Ein Gerücht. Uoman von Emilie Carlén. Aus dem Schwediſchen von A. Kretzſchmar. 10r— 12r Band. Grimma und Leipzig, Druck und Verlag des Verlags⸗Comptoirs. 1850. Ein Gerücht. 4 Vierter Theil. Ein Gerücht. IV. BDrittes Zuch. Herrnhof und Einſiedelei. (Fortſetzung.) 11. Veranlaſſung zu Frau Walborgs plötzlicher Abreiſe. Am Tage vorher war Alles in ſeiner gleichmaͤßi⸗ gen Ruhe geweſen und nicht das geringſte Wolkchen am haͤuslichen Himmel hatte den Sturm verkuͤndet, der im Anzuge war. Man freute ſich ſehr uͤber Honorinens Begegnung mit Philipp und das Verſprechen, welches der arme Eremit gegeben, nach Tjuſtorp zu kommen. Ja, man ſprach von gar nichts weiter, als von dem ungluͤcklichen Poeten. Und ſo maleriſch und beredt war Honorinens Be⸗ ſchreibung des jungen Mannes, daß Jolli weinte, Frau Walborg nickte und der Oberſtlieutenant hoch und theuer ſchwur, daß die Frauenzimmer einzig und allein auf die Welt gekommen ſeien, um die Maͤnner in's lingtäct zu bringen, nolahene,„ſolche arme Schwaͤch⸗ linge, die mit ſich ſpielen ließen.“ Kurz, Alle gaben ihre Theilnahme zu erkennen, mit Ausnahme des Barons Sixten, der ſtumm, verdrießlich, niedergeſchlagen und von Gott weiß was gequaͤlt, daſaß. Es giebt Leute, welche an Ahnungen glauben, ſich davon leiten laſſen und es faſt fuͤr eine Laͤſterung an⸗ ſehen, daran zweifeln zu wollen. Zu dieſer Art Menſchen gehoͤrte auch Baron Sixten. Er hatte Philipp Thurné niemals geſehen und erſt von demſelben ſprechen hoͤren, als ſeine ungluͤckliche Liebesgeſchichte und die Flucht ſeiner Frau ihn zu einem Gegenſtand des allgemeinen Geſpraͤchs, ſo wie der allge⸗ meinen Theilnahme gemacht hatte. Aber deſſenunge⸗ achtet lebte in Baron Siyten ein Inſtinkt, der beinahe dem Haſſe glich, ſobald der Name Philipp Thurné ge⸗ nannt ward. Woher kam das? Sirten gehoͤrte zu den Menſchen, welche eigentlich keine Leidenſchaften, ſondern nur eigenſinnige Neigun⸗ gen haben und etwas zu haſſen ſchien mit ſeiner Natur ganz unvereinbar. Seine Freunde hatten ihn ruinirt, aber er hielt gleichwohl ſo viel auf ſie, daß er, wenn er noch einmal gererbt, ſich auch noch einmal haͤtte ruiniren laſſen, um ihnen zu Dienſten zu ſein. Der Oberſtlieutenant, ein Mann, der vierund⸗ zwanzig Jahr aͤlter, als er, hatte ſeinen werthgeſchätz⸗ — 7 ten Couſin ausgeſtochen; aber Baron Siyten vermochte nicht, ſeinen Nebenbuhler, wegen dieſes Erfolgs zu haſſen, denn er ſah, daß Honorine nur eine Vernunft⸗ heirath eingegangen war. Und umſoweniger fiel es ihm ein, die Wahl ſeiner Couſine zu tadeln, als er ſelbſt die Fehler kannte, die er hatte, Fehler, deren Folgen er genugſam empfin⸗ den mußte, beſonders einmal, als er(unter dem Ein⸗ fluß eines derſelben) in einer muntern Abendgeſellſchaft zufaͤllig ſich um ein junges Fraͤulein beworben hatte, deren Eltern ihn mit ihrer Einwilligung uͤberraſchten, ohne daß er wußte, daß er dieſe oder die Hand des Maͤdchens begehrt habe. Aber er mochte nun wiſſen oder nicht wiſſen, was er wollte, die Bewerbung war geſchehen und als am folgenden Tage ſein Schwiegervater in spe ihn beſuchte, um uͤber Geſchaͤfte und daneben etwas weniges uͤber die Freude zu ſprechen, welche ſeine Tochter uͤber ein Buͤndniß zu empfinden ſchien, welches wahrſcheinlich ſchon laͤngſt die ſtille Wahl ihres Herzens geweſen, fuͤhlte der Baron ſich gleichzeitig ſo geſchlagen und da⸗ neben ſo zur Dankbarkeit verbunden, daß er nichts ab⸗ leugnen konnte. Und uͤberdies, welches Recht hatte er auch wohl, ein junges und unſchuldiges Maͤdchen zu beleidigen? „Mein,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„wenn Du, von ihren kleinen Kuͤnſten angeſpornt, im Rauſche geſagt “ —— 8 haſt, daß Du ſie heirathen willſt, ſo mag es auch ge⸗ ſchehen— das arme Kind darf nicht zu einem Gegen⸗ ſtande des Gelaͤchters gemacht werden.“ Der wahre Hergang war folgender: Das kleine Fraͤulein hatte ſchon laͤngſt ein Auge auf Baron Sirten und ſein Beſitzthum gehabt und des⸗ halb, als er bei der erwaͤhnten Gelegenheit— im dop⸗ pelten Rauſche des Punſches und ihrer kleinen Koket⸗ terien und waͤhrend die Muſik toͤnte und der Tanz um ſie herumwirbelte— ohne ſich weiter etwas dabei zu denken, zu ihr ſagte:„darf ich dieſe kleine Hand da be⸗ halten?“(er wußte ſelbſt nicht recht, der arme, junge Mann, wie ſie in dem dunkeln Kabinet in die ſeine ge⸗ kommen war) hatte das Fraͤulein ſofort verſchaͤmt aber entſchloſſen geantwortet: „Ach, Baron Siyten, wenn ich im Stande bin, Sie gluͤcklich zu machen, ſo willige ich gern ein, Ihre Frau zu werden... aber nicht ohne den Willen meiner Eltern.“ Und ehe unſer Baron, vor deſſen Augen noch ein Nebel ſchwebte, ſehen konnte, wohin ſie eilte, war das kleine Fraͤulein ſchon wieder mit ihrem Vater zu⸗ ruͤck, zu dem ſie mit ſchuͤchterner Verwirrung ſagte: Beſter Papa, Baron Siyten erzeigt mir die Ehre, um meine Hand anzuhalten, aber mir kommt es nicht zu, ihm hierauf zu antworten!“ Gluͤcklicher⸗ oder ungluͤcklicherweiſe fuͤr den Baron 9 war er noch nicht volle zwei Monate verlobt, als des Fraͤuleins Herz ſich einem andern Gegenſtande, mit ſchuldenfreien Guͤtern, zuwendete. Da begann ſie Sixtens Aufmerkſamkeiten etwas zu lau zu finden und ſagte an einem ſchoͤnen Tage zu ihm: „Aufrichtig geſagt, in glaube, daß Du in einem Augenblick meine Hand begehrteſt, wo Du nicht recht wußteſt, was Du thateſt.“ „Auf meine Ehre, Du haſt vollkommen recht,“. antwortete er;„aber was einmal geſchehen iſt, das iſt geſchehen.“ „Nach dieſem Geſtaͤndniß,“ hob die Braut wieder an,„erlaubt mir mein Zartgefuͤhl nicht mehr, Dir laͤnger anzugehoͤren. Der Grund bleibt ein Geheimniß zwiſchen uns, aber unſer Verhaͤltniß iſt geloͤſ't.“ „Wie es Dir beliebt!“ war die ganze Antwort des Barons und innig vergnuͤgt machte er ſeinem Nachfol⸗ ger Platz. Aber als er zu ſeiner ſtehenden Flamme, der ſo warm geliebten Honorine, zuruͤckkehrte, ſagte ihm dieſe mit ihrem freundlichſten Lacheln, daß fuͤr ihn nun Al⸗ les verloren ſe daß ſie aber ſtatt deſſen mit ihrem kuͤnf⸗ tigen Gemahl die Verabredung getroffen, daß ihr Coufin ein ſteter Hausfreund b bleiben ſolle. Und ein ſolcher war er geweſen, ohne daß der Frieden ein einziges Mal geſtoͤrt worden waͤre. — 10 Denn obſchon der Oberſtlieutenant bei dem klein⸗ ſten Zwiſte gegen ſeine Gattin uͤber ihren alten Liebha⸗ ber herzog, vermißte er dieſen doch, wenn er abreiſ'te und ſehnte ſich ordentlich nach ſeiner Zuruͤckkunft. Der Oberſtlieutenant ſah wohl, daß er ruhig ſein konnte und. Sirten ſah daſſelbe. Honorine war ihrem Couſin innig gewogen— et⸗ was Weiteres war es auf dieſer Seite nicht. Hono⸗ rine achtete und ehrte ihren Mann— etwas Weiteres war es auf dieſer Seite auch nicht. Es wird jetzt ausſehen, als ob wir ganz auf Ab⸗ wege gerathen und von der Erlaͤuterung zu der Ueber⸗ ſchrift dieſes Kapitels und dem Aufſchluß in Bezug auf den neuen Inſtinkt des Barons Siyten ganz abge⸗ kommen waͤren; aber man wird ſogleich ſehen, daß dies Alles auf das Genaueſte zuſammenhaͤngt. Unſer freundlicher Baron, der ſonach weder die Freunde haßte, die von ſeinem Gelde lebten, noch die Frau, die ſich ſo ſchnell zu ſeiner Verlobten gemacht und dadurch ſeine Ausſichten bei der einzigen, die er liebte, zerſtoͤrt, noch ſogar den Mann, der ihn bei Honorinen verdraͤngt— er haßte von ganzer Seele dieſen Einſied⸗ ler, haßte ihn, ohne zu wiſſen weshalb, blos weil er ahnte, daß dieſer ihm unbekannte Mann, ihm ein uner⸗ meßliches Unheil bereiten wuͤrde— ein Unheil, fuͤr wel⸗ ches es kein Heilmittel, keinen Troſt gaͤbe, ein Unheil, 4 11 welches ihn toͤdten wuͤrde, aber erſt nach Schmerzen, vor welchen er zitterte, als ob ſie ihm nahe waͤren. Dieſer wunderbare Inſtinkt war in Siyten gleich das erſte Mal erwacht, als Honorine den Namen des Poeten ausſprach. Ob ihr Ton einen andern Laut gehabt als ſonſt, ob ihr Auge einen andern Ausdruck gezeigt, daß wußte weder ſie noch er, aber er fuͤhlte, daß es ſo war. Und nachdem ſie Alexis' Verſe in Muſik geſetzt, aber ſie blos ſang, wenn ſie ſich allein glaubte, ſeit dieſer Zeit haßte Sixten noch mehr dieſen unſichtbaren, nur geahnten Nebenbuhler. Gleich als Jolli ihr kleines Abenteuer erzaͤhlte, hatte Baron Sirten, der ſonſt nichts weniger als ſcharf⸗ ſinnig war, errathen, was Niemandem einfiel, naͤmlich daß der Einſiedlerpoet und der Mann, den Jolli ſo ver⸗ wildert zwiſchen den Felskluͤften geſehen, ein und der⸗ ſelbe ſeiz aber weit entfernt, dieſe ſeine Vermuthung zu verrathen, freute er ſich, daß Honorine nicht ſelbſt auf eine ſolche gefallen war. Inzwiſchen nahm er ſich vor, der Sache auf den Grund zu kommen. Und als er in das Gerichtamt kam, wohin er, wie wir wiſſen, gereiſ't war, um bei dem Richter, einem alten Bekannten, die Anleihe fuͤr den bedraͤngten Freund zu negociiren, hoͤrte er zufäͤllig am Mittagstiſche erzaͤhlen, daß ein junger Reiſender, der vor einigen Tagen an dem Gaſthofe vorbeigekom⸗ 4 3 — 3 — men, mehrere Erkundigungen nach einem Herrn habe einziehen wollen, der ſich in der Felſengegend niedergelaſ⸗ ſen haben ſollte, aber von dem Niemand etwas wußte. Der Baron verſchaffte ſich das Tagebuch und ſtieß bald auf den Namen Dick Sorenius. Sorenius war ja der Familienname der entflohe⸗ nen Gattin des Herrn Thurné. Der Baron fuͤhlte, daß das Blut und daneben der Wein in ihm zu gaͤhren anfingen. Er wußte nun Alles, was er zu wiſſen brauchte und er, der ſo lange keinen Rauſch gehabt, kam nach Hauſe, wie wir ſchon fruͤher erzaͤhlten und Tag fuͤr Tag die ganze Woche hindurch fuhr er nach dem Amt, nach⸗ dem er gleichwohl vorher ſeine Ausfluͤge nach dem Ge⸗ birge gemacht und dort gewiſſe Nachrichten eingezogen hatte, welche ihm noch mehr zu Kopfe ſtiegen, als ſpaͤ⸗ ter am Tage der Wein des Richters. Man weiß, daß Honorinens bittende Blicke ihn gleichwohl vermochten, nach Verlauf dieſer Zeit ſeine Reiſen einzuſtellen und er begann eben, ſich in die Hoff⸗ nung einzuwiegen, daß er niemals etwas uͤber dieſen modernen Eremiten erfahren wuͤrde, als ſie ploͤtzlich ſpaͤt eines Mittags, von Freude und Mitleid ſtrahlend, nach Hauſe kam und ihre Begegnung ſowohl, als die kleinen Kunſtgriffe erzaͤhlte, durch welche ſie dem armen Ein⸗ —— ſiedler das Verſprechen abgenoͤthigt, die Geſellſchaft auf Tjuſtorp zu vermehren. 13 Von dieſem Augenblicke an legte ſich Nacht und Finſterniß uͤber Baron Sixtens Seele. Er hoͤrte Alles an, wie in einem Traume. Honorinens Stimme verletzte ihn, ihr Laͤcheln war ihm ein Stich durchs Herz und ihre ſchoͤnen Augen ſchienen ihm von einem Feuer zu gluͤhen, welches ihm die Sehkraft raubte. Endlich konnte er es nicht mehr ertragen. Waͤhrend man noch am dritten Morgen uͤber daſſelbe Thema ſprach, verſchwand er und als man ſich zu Tiſche ſetzen wollte, lautete die Antwort auf die Frage nach dem Baron, daß er ſchon vor mehrern Stunden weggeritten ſei. „Er hat vielleicht Geſchaͤfte in der Nachbarſchaft.“ „Das iſt ſo ſeine gewohnte Hoͤflichkeit, uns nichts ſagen zu laſſen,“ meinte der Oberſtlieutenant.„Und wegzureiten, gerade wenn er weiß, daß ich ihn ſo gut gebrauchen koͤnnte.. Aber ich kann noch ſo viel zu thun haben...“ Honorine beſann ſich nun, daß er den ganzen Morgen ſehr wunderlich geweſen, den vergangenen Abend auch, ja ſchon ſeit mehrern Tagen. Auch ſogar Andere, außer Honorinen, hatten dies bemerkt, denn Frau Walborg, die ſonſt niemals ihre Meinung auszu⸗ ſprechen pflegte, ſagte jetzt: „Der Menſch hat etwas auf dem Herzen, das ſehe ich ihm an den Augen an.“ * 14 „Da wird er wohl auf dem Herzen haben, Rams⸗ vik ſpringen zu laſſen,“ murmelte der Oberſtlieutenant, „und darauf habe ich ſchon lange gewartet. Aus dieſem gutmuͤthigen Strohwiſch wird niemals ein Geſchaͤfts⸗ mann. 3 5 4 Auf dieſe letztern, an Honorinen gerichteten Worte folgte gleich darauf die Bemerkung,„daß es ſehr miß⸗ lich ſei, daß in ſeinem Hauſe Niemand anders, als er— an das daͤchte, was ſowohl in als außer dem Hauſe zu thun ſei!“ Aber Honorine gab kaum Acht auf die Vorwuͤrfe ihres Mannes, denn ſie war eben beſchaͤftigt, ſich Selbſt⸗ vorwuͤrfe zu machen, daß ſie ſich nicht von der Urſache der Niedergeſchlagenheit Sixtens unterrichtet— eine Nachlaſſigkeit, die ſie gleichwohl am andern Morgen gutmachen wollte. Aber ach, welcher Auftritt erwartete ſie am andern Morgen— da war durchaus keine Zeit zu vernuͤnfti⸗ gem Zureden. Es konnte ungefaͤhr drei Uhr Morgens ſein, als Frau Walborg— die nicht Gelegenheit gefunden, ihre wohlthaͤtigen Magentropfen anzuwenden und deshalb in ſehr ſchlechter Laune eingeſchlafen war— ploͤtzlich von 15 einem heftigen Gekreiſch in dem Schlafzimmer ihrer Tochter aufgeweckt ward. „Was der Tauſend iſt denn los?— hat die Kleine vielleicht die Kolik bekommen?“ dachte die einmal auf Kolik verſeſſene Mutter. Und Eins, Zwei, Drei hatte ſie ſich in ein Koſtum geworfen, welches wir am beſten thun werden, nicht zu beſchreiben, ein Schwefelhoͤlzchen ergriffen und trat ſodann mit dem Licht in der Hand in den Corridor hinaus. Aber man denke ſich ihr Entſetzen, als ſie eine maͤnnliche Stimme in Jolli's Zimmer hoͤrte und man denke ſich ihre Wuth— denn Frau Walborg war ein wildes Weib— als ſie, indem ſie die Thuͤr oͤffnete, kaum ihren Augen trauend, Baron Siyten erblickte, der allerhand Entſchuldigungen ſtammelnd, in dem Zimmer umhertappte und Jolli, welche ſchluchzend betheuerte, „daß es hoͤchſt gemein ſei, auf dieſe Weiſe den Nacht⸗ wandler zu ſpielen!“ „Beruhige Dich, meine Tochter!“ ſagte Frau Wal⸗ borg und ihre Stimme glich dem unterirdiſchen Don⸗ ner, der einem Erdbeben voranzugehen pflegt.„Gieb Dich zufrieden, armer, erſchreckter Krammetsvogel— der Baron wird uns Rede ſtehen.“ „Ja, ja, aber ich will verwuͤnſcht ſein, wenn ich etwas Schlimmeres gethan, als mich um eine Thuͤr verzaͤhlt habe. Es iſt das... es iſt das ſo leicht.. im Finſtern.“ „„Aber ich,“ hob Frau Walborg wieder an, indem ſie den Baron beim Kragen nahm und buehſtaͤblich in ſein eigenes Zimmer hineinſtieß, auf deſſen Schwelle ſie ſich ſelbſt mit gekreuzten Armen hinſtellte— vich ſage, daß der Baron die Guͤte haben wird, Jolli ohne weitere Umſtaͤnde zu heirathen, denn meine Tochter ſoll nicht um ihren guten Namen und Ruf kommen, weil der Herr Baron nicht mehr im Stande iſt, bis Drei zu zaͤhlen. Dieſe Thuͤre da iſt die dritte auf dem Cor⸗ ridor.“ „Linker Hand, ja!“ murmelte der Baron ganz demuͤthig. „Aber rechter Hand hatte der Herr gar nichts zu ſuchen, weiß er das? Alſo nur keine Umſtaͤnde, morgen verlobt er ſich mit Jollili „Wieder eine Bewerbung und eine Verlobung, die mir nicht in den Sinn gekommen iſt!“ ſeufzte Baron Sixten.„Aber es mag ſein.“.... Sobald als es tagte, war Frau Walborg auf den Fuͤßen und verlangte, mit dem Oberſtlieutenant zu ſpre⸗ chen, der nicht ein einziges Wort hervorzubringen ver⸗ mochte, bevor ſie mit zwanzig ſchlagenden Beweiſen ihre Meinung ausgeſprochen, daß Jeder, der wiſſentlich oder unwiſſentlich zur Nachtzeit in das Zimmer eines unver⸗ heiratheten Frauenzimmers kommt, ſchuldig ſei, ſich ſo⸗ fort mit ihm zu verehelichen. dem h in welle nich ohne ſoll weil Drei Cor⸗ ganz s zu rgen die aron den ſpre⸗ ver⸗ ihre oder wer⸗ ſo⸗ 17 „Aber in's Teufels Namen,“ rief der Oberſtlieu⸗ tenant, als er endlich zu Worte kam,„die Couſine wird doch Sixten nicht zwingen wollen, Jolli deshalb zu hei⸗ rathen, weil er, mit einer Florkappe vor den Augen, rechts und links verwechſelte!“ „Das koͤnnte ich nicht!“ „Es iſt ja keine Beleidigung vorgefallen— man erklaͤrt ſich anſtaͤndig, man kehrt um und ſtellt nicht einen ſolchen Aufruhr in einem achtbaren Hauſe an und vor allen Dingen fordert man nicht, daß der Wirth ſeine Gaͤſte zwingen ſolle, einen unbewußten Fehler ſo theuer zu bezahlen.“ 3 „Aha, klingt es ſo? antwortete Frau Walborg und die Augen, die ſich jetzt auf den Oberſtlieutenant hefte⸗ ten, funkelten ſo, vaß foͤrmliches Feuer daraus hervorzu⸗ ſpruͤhen ſchien. „Du mußt Dich ein wenig maͤßigen, Couſinel⸗ antwortete der Oberſtlieutenant, der ſich kaum ſelbſt zu halten vermochte. Aber Frau Walborg fuhr zornig fort: „Es war alſo noch nicht genug, daß Du einmal die Mutter betrogſt...“ „Nun ſei ſo gut und ſchweig, ſonſt..“ Der Oberſtlieutenant ward blaßgelb vor Wuth. „».. und ſie zum oͤffentlichen Gerede machteſt, weil Deine ſchmutzige und erbaͤrmliche Sucht nach Reichthum alles Beſſere in Dir erſtickte...“ Ein Gerücht. IV. 2 „Schweig, alte Hexe!“ „... fondern Du willſt auch durch eine nichts⸗ wuͤrdige Gleichguͤltigkeit den guten Namen und Ruf der Tochter morden, Du alter Geizhals, Du alter Geck, Du alter, ſtolzer, unmoraliſcher, unwuͤrdiger Ver⸗ wandter, der nicht einmal ſo viel Ehre im Leibe hat, ſein eigenes Fleiſch und Blut zu vertheidigen!“ In dieſem Augenblick trat Honorine ein. Sie traf ihren Mann faſt vor Wuth erſtickend, waͤhrend Frau Walborg mit Kopf, Haͤnden und Fuͤßen geſtikulirte und im beſten Zuge war, ihren Gefuͤhlen Luft zu machen. 5 Aber als jetzt Honorine bittend dazwiſchentrat, als ſie ſagte:„Meine liebe, beſte Tante, um Gottes willen, nur ein wenig Gelaſſenheit— wir wollen ver⸗ ſtaͤndig uͤber die Sache ſprechen und vor Allem hoͤren, was Jolli ſelbſt ſagt,“— da ward Frau Walborg, aus Achtung vor Honorinen, ruhiger und ſchlug den Weg nach der Thuͤr ein. Aber mit der Hand auf dem Schloſſe, drehte ſie ſich wieder herum und ſagte maje⸗ ſtaͤtiſch:. „Adieu, meine Herrſchaften, ich reiſe mit meiner Tochter auf der Stelle ab.“’ „Immer zu,“ ſchrie der Oberſtlieutenant, der jetzt endlich die Sprache wieder gewann, immer zu, Du alter, nichtswuͤrdiger Krakeelmacher! Du haſt niemals wieder noͤthig, Deine Naſe durch meine Thuͤr zu ſteckenle ichts⸗ Ruf alter Ver⸗ e hat, ickend, Fuͤßen fuͤhlen 5 at, als Gottes —n ver⸗ hoͤren, 3 g, aus Weg f dem maje⸗ nen der jetzt 1, Du niemals tecken!“ 19 Frau Walborg ſchlug die Thuͤr zu, daß die Fenſter klirrten. Im naͤchſten Augenblick war Jolli aus ihrem Bett geriſſen und alle ihre Betheuerungen, daß ſie dumm, einfaͤltig, ja naͤrriſch geweſen, als ſie ſo ganz ohne alle Urſache geſchrien, halfen ihr nichts.„ Die Sachen wurden eiligſt eingepackt, der Alte durch Frau Walborgs eigene Hand aus dem Stalle gezogen und wenige Stunden nach dem großen Auftritt bei dem Oberſtlieutenant— der Aufruhr dauerte jedoch waͤhrend der ganzen Zeit fort— waren die Frauen⸗ zimmer reiſefertig. Baron Sirten war ganz erſchrocken herbeigeeilt. Entſetzt, uͤber all das Unheil, das er angerichtet, konnte er blos auf ſein Gewiſſen ſeine Unſchuld be⸗ theuern, eine Betheuerung, womit er, wie man weiß, noch fortfuhr, als die Damen bereits im Wagen ſaßen. ☛0— Aufopferung. ein d dur Wie Honorine verſprochen, offenbarte ſich in dem ein Hauſe ein ganz anderer Geiſt, als der, welcher in dem Augenblicke, wo unſere Reiſenden anlangten, zu herrſe ag ann ſchien. Die ſchoͤne Reihe von Zimmern, durch welche die Wirthin ihre Gaͤſte fuͤhrte, glich nicht ſteifen Prachtge⸗ maͤchern, bei deren bloßem Anblick man friert, wenn ſie nicht eber zum Zeichen einer„arrangirten“ Feſtlichkeit mit Kerzen die und Blumen geſchmuͤckt ſind. er Auf Tjuſtorp, wo man es mit dem Holze fhe hatte, brannte waͤhrend des Herbſtes und Winters inf Vo jedem Zimmer ſtets ein gemuͤthliches Feuer. Wi Und dieſes anziehende Alltagsanſehen, der Charak⸗ den ter anmuthiger und eleganter Nachlaͤſſigkeit, den Hono⸗ ma rine ihrer ganzen Wohnung zu geben verſtand, wcf Ku F in dem in dem errſchen lche die rachtge⸗ ſie nicht Kerzen lze gut aters in Charak⸗ n Hono⸗ wie oft auch der Oberſtlieutenant mit ſeinem Ordnungsſinn alle Stuͤhle zurecht ſtellte— er liebte es, ſie wie Mumien an den Waͤnden hin ſtehen zu ſehen— brachte den Effect zuwege, daß dieſe Wohnung ſtets feſtlich erſchien, wie⸗ wohl auf andere Weiſe, als zum Ball, denn obſchon Ho⸗ norinens Schoͤnheitsſinn Blumen uͤber Alles liebte, ſo machten dieſe gleichwohl nicht bloße Decorationen aus, ſon⸗ dern ſchienen zu thun, wozu ſie beſtimmt waren, durch ihre Schoͤnheit und ihren Duft zu erfreuen. Der gewoͤhnliche Aufenthaltsort der Wirthin— ein Giebelzimmer am Ende der Etage— hatte ihr durch ſeine eigenthuͤmliche Bauart Gelegenheit gegeben, ein wenig Phantaſie des Geſchmacks zu entwickeln. Dieſes Zimmer war nicht brillant, aber es war anmuthig— es hatte den Anſtrich wohlthuender Friſche und innigen Friedens. Drei nach außen hervorſpringende Vertiefungen— die beiden Waͤnde bildeten einen Halbkreis— machten eben ſo viele verſchiedene kleine Kabinette aus und wenn die Vorhaͤnge vor dieſen Vertiefungen, in welche die Fenſter eingefaßt waren, heruntergelaſſen wurden, ſo wa⸗ ren dieſe drei kleinen Kabinette von dem triangelfoͤrmigen Vorgemach geſchieden, welches dann mit ſeinem dunkeln Wintergarten, wo die Fluren des Suͤdens und des Nor⸗ dens einander umarmten, ganz verduͤſtert ward, ſo daß man unter den Bildwerken der antiken und modernen Kunſt blinde Kuh ſpielen konnte. 22 Als aber Honorine mit ihren Herren eintrat, wa⸗— w ren alle Gardinen ordentlich aufgezogen. Die Sonne V ſpielte freundlich durch die drei Fenſter und in jedem Ka⸗ ke binet ſtand ein ganz kleines Ruheſopha und ein geſtickter E Klappſtuhl, aber in dem mittelſten ſtand zwiſchen dem Sopha und dem Stuhle noch ein chineſiſches Meiſterſtuͤck di in Form eines Nähtiſches und auf dieſem lagen die Sti⸗ n ckereien, Buͤcher u. ſ. w. der Beſitzerin. zu Es waren gleichwohl nicht dieſe vertraulichen Kabi⸗ in w nette— wo jedes Fenſter ſeine kleine Waſſerkunſt hatte, ſo deren aus einem Moosbette aufſpringender Strahl wie⸗ E der auf die nette Orangerie hinunterfiel— wo die junge Frau ihre Gaͤſte einzutreten bat. Sie mußten ſich al damit begnuͤgen, ſich in dem„Wintergarten“ niederzu⸗ ſetzen, deſſen Mitte von einem großen runden Tiſch ein⸗ 8 9 genommen ward, wo ſich Alles, was zu den Beduͤrfniſſen 4 des geſellſchaftlichen Lebens gehoͤrt, im Ueberfluß vor⸗ te fand. „Nun, meine Herren,“ ſagte Honorine, indem ſie ſp freundlich zum Niederſetzen noͤthigte,„muß ich Ihnen nochmals danken, daß Sie, ohne Ruͤckſicht auf den be⸗ng a zi ſchwerlichen Gebirgsweg, gekommen ſind, uns das Bn gnuͤgen Ihrer Geſellſchaft zu ſchenken.“ 28 „O,“ ſagte Dick, als er aus Philipps traͤgem Schwei⸗ 2 ke gen abnahm, daß dieſer nicht die Artigkeit zu beantwor⸗ F ten beabſichtigte, weshalb es ihm, Dick, zukam, es diesmal lo fuͤr ſie Beide zu thun,„o, es iſt gerade umgekehrt, denn wa⸗ vonne 1 Ka⸗ ickter dem rſtuͤck Sti⸗ Kabi⸗ er hatte, wie⸗ junge ſich derzu⸗ ein⸗ niſſen vor⸗ m ſie Shnen n be. Be chwei⸗ 2 atwor⸗ 3 esmal denn 4 23 wir ſind gekommen, um Geſellſchaft zu erhalten. Das Vergnuͤgen, welches wir Ihnen durch die unſrige ſchen⸗ ken, wird, fuͤrchte ich, keineswegs Ihre Sehnſucht nach Erneuung unſeres Beſuchs erwecken.“ „Wir werden ſehen, ob Herr Sorenius ſich in dieſer Vorausſetzung irrt. In jeder Hinſicht ſind wir nun verbunden, unſere gute Geſinnung gegen einander zu rechtfertigen... Aber alle Artigkeiten beiſeite laſſend, wende ich mich jetzt an Herrn Thurns mit ganz be⸗ ſonderer Dankſagung dafuͤr, daß er meine dringende Einladung nicht vergeſſen hat!“ „Sie hatten mir ja ein beſtimmtes Verſprechen abgenommen, gnaͤdige Frau.“ „Allerdings, aber Verſprechen werden nicht immer gehalten und ich war nicht ganz...“ Ein Diener, der ſich auf der Schwee zeigte, un⸗ terbrach Honorinen: „Der Baron bittet einen Augenblick mit Ihnen ſprechen zu koͤnnen, gnaͤdige Frau.“ „Will der Baron nicht die Guͤte haben, herein⸗ zukommen?“ „Er ſagte, er wollte im Saale warten.“ „Nun gut, ſo geh und ſage ihm, daß ich gleich kommen wuͤrdel“. Als der Bediente fort war, ſagte die junge Frau laͤchelnd: „Die lieben Coufins nehmen immer ihre Privile⸗ 24 gien in Acht! Gleichwohl wuͤrde mein Couſin Sirten diesmal mich nicht bewegen, dieſes Vorrecht anzuerkennen, wenn er mir nicht etwas zu ſagen haͤtte, was unter vier Augen gehoͤrt zu werden verdient.“ Und nachdem ſie zu dieſer kleinen Erklaͤrung eine Entſchuldigung fuͤr ihre kurze Abweſenheit hinzugefuͤgt, uͤberließ ſie mit einem fluͤchtigen Gruße die ſich vernei⸗ genden Herren ſich ſelbſt. „Lieber Himmel, was fuͤr eine ſchoͤne und angenehme Frau iſt doch unſere Wirthin!“ ſagte Dick.„Es ſitzt ein kleiner, guter Engel in jedem ihrer Augen!“ „Darin haſt Du recht,“ antwortete Philipp,„aber ich habe es auf alle Faͤlle ſchon ſatt. Lange werde ich es hier nicht aushalten.“ „Ja, ja,“ hob Dick wieder an,„denn obſchon hier ein kleiner Wald iſt, ſo kannſt Du doch nicht ganz ſo ungenirt ſein, als wenn Du Dick in dem großen, zu Hauſe bei der Einſiedelei, herumtreibſt. Aber ich glaube doch nicht, daß Dir der Zwang viel ſchaden wird.“ „Er raubt mir blos das Leben.“ „Dummes Zeug!“ 8 „Was meinſt Du von dem Drucke, der auf meiner Seele laſtet, wenn ſie ſich wieder in die unertraͤglichen Formen einpreſſen muß, die man Geſellſchaftsleben nennt?... Soll ich denn daſitzen, wie ein Gliedermann, ſoll ich mich bewegen, wie eine Maſchine?“ „Nun, ſo ſitze nicht da, wie ein Gliedermann und 5 ixten men, vier eine uͤgt, rnei⸗ ehme ſitzt aber e ich hier nz ſo „ zu aube einer ichen leben nann, und 25 bewege Dich nicht, wie eine Maſchine— es iſt viel beſſer, wenn Du ausſiehſt, wie ein gewoͤhnlicher Menſch.“ „Ach Dick, Du... „... begreifſt nichts— das iſt eine alte Re⸗ densart von Dir, lieber Bruder! Deine Ideen fangen wirklich an, ein wenig an Einfoͤrmigkeit zu leiden.“ Philipp antwortete nicht. „Betrachte wenigſtens dieſes ſchoͤne, allerliebſte Haus, dieſe ſchoͤne und allerliebſte Frau!“ „Was kuͤmmere ich mich darum!“ „Aber ich kuͤmmere mich darum, ich, der ich mich im Felſengebirge ſo ganz erbaͤrmlich langweile. Ach, waͤre nur die große, muntere, alte Frau mit dem huͤb⸗ ſchen Kinde nicht abgereiſ't, ſo ſaͤße ich jetzt im vier⸗ undzwanzigſten Himmel.⸗ „Und,“ fiel Philipp, ſeinem Gedankengange fol⸗ gend, ein,„wenn nun der alte, ſchwatzhafte Oberſtlieutenant und der privilegirte Couſin dazu kommen... nein, laͤn⸗ ger, als bis wir zu Mittag gegeſſen haben, verweilen wir nicht.“ „Und bis ich dieſes ganze Kupferwerk hier, welches afrikaniſche Kleidertrachten enthaͤlt, durchgeſehen und den dazu gehoͤrigen Text geleſen habe... verwuͤnſcht, daß ich nichts dem Aehnliches in meinem Muſeum habe... ſieh einmal, Philipp!“ 7 1 5 1 26 Aber veraͤchtlich ſtieß Philipp das ſchoͤne Bilderwerk von ſich.. Und waͤhrend Dick ſich nun ordentlich zurecht ſetzte, um ſich zu amuͤſiren und Philipp ſich recht ordentlich zurecht ſetzte, um ſich zu ennuyiren, das heißt, waͤh⸗ rend er eins der kleinen Ruheſophas aufſuchte, in deſſen Kiſſen er ſein Haupt begrub, wollen wir der jungen Wirthin in den Saal folgen und ſehen, was dort ſich zutrug. Wie ein armer Verbrecher, der ſeinen Richter er⸗ wartet, ſtand Baron Sirten, mit geſenktem Blick, an den Ofen gelehnt. Honorine hatte eine ernſte und bekuͤmmerte Miene aangenommen und in der That war ſie auch ſowohl ernſt, als bekuͤmmert, als ſie an den Auftritt dachte, der eine Folge der unſeligen Schwaͤche ihres Couſins geweſen und ſicherlich noch ward. 1 Dieſer Auftritt, der zwiſchen dem Oberſtlieute⸗ nant und Frau Walborg ſtattgefunden, mußte bei dem eerſtern eine Erinnerung hinterlaſſen, von der zu er⸗ warten ſtand, daß ſie ſich in tauſend Variationen fuͤr e. ſeine Umgebung zu erkennen geben wuͤrde. 8 kalt. „Was willſt Du von mir, Sixten?“ fragte ſie 4 * erk zte, lich aͤh⸗ ſen gen ſich er⸗ an iene vohl chte, ſins ute⸗ dem er⸗ fuͤr e ſie 27 „Du verachteſt mich ſehr, wenn Du dieſen Ton annimmſt. 6 Honorine ſchwieg. „Ja, ja, es iſt alſo zu Ende mit Deiner Ge⸗ duld, Deiner Sanftmuth— ich werde fortgewieſen, wie ein armer Hund, von dem man glaubt, es ver⸗ lohne ſich nicht mehr der Muͤhe, ihn zu dreſſiren.“ „Pfui, Sixten, wo haſt Du eine ſolche Bitter⸗ keit her— biſt Du es vielleicht, der ein Recht hat, bitter zu ſein?“ „Es iſt nicht Bitterkeit, ſondern Wahrheit. War ich jemals fuͤr Dich etwas Beſſeres, als Dein treuer Hund...“ „Aber, Sixten!“ . dem Du erlaubteſt, zu Deinen Fuͤßen zu liegen, dem Du mit milden Worten ſchmeichelteſt, als er Deinem Blick gehorchte und den Du mit freundli⸗ cher Sanftmuth ſchaltſt, als er Dir nicht gehorchte? Aber jetzt wird er nicht mehr geſcholten— er wird ver⸗ ſtoßen.“ „Mein armer Couſin, ſo uͤbel beurtheilſt Du un⸗ ſer Verhaͤltniß?“ Thue ich das?“ „Ja, das weiß Gott— ſtets warſt Du mir der theuerſte Bruder. Wenn ich auf alle Weiſe dem ein⸗ zigen Fehler entgegenzuarbeiten ſuchte, der den Werth Deines Charakters verdunkelt, ſo geſchah es nicht, um 28 zu herrſchen, ſondern um Dich meiner Hochachtung ſo wuͤrdig zu machen, daß ich zu mir ſelbſt ſagen koͤnnte: Wie angenehm iſt es, ihm gut zu ſein, ohne alle Bei⸗ miſchung von Furcht, daß er es nicht verdiene!“ „Ach, es iſt Deine Gewohnheit, mit mir zu ma⸗ chen, was Du willſt und Du weißt, ob ich nicht, wenn wir eine Zeit ausnehmen, deren Unruhe Du nicht kennſt...“ „Ich weiß ſchon, mein beſter Sixten, daß es im⸗ mer eine Ausnahme iſt, wenn Du vergiſſeſt, was Du mir verſprochen, wenn Du die Ruͤckſicht gegen mich aus den Augen ſetzeſt. Ich weiß, es geſchieht nicht mit Fleiß, wenn Du mir Schmerz verurſachſt, als das, was heute Nacht paſſirte...“ „Gerade daruͤber wollte ich mit Dir ſprechen.“ „Helleding iſt wirklich ſo aufgebracht, daß unſer haͤusliches Leben nicht ſo ſchnell wieder in Ordnung kommen wird. Und da Tante Walborg ſich vor ihrer Abreiſe durch nichts beſaͤnftigen ließ, ſo wird ſie uns ſowohl, als Dich, zum Gegenſtand ihres und anderer Leute Geſchwaͤtzes machen. Was die arme Jolli be⸗ trifft, ſo hat dieſe durch dieſen verdrießlichen Vorfall am meiſten verloren, naͤmlich eine Heimath, deren ſie ſo ſehr bedurfte. Ich will mich nicht ſelbſt erwaͤhnen, aber Du weißt ſelbſt, daß ich, da ich jetzt nicht die Geſellſchaft meiner lieben Adele genieße, nicht leicht 29 eine angenehmere haben konnte, als die dieſes jungen Maͤdchens.“ „Ließe ſich vielleicht Alles wieder ins Gleiche brin⸗ gen, wenn wir die Tante bewegen koͤnnten, hierher zu⸗ ruͤckzukehren, ehe ſie noch irgendwo etwas von der ein⸗ gebildeten Chikane erzaͤhlt hat, welcher Jolli, wie ſie glaubt, ausgeſetzt geweſen iſt?“ „Ja, das glaube ich. Ganz gewiß iſt es die Furcht vor dem Bekanntwerden dieſer Geſchichte im Orte, was Helleding am meiſten plagt, weil er einen großen Werth auf ſein Anſehen ſetzt und ich weiß, wie gern er die Ruͤckkunft der beiden Damen ſehen wuͤrde, notabene, wenn er nicht ſelbſt die Hand dabei im Spiele zu haben braucht. Dieſe Zuruͤckkunft waͤre uͤberdies das beſte Zugeſtaͤndniß, daß Frau Walborg unrecht ge⸗ habt hat.“ „Nun wohl, Honorine, ſie ſollen zuruͤckkommen — ich wollte blos wiſſen, ob Du es fuͤr recht und nothwendig faͤndeſt.“ „O, es wird Dir nicht gelingen, die eigenſinnige Tante Walborg, wenn Du ihr nachreiſen wollteſt, jetzt mehr zu uͤberreden, als vor einer Stunde.“ „O ja, ich hoffe es. Sie iſt gewiß unterwegs kuͤhler geworden und Du weißt nicht, was ich ausrich⸗ ten kann, um Dir ein Vergnuͤgen zu machen und Dei⸗ nen Mann zu beſaͤnftigen, deſſen uͤble Laune allemal auf Dich zuruͤckfaͤllt.“ 30 „Gewiß nicht allemal... Du verkennſt ihn.“ „Im Gegentheil, ich kenne ihn. O, Du glaubſt nicht, wie viel Mal ich Worte erlauſcht habe, die mir „verſtehen ließen, daß Du, wenn meine Anweſenheit hier Dir Vergnuͤgen macht, es theuer haſt erkaufen muͤſſen.“ „Sirten, beſter Sixten!“ „Und wenn ich bedenke, daß das Vergnuͤgen, wel⸗ ches Du hatteſt, niemals in etwas Anderem beſtand, als in dem edlen Beduͤrfniß, Deinem armen Couſin das Leben heiter und lieb zu machen...“ „Nein, nun uͤbertreibſt Du viel zu ſehr! Iſt wohl eine Woche vergangen, in welcher mein armer Couſin nicht ſieben oder acht Einladungen von Freun⸗ den erhalten haͤtte, die ihn ſehen wollten? Aber er blieb da, weil... Doch,“ unterbrach ſie ſich mit einem leichten Erroͤthen,„ich muß nun zu meinen andern Gaͤſten zuruͤckkehren. Sie wuͤrden ſich ſonſt mit Grund uͤber unſer langes téte-A-téte wundern koͤnnen... alſo mache, daß Du fortkommſt.“ „Reich mir Deine Hand, dann gelingt mein Vor⸗ haben vielleicht beſſer... Leb wohl, Honorine— nicht wahr, Du wirſt wieder heiter, wenn ich Alles wieder in Ordnung bringe?“ „Ganz gewiß, beſter Sixten... komme mit den Fluͤchtlingen ſobald als moͤglich zuruͤck.“ Sie eilte wieder fort. ubſt mir hier en.“ vel⸗ und, iſin Iſt mer un⸗ er nem dern und or⸗ icht der den 31 Aber Baron Sinrten ließ den Kopf ſinken und tief war der Seufzer, der ſeine Bruſt hob, als er hin⸗ ausging und Befehl gab, ſogleich ein Pferd zu ſatteln. Dick war noch lange nicht zur Haͤlfte mit der An⸗ ſicht der Abbildungen fertig, als Honorine wieder ein⸗ trat und da ſie ihn angenehm beſchaͤftigt ſah, ſo ging ſie mit leichtem Tritt auf das Sopha zu, wo Philipp ſo in ſich ſelbſt verſunken daſaß, daß er weder bemerkte, daß die junge Frau wiedergekommen war, noch, daß ſie ihn mit einem Blick unruhiger Theilnahme betrachtete. Aber nach ein paar Minuten beruͤhrte ſie leiſe ſeinen Arm. Philipp ſprang auf. „Ach, verzeihen Sie, gnaͤdige Frau... gewiß ha⸗ ben Sie niemals einen Gaſt gehabt, der ſich der Gaſt⸗ freundſchaft unwuͤrdiger gemacht haͤtte.“ „Das hat nichts zu ſagen, Herr Thurné! Ich wuͤnſchte nicht Ihre Hierherkunft, um nach dem Buch⸗ ſtaben die Schuld bezahlen zu koͤnnen, die Sie uns auf⸗ gebuͤrdet.. Und jetzt wuͤnſche ich nichts weiter, als mit Ihnen ein wenig uͤber einen gemeinſchaftlichen Bekannten zu ſprechen, naͤmlich uͤber den Dichter Alexis, der jetzt großes Furore macht.“ Eine ſchwache Roͤthe faͤrbte Philipps Wange. . 1 4 G 1 32 Fruͤher waͤre dies ein Thema geweſen, ihn von jeder Art von Melancholie abzuziehen, aber jetzt ant⸗ wortete er blos mit hoͤhniſchem Laͤcheln. „Bezweifeln Sie meine Worte, Herr Thurné?“ „O nein, durchaus nicht, ich wundere mich blos daruͤber, daß Die, welche einmal ſagte, ſie wolle dem beſcheidenen Dichter guten Rath ertheilen, jetzt die Anſicht der Welt uͤber den von ihm gewonnenen Tri⸗ umph theilt, den Triumph uͤber den freudenarmen Lor⸗ beer, der ihm auf den Ruinen ſeines irdiſchen Paradieſes erbluͤht iſt.“ „Ich wuͤßte nicht, daß ich das geſagt haͤtte.“ „Verzeihen Sie... ich dachte es.“ Und Philipp erroͤthete noch einmal... ob aus derſelben Urſache, wie das letzte Mal, wiſſen wir nicht. „Das war ein Irrthum, beſter Herr Thurné.“ „Ahl!“. „Ich ſage es ganz aufrichtig, denn ich weiß recht wohl, daß die Gemuͤthsſtimmung des Privatmannes nicht von der Art iſt, um mit mehr als geringer Theil⸗ nahme die Erfolge des Mannes der Oeffentlichkeit ins Auge zu faſſen.“ „Sehr wahr.. Ich habe auche— Philipp ſagte dies mit einer gewiſſen, nachlaͤſſigen Haſtigkeit,— „das Anerbieten des Buchhaͤndlers, die zweite Auflage meines Werkes zu kaufen, zuruͤckgewieſen.“ „ Und eine ſolche abſchlaͤgliche Antwort macht Ihrer 33 Beſcheidenheit gewiß eben ſo viel Ehre, als Ihrem Geiſte.“ „Wirklich?“ „Wenigſtens denke ich das. Ich liebe dieſe an⸗ ziehenden, kleinen Gedichte als die Erſtlinge eines ta⸗ lentvollen Anfaͤngers; aber wenn ein gereifter Mann eine zweite Auflage von ſeinem Werke herausgiebt... Ach, entſchuldigen Sie, Herr Thurns... wir werden heute Abend auf dieſen Gegenſtand wieder zuruͤckkom⸗ men— ich hoͤre meinen Mann kommen und die Poe⸗ ſie iſt nicht ſeine ſtarke Seite.“ Honorine hatte kaum ausgeſprochen, als der Oberſt⸗ lieutenant wirklich eintrat und zwar als ein ganz an⸗ derer Menſch, als da er fortging— artig, freundlich, in richtigem Sonnenſchein. „Nun, aber ſo angenehm, lieber Helleding— ich war ſo eben noch ganz troſtlos daruͤber, daß auch Sixten uns verlaſſen hat. Du biſt ſo ſchnell, weil Dir ver⸗ muthlich einfiel, daß ich doch Deinen Platz am Mit⸗ tagstiſche nicht ausfuͤllen koͤnnte.“ „Ich verdiene nicht die Haͤlfte Deiner Kompli⸗ mente, meine kleine Freundin, denn ich war ſo gluͤck⸗ lich, unterwegs die Perſon zu treffen, mit der ich ſo nothwendig zu ſprechen hatte und die Herren koͤnnen glauben, daß ich dann das Pferd auf dem Heimwege nicht ſchonte. Es iſt mir ein ſehr agreables Vergnu⸗ gen, ſo willkommene Gaͤſte bewirthen zu koͤnnen!“ Ein Gerücht. IV. 3 34 Die Urſache der Veraͤnderung des Oberſtlieute⸗ nants war ganz einfach die, daß ihm folgender Gedanke eingefallen war: „Bedenke, wenn dieſe Furie deine Frau geworden waͤre— es hing nur an einem Haare, ſo waͤre ſie es geworden!“ Nach dieſem Gedanken kam, wie eine lin⸗ dernde Kuͤhlung in das Feuer ſeines Zornes, der Ver⸗ gleich zwiſchen der Gattin, die er haͤtte bekommen koͤn⸗ nen und der, welche er wirklich hatte. Beinahe zum erſten Male von der Zeit an, wo er das Jawort bekommen, begann der Oberſtlieutenant einen ſchwellenden Stolz uͤber einen Sieg zu fuͤhlen, der wirklich ungewoͤhnlich war und auf dieſes Gefuͤhl folgte noch ein zweites, welches ihn dunkel ahnen ließ, daß er fuͤr ſein Gluͤck noch lange nicht ſo dankbar ſei, als er es eigentlich ſein ſollte. Als der Oberſtlieutenant bis auf dieſen Punkt ge⸗ langt war, kehrte er ſogleich wieder um nach Hauſe. Und auf dem Ruͤckwege vertrieb er ſich die Zeit damit, ſich ins Gedaͤchtniß zuruͤckzurufen, wie haͤßlich, wie dreiſt und wie mannaͤhnlich Frau Walborg war — ſie waͤren einander gewiß in die Haare gerathen— und wie ſanft, einnehmend, unausſprechlich liebenswuͤr⸗ dig und von allen Menſchen verehrt dagegen Honorine war... abgeſehen von ihrer Schoͤnheit, die ſo viele junge Maͤnner blendete. Alle dieſe Erinnerungen wirkten unausbleiblich da⸗ ☛—— —6x 206—ö— 2 8s — 35 hin, daß er vollſtaͤndig die rauhe Muͤrriſchkeit abſchuͤt⸗ telte, welche bisweilen ſeinem Gemuͤthe eigen war und ſtatt deren wieder die ganze Ritterlichkeit anzunehmen, deren ſein Weſen faͤhig war. Honorine war uͤber die Veraͤnderung ihres Gemahls erſtaunt, aber noch mehr damit zufrieden; als er jedoch, mit wirklich ſtudirter Galanterie, ihr zum Gruße die Hand kuͤßte, laͤchelte ſie und fluͤſterte ihm ſchalkhaft ins Ohr: „Lieber Helleding, ſage mir, mit welcher Zauber⸗ ruthe biſt Du beruͤhrt worden?“ „Mit keiner andern, als der natuͤrlichen— dem Andenken an Deine Liebenswuͤrdigkeit, mein Kind! Man iſt fuͤr den Reiz, eine nette Frau zu haben, kei⸗ neswegs gefuͤhllos, wenn man ſie auch ſelten daran erinnert.“.. Nun begriff Honorine nicht das mindeſte. 13. Varon Sixtens Expedition. „Na, vorwaͤrts, Alter! Frau Walborg ſchwenkte die Peitſche in der Luft, acber der Alte war viel zu gut gepflegt worden— er war zu faul zum Springen. „Der Alte denkt wie ich, Mama, daß wir ſehr⸗ unrecht gethan haben, abzureiſen.“. „Schweig, Du dumme Paſtinake, die ſelbſt an Allem ſchuld iſt.“. „Ja, lieber Gott, das gebe ich ja zu, Mama! Ich war ſehr einfaͤltig... aber Du haͤtteſt auch den Oberſtlieutenant nicht um ſeinen Rath zu fragen ge⸗ braucht.“ „Rath, Rath— was quakſt Du denn da, Du gelber Entenſchnabel, uͤber Dinge, die Du nicht verſtehſt! Ich brauche Niemandes Rath, als meinen eigenen. Ich ſprach uͤber eine Ehrenſache und der alte, aufge⸗ blaſene Perraͤckenſtock antwortete mir ganz abſcheulich.ÜB —— —-;—;— 37 „Aber Du warſt gewiß auch nicht allzuhoͤflich, Mama.“ „Wasl! geht das Dir vielleicht etwas an, Jungfer Naſeweis— ſtecke doch Deine Stumpfnaſe nicht in Sachen, wo Du eins drauf kriegen koͤnnteſt.“ „Ach mein Gott, Mama, ich bin ja nun groß!* „Groß, wohl weil Du eine Zeitlang mit Hono⸗ rinen auf gleichem Fuße gelebt und die Mamelucken aus⸗ gezogen haſt? Aber warte nur, mein Sonnenroschen, wir wiſſen noch nicht, wo wir ein Dach uͤber unſer Haupt bekommen werden. Zu Hauſe haben wir weder Holz, noch Brot, noch ſonſt etwas und da iſt es einer⸗ lei, wo wir hingerathen.“ 1 „Aber wohin wollen wir denn fahren, liebe Ma⸗ ma? Laß uns doch Halt machen und erſt das uͤber⸗ legen.“ „Wie, haben wir denn nicht den ganzen Tag zum Ueberlegen und den morgenden ebenfalls? Wir werden uns wohl zum Anfange ein Quartier in einem Bauern⸗ hauſe ſuchen muͤſſen. „Welcher Unterſchiebke ſeufzte Jolli. „Nun, lerne nur einmal, Du Wurm, daß das ganze Leben aus lauter Unterſchieden beſteht. Ich er⸗ kenne Dich nicht mehr fuͤr meine Tochter an, wenn Du gleich anfaͤngſt zu winſeln, ſobald Du nicht mehr Braten und Gebaͤck zu eſſen haſt, von Domeſtiken be⸗ 38 dient wirſt und Dir einbilden kannſt, eine vornehme Dame zu ſein.“ „Ach, Mama!“ „Zum Gluͤck hat mir Honorine vorige Woche mein altes Achatarmband abgekauft, welches, wie ich glaube, nicht gerade ſo viel werth war, als ſie bezahlte, aber ſie hatte die Mittel dazu und deshalb machte ich keine Einwendungen. Auf dieſe Weiſe haben wir zu leben, ſo lange dies Geld ausreicht.“ „Ich bin uͤberzeugt,“ hob Jolli wieder an, die dem Geſpraͤch eine andere Wendung geben wollte,„daß der Oberſtlieutenant jetzt ſehr boͤſe auf Honorinen iſt. Die wird es ausbaden muͤſſen.“ „Das muͤſſen die Weiber immer,“ antwortete Frau Walborg muͤrriſch. „Und der freundliche Baron Sixten, Mama, der mir vorige Woche, als er in der Stadt war, eine Guitarre mitbrachte, der verdiente es gewiß nicht, daß ich ihn in eine ſolche Verlegenheit ſetzte.“ „Wer heißt ihm ſeinen Verſtand verſaufen!“ „Und dann die beiden Reiſenden... ach, wie aͤrgerlich— der Herr Poet Alexis und der lange, huͤbſche, junge Mann, der den Alten wieder auf den rechten Weg brachte... es waren ganz gewiß dieſel⸗ ben! Du weißt es wohl noch, Mama.“ 5 „Ach, dummes Zeug, der Alte wuͤrde ſich ſchon ſelbſt beſonnen haben und es wird das Beſte ſein, wenn — Q me he, 5 39 Du es auch ſo machſt und es nimmſt, wie Du es kriegſt, denn geſchehen iſt einmal geſchehen.“ „Wenigſtens werde ich wohl das Recht haben, zu weinen,“ ſagte Jolli, indem ſie heftig zu ſchluchzen anfing. „Na... marſch, marſch, Alter... raſch vor⸗ waͤrts und ſchaͤme Dich ein wenig... Na, jetzt weiß ich es, Jolli, mein kleiner Zeiſig, nun weiß ich, wo wir hinſteuern.“ „Nun, wo denn hin?“ „Zu Tante Nicka in Tromtebo.“ „Jeſus, was ſagſt Du, Mama!“ ſchrie Jolli auf.„Da ſterbe ich. Tante Nicka iſt ſo geizig, ſo zaͤnkiſch und ſo gottesfuͤrchtig, daß ich gewiß eingehe, wenn ich dorthin ſoll.“ „Tante Nicka iſt gut und da ſie von hier aus am naͤchſten wohnt und mit den Weihnachtsarbeiten immer viel zu thun hat, ſo werden wir ihr auch willkommen ſein und um ſo willkommener, als ſie des Abends gern ihre Partie Boſton ſpielt, wo ich den vierten Mann mache.“ Jolli ſeufzte tief und fuhr fort zu weinen. Aus den ſchoͤnen, eleganten Zimmern von Tju⸗ ſtorp, aus Honorinens bildender Geſellſchaft, von Mu⸗ ſik, Lectuͤre, Poeſie und allem Herrlichen, in Tante Nicka's widrigen, verraͤucherten, unwohnlichen Saal zu kommen, wo Jolli wie angeſchmiedet ſitzen und mit 40 ſiebenfachen Naͤhten die dicken, wollenen Kutten fuͤr zwei laͤrmende, ungezogene Jungen zuſammennaͤhen mußte— war es wohl moͤglich, einen ſolchen Tauſch einzugehen? „Aber nun habe ich das Gewinſel ſatt!“ ſagte Frau Walborg mit einer Stimme, die doch nicht ordent⸗ lich ſtreng klang, denn ihr Herz ward durch Jolli's Schmerz doch ein wenig geruͤhrt...„Aber was iſt denn das fuͤr ein Gewaltiger, der hinter uns hergeritten kommt?... Aha, ich ahne etwas!“ „»Ach, Baron Sixten, Mama,“ rief Jolli ſogleich und trocknete ſich die Augen.„Wie angenehm, wie an⸗ genehm, noch einmal ein liebes Geſicht zu ſehen, bevor ich ins Kloſter gehe.“ „Wiel“ ließ ſich jetzt Baron Sixtens Stimme hinter ihnen vernehmen,„ſoll Mamſell Jolli um meiner Suͤnden willen den Schleier nehmen?— Ach, das wird mein Gewiſſen niemals zugeben.“ „»Wie kommt es, daß der Herr Baron denſelben Weg zieht, wie wir?“ fragte Frau Walborg in einem Tone, der ſcharf war, wie ein Spieß. „Nun, das will ich mit wenigen Worten erklaͤ⸗ ren.. Aber iſt es nicht ein wenig zu kalt, um hier auf der offenen Landſtraße ein Geſpraͤch zu halten? Wie waͤre es, wenn wir in Vi, welches hier gerade vor uns liegt, zuſammen zu Mittag aͤßen?“ „Dazu ſage ich nicht Nein,“ antwortete Frau „Daz 9)„ fuͤr ihen uſch agte ent⸗ vlli's iſt tten leich an⸗ vor ame iner das ben nem klaͤ⸗ hier en? vor rau 41 Walborg, und auf ihrem Antlitz zeigte ſich bald die Morgenroͤthe eines Laͤchelns...„Aber dann laßt uns auch ſchnell machen— hopp, Alter, nun bekommſt Du Geſellſchaft... zeige jetzt einmal, was Du kannſt.“ Aber mit unbeſchreiblicher Hartnaͤckigkeit blieb der Alte bei ſeinem ſchwermuͤthigen Schritt. Es war klar, daß er in allen Punkten auf Jolli's Seite war und zum erſten Mal, waͤhrend Frau Wal⸗ borgs und des Alten langer Bekanntſchaft, trat der aͤrgerliche Fall eines wirklichen Zwiſtes ein. Denn jedesmal, wenn Frau Walborg rief:„Heda, Alter, zu, zu!“ antwortete der Alte mit einem Schnaufen und blieb ſtehen, anſtatt ſich in Trab zu ſetzen. Endlich war man angelangt. Der Baron beſtellte ein Mittagsmahl, ſo gut es zu bekommen war und nachdem Frau Walborgs Le⸗ bensgeiſter gehoͤrig erquickt worden— der Baron kannte ihren Geſchmack ganz genau— fragte er an, ob er nun ſeinen Auftrag vollbringen duͤrfe. „Ich fuͤhle mich jetzt beſſer aufgelegt, als heute Morgen— der Couſin ſpreche ſich daher ungenirt aus.“ Da Frau Walborg ſich des Couſintitels bediente, ſo ſtanden die Ausſichten natuͤrlich gar nicht ſchlecht. „Das werde ich, auf meine Ehre, beſte Tante! 42 Ja, ich will ganz einfach ſagen, daß ich nachgeritten bin, um ſelbſt daſſelbe vorzuſchlagen, was die Tante heute Nacht in einem Ausbruche gerechten Zornes vorſchlug und jetzt kann ich betheuern, daß ich wenigſtens ein⸗ mal mit voller Beſinnung dieſen Schritt gethan.“ „Ach, von dieſer Geſchichte wollen wir doch gar nicht wieder ſprechen!“ rief Jolli erroͤthend. Aber Frau Walborg warf ihrer Tochter einen Blick zu, der ſich leicht in die Worte uͤberſetzen ließ: Schweig, Du Naſeweis, und laß mich antworten. „Mein lieber Couſin,“— jetzt war von nichts als von Couſins die Rede—„ich weiß nicht, das will ſagen, ich bin nicht vollſtaͤndig uͤberzeugt, ob der in Frage ſtehende Entſchluß des Couſins voller Ernſt iſt?“ „Ja, auf Treue und Ehre!“ „Gut— aber dann erklaͤre man ſich!“ „Die Sache ſcheint auf den erſten Anblick beinahe wie ein Scherz.. „Wie?“ „... wie ein Scherz, wiederhole ich und alle klu⸗ gen Leute wuͤrden daſſelbe ſagen, wenn ſie jetzt davon ſprechen hoͤrten.“ „Aha, ich verſtehe, der Couſin bietet uns eine auf die Zukunft geſtellte Anweiſung.“ „Die Tante waͤhlt eigenthuͤmliche Ausdrücke aber dieſelben haben die Eigenſchaft, daß ſie meine Gedanken ſo g koͤn Ran rend Zwe weit dreif ſagt will inden 43 ſo gut verdeutlichen, daß ich ſelbſt es nicht beſſer thun koͤnnte, wahrhaftig.“ „Nun, und dann weiter?“ „Nach fuͤnf Jahren bin ich ſchuldenfrei und beſitze Ramsberg wieder ohne Laſten— die Einkuͤnfte waͤh⸗ rend dieſer fuͤnf Jahre decken die Hypotheken.“ „Ja, wenn der Couſin ſie deckt.“ „Das iſt außer aller Frage, wenn ich einmal einen Zweck im Auge habe.“ „Hm, hm!“ „Ich ſage, daß es beſtimmt iſt und Zeit iſt dabei weiter auch nicht verloren. Ich bin dann ſieben und dreißig Jahre alt und Jolli ein und zwanzig... was ſagt die Tante dazu? „Daß der Vorſchlag nichts taugt.“ „Daß er nichts taugt?“ „Gehe einmal in das Nebenzimmer, Jolli— ich will mit dem Couſin ein paar Worte allein ſprechen.“ „Aber auf alle Faͤlle,“ ſagte das junge Maͤdchen, indem ſie aufſtand und mit furchtſamem Blick ihre Mutter betrachtete,„bin ich noch nicht confirmirt— das vergiß nicht, Mama.“ Frau Walborg machte blos eine ſtumme Bewe⸗ gung nach der Thuͤr und Jolli verſchwand. „Nun, meine beſte Tante, was werde ich nun hoͤren, was ich mir nicht ſchon ſelbſt geſagt?“ „Der Couſin erlaube mir, zu fragen, ob es wahr 44 iſt, was man in Bezug auf die Veranlaſſung erzaͤhlt, welche den Couſin bewog, vor einigen Jahren aus dem Dienſte zu treten.“ „Darauf wird es mir ſchwierig ſein, zu antwor⸗ ten, ſo lange ich nicht weiß, was man daruͤber erzaͤhlt hat, Tante.“ „Honorine hat es geſagt.“ „Dann,“ ſagte Baron Siyten,„iſt es, was es auch ſonſt ſein mag, die Wahrheit.“ „Aha!“ „Einer von des Couſins Freunden— ich moͤchte wiſſen, wie viel er deren eigentlich haͤtte— hatte ſich in eine reiche, junge Buͤrgerstochter verliebt und doch war es ihm als Unterlieutenant nicht moͤglich, zu hei⸗ rathen. Aber der Unterlieutenant hatte keine Hoffnung auf Befoͤrderung, denn der, welcher ihm im Wege ſtand, konnte ſeinerſeits ebenfalls nicht ſobald weiter befoͤrdert werden.“ „Nun, und?“ „Nun— Couſin Siyten konnte die tiefen Seuf⸗ zer ſeines guten Freundes nicht laͤnger mit anhoͤren. Eines Tages ſagte der Couſin: Wir muͤſſen auf irgend ein Mittel ſinnen, daß Du gluͤcklich werden kannſt. Und ſo fiel es dem Couſin ein, Abſchied zu nehmen, um ſeinem Freunde den Weg frei zu machen.“ Baron Sirten gab folgende einfache Antwort: verm die U keit bekla⸗ rakte das! nicht zaͤhlt, 3 dem ꝛtwor⸗ rzaͤhlt as es noͤchte te ſich d doch u hei⸗ fnung ſtand, foͤrdert Seuf⸗ hoͤren. irgend kannſt. ehmen, 8rt: 45 „Das war in demſelben Jahre, wo Honorine ſich vermaͤhlte.“ Frau Walborg ſagte noch einmal:„Hm!“ „Ich konnte ohne meinen Dienſt leben und habe die Unabhaͤngigkeit immer allem Andern vorgezogen.“ „Ach, mein beſter Couſin wird meine Aufrichtig⸗ keit entſchuldigen, aber der Couſin iſt wirklich ein recht beklagenswerther und alberner Menſch.“ „Und die Tante ein ſtrenger Richter.“ „Ich bin blos gerecht— Leute von ſolchem Cha⸗ rakter, wie der Couſin...... Leute, die ſich ſtets in das letzte Glied ſtellen...“ „Nun, was iſt denn mit dieſen?“ „Nun, mit dieſen kommt es endlich dahin, daß ſie, wenn ſie auch nicht, wie man gewoͤhnlich zu ſagen pflegt, der Commune, doch wenigſtens ihren Freunden zur Laſt fallen, was vielleicht noch ſchlimmer iſt... Ja, ja, beherzige der Couſin meine Worte: Es iſt ge⸗ wiß nicht angenehm, auf ſeine alten Tage bald hier, bald da zu wohnen und ſich mit ſauren Mienen und einem Winkel in der Dachkammer begnuͤgen zu muͤſſen.“ „Die Tante weiß gut zu ſchildern.“ „Der Couſin wird vielleicht ſagen, daß ich aus Erfahrung ſpreche und zum Theil iſt es vielleicht auch ſo. Es iſt aber doch ein bedeutender Unterſchied. Zu⸗ erſt und vor allen Dingen habe ich mein Beſitzthum nicht verſchwendet, ſondern die Sachen zuſammengehal⸗ 46 ten, ſo lange mein ſeliger Mann lebte. Als er ſtarb, eben fielen ſie von ſelbſt auseinander, denn es war nichts im mehr da, womit ich ſie haͤtte zuſammenhalten koͤnnen. Zweitens koͤnnen Frauenzimmer in einem Hauſe eine Menge Nutzen ſchaffen, wovon bei einem Junggeſellen ſchla nicht die Rede ſein kann, der hoͤchſtens beauftragt wird, die kleinen Kinder zu wiegen und fuͤr die etwas groͤße⸗ ren Kartenhaͤuſer zu bauen.“ Sta Selbſt fuͤr Baron Siytens geduldiges Gemüͤth wird war das Gemaͤlde ſeiner Zukunft, welches Frau Wal⸗ auf borg zu coloriren im Begriff ſtand, etwas zu grell. Wor „Es thut mir leid,“ ſagte er,„daß meine Gut⸗ heißs muͤthigkeit zu nichts weiter gefuͤhrt hat, als dieſe trau⸗ 1 rigen Betrachtungen hervorzurufen. Ich hatte mir Zim vorgeſtellt, daß mein Vorſchlag annehmbar waͤre und daß ich, in Folge deſſen, mir die Freude machen moͤg. koͤnnte, die Tante und die kleine Jolli wieder mit zu⸗ ſtatt ruͤckzufuhren— dagegen finde ich aber, daß die Tante zu G ſelbſt auf andre Gedanken gekommen iſt.“ helfe „Es war der Zorn, der in der Nacht meine Zunge beherrſchte. Und der Couſin hatte wirklich Ur⸗ ſache, ſich auf eine Entſchuldigung gefaßt zu machen.“ Rat! „O, beſte Tante, der Fehler war mein. Ich er⸗„ roͤthe, wenn ich nur daran denke.“ 2 „Der Couſin kann nicht mehr thun. Auf aͤle ſteck Faͤlle aber war die Idee mit Jolli doch nicht ſo un⸗ mit tarb, ichts men. eine ſellen wird, roͤße⸗ muͤth Wal⸗ Gut⸗ trau⸗ mir und achen t zu⸗ Tante meine ) Ur⸗ hen.“ ch er⸗ f alle 5 un⸗ 47 eben, denn dadurch haͤtte dem Hin⸗ und Herziehen im Alter vorgebeugt werden koͤnnen.“ „Aber die Tante mißbilligte ſie ja eben?“ „Ja, auf die Weiſe, wie der Couſin den Vor⸗ ſchlag machte.“ „Nun, wie ſollte es denn gemacht werden?“ „Hoͤre mich doch, Couſin... ein Mann, der im Stande geweſen iſt, fuͤr ſeine Freunde Alles aufzuopfern, wird nach fuͤnf Jahren auch nicht den Muth haben, auf alle Bitten und Vorſchlaͤge mehr als ein einziges Wort zu ſagen und dieſes Wort wird nicht Nein heißen.“ Der Blick des Barons haftete an der Decke des Zimmers. „Innerhalb fuͤnf, ja vielleicht in vier Jahren, moͤglicherweiſe auch ſchon in drei, wird der Couſin, an⸗ ſtatt ſeine Angelegenheiten geregelt, dieſelben ſo total zu Grunde gerichtet haben, daß ihnen nicht mehr aufzu⸗ helfen iſt.“ Baron Siyten fuhr fort, zu ſchweigen. „Will der Couſin, daß ich ihm jetzt einen guten Rath gebe?“ „Ich werde der Tante dafuͤr ſehr verbunden ſein.“ „Es iſt dieſer: obſchon der Couſin in Schulden ſteckt, bis uͤber die Ohren, ſo verheirathe er ſich doch mit Jolli naͤchſtes Fruͤhjahr, ſobald ſie confirmirt iſt.“ 48 „Aber was, um Gottes willen, ſollte denn daraus werden?“ „Nun, weiter nichts, als daß, anſtatt eines Paͤch⸗ ters, eines Inſpectors und allem dergleichen teufliſchen Ungeziefer, ich die Guͤter des Couſins verwalte. Ich verſtehe mich darauf, und obſchon ich ſo ziemlich weiß, wie die Angelegenheiten des Couſins ſtehen, ſo bin ich doch gut dafuͤr, daß das Vorhaben des Couſins, binnen fuͤnf Jahren ſeine Schulden bezahlt zu haben, ſtatt einer Phantaſie, eine Wirklichkeit ſein wird.“ „ Aber..“ „Aber, meint der Couſin, dann koͤnnte nicht ſo ge⸗ lebt werden, wie zeither und darin hat der Couſin recht. Und uͤberdies wird der Couſin, wenn er an der Seite einer jungen, arbeitſamen, heiteren und huͤbſchen Frau — Jolli ſieht ganz huͤbſch aus— an dem haͤuslichen Leben Geſchmack findet— die alte Zeit des Schwel⸗ gens nicht laͤnger vermiſſen.“ „Aber... „Und was die Geſchaͤftsangelegenheiten betrifft, welche der Couſin eben ſo wenig zu handhaben verſteht, als ein kleines Kind, ſo nehme ich dieſe ganz und gar auf mich. Dagegen werde ich den Couſin lehren, ein tuͤchtiger Landwirth zu werden, das vornehmſte Hand⸗ werk, was ein Mann treiben kann.“ „Das iſt moͤglich,“ antwortete Baron Siyten, als er an die Reihe kam, ſeine Meinung auszuſprechen, araus Paͤch⸗ iſchen Ich weiß, in ich innen ſtatt ſo ge⸗ recht. Seite Frau gllichen chwel⸗ etrifft, rſteht, id gar 7, ein Hand⸗ n, als reechen, 49 ves iſt moͤglich, daß der Plan der Tante der beſte iſt, aber, aufrichtig geſagt, wuͤrde ich zu ſehr unter Vor⸗ mundſchaft kommen.“ „Es kommt ganz auf den Couſin an, wie er die Sache betrachten will. Es waͤre dies wenigſtens eine weit vernuͤnftigere Vormundſchaft, als die weit ſtren⸗ gere, in welcher der Couſin jetzt von ſeinen eigenen Nei⸗ gungen gehalten wird.“ 3 „Auch das kann moͤglich ſein, aber ich fuͤhle, daß dieſer ganze Vorſchlag niemals uͤbereinſtimmend mit... „Der Couſin braucht ſich nicht die Muͤhe zu neh⸗ men, ganz auszureden— wir haben beiderſeits unſere Bedingungen geſagt, und da wir keins mit denen des andern zufrieden ſind, ſo iſt die Unterhandlung zu Ende, denn fuͤr Jolli, das arme Kind, iſt es beſſer, ganz frei, als auf ſolche Weiſe gebunden ſein.“ „Das iſt die ganz beſtimmte Meinung der Tante?“ „Verſteht ſich! Man ſoll nicht ſagen, daß ich eine Thorheit begangen, um meine Tochter ein paar Jahre lang die Braut eines Barons nennen zu hoͤren. Um aber dem Couſin meine Dankhbarkeit fuͤr ſeine ehr⸗ liche Abſicht zu bezeigen, will ich ihm einen kurzen Be⸗ weis meiner Achtung geben.. nicht wahr, der Couſin moͤchte Honorinen gern einen Dienſt erzeigen?“ „Was ſagt die Tante?“ fragte der Baron er⸗ roͤthend. Ein Gerücht. V. 4 1 50 „Weiter nichts, als daß der Couſin ſich nicht zu ſchaͤmen braucht, einer der wenigen Maͤnner zu ſein, die ihre Treue mit Ehren bewahrt haben und daß, obſchon es fuͤr den Couſin in jeder Hinſicht am Beſten geweſen waͤre, wenn er meinen Rath angenommen haͤtte, ich doch daruͤber ſo wenig ungehalten bin, daß ich ihm das Anerbieten mache, Jolli wieder nach Tjuſtorp mitzu⸗ nehmen, womit ich das Verſprechen verbinde, daß uͤber dieſe Geſchichte niemals ein Wort uͤber meine Lippen kommen ſoll.“ „Ach, beſte Tante, meine Dankbarkeit, meine ewige...“ „Ach, dummes Zeug da, der Dienſt iſt ein wech⸗ ſelſeitiger. Der Couſin wird Honorinen ein Vergnuͤ⸗ gen machen und dem Oberſtlieutenant verſichern, daß, indem ich meine Tochter verlaſſe, von der ich mich noch niemals getrennt, ich damit ein Unterpfand gebe, daß aller Groll zwiſchen uns vergeſſen iſt. Ich dagegen, die ich weiß, wie langweilig fuͤr mein kleines Taͤubchen der Aufenthalt bei Tante Nicka auf Tromtebo geweſen waͤre, wohin ich mich begeben werde und wo ich fuͤr meinen Theil mich ganz wohl befinde, ich freue mich, daß ich nicht blos um ihretwillen ohne Sorgen ſein kann, ſondern daß ich ſie ſogar in den allerbeſten Haͤn⸗ den weiß; denn das kann man von Honorinen fagen.“ „Aber iſt es unmoͤglich, daß die Tante ſelbſt.... „Ja, es iſt vollkommen unmoͤglich, meinen Ent⸗ teltaͤ Dan ja a Freil ſelbſt 51 ſchluß wankend zu machen. Der Oberſtlieutenant und ich vertragen uns am beſten, wenn wir nicht beiſam men ſind— und nun kein Wort mehr... komm' her⸗ ein, Jolli!“ Und Jolli, die vor der Thuͤr geſtanden und die ganze Conferenz mit angehoͤrt hatte, war ſogleich zur Hand. „Du wirſt nicht Baroneſſe, mein Herzblaͤttchen, aber Du wirſt ſtatt deſſen dem Baron Sirten nach Tjuſtorp folgen.“ »Mit dieſem Erſatz bin ich gern zufrieden,“ ſagte Jolli, indem ſie dem Baron lachend die Hand reichte. „Und ich,“ ſagte der Baron, der ebenfalls ein Laͤ⸗ cheln nicht unterdruͤcken konnte,„bin mit meinem Er⸗ ſatz auch zufrieden.“ „Nun, dann iſt Alles gut, ausgenommen, daß es mir Unruhe macht, die Mama zu verlaſſen— ja, es macht mich ordentlich aͤngſtlich, jetzt, wo es nun ſo weit kommt.“ „Die Angſt kannſt Du Dir erſparen, mein Tur⸗ teltaͤubchen, denn Deine Mutter weiß ſich, Gott ſei Dank, auch allein durchzuhelfen. Und dann habe ich ja auch den Alten und Deine Briefe(und meine edle Freiheit, ſetzte Frau Walborg in Parentheſe fuͤr ſich ſelbſt hinzu).“ Die Sache war naͤmlich die, daß es in Tjuſtorp 4* vornehm zuging. Ueberdies hatte das Gefuͤhl, daß ſie ſich in dem Hauſe ihres vormaligen Anbeters befand, die Folge, daß ſie ſich hier ihren Lieblingsgewohnheiten nicht ſo unge⸗ hindert uͤberlaſſen konnte, wie ſie an ihren alten, bekann⸗ ten Orten that. 4 Tante Nicka auf Tromtebo hegte gewiſſe, mit Frau Walborg ſympathiſirende Gefuͤhle, nur mit der Ausnahme, daß Frau Walborg niemals die Fromme ſpielte. Aber ſie vertrugen ſich gut mit einander und gingen auch in ihren geſellſchaftlichen Vergnuͤgungen nicht uͤber die Grenzen der Maͤßigung hinaus. fuür Frau Walborg, welche den Zwang haßte, viel zu ſche lieu er 1 zu dem „daß unge⸗ kann⸗ mit it der omme r und ungen Hand hin. 14. Ein Abend in Honorinens Heiligthum. Das Mittagsmahl auf Viuttorn war, wie wir ſchon erzaͤhlt haben, durch die gute Laune des Oberſt⸗ lieutenants belebt worden, aber es iſt ungewiß, wie weit er den ganzen Abend— die Herren hatten verſprechen muͤſſen, bis zum naͤchſten Tage zu verweilen— gegen die beſtaͤndige Kaͤlte und Steifheit von Philipps Seite haͤtte Stand halten koͤnnen, wenn nicht Baron Siyrten mit ſeiner Eroberung dazu gekommen und den kleinen Kreis wieder belebt haͤtte, der, wie auch Honorine ein⸗ ſah, ſowohl zu groß, als zu klein war. Jolli tanzte in Honorinens Arme. „Ich bin da, ich bin wieder da, ich bin dem ent⸗ ſetzichen Tromtebo entgangen... Wollt Ihr mich aber auch wiederhaben?“ Sie reichte dem Oberſtieutenant die andere 54 „Die kleine Freundin iſt auf Tjuſtorp ſtets will⸗ kommen... aber ich ſehe nicht...“ Der Oberſtlieutenant war ganz gluͤckſelig, daß er nicht ſah, aber er wußte, was der gute Ton verlangte. „Es war unmoͤglich, die Tante wieder mit zu⸗ ruͤckzubringen,“ ſagte der Baron,„denn ſie hatte ſich ſchon aufs beſtimmteſte einer anderen alten Freundin verſprochen. Aber Mamſell Jolli bleibt auf lange Zeit hier in Penſion und nach dem, was die Tante ſelbſt ſagte, als ein Unterpfand ihrer freundlichen Geſinnung.“ Mit wahrem Entzuͤcken druͤckte der Oberſtlieute⸗ nant dem Baron Siyten die Hand. Niemals hatte dieſer ſo hoch in Gunſt geſtanden. Und nun fanden die Vorſtellungen ſtatt. Zwiſchen dem Baron und dem Poeten wollte kein rechtes Geſpraͤch in Gang kommen, aber zwiſchen Dick und Jolli ward es deſto lebhafter. Ehe noch eine Stunde verfloſſen war, hatte Jolli verſprochen, Dick die Sachrcha vorzutanzen, wogegen Dick verſprach, ſobald als moͤglich nach Hauſe zu ſchrei⸗ ben, um aus ſeinem eingepackten Muſeum— welches natuͤrlich vor allen Dingen erwaͤhnt ward— ein Paar Caſtagnetten und uͤberdies zwei oder drei ganz beſonders ſcherzhafte Coſtuͤme ſchicken zu laſſen, welche Jolli an⸗ probiren und von Dick geliehen bekommen ſollte, daſern ſie paßten. Weiter kamen ſie uͤberein, bei der erſten Schlit⸗ will⸗ ß er ngte. zu⸗ ſich ndin Zeit elbſt ng.“ eute⸗ hatte kein Dick Jolli egen hrei⸗ lches Paar ders an⸗ rfern hlit⸗ 5⁵ tenbahn eine Schlittenpartie zu machen und einen Schlittſchuhwettlauf anzuſtellen. Es war kaum moͤglich, auf ein Mal mehr Ver⸗ abredungen zu treffen. „Ich bin ganz entzuͤckt, daß Herr Sorenius hier⸗ hergekommen iſt,“ ſagte Jolli. „Und ich,“ antwortete Dick,„waͤre in der Einſie⸗ delei noch vor Langeweile geſtorben, wenn mir nicht dieſe angenehme Zerſtreuung geworden waͤre. Ich, der ich viel gereiſ't und in der neuen Welt geweſen bin, liebe Munterkeit und Bewegung.“ „Aber warum bleibt denn dann Herr Sorenius draußen im Gebirge?“ „Ja nun, lieber Gott, das iſt ganz natuͤrlich, wenn Philipp dort iſt! Ich liebe ihn mehr, als alles Andere.“ „Ich habe keine ſo nahe Freundin!“ bekannte Jolli, waͤhrend ſie, eifrig auf die Blaͤtter des Kupferwerks bla⸗ ſend, eins nach dem andern umwendete, waͤhrend Dick, der ganz allein mit ſeiner jungen Geſellſchafterin den großen runden Tiſch einnahm, die Lampe bald ſo, bald ſo ſchob, daß ſie beſſer fuͤr Jolli leuchten ſollte, denn die Unterhaltung ward gefuͤhrt, waͤhrend man die Bil⸗ der anſah. „Ich glaubte,“ ſagte unſer Freund Dick,„daß die Oberſtlieutenantin...“ 56 „Ja, ja, die liebe ich ſehr, aber ſie ſteht in Allem ſo hoch uͤber mir.“ „Daſſelbe Verhaͤltniß wie zwiſchen mir und Philippl⸗ „O, das kann ich nicht glauben!“ „Es iſt gleichwohl die reine Wahrheit. Er iſt Ge⸗ lehrter und Dichter und ein Mann mit ſo uͤbertrieben feinen Gefuͤhlen... ich meine ſchoͤnen... nein, ich meine hohen... oder richtiger geſagt, zu hohen— Sie verſtehen mich, Mamſell Jolli... ach, ich bitte um Verzeihung, daß ich in der Eile Mamſſell Jolli ſagte.“ „Das thut nichts.“ „„ Sie ſind ſehr guͤtig— Mamſell Stureſon iſt ein ſehr langer Name.“ „Nun ſo ſagen Sie, wie eben jetzt.“ „Mamſell Jolli?“ „Ja, denn wenn Herr Dick... ach lieber Gott, jetzt habe ich mich verſehen.“ „Nein, gewiß nicht— es klingt Fr freundlich.“ „Das iſt wahr und ich wollte ſagen, damit wir noch, wenn wir oft zuſammen kommen, uns daran ge⸗ woͤhnen werden, ſtatt des Zunamens den Vornamen zu ſagen, ſo koͤnnten wir ja eben ſo gut gleich jetzt da⸗ mit anfangen.“ „Mir fuͤr meinen Theil,“ hob Dick wieder an, indem er die Lampe noch naͤher an Jolli's Locken 57 ruͤckte, iſt es gerade, als wenn wir alte Bekannte waͤren.“ „Und mir auch, von dem Augenblicke an, wo Herr Dick an der gefaͤhrlichen Stelle uns ſo ſchnell zu Huͤlfe kam.“ „Ja, von dieſer Zeit an habe auch ich... Aber wollen Sie nicht die Guͤte haben, Mamſell Jolli, mir einige der Kartenkuͤnſte zu zeigen, von welchen wir ſo eben ſprachen?“ „Findet Herr Dick Geſchmack an Kartenkuͤnſten?“ „Ja, ich bin ſelbſt in dergleichen Zauberei ein we⸗ nig zu Hauſe. Und als ich meine große Reiſe machte, traf ich eine Creolin, eine ſehr junge und ſchoͤne Dame, die einigen Werth auf meine kleine Fertigkeit legte.“ „Das glaube ich ſchon— die Creolinnen werden von ſolchen Dingen noch nicht viel geſehen haben! Und war ſie ſchoͤn, konnte ſie auch ſingen und tanzen?“ „Sie konnte Alles und ſchoͤn war ſie mehr als hinreichend. Aber ein Theil der Schoͤnheit iſt nicht ſo ſchoͤn, wie der andere, der vielleicht nicht der ſchoͤnſte iſt.“ „Wie poetiſch Herr Dick zu ſprechen verſteht!“ „Mamſell Jolli iſt allzuguͤtig! Es iſt allerdings moͤglich, daß ein wenig von Philipps Poeſie an mir haͤngen geblieben iſt; ich habe oft ſeine Verſe in's Reine geſchrieben, denn meine Handſchrift iſt huͤbſcher, als die ſeinige.“ 58 „Ach wie beneide ich Jeden, der eine ſchoͤne Hand ſchreibt.“ „Aber nicht mich, hoffe ich— ich habe ſo wenig Verdienſte, aber wuͤnſchte recht viele zu haben, nicht ſo⸗ wohl um meiner ſelbſt, als um meines Sohnes willen.“ „Lieber Gott, iſt Herr Dick denn verheirathet?“ „Nein, Mamſell Jolli, ich ſpreche von meinem Adoptivſohn, eigentlich Philipps Sohn, der aber uns Beiden gehoͤrt. Ich heirathe niemals!“ Die Unterbrechung, welche Jolli jetzt in ihrer un⸗ ſchuldigen Ueberraſchung entſtehen ließ— obſchon ſie nicht ſehr lange dauerte— wollen wir benutzen, um einen Blick auf zwei der intereſſanten Fenſtervertiefun⸗ gen zu werfen. In der einen ſaß der Oberſtlieutenant und ſpielte Dame mit dem Baron Sirten; in der anderen ſaßen Honorine und Philipp. Sie naͤhte an einer Tapiſſerie⸗ arbeit, er beſchaͤftigte ſich damit, mechaniſch ihren Sei⸗ denknaͤuel auf⸗ und zuzuwickeln. Das Geſpraͤch in dem erſten Kabinet lautete ſo: „Der Teufel,“ murmelte der Oberſtlieutenant, „war das denn Dein Ernſt?“ „Ja gewiß und ich glaube, es waͤre gar nicht uͤbel geweſen, wenn es durchgegangen waͤre— eine Heirath hat einen liederlichen Menſchen oft ordentlich gemacht.“ „Ich wuͤrde niemals geglaubt haben, daß ſie den Verſtand gehabt haͤtte, Deinen Antrag zuruͤckzuweiſen“ hinz „80 gewe haſt. Diñ hoch unte Frar was ſagte den gert lieute ſpraͤc erreic DHand denig t ſo⸗ len.“ 29 nem uns un⸗ ſie um fun⸗ jelte aßen erie⸗ Sei⸗ 59 „Den Verſtand?“ „Sie ſah ganz klar,“ ſetzte der Oberſtlieutenant hinzu, ohne auf den Einwurf des Barons zu achten. „Denn ſiehſt Du, das waͤre eine Verlobung in der Luft geweſen. Auf alle Faͤlle freut es mich jedoch, daß.. e daß.. 5 „Was freut Dich eigentlich?“ „Nun, daß Du uͤberhaupt an's Heirathen gedacht haſt. Ich werde Dir eine reiche Frau ſuchen helfen .. denke, wenn Honorine ihre Freundin Adele an Dich verkuppeln koͤnnte— das waͤre etwas!“ „Nein, ich danke,“ ſagte der Baron lachend,„ſo hoch erſtrecken ſich meine Wuͤnſche nicht. Da kaͤme ich unter ein noch ſchlimmeres Commando, als ſelbſt der Frau Walborg.“ Er nahm ſich nicht die Muͤhe, naͤher zu erklaͤren, was er unter Frau Walborgs Commando verſtand; er ſagte dem Oberſtlieutenant nichts von dem Vorſchlag, den die wuͤrdige Frau gemacht und den er ſich gewei⸗ gert einzugehen. Es war hinreichend, daß der Oberſt⸗ lieutenant wußte, Sirten koͤnne an's Heirathen denken. „Erlauben Sie mir,“ ſagte Philipp, als das Ge⸗ ſpraͤch an dem großen Tiſche ſeinen lauteſten Gipfel erreichte und das Geklapper der Damenſteine das leiſere 60 Geſpraͤch unhoͤrbar machte, welches in dem zweiten Ka⸗ binet gefuͤhrt ward,„erlauben Sie mir, Ihre Gedan⸗ ken auf das Thema zuruͤckzufuͤhren, uͤber welches wir heute Vormittag ſprachen.: „Mein beſter Herr Thurns, ich fuͤrchte, daß das, was ich ſagte, ſchon zu viel war, wenigſtens von mir ganz ungehoͤrig.“ „Weder das eine, noch das andere. Aber wenn es mir erlaubt iſt, moͤchte ich, ſelbſt auf die Gefahr hin, weniger zartfuͤhlend zu erſcheinen, eine Frage voraus⸗ ſchicken.“ „Nun, ſo fragen Sie!“ „Iſt vielleicht ein kleines Gedicht, ein gewiſſer Schwanengeſang, das Erzeugniß der wachenden Traͤume meiner ſchlafloſen Naͤchte, zu Ihrer Kenntniß gekommen, gnaͤdige Frau?* „Wer hat nicht von den Verſen ſprechen hoͤren, welche dieſe Traͤume ins Leben gerufen haben, wer haͤtte ſie nicht geleſen!“— „Nun wohl, ſie waren nicht beſtimmt, in die Haͤnde des Publikums zu kommen. Durch einen Um⸗ ſtand, den ich bei einer andern Gelegenheit erzaͤhlen will (jetzt ſage ich blos, daß es ganz und gar ohne mein Zu⸗ thun geſchah) ſind ſie in die Oeffentlichkeit gelangt und haben ihrem Verfaſſer einen nicht ſehr beneidens⸗ werthen Ruf verſchafft. Inzwiſchen.. 4 „Inzwiſchen?“ 4 Ka⸗ dan⸗ wir das, mir n es hin, aus⸗ iſſer nden atniß oͤren, haͤtte n die Um⸗ will Zu⸗ langt dens⸗ 61 „... da ſie nun einmal der Oeffentlichkeit ange⸗ hoͤren, kann ich mir wohl die Frage erlauben, ob⸗Sie, gnaͤdige Frau, dieſelben zu derſelben Klaſſe rechnen, wie jene Kleinigkeiten, welche in einer Auflage lange genug gelebt zu haben ſcheinen?“ „Mein beſter Herr Thurné, wenn ich jetzt auf⸗ richtig antworten ſollte, ſo bedenken Sie, daß Sie ſelbſt dieſe Aufrichtigkeit hervorgerufen haben.“ „O, das werde ich nie vergeſſen.“ „Und bedenken Sie ferner, daß das Urtheil einer einzigen Perſon von keinem großen Gewicht iſt.“ „Das kommt darauf an, ob dieſe Perſon Urtheils⸗ vermoͤgen hat und darauf kann man...“ „Ach, legen Sie mir nicht mehr Gewicht bei, als ich mir ſelbſt geben will... Sie fragen mich, ich ant⸗ worte.“ „Nun wohl, gnaͤdige Frau— Sie antworten alſo... „... daß ich dem Gedicht, wovon wir ſprechen, nicht einen ſo ausgemachten Werth zuſprechen kann, als man darin ſehen will.“ „Ah.“ „Nach meiner Anſicht hat das Publikum ſich von der intereſſanten Geſchichte beſtechen laſſen, die mit dem Gedicht zugleich bekannt geworden iſt.“ 62 „Aber ſagen Sie, was fehlt denn dann?“ G Die dunkle Wolke, welche ſchon einen Augenblick auf Philpps Angeſicht geruht, verſchwand und ließ es faſt noch bleicher, als es vorher war. „Ach, ich getraue mich nicht zu ſagen, was ihm, nach meiner Meinung, fehlt.“ „Ach ja, ich bitte darum!“ rief Philipp, mit reiz⸗ barer Heftigkeit. ſchie „Nun, wenn Sie es durchaus wollen... ich 4 glaube, es fehlt ihm Wahrheit.“ das „Wahrheit?“ wiederholte er bitter—„Hier fehlte che Wahrheit?“ hen „Mir iſt es ſo vorgekommen.“ den „ Aber das iſt ja unmoͤglich!“ ſuche „ Und warum das?“ ten, „Deshalb, weil, wenn man auch von dieſer Ergie⸗ man ßung eines verwundeten Herzens alle moͤglichen Ver⸗ dienſte in Abrechnung bringt, doch wohl nicht laͤugnen Kopf kann, daß es die Klage eines verzweifelten Gatten iſt.“ „Wer laͤugnet das? Gefu „Gunaͤdige Frau, ich bitte— ſprechen Sie entwe⸗ von der offen, oder laſſen Sie uns uͤber dieſen Gegenſtand auf, abbrechen!“ 4 gen „Ich ſpreche ſo offen, daß ich fuͤrchte, Sie werden mir niemals verzeihen koͤnnen... Ein verzweifelter maſh ablick ß es rgie⸗ Ver⸗ gnen iſt. atwe⸗ ſtand erden felter 63 Gatte kann ja darin Linderung ſuchen, daß er ſeine Schmerzen uͤbertreibt.“ „Was folgt daraus weiter?“ „Daß alles Uebertriebene nicht recht natuͤrlich iſt.“ Honorine ſtockte. „Fahren Sie fort.“ „Und was nicht recht natuͤrlich iſt, kann leicht ſchief werden.“ „Ich fange an zu verſtehen... aber wie ſieht das Schiefe aus?“ „Es ſieht aus, wie das Gedicht, wovon wir ſpre⸗ chen— eine unermeßliche Tiefe von ſchwellenden, wei⸗ chen, ſchoͤnen, hinreißenden Worten. Wenn man aber den Muth und den Willen hat, die Gedanken zu ſuchen, die doch in dieſen Worten enthalten ſein ſoll⸗ ten, dann wird man nicht ſo leicht das finden, was man ſucht.“ Philipp machte blos eine Geberde: er hob den Kopf empor. „Sie koͤnnen mir hierauf antworten, daß es das Gefuͤhl iſt und nicht der Gedanke, was in dieſer Art von Gedichten ſich ausſpricht; aber ich ſage Ihnen dar⸗ auf, daß ein tiefes und wahres Gefuͤhl nur einer gerin⸗ gen Quantitaͤt Worte bedarf. Es iſt die Phantaſie, welche Sie gebraucht, um Ihrem Rauſche Luft zu machen.“ 64 Hier ließ Philipp den Kopf wieder ſinken, fuhr aber fort, zu ſchweigen. „Sehen Sie, daß Sie unrecht hatten, mein Urtheil wiſſen zu wollen.“ Honorine ſagte das mit dem Tone verſoͤhnender Innigkeit. Gleichwohl ſprach ſie jetzt gegen ihre eigene Ueber⸗ zeugung, denn dieſe ſo fein⸗ und zartfuͤhlende Frau wuͤrde nicht im Stande geweſen ſein, Alles ſo offen her⸗ auszuſagen, was ſie jetzt geſagt, wenn ſie nicht voll⸗ kommen uͤberzeugt geweſen waͤre, daß gerade dieſer dop⸗ pelte Stoß fuͤr Philipps Eigenliebe und Schwermuth ſeine Gedanken aufſtacheln und dadurch ſeinem ewigen Kummer entreißen wuͤrde. Nachdem ſie einmal dieſen Zweck erreicht, wollte Honorine mit leichter Hand die Wunde heilen, die ſie geſchlagen und gleichzeitig verſuchen, mit ihrer Ruhe und zarten Vernunft auf den verzweifelten, gefuͤhlvollen und reizbaren jungen Mann einzuwirken, der ſo ſehr eines Freundes bedurfte, welcher mehr Erfahrung beſaͤße, als der gute Dick, eine Freundin, denn Honorine wußte recht wohl, was eine junge, gebildete Frau uͤber einen Mann vermag.* Nach einigen Augenblicken des Schweigens, wel⸗ ches Honorine mit Fleiß nicht brechen wollte, antwortete Philipp in einem Tone heldenmuͤthiger, aber heftiger Entſchloſſenheit: hoͤre chen Inſ Stuͤ ſen die zeuge kaun wie impo Wor nahe verm rend tigkei ein C Frau ihm ſ ein K Jolli Ein aber theil nder ber⸗ Frau her⸗ voll⸗ dop⸗ nuth igen ollte e ſie Ruhe ollen ſehr ſaͤße, pußte einen wel⸗ rtete tiger 65 „Ich weiß nicht, ob ich unrecht hatte, Ihr Urtheil hoͤren zu wollen; aber ich weiß, daß dieſes Urtheil, wel⸗ chem ich glaube, mich beſtimmt, hinfort jede eingebildete Inſpiration in mir zu unterdruͤcken... ich bin ein Stuͤmper, ein elender und unwuͤrdiger Anbeter der Mu⸗ ſen und ich danke Ihnen, gnaͤdige Frau, daß Sie ſich die Muͤhe genommen haben, mich davon zu uͤber⸗ zeugen.“ Auf einen ſo brillanten Erfolg hatte Honorine kaum zu rechnen gewagt. Inzwiſchen, da wenig Frauen eine ſolche Wuͤrde, wie ſie, in ihrer Macht beſitzen, war es fuͤr ſie leicht, zu imponiren, wenn ſie es wollte. Sie antwortete auf Philipps Heftigkeit nicht mit Worten, ſondern mit einem Blick, deſſen Wirkung nahe daran war, ihn zu erſticken— in ſolchem Grade vermehrte der Ausdruck dieſes Blickes ſeinen Zorn, waͤh⸗ rend derſelbe gleichzeitig dadurch gebeugt ward.. War er— der Dichter, dem man endlich Gerech⸗ tigkeit wiederfahren ließ— in der That ein Stuͤmper, ein Erbaͤrmlicher? Ach ja, ohne Zweifel, wenn eine Frau, eine ſchoͤne und witzige Frau mit ihren Augen ihm ſagte, daß er mehr Mangel an Takt verrathen, als ein Kraͤmerlehrling gethan haben wuͤrde. Honorine begann ganz unbefangen mit Dick und Jolli zu plaudern, waͤhrend Philipp, dem es nicht gelin⸗ Ein Gerücht. IV. 5 —— 66 gen wollte, ſich die Naͤgel zu zerbeißen, ſich damit be⸗ ruhigte, daß er mit der Scheere ein Papier zerſchnitzelte, welches er von Honorinens Naͤhtiſch genommen. Erſt nachzuſehen, was darauf ſtuͤnde, davon war bei ihm nicht die Rede. „Aber ſo vernichten Sie doch nicht mein Lieblings⸗ gedicht, daß ich mir erſt ſelbſt abgeſchrieben!“ ſagte Honorine, indem ſie mit einer Geberde ſchelmiſcher Verdrießlichkeit nach dem ſchon halb maſakrirten Papiere die Hand ausſtreckte. „O, ich bitte um Verzeihung— ich werde mich niemals troͤſten koͤnnen, Sie eines ſolchen Schatzes be⸗ raubt zu haben, gnaͤdige Frau!“ „Ich glaube, Sie ſind neidiſch, mein Herr.“ Ihr anmuthiges Laͤcheln war jetzt ſo ſchalkhaft, daß Philipp, vollkommen entwaffnet, antwortete: „Ach ja, rechnen Sie dieſen Fehler zu meinen uͤbrigen; ich halte den Verfaſſer fuͤr ſehr gluͤcklich, der etwas geſchrieben, was Ihren Beifall gewonnen hat.. „Nun, ſo ſehen Sie dies an— vielleicht koͤnnen Sie noch etwas leſen— und ſagen Sie mir, ob Sie nicht meine Anſicht theilen, daß der Mann, der dieſes ſchoͤne, wahre und eine tiefe und heilige Begeiſterung verrathende Gedicht geſchrieben, nicht auch muß Sachen produciren koͤnnen, welche es mit ſeinen kuͤnftigen Aus⸗ 2 ſichten unvereinbar machen, in die neue Auflage zu wii⸗ 67 ligen, die man von ſeinen jugendlichen Verſuchen zu veranſtalten wuͤnſcht.“ Erſtaunt, beſtuͤrzt und bebend oͤffnete Philipp das Papier und las die Ueberſchrift: „Lebewohl an meine Tochter.“ Dieſer Tochter, die man von ſeinem Herzen ge⸗ riſſen und die man ihm in ſeine ſchuͤtzende Pflege zu geben verweigerte, ihr hatte er, ſtatt deſſen, die gluͤhen⸗ den Bitten ſeiner Seele gegeben, ſeine zaͤrtlichen Rath⸗ ſchlaͤge, ſeine bangen Warnungen— ihr hatte er alle Schaͤtze aus jener Tiefe der Liebe heraufgeholt, die ſein Heerz einſchloß. Thraͤnen wonniger Freude traten in Philipps Au⸗ gen und ſeine Bewegung war ſo ſtark, daß eine Weile verging, bevor eer, ſich uͤber den Tiſch neigend, das ein⸗ zige Wort:„Dank!“ zu ſtammeln vermochte. „Und nun,“ ſagte Honorine, auf deren Antlitz ſich ebenfalls eine ſtarke Ruͤhrung malte,„werden Sie ſich nicht mehr troſtlos einer unmaͤßigen Verzweifluug hin⸗ geben! Sie haben Freunde, Sie haben Kinder, Sie haben eine Zukunft.“ „Und,“ antwortete er, indem er ſeinen Blick mit einem ſolchen Ausdruck in Honorinen ſenkte, daß eine leichte Roſenwolke uͤber ihre Wange glitt,„ich habe die Erinnerung an dieſen Augenblick!“ „Ach,“ ſagte die junge Frau, als ie den Dberſt 68 lieutenant einen Blick auf die Uhr werfen ſah,— denn ſie ſah Alles—„ich vergeſſe meine hausmuͤtterlichen Pflichten... Sie muͤſſen wiſſen, Herr Thurné, daß ich eine Frau bin, die ihre Ehre darein ſetzt, unſeren guten Vormuͤttern zu gleichen— ich ſehe weder die Kuͤche noch die Spinnſtube fuͤr etwas Proſaiſches an.“ 15. Baron Sixten's neuer Inſtinkt. Erſt am folgenden Morgen wagte der ſchuͤchterne Baron, der ſich den ganzen Abend von Honorinen ent⸗ fernt gehalten, ſie im Fruͤhſtuͤckzimmer aufzuſuchen. Und wahrſcheinlich ahnte ſie ſeine Abſicht, denn ſie war ſchon vor ihm da und empfing ihn auf eine Weiſe, die ihn in den ſiebenten Himmel verſetzte. „Mein armer Sixten,“— ſie reichte ihm offen und vertraulich ihre beiden Haͤnde,—„Du haſt alſo wirklich durch Aufopferung Deiner Freiheit mich von Unannehmlichkeiten loskaufen wollen, die, wie wir Beide glaubten, eine Folge des geſtrigen uftrttes ſein wuͤrden?“ Erroͤthend und ausweichend antwortete er: „Das war ja eine Ehrenſache.“ „Nein, gewiß nicht, mein guter Couſin! Aber ich geſtehe, daß Deine Idee, die ich große Luſt hatte, ſublim zu nennen, Du edler Thor, meine tiefe Sympathie ge⸗ wonnen hat und Deine Berechnungen verrathen eine Klugheit, die mich uͤber alle Beſchreibung erfreut.“ „Ja, aber beſſer iſt doch beſſer! Das Maͤdchen will mich nicht haben, Gott ſegne ſie, die nicht das ſchwere Gewicht auf mich legte, denn haͤtte ich ver⸗ ſprochen... . ſo haͤtteſt Du auch Wort gehalten. Und Du weißt wohl, Siyxten, obſchon meine Vernunft die Blindheit der Hingebung tadelt, die Du fuͤr mich hegſt, ſo habe ich doch noch ſo viel Achtung vor Dir, daß ich Dir fuͤr die Reinheit dieſer Hingebung zu danken und Dir zu ſagen wage, daß dies gerade eine ſolche iſt, wie ſie eine verheirathete Frau von ihrem Verwandten, von ihrem Freund, ohne zu erroͤthen, annehmen kann.“ Mache mit mir was Du willſt!“ antwortete der Baron, indem er, Honorinens kleine Haͤnde heftig druͤ⸗ ckend, ſie wieder losließ.„Willſt Du, daß ich mich auf der Stelle mit Jolli verheirathe?“ Er berichtete Frau Walborgs Vorſchlag. „Ich wuͤrde dies vielleicht auch am paſſendſten ge⸗ funden haben, wenn Frau Walborg nicht eine allzu⸗ ſtrenge Herrſchaft fuͤr Dich waͤre. Aber ich bin uͤber⸗ zeugt, daß, wenn ſie auch Deine Angelegenheiten leitete — wozu ſie vielleicht ganz gut faͤhig iſt, Du Dich doch niemals gluͤcklich fuͤhlen wuͤrdeſt, wenn ſie beſtaͤndig im Hauſe lebte.“ —,—— 71 „Ich komme da alſo von Allem los?“ „Nein... weißt Du, Sirten, Dein eigener Plan iſt nun einmal von mir beguͤnſtigt und dieſem will ich huldigen.“ Der Baron ſeufzte tief auf. „Jolli iſt noch ſo jung, daß es Dir nicht ſchwer fallen kann, Ihre Neigung zu gewinnen— Du haſt ſo viele einnehmende Eigenſchaften, wenn Du ſie be⸗ nutzen willſt...“ „Ich— nicht eine einzige!“ „Und wenn ſie ſieht,“ hob Honorine wieder an, „wie gruͤndlich Du ſowohl Dich ſelbſt, als Deine Um⸗ ſtaͤnde beſſerſt... Ich werde Dir helfen— Du weißt, daß ich auch eine praktiſche Frau bin.“ „Was?— Wuͤrdeſt Du mit mir ſolche Calcuͤls anſtellen, meine aͤrmlichen Einkuͤnfte berechnen und vielleicht mit meinen Creditoren einen Accord abſchlie⸗ ßen?“ „Was denn, mein Freund?... Ich koͤnnte es von Dir faſt uͤbel nehmen, daß Du glaubſt, ich paſſe nur zur Vertrauten in Liebes⸗ und Heirathsangelegen⸗ heiten. Du haſt ja lange genug in meinem Hauſe ge⸗ lebt, um zu wiſſen, daß die Oeconomie fuͤr mich ein Wort iſt, welches mich weder ſchreckt, noch ohne Be⸗ griff an meinem Ohre voruͤbergeht. Eines Tags wirſt Du mir Deine Buͤcher vorlegen und wir wollen dann gemeinſchaftlich...“ * 72 Der Baron ſtand mit ganz verlegener und verzag⸗ ter Miene da. Er wollte Honorinen anbeten, ſie ewig anbeten; aber ſie zu ſeinem Geſchaͤftstraͤger zu machen, das war ihm etwas ſo entſetzlich Widerwaͤrtiges, daß Honorine, welche ſah, welchen Eindruck ſie machte, in ein ganz unſchuldiges Gelaͤchter ausbrach. „Inzwiſchen,“ ſtammelte der Baron,„wirſt Du doch Jolli nichts davon ſagen?“ „Was Du glaubſt!— Nicht einen einzigen Buch⸗ ſtaben! Aber ginge dieſer Plan durch, ſo wuͤrde ich eine wirkliche Freude fuͤhlen, denn in dieſem liebenswuͤrdigen Maͤdchen liegt viel, was gut fuͤr Deine Frau paſſen wuͤrde...“ „... was ſie aber, wie ich aufrichtig hoffe, nie⸗ mals werden wird... aber da wir hier ſo offen ſpre⸗ chen und wahrſcheinlich noch einen Augenblick ungeſtoͤrt bleiben, ſo muß ich Dir etwas anvertrauen, was mir ſchwer auf dem Gewiſſen laſtet.“ „Was, um Gottes willen, ſagſt Du?“ „Ich wuͤnſche Deine Verzeihung, Honorine! Weißt Du wohl, was mich waͤhrend dieſer letzten Wochen gleichſam gezwungen hat, wieder in meine alten Ge⸗ wohnheiten zu verfallen?“ „Nein, fuͤrwahr nicht.“ „Nun, ich hatte das Beduͤrfniß, eine verzweif⸗ un 73 lungsvolle Unruhe zu daͤmpfen, einen Inſtinkt, eine entſetzliche, moͤrderiſche Ahnung.“ „Dieſe Ausdruͤcke ſind ſehr ſtark auf Deinen Lip⸗ pen, Sirten.“ „Es war auch ein ſtarker Aufruhr in meiner Seele, der mich bewegen konnte, mich ſo weit zu ver⸗ irren, daß ich ſelbſt waͤhrend des Aufenthalts in Dei⸗ nem Hauſe das Verſprechen vergaß, welches ich Dir gegeben.“ „Du machſt mich neugierig... ſprich.“ „Von dem Augenblick an, wo Jolli hierherkam und ihr Zuſammentreffen erzaͤhlte...“ „Welches Zuſammentreffen?“ „Mit dem ſonderbaren Eremiten... und dann ſang ſie ſein Lied, welches Du ſchon vorher in Muſik geſetzt... ich hatte Deinen Toͤnen gelauſcht— es war eine ſchoͤne Muſik, aber ſie zerſchnitt mir das Herz.“ „Mein beſter Sirten, rede doch ſo, daß ich Dich verſtehen kann, oder vielmehr ſo, daß ich Dich verſtehen mag! Du wirſt ſelbſt fuͤhlen, daß Du gar nicht Athem genug haſt, um dieſen Wirrwarr von Gedanken her⸗ vorzubringen.“ „Ja, ja, es war ein Wirrwarr— Du haſt recht, Dich ſtreng zu zeigen. Aber ich ahnte inzwiſchen, daß er es waͤre.“ „Was willſt Du mit dem Nachdruck ſagen, den Du auf dieſes Wort legſt?“ 3* * 8 aA „Nichts, denn Du konnteſt ja nicht dafuͤr, daß Du von dem erſten Augenblick an, wo Du ſeinen Na⸗ men ausſprachſt, dies auf eine Weiſe thatſt, die mich verwirrte... Ich wollte Gewißheit haben; ich ermit⸗ telte auch bald, daß er es wirklich war, der im Gebirge wohnte. Und ich zitterte vor Furcht, daß Du es er⸗ fahren koͤnnteſt.“ „Weißt Du, Sißyten, daß ich eigentlich kein Wort weiter anhoͤren ſollte!“ „Meine Beichte iſt gleich zu Ende.“ „Nun, ſo fahre fort.“ „An dem Tage, wo Du nach Hauſe kamſt und erzaͤhlteſt, daß Du Herrn Thurné getroffen, Herrn Thurné, den Du dringend eingeladen, nach Tjuſtorp zu kommen...“* „Nun, weiter?“ „Es iſt weiter nichts, als das, daß ich an dieſem Tage— ich weiß nicht warum— nahe daran war, den Verſtand zu verlieren.“ „Mein Gott— welche Thorheit!“ „In meinem ohnmaͤchtigen Haß gegen dieſen Mann, den ich nicht kannte, ritt ich fort, in der Abſicht, meh⸗ rere Tage lang wegzubleiben. Aber... wie viel ich auch trank, um mich meiner Qual zu entledigen, ich ward ſie doch nicht los... ich mußte zuruͤck hierher und da... da geſchah es, daß ich die rechte Thuͤr verfehlte.“ = vo eir 75 „Ich begreife. Aber, nachdem Du Gewiſſensbiſſe gehabt, nachdem Du das Beduͤrfniß meiner Verzeihung gefuͤhlt und nachdem Du endlich zuruͤckkamſt, hat wohl dieſe thoͤrichte Viſion Dich verlaſſen?“ „Ja, Gott ſei Dank, ſie hat mich verlaſſen. Sie war in demſelben Augenblick, wo ich Herrn Thurné ſah, wie weggeblaſen.“ „Wie erklaͤrſt Du das?“ „Ich ſuche nicht zu erklaͤren, ich fuͤhle blos, daß ich mich geirrt haben mußte. Die Leiden des armen, betrogenen, jungen Mannes ſind viel zu tief ſeinem Angeſicht eingepraͤgt, als daß ſie nicht auch lange Zeit in ſeiner Seele zuruͤckbleiben ſollten.“ „Aber weißt Du wohl, daß ich an ſeiner Rettung von dieſen Leiden arbeite, welche, wenn ſie fortdauerten, endlich ſeine Jugend und Kraft toͤdten wuͤrden? Und ich beabſichtige, dies Alles zu thun, damit ſie nicht noch lange Zeit in ſeiner Seele zuruͤckbleiben ſollen.“ „Thue was Du willſt— vielleicht gelingt es Dir.“ „Du biſt alſo von Deiner phantaſtiſchen Eiferſucht vollkommen geheilt?“ „Ja, vollkommen!“ „Aber ich moͤchte doch noch wiſſen...“ Es lag eine leichte Ungeduld in Honorinens Ton. „Was willſt Du wiſſen?“ „O, ich koͤnnte eigentlich uͤber eine ſo kindiſche Frage lachen— aber ich thue ſie gleichwohl.“ 76 „Und ich werde aufrichtig antworten.“ gew „Giebt es nicht noch etwas, was Dich in Deiner und Einbildung ſo ſicher macht? „Ich gebe das zu.“ ter „Nun, das iſt es eben, was ich wiſſen will.“ 8 „Nun wohl. Der junge Dichter kann ſich viel⸗ chel leicht von einer Freundin troͤſten laſſen, welche edel ge⸗ haſt gen ihn handelt, aber es giebt etwas, was mir ſagt, daß er niemals mehr, als den Troſt einer Freundin beduͤrfen wird. Ich glaube, daß er vielleicht eine Un⸗ dare treue begehen koͤnnte, aber der Frau, die gerade dadurch, daß ſie etwas beinahe Unerlaubtes gethan, ſeine Leiden⸗ ſchaft auf die hoͤchſtmoͤgliche Spitze getrieben hat, dieſer Frau wird er ganz gewiß treu bleiben.“ * Es war eine wunderbare Wolke, die in dieſem im Augenblick uͤber Honorinens Seele glitt, ohne jedoch gan ihre Stirn zu beruͤhren, welche ruhig und klar zu ſein ſpre ſchien. nett Aber die Wolke dauerte blos eine Secunde und Ta als Honorinens Blick dem Sirtens begegnete, verrieth gen derſelbe etwas, was als eine mit Bewunderung kaͤm⸗ 6 pfende Wehmuth gedeutet werden konnte. gen „Du haſt einen ſchaͤrferen Blick, als ich, mein hm Couſin!“ ſagte ſie in ihrem gewoͤhnlichen, ruhigen Ton. „Gleichwohl wollen wir, um des armen Mannes ſelbſt willen, hoffen, daß ſeine Lebensausſichten nicht ſo finſter ſich ſind, wie Du prophezeihſt.— Doch wir ſind ganz ernſt 1 dich 77 geworden— zum Gluͤck kommt hier die Freude ſelbſt einer und zerſtreut uns.“ 4 1 Es war Jolli, welche hereinguckte und dicht hin⸗ ter ihr Dick, der ſie eingeholt hatte. 3„Ich fuͤrchte,“ fluͤſterte Honorine dem Baron lä⸗ viel⸗ chelnd zu,„daß aus meinem Plane nichts wird— Du 8 lͤge⸗ haſt ſchon einen Nebenbuhler.“ ſagt, Und er antwortete: din„In Gottes Namen denn— ich ergebe mich — darein.“ irch, den⸗— ieſer Cs war auch ein Gluͤck, daß Baron Sixten gleich eſem im Voraus ſeinen Entſchluß faßte, denn waͤhrend des doch ganzen Heimwegs von Tjuſtorp nach der Einſiedelei, ſein ſprach Dick von nichts Anderem, als von der lieben, netten, ſchoͤnen Mamſell Jolli und von Mamſell Jolli's und Tanz und Mamſell Jolli's Geſang, aller uͤbrigen Ei⸗ tieth genſchaften Mamſell Jolli's zu geſchweigen. aͤm⸗ 6 Aber der arme Dick bekam von ſeinem einſylbi⸗ gen Begleiter keine andere Antwort, als:„Ja, ja, hm, hm!“ und„ſo, ſo.“. Als der Poet wieder in den Umkreis ſeiner eigenen Welt kam, fuͤhlte er gleichſam eine dunkle Wolke um ſich ſchweben und in demſelben Grade, wie dieſer Nebel dichter ward, verdraͤngte er den wohlthaͤtigen Eindruck, f. 78 den ſein Beſuch auf Tjuſtorp erweckt hatte. Als er endlich ſeine Huͤtte und ſeinen Sohn wiederſah, druͤckte er mit einer leidenſchaftlichen Begier, alle ſeine Wun⸗ den wieder aufzureißen, den Knaben an ſeine Bruſt. Aber die Unterbrechung war nun einmal geſchehen, und die Einwohner von Tjuſtorp ſorgten ſchon dafuͤr, daß der arme Einſiedler nicht ſeine alte Freiheit wieder⸗ bekaͤme, ſich ſeinem Schmerze zu uͤberlaſſen. Dick, der vorher ſich beinahe ganz entmuthigt ge⸗ fuͤhlt, nahm zu an Weisheit und guter Laune, nachdem er ſolche Bundesgenoſſen bekommen und vor Allem, ſeitdem der Verkehr zwiſchen der Eremitage und dem Herrnhofe immer lebhafter ward. Und lebhafter ward er. Denn Honorine— welche zu ihrem Manne ſagte: „Mein beſter Helleding, welch eine Deiner Erfahrung, Deines Verſtandes wuͤrdige Handlung waͤre es, wenn Du dieſen ungluͤcklichen, jungen Mann ſeinen Pflich⸗ ten und einer thaͤtigen Laufbahn zuruͤckgeben koͤnnteſt“ — ſagte zu dem Baron:„Mein guter Sixten, wenn Du Werth auf meine Achtung und Freundſchaft ſetzeſt, ſo hilf mir den jungen Poeten retten— ich habe mir vorgenommen, dieſes Ziel zu erreichen, welches mir ſo edel zu ſein ſcheint.“ Und ſowohl der Oberſtlieutenant, als der Baron folgten der ſanften Hand, welche ſie leitete, der Eine, weil er glaubte, er ſei der Aufgabe gewachſen, welche ls er ruͤckte Wun⸗ ſt. dehen, afuͤr, ieder⸗ t ge⸗ hdem llem, dem agte: ung, venn flich⸗ teſt“ venn beſt, mir ir ſo aron eine, elche 79 ſeine Erfahrung und Menſchenliebe ihm auflegten, der Andere, weil er ſich Derjenigen wuͤrdig zu machen wuͤnſchte, die er in der Tiefe ſeines Herzens ſtets an⸗ betete. Philipp mußte, auf dieſe Weiſe in ſeiner Einſam⸗ keit geſtoͤrt, bei jedem Beſuche, den er erhielt, mit zu⸗ ruͤckkommen. Nachdem dies den ganzen Herbſt ſo fortgegangen war und er ſich, gegen ſeinen Willen, auf Tjuſtorp in Honorinens wohlthaͤtiger Geſellſchaft, immer beſſer und beſſer befand, kam es endlich dahin, daß er verſprechen mußte, zum Weihnachtsfeſte ſeinen ganzen Haushalt, das heißt, außer Dick und ſich ſelbſt, den kleinen Alban und auch Madame Malmelin mitzubringen. Die Ankunft dieſer zwei letztern Perſoͤnlichkeiten erhoͤhete die allgemeine Gemuͤthlichkeit bedeutend. Honorine war entzuͤckt uͤber den kleinen Knaben, amuͤſirte ſich aber auch koͤſtlich in Madame Malmelins Geſellſchaft, beſonders nachdem ſie ſo gute Freundinnen geworden, daß die Malmelin, im tiefſten Geheimniß und Vertrauen, die liebe, gute, gnaͤdige Frau in alle Myſte⸗ rien des Dachſtuͤbchens waͤhrend der Zeit einweihete, wo ſie(die Malmelin) die Norne des armen Poeten gewe⸗ ſen und ſeine Portion Laugenfiſche mit gruͤnen Erbſen, fuͤr ſechzehn Schillinge geholt hatte. 3 Aber die Norne, welche der Poet jetzt bekommen, ſeſgnügte ſich nicht blos damit, fuͤr ſeine materiellen in 8⁰ Beduͤrfniſſe zu ſorgen und ſeine Dichtergaben zu er⸗ muntern— ſie ſuchte auch, ihm Geſchmack an andern Dingen beizubringen, zeigte ihm die Nothwendigkeit, ſich von der Grillenfaͤngerei loszuſagen, die ihn in der Ere⸗ mitage zuruͤckhielt und die Nothwendigkeit, ſich eine an⸗ dere Heimath zu ſchaffen, die er zum Gegenſtand einer nuͤtzlichen Thaͤtigkeit machen koͤnnte. Das Kapital des kleinen Alban mußte, nach ihrer Meinung, in irgend einem Beſitzthum angelegt werden und was war dann natuͤrlicher, als daß der Vater und Vormund daſſelbe pflegte und bewirthſchaftete? „Der Himmel behuͤte mich,“ ſagte Philipp eines Tages, als die Oberſtlieutenantin uͤber dieſen Vorſchlag ſprach,„ich habe Proſa genug gehabt— ich will nicht daran erſticken.“ „Ach, ich merke wohl, daß meine Ausſaat noch nicht gereift iſt— ich ſehe blos eine verkuͤmmerte 4 Pflanze!“ antwortete Honorine lachend.„Aber dieſe Taͤuſchung raubt mir die Hoffnung noch nicht— ich werde Ihnen ſchon einmal lehren, daß die anmuthigſte Poeſie aus der Proſa entſpringt und zuweilen vielleicht umgekehrta⸗ 4 Philipp konnte nicht anders, als ihr Laͤcheln be⸗ tige antworten und ſagte dann mit der Geduld eines Hiob:— g „Die Gartenpflanze iſt an und fuͤr ſich nicht hals⸗ reiſe. ſtarrig; ſie hat nichts dagegen, daß man ſie verſetze— ſie kon muͤ nack der dage ſelb Onk ſpre⸗ Sol den ſtuhl geſch tereſ wir, ſagte ganz ſell. Ein zu er⸗ andern it, ſich Ere⸗ ne an⸗ einer al des irgend dann aſſelbe eines eſchlag nicht t noch merte dieſe — ich thigſte ellleicht In be⸗ Hiob: hals⸗ ze— 81 ſie fuͤrchtet nur, daß ſie, in welche Erdart ſie auch komme, nicht wird Wurzel ſchlagen koͤnnen.“ „Um ſo ſchlimmer fuͤr die Pflanze!“ Den kleinen Alban nahm Honorine in wahrhaft muͤtterliche Obhut. Sie wollte nicht davon ſprechen hoͤren, daß er nach ſeiner kurzen, kindlichen Freude wieder in die Kluͤfte der Einſiedelei begraben werden ſolle und als Philipp dagegen ſeine Einwendungen machte, ſagte Dick ganz ſelbſtſtaͤndig— denn er hatte immer gehoͤrt, daß reiche Onkel in Familienangelegenheiten ein gewichtiges Wort ſprechen koͤnnen: „Fuͤr meinen Theil ſaͤhe ich es ſehr gern, daß unſer Sohn hier bleibt! Er kann gar nicht in beſſern Haͤn⸗ den ſein und Philipp weiß das ſelbſt recht gut.“ Spaͤter, als Dick Mamſell Jolli auf dem Eis⸗ ſtuhle fuhr— welche, beilaͤufig geſagt, zum Weihnachts⸗ geſchenk ſowohl die famoſen Koſtuͤms, als auch die in⸗ tereſſanten Caſtagnetten erhielt— ſpaͤter, wiederholen wir, als der Eisſtuhl beim Umlenken Halt machte, ſagte Dick mit ſanfter Schuͤchternheit: „Mamſell Jolli weiß auf ſo herrliche und praͤch⸗ tige Weiſe mit Alban umzugehen— ich bitte daher ganz gehorſamſt, daß ich fuͤr meinen Theil ihn Mam⸗ ſell Jolli's Obhut uͤbergeben darf, wenn ich nach Hauſe reiſe. Sie ſchlagen mir dieſe Bitte nicht ab?“ Ein Gerücht. Iv. 6 „Eines ſolchen Vertrauens werde ich mich ganz ge⸗ wiß wuͤrdig zeigen,“ antwortete Jolli mit ſehr wichtiger Miene. Es machte ihr ſehr viel Spaß, daß ſie, die ſo lang als Kind betrachtet worden, nun auf einmal fuͤr wuͤrdig gehalten ward, die Pflichten und die Wuͤrde einer Mut⸗ ter zu uͤbernehmen. 5 „Aber,“ ſetzte ſie in weniger zufriedenem Tone hinzu,„denkt Herr Dick wirklich daran, ſobald ſchon abzureiſen?“ „Seien Sie uͤberzeugt, Mamſell Jolli, wenn es blos auf mich allein ankaͤme... aber Philipp iſt etwas eigenſinnig und beſteht durchaus darauf, daß ich haͤu ſelbſt einmal nach meinem Eigenthum ſehen ſoll. Und alle mein Kaͤmmerer ſchreibt daſſelbe— der Probſt, mein vern Vormund, ebenfalls... inzwiſchen, ach was fuͤr ein ſchoͤner Reif!* „Will Herr Dick vielleicht nun die Guͤte haben, Mo den Schlitten wieder an Ort und Stelle zu ſchaffen? auf Ich moͤchte wieder hineingehen. „Sehr gern, Mamſell Jolli— und wenn ich Ih ken nen meine Hand bieten darf— es iſt ſehr ſchluͤpfrig. zu „Ich danke Ihnen, mein freundlicher Herr Dic Lan⸗ — es iſt wirklich ſehr glatt!“ ſache „Halten Sie ſich nur feſt an, Mamſell Jolli! dieſe weil —-Ao hoͤrt 3 ge⸗ htiger lang vuͤrdig Mut⸗ Tone ſchon enn es Ppp iſt daß ich Und , mein fuͤr an Honorinens Traum. Auf Tjuſtorp, wo man ſo lange Zeit ein inniges, haͤusliches Wohlbefinden genoſſen, begann jetzt dieſe, die allergroͤßte Annehmlichkeit, welche die Erde zu bieten vermag, allmaͤhlig abzunehmen. Die Urſache davon darf man nicht etwa in dem Umſtand ſuchen, daß Baron Siyten endlich ſeinen vier Monate langen Beſuch ſchloß oder in dem, daß Dick auf einen muͤtkerlichen Wink von Honorinen Tjuſtorp — das heißt, Jolli, welche ſie jetzt mit ernſten Gedan⸗ ken zu beſchaͤftigen anfing— verließ, um nach Ribyhus zu reiſen und ſich einmal um ſeine Fabrik und ſein Landgut zu bekuͤmmern. Eben ſo wenig darf dieſe Ur⸗ ſache in Philipps Abweſenheit geſucht werden;z denn was dieſen betrifft, ſo konnten ſich ſeine Beſuche wohl bis⸗ weilen verzoͤgern, aber ſie hatten deswegen nicht aufge⸗ hoͤrt— er hatte Dick nicht mehr, der ihn mit fortzog— 6* 84 und als der kleine Alban nun endlich wieder nach Hauſe ein gekommen war, durfte er die Gebirgswohnung vor dem La Fruͤhling nicht wieder verlaſſen. Aber das Zuſammentreffen aller dieſer Umſtaͤnde— D. zu welchen noch kam, daß Jolli, da ſie ihrer Confirma— D. tion wegen Religionslehrſtunden bei dem Geiſtlichen be⸗ gek ſuchen mußte, doch auch zu einem ernſten und geſetzten die Benehmen genoͤthigt war, wogegen der Oberſtlieutenant, jed nachdem er ſeine taͤgliche Geſellſchaft eingebuͤßt, ungeheuer lun viel in und außer dem Hauſe zu beſorgen hatte(denn Honorine und eben ſo alle anderen Leute im Hauſe der konnten ja nichts wiſſen, wenn er es ihnen nicht zwan⸗ er zig Mal einpraͤgte),— alle dieſe Umſtaͤnde bewirkten, bef daß Honorine trotz ihres ruhigen Muthes und trotz ihres großen Talentes, kaum einen Schimmer von lieb Wohlbefinden hervorzubringen vermochte. dar Endlich erkaͤltete ſich der Oberſtlieutenant eines. Nachts, als er unbedingt bei einem Gebraͤude zugegen nac ſein mußte, wo er ſelbſt das Malzkochen zu uͤberneh⸗ Sc 5 men beſchloſſen hatte, um ſeinen Leuten einmal zu zeigen, hei wie ein ordentliches Bier gebraut werden muͤſſe. lich Als der Oberſtlieutenant krank war, vergaß er aus allerdings Alles, bis auf ſich ſelbſt, aber dieſes Selbſt ſteh beſchaͤftigte ihn ſo unaufhoͤrlich, daß er nicht litt, daßs dah irgend Jemand im ganzen Hauſe Gedanken und Ge⸗ f daͤchtniß fuͤr etwas Anderes hatte, als fuͤr ihn. „Wenn Deine Freundin Adele hier waͤre,“ fluͤſterte ſie auſe dem 64.— rma⸗ be⸗ etzten nant, heuer denn Hauſe zwan⸗ rkten, trotz von eines gegen erneh⸗ zeigen, ſaß er Selbſt „ daß d Ge⸗ uͤſterte 8⁵ einmal Jolli Honorinen zu,„ſo wuͤrde ſie gewiß ſagen: Laß ihn liegen und rufen!“ „Pfui, Jolli, dieſer Rath kommt gewiß nicht aus Deinem Herzen und eben ſo wenig— davon kannſt Du uͤberzeugt ſein— wuͤrde er aus Adelens Herzen gekommen ſein, wiewohl ſie und Helleding nicht immer die beſten Freunde ſind. Eine Frau muß einem in jeder andern Hinſicht guten Manne ein wenig Verzaͤrte⸗ lung wohl nachſehen.“ Und Honorine ſah ſehr viel nach, wofuͤr aber auch der Oberſtlieutenant durchaus nicht undankbar war, als er ſich einige Tage darauf auf dem Wege der Beſſerung befand. Nun war er wieder vernuͤnftig, ja ſogar artig und liebenswuͤrdig, denn er wollte nicht, daß Honorine ſich daran erinnern ſollte, wie graͤmlich er geweſen war. Und um ſie recht zu ehren, begann er, wie dies nach einem haͤuslichen Ungewitter gewoͤhnlich war, die Sonne ſeines Verſtandes uͤber ſie leuchten zu laſſen, das heißt, er geſtattete ihr Einſicht in ſeine landwirthſchaft⸗ lichen Plaͤne und geſtattete ihr, ihre Gedanken daruͤber auszuſprechen, obſchon dieſelben, wie ſich von ſelbſt ver⸗ ſteht, als Weibergedanken keinerlei Werth haben und daher auch keine Beachtung finden konnten. Unter dem Einfluſſe ſolcher Honigkuchentage— Honorinens Aufmunterung und Belohnung dafuͤr, daß ſie eine beſorgte und gute Gattin und Pflegerin geweſen 86 — war es ihr mehr als einmal gegluͤckt, eine ihrer un Ideen durchzuſetzen, natuͤrlich aber mußte dies allemal we auf etwas beſondere Art geſchehen. vo Die dermalige Gemuͤthsſtimmung ihres Gemahls El ſchien ihr geeignet, ihm ihre große Lieblingsidee vorzu⸗ ba fuͤhren— wenigſtens wollte ſie es verſuchen, denn wahr⸗ ſet ſcheinlich ſtieg der Thermometer niemals auf einen hoͤ⸗ lduj hern Waͤrmegrad, als jetzt. we „Ich habe heute Nacht einen ſehr intereſſanten Traum gehabt, mein Freund,“ ſagte ſie zu ihrem Mann, H. als ſie eines Morgens, in den letzten Tagen des Januars, ſas zu ihm kam und ſich neben ſein Sopha ſetzte, indem ger ſie ihm zugleich auf einem Teller den leichten, kleinen Imbiß brachte, den der Oberſtlieutenant ſich ſelbſt zum A. Fruͤhſtuͤck vorgeſchrieben. „Was haſt Du denn getraͤumt, mein Kind? Ich wage, darnach zu fragen, ſei Dank, nicht traͤumſt, der alte Kriegsknecht habe in's 9 weil ich weiß, daß Du, Gott Gras gebiſſen und Dir die Freiheit wiedergegeben.“ 9 „Aber, mein beſter Helleding, das war es gerade, 8 wovon ich traͤumte.“ 3 „Wie? Du ſiehſt aber meiner Treu eben ſo wenig, als Frau Adele, wie eine bekuͤmmerte Witwe aus.“. 31 „Ach nein, das war ich auch nicht.“ he „Hm, das iſt aber... „Denn ſiehſt Du, lieber Helleding, als Du ſtarbſt, A kam ich mir vor, als waͤre ich uͤber funfzig Jahr alt 6 A 4 ihrer lemal nahls vorzu⸗ wahr⸗ n hoͤ⸗ ſanten Nann, auars, indem leinen t zum 2 Ich Gott de in's gerade, wenig, 24 5. ſtarbſt, ihr alt 87 und ich ſagte bei mir ſelbſt: Nach dem ſchoͤnen Werk, welches mein Mann in der letzten Zeit ſeines Lebens vollendet, verdiente er nun wirklich mit der Liebe und Ehre zu ſterben, die er erworben und Du wirſt auch bald ihm nachfolgen, um ihm ſagen zu koͤnnen, wie ſehr ſein Andenken durch die edelſte und kluͤgſte Hand⸗ lung waͤhrend ſeiner ganzen thaͤtigen Laufbahn geehrt worden iſt.“ „Aber was, um aller Welt willen, meine kleine Honorine, war denn das fuͤr eine praͤchtige Handlung— ſagte Dein Traum nichts, was meine Neugier befriedi⸗ gen könnte?“ „Ja, allerdings, denn ich traͤumte vollſtaͤndig von Allem, was Du gethan.“ „Nun, dann wirſt Du mir es auch erzaͤhlen.“ „Und da die Weisheit oft aus dem Munde eines Thoren ſprechen kann, warum ſollte ſie nicht auch eben ſo gut aus dem Munde einer jungen Hausfrau ſpre⸗ chen, wenn ihre Gedanken ſich blos um die Ehre des Mannes und das Gute drehen, welches er durch ſeine Kraft zu wirken vermag.“ „Du haſt immer eine Art und Weiſe, Dich aus⸗ zudruͤcken, meine liebe Honorine, welche ganz anzie⸗ hend iſt.“ „Guter Helleding.“. „Fahre nur fort, mein Kind, denn obſchon Ihr Weiber es ſo in der Art habt, auf Eure Traͤume, Ah⸗ 88 nungen und dergleichen Zeug viel zu geben, obwohl ſie nichts bedeuten, ſo will ich Dich dennoch anhoͤren.“ mi „Dank, mein Freund... Nun ſiehſt Du, ich fre traͤumte, wir ſaͤßen zuſammen hier auf dieſem Sopha. me Du warſt, wie jetzt, Reconvalescent und eben ſo, wie jetzt, wi warſt Du freundlich gegen mich und bemuͤht, die min⸗ Kl derguten Eindruͤcke zu verwiſchen, die Du waͤhrend Dei⸗ ner Krankheit zuruͤckgelaſſen.“ die „Aha,“ fiel der Oberſtlieutenant laͤchelnd ein,„fing Dein Traum auf dieſe Weiſe an?“ als „Ja, und es war ein guter Anfang, denn eben ſo, wie Du geſtern und vorgeſtern ſagteſt: Honorine, ich habe eine Idee, ſo ſagteſt Du dies auch in jener Nacht D zu mir.“ „Und es iſt mir ungeheuer daran gelegen, dieſe Idee zu hoͤren.“ „Gleich, Du alter ſtuͤrmiſcher Ritter! Ich denke ar blos einen Augenblick nach, um mir Dein Bild richtig aus dem Gedaͤchtniß zu ſammeln.“ „Mein Bild?“ „Niemals hatte ich dieſe Miene elaſtiſcher Jugend⸗ friſche an Dir wahrgenommen— Du entzuͤckteſt mich din foͤrmlich.“ ſelb Der Oberſtlieutenant ſtrich ſich den Schnurrbart. heal Honorine war, waͤhrend ſie ihm ſo ſchmeichelte, in ihre ſolchem Grade ſchoͤn, daß der Ehemann wirklich ganz jugendlich ward, als er ſie betrachtete.. heu 89 „Und dann,“ hob ſie wieder an,„ſagteſt Du zu mir: Honorine, ich habe eine Idee, und ehe ich noch fragen konnte, welche, ſetzteſt Du hinzu: Eine Idee, mein Kind, die Dich auf Deinen Gatten ſtolz machen wirdz denn merke wohl, Honorine, es gilt nicht etwas Kleines— ich will eine ordentliche Reform.“ „Reform?— Ich miſche mich ja nicht ſo ſehr in die Politik, liebes Kind!“ „Es giebt wohl auch Reformen in andern Dingen, als in der Politik!“ „Al Alledinds. 5 „Deine Reform, mein Kind, beſtand darin, daß Du. wollteſt.. „Nun, was wollte ich?“ das Frohnpaͤchterſyſtem abſchaffen.“ „Ach, die Frauenzimmer, die Frauenzimmer, die armen Frauenzimmer!“ Der Oberſtlieutenant zuckte mitleidig die Achſeln. „Die Maͤnner, die Maͤnner!“ Honorine machte dieſelbe Geberde. „Biſt Du denn ganz naͤrriſch, meine kleine Freun⸗ din, mehr als naͤrriſch— habe ich dieſes Syſtem etwa ſelbſt auf meinem Gute eingefuͤhrt? Aber die Weiber haben es einmal ſo in der Art, nicht weiter zu ſehen, als ihre Naſe reicht!“ „Mein lieber Helleding, willſt Du wiſſen, wie Du heute Nacht dieſen Einwurf beantworteteſt?— Ich 3 8 . I 1 8 90 meine nicht den wegen Kurzſichtigkeit der Frauenzimmer, ſondern den erſten.“ „Ja, das moͤchte ich wirklich!“ „Du ſagteſt: Siehſt Du, Honorine, gerade der Umſtand, daß ich ſelbſt dem Frohnpaͤchterſyſtem gehuldigt habe und es dann abſchaffe, muß mehr als alles Andere meinem ganzen Orte— deſſen Orakel ich bin, beweiſen, daß ich aus tiefer und gereifter Ueberzeugung handle.. 8 „O Du kleines, liſtiges Orakel!“ „... und daß ich, um einen ſolchen Schritt zu thun, berechnet und eingeſehen haben muß, welchen un⸗ berechenbaren und unerhoͤrten Schaden dieſes ungluͤckliche Syſtem dem Lande zufuͤgt und wie viel Veranlaſſung fuͤr den Privatgutsbeſitzer ſtets vorhanden iſt, damit ein Ende zu machen.“ „Aber, Du kleine Naͤrrin, was verſtehſt Du denn von ſolchen Sachen— eine Frau, ha, ha!“ „Eine Frau, lieber Helleding, ſieht oft ganz klar in Fragen, welche Herzensangelegenheiten beruͤhren.“ „Nun, was hat denn das Herz mit dieſer Sache zu ſchaffen? Das iſt eine oͤffentliche Angelegenheit, eine Staatsfrage.“ „Als ob nicht eine ſolche ihre Wurzel in dem innerſten Leben des Herzens haben koͤnnte— oder lebt man blos fuͤr ſich ſelbſt? Sind die Unterthanen, die uns Gott gegeben, ein Nichts? Sind ſie nicht unſeres Glei⸗ chen, fordern ſie nicht unſere Fuͤrſorge?“ ℳ mer, der ldigt ndere iſen, ..* t zu un⸗ liche ſung t ein denn klar 3 zache eine dem lebt uns Glei⸗ ₰ 91 Der Oberſtlieutenant begann wieder zu laͤcheln und ſagte: „Sagte ich Dir das vielleicht auch?“ „Nein, aber etwas viel Beſſeres. Du belehrteſt mich— verſteht ſich nach der neuen Ueberzeugung, die Du angenommen, uͤber die Stellung des Frohnbauers im Vergleich mit der des Deputatarbeiters und eine ſo lebendige Schilderung von den Vorzuͤgen des erſten und der kuͤmmerlichen Lage des letztern gabſt Du mir, daß ich, vor Schmerz und Wonne weinend, die Lippen kuͤßte, welche verſicherten, daß dies zum großen Theil durch das Beiſpiel anders werden ſollte, welches Du geben wollteſt, Du, auf deſſen Beſitzthum der Frohnpaͤchter es immer noch viel beſſer hat, als unter anderen Guts⸗ herren.“ „Ach, Du kleine Schwaͤrmerin, wie heiß Deine Wange iſt— Du weinſt ja wirklich.“ „Kann ich wohl anders, mein theurer Freund, wenn ich zwiſchen Traum und Wirklichkeit kaͤmpfe, wenn meine Seele, einmal erwacht, niemals dieſe Idee wieder los werden kann, welche Du durch deutliche Be⸗ rechnungen— die ich aus dem Gedaͤchtniß auf's Papier geworfen— mir vollkommen anſchaulich gemacht haſt?“ „Berechnungen?— Du hoͤrteſt mich im Traume dergleichen machen?“ „Ja, zwei ganz genaue und die ich um ſo weni⸗ ger vergeſſen konnte, als Du bei der zweiten einige Be⸗ 1 92 trachtungen hinzufuͤgteſt, welche ich ebenfalls wiederzu⸗ geben verſucht habe... ſiehe, hier ſind Deine Ueber⸗ ſchlaͤge.“ Und Honorine zog aus der Taſche ihrer Schuͤrze ein paar Papiere, die zur Ueberraſchung des Oberſt⸗ lieutenants eine Menge Zahlen enthielten. Den Kopf ſchuͤttelnd, ſtreckte er ſogleich die Hand aus. „Warte einen Augenblick... bevor Du lieſeſt, muß ich Dir ſagen, daß Du auch erwaͤhnteſt, Du woll⸗ teſt eine Brochuͤre uͤber dieſen Gegenſtand herausgeben und da ich wußte, daß Du ſehr wohl im Stande biſt, dieſen Entſchluß auszufuͤhren, ſo billigte ich ihn von Herzen, beſonders als Du hinzufuͤgteſt...“ „Aha, ich fuͤgte alſo etwas hinzu, meine kleine Projectmacherin— was denn?“ „Nun, daß es Deine feſte und innige Ueberzeu⸗ gung ſei, daß Du durch die Facta, die Du vorlegen koͤnnteſt, im Stande ſein wuͤrdeſt, zu beweiſen, welches Gewicht dieſe Frage hat und wie ein fuͤr den Staat ver⸗ derblicher Keim in dem Hauſe des Deputatarbeiters waͤchſt.“ „Lieber Gott, Honorine, was fuͤr eine gefaͤhrliche Frau koͤnnteſt Du werden, wenn Du einen ſchwachen Mann haͤtteſt! Zum Gluͤck gehoͤre ich nicht zu denen, welche an das Vermoͤgen der Frauenzimmer zu etwas Anderem glauben, als wozu ſie beſtimmt ſind... Na, erzu⸗ eber⸗ uͤrze erſt⸗ die eſeſt, voll⸗ eben biſt, von leine zeu⸗ egen lches ver⸗ iters liche chen nen, was Na, 93 an, ſchmolle nur nicht, mein Kind... nimm den Tel⸗ ler weg— Deine Thraͤnen vermehren den Appetit nicht.“ „Helleding... ach!“ „Wenn Du noch daruͤber weinteſt, daß ich krank geweſen bin— aber uͤber eine Phantaſie, ein Traum⸗ bild „Es iſt ja eine Wirklichkeit— habe ich nicht Deine Ueberſchlaͤge?“ „Meine Ueberſchlaͤge? Ha, ha... Na, gieb mir einen Kuß und wir wollen dann die usberſchäg anſehen, die ich im Schlafe aufgeſtellt.“ ☛ᷣ 17. die da⸗ Fortſetzung von Honorinens Traum. wa nie Die junge Frau hatte das Fruͤhſtuͤckgeſchirr forte Th getragen und ſaß nun, das Haupt auf die Hand ſtuͤtzend, Ar ihrem Gemahl gegenuͤber, den ſie aufmerkſam betrach⸗ loſ tete, waͤhrend er mit den beiden Papieren vor ſich auf dem Tiſche ih re Berechnungen ſtudirte. BW Es waͤre vergeblich, alle die Eindruͤcke wiederzu⸗ 4 an geben zu ſuchen, welche waͤhrend dieſes Studiums des Oberſtlieutenants ſich auf Honorinens ſchoͤnem Geſichte 44 ſch ſpiegelten. 38 Wenn man ſagen koͤnnte, daß das Herz in die Geſichtszuͤge hinaufſteigt, ſo wuͤrden wir gerade dieſen Ausdruck gebrauchen. die Gewiß iſt, daß Honorinens Herz, welches bis jetzt D noch niemals von der ſtuͤrmiſchen Liebe geſchlagen, die blos ein Weſen in ſich ſchließt, jetzt mit unendlicher ne⸗ Heftigkeit ſchlug und niemals zeigte ſich auf der Wange beſ kort⸗ hend, ach⸗ auf rzu⸗ des ichte die jeſen jetzt die icher ange 95 eines jungen Weibes— nicht einmal bei dem erſten Kuſſe des Geliebten— eine gluͤhendere Roͤthe, als die, welche ihren tiefen Scharlach uͤber Honorinens Sam⸗ metwange breitete, als die Stirne des Oberſtlieutenants ihre Runzeln glaͤttete und ein Zug von Milde um ſeine Lippen ſpielte. Aber als dieſe Stirn ſich wieder umwoͤlkte, als dieſe Lippen ſich zu einem hoͤhniſchen Laͤcheln verzogen, das nur durch eine Art vaͤterliches Mitleiden gemildert ward, da ſenkte ſich auch Honorinens Stirn immer tiefer nieder, da verloſch der prachtvolle Glanz, der durch die Thraͤnen hindurch in ihren Augen gegluͤht und ihr edles Antlitz nahm eine Miene der ſchmerzlichſten Hoffnungs⸗ loſigkeit an. Ehe aber noch der Oberſtlieutenant ein anderes Wort geſprochen, als„hm, hm,“„ha“ und„ſieh doch an“ u. ſ. w., hatte Honorine ihre Faſſung ſchon wie⸗ der gewonnen und mit einem Laͤcheln auf den Lippen ſchaute ſie ihren Mann an, als er ſich jetzt zu ihr wendete und ſagte: „Ich fange an zu glauben, mein Kind, daß ich — wie unglaublich es auch klingt— wirklich im Traume dieſe Vergleichungen fuͤr Dich aufgeſetzt, uͤber welche Du doch niemals vorher nachgedacht haſt.“ Honorine, entzuͤckt, in der Eigenliebe ihres Man⸗ nes einen Bundesgenoſſen zu finden, antwortete ganz beſcheiden: —yn 96 „Wenn ich auch uͤber dieſen Gegenſtand fruͤher„1 nachgedacht habe, ſo ſind die Gedanken dennoch von 3 Dir gekommen, mein Freund, denn Deine Bemuͤhun⸗ gen in mancher andern Hinſicht haben mich ganz na⸗ tuͤrlich auf die Idee gebracht, daß es da, wo Du wir⸗ wo ken willſt, kein Hinderniß giebt.“ 1 M „Dank, Honorine— Du achteſt Deinen Mann und laͤßt ihm Gerechtigkeit widerfahren. Laß mich da- un her Deine gute Geſinnung damit bezahlen, daß ich bet Dir etwas ſage, was Dich gewiß hoͤchlich in Erſtaunen des ſetzen wird.“ d „Nun, was koͤnnte denn dies ſein?“ e „Nun, daß Du— verſteht ſich, ohne es ſelbſt zu wiſſen— mir manche gute Idee eingegeben haſt, das heißt, daß ich den formloſen Gedanken, die ſich in Dei⸗ weit nem Koͤpfchen geruͤhrt, Leben gegeben habe.“* „Wie gut Du biſt, mein Freund!“ Feu „Nein, mein Kind, ich bin eben ſo, wie Du, nur fuͤn gerecht... Und laß uns nun einmal Deine Berech⸗ ſolle nungen oder vielmehr meine Traumcaleuͤls durchleſen— kom denn im wachenden Zuſtande, ſiehſt Du, waͤre ich wohl beſte nicht dazu gekommen, ſie aufzuſchreiben.“’ „ Ja, beſter Helleding, lies ſie... und lies ſie laut.“ kung .„Nun, es mag ſein, meine kleine Projectmache⸗ Fre rin... Wir wollen mit dieſem hier anfangen: lehne Ei 97 „Ueber die Lage des Deputatarbeiters im All⸗ gemeinen.*) „Der Haushalt eines Deputatarbeiters kann ge⸗ woͤhnlich zu fuͤnf Perſonen angenommen werden: Mann, Frau und drei Kinder. „Lohn und Naturalgenuß machen zuſammen in unſerm Orte ungefaͤhr 175 Rthlr. aus und dieſer Lohn⸗ betrag iſt weit hoͤher, als an den meiſten andern Orten des Landes...“ „Das iſt wahr, mein liebes Kind— wo weißt Du nur das her?“ unterbrach ſich der Oberſtlieu⸗ tenant. „Du haſt es mir ja ſelbſt geſagt!“ „Ja ſo, im Traume, es iſt ja wahr— nun weiter: „175 Rthlr. koͤnnen alſo, außer Wohnung und Feuerholz, als der hoͤchſte Betrag angeſehen werden, wovon fuͤnf Perſonen ein Jahr lang ſich ernaͤhren und kleiden ſollen. Vertheilt man dieſe Summe auf 365 Tage, ſo kommen 232 ¾ Schill. taͤglich auf den aus fuͤnf Perſonen beſtehenden Haushalt. Nehmen wir nun ein Miß⸗ *) Honorinens beide Calculs nebſt der kleinen Einlei⸗ tung, welche dem zweiten vorangeht, haben wir uns die Freiheit genommen, aus Baron Carl Raab's ſchoͤner und verdienſtvoller Schrift uͤber denſelben Gegenſtand zu ent⸗ lehnen. Ein Gerücht. IV. 4 98 wachsjahr an, wo der Roggen 18 Rthlr. die Tonne koſtet: 37 Arbeitstage gehoͤren dann dazu, um eine Tonne zu verdienen. Wiegt dann der Roggen gemah⸗ len 13 Liespfund pro Tonne— nach Abrechnung der Mahlmetze— ſo erhaͤt man daraus 13 Liespfund Brot. Nun eſſen doch taͤglich der Mann 3 Pfund, die Frau 2 Pfund und durchſchnittlich die Kinder auch 2 Pfund jedes, es gehen daher in einem ſolchen Haus⸗ halte taͤglich 11 Pfund Brot auf— alſo in 23 1 Tag 13 Liespfund Mehl oder 1 Tonne Roggen. Was bleibt nun waͤhrend der noch uͤbrigen ſechs Tage zum Brote uͤbrig? Womit ſollen die Ausgaben fuͤr Ge⸗ muͤſe, Kleider, Schuhe und andere Beduͤrfniſſe waͤhrend der ganzen Zeit beſtritten werden?“ „Ich furchte,“ ſagte der Oberſtlieutenant, waͤhrend er das Papier wieder zuſammenfallen ließ,„daß Du mir dies da haſt dietiren helfen, meine kleine Freundin!“ „Wie ſo, beſter Helleding!“ „Koͤnnte ich— wenn wir ernſthaft reden wollen — wohl einen ſolchen Calcul aufgeſtellt haben, ich, der ich weiß, daß der Roggen ſelten mehr als 12 Rthlr. koſtet, daß die Tagloͤhner und Bauern ganz ſelten Rog⸗ genbrot eſſen und daß, wenn man Mengekorn anſtatt Roggen kauft und wenn man vor allen Dingen nach dem Hausbedarf ißt und nicht nach Deiner taͤglichen Ration, man einen ſo betraͤchtlichen Ueberſchuß be⸗ Du ndin!“ wollen ich, der Rthlr. 1 Rog⸗ anſtatt n nach aͤglichen zuß be⸗ 99 kommt, daß er zu dem Einen und zu dem Andern aus⸗ reicht.“ „Zu Einem und dem Andern fuͤr fuͤnf, ſechs, ja vielleicht noch mehr Perſonen— denn wie viele dieſer Leute haben nicht eine alte Mutter oder einen alten Vater noch zu ernaͤhren— und das von derſel⸗ ben Summe, womit ein Knecht bezahlt wird, mit 175 Rthlrn.? »In der That, es iſt allzu ungleich, daß das, was fuͤr den Knecht allein hinreicht, auch fuͤr den Deputat⸗ arbeiter mit ſeinem ganzen Haushalt hinreichen ſoll. Habe ich recht? Und gleichwohl iſt es allgemein ange⸗ nommen, daß Beide, einer ſo viel Lohn bekommen, als der andere.“ „Aber bedenke doch, mein Kind, daß unſere De⸗ putatarbeiter, gleich vielen Anderen, ihr Deputat in na⸗ tara bekommen,— ſie ſind daher, wie auch die Preiſe ſein moͤgen, keiner Veraͤnderung unterworfen.“ „Das iſt ganz wahr, mein guter, beſter Mann, aber eben ſo wahr iſt es auch, daß ſelbſt unſere Depu⸗ tatarbeiter, in Vergleich mit den Frohnbauern, auf be⸗ truͤbende Weiſe im Nachtheile ſind. Ach, ich habe es geſehen, ich habe in die Tiefe ihres aͤußern und innern Lebens geblickt, welches ſo freudenlos iſt, daß man von der Stumpfheit und duͤſteren Traͤgheit zuruͤckſchaudert, wovon dieſes Leben durchdrungen iſt, welches nur ein ewiges Muͤhen fuͤr Andere genannt werden kann.“ * 7 4 1 10⁰⁰ „Aber, meine kleine Freundin, das iſt ja einmal ihr Loos. Es iſt ein ſchweres, das gebe ich zu, aber wir koͤnnen nichts dagegen thun, denn es iſt einmal ſo beſtimmt.“ „O, ſprich nicht ſo— ſollen denn gewiſſe Men⸗ ſchen als zu unſern Sklaven beſtimmt angeſehen werden?“ Nun begann der Oberſtlieutenant nicht zu laͤcheln, ſondern recht herzlich zu lachen. „Ich glaube, Gott verzeihe mir's, Du kleine Schwaͤrmerin, daß Du Luſt haſt, dem Socialismus zu huldigen... Du weißt nicht, was das Wort bedeutet — Frauenzimmeer begreifen ſo etwas nicht— aber es iſt ein ganz entſetzliches Wort!“ „O, mein lieber Helleding, ich weiß es recht wohlz aber ich wuͤnſche keine ſo großen Reformen, ich begnuge mich mit dem Wenigen, was mir am naͤchſten liegt... Alſo, Du guter, alter Kriegsmann, der zehnmal beffer iſt, als Du Dich ſelbſt machen willſt... lies nun den anderen Ueberſchlag.“ „Nun, ich muß es wohl thun, obſchon mir das Gaͤhnen ankommt... wenigſtens aber kann ich wohl das Praͤludium uͤberſchlagen, welches vorangeht?“ „Nein, nein, mein Freund, ich merkte ſchon, daß Du das Erſte uͤberhuͤpfteſt, jetzt wird Dir nichts ge⸗ ſchenkt. Aber ich verſpreche Dir, daß Du mich bei einer andern Gelegenheit ſollſt tyranniſiren koͤnnen.“ inmal ,aber nal ſo Men⸗ eeſehen icheln, kleine aus zu edeutet aber wohlz egnuͤgt egt... beſſer nun den nir das h wohl en, daß hts ge⸗ nich bei n.“ 101 „Lieber Gott, uͤber dieſe Weiber— ſie ſind ſo freundlich und meinen es ſo gut, aber wie einfaͤltig ſind ihre Anſichten. Sag', biſt Du niemals auf den Ge⸗ danken gekommen, Deiner lieben Adele vorzuſchlagen, ihr Haus zu verkaufen und dafuͤr Grundſtuͤcke anzu⸗ kaufen, wo Ihr mit einander Experimente machen koͤnnt?“ „O, das werde ich ſchon kuͤnftig noch thun... Inzwiſchen waͤre es aber doch ſehr huͤbſch, wenn wir uns nicht weiter von unſerm Thema entfernten.“ Der Oberſtlieutenant nahm das andere Blatt, ſtrich ſich, wie gewoͤhnlich, den Schnurrbart und ſagte: „Es war ein verteufelt langer Traum, den ich hatte.“ „Lies nur!“ „Die Stellung des Frohnbauers im Vergleich mit der des Deputatarbeiters. „Es iſt bekannt, welches Vorurtheil jedes Mit⸗ glied des Volkes gewoͤhnlich dagegen hegt, in einem andern Kirchſpiel zu ſterben, als in dem, worin es ge⸗ boren iſt, wie ungern der gemeine Mann die Ge⸗ gend oder das Dorf verlaͤßt, worin er ſeine Kinder⸗, ſeine Jugend⸗ und Mannesjahre zuruͤckgelegt, wie alle dieſe Erinnerungen mit erhabener Vorliebe ſich um das kleine Haus concentriren, wo Vater und Groß⸗ vater ihre Laufbahn angefangen und beſchloſſen haben. 1⁰² „Mit dem Eindruck dieſes Gefuͤhls, welches ſeinem Beſitzer ein Einwohnerrecht verleiht, ſo lange er ſeine Verpflichtungen erfuͤllt, ſchließt ſich der Frohnbauer feſt an das kleine Grundſtuͤck an, wo jeder Schritt zur Verbeſſerung ſeine Thaͤtigkeit mannigfach lohnt, wo jeder Gedanke auf die Verbeſſerung ſeiner eigenen Um⸗ ſtaͤnde gerichtet iſt. Schon hieraus muß man erſehen, welches moraliſche Uebergewicht das Frohnbauerſyſtem hat. Betrachten wir ſeine oͤkonomiſche Stellung ge⸗ nauer, ſo wird das Verhaͤltniß, im Vergleich mit dem des Deputatarbeiters, noch vortheilhafter. „Ein Frohngrundſtuͤck, welches woͤchentlich fuͤnf Frohnarbeitstage zu leiſten und noch einige andere kleine Abgaben und Zinſen zu bezahlen hat, was zuſammen⸗ genommen ungefaͤhr der Wochenarbeit eines Deputat⸗ arbeiters gleichkommt, beſitzt gewoͤhnlich 1 ½ Tonne Roggenausſaat; macht nach dem E ichſten Korne und Abzug der Ausſaat, 9 Tonnen, à 12 Rthlr... 108.— 6 Tonnen Kartoffeln; macht bei ſiebenfa⸗ chem Ertrage und nach Abzug der Wusſaat, 42 Tonnen, à 2 ½ Rthlr.... 105.— 3 Scheffel Korn; macht bei fünffachem Er⸗ trage nach Abzug der Ausſäak. 9 Schefſa à 2¾ Rthlr..... 22. 1 Lat. 235. 1 — „——-—— 1⁰³ Trausp. 235. 4 Kuͤhe, à Stuͤck 25 Rthlr...... 100.— Gewoͤhnlich verkauft er ein Jahr ums an⸗ dere einen jungen Ochſen, der zu 50 Rthlr. veranſchlagt werden kann..... 25.— Schlachtet alljaͤhrlich ein groͤßeres und ein kleineres Schwein. 60.— Wolle von 12 Schafen zu 1 ½ Rthlr. pr. Pfund und 1 ½ Pfund pr. Schaf... 27.— Hat uͤberdies Wolle zu Tuchkleidern und Flachs zu hinreichender Leinwand; davon geht die Bekoͤſtigung fuͤr einen Knecht ab, dem der Frohnbauer eben ſo viel Lohn bezahlt, als der Deputatar⸗ beiter Einkommen hat..... 145.— Reſt und Ueberſchuß 272. ½ was des Frohnbauers reines Einkommen iſt. Hierbei muß bemerkt werden, daß ein fleißiger Frohnbauer ge⸗ woͤhnlich mit ſeinem Nachbar zuſammen einen Knecht miethet und die Haͤlfte der Frohnarbeit ſelbſt verrichtet, wodurch ſich ſein Einkommen um weitere 87 ½ Rthlr. vermehrt. Sein Nettoeinkommen betraͤgt dann ſonach 360 Rthlr. oder mehr als doppelt ſo viel, als das des Deputatarbeiters. „Fuͤgen wir nun noch hinzu, daß die Lebensper⸗ ſpective des Deputatarbeiters ihm keine vermehrten Ein⸗ 104 kuͤnfte zeigt, wohl aber in Folge des Kinderſegens ver⸗ minderte, waͤhrend der Frohnbauer, bei Thaͤtigkeit und Fleiß, Hoffnung hat, ſein Einkommen zu erhoͤhen, ſo ſieht man leicht ein, welche ganz andere Lebensluſt da⸗ durch entſtehen muß— eine Luſt, die Freude und Wohlbehagen in der ganzen Familie verbreitet und einen Geiſt der Nuͤſtigkeit und Thaͤtigkeit ausgießt, der faſt von ſelbſt entſteht, wenn der Menſch in ſeinem eigenen Intereſſe arbeitet. Er fuͤhlt in jeder Ader, daß er lebt * daß er vorwärts gehtt........ ...- „Nun, mein lieber Mann, was ſagſt Du nun?“ „Daß Du fuͤr ein Frauenzimmer dieſe Ideen da gar nicht ſo uͤbel zuſammengeſtellt haſt, aber daß ſie dennoch nichts Anderes ſind, als ſchoͤne— na, werde nur nicht gleich verdrießlich— als ſchoͤne Seifenblaſen.“ „O, Du biſt recht grauſam.“ „Verdamme ich Dich denn? Nein, Du koͤnn⸗ teſt als junge und lebhafte Frau auf einen weit ſchlim⸗ mern Zeitvertreib verfallen ſein, als dieſe kleinen, un⸗ ſchuldigen und poetiſchen Phantaſien.“ „Zeitvertreib!“ „Siehſt Du, liebe Honorine, die Sache iſt die, daß eine Frau ſich in ihrer Sphaͤre halten und nicht in etwas eingreifen muß, was ſo hoch uͤber ihren Ho⸗ 105 rizont hinausgeht, wie... gleichviel, mein Kind, Du verſtehſt mich ſchon.“ „Ja, vollkommen. Aber Du verſtehſt mich auch, lieber Freund, wenn ich Dir jetzt zum erſten Male ganz ernſthaft ſage, daß Du den Werth des Weibes im All⸗ gemeinen unterſchäͤtzeſt und daß Du Deine Frau zu niedrig beurtheilſt. Ich bin nicht anmaßend, ich wuͤn⸗ ſche nicht, Deinem beſſern Wiſſen im Lichte zu ſtehen, aber ich will Dich bei dieſer einzigen Gelegenheit er⸗ innern, daß Mann und Weib zu einem und demſelben Zwecke geſchaffen ſind und daß, obſchon der Gebrauch ihn gleichſam auf den erſten Platz geſtellt, es doch in unſerer Vernunft ein Geſetz giebt, welches uns ſagt, daß wir gleich ſind und daher in unſern Gedanken uns begegnen koͤnnen.“ „Honorine!“ rief der Oberſtlieutenant ganz ver⸗ wundert. „Beruhige Dich, mein Freund,“ ſetzte ſie mit ihrem gewohnten, anmuthigen Laͤcheln hinzu,„ich will gewiß keine Reform in der Ehe, denn ich kenne auch Gottes Geſetz... Aber nicht wahr, Du ver⸗ ſprichſt mir, die Thatſachen zu erwaͤgen, die in dieſen Papieren enthalten ſind?“ „Hoͤre, mein Kind, Du warſt wirklich nahe daran, mich zu erſchrecken; weißt Du, daß eine Frau, welche auf dieſe Weiſe philoſophirt, etwas ganz... ganz — 106 Abſcheuliches iſt? Doch um zu beweiſen, daß Du nicht einen Mann haſt, der Dir Anlaß zu mehrern Herzensergießungen derſelben Art geben will, ſo ver⸗ ſpreche ich... ja, ich verſpreche...“ Aber nun fing der Oberſtlieutenant an, ſich zu beſinnen und mit verzweifeltem Eifer den Schnurrbart zu drehen. „Nun, was verſprichſt Du?“ „Alles zu vergeſſen, meine Freundin, ohne Dir den mindeſten Vorwurf zu machen, daß Du mich heute eine Deiner weniger guten Seiten haſt ſehen laſſen.“ „O neie beſter Helleding, dieſes Verſprechen iſt viel zu klein, als daß es mich zufrieden ſtellen ſollte.“ „Was kannſt Du denn ſonſt wünſchene⸗ „Das weißt Du ja.“ „Aber, Du weißt auch, daß das, was Du for⸗ derſt, nicht blos eine ganz unmogliche Unmoͤglichkeit iſt, ſondern auch die raſendſte Unmoͤglichkeit, die man ſich denken kann! Sollte ich, ein vernuͤnftiger Mann, der ſeine Wirthſchaft auf die zweckmaͤßigſte Art ein⸗ gerichtet hat, eine ſolche Revolution vornehmen? Du biſt nicht klug, wenn Du das verlangſt.“ „Und Du, der Du ſo klug biſt, verdammſt, ohne genau zu pruͤfen. Wenn Du die Verhaͤltniſſe genau 107 3 Du berechnen wollteſt, wuͤrdeſt Du gleichwohl finden, daß ehrern der Gewinn bei dieſer Revolution am Ende auch auf ver⸗ Deiner Seite waͤre.“ 1„Nun, liebe Honorine, muß ich Dich bitten, zu ich zu ſchweigen, ſonſt geht meine Geduld zu Ende.“ rrbart Honorinens Geſicht uͤberzog eine leichte Blaͤſſe. —„Verzeihe mir dann!“ ſagte ſie mit einer gewiſ⸗ ſen Kaͤlte in einem nicht bittern aber ſchmerzlichen e Dir Tone.„Ich werde Dich in Ruhe laſſen.“ mich Sie nahm ihre Papiere und begann nach der ſehen Thuͤr zu gehen. „Nein, nein, ſo darfſt Du mich nicht ver⸗ zen iſt laſſen... Du biſt uͤberzeugt, daß ich Dich eben ſo lte.“ ſehr liebe, wie ein kluger Mann ſeine Gattin liebt und um Dich nur wieder heiter zu ſehen, will ich mir ſo⸗ gar eine Schwaͤche erlauben. Ihr armen, verzaͤrtelten und empfindlichen Weiber verlangt einmal eine eigen⸗ 3 far thuͤmliche Behandlung.“ dehkait„Und dieſe Schwaͤche, mein Freund?“ Nann, Honorine kam wieder auf ihren Gatten zu. rt ein⸗„Du wirſt Dich freuen! Ich will meinen Leu⸗ Du ten mehr Deputat geben und mit meinen Nachbarn uͤber dieſen Gegenſtand ſprechen. Apropos, Du kannſt „ohne die Wiſche dalaſſen— ich will meinen getraͤumten genau Plan umarbeiten und das Reſultat wird ſein, daß ich 2 108 wach die Hand ans Werk lege, an das Loos der Deputatarbeiter— obſchon auf andere Weiſe, als Du Dir gedacht.“ „Ach, mein Freund, das iſt unendlich gut von Dir und Du wirſt ſehen, wie dankbar ich bin.“ der Du von 18. Abſchied von CTjuſtorp. Als Honorine aus dem Zimmer ihres Gatten in den Saal heraustrat, erblickte ſie etwas, was, ohne daß ſte ſelbſt es wußte, die zarte Roſenfarbe auf ihrer Wange dunkler machte. An einem der Fenſter ſtand Philipp und kritzelte Buchſtaben in das Glas. Jolli war ſchon am Morgen nach dem Propſtei⸗ hofe gefahren. Die junge Wirthin und der Gaſt waren allein. „Nun, Herr Eremit, Sie haben ja ihre Freunde ganz verlaſſen?“ „Ach, gnaͤdige Frau, Sie ſind es... verzeihen Sie... ich war ſo zerſtreut.“ Und Philipp wendete ſich ſchnell von dem Fenſter nach Honorinen, die ihm die Hand entgegenſtreckte. 11⁰ Da man gleich darauf an demſelben Fenſter Platz nahm, ſo konnte Honorine Philipps Schrift ſehr wohl leſen. Dieſelbe enthielt jedoch eine große Einfoͤrmigkeit, denn ſie beſtand Zeile fuͤr Zeile aus einem und demſelben Worte und dieſes Wort war ein Name: „Lilia.“ „Noch immer?“ Honorine ſchuͤttelte ihr ſchoͤnes Haupt. „Jetzt und immerdar!“ antwortete Philipp mit ge⸗ ſenktem Blick.„Sie ſehen, gnaͤdige Frau, es iſt eine Krankheit, die viel zu hartnaͤckig iſt, um geheilt werden zu koͤnnen.“ Honorine war im Begriff zu antworten, aber da dieſe Antwort ſich um einen Augenblick verzoͤgerte, ſo hob Philipp wieder an: „Ich habe einen Brief, ganz offen, verſteht ſich, von meinem Schwager an Mamſell Jolli bei mir.“ Honorine ergriff das Blatt, welches er ihr hinhielt und las folgende Zeilen, welche wieder ein Laͤcheln auf ihren Lippen hervorriefen: „Meine liebe Mamſell Jolli! Meinem Verſprechen gemaͤß nahm ich den Weg uͤber Tromtebo und habe die Ehre, Ihnen zu melden, daß Ihre Frau Mutter ſich ſehr wohl befindet und noch bis zu Oſtern oder Pfingſten— naͤmlich bis zu der Zeit, wo Mamſell Jolli confirmirt werden ſoll— auf Tromtebo bleiben und dann nach Tjuſtorp kommen wird. Platz leſen. igkeit, ſelben nit ge⸗ ſt eine verden ber da o hob öt ſich, mir.“ inhielt in auf »rechen abe die ich ſehr ſten— firmirt a nach 111 „Sie ſagte, es waͤre ſehr kindlich und huͤbſch von Mamſell Jolli, ihr einen Brief und einen Gruß, ſowie den warmen Kaftan zu ſchicken. Das Weitere wird ſie ſelbſt mit der Poſt ſchreiben, bei welcher Gelegenheit ſie vielleicht auch ſagen wird, ob ihr der Ueberbringer des Briefs gefallen hat. „Tante Walborg— ich ſage wie die Andern— ward gut Freund mit dem, den Mamſell Jolli, wie ich hoffe, auch unter ihre Freunde rechnet. Und ich verſprach ihr eine Kiſte echte Havannahcigarren zu ſchicken, denn ſie zeigt in dieſem Artikel einen ſehr feinen Geſchmack. „Liebe Mamſell Jolli, bitten Sie die gnaͤdige Frau, daß ſie Philipp zwingt, unſern Sohn in der Pflege der Herrſchaft zu laſſen. „Und gute, gute Mamſell Jolli, vergeſſen Sie nie⸗ mals das freundliche Verſprechen, das ich an einem ge⸗ wiſſen Tag, als wir Schlitten fuhren, erhielt— ach dieſe Schlittenfahrt vergeſſe ich niemals— das Verſpre⸗ chen naͤmlich, daß Mamſell Jolli wie eine Mutter an Alban handeln wollte. „Es macht mir großes Vergnuͤgen, wenn ich hier zu Hauſe in meiner Einſamkeit daran denke, wie Mamſell Jolli ihn erzieht und ihm gewiß nicht erlaubt, Papa Dick zu vergeſſen. „Ich bin ganz ungeheuer mit Geſchaͤften uͤberhaͤuft. Und dann mein Muſeum— damit komme ich kaum 11² zu Stande, bevor ich zu Pfingſten wieder nach Tjuſtorp komme. „Ich ſage zu Pfingſten, aber ich ſtehe nicht dafuͤr, daß es nicht eher geſchehen kann, wenigſtens geſchieht es, ſobald wir im gruͤnen Graſe herumſpringen koͤnnen. Dann werden wir ſehen, ob Mamſell Jolli jemals wird entſpringen koͤnnen Ihrem gehorſamen Diener Dick.“ „N. S. Vor allen Dingen vergeſſen Sie nicht, was ich Ihnen wegen der gnaͤdigen Frau geſagt habe! Es giebt kein Weib(mit Ausnahme eines einzigen, das ich nicht nennen will) was mehr Macht uͤber ihn haͤtte. O. S. „N. S. Ich hoffe, Mamſell Jolli wird es nicht uͤbel nehmen, daß ich, wenn ich wiederkomme, ein abſon⸗ derliches Halsband mitbringe, welches ich fuͤr Rechnung einer gewiſſen Perſon meinem Muſeum raubte! . D. S.“* 5„N. S. Niemals habe ich mich in irgend eines Menſchen Geſellſchaft ſo wohl befunden, als ein Mam⸗ ſel Jolli's. „Mamſell Jolli's herzlich dankbarer D i cx.⸗ Honorine und Philipp ſahen einander aͤchelnd an. Aber Honorine hatte keine Zeit, zu pruͤfen, in wie juſtorp dafuͤr, eht es, oͤnnen. 3 wird ener 3 nicht, habe! n, das haͤtte. 46 nicht abſon⸗ hnung 3 eines Mam⸗ 113 weit Dick in ſeiner Behauptung uͤber die Gewalt, die er ihr zuſchrieb, recht hatte, denn eben trat ein Bote von dem Oberſtlieutenant ein. Aber wir wollen nicht wieder in das Zimmer des Oberſtlieutenants zuruͤckkehren; wir machen nun einen Ausflug weit von Tjuſtorp hinweg, um in einer andern Provinz eine Wohnung außzuſuchen, die eben ſo duͤſter und abgelegen war, wie die des armen Poeten. Ein Gerücht. IV. 8 19. Die zweite Einſiedelei.„»Mutter im Süden.“ Hoch und klar leuchtete der Mond an dem reinen, blauen Winterhimmel und die Sterne blickten mit ihren Millionen Silberaugen auf die Erde herunter, deren Schneedecke vom Wiederſcheine dieſer Blicke erglaͤnzte. Der Abend war noch nicht weit vorgeruͤckt, aber ſchon ruhte die Stille der Nacht— das Bild der ewi⸗ gen Ruhe— auf Waͤldern und Ebenen. Aber außer dem Lichte des Himmels ſchien noch eins, deſſen bleiche Flamme ſich mit Muͤhe zwiſchen den dunkeln Mauern hindurchſtahl, welche das Waldgebirge bildete und je nachdem der Weg zwiſchen dieſen Mauern ſich auf und ab ſchlaͤngelte, verſchwand und zeigte es ſich wieder, wie eins jener poetiſchen Irrlichter, von welchen die Volksſage ſo viel zu erzaͤhlen weiß. Aber raſch klang ein Ton uͤber die oͤde Umgebung, —— einen, ihren deren zte. aber ewi⸗ noch n den ebirge auern zeigte r, von ebung, 115 wo nur der Allmaͤchtige in ſeinen Werken zu wohnen ſchien und dieſer Ton, der von ſtarkklingendem Schellen⸗ gelaͤute herruͤhrte, belebte die Gegend immer mehr und mehr und gab ihr endlich einen vollkommen menſchlichen Charakter, als auf der knarrenden Schneedecke blitzſchnell ein Schlitten hergefahren kam. In dieſem Schlitten ſaß, außer dem Vorſpannjun⸗ gen, eine Perſon, die wir nur allzulange aus den Augen zu verlieren genoͤthigt geweſen ſind, naͤmlich Doctor Ar⸗ nold Warvner. Waͤhrend der ſechs Monate, in welchen wir ihn nicht geſehen haben, hatten ſeine Geſichtszuͤge die Ruhe und die Geſetztheit wieder gewonnen, die ſeinem Ich zu⸗ kamen. Und wenn die ſtuͤrmiſche Epiſode, welche den erſten Theil unſerer Erzaͤhlung ſchloß, eine unausloͤſch⸗ liche Spur hinterlaſſen hatte, ſo war dies doch blos eine Spur. Seine Seele hatte von demſelben Augenblicke an, wo er einen nur allzutiefen Blick in Lilia's warf, ihr Gleichgewicht wieder gewonnen. Nicht daß Arnold eine einzige Minute ſo unmenſch⸗ lich geweſen waͤre, zu glauben, was er nicht glauben durfte oder ſo kurzſichtig, um nicht das wahre Verhaͤlt⸗ niß zu begreifen, welches das war, daß dieſes Weib, von Demuͤthigung niedergebeugt, von Stolz beheerſcht, ſchwindlig, wahnſinnig und von Verzweiflung beherrſcht, ſelbſt nicht wußte, was ſie in ihrer Verwirrung ſprach. 8* Aber es giebt Verwirrungen, welche mehr Boͤſes durchblicken laſſen, als der Verworrene von ſich ſelbſt weiß und welches doch am Ende vorhanden iſt. Jeder ſchwarze Fleck der Seele, den ein Gedanke dahingebracht, kann wohl wieder weiß gewaſchen werden — es waͤre auch allzu troſtlos, wenn dies nicht ſo waͤre. Aber wenn dieſe magiſchen Flecken von menſchli⸗ chen Augen geſehen worden ſind und wenn dieſe Augen ſich mit Abſcheu abgewendet haben, werden ſie niemals mit Liebe dahin zuruͤckkehren koͤnnen. 1 4 Waͤhrend der Doctor ſeinen Weg fortſetzt und zu⸗ weilen auf das vorhin erwaͤhnte bleiche Licht blickt und bisweilen mit freiem und ſanftem Auge nach der Hei⸗ math der Sterne hinauf, wo Arnold alle die Seinen hat, waͤhrend die Fahrt auf dem funkelnden Wege uͤber Thaͤler und Anhoͤhen, durch Waͤlder und uͤber zugefro⸗ rene Suͤmpfe geht und der Reiſende ſich immer mehr und mehr in eine Felſengegend vertieft, deren Duͤſter⸗ heit ſogar die uͤbertrifft, worin Philipp ſeine Einſiedelei aufgeſchlagen, wollen wir nach dem Ziele vorauseilen, welches Doctor Warvner binnen Kurzem zu erreichen gedenkt. Es war ungefaͤhr ſieben Uhr Abends, am 23. Ja⸗ nuar des Jahres 18.. 4 117 In dem kleinen Hauſe, in welchem das Licht leuch⸗ tete— ein Haus, welches auf einem freien Platze lag oder, von unten geſehen, vielmehr hing, der den Deckel des Abgrundes auszumachen ſchien, welcher darunter gähnte— in dieſem kleinen Haus ſaß eine ungefaͤhr ſechzig Jahr alte Frau an einem großen Eichentiſch und bereitete weiße und rothe Salben, welche ſie dann ſpaͤter in kleine Glasbuͤchſen vertheilte. 1 Das Geſicht der Frau hatte, obſchon es von Kum⸗ mer und Leiden gefurcht und abgezehrt war, doch nichts, was an die ſataniſche Begeiſterung der Sibyllen oder Zauberſchweſtern der Vorzeit erinnerte. Im Gegentheil lag darin eine tiefe, chriſtliche Demuth, ein inniges Wohlwollen, eine harmloſe Ruhe. 2 Die Mutter im Suͤden— wie ſie ge⸗ nannt ward, weil ihr Haus auf der Suͤdſeite des Ge⸗ birges lag und fortwaͤhrend dem Spiele der Suͤdwinde ausgeſetzt war— war gleichwohl eine große Autoritaͤt und weit umher bekannt. Sogar kein Arzt genoß in dieſer Gegend mehr Vertrauen. Sie heilte kranke Menſchen und kranke Thiere; ſie gab Rath in Herzensangelegenheiten, in Geſchaͤfts⸗ angelegenheiten, ja ſelbſt in der Todesſtunde konnte ſie, wie man glaubte, mehr Linderung geben, als ſogar der Prieſter, denn ſie, die„Mutter im Suͤden“, ſprach in ihrer einfachen, wuͤrdigen Weiſe ſo ſchoͤn von dem ver⸗ 4 —— —— 118 ſöhnlichen Gott, der nicht Gefallen habe an dem Tode des Suͤnders, ſondern ihn in ſeine Vaterarme zu ſchlie⸗ ßen wuͤnſche, daß Jeder ſie verſtand und auch ſelbſt ver⸗ ſtanden zu ſein glaubte. Wegen einer Sache ſtand jedoch die Mutter im Suͤden in hoͤherm Rufe, als wegen alles Anderen. Sie war die Hoffnung aller jungen Frauen, wenn gewiſſe, mit Angſt erwartete Zeiten herannahten. Ja ſogar vornehme Damen, die weit von dem Gebirge wohnten, hatten, von den Hebammen ihres Ortes aufgegeben, die Mutter im Suͤden holen laſſen und dann das lebende Kind an ihr Herz druͤckend, die wuͤr⸗ dige Frau geſegnet, welche, wenn Alles beſorgt war, ſich anſpruchslos wieder in ihre geliebte Einſamkeit zuruͤckzog, die Niemand anders, als aus wichtigen Urſachen zu ſtoͤren wagte. Man wußte nicht, ob es wirklich Geſchmack oder keine unſchuldige Berechnung war, weswegen ſie dieſe ſtrenge Einſamkeit gewaͤhlt, welche ſie und ihr Haus in ein ſanftes, magiſches Duſter einhuͤllte. Die Mutter im Suͤden war nicht gerade eine Frau von Stande, aber doch nicht weit davon. Und da ihr Mann, ein wegen Diebſtahls entlau⸗ fener Verwalter, der endlich durch Selbſtmord geendet, ihr einen befleckten Namen hinterließ, ſo hoͤrte ſie ſich am liebſten bei dem Namen nennen, den das gemeine Volk ihr gegeben. Und weil ſie ſelbſt die Vergangen⸗ ode lie⸗ ver⸗ tter n. denn dem rtes und vuͤr⸗ ſich og toͤren oder dieſe Haus Frau atlau⸗ endet, je ſich meine ngen⸗ 119 heit zu vergeſſen ſuchte, ſprach ſie nicht gern davon, ohne gleichwohl dieſe Vergangenheit zu einem beſtimmten Ge⸗ heimniß zu machen, denn die Leiden, welche ſie trafen, hatte ſie nicht ſelbſt verſchuldet und deshalb trug ſie ſie mit geduldigem Herzen und ungebeugtem Muthe. Sie diente gern mit ihren einfachen, von Mutter und Großmutter ererbten Kenntniſſen, die ſie zum Nutzen fuͤr die Menſchen, welche ſie ſuchten, mit jedem Jahr weiter ausgebildet hatte. Aber da ſie nunmeht den Menſchen nicht zu einer nutzloſen Geſellſchaft und zum Gegenſtand des Geſchwaͤtzes dienen wollte, war ſie ſchon ſeit langer Zeit aus ihrem Orte fortgezogen, hierher, und hatte fuͤr die milden Beitraͤge, die man in ihrem Wohn⸗ ort fuͤr ſie geſammelt, den kleinen Platz im Gebirge ge⸗ kauft, auf welchem ſie nun in dem kleinen Haͤuschen wohnte, welches ſie ſelbſt hatte auffuͤhren laſſen. Dieſes Haus beſtand aus zwei Zimmern auf der Vorderſeite— einem groͤßern, in welchem die Mutten im Suͤden ſich jetzt aufhielt und einem kleinern, die Ne⸗ benſtube genannt, wo ſie ein gutes Bett fuͤr Reiſende ſtehen hatte. Aber außerdem gab es auf der Hinterſeite, durch einen kleinen Gang von den andern beiden getrennt, noch ein Zimmer, von welchem nur wenige der Gebirgsbe⸗ wohner etwas wußten, welches aber doch mehrmals be⸗ wohnt war, ohne daß die, welche kamen und gingen, die — 120* geringſte Spur hinter ſich zuruͤck ließen Nachdem die Herrſcherin des Gebirges ihre Arbeit beendet und die kleinen Buͤchſen mit ſorgſamer Hand in einen Eckſchrank geſchloſſen hatte, zog ſie aus der Taſche ihres Rockes einen Brief, den ſie vor acht Tagen erhalten und indem ſie dieſen Brief gegen das Licht fuͤhrte, be⸗ gann ſie zu leſen, wie folgt: „Meine beſte, ehrliche Großmutter!*) „Eine Woche nach dem Eintreffen dieſes Briefes, oder Freitag, den 23. Januar, werde ich die umarmen, welche mir hier auf Erden die erſte Nahrung gab. Ach, es war nicht Dein Fehler, Du freundliche Seele, wenn ſie mich nicht vor all dem Ungluͤck ſchuͤtzte, welches mich ſpaͤter erwartete... Aber nun iſt es gut und wird immer beſſer. „In der unangenehmen Nothwendigkeit, in die ich verſetzt bin, war es der Himmel ſelbſt, der mir den Ge⸗ danken eingab, daß mir Niemand beſſer nuͤtzen koͤnne, als meine alte Amme. „Dieſe ganze abgeſchiedene, ſtille Gegend und ein ſolches Weſen, wie Du, liebe Mutter im Suͤden, die Du Dir mit Deiner einfachen Praxis einen ſo großen 5 Als Inſpector Berndſons Gattin auf dem Gute lebte, welches ihrem Manne anvertraut war, ward ſie ſelten Inſpectorin genannt, ſondern faſt immer die„Großmutter in Soͤfſta“ und zwar in Folge ihrer anerkannten Klugheit. Ruf was nicht mal von daß Pflen wie? Du ſo vi der ſprac einge unſer der auf den begeb der T ſie be rbeit d in aſche alten be⸗ efes, men, 121 Ruf erworben, daß der meine ihn niemals erreichen wird, was koͤnnte wohl jemals beſſer paſſen! Nein gewiß, nichts koͤnnte nur halb ſo gut ſich geeignet haben. „Aber laß uns dahin uͤbereinkommen, daß wir dies⸗ mal nicht von der Vergangenheit ſprechen! Denn keins von uns hat lockende Erinnerungen— glaube aber nicht, daß der Vater⸗ und Mutterloſe, der in Dir eine treue Pflegemutter fand, jemals vergeſſen wird, daß Du ihn wie Dein eignes Kind gehalten... Dein eigenes, welche Du ſpaͤter, arme Großmutter, beweinen mußteſt, wie ſo vieles Andere. „Ich nehme als beſtimmt an, daß die Perſon, von der wir waͤhrend meines Beſuches vergangenen Herbſt ſprachen, ſchon vor mir eintrifft, ja wahrſcheinlich ſchon eingetroffen iſt und ich rechne darauf, daß Alles nach unſerer Verabredung geſchieht. „Leb' wohl auf Wiederſehen binnen wenigen Tagen! Dein Dich liebender Pflegeſohn Arnold.“ Nachdem die Mutter im Suͤden dieſen Brief wie⸗ der zuſammengelegt, welcher einen freudigen Ausdruck auf ihrem Angeſicht hervorrief, warf ſie ein Tuch uͤber den Kopf und wollte ſich eben hinaus in die Hausflur begeben, um zu horchen, als ein leichtes Geraͤuſch von der Thuͤr, welche zu dem vorhin erwaͤhnten Gange fuͤhrte ſie bewog, den Fuß wieder zuruͤckzuziehen. 122 Im naͤchſten Augenblick oͤffnete ſich die Thuͤr. Hebe's Stirn ſelbſt zeigte nicht eine friſchere Jugen, als dieſe Frau bis in jede Fingerſpitze zu beſitzen ſchien. Venus haͤtte neidiſche Thraͤnen uͤber die Vollendung ihrer Formen weinen koͤnnen und Juno ſelbſt wuͤrde uͤber die Majeſtaͤt dieſes Wuchſes keinen Troſt gehabt haben, als daß es die leicht zu beugende Majeſtaͤt einer armen Sterh⸗ lichen war. Aber Jugend, Anmuth, herrliche Formen und ju⸗ noniſcher Wuchs ſchuͤtzen nicht gegen die Macht, welche Allen naht, dem Einen ſo, dem Andern ſo, naͤmlich de Macht des Leidens. Wenn aber auch ein moraliſcher oder körperlicha Schmerz ſich dieſer vollen Jugendblume genaht hatte, ſo gab es doch auf ihren Blaͤttern immer weißen Sam⸗ metflaum, der ſich nicht ſchien hinwegblaſen laſſen zu wollen. „Beſte Madame Suͤden,“ ſagte die junge Frau, welche die Benennung, welche ſie gehoͤrt, nicht recht auf⸗ gefaßt hatte,„verzeihen Sie, daß ich wiederkomme; aben iſt es wahr, daß der, welchen wir erwarten, heute Abend eintrifft?“ „Ganz vewif, darauf verlaſſen Sie ſich!“ „Und.. und Sie ſagen beſtimmt, daß Sie nich ſelbſt. „Wenn ich es einmal geſagt habe, mein lie Eine hochgewachſene, ſchlanke Frauengeſtalt trat ein. Pian wenn Schel warte Hof. Kruͤn herau ſie ih ließ, konnt meng unwi gruͤnd jetzt flamꝛ Gipf huͤr. trat ein. Jugend, mſchien. ng ihrer uͤber die ben, als Sterb⸗ und ju⸗ welche nlich der perlicher öt hatte, Sam⸗ iſſen zu e Frau, cht auf⸗ ne; aber e Abend Bie niche n liebet 123 Frauchen, ſo iſt es ſo gewiß, daß es nicht ſicherer wird, wenn ich es auch noch ſo viele Mal wiederhole.“ „St! gute Madame.. es iſt mir, als hoͤrte ich Schellengeklingel...“ „So iſt es auch... kehren Sie daher um und warten Sie!“ Die Mutter im Suͤden ging nun hinaus in den Hof. Aber es dauerte lange, bevor der Schlitten alle Kruͤmmungen zuruͤckgelegt hatte und den ſteilen Abhang herauffuhr. „Es iſt doch ſonderbar!“ murmelte die Alte, indem ſie ihren Blick uͤber die wilden, hohen Klippen ſchweifen ließ, welche ſich pyramidaliſch, ſo weit das Auge reichen konnte, erhoben und die jetzt mit ſo gewaltigen zuſam⸗ mengefrorenen Schneeſchichten bedeckt waren, daß man unwillkuͤrlich an die Gletſcher und deren verſteckte Ab⸗ gruͤnde erinnert ward. Und zu dieſem ſchweizeriſchen Nachtſtuͤck hatte man jetzt einen prachtvollen Mondſchein, erhoͤht durch ein flammendes Nordlicht, welches hier und da die dunkeln Gipfel des Waldes durchbrach. Die erſten, innigen Begruͤßungen zwiſchen Arnold und ſeiner alten Amme waren gewechſelt. 124 . Er hatte ſchon eine Weile am Feuer geſtanden und ſich gewaͤrmt, wo er, mit den Haͤnden uͤber der Bruſ len hatte. „Es iſt allemal ſo!“ ſagte er endlich, indem a von dem Kaminſims die Taſſe mit der von ſeiner Wir thin aufgekochten Milch hm welche er ſchnell und mi Zerſtreutheit austrank, ohne auf den daneben ſtehenden Teller mit den Zwiebacken Acht zu geben. „Was iſt denn allemal ſo, lieber Herr Arnold? „Nun, daß ich allemal Verdruß habe, ſobald ei ſich um die Perſon handelt, welcher meine erſte Frag galt.“ „Nun, das da iſt doch kein ſo großer Verdeußt antwortete die Mutter im Suͤden mit entwaſſnende Sanftmuth. „Was, es waͤre nicht verdrießlich, daß ich hier, wo ich vollkommen geſichert und unbekannt zu ſein hoffte, ein ganz anderes Frauenzimmer antreffe, als welche ich erwartet.. „die aber ebenfalls meines guten Doctors ſehr bedarf 4 „Ja, das verſteht ſich, um ſich ſpaͤter mit Dank zu erinnern, daß dies eine ganz beſondere Gelegenheit war, die ſich gerade nicht dazu eignet, uͤberall beſproehun zu werden. 5 „Gott gebe ſo gewiß, daß ich ihr das welnge suu . gekreuzt, Alles anhoͤrte, was die Großmutter zu erzih erzeige! vermoc 5 Gedan und ſie Großn ſo ſchl viel Ur und ve Zufall 7. einen nen demuͤtt ſeiner ihn da ſeiner zeigte, nern, warten . deth ſ bare 9 den und Brußt erzaͤh⸗ dem a er Wir und mit ehenden nold?“* bbald es e Frag rdruß!“ ffnende dier, wo hoffte lche ich ers ſehr t Dank egenheit prochen ge Gute 125 erzeigen koͤnnte, welches ich zuweilen Andern zu erzeigen vermocht, aber...“ „Und denke nur,“ fuhr Arnold, ſeinem eigenen Gedankengang folgend, fort,„denke, wenn ſie kommt und ſie muß kommen— die Zeit iſt da! Weißt Du, Großmutter, wenn ich meine Patienten waͤhlen duͤrfte, ſo ſchloͤſſe ich Frauenzimmer ganz und gar aus— ſo viel Unannehmlichkeiten ziehen mir dieſe zu.“ „Aber, mein guter Herr Arnold, ein ſo kraͤftiger und verſtaͤndiger Herr darf ſich doch nicht durch einen Zufall beherrſchen laſſen!“ „Aber der Zufall thut es doch zuweilen!“ „Wenigſtens zeigte Herr Arnold als Kind immer einen ruhigen Verſtand, wo er manchen Zwiſt mit mei⸗ nem ſeligen Manne hatte(ich hoffe zu Gott,“ ſetzte die demuͤthige Frau in Parentheſe hinzu,„daß der Herr in ſeiner Gnade ihm ſeine Suͤnde verziehen hat und daß ich ihn daher ſelig nennen darf).“ „Allerdings iſt jetzt Zeit, davon zu ſprechen.“ „Warum ſoll ich es nicht— da Herr Arnold in ſeiner fruͤͤhern Jugend ſo viel Witz und Maͤßigung zeigte, ſo habe ich wohl ein Recht, ihn daran zu erin⸗ nern, daß man von ihm jetzt etwas noch Beſſeres er⸗ warten kann.“ Arnold antwortete nichts, aber ſein Ausſehen ver⸗ rieth ſtarke Unruhe, tiefe Niedergeſchlagenheit und offen⸗ bare Muͤrriſchkeit. 126 „Bedenken Sie,“ hob die Mutter im Suͤden wie⸗ der an,„daß die arme Frau, die ihren eleganten Wagen im Gaſthofe zuruͤckgelaſſen hat und ganz allein mit dem Vorſpannjungen, nach Anweiſung der Gaſtwirthin, auf den ſchwierigen Gebirgswegen hierher gekommen iſt, un mich um Rath zu fragen, in der ſtrengen Nachtkaͤlt nicht wieder zuruͤckreiſen kann... Und uͤberdies, wenn e einen Rath giebt, ſo weiß ihn mein Doctor gewiß.“ „Die Großmutter haͤtte gleichwohl nicht erwaͤhnen ſollen, daß ſie hier einen Arzt erwartete. Mit da Krankheit konnte die Frau warten, bis ſie...“ „Wenn ich nur nichts mehr von dieſer garſtigen Selbſtſucht hoͤren ſollte— ich habe ein Gewiſſen!“ „Und ich habe ein Geheimniß, welches verloren waͤre, wenn zwei Damen gleichzeitig hierher kaͤmen.“ „O nein, jeder ſolchen Entdeckung iſt dadurch vor gebeugt, daß ich dieſe erſte in der Putzſtube druͤben un tergebracht habe; dort kann man nicht hoͤren, was hiae vorgeht.“ „Und der Vorſpannjunge?“ „Der ſchlaͤft auf der Bank in der Kuͤche und d Herrn Arnolds Vorſpannjunge ſchon wieder fort iſt, ſehe ich keine Gefahr und wenn ſie ⸗ dieſem Augen blick ankaͤme.“ „Aber eine wirkliche Gefahr liegt darin, daß ſ nicht ſchon da iſt.“ „Laſſen Sie uns nicht daran benken, denn dagege koͤnne warm denn ja in mutte geben mit n giebt Zufaͤ als ſi da bim wuͤnſe recht ſ einige den F Licht: nach d beſtimt en wie⸗ Wagen nit dem din, auf iſt, um cchtkaͤlt venn es .* waͤhnen Nit da arſtigen n!“ verloren nen.“ rch vor ben un vas hie und d t iſt, Augen daß ſ dagege 127 koͤnnen wir doch nichts thun... nun iſt mein Doctor warm, nun kann er einen Beſuch druͤben abſtatten, denn eher hat die Frau doch keine Ruhe und das waͤre ja in jeder Hinſicht am beſten.“ „Noch ein Wort: Welche Urſache hat die Groß⸗ mutter zu dem erwarteten Beſuch des Arztes vorge⸗ geben?“ „Nun die— nehmen Sie es nicht uͤbel— daß er mit mir uͤber einen ſeiner Patienten ſprechen wolle. Es giebt ſchon Aerzte, die nicht zu ſtolz dazu ſind, da es Zufaͤlle giebt, mit denen ich eher umzugehen weiß, als ſie.“ „Es iſt gut— gehe nun hinein und ſage, daß ich da bin und bereit, zu ihr zu kommen, wenn ſie es wuͤnſcht... wie war der Name?“ „Frau Staͤng oder Staͤck— ich kann es nicht recht ſagen.“ „Gleichviel, es kommt nichts darauf an.“. Die Mutter im Suͤden ging hinaus und kam einige Minuten darauf mit der Dankſagung der frem⸗ den Frau zuruͤck. „Nun denn, in Gottes Namen!“ ſagte der Doctor. Und einen tiefen Seufzer holend, nahm er das Licht von ſeiner alten Amme und ging uͤber den Gang nach dem Zimmer, welches fuͤr eine ganz andere Perſon beſtimmt war, als die, welche es erhalten. —-= 19. Die Dame mit den zwei Cugenden. Der Doctor pochte an. „Herein,“ ſagte eine Stimme, in deren Ton ein gewiſſe Bangigkeit unverkennbar war. Arnold folgte dem Ruf und befand ſich einen Au genblick darauf dem Frauenzimmer gegenuͤber, von deſſen Jugendlichkeit, Haltung und Formen wir ſo eben ein⸗ kurze Beſchreibung gegeben. Und wir wollen dieſelh auch jetzt durch weiter nichts verlaͤngern, als daß wi hinzufuͤgen, daß das Geſicht dieſer Dame, ohne gerah eine Muſterkarte alles Schoͤnen zu ſein, gleichwohl aut gezeichnete Partien und ungewoͤhnliche Anmuth beſaß. Der Doctor verneigte ſich und nahm jene eigen thuͤmliche Miene an, welche blos Aerzte anzunehme verſtehen, wenn man ſie rufen laͤßt, ohne daß ſie ni thig ſind.* Es iſt hierbei zu bemerken, daß Arnold, der i Ton ein nen Au on deſſer ben ein⸗ dieſelh daß wi e gerad vohl auf beſaß. ne eiger unehme ß ſie me d, der i 129 gewiſſen Faͤllen den Kenntniſſen ſeiner Pflegemutter, die er von Kindheit an bewundert, alles moͤgliche zugetraut hatte, in gewiſſen anderen Faͤllen ſie nach ihrem geringſt⸗ moͤglichen Werthe ſchaͤtzte. Aber war der Gruß des Doctors etwas eigen⸗ thuͤmlich, ſo war es der der unbekannten Dame in noch weit hoͤherem Grade. „Ach mein Gott,“ rief ſie in einem Tone unnach ahmlicher Getaͤuſchtheit,„Sie ſind ſo jung!“ „Wie Sie ſehen, geehrte Frau, habe ich nicht das Gluͤck, ein alter Praktikus zu ſein.“ Arnold gab dieſe Antwort, ohne nur den Mund zu verziehen. Er laͤchelte fuͤrwahr jetzt nicht mehr die Frauenzimmer an, mit Ausnahme zuweilen in der Er⸗ innerung die Oberſtlieutenantin Helleding, die ehrbar wit ihrem Manne reiſ'te, mit unerſchuͤtterlicher Ruhe dem Doctor das Licht hielt und uͤberdies ein Paar Au⸗ gen hatte, in welchen man nicht gewiſſe Geſchichten las. „Aber,“ hob die Dame wieder an, indem ſie einen forſchenden Blick auf den jungen Arzt heftete,„die freundliche Alte hatte mir geſagt, daß Sie ein alter, ernſthafter Herr waͤren.“ „Ich wage zu glauben, daß Sie in Bezug auf das erſte falſch gehoͤrt haben. Was dagegen das zweite betrifft, ſo koͤnnen Sie von der Wahrheit deſſelben voll⸗ kommen uͤberzeugt ſein.“ „Es iſt moͤglich, daß das Mißverſtaͤndniß durch Ein Gerücht. IV. 9 130 meinen eigenen Begriff entſtanden iſt, welcher dieſe bei⸗ den Worte immer fuͤr gleichbedeutend genommen hat.“ Der Doctor machte abermals eine Verbeugung, welche ſo deutlich, wie Worte es nur koͤnnen, ſagte: „Wenn Sie mir nichts weiter zu ſagen haben, ſo er⸗ lauben Sie mir, wieder meiner Wege zu gehen.“ „Verzeihen Sie, Herr Doctor...“ „Ich ſehe nichts zu verzeihen, geehrte Frau!“ „Die Sache iſt die, daß... daß... ... daß Sie krank ſind, daß Sie Ihr Uebel vernachlaͤſſigt haben und daß Sie, da es ſich waͤhrend der Reiſe verſchlimmerte und Sie zufaͤllig in dem Gaſthofe von der geſchickten Mutter im Suͤden ſprechen hoͤrten, beſchloſſen, ſich den Muͤhſeligkeiten eines unangenehmen Wegs von einer halben Meile zu unterwerfen, um ſich mit ihr zu berathen.“ Mit hoͤchſt anziehender Naivetaͤt ſowohl in ihrem Geberdenſpiel, als in ihrem Tone ſagte die junge Frau: „Sie ſind ganz gewiß ein großer Feind von Ein⸗ leitungen und Vorſpielen, Herr Doctor?“ „Ja, das will ich nicht leugnen.“ „Und deſſenungeachtet,“ hob ſie wieder an,„muͤſ⸗ ſen Sie mir erlauben, ſelbſt meine Rede zu vollenden, denn es war nichts von allen dem, was Sie jetzt er⸗ waͤhnten, was ich ſagen wollte.“ „Nun, ſo haben Sie die Guͤte, auszureden.“ „Die Sache iſt— daße— ſie legte ihre Hand, bei⸗ ung, gte: and, 131 die weißer war als der Schnee auf den Bergesſpitzen, an die Stirn, welche ſie leiſe ſenkte—„die Sache iſt, daß ich ſehr... ſehr ſchuͤchtern... ſehr affectirt bin . wie Sie wollen.“ „Aber ich kann Ihnen verſichern, geehrte Frau...“ „Sie brauchen nichts zu verſichern, Herr Doctor!’ „Nicht?“ „Nein, denn ich ſehe recht wohl ein, daß Sie im Beſitze des gluͤcklichen Vorrechtes ſind, welches alle Aerzte beſitzen ſollten, des Vorrechtes, gleich alt geboren zu ſein. Ja, ich ſehe ſogar ein, daß Sie, im Fall es noͤ⸗ thig, mit mir umſpringen wuͤrden, wie mit einem Il⸗ rer Cadaver auf dem Anatomieſaale und nichtsdeſtowe⸗ niger bin ich verlegen, weil... weil Sie doch Ihrem Aeußern nach kein Greis ſind.“ „Wenn die Sachen ſo ſtehen, ſo iſt mein aufrich⸗ tiger Rath der, daß Sie dieſen ſchoͤnen Mondſchein benutzen, um ſogleich nach dem Gaſthofe zuruͤckzukehren. Sie koͤnnen dann ſchon morgen Mittag in der Stadt M. ſein, welche einen Arzt beſitzt, der ſein Diplom vor wenigſtens ſieben und dreißig Jahren erhalten hat.“ „Ach, den kenne ich ſchon, aber dieſer hat die un⸗ ertraͤgliche Gewohnheit, die man zuweilen bei alten Herren findet, naͤmlich die, daß ſie mit jungen Frauen allzuvertraulich ſcherzen.“ „Nun, dann iſt auch noch ein Doctor von mittlern 9* 13³² Lebensjahren dort, deſſen Geſchicklichkeit ebenfalls aner⸗ kannt iſt.“ „Aber dieſer iſt ja unverheirathet.“ „Iſt das auch ein Hinderniß?“ „Natuͤrlich... Ich hoffe, mein Herr, daß Sie nicht dieſen Fehler haben?“ „Allerdings, gerade dieſen.“ „Nun, dann iſt es in jeder Hinſicht unmoͤglich. Ein Arzt ſollte allemal verheirathet ſein.“ Arnold, der ſeinen Hut abgelegt hatte, nahm den⸗ ſelben mit der beſten Miene von der Welt wieder auf. Sie betrachtete ihn verſtohlen. Der Doctor ſchien bereit, ſein Abſchiedscompliment zu machen. „Sie ſind wirklich von Stein!“ rief die junge Frau und eine Thraͤne trat in ihr hellbraunes Auge, deſſen herrlicher Glanz durch dieſen Nebel hindurch⸗ ſchimmerte.„Sehen Sie denn nicht, mein Herr, daß ich der Aufmunterung bedarf! Ich bin ſo wenig daran gewoͤhnt, mit Gleichguͤltigkeit behandelt zu werden.“ „Daran zweifle ich nicht!“ antwortete Arnold, der jetzt einige Waͤrme in ſeine Stimme legte.„Aber ein Arzt darf nicht, beſonders wenn er jung iſt, ſich in das Vertrauen zu inſinuiren ſuchen. Inzwiſchen, geehrte Frau, wenn Sie mir das Ihrige ſchenken wollen, ſo wage ſich, Ihnen wenigſtens zu verſichern— ohne, wie Sie eben ſagten, als Greis geboren zu ſein, daß ich aner⸗ Sie glich. den⸗ auf. ment unge luge, urch⸗ daß aran „der ein das ehrte „ ſo wie ich 133 gleichwohl einzig und allein das Auge eines Arztes ha⸗ ben werde.“ „Nun wohl, es iſt nun uͤber anderthalb Jahr her, daß ich hier eine kleine Geſchwulſt und Stechen em⸗ pſinde“... ſie ließ die Hand, welche jetzt auf der rech⸗ ten Schulter ruhte, ein wenig herabgleiten..„und ich habe gefuͤrchtet, daß es ein Krebsſchaden werden koͤnnte, ja vie lleicht ſchon einer iſt.“ „Wenn mir recht iſt, erwaͤhnte unſere Wirthin, daß Sie ſeit ungefäͤhr derſelben Zeit Witwe ſind?“ „Sehr richtig.“ „Der Kummer kann da moͤglicherweiſe... „Nein, warten Sie Herr Doctor, ziehen Sie. u0 keinen Schluß! Man behauptet, daß ich mit vielen Fehlern behaftet bin, aber ich habe auch einige Tugen⸗ den und unter dieſen iſt eine: Aufrichtigkeitt „Aufrichtigkeit? 25 „Ja, es waͤre meiner unwuͤrdig, wenn ich Rath von Ihnen begehren und Sie hinſichtlich der Urſache meines Uebels irre leiten wollte.“ „Das iſt ſehr richtig gedacht.“ „Alſo, Herr Doctor— wovon mein Uebel ſich her⸗ leitet, weiß ich nicht, aber ich weiß, daß ich nicht mehr als auf paſſende Weiſe meinen Mann bedauerte, wor⸗ uͤber ich mir zuweilen Vorwuͤrfe mache, denn er war immer vertraͤglich.“ „Moͤglicherweiſe,“ ſagte der Doctor, der von Deſer 134 Antwort zu einem Laͤcheln bewogen ward, koͤnnen dieſe Vorwuͤrfe dieſelbe Wirkung gehabt haben.“ „Nein, bewahre, ſo tief ſind ſie nicht geweſen.“ „Sind Sie deſſen ſicher?“ „Vollkommen! Mein Mann und ich lebten, wie die Welt ſagt, gut zuſammen. Wir liebten einander wie Leute, denen man immer geſagt hat, daß ſie einmal Mann und Frau werden wuͤrden, um das Erbtheil der Vaͤter zu vereinigen. Nun wohl, wir erfuͤllten das Verſprechen, das man in unſerm Namen gegeben, aber nach zwei Jahren machte mich mein Mann, der Lieute⸗ nant von Stern, durch ſeinen Tod zur alleinigen Inha⸗ berin unſeres Vermoͤgens, denn das einzige Kind, wel⸗ ches wir hatten, ward nicht ganz drei Monate alt.“ „Nun, dieſes Kind beweinten Sie wohl allzuſehr und allzulange?“ „Im Gegentheil— ich freute mich ſehr, daß Gott es wieder zu ſich nahm, denn es war ein Maͤdchen. Und, wie mir ſcheint, ſind die Frauen nicht zu einer ſo großen Gluͤckſeligkeit geboren, daß es nicht am allergluͤck⸗ ſeligſten waͤre, wenn man ſie nicht in Verſuchung zu bringen braucht.“ „Und dann wuͤnſchten Sie, ſehnten ſich vielleicht ganz außerordentlich, einen Sohn zu haben?* „Einen Sohn haͤtte ich gern haben moͤgen, aber da ich keinen bekam, ſo konnte es mir nicht einfallen, daruͤber zu klagen.“ 135 „Sie haben alſo weder Kummer noch thraͤnenvolle Sehnſucht gekannt?“ „Nicht ſehr— ich bin reich, unabhaͤngig, ich folge meinem Geſchmack, meinen Launen, da ich ſo gluͤcklich bin, deren wenige zu haben... mit einem Wort, ich bin die„beneidete, junge Witwen, welche, wie Sie wiſſen, in der Comoͤdie allemal Furore macht.“ „Aber die junge Witwe hat doch auch ein Herz 2“ „Sie haben ſich alſo beſtimmt vorgenommen, Herr Doctor, eine Urſache zu meinem Uebel ausfindig zu machen?“ „Ich wuͤnſche allerdings, ſie aufzuſinden, um deſto beſſern Rath ertheilen zu koͤnnen.“ „Aber ich wiederhole, daß ich keine weiß, denn mein Herz, welches ſieben oder acht Mal, ſeitdem ich Witwe bin, auf dem Wege geweſen iſt, mich zu ver⸗ laſſen, iſt ſtets wiedergekommen, ohne daß ich mich durch dieſes Heimweh genirt gefuͤhlt haͤtte.“ „Nun wohl, geehrte Frau, nach allen dieſen offen⸗ herzigen Bekenntniſſen nehme ich an, daß ſie vielleicht am Ende nur in der Einbildung leiden... und nun — wenn Sie glauben, daß wir genug praͤludirt haben, um zur Hauptſache kommen zu koͤnnen— muͤſſen Sie mir wohl erlauben, daß ich mich von den naͤhern Um⸗ ſtaͤnden uͤberzeuge.“— „Das muß ich wohl und Sie werden ſelbſt einſe⸗ 136 hen, daß, woran ich auch leiden mag, die Einbil⸗ dung dies doch nicht iſt.“ „Das waͤre aber gleichwohl das gluͤcklichſte.“ „Allerdings; aber meine Phantaſie hat ſich nie⸗ mals mit etwas ſo Langweiligem beſchaͤftigt, wie eine eoͤrperliche Krankheit iſt; im Gegentheil iſt es meine Abgeneigtheit gegen ſolche Gedanken, was mich bewogen hat, mich zu vernachlaͤſſigen. Und als ich fand, daß ich dieſes Uebel nicht laͤnger fuͤr unbedeutend anſehen durfte, war meine ungluͤckliche, anerzogene oder nicht anerzogene Schuͤchternheit die Urſache, daß ich keinen paſſenden Arzt fand.“ „Aber ich glaube, daß wir nun hinreichend mit einander bekannt ſind, um nicht laͤnger die Zeit zu ver⸗ ſchwenden zu brauchen, welche...“ „Hu, was das entſetzlich iſt... wenn Sie nur eine Perruͤcke truͤgen oder eine große, reſpektable Naſe und eine runzlige Stirn haͤtten! Nein, ich habe nicht den Muth... ich ſterbe... ich will es lieber ſein laſſen!“ „Aber Sie ſind auch zu kindiſch, geehrte Frau, und ich... „Ach, verzeihen Sie, werden Sie nicht ungedul⸗ dig... Na, in Gottes Namen...“ Und nun wich die weiche, ſchwarze Sammtmantille, in welche ſie ein⸗ gehuͤllt war, zuruͤck und ein wie der Froſt zitternder bil⸗ nie⸗ eine heine ogen ich rfte, gene nden mit ver⸗ nur Naſe nicht ſein rau, edul⸗ wich ein⸗ nder 137 Marmor entbloͤßte ſich vor dem ruhigen Auge des Doc⸗ tors....... „Nun— das iſt ja gar nicht ſo gefaͤhrlich!“ ſagte der Doctor.„Aber in der That, geehrte Frau, Sie ha⸗ ben ſich große Nachlaͤſſigkeit vorzuwerfen.“ Die arme, erroͤthende, junge Frau ſagte kein Wort, bevor ſie ſich wieder in die ſchuͤtzende Mantille ge⸗ huͤllt hatte. „Es iſt alſo nicht gefaͤhrlich, Herr Doctor?“ „J nun— wenigſtens gefaͤhrlich genug, um noch gefäͤhrlicher werden zu koͤnnen.“ „Mein Gott, dieſe wunderliche Geſchwulſt waͤre alſo wirklich der entſetzliche Krebs?“ „Nein, in dieſer Hinſicht beruhigen Sie ſich; von Krebs iſt keine Rede.“ „Nun was iſt es denn?“ „Weiter nichts, als ein beweglicher Tumör.“ „Was iſt das?“ „Ein Gewuͤchs, welches ſich hin⸗ und herſchieben laͤßt, wie dieſes. Es iſt jetzt noch nicht groͤßer als eine Erbſe und... „Und?“ „So lange es nicht waͤchſt, iſt es nicht gefaͤhrlich, Wenn es aber zunimmt, ſo muß es operirt werden.“ „Ach, wie abſcheulich!“ 138 „Am allerbeſten waͤre es gleichwohl, es gleich jetzt Herr im Anfange zu beſeitigen.“ eine „O, woran denken Sie!“ ſetze .„Nun daran, geehrte Frau, daß wenn ſie in keiner was Stadt wohnen, Sie ſich in einer ſolchen niederlaſſen bald ſollten, um fortwaͤhrende Aufſicht fuͤhren laſſen zu nehn koͤnnen.“ tor! „In welcher Stadt wohnen Sie, Herr Doctor?“ ein „Ich... ich wohne in keiner Stadt.“ Wer „Practiciren Sie denn nicht? Haben Sie keinen begre beſtimmten Wohnſitz?“ „Allerdings, ich bin Provinzialarzt.“ fuͤhl „Und als ſolcher wohnen Sie auf dem Lande— nen, nun, in welcher Provinz denn?“ „Gunaͤdige Frau, ich bitte Sie, als Erkenntlichkeit Ihn fuͤr den Rath, den ich Ihnen geben werde, die Guͤte uͤbel zu haben, unſere Begegnung zu vergeſſen.“ unte „Ach, das laͤßt ſich gewiß nicht thun!* werd „Dann werden Sie mich veranlaſſen, es zu be⸗ reuen.“ „Wie— Sie werden bereuen, daß ich Sie nicht auft vergeſſe?“ „Ich kann mich nicht naͤher erklaͤren. Aber ich wuͤnſche, daß Sie mich verſtehen, wenn ich ſage, daß len ein Arzt bisweilen vollwichtige Gruͤnde hat, incognito ſcho zu reiſen.“ Ihr „Ah, iſt das ſo! Dann ſeien Sie ganz ruhig, habe 139 Herr Doctor! Außer der Aufrichtigkeit beſitze ich noch eine Tugend, worauf meine Freunde großen Werth ſeten; es iſt Verſchwiegenheit. Ich verrathe niemals, was ich durch Vertrauen oder durch Zufall erfahren, ſo⸗ bald ich weiß, daß es Jemandem ſchaden oder unange⸗ nehm ſein koͤnnte. Und nun gebe ich dem Herrn Doc⸗ tor mein heiliges Verſprechen, daß ich keinem Menſchen ein Wort von dieſem Zuſammentreffen ſagen werde... Wenn Sie Menſchenkenner ſind, ſo werden Sie leicht begreifen, daß ich die Wahrheit ſpreche.“ „Ich danke Ihnen tauſendmal fuͤr dieſes Zartge⸗ fuͤhl! Aber da ſie uͤberall erfahrnere Aerzte finden koͤn⸗ nen, ſo... „O, Sie zeigen ungeachtet alles deſſen, was ich Ihnen geſagt, immer noch Mißtrauen— das iſt recht uͤbel... Sie muͤſſen doch auf alle Faͤlle Ihren Namen unter das Recept ſetzen, welche Sie die Guͤte haben werden, mir zu ſchreiben?“ „Ich werde mich auf muͤndlichen Rath beſchraͤnken.“ „Aber wiſſen Sie? was ich thue?— Ich bin aufrichtig genug, es Ihnen zu vertrauen.“ „Nun?“ „Nun, morgen mache ich eine Rundreiſe nach al⸗ len Gaſthoͤfen der Umgegend— und da werde ich ſchon den ſinden, in welchem Sie Ihren Namen und Ihren Doctortitel in das Fremdenbuch eingeſchriebe haben.“ 140 „Da werden Sie weit reiſen muͤſſen, geehrte Frau. denn ich habe drei Stationen lang denſelben Vorſpann 8 gehabt und bin in keinem der Gaſthoͤfe eingekehrt, an, ich welchem wir voruͤbergegangen ſind.“ „Na, gleich gut— ich bin ſo neugierig, wie eine Frau nur jemals ſein kann und wenn man mich feind⸗ red ſelig behandelt, ſo werde ich auf der Stelle eben ſo nr geſinnt.“ ke Der Doctor ſchuͤttelte den Kopf— es war ein⸗ mal ſein Loos, um der Weiber willen unſchuldig zu lei⸗ war den. Er mochte ſich panzern, wie er wollte, er mochte eine Vorſicht gebrauchen, zu Hauſe oder draußen, wie es mög 1 ihm beliebte, ſo kamen ihm die Weiber in den Weg und uͤberall ward er zur Geheimnißthuerei gezwungen, hl er, der niemals fuͤr eine myſtiſche Perſon angeſehen Pate ſein wollte. „Alſo, mein beſter Doctor, Ihren Namen, Ihre Adreſſe und Ihr Verſprechen, daß Sie mir erlauben, Sie ſchriftlich von dem Zunehmen oder der Beſſerung des Uebels in Kenntniß zu ſetzen?“ „Laſſen Sie uns nicht weiter davon ſprechen— ſchenken Sie lieber Ihre Aufmerkſamkeit den Vorſchrif⸗ ten, die ich jetzt die Ehre haben werde, Ihnen zu geben, und welche ich Sie auf das Genaueſte zu befolgen bitte.“ „Nein, mein Herr,“ antwortete die junge Frau mit Stolz, hich werde niemals den Rath eines Arztes annehmen, deſſen Namen ich nicht nennen kann, wenn — 8 2 — ⁸ te eine feind⸗ ben ſo r ein⸗ zu lei⸗ nochte vie es Weg ingen, eſehen Ihre auben, erung n. 141 mein neuer Doctor mich fragt, auf weſſen Vorſchrift ich der Behandlung gefolgt bin, die ich angefangen.“ „Gnaͤdige Frau...“ „Ach, wenn ich gewußt haͤtte, daß unſere Unter⸗ redung ein ſolches Ende nehmen wuͤrde, ſo haͤtte ich mir die ausgeſtandene, entſetzliche Unannehmlichkeit erſpa⸗ ren koͤnnen.“ . Die eine Folge Ihres eigenen Willens war,“ antwortete der Doctor, indem er aufſtand und eine kalte Abſchiedsverbeugung machte. Frau Adele von Stern antwortete mit einer wo⸗ „moͤglich noch ſteifern Verneigung. Und auf dieſe Weiſe ſchloß eine Berathung, welche dem Doctor und dem Patienten gleich großes Mißvergnuͤgen machte. G— 21. ...— Die Dame im Putzzimmer entdeckt, daß im Nebenzimmer 4 ſich ebenfalls eine Dame beſinvet. Es war ungefaͤhr zwei Stunden ſpaͤter oder gegen zehn Uhr. Von der ſanften Hand der Mutter im Suͤden ge⸗ pflegt, war Frau Adele von Stern bereits zu Bett ge⸗ gangen. Als ſie ſo dalag und gruͤbelte, gleichwohl mehr uͤber die Geheimnißthuerei des jungen Arztes, als uͤber ſein offenes Urtheil, hoͤrte ſie zugleich auch deutlich, daß ein klingelnder Ton uͤber das einſame Gebirge zitterte. Bei dieſem Klange ſprang die junge Frau wie⸗ der auf. hoͤrt. „Entweder,“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt,„reiſ't der Doctor wieder fort— und das waͤre ſehr dumm, den der Menſch intereſſirt mich auf's Hoͤchſte— oder das 8 Vor einigen Stunden hatte ſie aͤhnliche Laute ge⸗ Sch kom Ger nich fein⸗ unte Stu die keine verſt ſem lich aber daß heim ich fuͤrch in d an, wie immer gegen en ge⸗ ett ge⸗ mehr uͤber , daß rte. 143 Schellengeklingel verkuͤndet, daß Jemand anders hier an⸗ kommt, Jemand, der vielleicht mit ſeinem Incognito in Gemeinſchaft ſteht.“ Sie horchte mit geſpannter Aufmerkſamkeit. Und nicht vergebens. Bald vernahm ſie— denn ſie hatte ungewoͤhnlich feine Gehoͤrorgane, die jetzt durch die vollkommene Stille unterſtuͤtzt wurden— daß es in„Mutter Suͤdens“ Stube ſehr lebendig ward. „Das moͤchte ich doch gern herauskriegen!“ ſagte die neugierige Frau zu ſich ſelbſt. Da ſich aber nichts weiter hoͤren ließ, ſo bekam ſie keine Nahrung fuͤr ihre Ungeduld. Eine gute Stunde verfloß. Frau Adele wendete ſich hin und her. Sie wollte verſuchen, an den ernſten Zweck ihres Beſuches in die⸗ ſem kleinen Hauſe zu denken, ſie wiederholte unaufhoͤr⸗ lich den Namen, den der Doctor ihrem Uebel gegeben, aber ſie kam doch ſtets auf denſelben Gedanken zuruͤck: daß in den Mauern des Gebirgshaͤuschens etwas Ge⸗ heimnißvolles vorging. „Nun wohl, warum ſoll ich blos wuͤnſchen, wenn ich wiſſen kann?. Die Sache iſt ganz einfach— ich fuͤrchte mich in dieſem oͤden Zimmer und obſchon ich mich in der That gar nicht fuͤrchte, ſo geht es doch ſehr gut an, dies vorzugeben, denn die armen Frauenzimmer ſind, wie der Oberſtlieutenant ſagt, ſo ſchwach, daß ſie ſich vor Allem fuͤrchten koͤnnen... Ach, vortrefflich, Ma⸗ dame Suͤden muß entweder kommen und mich troͤſten, oder mir wenigſtens ein friſches Licht geben— dieſes da iſt beinahe ganz herabgebrannt.“ So geſagt und beſchloſſen— Frau Adele von Stern war eine ſehr reſolute Frau— kleidete ſie ſich an oder vollendete, richtiger geſagt, ihre Toilette, denn ſie war eine viel zu feine Dame, um anders, als halb aus⸗ gekleidet ſich in Mutter Suͤdens Betten zu legen. Mit dem Lichte in der Hand und ſtill wie ein Ge⸗ ſpenſt ſchlich ſich die junoniſche Geſtalt durch den kurzen Gang und wollte eben ganz unbefangen die Hand auf die Thuͤrklinke legen, als ſie von einer noch peinlicheren Neugierde, als die, welche ſie hierher getrieben, zuruͤck⸗ gehalten ward. — Sie hoͤrte naͤmlich den Doctor ihren Namen nennen: „Im Gegentheil, ich verſichere, dieſe Frau von Stern gehoͤrt nicht zu denjenigen, die man da wieder wegholen kann, wo man ſie gelaſſen hat! Gieb daher Achtung, daß ſie waͤhrend ihres Hierſeins nichts merkt und ſuche ſie, ſobald ſie morgen fruͤh aufgeſtanden ſein wird, ſo ſchnell als moͤglich fortzuſchaffen... ich werde dann einſtweilen einen Spaziergang in dem Gebirge machen.“ ü „Verlaſſen Sie ſich auf mich,“ antwortete die die dies freit zufr fen Ung wie es per. ſogle mor drin erſch richt aber etwa ſein werde ebirge e die —— 145 Mutter im Suͤden,„ſie ſoll nichts ahnen... aber wo, in aller Welt, werde ich nun meinen Doctor hinlegen 2⸗ „Ach, dummes Zeug— ich werfe mich hier auf die Bank; damit nehme ich es nicht ſo genau, Ueber⸗ dies, da ich nun von einem großen Theile der Angſt be⸗ freit bin, die mich druͤckte, als ich herkam, ſo bin ich zufrieden, wenn ich nur einen einzigen Augenblick ſchla⸗ fen kann.“ „Das arme Weſen, daß ſie auch durch eine Menge Ungelegenheiten hat aufgehalten werden muͤſſen... und wie ſchwach ſie war... es iſt zu verwundern, daß ſie es noch hat aushalten koͤnnen!“ „O, es iſt eine ſtarke Seele in einen kleinen Koͤr⸗ per. Und da es mir gelungen iſt, ſie zu bewegen, ſich ſogleich zur Ruhe zu begeben, ſo hoffe ich, daß ſie bis morgen ihre Kraͤfte wieder erlangt haben wird.“ In dieſem Augenblick hoͤrte Frau Adele eine Thuͤr drinnen in der Stube ſchnell oͤffnnen, worauf eine breite, erſchrockene Stimme die Worte hoͤren ließ: „Doctor Warvner, ich glaube, es iſt nicht ganz richtig mit meiner Herrin! Erſt fing ſie an zu weinen, aber jetzt ſcheinen Kraͤmpfe zu kommen, wenn nicht noch etwas Schlimmeres.“ Bei der Nennung von Doctor Warvners Namen machte die horchende Dame eine heftige Bewegung. Gleich darauf, nachdem die Stimmen nach einer andern Seite hin verſchwunden waren, eilte unſere Ein Gerücht. V. 10 146 junge Dame— gleichzeitig erroͤthend und ihrer Neu⸗ gierde ſich faſt ſchaͤmend, aber doch erfreut, eine ſolche Menge Aufſchluͤſſe erhorcht zu haben— zuruͤck in ihr Zimmer, wo ſie waͤhrend des ganzen uͤbrigen Theils der Nacht ſchlafend und wachend ſich mit dem jungen Arzte und ſeinem Patienten beſchaͤftigte. Der Himmel verkuͤndete einen ſchoͤnen, heitern Tag, als die Eigenthuͤmerin des Hauſes zu der Dame im Putzzimmer eintrat, um auch ihr einige Aufmerkſamkeit zu widmen, nachdem ſie die ganze Nacht bei der Dame im Nebenzimmer zugebracht. „Ach, lieber Gott, daß Ihr auf dem Lande ſo „Wollen Sie denn ſo bald fort? Der Kaffee wird gleich fertig ſein.“ „Dank, Dank, gute Madam Suͤden.. ich bin geſonnen, ſofort abzureiſen.“ „Soll ich das Anſpannen beſtellen?“ „In einer kleinen Weile. Ich wuͤnſchte vorher einige Worte mit dem Doctor zu ſprechen. Ich war geſtern Abend eine große Naͤrrin, aber heute fruͤh bin ich vernuͤnftig.“ „Man muß ſtets vernuͤnftig ſein, geehrte Frau, ſeaͤt einheizt— ich waͤre ſchon laͤngſt aufgeſtanden, wenn mich nicht ſo froͤre.“ denn das das Sch waͤre Sie Biti Arti ſtan die ſchic er ſ hier gleit ihm koͤnt Neu⸗ ſolche n ihr 8 der Arzte Tag, ne im imkeit Dame nde ſo anden, Kaffee ch bin vorher h war bin ich Frau, 147 denn wenn die boͤſe Laune kommt, laͤßt man gewoͤhnlich das Gute in Blindheit ſich entgehen.“ „Das iſt ſehr richtig. Aber fuͤr diesmal iſt wohl das Gute mir noch nicht aus den Haͤnden entſchluͤpft. Ich habe noch nicht gehoͤrt, daß der Doctor abgereiſet waͤre. „Er iſt aber deswegen doch nicht zu ſprechen.“ „Wie ſo?“ „Weil er ſchlaͤft.“ „Nun, dann kann man ihn wohl wecken?“ „Ich glaube, das verlohnt ſich nicht der Muͤhe, da Sie ihn geſtern nicht haben anhoͤren wollen.“ „Nun, dann werde ich warten, bis er aufwacht. Bitten Sie ihn, gute Madame Suͤden, daß er mir die Artigkeit erzeigt, zu mir zu kommen, ſobald er aufge⸗ ſtanden iſt... oder vielleicht iſt es beſſer, wenn ich in die Stube gehe.“ „Vielleicht wuͤrde ſich das letztere nicht recht ſchicken, denn da es im Nebenzimmer kalt war, ſo legte er ſich in die Stube. Es war eigentlich dieſes Zimmer hier, welches er bekommen ſollte.“ „Dieſes wird bald leer werden. Ich werde ſo⸗ gleich aufſtehen und mich ankleiden. Und ſagen Sie ihm blos das, daß ich es unmoͤglich uͤber mich gewinnen koͤnnte, abzureiſen, bevor ich mich bei ihm Kriſchuldigee „Schön, das will 16 ihm ſagent 3 3 10* r 148 Frau Adele war aufgeſtanden. Sie fuͤhlte ſich nicht recht wohl, aber Neugier und Ungeduld halfen ihr dieſes Uebel uͤberwinden. Der Doctor hatte verſprochen, zu kommen. Das Feuer loderte, dee Mutter im Suͤden raͤumte das kleine Zimmer auf, welches bald ſchoͤn ward, wie ein Puppenſchraͤnkchen. Dann ſetzte ſie ein Kaffeebret mit zwei Paar Taſſen auf den Tiſch, zeigte auf die Kaffeekanne, die auf dem Kamine ſtand und verließ ſo ihren Gaſt. Zehn Minuten darauf ließen ſich raſche Tritte draußen auf dem Gange vernehmen. Frau Adele beeilte ſich, zu oͤffnen, bevor der, den ſie erwartete, noch anklopfen konnte. —K umte wie eebret f die eß ſo Lritte den und 22. Eine Beichte. „Mein Gott, Herr Doctor, Sie muͤſſen dieſe Nacht recht ſchlecht geſchlafen haben,“ ſagte die ſchlaue Frau mit einer Miene inniger Theilnahme.„Aufrichtig ge⸗ ſagt: Sie ſehen aus, als ob Sie von einem Kranken⸗ bette kaͤmen, wo Sie die ganze Nacht gewacht haͤtten.“ „ Ich habe ſchlecht geſchlafen, gnaͤdige Frau.“ „Und ſind mit demſelben eigenſinnigen Vor⸗ ſatze erwacht?“ „War es blos dieſe Frage, mit der Sie mich be⸗ ehren wollten?“ 85 „Ach nein, ich koͤnnte nicht abreiſen, bevor ich vor allen Dingen Sie gebeten, meine Heftigkeit von geſtern Abend zu verzeihen, denn Heftigkeit gehoͤrt zu meinen Fehlern.“ Arnold verbeugte ſich. 150 „Und eben ſo meine Unart, denn auch Unartigkeit gehoͤrt zuweilen zu meinen Fehlern.“ Arnold verneigte ſich abermals. „Demnaͤchſt,“ ſetzte ſie hinzu,„wollte ich Sie bit⸗ ten, mir, Alles dies vergeſſend, den verſprochenen Rath zu geben, den ich, Gott weiß es, wirklich bedarf.“ „Er ſteht Ihnen zu Dienſten, gnaͤdige Frau.“ „Ich wußte ſchon, daß Sie viel zu gutmuͤthig waͤ⸗ ren, um ſich gegen eine Dame allzuempfindlich zu zeigen.“ „Wenn ich dies nach all den freundlichen Worten ſein koͤnnte, die Sie mir eben geſagt, ſo muͤßte ich ja gar kein Herz haben.“ „Sehen Sie, das laͤßt ſich hoͤren... Nun geben Sie mir Muth, einzuſehen, daß ich vor allen Din⸗ gen nicht abreiſen koͤnnte, ohne Ihnen eine Gewiſſens⸗ beichte abgelegt zu haben.“ „Und aus welchem Grunde, wenn ich fragen darf, ſoll ich gerade dieſe empfangen?“ „Aus dem ganz einfachen, weil Sie dadurch be⸗ ruͤhrt werden.“ „Ich?“ „Ja... ich kenne Ihren Namen.“ „Wirklich?“ „Ja und noch mehr— Doctor Arnold Warvners Name iſt mir keineswegs fremd.“ Eine Roͤthe, welche in das Geſicht des Doctors 3 w arvners Doctors 151 hinauſſtieg und ſeine fruͤhere Blaͤſſe vertrieb, gab deut⸗ lich zu verſtehen, daß er nicht ohne eine ziemlich ſtarke Gemuͤthsbewegung ſein Incognito verrathen ſah. „Sie ſind wohl ſehr verdrießlich, Doctor, uͤber die Entdeckung, die Sie oder vielmehr ich gemacht habe?“ „Ich wundere mich daruͤber.“ „Das ſcheint ſo.“ „Und ich weiß nicht, aus welchem Grunde Sie ſich geſtern Abend ſtellten, als kennten Sie mich nicht. Eben ſo wenig verſtehe ich, wie Sie mich auch nur dem Na⸗ men nach kennen wollen, da ich, ſo viel ich mich ent⸗ ſinnen kann, doch niemals die Ehre gehabt habe, Sie fruͤher zu ſehen.“ „Geſtern Abend wußte ich auch noch nichts... Waͤren Sie da ganz einfach aufrichtig geweſen und haͤtten Sie meinem Verſprechen getraut, ſo...e Jetzt ward Arnolds Wange wieder bleich, bleicher als vorher. „Nun, was dann?“ ſagte er. „Nun, dann haͤtte ich blos Ihren Namen und Ihre Adreſſe gewußt, das Einzige, was ich zu erfahren wuͤnſchte.“ „Und was wiſſen Sie denn nun?““ „Das iſt es eben, was ich Ihnen ſagen will. „Nun und das iſt?“ „Unter meinen Fehlern iſt die Neugier beinahe de ſchlimmſte.“ 15² „Aber, gnaͤdige Frau, ich kann niemals glauben... wenn ein Frauenzimmer mit im Spiele iſt!“ „Sie haben in der That recht und ich verſichere Ihnen, daß ich auch nichts fuͤr unmoͤglich halte, wenn es ſich um Frauenzimmer handelt!“ „Deſto beſſer— dann werden Sie ſich niemals zu ſehr verwundern.“ „Wenigſtens ſollte ich es nicht— aber haben Sie die Guͤte, fortzufahren.“ „Das werde ich. Sie wiſſen, daß nichts leichter waͤre, als ein kleines, intereſſantes Maͤhrchen von einem Anfall von Schmerzen, einem Anfall von Furcht, kurz ein Maͤhrchen uͤber irgend etwas zuſammenzuſetzen, um den wahren Anlaß meines beabſichtigten Beſuchs in der Vorderſtube zu bemaͤnteln; aber ich ziehe es vor, Ihnen ganz offen zu ſagen, daß ich von der ungluͤcklichen Neu⸗ gier getrieben...“ „Großer Gott, war denn das Zartgefuͤhl nichts?“ „Was denn, Doctor— Sie waren ja auf Alles gefaßt und ſprechen gleichwohl aus einem Ton, als ob Sie niemals zuvor die Ueberraſchung erfahren haͤtten, eine Frau das Zartgefuͤhl bei Seite ſetzen zu ſehen, wenn ſie von Begier brennt, etwas auszuforſchen, was ihre Bewunderung und ihr Intereſſe erweckt.“ Ein kalter Schweiß begann Arnolds Stirn zu be⸗ decken. „Beſter Doctor Warvner, glauben Sie Alles, G auf Alles, ſchere wenn mals Sie ichter inem kurz „um n der hnen Neu⸗ öts?* Alles ls ob atten, ſehen, was u be⸗ 153 „Sprechen Sie weiter, gnaͤdige Frau— haben Sie die Guͤte, mit einem Male Alles zu ſagen.“ „Ich hoͤrte Schellengeklingel... Na, Ihre Pan⸗ tomime, Herr Doctor, iſt hinreichend begreiflich.“ „Weiter, wenn ich bitten darf.“ „Es iſt aͤrgerlich, daß ich ein ſo gutes Gehoͤr habe; aber das Ungluͤck war einmal geſchehen. Darauf drang aus der Stube ein gewiſſes Geraͤuſch hierher, welches jedoch bald wieder verſtummte... Ich wartete, ich wachte uͤber eine ganze Stunde.“ „Worauf Sie einſchliefen— hoffe ich.“ „O nein, Doctor!“ „Sie blieben alſo wachend liegen?“ „Auch nicht— ich ſtand auf.“ „Sie, die ſich ſo gut pflegen ſollte, Sie ſtanden auf und... und...* „Was ſoll man ſagen— allzugroße Ruͤckſicht auf mich ſelbſt gehoͤrt nicht zu meinen Fehlern.“ „Nun, nachdem Sie aufgeſtanden waren...“ „... nahm ich das Licht und ging durch den Gang, aber gerade, als ich zu meiner Wirthin hinein⸗ treten wollte, um friſches Licht zu begehren...“ „Sehr ſinnreich!“ „... ward ich daran gehindert, weil ich Sie meinen Namen ausſprechen hoͤrte und zwar gerade nicht mit einem Kompliment.“ 154 „O, gnaͤdige Frau, Sie haben ſehr unrecht ge⸗ handelt!“ „Das weiß ich wohl— deshalb beichte ich ja eben.“ „Was hoͤrten Sie mich denn ſagen?“ „Daß Sie mich ungeheuer gern los ſein wollten — wenigſtens war dies der Inhalt.“ „Und nachdem Sie das vernommen, hatten Sie hoffentlich die Guͤte, wieder zu gehen?“ „Glauben Sie das? Da haͤtte ich ja nicht mehr erfahren, als was ich vorher ſchon wußte.“ „Aber dadurch, daß Sie ſtehen blieben?..“ „Dadurch erfuhr ich, daß Ihre Beſorgniß um die zuletzt angekommene Dame beruhigt war.“ Arnold antwortete nicht, aber ſeine Lippen bebten. „Das Einzige, was ich dann noch hoͤrte, war eine Stimme, welche mit großer Angſt Ihren Namen rief und erklaͤrte, daß die Herrin— ich entſinne mich ganz deutlich, daß dies der Titel war, deſſen Sie ſich be⸗ diente— weine und Kraͤmpfe bekommen habe.“ „Wenn Sie keine Dame waͤren,“ ſagte Arnold, welcher Muͤhe hatte, ſeinen Zorn zu beherrſchen,„ſo ſollten Sie finden, daß man eine ſolche Handlung, wie die, welche Sie ſich zu Schulden kommen laſſen, nicht begeht, ohne.. „Ach, Herr Doctor, was verlohnt es ſich der Muͤhe, daran zu denken, was Sie thun wuͤrden, wenn Sie es ht ge⸗ ich ja vollten n Sie mehr . um die bebten. ar eine en rief 2 mich ſich be— Arnold, n, yſo ug, wie , nicht Muͤhe, Sie es 155 mit einem Manne, anſtatt mit einer armen Frau zu thun haͤtten! Sie koͤnnen auf jeden Fall uͤberzeugt ſein, daß er Ihnen keine ſo große Aufrichtigkeit bewieſen haben wuͤrde, wie ich... Na, ſehen Sie nur nicht ſo muͤrriſch aus— werden Sie lieber boͤs!“ Der freundliche Blick, der auf dieſe Worte folgte, glaͤttete nicht eine einzige Falte auf Arnolds Stirn. „Hoͤren Sie, Doctor— kein Weib auf Erden iſt verſchwiegener, als ich. Ich habe die Geheimniſſe von wohl funfzig Menſchen in meinem Gedaͤchtniß, aber unter dieſen funfzig— ja unter meinen ſaͤmmtlichen Bekannten giebt es nicht einen einzigen, welcher ſagen koͤnnte, daß meine Neugier— die mich blos fuͤr meine Perſon vergnuͤgt— jemals das geringſte Unheil ange⸗ richtet habe. Niemals, niemals(glauben Sie meiner ernſten Verſicherung) habe ich etwas verrathen! Mit einer ſo niedrigen Handlung auf meinem Gewiſſen moͤchte ich gar nicht leben.“ „Sie werden alſo unter keinerlei Umſtaͤnden irgend einem Menſchen...“ „Ich werde keinem Menſchen— darauf gebe ich Ihnen mein niemals gebrochenes Wort— eine Sylbe verrathen, daß Doctor Warvner in dem einſamen Ge⸗ birgshaͤuschen eine geheimnißvolle Zuſammenkunft ge⸗ habt hat. Denn wenn dies auch unter andern Um⸗ ſtaͤnden wenig zu bedeuten haͤtte, ſo koͤnnte doch die Ver⸗ leumdung boshaft genug ſein, behaupten zu wollen...“ 156 „Die Verleumdung, ſagen Sie?“ „Ja, ich ſage, daß die Verleumdung ſo boshaft ſein koͤnnte, zu behaupten, dieſe geheimnißvolle Dame ſei keine andere, als die, welche Doctor Warvner ſchon in ſo große Verlegenheit gebracht haben ſoll.“ „Um Gottes willen,“ ſtammelte Arnold,„wen meinen Sie?“ „Kann ich wohl Jemanden anders meinen, als die junge Frau, mit welcher Sie voriges Jahr Nachbar⸗ ſchaft hielten und deren Eheſcheidung ſpaͤter ſo viel Auf⸗ ſehen gemacht hat?“ Der Doctor fuhr ſo heftig auf, daß Frau Adele beſtuͤrzt und mit unendlich gewinnender Anmuth ihm die Hand entgegenſtreckte. „Mein beſter Doctor, bedenken Sie, daß ich in dieſem Falle nichts weiß, daß ich nicht einmal etwas wiſſen will und daß ich, Gott weiß weshalb, niemals an Ihre Schuld in der dummen Geſchichte geglaubt habe, welche von einer gewiſſen Patientin ausgeſprengt ward, die von Ihnen vielleicht eine etwas zu gleichguͤl⸗ tige Behandlung erfahren hatte.“ „Wie— alles dies haben Sie gehoͤrt, gnaͤdige Frau und hatten gleichwohl die Guͤte, mit Milde eines Unbekannten zu gedenken, den das allgemeine Urtheil anzuſchwaͤrzen ſuchte— Sie hatten die Guͤte, zu glau⸗ ben, daß ein Mann ganz unſchuldig in die ſchaͤndlichſten Geruͤchte verwickelt werden kann?“ 1⁵⁷7 „Ich koͤnnte Ihnen ſogar Briefe uͤber dieſen Ge⸗ genſtand zeigen, die an eine Dame geſchrieben wurden, welche Sie kennen und die ebenfalls von Ihrer Unſchuld uͤberzeugt iſt.“ „Eine Dame, die ich kenne...“ „... und die Sie ganz gewiß— wie kurz auch die Bekanntfchaft war— nicht haben vergeſſen koͤnnen, denn man vergißÿ ſie nicht leicht.“ „Ach, dann iſt es die Oberſtlieutenantin Helleding, die waͤhrend einer Reiſe in Ribyhus verweilte.“ „Ja, das iſt ſie. Sie erzaͤhlte mir ihr kleines Abenteuer und als ich einige Zeit nach ihrer Ruͤckkunft ſie in Tjuſtorp beſuchte, theilte ich ihr das Geruͤcht mit, welches ich durch die Fuͤrſorge jenes alten, boͤſen Weibes unterwegs erfahren hatte.“ Arnolds Geſichtszuͤge hatten jetzt durch die letzteren Einzelnheiten oder, vielleicht richtiger, durch die letzte Einzelnheit— denn er konnte nicht unempfindlich gegen den Genuß ſein, zu wiſſen, daß eine ſo anziehende Dame ſchon vor ihrer Bekanntſchaft ſeine Partie genommen, mit einem Worte, ſich mit ihm beſchaͤftigt hatte— nicht blos ihre fruͤhere aͤngſtliche Spannung verloren, ſondern ſogar eine gewiſſe Lebhaftigkeit erhalten, die nicht einmal die Erinnerung an die kranke Frau wie⸗ der verdraͤngte. „Sie reiſen wohl jetzt nach Tjuſtorp?“ „Allerdings. Mitten unter dem brillanten Win⸗ 2 158 terleben der Stadt ward ich— was mir noch niemals paſſirt iſt, denn ich gehoͤre zu den Prieſterinnen des Ver⸗ gnuͤgens— von einer kleinen Melancholie befallen. Ich dachte da gleich an die ſtets ruhige und friſche Laune meiner guten Honorine, packte, dieſer Eingebung folgend, meine Koffer und bin nun auf dem Wege, meine ge⸗ liebte Freundin mit einem Beſuche zu uͤberraſchen.“ „Aber, gnaͤdige Frau, wiſſen Sie wohl, wen Sie in Tjuſtorp treffen?“ „Allerdings, Herrn Thurné. Er lebt in der Naͤhe als Einſiedler, der arme Mann! Ich werde Honorinen ihn aufmuntern helfen.“ „Gleichwohl...“ wendete der Doctor ein, brach aber ſichtbar verlegen ab. Die ſchoͤne Witwe kam ihm ſogleich zu Huͤlfe: „Es iſt natuͤrlich, daß ich Honorinen blos von dem Umſtand unterrichte, daß ich Sie zufaͤllig auf der Reiſe getroffen.“ „Ja, ihr allein kann dieſer Zufall allerdings mit⸗ getheilt werden— verſteht ſich ohne den mindeſten Zu⸗ ſatz— aber in Bezug auf Philipp komme ich eben in b — Folge Ihres ſo eben ausgeſprochenen Mißtrauens auf den Gedanken, daß es am beſten iſt, wenn er... „... uͤber meine verſchiedenen Bekanntſchaften gar nichts erfaͤhrt?“ „Sie kommen meinem Wunſche zuvor. Er koͤnnte moͤglicherweiſe von ſeinem Schwager, meinem Nachbar, mals Ver⸗ Ich aune gend, e ge⸗ 3 Sie Naͤhe rinen brach fe: dem Reiſe 159 erfahren haben, daß ich auf einer Reiſe begriffen bin— denn Sie wiſſen, gnaͤdige Frau, daß ein Arzt nirgends hinreiſen kann, ohne daß die ganze Welt und derjenige, welcher ſeinen Dienſt verſieht, weiß, wohin er gegan⸗ gen iſt.“ „Und Sie,“ ſagte Frau Adele ſcherzend,„hatten Ihre Marſchroute nicht ſo eingerichtet, daß wir uns auf dem Wege treffen konnten, welchen ich komme?“ „Sie errathen demnach Alles!“ antwortete Arnold ſich verneigend. „Nun, nachdem dies abgemacht iſt, Herr Doctor, ſo verſprechen Sie mir, bevor wir ſcheiden, daß Sie mir verzeihen; denn hat auch meine Beichte Ihnen viele Unannehmlichkeiten bereitet, ſo hoffe ich doch, daß Sie auch einen, wenn auch noch ſo geringen Funken In⸗ tereſſe an einer Perſon gefaßt haben, welche den Muth hatte, dieſe Beichte abzulegen und die Ihnen gleichzeitig verſichert, daß ſie ihrestheils... In dieſem Augenblicke hoͤrte man ploͤtzlich— trotz der Behauptung der wuͤrdigen Großmutter, daß man in dem Putzzimmer nichts von dem wahrnehmen koͤnne, was auf der andern Seite des Ganges vorginge— gewiſſe Toͤne, die mit dem Klange eines Schellengelaͤu⸗ tes nicht die geringſte Aehnlichkeit hatten. Wenn es nicht eine totale Unmoͤglichkeit geweſen waͤre, daß die Mutter im Suͤden ein zartes Kind im 160 Hauſe haͤtte haben koͤnnen, ſo wuͤrde man verſucht ge⸗ weſen ſein, zu behaupten, daß man ein ſolches gehoͤrt. auf Arnolds Wange ward leichenblaß. uk Aber mit bewundernswerther Faſſung that Adele, ich welche jetzt ein edles Zartgefuͤhl verrieth, als ob ſie will nichts hoͤrte. wird „Ich bitte Sie, Herr Doctor, nun gefaͤlligſt das Anſpannen zu beſtellen und da es mir vielleicht Muͤhe der! koſten wuͤrde, mich Ihrer muͤndlichen Vorſchriften zu zeige rinnern, ſo bitte ich Sie, dieſelben gefaͤlligſt aufzu⸗ werd ſchreiben!“ „Ich danke, gnaͤdige Frau, ich verſtehe und ver⸗ froh ehre Ihr Zartgefuͤhl. Ich gehe ſogleich, Ihren Befehl zeugt auszufuͤhren. Wie mir eben jetzt einfaͤllt, wird es gut heit ſein, wenn Sie ein gewiſſes Pflaſter gebrauchen, wozu ben, ich Ihnen das Recept ſchreiben will— in einer halben nicht Stunde habe ich die Ehre, wieder hier zu ſein und wenn bin, Sie durch C. fahren, ſo ſchicken Sie es in die dortige als? Apotheke.“ reoty) aufzu . Ehe noch die halbe Stunde verfloſſen war, trat Pader der Doctor wieder ein. Und es haͤtte nicht einmal ei⸗ auch nes halb ſo klaren Blicks, wie Adelens bedurft, um zu bemerken, daß eine Laſt druͤckender Unruhe ihm nun vom Herzen gefallen ſein mußte. ein ht ge⸗ gehoͤrt. Adele, ob ſie aſt das Muͤhe ten zu aufzu⸗ id ver⸗ Befehl es gut , wozu halben d wenn dortige r, trat mal ei⸗ um zu un vom 161 „Hier, gnaͤdige Frau, haben Sie, was Sie bis auf Weiteres beduͤrfen. Und im Fall Sie mich in der Zukunft mit Ihrem Vertrauen beehren wollen, ſo werde ich es nicht fuͤr eine Muͤhe anſehen, auch um Ihret⸗ willen eine Reiſe zu machen, wohin es Ihnen belieben wird, mich zu rufen.“ „Mein lieber Doctor,“ ſagte Adele laͤchelnd,„nach der unerwarteten Artigkeit zu urtheilen, welche Sie jetzt zeigen, ſind Sie wohl recht froh, mich nun loszu⸗ werden?“ „Daruͤber bin ich nicht froh, gnaͤdige Frau, aber froh bin ich doch und am allerfroheſten in der Ueber⸗ zeugung, daß Sie, was Sie auch von meiner Anweſen⸗ heit hier denken, was Sie auch gehoͤrt und geſehen ha⸗ ben, doch in dem Glauben verharren werden, daß ich nicht in der Ausuͤbung einer andern Pflicht begriffen bin, als der, welche die Menſchenliebe und mein Beruf als Arzt mir auflegen.“ „Und ich antworte Ihnen, wenn man den Daguer⸗ reotyp eben ſo anwenden koͤnnte, um Gedanken ſo treu aufzufaſſen, wie Geſichtszuͤge, ſo wuͤrde ich ſagen, daß Sie dieſe Worte ganz aus meiner Seele abgeſpiegelt haben, denn gerade was Sie jetzt aͤußerten, ſagte ich auch zu mir ſelbſt.“ Doctor Arnolds dunkle Augen begannen zu glaͤnzen. „Wiſſen Sie was, Herr Doctor?“ Ein Gerücht. IV. 1 11 162 „Nun, gnaͤdige Frau?“ „Sie wiſſen, daß gewiſſe Voͤlker— ich glaube unter den Wilden— ſich als Verbuͤndete anſehen, wenn je mit einander Salz gegeſſen haben. Ich ſchlage nen vor, daß wir mit einander Kaffee trinken.. ich ſehe hier nichts Anderes und es iſt eben ſo gut. „In der That, ich werde mit großem Vergnuͤgen eine Taſſe Kaffee aus Ihrer Hand annehmen! Und dieſe ganze kleine, ſo unerwartete Epiſode wird mir eine liebe Erinnerung ſein...“ „.. die ſicherlich kuͤnftig einmal in Ihnen wig der aufleben wird, denn... wir werden uns ſchon wiederſehen. Ich vergeſſe nicht Ihr Verſprechen und da ich ſelten mich verzaͤrtele, ſo werden Sie mir woh auch ein wenig Theilnahme zuwenden— nicht wahr? „Ich hoffe Gelegenheit zu bekommen, Sie davon zu uͤberzeugen!“ „Und da ich mich niemals einer Operation unter werfen werde...“ „Ei, ei, gnaͤdige Frau, dies ſollte meine letzte um deshalb kraͤftigſte Ermahnung werden. Sie duͤrfen nicht warten, bis die zwingende Nothwendigkeit da iſt Jetzt iſt noch keine Gefahr vorhanden, wenn aber.. Ich bin uͤberzeugt, Sie wuͤrden große Seelenſtaͤrke be weiſen.“— „Ja wohl, wenn es einmal ſein muͤßte. Aber d Sache iſt, daß ich nicht will und wenn ich aus... wa an ma ſan Liel die gen Sie wel lich dan wue „in niß beab dern tes ber Doc glaube n, wenn ſchlag⸗ ken... ſo gut.“ ergnuͤgen in! Und ird mir nen wig ns ſchon chen und nir woh⸗ wahr? die davon on unter letzte und he duͤrfen it da iſt aber.. ſtaͤrke be Aber d us... 163 . reiner Ziererei lieber ſterben ſollte, nicht wahr?“ „Ganz richtig... ſo werde ich zur Erinnerung an dieſe unſere Zuſammenkunft Ihnen das Liebſte ver⸗ machen, was ich beſitze, naͤmlich meine Autographen⸗ ſammlung.“ „Ihre Autographenſammlung!“ „Ja, allerdings; ich habe in meinem Leben ſo viele Liebesbriefe und Heirathsantraͤge erhalten, daß ich blos die Unterſchriften habe aufbewahren koͤnnen und ich bin gewiß, daß es Ihnen ein Vergnuͤgen machen wird, wenn Sie dieſelben zuweilen durchzaͤhlen, an mich zu denken.“ „Ganz gewiß, gnaͤdige Frau,⸗ ſagte Arnold, auf welchen die Heiterkeit der jungen Frau einen ſchmerz⸗ lichen Eindruck machte, denn es war ein bitterer Ge⸗ danke, ſie ſo heiter, ſo ſchoͤn, vielleicht ſo ſorglos dieſen wuchernden Todeskeim in ihrer Bruſt tragen zu wiſſen, vin der That, gnaͤdige Frau, dies waͤre ein Vermaͤcht⸗ niß eigener Art— aber wir wollen hoffen, daß Ihr beabſichtigter letzter Wille unter dem Einfluſſe eines an⸗ dern Willens unterdruͤckt wird, der mit dem Ihres Arz⸗ tes uͤbereinſtimmt!“ „Wir werden wohl ſchen... Ach was fuͤr ſuͤper⸗ ber Kaffee— haben Sie ſchon beſſeren getrunken, Doctor?“ „Niemals, gnaͤdige Frau!“ „Und Sie ſind ruhig— Sie glauben an meine 11* 164 zwei Tugenden— an meine Aufrichtigkeit und Ver⸗ ſchwiegenheit?“ „Wenn ich das nicht thaͤte, wuͤrde ich da wohl ſo ruhig mit Ihnen ſprechen koͤnnen? Sie haben mich gezwungen, mich auf die Großmuth einer Frau zu ver⸗ laſſen und ich verlaſſe mich auf die Ihrige.“ „ Dank— dieſe Worte haben mich mit wirklichen Ketten gebunden; denn ich erkenne keine anderen an, als die des Vertrauens. Und nun— „Ja, nun will ich Ihnen zum Abſchied die Ur⸗ ſache Ihres Uebels vertrauen, welche Sie ſelbſt nicht zu ergruͤnden vermocht haben.“ „O, die bin ich neugierig zu hoͤren.“ „Dieſes kleine, bewegliche Gewaͤchs, woran Sie leiden, welches jetzt nicht ſehr ſchmerzhaft iſt, aber mit — der Zeit ſehr gefaͤhrlich werden kann, ruͤhrt von keinem Kummer her.“* „Das wußte ich.“ „Gnaͤdige Frau, was ich Ihnen nun ſagen will, iſt ſehr ernſt— es iſt ein Vorwurf!“ „Ein Vorwurf?* Ja und einer, den keins von Gottes geſchaffenen Weſen ſich zu ſchulden kommen laſſen ſollte, der aber gleichwohl den Frauen ſo oft gemacht werden kann.“ „Doctor!“ „Ich kann es nicht aͤndern, gnaͤdige Frau! Sie ſelbſt haben ſich dieſes Uebel zugezogen und zwar— 165 bedenken Sie, daß es ein Arzt iſt, der mit Ihnen ſpricht— durch allzuſtarke Anwendung jenes Kleidungs⸗ ſtuͤcks, von welchem die Damen glauben, daß es dem Wuchſe eine beſſere Form geben koͤnne, als die Natur ... brauchen Sie ſich wohl zu ſchnuͤren? Sie!“ Der Ton, in welchem die letzten Worte geſprochen wurden, gab weniger den Arzt, als den Mann zu er⸗ kennen. Sie riefen auch auf Adelens Wange einen dunklen Karmin hervor— oder war es vielleicht nur der Selbſtvorwurf, der ſo wirkte? „Hinfort...“ hob Arnold mit weicher, bittender Stimme an. „Sie finden wohl, Doctor, daß ich nichts auf die Vorſchrift antworten kann, die ich in Ihren Augen leſe.“ „Aber, Sie koͤnnen ſie befolgen— und, nicht wahr, Sie werden es thun?“ Adele ſchwieg. „Glauben Sie mir, gnaͤdige Frau, dieſes Thema iſt von zu großer Wichtigkeit, als daß wir es fluͤchtig beruͤhren ſollten... ich moͤchte Ihnen zeigen, zu wel⸗ chen gefaͤhrlichen Folgen dieſer Mißbrauch der Damen fuͤhrt— und Gott gebe, daß dieſe Folgen Ihnen nicht allzunahe geruͤckt werden.“ „Laſſen Sie es gut ſein, beſter Doctor— ich werde niemals fluͤchtig an eins Ihrer Worte denken.“ „Sie verſprechen alſo...“ „... nichts— denn ich habe den Fehler, in ge⸗ 4 166 wiſſen Faͤllen nicht Wort zu halten. Aber ich ver: ſpreche Ihnen dagegen etwas, wovon ich weiß, daß ich es beſtimmt halte.“ „Und dies iſt?* „Daß ich Ihre Guͤte niemals vergeſſen werde. Die Erinnerung wird dann eine Fuͤrſprecherin fuͤr Ihre letzte Vorſchrift.“ Nach dieſen Worten, die auf die anmuthigſte Weiſe geſagt wurden, auf welche etwas geſagt werden kann, ergriff der Doctor die Hand ſeiner Patientin und fuͤhrte ſie, mit dem Ausdruck herzlicher Achtung an ſeine Lippen...... Eine Viertelſtunde ſpaͤter verließ Frau Adele von Stern das maleriſche Gebirge, wo die Mutter im Suͤ⸗ den wohnte. — So lange der Schlitten noch ſichtbar war, blieb der Doctor auf dem Hofe ſtehen und ſah ihm nach. ver⸗ ß ich verde. Ihre thigſte verden n und ag an le von n Suͤ blieb ſch. Viertes Zuch. Zwei Sonnen an einem Himmel. Bewundernd ſteht ein Haufen ſtumm beiſammen ..„ 1„„„„ .. Nun tröſtet meinen Geiſt des Himmels Sonne. Kiellman Göranſon. Das ganze Leben ſchwebt in Tönen-.. Ein Feſt iſt jeder Tag, ein Feſt die Nacht. Nicander. 1. Die Heilige der Stadt. Es iſt in der Mitte des Monats November, ein Jahr und vier Monate nach dem ſchmerzenreichen Tage, wo Philipp Thurné und ſeine Gattin ſich in ihre Kin⸗ der theilten, wo er mit ſeinem Sohne fortging, um ſeine Leiden vor den profanirenden Blicken der Welt zu verbergen und ſie mit ihrer Tochter weit hinwegflog aus der nun verabſcheuten Gegend, um ihrem Mann Gelegenheit zur oͤffentlichen Aufforderung zu geben. Mehrmals war dieſe Aufforderung ohne Erfolg erneuert worden. Nun war der Scheidebrief ausgefer⸗ tigt und die Zwei, welche Gott beſtimmt, nur ein We⸗ ſen auszumachen, machten jetzt wieder zwei beſon⸗ dere aus. Wir befinden uns im gegenwaͤrtigen Augenblick in einer der Reſidenzſtaͤdte des Reichs— in welcher, halten wir uns nicht fuͤr befugt, anzugeben. 170 Aber es iſt eine ſchoͤne, wohlgebaute Stadt, mit Straßen, die ſelbſt der Hauptſtadt Ehre machen wuͤr⸗ den, mit einem lebhaften Hafen und ſchoͤnen Gaͤrten, welche letzteren ſich gleichwohl in demſelben Zuſtande der Nacktheit befinden, wie die Schiffsmaſten draußen auf dem Kai. Auf der einen Seite des Marktes liegt ein großes, gelb angeſtrichenes Haus, deſſen Reichthum an Fen⸗ ſtern es zu einer wirklichen Laterne macht, welchen Na⸗ men es auch fuͤhrt. Diejenigen, die in dieſem Hauſe wohnen, koͤnnen niemals incognito leben, die ganze Welt weiß, was bei ihnen paſſirt, denn rund um den Markt herum giebt es„gute Nachbarn“. Auch iſt es nur Leuten von ſtahlblankem Rufe zu rathen, ſich in der„Laterne“ einzumiethen, eine Be⸗ ſitzung, die uͤbrigens einem der reichen Handwerker der Stadt gehoͤrt, der ſich aber wohl huͤtete, es ſelbſt zu bewohnen. In dem Parterre dieſes Hauſes wohnen auf der einen Seite der Flur drei alte Fraͤulein, die von ihren Renten leben und deshalb das Recht zu haben glau⸗ ben, dieſes Lokal zu miethen, wo man Alles ſehen kann. Auf der andern Seite dagegen wohnen drei alte Mamſells, welche einen kleinen Handel mit Nippſachen fuͤhren und mit den Fraͤuleins auf dem vertraulichſten onnen s bei giebt Rufe Be⸗ verker oſt zu ff der ihren glau⸗ ſehen ei alte ſachen ichſten 171 Fuße leben. Wenn wir ſagen„vertraulichſten“, ſo muß doch dabei ein und das andere unſchuldige Schar⸗ muͤtzel ausgenommen werden. Es gab naͤmlich zwei Zankaͤpfel zwiſchen dieſen achtungswerthen Nachbarinnen: erſtens, wenn es ſich um eine Neuigkeit handelte, welche die eine Part beſſer zu wiſſen glaubte, als die andere und zweitens, wenn die Katze der Fraͤuleins— ein non plus ultra dieſer Thiergattung— den Hund der Mamſells zu einigen olympiſchen Uebungen verleitete, welche die beſagten Mamſells in ihrer angenehmen Mittagsruhe ſtoͤrten. Wenn aber ſchon das Parterre ſo wohl mit Ar⸗ gus⸗Augen verſehen war, ſo war es die Dachetage nicht minder. Dieſe Lokalitaͤt war von einer„Blumenfrau“ be⸗ wohnt, das heißt, einer Witwe, welche junge Maͤdchen in der Kunſt des Blumenmachens unterrichtete. Und dieſe Anſtalt ward auch von erwachſenen Maͤdchen ſehr viel beſucht, ſintemalen die Hauptwache, wo die jungen Offiziere aus⸗ und eingingen, ſich auf dem Wege zu dieſem Blumenlande befand und die netten Daͤmchen fanden Gefallen daran, mit einem Gruß, einem Laͤ⸗ cheln oder andern dergleichen Zeichen die tiefen, aus⸗ drucksvollen Verbeugungen zu vergelten, die ihnen ge⸗ macht wurden und die, ſo zu ſagen, eine Fortſetzung der Converſation des letzten Balles waren. In der„Blumenpenſion“ wußte und erzaͤhlte man 172 ſich tauſend Dinge, die ſogar an den Thuͤren der Fraͤu⸗ leins ſowohl, als auch der Mamſells vorbeiſchluͤpften. Zur Abhuͤlfe dieſes Uebelſtandes und dieſer Un⸗ gleichheit aber hatten die Fraͤuleins— die in Betracht ihres Reichthums die Wortfuͤhrerſchaft als ihr erbliches Recht anſahen— der Blumenfrau vorgeſchlagen, ge⸗ meinſchaftlich mit ihnen und den Mamſells gewiſſe Wo⸗ chenſoiréen einzurichten, ein Vorſchlag, dem die gnaͤdige Frau Witwe in der Dachetage um ſo lieber beitrat, als ihr ſchwacher Geſundheitszuſtand ihr nicht erlaubte, ſo haͤufig, wie ihre Nachbarinnen, die Gaſſen zu fre⸗ quentiren. Nach dieſer Einleitung verweilen wir weder im Parterre, noch in der Dachetage, ſondern verfuͤgen uns eine Treppe hoch, wo in der Hauptetage eine Perſon wohnt, welcher ſehr daran gelegen ſein mußte, von zu⸗ verlaͤſſigen Zeugen ſowohl geſehen als beurtheilt zu werden. Und ſo etwas kann man wohl billig erwarten, wenn man der Fraͤuleins R. intereſſantes Klatſchbuͤreau auf der einen, der Mamſells D. Nippſachenhandel und Commiſſionscomptoir auf der andern Seite und die Blumenpenſion gerade uͤber dem Kopfe hat. Zu keiner Zeit des Tages, kaum des Nachts, haͤtte irgend etwas an dieſen vortrefflichen Zollwachtſtellen vorbeikommen koͤnnen, ohne geſehen zu werden. Das Fraͤu⸗ ften. Un⸗ tracht liches u, ge⸗ Wo⸗ — naͤdige eitrat, aubte, u fre⸗ er im n uns derſon en zu⸗ lt zu darten, zuͤreau el und id die haͤtte tſtellen Das 173 Wachtperſonal war ſo geuͤbt, daß es ſchon am Fuße der Treppe Contrebande gewittert haben wuͤrde. Es waren jetzt ungefaͤhr acht Monate, ſeitdem die große Etage in der Laterne von einer jungen Frau ge⸗ miethet ward, welche ſich zu jener Zeit in der Reſidenz⸗ ſtadt niederließ. Man haͤtte gern uͤber dieſes Ereigniß etwas zu erzaͤhlen gewuͤnſcht, aber das Leben der jungen Frau lag wie ein aufgeſchlagenes Buch fuͤr Jeden da, der darin leſen wollte. Sie war von ihrem Manne geſchieden, weil ihre Charaktere nicht zuſammen paßten, oder auch, weil ſie — die ſtrenge Sittlichkeit ſelbſt— eine Untreue nicht hatte verzeihen koͤnnen. Man konnte von Beidem glau⸗ ben, was man wollte, denn es ward Beides erzaͤhlt. Und obſchon ſie nichts zu verheimlichen hatte, ob⸗ ſchon ihr Wandel eben ſo einfach und anſpruchslos war, wie ihre Perſoͤnlichkeit, ſo hatte ſie doch mit Fleiß und von dem feinſten Zartgefuͤhl geleitet, gerade dieſe Woh⸗ nung gewaͤhlt, wo ſie von ſo vielen Schutzwachen um⸗ geben war.— Es iſt wahr, daß man auch erzaͤhlen hoͤrte— denn was hoͤrt man nicht Alles erzaͤhlen— der Name der jungen Frau ſei einmal in eine delikate Geſchichte ver⸗ wickelt geweſen; und nachdem vier, ſechs oder acht Per⸗ ſonen das Vertrauen der armen, kleinen, neuen An⸗ kommlingin empfangen hatten, erfuhr man, daß dem 174 wirklich ſo war. Sie machte durchaus kein Geheimniß daraus, was hinreichend bewies, daß ſie nichts anderes zu fuͤrchten brauche, als die Ungerechtigkeit. Aus dem, was ſie ganz unbefangen zugeſtand, er⸗ ſah man, daß ſie— vor dem mindeſten Schatten fuͤr ihren Ruf zitternd(kleine Staͤdte ſind gar zu klatſch⸗ ſuͤchtig)— gerade aus zu weit getriebener Vorſicht einen Fehler begangen hatte. Dieſer Fehler beſtand darin, daß ſie, in und wegen einer wichtigen Angelegenheit, verkleidet ihren Arzt be⸗ ſuchte, der nichts weiter gegen ſich hatte, als daß er zu jung war, um eine junge Frau in ihren Umſtaͤnden zu empfangen, die ſtets auf die Nothwendigkeit denken mußte, der Verleumdung keinen Anhaltepunkt zu geben. Anſtatt aber, wie ihre Abſicht war, der Verleumdung auszuweichen, ward das arme Kind von den tauſend Stacheln derſelben getroffen, als ihre unſchuldige Liſt entdeckt ward. „Aber,“ pflegte ſie zu dieſen ihren Vertrauten zu ſagen— lauter alten Damen, unter deren Protection ſie ſich geſtellt—„aber ich hoffe, daß ich bald genug gelitten haben werde, um alt zu ſcheinen. Es ſind blos die Jahre, die mir fehlen— dieſe geben nicht blos Anſehen, ſondern auch Erfahrung. Eine junge Frau kann ohne dieſen ſicheren Fuͤhrer ſehr leicht gerade an der Schwelle ſtraucheln, die ihre Unruhe und ihre Aengſtlichkeit erſt aufrichtet... Gluͤcklich daher die imniß nderes d, er⸗ en fuͤr latſch⸗ einen wegen zt be⸗ er zu den zu denken geben. ndung auſend 2 Liſt ten zu rection genug 6 ſind t blos Frau de an ihre r die 175 Frauen, die dieſe Jugend ſchon weit hinter ſich haben, welche fuͤr mich wenigſtens nur ein Kirchhof war, auf dem ich meine Hoffnungen begraben habe.“ „Armer Engel,“ ſagte dann die Vertraute zu ihrer Vertrauten,„welche Ergebung, welche Beſcheidenheit, welche ungeheuchelte Tugend!“ Und hatte man nicht Grund, ſo zu ſprechen! Ward wohl im Hauſe der Frau Lilia Sorenius ein einziger Mann empfangen, der nicht ſeine vierzig Jahre zuruͤckgelegt, dafern er nicht verheirathet war? Sah man ſie wohl jemals auf einem Ball, auf einer Soirée, bei einer Luſtpartie irgend einer Art— niemals! Blos dann und wann beſuchte ſie das Theater oder ein Concert, denn ſie wollte nicht durch allzugroße Eingezogenheit Aufſehen erregen. Aber wenn ſie ſich zeigte, ſtets gefolgt von zwei oder drei alten, reſpectablen Schuͤrzen, ſo war ſie ſtets ſchwarz gekleidet, beinahe wie eine junge Witwe, und nicht ein einziger von allen den Blicken, welche die Elegants der Stadt auf ſie richte⸗ ten, ſchien von ihr bemerkt zu werden. Aber die Armen der Stadt ſah ſie. Fuͤr dieſe naͤhte ſie mit eigenen Haͤnden Kleider und deponirte fuͤr mehrere Familien recht bedeutende Summen bei der Geiſtlichkeit der Stadt. Und mit einer Anmuth und Beſcheidenheit ohne Gleichen bat ſie„verſtaͤndige Leute“ — es gab in dieſer Stadt deren ſehr viele— um ihren 176 Beitritt in Bezug auf die Wohlthaten, die ſie ſpenden 4 wollte. Mit ihren Hausgenoſſen lebte Frau Sorenius in dem moͤglichſt beſten Verhaͤltniß. Bei den Fraͤuleins machte ſie regelmaͤßig zwei 5 Vormittagsbeſuche woͤchentlich, entweder um ihnen Thea⸗ terbillets anzubieten— ſie waren in Bezug auf Ver⸗ gnuͤgungen, welche Geld koſteten, ſehr geizig— oder auch, um ihre Geſellſchaft zu einer kleinen Spielpartie oben bei ſich zu erbitten. Bei den Mamſells kaufte ſie Alles, was ſie fuͤr ihre einfache Toilette bedurfte und handelte niemals, welcher Preis auch gefordert ward. Zuweilen nahm ſie ſich auch die Freiheit, ihnen einige delikate Fruͤchte zu ſchicken, fuͤr welche die Mam⸗ ſells eine große Schwaͤche beſaßen. Was endlich die Blumenfrau betrifft, ſo hatte das gute, kleine Weſen in der erſten Etage bei ihr Blu⸗ men zu einem ganzen Dutzend praͤchtiger Vaſen beſtellt, welche eine nach der andern an Namens⸗ und Geburts⸗ tagen einzelnen Bekannten zugeſchickt wurden. Ueber⸗ dies erhielt die kraͤnkliche Blumenexcellenz oft Zuſendun⸗ gen von Gelées, Confituͤren und ſo weiter, was Alles dazu beitrug, den von dieſer Dame gleich anfangs ge⸗ faßten Gedanken zu naͤhren, daß es nicht eine Frau, ſondern vielmehr eine Heilige ſei, die man zur Hausge⸗ noſſin erhalten. El denden us in zwei d Thea⸗ Ver⸗ oder partie e fuͤr mals, ihnen Nam⸗ hatte Blu⸗ eſtellt, burts⸗ Ueber⸗ ndun⸗ Alles s ge⸗ Frau, ausge⸗ 177 In dieſes Urtheil ſtimmten um ſo eher ſowohl die Mamſells, als auch die Fraͤuleins ein, weil dieſe am beſten alle die langen und verzweifelten Phyſiognon ſehen konnten, die nach den Fenſtern der jungen 5 hinaufgewendet wurden— Phyſiognomien, die jun Cavalieren gehoͤrten, welche wohl zehn Mal des vorbeigingen, ohne etwas Anderes, als herabgelaf Gardinen zu finden. Was aber ganz beſonders die junge Frau zu ein hoͤhern Weſen machte, war ihre unbeſchreibliche muth. Wenn ſie irgendwo eintrat, um irgend eine Ar⸗ tigkeit anzubieten, ſo war es, als ob man ihr die groͤßte Gunſt bewilligte, wenn man ihr Anerbieten an⸗ nahm. Und wenn man ſie mit den ſchnippiſchen, jungen Frauen verglich, deren es in dieſer Stadt nicht wenige gab, ſo fuͤhlte man ſich ordentlich erhoben, zu wiſſen, daß man auch einen Engel beſaß— einen Engel, der jeden Sonntag in der Kirche ſaß, einen Engel, der beim Herausgehen die Augen weder rechts noch links wendete und einen Engel, der uͤberdies Mitglied der Bibelgeſell⸗ ſchaft war, Mitglied der Geſellſchaft fuͤr verſchaͤmte Arme, Mitglied der Geſellſchaft fuͤr arme Waiſen und Mitglied der Geſellſchaft zur Befoͤrderung der Stttlichkeit. Ein Gerücht. IV.. 12 178 Es iſt am Abend des ſechzehnten Novembers, wo wir in die Wohnung unſerer Heldin eintreten. Durch einen großen, von einem einzigen Licht er⸗ leuchteten Saal treten wir in einen gelbgemalten Sa⸗ lon, deſſen einzige Zierde in drei Gemaͤlden beſteht, welche die Beſitzerin fuͤr eine den wahren Werth weit uͤberſteigende Summe ein paar armen Kuͤnſtlern ab: gekauft. Selbſt das Meublement iſt von der ausgeſuchte⸗ ſten Einfachheit und vergebens ſucht man einen einzi⸗ gen jener kleinen Kunſt⸗ und Luxusartikel, die man ſonſt in Salons ſieht. Was man dagegen ſieht, ſind zwei ſchon fertig gemachte Spieltiſche und daneben ein Theetiſch, welcher, in Verbindung mit dem lodernden Kaminfeuer, das Bevorſtehen einer ganz vertraulichen Unterhaltung ver⸗ kuͤndigt. Aber es ſind nicht blos die Spielmarkenkaͤſtchen und die Meißner Taſſen, in welchen der Schein des Feuers ſich ſpiegelt, derſelbe wirft vielmehr ſeine rothe Glut auch uͤber ein kleines Weſen, welches zuſammen⸗ gekauert in einem der Lehnſtuͤhle ſitzt. Dieſes kleine Weſen iſt Lilia, die lange vermißte Heldin unſeres Romans. 3 Nach ihrer Stellung zu ſchließen, ſcheint ſie zu ſchlafen, aber ſie ſchlaͤft dennoch nicht, denn thaͤte ſie das, ſo wuͤrden dieſe regelmaͤßigen Toͤne, welche nach 3, wo ht er⸗ Sa⸗ eſteht, )weit n ab⸗ ſuchte⸗ einzi⸗ man fertig velcher, r, das ig ver⸗ zaͤſtchen in des 2 rothe mmen⸗ ermißte ſie zu haͤte ſie he nach 179 einigen Minuten Pauſe beſtaͤndig wiederkommen, ſich nicht hoͤren laſſen. Die genannten Toͤne gleichen dem Gaͤhnen und folgen dicht auf einander. Aber in einem Augenblick wirft ſie dieſe Feſſeln der Muͤdigkeit und Langeweile ab und richtet ſich mit Heftigkeit auf. Schnellen Fußes ſehen wir ſie nach einem der Tiſche eilen, die Lichter anzuͤnden und, eins in die Hand nehmend, vor einem Spiegel ſtehen bleiben, deſſen Bilde ſie eine tiefe und komiſche Verbeugung macht. Das Bild hat ihr naͤmlich das verfuͤhreriſche und pikante Antlitz der vormaligen Sirene in einem ehrba⸗ ren Matronenhaͤubchen mit bauſchigen Falten und gro⸗ ßen, weißen Bandſchleifen gezeigt und die Alabaſter⸗ ſchultern der verfuͤhreriſchen Sirene, wo fruͤher die Pur⸗ purſchlange ſpielte, ſtecken aͤngſtlich verborgen unter dem ſchwarzen, bis an den Hals hinaufreichenden Kleide. Nachdem Lilia ſich einige Augenblicke betrachtet hatte, brach ſie in ein lautes Gelaͤchter aus. Aber ſchnell und ganz erſchrocken uͤber ihre eigene Munterkeit, horchte ſie nach allen Seiten, nach oben und unten. 4 Es geziemte der Heiligen nicht, auf dieſe naͤrriſche Weiſe zu lachen— ihr geziemte blos ein mitleidiges Laͤcheln uͤber den Tand und die boͤſen Gedanken dieſer Welt. „Warte, warte,“ſagte ſie halblaut,„warte nur, 12* 180 unruhige Seele und gaͤhne dich mit Geduld durch den Winterſchlaf, durch das Fegefeuer hindurch, welches du durchmachen mußt, bevor du zu einem neuen Weſen erwachſt— warte, bis du reif biſt, bis du dir eine Schutzmauer geſchaffen, durch welche du frei um dich blicken kannſt, ohne Furcht, daß Jemand deine darin angebrachten Spalten entdeckt“ In dieſem Augenblicke hoͤrte man die Vorzimmer⸗ klingel laͤuten. Lilia's Geſichtsausdruck ward ſogleich ſo ruhig, als ob er ſtereotypirt waͤre. Nachdem ſie die uͤbrigen Lichter angezuͤndet, ging ſie nach der Thuͤr, um zwei der vornehmſten Frauen der Stadt zu empfangen, die wegen ihres hohen Anſe⸗ hens, ihrer feſten Grundſäͤtze und einer ſeit dreißig Jah⸗ ren nicht verdunkelten Tugend bekannt waren. Als dieſe Notabilitaͤten eintraten, wurden ſie von der kleinen Wirthin mit einem Handkuſſe begruͤßt, dem jjedoch beide Frauen ſich entziehen wollten. Als aber Lilia mit ihrer weichen, engelmilden Stimme ſagte:„Warum ſoll die Jugend der Weisheit nicht eine angemeſſene Huldigung darbringen?“ da laͤchel⸗ ten die Frauen und geſtatteten, daß die Roſenlippen der jungen Frau ihren ſchon verſchrumpften Haͤnden die gewuͤnſchte Huldigung darbrachten. „Wiſſe, mein ſuͤßes Kind,“ ſagte eine dieſer Da⸗ men, indem ſie Lilia auf die Wange klopfte,„wiſſe, den 8 du zeſen eine dich darin mer⸗ uhig, ging rauen Anſe⸗ Jah⸗ von dem nilden eisheit laͤchel⸗ en der i die r Da⸗ wiſſe, 181 daß es mir wirklich Muͤhe koſtete, meinen Neffen, den Lieutenant, los zu werden, der durchaus wollte, daß ich ihn hier praͤſentiren ſollte.“ „»Wie,“ rief Lilia, die kaum ihren eigenen Ohren trauen zu wollen ſchien,„ein junger Militair ſollte bei mir vorgeſtellt werden, einer armen, geſchiedenen Frau, welche... o mein Gott, es war wohl blos ein Scherz, daß ein junger Mann ſo wenig zartfuͤhlend ſein ſollte, mich durch ein ſolches Begehren ſo gut wie zu be⸗ ſchimpfen?“ „Beruhige Dich, mein Kind— ich kannte die Staͤrke und die Reinheit Deiner Grundſaͤtze und ſagte zu meinem Neffen, daß Du ohne Zweifel ohnmaͤchtig werden wuͤrdeſt, wenn Du einen fuͤnfundzwanzigjaͤh⸗ rigen Lieutenant ſo ohne Weiteres in Deinen Salon treten ſaͤheſt.⸗ „Ohnmaͤchtig?“ ſagte Lilia.„Nein, ich wuͤrde nicht ohnmaͤchtig geworden ſein, ſondern mit der Staͤrke, welche Gott einer ſchwachen Frau gegeben, die in der Welt kaum einen andern Schutz beſitzt, als ihre eigene, geringe Kraft, wuͤrde ich zu dieſem jungen Mann oder wer ſonſt mich in meinem Aſyl haͤtte ſtoͤren wollen, geſagt haben: Mein Herr, um Gottes willen, ſtellen Sie nicht ein Weſen blos, welches Ihnen niemals etwas Uebles gethan, aber dem Sie durch ihren Beſuch ſcha⸗ den wuͤrden.“ „Engelgleiches Weſen,“ ſagte die andere Dame, 182 Lilia's Hand ergreifend,„moͤchte jede unabhaͤngige Frau leben wie Du— man wuͤrde dann nicht das Aergerniß haben, welches man in dieſem Augenblicke durch eine gewiſſe andere unabhaͤngige Dame hat.“ Die Ankunft neuer Gaͤſte unterbrach das Geſpraͤch. Es waren jetzt die drei Fraͤuleins von unten. Und waͤhrend dieſe die Buͤrde ihrer Neuigkeiten vor den er⸗ ſten beiden Damen ausſchuͤtteten, ſaß Lilia, wie gewoͤhn⸗ lich, ſtill da. Was intereſſirten ſie die Verhaͤltniſſe Anderer? Endlich kamen noch zwei Herren, die einzigen maͤnnlichen Perſonen in der Geſellſchaft, worauf die Partie vollzaͤhlig war. Sobald als der Thee ſervirt und die kleine Sylvia — welche jetzt hereingekommen— von Hand zu Hand gegangen war, ſetzte man ſich an die Spieltiſche, mit einem der Herren an jedem. Dieſe beiden Herren— reiche Garcons zwiſchen vierzig und funfzig Jahren, achtungswerth und ange⸗ ſehen— waren: der eine der Regimentsarzt, mit dem Titel als Medicinalrath, der Hausarzt der jungen Frau; der andere ein Beamter beim Stadtgericht, mit dem Titel als Kammerrath— ein Mann, der wegen ſeiner großen Rechtſchaffenheit und ausgezeichneten Geſchicklich⸗ keit in Handhabung fremder Geſchaͤftsangelegenheiten, Lilia fuͤr die ihrigen empfohlen worden war, die er jetzt auch zu verwalten hatte. Frau rniß eine aͤch. Und er⸗ oͤhn⸗ niſſe zigen die ylvia Hand mit ſchen ange⸗ dem Frau; dem ſeiner klich⸗ eiten, jetzt 183 Es war ſehr deutlich zu bemerken, daß beide Her⸗ ren ihre Plaͤtze an dem Spieltiſche zu bekommen wuͤnſch⸗ ten, an welchem die Wirthin ſich ſetzen wollte. Aber ſie wußte es ſo einzurichten, daß man um die Plaͤtze looſ'te. Es war dann der Kammerrath, welcher Platz ma⸗ chen mußte. Der gute Kammerrath hatte aber auch ganz das Ausſehen, als waͤre er zum Maͤrtyrer geboren. Bei jedem Verluſte zeigte ſein noch glattes und huͤbſches Geſicht eine ergebene Miene und das Beſte von Allem war, daß in dieſer Ergebenheit niemals ſich ein Funke von Vorwurf offenbarte. Was die junge Wirthin ſelbſt betrifft, ſo kann man ſich nichts Ehrbareres und Matronenaͤhnlicheres denken, als ihr Benehmen waͤhrend dieſer Soiréen. Wie ernſthaft und wuͤrdig miſcht ſie nicht die Karten, mit welcher Aufmerkſamkeit ſpielt ſie, mit wel⸗ chem edlen Laͤcheln belohnt ſie die Fineſſen ihrer Mit⸗ ſpielerin, mit welcher feierlichen Anmuth faſſen ihre Ro⸗ ſenfinger des Medizinalraths dargebotene, goldene Doſe, um ſie der naͤchſten Dame zu reichen, mit welcher ge⸗ winnenden Ruhe verliert ſie ihre ganze, kleine Kaſſe und endlich— wenn es ſich einmal ſo trifft— mit welcher anmuthigen Heiterkeit gewinnt ſie.. Wer hat etwas Reizenderes gehoͤrt, als ihre 184 Und dann waͤhrend der Pauſe, wo ſie die Runde macht und zuſieht, daß ihre Gaͤſte Erfriſchungen erhal⸗ ten! Dann iſt der Augenblick, wo ſie ihre beiden Freunde — den langen, duͤrren, zuweilen etwas muͤrriſchen Me⸗ dizinalrath und den ſtarken, dicken, aber ſtets ergebenen Kammerrath— fuͤr das kleine Ungluͤck entſchaͤdigt, welches das Schickſal ihnen abwechſelnd zutheilt. Und die Entſchaͤdigung zeigt ſich entweder darin, ſie mit ihrer kleinen, weißen Hand die beſten Fruͤchte auswaͤhlt, oder darin, daß ſie mit ein paar Worten, ei⸗ nem Blick, einem wehmuͤthigen Laͤcheln ſie uͤberzeugt, daß ſie am liebſten de n geſehen, den ſie zuletzt anlaͤchelt. Sehr oft, wenn die junge Frau groͤßere Geſell⸗ ſchaft hatte, waren mehrere Maͤnner da, aber dieſe wa⸗ ren alle verheirathet. Um ein ſo groͤßeres Feld hatten dann die Bevor⸗ zugten, ſich zu bewegen und es ſich angenehm zu machen. Und obſchon nicht einmal die Fraͤuleins einſahen — ſie, die ſonſt Alles einſahen— daß dies der Vorſatz der beiden alten Junggeſellen war, ſo hatte doch Lilia ſelbſt eine Ahnung davon. Und, um die Wahrheit zu geſtehen, ſo ſprachen fuͤr dieſe Ahnung ſowohl des Medizinalraths unterdruͤcktes Huſten waͤhrend des Morgenbeſuches, als auch des Kam⸗ merraths tiefe Seufzer waͤhrend des Nachmittagsbeſu⸗ ches- eine 1 d ſich g Auge geſſen Taler Marn aufſu „Wel neine ths unde hal⸗ unde Me⸗ enen digt, arin, uͤchte „ ei⸗ eugt, chelt. eſell⸗ wa⸗ evor⸗ chen. ſahen orſatz. Lilia n fuͤr icktes Kam⸗ beſu⸗ 185 8— ches— notabene, wenn ſie unter vier Augen waren, der eine mit ſeiner Patientin— Lili — der andere mit ſeiner Clientin ſich gern uͤber ihre Angelegenhei Ehe wir ſie aber bei dieſen Geſpraͤchen unter vier Augen ſehen, wo ſie, entweder um nicht Alles zu ver⸗ geſſen, oder aus einem beſondern Grunde, ihre kleinen Talente uͤbte, wollen wir auf der andern Seite des Marktes ein von hohen Baͤumen faſt verſtecktes Haus aufſuchen, um daſelbſt die Bekanntſchaft mit einem „Weltkinde“ zu erneuen. — Lilia unterrichtete in je geſehe als v wenig wohlb ſells proph⸗ 2. auch Saͤge Das Aergerniſs der Stadt. gend! An demſelben Abend, wo Frau Lilia Sorenius ihren ihre anſpruchloſe Spielgeſellſchaft hatte, ward in jenen ter, de mit Baͤumen umpflanzten Haufe ein brillantes Feſt ge Grille feeiert. und d Ddie junge Witwe, der dieſe Wohnung gehoͤrt, die S erfuͤllte heute ihr vierundzwanzigſtes Lebensjahr un ohne ſie hatte bei ſich Alles verſammelt, was die Stadt 1 alle I Jugend, Schoͤnheit, Pracht und verfuͤhreriſcher Mun⸗ terkeit beſaß. gernif Die Zimmer ſtrahlten aber auch vom Kerzenſchein die Muſik rauſchte in heiteren Toͤnen durch den Tan daß F ſaal, Blumen, Flimmern, Seide, goldene Epaulettes un muſici wehende Schaͤrpen blitzten ringsum. Bajad Es war Frau Adele von Stern, welche jetzt, i Predie 0 einer ganz andern Rolle auftretend, als in der wir ſi ihre boreniuß n jenem Feſt ge gehoͤrt hr un Btadt an Mum enſchen n Tam ettes um jetzt, i wir ſ 187 in jenem oͤden Gebirge bei der„Mutter im Suͤden“ geſehen, dieſen Ball gab, nicht ſowohl fuͤr ihre Freunde, als vielmehr fuͤr ſich ſelbſt, denn ſie konnte ſich jetzt weniger, als jemals, ohne Tanz, Muſik und Geraͤuſch wohlbefinden. Auch prophezeihten die Fraͤuleins und die Mam⸗ ſells mit dem Bijouteriekrame, ja die ganze Stadt prophezeihte, daß ſie ihre drei Haͤuſer, ihr Landgut, und auch den anſehnlichen Antheil, den ſie an einem großen Saͤgewerk hatte, noch vertanzen wuͤrde. Weiter prophezeihte man, daß ſie die ganze Ju⸗ gend der Stadt, beſonders das Juͤnglingsgeſchlecht, durch ihren Tanz und ihre Muſik verderben, daß ſie alle Vaͤ⸗ ter, deren Soͤhne bereit waren, jeden Augenblick fuͤr eine Grille von Frau Adele in den Tod zu gehen, ruiniren, und daß ſie deſſelbengleichen allen Muͤttern vor Aerger die Schwindſucht an den Hals haͤngen wuͤrde, weil ſie, ohne ſelbſt zu heirathen, den uͤbrigen jungen Damen alle Freier wegnahm. Dies war der Grund, weshalb man ſie das„Aer⸗ gerniß der Stadt“ nannte. Es moͤge ſich daher Niemand daruͤber wundern, daß Frau Lilia Sorenius— ſie, die weder tanzen noch muſiciren wollte, die ſich nicht kleidete, wie eine„liſtige Bajadere“, ſondern wie eine Nonne, die ſowohl zur Predigt, als zur Betſtunde in Gottes Haus ging, die ihre Thuͤren jedem unverheiratheten Manne unter vier⸗ 188 zig Jahren verſchloß, welche der Geiſtlichkeit große Sum⸗ men fuͤr die Armen ſchickte, welche ſich vor dem Altet und der Weisheit demuͤthigte, und welche endlich ſchuͤch⸗ Dirvar tern anerkannte, daß die Jugend alle Gel legenheit fliehen muß, auf eigene Hand zu handeln— es moͤge ſich, geſchal ſagen wir, Niemand wundern, daß ſie, dieſes exemplari⸗ zu ſeit ſche Weſen, welches Niemand beneidete, Niemand haßte, welches mit einem Worte niemals Aergerniß, aber ſtuͤnd⸗ Cavali lich Erbauung erweckte, daß ſie fuͤr eine wirkliche Hei⸗ Divan lige angeſehen ward. beſetzte Vergebens, ſagte man, hatte Frau Adele von Stern 3 ihr Netz ausgeſpannt, um dieſen Vogel Phoͤnix zu ſich breiten zu ziehen; faſt mit Entſetzen hatte die ſtrenge, ſittliche chen, Frau Sorenius ſich von allen Einladungen abgewendet ihre 2 — ja, ſie erroͤthete ſchon, wenn man nur von der,„Aerger⸗ blitzend niße, dieſem Schreck der Vaͤter und Muͤtter, ſprach. ten, w Es iſt wohl wahr, daß man eigentlich auch an zeitig d Frau Adelens Sittlichkeit nichts ausſetzen konnte— auf ih man war ſogar gezwungen, daran zu glauben— aber deſto heftiger tadelte man ihre Sitten. die ur Ach, dieſe Sitten, dieſe waren es, welche das große Knie f Verderben anrichteten. daß die eine in tet war 2 gnuͤgen Sum⸗ Alter ſchuͤch⸗ fliehen ge ſich, mplari⸗ haßte, ſtuͤnd⸗ he Hei⸗ Stern zu ſich ſittliche ewendet Aerger⸗ ach. uch an nte— 189 Ein wogender Walzer war zu Ende. Keuchend warf ſich die junge Witwe auf einen Divan in einem der Geſellſchaftszimmer. Sie ſuchte niemals die Einſamkeit ihres Kabinets; geſchah es aber einmal, ſo that ſie es, um wirklich allein zu ſein. Und nun ſaß ſie, umgeben von vier aufwartenden Cavalieren. Sie hatte den Kopf an die Kiſſen des Divans zuruͤckgelehnt und faͤchelte eifrig mit dem ſpitzen⸗ beſetzten Tuche uͤber die warmen Roſen der Wangen. Das reiche Ballkleid von ſtrohgelbem Atlas, mit breiten Raͤndern orckngenfarbenen Seidenflors durchbro⸗ chen, umrauſchte ſie leicht bei jeder Bewegung, ſo wie ihre Arnze(weiß wie Schnee und mit von Juwelen blitenden Armbaͤndern geſchmuͤckt) ſich hoben oder ſenk⸗ ten, waͤhrend der Wind des improviſirten Faͤchers gleich⸗ zeitig die gruͤnen Blaͤtter des Kranzes erzittern ließ, der auf ihren blonden Locken ruhte. „Gefaͤllt es Ihnen heute Abend?“ fragte endlich die unbefangene Wirthin, indem ſie, das Tuch auf's Knie fallen laſſend, ihre Augen zu den Herren ethob. Es iſt wahrſcheinlich nicht noͤthig, zu erwaͤhnen, daß dieſe Frage durch eine Fluth von Ausrufen, der eine immer uͤberſchwenglicher, als der andere, beantwor⸗ tet ward. „Nun wohl,“ hob ſie wieder an,„wenn Sie Ver⸗ gnuͤgen haben, ſo ſind Sie mir auch Dank ſchuldig. 190. Wer von Ihnen, meine Herren, will ſich an die Spitze einer kleinen Reihe von Tanzſoiréen vor Weihnachten ſtel⸗ len? Man kann doch nicht von jetzt an bis zum zweiten Feiertage gaͤhnen... Aber verſteht ſich,“ ſetzte ſie lachend hinzu,„keine Soiréen à la Lilia— — ich bin keine Heilige!“ b Saͤmmtliche vier Herren betheuerten, daß ſie ſchon alle bei ſich ſelbſt an ſo etwas gedacht, und daß die Soiréen mit naͤchſtkommender Woche beginnen ſollten. „Aber es brauchen doch zu einem ſo einfachen Ar⸗ rangement nicht vier zu ſein— was ſagen Sie dazu, wenn Sie ſich darein theilen?* „Ach,“ antwortete einer der Cavaliere.„Befehlen Sie,“ ſagte ein anderer, waͤhrend ein dritter, welchen wußte, daß er nicht ſtark bei Caſſe war, ſich mit einet Verbeugung begnuͤgte und— denn eine Pantomime machte ja zu nichts verbindlich— die Hand auf die Bruſt legte. „Wie waͤre es, wenn zum Beiſpiel zwei von Ih⸗ nen Directoren der Tanzſoiréen wuͤrden und die uͤbrit gen zwei ſich mit einer Reihe anderer Unterhaltungen befaßten, naͤmlich mit drei theatraliſchen Vorſtellungen zum Beſten der Abgebrannten— ich weiß nicht gerad wo, aber irgend wo muß es doch wohl gebrannt haben? „Wenigſtens,“ antwortet der vierte von den jungen Maͤnnern— der, welcher einige Augenblicke lang ge⸗ ſchwiegen, um nur Frau Adelens lebendiges Mienem 4 1 ſpiel liebt, zu koͤ wo J unter falls an di der A chen fuͤr di proph der koͤnne Frau ein. gen n junon tung welche in die liegen Spitze ten ſtel⸗ 3 zum ſich,“ ilia— ee ſchon daß die ſollten. den Ar⸗ e dazu, Zefehlen welcher dit einen tomime auf die von Ih⸗ die uͤbri⸗ altungen ellungen t gerade haben? jungen ang ge⸗ Mienem 191 ſpiel zu bewundern und der nicht blos hinreichend ver⸗ liebt, ſondern auch reich genug war, um ſtets gehorchen zu koͤnnen—„wenigſtens, gnaͤdige Frau, brennt es da, wo Ihre Augen leuchten, immer ſo ſtark, daß man nicht unterlaſſen darf, mitleidig an Andere zu denken, die eben⸗ falls von Feuerſchaden heimgeſucht worden.“ „Sehr ſchoͤn, mein Herr... Sie ſtellen ſich alſo an die Spitze dieſes ſchoͤnen Unternehmens zum Beſten der Abgebrannten? Denn, wenn es auch jetzt keine ſol⸗ chen geben ſollte, ſo bilden wir einen kleinen Fond, der fuͤr dee Zukunft zu dieſem Zwecke beſtimmt iſt.— Ich prophezeihe Ihnen, daß wir auf dieſe Weiſe ſelbſt mit der heiligen Lilia an Popularitaͤt werden wetteifern koͤnnen.“ In dieſem Augenblick trat ein junges Maͤdchen, Frau Adelens Haus⸗ und halb Geſellſchaftsmamſell ein. Sie laͤchelte ihre Herrin an, als ob ſie etwas ſa⸗ gen wollte. „Iſt die Poſt endlich angekommen?“ fragte die junoniſche Witwe, indem ſie aufſtand und in ihrer Hal⸗ tung jene ganze angeborene Majeſtaͤt wieder annahm, welche die muthwilligen Grazien auf einen Augenblick in die Flucht geſchlagen hatten. „Ja,“ antwortete die Gefragte,„und zwei Briefe liegen auf Ihrer Toilette, gnaͤdige Frau.“ Von dieſem Augenblicke an fand Frau Adele keinen Geſchmack mehr an dem Geſpraͤch, weder uͤber die Soi⸗ réen, noch uͤber die theatraliſchen Vorſtellungen. Sie ſprang ſchnell in ihr Schlafkabinet und ergriff die Briefe, welche ſie genau erſt von außen betrachtete. Der eine, welcher Oberſtlieutenant Helledings Wappen trug, ward ſogleich wieder hingelegt, nachdem gleichwohl erſt ein leichter Kuß auf Honorinens zierliche Handſchrift gedruͤckt worden war. Den andern dagegen, der ein ganz buͤrgerliches Siegel mit den Buchſtaben A. W. hatte, hielt ſie lange in der Hand und ſchien mehrmals verſucht zu ſein, ihn zu erbrechen; endlich aber legte ſie, mit einer leichten Be⸗ wegung, welche deutlich ſagte: Nein, dieſer muß fuͤr eine einſame Stunde aufgehoben bleiben, auch dieſen wieder hin. Wir muͤſſen gleichwohl geſtehen, daß dies erſt nach einigen kleinen Kunſtgriffen, zwiſchen die Falten des Briefs hineinzugucken, geſchah. Man mußte doch ſehen, ob das Schreiben lang oder kurz waͤre! Nachdem es ihr endlich gelungen war, ſich zu uͤberzeugen, daß der Brief zwiſchen dieſen beiden Gren⸗ zen die Mitte zu halten ſchien, eilte ſie wieder in den Tanzſaal. Aber— wie wir ſchon erwaͤhnt haben— ihr fruͤ⸗ heres Leben war verſchwunden und ſie, die gewoͤhnlich, wenr den l das nehn die ju hatter weilig gnaͤdi zen ja mal g beit, e ausha den T dige J lauter wieder darum ablegen Ein keinen Soi⸗ ergriff achtete. ledings achdem jerliche erliches lange n, ihn en Be⸗ iß fuͤr dieſen ſt nach en des n lang ich zu Gren⸗ in den hr fruͤ⸗ öhnlich, 193 wenn ſie einen Ball gab, auszuhalten pflegte, bis an den hellen Tag, hatte jetzt, als die Damen, nachdem das Souper vorbei war, Miene machten, Abſchied zu nehmen, keine Einwendung dagegen zur Hand. „Na, Gott ſei gedankt, meine liebe Louiſe,“ rief die junge Witwe, als die letzten Trupps ſich mtſernt hatten,„endlich kann ich aufathmen! Ach, wie lang⸗ weilig ſind doch alle dieſe Poſſen!“ „Aber, lieber Himmel, das iſt doch nicht Ihr Ernſt, gnaͤdige Frau?“ wendete Mamſell Louiſe ein;„Sie tan⸗ zen ja ſo gern und machen ſich fortwaͤhrend vergnuͤgt.“ „Was ſoll man thun, mein Kind, wenn man ein⸗ mal gewohnt iſt, ſich zu vergnuͤgen? Es iſt eine Ar⸗ beit, ein wirkliches Tagewerk und dennoch muß ich dabei aushalten, ſonſt wuͤrde ich fortwaͤhrend genoͤthigt ſein, an den Trauerſtaat bei meinem Begraͤbniß zu denken.“ „An den Trauerſtaat bei Ihrem Begraͤbniß, gnaͤ⸗ dige Frau? 2“ wiederholte Mamſell Louiſe und konnte vor lauter Erſtaunen ihre großen, einfaͤltigen Augen nicht wieder zumachen. „Ach, liebe Louiſe, bekuͤmmere Dich doch nicht darum! Komm lieber und hilf mir dieſen Flitterſtaat ablegen— ich will allein ſein.“ Ein Gerücht. IV. 13 194 Aber, lieber Gott, gute, gnaͤdige Frau,“ ſchwatzte Mamſell Louiſe, waͤhrend ſie eine Stecknadel nach der andern herauszog,„aber, lieber Gott, Sie ſind doch nicht krank, gnaͤdige Frau? Der Medizinalrath ſagt ja, Sie koͤnnten ſich amuſiren, ſo viel Sie wollten.“ „Haſt Du nichts Neues gehoͤrt, Louiſe? fragte die junge Hausherrin abbrechend. „Nein, nichts Neues, denn es kann wohl kaum eine Neuigkeit genannt werden, daß Frau Sorenius wieder eine Wohlthat ausgeuͤbt hat, die den Himmel verdient.“ „Was hat ſie denn gethan?“ Nun, ſie hat dem armen, halbblinden Herrn T. Reiſegeld geſchickt, ſo daß er nach Kopenhagen reiſen und ſich zu einem geſchickten Augenarzt in die Kur be⸗ geben kann.“ „Aha, dem Muſiklehrer T., welcher„des Engels Erdenwallen“ componirte?“ „Ganz recht— das Stuͤck ward noch im letzten Concert geſpielt.“ „Na,“ ſagte Adele laͤchelnd,„alle Menſchen wuß⸗ ten ja, daß es ein Lobgeſang zur Ehre der heiligen Lilia war— ſie konnte daher gar nicht weniger thun.“ „O, Sie ſcherzen, gnaͤdige Frau— ſie, die Frau in der Laterne, kuͤmmert ſich gewiß nicht um einige Lob⸗ geſaͤnge.“ „Hm, hmle er d Unt erhi woh Abe hat Sol Fra ſie hoͤre denk iſt biſt Lan Zeit ließ Bri watzte h der nicht „Sie fragte kaum renius immel rn T. reiſen ur be⸗ Engels letzten wuß⸗ . Lilia Bruu ge Loh⸗ „So ſchoͤn und intereſſant Herr T. auch iſt, ward er doch nicht empfangen, als er hinging, um fuͤr die Unterſtuͤtzung zu danken, die er durch den Kammerrath erhielt.“ „Aha, er durfte alſo nicht ihrem Lever bei⸗ wohnen?“ „Frau Sorenius empfaͤngt niemals junge Herren. Aber Sie empfing ſpaͤter Herrn T.'s alte Mutter und hat ſie umarmt und mit ihr uͤber das Ungluͤck ihres Sohnes geweint. Es war außerordentlich ruͤhrend und Frau T. erzaͤhlt es auch uͤberall.“ „Das glaube ich ſchon!“ „Und die Fraͤuleins im Parterre haben geſagt, daß ſie ſie jeden Abend einen oder zwei Pſalmen ſingen hoͤren... das iſt doch Alles ſehr ſchoͤn, wenn man be⸗ denkt, wie jung ſie iſt.“ „Ja, ja,“ antwortete Adele etwas ungeduldig,„es iſt ſehr ſchoͤn... ſehr ſchoͤn... Aber ich glaube, Du biſt nun mit Deiner Arbeit fertig, meine liebe Louiſe, — gute Nacht, ſchlaf' wohl... Nein, nimm die Lampe nicht weg... laß ſie ſtehen; ich werde noch eine Zeitlang aufbleiben und meine Briefe leſen.“ In ihr feines, weißes Batiſtnegligée eingehuͤllt, ließ ſich Adele auf den Lehnſtuhl nieder und Vlmne ihre Briefe. K8S 13* 3. Uachrichten von CTjuſtorp. Wir wiſſen nicht, welches Vergnuͤgen Frau von Stern darin fand, ihre Spannung zu verlaͤngern, eine Spannung, die offenbar durch den Brief mit dem ein⸗ fachen Siegel hervorgerufen ward; aber gewiß iſt es, daß ſie erſt den Honorinens las, oder richtiger, durchlief: „Meine liebe Adele! „Ich beginne dieſen Brief mit betruͤbtem Gemuͤthe. Mein guter Helleding, der ſich endlich von ſeinem lan⸗ gen und beſchwerlichen Fieber wieder erholt hatte, hat ſich jetzt, waͤhrend der letzten Wochen, wieder recht un⸗ wohl, ja ernſthaft unwohl gefuͤhlt. Beſonders hat er des Nachts gar keinen Schlaf. Er bedarf daher fort⸗ 4 waͤhrend meiner Pflege. „Du mußt und darfſt nicht glauben, daß er ſehr empfindlich und wunderlich ſei. Nein, ich verſichere Dir, daß er ein wahres Wunder von Geduld iſt, wenn Du hatte brach Gut Ung Joll der Brie beko! geſte die Ran der Abſi von eine ein⸗ t es, hlief: uͤthe. lan⸗ „hat un⸗ at er fort⸗ ſehr ſcchere venn 197 ich dieſe wirkliche Krankheit mit ſeinen fruͤhern klei⸗ nen Unpaͤßlichkeiten vergleiche. „Ich fuͤhle mich auch ſo aufrichtig geruͤhrt von der Zaͤrtlichkeit, die er mir erzeigt, von der Unruhe, womit er zuweilen ſpricht:„Du erſchoͤpfeſt Dich ja ganz, mein Kind,“ daß ich mich doppelt, ja zehnfach erſchoͤpfen wollte, um ihm eine Freude zu machen. „Aber das Schlimme iſt, daß ich fuͤr den Augen⸗ blick Niemanden habe, der mich unterſtuͤtzte. „Du weißt, wie lieb ich die kleine Jolli hatte— Du hatteſt ſie auch lieb. „Aber als Tante Walborg einmal das Ungluͤck hatte, mit dem Alten umzuwerfen, ſo daß er ein Bein brach und ſie einen Arm, mußte Jolli ſogleich auf das Gut des Majors W. auf Krokſtad, in deſſen Naͤhe das Ungluͤck geſchehen war und dort ſind ſowohl Tante als Jolli ſeitdem geblieben. „Um Dir einen Begriff von dem jetzigen Leben der armen Jolli zu geben, ſchicke ich Dir ihren letzten Brief. Du erſiehſt daraus, daß ſie endlich Erlaubniß bekommen hat, wieder hierher zuruͤckzukehren. Vor⸗ geſtern reiſ'te Sixten ab, um ſie zu holen. Dies ſind die Gruͤnde, weshalb ich eine ganze Woche allein bin. „Sißrten wollte naͤmlich gleichzeitig den Weg uͤber Ramsberg nehmen, wie er ſagte, zu hoͤren, wie es mit der dortigen Wirthſchaft ſteht. Ich glaube aber, ſeine Abſicht war, einen neuen Vorſchuß auf das Pachtgeld 198 zu entnehmen. Lieber Gott, mein armer Vetter bleibt ſich immer gleich und ich fuͤrchte, eben ſo wie Helleding, daß er noch als Bettler ſterben werde. „Ach, wie wunderbar iſt es doch, daß ſogar un⸗ ſere edelſten Triebe uns zum Boͤſen verleiten koͤnnen! „Sinten, dieſer redliche und wohlmeinende Menſch, der, glaube ich, ſeine eigene Seligkeit opfern koͤnnte, wenn ein Andrer ſie ihm mehr zu gebrauchen ſchiene, als er ſelbſt, Sixten, der mit ſeinem warmen Herzen und ſeinen edlen Handlungen ein Beiſpiel fuͤr Viele ſein ſollte, die kein Herz haben und niemals eine edle Hand⸗ lung ausgeuͤbt haben, iſt dagegen ein warnendes und ab⸗ ſchreckendes Beiſpiel, denn er treibt die Tugend bis zum Fehler, ja bis zur unverantwortlichen Schwaͤche. „Was dagegen ſeinen andern Fehler betrifft, ſo habe ich allen Grund, Gott zu danken, daß meine ge⸗ ringen Bemuͤhungen mit Erfolg gekroͤnt worden ſind. „Der gute, gute Sirten, er lieſ't auch die Freude in meinen Augen, jedesmal wenn er wiederkommt und ich ihn in bluͤhender Geſundheit und mit jenem offe⸗ nen, beſtaͤndigen Blicke wiederſehe, den ich ſo ſehr liebe. „Seine Geſellſchaft iſt mir diesmal um ſo theu⸗ rer, da Du weißt, daß er waͤhrend des groͤßten Theils des Sommers nicht hier war. Sobald er aber von Helledings Krankheit hoͤrte, achtete er auf keine Einla⸗ dung ſeiner Freunde mehr, um hierher zu uns zu eilen. bleibt V b ding, un⸗ nnen! enſch, unte, , als mund 2 ſein DHand⸗ d ab⸗ zum ft, ſo ee ge⸗ ſind. reude t und offe⸗ liebe. theu⸗ Theils von Einla⸗ eilen. 199 „Nun etwas uͤber Herrn Thurné, Deinem beſon⸗ dern Favoriten und unſern gemeinſamen Schuͤtzling. „Endlich, Gott ſei gedankt, hat er die liebe Ein⸗ ſiedelei und damit, hoffe ich, zugleich die Melancholie aufgegeben, welche waͤhrend der vierzehn Monate, wo er ſeine Wuͤſte bewohnte, ihn niemals recht verließ. „Du weißt, welche wirkliche Arbeit wir hatten, ihn zum Ankaufe des lieblichen Madaͤngsholm zu vermoͤgen und wenn Du Dich nicht durch Deine beſonderen Ka⸗ naͤle— Du haſt wohl Deine kleine Intrigue mit Al⸗ bans Vormund, Doctor Warvner, noch nicht vergeſſen — in die Sache gemiſcht oder vielmehr dieſen ver⸗ mocht haͤtteſt, ſich durch ſeine Briefe und Ermahnun⸗ gen hineinzumiſchen, ſo fuͤrchte ich beinahe, daß wir genoͤthigt geweſen waͤren, uns dem fuͤr unſere Eigen⸗ liebe ſo kraͤnkenden Verdruſſe zu unterwerfen, beſchaͤmt dazuſtehen. „Es waͤre dies um ſo ſchlimmer geweſen, da wir in Helleding und Thurnéès jungem Schwager, dem mun⸗ tern, trefflichen Dick, zwei thaͤtige Bundesgenoſſen hatten. Ich hoffe, daß Du nicht Herrn Dick vergeſſen haſt, mit dem Du Dich ſo herzlich amuͤſirteſt, als er am Pfingſten hier war und Mamſell Jolli die Cour machte, was Du allemal boshafterweiſe dadurch vereitelteſt, daß Du ſie ihm machteſt... ich glaube auch wirklich, daß Jolli ein wenig eiferſuͤchtig war. 200 „Doch laß uns wieder auf Herrn Thurné zuruͤck⸗ kommen. „Die Beſitzung war alſo gekauft. Aber den Be⸗ ſitzer hinzubringen, war nicht das Leichteſte. „Helleding lachte herzlich uͤber meine Verlegenheit. „Ich war ſo gut, wie Herrn Thurné's Intendant, denn mein Herrmann ſagte, er habe mit ſeiner eige⸗ nen Oeconomie genug zu thun. Doch hatte er die Guͤte, mir gern zu erlauben, ein Auge auf die des Ein⸗ ſiedlerpoetens zu haben, wobei ich Siyten wieder zu meinem Intendanten annahm. „Mach nur zu,“ ſagte mein alter Ritter, ves muß das fuͤrwahr das beſte Mittel ſein, denn wenn nicht der Teufel los waͤre, wuͤrde der Mann ſich wohl nicht in die Obhut eines Weibes nehmen laſſen.“ „Und endlich hatte er recht. „Mit Madame Malmelin, der vortrefflichen Frau, zu meiner Vertrauten, unterminirte ich allmaͤlig die verkehrte Idee des armen Schwaͤrmers, ſein Lebenlang im Gebirge ſitzen bleiben zu wollen. Ich ließ mit Fleiß die Malmelin etwas von dem Spotte fallen, welchen man ſich auf Koſten des jungen Gutsherrn erlaubte und ſo kam er endlich an einem ſchoͤnen Tage und ſagte zu mir:— „Ach, gnaͤdige Frau, welche Geduld, welche Guͤte zeigen Sie! Hinfort werde ich mich mit dem Gedanken an eine thaͤtige Exiſtenz zu befreunden ſuchen. Ich will will zufrie Man zu er verzw reine den nigen nen, l den A denn — bo ſeinen zu be ſeinen Herz nach d ich w Schm. zuruͤck⸗ Be⸗ enheit. ndant, eige⸗ er die Ein⸗ er zu muß nicht nicht Frau, g die nlang mit elchen laubte 2 und Guͤte anken Ich will meinen Pflug fuͤhren, ich will mein Korn ſaͤen, ich will ein Bauer werden— ſind Sie zufrieden damit?“ „Ich antwortete ihm, daß ich mit weit wenigerem zufrieden ſein wuͤrde und ſchickte ihn dann zu meinen Mann, um von dieſem die Belehrungen und Rathſchlaͤge zu erhalten, deren er bedurfte. „Helleding betrachtete den unter ſeiner Reſignation verzweifelten jungen Mann als gute Priſe und redete reine Proſa, bis der Poet buchſtaͤblich nahe daran war, den Geiſt aufzugeben. „Da mußte ich mich natuͤrlich erbarmen und ihnmit ei⸗ nigen Tropfen aus Kaſtalia'sbegeiſternder Quelle beſprengen. „Jetzt iſt er, nebſt ſeiner guten Norne und dem klei⸗ nen, lieben Alban, in Madaͤngsholm wohnhaft, aber fuͤr den Augenblick iſt allerdings nichts mit ihm anzufangen denn jener letzte Schlag,— ich meine den Scheidebrief — beraubte ihn faſt des Verſtandes. „Sein unermuͤdlicher Schwager iſt gekommen, um ſeinen Schmerz zu theilen, ihn zu troͤſten und, wie ſtets, zu betheuern daß Papa Dick ſeinen Sohn Alban zu ſeinem Univerſalerben einſetzen werde. „Aber Albans wirklicher Papa hoͤrt nichts. Sein Herz iſt zerriſſen. „Doch, ſo Gott will, wird ſeine Gemuͤthskrankheit nach dieſer Kriſis eine guͤnſtigere Wendung nehmen. Ja, ich wage mir die Hoffnung vorzuſpiegeln, daß, wenn der Schmerz ausgetobt hat, wenn Alles, was ſich einmal 202 nicht andern laͤßt, vorbei iſt, er ſich aufrichten und ich mir in ihm einen Bundesgenoſſen zu meinem großen Lieblingsplane erwerben werde. „Bellaͤufig geſagt, ſtelle ich mir vor, daß meine Gewalt uͤber ihn groͤßer werden wird, als uͤber eine ge⸗ wiſſe, mir befreundete Dame, welche durchaus nicht das Gute und das Große einſehen lernen will, was ſie zu wirken verſaͤumt. „Doch ich laſſe dieſe eigenſinnige Dame beiſeite und kehre wieder zu dem ehemaligen Eremiten zuruͤck. „Wenn ſeine Seele einmal voͤllig frei wird, wird er ſchon einſehen, daß der Mann im Leben Handlungen und nuͤtzliches Schaffen hoͤher ſtellen muß, als Gefuͤhls⸗ rauſch und ſchwaͤrmeriſche, weichliche Traͤgheit. Er wird auch einſehen, daß er Kraft genug beſitz;, fuͤr An⸗ dere zu leben, nicht blos als Dichter, ſondern auch als Grundbeſitzer und als Mitglied der großen Gemeinſchaft fuͤr jede edle Reform. 8 „Du weißt, daß Madaͤngsholm groͤßtentheils Frohn⸗ bauern hat. Schon deshalb gefiel mir dieſes Landgut. Aber dieſe Bauern befinden ſich immer noch nicht recht wohl; es muß in dieſer Oeconomie noch Vieles geaͤndert werden, und das wird ſchon gluͤcken, denn ungluͤcklicher⸗ weiſe habe ich mit den Freunden des Hauſes freiere Hand, als mit meinem Manne. 3 „Du weißt, daß ſehr oft die Frage aufgeworfen ward, ob Doctor Warvner hierherkommen wuͤrde. Er ver⸗ ſchiebt aus de daß di unterh 7. hierher nius, „ heilige glaube Grauſ Wunf das R daß D Mediz nicht denn ner er um ſer 9 nd ich großen meine ne ge⸗ ht das ſie zu beiſeite uͤck. , wird lungen efuͤhls⸗ klicher⸗ freiere nward, Er ver⸗ 203 ſchiebt es gleichwohl fortwaͤhrend. Vielleicht ſieht er aus der Kaͤlte in dem Briefe ſeines fruͤheren Freundes, daß dieſem eben nicht viel daran liegt, den Verkehr zu unterhalten, der durch den Grundſtuͤckshandel entſtand. „Daß Warvner damals ſich leicht uͤberreden ließ, hierher zu kommen, weiß ich durch den jungen Sore⸗ nius, aber Thurné ſchwieg. Und ſo blieb Alles ſtill. „Und Du haſt ſie alſo ſo nahe, dieſe gefaͤhrliche, ſchein⸗ heilige Frau! „Ich moͤchte ſie einmal ſehen— aber nein, ich glaube, daß ich ſie dann wegen ihrer Selbſtſucht und Grauſamkeit haſſen wuͤrde. „Nun, meine Freundin, nachdem ich Deinen Wunſch erfuͤllt und uͤber Alles geſchrieben, habe ich wohl das Recht, mit der Frage zu ſchließen, von der ich weiß daß Du niemals daran denkſt: „Wie, ach, wie ſteht es jetzt mit Dir? „Du ſagſt, Du ſeieſt mit dem Ausſpruch des Medizinalraths in Bezug auf Deine eignen Wuͤnſche nicht recht zufrieden geweſen. Nun wohl, ſo benutze denn das Verſprechen, welches Du von Doctor Warv⸗ ner erhieltſt. Ihm kannſt Du glauben— frage ihn um ſeinen Rath! Es iſt Deine Pflicht. „Leb' wohl! „Gieb bald gute und froͤhliche Nachrichten Deiner Honorine.“ 204 „N. S. Sorenius hat, wie ich hoͤre, vor Weih⸗ nachten ſeiner Sci weſter einen Beſuch gemacht. Thurn weiß davon nichts und eben ſo wenig, daß ſie ihren Bruder inſtaͤndig um dieſe Freundlichkeit gebeten.“ Nachdem unſere junge Witwe, mehr mit leiblichen, als mit geiſtigen Klen, alle dieſe Worte aus Honorinens Herz uͤberflogen, legte ſie ſchnell den Brief hin, ohne auf den Jolli's zu achten, welcher unter den Tiſch fiel. Aber in der Hoffnung, daß nicht alle unſere Leſer Frau Adelens augenblickliche Gleichguͤltigkeit fuͤr unſere junge Debuͤtantin theilen, wollen mir den Brief vom Boden aufheben und hier mittheilen: Pe gute himmliſche Honorine! „Ja, noch lebt die arme Jolli, das kann ich Dir verſichern, aber wie lebt ſie! „Stelle Dir vor, daß der Alte, der wie ich glaube immer ſchlechter wird, je mehr man an ihm herum quack⸗ ſalbert, zu einem bloßen Schatten ſeines fruͤhern Ich ab⸗ gemagert iſt! „Stelle Dir weiter vor, daß die Mama, deren Arm endlich auch geheilt iſt, faſt Tag und Nacht im Stalle zubringt, denn wenn ich Dir ſage, daß ſie dreizehn Mal des Nachts hinunter laͤuft, ſo uͤbertreibe ich fuͤrwahr nicht! 7. Ungluͤc nes ha lerſchlee Zeiſig, Jolli ur hopf, und de ſonders C rine, da einen l Schwa⸗ ſein mi wohl ſo 9: mit ſeir Schoͤne geſehen 24 Dick. ¹ Beinan perbutte ich ihne ben] wol ter mir Weih⸗ Thurn e ihren 6 blichen, rinens ne auf Leſer unſere f vom Dir glaube quack⸗ ch ab⸗ Arm Stalle Mal rwahr 205 „Stelle Dir weiter vor, daß die Mama durch dieſes Ungluͤck—(ich meine das mit dem Alten: auf ihr eig⸗ nes hat ſie kein großes Gewicht gelegt)— auf der al⸗ lerſchlechteſten Laune iſt! Es heißt jetzt nicht mehr: mein Zeiſig, meine Nachtigall, mein Herzblatt, meine kleine Jolli und ſo weiter, ſondern: Du vertrackter, kleiner Wiede⸗ hopf, Du dickkoͤpfiger Kukuk, Du alberne Pfauhenne und dergleichen, was doch Alles ganz abſcheulich iſt, be⸗ ſonders wenn es Jemand hoͤrt. „Ja, kannſt Du Dir wohl vorſtellen, liebe Hono⸗ rine, daß Mama vor einigen Wochen— als Herr Dick einen Umweg uͤber unſern Ort machte, um zu ſeinem Schwager zu fahren— daß ſie in Herrn Dicks Bei⸗ ſein mich eine Pfauhenne nannte... kannſt Du Dir wohl ſo was Entſetzliches denken? „Aber Herr Dick, der ſehr gut iſt, verſicherte mir mit ſeiner froͤhlichen Miene, daß Pfauhuͤhner etwas ſehr Schoͤnes ſeien— er habe mehrere auf ſeinen Reiſen geſehen und ſei ganz vernarrt in ſie geweſen. „Auf alle Faͤlle ſind nicht alle Menſchen wie Herr Dick. „Tante Elſa lacht unertraͤglich uͤber meine vielen Beinamen und ſaͤmmtliche Jungen, denen ich ihre Ves⸗ perbutterbrote geben muß, wiederholen dieſe Titel, wenn ich ihnen ihr Brot nicht ſo fett ſchmiere, wie ſie es ha⸗ ben wollen. Die ungezogenen Bengel ſchreien dann hin⸗ ter mir her: Pfauhenne, Pfauhenne! Kukuk, Kukuk! 206 Und ſchmiere, ich ihnen dann ihr Brot fett, ſo ſagt Tante Elſa: Du biſt, wie Deine Mutter ſagt, wirklich eine richtige Pfauhenne, daß Du ſo viel Butter auf, ſchmierſt und Dir von den Jungen auf der Naſe her⸗ umtrommeln laͤſſeſt. „Das allerverdrießlichſte iſt aber, daß ich den Major fortwaͤhrend ſeine alten Handſchuhe flicken um ihm Knoͤpfe an ſeine ſchmutzige Weſte anſetzen muß. „O, weshalb gewoͤhnte ich mich an die Elegan auf Tjuſtorp? Warum blieb ich nicht immer zwoͤlf Jahr wie die Mama mich ausgab? Und warum gehe it nicht noch in Mamelucken und langen Haarflechten und einer Schuͤrze mit Kreuzbaͤndern uͤber dem Ruͤcken „Damals waren die Menſchen freundlicher gegel mich. Jetzt aber iſt es, als wenn ſie auf meine ſchoͤnen Kleider, die Du mir gegeben, neidiſch waͤren. „A propos, meine Gute,— Herr Dick ſagte, daß er niemals etwas Schoͤneres geſehen, als mein iſabelle farbenes Thibetkleid. „Aber noch einmal à proßos— weißt Du, daß Herr Dick mich ein wenig verlegen machte, als er mi erzaͤhlte, woher die Iſabellenfarbe ihren Namen hatz „Es war einmal eine Koͤnigin— verſteht ſich in der Vorzeit, welche ihrem Feldherrn verſprach, nicht eher die Waͤſche zu wechſeln— Herr Dick, der ſeh zartfuͤhlend iſt, ſetzte hinzu:„mit Reſpect zu ſagen als bi zwung eine g endlich ein an erhalte Iſabel ſchon ſagte, farben mich tes w weil ach, d 2 Mam nun z (das! hinein eintrat andern Elſa ſ ihr im ſo ſagt wirklich er auf, aſe her⸗ ch den ken und nuß. Elegan f Jahr gehe ic fflechten Ruͤcken er gegen ſchoͤnen gte, da ſabellen Du, daß z er mi en hat eht ſich h, nich der ſeh als bis er, der Feldherr, den Ort, den er belagerte, be⸗ zwungen und die Fahne der Koͤnigin aufgepflanzt habe. „Aber dies zog ſich lange hin, ſo daß die Koͤnigin eine gute Weile in ihrem Hemd gehen mußte und als endlich die koͤnigliche Fahne aufgepflanzt war und ſie ein anderes anziehen konnte, hatte das erſtere eine Farbe erhalten, welche man nach dem Namen der Koͤnigin Iſabella, die Iſabellenfarbe nannte. „Nichtsdeſtoweniger war Herr Dick, wie ich ſchon geſagt habe, uͤber mein Kleid ganz entzuͤckt und ſagte, er habe in ſeinem Muſeum ein paar iſabellen⸗ farbene Pantoffeln, von denen er glaube, daß ſie fuͤr mich nicht zu groß ſein wuͤrden. „Geliebte, vortreffliche Honorine, denke um Got⸗ tes willen nicht, daß ich auf die Mama boͤſe bin, weil ihre Laune jetzt nicht mehr iſt, wie fruͤher... ach, da waͤre ich ja ſehr undankbar. „Ich bin der Mama ganz entſetzlich gut! Aber die Mama hat ſelbſt geſagt, es ſei beſſer fuͤr ſie, wenn ich nun zu Dir zuruͤckreiſ'te, denn ſie kann es nicht leiden (das weiß ich ganz beſtimmt) wenn Andere auf mich hineinhacken. Ich hoͤrte ſogar einmal, als ich unverhofft eintrat, daß ſie zu Tante Elſa ſagte: „Laß mir meine Kleine gehen, die iſt noch in ganz andern Haͤuſern angenehm geweſen...“ und Tante Elſa ſchwieg, denn ſie hat viel Reſpekt vor Mama, die zen’ 1 ihr im Hausweſen ſehr beiſteht, ſeitdem die Haushaͤlterin 1 208 wegen einer gewiſſen Geſchichte hat abziehen muͤſſen und weiß mit den Leuten viel beſſer umzuſpringen. „Alſo, meine Gute, komme ich, ſobald es Dir beliebt Deine Dir innig ergebene und dankbare Jolli.“ „N. S. Dem Onkel laſſe ich mich ganz gehor⸗ ſamſt empfehlen und Baron Sixten und Herrn Thurné bitte ich freundſchaftlich zu gruͤßen und wenn Herr Dick auf Beſuch kommt, ſo waͤreſt Du wohl ſo gut, ihm zu ſagen, ich hoffte, daß wir naͤchſten Winter gute Schlit⸗ tenbahn bekommen wuͤrden.. „Wenn Du an die Koͤnigin Adele ſchreibſt, ſo gruͤße Sie von mir.“ . Freun Boder daß il erbrach bald b das S rechtruͤ 5 „ 4 auch i gen laͤ Niee laͤng n und veliebt ikbare 4, Der Brief mit dem einfachen Siegel. Wir haben erzaͤhlt, daß Frau Adele den Brief ihrer Freundin haſtig durchflog, daß ſie Jolli's Brief auf den Boden fallen ließ; aber wir haben noch nicht erzäͤhlt, daß ihre Finger zitterten, als ſie das Siegel dieſes Briefs erbrach, den ſie zu leſen aufgeſchoben, und daß ihre Wange bald bleich, bald roth ward, als ſie das Blatt aufſchlug, das Siegellack abſchuͤttelte und die Lampe beſſer zu⸗ ccchtruͤckte. Dieſer Brief war alſo von großem Gewicht. Auch ward er nicht blos mit den Augen, ſondern auch mit der Seele geleſen, die ſchoͤn in den Geſichtszuͤ⸗ gen laͤchelte, welche immer weicher und ſanfter wurden, (ſe laͤnger das Leſen dauerte. Was Adele las, war Folgendes: „Beſte Frau von Stern! „Vor allen Dingen gehorche ich Ihren Befehlen, Ein Gerücht, 1V. 5 14 jeden ceremoniellen Styl, jeden aͤrztlichen Styl und alle dergleichen Style, welche nicht das Gluͤck haben, Ihnen zu gefallen, beiſeite zu ſetzen. „Ich ſage Ihnen daher aufrichtig, daß nach der leb⸗ haften Correſpondenz, die waͤhrend des Fruͤhling und An⸗ fang des Sommers zwiſchen uns wegen des kleinen Complotts in Bezug auf Philipps Grundſtuͤckskauf und wegen des Regimes fuͤr Ihre Geſundheit, welches Sie zu befolgen verſprachen, ſtattfand, ich mit wirklichem Bedauern dieſe Correſpondenz habe aufhoͤren ſehen, be⸗ ſonders da Sie mir verſprochen, daß ſie nicht ſo ſchnell ſterben ſollte. „Ihr Brief unterrichtet mich von der Urſache davon und dieſe Urſache hat mich auf ſo ſchlechte Laune gebracht, daß ich vielleicht gar nicht meine gewoͤhnliche Ruhe wie⸗ dergewinnen werde, bevor Sie mir nicht verſichert haben, daß auch Sie ein wenig unzufrieden mit ſich ſelbſt ſind, daß Sie mir eine ſo barbariſche Gleichguͤltigkeit haben zutrauen koͤnnen. „Wie, gnaͤdige Frau— auf der Ruͤckreiſe von Tju⸗ ſtorp paſſiren Sie die kleine Stadt B. und den drei Mei⸗ len davon gelegenen Marktflecken, um Ihren zufaͤlligen Arzt mit dem Vertrauensauftrage zu uͤberraſchen, noch einmal Ihnen ſeine Vorſchriften zu ertheilen? Und nachdem Sie zwei Tage ſich die Muͤhe gege⸗ ben, ſeine Zuruͤckkunft zu erwarten, von welcher Sie ge⸗ hoͤrt, daß ſie, im Fall ſie nicht in dieſer Zeit geſchaͤhe ſich u Sie? zuruͤck den k nicht wuͤrde welche giſche habe i komiſ trotz n ſelbſt Strei Jung jener daß ſ Anwe fer Li fer Lit ſem die Ko Spie nieme alle hnen r leb⸗ An⸗ einen und Sie ichem I, be⸗ ſchnell davon racht, 2 wie⸗ haben, ſind, haben Tju⸗ Mei⸗ aͤlligen „noch gege⸗ bie ge⸗ eſchaͤhe 211 ſich um eine ganze Woche noch verzoͤgern wuͤrde, laſſen Sie Ihre Karte mit einigen darauf geſchriebenen Worten zuruͤck und Sie glauben, daß dieſe Karte mir zu Haͤn⸗ den kommen koͤnnte und daß ich deſſenungeachtet Sie nicht mit einer Zeile von meinem Wunſche unterrichten wuͤrde, Ihnen von Nutzen ſein zu koͤnnen! „In der That, gnaͤdige Frau, mein Garconhaus, welches zuweilen der Schauplatz recht betruͤbter und tra⸗ giſcher Auftritte iſt, iſt heute— denn erſt heute morgen habe ich Ihren Brief erhalten— der Schauplatz eines ganz komiſchen Auftrittes geweſen, ja eines ſo komiſchen, daß ich trotz meines unausſprechlichen Verdruſſeslaͤcheln mußte und ſelbſt Sie wuͤrden gelacht haben, wenn Sie den hitzigen Streit geſehen haͤtten, der zwiſchen meiner Haushaͤlterin Jungfer Lisbeth und meinem Heiducken Laſſe ſtattfand. „Natuͤrlich ſtellte ich ſogleich Nachforſchungen nach jener Karte an, von welcher Sie nun errathen werden, daß ſie mir eben ſo wenig, als die Nachricht von Ihrer Anweſenheit zugegangen war. „Laſſe, der eben einen Gang gehen wollte, hatte Jung⸗ fer Lisbeth die Karte in Verwahrung gegeben. Jung⸗ fer Lisbeth hatte zu Laſſe geſagt, daß ſie, weil ſie in die⸗ ſem Augenblicke mit haͤuslicher Arbeit beſchaͤftigt war, die Karte nicht annehmen koͤnne, daß er ſie aber an ihren Spiegel ſtecken ſollte, wo ſie aber, nach ihrer Verſicherung, niemals gefunden ward. „Das Ergebniß war, daß nach Laſſe's Zuruͤckkunft 14* 212 eine große Nachſuchung angeſtellt ward, ohne daß dieſe von einem Erfolge begleitet war, weshalb man beſchloß, von der ganzen Sache gar nichts zu erwaͤhnen. Was den Umſtand betraf, daß eine Dame nach mir gefragt hatte, ſo war dies mit ſo vielen Damen der Fall gewe⸗ ſen, daß man nach dem Verſchwinden der Karte keinen Grund fand, daruͤber weiter nachzudenken. „Und auf dieſe Weiſe kam ich um eine Patientin, welche ich— ich geſtehe es— mit wirklichem Neid von mir gehen ſah. „Ich habe oft geglaubt, die Urſache Ihres Schwei⸗ gens ſei die, daß Ihr Zartgefuͤhl mit der Wahl zwi⸗ ſchen meinem Rath und dem des Medizinalraths in Streit ſtuͤnde. „Aber dieſes doppelte Mißverſtaͤndniß iſt nun geloſ't und Sie koͤnnen nicht daran zweifeln, daß, obſchon die jetzige Jahreszeit einem Provinzialarzte nur mit großer Muͤhe eine Privatreiſe geſtattet, ich gleichwohl, ſobald als ich mir einen Stellvertreter verſchaffen kann, zu Ihnen eilen werde. „In vierzehn Tagen hoffe ich mit meinen noth⸗ wendigſten Vorbereitungen in Stand zu ſein und dann eile ich, nicht um mich unter Ihre Befehle, ſondern Sie unter die meinigen zu ſtellen; denn wie Sie auch um die Sache herumgehen, ſo irre ich mich gewiß nicht darin, daß Sie jetzt mehr leiden, als fruͤher. „Brauche ich Ihnen wohl zu ſagen, gnaͤdige Frau, daß benes daß d Erin gende inner kenne traue irgen erken nen, einzig Und gen tet n kein lung hin, werd dieſe ſchloß, Was efragt gewe⸗ keinen entin, Neid chwei⸗ l zwi⸗ hs in gelöſ't on die großer ſobald in, zu noth⸗ d dann a Sie e auch ß nicht e Frau, 213 daß es mir eine große Genugthuung war, mein gege⸗ benes Verſprechen Ihrer Erinnerung gewuͤrdigt zu ſehn? „Unſere Bekanntſchaft war viel zu charakteriſtiſch, als daß die Erinnerung daran ſich verwiſchen ſollte, wie andere Erinnerungen, und der erhoͤhte Genuß, den unſer darauf fol⸗ gender Briefwechſel ihr gab, hat ſie zu einer der wenigen Er⸗ innerungen gemacht, die ich mir mit Vergnuͤgen zuruͤckrufe. „Wollen Sie, daß ich Ihnen nun noch etwas be⸗ kenne? „Sie ſind die einzige Frau, zu der ich volles Ver⸗ trauen habe, die einzige, in deren Haͤnden ich ohne Furcht irgend welches Geheimniß ſehen wuͤrde. „Es iſt dies, wie Sie wiſſen, nicht ein leeres An⸗ erkenntniß Ihres Werthes. „Wie viel Boͤſes haͤtten Sie mir nicht anthun koͤn⸗ nen, durch einige bloße unvorſichtige Worte, durch eine einzige zweideutige Redensart! „Aber Sie haben niemals eine ſolche ausgeſprochen. Und da ich Sie nicht durch einen Dank dafuͤr beleidi⸗ gen will, ſo will ich wenigſtens, wenn es mir verſtat⸗ tet wird, dieſe Dankbarkeit dadurch ausdruͤcken, daß ich kein Hinderniß ſehe, ſobald Sie mich rufen. „Meine Meinung uͤber das Urtheil und die Behand⸗ lung des Medizinalraths verſchiebe ich durchaus bis da⸗ hin, wo ich das Uebel noch einmal unterſucht haben werde. Aber ich glaube, daß ich mich niemals ganz 214 der Meinung entſchlagen koͤnnen werde, die ich ſchon einmal ausgeſprochen. „Sie ſagen mir, daß Sie mit der vormaligen Frau Thurné nicht perſoͤnlich bekannt ſind— nun wohl, das trifft ſich ſehr gut, denn natuͤrlich wuͤrde ich mich ſehr genirt gefuͤhlt haben, wenn ich ſie zufaͤllig bei Ihnen getroffen haͤtte. Alle Beziehungen zwiſchen mir und dieſer Dame ſind ſo vollſtaͤndig abgebrochen, daß die geringſte Erneuung derſelben mir eine unausſprechliche Pein ſein wuͤrde. „Auf der Nuͤckreiſe werde ich den Weg uͤber Tju⸗ ſtorp nehmen, um das Vergnuͤgen zu haben, der Oberſt⸗ lieutenantin Helleding mein Kompliment zu machen, meinen Muͤndel zu ſehen und an Philipps Herz zu klopfen. Ich hoffe, daß es nun hinreichend lange dem Freund verſchloſſen geweſen iſt, welcher, weil er ſo we⸗ nig Freunde beſitzt, nicht gut einen verlieren kann. „Nun leben Sie wohl, beſte Frau von Stern! In vierzehn Tagen macht, wie ſchon geſagt, Ihnen ſeine Aufwartuub Ihr gehorſamer und ergebener Diener Arnold Warvner.“ Lange, nachdem die junge Witwe mit dieſem Brief zu Ende war, ſaß ſie da und betrachtete deſſen einzelne Saͤtze. 4 Sie laͤchelte— war es wohl zu verwundern, wenn — ſie ausf ſenh zuer mac men ihr! nich nich darn wo ſich ihn eher gene Lan mer tiſch feſtt hatt Fre ern Diener 4 Brief einzelne , wenn 215 ſie uͤber dieſe Lebhaftigkeit laͤchelte, die ſich in dem Briefe ausſprach und welche ſo merkwuͤrdig gegen die Verſchloſ⸗ ſenheit und Kaͤlte des jungen Doctors abſtach, als er zuerſt ihre Bekanntſchaft bei der Mutter im Suͤden machte, in deren geheimnißvoller Wohnung junge Da⸗ men ganz anonym ankamen und abreiſ'ten? Ja, Adele laͤchelte mild und anmuthig. Es war ihr Alles ſo angenehm; ſie wußte nun, daß der Doctor nicht aus Gleichguͤltigkeit vergeſſen hatte, zu ſchreiben. Wie ſehr, ja faſt wie unablaͤſſig hatte ſie ſich nicht geſehnt, Doctor Warvner wieder zu ſehen! Ja, darnach hatte ſie ſich von derſelben Stunde an geſehnt, wo ſie von ihm ſchied— und tauſendmal hatte ſie zu ſich ſelbſt geſagt: „Mir gefaͤllt der Mann... ich ſetze Werth auf ihn... ich will ihn zu meinem Arzte haben!“ Und dennoch hatte ſie es nicht uͤber ſich vermocht, eher von Tjuſtorp aus an ihn zu ſchreiben, als vergan⸗ genes Fruͤhjahr, als die Frage wegen des Ankaufs eines Landgutes entſtand, wozu der Oberſtlieutenant dem ar⸗ men Eremiten rieth, der, mit Abſcheu gegen alle prak⸗ tiſche Lebensaufgaben, eigenſinnig an ſeiner Eremitage feſthing. Aber da— wo ſie nun einen andern Anlaß hatte, als ihre eigene Perſon— war ſie außer ſich vor Freuden, die Bekanntſchaft mit dem jungem Doctor erneuen zu koͤnnen, der gleichwohl zu zartfuͤhlend war, 216 ſelbſt zu kommen, ſo lange Philipp es nicht aus⸗ druͤcklich wuͤnſchte. Frau Adele konnte ſich daher eines bittern Ge⸗ fuͤhls getaͤuſchter Hoffnung nicht erwehren, als Warv⸗ ner blos einen Bevollmaͤchtigten ſchickte, um fuͤr Rech⸗ nung ſeines Muͤndels das Landgut zu beſehen und zu beurtheilen. Daß ſie in Bezug auf ihren Geſundheitszuſtand ſich in Folge der erſten Vorſchriften des Doctor Warv⸗ ner wohlbefand, war ebenfalls ein Grund, aus welchem ſie ihn wiederzuſehen wuͤnſchte. Und aus dieſem Anlaß machte ſie, wie man aus dem Briefe des Doctors er⸗ ſehen, bei ihrer Ruͤckreiſe von Tjuſtorp einen Umweg. 3 Bei Frau Adelens Charakter haͤtte es ihr ſehr leicht einfallen koͤnnen, ſich, nachdem ſie in dem Marktflecken zwei Tage vergebens auf den Doctor gewartet, daſelbſt foͤrmlich bis zu ſeiner Ruͤckkunft niederzulaſſen. Und was ſie davon abhielt, war nicht ihr eigener Wille, ſon⸗ dern ein ſuperfeiner Inſtinkt, der ihr ſagte, daß, wenn Doctor Warvner auch nicht von Natur mit Eigenliebe begabt waͤre, er doch unter dieſen Umſtaͤnden nicht um⸗ hin koͤnnen wuͤrde, es zu werden. Mit ſehr ſchlechter Laune kam ſie nach Hauſe und gerieth auf noch ſchlechtere, als nicht eine einzige Zeile von Arnold ſein Bedauern und— was Frau Adele ſich heimlich eingebildet— ſeinen Entſchluß meldete, ihren Beſuch zu erwiedern. als S ſogena welche kleider kung, einen als vo rangir u. ſ. ſie w Und c ſuchte den, a ſtellten ſo mi ging woͤlbe verwa ſo vie venn alliebe um⸗ und Zeile Adele ldete, 217 Da aber die junge Witwe nichts weniger liebte, als Seufzer und Melancholie, ſo nahm ſie ſogleich ihr ſogenanntes froͤhliches Leben wieder auf. Zum Anfange machte ſie eine Badereiſe, waͤhrend welcher ſie, dem allgemeinen Geruͤchte zufolge, zehn Flor⸗ kleider und eben ſo viel ſeidene zertanzt hatte. Gleichwohl hatte dieſe Badereiſe keine andere Wir⸗ kung, als daß ſie bei ihrer Ruͤckkunft ihr Haus auf einen noch flotteren und geſellſchaftlicheren Fuß ſtellte, als vorher. Tanz, Muſik, Promenaden, Gelegenheitsſpiele, ar⸗ rangirte Suͤrpricen mit Tableau's und Maskeraden u. ſ.w., u. f. w. wechſelten in ewiger Reihenfolge ab. Sie lebte nicht laͤnger, als ſie ſich vergnuͤgte, denn ſie war ſelbſt gewohnt geweſen ſich— zu vergnuͤgen. Und als ſie einmal die„Breuden der Haͤuslichkeit“ ver⸗ ſuchte, war es ihr ſchon waͤhrend der erſten drei Stun⸗ den, als ob ſie vor Gaͤhnen ſterben muͤßte. Die Schmerzen, welche ſich dann und wann ein⸗ ſtellten, nahmen in der Einſamkeit auch allemal zu. Wenn ſie kein anderes Vergnuͤgen erhaſchen konnte, ſo mußte ſie hinaus und Einkaͤufe machen und dann ging oder fuhr ſie in der ganzen Stadt herum von Ge⸗ woͤlbe zu Gewoͤlbe, wuͤhlte Alles durch und waͤhlte und verwarf, bis ſie ſich endlich mit wenigſtens fuͤnf Mal ſo viel verſehen ſah, als ſie zu kaufen beabſichtigt hatte. Spaͤter, wenn ſie nach Hauſe kam, verbrachte ſie ihr warmes Herz, welches Raum fuͤr ſo Viele, Viele 218 eine gute Weile damit; die Sachen vor dem Spiegel zu beſehen, ſie in die Schubfaͤcher zu legen oder der Naͤhterin zu uͤbergeben. Zuweilen nahm ſie auch einen andern Weg. Denn kam eine Bekannte, welche die Schoͤnheit des Muſſelins, die Feinheit der Spitzen und die Farbe des Bandes bewunderte, ſo ſagte Frau Adele ſogleich mit der bezauberndſten Anmuth: „Ach, meine Beſte, gefaͤllt Dir dies vielleicht zu⸗ faͤllg? So nimm dies— Du thuſt mir einen Dienſt damit! Ich habe gar keinen Platz zu allem dieſen.“ Aber nach dem in Zerſtreuung verbrachten Tage kam nicht ſelten eine ſchlafloſe Nacht. Ach, wie lange waren ſie, dieſe Stunden, die man fuͤr ſich ſelbſt haben mußte! Waͤhrend dieſer klagte ſich die arme Adele bitter⸗ lich an, daß ſie ihr Leben nicht beſſer und nuͤtzlicher an⸗ wendete. Da dachte ſie an Honorinens edle Thaͤtigkeit, an hatte und an das heitere, ſchoͤne Tjuſtorp. Auch gab es keinen andern Ort auf dem Lande, wo Adele es fuͤnf Monate lang ausgehalten haben wuͤrde. Honorine war ihr Vorbild, ihre innig geliebte Freun⸗ din; aber ihr nachzufolgen, ihren Ermahnungen in Be⸗ zug auf die Stellung ihres Oeconomieweſens zu gehor⸗ 219 Spiegel chen, eine wuͤrdige Hausmutter auf dem Lande zu wer⸗ der derf den... nein, nein! weinen Einmal hatten Beide gleichwohl ein und daſſelbe Kcben gefuͤhrt, aber der Unterſchied war der, daß der ooͤnheit! gute Keim bei Honorinen zeitig erwachte und Frucht Farbe trug, waͤhrend Adele dagegen beſtaͤndig den unterdruͤckte, ſogleich der in ihrem Herzen wachſen wollte. Zuweilen ſagte ſie zu ſich ſelbſt: 4 zu⸗„Was brauche ich Geld oder Zeit zu enſt ich lebe ja nicht ſo lange. Es iſt am beſte ſen weeil ich kann und nicht an etwas Anderes zu Tage als an Zerſtreuung.“ Darauf antworlete ihr aber gleichwohl eine an⸗ ie man dere Stimme: „Wenn Dein Uebel zunimmt, wenn Du vielleicht bitter? auserſehen biſt, die grauſamen, unausſprechlichen Qua⸗ her an⸗ len zu erdulden, von welchen eine ſolche Krankheit be⸗ 4 gleitet ſein kann, wenn Du zu einer lebendigen Leiche eit, an verwelken ſollteſt... Viel„O mein Gott, mein Gott, wo ſollte ich dann die Mittel hernehmen, die Zeit zu toͤdten?... Ich habe Lande ſo wenig Huͤlfsquellen in meiner Seele. Allein kann wuͤrde. ich nicht leben... aber ein abgeſchmackter, langweili⸗ Freun⸗ ger Mann, der mich entweder durch uͤbertriebene Zaͤrt⸗ in Be⸗ lichkeit oder auch durch Gleichguͤltigkeit aͤrgert— nein, gehor⸗ o nein, ich werde wohl in der Einſamkeit leiden ler⸗ 4 220 nen, wie ſo viele Andere. Aber dieſe haben Geduld, denn ſie koͤnnen ſich mit einer Vergangenheit troͤſten.“ Mit dem Morgenlichte aber wichen die ſchwarzen Gedanken wieder hinweg. Inzwiſchen ſetzte der Medizinalrath ſeine gewoͤhn⸗ ichen Vormittagsbeſuche und ſeine gewoͤhnlichen Redens⸗ arten fort:„Wie geht es Ihnen denn heute, gnaͤdige Frau? Wir werden ſchon zuſehen, daß es niemals ſo weit kommt, uns in unſere vier Pfaͤhle einſchließen zu muͤſſen“ u. ſ. w., u. ſ. w. Obſchon Adele in gewiſſen Faͤllen geneigt war, der kaͤngeren Art und Weiſe zu huldigen, auf welche der Medizinalrath ein Uebel behandelte, welches er im Grunde fuͤr unheilbar anſah, ſo ward ſie doch von einer heimli⸗ chen Hoffnung, einem groͤßern Vertrauen ermahnt, ſich an Doctor Warvner zu wenden und ſich ſeinen Beſuch auszubitten, wovon der Medizinalrath nicht eher etwas erfahren ſollte, als bis der junge Arzt ihr ſelbſt ſeine beſondere Meinung mitgetheilt haben wuͤrde. Dann konnten die Herren mit einander berathſchlagen, ſo viel ſie wollten. aufzi ernſt ſtren⸗ besb⸗ chen liebli weiß chen der haͤtte davo eduld, ſten.“ varzen woͤhn⸗ edens⸗ naͤdige als ſo zen zu war, he der Brunde heimli⸗ t, ſich Beſuch etwas ſeine Dann ſo viel * 2 2. Das gever der Heiligen. „Befehlen Sie, daß ich die Vorhaͤnge ein wenig aufziehe?“ Dieſe Frage ward von Frau Lilia's bejahrter und ernſter Kammerfrau gethan, deren Antlitz mit ſeinen ſtrengen Zuͤgen ſchon bewies, daß noch niemals ein Lie⸗ besbriefchen ihre Schuͤrzentaſche entheiligt hatte. „Iſt vielleicht ſchon Jemand da, der mich zu ſpre⸗ chen wuͤnſcht?“ fragte eine ſanftklingende Stimme, ein lieblicher Harfenklang, aus dem Innern des wogenden, weißen Himmelbettes. .„Zwei alte Frauen wuͤnſchten mit Ihnen zu ſpre⸗ chen und ein etwas heruntergekommen ausſehender Herr, der ganz gewiß Militair war, ſagt, er habe gehoͤrt, Sie haͤtten etwas in's Reine zu ſchreiben. Aber ich wußte davon nichts.“ 222 „Ganz recht, ich habe ein paar kleine Schriften uͤber die Mittel zu einer verbeſſerten Armenpflege uͤber⸗ ſetzt und dieſe ſind es, fuͤr welche ich einen zuverlaͤſſigen Copiſten wuͤnſche. Vielleicht gelingt es mir auch, dem Manne auf eine andere Weiſe behuͤlflich zu ſein.“ „Lieber Gott, welche Seligkeit werden Sie einmal im Himmel fuͤr all das Gute einernten, was Sie auf Erden gethan haben.“ „Beeile Dich, gute Beate— man darf ſeine we⸗ niger vom Gluͤck beguͤnſtigten Mitmenſchen nicht auf ſich warten laſſen... Aber, Beate, vergiß nicht, daß ich Dir, außer Deinem bedungenen Lohn, noch eine kleine beſondere Verguͤtung fuͤr Deine Verſchwiegenheit zahle. Es wuͤrde mich ſehr betruͤben, wenn Du unſern Nach⸗ barn das wenige Gute erzaͤhlteſt, welches ich hier in der Stille zu uͤben ſuche.“ „Ich erzaͤhlen! Ich, die ich verſiegelt bin wie das Grab!— Aber wenn Andere reden, ſo kann ich nicht dafuͤr.“ „Gut, meine Freundin... nun bin ich fertig... Laß die guten Leute in das Vorzimmer treten... Aber es iſt ſchon Jemand da— wohl die Gunnel mit der. kleinen Sylvia?“ Und ſo war es. „Komm her, mein Engel,“ ſagte die junge Mutter, welche, nach einem fluͤchtigen Blick in den Toilettenſpie⸗ gel, die Tochter auf den Arm nahm,„komm, geliebtes Kind, Erden im Te nur ſe bei m trag b ſieh h gen a und ſi zu ra men mer ſehen, dem mit d Mier eine haͤtte rothb war 223 riften Kind, und lerne beizeiten, daß unſer hoͤchſtes Gluͤck auf uͤber⸗ Erden in der Erfuͤllung unſerer Pflichten beſteht.“ ſſigen Lieber Gott, wie ſchoͤn das klingt,“ ſagte Gunnel dem im Tone unwillküͤrlicher Bewunderung.„Wenn Sie nur ſo geſprochen haͤtten, als... nna„Gunnel, ich behalte die Kleine einen Augenblick bei mir— geh' Du mittlerweile und richte meinen Auf⸗ trag bei der kranken Mamſell in der Kirchgaſſe aus... 4 nuf ſieh her, hier iſt das zweite Quartal. Vor allen Din⸗ daß gen aber ſage ihr, daß ſie nicht etwa hierherkommen kleine und ſich bei mir bedanken ſoll; das Wetter iſt jetzt viel zu rauh. Ueberdies werde ich dieſe Woche ſelbſt hinkom⸗ Aahg. men und ſie beſuchen.“ jer in Gunnel trat ab. Jungfer Beate fuͤhrte die Harrenden in's Vorzim⸗ ie das mer und nachdem die junge Fran noch einmal nachge⸗ hnicht ſehen, ob die graue Blouſe, ihre Morgentracht, gut zu dem geſtickten weißen Linonhaͤubchen ſtuͤnde, ging ſie, g... mit dem Kinde auf dem Arme und mit der demuͤthigen „Aber Miene eines Engels, hinaus zu den Supplikanten.. ait det........... Der alte Unteroffizier trat zuerſt vor und hielt eine gelaͤufige Rede uͤber unbelohnte Dienſte. Er Nutter, haͤtte auch noch eine zweite Rede gehalten, die durch ſeine tenſpie: rothblaue Naſe unterſtuͤtzt worden waͤre, aber die erſte eliebtes war vollkommen hinreichend, um das wohlthaͤtige Ge⸗ 224 1 . ſchoͤpf in dieſem Hauſe zu uͤberzeugen, daß ſie ihre Huͤlfe keinem Wuͤrdigeren geben konnte. Er erhielt daher eine der kleinen Schriften, nebſt einen angemeſſenen Vorſchuß auf das Schreibelohn Einige Tage darauf kam derſelbe Mann wieder und holte den andern Theil des Schreibelohns, die kleine Schrift aber hatte er verloren, was ihm jedoch keinen großen Kummer machte, denn Heilige haben nicht die Gewohn⸗ heit, ſich zu erzuͤrnen. Nach dem alten Soldaten kam die Reihe an die Frauen. Die eine wuͤnſchte, außer einer kleinen Unterſtuͤtzung, daß die gute, Allen helfende Frau Sorenius ſich bei dem⸗ Medizinalrath um freie Medicamente fuͤr ihren kran⸗ ken Sohn verwenden moͤchte. Die andere begehrte der guten, frotkanen Frau So⸗ renius Fuͤrwort bei dem Kammerrath in Bezug auf ei⸗ nen Prozeß, den dieſer zu uͤbernehmen ſich geweigert, und wuͤnſchte uͤberdies— in Erwartung der Erreichung ihres Ziels— ein kleines Darlehn zum taͤglichen Brot. Nachdem dieſe Damen zufriedengeſtellt und mit Thraͤnen der Dankbarkeit im Auge fortgegangen waren, kamen verſchiedene Kinder, die fuͤr ihre Eltern bettelten und verſchiedene Vaͤter, die fuͤr ihre in langwieriger Krankheit liegenden Weiber und Toͤchter bettelten. Und Lilia verſprach Geld, Suppen und Fuͤrbitten und war noch nicht muͤde geworden, vor der letzten Ab⸗d e Huͤlfe nd holte Schrift großen bewohn⸗ an die uͤtzung bei dem⸗ kran⸗ iu So⸗ auf ei⸗ beigert, eichung Brot. nd mit 1, waren, ettelten vieriger . 3 rbitten en Ab⸗ , nebſt beohn theilung(drei wirklich beklagenswerthen, halbblinden Naͤh⸗ terinnen) zu ſeufzen und ſich zu verneigen, als der Me⸗ dizinalrath eintrat, ſeinen Stock mit dem goldenen Knopf in eine Ecke ſetzte, ſich vor der Wirthin verneigte und mit einem Blick auf ſeine hervorgezogene goldene Uhr ſagte: „Meiner Treue, es iſt ſchon ein Viertel auf Zwoͤlf „Nun, ſo lebt wohl fuͤr heute, meine Feruſdinnen. Gott erhalte Euch in Eurem Streben!“ fluͤſterte die junge Frau.„Und,“ ſetzte ſie bittend hinzu,„vergeßt mich nicht, wenn es Euch an etwas fehlt.“ Nun verſchloß Jungfer Beate die Thuͤr des Vor⸗ zimmers und nahm die Kleine vom Arme der Mutter, waͤhrend die Mutter ſelbſt in den Salon hineinging, wo ihr Arzt ſie erwartete. „Ach, verzeihen Sie,“ ſagte ſie, beinahe beſchaͤmt. O, geehrte Frau, es iſt nicht das erſte Mal, daß ich Sie bei Ausuͤbung Ihrer Tugenden uͤberraſche... Aber ich finde wirklich Ihre Augen heute etwas matt— dieſe Morgenſcenen ſind anſtrengend fuͤr Sie.“ „Nein, chriſtliche Pflichten koͤnnen niemals eine Anſtrengung werden.“ „Aber ſie koͤnnen doch die Koͤrperkraͤfte ermatten. Ich verſichere, daß Sie mich wirklich ein wenig beun⸗ ruhigen. Nun, ich pflege auch meine Patientin mit... (Huſten)... mit dem ungewoͤhnlichen...(neuer Huſten) Ein Gerücht. IV. 226 . Intereſſe, welches eine ſolche Patientin unwillkuͤr⸗ lich einfloͤßen muß.“ „Beſter Herr Medizinalrath, ich bitte Sie, verzaͤr⸗ teln Sie mich nicht.“ 4 Sie ſetzte ſich auf das Sopha und der privilegirte Arzt ſetzte ſich daneben in einen Lehnſtuhl. „Und wenn ich dies nun auch thaͤte...(dreima⸗ liges Huſten)... wer koͤnnte mich dann anklagen, daß man ſeine Lieblingspatienten hat?“ „Und keiner davon iſt dankbarer, als die arme Lilia!“ „Dankbarkeit kann niemals in Frage kommen.. nun laſſen Sie uns einmal das Puͤlschen fuͤhlen... Ach, er iſt nicht recht gleichmaͤßig... ein leiſer Anhauch von Fieber. Wenn wir uns nicht in Acht nehmen ſo ...(Huſten uͤber Huſten)... ſo muß ich, dafern ich meinen Ruf nicht verſcherzen will, darum bitten, daß ich zuweilen mein Eigenthum beſchirmen darf— der Patient iſt ſtets des Arztes Eigenthum.“ Es waren nun volle drei Minuten, daß der Dau⸗ men des Medizinalraths einen der weißeſten Arme be⸗ ruͤhrte, die ihm jemals in ſeiner Praxis vorgekommen waren. Zum Gluͤck beſitzen die Heiligen große Geduld. Als ſich endlich kein Vorwand mehr geltend ma⸗ chen ließ, erlaubte er ganz gracioͤs dem ſchoͤnen Arm, aus dem mit Juwelen geſchmuͤckten Gefaͤngniß ſeiner — — zaͤt llkuͤr⸗ erzaͤr⸗ 4 legirte teima⸗ 1, daß arme en. 1... mhauch nen ſo dafern bitten, arf— I Finger zu entſchluͤpfen, doch geſchah dies nicht ohne einen zaͤrtlichen und gewagten Blick in Frau Lilia's Augen. „Ich habe eine Bitte, Herr Medizinalrath.“ „Das will ſagen, einen Befehl.“ „O nein, ich habe niemals etwas Anderes, als Bitten.“ „Und fuͤr Ihre Bitten, geehrte Frau, kann ich nie⸗ mals etwas Anderes, als Gehorſam haben... reden Sie daher ſchnell, damit ich meine Bereitwilligkeit be⸗ weiſen kann.“ „Es handelt ſich um freie Medicamente fuͤr den kranken Sohn der armen Frau T.“ „... was ich mit Vergnuͤgen bewilligen werde.“ „Wie edel Sie ſind— niemals ſuchen die Armen bei Ihnen vergebens Huͤlfe.“ „Waͤre es wohl anders moͤglich, bei dem Beiſpiele, welches Sie mir geben!“ „Sie machen mich roth vor Freude, Herr Medizi⸗ nalrath!“ „Und Sie, meine ſchoͤne Frau, machen mich ſchaam⸗ roth; ich ſtehe in ſo ſchoͤnen Tugenden Ihnen weit nach.“ „Das iſt eine uͤbertriebene Beſcheidenheit— Sie...“ Lilia's Blick ſetzte noch mehrere Widerſpruͤche hinzu. Ach, wie ſchoͤn, wie bereit war dieſer Blick! „Nein, es iſt leider eine Wahrheit, aber bei dem Vorbild eines Engels...“ 15* 228 Das Huſten, welches eine Weile unterbrochen ge⸗ weſen, begann nun wieder regelmaͤßig, wie ein wohlun⸗ terhaltenes Kleingewehrfeuer, waͤhrend die goldene Doſe fortwaͤhrend in der Hand gedreht und hinten und vorn geſtrichen ward. „Welche allerliebſte Doſe... iſt das die, welche der Herr Medizinalrath von Frau von Stern bekom⸗ men hat?“ „Dieſe iſt es nicht— ich habe eine ganze Samm⸗ lung.“ „Das glaͤube ich; ein Mann mit Ihren Verdien⸗ ſten... und ich, ich habe Ihnen noch nichts Anderes angeboten, als eine einfache Hemdnadel, deren Goldarbeit kaum ein paar Reichsthaler werth iſt.“ „Aber dieſes Kleinod iſt mir mehr werth, als eine Million, denn es iſt aus dem Haar der tugendhafteſten und erhabenſten Frau gefertigt... Ach, geehrte Frau, dieſes Geſchenk gebe ich nicht dem allgemeinen Blicke preis.“ „Als ich es Ihnen gab, that mir der geringe Werth deſſelben leid. Aber Sie kennen meine Grundſaͤtze, ich muß ſparen fuͤr Die, welche es brauchen. Sie ſind reich.“ „Wenigſtens geborgen und im Fall die Edelſte Ihres Geſchlechtes ſich uͤberzeugen wollte, ob...“ „Beſter Herr Medizinalrath, Sie werden mich doch auch einmal das Geſchenk der Frau von Stern bewundern laſſen... à propos, wie ſteht es denn jetzt — — mit ihrer Geſundheit? Dieſe ſo heitere und froͤhliche .— en ge⸗ hlun⸗ V Doſe bvorn welche ekom⸗ amm⸗ erdien⸗ nderes darbeit — s eine fteſten Frau, deis.“ Werth e, ich reich.“ Ihres mich Stern n jetzt hliche — — Frau hielt man ja vor Kurzem fuͤr verloren fuͤr die Welt, fuͤr die ſie ſo eingenommen zu ſein ſcheint.“ „Und ich halte ſie jetzt noch dafuͤr. Die arme Naͤrrin iſt gewiſſermaßen ein Philoſoph im Unterrocke. Ich habe ihr auch meine Meinung nicht ganz ver⸗ ſchwiegen.“ „Wirklich?— Sie haben geſagt...“ ... daß ſie an dieſem Uebel ſtirbt— in einem, in zwei, drei oder vier Jahren— es kommt ganz dar⸗ auf an, wie es ausſchlaͤgt.“ „Und ſie hat geantwortet?“ „Nun, ſie hat geantwortet, daß dies ein Grund mehr fuͤr ſie iſt, die Zeit zu benutzen, welche ſie noch hat.“ „Herr des Himmels, kann es wirklich ſolchen Leicht⸗ ſinn geben!“ Lilia warf einen frommen Blick gen Himmel. „Vereint mit ſolcher Staͤrke,“ ſetzte der Medizinal⸗ rath hinzu—„ja, es iſt wirklich wahr!“ „Aber warum thun ſie ihr nicht Einhalt? Es muß doch fuͤr ſie gefaͤhrlich ſein, ein ſolches Leben zu fuͤhren.“ „Es iſt nun einerlei. Sie mag nun ſo oder ſo leben, ſo ſtirbt ſie doch zuletzt binnen einigen Jahren.“ „Und kann ſie nicht operirt werden?“ „Nein, eine Operation wuͤrde ſofort den Tod her⸗ beifuͤhren.“ 230 „Beſtimmt?“ „Vollkommen beſtimmt. Sie ſelbſt jedoch glaubt es nicht, denn ein Narr, den ſie, Gott weiß wo, getrof⸗ fen— vermuthlich ſo ein neubackener Candidat der Me⸗ dizin— hat ihr weißgemacht, daß eine Operation ſie retten wuͤrde. Zum Gluͤck iſt ſie viel zu ſproͤde, um das Experiment zu wagen... es iſt das vielleicht das erſte Mal, wo die Affectation den Sieg uͤber den Tod davontraͤgt.“ „Ach, wie tief beklage ich dieſes verrirrte Weſen, welches ſeine Gedanken auf etwas ganz Anderes richten ſollte, als auf das taͤgliche Vergnuͤgen! Was ſoll dann werden, wenn die Schmerzen zunehmen?“ „Wenn— ſie wird noch unausſprechlich leiden muͤſſen, die arme Kleine.“ „Ich werde fuͤr ſie beten!“ ſagte die liebliche Har⸗ fenſtimme. „Herrliche Frau,“... die Finger des Medizinal⸗ raths ſtanden— wahrſcheinlich aus Irrthum— zum zweiten Male im Begriff, nach dem„Puͤlschen“ zu fuͤhlen, als das Schlagen der Uhr verkuͤndete, daß das téle-à-téte zu Ende war. Es war jetzt die Stunde fuͤr die Vormittagsbe⸗ ſuche. 4 Die eine alte Dame nach der andern kam nun, um mit ihrem jungen Vorbilde ſich uͤber ein gutes Werk, dann uͤber eine kleine Spielgeſellſchaft bei der llaubt etrof⸗ Me⸗ on ſie „um t das Tod Zeſen, ichten dann feiden Har⸗ inal⸗ zum zu das gsbe⸗ nun, gutes i der 231 einen oder andern und zum Schluß uͤber die Anekdoten und Klatſchgeruͤchte des Tages zu beſprechen. „Nun, meine Freundinnen,“ ſagte eine der Damen, nachdem man zur letzten Abtheilung gekommen war, „haben ſie denn ſchon gehoͤrt, daß dieſe halbnaͤrriſche Frau von Stern, den Lieutenant W., Herrn H. und einige andere Narren verleitet hat, vor Weihnachten eine Reihe Baͤlle und noch obendrein eine Reihe thea⸗ traliſche Vorſtellungen zu arrangiren?“ „Und uͤberdies,“ ſetzte eine andere und eben ſo gut unterrichtete hinzu,„hat Kapitain A. ihr ein Feuerwerk und Kapitain B. ein Concert von Blasinſtrumenten verſprochen.“ „Man ſehe doch!“ fiel eins der Fraͤulein aus dem untern Stockwerk ein.„Und ich weiß beſtimmt, daß der koͤnigliche Secretair U. die Aufgabe uͤbernommen hat, zu ihrem Namenstage ein Stuͤck zu ſchreiben und daß ſein Bruder die Muſik zu den Couplets componiren wird.“ „Aber mein Gott!“ rief eine neue Stimme,„das Weib ſetzt doch die ganze Stadt in Bewegung.“ „Ich habe gleichwohl etwas gehoͤrt, was allem die⸗ ſen widerſpricht!“ fiel die Blumenfrau aus der obern Region ein. „Gehoͤrt— was denn?“ fragte die ganze Geſell⸗ ſchaft auf einmal. „Die Schweſter von Frau von Sterns Haus⸗ 232 mamſell dient bei einer der intimſten Freundinnen der Eltern einer meiner Schuͤlerinnen und ſie hat erzaͤhlt, daß Mamſell Karoline ihr ein Geheimniß anvertraut habe.“ „Oho, die liſtige Kokette hat alſo Geheimniſſe!— Na, das kann man ihr zutrauen; ſie ſpannt ja ihre Netze nach allen Maͤnnern aus.“ „Ein Brief, meine Damen,“ fuhr die Blumen⸗ frau fort,„den Mamſell Karoline zu Geſicht bekam, als— gerade, da er fertig geſchrieben war, die gnaͤ⸗ dige Frau durch einen Beſuch genoͤthigt ward, in den Salon zu gehen.“ „Und dieſer Brief?“ „War an einen Arzt... was meinen Sie?⸗ „An einen Arzt?“ Die verſchiedenen Betonungen, mit welchen dieſe drei Worte ausgeſprochen wurden, gaben Verwunde⸗ rung und getaͤuſchte Erwartung zu erkennen. „Ich beginne etwas zu ahnen,“ ſagte Lilia, welche jetzt erſt ſich ausſprach.„Der Medizinalrath erwaͤhnte, ſoeben, daß ein Arzt, den Frau von Stern auf ihren Reiſen getroffen, ihr zur Operation gerathen habe.“ „Und dazu,“ fiel eine der Fraͤuleins ein,„ſagt der Medizinalrath Nein— das habe ich von mehrern Sei⸗ ten gehoͤrt— und dann heißt es auch Nein, denn einen geſchickteren Mann giebt as nicht.“ „Das iſt auch meine Ueberzeugung.“ w da 233 n der„Die meinige auch.“ zaͤhlt,„Und auch meine.“ traut„Ich meine dies ebenfalls.“ „Aber was hatte ſie denn eigentlich geſchrieben?“ 1—„Nun, ſie hatte geſchrieben... aber bedenken Sie ihre wohl, meine Damen, daß ich durchaus nicht wuͤnſche, daß das, was ich ihnen ſage, weiter erzaͤhlt werde!“ men⸗„O, faͤllt denn das Jemandem ein?“ kam,„Wie koͤnnen Sie nur ſo etwas ſagen.“ gnaͤ⸗„Wir verachten, Gott ſei Dank, alle Klaͤtſchereien.“ den„Und ſprachen uns blos im Vertrauen gegen ein⸗ ander aus.“ „Nun wohl, ſie verlangte von jenem Doctor, daß er hierherkommen ſolle.“ „Hierher— hierher, wo der Medizinalrath iſt!“ dieſe„Nun, ſo warten Sie nur.“ M inde⸗„Der wuͤrde nicht ſchlecht lachen!“ „Warten Sie nur, ſage ich— ſie erſuchte dii: eelche ſen Doctor, hierherzukommen, weil... weil ſie dem hnte, Medizinalrath nicht traute.“ hren 6„Welche Laͤſterung!“ riefen die eifrigſten von der Geſellſchaft. t der Die Andern waren verſtummt. Sei⸗„Und er, der nur erſt vor einer Stunde ſo mitlei⸗ denn dig von ihr ſprach— wie wenig verdient er dieſes Mißtrauen!“ „Beſte Frau Sorenius, laſſen Sie uns dahin — 234 uͤbereinkommen, daß man von einer Perſon, wie dieſe junge Witwe, Alles erwarten kann! Die Verwand⸗ 1 ten ihres ſeligen Mannes ſind auch mit ihr brouillirt, denn ſie hat ihnen mehrere Dienſte verweigert.“ „Die Undankbarel“ „Die alte Admiralin T., z. B., hat ſich erboten, in ihrem Hauſe zu wohnen. Wie paſſend war es nicht fuͤr die junge Frau, einen ſo achtbaren Schutz in ihrer Naͤhe zu haben. Aber: Nein, ich danke mei⸗ ner gnaͤdigen Tante, ich habe nicht genug Platz fuͤr dieſe Ehre.. Na, ſie koͤnnen uͤber ſie lachen, denn wenn ſie ſtirbt, erben ſie doch Alles.“ „Ach nein, denn ehe es ſo weit kommt, wird ſie Alles, bis auf den letzten Fetzen, vertanzt haben... Doch ich glaube, es iſt ſchon bald Mittag!“ Die unerhoͤrte Neuigkeit, welche die Blumenexcel⸗ lenz mitgebracht, brannte den werthen Damen auf der Zunge— ſie mußten hinaus und ſich abkuͤhlen. Als die Thuͤr ſich hinter der letzten der Damen ſchloß, eilte Lilia in ihr Schlafzimmer und warf ſich, mit beiden Haͤnden vor den Ohren, in eine Sophaecke. Das beſchwerliche Lever, welches vier volle Stun⸗ den gedauert, war endlich uͤberſtanden. Die Heilige athmete auf. Und nachdem die let⸗ ten, unharmoniſchen Toͤne an ihren Ohren vorbeigezit⸗ tert und erſtorben waren, ſtreckte ſie matt den Arm uͤber den Tiſch, ſchob die aufgeſchlagene Poſtille hin⸗ 235 weg und nahm einen franzoͤſiſchen Roman zur Hand, bei deſſen lebendigen Schilderungen ihre Augen binnen Kurzem wieder zu funkeln begannen. Aber bald umduͤſterten ſie ſich wieder— das Buch entſank ihrer Hand. Eine gewiſſe Stelle hatte die Wunde wieder auf⸗ geriſſen, auf welche ſie ſeit anderthalb Jahren alle Ar⸗ ten von Heilmitteln gelegt hatte, ohne eine andere Wir⸗ kung zu verſpuͤren, als die ſtets neue Erfahrung, daß es fuͤr gewiſſe Wunden gar kein Heilmittel giebt. Stuc der Verlagsbuchdruckerei in Wurzen. —— Z S 8 8 △ά̈ 8 —₰½ —