— ——— ½ Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und nrun3 iſcher Literatur Eduard ottm⸗ ann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt; für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———————————— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mer. 59 Pf. 2 er.— Pf. 6 4 5. Auswärtige Abonnenten baben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern dc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des wanzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam erſole. daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ———— —dD Ein Ger Noman * von Emilie Carlén. 3 Aus dem Schwediſchen von A. Kretzſchmar. 13r— 15r Band. Grimma und Leipzig, Druck und Verlag des Verlags⸗Comptoirs. 1 1850. Ein Gerücht. Fuͤnfter Theil. Ein Gerücht. V. 1 —— Viertes Buch. Zwei Sonnen an einem Himmel. (Fortſetzung.) 1* 6. Der werdende Märtyrer. Es war ungefaͤhr vier Uhr Nachmittags. Die junge Frau, die ſtets ein aͤußerſt frugales Mit⸗ tagsmahl einnahm, zu welchem Niemand eingeladen ward, lag noch in ihrem Morgengewande auf dem Sopha. Sie hatte ein gewiſſes Portrait und eine gewiſſe blonde Haarlocke betrachtet, welche beide Gegenſtaͤnde ſie ſehr aufgeregt haben mußten, denn ihre Augen ſchwam⸗ men noch in Thraͤnen, als Beate eintrat und den Kam⸗ merrath anmeldete. Er hatte etwas ganz Beſonderes mit ihr zu ſprechen. „Sage dem Herrn Kammerrath, daß ich heute Nach⸗ mittag Niemanden empfangen haben wuͤrde, denn ich bin wieder einmal von meiner Migraine entſetzlich geplaget worden; wenn aber der Kammerrath entſchuldigt, daß er mich ſo trifft, ſo werde ich mich freuen, ihn zu ſehen.“ Sie ſchob ſchnell das Portrait unter die Falten ihrer Blouſe, die Haarlocke aber, die in einem Papiere lag, war bei ihrer raſchen Bewegung aus dem Umſchlage gefallen und ſie gab nicht Acht darauf, daß es blos das Papier war, was ſie neben dem Medaillon verſteckte. Nebenbei wollen wir erwaͤhnen, daß die zwei Ge⸗ genſtaͤnde, auf welche Lilia's Thraͤnen gefallen, wahr⸗ ſcheinlich zwei verſchiedene Perſoͤnlichkeiten repraͤſentirten, denn das Haar, welches ſich auf der hintern Seite des Portraits befand, war ganz verſchieden von dem, welches in dem Papiere lag. Einen Augenblick darauf trat der Kammerrath ein. Wir muͤſſen hier einen naͤheren Blick auf ſeine Perſon werfen, denn es ſind ſchon ein paar Monate her, daß die heilige Lilia ihre kleinen Betrachtungen uͤber den Nutzen und die Nothwendigkeit angeſtellt hat, ſich einen andern Namen und eine andere Stellung zu verſchaffen, was ſo viel ſagen will, als eine weniger genannte Stellung, als die gegenwaͤrtige. Aber da ſie jetzt weit entfernt von dem Gedanken war, wieder einen Roman in der Ehꝛ zu ſpielen, ſo warf ſie ihre Augen auf einen geſetzten Mann, einen reichen Mann, einen angeſehenen Mann und vor Allem, auf einen gutmuͤthigen Mann, kurz auf einen Mann, der ſie um des Vergnuͤgens willen, ſie ſeine Frau zu nennen, nach Gutduͤnken uͤber ſich⸗ verfuͤgen ließe. Das Vermoͤgen des Medizinalraths ward etwas 7 höher geſchaͤtzt, als das des Kammerraths, aber die Gut⸗ muͤthigkeit des Kammerraths ging weit uͤber die des Medizinalraths, denn dieſer war ein ſtolzer und einge⸗ bildeter Mann, der ſich freilich niemals als ſolcher bei ſeiner Favoritpatientin zeigte, die ihm den Kopf ganz ver⸗ dreht gemacht hatte. Doch wir kehren zu dem Kammerrath zuruͤck, wel⸗ cher, anſtatt die Dreiſtigkeit und Zuverſicht ſeines Ne⸗ benbuhlers zu zeigen, ſich ganz ſchuͤchtern an der Thuͤr verbeugte und eine Entſchuldigung ſtammelte, welche Lilia nicht hoͤrte. „Der werdende Maͤrtyrer“— wir haben gewagt, ihn ſo zu nennen, weil ſeine vorzugsweiſe milden Eigen⸗ ſchaften ihn in Lilia's Gunſt ſchon auf eine hoͤhere Stufe ſtellten, als der Medizinalrath erreicht hatte— der wer⸗ dende Maͤrtyrer war ein von Geſtalt kleiner Mann, aber dieſe Geſtalt war fehlerfrei und hatte ſchoͤne Pro⸗ portionen, waͤhrend zugleich die anmuthige Weichheit in allen ſeinen Bewegungen ihm einen großen Vorzug vor dem Medizinalrath gab, welcher lang und ſteif, hager und ſchroff, nur durch Studium einige Anmuth zu be⸗ ſitzen ſchien, die demzufolge auch total wegblieb, wenn es ihm nicht einfiel, ſie haben zu wollen. Auch in Bezug auf die Mienen hatte der Kam⸗ merrath den Vorzug. Wenn man zum Beiſpiel die Phyſiognomie des Medizinalraths mit dem Grinſen verglich, welches ein empfindlicher Patient ſehen laͤßt, wenn er die Aufſchrift einer Medizinflaſche zu Geſicht bekommen, ſo glich da⸗ gegen die des Kammerraths der eleganten Aufſchrift ſelbſt welche den Patienten anlaͤchelt und ſeine Furcht zu be⸗ ſtechen ſucht. Langes, blondes Johanneshaar hing zu beiden Sei⸗ ten der hohen Stirn des freundlichen Kammerraths hergb und ein paar Augen, ſo mild wie die des Taubers, der nach ſeiner Schönen girrt, leuchteten friedlich uͤber jeden Schritt, der ihn ſeiner Schoͤnen naͤher brachte. Weiter ſind zu bemerken, ein Paar friſche, volle Wangen, ein paſſabler Mund, eine feingekruͤmmte Naſe und endlich eine in ihrer Art unvergleichliche Miene, denn dieſe ſagte ſo deutlich, wie eine Miene nur ſagen konnte: Sehet in mir das Gepraͤge eines Menſchen, der ſeinen geringen Werth kennt! Kann ich Euch aber einen Dienſt leiſten, ſo rechnet auf mich, ich bitte darum!.. Hio he Areels e die rh. „Beſter Herr Kammerrath, entſchuldigen Sie meine Vertraulichkeit, daß ich Sie ſo empfange; Beate wird Ihnen aber ſchon... „Sie ſprach von einer heftigen Migraine und ich bin in Verzweiflung, daß ich ſo ungelegen komme!“ „O, der Herr Kammerrath iſt ein allzuhochverehr⸗ ter Freund, als daß er etwas derartiges ſollte zu befuͤrch⸗ ten haben.“ 9 „Eine ſolche Ehre, geehrte Frau— ach... „Nein, es iſt ganz einfach und aufrichtig meine Meinung. Ich kann mich nicht verſtellen; aber treten Sie doch naͤher und ſetzen Sie ſich gefaͤlligſt hier neben mich.“ Dies ward geſagt, waͤhrend der Kammerrath leiſe und auf den Zehen ſich einem Stuhle neben dem Dfa naͤherte. Bei der Aufforderung der Wirthin jedoch flog ein leuchtender Schimmer uͤber ſein Antlitz und nach zwei oder drei zirkelfoͤrmigen Bewegungen ſteuerte er den ge⸗ raden Cours nach dem Stuhle, den ſie ihm bezeichnet. In dieſem Zimmer war noch nicht einmal der Medizinalrath empfangen worden und auch der Kammer⸗ rath ſah es heute zum erſten Mal. Als er ſich Hiederſeben wollte, machte er eine ſo tiefe Verbeugung, daß ſeine Stirn den Fußteppich be⸗ ruͤhrte und als er ſich wieder aufrichtete, hielt er in der Hand eine kleine Haarlocke und uͤberreichte ſie mit an⸗ muthiger Geberde Lilia, welche ſie erroͤthend empfing. „Ach... ſie iſt von meinem Sohne!“ ſagte ſie und warf zug leich einen Blick ſchwelgender, muͤtterlicher Zaͤrtlichkeit gen Himmel. „Wohl als er noch ganz klein war?“ bemerkte der Kammerrath mit ſeiner weichen Floͤtenſtimme, einem ſchoͤnen Accompagnement zum Harfentone der Heiligen. „Woraus ſchließen Sie das, Herr Kammerrath?“ 10. „Aus der Verſchiedenheit der Farbe zwiſchen dieſer kleinen blonden Locken und dem Haargeflecht, welches Frau Sorenius in ihrem Ringe traͤgt und welches, wie ich mich entſinne, gehoͤrt zu haben, ein Andenken an den verlorenen Kleinen iſt.“ „Ja,“ antwortete Lilia mit vollkommen gleichmaͤ⸗ ßiger Stimme— es war blos das Farbenſpiel auf ihrer Wange, was einige Gemuͤthsbewegung verrieth—„dieſe Locke ſchnitt ich von ſeinem Haupte, als er erſt einige Wochen alt war und es iſt mir ſo angenehm, die kleinen Seidenlocken in ihrer natuͤrlichen Geſtalt zu ſehen, daß ich nicht den Muth habe, ſie in eine andere Form zu zwingen. Ich hatte dieſes ſo liebe Andenken gerade her⸗ vorgeſucht, als Sie kamen, Herr Kammerrath, und be⸗ merkte nicht, daß es herunterfiel.“ „Armes, zaͤrtliches Mutterherz,“ ſagte der Kam⸗ merrath,„aber gluͤcklicher Weiſe haben Sie doch noch ein theures Haupt bei ſich.“ „Ja, Gott hat mir erlaubt, durch dieſen Engel auf ſeinen Schutz hoffen zu duͤrfen. Ohne ſie haͤtte ich mich ſchon viele Mal ganz verlaſſen gefuͤhlt.“ „Was— hat ein ſolcher Gedanke jemals Platz in einem Herzen finden koͤnnen, welches ſein Schickſal auf ſo wuͤrdige, ſo exemplariſche Weiſe zu tragen ſcheint? Hat ein Gemuͤth verzagen können, welches den Kindern der Armuth und der Noth taͤglich Troſt gebracht hat 2 „Ach, Herr Kammerrath, die Gemuͤthsſtaͤrke und 11 die Kraft, die aus einem Vorſatz hervorgehen, ſind nicht immer maͤchtig genug, um die menſchliche Schwachheit zu unterdruͤcken. Ich habe ſchmerzlich, ja grauſam ge⸗ litten— die Menſchen haben mich mit ihren harten Fuͤßen niedergetreten, man hat mein armes Herz mit tauſend Stacheln gegeißelt... ach, ich ſollte nicht kla⸗ gen, es iſt feig— doch fuͤhle ich heute das Beduͤrfniß.“ „Und ich bin es— ich, dem Sie dieſes urſchät⸗ bare Vertrauen ſchenken wollen, welches.... ge⸗ ehrte Frau— o, o welche Gunſt!“ Jedes„o“ ward außer dem Ausrufslaute ſelbſt, der bedeutend verlaͤngert ward, noch ferner durch einen ſchoͤ⸗ nen Zuſatz von Seufzern verlaͤngert. Niemand konnte ſo ſeufzen, wie der werdende Maͤr⸗ tyrer. Seine Halbſeufzer waren abſonderlich von ganz verfuͤhreriſcher Wirkung, denn es lag in ihnen ein Leiden, welches ſich verbarg. „Wie,“ hob Lilia wieder an und ihr Blick zeigte ein bewundernswuͤrdiges Erſtaunen— ein weit hoͤheres Erſtaunen als das, welches dieſe ſelben Augen am Vor⸗ mittage vor dem Medizinalrath ausgedruͤckt, als er fuͤrch⸗ tete, er koͤnne ſeiner Patientin an Tugenden nicht gleich kommen—„wie, giebt es denn vielleicht Jemanden, an den ich mich mit mehr Vertrauen wenden koͤnnte? Oder habhe ich mich vielleicht getaͤuſcht?“ „Getaͤuſcht— nein, nein, gewiß nicht... ich... ach, dieſes Gluͤck...“ „Aber... ich verſtehe nicht. Eine arme Witwe, wie ich, ſpricht offen mit einem Mann, der ſich ihres Wohlergehens ſo ſehr angenommen, einem Mann, der, obſchon Geſchaͤftsmann, niemals ihr Begehren getadelt, von ihrem Wenigen Andern mitzutheilen, ſondern der im Gegentheil dabei bereitwillig an die Hand gegangen iſt. Was iſt nun natuͤrlicher, als daß ſie Vertrauen zu dem faßt, der ihr erſt ſolches erwieſen?“ Der Kammerrath verneigte ſich demuͤthig und legte die Hand auf die Bruſt. Dieſe Pantomime„war weit beredter, als das Manoͤvre des Medizinalraths mit der goldnen Doſe, ja weit beredter als ſein Lieblingsausdruck, das„Puͤlschen“, den Lilia niemals ohne heimlichen Abſcheu hoͤrte. „Heute, geehrte Frau, bin ich gekommen, um Ihnen meinen Eifer zu beweiſen.“ „Als ob Sie mir dieſen nicht fortwaͤhrend be⸗ wieſen.“ „Aber es ſteht nicht immer in meinem Vermoͤgen, es mit demſelben Erfolge zu thun.“ „Nun wohl, ich bin ganz Ohr.“ „Es handelt ſich um ein Actienunternehmen zur Anlegung von...“ Wir verzichten darauf, den ſpeciellen Zweck des Actienunternehmens zu erfahren, woruͤber jedoch der Kammerrath mit großer Gelaͤufigkeit und bis in die kleinſten Details hinein Auskunft gab. Es genuͤge 13 uns, zu wiſſen, daß die Vorſtellung mit den Worten ſchloß, welche offenbar die Quinteſſenz des Ganzen aus⸗ machten: „Geehrte Frau, ich bin der Meinung, daß dieſe Speculation auf achtzehn Procent geben wird. Befeh⸗ len Sie, daß ich mich fuͤr ihre Rechnung dabei be⸗ theilige?“ „Lieber Herr Kammerrath, Sie ſind, wie ich ſo eben ſagte, Geſchaͤftsmann und koͤnnen daher beſſer, als ich, die Sache beurtheilen und mir rathen.“ „Und gleichwohl wuͤnſche ich immer, daß die Per⸗ ſonen, die mir ihr Vertrauen ſchenken, ſelbſt ſich beſtim⸗ men. Ich wage jedoch meinen Rath in dieſer Hin⸗ ſicht gegen Jeden zu vertheidigen und vielleicht liegt eine Garantie auch darin, daß ich mich ebenfalls bei dieſem Unternehmen mit einer gleichen Summe betheilige, wie die, welche ich Frau Sorenius zum Einſatze vorzuſchla⸗ gen die Ehre habe.“ „Ach wie huͤbſch, dieſer Umſtand entſcheidet mich vollkommen! Wir werden alſo Compagnons und machen unſere kleinen Geſchaͤfte mit einander?“ Dieſe zwei Worte wir und unſere mußten eine electriſirende Wirkung auf den Kammerrath aͤußern, denn mit einer Dreiſtigkeit, die nicht einmal dem Me⸗ dizinalrath eingefallen waͤre, faßte er die Hand, welche Lilia nachlaͤſſig von dem Sopha herabhaͤngen ließ, und nachdem ein Sturm von Seufzern vorhergegangen, 14 ließ er dieſelben in einem langen und ehrerbietigen Kuſſe verſtummen. Dies war die erſte Huldigung des ſchuͤchternen, zukuͤnftigen Maͤrtyrers und ſie ließ auf der Hand ſeiner Geſchaͤftsfreundin einen kleinen, roſenrothen Flecken zuruͤck. Lilia erſtaunte uͤber den Muth des Kammerraths in einem ſolchen Grade, daß ſie ſelbſt ſcharlachroth ward. Aber als der Kammerrath nun carmoiſinroth ward und zu zittern anfing, wie ein Espenlaub, ſo ließ ſich nichts weiter thun und die ſtrenge Miene verwandelte ſich in das himmliſchſte Laͤcheln. Dieſes Laͤcheln gab der Faſſung des Anbeters den Todesſtoß. Er begann Worte hervorzuſtottern, ſie gleich dar⸗ auf wieder zuruͤckzunehmen, wieder hervorzuſtammeln und endlich unter ſchuͤchterner, bebender Verwirrung das entſcheidende Wort auszuſprechen: „Geehrte Frau, verdammen Sie mich, aber ver⸗ achten Sie mich nicht... ich... ich... wahnſinniger Menſch habe gewagt, meine Blicke zu erheben... darf ich wagen, es auszuſprechen— nein, es fehlt mir an Kraft und gleichwohl befiehlt mir eine innere Macht hhinzuzuſetzen... ja, ich habe gewagt, meine Blicke bis zu Ihnen zu erheben.“ „Aber, mein Gott, beſter Herr Kammerrath, darin 15 ſehe ich doch nichts Unrechtes!“ ſagte Lilia mit der naiv⸗ ſten Aufrichtigkeit. „Wie— nichts Unrechtes?... Sie... Sie... weiſen mir nicht die Thuͤr? Ich darf Sie einmal wie⸗ derſehen?— Sie lachen nicht einmal uͤber eine ſo un⸗ ermeßliche Thorheit?“ „Da waͤre es in der That unwuͤrdig von mir ge⸗ handelt, ſie hervorgerufen zu haben.“ „Aber, geehrte Frau, bedenken Sie doch... daß Ihre Worte,“— der Kammerrath holte tief Athem— „beinahe einen Anſchein von Gunſt enthalten.“ „Blos einen Anſchein, Herr Kammerrath?— Sie beſitzen wirklich nicht allzuviel Eigenliebe.“ „Huͤten Sie ſich, geehrte Frau— wenn es Ihre Abſicht iſt, mich wahnſinnig zu machen, ſo werden Sie Ihren Willen bald in Erfuͤllung gehen ſehen.“ „Hoͤren Sie mich an, mein Freund!“ „Reden Sie, reden Sie!“ „Ich gehoͤre zu jenen einfachen Naturen, die ſich nicht darauf verſtehen, die ernſten Fragen des Lebens zum Gegenſtand eines zweckloſen und oft leichtſinnigen Scharmuͤtzels zu machen. Ich bin offenherzig, einfach und ungeſchminkt ſowohl im Reden als im Handeln, ich habe nichts zu verbergen und bei wem dies der Fall iſt, der hat auch bei ſeiner Aufrichtigkeit nichts zu be⸗ fuͤrchten.“ „Ach, geehrte Frau, geehrte Frau.“ 16 „Warten Sie einen Augenblick! Da ich aufrich⸗ tig bin, ſo ſage ich Ihnen, daß ich mich durch die Empfindungen, die Sie ausſprechen, geehrt fuͤhle, aber daß ich— gewarnt vor der Uebereilung, mit der ich in Folge des Willens meines Vaters meine erſte Wahl traf— nicht wagen kann, mich bei dem Abſchluß einer neuen abermals zu uͤbereilen.“ „Himmliſcher Gott! Sie koͤnnten alſo doch, Sie, die Sie ſo ſchoͤn, ſo jung, ſo engelgleich ſind, ſich zu der Moͤglichkeit eines Gedankens an den Mann herab⸗ laſſen, der keinen Vorzug hat als den, daß er es fuͤr ſein unſchaͤtzbarſtes Gluͤck anſehen wuͤrde, wenn er Ihre Befehle erfuͤllen duͤrfte, bevor dieſelben ausgeſprochen ſind.“ „O, lieber Herr Kammerrath, ſo anmaaßend bin ich nicht!“ antwortete die kleine Frau mit einem Ausdruck der Unterwuͤrfigkeit,„aber ich ſehe ein, daß ich nicht mehr lange ohne einen Beſchuͤtzer leben kann und einen allzujungen Mann mag ich nicht wieder haben.“ „Und welche junge Frau denkt eben ſo, wie Sie!“ „Ganz ſicher eine jede, welche dieſelben Erfahrun⸗ gen gemacht. Die jungen Maͤnner, die ſich noch nicht eine ehrenvolle Bahn in der Welt gebrochen haben, verheirathen ſich entweder aus Eigennutz oder Leidenſchaft und keines von beiden iſt wuͤn⸗ ſchenswerth. Die Trivialitaͤt des einen und der Schwindel des andern ſind mir gleich ſehr zuwider, da ich⸗ die ber hin ahl ner Sie, zu ab⸗ fuͤr hre hen ich ruck icht nen ie!« un⸗ noch hen nutz un⸗ der da 17 ich mich bei einer ſanften, ruhigen Zaͤrtlichkeit, ohne Uebertreibung, am beſten befinde.“ „Ihre Denkungsart, geehrte Frau, erhoͤht meine Verehrung und— wenn ich mir erlauben darf, es hin⸗ zuzuſetzen— meine Bewunderung und demuͤthige Liebe in ſolchem Grade, daß ich, um die unermeßliche Selig⸗ keit zu genießen, die Sie mir in der Ferne zeigen, gern ein ſchweres Leiden dulden wollte.“ „Herr Kammerrath, ich verſpreche nichts, aber ich werde mir die Sache einige Monate uͤberlegen und dann...“ „Einige Monate zwiſchen Furcht und Hoffnung— o meine theure, meine verehrte Frau, da brauche ich mir kein groͤßeres Leiden zu wuͤnſchen!“ „Aber, mein Herr, wenn ſie es nun bereuen?“— Es war eine liebliche, weiche Stimme, welche an des Kammerraths Ohr hauchte. „Bereuen— ich bereuen... wie, geehrte Frau, zaubern Sie dieſen Ton hervor... die Muſik der En⸗ gel kann nicht ſchoͤner ſein... ich verlaſſe Sie, ich muß Sie verlaſſen, denn ich will Sie nicht durch eine Thor⸗ heit beleidigen.“ „Ja, gehen Sie nun, beſter Herr Kammerrath!“ „Ich gehorche. Aber waͤhrend dieſer Monate bin ich doch nicht von Ihnen verbannt?“ „Wie koͤnnen Sie mich ſo etwas fragen— Sie Ein Gerücht. v. 2 18 haben ja Erlaubniß erhalten, mir in aller Ehrbarkeit ihre Huldigungen darzubringen.“ „Das heißt... o... daß ich nicht jeden Blick und jedes Wort allzuſtreng zu beherrſchen brauche?“ „Wenn es Ihnen zu ſchwer faͤllt, mein Freund, ſo muß ich ſchon einmal, wiewohl hoͤchſt ſelten, Ihre Klagen anhören... Und nun, leben Sie wohl.“ Nach einem neuen, hervorgeſeufzten Kuß auf Lilia's Hand, ging der Kammerrath ruͤckwaͤrts und mit verklaͤr⸗ tem Angeſicht zur Thuͤr hinaus. Als der Schall ſeiner Tritte in dem aͤußern Zim⸗ mer verhallte, ſchlug die junge Frau, mit einer aus⸗ drucksvollen Geberde, ihre kleinen Haͤnde zuſammen. „Der Narr iſt ſo complett, daß man ſchwerlich einen completteren finden wuͤrde! Und doch hat er gleichzeitig ein ernſtes und gutmuͤthiges Anſehen, wel⸗ ches das beſte Aushaͤngeſchild iſt, das eine Frau bei ihrem Manne wuͤnſchen kann, denn es deutet haͤusliche Ruhe und behaglichen, innern Frieden an. „Ja,“ ſetzte ſie, nachdem ſie eine Weile nachge⸗ dacht, hinzu,„es wird ganz vortrefflich— er wiegt in der That den Medizinalrath auf.“ Sie nahm wieder die kleine Haarlocke in die Haͤnde, die noch einmal von ihren Thraͤnen befeuchtet ward. Dann legte ſie beides, dieſe und das Portrait— auf welche ſie gleichwohl nicht einen einzigen Blick warf rkeit Blick 3 zund, Ihre ilia's klaͤr⸗ Zim⸗ aus⸗ . eerlich at er wel⸗ u bei sliche achge⸗ egt in Haͤnde, rd. nit— warf 19 — wieder in eins der verborgenen Faͤcher ihrer Chiffo⸗ niere. Konnte man aber ihr Gefuͤhl nach der Gemuͤths⸗ bewegung beurtheilen, womit ſie den Schluͤſſel mehrmals vor⸗ und ruͤckwaͤrts drehte, ehe ſie ſich entſchließen konnte, ihn herauszuziehen, ſo hatte ſie ſicherlich eine große Ueberwindung bewieſen, als ſie das Portrait weglegte, ohne es noch einmal zu betrachten. Gleich darauf klingelte die junge Frau, um ſich anzukleiden. Die Fraͤuleins im Parterre hatten heute ihren Soiréetag. „Nun, Beate,“ ſagte die Herrin, als die alte Jung⸗ fer eintrat,„ich hoffe, daß Du heute kein Geplauder ge⸗ hoͤrt haſt?“ „Auf ſo etwas hoͤre ich niemals— aber als ich an der Gewoͤlbſtube der Bijouteriemamſells vorbeiging, traf es ſich zufaͤllig, daß ich die Ohren nicht verſtopfen konnte.“ „Liebe Beate, ich habe Dich ja ſtets gewarnt!“ „Liebe Herrin, man lachte ungeheuer uͤber zwei junge Offiziere, die den halben Vormittag vor unſern Salonfenſtern hin und her ſpaziert ſind. Aber, lieber Gott, ich brauchte daruͤber nicht zu lachen, denn das iſt 2* 20 ja etwas Altes— auch geſtern Abend, als Sie zu Hauſe waren, ſah ich ſie auf dieſelbe Weiſe hier herumlaviren. „Und was ſagt man zu dieſem Unfug, der wirk⸗ lich ſehr ſtrafwuͤrdig iſt?“ 1 „Man ſagt, daß ſie ihr Feuer vergebens brennen laſſen und daß es unter der ganzen Sonne keine zweite ſo tugendhafte Frau giebt. Und ſie ſagen auch, daß dieſen Narren recht geſchieht, wenn ſie ſehen, daß nicht alle Frauen ſo ſind, wie gewiſſe andere.“ Die heilige Lilia laͤchelte ihre treue Dienerin an. „Ich hoffe,“ ſagte ſie,„daß dieſe Ungebuͤhrlichkeit bald aufhoͤren wird, da ich mich ja niemals am Fen⸗ ſter zeige.“ „Aufhoͤren?— Warum nicht gar! Die Fraͤu⸗ leins ſagen, daß eben ſo wie Sie, liebe Herrin, die Reinſte von Herzen, ſo auch die Schoͤnſte von Geſicht ſind und ſie glauben auch, daß die da druͤhen ſich nicht ſchlecht aͤrgert, daß ihr nicht die ganze Schaar an der Schleppe haͤngt.“ Alle dieſe Worte waren fuͤr die heilige Lilia gleich⸗ 4 ſam ein lieblicher Duft, indem ſie ihr gleichſam die feſte Hoffnung einfloͤßten, daß an dem Tage, wo ſie ihr Haus eröffnete, das Aergerniß der Stadt eine eben ſo große Niederlage erleiden, als die Heilige der Stadt einen großen Fang thun muͤßte. AoS 7. Eine doppelte Ueberraſchung. Es war acht Tage nach dem Feſte bei Frau Adele von Stern. Die junge Witwe ſtand wieder im Ballkeide vor einem der großen Spiegel ihres Salons. Sie pruͤfte ſorgfältig den Kopfputz, der beſtimmt war, alle die Cavaliere zu blenden, die der erſten Tanz⸗ ſoirée beiwohnen wuͤrden. Wenn wir ſagen, alle, ſo muß dies buchſtaͤblich genommen werden, denn es verdroß Frau Adele, daß es wirklich Cavaliere gab, welche die Zeit, wo ſie ihr haͤt⸗ ten die Cour machen koͤnnen, unter den Fenſtern der ſcheinheiligſten Frau vergeudeten. Sie, die weder Baͤlle gab, noch beſuchte, hatte doch einen groͤßern Theil von Frau Adelens Hofſtaat an ſich gezogen, als dieſe billigerweiſe vertragen konnte. Und ſie war feſt uͤberzeugt, daß dieſe ſorgfaͤltig zugezo⸗ 22 genen Jalouſien ſich dann und wann weit genug oͤffne⸗ ten, um einen Blick hindurchzulaſſen. Es verlohnt ſich nicht der Muͤhe, daß wir uͤber dieſen Punkt mit Frau Adele zu disputiren ſuchen. Sie iſt ſo ſtark in ihrem Glauben, daß es beinahe wahr⸗ ſcheinlich iſt, daß ſie Nachrichten durch einen vertrauten Geiſt erhielt, der zwiſchen den beiden weiblichen Sonnen mit ſeinen Rapporten hin und hereilte. Doch dem ſei, wie ihm wolle, unſere Witwe hatte ſich vorgenommen, heute Abend alle ihre Vortheile wie⸗ der zu gewinnen. Sie war auch in der That blendend! Ueber einem Unterkleid von weißem Taffet trug ſie ein zweites von geſticktem Tuͤll, aus lauter luftigen Falbeln, eine uͤber der andern, zuſammengeſetzt, von denen jede an der Seite mit einer hellrothen Roſen⸗ knospe befeſtigt war, gleich denen, welche das Diadem um die reichen, geſchmackvoll geordneten Haarflechten bildeten. Ihr ſchlanker Leib, der niemals eine Feſſel haͤtte kennen ſollen und auch deren nicht bedurfte, um die ſchoͤne Rundung ihres Wuchſes zu zeigen, neigte ſich geſchmeidig unter den leichten Bewegungen, die ſie nach allen Seiten hin machte. Und gewiß war ſie vergnuͤgt, denn ſie laͤchelte ihr Bild, das ſo zauberiſch im Blumenſchmucke ſie an⸗ ſchauete, an, waͤhrend ſie dann und wann an ein großes 23 Bouquet roch, welches ihr einer ihrer Bewunderer, ohne ſich zu nennen, geſchickt hatte... Die kleinen, in wei⸗ ßen Seidenſchuhen ſteckenden Fuͤße ſchienen ſich ſchon zum Tanze zu ruͤhren. Die Augen ſtrahlten, die Stirn ſtrahlte, die ganze anziehende Frau ſtrahlte von Geſundheit, Jugend und blendender Anmuth. Und gleichwohl hatte dieſe ſelbe Ballkoͤnigin in der Nacht vorher Erinnerungen gehabt, die ſie bewogen hat⸗ ten, vor Angſt zu zittern. Aber daran dachte ſie jetzt nicht; jetzt dachte ſie blos daran, ſich zu vergnuͤgen. In dieſem Augenblick trat Mamſell Caroline ein. „Iſt der Wagen vorgefahren?“ „Ich glaube, er wird eben kommen... ach, mein Gott, wie ſchoͤn ſehen Sie, gnaͤdige Frau!“ Und Mam⸗ ſell Caroline ſchlug die Haͤnde zuſammen, als ob ſie im Garderobezimmer ihr Werk nicht ordentlich haͤtte betrach⸗ ten koͤnnen. „Glaubſt Du das? Nun ja, es geht wohl an. Mein Teint iſt heute Abend ziemlich rein und die Kraͤu⸗ ſelung meiner Locken ganz ſuperbe— was meinſt Du?“ „Und Ihr Hals, gnaͤdige Frau, iſt weißer, als die weißen Cameen und Ihre Haltung ſo vornehm, wie die einer Koͤnigin! Ich ſage, daß heute Abend alle Maͤnner in Sie rein raſend welben muͤſſen, gnaͤdige Frau.“ 24 „Um ſo beſſer, liebe Caroline, dann kann ich ſie alle zuſammen auslachen. Ich bedarf des Lachens... Aber wer geht denn da draußen— haſt Du die Thuͤr offen gelaſſen, geh und ſieh nach! Es iſt jemand Fremdes.“ Mamſell Caroline ſprang nach der Thuͤr, hatte aber dieſelbe kaum geoͤffnet, als auch ſchon ein Herr eintrat, der beim Anblick der zum Ball geſchmuͤckten ſchoͤnen Frau, die er wahrſcheinlich ganz anders anzu⸗ treffen erwartet, drei Schritte zuruͤcktrat. „Ah, Doctor Warvner!... O, tauſend, tauſend⸗ mal willkommen!“ Mit einer Haſt uͤber den Fußboden hineilend, daß Seide und Tuͤll rauſchten und die breiten Falbeln ſie umſchwebten, wie leichte Wolken, ſtand Adele einen Augenblick darauf an des Doctors Seite. Und nun ſtreckte ſie ihm die Hand entgegen, von welcher ſie den Handſchuh beinahe herunterriß. Arnold fuhr ſich mit der Hand uͤber die Augen⸗ Er war gleichzeitig geblendet und erblindet. Dieſe Frau— hatte ſie ſich ſo geſchmuͤckt fuͤr... vielleicht fuͤr ein fruͤhzeitiges Grab. Ein unausſprechlich wehmuͤthig⸗bekuͤmmertes Laͤ⸗ cheln war ſein Gruß. Worte fehlten ihm im erſten Augenblick vielleicht auch deshalb, weil die ſtrahlende Ballkoͤnigin ſeine Patientin in dem Gebirgshaͤuschen unendlich uͤberglaͤnzte. „Mein Gott, Doctor, Sie nehmen eine kummer⸗ 3 Laͤ⸗ rſten lende schen mer⸗ 25 volle Miene an, die mich ganz zur Verzweiflung bringt! Sind Sie denn ſchon unzufrieden mit mir, ehe ich noch ein einziges Wort des Grußes hervorgebracht habe?“ „Ja, wenn es zu etwas diente,“— antwortete Arnold, indem er leicht die Hand druͤckte, welche ſeine Wirthin ihm ſo vertraulich hinhielt—„wuͤrde ich ſo⸗ gar ſagen, daß ich hoͤchſt unzufrieden bin, Sie in dieſer Tracht anzutreffen.“ „Aber ſehe ich denn gar ſo mißlungen aus?“ ſagte die junge Witwe, mit einer ſchalkhaften Bewegung des Kopfes. Sie huͤtete ſich wohl, ihn zu verſtehen. „Sie ſehen nur allzugelungen aus! Aber konnte ich mir wohl vorſtellen, meine Patientin ſo zu finden, wie ich ſie finde?“ „Wann ſind Sie denn in hieſiger Stadt angekom⸗ men, Herr Doctor?“ „Vor einer Stunde. Ich nahm mir nur ſo viel Zeit, um meine Reiſekleider abzuwerfen... und nun, wie geſagt, ſehe ich, daß gar keine Veranlaſſung zur Eile vorhanden zu ſein ſcheint.“ „Aber ſo bedenken Sie doch, mein beſter Doctor, daß dies Alles Ihre eigene Schuld iſt!“ Und waͤhrend ſie ſprach, fuͤhrte ſie Arnold nach dem Divan, auf welchem ſie Beide Platz nahmen. „Wie— meine Schuld?“ „Ja, allerdings; Sie wollten mich uͤberraſchen 9 26 und Sie kamen eine Woche eher, als Sie ver⸗ ſprochen.“ „Ich hoffte, Ihnen eine Freude zu machen.“ „Nun, und wer ſagt Ihnen denn, daß Sie mir keine Freude gemacht haben? Aber dieſe Ueberraſchung bereitete auch Ihnen ſelbſt eine.“ „Daß ich uͤberraſcht war, habe ich ſchon zugeſtan⸗ den, aber daß die kleine Surprice, die ich Ihnen berei⸗ ten wollte, etwas damit zu ſchaffen gehabt, begreife ich nicht.“ „Dann werde ich Ihnen darauf helfen.“ „Thun Sie das, gnaͤdige Frau— ich bedarf Ihrer Leitung.“ „In ungefaͤhr ſieben Tagen— zu welcher Zeit Sie nach Ihrem Briefe kommen wollten— hatte ich mir vorgenommen, Krankentracht anzulegen... Sie glauben nicht, wie ſchoͤn ich mir Alles ausgeſonnen hatte. Ich habe ein kleines, allerliebſtes Kabinet, wo ich mich zu etabliren beabſichtigte und Sie wuͤrden Frau Adele von Stern als die vernuͤnftigſte, ergebenſte und troſtreichſte aller Patientinnen gefunden haben. Weſſen Schuld iſt es nun, daß Sie von allem dieſen nichts vorgefunden haben?“ „Aber ſagen Sie mir, um Gottes willen, ob ich traͤume.“ „Und weshalb ſollten Sie das thun?“ „Haben Sie mich Ihres Vergnuͤgens wegen rufen ver⸗ c ie mir ſchung eeſtan⸗ berei⸗ ife ich Ihrer r Zeit tte ich . Sie ſonnen t, wo Frau e und Veſſen nichts ob ich rufen 27 laſſen, um blos Ihren Spott mit mir zu treiben? Hat ein Wunderwerk Sie ohne Operation geheilt oder habe ich mir eingebildet, daß Sie an einem Uebel leiden, wel⸗ ches Sie niemals gehabt haben?“ „Aber, mein Gott, wozu fragen Sie alles dies 2* „Deshalb, weil ich, wenn Ihr Uebel eine Wirk⸗ lichkeit iſt, nicht an die Wirklichkeit glauben kann, welche ich hier vor meinen Augen habe.“ „Mein beſter, lieber Doctor Warvner, dieſe iſt gleichwohl ſo vollkommen gewiß, daß ich jetzt offenherzi⸗ ger, als in meinem Briefe, Ihnen geſtehe, daß der Me⸗ dizinalrath mir geſagt hat, daß ich mich vergnuͤgen und leben kann, wie ich will.“ „Daß Sie ſich vergnuͤgen und leben koͤnnen, wie Sie wollen?“ „Ja, iſt das nicht deutlich genug?“ „Nein, im Gegentheil, da bin ich in einem voll⸗ kommenen Chaos.“ „Geben denn Aerzte eine ſolche Erlaubniß nur in gewiſſen Faͤllen?“ Arnold ward ſo bleich wie die weißen Cameen in dem Schmucke an Adelens Hals. „Gnaͤdige Frau, Sie druͤcken ſich da auf eine Weiſe aus, welche gefaͤhrlich iſt! Der Medizinalrath kann Ihnen doch nicht dieſe Erlaubniß gegeben haben?“ »Ja, das hat er allerdings, weil es nichts hilft, mich zu ſchonen.“ 2 28 „Erlauben Sie mir, Sie um eine Gunſt bitten zu duͤrfen?“ „Alles, was Sie wollen, bis auf Eins.“ „Legen Sie dieſe Kleidung ab, die, wie ſchoͤn Sie auch darin ſind, mir Entſetzen einfloͤßt— nehmen Sie ſtatt derſelben die Tracht an, die Sie fuͤr meine Au⸗ gen beſtimmt hatten und laſſen Sie mich ſodann Sie als Ihr Arzt bedienen.“ „Aber vergeſſen Sie nicht, Doctor, daß ich Ihnen Alles nachgeben wollte, bis auf Eins.“ „Und dies waͤre?“ „Die Ausnahme des heutigen Abends.“ „Dieſen wollen Sie mir nicht ſchenken?“ „In der That, ich kann nicht! Man giebt die⸗ ſen Ball um meinetwillen— ich habe ſchon zehn En⸗ gagements angenommen, oder, richtiger geſagt, eilf, denn ich kann wohl uͤberzeugt ſein, daß Sie ſo artig ſein werden, ſich noch einmal umzukleiden nnd nachzu⸗ kommen.“ „Nein, gnaͤdige Frau,“ ſagte Arnold, in ſeinem ernſthaften, wuͤrdigen Tone,„davon bin ich ſo weit entfernt, daß ich mich vielmehr ſofort wieder in den Wagen ſetzen und nach Hauſe reiſen werde.“ „O, ſo hart werden Sie doch nicht ſein!“ „Glauben Sie mir, ich wuͤrde die Achtung vor mir ſelbſt und vor meinem Berufe verlieren, wenn ich nicht thaͤte, was ich geſagt habe.“ den bei bitten Sie n Sie e Au⸗ Sie Ihnen öt die⸗ En⸗ „denn g ſein achzu⸗ einem ‚ weit n den g vor nn ich 29 „Doctor, Doctor!“ „Ich reiſe Tag und Nacht, ich ſetze vielleicht dringende Pflichten bei Seite, um der Perſon zu die⸗ nen, die mich gerufen; wenn ich aber finde, daß meine Patientin den Glanz eines Balles, den fluͤchtigen Rauſch des Tanzes, der Beſprechung vorzieht, die eine Folge des Beſuchs, den ſie begehrt, ſein ſollte, dann— wenn ich endlich finde, daß dieſe Patientin ſelbſt den Schmerz unterdruͤckt, um in Geſellſchaft zu glaͤnzen — dann kehre ich um, aber ich thue es mit Kummer, denn ich ſchaͤtzte meine Patientin ſehr hoch.“ „Wie grauſam Sie ſind, Doctor! Ich verſichere Ihnen, daß der Verdruß, den Sie jetzt in mir erwecken, mir weher thut, als alle meine eigenen Thorheiten zu⸗ ſammengenommen.“ „»Nun, dann wird mir wenigſtens mein Gewiſſen nicht den Vorwurf machen koͤnnen, Sie ſchlimmer ge⸗ macht zu haben. Ich entferne mich.“ „Aber Sie kommen morgen wieder— nicht wahr?“ „Weder morgen, noch jemals.“ „Nein, das iſt unertraͤglich— ſollen wir uns denn wieder ſo trennen, wie da, als wir uns des Abends bei Madame Suͤden trafen?“ „Wie trennten wir uns denn da?“ „Wiſſen Sie es denn nicht mehr?“ „Ach ja, jetzt entſinne ich mich— Sie ſagten⸗ 30 daß Sie mich der Muͤhe uͤberheben wollten, Ihnen Vorſchriften zu machen.“ „Aber den andern Morgen ließ ich Sie wieder rufen. Das iſt Ihnen wohl auch noch erinnerlich?“ „Ja, auch das iſt mir erinnerlich. Aber das Gleichniß wird auf alle Faͤlle hinken.“ „Wie ſo?“ „Nun, auf dieſe Weiſe, daß Sie, wenn Sie es heute Abend eben ſo machen, wie das letzte Mal...“ „Nun, und?“ „... ſo werden Sie morgen nicht thun koͤnnen, was Sie damals am andern Morgen thaten.“ „Warum nicht?“ „Weil Sie ganz gewiß uͤberzeugt ſind, daß es mir nicht einfallen kann, mit einer Sache wie dieſe, zu ſpielen, und wenn ich geſagt habe, daß ich noch dieſen Abend abreiſe, ſo reiſe ich auch.“ „Aber Sie ſind doch entſetzlich eigenſinnig, Doctor!“ „Und Sie, gnaͤdige Frau?“ „Nun, lieber Gott, ich bin ja ein Weib.“ „Das iſt aber, wie ich meinen ſollte, kein Grund, gleichzeitig eigenſinnig und unvernuͤnftig zu ſein.“ „Aber ſagen Sie mir, Doctor, wie ein Cavalier ſich erlauben kann, ſo zu reden?“ „Sie ſcheinen vergeſſen zu haben, gnaͤdige Frau, daß ich nicht in der Eigenſchaft eines Cavaliers hier bin, ſondern in der eines Arztes.“ 31 „Ja, das merkt man.“ „Und nun ſehe ich mich genoͤthigt, hinzuzuſetzen: Waͤhlen Sie... denn in der That, dieſe Art und Weiſe, Rath zu pflegen, will mir nicht recht angemeſſen erſcheinen.“. „Wollen Sie denn nicht auf alle Faͤlle erſt mit dem Medizinalrath ſprechen und ſeine Meinung hoͤren?“ »Nein, ich moͤchte lieber meine eigene wiſſen. Dann— wenn es Ihnen ſo beliebt— wird es Ihnen obliegen, ihm mitzutheilen, daß Sie einen Arzt zu der Conſultation, die Sie wuͤnſchen, haben rufen laſſen.“ „Dieſe langweiligen Formalitaͤten... auf alle Faͤlle kann ich doch nicht ſogleich... nein, nein!“ „Aha, Sie ſtellen ein neues Hinderniß entgegen! Ich glaubte, daß Ihre Ziererei in dieſem Falle der Ver⸗ nunft gewichen waͤre.“ „Sie iſt nicht gewichen. Aber, mein beſter Doctor, ſeien Sie nicht allzuboͤſe auf mich... ich hoͤre die Pferde vor Ungeduld ſtampfen und ich glaube, daß es mit meinen Cavalieren nicht viel beſſer ſein wird. Ge⸗ wiß, gewiß, ich muß fort!“ Arnold ſagte nichts weiter. Er ergriff ſeinen Hut. »Sie ſagen alſo, daß Sie nicht boͤſe ſind?“ „Boͤſe?— Nein, gewiß nicht.“ „Aber verdrießlich ſind Sie?“ „Dies eben ſo wenig.“ „»Was denken Sie denn von mir?« 32 „Das verbietet mir der gute Ton, zu ſagen.“ „Ich erlaube es Ihnen.“ „Nun wohl, wenn Sie es einmal hoͤren wollen... ich glaube, daß Sie eine arme Naͤrrin ſind, welche Mit⸗ leiden verdient; aber daß diejenigen, welche Sie zu dem gemacht, was Sie ſind, verdient haͤtten, die Schmerzen zu leiden, die Ihnen beſchieden ſind und welche Sie lieber ertragen zu wollen ſcheinen, anſtatt dieſen Ver⸗ gnuͤgungen, an die Sie ſich gewoͤhnt haben, ein Ende zu machen und einige roſenfarbene Tage Ihres glaͤn⸗ zenden Lebens zu opfern.“ Ohne ein Wort zu ſagen, riß Adele die Roſen⸗ knospen aus ihren Locken und warf ſie weit von ſich fort auf den Boden. Arnold hatte geſiegt. Aber dieſer Sieg war nicht angenehm, denn Adele fuͤhlte ſich durch ſeine Schroffheit bitter gekraͤnkt. Die zornigen Blitze, welche ihre Augen ſchleuder⸗ ten, die weiße, leicht gerunzelte Stirn, der ſpöͤttiſch gekrummte Mund verliehen inzwiſchen dieſer ſtolzen Juno eine neue Schoͤnheit. Arnold konnte ſeinem Herzen nicht verbieten, ſchnel⸗ ler zu klopfen und eben ſo wenig konnte er umhin, mit einem bittenden Blicke zu ihr zu ſagen: „Nun bin ich an der Reihe, zu fragen: Sind Sie boͤſe auf mich?“ „Ja, Doctor, ja, ich bin boͤſe auf Sie,“ ſagte 1 .... Mit⸗ dem nerzen Sie Ver⸗ Ende glaͤn⸗ Koſen⸗ n ſich Adele leuder⸗ oöttiſch ſtolzen ſchnel⸗ n, mit Sind ſagte 33 Adele keuchend und heftig,„ich bin boͤſe auf Sie, denn Sie ſind ganz gefuͤhllos geweſen! Sie haben vergeſſen daß ich Weib bin und daß der Mann das Weib ſtets, auch in der Schwachheit, reſpectiren muß!“ »Dies gilt von dem Manne blos als Mann be⸗ trachtet, aber Sie werden ganz beſtimmt einſehen, daß dieſe Regel nicht auf den Arzt angewendet werden kann, dem Sie ſich anvertraut haben. Soll er wohl aus pu⸗ rer Artigkeit und um nicht gegen den guten Ton zu verſtoßen, Sie in's Verderben ſtuͤrzen laſſen?“ „Es mag ſein, wie es wolle, Doctor, Sie ſehen, daß ich jetzt die Laune ganz und gar verloren habe.“ „Das ſehe ich recht wohl und da meine geſell⸗ ſchaftlichen Talente— wenn wir auch heute Abend von dem eigentlichen Zweck meiner Reiſe nicht weiter ſpre⸗ chen wollten— leider nicht von der Art ſind, daß ſie Ihre gute Laune wiederherzuſtellen vermoͤchten, ſo wird es vielleicht am beſten ſein, wenn ich Sie bis morgen Vormittag in Ruhe laſſe.“ »Nun, dann bitte ich Sie, gegen elf Uhr wieder⸗ zukommen, Herr Doctor!“ Im naͤchſten Augenblick war Arnold verſchwunden. Adele begann, heftig im Zimmer auf⸗ und abzugehen. „Na, das hat ſich allerdings der Muͤhe verlohnt, dieſen Ball anſtellen zu laſſen... einen ſchoͤnen Gewinn habe ich davon gehabt... mein Außenbleiben wird man mit der Neuigkeit zuſammenhalten, daß ich einen frem⸗ Ein Gerücht. v. 3 8 34 den Arzt habe rufen laſſen und in Folge deſſen wird morgen die ganze Stadt mich ſchon als todt betrach⸗ ten... O, uͤber dieſe entſetzlicchen DODummheiten— nicht genug, daß dieſer unausſtehliche Medizinalrath mich tagtaͤglich mit ſeinem„Puͤlschen“ aͤrgert, ſondern nun kommt auch noch dieſes junge Herrchen und ſpricht in einem gebieteriſchen Tone, deſſen ſich mein eigener Mann niemals zu bedienen wagte. Die gereizte, junge Frau ſtieß zufaͤllig mit dem Fuße an eine der abgeriſſenen Blumen. „Ha, wenn ich meine Toilette wieder in Ordnung braͤchte— wenn ich doch noch zum Ball ginge?“ Sie eilte vor den Spiegel. „Nein, nein, der ehrliche Warvner meinte es in ſeiner Strenge ſo gut mit mir! Sollte ich denn um dieſes lumpigen Balles willen einen Mann beleidigen, der ſich meinetwegen ſolche Muͤhe gegeben und deſſen Augen von einem ſo warmen Feuer ſtrahlten?— Ach, ach, ich fuͤrchte, daß ich ſchon ganz uͤbel gehandelt habe.“. Adelens gutes Herz und ihr Intereſſe fuͤr den jun⸗ gen Doctor gewannen immer mehr und mehr die Ober⸗ hand. „Ich war entſetzlich undankbar! Ich war ja nicht viel beſſer, als ein eigenſinniges Kind. Es geht aller⸗ dings nicht an, ihn heute Abend wieder rufen zu laſſen .. aber morgen will ich mich entſchuldigen, will ich 35 ihn gaͤnzlich wieder verſoͤhnen... Caroline... Caro⸗ line!“ „Was, um Gottes willen, erblicke ich!“ rief die eintretende Zofe.„Wollen Sie ſich denn wieder aus⸗ kleiden, gnaͤdige Frau?“ „Nun, und?— Iſt es denn etwas ſo Neues, wenn ich einen Einfall habe!“ „O, das gerade nicht, aber ich dachte an die aus⸗ geſuchte Toilette der gnaͤdigen Frau— dieſelbe haͤtte ge⸗ wiß großen Neid erweckt.“ „Schweig, Caroline!“ „Die Herren wuͤrden, wie ich ſchon ſagte, i in die gnaͤdige Frau ganz raſend geworden ſein.“ „Still, Du Gans!“ -S 3* 8. Die verdrießlichen alten Vitzen. Man kann ſich einen Begriff von dem Spionir⸗ ſyſtem der Fraͤuleins machen, wenn wir erzaͤhlen, daß Lilia bei dem Eintritt in deren Vorzimmer— die Spielſoirée der Fraͤuleins traf auf denſelben Tag, wie die um Frau Adelens willen arrangirte erſte Tanz⸗ ſoirée— ſogleich die Nachricht entgegenkam, daß der Arzt der Frau von Stern ſo eben vor einer Stunde angekommen ſei. Zu dieſer Hauptſache geſellten ſich gleich darauf noch folgende Einzelnheiten, die man durch die Hotel⸗ wirthin erfahren: Der Arzt war jung und ſchoͤn, ja ſo ſchoͤn, daß man von einer jungen Frau, die ihn weit her rufen ließ, dies und jenes denken konnte. Weiter hatte er großen Eifer gezeigt, die Wohnung ſeiner Patientin zu erfahren und ſich, ſobald er umgekleidet war, dahin be⸗ lionir⸗ , daß die „wie Tanz⸗ 3 der tunde arauf Hotel⸗ „daß rufen tte er in zu n be⸗ 37 geben. Sein Name war Warvner, Arnold Warvner — er hatte beim Fortgehen eine Viſitenkarte verloren. Zum Gluͤck ſprach man ſo eifrig von Frau von Stern und ihrem Doctor, der, wie man ver⸗ muthete, ſeine Patientin auf dem Balle aufgeſucht hatte, daß man nicht die Lilienblaͤſſe bemerkte, welche die Wange der heiligen Lilia uͤberzog. Ach, ach, ach, welche Qual, welche Martern er⸗ duldete ſie dieſen Abend!— Sie konnte kaum ein Aech⸗ zen des Schmerzes unterdruͤcken. Wie, wenn jene„Ritzen“, welche auszubeſſern ſie ſich ſo unerhoͤrte Muͤhe gegeben, jetzt, als ſie wirk⸗ lich ausgebeſſert und mit dem dicken Holze ihrer„neuen Reputation“ uͤberdeckt waren, wieder aufgehen ſollten! Konnte man ſich wohl einen entſetzlicheren Ab⸗ grund denken, als den, in welchen ſie dann von ihrer jetzigen Hoͤhe herabſtuͤrzen mußte? Nein, o nein, eine ſolche Muͤhe, eine ſolche Selbſt⸗ verleugnung, eine ſolche Vorſicht konnte unmoͤglich ver⸗ gebens geweſen ſein! Aber weshalb kam er— er, der am meiſten von allen Menſchen ſie ungluͤcklich machen konnte— wes⸗ halb kam er gerade in dieſe Stadt? Weshalb?— ſie wußte es ja; ja, ſie wußte es ſo gut, daß ſie, figuͤrlich geſprochen, die ſchoͤnſte Luſt gehabt haͤtte, Frau Adele zu erwuͤrgen. Wenn der Doctor nun auch ſeiner fruͤhern Pa⸗ tientin einen Beſuch abſtattete?— Er brauchte nicht mehr zu thun, um ſich tauſendfach fuͤr das Spiel zu raͤchen, welches dieſe Patientin einmal mit ihm ge⸗ trieben und alles uͤbrige Boͤſe, welches ſie ihm an⸗ gethan. Wenn er dazu das kleinſte Wort fallen ließ oder wenn er mit einem bloßen zweideutigen oder mißtraui⸗ ſchen Laͤcheln die Mittheilungen anhoͤrte, die ihm viel⸗ leicht in Bezug auf der vormaligen Frau Thurné engelgleichen Wandel gemacht wurden, wenn er, mit einem Worte, als alter Bekannter auftrat! „Wo wollte ſie dann hinfliehen, wo ſich verbergen! Ihr weißes Tugendgewand war nicht weit genug, um ſie zu umhuͤllen, wenn man in der Stadt erfuhr, daß dies gerade der Doctor war, der in einer gewiſſen, ſchon laͤngſt begrabenen Geſchichte figurirt hatte. Hatte man nicht ſchon geſagt, daß er ſo ſchoͤn waͤre, daß man ſich von einer jungen Frau, die ihn weit her rufen ließe, dies und jenes denken koͤnnte! Wenn man nun ſchon dies und jenes von der Frau dachte, die offen eine Handlung vornahm, welche alle Leute ſehen und beurtheilen konnten, wie mußten dann wohl die Gedanken uͤber die Frau ausfallen, welche ihn heimlich und verkleidet am ſpaͤten Abend be⸗ ſucht hatte? Es war ein wirkliches Wunderwerk, daß die kleine Dame nicht unter ihrer Angſt und Verlegenheit erſtickte, nicht iel zu n ge⸗ an⸗ oder traui⸗ viel⸗ zurné „mit ergen! „um , daß ſchon ſchoͤn eihn n der velche ußten allen, d be⸗ kleine tickte, 39 ganz beſonders, wenn man bedenkt, daß ſie eben jetzt dar⸗ auf bedacht war, ſich einen andern Namen und in einem geachteten Manne eine anſtaͤndige Stuͤtze zu ſchaffen. Es konnte jedoch auch ſo kommen, daß das Un⸗ heil ſich darauf beſchraͤnkte, daß nur der Medizinalrath erfuhr, es ſei dies derſelbe Doctor, dem ſie ſich fruͤher anvertraut. Den Modizinalrath aber hatte ſie voll⸗ kommen in ihrer Gewalt. Und abgeſehen davon, daß er in gewiſſen Faͤllen liberaler war, als der gutmuͤthige Kammerrath, hatte er im gegenwaͤrtigen Augenblicke auch ſelbſt Intereſſe daran, zu ſchweigen. Wenn daher Niemand weiter, als der Medizinal⸗ rath, in das Geheimniß eingeweiht ward— dieſer aber mußte es auf jeden Fall werden, da er ganz natuͤrlich erfuhr, wo ſein College herkam— ſo ließ es ſich, wie Arnold einmal ſagte, leicht arrangiren... notabene wenn er(Arnold) ihr nicht etwa einen Beſuch ab⸗ ſtattete. Aber nun tauchte, wie ein Geſpenſt, vor ihr der Gedanke auf, daß er vielleicht ſchon dieſen Abend, die⸗ ſen Augenblick, wenn er Frau von Stern nicht zu Hauſe antraf, ſeine vormalige Freundin aufſuchen koͤnnte. Ein kalter Schweiß begann ihre Stirn zu befeuch⸗ ten. Das geringſte Geraͤuſch an der Thuͤr ſchien ihr 40 von ihm herzuruͤhren— jede Stimme, welche ſprach, war die ſeine. Sie war nahe daran, vor Angſt vom Stuhle zu ſinken. „Nun ſehe doch Eins unſere liebe, kleine Nach⸗ barin, wie bleich ſie ausſieht!“ rief eine der Fraͤuleins. „Auf meine Ehre, ich glaube, ſie iſt ordentlich krank.“ In einem Nu hatten ſaͤmmtliche Damen die junge Frau umringt, welche mit halberloſchener Stimme ſagte: „Ja, ich fuͤhle jetzt, daß ich nicht haͤtte verſuchen ſollen, heute Abend Ihre angenehme Geſellſchaft zu ge⸗ nießen, meine geehrten und lieben Freundinnen! Aber wie uͤbel mir auch zu Muthe Par, vermochte ich es doch nicht uͤber mich, meinen guten Nachbarinnen, Fraͤu⸗ leins V., eine abſchlaͤgliche Antwort zu geben.“ „Wie gut, wie liebenswuͤrdig ſie iſt! Anſtatt Nein zu ſagen, ging ſie lieber, die arme, gute Frau, öbſchon ſie ſich kaum auf den Fuͤßen halten kann!“ „Mein Gott, ſie wird ja ganz leichenblaß!“ rief eine andere Stimme.„Sie waͤre fuͤrwahr gleich eine Patientin fuͤr dieſen Wunderthaͤter, der wohl ungeheuer rar ſein muß, da man ihn auf dieſe Weiſe aufſucht.“ Lilia fuhr vor Entſetzen zuſammen. Schon dieſe Anſpielung durchbohrte ſie ſchlimmer als ein Natternſtich. 41 Inzwiſchen waren die Damen ſanft gegen ihre kleine Gottheit, welche ſie in ihre Etage hinauffuͤhrten. Hier war ſie nicht ſobald allein, als ſie, alle ihre Gedanken und ihren ganzen Verſtand zu einer ſchnellen Ueberlegung ſammelnd, beſchloß, dem Doctor ein Billet zu ſchicken. Aber dem fremden Arzte ein Billet zu ſchicken, ließ ſich leichter ſagen, als thun. War ſie abermals genoͤthigt, zu ihrer alten Geheim⸗ nißkraͤmerei ihre Zuflucht zu nehmen? Wie aber konnte dies geſchehen, da ſie in einer offenen Laterne wohnte, juſt damit man ſehen ſollte, daß ſie keine Geheimniſſe haͤtte! Hinwiederum ganz offen ein Billet in den Gaſt⸗ hof zu ſchicken, war etwas ganz Undenkbares. „Nun wohl,“ ſagte ſie,„um nur anzufangen, ſchreibe ich— dann werde ich auf einen Ausweg den⸗ ken, um das Geſchriebene an den beſtimmten Ort zu bringen.“ Nachdem ſie ein paarmal wiederholt, daß ſie fuͤr keinen Menſchen zu Hauſe ſei— ein Befehl, der zum erſten Mal erlaſſen ward, ſeitdem ſie in ihre jetzige Woh⸗ nung gezogen war— ſetzte ſie ſich an den Schreibtiſch, um nachzudenken, waͤhrend ⸗ſie mit der Feder auf dem vor ihr liegenden Bogen hin und her fuhr. Das Billet ſelbſt war auf alle Faͤlle nicht ſo leicht aufgeſetzt. Man hatte ja gewiſſe, ſehr große Verbindlichkeiten gegen den Doctor, welche die Urſache waren, daß man ſich nicht mit ihm entzweien wollte. Demnaͤchſt wollte man dieſe Laſt der Verbindlich⸗ keit keineswegs dadurch vermehren, daß man ihm zeigte, man beduͤrfe ſeiner Mitwirkung... und gleichwohl, wie ſollte man auf andere Weiſe das ausdruͤcken, was man wuͤnſchte? Spaͤt endlich bequemte ſich Frau Lilia, Folgendes zu ſchreiben, was— fuͤr den Fall, daß der Brief durch einen jener unſeligen Umſtaͤnde, von denen ihre Hand⸗ lungen ſo oft begleitet geweſen, in unbefugte Haͤnde fiele — ſie nicht compromittiren konnte. „Mein beſter Doctor Warvner! „Da ich nun endlich in den Genuß des Friedens und des ſtillen, zufriedenen Lebens gekommen bin, wel⸗ ches ſtets der Gegenſtand meiner Wuͤnſche war, da alle jene Stuͤrme und Bedraͤngniſſe, die mich ſo lange ver⸗ folgt, endlich entſchwunden ſind, ſo wuͤrde der Anblick eines Mannes, der auf ſo unſchuldige Weiſe in eine traurige Epiſode meines Lebens verflochten worden, dieſe theuer erkaufte Ruhe gaͤnzlich wieder zerſtoͤren. „Dies iſt der Grund, weshalb ich dem Herrn Doctor, der mir fruͤher eine bruͤderliche Freundſchaft er⸗ wieſen, mit meiner bekannten Aufrichtigkeit ſage: „Beſuchen Sie mich nicht, denn die Erinnerun⸗ gen, welche der Anblick des Herrn Doctors hervorrufen 43 wuͤrde, ſind noch nicht hinreichend verwiſcht, daß ich den Muth haben könnte, ſie gleichſam verkoͤrpert vor mich hintreten zu ſehen. „Mit den innigſten Wuͤnſchen fuͤr des Herrn Doctors Wohlergehen und Gluͤck in dieſem ſo bittern und pruͤfungsreichen Leben habe, ich die Ehre zu ſein des Herrn Doctors gehorſame Dienerin Lilia Sorenius.“ „So!“ ſagte ſie, und ein liſtiges Laͤcheln flog uͤber ihre Lippen.„Du darfſt nicht einmal dieſe Hand wie⸗ der erkennen, mein guter Doctor Arnold— ſie iſt eine ganz andere, als die in den kleinen Billets, welche un⸗ ſere naive Wette betrafen. Aber Du kannſt davon denken, was Du Luſt haſt, dafern Du mich nur mit dem achtungswerthen Anblick Deiner Perſon verſchonſt.“ Das Billet war nun zuſammengefaltet und ver⸗ ſiegelt. Es war nichts weiter noch zu thun, als es fortzu⸗ bringen. Frau Lilia ſchellte und als Jungfer Beate eintrat, ſagte die ſanfte Kranke, welche ſich zuvor wieder aufs Sopha gelegt: „Sei ſo gut, liebe Beate, der Gunnel zu ſagen, daß ſie mit meiner Tochter hereinkommen ſoll; ich will von meinem lieben Engel gute Nacht nehmen!“ Gleich darauf kam Gunnel mit der kleinen Sylvia, die juſt nicht immer mit ihrer lieben Mama zuſammen ſein durfte. „Gunnel, gieb einmal der Kleinen dort die Kar⸗ ten zum Spielen und hoͤre, was ich ſage.“ V „Ja, Herrin!“ „Du biſt mir ja immer treu geweſen und haſt ehrlich an mir gehandelt.“ S „Das wollte ich meinen! Ich bin nicht abgewi⸗ chen, es mochte Regen ſein oder Sonnenſchein. Ich daͤchte, das muͤßten Sie ſelbſt am beſten wiſſen, wenn Sie zuruͤckdenken.“ „O, ich habe ein gutes Gedaͤchtniß und ich liebe ihr Dich auch, ſowohl als eine treffliche Dienerin, als auch vo als einen vortrefflichen Menſchen. Und wenn Du mir ve den mindeſten Schaden zufuͤgen ſollteſt, ſo weiß ich, daß es nur aus Einfalt geſchieht.“ ne „Einfalt?— Ich daͤchte doch, ich waͤre gerade nicht ſo einfaͤltig!“ 2* ich „Nein, gewiß nicht, wenn Du es mit gewoͤhnli⸗ chen und ehrlichen Menſchen zu thun haſt, ſo wie Du ſelbſt biſt; aber es giebt ſo viele liſtige.“ lie „Ja, das iſt freilich wahr.“ „Und wenn dieſe fragen...“ „... ſo weiß ich ſchon, was ich zu antworten habe!“ hit „Gut, Gunnel! Ich habe jetzt einen neuen Be⸗ die weis Deines Verſtandes und Deiner Dienſtfertigkeit von da Dir zu begehren. Es betrifft etwas, was ich Beaten 45 nicht anvertrauen will, denn nur Du biſt es, auf die ich mich eigentlich verlaſſe.“ „Ich danke gehorſamſt!“ „Alſo hier iſt ein Billet— es iſt an den Doctor Warvner gerichtet.“ „Soll ich nach Hauſe reiſen?“ „Nein, Du gehſt blos quer uͤber den Markt in S— bergs Hotel.“ Gunnel blickte erſtaunt auf. „Der Doctor iſt hier angekommen und wohnt da.“ „Lieber Gott, iſt das wahr?⸗ „Ja, und Du wirſt wohl ſelbſt begreifen, daß ich ihn nicht hierher haben will. Es koͤnnte leicht etwas von den alten Geſchichten an den Tag kommen... verſtehſt Du? „Ich ſollte meinen. Das waͤre eben nicht ange⸗ nehm!“ „Nein, das weiß Gott! Du wirſt Dich daher, wie ich ſchon geſagt habe...“ „... in das Hotel gehen?“ „Nein, ſo weit nicht! Wenn Du Dich dort ſehen ließeſt, köͤnnte man leicht vermuthen...“ „Hm, dazu gehoͤrte doch eine ſehr feine Naſe!“ „Deshalb, liebe Gunnel, wirſt Du, wenn Du hinunter auf den Markt kommſt, einen der Knaben, die ſich dort fortwaͤhrend muͤſſig herumtreiben, bitten, daß er das Billet beſorge. Dafuͤr giebſt Du ihm die⸗ 46 ſes Achtſchillingſtuͤk— nicht mehr, ſonſt koͤnnte er Verdacht ſchoͤpfen. Du thuſt, als ob Du große Eile haͤtteſt... haſt Du Alles verſtanden?“ „Ja, von Anfang bis zu Ende. Es iſt ſo gut, als ob die Sache ſchon beſorgt waͤre.“ „Nun, ſo laſſe Sylvia hier und beſtelle draußen, daß Jemand anders hereinkommt und ſie nimmt, im Fall ich klingle. Du haſt Erlaubniß bekommen, einen Gang fuͤr Dich zu gehen, gleichviel, wohin.“ „Dann werde ich ſagen, zum Schuhmacher— ſie wiſſen, daß ich auf meine neuen Schnuͤrſtiefel warte.“ „Gut, gut— beeile Dich nun.“ Am folgenden Morgen, nach einer ſehr, unruhig durchwachten Nacht, erhielt Lilia ein Billet, welches ſie nicht erwartet hatte, denn ſie hatte keine Antwort begehrt. Und ſo vorſichtig ihr eigenes Billet geſchrieben war, ſo unvorſichtig war das ſtyliſirt, welches ſie erhielt. Zum Gluͤck haͤtte dies niemals in unrechte Haͤnde kommen koͤnnen und ſobald es geleſen war, ward es den Flammen uͤbergeben. Der Inhalt war folgender: „Geehrte Frau! „Schlafen Sie ruhig, inſoweit Ihr Gewiſſen es Ihnen zulaßt! er Eile gut, ßen, im inen rte. uhig 3 ſie eehrt. ieben hielt. aͤnde 3 den en es 47 „Auch ohne Ihre Bitte und ohne daß Sie mir dieſe intereſſante Stylprobe Ihres neuen Talentes— dieſe Copie Ihres gegenwaͤrtigen Lebens— abzulegen brauchten, wuͤrde ich Ihren„Frieden“ nicht geſtort ha⸗ ben, denn auch mir iſt das Andenken an die Zeit, wo Sie einen Blick auf meine geringe Perſon zu werfen geruhten, viel zu verhaßt, als daß der Wunſch Raum gewinnen koͤnnte, dieſe Erinnerung wieder aus ihrem Grabe aufſteigen zu ſehen. Arnold Warvner.“ —e 9. Der Ausſpruch des Arztes. Eine Stunde ſpaͤter, nachdem der junge Doctor die Antwort auf Lilia's Botſchaft abgeſendet hatte, be⸗ gab er ſich nach dem Hauſe, in welchem Frau von Stern wohnte. Mit einem noch niemals zuvor empfundenen Ein⸗ druck betrat er die Schwelle dieſes Hauſes. Die ganze Nacht hatte die herrliche Junogeſtalt in ihrem luftigen Gewande vor ſeinem Auge geſtanden, die ganze Nacht hatte er in Gedanken ihr Geſpraͤch wie⸗ derholt, ja Alles, ſogar ihre Blicke, Geberden und Mie⸗ nen hatte er in das Wachs ſeiner Phantaſie eingedruͤckt er, der ſonſt in Bezug auf Phantaſie eben nicht uͤber⸗ fluͤſſig begabt war. Wenn er ſein Verhaͤltniß recht genau ins Auge faßte, konnte er ſich ſelbſt nicht leugnen, daß der Mann „ 49 wenigſtens eben ſo ſehr wie der Arzt von der eigenſin⸗ nigen Tanzluſt der Patientin verletzt ward und daß der eine wenigſtens eben ſo viel wie der andere Theil an dem Entſchluſſe zu der beabſichtigten Ruͤckreiſe hatte, ob⸗ ſchon natuͤrlich der ſtrenge Arzt die ganze Schuld tra⸗ gen mußte. Aber war es wohl der„ſtrenge Arzt“, der durch den Triumph ſelbſt eine Niederlage erlitt? Frau Adele blieb zu Hauſe, aber ſie blieb nur fuͤr ſich ſelbſt zu Hauſe. 4 Sie bedurfte keine Geſellſchaft zur Vergnuͤgung dieſes langen Abends. War es auch blos der Arzt, der bei den verſchie⸗ denen Beobachtungen intereſſirt war, zu welchen dieſe junge Frau Anlaß gab, die gleichzeitig von einer unbe⸗ greiflichen Gleichguͤltigkeit und einer bewunderungswuͤr⸗ digen Reſignation erfuͤllt war? Und war es endlich der Arzt, der zwiſchen einer Art Froͤſteln und Fieberhitze den Augenblick erwartete, wo ſich Alles beſtimmen mußte, wo ſeine Lippen das aͤußerſt wichtige und gewagte Wort, ihr Leben und Tod, ausſprechen ſollten? War ſeine Hand, wenn die Operation bewilligt ward, auch vollkommen ſichere Waren ſeine Augen eben ſo blind und ſo offen wie das vorige Mal? Vermochte er ſeiner Stimme jenen wuͤrdigen, freundlichen Ton zu Ein Gerücht. v. 4 geben, welcher dem Patienten Zuverſicht und Vertrauen einfloͤßt? Er ſetzte mehrere Fragzeichen nach jedem dieſer Zweifel und fuͤgte einem jeden die Hoffnung hinzu, daß es ſo ſein werde. Von ihrem erſten romantiſchen Zuſammentreffen an, wo Adelens bizarre Neugier, in Verbindung mit ihren zwei Tugenden,„Aufrichtigkeit und Verſchwiegenheit,“ dem Doctor ſo viel Grillen in den Kopf ſetzte, aber zu⸗ gleich ſeinem Herzen einen angenehmen Genuß durch die Erfahrung ſchenkte, daß ſie, die ausgezeichnet ſchoͤne und liebenswuͤrdige Frau, an ſeine Redlichkeit geglaubt, noch ehe ſie einander geſehen... von dieſer Begegnung an, welcher Adele die Form eines kleinen Dramas zu geben verſtanden, deſſen Colorit noch weiter durch ihr Verhaͤltniß als Patientin erhoͤht ward, hatte ſie die Ge⸗ danken des Doctors beſchaͤftigt und ſchon, bevor er ihren erſten Brief erhielt, hatte er tauſendmal eine Gelegen⸗ heit herbeigewuͤnſcht, ihr dafuͤr zu danken, daß ſie ſo gewiſſenhaft und edel ihr Wort gehalten. Sie war die erſte Frau, zu der er, nachdem er ſie gepruͤft, Vertrauen faßte. Aus dem Tone des Briefes, den wir mitgetheilt, laͤßt ſich leicht abnehmen, wie ſehr der Doctor durch das Aufhoͤren des Briefwechſels gemartert ward und welches Vergnuͤgen, aber gleichzeitig auch, welche Furcht er bei auen dieſer daß reeffen ihren heit,“ r zu⸗ durch choͤne aubt, nung as zu ) ihr 2 Ge⸗ ihren legen⸗ ſie ſo er ſie theilt, h das eelches er bei 51 der neuen Botſchaft fuͤhlte, die ihn aufforderte, ſein ge⸗ gebenes Verſprechen zu erfuͤllen. Und nun war der Augenblick da. Jetzt erſt, als er die Treppe zu Frau von Sterns Haus hinaufging, dachte er an den Medizinalrath und empfand ein Gefuͤhl des groͤßten Mißbehagens bei dem bloßen Gedanken, daß dieſer vielleicht anweſend ſei und die Conſultation unmittelbar nach dem Augenblicke be⸗ ginnen ſollte, wo er ſich von dem dermaligen Zuſtande des Uebels uͤberzeugt haͤtte. Mamſell Caroline empfing den Doctor und fuͤhrte ihn durch zwei oder drei Zimmer. An der Thuͤr des letzten verneigte ſie ſich und ſagte: „Haben Sie die Guͤte, hier einzutreten!“ In dieſem Augenblick wuͤnſchte Arnold, daß ihm wenigſtens eine Stunde noch vergoͤnnt waͤre. Aber von Mamſell Caroline bewacht, die ſich in ein Fenſter ſtellte, hatte er keinen andern Ausweg, als raſch einzutreten. „Nun, ſind Sie nun zufrieden, Sie boshafteſter aller Juͤnger Aesculaps?“ ſagte die junge Witwe, die in ein feines, blendendweißes Morgengewand gehuͤllt, wel⸗ ches keineswegs geeignet war, die Macht ihrer Reize zu vermindern, in einen großen Seſſel zuruͤckgelehnt ſaß und die kleinen Fuͤße auf dem Rande des Fußbaͤnkchens ruhen ließ, deſſen ſchwarzer Sammet gegen die kleinen, mit Per⸗ len geſtickten, purpurrothen Pantoffeln ſehr vortheihaft abſtach. 4* 5² „Ja, ja, gnaͤdige Frau, nun bin ich ganz zufrieden!“ Und der unwillkuͤrliche Blitz, der aus Arnolds Augen leuchtete, verſicherte daſſelbe. „Nun, ſetzen Sie ſich und laſſen Sie uns erſt ein wenig plaudern!“ „Sehr gern— auf alle Faͤlle muß ich mich erſt ein wenig waͤrmen.“ Jetzt trat wieder die Miene des Doctors hervor. Sogleich begann Adele zu zittern. Sie ſuchte je⸗ doch ſich zu erholen und ſagte mit einer einnehmenden, reuigen Betruͤbniß: „Ich verdiente es, daß Sie mich geſtern behandel⸗ ten, wie ein Kind. Ich zeigte mich in der That des Dienſtes, den Sie mir geleiſtet, ſo vollkommen unwuͤr⸗ dig, daß ich kaum zu hoffen wage, daß Sie meinen Leicht⸗ ſinn vergeſſen werden.“ „Nur um Ihrer ſelbſt willen fuͤrchtete ich, gnaͤdige Frau! Was mich betrifft, ſo bin ich es ſchon gewohnt, bei meinen Patienten auf allerhand Grillen zu ſtoßen.“ „Wenn Sie mir ſo antworten, ſind Sie noch nicht wieder gut— Ihr Ton klingt gezwungen.“ „Nein, gewiß nicht!“ 4„Nun, ſo tragen Sie nur nicht weiter nach! Wol⸗ len Sie, daß ich Ihnen aufrichtig die Wahrheit ſage?“ Der Doctor laͤchelte. „Haben Sie vielleicht vergeſſen, daß die Aufrichtig⸗ keit bei mir etwas Anderes iſt, als eine leere Phraſe?“ — — 53 „Das habe ich nicht vergeſſen. Aber ich habe kein Recht...“ ... den Grund zu meiner Entſchuldigung zu hoͤren?— O, das haben Sie gewiß.“ „Nun, ſo erklaͤren Sie ſich.“ „Ja, mit ein Paar Worten. Ich bin beſtaͤndige Huldigung gewohnt. Ich bin gewohnt, alle Maͤnner meinem Willen folgen zu ſehen.“ „Mein Himmel, gnaͤdige Frau!“ „Beruhigen Sie ſich— Aerzte nehme ich aus.“ Der Doctor laͤchelte wieder. „Weiter bin ich gewohnt, meine Eroberungen zu behalten...“ „Hm!“ „... auf die ich uͤbrigens nicht den geringſten Werth lege. Wenn Jemand wuͤnſchte, daß ich etwas geben moͤchte, ſo wuͤrde ich gern mit vollen Haͤnden aus⸗ theilen; aber...“ „Aber?“ „.*. ich leide nicht, daß man mir etwas nimmt.“ „Hat denn Jemand gewagt, das zu thun?“ „Ja, ich muß glauben, daß die Heilige in der La⸗ terne ihre unſichtbaren Angelhaken ausgeworfen hat. Und koͤnnen Sie wohl glauben, Doctor, daß meine An⸗ beter ſich auf ein Drittel reducirt haben! Der fehlende Theil iſt vor den Fenſtern des Salons einer gewiſſen Dame ſtehen geblieben.“ 54 „In der That, gnaͤdige Frau, ein ſolches Vertrauen hat mir noch keine Patientin geſchenkt!“ „Das hat nichts zu ſagen, Sie wiſſen ja, Doctor, daß ich um Ihretwillen ſammele, ganz und gar um Ihretwillen!“ „Wie— um meinetwillen ſammeln Sie Anbeter ... o in dieſem Falle...“ „Warten Sie doch— habe ich Ihnen nicht ver⸗ ſprochen, daß Sie nach meinem Tode ein Vermaͤchtniß erhalten ſollen?* „Ah, jetzt geht mir ein Licht auf.“ „Endlich! Sie begreifen alſo, daß es, um meine, oder richtiger Ihre Autographenſammlung ſo reich und mannigfaltig als moͤglich zu machen, nothwendig iſt, daß ich nicht verſaͤume, meine Eroberungen fortzuſetzen.“ „Aber im Fall ich nun ſchon mit dem zufrieden waͤre, was da iſt?“ „Eine Sammlung, Doctor, kann niemals vollſtaͤn⸗ dig genug ſein. Geſtern nun, ſehen Sie, hatte ich mir gerade vorgenommen, ein glaͤnzendes Siegesfeſt zu feiern. Denn nachdem ich auf meine abtruͤnnige Gar⸗ niſon ſcharf geſchoſſen, wuͤrde ich ſie ſchon haben zuruͤck⸗ kehren ſehen, um demuͤthig wieder zu meiner Fahne zu ſchwoͤren— und da kommen Sie und verbieten mir zu kaͤmpfen und in Folge deſſen zu ſiegen! Sie ſind nun als Sieger hervorgegangen, da Sie mich gezwun⸗ gen haben, die Waffen niederzulegen.“ eine, und iſt, ben.“ eden ſtaͤn⸗ mir iern. Bar⸗ ruͤck⸗ ee zu mir ſind vun⸗ 55 „Ach, ſeien Sie uͤberzeugt,“ antwortete Arnold in einem Tone, der den Purpur in Adelens Wangen em⸗ portrieb,„ſeien Sie uͤberzeugt, daß dieſer Sieg mich nicht ſtolz machte— es folgte ja darauf Ihr Zorn und meine Verbannung.“ Nach dieſen Worten trat ein augenblickliches Schwei⸗ gen ein. Aber bald hoͤrte man die Stimme des Doctors mit veraͤndertem Ton: „Nun, gnaͤdige Frau, wollen wir allen Scherz bei⸗ ſeite laſſen! Wie lange Sie auch mit Ihrer Heiterkeit die Zeit aufzuhalten ſuchen, ſo muß doch der Augenblick einmal eintreten... Wenn es Ihnen beliebt...“ „Großer Gott, welchen Leiden— ſchlimmer als die Schmerzen ſelbſt, ſind wir armen Frauen doch un⸗ terworfen!“ „Meine Hand iſt leicht und ich werde Sie nicht lange belaͤſtigen.“ „Aber auf alle Faͤlle...“ „Na, keine Thorheit, gnaͤdige Frau... Sie wiſſen ja, daß Sie ſelbſt geſagt haben, ich ſei ein geborener Greis. Und wie der Fall auch ſein moͤge, ſo bin ich ja einzig und allein Ihr Arzt.“ Bei dem letzten Wort naͤherte ſich der Doctor auf eine Weiſe, welche zu erkennen gab, daß man die Zu⸗ ſammenkunft nicht mit Geſpraͤchen uͤber alles Andere, als uͤber den eigentlichen Gegenſtand vergeuden duͤrfe. 36 Noch einmal mußte Adele ſich darein ergeben.. „Ach, Doctor, Sie ſind ganz bleich geworden! Iſt es ſo, wie der Medizinalrath ſagt, daß... daß ich ſter⸗ ben muß?“ Der Doctor antwortete nicht. Er unterſuchte das Uebel noch einmal. „Aber, Herr Doctor, dieſes Schweigen ertrage ich nicht laͤnger— Sie werden mir antworten und Sie werden mir aufrichtig antworten.“ „Nun denn in Gottes Namen. „Meine Ueberzeugung— ich betheure Ihnen das bei der Heiligkeit meines Berufes,— meine Ueberzeu⸗ gung iſt jetzt wie das letzte Mal, daß Sie, wenn Sie ſich einer Operation unterwerfen, gerettet werden können.“ „Gerettet?“ „Ich muß dieſen Ausdruck gebrauchen und den⸗ ſelben noch ſchaͤrfen, indem ich hinzufuͤge, daß dieſer Tumor nicht, wie Sie ſchrieben, in demſelben Zu⸗ ſtande geblieben iſt, wie bei unſerer erſten Zuſammen⸗ kunft, ſondern daß er zugenommen hat.“ „Aber der Medizinalrath ſagt, es ſei ein Knochen⸗ ſchwamm und ſetzt hinzu, eine Operation ſei unmoͤglich.“ „Ich werde, wenn Sie den Medizinalrath rufen laſſen, die Ehre haben, ihm meine Meinung mitzuthei⸗ m 57 len; aber da es wahrſcheinlich iſt, daß er in meine An⸗ ſichten eben ſo wenig eingehen wird, als ich in die ſei⸗ nen, ſo haͤngt es von Ihnen, gnaͤdige Frau— oder richtiger, von dem Inſtinkt, den Gott in Ihre Seele legt— ab, zwiſchen uns Beiden zu waͤhlen.“ „Doctor, Doctor, das iſt entſetzlich! Hier ſehe man eine arme Frau zwiſchen der Wahl und Qual, zwiſchen einer der grauſamſten Alternativen. Der eine ſagt, ſie habe den Knochenſchwamm und muͤſſe bei einer Operation ſterben, und der andere ſagt, ſie habe einen beweglichen Tumor, der herausgeſchnitten werden muͤſſe, wenn ſie am Leben bleiben wolle.— Nicht wahr, ſo ſagen Sie, Herr Doctor?“ „Ja, meine beſte Frau von Stern— aber beden⸗ ken Sie, daß ich niemals auf einer Operation beſtehen wuͤrde, wenn ich des Erfolges nicht vollkommen ſicher waͤre.“ „Das iſt gut und ſchoͤn; aber bedenken Sie, daß der Medizinalrath ſich nicht dagegen erklaͤren wuͤrde, wenn nicht auch er ſicher waͤre und, notahene, deſſen, daß die Kriſis durch die Operation beſchleunigt werden wuͤrde.“ Arnold ſenkte den Kopf, aber ſeine Augen fuͤhrten eine beredtere Sprache, als ſeine Lippen. Dieſe Sprache drang zum Herzen der geaͤngſteten, jungen Frau. „Ich glaube Ihnen,— Doctor— es liegt etwas 58 in Ihrem Weſen, was mir ſagt, daß Ihnen an Ihrer Patientin ein wenig gelegen iſt.“ „Es iſt nicht noͤthig geweſen, meine Theilnahme zu verbergen!“ antwortete Arnold mit ſo tiefem Erroͤ⸗ then, daß er ſich zur Haͤlfte abwenden mußte. „Und Sie haben ſchon fruͤher einmal ein ſolches Gewaͤchs ausgeſchnitten?“ „Drei!“ „Ohne daß Sie ſich in Ihrer Meinung geirrt hatten?“ „Ja, ohne daß ich mich geirrt hatte.“ „Und der Patient iſt wieder aufgekommen?“ „Allemal.“ Adele ſchwieg einige Augenblicke. Darauf ſagte ſie langſam und jedes Wort be⸗ tonend: „Sagen Sie mir— im Fall ich jemals vermocht werden koͤnnte, mich dieſem Schrecklichſten zu unter⸗ werfen— wie lange kann ich damit warten?“ „Dieſen Entſchluß muͤſſen Sie jetzt gleich mit faſſen, er darf nicht aufgeſchoben werden.“ „Unmoͤglich, Doctor— noch iſt es ja gar nichts. Sie ſagten ſelbſt, daß, ſo lange dieſes Gewaͤchs nicht zunimmt. 5 Aber ich habe Ihnen ja jetzt geſagt, daß es ſchon zugenommen hat.. 59 „So wenig aber, ſo ganz wenig... Ich muß Zeit haben... ein Jahr— wenigſtens ein Jahr.“ „Geehrte Frau, ich bitte, ich beſchwoͤre Sie, reden Sie nicht ſo! Sie wiſſen nicht, wie es ſich mit ſolchen Uebeln verhaͤlt.“ „Nun, wie verhaͤlt es ſich denn?“ „In ganz kurzer Zeit, ja in ſehr kurzer Zeit, bin⸗ nen wenigen Wochen, kann die Geſchwulſt in einem ſolchen Grade zunehmen, daß... Mit einem Wort— ehe ein Jahr vergeht, duͤrften alle Ueberlegungen uͤber⸗ fluͤſſig ſein...“ „Und meine Schmerzen?“ „O ſtill, ſtill!« Arnolds Antlitz ward ganz weiß. Adele betrachtete ihn mit tiefem und forſchendem Intereſſe. Sie ſchien in dieſem ſchoͤnen, verſtaͤndigen, jetzt ſo entſtellten Geſicht ihre ganze kuͤnftige Leidensgeſchichte zu leſen. „Woher,“ ſeufzte ſie endlich,„ſoll ich wohl den Muth nehmen, ſo mit mir umſpringen zu laſſen— von Ihnen, einem jungen Arzte! Ich bin doch nicht ein bloßer Cadaver, ſondern eine arme, lebendige Frau, die in ſo hohem Grade an Verſchaͤmtheit, Unſchluͤſſig⸗ keit und Furcht leidet, daß ich faſt mit dem Arzte ver⸗ heirathet ſein muͤßte, dem ich erlaubte, meinen Koͤrper ſo zu zerfleiſchen.“ „Ach, gnaͤdige Frau,“ ſagte Arnold, und ein ſee⸗ 60 lenvolles Laͤcheln uͤberzog und verwandelte den ganzen koͤr Ausdruck ſeines Geſichts,„wenn weiter nichts erforder⸗ faͤr lich waͤre, um Sie zu einem Entſchluſſe zu bringen, das ſo... wuͤßte ich Rath.“ ent „Sie wuͤßten Rath?“ Jetzt mußte ſelbſt Adele laͤcheln. ſich „Ja, aber ich muß geſtehen, daß es ein Rath iſt, nei den ich noch niemals einem Patienten vorgeſchlagen und den ich auch niemals wieder einem vorſchlagen Je werde.“ Re „Wiſſen Sie, was ich fuͤrchte, Doctor?— Nun, un daß Sie Ihre kuͤnftige Autographenſammlung um Ih⸗ rech ren eigenen Namen vermehren werden. Sie muͤſſen, we doch verſtehen, daß ich in meiner großen Noth ins Blaue hiineinredete.“ Er „Daran konnte ich mir niemals die Freiheit neh⸗ men, auch nur zu zweifeln; aber dies hindert nicht, daß das, was ich ſagte, ganz vortrefflich ſei.“ aut „Sind Sie narriſch?“ „Im Gegentheil, ich bin ein ernſter Mann, un⸗ fäͤhig zu aller Gaukelei und am allerwenigſten koͤnnte ver auch nur ein Funke davon in dieſem ſo wichtigen Au⸗* nich genblick in Frage kommen. Aber da Sie ſich ſo ganz ein und gar vernachlaͤſſigen und da ich ſo unausſprechlich ſich wuͤnſche, Sie dieſem Leben zu erhalten, wo Sie eine me ſo ſchoͤnen Theil des Schonen ausmachen, ſo faßte ich in ſchnell Ihren Gedanken auf. Und wenn ich hoffen ſchl ganzen order⸗ ingen, th iſt, lagen llagen Nun, Ih⸗ uͤſſen Blaue neh⸗ nicht, un⸗ onnte Au⸗ ganz chlich einen te ich offen 61 koͤnnte, daß Sie nicht dieſe ganze Wendung zu komiſch faͤnden, ſo wuͤrde ich wagen, Ihnen zu ſagen, daß dies das allerſicherſte Mittel waͤre, dem Tode das Opfer zu entreißen, nach welchem er ſeine gierige Hand ausſtreckt.“ „Und weshalb?“ fragte Adele in einem Tone, der ſich viellecht mehr zum Ernſt als zum Scherz hin⸗ neigte. „Weshalb?... Koͤnnten Sie wohl ſich weigern, Jemanden zu hoͤren, der Sie im Namen der heiligſten Rechte bitten wuͤrde? Brauchten Sie dann ſchuͤchtern und verſchaͤmt zu ſeine Koͤnnten Sie nicht darauf rechnen, mit einer unermuͤdlichen Sorgfalt gepflegt zu werden, wie ſie noch kein Patient erfahren?“ „ Aber, Doctor, iſt es denn wirklich Ihr voller Ernſt, in welchem Sie mir dieſen Vorſchlag machen?“ „Ja, das weiß Gott!“ „Koͤnnen Sie wohl aus reiner Theilnahme oder aus Liebe zu Ihrer Kunſt...“ Adele wendete die Augen ſeitwaͤrts. „Ich glaube, gnaͤdige Frau, Sie haben mich ſchon verſtanden. Aber ich bitte Sie, uͤberzeugt zu ſein, daß nicht ein Wort in Bezug auf die Gefuͤhle, die Sie mir eingefloͤßt, nach einer ſo kurzen, obſchon in gewiſſer Hin⸗ ſicht ſowohl langen als reichhaltigen Bekanntſchaft uͤber meine Lippen gekommen ſein wuͤrde, dafern wir nicht in eine Lage verſetzt worden waͤren, wo ein raſcher Ent⸗ ſchluß das Allernothwendigſte iſt... Was ich jetzt den 62 Muth gehabt habe, zu ſagen, muß Sie auch uͤberzeugen, daß meine Hand ſicher ſein wird.“ „Im Gegentheil, nun glaube ich, daß ſie zittern wird.“ „Nein, ich bin ſtaͤrker als ſo... Aber Sie, Sie werden nicht darauf eingehen?“ Eine ſchoͤne Roſenwolke glitt uͤber Adelens Antlitz. „Sie wiſſen, ſagte ſie,„daß es meine Abſicht war, mich nicht wieder zu vermaͤhlen.“ „War?“ Arnolds Stimme begann jetzt noch bemerkbarer zu zittern. „Sie iſt es auch jetzt noch, denn Vorſaͤtze wechſelt man nicht ſo leicht.“ „Nein, das iſt wahr, wenn es ſich blos um den Vorſatz ſelbſt handelt, aber im Fall... im Fall man ſich an das anſchloͤſſe, was einen Wechſel in den Ge⸗ danken hervorgerufen haben koͤnnte... Doch, ich fuͤrchte, daß ich um Verzeihung bitten muß, gnaͤdige Frau, daß ich in meinem Eifer, Ihr Gluͤck zu bereiten, einen gro⸗ ßen Mangel uͤberſehen habe, naͤmlich meine Unfaͤhigkeit, es bereiten zu koͤnnen.“ „Aber, mein Gott, lieber Doctor, Sie begreifen doch wohl, daß ich nicht ſogleich Ja zu einem Vorſchlage ſagen kann, der ſo urploͤtzlch aus dem Monde herab⸗ faͤllte Geben Sie zu, daß dieſer ganze Auftritt etwas total Verkehrtes hat! Sie kommen hierher, um mich * ugen, ittern Sie utlitz. bſicht er zu cchſelt den man Ge⸗ rchte, daß gro⸗ gkeit, reifen hlage erab⸗ etwas mich 63 zu einer Operation zu uͤbereden und uͤberrreden mich end⸗ lich. „... zu einer Heirath— bei Gott, das Eine iſt ſo nahe mit dem Andern verbunden, daß Sie nicht dar⸗ uͤber zu laͤcheln brauchen.“ „Auch laͤchle ich nicht uͤber ihren Antrag! Ho⸗ norine wuͤrde wahrſcheinlich dieſe Handlung ganz ſublim genannt haben; denn ſie ſowohl, als ich, die wir durch Herrn Thurné und den jungen Sorenius Sie durch und durch kennen, wiſſen nur allzugut, daß Sie nicht zu den Maͤnnern gehoͤren, die ſich in ihren Handlungen uͤbereilen. Aber ich laͤchle daruͤber, daß Sie, der Sie mir im Anfange unſerer Bekanntſchaft dort im Gebirge ſo abgeneigt waren...“ „O, dafuͤr raͤchten Sie ſich ſofort... aber nun laſſen Sie mich an Ihre vielgeruͤhmte Aufrichtigkeit appelliren— denn noch haben Sie nicht ein einziges Wort geantwortet.“ „Aber ich habe, ſtatt deſſen, uͤber meine Antwort nach gedacht.“ „Und dieſe lautet vollkommen aufrichtig?“ »Sie ſollen keinen Grund haben, ſich zu bekla⸗ gen... aber Sie muͤſſen mir verſprechen, mich nicht unterbrechen zu wollen!“ „Ich verſpreche es.“ „»Nun wohl, mein Gefuͤhl iſt Ihnen nicht ganz abgeneigt und ich glaube ſogar, daß Sie nicht, ohne ſo — 64 etwas geahnt zu haben, mir dieſen Vorſchlag gemacht haͤtten. Aber es iſt Alles zuſammen ſo neu, ſo wun⸗ derbar neu... Ich hatte mir vorgenommen, bis in meinen Sarg hineinzutanzen. Jetzt dagegen ſoll ich denſelben, ſo zu ſagen, mit dem Operirſtuhle vertau⸗ ſchen, aber bei dieſem Tauſche muͤßte ich das Leben ver⸗ laſſen, an welches ich mich einmal gewoͤhnt, denn ein Arzt, der ſchon einzig und allein als ſolcher ſo großen Gehorſam fordert...“ „... wird tauſendmal nachſichtiger, wenn er mit dem Namen des Arztes den des Gatten vereinigt, denn dann wuͤrde er alle Ihre Fehler gegen ſich ſelbſt fort⸗ waͤhrend und zaͤrtlich uͤberwachen koͤnnen.“ „Sie hatten mir ja verſprochen, mich nicht zu unterbrechen!“ „Allerdings, aber Sie werden einſehen, daß dieſe Selbſtvertheidigung durch die Noth hervorgerufen ward.“ „Dann fahre ich fort... vor der Hand findet keine Operation und eben ſo wenig eine Verlobung ſtatt. Sie reiſen ab und wir correſpondiren. Fuͤhle ich mich unwohler, ſo kommen Sie ſogleich zuruͤck...“ „Ja, um Sie ſterben zu ſehen und zum Grabe zu geleiten!“ „Nein, um mich zu retten und dann, wenn ich wieder geſund bin, vielleicht meine Hand zum Lohn zu empfangen.“ wun⸗ is in U ich rtau⸗ ver⸗ n ein roßen mit denn fort⸗ ht zu dieſe vard.“ findet ſtatt. mich abe zu i ich hn zu 6⁵ „Aber geſetzt, daß Sie dann nicht mehr gerettet werden koͤnnten— wenn es mir mißgluͤckte?“ „Nun dann,“ antwortete Adele mit einem unaus⸗ ſprechlich liebevollen und beredten Blick,„wuͤrden Sie mir verzeihen, wie ich Ihnen verzeihen wuͤrde.“ „O mein Gott, wie grauſam ſind Siel' „Blos etwas eigenſinnig. Sie wiſſen ja, daß ich ſo viele Fehler habe... aber hoͤren Sie nun das letzte..* Arnolds Augen antworteten, anſtatt ſeiner Lippen. „Wenn das Uebel unveraͤndert oder mit nur ge⸗ ringer Zunahme fortdauert, ſo werde ich naͤchſten Fruͤh⸗ ling nach Tjuſtorp reiſen und dann— wenn Sie mich dort treffen wollen— koͤnnen wir ſowohl das eine als das andere Thema wieder aufnehmen.“ „Und das iſt Ihr unwiderruflicher Entſchluß 2 Jatf „Aber Sie ſollen mir das nicht ſo einfach vor⸗ ſagen; Sie werden mir auch die Urſache angeben und iſt dies die, daß Sie dieſe Zeit zur Erwaͤgung der Bitte, die ich zu thun gewagt, benutzen wollen, dann — dies ſchwoͤre ich eben mit den Gefuͤhlen, welche, ich geſtehe es, mit jedem Augenblicke wachſen, den ich in Ihrer Geſellſchaft zubringe— dann nehme ich dieſe Bitte zuruͤck, ohne einen Seufzer, ohne ein Murren, und bitte ſtatt deſſen, bitte auf meinen Knien, daß Sie einzig und allein in die Operation willigen.“ Ein Gerücht. v. * * 5 66 Und Arnold, der junge Arzt, fiel wirklich zu den Fuͤßen ſeiner Patientin auf die Knie nieder. Und ſeine großen, ſchwarzen Augen, welchen die Gemuͤthsbewe⸗ gung einen durchdringenden Glanz verlieh, ſeine Heftig⸗ keit, als er ihre Hand ergriff, ſagten weit mehr, als die Worte, die er ſprach. Einige Augenblicke lang betrachtete Adele ihn mit aͤngſtlichem Blick. Sie glaubte an ſeine Liebe, ſie glaubte an ſeine Selbſtverleugnung, ſie glaubte an ihr eigenes, pochen⸗ des Herz, und dennoch, dennoch wendete ſie den Kopf weg und ſagte mit ſchwacher Stimme: „Nicht um Ihretwillen, ſondern um meiner ſelbſt willen, ſtehe ich feſt. Dies iſt vielleicht mein letzter Winter, und... verzeihen, o verzeihen Sie... dieſen will ich noch leben.“ „Nun, dann mag auch Gott in ſeiner Barmher⸗ zigkeit Ihnen verzeihen, daß Sie nur das Vergnuͤgen fuͤr das Leben anſehen!“ ſagte Arnold, indem er wieder aufſtand.„Moͤgen Sie ſich ſelbſt einmal verzeihen köͤnnen, wenn Sie auf dem Schmerzenslager vergebens die Erinnerung an dieſen Augenblick zuruͤckrufen, waͤh⸗ rend deſſen es Ihnen freiſtand, in ein neues Leben ein⸗ zutreten, ein Leben, welches Ihnen vielleicht ein beſſe⸗ res und gluͤcklicheres Loos bereitet haben wuͤrde, als das, welches Sie jetzt zu ſuchen gehen.. Ich bin fer⸗ tig und ich gehe.“ den ſeine dewe⸗ ftig⸗ 3 die mit ſeine chen⸗ Kopf ſelbſt etzter jeſen mher⸗ uͤgen ieder eihen bens waͤh⸗ ein⸗ beſſe⸗ als fer⸗ 67 „Ach warten Sie doch,— doch glauben Sie nicht, daß ich mich beſinne. Nein, Doctor, nein, aber in ihren Augen ſteht ein Urtheilsſpruch, den ich nicht ertrage.. ich fuͤrchte, daß ich ſchon zu viel Werth auf Ihr einzelnes Urtheil ſetze...“ In dieſem Augenblick ließen ſich Tritte im aͤußern Zimmer vernehmen. „Der Medizinalrath!“ ſagte Adele, indem ſie mit der Leichtigkeit einer Weltdame ihre Stellung als Pa⸗ tientin wieder einnahm. Den aus geſchraubten Hoͤflichkeiten zuſammenge⸗ ſetzten Auftritt, welcher nun folgte, wollen wir uͤber⸗ gehen. Der Medizinalrath hatte einen gewiſſen Ton vor⸗ nehmer Ueberlegenheit, Arnold ſprach im Tone beſtimm⸗ ter Ueberlegung und keiner von Beiden wich um ein Haarbreit von ſeiner Meinung uͤber die Krankheit ab. „Inzwiſchen,“ ſagte Adele, welche fuͤhlte, daß ſie Arnold, den ſie in ihrem Herzen ſo ſtark beguͤnſtigte, eine Anerkennung ſchuldig war,„inzwiſchen, Herr Medizinal⸗ rath, habe ich mich ſchon ſo ziemlich entſchloſſen, mich naͤchſten Fruͤhling oder Sommer einer Operation zu unterziehen.“ „Es ſteht Ihnen frei, dem Rathe zu folgen, dem 5* 68 Sie am meiſten glauben, gnaͤdige Frau! Aber ich bin fuͤr nichts verantwortl ich. 1At „Und ich nach jener Zeit eben ſo wenig,“ ant⸗ wortete Arnold.„Blos die Gegenwart iſt es, fuͤr welche ich eine Verantwortung zu uͤbernehmen wage.“ Den Tag darauf verließ Doctor Warvner die Stadt. Adele war ſo klug geweſen, es ſo einzurichten, daß ihr Abſchied nicht unter vier Augen ſtattfand— ſie baute in dieſem Falle nicht auf ihre Entſchloſſenheit — aber der Doctor erhielt zum Erſatz dafuͤr einen Blick und einen Druck der Hand, der ihn wahrſcheinlich eini⸗ germaaßen troͤſtete. 10. Ein Wiederſehen. Wir befinden uns jetzt in einer uns fremden Um⸗ gebung. Wir ſehen in der Tiefe eines großen Thales— waͤhrend des Sommers ſicherlich eines lachenden und poetiſchen Thales— ein gelb angeſtrichenes Haus mit einfachen, aber ehrwuͤrdigen Fluͤgeln. Wir ſehen einen großen Hof, wo der Wind in hundertjaͤhrigen Eichen und Buchen ſpielt. Und endlich ſehen wir uͤber den Hof eine Matrone wandeln, deren geſchaͤftige und an⸗ genehme Miene die freundlichſte iſt, die man ſich den⸗ ken kann. Und wenn man bezweifeln ſollte, daß es Madame Malmelin ſei, die Dichterin aus ahnenreichem Stamme, die Tochter der Konigin des Armenhauſes und Chegat⸗ tin des beruͤhmten Porzellankitters, ſo wuͤrde man doch ſofort davon uͤberzeugt werden, wenn man ſie waͤhrend 70 des Gehens folgende Strophen aus einem ihrer Werke, naͤmlich aus der Grabſchrift des ſeligen Malmelin, re⸗ citiren hoͤrte: „Und dieſer gute Freund, der hier mein Gatte war, Er ſitzt im Himmelsland in heil'ger Engel Schaar. Er kommt nicht mehr zuruͤck, das weiß ich ganz gewiß Und beſſer iſt's auch ſo, er iſt bei Jeſus Chriſt.“ Und waͤhrend Madame Malmelin hin⸗ und her⸗ ging und ſich die Zeit damit vertrieb, daß ſie dieſe ſchoͤngereimten Verſe herdeclamirte, ſah ſie von Zeit zu Zeit die lange Allee hinauf, deren vergilbtes Laub uͤber den Weg geſtreut lag— ein duͤſteres Bild der Ver⸗ gangenheit, worauf ſie jetzt, ungeachtet ihrer zufriedenen Miene, ihre Gedanken gerichtet hatte. „Endlich kommt er!“ unterbrach ſie ihren Schwa⸗ nengeſang. Und hiermit eilte die Norne des Dichters durch das Thor, denn es war der Dichter ſelbſt, dem ſie ent⸗ gegenging. Die zehn Monate, welche verfloſſen waren, ſeit⸗ dem wir unſern Helden das letzte Mal geſehen, hatten dieſen einem regelmaͤßigeren Leben wiedergegeben, was auch ſeine aͤußere Erſcheinung ſchon verrieth. Noch knoſpeten allerdings nicht die Roſen der Ge⸗ ſundheit auf ſeinen Wangen, welche Leiden und Ver⸗ zweiflung verheert hatten, aber ſein Teint hatte doch ſchon die gelbliche Faͤrbung verloren, das Antlitz ſeine — 71 Magerkeit und das Auge jenen wilden und irren Blick, der fruͤher darin ſo unheimlich brannte. Jetzt zeigten dieſe Augen blos eine ſanfte, gedankenvolle Schwermuth. Und ſeine Perſon ließ nicht mehr die geringſte Spur des Verfalles ſehen, der ſich an dem Eremiten zeigte. Es war Honorinens Geiſt, der dieſe Veraͤnderung bewirkt, Honorinens, die ihn vermocht, wenigſtens den Anfang zu einem thaͤtigen Leben zu machen, Honori⸗ nens, die, obſchon ſie an Adelen ſchrieb, daß ſie jetzt, nachdem der Scheidebrief angekommen, nichts mit ihm anzufangen wiſſe, gleichwohl ſo viel Macht uͤber ihn be⸗ ſaß, daß dieſer Scheidebrief ihm nicht den Verſtand raubte, was ſicherlich geſchehen waͤre, wenn er ihn waͤh⸗ rend ſeines abgeſchiedenen und ungluͤcklichen Lebens in der Einſiedelei getroffen haͤtte. Ja, Philipp uͤberlebte dieſen gefaͤhrlichen Zeit⸗ punkt, waͤhrend deſſen Honorine ihn mit einer Sorg⸗ falt, einer Zartheit und Sanftmuth behandelte, welche dazu beitrugen, die Gewalt, welche ſie immer mehr und mehr uͤber ſeine Seele gewann, vollkommen feſt zu be⸗ gruͤnden. Es war ein liebli her Anblick, dieſe junge und ver⸗ ſtaͤndige Frau zwiſchen den drei Maͤnnern zu ſehen, welche ihr alle einen verſchiedenen Tribut ihrer Ge⸗ fuͤhle bezahlten. Dem Oberſtlieutenant huldigte ſie als die treuer⸗ 72 gebenſte Gattin; er hatte niemals Grund uͤber die ge⸗ ringſte Verſaͤumniß zu klagen. Siyten leitete ſie mit der unermuͤdlichen Fuͤrſorge einer geliebten Schweſter. Fuͤr Philipp beſaß ſie die ergebene Wachſamkeit einer Freundin. Keiner hatte Grund, auf den Andern eiferſuͤchtig zu ſein und es that es auch Keiner. Aber alle Drei fuͤhlten, daß ſie ihre Sonne war und dieſe Sonne beſaß ſo viel Waͤrme, daß ſie fuͤr Alle hinreichte. Sogar Dick genoß dieſe Strahlen mit, wenn ſeine Sonne nicht auf Tjuſtorp anweſend warz fuͤr den Augenblick aber litt er nicht an dieſem Mangel, denn es ſtrahlten jetzt hier zwei Sonnen, obſchon dem Glanze nach ganz verſchieden von denen, welche wir in der Re⸗ ſidenzſtadt verlaſſen baben „Nun, beſter Herr Philipp, kommen Sie denn einmal nach Hauſel Das Rebhuhn wird hart und es verlohnt ſich nicht, auf den Herrn Director zu warten — Element, wie ihm das gutſchmeckt, Director zu hei⸗ ßen.. aber ich glaube, er koͤunte eben ſo gut gleich ganz nach Tjuſtorp ziehen, als fruͤh und ſpaͤt dort zu ſein! Na, na, ein Jeder weiß, wo ihn der Schuh druͤckt; ich prophezeihe, wie Baron Sixten, daß unſer Knabe niemals Herr Svante Alban Thurné von Sore⸗ — A—&—2. 73 nius auf Ribyhus und Zubehoͤr heißen wird— endlich habe ich den ganzen Schwall ausſprechen gelernt.“ „Gott ſei Dank, meine liebe Madame Malmelin, daß Sie immer Ihre froͤhliche Laune bewahren! Es iſt allemal eine wahre Erfriſchung, Sie zu ſehen.“ „Nun, das dankt mir wohl der Geier, daß ich jetzt froͤhliche Laune habe, wenn ich ſo gut wie Hausfrau auf einem ſolchen Rittergute ſitze! Ich moͤchte nur wiſ⸗ ſen, was meine Freunde bei der Tageblattredaction ſag⸗ ten, wenn ſie ſaͤhen, was aus der Malmelin geworden iſt... Aber Sie werden wohl auch einſehen, Herr Philipp, daß ich erſt wieder ein ordentlicher Menſch ge⸗ worden bin, ſeitdem Sie einer geworden ſind und ſeit⸗ dem wir das verwuͤnſchte Gebirge verlaſſen haben. Und das haben wir der guten, lieben Oberſtlieutenantin, dieſem Engel, zu verdanken.“ „Das iſt wahr. Ich erkenne auch meine Ver⸗ bindlichkeit gegen ſie an.“ „Ja, daran thun Sie auch wohl. Ihresgleichen giebt es nicht unter dem Monde, ja, ich ſage geradezu, daß es auch ſchwerlich ihresgleichen in der neuen Welt giebt, von welcher Herr Dick immer erzaͤhlt. Keine Spur von Hochmuth oder Vornehmheit, ſondern:„Gute Madame Malmelin, meinesheſte und freundliche Ma⸗ dame Malmelin, wie geht es denn jetzt mit unſerm Schuͤtzling?“ Ja, ſehen Sie, ſo etwas laß ich mir ge⸗ fallen!“ 74 „Ich bin neugierig, ob ſie auch morgen Mittag um kommen werden, wie der Baron meinte.“ konn „O, darauf koͤnnen wir uns verlaſſen! Der Oberſt⸗ lieutenant muß nun einmal an die freie Luft, da er ſchne ein wenig beſſer iſt. Wenn er immerfort in der Ruf Stube ſtecken muͤßte, ſo wuͤrde er, glaube ich, zuletzt welch noch an ſeiner eigenen Verzärtelung erſticken; aber er Gef hat eine Frau, wie ſie nicht einem Jeden beſchie⸗ den iſt.“ Arm „Ich fand.“ unterbrach ſie Philipp,„die Arbeit ſchon weit vorgeſchritten... Sie wird mir mit ihren Sch freundlichen Augen danken, wenn ſie ſieht, daß die Haͤuſer, an welchen ſie voruͤberfaͤhrt, neue Brettver⸗ Lipp ſchlaͤge bekommen haben und guckt ſie vielleicht hinein, wie ſie wohl zuweilen thut...“ men „Ja, dann wird ſie ſehen, daß der, dem ſie ihre keine ganze Weisheit und Freundſchaft zugewendet, guten waͤhl Rath zu ſchaͤtzen verſtanden hat... Aber ſehen Sie doch, was iſt denn das fuͤr ein Fuhrwerk, welches ſich Gege da draußen zeigt?... Herr Dicks Droſchke iſt es nicht Eine und auch nicht der Wagen von Tjuſtorp. Dieſen Wa⸗ Herz gen habe ich noch niemals geſehen.“ Philipp war jetzt nicht mehr menſchenſcheu, doch himn war es ihm auch jetzt noch allemal unangenehm, wenn er ſich gezwungen ſah, mit Fremden zu verkehren. In eines Folge deſſen verfuͤgte er ſich auch jetzt nur mit dem Gefuͤhle innigen Mißbehagens nach dem Gatterthore,— 75 um den Gaſt zu empfangen, dem er nicht entfliehen konnte, nachdem er einmal geſehen worden. Aber als der Reiſende jetzt ganz nahe kam, als er ſchnell aus dem Wagen ſprang, da ſtieß Philipp einen Ruf aus, einen Ruf von einem Gefuͤhl veranlaßt, welches ihm lange Zeit fremd geweſen, naͤmlich dem Gefuͤhl der Freude. Im naͤchſten Augenblick lag er in Arnolds Armen. Mit heftigen, mit warmen und bruͤderlichen Schlaͤgen ſchlugen ihre Herzen an einander. Und ſo ſchnell, daß die Worte einander uͤber die Lippen jagten, ſagte Philipp: „Sei nun tauſend, mehr als tauſendmal willkom⸗ men, denn wenn Du mich jetzt beſucheſt ſo haſt Du keinen Gedanken an ſie, der es jetzt freiſteht, zu waͤhlen.“ „So himmelweit ſind meine Gedanken von dieſem Gegenſtand entfernt, daß ich ſie im Gegentheile bei Einem gelaſſen habe, welcher neben Dir mein ganzes Herz einnimmt.“ „Iſt das gewiß, iſt das wahr?“ Und ein Strahl himmliſchen Friedens entzuͤndete ſich in Philipps Auge. Jetzt fuͤhlte er erſt vollkommen, daß es die Hand eines Bruders war, die er druͤckte. „Ja, bei unſerer alten Freundſchaft, es iſt wahr — aber ſtill, jetzt kein Wort mehr! Spaäͤter ſollſt Du 4 76 mein ganzes Vertrauen haben. O, welches Gluͤck, nan Jemanden zu haben, mit dem man ſprechen kann!“ Un „Wenn noch ein Zweifel in mir obgewaltet haͤtte, ſo wuͤrde er durch dieſes Geſtaͤndniß erſtickt worden ſein.. fruͤher hatteſt Du niemals Luſt, Dich mit⸗ zutheilen.“. „Auch jetzt habe ich ſie fuͤr Niemand, als fuͤr Dich und... Aber, ſehe ich nicht hier die achtungswerthe M Madame Malmelin, von welcher Dick mir ſo viel er⸗: dur zaͤhlt— Deine gute Norne?“ nel Die Malmelin eilte blos im Hintergrunde vor⸗ lip. uͤber.. ver Sie wollte blos einmal nach dem Rebhuhn ſehen 21 — za, nach dem Rebhuhn, denn jetzt dichtete ſie nicht ehr mehr bei Kartoffeln und Waſſer! ſch Aber ſo ſind die Gaben des Schickſals! lo Als die Malmelin noch nicht Rebhuͤhner und F Auerhaͤhne ſpeiſ'te, hatte ſie ihre ſchoͤne Dichtergabe, He welche die gemalten Briefe eine Seite nach der andern th vollſchrieb. Jetzt aber war dieſes himmliſche Geſchenk ſtel entflohen und ſie ſuchte nur noch aus dem Gedaͤcht⸗ ge niſſe die alten Verſe hervor. Aber ſie bedurfte auch ha Gott ſei Dank, jetzt nicht mehr die Gewogenheit erer— Stubenmaͤdchen und Lehrburſchen; ſie aß ſich ſatt ohne 8 die armſeligen Pfennige dieſer Leute und deshalb traͤgt Madame Malmelin ihren Verluſt mit groͤßerer Reſiga der nn!* jaͤtte, orden mit⸗ Dich herthe Aer⸗ vor⸗ ſehen nicht und gabe, andern chenk aͤcht⸗ auch der ohne traͤgt deſig⸗ nation, als manches weit groͤßere Talent in desoleichen 4 den erſten Schritt zu thun und es war auch eben ſo Umſtaͤnden an den Tag gelegt hat. Erſt nach dem Mittagsmahle— bei welchem die Malmelin ſtehenden Fußes die Honneurs machte und durch ihr freundliches Weſen den Doctor ganz einzu⸗ nehmen wußte— nahmen die beiden Freunde in Phi⸗ lipps beſonderem Zimmer bei Kaffee und Cigarre das vertrauliche Geſpraͤch wieder auf. „Weißt Du,“ ſagte Arnold,„ſo lieh ich auch den 7 ehrlichen Dick gewonnen habe, der ſich in ſeiner Eigen⸗ ſchaft als Herr auf Ribyhus ganz vortrefflich macht, ſo ſehr freue ich mich doch, daß er heute nicht zuge⸗ gen iſt. 3 „Ja,“ fiel Philipp ein,„wir haͤtten dann unſere Herzen nicht ſo Auſchättnn koͤnnen, wie wir es nun thun werden. Vor allen Dingen muß ich Dir ge⸗ ſtehen, daß ich ſchon laͤngſt eingeſehen, daß ich zu hart gegen Dich war. Ich war behext, aber dieſe Hexerei hat doch nicht ſo lange gedauert, als es ſcheinen wollte.“ „Nein, aber ſpaͤtar blieb das Vorurtheil aus Ge⸗ wohnheit haͤngen.“ „Das kann ſein. Ich ſchaͤmte mich gleichſam, 78 gut, daß Keiner von Beiden ihn that, ſo lange nicht Alles erſt beſeitigt war.“ „So habe ich auch gedacht.“ „Aber etwas, Bruder, bitte ich Dich, zu glauben — daß mein Herz oft vor Sehnſucht nach Dir ge⸗ ſchlagen hat. Und mit meinen Freunden hier, beſon⸗ ders der anmuthigen Oberſtlieutenantin Helleding, habe ich ganze Stunden von Dir geſprochen.“ „Und mit einer gewiſſen andern Dame wohl auch, glaube ich,“ ſagte Arnold erroͤthend. „Du meinſt die Koͤnigin Adele, wie Dick und ſeine Flamme zu ſagen pflegen... Ja, mit ihr ſprach ich wirklich noch mehr uͤber Dich, denn ſie konnte dar⸗ uͤber nie genug hoͤren.“ „Schwatze doch nicht!“ „Ich ſchwatze durchaus nicht, ſondern rede die reine Wahrheit... Aber wann lernteſt Du ſie ken⸗ nen? Sie antwortete allemal, es ſei ſchon lange her.“ „Nun, gerade ſo ſehr lange iſt es nicht her. Die Bekanntſchaft ward auf einer Reiſe gemacht. Frauen⸗ zimmer ſprechen nicht gern von ſo etwas; ſie wendete ſich, in meiner Eigenſchaft als Arzt, an mich.“ „Iſt es denn wirklich gegruͤndet, daß dieſe Pracht⸗ blume vielleicht binnen Kurzem verwelken wird? Frau Helleding hat zuweilen darauf hingedeutet. Die junge Witwe ſelbſt aber war ſo lebhaft, ſo zu allen Vergnuͤ⸗ 79 Alles gungen geſchaffen, daß ſie nicht an die Gefahr geglaubt haben muß.“ „Ach ja, das thut ſie,“ antwortete Arnold mit auben einem halberſtickten Seufzer,„aber ſie will auf ihre r ge⸗ Weiſe das Leben genießen, bis die Krankheit ſie nieder⸗ eſon⸗ druͤckt.“ habe„Du haſt ſie wohl in der letzten Zeit nicht getrof⸗ fen? Du weißt, daß ſie in derſelben Stadt wohnt wohl wo... Philipp erbleichte. Noch war ſein Herz krank. „Weißt Du was, Bruderz ich hatte mir vorge⸗ huu nommen, blos zur Haͤlfte aufrichtig zu ſein aber jetzt dar⸗ glaube ich, daß es beſſer iſt, es ganz zu ſein.“ „Ganz?“ „Ja, ich komme aus der Stadt, von der Du . ſprichſt und wohin mich Frau von Stern gerufen.“ e die„Ha, was ſagſt Du— und Du haſt ſie geſehen, ken⸗ Du haſt ſie getroffen, deren Namen ich jetzt nicht mehr her. zu nennen wage? Sprich, ſprich!“ Die„Philipp, Du mußt nicht ſo heftig ſein— es faen⸗ iſt ja jetzt Dein feſter Wille, Heilung zu ſuchen.“ endete„Und ich ſuche ſie auch alle Tage, obſchon bis jetzt noch vergebens. Aber ſprich!“ racht⸗„Du fragſt mich, ob ich ſie getroffen? Es war Frau niemals meine Abſicht, zu ihr zu gehen. Aber wenn junge dies auch der Fall geweſen waͤre, ſo kam ſie ihr doch ergnuͤ⸗ zuvor... Lies hier!“ 80 Arnold, der dieſes Heilmittel, obſchon es fuͤr den Anfang ein bitteres war, als von wohlthaͤtiger Wir⸗ kung fuͤr Philipp betrachtete, gab ihm das Billet der Heiligen. Der arme, verlaſſene Ehemann zitterte heftig waͤh⸗ rend des Leſens. „O die Heuchlerin,“ murmelte er. „Du kannſt es niemals Gott genug danken, daß ſie Dich verließ. Sie wuͤrde Dich ewig ungluͤcklich ge⸗ macht haben.“ „Erzaͤhle mir, was Du hoͤrteſt... Meine Toch⸗ ter ſahſt Du auch nicht?“ „Wie haͤtte ich das anſtellen ſollen? Die gut⸗ muͤthige Gunnel iſt aber immer noch ihre Waͤrterin.“ „Und der Ruf dieſes Weibese“ Der der heiligen Brigitta war wo kaum reiner und groͤßer.“ Arnold erzaͤhlte Alles. Philipp hoͤrte ihn mit geſenktem Haupte an. Er ſchien von jeder einzelnen Mittheilung erſtickt zu werden und doch ſog er dieſelbe mit einer Begier ein die denen eigen iſt, welche von verlorenen aber noch ge⸗ liebten Gegenſtaͤnden reden hoͤren. Allmaͤlig leitete jedoch Arnold die Gedanken des Freundes in einen andern Kanal. Er entſchleierte nun das Geheimniß ſeines Her⸗ zens und den mehr als wunderbaren Zufall, der ihm 81 daſſelbe abgelockt und dadurch ſein Lebensgluͤck auf einen ſo verzweifelten Wurf geſetzt hatte. „Bei Gott,“ rief Philipp, durch dieſe Erzaͤhlung im hoͤchſten Grade angeregt,„das kann blos einem Arzte widerfahren, in ein ſo intereſſantes und ſeltſames Verhaͤltniß zu gerathen!“ „Aber es iſt auch zugleich entſetzlich— uͤber alle Begriffe entſetzlich.“ „Und ſie iſt unbeweglich?“ „Wie der Tod, der ſie vielleicht abmaͤhen wird, ehe ich an die Reihe komme.“ „Mein armer Arnold, dieſe Spannung erfordert ſtarke Nerven.“ „Waͤre es nur nicht dem alten hartnaͤckigen Me⸗ dizinalrath gelungen, ihr ſeine Ueberzeugung einzureden! Aber da ſie von der fortwaͤhrend wiederkehrenden Furcht beherrſcht wird, daß die Operation mißgluͤcken und ſogleich den Tod zur Folge haben werde, ſo kann man nicht anders, als ihr verzeihen, daß ſie aufſchiebt und be⸗ ſtaͤndig aufſchiebt.“ „Du ſprichſt von der Vergangenheit. Aber der Medizinalrath iſt ja immer noch in ihrer Naͤhe— wenn er ſie nun bewegt, das Verſprechen zuruͤckzuneh⸗ men, welches ſie Dir fuͤr den Fruͤhling gegeben?“ „Nein, nein, ſag das nicht! Sie muß an mich Ein Gerücht. V.. 6 8² glauben— ich will in jedem Briefe ſie durch meine Bitten ermuͤden. Und ihre Freundin Honorine wird mir helfen. Ach, es iſt nur allzuwahr, daß ſie am Rande ihres offenen Grabes tanzen und ſich vergnuͤgen kann.“ Arnold bedeckte ſein Geſicht mit den Haͤnden, um den heftigen Schmerz zu verbergen. „Aber geſetzt,“ hob Philipp wieder an,„daß Du ſie im Fruͤhling retteſt, geſetzt, daß ſie wieder geſund und bluͤhend wird— haſt Du auch Zeit gehabt, zu uͤberlegen, ob dieſe Weltdame ſich fuͤr Dich zur Gattin eignet?“ 3 „Mehr als Du glaubſt! Ihr heiterer, weltlicher und fluͤchtiger Sinn wuͤrde, wenn er uͤber meinen ernſten hinwegglitte, demſelben ein Colorit verleihen, deſſen er wohl bedarf und mein Ernſt, meine Ruhe, meine Zaͤrt⸗ lichkeit wuͤrden von ihr all das Ueberfluͤſſige ſcheiden, welches ihrem Werthe ſchadet und denſelben verdunkelt, denn ſie iſt doch ein Weib von hohem Werthe, von ſel⸗ tener Vortrefflichkeit.“— „Und unter Deiner Leitung— wenn ſie Dich naͤmlich liebt— wird ſie eine zweite Honorine werden!“ „Waͤren wir nur erſt ſo weit, daß ſie mein waͤre, dann wuͤrde ich ſchon mit ihren Fehlern zurechte kom⸗ men. Freilich ſind dieſelben leider ſo liebenswuͤrdig, neine wird 2 am uͤgen um Du eſund , zu hattin licher nſten en er Zaͤrt⸗ eiden, nkelt, n ſel⸗ Dich orine waͤre, kom⸗ uͤrdig, 83 daß ich, Gott verzeihe es mir, glaube, dieſelben haben mich eben foſehreingenommen, als ihre Tugenden... Aber der, fuͤr welchen eine Honorine gepaßt haͤtte, waͤ⸗ reſt Du geweſen“ Ja, wollte der Himmel, daß das Schickſal mir eine ſolche Gattin gegeben haͤtte! Ich bete ſie an, weißt Du... notabene, wie man das Edle und Schoͤne an⸗ betet. Sieh ſie nur erſt im alltaͤglichen Leben, in ihrem Hauſe als Hausfrau, als Herrin, als Freundin — erſt wenn man ſie ſo ſieht, begreift man ihren Werth.“ „Und was iſt ſie Dir geweſen!“ „Sie hat mich dem wirklichen Leben wiedergege⸗ ben... Aber wirf auch einen Blick auf das zarte Verhaͤltniß zwiſchen ihr und Baron Sißyten, ihrem vormaligen Freier, der ihr nun ſeit neun Jahren treu geblieben iſt. Welche Frau koͤnnte wohl, wie ſie, den Cours zwiſchen einem verweichlichten, wunderlichen Mann und einem ehrerbietigen, aber immer noch an⸗ betenden Couſin hindurchſteuern? In keinem andern Hauſe waͤre ein ſo vertrauliches Leben zu Stande ge⸗ kommen. Wollte ſie aber Sixten aufgeben, ſo ginge dieſer ganz und gar zu Grunde und ich glaube, der Oberſtlieutenant hat auch Verſtand und Gefuͤhl genug, dies einzuſehen.“ Hier wollen wir die wiedervereinigten Freunde 6* 84 verlaſſen, welche jetzt von Philipps neuem Namen in der Welt zu ſprechen beginnen und verſetzen uns ſtatt deſſen in den naͤchſten Tag zwoͤlf Uhr, wo wir zwei Wagen auf dem Wege nach Madaͤngsholm hin⸗ fahren ſehen. Eo 8 nen uns wir din⸗ 11. Der gordiſche Knoten. In einem der zwei erwaͤhnten Fuhrwerke, einem leichten und eleganten Jagdwagen, fuhr Oberſtlieute⸗ nant Helleding mit ſeiner Frau. Die nachfolgende, ſchoͤne Droſchke befand ſich im Beſ des Herrn Directors Sorenius und der Mamſell olli. Zuerſt wollen wir den Reiſenden im Jagdwagen zuhoͤren. „ Beſter Helleding, ich fuͤrchte, daß wir nicht recht gethan haben, dieſe kleine Reiſe vorzunehmen. Du ſiehſt wirklich. „Ja, winſele nur— die Weiber wiſſen einmal ghichts weiter! Wenn ich reiſen will, ſo reiſe ich.“ „Wenn Du mir nur erlauben wollteſt, zu fahren. Dein Huſten macht Dir ſo viel Beſchwerde.“ „Ha, ha, ein Frauenzimmer mich fahren— nein, liebes Kind, ich danke Dir.“ 86 „Aber dennoch...“ „Immerwaͤhrend aber— haſt Du denn alle an⸗ deren Worte vergeſſen, liebes Kind? Fruͤher warſt Du eine liebenswuͤrdige und unterhaltende Frau, jetzt aber weißt Du den ganzen Tag nichts weiter zu ſagen, als aber und ich fuͤrchte..“. Der Oberſtlieutenant war hier genoͤthigt, abzubre⸗ chen, oder, richtiger geſagt, ein Anfall von Huſten brach ihn ab. 128g „Dieſe verdammten Bruſtſchmerzen!“ „Nun, mein Freund, habe ich denn nicht Grund zu fuͤrchten! Aber Du haſt unrecht, Du alter, eigen⸗ ſinniger Soldat, wenn Du ſagſt, daß ich fortwaͤhrend von meiner Furcht ſpreche— Du haſt mich wohl kaum je davon reden hoͤren. ftn12c S „Ei ſieh doch, liebes Honorinchen, glaubſt Du, daß ein alter Kriegsknecht, wie ich, ſich von einer er⸗ baͤrmlichen Huſtenkanonade cujoniren laͤßt! Ich kurire mich dadurch, daß ich eine Reiſe mache und hinrei⸗ chende, friſche Luft einathmen 5 883 „Zum Gluͤck ſind fuͤnfviertel Meilen keine lange Reiſe.“ 9 im Fall ich wirklich krank waͤre? Du biſt wirklich eine ſehr hoͤfliche Frau! Ein wenig mehr Vorſicht koͤnnte vielleicht nichts ſchaden. „Ach, mein Freund,“ ſagte Honorine mit ihrem „So, fuͤnfviertel Meilen waͤren keine lange Reiſe⸗ an⸗ Du aber gen, bre⸗ rach rund gen⸗ rend aum Du, r er⸗ urire nrei⸗ ange deiſe, eine ounte hrem 87 anmuthigſten Laͤcheln,„dieſe Vorſicht iſt es ja, die Du nicht leiden willſt.“ „Ich leide Alles, mein Kind, ſobald es nur nicht uͤbertrieben iſt. Die Weiber haben es aber einmal ſo in der Art, daß ſie in keiner Sache Maaß und Ziel halten koͤnnen.“ In dieſem Augenblick hoͤrte man ein Pferd hinter dem Wagen galoppiren und gleich darauf zeigte ſich Baron Siyten, welcher geſund, heiter und zufrieden zu ſein ſchien, wie immer, und wenn man ihn ordentlich muſterte, konnte man ſich uͤberzeugen, daß, wie es auch mit ſeinem erſten Fehler, welcher die Freunde betraf, ſtehen mochte, der zweite doch lange geruht haben mußte. Und dies war vielleicht noch ſicherer in dem freund⸗ lichen und ergebenen Blick zu leſen, den Honorine ihrem Couſin zuſchickte, als er jetzt an ihre Seite vorritt. „Kannſt Du Dir denken, was meine Frau mir eben vorſchlug?“ ſagte der Oberſtlieutenant, der, unge⸗ achtet ſeiner Behauptung, daß er ſich von der Krank⸗ heit nicht cujoniren ließe, ganz krumm auf ſeinem Platze ſaß. „Nein, wenn es aber nur etwas Annehmbares iſt.⸗ „Ja, den Teufel— ſie will, daß ich mich als ein altes Weib erkennen ſoll! Sie will mein Kutſcher ſein... aber warte nur, liebes Honorinchen, ich laſſe die Zuͤgel noch nicht los!“ „Nun, lieber Gott, Du hochmuͤthiger Mann, wie 88 eiferſuͤchtig biſt Du doch auf Deine Gewalt!“ fiel Ho⸗ norine lachend ein. Der Baron verzog ein wenig den Mund, zuckte aber auch zugleich die Achſeln. Alles mußte Honorine gleichmachen und uͤbertuͤn⸗ chen, und dennoch verſtand der, fuͤr welchen ſie Alles gleichmachte und uͤbertuͤnchte, nicht die Haͤlfte ihres Werthes! Aber hierin hatte Sirten unrecht, denn wie auch der Oberſtlieutenant waͤhrend ſeiner Kraͤnkl lichkeit und Reizbarkeit ein wenig mehr zanken mochte, als fuͤrs Haus noͤthig iſt, ſo wußte er doch, was ſeine Honorine werth war. „Sie ſind heute recht verſchwiegen, Herr Dick! Ich hoffe, daß doch nichts Beſonderes die Urſache iſt?“ „Nun, ich dachte an etwas, was, wie Mamſell Jolli, wie ich glaube, aaiſehen wird, nicht ſehr ange⸗ nehm iſt.“ „Es iſt ſchwer, etwas ugeſtehen, was ich nicht weiß.“ „O, gewiß weiß Mamſell Jolli, daß ich Witwer bin. 4 „Ach ja, das iſt wahr— aber Herr Dick betrauert ſeine ſelige Gattin eben nicht ſehr.“ be 8˙ ˙ 89 „Um ſo mehr betraure ich, daß ich ihr keine Nach⸗ folgerin geben kann.“ „Ach was da— Herr Dick hat ſeinen Sohn...“ „So iſt es, aber...“ „... und ſein Muſeum...“ „I allerdings, aber...“ . und ſeine Fabrik.“ „Das iſt Alles ſchoͤn und gut! Aber ich ſage Ih⸗ nen, Mamſell Jolli, daß es bei allem dieſen doch ſehr langweilig iſt, keine Frau zu haben.“ Jolli antwortete nichts. „Mein Muſeum wuͤrde doppelt ſo ſchoͤn werden, wenn Jemand, der guten Geſchmack haͤtte, mir es ord⸗ nen huͤlfe.“ „Vielleicht wenn Alban einen Informator be⸗ kommt und Herr Dick ſeinen Pflegeſohn mit nach Ri⸗ byhus nimmt...“ „Aber will denn Mamſell Jolli, daß mein Mu⸗ ſeum bis dahin kunterbunt liegen bleiben ſoll?⸗ „Lieber Gott, ſteht es denn ſo ſchlecht damit?“ „Schlecht?— Es iſt ein förmliches Chaos.“ „Und Herr Dick ſelbſt?“ „Kann ich denn mit Allem fertig werden! So⸗ bald ich anfange, ſtoße ich ſogleich auf irgend etwas, was mir vorkommt, als waͤre es einer gewiſſen Perſon wie angemeſſen. Ich ſage nicht, wem!“ 9⁰ „ Und ich bin zu zartfuͤhlend, um neugierig zu ſein.“ „»Wenn ich dann auf ſo etwas ſtoße, ſo ſage ich zu mir ſelbſt: Ach, lieber Gott, wenn Die, fuͤr welche du paſſeſt, hier waͤre— ach. Aber Mamſell Jolli, die nicht neugierig iſt, wird vernuuthlich das Uebrige nicht hoͤren wollen?“ „O, wenn es Herrn Dick Vergnuͤgen macht, mir zu ſagen?. „Ja, aber was hilft es, beim Lichte beſehen, davon zu ſprechen, wenn... wenn.. es doch nichts hilft!!' „ Das iſt ſehr richtig.“ „Aber zum Spaße kann ich. doch erwäͤhnen e „Ja, erwaͤhnen Sie es zum Shaße e „Alſo wir ſprachen von der Sache. „Sehr richtig!“ und von meinem Wunſche, daß die Perſon, welcher die Sache am beſten paßte, kommen und ſie nehmen moͤchte.“ „Ich weiß nicht, ob die Worte ſo hintereinander folgten.“ „Auf jeden Fall war der Sinn ſo.“ „Zum Spaße, nicht wahr?“ „Nun, das verſteht ſich.“ Nun dann weiter.“ Fum chi „Ja, weiter. Dann ſetze ich mich— allemal mit der Sache— in einen Winkel und denke nach“ ta zu ich elche ollli, drige mit 94 „Das Nachdenken macht eben nicht viel Spaß.“ „Es kommt darauf an, was der Gegenſtand des Nachdenkens iſt! Haben Sie ſchon einmal daruͤber nachgedacht, wie Einem am Hochzeitstage zu Muthe ſein muß?“ „Nein, niemals, Herr Dick! Aber ich weiß, wie Einem an einem Tage zu Muthe iſt, der jenem vor⸗ angeht.* „Was iſt denn das fuͤr einer 2* „Nun, lieber Gott,“ ſagte Jolli erroͤthend und mit geſenktem Blicke, der Tag, wo Jemand um Einen an⸗ haͤlt.“ Lieber Gott, hat denn ſchon Jemand um Mam⸗ ſell Jolli angehalten?⸗ fragte Dick und ließ vor Er⸗ ſtaunen die Zuͤgel aus den Haͤnden fallen.— „Ei, was iſt das, Herr Dick! Das Pferd laͤuft ja in das Gebuͤſch hinein!“ Der Herr Director riß die Zuͤgel wieder an ſich und nahm wieder eine gefaßte Miene an. „Will Mamſell Jolli die Guͤte haben, mir auf meine Frage zu antworten?“ „Man kann doch nicht Alles eantmaktei, was gefragt wird!“ Ich bitte aber ganz ſchon darum.“ Der Dick beſitzt ein vortreffliches eberredungse talent... was war es nur gleiche. 2 92 „Es war die Frage, inwieweit Jemand Mamſell Jolli zur Frau begehrt hat.“ „Nun, und wenn dem ſo wäre?“ „Nun, da, da... ſteckte ich mein Muſeum in Brand.“ „Gott behuͤte uns!“ „Sagen Sie mir nun die ganze Wahrheit.“ „Verſprechen Sie mir, zu ſchweigen, Herr Dick?“ „Ich ſchweige ja alle Tage.“ „Ich fuͤrchte nur, daß ich mich einer allzugroßen Vertraulichkeit ſchuldig mache. Ich weiß nicht, ob das angeht.“ „Reden Sie, Mamſell Jolli— Sie haben mich nun ſchon zu neugierig gemacht.“ „Nun denn, im Vertrauen— Baron Siyten hat ſich um meine Hand beworben.“ Dick riß die Augen vor Verwunderung weit auf. „Da haͤtte Mamſell Jolli ja Freiherrin werden koͤnnen!“ „Allerdings!“ „ Und Sie wollten nicht?“ „Wie haͤtte ich das wollen können?— Ich wuͤnſche dem Baron Sinten ein viel beſſeres Gluͤck, als eine Frau, die ihn nicht liebt.“ „Ja, ſehen Sie, es iſt eben die Liebe bei der Sache der Hauptknoten!“ „Ja, das iſt der Hauptknoten.“ mſell n in ick?“ oßen das mich mhat auf. erden nſche eine Bache 93 „Ach, Mamſell Jolli!“ „Ach, Herr Dick!“ „Wenn Mamſell Jolli glauben koͤnnte, wie ſchoͤn Ribyhus ausſieht!“ „Das habe ich ſchon gehoͤrt.“ „Und ſo ſchoͤn meublirt! Ich habe das ganze Meublement auf meinen Theil mit uͤbernommen.. viel größere Pfeilerſpiegel, als in Tjuſtorp!“ „Iſt das moͤglich?“ „Und ich wette darauf, daß der Kronleuchter des Salons dort eine ganze Elle ſchmaͤler iſt, als der in dem großen Salon auf Ribyhus.“ „Ein ſolcher großer Kronleuchter muß etwas Pracht⸗ volles ſein.“ „Etwas ungeheuer Praͤchtiges, beſonders wenn er angezuͤndet iſt, wie zur Hochzeit, Ball oder Kindtaufe . à propos, Mamſell Jolli, wiſſen Sie, was Madame Malmelin vergangenen Freitag zu mir ſagte?“ „Nein, aber es muß wohl etwas Kluges geweſen ſein, denn dieſe alte Frau iſt immer ſo witzig.“ „Ich halte ſie fuͤr ein wirkliches Licht. Urtheilen Sie ſelbſt.“ „Nun, was ſagte ſie denn?“ „Herr Dick, ſagte ſie— wir ſind naͤmlich ganz vertraut zuſammen— wiſſen Sie, Herr Dick, was ich mir ausgeſonnen habe? Nein, antwortete ich, denn ich war nicht auf Laune.. Sehen Sie, ſagte ſie, ich 94 habe ausgeſonnen, wie es anginge, daß Sie ſich ver⸗ heirathen und Alban dennoch zu Ihrem Erben machen koͤnnten.“— „Wie,“ rief Jolli ganz unbefangen, wie hat ſie denn das ausgekluͤgelt?“ „Nun, ſie zerhieb den gordiſchen Knoten, wie Alex⸗ ander.. Mamſell Jolli kennt wohl die Geſchichte von Alexander und dem gordiſchen Knoten e* „Nicht das ich wuͤßte.“ „Dann werde ich ſie Ihnen heute Nachmittag erzäͤhlen.. vielleicht wuͤnſchen Sie aber die Sachenjetzt ſogleich zu hoͤren, ſo daß wir einſtweilen Uber den an⸗ dern Gegenſtand ſchweigen.“ „Es wird wohl meh a gut g gehen, ſa vie ereſ unter⸗ einander zu mengen.“ 8 „Das denke ich eben auch.. Nun, Madame Malmelin, ſagte ich, was haben Sie denn ausgeſonnen, um der Sache zu helſme Nun, ſehen Sie, ſagte ſſe, wenn Sie heirathen, Herr Dick, ſo bekommen Sie ent⸗ weder Erben oder Sie bekommen keine 3 darin hatte ſie wohl auch rechtet „Ich ſollte meinen.“ „Und wenn Sie einen Erben bekommen, ſagte ſie weiter, ſo iſt es entweder ein Sohn oder eine Tochter. Das iſt klar, entgegnete ich, denn ich konnter ahr nicht widerſprechen— was meinen Sie?* Nein, nicht gut.“ ver⸗ hen ſſe llex⸗ von ttag jetzt an⸗ nter⸗ ame nen, ſſe, ent⸗ hatte te ſie chter. nicht 95 „Sehen Sie, fuhr Madame Malmelin fort, ein Sohn wird Albans Pflegebruder. In den alten Rit⸗ terliedern habe ich geleſen, daß bei einem ſolchen Bruder⸗ bund alles gemeinſchaftlich iſt— die Zwei ſind wie Einer... Hm, ſagte ich, denn was ſie vorſchlug, war wirklich nicht ſo albern.“ „»Nein, es iſt ſehr wahr,“ fiel Jolli ein,„ich habe an mehreren Stellen daſſelbe geleſen.“ „Wird es aber eine Tochter, ſetzte ſie hinzu, ſo iſt es noch beſſer, denn dann verheirathet Herr Dick ſie mit Alban.“ „Das waͤre wirklich beſſer.“ „Nicht wahr? Ich war auch den ganzen Tag auf guter Laune. Aber ſpaͤter fiel mir wieder etwas ein, was mir entſetzliche Grillen in den Kopf ſetzte.“ „ Und was war denn das? „Sie errathen es nicht, Mamſell Jolli?“ „Nein, durchaus nicht.“ „Bei Majors auf Krokſtad, zum Beiſpiel...“ „Bei Majors auf Krokſtad?“ „Nun ja, wenn es bei mir auch ſo wuͤrde?“ Jolli ſchuͤttelte den Kopf— es war offenbar, daß ſie Dicks Fineſſe nicht begriff. „Ich meine beiſpielsweiſe, denn wenn Sie, Mam⸗ ſell Jolli, alle die Butterbemmen zuſammenzaͤhlten, die Sie fuͤr die Kinder zum Vesperbrot ſchmierten, ſo fan⸗ den Sie gewiß, daß es mehr waren, als zwein.. 96 „Welch eine ſchoͤne Ausſicht,“ ſagte Jolli.„Ma⸗ daͤngsholm liegt wirklich recht anmuthig!“ „.. denn der arme Alban könnte, wenn er auch mehr als einen Pflegebruder haben koͤnnte, doch nicht mehr als eine Frau haben.“ „Ich daͤchte, Herr Thurns ſollte die beiden Fluͤ⸗ gel friſch anſtreichen laſſen— ſie ſehen ſo grau aus.“ „Als ich nun dieſem Gluͤck oder Ungluͤck— es iſt zuweilen ſehr ſchwer, das Gluͤck vom Ungluͤck zu un⸗ terſcheiden— auf den Grund kommen wollte, fand ich keinen Ausweg, und wenn man keinen Ausweg ſieht, Mamſell Jolli, ſo wird man allemal aͤrgerlich.“ „Nuͤn ſind wir da, Herr Dick!“ „Ja, und in einigen Tagen reiſe ich ab— o, Mamſell Jolli, Mamſell Jolli!“ „Vor allen Dingen ſagen Sie mir, Herr Dick, wer der Herr iſt, der mit Herrn Thurné die Treppe herunter kommt?“ ——— „Was tauſend Donnerwetter— Doctor Warv⸗ ner!“ ſchrie der Oberſtlieutenant.„Mit Ihnen treffe ich doch allemal zuſammen, wenn ich Sie gebrauchen kann. Das war damals auch ſo ein huͤbſches Zuſam⸗ mentreffen! Jetzt ſoll mich der Doctor inwendig kuri⸗ 97 ren, ſtatt daß wir uns das vorige Mal an den auswen⸗ digen Menſchen hielten.“ Honorine gruͤßte nicht ſo ſehr laut, aber ſie ſah vielleicht mit nicht minderem Vergnuͤgen, als ihr Ge⸗ mahl, einen Mann wieder, an welchem ſie aus mehrern Urſachen Intereſſe fuͤhlte. „Moͤchte ich Alles ſein koͤnnen, was ich zu ſein wuͤnſche!“ ſagte Arnold hoͤflich und verſuchte nun, ob⸗ ſchon der Oberſtlieutenant ihn beim Knopfloche gefaßt hatte, auf die andere Seite heruͤber zu kommen, um die Oberſtlieutenantin zu begruͤßen, welcher Philipp inzwi⸗ ſchen aus dem Wagen geholfen hatte. Baron Siyten ſtand ganz ſchuͤchtern und demuͤthig daneben— heute war es Philipps unbeſtreitbares Recht, Honorinen dieſen Dienſt zu leiſten. Aber zu Hauſe, in Tjuſtorp und an jedem andern Orte, war Siyten ein fuͤr allemal der Stallmeiſter der jungen Dame. „Ich danke Ihnen,“ fluͤſterte Honorine ihrem Wirthe zu,„ich ſah ſchon da draußen, daß Herr Thurné ernſtlich angefangen hat, ſich in das laͤndliche Leben und die landwirthſchaftlichen Geſchaͤfte hineinzudenken.“ „Einmal,“ antwortete Philipp, indem er Hono⸗ rinens Hand ehrerbietig an ſeine Lippen fuͤhrte,„ein⸗ mal muß ich doch wohl anfangen, Ihre Muͤhe zu lohnen.“ „Und mit dem Doctor ſteht Alles gut?“ „O, mehr als gut! Fragen Sie ihn ſelbſt.“ Ein Gerücht, V. 7 98 „Und ich,“ ſagte Arnold, der nun endlich den er⸗ forderlichen Spielraum gewonnen, der Oberſtlieutenantin ſein Kompliment machen zu koͤnnen,„ich warte nicht, bis ich gefragt werde, um zu ſagen, daß dieſer Tag zu den gluͤcklichſten meines Lebens gehoͤrt und ich wage hinzuzuſetzen, daß die Freude, Sie wiederzuſehen, gnaͤ⸗ dige Frau, dieſes Gluͤck im hoͤchſten Grade ſteigert.“ „ In der That, Doctor Warvner, wenn wir ein⸗ mal einander Komplimente machen ſollen, ſo glaube ich, das Gluͤck iſt ein wechſelſeitiges! Ich habe viel mit Ihnen zu ſprechen und...“ Aber Honorine konnte fuͤrwahr eben nicht„viel“ den Doctor in ihre Gewalt bekommen, denn der Oberſt⸗ lieutenant ſchien ganz und gar zu glauben, daß jener blos um ſeinet⸗ und um keines andern Menſchen willen hierhergekommen ſei und gab ſich nicht eher zufrieden, als bis Arnold verſprochen hatte, zum Abend mit hin⸗ uͤber nach Tjuſtorp zu fahren und daſelbſt einen Tag zu verweilen, damit der Oberſtlieutenant Bedenkzeit be⸗ kaͤme, uͤber Alles Auskunft zu geben. Und Arnold ſtellte ſich, in der Hoffnung, waͤhrend dieſes Tages Gelegenheit zu einem Zwiegeſpraͤch mit Honorinen zu bekommen, ganz und gar zur Dispoſition des Oberſtlieutenants. Endlich war man in Philipps Saal in Ordnung, dem einzigen Zimmer, welches, außer ſeinem eigenen und Dicks, in ſolchem Zuſtande war, daß es benutzt n er⸗ antin nicht, g zu wage gnaͤ⸗ . ein⸗ ich, mit viel“ herſt⸗ jener iillen eden, hin⸗ Tag be⸗ rend mit ktion ung, enen nutzt 99 werden konnte; denn natuͤrlich hatte der Eremit ſeine Gewohnheiten nicht ſo ſchnell wechſeln koͤnnen, daß er ſchou angefangen haͤtte, ſeine Gedanken auf Meuble⸗ ment und dergleichen irdiſchen Tand zu richten. Es iſt jedoch nicht unſere Abſicht, bei dem Mit⸗ tagsmahle auf Madaͤngsholm zu verweilen, wo Philipp ſich zum erſten Male als angenehmer Wirth zeigt und Madame Malmelin ihren ganzen Vorrath an Hoͤflich⸗ keiten und Ueberredungskuͤnſten erſchoͤpft. Wir wollen ſtatt deſſen den Schluß des Zwiegeſpraͤchs mit anhoͤren, welches am Morgen darauf zwiſchen dem Oberſtlieute⸗ nant und dem Doctor zu Hauſe bei dem Erſtern ſtatt⸗ fand und welches zu wichtig war, als daß wir es hier uͤhergehen koͤnnten. „Alſo,“ ſagte der Oberſtlieutenant,„nun wiſſen Sie das ganze Verhaͤltniß, Herr Doctor. Dieſe Nach⸗ wehen, die ſich eingeſtellt haben, nachdem ich das Fieber gluͤcklich uͤberſtanden, preſſen mir faſt die Seele aus; das iſt das Kurze und Lange von der Sache, obſchon mein gewoͤhnlicher Arzt mir immer vorſichtig und ſcho⸗ nend um den Bart herumgeht.“ „Der Herr Oberſtlieutenant hat nur keine Ge⸗ duid,“ antwortete Arnold. * 4 100 Aber das Laͤcheln, welches dieſen Worten folgte, war mehr gezwungen, als zufriedenſtellend. „Na, ohne Umſtaͤnde, wenn ich bitten darf! Ich fuͤhle an meinem Koͤrper, daß etwas in Unordnung ge⸗ kommen iſt, und obſchon ich viel Laͤrmens mache, wenn mich eine Muͤcke ſticht, ſo bin ich doch ein alter Sol⸗ dat, der nicht vor einem Stoße zuruͤckbebt, wenn es im Ernſte geht.“ „Juͤr den Augenblick ſehe ich wirklich keine Ge⸗ fahr fuͤr den Oberſtlieutenant. Aber dieſes ſchleichende Fieber mit ſeiner Hartnaͤckigkeit iſt eine ganz ernſthafte Sache und muß vorſichtig behandelt werden. Die Bruſt...“ „Ach, das kann ich auswendig; die Bruſt, die Lungen, eine Entzuͤndung— Ihr Aerzte wißt doch nie⸗ mals etwas Anderes, ſondern bleibt immer bei einer Leier.“. 4 „Das hat ſeinen Grund darin, Herr Oberſtlieute⸗ nant, daß dieſe Dinge ſo oft wiederkommen.“ „Aber ich will nicht laͤnger ſo wie ein Geſpenſt hier herumgehen.“ „Darein werden Sie ſich aber doch fuͤgen muͤſſen, Herr Oberſtlieutenant, bis die Krafte zuruͤckkehren, was bei ſorgfaͤltiger Pflege und angemeſſener Diaͤt, wie ich hoffe, nicht allzulange dauern wird.“ „Aber Sie antworten mir nicht gerade heraus und eine ſolche Antwort will ich doch haben! Man hat — . folgte, Ich ig ge⸗ wenn Sol⸗ es im Ge⸗ hende hafte Die die nie⸗ einer hute⸗ eenſt ſen, was ich 101 ſtets etwas zu bedenken und zu beſorgen, wie gut man auch Alles ſchon beſtellt hat. Dies im Vertrauen— meiner Frau ſagen Sie kein Wort davon! Die armen Weiber jammern und verlieren den Muth, wenn man ihnen nur in der weiteſten Entfernung einen Kummer blicken laͤßt.“ Nun mußte Arnold laͤcheln; der Oberſtlieutenant, als Patient, vertraute ihm, dem Arzt, die Gefahr ſeines Zuſtandes und gleichwohl war im gegenwaͤrtigen Au⸗ genblick keine Gefahr vorhanden. Der Oberſtlieutenant war allmaͤlig durch das mehr⸗ monatliche Fieber, welches mit einem Bruſtuͤbel ſchloß, ſehr abgekommen— der ſtattliche Mann war kaum wieder zu erkennen und es war daher wahrſcheinlich, daß der Spiegel ihm Todesgedanken eingefloͤßt harte. „Ich habe Ihnen eine ehrliche Antwort gegeben, Herr Oberſtlieutenaut— auf mein Gewiſſen. Ihre vollkommene Geneſung geht nicht ſo ſchnell, aber wird ſie nicht geſtoͤrt, ſo koͤnnen Sie ſich darauf verlaſſen, daß kein Grund zur Unruhe vorhanden iſt.“ „Na, à ſa hanne heure, dann werde ich vorſichtig ſein und von Geſaͤngnißkoſt leben. Aber, auf Ehre, unſere Vaͤter waren weit kluͤger! Wenn dieſe fuͤhlten, daß das Blut traͤger floß und daß die Maſchine da, welche die Seele fortſchleppen muß, anfing, unbrauch⸗ bar zu werden, ſo dachten ſie an jene alten Felſen, von denen ſie ſich ins Meer hinabſtuͤrzten und darin bewie⸗ 19²2 ſen ſie, wie geſagt, ſehr viel Vernunft... aber, nun ſchreiben Sie mir doch irgend eine Schmiere, oder ſonſt etwas, auf, denn es iſt jetzt einmal nicht Mode, ins Waſſer zu ſpringen......... Honorinens letzte Worte, nach dem Geſpraͤch mit Arnold, waren dieſe: „Ich halte mein Verſprechen, darauf verlaſſen Sie ſich, denn es gilt auch einen Theil meines Herzens!⸗ „O Dank, Dank— ich vertraue auf Ihre Macht.“ „Und dem Himmel ſei gedankt, fuͤr meinen Gat⸗ ten iſt keine Gefahr vorhanden?“ „Nein, auf Chre nicht, dafern er ſich nur nicht vornimmt, ſich durch ſolche Experimente, wie geſtern, allzuoft ſelbſt zu kuriren.“ Den letzten Abend brachte Arnold bei ſeinem Freunde zu.. Sie machten Plaͤne fuͤr Albans Zukunft und Al⸗ ban, der durch den Umgang mit Papa Dick ganz ge⸗ ſellſchaftlich geworden war, machte es ſich zur Ehre, auf des Doctors Knie ſitzen zu duͤrfen. Nachdem aber der Knabe endlich in den Armen des Vaters eingeſchlafen war, was er jetzt beinahe jeden Abend that, ging das Geſpraͤch wieder zuruͤck zu dem Gegenſtand, der Philipps Herz gleichzeitig peinigte und belebte. „— r, nun er ſonſt de, ins .. ſch mit en Sie zens!“ kacht.“ Gat⸗ nicht eſtern, ſeinem d Al⸗ 10³ „Naͤchſten Sommer mußt Du eine Badekur ge⸗ brauchen,“ ſagte Arnold.„Glaube mir, es iſt noth⸗ wendig— dann wirſt Du erſt wieder ein voͤlliger Menſch.“ „Ich will Deinem Rathe folgen, Bruder... und nun Dank fuͤr dieſe Stunden unausſprechlichen, inni⸗ gen Genuſſes!“ Dick, der in Tjuſtorp geweſen war und Abſchied genommen hatte, kam ſpaͤt nach Hauſe und zwar in ſehr ungluͤcklicher Laune, denn Madame Malmelins Plan hatte nur dazu gedient, ihn noch mehr zu ver⸗ wirren. Es war ausgemacht, daß Dick den naͤchſten Mor⸗ gen in des Doctors Geſellſchaft abreiſen ſollte. Aber als er im letzten Augenblicke von Alban Abſchied nahm, der ſchluchzend an Papa Dicks Halſe hing, da brach auch dieſer in Thraͤnen aus, denn er wußte, wohin er von Ribyhus zu gehen beabſichtigte. „Na, Albanchen, weine nur nicht, mein Sohn! Ich halte Wort, Papa Dick haͤlt Wort, denn, ſiehſt Du, mein guter Junge, Papa Dick iſt doch kein Alexander, der den Knoten zerhauen koͤnnte.“ 12. filia zeigt, daß ſie mit Alexander wetteifern könne. Ungefaͤhr vierzehn Tage nach Arnolds und Phi⸗ lipps Wiedervereinigung, ſaß Frau Sorenius in dem innerſten ihrer Zimmer und dachte nach, indem ſie das kleine, weiße Kinn auf die Hand ſtuͤtzte. Der Medizinalrath hatte ſich foͤrmlich erklaͤrt. Und nun war die junge Dame auch ſchuldig, die Er⸗ klärung abzugeben, die ihre Wahl beſtimmen ſollte. Aber obſchon ſie auch eine kleine Hoffnung auf den Medizinalrath geſetzt— verſteht ſich, nach ihrer ge⸗ woͤhnlichen Manier— ſo ſchien doch dieſer weder ſo unbe⸗ dingt, noch ſo demuͤthig ſich in ihren Willen zu fuͤgen, wie der Kammerrath, der nicht einmal einen Wider⸗ ſpruch verſuchte. „Wenn ich wuͤßte,“ ſagte die heilige Lilia,„wenn ich nur vollſtaͤndig dahinter kommen koͤnnte, welcher von Beiden das groͤßte Schaf iſt! Allerdings wird der —j=— 1⁰⁵ Medizinalrath, wie eingebildet er auch auf ſeinen eige⸗ nen Werth iſt, im Anfange mein demuͤthiger Sklave ſein. Aber der Umſtand, daß er ſchon vor einigen Ta⸗ gen auf einer entſcheidenden Antwort zu beſtehen wagte, iſt kein gutes Zeichen fuͤr die Zukunft... „Ach, habe ich den Mann beherrſchen wollen, den ich liebte, ſo will ich dem befehlen, den ich nicht liebe und dem ich zum Austauſch fuͤr ſeinen Namen die leere Genugthuung verleihe, mit einer jungen, ſchoͤnen, fruͤher im Geruche der Heiligkeit ſtehenden Frau zu prahlen... Ja, die Geſchichte hier faͤngt an, mich zu langweilen. Das Gluͤck iſt einmal fuͤr mich verloren — ja, auf immer verloren. „Hinfort will ich daher nur leben, um außerliche Triumphe zu feiern... ich will zu meinen Fuͤßen nicht einen Sklaven legen damit haͤtte ich mich unter andern Umſtaͤnden begnuͤgen konnen— nein, ich will deren viele haben, um mich zu zerſtreuen. „Ach, wie alle dieſe einfaͤltigen Menſchen erſtaunen werden, wenn ſie ihre Heilige erblicken... Still, wer kommt da— hu, wie klopft mein Herz.. nein, nein, ich habe ja kein Herz mehr... o Philipp, Philipp, ich will Dich niemals, niemals wiederſehen... Dein An⸗ blick wuͤrde mich jetzt toͤdten, das fuͤhle ich.“ In dieſem Augenblick ward die Thuͤr ſchnell auf⸗ geriſſen. Gunnel zeigte ſich. 106 4 „Liebe Herrin, liebe Herrin, er iſt da— Herr Je⸗ ſus, er iſt da.“ „Wer denn— biſt Du naͤrriſch!“ „Ich bin es!“ antwortete eine, Lilia ſo bekannte Stimme, daß ſie aufſprang und mit einem Anſcheine wahrer, natüuͤrlicher Freude dem Kommenden entgegen eilte. „Dick, Dick,... mein Bruder— biſt Du es... Du kommſt wirklich einmal zu der armen Lilia!“ Dick ließ ſich umarmen und kuͤſſen, ſah aber un⸗ geheuer naͤrriſch aus. Begriffe zu gehen, daß er ſich geduldig von einer Per⸗ ſon liebkoſen ließ, gegen die er ſo aufgebracht war. „Nun, was willſt Du von mir?“ ſagte er endlich. „Wie, Dick, Du nimmſt dieſen kuͤhlen Ton an, waͤhrend Du ſiehſt, wie meine ganze Seele Dir entge⸗ genfliegt!“ „Ich danke ganz ergebenſt, aber ich haͤtte weit lieber geſehen, wenn Deine Seele in aller Stille mit Deinem Koͤrper in Ribyhus geblieben waͤre! Da haͤtte ich nicht mit ſo ſchwerem Herzen hierherzufahren ge⸗ braucht.“ „Du ſollteſt mehr Zartgefühl haben, mein Bruder, und mir keinen ſo Vorwurf machen!“ „So, ich darf Dir alſo nicht einmal Vorwuͤrfe machen! Dann kand ich eben ſo gut gleich wieder meiner Wege gehen.“ 4 Es ſchien ihm ſchon uͤber alle un⸗ alle Per⸗ lich. an, tge⸗ weit mit aͤtte ge⸗ der, uͤrfe eder 107 „Biſt Du blos deshalb hierhergekommen?« „Ja, ich, ich weiß nicht, weshalb ich hierherge⸗ kommen bin; Du haſt mich ja mehrmals dringend dar⸗ um gebeten, nachdem Du vorher faſt ein ganzes Jahr haſt vergehen laſſen, ohne ein Lebenszeichen von Dir zu geben?“* „Mein guter, lieber Dick, damals hatte ich faſt die ganze Welt aufgegeben. Ich war in einer Ge⸗ muͤthsſtimmung, die mir nicht erlaubte, andere Schmer⸗ zen zu vernehmen, als meine eigenen— ich wußte, daß die Deinigen meine Buͤrde vermehrt haben wuͤrden.“ „Ah, fuͤrwahr, Du kuͤmmerſt Dich ſehr um die Schmerzen Anderer!“ „Ich kuͤmmere mich daſto mehr um Anderer Gluͤck. Glaube mir— nach dem, was geſchehen iſt, ſeit Phi⸗ lipp von der Bahn der Tugend und Ehre abwich „Sei ſo gut, Frau Lilia, von dieſen Dingen zu ſchweigen! Seine Abweichung war Deine eigene, große Schuld. Und dafuͤr hat er ſo ſehr gebuͤßt, daß... „Nein, Dick— nicht mehr in dieſem Tone! Ich habe mich gewoͤhnt, zu leiden, und will daher auch die Schuld fuͤr den Fehler deſſen tragen, den ich einmal meinen Gatten nannte... Doch ich will vollenden, was ich ſagen wollte: Nach dem, was geſchehen, wuͤrde er niemals mit mir gluͤcklich geworden ſein.“ „Das war er vorher auch nicht.“ „Ein Grund mehr, das geringe Gluͤck, welches *ᷣ 108 er genoſſen, nicht in eine druͤckende Feſſel zu verwan⸗ deln.“ „Auf alle Faͤlle..“ „Auf alle Faͤlle lohnt es ſich nicht der Muͤhe, uͤber etwas zu ſprechen, was auf ewig gebrochen iſt! Ich wuͤnſche ihm nichts Boͤſes, obſchon er mein Gluͤck zer⸗ ſtoͤrt hat.“ „In dieſer Beziehung haſt Du eine große Rech⸗ nung abzumachen. Aber Du brauchſt Dir nicht ein⸗ zubilden, daß er ſich ſo ungeheuer um Dich graͤme— jetzt iſt er uͤberdies gaͤnzlich geheilt.“ „Das freut mich aufrichtig, zu hoͤren... Und mein Sohn, mein Alban— er darf wohl niemals von ſeiner Mutter ſprechen hoͤren?“ „Nein, das glaube ich wohl! Aber er befindet ſich ſehr wohl und iſt gewachſen, daß es eine Freude iſt, ihn zu ſehen... Nun, wo iſt die kleine Sylvia?“ „Sie ſchlaͤft jetzt— morgen ſollſt Du ſie ſehen ... Erzaͤhle mir nun von Alban!“ „Es waͤre mir nicht unangenehm, wenn ich erſt etwas zu eſſen bekaͤme! Auf dem Lande— aber Du haſt das wohl vergeſſen— vergeſſen wir nicht, unſere Gaͤſte mit dem, was ſie am meiſten brauchen, wenn ſie von der Straße hereinkommen.“ „Ach, verzeihe, ich glaubte, Du waͤreſt in dem Hotel eingekehrt.“ „Das habe ich auch gethan. Aber da Du doch ich ge rit dan⸗ iber zer⸗ ein⸗ 109 meine Schweſter biſt und Papa auf ſeinem Sterbebette ſagte, daß ich dich ſtets lieben ſollte, ſo... ſo ward mir zu naͤrriſch zu Muthe, daß ich zu eſſen vergaß⸗⸗ „Dick, mein guter Dick, Du haͤltſt dennoch viel auf mich, obſchon Du Dich k kalt zeigſt.“ Dick drehte ſich herum und begann die Gemaͤlde zu betrachten. Dick hatte gegeſſen, getrunken und ſich gewaͤrmt und ſagte dann halb muͤrriſch: „Was giebt es denn noch? Ich habe nicht die Abſicht, lange hierzubleiben.“ „Ich wollte nicht gerade etwas Beſonderes von Dir, Dick, ich wollte blos etwas von meinem Sohne hoͤren“ „Ja, ich verſtehe, und von Dem, den Du jetzt vielleicht bereueſt, verlaſſen zu haben.“ „Nein,“ unt vorden Lilia, deren ſtarkes Erroͤthen gleichwohl ihren Worten widerſprach,„von ihm will ich nichts hoͤren... ſein Schwanengeſang hat genug geſagt.* „Ach, das war dummes Zeug, was er im erſten Taumel zuſammenſchrieb und welches ſeine Haulhaͤlte⸗ rin, Madams Malmelin, ohne ſein Vorwiſſen an eine Zeitung in Stockholm ſchickte. Er ward ſpaͤter ſo boͤſe 11⁰ daruͤber, daß er ſich mit der Malmelin deswegen tuͤch⸗ tig gezankt hat.“ Lilia biß ſich in die Lippen, antwortete aber in demuͤthigem Tone: „Es ſchmerzt mich tief, daß dieſe armen Verſe ihrem Verfaſſer einen Ruf verſchafft haben, den er ſo lange auf andere Weiſe zu gewinnen wuͤnſchte.“ „Ach, Du fromme Katze, die in einem und dem⸗ ſelben Augenblicke ſchmeichelt und kratzt— ich moͤchte wiſſen, wem Du nun zunaͤchſt das Leben zum Para⸗ dieſe machen wirſt!“ „Du glaubſt, daß ich an eine neue Verehelichung denke?“ „Armes Kind, haſt Du keine Freier?“ „O ja und da Du jetzt einmal da biſt, Dick, ſo werde ich morgen meine beiden Anbeter hierher kommen laſſen. Dann kannſt Du mir einen guten Rath geben.“ „Iſt das Dein Ernſt— denkſt Du denn wirk⸗ lich ſchon daran, Dich wieder zu verheirathen?“ „Mein lieber Dick, ich fuͤrchte ſehr, daß Dich Je⸗ mand hoͤre! Du gebrauchſt Ausdruͤcke, die ſelbſt fuͤr einen Bruder weniger paſſend ſind. Ich weiß wohl, daß Du weder Politur noch Weltbildung beſitzeſt, aber... „Aber ich habe ein ehrliches Herz und es giebt auch junge Damen, die mich hinreichend polirt finden wuͤrden, wenn Du mir nicht den Weg verſperrt haͤtteſt.“ „Um Gottes willen, was willſt Du damit ſagen?“ 111 „Ich meine Albans Geburt.“ „Albans Geburt?— Was hat denn dieſe mit Deiner Bildung und Deinem Gluͤck bei den Damen zu ſchaffen?“ „Ja ſo, Du meinſt, daß dieſe beiden Dinge nichts mit einander zu ſchaffen haben... Als Du den Kna⸗ ben verließeſt und Philipp den Verſtand verloren hatte — wenigſtens ſah er aus, wie wahnſinnig, als er im Gebirge herumrannte und von Wurzeln und Waſſer lebte... „Ach, war es ſo?“ Es blitzte in Lilia's Auge. „Was ich fuͤr ein Toͤlpel bin,“ ſagte Dick und ſchlug ſich mit der Fauſt vor die Stirn...„Na, gleichviel, Du brauchſt nicht zu ſtolziren und zu trium⸗ phiren, denn jetzt iſt er endlich klug geworden... Aber waͤhrend jener verwuͤnſchten Zeit kam ich in die Einſie⸗ delei; da ich den Knaben ſo von Vater und Mutter ver⸗ laſſen ſah, verſprach ich feierlich, mich ſeiner anzuneh⸗ men und ihn als meinen Sohn zu adoptiren.“ „Nun und weiter?“ „Nun verheirathet man ſich doch nicht, wenn man einen Erben hat, dem man ſeine ganze Habe verſprochen.“ .„Jetzt fange ich an, Dich zu verſtehen, mein ar⸗ mer Dick. Nachdem Du das Geluͤbde abgelegt, ehelos zu bleiben, erblickteſt Du...“ „Es iſt einerlei, was ich erblickt habe!“ 112 „Aber ſag' mir, was ſagte denn Albans' Vater dazu?“ „Er ſagt, Alban ſolle nicht das mindeſte von mei⸗ nem Vermoͤgen bekommen. Aber da ich einmal verſpro⸗ chen habe, ſo...“ „So ſiehſt Du keinen andern Ausweg, als Dein Wort zu halten?“ „Ganz richtig, denn ich will ein ehrlicher Mann ſein.“ „Und es hat Dir Niemand beigeſtanden, auf eine ehrliche Weiſe aus dieſer Sache herauszukommen?“ „O ja, Madame Malmelin hatte einen Plan.“ „»Aha, die Norne, die Haushaͤlterin?“ „Ja, eine unvergleichliche Frau!“ Dick erzaͤhlte, was er ſchon Jolli mitgetheilt hatte. Lilia laͤchelte. „In der That, Du biſt in einer delikaten Verle⸗ genheit, mein Bruder! Aber es muß doch irgend ein Ausweg auszufinden ſein!“ „Glaubſt Du das?— Du biſt ja immer ſo ſchlau geweſen.“ „Wenn ich nun ein Mittel wuͤßte, welches dieſen Widerſtreit vollkommen beſeitigte, ja ſogar ohne Dein Zuthun Dein Verſprechen löſ'te...⸗ „Ach mein Gott,“ rief Philipp und begann ſeine eigenen Fingerſpitzen zu kuͤſſen,„wenn Du nur wuͤßteſt, wie lieblich ſie iſt!“ wi 113 „Die Du zur Herrin auf Ribyhus machen willſt? „Ja wohl.“ „Nun wolhl, verſprichſt Du, mir wieder gut zu ſein, wenn ich...“ „O, ich kann ja ohnedies nicht anders, wenn ich Dich ſehe; ich bin Dir auf alle Faͤlle gut. Wenn Du mir aber einen ſo großen Dienſt erzeigteſt, wuͤrde ich glauben, daß mir Niemand je einen groͤßern er⸗ zeigt.“ „Hoͤre— war es nicht im verwichenen Herbſt, wo Du Dein Verſprechen ablegteſt?“ „Ja, im Anfang des Monats October.“ „Ganz richtig und dieſes Verſprechen iſt null und nichtig, denn damals warſt Du unmuͤndig und Dein Vormund, der Propſt T., wuͤrde Dir gerade in's Ge⸗ ſicht gelacht haben, wenn Du ihm mit ſo etwas gekom⸗ men waͤreſt.“ Dick ſprang auf und ſchloß Lilia in ſeine Arme. „Ich will verwuͤnſcht ſein, wenn dies nicht der einzige ſchoͤne Zug war, den ich jemals von Dir ge⸗ ſehen, denn abgeſehen davon, daß mein Verſprechen, wie Du ſagſt, nach dem Geſetze unguͤltig iſt, ſo zeigt auch Deine Bereitwilligkeit, Deine Aufopferung, daß Du ſelbſt nicht willſt, daß Dein Sohn mein Erbe werde.“ „Ach pfui, wie konnteſt Du mir jemals etwas Ein Gerücht. V. 8 114 Anderes zutrauen! Ich bin in meinen Vermoͤgens⸗ angelegenheiten allerdings vorſichtig geweſen, aber Ei⸗ gennutz habe ich niemals gezeigt.“ „Das iſt wahr— und Du glaubſt, daß ich frei bin— ganz und gar frei?“ „Ja und zehnmal ja! Auf alle Faͤlle kannſt Du durch Deine Liebe und Fuͤrſorge an Alban Vaterſtelle vertreten. Und fragſt Du den Landrichter in dieſer Sache, ſo wirſt Du hoͤren, daß es ſich ganz ſo ver⸗ haͤlt, wie ich geſagt habe.“ „Was wird aber ſie ſagen— was wird ſie ſi⸗ gen, wenn ich ſie frage?“ „Du liebſt ſie alſo wirklich?“ „Das iſt einerlei! die Hauptſache iſt, daß ich ſonſt niemals mit meinem Muſeum in Ordnung komme... aber entſchuldige, wenn ich nun meiner Wege gehe— es iſt mir ordentlich ſonderbar geworden. Es thut mir auch wohl im Herzen, zu wiſſen, daß Du noch ſo viel Freundſchaft fuͤr mich haſt... und Du ſollſt ſehen, daß ich ein ehrlicher Onkel ſowohl fuͤr Al⸗ ban als fuͤr Sylvia bleiben werde!“ „Und morgen biſt Du artig und freundlich gegen meine Freier, nicht wahr, und laͤſſeſt keine einfaͤltige Verwunderung uͤber irgend etwas blicken?“ „Hm:. was meinſt Du damit?“ „Nichts anderes, als was ich ſage— Du be⸗ greifſt wohl, daß ich mit fremden Menſchen und in E gegen ltige 1 be⸗ d in 2 115 meinem getrennten Verhaͤltniß nothwendig eine andere Art und Weiſe annehmen muß, als die, welche mir anſtand, da ich noch Ehefrau war! In dieſem getrenn⸗ ten Verhaͤltniſſe kann man ſich niemals ſchuͤchtern und ſproͤde genug zeigen.“ „Aha, jetzt merke ich, wo Du hinaus willſt! Man ſoll ſehen— die Freier natuͤrlich vor allen Menſchen zuerſt— daß die ſchuͤchterne, unſchuldige Taube von einer Witwe einen Bruder hat. Sie darf mit ihrem einzigen und naͤchſten Verwandten auf keinem un⸗ freundlichen Fuße ſtehen und man ſoll auch ſehen, daß dieſer Bruder einen großen Werth auf den Schatz legt, nach dem man ſtrebt.“ „Mein Gott, Dick, wie Dein Verſtand ſich ent⸗ wickelt hat, wer haͤtte das geglaubt!⸗ „Das wollte ich meinen.“ „Du wirſt einmal große Gewalt uͤber Deine Frau bekommen.“ „Das iſt wohl außer allem Zweifel, ich bin aber ſchon zufrieden, wenn ich nur Liebe bekomme.“ „Und dieſe wirſt Du auch erwecken koͤnnenz es iſt ganz gewiß, daß Du ſo ſchoͤn herausgewachſen und mannbar geworden biſt, daß ich Dich faſt nicht wie⸗ der erkannnt haͤtte!“ „Iſt das wirklich ſo?. Aber nun gehe ich, denn ich muß hinaus und promeniren, wie Philipp 8* 116 immer zu thun pflegte, wenn der Paroxysmus uͤber ihn kam.“ „Promenirt er jetzt nicht mehr?“ „Nein, die Oberſtlieutenantin hat ihn kurirt.“ „Die Oberſtlieutenantin Helleding— beſchaͤftigt dieſe ſich damit, die Herzenswunden verzweifelter und verlaſſener Ehemaͤnner zu heilen?“ Lilia's Worte und Ton hatten eine beißende Hef⸗ tigkeit. „Wenn Du mich nicht gut gemacht haͤtteſt,“ ſagte Dick,„ſo waͤre ich jetzt in großer Verſuchung, Dich boͤſe zu machen! Die Sache iſt vielmehr ſo, daß die Frau Oberſtlieutenantin Helleding ein wahrer Engel iſt und ſie hat Philipp in allen Ehren geheilt, ohne dafuͤr irgend etwas zur Anerkennung haben zu wollen und eben ſo wenig hat er ihr etwas angeboten... gute Nacht.“ Am folgenden Mittag praͤſentirte ſich der Herr Director Dick Sorenius als caput familiae und gab ſich ein ſo wuͤrdevolles Er, daß die fromme Witwe ſich mehr als einmal eines Laͤchelns nicht enthalten kannte. Sowohl der Medizinalrath als auch der Kam⸗ merrath bemuͤhten ſich, ſich mit Dick auf einen guten 117 uber Fuß zu ſtellen und ihn vor allen Dingen zu ſon⸗ diren. Aber Lilia wußte die Sache ſo einzurichten, daß keiner der Herren allein mit Dick zu ſprechen kam, ftigt denn wie ſehr ſie auch auf ſein Verſprechen baute, ſo und wenig traute ſie ſeinem Verſtande zu, wenn er von . klugen und gewandten Maͤnnern aufs Korn genommen Hef⸗ ward. Lilia war der Verzweiflung nahe, als ſie am an⸗ ſagte dern Morgen erfuhr, daß Dick von beiden Herren Be⸗ Dich ſuche erhalten hatte. 5 die„Mein Gott, mein Gott,“ ſeufzte die Heilige, engel die waͤhrend ihres Levers vom Bruder uͤberraſcht ward, ohne nda haſt Du gewiß irgend eine Albernheit begangen.“ „Das glaube ich kaum!“ antwortete Dick mit einer gute gewiſſen Ueberlegenheit.„Da Du aber ſo geringes Vertrauen zu mir haſt, ſo haͤtteſt Du am beſten ge⸗ than, mich gar nicht der Gefahr preiszug eben, etwas zu ſagen, was nicht fuͤr die Ohren Deiner Freier paſ⸗ ſend waͤre.“ Herr„„Sei nur nicht boͤſe, Dick, mein Bruder— Du gab wirſt doch wohl einſehen, daß es fuͤr mich ſehr wich⸗ itwe tig iſt...“ alten„.e. einen Mann in Dein Netz zu locken? Und ich ſage: Nur immer zu, denn dann wuͤrde Philipp ſo kam⸗ geſund, daß er von ſeiner Krankheit keinen Ruͤckfall ſuten mehr zu befuͤrchten haͤtte. Und die Herren moͤgen die 118 Augen ſelbſt aufthun. Ich kuͤmmere mich nicht um ſie und werde immer denken, daß ich nur einen Schwager habe.“ „Aber Du gehſt ja ſchon wieder— wo willſt Du denn jetzt ſchon hin?“ „Nun, ich gehe zu der reizenden Koͤnigin Adele, ſonſt auch Frau von Stern genannt, mit Gruͤßen von der Oberſtlieutenantin und wenn Du es wiſſen nälſt von Frau Dick Sorenius.“ 6.. Den Tag darauf verließ der Director Dick die Reſidenzſtadt. Und an demſelben Abend erhielt der Medizinalrath einen foͤrmlichen Korb. Sei es nun aber, daß der Modizinalrath ein friſches Gemuͤth hatte, welches ſich von keiner Taͤu⸗ ſchung niederdruͤcken ließ, oder daß Dick, wie bewun⸗ dernswerth fein er auch ſeine ſchwere Rolle geſpielt zu haben glaubte, dennoch eine kleine Dummheit began⸗ gen hatte— genug, der Medizinalrath zeigte eine Gleichguͤltigkeit, welche die Heilige in ſo hohem Grade verdroß, daß ſie nahe daran war, ihren Menſchenhaß und die Rachſucht eines beleidigten Weibes offen zu bethaͤtigen. Aber ſie unterdruͤckte ihren Aerger und nachdem man ſich wechſelſeitig mit fortwaͤhrender Freundſchaft getroͤſtet, nahm man foͤrmlichen Abſchied. Als nun der Kammerrath, ſanft wie ein Lamm, 4 len 11¹9 das naͤchſte Mal auf Beſuch kam, reichte ihm die Herrſcherin ihre ſchoͤne Hand zum Kuſſe. Und der Kammerrath ſeufzte und ſeufzte, ohne eines Wortes maͤchtig zu ſein. Dieſer Zuſtand ruͤhrte die junge Fran, welche an einer ſtummen Ergebenheit großen Geſchmack fand. „Herr Kammerrath...“ ſagte ſie mit freundli⸗ chem und ermuthigendem Blicke. „Verehrteſte!“ Es war dies des Kammerraths erſter, zaͤrtlicher und gewagter Ausdruck. „Geſtern hat Ihr Nebenbuhler ſeine Antwort be⸗ kommen!“ Die Augen des Kammerraths hoben und ſenk⸗ ten ſich auf eine Weiſe, welche bewies, daß er ohne Zweifel ſchuͤchterner war, als die ſchuͤchternſte Frau. „Dieſe Antwort,“ hob Lilia in demſelben auf⸗ munternden Tone wieder an,„war...“ „War?“ ſtammelte der Kammerrath. „... ein Korb!“ „O, Angebetetſte... der Athem verſagt mir!⸗ „Beruhigen Sie ſich— zum neuen Jahre wol⸗ len wir ſehen.“. „Angebetetſte, ich erſticke!“ „Vielleicht ſchon zu Weihnacht.“ 12⁰ „O, laſſen Sie mich ſterben, Angebetetſte, Herrlichſte, denn das Herz ſpringt mir vor Selig⸗ keit!“ „Soll ich denn allein leben?“ „Bin ich ſchon todt? Bia ich im Himmel wie⸗ der erwacht?“ tetſte, Selig⸗ wie⸗ 13. Nachrichten von einer ſehr alten Pekanntſchaft. Die Oberſtlieutenantin Helleding war ſo eben in ihr Heiligthum hineingegangen und hatte, muͤde und matt, ihr Haupt auf eins der Ruheſophas niedergelegt, als ein Bedienter eintrat und ihr meldete, daß Herr Thurné mit der gnaͤdigen Frau womoͤglich augenblick⸗ lich zu ſprechen wuͤnſche. Ohne eine andere Antwort, als ein Zuſtimmungs⸗ zeichen zu geben, erhob Honorine ſich wieder. Beinahe in demſelben Augenblick, wo der Be⸗ diente die Thuͤr ſchloß, oͤffnete dieſelbe ſich auf's Neue und Philipp zeigte ſich, aber mit ſo bleichem und ver⸗ ſtoͤrtem Geſicht, daß Honorine in ihrer Beſtuͤrzung ihn nur anſehen konnte. 1 Bevor wir jedoch die Urſache von dem verſtoͤrten Ausſehen des Dichters angeben, wollen wir den Anlaß 122 von Honorinens Muͤdigkeit und Niedergeſchlagenheit erzaͤhlen. Sie, die ſonſt niemals muthlos war, war es jetzt beinahe. Einige Tage nach der Reiſe nach Madaͤngsholm hatte der Oberſtlieutenant ſich bedeutend unwohler ge⸗ fuͤhlt. Ein neuer Ruͤckfall von kaltem Fieber ſtellte ſich ein, die Bruſtbeſchwerden nahmen zu und mit die⸗ ſen die uͤble Laune und der Eigenſinn. Der gewoͤhnliche Arzt— Arnold war ſchon ab⸗ gereiſ't— drang inſtaͤndig darauf, daß der Oberſtlieu⸗ tenant im Bette bleiben ſolle und dies that derſelbe auch einen Tag; den folgenden aber, wenn er ſich wieder wohler fuͤhlte, ſtand er auf und lief, oder richti⸗ ger, ſchleppte ſich hinaus und herein, ſo gut es gehen wollte. Wenn Honorine ihn dann bat, ja ihn anflehete, ſich doch nicht ſo preiszugeben, antwortete er mit ſeiner gewoͤhnlichen Reizbarkeit: ene „Die Weiber ſind doch nur in der Welt, um Einen zu aͤrgern! Siehſt Du denn nicht ein, daß, wenn ich jemals wieder geſund werden ſoll, es nur dadurch geſchehen kann, daß ich meine langjaͤhrigen Ge⸗ wohnheiten beibehalte? Stopfſt Du mich dagegen in's Bette, ſo wirſt Du mich es auch nicht wieder verlaſſen ſehen, bevor ich in ein anderes geſtopft werde.“ 123 Ein andermal, wo er abgemattet dalag und ſich nicht ruͤhren konnte, hieß es: „Liebes Honorinchen, Du mußt es nothwendig ſo einrichten, daß mir nicht zu viel Volks in die Augen ſticht, wenn ich wieder aufkomme. Da Du ſelbſt weißt, wie ſchaͤdlich alle Gemuͤthsbewegungen und Promenaden ſind, ſo ſollteſt Du auch jedem Anlaß zu dergleichen vorbeugen. Aber ihr Weiber nehmt Alles auf die leichte Achſel— Ihr denkt immer, es hat keine Ge⸗ fahr.“ Wir brauchen nicht erſt zu ſagen, daß der Oberſt⸗ lieutenant, wenn er einmal wieder aufſtehen konnte, von allem dieſen nichts hoͤren wollte. Wenn er es aber zugeſtand, ſo ſetzte er gewoͤhnlich hinzu: „Das war ja im Fieber geſprochen, liebes Kind; aber die Weiber haben es ſo in der Art, daß ſie fort⸗ waͤhrend an einer Sache herumkauen— glaubſt Du denn, ich wiſſe nicht, was ich thue?“ Honorine war unermuͤdlich, aber ſie litt entſetzlich von dem Wankelmuth und Eigenſinn ihres Mannes und wuͤrde vielleicht, dieſer Buͤrde, die Tag und Nacht auf ihr laſtete— denn der Oberſtlieutenant ließ ſie keinen Augenblick von ſich— erlegen ſein, wenn nicht der unermuͤdliche Sixten ihr zur Seite geſtanden haͤtte. Es war merkwuͤrdig, wie ſich der Baron waͤhrend der letzten Zeit nach dem Oberſtlieutenant zu richten und gleichzeitig eine gewiſſe Kraft gegen ſeine Prome⸗ 124 nadenmanie und uͤbrigen Eigenheiten zu entwickeln wußte. Wenn Baron Sirten im Begriff geweſen waͤre, ſeinen eigenen Bruder oder ſeinen eigenen Vater zu verlieren, ſo haͤtte er nicht mehr thun koͤnnen. Er ließ ſich in Allem und zu Allem gebrauchen und mit einer Geduld, die Andern uͤbernatuͤrlich vor⸗ kam, hoͤrte er auf des Oberſtlieutenants Gezaͤnk uͤber ſeine(Sixtens) erbaͤrmliche Dummheit, daß er durch Gutmuͤthigkeit und Leichtglaͤubigkeit ſeine ganze Zu⸗ kunft zerſtoͤrt habe und ferner uͤber ſeine unverant⸗ wortliche Einfalt, daß er ſeine Forderungen nicht einzu⸗ treiben ſuchte, die uͤbrigens nicht zwei Pfennige werth waren, da die Leute, welchen Siyten borgte, keine guͤl⸗ tigen Papiere daruͤber ausſtellten. „Mein guter Couſin, gehe!“ gab Honorine zu⸗ weilen durch eine freundliche Pantomine zu verſtehen. Aber dann hatte Sirten gleich eine andere Pan⸗ tomine zur Hand, welche ſagte: „Laß das gut ſein— ſo lange er ſich mit mir beſchaͤftigt, verſchont er Dich.“ Jedoch mit dieſer Geduld begnuͤgte er ſich noch nicht, ſondern war in ſo hohem Grade dahinter her, daß der Oberſtlieutenant den Vorſchriften des Arztes folge, daß man verſucht war, zu glauben, ſein eigenes Leben hinge an dem ſeines Verwandten. Auch war er ſtets guter Laune, wenn dieſer beſſer ward aber(un⸗ 125 ter ſeiner ruhigen Außenſeite) verzweifelt niedergeſchla⸗ gen, wenn der Oberſtlieutenant ſich unwohler fuͤhlte. Wahrſcheinlich war Sirtens alter Inſtinkt wie⸗ der erwacht. Er wuͤrde den Oberſtlieutenant mit un⸗ aufloͤslichen Ketten an das Leben gefeſſelt haben, wenn er es nur gekonnt haͤtte. Der Oberſtlieutenant, der endlich mit einer Art Anerkenntniß dies einſah, ward erweicht und verwuͤnſchte dann wieder den guten Baron, nicht deshalb weil er boͤſe auf ihn geweſen waͤre, ſondern deshalb, we er (der Oberſtlieutenant) vor Ungeduld und Muͤrriſchkeit umgekommen waͤre, wenn er nicht Jemanden g habt haͤtte, an dem er ſeine Zankluſt auslaſſen konnte. Eben ſo fehlte es auch nicht an Augenblicken, wo der Oberſtlieutenant die engelgleiche Zaͤrtlichkeit ſeiner Gattin erkannte. Ja, es gab Angenblicke, wo er zu Jolli, welche — vielleicht deshalb, weil ſie ſich am wenigſten daraus machte— den kleinſten Theil ſeiner aͤrgerlichen Laune zu koſten bekam, ſagte:„Sieh einmal Honori⸗ nen an, mein Kind, und lerne von ihr, wie eine wuͤr⸗ dige Hausfrau ſein muß— Sie iſt ein Segen fuͤr ih⸗ ren Mann!“* In der Nacht vor dem Morgen, wo wir den Le⸗ ſer auf Tjuſtorp eingefuͤhrt, hatte Honorine nicht einen einzigen Augenblick geſchlafen und die Nacht vorher 126 ebenfalls nicht, denn der Oberſtlieutenant war, wenn auch ſeine eigentliche Krankheit ſich nicht verſchlimmert hatte, doch auf ganz unausſtehlicher Laune geweſen.— Und er fand großen Gefallen daran, daß Honorine ebenfalls wach blieb und mit ihm plauberte, wenn er nicht ſchlafen konnte. Er bat ſie nicht geradezu darum, aber er ſagte: „Es iſt gut fuͤr Dich, mein Kind, daß Du we⸗ nigſtens am Tage ſchlafen kannſt!“ Und ſo war Honorine eben auf ihr Zimmer ge⸗ gangen, um dieſes Vergnuͤgen zu genießen, als Herr Thurné angemeldet ward. Aber dieſe Stoͤrung hatte nicht viel zu bedeuten; ſie waͤre auf jeden Fall geſtoͤrt worden, weil es ſich nicht ſelten traf, daß der Oberſtlieutenant, wenn Six⸗ ten den Nuͤcken wendete, nach der gnaͤdigen Frau ſchickte und ſie a ließ,„denn Gott ſei Dank,“ ſagte er „fie kann ja des Nachts ſchlafen!“ Wir wollen jedoch nun Rechenſchaft von dem Ge⸗ ſpraͤch geben, welches zwiſchen Honorinen und dem Poe⸗ ten ſtatt hatte. „Verzeihen Sie, gnaͤdige Frau, verzeihen Sie,“ ſagte Philipp, indem er an das Sopha in dem mittelſten der drei vertraulichen Kabinette vortrat—„ich bin ganz venn mert — drine n er we⸗ ge⸗ Derr ten; ſich Six⸗ ickte 2 er Ge⸗ Poe⸗ agte der Janz 127 in Verzweiflung, daß ich Ihnen ſo ungelegen kommen muß.“ „Keineswegs, Herr Thurné! Ich habe ſoeben eine freie Stunde— Sirten iſt jetzt bei meinem Mann.“ „Aber dieſe Stunde— ich ſehe es jetzt ein— ſollte zur Ruhe verwendet werden und um Sie nicht zu ſto⸗ ren, will ich lieber warten.“ „ Und ich ſollte ſchlafen koͤnnen, wenn ich einen verehrten Freund in einem ſolchen Zuſtand von Unruhe ſehe? Reden Sie— ich bin ganz und gar Aufmerk⸗ ſamkeit. „Wie, wenn ich nun mit dem grenzenloſen Ver⸗ trauen, welches ich zu Ihrer Klugheit und zu Ihrem Zartgefuͤhl habe— einen guten Nath von Ihnen be⸗ gehrte?“ „Einen guten Rath?“ „Ja und einen im hoͤchſten Grade dutten und wichtigen... Wuͤrde ich wagen koͤnnen baͤrauf zu rechnen?“ „Ganz gewiß! Ich will ihn nach meinem beſten Vermoͤgen zu geben ſuchen.“ „Jedoch*... ſtammelte Philipp...„ ich muß geſtehen, daß der Gegenſtand... „Der Gegenſtand?“— wiederholte Honorine. „... hoͤchſt... hoͤchſt... delikat iſt und nur die reine und wahre Großmuth Ihres Herzens kann mich ermuthigen, daß ich ihn zu beruͤhren wage. 128 Aber ich bin bei Gott außer Stande, in dieſem Falle mir ſelbſt zu rathen!“ .„Nun ſo mag es ſein, was es wolle,“ antwor⸗ tete Honorine, deren ehrbare Blicke keine Spur von Verwirrung verriethen.„In wirklich ernſten Fragen giebt es nichts ſo Delikates, daß man es nicht beruͤh⸗ ren duͤrfte.“ „Ach, wenn ich Maler waͤre, anſtatt Dichter,“ rief der der junge Mann, hingeriſſen von dem keuſchen Glanz, der uͤber dem Weſen der liebenswuͤrdigen Frau ausgebreitet lag,„ſo wuͤrde ich gerade dieſen Augenblick waͤhlen, um Ihr Bild auf die Leinwand zu zaubern. Statt deſſen faſſe ich es jetzt in meinem Herzen und Gedaͤchtniß auf und zum erſten Male verſtehe ich die ſchoͤne Bedeutung des bibliſchen Wortes— den Reinen iſt Alles rein.“ „Aben ſo reden Sie doch Herr Thurné!“ „ 22. 1 „Ach, ſtehen die Todten aus ihren Graͤbern auf!“ Eine leichte Purpurwolke warf ihre magiſche Gluth uͤber die ſammetne Blaͤſſe auf Honorinens Wange. „Ja, ſo koͤnnen Sie ſagen. Sie war todt fuͤr mich, ich verabſcheute dieſes Weib, welches das ganze Gluͤck meines Lebens zerſtoͤrt; ich war auch uͤberzeugt, daß ſie mich niemals an unſere ungluͤckliche Zuſam⸗ menkunft erinnern wuͤrde.“ „Sie haben alſo blos eine gehabt? fragte un Falle vor⸗ von agen ruͤh⸗ er, 6 ſchen Frau blick dern. und die inen zuf!“ Dluth fuͤr ganze eugt, ſam⸗ ragte 129 Honorine ſo leiſe, daß ſie kaum ihre eigene Frage hoͤrte. „Ja, blos eine... aber der vorhergegangene ge⸗ heimnißvolle Briefwechſel hatte mir Kopf und Sinne verdreht.“ „Nun, weiter?“ „Leſen Sie dies.“ Philipp zog einen Brief heraus und reichte ihn Honorinen hin. „Iſt dies etwas, was Sie jetzt erhalten haben?“ „Geſtern Abend... Ich bin dieſe ganze Nacht entſetzlich aufgeregt und unentſchloſſen geweſen und da die Zeit draͤngte, beſchloß ich, zu ihnen zu fliehen... leſen Sie— ich beſchwoͤre Sie, leſen Sie!“ Honorine oͤffnete den Brief. Derſelbe enthielt Folgendes: „Anima weiß, daß Alerxis ſie jetzt eben ſo gluͤhend haßt, als er einmal fuͤr ſie brannte. „Sie weiß, daß er jetzt einen Brief von ihr eben ſo ſehr fuͤrchtet und verabſcheut, als er ſich fruͤher darnach ſehnte. Und gleichwohl hat Anima uͤber Alexis nicht die Haͤlfte der Leiden gebracht, welche Alexis uͤber ſie gebracht hat! „Anima's Herz kennt jedoch keinen Haß. „Wohl koͤnnte ihr Abſchiedsbrief etwas Aehnliches verrathen. Dieſer aber ward waͤhrend des erſten Stur⸗ mes einer grenzenloſen Verzweiflung geſchrieben, einer Verzweiflung, die ſich irgendwie Luft machen mußte. „Waͤre es moͤglich geweſen, ſo wuͤrde 5 gefun⸗ Ein Gerücht. V. 13⁰ den haben, daß Anima ihr Wort gehalten, niemals wieder etwas von ſich hoͤren zu laſſen. „Aber nach einem Schweigen von ein und dreivier⸗ tel Jahren ſieht ſie ſich durch die Umſtaͤnde gezwungen, d zu Alexis zu ſagen: r te „Kommen Sie— Anima hat Ihnen eine Sache d von der groͤßten Wichtigkeit zu vertrauen! er „In dem Diſtrikt R—s und dem Kirchſpiel A— bo liegt an dem Strande der linken Seite des 2 Schwalbenſees ein kleines Haus, welches in der dortigen n Gegend nur unter dem Namen der Schwalbenhuͤtte be⸗ kannt iſt. „Wenn Alexis ſich dort den zehnten November ein⸗ findet, wird er finden, daß er nicht ohne Grund dahin gerufen worden iſt von 2 Anima.“ „Nun, gnaͤdige Frau, was ſagen Sie dazu?“ 5 „Ich ſage, daß ich nicht begreife, weshalb Sie d meinen Rath begehren.“ Ein paar leichte Falten hatten ſich zwiſchen Hono⸗ rinens dunklen Augenbrauen gebildet.* a „Wie, Sie begreifen nicht?“ re „Nein, in der That nicht! Denn kann wohl eine Reiſe fuͤr Sie nach jenem romantiſchen Stelldichein b Gegenſtand einer Berathung ſein? Das iſt ja ganz einfach, meine ich.“ „Ganz einfach?“ mals ivier⸗ ngen, Sache hſpiel des tigen te be⸗ r ein⸗ dahin 2 Sie Hono⸗ l eine ichein ganz N 131 „Nun, Sie reiſen nicht hin!“ Philipp ſchuͤttelte den Kopf. „Oder iſt es moͤglich,“ fragte Honorine, indem ſie den jungen Poeten mit einem Ausdruck kaum verhehl⸗ ten Verdruſſes anſah,„iſt es moͤglich, daß ſie daran denken koͤnnen, dieſes ſo ungluͤckliche Verhaͤltniß zu erneuen!“ „Ich fuͤrchte,“ hob Philipp wieder an, und ſein Ton verrieth mehr Unruhe, als ſeine Worte,„daß Sie mich nicht recht verſtanden haben.“ „Was ſoll ich denn nicht verſtanden haben?“ „Ach mein Gott!“ „So ſprechen Sie doch deutlich.“ „Dieſes ſo wichtige Geheimniß, welches in dem Briefe erwaͤhnt wird...“ „... iſt nichts als eine Liſt!“ unterbrach ihn Honorine mit einer Heftigkeit, die mit ihrer gewoͤhnli⸗ chen Ruhe im auffaͤlligſten Widerſpruche ſtand. „Aber geſetzt, es waͤre keine Liſt?“ „Ich glaube fuͤrwahr, daß Sie fuͤr dieſe Reiſe auftreten wollen— es ſieht ganz aus, als ob Sie Ih⸗ ren Entſchluß ſchon gefaßt haͤtten.“ „Bedenken Sie doch, gnaͤdige Frau, ich bitte Sie, bedenken Sie, daß der Brief beſtimmt lautet.“ „Herr Thurné!“ „Sie kann ein Recht haben, mich zu rufen.“ Aus dem Ausdruck in Honorinens Antlitz ging 9* 132 deutlich hervor, daß ſie jetzt erſt Philipps Angſt zu be⸗ greifen begann. Nach einigen Minuten zweifelhaften Stillſchwei⸗ gens ſagte ſie: „Die Sache iſt ſehr dunkel und noch dazu we⸗ nig glaubwuͤrdig. Wenn dieſe geheimnißvolle Dame Schutz beduͤrfte, wenn ſie Ihnen etwas ſo Wichtiges zu vertrauen haͤtte, weshalb ſollte ſie dann ſo lange ge⸗ zoͤgert haben?“ „Ja, das iſt es, was mich eben auch verwirrt und zweifelhaft macht.“ Die junge Frau antwortete nicht. „Doch kann man ſich recht wohl Umſtaͤnde den⸗ ken, welche ſie gezwungen, etwas zu enthuͤllen, was ſie ſonſt auf immer verborgen gehalten haben wuͤrde.“ Die Farbe kam und floh auf Honorinens Wange. „Ich wuͤnſchte beinahe,“ ſagte ſie,„daß Sie mich nicht um Rath gefragt haͤtten.“ „Ach, gnaͤdige Frau, Sie fuͤhlen ſich alſo beleidigt?“ Honorine machte eine verneinende Bewegung. „Aber ſo ſprechen Sie doch!“ „Wenn dieſe Frau ungluͤcklich iſt, wenn ſie... wenn ſie Anſpruͤche an Sie hat...“ „In dieſem Falle habe ich blos einen Weg zu verfolgen— den der Pflicht.“ „Das iſt wahr— aber wenn ſie nun blos Sie no lief u be⸗ hwei⸗ we⸗ Hame tiges e ge⸗ wirrt den⸗ 8 ſie unge. Sie gt?“ 3 zu Sie 1³3³ noch einmal in ihr Netz bekommen wollte? Auch dies ließe ſich leicht denken.“ „Deshalb habe ich auch ſchon daran gedacht. Aber dieſer Gedanke hat meinen Abſcheu erweckt.“ „O, das glauben Sie jetzt!“ „Ich glaube es?— Koͤnnen Sie denn, gnaͤdige⸗ Frau, etwas Anderes glauben!“ „Ich bin uͤberzeugt, Herr Thurné— verzeihen Sie meine Aufrichtigkeit— daß... daß Sie nicht ſtandhaft ſind.“ „Was Sie jetzt ſagen, macht mich ſehr boͤſe. Ich, der ich ſo grauſam um dieſer Sirene willen gelitten, ich, der ich faſt taͤglich die wuͤrdigſte und reinſte der Frauen vor meinen Augen habe, ich ſollte, geehrt durch die Freundſchaft dieſer Frau, durch ihre Theilnahme, ich, der ich ſelbſt in dieſer Angelegenheit ihren Rath be⸗ gehre, ich ſollte mich in eine ſo offenbare und grobe Schlinge— in irgend eine Schlinge locken laſſen? Sagen Sie, daß Sie das nicht gemeint haben, ſonſt wage ich nicht mehr, an Ihre Achtung zu glauben und gleichwohl iſt dieſe Achtung mir eben ſo nothwendig, als die Luft, die ich athme.“ „Nun, ſo reiſen Sie— da haben Sie meinen Rath! Reiſen Sie, aber ſehen Sie zu, daß Sie, wenn Sie zuruͤckkommen, eben ſo aufrichtig ſein koͤnnen, wie jetzt! Und beduͤrfen Sie meiner Dienſte, meiner Mit⸗ wirkung in etwas Anderem, als einem guten Rathe, ſo 134 fuͤrchten Sie nichts— tragen Sie kein Bedenken, ſich an mich zu wenden.“ „Ich werde niemals Bedenken tragen, Ihre Freund⸗ ſchaft zu benutzen! Ich ſage blos, wenn einmal ein Tag kommt, wo Sie einen Beweis meiner Dankbar⸗ keit verlangen, ſo rechnen Sie darauf und rechnen Sie auch auf meine volle Aufrichtigkeit!“ Eine Stunde darauf war Philipp wieder fort. Er mußte ſich beeilen, um bis zu dem beſtimmten Tage an Ort und Stelle zu ſein. Als Honorine allein war, ließ ſie ihre Stirn in die vorgehaltenen Haͤnde niederſinken. Sie dachte— Gott weiß weshalb— an den wunderbaren Inſtinkt, welcher Siyxten in ſeiner phan⸗ taſtiſchen Eiferſucht getroͤſtet hatte. Aber ſie wollte nicht an dieſen Gegenſtand denken. Und da nun von Schlaf nicht mehr die Rede ſein konnte, ſo eilte ſie zu ihrem Manne, der ſie mit den Worten empfing: „Na, liebes Kind, nun haſt Du doch einmal or⸗ dentlich ausgeruht— aber ihr armen Weiber ginget am Ende ganz in Stuͤcken, wenn man Euch nicht zwaͤnge, auch Euch zu pflegen.“ —” ſich nd⸗ ein bar⸗ Sie aten in den han⸗ ken. unte, rten or⸗ nget nicht 14. Offirielles Schreiben von Dick. Privat mittheilung von Frau Walborg. Am Tage nach Philipps Beſuch und darauffolgender Abreiſe zu der geheimnißvollen Zuſammenkunft mit ſei⸗ ner vormaligen Muſe Anima Nummer Eins, traf es ſich— waͤhrend der Oberſtlieutenant auf dem Sopha lag und mit dem Kopf auf dem Schooße ſeiner Gattin ſchlief... eine fuͤr ſie ſehr unbequeme Stellung, wofuͤr ſie keine andere Linderung hatte, als Couſin Sixtens theilnehmende Blicke— waͤhrenddeſſen traf es ſich, daß Jolli, einen offenen Brief in der einen Hand und einen unerbrochenen in der andern tragend, auf den Zehen in das Zimmer hereingeſchlichen kam. Honorine gab ein Zeichen, denn man ſprach na⸗ tuͤrlich nicht, wenn der Oberſtlieutenant ſchlief. Jolli hatte aber auch nicht das Beduͤrfniß, mit dem Munde zu ſprechen— ihre Augen redeten eine ‚viel lebhaftere und ſchnellere Sprache. 136 Honorine, welche den unerbrochenen Brief erhielt, begriff Anfangs von Jolli's Pantomime nicht das Geringſte. Als aber Sixten— der neben dem Sopha ſaß und Honorinen damit die Zeit vertrieb, daß er patience legte— ſeine Augen auf den Brief warf, zeigte er ſo⸗ gleich, mit gutmuͤthigem Nicken, auf die Initialbuchſta⸗ ben des Siegels und nun begriff und nickte auch Hono⸗ rine, denn die Buchſtaben waren D. S. Bevor aber noch Honorinens Finger dieſe in einen praͤchtigen Kranz eingefaßte Initialien erbrachen, reichte Jolli ihr den offenen Brief und bat ſie durch eine Ge⸗ berde, denſelben zu leſen. Darauf ſetzte ſich Jolli auf den Schemmel zu Ho⸗ norinens Fuͤßen, hielt aber den Blick unverwendet auf den unerbrochenen Brief gerichtet. Der erſte lautete wie folgt: „Mein lieber, kleiner Zeiſig! „Gottes Frieden und guten Abend, meine kleine Lerche— denn es iſt in der Abenddaͤmmerungsſtunde, wo ich an Dich ſchreibe. „Ich habe einen ſchoͤnen Tag gehabt, denn meine Kolik iſt menſchlich geweſen und gewonnen habe ich drei Partien von der Tante Elſa, die allemal ganz raſend wird, wenn ſie verliert. „Nun, meine kleine Nachtigall, wollen wir nun von etwas Heiterem ſprechen? 3 & 3 3 gE 7e jelt, das ſaß ſo⸗ ſta⸗ no⸗ nen hte Ge⸗ Ho⸗ auf ine de, ine drei end von — 137 „Aber zuerſt und vor allen Dingen muß ich erzaͤh⸗ len, daß der Alte anfaͤngt, ſich wieder zu erholen, ja, ich wage faſt zu hoffen, daß er noch einmal mit ſeiner alten Herrin herumhinken wird; aber das darf erſt allmaͤlig geſchehen— der arme Alte muß mit Zaͤrtlichkeit ge⸗ pflegt werden! „Was nun das Erheiternde betrifft, was ich Dir verſprach, ſo biſt Du wohl ungeheuer neugierig, zu er⸗ fahren, was es ſein koͤnnte? „Nun alſo, ſo ſperr die Augen auf und die Ohren und auch die kleine Stumpfnaſe, denn das Thema, wel⸗ ches ich anzuregen gedenke, iſt fuͤr die Maͤdchen ſtets ein ſuͤßer Geruch. „Errathen wir vielleicht ſchon etwas? Haben wir etwas Herzklopfen? Sind unſere kleinen Pfingſtroſen im Begriffe, in helle Flammen auszubrechen? „Na, na, mein Herzblatt kam auch noch dran, ob⸗ ſchon es in Mamelucken gehen und die Kaſurka und Machucha tanzen mußte, bis es volle ſechzehn Jahr alt war! „Geſtern— es war wohl Mittwoch... nein, Donnerſtag war es... na, gleichviel, geſtern ſaß ich und las Erbſen und dachte gerade an Dich und an jenes Mal, wo wir bei uns zu Hauſe unſere Erbſen mit dem kleinen Maaße eintheilten, um nicht etwa ein⸗ mal eine mehr zu nehmen als das andere. Als ich ſo daſaß, blickte ich auf, denn ich hoͤrte einen Wagen auf den Hof hereinfahren. 138 „Aha, ſagte ich bei mir ſelbſt, als ich bemerkte, wer es war, ſtehen die Sachen ſol! Es iſt doch ſpaßhaft, daß die Wege des jungen Mannes ſo oft die meinigen durchkreuzen— hat der Haſe vielleicht Luſt, in meinen Acker zu gehen? „— Gehorſamer Diener, Tante Walborg! Ich konnte nicht anders, als im Vorbeifahren einmal hereingucken. „Du verſtehſt, daß er jetzt abgeſtiegen war. „— Dank, Dank— wo ſoll es jetzt hingehen? „— Ich komme von***, wohin meine Schweſter mich gerufen und nun reiſe ich erſt nach Ribyhus. „— So, ſo— dann muß ich fuͤr den großen Umweg danken— das war mehr, als ich erwarten konnte. „— Ich glaube nicht, ſagte er, daß die letzten Cigarren etwas getaugt haben— jetzt habe ich wieder beſſere be⸗ kommen. Aber ich hoffe, daß es wieder gut mit dem Alten geht. Er iſt wohl bald wieder hergeſtellt? „Es war ein Beweis von großem Verſtand, daß er ſich vor allen Dingen nach dem Alten erkundigte. „Na, dann plauderten wir von Dieſem und Jenem, aber endlich, kurz zuvor, ehe er wieder fortfuhr, that er noch einmal ſeinen Mund auf und ſagte Folgendes: „— Ich moͤchte ganz ergebenſt fragen, ob Tante Walborg etwas dagegen hat, wenn ich noch einmal hierher komme, vielleicht bald. „— Mit den Cigarren? ſagte ich. „— Die werde ich gewiß auch nicht vergeſſen. Aber der 139 es könnte ſich leicht zutragen, daß ich auch noch ein an⸗ deres Anliegen haͤtte. „— Kommen Sie in Gottes Namen in irgend einem Anliegen, wann Sie wollen, mein lieber, junger Herr, entgegnete ich. Wer in Ehrbarkeit und ehrlichen Ab⸗ ſichten reiſ't, iſt ſtets willkommen. „Das war die Hauptſumme. „Ich brauche fuͤr Dich, Du kleine, ſchlaue Katze, wohl weiter keine Auslegungen hinzuzufuͤgen. „Du wirſt Dir ſchon ſelbſt einen Vers darauf ma⸗ chen und ſollte das Gluͤck wirklich uͤber Dich kommen und ſich in Deine Arme werfen, ſo vergiß niemals— das ſage ich Dir ausdruͤcklich— daß Du einmal die arme Jolli warſt, die auf der Landſtraße herumfuhr, um bei guten Freunden und Nachbarn als Luſtigmache⸗ rin aufzutreten! „Und kommſt Du zu Wohlſtande, ſo muß der Alte ſeinen ſchoͤnen Hafer bekommen bis an ſein ſeliges Ende und der Wagen muß eine neue Lederdecke und die Mut⸗ ter einen neuen Ueberrock bekommen. „Das mache ich gleich aus. „Du weißt, daß ich viel auf Anſtand und gute Sit⸗ ten halte, mein Dornenroͤschen— thue daher nicht, als ob Du ſchon etwas wuͤßteſt, wenn er kommt. „Im Vertrauen kannſt Du dies Honorinen und dem Couſin Sixten zeigen und er wird dann ſehen, wie 140 klug ich in der andern Geſchichte gehandelt habe, von der er weiß. „Bitte den Oberſtlieutenant noch einmal, daß er mir meine Uebereilung an dem Tage unſerer Abreiſe verzei⸗ hen moͤge! Seine Krankheit iſt mir ſehr zunahe ge⸗ gangen und ich laſſe ihn bitten, doch ja das Mittel zu gebrauchen, welches auf dem beiliegenden Zettel aufge⸗ ſchrieben ſteht. Wohl funfzig Leute haben ſich damit vom kalten Fieber kurirt. „Die beſten Gruͤße und Dankſagungen an Hono⸗ rine von Deiner zaͤrtlichen Mutter Walborg Stureſon.“ „N. S. Auch viele Gruͤße an den Oberſtlieutenant und den Baron. „Der Alte wieherte geſtern Abend ganz wie vor alten Zeiten. Ich mußte da weinen, obſchon ich nicht geweint, ſeitdem der Capitain mich verließ. „Nun, lebe wohl, mein kleiner Kanarienvogel. Aber der Tauſend, ich habe ganz vergeſſen zu ſagen, wer es war, der mich beſuchte— aber rathe, rathe!“ Das Leſen des Briefs ward ſehr oft durch eine vertrauliche und heitere Pantomime zwiſchen Honorine und Jolli unterbrochen. Endlich ward er dem Baron Sixten hingereicht, der mittlerweile mit der patience zu Ende gekommen war, die ein Ja oder ein Nein auf et⸗ was abgeben ſollte, woran Honorine dachte. 22 &— 8 der 141 Und da die patience„aufging“, ſo erbrach Honorine laͤchelnd den Brief, der direkt an ſie gerichtet war. Aber da es etwas faſt ganz Unmoͤgliches waͤre, die ſprudelnde, mit unſchuldigem Zittern gemiſchte Le⸗ bendigkeit zu ſchildern, die unaufhoͤrlich in Jolli's Zuͤgen wechſelte— ein treuer Abdruck der Gefuͤhle ihrer Seele, ſo wollen wir nicht davon ſprechen, ſondern uns damit begnuͤgen, daß wir erſt den einen kuͤrzern Brief an Ho⸗ norinen und dann den eingelegten an das junge Maͤd⸗ chen ſelbſt mittheilen. Nro. 1. „Beſte gnaͤdige Frau! „Ich habe die Ehre, Ihnen einen Gruß von der heitern, liebenswuͤrdigen und ſchalkhaften Frau von Stern zu melden, der ich meine unterthaͤnige Aufwartung machte, als ich dort war und meine Schweſter beſuchte, die, wie ich wirklich glaube, noch viel auf mich haͤlt. „Noch mehr uͤber die Koͤnigin Adele ſteht in dem Briefe, der hier beiliegt. „Gute, hochgeſchaͤtzte, gnaͤdige Frau! Da es Nie⸗ manden giebt, vor dem ich mehr Reſpekt haͤtte, als vor Ihnen, weil Sie ſtets ein ſo liebenswuͤrdiges und fein⸗ fuͤhlendes Urtheil an den Tag gelegt haben, ſo bitte ich, eine Erklaͤrung oder vielmehr eine Bitte vorbringen zu duͤrfen, die, wie ich glaube, aus meinem innerſten Her⸗ zen kommt. „Sie verſtehen eine figuͤrliche Redeweiſe, gnaͤdige 142 Frau und obſchon ich in dieſer Kunſt kein ſehr großes Talent beſitze, ſo iſt es doch zuweilen noͤthig, dazu zu greifen, wenn man nicht ſo recht geradezu reden kann, ſonſt wuͤrde ich geradezu bitten, den beiliegenden Brief der Adreſſatin zuzuſtellen und weshalb ich denſelben in einem Couvert an Sie, gnaͤdige Frau, ſchicke, das werden Sie ſelbſt wiſſen. „Ich bitte, mit meiner Dreiſtigkeit freundliche Nach⸗ ſicht zu haben. Daß Sie dies thun werden, davon bin ich uͤberzeugt. „Zu Weihnachten werde ich Ihnen mit einem der allerſchoͤnſten Papageien aufwarten, die ich von meinen Reiſen mitgebracht habe. „Es iſt freilich aͤrgerlich, daß es nur ein ausgeſtopf⸗ ter Papagei iſt, aber er iſt ſo ganz ſcharmant ausge⸗ ſtopft, daß ich glaube, Sie werden es ihm verzeihen, daß er kein Leben hat. Mit der tiefſten Verehrung und Theilnahme er⸗ kundige ich mich nach dem Geſundheitszuſtande des Herrn Oberſtlieutenants. Zu Weihnacht werde ich mir die Freiheit nehmen, dem Herrn Oberſtlieutenant, der, wie ich weiß, auf Doctor Warvners Pflege etwas giebt, den Vorſchlag machen, waͤhrend des Sommers ſich einige Monate in Ribyhus niederzulaſſen, verſteht ſich in Ih⸗ rer Geſellſchaft, gnaͤdige Frau. Wir haben ein ſehr ſchoͤnes Bad und ein Wechſel der Luft wird fuͤr die — rden rach⸗ bin n der inen topf⸗ isge⸗ ihen, e er⸗ derrn die wie „den inige Ih⸗ ſehr die — 143 Herrſchaften und wie ich hoffe, auch noch fuͤr andere Leute, ſehr nuͤtzlich ſein. „Ich entbiete meinen freundſchaftlichen Gruß dem Herrn Baron Sinten, welcher die Guͤte gehabt hat, zu verſprechen, naͤchſten Fruͤhling die Jagd in Ribyhus zu verſuchen, und unterzeichne als der gnaͤdigen Frau gehorſamſter und ergebenſter Diener Dick Sorenius.“ „N. S. Ich ſchicke dieſen Brief nicht an Philipp, denn dieſer waͤre in ſeiner Zerſtreuung im Stande, die Weiterbefoͤrderung zu vergeſſen. „Im Fall ich zu Weihnacht willkommen bin, duͤrfte ich wohl gehorſamſt um eine Zeile Antwort bitten.“ Nro. 2. „Theure Mamſell Jolli! „Wenn Sie ſich daruͤber verwundern, Mamſell Jolli, daß dieſer Brief in einem an die gnaͤdige Frau eingelegt iſt, ſo werden Sie deshalb wenigſtens nicht unruhig. „Ich koͤnnte es nicht ertragen, ein ſolches Gefuͤhl erweckt zu haben. Deshalb ſage ich aber nicht, daß ich nicht ein anderes Gefuͤhl erwecken wollte. Doch das klingt vielleicht allzu uͤbereilt. „Um Alles in der Welt moͤchte ich Mamſell Jolli nicht erſchrecken— o nein! Deshalb ſage ich aber nicht, daß ich, wenn ich vielleicht auf eine andere Weiſe 144 Ihnen Herzklopfen verurſachen koͤnnte— na, da haben wir die Uebereilung ſchon wieder. „Verzeihen Sie, verzeihen Sie und werden Sie um Gottes Willen nicht unzufrieden. „Die Sache iſt eigentlich die, daß ich Sie fragen wollte, Mamſſell Jolli, ob Sie ſich noch eines Geſpraͤchs erinnern, welches wir an dem Tage hatten, wo wir nach Madaͤngsholm reiſ'ten? Es handelte ſich damals um . um einen gewiſſen Rath, den Madame Malme⸗ lin mir in Bezug auf die Loͤſung des gordiſchen Kno⸗ tens gegeben. „Es iſt aber moͤglich, daß Sie die Geſchichte von Alex⸗ ander dem Großen, der dieſen Knoten durchhieb, ſchon wieder vergeſſen haben, welche Geſchichte ich Ihnen auf dem Heimwege erzaͤhlte, wo wir Beide erkennen mußten, daß ich durchaus keine Hoffnung hatte, ein neuer Alex⸗ ander zu werden.— „Ich hoffe, Sie werden das nicht zu gelehrt finden, Mamſell Jolli. Es iſt dies wirklich das beſte Bild meines Verhaͤltniſſes zu der Sache, von welcher Mam⸗ ſell Jolli weiß— oder um ohne alle Umſchweife zu re⸗ den, es iſt das Bild meines uͤbereilten Geluͤbdes, mich ſchon als Witwer und Beſitzer eines Sohns anzuſehen, bevor ich noch weder Ehemann noch Vater geworden. „Gute, gute Mamſell Jolli, wenn ich Sie jetzt er⸗ roͤthen mache— ach Niemand kann ſchoͤner erroͤthen — ſo haben Sie die Guͤte, zu bedenken, daß ich es 145 nicht ſehe und wenn ich es auch ſaͤhe, wuͤrde ich mich doch abwenden, um Mamſell Jolli's anmuthige Schuͤch⸗ ternheit nicht zu ſehen. „Aber warten Sie einmal— wie war es denn? Wir machten die Sache franzoͤſiſch ab... dieſer Ausdruck war gar nicht ſo dumm, deſſen die Koͤnigin Adele ſich allemal bediente, wenn ſie etwas andeuten wollte, was ſchwer zu ſagen war. Aber dennoch wuͤrde ſie, im Ganzen genommen, vielleicht dieſe Sache nicht franzoͤſiſch genannt haben, denn es laͤßt ſich nicht leug⸗ nen, daß der Gegenſtand auch eben ſo ſehr ſchwediſch iſt, ja man kann ſagen, es iſt ein Allerweltsgegenſtand, denn uͤberall, theure Mamſell Jolli, von dem Lande der Samojeden, draußen am Eismeere, bis zu den Inſeln der Suͤdſee, unter dem Aequator, werden die Leute Ehe⸗ gatten und Eltern. „Nun, gute, liebenswuͤrdige Mamſell Jolli, werde ich Ihnen eine wunderbare Neuigkeit mittheilen, welche mit dem erſten Theile dieſes Briefes im Zuſammen⸗ hang ſteht. „Meine Schweſter, die mir das Bekenntniß eines gewiſſen Kummers abzulocken wußte— ſie weiß es ſo ſchlau und fein anzudrehen— wußte auch gleich Rath fuͤr dieſen Kummer. Erlauben Sie mir, Mamſell Jolli, Ihnen dieſen Rath mitzutheilen? Ich glaube, es iſt am beſten, es ſchriftlich zu thun. „Sie ſagte mir— und als Albans Mutter war Ein Geruͤcht, v. 10 146 es von ihr ganz achtungswerth— daß mein Verſpre⸗ chen null und nichtig ſei, weil es keine Guͤltigkeit haͤtte, unmoͤglich Guͤltigkeit haben koͤnnte, dieweil ich, als ich es gab, noch nicht muͤndig war. „Iſt es nicht merkwuͤrdig, daß von uns Beiden keins auf dieſen Gedanken kam? „Ich will nicht verſuchen, meine Seligkeit zu ſchil⸗ dern, als ich begriff, daß ich mit ſo vollkommenen Eh⸗ ren von der Sache loskommen koͤnnte— ja, mit voll⸗ kommenen Ehren, denn ſobald als ich nach Hauſe kam, ſprach ich mit dem Propſt und dem Landrichter uͤber die Sache und ſie lachten mir Beide in's Geſicht. „Ich nahm ihnen aber dieſe Freiheit durchaus nicht ubel, eben ſo wenig als die Verſicherung, daß ich ein großer Narr geweſen ſei, einen ſolchen Gedanken zu hegen. „Aber ich that ein Geluͤbde, welches ich jetzt, als Volljaͤhriger, ſowohl gebe als halte, und dies iſt, Alban dennoch ein guter Vater zu ſein. Man ſieht ja, daß Vaͤter viele Soͤhne haben und die Soͤhne haben kein Recht, ſich daruͤber zu beklagen. „Das war es, was ich erzaͤhlen wollte, damit Mamſell Jolli Zeit haben moͤge, ſich die Sache aufs Reiflichſte zu uͤberlegen, wenn ich zu Weihnacht komme und frage, ob Mamſell Jolli Luſt hat, mich als Alex⸗ anders Nachfolger zu ſehen. „Ach, Mamſell Jolli, entzuͤckende Mamſell Jolli, E ◻—= pre⸗ itte, ich eins chil⸗ Eh⸗ voll⸗ am, uͤber nicht ein zu als lban daß kein amit aufs nme Ulex⸗ Folli, ³ 147 meine Feder laͤchelt, aber meine Wangen erroͤthen und mein Herz klopft fuͤrchterlich, waͤhrend ich dies ſchreibe, was in dem großen Saale geſchieht, der zum Muſeum beſtimmt iſt. Wenn ich ſage beſtimmt, ſo klingt das vielleicht ſonderbar, weil er ſchon gewiſſermaaßen fer⸗ tig iſt; aber er iſt erſt halb fertig, bis wir mit mehr als zwei Haͤnden ans Werk gehen koͤnnen. „Der Doctor ſagt oft, daß ich die Sachen ganz ver⸗ kehrt aufſtelle; aber ich aͤndere nichts, bevor nicht eine dritte Perſon ihr Urtheil abgegeben hat. „Ich will Mamſell Jolli's Zartgefuͤhl nicht dadurch auf⸗ regen, daß ich noch deutlicher ſpreche. Wir werden daher einen kleinen Augenblick uͤber etwas Anderes ſprechen. „Vielleicht komme ich aber am Schluſſe des Brie⸗ fes noch einmal auf mein Lieblingskapitel zuruͤck. „Von dem Beſuche bei meiner Schweſter ſage ich nichts und vielleicht iſt ſie jetzt ſchwerer als jemals zu begreifen. Die ganze Welt glaubt, ſie ſei eine richtige Heilige. Meinetwegen— mich geht es nichts an, wenn die ganze Welt ſich betruͤgt. „Es kommt einem Jeden, beſonders Leuten, welche Abſichten haben, zu, ſich vorzuſehen. „Wie gluͤcklich fuͤr die, welche wiſſen, daß ihre Ab⸗ ſichten auf einen vollendeten Gegenſtand fallen... doch das war es nicht, wovon ich ſprechen wollte. „Ich ging zur Koͤnigin Adele. „Sie ſaß in einem kleinen, zierlichen Salon oder 10* 148 vielmehr, ſie lag etwas muthwillig in einem großen Lehnſtuhl, mit dem Fuße auf einem Baͤnkchen von ſol⸗ chem rothen Sammt, wovon ich hier auf Ribyhus mehrere Stuͤhle habe und auch Fußbaͤnkchen, welche fuͤr andere Fuͤße paſſen koͤnnen. „Und rund um Frau Adelens Platz ſtanden fuͤnf oder ſechs kleinere Stuͤhle. „Mamſell Jolli wird bemerken, daß ich ein großes Talent beſitze, kleine Dramen in erzaͤhlender Form zu ſchreiben. „Nun iſt zu bemerken, daß die ſechs Stuͤhle nicht leer waren, denn ein jeder hatte einen Cavalier auf dem Sitz, oder vielleicht richtiger geſagt, unter demſelben, denn ſie beugten ſich ſo weit der Wirthin entgegen, daß ich nicht begreife, wie ſie ſich zu halten vermochten. ‚Sie haben gewiß ſchon zuweilen geſehen, Mamſell Jolli, wie Kunſtreiter an der Lende ihres Pferdes haͤn⸗ gen— gerade ſo ſah es aus und die Hofkavaliere der Koͤnigin Adele(ach, wenn mein Drama Ihnen Spaß machte, Mamſell Jolli!) konnten mit Recht Kunſtſitzer genannt werden. „Es ward ſo gelacht und geſchwatzt, daß es bis heraus in das Vorzimmer ſchallte.; „Als aber Frau von Stern ſah, wer eingetreten war, ſprang ſie ſogleich auf und ſah ſo ungemein freund⸗ ſchaftlich und froͤhlich aus, daß ich gleich wie zu Hauſe war und mich nicht darum kuͤmmerte, daß die ſchnurr⸗ 149 baͤrtigen Kunſtſitzer mich ſcheel anſahen, weil ich ihnen Frau Adelens Aufmerkſamkeit entzog. „Und dann ſagte ſie mit ihrer koͤniglichen Miene und ihren koͤniglichen Geberden:„Meine Herren! Di⸗ rector Sorenius, den ich die Ehre habe, Ihnen als ei⸗ nen reichen Magnaten unter meinen Freunden vorzu⸗ ſtellen, erzeigt mir das Vergnuͤgen, mir kurze Zeit Ge⸗ ſellſchaft zu leiſten. Ich gebe Ihnen daher hiermit Ihre Freiheit zuruͤck.“ „Klang das nicht gerade ſo, als wie wenn eine Fuͤrſtin ihre Suite entlaͤßt, um eine Privataudienz zu ertheilen? „Aber, errathen Sie, nach wem ſie mich fragte, ſo⸗ bald als wir allein waren... „Gott, wie gluͤcklich waͤre ich, wenn mein Erzaͤh⸗ lungsdrama Mamſell Jolli Spaß machte. „Ich hatte ſchon die Oberſtlieutenantin auf den Lippen, als die Koͤnigin ſagte: „— Herr Sorenius hat gewiß einen Brief von Doctor Warvner an mich? „— Ja, das iſt allerdings ſo, antwortete ich und ich mußte ihn ihr ſogleich geben. Und das iſt gewiß, daß ſie auf Arnold ungeheuer viel haͤlt, denn ſie las ſeinen Brief ſo lange, daß ich mich bemerkbar machen mußte. „Arnold iſt jetzt ihr Arzt und ſie ward es eben ſo wenig muͤde, von ihm zu ſprechen, als er, da ich nach Hauſe kam, es muͤde ward, von ihr erzaͤhlen zu hoͤren. „Die arme Koͤnigin Adele— um in verbluͤmter 150 Sprache zu reden— eine Schlange lauert hinter ihren Roſen! Sie ſagte, daß ſie naͤchſten Fruͤhling nach Tjuſtorp kommen wuͤrde. Ich ſchlug Ribyhus vor. Vielleicht haͤtte man auch Oberſtlieutenants uͤberreden koͤnnen, im Falle ich etwas mehr zu bieten haͤtte, als die Nachbarſchaft des Doctors. „Aber es iſt ſicherlich nun Zeit, zu ſchließen. Und nun, da die Gefuͤhle meiner zaͤrtlichen und reizenden Mamſell Jolli Zeit gehabt haben, ſich zu beruhigen, wage ich noch hinzuzufuͤgen, daß ich blos eine einzige Perſon kenne, die im Stande waͤre, gewiſſe liebe Gaͤſte nach Ribyhus zu locken. Aber ganz ehrlich bereite ich Mamſell Jolli darauf vor, daß meine Fragen direkter und beſtimmter ſein werden, wenn wir uns zu Weih⸗ nachten wiederſehen. „Haben Sie inzwiſchen die Guͤte, mich mit umge⸗ hender Poſt wiſſen zu laſſen, wie dieſes Vorſpiel hier aufgenommen worden iſt! „Leben Sie wohl, leben Sie wohl. Ein inniges und herzliches Lebewohl von Mamſell Jolli's unruhigen, erwartenden, ergebe⸗ nen, gehorſamen und.. ewig... ich ſchreibe das letzte Wort nicht aus, aber es faͤngt mit einem l an und ſchließt mit einem n Dick.“ —t — — d —: 151 „N. S. Theure Mamſell Jolli, verzeihen Sie mir, aber ich kann nicht umhin, Ihnen noch zu ſagen, daß ein b in die Mitte des Worts gehoͤrt. „N. S. Nein, Mamſell Jolli, ich bin nicht im Stande, den Brief zuzuſiegeln, bevor ich das ganze Wort ausgeſchrieben: Mamſell Jolli's ewig liebender Dick.“ Den naͤchſtfolgenden Poſttag ging die Antwort auf dieſes Schreiben ab. Sie lautete: „Guter, lieber Herr Dick! „Wie gut verſteht doch Herr Dick die Gefuͤhle eines Maͤdchens zu beurtheilen! „Ich war ordentlich erſtaunt, wie genau alle Vor⸗ ausſetzungen Herrn Dicks eingetroffen ſind. „Gerade da, wo Herr Dick glaubte, daß ich erroͤ⸗ then muͤßte, waren meine„kleinen Pfingſtroſen“, wie Mama ſagt, nahe daran, in Flammen auszubrechen. Es köͤnnte mir nicht einfallen, dies muͤndlich zu ſagen, aber da Herr Dick mich nicht ſieht, ſo kann ich es recht gern zugeben und wuͤßte nicht, weshalb es noͤthig waͤre, es zu verbergen. „Herr Dick iſt allzuguͤtig, daß er mir durch dieſes ſchoͤne Vorſpiel, wie Herr Dick es nennt, einen Wink giebt, welches ich eigentlich nicht zu verſtehen ſcheinen 15² ſollte; aber ich bin von Mama in redlichen Grundſaͤtzen aufgezogen und deshalb verſtehe ich viele Dinge, wenn ich ſie verſtehen will. „Ich glaube nicht, daß Herr Dick nach dieſen Wor⸗ ten bis auf Weiteres mehr zu wiſſen braucht. „Das kleine Erzaͤhlungsdrama war ungemein leb⸗ haft geſchildert und ich kann mir denken, wie ſchoͤn der rothe Sammt, den Herr Dick auf ſeinen Stuͤhlen hat, ausſehen muß. Roth iſt unter allen Farben die ſchoͤnſte, ganz beſonders im Gegenſatz zu weiß. „Bei dem Worte weiß faͤllt mir ein, daß ich zu meinem Geburtstag von Baron Sinyten einen ausge⸗ zeichnet ſchoͤnen Kleiderſtoff erhalten habe. „Bei dem Baron Sirten faͤllt mir ein, daß man an ihm ſieht, was eine edle Treue zu bedeuten hat. „Mein beſter, guter Herr Dick, ich will auch eine dramatiſche Erzaͤhlung ſchreiben, um meine Dankbarkeit zu beweiſen und ſie ſoll zu Herrn Dicks Vergnuͤgen fol⸗ gendermaaßen lauten: „Es iſt Abend und Mondſchein... Bei dem Mondſchein faͤllt mir ein, ob Herr Dick ſich wohl noch unſerer Promenaden im Mondſchein, waͤhrend des ver⸗ gangenen Sommers, erinnert— aber jetzt iſt es Win⸗ ter und die Lichter ſind noch nicht angezuͤndet, denn der Oberſtlieutenant hat es, um ſeiner Augen willen, ſehr gern, wenn das Lichtanzuͤnden ſo lange als moͤglich hin⸗ ausgeſchoben wird. nan eine fol⸗ dem ver⸗ Lin⸗ ſehr hin⸗ 15³ „Alſo, es iſt in der Abenddaͤmmerung. „Der Oberſtlieutenant liegt auf dem Sopha und raiſonnirt und flucht:— Tauſend Donnerwetter, wie al⸗ bern die Kiſſen wieder einmal liegen— kannſt Du ſie denn nicht in Ordnung bringen, Honorine! „— Mein Freund, ich habe ſie ja eben gelegt, wie Du ſie haben wollteſt. „— Honorine, Honorine, ſo ſpringe doch nicht fortwaͤh⸗ rend ſo. Daß die Weiber doch nicht ſtille ſitzen koͤnnen. „— Hier bin ich ja, mein lieber Helleding. „Langes Brummen. „Das war ein Auftritt. „Nun kommt der zweite. „Der Oberſtlieutenant hat ſich muͤde geflucht und iſt in ſeinem Ruheſtuhl eingeſchlafen. „Man ſchleicht ſich ſtill nach einer Fenſtervertie⸗ fung, wo Honorine muͤde in einen Lehnſtuhl niederſinkt. Wer iſt es da, der ihr mit allem kleinen Zubehoͤr auf⸗ wartet, Ean de Cologne, Strickzeug, Taſchenbuch oder Kiſſen unter den Kopf? „Wer erheitert ſie, wer bittet ſie, auszuruhen, wer erbietet ſich, an ihrer Statt zu wachen, ſich ſtatt ihrer auszanken zu laſſen, wer legt patience, wenn ſie etwas in Gedanken hat und wer richtet alle Auftraͤge in und außer dem Hauſe aus, die ich nicht verſtehe? Ja, das thut der, der neun Jahre treu geweſen, wenn er auch nicht einen halben Blick zur Belohnung erhalten haͤtte. 154 „Der zweite Auftritt iſt zu Ende. „Guter Herr Dick, eine ſolche Treue iſt koͤſtlich anzuſehen und wenn Honorine Witwe wird— was, wie der Doctor heimlich ſagt, wahrſcheinlich naͤchſten Fruͤhling geſchieht, denn er iſt ſehr ſchwach, der Oberſt⸗ lieutenant und baumelt nur ſo— ſo hoffe ich zu Gott, daß der arme Baron Sinten irgend einen Erſatz bekommt. Doch dies im tiefſten Vertrauen zwiſchen uns. Es iſt ſo angenehm, ſein Vertrauen zu Herrn Dick zu haben. Dieſe Sympathie hat doch ſtets zwiſchen uns geherrſcht. „Ich hatte mir eigentlich vorgenommen, drei Auf⸗ tritte in meinem Drama zu machen, aber es war etwas, was mich zuruͤckhielt, den dritten zu ſchreiben. „Nun wird gewiß Herr Dick durchaus wiſſen wol⸗ len, wovon dieſer gehandelt haͤtte; aber ich weiß nicht ob ich geſtehen darf, daß derſelbe von einem Maͤdchen gehandelt haben wuͤrde, welches allein im Mondſchein an einem Fenſter ſaß und leiſe die Ballade vor ſich hin⸗ ſummte, die einer gewiſſen Perſon ſo ſehr gefiel: „Die ſchoͤne Jungfrau ſihnun n dem Ritter ſo uͤhn.“ „Viele Gruͤße von Madame Malmelin, die ich ver⸗ gangenen Sonntag in der Kirche traf. Wie achte ich dieſe gute, alte Frau. „Herr Thurns iſt verreiſ't, ich weiß nicht wohin. „Nun leben Sie wohl, guter, guter Herr Dick! Ich habe mich ſtets nach dem Weihnachtsfeſte geſehnt, —,— 155 aber niemals ſo, wie dieſes Jahr. Das Weihnachtsfeſt iſt eine ſo ſchoͤne Zeit. Herrn Dicks ſtets ergebene, innig ergebene Jolli.* „Ich hoffe, Herr Dick wird mich nicht fuͤr gefuͤhl⸗ los anſehen, weil ich ihm nichts auf das antworte, was Alexander den Großen betrifft? Ich bin jedoch vollkom⸗ men uͤberzeugt, daß Herr Dick niemals einem andern, als einem guten und ehrenvollen Nathe folgt. „Ich ſtehe im Begriff, eine Boͤrſe zu ſticken, in welche ich mein Herz zu legen beabſichtige, wenn ich es verſchenke. Iſt das nicht ein ſchoͤnes Sinnbild? Die Boͤrſe iſt leer, aber das Herz fuͤllt ſie und der, welcher das Herz herausnimmt, muß dann die Boͤrſe fuͤllen.“ —e 15. Philipps Worttreue. Es iſt— wie Jolli in ihrem Drama erzaͤhlte— ein Mondſcheinabend. Der Oberſtlieutenant ſchlaͤft nicht, ſondern vertreibt ſich, ſo gut es gehen will, die Zeit damit, daß er Baron Siyten tuͤchtig ausſchilt, der in der Oekonomie wieder einmal einen entſetzlichen Mißgriff begangen hat. Jolli geht allein im Vorgemach auf und ab und phantaſirt auf der Guitarre von der Jungfrau, die„nach dem Ritter ſo kuͤhn“ ſchaut. Aber Honorine befindet ſich in ihrem Heiligthum und ſitzt auf dem kleinen Sopha in ihrem Kabinet, wo der geſtickte Lehnſtuhl gerade gegenuͤber eben jetzt von Philipp eingenommen wird, welcher gekommen iſt, um abzuſtatten. den erſten Beſuch nach ſeiner acht Tage langen Ahaſe 2— treibt zaron oieder bund nach thum t, wo von um Reiſe 157 Es war nach den gewoͤhnlichen Begruͤßungen ein Schweigen von einigen Minuten eingetreten, welches fuͤr beide Theile gleich ſchwer zu brechen ſein mußte, denn es laſtete ein ſichtlicher Zwang auf Beiden. „Herr Thurnsé iſt alſo wieder da,“ ſagte endlich Honorine. Weshalb ihr Athem kaum zureichen wollte, um dieſe einfachen Worte hervorzubringen, das wußte ſie ſelbſt nicht; um wie viel weniger koͤnnen wir es wiſſen. „Ja, ich bin wieder da.“ Philipp ward roth bis uͤber die Stirn. „Nun, und?“ „Ich habe Aufrichtigkeit verſprochen.“ „Wenn Herr Thurnsé dieſes Verſprechen bereut...“ „Nein, nein!“ „Dann wiederhole ich: Nun, und?“ „Sie erlauben, gnaͤdige Frau, daß ich zu Ihnen ſpreche, wie ich zu einer Schweſter ſprechen wuͤrde?“ „Das iſt ja ſchon ausgemacht.“ „Und ſo wie ich nur zu der Frau ſprechen kann, die ich in meiner Achtung uͤber alle anderen ſtelle.“ Honorine machte nur eine leichte Bewegung. „Wie befehlen Sie, gnaͤdige Frau, daß ich anfan⸗ gen ſoll?“ „Schildern Sie mir zum Beiſpiel Ihre Empfin⸗ dungen, als Sie ſich dem beſtimmten Begegnungsorte naͤherten.“ 158 „Ich hatte eigentlich nicht mehr als eine.“ „Und dieſe uͤberwog alle anderen?“ „Ja, ganz— aber es war eine unerwartete Empfin⸗ dung.“ „Nun? „Ein Gefuͤhl unbeſchreiblicher Reizbarkeit. Was, ſagte ich, will ſie denn von mir, dieſes Weib, welches meine Ruhe ſtoͤrt?“ „Ihre Ruhe?“ „Die Ruhe meines Lebens. Ich war ja jetzt verhaͤltnißmaͤßig in einer ſehr guten Gemuͤthsverfaſſung. Sollte...“ „Sollte?* „.... ſollte die, welche mir einen unbeſchreiblichen Edelmuth, ein ſolche Engels geduld gezeigt, Alles verge⸗ bens gethan haben!“ „Wie— Sie fuͤrchteten das?“ „Nein, ich fuͤrchtete es nicht; aber ich aͤrgerte mich uͤber die Moͤglichkeit.“ „Und keine Sehnſucht, keine Unruhe, keine zwei⸗ deutige Gemuͤthsbewegung?“ „Keine Spur davon.“ „Und ſo kamen Sie hin?“ „Ja.“ „Weiter?“ „Ach, warten Sie— 65 laͤßt ſich nicht mit einem Worte ſagen. Es iſt ſo.. inem 159 „... daß Sie Grund haben, zu fuͤrchten, unſere Muͤhe ſei vergebens geweſen?“ Dieſe Worte wurden mit einer hoͤrbaren Eile ausgeſprochen. „Nicht ſo— Gott ſei Dank, darin taͤuſchte ich mich!“ „War es denn etwas Anderes, worin Sie ſich nicht taͤuſchten?“ „Ja, in dem, was.. was ich ahnte... Sie wiſſen noch, oder Sie entſinnen ſich vielleicht nicht mehr..“ „O ja, o ja.“ Zum Gluͤck war der Mondſchein nicht ſtark ge⸗ nug, um die wechſelnde Farbe auf Honorinens Wange ſehen zu laſſen; uͤberdies ſaß ſie auch nicht im Lichte, wie Philipp. „Großer Gott, wie bitter beweint man ſeine Verir⸗ rungen! Ich habe viel gelitten, gnaͤdige Frau, ſeitdem wir uns zuletzt ſahen, und ich leide noch tief, ſehr tief.“ „Kann ich etwas fuͤr Sie thun.“ „Wenn Sie es auch koͤnnten, ſo wuͤrde ich doch niemals den Muth haben, es zu begehren.“ „Was eben ſo viel heißt, als, daß Sie ſich nicht auf meine Freundſchaft verlaſſen wollen.“ „Ich verlaſſe mich darauf. Aber auf alle Faͤlle ſind wir noch nicht ſo weit gekommen... 160 „... daß Sie mich auf die Probe zu ſtellen brauchten.“ „So wuͤrde ich mich gerade nicht ausgedruͤckt haben.“ „Wie denn?“ „Erlauben Sie, daß ich es nicht wiederholen darf, aber Sie koͤnnen uͤberzeugt ſein, daß, wenn es eine Bitte waͤre, ich dieſelbe nur auf den Knien vorbringen koͤnnte.“ „Laſſen Sie uns denn auf Ihre Reiſe zuruͤck⸗ kommen.“ „Als ich an dem kleinen Hauſe bei dem Schwal⸗ benſee ankam, bemerkte ich nichts Beſonderes. Es war ein gewoͤhnliches, aber in gutem Zuſtande befindliches Haus. Niemand kam mir entgegen, obſchon es mitten am Tage war.“ „» und Sie gingen hinein?“ SJa, und ich traf darin blos zwei alte Frauen, von denen die eine die Mutter der andern war.“ „Und Sie ſagten?“ „Nichts weiter, als„Gottes Frieden!“ und ihre Geſichter ſahen auch ganz aus, wie ein Frieden Gottes — ruhig, demuͤthig, geduldig. Die eine reichte mir einen Brief.“ „Ah, ſie kam alſo nicht?“ Ohne zu antworten, zog Philipp den Brief her⸗ vor, von welchem die Rede war und reichte ihn Ho⸗ norinen, welche mittlerweile mit zitternder Hand, die Lampe angezuͤndet hatte. dar liches nitten auen, ihre Bottes mir 161 „Soll ich das leſen, ehe Sie fortfahren?“ „Ja, wenn Sie wollen. Das Uebrige wird mir dann leichter werden.“ Und Honorine las: „Anima's Seele iſt von Verzweiflung umnachtet. „Sie hatte einen Plan entworfen, um noch einmal Alexis zu ſprechen und ihm unter dem Schutz der Abend⸗ daͤmmerung all das Bittere und Suͤße zu vertrauen, was ſie ihm verſchwiegen; aber ein hartes Schickſal ſteht zwiſchen Alexis und Ani na. „Und dieſes eiſerne Schickſal, welches Vorſicht heißt, gebietet ihr in dieſem Augenblick, ſich ſtill zu verhalten, denn man bewacht ſie mit hundert Augen. „Alexis— hoͤren Sie, was dieſer Brief an der Stelle von Anima's Mund zu verkuͤnden hat! „In dieſem Hauſe, bewohnt von drei Frauen— einer Mutter, einer jungen Tochter und alten Großmut⸗ ter— lebt auch... noch ein viertes Weſen! O, laßt mich ſterben, nachdem ich dieſes Geſtaͤndniß gethan! „Ich haͤtte gern Alexis die Laſt erſpart, die ich ihm jetzt auf's Herz zu legen im Begriff ſtehe. Aber die Verhaͤltniſſe fordern, daß ich frei ſein muß von allen Erinnerungen, allen Banden. „Ich erwaͤhne nichts von dem, was ich gelitten.... Gott weiß es und mein eignes Herz weiß es, mein ar⸗ mes, mein gebrochenes und zermalmtes Herz. „Aber nicht eher, als nach einem Jahre ſoll Alexis Ein Gerücht. V. 11 162 das Weſen in ſeine Obhut nehmen, welches ich ihm hiermit vermache, und welches er jetzt blos kennen ler⸗ nen ſoll, um ſich daran zu gewoͤhnen, es zu lieben „Alexis bedarf auch dieſes Jahr, um uͤber den beſt⸗ moͤglichen Weg fuͤr das kuͤnftige Leben dieſes Weſens nachzudenken. Wenn die Zeit zur Abholung da iſt, werde ich auch einen Taufſchein und noch ein anderes Papier uͤberſenden, denn auch ich habe thun wollen, was mir moͤglich iſt. „Anima und Alexis werden ſich wahrſcheinlich in dieſem Leben niemals wiederſehen. „Moͤgen ſie ſich daher ohne Groll Lebewohl ſagen, moͤgen ſie einander verzeihen und moͤge Alexis die Liebe, welche die Mutter nicht genießen konnte, der— Toch⸗ ter ſchenken! „Das Leben hat fuͤr Alexis noch einige Hoffnun⸗ gen, aber alle Hoſſnungsbluthen ſind abgefallen fuͤr Anima.“ Honorine ließ den Brief niederſinken und zugleich ihre Hand uͤber das Angeſicht gleiten. Philipp vermochte kein Wort zu ſagen. „Und“... ſtammelte ſie endlich...„und“. „In einer Kammer, daneben,“ hob Philipp in ſchnellem, halberſtickten Tone wieder an,„wohnte eine junge Frau, die ein Kind gehabt und verloren. Sie hatte jetzt ein anderes und dieſes andere, welches in der Wiege ſchlummerte, war vater⸗ und mutterlos.“ b ihm ler⸗ beſt⸗ eſens iſt, deres was ) in agen, eiebe, Loch⸗ nun⸗ . 4 gleich „ in eine Sie n der 163 „O nein, nein— ich habe ja kein Kind.. waͤhrend eines ganzen Jahres werde ich funfzig Vor⸗ waͤnde finden, eine Pflegetochter anzunehmen. Und was kann einfacher ſein, als eine Reiſe, auf der man zu⸗ faͤllig den Gegenſtand findet, den man lange geſucht?“ „Gnaͤdige Frau, Sie vernichten mich!“ Philipp ſank zu den Fuͤßen der jungen Frau und bedeckte ihre Haͤnde mit ſeinen Kuͤſſen. „In's Himmels Namen, nicht ſo— ſtehen Sie auf, es koͤnnte Jemand kommen.“ „Nun, dann wuͤrde man ſehen, daß dieſer Fußfall eben ſo rein iſt, wie der eines Suͤnders, welcher vor dem Richter uͤber den Sternen die Knie beugt... o, welche Tiefe von Zaͤrtlichkeit, von Menſchenliebe und edlen Gefuͤhlen ruht in Ihrer Seele!“ „Herr Thurné, ſagen Sie mir alles Schoͤne, was Ihr reiches, poetiſches Gemuͤth Sie zu ſagen draͤngt; aber, wenn Sie Ihre Dankbarkeit nicht dadurch bewei⸗ ſen wollen, daß Sie mich in Ungluͤck bringen, ſo ſtehen Sie auf!“ „Ich gehorche, gnaͤdige Frau, ich gehorche Ihrem leiſeſten Willen. Denn fuͤr mich vertreten Sie die Stelle der Vorſehung, des Urbilds aller Gnade und Barmherzigkeit.“ „Ach, hoͤren Sie doch auf!“ „Wie— duͤrfen nicht einmal meine Lippen einen 11* 164 geringen Theil der Gefuͤhle ausdruͤcken, die in meiner Seele brennen?“ „Sie haben Sie ſchon mehr als genug ausge⸗ druͤckt.“ „Ich habe ſie nur uͤbel ausgedruͤckt... wenn Sie mich geſehen haͤtten, wie ich, als die junge Frau hin⸗ ausging, mich ſchluchzend neben dem Bett des armen kleinen Weſens niederwarf, wenn Sie geſehen haͤtten, wie ich in Verzweiflung— einer mit Wonne gemiſch⸗ ten Verzweiflung— dieſe kleinen Haͤnde an meine Lip⸗ pen druͤckte und angſtvoll ſtammelte: Was ſoll aus Dir werden, arme, arme Kleine, die eine Mutter einem Vater uͤberlaſſen, der nicht das Recht hat, Dich anzu⸗ erkennen... da. „Aber, als dieſe Verzweiflung ſich Ihres Herzens bemaͤchtigte, dachten Sie da nicht an mich und an mein letztes Wort bei unſerm Abſchied?“ „Unklar fuhr der Gedanke an Sie durch meine Seele, aber ich ſchaͤmte mich ſogleich meiner Kuͤhnheit, daß ich gewagt, an eine Barmherzigkeit zu denken, die nach meiner Meinung Alles uͤberſtieg, was ein irdiſches Weib thun wollte, was ſie thun koͤnnte.“ Honorinens Antwort beſtand nur in einem Laͤcheln. „Ja, Ihr Laͤcheln ſagt mir, daß ich Sie erſt jetzt recht verſtehe. Aber, weshalb ſind Sie auch ſo einſam unter allen Frauen... geehrte Frau, verzeihen Sie, wenn ich in dieſem Augenblick alle Selbſtbeherrſchung einer sge⸗ Sie hin⸗ men tten, iſch⸗ Lip⸗ aus nem nzu⸗ zens nein eine heit, die ches heln. jetzt am Sie, ung 165 die Seite ſetze— aber Sie koͤnnen ſelbſt urtheilen! Waͤhrend ich fruͤher ſo uͤberaus ungluͤcklich war, komme ich mir nicht blos tauſendmal weniger beklagenswerth, ſondern auch minder ſtrafbar vor, da ich nun Hoffnung habe, einmal dieſe Frucht einer verbotenen Liebe unter die Obhut des keuſcheſten Weibes ſtellen zu koͤnnen. Welche Erziehung, welche Weihe aller Tugenden erwar⸗ tet nun das Weſen, welches ſo wenig zu erwarten hatte!“ „Aber, nun muͤſſen Sie gleichwohl Ihre Selbſtbe⸗ herrſchung wiederzugewinnen ſuchen, denn Jeder, welcher jetzt eintraͤte, muͤßte ſehen, daß Sie dieſelbe verloren ha⸗ ben, und man koͤnnte nicht ſagen, aus welcher Urſache es geſchehen ſei.“ „Ich will verſuchen, ruhig zu werden. Aber nichts kann mich hindern, zu wuͤnſchen, daß ich zuweilen vor Ihnen niederknieen und Sie anbeten duͤrfte. Ich habe mannigfache Gefuͤhle empfunden, aber keins, wel⸗ ches dem gliche, welches Sie mir einfloͤßen... wenn Sie mir befehlen wollten, fuͤr Sie zu ſterben, wuͤrde ich laͤchelnd mir den Dolch in's Herz ſtoßen.“ „Ach, wie thoͤricht Sie ſind!“ ſagte Honorine mit einem erſtickten Seufzer. „Es liegt ja nichts Strafbares in dem, was ich ſage. Man liebt Sie nicht, wie man ein Weib liebt; man uͤberlaͤßt ſich Ihrer Gewalt, ohne etwas Anderes — 166 zu begehren oder zu wuͤnſchen, als einen milden Blick aus Ihren ſchoͤnen Augen.“ „Mein Herr,“ ſagte Honorine und ein noch ge⸗ preßterer Seufzer draͤngte ſich aus ihrer Bruſt,„wir muͤſſen dieſes Geſpraͤch ſchließen— mein Mann er⸗ wartet mich ſicherlich ſchon... aber erſt ſagen Sie mir: Hatte das arme Weſen, als deſſen Mutter ich mich ſchon betrachte, eine Aehnlichkeit mit der Mutter, die ihm das Leben gegeben?“ „Wie kann ich das wiſſen!“ ſagte Philipp, und Blaͤſſe bedeckte ſein Geſicht.„Einmal ſchon, es iſt ſchon lange, es iſt ſchon ſehr lange her, beruͤhrten wir dieſes Thema und ich ſagte Ihnen damals— oder ſagte ich es Ihnen nicht?“ „Was denn?“ „Daß dieſe Anima, dieſes ungluͤckliche Weib, nie⸗ mals, auch nicht einen einzigen Augenblick die Maske abnahm.“ „Ha— nun verſtehe ich erſt, worauf Sie hindeu⸗ teten, was ich aber nicht recht faßte... Alſo, wo Sie auch dieſe geheimnißvolle Bekanntſchaft wieder traͤfen..“ „... wuͤrde ich nicht im Stande ſein, ſie wieder zu erkennen, wenn nicht vielleicht an der Stimme.“ „Und daran auch nicht— das wiſſen Sie wohl.“ „Um Gotteswillen, gnaͤdige Frau, erinnern Sie mich nicht an veſe Wahnſinn— ich war damals ſo verwirrt, daß. 167 „Gut, gut, ich habe es ſchon vergeſſen... Aber erkannten Sie nichts in den Zuͤgen des Kindes?“ „Sie glichen wunderbarlich genug denen meiner kleinen Sylvvia, ja faſt ſo ſehr, wie zwei Beeren einer Traube einander gleichen.“ „Und wem ſieht denn die kleine Sylvia aͤhnlich, da die Aehnlichkeit ſo wunderbar war?“ „Einer Perſon, die ich jetzt nicht mehr nenne. Und dieſe Aehnlichkeit beweiſ't mehr, als alles Andere, daß, wenn auch meine Sinne ſich verirren konnten, mein Herz doch niemals mehr, als ein Bild ſah.“ Honorine war aufgeſtanden. „Ich laſſe Sie hier,“ ſagte ſie,„bis Sie ſich voll⸗ kommen wieder erholt baben!“ Und ohne eine Antwort abzuwarten, ging ſie ſogleich fort. Es war hohe Zeit. Im Vorgemach traf ſie Baron Sixten und vor ſeinem Auge verlohnte es nicht der Muͤhe, zu verbergen, daß ſie ſich aufgeregt fuͤhlte. „Um Gotteswillen,“ ſagte der Baron mit einer un⸗ beſchreiblichen Innigkeit,„Du wirſt Dich doch nicht durch die Lappalie betruͤben laſſen, daß er einmal ſeiner Galle gegen mich Luft gemacht hat? Wir ſind ſchon wieder die beſten Freunde.“ „Nein, Siyten, mein guter, lieber Couſin, daran dachte ich nicht, denn ich weiß wohl, daß Du gern allen Verluſt allein truͤgſt, wenn es ſonſt anginge.“ 168 „Nun, es iſt ſchoͤn, daß Du das einſiehſt— dann kann ich auch geſtehen, daß ich dieſen Mißgriff mit Fleiß beging.“ „Sixten, Sixten!“ „Aber, weshalb biſt Du traurig? Er wird ſich ſchon wieder erholen und dann aus Dankharkeit fuͤr all Deine Geduld ein anderer Menſch werden.“ „Ja, ich hoffe es.“ „Und dennoch biſt Du nicht auf Deiner heitern, guten Laune!“ „Ich ſaß da drinnen und hoͤrte unſern armen Schwaͤrmer an. Seine Erinnerung hat einen unver⸗ mutheten Anſtoß bekommen und ſeine reizbaren und leb⸗ haften Empfindungen drehen ſich ſtets um das alte Thema. Er hat mich traurig gemacht.“ „»Ja, ja,“ antwortete der Baron mit einer Stimme, die wenigſtens nicht ſo bekuͤmmert klang,„ich ſagte Dir ja von Anfang an, daß er niemals wuͤrde vergeſſen koͤn⸗ nen. Es iſt ſchlimm, ſehr ſchlimm, aber ich fuͤr mei⸗ nen Theil verdamme ihn deswegen nicht.“ „Honorine... Honorine!“ ſchallte eine Stimme aus dem Schlafzimmer.„Was ſteht Ihr denn da draußen und ſchwatzt, waͤhrend ich hier allein liege, ohne daß ſich Jemand um mich bekuͤmmert?“ „Allein?“ antwortete eine andere Stimme;„bin ich denn Niemand, beſter Onkel?“ -— dann Fleiß ſich r all tern, men nver⸗ leb⸗ alte nme, Dir koͤn⸗ mei⸗ nme da ohne „bin 169 „Ich bin ſtets allein, meine kleine Freundin, wenn ich Honorinen vermiſſe.“ „Und ſie ſollſt Du niemals vermiſſen!“ Zum erſtenmale warf ſich Honorine mit einer ihr ſonſt ganz fremden Unruhe, mit einem Gefuͤhle, welches Schutz ſuchte, an dem Bette ihres Gatten nieder und druͤckte in ungewoͤhnlich aufgeregter Slmmun ſeine Hande an ihre Lippen..... „Armes Kind,“— es lag wirkl ich eine innige Weichheit in dem Tone des Oberſtlieutenants—„ar⸗ mes Kind, ich ſehe es ein, ja, Gott ſei Dank, Du liebſt Deinen Mann wirklich!“ „Ach,“ fluͤſterte Honorine ſchluchzend, indem ſie immer noch fortfuhr, die Haͤnde ihres Mannes feſtzu⸗ halten,„ſo ſehr liebe ich Dich, daß Du nicht weißt, wie ſehr!“ „O ja, liebes Kind,“ antwortete der Oberſtlieute⸗ nant,„ich weiß es ſchon.“ 16. Die Verlobten. Ein klarer, funkelnder Januarvormittag war Zeuge eines entſetzlichen Laufens und Rennens im Parterre der„Laterne“. Es waren die Fraͤuleins und die Mamſells, welche abwechſelnd einander beſuchten, um die außerordentliche Neuigkeit zu vervollſtaͤndigen, welche ſie gleichzeitig vernommen hatten. Und das merkwuͤrdige Ereigniß dieſes Tages, wel⸗ ches Niemand hatte vorausſehen, ahnen oder auch nur ſich traͤumen laſſen koͤnnen, beſtand darin, daß die ver⸗ ſtaͤndigſte, tugendhafteſte und demuͤthigſte aller jungen Frauen den Abend vorher mit dem verehrungswuͤrdigen Kammerrath verlobt worden, deſſen Tugendregiſter nicht minder groß war, als das der Gattin, welche er ge⸗ waͤhlt. — euge terre elche liche eitig wel⸗ nur ver⸗ ngen digen nicht ge⸗ 171 Das reſpectable Alter des Kammerraths— ein Mittelding zwiſchen 40 und 50— ſprach auch zu Gunſten ſeiner Auserkorenen. „Seht da eine Frau, die nicht nach Jugend⸗ geſchwaͤtz und klingenden Sporen fragt, ſondern im Umgange mit einem hochgeachteten und ernſten Manne das Reelle ſucht!“ Aber wir haben nicht Zeit, auf die Prophezeihun⸗ gen der Fraͤuleins und der Mamſells und aller andern vernuͤnftigen Leute uͤber das Gluͤck dieſer bevorſtehenden Ehe zu hoͤren— wir muͤſſen uns ſelbſt von der Glaub⸗ wuͤrdigkeit dieſes umlaufenden Geruͤchtes uͤberzeugen. Das Lever der Heiligen iſt ſoeben zu Ende. Die beruͤhmte Frau ſitzt allein in dem Salon und erwartet die letzte Aufwartung. Man hat Befehl gegeben, daß man nicht mehr empfaͤngt. Blos der ſeit dem vorigen Abend Bevor⸗ rechtete hat jetzt noch Zutritt. Ja, Lilia hat das feierliche Jawort gegeben; ſie hat ſich dazu verſtanden, die Huldigung des Kammer⸗ raths als ſeine Braut anzunehmen. Und wer kommt jetzt mit ſachten Schritten die Treppe herauf uͤber den Saal geſchlichen? Iſt es nicht der verehrungswuͤrdige, der ſchuͤchterne Liebhaber, welcher nahe daran war, ohnmaͤchtig zu werden, als er den 172 Ausgang ſeiner Bewerbung erfuhr, und der bei dem erſten Du, welches ſeine Lippen hervorſtammeln muß⸗ ten, vor Wonne und Seligkeit faſt den Geiſt aufgege⸗ ben haͤtte? Bei den leiſen Tritten ſprang Lilia ſogleich auf. Und der gedankenvolle, man konnte ſagen, bittere Aus⸗ druck in ihrem Angeſicht machte augenblicklich einem feierlichen und ſublimen Laͤcheln Platz. Sie ſtreckte zwei ihrer Roſenfinger aus, aber der Kammerrath war viel zu großmuͤthig, um fuͤr ſich ſo viel in Anſpruch zu nehmen— er begnuͤgte ſich mit einem Finger, und die Art und Weiſe, auf welche er dieſen kuͤßte, haͤtte, was demuͤthige Zaͤrtlichkeit und wuͤrdevolle Anmuth betrifft, niemals von irgend Je⸗ mandem uͤbertroffen werden koͤnnen. „Dieſe ganze Nacht,“ ſagte er,„hat mein Gluͤck mich kein Auge zuthun laſſen und dennoch fuͤhle ich nicht, daß ich erwacht waͤre. Darf ich, meine Theuerſte, fragen, wie Ihre... Deine“— der Kammerrath er⸗ roͤthete ganz entſetzlich und konnte die letzten Worte nur noch ſtammeln—„Deine Nacht verfloſſen iſt?“ „Die erſte Haͤlfte derſelben habe ich im Gebet zu⸗ gebracht und waͤhrend der andern gut geſchlafen.“ „O, dieſe Gebete— o, wie geruͤhrt bin ich ſchon von der bloßen Hoffnung, in dieſelben eingeſchloſſen geweſen zu ſein.“ „Mein Freund,“ ſagte die junge Frau, indem ſie dem auß⸗ gege⸗ auf. lus⸗ nem der h ſo mit de er und Je⸗ Zluͤck 2 ich erſte, h er⸗ nur t zu⸗ ſchon oſſen m ſie 173 ſchuͤchtern zu dem Braͤutigam emporblickte,„als ich geſtern Abend mein Wort gab, war ich noch ſehr un⸗ ruhig, wie Du auch bemerkt haben wirſt, aber das Gebet hat alle meine Beſorgniſſe beſchwichtiget.“ „Geliebteſte, Theuerſte, welche Beſorgniſſe haben Dich denn beunruhigen koͤnnen?“ Der Kammerrath, der bis jetzt ſtehen geblieben war, ſetzte ſich jetzt auf einen Wink der Braut neben ſie auf das Sopha. „Ach,“ antwortete ſie,„wenn man ſchon ver⸗ heirathet geweſen, und ſo zu ſagen, verhaͤtſchelt worden iſt...e „Verhaͤtſchelt, Du Engel?“ „Wenn ich dieſes Wort gebrauche, will ich mich gleichwohl nicht durch die Behauptung erniedrigen, daß die Schmeichelei und die leidenſchaftliche Liebe, deren Gegenſtand ich war, mir eine uͤbertriebene Meinung von meiner unbedeutenden Perſon eingefloͤßt haͤtte.“ „O, das geht zu weit!“ „Nun wohl, andererſeits werde ich mich nicht ſo ſchuͤchtern zeigen, daß Du mich fuͤr ſcheinheilig halten könnteſt. Ich geſtehe, daß, da ich— mit Recht oder Unrecht— gewohnt geweſen bin, meine Wuͤnſche er⸗ fuͤllt zu ſehen...“ Sie ſtockte. „... ſo verlangſt Du, daß ſie auch hinfort als Geſetz betrachtet werden!“ ergaͤnzte der Kammerrath mit 174 einer Anmuth des Tons, welche die Worte ſelbſt zur geringſten Huldigung machten.“ „O nein, nein, ſo meinte ich es durchaus nicht! Eine arme Frau giebt keine Geſetze dem, welchem die Natur die Macht uͤber ſie gegeben; aber ſie liebt es, daß, wenn ſie bisweilen einen Anflug von eigenem Willen hat, dieſen Willen nicht ganz verachtet zu ſehen. Blos das war es, was ich meinte, blos das.“ „Und waltete in dem himmliſchen Herzen meiner Theuerſten ein unruhiges Gefuͤhl ob, welches ihr ein anderes Verhaͤltniß vorſpiegelte? Ach, wenn dem ſo waͤre, ſo muͤßte ich mich auf das grauſamſte be⸗ klagen!“ 1 „Ich ſagte blos zu mir ſelbſt... 5 „Was, was?“ „Wird dieſer Mann, der ſo weiſe und ſo tief⸗ denkend iſt, der ſich ſo an den Ernſt des Lebens ge⸗ woͤhnt hat, wird er Dir erlauben, daß, wenn Dein Gemuͤth einſt— in Folge des Gluͤckes, das er Dir be⸗ reiten wird— die Elaſticitaͤt der Jugend wiedergewinnen ſollte..“ „O, Theuerſte, Reizendſte, Lieblichſte!“ Der Kammerrath ruͤckte dem Gegenſtand ſeiner Anbetung drei ganze Zoll naͤher. „Wird er,“ fuhr ich fort,„in dieſem Falle Dir erlauben, auch die Gewohnheiten der Jugend wieder anzunehmen?“ zur icht! die ed, em hen. einer ein n ſo be⸗ tief⸗ ge⸗ Dein r be⸗ nnen ſeiner Dir vieder 175 „Wie, das ward in Frage gezogen?“ „Wird er einſehen, daß ich, obſchon ich jetzt in Folge meiner Lage und meines ſtrengen Sittlichkeits⸗ gefuͤhls in der allergroͤßten Eingezogenheit gelebt, unter neuen Verhaͤltniſſen und neuen Banden— angenom⸗ men, daß dieſe Bande mich nicht druͤcken, ſondern er⸗ heitern— Luſt bekommen koͤnnte, meine Blicke auf andere Geſellſchaftskreiſe zu werfen?“ „Wenn meine Theuerſte ſich dieſe Fragen vorge⸗ legt, hat dann nicht eine heimliche, aber ſichere Stimme geantwortet: Dieſer ergebene, Dich anbetende Gatte, den Du gewaͤhlt, wird ſeine groͤßte Seligkeit und Chre darein ſetzen, Dir zu beweiſen, daß Du, noch ſo jung, der Welt angehoͤren mußt, zu deren Zierde Du ge⸗ ſchaffen worden?“ „Mein Freund, welche edle Sprache! Und ſei uͤberzeugt, daß ich nicht die Freiheit mißbrauchen werde, die mir dann gegeben wird. Denn da ich als Unab⸗ haͤngige der maͤchtigen Stimme der Vernunft habe ge⸗ horchen koͤnnen, ſo werde ich als Abhaͤngige noch viel weiter davon entfernt ſein, ihr zu trotzen.“ „Spricch nicht von Abhaͤngigkeit, uͤberirdiſche Lilia . Lilia, o, wie zittre ich, dieſen Namen auszuſpre⸗ chen! Was ich mit Gewißheit weiß, iſt, daß ich der Abhaͤngige ſein werde!“ „»Niemals— dem Mann iſt es einmal beſchieden, zu herrſchen; aber wir wollen edelmuͤthig theilen. Und ſchoͤner iſt fuͤr mich, ſchoͤner als alles Andere, uns eine gemuͤthliche Haͤuslichkeit zu ſchaffen; denn iſt es nicht wahr— die ruhige Seligkeit des Hallſes uͤbertrifft jede andere!“ „Die Seligkeit des jetzigen Augenblickes raubt mir ſchon das Vermogen, meinen Gefuͤhlen eine Form zu geben. Iſt es nicht der heutige Abend, Theuerſte, wo ich in Deinem kleinen Kreiſe den Triumph zu erkennen geben darf, auf den ich demuͤthig ſtolz bin?“ „Sieh,“ ſagte Lilia mit reizender Nachgiebigkeit, „ſieh, wie ich mich fuͤge! Ich hatte die Abſicht, die Sache noch außzuſchieben, aber meine Macht iſt gebro⸗ chen... O, laß mich blos noch hinzufuͤgen, herrſche nicht allzuſtreng uͤber die arme Lilig, die niemals, nie⸗ mals den Muth hat, ſich zu vertheidigen, ſondern blos zu bitten!“ „Anbetungswuͤrdige, raube mir nicht den Ver⸗ ſtand, mein Leben gehort Dir, mein Haus iſt in Ord⸗ nung, denn dieſe Wohnung hier... „Laß mich, wuͤrdiger Freund, Dir noch einen Be⸗ weis meiner Anhaͤnglichkeit geben... Mir gefallt dieſe Wohnung... aber fuͤhre mich, wohin Du willſt!“ „Nein, nein, wenn es Dir hier gefällt...“ „Kein Wort weiter davon! Es wuͤrde mich Thraͤ⸗ nen koſten, wenn ich dieſes Opfer nicht bringen duͤrfte. Weib bleibt immer Weib und ihre Seligkeit iſt, zu ge⸗ horchen.“ 177 ine„Da ich eine ſo hohe Denkungsweiſe nicht mit icht Worten beantworten kann, ſo wiederhole ich blos, daß lede meine Wohnung— eine, Gott ſei Dank! ſchoͤn gele⸗ gene und in gutem Stand befindliche Wohnung— be⸗ mir„ reit iſt, ſobald die Herrſcherin es befiehlt, zu der bevor⸗ zu ſtehenden Feſtlichkeit ſich ſchmuͤcken zu laſſen.“ wo„Zu welcher Feſtlichkeit denn?“ nen„Nun, will die junge Braut nicht an dieſem Tage Jugend und Blumen ſehen, Muſik und Tanz keit, haben?“ die„Bewahre mich Gott,“ rief Lilia mit meiſter⸗ bro⸗ haftem Entſetzen,„haſt Du, beſter Freund, mich ſo rſche mißverſtehen koͤnnen! Ich ſprach blos von einer oder nie⸗ der andern unſchuldigen Zerſtreuung bei irgend einer blos kuͤnftigen Gelegenheit; aber niemals hat ein ſo ungött⸗ licher Gedanke meine Seele beruͤhrt, ein ſolches Feſt Ver⸗ durch dergleichen irdiſche Vergnuͤgungen zu feiern.“ Ord⸗„Und ich, wie dankbar bin ich fuͤr dieſes gluͤckliche Mißverſtaͤndniß, welches meinerſeits mir Gelegenheit Be⸗ giebt, Dir zu beweiſen, in wie hohem Grade mein dieſe Wille dem Deinen unterthaͤnig war.“ 4„Wie?“ „Iſt es nicht natuͤrlich, daß ein Mann von mei⸗ Thraͤ⸗ nem Charakter und von meinen Lebensgewohnheiten ein urfte. ſo ſchoͤnes Feſt am liebſten in der Stille feiert! Aber u ge⸗ da ich Dir mit meinem Vorſchlage eine Freude zu ma⸗ chen hoffte, ſo...“ Ein Gerücht. Vv. 12 178 „Dieſe wechſelſeitigen Beweiſe warmer Wuͤnſche fuͤr unſer beiderſeitiges Wohlbefinden ſind in der That die ſchoͤnſten Vorboten unſeres kuͤnftigen Lebensgluͤckes.“ Lilia wird durch all' dieſe Sympathie ſo geruͤhrt, daß ihr Tuch von dem Tiſche ſich bis in die Umgegend der Augen bewegte. „Und in zwei Monaten— nicht wahr, das ver⸗ ſprachſt Du geſtern?“ „Sagte ich zwei? Ich glaubte, ich haͤtte drei ge⸗ ſagt!* „Ich willige in Alles, Alles, nur verlaͤngere nicht dieſe Zeit des Harrens! O, ſag', daß Du es nicht thun willſt?“ Ein feines Laͤcheln, welches um die Lippen der Braut ſpielte, machte die ſchon in Bereitſchaft gehalte⸗ nen Thraͤnen uͤberfluͤſſig. „Wie ungeduldig!“ ſagte ſie in einem Tone, der den Kammerrath noch tauſendmal ungeduldiger machte. Aber er ſeufzte und ſchwieg und blickte mit ver⸗ ehrungsvoller Ergebenheit auf die heilige Lilia, welche ſogleich wieder ihre Glorie annahm. „Da wir nun,“ ſetzte die junge Frau hinzu, welche fand, daß der entzuͤckte Braͤutigam vor ſeinen eigenen Hoffnungen verſtummte,„da wir nun oͤffentlich ver⸗ lobt ſind, ſo bitte ich Dich, mein Freund, aus Achtung vor meinem Anſehen, mich waͤhrend dieſer zwei Mo⸗ nate nur hoͤchſt ſelten zu beſuchen.“ nſche That kes.“ uͤhrt, egend ver⸗ ei ge⸗ nicht nicht a der halte⸗ , der ichte. t ver⸗ welche welche genen h ver⸗ htung Mo⸗ 179 Der Kammerrath verneigte ſich zum Zeichen des Gehorſams. „Demnaͤchſt bitte ich Dich, nicht die geringſte Anordnung oder Veraͤnderung in Deiner Wohnung zu treffen, bevor die, welche Du ihre Herrſcherin zu nennen beliebſt, ſelbſt hinkommt.“ Eine abermalige Verneigung des Kammerraths. »Noch eins— aber merke wohl, es ſind ſtets Bitten!“ 3 „Sprich weiter, Theuerſte.“ „Mein Wunſch iſt, daß wir kurze Zeit nach un⸗ ſerer Vermaͤhlung eine Reiſe unternehmen. Meine Ge⸗ ſundheit hat durch dieſes eingezogene Leben gelitten. Eine Brunnen⸗ oder Badecur halte ich vor allen Dingen fuͤr nothwendig.“ „Befiehl nur, befiehl in Allem!“ „Nein, ich begnuͤge mich mit Wuͤnſchen. Es iſt ſo angenehm, zu wuͤnſchen, wenn die Bitte an einen kuͤnftigen Gatten geſtellt wird, der gewiß nicht verſagen wird, was der Braͤutigam verſprochen hat.“ „Verſagen?— Er ſagt blos: Wuͤnſche, wuͤnſche! „Aber ich will nicht den Edelmuth deſſen mißbrau⸗ chen, der mir heute eine Macht giebt, die er morgen zuruͤcknehmen kann. Gleichwohl geſtehe ich, daß es noch etwas war, was ich ausſprechen wollte. Ich wuͤrde eine himmliſche Freude haben, wenn die Vermaͤhlung in der 12* 180 Kirche waͤhrend des allgemeinen Gottesdienſtes gefeiert werden koͤnnte.“ „Aber wuͤrde das nicht wegen... wegen des gro⸗ ßen Gedraͤnges ſeine... ſeine Schwierigkeit haben?“ ſtammelte der Braͤutigam. „Mein Freund, verzeihe, daß ich Thoͤrin einen Wunſch aͤußerte, gegen den Du, trotz Deiner Guͤte, eine Einwendung machen mußt. Dieſer Wunſch war da ganz gewiß unrichtig. Aber es kam mir ſo ſchoͤn und beruhigend vor, wenn ich im Angeſicht der Verſamm⸗ lung an dem geweihten Altare Dir meine Treue be⸗ ſchwören könnte! Und man wuͤrde Dich— Dich, den ich, jung und unabhaͤngig, vor jedem juͤngern Manne gewaͤhlt, deſſen Huldigung ich vielleicht haͤtte haben können, wenn ich gewollt haͤtte— ich ſage, man wuͤrde Dich Deine junge gluͤckliche Braut um unſe rtwillen zu dieſem Altare fuͤhren ſehen.“ „Anbetungswuͤrdigſte, es geſchehe, wie Du willſt, obſchon ich zittere, vom Stolze verſucht zu werden, wenn ich an die vielen Augenzeugen denke, die bei mei⸗ ner Einfuͤhrung in das Paradies zugegen ſein werden.“ „Einfaͤltiger, abgeſchmackter Narr!“ murmelte die kleine Frau, als die Thuͤr ſich hinter dem Kammer⸗ rath ſchloß.„Kann ich wohl, nachdem ich ein ganzes feiert gro⸗ en?“ einen eine r da und mm⸗ e be⸗ „den tanne haben vuͤrde illen villſt, erden, mei⸗ den.“ lte die nmer⸗ zanzes 181 Jahr die Heilige geſpielt, an meinem eigenen Hochzeits⸗ tage einen Ball haben wollen?— In der von allen Volksklaſſen vollgepfropften Kirche dagegen wird die hei⸗ lige und engelgleiche Braut, die ſich da zum erſten Male in wetlichem Gewande zeigt, von unzaͤhlig mehr Augen geſehen, als in dem Salon ihres wuͤrdigen Braͤu⸗ tigams Platz finden wuͤrden.“ Aber bald bekamen ihre Gedanken eine andere Wendung und in demſelben Augenblick verſchwand der bittere, leichtſinnige Hohn von ihrem Geſicht. Sie riß aus ihrem Buſen ein zerknittertes Pa⸗ pier. Es war ein gewiſſer Schwanengeſang. Und ſchluchzend die Haͤnde vor das Geſicht druͤ⸗ ckend, warf ſie ſich auf das Sopha. Nach einigen Augenblicken, wo ſie ſich ohne Ruͤck⸗ ſicht ihrer wilden Aufregung hingegeben, raffte ſie ſich wieder auf. Sie glaubte, ein lauſchendes Geraͤuſch zu hoͤren und eilte in das Zimmer ihrer Tochter. Aber das Kind, welches— wenn man die Mor⸗ genausſtellungen ausnimmt— jetzt ihre Liebkoſungen weniger gewohnt war, als fruͤher, ſchien die alte Gunnel weit mehr zu lieben, als ſeine Mutter. Der Anblick der Kleinen erregte allzugroßen Schmerz, als daß Lilia ihr Herz nicht haͤtte ſchonen ſollen. Auch ſah ſie das Kind nicht oͤfter, als ſie es bedurfte, um ihrer eigenen Erſcheinung einen hoͤheren Reiz zu verleihen. 182 Daß dieſe Frau keine wirkliche Mutter war, geht auch daraus hervor, daß ſie ſtets nur fluͤchtig an ihre Kinder dachte— alle ihre Gedanken drehten ſich um ſie ſelbſt, mit Ausnahme der Gefuͤhlsparorysmen, von welchen ſie dann und wann uͤberfallen ward. geht ihre um von 17. Brief von Frau Adele von Stern an Poctor Arnolr Warpner. „Geſtehen Sie nur auch, mein Herr, daß es in dem eigenthuͤmlichen Verhaͤltniß, in welchem wir uns zu einander befinden, wirklich ſchwer iſt, ſich in der zu allen Zeiten unbeſtimmten Grenze zu halten, die man das rechte Maaß nennt! „Es iſt wahr, daß ich in meinem vorigen Briefe eine kleine Zuruͤckhaltung zeigte und ich geſtehe, daß Sie recht hatten, mir daruͤber Vorwuͤrfe zu machen, notabene, als Arzt. „Ja, ja runzeln Sie die Stirn, ſo viel Sie wol⸗ 7 len, ich laſſe doch mein notabene ſtehen, denn das An⸗ dere, naͤmlich, daß Sie mein Arzt werden,, iſt weit weniger ſicher, als daß Sie mein Arzt ſind. „Deshalb geſtatte ich Ihnen in dieſer Eigenſchaft mehrere der Rechte, die Sie ſich ſo gut zu nehmen verſtehen. Aber ſobald als ich bemerke, daß Sie auf 184 andere Rechte abzielen, kann ich mich auf keine Zuge⸗ ſtaͤndniſſe einlaſſen, bevor ich einen Entſchluß gefaßt— und meine Entſchluͤſſe ſind ſtets ſchwankend. „Sie wiſſen, Doctor, wie aufrichtig ich bin— es iſt dies beinahe meine einzige Tugend— und deshalb geſtehe ich Ihnen, daß ich mit einem Gedanken be⸗ ſchaͤftigt bin, der Sie vielleicht ſehr ſchmerzen und ver⸗ letzen wird. 2 „Koͤnnen Sie ſich wohl denken, mein Freund, daß ich mit keinem geringern Vorſchlage umgehe, mein ge⸗ gebenes Wort zu brechen, naͤmlich naͤchſten Fruͤhling mich der Operation zu unterziehen. Es iſt dies eine Thorheit, ich weiß es und gleichzeitig eine Beleidigung und ein Unrecht an Ihnen, der ſie, um mich zu retten, ſo weit haben gehen wollen, ſich ſelbſt zu opfern und ich verſichere Ihnen, daß es in gewiſſen Faͤllen als ein Opfer angeſehen werden kann, ſein Schickſal mit dem einer Frau von meinem Charakter zu vereinigen. „Nichtsdeſtoweniger werden Sie mich nun wohl verabſcheuen. „Aber, um Gottes willen, was ſoll man denn thun, wenn man das Leben liebt, wenn man jung und un⸗ entſchloſſen iſt und wenn man noch nicht von beſtimm⸗ ten Qualen gezwungen wird, ſich der in Frage befan⸗ genen Tortur zu unterwerfen? „Ich weiß und hoͤre im Voraus alle Ihre Ein⸗ wendungen, die mit einer Berufung auf mein Verſpre⸗ 185 chen ſchließen werden. Aber auf die erſtern antworte ich, daß Sie tauſendmal recht haben und daß ich eine Naͤrrin bin, was mich aber doch nicht hindert, meine Jugend noch eine Zeitlang zu genießen, und auf das zweite, naͤmlich die Berufung auf mein Wort, entgegne ich Ihnen, daß es keineswegs das erſte Mal waͤre, daß ich es gebrochen, ſobald ich fand, daß ich Vortheil da⸗ von hatte. „Sie werden wohl meiner vielen Fehler einge⸗ denk ſein! „Ich werde mich huͤten, Ihnen zu erzaͤhlen, wie viele Zerſtreuungen ich mir mache. Ich bin faſt nie⸗ mals zu Hauſe, wenigſtens nicht ohne Geſellſchaft. „Je naͤher und naͤher die Zeit kommt, wo ich wahrſcheinlich den Scepter niederlegen muß, den ich ſo lange in der Geſellſchaftswelt gefuͤhrt, deſto brillanter und intereſſanter erſcheint mir dieſe Welt. Und den⸗ noch, obſchon ich dem Vergnuͤgen nachjage und es in vollen Zuͤgen genieße, hat meine Seele einen kleinen Winkel, der von allem dieſen nicht ausgefuͤllt wird. „Ich leſe zuweilen in mir ganze zehn Minuten lang und denke an... an Sie, Doctor, und an unſer Zuſammentreffen im Suͤdengebirge und unſere ſo eigen⸗ thuͤmliche Unterredung hier. „Und bei allen dieſen Gedanken ſeufze ich und ſehne mich und wuͤnſche nach Ihnen, aber leider ſehe ich Sie allemal im Gefolge von Todtengerippen, welche hinter 186 Ihrem ruhigen, ſchoͤnen Geſicht hervorgrinſen— ja, ein Paar hohle Augen blicken mich ſogar aus den In⸗ ſtrumenten heraus an, von welchen ich ſo oft traͤume. Spraͤchen Sie nur nicht von der unſeligen Operation, ſo glaube ich, ich koͤnnte Sie lieben... und doch iſt es gerade das Pikante bei der Sache, daß Sie gleich⸗ zeitig mein Herrſcher und mein Sklave ſind. „Wenn Sie ſich vor dem letzteren Worte fuͤrchten, ſo huͤten Sie ſich davor, mich dem Leben wieder zu geben. Denn ich ſage Ihnen, dafern ich Ihnen zum Lohne meine Hand reiche, gebe ich Ihnen gleichzeitig eine ſouveraine Herrſcherin, welche ſtets wie eine Art hoͤheres Weſen betrachtet ſein will, welches man nie⸗ mals tief und demuͤthig genug verehren kann. „Was ſagen Sie dazu, Doctor? Erſtaunen Sie oder fuͤhlen Sie wirklich einen Beruf, mich auf dieſe Bedingungen hin die Ihrige zu nennen? „Aber ich bin ganz naͤrriſch— ich vergeſſe ganz, daß ich zu der theatraliſchen Vorſtellung, die wir naͤchſte Woche geben, noch meine Rolle zu ſtudiren habe. „Baron L., mein Liebhaber(auf dem Theater, ver⸗ ſteht ſich) kommt in einer Stunde zu mir, um mit mir Probe zu halten. „Im Vertrauen geſagt, Doctor, bekommen Sie da einen Zuwachs zu Ihrer Autographenſammlung. Ich bin ordentlich ſtolz auf einen Jeden, den ich hin⸗ zufüge! ei ſi 187 „Nun ein Wort im Ernſt. „Geſtern und vorgeſtern habe ich dann und wann einen kalten Schweiß meine Stirn befeuchten gefuͤhlt. „Nein, nicht immer bin ich ſo leichtſinnig. „Ich habe bisweilen Ahnungen— feierliche Vi⸗ ſionen. „Bald liege ich ganz ſtill in meinem Sarge, in weißen Atlas gehuͤllt, mit einem Immortellenkranz in den Locken und mein Angeſicht ſcheint mir erfuͤllt von Frieden nach ausgekaͤmpften Leiden. „Bald iſt es wieder ein Familiengemaͤlde. Ver⸗ ſtehen Sie, Doctor, ein Familiengemaͤlde beſteht blos aus zwei Figuren... dieſes Bild iſt ſchoͤn, ſehr ſchoͤn. Es iſt ruhig, anmuthig, poetiſch und ich ſehe mich dann bluͤhend von Geſundheit und Kraft, mich auf den Arm eines Mannes ſtuͤtzend, deſſen Antlitz das Gepraͤge des Gluͤckes traͤgt, welches er durch mich beſitzt. „Aber bald werden dieſe Luftgebilde durch einen neidiſchen Hauch hinweggeweht und ich ſehe nur ein aͤngſtliches und duͤſteres Krankenzimmer und ein un⸗ foͤrmlich entſtelltes Weſen unter martervollen Schmer⸗ zen zuckend und ſich kruͤmmend. Ich ſehe dieſes Weſen bittend ſeine ausgemergelten Arme zum Himmel empor⸗ ſtrecken und denſelben um Erloͤſung anflehen. Aber eine Stimme hoͤre ich leiſe die Antwort fluͤſtern: Du haſt es nicht anders gewollt, Du genoſſeſt den Nektar des Lebens und hatteſt nicht die Staͤrke, Dir einen 188 einzigen Tropfen zu verſagen— lebe nun von Deiner Erinnerung und ſuche Troſt darin, waͤhrend die Geier des Schmerzes an Deinem Lebensfaden nagen, bis ſie denſelben durchbeißen. „Hu, hu... ich fuͤrchte mich vor dieſen duͤſteren Phantomen, ich fuͤrchte mich vor mir ſelbſt. „Aber es geht Jemand draußen... verzeihen Sie, mein beſter Freund, daß ich abbreche— es iſt die Naͤh⸗ terin, die ich herbeſtellt habe, um mich mit ihr uͤber mein Coſtuͤm zu berathen. „Morgen mehr, nachdem ich in der Kirche geweſen bin und Ihre„Ehemalige“ habe trauen ſehen. Die kleine, liſtige Heilige will ſich vor der ganzen Welt ſehen laſſen. „Wiſſen Sie, Doctor, die zukuͤnftige Kammerraͤthin wird, wie ich hoͤre, unſerer theatraliſchen Vorſtellung und dem darauf folgenden Balle beiwohnen. Es iſt dies das erſte Mal, daß wir zuſammen auf der Bahn des Wetteifers auftreten, mein Coſtuͤm iſt daher eine Sh von mßerordankliche Bedendund. Fortſetung. Den 16. „Doctor, Doctor, nun begreife ich den ganzen Zu⸗ ſammenhang— Sie waren ganz gewiß nicht un⸗ ſchuldig. Nein, ich weiß es, ich fuͤhle es— Sie haben oft zu den Fuͤßen dieſes kleinen Satans gelegen. „Ich verſichere Ihnen, mein Freund, daß ich, die 189 fuͤr eine der ſchlimmſten Koketten im ganzen Lande der Schweden und Gothen angeſehen wird, ich betheure Ihnen auf meine Ehre, daß ich nur ein Kind bin, welches kaum a bed leſen kann, wenn ich mich mit der Heiligen vergleiche. „Was noch ſchlimmer iſt, ich fuͤrchte daß der, wel⸗ cher ſie geliebt oder vielmehr, der von ihr verlockt wor⸗ den iſt— denn ich glaube nicht, daß ſie eine wirk⸗ liche Liebe einfloͤßen kann— mich, die ich im Ver⸗ haͤltniß nur wenig Huͤlfsquellen habe, niemals lieben kann. „O, meine Eigenliebe hat einen entſetzlichen Schlag erhalten! „Sie ſollen meine ganze Beichte hoͤren. „Ich hatte mich mit ausgezeichneter Sorgfalt an⸗ gekleidet, ich wollte ſchoͤn ſein und aus allen den Blicken, die auf meine Bank nahe am Chor gerichtet wurden, ſah ich, daß man mich auch ſo fand. „Ich triumphirte und hoffte, die ganze Zeit trium⸗ phiren zu koͤnnen. „Wohl wußte ich, daß ein Trauungszug in der Kirche— etwas ganz Seltenes— die Blicke der ei⸗ gentlichen Verſammlung auf ſich ziehen wuͤrde, aber das bekuͤmmerte mich wenig, denn es war die unei⸗ gentliche Verſammlung(womit ich alle meine Tra⸗ banten, die Elegants des Militair⸗ und Civilſtandes meine), welche den Sieg entſcheiden ſollte oder richtiger 190 geſagt, die Augen und Lorgnetten dieſer Herren ſollten Alles entſcheiden. „Nun wohl, als der Brautzug nahete— die Trauung ſollte vor dem Gottesdienſte geſchehen— er⸗ hob ſich ein ſolches Schluchzen, Segnen und Lobpreiſen auf allen Armenbaͤnken, daß man faſt ſein eignes Wort nicht hoͤrte.. „Die heilige Lilia hatte ganz zeitig am Morgen ihr letztes Heiligenlever abgehalten— ich argwohne ſtark, daß die Kammerraͤthin damit nicht fortfahren wird— und bei dieſem Lever, ja ſchon mehrere Tage vorher, waren Geſchenke aller Art von dieſer Tugendhel⸗ din mit eigenen Haͤnden ausgetheilt worden und zum Dank bekam ſie einen Lobgeſang, der ſelbſt die Orgel uͤbertaͤubte. „Die Kirche war mit einem großen Ueberfluß von Blumen geſchmuͤckt und Blumen regnete es aus allen Baͤnken, an welchen die Heilige vorbeiging, waͤhrend ſie mit ihren kleinen Fuͤßen faſt nur ſo uͤber den Boden hinſchwebte. „Ich wollte, Sie haͤtten ſie geſehen, als ſie an der Hand des alten graukoͤpfigen Buͤrgermeiſters der Stadt, mit geſenkten Augenwimpern und jungfraͤulich erroͤthen⸗ den Wangen, dem Altare nahete! „Ihr weißes Atlaskleid, mit den koſtbarſten Spitzen beſetzt, ſchleppte uͤber den Stoff, womit der Kreuzgang belegt war. Und ihre ſchoͤnen Locken, welche alle Son⸗ Uten die eer⸗ eiſen Vort rgen ohne hren Tage dhel⸗ zum orgel von allen d ſie oden der tadt, hen⸗ iitzen gang Son⸗ 191 nenſtrahlen des Tages aufgefangen zu haben ſchienen, fielen wie ein Heiligenſchein um ihre Stirn, die weißer war, als Alabaſter, als Sammt, als Schnee. „und an den Rand dieſes Schnees ſchmiegte ſich der Myrthenkranz ſo leicht an, als ob ihn ein Zephyr hingeworfen und ſich dann in der luftigen Wolke ihres langen Brautſchleiers verborgen haͤtte. „Sie war ſo anmuthig zu ſchauen, ſo reizend, daß die Menge ſich wie toll hin und her ſtieß. „Der Kammerrath ſchien in den Himmel einzu⸗ gehen. „Nun kam das Wichtigſte. „Noch hatte ſie nicht aufgeblickt. „Aber gerade, als ſie mit dem Braͤutigam vor dem Prieſter ſtehen blieb, richtete ſie ihren durchſichtigen Taubenblick langſam und mit einem Ausdruck begeiſter⸗ ten Entzuſckens himmliſcher Andacht auf die Verſamm⸗ lung, obſchon(verſteht ſich) dieſer Blick das Chriſtus⸗ bild auf dem Altargemaͤlde ſuchen ſollte. „Wenn es nicht in der Kirche geweſen waͤre, ſo haͤtte das ganze Publikum— denn Gemeinde oder Ver⸗ ſammlung kann ich es kaum nennen— bravo ge⸗ ſchrien und dieſer unvergleichlichen Schauſpielerin wahn⸗ ſinnigen Beifall zugeklatſcht. „Aber das war immer noch nichts. Die eigent⸗ liche Scene begann erſt mit dem Anfang der Ceremonie. „Sehen Sie jetzt dieſes Weib! Bald iſt es die 192 von heiligen und andachtsvollen Gefuͤhlen bewegte Braut, welche demuͤthig ihr Geluͤbde ablegt, bald iſt es die ſchuͤchterne Gazelle, die einen furchtſamen Blick emporhebt, der ohne Zweifel beſtimmt iſt, ihren Braͤu⸗ tigam zu treffen, ſtatt deſſen aber die Sacriſtei trifft, wo alle meine Trabanten und ich glaube ſaͤmmtliche Offiziere der Garniſon in und vor der Thuͤr zuſammen⸗ gedraͤngt waren.... Man ſehe endlich in dem ſchuͤch⸗ ternen Blick dieſer Gazelle die Frage ausgeſprochen: wirſt du wohl meine Jugend ſchuͤtzen? Und man ſehe, wie bis zuletzt blitzende Blicke ſich nach allen Richtun⸗ gen Bahn brechen, wo Maͤnner ſtehen und ihnen be⸗ fehlen, niederzuknien und anzubeten. „Und dieſe von Thraͤnen funkelnden Augen ſind unwiderſtehlich! „Ueberall, wohin ihr concentrirtes Feuer gerichtet ward, fiel einer der Meinen. Sie fielen wie Fliegen, die an dem Lichte vorbeiſtreifen oder einen Tropfen Gift eingeſogen haben. Ja, bevor noch der Akt zu Ende war, hatte ſie meinen ganzen Stab, bis auf drei oder vier, zu ihren Fuͤßen gelegt. „Es war ja ein ſehr ſchoͤnes Stuͤck Arbeit waͤhrend eines Vermaͤhlungsaktes! „Eine Hochzeit mit Ball waͤre gegen dieſes Arran⸗ gement nur Spielerei geweſen. Ich bekenne daher noch einmal, daß ich in dieſer Heiligen meine Siegerin ge⸗ funden habe. vegte ſt es Blick jraͤu⸗ trifft, tliche men⸗ huͤch⸗ cchen: ſehe, htun⸗ n be⸗ ſind richtet iegen, opfen kt zu f drei ihrend lrran⸗ noch in ge⸗ 93 Aber genug von allem dieſen. Mein Brief iſt ſchon zu einem kleinen Buche angewachſen. „Verzagen Sie nicht ganz und gar an mir! Viel⸗ leicht bleibe ich doch meinem Verſprechen treu. „Doch ſagen Sie— geht es denn jetzt in Tju⸗ ſtorp? „Honorinens letzter Brief ließ mich ahnen, daß ſie mir wahrſcheinlich bald in meinem Witwenſtande Geſellſchaft leiſten werde. „Sie iſt wirklich aufrichtig bekuͤmmert, die gute, verſtaͤndige Honorine. Und doch vermaͤhlte ſie ſich aus Vernunftgruͤnden. „Vor allen Dingen vergeſſen Sie nicht, Herrn Dick zu gruͤßen und ihm in meinem Namen zu ſeiner Verlobung zu gratuliren! Das iſt ein Paar, welches, Gott ſei Dank, Hoffnung hat, gluͤcklich zu werden. „Leben Sie wohl, mein beſter Doctor Warvner! Um Sie aber uͤber all den Groll zu troͤſten, den ich ſo eben wegen des Verluſtes meiner geſtuͤrzten Anbeter— die ich gleichwohl, beilaͤufig geſagt, bald wieder erwachen zu ſehen hoffe— Luft gemacht habe, ſage ich nicht blos: Leben Sie wohl, mein beſter Doctor Warner— ſondern ich ſage auch: Leben Sie wohl, mein guter, guter Arnold und ich ſetze hinzu: Haben Sie Geduld mit Ihrer ergebenen Adele.“ Ein Gerlicht. V. 13 194 Acht Tage ſpaͤter erhielt Adele die Trauerpoſt von dem Tode des Oberſtlieutenants Helleding. Am erſten Maͤrz— demſelben Tage, wo Lilia ihr neues Band knuͤpfte— ward Honorinens gelöſ't. — Aber Honorinens Brief athmete einen ſo innig gefuͤhlten Schmerz, daß Adele glauben mußte, ſie ſei wirklich gluͤcklich gerpeſen, 18. Die Heilige und der werdende Märtyrer am Morgen nach der Hochzeit. Der Schauplatz iſt ein großes, ſchoͤnes Kabinet, ſo reich mit Buͤchern und Gemäalden verſehen, daß es gleichzeitig eine Bibliothek und eine kleine Gemäldegalle⸗ rie vorſtellt. Die Kammerraͤthin— in ein weißes, mit ſchoͤnen Bandſchleifen zuſammengehaltenes Morgengewand ge⸗ kleidet und nicht in ein Matronennegligee mit großer Faltenhaube, ſondern mit dem allerkoketteſten, kleinen Haͤubchen auf dem Wirbel des Kopfes ſitzend— die Kammerraͤthin, wiederholen wir, ſaß in einem Ruheſo⸗ pha zuruͤckgelehnt, auf deſſen blutfarbenem Seidenuͤber⸗ zuge ſie ihre Finger den Takt zu einem Thema ſpielen ließ, welche ſich in ihrem immer thaͤtigen Kopfe regten. Es iſt ungefähr zehn Uhr Morgensz das Kaffeege⸗ 13* 196 ſchirr iſt ſchon wieder entfernt. Die junge Frau hat ihren Mann um eine ungeſtoͤrte Stunde gebeten und ſie ſoll um ſo ſicherer ungeſtoͤrt bleiben, als man den Freunden einen Wink gegeben, mit den Gluͤckwuͤnſchen zu warten, bis zum Abend. Der Kammerrath iſt ſoeben eingetreten und die ſchoͤne, ſuperfeine Außenſeite, in der er ſich zeigt, ver⸗ raͤth einen Mann, dem viel daran liegt, ſeiner jungen Frau zu gefallen. Ferner laͤßt das Ausſehen des Kammerraths auf einen Mann ſchließen, der gute Hoffnung auf Erfolg hat. Ein milder Glanz erhöht den immer wohlwollen⸗ den Ausdruck ſeiner Augen. „Theuerſte Gattin, reizende, zaͤrtliche Freundin,“ ſagte er,„Du wollteſt mir etwas Beſonderes ſagen?“ „Ja, beſter Walfried, das war allerdings meine Abſicht. Ich wollte mit Dir ſprechen, wie mit einem Freunde, einem Beſchuͤtzer, den eine junge Frau ge⸗ waͤhlt hat, weil ſie ſich ohne einen ſolchen nicht in der Welt zeigen kann.“ „Wie ſagteſt Du, Theuerſte?“ Der Kammerrath glaubte vielleicht, er habe nicht recht gehört. „Ich ſagte, daß Du ſtets gluͤcklich ſein wirſt, da⸗ fern Du Willens biſt, dem Lebensplane zu folgen, der ich jetzt vorzuzeichnen beabſichtige.“ „Aber ich verſtehe nicht...“ u hat n und n den aſchen d die „ver⸗ ungen s auf Erfolg vollen⸗ din,“ gen?“ meine einem au ge⸗ in der nicht t, da⸗ ,, den 197 „Das glaube ich wohl— ſo hoͤre nun und verſtehe!“ „Dieſe Sprache... in der That... Du wirſt mir die Bedeutung derſelben wohl begreiflich machen.“ „Allerdings, ich will Dir begreiflich machen, daß eine dreiundzwanzigjaͤhrige Witwe in meiner Lage ſich mit einem Manne, der vierundzwanzig Jahr aͤlter iſt, als ſie ſelbſt, aus keinem andern Grunde verhei⸗ rathet, als weil ſie dieſe Wahl fuͤr klug haͤlt.“ Der Kammerxrath gab keine Antwort. Aber ſeine Augenbrauen runzelten ſich unbemerkbar. „Weißt Du,“ hob die junge Frau wieder an, „weshalb es klug iſt?“ „Vermuthlich aus dem einfachen Grunde, weil ſie glaubt, ſie beduͤrfe Schutz?“ „Gewiſſermaaßen, ja. Aber Schutz koͤnnte ſie auch von einem jungen Manne erhalten. Wenn ſie daher einen Mann waͤhlt, der ihr Vater ſein konnte, ſo beab⸗ ſichtigt ſie damit, daß er, dieſer Auserwaͤhlte...“ Sie zoͤgerte. „Dieſer Auserwaͤhlte...“ wiederholte der Kam⸗ merrath. ſie als ſeine Tochter betrachten ſoll.“ „Als ſeine Tochter?“ „Ja, in jeder Beziehung.“ „ Aber... aher..“ „Du haſt Dich ſchon geſterm als Gatte betrachtet. Wer vier und zwanzig Stunden gluͤcklich geweſen iſt, 198 mein Freund, kann wohl kein Recht haben, ſich zu be⸗ klagen, wenn dieſes Gluͤck ſpaͤter ſich theilweiſe veraͤn⸗ dert.“ „Ich bin nicht im Stande, meinem Erſtaunen Worte zu leihen.“ „Um ſo beſſer— ich erlaſſe Dir dieſe Muͤhe.“ „Gleichwohl geſtehe ich... ja, ich geſtehe. ich wage zu geſtehen.“ „Warte ein wenig— ich habe noch nicht ausge⸗ redet... es iſt nicht gentil, mein beſter Walfried, daß der Mann nicht ſein beſonderes Schlafzimmer habe.“ „O, das macht nichts aus.“ „Still doch— Du laͤſſeſt mich ja niemals aus⸗ reden.“ „Theuerſte, ich falle aus den Wolken!“ „Nun, wem waͤre dies nicht ſchon einmal paſſirt! Uebrigens, mein Freund, Leute, welche zu leben verſte⸗ hen, muͤſſen einander auch ohne Auftritte verſtehen, ja ſogar ohne Allegorien.“ „ Und dieſe da...“ „Alſo, wir werden Jedes ſein beſonderes Schlaf⸗ zimmer haben! Ich will es ſo und habe es niemals an⸗ ders beabſichtigt.“ „Was ich hoͤre?“ „Daß Du eine Frau bekommen, mein Freund, welche eine gute und liebenswuͤrdige Wirthin in Deinem Hauſe, die Dir eine liebevolle Tochter, eine angenehme 1 be⸗ rraͤn⸗ unen the.“ Isge⸗ daß .6 aus⸗ ſſirt! erſte⸗ 7, ja hlaf⸗ 8 an⸗ Lund, inem ehme 199 Geſellſchafterin ſein will, die ſtets den Namen, den Du ihr geſchenkt, reſpektiren und in Allem ſo leben wird, daß man ihr nicht den geringſten Vorwurf machen kann, die aber daneben auch die Freiheit haben will, ihre Hand⸗ lungen ſelbſt zu beurtheilen und im Hauſe nach ihrem Plane, ihrem Gutduͤnken zu walten.“ „Aber auf dieſe Weiſe,“ antwortete der Kam⸗ merrath mit derſelben Fuͤgſamkeit, die er waͤhrend die⸗ ſer ganzen Zeit gezeigt und wodurch Lilia's Kuͤhnheit immer höher geſteigert worden war,„auf dieſe Weiſe bin ich ganz und gar betrogen.“ Bei dieſen Worten ſchlug die vormalige Heilige ein lautes Gelaͤchter auf. „Mein armer Walfried, Du mußt Dich vor allen Dingen mit der Wirklichkeit troͤſten, welche geweſen, und demnaͤchſt mit dem Scheine der Fortdauer derſel⸗ ben. Glaube mir, ich werde an Zaͤrtlichkeit und Gehor⸗ ſam keiner Ehefrau nachſtehen, ſo lange wir Zeugen haben. Allein dagegen wird es natürlicherweiſe, wie es nun eben kommt.“ „Ja, das ſcheint ſo.“ „Dann regiere ich ganz ſanfte, ganz unſchuldig, verſteht ſich— Du kannſt nicht glauben, wie gut ich bin, wenn man mir gehorcht.“ „Und die ganze Stadt, die mit mir der Meinung war, Du waͤreſt...“ „... eine wirkliche Heilige— ja, war das 200 nicht ausgezeichnet! Aber jetzt ſiehſtn Du, bedarf ich meine Engelsfittige nicht mehr, ausgenommen bei feier⸗ lichen Gelegenheiten. Jetzt habe ich Dich, meinen Stab, meine Stuͤtze, mein liebes Maͤnnchen... o man wird Dich beneiden, verlaß Dich darauf.“ „Deine Hauptabſicht“.. ſtammelte der Kam⸗ merrath.. „... iſt, daß wir in aller Freundlichkeit uͤber⸗ kommen. „Aber wenn es nun nicht in aller Freundlichkeit geſchieht?“ „Nun, ſo muß es wohl ohne dieſe geſchehen. Beklage Dich meinetwegen, wenn Dir das eine Er⸗ leichterung gewaͤhrt, dafern Du nur beobachteſt, was ich Dir geſagt habe.“ H „Haſt Du mir nun Alles geſagt, Theuerſte?“ „ Ja, Alles, Theuerſter, was vor der Hand noͤthig iſt,“ ſetzte ſie in einem unhbeſchreiblichen Lon muth⸗ willigen Spottes hinzu,„und ich, wiederhole, daß es ganz und gar von Dir ſelbſt abhaͤngt, ein ſehr gluͤck⸗ licher Mann zu werden.“ 1ach 7 „Nun, ſo hoͤre Du auch michl ſagte der Kam⸗ merrath, indem er, ruhig und kalt, ohne einen Funken⸗ der fruͤheren geſchmeidigen Unterwuͤrfigkeit, aufſtand, und eine ernſte und wuͤrdevolle Haltung annahm,„hoͤre Du nun auch mich.“. 1 ac Dieſe Ermahnung war gleichwohl uͤberfluͤſſig, denn 2015 ſchon die Veraͤnderung in ſeinem Ausſehen bewirkte in Lilia ein ſolches Erſtaunen, ja faſt eine ſolche Erſchuͤt⸗ terung, daß ſie, den unerwarteten Anblick ſtier ins Auge faſſend, ſitzen blieb. Ihre einzige Bewegung war, daß ſie, erbleichend, mit der Hand nach der Stirn fuhr. „Du haſt wirklich,“ ſagte der Kammerrath, waͤh⸗ rend ſein Blick ſich mit durchbohrender Strenge auf ſie heftete,„Du haſt mich wirklich fuͤr etwas einfaͤltiger gebalten, als ich bin, wenn Du glauben konnteſt, daß ich, ein Mann von langjaͤhriger Erfahrung und ge⸗ wohnt, in die Winkel des Menſchenherzens zu blicken, mich von Deinem Heiligenſchein und der Comoͤdie, die Du aufgefuͤhrt, zum Beſten haben ließe.“ Die junge Frau war wie in Stein verwandelt. „Von Natur habe ich einen friedlichen Charakter und ſanfte Gefuͤhle, aber ich bin auch zugleich ein Mann, der den Nutzen einſieht, ſich dieſer Eigenſchaf⸗ ten zu bedienen und Waffen daraus zu machen, wenn man es auf meine Eigenliebe abgeſehen hat.“ Lilia's Augen hefteten ſich mit immer groͤßerem Entſetzen auf den Mann, der zu ihr ſprach, aber nur hin und wieder ein Zucken in ihrem Geſicht verrieth, daß ſie anſing, zu dem Bewußtſein zu kommen, ſie habe getraͤumt— getraͤumt am hellen Tage. „ Ich bin ſieben und vierzig Jahr alt, ein Alter, wo die Liebe uns noch ganz grauſam tyranniſiren kann 202 beſonders wenn man eine Frau von Deinem Schrot und Korn trifft.“* Lilia ſtieß einen erſtickten Seufper aus. Es war der erſte. „Mein Blick ſah Deine angeborene Koketterie durch Deinen Heiligenſchleier hindurchſchimmern. Du wollteſt mich fangen und es gelang Dir, denn es lag eine verfuͤhreriſche Verlockung in Deinem Weſen. Aber ich liebte Dich nicht wie ein Narr, der ſich mit ihm zugeworfenen Brocken begnuͤgt, ſondern wie ein Mann, der den Gegenſtand ſeiner Leidenſchaft beſitzen will.“ „Leidenſchaft?“ Dieſes Wort bebte oder ſauſ'te vielmehr hoͤhniſch uͤber Lilia's bleiche Lippen. „Ja, verwunderſt Du Dich, daß Du eine ſolche erweckt?... Haſt Du nicht noch viel Schlimmeres gethan? Ich verſchaffte mir genaue Nachrichten uͤber Dich— ich erfuhr Alles— Dein ganzes Weſen, Deine ganze grauſame Politik gegen Deinen Mann, die ganze Geſchichte mit Doctor Warvner mit der kranken Frau— Alles.“ „Halt „Still— jetzt bin ich an der Reihe auszureden . Als Doctor Warvner hier war, ſchrieb er Dir ein Billet.“ Lilia ſprang auf. „Dieſes Billet, welches eine Antwort auf das chrot war terie Du 3 lag Aber ihm ann, dill.“ niſch olche ꝛneres uͤber eeſen, ann, t der eden Dir das 20³ Deinige enthielt, kam in meine Haͤnde. Ich traf den Boten gerade, als ich auf Dein Haus zuſchritt, um mich bei Beate nach Deinem Befinden zu erkundigen. Ich erbot mich, es abzugeben. Da ich aber ſchon Verdacht hatte, ſo wollte ich Gewißheit haben und ich erhielt ſie.“ „Welche Nichtswuͤrdigkeit!“ keuchte Lilia. „O, gewiß nicht— im Kriege iſt jede Liſt erlaubt.“ „Im Kriege?“ „Nun, fuͤhrten wir denn nicht einen ſolchen?— Du wuͤnſchteſt einen Mann zu erobern, den Einfaͤltig⸗ ſten, den Beſten— ich wuͤnſchte, meine Heilige zu erobern, wollte mich aber uͤberzeugen, in wie weit der ganze Heiligenſchein falſch ſei. Dein Scharfſinn be⸗ trog Dich— Du fuͤrchteteſt den Stolz des Medizinal⸗ raths und gerade dieſer waͤre ein ausgezeichneter Narr geweſen, um vor den Triumphwagen einer Frau ge⸗ ſpannt zu werden.“ Lilia ſchoͤpfte zwei ſo tiefe Seufzer, als ob eine Centnerlaſt auf ihrer Bruſt ruhte. „Und in der Ueberzeugung, daß Du in dem gut⸗ muͤthigen Kammerrath das completteſte aller Schaafe gefunden, ſchaffteſt Du Dir einen Gatten, der, ſo Gott will, Dir zeigen wird, daß Dein Triumphwagen, als er uͤber das niedergeworfene Lebensgluͤck eines Mannes ging, doch etwas beſchaͤdigt worden iſt.“ „Was ſind dies fuͤr Worte, die Du Dir zu ſpre⸗ chen wagſt!⸗ 294 Die Seele der kleinen Tigerin begann ſich zu ruͤh⸗ ren und den Schlaf abzuſchuͤtteln. „Ich wage die Worte zu reden, die ich feſt ent⸗ ſchloſſen war, in demſelben Augenblicke auszuſprechen, wo Du die Maske abwerfen wuͤrdeſt. Ich geſtehe gleichwohl, daß ich nicht glaubte, daß Du ſo ſehr da⸗ mit eilen wuͤrdeſt. Aber es lag Dir daran, Deinen Sieg mit einem Male abzuſchließen und Du biſt nun uͤberzeugt, daß dieſer Sieg nur eine Taͤuſchung iſt... mein Scharfſinn war groͤßer, als der Deine, mein Spiel beſſer— ich bin es, der geſiegt hat.“ „Geſiegt!— O nein, Du haſt nicht geſiegt, denn Du liebſt mich.“ „Ja, aber merke wohl, nicht wie ein Thorz und ich bin nicht ſo vornehm, daß ich zwei Schlafzimmer einzurichten brauchte.“ „Aber das mußt Du nun mehr, als jemals; denn ein wie grauſamer Despot Du auch zu werden beabſichtigſt, ſo begreifſt Du doch wohl, daß eine Frau, wie ich, ſich nicht unterdruͤcken laͤßt!“ „Du biſt in dieſer Hinſicht alſo beſtimmt?“ „Vollkommen beſtimmt! Von heute Abend an iſt⸗ dieſe Thuͤr verſchloſſen... o, mein Herr“— Lilia's Augen funkelten von einem wilden Feuer—„es war auch ein Irrthum, zu glauben, daß man mit mir um⸗ ſpringen koͤnne, wie mit einer jener gewoͤhnlichen Scla⸗ venpuppen, die ein Blick maſchinenmaͤßig zur Erde beugt.“ rruͤh⸗ d ent⸗ echen, eſtehe r da⸗ einen nun Spiel denn und nmer nals; erden Srau, n iſt llia's war um⸗ Scla⸗ ugt.“ 205 „Laß das gut ſein— ich frage zum letzten Male: Willſt Du von dieſer Thorheit ablaſſen?“ „Nein, ſage ich, nein und nein iſt mein letztes Wort.“ „Gut.“ Der Kammerrath machte ſich fertig, auszugehen Lilia, deren Muth wieder zu wachſen begann warf ſich veraͤchtlich auf die andere Seite. „Weißt Du, wo ich hingehe?“ „Nein, aber es iſt mir auch gleichguͤltig.“ „Das glaube ich nicht.“ „Nun, wo gehſt Du denn hin?“ „Zum Probſt.“ „Zum Probſt?“ Ja, um mir ſeinen Beiſtand auszubitten.“ „Poſſen!“ „Bei Gott, es iſt mein Ernſt! Und ich bringe ihn mit hierher, denn an einen Diener Gottes wendet man ſich zuerſt, wenn eines der Gatten Grund hat, uͤber den andern zu klagen. Nach ſeiner Pflicht wird der Geiſt⸗ liche die Frau, die ſchon von ihrem zweiten Manne abfallen will, in die Beichte nehmen und noch ehe s Mittag iſt, lacht vielleicht die ganze Stadt ſich krank uͤber die wunderbare, aber entſetzliche Entwickelung des langen Dramas, welches die Heilige aufgefuͤhrt hat.“ „Wie— Lilia ſprang auf und ſtellte ſich, wie eine verwundete Furie vor ihren Mann, deſſen eiſige, 206 Ruhe ihre brennenden Schmerzen noch vermehrte— „wie... Du koͤnnteſt eine ſolche Handlung unmenſch⸗ rlicher Nichtswuͤrdigkeit begehen?“ . der Gerechtigkeit, meinſt Du? Ich kann es nicht blos, ſondern ich thue es wirklich.“ Und ehe noch Lilia einen einzigen Gedanken faſſen konnte, war der Kammerrath hinaus. Sie höoͤrte ihn im Nebenzimmer ſich vollends fer⸗ tig machen, ſie hoͤrte ihn die Galoſchen anziehen, die Treppe hinuntergehen— und jetzt ſah ſie ihn auf der Straße— es war gar nicht weit bis zum Hauſe des Probſtes. Sie ſtand am Fenſter mit leichenblaſſen Wangen und zitternden Lippen, das Blut ſchien in ihren Adern ſtocken zu wollen, ſie war beinahe leblos und dennoch blieb ihr ſtarrer Blick an dem Manne haften, der lang⸗ ſam und feſten Schrittes auf die Ecke der Straße zuging. Jetzt blickte er auf und gruͤßte ſie mit ernſter Miene. Sein Blick war weder befehlend, noch bittend. Er ſagte blos: Jetzt iſt es noch Zeit! In der naͤchſten Sekunde hatte ihre Hand zwei Finger ausgeſtreckt und dieſe zwei Finger hatten ſich geruͤhrt zu... zu einem widerſtrebenden Winke. Der Mann verſtand dieſe Sprache— er war ein erfahrener Mann— und kam ſogleich zuruͤck. be rte— renſch⸗ nn es faſſen s fer⸗ 1, die if der ſe des angen Adern nnoch lang⸗ 5traße enſter ſttend. 8 zwei n ſich war 207 Lilia lag beinahe beſinnungslos auf dem Stuhl. „Du ergiebſt Dich alſo, Du vergiſſeſt Deine fruͤ⸗ heren, herrſchſuͤchtigen Gewohnheiten, Du willſt Dich auffuͤhren, wie es einer Frau zukommt?“ Einige unverſtaͤndliche Tone arbeiteten ſich aus Lilia's Kehle hervor. Sie ſollten aber ein Ja vorſtellen. „So iſt's gut— ich verlange nicht mehr. Aber vergiß nicht, obſchon ich ein guter Mann werden kann und es auch werde, wenn Du mich ſo haben willſt, ſo bekommſt Du in mir doch niemals Philipp den Zweiten.“ Ende des fuͤnften Theiles. Drück der Verlagsbthdrutkerei in Witkzen. 13r— 15r Band.