß ich keinen ſolchen Argwohn gehabt habe, der durchaus abgeſchmackt waͤre.“ „Ja, in der That abgeſchmackt... Aber der Knabe hat auch keine Schuld an dem, was er ſagte.“ „Keine Schuld?“ „Nein, denn was kann das Kind dafuͤr, daß die dunkeln Schatten der Vergangenheit uͤber ſeinen Weg zuruͤckfallen! Was kann der Knabe dafuͤr, daß fremde Stimmen, die, Gott weiß woher, kommen, ſeinem Ohre nahen und es mit(kann man wohl auch nur ſagen?) Unwahrheiten vergiften?“ „Gunaͤdige Frau, Sie haben ſich vermuthlich vor⸗ genommen, meinen Muth ganz und gar niederzuſchmet⸗ tern, aber es ſoll Ihnen nicht gelingen— nein, trotz Ihres Willens, trotzdem, daß Sie mir freundlichſt den Tod wuͤnſchen, werde ich, hoffe ich, dennoch mein Ziel erreichen.“ , das haͤtten Sie nicht ſagen ſollen, Herr Thurné— nicht einmal in Ihrer Erbitterung haͤtten Sie ſo weit gehen ſollen.“⸗ 80 „Aber warum reizen Sie mich?“ antwortete er in niedergeſchlagenem, beinahe zerknirſchtem Tone;„Alle reizen mich— Sie, Arnold, die Malmelin, ja ſogar der Knabe— ja, Alles hat ſich gegen mich verſchworen.“ „Warum klagen Sie nicht auch Ihr eigenes Ge⸗ fuͤhl an? Sie werden nicht wagen, zu behaupten, daß dieſes ſchweige.“ „Nein, in der That, es ſchweigt nicht— es ruft mir jeden Augenblick zu, daß ich mein Schickfal bald vollenden ſolle. Jeder Tag, welcher vergeht, iſt ein fer⸗ nerer heranwachſender Quaͤlgeiſt fuͤr mich. Ich wundere mich, daß meine Seele nicht ſchon unterlegen iſt— doch ſie wird nicht unterliegen, denn es giebt ein Weſen, zu welchem ſie fliehen wird, um bei dieſem aus⸗ zuruhen. Bei dieſem Weſen giebt es, Gott ſei Dank, Vergeſſenheit fuͤr Alles.“ Honorine war einige Schritte nach der Thür e⸗ gangen. „Ich glaube nicht, daß es noͤthig iſt, Herr Thurns, dieſe Unterredung noch laͤnger fortzuſetzen. Es iſt noch Einiges wegen des Einpackens von Albans Sachen zu beſorgen— Sie entſchuldigen daher, wenn ich Sie verlaſſe.. „Einen Augenblick noch, einen einzigen, aus Barm⸗ herzigkeit! Gehen Sie nicht aus dieſem Zimmer, wo Sie mir einmal den ganzen Edelmuth und die uͤber⸗ irdiſche Guͤte Ihres Herzens zeigten; gehen Sie nicht, „&, S SS Sn ocd— 81 ohne mich ein Wort hoͤren zu laſſen, welches durch ſeine Milde mich an die Vergangenheit erinnert!“ „O, mein Herr, dieſe Sprache iſt hier nicht an ihrem Ort.“ „Ich weiß, daß ich thoͤricht geweſen bin, daß ich Sie verletzt, daß ich Sie beleidigt, daß ich Worte ge⸗ ſprochen habe, die, obſchon ich dieſelben vergeſſen, Sie doch bewegen muͤſſen, uͤber die Freundſchaft zu erroͤthen, die Sie fruͤher an mich verſchwendeten. Aber gleich⸗ wohl, gleichwohl bitte ich Sie um ein Wort, um ein freundliches Wort— ich bedarf deſſen ſo ſehr.“ „Nun, dann will ich, als Antwort auf dieſe Worte, die aus Ihrem Herzen fließen, ſagen, daß ich alles Andere vergeſſen habe. Möͤge Gott Ihnen gnaͤdig ſein, mein Freund, moͤge er, wenn Sie den Weg gehen, den Ihre Freunde fuͤrchten, in ſeiner Gnade geben, daß Sie ihn mit Muth und Entſchloſſenheit zur Begleitung gehen, und moͤge die Zukunft beweiſen, daß wir Alle, die Ihnen entgegen waren, unrecht gehabt haben!“ „Dank, gnaͤdige Frau, Dank— dieſer Troſt war kuͤhl im Vergleich zu dem, welchen Sie mir fruͤher gaben, aber es wehte doch ein Hauch der Milde darin... O, wie gern haͤtte ich doch alle dieſe Worte fuͤr ein einziges von der Art hingegeben, welche ihre Lippen fuͤr diejenigen haben, die.. Ihre Freundſchaft beſitzen. Aber es iſt wahr— das Entſchwundene darf nicht mit dem Gegenwaͤrtigen vermiſcht werden und wenn man Ein Gerücht. VIII. 6 1 82 auch noch ſo eifrig es wieder herbeizurufen ſucht, ſo.. 5 8 „... iſt es entflohen—“ fluͤſterte Honorine zit⸗ ternd—„aber doch... doch nicht in Allem.“ „Wie, es ſollte einen verirrten Gedanken geben, der jetzt noch im Zuſammenhang damit ſtuͤnde?“ „Ein Verſprechen.“ „Ah.“ 1 „Sie erinnern ſich... ich gab Ihnen eins. Da Sie jetzt Alban von mir nehmen, ſo frage ich Sie, ob Sie mir das verlaſſene Kind anvertrauen wollen?“ „O, Sie wiſſen das noch?— Ach, tauſend, tau⸗ ſend Dank! Aber wiſſen Sie, daß ſie, welche Sie ſo hart beurtheilen, ſie, welche von Ihnen Allen verkannt wird, mit himmliſcher Guͤte meine Beichte empfangen hat? Und nicht genug damit, hat ſie ſelbſt verſprochen, den heiligen Beruf zu uͤbernehmen, womit ich nun niemals wagen werde, Sie zu belaſtigen. 4 „Das war ein ſchoͤner Zug— ich wuͤnſche Ihnen Gluck, eine ſolche Entdeckung gemacht zu haben. —— Aber ich hoͤre Jolli's Stimme draußen... ja, es iſt Zeit.. ja... „Ich verſtehe Sie vollkommen... reichen Sie ſchied.“ 1 mir noch einmal Ihre Herde dies i unſ er Ab⸗ cu 83³ Honorine ſtreckte ihre Hand aus— ein paar Se⸗ cunden gluͤhte ſie in Philipps. Gleich darauf war ſie verſchwunden. Aber ein druͤckender Gedanke folgte ihr. Es war dieſer: „Alſo blieb es nicht bei— einem Geruͤcht!“ 14. Was kann das bedeuten? Es iſt recht aͤrgerlich, daß der Weg, auf welchem die letzten Ereigniſſe dieſer Geſchichte ſich hinſchlaͤngeln, nicht an Ribyhus vorbeigeht. Wir koͤnnten ſonſt dem Einzugsſchmauſe beiwoh⸗ nen, wir koͤnnten ſehen, wie prachtvoll die Theertonnen brannten, wie majeſtaͤtiſch der Maibaum, mit einer Flagge an der Spitze, wo ein J. und ein D. ſich ver⸗ traulich an einander anſchloſſen, daſtand, wie nett die Bauernmaͤdchen Blumen ſtreuten, von der großen Ehrenpforte am Anfange der Allee bis in den Hof und, wir koͤnnten hoͤren, wie gewaltig die Schuͤſſe donnerten und in den Bergen wiederhallten. Alles dies iſt ein großer Verluſt und ein um ſo groͤßerer, als wir dabei zweier Reden verluſtig gehen— einer, die der Herr Director hielt, welcher den Unter⸗ thanen des Gutes ſeine Gattin, die„Mutter des Volkes“, vorſtellte, deren Liebe Allen verheißen ward, die ſich dieſelbe zu verdienen wiſſen wuͤrden, und die zweite, eine ganz vortreffliche Rede, enthielt Frau Walborgs letzte Ermahnungen an ihre Tochter, in Bezug auf die Art und Weiſe, auf welche ſie ſich als Hausfrau und Mut⸗ ter zu benehmen haͤtte. Aber, o weh, wir nehmen nun Abſchied von dem erheiternden Beiſammenſein mit Frau Walborg, dem Alten und dem Wagen, Abſchied von dem Herrn Di⸗ rector und der Frau Directorin. Aber wir koͤnnen dies nicht, ohne zugleich die angenehme Verſicherung mitzunehmen, daß Frau Jolli Dick ihrerſeits der Mei⸗ nung iſt, außer ihrem geliebten Manne, den Stuͤhlen mit den rothſeidnen Ueberzuͤgen und dem großen Kron⸗ leuchter, der ſo prachtvoll ausſah, wenn er an einem wichtigen Feſte angezuͤndet ward, Alles entbehren zu koͤnnen. Eben ſo waͤre es unverzeihlich, nicht zu erwaͤh⸗ nen, daß Frau Walborg und der Alte ſtets als die vornehmſten Gaͤſte des Hauſes angeſehen wurden, und daß ſogar Jerker— deſſen Erziehung endlich die gluͤck⸗ liche Wendung nahm, daß er nicht mehr„haͤ“ ſagte and eben ſo wenig die Beine auf den kleinen Kaſten zu ſtemmen ſuchte, wenn ſeine Herrin vom Brote fuͤr den Alten ſprach— daß Jerker, ſagen wir, als ein Anhaͤngſel von Frau Walborg, auch ein Anhaͤngſel der Familie wurde. Und endlich muͤſſen wir zuletzt noch die Verſiche⸗ rung beifuͤgen, daß wenn am Schluſſe unſerer Ge⸗ ſchichte noch ein, wenn auch noch ſo kleines Plaͤtzchen uͤbrig bleibt, mir nicht ermangeln werden, daſſelbe fuͤr die Nachricht zu benutzen, welche wir bis dahin viel⸗ leicht von den einzigen gluͤcklichen Sterblichen erhalten haben, denen„nichts mehr zu wuͤnſchen uͤbrig blieb.“ Philipp war ſeit ungefaͤhr acht Tagen in Arnolds Hauſe— wo er jedoch der langweiligſte Gaſt war, der jemals hier geſehen worden, denn er ging faſt niemals aus ſeinem Zimmer heraus— als er eines Abends einen Brief erhielt, deſſen bloße Aufſchrift ſein Blut in Gaͤhrung brachte. Nun iſt es wohl wahr, daß dieſes arme, ungluͤck⸗ liche Blut ſo haͤufigen und ſo heftigen Gaͤhrungen aus⸗ geſetzt geweſen, daß es gerade nicht einer ſehr abſonder⸗ lichen Merkwuͤrdigkeit bedurfte, um es auf's Neue zu erſchuͤttern. Aber dieſe Handſchrift— die niemals etwas Gutes verkuͤndete— ſtand in Verbindung mit aͤußerſt wichtigen Vorfaͤllen. Es war daher nicht zu verwundern, daß Philipp, als er ſie wiederſah, ſein unruhiges Blut in Wallung kommen fuͤhlte, und zwar in eine um ſo ſtaͤrkere Wal⸗ 87 lung, als er eine ganze Woche nicht jene uͤberreizenden Gemuͤthsbewegungen empfunden, welche ſonſt die ewige Kette ſeines Lebens ausmachten, wie wohl ihm auch die Ruhe that, wenn ſie einmal eintrat. Der Doctor war dieſen Abend nicht zu Hauſe. Adele hatte den Brief mit dem Theegeſchirr hin⸗ aufgeſchickt, denn da Philipp ſich merken ließ, daß er allein ſein wollte, ſo ließ Adele es ihn auch ſein. Sie fuͤhlte durchaus keinen Beruf, die Rolle zu erneuen, welche Honorine fuͤr den Eremiten im Ge⸗ birge geſpielt hatte. 4 „Man muß ihn nicht verwoͤhnen!“ pflegte ſie zu ihrem Gatten zu ſagen.„Das iſt eben das Ungluͤck dieſes Mannes, daß die Frauen ſich zu ſehr mit ihm beſchaͤftigt haben.“ Am vorhergehenden Poſttage hatte Philipp auch einen Brief bekommen. Aber dieſer war von ſeiner Verlobten, welche ihm mittheilte, daß ſie mit dem Propſt geſprochen, und daß ihrer Wiedervereinigung keine Schwierigkeiten im Wege ſtuͤnden. Es iſt natuͤrlich, daß die Worte nicht ſo einfach aufeinander folgten, wie wir ſie hier aufgeſtellt haben — der Sinn derſelben watete gleichſam durch ein gan⸗ zes Meer von Poeſie, Liebe, Entzuͤcken und Verwir⸗ rung hindurch. Im Ganzen genommen, war doch der Brief nur eine angenehme Beſtaͤtigung deſſen, was Philipp ſchon 88 wußte, denn auch er hatte ſich befragt und er dachte nun daruͤber nach, ob der Schritt ſogleich gethan wer⸗ den ſollte, und welchen Ort man in dieſem Falle zum kuͤnftigen Wohnſitz zu beſtimmen haͤtte. Es ſollte dies durchaus ein ſolcher ſein, der von allen zeitherigen Freunden und Bekannten und allen alten Verbindungen weit entfernt waͤre. Vielleicht war es am beſten, das erſte Jahr eine Reiſe zu machen... Aber leider war er des Reiſens muͤde, und uͤberdies konnte man in dieſem Falle viel⸗ leicht glauben, daß ſie nicht hinreichenden Muth beſa⸗ ßen, der Welt das ſeltene Beiſpiel zu zeigen, welches ſie geben wollten. Gerade dies Alles war es, was ihm im Kopfe her⸗ umging, als der letzte Brief anlangte und den Gaͤh⸗ rungsproceß ausuͤbte, von welchem wir ſchon geſpro⸗ chen haben. Die Handſchrift war Anima's. Dieſer boͤſe Engel ſeines Gluͤckes lebte alſo noch, wollte noch einmal ihn an den unſeligen Einfluß erin⸗ nern, den ſie auf ihn ausgeuͤbt. „»Und was hat ſie fuͤr Grund dazu?“ murmelte er.»„Als ich vor meiner Abreiſe nach dem armen We⸗ ſen fragte, welches ſie meiner Fuͤrſorge vermacht, ſagte man mir ja, es ſei beſtimmt worden, daß das Kind noch ein Jahr dableiben ſollte, wo es waͤre. „llh, jetzt weiß ich es,“ ſetzte er hinzu, nachdem er einige Augenblicke nachgedacht,„das Jahr iſt abge⸗ laufen... Nun, Gott ſei Dank, dies iſt eine natuͤr⸗ liche Veranlaſſung, die Hochzeit und die Abreiſe zu be⸗ ſchleunigen— denn es iſt immer das Beſte, wenn wir eine Reiſe machen. Und dieſer Brief muß mich alſo eher erfreuen, als betruͤben.“ Nachdem er zu dieſem Schluſſe gekommen, er⸗ brach er den Brief haſtig. Aber der Inhalt verſetzte ihn in ein neues und ernſteres Fieber: „Anima's letzter Brief an Alexis! „Ich habe dieſe Ueberſchrift gewaͤhlt, um den Ein⸗ druck einer Botſchaft von der armen Anima minder wi⸗ derwaͤrtig zu machen. „Ich bitte, mich anzuhoͤren! „Die Zeit iſt da, die Zeit, wo ich Alexis das un⸗ gluͤckliche Unterpfand eines Bundes uͤberlaſſen werde, deſſen Daſein ich mit meinem Blute zuruͤckerkaufen moͤchte. „Aber leider kann ich mit allem meinen Blut nichts zuruͤckerkaufen. „Meine Strafe iſt groß geweſen, ja groß— ſie iſt grauſam geweſen. Aber ſie war verdient, denn mein Fehler gehoͤrte zu der Gattung, fuͤr welche ein Weib am ſchwerſten buͤßen muß. „Möoͤge Alexis nun nicht die Bitte abſchlagen, von welcher fuͤr Anima beinahn das Leben abhaͤngt. 90 „Ich hatte geſagt, daß das Schickſal mir nicht erlaubte, Alexis wiederzuſehen und dies war damals auch der Fall. Aber ſeitdem iſt es anders geworden, und Anima wird ohne Zweifel vor Schmerz ſterben, wenn Alexis ihr eine Zuſammenkunft abſchlaͤgt. „Folgendes iſt Alles, was ſie wuͤnſcht: „Alexis ſoll ſich noch einmal am 8. Juli Abends in der Schwalbenhuͤtte einfinden, um mit Anima die Bedingungen aufzuſetzen, unter welchen ſie alle Rechte auf das arme Weſen aufgiebt, fuͤr deſſen Zukunft Alexis zu ſorgen verſprochen hat. „Wenn Anima ſich taͤuſcht, wenn Alexis ſich wei⸗ gert, zu kommen, dann moͤge er uͤberzeugt ſein, daß grauſame Gewiſſensbiſſe ihn unaufhoͤrlich verfolgen wer⸗ den, denn dann hat er ein ungluͤckliches Weib betro⸗ gen, welche auf ſeine Ehre und Rechtſchaffenheit ihre letzte Zuverſicht baute. „Aber ich muß noch etwas ſagen, etwas, was es Alexis zu einer Unmoͤglichkeit machen wird, nicht zu kommen. „Alexis moͤge denn wiſſen, daß Anima ein Geheim⸗ niß zu entdecken hat, ein Geheimniß, welches Alexis nicht ahnet, welches er nicht einmal in ſeinen aus⸗ ſchweifendſten Traͤumen ahnen konnte. „Ich bitte daher Alexis, zu kommen— Anima wartet! „Den 8. Juliz es iſt nicht lange mehr bis dahin 91 und dennoch wie lange, wie lange fuͤr die von tauſend Qualen zerriſſene Anima.“ „Ein Geheimniß, das ich nicht einmal in meinen ausſchweifendſten Traͤumen ahnen koͤnne— was ſoll das bedeuten... was kann das bedeuten? „O, gewiß nichts. Es iſt nur eine geſchraubte Re⸗ densart, um meiner ſicher zu ſein... Doch nein— etwas muß es bedeuten. „Es war nicht genug, daß Zwei ſich um mich ſtritten... nun kommt auch noch eine Dritte... Ha, dieſe Weiber, dieſe Weiber! Ihre Kaͤlte und Gluth kommt gleich unerwartet. Sie ſind geſchaffen, um eine lebendige Zerſtoͤrung auszumachen.“ Er fing an heftig auf und ab zu gehen. Er fuͤhlte ſich von einer ploͤtzlichen, einer unwi⸗ derſtehlichen Furcht ergriffen. Er entſetzte ſich vor einer Begegnung mit Anima, dieſes Mal wahrſcheinlich von Angeſicht zu Angeſicht, und dennoch kam ſie ihm wie eine jener Zauberſchlan⸗ gen vor, zu welchen man gegen ſeinen Willen hinge⸗ zogen wird. Sie floͤßte ihm einen geheimen, aber deswegen nicht weniger wirklichen Abſcheu ein, und gleiwohl ſchlugen ſeine Pulſe ſtuͤrmiſch, als er daran dachte, daß er nun endlich das Weib zu ſehen bekommen wuͤrde, 92 deſſen Zauberkraft einen ſo ungeheuern Umſturz ſeines Lebens bewirkt hatte. War es nicht ſie, die an der Scheidung Schuld war?— Ach ja, ſie und Niemand weiter trug die große Schuld, ſowohl an ſeinen eigenen, als an Lilia's Leiden. Dann war es wohl nicht zu verwundern, daß er ſie haßte, daß er ſie haßte mit der ganzen Kraft ſeines leidenſchaftlichen Gemuͤths. Nein, es war nicht zu verwundern— aber ſehr zu verwundern war es, daß er mitten in dieſem Haſſe ein Zittern des Mitleidens, einen Hauch von Zaͤrtlichkeit fuͤhlte. 2 Kurz, ſeine Gefuͤhle, Eindruͤcke und Ideen waren ſo verworren, daß er keinen Ausweg ſah, daruͤber klar zu werden. Sie waren, ſo zu ſagen, in's Freie gerathen, und kamen gewiß in keine Art von Einhegung, ſo lange nicht die große Zuſammenkunft mit Anima ſtattgefun⸗ den halie Am folgenden Morgen ſuchte der Poet ſeine Wirthsleute auf, und erklaͤrte, daß er genoͤthigt ſei, fruͤher Abſchied zu nehmen, als er gedacht. Eine ge⸗ wiſſe Angelegenheit riefe ihn ab. Nun, ſollte aber Herr Thurné nicht af Albans 93 Lehrer abwarten— das war ja ausgemacht!“ ſagte Adele. „Allerdings... aber... aber... es wird wohl auf alle Faͤlle nicht ſo lange dauern, bevor ich wieder⸗ komme.“ Nun verſtand Arnold Alles und ſagte im freund⸗ ſchaftlichſten Ton: „Reiſe ruhig, Bruder, und komme nach ſo langer oder ſo kurzer Zeit wieder, als Du willſt— der Junge iſt in guten Haͤnden.“ „Das weiß ich recht wohl. Doch muß ich auf⸗ richtig erklaͤren, daß... daß meine Wiederverheira⸗ thung wahrſcheinlich in der naͤchſten Zeit ſtattfindet und dann...“ „Nun, uͤber alles dies werden wir ja ſprechen, wenn die Zeit kommt. Du haſt ja noch nicht beſtimmt, wo Du Deine vier Pfaͤhle aufſchlagen willſt.“ „Wo dies auch ſein mag, und ſelbſt wenn wir anfangs eine Art Nomadenleben fuͤhren, ſo ſoll doch Alban bei uns ſein. Ich habe das einmal beſchloſſen.“ „Aber,“ wendete Adele ein,„das waͤre ja ganz und gar unzweckmaͤßig fuͤr ſeine Erziehung, die doch nun ordentlich beginnen muß.“ „O nein, ich glaube im Gegentheil, und uͤberdies habe ich mit Schmerz gefunden, daß der Knabe ſo un⸗ natuͤrliche Gefuͤhle fuͤr die hegt, die er verehren und lieben ſoll, daß nichts nothwendiger ſein kann, als daß 94 er mit ihr zuſammengebracht wird, deren Recht es nun bald ſein wird, allein ihn in ihrer Obhut zu haben.“ „Aber, mein Gott,“ antwortete Adele, außer Stande, ihren Unwillen laͤnger zu beherrſchen,„kann man wohl verlangen, daß ein armes Kind eine Mutter verehre und liebe, welche es dem Spiel des Zufalls preisgegeben hat?— fuͤrwahr, das iſt doch wohl ein wenig ſtark.“ „Ich glaube nicht, geehrte Frau,“ ſagte Philipp etwas erbleichend,„daß es unangemeſſen geweſen waͤre, wenn man Alban andere Lehrſaͤtze beigebracht haͤtte. Und ich erlaube mir, hinzuzufuͤgen, daß ich das von der hochſinnigen und vollkommenen Frau erwarten konnte, die ihm die Fuͤrſorge einer Pflegemutter gewidmet hat.“ Bei dieſem Ausfall ſtand Adele, purpurroth vor Zorn, auf. 4 Arnold wollte dazwiſchen treten, aber er war nicht ſchnell genug und die junge Frau ſprach, Philipp einen veraͤchtlichen Blick zuwerfend, die Worte: „Es fehlte nur noch, daß Sie, mein Herr, es wa⸗ gen, eine Anklage gegen eine Frau zu ſchleudern, welche den grenzenloſeſten Edelmuth und die grenzenloſeſte Nachſicht in Bezug auf Sie gezeigt hat. Aber, damit ich nicht meinerſeits ebenfalls Gegenſtand einer ſolchen Anklage werde, ſo will ich im Voraus erklaͤren, daß ich mich niemals ſo weit erniedrigen werde, mit Ihrem 95 Sohne von Verehrung und Liebe zu ſprechen, wenn von der Perſon die Rede iſt, welche bewieſen hat, daß ſie keins von beiden verdient.“ „Und ich, geehrte Frau, ich danke Ihnen fuͤr dieſe Erklaͤrung, welche es mir zu einer heiligen Pflicht macht, Sie ſobald als moͤglich einer Aufgabe zu ent⸗ heben, welche Sie auf eine ſo vortreffliche Weiſe zu er⸗ fuͤllen beabſichtigen.“ „Wie,“ ſagte der Doctor jetzt mit ſeiner ruhigen, aber kraͤftigen Stimme,„ſchaͤmſt Du Dich nicht, Phi⸗ lipp, dieſe Sprache gegen eine Frau zu fuͤhren, der Du Deine hoͤchſte Achtung und groͤßte Dankbarkeit ſchuldig biſt? Verzeihe ihm, liebe Adele... Philipp iſt gegenwaͤrtig nicht wie ein Menſch in gewohnlichen Um⸗ ſtanden zu betrachten.“ „Sehr ſchoͤn,“ antwortete Philipp gereizt,„Du haſt immer die Schwaͤche getadelt, die ich fuͤr meine Frau hatte, und noch habe; aber Du ſiehſt nicht ein, daß Du in der Schwaͤche fuͤr die Deine ſo weit gehſt, ihr zu Gefallen einen Freund zu beleidigen.“ „Wir ſind am Ende Beide Narren!“ ſagte der Doctor und verſuchte zu laͤcheln, um den kleinen Sturm zu beſchwichtigen, und die beiderſeits gefallenen bittern Worte in Vergeſſenheit zu bringen. Doch, wie dies zu gehen pflegt, ſo iſt nichts ſchmerzhafter, als kleine Wunden dieſer Art. Und trotzdem, daß Philipp jetzt auch ſeinerſeits 96 laͤchelte, ja trotzdem, daß er bei Adelen ſeine Heftigkeit entſchuldigte, ging gleichwohl eine große Kuͤhlheit durch die Herzen, welche ſchon vorher in Bezug auf einan⸗ der eben keinen Ueberfluß an Waͤrme gehabt hatten. Adele, die vielleicht am meiſten Unrecht gehabt, reichte mit einem guten Blicke Philipp die Hand hin. „Es galt Honorinen,“ ſagte ſie ſanft,„das iſt meine Entſchuldigung. Sie koͤnnen jedoch wegen Al⸗ bans ganz ruhig ſein, denn er wird bei mir eben ſo wenig in irgend einer Gefahr ſtehen, als bei Hono⸗ rinen.“ Als die Maͤnner allein waren, tauſchten ſie noch verſchiedene Verſicherungen gegen einander aus. Warvner erinnerte an die uͤbergroße Empfindlich⸗ keit, die eine Folge von Adelens Zuſtand waͤre. Phi⸗ lipp erinnerte an die ungemeine Reizbarkeit, die in der letzten Zeit und in Folge der Urſachen, die Arnold kennte, in ſeinem Charakter entſtanden waͤre. Aber Verſicherungen und Entſchuldigungen ſind nichts als Redensarten und Redensarten befriedigen nicht das Beduͤrfniß des Herzens. Philipp wollte nun ſobald als moͤglich abreiſen. Er ſah ein, daß ſeine beabſichtigte Heirath ihn von ſeinen Freunden ſchon ſo gut wie geſchieden hatte ſogar ſein eigner Schwager, Lilia's eigner Bruder, konnte es nicht uͤber ſich Hewinnan, 2 zu Llauhen, duſ die Sache wirklich Ernſt ſei. — 97 „Mag es denn ſein,“ rief der geplagte Mann bei ſich ſelbſt.„Mit ihr kann ich Alle entbehren... Aber nun erſt fort nach der Schwalbenhuͤtte.“ Er ſeufzte tief— er wuͤnſchte ohne Zweifel, daß er dieſer Reiſe haͤtte ausweichen koͤnnen. Aber Anima rief, Anima ſprach von einem Ge⸗ heimniß und noch einmal fragte er ſich: „Was kann das bedeuten?“ Ein Gerücht. VIlI. 15. Die Schwalbenhütte. Zwiſchen zwei ſteilen, ſandigen Ufern, von einem zwergartigen Walde bedeckt, liegt der Schwalbenſee, der ſeinen Namen wahrſcheinlich von der ungeheuern Menge von Schwalben erhalten hat, die waͤhrend der Sommer⸗ monate auf ſeiner ſpiegelnden Flaͤche hin⸗ und her⸗ ſtreifen. Auf dieſem Kinde des Meeres— denn der Schwalbenſee iſt der Arm eines Stromes, der mit den ſalzigen Wogen zuſammenhaͤngt,— gehen die meiſten Wogen wohl nicht ganz beſonders hoch, aber doch hin⸗ reichend, um in einer einſamen Abendſtunde oder waͤh⸗ rend eines naͤchtlichen Schimmers ſich in einer gewiſ⸗ ſen Majeſtaͤt zu zeigen, waͤhrend gleichzeitig ihr dum⸗ pfes Brauſen dem Ohre mit der Harmonie ſchmeichelt, die nur den Concerten der Meergeiſter eigen iſt. Es war ungefaͤhr halb acht Uhr Abends, als nem der nge ner⸗ her⸗ der den ſten hin⸗ 8 -aͤh⸗ wiſ⸗ um⸗ helt, als 99 Philipp— deſſen Reiſe durch den tiefen Sand der Straßen etwas verzoͤgert worden— ſich langſam dem Ziele ſeiner Reiſe naͤherte. Seine Gemuͤthsſtimmung, die den ganzen Tag uͤber eine ſehr duͤſtere geweſen, hatte jetzt waͤhrend des Abends durch die unguͤnſtige Witterung noch mehr ge⸗ litten. Der von einer ſchwarzen Huͤlle bedeckte Himmel ließ unaufhoͤrlich einen dichten Regen herabſtroͤmen. Philipp blickte ungeduldig in die Weite. Bergauf und bergab und noch zeigte ſich nicht das Vorgebirge, wo die Schwalbenhuͤtte im Schooße eines kleinen, mit Kiefern bewachſenen Thals verborgen lag. Als unſer Held das letzte Mal dieſen Weg ge⸗ reiſ't war, war ihm die Landſchaft ganz anders vorge⸗ kommen. Da hatte ſie flach ausgeſehen, wie man es an einem Decembertage erwarten konnte. Jetzt aber ſchien es ihm, als ob alle dieſe dunkelgruͤnen Wald⸗ maſſen blos hierher geworfen worden waͤren, um ſeine Augen zu belaͤſtigen, die den Anblick, den er erwartete, gleichzeitig ſcheuten und erſehnten. „Und dieſer verwuͤnſchte Regen,“ murmelte er, indem er das Waſſer von ſich ſchuͤttelte...„vielleicht iſt ſie ſchon voraus? Ganz gewiß... Wie wird ſie mich empfangen? Ohne Zweifel mit einer Comoͤdie. Gut, ich bin auf meiner Hut, ich mache mich auf Alles gefaßt, obſchon ich nichts begreife.“ 7* 100 Endlich ſchien gleichſam ein breites, purpurrothes Band durch die ſchwarze Huͤlle des Himmels hindurch⸗ zuglaͤnzen. Es war ein kleiner Theil der Sonnenſcheibe, der ſich durch das Dunkel Bahn brach und bei dieſem Schein entdeckte unſer Reiſender endlich das einſame Vorgebirge und mitten unter deſſen wilden Tannen⸗ gruppen das bekannte kleine Haus. Es ſchien inzwiſchen eben ſo ſtill und eben ſo oͤde zu ſein, als da er das erſte Mal da war. Kein Menſch war ſichtbar, kein lebendes Weſen, nicht einmal ein Hund oder eine Katze. Dieſe tiefe Stille, die durch nichts unterbrochen ward, als durch das Raſſeln der Raͤder im Sande und das Praſſeln des Regens unter den Aeſten, hatte etwas unbeſchreiblich Druͤckendes. Und nicht minder druͤckend fuͤhlte dies Philipp, als er endlich auf den Hof kam. Die Thuͤr des Hauſes war zugeſchloſſen— die Bewohner mochten wohl keinen Beſuch geahnt haben oder wenn ſie einen ahneten, war ihre Gleichgiltigkeit ſo groß, daß ſie es nicht der Muͤhe werth hielten, ſich 3 von der Stelle zu ruͤhren. Philipp ſtieg aus und ging auf dieſe eigenſinnig verſchloſſene Thuͤr zu, die nur durch zwei Stufen von dem Hofplatze geſchieden ward. —ͦ——&ᷣ— ☛ en —— 101 Die Thuͤr war nur eingeklinkt. Der mißmuthige Gaſt oͤffnete ſie daher. Aber dies war nicht ſobald geſchehen, als deutlich Laute von eigenthuͤmlicher, geheimnißvoller Art an ſein Ohr ſchlugen. Seine Wange, die eben noch von der ſtarken Circulation des Blutes geroͤthet war, erbleichte ploͤtzlich, als ob der Flaum neugefallenen Schnees ſie beruͤhrt haͤtte. Was waren es denn fuͤr Laute, die er hoͤrte? Was war es, was ihn bewog, ſtehen zu bleiben, und die Hand an die Mauer der Hausflur zu legen? Sicherlich war es keine Comoͤdie und nicht im mindeſten die Rede von einem Gaukelſpiel, denn ſowie er horchte, ward ſein Athemzug immer kuͤrzer und keu⸗ chender. Und eine Bewegung von Gott weiß was hielt ſeine Hand allemal zuruͤck, wenn er ſie an das Thuͤr⸗ ſchloß legen wollte. Was er hoͤrte, war der eintoͤnige und klagende Klang eines Sterbepſalms, von zwei Stimmen geſun⸗ gen, in welches duͤſtere Duett ſich dann und wann ein Schluchzen miſchte. Endlich ermannte er ſich... Aber da er doch nicht Kraft genug beſaß, die Thuͤrklinke niederzudruͤcken, ſo pochte er einige Mal leiſe an. 1 Dieſes Signal blieb inzwiſchen unbeantwortet. Noch einen Augenblick wartete er, einen Augen⸗ 1⁰² blick, waͤhrend deſſen ſeine Angſt unaufhoͤrlich zu⸗ nahm. Aber nun konnte er nicht laͤnger warten— ſeine Hand ward ſtark, ſie faßte die Klinke und er kam hin⸗ ein, ohne zu wiſſen wie. e Seine erhitzte Phantaſie hatte ihm mehrere Bil⸗ der gezeigt. Beſonders kafand ſich darunter eins, wel⸗ ches unaufhoͤrlich wiederkam;z es war das einer ſchoͤnen, unbekannten Frau mit leichenblaſſer Stirn. Aber kein ſolcher Anblick zeigte ſich ſeinem Auge. Was er dagegen ſah, waren die zwei alten Frauen, die er ſchon fruͤher geſehen. Sie ſangen zuſammen den langen, traurigen Sterbepſalm, waͤhrend das arme, junge Maͤdchen, welches er ebenfalls geſehen, weinend an einem kleinen, weißen Bett ſaß, auf welchem das noch lebende Gerippe eines Kindes ſich langſam bewegte, be⸗ vor der Lebensfunken voͤllig verloͤſchte. Und dieſes Kind, dieſes arme Kind, hatte er die⸗ ſes nicht auch geſehen? Philipps Herz ward ſchwer wie Blei— ſein Schluchzen brach aus einer eben ſo gepreßten Bruſt hervor... er ſtuͤrzte vor dem kleinen Bett auf die Knie nieder. Das Maͤdchen, welches die Waͤrterin des Kindes geweſen, gab in ihrem ungekuͤnſtelten Schmerze nicht Acht auf die Unterbrechung. Ihre Thraͤne fielen neben 4 103 den Philipps auf die kleinen, verblichenen Haͤnde des Kindes. In dieſem Augenblick verſtummte der Geſang. Eine der beiden alten Frauen trat heran und beruͤhrte Philipp ſchuͤchtern an der Schulter. „Herr,“ ſagte ſie, mit demuͤthiger und bittender Stimme,„wir haben keine Schuld. Die Kleine iſt gut abgewartet worden, aber ſeit ein paar Wochen hat unſer Vater im Himmel das arme Wuͤrmchen zu ſich nehmen wollen.“ „Und Ihr habt nicht geſchrieben... „An die Mutter, meinen Sie? Ach, lieber Gott, das Schreiben machte gar ſo viel Umſtaͤnde! Wir ſoll⸗ ten es nur im aͤußerſten Nothfalle thun, und dann ſollte der Brief an ein Fraͤulein gerichtet werden, und durch die Haͤnde unſers Pfarrers gehen. Nun war die arme Lieſe am Donnerſtage ſowohl, als auch am Frei⸗ tage auf dem Pfarrhofe, aber an beiden Tagen war der Paſtor auf dem Filial. Und daher erhielten wir erſt Freitag Abend einen Brief, daß ſie ſelbſt kommen wollte, gleich als ob ſie es geahnt haͤtte— und das war auch das Beſte.“* „Aber um Gotteswillen, iſt denn hier kein Arzt, den Ihr haͤttet koͤnnen rufen?“ fragte Philipp, waͤhrend ſein gemarterter Blick von dem Kinde ſich zu der Frau wendete. „Der Doctor wohnt vier Meilen von hier. Abee 104 was haͤtte das genuͤtzt?— Ich bin in Krankheiten ſo bewandert, wie nur irgend Jemand und ich habe Alles angewendet, was recht und klug iſt. Aber wenn kleine Kinder vom Schlage getroffen werden, ſo iſt niemals eine Huͤlfe moͤglich. Hier iſt Alles aus— und kommt die Mutter nicht binnen einer Stunde, ſo... Philipp ſprach nicht mehr. Er beugte ſein Haupt nieder zu dem armen, ohnmaͤchtigen Weſen, deſſen ſtei⸗ fer, ſtillſtehender Blick mit der Schaͤrfe von tauſend Dolchen in ſein Herz drang. Er wollte beten, er verſuchte zu beten, aber das Gehet wollte nicht auf ſanften Schwingen ſich ſeiner Seele nahen. Eine Stimme ſagte: „Dieſe verwelkte und erbleichende Blume wird binnen einer Stunde im Garten des Himmels Wurzel faſſen— dort wird ſie ſchoͤn, laͤchelnd und bluͤhend em⸗ porwachſen, denn dort iſt ewiges Leben und ewige Ju⸗ gend. Bete daher ſtatt deſſen fuͤr Dich und fuͤr ſie, um deren Suͤnde willen dieſes Weſen beſtimmt ward, eine kurze Zeit die Feſſeln der Erde zu tragen, um derent⸗ willen es beſtimmt ward, zu leiden, zu weinen, zu kaͤmpfen und zu ſterben.“ Philipps Gemuͤthsbewegung ward immer ſtaͤrker und heißer, waͤhrend kalte Schweißtropfen von ſeiner Stirn troffen. — u ᷣ— R u— ⏑ — —— Die Bilder einer entſchwundenen Zeit rollten ſich vor ſeinen Blicken auf— er litt entſetzlich. Auf dem Kopfkiſſen, neben dem gelbbleichen Ant⸗ litz des Kindes, welches zuſammengeſchrumpft war, wie ein vertrocknetes Blatt, ſah er unaufhoͤrlich die ſchwarze Sammtmaske, welche die Zuͤge der Unbekannten be⸗ deckt hatte. Und er ſah auch zwei Augen durch die Maske blitzen und er hoͤrte erſtickte, ſchmerzliche Toͤne daraus hervorpreſſen. Es war der Geiſt der Mutter, der ſich darin ver⸗ barg, in der Larve ohne Koͤrper. Und dieſer Geiſt weinte und klagte, und rief das verloͤſchende Kind um Verzeihung, um Frieden an. Und der Mund des Kindes verzog ſich endlich zu einem Laͤcheln, waͤhrend ſchwebende, gebrochene, faſt un⸗ hörbare Toͤne uͤber die weißen Lippen ſaͤuſelten. Und dieſe Toͤne waren ſo ſanft, ſo zaͤrtlich, ſo weich, daß man verſtand, daß ſie von Verzeihung, von Hoffnung, von Frieden ſprachen. Es ſchlug haib zehn Uhr. Philipp hatte ſich nicht von der Stelle geruͤhrt. Waͤhrend der ganzen letzten Stunde hatte er nur das Leben der Seele gelebt. Er hatte vernommen, daß mit dem letzten Tone das Kind zu Gott zuruͤckgekehrt ſei. Was er gehoͤrt, war 106 eine Aeolsharfe geweſen, auf welcher der Geiſt, von ſanften Sommerwinden getragen, waͤhrend ſeines Flu⸗ ges von der Erde zum Himmel ſpielte. Nun endlich blickte er auf— Alles war ſo, wie er wußte, daß es ſein mußte. Eine kleine, blaſſe Leiche lag vor ihm. Er legte die Hand auf das ſtumme Herz. Vor Kurzem klopfte es noch wie das eines zitternden Vogels, den man in dem Gefaͤngniß der Hand eingeſchloſſen haͤlt. Philipp befand ſich in dieſem Augenblick allein an dem Bett. Die Frauen hatten ſich zuruͤckgezogen. Es war ſo finſter in dem Zimmer, daß er das Angeſicht der Kleinen nicht geſehen haben wuͤrde, wenn nicht die ſterbende Abendſonne dann und wann einen Strahl herabgeſchickt haͤtte, der es erleuchtete. Der Regen ſtroͤmte unaufhoͤrlich— er ſchlug an die Fenſterſcheiben und ſein Gepraſſel in den Baͤumen davor bildete einen noch traurigerern Sterbegeſang als den, welchen die Frauen vor Kurzem angeſtimmt. Philipp ſtand auf. Auf ſeiner Stirn lag ein ſo tiefer, und ergreifen⸗ der Ernſt, daß er das Gewand des Schmerzes ver⸗ ſchmaͤhete. In dieſem Ernſt lag etwas, was mehr ausdruͤckte als Schmerz, mehr als Kummer, mehr als vergebliche Reue. „Ich danke Euch, Ihr ehrlichen Frauen,“ ſagte er mit einer Stimme, die nicht einmal zitterte;„ich danke Euch fuͤr das Gute, das Ihr mir gethan, denn das Gute, das Ihr dieſem Engel gethan, habt Ihr auch mir gethan... Erfuͤllt nun meinen Willen, denn ich habe ein Recht, denſelben auszudruͤcken.“ Die Frauen ſahen ihn mit fragenden Blicken an⸗ „Dieſe Thuͤr,« hob er wieder an, indem er ſich nach einer andern Seite hinwendete,„geht, wie ich mich entſinne, in ein beſonderes Gemach.“ „Ja, es iſt das, in welchem die junge Frau ſchlafen ſoll.“ „Gut— tragt das Kind in ſeinem Bett hinein.“ „Da hinein* „Und dann— verſprecht mir dies heilig, bei dem Weſen, welches nun gluͤcklich iſt— laßt Euch nichts merken, wenn die junge Frau kommt.— Sie wird ge⸗ wiß noch kommen.“ „Aber...“ „Wollt Ihr ſie denn gleich bei ihrem Eintritte um's Leben bringen? Laßt Euch nichts merken, ſage ich, ſondern ſagt ihr, der fremde Herr ſei mit dem Kinde in der Kammer.. er erwartete ſie... verſteht Ihr, lieben Freundinnen?“ „Er hat recht, Mutter,“ ſagte das arme Maͤdchen. „Es iſt beſſer, daß der Herr ihr Alles ſagt; er weiß beſſer, als wir, die Worte zu waͤhlen.“ „Ich bin derſelben Meinung, wie Britta,“ ſagte ——— 108 die Großmutter zu ihrer Tochter.„Wir ſagen ja keine Unwahrheit— es mag geſchehen, wie der Herr will.“ „Wenn nur Britta nicht anfaͤngt, zu weinen, wenn ſie die rechte Mutter ſieht.“ „Das wuͤrde ich auch thun, wenn ich ſie erblickte, Mutter; aber ich will auf den Boden gehen, und da allein fuͤr mich weinen.“ Und ſo ward Alles ruhig und ſtill. Das weiße Bett mit dem weißen Kinde ward in die Kammer getragen. Und ein rother Shawl ward leicht uͤber den ſchlummernden Engel geworfen, damit es auf den erſten Anblick ſcheinen moͤchte, als ob der Engel nur in einen irdiſchen Schlaf geſunken waͤre.— Als dieſe Anordnungen getroffen waren, ließ Philipp den Vorhang vor dem einzigen Fenſter her⸗ unter, zuͤndete ein Licht an, und ſetzte ſich vor den Tiſch, auf den er ſeine Arme ſtuͤtzte, waͤhrend das ſchwere Haupt wieder in die zuſammengefalteten Haͤnde ſank.—— In dieſer Stellung begann er zu warten, und zu lauſchen. Aber nichts ließ ſich hoͤren, kein Laut als der Regen, welcher immer toller herabſtuͤrzte. „Sie kommt noch... ſie kommt noch.“ Dieſe drei Worte waren die einzigen, die dann und wann uͤber ſeine Lippen ſchwebten. Und jedes Mal, wo er ſie ſprach, hob er leiſe den Kopf empor, und wendete denſelben nach dem kleinen Bett. Der Schatten von dem einſamen Lichte fiel ſo, daß er einen truͤgeriſchen Schimmer uͤber den Gegen⸗ ſtand warf, den der Shawl zur Haͤlfte verdeckte. So⸗ gar Philipp ſelbſt glaubte zuweilen, daß das Leben in den weißen Marmor zuruͤckgekehrt ſei, und daß er nicht mehr ſo kalt zu ſein ſchiene, wie vor Kurzem. Bald aber begannen ſeine Gedanken wieder eine unbeſtimmte, oder richtiger geſagt, unſichere Richtung zu bekommen. Sie geſtalteten ſich auf's Neue zu einer Phantasmagorie, in welcher er Alles ſchaute, was er nicht ſchauen wollte. Bevor aber der Nebel ihn ganz und gar umſchloß, zerriß er. Ein Geraͤuſch, ein anhaltendes und ſchwerfaͤlliges Geraͤuſch, hallte an den Sandhuͤgeln wider. Es war das Geraͤuſch eines Wagens, den ermuͤdete Pferde wei⸗ ter ſchleppten. Eine ploͤtzliche und tiefe Roͤthe bedeckte Philipps Wangen. Die kalten Schweißtropfen wurden warm. Sein Blick ward klar und feſt, ſeine Stirn nahm wieder den Ausdruck eines beſtimmten und ruhigen Ernſtes an. Inzwiſchen ruͤhrte er ſich nicht. Aber er horchte mit der aͤußerſten Spannung. Der Wagen hielt. Die Hausthuͤr ging... die Stubenthuͤr ging. Man redete in der Stube, aber gleichzeitig ſo leiſe und ſchnell, daß 11⁰ nicht ein einziges Wort dem Ohre des Lauſchers ver⸗ ſtaͤndlich ward. Darauf ward Alles ſtill wie zuvor. Die Reiſende mußte ſich niedergeſetzt haben, um auszuruhen oder zu uͤberlegen. 16. Anima ahne Maske. Nach einer halben Stunde— aber es war dies vielleicht die laͤngſte halbe Stunde, die Philipp erlebt — ruͤhrte etwas an dem Schloſſe der Kammerthuͤr. „Endlich!“ murmelte er. 8 Aber es ſchien nichts Anderes werden zu wollen, als ein Verſuch zu oͤffnen und dieſer Verſuch ward ſo viele Mal vergeblich wiederholt, daß Philipp in der Abſicht aufſtand, ſelbſt zu oͤffnen. Aber der Schall ſeiner Tritte, deren Richtung ſeine Abſicht verrieth, gab der Hand, welche draußen auf dem Schloſſe ruhte, eine beſtimmtere und ſichrere Kraft. Und nun ſah Philipp, waͤhrend ſein Herz ſo heftig ſchlug, als ob es jede Feſſel ſprengen wollte, wie die Thuͤr ſich langſam immer weiter und weiter oͤffnete, bis endlich die erſten Falten eines ſchwarzſeidenen Gewandes zum Vorſchein kamen und endlich die kleine Geſtalt einer vom Kopf bis zum Fuße in ſchwarze Seide ge⸗ huͤllten Frau ſichtbar ward. Nicht einmal das Geſicht war blos— es trug dieſelbe ſchwarze Sammtmaske, welche Philipp ſchon kannte und durch deren Anblick er furchtbar erſchuͤttert ward, denn er hatte ſie ja eben auf dem Kopfkiſſen neben der ſterbenden Kleinen geſehen. Ebenſo lautlos, wie die Thuͤr ſich geoffnet, ſchloß ſie ſich wieder. Leiſe, wie ein Geiſt, nahte die Frau dem jungen Mann, der wie eine in Erz gegoſſene Bildſaͤule in der Mitte des Gemaches ſtand.. Der Fuß der maskirten Sylphe beruͤhrte kaum die Dielen. Mit gefalteten Haͤnden kam ſie immer naͤher und naͤher und als ſie endlich zu Philipps Fuͤßen ſtand, beugte ſie ſich nieder, als ob ſie auf die Knie fallen wollte und ſtreckte zugleich die feinen Haͤnde empor, die unverhuͤllt geblieben waren, damit vielleicht ihre blen⸗ dende Weiße um ſo beſſer gegen den dunkeln Grund ab⸗ ſtechen ſollte. „Alexis!“ fluͤſterte eine Stimme, welche der Bild⸗ ſäule neues Leben einhauchte. Bis jetzt hatte eine maͤchtigere Kraft, als ſein Wille, ihn gelaͤhmt.— „Geehrte Frau,“ ſagte er kalt, indem er ſich zwei Schritte zuruͤckzog, als ob er die Beruͤhrung mit der —— ₰ Lippen. 113 Beſitzerin der ſchmeichelnden und wunderbar klingenden Stimme ſcheuete,„ich bin gekommen, Ihre Befehle zu empfangen— was wollen Sie von mirr „Alexis!“ wiederholte ſie noch einmal. „Ich bitte Sie, laſſen Sie uns nicht wieder auf dieſe Pſeudonamen und dieſes Gaukelſpiel zuruͤckkommen, welches nicht mehr an ſeinem Platze iſt— wir befin⸗ den uns jetzt auf keiner Maskerade... Noch einmal, was wollen Sie von mir 2“* Mit einer beredten Geberde deutete ſie auf das kleine Bett des Kindes. Ein grauſames Laͤcheln ſpielte um Philipps „Ja, ich verſtehe Sie; Sie kommen, um mir die Bedingungen vorzuſchreiben, unter welchen Sie mir ge⸗ wiſſe Rechte uͤberlaſſen wollen— war es nicht ſo? ... Nun wohl, ſchreiben Sie vor... ich warte.“ Anima ſtand ſtumm da; ſie horchte aufmerkſam auf dieſe Sprache, die ſo verſchieden von der war, welche ſie wahrſcheinlich erwartet hatte. 1 „Oder vielleicht,“ hob Philipp mit noch eiſigerem Hohne wieder an,„daß Ihre zaͤrtliche Mutterliebe in dieſem Augenblick ein anderes Beduͤrfniß empfindet, welches der Uebereinkunft vorangehen muß... viel⸗ leicht ſagen Sie zu ſich ſelbſt: Ich ſollte wohl dieſem Narren wenigſtens weiß machen, daß ich ein Herz Ein Gerücht. VIII, 8 habe— ich muß ihm zeigen, daß nicht er es iſt, der ein Recht auf meinen erſten Gedanken hat, ſondern daß dieſer dem Kinde gehoͤrt, von dem ich erklaͤrt, mich gaͤnz⸗ lich losſagen zu wollen.“ „Aber ich ſage mich nicht davon los! Und Sie ſollen nun ſehen, wie Anima ſich an dem raͤcht, der Arg⸗ wohn gegen ſie hegt, der ſie beleidigen will.“ Und die junge Frau trat naͤher. Ihre Augen blitzten wie Wetterſtrahlen durch die Maske. Sie eilte mit befluͤgeltem Schritt auf das Bett zu. Aber in dieſem Augenblick ward Philipp ſeinem Entſchluſſe untreu. Die wilde, energiſche Spannung ſeiner Geſichtszuͤge ſowohl, als ſeiner Seele, begann zu erſchlaffen. Er ſtreckte ſeinen Arm aus und hielt Anima zuruͤck. „Warten Sie,“ ſagte er mit einer Stimme, die ploͤtzlich von Kaͤlte und Hohn in Sanftmuth und Mit⸗ leiden umſprang,„warten Sie— ich war grauſam; ich hatte ſelbſt ſo tief gelitten, daß ich auch Sie die Strafe leiden laſſen wollte, die mich getroffen. Dies war niedrig, dies war gefuͤhllos; aber der Schmerz macht uns hart und verſtockt.“ Seine Stimme ward ſo unſicher und wankend, daß er nicht fortfahren konnte. Noch aber hielt er den Arm ausgeſtreckt, um Anima von dem Bette des Kin⸗ des zuruͤckzuhalten. — 115 Aber mit einer gewandten Bewegung buͤckte ſie ſich und ſchluͤpfte unter dem hindernden Arme hinweg. „Siehe, Undankbarer, wie ich alle Deine Schmer⸗ zen und Leiden enden laſſe— ſieh und richte!“ Sie ſtuͤrzte uͤber das Kind, welches ſie in die Hohe riß, ohne es anzuſehen, ſchleuderte die Maske von ſich und wendete ſich gegen Philipp. Aber in demſelben Augenblicke hoͤrte man einen zwiefachen, graͤßlichen, durchbohrenden Schrei. Sie hatte entdeckt, daß es eine Leiche war, deren ſie ſich bemaͤchtigt. Er hatte entdeckt, daß dieſes Weib, welches ihm triumphirend das todte Kind entgegenhielt, daß dies Weib— Lilia war. Weniger waͤre hinreichend geweſen, um Beide wahn⸗ ſinnig zu machen. Zwei Schatten aus der Unterwelt, die ſich im Thale des Todes begegnen, wuͤrden nicht geſpenſtiſcher ausgeſehen haben, als dieſe beiden lebenden Menſchen⸗ ſchatten, die mehrere Minuten lang ſo ſtehen blieben und einander anſtierten. Ihre unheimlichen, glaͤſernen Augen ſchienen ſich nicht wieder ſchließen zu koͤnnen. Ihre Glieder ſchienen in der Stellung erſtarrt zu ſein, in der ſie ihre beider⸗ ſeitigen Entdeckungen gemacht hatten. Und ihre Stim⸗ men ſchienen nach jenem einzigen, durchbohrenden Schrei veergeſſen zu haben, daß es Laute gab, in welche die 8* 116 Seele ihre noch in Betaͤubung ruhenden Qualen uͤber⸗ ſetzen konnte. Aber weder der Tod noch der Wahnſinn naͤherte ſich den lebenden Bildſaͤulen. Noch ſteht die junge, ſchwarzgekleidete Frau, dem Manne das todte Kind entgegenſtreckend, da. Noch ſteht der Mann da, nach vorn gebeugt, die Hand, ab⸗ wehrend gegen den entſetzlichen Anblick, ausſtreckend. Ploͤtzlich faͤngt die Frau an zu erbeben— ihre Arme werden ſchlaff, die Leiche ihres Kindes gleitet auf den Boden nieder und ſie ſelbſt ſinkt mit ſchwerem Falle daneben hin. Bei dieſem neuen Anblick fuͤhlte Philipp das Blut wieder in ſein Herz zuruͤckſtroͤmen. Die gelaͤhmten Glieder koͤnnen ſich wieder ruͤhren. Er ſchreitet vor, nur wie eine Maſchine, aber er ſchrei⸗ tet doch vor. Er hebt das Kind auf, druͤckt ſeine Lippen auf deſſen bleiche Wange, legt es leiſe und behutſam wieder auf das Bett und huͤllt es vollſtaͤndig in die weißen Laken ein. Dann ſtellte er ſich wieder vor die junge Frau. Er verſuchte noch nicht, ihr zu helfen. Aber er ſuchte in der Dunkelheit und Verwirrung ſeines Ko⸗ pfes nach einem Schimmer von Klarheit. Jene Anima.. Nein, das war nicht Lilia— und gleichwohl war ſie es jetzt.. Sie... O nein, — 117 ber⸗ ſie konnte es nicht ſein, die alle dieſe teufliſchen In⸗ herte triguen mit ihm getrieben hatte. Nein, nein, ſie war dennoch hierher gekommen. Er buͤckte ſich, er hob die dem Ohnmaͤchtige auf, aber ohne ein Zeichen von Zaͤrtlich⸗ doch keit oder Ruͤhrung. Er trug ſie auf das Sopha und ab⸗ benetzte ihr Geſicht mit einigen Tropfen Waſſer. Da ſie deſſenungeachtet noch kein Lebenszeichen ihre gab, ſo ſetzte er ſich, wie um den Ausgang unbekuͤm⸗ auf mert, wieder an den Tiſch und ſtuͤtzte ſeinen ſchwin⸗ alle delnden Kopf auf die Hand. Er fuͤhlte, daß dieſer Kopf nicht ſo war, wie er zlut ſein mußte, um in der Finſterniß klar zu ſehen. Er war aber auch nicht wahnſinnig. Weit entfernt davon. ren. Aber er haͤtte es ſein moͤgen, denn dann haͤtte es nicht rei⸗ der entſetzlichen Anſtrengung bedurft, durch welche er jetzt Bewußtſein und Wahnwitz von einander zu unter⸗ auf ſcheiden ſuchte. eder Ein leiſes, gebrochenes Schluchzen, dieſe ſo menſch⸗ ßen lichen und begreiflichen Toͤne, halfen ihm mehr, als ſeine eigenen Bemuͤhungen. Die Sprache der Thraͤnen ver⸗ ſtand er ohne Zweifel, denn er ſtand ſogleich auf und er ging auf das Sopha zu. Ko⸗ Lilia ſaß aufrecht da. Die Haͤnde waren krampf⸗ haft in einander gefaltet. Auf ihrem Geſicht lag der — Ausdruck ſprechender Todesangſt. Ihre Augen waren ein, ſtier auf das weiße Bett gerichtet. „Wie kommſt Du hierher?“ fragte Philipp und 1 118 ſein Ton verrieth ſtille Verwunderung. Es war noch kein Zuſammenhang in ſeinen Gedanken entſtanden. Lilia ſchlug ihre Augen auf, dieſe tiefblauen Him⸗ mel, welche in bieſem Augenblick keine Thraͤnen heu⸗ chelten. „Wie ich hierher komme?“ fluͤſterte ſie wie betaͤubt. „Ja, ich will es wiſſen, Du... Du.. dieſes Kind; weshalb redeteſt Du, als wenn es Dein waͤre? Lilia ſah ihm mit ſcheuem Blick in die Augen. „Philipp, dieſes Kind... es iſt... es iſt ja mein.“ „Dein?“ „Mein!“ Und indem ſie dieſes letzte Wort ausſprach, ſtand ſie vom Sopha auf und warf ſich keuchend am Fuße des Bettes nieder. „Du luͤgſt!“ „Luͤgen?“ Sie richtete den Kopf auf und ſtreckte die Hand nach dem weißen Betttuch aus.„Wuͤrde ich luͤgen koͤnnen beim Anblick dieſes entſeelten Staubes? Das Kind iſt mein— ich ſchwoͤre das vor Gott, der mich ſo grauſam gerade in demſelben Augenblicke ſtraft, wo ich meine Schuld ſuͤhnen wollte! Kannſt Du glau⸗ ben, daß Jemand anders, als eine Mutter, ſolche Thraͤ⸗ nen wuͤrde vergießen koͤnnen, wie die, welche aus meinem Herzen auf dieſe Leiche fallen, welche Du grauſamerweiſe mich fuͤr ein lebendes Kind halten ließeſt.“ „Klage mich nicht deshalb an! Ich hielt Dich zu⸗ 5 — P—— 119 ruͤck, ich wollte mich nicht ſo raͤchen, obſchon ich im Ausbruch meines erſten Kummers, als ich vor ein paar Stunden den letzten Seufzer dieſes Weſens em⸗ pfing, das Bedurfniß fuͤhlte, die Leiden deſſelben zu raͤchen. Aber ich bereute es ſogleich— ich ſagte Dir es. Deine Anklage faͤllt daher zu Boden... Die meinige bleibt aber ſtehen.“ „Die Deinige?“ „Weshalb willſt Du mich peinigen, an dieſe ab⸗ abſcheuliche Verſtellung zu glauben... Anima war nicht Du.“ „Philipp,“ ſagte die junge Frau mit zitternder Stimme,„laß mich eine halbe Stunde mit meinem Kinde allein— eine einzige halbe Stunde! Nimm es dann fort und wir werden uns erklaͤren! Ich kam ja deswegen her.“ „Ich werde gehen, aber nicht, bevor Du bei dieſer entſeelten Huͤlle geſtanden haſt, daß Du mich betruͤgen willſt... weshalb, weiß ich nicht— aber Du be⸗ truͤgſt mich.“ „Und welchen Vortheil koͤnnte ich davon haben?“ „Ich habe ja geſagt, daß ich es nicht weiß, aber ich bleibe dabei, daß Du nicht Anima biſt. Ich kann es beſchwoͤren, daß jene verfuͤhreriſche Sirene, die wirk⸗ lich eine taͤuſchende Aehnlichkeit mit Dir hatte, dennoch nicht Du war.“ „Wuͤrdeſt Du wirklich darauf ſchwoͤren koͤnnen 2⸗ ——. 120 „Ja.“ Lilia's Haupt ſank auf die Bruſt nieder und furcht⸗ bare Nervenzuckungen entſtellten ihr Antlitz. Ihr in⸗ nerer Kampf war groß und ſo gewaltig, daß Philipp dieſe Kriſis mit ſteigender Beſtuͤrzung und mit geſpann⸗ ter Unruhe betrachtete— eine Unruhe, welche ſeine Le⸗ bensgeiſter vollkommen wieder erweckte. „Philipp,“ murmelte ſie und druͤckte krampfhaft die Haͤnde auf ihr Herz,„nimm gleichwohl an, nimm an, daß eine Gattin, die ſchon damals das Daͤmmern der Leidenſchaft zu fuͤhlen anfing, welche ſpaͤter ſo ge⸗ waltſam ausbrechen ſollte... nimm an, daß dieſe Gattin, um Dich zu pruͤfen...“ „Du willſt Dich ſehr veraͤchtlich machen, aber es ſoll Dir nicht gelingen. Entweder ſpricht der Wahn⸗ ſinn aus Deinem Munde oder der Verrath.“ „Philipp, Philippl“ „Haſt Du jemals von einer Frau gehoͤrt, die, um die Staͤrke ihres Gatten zu pruͤfen, ihn ſelbſt zur Un⸗ treue zu verfuͤhren ſucht!“ „Laß mich allein, o ich beſchwoͤre Dich, laß mich allein, oder mein Verſtand wird vernichtet... ich habe eine heilige Aufgabe zu erfuͤllen. Dann will ich die Wahrheit reden, denn dieſe Nacht, in der Naͤhe meines todten Kindes, hat jede Luͤge mich verlaſſen.“ „Wenn ſie dies hat,“ ſagte Philipp, indem er ſich ihr langſam und mit Sanftheit naͤherte,„warum nennſt — —j44’——— 121 Du Dich dann immer noch die Mutter dieſes Kindes ... Gott hoͤrt Dich.“ „Ja, Gott hoͤrt mich.“ „Du wirſt daher Deine Worte zuruͤcknehmen, denn ſie verwirren meinen Verſtand, ohne mich doch je⸗ mals zu uͤberzeugen.“ „Ha 8 „An dieſem Sterbebette biſt Du ein Fremdling— gehe und ruhe draußen aus... mir kommt es zu, hier zu wachen.“ „Nein, Philipp, Du biſt es im Gegentheile, der hier ein Fremdling iſt... Geh weg von meinem Kinde, Ungluͤcklicher, gehe, ich bin es allein— hoͤrſt Du: allein— die hier das Recht hat, zu weinen.“ Die junge Frau war mit einem immer mehr ſich verwirrenden Blicke aufgeſtanden und indem ſie mit der einen Hand ſich an das Bett anhielt, zeigte ſie mit der andern nach der Thuͤr. „Du raſeſt, Lilia... Wir muͤſſen ſogleich dieſes Bett hinaustragen— und Du mußt Ruhe ſuchen.“ „Ruͤhre nicht meine Tochter an— nimm meine Tochter nicht von mir! Arnold, der die Haͤlfte meines Geheimniſſes kennt, kann darauf ſchwoͤren, daß ſie mein iſt... mein... mein...“ Sie rang ihre Haͤnde, ſie keuchte furchtbar... dann ſcockte ſie ploͤtzlich. Mit grenzenloſem Entſetzen betrachtete Philipp ſeine fruͤhere Gattin, die ſich in einem ploͤtzlichen An⸗ 1²²³ fall von Wahnſinn eines Verbrechens anklagte, wel⸗ ches ſie nicht begangen haben konnte. Um nicht weiter die Fiebergluth zu vermehren, die aus ihren Augen leuchtete, zog er ſich inzwiſchen langſam nach der Thuͤr, waͤhrend er leiſe und nur zu ſich ſelbſt ſagte: „Welche wahnſinnige Einbildung— ich habe ja Anima's Briefe!“ Aber Lilia hatte ihn doch gehoͤrt. Mit einer feierlichen Geberde, einer Berufung auf den Himmel, rief ſie mit einer Stimme, in der gichts mehr von der vorhergegangenen Veberſpannung, dagegen aber ein unwiderſtehlicher Ausdruck der Wahrheit lag: „Es war nicht die Anima, welche Du meinſt, die Dich hierher rief— Du haſt niemals eine andere Tochter gehabt, als Sylvia!!!’....... Bei dieſer ſo feierlichen und mit vollem, klarem Bewußtſein gegebenen Verſicherung taumelte Philipp mehr hinaus, als er ging. Eins von ihnen mußte den Verſtand verloren 6 haben— welches von Beiden aber, das war die Frage, die nun zu loͤſen uͤbrig blieb. Reichthum, welcher ſeinen Hauch auch uͤber die Armuth der Schwalbenſeegegend wehen ließ, fehen wir die Sonne 17. Die Beichte. Die Sonne war eben an einem klaren, blauen Himmel aufgegangen— der reichliche Regen, der den Abend vorher gefallen, hatte die Luft erfriſcht und den Staub von den dunkeln Tannen abgewaſchen. Die kleinen, krauſen Wogen des Schwalbenſees ſpielten ruhig an den weißgrauen Felſenkanten des Ufers. Die ganze Natur war Friſche, Leben und Son⸗ nenſchein.. 34 Aber wie ein ſchneidender Gegenſatz zu dieſem auch zwei Menſchen beleuchten, die eben jetzt in dem⸗ ſelben Gemach zuſammenkommen, in welchem das naͤchtliche Drama aufgefuͤhrt ward. Der Tod war nicht mehr in dieſem Zimmer— 124 wenigſtens waren die ſichtbaren Spuren deſſelben be⸗ ſeitigt. Philipp hatte die Nacht im Freien zugebracht. Und der furchtbare Kampf, den er beſtanden, verrieth ſich in ſeinem leichenblaſſen Antlitz, ſeinem ſtruppigen, naſſen, nachlaͤſſig um den Kopf herum haͤngenden Haar, ſeinem eiſigen Blick und ſeiner muͤden, erſchoͤpf⸗ ten Koͤrperhaltung. Lilia dagegen hatte, ſo unglaublich es auch ſchei⸗ nen kann, zwei Stunden geſchlafen. Sie konnte bei⸗ nahe immer, was ſie wollte und wollte immer, was ſie bedurfte. Sie bedurfte Ruhe, um nachdenken zu koͤnnen. Aber, wie geſagt, dieſer Schlaf dauerte nur zwei Stunden— jedoch fuͤr ſie war das genug. Nun vermochte ſie ihre Stellung zu ermeſſen, ihre Kraͤfte zu pruͤfen. Sie vermochte ſogar unter aufrichtigen Thraͤnen Gott zu danken, der fuͤr das Beſte des Kindes geſorgt hatte. 3 Vor ihr ſelbſt lag ein finſterer, vollkommen bo⸗ denloſer Abgrund. In wieweit ſie daruͤber wegkommen oder in denſelben hineinſinken wuͤrde, war wenigſtens noch ein Zweifel. Dieſer Zweifel allein hielt ſie noch aufrecht. „Mein Gott, Philipp— armer Philipp— wie entſetzlich mußt Du dieſe Nacht gelitten haben... ich ſehe es wohl!“ „Ach, nur keine Redensarten— Erklaͤrung und —— — 125 Aufſchluß verlange ich! Mein Herz ſchlaͤft, mein Ohr dagegen iſt wach.“ „Aber, wenn Du mich in dieſer Gemuͤthsſtim⸗ mung hoͤrſt...“ Er machte blos eine Geberde der Ungeduld. „Wohlan... aber verwuͤnſcheſt Du unſer Schick⸗ ſal, ſo ſchließe in dieſe Verwuͤnſchung auch Arnold ein, denn ohne ſeine barbariſche Hartnaͤckigkeit, ſeine niedrige Drohung, ein heiliges Geluͤbde zu brechen, waͤre dieſer Augenblick nicht...“ „Aber, was hat Arnold damit zu thun?“ „Du entſinnſt Dich eines gewiß nur allzubekann⸗ ten Auftrittes in ſeinem Hauſe?“ „Wohin Du verkleidet kamſt?“ „... um ihm ein Geheimniß anzuvertrauen. Er verſprach Stillſchweigen.“„ „Und hielt Wort?“ „Ja, bis jetzt, wo er, um unſere Wiedervereini⸗ gung zu verhindern, es brechen will. Das Einzige, was ich von ihm erlangt habe, iſt, daß ich ſelbſt ſpre⸗ chen darf.“ „Nun, ſo ſprich!“ ſagte Philipp mit der duͤſtern Kaͤlte eines Richters. „Du weißt, wie eiferſuͤchtig ich auf Deine Liebe war, wie ich beſtaͤndig zwiſchen Extremen hin⸗ und herſchwankte...“ ... und wie Du fortwaͤhrend um dieſelben herumſtreifteſt. 5 „Stets exaltirt, heftig, leidenſchaftlich, phantaſtiſch, ſuchte ich auch meine Ideen zu verwirklichen.“ Philipp laͤchelte bitterlich. „Als Du das letzte Mal von Ribyhus von mir fortreiſ'teſt, lag meine Liebe noch in der Knospe. Eine Kriſis— ſo dachte ich wenigſtens— war noͤthig, um ſie zur Bluͤthe zu bringen.“ „Und dieſe Kriſis fuͤhrteſt Du auf kuͤnſtlichem Wege herbei?“ „Du ahneſt es... Ich fing an, unter dem Namen Anima an Dich zu ſchreiben.“ Philipp machte eine zweifelnde Geberde. „Gieb Dich zufrieden— wir kommen noch auf das, was Du meinſt.. Ich ſchrieb alſo. 34 „Du?“ „Stets ich. Ich, die ich Dich ſo gut ſtudiert hatte, wußte, daß der Dichter zuerſt beſiegt werden mußte.“ „Sehr ſchlau!“ „ Wie ſoll ich Dir meine grenzenloſe Angſt ſchil⸗ dern, ehe ich Deine erſte Antwort erhielt! Wie betete ich zu Gott, daß ſie eine abweiſende ſein moͤchte... aber dieſe Antwort— mein Herz ſtand faſt ſtill, als ich ſie off nete— druͤckte nur eine gelinde Vorſicht aus, die natuͤrlich leicht zu uͤberwinden ſein mußte. „Ha! Du waͤreſt es geweſen, Du, die mich 8 —— 127 ſcharfſinnig verlockte und feſſelte, Du haͤtteſt mir Dei⸗ nen Rath in Bezug auf jene beſcheidenen Dichtungen gegeben, die Du im Grunde verachteteſt?“ „Ich verachtete niemals Deine Poeſien, Philipp, ich war blos eiferſuͤchtig darauf. In dem Namen einer andern Perſon ſprechend, war ich gerecht.“ „Und Dein tyranniſcher Gatte... ha, ha, hal... Er, der ſeine Abreiſe beſtaͤndig verſchob... „Du mußteſt wohl irre gemacht werden, wenn die Intrigue gluͤcken oder vielmehr mißgluͤcken ſollte, denn dies war es ja, was ich vor allen andern Dingen wuͤnſchte.“ „Und dennoch brachſt Du ſie nicht ab!“ „Wozu haͤtte es dann gedient, ſie erſt anzuſpin⸗ nen?— dann haͤtte ich ja immer in Zweifel fortleben muͤſſen, die um ſo ſtaͤrker ſein mußten, als Dein Sieg im Verhaͤltniß Deines beharrlichen Wunſches, Anima zu ſprechen, das heißt, im Verhaͤltniß, wie Deine plato⸗ niſche Gluth ſich in eine gewoͤhnliche verwandelte, immer problematiſcher zu werden ſchien.“ „Und dieſe Intrigue, die aus einer ſolchen Ent⸗ fernung ſehr muͤhſam zu pflegen ſein mußte, fuͤhrteſt Du alſo gleichzeitig mit der aus, in welcher Arnold ſeine Rolle bekam?“ „Ach, das war nur eine Zerſtreuung in den Zwi⸗ ſchenpauſen unſeres Briefwechſels!“ 128 „Mein Gott, iſt ein ſo beiſpielloſer und unerhoͤrter Leichtſinn moͤglich?“ „Vergiß nicht, daß es eine Pruͤfung zur feſten Begruͤndung unſeres kuͤnftigen Gluͤckes war! Es ge⸗ hoͤrte Heldenmuth dazu, ſie zu wagen. O, wenn Du ſie beſtanden haͤtteſt, dann... dann... „Erzaͤhle weiter!“ „Ich mußte nach Stockholm, um zu vollenden. Meine Abſicht war erſt, perſoͤnlich bei der Zuſammen⸗ kunft zu erſcheinen, die ich verſprochen. Aber, da ich unaufhoͤrlich fuͤrchtete, daß meine Eiferſucht auf mich ſelbſt mich verrathen wuͤrde, ſo zog ich dies in naͤhere Ueberlegung. Andererſeits...“ „Keine Unterbrechung... Wenig Chemaͤnner duͤrften ein ſo ſeltſames Geſtaͤndniß gehoͤrt haben!“ „Andererſeits wollte ich mich in die thoͤrichte Ueber⸗ zeugung einwiegen, daß Du das wahre Verhaͤltniß durchſchaut und daß Du, obſchon Du vielleicht Deine Liebhaberrolle bis zur letzten Scene fortſpielteſt, dennoch die Sache ſo betrachteteſt, als machteſt Du Dir einen Scherz mit Deiner Gattin.“ „Meiſterhaft!“ „Gieb zu, daß dieſe Idee nicht ſo ungereimt war. Zuerſt und vor allen Dingen wußteſt Du, daß ich ein excentriſches Weib war und dann mußteſt Du, obſchon meine Handſchrift verſtellt war, dieſelbe doch wieder erkannt haben.“. 129 Philipp ſchwieg. Er erſtaunte jetzt, daß er nicht einmal daran gedacht hatte, daß es Lilia ſein koͤnnte, welche Anima ſpielte— und gleichwohl haͤtte er dies begreifen muͤſſen. „Um daher mich nicht dieſer letzten Hoffnung zu berauben, mußte ich eine Perſon ausfindig machen, die mir nicht blos an Wuchs und Haltung aͤhnlich waͤre, ſondern eine Perſon, der ich, ſo zu ſagen, das Gepraͤge meines eigenen Weſens aufdruͤcken koͤnnte. Aber dies war wahrſcheinlich unmoͤglich und ich wuͤrde wieder an meine doppelte Rolle gedacht haben, wenn das Schickſal nicht ſelbſt meinen Wuͤnſchen leider allzubereitwillig entgegengekommen waͤre.“ „Aha, der Nebel beginnt ſich zu lichten!“ „Waͤhrend der Reiſe machte ich eine ſeltſame Be⸗ kanntſchaft.“ „Wahrſcheinlich eine gluͤckliche Acquiſition fuͤr den zweiten Theil der Rolle?“ „Ganz recht. Eines Abends, als ich ſpaͤt an einem Gaſthofe ankam, traf ich eine ganz junge Frau— ein Weſen, klein, zart und nur ein wenig groͤßer als ich ſelbſt— mit einem ein paar Wochen alten Kinde auf dem Arme vor einem angeſpannten Wagen ſtehend und ihr gegenuͤber der Gaſtwirth, der mit den brutal⸗ ſten Redensarten die arme, kleine Frau anfuhr, weil ſie gewagt, ſich uͤber das Pferd zu bellagen, welches Ein Gerücht. VIIl. 3 9 13⁰ man ihr gegeben, ein junges Pferd, das noch kaum daran gewoͤhnt war, einen Wagen zu ziehen.“ „Weiter, weiter!“ „Ohne fuͤr den Augenblick im Geringſten an mich ſelbſt zu denken, redete ich die junge Frau an, die mit der naivſten Offenherzigkeit, mitten auf der Landſtraße, mir ihre Lebensgeſchichte erzaͤhlte „Aha.“ „Sie war bei einer Schauſpielertruppe in der Provinz engagirt und mit dem erſten Liebhaber der Truppe verlobt. Da ſie aber nicht die noͤthigen Mittel beſeſſen hatten, um ſich kirchlich trauen zu laſſen, ſo war ihr Eheſtand bis auf Weiteres nur„von der Natur beſiegelt“. Sie zeigte auf das Kind und ſetzte hinzu, daß ſie in der Stadt, von der ſie jetzt kaͤme, zu⸗ ruͤckgeblieben waͤre, weil ſie daſelbſt ihre Niederkunft haͤtte abwarten muͤſſen. Gegenwaͤrtig war ſie auf dem Wege nach dem Orte, wo die Truppe und ihr Lieb⸗ haber ſie erwarteten.“ „Aber der Liebhaber mußte nun noch laͤnger warten?“ „Du haſt recht. Ich bot der armen Frau, die ein heiteres Gemuͤth und einen dreiſten Verſtand hatte, einen Platz in meinem Wagen anz denn ein paar Meilen weit war unſer Weg derſelbe. Ehe wir aber noch an die Stelle gekommen waren, wo wir ſcheiden ſollten, hatte ich mich uͤberzeugt, daß, wenn irgend Je⸗ ————————— — im 131 mand mein anderes Ich vorſtellen konnte, dies die kleine Schauſpielerin war... unſere Uebereinkunft war bald getroffen.“ „Und ein ſolcher Vorſchlag entſtand in dem Ge⸗ danken meiner Ehegattin!“ „Unterbrich mich nicht! Dieſe Anima Nr. 2 war gewandt und ſehr verſeſſen auf Abenteuer. Vor allen Dingen wuͤnſchte ſie ſich mit ihrem Liebhaber wirklich zu verheirathen und die Summe, die ich ihr verſprach, wenn es ihr gelaͤnge, den Mann zu beſie⸗ gen, den ich auf die Probe ſtellen wollte, war, nach ihrer Verſicherung, hinreichend, die Hinderniſſe fuͤr die Legitimirung ihres Sohnes zu beſeitigen. Sie war daher bereit zu dieſer kleinen Untreue, welche, nach ihrer Mei⸗ nung, nicht viel zu bedeuten hatte, dafern ſie nur mas⸗ kirt bleiben konnte.“ „Dieſe Schauſpielerin verrieth eine geiſtreiche Logik.“ „Ja, ſie war ſogar uͤberzeugt, daß ihr Liebhaber ihr verzeihen wuͤrde, beſonders wenn er erfuͤhre, daß ſie wenigſtens eine Moglichkeit fuͤr ſich gehabt, nicht zu ſiegen, fuͤr welchen Fall ihr jedoch dieſelbe Summe zugeſichert war.“ „Du erzaͤhlſt mit bewunderungswuͤrdiger Gelaͤu⸗ figkeit,“ ſagte Philipp, indem er ſeinen Blick den gan⸗ zen Zorn und Abſcheu entſchleiern ließ, den er zeither zu verbergen geſucht. 9* 132 „Ich erzaͤhle ganz einfach die Wahrheit, weil ich dazu gezwungen bin. Du kannſt mich nicht beurtheilen, wie andere Frauen, weil ich ihnen nicht aͤhnlich bin. Und wie hoch ſteht nicht meine Liebe uͤber aller Derer, die kaum dieſe Worte begreifen... O, Philipp, dieſer Blick!... Wer von uns hat wohl am meiſten gelitten?“ „Laß uns jedes Wort vermeiden, das nicht zur Sache gehoͤrt!“ „Ich gehorche Dir... Die junge Schauſpie⸗ lerin ging mit Leichtigkeit auf alle meine Ideen ein. Sie wußte, daß es mein Mann war, dem die Pruͤ⸗ fung galt und da ſie vollkommen den Ausweg begriff, den ich ihr fuͤr den Fall laſſen wollte, daß er meine Intrigue ahnte, lernte ſie meine Perſönlichkeit, wenn ich mich dieſes Ausdrucks bedienen darf, vollkommen auswendig.“ „Das ging wohl an, aber ich begreife nicht, wie ſie Dich inwendig lernen konnte— zum Beiſpiel Deine ſinnreiche Rolle als des Dichters Muſe?“ „„Das war ſehr leicht. Ihr Liebhaber gehoͤrte zu den wenigen Leſern, die Du damals hatteſt und ſie ſang Alexis' Lieder, ehe ſie ſich noch traͤumen ließ, ihn zu verfuͤhren. Gerade alles dies reizte ſie um ſo mehr, ihre Rolle meiſterhaft zu ſpielen.“ „Sie ſpielte ſie auch wirklich meiſterhaft.“ 6 —4 +0O &Æ 8 ᷣ — 20 S 8 ̃— z Eͤ= 2 BÆ. 70 S. 133— „Ach, nur allzuſehr... aber an dem Abend jener Maskerade... ich ſtand Dir ganz nahe, als Du die Thuͤr ihres Wagens oͤffneteſt.“ „Hal“ „Gott, mein Gott, was litt ich da... Ich hoffte noch bis auf den letzten Augenblick, obſchon es eine Thorheit war, nach Deinen gluͤhenden Briefen und nach der Ungeduld, womit Du meinem Boten aus dem Saale folgteſt. Aber Du warſt doch unſchluͤſſig — Du tratſt einmal zuruͤck. Du warſt Dir noch nicht einig— es war noch Hoffnung vorhanden, und ſchon wollte ich meine Arme ausſtrecken, ſchon wollte ich rufen: Philipp, ich bin hier! als ſie, die ebenfalls Deinen Kampf bemerkte und den Sieg nicht verlieren wollte, wirklich die Hand ausſtreckte, womit Dein Wi⸗ derſtreben zu Ende war.“ „Aber, begreifſt Du denn nicht, unnatuͤrliches Weib, daß Du, wenn Du dies Alles ſahſt und mich nicht retteteſt, mich niemals geliebt haben kannſt?“ „Still— Du biſt es, der mich nicht begreift.. Ich mußte Gewißheit haben. Ich ließ meinen Wa⸗ gen dem Deinen folgen, aber nun... nun... Wie ſoll ich das Weitere erzaͤhlen koͤnnen!“ „Nun waͤre es wohl an mir,“ fiel Philipp mit eiſigem Spotte ein,„dieſe Luͤcke zu ergaͤnzen; aber Deine Mitſchuldige hat dies ſicherlich eben ſo vollſtaͤn⸗ dig gethan.“ 134 „Hu, hu, ſelbſt in der Hoͤlle— ich weiß das— giebt es nicht ſolche Qualen, wie die, welche mein un⸗ gluͤcklicher Vorwitz mir bereitete... Hoͤre: ich ſtand draußen vor Deiner Thuͤr, ich vernahm Wort fuͤr Wort Euer Geſpraͤch. Sie ſpielte gut und ich, o wehe, wehe! mußte mich immer mehr uͤberzeugen, daß Du keinen Gedanken an meine Naͤhe hatteſt und daß Du nicht ſpielteſt.“ Philipp begann nun die junge Frau arzuſtieren, als ob ſie ihm einen daͤmoniſchen Traum erzaͤhlte. Nach ein paar Augenblicken ſichtbaren Kampfes hob Lilig wieder an: „Jemand kam ſchwer und ſchleppend auf den Gang heraus. Ich ward in der Finſterniß nicht ge⸗ ſehen, aber Anima that, als ob ſie erſchraͤke und ſich fuͤrchtete... Und wenn ich etwas bei mir gehabt haͤtte, womit ich mich umbringen gekonnt—“ hier ſtockte ſie wieder und fuhr mit der Hand uͤber die Stirn, auf welcher die Erinnerung eine brennende Fie⸗ berroͤthe hervorrief—„ſo wuͤrde ich es gethan haben, als... als ich bald darauf deutlich begriff, daß Du einer Verſuchung unterliegen wuͤrdeſt, mit der ich nichts zu thun hatte.“ „Das iſt mehr als ungeheuerlich... das iſt teufliſch!“— „Und dennoch lebte ich! Und anſtatt mich hin⸗ einzuſtuͤrzen und Dich zu retten, uns Beide zu retten, „ 135 floh ich— taumelnd, wahnſinnig— ich wußte nicht wohin, auf allen dieſen unbekannten Gaͤngen und Trep⸗ pen, bis ich endlich, beinahe ohnmaͤchtig, an dem Ab⸗ ſatze einer breiten Halbtreppe ſtehen blieb, die in einen Winkel der Mauer hineinbog.“ „Gott, mein Gott, wie konnteſt Du dieſem Weibe zulaſſen, ein ſo ſuͤndhaftes Spiel zu wagen!“ „O, verzage nicht,“ ſagte ſie, und ihre Augen warfen Funken eines fuͤrchterlichen Wahnſinns, waͤh⸗ rend ihre kleine Geſtalt zu wachſen ſchien und die Zuͤge ihres Geſichts das Gepraͤge einer in Thraͤnen getraͤnk⸗ ten Wildheit annahmen,„verzage nicht— der Arm des Raͤchers erreichte mich.“— „Der Arm des Naͤchers?“ „Aber wie ſoll ich vermoͤgen, dieſes Geſtaͤndniß abzulegen— werde ich nicht vor Schaam ſterben?“ „Du?“ „Ja, hoͤhne, verdamme, zerſchmettere mich, tritt mich unter Deine Fuͤße, ſaͤttige Dich in Rache, Du wirſt Gelegenheit dazu haben. Genieße, genieße... es iſt ja eine herrliche Wolluſt, ein niedergeſchmettertes Weib zu ſehen, ein vom Schickſal verfluchtes Weib, welches in all dieſem Elend nur ſeine Liebe zu Dir uͤbrig hat, denn der Herr iſt von mir gewichen.“ „Beruhige Dich, Ungluͤckliche— ſammle Dein Gedaͤchtniß!“ 136 „Ach, dieſe Erinnerungen ſind nicht von der Art, daß ſie mir entſchwinden koͤnnten... ich ſtand in der Vertiefung der Mauer; ich war, wie ich ſchon ge⸗ ſagt, in Folge der ungeheuern Gemuͤthsbewegung, die ich ausgeſtanden, beinahe bewußtlos, als ich ploͤtzlich ganz in meiner Naͤhe den Laut einer Stimme ver⸗ nahm. Es war ein Mann, der die Treppe heraufkam, und dabei eine Opernmelodie vor ſich hinpfiff.“ Bei dieſer Wendung ward Philipps Wange aſchgrau. „Ich empfand keine Furcht, denn ich hatte ja die ſchuͤtzende Vertiefung der Wand, in die ich mich ſo viel als moͤglich hineinzog. Ich merkte nicht eher, daß ich mich an eine Thuͤr lehnte, als bis eine Hand, welche ſuchend umhertappte, mich beim Arme faßte.“ „Weiter,“ murmelte Philipp,„weiter!“ „Ha!“ rief dieſelbe Stimme, die ich ſoeben ge⸗ hoͤrt,„biſt Du es, liebe Luiſe! Du biſt gekommen, obſchon Du es mir abſchriebſt... Mein Gott, Du biſt ja ganz ſteif vor Kaͤlte— aber welche Unvorſich⸗ tigkeit von Dir, zu kommen, nachdem Du erſt ge⸗ ſchrieben, daß Du nicht kommen wuͤrdeſt! Und ich muß auch gerade heute ſo lange bei dieſem verwuͤnſch⸗ ten Junggeſellenſchmauße ſitzen... Raſch, raſch hinein!“ „Weiter, weiter!“ rief Philipp noch einmal, ob⸗ ſchon in dumpferem Tone. —.— 137 „Ich erzaͤhle ja. Es iſt mein Schickſal, welches mich zwingt, zu reden. Wenn ich zu ſchweigen wagte, ſo wuͤrde ich nicht ſelbſt den Dolch, den vergifteten Dolch in meiner Bruſt umdrehen. Aber dieſer kleine, weiße Schatten folgt mir mit ſeinen ſtieren Augen— ich muß reden.“ „Ja, Du mußt reden.“ Ein erſtickter Seufzer bebte uͤber Lilia's Lippen. „»Dieſes ſeltſame Mißverſtaͤndniß— obſchon ich weit entfernt war, den Ausgang zu ahnen— gab mir ſogleich meine Faſſung wieder. Ich glaubte, es waͤre leicht, mich loszureißen und fortzueilen. Aber das war nicht leicht. Ich ward nun eine Loͤwin an Kraͤften und Staͤrke; aber auch die Kraͤfte einer Loͤwin haben ihre Grenzen.“ In ohnmaͤchtiger Raſerei rang Philipp die Haͤnde. „Aha, es iſt alſo nicht Luiſe, die ſich unter dieſer Maske verbirgt!“ rief der junge Offizier— denn ein ſolcher war es— mit einer Stimme, welche verrieth, daß das Abenteuer ihm zu pikant vorkam, als daß er es ſich haͤtte entgehen laſſen.“ Der Ausdruck in Philipps Geſicht verrieth eine Seelentortur, die vielleicht der keuchenden Lilia eine Linderung fuͤr die ihrige gab. „Ich erniedrigte mich nun, zu bitten— ver⸗ ſtehe mich— zu Bitten und Flehungen, die den rohe⸗ 138 ſten Barbaren haͤtten ruͤhren muͤſſen. Aber, o Gott, Alles, was ich in meiner Todesangſt ſagte, diente nur dazu, ſeine Neugier und ſein Intereſſe zu erhoͤhen. Er hatte inzwiſchen die Thuͤr ſeines Zimmers geoͤffnet.“ „Der Elende, der Elende... aber ſprichſt Du auch die Wahrheit?“ Lilia machte nur eine wilde Geberde. „Er ſagte nun zu mir die entſetzlichen Worte: Ich will ein großmuͤthiger Sieger ſein. Entweder er⸗ geben Sie ſich einem Manne, der Sie niemals von Angeſicht kennen lernen wird, aber der mit galanten Abenteuern vertraut genug iſt, um den ganzen Vortheil zu ahnen, den er auf ſeiner Seite hat— oder aber, Sie laſſen ſich von dieſem Manne auf die ehrerbietigſte und hoflichſte Weiſe zu dem Wagen fuͤhren, den er unten warten ſah und zum Lohn fuͤr ſeine Artigkeit fordert er blos eine Bagatelle, naͤmlich dieſe Sammt⸗ maske luͤften zu duͤrfen und bei hellem Licht ein Ge⸗ ſicht zu ſehen, welches(er wagte darauf zu ſchwoͤren) der Geſtalt gewiß nicht nachſteht.“ „O, Abgrund und Hoͤlle!“ „Ja, der Abgrund oͤffnete ſich... Lieber als daß ich die Maske fallen ließ— eine Demuͤthigung, die tauſend Mal entſetzlicher geweſen waͤre, als ein zehnfacher Tod— dieſer Mann konnte mich fruͤher geſehen haben oder kuͤnftig zu Geſicht bekommen und 139 was wuͤrde er dann gedacht, was wuͤrde er dann uͤber einen naͤchtlichen Beſuch auf der Treppe eines ſo be⸗ wohnten Hauſes erzaͤhlt haben— lieber.. „Elende— warum uͤberlebteſt Du dieſen Augen⸗ blick!“ 4 18. Die Beichte.(Fortſetzung.) „Ja, warum uͤberlebte ich ihn? Vielmals habe ich mir dieſelbe Frage vorgelegt... Meine Gedanken verweilten die ganze Nacht bei einem Selbſtmord; aber der Selbſtmord iſt, wenn man bis zur Ueberlegung deſſelben kommt, eine Sache, die ihre ſchwierigen Sei⸗ ten hat. Ganz beſonders hatte er fuͤr mich ſolche, die in Beziehung zu meinen Kindern ſtanden. Es waͤre dies auch ein ſicherer Weg geweſen, meinen Namen zu beflecken.“ „Du warſt feig.“ „Vielleicht... vielleicht aber gehoͤrte— ich bin verſucht, dies zu glauben— zum Leben mehr Muth, als zum Sterben. Denn welch ein Leben! Du warſt ſtrafbar, ich war ſtrafbar— eine Wiedervereinigung ſchien mir unmoͤglich.“ „Ja, nun verſtehe ich Dich.“ 141 „Am andern Morgen erhielt ich von der Schau⸗ ſpielerin dieſes Billet, welches ich fuͤr alle Faͤlle mitge⸗ bracht habe... Du kannſt es leſen.“ Lilia zog ein zuſammengeknittertes, von den darauf gefallenen Thraͤnen vergilbtes Blatt hervor und reichte es Philipp hin, der zitternd dieſen erſten wirklichen Brief ergriff, den er von Anima geſehen. „Geehrte Frau! „Da ich Sie nicht ſo zeitig beſuchen kann, ſo be⸗ eile ich mich, durch dieſes Billet im Voraus zu bekla⸗ gen, daß Sie den Sieg gewonnen haben, den Sie ſo gern verloren haͤtten. Aber— wenn ich das ſelbſt ſa⸗ gen darf— ich that auch mein Beſtes. „Bei ein paar Gelegenheiten ſpielte ich Ihre Per⸗ ſon ſo gut, daß ich mir ordentlich famos vorkam. 3 „Beſonders war dies der Fall im Wagen, als ich, Ihrem Befehle gemaͤß, that, als ob ich vermuthete, daß er ſchon fruͤher ſeine kleinen Intriguen gehabt. Er ging richtig in die Falle, der arme Junge! Und als er ſein zweideutiges:„Ach, was!“ ſagte, gab ich ihm einen ſo krampfhaften Haͤndedruck, daß er haͤtte ahnen ſollen, Sie ſeien es ſelbſt. „Ja, dies haͤtte er aus vielen Dingen ahnen ſollen, denn ich vergaß weder die erſtickten Thraͤnen, noch die halben Ausrufe heimlicher Angſt— und ich wuͤnſchte nur, daß Sie mich als ſeine ſchuͤtzende Muſe haͤtten reden hoͤren. 142 „Aber es war Alles vergebens— er wollte weiter nichts ſehen, als die Anima, die er ſich in den Kopf geſetzt und verzeihen Sie, verzeihen Sie— fuͤr mich war es doch auch eine Ehrenſache, Sie zu uͤberzeugen, daß Sie ſich an keine Unwuͤrdige gewendet hatten. „Gott, was leide ich um Ihretwillen— ja, ent⸗ ſetzlich! Aber mein Sohn wird doch nun ſeines Vaters rechtmaͤßiger Sohn und ich bin daher, Gott weiß es, mitten in Ihrem Kummer gluͤlklich. Ihre ehrerbietigſt ergebene Anima.“ „N. S. Um's Himmels willen, haſſen Sie mich nicht! In zwei Stunden komme ich und weine mit Ihnen und erneue meinen Schwur, ewiges Stillſchwei⸗ gen zu bewahren.“ „ Sehr ſchoͤn!“ ſagte Philipp, deſſen Antlitz immer dunkelrother ward.„Dieſe kleine Schauſpielerin recht⸗ fertigte, wie ſie ſelbſt ſagt, Deine Wahl vollkommen.“ „Laß das.“ „Nun und wohin kommen wir zunaͤchſt in dieſer anmuthigen Geſchichte?“ „Zur Scheidung... Ich fuͤhlte mich in meiner Eigenſchaft als Gattin grenzenlos verletzt. Ich nahm keine Nuͤckſicht darauf, daß ich ſelbſt an Allem ſchuld war. Du waͤreſt auch auf andere Weiſe der Verſu⸗ chung unterlegen. Doch haͤtte ich vielleicht— als ich ——; — —Q— 9 143 ſah, wie tief und aufrichtig Dein Kummer war— Alles entdeckt, wenn nicht der letzte Wille die Beſeiti⸗ gung des erſten unmoͤglich gemacht haͤtte.“ „Aber bei dem Reichthum an Erfindungsgabe, welchen Du ſpaͤter in Bezug auf den neueſten Theil von Anima's Correſpondenz an den Tag gelegt, ſollte ich meinen..* „Warte... Ich ahnte noch nicht die ganze Groͤße meines Elendes. Ich war, wie Du weißt, abgereiſ't, um die Kinder zu holen. Waͤhrend dieſer Reiſe...“ „... machteſt Du eine Entdeckung, die Du gern entbehrt haͤtteſt— das verſtehe ich vollkommen.“ „O Philipp, ſo ohne alle Barmherzigkeit zu ſein! Entſetzeſt Du Dich nicht vor der hoͤhnenden Bosheit, die Du waͤhrend dieſes ganzen Geſpraͤchs entwickelt— es kommt mir vor, als wenn ein ganz anderes Weſen, als Du ſelbſt, Deinen Koͤrper in Beſitz genommen haͤtte.“ „Darin haſt Du auch recht— ſeit verwichener⸗ Nacht bin ich nicht mehr ich ſelbſt.“ „Und doch weißt Du, daß alle meine Fehler, meine unvorſichtigen Handlungen, meine unnatuͤrlichen Ver⸗ irrungen ſich einzig und allein von dem, wenn Du willſt, wahnſinnigen Wunſche herleiten, uns Beiden ſchon hier einen Himmel zu bereiten— und wir haͤtten ihn auch gefunden, wenn Du nicht ſchwach geweſen waͤreſt... ach, ohne dieſe Schwaͤche, waͤre auch ich nicht geopfert worden.“ „Bei Gott im Himmel, Du haſt nicht Deines Gleichen an Keckheit, wie an Verſchlagenheit... 3 aber ich habe ja noch mehr zu hoͤren, ehe die Reihe des Antwortens an mich kommt.“ 3 Lilia ſtieß einen Ton, eine abgebrdchene Klage be aus— ſicherlich galt dieſelbe dem Zweifel, der ſie ncch aufrecht hielt. Immer tiefer und breiter gaͤhnte der Abgrund zu ihren Fuͤßen. g „In meiner grenzenloſen Angſt,“ fuhr ſie fort, w „und ſie war grenzenlos, obſchon Du in Deiner ſelbſtt m fuͤchtigen Grauſamkeit, ſie nicht richtig beurtheilſt, ſuchte. ich Zuflucht bei Arnold.“ de „Und ihm ſagteſt Du?“ 3 „Viel, aber nicht Alles.“ ne „Laß hoͤren.“ ich „Fuͤr Arnold gab es keine Anima, als mich ſo Du weißt wohl, daß dieſe letztere. 8 „Aha, er glaubt alſo jetzt noch, daß ich von meine N eigenen Frau verfuͤhrt worden und daß dieſes arme 35 Kind.... 1 8 ſo „Ja, ja... Er bezeichnete mir einen Ort, wohin ich heimlich kam. Und Niemgnd ahnte jemals dieſes W Geheimniß, als mein zweite Mann, der in meiner ich Chiffoniere gewiſſe Papiere entdeckte, die ich volllkommen ko gut verſteckt zu haben glaubte, welche aber gleichmghl ob ſeinem Falkenblick nicht entgingen.. Das war die au Kette, an der er mich gefangen hielt.“ ab —.-— 88 145 „Ich fange an, immer heller und heller zu ſehen. Ich war nicht im Stande, zu begreifen, welchen Ta⸗ lisman dieſer Mann beſaß, der Dich ſo beherrſchen konnte... Aber es iſt noch etwas, was ich weniger begreife.“ „Was denn?“ „Arnolds Verhalten. Wenn er Deine Geſchichte glaubte und es iſt ſehr natuͤrlich, daß er ſie glaubte, weshalb zwang er Dich nicht, in unſere Wiederausſoͤh⸗ nung zu willigen?“ 8 „Er that Alles, was er konnte; aber Du vergiſſeſt, daß ich ein Weib bin, welches allen Zwang verabſcheut. Ich war die Beleidigte und obſchon ich Dich damals noch nicht ſo liebte, wie ich es ſpaͤter lernte, ſo konnte ich doch nicht ertragen, daß wir die Rollen tauſchen ſollten.“ 5 „Aber weshalb ſuchteſt Du mir nicht daſſelbe Maͤhrchen weiß zu machen, welches offenbar fuͤr dieſe Zuſammenkunft beſtimmt war, wenn es nicht auf eine ſo furchtbare Weiſe enthuͤllt worden waͤre?“ „Deshalb,“ antwortete ſie, indem eine blutrothe Wolke die Blaͤſſe ihrer Wangen uͤberzog,„deshalb, weil ich die Alternative fuͤrchtete, die ungluͤcklich ablaufen konnte. Ob die Schauſpielerin mich betrogen hatte, ob Du ihr Angeſicht geſehen— wer konnte das wiſſen außer Dir und ihr? Ich glaubee nicht an dieſen Einwuͤrf, aber es war doch einer.“ Ein Gerücht. VIII,. 10 146 „Und zwar ein ſehr gefaͤhrlicher... Aber end⸗ lich fandſt Du ihn wenig gefaͤhrlich. Und man muß geſtehen, daß Du nicht uͤbel anfingſt, als Du, unmit⸗ telbar vor Deiner Verheirathung mit dem Kammerrath, mir den Brief ſchickteſt, welcher zu erkennen gab, daß ein mir unbekanntes Weſen Anſpruͤche auf mich haͤtte.“ „Ja, Philipp“— Lilia's Stimme zitterte eben ſo gewaltſam, wie ihre Glieder—„hier faͤngt meine Schuld gegen Dich erſt recht an.. Aber die Ver⸗ ſuchung war maͤchtig. Ich uͤberlegte, daß ſie, die arme Kleine, die nun wieder heimgegangen iſt, auf dieſe Weiſe eine ſichere Zukunft erlangen koͤnnte, denn ich ahnte, welchen Weg Du einſchlagen wuͤrdeſt. Die Verſuchung war unwiderſtehlich.“ „Und das Niedrige, das Ehrloſe eines ſolchen Schrittes beunruhigte Dich nicht?“ „Ich zog blos einen Schluß, er mochte nun rich⸗ tig ſein oder nicht. Durch Deinen Fehler war ich ſtrafbar geworden. Es ſchien mir daher billig, daß Du ebenſogut, wie ich, dieſe Schuld an dem armen Kinde wieder gut machteſt, welches ſonſt allein fuͤr un haͤtte leiden muͤſſen.“. „In der ganzen Welt giebt es, glaube ich, kein zweites Weib, welches eines ſolchen Raiſonnements faͤhig waͤre... Wollte Arnold denn nichts fuͤr die Arme thun?“ 4 „O ja, aber ich wollte ihm nicht wiſſen laſſen, 147 wo ſie waͤre. Mit ihm mußte alle Gemeinſchaft ab⸗ gebrochen werden...“ „... nachdem Du ſeinen Beiſtand nicht mehr bedurfteſt? . Aber weiter... wir ſind noch nicht am Schluſſel Als ich das andere Mal von dem Kinde hoͤrte, hatteſt Du Dich beſonnen.“ „Da war ich Witwe. Dadurch gewann Alles eine andere Geſtalt.“ „Das iſt wahr. Du waͤhlteſt nun einen beſſern Weg, einen Weg, der nicht blos Deinem Kinde eine geachtete und ſichere Stellung geben, ſondern auch zu⸗ gleich Dir ſelbſt meine grenzenloſe Dankbarkeit ſichern mußte.“ „Philipp, ich liebte, ich liebte bis zum Wahn⸗ ſinn— das iſt Alles, was ich zu meiner Vertheidi⸗ gung ſagen kann.“ „Auch ich ward bis zum Wahnſinn der Liebe hingeriſſen, als Du mir jene edlen und hochſinnigen Worte ſagteſt...“ „Barmherzigkeit!“ ſtammelte ſie mit aufgehobe⸗ nen Haͤnden. „„Ich habe keine Geſtaͤndniſſe zu thun““, ſagteſt Du,„„aber ich will nicht minder großmuͤthig ſein, als dieſe Frau, der es ja nichts koſten konnte, das Aner⸗ bieten zu machen, welches ſie machte. Ich will groͤßer ſein, als ſie, denn ich war wenigſtens ein Mal eine 10* 148 beleidigte Gattin. Aber die verſoͤhnte Gattin ſagt zu dem angebeteten Abgott ihrer Seele: Zum Beweiſe, daß Alles verſoͤhnt und wieder gut gemacht iſt, erbiete ich mich— ich— von demſelben Tage an, wo unſer Bund zum zweiten Mal die Weihe erhalten, dieſes armen Kindes Mutter zu werden. Sie ſoll unſere geliebte Pflegetochter ſein, Albans und Sylvia's Schwe⸗ ſter. Und ich ſchwoͤre, daß niemals ein Vorwurf, nie⸗ mals ein Wort uͤber die Vergangenheit uͤber meine Lippen kommen ſoll, denn, mein Philipp, die gelaͤuterte und große Liebe, welche mein Herz jetzt hegt, macht es ſanft. Das Gluͤck veredelt.“* Bei dieſem Schlage, der tief eindrang, ward Lilia von ihrer Selbſtbeherrſchung, ihrem Muth, ihrer letzten Keckheit verlaſſen. Sie ſtuͤrzte zu Philipps Fuͤßen, ſie umfaßte ſie mit ihren Haͤnden, ſie weinte, ſie flehte, ſie raſ'te. Alle heißen Gluthen ihrer Leidenſchaft waren losge⸗ laſſen. Aber dieſe heißen Gluthen drangen nicht mehr zu ihm. Er betrachtete ſie mit einer Verachtung ohne Grenzen. „Warum toͤdteſt Du mich nicht lieber, als daß Du mich ſo anſiehſt? Will ich denn mein Leben ver⸗ theidigen?— nimm es, nimm es, aber entziehe mir nicht Deine Liebe.“ 149 „Meine Liebe?— wagſt Du von Liebe zu ſprechen? e Wahnſinniges verbrecheriſches Weib, glaubſt Du, daß 8 Deine Geſtaͤndniſſe ſie nicht wie einen Hauch hinweg⸗ er geweht haben wuͤrden, wenn ſie nicht ſchon durch unſere fes unheilvolle Begegnung in verfloßner Nacht vollkommen getoͤdtet und begraben worden waͤre? Glaubſt Du end⸗ ze⸗ lich, daß ich Dich mit dieſer Kaͤlte haͤtte anhoͤren koͤn⸗ ke⸗ nen, wenn noch ein einziger Tropfen warmes Blut in e mir vorhanden waͤre? Die Gemuͤthsbewegungen, die rte ich zu erkennen gegeben, haben dem Entſetzen uͤber es Deine Schande gegolten— nichts weiterem.“ „Philipp, Du luͤgſt, Du luͤgſt— Du denkſt nicht die Haͤlfte des Entſetzlichen, des Unſeligen, was Du ſprichſt. 1 Du willſt Dich nur raͤchen. Ja, es kann nichts An⸗ en deres ſein, als Rache, was Dir dieſe Worte in den Mund legt. Nun, ſo raͤche Dich, raͤche Dich, ſo grau⸗ ſie ſam Du willſt, aber dann Verzeihung! Dein Herz lte. iſt es, welches ich in dieſe Verzeihung einſchließe.“ ge⸗„Nein, bei dem barmherzigen Gott, deſſen Gnade ich fuͤr Dich Verbrecherin anrufe, ſchwoͤre ich, daß in hr mir der letzte Funken der wahnſinnigen Liebe, die ich ng Dir ſo viele Jahre gewidmet, vollſtaͤndig ausgebrannt iſt. Und wenn Du noch ſo eifrig in die erkaltete Aſche c blieſeſt, Du wuͤrdeſt keinen einzigen Funken darin finden. er⸗ Ich ſegne Arnold, denn ohne ſeine Drohung, die Dich nir in die Nothwendigkeit verſetzte, dieſe letzte Mine ſprin⸗ gen zu laſſen, waͤre ich verloren geweſen.“ 15⁰ Lilia ſprang auf. In dieſem Augenblick war ſie entſetzlich erhaben, als ſie, eine drohende Medea, mit ausgeſtrecktem Arm und ſchwellenden Adern die Stuͤrme des Himmels zu Huͤlfe zu rufen ſchien, um allen irdi⸗ ſchen Widerſtand niederzuſchmettern und zu vernichten. „O,“ rief ſie,„warum bin ich nicht der Blitz, um in einem Augenblick Den mit Feuer verzehren zu koͤnnen, den Du ſegneſt... Fluch uͤber den feigen Wort⸗ bruͤchigen— denn ſein, ſein iſt die Schuld!“ „Nein, es war auch Gottes Wille, ſein offenbarer Wille; denn wenn Du nicht das Kind todtgefunden haͤtteſt, wenn Du nicht in Folge deſſen zur Wahrheit gezwungen worden waͤreſt, wuͤrdeſt Du Dich erkuͤhnt haben, Deine freche Comoͤdie zu Ende zu ſpielen. Be⸗ denke den Anfang.“ Bei dieſer Erinnerung bebte die begeiſterte Beſchwoͤ⸗ rerin wie ein vor dem Winde zitterndes Blatt. Die brauſenden Leidenſchaften verſtummten. Sie ſtreckte ein Paar gefaltete Haͤnde zum Himmel empor. Ihr ſchaudernder Blick war ein Gebet, ein Gebet um Linde⸗ rung in dieſer unermeßlichen Qual. „Ja, ſchaudere, Ungluͤckſelige— dieſe Suͤnde wird niemals aus Deinem Gedaͤchtniß entſchwinden, ebenſo⸗ wenig, wie aus meinem. Aber wiſſe, daß Deine Kuͤnſte unter keinerlei Umſtaͤnden mich zu uͤberzeugen vermocht haͤtten, daß Du mit Anima ein und dieſelbe Perſon ge⸗ —— —— 151 weſen ſeiſt. Du haͤtteſt ſelbſt einſehen ſollen, daß ein ſolcher Betrug unmoͤglich war, trotzdem, daß ſie niemals die Maske abnahm.“ Lilia machte nur eine mechaniſche Bewegung. „Unſere Erklaͤrungen ſind nun beendet, bis auf eine. Du giebſt mir meine Tochter zuruͤck, denn von Dir— das ſchwoͤre ich— ſoll ſie nicht erzogen wer⸗ den— oder ich laſſe die Geheimniſſe, welche hier ent⸗ ſchleiert worden, vor der ganzen Welt bekannt werden.“ »Nimm mir, was Du willſt, nachdem Du mir Deine Liebe genommen! Was frage ich nach allem andern— Du, Du— nur Du... Du ſiehſt, bis zu welchen Zuſtand der Erniedrigung Du mich gebracht haſt. Aber gleichviel— dieſe Erniedrigung iſt eine Wolluſt, wenn ich nur den Staub Deiner Fuͤße kuͤſſen darf... wenn Du nur Deine Sklavin nicht verſtoͤßeſt. Ach, Philipp, Philipp, meine Seele, mein Herr, meines Lebens Licht... war es nicht blos eine Pruͤfung?“ „Still— verſuche den Schnee des Montblanc zu ſchmelzen, aber verſuche nicht, das Unmoͤgliche moͤglich zu machen... ich werde eine Schrift aufſetzen, in der Du unſere Tochter mir uͤberlaͤſſeſt und mir allein das Recht zugeſtehſt, uͤber ihre Erziehung zu beſtimmen.“ Und dieſes Document ward ſowohl aufgeſetzt, als unterzeichnet; denn nachdem Lilia ſich endlich uͤberzeugt hatte, daß ſie nicht uͤber den Abgrund wegkommen konnte, 15² fuͤhlte ſie ſich nur wie ein Schatten, ein Ding, ein Koͤrper ohne Seele. „Sag nun: Willſt Du nicht ſofort abreiſen? Ich werde fuͤr die Beerdigung des Kindes ſorgen— nimm von mir dieſen letzten Dienſt an. Und nimm auch mein Verſprechen mit, daß, wie wehe Du mir auch ge⸗ than, ich doch fuͤr Dich beten werde, Ungluͤckliche... moͤgeſt Du auch ſelbſt Deine Gebete mit den meinen vereinigen!“ Hier richtete ſich die ſcheintodte Geſtalt wieder auf. Die Seele blitzte aus den verdunkelten Augen, ſie machte eine abwehrende Geberde mit der Hand. „Ich verſtehe: Du eanſt keine Reue— Du willſt nicht Gott ſuchen?“ „Wozu ſollte das dienen? Was wuͤrde er mir antworten? Er wuͤrde mich abweiſen, wie Du. Und warum ſoll ich ihn ſuchen? Hat er nicht mich fuͤr dieſe Welt nachtſchwarzer Thorheiten geboren werden laſſen, wo man den Koͤrper der Heuchelei mit Engelsfittigen ſchmuͤckt?— Hat er mir nicht zugelaſſen, ſein eignes Werk zu zerſtoͤren, denn ich, auch ich bin doch wohl ein Werk von ihm... Oder hatte ich vielleicht einen an⸗ dern Urſprung? Ich glaube es beinahe, denn ich habe zuweilen eine Wolluſt gefuͤhlt, mich dem ußesſten Rande der Suͤnde zu naͤhern. Ich habe“ Hier laſſen wir den Vorhang fallen. 153 Die letzte Scene in der Huͤtte am Schwalbenſee wollen wir nicht malen. Sie war Verzweiflung und Laͤſterung. Sie zeigte eine irrende Seele, die nicht weiß, daß es einen Hafen giebt, wohin verirrte Seelen fliehen koͤnnen. 19. Die Antwort des Orakels. Ungefaͤhr vierzehn Tage nach der von uns geſchil⸗ derten duͤſtern Epiſode ſehen wir Honorinen auf der Heimkehr von einer der neuen trefflichen Anlagen. Sie war nicht allein— ſie ging in Geſellſchaft mit einem ihrer Nachbarn, den ſie unterwegs getroffen. Und wer ſie gehoͤrt haͤtte, wie ruhig, willig und klar ſie mit ihrem Nachbar auf die Gegenſtaͤnde einging, woruͤber er ſie um Rath fragte, wuͤrde gewiß nicht an⸗ ders geglaubt haben, als daß auch hinter dieſer friedli⸗ chen Außenſeite Ruhe und Frieden herrſchte. Es iſt jedoch wahrſcheinlich, daß dem nicht ſo warz denn nachdem der Nachbar Abſchied genommen und Honorine in die Einſamkeit des Parkes getreten war, ſetzte ſie ſich und zog einen Brief hervor, der, obſchon ſie ihn wenigſtens zehnmal geleſen, gleichwohl auch noch beim elften Male ihr das Blut in das Geſicht emportrieb. mehr eben jetzt dieſes Schickſal gerade vor ihr? Der ganze Btief beſtand aus folgenden Zeilen: „Gnaͤdigſte Frau Oberſtlieutenantin! „Es iſt Alles zu Ende, auf ewig zu Ende, zwiſchen mir und ihr, deren Namen ich vor Ihnen nicht aus⸗ zuſprechen wage. „Den Tag nach Ankunft des Briefes treffe ich in Tjuſtorp ein, um eine letzte Gnade zu erflehen. Philipp. 88 „Vielleicht,“ ſagte ſie, indem ſie einen ſcheuen Blick um ſich warf,„vielleicht iſt er ſchon da. Viel⸗ leicht iſt er in dieſem Falle gegangen, mich zu ſuchen... Nein, ich habe ja nicht geſagt, wohin ich ging.“ Sie ſtand auf und ſetzte ſich wieder. Dieſe Be⸗ wegung wiederholte ſie mehrere Male, ohne daß ſie zu einem Entſchluß zu kommen ſchien. Endlich ſtand ſie ernſtlich auf und ging ſchnell den Gang hinunter. Bald darauf aber beſann ſie ſich, daß ſie etwas im Pavillon holen wollte. Dies war wieder ein Vorwand— ja, ſogar die ſtarke Honorine verſchmaͤhte es nicht, zuweilen einen ſolchen aufzuſuchen. Es war alſo der Pavillon, wohin ſie jetzt ihre Schritte lenkte. Sie eilte mit leichtem Schritte uͤber den Platz, der vor ihr lag, denn war ſie nicht gleichſam einem gefuͤrchteten Schickfale entronnen? Aber war ſie das wirklich? Stand nicht viel⸗ 156 Wenigſtens war es Philipp Thurné, der, uͤber den Tiſch gebeugt, ihre Zeichnungen betrachtete, welche ſie hier liegen gelaſſen, weil ſie von keinem Fremden etwas wußte. 3, „Ach, mein Gott, Sie!“ Dieſer Ausruf entfuhr Honorinen ganz unwill⸗ kuͤ rlich.. Es war nicht mehr der leichenblaſſe und verwor⸗ rene, von tauſend Qualen und Kaͤmpfen verſtoͤrte junge Mann, den wir zuerſt in der Huͤtte am Schwalbenſee ſahen und eben ſo wenig der kalte, ſtrenge, aber gerechte Richter, den wir ſpaͤter dort fanden. Es war ein Mann, ſtrahlend von frohen Ahnungen mit friſchen, kraͤftigen, bluͤhenden Gefuͤhlen im Herzen, mit friſcher Farbe auf den Wangen und Feuer im Auge, aber nicht jenem gluͤ⸗ henden und rauſchenden Feuer, welches mit ſtuͤrmiſchen Leidenſchaften beiſammen wohnt, ſondern einem Feuer, welches etwas Himmliſches in ſich traͤgt, etwas hinrei⸗ chend Warmes, um nicht fuͤr Ruhe, aber auch etwas hinreichend Reines und Ruhiges, um nicht fuͤr Fieber gehalten zu werden. dn⸗ „Ja, ich, gnaͤdige Frau, ich... Er eilte auf ſie zu und lag zu ihren Fuͤßen, ehe ſie nur daran den⸗ ken konnte. 31 16 „Nein, ſtehen Sie auf, ich bitte.. dieſe Stel⸗ lung. „Dieſe Stellung werde ich behalten, bis Sie Ver⸗ —— —,— 157 zeihung uͤber alle meine Suͤnden ausgeſprochen haben! O, ſehen Sie nicht, daß ich dem grauſamen Zauber entronnen bin, der mich gebunden hielt! Hoͤren Sie nicht an meiner Stimme, daß ich frei bin, daß Alles an mir frei iſt, mein Herz, mein Gefuͤhl, meine Seele, meine Hand... Aber nicht einen Strahl ſehe ich in Ihren Augen, nicht ein Kraͤuſeln auf Ihrer Lippe— ſoll ich denn nicht Verzeihung erhalten?“ „Ich habe ſchon— ich verſichere Ihnen das— Ihre uͤbereilten Worte bei unſerem Scheiden verziehen.“ „Ach, daran dachte ich nicht! Da war ich ja vollkommen wahnſinnig, daß Sie nicht anders als Mit⸗ leiden mit dem armen Thoren haben konnten.. dieſe Verzeihung iſt es nicht, von der ich rede.“ „Mein Herr, von was Sie auch ſonſt ſprechen moͤgen, ſo ſeien Sie uͤberzeugt, daß ich nicht eher ant⸗ worte, als bis Sie aufgeſtanden ſind!“ „Ich gehorche Ihnen, ich gehorche Ihnen augen⸗ blicklich... Aber nun werden Sie mir auch zur Be⸗ lohnung einen einzigen Blick geben, der mir verſichert, daß das Vergangene nicht auf ewig abgeſchloſſen iſt.“ „Ich weiß nicht,“ ſagte Honorine mit erzwunge⸗ nem Laͤcheln,„wie meine Blicke fruͤher waren, wenig⸗ ſtens aber wuͤnſche ich, daß die gegenwaͤrtigen die Theil⸗ nahme auszudruͤcken vermoͤgen, die ich mit Ihrem Schickſal empfinde.“ „Ah, das, was Sie mir ſagen, gnaͤdige Frau, iſt 158 gerade nicht geeignet, Theilnahme auszudruͤcken! Ich ſehe wohl, daß meine Seele in Traͤumen und Hoffnun⸗ gen geſchwebt hat, dem Sie nicht Ihr Ohr leihen wollen.“ „Sie irren ſich... ich werde hoͤren, was Sie mir zu ſagen haben und dann werden Sie mich hoͤren. Das iſt ja ganz einfach.“ „Ja, gewiß. Aber es waͤre noch einfacher, wenn Sie zu mir ſagten: Ich ſehe aus der thoͤrichten Ver⸗ klaͤrung, die aus Ihrem ganzen Weſen hervorleuchtet, daß Sie einen Entſchluß gefaßt haben, welcher, wie Sie jetzt glauben, das ganze Gluͤck Ihres kuͤnftigen Lebens in ſich ſchließt. Aber ich beklage, daß Sie dieſen Ent⸗ ſchluß zu ſpaͤt gefaßt haben, denn ich kann ihn nicht theilen.“ „Mein Herr, Sie beantworten die Frage, die Sie vielleicht an mich zu thun beabſichtigt haben, ſelbſt ſo gut, daß... daß ich nichts weiter hinzufuͤgen kann, als das... „O ſtill, ſtill, Sie ſollen nichts hinzuſetzen, bevor Sie mich gehoͤrt haben!’?' Und nun begann Philipp eine ganze Reihe Schil⸗ derungen der Vergangenheit. Es waren in der That lebende Bilder in Verſen und in Proſa, poetiſch, kuͤhn und feurig— genug, ſie waren von der Art, daß ſeine Beredtſamkeit mehr als 459 einmal eine verſtohlene Thraͤne aus Honorinens Augen zum Siegeszeichen erhielt. Sie ſah ja ſeine warme und edle Liebe zu ihr ſtets auf dem Grunde ſeines Herzens, waͤhrend ſeine Phantaſie, ſeine Leidenſchaften ihn nach der Richtung hinzogen, wo ſein boͤſer Engel winkte. Das was in der Huͤtte am Schwalbenſee vorge⸗ fallen war, erzaͤhlte er natuͤrlich nicht ſeinem ganzen Um⸗ fange nach, aber er beruͤhrte ein„wunderbares Geheim⸗ niße, welches dort das Bild dieſes gefaͤhrlichen Weibes auf immer aus ſeiner Seele geriſſen habe. Und daß dies wahr ſein mußte, daran konnte Honorine nicht zweifeln, als ſie das Papier ſah, durch welches Sylvia der Obhut ihres Vaters uͤberlaſſen ward. „Und ſehen Sie,“ ſagte er, waͤhrend ſein Auge— dieſes Auge, welches wieder ſtrahlte, als er das ihre ver⸗ dunkelt ſah— ſie innig und warm betrachtete,„ſehen Sie nun, ob es nicht wahr iſt, was ich Ihnen ſagte, daß mein ganzes Lebensgluͤck in Ihren Haͤnden liegt! Bedurfte ich wohl der geringſten Bedenkzeit, nachdem meine Seele ihre Sehkraft und das Herz ſeine edelſten Triebe wiederbekam? Und findet ſich in meinem We⸗ ſen die geringſte Spur von Kummer und Reue? Nein, es iſt keine Spur von etwas Anderem da, als von der lebendigen Dankbarkeit, die ich taͤglich gegen Gott aus⸗ ſpreche, der dieſe qualvolle Leidenſchaft von mir nahm 160 — und waͤhrend meiner Reiſe hierher zeigten ſich ſogar Spuren laͤchelnder Hoffnungen.“. Honorine wollte antworten, aber er hielt ſie zuruͤck. „O, eilen Sie nicht ſo! Sie haben mich noch nicht zu Ende gehoͤrt. Ich habe noch hinzuzufuͤgen, daß ich keine anderen, als rechtmaͤßige Verbindlichkeiten habe. Das arme Kind, gegen welches Sie ſich ſo edel⸗ muͤthig erzeigen wollten...“ „Nun— hat ſie... Anima ſelbſt...“ „Gott hat es zu ſich genommen. Ueberdies war es nicht mein.“ „Nicht das Ihre?“ „Ich will nicht, ich wage nicht, mich in dieſe Ge⸗ heimniſſe zuruͤckzudenken— moͤgen ſie ſchlafen auf ewig... Die Gnade, auf welche ich in meinem Briefe hindeutete, dieſe galt meiner kleinen Sylvia. Werden Sie mir wohl meine Bitte abſchlagen?“ „Herr Thurns, ich betheure Ihnen, daß es mich tief ſchmerzt— aber ich kann Ihnen Ihre Bitte nicht gewaͤhren.“ Jetzt endlich begann Philipp wirklich Mißtrauen gegen das Gluͤck zu faſſen, nach welchen er ſo kuͤhn zu greifen gewagt. Und dieſer ploͤtliche Umſturz in ſeinem Gemuͤth gab ſich auch in ſeinen Bewezungen, in ſeiner⸗ Sprache kund.— „Sie ſchlagen mir meine Bitte ab... Honorine ——— ⸗ ar 161 Honorine, Sie lieben mich alſo nicht mehr... Verzei⸗ hen Sie— dieſe Worte entfielen mir im Ausbruch meines Schmerzes... ich hatte kein Recht, ſie auszu⸗ ſprechen.“ „Gleichwohl nehme ich ſie auf,“ antwortete Hono⸗ rine ſanft,„denn wenn auch unſere Gefuͤhle nicht fruͤ⸗ her ausgeſprochen werden konnten, ſo wußten wir doch, daß ſie vorhanden waren.“— „Gott, mein Gott, Sie geſtehen alſo, daß Sie mir einmal gewogen waren?“ „Ich glaube nicht, daß ich Ihnen den Troſt— wenn es einer iſt— verſagen darf, zu wiſſen, daß mein Herz an der Wunde gelitten, die Sie ihm zugefuͤgt ha⸗ ben. Aber in demſelben Augenblicke, wo ich allen weib⸗ lichen Stolz vergeſſend, dies geſtehe, koͤnnen Sie auch uͤberzeugt ſein, daß ich dieſe Schwaͤche bezwungen habe.“ „Sie haben alſo das Bild des Mannes, deſſen Wankelmuth Sie verachteten, aus Ihrem Herzen ge⸗ riſſen?“ „Ich habe mir Muͤhe gegeben.“ „Ha— es iſt Ihnen alſo nicht gelungen?“ „Aber es wird mir gelingen, denn ich will es. Es iſt ein Entſchluß, der nicht blos durch die Wunde vorgeſchrieben wird, welche das Weib erhielt, ſondern auch von der Vernunft.“ Philipp ſaß mit geſenkter Stirn da. Seine Au⸗ gen, uͤber welche ſich ein warmer Nebel gezogen, wag⸗ Ein Gerücht. VIlI. 11 ten kaum, auf Honorinen zu blicken. Seine Lippen ſprachen blos das einzige Wort: „Vergeltung!“ „Ich weiß nicht,“ hob die junge Frau wieder an, „ob dieſer Ausdruck ſich auf Bitten bezieht, die vielleicht vor Kurzem an Sie geſtellt wurden und welche Sie abſchlugen; aber ſeien Sie uͤberzeugt— im Fall ich Ihre Gedanken errathen habe— daß Sie, indem Sie jene Bitten zuruͤckwieſen, eben ſo klug handelten, wie ich jetzt.“ „Ich haͤtte nicht auf mehr als eine Weiſe han⸗ deln koͤnnen.“ „Ich auch nicht— ſeien Sie deſſen ſicher!“ Philipp verſtummte wieder. „Ein Mann, wie Sie, Herr Thurné, darf nur Freunde haben. Das Band der Che, davon bin ich nun feſt uͤberzeugt, taugt nicht fuͤr Sie. Und eine Ehe mit mir taugte am allerwenigſten fuͤr uns Beide.“ „Glauben Sie das, gnaͤdige Frau?“ fragte er in bitterm Tone. „Ja, ſo vollkommen und feſt, daß nichts meine Ueberzeugung erſchuͤttern kann. Ich habe mich jetzt an ein ruhiges, thaͤtiges und haͤusliches Leben gewoͤhnt. Ich habe warme Gefuͤhle, aber ich beſitze nicht jene Gluth, die erforderlich waͤre, wenn Sie mit Ihren gluͤ⸗ henden Exaltationen nicht ſehr bald Kaͤlte empfinden ſoll⸗ ten. Sie werden niemals ein Mann fuͤr dieſes Alltags⸗ den 163 leben, deſſen einfache Schoͤnheiten, ruhigen Reize und heilige Pflichten Sie nur mit Muͤhe verſtanden und niemals geliebt haben.“ „O— und Sie ſind es, die mir alles dies ſagt, Sie, die fruͤher nicht an mir verzagten! Was ſoll dann aus mir werden, mit dieſem Herzen, welches, von Ihnen verſtoßen, keine Zuflucht weiß, wo es nicht vor Kum⸗ mer, Sehnſucht und Lebensuͤberdruß ſterben muͤßte?“ „»Wie koͤnnen Sie wagen, ſo zu reden, Sie, der zwei geliebte Kinder hat, Sie, der einen ſolchen Schatz von Poeſie und Phantaſie beſitzt... Nun erſt kom⸗ men Sie in den Stand, Ihre Kraͤfte zu waͤgen; jetzt ſind Sie frei genug, ſich Ihrem Ziele zu widmen, und dieſes Ziel— Ihre kuͤnftige Ehre und Wonne— iſt die Bahn des Dichters.“ Philipp ſchuͤttelte blos den Kopf. „Und weiterhin, wenn dieſer Augenblick nur noch eine ſanfte Erinnerung iſt, wollen wir unſern Brief⸗ wechſel wieder aufnehmen. Ich werde dann, wie fruͤ⸗ her, Ihre Freundin, Ihre Rathgeberin ſein und wenn Sie in Ihrer Freiheit, Ihrem richtigen Stande, ver⸗ bleiben, will ich mich gern mit der Erziehung Ihrer kleinen Sylvia befaſſen. Fuͤr die naͤchſte Zeit koͤnnen Sie ſie ganz ruhig der Obhut Jolli's uͤbergeben.“ Philipp ſtand auf. Seine Wange war jetzt wie⸗ der eben ſo bleich, wie an jenem Abend in der Huͤtte 11* 164 am Schwalbenſee; aber er beherrſchte ſich, denn er litt mit Beſonnenheit. Er fuͤhlte, daß es ſeine letzte Hoffnung war, welche entſchwand, vielleicht auch ſeine letzte Taͤuſchung. „Sie haben mir Alles geſagt, was noͤthig iſt, gnaͤ⸗ dige Frau, und Sie haben mir einen grenzenloſen Schmerz, einen ewigen, unheilbaren Kummer zugefuͤgt. Er ſtuͤrmt und tobt nicht— aber er bleibt.“ „Mein Herr, auch ich bitte nun um Barmherzig⸗ keit!“ Honorinens Wange ward bleicher, als die wei⸗ ßen Dornroſen am Fenſter.„Ich habe mein letztes Wort geſagt und dies ſteht unverbruͤchlich feſt.“ „Und mein letzter Abſchied iſt das Anerkenntniß, daß Sie vollkommen recht gehandelt haben. Ich ver⸗ diente nicht, das große Gluͤck zu genießen, nach dem ich ſtrebte. Hinfort bleibe ich allein, ſtets allein! Aber bis zu dem Augenblicke, wo der Tod den Schlag die⸗ ſes unruhigen Herzens hemmt, ſegne ich Sie. Sie ſind das Schoͤnſte, das Reinſte, das ich im Leben ge⸗ kannt und obſchon Sie es verſchmaͤht haben, mich als Gattin zu begleiten, ſo ſollen Sie mir doch folgen als meine Muſe, ſo lange ich zu ſingen vermag.“— litt lche naͤ⸗ erz, rmt vei⸗ tes niß, ver⸗ ich (ber die⸗ Sie ge⸗ als als 165 Philipp war fort. Sein letzter Abſchied— ſo wuͤrdig, ſo edel und gleichzeitig von ſo tiefen und ernſten Empfindungen zei⸗ gend— erſchuͤtterte wohl nicht den Entſchluß, den Ho⸗ norine ſchon vorher gefaßt, aber machte ihn doch um Vieles ſchwerer. Sie bereute auch nicht— ſie hatte nach gereifter Ueberlegung gehandelt— aber ſie litt, ſie litt furchtbar an jenem grauſamen Schmerze, gegen welchen die Ver⸗ nunft nichts vermag und deſſen Thraͤnen nur von der Zeit geſtillt werden. Nun war es vorbei. Aber in dem Worte vor⸗ bei— auch wenn wir es ſelbſt geſchaffen— liegt et⸗ was Unbegreifliches, liegt Todesqual. Honorine hatte nirgends Ruhe. Ihr Gemuͤth, dieſes ſonſt ſo ruhige Gemuͤth, nahm verwirrende Bilder, gefaͤhrliche Bilder in ſich auf... Sie zitterte vor der Reue, welche nichts fruch⸗ ten konnte. Und dann ſagte ſie ſich wieder, daß es keine Reue ſein koͤnnte, denn ſie wußte ja beſtimmt, daß ſie, nach dem, was geſchehen, Philipp nicht angehoͤren wollte. Drei Tage dauerte dieſe Umwaͤlzung in dem Le⸗ ben dieſer ruhigen und edlen Frau. Drei Tage lang kuͤmmerte ſie ſich weder um ihre Leute, noch um ihr Haus, noch um ihre Angelegenheiten, noch auch nur um ihre Kranken. 166 Und kein Beſuch ward angenommen. Aber am Abend des dritten Tages, als ſie ſich in das Zimmer ihres ſeligen Gatten begeben hatte, um hier einen Ha⸗ fen der Ruhe zu ſuchen, hoͤrte ſie draußen eine Stimme ſagen: 3 „Nun, ich werde doch hinein duͤrfen?“ Bei dieſen Worten durchrieſelte ein leiſes Zittern Honorinens Glieder. Ein wohlthuendes Gefuͤhl, etwas von dem Alten, dem Gewohnten, dem Friedlichen, und dennoch etwas Beſſeres kam uͤber ſie. Die Thuͤr oͤffnete ſich. „Lieber Gott, was iſt denn mit Dir?“ rief Six⸗ ten.„Die dummen Menſchen ſagten, Du wollteſt Niemanden ſehen.“ „O, Dich will ich ſchon ſehen, mein guter, lieber Sixten!“ „Nun, das war gut— ich hatte mich ſchon auf etwas Anderes gefaßt gemacht, weil ich nicht Wort ge⸗ halten habe.“ „Nicht Wort gehalten?“ „Freilich, der Monat iſt noch nicht ganz um.“ „Das iſt wahr— weshalb biſt Du denn eher gekommen?“ „Lieber Gott, ich habe ja eine außerordentliche Neuigkeit zu erzaͤhlen... Aber erſt, liebe Honorine, mußt Du mir ſagen, ob Dir etwas fehlt— Deine Augen kommen mir ganz anders vor.“ 5 AS 723 iche ne, 167 „Es war blos ein wenig uͤble Laune— ich fuͤhlte mich ſo einſam.“ „Da bin ich wohl willkommen?“ „Sehr!“ „Ach, lieber Gott, daß in einem einzigen, kleinen Woͤrtchen ſo vieles Angenehme liegen kann... Aber hoͤre nur, ich muß Dir erzaͤhlen, daß mein armer Couſin H. ins Waſſer gefallen und ertrunken iſt— denke Dir nur! Ich glaube, die Haͤlfte des Menſchengeſchlechts ertrinkt jetzt.“ „Wie entſetzlich... Und ſo jung zu ſterben!“ „Ja, zum Gluͤck, wenn das Ungluͤck es einmal ſo wollte. Er war weder verheirathet, noch verlobt. Und obſchon ich ihn aufrichtig betraure, ſo werden doch meine Glaͤubiger und meine Freunde ſehr zufrieden damit ſein, daß ich die große Beſitzung Wallby geerbt habe.“ „Du?“ „Ja freilich! Onkel und Tante ſind ja ſchon vor ein paar Jahren geſtorben und deshalb bin ich der naͤchſte Erbe.“ „Ach, mein lieber Sixten, wie gluͤcklich wirſt Du dadurch werden— wie viel Gutes wirſt Du zum Dank dafuͤr thun koͤnnen, daß Gott ſo Viel in Deine Haͤnde gegeben hat.“ „Ich— ſoll dreißig Meilen weit von Tjuſtorp fortziehen?... Nein, dafuͤr danke ich!“ Honorine aͤchelte. 168 „Ich habe vielmehr daran gedacht, Dich nun, wo mich Niemand im Verdacht des Eigennutzes haben kann, zu fragen, ob Du nicht glaubſt, daß Tjuſtorp einen Wirthſchaftsinſpector braucht? Lieber Gott, ich gaͤbe⸗ gleich ganz Wallby darum, wenn ich dieſe Stelle bekaͤme!“ „Guter Siyten.“ „Nun, was ſagſt Du dazu! Du glaubſt, daß ich nicht immer zufrieden ſein wuͤrde, blos Dir zu helfen und zu dienen— aber wirklich, ich wuͤrde es ſein! Mit Dir zu laͤcheln, wenn Du heiter biſt, mit Dir zu weinen, wenn Du traurig biſt— was koͤnnte ich mehr wuͤnſchen!“ „Aber... aber Tjuſtorp gebraucht keinen Wirth⸗ ſchaftsinſpector.“ 3 „Nein, nein, es war zu viel verlangt!“ „Soll ich Dir ſagen, was Tiuſtorp ſtatt deſſen wirklich bedarf?“ „Nun, was denn— ins Himmels Namen, was denn?“ „Einen Herrn.“ „Honorine...“ dem armen Baron entſchwand jeder Blutstropfen aus dem Geſicht...„Honorine, Du ſcherzeſt grauſam.“ Aber mit einem Laͤcheln himmliſcher Guͤte ſtreckte Honorine die Hand aus. „Mein edler, guter Sixten, blos Du haſt mich wirklich geliebt— mit einer treuen, innigen und erprob⸗ —— 70— 169 ten Liebe. Wiſſe, daß ich vorgeſtern Thurné abwies 4 „Um...“ ſtammelte der Baron muͤhſam athmend. Dich zu heirathen.“ Beinahe im Gefuͤhl ſeines Gluͤckes die Beſinnung verlierend, fiel Sixten auf die Knie nieder. „O Gott,“ ſagte er,„Du hoͤrſt meinen Schwur; Ich werde ihrer wuͤrdig ſein; aber laß mich leben— wenigſtens einige Wochen.“ „O,“ ſagte Honorine ſchalkhalft,„wir wollen uf ein dauernderes Gluͤck hoffen, mein Härtann ee hatte Honorine a lſo die n neue Quelle gefunden welche jene von der Seele heimgebrachte Antwort des Orakels prophezeiht hatte. Und Honorine hatte keinen Grund, den Tauſch zu bereuen, denn dieſe Quelle ward niemals truͤbe, ſondern im Gegentheile immer klarer. 20. Schluß. Erſter Auftritt. An einem Nachmittag im April, ungefaͤhr dritt⸗ halb Jahre nach Sixtens Aufnahme in's Paradies— in welchem er noch fortlebte— trat Madame Malme⸗ lin in das Dachſtuͤbchen des Poeten Alexis. Es war nicht das Dachſtuͤbchen, welches wir von Alters her kennen, aber doch ein aͤhnliches und keines⸗ wegs bequemer und beſſer eingerichtet. „Wenn ich nur begreifen koͤnnte, wozu dieſer Spektakel dienen ſoll,“ ſagte Madame Malmelin ganz zornig zu ſich ſelbſt:„Wenn er Mittwochs und Don⸗ nerſtags, wo ſeine Comoͤdien gegeben werden, leben kann wie vornehme Leute, ſo brauchte er wohl eigent⸗ lich auch nicht dieſes finſtere Loch hier zu behalten, deſſen Heizung und Saͤuberung mir ſo viel Muͤhe macht... Na, ich weiß wohl, es iſt nicht Alles Gold, was glaͤnzt und auch unter den ſchoͤnſten Blumen ver⸗ SSe—————-——— —2 S it⸗ 171 birgt ſich zuweilen ein giftiger Wurm, aber deswegen koͤnnte er doch immer in ſeiner großen Wohnung blei⸗ ben, denn wenn Jemand ſeufzen will, ſo wuͤßte ich nicht, weshalb es noͤthig waͤre, deshalb nach der ſuͤdlichen Stadt zu laufen und drei Treppen hoch zu ſteigen.“ Madame Malmelin, als Hausfrau und Wirthin des bald heiteren, bald melancholiſchen, ſtets aber von ſeinen Freunden geſuchten Dichters, war jetzt eine ganz vornehme Dame, die nur im Voruͤberfahren den Maͤd⸗ chen und Bedienten zunickte, welche fruͤher ihre Gelegen⸗ heitsgedichte und Liebesbriefe bei ihr beſtellt hatten, und eine Dame, welcher, ſeitdem ſie Hut und Schleier trug — der vertrauliche Auftrag ihres Herrn, auch die Auf⸗ wartung in der albernen Dachſtube zu uͤbernehmen, keineswegs zuſagte. Aber dieſe Vornehmheit hinderte gleichwohl die wuͤrdige Frau nicht,„das dumme Loch“ auf das ſauberſte in Stand zu halten. Und kaum hatte ſie heute das letzte Staͤubchen abgewiſcht, als Je⸗ mand die Treppe heraufkam. Es war der Eigenthuͤmer des Dachſtuͤbchens, wel⸗ cher eintrat. So wie wir jetzt Philipp ſehen, lag in ſeinem Ge⸗ ſicht der Ausdruck behaglicher Sorgloſigkeit und in ſei⸗ nem Weſen etwas ewig Junges, etwas von dem fruͤheren Studenten. „Nun, was ſoll denn hier losgehen?« fragte Ma⸗ dame Malmelin kurz. 172 „Der Tauſend, meine liebe Norne, ich will ja den erſten Akt meines neuen Schauſpiels ſchreiben.“ „Das wird nicht viel Geſcheidtes werden, wenn Sie es hier machen! Da ſollen wohl auch wieder Laugenfiſche und gruͤne Erbſen dazu geholt werden 2“ „Na, na, Mutter, werden Sie nicht boͤſe! Ich werde Sie auch mit guten Nachrichten von allen drei Richtungen her traktiren.“ „So, was macht denn Alban?“ „Er faͤhrt fort, alle moͤglichen Anlagen zu ent⸗ wickeln, wie ſein Vater zu werden— ja, er zeigt ſich ſogar ſchon ganz ritterlich gegen des Doctors Toͤchterchen ... aber im Ernſt geſprochen, der Junge macht uns wirklich Ehre.“ „Das habe ich immer geſagt... Nun, die an⸗ dere Nachricht— die iſt wohl von der lieben Oberſt⸗ lieutenantin?“ „Ja, die Freiherrin Honorine erzaͤhlt, daß Sylvia die andere Koͤnigin Adele wird. Und aus ihrem ganzen Briefe geht deutlich hervor, daß Honorine meine kleine Koͤnigin eben ſo ſehr liebt, als ihre eigene kleine Prin⸗ zeſſin, die Erbin von Tjuſtorp und Wallby.“ „Nun, und der letzte Brief war wohl von Herrn Dick,“ fiel Madame Malmelin laͤchelnd ein. „Ganz recht und er thut mir zu wiſſen, daß der große Kronleuchter binnen Kurzem zum zweiten Maſe werde angezuͤndet werden.“ ——— — — „Aha, man weiß ſchon, was das zu bedeuten hat — ich daͤchte, Frau Dick haͤtte ſich mit dem Stiefbru⸗ der begnuͤgen koͤnnen, den Alban bereits bekommen; es bleibt ja fuͤr das arme Kind gar nichts uͤbrig.“ „Daruͤber wollen wir uns troͤſten, liebe Madame Malmelin— er hat ja dagegen zwei Erbinnen zur Auswahl.“ „O, weiß man aber denn, ob dieſe nicht auch noch mehr Miterbinnen bekommen werden?... Aber was macht denn Frau Walborg?“ „Sie hat noch regelmaͤßig ihre Kolik, beſucht noch zehnmal den Alten und rauft eben ſo vielmal Jerker bei den Haaren, wenn er ihr etwas nicht recht macht.“ „Wenn Herr Philipp mir es nicht uͤbel nehmen wollte, ſo moͤchte ich auch eine Neuigkeit berichten.“ „Was denn fuͤr eine? Das Geſicht, was Sie da ziehen, macht mich ſchon verdrießlich. Vergeſſen Sie nicht, meine liebe Norne, daß der erſte Akt meines neuen Stuͤcks ein Meiſterwerk von Humor werden ſoll — wir muͤſſen lachen.“ „»Wenn das iſt,“ antwortete die Malmelin,„ſo wird es am beſten ſein, wenn ich ſchweige.“ „Nein, redet, denn ſonſt kommt mir dieſer feier⸗ liche Ton nicht aus den Ohren.“ „Ich habe Jemanden geſehen... wußten Sie ſchon etwas davon, daß ſie hier in der Stadt iſt?⸗ —— — 174 „Das wollte ich meinen— ich habe gewiß zehn, wo nicht funfzehn Billets von ihr bekommen?“ n „Von ihr— ſie iſt ja jetzt fromm und heilig, die ge aͤrgſte Betſchweſter, die man ſich denken kann.“ in „Nun ja, es ſteht zu vermuthen, daß ſie mich be⸗ K kehren will. Sie ſoll ſchon ſechs oder acht verirrte T junge Maͤnner bekehrt haben.“ gel „Großer Gott, wie ruhig Sie jetzt von ihr ſpre⸗ nie chen koͤnnen!“ nie „Nuhig— ja, ſehr ruhig. Sie iſt todt fuͤr mich.“ Ve „Ja, ja ich weiß ſchon, daß Sie jetzt eine Menge Be andere kleine Liebſchaften haben, aber...“ ſes „Seien Sie ſo gut, meine liebe Madame Mal⸗ den melin, mir meinen Punſch und meine Cigarren zu be- ſorgen— das iſt in jedem Fall weit angenehmer, als urſ wenn wir uns in dieſen Gegenſtand noch weiter ver⸗ tiefen.“ † u. „Und doch dachten Sie einmal daran, ſie wieder fer zu heirathen!“ „Nun, was denkt man nicht Alles! Zum Gluͤck 5 ward aus der ganzen Thorheit nichts weiter, als ein lich bloßes Geruͤcht.“ in — ſer ode Eine Stunde war verfloſſen. Der Poet Alexis 35 hatte ſich an ſeinen Schreibtiſch geſetzt. 176 Wir haben ſchon zu Anfang dieſes Werkes erklaͤrt, daß Philipp in keiner Sache groß war, noch werden konnte. Er hatte allerdings große, ernſte und bittre Unfaͤlle durchzumachen gehabt, aber ſeine Seele gehoͤrte nicht zu denen, deren Kampf mit den Leiden ein Kampf auf Leben und Tod iſt. Er hatte das materielle Elend nicht von Angeſicht ſamen Durſte der Ehrſucht verzehrt zu werden, welcher viele von den wirklichen Dichtern verzehrt, und ihre Natur umwandelt, ſo daß ſie in viele Wechſelfaͤlle ſich fuͤgen muͤſſen. Kurz— da er nicht jenes Geheimniß durch drungen hatte, welches zwiſchen der hoͤhern Dichterſchaf und dem Materialismus ewig ein Geheimniß bleibt, ward er nur der beruͤhmte und geſuchte Verfaſſer ein gewiſſen Gattung, das heißt jener Gattung, wo ke Autorſchaft ſich unbemerkbar mit der Perſoͤnlichkeit es Autors und mit dem Intereſſe vermiſcht, welches leßre in einer oder der andern Hinſicht einfloͤßen kann. Dies hinderte inzwiſchen unſern Helden nes⸗ wegs, ſich glucklich zu fuͤhlen. Er beſaß, Gott ſei Dank, Eigenliebe genug, 7 ſich fuͤr ein vielverſprechendes Talent zu halten. v das Talent, welches er beſaß, verſchaffte ihm ſchon Mit⸗ tel, das launenhafte Leben eines Literaten zu fin. Es mißſiel ihm uͤberdie s durchaus nicht, in er — — —ά zu Angeſicht kennen gelernt. Er⸗ war als Dichter zu klein geweſen, um von dem grau⸗ —— aͤrt, den iaͤlle t zu auf lend Er rau⸗ lcher atur uͤgen urch ſchat dt, ein e t 28 re tes⸗ ſich das Lit⸗ er ——yj—nu— 177 „hier und da fluͤſtern hoͤrte:„Das iſt der beruͤhmte Dichter Thurné, der ſo viele romantiſche Erlebniſſe ge⸗ habt hat!«...„Ach, wer haͤtte nicht von ihm ſpre⸗ chen hoͤren, von welchem das wunderliche Geruͤcht ging, er wolle ſeine geſchiedene Frau wieder heirathen. Es knuͤpft ſich, wie man ſagt, daran eine ſehr lange, ge⸗ heimnißvolle Geſchichte.“. Aber nachdem wir nun Aufſchluß uͤber Philipps dermaligen Standpunkt gegeben— und es iſt aller Grund vorhanden und zu vermuthen, daß er nicht ſehr weder vorwaͤrts noch zuruͤckſchreiten wird— kehren wir zu ihm ſelbſt zuruͤck. Die Cigarre iſt angezuͤndet, das einzige Talglicht geputzt und die Feder eingetaucht— der Autor wartet nur, um in Gang zu kommen, auf Ideen. „Wo zum Geier ſind nur meine Ideen hin,“ fragte ſich Philipp.„Ich hatte ja den ganzen Kopf voll, als ich die Treppe heraufging... das verdammte Geſchwaͤtz der Malmelin iſt es, was ſie wieder ver⸗ ſcheucht hat. Was ließe ſich auch von einem ſolchen Thema Gutes erwarten!“ Er ſchob das Papier hin und her, er tauchte die Feder immer wieder ein, er blies den Rauch ſeiner Ci⸗ garre in dicken Wolken vor ſich hin— nichts wollte helfen— Alles war wie weggeblaſen, die ganze Scene, woran das Publikum ſich ergoͤtzen ſollte. 3 „O Melancholie, ich merke wohl, daß du dich vor⸗ Ein Gerücht. VIII. 12 — 1 m ſaͤtzlich meiner Seele naͤherſt, daß du dich in einen un⸗ bewachten Winkel einſchleichen und dein ſchwarzes Neſt ſelbſt im Herzen des Muſentempels aufbauen willſtn doch halt— ich befehle es dir! Ich habe nichts da⸗ gegen, Philoſoph zu ſein, aber Miſanthrop mag ich nicht werden— wenigſtens jetzt noch nicht.“(h. 88 Aber trotz des Verbotes des Poeten naͤherte ſich die Melancholie ihm immer mehr und mehr. 3 Das Punſchglas ward unvermerkt weggeſchoben, die Feder blieb im Dintenfaſſe ſtecken, die Cigarre ward, halbgeraucht, in den Spucknapf geworfen und der Docht des Lichtes fiel, ſich ſelbſt uͤberlaſſen, lang und glim⸗ mend auf die eine Seite. 9 5 Philipp begann zu traͤumen. 1dun g Madame Malmelin war fortgegangen, um die Zeitungen zu holen und da ſie eine große Freundin die⸗ ſer Lectuͤre war, ſo pflegte ſie dieſelbe erſt auf dem Zei⸗ tungsbureau durchzuſtudixen, ehen ſie ſie ihrem Herrn nach Hauſe brachte. 1 hCih 0 Als die wuͤrdige Frau hinausging, rief ſie draußen noch drei Mal:„Riegeln Sie zu, Herr Philipp!“ worauf er antwortete:„Gleich, gleich!“ Aber etwas Weeiteres geſchah nicht, denn die Traͤume begannen inzwiſchen. Und im Traume ſah der Poet ein Bild nahen, bei deſſen Anblick er faſt zu zittern begann. 252 Es war das Bild der begeiſterken Beſchwoͤrerin in der Huͤtte am Schwalbenſee. Er ſah ſie wieder mit ausgeſtrecktem Arme daſtehen, er hoͤrte ſie mit dem Ent⸗ ſetzen der Verzweiflung, daß ſie nicht der Blitz waͤre, der die Macht haͤtte, zu zerſchmetten, er hoͤrte ſie den verfluchen, den das Schickſal Fwiſchen ſie und das Ziel ihrer Wuͤnſche geſtellt. Aber man beurtheile, einen wie großen Antheil dieſes Weib jetzt noch an Philipps Gefuͤhlen beſaß— das naͤchſte Bild, welches er ſah, war dieſe ganze Scene unter dem ſtuͤrmiſchen Beifallsrufe der Zuſchauer auf dem Theater dargeſtellt. „Ja,“ murmelte er,„das muͤßte ein großer Au⸗ genblick ſein! Und er verwunderte ſich nicht einmal daruͤber, daß dieſer Gedanke ihm eingefallen war. Er wunderte ſich blos, daß er ihn nicht ſchon fruͤher gehabt. Die Roͤthe ſeiner Wange, das Feuer, welches mit den Thraͤnen in ſeinen Augen kaͤmpfte, verrieth, daß die Melancholie ſich einen andern Zufluchtsort ſuchen muͤſſe. Aber bevor er ſeine Sel lbſtbeherrſchung voͤllig wieder erlangt, ehe er noch ſeine Stirn vollkom⸗ men wieder aufgerichtet hatte, ſchloſſen ſich um dieſe Stirn zwei kalte Haͤnde, und zwar ſo feſt, als ob ſie alle die hellen Gedanken verdraͤngen wollten, die ſich emporzuarbeiten ſuchten. Ein eiſiger Hauch drang bis auf den Keefſten Grund von Philipps Herzen. „Was ſuchſt Du hier?“ fragte er in demſelben 12* 180 tiefen und von innerem Beben zitternden Ton, womit er den Schatten eines abgeſchiedenen, im Tode verſoͤhn⸗ ten Freundes angeredet haben wuͤrde. Und die Stimme, welche antwortete, klang ebenſo hohl, als ob ſie aus dem Reiche der Todten kaͤme. „Ich bin gekommen, um an die Pforte des Him⸗ melreichs zu klopfen und zu ſagen: Mache auf— mich friert... Die Hoͤlle iſt nicht ſo heiß, als man glaubt!“ Philipp drehte ſich ſo heftig herum, daß er von den kalten Feſſeln befreit ward, die ſeine Schlaͤfe um⸗ ſchloͤſſen hielten.. War dieſe Stimme die eines lebenden Weſens? Und war dieſer luftige Koͤrper ein Koͤrper von Fleiſch und Blut? Er ſprang auf und betrachtete mit ſtierem Auge die Geſtalt, die vor ihm ſtand. Ja, es war in der That ein Luftkoͤrper— es war nur der Hauch eines Menſchen, dieſes ſchneebleiche Weſen, welches zu ſeinen Fuͤßen niederſank. Die großen, ſchoͤnen Augen lagen tief in ihren Hoͤhlen und die Strahlen, welche aus dem matten Schmelz hervorleuchteten, waren die Strahlen eines ſter⸗ benden Sonnenuntergangs. Ebenſo matt, ebenſo verbleicht erſchienen die Roſen auf dieſer Sammetwange und ebenſo ſchlaff war die fruͤher ſo elaſtiſche Haltung der feinen, zarten Geſtalt. 181 „Lilia,“ fluͤſterte Philipp,„haſt Du Dich ſo ver⸗ aͤndern koͤnnen— Du?“ „Ein ganzes Jahr lang habe ich Dich um eine einzige Unterredung gebeten, Philipp! Du biſt ohne Gnade geweſen— und deshalb iſt es auch Gott geweſen.“ „Gott,“ wiederholte er, waͤhrend er mit ſanfter Gewalt ſeine fruͤhere Gattin aufhob und ſie auf das Sopha ſetzte, vor welches er ſeinen eigenen Stuhl ſchob,„Gott haſt Du ja ſo wohl gefunden, daß man ſogar behauptet, Du lehrteſt auch Andere, wie ſie ihn finden ſollten.“ „Ich habe verſucht, fromm und andaͤchtig zu werden. Ich habe zuweilen geglaubt, es zu ſein; aber dieſes Mittel, welches betaͤuben ſollte, hat mich ebenſo arm und machtlos verlaſſen, als ich war, bevor ich es verſuchte. Ich bin eine Prophetin, eine Traͤumerin geweſen. Waͤhrend meines Deliriums habe ich Andere inſpirirt... Aber ich bin erwacht— man hat das Ungluͤck zu erwachen— und ich habe gefunden, daß Alles zuſammen nur ein Anfall von Wahnſinn war, der von Andern fuͤr den Ausdruck eines wietlichen Seher⸗ vermoͤgens gehalten ward.“ Man haͤtte den Ton hoͤren ſollen, in welchem dieſe Worte ausgeſprochen wurden— gebrochen, klagend und ſterbend, enthielt er das ganze Bekenntniß der 182 heimlichen Seelentortur, einer Tortur, von der nicht Worte, ſondern blos Laute einen Begriff geben koͤnnen. „»Beklagenswerthes Weib, es fand ſich alſo nicht ein einziger Funken Hoffnung in Deiner Gottesfurcht, kein Funke wirklichen Glaubens?“ „Nicht ein einziger— woher willſt Du, daß ich Hoffnung und Glauben erhalte? Fuͤr mich giebt es nur eine Erloͤſung: Dich!“ „O, denkſt Du noch an dieſe Moͤglichkeit?“ „Stets... Wenn Du mir verziehen haſt, werde ich auch mit Gott verſohnt— und dann kommt auch die Erloͤſung.“ „Verziehen habe ich Dir ſchon laͤngſt... Alles, Alles! „Dieſe Verzeihung erloͤſ't mich nicht aus den Feſſeln der Suͤnde und des Lebens. Eine Stimme verfolgt mich fortwaͤhrend. Sie ruft: Du ſollſt als ein lebendes Geſpenſt auf Erden herumwandeln, bis Du ſeine Liebe wiedergefunden haſt. Dann, wenn dies geſchehen iſt, wirſt Du noch einmal ſchoͤn, rein und heilig werden und dann wird das Grab, nach welchem Du jeden Tag thraͤnenvoll Deinen Blick wendeſt, ſich oͤffnen und Dich aufnehmen. Sobald ſein Kuß Deine Lippen geheiligt hat, ſinkſt Du in Staub.“ Philipp fuͤhlte ſich von einem unheiml ichen Schauer ergriffen. Dieſe duͤſtere, finſtere Dachſtube mit ihrem einzigen, mattbrennenden Lichte, dieſes geſpenſtiſche We⸗ — —— 183 ſen, aus welchem vielleicht der Wahnſinn ſprach, alles. dies war ſo erſchuͤtternd, daß er beinahe eine aberglaͤu⸗ biſche Furcht empfand, als ihm ploͤtzlich einfiel, daß ſie vielleicht ſelbſt eine Rolle ſpielte. Lilia las in ſeinen Blicken und beantwortete laut ſeine geheimen Gedanken: „Es iſt weder das eine noch das andere— ich ſpiele Dir keine falſche Rolle vor und ich bin auch nicht wahnſinnig... wenigſtens jetzt nicht. Aber meine Leiden ſind waͤhrend dieſes letzten Jahres ſo unerhoͤrt ge⸗ weſen, daß mein Kopf zuweilen von einem verzehrenden Fieber ergriffen wird.“ „Und dieſes Fieber war es wohl, welches Dir ſo eben dieſe Worte in den Mund legte? „Nein, es war die heilige Ueberzeugung meiner Seele und dieſe Ueberzeugung iſt mir von oben ge⸗ kommen. Wir koͤnnen ſolche Geheimniſſe annehmen, ohne daß unſer Verſtand auf irgend eine Weiſe ange⸗ griffen zu ſein braucht. Mein Herz iſt durch eine un⸗ aufloͤsbare Macht an das Deinige gekettet. Und wenn Du mir wieder die geringſte. „Still, ſtill, ungkäͤckliche nichts iſt unmoͤglicher, als dies! Vermag ich wieder in's Leben zu rufen, was Du ſelhſt begraben haſt?“ 2 Ja, ja, Du kannſt es wieder in's Lbben rufen. „Sieh mich an— noch bin ich nicht ſo entſetzlich, Roch giebt es Maͤnner, die dieſe arme Huͤlle von Staub ———— 184 wuͤrden anbeten wollen, noch kann das Blut dieſe wei⸗ ßen Wangen durchdringen, das Feuer dieſer Augen ſich wieder entzuͤnden und ein Laͤcheln den Fruͤhling auf dieſe matten Lippen zaubern. Dieſes Wunderwerk waͤre Dir vorbehalten, wenn Du zu mir ſagteſt: Lilia, ich fuͤhle gleichſam einen Hauch der alten Liebe! Und wenn Du Deinen ſo warmen Arm mir entgegenſtreckteſt, daß ich nicht das Froͤſteln fuͤhlte, welches mich im Fie⸗ ber nicht verlaͤßt.“ Philipps nichtsſagender Blick gab die Antwort, welche ſeine Lippen verweigerten. „Wenn Du mit ihr vermaͤhlt worden waͤreſt, ſo haͤtte ich nichts gehofft... aber ſie wies Dich zu⸗ ruͤck, ſie.⸗ „Mit Rechtle „Und ſie ward gluͤcklich ohne Dich?⸗ „Vollkommen gluͤcklich— ſie hat Gott vielmal fuͤr dieſe Wahl gedankt und der Mann, den ſie mir vorgezogen, hat auch bewieſen, was die Ehe zu wirken vermag, wenn die Gatten das Hohe und Heilige in die⸗ ſer Vereinigung richtig zu wuͤrdigen wiſſen.⸗ „Sie ſind alſo alle gluͤcklich, bis auf mich... Die 4⁶. „Ich bin auch gluͤcklich.“ „Du taͤuſcheſt Dich— Du haͤtteſt noch gluͤck⸗ licher ſein koͤnnen.. „Das gebe ich zu... Einſt hatten wir Beide in —— ð&—,—& —— 185 unſern Haͤnden alle Schaͤtze, die zu einem unermeßlichen Gluͤck erforderlich ſind. Wir beſaßen dieſe Schaͤtze im Ueberfluß— Jugend, Reichthum, Liebe, Bildung, Poeſie. Wohin haͤtteſt Du mich leiten koͤnnen, wenn Du gewollt haͤtteſt! Bis zu welchem Himmel haͤtten wir uns emporheben koͤnnen, wenn Du nicht, von einem boͤſen Genius beherrſcht, alle unſere Schaͤtze erfaßt und in's Meer geworfen haͤtteſt? Ha, Lilia— Du haͤtteſt meine reizende Muſe ſein koͤnnen, das heilige Idol mei⸗ ner Liebe, eine angebetete Gattin, eine gluͤckliche Mut⸗ ter, eine geachtete und beneidete Frau.. Und nun...“ „Ja, nun habe ich ſtatt deſſen alles dies wegge⸗ worfen, weil ich noch mehr haben wollte, weil ich nicht im Stande, die leidenſchaftliche und fanatiſche Unruhe zu daͤmpfen, die in mir gaͤhrte, in leichtſinnigem und uͤbermuͤthigem Taumel in die Sache Gottes eingriff und Ereigniſſe zu ſchaffen begann. Aber Wuͤrmer ſchaffen ſolche nicht, ohne unter dem Werke zermalmt zu werden, welches ſie aufzurichten verſucht haben. Fruͤ⸗ her oder ſpaͤter kehren die Stunden der Beſinnung zuruͤck und damit zugleich endloſe, vergebliche Reue, der bitterſte und unverſoͤhnlichſte unſerer Feinde... Sieh, Philipp, dieſer iſt es, der mich zu dem gemacht hat, was ich bin. Meine Tage, ebenſo wie meine Naͤchte, find ein einziger Weheruf!“ „Arme, arme Lilia!“ G „Ja, arm an Allem iſt ſie; ohne Gatten, ohne 186 Kinder, ohne Liebe, ohne Hoffnung, ohne Glauben Reue, nichts als Reue... Ach, daß doch meine Stimme ſtark genug waͤre, um allen jenen Frauen, welche ſich nicht verſtanden glauben, welche klagen, daß das Leben ihnen nicht das gegeben, was ſie geahnt, wor⸗ nach ſie geſtrebt und welche, ſtatt ſich mit dem Guten zu begnuͤgen, welches ſie haben, ſtatt es mit Geduld und Ruͤckſicht noch beſſer zu machen, ihre Zeit in fruchtloſen Klagen uͤber eingebildetes Ungluͤck und mit Verſuchen zu phantaſtiſchen Verbeſſerungsplaͤnen verſchwenden—— ja, um allen dieſen unruhigen und ſchwaͤrmenden Seelen zuzurufen: Haltet ein und ſeht, wohin endlich thoͤrichte Illuſionen, leichtſinnige Koketterie und eine ungezuͤgelte Phantaſie fuͤhren kͤnnen! Ich war von Natur mit boͤſen Trieben begabt und ich arbeitete ihnen nicht ent⸗ gegen. Ich wollte nicht das Boͤſe von Anfang an, aber ich ſpielte mit den Intriguen— und ſo kam das Boͤſe allmaͤhlig in Fol ge eines inneren Zuſammenhan. ges das eine aus dem andern.. Bekrachtet mein Schickſal und dankt Gott fuͤr das, was ihr habt l Philpp ſtand ſtumm, betroffen von dieſem unaus⸗ lſchl ichen Kummer, dieſem troſtloſen Schmerz.. „Seht— wuͤrde ich weiter rufen— wie ich zum letzten Male das Knie vor dem Manne beuge, den ich einmal beherrſchte, aber der es jetzt verachtet, die zu be⸗ herrſchen, welche nur ſeinen Abſcheu erweckt... Seht, wie ſtumpf der Blick iſt, der fruͤhet von Liebe ſtrahlte — — 187 und doch... doch liebe ich ihn noch— ich liebe allein und gehe fort ohne andere Hoffnung, als in meiner Qual fortleben zu muͤſſen.“ Sie ſtand auf. Philipp wollte ſprechen, er verſuchte zu ſprechen; aber wo ſollte er die Worte hernehmen, die ſie troͤſten konnten, da er ihr nicht den einzigen Troſt geben konnte, um welchen ſie bat. „Philipp,“ ſagte ſie leiſe,„dies iſt unſere letzte Un⸗ terredung geweſen... bete fuͤr mich!“ „Stets, ſtets, unglückliche Freundin, unglick iches Weib... Aber wohin fuͤhrt Dich nun Dein Weg? Ich kann, ich will Dich nicht ſo verlaſſen.“ „Warum nicht?— Mein Wagen wartet unten. Du vergoͤnnteſt mir nicht, zu ſterben und ich müiß aiſo leben.. Leb wohl!“ Er fuͤhrte ſie langſam die Treppen hinunter. und gleich als ob ſie erſt Muth zu der letzten Frage haͤtte, fluͤſterte ſie die Namen ihrer Kinder. 1 Er ſtellte ſie in deeſen Beziehung⸗ volkonmen zufrieden. Aber lange, nachdemn der bleiche Schatten ſich aus dem Wagen herausgeneigt und von dem Mondſchein beleuchtet, ihm den letzten Gruß zugewinkt hatte, ſtand ihr Bild vor ſeinen Augen. in Von dieſem Augenblick an zehrte eine geheime Un⸗ — ruhe, ein wunderbarer Gram an Philipp— ſein Luſt⸗ ſpiel blieb liegen... gn. An demſelben Abend, einige Stunden ſpaͤter warf der Mond ſeinen weißgruͤnen Schein in ein langes Zimmer, welches zu dem Parterre eines Hauſes auf Koͤnigsholm gehoͤrte. Eine Thuͤr oͤffnete ſich und aus dem finſtern Schlafgemach trat Lilia heraus. Ihre luftige Geſtalt war in ein eben ſo luftiges Nachtgewand gehuͤllt, um welches das aufgeloͤſ'te Haar faſt bis auf die Fuͤße herabfiel. Auf der Wange, die wir erſt vor Kurzem lilien⸗ bleich geſehen, hatte ſich jetzt eine blutige Abendroͤthe ausgebreitet und ebenſo unnatuͤrlich, wie dieſe Blutfarbe auf dem ſchneeweißen Grunde erſchien, ebenſo unnatuͤr⸗ lich erſchien der leuchtende und durchdringende Glanz, der aus ihren Augen ſtrahlte. Die junge Frau nahete leiſe und auf den Zehen, indem ſie ſich wiederholt umſah. 1 5 Dem Schlafgemach zunaͤchſt ſchlief die treue Gun⸗ mel, die vollkommen troſtloſen Gedanken nicht ahnend, welche die letzten Stunden in dem Gemuͤth ihrer Herrin erzeugt hatten. 1314 R ☚ A4 189 „Ich habe alle dieſe Buͤcher ſtudirt,“ murmelte ſie, indem ſie an einem Tiſch vorbeiging, auf dem eine Menge Schriften jener myſtiſchen Religionsſekte lagen, die wir in einem andern Werke geſchildert haben;„ich habe ſie ſtudirt. Ich habe darnach leben wollen, aber ich bin— — wie ich ihm ſagte— aͤrmer und tauſendmal ver⸗ worrener erwacht, als ich vorher war.. ja, einmal hatten ſie mich foͤrmlich wahnſinnig gemacht, glaube ich.“ Mit ſichtbarer Furcht ſchritt ſie an dieſem Tiſche vorbei und blieb vor einem andern unter dem Fenſter ſtehen. „Was ſagte ich ihm nur noch weiter... Daß ich leben wuͤrde... Ach, da wußte ich noch nicht, wie es thut, in dieſe kalte Wohnung zuruͤckzukehren, nachdem er mich zum letzten Male von ſich gewieſen... Und warum ſoll ich noch leben? Ich weiß es wohl— um noch laͤnger zu leiden und Buße zu thun... Aber ich kann nicht leben. Du ſiehſt es, ſtrenger Richter, daß ich es verſucht habe und dennoch haſt Du nicht einen einzigen Tropfen des Troſtes in mein brennendes Herz fallen laſſen; ich muß daher ſelbſt dieſen Brand loͤſchen.“ Eniſchtvſſen oͤffnete ſie ein auf dem Tiſche ſtehen⸗ des Kaͤſtchen, nahm aus demſelben ein Puͤlverchen, zog die Waſſerflaſche und das Glas naͤher zu ſich und miſchte einen Trank, der den„Brand des Herzenst loͤſchen ſollte. „In einer Stunde habe ich aufgehoͤrt zu leidem, 190 hob ſie mit einer Stimme wieder an) welche verrieth, daß ihr Seelenzuſtand immer ſchwankender ward;„oder leide ich dann nur unter einer andern Geſtalt?... Wo werde ich dann umherirren? Auf welchem Sterne werde ich meine Heimath erhalten, auf welchem werde ich ihn erwarten muͤſſen.. Wenn ich nur unterwegs nicht ihm begegne, der.. s Sie ſchauderte ſo heftig zuſammen, daß ſie beinahe den weißen Inhalt des Glaſes verſchuͤttet haͤtte. „Hu, es waͤre entſetzlich... meinen zweiten Gatten, ihm mit den ſanften Augen... St... es ſchleichen Tritte hinter mir— die Schatten der Abge⸗ ſchiedenen gehen ſo leicht einher, aber ich hoͤre ſie doch Mein guter Walfried’— ihr Ton klang vorſatzlich ſchmeichelnd— was willſt Du?. Nein, die Todten anrworten nicht.. Aber dieſe Blicke 1. Ja, ich ver⸗ ſtehe— ſie erinnern mich an jenen entſetzl ichen Ge⸗ danken..Das blaue Band in jener Nacht. Sie hielt ſich mit der einen Hand krampfhaft ar am Tiſche feſt— das Glas zitterte in der andern. „Es war ja nur ein Gedanke... ſind wir denn auch fuͤr dieſe verantwortlich?... Was iſt das... wie bin ich jetzt in Arnolds Zimmer gekommen? Iſt das nicht wieder ein nachtſchwarzer Gedanke, welcher hervorſchwebt?... Ah, er verwandelt ſich in einen Schatten, einen kleinen weißen Schatten, der mir ——— 191 „ drohend entgegentritt... nein, nein, nein, ich bin nicht bereit; ich wage nicht, zu kommen, ohne gerufen worden zu ſein— noch muß ich leiden und warten.“ Das Glas entfiel ihrer Hand... von dem Ge⸗ 4 lirr erwachte Gunnel. — — 21. Schluß. getzter Auſtritt. Zwei Monate ſind vergangen. Es iſt Fruͤhling. Der Garten, der auf der einen Seite Lilig's Wohnung umgiebt, ſteht in bluͤhendem Pfingſtſchmuck und die weiche Grasdecke liegt wie ein Bett vor Lilig's Fenſter. Waͤhrend der zwei verfloſſenen Monate hat die leidende Frau das Bett nicht verlaſſen. Erſt heute iſt ſie wieder aufgeſtanden; heute hat ſie ihre wenigen noch uͤbrigen Kraͤfte geſammelt, um in dem Lehnſtuhle ſitzen zu koͤnnen, den Gunnel heraus auf den Raſen ge⸗ ſetzt und mit Wolluſt athmet ſie jetzt die ſchoͤne, ſo weiche und doch ſo friſche Luft ein. „Ach,“ ſagte Gunnel, indem ſie ſich auf den Stuhl ſtuͤtzte,„wie ſchoͤn und lieblich ſehen Sie jetzt aus, liebe Herrin! Seit der ganzen Zeit, wo Sie die Beſuche 1 Lilia's ſchmuck Lilia's hat die t heute venigen onſtuhle aſen ge⸗ ne, ſo Stuhl s, liebe Beſuche 193 des rechtſchaffenen und ehrlichen Paſtors angenommen haben, ſind Sie geweſen wie ein Engel, der Sie gewiß auch bald werden.“ Lilia laͤchelte. Ueber ihr Geſicht war ein ver⸗ klaͤrender Lichtſchimmer ausgebreitet. Ihre irrende Seele hatte endlich gefunden, was ſie ſo lange geſucht. „Gunnel,“ fluͤſterte ſie,„wie kam er denn hier⸗ her, der edle Mann, der mir ſo unausſprechlich viel Gutes gethan— hatte ihn nicht Jemand herge⸗ ſchickt?⸗ „Ja, liebe Herrin, Jemand, der beinahe jeden Abend hier vorbeigegangen iſt und gehorcht hat und der ein paar Mal, als Sie vor Mattigkeit faſt die Beſinnung verloren hatten, an Ihrem Bett lag und weinte.“ „Ich habe ſeine Naͤhe geahnt... deshalb konnte ich auch ſo gut den Mann hoͤren und faſſen, den er mir ſendete... und bald werde ich nun Ruhe finden — Ruhe!“ „Moͤchten Sie nicht erſt noch mit Jemandem ſprechen?“ Ein Zittern durchflog die faſt durchſichtige Ge⸗ ſtalt, die ſich auf die weißen Kiſſen ſtuͤtzte. „Ach ja... Großer Gott— es iſt mir, als ſaͤhe ich dort zwiſchen den Baͤumen...“ „Liebe Herrin, ich weiß nicht, ob wir duͤrfen...⸗ „O, eile, eile— ich kann ſterben, bevor er Ein Gerücht. VIlII. 13 kommt. Laß mich nicht ſterben, bevor er hier iſt!.. 33 Und die Sonne ſchien noch einmal mit feſtlichem Glanze auf zwei Weſen herab, die im Leben ſo nahe vereinigt geweſen, daß ſie, nach einer langen und ſtuͤr⸗ miſchen Trennung, wieder im Tode ſich begegnen muß⸗ ten— mit Liebe begegnen. Philipp lag zu den Fuͤßen derjenigen, die er als ſeine irdiſche Braut verloren, um ſie als ſeine himm⸗ liſche wiederzufinden. Und wenn er noch nicht mit der Sprache des Mundes geredet, ſo hatten doch ſeine thra⸗ nenvollen Augen eine ſchoͤnere geſprochen. „Es liegt,“ ſagte Lilia, die zuerſt das Schweigen brach,„in Deinen Blicken, mein Philipp, eine Erin⸗ nerung.“ „Ja,“ antwortete er,„eine liebliche, eine goͤttliche Erinnerung! Aber es liegt auch eine Bitte darin— ich war auch nicht ſchuldlos. Keineswegs!“ „O Dank, Dank! Du hatteſt eine Schuld— aber dieſe war mein— auch dieſe.“ Dieſe Worte wurden mehr gefluͤſtert als geſpro⸗ chen. Darauf blieb ſie lange ſtill. Philipps Stirn lag auf ihrem Schooße. Ihre abgezehrte Hand ſpielte matt in ſeinen Locken. Die Sonne begann zu ſinken. Die Voͤgel ſan⸗ gen ihee Liebesgruͤße in den gruͤnen Kronen der Baͤume und dann und wann ſchuͤttelte ein leichter Windhauch 195⁵5 von den Zweigen der Obſtbaͤume die roſenrothen Bluͤ⸗ then, welche in einem Regen uͤber die ſtumme Gruppe fielen. „Weine nicht ſo, o Philipp, uͤber unſer verſcherz⸗ tes Gluͤck! Ich will Dir nicht noch mehr Thraͤnen koſten.“ Philipp richtete ſich auf. „Ach, Lilia, Du ſagteſt, daß Du wieder ſchoͤn und rein und heilig werden wuͤrdeſt, wenn die Liebe aufs Neue in meinem Herzen aufflammte. Niemals warſt Du uͤberirdiſcher ſchoͤn als jetzt und niemals fuͤhlte ich mich von einer heiligern Gluth durchſtromt, als ich jetzt empfinde. Ich liebe Dich, ich liebe Dich, ich liebe Dich immer noch.“ Ein ſeliges Laͤcheln ſchwebte auf Lilia's Lippen. Sie hatte ihre Haͤnde gefaltet. Die Klarheit des Him⸗ mels paarte ſich in ihten Augen mit der Wonne des letzten irdiſchen Eindrucks. „Seitdem ich zu den Fuͤßen des ewigen Mittlers Gnade gefunden, ſeitdem ich Glauben und Hoffnung gewonnen, wußte ich wohl, daß ich auch Dein Herz wieder gewinnen wuͤrde. Dir, Dir habe ich— durch den wuͤrdigen Mann, den Du mir geſendet— Alles zu danken: Erde, Himmel, Verzeihung... es bleibt mir nur noch eins zu wuͤnſchen uͤbrig.“ „O ſage, ſag!“ „Nenne mich noch einmal Deine Gattin!“ — 196 „Ja, meine Gattin, meine Geliebte, meine ver⸗ ſoͤhnte Gattin... Dieſer Kuß, dieſer warme und liebevolle Kuß giebt Dir alle Deine Rechte zuruͤck!“ „Er gab mich Gott zuruͤck... O Philipp, Geliebter, lebe... lebe wohl... Sylvia... Alban...“ Als Philipp ſein thraͤnenbenetztes Angeſicht wieder aufhob, entfloh der letzte Seufzer— es war ſeine todte Gattin, die an ſeiner Bruſt ruhete. Lilia's Vorherſagung war eingetroffen: „Sobald Dein Kuß meine Lippen heiligt, ſinke ich in Staub.“ 22r— 24r Band. I HIITTTnARAMnmnnnnhnmnhnnn