Ein Gerü Noman von Emille Carlén- Aus dem Schwediſchen von A. Kretzſchmar. 16r— 18r Band. Grimma und Leipzig, Druck und Verlag des Verlags⸗Comptoirs. 1851. Ein Gerücht. Sechſter Theil. Ein Gerücht VI. Fünftes Juch. Die Geheimniſſe des Menſchenherzens. Zieh meine Schwäche nicht aus meiner Seele Tiefe, Hilf' lieber mir ſie ewig zu verbergen; Stärk' mich in meiner Abſicht— hab' ich eine ſolche? Gefühle foltern mich, die ich nicht ein'gen kann: Jür mich iſt Liebe Schuld und Haß Unmöglichkeit! Ich weid nicht, was ich will, noch was ich Kraft zu thun. Leopold. Die Thränen, die im Aug' verſchloſſen brennen Und die der kalte Blick des Tages ſcheucht, Sie fließen in dem ſtillen Schooß der Nacht. Nicander. 1. Die erſten Badegäſte. „Aber ſag' mir einmal, meine Beſte, wer iſt nur der junge, bleiche Mann mit dem ſo hoͤchſt inter⸗ eſſanten Geſicht? Sein langes, dunkles Haar und ſeine durchbohrenden Augen haben mich fortwaͤhrend verfolgt, ſeitdem ich ihn draußen auf dem Berge traf, wo er herumging und phantaſirte.“ „Lieber Gott, weißt Du denn das nicht— und er iſt ſchon ſeit drei Tagen hier. Er kam zeitiger, als irgend ein anderer Badegaſt, wahrſcheinlich um unbe⸗ merkt zu leben.“ „Ich weiß nichts, bin aber hoͤchſt taugſeg, ach, wie niedergeſchlagen ſieht er aus... jetzt ſieht er ſich um— ich glaube, er ahnt, daß wir von ihm ſprechen.“ „O, was das betrifft, ſo wird es ihm wohl nichts ſehr Neues ſein, zu wiſſen, daß er Gegenſtand des 6 Geſpraͤchs iſt. Es iſt uͤbrigens der Poet, der von ſeiner Frau geſchieden worden, dem kleinen Ungeheuer, welches er ſpaͤter in ſo ſchoͤnen Verſen beſang.“ „O wirklich, iſt er es?“ „Ganz derſelbe. Kannſt Du begreifen, wie eine Frau ſich von einem ſolchen Mann trennen kann?“ „Nein, das kann ich bei Gott nicht begreifen— da glaube ich gewiß, daß andere Weiber mehr Grund haͤtten... Aber wenn man einmal mit ſeinem Kreuz copulirt iſt, ſo muß man es auch wohl mit anſtaͤndiger Geduld tragen.“ Vorſtehendes Bruchſtuͤck eines Geſpraͤchs ward zwiſchen zwei Frauen der guten Stadt S. gefuͤhrt, die, wie Jedermann weiß, wegen ihres vortrefflichen See⸗ bades, ihrer ausgezeichneten Hummern und ihrer ver⸗ führerſchen Auſtern berühme iſt In dem Augenblick, wo wir dieſe Abtheilung unſerer Geſchichte beginnen, geht unſer aͤlteſter Be⸗ kannter, unſer Freund Philipp Thurns, deſſen inter⸗ eſſantes Ausſehen die beiden Frauen ihrerſeits beſungen haben— ganz ſachte und gedankenvoll an der Bucht hin und her, welche von dem hohen Rabenberge be⸗ herrſcht, allmaͤlig in die Arme des Skagaraks hinab⸗ ſinkt, wo der ganze Strand ſo gut wie zu verſchwinden ſcheint, wenn die Weſtſtuͤrme ihre ſchaͤumenden Thuͤrme aufbauen und wieder niederreißen und die Wogen bis hinaꝛ werd Vert ruhig der Kuh ten d ein? auf ein d waͤht Fiſch ſchlu die giſch erhiel dern. Bew Geſe von einer Bau 7 hinauf an die kleinen Haͤuſer rollen, die hinweggeſpuͤlt werden wuͤrden, wenn ſie nicht einen alten, ſchuͤtzenden Vertheidiger an dieſem Berge haͤtten, der von ſeiner ruhigen Hoͤhe auf ſeine Kinder herabſchaut. Es war zu Anfange des Monats Juni und einer der ſchoͤnſten Sommerabende, die man genießen konnte. Im Waſſer ſpielten Krabben und Weißfiſche blinde Kuh mit einander und oberhalb der Waſſerflaͤche fuͤhr⸗ ten die Kinder des Waſſerlandes andere Spiele auf— ein Theil ſpielte Verſteckens, ein anderer ſchaukelte ſich auf uͤber eine alte Tonne gelegten getheerten Brettern, ein dritter Schwarm baute Haͤuſer und Staͤlle im Sand, waͤhrend eine noch geſchicktere Abtheilung gefangene Fiſche fuͤr die Mutter abwuſch. Die Sonne neigte ſich dem Untergange zu und ſchlug ſchon ihren rothen Mantel ſturmverkuͤndend um die grauſchwarzen Scheeren, welche durch dieſen ma⸗ giſchen Schein das Ausſehen ſchwimmender Seevoͤgel erhielten. Die Fiſcherboote glitten heim, eins nach dem an⸗ dern. Es ward lebendig auf den Bruͤcken und dieſe Bewegung ward durch die eine oder andere muntere Geſellſchaft erhoͤht, die mit einer Ladung leerer Koͤrbe von einer Fiſchpartie oder einem Kaffeeſchmauſe auf einer der Inſeln zuruͤckkehrte. Aber nichts ſtoͤrte Philipp, als er jetzt, auf einem Baumſtumpfe ſitzend, nachdachte... vielleicht uͤber 8 den intereſfanten Auftritt, den er an einem Herbſt⸗ abend an demſelben Strand gehabt... nein, er dachte uͤber den Umſtand nach, daß ein gewiſſer Brief, den er erwartet, mit der heutigen Poſt nicht angelangt war. „Es iſt unbegreiflich,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„es iſt ganz und gar unbegreiflich!“ Und er ſeufzte, wenn nicht gerade in der Tonart, welche einem erſtickten Lie⸗ besſeufzer zukommt, doch in einer nicht weit davon ent⸗ fernten. Von wem erwartete er da wohl Briefe? Welcher Brief konnte wohl jetzt ihm ſo theuer ſein, daß er unaufhoͤrlich an das Außenbleiben deſſelben dachte. Wahrſcheinlich einer von der wuͤrdigen Dichterin, Madame Malmelin, welche Nachricht von dem kleinen Alban und dem Hausweſen geben ſollte. „Es iſt unbegreiflich,“ murmelte er noch einmal, zehn⸗, zwanzigmal, bis endlich die Sonne ihr Antlitz immer dem ſich immer mehr verfinſternden Horizont verbarg und es ſo ſtill am Strande war, daß kein an⸗ derer Laut ſich hoͤren ließ, als das Anſchlagen der Waſ⸗ ſerwogen gegen die Steine und der Tritt einer oder der andern Perſon, welche neugierig unſern Helden betrachtete. Jetzt endlich fand er, daß es Zeit ſei, ſich in ſeine Wohnung auf der Nordſeite zu begeben. derbſt⸗ dachte „den war. „ ves wenn Lie⸗ ent⸗ theuer ſelben berin, leinen nmal, Antlitz rizont n an⸗ Waſ⸗ oder delden ſeine 9 Die Nordſeite iſt uͤbrigens nicht die Gegend, wo die faſhionable Badewelt wohnt. Aber entweder wollte Philipp ſich durch ſeine Ab⸗ ſonderung ein wenig intereſſant machen, oder es gefiel ihm wirklich, abgeſondert zu leben. Gleichwohl war er weit entfernt von der Abſicht, den Eremiten im Gebirge in einer neuen Auflage her⸗ vortreten zu laſſen. Er wollte nur nicht wie ein ſte⸗ hender Zubehoͤr zu dem Geſellſchaftsleben betrachtet werden. Sein Auftreten in der ſich bildenden Badegeſell⸗ ſchaft(bis jetzt hatte ſich noch keine ſolche gebildet) mußte von den Umſtaͤnden abhaͤngen. Inzwiſchen gab die ganze wieder zum Vorſchein gekommene Eleganz in ſeiner Perſon zu erkennen, daß er wahrſcheinlich nichts dagegen hatte, wenn man ihn fuͤr etwas Ande⸗ res anſah, als einen Poeten. Das Haus, welches er bewohnte, lag nahe am Zollamte und war eins der ſchoͤnſten auf dieſer Seite der Bruͤcke. Aber aller andern Ausſicht, als auf die unanſehnlichen Huͤtten gerade gegenuͤber beraubt, gefiel es ihm, der ſich an die herrliche, friſche Landluft und an den freien Raum zwiſchen Thäͤlern und Feldern ge⸗ woͤhnt, in dieſer zufaͤlligen Heimath nicht ſonderlich, weshalb er auch, obſchon in dieſer Stadt erſt drei Tage alt, mit deren aͤußerer Umgebung weit bekannter war, als mit der innern. 10 A Das ernſte Kollkindsgebirge, die ſagenreichen Yſtre⸗ ſo r Grotten und die oͤden Strecken des Strandes— das hatt war es, was er ſchon liebte. Sobald als er in ſein Zimmer gekommen war, benn zuͤndete er ſogleich Licht an und ſetzte ſich, um einen 5 Brief zu vollenden, von deſſen Anfange wir aber auch Hin Notiz nehmen muͤſſen, bevor wir die Zeilen mittheilen Arn koͤnnen, die er jetzt ſo raſch und ungeduldig zuſammen: ſchrieb, als ob er ſich eingebildet haͤtte, dieſe Zeilen mio koͤnnten der Perſon, an die ſie gerichtet waren, ſogleich b zu Haͤnden kommen. egr Der Brief war von dem Morgen deſſelben Tages den datirt und lautete folgendergeſtalt: zur „Meine gnaͤdigſte, meine allergnaͤdigſte Frau 3 Oberſtlieutenantin! neid „Obſchon ich Ihnen von Uddevalla aus ſchrieb und daher nicht viel mehr zu ſagen habe, als daß ich hier ſen angekommen bin, ſo weiß ich gleichwohl nichts, was Wc mir groͤßeres Vergnuͤgen machen koͤnnte, als aufs Neue Jhr zu ſchreiben.. d „Dieſer Briefwechſel, in welchen Sie die unaus⸗ nich ſprechliche Guͤte hatten zu willigen, erfreut mich be⸗ ſonders deshalb, weil er eine Art Fortſetzung unſerer waͤl fruͤheren Unterredungen iſt. hör „Wenn ich auf unſere Unterredungen hindeute, 11 ſo meine ich alle die, welche wir vor dem erſten Maͤrz hatten. „Von dieſem Tage an ſind Sie ſo verſchloſſen geweſen, daß mir der Muth gefehlt hat, Sie oft zu belaͤſtigen. Und ſoll ich die Wahrheit geſtehen, ſo war es vielleicht mehr dieſer Zwang, der gleich mit dem Hinſcheiden des ſeligen Oberſtlieutenants entſtand, als Arnolds Vorſchrift, was mich zu dieſer Badereiſe ver⸗ mochte. „Weshalb jedoch dieſer Zwang entſtehen mußte, begreife ich nicht. „Aber niemals vergeſſe ich jenen erſten Beſuch, den ich bei Ihnen nach dem Tage abſtattete, der Sie zur Witwe machte. „O, gnaͤdige Frau, der Gatte iſt in der That be⸗ neidenswerth, der ſo zaͤrtlich beweint wird! „Als ich eintrat und Sie, ſonſt ſo ruhig und ſanft, jetzt ſtumm und untroͤſtlich fand, kalt fuͤr jedes Wort, womit mein Herz das Beduͤrfniß fuͤhlte, dem Ihrigen zu vergelten, was es an mich verſchwendet, da zog ſich eine Eismauer auch um meine Seele und ich fuͤhlte mit Schmerz, daß ich Ihnen nichts war, nichts, als ein Fremdling. „Aber Sie waren doch kein Fremdling fuͤr mich waͤhrend meiner Leiden. Es iſt jedoch wahr, Sie ge⸗ hoͤren zu den Weſen, welche blos geben wollen, nicht empfangen. 12² „Ich entſinne mich, daß nur ein Gedanke mei⸗ nen Muth aufrecht erhielt, als eine unabweisbare Stimme mir zufluͤſterte:„Es wird niemals wieder wie fruͤher“ und dieſer Gedanke war eine Hoffnung, die Hoffnung, daß ich in einigen Wochen Sie wieder⸗ finden wuͤrde. „Aber Wochen vergingen und endlich Monate, drei lange Monate; vergebens, immer vergebens erwar⸗ tete ich doch die zaͤrtliche, holde Freundin wiederzufinden, die mich gezwungen, zum Leben zuruͤckzukehren, viel⸗ leicht um blos— einen neuen Verluſt zu erfahren. „Alles dies wagte ich Ihnen noch nicht in dem erſten Briefe zu ſagen. Meine Hand ward gleichſam gebunden, als die Feder von den Gefuͤhlen reden wollte, die ich empfand. Aber, was iſt es wohl, was mir jetzt Muth giebt? Nun, die Hoffnung, die Gewißheit, daß gerade an dieſem Orte ein Brief von Ihnen mir begegnen wuͤrde. „Inzwiſchen war ich thoͤricht genug, meine Reiſe hierher zu beſchleunigen, ohne zu bedenken, daß Sie nicht eher, als nach der beſtimmten Zeit ſchreiben wuͤrden. „Und heute Abend erhalte ich dieſen Brief. „Heute Abend werde ich Sie wiederfinden, ſo wie Sie waren, als Sie ſich herabließen, mit Ihrer milden und liebenswuͤrdigen Sorgfalt den verzweifelten Gatten zu troͤſten, den entmuthigten Dichter, den... doch— 13 gewiſſe Erinnerungen wage ich nicht zuruͤckzurufen. Sie fuͤllen gleichwohl mein Herz mit Gefuͤhlen, die einer heiligen, aber jubelnden Andacht gleichen. Und die Gottheit, die ich anbete, ſind Sie, gnaͤdige Frau, Sie, die eines Tages Pflichten bekleiden werden, die ich in hohem Grade mit Ihnen theilen muß. „Im Fall ich es wagen darf, moͤchte ich Sie um Eins bitten. „Dafern Sie uͤberhaupt auf Ihre Veraͤnderung gegen mich Acht gegeben haben, ſo verſprechen Sie mir aufrichtig, die Urſache davon zu erklaͤren. „Sagen Sie mir nicht, daß dieſe Veraͤnderung nicht vorhanden ſei, denn, bei Gott, ſie iſt vorhanden— das hat mein Herz mehr als einmal erfahren. „Sind Sie unzufrieden mit mir? Komme ich zu oft? Zu ſelten? War ich nicht theilnehmend ge⸗ nug? Oder war ich es allzuſehr? „Vergebens ſuche ich unter allen dieſen Moͤg⸗ lichkeiten. „Ich weiß wohl, daß Sie in Ihrem Kummer das Recht haben, an nichts Anderes zu denken, als an den Heimgegangenen, einen Gatten, der von allen be⸗ trauert zu werden verdient, die ihn kannten; aber ich habe Sie mit Plaͤnen beſchaͤftigt gefunden, die eine Ver⸗ aͤnderung in Ihrer Oeconomie bezwecken, eifrigen Plaͤ⸗ nen zur Ausfuͤhrung der ſchoͤnen Vorſaͤtze, die Ihrem Gatten auf dem Sterbebette einkamen. 14 „Und mit Neid habe ich geſehen, wie alle dieſe Gegenſtaͤnde Sie beſeelt, wie ſie vermocht haben, Ihre ganze Aufmerkſamkeit auf ſich zu ziehen. „Aber in dieſer ſelben Morgenſtunde, wo ich mich ſo zum Klagen geneigt fuͤhle, will ich auch noch eine ganz unbefugte— das weiß ich wohl— ja ſogar eine unbillige vorbringen, die ich einmal nicht verſchweigen kann. „Wiſſen Sie wohl, gnaͤdige Frau, daß ich Sie der Parteilichkeit in Ihrer Freundſchaft angeklagt habe! „Fruͤher ſchien es mir, als ob Sie Ihre Gunſt zwiſchen mir und Sirten gleich theilten. Ich vergaß dann, daß er Ihr Couſin war und daß er Rechte auf Ihr Wohlwollen beſaß, die ich nicht hatte. Spaͤter ver⸗ gaß ich nicht das, daß er es war und fortwaͤhrend er, an welchem Sie ſich in Allem wendeten. „Es iſt wahr, ich bin ein ſo wenig praktiſcher Menſch, daß Sie mein Vermoͤgen in Zweifel ziehen konnten, die Auftraͤge auszurichten, mit welchen Sie Ihren Couſin beehrtenz wenn Sie es aber verſucht haͤtten, wuͤrden Sie gefunden haben, daß ich wenigſtens Alles verſtehen gewollt, was Sie wunſchten. „Aber ich fuͤrchte, daß ich mich habe hinreißen laſſen, Dinge zu ſagen, uͤber welche Sie vielleicht mit⸗ leidig laͤcheln. Ich werde daruͤber entſcheiden, wenn ich Ihren Brief geleſen habe... doch ich brauche nicht ſo lange zu warten, ich entſinne mich Ihrer Guͤte in der Ver cheln gern Ihn dieſe lich dam bei Abe Tha chen daß habe wele halb klag trau zu 15 der Abſchiedsſtunde, dieſe war wie ein Hauch aus der Vergangenheit... und ich fuͤrchte nicht, daß Sie laͤ⸗ cheln werden. „Laſſen Sie Alban— ich geſtatte dies unendlich gern— Alban zu ſich kommen, ſo oft und ſo lange es Ihnen gefaͤllt! Es kann ſein, daß ich Ihnen auf dieſe Frage, als Sie dieſelbe an mich thaten, nicht deut⸗ lich genug geantwortet habe. Meine freundliche Ma⸗ dame Malmalin wird ſich damit troͤſten, daß Alban es bei Ihnen noch angenehmer hat, als zu Hauſe. „Aber nun nicht ein Wort weiter bis heute Abend. Bn(b. Hl0t. K. 1r. h.... I. „Ach, gnaͤdige Frau, gnaͤdige Frau, es war in der That grauſam, ſo mit mir zu ſpielen! Sie verſpra⸗ chen mir ſo gewiß, Sie gaben mir Ihre Hand darauf, daß Sie mir einige Zeilen ſenden wuͤrden, aber Sie haben ſich nicht einmal dieſes Verſprechens erinnert, welches Sie mir vielleicht ganz bewußtlos oder nur des⸗ halb gaben, um den langweiligen Bettler loszuwerden. „Ich weiß, daß ich kein Recht habe, mich zu be⸗ klagen. „Aber man iſt ſo daran gewoͤhnt, auf Sie zu trauen. „Um an einem von Ihnen gegebenen Verſprechen zu zweifeln, muͤßte man den Verſtand verloren haben und gleichwohl bleibt mir nicht einmal mehr ein Zwei⸗ fel uͤbrig. 1la8 „Aber verzeihen Sie, verzeihen Sie... und können Sie das nicht, ſo bedenken Sie, daß es Ihre fruͤhere Guͤte iſt, welche verwoͤhnt hat Ihren gehorſamſten und ehrerbietigſten Diener Philipp Thurné.“ „ N. S. Wenn Frau von Stern diesmal aus ihrem Entſchluſſe Ernſt macht, im Fall ſie vor dieſem Briefe angelangt iſt, ſo bitte ich, mich ihr zu empfeh⸗ len. Der arme Arnold— ich moͤchte nicht an ſeiner Stelle ſein.“. eſem pfeh⸗ einer 2. Fortſetzung des Priefwechſels. Als Philipp am andern Mittag ſeinen Brief ab⸗ geſendet hatte— den er in Folge eines unerklaͤrlichen Gefuͤhls nicht noch einmal durchgeleſen— ward er plötzlich von dem Wunſche beſeelt, ihn noch einmal aus dem Gedaͤchtniß zu muſtern und er hatte die Be⸗ ſchaͤftigung noch nicht lange vorgenommen, als er auch ſchon eine doppelte Reue zu erfahren begann. Vor allen Dingen war es etwas faſt ganz Uner⸗ hoͤrtes, wenigſtens ſehr Unpaſſendes, daß er ſich erdreiſtet, der Oberſtlieutenantin, die erſt ſeit rei Monaten Witwe war— der Witwenſtand hatte doch eigentlich mit der ganzen Sache nichts zu thun gehabt— vorzuwerfen, daß ſie veraͤndert, verſchloſſen und zuruͤckhaltend gewor⸗ den. War das nicht ihr unvorgreifliches Recht! Und dann noch ferner und auf ſolche Weiſe ihr vorzuwerfen, Ein Gerücht. VI. 2 18 daß ſie nicht das fluͤchtige Verſprechen gehalten, ihm einen Brief zu ſchicken. Wahrſcheinlich hatte ſie muͤndlich ihm nicht ſagen wollen, wie unpaſſend ſie dies ſein Verlangen fand, ſon⸗ dern es vorgezogen, ihm dies durch ihr Stillſchweigen zu zeigen. Und nun hatte er ſein Verſehen durch einen Brief noch erſchwert, der ſie auf den Gedanken bringen konnte, daß er halb naͤrriſch ſei. Unter der Laſt dieſer Betrachtungen ward Philipp der Tag unertraͤglich lang. Wenn es ein Mittel gegeben haͤtte, durch Geld oder Gebete den Brief zuruͤck zu bekommen, ſo wuͤrde er ſich zu Allem verſtanden haben. Aber nun war die Poſt abgegangen und er hatte nichts weiter zu thun, als ſich zu gedulden— eine Sache, die oft weit ſchwieriger iſt, als man glaubt. Er ließ ſich unter den kleinen Inſeln herumrudern, er wollte fiſchen und ein Geſpraͤch mit dem Bootfuͤhrer anknuͤpfen— die außerordentliche Neugier der vorneh⸗ meren Stadtbewohner floͤßte ihm großen Abſcheu vor denſelben ein— aber es langweilte ihn Alles und er kam nach Hauſe, ohne mehr zu wiſſen, als daß er ſich zu Land und zu Waſſer gleich ſehr ennuyirt und er fand demnach die ganz unſchuldige Stadt ſo unertraͤglich, daß man es ſchwerlich hier einen ganzen Monat aus⸗ halten koͤnnte. Und außerdem vernahm man noch von Haus zu Hau und ner der. kam Leut lich die als wied heite den nen rine eilte gen Vo gen einen agen ſon⸗ eigen einen ngen ilipp Geld uͤrde r die a, als eriger dern, uͤhrer rneh⸗ t vor nd er r ſich nd er glich, aus⸗ us zu 19 Haus ein außerordentliches Geraͤuſch von Fegen, Waſchen und Scheuern. Philipp dachte bisweilen, die Einwoh⸗ ner von S. muͤßten noch reinlicher ſein, als die Hollaͤn⸗ der. Spaͤter, als das Fegen noch kein Ende nahm, kam er auf die entgegengeſetzte Idee, naͤmlich, daß dieſe Leute ihre Haͤuſer jaͤhrlich nur einmal reinigten. Die Ankunft der Badegaͤſte war allerdings wirk⸗ lich die Epoche, wo ein neuer Impuls des Lebens durch die Stadt ging. „Nein, das halte ich nicht aus?“ erklaͤrte Philipp, als er in verzweifelt mißmuthiger Laune des Abends wieder nach Hauſe kam. Aber dieſer Abend ward doch heiterer, als der vorige, denn die Nachmittagspoſt hatte den geſtern ausgebliebenen Brief mitgebracht. „Ach,“ rief er,„was ſehe ich— das iſt Honori⸗ nens Hand!“ Bei ſich ſelbſt pflegte er jetzt oͤfter zu ſagen„Hono⸗ rine“ als„Frau Helleding“. Und Honorinens Hand war es allerdings. Mit leuchtendem Antlitz und klopfendem Herzen eilte er, ſeinen Brief zu erbrechen. Derſelbe war allerdings nicht ganz ſo, wie er ihn gewuͤnſcht haͤtte, aber er vermehrte auf alle Faͤlle die Vorwuͤrfe, die er ſich ſchon uͤber ſeinen eigenen Brief gemacht. Die junge Frau ſchrieb: 2* 20 „Beſter Herr Thurne! „Letztvergangenen Poſttag war meine verſprochene Epiſtel ſchon fertig, aber mein guter Couſin Sirten, der den Brief mit nach der Propſtei nahm— von wo, wie Sie wiſſen, das Felleiſen jetzt abgeht— hatte das Ungluͤck gehabt, zu vergeſſen, ihn abzugeben, ein Verſe⸗ hen, woruͤber er gleichwohl ſelbſt ſo großen Verdruß empfand, daß ich nicht den Muth hatte, ihn zu ſchelten. „Sie hatten die Guͤte, mich zu bitten, Sie von dem Zuſtande meiner Gemuͤthsſtimmung zu unterrichten, wenn ich ſchriebe. Ach, ſeit mein lieber, lieber Helleding mir die ſchwarze Witwentracht hinterließ, hat mein Gemuͤth nicht mehr als eine Stizunuung gekannt. Es iſt niedergeſchlagen geweſen. „Es iſt wahr, daß ich mich ſchon lange auf dieſen Schlag gefaßt machte und es iſt auch wahr, daß ſein Tod, eines wahren Chriſten und eines redlichen und guten Menſchen, der er war, ſo wuͤrdig, mich mit mei⸗ nem Schickſale verſoͤhnen ſollte. Aber es war etwas ſo innig Beruhigendes in dieſem Bande, welches gleich⸗ zeitig das Verhaͤltniß einer Tochter und einer Gattin in ſich ſchloß, daß dieſe vollkommene Freiheit— unge⸗ achtet aller der Plaͤne, die ich zum Beſten meiner Unter⸗ gebenen und zur Verbeſſerung der Lage der arbeitenden Volksklaſſe im Allgemeinen habe— mir doch wie eine Leere vorkommt und zwar wie eine ſo große, daß der Zeit dar bekl mic zur dieſt keit, bei bein obſc mel wie Fre da Jol ung ther beko Ich von ihr dere hene das lten. dem dten, nein 21 Zeitraum von drei Monaten blos wie ein leichter Staub daruͤber gefallen iſt. „Ich gebe zu, daß meine Freunde ſich uͤber mich zu beklagen gehabt haben; aber es gab eine Zeit, wo ich mich uͤber ſie zu beklagen hatte— und da ich damals zur Barmherzigkeit bereit war, ſo hoffe ich, daß man dieſe auch an mir uͤben wird. „Tante Walborg, die ſeit der traurigen Feierlich⸗ keit, zu deren Anordnung ich nicht ſelbſt die Kraft hatte, bei mir geweſen iſt, reiſ't in dieſen Tagen wieder ab und beinahe gleichzeitig auch Sixten; denn er weiß wohl, daß, obſchon wir Couſins ſind, es ſich doch jetzt fuͤr ihn nicht mehr ſchickt, ſo lange Beſuche auf Tjuſtorp abzuſtatten, wie fruͤher. „Aber waͤhrend ein Freund oder vielmehr zwei Freunde mich verlaſſen— Sie ſind ja auch nicht mehr da— ſo bleiben doch noch zwei da: meine heitere, liebe Jolli, die ich wenigſtens noch auf eine Jahreszeit dem ungeduldigen Braͤutigam abſpenſtig gemacht, und meine theure, theure Adele, die ich in einigen Tagen hierher⸗ bekomme. „Ach, was wird das Ende dieſes Beſuches ſein? Ich weiß nicht, was ich glauben ſoll, aber mein Herz iſt von Furcht erfuͤllt. „Zu Anfange des Fruͤhlings ſtritt ſie eifrig gegen ihr Verſprechen. Und ich bin uͤberzeugt, daß nichts An⸗ deres, als die Ideenverbindung, welche zwiſchen Tjuſtorp 22 und der Operation ſtattfand, ſie hinderte, gleich nach meinem Trauerfalle zu mir zu kommen. „Im Verlauf einer kurzen Zeit aber aͤnderte ſie ſich ſo beſtimmt, daß ich vermuthen muß, ſie habe zu ihrem letzten Meinungswechſel eben ſo ernſte, als zwingende Gruͤnde gehabt. „Ich glaube, Doctor Warvner iſt der, welcher von allem dieſen am meiſten leidet... aber ohne Zweifel hat Adele die Abſicht, auf irgend eine Weiſe den Schmerz gut zu machen, den ſie ihm zugefuͤgt— ſofern dieſer jetzt gut gemacht werden kann, denn in dem allzukurzen Brief, den ich vorgeſtern erhielt, ſagt ſie:— Ich habe an Warvner nun beſtimmt geſchrieben und ihn gebeten, mich bei Dir zu treffen. Nun ſoll er mich nicht mehr ſchelten; meine bei Ramloͤſa beſtellten Zimmer koͤnnen benutzt werden, von wem ſie wollen. „Der Doctor und der junge Sorenius kommen daher gleichzeitig, der eine mit einem von himmliſcher Freude, der Andere gewiß mit einem von unausſprechli⸗ cher Angſt klopfendem Herzen. O, daß wir doch ſchon im Monat Juli lebten— dann iſt Alles voruͤber— wenigſtens das Gefaͤhrlichſte, hoffe ich. „Alban, unſer Aller Liebling, iſt hier auf Tjuſtorp. Er ſpielt um mich herum und macht mir unendliche Freude. „Madame Malmelin fuͤhrte ihn ſelbſt hierher und bei dieſer Gelegenheit gab ich der ehrlichen Alten alle — nach e ſich hrem gende von veifel merz dieſer urzen de an deten, mehr nnen amen iſcher echli⸗ ſchon er— ſtorp. dliche r und n alle 23 die Auftraͤge, die Sie von mir ihr gegeben zu ſehen wuͤnſchten. „Dieſes letztere Jahr haben ſich die Sachen auf Madaͤngsholm, Gott ſei Dank, bedeutend beſſer geſtaltet. Mein Tjuſtorp wird naͤchſtes Jahr ebenfalls von gluͤck⸗ lich ſituirten Zinsbauern bewohnt ſein. O, welches Feſt ſoll dieſer Einweihungstag fuͤr mich werden! „Daneben habe ich die Abſicht, eine Sparkaſſe oder, was noch beſſer iſt, eine Rentenverſicherungskaſſe zu er⸗ richten. „Und wiſſen Sie was, ſobald Adelens Geſundheit mir es erlaubt, an etwas Anderes zu denken, beabſich⸗ tige ich ein Gaſtmahl zu geben, um ſowohl zu dem er⸗ waͤhnten Vorhaben, als zu mehreren andern gemeinnuͤtzi⸗ gen Einrichtungen Stimmen zu werben und wenn ich jemals in meinem Leben einige Gefallſucht entwickelt habe, ſo wird es dann geſchehen. „Wenn Sie nach Hauſe kommen, werde ich Sie zu meinem Bundesgenoſſen und Unterintendanten machen, wie Sixten. Nicht wahr, Sie werden nichts dagegen haben? „Doch ich muß jetzt fort und nach meinen ange⸗ fangenen Bauten ſehen. Ueberdies habe ich auch eine Berathung mit dem Feldmeſſer. „Alſo leben Sie wohl, mein Freund! Ich erwarte mit Theilnahme Ihren Brief, der mich ſicherlich uͤber⸗ zeugen wird, daß das ſchoͤne Seebad von Ihrem 24 Weſen auch den letzten Schimmer von Kraͤnklichkeit ab⸗ geſtreift hat. „Aufrichtig geſagt, in der letztern Zeit waren Sie wieder ſchwermuͤthig und duͤſter geworden. Wollen Sie denn fortwaͤhrend in Ihre alten Gruͤbeleien zuruͤck⸗ fallen? Ihre ergebene Freundin Honorine Helleding.“ „P. S. Jolli kommt und ſagt, daß ſie ihren Gruß eigenhaͤndig darunter ſchreiben will. „Ich hoffe, Herr Thurné wird die Guͤte haben, mir zu verzeihen, wenn ich ihm und einer andern ge⸗ wiſſen. Perſon nicht den Willen thue, Du zu ſagen, ehe wir wirklich mit einander verwandt ſind. „Beſter Herr Thurné! Honorine iſt jetzt wie ein wandelnder Burggeiſt zu betrachten. Sie ſchwebt her⸗ aus und herein und die Treppen herauf und herunter, wenigſtens eben ſo vielmal des Tages, wie der ſelige Oberſtlieutenant und beſtimmt kommt ſie nicht eher zur Ruhe, als bis ſie mit der Eintheilung der lieben Bauerngrundſtuͤcke fertig iſt. Ich fuͤr meinen Theil glaubte, es ſei Alles vollkommen gut, ſo wie es war. Aber Mama, die ſich gerade nicht ſehr danach genirt, daß ich Braut bin, pflegt zu ſagen, wenn ich ihr meine Gedanken uͤber Honorinens ewige Thaͤtigkeit anvertraue: — Du biſt eine alberne Henne, welche gackert, wie ihr der als 25 Schnabel gewachſen iſt, aber Honorine iſt ein Menſch und will, daß die Menſchen auch Menſchen ſein ſollen. „Na, lieber Gott, als ob ich das nicht auch wollte! Man wird es wohl ſehen, wenn ich meine Untergebe⸗ nen habe. Ja, ich Arme— ich, die in ihrem ganzen Leben nicht einmal eine Katze beſeſſen. Aber Dick liebt mich ſo ſehr, daß er gar nicht thut, als ob er das wuͤßte. „Meine beſten Gluͤckwuͤnſche zur Badekur, mein lieber zukuͤnftiger Verwandter! Ich ſchrieb dieſes Poſt⸗ ſeript, um Ihnen wiſſen zu laſſen, daß ich mit Honori⸗ nen den ehrwuͤrdigen Beruf einer Mutter fuͤr Al⸗ ban theile. Jo lli.“ Nachdem Philipp dieſen Brief mehrmals durch⸗ geleſen, welcher ihn uͤberzeugte, daß ſein Schutzengel ihn nicht aufgegeben, obſchon er ſich viel mehr Intereſſe zuſchrieb, als er ihr einfloͤßte, mußte er wieder einige Zeilen abſenden, um die vorigen zu entſchuldigen. Und ſo hieß es: „Gnaͤdige Frau! „Haben Sie die Guͤte, dieſes kleine Schreiben als eine Nachſchrift zu meinem vorigen zu betrachten. 26 Es enthaͤlt meinen tiefen und warmen Dank dafuͤr, daß Sie Ihr Verſprechen ſo vollkommen erfuͤllt haben. „Dieſer Brief, der mir das Beduͤrfniß ihres edlen Herzens zeigt, fuͤr alle Geſchoͤpfe Gottes zu leben, hat mich uͤberzeugt, daß ich ein eingebildeter Narr war, als ich glaubte, daß Sie eine beſondere Freundſchaft fuͤr mich hegten. „Ich habe mit der tiefſten Reue an meinen eeſten Brief gedacht. „O, verzeihen Sie, verzeihen Sie, wenn derſelbe eine unpaſſende Heftigkeit verrieth! Aber es giebt Taͤu⸗ ſchungen, von welchen man ſich nicht ohne Schmerz trennt. „Ja, ich will Ihr Unterintendant werden, ich will, wenn Sie befehlen, Ihr Vicewirth ſein, wenn Sie ein Gaſtmahl geben, um durch die Macht Ihrer Gefall⸗ ſucht— Ihrer Gefallſucht— dieſe muß unwiderſteh⸗ lich ſein— alle dieſe trefflichen Landjunker in Ihr Netz zu locken, welche, wie unbeugſam ſie auch bei Ab⸗ ſtimmung in Gemeindeſachen ſein koͤnnen, doch dann ganz gewiß die Flagge ſtreichen werden. „Was, gnaͤdige Frau— Sie bemerkten, daß auch ich in der letzten Zeit veraͤndert war! Aber Sie bemerk⸗ ten nicht, daß dies nur der Widerſchein Ihrer eigenen Veraͤnderung war. meir ich ſchre Sch aber dara dieſe dieſe nied die iſt wie Cha Geg Na Tod glei ſchl daß edlen hat ,als t fuͤr erſten rſelbe Taͤu⸗ merz will, e ein efall⸗ rſteh⸗ Ihr Ab⸗ dann auch merk⸗ genen 27 „Aber ich bin aͤußerſt unzufrieden auch mit dieſem meinen Briefe. „Seitdem ich aufhoͤrte, Verſe zu ſchreiben, muß ich auch die Faͤhigkeit verloren haben, Proſa zu ſchreiben. „Gott weiß, daß ich Ihnen alles Angenehme und Schoͤne ſagen moͤchte, was ſich in Worten ſagen laͤßt, aber gegen meinen Willen werden wieder Dummheiten daraus. „Dieſes Seebad iſt durchaus nicht wohlthaͤtig und dieſer oͤde Strand, dieſes fortwaͤhrend rollende Meer, dieſe tödtende Einfoͤrmigkeit— alles dies macht mich niedergeſchlagener, als ich war. „Wie beneidenswerth ſind Sie, gnaͤdige Frau, die Sie die ganze Welt zu lieben vermoͤgen! Mein Herz iſt nicht ſo weit— deſto ſchlimmer.“...... Doch hier verlaſſen wir den Poeten, deſſen Herz, wie man bemerken wird, fuͤr den Augenblick in einem Chaos, ohne beſtimmte Richtung, ohne einen feſten Gegenſtand ſchwebt. Es iſt ein gefaͤhrlicher Zeitpunkt, ein bei gewiſſen Naturen entſetzlich gefaͤhrlicher Zeitpunkt, welcher den Todesſeufzer der einen erloͤſchenden Leidenſchaft und gleichzeitig den Lebensſeufzer zu einer neuen in ſich ſchließt. Dieſes Hin⸗ und Herſchweben, dieſe unbegreifliche 28 Unruhe, dieſes ewige Bemuͤhen, die unertraͤgliche Leere auszufuͤllen, in welcher das Herz weder Raſt noch Ruhe hat, alles dies macht daſſelbe Herz zu einer leicht uͤber⸗ wundenen Beute, beſonders wenn es— wie dies un⸗ gluͤcklicherweiſe mit unſerm Helden der Fall war— von einer gluͤhenden Phantaſie unterſtuͤtzt wird, welche in der Stille der zuruͤckkehrenden Ruhe verkuͤmmert. Noch glaubte Philipp nicht, daß ſein hochſchwaͤr⸗ mendes Gefuͤhl fuͤr Honorinen im Begriff war, in ein heftigeres uͤberzugehen. Honorine wußte es eben ſo wenig. Aber von ihrem feinen weiblichen Inſtinkt geleitet, hatte ſie ſich in die ernſten Schranken des Witwen⸗ ſtandes zuruͤckgezogen. Dieſe Schranken hatten gleich⸗ wohl— was Schranken oft bewirken— ein andauern⸗ des Bemuͤhen hervorgerufen, ſie wegzuſchaffen und Alles auf ſeinen alten Fuß, das heißt, auf einen ganz neuen, herzuſtellen. Honorinens Brief machte Philipp gleichzeitig gluͤck⸗ lich und mißmuthig. Er war mißvergnuͤgt, ohne recht genau zu wiſſen, weshalbz aber eine Freude empfand er deutlich und wußte auch eine deutliche Urſache dazu— Baron Siy⸗ tens Abreiſe. Es iſt haͤßlich, eiferſuͤchtig zu ſein. Nicht einmal der Oberſtlieutenant war es geweſen. Aber wenn Philipp bei ſie „Das ruhig ſeiner ſuchen War 29 bei ſich ſelbſt dieſe Betrachtung anſtellte, ſetzte er hinzu: „Das glaube ich wohl; der Oberſtlieutenant konnte ganz ruhig ſein— er nannte ſie Gattin.“ Aber, wie geſagt, wir verlaſſen unſern Poeten in ſeinem Bade, um ihn nach einiger Zeit wieder aufzu⸗ ſuchen. Jetzt wollen wir einen eiligen Beſuch bei Doctor Warvner machen. 3. Dulletin aus der Reſidenz. Erſchoͤpft und ermuͤdet, war unſer junger Pro⸗ vinzialarzt ſoeben von einer mehrtaͤgigen Berufsreiſe nach Hauſe gekommen und wir finden ihn nun am letzten Mai— denn wir muͤſſen etwas zuruͤckgehen — in demſelben Zimmer wieder, hinter deſſen Schirm der kleine Laufjunge ſich verſteckt gehalten hatte. Aber der Schirm war nicht mehr da, denn Arnold litt ihn nicht und ſowohl Jungfer Lisbeth als Musje Laſſe hatten ſich daran gewoͤhnen muͤſſen, die„Ge⸗ ſpenſter“ zu Geſicht zu bekommen. Sogar dieſe ganze Wohnung war Arnold verhaßt geworden und wenn er nur mit ſeinen eigenen Gedan⸗ ken einig geweſen waͤre, als er bei ſich zu Hauſe war, ſo wuͤrde er auf Dicks mehrmal ihm gemachten Vor⸗ ſchlag eingegangen ſein, ſich auf Ribyhus niederzu⸗ laſſen. Pro⸗ sreiſe n am gehen chirm Irnold Nusje „Ge⸗ erhaßt hedan⸗ war, Vor⸗ derzu⸗ 31 Aber Dick ſchwatzte unaufhoͤrlich und ſtets uͤber dieſelben Gegenſtaͤnde, ſeine Braut, ſein Muſeum und ſeinen Pflegeſohn. Philipp brauchte ihn jetzt nicht, deshalb war er auch nicht mehr ſo modern auf Dick's Lippen— in ſeinem Herzen war er gleichwohl ſtets modern. Nun war die Sache die, daß der fuͤr ſeine Ge⸗ danken noch weniger Abwechſelung hatte. Denn er dachte blos an zwei Gegenſtaͤnde: die eigenſinnige, blen⸗ dende, junge Witwe in der Reſidenzſtadt und an die Operation. Dick wollte beſtaͤndig lachen, der Doctor wollte fortwaͤhrend ernſthaft ſein. Dick ſprang deckenhoch, wenn er in der Zukunft ſchwebte; der Doctor ſeufzte, wenn ſeine Seele ſich hinein verſetzte. 3 Deſſenungeachtet ſuchten ſie einander auf und Arnold war auch jetzt noch keine Stunde zu Hauſe, als das Reitpferd des Directors auch ſchon auf dem Hofe und gleich darauf der Director ſelbſt in den Saal hereinſchnaufte. „Mein beſter Arnold, ich bin ungeheuer erfreut, Dich zu Hauſe zu treffen. Es iſt mir eine Idee eingekom⸗ men, die mich ganz ſchwindlig gemacht hat. Sie wird auch Dir zum Vortheil gereichen.“ „Was iſt denn das fuͤr eine Idee!“ „Die Oberſtlieutenantin hat mit ihren Bitten 32 mich gezwungen— obſchon ich nahe daran war, vor Verdruß zu weinen, meine Hochzeit, wie Du weißt, noch ein ganzes Jahr aufzuſchieben, aber meine Braut(Dick ſagte faſt immer, meine Braut) war ſo verzweifelt liebenswuͤrdig, als ſie mich auslachte, daß ich nicht anders als Ja ſagen konnte.“ „Beſonders,“ antwortete der Doktor ſcherzend,„da Deine ehrwuͤrdige Schwiegermutter es ſchon geſagt hat — ſie iſt ja eine Autoritaͤt, die man nicht gern ver⸗ leugnet.“ „O, die haͤtte ſich ſchon durch meine neuen Cigar⸗ ren bekehren laſſen, davon bin ich uͤberzeugt. Aber gleichviel, die Hochzeit iſt aufgeſchoben— das iſt die Hauptſache.“ „Ohne Zweifel.“ „Und nun bin ich wieder von meiner alten Idee angefochten worden, zum Erſatz die ganze Geſellſchaft nach Ribyhus zu ziehen— ich meine ſaͤmmtliche drei Damen, die Oberſtlieutenantin, die Koͤnigin Adele und meine Herrſcherin, welche da ein wenig anfangen koͤnnte, ſich einzugewoͤhnen.“ „Denke nicht an ein ſo großes Gluͤckl“ antwortete der Doctor, indem er einen Seufzer erſtickte, den die⸗ ſer Vorſchlag hervorrief. „Warum nicht?— wenn Frau von Stern Dich braucht, ſo waͤre ja Ribyhus das allernaͤchſte.“ „Ach, ſie hat ſich ja noch nicht mehr, als zur Haͤlf Bau nom mein ſchon das koͤnn wenn ich verſte oder ſo ko poche ſollte der I wirkli Narr. ich he auf, raucht! Ein vor veißt, neine war daß „da t hat ver⸗ igar⸗ Aber ſt die Idee ſchaft e drei 2 und ounte, ortete n die⸗ Dich s zur Halfte entſchieden! Und die Oberſtlieutenantin mit ihren Bauwerken, ihrem Feldmeſſen und ihrer großen Oeko⸗ nomie wird jetzt Tjuſtorp nicht verlaſſen... o nein, mein Freund, dieſe Idee mußt Du aufgeben.“ „Das waͤre freilich ſchlimm— ich hatte mir ſchon die Schlafkammer meiner Braut ausgedacht— das kleine, blaue Zimmer uͤber dem Muſeum. Sie koͤnnte mich da auch waͤhrend der Nacht hoͤren. Denn wenn ich auch keine Serenade anſtellen kann, ſo kann ich doch wenigſtens Laͤmm machen und wenn ich— verſteht ſich unverſehens— ein Gemaͤlde, einen Stein oder ſo etwas Aehnliches auf den Boden fallen ließe, ſo koͤnnte ſie eben mit dem Schuͤreiſen auf den Boden pochen, zum Zeichen, daß ich mich ruhig verhalten ſollte... und das ware doch eine Art Converſation bis der Morgen kaͤme.“ „Das iſt ſo ſinnreich, mein lieber Dick, daß ich wirklich glaube, Du biſt verliebt, wie ein ganzer Narrl“ „Zum Teufel!“ ſchrie Dick ploͤtzlich.„Ich glaube, ich habe den Brief zu Hauſe gelaſſen.“ „Den Brief— was fuͤr einen Brief?“ „Nun, einen Brief von Frau Adele.“ „Haſt Du,“— Arnold fuhr heftig vom Sopha auf, worauf er ganz gemaͤchlich lag und ſeine Cigarre rauchte—„haſt Du Briefe von ihr erhalten?“ Dick begann in allen Taſchen zu ſuchen. Ein Gerücht. VI. 3 34 „Blos ein Couvert, lieber Bruder, nur ein Cou⸗ vert— aber gleichwohl mit dem Erſuchen, daß, im Fall Du nicht zu Hauſe waͤreſt, ich es Dir mit Staf⸗ fette zuſchicken ſollte.“ „Und einen ſolchen Brief haſt Du vergeſſen kon⸗ nen?“ ſagte Arnold ganz bleich.„Laß uns ſofort nach Ribyhus eilen.“ „Liebſter Bruder, verzeihe mir— es war das ver⸗ teufelte Schlafzimmer und das Schuͤreiſen, was die ganze Confuſion hervorgerufen hat. Ich ſtand gerade, mit dem Brief in der Hand, in meinem Muſeum... aber... Ah— Gott ſei Dank, Gott ſei Dank, ich habe ihn in der Zerſtreuung in die Rocktaſche geſteckt ... hier iſt er!“ Arnold entgegnete kein Wort, ſondern nahm ſchnell den Brief und eilte hinein auf die Seite, wo er einmal der kranken Frau goldene Berge verſprochen. Jetzt handelte es ſich auch um eine Frau— aber ach, wie verſchieden waren die Umſtaͤnde! Nachdem Arnold ſorgfaͤltig die Thuͤr verſchloſſen, druͤckte er den Brief einen Augenblick an ſeine Lippen. Dann hielt er ihn noch einmal in der Hand, bevor er den Muth hatte, ihn zu oͤffnen..* Bald lag gleichwohl der Inhalt vor ſeinen Augen * und ſen, tigke der paar werd Den zuſte als Que und opfen bloß Sie kanrn entſe nige bevo auf 3⁵ und lange zuvor, ehe er noch ein einziges Wort gele⸗ ſen, ahnte er, daß dieſer Brief von unermeßlicher Wich⸗ tigkeit ſein muͤſſe. „Nun wohl,“ ſchrieb Adele,„er iſt gekommen, der Augenblick, wo ich mich ergebe. „Ich hatte noch auf eine Friſt gehofft, aber nein Hes iſt vorbei mit der glaͤnzenden Adele. Seit ein paar Wochen fuͤhlt ſie, daß ihre Sterne bald erbleichen werden, erbleichen, um nie wieder zu ſtrahlen. „Sie ſollen mir keinen Vorwurf zu machen haben. Denn geſchaͤhe es nicht, um Ihren Wunſch zufrieden⸗ zuſtellen, ſo wuͤrde ich lieber in alles Andere willigen, als in dieſe Operation. „Es wuͤrde dann ein Leben von Schmerzen und Qualen— nun wird es vielleicht ein ſchneller Tod und dieſer iſt wohl nicht zu theuer erkauft mit der Auf⸗ opferung jener Furcht und Schaam, die mich bei der bloßen Vorſtellung deſſen, was kommen wird, uͤberfallt. „Alſo, beſter, lieber, unermuͤdlicher Freund, treffen Sie mich heute uͤber vierzehn Tage in Tjuſtorp! Ich kann es mir ſelbſt nicht verzeihen, daß ich mit dieſem entſcheidenden Briefe ſo lange gezoͤgert habe, denn we⸗ niger als vierzehn Tage koͤnnen nun nicht vergehen, bevor ich Sie treffe. „Aus dieſer Beſorgniß werden Sie wahrſcheinlich auf das Schlimmſte ſchließen. „Ja, ja, eine Beſorgniß, glaube ich, haben Si 3* 36 das Recht zu ſagen. Aber vergeſſen Sie eins nicht: daß Sie es ſind, der mir Muth einfloͤßen wird und daß meine Staͤrke ganz und gar von der Ihrigen ab⸗ haͤngt. „Ich bin nicht verzaͤrtelt, ich glaube, ich kann ge⸗ duldig leiden, aber ich mache mich auf Alles gefaßt. „Es iſt mir ſogar, als wenn ich das Beduͤrfniß fuͤhlte, Ihnen Muth einzufloͤßen, und da ich glaube, daß es dazu nicht mehr als ein Mittel giebt, ſo geſtehe ich, daß ich mich uͤber den Lohn, den Sie ſich ausbe⸗ dungen, wenn Sie mich retten, nicht beklage und ich ſetze hinzu, daß ich, im Fall ich es erlebe, Sie fragen zu hoͤren, ob dieſer Lohn nicht verdient ſei, bei der Ant⸗ wort darauf nicht das mindeſte Zeichen von Schuͤch⸗ ternheit verrathen werde. „Denn, wem als Ihnen, ſollte ich dann angehoͤren wollen— wem als Ihnen oder dem Tode gehoͤre ich jetzt ſchon an? „Aus dieſem Grunde unterzeichne ich mich daher auch einzig und allein als Deine Adele, aber mzerken Sie wohl, blos in dieſem Briefe— Sie ſind viel zu ſehr Arzt, als daß Sie bis auf Weiteres fuͤr Ihre Patientin etwas Anderes ſein wollten.“ Dieſe gleichzeitig ſo vollſtaͤndigen und unvollſtaͤndi⸗ —— hatte ben, ihr 1 diene erhie ſchri Sie laut thun vor ſchlu Ang! Ster ſtrah nicht: und 1 ab⸗ n ge⸗ rfniß aube, eſtehe usbe⸗ id ich ragen Ant⸗ huͤch⸗ hoͤren re ich daher Sie iteres aͤndi⸗ 37 gen Bekenntniſſe erfuͤllten Arnold mit Schrecken und Entzuͤcken. Endlich, endlich ſiegte er! Aber... kam ihm nun der Sieg wohl auch wirklich in die Haͤnde? Sie druͤckte ſich nicht recht deutlich aus und doch war es nur zu deutlich, daß die Krankheit gefaͤhrliche Fortſchritte gemacht hatte. Sein Herz bebte vor Todesfurcht und gleichwohl — weil die Poſt in demſelben Augenblicke abging— hatte er die Kraft, einige Zeilen an ſie zu ſchrei⸗ ben, welche vielleicht noch zeitig genug eintrafen, um ihr unterwegs zu einer freundlichen Reiſegeſellſchaft zu dienen. „Theure, geliebte Adele! „Nach dem Briefe, den ich in dieſem Augenblicke erhielt, wage ich zum erſten Mal, mich einer Ueber⸗ ſchrift zu bedienen, die Sie nicht beleidigen kann, weil Sie wiſſen, daß meine Lippen dieſe Worte nicht eher laut werden ausſprechen, als bis ich es ohne Gefahr thun kann. „Nein, keine Vorwuͤrfe— ſie verſtummen alle vor der beſeligenden Gewißheit, daß Sie Ihren Ent⸗ ſchluß nun nicht wieder aͤndern werden. „Nur Muth! Verbannen Sie alle Furcht, alle Angſt, alle Gedanken an den Tod und die erbleichenden Sterne, denn ſo Gott will, werden ſie noch einmal ſtrahlen, ſo ſchoͤn, wie jemals! 38 „Ihr Uebel iſt nicht von der ſchlimmſten Art. Es giebt zwei Arten dergleichen Krankheiten— die zweite iſt weit ſchwerer und gefaͤhrlicher, als die, an welcher Sie leiden. „Seien Sie ruhig, ſeien Sie nur ruhig und faſſen Sie feſte Hoffnung.— Vor allen Dingen laſſen Sie ſich nicht von dem Medizinalrath durch ſeine feierlichen und hochtrabenden Grimaſſen Schrecken einjagen! Er hat unrecht, tauſendmal unrecht... ich werde ihm das beweiſen. „Zu dem neuen Stadtarzte ſtehe ich in dem beſten Verhaͤltniſſe. Er wird meine Praxis einſtweilen uͤber⸗ nehmen, wie ich mit der ſeinigen thun werde, wenn er naͤchſten Herbſt verreiſ't um ſeine Hochzeit zu feiern. „Seien Sie daher auch in der Hinſicht ruhig, daß ich zu der beſtimmten Zeit kommen werde. Aber ich ſage Ihnen immer im Voraus, daß wir unſer zwei naͤn ein wier Arzte ſein muͤſſen. Ich werde deswegen an Doctor B. ſchreiben, welcher, wie Sie wiſſen werden, den Oberſt⸗ lieutenant behandelte. „Ich ſchicke Ihnen dieſen Brief, um Ihnen die Ueberzeugung zu geben, daß ich nicht muthlos bin. „Aber ich wage nicht ein einziges Wort in Bezug auf die wonnevollen Hoffnungen, welche der Schluß des Ihrigen in mir erweckt hat. „Ein Geſtaͤndniß muͤſſen Sie mir jedoch geſtatten, . Es zweite elcher faſſen 1 Sie lichen 1! Er n das beſten uͤber⸗ wenn eit zu g, daß der ich r zwei Doctor Oberſt⸗ en die in. Bezug Schluß ſtatten, 39 naͤmlich das, daß es im Leben oder Tode nicht mehr als eine Gattin giebt fuͤr Arnold.“ „N. S. Ich baue feſt darauf, meine Heldin wiederzufinden, wenn ihr Muth am noͤthigſten iſt.“ — 4. Zwei Frauen. In Tjuſtorps gruͤnenden Hainen wandelte eine ſchwarzgekleidete Frau und traͤumte, nicht von ſchmach⸗ tender Liebe, leidenſchaftlichen Begegnungen und aus⸗ getauſchten Schwuͤren, ſondern von lebensfriſchen und edlen Plaͤnen zum Beſten ihrer Mitmenſchen. Jetzt ſollte Honorinens großer Lieblingsgedanke zur Wirklichkeit werden. Der Okerſtlieutenant hatte ihr die hohe Freude gemacht, dieſen Gedanken durch ſeine Zuſtimmung zu heiligen— nun ſollte ſie ihre Unterge⸗ benen gluͤcklich im Beſitze eines eigenen Grundſtuͤckes ſehen. Ach, wie viele Werke wollte ſie außerdem noch verrichten— eine ganze Lebenszeit war fuͤr alle ihre Plaͤne kaum hinreichend, in welchen ſie jedoch auch, ſo oft als es ging, ihre Nachbarn mit inbegriff, dafern ſie Macht uͤber dieſelben gewinnen konnte. eine nach⸗ aus⸗ und danke hatte ſeine terge⸗ tuͤckes noch e ihre auch, dafern 41 Sie war viel zu ſehr Weib, um nicht einzuſehen, daß ihre Stellung, als bloße Gutsbeſitzerin und Nach⸗ barin, unzureichend ſei. Von einem docirenden Frauen⸗ zimmer mit ſteifen Manieren und langen Reden haͤtte man ſich ganz gewiß zuruͤckgezogen, aber eine junge, an⸗ ziehende, reizende Wirthin dagegen... Honorine ſchloß dieſe Alleingeſpraͤche mit einem leichten Kopfnicken, in welchem ein unſchuldiger undliebenswuͤrdiger Triumphlag. Waͤhrend des Gehens hatte ſich eine friſche Roͤthe uͤber ihre Wangen gebreitet, welche ſonſt, ſeit der Zeit ihres Witwenſtandes, nur eine feinere Blaͤſſe gezeigt hatten. Es waͤre nicht der Wahrheit gemaͤß, wenn wir behaupten wollten, Honorine habe ihren Mann geradezu untroͤſtlich betrauert— dazu waren die Gefuͤhle, die dieſes Paar vereinigt, viel zu ruhig geweſen— aber ſie hatte dieſen Gatten herzlich lieb gehabt. Sie hatte ihn innig hochgeachtet, ſie hatte gefuͤhlt, daß ſie in ihm einen feſten Schutz beſaß und endlich war ſie ihm unentbehrlich geweſen— ſie hatte ſeine hoͤchſte Freude ausgemacht. Nach ſeinem Tode ward ihr Herz fuͤr die einzel⸗ nen Freunde nicht kaͤlterz aber wir haben ſchon geſagt, daß in Bezug auf Philipp ein gewiſſer Inſtinkt ſie leitete. Dieſer Inſtinkt war jedoch ſo unklar, daß ſie blos das Beduͤrfniß empfand, nunmehr hinſichtlich ihrer fruͤhern Vertraulichkeir eine Grenze zu ziehen. So 42 war es auch zum Theil mit Sirten, obſchon aus einem entgegengeſetzten Inſtinkt, welcher ihr ſagte, daß die ge⸗ ringſte Unvorſichtigkeit von ihrer Seite ſeine Hoffnnug fuͤr die Zukunft erwecken koͤnnte. In dem Brief an Philipp hatte ſie inzwiſchen einen Hauch der alten Herzlichkeit wehen laſſen— die Worte wuͤrden doppelt ſteif auf dem Papier ausge⸗ ſehen haben, wenn ſie den letztern Ton beibehalten haͤtte... aber vielleicht hatte er weder von dem einen noch von dem andern etwas bemerkt? Er war ja auch verſchloſſen und ſteif geweſen, aber ſie hatte jetzt nicht fragen können. Im gegenwaͤrtigen Augenblicke hatte ſie ſchon ſeit mehrern Tagen den Brief erhalten, den er von Udde⸗ valla an ſie geſchrieben, aber dieſer hatte dieſelbe Wir⸗ kung auf ſie gehabt, wie der ihrige auf ihn, naͤmlich die, daß er kein wirkliches Vergnuͤgen bereitete. Es kamen darin wohl Schimmer von Hingebung vor, aber ſie klangen doch fremd. Vielleicht um ſich damit vertrauter zu machen, behielt Honorine ihn in der Taſche ihres Kleides; viel⸗ leicht geſchah dies auch aus Vergeßlichkeit— genug, es traf ſich ſehr oft, daß ſie hineingriff und wenn ſie ihn dann zufäͤllig erfaßte, ſo mußte ſie ihn leſen. Aber waͤhrend ſo unſere junge Frau, in ihre Be⸗ rechnungen vertieft, umherwandelte, fuhr ſie auf einmal 43 zuſammen und begann mit ſchnellen Schritten heim⸗ waͤrts zu gehen. Sie machte ſich Vorwuͤrfe, daß ſie ſo lange Adele allein gelaſſen, welche den Tag vorher angelangt war und jetzt zum erſten Male in dieſen vierundzwanzig Stunden einige Ruhe genoß. Auch war Honorine jeden Augenblick bei ihrer Freundin geweſen, dieſer Freundin, die nicht laut klagte, aber deren Auge— zuweilen von einem unnatuͤrlichen Feuer gluͤhend, zuweilen wieder erloͤſchend— deutlich verrieth, daß eine Zeit gekommen war, wo die glaͤnzen⸗ den Bilder des Geſellſchaftslebens immer mehr und mehr in den Hintergrund gedraͤngt wurden. In dem Zimmer neben Adelens Schlafgemach ſaß Jolli allein und legte ſich die Karte, womit die Braut ſich haͤufig die Zeit vertrieb, beſonders wenn ſie, wie jetzt, der Ankunft ihres Braͤutigams entgegenzu⸗ ſehen hatte. Es war an dem Tage vor dem, an welchem Dick und der Doctor erwartet wurden. „Liebe Jolli,“ fluͤſterte Honorine, auf Adelens Thuͤr zeigend,„ſchlaͤft ſie noch?“ Jolli nickte ein heiteres Ja und reichte ihr gleich⸗ zeitig Philipps Brief hin, der in demſelben Augenblicke eingetroffen war. „Was, ſchon wieder einer!“ und mit einem Ge⸗ fuͤhle ſchuͤchterner Verwunderung nahm Honorine den 44 Brief, ſchlich ſich in Adelens Schlafgemach und ſetzte ſich hinter die Gardine, nachdem ſie zuvor einen Blick auf das Bett geworfen hatte. Adelens Angeſicht war bleich, ſo bleich, daß nicht eine einzige Roſe darauf ſichtbar war. Ein Ausdruck kaum eingewiegten Schmerzes ſchwebte noch um ihre zuſammengekniffenen Lippen und der dunkelblaue Ring, in welchem ſeit einigen Wochen ihr Auge gleichſam eingefaßt war, ſtach waͤhrend des Schlafes noch duͤſterer und ſinſterer gegen den Lilienteint des Geſichts ab. Waͤhrend aber Adele dieſe lange entbehrte Ruhe genießt— dafern es eine iſt, denn von Zeit zu Zeit geht ein Zucken durch ihre Glieder— wollen wir hinter den Vorhang blicken und Honorinen betrachten. Waͤhrend des Leſens dieſes Briefes von Philipp, mußte eine maͤchtige Gemuͤthsbewegung ſie erſchuͤttert haben, dann erſt nahm ihre Wange die ſchoͤne Farbe einer reinen Abendroͤthe an, darauf ward es eine Abend⸗ roͤthe in Purpur, welche gleichwohl bald an eine Abend⸗ röthe der Art erinnerte, wo die Sonne in Blut un⸗ tergeht. Und ihr Blick, dieſer ſo ruhige und anmuthige Blick, hatte einen ſolchen Glanz, einen ſolchen Aus⸗ druck wonnevollen Erſtaunens erhalten, daß man bei deſſen Anblick nur an ein Bild gedacht haben wuͤrde, naͤmlich das Bild zweier Augen, die, nachdem ſie mit einer Binde bedeckt geweſen, bei Entfernung derſelben hinei als ohne duͤrfe —— 45 ploͤtlich den Himmel offen zu ſehen glauben. Aber alles dies war ſo ungewoͤhnlich, ſo unbegreiflich, daß Honorine dadurch, daß ſie die Haͤnde vor die Augen druͤckte, ihre Binde wieder anlegen zu wollen ſchien. Und wozu diente dieſe jetzt? Ohne den Brief zu ſehen, las ſie aus dem Ge⸗ daͤchtniß Wort fuͤr Wort alle dieſe Vorwuͤrfe, alle dieſe unbewußten Geſtaͤndniſſe und endlich jene ungeſtuͤme Klage, die ihren Grund darin hatte, daß der Brief, den er erwartet, ausgeblieben war. War es wohl eine Moͤglichkeit— hatten endlich dieſe Feſſeln, in welchen er ſo lange geſchmachtet, ſich ſelbſt geloſ't? Hatte die Entfernung ihn gelehrt, ſich — neue Feſſeln zu wuͤnſchen? Honorine ſprang auf und betrachtete entſetzt und zitternd ihr Witwengewand... Aber gleich darauf legte ſich ein Gefuͤhl himmliſchen Friedens uͤber ihr Herz— es war ja Alles ſo rein, ſo heilig, daß ſie nicht zu zittern brauchte. Wenn der Himmel einmal ſich wirklich oͤffnete, weshalb ſollte ſie dann nicht wagen, hineinzublicken? Sie hatte ja verſucht, ihre Pflichten als Gattin, als Menſch zu erfuͤllen— Gott wollte ihr erlauben, ohne Vorwuͤrfe auf ein noch hoͤheres Gluͤck hoffen zu duͤrfen. Ein halberſtickter Ausruf ſtoͤrte ſie. Sie verbarg ſchnell den Brief und eilte zu Adelen, 46 welche von einer ſtechenden Erſchuͤtterung, die ſich allen Nerven mitzutheilen ſchien, unſanft geweckt, neue Er⸗ fahrungen im Gebiete des Schmerzes machen ſollte. „Meine arme, theure Adele!“ Honorinens Herz vergaß ſogleich die neuerwachte Seligkeit. Mit Angſt betrachtete ſie ihre Freundin. „O mein Gott, mein Gott!* ſeufzte Adele un⸗ ruhig,„was ich war.. 6 Sie redete nicht aus, aber ihre Hand druͤckte hef⸗ tig Honorinens. „Wenn Du einmal einen ruhigen Augenblick haſt,“ fluͤſterte dieſe,„wirſt Du mir ſagen, wie lange es ſo geweſen iſt...“ Ein Laͤcheln, aber ein mildes, ein mitleidsvolles Laͤcheln, ſpielte matt uͤder Adelens farbloſe Lippen. „Seit zwei Monaten habe ich dagegen gekaͤmpft, ich armſeliges Weltkind! Aber ſeit ein paar Wochen muß ich mich fuͤr uͤberwunden bekennen. Ich ſchrieb damals an ihn, wie Du weißt.“ „Ja, und er wird ſich das heilige Recht erwerben, Dir ein neues Leben zu oͤffnen.“ „Zu ſpaͤt, zu ſpaͤt!“ G Einige kalte Schweißtropfen befeuchteten Adelens Stirn. Ihre feinen Adern ſchwollen waͤhrend dieſes Kampfes. „Nicht zu ſpaͤt— er hat verſprochen.“ „Ja, wenn ich ihm damals gehorcht haͤtte... o di unſe Lebe erker behe danmn das Her auch herv weſe ſchon erſter einen ihren blicke rend lism 47 o dieſe Eitelkeit, dieſe Sucht nach leerem Glanze, dieſes unſelige, regungsvolle Leben, welches doch niemals ein Leben war... Honorine, Honorine, betrachte mich— erkennſt Du in mir die glaͤnzende Adele wieder?“ „Ich erkenne die geduldige, die edle, die ſich ſelbſt beherrſchende Adele wieder.“ „Aber er wird mich nicht mehr ſchoͤn finden und dann... „Pfui, wie kannſt Du ihn ſo verkennen— er hat das nicht verdient.“ „Ach, ich weiß wohl, wie zaͤrtlich und gut ſein Herz iſt.“ Adele fuhr mit der Hand unter ihr Kopfkiſſen— auch ſie verwahrte einen Brief und indem ſie dieſen hervorzog, ließ ſie ihre Lippen, trotz Honorinens An⸗ weſenheit, auf dem Siegel ruhen, gleichſam als ob ſie ſchon davon eine Linderung hoffte. Honorine wendete ſich erroͤthend ab, denn zum erſten Mal empfand ſie das maͤchtige Verlangen, mit einem andern Briefe zu thun, was Adele mit dem ihren that. „Du liebſt ihn alſo?“ ſagte ſie. „Das habe ich, glaube ich, von dem erſten Augen⸗ blicke an gethan, wo ich ihn ſah und ſeitdem fortwaͤh⸗ rend mehr... Sieh, Honorine— iſt nicht der Ta⸗ lisman dieſer Liebe wunderbar— meine Schmerzen 48 werden wohl nicht auf lange Zeit gelindert.. fuͤr den Augenblick bin ich doch frei davon.“ „Aber, wenn Du wirklich liebteſt, Adele, wenn Du ihm in ſeinen Briefen erlaubteſt, Dir das zu ſagen, wie haſt Du dann...“ „... ſeinen Bitten, meinem eignen Herzen und ſelbſt der Vernunft widerſtehen koͤnnen, fragſt Du, nicht wahr?“ „Ja, das frage ich wirklich.“ „Zuerſt und vor allen Dingen war meine Liebe ein Kind, welches durch mein niemals ruhendes Ver⸗ langen nach Vergnuͤgen und Glanz zum Schweigen gebracht ward; demnaͤchſt ward dieſe Liebe durch das Verſprechen, welches die Operation betraf, ſtets mit dem Gedanken an einen moͤglichen Tod verbunden... der Medizinalrath nennt ihn gewiß... und ſiehſt Du, Honorine, man hoͤrt nicht die ungleichen Aus⸗ ſpruͤche zweier Aerzte, ohne daß ſelbſt, wenn man den einen liebt, die Worte des andern auch eine Wirkung thun, der man nicht ganz und gar widerſtehen kann. Und endlich drittens ſchien mir das Leben mit ſeinen Genuͤſſen unaufhoͤrlich ſchoͤner, ſeine Triumphe immer unmoͤglicher zu entbehren. Die Luſt an allem dieſen wuchs, ſo zu ſagen, bis zum Wahnſinn— ich be⸗ rauſchte mich und hoffte dem Erwachen zu entgehen.“ „Du liebteſt ihn nicht.“ „Schweig, ſage ich! Ein ſo langer und anhal⸗ 49 fuͤr tender Briefwechſel, der eine nahe Vertraulichkeit zu⸗ gleich in ſich ſchließt und verbietet, iſt gerade durch den nn Schleirr, der uͤber unſere wirklichen Gefuͤhle geworfen zu wird, eine groͤßere Nahrung fuͤr die Liebe, als ein be⸗ ſtaͤndiges Beiſammenſein, bevor das entſcheidende Wort und ausgeſprochen iſt. Wenn ſeine Briefe kamen, lebte Du, ich ganz und gar fuͤr ihn— ebenſo, wenn die Schmer⸗ zen kamen, bis es mit dieſen voͤllig uͤberhand nahm.“ „Aber verzeihe, theure Adele, verwechſelſt Du bei jebe dieſer Liebe nicht den Arzt allzuſehr mit dem Liebhaber? Ver⸗— der Arzt iſt es, der Dich retten ſoll.“ gen„Ah, wenn Du mich ſo mißverſtehen kannſt, ſo das habe ich mich nicht richtig ausgedruͤckt. Aber ich hoffe, mit daß Du mich beſſer verſtehen wirſt, wenn ich Dir Hen. ſage, daß ich, wenn ich es nicht um ſei netwillen thaͤte, jehſt lieber dieſe Schmerzen mich ans Bett feſſeln ließe und lus⸗ geduldig den langen Todeskampf litte; denn meine 2 Furcht vor der Operation uͤberſteigt alle Begriffe.“ ung„Aber, Adele, wie kannſt Du nur bei dieſen ann. Schmerzen Dich von dem Gefuͤhle falſcher Schaam in inen ſolchem Grade beherrſchen laſſen?“ mer„Dieſes Gefuͤhl iſt es bei weitem nicht allein— ieſen icch fuͤrchte mich, daß ich zittere, vor dem bloßen Ge⸗ be⸗ danken an jene Marterwerkzeuge und meine Angſt 14 ſteigert ſich mit jedem Tage, jeder Stunde und jeder Minute, die mich dem entſcheidenden Augenblicke naͤher hal⸗ bringt.“ Ein Gerücht. Vi. 4 50 Honorine ſchlang ihre Arme um Adele, deren ſchnee⸗ bleiches, von Thraͤnen befeuchtetes Antlitz ſich an die Schulter der Freundin lehnte. „Meine theure, meine geliebte Adele, Du... Ou ſiehſt hinter allem dieſen den Todl' „Ja,“ antwortete Adele unter erſticktem Schluch⸗ zen,„Dir geſtehe ich es— hinter dieſem Entſetzen, hinter dieſer Furcht, der mein Koͤrper nicht widerſtehen, die mein Geiſt nicht beherrſchen kann, hinter allem dieſen ſehe ich den Tod— den Tod, auf den ich noch nicht vorbereitet bin, den Tod, der mich mit ſich in jenes unbekannte Land fuͤhrt, wohin mein Auge ſich noch nicht gewoͤhnt hat, zu blicken... O, Honorine, wenn ich geweſen waͤre, wie Du, wenn ich nicht ſo vieles in der Natur gemißbraucht, wenn ich mir nicht dieſe Krankheit ſelbſt zugezogen haͤtte, wenn mein Le⸗ ben das Allergeringſte geweſen waͤre— aber nein, es iſt doch etwas werth geweſen und es wird nicht ſpurlos verſchwinden, ohne etwas hinter ſich zu laſſen... Aber dieſes Etwas iſt entſetzlich— es ſind dies alle die verfuͤhreriſchen Beiſpiele, die ich gegeben. Wie manche Frau hat nicht mir gleichen und glaͤnzen ge⸗ wollt, wie ich, wie manche hat nicht um meinetwillen Thorheiten begangen, die Uneinigkeiten in den Familien zur Folge gehabt haben! Mein Leichtſinn war nicht Bosheit— es war ein Leichtſinn der Gewohnheit, der Erziehung— es war der Leichtſinn der Vergnuͤgungs⸗ ree⸗ die ich⸗ en, hen, lem och in ſich ine, ſo icht Le⸗ es rlos alle Wie —zp 51 ſucht— und jetzt bei einem Alter von erſt vierund⸗ zwanzig Jahren oͤffnet ſich das Grab, um ſein Opfer zu verſchlingen.“ Honorine war aufs Tiefſte geruͤhrt. Sie hielt Adelen noch umſchlungen und ſchluchzte mit ihr. Sie wuͤnſchte an dieſem Bette tauſend Zeugen zu haben, tauſend junge Frauen, die ſich in Adelens bleichem An⸗ geſicht haͤtten ſpiegeln koͤnnen, in der Seelenangſt, die ſich in jedem ihrer Zuͤge offenbarte. Arme Adele— wie lang waren Deine Naͤchte in dieſer letzten Zeit, wie reich waren ſie an Betrach⸗ tungen! 4— c— 5. Zwei Frauen.(Fortſetzung.) Es verging ziemlich lange Zeit, bevor die beiden Frauen ihrer Gefuͤhle wieder maͤchtig wurden. Endlich ſagte Honorine: „Iſt es nicht wahr, daß, wenn Gott in ſeiner Barmherzigkeit zugiebt, daß dieſe harte und bittere Pruͤ⸗ fung von deinem Leben hinweggeſtreift wird, wie eine Wolke, welcher er befiehlt, ſich zu zerſtreuen, iſt es nicht wahr, daß Du dann ein neues, ein befriedigenderes Le⸗ ben beginnen wirſt?* „Du brauchſt mich wohl kaum dies zu fragen, wenn Du weißt, daß ich mit einem neuen Leben auch neue Pflichten zu uͤbernehmen beabſichtige.. Ach, wenn es ſo waͤre, wenn ich dieſes neue Daſein em⸗ pfinge— dann wollte ich andere Beiſpiele geben, als welche ich zeither gegeben... doch was auch geſchehen moͤge— alle die Schwaͤchen, die ich jetzt verrathe, ſind * ——.——— , 1+——— ——2„— den ner ruͤ⸗ eine icht Le⸗ gen, auch Ach, em⸗ als dehen ſind A 53 nur zwiſchen uns und Gott... ich moͤchte um keinen Preis, daß Arnold mich ſchwach und zitternd ſaͤhe.“ „Aber verſuche nicht, ihn durch eine erkuͤnſtelte Staͤrke zu taͤuſchen— wenn dieſe Dich verließe, wenn Du ihrer am meiſten bedarfſt, waͤre es um ſo ſchlimmer.“ „O nein— aus allen meinen Kraͤften will ich um Muth beten, damit ich dieſen ſchwachen zitternden Koͤrper beherrſchen kann. Ich habe ihn glauben laſſen, daß ich ſtandhaft bin, daß ich heldenmuͤthig bin und ich will, daß er es glauben ſoll, ja, lieber will ich mich erwuͤrgen, als daß meine Lippen das Entſetzen ausſpre⸗ chen ſollten, welches in meiner Seele wohnt.“ Honorine ſchuͤttelte den Kopf. Sie begriff nun ganz wohl, daß Adele liebte, daß ein Ungluͤck daraus entſtehen könnte, wenn der Doctor ſeine Patientin mit einer Staͤrke und Nervenfeſtigkeit ausgeruͤſtet glaubte, die im Grunde nur erkuͤnſtelt waͤre. „Ich hoffe,“ ſagte ſie ernſt,„daß Du nicht die Thorheit begehſt, Dich zu weigern, wenn der Doctor — was er ſicher thut— vorſchlaͤgt, daß Du etwas einnehmen ſollſt, was Dir das Bewußtſein raubt.“ „O ja, das werde ich beſtimmt verweigern! Ich will nicht ohne Bewußtſein ſterben; ich will Arnolds Angeſicht waͤhrend der ganzen Zeit betrachten— er wird dann und wann einen Blick auf mich werfen und dieſer ſoll meine Staͤrke ſein.“ 54 „Großer Gott, da machſt Du ihm die Operation doppelt ſchwer... Zum Gluͤck wird er nicht zugeben, daß Dein Wille gelte.“ „Dann wird auch nichts daraus— ich muß frei ſein.“ „Oder wenn Du unter der nervoͤſen Kriſis, der Du unterworfen biſt, eine Bewegung machſt— willſt Du es auf Deinem Gewiſſen haben, nicht blos an einem Mißgluͤcken Schuld zu ſein, ſondern auch daran, daß der, den Du liebſt, den Ruf ſeiner Geſchicklichkeit verliert, wie?“ „Es iſt nicht gefaͤhrlich. Ich weiß, daß ich, wenn ich mich auch von allen Qualen des Koͤrpers und der Seele zerriſſen fuͤhlte, doch kein Glied zucken werde.“ „Laß uns von dieſem Gegenſtande abbrechen!“ ſagte Honorine. Bei ſich ſelbſt dachte ſie daruͤber nach, ob ſie nicht dem Doctor einen Wink geben ſollte Waͤhrend der folgenden Stunden ward jedes Ge⸗ ſpraͤch durch die Ruͤckkehr des Uebels unmoͤglich, uͤber welches Arnolds Brief keine Macht beſaß. Aber ſpaͤter, am Abend, als wieder ein Augen⸗ blick der Linderung eingetreten war, beruͤhrte Honorine ein Thema, uͤber welches ſie ein unausſprechliches Be⸗ duͤrfniß zu ſprechen fuͤhlte. Dieſes Thema betraf die Perſon, welche ſo lange Philipp beherrſcht, aber deren Macht jetzt ihrem Ende entgegenzugehen ſchien. tion ben, frei der illſt an ran, Fkeit denn der gen⸗ 55 „Ich weiß nicht viel von ihr,“ ſagte Adele, pihr neues Leben macht ein wirkliches Geheimniß aus.“ „Was denn fuͤr ein Geheimniß?“ „Das weiß ich auch nicht, aber damals, wo ich noch neugierig war, Du entſinnſt Dich wohl noch mei⸗ ner alten Schwaͤche?“ „Ja wohl.“ „Dieſe Zeit war noch vor zwei Monaten vorhan⸗ den und da ließ ich meine Mamſell, die in dergleichen Dingen ſehr geſchickt war, Alles und Jedes ausforſchen.“ „Sag mir zuerſt, von welcher Art ihr aͤuße⸗ res Leben war?“ „Sie fuͤhrte kein aͤußeres Leben. Man ſagte wohl, daß ſie nach ihrer Wiederverheirathung in mehrern Ge⸗ ſellſchaften auftreten wuͤrde, aber ſie iſt nirgends aufge⸗ treten. Sie hat ſich ſogar von ihren fruͤheren Geſell⸗ ſchafterinnen getrennt. Und von den Heiligen⸗Levers hat man nach ihrer Vermaͤhlung auch nicht von einem einzigen wieder vernommen.“ „Sollte ihr Mann ſie vielleicht zu ſtreng halten?“ „Er?— Gewiß nicht; der Kammerrath iſt das gutmuͤthigſte Weſen auf Gottes gruͤner Erde. Er klagte auch laut uͤber die Krankheit ſeiner Gattin.“ „Iſt ſie krank?“ „Ja, aus Eigenſinn oder Berechnung, vermuth⸗ lich.. ſie iſt melancholiſch und iſt es ſeit dem Tage nach der Hochzeit fortwaͤhrend geweſen. Nach ihrem 56 Auftreten bei der Trauung zu ſchließen, haͤtte man doch etwas Anderes erwarten koͤnnen.“ Kſch „Das iſt ſonderbar im hoͤchſten Grade.“ ni „Ja, und zwar um ſo mehr, als der Kammer⸗ na rath alles Moͤgliche thut, um ſie zu uͤberreden, daß ſie ſich in der Geſellſchaft zeige.“ „Aber worin beſteht jener Eigenſinn?“ ſie „Darin, daß ſie ungeachtet dieſer Melancholie, die⸗ ha ſer Gleichguͤltigkeit und Traͤgheit fuͤr Alles, was die ren aͤußeren Seiten des Lebens beruͤhrt, zu Hauſe in ihren m eigenen, innerſten Zimmern ſich wie zum Balle ſchmuͤckt D und alle moͤglichen phantaſtiſchen Koſtuͤme anlegt. Gleich K wohl hat ſie nicht die mindeſte Hoffnung, von Jemand E anders geſehen zu werden, als von ſich ſelbſt und ihrem de Manne, und dieſem zu gefallen, daran wird ihr gewiß. we nicht viel gelegen ſein.“ fuͤ „Wer weiß!“ „Unmoͤglich— ſie hat ihn blos genommen, um mit Anſtand ihren neuen Auftritt bewirken zu koͤnnen.“ „Bleibt er viel zu Hauſe? Scheint er ſie ſehr zu lieben?“ „Ja, man ſagt allerdings, daß er ganz in ſie ver⸗ narrt ſeiz aber Niemand kann ſagen, daß er ihr allzulaͤſtig faͤllt, denn er beſorgt in aller Ruhe ſeine vielen Ge⸗ ſchaͤfte, die oft außer dem Hauſe ſind.“ Und wenn er nicht zu Hauſe iſt, weiß man auch da, was ſie vornimmt?“ — man amer⸗ ß ſie „die⸗ 3 die ihren nuͤckt leich nand hrem gewiß 57 „Da ſchlaͤft ſie oder liegt wenigſtens, als ob. ſie ſchliefe; mit der Leitung des Hausweſens befaßt ſie ſich nicht ſehr. Es war jetzt die Rede von einer Reiſe nach Medevi, um ſie aufzuheitern.“ „Sie bereut wohl ihre Heirath?“ „Durchaus nicht, denn gegen die Wenigen, welche ſie ſeit dieſem großen Wechſel haben ſprechen hoͤren, hat ſie in Worten der tiefſten Verehrung ſich uͤber ih⸗ ren Mann ausgeſprochen und verſichert, daß ſie nie⸗ mals eine gluͤcklichere Wahl haͤtte treffen koͤnnen... Doch laß uns nun von dieſer Scheinheiligen ſchweigen. Kannſt Du wohl glauben, daß ich wirklich einmal von Eiferſucht gegen ſie angefochten ward? Ein ſo eingebil⸗ detes Weſen, wie ich waͤhrend meines ganzen Lebens war, fuͤrchtete ich ſtets jede Nebenbuhlerin. Aber jetzt fuͤrchte ich nichts mehr in dieſer Hinſicht. Ach, wie geringfuͤgig ſind doch die Triumphe einer Frau und gleichwohl bezahlt ſie dieſelben zuweilen mit ihrem Le⸗ ben oder mit ihrem Lebensfrieden!“ Von dieſem Augenblicke an war Adelens Seele nur auf ernſte Gegenſtaͤnde gerichtet. Sie hatte, ſo zu ſagen, nur einen Ruͤckblick auf das Leben gethan, wel⸗ ches ſie jetzt hinter ſich hatte. In derſelben Nacht, als der Kummer um Adelen Honorinen wach hielt, ſchrieb ſie ihre Antwort an 58 Philipp. Und nachdem ſie ihrem Kummer, ihren Be⸗ fuͤrchtungen fuͤr ihre ungluͤckliche Freundin Worte ge⸗ liehen, fuhr ſie folgendermaaßen fort: „Ich bin vielleicht mit meiner Antwort allzuſchnell, wenn ich dieſen Brief mit der morgenden Poſt ſenden. Aber da Sie mein Verhalten verkannt und es in Folge des meiner Stellung ſo natuͤrlichen Ernſtes fuͤr Gleich⸗ guͤltigkeit und Sinnesaͤnderung angeſehen haben, ſo muß ich mich wohl beeilen, Sie dieſem thoͤrichten Irr⸗ thume zu entreißen, in den uͤbrigens nur eine ſo reiz⸗ bare und feinfuͤhlende Natur, wie die Ihrige, gerathen konnte. „Kennen Sie mich denn ſo wenig, mein Freund, daß Sie mir eine ſolche Veraͤnderlichkeit zutrauen konn⸗ ten? Ach nein, das war wirklich unbillig von Ihnen und ich verbiete Ihnen, hinfort wieder einen einzigen ſolchen Gedanken zu haben. „Aber daneben verbiete ich Ihnen, daß Sie ſich allzuſehr mit der Freundin beſchaͤftigen, deren Sie ſtets ſicher ſein koͤnnen. Sie ſollen ſich jetzt zerſtreuen, Sie ſollen mit den uͤbrigen Badegaͤſten leben und Ihre Geſundheit pflegen, ſo daß Sie vollkommen geſund wieder nach Hauſe kommen, wo wir dann unſere ver⸗ traulichen Geſpraͤche uͤber die Gegenſtaͤnde wieder auf⸗ nehmen werden, von welchen ich fruͤher nur traͤumen konnte, die ich aber nun zu verwirklichen gedenke. „Sprechen Sie niemals von Eiferſucht, mein Freund 59 — pfui, das iſt ein ſo haͤßliches Gefuͤhl! Iſt nicht Sirten mein geliebter Couſin, mein aͤlteſter Freund? Und dieſe beiden Titel ſoll er auch fortwaͤhrend behalten, ja fortwaͤhrend, denn er kann fuͤr mich weder mehr noch weniger werden. „Der gute, gute Sirten, ich wuͤnſche, daß er ſchon zuruͤck waͤre— ich bereue faſt, daß ich ihm einen Wink gab, abzureiſen. Wer wuͤrde wohl, wenn ich die Sache recht bedenke, nach einem ſo langjaͤhrigen, reinen Verhaͤltniß einen unguͤnſtigen Gedanken gefaßt haben? Ich hoffe Niemand. „Sie haben nun ſchon laͤngſt eingeſehen, wie un⸗ ſchuldig ich an Ihrer getaͤuſchten Erwartung in Bezug auf den Brief war. „Aber, lieber Gott, wie heftig Sie gleich ſind— eine ſolche Laune ſchickt ſich nicht fuͤr einen Badegaſt! „Sie werden mir daher erlauben, zu ſagen, daß ich Sie das naͤchſte Mal von etwas Anderem reden zu hoͤren wuͤnſche, als von mir ſelbſt und Ihnen. Kein Wort erwaͤhnen Sie uͤber die Gegend, uͤber die Stadt, uͤber das Bad und die Geſellſchaft. Das naͤchſte Mal, hoͤren Sie wohl, mein Herr, erwarte ich ein ganzes, kleines Heft uͤber dieſe Gegenſtaͤnde. „Alban iſt immer noch auf Tjuſtorp. Das liebe, gute Kind gedeiht hier ſo gut und Madame Malmelin und ich ſind ſo gute Freunde, daß wir uns nicht weiter „ 60 um das Eigenthumsrecht uͤber den Knaben ſtreiten, da ſie mir daſſelbe uͤberlaſſen hat. „In der Ueberzeugung, daß dieſer Brief Ihnen Freude machen wird, habe ich zu verbergen geſucht, daß Ihr Brief daſſelbe Gefuͤhl in mir erweckte, denn auch ich fand Sie veraͤndert. Aber dies war alles Folge der truͤben Tage, welche wir Beide haben durch⸗ leben muͤſſen. Hinfort und wenn nur meine Adele am Leben bleibt, hoffe ich auf Sonnenſchein. Ihre ergebene Honorine Helleding.“ Als die junge Frau dieſen Brief geſchloſſen hatte, der unter dem heftigſten Herzklopfen geſchrieben wor⸗ den, fuͤhlte ſie in ihrer Seele eine Empfindung der ſelig⸗ ſten, der hoffnungsvollſten Ruhe entſtehen. Ohne Koketterie, ohne Geziertheit, hielt ſie es nicht eine Minute lang fuͤr noͤthig, den Ton eines erkuͤnſtel⸗ ten Erſtaunens anzunehmen. Jetzt, wo ſie glaubte, blos Hoffnung ohne Gewißheit zu haben, war ſie auch der Meinung, daß ſie, obſchon erſt ſeit drei Monaten Witwe, das Zartgefuͤhl nicht ſo weit treiben duͤrfte, daß ſie dadurch das Gluͤck ihres ganzen kuͤnftigen Le⸗ bens verlieren koͤnnte. Der Ton, den ſie anzunehmen geſucht, war ein ſolcher, daß, im Fall Philipp ſich ſelbſt verſtand, er auch ſie ve mit brauc wiege aͤther eiferſt thig, laſſen oͤffne geahr daß der die 2 wie teſt; nicht ahne Dir hein zatte, wor⸗ ſelig⸗ nicht nſtel⸗ zubte, auch naten uͤrfte, 1 Le⸗ r ein auch 61 ſie verſtehen mußte, ohne jedoch, daß eins von Beiden mit einem Worte das zarte Verhaͤltniß zu verletzen brauchte, welches fuͤr den Augenblick beſtehen mußte. Arme Honorine, in welchen lieblichen Traͤumen wiegeſt Du Dich und gleichwohl ſind dieſe Traͤume ſo aͤtheriſch, daß Dein Gatte, wenn er ſie vernaͤhme, kaum eiferſuͤchtig daruͤber werden koͤnnte! Aber zugleich ſind dieſe neuen Traͤume ſo anmu⸗ thig, daß ſie ſich kaum auf einen Augenblick verbannen laſſen. Honorine hat noch niemals ſolche gehabt. Sie oͤffnen ihr unbekannte Welten voll von bis jetzt nur geahnten Genuͤſſen. Die junge Witwe gluͤht und ſeußzt und glaubt, daß ſie um Adelen willen nicht ſchlafen kann, daß es der Schmerz iſt, der ſie wach haͤlt und gleichwohl iſt es die Wonne— ſie kann nicht umhin, ſich vorzuſpiegeln, wie viele Freude ihr Brief Philipp bereiten werde. Noch einmal, arme Honorine— weshalb muß⸗ teſt Du dieſen Traum beginnen? Warum ahneſt Du nicht, daß das Leben fuͤr Dich nicht mehr Roſen traͤgt, als fuͤr Andere? Warum ahneſt Du nicht, daß der, welcher ſchon bereit war, ſich Dir zu ergeben, von einem Ungluͤck, einer Zauberei heimgeſucht werden konnte und daß in dem Augenblicke, wo er Deinen Brief erhaͤlt, ſeine Augen nicht mehr 6²2 dieſe Sprache begreifen, welche ſympathiſirende Seelen ſogleich ahnen! Aber wir duͤrfen Tjuſtorp nicht verlaſſen, bevor wir einmal zu Jolli hineingeſchaut und uͤber ihre Schul⸗ ter hinweg— denn auch ſie ſitzt am Schreibtiſche— nachgeſehen haben, ob ſie mit einer„dramatiſchen Er⸗ zaͤhlung“ fuͤr ihren Geliebten beſchaͤftigt iſt. Die beiden jungen, gluͤcklichen Menſchen wollten gern mit ihren Talenten vor einander prahlen und jedesmal, wo ſie ſich wiederſahen, hatten ſie allemal drei oder vier Skizzen zuſammengeſchrieben, ohne die, welche ſie allpoſttaͤglich mit einander wechſelten. Dicks Werke hatten gewoͤhnlich Ribyhus zum Schauplatz und betrafen die Zukunft; Jolli's Dich⸗ tungen dagegen galten der Gegenwart und in denſelben kam ſtets eine ſchoͤne Jungfrau vor, welche in dem hohen Thurme, wo ſie um ihrer Liebe willen gefangen ſaß, ihren tapferen Ritter erwartete, der ſein Wort gegeben, ſie zu erloͤſen, entweder mit ſeinem roͤtheſten Blute oder mit ſeinem roͤtheſten Golde. Heute lautete der Schluß von Jolli's Skizze fol⸗ gendermaaßen: „Und als der Ritter auf der Leiter ſtand, welche bis zu dem Fenſter der ſchoͤnen Jungfrau hinaufreichte, — wie kann San in F allzu umhi San ſchaff ich elen 2 ich will mir, ſo viel in meinen Kraͤften ſteht, alle 63 ſprang die Jungfrau hinaus in ſeine Arme und dann floh er weit fort mit ſeiner Beute auf eine einſame Inſel, wo ſie ihre Wohnung bauten, wie zwei Voͤgel, nur mit dem Unterſchiede, daß ſie ſich auf dem Erd⸗ boden aufhielten, anſtatt auf den Baͤumen— auch hielten ſie ſich vor der ganzen Welt verborgen, denn ſie brauchten weiter Niemanden. „Und als der Ritter ſagte: Mich geluͤſtet nicht mehr weder nach Gold noch nach Kampfſpiel! ſo ant⸗ wortete die ſchoͤne Jungfrau: Mich geluͤſtet auch nicht mehr, an die Schmeicheleien anderer Ritter zu denken — in meinem Herzen uhnt nur das Andenken an einen einzigen 1 4⁴ „So,“ ſagte Jolli, indem ſie erfreut aufſprang, „das wird nach Herrn Dicks Geſchmack ſein, nach dem Geſchmack meines geliebten Dick... Aber ach, wie aͤrgerlich iſt es, daß ich nicht nach Ribyhus reiſen kann, um den großen Kronleuchter und die rothen Sammetfußbaͤnkchen zu ſehen! „Guter, gnaͤdiger Gott!“ ſetzte ſie gleich darauf in Form eines innigen Gebetes hinzu,„laß mich nicht allzu hochmuͤthig werden! Ich kann allerdings wohl nicht umhin, ein wenig vornehm zu werden,— dieſe rothen Samnietſtuͤhle und alle dieſe andern koſtbaren Geraͤth⸗ ſchaften machen mich ganz ſchwindlich im Kopfe. Aber Muͤhe geben, jedes Gefuͤhl eines unziemlichen Stolzes zu unterdruͤcken und jeden Tag will ich bedenken, daß ich auf alle Faͤlle weiter nichts bin, als Jolli! „Guter Gott, erhoͤre mein Gebet und laß mich niemals die Mahnung meiner Mama pergeſſen, einge⸗ denk zu ſein, daß ich als Spaßmacherin auf der Land⸗ ſtraße umhergezogen bin! Amen!“ 6. Die Bezanberung. Ungefaͤhr eine Meile von S. liegen die bekannten Halbinſeln, eine Pluralbezeichnung, obſchon man eigent⸗ lich nur von einer Helsinſel, oder im ſchwediſchen Hels⸗ ſpricht, was daher ruͤhrt, daß die groͤßte dieſer Inſeln in einem ſo fabelhaften Rufe ſteht, daß derſelbe hin⸗ reicht, die andern ganz in den Schatten zu ſtellen. Helſo iſt zugleich die ſchoͤnſte aller Inſeln, welche aus den kalten Armen des Kagaraks herausragen und zugleich die geheimnißvollſte, denn noch hat kein Menſch ſich darauf anſiedlen wollen, ſondern ſie ſteht heute noch ungeachtet ihrer Groͤße, ihrer Schoͤnheit, ihrer Poeſie, ihrer Waͤlder und Wieſen, ſo einſam, wie am erſten Schoͤpfungstage. Blos hier und da hoͤrte man den dunkeln und maͤchtigen Eichenwald, der den Stuͤrmen der Jahrhun⸗ derte getrotzt, von Menſchenſtimmen widerhallen— dies Ein Gerücht. VI. 5 66 geſchieht dann, wenn Badegeſellſchaften hierherfliehen, um nach der Luſtfahrt auf dem Meere die Kuͤhle aufzuſuchen und um— was jedoch noch keinem menſchlichen Auge beſchieden geweſen iſt— den verzauberten Garten zu ſehen, der ſich auf dieſer geheimnißvollen Inſel befin⸗ den ſoll. Viele behaupten gleichwohl, in dieſen Wundergarten gerathen zu ſein, obſchon ſie, nachdem ſie darin einge⸗ ſchlafen, weit davon wieder erwachten. Und was dieſe hellſehenden Menſchenkinder von dieſem Luſtgarten erzaͤh⸗ len, iſt ſo entzuͤckend, daß man leicht zu dem Glauben verſucht werden koͤnnte, es ſei dies ein abhanden gekom⸗ menes Stuͤck vom Paradieſe ſelbſt. Aber es bringt kein Gluͤck, dieſe verzauberten Herr⸗ lichkeiten zu ſchauen— ein finſteres Schickſal ſtraft die Vermeſſenen, die hinter dieſen Vorhang geblickt haben und daher iſt es, im Ganzen genommen, ſehr gut fuͤr die, welche ein Jahr nach dem andern vergebens die Inſel durchſtreifen, um den verzauberten Garten aufzufin⸗ den ff. tI. A.... r e..... Es war an einem jener ſanften Sommernachmit⸗ tage, die an und fuͤr ſich ſchon einen Zauber auf jedes fuͤhlende Herz ausuͤben. In Helſoͤ's alten Eichenwaͤldern war Alles ſtill— blos dann und wann hob ein Windhauch leiſe die 2 n, um ſuchen Auge ten zu befin⸗ garten einge⸗ dieſe erzaͤh⸗ auben gekom⸗ Herr⸗ aft die haben ar die, Inſel fzufin⸗ chmit⸗ fjedes till— iſe die 8 ſchlummernden Blaͤtter auf, wiegte ſie aber gleich darauf wieder in den Schlaf. Die Wieſen, mit ihren beſcheidenen Blumen, ſtan⸗ den da wie Sommerbraͤute und das blaue Waſſer, wel⸗ ches den Fuß der Inſel beſpuͤlte, murmelte ſo anmuthig, als ob es einer lieblichen Quelle angehörte, anſtatt der ſalzigen Woge des atlantiſchen Meeres. Aber uͤber all dieſer Stille lag keine Schwuͤle— es ging ein angenehmer, friſcher Hauch uͤber die Inſel, um welche die meiſten Meerſchwalben in luftigen Kreiſen hin⸗ und herſegelten. Bald jedoch verkuͤndete ein gewaltiges Ruderge⸗ plaͤtſcher, daß ein Boot im Anzuge war— ein Boot, beladen mit Maͤnnern, Weibern, Kindern und Koͤrben, welches den erſten Ausflug der Badegeſellſchaft bezeichnete. Es war aber doch nicht der erſte Beſuch von Ba⸗ degaͤſten, denn zufaͤllig hatte ein Mann der bis jetzt ganz iſolirt gelebt, heute Helſo zu ſeiner Station gewaͤhlt. Er war an einer andern Stelle gelandet und von der Geſellſchaft ſo weit getrennt, daß er die Zuruͤſtungen derſelben nicht hoͤrte. Es war einige Tage vor Johannis und zehn Tage, nachdem Philipp den erſten Brief nach ſeiner Ankunft im Bade abgeſendet hatte. Waͤhrend dieſer zehn Tage waren viele Badegaͤſte, beſonders in der letzten Zeit, angekommen. Aber Philipp, der in ſeiner Einſamkeit draußen auf der andern Seite 5* 68 der Bruͤcke wohnte, hatte noch nicht in der Geſellſchaft auftreten wollen. Er berechnete blos die Poſttage, wo er Antwort haben konnte, denn er ſuchte ſich einzubilden, daß Honorine durch ſeine Dreiſtigkeit beleidigt worden — und die Vergnuͤgungen des Geſellſchaftslebens auf⸗ zuſuchen, ehe er daruͤber Gewißheit hatte, das konnte er ſich nicht erlauben. Aber es gab andere Zerſtreuungen, die er ſtatt deſſen aufſuchte.— Des Kollkinsgebirges, ſo wie der Yſtre⸗Grotten, be⸗ reits uͤberdruͤſſig, ließ er ſich jetzt alle Tage nach den Inſeln hinausrudern. Dieſe hatten weit mehr Poeſie und ihre ungeſtoͤrte Ruhe war ihm ſo koſtbar, daß er ſich ſeit der Zeit, wo er in den Hainen von Ribyhus zu dichten begann, kaum wohler befunden hatte. Hier wollte er auch dichten und that es auch. Nachdem er lange dieſen Trieb unterdruͤckt, fuͤhlte er, daß er jetzt ſeiner Begeiſterung keine Feſſeln mehr anzu⸗ legen brauchte. Es war ihm eine große Wonne, hoffen zu koͤnnen, daß er bei ſeiner Ruͤckkunft Honorinen mit einem Werke uͤberraſchen wuͤrde, welches ſie billigen und woruͤber ſie ohne Zweifel ſich mit den Worten ausſpre⸗ chen könnte: Dieſes Werk vertheidigt ſich ſelbſt— geben Sie es heraus, mein Freund. Der Plan zu dieſem Gedicht war eine praͤchtige Sage aus dem Wikingerzuge. Und unter Helſo's ſchoͤnem Himmel, in dieſen kuͤhlen Waͤldern, bei dem Anblick — ſchaft wo er bilden, vorden auf⸗ nte er deſſen n, be⸗ ) den e und ch ſeit ichten auch. ke er, anzu⸗ hoffen n mit n und sſpre⸗ geben ichtige zoͤnem Inblick 8 69 dieſer Fluthen, welche die Drachen durchpfluͤgt, und dieſer Kuͤſten, die fruͤher den ſtolzen Kriegern gehoͤrten, welche weit herkamen, um ſich dieſelben zu unterwerfen und in ihre Felſen ihre Heldenthaten zu Land und See einzu⸗ graben— beim Anblick alles deſſen fuͤhlte Philipp eine friſche Kraft ſeine Seele durchſtroͤmen. Die Verſe floſſen, ohne alle Muͤhe, mehr aus ſeinem Herzen, als aus ſeinem Kopfe und in ſeiner gluͤhenden Phantaſie ſah er die Bil⸗ der ſo deutlich, daß ſie um ihn lebten, nachdem ſie vor⸗ her aus ihrem großen, kalten Grabe aufgeſtiegen waren, um ſich gehorſam in die Glieder fuͤhren zu laſſen, in welche der Dichter ſie nach ſeinem Gutduͤnken ſtellte. In dieſen Dichterrauſch verſunken war es ihm wohl, als ob er mehrere Leute um ſich herum hoͤrte, aber das kam ihm nicht wunderbar vor. Es war der Held der „Sage, der ſeine Auserkorenen hierherbeſchieden; es waren die Liebenden, welche fluͤſterten, es waren die Knaben und Dirnen, welche laut ſchwatzten und dieſes Geraͤuſch, dieſe leichten, heiteren Toͤne ruͤhrten von der verzau⸗ berten Bevolkerung der Inſel her, von den Nymphen, Dryaden, Elfen und anderen Seekindern, welche der ge⸗ waltige Kaͤmpe aus ihrer Gefangenſchaft erlöſ't hatte. Aber plötzlich klang es vor dem Ohre des Dichters recht laut durch den freien Raum— es war ein ganz proſaiſches Gelaͤchter und in demſelben Augenblick waren alle Gebilde der Phantaſie hinweggeweht. Erſchreckt und verworren richtete ſich unſer Held auf und ſah nun zwiſchen der Kruͤmmung in dieſem na⸗ tuͤrlichen Parke hindurch eine Menge Damen und Her⸗ ren auf ſich zukommen. Der Weg war jedoch nur ſo breit, daß nicht mehr als zwei Perſonen nebeneinander gehen konnten. Die Geſellſchaft mußte daher, ſo zu ſagen, an dem Poeten vorbeidefiliren, welcher ſich verneigend und noch mit ſeiner begeiſterten Miene daſtand und den Hut in der Hand hielt— denn wie unbekannt man auch ſein mag, trifft man ſich doch nicht auf einer verzauberten Inſel, ohne zu gruͤßen. Als aber jetzt das fuͤnfte oder ſechſte Glied der Geſellſchaft aus der Biegung des Waldes hervorkam, ereignete ſich etwas ſo Bemerkenswerthes, daß die Ge⸗ ſellſchaft auf beiden Seiten ſtehen blieb, gleichſam als ob Alle von einem elektriſchen Schlage beruͤhrt werden waͤren. 3 Der Poet hatte ploͤtzlich ſeinen Hut weggeworfen und war mit fliegendem Haar und wildem, verwirrten Blick auf einen Gegenſtand zugeſtuͤrzt, den er, ohne Er⸗ laubniß dazu zu begehren, heftig an ſich riß und in ſeine Arme ſchloß. In demſelben Augenblick hörte man einen durch⸗ bohrenden Schrei und der Ruf:„Es iſt Jemand ohn⸗ maͤchtig geworden,“ ging von Munde zu Munde. Die Perſonen, welche dieſem Auftritte am naͤchſten geweſen, hatten ungefähr Folgendes beobachtet: nna⸗ Her⸗ mehr dem noch ut in ſein derten d der rkam, 2 Ge⸗ n als verden vorfen dirrten e Er⸗ ſeine durch⸗ dohn⸗ ichſten Fuͤnf oder ſechs Paare waren an dem intereſſanten Fremdling vorbeigegangen, von dem man ſchon hinrei⸗ chend hatte ſprechen hoͤren, um ihn ſogleich wieder zu erkennen und man hatte durch theilnehmende und ein⸗ ladende Blicke und das verbindlichſte Laͤcheln ihm zu verſtehen gegeben, daß man ſein Auftreten im Geſell⸗ ſchaftsleben mit Ungeduld erwartete. Dies war der Vorgang mit den erſt Vorbeipaſſi⸗ renden geweſen. Als aber eine neue Abtheilung um den ſchmalen Weg bog, welche Abtheilung der Poet noch nicht hatte ſehen koͤnnen, ward es ganz anders. Die erſte Gruppe beſtand aus einem freundlichen und wohlhaͤbigen Manne von mittlern Jahren, auf deſſen Arm ſich eine junge, zarte Frau ſtuͤtzte. Es war der Kammerrath T. mit ſeiner Gattin, ein neuvermaͤhl⸗ tes Paar, welches den Abend vorher in dem Badeorte eingetroffen war. Die junge Frau fuͤhrte an der Hand ein Maͤd⸗ chen von drei bis vier Jahren, auf welches ſie jedoch fuͤr den Augenblick ihre Aufmerkſamkeit nicht gerichtet hatte, denn waͤhrend ſie langſam voranſchritt, wendete ſie oft den Kopf zuruͤck, um auf den heiteren Scherz eines junges Mannes zu hoͤren, welcher beſchaͤftigt war, ihr die Sage der Inſel zu erzaͤhlen. Der Kammerrath, der ſich ebenfalls zuhoͤrend nach ſeiner Gattin hinneigte, bemerkte nicht eher was, als 72 bis dieſe, welche jetzt ihren Geſellſchafter hinter ſich vergeſſen, ploͤtzlich ſtehen blieb. Und nachdem ſie ein paar Augenblicke wie verſteinert dageſtanden, als ob ſie vom Blitzſtrahle des Himmels getroffen— nur ihr keuchender Athem verrieth ihr Bemuͤhen, den Lebenshauch zuruͤckzuhalten— fuhr uͤber ihre Lippen ein Laut, durch⸗ bohrend, wie das Gekreiſch des Sturmvogels, wenn er an einem duͤſteren Herbſtabend Aufruhr der Elemente und Untergang verkuͤndet. Mit erſchrecktem Blick ſah der Kammerrath auf und gewahrte nun einen Mann, der mit wahnſinnigen Blicken die junge Frau betrachtete oder richtiger durch⸗ bohrte, worauf er in einem Nu auf das Kind losſtuͤrzte und es in ſeinen Armen emporhob. Dies geſchah in demſelben Augenblick, wo Lilia ohnmaͤchtig zur Erde niederſank.. Einige Augenblicke lang war die ganze Geſellſchaft wirklich wie behext. Und nur die kleine Sylvia, die nicht begriff, daß es ein Vater warz der mit gewaltſamer Liebe ſie angſtvoll an ſeine Bruſt druͤckte, nur ſie wagte ihre Beſtuͤrzung zu erkennen zu geben— ihr durch die Furcht hervorgerufenes lautes Weinen that dem wilden, qualvollen Entzuͤcken des Vaters Einhalt. Er ſah ſich mit einem langen, duͤſteren Blick, einem Blick ſtummer Verzweiflung rings um. Keiner von allen dieſen Menſchen, welche ſein Blick zu Eis erſtarren ließ, konnte dieſem Vater helfen, der ſein Kind zuruͤckbegehrte — ſich ein ob ihr auch erch⸗ n er hente auf igen irch⸗ uͤrzte Lilia chaft nicht mer agte die leen, nem Alen 73 und deſſen ſo eben noch ſo inſpirirte und gluͤckliche Seele nach einem einzigen Blick auf die, welche jetzt zum erſten Male in ihrem Leben ohnmaͤchtig dalag, ihre Feſſeln wieder aufnahm und muthlos in die Nacht ihrer Ver⸗ nichtung zuruͤckſank. Die Tochter glitt aus ſeinen Armen und nach noch einem Blick auf ſie, die ſeine Gattin geweſen und welche jetzt von dem Mann aufgehoben ward, der allein das Recht hatte, ihr beizuſtehen, ſtuͤrzte er in den dich⸗ teſten Theil des Waldes hinein. Und als keine der theil⸗ nehmenden Perſonen, die ihn ſuchten, ſeine Spur fand, begann man zu fluͤſtern, daß er in den geheimnißvollen Verſtecken des Zaubergartens verſchwunden ſein muͤſſen Aber die junge Frau, die ſich erſt nach langer Zeit aus ihrer Ohnmacht wieder erholte, ward ſogleich nach Hauſe gefuͤhrt und ein hitziges Fieber, welches gleich darauf ausbrach, hinderte den Kammerrath, an die Ruͤckreiſe zu denken, die er ſonſt augenblicklich vorgenommen haben wuͤrde. Die Ruderer, welche das Boot des Poeten gefuͤhrt, erzaͤhlten den Tag darauf, daß ſie, nachdem ſie ihn bis tief in die Nacht hinein erwartet, endlich die Inſel zu durchſuchen begonnen und ihn endlich ſchlafend und mit einem Stein unter dem Kopfe auf dem Boden liegend gefunden hatten. Was ihm begegnet war und ob er in dem ver⸗ zauberten Garten geweſen war, oder nicht, das wußte er 74 ſelbſt nicht. Er wußte blos, daß er wunderbare Viſionen gehabt und daß ſeine jedes Stuͤtzpunktes beraubte Seele dem fruͤheren Bann wieder anheimgefallen war. Arme Honorine— als Dein Brief am andern Tage anlangte, ſtierte Philipp ihn an, als ob er nicht einmal wuͤßte, um was es ſich handelte. Wie konnte dieſe Frau glauben, daß er Gewicht auf ihre Gedanken, ihr Weſen legte! Sie hatte es ver⸗ muthlich getraͤumt, denn er kannte nicht mehr als ein Weib und ſie... ſie, dieſe einzige... Aber war es nicht eine Laͤſterung gegen die Natur, ſeit dem geſtrigen Tage noch zu leben zu ſuchen! Und doch lebte er, hatte aber nicht die Kraft, ſich weiter fort⸗ oder zuruͤckzuſchleppen. Er lag auf dem Sopha wie ein furchtſames Kind, welches den Popanz geſehen zu haben glaubt— es will ihn noch einmal ſehen und verſucht muthig die Augen zu oͤffnen, ſchlummert aber gleich darauf wieder ein. Ohne von der Außenwelt die mindeſte Notiz zu nehmen oder etwas von ihr wiſſen zu wollen, blieb er mehrere Tage in ſein Zimmer eingeſchloſſen. Der Badearzt beſuchte ihn ungerufen, aber Philipp hoͤrte auf keinen Rath. Fortwaͤhrend ſtumm und furcht⸗ ſam blieb er auf dem Sopha liegen. — xe— 7. In ver Geſellſchaft. Bei Kammerraths. Zu der Zeit, von welcher wir hier ſprechen, hatte die Stadt noch nicht ſo großen Luxus aufzuweiſen, wie jetzt. Man war damals erſt bis zu dem Plane zu dem Geſellſchaftshauſe gekommen und was die Anlagen auf dem Markte betrifft, ſo waren dieſe nur noch eine Phantaſie, welche ſich in der Perſpective hinreichend ſchoͤn ausnahmen, um Hoffnung zu geben, daß ſie ſich in der Wirklichkeit noch beſſer ausnehmen wuͤrden. Jetzt hielt die Badegeſellſchaft ihre Baͤlle und Soireen in dem**rmann'ſchen Hauſe am Markte und wenn das Lokal nicht ſo groß war, ſo war es deſto ge⸗ muͤthlicher, wodurch die Menſchen ſich zur vertraulichen Eintracht geſtimmt fuͤhlten, ſo daß nur hoͤchſt ſelten ein Beiſpiel von vornehmer Abſonderung vorkam. Waͤhrend des jetzigen Termin's— des erſten— gab es uͤbrigens eigentlich keine Haute- volée; die Geſell⸗ 76 ſchaft beſtand aus„zuſammengelaufenen“ Leuten, von denen Einer ſo gut zu ſein glaubte, wie der Andere und in Folge deſſen disputirte man ganz ungenirt die Fra⸗ gen des Tages— nicht blos in einzelnen Gruppen, ſondern ganz offen in der Geſellſchaft. Es iſt natuͤrlich, daß eine Frage jetzt alle uͤbrigen verdraͤngen mußte und dieſe Frage lautete ſo: „Welches von Beiden wird denn abreiſen?“ „Natuͤrlich ſie, ſobald ſie wieder geſund iſt.“ „Natuͤrlich er, da er nicht krank iſt.“ Aber dabei floſſen noch eine Menge pro und con. tra's ein, die ungefaͤhr ſo zuſammengefaßt werden konnten: „Er muß doch auch einigermaaßen krank ſein, der arme Mann, denn es hat ihn ſeitdem kein Menſch wieder geſehen.“ »O, verzeihen Sie, der Doctor hat ihn geſehen undeſoll ſich dahin ausgeſprochen haben, daß in ſeinem ruhigen Verhalten mehr Gefahr liegt, als in dem hitzi⸗ gen Fieber einer gewiſſen Dame.“ „Nun, das iſt eben das, was ich ahnte!“ „Ja, es war das bei ſeinem leicht erregbaren Ge⸗ fuͤhl und ſeiner poetiſchen Schwaͤrmerei leicht voraus⸗ zuſehen.“ „Vor Allem bei ſeinem verwundeten Herzen.“ „Und ſeiner erbaͤrmlichen Kraftloſigkeit!“ fiel eine A—— Baßſtimme ein, woruͤber die ſanfteren Damen die Naſen ruͤmpften. „Auf alle Faͤlle, meine Herrſchaften, iſt es aus⸗ gemacht, daß man ſich eine gleichzeitig delikatere und und ſchrecklichere Lage kaum denken kann.“ „Ja, beſonders fuͤr den Kammerath.“ „Ja, beſonders fuͤr ihn, den ehrlichen, achtungs⸗ werthen Mann.“ „Aber auch ſo etwas zu wagen!“ „Was denn— die Kammerraͤthin iſt doch eine ſo reizende Frau, daß Niemand verlangen konnte, ſie ſolle ihr Leben wie eine Art Witwe vertrauen.“ „Und wenn ich an ihrer Stelle geweſen waͤre, ſo wuͤrde, ich es auch gethan haben.“ „Und wenn ich an das Kammerraths Stelle waͤre, ſo ſetzte ich mich ſogleich mit meiner kranken Frau in den Wagen und reiſ'te ab. „Das war es ja eben, was er thun wollte, aber der Doctor ſagte, daß er in dieſem Falle nicht fuͤr das Leben der jungen Frau ſtehen koͤnne.“ „Das Schlimmſte iſt, daß keins von beiden Thei⸗ len naͤhere Freunde hier hat man kann ſich nicht gut in ſolche delikate Angelegenheiten miſchen.“ Unmoͤglich. Wenn nur nicht die ganze Geſchichte etwa mit einem Trauerſpiele ſchließt, welches die Wir⸗ kung des guten Bades bei uns Andern zerſtoͤrt.“ „Ja, ich hoffe auch, daß wir nicht noch mehr mitanſehen muͤſſen, als das pikante Drama auf Helſo— dieſes war ſchon nervenerſchuͤtternd genug.“ „Ja, ich war auch nahe daran, ohnmaͤchtig zu werden. Aber bei alledem war es doch unendlich in⸗ tereſſant— ſelbſt Dahlgviſt haͤtte nicht eine gelungenere Pantomime auffuͤhren können, als die, mit welcher der Poet hervorſtuͤrzte und das Kind an ſich riß.“ „Ach, wenn ich nur daran denke, muß ich faſt weinen— er hatte etwas Heroiſches, Großartiges und dennoch Wahnſinniges.“ „Er glich einem Blitz aus heiterm Himmel und ſein Geſicht paßte mit ſeiner Gemuͤthsbewegung ſo zu⸗ ſammen, daß man ihn niemals vergeſſen kann.“ „Und ſie— welch ein entſetzlicher Augenblick, mit dem einen Gatten an ihrer Seite, den andern wieder⸗ zuſehen... ich glaube, daß ſie ihn noch liebt.“ „Und ich behaupte, daß ſie ihn niemals geliebt und niemals Jemand anders lieben kann, als ſich ſelbſt.“ „Die Hauptſumma iſt— das muß man unbe⸗ dingt zugeben— daß es etwas ganz Eigenthuͤmliches iſt, einem ſolchen Auftritte beigewohnt zu haben.“ „Auch geſtehe ich aufrichtig daß ich keineswegs dabei nicht zugegen geweſen ſein moͤchte.“ Waͤhrend man aber in der Geſellſchaft eine ganze Menge geſteht und ſich kaum durch die Tanzmuſik vo auf 3. g zu ) in⸗ enere r der faſt und und d zu⸗ . ,mit ieder⸗ geliebt ſich unbe⸗ lliches swegs ganze muſik zum Schweigen bringen laͤßt, wollen wir an dem Ba⸗ dehauſe und an dem alten Rathhauſe vorbeigehen und in ein Haus treten, wo wir eine Treppe hoch auf die Zimmer ſtoßen, welche von den zuletzt angekom⸗ menen Badegaͤſten bewohnt werden. Es iſt ungefaͤhr ſieben Uhr Abends. Die friſche Seeluft ſtroͤmt durch das geoͤffnete Fenſter und weht ihre Kuͤhle bis in den Hinter⸗ grund des Zimmers; wo eine junge Frau ſo eben aus einem langen Fieberſchlafe erwacht, langſam und matt den Kopf emporhebt und ſich mit langem, forſchenden Blick rings umſieht. Aber ſie iſt nicht allein. Neben dem Bett ſitzt ein Mann und lieſ't. Es iſt der Kammerrath, der gleichwohl bei der erſten Be⸗ wegung ſeiner Gattin das Buch ſinken laͤßt und ſich uͤber das Bett beugt. „Wie fuͤhlſt Du Dich?“ „Dem Tode nahe, hoffe ich.“ „Vom Tode iſt keine Rede— das Fieber iſt nun voruͤber und in einigen Tagen koͤnnen wir abreiſen.“ Lilia antwortete nicht. „Du willſt ſelbſt fort von hier?“ „Ich— habe ich wohl einen Willen?⸗ „Den haſt Du ſtets, wenn es Dir nuͤtzlich iſt.“ Die junge Frau antwortete blos mit einem ver⸗ aͤchtlichen Blick. „Gut— Du willſt alſo abreiſen?* „Das muͤſſen wir ſehen!“ „Ja, das muͤſſen wir ſehen.“ „Was iſt es aber auf alle Faͤlle noͤthig, da... da er fort iſt, wie?“ Der Kammerrath huͤtete ſich, in die ihm gelegte Schlinge zu gehen— er hutete ſich, ſich merken zu laſſen, daß Philipp nicht abgereiſ't war. „Du kannſt recht haben,“ ſagte er. Eine gluͤhende Wolke flog ſchnell wie ein Lava⸗ wind uber Lilia's Wangen. Er war alſo abgereiſ't, ſogleich abgereiſ't; er hatte nicht verſucht, ſie noch einmal wiederzuſehen— und ſie, ſie— das fuͤhlte ſie mit der zuruͤckkehrenden Kraft eines gewaltſamen Willens— ſie wuͤrde ſonſt et⸗ was zum Opfer gebracht haben, um noch einen Blick mit ihm austauſchen zu können. „Du bekommſt Dein Fieber wieder, glaube ich?“ „Ja, ja,“ antwortete ſie mit erſtickter Stimme. Anfangs glaubte ſie wirklich, es ſei nur die Krank⸗ keit des Fiebers, was in ihrem Blute gluͤhete. Dieſe Pein, dieſe Pein der Verdammten, dieſe Angſt der Ver⸗ dammten, dieſes unaufhoͤrliche Wiederſehen eines und deſſelben Bildes— eines Bildes, das jetzt in einer — egte va⸗ hatte und nden t et⸗ Blick ich?“ me. rank⸗ Dieſe Ver⸗ und einer 81 Glorie erſchien, die es fruͤher niemals gehabt. ach, das war Fieber, nichts als Fieber. Das Antlitz des Kammerraths ſpielte ebenfalls in rothen Wolken und ſeine hart zuſammengekniffenen Lippen verriethen eine unterdruͤckte Gemuͤthsbewegung. Der Arzt kam und erklaͤrte, daß es mit der Kran⸗ ken ſchlimmer ſtehe, als am Morgen. Aber die Nacht kuͤhlte dieſes heiße Blut wieder ab. Ein verhaͤltnißmaͤßig beſſerer Zuſtand trat mit dem Morgen ein und nun lauteten die Vorherſagungen des Arztes ſo gut, daß er erklaͤrte, die Patientin werde nach einigen Tagen das Bett verlaſſen koͤnnen. „Warum bleibſt Du denn fortwaͤhrend zu Hauſe, mein Freund?“ ſagte ſie zu ihrem Gatten, als ſie wie⸗ der allein waren.„Auf dieſe Weiſe wirſt Du ja ſelbſt mit krank.“ „Du biſt ja ſonſt ganz allein.“ „Du willſt alſo der Welt glauben machen, Du ſeiſt ein liebender Ehemann?“ „Da mache ich der Welt nichts Anderes glauben als die Wahrheit.“ „O, durchaus nicht.“ „»Willſt Du damit ſagen, daß ich Dich nicht liebe?* „Das ſage ich allerdings... Es gab eine Zeit wo ich in Folge meiner großen Niederlage... Ein Gerücht. VI. Ad Lilia's Lippen laͤchelten und bebten gleichzeitig, als ſie dieſes letzte Wort ausſprach. „So mußt Du nicht den Morgen nach unſerer Hochzeit nennen, von welchem an ich unſere volkomn⸗ mene Vereinigung datire.“ „Ich auch— Du beugteſt mich— ja, Du beug⸗ teſt mich wirklich, denn ſonſt haͤtte ich Dich nicht zu⸗ ruͤckgewinkt und damit zugleich das Zeichen zur Zer⸗ ſplitterung und zum Tode meiner Macht gegeben.“ „Nun wohl, es war dies doch auf alle Faͤlle beſ⸗ ſer, liebe Freundin, als wenn Du vierundzwanzig Stunden nach Deiner Trauung Dich einer heimli⸗ chen Beichte unterworfen haͤtteſt.“ Bei dieſer Erinnerung ſprang Lilia auf, aber ſie daͤmpfte das Feuer in ihren Augen und ließ die Wim⸗ pern ſich leiſe ſenken. Der Kammerrath erblickte nicht einen Schimmer des bittern Grolles, welcher darin leuchtete.„* „Laß uns wieder auf das zuruͤckkommen, was ich ſagen wollte, beſter Walfried!“ Jetzt hoͤrte man wieder die ſchmeichelnde Harfen⸗ ſtimme. „Nun, und?“ „Als ich nach meiner Niederlage meine Macht gebrochen fuͤhlte, verſuchte ich zu vergeſſen, daß ich einen andern Plan fuͤr mein Lebensgluͤck entworfen, als welchen Du vorzeichneteſt. Ich that mein Beſtes, als 3 e beſ⸗ vanzig heimli⸗ ber ſie Wim⸗ e nicht das ich Harfen⸗ Macht daß ich worfen, Beſtes, um Dir zu gefallen, ich lebte blos fuͤr Dich, aber Du haſt mich weder geliebt, noch verſtanden.“ „Ich verſtand Dich nur zu gut! Du zogſt Dich eigenſinnig von der ganzen Welt zuruͤck, weil Du nicht darin nach Deinem Plane auftreten konnteſt. Und Du ſuchteſt mir zu gefallen, nicht wie eine gute Haus⸗ frau, welche ſich immer mehr in dem Herzen ihres Mannes zu befeſtigen ſucht, ſondern wie eine ausge⸗ lernte Kokette, welche alle Minen ſpringen laͤßt, um ſich einen Sklaven, anſtatt eines Gatten zu ſchaffen. Aber ſo etwas lag nicht in meinem Plan und deshalb er⸗ reichteſt Du Dein Ziel nicht.“ „Welche Schmaͤhung, welche Bosheit— und Du ſagſt, Du liebſt mich?“ „Mehr als ich ſollte, mehr als Du verdienſt, aber niemals bis zur Unvernunft.“ „ Und ich ſoll nun im Zuſtande ewiger Sklaverei verharren... ich— o mein Freund“... Lilia be⸗ gann jekzt bitterlich zu weinenz die Gewalt der Thraͤ⸗ nen hatte ſie noch nicht verſucht...„O, mein Herr⸗ ſcher, habe Mitleiden mit einer armen Frau! Gieb mir nur ſo viel Freiheit, wie dem Vogel, den man mit einem Faden am Fuße fliegen laͤßt.“ „Aber, liebes Kind“— der Kamerrath nahm jetzt einen vaͤterlichen Ton an—„was iſt das fuͤr ein Mangel an Freiheit, uͤber welchen Du Dich beklagſt? 6* — Hindere ich Dich wohl, an Vergnuͤgen theilzunehmen, wie andere junge Frauen?“ „Ach, das iſt es nicht.“ „Nun, was iſt es denn?“ „Du biſt ſeit der Zeit, wo wir dieſe Reiſe hier angetreten haben, fortwaͤhrend in meiner Naͤhe. Zu Hauſe konnte ich oft allein ſein. Jetzt dagegen ſcheinſt Du mit Deiner ſteten Gegenwart mir ſagen zu wollen: Ich bin mißtrauiſch, unruhig, eiferſuͤchtig und deshalb muß ich wachen und wenn auch meine Hartnaͤckgkeit Dich toͤdten ſollte, armer Wurm.“ „Dieſe Unbilligkeit verzeihe ich— ich habe aus Zaͤrtlichkeit gewacht. Wenn Du mich aber nicht lei⸗ den kannſt, ſo...“ „Hat der Gefangene wohl jemals den Waͤchter leiden koͤnnen— ſetzt nicht der Gefangene einen Werth darauf, dann und wann ſeine Einſamkeit genießen zu können?“ „Wie,“ ſagte der Kammerrath,„Du haſt alle dieſe Umwege nur eingeſchlagen, um Deinen Wunſch, zu⸗ weilen allein zu ſein, zu erkennen zu geben?... Etwas Anderes wuͤnſcheſt Du nicht?“ „Nichts Anderes, mein Freund— es wird mir ſo wohl thun, ungeſtoͤrt meinen Gedanken nachhaͤngen zu koͤnnen.“ „Dieſer Wunſch iſt ſo unſchuldig, daß er, wenn zmen, ich ihn geahnt haͤtte, ſchon laͤngſt in Erfuͤllung gegan⸗ gen ſein wuͤrde.“ „Jetzt biſt Du ſo gut, ach ſo gut, daß ich das Beduͤrfniß fuͤhle, Dir Deine Hand zu kuͤſſen.“ „Ich kuͤſſe vielmehr die Deine... und nun e hier gehe ich und werde draußen befehlen, daß Dich Nie⸗ Zu mand ſtoͤren ſoll.“ heinſt„Gunnel iſt ſo gut, wie Niemand. Sie kann oollen: in einem Winkel ſitzen, im Fall ich vielleicht etwas eshalb brauche.“ ckgkeit„Nein, nein, mein Kind, Du ſollſt Dich nicht von dem Gedanken peinigen laſſen, daß irgend Jemand e aus zugegen iſt. Ich ſetze hier die Klingel her und da ich ht lei⸗ in dem Nebenzimmer bleiben werde, ſo hoͤre ich ſogleich, wenn Du Dich ruͤhrſt.“ aͤchter Und der Kammerrath ging. Werth„O, Du liſtiger, abſcheulicher Tyrann, Du haſt zen zu mich durchſchaut! Ich ſoll mit Niemandem ſprechen, ich ſoll nicht erfahren, ob... ob... aber ich muß le dieſe erfahren und ich werde erfahren, ob er noch da iſt... h, zu⸗ Ha, dieſes Bild, welches unaufhoͤrlich vor mir ſteht, Etwas war es das ſeine— oder das des ſtrafenden Erz⸗ engels... dieſe Augen, waren ſie damals wirklich ſo rd mir ſchön, als ich ſie frei betrachten konnte... dieſe Stirn, haͤngen war ſie ſo edel, verrieth ſie ſo begeiſterte Gedanken, als ich ſie ſich vor mir in den Staub buͤcken ſah... dieſe wenn Feuerſeele, verſtand ich ſie niemals eher, als bis..« Sie bedeckte das Geſicht mit den Haͤnden. „Und gebunden, gebunden, auf ewig gebunden. El kende, Du ſiehſt ja, daß Du kaum Deine Feſſeln ſchuͤt⸗ teln kannſt, ohne daß Dein Kerkermeiſter augenblicklich vor Dich tritt. aber warte, warte, Du ſiegender Tyrann— Du haſt mich zerſchmettert, aber ich werde nun meinerſeits Dich zerſchmettern.“ 8. Nachrichten. Acht Tage waren verfloſſen, ſeitdem man den Ausflug nach Helſoͤ gemacht hatte. Lilia lag angekleidet auf dem Sopha. Sie be⸗ gann jetzt ſelber von der Abreiſe zu ſprechen. „Ja, mein Freund,“ hieß es,„nun muͤſſen wir daran denken, ſobald als meine Kraͤfte mir erlaubt ha⸗ ben, einem Ball oder einer Soirée beizuwohnen. Ich muß unbedingt mich erſt gezeigt haben, damit man nicht glaube, daß ich aus Furcht, zum Gegenſtand des „Hrn!“ „Ja, man wuͤrde beſtimmt behaupten, daß Du, 88 aus Furcht, ausgelacht zu werden, keine Geſellſchaft be⸗ ſuchen wollteſt.“ „Eine ſolche Vorausſetzung iſt mir ganz und gar gleichguͤltig.“ „Aber nicht mir— ich will durchaus in Geſell⸗. ſchaft gehen.“* „Inzwiſchen.. ⸗ „Was denn! Werde ich denn niemals etwas An⸗ deres hoͤren, als Einwendungen! Sagteſt Du nicht vor ein paar Tagen ſelbſt, daß es mir freiſtuͤnde, jedem Vergnuͤgen Heizuwohnen? „Allerdings, allerdings; aber an einem andern Badeorte kannſt Du Dich eben ſo ſehr amuſſiren, als an dieſem.“ „Aha, ich fange an zu begreifen— Du fuͤrchteſt Dich in der That, daß man uͤber Dich lachen werde.“ „Ich glaube nicht, daß Jemand Luſt dazu hat.“ „Aber ſo ſage nur, warum wir nicht hingehen ſollen?... Es waͤre ſonſt moͤglich, daß ich auf eine andere Idee kaͤme...“ „Ja, ja,“ antwortete der Kammerrath mit ge⸗ zwungenem Laͤcheln,„in Ideen haſt Du immer etwas los.“ „... zum Beiſpiel in der, daß Du fuͤrchteſt, wir moͤchten Jemandem dort begegnen.“ Der Kammerrath beſaß ein ungewoͤhnliches Selbſt⸗ beherrſchungsvermoͤgen, aber ſoweit hatte er es doch noch ———-— 89 nicht gebracht, daß er ſeinem Blute haͤtte befehlen koͤn⸗ nen— das verrieth ihn auch. Lilia laͤchelte, notabene, bei ſich ſelbſt— ſie war nun deſſen vollkommen ſicher, was ſie wiſſen wollte und ihr Herz begann ſo gewaltig zu klopfen, daß ſie mit der Geberde des Froͤſtelns den Shawl dichter um ſich zog.. Am Nachmittag deſſelben Tages kam eine kuͤrz⸗ lich erſt im Bade angelangte Notabilitaͤt und beſuchte den Kammerrath. Dieſer ſah ſich dadurch gezwun⸗ gen, auf einen Augenblick ſeinen Drachenpaſten zu ver⸗ laſſen. Er hatte allerdings ſeine Frau nicht im Verdacht eines unerlaubten Vorhabens, aber er wollte wo moͤg⸗ lich verhindern, daß ihr erfinderiſcher Kopf Zeit zu Ge⸗ danken bekaͤme— zu boͤſen oder zu guten, denn er wußte, wie furchtbar ihre Gedanken waren. Aber bei all ſeiner Umſicht konnte er doch nicht in dieſe Seele eindringen und deren Zugͤnge verſtopfen, welche unter jedem verſtellten Schlafe durch den Wi⸗ derſtand groͤßer wurden. Endlich war nun die junge Hausfrau allein mit ihrer treuen Dienerin. Aber Gunnel zeigte ihrerſeits keine große Luſt zum Sprechen. Sie blickte verlegen an die Wand, waͤhrend Sie mit den Haͤnden auf ei⸗ nem Shawl herumſtrich, der ſchon vorher zuſammenge⸗ legt war. —— 90 „Schlaͤft Sylvia noch?⸗ „Ja— ſie war muͤde von unſerer langen Pro⸗ menade. Der Kammerrath ſagte, ich ſollte recht weit mit ihr gehen, denn es waͤre gut fuͤr ſie.« „Ja, die Luft iſt ſehr wohlthaͤtig. Du gehſt wohl alle Tage mit ihr aus? „Ja wohl.“ „Sage mir einmal“— Lilia's Stimme verſagte ihr faſt den Dienſt— phaſt Du niemals, niemals Je⸗ manden getroffen?⸗ „Es wird wohl am beſten ſein, wenn Sie ſich durch ſolche Fragen keine Ungelegenheit machen, liebe Herrin.“ „Ach, ich verſtehe— mein Mann hat Dir ein⸗ geſchaͤrft, daß Du...« „Dieſer hier nicht.“ „Nun welcher denn 2⸗ „Nun, der.“ „Großer Gott, er hat Dich geſehen...“ „Nun, das Sehen kann man doch keinem Men⸗ ſchen verbieten!“ „Gunnel, Gunnel, er hat wieder die Kleine in ſeinen Armen gehabt.. er hat geſagt— o was hat er geſagt... ſo rede doch!“ „Liebe Herrin, maͤßigen Sie ſich— es verlohnt nicht der Muͤhe an den Schnee zu denken, der vergan⸗ genen Winter gefallen iſt.“ 91 „Willſt Du mich um's Leben bringen?* „Ach, lieber Gott, nein, aber ich ſollte ja ſchwei⸗ gen!“ „Sagte er Dir das? „»Ich habe ihm die Hand darauf gegeben.“ „Und wo, Gunnel, wo trafſt Du ihn?“ „Ach, Sie quaͤlen ja die ganze Geſchichte aus mir heraus.“ „»Um Gotteswillen, antworte mir ſchnell— in wenigen Augenblicken kommt der Kammerrath zuruͤck. Ich werde bewacht... Aber ich will etwas von ihm hoͤ⸗ ren— von ihm, verſtehſt Du?“ Lilia's Geberden waren ſo heftig und gleichzeitig ſo bittend und befehlend, daß Gunnel ſtammelte: „Lieber Gott, ich will ja Alles bekennen... aber, liebe Herrin, Sie werden ſich doch jetzt nicht mehr um ihn bekuͤmmern, da...“ Lilia that, als ob ſie die letzten Worte nicht hoͤrte. „Noch einmal, wo trafſt Du ihn?“ „Ich ging an der Kuͤſte hin, einen entſetzlich lan⸗ gen und ſteinigen Weg, und kam endlich an eine große ſchoͤne Wieſe, wo ich ſtehen blieb, um die Kleine ein wenig im Gruͤnen herumſpringen zu laſſen.“ „Und da ging er auch ſpatzieren?“ „Nein er ſtand da und lehnte ſich an einen Baum.“ „Und wie ſah er aus? „Nun, nach meiner Anſicht, wie Einer, der ſeinen lieben Gott bittet, daß er ihn bald zu ſich nehmen moͤchte.“ „Sein Geſicht ſah alſo bekuͤmmert aus?“ „Wenn ich ſoll ein ſchoͤnes Gleichniß darauf ma⸗ chen, ſo moͤchte ich ſagen, es war wie ein ſchwarzer Sargdeckel, mit zwei ſtrahlenden Silberſternen darauf.“ „Und alſo er ſah Dich?“ fluͤſterte Lilia, die kaum noch laut ſprechen konnte. „Nein, er gab auf nichts Acht, ſondern ich war es, die zuerſt rief: Ach, lieber Gott, iſt das nicht der Herr?* „Weiter, weiter!“ „Da blickte er auf und ſprang auf das Kind zu und ich ſagte: Das iſt Papa! und dann ſagte er: Sylvia, Sylvia, kennſt Du Deinen armen Vater nicht mehr! und redete ſo freundlich und ſanft, daß das Kind zu ihm wollte.“ „Weiter, weiter!« Lilia's halb erſtickter Athem vermochte nicht, ein anderes Wort hervorzubringen. „Ja und ſo erfaßte er die Kleine und geberdete ſich ſelbſt wie ein Kind— er kuͤßte ihr Haͤnde und Fuͤße und benetzte ihre ſeidenen Locken mit Thraͤnen und kuͤßte ſie und ſagte: Brich nun, mein armes Herz!... Aber weiter weiß ich nichts.“ „Und von mir— von mir.. „Von Ihnen hat er nicht geſprochen.“ „Nicht ein Wort?“ dmen ma⸗ arzer auf.“ aum war t der id zu er:. nicht Kind them e ſich und te ſie Aber 93 „Nicht einmal ein halbes!“ „Er haßt mich alſo?“ „Hm, das kann wohl ſein.“ O, nein, nein, er kann nicht haſſen!“ „Jetzt faͤllt mir etwas ein, was er ſagte... Iſt ſie gluͤcklich“ ſagte er.“ „Gluͤcklich... und Du antworteteſt?“ „Nun, ich antwortete, ſo ſchlau ich konnte... daß dies mehr waͤre, als ich wuͤßte... Aber ich wagte nicht laͤnger zu verweilen und wir gingen daher.“ „Und er begehrte nicht, Sylvia mehr zu ſehen?“ „Nein, er ſagte: Morgen werde ich wieder hier ſein und uͤbermorgen auch und wenn Du an Deinen fruͤheren Herrn noch einige Anhaͤnglichkeit haſt, ſo gehe dieſen Weg hier, aber“— ſetzte er hinzu—„gieb mir die Hand darauf, daß Du ihr kein Wort davon erzaͤhlſt ... Aber ſehen Sie, nun haben Sie mich ſoweit ge⸗ bracht, daß ich mein Verſprechen gebrochen habe.“ „Er wird es niemals erfahren... Und Du, Gun⸗ nel, wirſt ihm Deine Treue dadurch beweiſen, daß Du ihm auch morgen das Kind wieder zufuͤhrſt! aber ver⸗ giß nicht, daß Du die Kleine erſt hereinbringſt, bevor Du gehſt— ich will ſie zum Abſchied kuͤſſen. Und, Gunnel, vor allen Dingen ſei vorſichtig... geh nun— ich will allein ſein.“ Als der Kammerrath wieder zuruͤckkam, war jede Spur von Gemuͤthsbewegung aus Lilia's Angeſicht verſchwunden; ſie war eingeſchlafen und wachte nicht eher auf, als bis ihr Gatte ihr liebkoſend mit der Hand uͤber die Stirn fuhr. „Biſt Du es, mein guter Freund?“ „Ich wollte Dich nicht wecken.“ „Es hat nichts zu ſagen— ich kann ja des Nachts ſchlafen... ich fuͤhle etwas ſo Sonderbares und Schweres in meinem Kopfe und ſobald als ich einſchlafe, bin ich gleichſam in einer andern Welt.“ „Ich hoffe, mein Kind“— der Kammerrath ver⸗ rieth eine ſehr natuͤrliche Unruhe—„daß Du nicht auf's Neue krank wirſt... Du ſprachſt ja eben da⸗ von, daß Du Baͤlle und Soiréen beſuchen wollteſt.“ „Ich?“ Lilia griff ſich mit beiden Haͤnden an die Stirn, als ob ſie aus dem widerſpenſtigen Gedaͤcht⸗ niß einen Gedanken herausſuchen wollte den ſie nicht zu finden vermochte. „Du ſelbſt!“ „Ich wollte auf den Ball gehen?“ „Und Du behaupteteſt uͤberdies, daß dies durchaus nothwendig ſei.“ Sie ſchuͤttelte den Kopf. „Und Du ſetzteſt hinzu, daß man auf unſere Ko⸗ ſten lachen wuͤrde, wenn wir uns nicht bei irgend einem offentlichen Vergnuͤgen zeigten.“ 95 „Ich weiß nicht, was ich geſagt habe— vielleicht war es ein Anfall von Irrreden— aber ich fuͤhle, daß meine Fuͤße mich nicht tragen wollen.“ „Wie, Du gingſt ja ſchon geſtern und vorgeſtern herum und wir betrachteten Dich ſo gut wie vollkom⸗ men wieder hergeſtellt.“ Lilia griff ſich wieder nach der Stirn. „Mein Freund,“ ſagte ſie„ich kann Dir auf nichts antworten; aber ſprich weder von Geſellſchaft noch von...“ Ihre Augen fielen matt und gleichſam gegen ihren Willen zu. „Du willſt Dich alſo beſtimmt nicht in der Ge⸗ ſellſchaft zeigen?“ 6 „Dafern Du mich nicht dazu zwingſt...“ Und die erſchoͤpfte kleine Frau ſchlief ein, waͤhrend ſie noch redete. Der Kammerrath war in beklagenswerther Verle⸗ genheit. Seine Gattin hatte vorgeſchlagen, erſt nach Medevi zu reiſen und er ſelbſt hatte ſich dem widerſetzt, weil er der Anſicht war, daß eine Abweſenheit von ei⸗ nem Monate ſchon ein großer Verluſt fuͤr ſeine Ge⸗ ſchaͤfte ſei. Welche Vorwuͤrfe machte er ſich jetzt uͤber dieſe unzeitige Sparſamkeit! Allerdings konnte die ganze Sache moͤglicherweiſe ſo ablaufen, daß eigentlich nichts paſſirte, aber in jeder Hinſicht war es doch etwas Entſetzliches, zu wiſſen, daß es eine Frau gab, die an einem und demſelben Orte zwei Maͤnner hatte und daß dieſe Frau, der Gegenſtand des Geſpraͤchs der ganzen Stadt, ſe ine Frau war. Wenn es nicht etwas dem Gefuͤhl ſo Widerſtre⸗ bendes geweſen waͤre, daß dieſer Widerwille unuͤber⸗ windlich war, ſo wuͤrde der Kammerrath an Philipp geſchrieben und ihn gebeten haben, abzureiſen. Aber nein, das ließ ſich nicht thun— keine andere Macht, als das eigene Zartgefuͤhl und Stolz, konnten den jun⸗ gen Mann zu dieſer Entfernung bewegen. Gleichwohl wollte das Ungluͤck, daß der Poet, nach der Behauptung des Arztes, ſich in einem Zuſtand befand, wo weder Stolz noch Zartgefuͤhl ſich geltend machen konnten. Da er uͤberdies ganz fuͤr ſich lebte, wer hatte da wohl ein Recht, ihn zu ſtoͤren? So wie der Abend weiter vorſchritt, ward Lilia's Schlaf immer betaͤubungsaͤhnlicher und ſonderbarer. Der Kammerrath war der Meinung, es ſei dies eine neue Wendnng in der bereits uͤberſtandenen Krank⸗ heit und erwartete mit Ungeduld die Ankunft des Doc⸗ tors. ſchloß der Kammerrath, ihn ſelbſt aufzuſuchen. r Da dieſer aber nichts von ſich hoͤren ließ, ſo be⸗ doch len Nebe auf einge verne Ein Lilia's er. ei dies Krank⸗ Doc⸗ ſo be⸗ 97 Er ſprach zu ſeiner Gattin in einem Tone, wel⸗ cher die unruhigſte Zaͤrtlichkeit verrieth. „Lilia, mein Kind, ich verlaſſe Dich auf einen Au⸗ genblick.“ Lilia fuhr fort, zu ſchlafen. „ Er griff ſie bei der Hand und fuͤhlte ihr an den uls. 1 „Kein Fieber, Gott ſei Dank... Du ſollteſt verſuchen, Dich ein wenig wach zu halten, um des Nachts ſchlafen zu koͤnnen.“ „Ich will nicht auf den Ball gehen— aber er zwingt mich— er zwingt ſie beſtaͤndig, die arme Lilia!⸗ „Bei Gott, ſie phantaſirt wieder— oder ſpricht ſie im Schlafe?“ „Mein Freund,“ fuhr ſie fort,„ich bin ja ge⸗ zwungen— Lilia iſt gedemuͤthigt— ſie hat keinen Willen mehr— Lilia iſt nichts mehr.“ „Arme Frau— arme Frau— ich bin vielleicht doch zu ſtreng geweſen.“ Und nachdem der Kammerrath noch einen ſchnel⸗ len Blick auf ſeine Gattin geworfen, eilte er in das Nebenzimmer. Sobald als ſein Tritt verhallte, richtete ſich Lilia auf dem Ellbogen in die Hoͤhe. Sie hoͤrte ihn zu Gunnel ſagen, daß ſie nicht hin⸗ eingehen ſollte, dafern ſie nicht vielleicht ein Geraͤuſch vernahme. Ein Gerücht. VI. 7 mit ſprang ſie ſchnell vom Sopha und eilte nach dem gerade gegenuͤberſtehenden Schreibtiſch. In einem Augenblick hatte die junge Frau einen Streifen Papier an ſich geriſſen und einige Worte dar⸗ auf geſchrieben. Mit derſelben Schnelligkeit rollte ſie hierauf den F Streifen zuſammen und lag binnen wenigen Secunden wieder auf dem Sopha. Als der Kammerrath mit dem Doctor zuruͤckkam, war ſie wieder in ihre Erſtarrung verſunken. „Es iſt durchaus nichts!“ ſagte der Doctor.„Blos ein wenig Mattigkeit nach dem Fieber. Wenn die Frau Kammerraͤthin morgen fruͤh aufſtehen kann, ſo muß ſie ein wenig an die friſche Luft gehen. Das wird bald helfen.“ 3 Aber am folgenden Morgen befand ſich die Pa⸗ tientin in einem noch ſchlimmeren Zuſtande. Und da ſie auf keine Frage Antwort geben wollte, ſo ſprach der Doctor die Vermuthung aus, daß ſich vielleicht eine Gemuͤthskrankheit daraus entwickele. „Und kann dieſe unſere Ruͤckreiſe noch laͤnger hin⸗ dern?“ ſagte der Kammerrath mit ſchlechtverhehlter Unruhe. Der Doctor antwortete nicht. Er ſchuͤttelte blos den Kopf. Aen e „Das iſt gut,“ ſagte Lilia bei ſich ſelbſt und da- und da⸗- ch dem u einen rte dar⸗ auf den cunden uckkam, „Blos unn die ann, ſo Das die Pa⸗ Und da rach der ht eine ger hin⸗ erhehlter elte blos 9. Die kleine Sylvia. Man konnte ſchwerlich etwas Reizenderes ſehen, als die kleine Sylvia, mit ihren langen, hellblonden Locken, ihrem roſenfarbenen Antlitz, ihren ſanften, himmelblauen Augen und ihrer ganzen kleinen, ſo nett ausſtaffirten Perſon, wie die Phantaſie einer koketten Mutter es erdenken kann, wenn ſie einſieht, wie ſehr ein engel⸗ ſchönes Kind ihre eigene Schoͤnheit erhoͤht. Man weiß von fruͤher her, was Lilia, allein in ihrem Haus, fuͤr eine Mutter war; aber jetzt, wie immer, ſchleppte ſie ihren kleinen Engel mit ſich herum, ſobald der kleine Engel ihr etwas nuͤtzen konnte. Und auf dieſe Weiſe war die Kleine auch mit nach Helſo gekommen. In Folge ihrer Gewohnheit, ſich leicht anzuſchließen — eine ziemlich fruͤhzeitige Gewohnheit fuͤr eine kleine Dame, die noch nicht einmal ihr viertes Lebensjahr zuruͤckgelegt hatte— war es ganz natuͤrlich, daß Sylvia 7* 1⁰⁰ durch die„neue Bekanntſchaft“, die ſie gemacht, nicht ſehr beſchwert ward, ſobald dieſe Bekanntſchaft ſie durch die Waffen der Milde zu gewinnen ſuchte. Und wird man uͤberdies leugnen wollen, daß eine anmuthige Sympathie, ein heimlicher Inſtinkt, eine dunkle Erinnerung, das Kind ebenfalls zu dem Manne hinziehen konnte, der ihm ſo warm ſeine Arme entge⸗ genſtreckte? Sylvia hatte ſich daher auch nach der zweiten Zu⸗ ſammenkunft nicht laͤnger geſtraͤubt, ihm ihre Arme ebenfalls entgegenzuſtrecken. Die arme, kleine Sylvia, ſie war anderthalb Jahr, als ſie der Pflege eines Vaters verluſtig ging. Jetzt nach noch hinzugekommenen zwei Jahren wußte ſie nichts mehr von dieſem Verluſte. Gunnel war nach demſelben Platze gegangen, wie das letzte Mal. Aber die gute Seele dankte Gott, daß ihre Herrin ſie nicht mit einem Auftrage beläſtigt hatte, der fuͤr ihr und ihrer Herrin Gewiſſen gefahrlich hatte ſein können. Was die Kleine betraf, ſo hatte Gun⸗ nel offenbar das fuͤr ſich, daß es ſo gerecht war, wie nur irgend etwas in der Welt ſein konnte, das Kind zum Vater kommen zu laſſen. Die gutmuͤthige Gunnel war— wie ihre Herrin ſchon einmal bemerkt hatte— ganz klug, ſo lange ſie es nicht mit kluͤgeren Leuten zu thun hatte. Und es war ſo ſchoͤn, dieſe Gewiſſensruhe zu be⸗ 5 17 * nicht durch eine eine danne entge⸗ n Zu⸗ Arme Jahr, Jetzt nichts angen, Gott, lläſtigt ahrlich Gun⸗ die nur d zum Herrin age ſie 1 * V 1⁰1 ſitzen— der Blick des Kammerraths war ſo ſtreng wenn er etwas auszuforſchen ſuchte— Gunnel kannte nichts Schlimmeres, als demſelben zu trotzen. Aber heute konnte Gunnel getroſten Muthes ſein, wenn es darauf ankam, denn ſie wollte wohl ſehen, wer ihr aus Geſetz oder Evangelium beweiſen konnte, daß ſie Unrecht gethan habe! Jetzt ſprang die kleine Sylvia in dem friſchen Graſe herum und ſpielte mit den von den Obſtbaͤumen herabgefallenen Bluͤthen; Gunnel ſtand da und ſpaͤhete bald hinter, bald vor ſich— denn ungeachtet alles ihres Muthes waͤre es ihr doch nicht recht geweſen, wenn Je⸗ mand von den Badegaͤſten hierhergekommen waͤre. Aber es war Alles ſtill ringsgum und nur das Jubeln des Kindes, waͤhrend es ſich in dem hohen Graſe herumtum⸗ melte und der Geſang der Voͤgel auf den Baͤumen wa⸗ ren die einzige Laute, die ſich hoͤren ließen. „Aha,“ ſagte endlich Gunnel, indem ſie die Augen auf eine Baumgruppe heftete, zwiſchen welcher ein Ge⸗ ſicht zum Vorſchein kam, welches ihr vollkommen be⸗ kannt war. Man weiß im voraus, daß dieſes Geſicht Philipp angehoͤrte, Philipp, der ſich noch nicht geſagt, daß er abreiſen ſollte, daß er abreiſen mußte, Philipp deſſen heißes Blut in viel zu ſtarker Gaͤhrung war, um das geringſte Band der Vernunft zu dulden. Niemals, niemals hatte er mehr, als jetzt, einen 102. Freund bedurft, eine ſtarke Hand, die ihn vom Abgrund zuruͤckreißen konnte. Aber kein Freund, keine Hand zeigte ſich und der Lavaſtrom, der in ihm gluͤhete, konnte ungehemmt ſei⸗ nen Lauf fortſetzen. Nicht als ob er gewußt haͤtte, wohin derſelbe gehen koͤnnte, nicht als ob er mit einem einzigen Plan, einem einzigen beſtimmten Gedanken umgegangen waͤre. Doch ja, er hatte einen: er wollte ſeine Tochter ſehen— dies war ſein ganzes Ziel von dem Augenblicke an, wo er ſie verließ, bis er wieder ſeine Augen an ihrem An⸗ blick erfreuen konnte.. Daß Honorinens Brief noch unbeantwortet war, verſteht ſich von ſelbſt. Er hatte vergeſſen, daß Honorine exiſtirte. Alle die Verbindlichkeiten, in denen er zu ihr ſtand— zu ihr, zu deren Fuͤßen er zuweilen anbetend haͤtte niederſinken mögen und auch niedergeſunken war— alles dies war vergeſſen, vergeſſen die Frau, die„allein“ ſtand unter allen Frauen, die er uͤber alle anderen verehrte— ver⸗ geſſen endlich die, an welche er noch vor einigen Tagen zwei Briefe geſchrieben, welche in jeder Zeile, in jedem Wort zu erkennen gaben, daß ſie ihm noch mehr war. O unergruͤndliches Geheimniß des Menſchenher⸗ zens! Ein Wiederſehen, ein ausgetauſchter Blick mit ſei⸗ nem böſen Engel, welcher nur dazu haͤtte dienen ſollen, die Macht des Guten zu befeſtigen, vernichtete ſtatt 8 10³ rund deſſen dieſelbe. Die Vergangenheit war eine Wuͤſte, in V die er vor Furcht nicht zuruͤckzuſchauen wagte. Die der Zukunft war eing geheimnißvolles, unbekanntes Land, vor ſei⸗ deſſen Vorhange er nicht zu zoͤgern wagte, aus Furcht, einen Schimmer von etwas eben ſo Duͤſterem, als die Vergangenheit war, zu erblicken. Die Gegenwart war nem 7⁴ eine Fieberphantaſie, in welcher ſich nicht mehr als eine Doch deutlich ſichtbare Geſtalt bewegte— der Fieberkranke — wußte nicht, ob noch eine Andere im Hinterhalte laͤge. wo Und dieſe einzige Geſtalt, die er im Fieber ſah, An⸗ ſah er nun zum dritten Male in der Wirklichkeit wie⸗ der vor ſich. war, Es war ein Sonnenſtrahl, ſchoͤn zu ſchauen unter einer Maſſe ungluͤckverkuͤndender Wolken, dieſer Blick, der auf ſeine kleine Tochter fiel. Aber er that ſich Zwang an— er eilte nicht ſtuͤr⸗ nken V miſch vorwaͤrts. Er wollte von dem Kinde geliebt wer⸗ war den. Und nach einigen kleinen vorausgegangenen Praͤ⸗ unter ludien von ſeiner Seite, kam auch bald das Kind, wie ver⸗ eine kleine Fee, wiegend auf ihn zu, waͤhrend das kurze, agen„ ungeheuer weite weiße Kleidchen wie eine Wolke uͤber edem das Gras ſchwamm und der kleine Sonnenſchirm das war. Geſicht verdeckte. nher⸗ Als Philipp ſie erblickte, haͤtte ſich faſt ein Freu⸗ t ſei⸗ denruf den Weg uͤber ſeine Lippen gebahnt. Sie fuͤrch⸗ ollen, tete ſich alſo nicht mehr— ſie wollte nun alle Tage kommen.. Als Gunnel geſehen hatte, daß Sylvia mit ihrem „neuen Bekannten“ immer intimer ward, nachdem dieſer eine Duͤte Confect hervorgezogen, entferntete ſie ſich ein wenig, ohne daß Philipp eine Frage an ſie that, woruͤber Gunnel ſich herzlich freute, denn es waͤre ihr außeror⸗ dentlich unangenehm geweſen, wenn man ſie mit einem Auftrage belaͤſtigt haͤtte. Waͤhrend des Gehens entfernte Philipp ſich mit dem Kinde immer weiter und weiter. Endlich ſetzte er ſich im Schatten ein paar herrlicher Birken nieder, de⸗ ren dichtbelaubte Kronen gleichſam ein Zelt uͤber die Gruppe woͤlbten— der Vater mit der Tochter auf dem Schooße. Aber hier, wo Niemand weiter als Gott und das Kind ihn hoͤren konnte, ſagte er, waͤhrend gleich⸗ wohl ſeine Stimme bebte, wie die eines Verbrechers: „Hat Mame Dich heute gekuͤßt?“ Die kleine Sylvia laͤchelte mit einem Ausdrucke naiver und anmuthiger Schalkhaftigkeit. Sie wußte nicht, wie dieſer Ausdruck war, aber der arme Vater ward dadurch in ſeinem innerſten Herzen verwundet— es war Lilia's Portrait, welches ihm entgegenlaͤchelte. Vor ſich ſelbſt zitternd, gleichſam als ob er einen ſuͤndhaften Gedanken in das Ohr eines Engels gefluͤſtert haͤtte, beugte er ſich ſchnell nieder; aber die Verwirrung, die ſchon in ihm begonnen hatte, verminderte ſich nicht, als er an einem Bande am Halſe des Kindes eine kleine, goldene Kapſel wiedererkannte, die ſein erſtes Geſchenk — —— 1⁰⁵ an ſeine Braut geweſen und ein friſches Vergißmeinnicht und eine kleine Schleife von ſeinem Haar enthalten hatte. Von einer beinahe athemloſen Bewegung er⸗ griffen, zoͤgerte er einen Augenblick, dieſes Denkmal ſo fuͤrchterlicher Erinnerungen zu oͤffnen; aber dieſer Kampf war kurz— er mußte ſehen, ob dieſe unbedeutenden Dinge noch darin laͤgen. Er oͤffnete daher das Schloͤßchen. Aber er war nahe daran vor Beſtuͤrzung noch den letzten Funken Verſtand zu verlieren, der ihm zu Gebote ſtand, als er in der Vertiefung der Kapſel einen ganz kleinen zuſammenge⸗ rollten Papierſtreifen fand. Nach einem Augenblick machte er das Schloß ſo ſchnell wieder zu, daß der geheimnißvolle Diebſtahl von der Kleinen unbemerkt blieb, die ſich die Zeit damit ver⸗ trieb, den kleinen Chokoladenhund zu betrachten, den ſie in der Hand hielt.. In der geſpannteſten Aufregung erhob er ſich, ſetzte die kleine Sylvia in's Gras nieder und rief die Gunnel. „Sieh einmal einen Augenblick nach ihr, aber geht nicht fort, bevor ich wieder komme! Es war mir, als ſaͤhe ich Jemanden, an deſſen Begegnung mir gerade nichts gelegen iſt.“ Er eilte fort. Gunnel dachte, als ſie ihn ſo lange und raſche Schritte machen ſah, daß ihm dieſer Jemand recht or⸗ dentlich verhaßt ſein muͤſſe. „* 106 Aber was Philipp in der Hand hielt, brannte ihn und er nahm ſich blos Zeit, ſich nach einer Stelle um⸗ zuſehen, die finſter genug waͤre, um das Geheimniß des geoffneten Papierſtreifens bewahren zu koͤnnen. „Was enthaͤlt dieſe Botſchaft von ihr?“ hatte er im Verlaufe weniger Secunden hundertmal wieder⸗ holt.„Es kann nichts Anderes ſein, als ein Wort, ein Gedanke, ein Entſchluß, ein Befehl und dieſer Befehl lautet: Reiſe ab!“ Jetzt blieb er ſtehen. Es war unter dem duͤſtern Schutze einer dunkeln Kluft. Dieſe Stelle war ſchön— er wollte nicht weiches Gras und aromatiſche Duͤfte in dieſem Augenblicke um ſich haben— er bedurfte die Eigenſchaften des Felſens, die Staͤrke des Felſens, da⸗ mit nicht dieſe drei Buchſtaben von ihrer Hand ihn be⸗ wegen moͤchten, etwas ganz Anderes zu thun, als was ſie ihm befahl. „Und weshalb, o Du Grauſamo, darf ich nicht dieſelbe Luft athmen, wie Du? Stoͤrte ich Dich denn— hegte ich auch nur den Wunſch, Dich zu ſehen? Ich be⸗ gehrte nichts, aber Du wußteſt, wo Dein Sklave, Dein mit Ketten belaſteter Sklave war und Du ſchickteſt ihm dieſen Paß, den er zur ewigen Verdammniß mit ſich ſchleppen ſoll.“ Aber wie ſchickte ſich das jetzt fuͤr den Mann, wel⸗ cher dem Felſen an Staͤrke gleichen wollte— war er nicht weicher als Gras? 1⁰7 Einen Augenblick lang bemaͤchtigte ſich ſeiner ein peinliches Gefuͤhl der Schaam. Daſſelbe war gleichwohl nicht ſtark genug, ihn zu bewegen, das Papier zu zer⸗ reißen, ohne es zu leſen— er hatte ſich blos ſeines Zoͤgerns geſchaͤmt. Aber mit einer einzigen Bewegung war dies wie⸗ der gut gemacht— und er ſah nicht zwei Worte, ſon⸗ dern vier. Vier Worte waren ja auf alle Faͤlle nicht ſo viel. Aber kein Rauſch hatte ſo auf ihn gewirkt. Worin beſtanden denn dieſe magiſchen Worte? Der Inhalt derſelben war folgender: „Philipp, Du biſt geraͤcht!“ Dieſe Zeile konnte eine zweifache Bedeutung haben. Wir wollen ſehen, wie man dieſelbe dechiffriren konnte: Philipp konnte auf dieſe Weiſe geraͤcht ſein, daß Lilia in ihrer zweiten Ehe ſchon eingeſehen gelernt, daß ſie beſſer gethan, wenn ſie ihm verziehen und ihr erſtes Band nicht geloſ't haͤtte. 4 Aber dies war nicht, die Deutung, welche Philipp berauſchte. Dieſe wuͤrde Rache verrathen haben und Rache war ſeinem Herzen fremd. Es war demnach die andere Deutung, das heißt folgende: Philipp, die gluͤhende Liebe, die Du einmal fuͤr mich hegteſt und die ich veraͤchtlich zuruͤckwies und mit 108 Fuͤßen trat, hat bei Deinem Wiederſehen einen Wieder⸗ hall in dem Herzen gefunden, welches ſo lange dagegen geſtrebt. Und nicht ein Wort von Verbannung! Es war, als wenn ein gluͤhendheißes Eiſen Philipps Herz durchdrungen, als er ſich auf der erſten Frucht ertappte, welche dieſer Rauſch hervortrieb: es war eine wahnſinnige Freude. Aber jetzt fuhr er mit der Hand langſam uͤber die feuchte Stirne. Eine Ahnung, ein Funken von Vernunft— viel⸗ leicht Honorinens Geiſt, etwas war es, was ſich auf ihn herabſenkte und uͤber Alles hinwegtoͤnte eine Stimme, Arnolds Stimme, welche warnend rief: „Biſt Du nicht lange genug ein Elender gewe⸗ ſen?— Willſt Du auch noch ein Verbrecher werden, ein Verraͤther an dem, der mit ſeiner Ehre und ſeinem Namen ſich die Rechte erkauft hat, die Du einmal be⸗ ſaßeſt? Halt ein... zerſchmettere Dir lieber den Kopf an dieſem Felſen, ehe Du die feige und fluchwuͤrdige Thorheit begehſt, Dich wieder in das Zaubernetz die⸗ ſer Circe locken zu laſſen!“ Aber Philipp verſchloß die Ohren ſeiner Seele— er verſtopfte ſie ſorgfaͤltig. Und nachdem er mit einem einzigen, wilden Blick ſich umgeſchaut, riß er ſchnell ein Blatt aus ſeiner Brieftaſche und ſchrieb mit Bleiſtift folgende Antwort: 109 „Die Suͤßigkeit der Rache iſt ein brennendes Gift. Es iſt durch meine Adern gedrungen!“ Nachdem er dieſes Papier ebenſo zuſammengerollt, wie das erſte, kehrte er mit der erſtaunlichen Sicherheit, welche ſuͤndige und leidenſchaftliche Gedanken eingeben koͤnnen, auf den Platz zuruͤck, wo er Gunnel mit dem Kinde zuruͤckgelaſſen. Noch einmal lockte er die Kleine zu ſich und oͤff⸗ nete die Kapſel, indem er that, als ob er damit ſpielte. Und nach einigen Augenblicken trug Sylvia die ſtrafbare Antwort auf den Brief der Mutter nach Hauſe. Die Mutter hatte mit keinem Gedanken an die Laͤſterung gedacht, die ſie beging, als ſie den Engel der Unſchuld zu dieſem Zwecke benutzte. Der Vater erroͤthete allerdings daruͤber— aber was hatte ein Erroͤthen fuͤr den zu bedeuten, der nicht auf die Warnung des Gewiſſens hoͤren wollte! 10. Das Schickſal ver gefährlichen Depeſche. So hatte denn Lilia wiederum ihre Hand ausge⸗ ſtreckt, um ihr fruͤheres Opfer zu ſuchen, und obſchon das aͤußerſte Ende ihrer Fingerſpitze es noch nicht be⸗ ruͤhrt, ſo hatte doch die magnetiſche Kraft, die von ihrem ſtarken Willen ausging, es durch jene berauſchenden Daͤmpfe gefunden und betaͤubt, welche die doppelte Eigenſchaft haben, das Gewiſſen einzuſchlaͤfern und alle Faſern der Sehnſucht aufzuſtacheln. Sie kam ins Bad, um Eroberungen zu machen und alle Maͤnner zu ihren Fuͤßen zu legen, aber noch hatte ſie nicht— es war auch ihr erſter Nachmittag in der Badegeſellſchaft— einen einzigen der unzaͤhligen Triumphe gefeiert, welche ſie als Schadenerſatz fuͤr die drei vergeudeten Monate, die ſie an ihren Mann ver⸗ ſchwendet, berechnet hatte, als ſie auf der bezauberten Inſel durch einen einzigen ausgetauſchten Blick ſelbſt .“ 111 mit derſelben Kette gefangen ward, welche ſie ſo lange um den Sklaven geſchlungen, den ſie marterte. O wie veraͤndert erſchien er ihr, wie edel, wie poetiſch, wie maͤnnlich in dem Kampf der Gefuͤhle, den ſeine Zuͤge verriethen— wie feurig und ſeelenvoll in dem gewaltigen Erſtaunen! Dies war das neue Gefuͤhl, die grauſame Wie⸗ dervergeltung, welche Philipp mit allen dieſen Hauchen einer goͤttlichen Macht umgab; denn jetzt war er es, der dieſes Herz in Beſitz genommen, welches bei dieſem elektriſchen Schlage faſt ſtillſtand. Zum Gluͤck fuͤr ſie verlor ſie doch den Verſtand nicht. Sobald aber das Bewußtſein wieder durchzudrin⸗ gen und die Erinnerung wieder zu erwachen begann, erfuhr ſie— dieſe Lilia, welche ſo grauſam und ſinn⸗ reich mit der gewaltigſten aller Leidenſchaften geſpielt— deren ganze entſetzenerregenee Macht. Sowohl das Fieber, als auch die Mattigkeit dienten dazu, ihre Phantaſien zu unterhalten, ohne daß dieſelben jedoch eine Form hatten;z als ſie aber dieſe erhielten, wollte ſie Alles erfahren und hatte doch keinen Ausweg, nur etwas zu erfahren. Wie ſchwoll ihr Herz vor Haß gegen den uner⸗ ſchuͤtterlichen Mann, der nicht von ihrer Seite wich und der, obſchon er ſie liebte, doch ſo verabſcheuungs⸗ werth ſtark war, daß er ſich von ſeinem eiſernen Sinne nicht abbringen ließ. 11² War es nicht entſetzlich, daß ſie— die ſo viele Huͤlfsquellen hatte und die drei ganze Monate darauf verwendet, um dieſen Mann, von deſſen ſanfter Außen⸗ ſeite ſie ſich taͤuſchen ließ, zu fangen, das heißt, um⸗ zubringen— war es nicht entſetzlich, daß ſie nur das abſcheuliche Ungluͤck erfuhr, eine neue Niederlage die Folge ihrer Taktik werden zu ſehen! Und wer war auch wohl in dieſem Augenblicke der Maͤrtyrer, er oder ſie? „Ach, wenn ich Dich zermalmen, wenn ich Dich zerreißen koͤnnte!“ ſeufzte ihr Herz tauſendmal, waͤh⸗ rend ihre Lippen dem ſanften Tyrannen anmuthig entgegenlaͤchelten. Sie mußte ja, es mochte koſten, was es wollte, ſich demuͤthigen, um Etwas zu erfahren. Aber er ſah gleichſam Alles voraus. Die wilde Unruhe, der Gedanke, daß Philipp ab⸗ gereiſ't ſei, ohne geſucht zu haben, auch nur einen Schimmer von ihr zu erblicken, wuͤrde ihre Seele ver⸗ zehrt haben, wenn nicht das zufaͤllige Geſpraͤch mit Gunnel ihr die Aufſchluͤſſe gegeben haͤtte, die ſie haben wollte und welche vollkommen hinreichten, einen neuen Feuerfunken in Philipps Herz zu werfen. Sie hoffte, daß darin noch genug Zuͤndkraut vorhanden ſei, um eine Exploſion herbeifuͤhren zu koͤnnen, welche alle Spuren von den Bemuͤhungen der Vernunft hinweg⸗ fegen ſollte. S 2 11³ Nachdem ſie das kleine, verraͤtheriſche Papierroͤll⸗ chen in die erwaͤhnte goldene Kapſel gelegt, die bis jetzt ihren eigenen Hals nicht verlaſſen, beſchenkte ſie an dieſem Morgen ihre Tochter damit und zwar, ohne daß ein einziges Gefuͤhl ihrer dreifachen Strafbarkeit in ihrem erhitzten Gemuͤthe aufgeſtiegen waͤre. Und dieſe Strafbarkeit war eine dreifache, denn erſtens wollte ſie vorſaͤtzlich Philipps Wahnſinn wieder erwecken, zweitens ſuchte ſie den Gatten zu betruͤgen, dem ſie jetzt Treue geſchworen und drittens waͤhlte ſie zum Werkzeug ihre noch nicht vierjaͤhrige Tochter, da ſie von derſelben ſich am erſten verſprach, daß ſie ſchon durch ihr Aeußeres des Vaters Herz fuͤr den Eindruck empfaͤnglich machen koͤnne, den er zu erfahren be⸗ ſtimmt war. Daß er unbedingt dieſes Andenken an die Ver⸗ gangenheit wahrnehmen wuͤrde, war eine ausgemachte Sache und eben ſo ausgemacht, daß er es dann oͤffnen wuͤrde. Wenn Lilia im Stande geweſen waͤre, ſich, von dieſen Maͤchten der Finſterniß umringt, ſelbſt zu ſchauen, ſo waͤre es moͤglich geweſen, daß ſie ſtehen geblieben waͤre, daß ſie ſich beſonnen haͤtte, daß ſie umgekehrt waͤre— aber auch nur moͤglich, denn ſie ſetzte ſich ſtets ſelbſt an die erſte Stelle und dann mußte, durch Ge⸗ walt oder Liſt, Alles vor ihr weichen. Es war daher weder Reue noch Gewiſſensqual, Ein Gerücht. VI. 3 114 was die toͤdtliche Angſt verurſachte, die ſie waͤhrend der Akbweſenheit des Kindes empfand. Nein, es war die Furcht, die bleiche Furcht— ſo entſetzlich fuͤr alle heimliche Verbrecher— die ihr jeden Augenblick einen Fremdling erblicken ließ, welcher der Kleinen begegnete und, von ihrer Schoͤnheit ange⸗ lockt, mit ihr ſprach, wobei er den ſchoͤnen Schmuck an ihrem Halſe gewahrte... aber er gewahrte ihn nicht blos, er nahm ihn in die Hand, er eroͤffnete ihn viel⸗ leicht, er... ha... Und wenn der Kammerrath nun bei Sylvia's Entfernung oder Ruͤckkunft auf dieſen neuen Schmuck Acht gab? O nein... das konnte doch nicht ſo ent⸗ ſetzlich uͤbel ablaufen— und uͤberdies, wenn man nichts wagte... Dieſe Angſt war allerdings eine Strafe, aber ſie war doch nichts im Verhaͤltniß zu Lilia's Schuld, welche ſchon von demſelben Augenblick anhob, wo ſie eine Krankheit, einen Zuſtand allgemeiner Schwaͤche heuchelte, um ihren Gatten zu zwingen, hier an dieſem Orte zu verweilen, wo Alles ſie haͤtte auffordern ſollen, zu fliehen. Und ſie, ſo eigennuͤtzig bei einer blos zur Haͤlfte getheilten Leidenſchaft, war noch tauſendmal eigennützi⸗ ger, ſeitdem ſie ſelbſt von dem verzehrenden Feuer gluͤhte. Philipps Zukunft aufs Neue zu zerſtoͤren— was machte ſie ſich daraus! Sie begehrte ihn wieder— ſie — der t— e ihr elcher ange⸗ muck nicht viel⸗ (via's muck ent⸗ nichts trafe, eilig's mhob, waͤche dieſem ſollen, Haͤlfte muͤtzi⸗ Feuer was — ſie r 115 konnte ihn nicht jetzt opfern, wo es galt, ihr eigenes Herz zu opfern. Aber was wollte ſie denn eigentlich? Sie wußte es nicht. Vor allen Dingen wollte ſie ihn blos ſehen und dafuͤr war ſie bereit, Alles zum Opfer zu bringen. „Du leideſt, mein Kind?“ ſagte der Kammerrath, welcher von dem Augenblicke an, wo er ſich in den Beſitz der hausherrlichen Gewalt geſetzt, gegen ſeine be⸗ ſiegte, junge Gattin einen ganz vaͤterlichen Ton ange⸗ nommen hatte. „Weshalb glaubſt Du das?“ „Deine Augen brennen einen Augenblick und wer⸗ den den andern von Thraͤnen befeuchtet— Du kannſt Dich ja kaum einige Secunden hinter einander ſtill halten.“ Lilia machte eine uͤbermenſchliche Anſtrengung, um hinfort jede ungehoͤrige Bewegung zu unterdruͤcken. Die brandenden Wogen, welche ihre Seele beſtuͤrmten, wollten alle Feſſeln zerſprengen, aber es gelang ihr doch, ſich im Zaume zu halten. „Ich moͤchte nun ſelbſt abreiſen,“ ſagte ſie mit ſterbender Stimme,„aber wie werde ich es im Stande ſein?“ 8* 116 „Und warum willſt Du es jetzt?“ „Du weißt es wohl— um Dich zu beruhigen.“ „Mich?“ „Nun ja, ich will aufrichtig ſein. Da Du mich ſo aͤngſtlich bewachſt, ſo iſt er wahrſcheinlich noch nicht abgereiſ't. „Meine Freundin, Du beleidigſt uns Beide durch eine ſolche Anſpielung— was hat es zu ſagen, ob er abgereiſ't iſt oder nicht! Du haſt ihn ja einmal ſelbſt aufgegeben... Du biſt jetzt meine Frau.“ In der fuͤrchterlichen Einfachheit dieſer Worte lag ein ſchauerlicher Urtheilsſpruch. Lilia fuͤhlte ihr Herz beben. Bei all ihrer Dreiſtigkeit wagte ſie nicht, ihren Mann anzublicken. Der Kammerrath ſah ſich gezwungen, eine andere Methode einzuſchlagen. „Kuͤnftig,“ ſagte er,„und da Du mich durch einen Verdacht erniedrigen willſt, den, wie ich glaube, nicht einmal die boshafteſte Zunge in der Anden unr haͤtte erfinden koͤnnen, will ich meiner Unru nd Zaͤrtlichkeit Feſſeln anlegen. Du ſollſt nicht daruͤber klagen, daß ich Dein Kerkermeiſter ſei.“ Und mit einer Wuͤrde, vor deren Macht Lilia ſich ſchon hatte beugen muͤſſen, ſtand der Kammerrath auf, um das Zimmer zu verlaſſen. Aber ach, es geſchah einige Minuten zu ſpaͤt, denn gerade, als er hinausgehen wollte, oͤffnete ſich die gen.“ mich nicht durch ob er ſelbſt lag Herz ihren ndere durch aube, tadt und uͤber ſich auf, ſpaͤt, die 117 Thuͤr.. die kleine Sylvia kam hereingeſprungen und er fing ſie in ſeinen Armen auf. G Nun mußte er noch ein wenig verweilen, um mit dem Kinde zu ſprechen. Lilia ward... nicht lilienbleich, ſondern todten⸗ bleich. Das ſchwarze Band war waͤhrend der leichten Spruͤnge des Maͤdchens am Ruͤcken hinunter gefallen, an dem die Haͤnde des Kammerraths ſie jetzt hielten, waͤhrend Sylvia's kleine Finger— Sylvia war ein Guͤnſtling ihres Stiefvaters— muthwillig mit ſeiner aufgeſtutzten Haartour ſpielten. Aber wo war die Kapſel— Lilia's ſpaͤhende Augen gewahrten dieſelbe nicht. Vielleicht war ſie offen, vielleicht war ſie fort, viel⸗ leicht war ſie auch leer... Aber vielleicht— und jetzt waͤre ſie beinahe ohnmaͤch tig geworden— war darin eine Botſchaft enthalten. Ein paar Secunden— ein paar Jahrhunderte— vergingen. Die vaͤterliche Begruͤßung des Kammerraths war beendet und er wollte die Kleine eben aus ſeinen Armen auf den Boden niedergleiten laſſen, als ſeine Hand zu⸗ faͤllig in das ſchwarze Band mit dem daranhaͤngenden Schmucke gerieth. Der Kammerrath ruͤckte ganz einfach das Band zurecht und ſagte in jenem Tone verſtellten Erſtaunens, in welchem man zuweilen Kinder anredet: „J der Tauſend, wo hat denn Sylvia dieſe ſchoͤne, kleine Uhr her?“ „Es iſt keine Uhr, mein Freund,“ antwortete Lilia mit einer Ruhe, die ſie theuer erkauft haben mußte, denn ihre Zaͤhne ſchlugen faſt aneinander,„es iſt blos eine Art Medaillon oder Kapſel, um Haare darin auf⸗ zubewahren.“ „O, laß mich einmal ſehen!“ Und der Kammer⸗ rath ſetzte ſich, indem er die kleine Sylvia auf den Schooß nahm.. „So machte es Papa,“ ſagte die Kleine, indem ſie mit ihren kleinen Fingern an dem Rande des Me⸗ daillons herumfuhr,„aber Sylvia kann nicht.“ „Papa— mein Kind, den habe ich ja noch nicht geſehen.“ Und nun waren es die Zaͤhne des Kammerraths, welche an einander ſchlugen. 8 „Weißt Du nicht,“ antwortete das Kind, immer⸗ fort laͤchelnd,„daß ich noch einen Papa habe— er iſt ſehr freundlich— er ſpielte mit Sylvia und hat kleine Hunde und Fiſche und Bonbons in einer Duͤte.“ Der Kammerrath wendete ſich gegen ſeine Gattin. Sein Blick war nicht wild oder drohend— es lag in demſelben blos ein duͤſteres Fragezeichen. „Armer Engel,“ antwortete Lilia, die alle nens, choͤne, Lilia nußte, t blos n auf⸗ nmer⸗ f den indem 8 Me⸗ ) nicht rraths, mmer⸗ er iſt kleine Gattin. — es mal, je 119 naͤher die Gefahr ruͤckte, deſto kuͤhner ward,„ſie ſpricht von der Vergangenheit— was fuͤr ein langes Ge⸗ daͤchtniß doch ſolche Kinder haben!“ „Ja, es iſt merkwuͤrdig— ich glaube, ſie war wohl achtzehn Monate, als ſie ihren Vater zum letzten Male ſah!“ „Sylvia hat ihn jetzt geſehen und geſtern auch!“ jubelte das Maͤdchen. „ Haſt Du ihn heute geſehen?“ Bei dieſer Frage erbebte die Stimme des Kammerraths ein wenig. „Und er haͤtſchelte Sylvia heute ſehr und kuͤßte ſie... hat Mama Sylvia heute gekuͤßt? ſagte er.“ In dem Erſtaunen des Augenblicks das kleine Medalllon vergeſſend, ſetzte der Kammerrath das Kind ſchnell auf die Diele und ſagte mit einer Stimme, elche Wahrheit zur Antwort begehrte: „Wußteſt Du etwas davon, Lilia?“ „Ich?— Was ſoll ich wiſſen... was willſt Du mit dieſem inquirirenden Tone ſagen?“ „Ich will damit weiter nichts ſagen, als daß Du mir offen erklaͤren ſollſt, ob Du wußteſt, zu welcher Zuſammenkunft das Kind ging... merke wohl— es liegt nichts Unrechtes darin, wenn ein Vater ſich ſeinem Kinde zu naͤhern ſucht; aber wenn die geſchiedene und wieder verheirathete Frau auf heimlichen Wegen dieſe Zuſammenkuͤnfte zu befoͤrdern ſucht, ſo wird es ein Un⸗ recht, denn daraus koͤnnen Schluͤſſe gezogen werden. — Sage mir jetzt— und ich werde Dir glauben— ob Du dies geſucht? Sage mir vertrauensvoll und edel, ob Du aus natuͤrlicher Theilnahme Nachrichten von ihm zu erhalten geſucht haſt— und ich werde ſie Dir dann zu verſchaffen wiſſen.“ Dieſer Edelmuth von Seiten des Mannes blieb von Seiten der Frau ohne alle Anerkenntniß— was haͤtte ſie auch uͤberdies geſtehen ſollen, ohne allzuviel zu geſtehen und ſich gleichzeitig den Weg zu allen moͤg⸗ lichen Intriguen zu verſperren. Sie antwortete daher mit ihrer unverſchaͤmteſten Sicherheit: „Ich verzeihe Dir Deine ungereimten Fragen; aber wenn Du Dich nicht verhaßt machen willſt, ſo erneue ſie niemals wieder! Mag das, was todt iſt, auch todt ſein.“ Der Kammerrath antwortete nichts. Er ging hinaus. Blitzſchnell warf ſich Lilia auf die Seite und ent⸗ riß der Kleinen das Band, indem ſie ihr zugleich einen Schlag gab, weil ſie nahe daran geweſen, ein von ihr unverſtandenes Geheimniß zu verrathen. „Iſt Sylvia ungezogen geweſen?“ fragte das Kind, und ein erſticktes Schluchzen begleitete dieſe Frage. „Gehl“ ſagte die Mutter ſtreng, aber es war nicht die Stimme einer Mutter— ſie war niemals weniger — ob edel, von Dir blieb was iel zu moͤg⸗ teſten agen; ſt, ſo dt iſt, ging dent⸗ einen i ihr 2 das dieſe nicht eniger 121 Mutter geweſen, als jetzt— es war die einer in Angſt ſchwebenden Liebhaberin, welche Aufſchluß uͤber Etwas ſucht, was ſie in ihrer Furcht und Ahnung ſchon zu ſehen glaubt. Aber kaum hatte ihre Hand das kleine, gefaͤhrliche Felleiſen geoͤffnet, als der Tritt ihres Mannes ſich wie⸗ der hoͤren ließ. Aber kein Blitz konnte ſchneller die Luft ſpalten, als Lilia das verraͤtheriſche, kleine Papierroͤllchen unter den Guͤrtel ſchob, der ihr Gewand um den Leib herum feſthielt. Und nun lag ſie ſo ſtill und gedankenvoll da und ſchien mit der wiederzuſammengeſchlagenen Kapſel zu ſpielen. Als der Kammerrath auf das Sopha zukam, be⸗ merkte Lilia durch ihre geſenkten Augenwimpern hin⸗ durch, daß ſeine Wangen mit einer dunkeln Röthe be⸗ deckt waren und daß dieſe Roͤthe einen neuerwachten Gedanken verrieth. Es war auch gar nicht ſchwer zu begreifen, worin dieſer Gedanke ſelbſt beſtand. Er riß das kleine Medaillon an ſich. Aber als er es, nachdem er es geoͤffnet, leer fand, ſah er ſeine Gattin mit einem ſo ſcharfen und durch⸗ bohrenden Blick an, wie ihn wohl kaum noch ein Rich⸗ ter auf einen Angeklagten geheftet hat. Lilia hielt gleichwohl dieſen Blick mit der unbe⸗ fangenſten Ruhe aus. 12² Ja, ſie war ſogar im Stande, ihren Mann freund⸗ lich anzulaͤcheln. „Warum weinſt Du?“ ſagte dieſer, indem er ſich zu der Kleinen wendete. „Mama hat Sylvia geſchlagen und ich habe doch gar nichts gethan.“ „Du warſt ungezogen,“ antwortete die junge Mutter,„und gehe nun zur Gunnel— die Mama iſt muͤde und will ruhen.“ „Ich habe ſie aber nichts Unrechtes thun ſehen!“ hob der Kammerrath wieder an. „Aber meine Pfllicht iſt es, darauf zu ſehen, ob ſie geſtraft werden muß und das mußte ſie jetzt, weil ſie nicht ohne Einwendungen dieſe kleine Kapſel hier wieder hergeben wollte, die, wie ich glaube, heute ſchon Verdruß genug angerichtet hat. 11. Der Kammerrath auf der Lauer. Endlich war Lilia allein, endlich konnte ſie ihren brennenden Durſt loſchen und ſehen, was auf dem Pa⸗ piere ſtand. Und jetzt, jetzt... nein, mit Abſcheu wenden wir uns von dem daͤmoniſchen Glanze ab, welcher jetzt aus ihren Augen ſtrahlt, als ſie findet, daß ihre Worte nicht blos vollkommen verſtanden worden, ſondern daß ſie auch gerade das erweckt haben, was ſie nach ihrem Wil⸗ len erwecken ſollten. Mit wildem Entzuͤcken kuͤßte ſie dieſes Siegel, wel⸗ ches ſie Beide zu Mitſchuldigen machte. In ihrem Taumel wollte ſie aufſpringen, als ob ſie ihn ſogleich haͤtte treffen koͤnnen— die Phantaſie uͤberſpringt alle Schranken, alle Unmoͤglichkeiten— aber dieſe Verblendung entſchwand ſchnell und ſie ſank wieder nieder, zuckend vor jenem innern Schmerze, jener wahn⸗ 124 ſinnigen Sehnſucht, welcher ſie nichts entgegenſetzen konnte. Ja, ja, gewiß hatte ſie geraſ't— ſie hatte ſich in unermeßlicher Liebe mit ihrem rechten Gatten vereint geſehen und gleichwohl war ſie unrettbar von ihm ge⸗ ſchieden, unrettbar an einen Andern gebunden. Und ſie hatte ihre Feſſeln ſelbſt ſowohl geloͤſ't als geſchmiedet. Sie ſelbſt hatte den Himmel der Seligkeit ſich und ihm verſchloſſen— ſie hatte ſie Beide in die Hoͤlle ge⸗ worfen, in der ſie jetzt ſchmachteten— ſie hatte... ſie hatte... Aber ſie wußte nicht mehr, was ſie gethan hatte. Das Fieber kam wieder, das Blut brannte in ihren Adern, ihre wilden Blicke hatten tauſend Dolchſtiche, mit welchen ſie das Herz ihres wirklichen Gatten durch⸗ bohrte— denn ſie begann zu verſtehen und zitterte. Aber das Billet hatte er nicht bemerkt. Sie hatte es mit den Zaͤhnen in kleine Stuͤckchen zerriſſen und die⸗ ſelben hinter das Bett geworfen— auch im Fieber⸗ wahnſinn wußte ſie die Waffen der Liſt zu fuͤhren. Auf dieſe grauſame Nacht folgte endlich ein Mor⸗ gen und dann ſagte ſie zu ſich ſelbſt mit einer Entſchloſ⸗ ſenheit, welche keinen Widerſpruch duldete:„Ich will ihn ſehen oder ſterben, denn ich vergehe in dieſem Fege⸗ feuer!“ Aber zu dem kleinen, geheimnißvollen Felleiſen 125 konnte ſie ihre Zuflucht doch nicht nehmen. Sie mußte ſich daher herablaſſen, Gunnel zu betteln, ſie zu bet⸗ teln, ihn aufzuſuchen— ſie wußte ſchon wen— und ihm zuzufluͤſtern, daß er des Abends, wenn der Mond aufgegangen waͤre, auf dem Waſſer nach der Seite des Badehauſes rudern ſollte. „Aber, liebe Herrin,“ wendete Gunnel ein,„das fuͤhrt ja zu nichts.“ „Gehorche,“ ſagte Lilia mit zitternder Stimme, voder ich ſchwoͤre, daß ich mich noch dieſe Nacht zum Fenſter hinausſtuͤrze! Du ſiehſt wohl, daß ich mir aus dem Leben nichts mache.“ Gunnel gehorchte. Das Drama begann ſchnell zu gehen. Es fand kaum eine Pauſe zwiſchen den einzelnen Auftritten ſtatt. Man wird leicht begreifen, daß die muͤndliche Bot⸗ ſchaft bei Philipp die Ausſaat des vorhergehenden Ta⸗ ges zur Reife brachte. Es war nicht blos ſeine fruͤhere Gattin, ſeine grauſame, herrſchſuͤchtige Lilia, die ſeine Blicke ſchauen ſollten, es war zugleich eine neue Offenbarung, eine feurige, verfuͤhreriſche, leidenſchaftliche Frau, das Weib eines Andern, welches ihn zu einer unerlaubten Zuſam⸗ menkunft winkte. Und hegte er wohl noch einen einzigen Gedanken an Honorinen, die Reine und Edle, welcher er ſchon im Begriff geweſen, ſich auf ewig zu widmen? Ach nein, nicht einen einzigen Gedanken hatte er uͤr ſie! „Er ward in die Tiefe gezogen, er wollte ſich nicht aufhalten laſſen, er mußte dahin, um zu leben oder zu ſterben— es war einerlei, ſobald ſie nur ein Zeichen Als der Abend gekommen, als das Geraͤuſch der Badegaͤſte und der Muſik verſtummt war, als der ge⸗ heimnißvolle Flor der Nacht ſich uͤber die Erde breitete und der Mond am Himmel glaͤnzte, glitt Philipps Boot uͤber das noch vom Abendrothe gluͤhende Waſſer in die Bucht neben dem Badehauſe. Er kam von Oeddoͤland zuruck, welches er heute zur Heimath ſeiner Traͤume gewaͤhlt hatte. Und eben ſo ſchoͤn, wie einer jener jungen, verliebten Signori, welche, als Gondelfuͤhrer verkleidet, auf Venedigs romantiſchen Ka⸗ naͤlen an den Fenſtern ihrer Schoͤnen vorbeiſchweben, eben ſo ſchoͤn erſchien auch Philipp, als er in ſeinem Fiſcherkittel und dem uͤber das wogende Haar leicht her⸗ abgedruͤckten, runden Strohhut ſich auf das Ruder lehnte und ſeine Augen nach den Fenſtern hinaufſpaͤhen ließ, die er ſchon ſo wohl kannte. O, wenn er es gewagt haͤtte, wie gern haͤtte er, gleich Italiens liebeguͤhenden Soͤhnen, ſeine Gottheit mit wol wei und woͤl ſce ihm naͤn um zu auf ang kuͤh ſen aber Me erwe lauſ — was te er nicht er zu ichen ch der er ge⸗ reitete ilipps Laſſer ite zur ben ſo velche, en Ka⸗ weben, ſeinem öt her⸗ Ruder ſpaͤhen aͤtte er, GHottheit 127 mit einem Geſange begruͤßen und an's Fenſter rufen wollen! Aber das wagte er nicht, denn ungluͤcklicher⸗ weiſe konnte dieſer Geſang nicht allein fuͤr ſie ertoͤnen und in dem kalten Norden waren Serenaden zu unge⸗ woͤhnlich, um nicht Aufſehen zu erregen. Inzwiſchen hatte der Kammerrath ſich in die un— ſchuldige Falle locken laſſen, welche ſeine junge Gattin ihm gelegt. Drei oder vier Mal im Verlaufe des Abends hatte naͤmlich Lilia irgend einen Vorwand aufzufinden gewußt, um aus dem Schlafzimmer, welches nach dem Meere zu lag, in das aͤußere Zimmer zu kommen, welches auf die Straße ging. Aber ſie hatte allemal ſich geſtellt als ob ſie un⸗ angenehm uͤberraſcht wuͤrde, wenn ihr Mann hineinkam. „Willſt Du hier bleiben?“ ſagte er. „Nein, es iſt einerlei— aber Du weißt, daß es kuͤhler iſt.“ Niemand weiß, wie ſie es machte, daß ſie bei die⸗ ſen Worten uͤber und uͤber erroͤthete. Es war allerdings wahr, daß es hier kuͤhler war, aber der Kammerrath hatte ſeine Gruͤnde, nicht dieſer Meinung zu ſein und jetzt, da ſein Verdacht einmal erwacht war, beſchloß er ſelbſt, hinter der Gardine zu lauſchen. — Der gute Kammerrath wollte nichts Anderes, als was mancher Ehemann vor ihm gewollt hat, naͤmlich ſehen, ob vielleicht Jemand vorbeiginge und ſtehen bliebe, in der Hoffnung, einen zweiten Jemand zu Geſicht zu bekommen. Doch wie lange auch der Kammerrath ſpaͤhete, ſo bemerkte er doch nichts Verdaͤchtiges, da er aber noch nicht ſchlaͤfrig war, ſo brauchte er auch ſeinen Poſten nicht zu zeitig zu verlaſſen. Waͤhrend deſſen verſchwendete Lilia ihre ganze Sorgfalt an ihre Abendtoilette. Das weiße Muſſelingewand fiel wie eine leichte Silberwolke von ihrem ſchwanweißen Halſe herab und das allerliebſte, kleine Haͤubchen, deſſen rothes Band um ihr bleiches und ſchoͤnes Antlitz flatterte, lieh nur einen um ſo verfuͤhreriſcheren Reiz dieſer Sylvengeſtalt, welche jetzt an das bereits geoͤffnete Fenſter trat. Als Philipp ſie erblickte, verneigte er ſich tief und es war gleichſam, als ob die Abendgluth, die auf dem Waſſer ruhete, in ſein Angeſicht emporgeſtiegen waͤre und ihn mit einem beinahe uͤberirdiſchen Glanz uͤber⸗ goſſen haͤtte. Mit einer unbeſchreiblich beredtſamen Geberde legte er die Hand auf's Herz. Lilia verſchlang dieſes ganze poetiſche Bild mit ihren Augen. Ihre weißen Arme ſtreckten ſich unwillkuͤrlich nach ihm aus, gleich darauf faßte ſie ſich und ließ ſie wieder ſinken. gung ſchaͤf Ein iebe, t zu e, ſo noch oſten ganze eichte bHund Band ) nur eſtalt, f und f dem waͤre uͤber⸗ e legte ild mit kuͤrlich ließ ſie 129 Sie ſah— denn was ſah ſie nicht Alles— daß ihr Anblick(als ſie mehr wie ein Geiſt, denn wie ein Menſch, zur Haͤlfte durch das Fenſter hinausſchwebte) ſeinen Verſtand in Unordnung brachte und ſie laͤchelte und ließ ihre Blicke in die ſeinen ſinken, eben ſo wie die ſeinigen in ihre verſanken. Aber mitten in dieſer Seelenumarmung glaubte ſie ein Geraͤuſch zu vernehmen. Sie eilte nach der Thuͤr, ſie lugte durch das Schluͤſſelloch und weidete ſich, ſelbſt waͤhrend ihres Ent⸗ zuͤckens, an dem Gefuͤhl der Rache, als ſie ihren Mann — den Mann, der ſich niemals hinters Licht fuͤhren ließ— forſchend und ſpaͤhend auf die Straße hinaus⸗ blicken ſah, waͤhrend ihr Geliebter(entſetzlicher Name fuͤr den, der einſt ihr Gatte geweſen), vor allen boͤſen Blicken geſchuͤtzt, wie ſie glaubte, in ſeinem Boote ſtand. In behaglicher Sicherheit eingewiegt, kehrte Lilia ſogleich zum Fenſter zuruͤck, um auf's Neue in das Anſchauen deſſen zu verſinken, welcher in zwei Jahren ſo viele neue Reize gewonnen hatte. Philipp, der eine Gefahr zu ahnen begann, hatte ſchon einige Ruderſchlaͤge gethan aber bei einer leichten, Bewegung von ihr, welche er ſo gut verſtand, ſanken die Ruder nieder und er nahm wieder ſeine beſchaͤfti⸗ gungsloſe Haltung an, die gleichwohl ſo reich an Be⸗ ſchaͤftigung war. Sie wagten allerdings nicht, die Zeichenſprache Ein Gerücht. vl. 9 weiter zu verſuchen, denn er wenigſtens konnte von den naheliegenden Ufern oder aus irgend einem Fenſter beobachtet werden; aber daß er hier auf ſeinem Boote ſich hin und her ſchaukelte, das war nicht gefahrlich und eben ſo wenig war es gefährlich, daß ſeine Blicke eine gewiſſe Richtung verfolgten, wenn man naͤmlich nicht bemerkte, daß dieſe Blicke beantwortet wurden. In ihrem traͤumenden Taumel waͤren ſie im Stande geweſen, die ganze Nacht auf dieſe phantaſtiſche Weiſe zuzubringen und gewiß war mehr als eine Stunde verfloſſen, als Lilia aus ihrer Verzuͤckung durch eine Hand geweckt ward, welche unſanft ihre Schulter beruͤhrte. Sie ſprang auf, gab aber keinen Laut von ſich. Es war der Kammerrath, der ſeinen Poſten end⸗ lich allzu langweilig gefunden und da er ſich ebenfalls ſicher glaubte, ſich hereingeſchlichen hatte, um nachzuſe⸗ hen, ob der Schlaf ſeiner Gattin ruhig ſei. Als er ſie unbeweglich im Fenſter liegen ſah, ſo glaubte er, ſie ſei aus Mattigkeit eingeſchlafen und ging auf den Zehen zu ihr hin. Aber bei dem erſten Blick durch dieſes Fenſter fand er mit Entſetzen den grauſamen Argwohn, den er ſeit dem Morgen gehegt, mehr als beſtatigt. Auch Philipps verblendeter Blick machte ploͤtzlich eine Entdeckung— eine Entdeckung, die ihm durch bare Mark und Bein drang. Er ſah den Mann, den Mann, den den nſter Foote und eine nicht im tiſche eine durch zulter ſich. end⸗ nfalls hzuſe⸗ ah, ſo und erſten n den gehegt, loͤtzlich durch Nann, 131 der das Recht hatte, dort drinnen zu ſtehen, waͤhrend er.. In einer Raſerei, die leicht zu begreifen iſt, ru⸗ derte er wieder fort. Dieſe Nacht vermochte er nicht unter Dach zu ſchlafen: er landete an einer der kleinen Inſeln, die er ſchon lieben gelernt und rannte dann wie ein Wahn⸗ ſinniger am Strande herum. Der ganze, unbeſchreibliche Genuß dieſer geheim⸗ nißvollen Begegnung der Seelen war in die grauſame Qual des Tantalus verwandelt. Der Anblick, welcher Philipp unaufhoͤrlich verfolgte, war— die vergoldete Quaſte einer Sammetmuͤtze, welche an Lilia's Sam⸗ metwange vorbeiſchnellte. „Du huͤteſt wohl die Ehre Deines Mannes?“ ſagte der Kammerrath mit einer Stimme, in welcher der Laut einer ſtarken Gemuͤthsbewegung vibrirte. Seine Hand hatte bereits das Fenſter geſchloſſen. „Ich habe nichts Unrechtes gethan!“ antwortete Lilia ſpoͤttiſch. „Nichts Unrechtes?— Was iſt denn eine ſtraf⸗ bare Zuſammenkunft?“ „Zuſammenkunft?— Eine Zuſammenkunft mit den Augen!“ Sie lachte veraͤchtlich. 9* 1³3² Der Gatte betrachtete ſie mit kaltem und ernſtem Blicke. „Setz Dich an den Tiſch und tauche die Feder ein!“ In demſelben Augenblicke zuͤndete er ein Licht an. „Und wozu das, wenn ich fragen darf 2e „Weil ich es will.“ „Aber ich will es nicht.” „Gehorche!“ „Das wollen wir ſehen.“ „Leichtſinniges Weib, gehorche, ſo lange ich noch an etwas Anderes glaube, als an Deinen Leichtſinn!“ Lilia blieb mit verſchraͤnkten Armen unbeweglich ſtehen. „Zum dritten und letzten Male befehle ich Dir, zu gehorchen!“ Die Stimme des lauter geworden, aber ſie hatte wonnen, der auf unbehagliche ſchlug. Jedoch ſie war entſchloſſen, Kammerraths war nicht viel doch einen Umfang ge⸗ Weiſe an Lilia's Ohr ſich nicht einſchre⸗ cken zu laſſen. „Geſetzt,“ ſagte ſie,„daß ich Deinen Willen ver⸗ lache— eine Frau zwingt man nicht allemal mit Machtſpruͤchen.“ Ohne ein Wort zu ſeine Gattin in ſeine Arme, Schreibtiſche ſtehenden Stuhl, ſagen, nahm der Kammerrath ſetzte ſie auf den am druͤckte ihr eine Feder in ) noch tſinn!“ veglich Dir, zu ht viel ang ge⸗ 's Ohr inſchre⸗ en ver⸗ nal mit merrath den am Feder in 133 die Hand und ſagte in abgewogenem, langſamen Tone: „Schreibe jetzt was ich dictire, ſonſt ſchreibe ich!“ „Thue das— denn ich ſchreibe nicht.“ „Gut!“ Er zog nun das Papier an ſich, ſchrieb ſchnell funf oder ſechs Zeilen darauf und ſchob es dann ſeiner Gattin wieder hin. Mit krampfhafter Neugier ergriff dieſe das Blatt; aber ſie hatte noch nicht einmal die zweite Zeile zu Ende geleſen, als ſie, von einer unſichtbaren, unwider⸗ ſtehlichen Macht gehetzt, und ihre ganze Krankheit ihre Mattigkeit und Alles vergeſſend, aufſprang und zu den Fuͤßen ihres Gatten ſtuͤrzte, welche ſie jetzt— eben ſo demuͤthig, als ſie ſich noch eben trotzig gezeigt— flehend umfaßte. „Konnteſt Du glauben,“ ſagte er,„daß ich nicht alle Deine Geheimniſſe wuͤßte?— Welche Macht haͤtte man ſonſt uͤber ein Weſen, wie Du, das jeden Augen⸗ blick bereit iſt, ſowohl goͤttlichen als menſchlichen Geſetzen Trotz zu bieten?“ „Gnade... Barmherzigkeit!“ „Jene kleine Haarlocke, welche Du Alban abge⸗ ſchnitten, als er erſt einige Wochen alt war, dieſe wollte ich noch einmal ſehen— ich beſchloß zu ſuchen, bis ich ſie faͤnde, denn die Rechte eines Ehemannes gehen ſehr weit.“ „O mein Gott!“ „Ich fand ſie neben einem Papier liegen, einem merkwuͤrdigen Papier, welches mir uͤber die eigentliche Bedeutung dieſer Locke Aufſchluß gab.“ „Warum werde ich nicht wahnſinnig, warum habe ich nicht einen Dolch, um ihn mir in die Bruſt zu ſtoßen!“ „So, ſo— recht— ſchoͤn, warum ſuchſt Du nicht lieber Deine Vernunft zuruͤckzurufen... obſchon ich Alles wiſſen, Alles erfahren wollte, wuͤrde ich doch, wenn Du mich nicht dazu gezwungen haͤtteſt, niemals etwas beruͤhrt haben, was vor unſerer Ehe geſchehen iſt. Erſt das— merke wohl— erſt das, was dar⸗ nach geſchieht, iſt es, worein ich mich miſchen werde. Sieh daher zu, daß wir nicht weiter auf jenes zuruͤck⸗ zukommen brauchen.“ Lilia keuchte, ſie wollte ſprechen, aber ſie vermochte nicht mehr, ihre Lippen zu einer Bitte zu oͤffnen. Sie rang die Haͤnde. „Bleibe jetzt ruhig! Wie Du Dich auch ſchlin⸗ geſt und kruͤmmeſt, ich werde doch verſuchen, Dich feſt zu halten. Aber ich will auch verſuchen, Dich zu hei⸗ len, denn ich gehoͤre nicht zu Denjenigen, welche glau⸗ ben, daß die Frauen ihren Urſprung vom Teufel her⸗ leiten. Einſt,“ ſetzte er hinzu, indem er ſie zugleich vom Boden aufhob,„wirſt Du vielleicht meiner Bemuͤhun⸗ gen wuͤrdig ſein.“ „Ja, ja, deſſen ſei uͤberzeugt,“ ſtammelte Lilia, inem tliche habe iſt zu t Du ſſchon doch, emals chehen dar⸗ werde. uruͤck⸗ mochte . Sie ſchlin⸗ ich feſt zu hei⸗ e glau⸗ fel her⸗ ich vom nuͤhun⸗ te Lilia, 13⁵ waͤhrend ſie ſich bei ſich ſelbſt allerhand andere Ver⸗ ſprechungen gab. „Du ſchreibſt alſo lieber ſelbſt?“ „Befiehl!“ „Nun, ſo beginnel“ 3 „... Mein Mann hat Alles geſehen. Er hat mir dieſen erſten Fehltritt verziehen, weil es der erſte war und weil ich ihm geſchworen, daß es auch der letzte ſein ſolle. „Reiſe, reiſe augenblicklich ab— es iſt dies eine Pflicht gegen ihn, gegen mich, gegen Dein eigenes Herz. „Mein Mann ſelbſt dictirt dieſe Zeilen und ſetzt im Namen der Ehre und des Gewiſſens hinzu: Rei⸗ ſen Sie ab, bevor ein unausloͤſchlicher Schatten auf den Ruf der Frau geworfen wird, die einmal den Na⸗ men, Thurné trug, die aber jetzt den bisher unbefleckten Namien eines andern ehrlichen Mannes traͤgt!“ „Einer Unterſchrift bedarf es nicht— er kennt die Handſchrift. Der Kammerrath nahm den Brief und vernich⸗ tet ſank Lilia zuruͤck auf das Sopha. Was konnte ſie thun... Nach dieſem Briefe mußte er reiſen— dieſe Worte waren ſo human, ſo edel, es war unmoͤglich, ihnen zu widerſtehen, denn ſie waren gleichſam wie ausgeſucht fuͤr Philipps titterli⸗ chen Sinn. Und nicht ein einziges, heimliches Zeichen, nicht ein einziges, heimliches Wort konnte ſie mitfolgen laſſen! Da Gunnel aber nicht mit dem Briefe fortge⸗ ſchickt ward, ſo blieb dieſelbe zu Hauſe und der Kam⸗ merrath hatte nicht ſobald den Schlafrock abgeworfen, den Hut aufgeſetzt und ſich fortbegeben, wahrſcheinlich in der Abſicht, jetzt waͤhrend der Abenddaͤmmerung den Brief ſelbſt in Philipps Wohnung abzugeben, als Lilia durch das aͤußere Zimmer zu Gunnel eilte. Es waren blos ein paar Worte, die ſie dem Gedaͤchtniß der treuen Dienerin einzupraͤgen hatte— zu ſchreiben wagte ſie nicht— und dieſe Worte lauteten: „Norwegen... Heut uͤber acht Tage!“ Gunnel fand nichts ſehr Unrechtes darin, beſon⸗ ders weil ſie nichts davon verſtand, bis auf die Ver⸗ ſicherung, welche ihre Herrin ihr gab, naͤmlich, daß dies ihr letzter Auftrag nach dieſer Richtung hin ſein ſolle.. Doch es iſt nun Zeit, nach Tjuſtorp zuruͤckzukeh⸗ ren, wo zwei andere Frauen kaͤmpfen, die eine mit den entzuͤckenden und verfuͤhreriſchen Freuden einer neu er⸗ wachten Liebe, die andere mit den gefuͤrchteten Armen des Todes und ſeinem kalten Kuſſe, der hier Lippen be⸗ ruͤhrt, welche bis jetzt blos in dem Roſengarten des Le⸗ bens geathmet haben. V b olgen Irtge⸗ Kam⸗ orfen, inlich g den Lilia varen reuen te ſie beſon⸗ Ver⸗ dies e.. zukeh⸗ it den eu er⸗ lrmen en be⸗ es Le⸗ 12. Die Operation. Es war am ſechzehnten Juni. Auf dem ſchoͤnen Tiuſtorp, welches ſelbſt die fri⸗ ſchen Farben des Fruͤhlings und der Freude trug, ſchien doch uͤberall jenes ernſte und feierliche Schweigen zu herrſchen, welches ein ernſtes und feierliches Ereigniß umſchließt und wenn die Perſonen, die hier und da ſich zeigten, ſchwarze Kleidung getragen haͤtten, ſo wuͤrde man geglaubt haben, es handle ſich um ein Begraͤbniß. Aber jetzt mußké es etwas Anderes und hinreichend Wichtiges ſein, was die Theilnahme des ganzen Hauſes erregte. Und es war allerdings etwas Wichtiges. Frau Adele von Stern, der Liebling Aller, ſollte ſich heute der ſo lange beſprochenen und aufgeſchobenen Operation unterziehen. Die Dienſtleute betrachteten ſie ſchon als todt und ſollen wir die Wahrheit ſagen, ſo ſtand es mit Adelens eigenem Vertrauen vielleicht nicht viel beſſer. Vor zwei Tagen war der Doctor angelangt. Bei dem erſten Blick auf ſeine Patientin, ſeine kuͤnftige Gattin, die ihm ein Laͤcheln zum Willkommen zu ſchenken ſuchte, zog ſich ein Schatten, beinahe eine Wolke uͤber ſeine Stirne. Aber dieſe Wolke, wenn es eine ſolche war, verſchwand augenblicklich wieder und als er an das Sopha trat, war er es, welcher laͤchelte, in⸗ dem er in einem Tone der innigſten Aufmunterung ſagte: „Nun endlich, gnaͤdige Frau, haben Sie ſich ent⸗ ſchloſſen, geſund werden zu wollen.“ „Ja, ja,“ antwortete Adele, den Schmerz unter⸗ druͤckend, der ihre Muskeln zuſammenziehen wollte— denn ſie wuͤnſchte in Arnolds Augen noch ſchoͤn zu ſein — z a, ich bin entſchloſſen, Ihnen Ihren Willen zu thun, mein guter und theurer Freund!“ Der Blick war ſo ermuthigend, daß Arnold, unge⸗ achtet Honorinens Beiſein, die Hand der jungen Frau ergriff und zum erſten Male mit Kuͤſſen bedeckte, und wie maͤnnlich er auch dagegen ſtritt, ſo konnte er doch nicht hindern, daß auch eine Thraͤne darauf fiel. „Na, na, nur keine Kinderei— das iſt mir eine ſchoͤne Ermuthigung, ſeinen Doctor in einer ſolchen Ge⸗ muͤthsbewegung zu ſehen.“ „Ein ſolches Wiederſehen!e ſetzte Arnold, der die 1 G delens ſeine mmen e eine nn es ind als lte, in⸗ gſagte: ch ent⸗ unter⸗ llte— zu ſein illen zu h unge⸗ n Frau ite, und er doch mir eine hen Ge⸗ der die 139 ruhige Gleichheit ſeines Tones noch nicht wieder gewon⸗ nen hatte. „Ein ſolches Scheiden!“ ſetzte Adele hinzu und der Wechſel der Farbe auf ihrer Wange bewies am beſten, mit welcher Macht ſie dem Zittern der Lippen befahl. „Gott verhuͤte, daß wir etwas zu befuͤrchten haben ſollten.“ Was aber auch der Doctor ſagte, ſo glaubte Ho⸗ norine gleichwohl eine verſteckte Todesangſt in der ſpar⸗ taniſchen Kaltbluͤtigkeit zu ſehen, womit er jetzt die dritte Unterſuchung des Uebels vornahm. „Sie wollten es nicht eher!“ waren die einzigen Worte, die er fallen ließ und Adele begehrte keinen an⸗ dern Aufſchluß, als den, ob die Operation jetzt in Frage kaͤme. „Das iſt ja ſchon abgemacht, denn ohne— dieſe— „Ich verſtehe— und es wird, wie Sie wollen.“ Tag und Stunde wurden feſtgeſetzt und waͤhrend der Zwiſchenzeit bewies Arnold eine bewundernswerthe Faſſung. Er that Alles, um Adelens Schmerzen zu lin⸗ dern und ihr Muth und Vertrauen einzufloͤßen. Aber als Honorine, da ſie mit ihm allein war, ihn fragte:„Weshalb wollen Sie noch zwei Tage warten, Herr Doctor?“ antwortete er mit einem Blick, der nur fuͤr ſie war:„Ich bedarf dieſe Zeit— ich muß meine eigenen Nerven ſtaͤhlen.“ In der Nacht vor dem entſcheidenden Tage nah⸗ men Adelens Schmerzen in ſolchem Grade zu, daß ſie, kurz vor dem Beginn der Operation, Honorinen in's Ch Ohr fluͤſterte:„Meine Furcht hat faſt aufgehoͤrt und eben ſo meine Rechnung mit dem Leben... mag der Sc Tod kommen!“ lake „Nein, es iſt das Leben, welches ſtatt ſeiner kommt,“ antwortete Honorine,„das Leben durch ihn... Weißt erh Du, daß er, ſeitdem er nach Mitternacht Dich verließ, ent um Deinen Bitten nicht laͤnger entgegen zu ſein, gleich⸗ wohl vier Mal hier vor Deiner Thuͤr war?“ Ein Strahl der Wonne blitzte in Adelens Augen. ſein „Ach,“ ſagte ſie,„ich weiß ſchon, wie ſehr er mich liebt eine — aber es war Unrecht von ihm, nicht zu ſchlafen— c ſeine Hand bedarf der Ruhe und Feſtigkeit.“ ſein „O, fuͤrchte nichts, er hat dagegen mehrere Stun⸗ ergr den des Morgens geſchlafen.“ das geru . Ma In einem großen Zimmer, nur durch ein Kabinet Faͤll von Adelens Schlafkabinet getrennt, war Alles fuͤr den wichtigen Augenblick in Bereitſchaft gebracht. vwelch Die Sonne ſchien mit glaͤnzender Pracht auf alle Jag dieſe unheimlichen Geraͤthſchaften, die auf mehreren Ti⸗ Pati ſchen in Ordnung geſtellt waren. vxerſie Mit Zittern ſah das Auge hierher. Der ſcharfe Hint Stahl der Inſtrumente glaͤnzte wie Silberzungen und Prin ß ſie, in's und ig der nmt,“ Weißt erließ, gleich⸗ lugen. liebt en— Stun⸗ Labinet uͤr den uf alle ren Ti⸗ ſcharfe en und 141 daneben ſah man Medizinflaſchen, Wein, rothe Seide, Charpie und Binden. Auf einem andern Tiſche ſah man Waſchbecken, Schwaͤmme, Handtuͤcher und die duͤſtern, weißen Bett⸗ laken. Der Anblick dieſes Ganzen, dieſes von der Sonne erhellten Torturſaales, dem noch das Opfer fehlte, war entſetzlich. Gleich vor zehn Uhr trat Doctor Warvner ein. Sein forſchender Blick uͤberſchaute dieſes Feld fuͤr ſeine bevorſtehende Arbeit. Obſchon allein, zeigte er doch eine Miene unerſchuͤtterlicher Feſtigkeit. Wohl war ſeine Wange beinahe eben ſo bleich, wie die Betttuͤcher, aber ſeine Hand zitterte nicht, als er eins der Inſtrumente ergriff und pruͤfend die blanke Schneide deſſelben gegen das Licht hielt. Beinahe gleichzeitig mit Warvner, trat der herbei⸗ gerufene Arzt, des Ortes Doctor, in's Zimmer, ein Mann, der niemals, nicht einmal in den bedenklichſten Faͤllen, bedenklich ausſah. Doctor H. gehoͤrte naͤmlich zur Anzahl der Aerzte, welche am liebſten von gutem Eſſen, Pferden und Jagdhunden reden, aber nichtsdeſtoweniger ſtets ihre Patienten anlaͤcheln und ſelbſt an einem Sterbebett verſichern, daß keine Gefahr vorhanden ſei. Zu den Hinterlaſſenen ſagte er dann ſpaͤter:„Das iſt ſo mein Prinzip— man muß dem Patienten niemals Angſt machen, denn Furcht und Schrecken heben die Wirkung jeder Medizin auf.“ Im Uebrigen hielt man ihn, als Arzt, fuͤr einen ganz geſchickten Mann und wenigſtens war er ſicherlich ein alter Praktikus. Doctor H., der von dem eigenthuͤmlichen Verhaͤltniß zwiſchen Doctor Warvner und der Patientin nicht die mindeſte Kenntniß hatte und fuͤr ſeinen Theil die ganze Sache wie ein ganz alltaͤgliches Ereigniß betrachtete, ſagte ſogleich zu Arnold in ſeinem gewoͤhnlichen, nach⸗ laͤſſigen Tone: „In Tiuſtorp fuͤhrt man einen ganz verwuͤnſcht guten Tiſch— die kleine, gutmuͤthige Frau verſteht ſich darauf, ein Fruͤhſtuͤck zu arrangiren.“ Arroold antwortete nichts, aber Doctor H., der jetzt erſt die auffallende Blaͤſſe ſeines Collegen wahrnahm, ſetzte ein„Hm“ hinzu, welches Arnolds Ohr ſo unangenehm be⸗ ruͤhrte, daß er mit einem„was beliebt 2* ſich herumdrehte. „Nichts, gar nichts... auf meine Chre, ganz ſchoͤn— die Hand iſt ja ſo ruhig und feſt, als ob die Nerven von Erz waͤren; aber dennoch wuͤrde ich ein gutes Glas Wein anrathen“— er ſah nach der Karaffe, die auf einem beſondern Ecktiſch ſtand—„man macht ſeine erſten Operationen nicht, ohne ſie hinterher zu fuͤhlen.“ „Die bevorſtehende iſt nicht meine erſte, aber...“ „Aha, ganz daſſelbe Verhaͤltniß, wie mit meinem Freunde S.— ein verteufelt ehrlicher Junge und tuͤch⸗ kung einen erlich aͤltniß zt die ganze chtete, nach⸗ uͤnſcht ht ſich er jetzt , ſetzte )m be⸗ drehte. „ganz ob die ch ein raraffe, macht uͤhlen.“ 3 64 neinem d tuͤch⸗ 143 tiger Jaͤger— er hatte wohl ſchon fuͤnfzig ſolche Ope⸗ rationen gemacht, aber ſah dennoch allemal aus, als ob er den Tod in der Taſche truͤge.“ Arnold antwortete nur mit einem Laͤcheln und die Roͤthe, welche Doctor H.s Worte auf ſeiner Wange hervorriefen, ward noch vermehrt, als ein Bote von Honorinen eintrat und fragte, ob Alles fertig ſei. „Beide Damen ſind willkommen— wir geben uns die Ehre, zu erklaͤren, daß ihrem Eintritte nichts entge⸗ genſteht!“ ſagte der aͤltere Doctor und ſtellte ſich an die eine Seite der Fluͤgelthuͤren, um wie eine Art Ceremo⸗ nienmeiſter oder artiger Wirth, welcher in einem Salon vorſtellt, ſie auf ihre Plaͤtze zu fuͤhren. Zehn Minuten verfloſſen. Noch einmal ſah der Doctor H. nach der cryſtallenen Karaffe und wiederholte ſein erſtes„Hm!“ Aber Arnold der auf dieſes„Hm'e keine Antwort mit den Lippen gab, antwortetete ſtatt deſſen mit den Au⸗ gen, aus welchen ein Blitz des Zornes hervorleuchtete. Hierauf lehnte er ſich an den Ofen und wartete. Jetzt hoͤrte man Tritte. Doctor H. warf dienſtfertig die Thuͤre auf und, auf Honorinens ſchuͤtzenden Arm geſtuͤtzt, zeigte ſich Adele. Die Schoͤnheit beider jungen Frauen konnte das Auge mit Erſtaunen erfuͤllen. Adelens war gleichwohl am anziehendſten— man glaubte eine weiße Todes⸗ braut zu ſehen, aber mit jenem Ausdruck des Gemuͤths⸗ 144 ſtaͤrke und Selbſtverleugnung, welche beſonders, wenn man ſie im Verein mit Jugend und ſo vielen herrlichen Eigenſchaften ſieht, einen ſo tiefen und gewaltigen Ein⸗ druck macht. Und niemals war Adelens junoniſche Majeſtaͤt groͤßer geweſen, als in dieſem Augenblick, wo ſie, um ſich vor dem Geliebten groß und ſtark zu zeigen, uͤber den Koͤr⸗ per befahl, uͤber die feigen Nerven und mit emporge⸗ richtetem Haupte und von beinahe goͤttlicher Milde und Verklaͤrung ſtrahlendem Blick in dieſes Zimmer trat, aus welchem ſie vielleicht als Leiche wieder hinausge⸗ tragen werden ſollte. Sobald als Arnold ſeine Augen zu dem ſchoͤnen An⸗ blick emporhob, ſchlich ſich gleichſam ein Hauch doppelter Lebenskraft uͤber ſein eigenes Antlitz und in der Eile, womit er ihr entgegenging, lag die frohe Botſchaft, daß er des Sieges gewiß war. Selbſt Doctor H. konnte ſich einer feierlichen Re⸗ gung nicht verwehren, als er die edle und reizende junge Frau betrachtete, in deren Augen, als ſie ſich auf Arnold hefteten, er die vollſtaͤndige Urſache zu der Blaͤſſe ſeines Collegen ſich entwickeln ſah. Ja, dieſe Augen ſahen wirklich ſo deutlich, daß kein Mund es deutlicher haͤtte ſagen koͤnnen:„Ich liebe Dich und nehme aus Deiner Hand Alles, ſei es Leben oder Tod!“ Und auf Arnolds Arm geſtuͤtz, nahte jetzt Adele wenn rlichen Ein⸗ groͤßer ch vor Koͤr⸗ porge⸗ de und trat, ausge⸗ en An⸗ ppelter . Eile, ft, daß en Re⸗ rizende ich auf Blaͤſſe h, daß ch liebe 8 Leben Adele 145 dem Stuhle, auf dem ſie ſich der Tortur unterziehen ſollte. Sie laͤchelte ihren Geliebten freundlich an und ihr Blick ſchien zu ſagen:„Sprich mit mir!“ Er druͤckte ihr die Hand und fluͤſterte leiſe, indem er ſich tief zu ihr herabbeugte:„Sei gutes Muthes, meine unausſprechliche Geliebte, und vertraue zuerſt auf Gott und dann auf Den, deſſen Leben Dein gehoͤrt!“ „Dank!“ antwortete ſie,„ich thue es.“ „Aether?“ ſagte Doctor H. „Ja wohl, das verſteht ſich,“ antwortete Arnold. „Frau von Stern wird dadurch von dem Gefuͤhl ihres Schmerzes befreit werden.“ „Niemals!“ rief Adele kraͤftig.„Ich mag nichts von kuͤnſtlicher Betaͤubung wiſſen... und eben ſo we⸗ nig ſoll man mich halten.“ „O Adele,“ bat Honorine, die, ungeachtet ihrer angeborenen Gemuͤthsſtaͤrke, heute faſt mehr zu leiden ſchien, als die Kranke ſelbſt,„Du darfſt nicht eigen⸗ ſinnig ſein.“ „Und ihr auch nicht,“ hob die junge Frau wieder an, indem ſie ſich rings umſah. „Bei ſolchen Gelegenheiten, meine Guaͤdigſte,“ fiel der aͤltere Doctor ein,„pflegen die Damen ſtets die Nachgiebigkeit zu zeigen, daß ſie einſehen, der Wille des Arztes muͤſſe hier Geſetz ſein.“& Ein Gerücht, VI. 10 „Ja, das muß er auch!“ ſetzte Arnold hinzu, „ein anderer kann nicht in Frage kommen.“ „Aber,“ hob Adele in einem Tone wieder an, dem man nicht widerſtehen konnte, waͤhrend ihr Auge nur auf Arnold gerichtet war,„wenn man mich zu etwas zwingt, was ich ſelbſt nicht will, ſo wird die Unruhe mich toͤdten. Darf ich dagegen zeigen, daß ich ſtark ſein kann, ſo werde ich es ſein und ich betheure, daß nichts, wie entſetzlich auch meine Leiden ſein moͤgen, mich be⸗ wegen wird, auch nur mit einem Gliede zu zucken, da⸗ fern ich nur die Augen offen und die Seele frei behal⸗ ten darf.“ „Bedenke doch,“ fluͤſterte Honorine,„was Du mir anvertrauteſt!“ Adele zeigte mit einem Blicke auf Arnold und Ho⸗ norine deutete den Inhalt dieſes Blickes ſo:„Sieh da— ſein Anblick wird die ganze Staͤrke, die ich erzwinge, zur Wirklichkeit machen!“ „Nun, ſo moͤge es in Gottes Namen werden, wie ſie will!“ ſagte endlich Arnold— auch er verſtand ſich auf Adelens Blick und wagte an die Allmacht der Liebe zu glauben. Und nun ward die beklagenswerthe junge Frau in die Lage gebracht, die fuͤr die Operation erforderlich war. Sie verrieth nicht das geringſte Zeichen von Klein⸗ muth oder Verwirrung, ſie entfernte ſelbſt den Batiſt und bat nicht einmal um eine Minute Aufſchub und 4 als d Arno die g derſel Auge Auge ihn g nahe, — 1 dem gezuck uͤbern Leiden Heldit norine der 2 ausſal hinzu, , dem e nur etwas inruhe k ſein nichts, ch be⸗ n, da⸗ behal⸗ du mir nd Ho⸗ da— zwinge, en, wie und ſich er Liebe Frau in ich war. n Klein⸗ Batiſt ub und 147 als der unermeßlich wichtige Augenblick ſelbſt nahte, als Arnold das Inſtrument in ſeine Hand nahm, welche die geheimnißvolle Quelle oͤffnen und die rothe Fluth derſelben hervorſprudeln laſſen ſollte, ſelbſt in dieſem Augenblick verſuchte ſie nicht die leiſeſte Bewegung. Ihre ganze Seele, alle ihre Sinne waren in den Augen concentrirt und dieſelben waren unverwendet auf ihn geheftet, der jetzt den Stahl nahe blicken ließ— ſo nahe, daß...ü. Eine Todtenſtille herrſchte im Zimmer. Die Operation war beendet, der Verband angelegt — und die lilienweiße Frau lag jetzt ohnmaͤchtig auf dem in Bereitſchaft gehaltenen Ruhebett. Sie hatte Wort gehalten— ſie hatte kein Glied gezuckt— keinen Laut ausgeſtoßen— aber der Schmerz uͤbermannte ſie und eine Ohnmacht hatte ſie von dem Leiden befreit, welche ſie bis dahin wie eine wirkliche Heldin erduldet hatte. An ihrem Lager kniete Arnold und rieb ihren Puls. Doctor H. fluͤſterte in demſelben Augenblicke Ho⸗ norinen zu: „Es war mir bange um ihn, aber Gott ſei Dank, der Mann iſt ganz tuͤchtig und obſchon er anfangs ausſah, als ob er den Tod in der Taſche truͤge, ſo wird 10* 148 die kleine gnaͤbige Frau nun doch mit dem Leben davon⸗ kommen.“ 107 „Iſt das gewiß?“ fragte Honori— 3 Doeder antwortete mit etwas, was beſſer ls alle Verſicherungen: n„Jch werde in Wi erwartet,“ ſagte er,„aber ich werde bei Ihnen zu Mittag ſpeiſen, ehe ich abreiſe.“ ae Der U 8 geſchilt drauße feierlich 0 platz d ſtudirte Kopf g U rund u Mann er einen bald an Oeffnur dem He — 13. Der Ritter und die ſchöne Jungfrau auf einer unbewohn⸗ ten Inſel. Waͤhrend der duͤſtere Auftritt, den wir ſo eben geſchildert, ſich in Adelens Vorzimmer zutrug, fand draußen in dem Salon ein anderer ſtatt, der ein minder feierliches Gepraͤge hatte. In einem großen Lehnſtuhl— dem Lieblings⸗ platz des ſeligen Oberſtlieutenants, wo er die Zeitungen ſtudirte— ſaß jetzt ein junges Maͤdchen, mit uͤber dem Kopf geworfener Schuͤrze, und weinte. Und rund um den Stuhl, oder richtiger geſagt— rund um das Maͤdchen herum, ſchlich ſich ein junger ann mit der Miene großer Herzensangſt und ſo wie er einen Schritt that, beugte er ſich nieder und horchte, bald an dem Nacken des Maͤdchens, bald an den kleinen DOeffnungen, welche die Schuͤrze zwiſchen dem Ohr und dem Halſe ließ. „Nein,“ ſagte endlich Dick, indem er Muth faßte und in die Schuͤrze zu kneipen begann,„ich habe ſo viel Muth, wie irgend Einer, ja vielleicht ſo viel, wie Zwei, aber nun wird mir doch aͤngſtlich.“ Nicht die mindeſte Antwort kam unter der Schuͤrze hervor. „Ja, ich fuͤhle einen ſchweren Druck auf meiner Bruſt— man iſt doch nicht ein Menſch wie nichts und wenn nicht einmal die Leute ſich um Einen kuͤm⸗ mern, die man liebt, ſolan Bei dieſem ſtarken Ausfall begann die Schuͤrze ſich zu bewegen und Wellen zu ſchlagen. „... und wenn man gleichſam verſtoßen iſt!“ Hier fiel die unſchuldige Huͤlle und aus der Ver⸗ ſchanzung der Schuͤrze kamen ein paar verweinte Augen hervor, die gleichwohl mit ziemlich klaren Blicken ſich umſchauten, friſch wie die roſigen Wangen, laͤchelten. „Setze Dich neben mich!“ ſagte Jolli. Und ließ Dick ſich das nicht zwei Mal ſagen und da er gewohnt war, Alles buchſtäblich zu nehmen, ſo ſetzte er ſich in denſelben Stuhl, wie ſeine Verlobte. „Mein Gott, es ſind ja noch eine Menge andere Stuͤhle da!“ den Verſtoßenen an⸗ „Aber Du ſagteſt ja, ich ſollte mich neben Dich ſetzen.“ waͤhrend ein paar kirſchfarbene Lippen, faßte V abe ſo l, wie ſchuͤrze meiner nichts kuͤm⸗ Schuͤrze iſt!“ er Ver⸗ Augen ken ſich Lippen, nen an⸗ gen und men, ſo lobte. ſe andere den Dich 151 „Nun, koͤnnen denn nicht zwei Stuͤhle neben ein⸗ ander ſtehen?“ „Allerdings, aber Du ſagteſt nicht, daß ich zwei Stuͤhle neben einander ſetzen ſollte... und wenn ich es gethan haͤtte, ſo waͤren die, welche ſich auf die Stuͤhle geſetzt, nicht ſo nahe zuſammengekommen, wie wir... ich brauche ja ſo wenig Platz.“ „Ich auch... aber dennoch..« „Es kommt mir gerade nicht ſo enge vor. „Nun, es geht an— wenn nur Niemand kommt!“ „Nun, was iſt es dann?— Wir wollen ja ein⸗ ander heirathen.“ „Das iſt wahr.“ „Da muß man doch wohl auch das Recht haben, zu Zwei auf einem Stuhle zu ſitzen?“ „Das kann ſein.“ „Es kann nicht blos ſein, ſondern es iſt ſo ge⸗ wiß, als wie... daß ich niemals ſchoͤner geſeſſen habe. Wie ſitzeſt Du?“ „Nicht ſo uͤbel... man kann einander gut ſehen.“ „ Und wenn Du nun weinen oder wenn Du die Schuͤrze uͤber den Kopf werfen willſt, ſo werde ich kein Wort ſagen, denn dann komme ich auch mit darunter.“ „Ach mein Gott, wenn es nur keine Suͤnde iſt, daß wir uns gluͤcklich fuͤhlen, waͤhrend die arme Adele.. Und nun begann Jolli wieder zu weinen, aber ſie I machte keine Manoͤvers mit der Schuͤrze, denn ſie hatte noch eine dunkle Erinnerung an ein Spiel, welches Dick einmal als ſehr anziehend beſchrieben und wo ein Tuch uͤber zwei Koͤpfen vorkam. Das Spiel fuͤhrte jedoch den poetiſchen Namen: Erdbeeren unter dem Schnee pfluͤcken, und Dick hatte es als eine der Beluſtigungen in Vorſchlag gebracht, welche der Ritter der ſchoͤnen Jungfrau bieten koͤnnte, nachdem er ſie auf die unbe⸗ wohnte Inſel gefuͤhrt. „Willſt Du nicht die Schuͤrze in die Hoͤhe wer⸗ fen?“ ſagte Dick. „Nein, ich danke.“ „Aber ich daͤchte, dee Sonne... „Hoͤrteſt Du nicht, daß ich von Adelen ſprach— iſt es nicht ſuͤndhaft, an uns zu denken, waͤhrend ſie leidet, waͤhrend ſie vielleicht ſtirbt?“ „Nun, denke ich denn nicht an ſie?— Das war ein entſetzlicher Vorwurf. Ich bin doch auch kein Tigerz aber ich bin Arnolds ſicher und da ihr weder etwas damit gedient ſein kann, noch gedient ſein wird, wenn wir Zwei einander ganz vergeſſen, ſo ſehe ich auch nicht ein, was wir es zu thun brauchen. Uebrigens kann ich fuͤr meinen Theil das auch gar nicht.“ „Ich wollte, ich koͤnnte es— es waͤre ganz paſſend.“ „Koͤnnen wir nicht mit einander traurig ſein?“ ſeiden hatte Dick Tuch jedoch jchnee ungen hoͤnen unbe⸗ wer⸗ as war Tigerz etwas wenn h nicht ann ich e ganz in?“ 153 Dick zupfte an der Falbel von Jolli's ſchwarz⸗ ſeidener Schuͤrze. „Sei ſo gut, meine Schuͤrze gehen zu laſſen.“ „Ich wollte ja nur traurig ſein!“ „Weißt Du, was ſie heute Nacht zu mir ſagte — ach, ſie iſt geduldig wie ein Engel und deshalb ſpricht ſie zuweilen ein wenig, wenn die Schmerzen ſie verlaſſen.“ „Was ſagte ſie denn?“ „Meine liebe Jolli,“ ſagte ſie,„fuͤr den Fall, daß ich ſterben muß, habe ich Dich in meinem Teſta⸗ ment ebenſo wenig vergeſſen, als meine anderen Freunde. Ihr ſollt Alle ein Andenken von mir er⸗ halten.“ „Die arme Frau, ſie glaubt zu ſterben— wenn es wirklich ſo kommen ſollte, ſo wuͤrde Arnold ſich niemals troͤſten koͤnnen. Er liebt ſie ſo ſehr— ja ſo ſehr— daß er ſie ordentlich liebt.“ „Ja, das merkt man ſchon und ſie verbirgt es eben auch nicht.“ „Und ſo muß es auch ſein, meine liebe, kleine Biene— wenn man ehrliche Abſichten hat, ſo braucht man ſich nicht zu geniren.“ „Du liebſt Deinen Braͤutigam wohl ſehr? ſagte ſie, als ſie mich ſchluchzen hoͤrte... Du begreifſt,“ 154 ſetzte Jolli in Form einer Erklaͤrung hinzu,„daß das Erſte mich ruͤhrte.“ „Ich finde das Andere rüͤhrenderlt „Der Geſchmack iſt verſchieden.“ „Aber Du antworteteſt doch auf alle Faͤlle?“ „Das verſteht ſich. Ich ſagte, daß dem ſo waͤre.“ „Hm, das war nicht viel.“ „Aber doch vollig hinreichend. Sie verſtand mich auch und ſetzte hinzu⸗ Jolli, wenn Du Hausfrau auf Ribyhus wirſt. „Was ſie für eine ſchoͤne Gabe zu ſprechen hat, das liebe Kind, obſchon wir ſo traurig ſind, ſo koͤnnten wir doch...“ „Nun, was koͤnnten wir denn?“ „Uns einen Kuß geben— einen einzigen!“ „Woran denkſt Du,“— Jolli ſah ſehr entruͤſtet aus—„waͤhrend da drinnen die entſetzliche Operation vor ſich geht?“ „Aber dadurch wird doch unſere Theilnahme nicht gehindert?“ „Ach, die Maͤnner haben kein Herz!* „Und die Frauen kein Mitleiden.“ „O, das weiß ich gewiß!« „Suͤße Jolli!“ „Pfui doch!* „Theure Jolli!“ mir uͤber zu zu daß Jol gehe nen Rit uns waͤre.“ d mich au auf n hat, oͤnnten V 4 ntruͤſtet eration b de nicht 155 „So ſchweige doch!“ „Gute, geliebte Jolli!“ „Nun denn, einen einzigen... aber wenn mir nur mein Gewiſſen nicht ſpaͤter Vorwuͤrfe dar⸗ uͤber macht.“ „Ich weiß einen Rath, um dem zuvorzukommen.“ „Und was waͤre das fuͤr einer?“ „Wir koͤnnten einmal aufhoͤren, Du und Ich zu ſein.“ „Wie koͤnnen wir denn aufhoͤren, Du und Ich zu ſein?“ „Nun, ganz gewiß,“ antwortete Dick ſehr ſtolz, daß ihm ein ſo brillanter Gedanke eingefallen war, daß Jolli denſelben nicht begreifen konnte. „Aber auf welche Weiſe ſollte denn das zu⸗ gehen?“ „Nun, wir muͤſſen die Geſtalten anderer Perſo⸗ nen annehmen.“ „Wie ſo?“ „In deinem ſchoͤnen Maͤhrchendrama von dem Ritter und der ſchoͤnen Jungfrau...“ „Nun, und?“ „... kommt eine ſehr einſame Inſel vor.“ „Weiter!“ „Verſtehſt Du denn noch nicht? Wir brauchen uns blos in dieſes Verhaͤltniß hineinzudenken. „Ich bin der Ritter, Du die ſchoͤne Jungfrau, das Zimmer hier iſt die Inſel, und der Stuhl da, eine Raſenbank, auf welcher wir einſam und von der gan⸗ zen Welt verlaſſen ſitzen.“ „Du meinſt, daß wir da mein Drama auffuͤhren koͤnnten?“ „Nichts iſt leichter! Wir breiten Deine Schuͤrze oder mein großes, ſeidenes Tuch uͤber unſere Koͤpfe und in zwei Minuten, zwei Secunden befinden wir uns auf unſerer Inſel und da ſiehſt Du wohl ein, daß wir es nicht ſind, welche...“ „Nein, es iſt der Ritter und die ſchoͤne Jungfrau.⸗ „Nun, iſt dieſe Idee nicht gut?“ »O ja, ſehr gut. Aber wir duͤrfen nicht laͤnger, als hoͤchſtens drei Minuten auf der Inſel bleiben!“ „O, fuͤnf— ich bitte um wenigſtens fuͤnf... man muß doch auch etwas auf die Ueberfahrt hin und zuruͤck rechnen.“ „Nun, hoͤchſtens eine Minute, dann blieben noch vier... aber ach, mein Gewiſſen iſt ſo un⸗ ruhig.“ „Sieh hier mein großes Tuch— buͤcke Dich nie⸗ der, ſo reiſen wir ſogleich ab und dann beginnt auch ſofort die Verzauberung, ſo daß Du in demſelben Augen⸗ blicke die ſchoͤne Jungfrau wirſt.“ Mit der Ueberfahrt hatte es faſt gar nichts auf ſich, denn man befand ſich ſofort auf der unbewohn⸗ ten Inſel. Da dieſelbe aber nicht mit einer Uhr verſel ſtatt Luch Und Alles von Er ne nes jeden Stim ſchlaͤg Adele welche frau⸗ neben das a byhus . und 6 eine gan⸗ uͤhren huͤrze Koͤpfe n wir ein, rau. nger, und ieben un⸗ nie⸗ auch igen⸗ auf ohn⸗ Uhr 157 verſehen war, ſo verfloſſen gewiß zehn Minuten, an⸗ ſtatt vier, waͤhrend dieſer Luſtfahrt uͤber den Ocean. Endlich flog die ſchoͤne Jungfrau auf, riß das Tuch hinweg und rief mit ſchmerzlicher Stimme: „Mein Gott, wie ſchlecht habe ich gehandelt!“ Und ſie ſprang nach der Thuͤr und horchte... aber Alles war ſtill, todtenſtill. Dick ſah begeiſtert aus. Aber er huͤtete ſich wohl, mit einem einzigen Worte von den Freuden der unbewohnten Inſel zu ſprechen. Er nahm eine paſſende Haltung an, wie ſie eines Man⸗ nes wuͤrdig war, welcher weiß, daß Seereiſen nicht jeden Augenblick geſchehen koͤnnen und ſagte mit einer Stimme, welche Jolli in Bezug auf neue Reiſevor⸗ ſchlaͤge voͤllig beruhigte: „Erzaͤhle mir nun, was die vortreffliche Frau Adele Dir ſagte! Du bliebſt bei den Worten ſtehen, welche mich auf Abwege brachten: Wenn Du Haus⸗ frau auf Ribyhus wirſt.“ „Ja, Du ſollſt das Uebrige hoͤren.“ „Nun nehme ich den Stuhl da und ſetze ihn neben den Deinigen— Du wirſt ſehen, wie huͤbſch das ausſieht... Und wenn Du Hausfrau auf Ri⸗ byhus wirſt, ſagte ſie?“ „.. dann wirſt Du ſein, wie eine Freundin und Schweſter,“ ſagte ſie,„fuͤr Jemanden, der, wie ich glaube, mich betrauern wird, im Fall ich das Leben einbuͤßen ſollte.“ „Ach, wie herzlich iſt das von ihr.“ „Ich verſtand ſie; ich wußte, was ſie am liebſten zu hoͤren wuͤnſchte und deshalb antwortete ich: Gott verſchone uns mit einer ſo vergeblichen Arbeit, wie die waͤre, unſern Nachbar zu troͤſten— ich fuͤrchte, daß nicht einmal Honorine das koͤnnte.“ „Gefiel ihr denn dieſe Antwort?“ „Ich glaube es, aber ſie laͤchelte und ſeufzte: Die Maͤnner laſſen ſich alle troͤſten!“ „Ei, wie unbillig!“ „Das iſt nicht ganz richtig, beeilte ich mich zur Vertheidigung der Maͤnner zu ſagen— Doctor Warvner zum Beiſpiel— von dieſem glaubt Dick, daß er Je⸗ manden mehr liebe, als alles Andere auf Erden.“ „Aha, Du ſagteſt, ich haͤtte das geſagt?“ „Nun, das war ja auch der Fall! Ich erzaͤhlte ihr Alles und ihre Schmerzen ſchienen wirklich durch den Balſam gelindert zu werden, den meine Worte ihr gaben. Ganz beſonders ſchien es ihr zu gefallen, zu hoͤren, wie gleichguͤltig er uͤbrigens gegen die Frauen⸗ welt iſt und wie vergeblich eine Menge Fraͤuleins und Mamſells Eindruck auf ihn zu machen geſucht haben. Als aber die Schmerzen unertraͤglicher wurden, rief ſie einmal uͤber das andere: Ach, es iſt dennoch zu ſpaͤt, zu ſpaͤt! Ich... ich... Sie redete niem nicht um ausbr gnuͤg geht. Ich zittere lebten lieben nold! ohnm ruͤckge mach beigeh waͤrter Jolli, h zur arvner er Je⸗ zaͤhlte durch Worte fallen, rauen⸗ uleins geſucht zurden, ennoch redete 159 niemals aus, aher man verſteht Vieles, wenn man auch nicht Alles hoͤrt.“ „Das iſt eine große Wahrheit, denn als ich mich um Dich bewarb und Du das Jawort gar nicht her⸗ ausbringen konnteſt, ſo verſtand ich dennoch und be⸗ gnuͤgte mich mit dem, was ich gehoͤrt hatte.“ „St, Dick.. ich hoͤre etwas— ja, die Thuͤr geht...o mein Gott, was werden wir nun hoͤren!— Ich bin ſo erſchrocken, daß ich an allen Gliedern zittere!“ Jolli flog nach der Thuͤr. Es war Honorine, welche mit bleichem, aber be⸗ lebtem Antlitz eintrat. „Sei ruhig, Jolli, ſeid guten Muthes, meine lieben Freunde! Gott iſt barmherzig geweſen und Ar⸗ nold hat geſiegt.“ „Adele lebt? Adele wird wieder geſund?“ „Ja, das Gefaͤhrlichſte iſt uͤberſtanden. Sie war ohnmaͤchtig geworden, aber die Beſinnung iſt jetzt zu⸗ ruͤckgekehrt. Jetzt wird ihr Ruhebett in ihr Schlafge⸗ mach getragen werden. Ich wollte dies blos im Vor⸗ beigehen ſagen.“ „Und ſag', wann darf ich denn mein Kranken⸗ waͤrterinnenamt antreten?“ „Wir werden uns darein theilen, wie Schweſtern, Jolli, fuͤr jetzt muß ich es aber noch einige Stunden allein bekleiden, denn jetzt muß Alles ganz ſtill, ſo ſtill als moͤglich hergehen.“ „Und Arnold, liebe, gnaͤdige Frau, wie ſteht es mit ihm?“ fiel Dick ein.„Ich glaube, es wird ihn ſehr angegriffen haben.“ „Ja, das glaube ich auch, aber Hoffnung und Freude geben ihm die Kraft, die er bedarf! Liebe Jolli, Dir vertraue ich die Aufſicht uͤber die Mittags⸗ tafel an. Du wirſt die Stelle der Wirthin vertreten — vergiß nicht, daß Doctor H. es ſehr genau nimmt!“ Sobald als Honorine die Thuͤr hinter ſich ge⸗ ſchloſſen hatte, flogen Dick und Jolli einander jubelnd in die Arme. „Ach,“ ſagte ſie,„wie goͤttlich iſt es, ſich um Andrer willen zu freuen! Ja, es iſt faſt eben ſo ſchoͤn, als wie wenn man ſich um ſeiner ſelbſt willen freut!... Ach, lieber Gott, wie gluͤcklich ſind wir!“ „Ganz entſetzlich!“ „Geliebte Jolli!“ „Geliebter Dick!“ „Und nun biſt Du doch auch Deine kleinen Gewiſſensbiſſe los!“ „Und Du auch— denn ich habe Dir's wohl angeſehen, daß Du welche fuͤhlteſt, weil Du mich zu der Reiſe nach der unbewohnten Inſel verlockt hatteſt.“ „Ja, meiner Treu, es iſt wahr, ich fuͤhlte faſt ſo Etwas— aber nun koͤnnen wir, Gott ſei Dank, auf Anla thin Ein 161 ſo ſtill dahin reiſen, ſo viel wir 1 wollen.. auf mich ankaͤme.... en . 1 reht es„Ich danke ſchoͤnſtens, ich will Doctor H. keinen rd ihn Anlaß geb 3 80 thin Lheden ſich zu beklagen, daß die eigentliche Wir⸗ und wenn es g und Liebe ittags⸗ rtreten nmt!“ R.eg., ch ge⸗ ubelnd ch um ben ſo willen wir!“ 1 3 kleinen 3 wohl nich zu atteſt.“ Ein Gerücht. V. 14. Adelens drei Häuſer. Es waren etwas uͤber zwei Wochen nach dem wich⸗ tigen Tage verfloſſen. 45 Adele, die ſich in einem Zuſtande der groͤßten Er⸗ mattung befunden, hatte jetzt wieder angefangen, Leben in ihren Adern zu fuͤhlen und ſie empfand nun wieder, wie jeder Lufthauch, der durch das dann und wann ge⸗ oͤffnete Fenſter hereindrang, auf ſeinen Fittigen ihr einen Lebensfunken zutrug, den ſie begierig und dankbar einſog. Aber weder dieſes Leben, welches ſich in den Adern ruͤhrte, noch das, welches die Lippen einſogen, war fuͤr die Kranke von der Geſundheit einhauchenden Friſche, wie das Leben, welches ihre Seele jeden Augenblick aus zwei Augen ſchoͤpfte, deren Ausdruck zwiſchen Kummer und waͤrmſter Theilnahme, zwiſchen unruhiger Furcht und glaͤnzender Hoffnung, zwiſchen heiliger Zaͤrtlichkeit und menſchlicher Leidenſchaft wechſelnd, ihr eine tauſend⸗ fache muͤde als d ſchleu abgelg hebett Eigen noch i Honor Adele ſehr Kaltbl ſchaͤtzte ſie ſie, ger ſie L die Kra etwas Fremde Einen daß die Nachts konnter 2 glauber 163 fache Beſtaͤtigung deſſen gab, was ſie niemals zu leſen muͤde ward, deſſen, was mehr als alle Medizin, mehr, als die unermuͤdliche Pflege, die ſie genoß, zur Be⸗ ſchleunigung ihrer Geneſung beitrug. Waͤhrend aber Arnold, deſſen Urlaubszeit nun bald abgelaufen war, gluͤckſelig und aufmerkſam an dem Ru⸗ hebett ſeiner geliebten Patientin ſaß, in der doppelten Eigenſchaft als Arzt und Freund— weiter hatte er ſich noch nicht gewagt— waͤhrend alles deſſen ſchlich ſich Honorine oft von ihnen fort; aber wie innig auch Adele ihre Freundin, ihre zaͤrtliche Waͤrterin liebte, wie ſehr auch Arnold, als Arzt, Honorinens Verſtand und Kaltbluͤtigkeit bewunderte und uͤbrigens ihre Geſellſchaft ſchaͤtzte, ſo beklagte ſich gleichwohl keins von Beiden, als ſie ſie, waͤhrend der letzten Tage, immer oͤfter und laͤn⸗ ger ſich ſelbſt uͤberließ. Noch weniger bemerkten dieſe beide Gluͤcklichen— die Kranke und der Arzt— daß eine heimliche Unruhe, etwas fuͤr Honorinens klares und friedliches Weſen ganz Fremdes, ſie unaufhoͤrlich heraus und herein, von dem Einen zum Andern trieb, in ſo aufgeregter Thaͤtigkeit, daß dieſelbe nicht natuͤrlich war; denn nicht einmal des Nachts lag ſie in ihrem Bett ſtill und ruhete— dies konnten aber Jene freilich nicht wiſſen. Wem wuͤrde es auch uͤbrigens eingefallen ſein, zu glauben, daß Honorine an einer geheimen Qual litt. . 11* 164 Honorine, die ruhige, thaͤtige Frau, die ſich ſtets mit Gedanken fuͤr das Wohl Anderer beſchaͤftigte! Ihr Geſicht war ſich ja gleich, ihre Augen eben⸗ falls, obſchon ſie fuͤr den, der recht darauf geachtet haͤtte, dann und wann ein Feuer hatten, welches der Natur dieſer Augen nicht eigenthuͤmlich zu ſein ſchien. Ach, es gab nur einen Einzigen, der ſogleich ihre Veraͤnderung bemerkt haben wuͤrde und dieſen Einzigen hatte ſie ſelbſt von ſich verbannt. Siyten haͤtte durch nichts getaͤuſcht werden koönnen. Wir wollen nun ſehen, was es war, was dieſe innere Stoͤrung von Honorinens Ruhe bewirkte. Als wir zuletzt einen Blick in ihr Herz warfen, ſtand daſſelbe in Sonnenſchein, ja, es badete ſich in dem Sonnenſchein der erſten, reinen Liebe. Spaͤter, am Abend des Tages der Operation, war dieſem Herzen eine noch hoͤhere Wonne vorbehalten, denn dieſer Abend war es, wo Philipps zweiter Brief, ſein ſogenanntes Poſtſcript, ankam. Dieſer Brief enthielt, ſo weit man ſich deſſen erinnern wird, ein noch hoͤheres und deutlicheres Zeug⸗ niß von der Veraͤnderung ſeiner Gefuͤhle. Es war von der Art, daß Honorine nicht einen einzigen Zweifel an dem ſchoͤnen Siege, den ſie gewon⸗ nen, hegen konnte. Und man wird begreifen, daß bei ihrer Freiheit von aller Koketterie nichts natuͤrlicher war, als daß ihre waͤhl derer der kaltſi keit ich f eben der a ſo ge in u haber genhe teſten wiß, Gewe ſie zu aber ſich, d Den auf i Brief wie u s mit eben⸗ haͤtte, Natur ch ihre inzigen durch s dieſe varfen, ſich in n, war ehalten, Brief, deſſen 3 Zeug⸗ t einen gewon⸗ Freiheit daß ihre 165 waͤhrend des naͤchſten Tages abgeſendete Antwort— deren Eile einen guten Vorwand in der Nachricht von der gluͤcklichen Operation fand— einen noch weniger kaltſinnigen Ton verrieth, als die erſte. Am Schluſſe ſagte ſie zum Beiſpiel: „Sie ſcheinen mein Herz wegen ſeiner Geraͤumig⸗ keit ein wenig zu verſpotten. Und weshalb das, wenn ich fragen darf? Haben wir nicht ein Herz bekommen, eben ſo wie ein Haus, um unſere Freunde und Bruͤ⸗ der an deſſen Heerd einzuladen?— iſt dies nicht eben ſo gewiß, als daß wir in unſerm Herzen, eben ſo wie in unſerm Hauſe, unſer kleines, beſonderes Heiligthum haben, welches wir blos bei wirklichen, feierlichen Gele⸗ genheiten oͤffnen und dann auch nur fuͤr die vertrau⸗ teſten Freunde?“ Am nachſten Poſttage glaubte Honorine ganz ge⸗ wiß, wieder Briefe zu bekommen; denn da es ihm eine Gewohnheit, eine liebe Gewohnheit geworden war, an ſie zunſchreiben, warum ſollte er ſich da Zwang anthun? Aber es kam kein Brief. Honorine fuͤhlte ſich etwas niedergeſchlagen, fand aber gleich darauf dieſes Gefuͤhl ſehr thoͤricht. Sie ſagte ſich, daß das Zartgefuͤhl ihm verboͤte, ſo oft zu ſchreiben. Den naͤchſten Poſttag dagegen mußte ſie ja Antwort auf ihren Brief bekommen, ihren erſten vertraulichen Brief... ach, wie mußte er ſich bei ihr bedanken und wie ungeduldig erwartete ſie dieſe Antwort. 166 Aber, o weh, der Poſttag kam und mit ihm wieder eine getaͤuſchte Hoffnung. Und ein Poſttag nach dem andern verging auf die⸗ ſelbe Weiſe. Sie haͤtte jetzt ſchon Antwort auf ihren allerletzten Brief haben koͤnnen. Aber das Schweigen dauerte fort. 5 Und Honorinens Schmerz, der ſich vor Niemandem Luft machen wollte, nahm mit furchtbarer Gewalt zu. Zuweilen ward ſie von entſetzlichen Ahnungen be⸗ fallen. Er hatte gewiß im Bade eine Frau kennen ge⸗ lernt, die ſein Herz und Gemuͤth gefangen genommen hatte und„ſie, die nicht verehrt ward, wie gewoͤhnliche Frauen“— ſo hatte er ſich einmal ausgeſprochen— ſie war ſicherlich vergeſſen. „O nein, nein,“ ſetzte ſie hierauf hinzu, ver kann mich nicht vergeſſen haben, er kann nicht.. 4 Ein andermal war er krank, irgend ein Ungluͤck war ihm zugeſtoßen und ſie machte ſich Vorwuͤrfe, daß ſie nicht mit Arnold ſprach... aber dieſer haͤtte viel⸗ leicht errathen koͤnnen— und es fehlte ihr wieder der Muth. So kam man in die dritte Woche. reiſe zuri anv die ihr dem hatte mit Got ſagt wen laſſe ſenm „wit ſiche zu, t nold wieder uf die⸗ ihren weigen andem alt zu. gen be⸗ b ien ge⸗ b ommen ohnliche hen— er kann Ungluͤck fe, daß te viel⸗ der der 167 Es war zwei Tage vor dem, der zu Arnolds Ab⸗ reiſe beſtimmt war. Er war eben von einem Beſuch bei Doctor H. zuruͤckgekommen, deſſen Haͤnden er nun ſeinen Patienten anvertrauen mußte. Und erfuͤllt von ihr, von welcher die zwingende Pflicht ihm zu ſcheiden gebot, trat er in ihr Kabinet, wo ſie jetzt alltaͤglich einige Stunden auf dem Sopha zu ruhen pflegte. Honorine und Jolli waren beide zugegen. Aber Jolli ſtand da und hatte den Hut auf— ſie hatte ihrem Braͤutigam verſprochen, einen Spatziergang mit ihm zu machen und Honorine, die ſchon laͤngſt, Gott weiß wo Alles hin, zu gehen gewuͤnſcht hatte, ſagte mit ihrem reizenden Laͤcheln: „Liebe Adele, Du nimmſt es wohl nicht uͤbel, wenn Du auf dieſe Weiſe mit Deinem Arzte allein ge⸗ laſſen wirſt?“ „O nein,“ antwortete Adele und eine leichte Ro⸗ ſenwolke theilte den Schnee auf ihrem ſchoͤnen Antlitz, „wir ſind ja ſchon viele Mal allein geweſen.“ „Ueberdies werde ich nicht lange wegbleiben,“ ver⸗ ſicherte Honorine und nickte dem Doctor bedeutungsvoll zu, welcher, ſtark erroͤthend, ſie bis an die Thuͤr begleitete. Es vergingen einige Minuten und noch ſtand Ar⸗ nold nach derſelben Richtung hingewendet. Zum erſten Male fuͤhlte er ſich von dem druͤckenden Gefuͤhl beſchwert, welches man Verlegenheit nennt. Er hatte allerdings ſelbſt gewuͤnſcht und gehofft, daß das wichtige Wort vor ſeiner Abreiſe ausgeſprochen werden koͤnnte, ja, gerade jetzt, auf dem Heimwege, hatte er viel ſehr viel daran gedacht. Aber dieſes téte A⸗téte kam ſo ganz unerwartet. Man denke ſich, wenn Adele einmal den Gedanken ge⸗ hegt, daß ein Funke von Eigennut ſich in den Heiraths⸗ antrag gemiſcht habe, den er letztvergangenen Herbſt ihr gemacht „Was betrachten Sie denn ſo aufmerkſam?“ fragte Adele, welche ihn mit einem gewiſſen Gegenſtande be⸗ ſchaͤftigt glaubte. „Ich— ich, geehrte Frau, betrachte nichts.“ Er wendete ſich nun zu ſeiner Patientin und hob den Blick langſam zu ihr auf. Adele wollte niemals wieder gefallſuͤchtig ſein— o, ſie hatte viel zu ernſthafte Gedanken gehabt, um je⸗ mals ihrem Vorſatz untreu werden zu koͤnnen— und gleichwohl verrieth ſich eine verſteckte, wiewohl unſchul⸗ dige Koketterie in jeder Falte des luftigen und feinen Krankengewandes. Ihr von Leiden gebleichtes, aber ſtets ſeelenvolles Antlitz hatte ſein fruͤheres, ſpruͤhendes Feuer verloren; aber es hatte ſtatt deſſen den Ausdruck einer gewiſſen nicht leidenden, ſondern reizenden und beredten Melan⸗ cholie gewonnen, welche mit ihrer gegenwaͤrtigen Lage in vollkommener Uebereinkunft zu ſtehen ſchien. dieſe Geſt klein von blun Rub ganz ternh der d gezei es v Schi es ge mein len ij verſu waͤhr nicht 3 das berden viel, dartet. n ge⸗ raths⸗ Herbſt fragte de be⸗ id hob in— im je⸗ — und nſchul⸗ feinen volles loren; wiſſen Nelan⸗ age in 169 In dieſem Augenblick, wo die Blicke des Doetors dieſe von einem wirklichen poetiſchen Hauch uͤbergoſſene Geſtalt betrachteten, lag ſie mit der Wange auf die kleine Hand geſtuͤtzt und nach der Sonnenſeite gewendet, von welcher einige Strahlen, die zwiſchen den rothge⸗ blumten Damaſtgardinen hindurchtanzten, einen leichten Rubinſchein uͤber den weißen Batiſt, ja ſogar uͤber das ganze Antlitz warfen, welches eine entzuͤckende Schuͤch⸗ ternheit, mit heimlicher Wonne kaͤmpfend, abſpiegelte. Dieſe Schuͤchternheit hatte ihren Grund eben in der des Doctors. So lange er ſich nur als der unermuͤdliche Arzt gezeigt, in welchem man blos den Liebhaber ahnte, ging es vortrefflich, aber als man dagegen auch nicht einen Schimmer mehr von dem erſteren entdecken konnte, ward es ganz anders. „Ich hoffe, beſte Frau von Stern, daß waͤhrend meiner Abweſenheit nichts Beunrüthigendes vorgefal⸗ len iſt.“ Arnold nahm ſeinen gewoͤhnlichen Stuhl ein und verſuchte, ſeine gewoͤhnliche Miene anzunehmen. „Nein, durchaus nichts— ich fuͤhle mich fort⸗ waͤhrend beſſer.“ „Gott ſei Dank!“ „Ja, Gott ſei Dank! Ich wiederhole dieſes Wort nicht in dem gleichguͤltigen Sinne, den man oft daran knuͤpft, ich wiederhole es von ganzer Seele, denn es iſt nicht blos der Koͤrper, welcher geneſ't... Ach, Doctor, ich habe Ihnen noch kein Wort von meiner Dankbar⸗ keit geſagt— aber Sie werden es ſelbſt fuͤhlen.“ „Und dieſe gefaͤhrliche Operation, vor der Sie einen ſo großen Abſcheu hatten, ſehen Sie, daß Sie dieſelbe nicht zu bereuen brauchen.“ „Ich habe nicht mehr, als eins bereut.“ „Darf ich fragen, was?“ „Nun das, daß ich ſo lange wartete, bis Sie glauben konnten, ich... ich haͤtte kein Verdienſt bei der endlichen Einwilligung.“ „O ja, das glaubte ich doch,“ antwortete Arnold, und der Blick ſeiner ſchwarzen Augen ſchwebte wie eine Wolke um Adelens.„Ich ahnte, daß...“ „Sagen Sie, was ahnten Sie?“ „Daß eine große Staͤrke Ihren Muth aufrecht erhielte.“ „O, Sie ahnten das?— Mein Gott, welches Gluͤck! Sie glaubten nicht, daß Feigheit Schuld ſei, der Wunſch von Allem loszukommen, daß ich nachgab, als keine andere Hoffnung mehr uͤbrig war?“ „Muß ich nicht beſſer verſtehen, in Ihren Augen zu leſen? Trotz Ihres Heldenmuthes waren Sie furcht⸗ ſam— o ſo furchtſam! Aber als ich der Erſte war, der darein willigte, daß Sie mit dem betaͤubenden Mit⸗ es iſt octor, rkbar⸗ Sie Sie 3 Sie iſt bei rnold, ee eine ufrecht velches ild ſei, achgab, Augen furcht⸗ 2 war, Mit⸗ 171 tel verſchont und ganz und gar frei bleiben ſollten, da vertraute ich auf... Aber darf ich wagen, Ihnen das Uebrige zu ſagen?“ „Ja, Alles, Alles.“ „Nun wohl, ich fand es beinahe unwuͤrdig, nicht auf das Gefuͤhl zu vertrauen, welches Sie zur Heldin machte und ich betete jene Staͤrke an, welche Schmerzen kennen will.“ „Dank!“ fluͤſterte Adele und ihre Augen— in welchen Thraͤnen funkelten, hervorgerufen durch einen Triumph, der tauſendmal groͤßer war, als alle, welche ſie bisher gefeiert— laͤchelten ihren Geliebten an. Arnolds Herz klopfte gewaltig. Sein ſchoͤnes, kraftvolles Antlitz ſpiegelte ſowohl ſeine Hoffnungen, als ſeine Unruhe ab. Er fuͤhlte mit voller Sicherheit, daß er geliebt war. Jedoch fuͤhlte wohl auch Adele mit voller Sicherheit ... ja, ſie mußte das wiſſen, ſie konnte ihm nichts Niedriges zutrauen. Aber nun hing ſich inzwiſchen die Erinnerung afl ihren allgemein bekannten, großen Reichthum— den er mit ihr ſelhſt als eine Art Arzthonorar erhalten ſollte — uͤber ſeine Seele und belaſtete dieſelbe mit einem ganz irdiſchen Staube.. „Woran denken Sie?“ fragte Adele, ſich uͤber ſein 172 nachdenkliches und bedeutungsvolles Schweigen ver⸗ wundernd. Mit einem tiefen Seufzer antwortete Arnold: „Ich dachte... an Ihre drei ſteinernen Haͤuſer, gnaͤdige Frau.“ „Was— an meine drei Haͤuſer? „Sie ſind mir ſehr, ſehr ſchwer!“ „Wie ſo?“ Adele that, als ob ſie ihn nicht ver⸗ ſtuͤnde.. „Sehen Sie denn das nicht ein?* „Nein, durchaus nicht!“ „Ohne dieſelben koͤnnte ich wagen, Sie an ein Thorheit zu erinnern, die ich mir erlaubte.“ „Sie wollen mich alſo nicht mehr an jene Thor⸗ heit erinnern, welche Sie damals einen ganz vortreff⸗ lichen Vorſchlag nannten 2“* „Es geſchah in der Heftigkeit meiner Gefuͤhle und als Sie eigenſinnig darauf beſtanden, ſich der Operation nicht zu unterziehen.“ „Aber, mein Gott, was ſagen Sie, Arnold? Sie geſtehen, daß nur die Macht des Augenblicks Sie zu dem Antrag veranlaßte, den Sie mir machten— wol⸗ len Sie damit ſagen, daß Sie mir mein Verſprechen zuruͤckgeben?“ „Adele, theute, geliebte Adele, glauben Sie, ſind Sie feſt And ſtets woͤhr glau tes, oder ſind, Ach, ſolche gener weiß, nen derlie ſen( beſitze eben? mir Nien ver⸗ zuſer, ver⸗ feſt und innig uͤberzeugt, daß ich Sie mehr als alles Andere, ohne alle Nebenabſichten liebe? Haben Sie das ſtets geglaubt? Werden Sie es ſtets glauben?“ „Wir Frauen,“ antwortete ſie laͤchelnd,„haben ge⸗ woͤhnlich die bewundernswerthe Schwachheit, das zu glauben, was wir wollen.“ „Aber die ungeſtuͤme Dreiſtigkeit meines Schrit⸗ tes, nach einer ſo kurzen Bekanntſchaft, haͤtte bei Ihnen, oder wenigſtens bei einer weniger edlen Frau, als ſie ſind, einen mißtrauiſchen Gedanken erwecken koͤnnen... Ach, Sie haben mich doch wohl nicht jemals durch einen ſolchen beleidigt?“ „Niemals! Ich bin von der Macht meiner ei⸗ genen, armſeligen Waffen ſo uͤberzeugt, daß ich beſtimmt weiß, daß meine drei Haͤuſer mir in Ihren Augen kei⸗ nen Vorſchub geleiſtet haben... aber es war eine wun⸗ derliche Idee, auch nur daran zu denken.“ „Nein, es war gar nicht wunderlich, daß ich die⸗ ſen Gegenſtand beruͤhrte— bedenken Sie, daß ich nichts beſitze, als mein Dienſteinkommen.“ 3 Nichts— und wovon ſprachen Sie denn ſo⸗ eben? „O Adele— Du ermuthigſt mich alſo, Du ſagſt mir... „Ich ſage Dir mit dem Vertrauen, welches ich Niemanden anders ſchuldig bin, als Dir, daß mein Vermoͤgen nicht mehr ſehr groß iſt, als man glaubt. Ich beſitze nur noch zwei Dritttheile von dem, was es urſpruͤnglich war. Ich fuͤhrte ein zu koſtſpieliges und gedankenloſes Leben, als daß meine Renten allein hin⸗ reichend geweſen waͤren. Aber als ich kurz vor meiner Hierherreiſe mir vollſtaͤndige Kenntniß vom Zuſtande meiner Angelegenheiten verſchaffte, gewann ich die Ueber⸗ zeugung, daß ich mir auch in dieſer Hinſicht große Vor⸗ wuͤrfe zu machen hatte. Und ich ſagte zu mir ſelbſt: Arnold bekommt mit ſeiner Frau weit weniger Geld, als er haͤtte bekommen ſollen. Aber ſie wird ihm auch nur die Haͤlfte der Fehler zubringen, welche ſie fruͤher beſaß und er denkt viel zu redlich, um etwas gegen den Tauſch zu haben.“ Dieſe offene, verſtaͤndige, aber gleichwohl innige Sprache war vollkommen geeignet, auf Arnold den ge⸗ waltigſten Eindruck zu machen. Und dies zeigte ſich auch ſogleich in ſeiner Antwort: „Meine geliebte, edle Adele, wie wohl thut mir das Vertrauen und die Einfachheit Deiner Worte. Ich rufe Gott zum Zeugen meines feſten Glaubens an, daß wir fuͤr einander geſchaffen ſind! Und dieſe Hand, welche ich jetzt faſſe und welche ich bald mit dem heiligſten aller Symbole ſchmuͤcken werde, wird ſich dieſe wohl vertrauensvoll, das ganze Leben hindurch, auf die meine ſtuͤtzen 2* der n allen nicht die wi „Ja, Arnold, das ganze Leben hindurch! Und Du, der meinen Koͤrper geheilt, wirſt auch meine Seele von allen ihren Thorheiten heilen. Ach, Dir wird es gewiß nicht ſchwer werden— wir wollen nicht denen mißfallen, die wir lieben.“ 15. Der Schlag. Einige Minuten, ja ganz gewiß, einige Minuten waren verfloſſen.—. Der junge Arzt hatte den Stuhl verlaſſen und ſich neben Adelens Sopha auf ein Fußbaͤnkchen geſetzt und anſtatt mit Worten zu ſprechen, redeten ſie jetzt blos mit der Sprache, welche Liebende aller Laͤnder zu⸗ weilen derjenigen vorziehen, welche durch das Ohr auf⸗ gefaßt wird. Arnolds Arm hielt Adele umſchlungen. Ihre Wange ruhte an der ſeinen. Vom Hoͤren war alſo nicht die Rede.* Aber Honorine, welche mit einem Brief in der Hand eintrat und an dem ſtillen, aber fliegendem Athem der Verlobten hoͤrte und aus ihrer Haltung erſah, daß ſie keiner Geſellſchaft bedurften, wuͤrde das Zimmer wieder verlaſſen haben, wenn ſie gekonnt haͤtte. 4 — 5 2 nuten und geſetzt e jetzt er zu⸗ auf⸗ Ihre r alſo in der Athem ,, daß mmer 177 Aber ſie konnte es nicht, denn dieſer Brief— an Arnold adreſſirt— den ſie in der Hand hielt, trug denſelben Poſtſtempel, den ſie ſelbſt ſo lange zu ſehen erwartet. Die Handſchrift aber kannte ſie nicht. Sie machte daher mit Fleiß ein leichtes Geraͤuſch. Arnold raffte ſich ſchnell auf. Seine Wange er⸗ roͤthete, aber als er Honorinen erblickte, laͤchelte er und ſagte mit einem vor ſeliger Freude ſtrahlenden Blick: „Sie iſt mein!“ „Komm', geliebte Honorine,“ ſagte Adele mit an⸗ muthiger Heiterkeit,„komm und gieb mir Deinen ru⸗ higen, ſchweſterlichen Kuß— meine Lippen beduͤrfen jedenfalls der Abkuͤhlung... O, wenn Du, arme Freundin, begreifen koͤnnteſt, wie himmliſch⸗wunderbar dieſe Theilung des Gefuͤhls und des Herzens iſt... geh, Arnold, geh.. laß mich jetzt mit Honorinen al⸗ lein!“ Aber mit einer unerklaͤrlichen Heftigkeit rief Ho⸗ norine, anſtatt, wie man haͤtte denken ſollen, froͤhlich Gluͤck zu wuͤnſchen:— „Nein, bleiben Sie— dieſer Brief... oͤffnen Sie ihn hier, beſter Doctor Warvner! Ich weiß nicht, aber ich glaube, er betrifft eine Perſon, die uns Alle nahe angeht.“ Arnold nahm ſogleich den Brief und waͤhrend er denſelben las, ward ſein ſo eben noch feuergluͤhendes Ein Gerücht. VI. 12 178 Antlit von eilter tiefen Bläͤſſe uͤberzogen— ſeine Au⸗ gen wurden duͤſter, ſeine Stirn runzelte ſich. Honorine ſtand ſtumm. Sie vermochte nicht zu fragen. Aber Adele, die ſich nichts denken konnte, was in dieſem Augenblicke Arnolds Seligkeit verdunkeln duͤrfte, fragte mit Ungeduld: „Sag', was iſt es denn?“ „Ach, etwas ſehr, ſehr Aergerliches... oder viel⸗ mehr, ein ganz entſetzliches Ungluͤck.. Philipp... beſte Frau Helleding, nun iſt guter Rath theuer— Philipp hat ſeine ehemalige Frau wiedergeſehen. Lilia iſt im Bade.“— Auf Alles war Honorine bereit gewveſen, aber dieſer Schlag uͤbertraf ſo vollkommen alle die grauſamen Alternativen, die ſie hatte erdenken koͤnnen, daß ſie, ohne ein Wort, ohne einen Laut, zu Boden ſank. 4 Der Doctor und ſeine Geliebte wechſelten einen Blick von gleichzeitig unermeßlicher Beſtuͤrzung und unermeßlicher Theilnahme. „Wir wollen Niemanden herbeirufen,“ ſagte Arnold leiſe.„Sei nur ruhig, meine Adele.“ „Es thut mir nur leid, daß ich Dir nicht beiſtehen kann... Arme, arme Honorine!“ Arnold hatte inzwiſchen die junge Frau aufgeho⸗ ben, ſie in einen Lehnſtuhl geſetzt und den belebenden Einfluß von Riechſalz auf ſie wirken laſſen. Sie ſchien 179 ſelbſt ihre Ohnmacht zu verſtehen und bemuͤhte ſich, aus derſelben herauszukommen. Auch dauerte es nur einige Minuten, ſo ſchlug ſie ſchon wieder die Augen auf und ſah ſich rings um. Anfangs war ihr Blick unruhig und irre, aber bald verkuͤndete er, daß ihre gewoͤhnliche Geiſtesgegen⸗ wart zuruͤckkehrte und der beſte Beweis davon war, daß ſie mit dankbarem Laͤcheln ihre Freunde fuͤr die zarte Ruͤckſicht belohnte, daß ſie nicht jenen aͤrgerlichen Laͤrm gemacht hatten, welcher gewoͤhnlich alle moͤglichen Vermuthungen zur Folge hat. Honorine war ſelbſt die Erſte, welche wieder ſprach. „Meine beſten Freunde,“ ſagte ſie mit ihrer einfachen und ruͤhrenden Stimme,„in meiner Natur liegt ein ſo entſchiedener Abſcheu vor aller Verſtellung, daß ich kei⸗ nen Grund zu der augenblicklichen Schwachheit, deſſen Zeugen ihr geweſen, auffinden kann. Andererſeits bitte ich Euch, nicht allzuſtreng daruͤber zu urtheilen. Ich weiß, daß Ihr mir glaubt, wenn ich Euch ſage, daß ich zur Verwunderung uͤber ſein langes Schweigen be⸗ rechtigt war. Und der ſchmerzliche Aufſchluß, den ich jetzt daruͤber erhielt, traf mich ſo unvorbereitet, daß ich ... doch genug von mir... leſen ſie jetzt den Brief vor, Doctor Warvner, wir ſind alle Drei ſeine Freunde.“ „Aber ich weiß nicht“... ſagte Arnold mit ei⸗ nem zweifelhaften Blick auf Adelen. Sie begriffen nun erſt, daß Philipps Gefuͤhle in der letzten Zeit eine Veraͤnderung erfahren haben mußten, welche er ſchon verrathen hatte. Aber Arnold, der aus dem angekommenen Briefe die allerletzte Veraͤnderung dieſer Gefuͤhle kannte, fuͤrchtete, daß der Schlag, der Ho⸗ norinen dadurch traf, ſo uͤberwäͤltigend ſein wuͤrde, daß ſie ihn, ungeachtet ihrer Staͤrke, vielleicht nicht zu ertra⸗ gen vermoͤchte. Mit Verzweiflung klagte er ſich jetzt an, daß er waͤhrend der letzten Zeit nicht Acht auf Honorinens Zu⸗ ſtand gegeben. „Nun, Doctor Warvner, haben wir nicht Beide Theil an ſeinem Herzen, an ſeiner Freundſchaft?“ hob die junge Frau muthig an,„muͤſſen wir dann nicht zuſammen an ſeine Rettung denken, fuͤr den Fall. fuͤr den Fall von dieſem Worte die Rede ſein kann? 2u „Gieb Honorinen den Brief,“ ſagte Adele;„was auch darin ſtehen mag, ſo iſt es doch am beſten, wenn ihre Augen es ſehen— ſpaͤter koͤnnen wir uͤberlegen.“ Arnold ſchuͤttelte blos den Kopf. „Adele hat recht, mein beſter Doctor und ich bitte — keine Zoͤgerung.“ Sie ſtreckte die Hand mit einer ſo beſtimmten Geberde aus, daß Arnold nicht anders konnte, als ihrem Wunſche zu gehorchen. Gerade aber, als ſie den Brief oͤffnen wollte, hielt ſie inne. Ein Wechſel der Farbe in ihrem Antlitz ver⸗ rieth einen neuen Eindruck. ßten, aus rung Ho⸗ daß ertra⸗ aß er Zu⸗ Beide hob nicht n24 „was wenn gen.“ bitte mten hrem hielt ver⸗ 181 „Sagen Sie, Doctor, kann man vollkommen auf den Charakter und das Urtheil der Perſon bauen, welche dies da geſchrieben hat?“ „Die Gerechtigkeit noͤthigt mich, hinzuzuſetzen, daß der eine eben ſo ehrlich und gerecht, als das andere klar iſt. Der Huͤttenmeiſter Montin iſt ein Mann, an deſſen Wort es Niemandem einfaͤllt, zu zweifeln.“ „Sie kennen ihn alſo naͤher?* „Ja, das kann ich wohl ſagen— vor ungefaͤhr einem Jahre kaufte er Holmens Eiſenwerk, zwei Meilen von Ribyhus. Es war mir jedoch etwas ganz Neues, daß er jetzt in S. iſt, denn er hatte nicht die Abſicht, ſich dorthin zu begeben, als ich abreiſ'te. Er iſt aber ein junger Mann, der die Mittel hat, ſeinen Neigungen zu folgen.“ Honorine antwortete nichts. Aber ſie ſchlug den Brief auf und begann zu leſen: „Lieber Bruder! „Du findeſt mich in S. ohne Deine Vorſchrift. Aber Du weißt, daß ich nicht zu jenem ſtationairen Ge⸗ ſchlecht gehoͤre... Doch meine Perſon iſt es nicht, von der ich erzaͤhlen will. „Da ich vergangenen Herbſt erzaͤhlen hoͤrte, daß Du und Herr Thurn, nach Eurer langwierigen Entzweiung, Eure alten, freundſchaftlichen Verbindungen wieder auf⸗ genommen haͤttet, ſo halte ich es fuͤr meine Pflicht, Dir mitzutheilen, daß ich niemals ſo lebhaft, wie jetzt, beklagt habe, daß meine Niederlaſſung in der Gegend von Ri⸗ byhus nicht vor der Zeit ſtattfand, wo er dieſelbe verließ. „Wenn es anders waͤre und ich das Vergnuͤgen haͤtte, mich als ſeinen Nachbar zu betrachten und dane⸗ ben in dem allergeringſten, freundſchaftlichen Verhaͤltniſſe zu ihm ſtuͤnde, ſo wuͤrde ich hier in S.— ſelbſt auf die Gefahr hin, abgewieſen zu werden— ihm mit ei⸗ nem Rathe beſchwerlich zu fallen gewagt haben. So aber kann ich freilich nichts weiter thun, als an Dich ſchreiben, da Du durch Deinen Einfluß auf ihn zu wir⸗ ken verſuchen mußt. „Das Ungluͤck hat das Entſetzliche gewollt, daß der Kammerrath T. mit ſeiner jungen Frau hierher ge⸗ kommen iſt. „Waͤhrend einer Luſtfahrt nach Helſd— einer Art verzauberten Parkes, welcher nordweſtlich von der Stadt liegt und wo Herr Thurné zufaͤllig ſich ſchon befand — ſahen ſie einander wieder. Und mit Schmerz ſetze ich hinzu, daß ſowohl ich, als die ganze Badegeſellſchaft, Zeuge ſeiner außerordentlichen Erſchuͤrterung bei dem unvermutheten Anblick ſeiner ehemaligen Gattin war. „Wenn ich ſage außerordentlich, ſo iſt es buchſtaͤb⸗ lich gemeint. „Er warf ſich dann, wie ein Panther, auf das Kind, welches ſie an der Hand fuͤhrte. Die junge Frau ſtieß einen durchbohrenden Schrei aus, worauf ſie — ohnmaͤchtig ward. Es war ein foͤrmliches Trauerſpiel, verſichere ich Dir. „Thurné perſchwand inzwiſchen ſchnell von dem traurigen Schauplatze und ward erſt in der Nacht wie⸗ der aufgefunden. „Seitdem ſind zehn Tage verfloſſen. Wir haben fortwaͤhrend erwartet, zu hoͤren, daß der arme Mann ſeiner Wege gegangen ſei, aber bis jetzt iſt es noch nicht geſchehen. Der Kammerrath kann nicht abreiſen, denn die Frau iſt krank— wenigſtens heißt es ſo. „Du kannſt Dir leicht denken, wie die Stimmen fuͤr und gegen den Helden dieſes Dramas ſind. Ein Theil behauptet, daß er jetzt iſt wie ein Automat, der alles Gefuͤhl verloren hat, Andere dagegen ſagen, ſeine Gefuͤhle ſeien ſo gewaltſam, daß Gefahr fuͤr ſeinen Verſtand vorhanden ſei. Im Allgemeinen iſt man daruͤber einig, daß, wenn dieſe gefaͤhrliche und reizende Frau jemals ihre Gewalt uͤber ihn verloren, ſie dieſelbe jetzt vollkommen wieder gewonnen hat. „Heute fruͤh verbreitet ſich auf einmal folgendes Geruͤcht: „Er ſoll geſtern Abend ſpaͤt mit ſeinem Boote an der Seite der Bucht angelegt haben, welche den. Hauſe, das ſie bewohnt, am naͤchſten iſt und waͤhrend dieſer ganzen Zeit ſoll ſie ſich am Fenſter befunden haben, ſo daß ſie, buchſtaͤblich geſprochen, einander mit den Augen aufzehrten. „Es war allerdings eine Zuſammenkunft von aͤußerſt platoniſcher Art, aber doch auf jeden Fall eine Zuſammenkunft, von welcher man weiter erzaͤhlt, daß ſie von dem Kammerrath geſtoͤrt worden, der gleich darauf ſelbſt einen Brief in Herrn Thurné's Logis abgegeben habe. „Was aber noch hieraus werden wird, weiß man noch nicht, denn bis auf dieſen Augenblick, wo die Poſt gleich abgehen wird, iſt Herr Thurné von der Luſtfahrt auf dem Waſſer, die er geſtern Abends be⸗ gangen, noch nicht wieder zuruͤckgekommen, das heißt, daß er, um mit ſeinen Eindruͤcken ungeſtoͤrter zu ſein, an einer der Inſeln gelandet iſt, anſtatt in die Stadt zuruͤckzukehren. „Inzwiſchen iſt jetzt die ganze Badegeſellſchaft in Bewegung. Man ſpricht von nichts Anderem; man ſtellt Wetten an, ob er genoͤthigt ſein wird, abzu⸗ reiſen, wenn er nach ſeiner Ruͤckkunft den Brief des Kammerraths geleſen und man ſtellt Wetten an, ob er ſo wahnſinnig ſein wird, Allem zu trotzen, um hier in ſeinem Fegefeuer zu bleiben. „Thue nun, was Dir am Beſten ſcheint— aber thue es bald! Dein ergebener Eduard Montin.“ „NS. Ich muß noch hinzufuͤgen, daß die Per⸗ ſon, welche von ihrem Boote aus im Voruͤberfahren dieſe geheimnißvolle Zuſammenkunft zwiſchen Thurné und der Kammerraͤthin beobachtete, eine Perſon iſt, an deren Wahrheitsliebe Niemand zweifeln kann.“ Honorine war im Stande geweſen, alle dieſe Ein⸗ zelnheiten Wort fuͤr Wort zu leſen; ſie war im Stande geweſen, dieſelben klar aufzufaſſen;z aber wie vollkom⸗ men ihre Natur auch war, ſo beſaß dieſelbe doch auch genug menſchliches Element, um ſich unter die Gewalt deſſelben beugen zu muͤſſen. Mit einer Geberde halb des Zornes, halb des Ab⸗ ſcheues, warf ſie den Brief von ſich. Dieſe Pantomime war hinreichend begreiflich. Adele, welche der Meinung war, es ſei nuͤtzich, den erwachten Gram und Verdruß zu naͤhren, beeilte ſich zu ſagen: „Er iſt alſo ſtets ein Elender.“ Obſchon aber dieſes Mittel vielleicht fuͤr Adelen ſelbſt ſehr angemeſſen geweſen wäre, aͤußerte es doch auf Honorinen eine vollkommen entgegengeſetzte Wirkung. Sie richtete das geſenkte Haupt auf. Ein Blitz der Unzufriedenheit leuchtete in ihren ſanften Augen und in einem Tone, in dem die feſteſte Ueberzeugung lag, antwortete ſie: „Du biſt niemals ſchonend geweſen, Adele!“ „Es giebt eine Schonung, deren ich mich nicht ſchuldig machen moͤchte!“ ſagte Adele eifrig.„Ich nerſichere Dir, Honorine, wenn Thurn wieder naͤrriſch wird. .ſo iſt es die Pflicht ſeiner Freunde, zu ver⸗ ſuchen, ihn wieder klug zu machen— das iſt meine Anſicht.“ „O, Du perachteſt ihn alſo nicht?“ „Ich verachte Niemanden. Ein Jeder hat ſeine Buͤrde von Schwachheit, und wenn die Herren Thur⸗ né's groͤßer iſt, als die vieler Andern, nun wohl, dann bedarf er um ſo mehr, daß wir ihn nicht verlaſſen.“ „Honorine, Honorine, Dein eigenes, erſtes Ge⸗ fuͤhl war auch Zorn!“ „Das erſte Gefuͤhl iſt gewoͤhnlich das am we⸗ nigſten verlaͤßliche.“ „Aber gerade dieſes iſt es, mit welchem ich ſym⸗ pathiſire... Wenn Arnold, der auch einmal von dieſem Weibe behext war, bei ihrem Anblicke ſich wie⸗ der behexen ließe, glaubſt Du, daß ich ſo reden wuͤrde? Waͤre es an mir, ihm meinen Arm zur Stuͤtze zu reichen?“ „Meine Damen, nun muͤſſen Sie mir geſtat⸗ ten, daß ich mich in den Streit miſche!“ ſagte Arnold, der ſich bis jetzt damit begnuͤgt, aus der Ferne die Wir⸗ kungen zu beobachten, welche der Brief verurſachte. „Es iſt ganz außer aller Frage, thrure Adele, daß die Oberſtlieutenantin recht hat.“ 4 — Ich iſch der⸗ ine ine ur⸗ unn Be⸗ ve⸗ m⸗ von vie⸗ de? zu tkat⸗ old, gir⸗ hte. daß „Wie!“ rief Adele. „Die gnaͤdige Frau ſpricht als Freundin und eine Freundin iſt ſtets edelmuͤthig. Aber Du haſt auch recht, denn Du ſprichſt als Liebhaberin und eine ſolche iſt niemals edelmuͤthig, wenn es auf dergleichen Dinge ankommt.“ „Nun, das war gut,“ antwortete Adele mit einem feinen Laͤcheln,„daß Du dieſes Letzte hinzu⸗ ſetztſſt, denn Du kannſt Dich darauf verlaſſen, daß es nicht in meiner Abſicht gelegen haben wuͤrde, Dir Barmherzigkeit anzubieten.“ „Davon bin ich ebenſo uͤberzeugt, wie ich uͤber⸗ zeugt bin, daß einige Zeilen von der gnaͤdigen Frau fuͤr unſern armen Freund von unberechenbarem Nutzen ſein wuͤrden. Fuͤr keine Frau hegt Philipp ſo viel Achtung, ſo innige Freundſchaft, ſo feſtes Vertrauen und er muͤßte ſo weit verirrt ſein, daß er gar nicht mehr unter der Macht der Vernunft ſtuͤnde, wenn dieſe Gewalt ſich nicht noch geltend machte. Sagen Sie, gnaͤdige Frau“— er legte in ſeinen Ton, in ſeinen Blick den Ausdruck einer zarten und herzlichen Achtung—„wollen wir nicht mit einander verſuchen, ihn zu retten?“ „Ich danke Ihnen, Doctor, daß Sie mir noch einigen Einfluß zutrauen. Aufrichtig geſagt, glaube ich ſelbſt nicht daran, aber ich will es auf alle Faͤlle verſuchen.“ „Die Poſt geht in zwei Stunden ab,“ hob Ar⸗ nold wieder an. Ohne eine directe Antwort darauf zu geben, ver⸗ ließ Honorine das Zimmer, war aber kaum hinaus, als ſie auch ſchon wieder umkehrte und, indem ſie die eine Hand Adelen und die andere dem Docctor reichte, mit unbeſchreiblicher Zaͤrtlichkeit ſagte: „Verzeihen Sie— ich habe noch nicht mit einem Worte Gluͤck gewuͤnſcht, aber in meinem Her⸗ zen leben tauſend heilige Wuͤnſche fuͤr Ihr Gluͤck.“ „Und ich,“ fluͤſterte Adele, indem ſie ihren Mund an Honorinens Ohr fuͤhrte,„ich verletzte Dich durch wohlgemeinte Unuͤberlegtheit. Aber eine Frau, wie ich, iſt nicht geſchaffen, Deine Seele zu faſſen... o Ho⸗ norine!“ Honorine laͤchelte; ſie las Adelens theilnehmenden Beifall in ihren Blicken, ſie las die innige Hochach⸗ tung des Doctors in ſeinem ganzen Weſen und indem ſie ihm in ihrem Innern fuͤr die zartfuͤhlende Defini⸗ tion dankte, die er von ungleicher Theilnahme zu geben verſtanden, eilte ſie zum zweiten Mal hinaus. „Und das mußte ihr geſchehen!“ ſagte Adele ge⸗ dankenvoll.„Was nuͤtzt es wohl, vollkommen zu ſein, wenn man ſich nicht vor Leiden ſchuͤtzen kann?“ Ach, Philipp, Philipp,“ murmelte Arnold,„das war ein großes Ungluͤck.“ „Ja, mein Freund, ein ſehr großes Ungluͤck. 1 Wenn mir ſo etwas geſchehen waͤre, die ich wegen meines Leichtſinns eine große Strafe verdient habe, ſo waͤre es nicht mehr als gerecht geweſen. Aber Ho⸗ norine, die ſo edel, ſo rein, ſo ſtark iſt, die ſtets ihr Herz ungeruͤhrt erhalten hat, daß ſie gerade davon getroffen werden mußte... o Arnold, iſt denn dieſer Menſch ganz wahnſinnig? Einmal ſeinen Blick zu Honorinen zu erheben und ihn dann wieder herabzu⸗ ſenken auf.. „Wir wollen im Voraus nicht allzuſtreng ur⸗ theilen! Dieſes Verhaͤltniß iſt ſo zart, daß man kaum nach einer Seite hin wagen kann, es zu erforſchen. Philipp hat eine ſo gluͤhende Natur, er ſpricht von ſeiner Freundſchaft mit Enthuſiasmus und wenn er die Feder in die Hand nimmt... Ja, ja, es iſt moͤg⸗ lich, daß irgend ein Mißver...“ 5 „Ach, ich bitte, kein Wort mehr!“ ſagte Adele zornigerroͤthend.„Kannſt Du glauben, daß Hono⸗ rine zwei ſolche Sprachen nicht von einander zu unter⸗ ſcheiden wuͤßte?“. „Ich wage nicht laͤnger, ihn gegen Dein ſtrenges Urtheil zu vertheidigen;z aber ich wage— denn ich kenne ihn— mir eine Milderung ſeiner Schuld zu denken... aber ach, meine Adele, meine einzig Ge⸗ liebte, wie gut iſt doch Gott gegen uns! Waͤhrend Sturm und Leiden diejenigen heimſuchen, die uns theuer ſind, ſteht unſer Gluͤck in der ſchoͤnſten Bluͤthe.. Jetzt lebe wohl, auf eine Stunde; moͤge der Brief, den ich ſchreiben werde, nicht zu ſpaͤt kommen.“ „Theurer Arnold, ich brauche Dich nicht an Schonung und Zartgefuͤhl zu erinnern!“ „Fuͤrchte nichts— aber ich fuͤrchte, daß der Zeit⸗ verluſt, der dadurch entſtanden, daß der Brief erſt hierher geſchickt werden mußte, von weſentlicher und ſchlimmer Folge ſein kann. Doch ſei dem, wie ihm wolle, ich werde meine Pflicht thun.“ Hier iſt jedoch nicht der Ort, wo wir Arnolds und Honorinens Briefe leſen werden. Jetzt, nachdem wir hinreichend reine Luft einge⸗ athmet haben, um die erſtickende und brennende At⸗ moſphaͤre ertragen zu koͤnnen, in welcher die ſtrafbaren Leidenſchaften wohnen, wollen wir in das„Bad“ zuruͤckkehren und die Ereigniſſe bis zu dem Punkt verfolgen, auf welchem ſie ſelbſt ſtehen geblieben wa⸗ ren, als die beiden Briefe den Ort ihrer Beſtimmung erreichten. Ende des ſechſten Theiles. Druck der Verlagsbuchdruckerei in Wurzen. — — S 8 — „ S —