——— Leihbiblivthek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Ofkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Seſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe vinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3„ 3 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bucher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 3 — n Gerüch:. Roman „. von Emilie Carlén. Aus dem Schwediſchen von A. Kretzſchmar. — r— gr Band. Grimma und Leipzig, Druck und Verlag des Verlags⸗Comptoirs. 1850, —— Ein Gerücht. Dritter Theil. Ein Gerücht. ill. 1 ———— Zweites BZuch. Die Theilung. (Fortſetzung.) 11. Die kranke Frau. Einige Secunden lang blieb Arnold am Fenſter ſtehen. Darauf ſagte er: „Nein, ich kann ſie nicht ſo verlaſſen, ich muß zuſehen, daß ſie von hier fortkommt.“ Und vor ſich ſelbſt erroͤthend, daß er in ſeinem eigenen Hauſe eine ſolche Alternative ergreifen mußte, ſchlug e er denſelben Weg ein. Das Fenſter des Schlafzimmers ging in den Garten hinaus und an dem Garten befand ſich eine Hinterpforte, durch welche man hinaus auf die Land⸗ ſtraße gelangte. Er ſah Lilia ſchnell durch die Gaͤnge nach dieſer Pforte eilen oder vielmehr fliegen und gleichwohl wagte er nicht, ſie durch den leiſeſten Ton zuruͤckzurufen ſonſt wuͤrde er es gethan haben, denn er wußte, daß der 6 Schluͤſſel nicht in der Pforte, ſondern bei Jungfer Lis⸗ laſ beth war, welche die Aufſicht uͤber den Garten zu fuͤh⸗ gep ren hatte und viel zu ordnungsliebend war, um einen Schluͤſſel ſtecken zu laſſen. zuß Die dunkeln Umriſſe von Lilia's Knabenkleidung die machten ſie oft, wenn ſie mit den Gebuͤſchen in Be⸗ m. ruͤhrung kamen, fuͤr ihren Verfolger unſichtbar. Aber ni nahe an dem Ziele blieb ſie ſtehen, horchte und ver⸗ g barg ſich aus irgend einem Grunde ploͤtzlich in dem wi Gebuͤſch. de Arnold war jetzt neben ihr. ur „Kommen Sie zuruͤck,“ ſagte er leiſe,„wir wollen tr verſuchen, durch das große Thor zu kommen— hier iſt zugeſchloſſen.“ ir „Nein, es iſt hier auch offen, aber es iſt Jemand k da... ſtill... hoͤren Sie?“ 0 „Sie haben recht... ich erkenne Lisbeths Stimme. r Sie ſpricht mit Jemandem— Ihre Begleiterin kann ſ ſich doch nicht ſo weit vorgewagt haben?“ Lilia machte eine verneinende Geberde und ge⸗ 5 ſchutzt von dem Arm des Doctors, der die Zweige aus⸗ 1 einander bog, verſchwand ſie, gleich einem kleinen Knaͤuel, 3 noch tiefer in dem Schatten der Baͤume. Inzwiſchen fing Arnold folgende, von Jungfer Lis⸗ beth geſprochene Worte auf: „Sie haben gar nichts zu danken, es war eine Sache der Billigkeit, Sie durch den Garten gehen zu ſ——ͤͤ r Lis⸗ fuͤh⸗ einen idung 1 Be⸗ Aber ver⸗ dem vollen hier mand mme. kann d ge⸗ aus⸗ naͤuel, r Lis⸗ r eine den zu 7 laſſen, da es fuͤr Sie eine ſo große Sorge iſt, uͤber den gepflaſterten Hof zu fahren.“ „Ja, eine entſetzliche Plage und ich werde ſehr zufrieden ſein, wenn ich meinen kleinen Wagen auf dieſer Seite treffe, wo der Weg eben und gut iſt,“ murmelte eine Stimme, welche der Doctor anfangs niemals zuvor gehoͤrt zu haben glaubte, die er aber gleich darauf mit Erſtaunen als die der kranken Frau wieder erkannte.. der kranken Frau, die er aufgefor⸗ dert, bei ihm zu uͤbernachten, der er ſeine Haushaͤlterin und einen von ihm ſelbſt zu bereitenden, kuͤhlenden Nacht⸗ trunk zuſchicken wollte und der er nichts geſchickt hatte. „Es hat ihr zu lange gedauert und ſie will nun in dem Flecken Nachtquartier ſuchen... na, daruͤber kann man ſich nicht ſehr wundern!“ dachte er erſt, ohne daß noch irgend ein Nebengedanke ſeine Erbitte⸗ rung erweckte, aber gleich darnach fiel es ihm auf, daß ſie heimlich wegfuhr.* „Weshalb,“ fragte er ſich,„hat ſie von dem Hinterhofe herum hierher fahren laſſen, anſtatt den ge⸗ raden Weg einzuſchlagen?... ha, ich fange an, klar zu ſehen— ſie deſertirt, um nicht zuruͤckgehalten zu werden und nun faͤhrt dieſe Megaͤre mit meinem aͤrzt⸗ lichen Rufe zum Teufel... Welche Geſchichten wer⸗ den morgen im Gange ſein!“ Wir laſſen die Verwuͤnſchung weg, welche der 8 inem tiefen Schmerz uͤber ſein Mißge⸗ Doctor in ſe ſchick ausſtieß. Er war nahe daran, hinzugehen und ſie jetzt noch zuruͤckzuhalten zu ſuchen, als ihm einfiel, daß er dadurch ſein Anſehen, und noch mehr, nur noch ſchlimmer blos⸗ ſtellen wuͤrde. Wie er ſich aͤrgerte, wie er litt! Die alte Frau hatte eine ſo kreiſchende und grelle Stimme: ganz ſicher war ihre Gemuͤthsart nicht we⸗ niger grell... wenn ſie floh, anſtatt ganz einfach ſich bemerkbar zu machen(Arnold wußte noch nicht, daß es eben das Hauptungluͤck war, daß ſie ſich bemerkbar hatte machen wollen) ſo geſchah es beſtimmt, um einen Arzt anzuſchwaͤrzen und herabzuſetzen, in deſſen Haus man auf eine ſo ſonderbare Weiſe behandelt ward. „Gluͤcklicherweiſe“— beruhigte er ſich—„ver⸗ ſteht ſie nichts!“ „Leben Sie wohl Frau.“ Lisbeth öffnete jetzt die Pforte. „Leben Sie wohl, meine liebe Jungfer... ach, wer war denn der andere Patient— ich meine den Herrn, der gleich nach mir in den Saal kam? Er ſah ſo betruͤbt aus, wie ich bemerkte, als ich zur Thuͤr herausguckte, um mit dem gefaͤlligen Doctor zu ſprechen.“ „leben Sie wohl, meine liebe ) Freund 22 Arnold „wo ir Im ſchrie d *. ſchrie * dem heute 2 Pfort kranke Herr noch und i beſter ſie ar Dien Mißge⸗ tt noch dadurch r blos⸗ grelle ht we⸗ ch ſich daß es erkbar „ um deſſen andelt „ ver⸗ liebe 9 „Das war kein Patient, ſondern des Doctors gutet Freund, Herr... 4 „Lisbeth, Lisbeth, wo ins Teufels Namen“— Arnold fluchte niemals, aber jetzt geſchah es doch— „wo ins Teufels Namen haͤlt Sie denn Haus?— Im ganzen Hauſe habe ich Sie vergebens geruft!“ ſchrie der Doctor und ſtuͤrzte hervor. „Ach Du mein Herr Jeſus, was iſt denn los?“ ſchrie Jungfer Lisbeths gellende Stimme zuruͤck. „Nun, es iſt weiter nichts los, als daß Sie zu dem Patienten hineingehen ſoll, der kranken Frau, die heute Nacht hier bleibt.“ „Der kranken Frau?“ ſtammelte Lisbeth,„die..“ Ein Geraſſel von Wagenraͤdern draußen vor der Pforte gab genuͤgenden Aufſchluß, welche Partie die kranke Frau ergriffen hatte. Lisbeth ſtand mit offenem Munde da. „Aber mein himmliſcher Vater, wußte denn der Herr Doctor nichts davon, daß ſie abreiſ'te? Sie ſprach noch von den guten Verordnungen des Herrn Doctors und ich...“ „Geh' Sie hinein! Kuͤnftig wird es wohl am 2 beſten ſein, wenn ich ſelbſt die Schluͤſſel behalte, da ſie auf dieſe Weiſe gemißbraucht werden.“ Und mit der auf Beſtrafung eines nachlaͤſſigen Dieners berechneten Autoritaͤt eines erzuͤrnten Haus⸗ 10 herrn ſchloß der Doctor die Pforte ſelbſt wieder zu und ſteckte den Schluͤſſel in die Taſche. Am ganzen Leibe zitternd, daß ſie ſich die Un⸗ zufriedenheit ihres guten Herrn zugezogen— aber außer Stande, zu begreifen, wie er, der ſonſt ſo mit⸗ leidig war, ſich daruͤber aͤrgern konnte, daß die alte Frau nicht uͤber den gepflaſterten Hof fahren wollte— ſchlich ſich Lisbeth ſachte davon, ſehr begierig, Laſſe's Meinung uͤber dieſen ſonderbaren Vorfall zu ver⸗ nehmen. Und gewiß war es ſehr ſonderbar, daß die Frau herauskam, als ob ſie ihr Geſchaͤft bei dem Doctor richtig beſorgt haͤtte und dieſer gleichwohl nicht anders wußte, als daß ſie noch da waͤre. „»Nun, Gott ſei Dank, bie alte Hexe erfuhr doch den Namen nicht,“ murmelte der Doctor, waͤhrend er gleichzeitig nach der Richtung horchte, welche der Wagen einſchlug, ſo wie nach Jungfer Lisbeths ver⸗ hallenden Tritten.„Sie wird daher nichts Gefaͤhr⸗ liches weiter zu erzaͤhlen haben. Das, was ſie weiß, hat nicht viel zu bedeuten.“ Was wuͤrde der Doctor Arnold geſagt haben, wenn er das folgende, kurze Zwiegeſpraͤch zwiſchen der kranken Frau und ihrem Knecht gehoͤrt haͤtte. „Jan, Du Eſel, was faͤhrſt Du denn rechts— halte Dich doch links.“ „Nun, fahren wir denn nicht in den Flecken?« „ verruͤck Herrn uͤber Ach, fragt, ein ſel wir k hofe zeiten Sie vorſt unh ſtuͤr zu und die Un⸗ — aber ſo mit⸗ die alte ollte— Laſſe's zu ver⸗ e Frau Doctor anders hr doch aͤhrend che der hs ver⸗ Hefaͤhr⸗ e weiß, haben, en der hts— en? 11 „Nein, nach der Stadt!“ „Lieber gar!— Taugte denn der Doctor nichts?“ „Der etwas taugen!... Der iſt ganz und gar verruckt! Aber warte nur, ich will ſchon dieſem jungen Herrn lehren, ein andermal wieder ehrliche Patienten uͤber verkleideten Landſtreicherinnen zu vergeſſen!... Ach, hoͤre Du, Jan, Du haſt wohl nicht darnach ge⸗ fragt, wer der Herr war, der gleich nach uns kam?“ „O, den kenne ich ſelbſt ſehr genau— das iſt ein ſehr huͤbſcher, junger Herr.“ „Nun, wer iſt er denn?“ „Es iſt der neue Director von Ribyhus.“ „Ah, ſo ſo, ſo... fahre wieder rechts, Jan— wir koͤnnen, Gott ſei Dank, gleich da druͤben im Gaſt⸗ hofe ein Nachtquartier bekommen. Morgen fruͤh bei⸗ zeiten fahren wir nach der Stadt.“ „Aber warum, ins Himmels Namen, ſchreien Sie denn ſo?“ fluͤſterte Lilia, indem ſie den Kopf her⸗ vorſteckte. „Weshalb?— Ach, Sie wiſſen nicht, in welche unheilvolle Verwirrung Ihr Beſuch uns ſchon ge⸗ ſtuͤrzt hat.“ „Verwirrung? 4. „In der That, wenn ich die Ehre haͤtte, Ihr Liebhaber zu ſein, koͤnnten die Sachen nicht viel ſchlim⸗ mer ſtehen, als jetzt.“ „Aber erklaͤren Sie ſich doch.“ Und der Doctor erklaͤrte den ganzen ungluͤckſeligen Zufall und auch die Warnung, die er— in ſeiner Angſt, Philipp in dem Nebenzimmer zu haben— durch die Thuͤr gefluͤſtert hatte. „»Ha, wie unbedachtſam!“ rief Lilia, deren ſchoͤne Augen durch die Finſterniß hindurchfunkelten.. 3 » Und waͤhrend Sie dieſem unbekannten, vielleicht ganz boͤſen Weibe Waffen gegen mich in die Hand gaben, ſchickten Sie Philipp in das Zimmer, wo ich mich aufhielt. „Ich hoͤrte ſein Kommen und waͤre, vor Schrecken beinahe ohne Beſinnung, unzweifelhaft entdeckt worden, wenn ich nicht in dem innern Zimmer, wohin ich ſtuͤrzte, den Schirm gefunden haͤtte... ach, Doctor, Doctor, ſo huͤten Sie die Geheimniſſe, die man Ihnen anvertraut.“ „Ich habe nicht mehr, als eine Entſchuldigung anzufuͤhren,“ antwortete Arnold mit einer Ruhe, die ihm viel Selbſtbeherrſchung koſtete,„und dieſe Entſchul⸗ digung beſteht in meiner vollkommenen Unbekanntſchaft mit Geheimniſſen und Affairen von dieſer Art.“ „Dann iſt Ihre Praxis nicht ſonderlich reich ge⸗ weſen,“ ſagte Lilia, indem ſie ſachte aus dem Gebuͤſch herauszutreten begann. „9 „ Arten vo dafuͤr ge „9 aͤnger u ein, daß dem Br. legen be 2* aber ſar gangene Bett; bett ur und we den da 9. ſichtigl der nu ſchlim⸗ kſeligen Angſt, urch die ſchoͤne t ganz gaben, mich hrecken dorden, in ich voctor, Ihnen igung „ die ſchul⸗ ſchaft h ge⸗ buͤſch „Nein, es wuͤrde ihr wirklich bis jetzt an allen Arten von Geheimniſſen gefehlt haben, wenn Sie nicht dafuͤr geſorgt haͤtten.“ „Na, mein guter Doctor, laſſen Sie uns nicht laͤnger unſere Galle uͤber einander ausgießen. Ich ſehe ein, daß ich einen Fehler beging, weil ich Ihnen in dem Briefe nicht angab, welche Verkleidung ich anzu⸗ legen beabſichtigte.“ „Ja, das wuͤrde viel Verdruß erſpart haben... aber ſagen Sie, wo wollen Sie die Nacht zubringen? Wo ſind die Kinder? Ahnt man nicht in der Stadt, daß Sie wiedergekommen ſind? „Wie ſollte man das ahnen, wenn ich mich noch drei Meilen davon entfernt befinde! Ich kam ver⸗ gangenen Abend in Thorby an und ging ſogleich zu Bett; aber nachdem ich die Wirthin ſelbſt das Deck⸗ bett um mich herum hatte ſtopfen laſſen— ich fror und war ein wenig unwohl...* „Nun dann?“ „... ſtand ich auf, ſobald ich ſie los war— die Kinder ſchliefen ſchon— kleidete mich an und ging auf einem andern Wege fort, Gunnel, die ich bei mir habe, erhielt Befehl, mir nicht eher als zwei Stun⸗ den darauf, entgegen zu kommen.“ „Erlauben Sie mir, zu ſagen, daß Ihre Unvor⸗ ſichtigkeit alle Grenzen uͤberſteigt... wenn. die Kin⸗ der nun aufwachen? Wenn... 9 „Ach nein, das hat keine Gefahr, in dieſen Stun⸗ den ſchlafen ſie ohne Unterbrechung. Ich mußte ja mit Ihnen ſprechen und da mußte ich auch einen Weg dazu ausfindig machen.“ „Ein ſolcher haͤtte ſich weit leichter finden laſſen, wenn Sie in dem Briefe an mich mir mitgetheilt haͤtten, wo Sie verweilten; ich waͤre dann zu Ihnen gekommen und wir haͤtten— weil dieſe Zuſammen⸗ kunft doch heimlich ſein ſollte— uns zufaͤllig ge⸗ troffen.“ „»Ja, in der That, das haͤtte geſchehen koͤnnen, denn nachdem ich von Fors⸗ Gaſthof meinen Boten an Sie abgeſendet, verweilte ich dort geſtern den gan⸗ zen Tag und auch einen Theil des heutigen, um nicht zu zeitig einzutreffen. Und um dieſe Verzoͤgerung na⸗ tuͤrlich zu machen, nahm ich zum Vorwand, daß die kleine Sylvia krank ſei.“ „»Nun, welchen beſſern Vorwand koͤnnten Sie ge⸗ habt haben, ganz ohne alle Umſtaͤnde nach dem Diſtrikts⸗ arzte zu ſchicken? Aber ein ſolches Mittel war gerade wegen ſeiner Einfachheit untaugbar... dieſer Hang zu Intriguen wird Sie nicht blos in tauſenderlei Schwierig⸗ keiten, ſondern auch... doch genug— jetzt ſind wir an der Pforte... auf welcher Seite wartete Gunnel?“ „Da draußen hinter der kleinen Anhoͤhe... ver⸗ laſſen Sie mich nun, ich fuͤrchte mich nicht, ſohald ich nur erſt im freien Felde bin.“ Stun⸗ ußte ja Weg laſſen, getheilt Ihnen nmen⸗ ig ge⸗ ennen, Boten gan⸗ nicht g na⸗ aß die ie ge⸗ rikts⸗ erade ng zu jerig⸗ wir hel?“ ver⸗ ich 15 „Noch einen Augenblick... morgen wird Phi⸗ lipp einen Rath von mir in Bezug auf die Hoffnun⸗ gen verlangen, die der Brief Ihres Bruders in ihm erweckt hat.“ „Allem dieſen werde ich zuvorkommen; ich ſchicke ihm morgen einen Brief, worin ich ihn davon unter⸗ richte, daß die Kinder in der Stadt ſind. Dann... 4 Ihre Stimme wankte und ward faſt unhoͤrbar. „Dann?“ wiederholte Arnold. „Dann weiß er wohl, daß es mit allen Prolon⸗ gationen zu Ende iſt. Ich war unlaͤngſt bei dem Land⸗ richter T. Die letzten nothwendigen Schritte werden noch vor Ablauf dieſer Woche beſorgt ſein und in den erſten Tagen der folgenden bin ich fuͤr Alle, ausgenom⸗ men fuͤr Sie, bis ans Ende der Welt, oder gleichviel wo ſonſt hin, gereiſ't.— Und nun, Doctor, verzeihen Sie mir meinen Beſuch; wenn man heftig aufgeregt iſt, trifft man weder die beſten, noch die natuͤrlichſten Auswege. Und verzeihen Sie mir auch die uͤbereilten Worte, welche ich ſo eben fallen ließ; Mein Kopf iſt in ſo großer Unordnung, daß ich kaum noch weiß, daß dieſe Worte nicht an ihrem Platz waren.“ „O, die habe ich ſchon vergeſſen... aber andere Ihrer Worte dagegen werde ich niemals vergeſſen koͤn⸗ nen. Sie haben durch dieſelben— obſchon ich weiß, daß ſie nur die Geburt einer bis zur Raſerei getriebe⸗ nen Ueberſpanntheit des Augenblicks waren— eine unheilbare Wunde zugefuͤgt.“ „Ach, aus Irrthum, gedenken Sie nicht dieſer halb wahnſinnigen Worte einer hoffnungsloſen Verzwei⸗ felnden— ſeien Sie edel und nicht blos barmherzig! Wohin kann ſich nicht die Phantaſie einer armen, von Gott und ihrem eigenen Herzen verlaſſenen Frau ver⸗ irren, wenn man ſie verſtoͤßt und auf ihre Klagen nicht hoͤren will!“ Ohne zu antworten, begann der Doctor die Thuͤr der Pforte langſam wieder zuzuziehen. Lilia befand ſich bereits auf der andern Seite. „O Arnold, Sie wiſſen ja, daß Sie allein bei mir Gatten, Freundes und Bruders Stelle vertreten, obſchon Sie mich nicht mehr lieben und nicht mehr achten. Sie verbergen Ihre Verachtung, Ihren Ab⸗ ſcheu vor der armen Lilia nicht und doch weiß Lilia in der ganzen Welt keinen Mann, von welchem ſie das dulden wollte und koͤnnte, was ſie von Ihnen geduldet hat. Wollen Sie ihr denn die Hand zum Abſchied verweigern?“ Der Doctor verweigerte ihr nicht ſeine Hand, aber kein freundlicher Druck beantwortete den, den er erhielt. „Es iſt einerlei,“ ſagte die junge Frau vor ſich hin, als ſie forteilte,„ich brauche Dich jetzt und Du biſt auch nicht ſo eiſern, wie Du ſcheinſt... Gunnel, dieſer wei⸗ rzig! von ver⸗ agen huͤr 1 Gunnel!“ rief ſie leiſe, als ſie ein Stuͤck weiter gekom⸗ men war. „Hier,“ antwortete jetzt eine Stimme aus dem Gebuͤſch und bald eilten zwei Schatten fort. nach dem nahegelegenen Gaſthofe. Es war dies derſelbe, in welchem die kranke Frau eingekehrt war. Ein Gerücht, III. 12. Stadt und Marhtflecken. 9 m Zwei Tage nach dem eben geſchilderten, ereigniß⸗ vollen Abend in Doctor Warvners Haus kannte man F ſowohl den Marktflecken, als auch die Stadt faſt nicht m wieder. Der traͤge Lebenspuls, der vorher beide Theile in I Bewegung geſetzt, hatte der vornehmeren Stadt nicht 3 erlaubt, ſich zu erinnern, daß drei Meilen Entfernung in der Provinz oft als Nachbarſchaft gerechnet werden W kann und der Marktflecken konnte ſeinerſeits nicht ein⸗ ſehen, warum er thun ſolle, als ob ihm etwas an der w Bekanntſchaft mit der großen Welt laͤge— man konnte w ja recht gut in ſeiner eigenen Welt leben, denn man 9 hatte, Gott ſei Dank, ſowohl Kaufmann, als auch es Geiſtlichen und Doctor und Apotheker im Flecken. 1 Und deshalb begegnete man ſich mit wechſelſeitiger Gleichguͤltigkeit, um nicht zu ſagen, Geringſchaͤtzung —— reigniß⸗ te man ſt nicht heile in dt nicht fernung werden cht ein⸗ an der konnte n man s auch en. lſeitiger haͤtzung 19 und geſtand niemals zu, daß man heimlich einen ge⸗ wiſſen Neid hegte. Im Marktflecken beneidete man die Stadt um ihre eleganteren und neueren Moden, waͤhrend man in der Stadt(notabene ſeit der letzten Zeit) den Markt⸗ flecken um ſeinen jungen, huͤbſchen und geſchickten Doc⸗ tor beneidete und wir wiſſen ſchon, daß man durch die beruͤhmte Pfefferkuchenbaͤckerei des Marktfleckens ſich Nachrichten uͤber einander verſchaffte. Auf dieſe Weiſe ſtand noch das Verhaͤltniß, als man auf einmal das Eis brechen ſah. Die Stadt erinnerte ſich, daß ſie noch alte, liebe Freunde im Marktflecken hatte, die man doch noch ein⸗ mal bei Lebzeiten ſehen wollte. Der Marktflecken hatte eine Menge Vettern und Muhmen in der Stadt, die man doch nicht ganz und gar vergeſſen konnte. Und ſo kam es, daß Einladungen zu Tiſche und Viſiten einander ordentlich jagten. „Ach, mein ſuͤßer Freund, mein beſter Sa wie freue ich mich, Dich nach einer ſo langen Trennun wieder einmal umarmen zu koͤnnen! Lieber Gott, drei Meilen ſind doch wahrlich kein Weg, der ewig dauert, es haͤlt nur immer ſchwer, ehe man einmal in Gang kommt.“ „Und ich, lieber Vetter, was ſoll ich ſagen— ich kann mir es gar nicht verzeihen, daß ich mich eines ſo 5*☛ 2 laͤngſt erſehnten Vergnuͤgens ſo lange beraubt habe! Aber von nun an...“ u. ſ. w. u. ſ. w. Was aber war denn die Urſache zu aller dieſer neu aufbluͤhenden Freundſchafte Was war die Ur⸗ ſache, daß der Kaufmann im Marktflecken in einer ein⸗ zigen Woche den ganzen Kaffee und Zucker verkaufte, der auf ſechs Monate berechnet war und daß die Kauf⸗ leute in der Stadt betheuerten, daß ſie einen außeror⸗ dentlichen Jahrmarkt gemacht haͤtten? Und ein wahrer Jahrmarkt war die ganze Land⸗ ſtraße zwiſchen den beiden Ortſchaften. Es herrſchte auf einmal eine ordentliche Raſerei, eine Manie, einander zu beſuchen und der Grund davon war der, daß man endlich die Aufloͤſung zu dem Raͤth⸗ ſel gefunden hatte, an welchem man ſo lange gerathen. Ungluͤcklicherweiſe aber war die Aufloͤſung inſo⸗ fern eine doppelte, als die eine Haͤlfte ſich in dem Fle⸗ cken befand, waͤhrend die andere ſich in der Stadt auf⸗ hielt und dies war der Grund, weshalb man alle dieſe iſen hin und her machen mußte. Was man an dem einen Orte buchſtabirte, ſetzte man an dem andern zuſammen. Es iſt ſchon in der Einleitung zu dieſer Erzaͤh⸗ lung erwaͤhnt worden, daß Niemand die Urſache des Entſchluſſes ahnte, den Frau Lilia Thurné gefaßt, ſich von ihrem Manne zu trennen, aber daß Alle der An⸗ ſicht waren, ſie habe recht. t habe! r dieſer die Ur⸗ ier ein⸗ rkaufte, Kauf⸗ ußeror⸗ Land⸗ Raſerei, davon Raͤth⸗ rathen. J inſo⸗ m Fle⸗ dt auf⸗ le dieſe , ſetzte Erzaͤh⸗ he des t, ſich er An⸗ Das geheimnißvolle Doppelleben des Mannes in Stockholm und das galante Abenteuer des Poeten mit der Muſe Anima waren ganz und gar unbekannte Dinge, die nicht einmal zur Kenntniß des Propſtes und des Landrichters gekommen waren. Man denke ſich alſo die Wirkung der Bombe, welche durch und mit dem Erſcheinen der kranken Frau bei dem Stadtarzte niederſchlug und alle vier Plauder⸗ viertel der Stadt in Brand ſteckte. Wer geſehen und gefuͤhlt hat, mit welcher Gierig⸗ keit die Bewohner gewiſſer kleiner Staͤdte— durchaus nicht aller— ſich uͤber das ſchnell entſchleierte Ge⸗ heimniß herwerfen, welches das Verdammungsurtheil eines Mitmenſchen in ſich traͤgt oder in ſich zu tragen ſcheint— wer geſehen hat, mit welchem infernaliſchen Scharfſinn ſie jeden einzelnen Theil dieſes Geheimniſſes auslegen und ſo zu dehnen, drehen und wenden wiſſen, daß es verdoppelt, verſieben⸗, ja, verhundertfacht wird, wer alles dies geſehen und gehoͤrt, oder— noch mehr — wer ſich ſelbſt einmal in einem ſolchen Netze gefan⸗ gen hat— der wird einſehen, wie die Menſchen in un⸗ ſerer Stadt ſich uͤber dieſen ungeheuer guten Biſſen herwerfen mußten, der ihnen aus einer eigenen Rich⸗ tung zugeflogen kam, wo ſie es gar nicht ahnen konnten. Alſo war es dieſes Tugendmuſter, dieſe Heilige, dieſe reine, engelgleiche Sylphide, welche ihren Gatten betrogen und ihn um eines Liebhabers willen verlaſſen, 22 den ſie während der Abweſenheit des Mannes ohne Scheu jeden Tag bei ſich empfangen und den ſie jetzt insgeheim ſelbſt beſuchte. 1 Und jedes Wort war ſo wahr, wie der helle Tag, denn eine hoͤchſt beklagenswerthe, kranke Frau, die durch die laſterhafte Verſaͤumniß des Doctors die graͤßlichſten Schmerzen erdulden muͤſſen, war ja ſelbſt im Dunkeln fuͤr ſeine Geliebte gehalten worden, welche inzwiſchen, als Mann verkleidet, ſpaͤter ſichtbar geworden, nachdem der arme Ehemann, der bei dem verraͤtheriſchen Freund auf Beſuch gekommen, denſelben verlaſſen hatte. Aber alles dies war ſo entſetzlich, ſo unerhoͤrt, daß bei dem bloßen Gedanken daran, daß eine ſolche Unſitt⸗ lichkeit und Scheinheiligkeit uͤberhaupt auf der Welt gefunden werden konnte, einem jeden Chriſtenmenſchen die Haare zu Berge ſtehen mußten. Wenn einmal der Uferdamm eines Stroms zer⸗ riſſen iſt, ſo breitet ſich der letztere nach allen Sei⸗ gten aus. Die Stadtbewohner uͤberzeugten ſich in dem Markt⸗ flecken von dem, was ſie niemals zur Ehre der Menſch⸗ heit glauben wollten und die Einwohner des Markt⸗ fleckens nahmen zu demſelben Zwecke ihre Zuflucht nach der Stadt, wo es wirklich lebende Zeugen gab, welche die wunderbaren und intereſſanten Mittheilungen der kranken Frau wirklich gehoͤrt hatten. Jungfer Lisbeth konnte faſt weiter gar nichts ma⸗ werfe von Zimn wenn die S begeg farbe es ohne ſie jetzt le Tag, e durch gllichſten DHunkeln wiſchen, achdem Freund rt, daß Unſitt⸗ Welt enſchen is zer⸗ Sei⸗ Markt⸗ Nenſch⸗ Markt⸗ öt nach welche en der ts ma⸗ chen, als einer Menge Beſuchenden, die in allen Arten von Anliegen kamen, die Thuͤr oͤffnen und gerade die geheimnißvolle Muͤrriſchkeit, die ſie gegen alle dieſe Spione annahm, eine Geheimnißfuͤlle, die von Laſſe getheilt ward, welcher fuͤr jedes neue Zwoͤlfſchillingſtuͤck, das man ihm in die Hand druͤckte, nur eine und dieſelbe Geſchichte zu erzaͤhlen hatte, naͤmlich die, daß er einen Knaben eingelaſſen, der niemals wieder hinausgegangen — dieſe ganze Myſtification gab dem Laͤrmen nur noch mehr Dauer und Staͤrke. Es war ein wahnſinniges Publikum der letzten Gallerie, das durch den Skandal entzuͤckt und durch das Beifallsklatſchen ermuntert ward, ihn immer noch weiter zu treiben. Wir wollen nun einen Blick auf die armen Acteurs werfen. Dieſe waren nicht entzuͤckt. 3 Lilia, die durch Gunnel ſtufenweiſe den Orkan von Weitem heranziehen hoͤrte, wagte nicht mehr, ihre Zimmer zu verlaſſen, aus Furcht, geſteinigt zu werden, wenn auch nicht gerade mit Steinen, ſo doch durch die Blicke, Mienen und Geberden eines Jeden, der ihr begegnete. Die kleine Heilige biß ſich vor Wuth ihre roſen⸗ farbenen Fingernaͤgel durch. Sie dachte gerade nicht daran, daß ſie eins jener ſeltenen Schlachtopfer geworden, welche gleichzeitig ſchul⸗ dig und unſchuldig ſind. Das, woran ſie dachte, war der unerſetzliche Verluſt, den ſie erlitt, als ſie von der Hoͤhe eines bewunderten, geprieſenen, in dem blendenden Schleier der Unſchuld und Reinheit prangenden We⸗ ſens, ſich in den bodenloſen Abgrund hinabgeſtuͤrzt ſah, in welchem man den Ruf treuloſer Gattinnen begraͤbt, notabene, nachdem man denſelben erſt in Fetzen zer⸗ riſſen und jeden einzelnen Fetzen mit tauſend Stichen durchbohrt hat. Und noch dazu zu wiſſen, daß alles dies im Grunde ungerecht iſt, zu wiſſen, daß man ſo unſchul⸗ dig iſt, wie das Licht des Tages, dem man ſo gerne zu gleichen geſucht und gewollt, und endlich zu wiſſen, daß man nur ſeinem eigenen Leichtſinn, ſeiner eigenen Unbedachtſamkeit, ſeinem thoͤrichten Hange zu kleinen, intereſſanten Intriguen dieſe ploͤtzliche Verwandlung mzu danken hat... alles dies zu wiſſen, iſt beinahe unertraͤglich und um ſo unertraͤglicher, als die„Ver⸗ wandlung“ ſich nicht mehr aͤndern laͤßt, denn die Welt (das heißt, dieſer Winkel der Welt) wußte einmal, was ſie wußte, und tauſend Betheuerungen der Wahr⸗ heit waͤren eine ſo fruchtlos geweſen, wie die andere. Der Schein war dagegen und man mag beden⸗ ken, daß die Frau, welche zu vergeſſen wagt, welch gro⸗ ßes G geſtraf ſein tr wird nigt u anſehe mußte — we gewoͤhl und ar 4 gernaͤg ſie ihr zu ſein ten, G Brief Du Verbr zeihen eigene ſend, und v wende ins jener tig ſchul⸗ hte, war von der endenden en We⸗ irzt ſah, begraͤbt, zen zer⸗ Stichen dies im unſchul⸗ gerne zu wiſſen, eigenen kleinen, andlung beinahe „Ver⸗ he Welt einmal, Wahr⸗ ere. beden⸗ ſch gro⸗ 25 ßes Gewicht der Schein hat, dieſen Fehler niemals un⸗ geſtraft begeht. Kann ſie dann ſich mit ihrem eigenen Bewußt⸗ ſein troͤſten, ſo iſt es gut fuͤr ſie, aber wahrſcheinlich wird ſie doch ſtets von der bittern Ueberzeugung gepei⸗ nigt werden, daß Andere ſie fuͤr eine zweideutige Perſon anſehen. Dieſer Schlag, der ſo entſetzlich fuͤr Jede ſein mußte, die auch nur ein gewoͤhnliches Anſehen genoß — was mußte er nicht fuͤr eine Perſon ſein, die daran gewoͤhnt war, ihre Vollkommenheiten ſo laut geprieſen und angebetet zu ſehen. Wir erzaͤhlten, daß Lilia ihre roſenfarbenen Fin⸗ gernaͤgel zerbiß. Wir muͤſſen leider hinzufuͤgen, daß ſie ihr goldenes Seidenhaar zerraufte und nahe daran zu ſein ſchien, ihr ganzes Sein und Weſen zu vernich⸗ ten, als ſie am Abend des andern Tages folgenden Brief von ihrem Gatten erhielt: „Veraͤchtliches Weib, welches ſich ſtellte, als ob Du Deines Gatten Verbrechen beweinteſt— dieſes Verbrechen, welches Deine ſtrenge Sittlichkeit nicht ver⸗ zeihen konnte— waͤhrend Du es zum Hebel Deiner eigenen Zwecke henutzteſt und waͤhrend Du ſelbſt tau⸗ ſend, tauſendmal verbrecheriſcher warſt! „Weshalb hat die Sprache keine Worte, die bitter und vernichtend genug waͤren, um ſie auf Dich anzu⸗ wenden? 26 „Aber wie kann ich daruͤber klagen! „Koͤnnten wohl Worte nur die entfernteſte Vor⸗ ſtellung von den Gefuͤhlen geben, die ich hege! „Nein, nein, nein! „Ich brenne, ich koche vor Haß... der Haß iſt meine Wolluſt, mein Himmel... ich wate darin, wie in einem hochwallenden Blumenfeld— einem Felde voll vergifteter Blumen. „Aber ich frage nicht danach, daß jede Blume giftig iſt, daß ſie ihren toͤtlichen Duft mir ins Gehirn ſteigen laͤßt und es noch mehr verwirrt. „Hoͤre... haſt Du das Lamm geſehen, welches ſich zu den Fuͤßen ſeiner Herrin ſchmiegt? „So war meine Liebe. „Haſt Du den Tiger bruͤllen und, von ſeinem Inſtinkt getrieben, nach Blut umherſchleichen ſehen? „So iſt ſie. »Blut, Blut, Dein ſchwarzes Blut, Du weißer Engel aus der Hoͤlle, Du keuſche Delila, die den Dolch unter den Roſen der Liebkoſung verbarg, damit ich es nicht ſehen ſollte, als Du den Stoß zielteſt! „Du wollteſt frei werden, ehrvergeßnes Weib, nicht weil Du nicht die Suͤnde verzeihen konnteſt, deren Du ſelbſt ſchuldig warſt, ſondern weil auch Du die Heiligkeit der Ehe verletzt haſt und weil Du Deinen Liebhaber vor Deinem betrogenen Gatten beguͤnſtigteſt. „Schnell, ſchnell, fort von dem Ort, den Du be⸗ fleckt! ſondern Zeit un ſtern K wird r Schoof den Tr 7 gen. ſuchen. gen uͤh hoͤhnte anbetet 2 nicht zwiſche 7. es war lingstr Jugen vor m verſtar dichein teſte Vor⸗ r Haß iſt darin, wie em Felde e Blume s Gehirn , welches n ſeinem ſehen? zu weißer en Dolch it ich es 8 Weib, eſt, deren Du die Deinen unſtigteſt. Du be⸗ dichein mit ſeinem Liebchen im Wege war? 27 flect! Ich willige nicht mehr in die Cheſcheidung, ſondern ich beſtehe darauf— auf ewige Scheidung fuͤr Zeit und Ewigkeit! „Wenn Du einmal verſchmachtend in jener fin⸗ ſtern Kluft liegſt, welche Himmel und Holle ſcheidet, wird meine Hand— ruhte ſie auch in Abrahams Schooße— Dir doch niemals einen einzigen, kuͤhlen⸗ den Tropfen reichen. „Keins der Weſen, die mein ſind, darf Dir fol⸗ gen. Ich verbiete Dir, die Kinder zuruͤckzuhalten zu ſuchen. „Und indem ich meinen Haß, meine Verwuͤnſchun⸗ gen uͤber Dich ausſpreche, die den Mann betrog, ver⸗ hoͤhnte und verrieth, der in Dir Gottes Meiſterwerk anbetete, in demſelben Augenblicke ſchleudere ich auf Dich all das Elend zuruͤck, welches Du uͤber mich ge⸗ gebracht, befehle ich Dir noch einmal, zu fliehen. „Mein Geiſt hat weder Raſt noch Ruh, bevor nicht Aufrufe in allen Zeitungen verkuͤndet haben, daß zwiſchen uns jedes Band zerriſſen iſt. „O, ich Elender, warum ahnete ich nicht, daß Du es warſt— meine Heilige, das Ideal meiner Fruͤh⸗ lingstraͤume, die Prieſterin in dem Tempel meiner Jugendliebe— die der edelgeſinnte, der treue Freund vor meinem profanen Blicke verbergen wollte? Warum verſtand ich nicht, daß meine Anweſenheit dem Stell⸗ „»Mein Gott, erbarme dich, nimm mir den Vet⸗ ſtand! Der Freund, dem ich meinen hoͤchſten Scha anvertraute, die Gattin, der ich meine Ehre anbefahl... „Und ich lebe noch.. ich lebe, weil eine Stimm im Sturme ſich hoͤren laͤßt... ja, ja, eine Stimme *. ich weiß, weshalb ich leben muß. „Flieh hin zum Abgrund Du, ſtuͤrz' in des Pfuhles Bettt, Ach, hoffe niemals mehr, daß ich Dich wieder rette! Wenn in des Jammers Schooß die Reu' dann reget ſich, Wird dann ein Menſch wohl ſein, der Mitleid hat fuͤr Dich? Der Donner des Geſchicks mag brauſend Dich umhallen! „Siehe da, Verbrecherin, meinen Abſchied! „Die Donner der Reue werden einmal vor Dei⸗ nen Ohren hallen... bis dahin genieße die Freude, zu wiſſen, daß Du eine Menſchenſeele gemordet haſt. „Aber dieſe Seele wird Dich verfolgen— hoͤrſt Du— ſie wird Dich in der Nacht rufen, wenn Du vergebens Ruhe ſuchſt. „Verdammt, verdammt, verdammt... durch Dich!il« S T in welch den, me E gewaltſe der Th⸗ Innern V Worte anmuth Gedank Frauen r den Ver⸗ ſten Scha abefahl... de Stimme ne Stimm thles Bettt, rette! nreget ſich, t fuͤr Dich! umhallen 4 ied! vor Dei⸗ ie Freude, det haſt. — hoͤrſt wenn Du durch 13. Lilia in ihrem Innern. Dieſer wahnſinnige Brief, welcher wohl verrieth, in welchem Zuſtande der Verfaſſer deſſelben ſich befun⸗ den, machte auf Lilia einen merkwuͤrdigen Eindruck. Es iſt leicht geweſen, den aͤußeren Ausbruch ihrer gewaltſamen Gefuͤhle zu ſchildern, aber ſchwer iſt es in der That, einen Begriff von der Revolution in ihrem Innern zu geben. Welche Laͤſterungen, welche ſuͤndhaften, unſeligen Worte gingen nicht uͤber dieſe Lippen, welche blos ſo anmuthig geſchaffen zu ſein ſchienen, um die ſchoͤnen Gedanken hervorzufluͤſtern, die ein keuſches und edles Frauenherz birgt! Und warum laͤſterte ſie ihr Schickſal, welches ſie ſelbſt geſchaffen? Weshalb klagte ſie ihren Vater an, der ſie von einer Heuchlerin erziehen laſſen, die fuͤr alle 30 menſchlichen Fehler und Leidenſchaften blind war, um nur nicht aus ihrem eigenen Himmelsſchlafe erweckt 1 werden? Weshalb klagte ſie ſich ſelbſt an, daß ſie ihrerſeitz die Fromme geſpielt, da in ihrem Weſen eine leiden⸗ ſchaftliche, unruhige, herrſchſuͤchtige Seele wohnte, die Alles beſitzen wollte, ohne etwas Anderes, als Broſamen zu ſchenken? Weshalb laͤſterte ſie endlich ihr eigene Herz, welches, außer Stand, ein einziges tiefes, großes 5 9 g und wahres Gefuͤhl zu empfinden, in ſeinem phantaſte⸗ ſchen Uebermuth tauſendmal die demuͤthige Anbetum zuruͤckſtieß, die ihm geboten ward? Sie konnte dieſe„weshalb“ nicht beantworten. Aber die maaßloſe und herzzerreißende Qual, welche ſie nach dem Leſen von Philipps Brief beſtuͤrmte, haͤtt ſie uͤber jenen Strudel in ihrem Gemuͤth aufklaͤren ſol⸗ len, uͤber dieſe aufruͤhreriſche Gaͤhrung in ihrem Blun — eine Gaͤhrung, die in jedem der Worte ſiedete, welche ſie gegen ſich ſelbſt ſchleuderte— ſie haͤtte hieraus er⸗ kennen ſollen, daß dieſer Strudel eine Quelle hatte, die tief unter die aͤußere, von wilden Wogen grollende Fluth hinunterging, aus welcher ihre leidenſchaftlichen Ge⸗ muͤthsbewegungen herzufließen ſchienen. „Verkenne mich denn,“ murmelte ſie,„haſſe, ver⸗ achte mich, raube mir jeden menſchlichen Werth, jedes menſchliche Gefuͤhl, zermalme mich mit Deiner Verach⸗ tung lieben! ü* gleich keit ſch 2 nich o worden * moͤgen ſie alle des ga 1 nen kla ßen H das ſch 2 ob ſie fuͤhrte Kinder Sylvie mit de von de Helden war, um erweckt zu ie ihrerſeitz eine leiden⸗ vohnte, die Broſamen ihr eigenes es, großen phantaſti⸗ Anbetumg vorten. ual, welche rmte, haͤtt fklaͤren ſol⸗ rem Blut ete, welche hieraus er⸗ hatte, die kende Flutz lichen Ge⸗ haſſe, ver⸗ erth, jedes. er Verach⸗ 31 tung— verblendeter Thor, Du ſollſt mich dennoch lieben!“ „Armer Philipp, armer, guter Philipp!“ ſetzte ſie gleich darauf in einem ganz veraͤnderten, von Zaͤrtlich⸗ keit ſchmelzenden Tone hinzu. Wenn er dieſen Ton gehoͤrt haͤtte, waͤre er dann nich auf der Stelle wieder ein eben ſo großer Thor ge⸗ worden, wie je? „Und dieſe erbaͤrmlichen, ſchwatzhaften Zungen ver⸗ moͤgen ſo viel, ſo unerhoͤrt viel... ich wollte, ich koͤnnte ſie alle umbringen, dieſe Laͤſterzungen der ganzen Stadt, des ganzen Marktfleckens!“ Und das kleine, aͤtheriſche Weſen ſtampfte mit ſei⸗ nen kleinen Fuͤßen auf den Boden und die ſchoͤnen, wei⸗ ßen Haͤnde ſchwangen ſich geballt in dichten Kreiſen um das ſchoͤne Engelskoͤpfchen. Aber ploͤtzlich ſprang ſie mit einer Miene auf, als ob ſie wuͤßte, wo ſie Linderung ſuchen muͤßte. Sie ſtieß die Thuͤr auf, die in das naͤchſte Zimmer fuͤhrte und befand ſich nun in dem Aſyl, welches ihre Kinder einſchloß. Der kleine Alban baute Haͤuſer und die kleine Sylvia ſaß ſpielend in ihrem Korbwagen, wo ſie ſich mit den zerbrochenen Spielſachen begnuͤgte, die Gunnel von dem Schlachtfelde auflas, auf welchem Alban ſeine Heldenthaten uͤbte. Es waͤre ein wohlthuendes Gefuͤhl fuͤr Jeden ge⸗ weſen, der jetzt die junge Frau aus einem rachegluͤhen⸗ den, leidenſchaftlichen, im hoͤchſten Grade unweiblichen Weſen ſich in eine zaͤrtliche, ſpielende und laͤchelnde Mut⸗ ter haͤtte verwandeln ſehen. Wenn ein einziges Gefuͤhl bei Lilia wirklich war, ſo war es ihre Zaͤrtlichkeit fuͤr ihre Kinder, aber ſelbſt darein miſchte ſich zuweilen etwas Unreines und Unedles. Oft, wenn ſie Augenzeugen hatte, lag in ihren Bewegungen und in ihrer Art und Weiſe, mit den Kleinen umzugehen, eine Berechnung auf Effect. Ohne einen andern Zeugen als Gott, ihr Herz und die große Gunnel war ſie Mutter in der beſſern Bedeutung des Wortes und wenn ſie das Beduͤrfniß fuͤhlte, ſich von den ungluͤcklichen, bizarren und gefaͤhrlichen Ideen los⸗ zureißen, die oft uͤber ſie kamen, floh ſie zu den Kindern und ward dann unter ihnen fuͤr den Augenblick ſelbſt ein Kind. Aber was vermoͤgen lichte Augenblicke— ſie verſchwinden leicht und Tage der Finſterniß bleiben zuruͤck. Mißverſtandener Stolz, grenzenloſe Eigenliebe, ein außerordentlicher Eigenſinn, das waren die Hauptfehler, welche— in Verbindung mit ihrer Koketterie und ihren fanatiſchen Einfaͤllen— Lilia's Ungluͤck ſchafften. „Und ich ſoll von Euch Beiden mich trennen! ſagte ſie ſchluchzend, waͤhrend ſie die Kleinen eines nach dem an zu vert Gedan via! 5 eins v. ( ten di weißen 2 dem L dem welche wenn Herrn lia; ehe ich mache andere Boͤſes nichts Ich Ein chegluͤhen⸗ weiblichen Inde Mut⸗ wirklich der, aber keines und in ihren mit den ect. Ohne die große utung des ſich von Fdeen los⸗ n Kindern blick ſelbſt e— ſie 6 bleiben aliebe, ein uptfehler, und ihren ken. 1 rennen!“ nes nach 33 dem andern an ihre Bruſt druͤckte...„Wer wagt dies zu verlangen— wie konnte man einen ſo grauſamen Gedanken faſſen... niemals, mein Alban, meine Syl⸗ vial Was ſollte aus mir werden ohne Euch... Und eins von Euch muß ich doch... o Gott, Gott... Sie redete nicht weiter, aber ihre Thraͤnen benetz⸗ ten die muntern Roſenwangen, die an ihrem ſchwan weißen Halſe ruheten. „Iſt es denn ganz gewiß, daß die Geſchichte aus dem Leime geht?“ So fragte Gunnel, die mit dem Ausdruck„aus dem Leime“ die beabſichtigte Eheſcheidung bezeichnete, welche Gunnel um keinen Preis billigen konnte, denn, wenn ſie auch ihre Herrin ſehr liebte, ſo liebte ſie ihren Herrn doch noch mehr. „Wie kannſt Du nur ſo fragen,“ antwortete Li⸗ lia;„Du weißt doch, daß Alles ſchon abgemacht war, ehe ich kam und Dich und die Kinder holte.“ „Ja, aber ganz gewiß waͤre Alles wieder eben zu machen, wenn Sie ſich maͤßigen und ſein wollten, wie andere Frauen. Kein Menſch weiß dem andern etwas Boͤſes nachzuſagen und ich glaube, Sie wiſſen auch nichts— wenigſtens nichts Erhebliches?“ „Schweig, was verſtehſt Du davon!“ „Na, na, ſo ganz blind bin ich doch auch nicht! Ich weiß, daß Sie oben in Stockholm einige Geſchicht⸗ „ Ein Gerücht. III. 3 ——ooooo 34 chen erfahren haben, wo es vieleeicht auch nicht beſſer zugeht, als hier... Na, nun hat der Herr von Ihnen auch etwas Schlimmes gehoͤrt— wenn es auch nicht ſo war, wie die Leute glauben...“ „Nun, und?“ „Nun, ich daͤchte daher, Sie koͤnnten gegenſeitig mit einander aufheben, denn ſehen Sie, es kann Einz ſo unſchuldig ſein, wie das Andere.“ „Liebe Gunnel, Du faͤngſt an, Dir etwas allzu⸗ große Freiheiten herauszunehmen.“ „Das will ich durchaus nicht, aber wenn ich an den ſeligen Herrn Director denke und an ſeine große Liebe zu dem Manne, den er ſo liebte und achtete, daß er ihn zu ſeinem eigenen Sohn haben wollte, ſo geht es mir doch allemal ſehr zu Herzen, wenn nun die ganze Sache nicht auf dieſelbe Weiſe fortbeſtehen ſoll, wie ſie von dem guten, ſeligen Herrn Director zuſam⸗ mengeſetzt wurde.“ Lilia wollte die Bewegung erſticken, welche die Worte der ehrlichen Gunnel in ihr erweckten, aber die Bewegung war im Gegentheil nahe daran, ſie ſelbſt zu erſticken. Wie uͤbel hatte ſie den Hoffnungen ihres Vaters entſprochen! Noch einige Tage und ſie hatte vollſtaͤndig das Band zerriſſen, welches ſie an ſeinem Sterbebette ihm verſp und uͤber Sohr icht beſſet von Ihnen auch nicht gegenſeitig kann Eins vas allzu⸗ un ich an ine große htete, daß ſo geht nun die tehen ſoll, rr zuſam⸗ delche die aber die ſelbſt zu 3 Vaters ndig das ette ihm 35 in Ehr en— noch einige Tage en, in Ehren zu halten einige e war vollſtaͤndig getrennt von der Heinaih getrennt von dem Gatten, der ſeinen Pluc⸗ uͤber ſie ausgeſprochen... getrennt von ihrem Sohn. 14. Die Freunde. Wir wollen nun ſehen, was ſich mit Philipp zu⸗ getragen hatte und was ſich dann ſpaͤter mit ihm und dem Doctor zutrug. Wie waͤre es wohl moͤglich, daß eine ſo ſkandaloͤſe Geſchichte, wie die, welche jetzt in Umlauf kam, nicht gleich im Anfange zu der Perſon dringen ſollte, die, nach der allgemeinen Meinung, bei dem aufgefuͤhrten Schauſpiele die undankbarſte Rolle geſpielt hatte! Allerdings kam Niemand und ſagte: „Lieber Gott, man erzaͤhlt, Ihre Frau ſei geſtern Abend, als Laufburſche verkleidet, bei dem Doctor ver⸗ ſteckt geweſen, gerade zu derſelben Zeit, wo Sie auch dort waren!“ Aber ungeachtet der Zufall wollte, daß Philipp nicht das Loos theilen ſollte, welches gewoͤhnlich mag⸗ gene( einer die le ſo gal ten R gleich allem Nach Ribyl dacht. nicht dem ſtum Amt „Ich nicht ich, heute Titel offen Hau ſreif 7 hilipp zu⸗ ihm und ſkandaloͤſe am, nicht ollte, die, gefuͤhrten te! ei geſtern octor ver⸗ Sie auch Philipp ich uug⸗ 37 gene Ehemaͤnner trifft— naͤmlich das, daß ſie in Folge einer unbegreiflichen Blindheit und Taubheit gewoͤhnlich die letzten ſind, die auf ihre eigenen Koſten lachen— ſo gab er doch Acht auf die Worte und halb unterdruͤck⸗ ten Reden, die von Gott weiß wem kamen und welche, gleich Pfeilen, an ſeinen Ohren vorbeiſauſ'ten. Der Name des Doctors ward ganz beſonders und allemal mit einem zweideutigen Mienenſpiel von den Nachbarn genannt, welche dieſen Tag den Herrn auf Ribyhus beſuchten. Immer noch aber ſchoͤpfte Philipp keinen Ver⸗ dacht. Als jedoch Arnold waͤhrend des ganzen Tages nicht kam, wie er doch verſprochen, ſagte Philipp zu dem neuangekommenen„Intendanten“, einem alten, ſtumpfnaſigen Junggeſellen, welcher— ſobald nicht ſein Amt es erheiſchte— nicht eben ſehr ſprachſelig war: „Ich begreife nicht, warum ich den Doctor heute noch nicht zu ſehen bekommen habe und noch weniger begreife ich, was die Worte zu bedeuten haben ſollen, die ich heute Nachmittag fallen hoͤrte.“ Der Kaͤmmerer Baͤck— das war der Name und Titel des Mannes— antwortete ſchuͤchtern und mit offenbarer Verlegenheit:„Ich hoͤrte... ich habe gehoͤrt .. aber es iſt zu beklagen.... Dies ward Abends am Tiſche geſagt, als der Hausherr und der Vicehausherr allein mit einander ſpeiſ'ten. „»Was,“ rief Philipp,„was beklagen Sie?— Iſt Arnold ein Ungluͤck zugeſtoßen?“ „Allerdings, glaube ich, man kann ſagen, daß er nicht in ein Gluͤck gerathen ſei!“ „Er iſt alſo doch in etwas gerathen?“ „Ich wuͤnſchte, daß der Herr Patron mir nicht die Ehre erzeigte, mich zu fragen— es iſt... zuwei⸗ len ſehr ſchwer... in gewiſſen ſchwierigen Dingen zur Zufriedenheit zu antworten.“ „Aber Sie ſehen doch ein, daß ich nun um ſo we⸗ niger unterlaſſen kann, Sie zu fragen— reden Sie daher ohne Umſchweife!“ „Ja, das iſt ſehr leicht geſagt, aber ich wiederhole, daß es gewiſſe Worte giebt, die Einem im Halſe ſtecken bleiben, wenn man ſie ausſprechen ſoll.“ „Dann wird es wohl das Beſte ſein, wenn ich gleich ſelbſt nach dem Marktflecken hinunterreite!“ Philipp war im Begriff aufzuſtehen. „Warten Sie, Herr Patron, warten Sie einen Augenblick, es iſt vielleicht dch am Beſten, wenn ich die Wahrheit ſage... obſchon ich noch nicht weiß, ob e8... Der arme Kaͤmmerer keuchte ordentlich. Niemand verſtand es weniger, als er, ſich aus delikaten Verlegen⸗ heiten zu ziehen. Philipp begann die Augen auf eine ganz eigen⸗ thuͤmliche Weiſe offen zu halten.* daß er ir nicht zuwei⸗ gen zur ſo we⸗ den Sie derhole, ſtecken enn ich 4 e einen enn ich eiß, ob jemand rlegen⸗ eigen⸗ 39 „Werde ich etwas hoͤren* Der Kaͤmmerer huſtete und begann: „Ein Frauenzimmer..* „Ach der Tauſend, die alte Frau— vielleicht eine ungluͤckliche Operation, von der man glaubt, daß ſie ſeinem Rufe ſchaden koͤnne 2* „Ja, die alte, kranke Frau hat wirklich ſeinem Rufe geſchadet. Sie i*ſt es, die die Geſchichte ausgeplaudert hat, erſt im Gaſthofe und dann da, wo ſie hingefah⸗ ren iſt.“ „Was fuͤr eine Geſchichte?“ „Nun, von dem Knaben... von einem verkleide⸗ ten Knaben, einem ganz kleinen Knaben... einem . einem... mit einem Wort, keinem Knaben— man weiß es im ganzen Orte und ganz gewiß, wie hier die Verhaͤltniſſe ſind, auch in der ganzen Stadt.“ „Sind Sie denn naͤrriſch— ein Knabe, der kein Knabe iſt!“ Der Kaͤmmerer keuchte: „... ſondern eine junge, ſchoͤne, ſehr kleine Dame, welche... heimlich ſich bei dem Doctor Raths erholte und eben ſo heimlich— obſchon ſie geſehen wurde— in der Nacht auf ihr Zimmer in dem Gaſthofe zu⸗ ruͤckkehrte.“ Dieſer entſetzliche, alles aufklaͤrende Zuſatz drang ſchaͤrfer und ſchneller, als ein ſpitziger Stahl, durch Phi⸗ lipps, bisher fuͤr jeden derartigen Verdacht verſchloſſenes 40 Herz, aber verwirrte auch gleichzeitig ſeinen Kopf faſt ganz und gar. Er ward bleich wie die Serviette, womit er ſein Angeſicht bedeckte. Hierauf ſtand er, ohne ein Wort weiter zu fragen, auf, und taumelte, obſchon er ganz wenig getrunken, nach der Thuͤr. „Es war vielleicht dumm von mir,“ hob der Kaͤm⸗ merer wieder an,„daß ich mich bewegen ließ, die Wahr⸗ heit zu ſagen, aber wenn man ehrlich und aufrichtig ſein will, kann man doch wohl nicht davon abweichen.” Philipp hoͤrte nicht ein Wort von dieſem Gemiſch von Entſchuldigung und Vertheidigung. Waͤhrend der Kaͤmmerer fortfuhr, bedaͤchtig ein Ei nach dem andern zu eſſen und— gleichſam als Zu⸗ flucht fuͤr ſeine immer noch andauernde Verlegenheit— Pyramiden von Schalen aufzubauen, hatte Philipp ein Pferd ſatteln laſſen und war, bevor der Kaͤmmerer vom Tiſche aufſtand, ſchon auf dem halben Wege nach dem kleinen Marktflecken, der kaum eine halbe Viertelmeile von Ribyhus entfernt war. ——O—/—ò „Der Doctor iſt nicht zu Hauſe!« ſagte Laſſe, der, mit den Haͤnden gravitaͤtiſch in den Taſchen, an der Schwelle des Hauſes ſtand und in die Sonne blinzelte. „ indem ſeite ſch wollte denen ſie, ett melnd, ſich ſo an H mir n laſſe, mit A mer h des 2 der C men nen? Kopf faſt t er ſein in Wort er ganz er Kaͤm⸗ 2 Wahr⸗ ufrichtig beichen.“ Gemiſch ein Ei als Zu⸗ eit— lipp ein eer vom ich dem telmeile 41 „Das muß ich ſelbſt ſehen!“ antwortete Philipp, indem er ohne weitere Umſtaͤnde den Thuͤrhuͤter bei⸗ ſeite ſchob. „Aber haben Sie doch die Guͤte, zu hoͤren!“ ſetzte Laſſe mit mehr Nachdruck hinzu...„Jungfer Lisbeth, i*ſt es nicht wahr, daß der Doctor abweſend iſt?“ Jungfer Lisbeth guckte zur Kuͤchenthuͤr heraus und wollte ehen Laſſe's Ausſage bekraͤftigen, als ihre Augen denen Philipps begegneten, welche ſie ſo erſchreckten, daß ſie, etwas von dem Teufel und ſeinem Anhange mur⸗ melnd, die Thuͤr wieder zuſchlug und es Laſſe uͤberließ, ſich ſo gut wie moͤglich aus der Affaire zu ziehen. Und Laſſe's Auskunftsmittel beſtand darin, daß er an Herrn Thurné's Gefuͤhl zu appelliren ſuchte. „Lieber Herr, die Sache iſt ſo, daß der Doctor mir mit Pruͤgel gedroht hat, wenn ich Jemanden ein⸗ laſſe, der nicht wegen einer Krankheit kommt.“ „Aus dem Wege, Knabe!“ war die kurze Antwort. Und nun trat Philipp, verſtoͤrt, wie er war und mit Angſtſchweiß auf der Stirn, in Arnolds Schlafzim⸗ mer hinein. Der Doctor, der mit Fleiß fuͤr alle Neuigkeiten des Tages taub ſein wollte und ſich immer noch mit der Gewißheit troͤſtete, daß die alte Frau keinen Na⸗ men wuͤßte, hatte zehnmal im Verlaufe des Tages ſei⸗ nen Wagen anſpannen laſſen wollen, um nach Ribyhus 42 zu fahren, aber allemal hatte ihn ein unuͤberwindlig unbehagliches Gefuͤhl zuruͤckgehalten. Sein Gewiſſen war rein in Bezug auf dieſe letzt Zuſammenkunft, aber es hatten auch fruͤher deren ſtatt gefunden und dieſe Vergangenheit draͤngte ſich fortwaͤh⸗ rend in die Gegenwart hinein, obſchon nichts verſchiede⸗ ner ſein konnte. Arnold lag auf dem Sopha, in ſeinen Schlafroch gewickelt, den er den ganzen Tag nicht abgelegt und qualmte und rauchte ſo, daß er, in dichte Wolken einge⸗ huͤllt, erſt gar nicht ſah, wer es war, der zu ihm her⸗ eintrat. Aergerlich uͤber dieſe Stoͤrung— obſchon ſeine Lage ganz gewiß von der Art war, daß jede Aenderung in ſeinem Gedankengange fuͤr einen Gewinn angeſehen werden mußte— ſtand er auf, um nach der Veranlaſ⸗ ſung dieſer Stoͤrung zu ſehen. „Komme ich vielleicht heute eben ſo ungelegen, wie geſtern Abend?“ fragte Philipp, wie von einem kalten Fieberfroſt geſchuͤttelt. „Nein, gewiß nicht, beſter Freund!“ antwortete Arnold in ſo ruhigem Tone, daß Philipp, langſam Athem ſchoͤpfend, in ſeinem Kopfe den erſten klaren Ge⸗ danken aufſteigen fuͤhlte, den er gehabt, ſeitdem er von zu Hauſe fortgeritten. Und dieſer Gedanke ſagte ihm, daß er ohne Zweifel von einer Fieberphantaſie befallen worden ſein muͤſſe. V Erroͤthe um G. macht! 7. hatte n „ „ ruhe fu auf de junge 7. 2 en. hen 2 um ſei 7 verfloſ 5 gewahl erwindlich dieſe letzt ren ſtatt⸗ fortwaͤh⸗ derſchiede⸗ Schlafroc legt und en einge⸗ ihm her⸗ on ſeine enderung ngeſehen deranlaſ⸗ gen, wie 1 kalten twortete angſam ten Ge⸗ er von Zweifel uͤſſe. 43 Verdacht gegen Arnold— und aus welchem Grunde? Erroͤthend, verlegen, ſchnell uͤberzeugt, daß er ſich ſelbſt zum Gegenſtand eines entſetzlichen Mißverſtaͤndniſſes ge⸗ macht habe, ſtammelte er die Worte: „Verzeihe mir; Bruder... dieſes alberne Geſchwaͤtz hatte mir den Kopf verwirrt.“ „Albernes Geſchwaͤtz? „Ja, mein Freund.. lache, lache herzlich— ich wuͤrde daſſelbe thun, wenn ich das Lachen nicht ver⸗ lernt haͤtte.“ „Aber woruͤber ſoll ich denn lachen?“ „Nun, weißt Du nichts?“ „Philipp, Du machſt mich unruhig... „Nein, ich war es, der eine ſiedende, toͤdtliche Un⸗ ruhe fuͤhlte... ach, ein ſolcher Schmerz— ich war auf dem Wege, den Verſtand zu verlieren... der junge Knabe...“ „Welcher— was meinſt Du?* Vergebens ſuchte Arnold ſich unbefangen zu zei⸗ gen. Konnte er verhindern, daß ſein Ton den natuͤrli⸗ chen Ausdruck verlor? War es uͤberdies finſter genug, um ſeine Roͤthe zu verbergen? Dieſer Juliabend war nicht ſo truͤbe, als der letzt⸗ verfloſſene. Philipp, der dieſe verraͤtheriſchen Anzeichen ſofort gewahrte, begann wieder, ſeinen Fieberfroſt zu bekommen. 44 „Erinnerſt Du Dich denn nicht mehr des Knabn wuͤrde den Du in dem kleinen Saale warten hießeſt?* ben, n „Allerdings und zwar um ſo mehr“— dies war packt he mit Nachdruck geſagt—„als ich Dich erſuchte, dun 7 daſſelbe Zimmer zu gehen.“ nem T „Jedermann kann zuweilen zerſtreut ſein, aber Du, de giebt gluͤcklicherweiſe auch Leute, die es nicht ſind.. 33 ich ſah Niemanden, als ich hineinkam.“ rend er Nun, da es zu einer Erklaͤrung kommen mußte anzunel bekam Arnold ſeine Ruhe wieder.„Philipp,“ ſagte 5 zu ſich ſelbſt,„wird ſich uͤberzeugen laſſen, und ich wil 3 daher das Geheimniß preisgeben, welches ſeit geſten Skande Abend nur noch eine vertrocknete Erinnerung iſt.“ Munde „Mein lieber Philipp,“ ſagte er laut, viſt es mog Du m lich, daß— was Du auch gehoͤrt, denn ich darf nich mal er laͤnger thun, als ob ich Dich nicht verſtuͤnde— iſt kleidet moͤglich, daß Du glauben kannſt, ich haͤtte, waͤhren ſie es! Du in Deinen Schmerzen vergehſt, alle Ehre verge ſend, Deine Gattin in einer Eigenſchaft als Geliebte be * 8 mir empfangen koͤnnen? Oder kannſt Du von ihn„ glauben, daß ſie bis zu dieſem Grade ſich vergeſſen ligkeit wuͤrde?« ſo zu „Du geſtehſt alſo— Du geſtehſt... ha, Du haͤtte— Verraͤther!“ hier we Philipp ſtuͤrzte ſich wie ein wilder Panther auf„ den, den er tauſendmal Freund und Bruder genannt nicht Und in ſeiner Wuth, die ihn jedes Gedankens beraubte, war ne 45 es Knabn wuͤrde er Arnold einen Schlag ins Geſicht gegeben ha⸗ 25 ben, wenn ihn dieſer nicht blitzſchnell beim Arme ge⸗ dies wa packt haͤtte. hte, dun„Schaͤme Dich, Du armer Thor!“ ſagte er in ei⸗ nem Tone eiſigen Mitleidens.„Welchen Beweis haſt , aber Du, der Deine Handlungsweiſe rechtfertigen koͤnnte?“ ſind.„Beweiſe! Ich, Beweiſe!“ ſtammelte Philipp, waͤh⸗ rend er wieder einen Schein von Gewalt uͤber ſich ſelbſt —mußtz anzunehmen ſuchte. ſagte„Nun, wo ſind ſie?“ d ich wi„Erinnere Dich nur zweier Dinge, im Fall der eit geſten Skandal noch nicht hinreicht, der ſchon in Jedermanns ſt. Munde iſt... Du fielſt ohnmaͤchtig nieder, nachdem tes mig Du mir ihr Verſprechen gebracht, daß ſie mich noch ein⸗ darf nich mal empfangen wolle und geſtern Abend war ſie ver⸗ — iſt a kleidet und allein mit Dir eingeſchloſſen— oder war waͤhren ſie es nicht?“ re vergef„Sie war es— aber... eliebte be„Ach, ich wußte es ſchon!“ von ihr„Aber ich ſchwoͤre Dir, Philipp, bei meiner Se⸗ vergeſſen ligkeit— Du weißt, daß ich nicht im Stande waͤre, ſo zu ſagen, wenn ich eine Luͤge auf dem Gewiſſen ha, Du haͤtte— ich ſchwoͤre, daß ſie wegen eines Gegenſtandes hier war, der ſie einzig und allein ſelbſt anging.“ ather auf„Und wegen dieſes Gegenſtandes konnte ſie Dich genannt nicht am Tage beſuchen oder Dich holen laſſen? Es bergubte, war noͤthig, daß ſie ihr Geſchlecht verleugnete, um ſich 46 zu verbergen und endlich, daß ſie aus dem Gaſthoft Ehema die Verworfene war wahrſcheinlich auf dem Ruͤckm fuͤr den mit den Kindern— ſich ſowohl hinaus als wieder hj beleidig ein ſtahl?“„ „Verſuche nur, mich zu hoͤren, Philipp!“ „Das iſt freilich die gewoͤhnliche Art und Wei— aue wie ein Freund ſich dem andern mittheilt oder wie Patient einen Arzt um Rath fragt!“ teſt 8. „Hoͤre mich nur, Verblendeter, ehe Du wei hegte. ſprichſt... Du kennſt ja die excentriſchen Seiten Kleinod dem Gemuͤthe Deiner Gattin.“.*.. j „Ich weiß blos eins, das, daß ſie den Nam ich mei den ihre Kinder tragen, entehrt hat.“ warum „Bei Gott, das iſt Unwahrheit— ſie hat dun giebt, i ihre bizarren Einfaͤlle, ihre unſelige Unvorſichtigkeit un der ſich ihren Hang zu Intriguen und Geheimnißmacherei ei ein Fre Handlung begangen, die fuͤr tadelnswerth angeſehe 5 werden kann, aber niemals iſt ſie verbrecheriſch geweſen brochen „Vortrefflich philoſophirt... verſuche doch, diß T intereſſante Erklaͤrung weiter zu verbreiten— Du wir der auf ja ſehen, ob Jemand ſie glaubt. Ihr Engelsſchmuck 5 mit ihrer Ehre rettungslos verloren.“ nagende „Aber, Menſch, willſt Du denn nicht begreifet 5 daß Du mich tief beleidigſt, wenn Du meine Wor Gedanl laͤnger bezweifelſt!“ vorher „Beleidigen... ich... Dich!... ha, ha, he mehrt! . Der arme, betrogene, verhoͤhnte und verſpotte C 47 Gaſthofe. Ehemann, der zum Freunde kommt und Rechenſchaft Nuͤckw fuͤr den Schatz fordert, den er ihm anvertraut— er wieder hi beleidigt den Liebhaber.“ „Philipp, Philipples 5 Das Antlitz des Doctors war weißer als Schnee und Wi— auch er fing an zu zittern. der wie„O Du Ungeheuer in Menſchengeſtalt, wie konn⸗ teſt Du ſo das Vertrauen verrathen, welches ich zu Dir Du wa hegte... Ich bat Dich, das ſchoͤnſte, das theuerſte Seiten: Kleinod zu huͤten, das ich beſaß, und Du ſtahlſt es mir ... ja, Du raubteſt mir dieſes Weib, auf welches n Nams ich meine ganze Hoffnung geſetzt... allmaͤchtiger Gott, warum geſtatteſt Du, daß es Henker fuͤr das Herz hat du giebt, wie fuͤr den Koͤrper— ja, ja, es war ein Freund, tigkeit m der ſich die Aufgabe ſtellte, mein Henker zu werden, cherei ein ein Freund, der ſeines Bruders Blut verrieth.“ angeſehn Nun war die Spannung in Philipps Seele ge⸗ geweſen brochen. doch, die Die Haͤnde vor das Geſicht druͤckend, ſank er nie⸗ Du win der auf einen Stuhl und ſchluchzte laut wie ein Kind. ſchmuck i Mit Blicken unausſprechlicher Theilnahme und nagenden Kummers betrachtete ihn Arnold. begreifen Wie furchtbar litt er nicht bei dem grauſamen ine Wor Gedanken, daß er, wiewohl unſchuldig, Philipps ſchon vorher ſo ſchwere Buͤrde um eine ſo entſetzliche Laſt ver⸗ a, ha, hi mehrt hatte. verſpotte Einige Augenblicke lang waren der Zorn nahe daran geweſen, auch Arnolds Seele zu uͤbermanm Grund aber der Schmerz gewann die Oberhand. als au⸗ „Beruhige Dich, armer Bruder— ich verſpren Zeitlan Dir heilig, Alles zu thun, was in meiner Macht ſtah rend d um Deine Frau zu bewegen, daß ſie Dir die Urſat ihr— ihres Beſuches hier bekennt und dafern ſie nicht eben ſtreuun boͤs iſt, wie leichtſinnig, wird ſie es thun.“ kokettir Lange ſprach Arnold vergebens. Endlich antwen tete Philipp: „Schwoͤre mir denn, Arnold— denn Du haf wenig ja ſelbſt mir erklaͤrt, daß Du den Schwur heilig haͤll — 8 ir T ine Fr„ h mir, daß Du meine Frau niemals gelie auffta Das Blut trat ſiedend in Arnolds Geſicht empe ben m „Du biſt unſchluͤſſig... ſiehſt Dul“ deſſen „Ich ſehe, daß der Augenblick gekommen iſt, un Frau, Dir etwas zu vertrauen, was... aber ich bitte Dich theitere verfalle nicht wieder in Deinen Wahnwitz, denn it 4 bin eben ſo unſchuldig! Niemals, niemals habe i ſchuldie Dich in den Schatten ſtellen wollen.“ ſprechen „O nein, das perſteht ſich— der Augenblit Schwaͤ das Schickſal... Dein ungluͤcklicher Stern wollt ſchnell es, ſtatt Deiner. Du warſt durchaus unſchuldig, un⸗„ beſchreiblich unſchuldig!“ einen? Philipp ſprach mit bitterem Hohn. ſonderb „Ich mache nicht ſolche Anklagen, welche nur Tro Ich lie fuͤr den enthalten, der nicht ſeinem Uebel auf der und oh Ein G 7 49 dermanm Grund ſehen will, aber das habe ich ſowohl gewollt, als auch gethan. Ich habe nur zu bereuen, daß ich eine verſpret Zeitlang Deine Frau nicht zu beurtheilen verſtand. Waͤh⸗ dacht ſta rend der erſten Wochen Deiner Abweſenheit gefiel es die Urſaz ihr— weil ſie fuͤr den Augenblick keine andere Zer⸗ cht eben ſtreuung hatte— ihre Augen auf mich zu werfen, zu kokettiren... kurz...“ h antwa„Kurz: ſie zeigte ſich gefallſuͤchtig und Du ſchwach.“ Du ka„Ja, in der That, das iſt die ganze Geſchichte in lr un wenig Worten.“ 88 gelii„Wenig Worte,“ ſagte Philipp, indem er wieder aufſtand, koͤnnen ſehr viel ausdruͤcken und dieſe ha⸗ ben mich uͤberzeugt, daß Du wirklich Alles geweſen biſt, deſſen ich Dich angeklagt habe; der Liebhaber meiner Frau, ihr Mitſchuldiger. Zwiſchen uns findet keine cht empe⸗ niſten weitere Gemeinſchaft ſtatt... leb wohl!“ denn t Philipp hatte ſich bemuͤht, ohne unnoͤthige Be⸗ habe in ſchuldigungen, kalt und maͤnnlich dieſe Worte auszu⸗ ſprechen. Aber er haͤtte abermals ein Beiſpiel ſeiner lugenblic Schwaͤche gegeben— das fuͤhlte er— wenn er nicht ern wollte ſchnell geflohen waͤre. uldig, un⸗„Noch einen Augenblick, bevor Du auf immer einen Freund von Dir ſtoͤßeſt, den Du in Folge ein r ſonderbaren Verblendung zu verkennen Dich beſtrebſt! nur Tro Ich liebte Deine Gattin, aber ich liebe ſie nicht mehr auf de und ohne Schwur, aber auf das Wort eines ehrlichen Ein Gerücht. III. 4 50 Mannes, ich war kein treuloſer Freund, ich war... ein platoniſcher Anbeter, aber nicht ein beguͤnſtigter.“ Philipp machte eine veraͤchtliche Geberde. „Du magſt geweſen ſein, was Du willſt, ſo biſt Du doch ein Verraͤther geweſen!“ Er ſtuͤrzte hinaus, warf ſich auf das nicht abge⸗ ſattelte Pferd und ließ es gehen, wohin es wollte, ſo gedankenlos war er. Wo er dieſe Nacht zugebracht hauig, das wujis Niemand, nich einmal er ſelbſt.. Als er am andern Morgen wieder nach Hauſe kam, war ſein Ausſehen ſo verſtoͤrt und ſeine Kleidung in ſolcher Unordnung, daß Alle, die ihn ſahen, fuͤr ihn; tor zitterten. flu In ſeinem Zimmer angekommen, ſchloß er ſich ein Ph und ſchrieb und ſendete die wilde Herzensergießung ab, die wir in Lilia's Haͤnden geſehen haben. den 8 ——— dar... tigter.“ ſo biſt hht abge⸗ vollte, ſo s wußte h Hauſe Kleidung fuͤr ihn ſich ein zung ab, 15. Brieſwechſel. Was that mittlerweile der Doctor? Daſſelbe, was der Ehemann that; auch der Doc⸗ tor ſchrieb an Lilia, waͤhrend er noch unter dem Ein⸗ fluſſe der kraͤnkenden und bitteren Gefuͤhle ſtand, die Philipps Beſuch in ſeiner Seele zuruͤckgelaſſen. Und Arnolds Poſt traf die junge Frau gerade in dem Augenblick, wo ſie ihre Kinder verließ, in deren Geſellſchaft ſie, wie man ſich erinnern wird— wenn auch nicht einen Troſt, wenigſtens ein ſchmerzſtillendes Mittel gegen die Stuͤrme geſucht, die durch den Brief ihres Mannes erweckt worden.— Sobald ſie Arnolds Handſchrift erkannte, durch⸗ zuckte ſie gleichzeitig ein Schauer der Reue und des Schreckens. „Dieſe Maͤnner, dieſe ſchwachen Maͤnner,“ mur⸗ melte ſie;„heut laſſen ſie ſich ihre Verſprechungen ab⸗ 4* das geringſte Hinderniß ſtoͤßt— wieder zuruͤckzunehmen. Und entſteht dann irgend ein aͤrgerliches Geruͤcht, ſo muß es auf Koſten alles Zartgefuͤhls zum Schweigen gebracht werden. Die Maͤnner haben jetzt nicht mehr den geringſten Begriff von den ritterlichen Ehrengeſetzen, welche fruͤher galten; ſie haben“— Lilia lachte laut und gellend—„ſogar den Muth, die Frau anzuklagen, welche ſie durch Zufall in irgend eine Verlegenheit ge⸗ bracht hat O, und gleichwohl hat es eine Zeit gege⸗ ben, wo ein Mann ſich eher die Zunge abgebiſſen, als eine Frau verrathen haͤtte... Ungluͤcklicherweiſe iſt dieſe Zeit jetzt nur noch eine Tradition.“ Waͤhrend dieſe zornigen Gedanken in ihrem Kopfe brannten, erbrachen die Haͤnde das Siegel des Briefes und waͤhrend ſie denſelben las, flog uͤber ihr Antlitz ein Blitz bald der Zufriedenheit, bald eines entſchloſſenen, kalten Zornes. Und doch bewies der Brief des Doctors nicht, daß ritterliche Denkungsart bei den Maͤnnern nur noch eine Tradition ſei. Dieſer Brief hatte folgenden Inhalt: „Geehrte Frau! „Ein unguͤnſtiges Schickſal ſcheint es ſich zur Aufgabe gemacht zu haben, unter der Geſtalt aller moͤg⸗ lichen verdrießlichen Umſtaͤnde die Faͤden zu verwirren, betteln, um ſie morgen— dafern ihre Erfuͤllung auf ng auf ehmen. cht, ſo weigen t mehr geſetzen, te laut klagen, heit ge⸗ t gege⸗ n, als ſt dieſe Kopfe Briefes litz ein ſſenen, ht, daß ch eine ch zur rmoͤg⸗ virren, 53 welche Sie ſo unbedachtſam aufzuziehen fuͤr gut befun⸗ den haben. „Dieſe verdrießlichen Umſtaͤnde— die ſchon im Voraus zu befuͤrchten ſtanden— haben Sie zu meiner Geliebten gemacht und zugleich zu einer verbreche⸗ riſchen Gattin geſtempelt und mich zu einem treuloſen Freunde, einem Manne ohne Ehre. „Das ſind die Folgen, die eine einzige, unuͤberlegte Handlung herbeigefuͤhrt hat! „Ich mache Ihnen keine Vorwuͤrfe, aber ich ap⸗ pellire an Ihr Gewiſſen und wie ich hoffe, nicht ver⸗ gebens. „Sie werden mir mein Verſchwiegenheitsgeluͤbde zuruͤckgeben und wenn Sie mir dann geſtatten, frei zu handeln, ſo wird Alles noch ausgeglichen und Ihr Ruf eben ſo rein wieder hergeſtellt werden koͤnnen, wie vorher. „Verſtehen Sie mich! Fuͤr Sie waͤre jetzt die Wiederverſoͤhnung mit Ihrem Gatten der allerhoͤchſte Gewinn, ja ein Gluͤck, welches durch keine Demuͤthigung theuer genug bezahlt werden koͤnnte. Die Scheidung wirft wieder einen nicht wieder zu entfernenden Schat⸗ ten auf Sie und vielleicht auch auf mich, der ich, wie Sie wiſſen, keinen andern Fehler begangen, als daß ich mich ein Mal von Ihrem Gaukelſpiel, das andere Mal von Ihren Bitten taͤuſchen ließ. „Philipp weiß Alles, bis auf den Gegenſtand un⸗ ſerer letzten Unterredung. —— — 54 „Er iſt hier geweſen— und zuͤrnen Sie nicht— zwiſchen uns fielen ſolche Worte, daß ich mich fuͤr ver⸗ pflichtet anſah, zu geſtehen, daß Sie einmal mich zur Zielſcheibe Ihres Scherzes zu waͤhlen beliebten... der Fehler war mein, denn in ſolchen Faͤllen iſt es ſtets der Fehler des Mannes, weil er ſich als Dummkopf zeigt. „Inzwiſchen hat Philipp mich verlaſſen, ohne von meiner Schuldloſigkeit uͤberzeugt zu ſein und ich habe ihm bei meiner Ehre verſprochen, Alles zu thun, um Sie zu vermoͤgen, die Veranlaſſung zu Ihrem Beſuche bei mir zu bekennen. „Dieſes Bekenntniß, welches durch ſeinen Zuſam⸗ menhang mit einem zweiten ihn mit Beſtuͤrzung erfuͤl⸗ len wird, kann und wird auch in ſeiner ſo feurigen und edlen Seele Erinnerungen und Gefuͤhle erwecken, die Alles veraͤndern koͤnnen. „Ich beſchwoͤre Sie daher, geehrte Frau, ich be⸗ ſchwoͤre Sie inſtaͤndig, um Ihrer ſelbſt und um meinet⸗ willen, den Mann, deſſen Namen Sie noch tragen, zu uͤberzeugen, die ganze Welt zu uͤberzeugen, daß wir, Sie und ich, fuͤr einander nichts ſind und daß blos ge⸗ ſchaͤftliche oder, wenn es Ihnen ſo gefaͤllt, freundſchaft⸗ liche Verhaͤltniſſe zwiſchen uns ſtattgefunden haben. „Mit groͤßter Unruhe erwarte ich Ihre Antwort. Moͤchte Gott Ihnen den Ausweg zeigen, der mit den Forderungen der Pflicht und der Chre uͤbereinſtimmt! „Beliebt es Ihnen, meinen Rath zu befolgen, ſo ermaͤ Ihre — d daß Zukt Geft regt Sie blick mit hole nich richt— fuͤr ver⸗ nich zur .. del s ſtets of zeigt. hne von ch habe n, um Beſuche Zuſam⸗ g erfuͤl⸗ gen und en, die ich be⸗ meinet⸗ gen, zu aß wir, blos ge⸗ dſchaft⸗ en. ntwort. mit den timmt! gen, ſo 55 ermaͤchtigen Sie mich durch eine Zeile, in Ihrem und Ihrer Kinder Intereſſe zu handeln und Sie ſollen ſehen — darauf gebe ich Ihnen meine volle Verſicherung— daß die Sache einen Ausgang nimmt, den Sie in der Zukunft ewig ſegnen werden. „Schreiben Sie nicht in der erſten Heftigkeit Ihrer Gefuͤhle, wenn etwa ein Brief von Philipp Sie aufge⸗ regt haben ſollte! Nehmen Sie ſich Zeit und erinnern Sie ſich vor Allem, daß es ſich nicht um den Augen⸗ blick, ſondern um Ihr ganzes zukuͤnftiges Leben handelt. „Wenn Alles wieder ausgeſoͤhnt iſt, machen Sie mit Ihrem Manne eine laͤngere Reiſe und ich wieder⸗ hole, was ich Ihnen ſchon muͤndlich ſagte, daß es dann nichts giebt, was nicht arrangirt werden koͤnnte. Arnold Warvner.“ „N. S. Sollten Sie gleichwohl, Allem entgegen, was Ihr eigenes Intereſſe von Ihnen erheiſcht, bei Ihrem unſeligen Entſchluß zu einer Scheidung behar⸗ ren, ſo wiſſen Sie, geehrte Frau, daß ich außer Stande bin, das Verſprechen zu verletzen, das ich einmal ge⸗ geben.“ „Das war alſo gut,“ ſagte Lilia, indem ſie den Brief in ihrer Hand zuſammenknitterte. Waͤhrend der Nacht, die auf dieſen erſchuͤtternden Abend folgte, ging die junge Frau nicht zur Ruhe. Bald wandelte ſie auf dem Fußboden hin und her, bald ſaß ſie zuſammengekauert in dem Lehnſtuhle, gruͤ⸗ belnd und unentſchluͤſſig, bald ſchlich ſie leife in die Kinderſtube, fiel auf die Knie und weinte. Ungeachtet aller dieſer Bewegungen aber ward ſie von keinem Hauche verſoͤhnenden Friedens angeweht. Ihr eiſerner Sinn wollte nicht nachgeben, ihre ſchiefen Begriffe von Ehre und weiblicher Wuͤrde wur⸗ den durch nichts berichtigt und ihr ſelbſtſuͤchtiges Herz dachte nur an ſeine eigenen Leiden— die Leiden, welche Andere um ihretwillen ertrugen, beruͤhrten ſie nur fluͤchtig. Als der Morgen kam, war ſie inzwiſchen ruhig, denn ſie hatte jedes Bedenken uͤberwunden, und wenn ſie dies nicht konnte, uͤbergangen. Sie ſetzte ſich nun an den Schreibtiſch und ſchrieb drei Briefe— einen an den Doctor, einen an ihren Gatten, und einen an ihren Sachwalter, Landrichter T. Wir laſſen dieſe Briefe hier folgen: Nro. 1. „Mein beſter Doctor Warvner! „Eine Frau, die den Schritt thut, den ich gethan, welche, wenn Sie ſo wollen, die Fehltritte begangen hat, die ich mir zu Schulden kommen gelaſſen, muß— ge⸗ rade aus Ruͤckſicht auf die Zukunft, mit Ruͤckſicht auf das Zartgefuͤhl und die Ehre, an welches Sie ſo gern appelliren— ihre Fehltritte niemals durch den nie wie⸗ der g. Barm habe, deln m ich I. anzube die noͤ wirth bernde ihn toͤ ) . nichts . ihrer wenige ſo beſ dieſes eigener 7 Rufz Welt wird uͤ vergeſſ dle, gruͤ⸗ e in die ngeachtet keinem en, ihre de wur⸗ ges Herz I, welche ſie nur n ruhig, d wenn ſchrieb a ihren chter T. gethan, hen hat, — ge⸗ ht auf o gern ie wie⸗ 57 der gutzumachenden vermehren, daß ſie reuevoll die Barmherzigkeit anruft. „Es iſt moͤglich, daß ich minder klug gehandelt habe, aber es iſt auch ſicher, daß ich nicht thoͤricht han⸗ deln werde und das wuͤrde ich in der That thun, wenn ich Ihrem Rathe folgte. „Philipp, deſſen Beduͤrfniß es iſt, das Weſen anzubeten, welches ſeinen Namen traͤgt, wird niemals die noͤthigen Eigenſchaften beſitzen, um Herr und Haus⸗ wirth zu ſein. Der Blumenduft der Che, ihre bezau⸗ bernde Tyrannei waͤre voruͤber und ihre Proſa wuͤrde ihn toͤdten. „Das ſage ich, die ſeine Natur auch kennt. „Daher gebe ich Ihnen von Ihrem Verſprechen nichts zuruͤck, mein gut. Docsor. „Und wie ſehr ich auch beklage, daß Sie mit all ihrer Tugend in das Mißgeſchick gerathen ſind, fuͤr weniger tugendhaft angeſehen zu werden, als Sie ſind, ſo beſchraͤnkt ſich leider meine ganze Theilnahme auf dieſes Beklagen, wofuͤr ich gleichwohl unmoͤglich meine eigenen Intereſſen opfern kann. „Sorgen Sie auch nicht um meinen verletzten Ruf; dieſer unbedeutende Winkel hier iſt nicht die Welt und ein Abenteuer in dem Leben einer Frau wird uͤberdies leicht in den Falten des neuen Rufes vergeſſen, den ihr Wille oder ihr Geiſt ſchaffen kann. „Sie werden ſchon einmal hoͤren, ob ich nicht 58 tauſendmal heiliger geworden bin, als ich geweſen und wer weiß, ob nicht in vollem Ernſte. „Unter allen Umſtaͤnden giebt es auch noch ein eignes Bewußtſein und dies ſagt mir— was Sie eben ſo gut wiſſen, als ich— daß Niemand unſchul⸗ diger leiden kann. Hier brennt mir die Erde unta den Fuͤßen. Die naͤchſte Nachricht, die Sie von mit erhalten, wird Ihnen ſagen, wo Ihre Briefe mich tref⸗ fen koͤnnen. Mit Ungeduld werde ich Ihre Vorſchlaͤg erwarten. Ihrer Klugheit, Ihrer Verſchwiegenheit Ihrer Vorſicht, Ihrer Ehre empfehle ich nichts, denn ich weiß, daß dieſe Eigenſchaften ein Theil Ihres Selbſt ſind. Ihre verbundene Lilia.“ Nro. 2. „Philipp! „Wenn es zu Deiner Beruhigung beitragen kann, ſo betheure ich— bei der Liebe, die Du fruͤher zu mir hegteſt und bei der Liebe, die Du noch fuͤr unſen Kinder hegſt— daß ich niemals, auch nur den Schein eines verbrecheriſchen Gefuͤhls fuͤr den Doctor gehegt habe. „Blos in Folge Deines allzugroßen Vertrauens zu ihm— von welchem wir am letzten Abend vor Deiner dem ki nicht ſ war, w „ bereuet ſelbſt z * gleichw meines ders g. Ich ge trenne Sohn, von m inſtaͤnd 7. abend 7. klagen weſen und noch ein was Sie d unſchul⸗ erde unte e von mit mich tref⸗ Vorſchlaͤg wiegenheit, chts, denn heil Ihret le lia.“ agen kann, fruͤher zu fuͤr unſer den Schein tor gehegt Zertrauens bend vor 59 Deiner Reiſe nach Stockholm ſprachen, ward ich zu dem kindiſchen Einfall getrieben, zu beweiſen, daß er nicht ſo ganz und gar nach dem Muſter geſchaffen war, wie Du zu glauben ſchienſt. „Deine gleichguͤltige Ruhe erzeugte dieſe ſpaͤter bereuete Idee in mir und Du kannſt ſie Dir daher ſelbſt zuſchreiben. „Mein Beſuch bei ihm, vorgeſtern Abend, ward durch einen Umſtand veranlaßt, welcher eben ſo viel Geheimhaltung erforderte, als jemals die Zuſammen⸗ kunft zweier Liebenden. „Von welcher Art dieſer Umſtand war, kann ich gleichwohl nicht erklaͤren. Aber ich nehme den Geiſt meines Vaters zum Zeugen, daß er Niemandem an⸗ ders galt, als mir allein. „Du befiehlſt mir, meine Abreiſe zu beſchleunigen. Ich gehorche Dir, aber nicht ganz, denn von Sylvia trenne ich mich niemals. „Beſtimme den Tag, wo Du Alban, meinen Sohn, holen willſt, meinen Sohn, den Du mich zwingſt, von mir zu laſſen und dem Du daher, wie ich Dich inſtaͤndig bitte, doppelte Liebe widmen wirſt! „Beſtimme zum Beiſpiel naͤchſten Freitag— Sonn⸗ abend muß ich abreiſen. „Ach, Philipp, Philipp, ich verſchmaͤhe es zu klagen! Wenn Du doch wuͤßteſt, welche Leiden Deine — —— 60 Schwaͤche mich gekoſtet hat, welche Leiden ſie nac N koſten wird! „Aber Du haſſeſt mich jetzt, Du haſſeſt mit„ weil Du glaubſt, ich habe daſſelbe Verbrechen began Beſuch gen, wie Du. mit den „Iſt das nicht gleichwohl ſonderbar? lich une „Als ich Dich verſtieß, weil Deine Liebe mi ſheſte, nicht mehr ungetheilt gehoͤrte, beging ich eine himme b 8 di 3 747 aß ich ſchreiende Ungerechtigkeit. desurthe „Aber als ich Dich(ſo glaubſt Du wenigſtens meinen betrog, wie Du mich betrogen, da war es von Die kein Unrecht, ſondern ein Recht, mich zu verſtoßen, z„. verdammen und mit Schimpf zu uͤberhaͤufen!!! „Vergleiche unſer Verhalten! „Der Mann urtheilt allzumild uͤber ſich ſelbſt uͤber das Weib dagegen allzuſtreng. Er verurtheilt ſu ohne Beweis. „Noch einmal— ich bin unſchuldig! „Aber ich verzeihe Dir, ich verzeihe jedes Wort in dieſem wahnſinnigen Briefe, den ich— mit Stil⸗ ſchweigen uͤbergehen will. „O Philipp, verzeihe auch Du ihr, welche bald Deinen Namen ablegen wird— verzeihe ganz heſon⸗ ders, daß ſie denſelben jemals annahm!— L i i g.“ 61 n ſie no Nro. 3. „Beſter Herr Landrichter! aſſeſt mit„Ich erſuche Sie freundlichſt, daß der verabredete chen began Beſuch morgen ſtattfinden moͤchte, um gemeinſchaftlich mit dem Herrn Landrichter— der ſich ſtets ſo freund⸗ lich und vaͤterlich gegen mich gezeigt, die letzten Ge⸗ Lieb ſchaͤfte vor meiner Abreiſe beſorgen zu koͤnnen. Ich ebe mi.. 8. ne himm habe dieſelbe auf Sonnabend feſtgeſetzt, das will ſagen, daß ich den Sonnabend zur Verkuͤndung meines To⸗ 4 desurtheils beſtimmt habe, denn dann wird man mir venigſtan meinen Sohn, mein hoͤchſtes Gut, genommen haben! von i—. 5 or Sie zu der armer rſtoßen, z„Kommen Sie zu der armen 3 n!!! Lilia.“ ſich ſelbſt urtheilt ſie —A edes Wort mit Stil⸗ velche bald anz heſon⸗ i a. 16. Reſignation. Philipps wilde Aufregung hatte ſich immer noc nicht gelegt, als man ihm den Brief ſeiner Frau ein haͤndigte. Aber als er dieſen geleſen hatte, kam es ihn vor, als ob ein kuͤhler Wind um ſein brennendes Hauy wehete, als ob die Vernunft ſich aus dem dicken Nebe herausarbeitete und einer ihrer wohlthaͤtigen Strahle ihm auf einmal zeigte, was er bis jetzt— mit geiſtige Blindheit geſchlagen— nicht geſehen, naͤmlich die Hohl heit der Seele dieſes Weibes, die Selbſtſucht, den Ue bermuth und das Schwankende in ihren Gefuͤhlen, Ge danken und Vorſtellungen. Was hatte er einmal von einem feurigen, tiefe und lebenden Geiſt getraͤumt, was hatte er von jenen Geheimniß getraͤumt, wo ein ſtolzes und edles Wes ihre S zu uͤbe laſſen, nen ſo „ indem durchla 7. wort Verſich deutun und E zug ar ten P. aber di alles d Reue von al alles d einen ches n uͤbergit des kle . weit v rauben 7 nmer noc Frau ein n es ihn des Haup cken Nebe Strahla dit geiſtige h die Hohl t, den Ue uͤhlen, Ge gen, tiefe von jenen dles Wei 63 ihre Schaͤtze verbarg, um mit ihrem Glanz einmal den zu uͤberraſchen, den ſie die Armuth blos deshalb fuͤhlen laſſen, daß er den Reichthum deſto hoͤher ſchaͤtzen ler⸗ nen ſollte! „Ach, ich Thor, wie betrog ich mich!“ ſeufzte er, indem er den Brief Zeile fuͤr Zeile nochmals genau durchlas. „Dieſe unausſprechlich toͤdtende Lauigkeit zur Ant⸗ wort auf meine gluͤhenden Klagen, dieſe gleichguͤltige Verſicherung, daß ſie unſchuldig ſei, dieſe unzarten Hin⸗ deutungen auf eine Zeit, wo ich noch an Ehrlichkeit und Ehre glaubte, dieſe egoiſtiſchen Sophismen in Be⸗ zug auf den Unterſchied in der Untreue, dieſe geſchraub⸗ ten Phraſen, welche beweiſen ſollen, daß ſie Herz hat, aber die in der That beweiſen, daß ſie keins hat... alles dies— und endlich dieſe unweibliche Keckheit, ohne Reue zu ſehen, daß auf ihren und meinen Namen von allen Menſchen mit Fingern gedeutet wird— ja, alles dies uͤberzeugt mich, daß ich nur getraͤumt habe, einen langen, luͤgenhaften Traum. Dieſes Weib, wel⸗ ches noch dazu jetzt mich unbarmherzig der Ungewißheit uͤbergiebt, ſie niemals gereinigt zu ſehen, iſt jedes, auch des kleinſten Gedankens der Sehnſucht unwuͤrdig. „Nun wohl,“ ſetzte er hinzu, indem er den Brief weit von ſich warf,„ſie ſoll mir den Verſtand nicht rauben! „Aber mich ekelt es an, in einer Welt zu leben, 64 wo ſo viel Schaͤndlichkeit, ſolche Kaͤlte, ſolche Hinterliſt un und Untreue gedeiht— wo die Gattin den Gatten ver⸗ wiederge laͤßt— unverſöhnlich, waͤhrend ſie doch ſelbſt fehlt— Anſtale wo der Freund den Freund verraͤth und wo die Men⸗ 1 d ſchen den hoͤhnen und verachten, welcher der Betro⸗ leben gene iſt. 7 „Ich will aber doch nicht mehr, wie ich einmal worden. wollte, dieſes Leben von mir werfen, welches Gott mi E. aufgelegt, um es zu tragen, wie eine Buͤrde. „Ich werde geduldig dieſe Buͤrde tragen bis an's die er 4 Ende, denn ich habe heilige und theure Pflichten zu er⸗ Winkel fuͤllen... O, ihr kleinen, unſchuldigen Weſen, wenn d ich euch das Erwachen zu der bittern Wirklichkeit erleich⸗ paſſen 8 tern koͤnnte, welches einmal auch euch aus dem Para⸗ hierher dies der Unſchuld verjagen wird! den die „Aber fort von allem dieſen, fort von dieſen Erin⸗ tobt hat nerungen, dieſen Schmerzen, dieſen materiellen Sorgen, 1 die ſo lange auf meiner Seele gelaſtet und die ich blos 8 ſo lange tragen konnte, als die heiligen und angenehmen Pflichten der Freundſchaft und der Liebe ſie mir auf⸗ legten... Jetzt keine Geſchaͤfte, keinen Metallklang trennt mehr— was brauche ich Geld— mein Sohn braucht auch dundet noch keins— und eben ſo arm, wie ich in dieſes Haus V kam, nein, tauſendmal aͤrmer, gehe ich wieder hinaus, lebten ſ nichts, als mein Kind und die unſelige Erinnerung an A meine Leiden mit mir nehmend.“ jetzt flie H bauen 1 bedurfte —— Eremit Ein Ge Hinterliſ zatten ver⸗ ſt fehlt— die Men⸗ eer Betro⸗ ich einmal Gott mit bis an's ten zu er⸗ ſen, wenn eit erleich— em Para⸗ ſſen Erin⸗ Sorgen, e ich blos genehmen mir auf⸗ Letallklang aucht auch ſes Haus r hinaus, derung an 65 Und ohne Thraͤnen, ruhig, ſtill, mit einem Hauche wiedergewonnener Kraft, traf auch Philipp ſeine letzten Anſtalten. Der Plan, eine Zeitlang in Arnolds Haus zu leben, war auf eine entſetzliche Weiſe zu nichte ge⸗ worden. Aber Philipp wußte ſchon, wo er hin wollte. Er kannte eine abgelegene, duͤſtere Felſengegend, die er einmal als junger, froͤhlicher Student durchreiſ't hatte. Er hatte damals zu ſich ſelbſt geſagt:„Dieſer Winkel der Welt waͤre fuͤr einen Eremiten der Vorzeit paſſend. Wenn das Gluͤck— das heißt, meine frohe Laune— mir einmal den Ruͤcken kehrt, ſo gehe ich hierher. Hier werde ich weiſe werden koͤnnen, hier wer⸗ den die Stuͤrme verwehen, die in der Welt mich um⸗ tobt haben.“ Dieſe Felſengegend war es, nach welcher Philipp jetzt fliehen wollte. Hier wollte er ſich ein kleines Haus miethen oder bauen und allein, getrennt von allen aͤußeren Banden, getrennt von dieſer Welt, die alle ſeine Gefuͤhle nur ver⸗ wundet hatte, ſich der Erziehung ſeines Sohnes widmen. Vielleicht beſuchten die Muſen ihn wieder und be⸗ lebten ſeine Einſamkeit. Aber ein koͤrperliches Weſen, das fuͤhlte er wohl, bedurfte er zum Troſt und zur Huͤlfe, denn der arme Eremit konnte nicht Alles verſtehen, was ein Kind Ein Gerücht. III. 5 66 braucht. Und nachdem er einige Zeit uͤber dieſen Ge⸗ genſtand nachgedacht, ging ploͤtzlich ein heller Schein uͤber ſein Antlitz. Er wußte eine Perſon, die hinreichend an ihm hing, um ſeine Einſiedelei zu theilen und ſich ſeiner anzu⸗ nehmen. Seine alte Freundin und Aufwaͤrterin in Stock⸗ holm, die artiſtiſche Porzellankitterswitwe, Madame Malmelin, war ihm eingefallen. Dieſe ſollte Alles verlaſſen, ihre Vaſen und Spuͤl⸗ naͤpfe, ihre Liebſchafts⸗ und Geburtstagsbriefe, ihre Pinſel und ihre Federn, um zu dem Manne zu eilen, den ſie einmal als ihren Meiſter verehrte und wie ihren Sohn liebte. Und Philipp ſchrieb daher noch mit der Poſt deſſel⸗ ben Tages: „Meine beſte, liebe Madame Malmelin! „Gott, meine Gattin, meine Freunde, die ganze Welt— Alles hat mich verlaſſen. „Ich bin ungluͤcklich, muͤde, niedergebeugt an Leib und Seele und ſehne mich, einſam und frei von Allem, was mich an das entſchwundene Leben erinnert, nur mir ſelbſt zu leben. „In dem Winkel, wo ich Schutz fuͤr mich und mein Kind ſuche, iſt fuͤr eine erprobte Freundin noch eine Staͤtte uͤbrig. „Verkaufen Sie daher all das Wenige, was Sie beſitzen bereit, enthalts reiſen. niemals ter Sc T junge 2 ſie war tete das die ern V neugier traute kalt, to E unbeſtin alle M konnten das G eſen Ge⸗ -Schein hm hing, her anzu⸗ n Stock⸗ Madame dd Spuͤl⸗ fe, ihre zu eilen, vie ihren eſt deſſel⸗ ¹ die ganze an Leib Allem, ert, nur nich und din noch vas Sie 67 beſitzen, liebe Madame Malmelin, und halten Sie ſich bereit, ſobald als ich Ihnen die Adreſſe meines Auf⸗ enthaltsorts zuſende, ſo ſchnell als moͤglich zu mir zu reiſen. „Laſſen Sie Sich durch nichts abhalten— ich er⸗ ſetze Ihnen doppelt und dreifach Alles, was Sie viel⸗ leicht nicht los werden koͤnnen. Nur eilen Sie, eilen Sie! „Aber eins: Nennen Sie ums Himmels willen niemals einen Namen, bei deſſen bloßem Laute ein kal⸗ ter Schauer meine Glieder durchrieſelt! Philipp.“ Die folgenden Tage, bis zum Freitage, blieb der junge Mann eben ſo ruhig. Moͤglich, daß dieſe Ruhe eine Illuſion war, aber ſie war doch da und er traf ſeine Anordnungen und lei⸗ tete das Einpacken mit einer Beſonnenheit und Kaͤlte, die er noch niemals bei einer Reiſe gezeigt. Vielleicht litt er auch daran, daß blos fremde, neugierige Blicke ihm folgten. Keine freundliche, ver⸗ traute Hand bediente ihn— Alles war gezwungen, kalt, todt. Es war wohl ein Hausherr, der ſein Haus auf unbeſtimmte Zeit und unter Umſtaͤnden verließ, welche alle Mitglieder dieſes Hauſes ruͤhren und intereſſiren konnten, aber da dieſe beinahe alle neu waren, ſo ward das Gefuͤhl von dem Erſtaunen uͤberwaͤltigt und der 5* 68 Kaͤmmerer, Dicks Repraͤſentant, begann ſogar ſchon in gewiſſen Faͤllen, ſich in ſeiner ganzen neuen Hausherrn⸗ wuͤrde zu zeigen, ehe noch der alte Hausherr ſeinen Platz verlaſſen hatte. Donnerſtag Abend war Philipp mit allen ſeinen Zuruͤſtungen fertig und hatte ſich eben niedergeſetzt, um einen Abſchiedsbrief an ſeinen ſo innig geliebten Dick zu ſchreiben— einen Brief, der den armen Knaben bei ſeinem Eintritt in das Vaterhaus bewillkommnen ſollte, welches er ſo verlaſſen fand— gerade, als er zum zehnten Male die Feder ſpitzte und die Thraͤne unter⸗ druͤckte, die ſchon der bloße Gedanke an Dicks Schmerz hervorrief, trat ein Dienſtmaͤdchen mit der Meldung ein, daß Doctor Warvner mit dem Herrn zu ſprechen wuͤnſche. „Ich laſſe mich Herrn Doctor Warvner empfeh⸗ len und bitte ihn, zu entſchuldigen, daß ich beſchaͤftigt bin!“ antwortete Philipp, der unter einem ſtrengen Ton die Bewegung zu verbergen ſuchte, welche der Name des Doctors in ihm hervorrief. 6 Das Maäͤdchen ging, kam aber gleich darauf mit einem Blatt zuruͤck, welches der Doctor aus ſeinem Taſchenbuche geriſſen und auf welches er das einzige Wort geſchrieben: ſchon in usherrn⸗ r ſeinen n ſeinen etzt, um en Dick Knaben ommnen er zum e unter⸗ Schmerz Neldung ſprechen empfeh⸗ ſchaͤftigt gen Ton Name auf mit ſeinem einzige 69 „Beweis.“ „Ach, iſt es ſo,“ rief Philipp...„Ich laſſe den Herrn Doctor bitten, einzutreten!“ „Beweis, Beweis,“ murmelte er unaufhoͤrlich— „welche Beweiſe koͤnnen jetzt geſchafft werden? Hat ſie nicht jedes Geſtaͤndniß verweigert... und wenn ich auch einen Beweis daruͤber bekomme, daß kein verbre⸗ cheriſcher Vorgang ſtattgefunden hat, was thut dies nun fuͤr mich? Hat Arnold nicht mich dennoch betrogen? Hat ſie nicht Untreue geheuchelt, wenn ſie auch in der Wirklichkeit nicht untreu war?... Ach, dieſe Leiden ſind uͤberwunden... ich will ſie nicht von Neuem durchmachen— ich darf Arnold nicht empfangen.“ Aber nun war es zu ſpaͤt, die Sache zu aͤndern, denn der Doctor war ſchon eingetreten. 17. Ein Lebewohl. Bevor wir den Doctor in das Haus eintreten ſehen, wo er bis jetzt als ein geachteter Gaſt und ge⸗ liebter Freund begruͤßt worden, aber nun mit der eiſigen Kaͤlte empfangen ward, die ſich von dem Hausherrn bis auf die Dienſtboten hinab erſtreckte, wollen wir erſt einen Blick zuruͤck auf die aͤußeren Aergerniſſe werfen; die ihm begegneten, nachdem er an dem Abend nach dem ungluͤcklichen Vorfalle ſich von Philipp trennte. Wir haben ſchon damals erwaͤhnt, daß er an die⸗ ſem ganzen Tag nicht ausgeweſen war. Er hatte hierdurch ein paar Krankenbeſuche ver⸗ ſaͤumt, die er in der Nachbarſchaft haͤtte ablegen ſollen, aber es ſchien ihm, daß auch ein Arzt unter gewiſſen Umſtaͤnden die Freiheit haben muß, ein Menſch in der vollen Bedeutung des Wortes zu ſein, und ſintemal keiner ſeiner gegenwaͤrtigen Patienten von einer gefaͤhr⸗ lichen demnac 8 lich ver E tert ur von de ner R ruhen. 2 2 ſen ar mit U Schlaf taſien. 2 daß er 1 die enn ren— mit a Gegen gen. man d doch d jedem es und eintreten und ge⸗ r eiſigen ausherrn wir erſt werfen; nd nach ennte. an die⸗ ſche ver⸗ n ſollen, gewiſſen in der ſintemal gefaͤhr⸗ 71 lichen Krankheit heimgeſucht war, ſo erlaubte er ſich demnach die Freiheit, blos Menſch zu ſein. Der Auftritt mit Philipp hatte ihn außerordent⸗ lich verwundet, gereizt und geſchmerzt. Sein Herz blutete, ſeine Nerven waren erſchuͤt⸗ tert und nachdem er an Lilia den Brief geſchrieben, von deſſen Beantwortung Alles abhing, was zu ſei⸗ ner Rechtfertigung dienen konnte, verſuchte er, zu ruhen. Aber es blieb auch blos bei dem Verſuche. Auch ſein Hirn war etwas angegriffen von die⸗ ſen auf einander gehaͤuften Vorgaͤngen, welche alle mit Unehre auf ihn zuruͤckfielen und ſtatt in den Schlaf, verſank er nur in undeutliche Fieberphan⸗ taſien. Als der Morgen kam, fuͤhlte er mit Schrecken, daß er nicht aufſtehen konnte. Und gleichwohl war es gerade jetzt— wo er alle die entſetzlichen Geruͤchte erfahren, die in Umlauf wa⸗ ren— eine unbedingte Nothwendigkeit, daß er ſich mit aufrechtem Haupte hinausbegab, um durch ſeine Gegenwart die Laͤſterungen zum Schweigen zu brin⸗ gen. Wenn er nicht zum Vorſchein kam, wie mußte man da urtheilen... und inzwiſchen war dies nun doch das, dem er ſich unterwerfen mußte, denn bei jedem Verſuche, das Lager zu verlaſſen, fand er, daß es unmoͤglich war. Kein Bote kam, weder von alten, noch von neuen Patienten. Jungfer Lisbeths Ausſehen verrieth, eben ſo wie Laſſe's, eine verlegene Wichtigkeit und Arnold bemerkte wohl, daß ſie nichts Beſſeres verlangten, als gefragt zu werden— aber er huͤtete ſich, zu fragen. Er wuͤrde es fuͤr eine tiefe Erniedrigung ange⸗ ſehen haben, von den Lippen ſeiner Dienſtleute ſeinen Namen in die Klatſchgeſchichten der kleinen Stadt und des kleinen Marktfleckens miſchen zu hoͤren. Endlich, den Tag darauf, konnte er aufſtehen. Er hatte nun Lilia's Antwort erhalten. Leider aber enthielt dieſe weiter nichts, als neuen Nahrungs⸗ ſtoff fuͤr das Gefuͤhl des Haſſes, welches er jetzt ge⸗ gen das Weſen hegte, das ihn einmal vollkommen ge⸗ blendet hatte. Sie war es, die ihn geſtuͤrzt und gleichwohl war auch ſie es, die ſich weigerte, zu ſeiner Freiſprechung ein fuͤr ihre Eigenliebe und ihren Eigenſinn kraͤnken⸗ des Geſtaͤndniß zu thun. Im Vertrauen darauf, daß er ein viel zu ehrlicher Mann ſei, um ſein Verſpre⸗ chen zu brechen, wagte ſie ſogar dreiſte Scherze uͤber das Mißgeſchick, das ihn getroffen. Unter allen Umſtaͤnden blieb ſie ſich gleich. „Wenigſtens,“ ſagte der Doctor,„werde ich dar⸗ aus machen, was ich kann!“ Er ſteckte den Brief zu ſich und ſuchte darauf ſeine Mazs ſeine eben vorn ihn heit bezw Hau dem auch mit ſo lo daß Aller es g ganz einer man tor, wuͤri einen n neuen ſo wie bemerkte gefragt g ange⸗ te ſeinen tadt und tehen. Leider hrungs⸗ jetzt ge⸗ men ge⸗ ohl war drechung kraͤnken⸗ iuf, daß Verſpre⸗ rze uͤber 5. ich dar⸗ darauf 73 ſeinen ohnmaͤchtigen Zorn unter einer ſehr ſteifen Maske von Wuͤrde und Ruhe zu verbergen. Und als man den Doctor Arnold Warvner, in ſeinem Gig ſitzend, durch den Marktflecken fahren ſah, eben ſo unbekuͤmmert als kurzſichtig gegen alle die vorwitzigen Blicke, die hinter und vor den Jalouſien ihn angafften, konnte man nicht anders, als die Wahr⸗ heit der ſchon allgemein angenommenen Behauptung bezweifeln, daß Schaam und Verlegenheit ihn zu Hauſe zuruͤckgehalten habe. Wenn aber unſer Doctor ausſah, als ob er je⸗ dem Angriff muthig begegnen koͤnnte, ſo bedurfte er auch dieſen Muth. In mehrern Haͤuſern, in die er ging, ward er mit Kaͤlte und Verlegenheit empfangen. Man bedauerte, daß man den Herrn Doctor ſeit ſo langer Zeit nicht zu ſehen bekommen und beklagte, daß ſein eigener Geſundheitszuſtand ſo unſicher waͤre. Allerdings haͤtte er fruͤher nicht ſo ausgeſehen, aber es gaͤbe ja ſo viel auf der Welt, was in der That ganz anders waͤre, als es vorher den Anſchein gehabt. In einer andern Familie kam man ihm mit einer unverſchaͤmten Theilnahme entgegen und erklaͤrte, man habe viel zu viel Achtung vor ſeinem guten Doc⸗ tor, um nur ein einziges Wort von der ganzen nichts⸗ wuͤrdigen Geſchichte zu glauben, die wahrſcheinlich von einem ſeiner Feinde erſonnen worden und man hoffe, 74 daß der Doctor ſich weiter nicht viel daraus machen werde. In einem dritten und vierten Hauſe beklagte man dagegen, daß man ſich wegen der Krankheit des Doctors genoͤthigt geſehen habe, den Stadtarzt holen zu laſſen. Bei allen dieſen Wespenſtichen behielt Arnold gleichwohl ſeine phlegmatiſche Ruhe bei, und verſuchte auch nicht, dem Stadtarzt die Praxis ſtreitig zu ma⸗ chen, die nun einmal fuͤr dieſen bluͤhen ſollte. Noch aber war fuͤr unſern Doctor der ſogenannte Freundſchaftsſtich uͤbrig, denn wenn etwas auf dem Tapete iſt, ſo ſpielen die Freunde ſtets ihre beſtimmte Rolle. 4 „Liebſter Bruder,“ ſagte der eine,„laͤßt ſich denn gar nichts gegen dieſe Geſchichte ausrichtene Ich muß Dir mit großem Bedauern ſagen, daß dieſer Skandal, den Du fuͤr ſo unbedeutend anzuſehen ſcheinſt, Deiner Praxis bedeutend ſchaden wird.“ „Wir, die wir Dich ſo genau kennen,“ ſetzte ein zweiter hinzu,„wiſſen recht wohl, daß Du in der Sache vollkommen rein ſein mußt, aber der arme Thurné iſt nun einmal compromittirt und ich wollte doch, daß Du eine Erklaͤrung, gleichviel, was fuͤr eine, von Dir gaͤ⸗ beſt, denn— wie ſchon Freund B. andeutete, die Prarxis bleibt ſonſt bei dem Stadtarzte.“ „Nun, ſo laßt ſie bei ihm bleiben,“ ſagte Arnold, pich h bin b. verſehe bedenk ich ih aufhel ſie gla zu hit uͤber Lisbet hinein dulden arztes Mark fen, ter ho fragte als ei daß bitte ſeiner machen beklagte heit des zt holen Arnold verſuchte zu ma⸗ genannte auf dem eſtimmte ich denn ich muß Skandal, Deiner ſetzte ein r Sache urné iſt daß Du Dir gaͤ⸗ eete, die Arnold, 75 pich habe die Praxis in der Stadt nicht geſucht und bin blos beauftragt, meinen Dienſt als Landarzt zu verſehen.“ „Aber Deine Ehre, beſter, theuerſter Bruder— bedenke, Deine Ehre?“ „Wenn Jemand meine Ehre verdaͤchtigt, ſo kann ich ihr durch einige geſchraubte Erklaͤrungen auch nicht aufhelfen— im Gegentheil.. die Welt glaubt, was ſie glauben will und ich bin durchaus nicht gemeint, ſie zu hindern, ihrer Gewohnheit zu folgen.“ Die eifrigen Freunde gingen, ganz verzweifelt uͤber eine ſolche Gefuͤhlloſigkeit, wieder fort. Um das Maaß voll zu machen, kam Jungfer Lisbeth am Abend, heftig weinend, zu ihrem Herrn hinein und verkuͤndete, daß ſie nicht die Chikane er⸗ dulden koͤnne, die ſie von der Haushaͤlterin des Stadt⸗ arztes erduldet habe, der alten Naͤrrin, die nach dem Marktflecken herausgekommen ſei, um Butter zu kau⸗ fen, gleich als ob ſie in der Stadt nicht ſelbſt But⸗ ter haͤtten. „Nun, was iſt denn das fuͤr eine Chikane?“ fragte der Doctor, der nicht umhin konnte, zu laͤcheln, als er ſah, wie aufgebracht Jungfer Lisbeth war. „Was das fuͤr eine Chikane iſt? Nun eben, daß ſie behauptet, ſie ſtehe uͤber mir... uͤber mir, bitte ich einen Menſchen, die fuͤr den treuen Diener ſeiner koͤniglichen Majeſtaͤt, den Herrn Provinzialme⸗ 76 dicus, haushaͤlt, waͤhrend ſie ihren elenden Milchbrei kannt fuͤr den Stadtarzt kocht, der— Gott verzeih mir's— ſchen, am Ende gar kein richtiger Doctor iſt... wenigſtens dieſer kenne ich Niemanden, der ſeinen Doctorhut oder ſein trenne Doctordiplom geſehen haͤtte... wohl aber genug Leute, deren Eltern ihn als Feldſcheerjungen gekannt haben — im Kriege 1814 iſt er freilich befoͤrdert worden, nißvol aber man weiß es ſchon, daß es im Kriege nicht ſo klaͤrte genau genommen wird, wenn da Einer nur gehoͤrig(Arno Arme und Beine abſaͤbeln kann.“ wie 2 „Jungfer Lisbeth, Jungfer Lisbeth, ſchweige Sie mußte doch— Se wird ja ganz naͤrriſch.“ Grun o, alſo naͤrriſch bin ich, wenn ich die Ehre ſeinen meines Seetn vertheidige?— Und ich vertheidigte ſie unverl erſt ganz beſcheiden, aber da ſagte ſie, das nichtswuͤr⸗. dige, gemeine Geſchoͤpf, ſie diene bei einem Doctor, willen der, er moͤge nun ein„promenirter“ ſein, oder nicht, er for zu thun habe vom Morgen bis zum Abend, waͤhrend ich dagegen bei einem diente, an den ſich kein Menſch mehr wenden wuͤrde, da er nicht einmal die alte Frau haͤtte operiren koͤnnen, die ihr Doctor operirt und friſch und munter wieder nach Hauſe geſchickt habe.“ erwarr Noch vermochte Arnold zu lachen, aber im hinter Grunde waren es doch nur die Lippen, welche lachten; wirklie 1 Verdruß, Aerger und verletzter Stolz wohnten in ſei⸗ Notiz nem Herzen und außer allem dieſen die Gewißheit, daß er von dem einzigen Freund, den er beſaß, ver⸗ beſpro 4 Milchbrei mir's— venigſtens oder ſein ug Leute, int haben worden, nicht ſo gehoͤrig veige Sie die Ehre eidigte ſie lichtswuͤr⸗ n Doctor, der nicht, waͤhrend Menſch alte Frau rrirt und t habe.“ aber im e lachten; n in ſei⸗ Hewißheit, ſaß, ver⸗ 77 kannt und gehaßt ward, beinahe dem einzigen Men⸗ ſchen, den er ſo allein auf der Welt liebte— und dieſer Freund wollte nun abreiſen und ſich von ihm trennen, ohne Erklaͤrung, ohne Verſoͤhnung. Da fiel ihm Lilia's Brief wieder ein. Dieſer erklaͤrte nun allerdings nicht den geheim⸗ nißvollen Zweck ihres Beſuches bei ihm, aber er er⸗ klaͤrte aufs Deutlichſte, daß ihr Verhaͤltniß zu ihm (Arnold) nicht von der Art war, noch geweſen war, wie Philipp fuͤr ausgemacht annahm. Dieſer Brief mußte ihm daher beweiſen, daß ſein Verdacht keinen Grund mehr hatte und gleichzeitig mußte es auch zu ſeinem eignen Nutzen dienen, Lilia in ihrem ganzen unverhuͤllten Leichtſinn zu ſehen. „Und nunmehr keine Unentſchloſſenheit um ihret⸗ willen!“ ſagte Arnold zu ſich ſelbſt. Und ſo fuhr er fort. „Dieſer Beſuch kommt mir allerdings ſehr un⸗ erwartet!“ ſagte Philipp, ſobald der Doctor die Thuͤr hinter ſich geſchloſſen hatte.„Im Fall Du aber wirklich Beweiſe beſitzeſt, ſo bin ich verpflichtet, davon Notiz zu nehmen.“ „In Bezug auf die Nebenſache, naͤmlich den viel⸗ beſprochenen Beſuch, habe ſch Dir nichts zu ſagen, 4 78 aber dagegen beweiſ't Dir dieſe Antwort auf einen Brief, in welchem ich ſie aufforderte, Dir die Wahr⸗ heit zu ſagen, daß Du vollkommen Unrecht haſt, wenn Du mir das Verbrechen zutrauſt, welches Du mir in Deinem Wahnſinn aufbuͤrden wollteſt.“ „Ich bin jetzt nicht mehr vom Wahnſinn ver⸗ blendet!“ ſagte Philipp mit ſtarrer Ruhe.„Aber in jeder Gemuͤthsverfaſſung iſt es meine feſte Ueberzeu⸗ gung, daß es Dir, nach dem Geſtaͤndniß, das Du mir ſelbſt gethan, Muͤhe koſten wird, Dich in meinen Au⸗ gen rein zu waſchen.“ „Wenn Du eine ſolche Ueberzeugung haſt, ſo haſt Du Dich ſchon im Voraus entſchieden und es dient dann zu nichts, Dir etwas zu zeigen, was mich rechtfertigen kann.“ „Nun, ſo laß doch ſehen!“ Philipp ſtreckte ſeine Hand nach dem Briefe aus, den der Doctor ihn nehmen ließ. Mit welcher geſpannten Aufmerkſamkeit verfolgte nun Arnold jede Bewegung des Freundes und mit welchem Gefuͤhle der Erleichterung bemerkte er auf Philipps Antlitz blos den Ausdruck des Abſcheues und Entſetzens. Als er den Brief geleſen hatte, ſagte er mehr zu ſich ſelbſt, als zu Arnold: „Welche entſetzliche Verblendung umnebelte mei⸗ nen 2 Weibe . noch, „ 4 nicht iſt All 7 2 7. die Ge daß D ſtellen, gewend uf einen 2 Wahr⸗ ſt, wenn mir in ſinn ver⸗ „Aber in Ueberzeu⸗ Du mir nen Au⸗ haſt, ſo und es das mich iefe aus, verfolgte und mit er auf ues und mehr zu elte mei⸗ 79 nen Verſtand, daß ich den teufliſchen Leichtſinn dieſes Weibes nicht durchſchauete?“ „Nun,“ hob der Doctor wieder an,„glaubſt Du noch, daß ich Dich verrathen?“ „Du haſt ſie auf jeden Fall geliebt!“ „Ich habe unter dem Einfluß ihrer Koketterie nicht vermeiden koͤnnen, ein Menſch zu ſein— das iſt Alles.“ „Wie?— Alles ſagſt Du? „Ja, das ſage ich.“ „Hoͤrteſt Du dann auf, ſie zu beſuchen, als Du die Gefahr Deiner Stellung einſahſt, als Du fand'ſt, daß Du anfingſt, den Freund in den Schatten zu ſtellen, der ſich mit unbegrenztem Vertrauen an Dich gewendet?“ „Ich blieb weg, aber...“ „... die Sirene lockte mit ihren verfuͤhreriſchen Toͤnen und Du kamſt zuruͤck, um noch einmal die menſchliche Schwachheit zu bezahlen— ach, das iſt ja die alte Geſchichte, die ewig neu bleibt.“ „Philipp, Philipp, Du biſt ſehr veraͤndert! Biſt Du denn ſelbſt frei von aller menſchlichen Schwaͤche, da Du ſie nicht bei Anderen verſtehen willſt! Du ſiehſt, mit welchem Weibe wir es Beide zu thun ge⸗ habt haben und Du biſt gleichguͤltig und unverſoͤhn⸗ lich, weil es ihr durch ihre hoͤlliſche Gaukelei gelang, mir den Kopf zu verwirren! Hat ſie denn dadurch — 8 80⁰ ergend eine Verletzung erfahren:— Iſt ſie denn die Verfuͤhrte? Habe ich meine Ehre und Deinen Namen gebrandmarkt? Du weißt, daß dies nicht der Fall iſt.“ San „Aber durch welchen Zufall haſt Du Deine Kraft behalten, durch welchen Zufall kannſt Du prah⸗ len, daß Du nicht noch verbrecheriſcher warſt?— Nun, ganz einfach durch den, daß ſie keine Liebe zu Dir hatte, ſie wollte ſich blos einen Zeitvertreib machen.“ Arnold wendete ſich ab und ſuchte den Aufruhr zu unterdruͤcken, den Philipp in ſeinem Herzen er⸗ weckte. Unbarmherzig uͤber die Niederlage des Freundes triumphirend, hob Philipp wieder an: „Ja, es war ihr ein Zeitvertreib, eine Leiden⸗ ſchaft zu erwecken, aber es machte ihr kein Vergnuͤ⸗ gen, dieſelbe zu erwiedern. Und waͤhrend ſie wahr⸗ ſcheinlich ſelbſt niemals eine ſolche erfahren wird, ſo iſt ſie auch durch ihren Egoismus ſtets geſchuͤtzt.“ „Und zwiſchen mir und Dir, Philipp, ſoll es ihr dann gelungen ſein, den Samen ewiger Zwietracht und Kalte auszuſtreuen? Gleichwohl— fuͤhlſt Du es nicht— bedurften wir ſo ſehr der Verſoͤhnung und der Vereinigung.“ „Nein,“ hob Philipp wieder an, „dieſe Verſoͤh⸗ nung wuͤrde uns Beide lacherlich machen! Du mahſt nun nicht, was lich b nenne wohl Mein und d den ſi hoffe Dir, der r ſen. Du i die Fo tin lei mich habe. duͤrfni Ein 6 ie denn Deinen nicht der Deine du prah⸗ rſt?— Liebe zu itvertreib Aufruhr erzen er⸗ Freundes Leiden⸗ Vergnuͤ⸗ ie wahr⸗ wird, ſo utzt.“ oll es ihr zwietracht ſt Du es lung und 2 Verſoh⸗ du magſſt 81 nun der Liebhaber meiner Frau geweſen ſein, oder nicht, ſo giltſt Du doch dafuͤr und... „Und alſo das Urtheil der Welt iſt es allein, was Macht uͤber Dich hat?— Willſt Du das wirk⸗ lich behaupten?“ „Nein, das will ich nicht... eine andere Macht, nenne ſie, wie Du willſt, trennt uns auf alle Faͤlle.“ „Ach, was ſagſt Du.“ „Daß ich allen Glauben an die Redlichkeit, ſo⸗ wohl des Weibes, als des Mannes, verloren habe... Mein Herz iſt ein Gebiet geweſen, auf dem mit Liebe und Freundſchaft allerhand Experimente angeſtellt wor⸗ den ſind— nun muß ich die Splitter retten.“ „Wenn dies Dein letztes Wort iſt, Philipp, ſo hoffe ich, daß Du es noch einmal bereuen wirſtle „Das glaube ich nicht... und doch verzeihe ich Dir, Arnold, ja, ich verzeihe Dir, daß Du es warſt, der meine letzte Illuſion zerſtoͤrte.. aber vergeſ⸗ ſen...“ Er ſchuͤttelte leiſe den Kopf. „Und ich, Philipp, auch ich verzeihe Dir, daß Du in dieſem Augenblicke— wo wir gemeinſchaftlich die Folgen der leichtſinnigen Handlungen Deiner Gat⸗ tin leiden, nicht ein einziges, verſoͤhnendes Wort fuͤr mich haſt, da ich deren doch ſo viele fuͤr Dich gehabt habe. Aber wenn der Tag kommt, wo Du das Be⸗ duͤrfniß fuͤhlſt, einen Freund zu haben, ſo denke an Ein Gerücht. IlI. 6 mich... ſtets, ſtets wirſt Du meinem Herzen nahe ſein.“ Nach dieſen Worten ging Arnold, mit einer neuen Laſt auf dem Herzen, hinweg. Die fruͤhern Freunde hatten einander nicht ein⸗ mal die Hand gereicht— wozu haͤtte dies auch dienen „follen, da ihre Herzen getrennt waren? & war, d 1 mein jetzt ben ben: ich k Gefu Ddiſck wind ausg⸗ gleich n nahe r neuen ht ein- dienen 18. Die Theilung. „Ich weiß nicht,“ murmelte Philipp, als er allein war,„ob meine Natur verwandelt iſt, aber ich fuͤhle mein Herz hart gegen Arnold. Gleichwohl leidet er jetzt unſchuldig und um ihretwillen, wie ich. „O dieſes Weib— auch ihn mußte ſie mir rau⸗ ben... ich kann ihn nicht mehr leiden, ihre Augen ha⸗ ben mit ihrem verfuͤhreriſchen Blick auf ihm geruht... ich kenne dieſe Augen; ſie erwecken keine platoniſchen Gefuͤhle! „Es giebt nur eine einzige treue und ehrliche Seele: Dick... ich muß meine letzte, bittere Erinnerung uͤber⸗ winden, indem ich zu Dir fliehe.“ Und waͤhrend Philipp fuͤr Dick ſchriftlich ſein Herz ausgoß, ward dieſes Herz ſanfter und mehr ſich ſelbſt gleich. Er ging in keine Details ein— dieſe ſollte Dick 6* — — muͤndlich hoͤren— aber er ſagte, daß das Ungluͤck, wel⸗ ches ihn getroffen, zum Theil ſeine eigene Schuld ſei und er verrieth nicht den tauſendſten Theil von Lilia's Schuld. Zum Schluß ſchrieb er: „Ich fuͤrchte, mein Dick, daß ich durch dieſen Brief Dich mehr verwirrt, als aufgeklaͤrt habe, aber dies kommt daher, daß meine Seele noch nicht voͤllig von der Verwirrung zuruͤckgekommen iſt, von der ſie einmal um⸗ nebelt war. „Verdamme ſie nicht, Dick— ſie iſt andern Frauen ſo unaͤhnlich, ja ſie kann nicht nach gewoͤhnlichem Maß⸗ ſtab beurtheilt werden. „Wenn ich die Pruͤfung beſtanden haͤtte, die ſie auflegte, ſo haͤtte ſie vielleicht endlich Erbarmen mit mir gehabt und mich ein wenig geliebt.— War es ihre Schuld, daß ich ſchwach war?— aber ihre Seele weiß nichts von Verſoͤhnlichkeit. „Grauſame Lilia— einmal angebetet— kann ich Dich auch jetzt wohl haſſen? Morgen wandre ich hin⸗ aus aus dem Hauſe, wo der Geiſt Deines redlichen Va⸗ ters mich noch ur hwebt... wie wohl meinte er es! Friede ſeiner Aſche! „Morgen... morgen, welcher Tag— werde ich wohl die Kraft haben, ihn zu uͤberleben... morgen werden wir Theilung halten. „Verſtehſt Du mich? Theilung, nicht irdiſcher Guͤte der tl ſchen gleich nicht keins mehr — 1 verw koͤnn dieſer nen mein Finſt mein man abre k, wel⸗ zuld ſei Lilia's n Brief er dies von der lal um⸗ Frauen Maß⸗ „die ſie een mit es ihre ele weiß kann ich ich hin⸗ hen Va⸗ te er es! verde ich morgen irdiſcher Guͤter, ſondern himmliſcher— wir werden unſere Kin⸗ der theilen. „Entſetzliches Wort, ſuͤndhafter Gedanke, dieſe Ge⸗ ſchenke des Himmels und der Liebe zu theilen! Und gleichwohl giebt es keinen andern Ausweg. Ich kann nicht zugeben, daß ſie beide behaͤlt und ſie will mir gar keins geben. „Alſo morgen habe ich weder Weib noch Heimath mehr... aber ich habe meine Haͤlfte von den Kindern — ich habe meinen Sohn... „Ach, verzeihe dieſe Thraͤnen, welche die Dinte verwiſchen— aber Du wirſt dennoch die Worte leſer⸗ koͤnnen, denn Du verſtandeſt von je mein Herz ur dieſer innerſte Lebenspuls iſt es, aus welchem dieſe Thraͤ⸗ nen hervorgeſtroͤmt ſind. „Nein, ich ſehe nicht mehr— es ſchwebt blos vor meinen Augen jener Schimmer: Es iſt dies... die Finſterniß der Seele, die wieder ihren Schatten uͤber mein geiſtiges Auge wirft... O, dieſes Elend, welches man Leben nennt... „Morgen mehr!“ Und der Morgen war nun gekommen. 3 Philipp hatte verſchwiegen, daß er an demſelben abreiſen wollte. Blos der Kaͤmmerer wußte, daß er von ſeinem „Beſuch bei den Nachbarn“ nicht wieder zuruͤckkom⸗ men wuͤrde und daß die Koffer den Tag darauf bis zu. der Station, die er beſtimmt, nachgeſchickt werden ſollten. Inzwiſchen, und wie wenig er auch an dieſen irdi⸗ ſchen Guͤtern hing(und er hatte daran ſo wenig gehan⸗ gen, als nur Jemand es kann) war es doch, als ob ein Hauch der Wehmuth ſich auf die uͤbrige Laſt ſeines Herzens legte, als er zum letzten Mal aus der Fabrik hinausging— des Directors halber Welt— als er Abſchied von allen dieſen herrlichen Ufern und Waͤld⸗ chen nahm, wo er einmal ſich mit ſeinem Schuͤler her— umgetummelt und ſeine Verſe im Mondſchein ge⸗ dichtet hatte... und endlich, als er zum allerletzten Mal durch alle Zimmer ging, die Zimmer, die er mit ſeiner Gattin bewohnt hatte. Er fuͤhlte ſich dem Erſticken nahe, als er ſich in den Wagen warf, denn der Anblick des kleinen, rothen Salons, wo Lilia ihm den erſten Beweis ihrer Gunſt gegeben und wo ſie auch zum erſten Mal das unſchuld⸗ volle, junge Maͤdchen in eine ſchelmiſche, berechnende Kokette verwandelt gezeigt hatte... alle dieſe Erin⸗ nerungen betaͤubten ihn und drohten, ſeine Sinne aber⸗ mals zu verwirren. Er mußte fliehen ſo ſchnell als moͤglich. Tage worf Kind inden fang wuͤn ſeher ziehe ihr dung ſie feſt, ben tiefe das und in Sch leich wuͤr dag nich ſeinem ckkom⸗ bis zu ſollten. n irdi⸗ gehan⸗ als ob ſeines Fabrik als er Waͤld⸗ er her⸗ in ge⸗ rletzten er mit ſich in rothen Gunſt iſchuld⸗ hnende Erin⸗ e aber⸗ 87 Aber war es wohl Philipp allein, der an dieſem Tage den Geſetzen und Forderungen der Natur unter⸗ worfen war? War es nicht auch eine Mutter, die von einem Kinde getrennt werden ſollte... eine Gattin, welche, indem ſie floh, das Urtheil verkuͤndete, welches der An⸗ fang zu der gerichtlichen Scheidung war, welche ſie wuͤnſchte und welche ſie gleichwohl— wie man ſpaͤter ſehen wird, einen heiligen Grund hatte, nicht zu voll⸗ ziehen? Die ganze Garderobe des kleinen Alban war von ihr ſelbſt eingepackt worden und zwiſchen jedes Klei⸗ dungsſtuͤck, welches ſie niederlegte, fiel eine Thraͤne und ſie mußte den Knaben wieder zu ſich rufen und ihn feſt, feſt an ihre Bruſt druͤcken. „Herr Jeſus, wenn Sie nur jetzt noch nachge⸗ ben wollten,“ ſagte die große Gunnel, waͤhrend ſie in tiefer Herzensangſt(ſie hatte die ganze Nacht hindurch das Schluchzen ihrer Herrin gehoͤrt) hin⸗ und herging und ebenfalls mit Einpacken beſchaͤftigt war, denn auch in Lilia's Wohnung ſtanden Koffer, Reiſetaſchen und Schachteln in den ganzen Zimmern umher. „Nein, nun iſt es zu ſpaͤt, Gunnel... Viel⸗ leicht, wenn das Letzte nicht dazu gekommen waͤre, wuͤrde dieſer Augenblick mich erweicht haben. Aber jetzt dagegen... Nein, nein, ſage ich Dir, nun kann nichts wieder gutgemacht werden.“ ——— „Ach, das koͤnnten Sie noch recht gut, wenn Sie nur wollten, bei der Gewalt, die Sie uͤber ihn haben! Und denken Sie nur, wie ſchoͤn und herrlich ſes waͤre, wenn die Herrſchaft jetzt, wenn der Herr kommt, ein⸗ ander bei der Hand faßte und jedes zu ſich ſelbſt ſagte: Nie wieder ſoll Liebe fehlen von meiner Seite, wenn wir wieder zuſammenziehen und bauen und wohnen, wie es guten Eheleuten geziemt.“ „Gunnel, Du toͤdteſt mich durch Deine Einfalt! Du biſt ein gutes Weſen— warum wuͤnſcheſt Du dann nicht, daß Dein Herr beſſer waͤre, als er, wie Du wohl weißt, geweſen iſt?“ „Ach, ich wuͤnſche ihn ſchon beſſer,“ ſagte Gun⸗ nel ganz ungekuͤnſtelt,„aber, wenn es einmal nicht beſſer ſein kann, ſo waͤre es doch immer noch tauſend Mal beſſer, als das, was jetzt geſchieht.“ „St... horch... kam da nicht etwas ge⸗ fahren?... Ich bin nun fertig, aber ich kann nicht fortgehen... hoͤre, was ich Dir ſage.“ „Ich hoͤre.“ „Sobald als der Wagen haͤlt, eile ich mit dem kleinen Alban in das Nebenzimmer und behalte ihn bei mir, bis... der Vater von ſeiner Tochter Ab⸗ ſchied genommen hat... dann oͤffneſt Du die Thuͤr und.. Lilia konnte nicht ausreden, 8 2 den ahnt des 4 boden nel il wenig blick daß faſt ten iſ gebade viel w nen n Abgru n Sie haben! waͤre, t, ein⸗ ſagte: wenn ohnen, infalt! t Du „ wie Gun⸗ nicht nuſend as ge⸗ nicht t dem 2 ihn Ab⸗ Thuͤr 89 Sie ſetzte ſich ſtill nieder und blickte auf den Kna⸗ ben, der unbekuͤmmert um ſie herumſprang. „Alban will mit dem Papa fahren,“ ſagte ploͤtzlich der Kleine. „Ja, ja, Alban wird mit dem Papa fahren... aber Alban wird die Mama nicht wiederſehen.“ „Du kannſt ja mitkommen— weine nur nicht, Du kannſt ja mitkommen und Sylvia auch... weine nur nicht, liebe Mama... arme Mamal“ Und Albans kleine Haͤnde ſtreichelten die gluͤhen⸗ den Wangen der Mutter. „Haͤtte ich dies vorher gewußt, haͤtte ich ge⸗ ahnt... Ihr Haupt ſank matt nieder auf das des Kindes. Inzwiſchen ſaß die Ileine Sylvia auf dem Fuß⸗ boden und ſpielte mit einem Haufen Blumen, den Gun⸗ nel ihr gebracht. Der arme, kleine Engel wußte noch weniger als der Bruder, daß man ſie in dieſem Augen⸗ blick verurtheilte, ohne die Pflege eines Vaters zu leben, daß man ſie zu dem bittern Leben verurtheilte, welches faſt uuner Kindern geſchiedener Ehegatten vorbehal⸗ ten iſt. Aber, pie aufgeregt, wie liebend, wie in Thraͤnen gebadet diſ junge Mutter auch zu ſein ſchien, wie viel waren wohl ihre Ruͤhrungen, ihre Liebe, ihre Thraͤ⸗ nen werth, da dieſelben ſie nicht einmal am Rande des Abgrunds zuruͤckzuhalten vermochten, da ſie immer noch ——— auf die Stimme des Stolzes und der Rachſucht hoͤren konnte, da ſie, um einen falſchen Schein der Staͤrke zu bewahren, ſogar die wenigen, edlen Gefuͤhle opferte, die in dem Herzen der Gattin und Mutter lebten! Und dieſe Lilia iſt gleichwohl kein Phantaſiegebild, ſie hat wirklich exiſtirt. Aber, was will eine ſagen, eine, nach der wir dieſes Bild zu kopiren verſucht haben! Wie manche Lilia, wenn auch minder verbreche⸗ riſch, als die wir hier ſchildern, iſt ſtrafbar geworden, wenn ſie in Folge eines gewoͤhnlich unuͤberlegten Ent⸗ ſchluſſes— denn ein ſolcher Entſchluß kann niemals hinreichend uͤberlegt werden— das Band zerriſſen hat, deſſen Heiligkeit ſie vor Gott beſchworen. Wenn auch die Eheſcheidung einmal unter zwanzig ſich auf unwiderlegliche Gruͤnde ſtuͤtzt, ſo bleiben doch die große Menge von Buͤndniſſen uͤbrig, die aus Leicht⸗ ſinn, aus Unvertraͤglichkeit, aus Stolz oder wegen un⸗ erlaubter Neigungen gebrochen werden.. und die meiſten dieſer Gattinnen ſind dennoch Muͤtter, haben dennoch einmal geſchworen, in Leid und Luſt treu zu bleiben! allzuſpaͤte Reuethraͤnen vergießen Ohne Zweifel giebt es auch in ihrem kuͤnftigen Leben Augenblicke, wo ſie ſich deſſen erinnern und leider 4 vielle rief ſteher morb ander klar, chen ihr mers ſen, Phili der E ihren blickt Arm keine wann! hoͤren Staͤrke pferte, gebild, der wir breche⸗ orden, n Ent⸗ niemals en hat, wanzig en doch Leicht⸗ gen un⸗ und die , haben treu zu 3 7 unftigen d leider 91 „Jetzt, liebe Herrin, jetzt kommt etwas gefahren!“ rief Gunnel, die lauſchend am Fenſter ſtand. „Kommt etwas?... Hu!...* Lilia ſchauderte heftig zuſammen. Sie wollte auf⸗ ſtehen, ſie ſchwankte zuruͤck, ihre Wange ward mar⸗ morbleich und die Thraͤnen, welche jetzt, eine nach der andern, dieſen Marmor herabrollten, waren groß und klar, wie die Perlen des Meeres. Der Wagen hielt. Lilig's Seele errang die Herrſchaft uͤber den ſchwa⸗ chen Koͤrper.. Noch einmal ſtand ſie auf, zog das Kind feſt an ihr Herz und wankte nach der Thuͤr des Nebenzim⸗ mers und dieſe Thuͤr war von Gunnel kaum geſchloſ⸗ ſen, als die gegenuͤberbefindliche leiſe geoͤffnet ward und Philipp, oder vielmehr Philipps Schatten, ſich auf der Schwelle zeigte. Die kleine, gelblockige Sylvia fuhr fort, unter ihren Blumen zu ſpielen, aber als ſie den Vater er⸗ blickte, begann ſie uͤberlaut zu lachen und ihm ihre Arme entgegenzuſtrecken. Er hatte vorher Thraͤnen gehabt— jetzt hatte er keine mehr. „O Du Cherub, noch ſo rein und unſchuldig— wann wirſt Du wieder hier ruhen, meine Sylvia... vielleicht niemals... Wird man Dich wohl lehren, 92 Deinen armen Vater zu lieben?... Ach, ſo arm, Gral ſo arm, ohne ſeine Schaͤtze!“ Leben Und er beugte ſein Antlitz nieder und legte ſeine von kaltem Schweiß befeuchtete Stirn auf das roſen⸗ ſtehe farbne Geſicht des Engels. Aber die Kleine fand keinen Wohlgefallen an erme dieſen ſtummen Beweiſen von Zaͤrtlichkeit. Es ward Blich ihr bange und ſie rief nach Gunnel. 4 „Ja, ja,“ ſagte Philipp, indem er mit der Hand aber um ſich hertappte, wie ein Blinder,„es verlohnt ſich geſch nicht der Muͤhe, die Qual zu verlaͤngern— wo iſt mein. Sohn?... Mein Sohn!“ ſetzte er heftig auffah⸗ cheln rend hinzu,„iſt er nicht hier? Er iſt doch nicht etwa hinweggefuͤhrt worden?“ gleich „Nein, nein, lieber Herr, er iſt dal? Gunnel mir zeigte auf die Thuͤr. „Will der Herr nicht auch hineingehen?“ ſetzte ſie Kuß hinzu. er ſi „Nein, nein, nein!“ antwortete er mit keuchender dern Stimme und mit Augen, in welchen ein verzehrendes Feuer zu gluͤhen begann.„Ich will blos meinen Sohn haben— um Gotteswillen, gebt mir meinen Theil ein . ich halte es nicht laͤnger aus... es iſt blos mein muͤt Sohn, den ich haben will.“ es, In dieſem Augenblick oͤffnete ſich die Thuͤr. leſen Lilig zeigte ſich— wie ein weißer Schatten, dem 1 o arm, ee ſeine roſen⸗ len an 8 ward Hand eut ſich ſt mein auffah⸗ ot etwa Bunnel ezte ſie chender hrendes Sohn Theil s mein , dem 1 93 Grabe entſtiegen— ſtumm, denn nicht der mindeſte Lebensfunken ſchien ſich in ihr zu ruͤhren. Bei dieſem Anblick blieb Philipp unbeweglich ſtehen. Die Gluth in ſeinen Augen erloſch, und ein un⸗ ermeßlicher Schmerz ſpiegelte ſich in ſeinen dunkeln Blicken. „Nimm Deinen Sohn!“ ſagte Lilia mit feſter, aber hohler Stimme.„»Pflege ihn ſo, wie es von mir geſchehen ſein wuͤrde!“ Bei dieſen Worten flog bebend ein bitteres Laͤ⸗ cheln uͤber Philipps Lippen. „Siehe hier Deine Tochter!“ antwortete er mit gleicher Selbſtbeherrſchung.„Erziehe ſie ſo, daß Du mir einmal vor Gott dafuͤr Rede ſtehen kannſt.“ Und nachdem er noch einen langen und heißen Kuß auf die Wange der kleinen Sylvia gedruͤckt, legte er ſie wieder nieder, nicht in die Arme der Mutter, ſon⸗ dern auf den Fußboden unter die Blumen. Waͤhrend dieſes Augenblickes war Lilia verſchwunden. Philipp hatte ihr einen milderen Abſchiedsblick, ein ſanftes Wort geben wollen, aber ſie hatte ſeine Ge⸗ muͤthsſtimmung geſehen und das ſtolze Weib verachtete es, die Broſamen ſeines fruͤhern Ueberfluſſes aufzu⸗ leſen. Wenige Minuten nachher ſaßen Vater und Sohn 94 in dem verſchloſſenen Waamn. „Man ſtirbt nicht vor Schmerz 24 ſchrieb Philipp an demſelben Abende in dem Briefe an Dick,„denn ich lebe noch.“ Ungefaͤhr einen Monat nach dieſem Tag, oder den 12. Auguſt 18.. ward von den Kanzeln und in der Staatszeitung die Aufforderung bekannt gemacht, daß Frau Lilia Thurné ſich, bei Vermeidung der ſonſt daraus entſtehenden Folgen, binnen Jahr und Tag bei ihrem Ehemanne wieder einfinden ſolle. Drittes ZBuch. e, oder und in.„— emacht, Herrnhof und Einſiedelei. er ſonſt Lag bei Im Traum ſah ich den Frühling, als er klein war Ich dachte:„Armes Kind, niemals erwachſt du Und träumte fort— ich weiß nicht, was ich träumte. D'rauf ſah ich wieder ihn und hörte ſeufzen So laut und tief— Geijer. V . Doch merkt— es liegt hierin Mehr als man denken kann. Stjernhielm. Herri Wage langw einen ſchaft die DO — vo 1. Bwei xeiſende Damen. „Na, ſiehſt Du, Alter, nun kannſt Du ausruhen ſtill... brr... Du haſt Dich zu ſehr ange⸗ ſtrengt!“ Dieſe liebkoſenden Worte wurden von einer alten Dame geſprochen, welche, aus einem alten, zuſammen⸗ geflickten Wagen herausſteigend, eifrig ein altes, abge⸗ magertes Pferd zu ſtreicheln begann, welches wenigſtens ſeit den letzten zehn Jahren nicht mehr mit ſolchen leb⸗ haften Ideen umgegangen zu ſein ſchien, wie ſeine Herrin ihm gern zuſchreiben wollte. Aber außer der Dame, dem Pferde und dem Wagen, die alle Drei durch eine eben ſo intime, als langwierige Freundſchaft vereint wurden, gab es noch einen Gegenſtand, mit welchem wir ſofort Bekannt⸗ ſchaft machen werden, nachdem wir einige Worte uͤber die Dame— ohne Zweifel die Hauptperſon des Zugs — vorausgeſchickt haben. Ein Gerücht. III. 7 98 Dieſe Frau, die in Haltung und Statur alle moͤgliche Aehnlichkeit mit einem Krieger Karls XllI. hatte— ſie behauptete auch, daß ſie von einem ſolchen d ſtamme— war ungaachtet ihrer dreiundfunfzig Jahre eecht huͤbſche Frau, mit ein Paar barſchen, gen, die wie zwei deße Glasknoͤpfe luniter ob ſich ein Kenner, weſi Kaſtorhut, mit einer en, aufrechtſtehenden Schmuckfeder, die ganz gewiß Campagne mitgemacht hatte, denn ſie war ziemlich duͤnn und zerzauſ't. Beſagte Dame trug weiter einen duͤnnen, langen Hengen Ueberrock von vormals chocoladenbraunem Tuche, jetzt durch einige gelbliche Wolken ſchattirt und um Hals und Taille hatte ſie— wahrſcheinlich der Herbſtkuͤhle wegen— einen langen, rothen Herrenſhawl gewickelt, deſſen eine verlorengegangene Quaſte ſehr ſinnreich durch ein kleines Saͤckchen ergaͤnzt worden, worin moͤglicherweiſe die Reiſekaſſe oder, wenn keine ſolche vorhanden war(und wir muͤſſen geſtehen, daß⸗ dieſer Fall ſehr haͤufig eintrat), etwas Anderes verwahrt ward, woruͤber wir vor der Hand keine naſeweiſen Ver⸗ muthungen anſtellen wollen. In jeder Hinſicht ward der Repraͤſentant der verloredgegngen Quaſte mit einer Sorgfalt gehuͤter, die muͤtterlich genannt werden konnte; denn anſtatt loſen herunterzuhaͤngen und, wie ſein Mitbruder, hin⸗ und herg ken welc auch perli hebe vor man kom nigk nach melt ſchal als ſie d legen ten, ir alle 8 XII. ſolchen Jahre arſchen, unter Stirn t einer gewiß fe war langen aunem rt und ich der nſhawl ee ſehr vorden, n keine 1, daß. erwahrt / Ver⸗ nt der gehuͤter, att loſe⸗ n⸗ und 99 hergeworfen zu werden, war er mit einem kleinen Ha⸗ ken an dem ſchwarzen, ſchmalen Lederguͤrtel befeſtigt, welcher, den Mantel oder Ueberrock zuſammenhaltend, auch dazu diente, den Umfang und die Staͤrke der koͤr⸗ perlichen Proportionen der gewaltigen Frau hervorzu⸗ heben. Sie hatte mit ihrem Pferd und ihrem Wagen vor einem Gaſthofe Halt gemacht, wo gleichwohl Nie⸗ mand irgendwelche Eile zeigte, dieſen Gaſt zu bewill⸗ kommnen. Unſere Dame ſetzte ſich jedoch uͤber eine ſolche Klei⸗ nigkeit hinweg und ſagte, indem ſie ſich von dem„Alten“ nach dem Innern des mit einer kleinen, halbverſchim⸗ melten Lederdecke uͤberzogenen Wagens wendete: „Na, Jolli, liebes Herzblaͤttchen, ruͤhr' die Beine — werden ſie heute Abend die Mazurka tanzen?“ „Das glaube ich nicht,“ antwortete eine halb ſchalkhafte, halb melancholiſche Stimme,„es iſt mir, als wenn ſie zuſammengebunden waͤren.“ „Zuſammengebunden... brr, Alter... haſt Du ſie denn beide in einen Mamelucken geſteckt?“ „In einen Mamelucken— nun ja, das geht doch — ſie ſind ja ſo weit.“. „Jolli, Jolli, wenn Du dich auf's Opponiren legen willſt, ſo bleibe zu Hauſe und opponire den Rat⸗ ten, die ſich durch unſern letzten Kaͤſe hindurchgefreſſen 7* 100 haben, aber verſuche niemals einer andern Meinung zu ſein, als Deine Mutter.“ „Warum denn nicht, Mama?— Es iſt ſo lang⸗ weilig, beſtaͤndig...“ „Was, komme mir noch einmal ſo, Du kleine Paſtinake, Du kleiner impertinenter Papagei, Du kleine Sonnenroſe... ſieben Teufel ſollen mich holen, Jolli...* „Na na, na na, Mama, wir wollen Freunde blei⸗ ben— ich darf doch nicht aͤlter werden, als zwoͤlf Jahr.“ „Schoͤn, mein Kind... Du ſchliefſt ein wenig unterwegs und wenn man ſchlaͤfrig iſt... „.. ſo iſt man nicht wach— ach, wie guͤtig iſt die Mama doch, daß ſie ſo etwas einſieht!“ Waͤhrend dieſer letzten Worte kroch unter dem brau⸗ nen Lederverdeck ein langes, ſchlankes Maͤdchen hervor, welche ausſah, als haͤtte ſie ihre ſiebzehn Jahre zuruͤck⸗ gelegt, wiewohl ſie erſt fuͤnfzehn und ein halbes alt war. Und das ganze Weſen dieſes jungen Maͤdchen war friſch wie ein Morgenwind. Die Wange, eine gluͤhende Dornenroſe auf brau⸗ nem Boden, zeigte ein kleines Gruͤbchen von der Art, welches— nach altem Romanſtyle— ein verdaͤchtiger Schlupfwinkel der ſchelmiſchen Liebesgoͤtter iſt. Die Naſe verrieth allerdings ein kleines, unverzeihliches Aufwaͤrts⸗ ſtreben, à la Lisette, aber ſie ſah ſo freundlich und naiy aus, daß man gern vergaß, daß ſie ſich in einer Kammer⸗ zofen Und tern wenn eine bei L hier der Aug unge von dung hielt. weite um Achf hinu den dem terge ſeine ung zu lang⸗ kleine kleine holen, de blei⸗ Jahr.“ wenig itig iſt brau⸗ hervor, zruͤck⸗ lt war. n war brau⸗ r Art, ſchtiger e Naſe waͤrts⸗ denaiv mmer⸗ 101 zofenrolle unvergleichlich gut ausgenommen haben wuͤrde. Und der Mund, klein und rubinroth, ließ bei dem hei⸗ tern Laͤcheln, welches denſelben ſo oft offnete, eine Reihe, wenn auch nicht gerade der ſchoͤnſten kleinen Perlen, doch eine Reihe geſunder, weißer Zaͤhne ſehen, ſo wie man ſie bei Landmaͤdchen zu finden pflegt. Endlich beſaß Mamſell Jolli, deren Portrait wir hier gezeichnet haben, ein Paar Augen, ſchwarz wie die der Mutter, aber anſtatt der Barſchheit der muͤtterlichen Augen lag in denen Jolli's eine muntere Offenheit und ungekuͤnſtelte Naivetaͤt. Es iſt nun klaͤrlich dargethan, daß das Maͤdchen von einnehmender Art war, wiewohl ſie durch ihre Klei⸗ dung einen ungluͤcklichen Anſtrich von Laͤcherlichkeit er⸗ hielt. Sie trug naͤmlich noch ein kurzes Kinderkleid und weite Hoſen oder ſogenannte Mamelucken, eine Krauſe um den Hals, eine Schuͤrze mit Kreuzbaͤndern uͤber den Achſeln und hatte lange Haarflechten, die uͤber den Ruͤcken hinunterhingen. Dieſes Coſtuͤm ward wohl fuͤr den Augenblick durch den kleinen Mantel verdeckt, aber nachdem das Pferd in dem Stall und die Frauenzimmer in der Gaſtſtube un⸗ tergebracht waren, ward dieſer auffallende Umſtand in ſeiner ganzen Totalitaͤt ſichtbar. „Wie weit,“ ſagte die Frau, indem ſie die Thuͤr 1⁰² zwiſchen der Gaſtſtube und dem Wohnzimmer des Wir⸗ thes oͤffnete,„iſt es von hier bis Tjuſtorp?“ „Siebenviertel Meilen,“ war die Antwort der Gaſtwirthin. „Weiß man vielleicht, ob Oberſtlieutenants zu Hauſe ſind?“ „ Wenigſtens ſind ſie nicht bei uns vorbeigereiſ't, ſeitdem ſie vergangenen Sommer von ihrer langen Reiſe zuruͤckkamen.“ „Gut... gebt uns nun zwei Taſſen warme Milch und einige warme Kartoffeln, die, wie ich ſehe, hier zu haben ſind.“ Nach dieſer Beſtellung zog ſich unſere Dame in die Gaſtſtube zuruͤck. Jolli ſtand vor dem beſten Kleinod des Hauſes, einem alten Spiegel, der groß genug war, ihr ihre Ge⸗ ſtalt zu zeigen.— „Was machſt Du, Jolli.“ „Ich weine.“ „Warum denn?“ „Sieh mich nur an.“ „Nun und?“ „Man wird lachen.“ „Um ſo beſſer!“ „Nein, um ſo ſchlimmer, Mama, denn ich bin doch mehr als zwoͤlf Jahr.“ Maxr Tant Sitt mit der war Wir⸗ rt der its zu ereiſ't, Reiſe Milch zier zu in die dauſes, ee Ge⸗ h bin 103 „Ja, Du biſt die aͤrmſte unter allen armen Mamſells.“ „Weit lieber wollte ich— wie voriges Jahr bei der Tante Waͤrning... „Ich weiß ſchon— Julie heißen, um, der lieben Sittſamkeit wegen, im langen Kleide einhergehen und mit Spindel und Strickſtrumpf den Takt zu dem Rade der Tante ſchlagen und luſtig ſingen: „Spinn', o ſpinn' liebe Tochter mein, Denn morgen kommt der Freier Dein!* „Ach, Mama,“ rief Jolli lachend,„das Schlimmſte war, daß „Die Tochter ſpann und mußte weinen, Denn der Freier wollte nicht erſcheinen.“ „Hoho, mein Herzblaͤttchen, haben wir ſchon an⸗ gefangen, an Freier zu denken?— Das wollen wir uns nur wieder aus dem Sinne ſchlagen!“ „Wie ſo, Mama?“ „Bis auf Weiteres, mein kleiner Stieglitz! Jetzt mußt Du ſo eine rechte wilde Hummel in den Flegel⸗ jahren ſein, denn Du mußt doch einmal einſehen lernen, wenn wir hoffen ſollen, willkommen zu heißen und zum Dableiben eingeladen zu werden...“ „ bei meiner jungen, ſchoͤnen Tante, ſo darf ich nicht thun, als ob ich ſchon etwas gelten wolltenne ſo hat mir Mama geſagt.“. „Weil es Dir in der Rolle eines„noch nicht er⸗ 10⁴4 wachſenen“ Maͤdchens leichter ſein wird, alle Deine Kuͤnſte und kleinen Reize zu zeigen.“ „Aber ich glaube es. Wie wollteſt Du es denn als großes, erwachſenes Frauenzimmer anfangen, vor der ganzen Geſellſchaft die Cachucha, die Mazurka und wie das Zeug alles heißt, zu tanzen, was Du von Deiner Lehrerin gelernt haſt?“ „Ach, das ginge gewiß auch an, Mama, ſobald ich nur gut tanze.“ „Aber dann koͤnnteſt Du wenigſtens nicht Stuͤhle mit ſteifem Arme in die Hoͤhe heben, durch den Reifen ſpringen, Dich als Zigeunerin oder Popanz verkleiden— mit einem Worte, Du koͤnnteſt nicht alle die Narrens⸗ poſſen ausfuͤhren, mit welchen Du unſere Wirthsleute und deren Gaͤſte zu beluſtigen pflegſt.“ Das junge Maͤdchen ſenkte den Kopf. „Ich ſage Dir, Jolli, daß Du gar keinen andern Ausweg haſt, als ein Kind zu ſein, bis wir etwas Beſ⸗ ſeres ausfindig machen! Zuerſt und vor allen Dingen habe ich ja noch gar nicht die Mittel, Dich groß wer⸗ den zu laſſen— wo um Gottes willen ſollten wir denn die Garderobe hernehmen! Und zweitens, glaubſt Du denn, daß Honorine, die hier ſo hochgefeiert iſt, beinahe eine Art Nebenbuhlerin wird haben wollen? Eine kleine Luſtigmacherin dagegen— eine arme Verwandte ohne Praͤtenſion, die ſich fuͤr ihre abgelegten Kleider bis auf den Boden neigt und Jubelgeſaͤnge anſtimmt, wenn ſie Deine 3 denn vor der ad wie Deiner ſobald Stuͤhle Reifen den— rrens⸗ 'sleute andern 1 Beſ⸗ dingen wer⸗ denn t Du einahe kleine ohne s auf nn ſie 105 ihr aus einem alten Hute einen neuen machen laͤßt — eine ſolche, die die Herbſtabende verkuͤrzen kann, iſt vielleicht willkommen, beſonders wenn Du auch noch Deine Liedchen ſingſt und Kartenkunſtſtuͤckchen machſt.“ „Aber, Mama, wenn wir aufhoͤren wollten, ſo von dem einen Verwandten zu dem andern zu reiſen und im Lande umherzuziehen, ſo...“ „Was ſollte denn dann werden— ſollen wir viel⸗ leicht zu Hauſe ſitzen in der Stube auf der duͤrren Haide und mit dem Alten verhungern?“ „O nein, ich dachte nur, wenn ich vielleicht in Condition ginge...“ „Ich danke gehorſamſt— auf dieſe Weiſe waͤreſt Du wohl geborgen, aber ich und der Alte...“ „Wenn Du ihn verkaufteſt...“ „Schweig, Du dumme Paſtinake— ſoll ich den Alten verkaufen, den Liebling Deines ſeligen Vaters und das einzige, was er mir, außer dieſem Shawle da, hinterlaſſen hat?“ „Liebe, liebe Mama!“ „Du einfaͤltige Ruͤbe, Du noch nicht hinter den Ohren trockene Nachtigall, nun werde ich boͤſe!“ Es war, wie man ſieht, die Gewohnheit dieſer achtungswuͤrdigen Mutter, ihre ſchmeichelhaften und ihre beſchimpfenden Titel ſowohl dem Thier⸗, als dem Pflanzenreiche zu entnehmen. Jolli wagte nicht mehr, ſich zu vertheidigen. rt 106 .„Wenn der ſelige Stureſon Dich gehoͤrt haͤtte, er wuͤrde Dich gar nicht mehr als ſeine Tochter anerkannt haben, weil Du den Vorſchlag machen konnteſt, ſein Pferd zu verkaufen.“ „Mama, ich meinte es ja gut; ich dachte...“ »Nun, was dachteſt Ou?“ Nun, daß die Mama allein von meinem Lohne leben koͤnnte.“ „Bah, Lohn, fuͤnfundzwanzig, hoͤchſtens dreißig Reichsthaler das halbe Jahr... und ich ſollte Deine muͤhſam verdienten Pfennige nehmen? Da waͤre es doch wohl beſſer, wenn ich mich ſelbſt nach einer Stelle umſaͤhe.“ „Mama ſoll unter Niemandem ſtehen!“ „Nun, es koͤnnte wohl auch ſein, daß Andere un⸗ ter mir ſtuͤneen... doch gleichviel, dieſes Leben habe ich nun gefuͤhrt, ſeitdem ich Witwe bin, das heißt, zehn Jahre und Du weißt ſelbſt, daß ich das Fieber hekam, als wir einmal ein paar Monate zu Hauſe lagen und aufaßen, was wir mitgebracht hatten.“ „Nun, ſo laß uns denn in Gottes Namen mit unſerm Leben fortfahrn! Aber naͤchſtes Jahr muß ich mich confirmiren laſſen und dann...“ „Dann?“ „. muß ich ja Julie heißen, anſtatt Jolli, und darf nicht mehr im kurzen Kleide und Mamelucken gehen, wenn es Dir einfaͤllt.“ matic Zehn trabt gut, — e thun Jahr die S es n biſt, zen i von was verſo bare Mile ihr tte, er rkannt , ſein 6 .. Lohne dreißig Deine ͤre es Stelle re un⸗ habe , zehn hekam, n und en mit uß ich Jolli, Aucken 107 „Aber Du biſt ja noch viel zu jung zur Confir⸗ mation.“ „O Mama, Mama.“ „Alſo, welche Zeit iſt es denn jetzt.. Aha, um Zehn... na, um ein Uhr fahren wir fort— und dann trabt der Alte bis um Drei, hoͤchſtens Vier... es war gut, daß wir uns gleich heute Morgen fertig ankleideten — es iſt ſo bequem, wenn man es nicht noch erſt zu thun braucht.“ „Ich fuͤhle mich ganz genirt! Es iſt jetzt uͤber Jahr und Tag, ſeitdem ich...“ „Hoͤre, Jolli, wenn Du noch ein einziges Mal die Mamelucken erwaͤhnſt oder darauf anſpielſt, ſo wird es mich in den Fingern zucken... wenn Du vernuͤnftig biſt, Du kleine Hexe, ſo will ich Dir jetzt einige Noti⸗ zen uͤber unſere kuͤnftigen Wirthsleute einpraͤgen, die Dir von Nutzen ſein koͤnnen.“ Julie glaubte, daß ſie ſchon das Meiſte wuͤßte, was ihr geſagt werden koͤnnte, um aber ihre Mutter zu verſoͤhnen, nahm ſie eine ganz aufmerkſame und dank⸗ bare Miene an. Aber nun kamen die Kartoffeln und die warme Milch und unſere Damen begannen mit großem Appetit ihr frugales Fruͤhſtuͤck. 3 2. Notizen. „Alſo, ſiehſt Du, Jolli,“ ſagte Frau Stureſon, in⸗ dem ſie mit wehmuͤthigem Blick die Schalen der letzten Kartoffel zuſammenſchob—„der Oberſtlieutenant und Honorinens Mutter waren Geſchwiſterkinder und...“ „... und Mama, als ein gebornes Fraͤulein Hel⸗ leding, warſt Couſine von Beiden.“ „Ganz recht; und in meiner Jugend...“ „... als Du die„ſtolze Walborg“ und die„ſchoͤne Walborg“ genannt wardſt und Faͤhndrich Helleding zu den Fuͤßen ſeiner angebeteten Couſine lag...“ „Still, ſtill, ſchlage doch nicht ſo uͤber den Strang, Du kleine Nachteule. Aber laß Dir doch dieſe Ge⸗ ſchichte zur Warnung dienen und ſieh, wie es geht, wenn man arm iſt, denn als der junge Faͤhndrich bald Lieutenant ward, war der Lieutenant nicht der Mann, der ſ haber mein nicht rung Man ſie ih wertl hatte ſich i weſer heit ſolche zuſan Haus einen hier dn, in⸗ letzten it und n Hel⸗ ſchoͤne ng zu trang, e Ge⸗ geht, h bald 1⁰9 der ſwaͤter als Oberſtlieutenant eine Frau ohne Mitgift haben wollte.“ „Sagte er Dir denn das, Mama?“ „Ja, wie man ſolche Dinge ſagen kann: Ich wollte mein Leben fuͤr Deine Liebe geben, aber ich kann es nicht ertragen, Dich mit mir in Armuth und Entbeh⸗ rung zu ſehen u. ſ. w., u. ſ. w.!“ „Aber, Papa war ja auch ein armer Soldat und Mama war uͤberdies ſchon fuͤnfunddreißig Jahr alt, als ſie ihn heirathete.“ „Ja, aber mein ſeliger Capitain wußte, was ich werth war! Waͤhrend ſeiner erſten kinderloſen Ehe hatte ich eilf Jahr lang ſeine Hauswirthſchaft gefuͤhrt.“ „Und als dann die kranke Frau ſtarb, bewarb er ſich um die geſunde und huͤbſche Wirthſchaftsmamſell.“ „... und ward gluͤcklicher, als er es vorher ge⸗ weſen— ſo ſagte er wenigſtens. Aber Schulden, Krank⸗ heit und Duͤrftigkeit machen ein armes Haus und ein ſolches blieb es auch, obgleich ich es bis zu ſeinem Tode zuſammenhielt.“ „... wornach der Mama nur noch unſer kleines Haus auf der Haide blieb...“ „... und der Alte, nicht zu vergeſſen.“ „Ja, der Alte, der nach der Weide uns treulich von einem Beſuche zum andern gezogen hat, drei Monate hier und zwei Monate da u. ſ. w.“ „Es haͤtte uns ſchlimmer ergehen koͤnnen, wenn —y wir ihn nicht gehabt haͤtten... aber wenn er einmal todt ſein wird...“ 3 „Ach, liebe Mama, laß uns jetzt nicht an ſo etwas Trauriges denken! Es war ja der Oberſtlieutenant, von welchem wir ſprechen wollen.“ „Ganz recht! Er blieb Junggeſell und vergaß mich und Viele nach mir, denn gerade ſo, wie er im Dienſte ſtieg, ſo ſtieg er auch in Praͤtenſionen und ward immer difficiler. Aber obſchon er ein ſtattlicher Mann war und Staat machte, Gott weiß wovon, hoͤrte man dennoch nicht, daß eine Erbin Luſt haͤtte, an die Angel zu gehen. Endlich erbte er Tjuſtorp und noch etwas mehr dazu und ſo trat er als Freier um Honorinen auf, welche weiter nichts hatte, als ihre Schoͤnheit und ihr nobles Weſen.“ „Aber es war doch ein Wunder, daß ſie ihm ihr Jawort gab!“ fiel Jolli ein.„Er war wohl ſchon acht⸗ undvierzig oder neunundvierzig Jahr und ſie nicht mehr als achtzehn.“ „Allerdings war es ſonderbar und ich glaube, daß die Sache ihre beſondere Bewandtniß hatte.“ „Hieß es nicht, daß ſie ihren Couſin, den Baron Siyten, beguͤnſtigte?“ „Ach nein, das hatte keinen Grund. Sie iſt nicht ſo geſchaffen, daß ſie Jemanden gewiß liebt; aber das glaubte man und ich glaube es auch, daß es ſie verdroß, daß Siyrten nicht laͤnger als drei Jahr auf ihre Antr bewo ſich nicht welch Mut Weg gewe und geme ein 1 verlo mit vernn die e gern daß ſind, noch muͤßt einmal etwas kenant, vergaß er im d ward Mann te man Angel etwas en auf, und ihr hm ihr n acht⸗ t mehr de, daß Baron Sie iſt ; aber es ſie uf ihre 111 Antwort warten konnte. Er hatte ſich ſchon um ſie beworben, als ſie erſt funfzehn Jahr alt war.“ „Warum konnte er denn nicht warten?“ „Nun, lieber Gott, er kriegte es ſatt und bewarb ſich um ein Fraͤulein in Nerike, aber daraus ward nichts und als er zuruͤckkam, hatte der Oberſtlieutenant, welcher glaubte, die Zeit ſei guͤnſtig fuͤr ihn, mit der Mutter auf ſeiner Seite, alle Schwierigkeiten aus dem Wege geraͤumt. Honorine war ihm ſchon fruͤher gut geweſen— ſie hat alle ihre Verwandten ſehr lieb— und da er ein ehrlicher Mann war, vermoͤgend und all⸗ gemein geachtet und ihr Herz noch frei, ſo willigte ſie ein und dies war ſehr gut, denn gleich nach der Hochzeit verlor ſie ſowohl Vater als Mutter.“ „Und nun ſagen alle Menſchen, Mama, daß ſie mit ihrem Oberſtlieutenant gluͤcklich iſt.“ „Ja und ich glaube es. Honorine war ſtets ſo vernuͤnftig... aber ſchon als Maͤdchen wollte ſie ſtets die erſte ſein und auch als Frau vermuthe ich, wird ſie gern den Vorrang behaupten wollen.“ „Kommt es Dir nicht auch wunderbar vor, Mama, daß wir nicht ſchon fruͤher auf den Gedanken gekommen ſind, einmal dorthin zu ein. „Ach, der Weg iſt ſo lang und auch jetzt waͤre 6s noch nicht geſchehen, wenn ich nicht noch wo anders hin muͤßte. Aber der Winter iſt vor der Thuͤr und wir 112 mußten nun einen Ort ausfindig machen, der die Runde um eine Stunde vermehrt, ſonſt...“ „... weiſ't man uns am Ende noch die Thuͤr,“ ſcherzte Jolli. „Ja, ja, ſo etwas haͤtte auch noch geſchehen koͤn⸗ nen und deshalb war ich gezwungen, mich deſſen zu entſinnen, was der Oberſtlieutenant— als wir uns vor zwei Jahren bei Majors in Krokſta trafen— zu mir ſagte: Na, Couſine, iſt es denn fuͤr den Alten bis Tjuſtorp gar zu weit? Allerdings war dies eine andere Sprache, als in fruͤhern Tagen, aber die Einladung war doch ehrlich gemeint, hoffe ich.“ „Das hoffe ich auch, Mama„und entſinne mich, daß Honorine, als ich ſie vor mehreren Jahren ſah, ſehr gut gegen mich war.“ „Und nun wird ſie noch beſſer ſein, da Du ſo viele kleine Talente beſitzeſt, durch die man ſich im Geſell⸗ ſchaftsleben auf dem Lande angenehm machen kann. Laß uns doch einmal das Programm durchgehen, meine kleine Primadonna... zuerſt und vor allen Din⸗ gen... „... bin ich eine zweite Esmeralda, welche tan⸗ zen kann, wo man will— ach, ach, wenn ich nur ein Paar Kaſtagnetten haͤtte!“ „Sei nicht unbeſcheiden in Deinen Wuͤnſchen, mein kleines Tauſendſchoͤn! Du haſt eine Cither— welc dieſe mir maͤr imm mein Tale gen, an, Ma ruͤhr Wei libri aufg ſtung heben ſo w Leut Dein Ein Runde Thuͤr,“ en koͤn⸗ ſſen zu ins vor zu mir lten bis andere ng war e mich, ih, ſehr ſo viele Geſell⸗ kann. meine Din⸗ he tan⸗ aur ein nſchen, her— 113 welche Guͤte von Tante Eva in Krokſta, daß ſie Dir dieſe ſchenkte!“ „Ach, die haͤtte am Ende auch die Mittel gehabt, mir eine Guitarre zu kaufen! Zu Balladen, Kriegs⸗ maͤrſchen und Liebesliedern geht aber meine alte Cither immer auch noch an— ich habe allerhand Kram auf meinem Repertoir.“ „Die Cither waͤre alſo Nummer Zwei.“ „Weiter— Nummer Drei habe ich ein großes Talent, aus den Karten und aus dem Kaffee wahrzuſa⸗ gen, ſo wie auch in den Haͤnden zu leſen.“ „Und da ziehſt Du Dein kleines Zigeunercoſtuͤm an, welches wir zu der großen Ueberraſchung fuͤr Tante Malla auf Saͤfveholm anfertigten...“ „Ja und dann bringe ich die Leute durch meine ruͤhrenden Prophezeihungen bald zum Lachen, bald zum Weinen.“ „Und als Nummer Vier haſt Du Deine equi⸗ libriſtiſchen Kuͤnſte; Du kannſt uͤber Baͤnke, Tiſche und aufgeſpannte Seile ſpringen.“ „ Und Nummer Fuͤnf ſind meine herkuliſchen Lei⸗ ſtungen— mit ſteifem Arm einen Stuhl in die Hoͤhe heben, auf einem Fuße oder auf einer Hand ſtehen und ſo weiter.“ „Ach, das iſt ſchon mehr als genug— und die Leute muͤßten ſehr krittlich ſein, wenn ſie ſich durch Deine Productionen nicht amuͤſiren ließen, beſonders Ein Gerücht. III. 8 114 wenn man noch das hinzurechnet, daß Du in Alles ein wenig mit hineinplaudern kannſt, daß wir viele Ge⸗ ſchichten und Anekdoten mitbringen und daß Du endlich das funkelnagelneue Lied von dem armen, verruͤckten Poeten ſingen kannſt, dem die Frau davon lief. Es iſt ſehr leicht moͤglich, daß es in hieſiger Gegend noch gar nicht bekannt iſt. Wie geht es nur gleich: „O Liliana.. Juliana, mein Traum in finſterer Nacht...“ „Ach nein, Mama, ſo faͤngt es nicht an, ſondern: „O Lilia, wenn Du in der ſtillen Nacht Die Stimme hoͤrſt, die Deinen Pfuͤhl umfluͤſtert!“ „Na, das laͤuft auf eins hinaus... Aber dieſe Kartoffeln da muͤſſen nicht von der richtigen, guten Sorte geweſen ſein... ſie druͤcken mich im Magen.“ Bei dieſen Worten erroͤthete Jolli. Es war klar, daß das arme Maͤdchen dieſen Wor⸗ ten eine beſondere Bedeutung beilegte. „Du bekommſt doch nicht etwa Deine Kraͤmpfe?“ ſagte das arme Maͤdchen zweifelhaft. „Ja, allerdings wollen die Canaillen mich wieder packen. Laufe daher geſchwind nach dem Wagen und hole mir die Wermuthstropfen, mein Zeiſig, und bringe mir auch eine Cigarre mit... wenn ich nicht ſo et⸗ was immer bei der Hand haͤtte, ſo wuͤrde mir die ver⸗ dammte Kolik ſchon laͤngſt den Hals gebrochen haben.“ „Aber, liebe Mama...“ „Was, Du junger Storch, willſt Du Deine lles ein le Ge⸗ endlich rruͤckten Es iſt och gar acht. ondern: tle er dieſe Sorte Wor⸗ mpfe?“ wieder en und 4 bringe t ſo et⸗ die ver⸗ aben.“ Deine ⁵ — 115 Mutter in ihren Schmerzen vergehen laſſen? Mach nur geſchwind— Du weißt, wenn ich Spaß verſtehe und wenn ich keinen verſtehe!“ Jolli hatte keinen andern Ausweg, als zu gehorchen. Das Flaſchenfutter und die Cigarrenbuͤchſe wurden zur Stelle geſchafft und nachdem die mannhafte Frau durch wiederholte Anwendung der einmal als zweckdien⸗ lich anerkannten Mittel ihre Kolik kurirt— etwas, was durchaus keine andere Wirkung, als die beabſich⸗ tigte, hervorbrachte, naͤmlich daß ſie geſund ward— zog man den Alten aus dem Stalle und unſere Damen ſetzten ihre Reiſe fort. Ungefaͤhr eine Viertelmeile von dem Gaſthofe be⸗ gann eine große Haide und auf der andern Seite der⸗ ſelben erhob ſich eine langgeſtreckte Kette ſchroffer Fel⸗ ſen, die ſo finſter und drohend ausſahen, daß Jolli ganz bekuͤmmert bemerkte, es ſei doch fuͤr zwei Frauen⸗ zimmer eine ziemlich harte Aufgabe, ſo ganz allein durch unbekannte Gegenden zu reiſen. „Pfui, Du Haſe, fuͤrchteſt Du Dich?“ ſagte Frau Walborg und lachte uͤber ein ſolches Gefuͤhl, welches ihr ganz und gar fremd war.„Meinſt Du nicht, daß ich eben ſo gut bin, als zwei oder drei einfaͤltige Vor⸗ ſpannbauern?“ 8* —“ 116 „Aber wenn nun Raͤuber kaͤmen...“ „Nun— was wuͤrden die uns denn nehmen? Meine Magentropfen, meine Cigarrenbuͤchſe und meine Pfeffermuͤnzkuͤchelchentaſche?“ Bei den letzten Worten gab Frau Walborg der ſchon fruͤher erwaͤhnten improviſirten Quaſte des Reiſe⸗ ſhawls einen ſcherzhaften und vertraulichen Schlag. Jolli beantwortete dieſe gut gelaunten Worte ihrer Mutter nicht, ſondern wendete ſich ſogar ein wenig ver⸗ aͤchtlich auf die Seite, als die Mutter jetzt— die Zuͤgel ſinken laſſend— die Taſche oͤffnete und ſich ein„Kuͤ⸗ chelchen“ nahm. Waͤre Frau Walborg Stureſon zur See gereiſ't, anſtatt zu Lande, ſo wuͤrde keiner der Matroſen ihr ihre Nachbarſchaft uͤbel genommen haben, dafern ſie ihm die gewohnte ſchwediſche Freigebigkeit bewieſen haͤtte. Inzwiſchen wollte die grauverhuͤllte Herbſtſonne gar nicht uͤber die immer hoͤher anſteigenden Felsgipfel her⸗ uͤberſcheinen, ſondern ſaß im Gegentheile da, wie eine ſchlaͤfrige Matrone, die von ihrem hohen Sitze herab gezwungen iſt, ihre Stieftoͤchter zu bewachen. Endlich war die Haide zu Ende und nun ſollte der Alte erſt verſchnaufen und ſich erholen, bevor er den Bergen entgegenzog. „Steh' einmal auf, Jolli— Du ſitzeſt auf mei⸗ nem Rock... Brr, Alter— nun kommt Deine Herrin mit dem Brote.“ men? meine ig der Reiſe⸗ ihrer ver⸗ Zuget „Kuͤ⸗ reiſ't, r ihre ihm e. ee gar her⸗ eine herab ſollte er den mei⸗ derrin 117 Und die Herrin ſtieg vom Wagen und gab dem Pferde drei oder vier duͤnne Brotrinden. Es war dies der letzte Imbiß, den das Pferd auf dieſer Reiſe erhalten ſollte. Was aber der Guͤnſtling des ſeligen Capitains Stureſon an leiblicher Speiſe entbehrte, ward ihm an Liebkoſungen reichlich erſetzt. Frau Wallborg rieb ihre braune Wange an dem ſchwarzen Kopfe des Alten, ihre Haͤnde klopften ſeinen Hals und zaͤrtliche Schmeichelnamen, bei welchen der Alte laut und munter wieherte, ſchallten ununterbrochen in dieſer ſtillen, finſtern Umgebung. „Liebe Mama,“ bat Jolli,„laß uns doch in Got⸗ tes Namen weiter fahren— wir werden den Abend uns uͤber den Hals kommen laſſen.“ „Na, na, der Alte muß doch erſt ein wenig zu Kraͤften kommen— wir koͤnnen ihn doch nicht zu Tode hetzen!“ „Aber, Mama, ich verſichere...“ „Still, Du kleine Ente... na, wir wollen das Gebiß wieder einlegen... brr, Alter, ich fuͤhle uͤbrigens, daß mir ſchon wieder ſchlecht wird.“ „Ach, lieber Gott!“ Jolli ſchlug die Haͤnde zuſam⸗ men, wagte aber nichts weiter zu ſagen. „Nun, ſo ruͤhre Dich doch und ſitze nicht albern da, wie ein Kohlkopf... Du verſteckſt doch nicht etwa die Wermuthstropfen, Mamſell, wenn Deine Mutter 118 Kraͤmpfe bekommt?... Ah... dieſe Tropfen, zu denen mir Tante Elſas das Recept gab, ſtaͤrken die Geſundheit auf eine merkwuͤrdige Weiſe... Na, nun ſind wir fertig... alſo vorwaͤrts, Alter!“ Und der Alte ſetzte ſich in Bewegung und trabte ſchnell etwa eine Viertelmeile weit fort. Aber hier— ein der Mitte zwiſchen zwei Granitwaͤnden, allerdings nicht lothrechten, ſondern mit hervorragenden Spitzen von denen die eine uͤber der andern hing— blieb er ſtehen. „Was iſt das, Alter!— Haſt Du nicht gehoͤrt, daß das Brot alle iſt?“ Frau Walborg nahm, um des Effects willen, einen gebieteriſchen Ton an, aber der Alte gab durch ein ſtoͤr⸗ riges Kopfſchuͤtteln zu erkennen, daß er nicht geſonnen war, ſich um irgend Jemandanders Willen zu kuͤm⸗ mern, als ſeinen eigenen. „Was der Tauſend!“ rief Frau Walborg, verwun⸗ dert uͤber ein Ereigniß, welches von ihrer erſten Bekannt⸗ ſchaft mit dem Alten an noch niemals ſtattgefunden hatte,„was der Tauſend, ich glaube, das Pferd iſt be⸗ hext... heda, Alter— marſch, marſch!“ Vergebens— der Alte ruͤhrte ſich nicht von der Stelle. „Nun, was iſt nur das?— Ganz gewiß fuͤrch⸗ tet er ſich vor etwas.“ Jolli ſteckte den Kopf unter der Lederdecke hervor. —— n, zu ien die a, nun trabte ier— rdings Spitzen lieb er gehoͤrt, ‚einen n ſtoͤr⸗ ſonnen kuͤm⸗ erwun⸗ kannt⸗ funden iſt be⸗ on der fuͤrch⸗ ervor. 119 In demſelben Augenblicke ſtieß ſie einen Angſt⸗ ſchrei aus. Ein Kopf mit wildem, verworrene Haar ragte zwiſchen zwei bemooſ'ten Felſenſpitzen hervor und ein Paar Augen, welche Jolli wie die des Bergkoͤnigs zu leuchten ſchienen, warfen ihre Funken auf ſie. „Herr Gott, Mama, ſieh nur, was fuͤr ein ſon⸗ derbarer Menſch da oben ſteht!“ Frau Walborg gab keine andere Antwort, als daß ſie ſich fertig machte, aus ihrem unbequemen Fuhrwerk zu ſteigen. Aber bevor ſie die verhaͤrteten Lederknoͤpfe aufgemacht hatte, kam Jemand— offenbar ein Mann — hinterher geſprungen. Und gleich darauf ward ein friſches, bluͤhendes Juͤnglingsangeſicht ſichtbar und ein Paar freundliche Lippen riefen: „Seht Ihr denn nicht, guten Leute, daß ſich das Pferd wegen des weißen Kreuzes auf dem Reiſighaufen dort nicht weiter wagt? Und mit dieſen Worten nahm der Juͤngling den Alten beim Zuͤgel und fuͤhrte ihn an der gefaͤhrlichen Stelle vorbei, welche die beiden Frauen⸗ zimmer noch nicht hatten ſehen koͤnnen, weil eine Ein⸗ biegung des Felſens ſie verbarg, bis ſie einige Schritte weiter gekommen waren. „Dank fuͤr den Dienſt, junger Herr!“ ſagte Frau Walborg und nickte ungenirt dem Juͤngling zu, der jetzt ganz artig ſeine Muͤtze abnahm und einen kleinen, ſchoͤnen Wald von blonden Locken ſehen ließ. ——— —— 120 „Ach wie freundlich war das von Ihnen!“ ſagte Jolli und ihr ſchelmiſcher Blick, ihre naive, heitere Miene erzeigte eine Roͤthe auf der Wange ihres jungen, aber großen und ſtarken Beſchuͤtzers. „Dieſe Stelle hier,“ ſagte er,„ſteht nicht im beſten Rufe. Vor einigen Jahren iſt hier eine Mordthat be⸗ gangen worden und deswegen ſteht auch das Kreuz zum Andenken da.“ „Hul“ fluͤſterte Jolli und warf einen verſtohlenen Blick auf die Kluft, wo das wilde Angeſicht ſich ge⸗ zeigt hatte. „Iſt der Herr in dieſer Gegend zu Hauſe?“ fragte Frau Walborg. „Nun, eigentlich nicht, wiewohl...“ In dieſem Augenblicke ließ ſich ein Pfeifen ver⸗ nehmen— Gott weiß woher, aber wahrſcheinlich war es ein Signal fuͤr den jungen Mann. Nach dem Ausdrucke ſeines Geſichts zu urtheilen, ſchien es ihm nicht recht zu ſein, daß er die ſo eben erſt angeknuͤpfte Bekanntſchaft ſo ſchnell wieder abbrechen ſollte. Doch mochte dem ſein, wie ihm wolle, er ver⸗ neigte ſich ſofort zum Abſchied und verſchwand hinter dem Fuhrwerk der reiſenden Damen. „Das war doch ein kleines, drolliges Abenteuer,“ ſagte Jolli. „Dummes Zeug,“ antwortete Frau Walborg,„ich wuͤnſche keins mehr.“ ſagte eitere ngen, beſten at be⸗ zum lenen h ge⸗ fragte ver⸗ war eilen, erſt echen ver⸗ dinter uer,“ vich 121 Es begegnete ihnen auch keines wieder. Und als der Alte endlich ſpaͤt ſich Tjuſtorp naͤherte, ging er ſo ceremonioͤs und wuͤrdig einher, wie nur je⸗ mals ein Prieſter vor einem Leichenzuge. Nachdem die Frauenzimmer das Felſengebirge ver⸗ laſſen— ungefaͤhr drei Viertelmeilen von ihrem End⸗ ziel— waren ſie in eine Landſchaft herausgekommen, deren ungewoͤhnliche Schoͤnheit ſogar Frau Walborg (die ſonſt fuͤr ſo etwas nicht ſehr empfaͤnglich war) ein und das andere bedeutungsvolle„Hm!“ entlockte. Ein kleiner Binnenſee nach dem andern, wohl zwanzig an der Zahl, kamen waͤhrend ihrer Fahrt zum Vorſchein und ein Jeder derſelben hatte ſeine eigene Welt von Wald, Thal und Huͤgeln, wo Colonien fuͤr Schafe und Ziegen angelegt waren. An einigen fand man jedoch keine anderen Colonien, als die, welche viel⸗ leicht ſeit dem erſten Schoͤpfungstage hier waren und die ihre beweglichen Wohnungen unter den Zweigen der Baͤume aufgeſchlagen hatten. Die ernſten Waldſtreifen hinter den idylliſchen Seen, die fruchtbaren Wieſen und die parkaͤhnlichen Thaͤler gaben der weichen Schoͤnheit dieſer neuen Um⸗ gebung noch einen hervorſtechenderen Charakter— einen Charakter, den nicht einmal die Daͤmmerung des Octo⸗ bertages zu zerſtoͤren vermochte. Nachdem unſere Reiſenden noch zuletzt eine lange —:ᷓ 122 Doppelallee durchfahren hatten, blieb der Alte vor einem hohen, gruͤn angeſtrichenen Thor ſtehen. Dieſes Thor fuͤhrte in einen Hof mit geſchmack⸗ vollen Plantagen und uͤber dieſen Anpflanzungen erhob ſich ein ſtattliches Gebaͤude von einem gleichwohl mehr einnehmenden als Ehrfurcht gebietenden Aeußern— es war ganz einfach ein eleganter Herrnhof. VVor der großen, zirkelrunden, eiſernen Treppe ſtand ein Mann, eifrig mit dem Dreſſiren eines Hundes be⸗ ſchaͤftigt. „Donnerwetter!“ rief Frau Walborg. „Wer iſt denn dies, Mama?“ „Baron Siyten, Niemand anders!“ „Nun, das trifft ſich ja ganz ſchoͤn— wenn die Oberſtlieutenantin ihren jungen Liebhaber hier hat, ſo bekommt nun der Oberſtlieutenant ſeine alte Geliebte.“ ———— 8 ——— 3. be⸗ Eitwas über die Frauen im Allgemeinen und eine insbeſondere. Wenn es der Seele wohl thut, bei einer reinen die und ſchoͤnen Landſchaft zu verweilen, wie weit beſſer be⸗ - ſ findet ſie ſich dann, wenn ſie in der Mitte eines Hauſes 7. verweilen darf, wo ein reines, ein ebenſowohl inner⸗ lich als aͤußerlich ſchoͤnes W ter herrſcht, daß man kaum be eib mit ſo mildem Scep⸗ merkt, daß ſie herrſcht— man bemerkt blos, daß uͤberall, wohin ſich dieſe Herr⸗ ſchaft erſtreckt, jener unnennba re, niemals zu erkaufende Reiz ſich offenbart, den man Wohlbehagen nennt. Wie groß— obſchon er — iſt nicht der Beruf des W ſie ihre Kraͤfte nach einem be oft gering genannt wird eibes, jedes Weibes, wenn ſſern Maaßſtab berechnet und beurtheilt, als den ſie oft genug ſelbſt anzulegen gemeint iſt. Man hat viel geſprochen von der Beſchraͤnktheit * 124 ihrer Stellung und ihrer Rechte und wer iſt in gewiſ⸗ ſen Faͤllen wohl freier als ſie, eben durch den Schutz ih⸗ rer Schwachheit und ihrer ſogenannten Abhaͤngigkeit? Fuͤr all das viele Boͤſe, welches eine dreiſte, liſtige oder leichtſinnige Frau in ihrem Kreiſe veruͤben kann, findet ſich ſelten ein Anklaͤger, denn ſie macht keinen Laͤrm, wie der Mann. 4 Allerdings giebt es fuͤr Beide die oͤffentliche Mei⸗ nung, welche es ſich oft anmaaßt, gleichzeitig Anklaͤger, Richter und Henker zu ſein— aber wie veraͤnderlich iſt dieſe! Daſſelbe weibliche Goͤtzenbild, welches ſie heute an⸗ betet, zerſchmettert ſie morgen und erhöͤht es uͤbermorgen wieder, je nachdem der Wind bei der Fahrt uͤber die Fluth des Lebens des Goͤtzenbildes Segel fuͤllt. Und dann ſagt man: „Ach, lieber Gott, es war vielleicht gar nicht ſo ge⸗ faͤhrlich! Niemand kennt die naͤhern Umſtaͤnde— uͤber⸗ dies, was will man auch von einer armen, ſchwachen Frau verlangen!“ Man laſſe nun den Mann verſuchen, nur die H ſte des Schadens und des Unheils anzurichten, wel⸗ che eine Frau in ihrer Schwachheit veruͤbt und man wird hoͤren, wie es klingt... denn er iſt ſtark! Gott troͤſte uns gleichwohl uͤber die Staͤrke der Maͤnner— ſie hat oft kaum den Schein, wenn es gilt, V ewiſ⸗ eiih⸗ t? iſtige kann, einen Mei⸗ iger, rlich an⸗ rgen die ge⸗ ber⸗ chen die wel⸗ nan der 125 in dem Streite mit einer Frau zu ſiegen. Aber gleich gut; ſie haben doch den Titel der— Herren. Es iſt alſo nicht die Freiheit, deren die Frauen entbehren— ja, es iſt moͤglich, daß bei gewiſſen Gelegen⸗ heiten gerade der Ueberfluß daran zu Mißbrauch ver⸗ leitet. Wir wollen einen Augenblick bei dem jungen Maͤd⸗ chen ſtehen bleiben. Man laſſe ſie mit Anlagen zum Guten geboren ſein— und in welcher jungen Seele faͤnden ſich nicht dieſe Anlagen, dafern ſie nur gepflegt werden, wird wohl die große Freiheit im elterlichen Hauſe ihr Gluͤck ſein? wird dieſe ſie zu einer wuͤrdigen Gattin, zu einer wuͤr⸗ digen Mutter bilden?— den beiden, fuͤr alle Ewigkeit vornehmſten Beſtandtheilen ihres Berufes auf Erden. Kann man hierauf wohl mit Ja antworten, wenn man eine Menge junger Maͤdchen— anſtatt ſparſam die Freude, als eine angenehme Erhebung fuͤr die Arbeit und das Leben, im haͤuslichen Kreiſe zu genießen— raſtlos und unaufhoͤrlich von einer Zerſtreuung zur an⸗ dern eilen ſieht? Ermattet von Baͤllen und durchwachten Naͤch ia vermag das junge Maͤdchen im Laufe des Tages kaum an etwas Anderes zu denken, als an die naͤchſte Toi⸗ lette. Gaͤhnend und gleichguͤltig betrachtet ſie die Ge⸗ genſtaͤnde, an welchen ſie, um des Scheins willen, zuwei⸗ ——— 126 len theilnehmen muß und ſtimmt von Herzen der ſchwa⸗ chen Mutter bei, welche ſagt: „Ach, meine Liebe, bekuͤmmere Dich doch nicht darum! Tanze und beluſtige Dich, ſo lange Du kannſt — Deine Zeit wird ſchon noch kommen!“ Und ſo tanzt ſie und beluſtigt ſich, bis ſie, matt, wie eine welke Lilie an ihrem Stengel, den Kopf haͤngen laͤßt und vernimmt,„daß ihre Zeit gekommen iſt.“ Aber wenn ſie dann ſindet, wie wenig ſie auf die Verantwortlichkeit bereitet iſt, die man auf ihre Schul⸗ tern waͤlzt, ſo ſchlaͤgt ſie ſich auf eine gewiſſe Seite und wird... entweder eine Frau, welche glaubt, ſie muͤſſe ſich dem geſellſchaftlichen Leben widmen, anſtatt ihrem Manne, oder eine Frau, die ſich mit traͤger und kalter Reſignation in ihr Schickſal fuͤgt, ſchweigt, gaͤhnt und plackt, ſich in ihrem eigenen Haus zur Sklavin macht und ihre Toͤchter ſo erzieht, daß auch dieſe ihrer⸗ ſeits ihre„Jugend genießen“ koͤnnen. Aber von dem Wohlbehagen, der Gluͤckſeligkeit, der unausſprechlichen Heimiſchkeit eines Paradieſes im Hauſe, wo Mann, Frau und Kinder ein entzuͤckendes Ganzes ausmachen, davon weiß ſie eben ſo wenig, als die, welche blos fuͤr und in der Geſellſchaftswelt lebt. In der Ehe dagegen wird die Freiheit der Frau eine Folge der neuen Verhaͤltniſſe. Iſt ſie mit einem ſelbſtſtaͤndigen Geiſt geboren, ſo wird ſie ſich dieſe Freiheit nehmen, wenn man ſie ihr hwa⸗ nicht unnſt natt, ngen f die ſchul⸗ Seite „ſie nſtatt und aͤhnt lavin ihrer⸗ gkeit, s im eendes 3, als bt. Frau en, ſo je ihr 127 nicht gutwillig giebt. Iſt ſie mit einer ſchwachen Seele geboren, ſo wird es gut fuͤr ſie ſein, wenn ſie abhaͤngig bleibt. Iſt ſie wiederum mit einer jener unruhigen Seelen geboren, welche heute herrſchen und morgen be⸗ herrſchen wollen, oder mit einer jener Maͤrtyrerſeelen, denen es eine Wolluſt iſt, ſagen zu koͤnnen:„Herr, Du ſiehſt, wie ich leide, wie geduldig ich mein Kreuz trage,“ ſo wird ſie ſelbſt in dieſem Falle ihr Recht erhalten und entweder neben oder hinter ihrem Manne hergehen, je nachdem ſie es fuͤr gut findet. Noͤgen dieſe letzteren aber uns nicht ſo verſtehen, als ob wir fuͤr unſern Theil eine ſo uͤbermaͤßige Unbe⸗ kanntſchaft mit den Maͤnnern haͤtten, daß wir verhehlen wollten, daß ſie— das heißt viele— das Talent beſi⸗ tzen, alle dieſe verſchiedenen Arten von Seelen auf die genialſte und mannigfachſte Weiſe zu quaͤlen. Unſere Abſicht iſt blos ganz einfach, eine Sache zu verdeut⸗ lichen, die man immer mehr und mehr undeutlich ma⸗ chen will, naͤmlich die, daß das Weib ſchon ein Gan⸗ zes iſt, ſoweit dies mit ihrer Beſtimmung als Haͤlfte uͤbereinſtimmt. Und wenn ſie keine Luſt verſpuͤrt, die⸗ ſer Beſtimmung zu widerſtreiten, ſo ſcheint nichts ge⸗ wiſſer, als daß dieſe die Grenze fuͤr ihre Emancipa⸗ tionsbahn bezeichnet. Aber hier verbindet ſich ihr Leben als Frau mit dem vergangenen des Maͤdchens. Wie großes Gewicht iſt daher nicht auf den Gebrauch zu legen, welchen ſie 128 da von ihrer Freiheit gemacht, welche Ideen ſie gehabt, nach welchen Grundſaͤtzen ſie gelebt hat. Hat ſie dagegen ſich ſelbſt erzogen— eine Erzie⸗ hung, die weit gewoͤhnlicher iſt, als man glauben ſollte — ſo wird ſie, was ſie kann und was das Beiſpiel, die Umſtaͤnde und die uͤberwiegenden guten oder boͤſen An⸗ lagen aus ihr machen. Eine„exemplariſche“ Tante hatte Lilia's Erziehung uͤbernommen, das heißt, daß dieſe Tante dem Maͤdchen in ihrem Hauſe zu wohnen geſtattete, ohne daß ſie gleichwohl ihre Ruhe durch irgend eine Art von genauer Aufſicht ſtoͤrte; und doch ahnte ſie moͤglicherweiſe, daß ein kleiner Daͤmon unter ihren patentirten Engelfittigen aufwuchs. Honorine, unſere zweite Heldin machte ein anderes Exemplar der Selbſterziehung aus. Sie hatte unter dem Schutz einer Mutter gelebt, die bis an den Traualtar getanzt und jenſeits deſſelben nichts weiter geſehen hatte, als ein Chaos von Skla⸗ verei, in welchem ſie noch im Schweiß ihres Antlitzes arbeitete, als die Tochter ſchon erwachſen war und von einem Ball zum andern und aus einem Bad in das andere geſchickt, fortwaͤhrend den weiſen Spruch hoͤrte: „Immer tanze und beluſtige Dich, ſo lange Du es ha⸗ ben kannſt, liebe Honorine— Deine Zeit wird ſchon kommen.“ Eben ſo, wie Lilia, war auch Honorine mit einem — ehabt, Erzie⸗ ſollte el, die 1 An⸗ ehung dchen aß ſie nauer daß ttigen aderes gelebt, ſelben Skla⸗ ttlitzes d von n das hoͤrte: s ha⸗ ſchon einem —, 129 hellen Verſtand und ſcharfer Urtheilskraft begabt. Die eine konnte nicht blos von der Froͤmmigkeit, die andere nicht blos vom Vergnuͤgen leben, ohne Beob⸗ achtungen zu machen und beider Beobachtungen richte⸗ ten ſich auf die naͤchſten Gegenſtaͤnde. Lilia verachtete ihre Tante, Honorine beklagte ihre Mutter. Tauſend Mal gluͤcklich die Tochter, die mit Liebe und Dankbarkeit der Zaͤrtlichkeit, der Lehren und des Rathes einer Mutter, die des Lehrreichſten und Herr⸗ lichſten von Allem, ihres Beiſpiels, gedenken kann! Beide dieſer jungen Frauen hatten einen gemein⸗ ſamen Wunſch: Unabhaͤngigkeit. Aber wie ungeheuer verſchieden war nicht die Ver⸗ anlaſſung zu dieſem Wunſche. Lilia war daran gelegen, ihre geahnte Macht an einem beſtimmten Gegenſtande zu uͤben; ſie wollte an⸗ gebetet ſein, ſie wollte durch jeden Kunſtgriff einnehmen, um allezeit herrſchen zu koͤnnen. Honorine dagegen, die waͤhrend der ewigen Tanz⸗ jagden gluͤcklicherweiſe im Gegenſatz zu den meiſten an⸗ deren, ſowohl dieſer, als aller Anbetung uͤberdruͤſſig ge⸗ worden war, die ſie zuweilen erfahren, Honorine hatte Niemanden gefunden, den ſie lieben konnte; aber als ſie ſah, daß der Oberſtlieutenant, obſchon ein bejahrter Mann, ſie wirklich liebte, traͤf ſie eine Verſtandswahl; denn ſie zog ein maͤßiges und alltaͤgliches Gluͤck der Un⸗ Ein Gerücht. ll. 9 13⁰ gewißheit deſſen vor, welches ſie, wie alle gefuͤhlvollen Frauen, ahnte, ohne einen Schimmer davon geſehen zu haben. Wohl haͤtte Honorine, und daran dachte ſie auch mehr als einmal, ſich mit einem der Schmetterlinge vermaͤhlen können, welche ſie umſchwaͤrmten; aber bei genauerer Betrachtung kamen ihr alle dieſe Schmetter⸗ Unge ſehr einfoͤrmig vor und ſie laͤchelte lieber uͤber des Oberſtlieutenants Cavalleriſten⸗Galanterie, als daß ſie bei dem waͤſſ'rigen Liebeskram eines jungen Anbeters gaͤhnte. Mit einem Gefuͤhl unbeſchreiblicher Ruhe nahm ſie ihre neue, ſchoͤne Heimath in Beſitz und dankte aus voller Seele dem, der in dieſe Seele dus Vermoͤgen ge⸗ legt, ſich ſelbſt zu helfen und rein aus dem Fegefeuer hervorzugehen, in welchen ſie gelebt. Und ſie that ein heiliges Geluͤbde, daß ſie, wenn es Gott gefiele, ihr den heiligen Beruf einer Mutter anzuvertrauen, denſelben auf eine ganz andre Weiſe zu erfuͤllen ſuchen wollte, als ſie ihn ſelbſt erfuͤllen ge⸗ ſehen. Honorine verzichtete, als ſie in den Eheſtand ge⸗ treten, auf jede andere intereſſante Paſſion, deren Ver⸗ geſſen gleichzeitig eine Pflicht und deren Erinnerung eine angenehme Pein war, ebenſo wie auch auf jede truͤge⸗ riſche Hoffnung; auf dieſelbe Weiſe nahm ſie auch keine Illuſion hinuͤber. vollen en zu auch linge r bei etter⸗ r des ß ſie deters nahm aus n ge⸗ feuer wenn zutter ſe zu n ge⸗ d ge⸗ Ver⸗ eine ruͤge⸗ keine 131 Aber wir duͤrfen auch nicht verſchweigen, was der Leſer durch die fluͤchtige Bekanntſchaft mit dem Oberſt⸗ lieutenant Helleding ſchon hat errathen koͤnnen, naͤmlich, daß Honorine nach ihrer Verheirathung die Erfahrung machte, daß Ruhe und ein maͤßig es Gluͤck nicht gerade ſo vollkommen dadurch verbuͤrgt werden, daß man ſich mit einem aͤlteren Manne verheirathet. Es iſt moͤglich, daß der Oberſtlieutenant in ſeinem neunundvierzigſten Jahre— dem Zeitpunkte, wo er vor ungefahr fuͤnf Jahren ſeine junge Gattin heim⸗ fuͤhrte— kein ſo großer Egoiſt war, als jetzt. Aber gewiß iſt, daß er im ruhigen Beſitz einer ſchoͤnen und liebenswuͤrdigen Frau blos dann und wann ſich daran erinnerte, fuͤr wie unmoͤglich er es einmal gehalten hatte, uͤberhaupt einen ſolchen Schatz zu erlangen. Aber ſchon nach Ablauf des zweiten Jahres hoͤrte er ganz auf, ſich daruͤber zu verwundern und ſo wie er ſich immer mehr und mehr in ſeine Sicherheit verſenkte, verſenkte er ſich auch in ſeinen Egoismus— ein haͤß⸗ licher Zug, der ſehr oft hervorſtach, obſchon er nach ſei⸗ ner Art Honorinen herzlich liebte, jedoch nicht anders, als daß er ſeinem Ich, ſeinem Willen, ſeinen Gedanken ſtets den erſten Platz einraͤumte. Auch Honorine gehoͤrte zu den Weſen, die mit einem Willen geboren ſind, aber ſie wendete ihren Wil⸗ len edel an und niemals anders, als unter Mitwirkung des Verſtandes. 9* 132 Von der ganzen Schaar von Freunden, welche die junge Frau waͤhrend ihrer Maͤdchenjahre gehabt, hatte die Oberſtlieutenantin Helleding nur zwei beibehalten— der eine war ihr Couſin und fruͤherer Freier— einen „Geliebten“ hatte ſie niemals gehabt— Baron Siyten M., ein grundehrlicher, junger Mann, der, ſoviel man wußte, nicht mehr als zwei Fehler beſaß(wovon wir ſpaͤter ſprechen werden) und der andere war eine Spiel⸗ genoſſin ihrer Kindheit, eine Jugendvertraute, nunmehr junge Wittwe, Frau Adele von Stern, welche im Be⸗ ſitz von nicht mehr als zwei Tugenden war, wovon wir ebenfalls ſpaͤter ſprechen werden. Dieſe beiden Perſonen, die Witwe und der vor⸗ malige Freier, fanden es beide angemeſſen, ſich auf meh⸗ rere Monate des Jahres in dem allezeit gaſtfreien Tjuſtorp niederzulaſſen. Der Oberſtlieutenant ſah gern Leute und Jeder, der ſich mit Geduld darein ergeben wollte, Vortraͤge uͤber ſeine Geſchaͤfte und Erfahrungen in der Landwirthſchaft anzuhoͤren, konnte ſtets auf ein freies Couvert an ſeinem Tiſche rechnen. Auch Honorine ſah gern Fremde und daher ge⸗ ſchah es, daß Tjuſtorp, beſonders zu gewiſſen Zeiten des Jahres, einem wirklichen Gaſthofe glich. Der jetzige Zeitpunkt— der unangenehme, naß⸗ kalte Herbſt— war ſtets langweilig und fuͤr den Oberſt⸗ lieutenant der langweiligſte. Die Stadtbewohner kehr⸗ ten zu ihren Schauſpielen und Soiréen zuruͤck, die einen bixten man wir piel⸗ mehr Be⸗ wir vor⸗ meh⸗ reien gern geben ngen ein ge⸗ des naß⸗ erſt⸗ kehr⸗ die 133 Landbewohner mußten ſich nach Hauſe begeben, um fuͤr ihre Wintervorraͤthe zu ſorgen, ja ſogar die jungen un⸗ verheiratheten Maͤnner zogen gern wo anders, naͤmlich dahin, wo ſie auf mehr Vergnuͤgungen rechnen konnten. Aber wenn die Andern abreiſ'ten, war es gewoͤhn⸗ lich einer, welcher ſoeben anlangte— Baron Sirten, der von Allen am laͤngſten aushielt. Was die Witwe betrifft, ſo hatte ſie— reich und bewundert— nicht Zeit, gerade dieſe Monate ihrer Freundin zu ſchenken, denn ſie gehoͤrte zu den tanzenden Damen. Aber mit den erſten Schwalben kam ſie wieder.. Und nun ſtehen wir bei dem Augenblick, wo der „Alte“ mit dem Wagen und ſeinen zwei Herrinnen an der Thuͤr der Wohnung Halt machte, wo Jolli's Ta⸗ lente ſie Alle zu gern geſehenen Gaͤſten machen ſollten. Es ſcheint vielleicht, daß wir, da wir ſo eben im beſten Zuge waren, von Frauen und von Erziehung zu ſprechen, auch einige Worte uͤber die arme Jolli ſagen koͤnnten, von der man vielleicht glaubt, ſie gehoͤre zu jener Art von jungen Maͤdchen, welche ſich ſelbſt er⸗ ziehen. Aber dies war nicht der Fall. Frau Walborg war eine Frau von eigenthuͤmlichen Gewohnheiten; ſie war, ſo zu ſagen, ein Nomadenweib und wuͤrde ſich dazu verſtanden haben, mit dem Alten 134 und dem Wagen fortwaͤhrend auf der Aedftrüßf zu leben und zu wohnen, ſobald ſie nur ihre kleinen Be⸗ quemlichkeiten und Genuͤſſe haben konnte. Aber ſie war auf jeden Fall eine tuͤchtige und redliche Frau, welche der jungen Seele ihrer Tochter feſte Grundſätze und eine nicht allzulockere Gottesfurcht einpraͤgte. Vor allen Dingen lehrte ſie Jolli, ſich nicht auf ihre kleinen Reize, ſondern vielmehr auf ihre kleinen Talente zu ver⸗ laſſen und gab ihr weislich zu verſtehen, daß ſie mit den letztern mehr Ausſicht haͤtte, Gluͤck zu machen, als mit den erſtern. Jolli bekam daher durch die Mutter keine zu hohe Meinung von ſich ſelbſt und wenn ihr in der Zukunft Jemand die Wohlthat erzeigte, ſie von ihrem dermaligen Zigeunerleben zu befreien, ſo mußte ſie ohne Zweifel eine der dankbarſten Gattinnen werden, denn es war doch zu traurig, all ſein Lebelang in Mamelucken gehen, Mazurka tanzen und Jolli heißen zu muͤſſen. Und endlich mußte Jolli auch eine arbeitſame Haus⸗ frau werden, denn zu Frau Walborgs erſten Grund⸗ ſaͤtzen gehoͤrte der, Niemanden zur Laſt zu fallen, dem man nicht durch irgend eine Arbeit wiedervergelten konnte. Es klingt erfiche betruͤbt, aber, im Ganzen ge⸗ nommen, iſt es wahr, daß Jolli auf der Landſtraße beſ⸗ ſer erzogen ward, als Viele es in Penſion und Salons werden. Aber nun iſt es nicht mehr wie billig, dafuͤr zu ſe zu Be⸗ r ſie Frau, dſaͤtze Vor einen ver⸗ t den 3mit hohe kunft lligen veifel war ehen, daus⸗ rund⸗ dem unte. n ge⸗ beſ⸗ alons r zu 135 ſorgen, daß der Alte und ſeine Geſellſchaft unter Dach und Fach kommen, denn von welchem Gefuͤhle es auch herruͤhren mag— vielleicht von Jolli's Bemerkung uͤber die alte Geliebte— genug... die tapfere Frau ſpaͤhet mit einer ihr ſonſt fremden Verlegenheit umher. In den angepflanzten Hof hinein konnte der Wa⸗ gen nicht wohl fahren und die infamen Hunde, die Ba⸗ ron Siyten dreſſirte, heulten ſo laut, daß man das Wiehern des Alten nicht hoͤrte. —O 4. Erneuung einer alten Zetzanntſchaſt. „Es ſieht verdammt vornehm aus, da drinnen!“ murmelte endlich Frau Walborg, waͤhrend ſie ihre ſich immer mehr verduͤſternden Blicke durch das ſtattliche Gitter des Thores warf. „Vielleicht zu vornehm fuͤr uns, Mama— viel⸗ leicht haͤtten wir beſſer gethan, wenn wir...“ „Holla!“ rief ploͤtzlich unſere Freundin, welche jetzt einen Knecht erblickte, der nach dem auf der andern Seite gelegenen Stallhofe ging.„Holla, mein Junge, hoͤrſt Du denn nicht gut?“ Aber der Mann hoͤrte ganz gut; er kam ſogleich herbei, und wenn er auch ein gewiſſes Erſtaunen uͤber dieſe Art von Herrſchaft, welche ankam, nicht unter⸗ druͤcken konnte oder wollte, ſo zeigte er ſich doch auf alle Weiſe hoͤflich. zen!“ ſich tliche viel⸗ jetzt Seite hoͤrſt gleich uͤber inter⸗ f alle —- 137 Und nachdem er erzaͤhlt, daß der Oberſtlieutenant verreiſ't, die gnaͤdige Frau aber blos ausgeritten ſei und bald zuruͤckkommen werde, erſuchte er die Damen, gerade aus nach dem Hauſe zu gehen, waͤhrend er Pferd und Gepaͤck unterbraͤchte. „Schoͤnen Dank, mein Junge— Du haſt ein Trinkgeld von mir zu fordern!“ Dies war eine der ſtehenden Artigkeiten, womit Frau Walborg ſtets Dienſte dieſer Art bezahlte. „Nun, Jolli, mein Maͤdchen, ſieh' nicht ſo verle⸗ gen aus... nimm Du die Cither und das Kaͤſtchen, die Reiſeapotheke werde ich ſelbſt tragen— und der gute Junge da wird das Gepaͤck ſchon nachbringen.“ „Aber, liebe Mama, wir muͤſſen ja bei dem Ba⸗ ron vorbei?“ „Und dann— weißt Du ja, ob wir vornehme Damen ſind, die auf Einladung in einer Kaleſche kom⸗ men oder eine paar arme Verwandte, welche Gaſt⸗ freundſchaft ſuchen, wenn man uns ſaure Geſichter macht.“ „Aber, aber...“ „Jolli, wenn Du Dich vielleicht durch Stolz und Hochmuth hinreißen laͤſſeſt, ſo ſoll mich der Teufel ho⸗ len, Du kleine, aufgeblaſene Stockroſe, wenn ich Dir nicht den Kopf zurechtſetze... na, gaffe mich nur nicht ſo an, und gib die Handſchuh her, mein June — bekuͤmmere Dich lieber ordentlich um das Pferd.. brr, Alter... leb wohl, Du wirſt auch froh ſein, wenn Du in den Stall kommſt. Nun, was wird's, Mam⸗ ſell Storchbein, willſt Du die Cither und das Kaͤſtchen nun nehmen oder nicht?“ Und mit dem Flaſchenfutter auf dem einen Arm und einer großen, braunen, Toilettengegenſtaͤnde ent⸗ haltenden Ledertaſche ging Frau Walborg voran den Hof hinauf. Jolli war gezwungen, nachzufolgen und Gott weiß, ob nicht dabei eine kleine Thraͤne an den ſchwarzen Augenwimpern hing, denn Jolli fuͤhlte wohl das De⸗ muͤthigende und Laͤcherliche ihrer Lage. An andern Orten, wo man gewohnt war, ſie zu ſehen, wo man ſich nach ihnen ſehnte und wo man keine verwunderte Miene weder uͤber den Alten, noch uͤber den Wagen, noch auch ſogar uͤber das Flaſchen⸗ futter, die Cither und das Kaͤſtchen, ja, wo man Alles kannte, bis auf die Pfeffermuͤnzkuͤchelchen und Toilet⸗ tentaſche, da ginge es wohl an, dachte Jolli, aber hier — hier! Dieſe ariſtokratiſche Sauberkeit und Eleganz, die auf allen Seiten bemerkbar war, floͤßten ihr eine toͤdt⸗ liche Angſt ein. Es gehoͤrt mit zu den groͤßten Leiden der Armuth, mit Ungewißheit deſſen, was zu erwarten ſteht, in die Heimath des Luxus einzutreten. Fuͤr unſere Damen ſchien es in dieſem Augen⸗ blicke nichts Aergerlicheres zu geben, als den„dummen“ venn am⸗ tchen Arm ent⸗ den weiß, arzen De⸗ e zu man noch chen⸗ Alles oilet⸗ hier , die toͤdt⸗ eiden arten ugen⸗ men“ 139 Baron, der weder hoͤrte, noch ſah und den dummen Hund, welcher bellte und heulte und den ganzen Platz vor der breiten Treppe fuͤr ſich in Anſpruch nahm. Ach, ach, ach, da ſtand Jolli mit der Cither und dem Kaͤſtchen in den Haͤnden, unter dem Schutze des engen Mantels verſteckt, ſo gut ſie konnte! „Guten Tag, Baron Sirten! Dank fuͤr das letzte Mal*)— es war nicht geſtern!“ ſagte Frau Walborg und gab dem Baron ohne weitere Umſtaͤnde mit der Toilettentaſche einen Schlag auf den Arm. Der Baron erſchrak und drehte ſich herum. „Ach, lieber Gott, ſehe ich denn recht?— Die ſelige Tante Walborg, wie ſie leibt und lebt!“ „Wie, was, mein lieber Baron, bin ich denn ſchon einmal todt geweſen?“ „Nun, meiner Seel', ich daͤchte doch, ich haͤtte ganz gewiß gehoͤrt, die Tante ſei im vergangenen Fruͤh⸗ jahr geſtorben... doch nein, jetzt beſinne ich mich, das war die alte Tante Laura... nun, um ſo beſſer! Ich hoffe, daß der Alte auch noch lebt... und die kleine Jolli— die iſt ja, meiner Treu, ſo ſchoͤn gewor⸗ den, daß ſie die wilden Roſen beſchaͤmt.“ *) Eine in Schweden bekannte Hoͤflichkeitsformel zwi⸗ ſchen Perſonen, die einer Geſellſchaft beigewohnt haben und einander ſpaͤter wieder begegnen. A. d. U. 140 Und Baron Sinten, der gutmuͤthigſte und am we⸗ nigſten ſtolze aller nicht blos Barone, ſondern aller Menſchen unter der Sonne, umarmte Frau Walborg und wuͤrde mit Jolli daſſelbe gethan haben, wenn nicht die Mutter ihre Perſon ſchnell dazwiſchen gedraͤngt haͤtte. „Das Maͤdchen,“ ſagte ſie,„iſt allerdings noch ein Kind, aber auf alle Faͤlle muß ich bitten, daß ſie in ge⸗ wiſſen Dingen fuͤr erwachſen angeſehen wird.“ „Nun, das iſt ganz Recht,“ meinte der Baron.. „dann gib mir wenigſtens die Hand, kleine Mamſell Jolli! Und im Namen unſerer Wirthe heiße ich Euch nun willkommen, meine Herrſchaften.“ „Aber glauben Sie auch, Baron, daß wir es ſein werden?“ fragte das Maͤdchen, waͤhrend ſie, den beſchwer⸗ lichen Kaſten zuruͤckſchiebend, ihre kleine Hand aus⸗ ſtreckte. „Dafuͤr ſtehe ich und wenn Ihr mir nicht glauben wollt, ſo ſehet da ein beſſeres Zeugniß— wer kommt da?“ Die Wange des Barons, die von einer ſchnellen Roͤthe gefaͤrbt ward, ſchien zu verrathen, daß er acht Jahre lang die Treue bewahrt. Und in der That, die Perſon, welche ſich jetzt zeigte, ſchien einen ſo ungewoͤhnlichen Fall zu rechtfertigen. Es war die junge Herrin, welche in dunkle Tracht gekle ſam Ba⸗ Ere oͤffn ihr Vor Hor jung erſt daß mit einen wied ziem noch gute we⸗ aller borg nicht aͤngt ein ge⸗ u... nſell Euch ſein wer⸗ aus⸗ uben mmt ellen acht eigte, racht r 727 — 4 141 gekleidet und ein ſchoͤnes, weißes Pferd reitend, in lang⸗ ſamem Schritt ſich dem Thore naͤherte. Ein Dienet ſtuͤrzte herbei, um zu oͤffnen, aber Baron Siyten war noch raſcher und er war es daher — vielleicht hatte er ſich gerade in Erwartung dieſes Ereigniſſes im Hofe aufgehalten— welcher das Thor oͤffnete, Honorinens anmuthiges Laͤcheln empfing und ihr vom Pferde half. Noch ſtanden unſere beiden reiſenden Damen im Vorhauſe. „Ach, Mama, wie ſchoͤn, wie wuͤrdig und reizend Honorine iſt! Liebe Mama, ſoll ich ſie Tante nennen?“ „Du Gans— glaubſt Du denn, daß eine ſo junge Frau wird Tante heißen wollen! Nenne ſie zu⸗ erſt gnaͤdige Frau und dann wird ſie Dir ſchon ſagen, daß Du ſie dutzen ſollſt.“ „Gaͤſte, meine beſte Honorine!“ ſagte der Baron mit jener angenehmen und ruhigen Vertraulichkeit, welche einem fruͤher halb beguͤnſtigten, ſpaͤter deſertirten, ſchnell wiedergekommenen und endlich verabſchiedeten Freier ge⸗ ziemen kann, der ſich unter der Wuͤrde eines Couſins noch in fortdauernder Gunſt erhaͤlt. „Wen haſt Du mir denn da vorzuſtellen, mein guter Sixten?“ antwortete Honorine in demſelben Tone. —————ͤͤͤͤ“— „Ein paar alte Bekannte— die ſelige Tante Walborg, welche noch mit ihrem alten Pferde und der kleinen Jolli umherreiſ't. Und, liebe Honorine, da ſie nun einmal da iſt“— der Baron ſenkte ſeinen gutmuͤthigen Blick in Honorinens ſchoͤne Augen—„ſo ſei freundlich und nimm die armen Frauen gut auf! Ich habe es ihnen verſprochen.“ „Das konnteſt Du auch ruhig thun, mein Couſin, denn Du weißt ja, daß ich nicht im Stande bin, irgend Jemanden, welcher die Gaſtfreundſchaft von Tjuſtorp ſucht, unfreundlich zu begegnen, es ſei, wer es wolle, eine alte Verwandte oder meine Mutter.“ Gleich, nachdem ſie dieſe Worte geſprochen, ſprang ſie die Treppe hinauf, und anſtatt des von Jolli be⸗ fuͤrchteten Lachelns uͤber ihr Coſtum, ſchimmerte eine Thrane in Honorinens Augen, als ſie ihre beiden Gaͤſte umarmte und ſie mit eben ſo einfacher, als ungeſuchter Freundlichkeit in den großen, gaſtfreundlichen Saal fuͤhrte, wo ein loderndes Kaminfeuer und das Kaffee⸗ geſchirr die junge Wirthin erwartete. „Ach, willkommen, tauſendmal willkommen, meine gute Tante Walborg... und die kleine Jolli, die ich gar nicht wieder erkenne!“ Und ſie half ihnen ſelbſt aus den Maͤnteln und hatte ſchon das ganze Gepaͤck, einſchließlich des Flaſchen⸗ futters und des Kaſtchens, fortgeſchickt— bevor die ante der ſie gen lich es ſin, end orp olle, ang be⸗ eine aͤſte hter Haal ffee⸗ eeine ich und hen⸗ die 143 von dieſer warmen Herzlichkeit ganz ergriffenen Frauen⸗ zimmer das Geringſte hatten vorbringen koͤnnen. Endlich fand Frau Walborg die Sprache wieder. „Liebe, vortreffliche Honorine, Du bleibſt Dir doch immer gleich— verzeihe, daß wir hier ſo ohne Wei⸗ teres herkommen und. Das iſt ein Freundſchaftsbeweis,“ unterbrach ſie Honorine,„auf den wir ſchon lange gerechnet haben — und nun hoffe ich, ſowohl um meinet⸗, als um Helledings willen, daß die Tante den Alten auf Tju⸗ ſtorp uͤberwintern laͤßt.“ „Nein, ſo unverſchaͤmt ſind wir nicht!“ antwor⸗ tete Frau Walborg mit vergnuͤgtem Laͤcheln.„Oder, wie glaubſt Du, Jolli... ſo ſage doch der gnaͤdigen Frau, daß Du Dein Beſtes thun wirſt, um Deine Dankbarkeit zu beweiſen.“ „Ach, ich ſehe es der gnaͤdigen Frau an den Au⸗ gen an,“ meinte Jolli,„daß ſie dies glaubt, ohne daß ich etwas ſage.“ „Gnaͤdige Frau— Ihr ſcherzet wohl, meine Freunde, 1 wenn Ihr zu vergeſſen ſcheint, daß wir i doppelter Verwandtſchaft ſtehen. Und da Du, genau genommen, Jolli, viel zu groß biſt, um mich Tante zu nennen, ſo ſage Du— ich bitte Dich darum.“ „Ach, dann erlaube mir, Dich gleich ſo nennen zu duͤrfen! rief Jolli, indem ſie ihre Arme um Hono⸗ 144 rinens Hals ſchlang.„Welche Seligkeit, welche Se⸗ ligkeit, auf eine ſolche Weiſe empfangen zu werden!“ „Aber ins Himmels Namen, liebe Jolli, weshalb traͤgſt Du, als erwachſenes Maͤdchen, Kleider wie...“ Das junge Maͤdchen zeigte inzwiſchen eine groͤ⸗ ßere Faſſung, als man haͤtte glauben koͤnnen. Auf einen einzigen Blick ſah ſie, daß die Mutter Honorinen unrecht beurtheilt habe, und bevor noch Frau Walborg ein einziges Wort entgegnen konnte, ſagte ſie ſelbſt ganz dreiſt: „Nun, ſiehſt Du, Mama wuͤnſchte, daß ich mein Debut— ich glaube, es heißt ſo— mit moͤglichſt beſtem Erfolge machte, und da ich eine gewiſſe Fertig⸗ keit in allerlei kleinen, zur geſellſchaftlichen Unterhaltung geeigneten Kuͤnſten habe, ſo war ich auch ſofort bereit, mich ſo zu kleiden, daß ich noch heute Abend meine erſte Vorſtellung geben koͤnnte.“ Honorine bezeugte ihre Freude und Frau Walborg warf ihrer Tochter einen Blick zu, der mehr Erſtaunen, als Verdruß ausdruͤckte; aber ſie ſagte nichts, denn jetzt kam der Baron, um den Damen Geſellſchaft zu leiſten, waͤhrend die Wirthin ſich umkleidete und einige Be⸗ fehle in Bezug auf die Verpflegung und Bequemlichkeit ihrer Gaͤſte ertheilte. 145 Nachdem ein kleines Extramittagsmahl mit gutem Weine und darauf folgendem Kaffee Frau Walborgs Lebensgeiſter behaglich aufgewaͤrmt hatte, fuͤhlte ſie ein großes Beduͤrfniß, nach dem Alten zu ſehen und dann nicht weniger ungeſtoͤrt in der Gaſtſtube auszuruhen, die ihr angewieſen worden. Dieſe Ruhe, welche, wie Jolli vorher wußte, bis zum Abend dauerte und dann vom Abend bis zum Morgen, geſtattete der jungen Dame, dieſen ganzen Abend groß zu ſein— ein Vorrecht, welches ſie, un⸗ geachtet ihrer beſchwerlichen Mamelucken und langen Haarflechten, ſich auch zu Nutzen zu machen ſuchte. Aber als Honorine nun erklaͤrte, daß ſie auf keine Weiſe der verſprochenen erſten Vorſtellung verlu⸗ ſtig gehen wolle, ſprang Jolli auf, froͤhlich wie ein Kind, daß man ſie als die neue Esmeralda ſehen wollte... und ſo elaſtiſch, ſo geſchmeidig und anmuthig waren ihre Bewegungen waͤhrend des Tanzes, daß Honorine in in die Haͤnde klatſchte und Sixten Bravo und Dacapo ſchrie, ſo ſchnell er konnte. Ueberhaupt mit Ruhm und Blumen— denn der Baron wuͤrde die ganze Fenſterorangerie gepluͤndert haben, wenn Honorine nicht fuͤr ihre Lieblinge um Schutz gebeten haͤtte— ſank Jolli endlich keuchend auf den Stuhl nieder, und wenn es nicht eine verzeih⸗ liche Politik geweſen waͤre, zu ſparen, ſo haͤtte ſie ge⸗ Ein Gerücht. Ill. 10 wiß alle ihre Talente auf einmal in Anwendung ge⸗ bracht; aber ſie glaubte, vor der Hand ſei es genug. „Geh' Deiner Wege, lieber Sixten,“ ſagte Hono⸗ rine, als ſie nach der Mahlzeit vom Tiſche aufgeſtan⸗ den,„ich habe nun noch Einiges mit Jolli unter vier Augen zu ſprechen.“ Und der wuͤrdige Baron Siyten, der ſich niemals einen Ungehorſam gegen ſeine Herrin traͤumen ließ, noch viel weniger beleidigt fuͤhlte, daß er ſo vertraulich verabſchiedet ward, nahm ſogleich ſeinen Ruͤckzug nach dem obern Stockwerk. „Kannſt Du errathen, was ich Dir ſagen will?* fragte Honorine, ſobald ſie allein waren. „Du willſt wiſſen,“ antwortete Jolli lachend,„ob ich morgen auch nichts Anderes anzuziehen habe, als was ich heute trage?“ „Nun, das gerade nicht, aber ich wollte Dich bit⸗ ten, mit mir hier hinein zu gehen.“ „Wohin?“ „Komm'’ nur!“ Und die freundliche Wirthin fuͤhrte ihren jungen Gaſt mit ſich in ein Zimmer, wo man, nach dem was ſpaͤter Jolli ihrer Mutter erzaͤhlte, in Gefahr kam, ſich in einem Labyrinthe von aufgehaͤngten Kleidern zu ver⸗ irren. „Waͤhle, liebes Kind!“ ſagte Honorine ganz muͤt⸗ —— ——— 3 ge⸗ 9. dono⸗ ſtan⸗ vier mals ließ, aulich nach vill?“ „„ob , als 147 terlich.„Mein Mann hat, wenn auch keine andere — 4„— 9), C 3„ Schwachheit, wenigſtens die, daß er mir unaufhoͤrlich neue Kleider ſchenkt.“ mber... „Kein Aber! Ich wuͤnſche, daß wir wie Schwe⸗ .) 2,. 8. ſtern mit einander leben moͤchten. Du ſollſt mir ein Erſatz fuͤr meine gute Adele ſein, die ich vor dem naͤch⸗ ſten Fruͤhling nicht wiederſehen werde und deshalb wirſt Du wohl einſehen, daß Du, beſondere Gelegenheiten ausgenommen, nicht mehr in Mamelucken gehen kannſt.“ 3 7 6 82 4 Wir ſagen nichts von Jolli's Herzpochen und eben ſo wenig von ihrem Entzuͤcken und ihrer Dankbarkeit. Sie, die noch niemals andere, als ausgewachſene, 5 7 7 ₰ 3, 8 7 ausgegangene und ausgewaſchene Kleider aus Tante Malla's, Tante Elſa's, Tante Nicka's u. ſ. w. Gar⸗ derobe bekommen hatte, ſah ſich jetzt, als ſie auf einer Hintertreppe nach ihrem Zimmer hinaufgefuͤhrt ward S L 5 7 mit einem ganzen Arm voll wirklicher Kleider belaſtet, welche ſich nach ihrem etwas ſchlankeren Koͤrperbaue leicht aͤndern ließen. Niemals hat wohl Jemand heitrere und ſtolzere Traͤume gehabt, als Jolli waͤhrend dieſer Nacht! 2 7 9. Mann und Frau. Rückblicke. Spaͤt in der Nacht kam der Oberſtlieutenant nach Hauſe. Er war erſt den naͤchſten Tag zuruͤckerwartet wor⸗ den, aber er forderte, daß man ihn ſtets erwartete, er mochte nun kommen, wann er wollte und er ward da⸗ her jetzt ſehr verdrießlich, als er ſah, daß ſeine Ankunft keinerlei Aufruhr erweckte. Allerdings haͤtte er ſelbſt einen ſolchen anrichten koͤnnen— das hatte er ſchon fruͤher mehr als einmal gethan— aber in Betrachtung, daß er Honorinen auf dieſe Weiſe am Morgen eine kleine Ueberraſchung bereiten koͤnnte und auch in Betrachtung deſſen, daß ſie auf alle Faͤlle eine„liebenswuͤrdige Hausfrau— der groͤßte Schmeichelname, den der Oberſtlieutenant geben konnte— war, ging er auf ſein Zimmer, ohne mehr als zwei oder drei Perſonen in Bewegung zu 149 ſetzen und ohne auch nur davon zu ſprechen, daß man die gnaͤdige Frau wecken ſolle. Als aber die gnaͤdige Frau am folgenden Mor⸗ gen erwachte und hoͤrte, daß ihr Mann waͤhrend der Nacht ſo ſtill und heimlich nach Hauſe gekommen, ward ſie durch dieſe Artigkeit gleichſam ein wenig ge⸗ ruͤhrt und beeilte ſich um deſto mehr, hinaufzugehen und ihn zu begruͤßen. Aber ſie war noch nicht weiter gekommen, als bis ins Vorzimmer, als der Oberſtlieutenant— der jetzt nicht mehr an die Ueberraſchung dachte, wohl aber dar⸗ an, daß man nicht wach geblieben war und auf ihn gewartet hatte— ihr ſchon mit dem Morgengruße entgegenkam: „Na, das haben die Weiber ſo in der Art, zur Zeit und zur Unzeit zu ſchlafen— ich glaube, meiner Seele, Ihr wuͤrdet Euch nicht ſtoͤren laſſen, wenn die Decke einſtuͤrzte, geſchweige denn, wenn der Mann er⸗ froren, muͤde und durchnaͤßt in der Nacht nach Hauſe kommt! Ich mußte froh ſein, daß ich mich wie ein armer Junggeſell, der ſeine Haushaͤlterin nicht zu wecken wagt, auf mein Zimmer ſchleichen durfte.“ „Mein Gott, lieber Helleding, welch ein ſchreck⸗ liches Schickſal!“ antwortete Honorine, waͤhrend ſie laͤchelnd ihrem Mann erſt die Hand und dann die fri⸗ ſchen Lippen reichte, die er brummend beruͤhrte. 150 geſelen a das ſind ſolche Schickſale, welche alte Jung⸗ erwarten, wenn ſie heirathen...“ „... Und zu einer ganz andern Zeit nach Hauſe kommen, als ſie erſt beſtimmt haben.“ »Ja, mit Ausreden ſind die Weiber immer bei der Hand! Ihr denkt, damit ſei es abgemacht.“ .„Aber, ſag mir nur, mein Freund, wollteſt Du denn wirkl lich, d aß ich fuͤr den blos moͤglichen Fall, daß Du nach Hauſe kommen konnteſt, die ganze Nacht auf⸗ bleiben ſollte?“ „Ach, ſo ſchwatze doch nicht, ich bin ein alter Soldat und gewohnt, mir ſelbſt zu helfen, ohne eine Handreichung von Weibern zu beduͤrfen.“ „Aber, nun merke nur ſelbſt auf, wie großmuͤthig die Frauen ſind— ſiehe, ich thue gar nicht einmal, als ob ich die Finte merkte, die Du jetzt machteſt— aber das iſt ſo Sitte der Maͤnner, die brauchen nicht direct auf die Frage einer Frau zu antworten.“ „Auf was denn fuͤr eine Frage?“ „Blos auf die, ob Du beſtimmt wuͤnſcheſt, daß ich alle Naͤchte aufbleibe, wenn Du nicht da biſt...“ „... und ich zu Hauſe erwartet werden kann, ſollteſt Du wohl noch hinzuſetzen?“ „Nun, ſo ſetze ich es hinzuͤ.“ „Und ich antworte Dir, mein Kind, daß ich nichts fordere, aber daß es angenehm und huͤbſch waͤre... „... wenn Du mich uͤbernaͤchtig, bleich und —ι ☚ ung⸗ dauſe bei Du daß a uf⸗ alter eine ihig mal, nicht daß ann, ichts und uͤbelgelaunt Dir entgegenkommen ſaͤheſt: Ja, das waͤre allerdings ſehr angenehm! Nein, lieber Helleding, das wollen wir nur einander zugeſtehen, daß die Frauen weit liberaler ſind! Habe ich wohl jemals verlangt, wenn ich abweſend und verreiſ't war oder glaubſt Du wohl, ich wuͤrde jemals verlangen, daß Du bei einer ſolchen Gelegenheit aufbleiben und mich erwarten ſollſt?“ „Nun, das waͤre wohl auch ein verteufelter Un⸗ terſchied!“ „Nun, in welchem Falle denn, Du alter, rauher Reitersmann!“ Die ſchoͤne Frau zupfte ihn ſchelmiſch an dem grauen Schnurrbarte. „Ach, Ihr Weiber, Ihr Weiber, ſeid doch aus nichts als Liſt und Schmeicheleien zuſammengeſetzt... Bin ich vielleicht nicht Dein Mann?“ „Und bin ich nicht Deine Frau?— Das iſt doch wohl gleich... Doch laß mich nun hoͤren, ob Du eine angenehme Reiſe gehabt haſt?“ „Mir ſtoͤßt niemals etwas Unangenehmes zu, meine Freundin, denn ich weiß Alles zu ertragen... aber etwas Beſonderes...* „Noch vor dem Kaffee, lieber Helleding?“ „Vor dem Kaffee, wenn es Dir beliebt!“ „Nun wohl, dann beeile Dich— ich moͤchte Dir gern mittheilen, daß ich ein Paar Gaͤſte fuͤr Dich habe.“ 15² „Gaͤſte, hm... eben ein Gaſt war es, uͤber den ich ſprechen wollte.“ „Aha!“ Honorine machte eine Miene, welche zu erkennen gab, daß ſie durchaus nichts Neues erwartete. „Ich muß Dir ſagen, mein Kind, daß ich ihn bald ſatt kriege oder vielmehr ſatt habe.“ „Satt— wen denn?“ „Nun, Deinen alten Liebhaber.“ „Aber das iſt kein großer Beweis von Dankbar⸗ keit— er iſt ja ein angenehmer Geſellſchafter fuͤr Dich.“ „Den Teufel iſt er— er foltert mich, er quaͤlt mich durch ſeine dumme Dienſtfertigkeit... gegen Dich, notabenez er iſt ja Dein Laufjunge, Dein Be⸗ dienter.“ „Pfui, mein Freund!“ ſagte die junge Frau mit einer Miene unbeſchreiblich ſanfter Wuͤrde.„Bin ich wohl die Frau, die ein Vergnuͤgen daran finden wuͤrde, einen Mann ſich ſo vor ihr demuͤthigen zu ſehen!“ „Hm, hm!“ „O, Du glaubſt es nicht! Sinrten iſt mein Freund, mein Vetter— ich bin ihm gewogen und werde ihm ſtets gewogen ſein.“ „Aber ich weiſe ihm die Thuͤr, ſobald es mir ge⸗ faͤllt!« „Lieber Helleding.. 15³ „Soll ich es wohl mit anſehen, wie er Jahr aus, Jahr ein um Dich herumſeufzet!“ „Ach, dieſe Seufzer ſind nicht gefaͤhrlich! Er hat ſich einmal und fruͤher als Du, um meine Hand be⸗ worben; ich ſchlug ſie ihm ab und heirathete Dich— haſt Du da wohl Grund, ihm uͤbel zu begegnen?“ „Ich habe ſtets Grund zu dem, was ich thue. So lange ich glaubte, daß er in Dir blos meine Frau verehrte...* Nun mußte Honorine wieder laͤcheln. „Du wirſt wohl einſehen, mein guter Helleding, daß, wenn ich in Sixtens Augen einige kleine Reize beſaß, als ich noch Maͤdchen war...“ „Aha, Du vertheidigſt ihn, Du tadelſt Deinen Mann, Du... Aber es ſind wahrſcheinlich die ſchoͤ⸗ nen Lehren der Frau Adele, die noch ſitzen geblieben ſind, der Frau Adele, die ihrem Mann vor der Naſe mit zehn Courmachern charmirte.“ „Na, na, mein Freund, laß mich Dich an eins erinnern!“ „Nun, an was denn?“ „Nun an das, daß, es mag Dich verdrießen, was da wolle, das Ende davon allemal iſt, daß es der arme Sixten ausbaden muß und ſodann Adele... aber die ſchenke ich Dir gerne, denn ſie weiß ſich ſchon ſelbſt zu helfen.“ „Ja, ſo ſind die Weiber— der Liebhaber kommt zuerſt und der Mann zuletzt... Und Du wagſt zu behaupten...* „... daß Du der beſte Wirth und der beſte Menſch biſt, ſo bald Du nicht der allerabgeſchmackteſte zu ſein beliebſt... und hoͤre, es verlohnt ſich uͤberhaupt gar nicht der Muͤhe, meinen alten Freier zu verjagen, denn dann habe ich das groͤßte Recht, eiferſuͤchtig zu ſein.“ „Du?* „Ja wohl, ich— glaubſt Du denn, daß ich bei allen Gelegenheiten, wo ich abweſend ſein muß, Dich gern mit Deiner alten Flamme allein laſſen werde?“ „Aber wer zum Teufel iſt denn das?⸗ „Undankbarer, haſt Du ſchon die ſchoͤne Walborg vergeſſen, zu deren Fuͤßen Du geſeufzt?“ „Sieben Millionen Teufel, iſt das alte Weib hier?“ „Ja, mit dem Alten, mit dem Wagen und Jolli.“ „Ach, lieber Himmel, ſie iſt nicht mehr, was ſie vor dreißig Jahren war!“ W „Aber,“ fiel Honorine, etwas beunruhigt durch die Art und Weiſe, wie ihr Mann dieſe Ueberraſchung aufnahm, ein,„ſie iſt doch immer Deine arme Ver⸗ wandte, ein armes, wehrloſes Weib, welches einmal... e „Ach, rede nicht ſolch dummes Zeug.“ Der Oberſtlieutenant richtete ſich vor dem Spie⸗ gel in die Hoͤhe. Er hatte noch ſeine vollen, runden Spie⸗ unden 155 Wangen und ſeine große, martialiſche Geſtalt. Die vier und funfzig Jahre verunſtalteten ihn durchaus nicht. Ach, wie anders war es mit ſeiner ehemaligen Geliebten! Ihr ſah man es wohl noch an, daß ſie einmal eine ſchoͤne Frau geweſen war, aber ungluͤcklicher⸗ weiſe war gerade alles dieſes Weibliche und Angenehme verſchwunden.. „Die arme Tante Walborg,“ hob die junge Frau wieder an,„bei all' ihren Sonderbarkeiten iſt ſie gleich⸗ wohl aͤußerſt fein und zartfuͤhlend und wenn ſie das Geringſte bemerkte, daß ſie hier nicht gern geſehen wird.... „Nun aber zum Teufel, wer ſagt denn, daß ſie nicht gern geſehen werde ſie iſt ja meine leibliche Couſine. Aber nur nicht wieder ſolche verfluchte Anſpielungen, das will ich mir ausgebeten haben!“ „Nun, dann wollen wir einen ordentlichen Frie⸗ denstractat ſchließen!“ ſcherzte Honorine;„ich laſſe Dir Deine fruͤhere Geliebte unangetaſtet und Du laͤßt mir meinen ehemaligen Freier unangetaſtet...“ Der Oberſtlieutenant fing an zu lachen. „... notabene, bis er ſelbſt fortgeht, welches viel⸗ leicht binnen Kurzem geſchieht.“ „Donnerwetter, das ſoll er wohl bleiben laſſen— ich ſoll wohl hier mit dem ganzen Serail allein ſitzen bleiben?.. Na, Du biſt eine kleine, gute Frau 156 Honorine, und Du weißt auch rech wohl, daß ich auf Sixten keineswegs eiferſuͤchtig bin. Gewiß nicht, denn ich hoffe jetzt noch, ungeachtet ſeiner zwei und deihi Jahre, mit ihm in die Schranken treten zu koͤnnen. wie meinſt Du?“ „Wenigſtens iſt Dein Aeußeres weit maͤnnlicher.“ „Kleine Schmeichlerin... aber aufrichtig ge⸗ ſagt— dieſe rothbluͤhenden Wangen, die himmelblauen Augen und die ganze ehrwuͤrdige Bauerfaçon war ge⸗ rade nicht der Art, um Dich in Verſuchung zu fuͤhren.“ „Nur nicht boshaft... Sirtens aͤußere Erſchei⸗ nung iſt ſo ehrlich und gewinnend, daß, wenn er nicht ſeine zwei Fehler gehabt haͤtte. ⸗* „Aha, Du haͤltſt es far noͤthig, mich daran zu erinnern. Das haben die Weiber ſo in der Art, mit ſolchen elenden Maffen wageruͤckt zu kommen— rich⸗ tige Weiberwaffen ſind das. „Was will man machen, Du alter Solbes, wenn die Maͤnner zu eingebildet werden... aber nun komm' heraus in den Saal, unſere Gaͤſte werden gewiß gleich da ſein.“ Honorinens Beſorgniſſe waren, wie ſie bald be⸗ merkte, ganz uͤberfluͤſſig geweſen. Der Oberſtlieutenant zeigte ſich gegen die armen auf denn reißig n... chher.“ 3 ge⸗ lauen r ge⸗ ren.“ ſchei⸗ nicht un zu mit rich⸗ wenn mm' gleich d be⸗ 157 Reiſenden freundlich und artig und auch dieſe thaten ihrerſeits Alles, um iyn mit Sturm einzunehmen. Frau Walborg ſprach von der Landwirthſchaft, als ob ſie ihr ganzes Leben lang Oeconomieinſpector geweſen waͤre und gab auf ſehr ſchmeichelhafte Weie zu verſtehen, daß der Ruhm des Oberſtlieutenants auch außerhalb ſeines Ortes weit und breit bekannt ſei— eine Artigkeit, welche der Oberſtlieutenant dadurch be⸗ zahlte, daß er ſagte, er hoffe, es werde der Couſine Walborg gefallen, lange genug in Tjuſtorp zu verwei⸗ len, um ſich ſelbſt ein Urtheil zu bilden und fuͤr den Anfang vertraute er ihr den dritten Theil der ganzen Maſſe von Geſchaͤften an, wobei er ſelbſt Hand anle⸗ gen mußte. Jolli, welche die ganze Reihe ihrer brillanten Ta⸗ lente an dieſem Abend das Licht ſchauen ließ, ward von ihm dreimal umarmt, viermal ans Ohr geknippen und einmal tuͤchtig gekuͤßt, worauf der Oberſtlieutenant ſich ſchmunzelnd den Schnurrbart ſtrich. Endlich ſagte Frau Walborg, welche um der feſt⸗ lichen Gelegenheit willen noch keine Koliktropfen zu ſich genommen hatte: „Nun, ſing' einmal das neue Lied, liebes Kind, von der ſchoͤnen Uliana, die in der Nacht traͤumt.“ „Was iſt denn das fuͤr ein Lied?“ fragte Ho⸗ norine. „Haſt Du denn, liebe Honorine, nicht von dem armen Poeten Alexis erzaͤhlen hoͤren, dem die Frau davon lief? Er ſoll ſich irgendwo als Eremit begraben haben, wie man ſagt.“ „Alexis, Alexis!“ rief der Oberſtlieutenant.„Das iſt ja der huͤbſche, junge Mann, der uns vergangenen Sommer beherbergte... aber die Weiber koͤnnen ein⸗ mal nichts merken... es iſt eine Eigenthuͤmlichkeit ihrer Natur, Alles zu vergeſſen.“ „O ganz gewiß entſinne ich mich ſeiner!“ Ein theilnehmender Seufzer hob Honorinens Bruſt. Dieſer Seufzer, auf welchen ein leichtes Erroͤthen folgte, ward durch einen zweiten von der Seite her be⸗ antwortet. Die junge Frau wendete ſich herum. Baron Sie n ſaß im Winkel zwiſchen Ofen und Sopha und ſeine gutmuͤthigen, blauen Augen waren gedankenvoll auf den Gegenſtand ſeiner Jugendtraͤume geheftet. „Siyten,“ ſagte ſie,„Du entſinnſt Dich wohl noch der oͤffentlichen Bekanntmachung, die wir vor ungefaͤhr zwei Monaten in den Zeitungen laſen? Dieſe galt eben der unverſoͤhnlichen Gattin des armen Poeten.“ „Ja wohl, das Blatt liegt noch in dem Schub⸗ fache neben Dir,“ antwortete Siyten. „O laß mich es ſehen,“ bat Jolli.„Ich inter⸗ eſſire mich ungeheuer fuͤr Herrn Alexis Thurné.“ Frau raben „Das genen ein⸗ ichkeit Ein oͤthen er be⸗ n und waren raͤume ol noch gefaͤhr e galt m. Schub⸗ inter⸗ 159 Sie nahm das Blatt, welches ſich wirklich noch in dem Schubfache befand und las laut folgende Zeilen: „Sintemal Frau Lilia Thurné ihren Ehemann, Herrn Philipp Thurné, boͤslich verlaſſen und ihr der⸗ maliger Aufenthalt unbekannt iſt, wird dieſelbe hiermit aufgefordert, binnen Jahr und Tag ſich bei genanntem ihrem Ehemanne wieder einzuſtellen, dafern...“ „O wie entſetzlich!“ unterbrach ſich das junge Maͤdchen.„Gleichwohl heißt es, was Gott verbun⸗ den habe, ſolle der. Menſch nicht ſcheiden... ich haſſe dieſe Frau Lilia, die auch in aller Leute Munde iſt— alle glauben den Klagen des Mannes.“ „Ja,“ fiel Honorine ein,„ſeine Werke, die vor⸗ her kaum bekannt waren, haben einen ungeheuren Ab⸗ ſatz gefunden, ſeitdem man erfahren, daß der Poet Alexis und Philipp Thurn, der Mann, welcher ſeine Frau in den Zeitungen zu ihrer Pflicht auffordern laͤßt— eine Frau, von welcher ſo viele Geſchichten erzaͤhlt werden und um derentwillen er ſich von der Welt zuruͤckgezogen— eine und dieſelbe Perſon ſeien... Es iſt dies eine Buchhaͤndlerſpeculation, ſo gut wie nur irgend eine.“ „Aber haſt Du auch die Verſe geleſen, die er an ſie gerichtet, nachdem ſie abgereiſ't war?“ „O, o, die habe ich wohl in wenigſtens zehn Zeitungen geleſen, ſo wie auch das ſchoͤne Gedicht: „Lebewohl an meine Tochter“... Ach, wie iſt er doch ſo beklagenswerth!“ „Kann wohl ein Menſch zu beklagen ſein, der ſo viel Theilnahme erregt?“ fragte Sixten langſam. „Was hilft ihm eine Theilnahme, von der er nichts weiß!“ meinte Jolli. Hierauf nahm ſie die Guitarre, ſchlug einige Ac⸗ corde an und ſang dann mit ihrer friſchen Stimme „Alexis Schwanengeſang an ſeine entflohene Gattin.“ „Meiner Treu, ich ſollte meinen,“ fluͤſterte der Oberſtlieutenant Frau Walborg ins Ohr,„Jolli muͤßte ihr Gluͤck machen, wenn der verruͤckte Eremit ſie zu ſehen bekaͤmel“ „Aber, Jolli, meine kleine Herzenstaube,“ fiel Frau Walborg ein,„Du haſt ja vergeſſen, von unſerm Eremiten zu erzaͤhlen, den wir hinter den Felſen ſahen!“ „Und dann von dem jungen Herrn, welcher den Alten bei dem weißen Kreuz vorbeifuͤhrte!“ Nun waren Jolli's kleine Phantaſien mit einem Male im Gange. Und ſie erzaͤhlte munter das ganze, kleine, intereſſante Abenteuer, woruͤber man noch ſeine kleinen Bemerkungen machte und beklagte, daß es nicht der rechte Eremit ſei, als der Oberſtlieutenant genoͤthigt ward, mit verſtaͤndigen Gedanken abzubrechen. Und nun ergoß ſich uͤber Honorinen eine Spring⸗ fluth von Fragen: ob ſie das und das und das geſe⸗ wie r ſo er Ac⸗ nme ſene der uͤßte ie zu Frau erm en!“ r den inem ganze, ſeine nicht öthigt oring⸗ geſe⸗ 161 hen, was Frauenzimmer immer ſelbſt zu ſehen glauben, bis ſie lachend erklaͤrte, daß es am allerbeſten waͤre, wenn ihr lieber Mann ſich mit eigenen Augen von dem Sachverhaͤltniß uͤberzeugen wollte— ein Wink, den der Oberſtlieutenant gern beachtete, weil es zu ſeinen groͤßten Vergnuͤgungen gehoͤrte, uͤberall hin und in Alles hin⸗ einzugucken. Spaͤt am Abend, nachdem die Andern zur Ruhe gegangen, erklangen aus dem Salon dieſelben Worte, welche Jolli geſungen, aber mit anderer Begleitung. Honorine hatte ſchon fruͤher Alexis„Schwanen⸗ geſang“ in Muſik geſetzt, aber denſelben noch niemals Jemandem anders vorgeſungen, als ſich ſelbſt. Es war ihr ein heiliges Andenken an den jungen Dichter, der ſie gleichzeitig intereſſirt und beleidigt hatte ᷣ̊S— Ein Gerücht. II!. 6. Die zwei Fehler des Baron Sixten. Ungefaͤhr eine Woche war nach der Ankunft der letzten Gaſte in Tjuſtorp verfloſſen. Waͤhrend der erſten Tage folgte Frau Walborg dem Oberſtlieutenant unaufhorlich auf ſeinen Wande⸗ rungen, was etwas Unendliches zu bedeuten hat, denn der Oberſtlieutenant, der alle mögliche Eiſen ſchmiedete, hatte, wie man weiß, immer Eile und war daher immer unterwegs zwiſchen Feldern und Scheunen, Brauerei und Brennerei, Kuͤche, Schlachthaus und Holzſtaͤllen und dann wieder im Zimmer, um Honorinen Alles zu erzaͤhlen. Honorine fuͤhlte ſich jetzt ganz gluͤcklich, daß ſie dieſe Vertrauensbuͤrde mit Frau Walborg theilen konnte; aber da dieſe ſehr bald ihre eigenen, obſchon ganz ver⸗ ſchiedenen Anſichten geltend zu machen anfing, ſo ent⸗ ſpann ſich Zwietracht zwiſchen ihr und ihrem Wirth. 70 ᷣ t der alborg gande⸗ denn iedete, mmer auerei ſtaͤllen les zu daß ſie onnte; nz ver⸗ ſo ent⸗ sirth. 163 Wenn daher der Oberſtlieutenant, um mehreren Effects willen, darauf ſchwur, daß Frau Walborg nicht ein Wort von dem verſtuͤnde, was ſie vertheidigte, ſchwur Frau Walborg in noch kraͤftigern Worten, daß ſie eben ſo viel verſtuͤnde, als der Oberſtlieutenant ſelbſt und daß ſie niemals, ſo lange der Alte noch laufen koͤnne, die Abſicht habe, eine Augendienerin zu werden, um das Gnadenbrot zu eſſen. 1 Mit engelgleicher Sanftheit und vermittelnd trat Honorine zwiſchen die beiden ehemaligen Liebenden, welche einmal girrten, wie Turteltauben und jetzt da⸗ ſtanden, wie zwei gereizte Kampfhaͤhne, weil ſie ſich uͤber die richtige Methode, Schlachtvieh zu maͤſten, nicht ver⸗ einigen konnten. Frau Walborg wußte ſich gleichwohl bald zu helfen und nahm Zuflucht zu ihren Magentropfen. Spaͤter legte ſie ſich gewoͤhnlich des Nachmittags nieder und rauchte ihre Cigarre— dieſe und die erprob⸗ ten Tropfen waren das einzige Mittel, welches ihre Leiden linderte. Und niemals ward ſie dieſer Einſamkeit uͤberdruͤſſig, denn, wie ſie zu Jolli ſagte:„der Menſch hat das Denkvermoͤgen bekommen, um ſich die Zeit zu vertrei⸗ ben;e aber was ſie dachte, das ſagte ſie niemals. Honorine war inzwiſchen nicht die Wirthin, welche einen ihrer Gaͤſte vernachlaͤſſigte. Sie bewog zuweilen Frau Walborg, hinunterzu⸗ 11* 164 gehen und ſich mit dem Oberſtlieutenant zu verſoͤhnen, welche Verſöhnung allemal dadurch bewirkt ward, daß ſie ſich miteinander in's Bretſpiel vertieften. Inzwiſchen ward Jolli eine halbe vornehme Dame. Sie putzte ſich nicht blos, ſondern machte ſich auch Honorinens Geſellſchaft zu Nutzen. Bei alledem aber blieb ſie doch die muntere Jolli, welche zu jeder Zeit und Stunde bereit war, Jeden zu unterhalten, der unter⸗ halten ſein wollte. Die Perſon, welche jetzt ganz beſonders das Be⸗ duͤrfniß der Zerſtreuung zu haben ſchien, war Baron Siyten, deſſen rundes, freundliches Geſicht ſeit einigen Tagen eine duͤſtere Verlaͤngerung zeigte. „Wuͤnſcht der Baron, daß ich den Stuhl hier mit ſteifem Arm in die Hohe hebe— das iſt ein großes Kunſtſtuͤck!“ verſicherte Jolli, welche den niedergeſchlage⸗ nen Baron gern aufheitern wellte. „Nein, ich danke, Mamſſell Jolli.“ „Nun, ſoll ich Ihnen dann die Kartenkuͤnſte zei⸗ gen, die ich vergangenen Sonntag dem Onkel vor⸗ machte?“ „Nein, ich danke, Mamſell Jolli.“ „Nun, dann bin ich wenigſtens verſichert, daß der Baron wuͤnſcht, ich ſolle dieſes Zimmer zum Tanz⸗ platz fuͤr Esmeralda einrichten. „Nein, ich danke, Mamſell Esmeralda!“ 165 „Aha, ſteht es ſo, daß man an nichts anbeißen will?... Dann muß ich ſingen.“ „»O nein, nein— wenn es durchaus etwas ſein ſoll, ſo will ich mir wahrſagen laſſen.“ „ Das laͤßt ſich hoͤren— ich wußte wohl, daß noch eins von meinen Talenten gebraucht werden wuͤrde. Soll ich einfach die Karte ſchlagen oder mich als Si⸗ bylle ankleiden und aus der Hand wahrſagen?“ „Ich ſchlage vor,“ ſagte Honorine,„daß ich fuͤr dieſes Mal das Wahrſageramt uͤbernehme... Biſt Du es zufrieden, Sixten?“ „Das verſteht ſich— Du biſt ja ſtets mein Ora⸗ kel geweſen.“ „Und Jolli, die gewohnt iſt, ſo viele Triumphe zu feiern, wird wohl ohne allzugroßen Schmerz dieſen an mich abtreten— nicht wahr, Jolli?“ „Recht gern, dafern Du mir verſprechen willſt, mich kuͤnftig Julia, anſtatt Jolli zu nennen.“ „Nein, meine Liebe, das verſpreche ich gewiß nicht, denn Jolli iſt ein ſo huͤbſcher, kleiner Name, daß Du ihn ganz gewiß behalten mußt.“ „Nun, dann muß ich mich wohl darein fuͤgen. Ich ſehe wohl, mein Schickſal will, daß ich ſtets zwoͤlf Jahr alt bleibe.“ Dieſes kleine Geſpraͤch ward am Kamin im Vor⸗ zimmer gefuͤhrt, waͤhrend Frau Walborg und der Oberſt⸗ lieutenant beim Bretſpiel abwechſelnd ſtritten und ſiegten. 166 „Waͤhrend Ihr hier prophezeihet und Wahrſager⸗ kuͤnſte treibt,“— ſetzte Jolli hinzu, welche inſtinktartig begriff, daß Honorine ihrem Vetter etwas ganz beſon⸗ deres ſagen wollte—„werde ich in der gluͤhenden Aſche einige Aepfel braten.“ „Nun, was verkuͤndeſt Du mir?“ fragte Baron Siyten, waͤhrend er die ſchoͤne, junge Frau mit Blicken inniger Hingebung betrachtete. „Nun das, mein lieber Couſin, daß Du einen Kummer haſt und weiter ſage ich, daß dieſer Kummer, wie gewoͤhnlich, Dich nicht ſelbſt beruͤhrt.“ „Olt „Alſo, zwiſchen Couſins kann wohl ein wenig Ver⸗ trauen ſtattfinden!“ „In der That, beſte Honorine...“ „In der That, mein beſter Sixten, Du weißt, daß ich gegen Jeden, den ein Kummer plagt, weder kalt noch hart ſein kann, aber...“ „Ich weiß, ich weiß— Alles mit Maaßen.“ „Ein Wahlſpruch, der niemals der Deine war.“ „Honorine!“ „Verzeihe mir, Sixten... und ſprich jetzt. Du wirſt niemals eher ruhig werden, als bis Du Dich Je⸗ mandem anvertraut haſt.“ ‿ 8 — ☛ 12 ☚‿— ¼5 ger⸗ rtig ſon⸗ ſche ron cken nen ner, Ver⸗ eißt, kalt Du — Je⸗ 167 „Nun wohl— die Sache iſt ſo; ſiehſt Du, ich habe einen Jugendfreund.. „Zehn, zwanzig Jugendfreunde haſt Du, lieber Sixten, welche alle Deine Freundſchaft zum Vorwand genommen haben, um...“ „.. mich zu pluͤndern, nicht wahr?“ „Wenn ich mich auch dieſes directen Ausdrucks nicht bedienen wollte, ſo...“ ... dachteſt Du ihn doch?“ „Hatte ich vielleicht darin unrecht? Willſt Du vor mir, Deiner wirklichen Freundin, leugnen, daß Du Dich durch Deine Dienſtfertigkeit ruinirt? Geſchieht es wohl um Deinetwillen, daß Du ſo viele Hypotheken auf Dein ſchoͤnes Beſitzthum genommen, daß Du es jetzt verpachten mußt?“ „Deshalb geſchah es nicht.“ „Nun, weshalb denn?“ „Weil... weil... wenn Du es durchaus wiſſen willſt— ich nicht mehr die Mittel hatte, offene Tafel zu halten. Ich hatte nicht die Mittel, meine Freunde zu empfangen.“ „... und eben ſo wenig den Muth, ihnen die Thuͤr zu verſchließen.— Siehſt Du, mein lieber, ſchwacher Sixten, Deine ganze Verlegenheit kommt da⸗ her, daß Du mehr fuͤr Deine Freunde lebſt, als fuͤr Dich ſelbſt.“ „Das kann ſein. Dies hat mein Vergnuͤgen 168 ausgemacht und wenn ich noch einmal reich werden ſollte, wuͤrde ich wieder auf dieſelbe Weiſe leben.“ „Glaubſt Du das, Siyxten?“ „Ja gewiß— was willſt Du, daß ich thun ſoll? Fuͤr mich ſelbſt bin ich nichts. Ich habe weder Frau noch Kinder, aber ich habe Freunde, die mich lieben und die mir mit Vergnuͤgen einen Teller Suppe und ein Glas Wein wiedergeben werden, wenn ich zu Hauſe den Tiſch des Paͤchters allzulangweilig finde.“ „Ach, Sinten, es iſt doch... „... beſſer ſich ſo zu ſtellen, meinſt Du, daß man ſtets ſeine eigene Suppe ißt? Aber nun iſt es einmal, wie es iſt. Ueberdies kann ich, wenn ich einige Jahre haushaͤlteriſch bin, mein Gut wieder ſchuldenfrei machen.“ „Das iſt ſehr gut... Doch um nun auf Deinen gegenwaͤrtigen Kummer zuruͤckzukommen?“ „Ja, dieſer iſt ſehr tief, denn ein Freund, der niemals zuvor einen Dienſt von mir begehrt, mir aber dagegen mehrere geleiſtet, ein Freund mit Familie und in beſchraͤnkten Umſtaͤnden iſt jetzt in großer Verlegen⸗ heit wegen einer Accordſumme, einigen lumpigen hundert Reichsthalern, wovon ſeine ganze Zukunft abhaͤngt.“ „Und dieſe Summe?“ „Ja, wo ſoll ich ſie hernehmen? Ich hatte mir vorgenommen, heute morgen ein Wort daruͤber mit Helleding zu ſprechen, denn es gehoͤrt zu Landsvik noch rden ſoll? Frau eben und auſe daß t es nige frei nen der aber und gen⸗ dert mir mit 169 ein Grundſtuͤck, welches zur Zeit noch nicht verpfaͤn⸗ det iſt.“ „Ich bitte Dich, Siyten, ſprich in dieſer Sache nicht ſelbſt mit Helleding, ſondern laß mich ſondiren und...“ „Du darfſt Dich damit nicht befaſſen, Honorine! Du und Geld, pfui... Ich aͤrgere mich, daß Du mir meinen geheimen Kummer herausgelockt haſt.“ „Nun waͤre eigentlich an mir die Reihe, pfui zu ſagen... bin ich denn etwa wie eine Puppe, oder wie ein Spielzeug zu betrachten?— Bin ich Dir nicht auf's Freundſchaftlichſte ergeben, Siyten, bin ich nicht uͤber⸗ dies Deine nahe Verwandte?... Aber laß uns nun ab⸗ brechen! Jedoch noch ein Wort: Weißt Du mit Ge⸗ wißheit, daß der Mann, der Dich angegangen hat, es auch wirklich bedarf?— Iſt es nicht vielleicht ein...“ Ein mißvergnuͤgter und bittender Blick des Barons bewog Honorinen, nicht auszureden. Sie hatte nicht den Muth, weiter dieſen Mann zu betruͤben, der in der That nur um ſeiner Freunde, aber nicht um ſeiner ſelbſt willen da zu ſein ſchien. „Ach,“ dachte Honorine,„wann wird er einmal von dieſer Extravaganz geheilt werden, die ſeinen einen Fehler ausmacht? Gewiß nicht,“ fuhr ſie fort,„ſo lange er noch ein Stuͤck Feld zu verpfaͤnden hat oder ſelbſt von Andern borgen kann... nun, Gott ſei Dank, daß wenigſtens ſein zweiter Fehler aufgehoͤrt hat!“ 170 Und bei dieſem Gedanken durchbebte ein angeneh⸗ mes Gefuͤhl das reine Herz der edeln Frau, denn ſie hoffte einen Theil an dem zu haben, woruͤber ſie ſich freute. Doch nur allzubald ſollte ſie den Schmerz einer fehlgeſchlagenen Hoffnung erfahren. Am folgenden ⸗Tage, als man ſich zum Fruͤhſtuͤck niederſetzte, fehlte Baron Sirten. Der Diener meldete, daß der Baron ganz zeitig am Morgen fortgeritten ſei und dabei geſagt habe, daß er zu Mittag wahrſcheinlich nicht nach Hauſe kommen werde. „Er iſt in's Gericht hinuntergereiſ't, um ſich einen Spaß zu machen!“ ſagte der Oberſtlieutenant peremto⸗ toriſch.„Der Diſtriktsrichter P. gehoͤrt zu ſeinen hun⸗ dert Freunden. Ueberdies iſt heute ein ſehr huͤbeſchr Tag und ich wuͤrde ſelbſt hingefahren. ſein, wenn ich mich vom Hauſe losreißen koͤnnte.“ „Er hat dabei gewiß noche etwas Anderes vor⸗ ſagee Honorine Zu einer ſpaͤtern Stunde des Tages ſie mit ihrem Mann uͤber die Angelegenheit des Barons. 171 keh⸗ Aber der Oberſtlieutenant war ein anderer Ge⸗ e ſich ſchaͤftsmann und deshalb hieß es kurz und gut: Nein. „Denn,“ ſetzte er hinzu, um dieſe abſchlaͤgliche einer Antwort in den Augen ſeiner Frau zu rechtfertigen,„ich will verdammt ſein, wenn es nicht die Pflicht kluger Leute iſt, ihn zuruͤckzuhalten. Binnen drei Jahren iſt er ein Bettler und Du kannſt Gott danken, meine kleine Freundin, daß..“ Honorine antwortete nichts. Sie uͤberlegte blos hſtuͤck mit ſich ſelbſt. 4. Sie war feſt uͤberzeugt, daß Sixten das Geld zeitig ſchaffen wuͤrde, in welche Verlegenheit er ſich dadurch „daß auch ſetzen moͤchte, denn bei ſeinem weichen Gemuͤth haͤtte er niemals Ruhe gefunden, ſo lange er von dem nien Gedanken verfolgt ward, daß er einem Freund helfen einen gekonnt, ſich aber von dem„lumpigen“ Grunde habe emto⸗ zuruͤckhalten laſſen, daß er bald ſelbſt nichts mehr haben hun⸗ werde.. beſchr Es war daher Honorinens Vorſatz, ihren Mann mn ich entweder noch einmal ernſthaft anzugehen, wo ſie dann ſicher war, ihren Willen durchzuſetzen oder auch ihren vor,“ Vetter mit dem Gelde zu unterſtuͤtzen, woruͤber ſie ſelbſt zu disponiren hatte.. Aber von einer andern Seite betrachtet, war es e mit wohl recht, Sixten die Gewohnheit beizubringen, die Kaſſe ſeiner Freunde fuͤr andere Freunde zu benutzen? Mußte er nicht, wenn er auch anfangs ſeine kleinen Einwendungen machte, endlich dahin kommen, daß er nicht blos ohne Schwierigkeit annahm, ſondern auch Zin ſelbſt bat? Und Honorine erroͤthete eben ſo ſehr bei dem Ge⸗ hoͤr danken, daß ſie einmal genoͤthigt ſein könnte, Sixten offn eine abſchlaͤgliche Antwort zu geben, als bei dem Ge⸗ dor danken, daß das Geld, womit ſie helfen wollte, ſchon Sec ſeinen beſtimmten Zweck hatte. er 8 Von der Beſtimmung des Privatvermoͤgens der àii Oberſtlieutenantin werden wir an einem andern Orte er i ſprechen. Ang Jetzt wollen wir blos erzaͤhlen, daß ihr weiches Herz nicht laͤnger an Sixtens Bekuͤmmerniß denken konnte, ohne ihm eine Freude machen zu wollen— eine Freude, die er weit uͤber jeden ihm ſelbſt erzeigten Dienſt zens ſetzen mußte. kleir Auch bei der Abendmahlzeit war Baron Siyten noch nicht zuruͤckgekommen. mar „Armer, armer Siyten, er hat vergebens reiſen Tre muͤſſen!“ ſeufzte Honorine.„Nun kommt gewiß dieſe Nacht kein Augenblick Schlaf in ſeine Augen, aber ich 3 werde ihn erwarten und ihm einen guten Schlaf war⸗ ſchenken.“. Unter dem Vorwand, Jolli an einem Kleide zu helfen, welches bis zum folgenden Tag fertig ſein ſollte, nahn wo man mehrere Nachbarn zum Beſuch erwartete, blieb zu b Honorine in der Gaſtetage in Jolli's Zimmer auf, ſchlo daß er auch n Ge⸗ Sixten n Ge⸗ ſchon 1s der Orte veiches denken eine Dienſt Sixten reiſen dieſe er ich Schlaf de zu ſollte, blieb auf, 173 welches neben dem der Frau Walborg und den beiden Zimmern, die der Baron bewohnte, ſchraͤg gegenuͤber lag. Als daher die junge Frau ihren Vetter kommen hoͤrte, brauchte ſie blos die Thuͤr von Jolli's Zimmer zu oͤffnen, um uͤber den nur einige Schritte breiten Corri⸗ dor in einer Secunde an Siytens Seite zu ſein. Eine Secunde darauf konnte ſie ihm Alles geſagt haben, was er zu wiſſen brauchte und dieſes kleine unſchuldige téte- à-6te mußte ihn ſo gluͤcklich und dankbar machen, daß er ihr vielleicht kuͤnftig ein Wort in der Leitung ſeiner Angelegenheiten geſtattete. Der gute Siyten!. Inzwiſchen naͤhten die beiden Damen nach Her⸗ zensluſt und das bald fertige Kleid drohte Honorinens kleinen Plan zu nichte zu machen. Aber das Anprobiren war noch uͤbrig und ehe man damit zu Ende war, ließen ſich Tritte auf der Treppe vernehmen. Es war jetzt uͤber zwei Uhr nach Mitternacht. „Ich daͤchte nicht, daß dies Baron Sixtens Gang waͤre,“ ſagte Jolli. „Ich auch nicht!“ antwortete Honorine erroͤthend Nachdem ſie ſich einige Augenblicke beſonnen. nahm ſie das Licht in die Hand und ging, um die Thuͤr, zu oͤffnen, welche ſie jedoch ſo ſchnell wieder hinter ſich ſchloß, daß Jolli nichts merkte. 174 Draußen auf dem Corridor ſtand Baron Sixten— denn er war es wirklich— an einen Pfeiler gelehnt. Sein gewoͤhnlich leicht geroͤthetes Geſicht war bleich und entſtellt. Seine großen, blauen Augen glichen zwei ſchlaäfrigen Talglichtern, welche in ihre Leuchter hinein⸗ brennen und ſeine ganze Haltung war die eines Man⸗ nes, der ſich vergebens bemuͤht, ſich aufrecht zu erhalten. „Siyxten!“ ſagte Honorine und in dieſem einzigen Ausruf lag ein ſo ungeheuchelter Schmerz, daß der Ba⸗ ron ſchnell den Kopf emporhob— ein treues Thier, welches einem bekannten Rufe lauſcht. Aber jetzt hoͤrte man die Tritte eines Dieners, der mit Licht herunterkam. Honorine verſchwand wie eine Geſſtereſche an dhen in Vani li's Zimmer.. Den mchſten und den auf dieſen folgenden Tag verreiſ'te Baron Siyten wieder. Die junge Wirthin that gleichwohl Alles, um ihn zuruͤckzuhalten. Ihr verletzter Stolz und ihr Zartgefuͤhl hinderten ſie nicht, ihrem Couſin eine wahre zaͤrtliche Schweſter zu ſein, aber er wich ihr fortwaͤhrend mit der groͤßten Sorgfalt aus und einmal, als ſie ihn geradezu nach der Angelegenheit fragte, die ihm auf dem Herzen lag, antwortete er ihr ganz kurz, daß Alles abgemacht ſei, ten— ont. bleich n zwei hinein⸗ Man⸗ halten. nzigen er Ba⸗ Thier, rs, der einung n Tag im ihn aderten yweſter groͤßten u nach en lag, cht ſei, was daſſelbe ſagen wollte, als daß er ſich noch ſchlimmer hineingewickelt hatte. Waͤhrend dieſer traurigen Zeit litt Honorine dop⸗ pelt, denn der Oberſtlieutenant ſprach ſeine Gedanken auf weniger zarte Weiſe aus und mehr als einmal kam er auf das Kapitel von der Urſache zuruͤck, welche ſeine Frau haͤtte, ihren Gluͤcksſtern zu preiſen, daß ſie nicht einen Mann mit zwei ſo ungluͤckſeligen Fehlern erhalten. „Du wirſt ſelbſt zugeben,“ fuͤgte er bei,„daß es nichts Schlimmeres geben kann, als wenn ein Menſch gleichzeitig Verſchwender und Trinker iſt.“ „Wer weiß,“ ſagte Honorine,„ob er eins von beiden waͤre, wenn er mich zur Frau bekommen haͤtte.“ ... Aber bei ſich ſelbſt gab ſie zu, daß das Verhaͤltniß auch dann vielleicht ganz daſſelbe waͤre. Wenn ſie wirk⸗ lich Macht uͤber ihn beſaß, warum konnte ſie nicht auch jetzt dieſer Macht groͤßeren Einfluß verſchaffen? Und gewiß beſaß ſie eine Macht, denn ſo beredt wußten ihre Augen zu bitten, ſo liebenswuͤrdige und angenehme Vorwaͤnde hatte ſie, ihn zu Hauſe zu halten, daß der Baron ſchon nach acht Tagen von ſeinen Ge⸗ richtsreiſen abſtand; aber darauf folgte eine peinliche Niedergeſchlagenheit, welche Honorine mit all' ihrer Sorgfalt nicht zu verſcheuchen vermochte. „Du weißt nicht,“ ſagte er einmal und zwei Thraͤ⸗ nen fielen auf Honorinens Hand,„Du weißt nicht, 176 wie oft ich Gott dafuͤr danke, daß Du mich zuruͤckge⸗ wieſen haſt... Ach, wie ungluͤcklich wuͤrde ich Dich ge⸗ macht haben...“ „Und wie gluͤcklich wuͤrdeſt Du dagegen Deine Freundin und Schweſter machen koͤnnen, wenn Du ſie ſo liebteſt, daß Du um ihretwillen...“ „Gott hat nur ein ſolches Weib geſchaffen, wie Du biſt... Du befiehlſt und ich gehorche, ſo lange ich meiner maͤchtig bin.“ Und Honorine befahl und er gehorchte, bis ein ganz beſonders ungluͤcklicher Zufall dazwiſchen kam... Solche Gelegenheiten kamen jedoch immer ſeltener als fruͤher, denn die Schamroͤthe auf Honorinens Wange bewog Siyten, in ſeinem Herzen zu erroͤthen. ruͤckge⸗ ich ge⸗ Deine Du ſie , wie ge ich is ein er als Vange 7. Die Begegnung. Ein oder zwei Mal woͤchentlich machte Honorine einen laͤngeren Spazierritt. Außerdem ritt ſie beinahe jeden Tag aus, denn dieſe Art Bewegung gehoͤrte zu ihren Lieblingsvergnuͤ⸗ gungen und wer da wollte, der hatte das Recht, ihr Geſellſchaft zu leiſten. Aber an den Tagen, wo ſie ihre„kleinen Inſpectionsreiſen“, wie ſie es nannte, machte, reiſ'te ſie ganz allein. „Meine kleine Honorine,“ pflegte ihr Gemahl zu ſagen,„iſt eine vortreffliche Hausmutter fuͤr ihre Un⸗ tergebenen und da die Weiber immer eine kleine Grille haben muͤſſen— ſie koͤnnten ſonſt gar nicht leben— ſo bin ich gern damit einverſtanden, daß ſie auf dieſe Weiſe ſich amuͤſirt. Durch ihre kleinen Predigten haͤlt ſie die Weiber zur Sauberkeit und die Kinder zur Arbeit an. So etwas giebt ein gutes Beiſpiel.“ Ein Gerücht. III. 194 Bei dergleichen Aeußerungen nickte Honorine ihrem Manne, wie eine gute und unterthaͤnige Hausfrau, zu, welche die Erlaubniß bekommen hat, ſich ihre kleinen Erheiterungen zu machen, nur mit dem Vorbehalt, daß ſie nicht viel koſten. Aber ach, wie ganz falſch beurtheilte der Oberſt⸗ lieutenant die ernſte und uͤberlegene Kraft in dem Weſen ſeiner Gattin, wie wenig ahnte er, daß ſie— welche die Menſchen, die unter ihrer Obhut ſtanden, liebte, weil ſie Menſchen und nicht weil ſie ſß Arbeiter der Herrſchaft waren und welche die Stumpfheit berechnete, in welche ſie alle mehr und mehr durch das Syſtem verſanken, welches der Oberſtlieutenant befolgte— wie wenig, wiederholen wir, ahnte er, daß ſie, ſeine Gattin, ein Weib, mit dem revolutionairen Plan umging, Tju⸗ ſtorp eine ganz andere Regierungsform zu geben. Aber dies werden wir erſt ſehen, wenn die zart⸗ fuͤhlende und verſtaͤndige Honorine eine recht a guͤnſtige Stunde findet, daruͤber mit ihrem Gatten zu ſprechen und dann geſchieht es ſicherlich, als ob der Grundgedanke von ihm ſelbſt ausgegangen waͤre, denn ſie war weit entfernt, zu jenen Frauen zu gehoͤren, welche mit dem Verſtand, den der gute Gott ihnen gegeben, Verwunde⸗ rung und Aufſehen erregen wollen. Dieſe Methode verletzt oft die beſten und kluͤgſten Maͤnner, um wie viel mehr einen ſolchen Egoiſten, wie der Oberſtlieutenant, der uͤberdies noch die Schwachheit rem zu, inen daß erſt⸗ eeſen elche ebte, der nete, ſtem wie ttin, Tju⸗ zart⸗ ſtige chen anke weit dem nde⸗ zſten wie hheit beſaß, zu glauben, daß Alles, womit Frauen zu thun haͤtten, nichts tauge. Bei dieſen woͤchentlichen Muſterungen war es ein wohlthuender Anblick, die junge, ſchoͤne Frau— die in den Salons mit einer Miene, nicht der Herablaſſung, ſondern der Herzlichkeit glaͤnzen konnte ich in der Stube des Paͤchters niederſetzen zu ſehen, nicht um leichthin ihr Scherflein darzureichen, ſondern um ſich gruͤndlich uͤber die Verhaͤltniſſe des Hauſes und der Ein⸗ wohner ſeit dem letzten Beſuche zu unterrichten. Ueberall, wohin ſie kam, begegnete ihr auch ein ſchwaches Laͤcheln der Liebe und der Dankbarkeit, aber uͤberall gab es ihr auch einen Dolchſtich in ihr warmes Herz, wenn ſie dieſe nachlaͤſſt ſigen, gleichguͤltigen und traͤ⸗ gen Weſen ſah, die niemals einen Gedanken an eigenes Wohlbefinden hegten, die keine Hoffnung und keine Zu⸗ kunft hatten, denn die Zukunft des Paͤchters und ſeiner Frau endigt mit dem naͤchſten Tage, der naͤchſten Woche, dem naͤchſten Jahre, waͤhrend dagegen der Bauer durch ſein ihm eigenthuͤmlich zugehoͤriges kleines Grundſtuͤck eine Zukunft, eine Hoffnung, ein ſelbſtſtaͤndiges Daſein beſitzt. Er kann ſogar zuweilen von ſeinen wenigen Er⸗ zeugniſſen etwas veraͤußern, waͤhrend der Paͤchter fuͤr ſeine abgemeſſenen Erzeugniſſe ſich und ſeine Familie genau berechnet, niemals laͤnger als die Haͤlfte des Jahres ernaͤhren kann. 193 Wenn inzwiſchen die Paͤchtersleute von Tjuſtorp es beſſer hatten, ſo war dies nicht die Schuld des Syſtems— denn an dem, was der Oberſtlieutenant einmal in ſeiner großen oͤkonomiſchen Ueberlegenheit bil⸗ ligte und beſtaͤtigte, hing er feſt— ſondern das Gute kam von dem Engel, welcher uͤber Tjuſtorp ſchwebte, der in die Verhaͤltniſſe der armen Familien hineinblickte und der, abgeſehen von den baaren Geldunterſtuͤtzungen, bei gewiſſen Gelegenheiten, mit feiner Unterſcheidung das that, was das Angemeſſenſte war. So z. B. hing es von der Gutsherrin ab, den Weibern einige der ausbedungenen Frohnarbeitstage zu erlaſſen und die auf dieſe Weiſe gewonnene Zeit kam ihrem Geſpinnſt, andern haͤuslichen Arbeiten und vor Allem den armen, verlaſſenen Kindern zu Gute und das Geſpinnſt bezahlte Honorine ſo, daß ſie den fleißigſten Spinnern noch eine beſondere Verguͤtung gewaͤhrte, ein Umſtand, der den Wetteifer erweckte, ſo daß Alle dieſen Ueberſchuß verdienen wollten, der im Verhaͤltniß zu der Anzahl kleiner, hungernder Weſen, die zu Hauſe warte⸗ ten, vermehrt ward. Und wenn ſie ſo in den Stuben dieſer Leute ſaß und mit ihrer milden, eindringlichen Stimme ihnen den. hohen Werth der Neinlichkeit, des Fleißes und der Ueberlegung bewies, wenn ſie ihre Kinder auf das Knie nahm, waͤhrend ſie ihre Klagen anhoͤrte und den lebens⸗ muͤden Herzen Troſt zuſprach, welche fuͤr die armen korp des rant bil⸗ zute bte, ickte gen, das den zu am vor das ſten ein eſen der rte⸗ ſaß den. der nie ns⸗ ten 4 197 Weſen, die ihrer Obhut anvertraut worden, nichts Beſ⸗ ſeres wußten, als den Schlaf im kuͤhlen Schooß der Erde, da ward manche Bruſt von einem dankbaren Seufzer gehoben und man betrachtete ſie wie eine Art hoͤheres Weſen, welchem man gern nachzufolgen ſtrebte. Aber dennoch waren ſowohl Huͤlfe als Troſt und Hoffnung unzureichend, denn das weſentlichſte Uebel ſtand ſtets entgegen. In der Zeit, von der wir jetzt ſprechen, waren die Lancaſter'ſchen Schulen noch als etwas Neues anzu⸗ ſehen; Honorinen war es jedoch gelungen, ihren Mann zu bereden, eine ſolche wohlthaͤtige Anſtalt in Vorſchlag zu bringen. Und da der Vorſchlag von ihm auszu⸗ gehen ſchien(ein Gedanke, den er ſelbſt zuerſt und vor Allen theilte), unterſtuͤtzte er denſelben beinahe gegen ſeine Ueberzeugung, denn er billigte es nicht, daß das gemeine Volk allzuviel Bildung bekame und die uͤbrigen kleineren Gutsbeſitzer in der Verſammlung folgten gern dem Oberſtlieutenant, der ſtets(Gott weiß, weshalb— viel⸗ leicht deswegen, weil er am läͤngſten und lauteſten ſpre⸗ chen konnte) das Recht auf ſeiner Seite hatte. Nun hatte Honorine ſchon vor einem Jahre die Freude gehabt, das kleine Schulhaus neben der Kirche fertig und alle Kinder des Ortes, die ſie vom Kopf bis zum Fuß mit neuen Kleidern verſehen, unter einem ge⸗ ſchickten Lehrer in Thaͤtigkeit zu ſehen. Und der Oberſtlieutenant, der durch die vielen Kom⸗ 198 plimente, die man ihm wegen ſeiner Verdienſte um das allgemeine Beſte und beſonders wegen Errichtung dieſer Schule machte, ganz erweicht ward, ſagte mehrmals ſehr gravitaͤtiſch zu ſeiner Gattin: „Ich freue mich recht, mein Kind, daß ich dieſe Idee gehabt habe, ehe Jemand anders darauf kam. Man iſt ſtets verpflichtet, fuͤr einen Ort zu ſorgen und da es jetzt einmal in der Zeit liegt, das Volk aufzuklaͤ⸗ ren, ſo... u. ſ. w.“ Es wird wohl Niemand glauben, daß Honorine hierbei den Mund verzog oder ſich durch ein Wort oder eine Miene merken ließ, daß ſie es war, welche hier gewirkt hatte— nein, ſie war zufrieden und fuͤhlte ſich mehr als belohnt, dafern nur einer ihrer guten Vor⸗ ſchlaͤge dann und wann zu Stande kam. Es war gegen die Mittagszeit, als die Oberſtlieute⸗ nantin Helleding, die diesmal noch uͤber die Felſengegend hinaus auf Beſuch geweſen war, ihr Pferd heimwaͤrts lenkte. Sie hatte dieſen weiten Ritt gemacht, um nach einer kranken, jungen Frau zu ſehen, die nicht zu ihren Unterthanen, wohl aber zu ihren Schuͤtzlingen gehoͤrte, denn ohne einen gewiſſen Verein geſtiftet zu haben oder auch nur Mitglied eines ſolchen zu ſein, hatte ſie doch das eſer ehr ieſe am. und klaͤ⸗ rine der hier ſich Por⸗ ute⸗ gend aͤrts nach hren arte, oder doch 199 viele Schuͤtzlinge, unter welche der Ertrag der Lotterien von Frauenzimmerarbeiten vertheilt ward, welche ſie ſehr oft, mit Huͤlfe der andern Frauen im Orte, ganz feſtlich veranſtaltete. Heitern und friſchen Sinnes— denn ihr Tag war reich geweſen, weil er fuͤr Andere reich geweſen war— und mit Gedanken, die weit in eine Zukunft hinausſchwebten, wo ſie durch einen weit hoͤhern Einfluß auf ihren Gatten unbehinderter wirken koͤnnte, ritt ſie der Heimath entgegen. Ihr Herz, das ſo vollkommen leidenſchaftslos war, daß nicht die geringſte Wallung die warmen Wogen be⸗ wegte, die es naͤhrten, dieſes Herzens Friedlichkeit ſtand in ſchoͤner Harmonie mit dem Frieden auf ihrem Ant⸗ litz und dem himmliſchreinen Ausdruck in ihren ſeelen⸗ vollen Augen. Ein Ausruf, in welchem gleichzeitig Schmerz, Beſtuͤrzung und Freude lagen, unterbrach ploͤtzlich den Gang ihrer Gedanken. Sie blickte auf und ließ nun ſelbſt einen Ruf des Erſtaunens, der Freude und des Schmerzes hoͤren. „Ach, mein Gott,“ ſagte ſie darauf, indem ſie die Hand ausſtreckte,„muͤſſen wir uns hier treffen— ſo nahe bei Tjuſtorp und doch nicht daſelbſt.“ Der, welcher die Hand ergriff, war der luftige Schatten unſeres Freundes Philipp Thurns. Dieſe gluͤhende, aber ſchwache Seele, dieſes frei⸗ 200 willige Opfer eines ſataniſchen Weibes, fuͤhlte jetzt, nach drei Monaten, noch nicht Kraft genug, auch nur einen Verſuch zu machen, ſich wieder aufzurichten. Zermalmt, vernichtet, gelaͤhmt, todt fuͤr Alles, bis auf die Erinnerung an ſeine wahnſinnige Liebe, hatte Philipp die wilde Einſamkeit aufgeſucht, in welcher er ſeitdem von der Welt abgeſondert gelebt hatte. Seine Staͤrke, als er Lilia verließ, war nur die Folge eines bis zur Raſerei geſteigerten Schmerzes uͤber ihre Unwuͤrdigkeit. In der Einſamkeit und ohne Glauben an die Hei⸗ ligkeit irgend eines Bandes, war dieſe willenloſe Seele ſchon laͤngſt wieder der Gewalt verfallen, die ihn ver⸗ ſtoßen und ſtaͤrker, ungluͤcklicher, als jemals, hielt ſie ihn, obſchon unſichtbar, feſt. Der ganze verwilderte Zuſtand, in welchem ſeine fruͤher ſo elegante Perſoͤnlichkeit ſich jetzt zeigte, bewies ebenfalls, daß er nicht mehr als einen Gedanken hegte. Nachlaͤſſig, abgemagert, mit vergilbter Wange, brennenden Augen und wirrem Haar, ſtand er beinahe wie ein Geſpenſt vor der jungen, herrlichen Frau, die mit ihrem klaren, theilnehmenden Blick ſogleich die Ge⸗ ſchichte dieſes verſtoͤrten Geiſtes las. „O,“ ſagte er,„Sie ſind es... Sie... ich wußte nicht, daß...“ „.. daß Sie einen Freund in der Naͤhe haͤtten... Aber wo, in's Himmels Namen, wohnen Sie denn, Herr Thr auch len welc meit Her vier muͤt meh Hor laͤſſ mir eine bei zu von mer 201 Thurné? Ich begreife nicht, daß ich, wie ſelten ich auch in die Felſengegend komme, gar nichts gehoͤrt habe.“ „Ich... ich wohne weit von hier, ein paar Mei⸗ len in den Felſen drin. Ich habe dort ein kleines Haus, welches meine gegenwaͤrtige Welt einſchließt. Es iſt meine Einſiedelei.“ „Ach, großer Gott... Sie wohnen ganz allein, Herr Thurne?“ „Nein,“ ſagte er,„wir ſind fuͤr den Augenblick vier Einwohner. Aber ich gehe zuweilen weit fort, weil .. weil es gut iſt, muͤde zu werden. Wenn ich ſehr muͤde bin, kann ich ſchlafen.“ In dem bloßen Laute der drei letzten Worte lag mehr, als in einem ganzen Werke uͤber die Vergeſſenheit. Mit einer unbeſchreiblichen Ruͤhrung beugte ſich Honorine dem jungen Manne entgegen, der ſich nach⸗ laͤſſig an den Hals des Pferdes lehnte. „Ach,“ ſagte ſie,„ich fuͤhle in mir etwas, was mir die Verſicherung giebt, daß Sie bald dieſen Weg mit einer ganz andern Abſicht wandeln werden.“ Er ſchuͤttelte leiſe den Kopf. „Die Seele bereitet ſich eine beſſere Ruhe, wenn ſie bei theilnehmenden Freunden erwacht, als wenn ſie ſich zu einem Schlafe zwingt, der nur den Schein da⸗ von hat.“ „Ich habe meinen Sohn, ich habe einen theilneh⸗ menden Freund.“ „Ich weiß es— den guten, liebenswuͤrdigen Doctor Warvner... aber dieſer iſt doch nicht hier?“ Als Honorine den Namen des Doctors ausſprach, heftete ſie ihren Blick forſchend auf Philipp— man konnte glauben, daß das Geruͤcht auf ſeinen langen Fittigen ihr gewiſſe Nachrichten zugefuͤhrt habe. „Ich meinte dieſen nicht,“ ſagte Philipp und ein Schauer ſchuͤttelte ſeine Glieder,„ſondern einen Freund, meinen einzigen Freund, der auf Beſuch zu mir gekom⸗ men iſt.“ „Und wer iſt denn dieſer einzige Freund?“ „Mein fruͤherer Schuͤler, mein... mein vorma⸗ liger Schwager.“ „»Nun, Gott ſei dafuͤr gedankt... Aber Sie muͤſ⸗ ſen nun Beide bald nach Tjuſtorp kommen— nicht wahr, Sie ſchlagen mir es nicht abe⸗ „Ich habe in der Welt nichts mehr zu beſtellen— ich bin ein einſamer, abgehauener Zweig von dem großen Baume, ich trage keine Frucht mehr— mein Leben iſt das verfloſſene.“ „Sagen Sie das nicht— Sie haben auch noch eine Zukunft.“ „Nein... ich habe eine Zukunft, eine Hoffnung gehabt— nunmehr iſt Alles aus.“ „Aber, Herr Thurns, das iſt unmaͤnnlich.“ „Dks kann ſein, aber es iſt auch wahr... Als wir uns das letzte Mal ſahen, hatte ich noch Hoffnung Doctor prach, man angen dd ein eund, kom⸗ rma⸗ muͤſ⸗ nicht n— oßen n iſt noch nung Als ung und wiſſen Sie wohl, gnaͤdige Frau, woruͤber ich Ihnen in meinen Gedanken oft Vorwuͤrfe gemacht habe?“ „Mir— machen Sie mir Vorwuͤrfe?“ „Ja, daruͤber, daß Sie mir nicht Ihre guten Wuͤnſche zu dem Vorhaben gaben, welches ich damals auszufuͤhren im Begriff ſtand.“ „Wie konnte ich, mit dem ſchmerzlichen und ge⸗ heimnißvollen Theile Ihres Schickſals ſo unbekannt, — Ihnen Gluͤck zu einem Vorhaben wuͤnſchen, welches nach der Trennung, die ſchon beſtand, mir niemals zum Gluͤck fuͤhren zu koͤnnen ſchien?“ „Sie haßten mich damals ſehr, geehrte Frau, als Sie, um meinen ungluͤcklichen Irrthum, meine Thor⸗ heit, meinen Leichtſinn zu ſtrafen, mir das tiefſte, das grimmigſte aller Leiden wuͤnſchten.“ „O, mein Herr, wenn irgend etwas als eine Thor⸗ heit geſtempelt werden muß, ſo iſt es ganz gewiß die Beleidigung, welche Sie ſich jetzt gegen mich erlauben — mir eine ſo einfaͤltige Bosheit zuzutrauen! Wuͤrde ich Ihnen wohl, aus Rache Ungluͤck gewuͤnſcht und wuͤrde Er, der beides, Gluͤck und Ungluͤck abwaͤgt, auf ein ſolches Gebet gehoͤrt haben... gewiß...“ „Leben Sie wohl, gnaͤdige Frau— Sie ſehen wohl, daß ich beſtimmt bin, Ihnen niemals begegnen zu koͤnnen, ohne Dinge zu ſagen, die keine Nachſicht verzeihen kann. Ich begehre auch diesmal keine Verzeihung— Sie wer⸗ den mich als einen armen Narren anſehen, das iſt Alles.“ 204 „Bleiben Sie, Herr Thurné,“ ſagte Honorine, indem ſie, um ihn zuruͤckzuhalten, eine Strenge zeigte, von der ſie weit entfernt war,„bleiben Sie und ſagen Sie mir, ob ein Mann durch irgend ein Gemuͤthsleiden das Recht erwerben kann, eine Frau zu ſchimpfen?“ „Zu ſchimpfen?“ „Nun ja, iſt das nicht das rechte Wort?“ „Nein, bei Gott, nein!“ „Wie, mein Herr— erſt halten Sie mich, Gott weiß, fuͤr wen.“ „Still, ſtill!“ „Und dann buͤrden Sie mir auf, daß ich mit Vorbedacht alle die grimmigen Plagen auf Sie herab⸗ gerufen, welche Ihnen Leib und Seele zerſtoͤren!“ „O, Gnade, Barmherzigkeit!“ „Nein, es iſt mir auch keine erwieſen worden, waͤhrend ich Ihnen doch unbekannt war und gleichwohl alles Gute wuͤnſchte. Deshalb...“ „... wollen Sie mich nun vernichten?“ „Nichts weniger als dieſes— ich will blos eine Genugthuung haben.“ „Und worin ſoll dieſe beſtehen?“ „Darin, daß Sie mir Ihre Hand reichen.“ „Meine Hand? O ja, recht gern.“ „Wohlverſtanden, auf die Uebereinkunft, die wir jetzt ſchließen werden.“ „Wollen wir eine Uebereinkunft ſchließen?« norine, zeigte, ſagen leiden eine wir „Ja, allerdings!“ 2 Aber... „Mit dieſem uͤbelklingenden Worte faͤngt ſie nicht an, ſondern damit, daß ich feierlich gelobe, alle mir von Ihnen zugefuͤgten n Bel leidigungen zu verzeihen und zu ver⸗ geſſen, wenn Sie mir verſprechen, daß Sie. „Ach, gnaͤdige Frau, begehren Sie nichts! „Was?— Wollen Sie blos empfangen, ohne zu geben?“ „Reden Sie weiter!“ „Wenn Sie mir verſprechen, daß Sie uns ſchon morgen mit Ihrem jungen Schwager beſuchen wollen, um einige Tage in Tjuſtorp zu verweilen!“ „Mit welcher himmliſchen Anmuth raͤchen Sie ſich, mit welcher unausſprechlichen Guͤte verzeihen Sie — ach, nun verſtehe und ſchaͤtze ich erſt Ihre ganze Großmuth. Aber... wenn Sie wuͤßten, wie theuer mir die Einſamkeit iſt...“ „O, es waͤre zu grauſam, meine Hoffnung zu zerſtoͤren.“ „Ich weiß es und gleichwohl— Sie ſehen es ſelbſt— iſt es mit mir vorbei.“ „Ja, weil es Ihr Wille, daß es ſo ſein ſoll.“ „Das kann ſein... Ich bin ſo muͤde.“ „Sie ſagen das, Sie, der ſo gluͤcklich iſt, Kinder zu haben! Wiſſen Sie, daß der, welchem ein ſolches Gluͤck beſcheert iſt eigentlich gar kein Recht zu irgend einer Klage haben ſollte?... Sohn?“ „Eine ehrliche, alte Frau, die ſich unſer Beider an⸗ genommen hat.“ „Nun wohl, da Sie nicht nach Tjuſtorp kommen wollen, ſo machen Sie ſich ſtatt deſſen gefaßt, daß wir Sie in Ihrer Einſiedelei beſuchen.“ „Nein, um Alles in der Welt nicht! Es iſt mehr als zwei Meilen von hier.“ „Und von hier bis Tjuſtorp ſind fuͤnf Viertel⸗ meilen... zuſammen alſo etwas uͤber drei Meilen. Glauben Sie, daß dies mich abſchreckt?“ „Aber es iſt unmoͤglich, ganz unmoͤglich!“ „Nun, wir werden wohl ſehen.“ „Sagen Sie mir wenigſtens, ob Sie das Haus etwa voll Fremde haben? Ich wuͤrde jetzt eine herrliche Figur machen!“ „Im Augenblick iſt das Haus ganz leer— alſo Aber wer pflegt denn Ihren paßt es vortrefflich.“ „So mag es denn ſein... Aber nicht morgen und auch nicht uͤbermorgen.“ „Nun, ſo laſſen Sie uns den Tag nach uͤbermor⸗ gen beſtimmen, das heißt Dienſtag?“ „Auf ein paar Stunden.“ „Nun, das wird ſich zeigen, wenn wir erſt ſo weit ſind.. Aber iſt der Weg nicht hinreichend fahrbar— wenmn Sie den um Refſta einſchlagen— daß Sie einen Wa koͤnn ich Jhr chen mich ben; denn des gebe ich daß Sie gruͤf Rei war dun⸗ zeigt Wo Ihren der an⸗ ommen aß wir Es iſt Viertel⸗ Neilen. Haus errliche — alſo en und ermor⸗ ſo weit bar—. e einen 207 Wagen nehmen und Ihren kleinen Sohn mitbringen koͤnnen?“ „Nein, nein, der muß zu Hauſe bleiben.“ „So, ich wollte darauf wetten, daß Sie fuͤrchten, ich habe die Abſicht, ihn Ihnen zu ſtehlen... Nun, Ihre Hand darauf, daß Sie das Verſprechen nicht bre⸗ chen wollen.“ „Wenn es in meinem Vermoͤgen geſtanden haͤtte, mich zu weigern, ſo wuͤrde ich es niemals gegeben ha⸗ ben; aber einmal gegeben, werde ich es auch halten, denn Sie zwingen mich, an all' das Edle und Schoͤne des Weibes zu glauben, das ich ſchon vergeſſen.“ „Nun, ſo leben Sie wohl, mein Freund— ich gebe Ihnen ſchon dieſen Namen in der Hoffnung, daß ich Sie noch einmal zu dem Glauben bringen werde, daß ich wirklich Ihre Freundin bin... Gott erhalte Sie und laſſe Sie dieſe Begegnung nicht bereuen!“ Und als ſie dieſe letzten Worte geſprochen hatte, gruͤßte ſie ihn leicht, machte eine Bewegung mit der Reitgerte und ſprengte fort, ſchnell wie der Blitz. So lange die Umriſſe ihrer edlen Geſtalt ſichtbar waren, ja, ſo lange noch ein Schimmer des langen, dunklen Reitkleides und des kleinen, ſchwarzen Hutes ſich zeigte, blieb Philipp ſtehen. Dann ließ er die Arme ſinken und fluͤſterte die Worte: Wenn ſie ſo waͤre!“ -ᷣ *½ 8. Die erſte Einſiedelei. Bevor wir Philipp in ſeine Wohnung zuruͤckkeh⸗ ließ ren ſehen, wollen wir ſelbſt dieſelbe aufſuchen, uns Se aber ein paar Wochen zuruͤckverſetzen. Fuß Zu dieſer Zeit hatte unſer armer Held den Gipfel ſein ſeines Wahnſinns erreicht— eines Wahnſinns, wieder⸗ auf ¹ holen wir, der durch das abgeſchiedene Leben, die einſame, laſſe 1 romantiſche Gegend und das nagende Beduͤrfniß gereift war, im Gedicht daſſelbe Bild aufzuſuchen, welches ihn ſagt in der Wirklichkeit verfolgte.„ auf Vergleichungsweiſe war er, als er im Sommer klein mit ſeinem Sohne in dieſer Gegend ankam, ein kluger Mann geweſen. ewig Die nothwendigen Muͤhwaltungen fuͤr ſeine einfache Wohnung, die Einrichtung eines kleinen Hauſes am Ausgang des oͤdeſten Felſenruͤckens, hatte ihn damals Na uͤckkeh⸗ „ uns Gipfel vieder⸗ nſame, gereift es ihn mmer kluger nfache s am amals 193 zerſtreut und die Ankunft der Madame Malmelin, ſei⸗ ner fruͤhern„Norne“, jetzt ſeiner Haushaͤlterin, trug nicht weniger in geringem Grade bei, ſein Gemuͤth auf aͤußere Umſtaͤnde zu lenken. Als aber die Malmelin mit erfahrener und ge⸗ neigter Hand die muͤtterlichen und hausmuͤtterlichen Sorgen uͤber ſich genommen, nachdem man endlich allen Verkehr mit den weiter unten im Gebirge woh⸗ nenden armen Nachbarn abgebrochen, gab es nichts mehr, was die Aufmerkſamkeit anſprechen konnte. Die Anſpannung war vorbei und als die einzige Kraft, welche Philipps Seele aufrecht erhalten, nach⸗ ließ, ſank er muthlos, matt, zerſchlagen an Leib und Seele, an dem maͤchtigen Waldſtrom nieder, der den Fuß der Einſiedlerhuͤtte beſpuͤlte und hier, allein mit ſeiner Verzweiflung, riß er alle ſeine Wunden wieder auf und weidete ſich daran, ſie ungehindert bluten zu laſſen. „Aber um Gotteswillen, das geht doch zu weit,“ ſagte Madame Malmelin, als ſie ihn mehr als einmal aufſuchte.„Der Herr wird ſich doch nicht um dieſes kleinen Ungeheuers willen zu Tode graͤmen!“ „Still... verlaſſen Sie mich!“ war Philipps ewige Antwort. Aber Madame Malmelin war eben ſo hartnaͤckig. Eines Tages ſagte ſie und hielt, um des groͤßern Nachdrucks willen, die Schuͤrze vor die Augen: Ein Gerücht. 111. 19 2 2 3 194 „Ich war auch ſo betruͤbt, als der ſelige Malme⸗ lin von mir ſchied, ich war grauſam betruͤbt, denn wir hatten unſere Liebe heilig und treu gehalten bis zum blaſſen Tode, unſer Auskommen hatten wir auch durch das Porzellankitten, welches eine ganz gute Profeſſion war. Aber waͤre er freiwillig von mir fortgegangen, anſtatt in Prozeſſion auf der Bahre fortgetragen zu werden, ſo— das ſage ich ſo gewiß und wahr, als ich Johanna Malmelin heiße— haͤtte ich mich nicht niedergeſetzt, um ſeinen Verluſt mit meinen Thraͤnen zu beweinen; denn wo keine Rechtſchaffenheit da iſt, da iſt es Suͤnde und Schande, noch zaͤrtliche und ergebene Gefuͤhle zu hegen.“ „Ach, Madame Malmelin, plagen Sie mich nicht mit dieſem einfaͤltigen Geſchwaͤtz!“ „Was fuͤr Zeug? Einfaͤltiges Geſchwaͤtz?— Ich bin achtundfunfzig Jahr alt geworden, aber Sie, Herr Thurné, ſind der erſte, der mich einfaͤltig nennt ... hm, hm, hm... wo die Liebe iſt, da iſt der Ver⸗ ſtand abweſend... zum Theil, verſteht ſich. Und waͤre es nicht um des guten Jungen willen, ſo iſt Gott mein Zeuge, daß man es wohl angenehmer haben könnte, als hier in der Einſamkeit unter den Felſen zu ſitzen, beſonders, wenn man von guter Familie iſt und hunderte von Bekanntſchaften hat und gewohnt iſt, das Tageblatt zu leſen, waͤhrend man ſich hier zu Tode langweilen kann.“ 195 „Nun, ſo gehen Sie, verlaſſen Sie mich— Sie iſt gerade, wie andere Weiber.“ „Ich ſoll gehen, ich ſoll ihn verlaſſen!— Haben Sie doch die Guͤte, denken Sie ein wenig nach! Wird das Gebirge nach dem kleinen Alban ſehen? Wird das Gebirge Eſſen kochen? Wird es vielleicht die Stabe ſcheuern und fegen und das Reuice⸗ was da iſt, in Stand und zuſammenhalten? a, ich gratu⸗ lire... ſoll ich vielleicht dem Gebirge e die Schluͤſ⸗ ſel uͤbergeben? „Na, nehmen Sie es nur nicht uͤbel und ſeien Sie nicht garſtig gegen mich!“ Statt der Antwort murmelte die Malmelin einen langen Satz zwiſchen den Zaͤhnen. „Madame Malmelin ſieht ja, wie es mit mir ſteht. 83 „Ja, darauf nehme ich auch ſtets Ruͤckſicht, aber, lieber Gott, wenn die Erde brennt, ſo muß man ſich darein fuͤgen, und wer einen ſolchen kleinen Engel zum Sohn hat... Philipp hoͤrte nichts. Er war weit entfernt, gefuͤhllos fuͤr ſein Kind zu ſein, aber jedesmal, wo er den Knaben an's Herz druͤckte, ward ihm dies faſt aus der Bruſt geriſſen, ſo entſetzlich waren die Qualen, welche der Anblick des Kin⸗ des in ihm erweckte. Und weit hinweg in die wildeſten Gegenden flie⸗ 13* 196 hend und oft ſich ſo verirrend, daß er den ganzen Tag nicht nach Hauſe kam, beſtand ſeine einzige Zerſtreu⸗ ung darin, daß er in Gedichten ſeine Klagen uͤber das Schickſal ausgoß, welches ſein Leben verheerte. Selten ſchrieb er dieſe Verſe auf. Einmal ge⸗ ſchah es jedoch, daß er ſie nach einer genaueren Correk⸗ tur unter dem Titel:„Schwanengeſang an meine fentflohene Gattin“ aufs Papier warf; aber er vermißte nicht dieſes Blatt, als es wegkam und war weit ent⸗ fernt, das Schickſal deſſelben zu ahnen. Ja, man kann ſagen, daß er dieſe Klagen an ſeinen Quaͤlgeiſt vollkommen vergeſſen hatten, als Madame Malmelin eines Tages kam und ihm ein Zeitungsblatt uͤbergab, worin dieſe Verſe, mit dem Namen Alexis unterzeichnet, zierlich abgedruckt ſtanden. Und uͤber dem„Schwanengeſang“ befand ſich ein ganz intereſſanter Artikel in Bezug auf einen jungen Schriftſteller, der vor einigen Jahren aufgetreten und ſchon damals das verſprochen, was er nach dem unten⸗ ſtehenden, tiefpoetiſchen und ſchoͤnen Stuͤck zu urtheilen, welches man ſich dem Publikum mitzutheilen nicht ver⸗ ſagen koͤnnte, jetzt zu rechtfertigen ſchiene. Man be⸗ klagte blos, daß die Veranlaſſung zu der Begeiſterung des hoffnungsvollen, jungen Dichters eine traurige Wirklichkeit ſei u. ſ. w. Tag treu⸗ das ge⸗ rrek⸗ neine nißte ent⸗ inen ame blatt eris ein igen und ten⸗ len, ver⸗ be⸗ ung rige 197 dem er ſich erſtaunt und verwirrt vor die Stirn ſchlug. „Wo kommt das her?“ „Kennen Sie es denn nicht?“ „O ja, ich kenne... ich glaube,“ antwortete er erroͤthend.„Aber... wie iſt das moͤglich er „Nun, bin ich denn ein Dummkopf? Habe ich denn etwa weder Witz, noch Verſtand, noch Gefuͤhl, noch Urtheil? Ich ſah das Blatt auf der Decke unter dem Schreibtiſche liegen und da ich, Gott ſei Dank, ſelbſt ſo viel geſchrieben und geleſen, daß ich ſowohl lange als kurze Verſe zu beurtheilen verſtehe, ſo wußte ich gleich, was es werth war.“ „Aber... aber... ſtammelte Philipp. „Darauf,“ fuhr Madame Malmelin fort, ohne ſich weiter ſtoͤren zu laſſen,„ſetzte ich den Namen Alexis darunter, und ſo ſchickte ich es an einen meiner Be⸗ kannten bei der Tageblattredaction, durch welchen es mit dieſer ſchoͤnen Einleitung zum Abdruck kam, von der ich allerdings nichts weiß, aber die gewiß nicht uͤbel iſt, denn ich wollte d'rauf wetten, daß ſie, nebſt dem Gedicht, binnen einem Monat die Runde durch alle Provinzialblaͤtter gemacht hat.“ „Wenn ich nicht gegen Alles gleichguͤltig waͤre,“ ſagte Philipp, als er endlich zu Worte kam,„ſo koͤnnte ich uͤber eine ſolche Unverſchaͤmtheit raſend werden... Ein ſolches Gedicht wegzunehmen und es hinaus in die Welt zu ſchicken, daß es im ganzen Lande bekannt 198 wird! Es war mein Herz, welches mit Blut ſchrieb und ſo etwas ſchreibt man nicht fuͤr das Publikum.“ „Und daran thut man, meiner Seele, ſehr unrecht, delmn das Publikum iſt nicht ſo verſtockt, daß es ſich nicht auf das verſtuͤnde, was aus dem Herzen kommt,“ ſagte Madame Malmelin, die ſich durch Philipps Be⸗ merkung weiter nicht ſtoͤren ließ. Sie fuͤhlte aus Inſtinkt, daß Philipp nicht ſo mißvergnuͤgt war, als er ſcheinen wollte. Zufäͤllig oder nicht ſteckte er das Zeitungsblatt in die Taſche und vierzehn Tage darauf fand Madame Malmelin abermals auf der Decke unter dem Schreib⸗ tiſch ein wirklich herrliches Gedicht, Philipps beſtes Werk, das„Lebewohl an meine Tochter“. Und dieſes„Lebewohl“ enthielt ſo viele ſchoͤne und begeiſterte Gedanken, einen ſolchen uͤberfließenden Reich⸗ thum an tiefem Gefuͤhl in einfache und harmoniſche Wort gekleidet, daß es unbedingt Anklang finden mußte. Madame Malmelin, welche ſah, daß in dem Ge⸗ dicht nichts ausgeſtrichen war, begriff ſogleich, daß es eine Reinſchrift war und mehr brauchte ſie nicht zu wiſſen. Es ward auf demſelben Wege fortgeſchickt, wie der„Schwanengeſang“, und als die Malmelin einen Abdruck erhielt, legte ſie das Blatt unbemerkt in Phi⸗ lipps Zimmer. Und Philipp las es, ließ ſich aber 199 nichts merken, denn er ſchaͤmte ſich, zu geſtehen, daß er mitten unter ſeinen ſtuͤrmiſchen Qualen einen egoiſti⸗ ſchen Genuß an dem Gedanken fand, daß die Welt ſich mit ihm beſchaͤftigte. Inzwiſchen fand die Malmelin keine weiteren Ge⸗ dichte unter dem Schreibtiſche. Aber eines Tages, kurz darauf, ward Philipp, der gar nicht wußte, was in der Welt vorging, durch einen Brief von dem Buchhaͤndler in Stockholm uͤberraſcht, dem er den Vertrieb ſeines Werkes in Commiſſion ge⸗ geben hatte und dieſer Brief ließ Philipps Herz einige Secunden lang von neuen Gefuͤhlen ſchlagen, denn er enthielt die Nachricht, daß der Buchhaͤndler das Ver⸗ lagsrecht der zweiten Auflage— es ſtand wirklich da „zweite Auflage“— der„Poetiſchen Augenblicke“ zu kaufen wuͤnſchte. Und außerdem enthielt der Brief ei⸗ nige gleichzeitig ſchmeichelhafte und theilnehmende An⸗ ſichten uͤber den Ruhm, den der Name des Verfaſſers in der letztern Zeit erworben. Aber den voruͤbergehenden Sieg, den der Poet feierte, mußte der ungluͤckliche Ehemann bald mit dop⸗ peltem Schmerz bezahlen. Stumm, verzweifelt, ſtuͤrzte er vorbei an der heim⸗ lich triumphirenden Malmelin... wir ſagen triumphi⸗ renden, denn Niemand anders, als ſie, hatte ihrem Be⸗ kannten beim Tageblatte Philipps Adreſſe verrathen, Niemand anders, als ſie, hatte unter dem Verſprechen der rig wieder aufgewaͤrmten Notizen mitgetheilt. „O mein Gott,“ ſeufzte der arme, junge Mann, ſo⸗ bald als er ſich frei ſah,„alſo erſt, nachdem ich bekannt geworden— bekannt durch die Frau, welche, indem ſie mich verließ, mich zu einem Gegenſtand des Mitleidens machte— erſt dann wollte man meine Werke leſen!... Aber nein, ich werde mich nicht dadurch erniedrigen, daß ich mich auf dieſe Weiſe bekannt mache! Keine zweite Auflage ſoll Gelegenheit geben, daruͤber zu ſchwa⸗ tzen, daß die erſte nicht mehr ging, als bis. Und wie ein Wahnſinniger floh er fort, weit fort in Die dichten Waͤlder. Und als er an eine Stelle gekom⸗ men, die einſam genug war, daß kein menſchliches Auge ihn erreichen konnte, warf er ſich auf die Erde nieder, benetzte ſie mit ſeinen Thraͤnen und ſtieß gepreßte Laute aus der Tiefe ſeiner Seele heraus, dieſer Seele, die in dem jetzigen Augenblick ein kochender Vulkan war. „Auch das ſoll ich von ihr haben— Alles, Alles, ſelbſt dieſen kleinen Ruhm! Ach, ich verwuͤnſche dieſes falſche Wort... in wie vielen heiligen und edelbegei⸗ ſterten Augenblicken flehete ich nicht darum, das kleinſte Blatt von dieſen Lorbeeren zu erringen= vergebens . vergebens.“ Man wußte nicht, daß es einen Alexis gab—— ſein Wete ag in Ruhe. Da kommt das Ungluͤck, das ſchwarze, tiefe, un⸗ tiefſten Verſchwiegenheit, die intereſſanten, ſpaͤter gehoͤ⸗ 201 gehoͤ⸗ heilbare Ungluͤck und macht ihn zu ſeinem Schooßkind und zugleich zum Gegenſtand der ſinnreichſten Anekdo⸗ i;, ſo⸗ ten. Der arme, bethoͤrte Mann, der ſeine Klage uͤber ekannt eine Frau ausſpricht, die ihn haßt und verlaͤßt— dieſe em ſie iſt etwas ganz Anderes, als der unbedeutende Poet eidens recht und ſchlecht! Eine geheimnißvolle, ſkandaloͤſe Ge⸗ enl.. ſchichte, eine oͤffentliche Aufforderung in der Kirche und drigen, in den Zeitungen, eine baldvollendete Eheſcheidung— Keine was bedarf es mehr, um ihm einen vollſtaͤndigen Na⸗ ſchwa⸗ men zu ſchaffen. Man lieſ't ihn, man iſt entzuͤckt von ihm und man will noch eine Auflage von ſeinem ver⸗ ort in dienſtvollen Werke haben. ekom⸗ Ha, das lohnte in der That der Muͤhe, nach der Auge Gunſt des Ruhms zu trachten! nieder,„Aber ich will in dieſer Einſamkeit leben, ohne je⸗ Laute mals wieder eine einzige Zeile zu ſchreiben... Ich will die in meinen Sohn zum Weltveraͤchter erziehen und hinfort . ein Eremit ſein in des Wortes ſtrengſter Bedeutung.“ Alles, Und nach dieſem Tage war es vergebens, wenn dieſes Madame Malmelin die ſchoͤnen Wiſſenſchaften be⸗ begei⸗ ruͤhrte. leinſte Philipp zerbrach ſeine Federn, ſchuͤttete ſeine Tinte gebens weg, verbrannte ſein Papier und ſchwur, bis zu ſeinem Tode dieſe elende Welt zu verachten, die ihn nun b— trogen. 3„Ich bitte nur Gott, daß der arme Ma den Verſtand verliert!“ ſagte die Malmeli daͤchtig zu ſich ſelbſt, als Philipp jetzt auch anfing, die ſtrengen Lebensgewohnheiten eines Einſiedlers in Be⸗ zug auf die Koſt annehmen zu wollen. Bis jetzt hatte man ſich ungefaͤhr auf demſelben Fuße gehalten, wie der arme Poet in dem Dachſtuͤb⸗ chen mit ſeiner Norne zu leben pflegte; aber nun wollte Philipp unbedingt blos von Pflanzennahrung und Waſ⸗ ſer leben und uͤberdies mehr in den Felskluͤften, als in der Huͤtte wohnen. Endlich begann der kleine Alban ſich vor ſeinem Vater zu fuͤrchten, daß er ihn als eine Art Popanz be⸗ trachtete, und wenn Philipp nach Hauſe kam, kroch der Kleine entweder unter den Tiſch oder zog die Schuͤrze der freundlichen Malmelin vor die Augen. „Sehen Sie, was die Folge davon iſt,“ ſagte die ehrliche Frau, auf das Kind zeigend.„Nicht genug, daß der arme Junge die Mutter verloren hat, nun ſoll er auch das Herz des Vaters entbehren.“ Bei ſolchen Worten ſtierte Philipp den Kleinen an und ſchuͤttelte den Kopf, ſagte aber nichts. Dagegen ſetzte er ſich, wenn der Knabe eingeſchla⸗ fen war, neben ſein Kopfkiſſen; unter dem Schweigen der Nacht fielen die reuevollen Thraͤnen des Vaters auf Angeſicht des Kindes. Und Gebete, die durch den renden Nebel ſeiner Seele ſich einen Weg zu Throne zu bahnen ſuchten, gluͤheten darum um s willen. nan Au ma lun wuͤ den gen ig, die n Be⸗ nſelben chſtuͤb⸗ wollte Waſ⸗ als in ſeinem unz be⸗ och der ſchuͤrze gte die genug, , nun dleinen geſchla⸗ weigen rs auf ich den geg zu m um 203 Der Name der Mutter ward niemals laut ge⸗ nannt. Er hatte nicht verſucht, ſich Nachricht uͤber ihren Aufenthaltsort zu verſchaffen. Er hatte es nicht ein⸗ mal gewollt. Sie war ja auf alle Faͤlle todt fuͤr ihn. Wenn aber auch Philipp noch ſo gerne Mitthei⸗ lungen uͤber die entflohene Lilia haͤtte haben wollen, ſo wuͤrde dies doch wahrſcheinlich vergebens geweſen ſein, denn Niemand wußte zu ſagen, wohin ſie ihren Weg genommen. Sie war ſpurlos verſchwunden. —o 9. Freundſchaſt. Eines Tags ſaß Philipp auf einem bemooſ'ten Steinblock vor ſeinem Hauſe und machte, wie gewoͤhn⸗ lich— nichts. Der rauhe Herbſtwind ſpielte in ſeinem verwor⸗ renen Haar und fuͤhrte es hin und her uͤber der ge⸗ ſenkten Stirn, den eingefallenen Wangen. Er merkte nicht das Spiel des Windes, er vernahm nichts weiter, als das hohle Getoͤſe des Waldſtromes, der an dem Rande des Felſengebirges herabſtuͤrzte und dies erin⸗ nerte ihn an den Waſſerfall bei Ribyhus... Riby⸗ hus, wo er der ſeligſte und unſeligſte der Menſchen ge⸗ weſen war. Es lag ein dunkelgrauer Schein uͤber dem duͤſtern Gemaͤlde um die Eremitage herum. Das kleine, zwiſchen zwei Anhoͤhen hervorragende Haus war in dem Nebel kaum ſichtbar und Philipp ſelbſt ſaß/ Stei Sch dem und ſchw Arm ſchlo war will ſager eiger Deit bleib mit der der Rib Hin ooſ'ten woͤhn⸗ erwor⸗ ker ge⸗ merkte veiter, n dem erin⸗ Riby⸗ en ge⸗ uͤſtern gende hilipp 205 ſelbſt hatte, als er ſo unbeweglich auf dem Felsblock ſaß, das Ausſehen eines bloßen Phantaſiegebildes von Stein. Der dunkle Wald ringsum war ſtill, wie am erſten Schoͤpfungstage; aber ploͤtzlich erſchallte ein Ruf in dem weiten Raume, ein Ruf, eine Frage, eine Bitte und dies Alles zuſammen klang wie ein Echo aus ent⸗ ſchwundenen, lieblichen Zeiten. Philipp bewegte ſich, er ſtand auf, er ſtreckte die Arme mechaniſch aus— aber die Arme, die ihn um⸗ ſchloſſen, gaben keinen mechaniſchen Druck— in dieſen war volles und warmes Leben. „Und ſo weit hat ſie Dich gebracht... Ich will nur ein einziges Mal mit ihr reden, um ihr zu ſagen, daß ich in meines Vaters und in meinem eigenen Namen ſie auf ewig verſtoße!“ „Dick... Dick!“ „Ja, Dein Sohn Dick, Dein Bruder Dick, Dein treuer Freund Dick, der da kommt und bei Dir bleibt, der die Welt verlaͤßt, ſo lange Du es thuſt, der mit Dir leben und ſterben will!“ „Nein, nein, ich bin auf immer aus dem Reiche der Lebenden geſchieden. Ich bin nicht einmal mehr der Schatten von dem Philipp, der eines Tags nach Ribyhus kam...“ „... um eine Hoͤlle zu finden, wo Du ſelbſt ein Himmelreich geſchaffen!“ ſagte Dick mit Nachdruck. ———— 206 „Aber was wird ſie einmal unſerem Vater antwor⸗ ten... wie thoͤricht war ich, als ich uͤber die Selig⸗ keit jubelte, Dich Schwager zu nennen!“ „Wir bleiben ja ſtets Bruͤder, Dick!“ „Nun, das weiß ich wohl...“ „Aber ſag', iſt es nur der Kummer und der ge⸗ kraͤnkte Stolz, der Dich ſo verſtört— nichts Anderes?“ Philipp blickte tief in Dicks treue Augen und ſo wohl begriff Dick dieſe ſtumme Antwort, daß er im Tone der Verzweiflung entgegnete: „Alſo, Du liebſt ſie immer noch, immer noch, trotz alles dieſem?“ „Trotz alles dieſem wird meine Seele ſtets feſt gekettet an die ihrige ſein. Ich glaubte, ich waͤre ge⸗ heilt, als ich von ihr ſchied, aber— mein Uebel iſt unheilbar.“ „Nein, das werde ich niemals glauben... Aber nun zeige mir Deine Einſiedlerwohnung... ah, da iſt ſie... Ich danke Dir, daß Du in dem Briefe, den Du mir entgegenſchickteſt, Alles ſo genau beſchrie⸗ ben haſt— ich habe den Ort ohne Muͤhe gefunden.“ „Komm', komm', damit Du Alban ſiehſt!“ „Warte einen Augenblick— ich ließ in einiger Entfernung von hier halten... ich wollte nicht...“ In demſelben Augenblick kam Madame Malme⸗ lin ganz neugierig heraus. Und entzuͤckt, endlich einen Gaſt zu ſehen, der ſo viel zu verſprechen ſchien, beeilte ntwor⸗ Selig⸗ er ge⸗ eres?“ und ſo er im noch, s feſt re ge⸗ del iſt Aber ), da Briefe, ſchrie⸗ en.“ niger .. 4 alme⸗ einen eeilte 207 das vortreffliche Weſen, ſich der einfachen irdiſchen Ge⸗ ſchaͤfte anzunehmen, waͤhrend Dick ſeinem Freunde hin⸗ ein folgte. Eine ziemlich große, aber niedrige und finſtere, jetzt von dem Kaminfeuer erleuchtete Stube nahm den Rei⸗ ſenden auf, der mit Erſtaunen ſeinen Blick auf die un⸗ beſchreibliche Duͤrftigkeit dieſer Wohnung warf. „Weshalb, um Gottes willen, haſt Du Dich denn ſo eingerichtet?“ „Ich lebe als Eremit und ein ſolcher braucht keinen Luxus. Ueberdies weißt Du wohl, daß ich eigentlich nichts beſitze— ich bin wohl der Vormund meines Sohnes dem Namen nach, aber die Geſchaͤfte befinden ſich in den Haͤnden des Doctors Warvner, und ſeitdem ich hier bin, habe ich keinen Verkehr mit ihm gehabt.“ „Das waͤre ſonderbar,“ ſagte Dick...„doch davon wollen wir ſpaͤter ſprechen... wo iſt der Junge?“ „Alban, Alban, komm' her...“ Aber Alban hatte ſich ſchon verſteckt und erſt nach verſchiedenen Unterhandlungen kam er hervorgekrochen, um ſich von ſeinem jungen Onkel umarmen und kuͤſſen zu laſſen.— „Du biſt mein Sohn,“ rief Dick, einmal uͤber das andere, ganz außer ſich;„hoͤrſt Du, Alban, es iſt Papa Dick, der dies ſagt, der Dir verſpricht, niemals zu heirathen, niemals einen andern Sohn und Erben zu haben, als Dich— biſt Du das zufrieden, Alban?“ Alban ward mit Dick bald vertraut, denn dieſer ſah ſo gut und freundlich aus und hatte keinen ab⸗ ſchreckenden Bart, kein langes, verworrenes Haar und keine ſo ſchrecklich gluͤhenden Augen. „Noch einen Handſchlag, Dick,“ ſagte Philipp, indem er dem Juͤngling ſeine beiden Haͤnde hinhielt, die ſtets wie von Fieberhitze brannten. „Ich ſchenke Dir mein Weſen ganz und unge⸗ theilt— ich liebe Dich uͤber Alles, Philipp... und demnaͤchſt unſern Sohn.“ „Dank, Dank, Du warmes, unſchaͤtzbares Herz... Und wie groß und maͤnnlich Du geworden biſt! Ge⸗ ſundheit und Kraft bluͤhen auf Deiner Wangez keine Sorge hat noch an den Wurzeln Deines Herzens genagt.“ „Nein, wenigſtens keine, die mich ſelbſt betroffen haͤtte. Die kleine Creolin habe ich ſchon ſeit mehrern Monaten vergeſſen und ſpaͤter keine wieder geſehen, die mein Herz beunruhigt haͤtte.“ „Moͤchteſt Du auch noch lange nicht Die ſehen, welche dieſe Macht hat, denn mit der Liebe beginnt erſt die rechte Pein des Lebens!“ „Was ſchwatzeſt Du— habe ich nicht geſagt, daß ich niemals heirathen werde?“ Philipp antwortete nur mit einem matten Lacheln. Darauf ſetzte er hinzu: „Wie fandeſt Du denn Alles in Deiner Heimath?* dieſer en ab⸗ ar und hilipp, nhielt, unge⸗ . und ;. Ge⸗ keine erzens rroffen ehrern n, die ſehen, nt erſt geſagt, icheln. ath?“ 209 „So, das klingt ſchoͤn: meiner Heimath! Na, gleichviel, in Ribyhus ſtand Alles gut. Der Kaͤm⸗ merer iſt ein ganz ruͤhriger, obſchon unertraͤglich lang⸗ weiliger Mann. Der Doctor und der Propſt haben uͤberdies Beide ihr Augenmerk auf ihn gerichtet. Aber hoͤre, Philipp...“ „Was willſt Du ſagen?“ „Nun, ich glaubte, daß Du gegen den ehrlichen und huͤbſchen, jungen Doctor, von welchem ich, wie ich Dir ſagen muß, ganz entzuͤckt bin, eine Ungerechtigkeit begangen haſt.“ „Nein, nein, keine Ungerechtigkeit.“ „Aber, das glaube ich doch. Weshalb ſollte er denn nicht Deine Adreſſe wiſſen— hatte er als Al⸗ bans Vormund nicht ein Recht dazu?“ „Wenn es noͤthig iſt, wird er ſchon Nachricht von dem Knaben erhalten.“ „Philipp, Du biſt immer gut und gerecht gewe⸗ ſen, und ich habe deshalb auch ſtets große Achtung vor Dir gehabt, aber wenn Du einem niedrigen Geruͤcht mehr glaubſt, als dem Wort eines ehrlichen Mannes, ſo. 4* „Still, Dick, Du ſprichſt jetzt von Dingen, die Du nicht kennſt.“ „Nein,“ antwortete Dick,„Du wirſt mir nicht verbieten, zu reden, Philipp, ich bin kein Kind mehr... ich bin Dein Bruder. Und wenn ich auch das nicht Ein Gerücht. IlI. 14 210 begreife, was man Geiſt und Wiz nennt, ſo begreife ich doch um ſo mehr das, was Redlichkeit und Chre heißt und ich erklaͤre, daß es nicht ehrenhaft von Dir i*ſt, einen Freund zu opfern, einen Dir ſo innig erge⸗ benen Freund und zwar um einer Intriguantin willen, die, wenn es ihr auch einmal gelungen, ihn zu bethoͤren, ihn doch niemals zu einer ſtrafbaren That verleitet hat.* „Ach, Du weißt alſo... „Ich weiß Alles, weil ich als dieſes Weibes Bruder, von dem Doctor fuͤr wuͤrdig angeſehen ward, in das Innerſte Eurer Verhaͤltniſſe eingeweiht zu wer⸗ den und ich vertheidige ihn, weil er das ganze Recht auf ſeiner Seite hat. Ich ſchwoͤre Dir zu, daß ſie allein ſtrafbar iſt und da ſie Dir niemals mehr ange⸗ hoͤren kann...“ „Ha, brauchſt Du mich daran zu erinnern!“ „Großer Gott, ſieh nur aus wie ein Menſch, Philipp! Das iſt ja ſchon abgemacht. Aber ich finde jetzt, daß es wirklich mit Dir vorbei iſt.“ Dicks Antlitz gab einen ſo tiefen Schmerz zu er⸗ kennen, daß Philipp mit hoͤhnender Bitterkeit ſagte: „Ja, nicht wahr, ich bin bald reif fuͤrs Irren⸗ haus?“ „Armer Freund!“ murmelte Dick, der jetzt end⸗ lich fand, daß man Philipp nicht mehr wie einen Mann, ſondern wie einen ſchwachen, reizbaren Kranken behan⸗ deln durfte. begreife d Ehre 'n Dir ig erge⸗ willen, ethoͤren, et hat.“ Weibes : ward, zu wer⸗ Recht daß ſie r ange⸗ 14⁴ Nenſch, ch finde zu er⸗ gte: Irren⸗ zt end⸗ Mann, behan⸗ 211 Das Geſpraͤch ward hier durch Madame Malme⸗ lin unterbrochen, welche kam, um ſich dem Gaſte zu praͤ⸗ ſentiren und ihm ſodann anzubieten, was die Einſiedelei aufzubringen vermochte. Dick beſchaͤftigte ſich beinahe den ganzen Abend mit ſeinem Neffen, aber da er durchaus nicht Onkel heißen wollte, was ihn mehr, als noͤthig war, an Lilia erinnerte, ſo lehrte er dem Knaben, Papa Dick zu ſagen. Und als er das Kind hoch uͤber ſeine kraftvollen, faſt herkuli⸗ ſchen Schultern hielt— denn Dick war waͤhrend ſeiner Seereiſen ein ſtarker, herrlich gebauter Mann geworden — und der kleine Alban, der ſeit ſo langer Zeit keine Gelegenheit gehabt, zu lachen, mit lautem Gejubel Papa Dicks Bemuͤhen, ihn zu beluſtigen, beantwortete, da verſprach er nochmals auf Treue und Ehre, ſich nie⸗ mals zu vermaͤhlen, ſondern Alban zu ſeinem Adoptiv⸗ ſohn zu machen. Nachdem dieſe Sache vollſtaͤndig abgemacht war, verkuͤndete unſer ehrlicher Dick der Madame Malme⸗ lin, daß er in allem Ernſte ſich in der Einſiedelei mit niederlaſſen werde. Wenn Philipp auf alle Bequemlichkeiten verzich⸗ ten konnte, weshalb konnte dann nicht Dick daſſelbe thun, er, der ſich auf der See an ſo manche Entbeh⸗ rungen, und waͤhrend ſeiner Landreiſen, an noch viel groͤßere gewoͤhnt hatte? 14* — 212 Als Philipp ſeinen jungen Einſamkeitsgenoſſen anzuhoͤren vermochte, oder wenigſtens das Ausſehen hatte, als ob er dies thun koͤnnte, berichtete dieſer uͤber ſeine Reiſen und ſeine großen Sammlungen, das zu⸗ kuͤnftige Muſeum, welches leider noch in den Kiſten eingepackt lag. „Denn,“ ſetzte er, zu Madame Malmelin gewen⸗ det, hinzu, welche waͤhrend dieſer vertraulichen Unter⸗ haltungen gewoͤhnlich mit dem Strickſtrumpf am Ka⸗ min ſaß und aufmerkſam zuhoͤrte,„denn, liebe Ma⸗ dame Malmelin, ich hatte weder Zeit, die Sachen in Ribyhus zu erwarten, noch wuͤrde ich, wenn ſie ange⸗ kommen waͤren, Zeit gehabt haben, ſie zu ordnen. Aber, meine liebe Madame Malmelin, wenn der Tag da iſt, wo wir aus unſerer Verbannung zuruͤckkehren, da ſollen Sie etwas zu ſehen bekommen! Ich ſage nichts, aber Sie werden vor Erſtaunen die Haͤnde falten.“ „Aber,“ entgegnete Madame Malmelin,„haben Sie denn nicht die Abſicht, hier im Gebirge mit uns alt zu werden? Ich bin uͤberzeugt, daß wir“— hier ſchielte ſie nach Philipp—„hier bleiben, bis zu unſerm ſeligen Ende.“ „Dann halte ich auch ſo lange aus!“ antwortete Dick in entſchiedenem Tone. „Aber die Fabrik.. und das Muſeum, wel⸗ ches dann gar nicht aus den Kiſten herauskommt 2* oſſen ſehen uͤber 3 zu⸗ eiſten wen⸗ nter⸗ Ka⸗ Ma⸗ en in ange⸗ dnen. Tag hren, ſage daͤnde haben uns bis 213 Dick holte einen leichten Seufzer. „Es waͤre ganz gewiß angenehmer, wie ein großer Magnat in Ribyhus zu ſitzen, Director zu heißen und alle daſelbſt Ankommenden durch die Merkwuͤrdigkei⸗ ten in Erſtaunen zu ſetzen, die man zu zeigen hat, als ſich hier die Schwindſucht an den Hals zu gaͤhnen.“ „Wenn mein Sohn herangewachſen iſt,“ ſagte Dick mit Wuͤrde,„ſo nehmen wir uns einen Haus⸗ lehrer an und dann ziehen wir nach Ribyhus und fuͤh⸗ ren einen kleinen Staat. Ich will, daß mein Sohn erzogen werde, wie ein Gentleman. Was ſagt Ma⸗ dame Malmelin dazu?“ „Ich ſage, Herr Dick, daß ich nicht weiß, was ein Gentleman iſt.“ „Nun, ſehen Sie, Madame, das iſt ein Titel, den man in England ſowohl Adeligen als ſehr feinge⸗ bildeten Leuten giebt. Nun kann mein Sohn aller⸗ dings kein Edelmann werden, weil er einmal keiner iſt, aber ſtatt deſſen ſoll er ein Licht werden, ein Mann von hoher, unermeßlicher Bildung.“ „Aber, weshalb koͤnnte er denn nicht auch ein Edelmann werden?“ ſagte Madame Malmelin.„Ein Adelsbrief koſtet doch nicht ſo entſetzlich viel, daß ein ſo reicher Schwiegervater ihn nicht bezahlen koͤnnte?“ „Madame Malmelin, Sie ganz vortreffliche Frau, wiſſen Sie, was mein ſeliger Vater zuweilen zu mir ſagte?“ ————— 214 „Nein, wie ſollte ich denn das wiſſen!“ „Dick, mein Sohn,“ ſagte er,„Du haſt zuwei⸗ len ganz gute Einfälle.“ „Aha, und da dachten Sie?“ „Nun, ich dachte wirklich, es waͤre ein ganz bril⸗ lanter Einfall, den Sie eben jetzt hatten. Laſſen Sie uns hoͤren... Alban von Thurné.. Adoch ſtill, da ich ihn adoptiren will— was eine ausgemachte Sache iſt, ſo muß er auch meinen Namen tragen... war⸗ ten Sie ein wenig, Madame Malmelin, ich werde den Titel gleich fertig haben.“ Madame Malmelin laͤchelte und wartete. „Was ſagen Sie dazu, wenn es hieße: Herr Svante Alban Thurné von Sorenius auf Ribyhus mit Zubehor?“ „Das klaͤnge verteufelt ſchoͤn!“ „Ja, das wollte ich meinen!“ Dick nahm eine ſtolze Miene an. „Aber wenn,“ wendete Madame Malmelin ſchnell ein,„wenn nun Herr Dick ſich vielleicht einmal ver⸗ lieben ſollte...“ „Und dann?“ .. und heirathen wollte?“ „Und dann?“ „Und dann, ſagt Herr Dick, was ſollte denn dann aus Albans großen Ausſichten werden?“ vei⸗ bril⸗ Sie „da ache var⸗ den Herr hus eine ynell ver⸗ „Die wuͤrden dadurch an ihrem Gedeihen nicht gehindert werden.“ „Nicht?“ „Nein, durchaus nicht! Verliebe ich mich, ſo ſage ich: Verliebe Dich, mein Junge, ſo viel Du Luſt haſt, wenn es Dir Spaß macht, aber behalte es fuͤr Dich! Kommt es mit mir jedoch ſo weit, daß ich an⸗ fange, mit Heirathsgedanken umzugehen: ſo ſage ich: Dick, mein Frund, Du vergiſſeſt, daß Du Dich ſchon als verheirathet, ja als Witwer betrachten mußt, da Du einen Sohn und keine Frau haſt. Du wirſt alſo wohl einſehen, daß Du Dich mit dem Heirathen weiter nicht zu bemuͤhen brauchſt.“ „Und das glauben Sie aus Freundſſchaft fuͤr Herrn Philipp im Stande zu ſein?“ „Still, Madame Malmelin, zweifeln Sie nie⸗ mals an meinem Worte! Dem Jungen— den ſeine eigene Mutter um die Haͤlfte der Stuͤtze gebracht hat, die er haben ſollte— habe ich ſelbſt gelehrt, mich Papa zu nennen und wird wohl ein guter Vater ſeinen Sohn enterben? Das iſt genug, liebe Madame Malmelin — ich lebe und ſterbe als Junggeſell, oder, richtiger geſagt, als Witwer... mein Muſeum iſt meine Braut.“ 216 Es waren ungefaͤhr fuͤnf oder ſechs Tage nach Dicks Ankunft in der Einſiedelei, als er waͤhrend einer Wanderung mit Philipp in den Fall kam, unſern zwei reiſenden Damen den kleinen Dienſt zu leiſten, deſſen Augenzeugen wir geweſen und als Dick, auf Philipps Ruf, von ſeinem Stallmeiſteramt zuruͤckkehrte, konnte er nicht unterlaſſen, in einem Tone, der ziem⸗ lich mißlaunig klang, zu ſagen: 3 „Was zum Teufel pfeifſt Du denn?“ „Ich wollte nicht, daß Du mit ihnen Dich in ein Geſpraͤch einlaſſen ſollteſt.“ „Warum denn das?“ „Nun, Du weißt ja, Dick, daß ich hier in der tiefſten Verborgenheit lebe. Es liegt mir daher ſehr viel daran, kein Aufſehen zu erregen, denn wie hoch. oben im Gebirge ich auch wohne, ſo wuͤrde ich dann doch geſtoͤrt werden.“ „Sahſt Du die Augen, die das junge Maͤdchen hatte? Es waren wirklich ein Paar Augen, ſo ſchwarz und hell, wie ein Paar der merkwuͤrdigſten Steine in meinem Muſeum— und ein ſo kleiner Mund... gerade wie meine Korallen.. und dann dieſes ſchel⸗ miſche Laͤcheln!“ Philipp zuckte die Achſeln und wendete ſich muͤr⸗ riſch und finſter nach der Richtung ſeines Hauſes. „Aber,“ hob Philipp wieder an, der keine Luſt 217 hatte, das Themawieder ſofort fallen, zu laſſen„was glaubſt Du, was das fuͤr Frauenzimmer waren?“ „Jahrmarktsdamen vermuthlich.“ „Hm, die Alte ſah vielleicht ſo aus— aber das Maͤdcheno nein“....... Wieder vergingen zwei Wochen in dem kleinen Hauſe zwiſchen den Bergen. Dick fuͤhlte gehoͤrige Langweile. Er, der an Thaͤtigkeit und Bewegung gewoͤhnt war— die Bewegung mit Philipp im Sturmſchritt oder wie eine Leichenprozeſſion umherzuwandern, konnte ihn nicht aufmuntern— ward bald ganz ermuͤdet, denn der arme Dick hatte nichts, wovon er traͤumen konnte und wenn er geſagt hatte:„Ei, welch' eine große und ſchoͤne Ausſicht!“ oder:„Ei, welch' ein entſetzlicher Abgrund!? ohne eine Antwort darauf zu bekommen, ſo waren ſeine Huͤlfsquellen erſchoͤpft. Viel lieber blieb er zu Hauſe auf dem Sopha lie⸗ gen und rauchte und hoͤrte der Madame Malmelin Liebesgeſchichte mit dem ſeligen Porzellankitter an, ſo wie die intereſſante Erzaͤhlung von ihrer Mutter, der Koͤnigin des Armenhauſes, welche ihrer Tochter die Kunſt gelehrt, Verſe zu machen— Verſe, welche ſie jetzt mit Stolz und Wehmuth Dick vordeclamirte, Wenn Madame Malmelin dagegen wegen ihrer Geſchaͤfte als Haushaͤlterin— denn Dick wollte in 218 ſeiner Entſagung nicht ſo weit gehen, blos von Vege⸗ tabilien und Waſſer zu leben— nicht Zeit hatte, ihm Geſellſchaft zu leiſten, ſo vertrieb er ſich die Zeit damit, daß er Alban mit den Buchſtaben im Abchuche ver⸗ traut machte,„denn(dachte Albans Pflegevater), wer ſo gelehrt werden ſoll, muß bei Zeiten anfangen!“ Wenn aber Alban, der einige Neigung zum Eigen⸗ ſinn verrieth, ſich nicht recht in Papa Dicks Methode ſchicken wollte, da ſeufzte dieſer und dachte an die Zeit, wo er ſeine unvergleichliche Roſabella hatte, mit welcher er ſich ſtets beluſtigen konnte... „Ach, Roſabella, Roſabella,“ klagte er,„Du biſt nicht mehr!“ Als daher Madame Malmelin das naͤchſte Mal hereinkam, mußte ſie zum dritten oder vierten Male die Geſchichte von Roſabellens traurigem Ende anhoͤren — Roſabellens, welche der niedrigen Rache der Creolin zum Opfer gefallen war. 2 „Ja, ſagte Dick,„dieſe Barbarin— die insge⸗ heim ganz wuͤthend auf mich war, weil ſie nun keine Ausſicht mehr hatte, mit ihren kleinen Gaͤnſefuͤßen auf unſerm ſchoͤnen Schnee herumzutrampeln— hatte auf ein paar Tage meinen Liebling geliehen. Sie wußte, daß Roſabella ein kleiner Theil meines Ich war und als ich daher kam, um ſie zu holen, lag ſie kalt und ſteif auf ihrem Kiſſen und ich... ich... konnte ſie blos begraben.“ 219 „Nach dieſer bittern Erfahrung,“ ſetzte er ge⸗ woͤhnlich hinzu, indem er eine barſche Miene annahm, „laſſ' ich mich nicht mehr von dieſen ſuͤßen Zauber⸗ creaturen zum Beſten haben, welche uns blos ſchmei⸗ cheln, um deſto beſſer kratzen zu koͤnnen. Ich wuͤrde lieber einen Finger, ja zwei Finger meiner Hand darum gegeben haben, Madame Malmelin, als Roſabella ver⸗ lieren wollen.“ „Aber beſſer war es doch, Roſabella zu verlieren, als wenn Herr Dick dieſe nichtswuͤrdige, gelbe Hexe mit ihren Gaͤnſefuͤßen mit in unſer Land gebracht haͤtte.“ „Das iſt auch wieder wahr, liebe Madame Mal⸗ melin. Sie haben doch immer Worte der Weisheit auf Ihren Lippen.“ 10. Die Reiſe nach Tjuſtorp. Es war eines Abends, waͤhrend Madame Malme⸗ lin und Dick ſich in ihre wechſelſeitigen Herzensergie⸗ ßungen vertieften(der kleine Alban war ſchon zur Ruhe h gegangen), als ſie faſt gleichzeitig auf einen und denſel⸗ ben Gedanken kamen. „Ich fange an, unruhig zu werden,“ ſagte Dick. m „Ich bin es ſchon lange geweſen,“ antwortete die 5 Marmelin. n „Seitdem ich hier bin, iſt er noch niemals ſo lange d. ausgeweſen.“ 5 „Und vorher auch nicht.“ in Dick ſtand bei dem Gedanken, das Philipp etwas n zugeſtoßen ſein koͤnne, raſch auf, ging hinaus und war ſchon ein gutes Stuͤck die Anhoͤhe hinunter, als er Phi⸗„ lipp ganz ſtill, mit gekreuzten Armen und auf den Mond g. gehefteten Augen, auf ſich zukommen ſah. 221 Dick ſchlang ſeine Arme um den Freund und druͤckte ihn warm an ſeine Bruſt. „Ich waͤre vor Kummer geſtorben, Philipp, wenn Dir etwas zugeſtoßen waͤre, ohne daß ich bei Dir ge⸗ weſen!“ „Mein treuer Dick, es iſt mir wirklich etwas zugeſtoßen, aber ich glaube nicht, daß Du den Tod da⸗ von haben wirſt.“ „Nun, ſo laß hoͤren.“ „Nun, ſiehſt Du, ich habe eine Dame getroffen.“ „In den Bergen?“ „Ja, gerade in den Bergen, aber weit von hier.“ „Nun, was war denn mit dieſer Dame? Du haſt ſie wohl zu Tode erſchreckt?“ „Nein— aber ich glaube, ſie fand mich veraͤndert.“ Philipp erzaͤhlte in der Kuͤrze ſeine Bekanntſchaft mit der Oberſtlieutenantin und den Wunſch, den Frau Helleding bei dieſer Begegnung ausgeſprochen, daß man, wenn auch durch drei Meilen boͤſen Weg geſchieden, doch Nachbarſchaft halten moͤchte. „O himmliſche Maͤchte— die Weiber bleihen doch immer Weiber! Ich ſehe Dir's an, daß Du gendͤthigt worden biſt, auf den Vorſchlag einzugehen.“ „Ja,“ ſagte Philipp mit einem halben Seufzer, „ſie wußte es ſo zu machen, daß ich, wie Du ſagſt, gezwungen war, darauf einzugehen. Und ſchon naͤch⸗ ſten Dienſtag... Dick hoͤrte nichts weiter. Er eilte voran in das Haus hinein und umarmte Madame Malmelin, die ihm beinahe vor Schrecken eine Schuͤſſel heißen Ghütz⸗ brei auf den Kopf geſchuͤttet haͤtte, die ſie ſo eben auf den Tiſch ſetzen wollte. „Aber was um Gottes willen iſt denn los?“ „Nun, es iſt weiter nichts los, als daß wir uͤber⸗ morgen den Einſiedlerbart wegraſiren, unſere Haarquaſten verſchneiden und uns kleiden, wie die Kinder dieſer Welt, und ferner, daß wir uns zu einer Dame begeben, welche uns in den Winkeln des duͤſtern Gebirges begegnet iſt. .. O welche Luſt!— Wenn ich nur dieſe Nacht werde ſchlafen koͤnnen!“ Der zu der merkwuͤrdigen Reiſe beſtimmte Tag war herangekommen. Der Eremit hatte die Nothwendigkeit eingeſehen, alle aͤußeren Zeichen eines Kummers abzulegen, der viel zu wirklich war, um Aufſehen machen zu wollen. Sein feines Gefuͤhl ward ſchon von dem Gedan⸗ ken gequaͤlt, daß man von ihm glauben koͤnnte, er wolle mit dem grauſamen Ungluͤcke renommiren, welches ihn getroffen. Und um auch den Schein davon zu meiden, kleidete er ſich mit großer Sorgfalt. das auf uͤber⸗ aſten Welt, delche t iſt. verde Tag ehen, rviel dan⸗ wolle ihn iden, 223 Aber als er, nachdem er fertig war, ſich in dem Spiegel betrachtete, welcher zu Dicks Reiſekoffer gehoͤrte der Eremit beſaß natuͤrlich keinen Spiegel— er⸗ ſtaunte er, daß ſeine Sorgfalt nicht mehr ausgerichtet hatte. Sein Ausſehen war ſogar noch duͤſterer und leidender in dieſem geputzten Koſtuͤm, als mit dem all⸗ taͤglichen, welches mit ſeiner Seelenſtimmung mehr uͤber⸗ einſtimmte. Die Wildheit ſelbſt aber war inzwiſchen verſchwun⸗ den; die durchgreifende Beklemmung jedoch, die ſich in jeder ſeiner Bewegung zu erkennen gab, der Lebensuͤber⸗ druß, der auf ſeiner bleichen Stirn und ſogar in dem ausdrucksloſen Laͤcheln geſchrieben ſtaad, alles dies gab ſeinem intereſſanten und geiſtreichen Geſicht ein noch hoͤheres Intereſſe. Niemals, nicht einmal in ſeinen beſten Tagen, haͤtte er die Haͤlfte des Eindrucks machen koͤnnen, den er jetzt machte. „Ich ſchwoͤre darauf...“ ſagte Dick, aber er be⸗ ſann ſich noch Zeit genug und verrieth nicht, was er ſagen wollte und dies war ſehr gut— denn der Schluß des Satzes war dieſer: „. wenn Lilia Dich jetzt ſaͤhe, wuͤrde ſie ganz naͤrriſch in Dich.“ Was Dick ſelbſt betrifft, ſo kann man uͤberzeugt ſein, daß er aus ſeiner Perſon Alles gemacht hatte, was ſich daraus machen ließ. — 224 Das Beſte war ſein Wuchs, der ſich in den ſchoͤ⸗ nen, auslaͤndiſchen Kleidern faſt zu groß und ſtattlich ausnahm und dann hatte Dick ſein langes, ſchwediſches, gelbes Haar, lockig und ſchoͤn, wie das der Jungfrau in der Sage, von der es heißt, daß ſie ihr langes Gold⸗ haar wickelte. 4 Und Dick wickelte auch ſein langes Goldhaar, um es ins Geſchick zu bringen, denn es war unter den Fel⸗ ſen etwas in Unordnung gekommen. Und wenn auch ſeine Naſe etwas platt und die Stirn etwas niedrig und der Mund etwas groß war — hatte dann nicht Dick wenigſtens noch ſeine blauen Augen, die von der Farbe des Nordhimmels und ſo treu und freundlich leuchteten, daß Niemand ſie ſehen konnte, ohne ſie wieder ſehen zu wollen? Endlich hatte er ja auch ſeine friſchen, rothen Wangen, ſeine heitere Miene, ſeinen raſchen Gang, auch fuͤhlte er ſelbſt keine Unzufriedenheit uͤber die wenigen Reize, die ihm von der Natur beſchieden worden. Nachdem die Herren zaͤrtlichen Abſchied von dem kleinen Alban und Madame Malmelin genommen, welche mit dem Knaben auf dem Arme ſie ein Stuͤck Weges begleitete, ſchritten ſie uͤber die Gebirgsabhaͤnge nach dem Gaſthofe, wo Frau Walborg den Alten hatte verſchnaufen laſſen. Von hier nahmen ſie ein Geſpann und kamen zoch vor Mittagszeit in Tjuſtorp an, wo der erſte An⸗. en ſchoͤ⸗ ſtattlich edſches, ungfrau 3 Gold⸗ ar, um den Fel⸗ und die dß war blauen und ſo ſehen h hatte heitere t keine von der n dem mmen, Stuͤck bhaͤnge hatte kamen e An⸗ 225 blick, der ſich ihnen darbot, von der Beſchaffenheit war, daß Dick ſich die Augen reiben mußte, um ſich zu uͤber⸗ zeugen, daß er wach war. Auf dem Hofe ſah er naͤmlich daſſelbe Pferd, den⸗ ſelben Wagen und in dem Wagen dieſelben Damen— wer haͤtte auch Frau Walborgs ſch hwarzen Hut mit der aufrecht ſtehenden Feder und Jolli's ſchelmiſche Augen vergeſſen koͤnnen— welche Dick vor vierzehn Tagen auf d der Landſtraße geſehen hatte. nicht die ganze Gruppe. klicher Herr von militairiſchem und Geberden gegen die Reiſeſhawl, welche bald ſich hend, in einer eben ſo fen zu ſein ſchien. Weiter ſah man eine junge, reizende Frau, die mit Blicken, Zeichen und den ausdrucksvoll lſten Bewe⸗ gungen zwi iſche en den ſtreitenden Parteien vermittelte und, endlich auf der Seite des ſch varzaͤugigen Maͤdchens, welches glett ze lachte und weinte, eine njungen Mann, der ohne Zweifel das doppelte Amt hatte, zu troͤſten und zu Entſchuldigen, denn mit gla aubwuͤrdiger Geberde legte er, ſeine Haͤnde bald auf die des Maͤdchens, bald mit einer betheuternden Pantomime auf ſeine eigene Bruſt. Bevor dieſe fuͤr die Reiſenden unbegreifliche Scene ſich weiter entwickelte— der„Alten war naͤmli ich auf Tjuſtorp viel zu gut gefuͤttert worden, als daß er ſich Ein Gerücht. Ul. 15 r t — 226 haͤtte beeilen ſollen, es zu verlaſſen— ward ſie durch ein Hundegebell unterbrochen, welches verkuͤndete, daß unſere Herren ungebetene Zuſchauer waren. Beim Anblick der Fremden hoͤrte man von den handelnden Perſonen der Gruppe folgende ſchnellgeſpro⸗ chene Redeſaͤtze: „Hol mich der Teufel,“ murmelte der Oberſtlieute⸗ nant,„das giebt ein niedliches Schauſpiel!“ „Beruhige Dich, beſter Freund,“ ermaͤhnte Hono⸗ rine, indem ſie ihre Hand auf ſeine Schultern legte. „Denke an Deine Wuͤrde!* „Ach, lieber Gott, Mama, es iſt wirklich der junge Herr, welcher...“ „Halt's Maul, Du Papagei... Gehorſamſte Dienerin, meine Herrſchaften... Großen Dank fuͤr alle Ehre, die mir und meiner Tochter widerfahren!“ „Ich will ſterben, wenn es nicht wahr iſt, was ich geſagt habe!“ ſchrie Baron Siyten. Aber die Damen hoͤrten nicht, denn der Alte hatte von der Peitſche ſeiner Herrin einen ſolchen Hieb erhal⸗ ten, daß er ernſtlich anzog und ſo ungeſtuͤm durch das Thor hinausraſ'te, daß die Einſiedlerherren— fuͤr welche ein Diener herbeigeſprungen war, um ihnen zu oͤffnen — beinahe mit Pferd und Wagen wieder in die Allee hinausgeſchleudert worden waͤren. Man begreift leicht, daß eine ſolche Verwirrung nicht gerade geeignet war, Philipp Intereſſe fuͤr dieſen —7— urch daß den ſpro⸗ eute⸗ vono⸗ legte. unge umſte fuͤr 227 Beſuch einzufloͤßen, zu welchem er ſo gut wie gezwungen worden war. Auch hatte er ſchon die allerbeſte Luſt von der Welt, wieder umzukehren. Was Dick betrifft, ſo ſaß ſein Koͤrper allerdings nach vorn, aber ſein Kopf war ruͤckwaͤrts gewendet. Wieder hatte er alſo das reizende Mädchen mit den ſchel⸗ iſchen Auden geſehen, aber das Schickſal ſchien zu wol⸗ len, daß er dieſe Augen nur auf der er Reiſe begriffen ſehen ſollte. „Ich fuͤhle mich hoͤchſt geſchmeichelt, ja wirklich entzuͤckt, fuͤr bewieſene Gaſtfreundſchaft danken zu koͤnnen,“ ſagte der Oberſtlieutenant in einem Tone, der den eines munteren und dankbaren Wirths vorſtellen ſollte, aber mehr wie das Brauſen eines Stromes klang, den man vergebens zu hemmen ſucht. Honorine dagegen ging mit ihrer ruhigen, anmu⸗ thigen Haltung den Fremden entgegen und ſagte ganz unbefangen: „Obſchon Sie, meine Herren, gerade unter dem Auf⸗ ruhr bei der Abreiſe unſerer Verwandten ankommen, ſo hoffe ich Ihnen doch zu zeigen, daß Tjuſtorp in ſeiner Haͤuslichkeit eben ſo ruhig ſein kann, wie irgend eine Einſiedelei. Und nun tauſend, tauſend Mal willkommen!“ Honorinens hoͤfliche Freundlichkeit beruhigten Phi⸗ lipps unbehagli ch aufgeregte Empfindungen und gab Dick einen angenehmen Vorgeſchmack von haͤuslicher Gemuͤthlichkeit, obſchon er, wie ſich von ſelbſt verſteht, 228 bei ſich ſehr beklagte, daß das junge Maͤdchen gerade in dem Augenblick, wie er ankam, ihrer Wege fuhr. Jetzt drehte ſich der Oberſtlieutenant herum, um Baron Siyten zu praͤſentiren. Da aber Niemand dar⸗ auf gehoͤrt hatte, daß er(der Baron) als Maͤrtyrer der Wahrheit ſterben wollte, ſo hatte er der ganzen Geſellſchaft den Ruͤcken gekehrt und war in's Haus gegangen. Auf dem Geſicht des Oberſtlieutenants war deut⸗ lich zu leſen:„Dummkopf, der fortlaͤuft, gerade wenn er gebraucht wird!“ Und weiter las Honorine, ſie, die ſo gut verſtand, die Zuͤge ihres Mannes zu deuten: „Ja, ich bin gerade auf Laune, Geſellſchaft zu empfangen!“ Aber die junge, erfinderiſche Frau wußte ſogleich, was zu thun war und in einem angemeſſenen, klagenden Ton ſagte ſie, indem ſie ihre beiden Gaͤſte anſah: „Es thut mir inzwiſchen recht leid, daß ich Sie, meine Herren, ehe Sie noch in's Haus getreten ſind, in Kenntniß ſetzen muß, daß Sie wenigſtens auf einige Stunden mit meiner Geſellſchaft allein vorlieb nehmen muͤſſen. Mein guter Helleding, der fortwaͤhrend von ſeinen vielen Geſchaͤften, in Anſpruch genommen wird, hat eine hoͤchſt dringende Angelegenheit in der Nachbar⸗ ſchaft zu beſorgen.“ Der Oberſtlieutenant bekraͤftigte die unangenehme Mittheilung, fuͤgte aber pflichtſchuldigſt etwas von auf⸗ ſchieben u. ſ. w. hinzu. Philipp wußte aber, was ihm jetzt zukam und dies wußte auch Dick und nachdem ein de in um dar⸗ r der ſchaft deut⸗ wenn , die iten: wird, hbar⸗ ehme auf⸗ ihm n ein 229 kleiner Hoͤflichkeitsſtreit auf beiden Seiten gefuͤhrt wor⸗ den, ſchloß derſelbe damit, daß Honorine Befehl gab, den Gig des Oberſtlieutenants anzuſpannen— und dann fuhr der Oberſtlieutenant hinunter nach dem Propſtei⸗ hofe, um, waͤhrend er ſeine aufgeregten Gefuͤhle„cal⸗ mirte“, dem Propſt im Bretſpiel einige Partien ab⸗ zunehmen. —=— Ende des dritten Theiles. Ein Gerüͤcht. lll. Druck der Verlagsbuchdruckerei in Wurzen.