Ute 91 Leihbiblio deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leiß- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ 1 pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hintexlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4 b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und ſ eträgt:— für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. K 3 5 Auswürtige Avonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung p” —-——— 6. Schadenersatz. 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Die Anzahl der Badegaͤſte hatte ſich bedeutend vermehrt und eine brillante Verſammlung wogte nach dem regelmaͤßigen Takte der Francaiſe hin und her. Der Geſellſchaftston war jetzt nicht mehr derſelbe, wie vor ein paar Wochen. Man lebte nicht mehr en famille. Es hatten ſich mehrere Parteien gebildet und man hatte ihnen folgende Namen gegeben:„die hochvor⸗ nehme Coterie“,„die dicke Coterie“,„die fidele Coterie“ und„die kleine Klatſchcoterie“. Die Geſellſchaft war daher rein auseinanderge⸗ riſſen und nur im Ballſaale bemerkte man einen An⸗ flug von Einigkeit und Gleichheit, denn hier war eine Art Republik proclamirt— aber außerhalb des Ball⸗ ſaales herrſchte Oligarchie und Anarchie an allen Ecken. 8 Die hochvornehme Coterie— die eréme der Ge⸗ burtsariſtokratie— verhielt ſich auf ſehr abgemeſſenem Fuße zu der dicken Coterie, welche durch die Buͤrger⸗ und Geldariſtokratie repraͤſentirt ward. Die fidele Coterie, welche keinem beſtimmten Stand huldigte, ließ es ſich ebenſowenig angelegen ſein, ceremonielle Be⸗ ſuche abzuſtatten, als deren zu empfangen; dieſe ſehr verſtaͤndige Coterie wollte ſich blos amuͤſiren. Aber die vierte, die Klatſchcoterie, lebte in beſtaͤndiger Fehde mit allen uͤbrigen, denn dieſe Partei wollte es nicht leiden, daß ſie die letzte ſein ſollte und ſah gleichwohl keinen Ausweg, die erſte zu werden. Nun iſt es wahr, daß es auch eine fuͤnfte Partei gab, aber dieſe beſtand aus ſtillen und gutmuͤthigen Leuten, welche gar nicht darnach trachteten, irgend⸗ welches Aufſehen zu machen— Leute, die in aller Stille ihr Bad nahmen und eben ſo ſtill ihre Weiß⸗ fiſche und ihren Roggenmehlbrei aßen. Von dieſer Partei ſprach Niemand. Aber wir haben geſagt, daß an Soirée⸗ und Ball⸗ tagen die Republik proclamirt war und daher ſehen wir auch jetzt alle dieſe beſonderen Abtheilungen in ein einziges, großes Ganze zuſammengeſchmolzen. Es gab jetzt keine Adels⸗ oder Buͤrgerariſtokratie mehr— es gab jetzt blos Vergnuͤgen, Waͤrme, flie⸗ gende Converſation, funkelnde Liebeserklaͤrungen zwi⸗ ſchen ſtrahlenden Augen, heimlich gefluͤſterte Verab⸗ 7 redungen zu romantiſchen Zuſammenkuͤnften, heimliche Skandalgeſchichten, die von einem Telegraphen zum andern liefen— mit einem Wort, es war die Freude, welcher unter allen Geſtalten gehuldigt ward. Aber die Freude hatte auch ihre eigene, bekraͤnzte Goͤttin, welche witzige Einfaͤlle, Scherzworte, laͤchelnde und aufmunternde Blicke und unſchuldige Gunſtbe⸗ weiſe mit vollen Haͤnden um ſich her ſtreute. Dieſe Gottheit, welche keiner beſtimmten Coterie angehoͤrte, ſondern aus Grund ihres uͤberſchwenglichen Rufes und ihrer ausgezeichneten Gewandtheit, Zutritt bei allen erhalten hatte— dieſe Gottheit hatte im Verlaufe von neun Tagen Wunderwerke verrichtet. Die Hochvornehmen hatte ſie durch ihre gracioͤſe Schuͤchternheit und beſcheidene Aufmerkſamkeit fuͤr ſich eingenommen, die Geldſtolzen durch ihren geſchmackvollen Luxus und ihren Ton unwiderſtehlicher Standesgleich⸗ heit, die Fidelen durch ihre bizarren, munteren Einfaͤlle und die Klatſchſuͤchtigen durch die Beitraͤge, die ſie freiwillig und auf hoͤchſt gewinnende Weiſe dem thaͤti⸗ gen Abgeſandten derſelben gab. Ja, ſogar die gut⸗ muͤthige Coterie hatte ſie dadurch gewonnen, daß ſie ſich zu einem kleinen, zaͤrtlichen und guten Weſen machte, welches ſich aufrichtig fuͤr Jeden intereſſirte, dem es zu⸗ letzt begegnete. Kurz, ihre Siege waren vollſtaͤndig, denn alle Maͤnner ſaͤmmtlicher Parteien huldigten ihr, feierten ſie, beteten ſie an und gehorchten ihr. Aber es war wahr— ein einziger Mann beſaß die Macht, dem Zauber zu widerſtehen, den ſie um ſich verbreitete und zum Ungluͤck fuͤr ſie war dies ihr Gemahl. Am Tage nach dem Abend, wo der Kammerrath ſeine liebenswuͤrdige Gattin gezwungen, den Brief zu ſchreiben, welcher Philipp in die Verbannung ſchickte, ſagte dieſe Gattin zu ihm: „Ich bin Dir gehorſam geweſen— Du haſt nichts mehr zu fuͤrchten; aber nun muß ich Beſchaͤftigung voll⸗ auf haben, um vergeſſen zu koͤnnen. „Und Deine Krankheit?“ antwortete der Mann. „Ich fuͤhle nichts mehr davon und ſchon heute Abend will ich in die Welt der Geſellſchaft eintreten.“ Der Kammerrath hatte nichts dagegen. Er ſah ein, daß ſeine Frau, wie ſie geſagt hatte, Beſchaͤftigung bedurfte und als ſchon am Nachmit⸗ tag— das heißt, ein paar Stunden, nachdem Arnolds Correſpondent ſeinen Brief auf die Poſt gegeben— die Nachricht ſich verbreitete, daß Herr Thurné, nach⸗ dem er von einer Waſſerfahrt zuruͤckgekommen, ſogleich Poſtpferde zur Abreiſe beſtellt habe, ſo war es klar, daß der Brief, den der Kammerath diktirt, ſeine gehoͤ⸗ rige Wirkung gethan hatte. An demſelben Abend wußte alle Welt, daß der Poet abgereiſ't war; aber was alle Welt nicht wußte, war der Umſtand, daß er eine heimliche Botſchaft erhalten, ———-— welche ſeinen Verſtand wieder verwirrte und erhitzte, der nach der durchwachten Nacht an einem feuchten Mee⸗ resſtrande wirklich angefangen hatte, ſich aus ſeiner Be⸗ taͤubung herauszuarbeiten. Doch dem ſei wie ihm wolle, er war nun fort und man begreift, daß Lilia zu ihrem oͤffentlichen Auf⸗ treten keinen vortheilhafteren Augenblick haͤtte waͤhlen koͤnnen, als gerade dieſen. Heute mußten ja Alle von ihr ſprechen, heute mußten ja Alle wuͤnſchen, wenn auch nur den aller⸗ kleinſten Schimmer von ihr zu erblicken und nun er⸗ blickte man nicht blos einen Schimmer, ſondern ihre ganze, kleine, entzuͤckende Perſoͤnlichkeit. Ihre Dreiſtigkeit war ſo groß, daß es in ihrem Innern keine Spur von Schaam gab. Gleichwohl hatte ſie es paſſend erachtet, uͤber ihr engelſchoͤnes Geſicht einen Schleier romantiſcher Ver⸗ ſchaͤmtheit, unbeſchreiblicher Kindlichkeit, ja einer ge⸗ wiſſen Menſchenſcheu fallen zu laſſen; aber ſo wie ſie fuͤhlte, daß ſie auf dem neuen Boden feſten Fuß faßte, ließ ſie allmaͤlig dieſe kleinen, haͤuslichen Zierden fallen und ſchmuͤckte ſich ſtatt deren mit anderen brillanteren und blitzenderen, die geeignet waren, ſie zur Goͤttin der Freude zu machen. 10 Die zweite Francaiſe war zu Ende. Die bril⸗ lante und launenhafte Muſik eines ſchwebenden Walzers eilte durch den Raum. Die gefeierte Abgoͤttin des Balls, eine von luftigen Gaswolken umſchwebte Sylphe, ward von ihrem Cava⸗ lier mehr getragen als gefuͤhrt und dieſer Cavalier war Niemand anders, als Arnolds Correſpondent, der junge Huͤttenmeiſter Montin. Ihre ſchmachtenden Augen ſchloſſen ſich oft, gleich als ob ſie von dem Duft der friſchen Blumen berauſcht wuͤrde, die ſie ſowohl in ihren Locken als in der Hand trug— vielleicht war es auch der feine, weibliche In⸗ ſtinkt, welcher dieſe Augen ſchloß, damit ſie nicht durch das Feuer der Blicke beſchaͤdigt wuͤrde, die ihr ſo nahe waren. Herr Montin hatte aber auch ein Paar Augen, welche wahrſcheinlich ſchon mehr als einmal eine Frau gezwungen, die ihren zu ſenken. Doch dem ſei wie ihm wolle, denn man konnte ſich auch einen dritten Fall denken, wenn man etwas von den haͤuslichen Verhaͤltniſſen der kleinen Sylphe wußte. Auf der Schwelle ſtand naͤmlich ein Mann, deſſen glatte, nicht fuͤr Runzeln geſchaffene Stirn jetzt gleich⸗ wohl unaufhoͤrlich dem Beſuch derſelben blosgeſtellt war. Auch ſeine Augen ſchloſſen ſich zuweilen, auch die ſeinen blitzten. Durch ihre ſchoͤnen Augenwimpern hin⸗ durch ſah Lilia, wie ihr Mann gegen die Eingebungen ͤP„,., 11 der Eiferſucht kaͤmpfte und als ſie dies ſah, ſchlug ſie ſogleich ihre Blicke auf, laͤchelte den Huͤttenmeiſter an, den ſie waͤhrend der ganzen Zeit ausgezeichnet hatte und lehnte ſich, faſt halb ohnmaͤchtig und erſchoͤpft, auf ſeinen Arm. Man kann nicht Alles auf einmal in Acht nehmen. Und deshalb geſchah es, daß, waͤhrend unſere Pri⸗ madonna ihre kleine Comoͤdie zur Beluſtigung des Ehe⸗ mannes ſpielte, ſie den Blumenſtrauß, den ſie den gan⸗ zen Abend nicht aus der Hand gegeben, ſo wenig feſt⸗ hielt, daß er bei dem Voruͤbertanzen eines der walzen⸗ den Paare mitfortgeriſſen und weithin auf den Saal geſchleudert ward. „Ach, mein Strauß,“ ſagte ſie mit abgebrochener Stimme und ihre ſo eben noch umſchleierten Blicke ſuchten mit funkelnder Begier auf dem Boden umher. „Ihr Strauß?“ Der artige Cavalier blieb ſo⸗ gleich ſtehen, bereit, ſich in das Gedraͤnge zu ſtuͤrzen. Aber der Strauß flog von Fuß zu Fußz; hier ſchleppte ihn eine weitlaͤufige Garnirung rechts, dort eine noch weitlaͤufigere links; hier ward er von einem kleinen Seidenſchuh platt getreten, dort machte er durch die Beruͤhrung eines blank polirten Stiefels einen gymnaſtiſchen Bockſprung und durch alle dieſe Bewe⸗ gungen kam er der Thuͤr, wo der Kammerrath ſtand, immer naͤher und naͤher. Wenn Jemand in dieſem Augenblick die junge 12 Frau ſcharf in's Auge gefaßt haͤtte, ſo wuͤrde er gefun⸗ den haben, daß der Walzer ſie ſehr angegriffen hatte. Aber es giebt gewiſſe Dinge, die, wie unbedeu⸗ tend ſie auch ſein moͤgen, doch einen unbeſchreiblichen Werth haben und man muß daher ahnen, daß es nicht der Walzer war, ſondern der beinahe ſichere Verluſt des Straußes, was die Nervenzuckungen veranlaßte, welche die Goͤttin des Balles nicht beherrſchen konnte. In Bezug auf dieſen Strauß war die Geſchichte die, daß Frau Lilia ſich einen ſolchen aus dem vor⸗ nehmſten Garten der Stadt alle Abende zuſenden ließ. Es war dies eine unſchuldige Beſtellung— ſie liebte die Blumen einmal; aber an dieſem Abend war der Strauß erſt gekommen, als ihr Mann zum dritten oder vierten Male erklaͤrt hatte, es ſei nicht mehr Zeit, laͤnger zu warten, ja erſt im Vorderhauſe hatte ſie ihr ſchoͤnes Attribut in Empfang nehmen koͤnnen. Und keinen Vorwand, der nicht Verdacht erweckt haben wuͤrde, gab es, um nicht noch einmal in das Zimmer hinaufzugehen. Inzwiſchen koͤnnen wir verſichern, daß der Mangel eines ſolchen Vorwandes die junge Dame unausſprechlich peinigte. Es war etwas Eigenthuͤmliches mit dieſen Blu⸗ men. Zwiſchen denſelben verbarg ſich ſeit drei Abenden ein gewiſſes, ſehr zartes und ſehr gefaͤhrliches Gewaͤchs, welches durchaus von den andern geſchieden werden mußte. —.—————— 13 Wie ging es aber denn nun mit dieſer Myſtifika⸗ tion waͤhrend der gefaͤhrlichen Reiſe des Bouquets?— Es war ein halbes Wunder, daß es nicht ſchon ausein⸗ ander gegangen war und ſeine Geheimniſſe dem allge⸗ meinen Anſchauen preisgegeben hatte. Mit einem Blick unwiderſtehlicher Allmacht ſah Lilia den Huͤttenmeiſter an, der dreimal auf dem Sprung geſtanden hatte, ohne daß es jedoch der Muͤhe zu loh⸗ nen ſchien, denn der ungluͤckliche Strauß ward von einem ordentlichen Wirbelwind umhergeſchleudert. „Mein Herr,“ ſagte die kleine Sylphe in ihrem lieblichſten Tone,„ich lege Werth auf dieſe Blumen— wer mir ſie wiederbringt, bevor ſie noch mehr zerſtoͤrt werden, als ſie ſchon ſind, kann auf meine Dankbar⸗ keit rechnen.“ „Fuͤr eine ſolche Aufmunterung laß ich mich gern auslachen!“ antwortete der galante Huͤttenmeiſter und begann ſofort, dem muthwilligen Ausreißer nachzuſprin⸗ gen, welcher gleichwohl ſeiner Bemuͤhungen mehrere Secunden lang ſpottete. Endlich aber, waͤhrend die Geſellſchaft wirklich aus vollem Halſe uͤber die Artigkeit des jungen Cava⸗ liers lachte, raffte er doch gerade drei Schritt vom Fuße des Kammerraths den Unruhſtifter auf, der die Wange der Kammerraͤthin gebleicht hatte. „Ach, mein Herr, wie werde ich Ihnen jemals dan⸗ 14 ken koͤnnen!“ ſagte Lilia, waͤhrend ihre Hand ſich um die Blumenſtengel preßte. „Ich glaube wirklich,“ antwortete Herr Montin, gerade nicht mit einer beſondern Betonung ſeiner Worte, aber doch mit einem Blick, der, wie ſchnell er auch war, doch eine ganze Geſchichte erzaͤhlte,„ich glaube wirklich, daß ich eine kleine Schuld an Sie zu fordern habe, geehrte Frau! Wenn Sie ihre Hand nur ein wenig oͤffnen wollen, ſo werden ſie ſehen, daß der Faden los⸗ gegangen iſt. Ich mußte wirklich die Stengel feſt zu⸗ ſammendruͤcken, damit ſie ſich nicht oͤffneten.“ Eine dunkle Roͤthe breitete ſich uͤber Lilia's Wange. „Sie ſind ein ritterlicher Mann, Herr Huͤttenmei⸗ ſter, und bei einem ſolchen ſteht eine Frau gern in der Schuld! Sie koͤnnen ſicher ſein, daß ich die meine nie⸗ mals vergeſſen werde.“ Beinahe in demſelben Augenblick war der Walzer zu Ende und der Kammerrath, der ein entſchiedenes Vorurtheil gegen den jungen, huͤbſchen und artigen Huͤttenmeiſter hatte, in deſſen Geſellſchaft Lilia mehr Vergnuͤgen zu finden ſchien, als in der eines Andern, der Kammerrath, ſagen wir, kam ſchnell und dienſtfertig auf ſeine Gattin zu und zwang dadurch den Huͤtten⸗ meiſter zum Ruͤckzuge. „Du tanzeſt zu heftig, mein Kind!“ Er ſchlug mit einer etwas ſtolzen Miene den Shawl um ſeine ver⸗ woͤhnte Gattin. 15 „Glaubſt Du, daß es mir ſchaden kann?e fragte ſie im Tone unbeſchreiblicher Gutmuͤthigkeit. Wie demuͤthig und zaͤrtlich blickte ſie ihren Mann an, damit ſeine Blicke nicht das halbzerriſſene Bouquet ſuchen moͤchten. „Ja, es iſt nicht geſund.“ „Du weißt, mein Freund, daß Du blos ein Wort zu ſagen brauchſt, ſo gehen wir.“ züber Du amuͤſirſt Dich ja.“ „Das iſt wahr, ich leugne es nicht; ich bin hier⸗ her gekommen, um mich zu amuͤſiren und ich thue mein Moͤglichſtes.“ „Willſt Du noch mehr mit dem Huͤttenmeiſter tanzen?“ „Ach, nur noch einen Walzer— er tanzt ſo ſuͤ⸗ perb! Wenn Du noch jung waͤreſt, beſter Walfried, ſo wuͤrde ich Dich bitten, Dir Muͤhe zu geben, mit ihm zu wetteifern; aber jetzt laͤßt Du ihm wohl den Sieg behalten, nicht wahr?“ Der Kammerrath zog eine ſeiner allerfreundlichſten Grimaſſen.„Im Fall,“ fluͤſterte er,„von der mor⸗ genden Wagenpartie die Rede ſein ſollte, ſo vergiß nicht, daß ich ſelbſt...“ „Ach, mein Freund, ich fuͤhle, daß mein Schuh⸗ band locker geworden iſt— verzeih... ich muß in die Garderobe.“ „Das iſt doch ein ſehr merkwuͤrdiges Schuhband, meine liebe Freundin— ich glaube, es iſt nun ſchon das dritte Mal, ſeitdem wir hier ſind, daß Du dorthin Deine Zuflucht nehmen mußt.“ „Es iſt nicht meine Schuld,“ dachte die junge Frau, indem ſie forteilte,„daß ich niemals allein ſein kann— aber wir wollen jetzt ſehen.“. Sie trat in ein beinahe ganz von Damen ange⸗ fuͤlltes Zimmer, aber dieſes Mal nahm ſie ſich vor, wenn es auch noch ſo lange dauern ſollte, zu erwarten, bis ſie uͤber ihr Heiligthum disponiren koͤnnte. Und endlich kam dieſer mit brennender Unruhe erwartete Augenblick. Sie war allein und in einem Nu war der Strauß von einander geriſſen und ein kleines Billet fiel in ihre bebenden Haͤnde. Einen Augenblick ward ſie von der Gewißheit ih⸗ res eigenen Gluͤckes betaͤubt. Wenn der Strauß aus⸗ einandergegangen, wenn das Billet herausgefallen, wenn es von ihrem Gatten aufgehoben worden waͤre— zum Gluͤck waren alle dieſe Wenn nur entflohene Schatten — und im Fall ein einziger Gedanke, außer dem an das Billet, jetzt Macht uͤber ihr Gemuͤth hatte, ſo war die⸗ ſer dem Huͤttenmeiſter zugewendet, deſſen Takt und Zartgefuͤhl ſie ferner dadurch zu belohnen beſchloß, daß ſie ihn zum ſichtbaren Deckmantel einer unſichtbaren Intrigue machte. Und hier iſt ein Stuͤck der unſichtbaren Intrigue. Es iſt in dem Billet enthalten, welches Lilia nun erbrochen hat: 17 „Nein, dieſer Durſt, dieſer Hunger verzehrt mich — ich vergehe— ich muß Linderung haben, oder ich werde wahnſinnig. „O, dieſe fuͤnf Tage, welche ich nicht hier war — niemals habe ich ſo gelitten— haͤtte dies die ganze Woche gedauert, ſo wuͤrde ich nicht mehr die Kraft gehabt haben, zu leiden— ich waͤre geſtorben. „Aber dieſes Incognito, dieſes Schleichleben muß ein anderes Ziel haben, als einen verſtohlenen Blick durch das Fenſter, nachdem es ſchon ſo dunkel iſt, daß nur das Herz das Feuer dieſes Blickes ahnen kann... Ein Billet, eine Blume— was iſt das?— Ich will leben und ich werde leben. „Zweimal iſt er ausgeweſen, um zu fiſchen. Er muß morgen wieder ausgehen, hoͤrſt Du, ich will es... Du wirſt ja Mittel finden, ihn dazu zu vermoͤgen. In der elenden Huͤtte, wo ich vor Aller Blicken verbor⸗ gen lebe, rufe ich Dich auf den Knien um Erbarmen an— ich will Dich morgen ſprechen— es darf kein Hinderniß dazwiſchen kommen! „Dieſes Billet, werde ich Mittel finden, wieder in Deinen Blumenſtrauß hineinzuſchmuggeln. Fuͤr Geld ſind die Menſchen hier eben ſo feil, als anderwaͤrts. „Auf der rechten Seite Deines Vorzimmerfenſters ſteht ein Reſedenſtock— dieſer wird heute Abend, nach⸗ dem Du nach Hauſe gekommen, auf der linken Seite Ein Gerücht. VIlI. 2 18 ſtehen, nicht wahr? Dies iſt das Signal, daß ich kommen kann.— „Keine Bedenklichkeiten! Das Leben iſt kurz— man muß es genießen. „Zehn Minuten morgen Abend, nachdem die Daͤmmerung ſich uͤber die Erde geſenkt hat, zehn Mi⸗ nuten! Ich bezahle ſie mit zehn Jahren Gewiſſens⸗ pein— es iſt nicht zu theuer. 11... 2 4 Lilia druͤckte das Blattt— auf welchem die Worte noch zu brennen ſchienen— an ihre eigenen, gluͤhenden Lippen, verbarg es dann an einer ſiche⸗ rern Stelle, als es vorher gehabt und eilte darauf, von tauſend neuen Reizen ſtrahlend, in den Saal zuruͤck. Als ſie ſo darin herumſchlenderte, ſtieß ſie bald auf einen alten Militair, der ein großer Freund vom Fiſchen und ſchon ein paarmal mit dem Kammerrath ausgeweſen war, deſſen hoͤchſtes Vergnuͤgen im Bade in derſelben Grille beſtand.— Fuͤr Lilia war es nur ein Kleines, die Sache dahin zu bringen, wohin ſie ſie haben wollte. Von ihr ging kein Vorſchlag aus. Aber der Kammerrath, der ſich wieder auf die Schwelle geſtellt, erhielt ſo freundliche und ſo ſüße Blicke, daß er ſich eines Ger fuͤhls von Gluͤckſeligkeit nicht erwehren konnte, wel⸗ 4 Saal bald vom errath Bade Sache Von errath, elt ſo 8 Ge⸗ „wel⸗ 49 ches zur Folge hatte, daß er herbeikam, um zu hoͤren, was ſeine Gattin mit dem alten Oberſten zu ſprechen haͤtte. Und dieſer war es, der nun ſogleich den Vorſchlag zu einer Fiſchfangpartie fuͤr den folgenden Abend vor⸗ brachte. „Meine Frau kann nicht ohne mich die Wagen⸗ partie mitmachen,“ wendete der Kammerrath ein. „Aber ſie kann davon wegbleiben und ſtatt deſſen Dir auf Deiner Partie Geſellſchaft leiſten,“ ant⸗ wortete die junge Frau mit ſo gewinnender Liebens⸗ wuͤrdigkeit, daß der Kammerrath ganz heiter und hoff⸗ nungsvoll dem Oberſt die Hand darauf gab, daß Alles abgemacht ſei. Das Boot ſollte Schlag fuͤnf Uhr in Ordnung ſein und ein kleiner Imbiß— der Kammerrath hatte eine große Vorliebe fuͤr Imbiſſe— auf einer der In⸗ ſeln eingenommen werden, die man am beſten dazu gelegen faͤnde. Am Abend, nachdem Lilia nach Hauſe gekommen war, roch ſie an ihre ſchoͤne Reſeda und ruͤckte ſie— vermuthlich ganz zufaͤllig— auf die andere Seite des Fenſters. Seit der ganzen Zeit, wo der Kammerrath ver⸗ heirathet war, hatte er ſich niemals ſo gluͤcklich gefuͤhlt, wie dieſen Abend. 2*† 7 20 Den vormaligen Ehemann war er endlich losge⸗ worden, aber dieſer Huͤttenmeiſter war ihm die ganze Woche uͤber ein Dorn im Auge geweſen. Lilia's Be⸗ reitwilligkeit, von der Wagenpartie zuruͤckzutreten, uͤber⸗ zeugte ihn aber gleichwohl, daß ſeine junge Frau keinen andern Wunſch hatte, als den, blos im Allgemeinen gefeiert und bewundert zu werden. l.n eeinen einen 17. Ein Stelldichein. Am folgenden Vormittag ſprang Lilia auf Be⸗ ſuchen bei allen Coterien herum. Sie hatte niemals ſo ſehr den Schutz einer allge⸗ meinen Gunſt zu genießen bedurft; ſie hatte niemals ſo ſehr bedurft, die Welt zu uͤberzeugen, daß ſie durchaus nichts Unrechtes an ſich hatte, ſondern daß die, welche ſo etwas behaupteten, ſich nur einer unwuͤrdigen Ver⸗ leumdung ſchuldig machten. Bei der hochvornehmen Welt erzaͤhlte ſie heute ein paar luſtige Anekdoten auf Koſten zweier Frauen aus der Bourgeoiſie, welche es ſehr verdroſſen hatte, daß ſie nicht in das Allerheiligſte eingelaſſen worden, das heißt, in die vertraulichen Zuſammenkuͤnfte dieſer vor⸗ nehmen Coterie und waͤhrend ſie ſprach, hob ſie mit ehrerbietiger Verneigung das Schnupftuch der Graͤfin B. auf und den Handſchuh der Graͤfin T. und es ge⸗ 22 lang ihr, dieſe gewaltigen Repraͤſentantinnen ihrer Kaſte fuͤr ſich einzunehmen, daß die beiden vornehmen, alten Damen, welche ſich bei einander befanden, ſich zu kei⸗ ner geringern Gunſt erboten, als ihr an demſelben Nach⸗ mittage eine Kaffeeviſite zu machen, dafern es der jun⸗ gen Frau convenirte, die vielleicht ſich vorgenommen haͤtte, die Wagenpartie mitzumachen. Aber es war klar wie der Tag, daß Lilia ſich gar nichts vorgenommen hatte und daß ſie mit enthuftaſti⸗ ſcher Dankbarkeit auf dieſen Vorſchlag einging, der fuͤr beide Seiten einen reellen Gewinn verſprach. Die alten Damen, die nicht auf Bauernkarren fahren konnten, erhielten einen angenehmen Zufluchts⸗ ort waͤhrend des Nachmittags und Lilia einen vortreff⸗ lichen Vorwand, zu Hauſe zu bleiben, ohne wieder ihre Kraͤnklichkeit vorſchuͤtzen zu muͤſſen, welche endlich doch Argwohn erwecken konnte. Nach dieſem brillanten Erfolg haͤtte ſie nach Hauſe gehen koͤnnen; aber ſie war eine kluge Frau, die auch an den andern Morgen dachte. Man kann niemals zu viele Freunde haben. Und deshalb ſteuerte ſie ihren Cours zu den re⸗ praͤſentirenden Damen der„dicken⸗ Coterie, wo ſie wie⸗ der drei oder vier Geſchichtchen von ein paar jungen Graͤfinnen erzaͤhlte, welche bei dem Anblick von Frau C's und Frau W.'s ausgeſuchter und prachtvoller Toilette auf dem letzten Balle nahe daran geweſen wa⸗ Kaſte alten 1 kei⸗ Nach⸗ r jun⸗ nmen y gar flaſti⸗ et fuͤr karren uchts⸗ rtreff⸗ r ihre doch nach Frau, kann hen re⸗ ſe wie⸗ ungen Frau tvoller n wa⸗ 23 ren, vom Schlage getuhrt zu werden. Solche Sei⸗ denſtoffe waren noch nicht in Schweden geſehen worden und ſolche Shawls hatten die Graͤfinnen nur im Traume geſchaut. Man kann nicht glauben, welchen Erfolg dies hatte. Frau W. bot Lilia das Du an, Frau C. er⸗ laubte ihr, ſie Tante zu nennen und beide Frauen wa⸗ ren aberzeugt, daß die kleine Kammerraͤthin eine der charftanteſten und liebenswuͤrdigſten Frauen ſei, die es jemals gegeben. Sie war nicht einmal kokett— es war dies blos ſo ihre Natur, in welcher etwas Magnetiſches lag, was der Grund war, daß alle Maͤnner ſich an ihre Schleppe hingen. Gänz vergnuͤgt uͤber ihr Werk ging Lilia weiter. In der gfidelen“ Coterie lachte ſie wie naͤrriſch uͤber die ehrwuͤrdigen Perſonen, bei welchen ſie ſoeben geweſen. In der kleinen Klatſcheoterie trat ſie dagegen wie⸗ der als eine ſcharfe Tadlerin der fidelen Geſellſchaft auf, welche Alles profanirte und endlich machte ſie bei den „gutmuͤthigen“ Leuten einen demuͤthigen Beſuch, wobei ſie ſich deren Wohlwollen, als dem wuͤnſchenswertheſten, was ſie ſich denken koͤnnte, empfahl, denn all der Luxus und Tand, an dem ſie gezwungen war, theilzunehmen, war ihr im hoͤchſten Grade zuwider. Erſt gegen Mittag kam ſie, ganz erſchoͤpft von ih⸗ 24 ren Anſtrengungen, nach Hauſe und der Anblick, dem ſie hier begegnete, war der des Huͤttenmeiſters Mon⸗ tin, der ihre Ruͤckkunft erwartete. Der Kammerrath war nicht zu ſehen. „Ach, geehrte Frau, ich bin vier Mal hier gewe⸗ ſen!“ ſagte der Huͤttenmeiſter in einem Tone, der etwas verrieth, was einem Vorwurfe glich. „Wenn ich das geahnt haͤtte, wuͤrde ich ſchon laͤngſt zu Hauſe geeilt ſein.“* Und mit einem Blick, welcher verſicherte, daß dieſe Worte buchſtaͤblich genommen werden könnten, warf Litia ihren Hut in die eine Sophaecke und ſich ſelbſt in die andere.. Ehe aber der Huͤttenmeiſter ſich einen Vortheil bereiten konnte— die Sache war naͤmlich ſo, daß er „nicht einſah, warum er nicht eben ſo gut, wie ein An⸗ derer, der jungen Frau den Hof machen koͤnnte, da ſie einmal durchaus den Hof gemacht haben wollte— oͤff⸗ nete ſie die Thuͤr und eine Frau, die zu der kleinen Klatſcheoterie gehoͤrte, kam auf Beſuch. Augenblicklich nahm Lilia jene Gezwungenheit der Miene und des Tons an, welche denen eigen iſt, die ſich vergebens bemuͤhen, ſich mit guter Laune in ei⸗ nem angenehmen ieràntéle geſtoͤrt zu ſehen.. „Aber Herr Montin ſelbſt ward durchaus nicht von dem geſchmeichelt, was er ſah, denn er beſaß kein hinreichend — leinen enheit —n iſt, in ei⸗ dem ichend 25 ſchlechtes Gedaͤchtniß, um ſchon den Strauß vergeſſen zu haben. Lilia kuͤmmerte ſich jedoch wenig um das, was er dachte, wenn nur Andere von dem vermuthlichen Attachement des jungen Mannes in einer gewiſſen Rich⸗ tung ſprechen wollten. „Sie ſind alſo vier Mal dieſen Vormittag hier geweſen?“ ſagte ſie halblaut, um nur undeutlich von der heſuchenden Dame gehoͤrt zu werden, welche ſogleich ſo iel Takt zeigte, daß ſie ſich mit Lilig's ſchoͤner Re⸗ ſeda beſchaͤftigte. „Ja, Frau Kammerraͤthin,“ antwortete der Huͤt⸗ tenmeiſter, zu Lilia's Verdruß, ganz laut,„und ich habe allemal ein und daſſelbe Anliegen gehabt, naͤmlich an⸗ zufragen, ob ich die Ehre haben kann, Sie zu der Wa⸗ genpartie heut Nachmittag abzuholen.“ „Ach, ich Arme kann nicht mit... aber da hoͤre ich den Tritt meines guten Walfried...“ Und gleichſam, als ob ſie nicht laͤnger allein auf dem Sopha haͤtte ſitzen wollen, eilte ſie zu der fremden Frau, welche ein wuͤrdevolles Schweigen beobachtet hatte und ſteckte mit anmuthiger Vertraulichkeit ihren Arm durch den der wuͤrdigen Frau. In dieſer vortrefflichen Stellung empfing ſie ih⸗ ren Mann. Der Kammerrath ſchien ſehr aufgeraͤumt zu ſein. „Sehen Sie, Herr Kammerrath, das iſt ein Herr, 26 der Ihnen Ihre Frau abſpenſtig machen will!“(Ach, welche feine und treffende Satyre!) Die geiſtreiche Frau warf einen triumphirenden Blick auf Lilia, welche die Stirn ſenkte.. 3 „Es iſt nichts weiter, mein Freund, als daß der Herr Huͤttenmeiſter mir die Ehre erzeigt, heute Nach⸗ mittag mein Kutſcher ſein zu wollen.“ „Und ich erwarte nun den geehrken Ausſpruch des Herrn Kammerraths!“ fiel Herr Montin artig ein. Meine Frau hat leider mir und dem Oberſten ſchon ihre Geſellſchaft fuͤr heute Abend auf unſerer Fiſch⸗ fangpartie verſprochen!“ antwortete der Kammerrath mit ganz ſelbſtzufriedener Miene. „Aber, mein beſter Walfried, ich.. Du wirſt verzeihen, aber ich glaube nicht, daß es moͤglich iſt.“ „Warum nicht?* Der Huͤttenmeiſter horchte mit einem gewiſſen Vorſchmack von Triumph, die beſuchende Frau mit der ganzen Spannung der Neugierde und der Kammer⸗ rath mit Verdruß. freundlich: meiſter in unſer Beider Namen? Ich muß ſowohl dem einen als dem andern Vergnuͤgen entſagen, denn die Graͤfin B. und die Graͤfin T. werden mir die Ehre erzeigen, heute Nachmittag eine Taſſe Thee bei mir zu Da ging Lilia auf ihren Mann zu und ſagte „Mein beſter Freund, danke dem Herrn Huͤtten⸗ (Ach, reiche velche ß der Nach⸗ pruch g ein. erſten Fiſch⸗ errath wiſſen ait der mmer⸗ ſagte duͤtten⸗ hl dem un die 2 Ehre mir zu 27 teinken.“ Dieſer Schlag entſchied Alles. Nun war es der Ehemann, welcher triumphirte. Die beſuchende Frau eilte, Abſchied zu nehmen, der Huͤttenmeiſter ebenfalls, doch nicht, bevor Lilia den finſtern Blick, den er ihr zuſchickte, in Sonnenlicht verwandelt geſehen hatte. Sie hatte ſich naͤmlich die Kuͤhnheit erlaubt, zu ſagen:„Wenn naͤchſten Donnerſtag noch etwas aus unſerer Partie nach Friedrichshall wird, mein guter Walfried, ſo nehme ich das Anerbieten des Herrn Huͤt⸗ tenmeiſters anſtatt fuͤr die heutige an.“ Bei dieſer unvermutheten Oppoſition konnte der Kammerrath blos etwas in ſich hineinbrummen. Er war ein Mann, der ſich ganz entſetzlich davor fuͤrchtete, ausgelacht zu werden. Daher machte er aus der Noth eine Tugend und gab ſeine Zuſtimmung; als aber der Huͤttenmeiſter fort war, ſah Lilia eine Wolke und noch dazu eine ganz deutliche, uͤber die Stirn ihres Mannes ziehen. Aber man kann nicht glauben, wie unermuͤdlich ſie war, um dieſe Wolke durch Zaͤrtlichkeit wieder hin⸗ wegzublaſen! Waͤhrend der ganzen Mittagsmahlzeit, welche beinahe dreiviertel Stunden dauerte, lebte ſie ausſchließlich fuͤr ihren Mann. Der Nachmittag war da. Und wer war ſeliger, als der Kammerrath⸗ Er hatte mit eigenen Augen die Wagenpartie fortfahren und den Huͤttenmeiſter in ſeinem Wagen mit einem jungen Fraͤulein geſehen, welches ihn auf alle Weiſe in ihr Netz zu ziehen ſuchte. Und weiter hatte dieſer gluͤckliche Mann die Sonnenſchirme der beiden alten Graͤfinnen an dem Nathhauſe vorbeikom⸗ men ſehen. Nun konnte er alſo ruhig fortgehen. und hoͤchſt freundlich ſagte er zu ſeiner Frau, welche flink und haͤuslich den Kaffeetiſch in Ordnung brachte:. ciebes Kind ich finde hier Alles ganz ſchon arrangirt.— Es war ſehr verſtaͤndig von Dir, daß Du den Umgang dieſer achtbaren Damen ſuchteſt... Und nun lebe wohl! Ich begnuͤge mich damit, die Graͤ⸗ finnen in der Hausflur zu begruͤßen. uund Lilia hielt ihm freundlich die Stirn hin— die Kecke ſchaͤmte ſich deſſen nicht, obſchon ſie wußte, was geſchehen wuͤrde. O nein, ſie hatte keine Spur von Gewiſſenspein, denn— wie der Fammesrrath ſagte— es war ja Alles ſo wohl arrangirt Die Kaffeeviſite und Lilia's ganzes Streben, ſich bei ihren Gaͤſten beliebt zu machen, wollen wir uͤber⸗ gehen. . 1 4 gewe als wege gen das eliger, partie Vagen n auf weiter ne der eikom⸗ Frau, dnung ſchon ir daß e Graͤ⸗ hin— wußte, Spur nerrath en, ſich r uͤber⸗ 29 Es ſei genug, wenn wir ſagen, daß die vornehmen Damen bei dem Abſchied verſicherten, daß ſie ſich ſehr amuͤſirt haͤtten, wobei ſie zugleich verſicherten, daß dies nicht das letzte Mal geweſen ſein ſolle, wo ſie ihre liebe, kleine Kammerraͤthin beſuchten. Endlich waren ſie fort und es ſchien die hoͤchſte Zeit, denn die Schatten der Nacht fielen ſchon uͤber die Erde. Es begann bedeutend zu daͤmmern. Lilia wuͤrde Angſt gehabt haben, wenn ſie nicht ihren Mann ſo ruhig gewußt und wenn ſie nicht uͤber⸗ dies mit ihren eigenen Haͤnden mehrere Flaſchen von der Sorte in den Korb gepackt haͤtte, welche dem Kam⸗ merrath nach einem vorhergegangenen Imbiß zuſagte — die Seeluft zehrte und die Abenddaͤmmerung war auf dem Waſſer allemal etwas ganz himmliſches. Sie war daher nicht unruhig. Sie war ſogar mit ſich ſelbſt dahin uͤbereingekommen, daß die zehn Minuten zu einer ganzen Viertelſtunde ausgedehnt wer⸗ den koͤnnten... einer Viertelſtunde im Himmel oder in der Hoͤlle, denn es war ſchwer zu ſagen, in welchem von beiden dieſe Viertelſtunde verfließen wuͤrde. Die ungluͤckliche Gunnel, welche ſchon gezwungen geweſen, den Bitten ihres fruͤheren Herrn nachzugeben, als er den erſten Abend nach ſeiner Ruͤckkunft aus Nor⸗ wegen ſie abgelauert und ihr einen Brief aufgedrun⸗ gen hatte, die ungluͤckliche Gunnel mußte nun, um das Maaß ihrer Gewiſſensbiſſe voll zu machen, hoͤren, 30 daß ſie jetzt an einem der auf die Straße gehenden Fenſter At Wache ſtehen und augenblicklich Meldung mgachen au ſollte, ſobald ſie den erſten⸗ Schimmer von dem Kam⸗ merrath an der Ecke der langen Gaſſe erblickte; denn obſchon er von der Zollbruͤcke aus abgefahren war, ſtand thuͤ doch ſeine Ruͤckkunft von dieſer Seite her zu erwarten. „Aber, lieber Gott, weshalb ſoll ich denn aufpaſſen* „Still— frage nicht— ich erwarte Jemanden.“ „Ach, liebe Herrin, Gott, der im Himmel thront, kann Alles ſehen..Das wird niemals gut ablaufen.“ den „Schweig, ſage ich!“ Lilia war ſchon von einem Die brennenden Fieber ergriffen. Aus ihren Augen blitzee beal ein Befehl, dem ſich Gunnel nicht zu widerſetzen wagke. ſelbe „Haſt Du Sylvia zur Ruhe gehracht? Schlaͤft ſie Abe gut?“ 6 men „Ja, ja, aber...— „So thue die Augen auf ſiehſt Du Jemanden?“ genk „Ja, es iſt mir, als bemerkte ich Jemanden. aber ung ich hoffe, daß der gnaͤdige Vater im Himmel ſieht, daß habt es nicht meine Schuld iſt, daß der Mann, welchen Sie er⸗ warten, jetzt hierher kommt.“ Nu⸗ „Ha, er kommt.. Hoͤre nun wohl, was ich Dir ſie i ſagel Du haſt unſer Leben ſo gut wie in Deinen Haͤn mit den, oder vielmehr in Deinen Augen. Gott ſei Dir da ſchaf her gnaͤdig, wenn Du nicht, ſobald der Kammerrath um die Ecke kommt, mir gleich Nachricht giebſt... Unnd nun geh' ſachte hinunter und fuͤhre ihn hier herein un bexan 1 Fenſter ngchen Kam⸗ 3 denn ſtand varten. aſſen 2* unden.“ thront, aufen.9 einem blitzte wagte. laͤft ſie nden?* . aber ht, daß Sie er⸗ ich Dir n Haͤn⸗ Dir da⸗ ath um .. Um ein.. 31 Aber warte einen Augenhlick— zeigt ſich noch Jemand auf der Gaſſe?“ „Keine Seele, nicht einmal eine Katze!“ „Und ſteht auch Niemand unten an der Haus⸗ thuͤr 2 ni „Nein, Niemand.“ „Nun denn ſchnell— verliere keinen Augenblick.“ Lilia eilte nach dem Zimmer, welches zwiſchen dem Schlafgemach und dem vorderſten Zimmer lag. Dieſe beiden hatten die Ausſicht auf die Straße. Sie beabſichtigte alſo, ihr gefaͤhrliches Stelldichein in dem⸗ ſelben Zimmer zu geben, wo der Kammerrath an dem Abend Wache geſtanden, wo ſie eine andere Zuſam⸗ menkunft auf der Seeſeite hatte. Wenn man ſagen wollte, daß Lilia in dieſem Au⸗ genblick Gedanken gehabt haͤtte, ſo waͤre dies eben ſo ungegruͤndet, wie die Behauptung, daß ſie Gefuͤhle ge⸗ habt. Sie wollte einmal alle Feſſeln und Zuͤgel von ſich werfen— ſie beſaß blos Inſtinkt. Sie gehorchte einer unbezaͤhmbaren Begierde— ſie wollte, ſie mußte den Mann wiederſehen, den ſie mit einer eben ſo grenzenloſen, als wahnwitzigen Leiden⸗ ſchaft anbetete. Es war daher mehr Wahnſinn, als Liebe. Sie ſtand mitten im Zimmer und die gewaltigen, berauſchenden Gefuͤhle, die ihr Blut in Umlauf brach⸗ ten, verbreiteten eine infernaliſche Schöͤnheit uͤber ihr faſt, Antlitz und ihre ganze Geſtalt. eeigen Das erſtere gluͤhte, die letztere konnte ſich kaum aufrecht erhalten und doch lag in dieſer ſchwankenden, fuͤſt zitternden Stellung eine Anmuth, ein Zauber, welcher„Dr an die Waſſerroſe erinnert, welche bei einem ſchmei⸗ chelnden Hauche des Windes, ihres Herrn und Herrſchers, dieſe das Haupt ſenkt und auf ihr Schilfbett niederſinkt. Nim Die aͤußere Thuͤr ging... es kamen Tritte uͤber Dich den Vorſaal— eine Hand beruͤhrte das Schloß. benr Liliä's letzte Kraft war ſchon zu Ende, bevor die⸗ Ach ſelbe in Anſpruch genommen ward. ter, In dieſem Augenblick ging die Thuͤr wirklich auf und Philipp— ja wirklich Philipp ſelbſt— zeigte ſich,... in einen weiten Mantel gehuͤllt und in dem Augenblick, Du wo er Hut und Mantel weit von ſich werfend und pen eben ſo erſchuͤttert, eben ſo berauſcht, ehen ſo wahnſin⸗ len g nig, wie ſie, auf ſie zuſtuͤrzte, hatte der Hauch des daß 8 Herrſchers im Sturme die Waſſerroſe ſchon beruͤhrt — ſie ſank nieder. Die junge Frau lag auf den Knieen und hielt ihr ausgeſtreckten Haͤnde dem Manne entgegen, deſſen Ver⸗ zeihung fuͤr ſie mehr war, als das Leben. Kam Er ſchlang ſeine Arme um ihre ſchlanke, geſchmei⸗ dige Geſtalt, er huͤllte ſie ein in die Gluthen, die ſeinen Augen entſtroͤmten, ſein heißer Athemzug erſtickte 1 4 Ein 3 ber ihr kaum kenden, welcher ſchmei⸗ rſchers, nkt. te uͤber vor die⸗ ich auf zte ſich, enblick, id und ahnſin⸗ ſh des beruͤhrt helt ihre n Ver⸗ ſchmei⸗ e ſeinen ickte ſie 33 faſt, aber ſie lebte doch in dieſer Atmoſphaͤre, denn ihr eigener Athemzug war eben ſo heiß. „Du liebſt mich alſo, Du gezaͤhmte Tigerin?“ fluͤſterte er, indem er ſie immer feſter an ſich druͤckte, „Du liebſt mich, mich allein?“ „Ich bin Deine Sklavin, ich bin weniger als dieſe, denn mein Leben beruht in Deinem Willen. Nimm es, befiehl daruͤber oder laß mich es behalten, um Dich anbeten zu koͤnnen— Dich anzubeten... o warum haben wir nur ſo armſelige Worte... aber könnte es wohl Worte geben fuͤr unſere Gefuͤhle... Ach, biſt Du es, Du, mein ſchoͤner angebeteter Gelieb⸗ ter, den ich damals nicht ſah?“ „Still... ich gebe mich wieder in Deine Gewalt ... Ich hatte einen reinen und friſchen Traum, aber Du kamſt und wehteſt ihn hinweg... o weſſen Lip⸗ pen ſind, wie die Deinen... Ich habe teufliſche Qua⸗ len gelitten, aber Du wirſt ſie verſohnen— ich weiß, daß Du es wirſt.“ „Ja, ich will, ich werde ſie verſoͤhnen. Ich will.. Eilige Tritte im Vorzimmer kamen auf die Thuͤr zu. Es waren Gunnels Tritte. „Um Gotteswillen, es iſt die hoͤchſte Zeit— der Kammerrathl“ Ein Gerücht. VII. 3 18. Eine kritiſche Stellung. Lilia war aufgeſprungen, nicht wie ein geſcheuchter Vogel, auch nicht wie eine betaͤubte Frau, welche zwi⸗ ſchen dem Mann und dem Liebhaber keine andere Gren⸗ zen ſieht, als ein Toilettenzimmer, eine Garderobe oder dergleichen. Als Lilia aufſprang, fuͤhlte ſie ſogleich das Eiſen in ihrer Natur die Nerven in unenditt ch Ordnung bringen. Sie fuͤhlte das Blut in die aufgeregten Quel⸗ len zuruͤckrauſchend und die Kuͤhle der Gefahr dem Pur⸗ pur der Wangen Blaͤſſe uͤbergießen. Und da dieſe dum⸗ men Zimmer weder eine Garderobe, noch ein anderes Kabinet hatten— ſie waren nicht im mindeſten auf heimliche Verlegenheiten berechnet— ſo mußte Lilia andere Auswege ſuchen. „Ungluͤckliche!“ ſagte ſie mit erſticktem Zorn,„Du haſt Deinen Poſten verlaſſen!“ 4 35 „Nein, nein, liebe Herrin; aber waͤhrend ich nach der rechten Seite ſah, wie Sie mir befahlen, kam er von der linken und nun iſt er da.“ „Laß mich geradezu hinausgehen!“ rief Philipp indem er Hut und Mantel aufraffte.„Ich bin nichts, als ein armer Wahnſinniger, der ſein Kind beſucht hat.“ „Und morgen waͤre ich ſowohl, als dieſes Kind fort... Unmoͤglich, unmoͤglich— bleibe hier, bis Du hoͤrſt, daß Du fortgehen kannſt— es wird nicht lange dauern.“ Und nun eilte ſie ſelbſt mit Gunnel in das aͤußere Zimmer. Hier ſagte ſie zu ihrer entſetzten Dienerin: „In demſelben Augenblick, wo der Kammerrath die Thuͤr oͤffnet, gehſt Du hinaus, Und keine Dumm⸗ heit, kein Wort, keine Miene!“ Nach dieſen Worten hatte Lilia eben ein paar Fenſter aufgeriſſen und aus einem Flaͤſchchen, welches ſie aus einem Schubfache herausnahm, einige Tropfen auf ihr Taſchentuch gegoſſen, als der Kammerrath eintrat, worauf dann Gunnel, die in dieſem Punkte ſehr gern gehorchte, ſich hinausſchlich. „Lieber Walfried,“ rief die junge Frau ihrem Manne ganz unbefangen entgegen,„Du wirſt auch halb erſticken muͤſſen, wie ich, wenn Du nicht die Thuͤr offen laͤſſeſt. Die zwei innern Zimmer ſind ſo ganz und gar voll Moſchusgeruch, daß ich, obſchon ich die Fenſtey 3* 36 auf der Seeſeite aufgeriſſen; habe, doch nicht glaube, daß Du Dich unter ein paar Stunden niederlegen kannſt.“ „Aber wo iſt denn der verdammte Geruch herge⸗ kommen?“ Moſchus war dem Kammerrath ein Greuel. „Ach, hier hauſen iſt es noch gar nichts— wenn Du hineingingeſt, muͤßteſt Du ohnmaͤchtig werden. Es iſt wirklich ſchauderhaft, daß ſowohl die Graͤfin T., als auch die Graͤfin B. ſich ſolcher Odeurs bedienen.“ „Ja, es iſt ſehr ungezogen, den Leuten auf dieſe Weiſe ihre Zimmer zu verpeſten... aber ich ſah auf der Gaſſe kein Fenſter offen und das iſt ganz noth⸗ wendig.“ Der Kammerrath machte Miene, ſelbſt hineinzu⸗ gehen und dieſe nothwendige Verrichtung vorzunehmen. „Was denkſt Du, mein Freund! Wiſt Du Dich einem unertraͤglichen Kopfweh blosſtellen.. wart doch, ich will der Gunnel klingeln.“ Und die zaͤrtliche Gattin ſchlang ihren Arm um den Mann und fuͤhrte ihn ohne ſonderlichen Widerſtand von der Thuͤr zuruͤck. Als Gunnel gleich darauf auf den Ruf der Klin⸗ gel eintrat, ſagte ihre Herrin mit dem ruhigſten Tone von der Welt: rer Herrin jeden Blutstropfen in ihren Adern erſtarren. „Gehe, Liebe, und mach' da drin die Fenſter auf 4 Gunnel fuͤhlte bei dieſer Feſtigkeit des Tones ih⸗ S daß aſt.“ erge⸗ venn Es als dieſe auf loth⸗ nzu⸗ nen. Dich doch, um tand lin⸗ one uf.“ ih⸗ ren. 37 Sie zitterte wie ein Espenlaub, das arme Geſchoͤpf, als ſie den Schluͤſſel umdrehte und uͤber die Schwelle des Zimmers ſchritt, in welchem ſich ihr zweiter Herr aufhielt. Zum Gluͤck ſah der Kammerrath nicht hinein. „Hoͤre, mein Freund,“— Lilia hielt ihren Gatten mit dem Arme noch immer feſt—„da wir nicht daran denken koͤnnen, uns jetzt ſchlafen zu legen, ſo wollen wir noch eine Zeit lang draußen ſpatzieren gehen— es wird mir ſehr wohl thun.“ „Aber ich koͤnnte gerade nicht ſagen, daß ich fuͤr meinen Theil...* „O Du, der fuͤr einen ſo zaͤrtlichen Ehemann gel⸗ ten will, mußt doch wohl Deiner Frau eine ſolche Klei⸗ nigkeit zu Willen thun koͤnnen. Verdiene ich es viel⸗ leicht nicht?“ „Du biſt heute ſehr charmant geweſen, mein Kind! Meine Erziehungsmethode faͤngt an, auf Dich zu wirken.“ Bei dieſen letztern Worten ward Lilia blutroth, aber es gelang ihr doch, ein Laͤcheln hervorzuzwingen, obſchon ſie faſt Kraͤmpfe bei dem Gedanken bekam, daß die Stimme des Kammerraths in dem Nebenzimmer ſehr deutlich gehoͤrt werden konnte. „Gleichwohl,“ hob der Mann wieder an,„haͤtteſt Du Dir uͤber das Mißvergnuͤgen des Huͤttenmeiſters keinen Kummer zu machen gebraucht. Ich will nicht, daß er auf der Partie nach Friedrichshall Dich fahren ſoll.“ „O, Du biſt doch nicht wieder eiferſuͤchtig?“ . Lilia war der Meinung, daß dieſe Hindeutung der erſten Aeußerung ihres Mannes eine neue Farbe geben muͤßte; aber bald wuͤnſchte ſie, daß ſie ſich nicht die Muͤhe genommen haͤtte, dieſe Farbe aufzutragen. „Gunnel,“ ſetzte ſie hinzu, als dieſe wieder den Kopf herausſteckte,„was klapperſt Du denn an der Thuͤr herum— mache doch ſchnell und ſchließ zu und hole mir meinen Mantel.“ „Warum ſagſt Du, wieder eiferſuͤchtig, liebes Kind — ich bin es ja niemals geweſen.“ „Was ſagſt Du— haſt Du ein ſo kurzes Ge⸗ daͤchtniß? Damals begingſt Du gleichwohl eine Unge⸗ rechtigkeit. Ich war an jenem zufaͤlligen Wiederſehen durch das Fenſter ganz und gar unſchuldig.“ Der Kammerrath runzelte die Stirne.„Du ſpielſt auf etwas an, woran Du Deinen zweiten Mann am allerwenigſten erinnern ſollteſt und um Deiner ſelbſt willen wuͤnſchte ich, daß jenes ſonderbare téte-à-téte nicht ſtattgefunden haͤtte. Es thut mir leid, daß ich Dich ſtatt deſſen bitten muß, Dich an etwas Anderes zu erinnern — ich meine den Morgen nach unſerer Hochzeit.“ Ein Beben durchzitterte Lilia; ſie fuͤhlte in der Luft, daß Jemand auf der andern Seite der Thuͤr athmete. Sie wußte nicht, wie ſie ihren Mann von dieſem ungluͤckſeligen Thema abbringen ſollte, welches durch ihren eigenen Wunſch hervorgerufen worden, vor dem irch dem 39 Geliebten den Mann zu verhoͤhnen— vielleicht wurde nun gerade ſie es, welche... „Mein guter Walfried,“ ſagte ſie, aber in ihrer Stimme lag etwas, was ſonſt nicht darin zu liegen pflegte,„komm um Gotteswillen und laß uns auf den Altan des Badehauſes hinuntergehen— ich fange an, mich ſehr unwohl zu fuͤhlen.“ „Dein Mantel iſt ja nicht da... Und da Du einmal ein Vergnuͤgen darin gefunden haſt, mich um meine gute Laune zu bringen, ſo laß mich Dir nun ein ernſtes Wort ſagen.“ „Morgen, mein Freund, morgen.“ „Nein, gerade jetzt.“ „Ach, dieſe Luft hier, dieſe Luftle⸗ „Warum beruͤhrſt Du ſo ohne Noth eine Wunde, die noch in meinem Herzen blutet? Denn obſchon ich Dich an jenem Morgen ſo vollſtaͤndig beugte, als Du daſſelbe Spiel mit mir anfangen wollteſt, wie mit dem gutmuͤthigen Narren Thurné— „Walfried!“ Lilia's Augen funkelten. „Ich verſtehe; Du haͤltſt mich fuͤr grauſam, aber ich bin niemals anders, als gerecht. Ich ſage Dir daher, wenn ich Dich auch in den Staub druͤckte, wenn ich Dich auch zwang, anzuerkennen, daß ich der Mann bin, das Haupt, und Du die Frau, welche gehorchen muß, ſo haͤlt mich doch dieſer Sieg nicht ab, die Stiche zu fuͤhlen, die Du mir geben kannſt. Und an jenem Abend, an welchen Du die Keckheit hatteſt, ſelbſt zu erinnern, verſetzteſt Du mir einen, an welchem ich noch lange lei⸗ den werde.“ „Gunnel, Gunnel, wie lange bleibſt Du!“ „O, es iſt ja gar nicht ſo eilig— die Luft faͤngt an, rein zu werden und ich habe noch ein paar Worte zu ſagen.“ Lilia ſuchte vermittelſt eines Stuhls, den ſie„zu⸗ fällig“ hin und her ſchob, ein zweckdienliches Geraͤuſch zuwege zu bringen, da aber der Kammerrath ebenfalls zufällig ſeine Hand auf denſelben Stuhl legte, ſo ward es wieder ſtill. „Als Du Dich weigerteſt, jenes Billet an ihn zu ſchreiben und ich Dich noch einmal zwang, mir zu Fuͤßen zu fallen... Du erinnerſt Dich noch, daß Du, um Barmherzigkeit flehend, meine Knie umfaßteſt...“ „Still, ſtill— die Waͤnde haben Ohren.“ „O nein, damit hat es keine Gefahr. Was ich noch zu ſagen habe, iſt blos das: Als ich in dem Au⸗ genblick, von welchem wir ſprechen, Dich aufhob und erklaͤrte, daß ich, ungeachtet alles deſſen, was mir be⸗ kannt geworden, keine Rechenſchaft in Bezug auf die Vergangenheit verlangen wollte, ſetzte ich gleichzeitig hinzu, daß dies hingegen mit dem geſchehen wuͤrde, was nach unſerer Vermaͤhlung vorfiele. 3 „Nun wohl, rufe Dir dieſe Worte genau in's Ge⸗ daͤchtniß zuruͤck, denn bei meiner Seele ſchwoͤre ich, wenn o ͤ&, 41 Du meinem Namen den mindeſten Flecken zufuͤgſt, ſo werde ich mich auf eine ernſte Weiſe zu raͤchen wiſſen l Lilia biß ſich in ihr)e Purpurlippen, Wuth und Schmerz machten ſie ſchwindlig. So vor dem Manne beſchimpft zu werden, den ſie gewohnt geweſen, mit ih⸗ rem Wort, ihrem kleinſten Blick zu beherrſchen! Der Blick, den ſie ihrem Mann zuwarf, hatte jetzt auch kei⸗ nen Schleier mehr— er ſpruͤhte Funken, ſo daß der Kammerrath unwillkuͤrlich einen Schritt zuruͤcktrat. „Sieh da,“ ſagte er,„da kommt Gunnel mit Dei⸗ nem Mantel— nun wollen wir gehen.“ „Ja, es iſt die hoͤchſte Zeit. Ich fuͤhle mich ſo krank, daß ich faſt umſinke“... Und ſie ſchleppte ſich, ſo zu ſagen, die Treppe hinunter. Endlich kam Lilia heraus auf die Straße, wo ſie erſt wieder Athem zu ſchoͤpfen wagte. Jetzt aber wieder ihrer ſelbſt maͤchtig, war ihre erſte Handlung die, daß ſie von ihrer wieder gewonnenen Keckheit Gebrauch machte. „Warte einen Augenblick,“ ſagte ſie zu ihrem Mann. „Ich habe vergeſſen, den Schluͤſſel von meiner Scha⸗ tulle abzuziehen... man muß Niemanden in Ver⸗ ſuchung fuͤhren.“ Der Kammerrath, der ſchon daran gewoͤhnt war, die Kraͤnklichkeit ſeiner Gattin ſich in Geſundheit ver⸗ wandeln zu ſehen und umgekehrt, wunderte ſich nicht ſehr, ſie jetzt die Treppe hinauffliegen zu ſehen. ————=—““ 42 Und ſie flog weiter, bis ſie in demſelben Zimmer ſtand, wo ſie Philipp gelaſſen. Sie fand ihn, mit den Haͤnden vor dem Geſicht, halb ohnmaͤchtig in einem Lehnſtuhle liegen. Das Geſpraͤch, welches er gehoͤrt, kam ihm vor wie ein daͤmoniſcher Traum. Dieſes Weib, dieſe Sirene, die ihn nach ihrem eigenen Geluͤſte unter die Fuͤße ge⸗ treten, ſie ward jetzt ihrerſeits unter die Fuͤße eines an⸗ dern Mannes getreten... Welche Macht hatte dann dieſer Mann, wo hatte er ſie hergenommen? „Ach, Philipp, ich ſehe, was Du denkſt,“ ſagte Lilia keuchend.„Aber ſei ruhig. Dieſer ſcheinheilige Deſpot ſoll einmal ſeine Gewalt gebrochen ſehen... Und nun fort von hier! Naͤchſten Donnerſtag, mein Herrſcher! Denn Du, welcher uͤber meine Seele herrſcht, biſt mein einziger, wahrhafter Herr— naͤchſten Donnerſtag werde ich von Friedrichshall zu Hauſe zu bleiben wiſſen, wohin ich ihn zu gehen bewegen werde. Lebe wohl bis dahin... Wir werden mit einander geraͤcht werden.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, welche Philipp uͤbrigens auch kaum im Stande geweſen waͤre, zu ge⸗ ben— ſo gedemuͤthigt und vernichtet fuͤhlte er ſich— eilte ſie wieder hinunter. „Ich glaube, Du haſt Dein Fieber wieder bekom⸗ men, meine Freundin,“ ſagte der Kammerrath, der ge⸗ duldig daſtand und wartete. „Gleichviel, was ich bekommen habe,“ antwortete 8 SB. 828. ner ct, vor ene, ge⸗ an⸗ ilia mun der! 43 Lilia trotzig— jetzt brauchte ſie ja nicht mehr zu ſchmei⸗ cheln— worauf ſie, ohne zu thun, als ob ſie den dar⸗ gebotenen Arm des Kammerraths ſaͤhe, ſchnell nach dem Badehaus hinunterzugehen begann. Als das Ehepaan nach einem Spaziergang von einer Stunde wieder nach Hauſe kam, war der garſtige Moſchusgeruch vollſtaͤndig verſchwunden. E8e — 19. Nächtliche Gedanken. Eine Morgenüberraſchung. Auf der noͤrdlichen Seite des Stromes, welcher die Stadt in zwei Haͤlften theilt, dehnt ſich links, wenn man uͤber die Bruͤcke kommt, eine lange, enge, mit kleinen, finſtern Haͤuſern bebaute Gaſſe hin, welche endlich immer unregelmaͤßiger wird, bis ſie in einem ordentlichen Gemiſch von Steinklippen und Huͤtten ganz und gar verſchwindet. Dieſer Theil der noͤrdlichen Seite fuͤhrt den Na⸗ men des„Vorgebirges“ und wird von Fiſchern und Bootsleuten bewohnt, welche hier, wie auf dem„Waſſer⸗ land“— obſchon das Waſſerland weit vornehmer iſt— in ihrem Elemente, in der Naͤhe des Meeres leben. Daß aber Jemand anders, als die abgehaͤrteten Soͤhne des Meeres, in dieſer öden und duͤſtern Gegend ſeine Wohnung außzuſchlagen wuͤnſchen ſollte, dazu waren ganz eigenth uͤmliche Umſtaͤnde nothigz entweder eine ma⸗ 45 terielle Duͤrftigkeit, ſo groß, daß ſie ſich allen aͤußeren Blicken entziehen moͤchte, oder auch ein moraliſches Lei⸗ den, welches ſich ſogar dem innern Blick entziehen zu wollen wuͤnſcht. Kurz, um ſich freiwillig in einer dieſer Huͤtten zu verbergen, mußte man großes Beduͤrfniß der Einſamkeit, dagegen aber keinerlei Beduͤrfniß auch nur der allermindeſten Bequemlichkeit haben. Nichtsdeſtoweniger wollen wir hier einen Mann von verfeinerten Lebensgewohnheiten aufſuchen, einen Mann, der, wenn er ſich in der Welt zeigt, ſtets die untadelhafteſte Eleganz an den Tag legt. Aber ein uͤberſchnappter Liebhaber leidet an nichts Anderem, als an der Qual, die ſein eigenes Herz uͤberall mit ſich ſchleppt. In einer der dunkelſten Huͤtten des„Vorgebirges,“ auf dem Gipfel einer ſteilen Felſenklippe erbaut, wohnte gegenwaͤrtig unſer Held. Das kleine Haus beſtand aus zwei Zimmern, eins uͤber dem andern, und mittelſt einer Leiter, mit daneben haͤngendem Seil, kam man durch eine Oeffnung hinauf in die obere Region. Dieſer Theil der Stadt war ſehr geeignet, ein Geheimniß zu verbergen und deshalb hatte Philipp, nach ſeiner fuͤnftaͤgigen Fahrt nach Norwegen, denſelben zum Obſervationspunkt auserſehen. Hier ahnte Niemand ſeine Anweſenheit, von hier konnte er den gewagten Verkehr mit ſeiner vormaligen Gattin unterhalten, hier bekam er ihre Billete, hier 46 ſchrieb er die ſeinigen, hier traͤumte er gluͤhende Traͤume, in welchen unbeſtimmte Hoffnungen ſich in entzuͤckende Wirklichkeit verwandelten; hier ward er dann und wann vom Fieber der Reue geſchuͤttelt und hier ward er end⸗ lich immer reifer fuͤr die wahnſinnige Leidenſchaft, welche ſeinen Verſtand umſchleierte 5 Arnien Es war ungefaͤhr um Mitternacht. Philipp war ſo eben aus dem Fegefeuer nach Hauſe gekommen, in welchem wir ihn geſehen haben. Bleich, entſtellt, mit einigen kalten Schweißtropfen am Rande der Stirn, ſetzte er ſich jetzt auf eine alte Kiſte unter dem kleinen Fenſter ſeines Kaͤfigs— denn ein Zimmer war es kaum zu nennen. Der Silberſchein des Mondes fiel auf die Stein⸗ haufen, unter welchen hier und da ein Grasſtreifen her⸗ vorlugte. 4 Philipp laͤchelte bitter uͤber dieſe kleinen, gruͤnen Flecken; es ſchien ihm, als ob dieſelben eine Schmaͤhung, eine Parodie alles Schoͤnen waͤren. Was hatten denn dieſe hier zu thun unter dieſen nackten, finſtern Klippen, unter dieſer Duͤrftigkeit und Armuth? Sdie glichen jenen kleinen Lichtpunkten ſeines eige⸗ nen Lebens... Was hatte Honorinens Andenken, was hatten die reinen Bilder des Umganges mit ihr ſich in das nackte, ſtuͤrmiſche und leidenſchaftliche Elend zu mi⸗ ſchen, welches ſein eigentliches Leben ausmachte? 47 Es war wunderbar, aber dieſe kleinen Grasflecken, welche der Mond ſo freundlich beſchien, wo ſie unter ihrer ſchmutzigen und kalten Umgebung hervorragten, riefen eine Erinnerung wach, die lange geſchlummert hatte. Und trotz des entſetzlichen Sturmes, der dieſe Nacht ſeine Bruſt hob und ſenkte, ſah er Honorinens Antlitz mit einem leidenden, aber engelmilden Ausdruck aus jedem Winkel des kleinen Gemaches hervorleuchten. Als ſeine erhitzte Einbildungskraft nochmals den Augenblick durchlebte, in welchem er zu Lilia eintrat; als dieſelbe Einbildungskraft ihm dienſtfertig das verfuͤhreri⸗ ſche Bild dieſes Weibes zeigte, welches auf den Knien ihn um ſeine Verzeihung anrief und ihm die ganze Frucht ihrer gluͤhenden Leidenſchaft bot: da ſah er mitten unter dieſem Anblicke eine Hand ſich leiſe ausſtrecken und die ſeinige ergreifen. Und dieſe Hand gehoͤrte nicht Lilia; ſie gehoͤrte einem Engel, der ihn hinwegzog. Aber der Hauch von dem reinen Athemzug des Engels hatte ihn nicht ſobald gekuͤhlt, als die ſpaͤhende Herrſcherin auch wieder ihre Opfer ergriff und das Opfer lag keuchend ſtill. Der Engel verſchwand, aber die Thraͤ⸗ nen deſſelben glaubte Philipp dann und wann in kalten Schweißtropfen auf ſeiner Stirn zu fuͤhlen. Doch bald kamen andere Bilder. Die letzte Scene, die er mit angehoͤrt, kam wieder zum Vorſchein. Lilia bezwungen, Lilia beherrſcht, Lilia demuͤthig, 48 bettelnd... um was? Er verſtand dies nicht— er war ſich ſehr unklar. Er entſann ſich blos deutlich, daß er ſie in zwei Tagen wiederſehen ſollte— ſie wollte zu Hauſe bleiben — gleichviel wie— zu Hauſe fuͤr ihn! Sie wollten ſich mit einander raͤchen. Etwas verwunderte ihn gleichwohl. Und dieſes Et⸗ was war, daß er keine triumphirende Seligkeit, keine wahnſinnige Freude fuͤhlte. Nun war ſie ja ſein, nun liebte ſie ja eben ſo, wie er. 410212G „Ohne Zweifel,“ murmelte er, piſt es das Ueber⸗ maaß der Wonne, vor welchem das Gefuͤhl verſtummt.“ Armer Thor! 15 1102 Es war nicht das Uebermaaß der Wonne, vor wel⸗ chem das Gefuͤhl verſtummte— es war ein unklarer Begriff von Suͤnde und Elend, was auf alles dies fol⸗ gen wuͤrde. Es war der Blitz eines lichten Gedankens in der Nacht der Leidenſchaft— es war das Andenken an Sylvia, es war das Andenken an Honorine. Aber gleichviel, was es war, ſo ward es bald un⸗ ter dem Einfluſſe der nichts weniger als nuͤchternen Ge⸗ danken begraben, welche die beabſichtigte Zuſammenkunft fuͤr den Donnerſtag von Neuem hervorrief. b —̈&———— l — ——— 49 Waͤhrend Philipps Gedanken ſich ſo in einem voll⸗ kommenen Chaos bewegen, waͤhrend ſein muͤdes Haupt auf die beſchwerte Bruſt niederſinkt und ſeine ſchlaffen Nerven, alle Spannkraft verlierend, zuſammenſinken, waͤhrend dies vor ſich geht, wollen wir andere naͤchtliche Gedanken belauſchen und ſehen, wie ein anderes Haupt nicht ſinkt, ſondern ſich leiſe von dem Kopfkiſſen em⸗ porrichtet, deſſen unertraͤgliche Hitze ſich gleichſam mit der Hitze verſchmolzen hat, welche hinter dieſer alabaſter⸗ weißen Stirne gluͤht. Der Kammerrath hatte ſchon eine ganze Stunde gut geſchlafen, aber ſeine Gemahlin fuͤhlte nicht die mindeſte Schwere in ihren Augenlidern. Sie hatte ſich jedoch vollkommen ſtill verhalten, um nicht durch ihre Unruhe das Einſchlummern ihres Gatten zu hindern. Aber jetzt war ſie ſicher. Jetzt richtete ſie ſich auf. Und ſo wie der Mond ſein Licht der aͤrmlichen Huͤtte auf dem Vorgebirge mittheilte, eben ſo gab er ſein Theil dem ſchoͤnen Zimmer, in welchem das Ehepaar ruhete. Und eben jetzt fiel ſein bleicher Schein uͤber das Antlitz der jungen Gattin und zeigte unverhuͤllt den Ausdruck, womit ſie ihren Gatten betrachtete. Es iſt nicht moͤglich, etwas Haßerfuͤllteres, ja In⸗ fernaliſcheres zu ſehen, als die Blicke, womit Lilia das ruhige und milde Angeſicht neben ſich betrachtete. Sie ſetzte ſich in die Hoͤhe. Und mit krampfhaft geballten Haͤnden machte ſie dann und wann eine drohende gin Gerücht. VII, 4 50 Geberde gegen den Schlafenden und dabei blitzten ihre Augen wie von einer ſchon befriedigten Rache. Und dennoch war dieſe Rache noch nicht gefunden. Sie war ſo ſchwer zu finden, weil keine ihr hinreichend zu ſein ſchien. Sollte ſie mit Philipp entfliehen und dieſen um ſeinen Namen und ſeine Ehre ſo aͤngſtlich beſorgten Mann, ausgelacht und mit dem Mitleiden der ganzen Welt be⸗ laden, ſitzen laſſen? Nein, dieſes Mitleiden konnte auf⸗ richtig ſein— er durfte daher kein ſolches erhalten. Nun wohl;, ſollte ſie ihm vielleicht den hoͤlliſchen Schmerz bereiten, daß ſie ſich von ihm in den Armen ihres erſten Gatten uͤberraſchen ließe? Das waͤre beſſer geweſen, das mußte ihm das Herz zerfleiſchen— aber ungluͤcklicherweiſe nicht blos das ſeine; mit demſelben Augenblicke waren ihre heimlichen Liebesintriguen ab⸗ geſchnitten. Daran war alſo auch nicht zu denken. Jedoch ſie wußte noch etwas. Ob wohl Philipp, da ſie nicht mehr fuͤr einander leben durften, den Muth hatte, mit ihr zu ſterben? Dies mußte eine Seligkeit fuͤr ſie ſein und dieſe Se⸗ ligkeit mußte einen unausloͤſchlichen Schandfleck auf den zweiten Mann einer Frau werfen, welche, um nicht laͤn⸗ ger mit ihm zuſammenleben zu muͤſſen, lieber in Ge⸗ ſellſchaft ihres erſten Mannes den Tod waͤhlte. Aber... ſo jung zu ſterben, waͤhrend das Leben noch ſo viel zu bieten hatte, gerade waͤhrend dieſe ſtraf⸗ 8 51 bare Liebe ſelbſt ſich immer unwiderſtehlicher geſtaltete.. nein, nein, ſie konnten nicht ſterben! „Sterben“— wiederholte ſie mehrmals bei ſich ſelbſt mit mechaniſcher Hartnaͤckigkeit,„ſterben... weshalb ſollen den gerade wir ſterben?“ Ihre blauen Augen erhielten eine durchſichtige, eine entſetzeneinfloͤßende Klarheit. Ihr bleiches Antlitz, von welchem die gluͤhenden Roſen jetzt verſchwunden waren, erhielt, vielleicht durch eine innere Ruͤckwirkung, eine noch auffallendere Blaͤſſe. Ihre weiße Geſtalt beugte ſich geiſterhaft uͤͤber den Gatten und horchte auf ſeinen Athemzug. „Er ſchlaͤft, ja, er ſchlaͤft ruhig— der Verhaßte, der leben wird, um taͤglich mein Herz zu martern und zu zermalmen.“ 8 In dieſem Augenblick fiel ihr Blick auf ein langes, blaues Band, welches ſie den Tag vorher als Guͤrtel getragen hatte. Es hing auf einem Stuhl ganz nahe bei ihr... und obſchon ſie ſich mehrmals wegwendete, ſo zog doch eine geheime, magnetiſche Kraft ihre Blicke immer wie⸗ der dorthin zuruͤck. Endlich konnte ſie dem geheimen Triebe nicht wi⸗ derſtehen... ſie ſtreckte die Hand aus, ergriff das Band und riß es an ſich. Was war denn mit dieſem einfachen Bande? Als ſie es zwiſchen ihren Fingern hielt, zitterte ſie. 4* 52 Sie laͤchelte jedoch— es war ein Laͤcheln, ſo wie es auf Delila's Lippen zu ſehen geweſen ſein mag, als ihre Hand Simſons Haar beruͤhrte. „Es iſt ja nichts Gefaͤhrliches darin, daruͤber nach⸗ zudenken,“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt... ves iſt ein Fieber⸗ traum— weiter iſt es nichts. „Nun wohl, ich will dieſen Fiebertraum haben, um die Stunden des Wartens zu verkuͤrzen. Man iſt ja nicht verantwortlich fuͤr ein Fieber.. fuͤr einen Taumel... o nein, aber es bringt doch zuweilen Kuͤhlung, wenn man in dieſer Welt lebt, die außer uns iſt, und doch in uns. „Waͤhrend des Fiebers wuͤrde ich dieſes Band— vorſichtig, ſehr vorſichtig— unter ſeinem Halſe durch⸗ ziehen... er liegt ganz frei... O, zittert man auch ſo im Traume, im Fieber... Wenn ich dann die bei⸗ den Enden des Bandes uͤber's Kreuz legte und dann traͤumte, daß ich mit meinen Haͤnden an jedem derſel⸗ ben einen ruhigen und feſten Zug thaͤte... warum koͤnnte ich dann nicht weiter traͤumen.. uͤber nichts Anderes, als daß ich morgen frei waͤre... frei. frei... frei..„ „Aber,... hu, hu, hu, wie dieſer Fiebertraum meine Nerven erſchuͤttert.. „Ach, der Elende, er muß leben! Ich bin feig, feig, und er wird es ſein, der mich toͤdtet.. Nein, ich be⸗ ſitze nicht jenen Heldenmuth, den ſo viele Frauen gegen 53 ihren Tyrannen gehabt haben... O, ich bin noch er⸗ baͤrmlicher, als er, denn ich will mich immerdar mit Fuͤßen treten laſſen!“ Sie warf mit einer gewaltſamen Geberde das Band wieder fort. Wenn aber ihre Blicke den Tod haͤtten ge⸗ ben koͤnnen, ſo wuͤrde der Kammerrath dieſen Augen⸗ blick nicht uͤberlebt haben. War es wohl die geheime Macht dieſer Blicke, was ihn aufweckte? Es iſt moͤglich— er ſchlug die Augen auf und betrachtete ſeinerſeits die Frau, welche jetzt aufrecht vor ihm ſaß. „Was iſt Dir?“ fragte er ſchnell. „Ich wollte Dich eben fragen, mein Freund! Du haſt mich faſt zu Tode erſchreckt.“ „Ich? „Ja, Du. Biſt Du nicht krank oder haſt Du vielleicht einen ſchauerlichen Traum gehabt?“ „Nein, keins von beiden.“ „Nun, dann iſt es mir unbegreiflich. Du jammer⸗ teſt ſo unheimlich und du ſprachſt Worte, die drohend lauteten... Aber wenn Du nichts davon weißt, ſo hat es natuͤrlich keine Gefahr. Ich ſchlafe dann ruhig wie⸗ der ein.“ Und die junge, unruhige Gattin wendete ſich auf die andere Seite und ſchlief ein. Aber der Kammerrath ſchlief nicht ein. Er konnte nicht das Bild ſeiner Frau, ſo wie er ſie 8 eben geſehen, verbannen— dieſes Bild quaͤlte ihn unaus⸗ ſprechlich. Wir uͤbergehen die beiden Tage, welche dieſe Nacht von dem zur Fahrt nach Friedrichshall beſtimmten Mor⸗ gen ſchieden. 4 .Mein Freund,“ ſagte Lilia, indem ſie ihre Reiſe⸗ coſtuͤm zur Hand nahm, wuͤrde es Dir nicht lieb fein, wenn ich zu Hauſe bliebe?“ „Warum wollteſt Du das?“ antwortete der Kam⸗ merrath in ausweichendem Tone. „Du haſt ja noch keinen paſſenden Vorwand ge⸗ funden, die mit Herrn Montin getroffene Uebereinkunft zu brechen. Er wird daher eben ſo gewiß mich fahren, als Du Frau C. fahren wirſt, welche Dir geſtern ſo viele Beſuche machte, daß Du ſie nicht mißverſtehen konnteſt.“ „Das weiß ich ja Alles ſchon!“ antwortete der Ehemann ziemlich muͤrriſch. Aber er war weit entfernt,„Alles“ zu wiſſen; ſo zum Beiſpiel wußte er nicht, daß die Einladungen der erwaͤhnten Dame zu der Partie nach Friedrichshall von ſeiner Gattin herruͤhrten, welche Frau C. zu verſtehen gegeben hatte, daß der Kammerrath keinen hoͤhern Wunſch 8 5 haͤtte, als ſie fahren zu duͤrfen; nur muͤſſe er dazu ein wenig aufgemuntert werden, weil außerdem ſeine Schuͤch⸗ ternheit ihm niemals erlauben wuͤrde, ſich eine ſolche Gunſt auszubitten. „Guter Walfried, ich bin Dir Aufrichtigkeit ſchul⸗ dig und ich will aufrichtig ſein.“ „Das freut mich, aber in welchem Falle handelt es ſich jetzt um Aufrichtigkeit?“ „Der junge Huͤttenmeiſter“... Lilia wollte wei⸗ ter ſprechen, aber ſchlug die Augen nieder und ſtockte. „Weshalb nimmſt Du einen ſolchen Ton an?“ „Ich weiß nicht, welchen Ton ich zufaͤllig ange⸗ nommen habe, ich weiß blos, daß Du eben ſo gut, wie ich, den Ton kennſt, der in der Stadt herrſcht. Man behauptet... Du weißt, man behauptet...“ „Nun ja, ich weiß es— man behauptet, daß der Huͤttenmeiſter Montin Dir ein wenig mehr die Cour macht, als die uͤbrigen Herren; aber dennoch habe ich ihn niemals gegen die Achtung verſtoßen ſehen, welche meine Frau, wie ich hoffe, ein Recht hat, zu erwarten.“ „Das iſt wahr. Aber ſeit den zwei letzten Tagen finde ich...“ „Was findeſt Du?“ „Ach, ich weiß nicht, wie ich mich erklaͤren ſoll— aber ich moͤchte gern von dieſer Partie loskommen. Und Du kannſt, nach dem zu urtheilen, was Du mir geſtern Abend ſagteſt, nichts dagegen haben.“ ———8ſſſſſſſſſ— 36 „Nein, ich geſtehe, daß, wenn Du wirklich ſo viel Zartgefuͤhl beſitzeſt, das Du zu Hauſe bleiben willſt, Du im Gegentheil Anſpruͤche auf meinen Dank haben wuͤrdeſt.. dafern, notabene, Herr Montin nicht auch von der Partie zuruͤckbleibt.“ „O, fuͤrchte nichts, dazu iſt er viel zu ſtolz; er weiß zehn Damen fuͤr eine zu bekommen... wir ſind alſo einig. Wenn er kommt, ſo ſage ich ihm, was mir in den Sinn gekommen iſt.“ „Und naͤchſte Woche,“ hob der Kammerrath mit einem Laͤcheln wieder an, welches ſein Vergnuͤgen zu er⸗ kennen gab,„machen wir allein eine Reiſe.“ „Topp, mein Freund— und nun ein wenig Lob und einen Kuß auf die Stirn, daß ich Dir Deinen Willen gethan habe!“ 4 „Ja, Du verdienſt wirklich Lob; Deine Hand⸗ lungsweiſe uͤbertraf weit alle meine Erwartung, mein ich mich zu meiner Dame begebe. Waͤhrend ich fort machen, welcher wohl bald hier ſein wird... Kammerraͤthin hin und her. Jetzt fuhr ein Wagen vor. Sie eilte an's Fen⸗ ſter. Es war der Huͤttenmeiſter mit ſeiner Equipage. Kind... Doch nun iſt es wohl Zeit fuͤr mich, daß bin, kannſt Du Deine Sache mit Herrn Montin ab⸗ In unruhiger Erwartung ging inzwiſchen die Frau Sie hatte ſich augenblicklich wieder zuruͤckziehen & — ——+—————ñ——.— 57 wollen. Aber was nun auch die Urſache ſein mochte, ſo blieb ihr Blick doch auf dem jungen Manne haften, der jetzt vom Wagen herabſtieg. Dieſer Mann, den ſie eigentlich gar nicht kannte, der fuͤr ſie nur eine fluͤchtige Badebekanntſchaft war und den ſie aus bloßer Laune mit der zweideutigen Gunſt beehrt, als eine Art Schild fuͤr ihre geheime Intrigue angeſehen zu werden— eine Rolle, welche das Schickſal ſelbſt ſanctionirt zu haben ſchien, da er es war, welcher den Strauß gerettet— dieſer Mann, an den ſie niemals laͤnger dachte, als ſie mit ihm ſprach und kokettirte, zeigte heute eine Miene, welche ihre Aufmerkſamkeit in Anſpruch nehmen mußte, denn dieſelbe gehoͤrte keines⸗ wegs zu den Eigenſchaften eines gewoͤhnlichen, artigen Cavaliers. Als der Huͤttenmeiſter eintrat, gruͤßte er mit kalter und abgemeſſener Feierlichkeit und hoͤrte mit einem Laͤcheln, welches faſt unertraͤglich genannt werden konnte, die Entſchuldigung an, welche Lilia in Bezug auf ein ploͤtzlich entſtandenes Kopfweh vorſchuͤtzte. „Ich hoffe, geehrte Frau,“ ſagte er endlich,„daß dieſes Unwohlſein Sie doch nicht abhalten wird, ſich der Partie anzuſchließen?“ „Allerdings wird es dies gerade.“ „Aber ich wiederhole, daß ich das Gegentheil hofſe.“ „Sie ſagen das auf eine eigenthuͤmliche Weiſe, mein Herr!“ 5s „Wenn ſich in dieſer Eigenheit etwas findet, was Ihnen laͤſtig faͤllt, ſo bitte ich um Entſchuldigung. Es war uͤbrigens meine Abſicht, Sie auf die einfachſte Weiſe von der Welt daran zu erinnern, daß Sie mir vergangenen Sonntag die Ehre erzeigten, daß ich auf Ihre Dankbarkeit rechnen koͤnnte.“ „Nun, und weiter, Herr Huͤttenmeiſter!“ „Weiter habe ich mir die Freiheit genommen, Ihr Verſprechen als voͤlligen Ernſt zu betrachten. Und Sie ſind gewiß viel zu großmuͤthig, als daß Sie ſich nicht daruͤber verwundern ſollten, daß ich nicht von einer Gunſt zuruͤcktreten will, die Sie mir freiwillig verſpro⸗ chen haben.“ „Ach, mein Herr!“ „Ich kann niemals vermuthen, ja, es waͤre ſogar eine Beleidigung, zu vermuthen, daß Sie Ihr Verſpre⸗ chen in der beſtimmten Abſicht gegeben haͤtten, es nicht zu halten.“ „O, das waͤre ja unmoͤglich.“ „Aber ich weiß gerade nicht, Frau Kammerraͤthin“ — der Huͤttenmeiſter ſprach in einem hoͤhniſch⸗ſcherz⸗ haften Tone—„ob das Wort Unmöglichkeit ſich in dem Lexikon findet, aus welchem e Ihren gefäͤhrlichen Wortvorrath ſchoͤpfen.“ Lilia begann ungeduldig zu 3. Aber dieſer Fremdling hatte ungluͤcklicherweiſe einen gewiſſen An⸗ ſpruch an ſie und obſchon ſie nichts Beſtimmtes ſich 59 denken konnte, ſo ſah ſie ſich doch genoͤthigt, ſich zu be⸗ zaͤhmen. „Ich erbitte mir als eine Gunſt,“ hob ſie wieder an,„daß Sie mir mein Verſprechen zuruͤckgeben... es iſt Wahrheit, daß ich mich unwohl befinde— ich kann nicht mitfahren!“ „Und ein anderer zu ihrer Weigerung iſt nicht vorhanden?“ „Welcher andere Grund ſollte denn noch vorhan⸗ den ſein?“ Lilia erroͤthete nicht einmal. „Moͤglicherweiſe derſelbe, der Sie vor einigen Tagen bewog, in Frau H.'s und Ihres Gatten Beiſein jene kleine, anmuthige Comoͤdie zu ſpielen. Ich bin nicht eingebildet genug, zu glauben, daß ich eine Bewegung in Ihrem Innern hervorgerufen habe.“ „Herr Huͤttenmeiſter!“ Lilia's Ton verrieth eine beinahe grenzenloſe Beſtuͤrzung. „Demnaͤchſt koͤnnten Sie aus demſelben Grunde zu Hauſe bleiben, der Ihnen den Stoff zu der brillan⸗ ten Idee gegeben, der ganzen Badegeſellſchaft glauben zu machen, daß Sie Ihre Gunſt auf mich unbedeutenden Menſchen zu werfen geruht haben.“ „O, mein Herr, deſ Freiheit iſt nicht blos ſehr kuͤhn, ſie iſt. „Laſſen e uns auf alle Faͤlle uns an meine Gruͤnde halten! Ich fahre alſo fort. Die Urſache zu Ihrem Wunſche, zu Hauſe zu bleiben, koͤnnte endlich 60 in dem Umſtande geſucht werden, daß ſie ungeſtoͤrt ei⸗ nen Ungluͤcklichen erhoͤren wollten, der, dieſen guͤnſtigen Augenblick erwartend, ſich unter den Huͤtten des„Vor⸗ gebirges“ verſteckt haͤlt... ach, geehrte Frau, nun fuͤrchte ich, daß Ihr Uebelbefinden eine grauſame Wirk⸗ lichkeit wird— ach, ich waͤre außer mir, wenn ich Ihr Unwohlſein verſchlimmert haͤtte.“ Lilia ſchleuderte einen halb zornigen, halb flehen⸗ den Blick auf den jungen Mann, der ohne trotzigen Uebermuth, aber doch mit einer Miene ruhiger Ueber⸗ legenheit vor ihr ſtand. „Ich kann nicht mehr von Ihrer Ritterlichkeit ſprechen,“ ſtammelte ſie. „Das beklage ich um ſo mehr, als ich ſtets auch eben ſo verſchwiegen bin. Alles, was ich fordere, iſt et⸗ was ſehr Unbedeutendes. Es beſteht darin, daß Sie, nachdem Sie ſelbſt beſchloſſen haben, mich fuͤr Ihren beguͤnſtigten Anbeter gelten zu laſſen, Sie nun auch mich wenigſtens eins der Vorrechte genießen laſſen, die mir als ſoichem zuſtehen muͤſſen! Mit einem Wort, ich glaube. „Mein Herr, ich kann Sie nicht weiter anhören!⸗ „Frau Kammerraͤthin, es iſt mir unmoͤglich, mit⸗ ten in einem ſo entſcheidenden Punkte zu ſchließen. Ich habe es nicht gern, wenn man mich auslacht und daher hoffe ich, daß Sie nichts weiter dagegen haben, 61 ſich die merkwuͤrdige Stelle mit anzuſehen, wo Karl der Zwoͤlfte ſeinen Tod fand.“ „Ich werde mich fertig machen— aber fuͤr dieſes Verſprechen bekomm ich wohl auch das Ihrige, daß kein Wort uͤber ihre Lippen kommen wird?“ „Dieſes Verſprechen zwingt mich die Ehre zu ge⸗ ben, wenn eine Dame darum bittet. Aber noch muß ich Ihnen eine Sache mittheilen, geehrte Frau, auf welche ich um Ihretwillen große Hoffnung ſetze.“ „Was iſt das?“ „Daß der Brief, den ich an Herrn Thurné's be⸗ ſten Freund, Doctor Warvner, geſchrieben, bald Fruͤchte tragen wird, Ich ſendete dieſen Brief vor vierzehn Tagen ab, nachdem ich Sie blos auf Helſo geſehen, denn ich hielt es fuͤr meine Pflicht, weil ich ein naher Bekannter von Doctor Warvner bin... nicht wahr, Sie verzeihen es mir?“ „O das war ſchaͤndlich, das war im hoͤchſten Grade boshaft— was ging das Ihnen an?“ „Es geht jedem Menſchen etwas an, nicht mit kaltem Blut Jemanden in's Verderben ſtuͤrzen zu ſehen . Und wie Sie nun ſelbſt einzuſehen belieben, habe ich einen doppelten Beweggrund, Sie daran zu erin⸗ nern, daß die Zeit unſerer Abreiſe gleich da ſein wird.“ „O mein Gott, ſich einer ſolchen Beleidigung unter⸗ werfen zu muͤſſen!“ „Wie, Frau Kammerraͤthin, nennen Sie mein —““ 62 Benehmen eine Beleidigung?... Nachdem ich mich in der Naͤhe von Ribyhus niedergelaſſen, hatte ich viel zu viel von Ihnen ſprechen hoͤren, als daß Sie nicht mein Intereſſe haͤtten erwecken ſollen. Ich fand die Schil⸗ derung, die mir von Ihnen gemacht worden, mehr als beſtaͤtigt und bis zu einem gewiſſen Grade erfuhr ich in ihrer Naͤhe denſelben Einfluß, wie ſo viele Andere. Sie ermuthigten mich, ohne daß ich die Urſache ver⸗ ſtand; ſpaͤter, als dieſe mir klar ward, empfand ich Unwillen gegen Sie, aber doch nicht in ſolchem Grade, daß dieſer Unwillen das ſchon an Ihnen gefaßte In⸗ tereſſe haͤtte erſticken koͤnnen, welches— ich betheure das, wie dreiſt auch der Schritt, den ich gethan, ſcheinen kann— nur die Abſicht hat, Ihnen zu nuͤtzen.“ In dieſem Augenblick hoͤrte man das Rollen eines zweiten Fuhrwerkes. „Ha,“ murmelte Lilia,„mein Mann kommt!“ „Dann muͤſſen wir ſofort hin.“ „Mein Herr, mein Herr!“ „Hier iſt Ihr Hut, Ihr Mantell Der Kammerrath oͤffnete die Thuͤr. „Was,“ rief er, als er ſeine Frau vor dem Spie⸗ gel den Hut aufſetzen ſah,„Du wollteſt ja nicht mit!“ „Ich muß wohl, mein Freund,“— und dieſes Weib konnte wieder laͤcheln,—„der Herr Huͤttenmeiſter droht mir, ebenfalls zu Hauſe zu bleiben, im Fall ich mein Verſprechen nicht halte und Du weißt ja ſelbſt, 63³ daß ich das nicht auf mein Gewiſſen nehmen koͤnnte, nicht wahr?“ Es zog ſich eine dunkle Wolke uͤber die glatte Stirn des Kammerraths, aber er ſagte nichts. Und ohne nur eine einzige Zeile an ihren Gelieb⸗ ten ſchreiben zu koͤnnen, ſah ſich Lilia genoͤthigt, ſich in den Wagen zu ſetzen. „Ich ſehe Ihnen an, geehrte Frau,“ ſagte der Huͤttenmeiſter, indem er neben ihr Platz nahm,„daß Sie feindſelig gegen mich geſtimmt ſind; aber ich troͤſte mich mit der Gewißheit, daß der Tag kommen wird, wo Sie beſſer, als jetzt, das Gluͤck dieſes vereinten Un⸗ gluͤcks zu ſchaͤtzen wiſſen werden.“ Lilia wuͤrdigte ihn keiner Antwort. * EeS 20. 6 Der letzte Akt. w — Es war ein heißer, ein erſtickend heißer Julinach⸗ 2 mittag, welcher auf den Tag der Ruͤckkehr von der 5 Luſtpartie nach Norwegen folgte. i Liliga lag auf dem Sopha und ſchlief, dies heißt, k daß ihre Gedanken in einer unaufhoͤrlichen Arbeit wa⸗ 1 ren; aber ungeachtet dieſer Arbeit konnte ſie doch keinen F Weg ausfindig machen, wie ſie es anſtellen ſollte, um Philipp einen Schadenerſatz fuͤr die von dem Huͤtten⸗ ſt meiſter vereitelte Zuſammenkunft zu geben. Gunnel hatte ihr ſo eben den gewoͤhnlichen Blu⸗ b. menſtrauß uͤberreicht und in demſelben befand ſich ein ſc Billet, welches mit wahnſinnigen Wehklagen ange fuͤllt war. Ihre Reiſe nach Friedrichshall, mit dem Huͤtten⸗ m. meiſter Montin als Kutſcher, Montin, deſſen Namen* Philipp erſt ſpaͤter mit Lilia's zugleich his zu haben 8 65 ſich erinnerte, hatte eine wilde Eiferſucht erweckt. Jetzt handelte es ſich nicht mehr um den demuͤthig bittenden Philipp— jetzt war er ein auf ſein Recht pochender Herrſcher, der Forderungen ſtellte und Gehorſam ver⸗ langte. „Was ſoll ich thun, was ſoll ich thun— Ty⸗ rannen rings umher... Wenn Philipp wuͤßte.. aber das dient zu nichts— er will nicht warten, er begeht gewiß irgend eine entſetzliche Thorheit, wenn er warten ſoll und dann...“ In dieſem Augenblicke trat ihr Gatte ein. „Man vergeht ordentlich in dieſer brennenden Luft,“ ſagte er.„Ich habe mich mit ein paar Be⸗ kannten dahin geeinigt, daß ein Seebad das Beſte⸗ iſt, was man genießen kann. Und im Fall es ſpaͤter kuͤhl werden ſollte, daß man fiſchen kann, ſo werden wir wohl bis auf den Abend draußen bleiben, meine kleine Freundin!“ Lilia war nahe daran, einen Freudenruf auszu⸗ ſtoßen, aber ſie ſagte doch mit traͤger Ruhe: „Du biſt recht gluͤcklich, daß Du in der See baden kannſt— ich wuͤrde daſſelbe thun, wenn ich ſchwimmen koͤnnte.“ „Ich kann es auch nicht, wenigſtens nicht ordent⸗ lich, aber das hindert mich nicht zu baden; und Du, mein Kind, kannſt waͤhrend der Zeit ein kaltes Douche⸗ bad nehmen.“ Ein Gerücht. VII. 5 „Ja, das werde ich thun. Gehſt Du bald fort?“ „In einer Stunde. Ich gehe jetzt erſt und be⸗ ſtelle einen Imbiß, den wir mitnehmen werden.“ „Kann ich vielleicht auch etwas mit dazulegen, mein Freund?“ „Nein, nichts, meine Liebe... Und nun lebe wohl auf einige Stunden.“ „Kommſt Du nicht noch einmal herauf, bevor Du fortfaͤhrſt?“ „Ich glaube nicht, daß mir Zeit dazu uͤbrig bleibt. Deshalb nehme ich gleich jetzt Abſchied.“ Und der Kammerrath legte ſeinen Arm um den Nacken der Gattin und druͤckte einen Kuß auf ihre Lippen und einen auf ihre Stirn. Es lag etwas Wehmuͤthiges in ſeinem Benehmen und etwas Sanftes und Gutes in ſeinem Blick. Lilia fuͤhlte ſich von einer wunderbaren Empfin⸗ . dung durchzuckt— einer Empfindung, die, unbegreif⸗ lich genug, der Reue glich. Sie ergriff ſelbſt die Hand ihres Mannes und— wer erklaͤrt die Widerſpruͤche des menſchlichen Herzens— druͤckte ſie mit Waͤrme an ihre Lippen. 4 Als ſie die Hand losließ, waren zwei Thraͤnen darauf gefallen. Es war die Erinnerung an ihren ſuͤndhaft ten, wachenden Traum, welche dieſe Thraͤnen hervorgerſen, 5 —— 8 ES= — — ort?“ d be⸗ legen, lebe bevor leibt. a den ihre hmen pfin⸗ greif⸗ Hand ruͤche zaͤrme 1 3 67 und gleichwohl beabſichtigte ſie, ihren Mann zu betruͤ⸗ gen, ſobald er den Ruͤcken gewendet haben wuͤrde. „Was iſt das?“ ſagte der Kammerrath in herz⸗ lichem Tone—„ich glaube, in dieſer Bewegung waltet ein gutes Gefuͤhl, wie?“ „Mein Freund... ich...“ ſtammelte Lilia, ohne weiter ſprechen zu koͤnuen. „Mein Kind, einmal, hoffe ich, wirſt Du verſte⸗ hen, wie ſehr ich Dich liebe, Du wirſt verſtehen, daß die Strenge, die ich jetzt zuweilen zu zeigen genoͤthigt bin, nur durch Deine eigene Schuld herbeigefuͤhrt wird. Wenn Du aber Alles geworden ſein wirſt, was ich hoffe,“ ſetzte er laͤchelnd hinzu,„ſo ſollſt Du auch die Macht erhalten, nach welcher Du ſtrebſt, denn dann wirſt Du ſie nicht mißbrauchen. Habe Dank inzwi⸗ ſchen fuͤr dieſen Augenblick, der mir den angenehmſten Eindruck gegeben, den ich ſeit unſerer Verheirathung gehabt.“ 8 „Noch einmal gab der Kammerrath ſeiner jungen Gattin eine zaͤrtliche Liebkoſung, worauf er mit gutge⸗ launtem Kopfnicken ſich entfernte. Lange, nachdem ſein Tritt verhallt war, ſaß Lilia noch unbeweglich da. Sie war außer Stande, ihre eigenen Gefuͤhle zu beurtheilen— ſie ward dadurch ganz verwirrt. Auch ſie empfand den erſten freundlichen Eindruck 5* von ihrem Gatten, dem Manne, den ſie verabſcheute und doch hochachten mußte. Aber alles dies war nur eine fluͤchtige Bewegung, fluͤchtig, wie ein Windhauch. Sie mußte ſich beeilen, zu handeln— die Zeit war karg zugemeſſen und koſt⸗ bar— ſie eilte hinauf und ſchrieb mit zitternder Hand folgende Worte: „Bete, daß die Abenddaͤmmerung ſich auf die Erde herabſenke, damit unſere Sonne aufgehen kann! Das Gluͤck iſt guͤnſtig geweſen. „Ich erwarte Dich!“ Und als ob die Schatten mit denen, welche war⸗ teten, im Bunde ſtuͤnden, zogen ſich ſchwere Gewitter⸗ wolken am Himmel zuſammen. Die Gaſſen waren leer, denn die Badgaͤſte hielten ſich faſt alle daheim und keuchten und ſchwitzten auf ihren Sophas. Nur der Kammerrath und ein paar andere Herren waren es, welche ihr Gluͤck auf der See verſuchen wollten. Der Huͤttenmeiſter Montin hatte gerade heute Arnolds Antwort erhalten und da der junge Huͤtten⸗ meiſter ein wohldenkender Mann war, ſo empfand er eine wirkliche Erleichterung, weil er nun wußte, daß dieſe gefaͤhrliche und ungluͤckliche Intrigue, die er unter ſeinen Augen ſich entwickeln ſah, ohne ſie dem Gatten 4 verrathen zu koͤnnen, nun wahrſcheinlich ihr Ende errei⸗ heute ung, eilen, koſt⸗ Hand fdie ann! war⸗ itter⸗ varen heim Nur nes, heute ütten⸗ ad er daß unter atten errei⸗ 69 chen wuͤrde. Der Huͤttenmeiſter wußte naͤmlich, daß Thurné bei ſeiner ſogenannten Abreiſe auf dem Poſt⸗ buͤreau beſtellt hatte, daß die fuͤr ihn ankommenden Briefe bis zu ſeiner Ruͤckkunft aus Norwegen liegen bleiben koͤnnten. Es war daher wahrſcheinlich, daß er darnach fragen wuͤrde. Lilia hatte zwei oder drei Beſuche gehabt, vor welchen ſie ſich nicht verleugnen zu laſſen wagte, denn die Beſuchenden waren Mitglieder der Klatſchcoterie, welche ſich weder durch Gewitterwolken, noch durch den drohenden Regen in ihrer Thaͤtigkeit hindern ließen. Nachdem ſie endlich drei Mal von Anfang bis zu Ende Bericht uͤber die Partie nach Friedrichshall er⸗ ſtattet und den Damen erlaubt hatte, in Bezug auf den Umſtand, daß der Huͤttenmeiſter ſie gefahren, zu vermuthen, was ſie wollten, kam ſie aus dieſem neuen Fegefeuer heraus und der erſte Gebrauch, den ſie von ihrer wieder gewonnenen Freiheit machte, war, daß ſie vor den Spiegel eilte, um ihn hinſichtlich der Wirkun⸗ gen zu befragen, welche die Ungeduld auf ihrem Antlitz zuruͤckgelaſſen haben mußte. Ehe ſie jedoch zu einer Entſcheidung kommen konnte, kam die kleine Sylvia hereingeſprungen, um bei der Mama zu bleiben. Aber es gab viele Augenblicke in dem Leben dieſer Mutter, wo ſie nicht die Madonna ſpielen wollte, und da der bevorſtehende Augenblick ein ſolcher war, ſo be⸗ 70 ſaß ſie den Muth, vielleicht den einzigen Schutzengel von ſich zu ſtoßen, der jetzt zwiſchen ihr und dem Ver⸗ derben ſtand. „ Sylvia will nicht gehen... ſie will dableiben, liebe Mama,“ ſagte die Kleine. „Sylvia wird aber in ihre Stube gehen... ſtill, hier wird nicht geweint— hier haſt Du ein Paar Puppenkleider und auch einige Bonbons... Gunnel, Gunnel, fuͤhre doch das Maͤdchen hinaus!“ Gunnel war jetzt zahm wie eine Sklavin— ihre ganze Kraft war gebrochen— ſie ſeufzte und gehorchte. „Warum, warum kommt er nicht?“ ſagte Lilia, als die Donnerwolken immer dichter und dichter ſich am Himmel zuſammenzogen.„Es iſt beinahe ſtockfin⸗ ſter... O, was machſt Du, Du, mein Abgott, meine Seele, Herz meines Lebens— weißt Du nicht, daß ich warte, daß ich in dieſer Unruhe vergehe!“ Sie ging zwiſchen den Fenſtern hin und her. Bald blickte ſie auf die Gaſſe hinaus, um nach dem Manne zu ſehen, den ſie mit fieberhafter Angſt erwartete, bald ging ſie nach der Seeſeite, gleichſam um das aufgeregte Waſſer zu beſchwoͤren, daß es ihren Gatten noch zuruͤckhalten ſolle. Aber die Antwort, die — 71 ſie erhielt, war von der Gaſſe eine tiefe Todtenſtille, von dem Meere gleichſam ein dumpfes Bruͤllen. Nach ſechs Uhr, wo die erſtickende Hitze ihren Gipfelpunkt erreicht, war die druͤckende Windſtille all⸗ maͤlig in einen friſchen Wind und der Wind binnen Kurzem in einen jener furchtbaren Orkane uͤbergegangen, welche ſo oft die verraͤtheriſchen Wogen des Skagaraks aufwuͤhlen. Es war kein ununterbrochener Sturm, denn von Zeit zu Zeit ruͤhrten ſich die ſchwarzen Wolken nicht in ihren phantaſtiſchen Schichten, nicht ein einziger, ſaͤuſelnder Laut ſtoͤrte die Luft oder den Frieden des Meeres. Aber dieſe ſcheinbare Ruhe ward bald unterbrochen und ein furchtbarer Orkan brach los, mit entſetzli cher Macht Himmel und Waſſer bewegend. Und dennoch betete Lilia um die Ankunft ihres Geliebten, nicht um die ihres Gatten. Aber die Zeit verging— keiner von Beiden ließ ſich hoͤren. Bald konnten ihre wilden Sinne ſich nicht beherrſchen. „Ha, wie einfaͤltig bin ich“— ſagee ſie zu ſich ſelbſt—„ich kann ja zu ihm gehen... Was hat es zu ſagen, wenn ich fort bin, wenn mein Quälgeiſt kommt! Ich war ſpatzieren geweſen, der Sturm uͤber⸗ fiel mich, ich ſuchte Schutz und konnte nicht eher wieder nach Hauſe kommen.“ Sie ſtuͤrzte nach der Klingel, um Gunnel herbei⸗ zurufen. „Unſelige,“ ſagte ſie, vor innerer Bewegung zit⸗ ternd,„Du haſt gelogen— Du haſt das Billet nicht an ſeinen gewoͤhnlichen Ort getragen.“ „Nun freilich, habe ich das— die alte Frau nahm mir es ab... Sie ſagten ja, liebe Herrin, daß ich mich nicht aufhalten ſollte.“ „Gieb meinen Mantel her— ſchnell... Ich fuͤhle in mir, daß etwas Entſetzliches geſchehen ſein muß. „Still, ſtill!“ Lilia griff ſich mit beiden Haͤnden an die Stirn...„O, laß mich nicht wahnſinnig werden— mein Kehf brennt... was ich niemals zuvor gewußt... ha, welche Toͤne... was iſt denn das?“ „Ach, lieber Gott, ja, was iſt denn das... liebe Herrin, es ſammeln ſich eine Menge Leute vor dem Fenſter... es kommen zwei Herren hierher... und alle Menſchen geberden ſich ſo ſonderbar und machen Zeichen und Mienen.“ „Ich wußte das,“ murmelte Lilia, die ſich kaum noch auf ihren zitternden Fuͤßen halten konnte.„Aber die grauſamen Qualen meiner Seele ſagen mir dennoch nicht die Gefahr ſelbſt. Hoͤre, das Gerinſch nimmt zu— man kommt die Treppe herauf.. Erbar⸗ mnen. Erbarmen!“ 8 73 Sie ſtuͤrzte auf die Thuͤr zu. Dieſe verzweifelte Frau, die fuͤr ihren Geliebten zitterte, konnte recht wohl fuͤr eine von Todesangſt ge⸗ marterte Gattin gehalten werden. „Geehrte Frau,“ ſtammelten die beiden Nachricht⸗ bringer, welche gleichzeitig eintraten,„unſere Pflicht iſt eine ſehr traurige... der Herr Kammerrath...“ Bei dem letzten Worte ging eine außerordentliche Erſchuͤtterung durch Lilia's ganze Seele und Koͤrper. Wie durch einen Zauberſchlag war ihre Verſtandes⸗ klarheit zuruͤckgekehrt, aber nach dem Entſetzen zu ur⸗ theilen, welches ſich auf ihrem Antlitz, in ihren Bewe⸗ gungen malte, mußte man das Gegentheil glauben. Ja, man mußte entweder fuͤr ihr Leben oder fuͤr ihren Verſtand fuͤrchten, wenn man ihr das Entſetzliche ver⸗ kuͤndete, was geſchehen war. „Reden Sie, reden Sie!“ rief ſie unaufhoͤrlich mit durchbohrender Stimme,„reden Sie— die Un⸗ gewißheit iſt entſetzlicher, als alles Andere... Keine langen Vorbereitungen!“ Und ſie wollte hinunterſtuͤr⸗ zen auf die Straße. „Ach, geehrte Frau, um Gottes willen, gehen Sie nicht— er wird... er wird nicht wiederkommen.“ „Nicht wiederkommen?“ Sie ſtierte wie eine Wahnſinnige den Redenden an.„Dann iſt er todt?“ „Es iſt in der That ein ſehr ſchwerer Auftrag, der uns zugefallen... Dieſes ungluͤckliche Bad! 74 Die Stelle war nicht gut gewaͤhlt... eine Untiefe.. der Herr Kammerrath konnte nicht ſchwimmen und einer jener entſetzlichen Orkane, die den ganzen Abend ge⸗ tobt, riß ihn mit fort, bevor noch einer der andern Herren ihm zu Huͤlfe kommen konnte.“ Die folgende Stunde war die halbe Badegeſell⸗ ſchaft bei der jungen Witwe verſammelt und auf dieſe Weiſe ward ſelbſt dieſes zahlreiche Publikum Zeuge von dem grenzenloſeſten Schmerz, den je das Gemuͤth einer Gattin offenbart. Sie war dem Wahnſinn nahe. Sie ſprach mit dem Schatten ihres edlen Walfried. Sie wollte die irdiſche Huͤlle des Geliebten ſehen. Und als man nicht umhin konnte, ſie nach dem Hauſe zu fuͤh⸗ ren, in welches man den Leichnam des Kammerraths gebracht und wo alle moͤglichen Verſuche angeſtellt wor⸗ den waren, den Funken des Lebens wieder zu entzuͤn⸗ den, da war es die Verzweiflung einer Indianerin, welche die Zuſchauer erſchuͤtterte. Sie zerraufte ihr ſchoͤnes Haar, ihr Geſchrei ward weithin gehoͤrt und man glaubte beinahe, daß ſie— mit den edlen Frauen der Braminen wetteifernd— ſich, wenn auch nicht auf dem Scheiterhaufen ihres Mannes verbrennen, doch auf ſeinem Grabe umbringen wuͤrde. Dieſer redliche und edelgeſinnte Mann, den ſi e niemals zu wuͤrdigen verſtanden und niemals zu wuͤr⸗ digen verſtanden haben wuͤrde, wie ſehr hatte er nicht 75 eine ſtillere Klage verdient, eine aufrichtigere Trauer, als die, welche ihm jetzt gewidmet ward. Wenn er dieſe falſche Gattin haͤtte ſehen koͤnnen, dieſes unwuͤrdige Weib, welches ſich unter der Laſt ſeiner theatraliſchen Schmerzen in den Staub beugte wuͤrde er ihr da wohl verziehen haben? Vielleicht— denn dann muͤßte er auch zugleich die Wonne gefuͤhlt haben, der Vereinigung mit einem Weſen uͤberhoben zu ſein, welches zu veredeln ihm niemals gelungen war. ᷣ— —õ——;— 21. Epilog zum fünſten Zuche. Der Schauplatz iſt wieder die kleine, aͤrmliche Wohnung auf dem Vorgebirge. Ein Mann hat ſich ſo eben auf der Leiter in das Aſyl heraufgeſchleppt, welches er fuͤr ſich und ſeine brennenden Erinnerungen gewaͤhlt. Sein Geſicht iſt furchtbar aufgeregt, das Blut hat ſich faſt bis in die Augen hinaufgedraͤngt. Er iſt allein und doch ſieht er ſich mit heimlichem Entſetzen ringsum. Bald zuckt er in die Hoͤhe, als ob ihn Je⸗. mand mit einem gluͤhenden Eiſen beruͤhrte, bald ſinkt er wieder zuſammen. Eine wortloſe Klage, Laute ohne Bedeutung, aber doch vielleicht von entſetzlicher Bedeu⸗ tung, brechen ſich Bahn uͤber ſeine Lippen. Es iſt offenbar, daß dieſer Mann das Uebermaaß ſeiner Gemuͤthsbewegungen nicht ertragen kann, dieſer Ungluͤckliche, den ein graͤßliches Verbrechen verfolgt. — 77 Noch vor zwei Stunden hatte er ein anderes Feuer in ſeinen Adern gefuͤhlt. Er hatte das Blut mit jener geſunden und geſchmeidigen Leichtigkeit flie⸗ ßen gefuͤhlt, welche einer ſtrafbaren Zuſammenkunft vorangeht, er hatte die Laſt vergeſſen, die Unruhe, die Betaͤubung und all' den uͤbrigen Jammer, der dar⸗ auf folgt. Vor allen Dingen hatte er auch vergeſſen, die Briefe zu leſen, die er denſelben Tag— vermittelſt einer eigenhaͤndigen Vollmacht— von dem Poſtbuͤreau hatte holen laſſen. Dieſe Briefe konnte er Zeit ge⸗ nug noch leſen, wenn er wiederkam, wo er gewiß Zerſtreuung fuͤr die grauſamen Gedanken brauchte, deren Opfer er dann ohne Zweifel war. Inzwiſchen war die Zeit da. Es war durch die Gewitterwolken ſchon dunkel geworden. Und da ein feiner Regen herabzurieſeln be⸗ gann, ſo diente der Regenſchirm ihm vortrefflich als ein Mittel, um nicht ſo leicht erkannt zu werden. Wenn es ſich inzwiſchen traf, daß er erkannt wurde, ſo hatte er die Abſicht, ſeine Lage nicht durch ein Ausweichen zu verſchlimmern, ſondern er wollte dann ſagen, er ſei ſo eben aus Norwegen zuruͤckgekehrt. In jeder Hinſicht war es ſein Entſchluß, wieder ſein gewoͤhnliches Logis zu beziehen, denn dieſes Incognito begann noch gefaͤhrlicher zu werden, als ein offener * 78 Aufenthalt im Bade, in welches zuruͤckzukehren ihm Niemand das Recht nehmen konnte. Aber er dachte jetzt nicht an alles dies. Er dachte nur an ſeine reizende, feurige Geliebte und an den pa⸗ radieſiſchen, ſeligen Augenblick, der ihm bevorſtand. Schon hatte er den groͤßten Theil der langen Gaſſe hinter ſich und war eben an der Ecke, welche nach der Zollbruͤcke fuͤhrt. Aber, was begegnete ihm da— ein Menſchen⸗ haufen, der ihm das Weitergehen faſt unmoͤglich machte. Was iſt es, was man jetzt auf einer Art Bahre ihm entgegentraͤgt... mein Gott, ein Menſch, ein ertrunkener Menſch... und Worte dringen an ſein Ohr. Er ſtiert die Umſtehenden an— es iſt blos ein Wort, welches er hoͤrt: der Kammerrath! Der Kammerrath! Ja, der Kammerrath, der ihn ſelbſt hindert, den Weg zu dieſer ſtrafbaren Zuſammenkunft fortzuſetzen — der Ehemann, der Todte, der ihn ſtumm und dro⸗ hend zuruͤckweiſ't. Und von entſetzlichen, ſchwindelnden, nachtſchwar⸗ zen Gedanken gepackt, eilte Philipp nach Hauſe. Sein Nebenbuhler war alſo todt— todt! O, warum kreiſcht ihm eine Nachteule fortwaͤh⸗ rend die Worte in die Ohren: Todt, todt... Lilia frei! Aber welche Daͤmonen wollen ſich jetzt ſeiner be⸗ maͤchtigen? was iſt das fuͤr ein Geraͤuſch in ſeinem 79 Kopfe... weshalb ſprengt das Blut ihm nicht die Adern auf, daß auch er ſterben kann! Auf ein paar Stunden ward er jedoch von jedem Gefuͤhl befreit— er fiel in eine tiefe Betaͤubung und ruͤhrte ſich nicht, als er bewußtlos auf der alten Kiſte ausgeſtreckt lag. Die Nacht war weit vorgeſchritten, als Philipp wieder zur Beſinnung kam. Durch das kleine Fenſter, welches den ganzen Tag offen geſtanden, ſtroͤmte ein kuͤhler und feuchter Wind herein. Es regnete ſtark. Er ſtand auf, ſteckte die Hand hinaus und fing einige große Regentropfen auf, mit welchen er ſeine Stirn kuͤhlte. Das that ihm wohl— er mußte das ganze Ge⸗ ſicht hinaushalten und nach dieſem erfriſchenden Bad fuͤhlte er ſein Blut, deſſen heiße Gaͤhrung ſchon ent⸗ ſchwunden war, noch ruhiger fließen. 4 Er begann nachzudenken und ſeine Gedanken wen⸗ deten ſich zu Gott. Er empfand das Beduͤrfniß, zu beten, und das Gebet war fuͤr ſeine Seele von eben ſo großer und heilender Kraft, als der Regen es fuͤr ſeinen Koͤrper geweſen. Er dankte und betete in ſtummer Ruͤhrung Den an, der ihm ſchuͤtzend ſeinen Arm vorgehalten, 8⁰ als er in ſeinem Taumel dem Abgrund entgegenſtuͤrzen wollte. Es war nicht anders, als daß er in Gedanken und Gefuͤhlen den beintraͤchtigt hatte, der jetzt aus der Reihe der Lebenden geſchieden war... Dieſe Fahrt nach Friedrichshall, die er ſo verwuͤnſcht, o wie ſegnete er ſie jetzt! Welche Martern, tauſend Mal entſetz⸗ licher als die, welche ihn ſchon heimgeſucht, haͤtte er nicht erfahren koͤnnen. „Ich werde fortgehen,“ ſagte er, vnoch dieſen Morgen! Ich will dieſe wilde Epiſode in die Tiefe meiner Seele begraben. Und ein ganzes Jahr lang will ich nicht die wiederſehen, welche... ein Jahr— was ſage ich... niemals, niemals!“ Und das Beduͤrfniß eines Schutzes auf dem Platze fuͤhlend, wohin er jetzt geſchleudert worden, das Beduͤrf⸗ niß einer Kraft, jenes Rad in Gang zu bringen, das Rad der Ereigniſſe, welches auf einen Wink des All⸗ maͤchtigen gleichſam in ſeinem Gleiſe ſtehen geblieben, griff er heftig nach den Briefen, die er bei ſich trug. Und als er Honorinens Handſchrift erblickte, da fuhr ein Stich toͤdtlichen Schmerzes und grenzenloſer Reue durch ſein Herz. In einem einzigen, klaren Blick— denn dieſer Todesfall hatte ihn vollkommen nuͤchtern gemacht— ſah er in der richtigen Farbe ſein ganzes Benehmen gegen dieſe edle und ſanfte Frau. zen ken der ihrt nete ſetz⸗ e er eſen refe ang latze uͤrf⸗ das All⸗ ben, rug. fuhr Keue jeſer — men 81 Er hatte Briefe voll von heftiger, beinahe ſtuͤr⸗ miſcher Sehnſucht geſchrieben, Briefe, welche die vul⸗ kaniſche Unruhe eines neuerwachten Herzens verriethen, und nachdem er ihre Antwort bekommen, dieſe ver⸗ trauensvolle Antwort, die er bis jetzt nicht hatte begrei⸗ fen wollen, hatte er aufgehoͤrt, zu ſchreiben. Mit Kaͤlte und Gleichguͤltigkeit hatte er ihrem grenzenloſen Edelmuth gelohnt. Woruͤber konnte ſie jetzt ſchreiben? Er nahm den Brief mit einer ehrfurchtsvollen Regung— er wuͤrde ihn an ſeine Lippen gedruͤckt haben, aber er betrachtete ſich als unwuͤrdig, dieſe Ab⸗ bitte zu thun. Mit heftigem Beben erbrach er das Siegel. Wir laſſen hier folgen, was er mit gebeugtem Haupte, mit ſtockendem Athemzuge las: „Mein beſter Herr Thurné! „Ich will nicht viel ſchreiben, denn nach dem tiefen Schweigen, welches in unſerm Briefwechſel ein⸗ getreten, fuͤrchte ich, daß Ihnen dies nur laͤſtig ſein knnte. Ich will blos mit einigen Zeilen in Herrn Thurné die Erinnerung an zwei Abendſtunden er⸗ wecken— die eine vor der Reiſe nach der Schwal⸗ benhuͤtte, die andere nach derſelben. „Halten Sie mich nicht fuͤr unedel, nicht fuͤr eigennuͤtzig, wenn ich Ihre Gedanken auf jenes ſchmerz⸗ liche Thema zuruͤckfuͤhre und wenn ich Sie zugleich an jene Worte erinnere, welche Sie zu mir ſagten: Ein Gerücht. VII. 6 „Ich werde niemals Bedenken tragen, mich Ihrer Freundſchaft zu bedienen. Ich ſage blos, wenn einmal ein Tag kommt, wo Sie ein Zeichen meiner Anerkennung verlangen, ſo rechnen Sie darauf und rechnen Sie auf meine volle Aufrichtigkeit!“ „Nun wohl, ich bin jetzt entſchloſſen, an dieſe verſprochene Anerkenntniß zu appelliren— dafern ich derſelben wuͤrdig war. „Hoͤren Sie mich noch einmal, noch ein einziges al: „Verlaſſen Sie das Bad, verlaſſen Sie es ſo⸗ gleich, im Fall dieſer Brief Sie noch daſelbſt trifft! Ich weiß, daß Sie einer grenzenloſen Gefahr preisge⸗ geben ſind— vielleicht iſt ihre Seele ſchon unterlegen. Muth dann, Muth, mein Freund, mein Bruder! Kommen Sie zuruͤck! Sie haben keine Vorwuͤrfe zu erwarten. Aber im Namen der Freundſchaft, die Sie mir einmal verſprachen, verachten Sie nicht meine Bitte! Und wenn Sie nicht nach Hauſe wollen, ſo reiſen Sie, wohin es Ihnen beliebt— nur reiſen Sie! Ihre ſchweſterliche Freundin Honorine Helleding.“ „O, Du Anbetungswuͤrdige, Du Heilige, die ich in meiner wahnſinnigen Undankbarkeit ſo grauſam be⸗ ſchimpft.. ja, es iſt wahr, Du biſt edler, als alle 83 anderen Frauen... Aber Deinen Blick kann ich jetzt doch nicht ertragen. Nein, nein, lieber will ich mich in den Schooß der Erde begraben, als dieſen Blick ſehen, der keine Vorwuͤrfe enthalten, aber auch keinen der tiefen Sonnenſchimmer ſpenden wuͤrde, welche einmal meine Wonne ausmachten... aber gehorchen werde ich Dir, Dir gehorchen und Dich ver⸗ ehren, Dich, die ich nicht werth bin, mit meinen aͤußer⸗ ſten Fingerſpitzen anzuruͤhren.“ Mit den Thraͤnen kaͤmpfend, welche Honorinens Brief hervorgerufen, nahm er nun Arnolds hervor. Er wußte wohl, daß derſelbe nicht denſelben zartfuͤh⸗ lenden Ton athmen wuͤrde, wie Honorinens; aber wie groß auch ſeine Antipathie war, denſelben zu leſen, wollte er ſich doch dieſes Leſen als eine Strafe auf⸗ legen. Arnold ſchrieb: „Bruder! „Ich glaube, daß die Nachricht von Deinem Tode kaum einen erſchuͤtternderen und ſchmerzlicheren Eindruck auf meine Seele gemacht haben wuͤrde, als die Nachricht, daß Du, nachdem Du ſowohl endliche Deine phyſiſche als moraliſche Kraft wiedergewonnen, Beides wieder durch einen einzigen Blick von dem boͤſen Genius Deines Lebens haſt vernichten laſſen. „Kaum vor einer Stunde oͤffnete ſich mir der 6 ½54 84 Eingang zu dem heiligen und ſchoͤnen Paradieſe, einer keuſchen und aͤchten Liebe geſtattet iſt, die Lenſe Luft des Himmels einzuathmen. „Meine Adele, deren Rettung mir mit Gottes Huͤlfe gelungen iſt, hatte mir das Verſprechen gegeben, nach welchem ich ſo lange geſeufzt. Ich war ſelig und hoffnungsvoll, ſo wie man es iſt, wenn man mit reiner Liebe liebt— aber, o weh, ich ward aus mei⸗ nem Paradies erweckt, um an ſtrafbare und ſtuͤrmiſche Leidenſchaften, an Suͤnde und Tod und Unehre erinnert zu werden. „Es war der Freund, die zweite Haͤlfte meines Herzens, von welchem ich hoͤrte, daß er mit der Binde, die er ſich ſelbſt um die Augen gelegt, ſich dem Rande eines entſetzlichen Abgrundes naͤherte. Und wer glaubſt Du wohl, wer mir den Brief gab, welcher dieſe ſchmerz⸗ liche Nachricht enthielt? Honorine gab ihn mir, Ho⸗ norine, die ſeit ein paar Wochen vergebens eine Ant⸗ wort von Dir erwartet hatte! „Ich weiß nicht, was zwiſchen Dir und ihr vor⸗ gegangen iſt. Ich ſcheue mich ſogar, es zu wiſſen, denn ich moͤchte, womoͤglich, Dich noch nicht verachten. „Ich las aber den Inhalt des Briefes laut vor und moͤgeſt Du Dir ſelbſt die Urſache zu dem erklaͤren, was darauf geſchah: Honorine, das ſtarke, in der San hung ſo geübte Weib, line ohnmaͤchtig zu Boden. — wo inſte ottes eben, ſelig mit mei⸗ niſche nnert 8⁵ „Als ſie wieder zur Beſinnung kam, bewahrte ſie das Geheimniß ihres Herzens— im Fall ſie ein ſol⸗ ches hat— mit ſpartaniſchem Heldenmuth. Nicht den fluͤchtigſten Blick konnte ich in dieſes Herz thun. Sie ſagte blos: Laßt uns verſuchen, ihn zu retten! „Wird es ihr wohl gelingen, wird es uns ge⸗ lingen? „Bruder! Gott hat Dich geſchaffen, nicht um ein Held in den Kaͤmpfen zu werden, welche das Le⸗ ben darbietet, aber er hat Dich doch mit dem Vermoͤ⸗ gen geſchaffen, zu kaͤmpfen. Er hat Dir den Muth des Willens gegeben, um der Kraftloſigkeit Deines Herzens zu widerſtehen, er hat Dir das Gebot der Ehre gegeben, um den verfuͤhreriſchen Lockungen der Leidenſchaft die Spitze zu bieten. „Nimm daher das, was er Dir gegeben und ſteh auf zum Kampf und Sieg. „Laß nicht dieſes daͤmoniſche Weib wieder ſeine Feſſeln um Dich ſchlingen! Iſt es ſchon geſchehen, ſo fuͤhle Deine Erbaͤrmlichkeit, ein Sklave zu ſein, Deine Suͤnde, der Sklave der Gattin eines Andern zu ſein, das Entſetzliche, Sklave der Frau zu ſein, die einmal Dein war... Reiß Dich los, wenn auch dieſe Anſtrengung Dir das Herz zerreißen ſollte. „Jedoch— es iſt eine Laͤſterung, hier vom Herzen 86 zu ſprechen. Es iſt nur Deine Phantaſie, welche krank iſt, Deine Sinne, welche gluͤhen. „Jedes Wort mehr wuͤrde fruchtlos ſein, wenn nicht dieſe genug ſind. „Ich kann mir nicht denken, daß Du jetzt nicht nach Hauſe willſt. Komm' zu mir: Die Naͤhe von Ribyhus kann nur Abſcheu in Dir erwecken, aber keinen Schmerz. Komm! Du wirſt erwartet von Deinem Arnold.“ Philipp, der, nach dem was wir gehoͤrt, an dem⸗ ſelben Morgen abzureiſen beabſichtigte, beantwortete die beiden Briefe ſogleich. 1 „Ich komme,“ ſchrieb er an Arnold,„ich komme beinahe ebenſo ſchnell, als dieſer Brief. Deshalb kein Wort uͤber alle die harten Wahrheiten, die Du mir ſagſt und noch viel weniger ein Wort uͤber die Ereig⸗ niſſe hier! „Nachdem ich aber mit Dir geſprochen und mein Herz vollſtaͤndig ausgeſchuͤttet haben werde, trennen wiir uns auf laͤngere Zeit. Ich reiſe... wohin, das weiß nur Gott— aber ich verlaſſe Schweden. Philipp.⸗ Der zweite Brief, der an Honorinen, lautete: „Gunaͤdige Frau! „ Wenn dieſer Brief auch niähte mi meinen inen 87 Thraͤnen und meinem Blut geſchrieben zu ſein ſcheint, ſo iſt es doch ſo. „O Sie, Engel, mildeſtes und reinſtes von Gottes geſchaffenen Weſen, wird denn ein Tag kom⸗ men, wo ich wieder wage, mich Ihnen zu nahen? Ich weiß es nicht, ich weiß blos, daß ich jetzt Ihren An⸗ blick nicht ertragen koͤnnte. „Ich bin ſo ganz und gar Ihrer unwuͤrdig, daß ich kaum begreife, wie ich einmal das Alles traͤu⸗ men konnte, was ich traͤumte, ohne es gleichwohl recht zu faſſen. „Aber ich Thor ſtuͤrzte von der Hoͤhe in eine Tiefe nieder, wohin blos Gottes ſchuͤtzender Arm reichte. Aber er erreichte mich noch Zeit genug. Und nun fort von dieſer entſetzlichen Staͤtte. „Sie werden bald aus den Zeitungen einen Todesfall erſehen, der mich ſo weit hinwegjagt, daß das Meer zwiſchen mir und ihr liegen muß, welche kaum ein neues Band geknuͤpft, als es ſich auch ſchon wieder geloͤſ't hat. „Hier haben Sie einen Beweis der Aufrichtig⸗ keit, die ich Ihnen noch immer widme: „Wenn meine Seele beharrlich auf dem guten Wege wird, wenn ich, obſchon fern, die lieblichen Toͤne Ihrer Stimme hoͤre, ſo werde ich ſchreiben. Wenn ich jedoch fortwaͤhrend Ihrer unwuͤrdig bleibe, ſo werde ich es nicht thun. Auf jeden Fall aber werde ich ſtets 88 Ihrer als der Frau gedenken, welche die Anbetung meiner heiligſten Gefuͤhle beſitzt und ſtets beſitzen wird— und in Ihrer Obhut laſſe ich meinen Sohn. „Ich will nicht um Ihre Liebe fuͤr ihn bitten; ich weiß, daß er ſie beſitzen wird und ich werde oft im kaiſe ihn an Ihrer Seite zu Ihren Fuͤßen ſpielen ehen „Ueber einen andern Gegenſtand wollen wir nicht weiter ſprechen— ich werde mich in dieſer Hinſicht Arnold anvertrauen. 3 4 „ Gott ſchuͤtze Sie und laſſe Sie nicht den ver⸗ und gar den ungluͤcklichen Philipp.“ Die Sonne war ſchon aus ihrem nebeligen Bett aufgeſtiegen, als Philipp mit ſeinen Briefen fertig war und er wollte eben hinuntergehen und ſeinen Wirth wecken, um Poſtpferde beſtellen zu laſſen, als Jemand an die alte, wackelnde Hausthuͤr pochte. betroffen— er ahnte, daß die Botſchaft an ihn von ihr kaͤme, die er, ohne ein Wort, zu verlaſſen beabſich⸗ tigte, denn ſein Gewiſſen verbot ihm, ein einziges zu ſchreiben. Inbwiſchen ſehiic er ſchnell hinunter und iffnet die huͤr — Er fuͤhlte ſich wie von einem elektriſchen Schlag geſſen, welcher... ach nein, vergeſſen Sie nicht ganz 89 Es war wirklich Gunnel, welche, verſtoͤrt und zitternd, ihm ein Billet hinreichte, auf welches ſie gleich Antwort mitbringen ſollte. Philipp gab eben ſo zitternd Gunnel ein Zeichen, daß ſie warten ſolle und eilte wieder hinauf in ſein Ge⸗ mach, wo er das Billet aufriß: „„Fort, fort, ohne eine Minute, eine Secunde zu voklieren! „Du weißt Alles. In einigen Monaten werden wil uns ungehindert ſprechen koͤnnen— bis dahin ſchreibe, ſchreibe unaufhoͤrlich! „War das Gottes Finger, oder war es der Schutz⸗ engel unſerer Liebe?“ 2 Philipp fuͤhlte ſich wieder machtlos— aber es war auf andere Weiſe, als kuͤrzlich. Ein eiskalter Schauer durchrieſelte ſein Blut. Dieſes Weib... ſie beſaß alſo kein Herz, blos Sinne. Er mußte ſich auf den Tiſch ſtuͤtzen, um die vier Worte ſchreiben zu koͤnnen: „Lebe wohl auf immer!“. Als Lilia dieſe Antwort erhielt, raſ'te ſie— aber es war ſtets die Witwe, welche raſ'te. Und einen ſolchen Gewinn zog ſie aus der vortrefflichen Weiſe auf welche ſie ſich bei allen Parteien ſtellte, daß trotz des Umſtandes, daß das zweideutige Incognito ihres erſten Mannes in der Stadt bekannt ward, doch kein Schatten 90 weder auf ſie, noch auf die Trauer fiel, welche ſie dem zweiten widmete. Mittlerweile ſammelte Philipp ſeine Kraͤfte zu einer letzten Anſtrengung und war zwei Stunden darauf, nachdem er Lilia ſein „Lebe wohl auf immer“ zugeſendet, ſchon abgereiſ't. 7 Sechſtes Zuch. Ein Gerücht.⸗ Wohin der Kampf ſich neigt, das weiß kein Menſch: Denn an den Sternen hängen die Gewichter, Die unſichtbar das Loos des Kampfes wägen, Doch weiß der Freund des Lichts ſchnell ſeinen Platz⸗ Tegnér. 1. Wer es erlebt, wird es ſehen. „Eine Neuigkeit, meine Damen, eine rieſige Neuig⸗ keit, oder wenn Ihnen das beſſer gefaͤllt, eine geniale Neuigkeit... Laſſen Sie mich nur erſt uͤber das Brett hinuͤber— ich wuͤrde mir es niemals verzeihen, wenn ich in's Meer purzelte und mich mit einer merkwuͤrdigen Laſt begraben ließe.“ „Nun, ſo machen Sie doch ſchnell, mein beſter Herr Huͤttenmeiſter!“ antworteten die angeredeten Damen, welche ſich auf dem Deck des Daniel Thunberg befan⸗ den und der Daniel Thunberg lag auf der Rhede einer uns ſchon wohlbekannten Reſidenzſtadt. „Machen Sie ſchnell— das iſt leicht geſagt— hier unter dieſem Geruͤll und dieſen Faͤſſern!“ meinte der Herr, der ſich am Ufer befand...„Na, es wird ſich wohl machen... ſo, da bin ich wieder.“ 94 „Und nun werden wir ſogleich die ungeheure Neuig⸗ keit erfahren?“ „Ungeheuer— ja, das iſt gerade das rechte Wort.“ „Deſto beſſer und da wir ſchon ſo neugierig ſind, daß ſie ſich mit der Senſation, die Sie erweckt haben, begnuͤgen koͤnnen, ſo haben Sie die Guͤte und laſſen Sie uns etwas mehr wiſſen, als einen unbeſtimmten Ausruf.“ Der Huͤttenmeiſter Montin— denn er war es— warf einen Blick auf dem Hinterdecke herum. Außer den beiden Damen und ihm ſelbſt befand ſich fuͤr den Augenblick nur eine einzige Perſon hier, ein Mann der fuͤr das heitere Geſpraͤch vollkommen gleichguͤltig auf einem der Sophas ſaß und mit halb⸗ geſchloſſenen Augen in ein Buch ſah, welches er vor ſich hinhielt. Dieſer Mann hatte ein ſanftes und ſehr wohlwol⸗ lendes Geſicht und obſchon es wahrſcheinlich in der Ju⸗ gend eben ſo wenig, als jetzt im Mannesalter, Geiſt oder eeigentliche Kraft verrathen, ſo mußte es doch damals auch gehabt haben, was es jetzt hatte und wahrſchein⸗ lich auch niemals verlieren konnte— einen unnachahm⸗ lichen Ausdruck der freundlichſten Gutmuͤthigkeit und zuverlaͤſſiger Redlichkeit. Der Huͤttenmeiſter und die Damen wechſelten einen Blick, welcher zu ſagen ſchien: Dieſe ehrliche Seele da kuͤmmert ſich ganz gewiß ᷣ& 22 nicht im Geringſten, weder um uns, noch um unſere Neuigkeiten. „Auf alle Faͤlle,“ hob der Huͤttenmeiſter wieder an, viſt die Sache kein Geheimniß. Es handelt ſich — um ein Geruͤcht.“ „O, weiter nichts!“ „Was— weiter nichts! Wiſſen Sie denn, meine Damen, was ein ſolches Geruͤcht zu bedeuten hat? Sie haben beſtimmt noch niemals etwas derartiges gehoͤrt.“ „Es gibt gar kein Geruͤcht, was man nicht fruͤher ſchon einmal gehoͤrt haͤtte. Sie ſind alle alt.“ „Gehorſamer Diener!“ „Trivial.“ „Das waͤre!“ „Abgedroſchen!“ „Das werden wir ſehen. Ich nehme mir die Frei⸗ heit, zu erklaͤren, daß das Geruͤcht, von welchem ich ſpreche, ſo wenig abgedroſchen iſt, das es nicht blos je⸗ den Zuhoͤrer in das groͤßte Erſtaunen ſetzen kann, ſon⸗ dern auch bei der betreffenden Geiſtlichkeit viel Verlegen⸗ heit herbeifuͤhren muß... ja, ja, meine Damen, ſo muß es zugehen, wenn etwas Ihr Intereſſe erwecken ſoll.“ „Na, wenn es ſo klingt, dann muͤſſen wir wohl zu⸗ geben, daß die Sache auf etwas Ungeheures hinaus⸗ laͤuft.“ „Als wir voriges dabr 4 fuhr Montin fort,„uns in dem Bade S. trafen. 96 „Wohin wir uns wieder zu begeben gedenken!“ fiel eine der Damen ein. „Aber wo ich nicht die Ehre haben werde, meine Aufwartung zu machen, denn jetzt geht mein Weg di⸗ rect nach Hauſe, nach der maleriſchen Provinz.“ „Ei, ei, Herr Huͤttenmeiſter, reden Sie nicht von Aufwartung, denn dann koͤnnte es leicht geſchehen, daß Jemand von uns ſo boshaft waͤre, Sie an das Ge⸗ ruͤcht zu erinnern, welches in der ganzen Badegeſell⸗ ſchaft umlief.“ „Aha, meine vermeintliche Bezauberung?“ „Vermeinte?— Als ob man ein ſo ſchlechtes Ge⸗ daͤchtniß haͤtte... aber, apropos, es war doch eine ent⸗ ſetzliche Kataſtrophe, welche die arme, kleine Kammerraͤ⸗ thin betraf!“ 1 „Ja und in dieſer verſtand es ſich von ſelbſt, daß ich verſchwinden mußte, wie ein Staubkoͤrnchen.“ „Das darf Ihre Eigenliebe nicht verletzen— es gab eine noch wichtigere Perſon, welche kam, lauſchte und verſchwand, die aber ungluͤcklicher Weiſe in einer Art Windhoſe verſchwand, die eine Maſſe Staub auf⸗ regte... die arme Perſon!“ „Welche Perſon?“ 3„Nun, ganz natuͤrlich die Kammerraͤthin. Wir wa⸗ ren ihr Alle gewogen und deshalb ſchuͤtzten wir ſie auch geegen die, welche ſie verleumden wollten— pfui, ein ſolches kleines, gutes Weſen verleumden zu wollen! Sie —,— —,——— ◻ 97 war ſo liebenswuͤrdig, ſo einnehmend, ſo anſpruchslos, ſo wirklich angenehm.“ „Was mich betrifft, ſo finde ich mehr Mitleiden mit der Perſon, welche— wie Sie ſich auszudruͤcken beliebten— in einer Windhoſe verſchwand,“ „Ah, der— ja, das war ganz romantiſch und fuͤr⸗ wahr auch ſehr ſchade um ihn! Zum Gluͤck war, wie ich ſchon geſagt habe, das Anſehen der Kammerraͤthin feſt gegruͤndet, ſonſt... Aber auf alle Faͤlle war es eine entſetzliche, eine unglaubliche und ganz gewiß un⸗ ſinnige Thorheit. Menſchen, die einmal geſetzlich geſchie⸗ den worden ſind— der Tod ſelbſt haͤtte kaum eine fe⸗ ſtere Scheidemauer zwiſchen ſie ſetzen koͤnnen— aber vor allen Dingen laſſen ſie uns jetzt davon ſchweigen und zu dem merkwuͤrdigen Geruͤcht kommen!“ „Dabei ſind wir eben.“ „Was— betrifft es die Kammerraͤthin?“ „Betrifft es vielleicht ihren erſten Mann?“ ſetzte die andere Dame hinzu. Keines der Sprechenden merkte daß der Herr auf dem Sopha die Augen geoͤffnet, daß er das Buch ſinken laſſen und daß er, obſchon er ſich nicht zur Geſellſchaft wendete, doch mit einer Aufmerkſamkeit horchte, welche das tiefſte Intereſſe verrieth. „Sie haben Beide recht, meine Damen, denn die wichtige Sache betrifft gerade die genannten Perſonen.“ „Enareiſ'te ja in's Ausland, wie es hieß.“ Ein Gerücht. Vll. 7 98 „Das iſt wahr.“ „Und ſie war nahe daran, vor Kummer wahn⸗ ſinnig zu werden, als das entſetzliche Ungluͤck mit dem Kammerrath geſchah.“ „Das iſt auch wahr.“ „Nun, und?“ „Nun, ſeine Reiſe und ihr Kummer hindert ſie nicht daran, jetzt an— koͤnnen Sie wohl errathen, was?— zu denken.“ „Mein Gott, das muß etwas Entſetzliches ſein.“ „Etwas Abſcheuliches.“ „Das kommt darauf an.“ „So ſagen Sie es doch— Sie wollen einander doch nicht wieder heirathen?“ „Nun freilich— da haben Sie das Geruͤcht.“ „Nun, das iſt aber zu unwahrſcheinlich, zu toll, mit einem Worte, zu unmoͤglich, um moͤglich zu ſein!“ „Inzwiſchen heißt e es aber allgemein, daß ſie ver⸗ lobt ſind.“ „Verlobt? Nein, das iſt doch ordentlich gottlos— ſich mit ſeinem erſten Manne zu verloben, nachdem man mit einem andern verheirathet geweſen iſt.“ „Und es wird wohl noch gottloſer, wenn ſie wirklich mit einander in den Cheſtand treten.“ „ „Einen ſolchen Fall habe ich noch niemals gehoͤrt!“ 8 ————— +508 ſie en, 99 „Ich auch nichtas „Eben ſo wenig ich. Und daß es uͤberhaupt eine Sel⸗ tenheit iſt, laͤßt ſich daraus ſchließen, daß wenigſtens unſer altes Geſetz nicht annimmt, daß eine Frau, welche von einem Manne geſchieden worden und dann wieder verheirathet geweſen, als Witwe den Bund mit dem erſtgenannten Manne erneuen wollen kann.“ „Mein beſter Herr Huͤttenmeiſter, wir koͤnnen wohl die Sache als ein Maͤhrchen ohne Schluß betrachten.“ „Nun wohl, wir uͤberlaſſen es dem Conſiſtorium, es fertig zu machen. Inzwiſchen iſt es gewiß, daß Herr Thurnsè ſeit ſechs oder ſieben Tagen... „Weiter, weiter!“ „... aus dem Auslande zuruͤckgekehrt iſt und ſich jetzt in dieſer achtungswerthen Reſidenzſtadt befindet, wo er alltaͤglich der kleinen Kammeraͤthin ſeine Aufwartung macht.“— „Ach mein Gott, wohnt ſie denn noch hier? Sie ſagte ja ſo beſtimmt, daß ſie zu ihrem Bruder auf's Land ziehen wollte.“ „Daraus ward nichts.“ „Aber das iſt doch aͤrgerlich— wir haͤtten ihr da gut einen Beſuch machen konnen.“.„ „Ja, allerdings— vielleicht iſt es jetzt noch nicht zu ſpaͤt.“ 4 „Ja, vielleicht iſt es noch moͤglich, wenn wir recht 7* 100 ſchnell machen... ſieh doch einmal, ob mein Shawl richtig ſitzt, liebe Freundin!“ Die beiden Damen wurden auf einmal ſehr ruͤhrig. „Vor allen Dingen, Herr Huͤttenmeiſter, ſpringen Sie ſchnell zu dem Capitain, und fragen Sie, ob das Schiff noch wenigſtens eine halbe Stunde hier liegen bleibt.“ „Nicht eine Viertelſtunde, das kann ich Ihnen verſichern— ich fragte, als ich an's Land ging.“ „Aber da war es auch gar nicht recht von Ihnen, daß Sie es uns nicht gleich geſagt haben.“ „Sie hatten ja Ihre Kajuͤte noch nicht verlaſſen, meine Damen, und ich wagte daher nicht, Ihnen laͤſtig zu fallen... doch ſehen Sie, da kommen auch die uͤbrigen Paſſagiere— das Heizungsmaterial iſt einge⸗ nommen, die Zeit verfloſſen und nun wird es ſoalic wieder fortgehen. 6 „Ich werde mir niemals verzeihen, daß ich mir eine ſo guͤnſtige Gelegenheit habe entgehen laſſen,“ ſagte die eine der Damen. „Ich ſage das auch!“ antwortete die andere.„Mein Gott, wie gerne haͤtte ich mir uͤber das Alles naͤhere Nachrichten verſchafft!“ „Aber ich kann eine Verſicherung geben, die Sie voollkommen zufriedenſtellen wird.“ „Welche Verſicherung denn?“ „Die, daß Sie unter allen Umſtaͤnden die Kam⸗ — —õÿ—— m⸗ — ——— 101 44 merraͤthin nicht getroffen haben wuͤrden, denn ſie iſt heute fruͤh ganz zeitig zu einer Luſtpartie abgereiſ't, woran auch Herr Thurné theilgenommen hat.“ „Nun, das iſt doch noch ein Troſt!“ Das Gewimmel der zuruͤckkehrenden Paſſagiere hatte das Geſpraͤch geſtoͤrt und der Huͤttenmeiſter ſtand eben im Begriff, fortzugehen und einen Appetitsſchluck und ein Beefſteak zu ſich zu nehmen, als er an der Treppe ſich von einer Hand beruͤhrt fuͤhlte, welche offen⸗ bar die Abſicht hatte, die Befriedigung ſeines Appetits zu verzoͤgern. Herr Montin drehte ſich herum und wuͤrde gewiß uͤber dieſe Stoͤrung verdrießlich geworden ſein, wenn der Mann, der ihn zuruͤckhielt, nicht der mit dem gutmuͤ⸗ thigen und ehrlichen Geſicht geweſen waͤre. Dieſem konnte man nichts uͤbel nehmen. Der Huͤttenmeiſter hatte ihn erſt dieſen Morgen geſehen, denn als er geſtern Abend an Bord gekommen, war dieſer Herr nicht auf dem Deck geweſen. „Was wuͤnſchen Sie, mein Herr?“ fragte der Huͤttenmeiſter hoͤflich. Baron Sixten— man hat vielleicht ſchon ge⸗ ahnt, daß es dieſer Freund war, den wir ſeit ſo langer Zeit aus dem Geſicht verloren haben— Baron Sirten * 10²2 drehte ſich mit verlegener Miene ſeinen Schnurrbart, Endlich raffte er ſich doch zuſammen und ſtellte ſich vor. „Es freut mich unendlich die Bekanntſchaft des Herrn Barons zu machen. Mit den Freunden ſeiner Freunde wird man ſogleich ein wenig vertraulich und ich weiß, daß der Herr Baron mit Doctor Warvner, beſonders mit der ſchoͤnen Frau, ſehr gut bekannt iſt.“ „Ja, allerdings... allerdings... aber wenn ich nicht genire...“ „»Machen Sie keine Umſtaͤnde, Herr Baron!“ „Ich wollte mir eigentlich die Freiheit nehmen, Sie zu fragen, ob das Geruͤcht, von welchem Sie ſo eben ſprachen, wirklich in Umlauf iſt?“. „Ja, das iſt es gewiß— die ganze Stadt ſpricht von nichts Anderem.“ 4 „Und Herr Thurné, den man bei ſeiner Ruͤckkehr anderwaͤrts erwartete, befindet ſich wirklich ſeit einer Woche in dieſer Stadt?“ „Auch das iſt gewiß.“ „Entſchuldigen Sie, wenn ich Sie noch ein paar Minuten aufhalte. Aber es wäre doch amuͤſant, zu hoͤ⸗ ren, ob Jemand glaubt... ſich vorſtellt... ich meine, ob Jemand es fuͤr ſicher haͤlt, daß hier auf's Neue eine Ehe geſchloſſen werden kann.“ .„Man nimmt es allgemein an, obſchon dagegen allerlei Bedenken aufgeſtellt werden.“ — — 103 „Und der Herr Huͤttenmeiſter ſelbſt vermuthet...* „... daß, wenn es einen Ausweg giebt, dieſer der Kammerraͤthin gewiß nicht verborgen bleiben wird, denn ſie verſteht es trefflich, jede Unmoͤglichkeit zu beſeitigen. Sie ſoll bis zur Raſerei in ihren erſten Mann verliebt ſein... Da wir aber, Herr Baron, nicht verliebt ſind, ſo ſchlage ich vor, daß wir hinuntergehen und ein Beef⸗ ſteak zu uns nehmen, denn ich bin nach meinem Spatziergang ganz raſend hungrig geworden.“ „Ich danke gehorſamſt, ich danke gehorſamſt, mit mir iſt es ganz das Gegentheil. Ich bin nicht ſpatzieren geweſen.“ Baron Sirten entfernte ſich ruͤckwaͤrts und waͤre unter dem Einfluß ſeiner unermeßlich großen Gluͤckſe⸗ ligkeit— denn es war nichts weniger als Gluͤckſeligkeit, was er empfand— beinahe in die Maſchinerie hinun⸗ tergefallen. Zum Gluͤck ergriff ihn noch Jemand beim Arme und ganz betroffen uͤber ſeine Zerſtreuung, ging unſer ehrlicher Sixten hinunter in ſeine Kajuͤte, um weiter uͤber den Gegenſtand nachzudenken, der ihm ſo viel Freude gemacht hatte. 3 Er war jetzt, nach einem Beſuche im Oberlande, auf der Reiſe nach Tjuſtorp, wohin er zum zweiten Male im Verlauf eines Jahres eingeladen war, um daſelbſt das Amt eines Ceremonienmeiſters zu uͤbernehmen. Letztvergangenem Herbſt war es die Hochzeit der 1⁰1 Koͤnigin Adele geweſen, wo er eine Rede hatte halten muͤſſen. Diesmal handelte es ſich um Mademoiſelle Jol⸗ li's Hochzeit, und er hatte ſich vorgenommen, diesmal mit ſeiner Rede Gluͤck zu machen— ja, er fuͤhlte faſt, daß er ganz begeiſtert ſein wuͤrde. Wenn wir nun auf unſer Gewiſſen den Grund zu dem angenehmen Glauben angeben ſollen, der fuͤr einen Mann von der bekannten Beſcheidenheit unſers Barons ſtark genug war, ſo muͤſſen wir ihn da ſuchen, wo Six⸗ ten ſelbſt nicht den Muth gehabt haͤtte, ihn zu ſuchen, naͤmlich in der Einbildungskraft ſeines Herzens. Wenn der Baron Phantaſien hatte, ſo war es ſelten ſein Kopf, der ſich damit quaͤlte— ſein Herz da⸗ gegen hatte, wie wir ſchon fruͤher gehoͤrt haben, ſeine Ahnungen und Inſtinkte. Und entweder ruͤhrte es von den vielen Hochzeiten auf Tjuſtorp— außer den erwaͤhn⸗ ten zweien hatte Honorine im Fruͤhjahre fuͤr nicht we⸗ niger als drei junge Dirnen Hochzeit ausgerichtet, welche ſich mit drei jungen Zinsbauern verheirathet hatten— oder von dem beruhigenden Gefuͤhle her, daß er deutlich bemerkte, daß er der jungen Witwe ein lieber Gaſt war— genug, der Baron ſchmeichelte ſich zuweilen mit der entfernten Phantaſie, daß man noch von einer neuen Hochzeit auf Tjuſtorp koͤnnte ſprechen hoͤren. Aber man darf nicht glauben, daß Baron Sixten ein gewiſſes Syſtem zu einer ordentlichen Bewerbung oder dergleichen gehabt hätte. Er fuhr fort, hin und her —.,— — zu reiſen, alle Auftraͤge Honorinens, als ihr wuͤrdiger Intendant, auszurichten und uͤbrigens eine Art ange⸗ nehmes Mittelding zwiſchen einem beſcheidenen, niemals fordernden Liebhaber und einem ſtets zaͤrtlichen, ſich auf⸗ opfernden und dienſtfertig gen Couſin zu ſein. „Sollte ſie einmal in der autunſt an meine zehn⸗ jaͤhrige Treue denken,“ ſagte er einmal zu ſich ſelbſt,— und dies war das Bedeutungsvollſte, was er jemals ge⸗ ſagt—„ſo wird ſie mich es ſchon wiſſen laſſen. Ich will warten, ich werde ſo bleiben, wie zeither.“ Aber ganz ſo wie zeither war er nicht. Vor allen Dingen hatte er ſich nicht ein einziges Mal ſeit dem Tode des Oberſtlieutenants, als Trinker gezeigt und demnaͤchſt hatte er eine bedeutend groͤßere Sorgfalt auf ſeinen aͤußern Menſchen verwendet. Ferner— und dies war ein wirkliches Wunder⸗ werk, war er zwei Mal, obſchon mit Thraͤnen in den Augen, zu Honorinen gekommen, um ihr ſeine heldenmuͤ⸗ thige Hartherzigkeit zu verkuͤnden, daß er ein paar Freun⸗ den den kleinen Dienſt abgeſchlagen, eine Sichuibver⸗ ſchreidumng fuͤr ſſ zu unterzeichnen.. zu einer fruͤhen Stunde des Nachmittags legte der Daniel Thunberg an der Station an, wo Baron Siyxten ausſteigen mußte. Beinahe waͤhrend der ganzen Zwiſchenzeit, von dem Morgengeſpraͤch mit dem Huͤttenmeiſter bis jetzt, hatte 106 er ſich damit beſchaͤftigt, Gruͤnde fuͤr das Geruͤcht, das er gehoͤrt, aufzufinden. Er hatte keinen beſtimmten Anlaß, die Nebenbuh⸗ lerſchaft Thurné's zu fuͤrchten, denn dieſer war ſchoen lange auf Reiſen und Honorine ſprach uͤberdies, im Vergleich gegen fruͤher, nur ſelten von ihm. Aber da er wußte, daß Dick ſeinen vormaligen Schwager zur Hochzeit erwartete, ja, daß er der Meinung war, ohne Philipp koͤnne es gar keine richtige Hochzeit werden, ſo war der Baron, wegen dieſes bevorſtehenden Zeitraums, von ſeinen alten Inſtinkten, mit neuen Befuͤrchtungen vermiſcht, bedeutend heimgeſucht worden. Es ſchien ihm naͤmlich, als ob Honorine waͤhrend ihres Witwenjahrs an Schoͤnheit und Anmuth zugenommen haͤtte, daß Nie⸗ mand ſie ſehen koͤnnte, ohne ſie zu lieben. Welch ein Gluͤck war daher dieſes Zuſammentref⸗ fen mit dem Huͤttenmeiſter! Der Baron fuͤhlte ſich ſo leicht, als ob ſeine Seele in einen neuen, luftigeren Koͤrper gekommen waͤre. Und da ihm viel daran lag, Honorinen die große Neuigkeit erzaͤhlen zu koͤnnen, die weder ſie noch Jemand anders» ahnete— man glaubte, daß Philipp direkt nach M⸗ daͤngsholm kommen wuͤrde— ſo lag dem Baron auch ſehr viel daran, das Dampfboot ſobald als moͤglich zu verlaſſen. Bevor er jedoch an's Land ging, hielt er es für angemeſſen, ſich noch einmal Gewißheit zu verſchaffen, —— ſſſſſſſ 107 daß Herrn Montins Mittheilung ein begruͤndetes Ge⸗ ruͤcht und nicht eine Erdichtung ſei— er haͤtte es ſich niemals verziehen, Honorinen eine Unwahrheit erzaͤhlt zu haben— und nachdem er alle Gewißheit erhalten, die er wuͤnſchen konnte, rief er in einem Ton, der faſt einem Jubel glich: „Wer es erlebt, wird es ſehen!“ „Ganz gewiß!“ antwortete der Huͤttenmeiſter laͤ⸗ chelnd, denn durch Doctor Warvner wußte er von Ba⸗ ron Sixten und deſſen Hoffnungen eben ſo viel, als die⸗ ſer ſelbſt.„Ganz gewiß, mein beſter Baron— wer es erlebt, der wird es ſehen.“ Eo 2. Verhandlungen und AUnterhandlungen. Bevor wir uns nach Tjuſtorp begeben, um Herrn Dicks und Mamſell Jolli's Hochzeit beizuwohnen, ha⸗ ben wir noch zwei andere, fuͤr unſere Geſchichte wichtige Beſuche abzuſtatten; den einen in der Reſidenzſtadt bei der Kammerraͤthin, den andern bei dem Doctor Warvner, der, durch die ihm von dem Huͤttenmeiſter Montin mitgetheilte Neuigkeit auf das Aeußerſte ge⸗ bracht, ſich zu einem Schritte entſchloß, den wir, wenn wir ſoweit gekommen ſind, ſehen werden. Es iſt ein alter und auch ſehr glaubwuͤrdiger Spruch, daß die Welt gewoͤhnlich mehr von uns weiß, als wir ſelbſt wiſſen. So war auch das Verhaͤltniß zwiſchen der Reſi⸗ denzſtadt und der vormaligen Heiligen. Aber deshalb behaupten wir keineswegs, daß Frau Lilia etwas dage⸗ gen gehabt haben wuͤrde, wenn das, was man erzaͤhlte, — a⸗ 1⁰9 einen ſichrern Grund gehabt haͤtte, als es im gegen⸗ waͤrtigen Augenblick wirklich hatte. Die junge Witwe hatte einen im Verhaͤltniß zu ihren heftigen und wilden Gefuͤhlen verzweifelten Kum⸗ mer zu bekaͤmpfen gehabt. Natuͤrlich glaubten alle ehrlichen Leute, und zwar mit Recht, ja ſelbſt unſere Bekannten in der„Laterne“, die Fraͤuleins, die Mamſells und Blumenfrau, welche ſich alle noch fuͤr ihren fruͤheren Engel intereſſirten, daß der Kummer dem Verluſt ihres achtungswerthen Mannes gelte, deſſen Namen ſie auch beſtaͤndig auf den Lippen fuͤhrte. Aber wir, die wir die Sache beſ⸗ ſer kennen, wiſſen, daß der Kummer vielmehr dem Ver⸗ luſt des Geliebten galt, den ſie fortwaͤhrend im Herzen trug. Aber ſie war nicht die Frau, die ſich mit einem fruchtloſen Leiden begnuͤgen konnte. Anfangs hatte ſie beſchloſſen, waͤhrend des erſten Halbjahres ihres Witwenſtandes ſich in Ribyhus, bei Dick, niederzulaſſen, den ſie leicht in ihre Gewalt zu be⸗ kommen und ihm uͤberdies Alles abzulocken gedachte, was er uͤber Philipps Aufenthaltsort wuͤßte. Aber dieſer Plan ſcheiterte an dem einfachen Um⸗ ſtande, daß Dick in aller Demuth ſich die Ehre ihres Beſuchs verbat. Es waͤre durchaus nicht moͤglich, ſchrieb er, daß ſie Beide unter den gegenwaͤrtigen Verhaͤltniſſen ſich 11⁰ wohlbefinden koͤnnten, wenigſtens nicht, bevor er ſeine Frau heimgefuͤhrt, welche vielleicht beſſer zur Geſellſchaft paßte, als er. „Du mußt keineswegs,“ hieß es weiter,„ſo un⸗ freundlich von mir denken, daß ich nicht alle Thuͤren der Tochter meines Vaters, meiner leiblichen Schweſter, oͤfnen wuͤrde, wenn ſie arm oder ſonſt bedruͤckt waͤre; aber da Du reich biſt— und man kann ſagen, daß Du dies biſt, da Du die Haͤlfte von dem Vermoͤgen Deines ſeligen Mannes bekommen und da Du uͤberdies einen ſolchen feinen Kopf und Verſtand beſitzeſt, daß Du Umgang, Vergnuͤgungen und Geſellſchaft finden kannſt, wo Du willſt, ſo muß ich Dir rund herausſagen: Das groͤßte Hinderniß iſt, daß Deine Ruͤckkehr nach Riby⸗ hus, wo Du mit Deinem erſten Mann gelebt, das An⸗ ſehen einer großen Vertraulichkeit mit gewiſſen Perſo⸗ nen bekommen wuͤrde. „Es giebt Verſchiedenes, was man nicht gerade herausſagen kann, obſchon ich mir es vorgenommen hatte; aber Du wirſt vollkommen den Sinn deſſen verſtehen, was ich geſagt habe, ſo wie auch deſſen, wa ich nicht geſagt.“ Dieſe Feſtigkeit hatte Lilia ihrem Herrn Bruder nicht zugetraut. Der Plan, den ſie ſich ausgedacht, Alban zu ſich nach Ribyhus zu bekommen, durch allmaͤlige Annaͤhe⸗ —— 111 rung einen vertraulichen Umgang mit Dick und Doctors in's Werk zu ſetzen, mußte daher wieder aufgegeben werden. Es mußte nun ein anderer Ausweg ausfindig ge⸗ macht werden. Denn wie gut ſie auch einſah, daß der aͤußere Schein reſpectirt werden mußte, ſo kannte ſie doch nichts, was ſie haͤtte hindern koͤnnen, auf eine feine Weiſe mit dem in Beruͤhrung zu kommen zu ſuchen, der ihr ein Lebewohl geſchickt, welches ſie aber nicht als ein ewiges anzuſehen geſonnen war. War ſie wohl ſo gluͤcklich geweſen, Witwe zu werden, um ihr groͤßtes Gluͤck aus den Haͤnden gehen zu ſehen? O nein, ſie war feſt uͤberzeugt, daß nur ein thoͤ⸗ richtes Zartgefuͤhl Philipp zuruͤckhielt, ein Zartgefuͤhl, welches weiter nichts verlangte, als beſiegt zu werden. Und ſoviel konnte und wollte ſie gern fuͤr den Mann thun, der ſo viel um ihretwillen hatte leiden muͤſſen. Vielleicht hatte ſie nur zu recht! Wir wollen ſehen, was geſchah. Gerade, waͤhrend ſie ſich vergebens den Kopf zer⸗ brach, wie ſie, ohne Aufſehen zu erregen, den Aufent⸗ haltsort ihres Geliebten ausforſchen koͤnnte, waͤhrend ſie durch die kuͤnſtlichſt gelegten Schlingen in Briefen an Dick dieſen Aufſchuß zu erhaſchen ſuchte, fiel ihr eines Tags Philipps Adreſſe gleichſam vom Himmel herunter in die Haͤnde.— Sie war eben beſchaͤftigt, eine Zeitung zu durch⸗ 11²2 blaͤttern und hatte ſchon die literariſche Notiz uͤberſchla⸗ gen— die Ankuͤndigung galt einer kuͤrzlich er⸗ ſchienenen Zeitſchrift, wofuͤr ſie keine Sympathien fuͤhlte — als ſie uͤber einem der Aufſaͤtze zufaͤllig einen Namen ſah, der ſie bewog, vor freudigem Schrecken das Blatt fallen zu laſſen. Da ſie es bald darauf wieder aufhob, ſo fand ſie, daß die Recenſion einem in dieſer Zeitſchrift ebenfalls mitgetheilten Gedicht von Alexis(Herrn Philipp Thurne) galt. Der junge Dichter hatte aus der kleinen Stadt*** in Deutſchland, wo er gegenwaͤrtig lebte, dieſes ſchoͤne Zeugniß ſeiner Vaterlandsliebe eingeſendet. Aus dem mitgetheilten Auszuge ergab ſich, daß die alten nordiſchen Krieger wieder aufgerufen worden waren, zu leben und zu handeln. Es war dies daſſelbe Gedicht, welches Philipp vorgeſchwebt, als er auf Helſoͤ ſo ploͤtzlich und entſetzlich in ſeiner Begeiſterung unter⸗ brochen worden. Es iſt hier nicht der Ort, wo wir uns bei Phi⸗ lipps Kaͤmpfen oder Hoffnungen aufhalten wollen. Hatte er deren von der Art, die man nicht einmal gern ſich ſelbſt geſteht, ſo wurden ſie bald verwirklicht. Lilia ſchrieb, und da ſie niemals durch eine uͤber⸗ triebene Schuͤchternheit, nicht einmal waͤhrend ihres Witwenſtandes, belaͤſtigt ward, ſo gab ſie ſich keine Muͤhe, ihre Empfindungen zu umſchleiern. 2SDͤ 2 3 E e de ͤ— 2 2˙ 2 la⸗ er⸗ lte nen att ſie, uills ipp nen de, eet. daß den elbe elſoͤ ter⸗ hi⸗ atte ſich ber⸗ des ihe, 113 Philipps Antwort blieb lange, ſehr lange aus und verrieth, als ſie endlich kam, einen Zweifel, eine Ban⸗ gigkeit, eine Unruhe, worauf Lilia in ſo hohem Grade nicht gerechnet hatte, obſchon ſie allerdings einigen Widerſtand erwartete. Aber Poſſen, Lilia triumphirte doch in Gedanken. Dieſe Schliche und Kruͤmmungen, dieſe kleinen Gewiſſensſcrupel, mit einem Worte, dieſe klſeinen Dumm⸗ heiten, mußte ſie bald wegphiloſophiren. Und ſie that dies auch, notabene, zum Theil. Waͤhrend der letzten ſechs Monate correſpondirten ſie wie... ja, das iſt eben die Schwierigkeit dies zu ſagen. Sie correſpondirten nicht wie Mann und Frau, und auch nicht wie Liebende, denn Philipps einfaͤltige Zweifel blieben unvermindert. Auch correſpondirten ſie nicht wie bloße Freunde. Nein, eher war ihre Cor⸗ reſpondenz mit einer Arena zu vergleichen, wo zwei Kaͤmpfer, nachdem ſie einander mit allen Arten Ehren⸗ bezeigungen und Ceremonien begruͤßt, einander zu be⸗ beſiegen ſuchen, zu welchem loͤblichen Zwecke eine Gat⸗ tung Waffen nach der andern benutzt, weggeworfen und wieder aufgehoben wird, ohne daß man doch zu einem entſcheidenden Reſultat kaͤme. Philipp redete in Verſen und Proſa von verbor⸗ genen Leiden, die niemals enden wrdem weil ſie nicht enden koͤnnten. Gin Gerücht, Vll, 8 8 114 Lilia dagegen ſprach mit den ſchoͤnſten und ge⸗ waͤhlteſten Worten uͤber ein Leiden, welches ſich nicht zu verbergen brauchte, weil es enden muͤßte. Dies waren die beiden Themate, auf welche man waͤhrend ſechs Monaten unzaͤhlige Variationen ſchrieb. Und nun war er wiedergekommen. Er mußte nach Hauſe zu Dicks Hochzeit. Er hatte es mit Hand und Mund verſprochen und er hatte an Lilia geſchrieben, daß er, da er ſich durchaus nicht der Gefahr eines Wiederſehens blosſtellen wollte— einer Schwaͤche, die ihrer Beider unwuͤrdig waͤre— gaich nach Madaͤngsholm reiſen wuͤrde. Hierauf hatte Lilia geantwortet: „Fern ſei es von mir, Dich zu etwas zu bereden, was Dein Gewiſſen nicht billigt. Ich werde inzwi⸗ ſchen dieſen ſchimpflichen Schmerz nicht uͤberleben.. ich ſchwoͤre, daß ich ihn nicht uͤberleben will e Und Philipp, welcher wußte, wie feſt Lilia in ih⸗ ren Entſchluͤſſen war, kam in die Reſidenzſtadt theils deshalb, weil ſie beinahe am Wege lag, und am allerge⸗ wiſſeſten deshalb, weil es ſeine Pflicht war, auf dieſe ungluͤckliche und immer noch geliebte Frau einzuwirken, welche ſeine Leidenſchaft theilte, ohne, wie er, begreifen zu wollen, daß ſie niemals etwas Anderes werden durfte, als ein platoniſcher Traum zwiſchen zwei verirrten See⸗ len, welche nachdem ſie lange getrennt umhergeirrt, A t 115 einander wiedergefunden, jedoch ohne zu wagen, ſich ein⸗ ander zu naͤhern, wie fruͤher. Die erſten Zuſammenkuͤnfte waren, ſo zu ſagen, eine Fortſetzung des Briefwechſels geweſen, ein praͤl ludi⸗ render Kampf ohne Reſultat. Es war ein hoͤchſt lang ausgeſponnenes Kapitel, welches Lilia gern uͤberſchlagen haͤtte. Aber ob nun Philipp draußen in Deutſchland zartfuͤhlend geworden war bis zur„Sentimentalitaͤt”— ſo nannte Lilia ſeine Widerſpenſtigkeit— oder ob wirklich einige gute Vorſaͤtze, einige erfreuliche Hauche der Staͤrke und Maͤnnlichkeit ihn umſchwebten, oder aber, ob(und dies war das Wahrſcheinlichſte) die Erin⸗ nerung an den todten Gatten, der ihn von der beabſich⸗ tigten, ſtrafbaren Zuſammenkunft zuruͤckgeſchreckt, in ſei⸗ nen Gedanken noch nicht verwiſcht war, ob ſie ihre Kraft uͤber ſein Ehrgefuͤhl, vielleicht uͤber ſein Gewiſſen, noch nicht verloren hatte— genug, noch war er, trotz Lilia's fortwaͤhrender Zaubermacht, nicht ganz aus der heilſa⸗ men Kuͤhle herausgekommen, welche der Tod des Kam⸗ merraths uͤber ſeine gluͤhenden Gefuͤhle verbreitet hatte. Aber ſo viel war ſicher, daß er mit einer immer ſchwaͤcheren Hoffnung auf Sieg kaͤmpfte und daß der Gedanke an die Abreiſe, dieſe Abreiſe, die nicht blos Dicks Hochzeit ſondern auch das Wiederſehen Honori⸗ nens zum Ziel hatte, ihn muthlos machte, änſtatt ihn zu neuen Anſtrengungen anzuſpornen. 8* 116 Und muthlos konnte er wohl werden, wenn er in Gedanken das entſchwundene Jahr durchging und ſich erinnerte, daß er wohl zehnmal zu Anfange deſſelben an Honorinen ſchreiben wollen, aber doch niemals, in Folge eines innern Widerſpruchs, dies mehr als einmal zu thun vermocht hatte und dies geſchah damals, als er ihr„freundſchaftlich und ehrerbietigſt“ ſein Gedicht zuſchickte. Wenn aber Philipp muthlos war, ſo fuͤhlte Lilia ſich dagegen in entgegengeſetzter Gemuͤthsſtimmung. Sie ahnte den Sieg; aber ſo lange ſie ihn noch nicht in den Haͤnden hatte, lebte ſie in wilder Unruhe unter dieſer erheuchelten Gleichmuͤthigkeit. 0— 1———ͤͤſͤ 3. Das Reſultat. An demſelben Morgen, wo die Paſſagiere des Da⸗ niel Thunberg ihren fluͤchtigen Beſuch in der Reſidenz⸗ ſtadt machten, hielt die Witwe Lilia eine außerordent⸗ liche Berathung mit ihrem Spiegel. Sie ſollte naͤmlich um zwoͤlf Uhr Philipp empfan⸗ gen und dieſer Beſuch, als der vorletzte, mußte entſchei⸗ dend werden. In zwei Tagen wollte er abreiſen. Dies war die Urſache, welche ſie bewogen, von ei⸗ ner fruͤhen Stunde des Morgens an, wo die wichtige Berathung begann, alle anderen Beſuche abweiſen zu laſſen.. Der Huͤttenmeiſter Montin hatte daher auf keine Weiſe vorkommen koͤnnen— Lilia's Befehl geſtattete keine Ausnahme. Und ſei es nun, daß er ſich durch dieſe Abweiſung gedemuͤthigt fuͤhlte oder daß er blos die aufgeregten Damen auf dem Dampfboot beſchwichtigen 118 wollte— das kann einerlei ſein, das Vorgeben einer Luſtpartie aber war nichts weiter, als eine Improviſation. Noch haͤtte nicht Lilia einmal den Muth gehabt, oͤffentlich die Geſellſchaft ihres vormaligen Mannes ge⸗ nießen zu wollen. Die Stutzuhr ſchlug halb Zwoͤlf, als die junge Witwe aus ihrem Schlafzimmer herauskam. Die Berathung mit dem Spiegel war von ent⸗ ſcheidendem Gluͤck geweſen. Sie war ſo friſch, ſo blendend, ſo verfuͤhreriſch. Es lag eine ſo ausgeſuchte, ſo zu ſagen geniale Kokette⸗ rie in jedem Detail ihrer einfachen Toilette, daß ſie, waͤhrend ſie ſich vor dem hohen Spiegel muſterte, fand, daß ſie nichts zu wuͤnſchen oder auch nur zu verbeſſern uͤbrig hatte. Sie hatte ſich nicht ſo gekleidet, daß ſie im min⸗ deſten an die„Sirene“ erinnerte. Bei Lilia's Erfah⸗ rung und Takt war es nicht gut moͤglich, einen ſolchen Mißgriff zu begehen. Eben ſo wenig hatte ſie auch fuͤr gut gefunden, ſich in dem puritaniſchen Ernſte zu zeigen, durch welchen ſie ſich waͤhrend der Heiligenperiode be⸗ merklich gemacht. Noch weniger war es jene erkuͤnſtelte Ehrbarkeit, die ſelbſt durch die Uebertreibung Aufmerk⸗ ſamkeit erwecken will. Nein, Lilia hatte zu dieſem téte⸗à-téte, welches ſie denkwuͤrdig machen wollte, einen Weg gewaͤhlt, der zwiſchen allen uͤbrigen hindurchfuͤhrte, und zu dieſem — . 119 Zwecke hatte ſie zum erſtenmale ihr leichtes Trauer⸗ coſtuͤm abgelegt. Ihr matt roſenfarbenes Kleid, von dem leichteſten, indiſchen Muſſelin, war weder zu kurz noch zu lang, weder zu eng noch zu weit; es war gerade recht, um — wenn ſie ſich auf das niedrige Sopha ſetzte— ihren kleinen Fuß ſehen zu laſſen und es war auch gerade recht, um von ſich ſelbſt die weichſten Draperien um ihre Sylvengeſtalt zu bilden, die mit dieſer Roſenfarbe verſchmolzen zu ſein ſchien, deren Wiederſchein uͤber ihr engelgleiches, kindliches Geſicht, ihren ſtolzen Schwanen⸗ hals und die weißen Schultern fiel, deren Marmor un⸗ ter der ſchwarzen Spitzenmantille glaͤnzte. Dieſe Man⸗ tille gab vermittelſt ihrer dreifachen, geſtickten Garnitur dem lichtwolkenleichten Muſſelin einen phantaſtiſchen Schatten. Lilia's Haar war unbedeckt— die Schoͤnheit deſ⸗ ſelben bedurfte keines andern Schmuckes, als der na⸗ tuͤrlichen Dornenroſe, welche gracioͤs auf der einen Seite der Flechten befeſtigt, theils ſich uͤber dieſen wiegte und theils auf ihrem eigenen Bette von friſchen, gruͤ⸗ nen Blaͤttern. Aber was durchaus nicht beſprochen oder beſchrie⸗ ben werden kann, war Lilia's Art und Weiſe, ihre kleine⸗ Statue zu fuͤhren, ihre Art und Weiſe zu ſitzen, zu ge⸗ hen und ſich zu verneigen, ihre Art und Weiſe, die un⸗ ter den ſchwarzen Spitzen zur Haͤlfte verſteckten bloßen 12⁰ Arme auszuſtrecken und wieder an ſich zu ziehen. O — alles dies, vereint mit ihrer vollkommenen Mimik, mußte einen Dichter eben ſo zur Verzweiflung bringen, wie einen Maler, welcher vergebens das Bild wiederzu⸗ geben ſucht, welches vor ihm lebt, welches er aber nicht auf die Leinwand feſtzuzaubern vermag. Als die Uhr Zwölf ſchlug, öͤffnete ſich die Thuͤr und ein junger, ſchwarzgekleideter Mann trat ein. Sein Geſicht, jetzt bleich und geiſtreich wie immer, verrieth gleichwohl eine unbehagliche Bewegung, gegen die er vergebens kaͤmpfte. Er verneigte ſich tief, ohne ein Wort zu ſagen und fuhr fort, ſich einige Minuten lang in dem Grade befangen zu zeigen, daß er mit der Hand mehrmals die ſchoͤnen, braunen Locken auf und abſtrich, die ſich um ſeine Stirn woͤlbten. 3 Die Urſache dieſer Unbeholfenheit, die auffaͤlliger war als gewoͤhnlich, lag wahrſcheinlich— abgeſehen zu⸗ naͤchſt von dem ſtarken Eindruck, den Lilia's Perſon machte— darin, daß die kleine Sylvia nicht zugegen war. Bei ihr verweilte der Vater allemal zuerſt. Aber fuͤr heute war die junge Mutter der Meinung, daß ſie ohne alle Huͤlfsquellen agiren koͤnnte, die nicht von ihr ſelbſt herruͤhrten. 4 Bis jetzt war es Lilia geweſen, die mit ihrer be⸗ 121 wundernswerthen Dreiſtigkeit den Liebhaber ermuntert hatte. Wenn man aber dem glauben konnte, was man jetzt ſah, ſo war es ſie, welche ſich tauſendmal befange⸗ ner und verwirrter fuͤhlte. Sie eilte ihm erſt vier oder fuͤnf Schritte entge⸗ gegen. Aber dieſe Bewegung, die ohne Zweifel unwill⸗ kuͤrlich war, ſtockte ſofort. Sie blieb mitten im Zimmer ſtehen, eine Venus in Miniatur, eine verſteinerte Venus, die in demſelben Augenblick entſtanden, wo das Leben das Modell ver⸗ ließ und dieſer Augenblick war gerade der, wo dieſe Toch⸗ ter der Goͤtter ihre gefaltenen Haͤnde ausſtreckte, um zu bitten, daß man nicht alle den menſchlichen Ueberfluß fordern moͤchte, uͤber den ſie zu befehlen hatte. Philipp wagte kaum Athem zu ſchoͤpfen. Er, der dieſe Frau ſo viele verſchiedene Vorſtellun⸗ gen hatte geben ſehen, kam nicht eine Secunde lang auf den Gedanken, daß ſie hier eine neue gaͤbe. Nein, er wußte, daß ſie liebte, und wenn man liebt, muß man wahr ſein. Dieſe Vernichtung von Lilia's Leben, dieſe bittende Stellung, dieſe geſenkte, von Furcht redende Stirn, ſtaͤrkte Philipps Muth, das heißt, ſchwaͤchte denſelben ganz undgar. Er nahte ſich wohl ſchuͤchten, verwundert, ja bei⸗ nahe furchtſam, aber er nahte doch und indem er ihre Hand beruͤhrte, ſagte er: „Es iſt was geſchehen, Du biſt betruͤbt.“ 122 „Ja!“ fluͤſterte Lilia's muſikaliſche Stimme und ihre Hand, welche in der ſeinen(denn dieſe zitterte) Leben bekam, begehrte eine Stuͤtze. Er fuͤhrte ſie nach dem Sopha und blieb ſtumm vor ihr ſtehen.. „Ja,“ hob ſie wieder an,„es iſt etwas geſchehen. Ich bin betruͤbt... willſt Du Dich zu mir ſetzen, Philipp, willſt Du, daß wir noch einmal miteinander ſprechen, zum letzten Male, nicht vor Deiner Abreiſe, ſondern fuͤr unſer ganzes Leben?“ „Was— biſt Du es, welche...“ „Ach, mein Freund, unterbrich mich nicht! Ich muß... Aber ſetz' Dich doch.. Nein, nein, nicht ſo nahe ich bitte Dich darum. Was wir zu ſprechen haben, iſt ſehr ernſt.“ „Mein Gott!“ Philipp wollte wieder ihre Hand ergreifen, aber mit einem leiſen Kopfſchuͤtteln verbarg ſie dieſelbe un⸗ ter der Mantille, wo ſie gleichwohl noch ſchoͤner ausſah. „Ja, ich ſehe es,“ hob er, zwiſchen einer dunkeln Befriedigung und einem noch dunkleren Mißvergnuͤgen kaͤmpfend, wieder an,„Du biſt veraͤndert ſeit geſtern... Aber ich erwarte, was Du mir zu ſagen haſt.“ Er ſetzte ſich auf den ihm angewieſenen Platz. „Es iſt vielleicht ein Wunder, was mich veraͤndert hat.“*. „Ein Wunder?“ ert — 123 „Ja... ich habe dieſe Nacht eine Erſcheinung gehabt.“ Philipp, der bei dieſer Gelegenheit ſich keine andere Erſcheinung denken konnte, als den Leichnam des Kammerraths, da er aus dem Boote herausgetragen ward, ſtammelte zitternd: „War es Dein verſtorbener Gatte?“ „Nein, der lebende.“ „Wie...“ Philipp ſchauderte. „Du biſt heute Nacht bei mir geweſen, mein Freund, das heißt, Dein Geiſt, waͤhrend Dein Koͤrper in den Armen des Schlafes ruhte.“ „Welche Taͤuſchung!“ „Und Du haſt mir Bekenntniſſe gemacht, die mich endlich die Kluft haben ſehen laſſen, welche uns ſcheidet. Es iſt nicht das Urtheil der Welt, es iſt nicht die Schwie⸗ rigkeit einer Wiedervereinigung, noch weniger iſt es die Furcht, das Andenken meines ſeligen Gatten zu ver⸗ letzen..“ „Was iſt es denn? Ich beſchwoͤre Dich, ſprich ohne Umſchweife; aber erſt ſage mir, daß Du Dich ſelbſt getaͤuſcht— es war keine Erſcheinung, nicht wahr?“ „Ich that vielleicht unrecht, mich dieſes Ausdrucks zu bedienen, denn eigentlich war ich in einen Zuſtand verſenkt, der weder Schlafen noch Wachen genannt werden konnte. Es iſt daher moͤglich, daß ich nur einen Traum hatte. Aber auf alle Faͤlle ſah ich Dich und Du ſchuͤtteteſt Dein Herz vor mir aus.“ 124 „Ahl⸗ „Du kamſt, um zu meinen Fuͤßen Deine Freiheit zuruͤckzuerbetteln, deren Macht gebrochen iſt, ſeitdem die Liebe mich unter ihre Macht beugte.“ „Bat ich um Freiheit?“ „Unter Thraͤnen... ich fuͤhle noch dieſe Thraͤnen, welche auf meinen Fuͤßen brannten.“ Philipp erſtickte einen Seufzer, denn eben jetzt be⸗ merkte er einen kleinen Fuß, der an der Kante des Fuß⸗ baͤnkchens hervorlugte. „Aber nicht fuͤr Dich ſelbſt wuͤnſchteſt Du die ma⸗ giſche Kette zu zerreißen, welche zwiſchen uns beſteht.“ „Nicht um meinetwillen?“ 3 „Nein.“ „Dann wohl um unſer Beider willen?“ „Nein, nein, ſage ich Dir— es war ein mir ganz fremdes Weib, fuͤr welches Du dieſe grenzenloſe Auf⸗ opferung begehrteſt. Mein Leben war es, welches Du fuͤr das ihrige verlangteſt.“. „Ich verſtehe Dich nicht.“ Philipp hatte nicht darauf geachtet, wie Lilia waͤh⸗ rend der vorhergegangenen Unterredungen, ja ſchon waͤh⸗ rend des Briefwechſels ihn allmaͤlig vermocht hatte, gewiſſe Theile ſeines Verhaͤltniſſes zu Honorinen zu verrathen— eines Verhaͤltniſſes, worauf ihre Auf⸗ merkſamkeit zuerſt durch einige Worte von Dick gelenkt worden war. Sypaͤter hatte Philipps Ton, wenn er 125 Honorinens Namen nannte und ſeine von beinahe lei⸗ denſchaftlicher Verehrung erfuͤllten Worte, wenn er ih⸗ ren Werth ſchilderte, Lilia immer mehr begreifen laſſen, daß die Widerſtandskraft, die er erfuhr, eben von dieſer Dame herfloß. Sie verwendete daher ihre ganze Macht darauf, dieſe Widerſtandskraft zu brechen, ehe er wie⸗ der unter den Schutz ſeiner Aegeria kaͤme. Nicht als ob Lilia ſich ſehr um die Verehrung gekuͤmmert haͤtte, welche ihr Geliebter der Oberſtlieute⸗ nantin widmete— dieſe ſah ſie fuͤr von zu geringem Werthe an, um ihre Eiferſucht zu erwecken— aber deſto mehr fuͤrchtete ſie Honorinens Einfluß. Philipp hatte geantwortet:„Ich verſtehe Dich nicht.“ Aber gleich darauf verſtand er recht gut, denn es fiel ihm ſehr viel ein. Und er erroͤthete tief. „Du biſt viel zu rechtlich, um zu leugnen, Philipp! Es giebt eine Frau, außer mir, welche eine große Ge⸗ walt uͤber Dich, uͤber Dein Herz ausuͤbt.“ „Das iſt wahr!“ antwortete Philipp leiſe. „Wie— es iſt wahr?“ haͤtte Lilia beinahe in ei⸗ ner auflodernden Raſerei ausgerufen, denn in Bezug auf das, was das Herz betraf, hatte ſie ſich auf eine beſtimmte Verneinung gefaßt gemacht. Aber es gelang ihr, die heftige Geberde in eine zu verwandeln, welche Unterwuͤrfigkeit ausdruͤckte. Und zwei Thraͤnen hervorzwingend, was ihr nicht ſonderlich 126 ſchwer fiel, denn nun war die Eiferſucht rege geworden, ſagte ſie mit ausdrucksvoller Stimme: „Du verraͤthſt mir jetzt mehr, als ich in meinem Traume erfuhr— ich entſinne mich nicht, daß da von Liebe die Rede war.“ „Auch jetzt iſt davon nicht in der Bedeutung die Rede, wie Du glaubſt!“ antwortete Philipp, indem er ſeinen Seſſel dem Sopha naͤher ruͤckte...„Ach, wer weiß beſſer, als Du, wie ſchwach die Regungen des Her⸗ zens neben denen der Leidenſchaften ſind!“ Lilia hoͤrte mit geſchloſſenen Augen, aber deſto offneren Ohren. Sie hatte Grund, ſich zu ihrer Tak⸗ tik Gluͤck zu wuͤnſchen. Soviel hatte ſie noch in kei⸗ ner Unterredung erreicht und in Bezug auf Honorinens Gewalt beruhigte ſie ſich vollkommen. „Du antworteſt mir nicht?“ hob Philipp mit kaum unterdruͤckter Heftigkeit wieder an. „Mein Freund, ich darf Dir nicht auf dieſe Sprache antworten, die wir nicht mehr reden ſollen. Du haſt ja in jedem Briefe, bei jeder Unterredung wiederholt, daß das Gluͤck, nachdem es einmal fuͤr uns zerſtoͤrt wor⸗ den, unmoͤglich wieder zu erwerben iſt. Wohlan, ich ſehe dies jetzt eben ſo gut ein, wie Du.“ „Lilia, Du verſchweigſt etwas. Haſt Du nicht eben ſo oft geantwortet, daß dieſes Gluͤck moͤglich iſt, daß zwei freie Weſen, die nach ſo vielen Leiden und Kaͤmpfen einander gereinigt wiedergefunden, wuͤrdig 4 — —+—J— 3 2 2&ᷣ A— = 127 ſeien, die Seligkeit der Wiedervereinigung zu genießen und daß ſie ſich ſelbſt genug waͤren, um ſich uͤber das Urtheil der Welt hinwegſetzen zu koͤnnen?“ „In meiner Thorheit habe ich ſo geſprochen. Aber entſinne Dich, daß Du zuletzt geſtern erſt zu mir die Worte ſagteſt, die ich niemals vergeſſen werde: Auch wenn wir den kuͤhnen, ſo zu ſagen, verabſcheu⸗ ungswerthen Muth beſaͤßen, der ganzen oͤffentlichen Meinung zu trotzen, die wir ſtets gegen uns haben muͤſſen: ſo wuͤrde das wahre Gluͤck doch nicht in vol⸗ . lem Maaße uns zufallen; denn das, was zwiſchen der Gegenwart und der Vergangenheit liegt, iſt unausloͤſch⸗ lich.« „Ja, das ſchien mir ſo... Und wenn man mit Vernunft pruͤft... wenn man die Vernunft hoͤrt... wenn man die Stimme der Erinnerung hoͤrt... Und wenn man vor allen Dingen, wie Du, die Freiheit um einer dritten Perſon willen wuͤnſcht...“ Philipp ſchwieg. „Ich traͤumte, daß, als Du mich dieſe Nacht in Deinen Thraͤnen badeteſt, ich mich ſo gedemuͤthigt fuͤhlte, ſo getroffen von der grenzenloſen Unbedeutend⸗ heit, die ich in Deinen Augen hatte, daß ich mit Staͤrke ausrief: Er ſoll nicht vergebens meine Großmuth, mein Mitleiden in Anſpruch genommen haben! Ich bin fuͤr ihn nichts, als das Schattenbild des Idols, welches er einſt liebte. Moͤge er denn frei ſein.“ 128 „Das war im Traum,“ murmelte Philipp,„als Du dies ſagteſt.“ „Aber ich wiederhole es jetzt: Nimm Deine Freiheit nimm Deine Seele, Dein Herz zuruͤck, waͤhrend Du, waͤhrend Alle glauben, daß ich mit niedrigen Zauber⸗ kuͤnſten Dich an mich feſtkette! Verlaſſe mich, verlaſſe dieſes Weſen, welches Du nun vielleicht genug gede⸗ muͤthigt und niedergebeugt“ „In's Himmels Namen, was ſprichſt Du von Demuͤthigung— ſollte ich...“ „Ja, gerade Du, Philipp, Du, der Du einmal bis zum Wahnſinne liebteſt, Du raͤchſt Dich jetzt an mir, ſo wie die Maͤnner ſich immer raͤchen.“ „Kannſt Du mit mir von Rache ſprechen?“ „Seitdem ich Deine Sklavin bin, ſeitdem mein Herz ſo von Dir eingenommen iſt, daß es verbluten muß, wenn Du das Deine von mir losreißeſt, da kommſt Du und ſagſt: Es iſt genug, ich bin Deiner Liebe uͤber⸗ druͤſſig, arme Frau! Du haſt mir nichts Neues zu bieten, denn ich lebe noch in der friſchen Erinnerung der Zeit, wo Du mein warſt, und nun, nachdem ich Dich mit meinem Fuß in den Staub getreten, gebe ich Dich dem Gelaͤchter preis— die ganze Welt ſoll bald erfahren, daß ich nur hierhergekommen bin, um mit Dir zu ſpielen.“ „Nein, halt ein... ich ertrage es nicht mehr! Du biſt bethoͤrt— ja, ich ſchwoͤre.. 34 heit her⸗ iſſe de⸗ geraͤcht.“ „Schwoͤre nicht! Ich bin nicht bethoͤrt, Philipp! Deine Liebe, welche aufflammte, waͤhrend ich einem Andern gehoͤrte, iſt endlich ausgebrannt. Nicht einmal mein Wiederſehen hat ſie aus ihrer Aſche erweckt.“ „Hoͤre mich, Lilia.“ „Still— ich begehre ja nicht, daß Du eine Rolle ſpielen ſollſt. Nein, ich begehre nichts weiter. Lange habe ich mich zu blenden geſucht. Nun bin ich muthig und— o Gott, Du ſiehſt es— nicht blos muthig, ſondern auch ergeben. Nicht ein Gefuͤhl der Bitterkeit gegen Dich lebt in mir. Philipp! Ich hatte Dich lei⸗ den laſſen... nun leide ich meinerſeits. Das iſt Und außer Stande, laͤnger ihre Bewegung zu hemmen, brach ſie in lautes Schluchzen aus. Die Thraͤnen rannen hell durch das ſchoͤne Gitter hindurch, welches ihre Haͤnde vor dem Geſicht bildeten. „O, verzeihe, verzeihe, meine Angebetete, Du ein⸗ zig Angebetete, die ich auf der ganzen Welt geliebt, liebe und lieben werde! Ich wollte mit den Waffen der Vernunft ſiegen und ich vermochte es, ſo lange Du mit mir ſtritteſt; aber da Du Dich mir ſelbſt wieder⸗ giebſt, gebe ich mich auch Dir wieder. Deine Unter⸗ wuͤrfigkeit iſt tauſendmal unwiderſtehlicher, als Deine Staͤrke. Er lag zu ihren Fuͤßen. Ein Gerücht, VII. „— 4. Der Uingwechſel. „Steh' auf... ich beſchwoͤre Dich— in einer Stunde wirſt Du es bereuen. Du wirſt mit Ge⸗ wiſſensqual, mit niemals endender Unruhe dieſe Mi⸗ nute himmliſcher Ruhe bezahlen... dieſe einzige Mi⸗ nute, ja, ſie iſt ſchoͤn!“— Und ſie legte ihre Stirn an die ſeine; ihre noch von Thraͤnen feuchte Wange fuͤhlte die Beruͤhrung ſeiner Lippen. Heiße Winde umſchwebten ſie. Mehrere Minuten vergingen. 13 „Bereuen,“ ſagte endlich Philipp, indem er auf⸗ ſtand und ſich an die Seite ſeiner reizenden Geliebten ſette,„nein, niemals, nachdem ich meinen Entſchluß gefaßt habe.“— Lilia ſeufzte leiſe. 4 88 „ Und wie konnte ich einen andern faſſen! Sind 131 wir nicht ſeit mehrern Jahren vereint? Sind wir eigentlich jemals geſchieden geweſen— koͤnnen wir es jemals werden!“ „Welcher goͤttliche Genuß iſt es fuͤr mich, Dich ſo reden zu hoͤren... aber Du biſt ſo empfindlich fuͤr das elende Geſchwaͤtz der Welt. Ach, mein Philipp, was darf die Welt fuͤr uns ſein und welches Recht hat ſie, zwei Menſchen deswegen zu tadeln, daß ſie ihren Irrthum einſehen und verbeſſern?“ „Sei ruhig— ich werde mich dagegen ſtaͤhlen.“ „Du biſt auch viel zu empfindlich fuͤr den Tadel Deiner Freunde.“ „Auch gegen dieſen werde ich mich ſtaͤhlen. Ich ſage Dir, meine Lilia, daß ich mich ſelbſt gegen die Erinnerung ſtaͤhlen werde, ſelbſt gegen dieſe eigenſinnige Vernunft, welche ſogar in dieſem Augenblick uͤberſchweng⸗ licher Wonne Einwendungen gegen die Zulaͤſſigkeit der⸗ ſelben zu machen wagt.“— „Siehſt Du, Philipp, ſiehſt Du. Wenn Deine ſogenannte Vernunft, welche eigentlich in nichts Ande⸗ rem beſteht, als in einigen Deiner unwuͤrdigen So⸗ phismen, ſelbſt in dieſem Augenblicke einen Einwurf zu machen wagt, was wird dann werden, wenn Du unter Warvners Einfluß kommſt und unter den dieſer Freundin, welche ⁵.. o, warum entriſſeſt Du mir den Sieg, den ich unter Gebet und Thraͤnen mir er⸗ kaͤmpft?“ 3 1 9* „Darfſt Du mir dieſe Vorwuͤrfe machen? Viel⸗ leicht haͤtte ich richtiger gehandelt, ja vielleicht waͤre es ſogar eine Pflicht geweſen, Dich, heldenmuͤthiges Weib, Deine große und edle Entſagung vollenden zu laſſen. Aber, hat wohl der Mann geliebt, der gerade in dem Augenblicke entſagen kann, wo ſeine Anbetung, wie die meine, durch ſeinen hochſinnigen Entſchluß geſtei⸗ gert wird!“ „O, Philipp, Dich zu hoͤren! Nun iſt es nicht mehr Schwachheit, nicht mehr Dein aͤngſtlicher Wan⸗ kelmuth— jetzt biſt Du ein Mann mit Kraft und Willen, ein Mann, welcher fuͤhlt, daß keine Menſchen⸗ kuͤnſte etwas uͤber ihn vermoͤgen.“ „Ja,“ fuhr Philipp, immer mehr und mehr in Ekſtaſe gerathend, fort,„er wuͤrde nicht lieben, wenn er ſchon am Eingange zu der ſchoͤnen Welt ſeiner Liebe auf etwas hoͤren wollte, was von Außen kommt. Nichts darf er hoͤren, weder Vernunft, noch Erinnerung, noch Vorwuͤrfe, noch Freunde oder Feinde. Es giebt fuͤr ihn nur eins— eins auf Erden, eins im Himmel, eins in der Hoͤlle: ſeine Geliebte.“ „Mein Philipp, willſt Du mich vor Freuden wahnſinnig machen! Du bekennſt, daß alle die Ein⸗ Nandnar,, die Du gegen Dein eignes Herz ge⸗ macht. 4.. falſch waren, wie meine Kaͤmpfe, meine Vorſabe... Hoͤre, ich will nun, da Du wieder in 133 reiner und keuſcher Liebe mein werden wirſt, Dir Alles bekennen.“ „Wie danke ich Dir, wie wird Dein Vertrauen mich gluͤcklich machen!“ „Laß mich erſt einen Augenblick bei der Gegen⸗ wart verweilen, welche mich faſt taumeln macht... Zittere nicht ſo, armer Engel, fuͤrchte nichts— ich werde jedes Gefuͤhl zu unterdruͤcken wiſſen, welches der Reinheit unſeres neuen Bundes nicht wuͤrdig iſt... Du biſt mir jetzt eben ſo heilig, als da Du mir das erſte Mal Treue ſchwurſt. Aber wenn Du ſie zum andern Mal geſchworen... ah, das verwirrt mich— wird denn wieder ein Aufgebot noͤthig ſein? Muͤſſen wir wieder auf's Neue eingeſegnet werden? Ohne Zweifel— es kann nicht anders ſein.“ „Ich habe noch nicht gewagt, mich hieruͤber zu unterrichten. Wir muͤſſen das vorſichtig machen, damit ſich das Publikum nicht allzuzeitig in unſere Ange⸗ legenheiten miſche. Aber es kann kein Hinderniß ent⸗ ſtehen.“ „Ich glaube es auch nicht, dafern nicht eins dadurch entſteht, daß Du wieder verheirathet geweſen biſt, und denke... haſt Du den Muth, Dir die Moͤg⸗ lichkeit eines Hinderniſſes zu denken?“ „Nein,“ antwortete Lilia und ihre Wange ward ohne alle Verſtellung leichenblaß,„dazu habe ich nicht den Muth. Unmoglichkeiten habe ich niemals gekannt.“ — 134 „Gebe Gott, daß Du ſie auch nicht kennen lernſt! Ich weiß nicht, welche dunkle Ahnung mit eiſiger Kaͤlte mein Herz beruͤhrt, aber es kommt mir vor, als ob wir etwas zu befuͤrchten haͤtten. Ich kann mir aber nicht denken, wo es herkommen ſollte, denn ich glaube nicht, daß geſetzliche Schwierigkeiten ſich einer neuen Vermaͤhlung entgegenſtellen koͤnnten.“ »In welchen Abgrund fuͤhrſt Du mich,“ antwor⸗ tete ſie, vor innerer Bewegung zitternd.. „Verzeihe mir, meine Lilia, daß ich Dich leiden ließ, was ich ſelbſt litt... Aber, da wir nun einmal uͤber dieſen Punkt ſprechen, ſo ſag' mir, was wir thun ſollten, im Fall ein Hinderniß ſich entgegenſtellte.“ „Laß mich erſt Deine Gedanken wiſſen,“ ant⸗ wortete ſie, indem ſie mit neuer Kraft den Kopf em⸗ porrichtete.„Dann ſollſt Du auch die meinen hoͤren.“ „Habe ich denn einen Gedanken fuͤr einen ſolchen Fall! Das waͤre ja ein Erdbeben, in welchem wir mit einander umkommen muͤßten.“ „Und warum das?“ 3 „Du fragſt mich, warum?“ Lilia zuckte die Achſeln...„Sollen wir unſer Gluͤck von dem Geſetze abhaͤngig machen, wir?“ „Ich ſagte Dir ja, daß ich von dieſem nichts fuͤrchtete. Gleichwohl aber, wenn es gegen uns waͤre, ſo waͤre unſere Wiedervereinigung unmoͤglich.“ 3„Vielleicht in der Meinung der Welt.“ 135 Philipp, deſſen Blick niedergeſchlagen geweſen, hob denſelben nun zu ſeiner Geliebten auf und ſo ſtrahlend von Laͤcheln, Jugend, Hoffnung und Liebe erſchien ſie ihm, daß er mit Entzuͤcken ausrief: ¹ „O, Du Bewunderungswuͤrdige, nun verſtehe ich Dich! Wenn auch die ganze Welt, das Geſetz, das Conſiſtorium, das Publikum, ja jeder einzelne Menſch unſere Ehe fuͤr unguͤltig anſaͤhe, willſt Du doch ſie nicht ſo betrachten?“ „Und Du,“ antwortete ſie triumphirend,„wie wirſt Du ſie betrachten?* „Ich wuͤrde vor Verzweiflung ſterben, wenn ich nun genöthigt wuͤrde, Dir zu entſagen, aber ich wuͤrde vor Schaam ſterben, wenn ich ſo elend waͤre, Dein Opfer anzunehmen.“ „Weiß die Liebe etwas von Opfern?“ „Welche erhabenen Worte!... Wohlan, meine ſchoͤne Heldin, wir wollen hoffen, daß nicht noch an⸗ dere Widerwaͤrtigkeiten unſere Pruͤfungen vermehren werden.“ „Aber nun iſt die Reihe an mir, ſich zu erklaͤren, und ich ſage blos: Wenn ein Hinderniß entſtehen ſollte, ſo bedenke, daß wir ſchon einmal vermaͤhlt wor⸗ den, daß ich die Mutter Deiner Kinder bin und daß— die Erde groß iſt.“ „Nun muß ich Deine Lippen verſiegeln, denn ſie reden nun eine allzugefaͤhrliche Sprache und vor Allem —— 136 wollen wir aufhoͤren, dieſe grauſamen Zweifel aufzu⸗ werfen, die ſicherlich nur in meiner Phantaſie exiſtiren. Inzwiſchen und unter allen Umſtaͤnden widme ich Dir meine Treue. Von dieſem Augenblick an bin ich Dein.“ „Wie ich Dein... Und ſei offen gegen mich, Philipp, denn ich kann nun Alles hören. Und es komme, was da wolle, ich bleibe ſtandhaft, denn ich vertraue nur auf Dich.“ „Dein liebendes Vertrauen entfernt den letzten Schatten von meiner Seele... hoͤre mich nun an!“ „Mit allen meinen Sinnen. Aber— um uns lange Einleitungen zu erſparen— Du liebteſt Frau Helleding?“ chs „Wenigſtens war ich auf dem Wege, es zu thun.“ „Du, der blos eine Liebe fuͤhlen konnte?⸗ „Wenn Du wuͤßteſt, welche bewundernwuͤrdige Guͤte ſie mir in meinen Leiden erzeigt, eine Guͤte, rein wie die Sonne, wie der Thau des Himmels. Ihr habe ich es zu danken, daß ich nach der entſetzlichen Geiſtesverwirrung, in welche die Scheidung von Dir mich verſetzte, wieder ein Menſch ward.“ Lilia unterdruͤckte einen Seufßer. „Und das war noch nicht Alles. Einmal bedurfte ich einen wichtigen Rath— ſie gab mir denſelben mit ſo viel Guͤte, als weiblicher Zartheit. Ein ander Mal, als ich mich in einer hoffnungsloſen und grauſamen / 6,ͤ d 137 Lage befand, daß die Erinnerung daran mir ſogar die Wonne dieſes Augenblicks verbittert.. 1 „Was haͤtte das fuͤr eine Lage ſein koͤnnen, mein Philippe— Das mußt Du mir ſagen, bevor ich wieder genoͤthigt bin, zu hoͤren, wie warm Deine Lippen dieſer Dame huldigen, die vielleicht nur allzuviel Inter⸗ eſſe daran hatte, ſich aufopfernd zu zeigen.“ „Huͤte Dich, Geliebte, Dich von der Eiferſucht verblenden zu laſſen. Honorine iſt uͤber alles Niedrige erhaben. Sie, die ergebene Gattin eines ehrlichen Mannes beſaß blos eine unendliche Freundſchaft und eine unendliche Fuͤlle des Mitleidens fuͤr den armen Eremiten.“ „Aber Deine hoffnungsloſe Lage?“ „Ich wage nicht, Dir anzuvertrauen, was ich ihr anvertraute.“ „Ha, ſoll ſie mit Dir, meinem Braͤutigam, ein Vertrauen theilen, von welchem ich ausgeſchloſſen bin? Iſt es nicht genug, daß ſie ein ganzes Jahr Mutter meines Sohnes hat ſein duͤrfen? Soll ſie Alles haben, ſie, die auf Nichts ein Recht hat?... Aber, verzeihe mir, Philipp— es iſt eine Liebende, eine Mutter, welche klagt... Und nun keine Um⸗ ſchweife weiter! Dein Mißtrauen beleidigt mich.“ „Aber im Fall es nun eine noch groͤßere Belei⸗ digung waͤre, es zu erzaͤhlen?“ „Fuͤrchte nichts— ich bin jetzt nicht mehr, wie 138 fruͤher. Da forderte ich aus Koketterie und Eigennutz; jetzt fordere ich aus Liebe— die Liebe hat keine Ge⸗ heimniſſe.“ „Es ſoll geſchehen, wie Du wuͤnſcheſt... aber vergiß nicht, daß es Dein eigner, beſtimmter Wille iſt, welcher mein Bekenntniß hervorgerufen hat. Und ich kann ſagen, daß ich mich daruͤber freue, denn dann iſt Alles rein zwiſchen uns.“ Und nun erzaͤhlte Philipp, zweifelnd und zitternd, aber er erzaͤhlte doch, wie er den Brief von Anima er⸗ halten, die Reiſe nach der Schwalbenhuͤtte, Honorinens edelmuͤthiges Erbieten und die außerordentliche Bewun⸗ derung, welche dieſer Edelmuth in ihm erweckte. Hierauf — denn Lilia unterbrach ihn nicht— ſchilderte er ſeine Empfindungen nach dem Ableben des Oberſt⸗ lieutenants, Honorinens darauffolgende natuͤrliche Ver⸗ aͤnderung, welche ihm einen tiefern Blick in ihr Inne⸗ res geſtattete und zuletzt erwaͤhnte er den Brief von S., der eine neuerwachte Neigung verrieth, waͤhrend jedoch zugleich der ganze Briefwechſel durch die Begegnung auf Helſö abgebrochen ward. Immer noch ſagte Lilia kein Wort— Te ſchien noch mehr zu erwarten. Er ſprach daher auf's Neue. Es kam nun die ſtuͤrmiſche Epiſode ihrer ſtraf⸗ baren Intrigue, das unvergeßliche Zuſammentreffen mit dem Kammerrath gls Leiche und dann die lebzte Nacht ——„— 139 auf dem„Vorgebirge“, wo er, nachdem er beſchloſſen, Schweden zu verlaſſen, an Honorinen jenen Brief ſchrieb, der ihr verſicherte, daß er, im Fall er in ſeinen Vorſaͤtzen beſtaͤndig bliebe, im Fall er, wenn auch ab⸗ weſend, ihre milde Stimme zu vernehmen glaubte, wie⸗ der von ſich hoͤren laſſen wuͤrde. „Ich will,“ ſagte Lilia heftig,„nicht nach dieſen Vorſätzen fragen— ich weiß ja, was fuͤr welche es waren— ich will blos, aber dies auf's Gewiſſen, Dich fragen, ob Du ſchriebſt?“ „Ich wagte es nicht. Denn wohl höoͤrte ich ihre liebliche Stimme; aber die Deine verdraͤngte ſie wieder, ebenſo wie nach jenem erſten Briefe Dein Bild voll⸗ ſtaͤndig das ihre verdraͤngte.“ „Alſo Du ſchriebſt niemals?“ „Doch, einmal, als ich ihr mein letztes Gedicht ſchickte. Aber dieſer Brief... es fehlte ihm, was meinem Herzen fehlte.“ „Die Liebe— und dieſe mußte fehlen, denn ſie war auch damals hier bei mir, nicht wahr?“ „Ja, ja, auch damals.“ „Und nun iſt die Reihe an mir, zu ſprechen. Ich habe keine Geſtaͤndniſſe zu machen, denn ſeitdem mein Herz arwachte, habe ich niemals einen Andern geliebt, als Dich; aber ich habe zu ſagen, daß ich nicht minder großmuͤthig ſein will, als dieſe Frau, der es ja nichts ——— koſten konnte, das Anerbieten zu machen, welches ſie Dir machte.“ „Was meinſt Du?“ „Ich meine, daß ich groͤßer ſein will, als ſie, denn ich war wenigſtens ein Mal eine beleidigte Gattin. Aber die verſoͤhnte Gattin ſagt zu dem angebeteten Ab⸗ gott ihrer Seele: Als Beweis, daß Alles Herſöönd, aus geglichen und gutgemacht iſt, erbiete ich mich, ich. „Wozu, um's Himmels willen— wozu?“ .. von demſelben Tage an, wo unſer Bund zum zweiten Male die Weihe erhalten hat, dieſes armen Kindes Mutter zu werden! Sie ſoll unſere geliebte Pflegetochter ſein, Albans und Sylvia's Schweſter. Und ich ſchwoͤre Dir, daß niemals ein Vorwurf, nie⸗ mals ein Wort uͤber die Vergangenheit uͤber meine Lippen kommen ſoll, denn, mein Philipp, die erhabene und große Liebe, welche mein Herz jetzt hegt, macht es ſanft. Das Gluͤck veredelt.“ Philipp wuͤrde es fuͤr die groͤßte Laͤſterung ange⸗ ſehen haben, zu glauben, daß die Erde noch ein zweites ſolches Weſen truͤge, wie Lilia.„O, wie maͤchtig,“ dachte er,„iſt doch die Liebe— denn dieſe iſt es, welche ihr Herz geläͤutert hat.“ 9 Und er war nicht blos von Bewunderung hinge⸗ riſſen, ſondern erfuͤllt von der wahnſinnigen Anbetung, welche dieſer Engel verdiente, dieſer Engel, der vor ge⸗ 141 rade drei Jahren ihn auf gluͤhenden Kohlen briet und dann durch ſeinen eiſigen Hohn abkuͤhlte. „Und Du biſt es,“ ſagte er,„Du, die ich einmal fuͤr hartherzig, ja fuͤr daͤmoniſch grauſam anſah... wie raͤcheſt Du Dich!“ Lilia laͤchelte mit reizender Beſcheidenheit. „Ich habe viel von dem ſelbſtſuͤchtigen Weſen meiner Natur uͤberwunden und ich habe viele der Feh⸗ ler abzulegen geſucht, welche meine Erziehung bei mir zuruͤckgelaſſen hatte. Du hatteſt recht, mein Philipp; fruͤher war ich eine nicht blos tadelnswerthe, ſondern grauſame Gattin... Wie viel habe ich bei Dir gut⸗ zumachen, mein Herrſcher— wie eifrig werde ich wer⸗ den, meine Schuld abzutragen!“ „Und ich ebenfalls... Nun moͤgen ſie verſuchen, gegen Dich zu ſprechen!“ „Vermeide es, mit ihnen zu reden, das iſt das Beſte. Und vor allen Dingen: dem Doctor Warvner ſage kein Wort von dem Anerbieten, das ich Dir ge⸗ macht! Glaube mir, er wuͤrde auch darin etwas fin⸗ den, was er zu meinem Nachtheil wenden koͤnnte. Warvner iſt ganz gewiß ein guter Menſch, aber er be⸗ ſitt Eigenliebe und kann niemals den Streich vergeſſen, den ich ihm aus kindiſchem Leichtſinne ſpielte.“ „Du verkennſt Arnold. Ich werde ſchweigen, da Du es verlangſt, aber wenn ich redete, wuͤrde er der Erſte ſein, der Dich bewunderte.“ — 142 „Das glaube ich nicht!“ ſagte Lilia mit einem eigenthuͤmlichen Laͤcheln. „Und zum Unterpfand dieſes himmliſchen Augen⸗ blicks, zum Unterpfand, daß nichts auf uns einwirken darf oder wird, empfange dieſen Ring, der zwei ver⸗ einigte Haͤnde zeigt— das Bild unſerer neuen, freiwillig geſchloſſenen und ſtarken Vereinigung.“ „O Dank, tauſend Dank!“ fluͤſterte Lilia... „Nun ſollſt Du ſehen, daß auch ich unter den von meinem ſeligen Papa hinterlaſſenen Sachen einen Ring habe, der Dir paſſen wird.“ 1 Sie eilte fort, kam aber bald wieder mit einen einfachen Goldring in der Hand, der wirklich dem Director Sorenius gehoͤrt hatte. Philipp nahm denſelben daher mit doppelter Freude, denn die Erinnerung an dieſen wuͤrdigen Vater, der die Wiedervereinigung ſeiner Kinder wuͤnſchen mußte, war ihm gleichſam eine heilige Buͤrgſchaft, daß dieſe Vereinigung ſtattfinden und daß ſie trotz allen dem, was man, auf die Erfahrung geſtützt, davon ſagen konnte, reich ſein wuͤrde an Allem, was die Erde Schoͤnes hat. Und nun waren die fruͤheren Ehegatten wieder verlobt.. Das Geruͤcht hatte alſo nur einen Tag zu fruͤh die Nachricht von dieſer ſeltſamen Heirath verbreitet. Die Verabredungen, die nun weiter getroffen wurden, betrafen die Abholung des kleinen Alban von 143 Tjuſtorp, das Wiederſehen nach einigen Wochen, ſowie die beiderſeitigen Erkundigungen, die man in Bezug auf den wichtigen Schritt einziehen mußte, deſſen Vollen⸗ dung nicht laͤnger, als bis zum Herbſte hinausgeſcho⸗ 8 ben werden ſollte. Wunderbar genug war Lilia's letztes Wort, als ſie ſich am andern Abend trennten, nicht eine Liebes⸗ verſicherung, ſondern eine Ermahnung, daß Philipp ſein Verſprechen, wegen des Doctors Warvner, nicht vergeſſen ſollte. MNiicht einmal pro forma war Lilia zu Dicks Hoch⸗ zeit eingeladen worden,„denn“— hatte dieſer geſchrie⸗ ben—„Du kannſt doch nicht mit Philipp bei der Oberſtlieutenantin zuſammentreffen, und ich kann doch auch ohne Philipp keine Hochzeit machen.“ --= 5. Arnolds großer Entſchluß. Ungefaͤhr eine Meile von Ribyhus, an der Straße zwiſchen dem Marktflecken und der Stadt und ebenfalls eine Meile von dem Eiſenhuͤttenwerk, welches Heren Eduard Montin gehoͤrte, lag, an dem Strande eines reizenden Binnenſees, die ſchoͤne Beſitzung Lilliby, die ſeit dem vergangenen Herbſt dem Doctor Warvner gehoͤrte. Man konnte viel ſchoͤnere und elegantere Woh⸗ nungen ſehen, als Lilliby, aber ſchwerlich eine, die hei⸗ terer und friſcher ausgeſehen und mehr den Anſtrich haͤuslicher Ruhe uud Behaglichkeit gehabt haͤtte. Das Gebaͤude war nicht groß, aber bequem. Und von oben bis unten neu reparirt, zeigt es uns jetzt in dem ſchoͤnen Sonnenuntergang eine perlfarbene Fagade, mit zwei Reihen glaͤnzenden Fenſtern, in welchen die Blumen faſt eben ſo heimiſch ſind, wie in den kleinen, netten Anlagen des Gartens, wo Alles auf Bequemlich⸗ 145 keit und Wohlbehagen berechnet iſt, von dem Sopha unter den großen Haͤngebirken an, bis zu dem hinter den Fliederhecken faſt verſteckten Teiche, wo die Enten ſo behaglich in Geſellſchaft der vornehmeren, weißen Gaͤnſe herumſchwimmen. Es fuͤhrt keine regelmaͤßige Allee zu dem Herren⸗ hauſe, aber die Straße, welche ſich um eine Biegung des Sees ſchlaͤngelt, ſchneidet den von der Natur ſelbſt angelegten Park mitten durch, der dadurch aber nicht das Geringſte verloren hat. Das Einzige war, daß, wenn Jemand zu Hauſe in Lillihy ungeduldig harrete, dieſer Jemand nicht mehr als drei oder vier Ellen von der Straße ſehen konnte, welche dicht an dem großen Thore ſich wieder anders herumbog. Gerade in dem Augenblick, wo wir unſern Beſuch beginnen, oͤffnet ſich eins der Fenſter im untern Stock⸗ werk und ein Geſicht, ein ſehr ſchoͤnes, reizendes und uns wohlbekanntes Geſicht, ſchaut heraus. Aber gleich darauf wird das Fenſter mit ſichtlicher Ungeduld wieder zugeſchlagen. Es dauert jedoch nicht lange, ſo öffnet ſich ein anderes Fenſter— leider geht es aber nicht beſſer, als mit dem erſten und nun be⸗ kommt die ſchöne Stirn einige Falten, welche deutlich zeigen, daß man anfängt, die Geduld zu verlieren. Es kann Einem doch manchmal recht verdrießlich gehen! Wenn das Fenſter nur noch drei Minuten offen Ein Gerücht. Vll. 10 — 146 geblieben waͤre, ſo wuͤrde dieſe Perſon, welche an dem⸗ ſelben ſtand, den Hufſchlag eines Pferdes gehört und gleich darauf Roß und Reiter auf das Thor zukommen geſehen haben. 3 Aber die Frau Doctorin war jetzt in das große Vorzimmer gegangen, welches nach dem Garten zu lag, und hier, wenn wir die Wahrheit ſagen ſollen, erlaubte ſie ſich die ungeheure Kinderei, zu weinen— und wes⸗ halb? Nun, deshalb, weil ihr Gatte einen Tag laͤnger ausgeblieben war, als er geſagt hatte. Er ſollte ſchon den Abend vorher wieder zu Hauſe eintreffen. Jedoch, gerade als ſie ſich die Zeit damit vertrieb, nachzurechnen, wie viel Mal ungefaͤhr die ſchoͤne Frei⸗ herrin M.(es war naͤmlich eine ſchoͤne, junge Frau, zu welcher Arnold gerufen worden) ihre Hand habe hin⸗ reichen muͤſſen, um den Doctor an den Puls fuͤhlen zu laſſen, gerade als ſie, ſagen wir, mit Verdruß dies be⸗ rechnete und ſich mit einer kleinen, eiferſuͤchtigen Regung daran erinnerte, daß die Gattin eines Arztes viel ver⸗ tragen muͤßte, ließen ſich ſchnelle Schritte uͤber den Fuß⸗ boden vernehmen.. Und ehe es ihr noch moͤglich war, ihre verraͤtheri⸗ ſchen Thraͤnen zu trocknen, ja, ehe ſie ſich noch von dem Sopha hatte erheben koͤnnen, war ihr Mann bei ihr. Und mit einem gleichzeitig von Freude und Verwun⸗ derung ſtrahlenden Geſicht rief er, waͤhrend er ſeine junge Gattin zaͤrtlich umarmte: 147 „Mein Gott, woher dieſe Thraͤnen? Es ſind die erſten, die ich ſeit unſerer Hochzeit ſehe.“ „Es iſt,“ antwortete Adele, deren Augen ſogleich ihren gewoͤhnlichen Glanz wieder bekamen,„auch das erſte Mal, daß Du vierundzwanzig Stunden laͤnger weg⸗ geblieben biſt, als es noͤthig war.“ „Noͤthig war?— Und das weißt Dus? Aber ſage erſt, haben Deine Thraͤnen keine andere Urſache?“ „Iſt das nicht Urſache genug— weißt Du, was es heißt, Sehnſucht empfinden?“ „Ob ich das weiß?— Du haͤtteſt mich nur ge⸗ ſtern Abend ſehen ſollen!“ „O, Herr Doctor,“ fiel Adele lachend ein, denn Thraͤnen und Lachen wechſelten jetzt bei ihr noch eben ſo ſchnell, als fruͤher,„ich habe ſogar in einer Entfernung von drei Meilen ſehen koͤnnen, wie oft und eifrig Sie an das„Puͤlschen“ gefuͤhlt haben, mein Herr.“ „Ei, ſieh doch— es handelt ſich wohl um ein we⸗ nig Eiferſucht gegen meine Patientinnen?“ „Nicht im mindeſten. Noch dieſen Augenblick ſagte ich zu mir ſelbſt: Was doch die Frau eines Arztes Alles dulden muß— und hatte ich nicht recht? Vierundzwan⸗ zig Stunden uͤber die Zeit wegzubleiben, um vierund⸗ zwanzig Mal die Hand der ſchoͤnen Freiherrin ergreifen zu koͤnnen.“ „Aha,“ ſagte der Doctor heiter,„Du beſtimmſt 10* —— 148 dieſe Operation auf jede Stunde! Das iſt weit oͤfter, als ich brauche.“ „Aber ganz gewiß nicht weniger oft, als die Frei⸗ herrin glaubt, daß es noͤthig ſei— ſie ſchickt ja fort⸗ waͤhrend nach Dir, ohne daß ihr etwas fehlt.“ „Weißt Du was, mein Engel— Du wirſt nach⸗ gerade ſo garſtig, daß ich fuͤrchte, ich werde Dir zur Strafe meine Abenteuer verſchweigen muͤſſen, an wel⸗ chen die arme Freiherrin, die diesmal ganz ernſthaft krank iſt, nicht den geringſten Antheil hat.“ „Abenteuer?“ Adele ſchlang ihren Arm, um den des Mannes...„Du wirſt Dich doch wohl erweichen laſſen?“ Sie ſah ihn mit einem jener Blicke an, welche die Allmacht der Liebe ſo wohl offenbaren. „Wohlan, Du weißt nicht, daß ich heimgeritten bin, obſchon ich von hier weggefahren bin.“ „Großer Gott!— Adele begann jetzt ihren Gat⸗ ten mit ganz andern Blicken, mit Blicken der Furcht und Angſt zu betrachten— ves iſt Dir doch nichts zu⸗ geſtoßen, mein Arnold?“ „Glaubſt Du, daß Du die Thraͤnen, welche weg⸗ zukuͤſſen ich zu ſo gelegener Zeit kam, zu vergießen gebraucht haͤtteſt, wenn mich nicht etwas ganz Beſon⸗ deres aufgehalten haͤtte?“ „Ach, erzaͤhle doch! Ich ſollte Dir eigentlich erſt 1 at⸗ eg⸗ on⸗ erſt 149 etwas vorſetzen, aber wenn Du nicht im Begriff biſt, vor Hunger oder Durſt zu verſchmachten, ſo...* „O nein, jetzt verſchmachte ich nicht mehr... aber es ſind mir drei Unfaͤlle zugeſtoßen, von welchen, vor einem Jahr wenigſtens, zwei meine Ruhe nicht im mindeſten geſtoͤrt haben wuͤrden. Aber ich bin in der letzten Zeit ungeduldig geworden.“ „Das laͤßt ſich zu einem vortrefflichen Anfange an. Ich glaube nicht, daß das Ende gefaͤhrlicher ſein wird und ich will daher erſt in den Saal ſpringen, und den Himbeerſaft holen, den ich bereitgeſtellt habe.“ Und die junge Hausfrau eilte, ihren Entſchluß aus⸗ zufuͤhren. „Ach, wie reizend Du biſt, wie haͤuslich Du biſt, meine Adele! Wer haͤtte glauben koͤnnen, daß Du, die gefeierte Dame, in unſerem kleinen Paradies ſo gut ge⸗ deihen wuͤrdeſt, wie es der Fall iſt.“ „Nun, werde ich vielleicht nicht noch gefeiert?“ „Allerdings, aber alle Deine Anbeter ſind jetzt in einen einzigen zuſammengeſchmolzen.“ „Das iſt nicht viel— das gebe ich zu. Aber Du weißt wohl, daß der Huͤttenmeiſter Montin es fuͤr ſeine Pflicht haͤlt, dieſem Mangel einigermaaßen abzuhelfen?“ „Das iſt wahr... Aber ach“— und jetzt nahm Arnold einen ganz andern Ton an—„ich habe Mon⸗ tin getroffen und es iſt, als ob das Schickſal wollte, daß er mir allemal Ungluͤckspoſten bringen ſoll.“ —— „Brachte er Dir jetzt wieder eine?“ 3 „Ja, und eine tauſendmal ſchlimmere, als die erſte... Aber laß mich erſt den herrlichen Trank ge⸗ nießen, den Du gemiſcht. Wie gut doch Alles ſchmeckt, was ich aus Deiner Hand empfange!“ 8 Adele erroͤthete vor Freude. „Alſo ſetze Dich nun zu mir und Du ſollſt die ganze Geſchichte hoͤren.“. Und das war der kalte, ernſte Doctor Warvner, der die Damen als ſeine geſchwornen Feinde betrachtet hatte! Eine Einzige hatte es uͤber ſich genommen, ſeine fehlerhaften Anſichten zu verbeſſern und es war ihr vollkommen gegluͤckt. „Nun, mein Freund?“ „Zuerſt und vor allen Dingen bekam die Freiherrin geſtern, gerade als ich abreiſen wollte... 4 3 „Wußte ich nicht, daß ſie es wieder waͤre! Ich ge⸗ ſtehe Dir, daß ich mich uͤber dieſe Frau aͤrgere.“ „Liebe Adele, ich habe Dir ja geſagt, daß Du Dich vor allem Aerger in Acht nehmen ſollſt.“ „Ja, eben ſo wie, daß ich mich huͤten ſoll, trau⸗ rig zu ſein, allzuviel zu gehen, allzulange ſtill zu ſitzen, allzu.... „Still, ſtil— wenn Du ſo die Vorſchriften Dei⸗ nes Arztes zu kritiſiren wagſt, kann es Dir leicht paſſi⸗ ren, daß Du einmal deren ſo viele bekommſt.... „... um die ich mich gar nicht kuͤmmern werde. ——— 151 Ich rannte geſtern ein großes Stuͤck in den Park hinaus, weil ich glaubte, einen Wagen kommen zu hoͤren.“ „Das iſt doch nicht Dein Ernſt?— Du ſcherzeſt wohl blos,“ ſagte Arnold unruhig.„Geſtehe, daß Du nicht ſo unvorſichtig geweſen biſt.“ „Willſt Du auch geſtehen, daß es eine Liſt von der Freiherrin war, Dich zuruͤckzuhalten?“ „Urtheile ſelbſt! Sie bekam einen Nervenzufall und zwar nicht aus einem geringfuͤgigen Anlaß. Ihr kleiner Knabe fiel und brach den Arm. Dies war die Ürſache meines erſten Aufhaltes. Ich konnte mich nicht weigern, bis heute fruͤh auszubleiben.“ „Nein, nein, das konnteſt Du nicht... Arme Mutter!“. „Ich wußte ſchon, daß meine Adele mild ſei.. Alſo heute fruͤh reiſ'te ich um acht Uhr ab, aber gerade vor dem Huͤttenwerke begegnete ich Montin, der von ſeiner Reiſe nach Hauſe kam.“ „Und ſo ward das wieder ein neuer Aufhalt.“ „Ja; weißt Du, daß die Nachricht, die er mir mittheilte, ſo wichtig war, daß, obſchon ich nicht laͤnger, als eine Stunde bei ihm zu verweilen beabſichtigte, wohl deren zwei vergingen, bevor meine Beſtuͤrzung und Be⸗ truͤbniß mir geſtatteten, an etwas Anderes zu denken?“ „Dann betraf die Sache wieder Thurné. Iſt er, ſchon nach Tjuſtorp gekommen?“ — 15² „Gott allein weiß, ob er jemals wieder dorthin kommen wird... aber rathe, wo er jetzt iſt.“ „Das thue ich... ach, mein Gott, Honorine hat alſo noch nicht genug gelitten— und unter ihrer ruhi⸗ gen Außenſeite leidet ſie tief.— Er iſt alſo in derſelben Stadt, wie... 4 „Wie Lilia, ja. Aber das iſt noch nicht Alles.“ Arnold erzäͤhlte nun ſeiner Gattin, was er von dem Huͤttenmeiſter gehoͤrt hatte. „O, das iſt unwuͤrdig,“ rief Adele,„ſo mit der Heiligkeit der Ehe Spott zu treiben und doppelt unwuͤr⸗ dig, daß er ſich wieder in die Gewalt dieſer Frau begiebt, die ihn auf eine ſolche Weiſe verſtieß, obſchon freilich, ſetzte ſie tief erroͤthend hinzu,„er auch ſehr ſtrafbar war.⸗ „Wenn Du Alles wuͤßteſt, was ich weiß, ſo wuͤr⸗ deſt Du ſein Vergehen unendlich vermindert finden.“ „Nein, Arnold... Doch Du haſt recht, ich weiß nicht genug, um zu urtheilen. Sie war eahrſche inlieh ſelbſt an dem ſchuld, was geſchah.“ „Ja, das iſt das mindeſte, was ich ſagen kann. Aber was war das, was ihr geſchah, gegen die hoͤlli⸗ ſchen Qualen, welche ſie mit kaltem Blute ihm berei⸗ tete! Sie war nicht blos rachgierig und unverſöhnlich nach der großen Epoche, ſondern ſchon lange vorher handelte ſie wie eine als Kokette verkleidete Furie. Sie weidete ſich daran, ihn alle Arten von Qualen erdulden zu laſſen. Sie ſpielte auf ſeinem jaͤmmerlich⸗ ſchwachen — „ͤe 153 Herzen, wie auf einem Inſtrument. Ja, ich glaube, daß ſie wirklich der Hoͤlle ſelbſt entſtammt.“ „Und dennoch, Arnold, dennoch...* „O, nun ſoll ſie mir Alles wieder bezahlen! Ich habe mir etwas ausgedacht. Und waͤhrend ich uͤberlegte, ob ich nicht das Recht haͤtte, ihrer frechen Zuverſicht eine Grenze zu ſetzen, fuhr ich— ungeachtet Laſſe mir mehrmals zurief: Rechts, rechts, Herr Doctor— in den Graben hinein, anſtatt daneben vorbei.“ „Wie— Du haſt umgeworfen?“ „Ja, allerdings, und ehe wir den zerbrochenen Wa⸗ gen untergebracht und ich ſodann nach meiner Schulter geſehen hatte, die mit einer leichten Quetſchung wegge⸗ kommen war, vergingen wieder ein paar Stunden— und auf dieſe Weiſe, meine Adele, haſt Du nun eine vollſtaͤndige Erklaͤrung uͤber die ganzen verſaͤumten vier⸗ undzwanzig Stunden.“ „Aber Deine Schulter, theurer Freund, laß uns erſt an dieſe denken! Sage, was ſoll ich thun?“ „Gar nichts weiter, als bei mir ſitzen bleiben.“ „Und ich habe Dich nach allen dieſen Unfaͤllen mit Thraͤnen empfangen— das war zu kindiſch! Aber Du weißt ja, daß man Erlaubniß hat, ein wenig kindiſch zu ſein, wenn man liebt und Sehnſucht empfindet.“ „Gebe Gott, daß Du niemals Thraͤnen vergießeſt, welche mir mehr Kummer machen— dieſe waren ſo liebenswuͤrdig... Aber, ſiehſt Du, meine Adele, auch 154 Honorine weiß nun dieſe Neuigkeit, denn Sirten befand ſich mit Montin auf demſelben Dampfboot.“ „Und noch dazu gerade, waͤhrend ſie ihn zur Hoch⸗ zeit erwartete, waͤhrend ſie ſich vielleicht vorſpiegelte... Aber nein, ich glaube nicht, daß ſie ſich etwas vorge⸗ ſpiegelt hat. Inzwiſchen laß uns auf unſerer Reiſe eilen, ſo viel wir koͤnnen. Ich weiß wohl, daß wir, wegen der Krankenbeſuche, nicht vor dem beſtimmten Tage abreiſen koͤnnen; aber wenn wir einmal hinaus ſind, werde ich ſehr ungeduldig ſein.“ „Sachte, mein Engel, ſachte,— wir werden einen Nachmittag eher abreiſen, als wir gedacht haben. Es kommt ſo viel darauf an, daß Du Dich nicht anzu⸗ ſtrengen brauchſt.“ 8 „Wie gut Du biſt!“ Wie vernuͤnftig, willſt Du ſagen... Aber weißt Du, was ich ſchon morgen fruͤhzeitig zu thun beab⸗ ſichtige?« 3 „Nein, was denn?“ „Nun, ich werde da vornehmen, was ich unter⸗ wegs beſchloſſen habe.“ „Und das iſt?“ 3 „Die Kammerraͤthin ihres Siegs zu berauben. Mag ſie ihn jetzt auch, wenn ſie will, bis zum Wahn⸗ ſinne lieben— man ſagt, daß dies der Fall ſei— ſo ſoll ſie doch ſeine Vernichtung nicht vollenden.“ „Wie kannſt Du dem vorbeugen?“ 8————— ———-——— ⸗ 15⁵ „Ich beſite von dieſer Frau ein Geheimniß, fuͤr deſſen Verſchweigung ſie mir mein Ehrenwort abgenom⸗ men hat. Gut— ich werde ihr nun ſagen, daß ſie waͤhlen kann.“ „Waͤhlen?“ „Ja, entweder von Philipp abzulaſſen und auf im⸗ mer mit dieſen Kuͤnſten aufzuhoͤren, durch welche ſie ihn beherrſchte, oder ſich darauf gefaßt zu machen, daß ich, da ein ſo außerordentlicher Fall eingetreten iſt, mein Wort breche. Und ich glaube, daß es hart hergehen muß, hevor ſie das zulaͤßt.“ „Aber, Arnold, fannſt Du auch thun, was Du ſagſt?... Eine Frau, die ſich einem Arzte anver⸗ traut... 5 „ws iſt nicht blos, was Du ahneſt oder wie Du ahneſt— ich verſichere Dir, Geliebte, das Herz dieſer Sirene iſt eine bodenloſe Tiefe und ich muß Philipp retten, ſei es, um welchen Preis es wolle.“ „Wird dieſer Brief auf Dein beſonderes Verhaͤlt⸗ niß zu ihr hindeuten?“ fragte Adele, leicht die Farbe wechſelnd. „Durchaus nicht... Du willſt doch gern den Brief ſehen— nicht wahr?“ „Das geſtehe ich, aber ich kann es nicht verlangen.“ „Du wirſt bekommen, was Du wunſcheſt, ohne daß Du etwas zu verlangen brauchſt. Ich werde ſo ſchrei⸗ den, daß Du Alles erfaͤhrſt, was ein Mann ſeiner Frau 156 erfaͤhrſt, als ich als Arzt das Recht habe, Dir anzu⸗ vertrauen.“ Adele dankte nicht durch Worte; ſie gab ihrem Gatten einen herzlichen Kuß, welcher ihn vollſtaͤndig fuͤr dieſe Ausnahme belohnte, die er fruͤher niemals, auch nur um einer Gattin willen, geglaubt haͤtte, machen zu koͤnnen. Ee anvertrauen kann und doch ſo, daß Du nicht mehr mehr anzu⸗ ihrem g fuͤr auch en zu * 6. ger Brief. Eine Verſchwörung. Es war ungefaͤhr zehn Uhr am andern Morgen, als die junge Hausfrau, die eben ihre gewoͤhnliche Mor⸗ genrunde und ihre gewoͤhnliche Morgenberathung mit Jungfer Lisbeth beendet— die fruͤher ſo tanzliebende Adele war die Haͤuslichkeit ſelbſt geworden— leiſe die Thuͤr zu dem Zimmer ihres Gatten oͤffnete und fragte: „Darf ich nun hineinkommen?“ „Ja, komm', Geliebte— ich bin ſogleich fertig; ſetze Dich einen Augenblick auf's Sopha.“ Es waͤre der armen Adele, die immer noch den Fehler der Neugierde beſaß, ſehr ſchwer angekommen, wenn ſie wenigſtens nicht erfahren haͤtte, welches Tones ihr Gatte ſich bediente, als er an eine Frau ſchrieb, die er einmal geliebt. Und ſie dankte eben Gott von Her⸗ zen dafuͤr, daß Arnold mit ſeiner gewoͤhnlichen Zartheit dieſe Schwaͤche durchſchaut hatte, als er die Feder weg⸗ werfend rief: 8 158 „Da hier, mein Engel!“ Adele eilte zum Schreibtiſche und nahm den Platz ein, den ſie hier allemal erhielt, naͤmlich das Knie ihres Mannes. „Wenn ich das hier nicht haͤtte leſen dürfen,⸗ ſagte ſie ſchelmiſch, indem ſie ſich uͤber das Papier nieder⸗ beugte,„ſo fuͤrchte ich, ich waͤre krank geworden.“ „Dieſelbe Furcht hegte ich auch,“ antwortete er laͤchelnd.„Ich weiß ja noch, wie Du bei der Mutter im Suͤ— „Still, ſtoͤre mich nicht— jetzt werde ich anfan⸗ gen... aber erſt noch ein Wort! Es fiel mir eben heute Morgen ein, daß ſie einander vielleicht gar nicht heirathen duͤrfen, wenn ſie auch noch ſo gern wollten.“ „Leider iſt es nicht ſo— die Sache iſt allerdings ungewoͤhnlich, aber es exiſtirt eine koͤnigliche Verordnung, welche geſtattet, daß geſchiedene Ehegatten ſich wieder verbinden koͤnnen, nachdem, wie ſich von ſelbſt verſteht, wieder Aufgebot und Trauung ſtattgefunden hat, wie bei jeder andern Vermaͤhlung.“ „Dieſe Verordnung gefaͤllt mir nicht! ich haͤtte der Exheiligen die Strafe gegoͤnnt, ſich auf immer von dem Manne getrennt zu ſehen, in den es ihr eingefal⸗ len iſt, ſich in einer Zeit zu verlieben, wo Alles aus ſein ſollte.“ „Dieſe Strafe, im Fall es eine ſolche Reghen * 159 haͤtte, wuͤrde ihre Vereinigung nicht verhindert haben, nachdem ſie dieſelbe einmal beſchloſſen.“ „Aber dies waͤre ja dann unmoͤglich geweſen.“ „Gewiß nicht— wenn ich Frau Lilia richtig kenne, ſo wuͤrde ſie ſich durch dieſen Umſtand nicht ſehr haben geniren laſſen— fuͤr ſie waͤre es genug geweſen, daß eine Trauung ſtattgefunden haͤtte.“ „Der Schritt, den Du thuſt, iſt alſo darauf be⸗ rechnet, ſie beſtimmt zu trennen, ſie moͤgen ſich nun durch die Liebe oder durch das Geſetz vereinigen wollen?“ „Ja, das iſt meine Abſicht, denn ich bin der un⸗ umſtoͤßlichen Ueberzeugung, daß dieſe Frau, welche die erſtaunlichſte Zuſammenſetzung von allen Arten Bos⸗ heit ausmacht, bald wieder ſeiner uͤberdruͤſſig werden und nach einem kurzen Rauſche ihn um ſo ungluͤckli⸗ cher machen wuͤrde, alsdann nicht gut eine neue Schei⸗ dung ſtattfinden und nichts Philipps ewige Reue er⸗ ſetzen koͤnnte.“ „Und uͤberdies wuͤrde ſie ja auch ihren Lohn nicht empfangen!“ „Auch das waͤre eine entſetzliche Ungerechtigkeit. Aber wir werden ſehen, ob der Lohn fuͤr alle ihre Nie⸗ digkeiten ſowohl gegen ihren erſten, als gegen ihren zwei⸗ ten Mann— der letztere war fuͤrwahr auch nicht zu beneiden— durch dieſen Triumph abgetragen wird... Lies nun!“ Und Adele las Folgendes: —— 160 „Geehrte Frau! „Ich habe ein Geruͤcht gehoͤrt, welches ich gern bezweifeln moͤchte; aber da ich die Ehre Ihrer naͤhern Bekanntſchaft genoſſen habe, ſo ſteht es mir nicht zu, an irgend etwas zu zweifeln, was von Ihnen ausgeht. „Sie haben alſo, nachdem Sie durch die Zeitungen die Adreſſe erfahren, um deren Kenntniß Sie ſich bei Ihrem Bruder ſoviel Muͤhe gaben, ſich vorgenommen, an Ihren geſchiedenen Gatten zu ſchreiben. Was Sie geſchrieben haben, kann man, ohne dem Zartgefuͤhl zu nahe zu treten, wohl errathen. „Er haͤtte niemals den erſten Schritt gethan. Ih⸗ nen machte dies jedoch weiter keine Beſchwerde und nun iſt Ihnen endlich Alles ſo wohl gegluͤckt, daß Sie ihn vermocht haben, zu Ihnen zu kommen, anſtatt, ſeinem Verſprechen gemaͤß, direct nach dem Orte zu reiſen, wo er erwartet wurde. „Das Geruͤcht meldet ferner, daß Sie mit Ihrem Werke ſehr weit gekommen ſind. Ihr vormaliger Gatte macht Ihnen taͤglich die Cour und man ſagt: Sie ſind verlobt. „Alles dies waͤre— obſchon, von moraliſcher Seite betrachtet, ſtets etwas Anſtoͤßiges— doch eine Sache, worein ſich Niemand zu miſchen haͤtte, dafern nicht mit der vorhergegangenen Scheidung eigenthuͤmliche Umſtaͤnde zuſammenhingen. 1n „Ja, geehrte Frau, dieſe Umſtaͤnde ſind ſo eigen⸗ gern hern zu, geht. gen bei nen, Sie l zu Ih⸗ nun ihn inem „wo hrem Gatte ſind Seite zache, dt mit taͤnde eigen⸗ 161 thuͤmlich, daß ich geſtehen muß, daß ſie fuͤr meine Au⸗ gen ſich zu einem Hinderniß fuͤr Ihre bevorſtehende Wiedervermaͤhlung geſtalten. „Ich weiß wohl, was Sie jetzt dagegen einwen⸗ den werden. Sie werden mich daran erinnern, daß ich an demſelben Abende, wo es Ihnen beliebte, jenes kleine Drama in meinem Hauſe aufzufuͤhren— ein Drama, deſſen Folgen ich, wie Sie wohl wiſſen, ſchwer buͤßen mußte— zu Ihnen ſagte, daß gerade eine Ausſoͤhnung mit Ihrem Gatten die natuͤrlichſte und vernuͤnftigſte Weiſe waͤre, Alles wieder zu ordnen. Ja, ich bat Sie ſogar um dieſe Ausſoͤhnung, an der Ihnen gelegen ſein mußte. Ich bat fuͤr den, welchen Sie— als Sie ſich hinter dem Schirm verſteckt hielten— ſelbſt ſeine Klagen, ſeinen Wahnſinn in Worten ausſprechen hoͤr⸗ ten. Aber Sie wurden dadurch nur ſoweit geruͤhrt, wie es eine Schauſpielerin auf der Buͤhne wird. Sie nahmen wieder Ihre Rolle als unverſoͤhnliche Gattin auf und dieſe Rolle verfolgten Sie bis zum Schluß dadurch, daß Sie die Scheidung wirklich durchſetzten. „Aber nun werde ich die Ehre haben, Ihre Ein⸗ wendungen zu beantworten. „Das was damals, wo nur wenige Wochen ſeit dem Tage verfloſſen waren, wo Sie Philipp von Ihrem gefaßten Beſchluſſe in Kenntniß ſetzten, vereinigt, ge⸗ heilt und ausgeſoͤhnt werden konnte, kann jetzt nicht mehr eben ſo leicht verejnigt, geheilt und ausgeſoͤhnt werden. Ein Gerücht. VII. 11 — j „Es handelt ſich jetzt nicht mehr um die bloßen Worte des Geheimniſſes, welche Sie an dem oben be⸗ ruͤhrten Abend mir anvertrauten, es handelt ſich jetzt um das lebende Geheimniß ſelbſt. „Was beabſichtigen Sie mit dieſem lebenden Ge⸗ heimniß zu thun, geehrte Frau? „Ohne Zweifel hat Ihr erfinderiſcher Kopf ſchon einen Ausweg ausfindig gemacht; aber bedenken Sie, daß Sie, im Fall einer zweiten Verheirathung mit Ih⸗ rem Gatten, auch Ihr Gewiſſen, ja mit Recht das Ge⸗ ſetz um Nath fragen muͤſſen, um zu erfahren, welcher Platz dann uͤbrig bleibt fuͤr... „Ich brauche wohl nicht deutlicher zu ſprechen. „In einem andern Falle aber muͤßte ich vollkom⸗ men deutlich reden. „Wenn Sie nun fuͤr Philipp die innige Liebe he⸗ gen, welche Sie fruͤher an ihm verachteten, wenn Sie im Stande ſind, zu lieben, wenn Sie eines reinen und edeln Gefuͤhls maͤchtig ſind, ſo beweiſen Sie dies da⸗ durch, daß Sie ſich ſelbſt fuͤr die Vergangenheit ſtrafen. „Sie wiſſen ſelbſt, geehrte Frau, daß Niemand we⸗ niger, als Sie, ſich Anſpruch auf das Gluͤck erworben haben koͤnne, ja noch mehr, Sie wiſſen, daß nach dem, was geſchehen, Sie niemals in dolen Genuß des Gluͤckes kommen koͤnnen. „Philipps Leidenſchaft mag aufgeſtachelt trerden, zu welcher Hoͤhe ſie wolle ſo ſage ich doch, daß, wenn 5 — 163 Sie wieder mit einander verheirathet werden, Ihre Gewalt ſofort ihr Ende erreichen ſoll. „Ein Mann, der durch den Leichtſinn und die Grauſamkeit einer Frau ſo unerhoͤrt gelitten hat, wie er, wird ſich erheben, ſobald er ſich ſicher weiß und— er wird ſich raͤchen. „Glauben Sie mir, das Bild ihres kuͤnftigen Lebens kann ein Jeder, der in dem Menſchenherzen zu leſen verſteht, im Voraus ſchauen. Dieſes Bild wird, wenn Sie ſich ſelbſt bemuͤhen, es zu ſehen, dunkel, ja, es wird ſchwarz wie die Nacht. „Entſchließen Sie ſich daher zu einer heldenmuͤthi⸗ gen Aufopferung und Sie werden es thun, wenn Sie wiirklich lieben. „Lieben Sie daher nur mit dem Rauſche der Sinne, ſo werden Sie auch kein Opfer bringen wollen— ich weiß das— ſondern blind ins Verderben ſtuͤrzen. „Aber hoͤren Sie: das darf nicht geſchehen! Philipp ſoll nicht zum zweiten Male geopfert werden. „Sie fuͤhlen ſich ſicher im Vertrauen auf das Verſchwiegenheitsverſprechen, welches ich Ihnen gegeben. Wenn Sie ſich aber weigern, auf das einzugehen, um was ich Sie jetzt gebeten, ſo ſoll mein gegebenes Ehren⸗ wort mir nicht im Wege ſtehen. „Ich habe die Sache vor den Richterſtuhl meines Gewiſſens gezogen und mein Entſchluß iſt, Philipp nicht nur die Exiſtenz jener fabelhaften und abſcheuli⸗ 11* 164 chen Geſchichte zu entdecken, ſondern auch jenen beſon⸗ deren Auftrag, durch welchen Sie mich als Arzt zu kraͤnken wagten. „Ich weiß wohl, geehrte Frau, das Sie in Excla⸗ mationen ausbrechen, daß Sie Nervenzufaͤlle bekommen werden, daß Sie, wenn es ſich thun ließe, ſich gern da⸗ mit beruhigten, das Gluͤck deſſen, dem Sie fruͤher in dieſer Hinſicht Ihre Fuͤrſorge ſchenkten, zu zerreißen und bis auf den Grund zu zerſtoͤren. Aber mein Gluͤck ruht jetzt in guten Haͤnden. 4 „Ich erwarte Ihre Antwort in Tjuſtorp, wohin ich in zwei Tagen reiſe und ich hoffe, daß Sie, um allen Chikanen und allem Aufſehen auszuweichen, dieſe Antwort zuſtimmend ausfallen laſſen werden. „Sagen Sie mir nicht, daß das Gluͤck der Kinder durch die beabſichtigte Wiedervereinigung geſichert werde — im Gegentheil, all das Uebel, welches Ihnen durch, die Scheidung zugefallen iſt, wuͤrde noch durch die ganz falſche Stellung vermehrt werden, welche die Folge die⸗ ſes neuen Eheſtandes waͤre. „Sagen Sie mir auch nicht etwa ſo etwas, wie, daß Philipps Gluͤck von Ihnen abhinge! Ich ſchwoͤre darauf, daß er, wenn Sie ihn nur ſich ſelbſt uͤberlaſſen, Sie bald vergeſſen wird.— Shr gehorſamer Diener Arnold Warvner.“ 165 „Mein Gott, mein Gott, und einen ſolchen Brief kann ein Mann an eine Frau zu ſchreiben wagen,“ ſagte Adele, indem ſie das Blatt zuſammenfallen ließ und die Augen auf ihren Gatten heftete. „O, ich haͤtte noch viel ſtrenger ſchreiben koͤnnen, wenn der Brief nicht haͤtte von Dir geleſen werden ſollen. Haſt Du Mitleiden mit ihr?⸗ „Beinahe. Ich weiß wohl, daß, wenn Du, der Du ſo rechtliebend und gut biſt, es haſt uͤber Dich ge⸗ winnen koͤnnen, dieſen Ton anzunehmen, Du auch ganz gewiß ein Recht dazu haſt. Aber fuͤr ſie als Frau... „Bei mir hat ſie ganz und gar das Recht auf die Achtung verloren, welche ihr Geſchlecht in Anſpruch nimmt, und gleichwohl glaube ich nicht, daß ich dieſem Rechte zu nahe getreten bin, wenn der Gegenſtand— den Du in gewiſſen Theilen unmoͤglich beurtheilen kannſt— in Betrachtung gezogen wird.“ „Der Brief beweiſ't an mehrern Stellen den Edel⸗ muth Deines Herzens, ſelbſt wo ſie beruͤhrt wird, aber in den meiſten— verzeihe mir, daß ich das ſage, lieber Arnold — biſt Du ein ſtrenger Richter. Und die Anſpielung am Schluſſe auf Dein eigenes Gluͤck ſchmeckt nach ei⸗ ner Bitterkeit, welche moͤglicherweiſe die Wirkung des uͤbrigen Inhalts ſchwaͤcht... ſie muß das fuͤhlen.“ „Wie gern, meine Adele, hoͤre ich von Dir dieſe Vorwuͤrfe, welche den Edelmuth Deines Herzens be⸗ weiſen! Aber ſei uͤberzeugt, daß ich bald in dem Kampfe 166 mit ihr zu kurz kommen wuͤrde, wenn ich ſie mit Nach⸗ ſicht behandeln wollte. Sie iſt ein mir uͤberlegener Gegner und bedarf keineswegs das Recht des Schwaͤche⸗ ren, denn ſie hat ſowohl Schnabel als Klauen, um ſich zu vertheidigen. Du wirſt es wohl ſehen— dafern ſie nicht erſt mich dadurch zu beſtechen ſucht, daß ſie die reuige Magdalene ſpielt.“ „Aber geſtehe nur, daß Du ſie beinahe haſſeſt.“ „Es fehlt vielleicht nicht viel daran. Aber ſei uͤberzeugt, daß ich der Erſte ſein wuͤrde, ihr die Achtung zu geben, die ſie verdiente, im Fall ſie freiwillig ihre zu ſpaͤte Liebesgluth opferte. „Das thut ſie niemals, dafern nicht die dunkeln Geheimniſſe, die Du in ihr Gedaͤchtniß zuruͤckrufſt, ſie durch die Furcht dazu noͤthigen und das Geheimniß, was ich ahne, wird ſie, glaube ich, ihrem Gatten oder wie er ſonſt genannt werden wird, nicht bekannt werden laſſen wollen.“ „Aber glaubſt Du andererſeits, daß eine Frau, die wahrhaft liebt, zweideutige Geheimniſſe mit ſich in ihren Eheſtand nehmen wird? Wuͤrdeſt Du nicht, wenn Du das Geringſte gehabt haͤtteſt, es mir anvertraut haben?“ „Ja, ich wohl, aber ich treibe die Wahrheitsliebe auch zu weit. Ich erbot mich ja im Voraus, Dir meine ganze Autographenſammlung zu ſchenken, mein einziges, duͤrftiges Geheimniß.“ „Du liebe, kleine Gauklerin, Du erinnerſt mich 1 167 jetzt daran, welchen bittern Eindruck dieſe Idee auf mich machte, als wir uns oben im Gebirge trafen... Wie ſehr habe ich nicht Urſache, Gott zu danken, daß Alles ſo gut geendet hat! Wenn es zu ſpaͤt geweſen waͤre, Adele, wenn Du geſtorben, wenn Du, die ich vom erſten Augenblicke an liebte, mir entriſſen worden waͤreſt — ach, Du weißt nicht, wie ich Dich betrauert haben wuͤrde!“ Ich bin weit zufriedener, zu ſehen, wie Du fuͤr mich lebſt und zum Dank dafuͤr geſtehe ich, daß ich Niemanden kenne, deſſen Gluͤck ich mit dem unſern vergleichen moͤchte.“ „Wenn es mir gelingt, Philipp dem entſetzlichſten Abgrunde, einer ungluͤcklichen Ehe, zu entreißen, ſo gebe ich auch nicht die Hoffnung auf, ihn einmal ſo gluͤcklich zu ſehen, wie ich bin und das wuͤrde er, wenn er Hono⸗ rinen gewoͤnne.“ „Es faͤllt mir etwas ein, Arnold— kommt Thurné nicht auf alle Faͤlle zur Hochzeit ſeines Schwa⸗ gers?“ „Er wird unmoͤglich wegbleiben koͤnnen.“ „Und eben ſo wenig wird er der Erſchuͤtterung auszuweichen vermoͤgen, welche der Anblick Honorinens herbeifuͤhren muß.“ „Ich rechne auch darauf. Es wird bald ein Kampf in ſeinem Herzen entſtehen. Ich kenne Philipp. Lilig, die ihre Liehe anbietet, kann wohl fuͤr ſeine 1 168 Sinne verfuͤhreriſch ſein, aber all das Zarte und Un⸗ ausſprechliche einer keuſcheren Neigung vermißt er an dieſer. Und wenn er nach den leidenſchaftlichen Scenen, deren Held er jetzt geweſen, ſich wieder in der beruhi⸗ genden Kuͤhle von Honorinens Umgang befindet, wird er ſich wohl fuͤhlen und unbewußt Vergleichungen en⸗ ſtellen.“ 7. „Und wenn Honorine ihn auf keine Weiſe ermun⸗ tert— im Gegentheil— ſo wird dadurch ſeine Eigen⸗ liebe gereizt.“. „Freilich... aber ſie verſchmäht die Rolle einer Kokette.“ „Allerdings. Aber Du kannſt eben ſo uͤberzeugt ſein, daß ſie niemals die Rolle verſchmäht, welche ihre eigene Wuͤrde ihr vorſchreibt. Herr Thurné findet⸗ entweder mehr oder weniger, als die Freundin, die er erſt fand.“ „Um ſo beſſer!“ „Aber waͤre nicht ein wenig Eiferſucht heilſam?“ „Als Arzt wuͤrde ich ſie unbedingt vorſchreiben, wenn ich nur wuͤßte, wo man die Ingredienzien zu dem Recepte herbekaͤme.“ .„Wir wollen doch einmal Honorinens Freier die Muſterung paſſiren laſſen!! „Es ſteht nichts davon hier, mein Freund. Zu⸗ erſt haben wir hier den alten Grafen von Syaneholm 7 7 169 — das iſt ein altmodiſcher Courmacher, uͤber den ſie nur laͤchelt.“ B „Daraus wird alſo keine Eiferſucht.“ „Nummer 2: der Kreisdirector. Aber der beklei⸗ de ſein Amt nun ſchon ſeit zehn Jahren und war ſchon nicht mehr jung, als er es bekam.“ uund ich glaube, daß er nicht einmal in ſeiner Jugend die Eiferſucht eines Nebenbuhlers erweckt hat.“ „Siwten verlohnt es ſich nicht der Muͤhe, zu nen⸗ nen— eine zehnjaͤhrige Treue ſollte allerdings belohnt werden, aber es iſt wahrſcheinlich, daß ſie niemals be⸗ lohnt wird... armer Siyten!“ „Hm, darin bin ich nicht ganz Deiner Anſicht, aber da ich will, daß Honorine in ihrem zweiten Ehe⸗ ſtand! wahrhaft gluͤcklich werde, ſo bin ich nicht gemeint, Siyten eine andere Rolle zuzutheilen, als die ihres le⸗ benslaͤnglichen, harmloſen Anbeters.“ „'Es iſt nun noch der Rittmeiſter G— krona uͤbrig, der iſt jung und elegant.“ „Aber unmenſchlich haͤßlich. Doch das ließe ſich noch uͤberſehen, wenn er nicht ſo aufgeblaſen waͤre. Thurné wird es ſich nie einfallen laſſen, ihn fuͤr einen Nebenbuhlen anzuſehen.“ „Aber nun iſt die gegenwaͤrtige Liſte, ſoviel wir wiſſen, geſchloſſen und noch weiß ich nicht, woher die Eiferſucht kommen ſoll.“ „Warte... weißt Du, ja, Du weißt, daß Dick 170 Montin zu uͤberreden geſucht hat, mit zur Hochzeit zu kommen, da aber Dick gern die ganze Welt einladen moͤchte, ſo hat unſer ſtolzer Nachbar kein Gewicht wei⸗ ter darauf gelegt. Wie waͤre es, wenn wir uns nun bei ihm dafuͤr verbuͤrgten, daß er willkommen ſein wuͤrde?“ „Aha, ich fange an, zu begreifen,“ ſagte Arnold lachend.„Du willſt Deinen eigenen Anbeter abtreten — das iſt ſehr edel von Dir, beſonders wenn man Dei⸗ nen geringen Vorrath in Betracht zieht.“ „»Was thut man nicht fuͤr die Freundſchaft! Ueber⸗ dies nehme ich mir ihn wieder, ſobald wir zuruͤckkommen. 6 „Aber wenn nun Montin wirklich eine ernſte Nei⸗ gung empfaͤnde?“ „O, das hat keine Gefahr— Maͤnner von ſeinem Charakter verlieben ſich nicht ohne einen Funken Auf⸗ opferung, und einen ſolchen wird er wohl nicht bekom⸗ men. Er eignet ſich aber ganz vortrefflich dazu, die Eiferſucht einer ſchlummernden Liehe zu erwecken... nicht wahr?“ „Er vereinigt Beides: Aeußeres und Manieren.“ „Und an Hoͤflichkeiten wird er es nicht fehlen laſ⸗ ſen, deſſen kann man ſicher ſein, denn er iſt ein ausge⸗ machter Bewunderer des ſchoͤnen Geſchlechts.“ „Gut, mehr wollen wir nicht— wir laden ihn alſo ein.“ „Es ſei ſo, denn dies iſt— von jedem Extravortheile abgeſehen— ein Vortheil fuͤr ihn ſowohl, als fuͤr uns.“ 7. Her Alte, ſeine Herrin und der Wagen. „Hopp, Alter, heb' die Beine auf... hopp, ſag ich; weißt Du nicht, daß wir zu unſerm kleinen Zeiſig auf die Hochzeit wollen?“ Der Alte antwortete mit einem ſo ſanften und zugleich luſtigen Gewieher und es war klar, wie der Tag, daß er die Wichtigkeit ſeiner Reiſe begriff, obſchon er mit der Freiheit, die einer langjaͤhrigen Guͤnſtlingſchaft zukommt, auf ſeine behaglichen Gewohnheiten nicht ver⸗ zichtete. Aber in welchem Glanz trat jetzt der Alte gegen die fruͤhere Zeit auf! Auch war die Zeit, wo er von Stroh und Haͤck⸗ ſel lebte, nur ein Traum, eine Erinnerung; Heu und Hafer gehoͤrte ſeit einem Jahre zur Tagesordnung und daher kam es, daß der Alte— denn er war ein Gour⸗ mand— jetzt ſo dick geworden war, daß es ſah, gls 172 ob der ſchwarze Pelz ganz erneuert waͤre; und dieſes Wohlbefinden hatte ſich auch auf ſeine Laune erſtreckt, die jetzt von unvergleichlich frbhlicher Beſchaffenheit war. Aber war es wohl der Guͤnſtling des ſeligen Ca⸗ pitain Stureſon allein, was die Veraͤnderung der rei⸗ ſenden Familie verrieth? Gewiß nicht. Der Wagen hatte ein neues, praͤchtiges Dach be⸗ kommen und war mit der ſchoͤnſten, gruͤnen Farbe friſch angeſtrichen; das Beſchlaͤge war ſo gut als neu, ja der ganze Wagen war ſo gut wie neu, aber auf alle Faͤlle war es noch der alte. Nichts haͤtte Frau Walborg vermocht, ihn gegen einen andern umzutauſchen, der ihr ſtockfremd geweſen waͤre. Natuͤrlich hat wohl auch die aͤußere Erſcheinung dieſer achtungswerthen Frau eine auffaͤllige Veraͤnderung erfahren?— Jawohl. Aber zu Jolli's Verzweiflung bleibt ſie immer, was ihre Garderobe betrifft, der alten Mode treu. Der Ueberrock iſt allerdings von neuem, gutem Tuch, aber, o weh, der Schnitt, der Schnitt... Frau Wal⸗ borg hielt nichts von den Neuerungen der Mode. Und was den rothen Reiſeſhawl des ſeligen Capitains be⸗ trifft, ſo war dieſer eine Reliquie von viel zu hohem Werthe, als daß er haͤtte beiſeite gelegt werden koͤnnen. 173 Wir ſehen alſo den alten Shawl nicht blos auf dieſelbe Art geknuͤpft, wie fruͤher, ſondern auch, wie fruͤ⸗ her, ohne die eine Quaſte. Jolli hatte dieſem Mangel unzaͤhlige Mal abhel⸗ fen wollen, aber Frau Walborg hatte geantwortet:„Hier auf dieſer Welt kann einmal nicht Alles vollkommen und untadelhaft ſein und der Beutel iſt ebenſo gut, wie die Quaſte.“ Frau Walborg war in dieſem Falle eigenſinnig, wie in gewiſſen andern. „Das liegt ſo in der Natur des Menſchen!“ ſagte der alte Stapleton, der Ehrenmann, welcher wußte, daß der Menſch weit mehr Sinne haͤtte, als fuͤnf. Auf dem Platze im Wagen, den Jolli einnahm, als wir ſie zum erſten Male in ihren Mamelucken mit dem kurzen Rocke auftreten ſahen, ſaß jetzt ein kleiner achtjaͤhriger, vater⸗ und mutterloſer Bauerjunge, den Frau Walborg angenommen, um eine Art Geſellſchaft und Diener fuͤr den Alten und ſie ſelbſt aus ihm zu machen. Der Junge, der wie eine zerlumpte Vogelſcheuche zu ihr gekommen, war jetzt ganz zierlich mit aus Frau Walborgs braunem Ueberrock verfertigter Jacke und Weſte bekleidet. Auch war der arme Teufel bis jetzt noch nicht muͤde geworden, ſeine uͤbertriebene Eleganz zu bewundern. „Nun, Jerker, meinſt Du, daß wir dem Alten das letzte Stuͤck Kuchen geben ſollen?* 174 Mit dieſer vertraulichen Frage wendete ſich Frau Walborg an ihren Schuͤtzling. „Haͤ?“ antwortete Jerker und zog den Mund grinſend bis an die Ohren. Jedesmal, wenn der Alte eine Staͤrkung erhielt, machte ſich auch eine ſolche fuͤr Jerker noͤthig. „Habe ich Dir nicht geſagt, Du Bengel, daß Du nicht haͤ ſagen ſollſt!“ „Här. „Nimm Dich in Acht; wenn Du nicht vernuͤnf⸗ tig antworteſt, ſo werde ich Dir mores lehren!e Jerker hatte ſich an Frau Walborgs Manier noch ebenſo wenig gewoͤhnt, wie an ſeinen Luxus; aber da er hinreichend Speiſe und Trank und nicht allzuviel Hiebe bekam, ſo hatte er ſchon bei ſich beſchloſſen, ſeiner Herrin in Allem zu gehorchen. „Nun, wollen wir das Brot herausnehmen? Wir⸗ haben allerdings nicht viel weiter, als eine Viertelmeile, aber dennoch...“ „Eine Viertelmeile— das iſt nicht wenig fuͤr den Alten, wenn er hungrig iſt.“ „Das verſtehſt Du wohl, weil er keucht?— Aber egal, der Alte ſoll etwas kriegen und die Herrin auch, ehe wir zu den feinen Leuten kommen... Na, Jerker, nun raſch... wo haſt Du denn die Beine, Du Schlin⸗ gel.“ „Ich habe ſie auf den kleinen Kaſten geſtemmt.“ — G dͤeh S 3 9u22* 175 „Der Teufel hole Dich; wenn nun das Schloß entzwei geht— in dieſem kleinen Kaſten habe ich ja die Magentropfen.“ „Haͤ 2e „Willſt Du gleich die Beine wegthun, Du Schlar⸗ affengeſicht, hoͤrſt Du?“ „Ich habe den Kuchen hier, Herrin.“ „Willſt Du gleich die Beine wegthun, oder Dich ſoll.. herunter mit Dir!“ Aber, o weh, die Herrin hatte kaum ihre Hand an den kleinen Kaſten gelegt— mit welchem Namen Jerker das Flaſchenfutter bezeichnete, als er ausrief: „Da kommen zwei junge Leute, ein Herr und eine Mam⸗ ſell, oder was ſie ſind, gerade auf uns zugeſprungen.“ Mit dem Vorgeſchmack einer Ueberraſchung, welche Frau Walborg fuͤr den Augenblick entbehren zu koͤnnen glaubte, zog ſie langſam die Hand aus der angenehmen Lage zuruͤck und richtete ſich auf, gerade noch Zeit ge⸗ nug, um mit ihrem Tuche Dick und Jolli ihren Gruß zuzuwinken, welche, einander bei der Hand haltend, auf die erwartete Mutter zugeeilt kamen. „Willkommen, Mama, willkommen, gute Mama!“ riefen ſie nach einander und Frau Walborg antwortete in einem Tone, der doch nicht die Energie beſaß, die er gehabt haben wuͤrde, wenn die Begegnung fuͤnf Mi⸗ nuten ſpaͤter geſchehen waͤre: „Dank, Dank, meine Kinder! Gott ſtehe mir bei, 2 176 was Ihr doch laufen koͤnnt... ich waͤre ſchon ge⸗ kommen.“ Jolli, welche Alles begriff, beeilte ſich, nachdem ſie erſt den Alten begruͤßt, ganz demuͤthig zu ant⸗ worten: „Wir konnten es gar nicht erwarten, die Mama zu ſehen. Iſt es nicht wahr, Dick, daß ich vergangene Nacht vor lauter Sehnſucht nicht geſchlafen habe.? „Und iſt es nicht wahr,“ entgegnete Dick,„daß ich auf Dein Pochen an der Wand gleich antwortete und daß ich eine ganze Stunde pochte, als Du thatſt, als wenn Du ſchliefſt, blos um Dir zu erkennen zu geben, daß ich mich eben ſo ſehr ſehnte 2“ „Nach mir?“ fragte Frau Walborg mit ſeuun 4 Laͤcheln. „Ja, gewiß— denn heute ſage ich: morgen; aber morgen werde ich mich freuen, zu ſagen: heute.: „Das kann ſchon ſein!“* „Und weißt Du, Mama,“ fiel Jolli erröthend ein,„daß auf der andern Seite Doctor Warvner an ſeine Wand klopfte. Das ſollte bedeuten, wir ſollten ſtill ſein und die Koͤnigin Adele nicht aufwecken.. „»Das iſt dumm,“ hob Dick wieder an,„mit ſolchen Corridoren, wo ein Zimmer neben dem an⸗ dern liegt. Zwei und zwei waͤren genug— da koͤnnte man wenigſtens wagen, ſo viel zu pochen, gls man b 8 hend an llten mit an⸗ nnte man 177 wollte, wenn man ſich nicht auf andere Weiſe mit⸗ theilen darf.“ 1 „Alſo nun wieder vorwaͤrts, Alter! Ihr koͤnut daneben hergehen, Kinder... ach, Ihr habt ja den Jungen noch gar nicht angeſehen, meinen Pflegeſohn... Nimm den Hut ab, Jerker!“ „Haͤ?« ſagte Jerker— er wagte, auf muͤrriſcher Lanune zu ſein, weil auch er die Unannehmlichkeit einer getaͤuſchten Erwartung empfunden hatte. „Guten Tag, mein Sohn,“ ſagte Jolli;„ich werde Dir eine ſchoͤne Weſte geben.“ „Und ich werde Dir morgen eine neue Muͤtze und ein ſeidenes Halstuch geben,“ fiel Dick ein. Jerkers Geſicht heiterte ſich bedeutend auf. „Nun, ſind ſie ſchon Alle da?“ fuhr Frau Wal⸗ borg fort.„Die weithergekommenen Gaͤſte, meine ich.“ „Baron Siyten kam vorgeſtern,“ verkuͤndete Jolli, „Doctors geſtern und ſie brachten einen Freund von Dick mit. Mama kommt heute. Und kommt Thurné nicht heute Abend, ſo geſchieht es wohl morgen.“ „So, er iſt noch nicht da?“ „Aber er kommt beſtimmt,“ verſicherte Dick. „Wie geht es denn uͤbrigens? Iſt das Back⸗ werk gelungen und das Eingemachte und was dazu gehoͤrt?“ „ Ja, Honorine iſt ganz ſtolz auf Alles.“ Ein Gerücht. VII. 12 178 „Die vortreffliche Frau! Eine ſolche Frau be⸗ kommſt-Du nicht, mein lieber Dick.“ „Ich bekomme eine, die zehnmal beſſer fuͤr mich paßt.“ „Ja, das iſt wahr... und Sirten? merkt Ihr vielleicht, ob er an die alten Geſchichten denkt?“ „Weißt Du, Mama,“ antwortete Jolli mit ſchel⸗ miſchem Nicken,„ich glaube, daß er an etwas ganz Neues denkt. Seine Aufmerkſamkeiten fangen an, ſo fein zu werden und er ſucht ſich uͤberall in's erſte Glied zu ſtellen.“ „Daran thut er recht, das beweiſ't Ambition.“ „Honorine wollte heute morgen ein wenig aus⸗ reiten, denn ſie hat jetzt immer den Kopf voll von ihren Grundſtuͤcksveraͤnderungen und Gott weiß, was ſonſt noch. Ich dachte, es wuͤrde Ruhe werden, ſeitdem ſie mit der Grundſtuͤckeintheilung fertig iſt.. „Was das fuͤr ein Geſchwaͤtz iſt! Was war es denn, womit Du eigentlich anfingſt?“ „Honorinens Spatzierritt war es,“ fiel Dick ein, „und dieſer ſtand, wie Jolli ſpaͤter ſagte, in engem Zuſammenhang mit dem Erſten.“ „Ihr ſteht in engem Zuſammenhang, Ihr loſen Kinder... nun, mein kleiner Zeiſig, laß hönn, was Du noch zu erzaͤhlen haſt.“ „Gleich, Mama!“ Nerr nun ſprang Jolli, ſtatt deſſen, hinter den 179 Wagen. Dick hatte ſchon vorher ſich dahin zuruͤck⸗ gezogen. Sie waren eine Zeitlang ganz zierlich jedes auf ſeiner Seite des Wagens einhergegangen. „Wo biſt Du denn hin, kleine Nachtigall?“ „Dick winkte mir, Mama.“ „Aha!“ Gleich darauf kam Jolli mit etwas erhoͤhter Farbe auf der Wange wieder zum Vorſchein. „Es iſt ſo warm,“ ſagte Dick, als eine Art Ent⸗ ſchuldigung fuͤr die Unterbrechung. „Wollteſt Du Dich hinter dem Wagen abkuͤh⸗ len, mein Junge?“ Aber jetzt fiel ihr Jolli in's Wort, indem ſie ſagte:„Ich ſprach von Sirten.“ „Nein, Du erzaͤhlteſt, daß Honorine am Morgen ausgeritten ſei.“ „Das iſt ja eben daſſelbe Thema.“ „Nun denn, weiter im Text.“ „Ich ſagte, Mama, daß Doctor Warvner einen Freund von Dick mitgebracht haͤtte, es iſt ein junger, ſchoͤner Herr.“ „Jolli!“ rief Dick ermahnend. „Ich bin nicht auf dem Wege, mich in ihn zu verlieben,“ rief Jolli vertheidigungsweiſe.„Aber der Huͤttenmeiſter Montin iſt doch ein ſehr huͤbſcher Mann.“ 12* 180 „So, alſo er heißt Montin. Und der will Sirten ſchon ausſtechen?“ „Adele erklaͤrt wohl, daß er in ſie verliebt ſei, daß er es ſchon ſeit vergangenem Herbſt geweſen; aber ich hoͤrte ihn geſtern Abend, als ſie gute Nacht von einander nahme n, zu ihr ſagen, daß er nicht mehr darauf ſchwoͤren koͤnnte, daß ſie die ſchoͤnſten Haͤnde von der Welt habe.“ „Gehort das auch zu Honorinens Spatzierritt?“ „Ja wohl, Mama.“ „Vorwaͤrts, Alter, heb' die Beine auf... ich daͤchte aber, Jerker koͤnnte an Deiner Stelle zu Fuße gehen, Jolli— willſt Du nicht fahren, mein Mai⸗ bluͤmchen?“ „ Nein, ich danke, Mama.“ „Biſt Du muͤde, ſo will ich Dich tragen,“ ſagte Dick mit derſelben ungekuͤnſtelten und vertrauensvollen Miene, als ob er die Staͤrke eines Porthos beſeſſen haͤtte. „Das iſt derbare Art, Frau Walborg. von einer Sache zu ſprechen,“ meinte aber doch meiner Treu eine ſehr ſon⸗ „Willſt Du die Guͤte haben, nun fortzufahren, Mamſell Jolli... aber wo zum Teufel iſt denn das junge Volk wieder hin!⸗ „Die Waͤrme!“ rief Dick hinter dem Wagen. „Jolli, Jolli!“ 1 Liebe Mama, wenn Dick morgen mein Mann 1 xten ſei, aber von rauf der 4 ich Fuße Nai⸗ ſagte ollen eſſen ſon⸗ einte nun eufel dann 181 werden ſoll, ſo iſt es wohl gut, wenn ich ſchon heute anfange, ihm zu gehorchen.“ „Hoͤrt einmal, Kinder, Ihr koͤnnt— wenn Ihr einmal das dumme Zeug nicht laſſen koͤnnt— einan⸗ der auch kuͤſſen, wo Ihr geht. Ich erklaͤre aufs Be⸗ ſtimmteſte, wenn Ihr noch einmal hinter den Wagen geht, ſo fahre ich ſchnell fort und werde, wenn ich ankomme, erzaͤhlen, weshalb Ihr nicht nachkommen konntet.“ „Liebe Mama... gerade als Honorine heute Morgen aufs Pferd ſtieg...“ „Na, werde ich denn einmal etwas erfahren?“ „... kam der Huͤttenmeiſter— der an dem Saalfenſter geſtanden und das Pferd hatte vorfuͤhren ſehen, ſo raſend herbeigeſtuͤrzt, daß er beinahe den Ba⸗ ron Sixten umgerannt haͤtte, welcher eben ſo ſchnell aus dem Garten herbeieilte.“ Nun, auf dieſe Weiſe mußte Honorine wohl ſich ſelbſt zu helfen ſuchen.“ „Nein, bewahre— die Herren ſtanden beide, ſich verneigend, gerade vor ihr. Siyten aber wußte ſich auf einmal ein ordentliches Er zu geben— kannſt Du Dir wohl Siyten mit einem ſtolzen Er denken?— Und es kleidet ihn recht gut und er ſagte zu dem Huͤt⸗ tenmeiſter, der ſchon den Steigbuͤgel gefaßt hatte: Ent⸗ ſchuldigen Sie guͤtigſt, ich bin ſchon ſeit zehn Jahren der Stallmeiſter meiner Couſine geweſen.“— 182 „Bravo, Siyten, bravo!“ rief Frau Walborg. „Und der Huͤttenmeiſter machte wohl ein langes Geſicht?“ „O nein, er wußte gewiß ſchon Alles, denn er zog ſich ſogleich zuruͤck, waͤhrend er laͤchelnd ſagte: Ich werde mich ein andermal huͤten, dies zu vergeſſen— entſchuldigen Sie jetzt meine Unkenntniß.“ „Nun, und Honorine?“ „Honorine nahm Siyxtens Huͤlfe an, ſagte aber, indem ſie ſich zu beiden Herren wendete: Ich habe durchaus nichts dagegen, wenn Sie in meiner Geſell⸗ ſchaft meine Steinbruͤche in Augenſchein nehmen wollen, im Gegentheil wuͤnſche ich ganz ſpeciell die Meinung des Herrn Huͤttenmeiſters daruͤber zu hoͤren. In einer halben Stunde, nachdem ich ein kleines Geſchaͤft be⸗ ſorgt, welches keinen Aufſchub leidet, ſehen wir uns alſo an den Bruͤchen wieder.“ „Seht, das nenne ich, ſich geſchickt aus der Affaire ziehen.“ „Ja, das iſt immer ſo ihre Art und Weiſe!“ rief Jolli mit einem kleinen Anflug von Tadel.„So⸗ bald ſie merkt, daß Jemand ihr ſeine Aufwartung machen will, ſo ſchleppt ſie ihn ſogleich herum, um alle ihre Culturen und Verbeſſerungen und vor Allem ihr neues Frohnbauerndorf zu beſehen.“ „Eine ſolche Liebesſprache iſt wohl nicht nach Eurem Geſchmack?“ 183 „Gewiß nicht, das gebe ich gern zu!“ fiel Dick ſein.„Aber es iſt doch laͤcherlich, zu ſehen, wie ſie Alle keuchen und hetzen muͤſſen, denn ſie wird niemals muͤde.“ „Und ſobald als die Herren— denn wir haben jetzt, außer Sixten, noch drei Freier hier, Mama wird ſie morgen ſehen— ſobald ſie, ſage ich, von ihren Gefuͤhlen zu ſprechen anfangen, ſchwupps ſpricht ſie von ihrer vortrefflichen Rentenverſicherungsanſtalt, fuͤr welche, nach ihrem Willen, alle Menſchen wirken ſollen. Auch iſt es ihr nun gelungen, die Sache durchzuſetzen; aber ſie geht ſtets mit neuen Projecten um.“ „Ja, mit ſo vielen, daß ſie gar nicht Zeit hat, ſich zu verlieben,“ meinte Dick. „Ich glaube auch ſchwerlich, daß ſie wieder hei⸗ rathen wird,“ fuͤgte Jolli bei.„Sie fuͤrchtet wahr⸗ ſcheinlich, daß alle ihre Einrichtungen dann in minder gute Haͤnde kommen wuͤrden, als ihre eigenen ſind.“ „Und Frau Adele, iſt dieſe gluͤcklich mit ihrem Doctor?“ „Ja, ſie ſind ſo gluͤcklich, daß ſie ordentlich unver⸗ nuͤnftig geworden ſind.“ 2 „Unvernuͤnftig?“ „Wie ſoll ich anders ſagen, wenn Adele behauptet, daß ſie das gluͤcklichſte Paar auf Erden waͤren.“ „Gerade als ob wir nicht auch da waͤren!“ ſetzte Dick verdrießlich hinzu. — ———— 184 „Beruhigt Euch, Kinder— Ihr werdet ſchon Gerechtigkeit finden, wenn ſie ihrerſeits Euer Gluͤck ſehen.“. 1 1 „Ja, das iſt wahr, Mama, und es ſoll noch groͤßer werden, als ihres— nicht wahr, Dick?“ „Ja wohl,“ verſicherte Dick,„wir werden uns Muͤhe geben, es ihnen zu beweiſen.“ ☛eS 2 E&— B — 18. Im Parke.* Am Abend deſſelben Tages finden wir alle Gaͤſte von Tjuſtorp in einem großen Pavillon verſammelt, den Honorine vor Kurzem in dem Parke hat auffuͤhren laſſen. In dieſer leichten und anmuthigen Sommerwoh⸗ nung von ganz einfacher Bauart, hatte man von den Fenſtern aus die mannigfaltigſte Ausſicht. Durch die angebrachten Oeffnungen ſah man von der einen Seite drei oder vier jener kleinen Seen, welche gleichſam ein Halsband um Tjuſtorp bildeten. Von der andern dagegen breitete ſich die gruͤne Maſſe des dichten Eichenwaldes aus, ein wogendes Meer, unter welchem Schiffsholz wuchs und uͤber welchem die Voͤgel in den kuͤnftigen Maſtſpitzen ſangen, waͤhrend die dritte Ausſicht auf einen ſchroffen, phantaſtiſchen Berg ging, der im Mondſchein ganz gut fuͤr die Ruine einer verfal⸗ lenen Feſtung angeſehen werden konnte. 186 Wmas die vierte Seite ſbetrifft, ſo wuͤrde dieſelbe vielleicht in Vieler Augen fuͤr den Augenblick den Vor⸗ zug gehabt haben. Dieſelbe zeigte naͤmlich vor den offenen Glasthuͤren einen großen, freien Platz, mit einem breiten, nach dem Hauptgebaͤude fuͤhrenden Kieswege. Der Platz war ganz gewiß ſchoͤn, mit ſeinen weißen Gaͤngen und ſeinen ſchoͤnen, gruͤnen Gebuͤſchen; aber am ſchoͤnſten war doch die Gruppe, die ſich um einen Tiſch in der Mitte die⸗ ſes Platzes befand. Um den milden und duftenden Juniabend recht zu genießen, hatten ſich die Damen von dem Pavillon auf den Platz herausgezogen und ſo wie ſie jetzt ſaßen, bil⸗ deten ſie das ſchoͤnſte Trio, welches man ſehen konnte. Honorine und Adele neigten ſich eifrig gegen einan⸗ der, waͤhrend ſie halblaut ſprachen, bald zwiſchen ſich, bald mit Jolli, die von der andern Seite des Tiſches ihre aͤlteren, erfahrenern Schweſtern anlaͤchelte, waͤhrend ſie erroͤthend und neugierig auf die Berathſchlagungen derſelben fuͤr den morgenden Tag horchte. Honorine, welche ſchon ſeit einem Vierteljahre die Trauerkleider abgelegt, war ſchoͤn wie ein Engel, in ih⸗ rem weißen Neſſeltuchkleide und dem kleinen, runden Strohhut, mit dem flatternden, blauen Bande, ihrem ganzen Schmuck, wenn man die blaue Bandroſe aus⸗ nimmt, die ihren weißen Kragen zuſammenhielt. Adele dagegen war ſchoͤn, wie ein irdiſches Weib, 9—S,ͤ—„——— —— 187 welches weiß, daß es ſchoͤn iſt. Es iſt allerdings wahr, daß ihre Junogeſtalt fuͤr den Augenblick nicht ſo gut, wie gewoͤhnlich, die fruͤher erwaͤhnte Majeſtaͤt an den Tag legte; aber ſelbſt jetzt, als ſie ſo in dem Seſſel zu⸗ ruͤckgelehnt ſaß, muthwillig in einen rothen Kreppſhawl eingehuͤllt, war ſie die Frau, die zuerſt die Blicke der Maͤnner auf ſich ziehen mußte. Aber behuͤte uns der Himmel, Jolli zu vergeſſen, welche, nach Dicks glaubwuͤrdiger Verſicherung, ſchoͤn war, wie„ein kleiner Satan“. Und gewiß iſt es, daß Jolli's ſchwarze Augen nie⸗ mals einen ſolchen Glanz und einen ſo ſchalkhaften Aus⸗ druck hatten, wie, denn auch ihre kleinen„Pfingſtroſen“ niemals dieſe Friſche gehabt hatten, die durch nichts uͤbertroffen ward, ausgenommen durch die Friſche ihre korallenrothen Lippen. Auch war Dick, obſchon er bereits drei Mal von dem Tiſche der Damen fortgewieſen worden, ſeiner Sehnſucht nicht mehr Herr, ſondern kam eben auf den Zehen zuruͤck, um ſich hinter Jolli's Stuhl zu ſtellen. Er hatte tauſend wichtige Dinge zu fragen, denn daß er ſchon tauſendmal darnach gefragt hatte, das hatte nicht viel zu bedeuten. Es waren beſonders zwei Fragen, die er mehr wiederholte, als die andern. Die erſte galt dem Brautkleid, welches Dick zu ſeiner Verzweiflung noch nicht fertig ſah, waͤhrend er 188 doch unbedingt wiſſen wollte, ob Jolli uͤberzeugt waͤre, daß es paßte— eine Furcht, welche Jolli nur durch eine kleine, anmuthige Grimaſſe zu beantworten beliebte, welche ſo viel ſagen wollte, als: Du wirſt es wohl ſe⸗ hen, lieber Dick! Die andere Frage handelte davon, in wie weit Jolli glaubte, daß ſie im Brautſtuhle lachen oder weinen wuͤrde, worauf die junge Braut zu verſtehen gab, daß ſie viel zu viel Takt beſaͤße, um eins von beiden zu thun. Inzwiſchen gingen der Huͤttenmeiſter und der Doc⸗ tor in dem Pavillon auf und ab, vertieft in ein Ge⸗ ſpraͤch uͤber Philipps Ausbleiben— ein Thema, uͤber welches man nicht gern laut ſprach. 4 Baron Siyten war auf der andern Seite des Platzes im Begriff, einen Tiſch mit Erfriſchungen in Ordnung zu bringen. Er war ſo eifrig, der gute Baron, ſeine Flaſchen aufzuſtellen und den ſchimmernden Inhalt derſelben zu pruͤfen, theils gegen das Licht, theils im Glaſe, daß man verſucht war, ihn fuͤr Honorinens Hofmeiſter zu halten, eine Eigenſchaft, die noch illuſoriſcher ward, als man ihn ſelbſt mit einem Brette voll allerhand Delicateſſen auf die Damen zukommen ſah. „Mein beſter Couſin, was machſt Du Dir doch fuͤr außerordentliche Muͤhe!“ ſagte Honorine, indem ſie dem gluͤcklichen Baron einen huldreichen Blick zuwarf⸗ — — 189 „Was,“ ſagte er beinahe ein wenig verletzt,„willſt Du mir Complimente machen?“ „O nein, lieber Sixten, im Gegentheil beabſichtige ich, Dir alle moͤglichen Befehle fuͤr morgen zu geben! Uebermorgen iſt es noch Zeit genug zu Complimenten.“ „Kommen Sie nun heraus, meine Herren!“ rief der Baron, mit dem Tone eines freigebigen, gaſtfreien Wirthes. Darauf neigte er ſich vertraulich zu Honorinen nieder und fragte:„Soll ich nicht hinunter gehen und hoͤren, ob Tante Walborg aufgewacht iſt?“ „Nein, ich glaube, es iſt am beſten, wir laſſen ſie fuͤr den heutigen Tag ganz und gar in Ruhe.“ In demſelben Augenblick kamen die Herren aus dem Pavillon an den Tiſch der Damen und der Huͤtten⸗ meiſter Montin war eben im Begriff, den Garkenſtuhl an ſich zu reißen, den der Baron auf ſo feine Weiſe zwiſchen Honorinens Seſſel und den Tiſch practicirt hatte, als die junge Frau ſchnell mit den Worten aufſtand: „Wo iſt Alban? Er ſpielte noch dieſen Augenblick hier.“ „Ich glaube, er iſt hinaufgegangen,“ antwortete Sixten;„er hat nicht den Verdruß verſchmerzen koͤnnen, daß er in dem Herſagen ſeiner Lection ſtockte— es iſt ein ſtolzer Knabe.“ „Ein praͤchtiger Junge,“ fiel der Doctor ein.„Aber es wird nun Zeit, Sie, gnaͤdige Frau, von der Ver⸗ 190 antwortung und Muͤhe ſeiner Erziehung zu befreien. Ich hoffe,“ ſetzte er nachlaͤſſig, aber doch mit auf Hono⸗ rinen gerichteten Blick hinzu, denn er hatte noch nicht erfahren, was er gern wiſſen wollte,„ich hoffe, Philipp wird nichts dagegen haben, wenn ich mich nun um meinen Muͤndel bekuͤmmere und ihm einen Lehrer verſchaffe.“ „Herr Thurné kann nicht anders, als dieſen Plan billigen,“ antwortete Honorine unbefangen und ohne im mindeſten die Farbe zu wechſeln...„Inzwiſchen muß ich nun nach meinem kleinen Zoͤgling ſehen und ihn uͤber den gehabten Unfall troͤſten.“ „Kann denn Niemand von uns nach dem kleinen Guͤnſtling gehen?“ fragte der Huͤttenmeiſter hoͤflich. „Nein, ich danke, das waͤre nicht daſſelbe!“ Und Honorine verſchwand ſchnell den Gang hinab. „Die Oberſtlieutenantin,“ hob Herr Montin wie⸗ der an,„iſt unleugbar eine charmante Wirthin, vor allen Dingen eine liebenswuͤrdige Dame; aber ich bin dennoch mit einer kleinen Kritik bei der Hand.“ „Wirklich!“ rief Adele, an welche die Worte ge⸗ richtet waren.„Laſſen Sie uns doch hoͤren.“ „Man braucht nicht immer laut zu kritiſiren, das wiſſen Sie wohl.“ „Dann iſt es bloße Verleumdung... Nicht wahr, Arnold, der Herr Hüttenmeſſter iſt rethunden, ſich naher zu erklaͤren et 191 „Mein Engel,“ antwortete Arnold,„ich uͤberlaſſe es Dir, dieſe Sache zu beurtheilen— ich fuͤr meinen Theil muß jetzt fortgehen und Sixtens Punſch kritiſiren.“ „Nun, dann kann ich auch wohl ſelbſt urtheilen. Haben Sie die Guͤte, mein Herr, Ihre Kritik nun vom Stapel zu laſſen... die Beiden da“— ſie zeigte auf Dick und Jolli—„horchen eben ſo wenig, als ob ſie taub waͤren, das wiſſen Sie.“ „Ich muß Ihnen gehorchen. Aber wenn ich mich nun verſuͤndige, ſo haben Sie die Guͤte, zu bedenken, daß es auf Ihren Befehl geſchieht!“ „Das verſteht ſich— ich will Ihnen blos ſagen, daß ich Honorinen fuͤr noch vollkommener anſehe, als mich ſelbſt... Sie ſind doch niemals ſo gottlos ge⸗ weſen, an meiner Vollkommenheit zu zweifeln?“ „Niemals, geehrte Frau! Man wird ja nicht eher Zweifler, als bis man in ſeiner Ruhe geſtoͤrt wird. Wenn man aber nicht an das Daſein von irgend et⸗ was glaubt, was man nicht ſieht, ſo verfaͤllt man auch nicht in jene ſchmerzliche Stoͤrung, die ſo vieles Unan⸗ genehme mit ſich bringt.“ „Aber, lieber Himmel, Sie haben ja, ſo zu ſagen, gar keine Religion, mein Herr.“ Der Huͤttenmeiſter nahm eine bekuͤmmerte Miene an. „Der Glaube iſt das Vornehmſte!“ hob Adele wie⸗ der an.„Nun ſagen Sie, daß Sie an nichts glauben, 192 als an Das, was Sie ſehen— und an mir haben Sie w nichts Vollkommenes geſehen.“ u „Dagegen habe ich das geſehen, woran ich glaube.“ re „Und kann man erfahren, was das iſt?* „Ihre liebenswuͤrdigen Unvollkommenheiten.“ „Nein, das halte ich nicht aus, das iſt unertraͤg⸗ wi lich! Sie wiſſen alſo nicht, daß ich ſeit einem ganzen m Jahre an meiner Vollendung arbeite? Ich habe mir ein⸗ mal in den Kopf geſetzt, ein Muſterbild für mein Ge⸗⸗ n. ſchlecht zu werden. ur „Ach, geehrte Frau, wie beklage ich, daß Sie einen ha ſolchen Vorſatz gefaßt haben.“ S „So, Sie beklagen es?*.. de „Ja, denn Sie werden niemals weiter, als bis an zu die Schwelle des Tempels der Vollkommenheit kommen.“ ge Adele fing an zu lachen.„Getrauen Sie ſich das wohl auch meinem Manne zu ſagen, Herr Huͤtte: 9 meiſter?“ ge Was giebt es, was Montin nicht wagen wuͤrde, mir zu ſagen?“ fragte der Doctor, der mit halbem Ohre m hoͤrte. 8 w „Still, beſter Arnold— es waͤre nicht heilſam fuͤr Dich, die Irrlehren des Huͤttenmeiſters einzuſaugen. ₰ Wir ſind in einem Streit uͤber gewiſſe Dogmen be⸗ griffen.“ al „Nun, dann haltet Euch dazu, den Streit zu Ende zu bringen, meine Herrſchaften, ſonſt ſage ich zu Montin, ſo 193 Sie was ein alter Herr von meinen Bekannten zu einem jungen Manne ſagte, der mit der Frau ſchoͤn that, waͤh⸗ 2. rend der Mann am Spieltiſche ſaß.“ „Nun, was ſagte denn der?“ „Wenn Du herkommen und meine Karte nehmen g⸗ willſt, Bruder, ſo will ich meiner Frau ſelbſt die Cour zen machen.“ in⸗„Bravo, bravo!“ applaudirte der Huͤttenmeiſter. He⸗„In fuͤnf Minuten komme ich, wenn Du es befiehlſt und nehme Dein Glas, aber fuͤnf Minuten muß ich nen haben.“ „A la bonne heure!“ ſagte der Doctor..„Bru⸗ der Siyrten,“ ſetzte er dann hinzu,„in der Kunſt, Punſch an zu brauen, hat die Welt Deines Gleichen noch nicht n.“ 1 geſehen— dieſer hier iſt ganz ausgezeichnet.“ das„Das freut mich. Aber was will der Punſch ſa⸗ ten⸗ gen, wenn die Worte fehlen,“ antwortete der Baron mit geſenkter Stimme. erde,„Halte Dich an Montin, das iſt ein Satans⸗ hre menſch in ſolchen Dingen— dem fließen die Worte wie Waſſer und er wird Dir gern helfen.“ ſam Ja, aber ſiehſt Du.. ich moͤchte lieber ſelbſt. gen. Honorine glaubt, daß ich nicht ganz ſo albern bin. Es be⸗ Ling gewiß nicht ganz gut mit Deiner Verheirathung, aher... Ende MNicht ganz gut, ſagſt Du? Wenn es bei Dir tin, ſo gut geht“— der Doctor hatte kaum ein Wort pon Ein Gerücht. VlI. 13 194 der ganzen Rede Phöet— zdun hit es keine t. Roth mit Dir!“. 3 „Nun, kommen wir denn nun zur Kritik?* ſagte Adele laͤchelnd,„ich daͤchte, es ſtuͤnde uns nun weiter nichts im Wege.“ „Durchaus nichts— es war eben die Betrachtung uͤber Vollkommenheit und Unvollkommenheit, die mir uͤber meine eigene Anſicht erſt Klarheit verſchaffte.“ „Nun, wohlan!“ 3 „Die Oberſtlieutenantin hat den Fehler— wenn man naͤmlich die Tugend jemals zum Fehler anrechnen kann— daß ſie allzuvollkommen iſt.“ Nun ward Adele ernſt. „Sie mißverſtehen ſie ganz und gar, wenn Sie glauben, daß in ihrem Weſen die geringſte Pedanterie oder Uebertreibung liegt.“ „Aber gleichwohl. „Sie koͤnnen ſie acß einer 3 bunzan Bekannt⸗ ſchaft nicht beurtheilen. All das Edle, wornch ſie ſtrebt, iſt in dem Adel ihrer eigenen Seele begr Es iſt fuͤr ſie ein unwillkuͤrliches Beduͤrfniß, fuͤr Andere und in Anderen zu leben.“ „Ja, das ſehe ich ſchon, aber in der wirklichen Poeſie dieſes Herzens liegt doch, wenn Sie mir den Ausdruck erlauben, eine nicht unbedeutende Portion wirkliche Pröſa⸗ 42— „Proſa, Proſa, bei Honorinen?“ „Meine beſte Frau Warvner, wenn ich noch einen ſolchen Blick von Ihnen bekomme, ſo verſtumme ich auf ewig.“ „So erklaͤren Sie ſich doch.“ „Sie wuͤrden keiner Erklaͤrung beduͤrfen, wenn Sie, wie ich, von der talentvollen Rede erbaut worden waͤren, welche die gnaͤdige Frau heute Vormittag waͤhrend un⸗ ſeres Spatzierritts uͤber die Verbeſſerung des Ackerbaues hielt. Ich betrachte mich ſelbſt als keinen ganz uͤblen Landwirth, aber, auf meine Ehre, ich kam mir vor, wie ein Schulknabe.“ „Nun, kann man ſich wohl etwas Hochachtungs⸗ wertheres denken, als eine junge, ſchoͤne, reiche und ge⸗ feierte Frau, welche die Zeit zu einem ſo ſchoͤnen Zwecke anwendet, als den, welchen Honorine vor Augen hat?“ „Es handelt ſich nicht um Hochachtung— ſie iſt geradezu anbetungswuͤrdig, aber... 9 „Was denn fuͤr ein Aber— verliert ſie vielleicht dadurch an ſhrer weiblichen Anmuth?“ „Herr Huͤttenmeiſter, ich erklaͤre, daß ich von Ih⸗ rem Geſchmack eine beſſere Meinung habe.“ „Geehrte Frau!“ „Wenn man Herz, wenn man Geiſt, ja wenn man nur Augen hat, wird man Honorinen bewundern.“ „Nun ja, ich hin auch von Bewunderung erfuͤllt. 196 Aber mit einer Dame ſpreche ich unendlich gern von allen andern Dingen, nur nicht von Landwirthſchaft und von Philanthropie.“ „Sprechen Sie mit ihr, uͤber welchen Gegenſtand Sie wollen, ſo werden Sie ſehen. Wenn Sie ein we⸗ nig mit Ihren eifrigen Hoͤflichkeiten Scherz getrieben hat... denn geſtern Abend mein Herr...“ »Nun, geſtern Abend?“ „... waren Sie ganz hingeriſſen.“ „Ich 2* „Ja, ganz gewiß; Sie waren eifrig, bis zur Ue⸗ bertreibung.“ „Ich fuͤrchte wirklich, daß Sie in ihren Schluͤſſen etwas zu weit gehen. Ihre Meinung waͤre alſo ge⸗ weſen, daß...“ „Bruder Montin,“ rief Arnold,„wenn Du nun mein Glas nehmen willſt, ſo will ich ſelbſt... das Uebrige weißt Du.“ Dem Huͤttenmeiſter lag nichts daran, ſich gerade in dem Augenblicke zu entfernen, wo er eine Erklaͤrung dieſer unerklaͤrlichen Beſchuldigung hoffte. Aber Adele that, als ob ſie ſeinen bittenden Blick nicht verſtuͤnde, denn es war eben ihre Abſicht, weiter nichts zu ſagen. Der Huͤttenmeiſter mußte nun glauben, daß er, wenn auch ohne ſein eigenes Wiſſen, durch ſein Beneh⸗ men ein wenig Spott von der ſchoͤnen Wirthin verdient habe. So wollte Adele es haben, bis ſie einen vertrau⸗ S8 8 — 8S=g. — 2 197 lichen Augenblick mit Honorinen haben, einen Augen⸗ blick, wo ſie der Freundin von Herzen ſagen koͤnnte, daß ſie ihren gewoͤhnlichen Vernunftsgrillen nicht erlau⸗ ben ſollte, die Grazien zu verſcheuchen. „Hatten wir nicht noch ein paar Worte einan⸗ der zu ſagen, Frau Warvner?“ „Nicht, daß ich wuͤßte, Herr Huͤttenmeiſter... Baron Sinyten, darf ich mir erlauben, Sie um ein Glas Carolina zu bitten?— Schicken Sie mir es mit meinem Manne her. Es wird etwas kuͤhl... fuͤr⸗ wahr, ich will lieber wieder in den Pavillon zuruͤckgehen.“ „Aber wir koͤnnen wohl hier hauſen ſitzen bleiben, ich und meine Braut!“ fiel Dick ein.„Daruͤber kann wohl nichts geſagt werden, denn morgen werden wir ja Mann und Frau... oder was ſagſt Du ſelbſt, geliebte Jolli— Du weißt ja, daß Du morgen um dieſe Zeit ſchon ſeit mehrern Stunden Frau Sorenius heißeſt.“ „Ich glaube wirklich,“ fiel Jolli ein,„da ich morgen in den Stand trete, wo andere junge Maͤdchen mich als ihre Vorgeſetzte betrachten muͤſſen, ſo kann ich wohl dieſen letzten Abend meine eigene Vorgeſetzte ſein.“ „Ja, bleib Du ſitzen, Du kleine Vorgeſetzte,“ ſagte Adele, indem ſie, den Arm ihres Mannes ergreifend, in den Pavillon eilte. „Was ſagſt Du zu den Ausſichten?“ fragte er und fuͤhrte ſeine Gattin nach einem kleinen Sopha unter einem der Fenſter. 198 „Ich wollte, ſie waͤren nur halb ſo ſchoͤn, wie dieſe da,“ antwortete Adele, indem ſie laͤchelnd auf die kleinen Binnenſeen zeigte. „Haſt Du heute eben ſo wenig Aufſchluß uͤber ihre wirklichen Gefuͤhle erhalten, als geſtern?“ „Nicht den geringſten, ich glaube nicht an dieſe einnehmende, unerſchuͤtterliche Ruhe. Aber ſie will, daß auch ich daran glauben ſoll und wenn ſie ſich einmal etwas vorgenommen hat. „Vermeidet ſie, von ihm zu ſprechen?“ „Sie vermeidet es weder, noch ſucht ſie es. Du hoͤrteſt ſoeben ſelbſt, daß ſie ſeinen Namen mit der aller⸗ liebenswuͤrdigſten Gleichguͤltigkeit ausſprach.“ „Nun, und Montin, mein Engel?“ „Nun, das wird ſich wohl machen— dieſen hat ſie durch ihre landwirthſchaftlichen Vortraͤge ganz und gar abgekuͤhlt. Es iſt mir ſoeben gelungen, ihm weiß zu machen, daß geſtern es nur ein wenig Spott zur Strafe fuͤr ſeine uͤbertriebene Aufmerkſamkeit war.“ „Wofuͤr— ich habe ja gar nichts gemerkt!“ „Ach, wie einfaͤltig ſeid ihr Maͤnner doch! Muß denn Alles wirklich ſein, was eine Frau fuͤr wahr aus⸗ giebt? Genug, ich habe ihn uͤber dieſe Sache zweifelhaft gemacht— Du unterbrachſt uns bei der gluͤcklichſten Wendung— und ich bin uͤberzeugt, daß er ſich nun noch einmal ſoviel mit Honorinen beſchaͤftigen wird, um ſie zu zwingen, von etwas Anderem zu ſprechen, als von 199 ieſe der ewigen Landwirthſchaft. Er muß ſich doch einige nen Genugthuung verſchaffen.... „Ja, Du biſt gut— wenn Du nicht mehr fuͤr ber Deine eigene Rechnung intriguiren kannſt...“ „... ſo kann ich es fuͤr Andere thun. Was ſoll ieſe man weiter vornehmen, mein Freund— Du kennſt ja daß meine Fehler.“ nal„Aber nun noch ein ernſtes Wort, geliebte Adele! Wenn Honorine wirklich erkaltet waͤre, wenn ſie Philipp verachtete?“ Du„Da thaͤte ſie blos, was er verdiente.. Aber als ler⸗ iich, waͤhrend ein paar Augenblicken, die wir kurz vor⸗ MNNiittag mit einander allein hatten, ſie geradezu fragte, was ſie in Bezug auf das Geruͤcht daͤchte, welches man hat von Thurnè hoͤrte, erroͤthete ſie und es dauerte einige ind Augenblicke, ehe ſie antwortete: Ich glaube es.“ eiß„Und was ſchließeſt Du hieraus?“ zur„Daß die drei Worte, welche ſo lange Zeit brauch⸗ ten, um ſich den Weg zu den Lippen zu bahnen, aus einem widerſpenſtigen Herzen kamen.“ uß us⸗ aft— ten un um von Ende des ſiebenten Theiles. Druck der Verlagsbuchdruckerei in Wurzen. 19r— 21r Band.