Ger Roman von Emilie Carlén. Aus dem Schwediſchen von A. Kretzſchmar. 4r— 6r Band. Grimma und Leipzitt, Oruck und Verlag des Verlags⸗Comptoirs. 1850. Zweiter Theil. Ein Gerücht. II. (Fortſetzung.) 16. Der Port und ſeine Aufwärterin. Es waren jetzt beinahe drei Wochen, ſeitdem unſer junger Fabrikherr in der Hauptſtadt lebte. Waͤhrend dieſer Zeit hatte er nicht mehr als ein einziges Mal ſeine kleine Wohnung, vier Treppen hoch, beſucht und da nur, um mit Madame Malmelin wegen des Einheizens zu ſprechen. Die gluͤckſelige Gemuͤthsſtimmung, in welcher er von zu Hauſe abgereiſ't war, machte ihn geneigter fuͤr das Geſellſchaftsleben, als fuͤr die Einſamkeit und die Muſen, und er ward ſo ſehr in den Wirbel von aller⸗ hand Zerſtreuungen hineingezogen, daß es ihm erſt am Schluſſe der dritten Woche einfiel,„auf's Land zu reiſen.“ 5 Dieſer Vorwand war es, unter welchem ſich Phi⸗ lipp allemal von den Freunden und der vornehmen Wohnung trennte, und wir ſehen ihn eben jetzt, nach⸗ 6 dem der Nachtſack gepackt worden— in den Schlitten ſteigen und die lange Reiſe von Nord⸗ nach Suͤder⸗ malm antreten. Der Schlitten hielt vor einem jener eigenthuͤmlichen Haͤuſer, welche von der einen Seite den eleganteſten Eingang von der Straße aus haben, wo ſich drei pracht⸗ volle Etagen zeigen, die aber, wenn man uͤber die dun⸗ keln Gaͤnge geht, auf der andern Seite nicht blos trepp⸗ ab fuͤhren, ſondern uns auch uͤber verſchiedene kleine Hoͤfe paſſiren laſſen, bis wir endlich, nach unſerer Be⸗ rechnung, von einer furchtbaren Hoͤhe herabſehen zu muͤſſen gglauben. Wenn wir aber hinausſehen, finden wir, daß wir eine hochgelegene Nebengaſſe von blos einigen Ellen Breite vor dem Fenſter haben. Das Haus, welches auf dieſem anſteigenden Bo⸗ den gebaut worden, machte an und fuͤr ſich einen ganz großen Berg aus. Philipp war von der vornehmen Seite abgeſtiegen, aber nachdem er ſelbſt ſeine Sachen aus dem Schlitten genommen, begab er ſich mit dem Nachtſack in der einen Hand und der Schatulle unter dem Arm, die erwaͤhn⸗ ten Treppen hinauf und pochte endlich an eine gewiſſe Thuͤr in dem dunkeln Gange. Eine Frau von mittlern Jahren und ehrbarem, ſehr geſundem Ausſehen kam und öffnete. Es war Philipps Aufwaͤrterin, die hoͤchſt achtungs⸗ werthe Madame Johanna Malmelin, die ſeit vielen hlitten Suͤder⸗ alichen teſten racht⸗ dun⸗ trepp⸗ kleine r Be⸗ en zu finden blos Bo⸗ ganz iegen, blitten einen vaͤhn⸗ ewiſſe arem, ungs⸗ vielen 7 Jahren, nachdem ſie Witwe des beruͤhmteſten und ge⸗ ſuchteſten Porzellankitters in der Stadt Stockholm ge⸗ worden, ihr Dachſtuͤbchen in dieſem Hauſe hatte. Und es hatte ſich fuͤr Philipp ſo ſchoͤn getroffen, daß er das ſeine neben dem dieſer vortrefflichen Dame bekommen. Madame Malmelin lebte von einem Handwerk eigner Art, welches ſie, ſie, die, nachdem was ſie ſelbſt zu verſtehen gab, angeborenes Genie beſaß, bis zu einer wirklichen Kunſt ausgebildet hatte. Um aber dieſes Handwerk zu verſtehen, muͤſſen wir einen fluͤchtigen Blick zuruͤck auf Madame Malme⸗ lins Ahnen werfen. Ihr Vater, der von Profeſſion ein Stubenmaler war, hatte oft die Neigung der Tochter zu ſeinem Hand⸗ werk benutzt und ſich von ihr oft beim Anſtreichen hel⸗ fen laſſen. Aber die kleine Johanna, die es bald uͤberdruͤſſig ward, blos eine Farbe auf einmal zu ſehen, begann erſt, ſich mit dem Marmoriren und dann mit allen Arten Schattirungen vertraut zu machen, bis ſie endlich Luſt bekam, auf Papier die bewundernswuͤrdigſten Blumen⸗ ſtraͤuße, Sonnen und Sterne zu pinſeln. Ihr Ruf ward bald unter den Jungfrauen der Nachbarſchaft bekannt, verbreitete ſich ſpaͤter unter Kut⸗ ſchern, Bedienten und Lehrjungen, ja ſogar unter ver⸗ ſchiedenen Geſellen und man begann, bei ihr gemalte Briefe zu beſtellen, auf welche ſpaͤter Liebesqualen, 8 Heirathsantraͤge, Namens⸗ und Geburtstagsgluͤckwuͤnſche geſchrieben wurden. Alles das brachte gleichwohl nicht viel ein, ſo lange ſie blos Briefe malen konnte. Aber wer vermag die Wendungen ſeines Schick⸗ ſals zu ahnen! Nachdem Johanna ihrem Vater zum Grabe und ihrer Mutter ins Armenhaus gefolgt war, ſah es eine Zeit lang ſehr truͤbe fuͤr ſie aus, aber dies dauerte doch nicht lange. Die Witwe des Stubenmalers, Tochter eines ar⸗ men Geiſtlichen und nicht ohne eine gewiſſe Erziehung, war erſt bei ihrer Ankunft in dem Armenhauſe nach ihrem richtigen Werthe geſchaͤtzt worden. Sie war ſtets eine freundliche Frau geweſen, die keine Maſche fallen ließ, ſondern ganz ſtille vom Mor⸗ gen bis zum Abend mit dem Strickſtrumpf in der Hand in einem Winkel ſaß, und die Familie fuͤr ſich ſelbſt ſorgen ließ, ſo gut wie ſie konnte. Jetzt aber, als geachtetes Mitglied einer Geſell⸗ ſchaft, wo der Eine ſo gut war wie der Andere— ſie hatte ſtets zu viel Reſpekt vor ihrem Manne gehabt, um ſich ihm ebenbuͤrtig zu fuͤhlen— begann ſie gewiſſe Anlagen zu einer ſelbſtſtaͤndigen Exiſtenz zu entwickeln. Sie konnte alle Briefe ihrer Schickſalsgenoſſen ſchreihen und die vielfachen Einzelnheiten, welche dieſen uͤnſche lange Schick⸗ ſe und s eine e doch es ar⸗ hung, nach 1, die Mor⸗ n der r ſich Heſell⸗ — ſie ehabt, ewiſſe ickeln. noſſen dieſen 9 Briefen anvertraut wurden, in richtiger Ordnung zu⸗ ſammenfaſſen. Ferner konnte ſie die letztwilligen Verfuͤgungen ihrer Geſellſchafterinnen aufſetzen— zum Beiſpiel: Madame Runſtroͤm ſoll das graue Tuch bekommen... Anna Lena die ſchwarzen Struͤmpfe u. ſ. w.— eben ſo wie die Rathſchlaͤge und Ermahnungen, die ſie auf dem Sterbebett ihren Joͤchtern hinterließen. Ja, noch mehr: An einem ſchoͤnen Tage uͤberraſchte ſie ſich ſelbſt durch das unerwartete Talent, den Abſchied einer ſter⸗ benden Mutter in Verſe zu bringen. Nach dieſer Leiſtung war ihr Ruf feſt begruͤndet— ſie ward regierende Koͤnigin im Armenhaus und ihre Tochter, die praͤſumtive Erbin der Eigenſchaften einer ſolchen Mutter, trug noch mehr zur Erhoͤhung ihres Rufs dadurch bei, daß ſie ihre Mutter als Dichterin zu den Briefen recommandirte, welche ſie ſelbſt malte. Selbſt nach Johanna's Verheirathung mit dem beruͤhmten Porzellankitter, der auf ſeine Weiſe nicht weniger Kuͤnſtler war, blieb das Compagniegeſchaͤft zwi⸗ ſchen Mutter und Tochter beſtehen. Und die erſtere unterrichtete die letztere mit ſo be⸗ harrlichem Fleiße in allen ihren Kunſtgriffen, ihren fei⸗ nen Wendungen, ihren ruͤhrenden Wendungen, daß Johanna nach Jahr und Tag ſelbſt Verſe machen konnte. Bei dem Tode ihres Mannes und ihrer Mutter, 10 der ſie beinahe zu gleicher Zeit traf, war es der wißbe⸗ gierigen Frau gelungen, beider Talente zu erwerben und in ihrer eigenen Perſon zu vereinigen. Nachdem ſie ſich in zwei außerordentlich gelunge⸗ nen Grabſchriften verſucht, von welchen die eine den Kummer einer Gattin, die andere den einer Tochter ausſprach, welche Probeſtuͤcken ſtets zur Einſicht vorla⸗ gen, miethete ſie ſich die erwaͤhnte Dachſtube und an⸗ noncirte ſich als eine Perſon, welche alle Arten zerbro⸗ chener Porzellanfiguren wieder zuſammenkittete und da⸗ neben Beſtellungen auf gemalte und geſchriebene Briefe und Verſe, ſowohl launigen als ernſten Inhalts,„Alles zu den billigſten Preiſen“ annahm, welches Handwerk ſie nun ſchon ſeit geraumer Zeit betrieb. Man wird nun leicht begreifen, welche Sympa⸗ thien zwiſchen der Dichterin Johanna Malmelin und dem Poeten Philipp ſtattfinden mußten, welche das Schickſal zu Nachbarn gemacht hatte. Die wuͤrdige Frau hatte ſich herabgelaſſen, die Aufwartung bei einigen Herren im Hauſe zu uͤberneh⸗ men und da Philipp einer derſelben war, ſo ward die Bekanntſchaft bald gemacht und binnen Kurzem ſo feſt geknuͤpft, daß Madame Malmelin nicht genug beklagen konnte, daß der junge Herr ſeine Angelegenheiten nicht vißbe⸗ und unge⸗ e den ochter vorla⸗ d an⸗ erbro⸗ id da⸗ Briefe Alles erk ſie 11 ſo eingerichtet hatte, um fortwaͤhrend in dieſem Hauſe wohnen bleiben zu koͤnnen. Unſere poetiſche Madame hatte auch, abgeſehen von dem Lohn fuͤr die Aufwartung, einen zweiten reellen Gewinn von Philipps Nachbarſchaft. Wenn ſie des Morgens den Fußboden fegte, pflegte ſie gebeugt und ungefaͤhr in derſelben Stellung herum⸗ zugehen, wie man die armen Straßenkehrichtweiber ne⸗ ben den Rinnſteinen nach Knochen ſuchen ſieht. Ma⸗ dame Malmelin wußte aber ſchon, was fuͤr eine Art Knochen ſie ſuchte. Hier lag hinter einem Stuhl ein zuſammengedreh⸗ ter Papierſtreifen, dort unter das Sopha war ein zwei⸗ ter gerathen und in dem Ofenwinkel lag ein dritter. Wenn Philipp ſchrieb, riß er oft, was ihm nicht gefiel, entzwei und warf es in die Stube, aber Madame Malmelin wußte, wozu das zu gebrauchen war. Und niemals, nicht einmal in den erſten Tagen ihrer bluͤhenden Dichterlaufbahn, waren ihre Kunden mit ihren Geiſtesprodukten ſo zufrieden geweſen, wie jetzt. Sie ward einſtimmig fuͤr ein wahres Wunder erklaͤrt, denn anſtatt ſich auszuſchreiben, lebte ſie wieder auf und ward funkelnagelneu. Doch wir kehren wieder zu Philipp zuruͤck, der, nachdem er an Madame Malmelins Briefbureau ange⸗ pocht, ſie jetzt, mit einer halbgekitteten Porzellanvaſe in der Hand, kommen und oͤffnen ſah. 12 „Na, Gott ſei gedankt... Herr Philipp“— ſie hatte Erlaubniß, ſich dieſer vertraulichen Benennung zu bedienen—„ſind Sie denn endlich da! Was haben Sie nur gedacht... ich habe ſchon eine ganze Klafter Holz verfeuert und Sie kamen immer nicht nach Hauſe.“ „Schelten Sie mich nicht, Mutter; ich habe meine großen, großen Hinderniſſe gehabt.“ Und er klopfte Madame Malmelin derb auf die ſchmalen Achſeln, die in dem duͤnnen, ausgewaſchenen Baumwollenſhawl noch hagerer ausſahen. Es war Gottes Gnade, daß Madame Malmelin mehr von ihrem Ruhm, als von ihren Einkuͤnften lebte. „Wiſſen Sie denn was, Herr Philipp... aber um Gottes willen ſtoßen Sie mir nicht die Terrine dort her⸗ unter... wiſſen Sie was?“ „Es kommt darauf an, wovon es etwas zu wiſſen giebt.“ „Nun, weiter nichts, als daß ich kein Wort mehr von der ganzen Ge ſchichte von dem armen Studenten glaube, der das ganze Jahr durch ſeine Unterrichtsſtun⸗ den in Anſpruch genommen iſt, bis auf die Tage, wo er ſich wegſtehlen kann, um in ſeinem Dachſtuͤbchen ſich ſelbſt zu leben.“ „Aber, meine vortreffliche Madame Malmelin, ſollte ich nicht erſt einigermaßen zu mir kommen duͤrfen, bevor wir uns in ſo weitlaͤufige Abhandlungen vertie⸗ — ſie ng zu n Sie meine af die henen melin lebte. er um t her⸗ wiſſen mehr enten sſtun⸗ wo er n ſich nelin, uͤrfen, vertie⸗ 13 fen? Ich verſichere, daß eine Taſſe Kaffee mir ganz himmliſch ſchmecken wuͤrde.“ „Nun, ſo kommen Sie.“ Die wuͤrdige Madame ſetzte ihre Vaſe hin, ſchloß ihre Thuͤr und oͤffnete die zu Philipps Zimmer. „Wird es denn in Ordnung ſein?“ ſagte ſie laͤchelnd. „Iſt es wohl jemals etwas Anderes geweſen?— habe ich nicht meine gute Norne, die an den Finger⸗ ſpitzen weiß, was der arme Erdenſohn bedarf?“ Die Dichterin nickte mit einer Beſcheidenheit, die ihr vortrefflich ſtand. „Hoͤren Sie einmal, meine liebe, freundliche Ma⸗ dame Malmelin, ich betheure Ihnen, daß es mir ein wirklicher Genuß iſt, Ihre kleinen, guten Augen und den katzengruͤnen Shawl da wiederzuſehen, den der ſelige Porzellankitter Ihnen zum Brautgeſchenk gab— war es nicht ſo?“ „Ich danke, ich danke, ſowohl in ſeinem als in meinem Namen, fuͤr Herrn Philipps guͤtiges Andenken!“ Ddiie Malmelin verneigte ſich und laͤchelte und laͤchelte und verneigte ſich, ſetzte aber dann in einem ganz entſchiedenen Tone hinzu: „Aber das iſt ja nicht das, was ich wiſſen wollte, und ich ſetze nicht eher den Kaffeetopf ans Feuer, als bis Herr Philipp zugeſtanden hat, daß er ein vorneh⸗ mer Herr iſt.“ 14 „Ich ein vornehmer Herr!... Nein, das iſt doch etwas, was ich niemals geſtehen kann.“ „Aber ich habe Sie, ſeitdem Sie das letzte Mal hier waren, fuͤnf oder ſechs Mal uͤber die Nordbruͤcke gehen oder fahren ſehen und zwar in Geſellſchaft von Leuten, mit welchen ein Armer nicht auf ſo vertraulichem Fuße ſteht. Und, gekleidet waren Sie.. ja, ja, geſte⸗ hen Sie nur gleich, ſonſt werde ich noch etwas Anderes erzaͤhlen.“ „Grauſame, eigenſinnige, alte Gorgone, ſo reiße denn das Geheimniß mir aus der Bruſt und wiſſe, daß ich. Siaumch ſtammelte die Malmelin,„ich ahne etwas Großes!“ „Ja, darauf verlaſſen Sie ſich! Ich bin— ver⸗ nehmen Sie wohl die lieblichen Toͤne dieſer poetiſchen Benennung— ich bin.. Fabrikbeſitzer.“ „Fabrikbeſitzer— ein Mann, der Verſe ſchreibt, die Stock und Stein zu Thraͤnen ruͤhren koͤnnten?“ „Ja, derſelbe unwuͤrdige Verehrer der Muſen iſt ein reicher Mann, der die wunderliche Grille hat, zuwei⸗ len arm ſein zu wollen... Na, ſehen Sie, nun iſt Al⸗ les verrathen, Alles geſtanden und wenn ich nicht meine Norne hier brauchte, um dieſes kleine Heiligthum zu huͤten, wuͤrde ich Sie einladen, auf meinem Landgute zu wohnen, wo es aber doch nicht immer ſo ſchoͤn iſt, wie hier.“ t doch Mal bruͤcke t von lichem geſte⸗ nderes reiße e, daß ahne 15 „Ach, Herr Jeſus, ich bin ganz außer mir! Land⸗ gut... Fabrik... reicher Mann— und wohnt um feines Vergnügens willen, wie ein armer Mann, in einem Dachſtuͤbchen und ißt eine Portion ausgekochtes Nindfleiſch oder Laugenfiſch mit gruͤnen Erbſen!“ „Madame Norne,“ das war der gewoͤhnliche Titel bei froͤhlichen Gelegenheiten, denn Philipp hatte feierlich erklaͤrt, die Malmelin ſei ſeine Schickſalsgoͤttin—„Ma⸗ dame Norne, ich hoffe, Sie werden mir keinen Anlaß zu meiner erſten Klage geben!“ „Ich?“ „Machen Sie mich nicht zum Geſpraͤch im gan⸗ zen Hauſe! Sobald ich merke, daß ich nicht mehr unge⸗ nirt leben kann, miethe ich ein anderes Lokal fuͤr den armen Poeten.“ „Geben Sie ſich zufrieden, Herr Philipp; ich ſtamme auch nicht aus dem gemeinen Volk und weiß, welche Anſpruͤche ein Mann, wie Sie, machen kann.“ Die Malmelin ließ ſich ſehr gern merken, daß ſie von guter Familie war. „Na, da ſind wir einig.“ Philipp zog ſeinen Rock aus und warf ſich auf das Sopha ſeines Aſyls, welches ihm gleichwohl jetzt im erſten Augenblicke nicht ſo einladend vorkam, als da er in ſeiner ſchwermuͤthigen Laune war. Waͤhrend die Malmelin hinausging und Kaffee kochte, ſchlief er ganz proſaiſch und traͤumte von einem 16 koͤſtlichen Diner in der Freimaurerloge, wo er ein von ihm gedichtetes Trinklied vortrug, woruͤber die ganze Geſellſchaft Bravo ſchrie, denn Philipp, der ein heiterer und trefflicher Wirth war hatte ſtets dankbare Gaͤſte. Gerade waͤhrend des rauſchendſten Applauſes und waͤhrend der Wein am ſchnellſten ſtroͤmte und in den durch den Kerzenſchein funkelnden Glaͤſern gluͤhete, er⸗ wachte Philipp uͤber dem Wiedereintritt ſeiner Norne, mit dem kleinen, ſchwarzen Bleche, auf welchem das unſchuldige Kaffeegeſchirr des Poeten ganz zierlich auf⸗ geſtellt war. Unſer Held ſchlug erſt ein Auge auf, aber ſchloß es wieder: der Anblick, den er gehabt, war weit angeneh⸗ mer, als der, welcher ſich ihm jetzt darbot. Und es iſt wahrſcheinlich, daß das andere Auge ſich gar nicht geruͤhrt haben wuͤrde, wenn nicht einige Worte von Madame Malmelins Lippen die magiſche Wirkung gehabt haͤtten, daß nicht blos beide Augen ſich weit oͤffne⸗ ten, ſondern auch der ganze Koͤrper elaſtiſch, wie eine Feder, ſich aufrichtete. in von ganze zeiterer aͤſte. es und in den te, er⸗ Norne, m das hh auf⸗ hloß es ageneh⸗ ie ſich Worte irkung oͤffne⸗ ie eine 17. Der Poet und ſeine anonyme Göttin. „Aber ſo machen Sie doch auf, liebes Herzchen, ich habe noch mehr als Kaffee fuͤr Sie.“ „Ich mag keine Zwiebacke,“ murmelte Philipp. „Wer ſpricht denn von Zwiebacken! Sehen Sie doch her, ein kleines, roſenrothes Billet mit goldenem Rande, welches bis an das andere Ende des Zimmers den feinſten Roſenduft verbreitet. Es hat acht Tage hier gelegen und gewartet und kam in einem Briefe an mich, in welchem letzteren aber kein Wort ſtand.“ Philipp— wir beklagen die Heftigkeit der Bewe⸗ gungen des Ehemannes— riß mit unglaublicher Haſt das kleine, geheimnißvolle Briefchen an ſich, welches die einfache Aufſchrift fuͤhrte: „An den Dichter Alexis in ſeinem Logis auf Suͤdermalm.“ Ein Gerücht. II. 3 2 18 Noch einmal muͤſſen wir zu unſerm Leidweſen mittheilen, daß Philipp bei der genannten Gelegenheit total vergaß, daß er ein verheiratheter Mann war, um ausſchließlich eingedenk zu ſein, daß er Poet war. Denn dieſer war es, welchem ein weibliches We⸗ ſen— ohne Zweifel die Tochter der Schoͤnheit und der Anmuth— ſeine Huldigung darbrachte. Wie genau mußte nicht inzwiſchen dieſes weib⸗ liche Weſen ſich von Allem unterrichtet haben, da ſie ihr Briefchen in ein Couvert an Madame Malmelin einge⸗ ſchloſſen und auf die Adreſſe in ſeinem Logis in Suͤ⸗ dermalm“ geſchrieben hatte, woraus hervorging, daß ſie wußte, daß Philipp auch eins auf Nordermalm hatte. Naturlich war dieſe roſenfarbene Botſchaft viel zu heilig, als daß ſie im Beiſein der Malmelin haͤtte ge⸗ oͤffnet werden koͤnnen. Philipp legte das Briefchen blos vor ſich hin. Sodann erhoͤhte er den Genuß der Neugierde da⸗ durch, daß er ſich ausfuͤhrlich nach den bei ſeiner Norne eingegangenen Beſtellungen erkundigte. Und erſt als die ehrliche Frau wenigſtens von der Haͤlfte dieſer Lie⸗ besbriefe Rechenſchaft gegeben, die ſie in Verſen und in Proſa verfaßt und nachdem er ſie endlich entlaſſen, erſt dann faßten ſeine Haͤnde das kleine Briefchen, wel⸗ ches ſchon aus der Ferne ihm faſt die Finger ver⸗ brannte. Die Malmelin, die von guter Familie war und wuf Kaf und chen bene an e hat, nicht welc tern ein von rung geſa gelter unte pathi ſo eit hat, Syn dweſen genheit r, um 3 We⸗ nd der weib⸗ ſie ihr einge⸗ n Suͤ⸗ daß ſie hatte. viel zu atte ge⸗ zin. rde da⸗ Norne erſt als ſer Lie⸗ ſen und ztlaſſen, en, wel⸗ ger ver⸗ var und 19 wußte, was gute Lebensart war, verfuͤgte ſich mit dem Kaffeebrete ſofort hinaus. Wir wollen nun ſehen, was Philipp erroͤthend und tief Athem ſchoͤpfend in dieſem roſenrothen Brief⸗ chen las: „Mein Herr! „Wenn Sie dieſe von einer Unbekannten geſchrie⸗ benen Zeilen leſen, muß ich Sie vor allen Dingen dar⸗ an erinnern, daß ein Dichter viele Bekannte, ja Freunde hat, die er ſelbſt nicht kennt, die aber deswegen ihm nicht minder kuͤhn ergeben ſind, als die Freunde, an welche er die Schaͤtze ſeiner Zaͤrtlichkeit und ſeines hei⸗ tern, guten und ſeelenvollen Gemuͤths verſchwendet. „Schon ſeit mehreren Jahren und jedes Mal, wo ein mit dem theuren Pſeudonamen geſchmuͤcktes Werk von Ihnen herausgekommen iſt, hat meine Bewunde⸗ rung ſich geſteigert und ich habe mir ſelbſt die Worte geſagt, die ich jetzt vor Ihnen zu wiederholen wage. „Alexis' offene, feurige und edle Seele lebt einſam. „Einſam und allein begiebt ſie ſich auf ihre befluͤ⸗ gelten Reiſen, wo die ſchoͤnen Genien des Geſanges ihn unter ihren Schutz nehmen.... „Aber ach, Alexis' Herz bedarf einer irdiſchen Sym⸗ pathie, wenn die Genien ihn verlaſſen und Du, das eben ſo einſam ſtehende Weib, welches aber doch eine Seele hat, um die ſeinige zu erfaſſen, Du ſollſt ihm dieſe Sympathie, dieſe reine, goͤttlich⸗klare Sympathie bieten, 2 X 20 die nicht daruͤber zu erroͤthen braucht, daß ſie zuerſt kommt. „Wird Alexis nicht das Weib verſtehen, welches weiter zu ſagen wagt: „Ich bin Deine Freundin, werde der meine und laß uns durch einen unſchuldigen Briefwechſel unſerm Leben Farbe geben... „Ich kenne alle Umſtaͤnde, in welchen Alexis lebt, ich kenne und ſchaͤtze die Kraft, mit welcher er gegen ein bitteres, aber mit Roſen geſchmuͤcktes Schickſal kaͤmpft. „Wenn Alexis etwas von ſeiner Freundin, ſeiner Bewunderin— hinfort, wenn er es will, ſeiner Ver⸗ trauten— wiſſen will, ſo mag er ſeine Antwort in der Obſthandlung an der Ecke der Reitbahngaſſe ab⸗ geben. „Die Adreſſe iſt blos mein Vorname Anima.“ Man denke ſich, welche Wirkung dieſer Brief auf Philipp aͤußern mußte! Ein Champagnerrauſch, ein ganzer Champagner⸗ galopp brauſ'te durch ſeine Adern. Was wollte ſein erſter Triumph, ein Preis von der ſchwediſchen Akademie, gegen dieſen ſagen? Ein Weib, ſchoͤn wie die Goͤttin des Himmels, des Geſanges und der Poeſie betete Philipp in ſeinen Ver⸗ ſen an! Und dieſes Weib bot ihm ihre Freundſchaft, die keu len vor vol biſt ſo ſch⸗ die eine luſt zul ſten gehe wag beko din zuerſt velches und laß Leben is lebt, gen ein kaͤmpft. „ſeiner er Ver⸗ wort in iſſe ab⸗ rief a uf npagner⸗ reis von nels, des nen Ver⸗ haft, die 21 keuſche Freundſchaft zwiſchen zwei gleichgeſtimmten See⸗ len! Ihre Sympathien, ihre Geſchicke, Alles legte ſie vor ihm nieder... und um das Maaß des Entzuͤckens voll zu machen, hieß ſie Anima(Seele)! O du liebliche Roſe, du duftende Lotosblume, wo biſt du... meine Gedanken ſuchen dich— weshalb ... weshalb habe ich dich nicht fruͤher gefunden! An demſelben Abend, aber gleichwohl, nachdem der ſo unvermuthete Rauſch ein wenig beſchwichtigt war, ſchrieb er ſeine Antwort. Und dieſe Antwort bewies, daß er wenigſtens ſich die Moͤglichkeit denken konnte, daß er nur die Zielſcheibe einer kleinen Myſtification ſei, die ſich auf ſeine Koſten luſtig zu machen ſuchte. „Holde Anima! „Alexis hat, von Ihrem Zauberſtabe beruͤhrt, nur zu leſen gebraucht, um zu glauben. „Die, welche ihm dieſen lieblichſten, dieſen erhaben⸗ ſten aller Briefe geſchrieben, kann wohl nicht die Abſicht gehabt haben, mit ihm Spott zu treiben? Inzwiſchen wagt er nicht mehr zu ſagen, bevor er einen neuen Brief bekommen, der ihm uͤber die Verhaͤltniſſe ſeiner Freun⸗ din und ihre fortdauernde Zuneigung unterrichtet. 22 „N. S. Um Gottes willen, antworten Sie bald, ob und wann ich Anima ſehen kann!“ Dieſer Brief koſtete Philipp, gerade durch ſeine Kuͤrze und ungeheure Bedeutſamkeit, eine wirkliche und peinliche Anſtrengung. Wie unbeſchreiblich gern haͤtte er nicht auch ein wenig geſchwaͤrmt, aber der uͤberwiegende Gedanke, den er auffaßte, brachte eine heilſame Abkuͤhlung in ſeinen Eifer. Er nahm ſich vor, außerſt verſtaͤndig zu ſein, wenigſtens bis er ſaͤhe, was ſeine Correſpondentin weiter im Schilde fuͤhrte. Dieſen kleinen Anfang zu einem Abenteuer aber ohne alle Beruͤckſichtigung zu laſſen, ſo weit er⸗ ſtreckte ſich ſein Verſtand nicht. Die Malmelin ward natuͤrlich beauftragt, die Ant⸗ wort nach dem Obſtgewoͤlbe zu tragen. Und ſchon den folgenden Tag begann unſer Held mit der groͤßten Un⸗ geduld die Antwort zu erwarten. Er glaubte, daß die intereſſante Unbekannte in der Naͤhe wohnte und daß ſie daher nicht lange Zeit zu dem andern Briefe brauchen koͤnnte. Aber ſowohl der erſte, als auch der zweite und der dritte Tag gingen voruͤber, ohne daß ſich etwas hoͤ⸗ ren ließ. 3 Am Morgen des vierten ſchob Philipp mit einiger Ungeduld das frugale Fruhſtuͤck zuruͤck, welches ſeine ee bald, ) ſeine he und uch ein ake, den ſeinen zu ſein, weiter nteuer weit er⸗ die Ant⸗ hon den ten Un⸗ e in der zu dem eite und was hoͤ⸗ t einiger es ſeine 23 Norne ihm vorſetzte, ein Fruͤhſtuͤck, welches aus gebra⸗ tenem Hering und Kartoffeln in der Schaale beſtand. „Madame Malmelin,“ ſagte Philipp mit einer ge⸗ wiſſen Feierlichkeit,„ich glaube, daß wir, da ich dies⸗ mal die ganze Woche dableibe, einige kleine Veraͤnderun⸗ gen in unſerm Haushalte treffen koͤnnten.“ „Das iſt ja ſchon geſchehen, da das Fruͤhſtuͤck ein⸗ gefuͤhrt worden iſt.“ „Allerdings... aber...“* „Fruͤher aß ja der Herr blos des Mittags und manchmal des Abends... aber vielleicht iſt Herr Phi⸗ lipp ſeiner Koſt uͤberdruſſig „Ach nein, das gerade nicht... das heißt, ich glaube, daß ich meinen Hang, den Dichter im Dachſtuͤb⸗ chen, zu ſpielen, etwas zu weit getrieben habe... mancher Dichter lebt beſſer, mancher auch ſchlechter— und mit einem Worte...“ „Nun, Herr Philipp?“ „Nun, meine liebe Madame Norna, ich glaube, daß ich eben ſo gut bei einem Rebhuhn und einer Flaſche Portwein zu dichten verſuchen kann, als bei Laugenfiſch und gruͤnen Erbſen— was ſagen Sie dazu?“ „Sa, ich kann meiner Treu in dieſer Beziehung weder atz⸗ noch zurathen, denn ich dichte meiſt bei Waſ⸗ ſer und Kartoffeln. Aber deswegen geht es auch nicht immer ſo ganz gut und wenn ich nicht dann und wann 24 hier etwas beim Auskehren faͤnde, was nach meiner Meinung wohl ein Rebhuhn werth iſt, ſo... „Was, Madame Malmelin, Sie nehmen wohl meine Poeſien und ſetzen Sie in die Liebesbriefe der Maͤgde und Geſellen?“ „Nun, ſehen Sie, Herr Philipp, ich ſollte meinen, daß die Liebe des einen eben ſo gut ſein kann, wie die des andern! Ich bin aus guter Familie, Gott ſei Dank und obſchon der ſelige Malmelin blos als Geſelle Porzellan kittete, ſo...“ „Ich ſchwoͤre bei allen Maͤchten uͤber und unter der Erde, daß ich das Andenken des achtungswerthen Porzellankitters verehre, aber.. 6 „Na, mein lieber Herr, ich ſchlage vor, wir laſſen das gut ſein, denn So gut ich mich auch als Wirthin benommen, So laß ich doch nichts auf ſeine Aſche kommen!“ Die Malmelin laͤchelte ſelbſtvergnuͤgt daruͤber, daß ſie den Streit mit dieſem improviſirten Vers ge⸗ ſchloſſen hatte, der den hoffaͤrtigen Poeten zu Boden ſchmettern mußte. Philipp war aber nicht blos niedergeſchmettert, ſon⸗ dern ſo entzuͤckt, daß er zur vollkommenen Verſoͤhnung ſich erbot, Madame Malmelin an einem Namenstags⸗ briefe zu helfen, den ſie gerade jetzt„in der Maches hatte und dieſer Brief ſollte ſehr brillant ausfallen, weil er von einem eleganten Barbierlehrling, als deſſen erſte meiner n wohl tefe der neinen, wie die zott ſei Geſelle d unter verthen r laſſen / n!“ daruͤber, Jers ge⸗ Boden ert, ſon⸗ ſoͤhnung enstags⸗ Mache“ een, weil ſen erſte 25 Huldigung an das Hausmaͤdchen bei dem amerikani⸗ ſchen Geſandten, beſtellt war. Und mehr als dies Alles, der Poet und die Poetin delectirten ſich zu Mittag an Rebhuͤhnern und Port⸗ wein, wozu noch ferner— es gereichte dies dem Na— menstagsbriefe zur Ehre— ein Deſſert kam. Aber es war dies auch ein Huldigungsbrief, deſſengleichen noch kein Barbierlehrling ſeiner Auserwaͤhlten uͤber⸗ reicht hatte. Aber den folgenden Tag fuͤhlte ſich Philipp, ob⸗ ſchon auch an dieſem geſchmauſ't ward, in ſeiner kleinen Wohnung noch weniger behaglich. Er hatte keine eigentliche Phantaſie mehr, denn alle ſeine Denkkraft drehte ſich um die Unbekannte, die bei ihrem Schweigen beharrte. Und da jetzt einige von Philipps Jugendfreunden zufaͤllig ſeine andere Wohnung erfahren hatten und la⸗ chend verlangten, in dieſes Heiligthum eingefuͤhrt zu werden, ſo hatte dieſes ſeinen vorzuͤglichen Reiz verloren. Er hatte hier zu viel ſelige und qualvolle Stunden bei der Erinnerung an ſeine einzige Liebe genoſſen, als daß er dieſe Erinnerung dadurch haͤtte entweihen ſollen, daß er in dieſem Zimmer andere Scherze zuließe, als die unſchuldigen, welche zwiſchen ihm und ſeiner Auf⸗ waͤrterin vorkamen. Er bezog daher wieder ſeine Wohnung im Norden. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß die Malmelin vor⸗ 26 her erſucht ward, ihn nun, da kein Incognito mehr da war, in ſeiner eigentlichen Wohnung zu beſuchen, ſo⸗ bald ein Brief kaͤme. Philipp war aber ſchon mehrmals ſowohl Wirth als Gaſt geweſen, bevor die Malmelin einmal ziemlich zeitig des Morgens, feſtlich mit Hut und Mantel beklei⸗ det— ſie war ja von guter Familie— kam, um ih⸗ ren erſten Beſuch abzuſtatten. „Willkommen, meine verehrte Norne,“ ſagte Phi⸗ lipp heiter.„Bringen Sie mir einen Brief mit?“ Und ſie brachte einen Brief mit. Aber dieſes Mal konnte Philipp ſeiner Begierde keine Feſſeln anlegen; er druͤckte die Malmelin in einen Lehnſtuhl nieder, ſetzte ihr den Ueberreſt ſeines Kaffee⸗ fruͤhſtuͤcks hin und eilte in das Nebenzimmer, wo er mit einer Ungeduld, welche Lilia nicht ſonderlich behagt haben wuͤrde, den Brief aufriß. Eben als er dies gethan, kam Philipp wahrſchein⸗ lich auf denſelben Gedanken, denn er ließ den Brief ſchnell ſinken; gleich darauf aber hatte er ſich wieder vollkommen beruhigt, indem er ſagte: „Ach was— es gilt ja blos dem Dichter l“ Der neue Brief lautete, wie folgt: „Ich ſehe, daß Alexis in Bezug auf die Freun⸗ din, die ihm ihre Freundſchaft angeboten hat, ein we⸗ or da , ſo⸗ Virth mlich beklei⸗ m ih⸗ Phi⸗ gierde einen taffee⸗ wo er dehagt ſchein⸗ Brief wieder Freun⸗ n we⸗ 7 27 nig mißtrauiſch iſt. Er wird ſie aber beſſer kennen lernen. „Ich wollte ſchon dieſes Mißtrauen ausrotten, wel⸗ ches ſeinen Schatten zwiſchen Alexis' Seele wirft... aber leider werde ich bewacht. „Ein eiferſuͤchtiger Mann verfolgt beinahe jeden meiner Schritte und ſein Argwohn ahnt auch in dem Geringſten Gefahr. „Ich muß daher ſelbſt in dieſer kleinen Angele⸗ genheit, die ſo unſchuldig iſt, daß Engel die Vermitt⸗ ler derſelben ſein koͤnnten, eine ſtrenge Vorſicht beob⸗ achten. „Anima hat Alexis in mehreren Geſellſchaftskrei⸗ ſen geſehen, und Alexis hat auch Anima geſehen, ob⸗ ſchon ſie in Folge der Tyrannei, der ſie unterworfen iſt, nicht gewagt hat, ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich zu lenken. „Ich bin jung... ich bin ohne Neigung ver⸗ maͤhlt, ich bin, was die Welt ſchoͤn nennt und ich er⸗ roͤthe nicht, dies zu geſtehen, weil ich weiß, daß Alexis mich nicht zu ſehen bekommen und eben ſo wenig erfah⸗ ren wird, wer ich bin.... „Und doch, wie gern moͤchte ich muͤndlich mit dem Manne ſprechen, deſſen entzuͤckende und gewaltige Poeſie in mein Herz eindrang und meinem Leben erſt Bedeu⸗ tung gab. 28 „O Himmel, ich hoͤre die Schritte meines Ge⸗ mahls! Ich wollte Alexis einige Rathſchlaͤge von ſei⸗ ner— Muſe geben, denn wie ſtolz dieſe Muſe auch i*ſt, will ſie doch nicht ſchwach ſein... Aber ich lege die Feder nieder. „Wenn der Tyrann naht, zittert Anima.“ „Dieſes Weib,“ ſagte Philipp und ſein Blut gluͤhete,„hat mich geſehen... moͤglich, daß es nicht blos der Dichter iſt, der ihrem Leben ſeine erſte Bedeu⸗ tung gegeben!“ Wohlbedaͤchtig ſetzte er dann hinzu: „Ich will nicht weiter gehen— nicht deshalb, weil meine angebetete Lilia etwas zu befuͤrchten haͤtte, ſondern um dieſer vielleicht etwas unvorſichtigen, jun⸗ gen Frau ſelbſt willen.. Nein, ich ſchreibe nicht, das i*ſt feſt beſchloſſen. Es iſt dies eine moraliſche Pflicht — ich uͤbe ſie.“ Zwei lange Tage lang uͤbte Philipp ſeine mora⸗ liſche Pflicht ganz treulich. Aber am dritten konnte er nicht laͤnger wider⸗ ſtehen. Im Ganzen genommen war ja auch die Sache, wenn man ſie richtig ins Auge faßte, ganz unſchuldig, eine edle Zerſtreuung, die er nicht einer Frau mißgoͤn⸗ Ge⸗ ſei⸗ auch lege Blut nicht zedeu⸗ shalb, haͤtte, „jun⸗ t, das Pflicht mora⸗ wider⸗ Sache, huldig, ißgoͤn⸗ 29 nen durfte, welche vielleicht hierdurch abgehalten ward eine eben ſo romantiſche, aber gefaͤhrlichere zu ſuchen. Vielleicht ward Philipp auch dadurch gereizt, daß er zwei Poſttage vergebens einen Brief von ſeiner Gat⸗ tin erwartete. Und noch ein Grund: er hatte an dem⸗ ſelben Mittag, nach welchem der Beſchluß gefaßt und ausgefuͤhrt ward, etwas mehr als gewoͤhnlich ge⸗ trunken. Es iſt nicht nothwendig, hier den Brief ſelbſt mitzutheilen, ſondern es wird hinreichen, wenn wir er⸗ waͤhnen, daß dieſer einen weit feurigeren Charakter hatte, als Philipp ſelbſt ahnete und daß er die drin⸗ gendſte Bitte um eine Zuſammenkunft enthielt... gerade das, was er beim Beginn des Briefes ſich vor⸗ genommen hatte, durchaus nicht zu verlangen „Was denken Sie?“ ſchrieb ſeine Freundin, deren Antwort diesmal nicht ganz ſo lange dauerte, als das erſte Mal,„was denken Sie— eine Zuſammenkunft? Bei dem bloßen Gedanken daran wird meine Seele von Entſetzen ergriffen. Aber hoͤren Sie— in vier⸗ zehn Tagen verreiſ't mein Mann und dann— dann werden wir ſehen.“ Dieſer Brief ſchloß mit dem ſchon fruͤher erwaͤhn⸗ ten Rathe von Philipps Muſe. 30 Und dieſe Rathſchlaͤge, obſchon ſie deutlich das Gepraͤge trugen, daß ſie einem verzaͤrtelten Guͤnſtling, gewidmet wurden, offenbarten gleichwohl einen Verſtand und eine Auffaſſung, welche Philipp entzuͤckte. Er fand zugleich, daß ſeine anonyme Goͤttin mit merkwuͤr⸗ diger Treue die Spuren ſeines Dichtertalentes verfolgt hatte und mit ihm ahnte, daß es in ſeiner Entwicke⸗ lung, noch etwas Hoͤheres werden wuͤrde, als es anfaͤng⸗ lich verſprochen. Der Briefwechſel dauerte inzwiſchen fort und Philipp, der immer mehr und mehr eingenommen ward, ſagte jeden Tag: „Liebe ich wohl meine Gattin weniger, weil der Dichter eine kleine Phantaſie⸗Inclination hate O, meine Lilia, meine angebetete Lilia, bald kehre ich zu Dir zuruͤck und Anima iſt dann nichts mehr, als die Erinnerung— meines Traumes.“ Aber Philipp kehrte nicht ſo ſchnell wieder zu Li⸗ lia zuruͤck, denn bald darauf ſchrieb Anima, daß die Reiſe ihres Mannes um acht Tage aufgeſchoben wor⸗ den... Und acht Tage darauf hieß es wieder ſo. Lilig's Briefe an ihren Gatten waren dagegen weder lang noch poetiſch. Sie enthielten nur kurze Buͤlletins uͤber ſie ſelbſt und die Kinder. In einem aber ſagte ſie: „Du fuͤhrſt ein munteres Junggeſellenleben, Phi⸗ lipp, und ich beklage mich nicht daruͤber, denn ich be⸗ kla letz auf Un neh 31 klage mich niemals. Ich hoffe blos, daß Du unſere leßte Unterredung nicht vergeſſen wirſt.“ „Niemals!“ ſagte Philipp, waͤhrend er einen Kuß auf den Namen ſeiner Gattin druͤckte.„Um mich zur Untreue zu verleiten, muͤßte Venus ſelbſt ſich die Muͤhe nehmen, vom Olymp herabzuſteigen.“ 18. Der Doctor und ſeine Patientin. Einen ganzen als troͤſtender Freund die niedergeſchlagene ſuchen. Dieſe zaͤrtliche G ter keinen vergnuͤgten A weder mit ihren Kindern ſpielte, oder lange, lang an ihren Philipp ſchriebe. „ Immer dieſelbe Klage,“ ſagte Arnold eines Ta⸗ ges.„Ein ſelbſtſuͤchtigerer Freund wuͤrde ſich ſehr be⸗ truͤbt fuͤhlen, daß er gar nichts vermag.“ „Glauben Sie mir,“ mit liebenswuͤrdigem Laͤcheln ihm ihre kleine Hand ent⸗ gegenſtreckte,„glauben Sie mir, ich wuͤrde nicht ſo offen dieſen Mangel an Zartgefuͤhl zeigen, wenn i nicht wuͤßte, daß mein lieber Doctor gegen alle Com⸗ Lilia zu be⸗ attin vertraute ihm, daß ſie wei⸗ ugenblick habe, als wenn ſie ent⸗ e Briefe Monat hatte Arnold fortgefahren, — antwortete Lilia, waͤhrend ſie fahren, zu be⸗ ſie wei⸗ ſie ent⸗ Briefe nes Ta⸗ ſehr be⸗ 1 hrend ſie and ent⸗ nicht ſo venn ich lle Com⸗ plimente auf Koſten der Wahrheit vollkommen gleich⸗ guͤltig iſt.“ „Das iſt wahr, aber es hindert dies mich nicht, zu beklagen, daß meine geſellſchaftlichen Talente ſo ge⸗ ring ſind. Ich werde mich nur ſchlecht vertheidigen koͤnnen, wenn Philipp mich fragt, wie ich mein Amt verſehen habe.“ „Welche uͤbertriebene Beſcheidenheit! Haben wir nicht, trotz des Doctors geſegnetem Phlegma, mit dem kleinen Alban zuſammen, wie zwei gute Kinder, blinde Kuh geſpielt? haben wir nicht abwechſelnd Sylvia in ihrem kleinen Wagen gezogen? haben wir nicht mit ein⸗ ander geſpielt und geſungen und unſere Partie Schach gemacht, wenn die Kinder ſchliefen, das eine Mal auf meinem Knie, das andere Mal auf dem ihres guten Freundes?“ Bei jeder dieſer Gelegenheiten, welche Lilia nach⸗ laͤſſig und unſchuldig herzaͤhlte, die aber der Doctor nie⸗ mals zuvor zuſammengerechnet hatte, flog eine Roͤthe uͤber ſeine Wange. Sie bemerkte natuͤrlich nichts davon. Das naͤchſte Mal vergingen fuͤnf Tage, bevor der Beſuch des Doctors erneuert ward. Er kam ſonſt gewoͤhnlich einen Tag um den an⸗ dern, zuweilen auch, wenn der Weg ihn vorbeifuͤhrte, taͤglich. 1 Als er jetzt mit einer Menge Entſchuldigungen Ein Gerücht. II. 3 1 wegen der Winterkaͤlte, die alle Menſchen krank machte und ihn gehindert habe, Frau Thurnẽ waͤhrend dieſer wer Zeit zu beſuchen, wiederkam, fand er die junge Frau nicht auf Laune. Als er ihr zum Gruße die Hand bot, nickte ſie, und dem Shawl verborgen. blos und hielt die ihrige unter „Ach, ich armer Suͤnder bin wohl in Ungnade Sc gefallen?“ vor Der Doctor hielt es fuͤr das Beſte, Lilia's miß⸗ Ceß n Scherz zu verſcheuchen zu ſuchen. beſu liche Laune durch eine n, der wirklich auf⸗ Aber ſie antwortete in einem To innern Schmerz hindeutete: „Ach nein, mein lieber Doctor, ich bin keine ſo wie anmaßende Freundin. Die Sache iſt die, daß ich koͤr⸗ Verl perlich leide und daß ich, wenn ich mich auch ein wenig zu beherrſchen verſtehe, doch noch lange keine Hel⸗ einer din bin.“ 3 „Aber was iſt Ihnen denn, meine beſte Frau Umſe Thurné— laſſen Sie mich Ihren Puls fuͤhlen.“ werde Und der Ton des Doctors war hierbei ſo ruhig, daß einzig und allein der Arzt zu ſprechen ſchien. und Sie reichte ihm die linke Hand, die er ergriff und warer vielleicht einige Secunden laͤnger behielt, als nothwen⸗ geſtre dig war. „Hier iſt ein kleines Fieber in Frage, das ſieht rief man auch an den Augen.“ 4 nothwen⸗ das ſieht 35 „Mein beſter Doctor, lachen Sie mich nicht aus, wenn Ihnen die Wunde unbedeutend vorkommt!“ „Die Wunde?“ „Ja, der kleine Alban warf geſtern die Lampe um und einige Tropfen heißes Oel...“ Lilia redete nicht aus, ſondern warf, ohne verſtellte Schuͤchternheit— ſie beſaß zu viel„Takt“, um ſich vor einem Arzte zu zieren— den Shawl zuruͤck und ließ eine Schulter ſehen, deren Weiße, Rundung und Schoͤnheit Philipp in zwanzig verſchiedenen Gedichten beſungen hatte. „Wie der Arm weh thut, bis auf die Fingerſpitzen herab!« fuhr ſie fort, ohne daß ſie zu bemerken ſchien, wie die Hand, welche die nicht ſo ganz unbedeutende Verletzung unterſuchte, fuͤhlbar zitterte. „Es iſt nichts Gefaͤhrliches,“ ſagte der Doctor mit einer Stimme, welche gleichwohl auf keinerlei Weiſe ihren gewoͤhnlichen Tonfall hatte.„Wir wollen einige Umſchlaͤge machen, die den Schmerz ſehr bald lindern werden.“ Und der Doctor legte ſelbſt dieſe Umſchlaͤge auf und gab ſich(woran ſeine Patienten gar nicht gewoͤhnt waren) tauſendfaͤltige Muͤhe, das Kiſſen unter dem aus⸗ geſtreckten Arme zurecht zu legen. („Nicht ſo... nein, um Gottes willen nicht ſo,“ rief Lilia jammernd... vach, mein Gott, wie weh das thut!“ 3* 36 „Iſt es ſo beſſer?“ „Etwas... aber ach, ich bin zu ungeduldigl“ „Nein, gewiß nicht— wie kann man geduldig ſein, wenn man leidet!“ Am Tage vorher hatte Doctor Warvner zu einer andern F Vor allen Dingen muß man ſich bemuͤhen, ge⸗ duldig zu ſein— ein unaufhoͤrliches Jammern kann die Schmerzen unmoͤglich lindern!“ Jetzt kam der kleine Alban herein, aber das Fieber ward durch ſein Laͤrmen und Schwatzen verſchlimmert. Und deshalb durften die Kinder heute nicht bei Mama ſpielen. Und eben ſo wenig den naͤchſten, ſowie den auf dieſen folgenden Tag. Denn es war ein ganz hartnaͤckiges Fieber. Wer in Himmels Namen haͤtte wohl nicht von der Lang⸗ ſamkeit dieſer die Geduld auf's Aeußerſte treibenden Wundfieber gehoͤrt! Doctor Warvner, der allerdings nicht ſeine Praxis — dazu war er viel zu gewiſſenhaft— wegen dieſer wichtigen Kriſis verſaumte, war doch der Meinung, daß er derſelben ſeine ganze verfuͤgbare Zeit und Sorgfalt zu widmen habe. Auch war ihm niemals irgend ein Krankenbote ſo ungelegen gekommen, als die, welche ihn ſtoͤrten, wenn er, neben Lilia's Sopha ſitzend, ſeiner liebenswuͤrdigen Patientin laut vorlas, welche jetzt, da ſie ſich ein wienig rau, die er ebenfalls zu behandeln hatte, geſagt: i auf vert Und frar pen thur liche ner men Sch enth Phit ſeine ſchaf als! perli Und bahn ſchlit eduldig u einer geſagt: n, ge⸗ ann die Fieber nmert. icht bei I, ſowie Wer r Lang⸗ eibenden Praxis en dieſer ung, daß gfalt zu nbote ſo a, wenn vuͤrdigen n wanig 37 auf dem Wege der Beſſerung befand, ſich damit die Zeit vertrieb, daß ſie fuͤr die kleine Sylvia Puppen machte. Und nichts war anmuthiger, als dieſe kleine„Puppen⸗ frau“ zu ſehen, die ſich mit einem halben Dutzend Pup⸗ pen umgab, welche zerſtreut um ſie herum lagen. Man haͤtte ſie ſelbſt fuͤr die rechtmaͤßige Eigen⸗ thuͤmerin dieſer kleinen, netten Geſchoͤpfe halten koͤnnen. Endlich war das Uebel aber doch uͤberſtanden. Die Vorleſungen hatten jetzt die fruͤher gebraͤuch⸗ lichen Spiele verdraͤngt. Und immer ſeltener und ſelte⸗ ner durften jetzt die Kinder herein, denn bei dem Laͤr⸗ men, den ſie machten, konnte man nicht ordentlich die Schoͤnheiten genießen, die in den ausgewaͤhlten Werken enthalten waren. Lilia begann weniger oft von ihrer Sehnſucht nach Philipp zu ſprechen und der Doctor weniger oft von ſeinem Mangel an Unterhaltungsgabe. Man fuͤhlte, daß man eins in des andern Geſell⸗ ſchaft keine Langeweile hatte. Aber man hatte auch noch andere Zerſtreuungen, als Vorleſen. Sowohl die Kinder, als auch Lilia bedurften koͤr⸗ perlicher Bewegung, das ſagte der Doctor fortwaͤhrend. Und ſo fuhren ſie hinaus auf die pfeifende Schlitten⸗ bahn und Arnold uͤbernahm die Stelle des Roſſelenkers. Und da nun der kleine Alban ſeinen erſten Stuhl⸗ ſchliten— es war allerdings noch etwas zeitig, da er 38 noch nicht ganz drei Jahr alt war— hinaus auf's Eis fuͤhren mußte, ſo war es natuͤrlich die Mama, die mit Alban auf dem Schooße fuhr. Und der Doctor, der zuverlaͤſſige, ernſthafte Doctor, was haͤtte er nicht Alles fuͤr Philipp thun koͤnnen!... Geſchah es nicht des Verſprechens wegen, welches er dieſem gegeben, daß er den Stuhlſchlitten ſchob, wobei er ſich zuweilen tief uͤber die junge Mutter niederbeugte und ſie ſorgfaͤltig in den flatternden Schleier huͤllte. Inzwiſchen hatte Doctor Arnold noch nicht einmal ſich ſelbſt geſtanden, daß er auf dem Wege zu einem der ſchwaͤrzeſten Verbrechen war— das Vertrauen ſeines Freundes zu taͤuſchen. Er nahm ſich nicht einmal die Muͤhe, ſich die Ge⸗ walt zu erklaͤren, welche Lilia ſeit jenem kindiſchen Scherze uͤber ihn ausuͤbte. Dieſe Kindiſchkeit, deren ſie ſich in einem Anfall von muthwilliger Laune ſchuldig gemacht, hatte ſie ja foͤrmlich und demuͤthig abgebeten. Und niemals war ſeitdem wieder davon die Rede geweſen— und dennoch... Aber wie geſagt, der Doctor war hartnaͤckig; er wollte noch verſuchen, ſich zu bethoͤren, da das Uebel ſo ſchlimm geworden war, daß eine Heilung kaum zu hoffen ſtand. s Eis e mit octor, 1... hes er wobei beugte ?. einmal em der ſeines die Ge⸗ diſchen Anfall ſie ja e Rede kig; er lebel ſo um zu 39 Ach, er war kein guter Arzt fuͤr ſich ſelbſt, ob⸗ ſchon beinahe der ganze Ort ihn ruͤhmte! Aber je naͤher die Zeit der Heimkehr Philipps heranruͤckte, deſto unruhiger, mißvergnuͤgter und reizba⸗ rer ward Arnold— er, der ſonſt kaum gewußt, was Reizbarkeit war! Und endlich kam der Augenblick, wo er in kalter Verzweiflung zu ſich ſagte:. „Du haſt Dich feig betrogen— es iſt Zeit zu fliehen!“ Dann ſetzte er in weniger ſtrengem Tone hinzu: „Welches Gluͤck, daß Du es noch ohne Gewiſſens⸗ biſſe kannſt... Nur noch einen einzigen Beſuch und dann keinen wieder vor Philipps Ruͤckkehr! Sein blo⸗ ßer Anblick wird mich von dem verabſcheuungswerthen Taumel befreien, in welchen dieſes Weib mich ſtuͤrzt... mich, die ich ſie huͤten ſollte! Nein, Philipp, ver⸗ trauensvoller Freund, fuͤrchte nichts... durch mich ſollſt Du nicht Deine erſte bittere Erfahrung machen!“ So geſtaͤhlt kam der Doctor nach Ribyhus. Wie weit beſſer fuͤr ihn waͤre es nicht geweſen, wenn er den Muth gehabt haͤtte, ohne Uebereinkunft den Zauber zu zerſtoͤren! Er waͤre dann ein Held an Tu⸗ gend geweſen und das Schickſal, und nicht er ſelbſt, waͤre es geweſen, was ihn an den Rand des Abgrunds fuͤhrte... aber er kam freiwillig— denn er war kein Held. 40 Er ging unangemeldet in den Salon— eine ſolche Ceremonie war nicht mehr gebraͤuchlich. Aber wie ſchnell auch ſein Gang, wie aufrecht auch ſeine Haltung und wie ſicher auch ſein Blick war, ſo ſank doch dies Alles zuſammen, als er Lilia erblickte— die an einem der Fenſter ſtand und verwirrt, wahr⸗ ſcheinlich vor Ueberraſchung, ein Blatt fallen ließ, wel⸗ ches er nur allzuwohl erkannte. Es war ein Muſterblatt, auf welches ſie einige Abende vorher, unter anmuthigem Scherzen, ſein Portrait gezeichnet, waͤhrend er daſaß und fuͤr Alban ein Boot ſchnitzte. Einige Verlegenheit trat ſogleich auf beiden Sei⸗ ten ein. Der Doctor ging, nach einer fluͤchtigen Begruͤßung, um das Feuer in dem Ofen anzuſchuͤren. Lilia warf ein ganzes Packet große Muſterblaͤtter uͤber das verraͤtheriſche, welches ſie in der Hand hielt und machte ſich dann eine Menge kleiner Geſchaͤfte im Zimmer, bevor ſie endlich kam und ſich niederſetzte. „Wie kalt es iſt,“ ſagte der Doctor. „Entſetzlich,“ antwortete Lilia. „Es ſcheint ein anhaltender Winter von dreißig Grad zu werden.“ „Der Thermometer ſagt dies.“ „Und die ungluͤckſeligen Krankheiten im Orte pro⸗ 1 phe ruͤh len Lan ſche mir gen noͤrt ſein, ach, ſtim wied ſchn Gen eine ifrecht war, kte— wahr⸗ ,wel⸗ einige ortrait Boot Sei⸗ ßung, daͤtter hielt fte im reißig e pro⸗ 1 41 phezeihen mir, daß ich gleichwohl mich tuͤchtig werde ruͤhren muͤſſen.“ „Das glaube ich ſchon.“ „Noch heute Nacht muß ich fuͤnf oder ſechs Mei⸗ len weit reiſen, denn morgen Vormittag muß ich in Landsvik ſein, wo ein boͤſes Fieber ausgebrochen zu ſein ſcheint.“ „Welche beſchwerliche Reiſe! Der Doctor wird mir ſie morgen an unſerm warmen Ofen erzaͤhlen.“ „Morgen— ach, meine beſte Frau Thurné, mor⸗ gen bin ich noch nicht wieder da.“ „Nun denn, uͤbermorgen?“ „Da habe ich oine lange Berufsreiſe nach den noͤrdlichen Ortſchaften zu machen.“ „Nun, ſo kann ich doch wohl vollkommen ſicher ſein, daß Sie den Donnerſtag kommen— nicht wahr?“ „Donnerſtag... laſſen Sie mich einmal ſehen... ach, den Donnerſtag habe ich zum Blatternimpfen be⸗ ſtimmt.“ „Mein Gott, wollen Sie denn vielleicht gar nicht wieder hierherkommen?“ „Das ſage ich gewiß nicht.“ „Ja, aber ich merke es ſchon.“ Lilia's Stimme bebte und ihre Augen ſenkten ſich ſchnell zu Boden. Aber nicht ſo ſchnell, daß nicht ein Blick, deſſen Gewalt Arnold nicht berechnen konnte, ihn durch eine 42 magnetiſche Kraft gezwungen haͤtte, ſeinen Stuhl naͤher an den der Herrin des Hauſes zu ziehen. 4„Wie,“ ſagte er, aber in etwas leiſerem Tone, als er vorher geſprochen,„wie kann man einen ſolchen Schluß ziehen?“ „Wie kann man aber auch ſo boshaft ſein, Ver⸗ anlaſſung dazu zu geben?... was ſoll ich beginnen, wenn der Doctor nicht mehr hierher kommt?“ „Nun, das haͤtte gewiß nichts zu bedeuten!“ „Nicht viel, das iſt wahr, denn wer kuͤmmert ſich um die arme Lilia...“ „O, geehrte Frau!“ „Erſt werde ich von meinem Manne verlaſſen, ſodann von dem Freunde... Jede Freude, jedes Gluͤck iſt fluͤhtig und es iſt ſehr thoͤricht, ſich auf irgend Jemanden zu verlaſſen!“ „Eher iſt es vielleicht thoͤricht, ſo etwas zu ſagen und gleichwohl bin ich faſt verſucht, zu behaupten, daß die Menſchen, die ihre Gedanken blos ihrer eigenen Per⸗ ſon widmen, die gluͤcklichſten ſind.“ „Ja, verlaſſen Sie ſich darauf— doch was be⸗ darf es meiner Beſtaͤrkung; der Doctor beweiſſt ja ſeine ſoeben ausgeſprochene Ueberzeugung am beſten dadurch, daß er mich und meine Kleinen verlaͤßt... doch wir haben auch die Guͤte des Doctors ſchon allzulange in Anſpruch genommen.“ „Sagen Sie das nicht!“ Str und die ſind ſchw ſehr ſen, durc noch dige um und ihr pfin 43 „Warum nicht?“ „Frau Thurné weiß...“ „Was weiß ich?— Nichts, glaube ich.“ „O ja, viel!“ „Viel?“ „Kann es Ihnen wohl unbekannt ſein, daß die Stunden, die ich hier zugebracht, ſowohl die heiterſten und freudigſten, als auch— ich geſtehe dies ſo gern— die ſchmerzlichſten in meinem Leben fuͤr mich geweſen ſindl“ Lilia erroͤthete und beobachtete ein ſtrafendes Still⸗ ſchweigen von einigen Secunden. Wir ſagen, ein ſtrafendes, denn ihr Antlitz ließ ſehr gelungen eine ſtrenge, eiſige Kaͤlte ſehen. Der arme Doctor war nicht dem Kampfe gewach⸗ ſen, den er, ohne es ſelbſt zu wiſſen, fuͤhrte. Dem Gebot der Ehre gehorchend, ſtammelte er, durch dieſe Kaͤlte, die ihm bewies, daß er ſich verrathen, noch mehr verwirrt: „Verzeihung, Verzeihung... ich habe nicht belei⸗ digen wollen... ich fliehe!“ Lilia's Stirn hellte ſich auf— ein ſonniger Schein umſtrahlte ihr ganzes Weſen. Aber ſchnell wechſelte derſelbe mit einer Wolke ab und innerhalb des Laufs einer einzigen Minute hatte ihr ausdrucksvolles Antlitz ſo viele widerſtreitende Em⸗ pfindungen der Seligkeit, der Angſt, des Schmerzes 44 und der Betaͤubung zuruͤckgeſpiegelt, daß der Doctor, in der vollen Bedeutung des Wortes betaͤubt, Treue und den Pflicht, Ehre und Erinnerung vergeſſend, zu den Fuͤßen In des verfuͤhreriſchen Weibes niederſank. ſo Es war ein Sinnenrauſch, der ihn hierher warf, Fre aber er ſollte bald erwachen, um ihn niemals wieder zu gel vergeſſen. 4 Kaum hatte er die erſten unzuſammenhaͤngenden Worte hervorgeſtammelt, durch welche er eine unerlaubte hoͤl Gluth zu erkennen gab, als Lilia's Antlitz ploͤtzlich einer tiſe neuen Veraͤnderung unterlag. zue Mit hoͤhniſchem, lauten Gelaͤchter warf ſie ſich auf ſeli dem Stuhle zuruͤck und zog aus ihrer Taſche den kleinen Kalender, in welchem ſie den achtundzwanzigſten Maͤrz als als den Tag angeſtrichen hatte, an welchem ihre Wette ſtel gewonnen ſein ſollte. Erſchrocken ſtierte der Doctor den verwandelten. Ih Engel an. blei „Sehen Sie,“ rief ſie immer noch lachend, wie nic beſeſſen,„ſehen Sie nur, Doctor— es fehlen noch ver ganze drei Tage! War das nicht ein ſcharmantes, kleines nich Abenteuer, mit dem ich mir in Abweſenheit meines ſole Mannes die Zeit vertrieben habe?“ „Ja, hoͤchſt ſcharmant,“ antwortete Arnold, ineem Ge er vor Zorn und Schmerz todtenbleich ſich aufraffte. Si „Ich wuͤnſche Ihnen Gluͤck zu dem gewonnenen Siege dieſ — er bezeugt eine erſtaunliche Erfahrenheit.“ 4 dr, in und uͤßen warf, eer zu enden aubte einer ch auf leinen Maͤrz Wette iddelten ), wie noch keines neines indem fraffte. Siege 4 45 „Na, na, mein lieber Doctor, erholen Sie ſich und ſpielen Sie um Gottes willen nicht den Beleidig⸗ ten! Die Maͤnner ſehen ſo bedauernswerth aus, wenn man ſie zum Beſten gehalten hat; ſie haben niemals ſo viel Takt, ſich wiederzufinden. Nur wir armen Frauen ſind es, die zum Erſatz fuͤr viele andere Maͤn⸗ gel den richtigen esprit auf ihren Theil bekommen haben!“ Arnold ſtand da, keines Wortes maͤchtig. Dieſe junge Frau mit ihrer Keckheit und ihrem hoͤhnenden Scherze, war ſie wirklich dieſelbe reine, poe⸗ tiſche Offenbarung, dieſelbe unſchuldige Sylphe, die er zuerſt unter den heiligen Bluͤthen der haͤuslichen Gluͤck⸗ ſeligkeit ſpielen ſah? War dies endlich jene Frau, welche man uͤberall als ein Muſter und Vorbild zur Nachahmung auf⸗ ſtellte? 3 „Aber, mein Gott, liebſter, beſter Freund, was iſt Ihnen nur?— Ich verſichere Ihnen, Sie ſehen ſo bleich und verſtoͤrt aus, wie Hamlet! Ich kann doch nicht glauben, daß Sie ſich in allem Ernſte in mich verliebt haben! Ach, in meinem Leben koͤnnte ich mich nicht wieder troͤſten, wenn mein kleines Poſſenſpiel eine ſolche Wirkung gehabt haͤtte, nimmermehr!“ „Ach ja, troͤſten Sie ſich, es hat durchaus keine Gefahr— in gewiſſe Frauen verliebt man ſich nicht! Sie machen nur eine beſondere Art von Opium aus: dieſer wirkt auf uns, ſobald wir davon genoſſen haben, 46 laͤßt aber nur ein Gefuͤhl des Widerwillens und der Abſpannung zuruͤck, ſobald er zu wirken aufhoͤrt.“ „Ganz vortrefflich! Man iſt doch recht gluͤcklich, wenn man einen Arzt zum Liebhaber hat! Kein anderer Mann— das iſt meine feſte Ueberzeugung— wuͤrde ſich auf nur halb ſo pikante Weiſe aus der Affaire zu ziehen gewußt haben. Aber gehen Sie nun, lieber Doctor, bevor die Abſpannung Sie zwingt, zum zwei⸗ ten Male Opium zu nehmen! In ein paar Tagen er⸗ warte ich Nachricht uͤber die Ruͤckkunft meines Mannes und dieſer wird allerdings wuͤnſchen, ſeinen Freund Arnold wach und munter zu finden.“ Warvner entfernte ſich mit einer ſtummen dis⸗ kalten Verbeugung. Als er aber draußen im Schlitten ſaß und in de funkelnden, kalten Winterabend hineinfuhr, da begann er von einem verzehrenden Feuer zu brennen. d der acklich, nderer wuͤrde ire zu lieber zwei⸗ gen er⸗ tannes Freund n dis⸗ in den gann er 19. Nachſchriſt zu Kilia's Intrigue. Aus welchem entſetzlichen, zwei Monate langen Tume war Arnold erwacht! Die Scham brannte in ſeinem Herzen, in ſeinem Gewiſſen, in ſeinem ganzen Blut. Schritt fuͤr Schritt zu einer ſolchen Verirrung verleitet worden zu ſein! Er ſah es nun deutlich: ſie hatte kein Mittel außer Acht gelaſſen und er, der ſich fuͤr verbrecheriſch gegen die keuſche, engelgleiche Gattin ſeines Freundes angeſehen, war in der Hand dieſes Weibes ein veraͤchtliches Spielzeug geweſen! Dieſes Weibes, welches ſelbſt einen Kampf ge⸗ heuchelt, blos um ihn zu ihren Fuͤßen zu bringen, und die ihn blos deshalb dahinbringen wollte, um uͤber ihr ſcharmantes, kleines Abenteuer— ihre gewonnene Wette, lachen zu koͤnnen! 48 Am tiefſten ſchmerzte ihn die Ueberzeugung, daß er, er mochte die Sache anſehen, wie er wollte, doch an dem vertrauensvollen Philipp ein Verbrechen begangen hatte. Aber mit der vollkommenſten Aufrichtigkeit nahm Arnold ſich vor, ihm Alles zu erzaͤhlen, denn Philipp durfte nicht in Unkenntniß uͤber den Charakter des ſcheinheiligen Weibes bleiben, welches er anbetete. Was ſeine, Arnolds, Anbetung betraf, ſo wollte er nach die⸗ ſem erniedrigenden Auftritt nicht einmal die Frage aufwerfen, obe dieſes Gefuͤhl wohl fuͤr allezeit entſchwun⸗ den ſei. Acht Tage lang war die Entruͤſtung des Doctors gleich ſtark— aber er merkte nicht, daß noch ein an⸗ deres Gefuͤhl daneben herrſchte. Am neunten Tage bekam er ein Billet, welches ihn daruͤber aufklaͤrte, daß es nicht Schmerz und Ver⸗ achtung allein war, was ſein Blut in dieſe peinliche Wallung verſetzte. Lilia ſchrieb:. „Mein Mann meldet mir, daß er nicht im Stande iſt, zu der Zeit einzutreffen, die zu ſeiner Zuruͤckkunft feſtgeſetzt war, ja, er ſchiebt dieſe Heimkehr ſogar auf unbeſtimmte Zeit hinaus. „Geſchaͤfte, literariſche Studien, das Anhoͤren hoͤchſt intereſſanter, wiſſenſchaftlicher Vorleſungen, daneben verſchiedene Zerſtreuungen, die den Mann aus der Pro⸗ ig, daß doch an ‚ꝛgangen t nahm Philipp kter des . Was aach die⸗ Frage ſchwun⸗ Doctors ein an⸗ welches nd Ver⸗ peinliche Stande ruͤckkunft ogar auf ren hoͤchſt daneben der Pro⸗ 49 vinz feſſeln muͤſſen... ach, mein Gott, wer kann ſich daruͤber wundern! Genug, ich bleibe noch einige Zeit Strohwitwe. „Und da ich vor Langeweile ſterben wuͤrde, wenn ich nichts haͤtte, was mich amuͤſirt, ſo bitte ich Sie, mein beſter Doctor, doch gefaͤlligſt wiederzukommen, um genau da anzufangen, wo Sie aufhoͤrten, als ich den Kalender hervorzog. „Wenn Sie Katholik waͤren, ſo wuͤrden Sie jetzt ganz ſicher ein Zeichen des Kreuzes machen— und wer weiß, ob Sie es nicht auf alle Faͤlle thun, wenn auch nicht mit der Hand, doch mit dem Herzen! „Aber beruhigen Sie ſich, mein Freund, ich bin kein ſo entſetzlicher Daͤmon, als Sie glauben. „Waͤre ich zur Hofdame und zu der Zeit geboren worden, wo Intriguen mit Vortheil geſpielt wurden, ſo waͤre ich ohne Zweifel ein ſehr gutes Subject geworden; aber jetzt bleibt mir nichts uͤbrig, als ein wenig zu meinem eigenen Vergnuͤgen zu intriguiren... gleich⸗ wohl ohne alle Gefahr— das in Parentheſe. „Bedenken Sie, daß eine Parentheſe oft weit mehr zu bedeuten hat, als ein ganzer Brief und be⸗ denken Sie vor allen Dingen, daß unſere Zaͤrtlichkeit eben ſo platoniſch iſt, wie Pauls und Virginiens! Lilig.“ Wir brauchen wohl nicht erſt zu ſagen, daß Ar⸗ gin Gerücht. II. 4 50 nold dieſen Brief mit Verachtung und Abſcheu von ſich ſchleuderte. Dieſes Umſtandes kann man ungefaͤhr eben ſo ſicher ſein, wie deſſen, daß der Brief nach gehoͤriger Zeit wieder aufgehoben ward. Drei Tage vergingen. Drei Tage, deren Kaͤmpfe zu allgemein und prak⸗ tiſch bekannt ſind, um einer Schilderung zu beduͤrfen und ebenſo wenig bedarf es einer Schilderung in Be⸗ zug auf den Ausgang des Kampfes. Die Liebe zu einem reinen und edlen Weibe wuͤrde weit leichter zu bekaͤmpfen geweſen ſein, aber die Lei⸗ denſchaft fuͤr ein ſolches Weib, wie dieſes, welches die⸗ ſen von brennendem Gift erfuͤllten Brief geſchrieben, war nicht ſo leicht zu unterdruͤcken. Alſo, am Morgen des vierten Tages hielt Doc⸗ tor Warvners Schlitten abermals auf dem Hofe von Ribyhus. Und von da an hielt er regelmaͤßig ein paar Wochen lang jeden Tag hier. Nach Verlauf dieſer Zeit kam er eines Abends in voller Verzweiflung nach Hauſe. Die ganze Nacht ging er auf und ab, von einer Bewegung bemeiſtert, die nichts verſcheuchen konnte. Unter den abgeriſſenen Worten, die er ausſtieß, kamen mehrmals:„Daͤmon... Delila... verfuͤhreriſche Circe!“ vor. Am Morgen darauf erhielt er ein neues Billet, welche den e Zeit e zweifl. daß u einfoͤrt mals lich n hehlt einer Sie d ſeinem gen; Schick mir n entgege werden meines durch Ende. u von ben ſo er Zeit d prak⸗ eduͤrfen in Be⸗ wuͤrde die Lei⸗ hes die⸗ hrieben, lt Doc⸗ ofe von ein paar hends in on einer konnte. kamen hreriſche Billet, 51 welches, wie unerwartet es auch ſchien, ihm gleichwohl den erſten Hauch von Ruhe brachte, den er ſeit langer Zeit empfunden. Das Billet lautete: „Ich hoffe, mein Freund, daß Sie nicht vor Ver⸗ zweiflung ſterben werden, wenn ich Ihnen erklaͤre, daß unſer kleiner Roman nun zu Ende iſt. „Sie wurden wirklich in der letzten Zeit etwas einfoͤrmig, mit Ausnahme von geſtern Abend, wo aber⸗ mals die Variation, we lche Sie darboten, Sie laͤcher⸗ lich machte, was ich, wie Sie wiſſen, auch nicht ver⸗ hehlt habe. Berze hen Sie mir, wenn ich zu boshaft war! „Ein Mann, lieber Doctor, der ſich der Gunſt einer Frau verſichern will, muß immer— bedenken Sie das wohl— damit anfangen, daß er ſie allmaͤlig ſeinem Willen unterthäͤnig macht. „Hierin iſt Ihnen auch nicht das Geringſte gelun⸗ gen; aber ich klage nicht Sie an, ſondern nur mein Schickſal, welches ſich vorgenommen zu haben ſcheint, mir nur ſolche Exemplare des maͤnnlichen Geſchlechts entgegenzuſtellen, welche geboren ſind, um beherrſcht zu werden, anſtatt zu beherrſchen. „»Ich habe mir vorgenommen, bis zur Ruͤckkehr meines theuren Philipps, eine Reiſe zu machen. Hier⸗ durch erreichen Ihre Beſuche auf natuͤrliche Weiſe ein Ende. „Fragen Sie nicht, wohin ich reiſe. Zu den Dienſt⸗ 4* 52 leuten habe ich geſagt, nach Holland, aber dahin gehe ich nicht. Die Kinder nehme ich mit. „Somit leben Sie wohl, mein guter Doctor! Hegen Sie keinen Groll gegen mich und kuriren Sie ſich vor allen Dingen von dieſer unregelmaͤßigen Lei⸗ denſchaft, welche Ihren von der Natur ſo ruhigen und regelmaͤßigen Geſichtszuͤgen durchaus nicht wohl anſteht! Ihre ergebenſte Lilia.« Wir haben erwaͤhnt, daß dieſes Billet Arnold einen Hauch der Ruhe empfinden ließ. Und ſo groß war ſein Beduͤrfniß in dieſer Be⸗ ziehung, daß er alles das uͤberſah, was unter andern Umſtaͤnden ihn vor Wuth zu erſticken gedroht haben wuͤrde. — Er ſchoͤpfte Athem; er fuͤhlte, daß er dem Ab⸗ grunde gerade in dem Augenblicke entronnen war, wo er im Begriff ſtand, davon verſchlungen zu werden. e gefolg gerath ſeiner beinah daß er laſſen, dieſelbe „Tyra 0 ſie ihn eins einen Bande n gehe Doctor! en Sie en Lei⸗ en und anſteht! . Arnold ſer Be⸗ andern t haben em Ab⸗ var, wo den. 20. Eine geheimnißvolle Scene. Waͤhrend der Zeit, wo wir der Intrigue der Frau gefolgt ſind, war die des Mannes nicht ins Stocken gerathen. Im Gegentheile hatte er ſich nun in das Netz ſeiner Unbekannten ſo eingeſponnen, daß er nach einem beinahe dreimonatlichen Briefwechſel dahin gebracht war, daß er ihr ſchwur, er werde Stockholm nicht eher ver⸗ laſſen, als bis ſie eingewilligt, ihn zu ſehen. Aber allemal ſchuͤtzte dieſe geheimnißvolle Dame dieſelbe Entſchuldigung vor: die verzoͤgerte Reiſe ihres „Tyrannen“. Zum Erſatz fuͤr ihre perſoͤnliche Geſellſchaft ſchickte ſie ihm inzwiſchen kleine Hefte, worin ſie ſeine Gedichte eins nach dem andern recenſirte und ihm ſchließlich einen Wink gab, das Manuſcript zu dem naͤchſten Bande vor dem Druck ins Fegefeuer zu nehmen. 5 54 . Philipp beeilte ſich ſofort, ihr das ganze Gebuͤn⸗ del zuzuſchicken, wovon wenigſtens die eine Haͤlfte die⸗ ſer ſeiner neuen Egeria gewidmet war. Verſteht ſich Alles aber unter verſchiedenen Ueber⸗ ſchriften: „Anima's Augen. Anima nach dem erſten Briefchen. dern Briefchen“ u. ſ. w. Philipp brannte nun vor Begierde, das Urtheil ſeiner Egeria zu erfahren. Es kam und er kniete in der Einbildung vor dieſer unſichtbaren Gottheit nieder, welche ſeinen Ge⸗ danken, ſeinen Worten eine neue Form gab, indem ſie hier etwas ausſtrich, dort etwas zuſetzte. Gewiſſe Piecen waren beinahe umgeſchrieben, aber gleichwohl auf eine Weiſe, daß Philipp ſie ſelbſt ge⸗ ſchrieben zu haben glaubte, ſo vollkommen waren ſie nach dem aufgefaßt, was er ſich gedacht, aber nicht auszufuͤhren vermocht hatte. Er zweifelte nicht im mindeſten an dem Auf⸗ ſehen, welches er das naͤchſte Mal erregen wuͤrde— und wem hatte er es zu danken, wenn nicht ſeiner Un⸗ bekannten? Waͤhrend dieſer ganzen Zeit fuhr er gleichwohl fort, an ſeine Frau die zaͤrtlichſten Briefe zu ſchreiben, worin er fortwaͤhrend von ſeiner Sehnſucht ſprach. Aber obſchon er wirklich ſich nach Lilia ſehnte, .. Anima's Locken... An .. Nach dem aͤn⸗ Hebuͤn⸗ fte die⸗ Ueber⸗ . An em an⸗ Urtheil ng vor en Ge⸗ dem ſie en, aber ellbſt ge⸗ aren ſie rnicht n Auf⸗ uͤrde— ner Un⸗ eichwohl chreiben, ich. 1 ſehnte, ſo ſehnte er ſich doch noch mehr nach Anima. Und mit einem Worte— er mußte die Abreiſe ihres Mannes abwarten. Endlich— o Wonne— kam ein ganz kleines Billet, in fliegender Eile geſchrieben: „Morgen reiſ't er! „Ich werde auf ein Mittel denken, um, dafern es moͤglich iſt, Ihren Wunſch zu erfuͤllen. Doch mit dem Vorbehalt, daß Sie jede Bedingung eingehen, die ich an dieſes Wagſtuͤck knuͤpfe!“ Philipps Antwort enthielt blos die folgenden Worte: „Ich mache mich verbindlich, alle Bedingungen— ohne Ausnahme zu erfuͤllen!“ Darauf kam ein neuer Brief, der blos das Wort „Gut“ enthielt— und dann war wieder ein paar Tage Alles ruhig. Inzwiſchen konnte Philipp ſich denken, daß ſeine unſichtbare Schutzgoͤttin ihm jetzt naͤher ſein mußte, denn die Correſpondenz hatte jetzt einen Wind in die Segel bekommen, der mit der unertraͤglichen Windſtille, die ſie fruͤher aufgehalten, gar nicht zu vergleichen war. Aus einer Beſorgniß, Zeit und Stunde zu ver⸗ ſaͤumen, wagte er kaum ſeine Wohnung zu verlaſſen und ließ ſich vor Allen verleugnen, bis auf Madame Malmelin, welche fortwaͤhrend mit dem Poſtillonsamte beauftragt war. 56 Endlich erreichte ſeine bange Erwartung ihr Ende. Das Erſehnte kam... es kam in einer Schale, welche ihn ſeine Hoffnungen bis zu der Grenze er⸗ ſtrecken ließ, wo der Dichter und der Ehemann geſchie⸗ den werden mußten. Es iſt jedoch ungewiß, ob es nur die Augen und die Seele des Dichters waren, welche folgende Zeilen uͤberflogen: „Anima gruͤßt Alexis und verkuͤndet ihm, daß ſeine Macht ſtaͤrker iſt, als jemals. „Anima hat uͤber ihre Schwachheit geweint. „Sie iſt auf einige Tage frei. Sie kann thun, was ſie will, aber ihr Wille iſt wie ein ſchwaches Rohr in Alexis' ſtarker Hand... ſoll ſie da nicht weinen! „Ja, er iſt fort, den ich fuͤrchte. Aber da ich auch meinerſeits Mißtrauen hegen gelernt habe, ſo denke ich mir, daß er vielleicht nicht ſo lange wegbleiben wird und daß ich vielleicht von allen Seiten bewacht werde. „Sie daher zu Hauſe bei mir zu empfangen, iſt ganz unmoͤglich. „Wo koͤnnen wir uns da treffen? Es iſt mir ein Mittel eingefallen— das einzige. „Maskenintriguen ſind bei uns ganz und gar außer Gebrauch gekommen. Keine ſolide Dame— ſagt man, kann jetzt, ohne ſich bloszuſtellen, Masken⸗ baͤlle beſuchen. drei in d aber ſuche ten, zuwe zunel werde mehr daß S wohin koͤnnen nicht halten 7 daß ſie ſentem Anima 27 3 Ende. Schale, aze er⸗ geſchie⸗ en und Zeilen u, daß 1 thun, waches a nicht da ich abe, ſo en wird verde. gen, iſt mir ein nd gar me— Nasken⸗ 57 „»Morgen werde ich gleichwohl wagen, mich auf drei oder vier Minuten auf dem letzten einzufinden, der in dieſer Saiſon gehalten wird. „Halten Sie ſich Schlagelf Uhr, mit Geſichtsmaske, aber ohne Domino, in dem aͤußern Saale auf! „Suchen Sie nicht... ich bin es, die Sie auf⸗ ſuchen wird und Sie haben weiter nichts zu beybach⸗ ten, als bei Ihrem Eintritt ſich nach der Thuͤr herum⸗ zuwenden und auf einen Augenblick die Maske ab⸗ zunehmen. „Eines Erkennungszeichens bedarf es nicht. Ich werde Sie ſchon zu uͤberzeugen wiſſen, daß es nicht mehr giebt als eine Anima.“ „N. S. Ich uͤberlaſſe Ihnen, dafuͤr zu ſorgen, daß Sie mich, nachdem wir uns getroffen haben, irgend⸗ wohin fuͤhren, wo wir ungeſtoͤrt mit einander ſprechen koͤnnen;z denn um Alles in der Welt moͤchte ich mich nicht eine Viertelſtunde an dem bezeichneten Platze auf⸗ halten oder mich in das Gewuͤhl hineinwagen. „Anima, die feſt auf Alexis' Ehre baut, ſagt ihm, daß ſie nicht zuͤrnen wuͤrde, wenn er ſie in ſeinem Mu⸗ ſentempel, jenes kleine Dachſtuͤbchen, fuͤhrte, von welchem Anima oft getraͤumt hat. „Noch eins, das Allerweſentlichſte: „Ich werde die Maske nicht ablegen. Bei dem 58 erſten Verſuch, den Alexis macht, mein Erroͤthen zu ſehen, entfliehe ich auf immer. „Ich geſtehe aufrichtig, daß nur der Schutz der Maske mich mich ſo dreiſt macht, der Macht der oͤffent⸗ lichen Meinung und der Gewohnheit zu trotzen. Die Wohnung vier Treppen hoch auf Suͤder⸗ malm erfuhr ſchnell einige zum Empfange eines ſolchen Gaſtes nothwendige Veraͤnderungen. Und ſo ſchrecklich ward Philipp von ſeinem Eifer in Bezug auf Saͤuberung des Dachſtuͤbchens in An⸗ ſpruch genommen, daß er, ſonderbar genug, nicht die mindeſte Unruhe fuͤhlte, als auch heute, am vierten Poſttage, Briefe von ſeiner Frau ausblieben. Der arme Poet war ganz wirr im Kopfe und dieſe Verwirrung nahm immer mehr zu, ſowie die Zeit der Zuſammenkunft herannahte. Waͤhrend der letzten Stunden hatte er ein ordent⸗ liches Fieber.— Es iſt wahrſcheinlich aͤberfluͤſſig, zu erwaͤhnen, daß er ſich lange, bevor es noͤthig war, vor dem Kirſtein⸗ ſchen Hauſe befand, ſo wie, daß er, an dem beſtimmten Platze angelangt, zudringlich alle Masken angaffte, wobei er eben ſo oft ſeine eigene luͤftete. Ungluͤcklicherweiſe wußte er nicht, ob ſeine Unbe⸗ kann und weiß am forſch Jem er n. Kopf der e eine Man koͤnne Teufe er hie gen. will n Papie Schein hen zu zuutz der oͤffent⸗ Suͤder⸗ ſolchen n Eifer in An⸗ nicht die vierten pfe und die Zeit ordent⸗ nen, daß Kirſtein'⸗ ſtimmten angaffte, ine Unbe⸗ 59 kannte von hohem und ſtattlichem oder von kleinem und aͤtheriſchem Wuchſe war. Er war, wie man weiß, ſehr fuͤr den letzteren eingenommen und ſah daher am meiſten und ſchaͤrfſten nach den kleinen Damen. Als er noch ſo daſtand und nach ſeiner Schoͤnen forſchte und ſich hin⸗ und herſtoßen ließ, zupfte ihn Jemand am Aermel und als er ſich herumdrehte, ſah er neben ſich einen Domino, der ungefaͤhr einen halben Kopf groͤßer war, als er ſelbſt. „Was beliebt?“ fragte Philipp in einem Tone, der eben nicht freundlich klang. „Animal“ murmelte der lange Domino und legte eine Hand, kraftvoll, wie die eines als Weib verkleideten Mannes, auf ſeine Schultern. „Anima,“— murmelte ſeinerſeits Philipp;„Sie koͤnnen es doch nicht ſein... oder... hat mich der Teufel ſo angefuͤhrt!“ wollte er eben hinzuſetzen, aber er hielt noch Zeit genug inne. „Ich habe nicht geſagt, daß ich es bin— fol⸗ gen Sie mir nur.“ „Nicht von der Stelle... die, welche ich erwarte, will mich eben hier erkennen.“ „Still doch, das iſt ja ſchon geſchehen.“ In demſelben Augenblicke fuͤhlte er einen kleinen Papierſtreifen ſich in ſeine Hand ſchieben. Philipp that einen Schritt vorwaͤrts und beim Scheine des ſtrahlenden Kronleuchters las er die drei, 60 mit Bleiſtift, aber in bekannter Handſchrift geſchriebe⸗ nen Worte: „Kommen Sie, Alexis.“ „Ich bin bereit,“ ſagte Philipp in ganz veraͤnder⸗ tem Ton. Und hiermit folgte er unwillkuͤrlich ſeiner Fuͤh⸗ rerin, welche hinausging und ſich ſchnell durch die Gaͤnge Bahn brach.— Erſt unten auf der Straße blieb man ſtehen. „Wohin gehen wir nun?“ fragte Philipp ver⸗ wundert....„Mein Wagen wartet.“ Ohne zu antworten, trat der lange Domino raſch auf einen andern Wagen zu, der in der Naͤhe hielt. Ein unbeſchreiblich herrlicher Mondſchein erleuch⸗ tete den ganzen belebten Platz, wo Wagen und Fuß⸗ gaͤnger ſich durcheinander draͤngten. Aber Philipp bemerkte nicht, wie der Mond ſeinen Schein auf die phantaſtiſchen Gegenſtaͤnde warf, die noch phantaſtiſcher wurden, je naͤher ſie dem Bereiche der brillanten Beleuchtung ſtanden— blos ein einziger Gegenſtand ſchwebte vor ſeinem Blick, naͤmlich ein gruͤ⸗ ner Wagen, deſſen Thuͤr von dem Kutſcher geoͤffnet ward, welcher offenbar ſeine Inſtruction hatte. Erſt in dieſem Augenblicke flog ein Gedanke an ſeine fernweilende Gattin durch Philipps Seele. Es war gleichſam, als wenn eine Stimme ihm zufluͤſterte: Deit ganz der lipp Wag Stin zitter Woll dem zittert Sie chen uns h rufen. 6 an Fl neben 8 hriebe⸗ raͤnder⸗ Fuͤh⸗ Gaͤnge 1. p ver⸗ do raſch ielt. erleuch⸗ ĩd Fuß⸗ d ſeinen arf, die Bereiche einziger ein gruͤ⸗ geoͤffnet danke an nme ihm 61 „Fliehe, Ungluͤcklicher! Dieſer Wagen ſchließt Dein Verderben ein, den Schluͤſſel zu den Leiden einer ganzen Zukunft.“ Erſchreckt durch dieſen unvermutheten Gedanken, der wie ein Blitz ſein Inneres durchzuckte, ſtand Phi⸗ lipp faſt im Begriff, fortzuſtuͤrzen. Aber in derſelben Secunde ſtreckte ſich aus dem Wagen eine kleine, beſchuhete Hand hervor und eine Stimme, die bis in die Tiefe ſeines Herzens hinein zitterte, fluͤſterte: „Alexis!“ Das Bild der Gattin entwich ſofort in einer Wolke. Der Poet ergriff die Hand ſeiner Muſe und bei dem Gefuͤhl der Waͤrme und des Bebens dieſer Hand zitterte auch die ſeine. „Wenn Sie einen Wagen hier haben, ſo laſſen Sie mich ſchnell den Platz wechſeln!... Still, ſpre⸗ chen Sie nicht eher, als bis wir dieſe Umgebung hinter uns haben.“ Philipp flog fort, um ſeinen Kutſcher herbeizu⸗ rufen. Jetzt hatte er auch nicht einmal einen Gedanken an Flucht. Nach einigen Augenblicken hielten die Wagen dicht neben einander. Die Thuͤren oͤffneten ſich und mit athemloſer 62 Neugierde ſah Philipp— der auf ein Zeichen zuruͤckge⸗ treten war— eine kleine, jugendliche Geſtalt, in Pelz⸗ werk eingehuͤllt, gleich einem ſcheuen Vogel, aus dem einen Wagen in den andern hinuͤberhuͤpfen. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß Philipp eben ſo ſchnell nachſprang. Nun ſaß er an der Seite ſeiner anonymen Gottheit. Die Thuͤr ward wieder zugeſchlagen und der Wa⸗ gen rollte fort. Philij . und d gen L. ſich in er ſei mußte, Theil! 3 nach de T Anſicht huͤllte i penlaub uͤckge⸗ Pelz⸗ 3 dem ben ſo tttheit. Wa⸗ 21. Die Zuſammentzunft. Ganz gewiß verfloſſen volle fuͤnf Minuten, bevor Philipp(der ſich uͤber ſein Abenteuer ganz verwirrt und durch die ausgeſuchten Parfuͤms, welche den en⸗ gen Luftkreis ausfuͤllten, etwas betaͤubt fuͤhlte) anfing, ſich in der Welt des Wagens zu orientiren. Zuerſt fand er, daß er ſich ſo geſetzt hatte, daß er ſeiner maskirten Begleiterin beſchwerlich fallen mußte, deren faltenreicher, ſchwarzer Seidenmantel zum Theil unter ſeinen Carbonaro gekommen war. Die Beſeitigung dieſer kleinen Colliſion ward dem⸗ nach das erſte Zeichen ſeiner zuruͤckkehrenden Faſſung. Die unbekannte Dame theilte ohne Zweifel ſeine Anſicht— ſie zog ihren Mantel heftig an ſich und huͤllte ihn dicht um ihre luftige Geſtalt. Philipp bemerkte, daß ſie zitterte, wie ein Es⸗ penlaub. 64 Wahrſcheinlich bereute ſie ſchon ihren verwegenen Schritt. Und ſein Zartgefuͤhl gab ihm jetzt ein, was er gleich zuerſt haͤtte ſagen ſollen. „Geehrte Frau,“ ſagte er in dem ehrerbietigſten Ton,„ich glaube, Ihre Gefuͤhle zu ahnen... be⸗ fehlen Sie, und ich trete von dem Gluͤck zuruͤck, das mir verheißen worden.“ „Sie verſtehen mich nicht!“ antwortete die melo⸗ diſche Stimme, welche ſchon ſein Herz in Beben ver⸗ ſetzt hatte...„Sie glauben, daß ich bereue, nicht wahr?“ „Ich fuͤrchte es.“ „Und ich, wiſſen Sie, was ich bei dieſer ſeltſamen Zuſammenkunft fuͤrchte?“ „Nein, geehrte Frau, aber im Fall ich es wuͤßte, und es kaͤme auf mich an, ſo ſollten Sie nichts mehr fuͤrchten.“ „Sieh da, das iſt eine Antwort, die eine Frau bewegen kann, ſich ihre eigenen Verirrungen zu ver⸗ zeihen! Nun wohl, ich fuͤrchtete, daß Sie, Alexis, Sie ſelbſt, bereuen wuͤrden, um das gebeten zu haben, was Ihnen nun bewilligt worden.“ „Ich* „Warum wollen Sie leugnen?“ „Aber ich betheure..*† 1 „Iſt es denn ſo erniedrigend, Gefuͤhle der... Oer..20 Herr vorhel befind ziehen darin Stund ſchadel * zu bef vor Se meines 7 Ein C oegenen 1, was hetigſten ... be⸗ ck, das e melo⸗ ben ver⸗ ne, nicht eltſamen 3 wuͤßte, ts mehr ne Frau zu ver⸗ ris, Sie den, was 65 „.. Ehre zu haben?“ „»Bei Gott, ich verſtehe nicht ein Wort! „»Nun, ſind Sie denn nicht verheirathet, mein Herr?* Philipp ſchwieg. 3 „Sehen Sie!“ „Ich ſehe nichts Anderes, als was wir ſchon vorher wußten. Wir ſind beide vermaͤhlt und gleichwohl befinden wir uns jetzt hier.“ „Mein Gott, was fuͤr raſche Schluͤſſe Sie doch ziehen.“ „Das iſt allemal das Beſte.“ „„In gewiſſen Faͤllen, ja.“ „»Wie zum Beiſpiel dieſen: Was kann Boͤſes darin liegen, wenn der Dichter und ſeine Muſe eine Stunde mit einander ſprechen?“ „Nein, das iſt wahr, das kann Niemandem etwas ſchaden.“ „Gewiß nicht— eine Freundſchaft, heilig wie... „... wie die Flamme in Veſta's Tempel... „... keuſch und erhaben, wie der Mond ſelbſt...* „Ja, ja, Sie haben recht, Alexis, die kann ni zu befuͤrchten haben. Nichtsdeſtoweniger wuͤrde ich vor Schrecken ſterben, wenn ich auf einmal die Stimme meines Mannes hoͤrte oder ſeinen Blick ſähe.“ „Und ich wuͤrde nicht weniger betroffen ſein, wenn Ein Gerücht. II. 55 66 der Blick meiner Gattin hier herein draͤnge. Die Frauen ſind ſo vorurtheilsvoll. Und wie unſchuldig auch dieſe Zuſammenkunft iſt...“ „Still, um's Himmels willen, es war mir, als hoͤrte ich Jemand an dem Schloſſe des Wagenſchlages ruͤtteln, oder als ob man die Pferde aufhalten wollte .o Alexis, Sie wiſſen nicht, wie eiferſuͤchtig mein Mann iſt!“ „Und erſt meine Frau!“ „Ach, Ihr Maͤnner, fuͤr Euch iſt das nichts.“ „Nichts 2* „Ja, denn ich bin uͤberzeugt, daß, wie unſchuldig Sie auch ſo eben ausſahen, dies doch nicht das erſte Mal iſt, wo Sie ſie hintergehen.“ „Ach was!“ antwortete Philipp in einem Tone unverſchaͤmter Beſcheidenheit, den die Maͤnner allemal annehmen, wenn ſie durchblicken laſſen wollen, daß ſie mehr Siege gewonnen, als irgend Jemand vermuthet. Der bethoͤrte Philipp glaubte, ſeine Lage erfordere eine kleine Prahlerei auf Koſten der Wahrheit. Wie haͤtte er den Muth haben ſollen, ein ehrliches Nein zu ſagen! Der beinahe krampfhafte Haͤndedruck ſeiner ge⸗ heimnißvollen Dame belohnte ihn auch reichlich fuͤr ſein halbes Vertrauen. „Entzuͤckende Anima, beruhigen Sie ſich, ich be⸗ ſchwoͤre Sie, nicht durch uͤbertriebene, gewiß ganz uͤber⸗ fluͤſſic ſtoͤren genan Sie h himmt erwieſe die Fo Sie u⸗ genug 8 — ward v J dendes der De einzige P. ihre Ma Beleuch Ke . Die ſchuldig nir, als ſchlages mwollte erſuͤchtig nichts.“ ſchuldig das erſte m Tone allemal daß ſie rmuthet. erfordere t. Wie s Nein iner ge⸗ fuͤr ſein jich be⸗ nz uͤber⸗ 67 fluͤſige Furcht, die Seligkeit dieſes Augenblicks zu ſtoͤren!“ Anima ſtieß einen Seufzer aus, der herzzerreißend genannt werden konnte. Philipp hoͤrte ſie ein Schluchzen unterdruͤcken. „Mein Gott, Sie ſind betruͤbt, Sie leiden... Sie haben alſo nicht verziehen, daß ich nicht mit der himmliſchen Guͤte zufrieden war, die Sie mir ſchon erwieſen?“ „Nein, beunruhigen Sie ſich nicht, es war blos die Folge der ewigen Angſt, in der ich lebe. Laſſen Sie uns nicht weiter davon ſprechen! Morgen iſt noch genug Zeit zur Reue, denn dann. 4 Das letzte Wort, welches ſie ganz leiſe ſprach, ward von dem Geraͤuſch uͤbertaͤubt, als der Wagen hielt. In dem Stuͤbchen des Dichters loderte ein einla⸗ dendes Feuer, welches neben dem Scheine einer von der Decke herabhaͤngenden, weißen Porzellainlampe die einzige Beleuchtung des Zimmers ausmachte. Philipp hatte eingeſehen, daß einer Dame, welche ihre Maske beizubehalten wuͤnſchte, an einer allzuhellen Beleuchtung nicht viel gelegen ſein wuͤrde. Kein menſchliches Weſen war ſichtbar, aber ein Tiſch mit Erfriſchungen verrieth einen ordnenden Geiſt. Nachdem Philipp ſeinem geheimnißvollen Gaſt 5* 68 Ueberſchuhe und Mantel ablegen helfen, fand er die ſchwarzſeidenen ſchoͤne Unbeka uie leider noch in einen huͤllt, der all ſeiner Neugierde trotzte. Domino eingeht lich ſah, n war än heruli Das Ch was er deutl cher Fuß und eine Hand, die ſelb dig 1* ſein ſchien, einen Bildhauer in Entzüͤcken d ſ zußerſt elegante Figur, die Augen fallenden Anmuth zen falle trug. Aber das Verdrießli einen dunkeln Ran h ſ eß, noch uͤberdies auf das neidiſchſte durin die leichte Ka⸗ wurden. hatte ſchon den iten Wirth geſpielt und ritterlich ſein Wort gehalken ſich nicht umzuſehen waͤhrend Anima, ihre ſchwarze Sammetmaske luftend eine Taſſe Thee trank. ili bas hatte einige Glas Champagner hin⸗ ecer puze v er in der dunkelſten Daͤmmerung m niedrigen Sopha neben dieſem gleichz zeitig kaunte und nicht kannte. die verhaßte Augenpaaraè⸗ rwirrung geſetzt des urmues auf Naͤthſel, welch flehete gen Feuer beſtändig. Sie mich nicht ſo! Ich habe mit ſelbſt zeigen nicht den f 1 woͤhn Schoͤ werde Anbet huͤllt nen 2 das eine 1 wir un mehr gehoͤrt er die eidenen te. herrli⸗ ) wuͤr⸗ ken zu ur, die Inmuth opf nur ieß, die yte Ka⸗ geſpielt zuſehen, luͤftend, ner hin⸗ amerung n dieſem t kannte. verhaßte enpaarsè, ig geſebt habe mit 69 ſelbſt geſchworen, Ihnen nicht, mein Angeſicht zu zeigen.“ „Aber warum, warum nicht? Ich habe noch nicht einen einzigen, vernuͤnftigen Grund ſtr geh hoͤrt.: „Ich will nicht, daß Alexis' Gefuͤhl den fluͤchtigen Taum nel entheiligt werde, der einer ge⸗ woͤhnlichen Liebesgluth eigen iſt.“ „Reden Sie nic cht von Entheiligung! Kann die Schoͤnheit, die himmliſche, durch das Auge entweiht werden, welches ſie anbetet, oder... kann der Anbeter ſelbſt dadurch entheiligt werden, daß er unver⸗ huͤllt das Antlitz ſchaut, welches jeden Tag ſich in ſei⸗ nen Traͤumen zeigt?“ „Aber dieſe S ich erſchrecke... iſt das nicht die der winen Freu ndſchaft?... Ich fuͤhle eine Unruhe... ich weiß nicht.. großer Gott, wenn wir uns geirrt haͤtten, wem 3 2 „Was, was?... Ach, Anima, ſprechen Sie e— ie, ſelbſt dieſe habe ich im Traume hn ſone en, welche viel zan einander denken,— unerklaͤr⸗ liche Anſchauungen 8 aben... ich habe ja mehrere Jahre lang an Alexis gedacht.“ „Und ich, ich ahnete blos die Exiſtenz eines ſol⸗ 70 chen Weſen. Aber nun, da die Wirklichkeit mir nahe ſteht... da, hartherzige Anima. „Aber bedenken Sie, o bedenken Sie, Alexis, daß wir Beide jung ſind, vor Allem bedenken Sie, daß wir gebunden ſind— glauben Sie mir, es iſt am Be⸗ ſten ſo, wie es iſt.“ „Und ich ſoll alſo niemals erfahren, wem ich fuͤr die hoͤchſten Genuͤſſe meines Lebens zu danken habe? Niemals, niemals, ich ſchwoͤre es, habe ich eine ſo große Schuld der Dankbarkeit empfunden.“ „Wirklich?“ antwortete Anima undeutlich,„man hat mir gleichwohl geſagt, daß Sie bereits* „Daß ich bereits ein unverdientes Gluͤck beſitze, nicht wahr? Das iſt richtig, aber Niemand kennt die Dornen, die ſich unter den Roſen meines Gluͤckes verbergen.“ „Ha, es ſind alſo Dornen vorhanden?“ „Das Gluͤck, welches ich am hoͤchſten ſchaͤtze, ein theilnehmendes, ein mit mir harmonirendes Gemuͤth, dieſes entbehre ich.“ „Alexis, Alexis!“ „Hoͤren Sie mich an! ſich in eine andere Seele auszugießen meine Gattin, die ich anbetete, ſtieß mich zuruͤck. Sie ver⸗ achtete das dichteriſche Feuer, welches in mir gluͤhete, weil es nicht das Hoͤchſte hervorbringen konnte. Sie Meine Seele begehrte verhoͤhnte mein Dichtertalent, ſie ſchlief bei den Verſen ein, habe ſanft denn Eige Gatt len u ahne viellei hat ſi allezei mich Wesh Ihres ſten C verreiſ⸗ r nahe 6 Alexis, ie, daß m Be⸗ ich fuͤr habe? eine ſo „man beſitz, unt die Gluͤckes ſchaͤtze, zemuͤth, begehrte meine Sie ver⸗ gluͤhete, . Sie Verſen 71 ein, bei welchen Sie, Anima, theilnehmend verweilt haben und anſtatt mir einen freundlichen Rath, eine ſanfte Zurechtweiſung zu geben, was ſie gekonnt haͤtte, eenn ſie beſitzt Geiſt, verſetzte ſie meiner beſcheidenen Eigenliebe, die doch auf alle Faͤlle die Eigenliebe ihres Gatten war, Wunde auf Wunde.“ „»Nun wohl, Alexis, dieſe Wunden— wir wol⸗ len uns blos an dieſe halten, ſind ja nun geheilt. Ich ahne eine beſſere Zukunft fuͤr Sie. Mein Geiſt, der vielleicht auch etwas von dem zuͤndenden Funken beſitzt, hat ſich mit dem Ihrigen verſchmolzen und doch iſt er allezeit neu. Denn Sie ſind es, der mich belebt, der mich leben gelehrt hat, Alexis.“ „Ach, wie goͤttlich Sie ſind, wenn Sie ſo ſprechen. Weshalb wollen Sie dann das Opfer der Dankbarkeit Ihres Schuͤtzlings verſchmaͤhen, das Opfer ſeiner edel⸗ ſten Gefuͤhle?« „Nichts weiter... ich verweile zu lange hier . die Nacht vergeht... der Wagen ſollte eigent⸗ lich ſchon wieder zuruͤck ſein.“ „O nein, nein, bringen Sie mich nicht in Ver⸗ zweiflung, reden Sie nicht von Trennung, reden Sie nicht vom Scheiden!“ „Aber ich habe Ihnen ja geſagt, mein Freund, daß ich nicht recht ſicher bin, ob mein Mann wirklich verreiſſt iſt... o welche Opfer bringen wir arme 72 Frauen unſeren Thorheiten! Und gleichwohl ſind mor⸗ gen dieſe Aufopferungen vergeſſen.“ 3„Weder morgen, noch jemals! Kann Anima an ihrer Macht uͤber Alexis zweifeln?“ „Beſitze ich denn eine ſolche?... Ach nein, es iſt blos die Taͤuſchung, die ſo fluͤſtert... aber, mein Gott, ich hoͤre Tritte hierherkommen. 8 uͤr vorbeiſtreiften, waren Philipp bekannt— ſie rten von einem der Hausgenoſſen her, der immer ſpaͤt nach Hauſe wankte. Aber Philipp, von Anima's Angſt berauſcht, huͤ⸗ tete ſich wohl, ihren Irrthum außzuklaͤren. Es fand keine Entfernung mehr ſtatt... das Schweigen nahm mit der Dunkelheit zu, das Feuer des Kamins war ſchon niedergebrannt. „Laſſen Sie mich gehen!“ fluͤſterte Anima.„O,⸗ Alexis, laſſen Sie mich gehen.“ „Nun, dann ſage erſt, daß Du mich liebſt, Du entzuͤckende Offenbarung aus unbekannten Himmeln gieb mir zum Abſchied dieſen Troſt, dieſe Hoff⸗ nung!“ „Und weshalb ſollte ich das?... Was kuͤm⸗ mert ſich Alexis um Anima— Alexis, der ſeine Gat⸗ lin anbetet?“ auf nicht Du, wach wach dieſe des wehe Zuſa es w ich v ma, Myſt und ren e d mor⸗ ma an ein, es mein eurerin an der — ſie immer ht, huͤ⸗ . das Feuer „O, ſt, Du immeln e Hoff⸗ s kuͤm⸗ ne Gat⸗ 73 „Denke ich wohl jetzt an ſie! Leg' Deine Hand auf mein Herz— dieſes ſchlaͤgt ja— hoͤrſt Du es nicht?... nur fuͤr Dich, Du, meine liebliche Muſe, Du, Braut meiner Phantaſie, meine Anima.“ Am Morgen nach dieſem Maskenballtraume er⸗ wachte Philipp mit ſeiner erſten Gewiſſenspein, er⸗ wachte er in Verzweiflung— und dieſe Gewiſſenspein, dieſe Verzweiflung verminderte ſich nicht, als er folgen⸗ des Billet erhielt: „Die Binde iſt von meinen Augen gefallen. O wehe, wehe, daß ich Euch nicht mehr verehren kann! „Warum beſtandet Ihr ſo eigenſinnig auf dieſer Zuſammenkunft? „Ihr habt das Ungluͤck meines Lebens bereitet und es wird auf Euch ſelbſt zuruͤckfallen. Lebt wohl ich verachte und ich verdamme Euch. Der Name Ani⸗ ma, den ich um Euretwillen getragen, war blos eine Myſtification. „Meinen rechten Namen ſollt Ihr niemals erfahren und eben ſo wenig ſollt Ihr jemals Die wiederſehen, de⸗ ren einziger Wunſch iſt, daß ſie Euch niemals geſehen.“ &☛ 0 2 2 * Die Heimtehr. Vierzehn Tage nach dem Maskenballabenteuer hielt der Wagen des Hausherrn an dem Hofthore von Ri⸗ byhus. Haus und Heerde nahete, wagen wir nicht einmal zu ſchildern. Nachdem er ſich unaufhoͤrlich einer doppelten Ver⸗ zweiflung uͤberlaſſen, bald um Lilia's, bald um Anima's willen und die nach beiden Seiten hin verbrecheriſch war, beſchloß er, zu ſeiner Gattin zu fliehen, ſeiner ein⸗ zigen, wirklichen Liebe; denn die Leidenſchaft fuͤr die ſchwarzlockige Muſe war mit ihr ſelbſt entflohen und durch ihren harten und bittern Abſchied ganz vertilat worden. 3 Es war inzwiſchen nicht Philipps Abſicht, den Mit welchen Gefuͤhlen der Ehemann ſich ſeinem in ſei einem niſ't 75 edelmuͤthigen Mann zu ſpielen, der vor ſeiner Gattin reuevoll ſeinen Fehler bekennt und um Verzeihung bittet. Nein, davon war er weit entfernt. In ſeinem leichtſinnigen Mitleiden mit ſich ſelbſt glaubte er an ſeinen eigenen Vorwuͤrfen ſchon genug zu haben, ohne ſeiner Frau noch weitere Gelegenheit geben zu muͤſſen, ihn zu verachten, zu verdammen und herabzuſetzen— im Fall ſie nicht etwa ſogar etwas noch Schlimmeres that. Seine Abſicht war dagegen auf alle moͤgliche Weiſe, die ihm zu Gebote ſtand, ſeine Gattin zu beguͤtigen und er hielt zu verſoͤhnen, die, nach ihrem langwierigen Schweigen on Ri⸗ zu urtheilen, unwillig gegen ihn geſtimmt war. „Gott ſei Dank, daß es vollkommen unmoͤglich iſt, ſeinem daß ſie das Geringſte ahnen koͤnnte!“. nal zu Dieſer Gedanke war es, mit welchem er durch das Thor fuhr und dieſer Gedanke war es, mit welchem er n Ver⸗ noch beſchaͤftigt war, als er von dem Donnerſchlage der nima's Nachricht getroffen ward, daß ſeine Frau mit den Kin⸗ ſcheriſch dern abgereiſ't ſei. eer ein⸗ Der einzige Umſtand, der eine augenblickliche Ruhe fuͤr die in ſeine Seele zuruͤckbrachte, war der, daß ſie ſchon vor en und einem Monat, alſo lange vor ſeinem Abenteuer, abge⸗ vertilge riſ't war. 8 Aber wohin war ſie? dt, den Er war feſt uͤberzeugt, daß ſie nicht auf Beſuch 76 zu den Verwandten gereiſit war, welche ſie genannt und die ſie nicht einmal perſoͤnlich kannte. „Schnell ein Pferd vor!“ So lautete der kurze Befehl. Einige Augenblicke darauf galoppirte er fort nach dem Flecken, wo Doctor Warvner ſtationirt war. „Arnold weiß Alles,“ dachte Philipp;„aber es iſt doch in der That merkwuͤrdig, daß dieſer redliche Freund mir nicht die geringſte Mittheilung gemacht hat. In der letzten Zeit hat er meine Briefe gar nicht einmal beantwortet.“ i e.. Doctor Warvner wohnte am Ende der einzigen Gaſſe des Fleckens. Er hatte von den Erben ſeines Vorgaͤngers das kleine, ſchoͤne, weiße Haus mit dem großen Garten ge⸗ miethet und vor dieſem Haus ſtand eben jetzt ein be⸗ ſpannter Wagen, welcher errathen ließ, daß der junge Be⸗ zirksarzt zu einem Krankenbeſuch fahren wollte, denn es war ſein eigener Wagen. Philipp ſtuͤrzte hinein, ohne Arnolds Burſchen Zeit zu laſſen, ſeinen Herrn zu benachrichtigen. Der Doctor war im Begriff, ſich anzukleiden, denn es war eine eilige Botſchaft, die ihn in ſeiner Einſam⸗ keit geſtoͤrt hattee. Als er im Spiegel Philipp auf der Schwelle er⸗ blickte, war er nahe daran, einen Ruf auszuſtoßen, der wah aͤhnl chen Hal⸗ wend derte gebe Farl bem ſam war Phi Dich ſame Lllig entde t und t nach es iſt Freund In einmal inzigen rs das ten ge⸗ ein be⸗ ige Be⸗ denn es zurſchen n, denn Einſam⸗ velle fer⸗ jen, der 77 wahrſcheinlich dem der freudigen Ueberraſchung nicht aͤhnlich geweſen waͤre, Aber mit Anſtrengung unterdruͤckte er jedes Anzei⸗ chen einer uͤbermaͤßigen Beſtuͤrzung und, indem er das Halstuch, welches er in der Hand hielt, von ſich warf, wendete er ſich heftig herum. Philipps eigene, ſtarke Gemuͤthsbewegung verhin⸗ derte ihn, im mindeſten Acht auf die des Freundes zu geben; ſonſt wuͤrde er ſich wohl uͤber ſeine wechſelnde Farbe, die dieſer nicht beherrſchen konnte, gewundert und bemerkt haben, daß in dem warmen Willkommen gleich⸗ ſam ein Bemuͤhen lag. Die Umarmung der Freunde war aber doch ſehr herzlich. „Wo iſt ſie, Arnold?— ſchnell, ohne Umſchweife!“ war Alles, was er zu ſagen vermochte. „Um Gottes willen, beruhige Dich, mein beſter Philipp, es iſt ja noch kein Ungluͤck geſchehen.“ „Kein Ungluͤck geſchehen, ſagſt Du? Ich frage Dich, wo ſie iſt und Du weichſt der Antwort aus.“ Es offenbarte ſich in Philipps Ton eine gewalt⸗ ſame Heftigkeit. „Sollte er etwas ahnen?“ dachte der Doctor. „Sollte er etwas ahnen?“ dachte Phit ipp.„Hat Lllia, wie gewoͤhnlich, Spione gehabt, den Briefwechſel ent deckt und Arnolo beauftragt, zu...“ 78 „Du weißt, wo meine Frau iſt, ſprich kurz und klar! Hat ſie Dir einen Auftrag gegeben?“ „Nein, bei Gott nicht.“ „Aber Du weißt doch die Urſache ihrer Abweſenheit, ... leugne nicht!“ Ein furchtbar peinliches Gefuͤhl ſchnuͤrte Arnold die Bruſt zuſammen. Aber jetzt, da Philipp in einer ſolchen Lage ſich befand, war dieſer Augenblick nicht zu einer Erklaͤrung geeignet, auch wenn der Doctor in Bezug auf ſeine Pflicht als Arzt uͤber dieſe Zeit zu verfuͤgen gewagt haͤtte. „Ihr Abſchiedsbillet,“ ſagte er nach einem augen⸗ blicklichen Schweigen,„theilte mir blos mit, daß ſie wegen Deiner verzoͤgerten Heimkunft verreiſ't ſei, bis dieſe ſtattfinden wuͤrde.“ „Stand wirklich ſo d'rin: Bis meine Ruͤckkehr ſtattfinden wuͤrde? Biſt Du deſſen ſicher?“ „Ganz beſtimmt— auf alle Faͤlle war dies der Sinn der Worte.“ „Laß mich das Billet ſehen!' Ohne weitere Antwort zu geben, ging der Doctor an ſeinen Schreibſecretair und fing an, die Papiere in verſchiedenen Schubfaͤchern durchzuſehen. Er war kein geuͤbter Schauſpieler und hatte es daher ſehr noͤthig, ſeinem Freunde den Ruͤcken zuzu⸗ drehen. ſehr habe. im 2 ſiehe aber gewiß ob D ſicht l verriet ſeine ſelbſt, wohn „* ſie nich . 2 wiſſe, habe.“ * und nheit, (rnold e ſich aͤrung ſeine ewagt augen⸗ aß ſie , bis ickkehr es der Ooctor iere in tte es zuzu⸗ 79 „Findeſt Du es denn gar nicht?“ fragte Philipp ſehr ungeduldig. „Nein, ich begreife gar nicht, wo ich es hingelegt habe.“ „Such' beſſer nach!“ „Ich bekam es gerade, als ich, ebenſo wie jetzt, im Begriff ſtand, wegzufahren.“ „Suche, ſuche!“ „Liebſter Bruder, Du mußt mir verzeihen... ſiehe es nicht fuͤr einen Mangel an Theilnahme an, aber... die Pflicht ruft und ich muß fort.“ „Und mich laͤſſeſt Du in dieſem Dunkel, dieſer Un⸗ gewißheit! Sage wenigſtens, auf Ehre und Gewiſſen, ob Du glaubſt, daß ſie zuruͤckkommt.“ Die Miene der Beſtuͤrzung, welche Arnolds Ge⸗ ſicht bei dem in dieſer Vermuthung enthaltenen Zweifel verrieth, war ſo uͤberzeugend, daß Philipp ſelbſt ohne ſeine Verſicherung uͤberzeugt war, daß Niemand, als er ſelbſt, wegen der Abreiſe ſeiner Frau den geringſten Arg⸗ wohn irgend einer Gefahr fuͤr ihn hegte. „Weshalb, in's Himmels Namen, weshalb ſollte ſie nicht wiederkommen?⸗ „Daruͤber kann ich mich jetzt nicht erklaͤren. Aber 5 mein Freund, daß ich Urſache zu Befuͤrchtungen abe.“ „Was ſagſt Du?“ 80 „Waͤhrend dieſes letzten Monats hat ſie Whrs ein einziges Mal an mich geſchrieben und. „Und?...“ wiederholte der Doctor. „Jelzt nichts mehr... komm' zu mir, ſobald Du kannſt! Ich muß mich mit Dir berathen.“ „Heute Abend bin ich bei Dir.“ „Nun, ſo lebe wohl!“ „Hier iſt etwas geſchehen, was mit der det au, die ſie mit mir geſpielt, nichts zu ſchaffen hat,“ mur⸗ melte der Doctor, als er ſich in ſeinen Wagen ſ „O, dieſes Weib, dieſes Weib— armer Philipp, i ihrem Netze haſt Du Alles zu fuͤrchten! Wer einmal in dieſem gefangen iſt...“ ſchuld Wir uͤbergehen die Berathungen zund Nachfot⸗ zu thu ſchungen der folgenden Tage. 3 Erſt am ſiebenten Tage nach Philipps Heimkehr das K langte der in der Einleitung erwaͤhnte Brief an. ich, da Dieſer Brief war von Lilia und enthielt Philipps. erſte Verurtheilung. Wir werden ſie im naͤchſten Kapi⸗ Weſen tel mittheilen. E ſich D Klarhe - zu gew 3„ ſuchte, ſofort Ein icht ein ſobald . ntrigue, *mur⸗ n ſetzte. ipp, in amal in Kachfor deimkehr Philipps n Kapi⸗ 23. Einer Gattin Bekenntniß und Abſchied. „Ich bin Dir Rechenſchaft ſowohl uͤber den Schritt ſchuldig, den ich gethan, als uͤber den, welchen ich noch zu thun beabſichtige. „Du findeſt ſie nachſtehend. „Von dem Augenblick an, wo ich Dich zuerſt in das Krankenzimmer meines Vaters eintreten ſah, ahnte ich, daß ich Dich lieben lernen wuͤrde. „Du hatteſt in Deinen Augen, in Deinem ganzen Weſen etwas, was mein Herz zu Dir zog. „Und waͤhrend ich that, als ob ich ſchliefe, praͤgte ſich Dein Bild Zug fuͤr Zug mit bewundernswerther Klarheit in dieſem Herzen ein, welches Du ſchon vorher zu gewinnen beauftragt warſt. „»Von Dick, den ich unterwegs auszuforſchen ſuchte, erfuhr ich den ganzen Zuſammenhang und ſah ſofort ein, daß Du keineswegs zu der Anzahl jener Ein Gerücht. II. 6 8² Abenteurer gerechnet werden konnteſt, die ſich bei den ein C Vaͤtern einniſten, um ſich ihrer Erbinnen zu verſichern. zuzuf .„Der uneigennuͤtzige, um ſeine eigene Zukunft un⸗ bekuͤmmerte, heitere Poet gefiel mir, bevor ich ihn noch Liebe geſehen. „Und als ich ihn geſehen, beſchloß ich ſogleich, Ja -. von d zu ſagen, denn Du paßteſt fuͤr meine Gemuͤthsart. ches 6„Ich ſuchte nach beſtem Vermoͤgen, Dich zu fe ſeln. Es gelang mir und wir wurden vermaͤhlt. 6 „Du weißt, wie ich ſeit dieſer Zeit war: fuͤr An⸗ fuͤr ut einen dere ein Engel, fuͤr Dich ein Quaͤlgeiſt. „Ich geſtehe dies offen. ſagen „Es gefiel mir, durch den Reiz der Sanftmuth der Welt zu gefallen, aber noch mehr gefiel es mir, hoch I unumſchraͤnkt uͤber den Einzigen zu herrſchen, den ich haͤtteſt geliebt. gang d „Deine Schwaͤche, die ich bisweilen unmaͤnnlih Thuͤr nannte, gab mir Waffen gegen Dich in die Hand. kehr ve „Und waͤhrend ich ſelbſt an den Wunden blutete, zu En die ich Dir zufuͤgte, freute ich mich, daß Deine Leiden⸗ weit n ſchaft wuchs und keine Ruhe kannte. glaubte 6„Ich war neidiſch auf Alles.. es kann ſein,„ daß der Neid zur Liebe gehoͤrt, es kunn aber auch ſein,„ daß etwas Boͤſes in meinem Weſen liegt. ahnende „Genug, ich war eiferſuͤchtig auf die Kinder, auf neuen Dick, auf Deine Gedichte ganz beſonders. Und da ich viel ver bisweilen daͤmoniſche Anfechtungen habe, ſo war es mit„ bei den erſichern. unft un⸗ ihn noch eich, Ia Sart. hh zu feſ⸗ hlt. fuͤr An⸗ anftmuth es mir, den ich maͤnnlich Hand. n blutete, ne Leiden⸗ ann ſein, nuch ſein, nder, auf nd da ich ar es mir 1. t 83 ein Genuß, Dir ſelbſt in dieſer Beziehung Schmerzen zuzufuͤgen. „Und waͤhrend allem dieſen nahm gleichwohl meine Liebe zu. Hoͤre. „Als Du zu meinen Fuͤßen ſeußzteſt, gluͤhte ich von demſelben Feuer, welches Dich verzehrte und wel⸗ ches ich Dich von der Zukunft hoffen ließ. „Aber nun giebt es keine gemeinſame Zukunft mehr fuͤr uns und deshalb empfinde ich in meinem Schmerz einen grauſamen Troſt darin, daß ich Dir dies Alles ſagen kann. „Daß ich Dir ſagen kann, was Du verloren, wie hoch Du angebetet warſt und wie berauſchend ſelig Du haͤtteſt werden koͤnnen, wenn Du nicht ſelbſt den Ein⸗ gang des herrlichen Paradieſes verſchloſſen haͤtteſt, deſſen Thuͤr fuͤr Dich ſchon offen ſtand; denn nach der Heim⸗ kehr von Deiner letzten Reiſe ſollten Deine Pruͤfungen zu Ende ſein und ich waͤre fuͤr Dich Alles und noch weit mehr geworden, was die Welt mich zu ſein glaubte. „Siehe nun, wie Du mich belohnteſt. „Ich ließ Dich an dem letzten Abend— von einer ahnenden Furcht getrieben— die Daͤmmerung einer neuen Morgenroͤthe ſchauen. Ich ſagte Dir, daß ich viel verzeihen koͤnnte— aber niemals eins. „Wohl, ich fragte nicht darnach, daß Du fortwaͤh⸗ 6* 8 84 rend mit offenen Haͤnden Geld an alle Arten von Ver⸗ gnuͤgungen verſchwendeteſt. „Ich ſuchte zu vergeſſen, daß Du nicht ſelten bei den froͤhlichen Gelagen uͤber die Grenzen der Maͤßig⸗ keit hinaus genoſſeſt und daß Du mehrmals, waͤhrend eines ſolchen abſcheulichen Zuſtandes, Dich verleiten ließeſt, die Schuldpapiere Deiner Freunde zu unter⸗ zeichnen. Ich ſuchte ſogar zu vergeſſen, daß Du in dem wechſelnden Rauſch des Geſellſchaftslebens ganz und gar Deine Geſchaͤfte vergaßeſt, die inzwiſchen blos durch die Buchhalter beſorgt wurden. „Alles vergaß ich, Alles verzieh ich. Aber als Dein Verhaͤltniß mit Anima begann de Bei dieſer niederſchmetternden Anklage ließ Phi⸗ lipp den Brief aus den Haͤnden ſinken. ) Der Taumel, der ſich ſchon ſeiner durch die Mit⸗ theilungen bemaͤchtigte, welche Lilia gemacht, ging bald in vollkommene Wuth uͤber. Anima, ſeine Verirrungen. In ſeiner ohnmaͤchtigen Raſerei klagte er ſogar Lilia an, die durch ihre daͤmo⸗ niſche Liebe ihn in dieſes Verderben geſtuͤrzt. Erſt nach einer langen Weile hatte er wieder ſo viel Beſinnung, um weiter leſen zu koͤnnen. „Aber als Dein Verhaͤltniß mit Anima begann, fing ich an zu zittern ich folgte ihm auf der Spur. Er verfluchte ſich ſelbſt, Gena⸗ dieſes Gehei bis in mit de ſchwor der El Abend Pallat prahlte tergan⸗ opfer; wendig trogen auch n liche S Bitten, andere on Ver⸗ elten bei Maͤßig⸗ waͤhrend verleiten unter⸗ Du in s ganz hen blos Eber als eß Phi⸗ die Mit⸗ ging bald ch ſelbſt, naͤchtigen re daͤmo⸗ wieder ſo begann, auf der 8⁵ „Obſchon abweſend, habe ich doch mit entſetzlicher Genauigkeit in Deinem Herzen geleſen. Wiſſe, daß dieſes Weib, von mir gewonnen und bezahlt, Deine Geheimniſſe mir verrieth... Wiſſe, daß ich Alles, bis in die kleinſte Einzelheit, von Deinem Abenteuer mit der anonymen Muſe weiß. „Es war nicht genug, daß Du Deine feierlich ge⸗ ſchworenen Eide verletzteſt, daß Du die Forderungen der Ehre und des Gewiſſens und jenen heiligen letzten Abend vergaßeſt, den ich Dir zu einem ſchuͤtzenden Palladium gegen alle Verſuchungen ſchenkte— Du prahlteſt ſogar damit, ſchon fruͤher Deine Gattin hin⸗ tergangen zu haben. „Das war ein liebliches und erquickendes Rauch⸗ opfer fuͤr ihre Nebenbuhlerin! „Was ich weiter hinzuzuſetzen habe, iſt eine noth⸗ wendige Folge des Vorſtehenden. „Mit meinem Charakter liebt man nicht, um be⸗ trogen zu werden. „Ich werde Dir niemals verzeihen und daher auch niemals auf eine Verſoͤhnung eingehen koͤnnen. „Mein feſter, unwiderruflicher Entſchluß iſt gericht⸗ liche Scheidung. „Und merke wohl, was ich ſage: Nichts, keine Bitten, keine Thraͤnen, keine Reue vermoͤgen mich auf andere Gedanken zu bringen. Meine Liebe iſt erlo⸗ 86 ſchen und ein untreuer Gatte kann ſie fuͤrwahr nicht wieder anfachen. „Ich habe meine Kinder mit auf die Reiſe ge⸗ nommen, denn ich ahnete, daß es ungluͤcklich enden und daß ich nicht ſobald, wenn uͤberhaupt je, nach Ribyhus zuruͤckkommmen wuͤrde. „ Die finanziellen Angelegenheiten, in Bezug auf unſere Scheidung, habe ich der Beſorgung meines Be⸗ vollmaͤchtigten, des Landrichters T., uͤberwieſen. Ich ſage uͤberwieſen, weil es ſchon geſchehen iſt, aber Du wirſt finden, daß ich in allen dieſen Einzelnheiten eben ſo unarteiiſch gegen Dich, als gegen unſere Kinder zu handeln geſucht habe. „Da wir Beide einen ſchimpflichen Prozeß gleich ſehr ſcheuen, ſo muͤſſen wir uns ſchon einige Verzoͤge⸗ rungen gefallen laſſen. „Ich werde mich daher ruhig fern halten und Du wirſt wohl thun, den oͤffentlichen Aufruf ſobald als moͤglich ergehen zu laſſen. Denn wie oft Du auch Dir ſelbſt wiederholen magſt, daß Du traͤumſt, daß dieſer ganze Brief ein ungeheuerliches, ſchnell voruͤber⸗ gehendes Phantaſiegebild iſt, ſo mußt Du doch endlich Dich uͤberzeugen, daß nichts weniger veraͤnderlich ſein kann, als der Entſchluß, den ich Dir jetzt verkuͤn⸗ digt habe. „Was die Kleinen betrifft, ſo bleiben ſie natuͤrlich bei mir, wenigſtens bis auf Weiteres, und ich hoffe, daß w Anſpr der M ſer Fre *. an we Beiden terſchri aller n ) Dir oh Declan Perſon ſcheiden ich ſchr in dieſen A nem hitz 5 ₰ E ein Be dem Fr anvertre rnicht eiſe ge⸗ den und tibyhus zug auf nes Be⸗ . Ich ber Du en eben Kinder ß gleich Verzoͤge⸗ und Du dald als du auch ſtt, daß voruͤber⸗ endlich lich ſein verkuͤn⸗ aatuͤrlich ih hoffe, 87 daß wir die Sache ſo einrichten koͤnnen, daß Du Deine Anſpruͤche an ſie aufgiebſt. „In ſolchen Faͤllen, wie dieſer, muͤſſen die Kinder der Mutter zufallen. Und wir koͤnnten ja auch in die⸗ ſer Frage das Gericht urtheilen laſſen. „Ich erwarte Deine Antwort durch den Landrichter, an welchen und an den Probſt— Du weißt, daß dieſe Beiden das Teſtament meines Vaters als Zeugen un⸗ terſchrieben haben— Du Dich bei der Ausfuͤhrung aller noͤthigen Formalitaͤten zu wenden haſt. „Du wirſt Dich nicht daruͤber verwundern, daß ich Dir ohne Wehmuth, ohne Aufregung und ohne alle Declamationen Lebewohl ſage. „Es iſt blos ein kaltes Lebewohl zwiſchen zwei Perſonen, die ſich in einander getaͤuſcht und in Gutem ſcheiden. „Die Kinder ſind geſund. Sie ſchlafen, waͤhrend ich ſchreibe und ahnen nicht, daß ihre betrogene Mutter in dieſem Augenblick ihrem Vater auf ewig Lebewohl ſagt. Lilig.“ Als Doctor Warvnerwiederkam, fander Philipp in ei⸗ nem hitzigen Fieber. Das Gehirnwargewaltſamangegriffen. In bitterer und tiefer Reue klagte Arnold ſich an. Er war der Meinung, der Brief von Lilia enthalte ein Bekenntniß des niedrigen Spieles, welches ſie mit dem Freunde getrieben, welchem der Mann ihre Obhut anvertraut. 8 88 Als aber der Doctor einen ruhigen Augenblick fand, dieſen Brief— den er vorſichtig aus Philipps krampfhaft geballter Hand gewunden— zu leſen, da begriff er erſt, wie ganz unbedeutend ſie die Intrigue mit ihm betrachtet, eine Intrigue, welche, buchſtaͤblich genommen, ihr nur zum Zeitvertreib gedient hatte, wenn ſie ſich nicht mit der weit groͤßern beſchaͤftigte, der ein⸗ zigen, die ihr Herz beruͤhrte, und neben dieſem ihren Stolz, ihre Eigenliebe. Je tiefer der Doctor in die dunkle Seele der jun⸗ gen Frau einzudringen ſuchte, deſto mehr verwirrte er ſich. Liebte ſie wohl Philipp in der That? War nicht das Bekenntniß dieſer Liebe mehr eine unwuͤrdige Luͤge, um das Maß der Leiden des Ungluͤcklichen vollzu⸗ machen? Und dieſe Anima, dieſes Werkzeug in Lilia's Haͤn⸗ den, war ſie wirklich ein ſolches oder war nicht ſelbſt dieſes Vorgeben erdichtet? Hatte Lilia nicht vielleicht eher durch Liſt das Verhaͤltniß dieſes Weibes zu Phi⸗ lipp ausgeforſcht? Wer konnte Lilia trauen. Hoch und theuer gelobte Arnold ſich ſelbſt, auf ewig das grauſame Andenken zu begraben, welches auch er von ihr beſaß. Er wollte nun, naͤchſt ſeinen Pflichten, nur der Wiſſenſchaft und der Freundſchaft leben. Es war nicht mehr noͤthig, Philipp etwas an⸗ zuvertrauen— der Kelch, der ihm gereicht ward, war ohned zu lei Verm ſie da Frau Aufen Knien unſeli weinte nes K Lebens daß ic fen, n meine len duͤt 7 Du n einzige handel ſchenkt 7 himm genblick hilipps ſen, da utrigue ſtaͤblich e, wenn der ein⸗ n ihren der jun⸗ er ſich. ar nicht ge Luͤge, vollzu⸗ s Haͤn⸗ ht ſelbſt vielleicht u Phi⸗ ſt, auf welches t ſeinen ndſchaft vas an⸗ d, war 89 ohnedies voll bis an den Rand. Sobald als der ungluͤckliche Gatte das Vermoͤgen, zu leiden, wiederbekam, was ſo viel heißt, als da er das Vermoͤgen, zu denken, wieder erhielt, ſchrieb er an ſeine Frau. Und in ſo demuͤthigen, ſo ruͤhrenden Worten, daß ſie das kaͤlteſte Herz— aber nicht dieſe kleine, eiſerne Frau— haͤtten erweichen koͤnnen, bat er, ihm ihren Aufenthaltsort wiſſen zu laſſen, damit er ſie auf ſeinen Knien uͤberzeugen koͤnnte, daß er nach dieſem einzigen, unſeligen Irrthum, den er mit blutigen Thraͤnen be⸗ weinte, ſie tauſendmal mehr liebte, als vorher. „Meine Lilia, meine Gattin, meine Seele, mei⸗ nes Herzens einzige und ewige Herſcherin, Du meines Lebens Licht, verlaß mich nicht! Begreifſt Du nicht, daß ich nichts weiter begehre, als Dir dienen zu duͤr⸗ fen, wie Deine Sklavin? Und wenn Du erlaubſt, daß meine Thraͤnen ein einziges Mal auf Deine Fuͤße fal⸗ len duͤrfen, ſo werde ich niemals aufhoͤren, Dich zu ſegnen! „Aber werde ich wohl damit aufhoͤren, auch wenn Du mich verſtoͤßeſt?... Ach, niemals, niemals. „Ich habe nicht einen einzigen, nein, nicht einen einzigen Vorwurf fuͤr Dich. Du hatteſt recht, ſo zu handeln, wie Du thateſt, bevor Du das Unermeßliche ſchenkteſt. „Wenn mein Gedanke wagen koͤnnte, ſich in die himmliſche Moͤglichkeit zu verſenken, daß Du noch ein⸗ 90 mal pruͤfen wollteſt... Erbarmen, Lilia, Erbarmen mit einem Verbrecher, deſſen Verbrechen ihn nur ge⸗ lehrt hat, daß es auf Erden fuͤr ihn blos eine Liebe giebt.“ Auf dieſe Herzensergießungen antwortete Lilia nicht. Sie war unbarmherzig und beſtand durch ihren Abgeſandten, den Landrichter, ſtets darauf, daß keine andere Mittheilung zwiſchen ihr und Philipp ſtattfinden moͤchte, als die, welche, der Geſchaͤfte wegen, durch eine dritte Perſon noͤthig waͤre. Endlich gelang es ſeinen eigenen und Arnolds Be⸗ muͤhungen, die Nachricht zu erhaſchen, daß ſie in die Nachbarſtadt zuruͤckgekehrt war. Nun war es, wo Philipp, an den Rand der Ver⸗ zweiflung gebracht— das kleine Billet ſchrieb, welches wir bereits kennen. Und da Arnold der Anſicht war, daß er Philipp Alles ſchuldig ſei, ſelbſt dieſe außerordent⸗ liche Ueberwindung, ſo willigte er ein, die Beſtellung dieſes Briefchens zu uͤbernehmen. Wir ſind ſchon Zeugen von Philipps herzzerrei⸗ ßender Angſt waͤhrend dieſer merkwuͤrdigen acht Stun⸗ den geweſen. Wir haben ihn Leben und Beſinnung wiederbekommen und wir haben auch Arnold, nachdem er ſeine Meldung gemacht, ohnmaͤchtig auf der Schwelle niederſinken ſehen. Wir wollen nun zu Lilia zuruͤckkehren! armen ur ge⸗ Liebe nicht. ihren keine finden ch eine s Be⸗ in die Ver⸗ velches war, ordent⸗ tellung zerrei⸗ Stun⸗ nnung nchdem chwelle JBweiies Zuch. Die Theilung. Sieh da mein Haries So⸗ die Tiefe meints TZumerzes; Nein, eilen: wir 6 if Zeit⸗ daß dieſe Kämpfe enden; Leopold. 3 Held Lebens ſelben miethe dieſes lauben und ſo berathe legt he˖ 8 gern. ſich w 2 Geſcha thigt, 1. Eine Zuſammenkunſt. Waͤhrend der angſtvollen Stunden, in denen unſer Held die Antwort abwartete, die fuͤr ihn ein Ruf des Lebens oder des Todes werden mußte, waͤhrend dieſer ſelben Stunden ſaß Lilia einſam in ihrem heimlich ge⸗ mietheten Zimmer, ſich an der Gewißheit weidend, daß dieſes Incognito ihr— ohne daß es ſo ſchiene— er⸗ lauben wuͤrde, die Ereigniſſe in der Naͤhe zu beobachten und ſo oft ſie es noͤthig haͤtte, ſich mit den Perſonen zu berathen, in deren Haͤnde ſie ihre Intereſſen niederge⸗ legt hatte. Wie man weiß, war ſie neulich von einer laͤn⸗ gern Reiſe zuruͤckgekommen und bald beabſichtigte ſie, ſich wieder auf eine neue zu begeben. Aber vor der Hand ward ſie, weniger durch die Geſchaͤfte, als durch ein aufruͤhreriſches Gefuͤhl, genoͤ⸗ thigt, in der Naͤhe des Schauplatzes ihres vierjaͤhrigen 94 Eheſtandes zu verweilen, des Schauplatzes eines Theiles der gefaͤhrlichen Experimente, welche ihre phantaſtiſche Herrſchſucht und ihr leichtſinniges Gemuͤth ausſannen. Durch ein beharrliches Syſtem von Spionage— ein Syſtem, welches ſie von Anfang ihrer Ehe an be⸗ gruͤndet und verfolgt— hatte ſie alle Handlungen ihres Mannes erfahren. Und es bedurfte blos eines geringen Theils der Kraft und des Willens dieſes kleinen, liſtigen Weſens, um den Geheimniſſen des offenherzigen und argloſen Philipp auf den Grund zu kommen. Gleichwohl und obſchon ſie einen beſoldeten Agenten hatte— einen fruͤheren Buchhalter von Ribyhus, der gegenwaͤrtig in Stockholm wohnte— welcher Philipp uͤberall auf dem Fuße folgte, ſo wußte doch ihr eigener Scharfſinn und ihre eigene Dreiſtigkeit die Luͤcken aus⸗ fuͤllen, welche ihr Agent offen zu laſſen genoͤthigt war. Und gemeiniglich irrte ſie ſich niemals. Jeder Le⸗ ſer hat ſchon errathen, daß ſie die letzten Wochen in der Hauptſtadt zugebracht, um ihre eigene Kundſchafterin zu ſein und die Entdeckungen, die ſie gemacht, hatten einen brennenden Haß gegen ihren Gatten erweckt. Sie hatte zu wohl die Schwaͤchen ſeines Charak⸗ ters berechnet, um nicht zu wiſſen, daß eine Scheidung das wirkſamſte Mittel ſein wuͤrde, ihn von der Verblen⸗ dung zuruͤckzufuͤhren, an der ſein Herz wenig Antheil hatte allein ſie ih Weit friedit das i von d reitete rechne Qual hinein gerade ſen ſi und b zur M pfaͤngl war, Syſter machte druͤcken ſöͤhnlich fuͤgte jegliche Theiles aſtiſche unnen. age— an be⸗ n ihres eils der Veſens, rgloſen lgenten 1s, der Philipp eigener en aus⸗ war. der Le⸗ in der erin zu n einen Charak⸗ heidung zerblen⸗ Antheil 95 hatte, woran dagegen die Phantaſie und die Sinne faſt allein Schuld waren. Und mit einem hoͤlliſchen Gefuͤhl der Wonne, daß ſie ihn auf dieſe Weiſe ſtrafen konnte, beſchloß ſie ohne Weiteres und blos um ihren veraͤchtlichen Haß zu be⸗ friedigen, Philipps Zukunft, ihr eigenes Gluͤck, ja ſogar das ihrer Kinder zu opfern, welches doch ohne Zweifel von dem Looſe abhaͤngen mußte, welches ſie ihnen be⸗ reitete. Es waͤre unrecht, zu ſagen, daß ſie die Zukunft be⸗ rechnete— mit dieſer ſpielte ſie, waͤhrend ſie blos die Qualen ihres Mannes einzeln und bis in's Kleinlichſte hinein berechnete. Es giebt Weſen, in welchem ſich zwei einander gerade zuwiderlaufende Elemente vereinigen. Dieſe We⸗ ſen ſind faſt immer gleichzeitig grenzenlos leichtſinnig und bis zur Tollkuͤhnheit beharrlich und ſtarrſinnig bis zur Manie. Lilia war in der That leichtſinnig und raſch em⸗ pfaͤnglich fuͤr Eindruͤcke; aber da ſie nicht launenhaft war, ſo brachte ſie ihre leichtſinnigen Eindruͤcke in ein Syſtem und machte daraus Alles, was ſie konnte. So machte ſie es auch mit ihren geradezu ſchlechten Ein⸗ druͤcken und ehe ſie von einer Befriedigung der unver⸗ ſöhnlichen Gefuͤhle der Bitterkeit, welche jene ihr zuge⸗ fuͤgte Wunde erweckte, zuruͤcktrat, ließ ſie es lieber auf jegliche Folgen ankommen, die daraus entſtehen konnten. 96 Es iſt wahrſcheinlich, daß ſie niemals die tiefe und hohe Heiligkeit der Ehe uͤberdacht hatte— dieſes Geheim⸗ niſſes des Heiligſten und Unergruͤndlichſten im Leben. Sie hatte ſich aus Leichtſinn, aber mit feſtem Sinne vermaͤhlt. Ihr Gatte hatte die Heiligkeit des Eides gebrochen, womit auch ſie ihrerſeits ſpielte und nun war ſie im Begriff, eben ſo leichtſinnig, aber auch mit eben ſo feſtem Sinne, dieſes Band zu zerreißen. Legte ſie ſich wohl hierbei die Frage vor, ob ſie nicht ſelbſt Theil an Philipps Fehltritt hatte, ob nicht ihre un⸗ edle, herzloſe Koketterie eine augenblickliche Vernachlaͤſſi⸗ gung, ob nicht ihr unwuͤrdiges Gaukelſpiel mit Doctor Warvner eine Strafe verdiente? Nein, nicht eine einzige dieſer Fragen that ſie an ſich. Das Einzige, was ſie zu ſich ſagte und was ihr vollkommen genug war, beſtand aus den Worten:„Er hat mich betrogen, mich, durch die er Alles hatte, durch die er Alles bekommen haben wuͤrde... dafuͤr mag er durch ein ganzes Leben der Reue buͤßen.“ Die Erbitterung half ihr die wechſelnden Gefuͤhle in den Schranken ihres Willens halten. Sowohl der Landrichter, als auch der Propſt hatten nichts unterlaſſen, um ſie auf den Weg zuruͤckzufuͤhren, den Beide den Weg der Pflicht nannten. Leider aber war keiner dieſer beiden Maͤnner im Stande, den Eigen⸗ ſinn e andere 5 genehm mit ein „ S ſie ſich 8 ſeitige 2 Willen ſein ſoll antworte eines Ke „‿ Herr P. erwogen; Innern nun eine aber ich klagen, w leiden. wuͤnſchte, Ein der, daß 8 ſagen kon können, di Ein Gerü⸗ lefe und Heheim⸗ ben. feſtem keit des und nun uch mit ſie nicht ihre un⸗ achlaͤſſi⸗ Doctor that ſie vas ihr n:„Er e,, durch mag er Gefuͤhle t hatten ffuͤhren, der aber Eigen⸗ aber ich leide demuͤthig 97 ſinn eines ſolchen Weibes zu beugen, oder ihm, eine andere Richtung zu geben. Was ihr der Richter vom Geſetz und deſſen unan⸗ genehmen und fuͤhlbaren Folgen ſagte, beantwortete ſie mit einem ſanften, aber unbeugſamen: „Allem dieſen unterwerfe ich mich.“. Sie wußte nur unvollkommen, was es war, dem ſie ſich unterwarf. Die ſtundenlange Rede des Propſtes uͤber wechſel⸗ ſeitige Verſoͤhnlichkeit zwiſchen Ehegatten und uͤber den Willen Gottes, daß der Eheſtand eine heilige Einrichtung ſein ſolle, machte ſie vor Ungeduld zittern; gleichwohl antwortete ſie darauf mit der demuͤthigen Froͤmmigkeit eines Kindes: „Ich habe die Wichtigkeit alles deſſen, was der Herr Propſt mir ſo wahr und vortrefflich ſagt, genau erwogen; aber eine unwiderſtehliche Stimme in meinem Innern fordert mich auf, dieſes Band zu loͤſen, welches nun eine druͤckende Feſſel geworden. Ich koͤnnte klagen, „ denn wir haben kein Recht, zu klagen, wenn wir die Folgen unſerer eigenen Handlungen leiden. Dieſe Heirath war, obſchon mein Vater ſie wuͤnſchte, doch meine freie Wahl.“ Ein Umſtand, der ihr durchaus nicht einfiel, war der, daß Philipp in alle Ewigkeit ſeine Zuſtimmung ver⸗ ſagen konnte. Aber wie haͤtte er dies auch nur wagen können, dieſer Mann ohne Kraft, ein Rohr in ihrer Hand! Ein Gerücht. II. 3 7 98 Und in der That, ſie hatte recht— er haͤtte es nicht gethan. Aber nicht deshalb, weil er ſchwach war, ſondern weil ein ſolches Verhalten von ſeiner Seite— da er wohl wußte, daß ſie ohne eine vollſtaͤndige Verſoͤhnung niemals einwilligen wuͤrde, wieder zu ihm zu ziehen— den Anſchein haben wuͤrde, als wenn er ſich von dem groͤbſten Eigennutze leiten ließe. Lilig ſaß, wie wir ſchon oben erwaͤhnt haben, allein in ihrem neuen Zimmer. Einer Verabredung gemaͤß erwartete ſie den Land⸗ richter T., und obſchon ſie es fuͤr ausgemacht annahm, daß das ſchwere Gewitter ſeinen Beſuch verhindern wuͤrde, ſo hatte ſie gleichwohl dem neuen Dienſtmaͤdchen — die große Gunnel war bei den Kindern zuruͤckgeblie⸗ ben, welche ſie nicht mit hier hatte— befohlen,„den Herrn, welcher kommen und mit ihr zu ſprechen wuͤn⸗ ſchen wuͤrde,“ einzulaſſen. Sie hatte nicht darauf gerechnet, daß Jemand anders, als der Landrichter, dies verlangen koͤnnte. Auch war es vielleicht zum erſten Male in ihren Leben, daß Lilia beinahe die Faſſung verlor, als auf ein⸗ mal die Thuͤr ſich oͤffnete und ſie nicht den Landrichten T., ſondern den Doctor Warvner eintreten, und mi ſtummer Verbeugung ſie begruͤßen ſah. das le Hand der gan hatte a ges, de auf Ar nur dur Sympe E herrſche E verachte vor der gen mu Lil erholen. Ih ihres ge⸗ weit es „2 Doctor, Gluͤcke, den? ich Ihnen ſ allzunach 1 5 8 es nicht ſondern — da er ſoͤhnung ehen— von dem en, allein en Land⸗ annahm, erhindern tmaͤdchen uͤckgeblie⸗ en,„den hen wuͤn⸗ Jemand nte. in ihrem Z auf ein⸗ andrichten und mit 99 Unter wie verſchiedenen Umſtaͤnden hatten ſie ſich das letzte Mal geſehen! Das Bewußtſein, daß er blos ein Spielball in der Hand dieſer jungen Frau geweſen— das Bewußtſein der ganzen Erniedrigung, die in der Rolle lag, die ſie ihn hatte ausfuͤhren laſſen, neben der Schwere des Auftra⸗ ges, den er heute auf ſich genommen— wirkte ſo ſtark auf Arnolds Sinne, ja ſogar auf ſeine Nerven, daß er nur durch eine Anſtrengung, welche Lilia's Achtung und Sympathie erweckte, ſeine Gefuͤhle beherrſchen konnte. Ein einziges vermochte er jedoch nicht zu be⸗ herrſchen. Er mußte unwillkuͤrlich dieſes Weib haſſen und verachten— woher kam es dann, daß er ſeine Augen vor der Zaubermacht der bekuͤmmerten Blicke niederſchla⸗ gen mußte, die den ſeinigen begegneten? Lilig bedurfte nur eines Augenblickes, um ſich zu erholen. Ihr erſtes Wort beſtimmte ſogleich die Grenze ihres gegenwaͤrtigen Verhaͤltniſſes zu einander— in ſo weit es von ihr abhing, dieſe Grenze allein zu beſtimmen. „Welche Ueberraſchung! Ach, mein beſter, lieber ockor, mein alter Freund, wie komme ich zu dem Gluͤcke, durch einen Beſuch von Ihnen beehrt zu wer⸗ dene ich, die ich in den Tagen meines Gluͤckes mit Ihnen ſpielte, wie ein muthwilliges Kind mit ſeinem allzunachſichtigen Mentor ſpielt... aber wenn Sie *½ 4 100 wuͤßten, wie ſehr ich meinen Muthwillen bereut habe! Erſt wenn man ungluͤcklich geworden iſt“— ſie hielt Docto das Tuch an ihre ſchoͤnen Augen—„erſt dann beur⸗ ſchicken theilt man ſeine Fehler unparteiiſch. Aber ich bin uͤber⸗ 3 zeugt, daß Sie ſchon laͤngſt die der armen Lilia ver⸗ das vo geſſen haben... nicht wahr? Und nun, mein Freund, einen zu beſp was fuͤhrt Sie hierher? Denn da ich weiß, daß wir einander kein Wort mehr in Bezug auf uns zu ſagen ſetzt we haben, ſo vermuthe ich, daß Sie in der Angelegenheit 6 eines Andern kommen.“ emnmet — verlieren „Das iſt ſehr wahr, geehrte Frau, und es kann 5 Ihnen auch nicht ſchwer fallen, zu errathen, in weſſen Sie el Auftrage ich komme.“ lich ger „Wie, Doctor, haben Sie denn das Handwerk 24 des Arztes mit dem des Advocaten vertauſcht?“ uungluͤckl „Dieſer Tauſch,“ antwortete Arnold mit einem führen; herausfordernden Blicke,„iſt im Ganzen weniger wun⸗ nigen.“ derbar, als der, welcher wirklich ſtattgefunden. Es iſt n T der abgedankte Liebhaber, der fuͤr den Ehemann das chen wuͤ Wort fuͤhrt.“ ich auf; „Aber, mein guter Doctor Warvner, in welcher Lil entlegenen Provinz haben Sie nur um Gottes willen miae / Ihre Erziehung erhalten? Hat man wohl jemals ge⸗ hoͤrt, daß ein Mann, der in unſerer gewoͤhnlichen Welt„₰ lebt, auf ſolche Weiſe eine Dame an etwas erinnert, n W was vor einem halben Jahrhundert geſchehen?... pfui, hne 64 1 101 ! e„ c.* 4„ rehaun Doctor, das wuͤrde ſich kaum fuͤr einen Gymnaſiaſten ſchicken!“ 3 beur„Ich beklage, daß meine Worte ſo unangenehm an — . das vorige Jahrhundert erinnern; da wir aber heute ia dere einen Gegenſtand von ſolcher Wichtigkeit mit einander reund, zu beſprechen haben, daß alle Ruͤckſichten bei Seite ge⸗ daß wit ſetzt werden muͤſſen, ſo...“ A ſagen„... ſo laſſen Sie uns wenigſtens dahin uͤberein⸗ WJenhait kommen, daß wir nicht alle Delikateſſe aus den Augen verlieren.“ es kann„Ach, geehrte Frau, was dieſe betrifft, ſo wiſſen weſſen Sie ſelbſt am beſten, ob ſie Ihnen jemals ſehr beſchwer⸗ lich geweſen iſt.“ andwerk„Doctor, Doctor, ich betheure, daß Philipp keinen Huuxgluͤcklicheren Sachwalter haͤtte waͤhlen koͤnnen. Sie t einem fuͤhren ja geradezu Ihre eigene Sache, anſtatt der ſei⸗ er wun⸗ nigen. 1„. 1 Es iſt„Das geſchieht deshalb, weil ich von mir zu ſpre⸗ ann das chen wuͤnſche, ja weil ich von mir ſprechen mu ß, bevor ich auf ihn kommen kann.“ welcher Lilia nahm eine Miene der Reſignation an.. s willen»Und im Falle das, was ich zu ſagen habe, Sie „ zwingt, zu erroͤthen, iſt es wohl meine Schuld?“ nlache„Ja gewiß— wer heißt Sie, dem Gaukelſpiele e winnert eines Weibes glauhen? Wer heißt Sie ſo eingebildet 6 fui, ſein, daß Sie glauben, es koͤnne Sie Niemand ſehen, . pul, ohne hingeriſſen zu werden?“ 1⁰² „Ach, Frau Thurné.“ „Sie ſollten auch, anſtatt mich anzuklagen, mir eher fuͤr eine Erfahrung danken, welche Ihnen in der Zukunft nuͤtzlich werden kann.“ Auf der Wange des Doctors kam und floh das Blut in unaufhoͤrlichem Wechſel. Er fuͤhlte, daß ihm zuweilen der Athem verging; er haͤtte gewuͤnſcht, tauſend Seelen zu beſitzen, um mit ihnen allen dieſes dreiſte, kecke Weſen zu verabſcheuen. Lilia weidete ſich an ihrem nur allzu offenbaren Triumph, waͤhrend ſie ſich jetzt laͤchelnd nach dem Spie⸗ gel wendete, um ihre Locken zu ordnen. „Nein, bei Gott,“ rief der Doctor endlich,„dies geht doch zu weit! Ich wollte verſuchen, Ihr Verhaͤlt⸗ niß zu mir als eine Handlung darzuſtellen, welche der Suͤhne beduͤrfte. Ich wollte Ihnen ſagen, daß ich Ihnen Ihre ganze Schuld gegen mich verzeihen wollte, wenn ſie dieſelbe gegen Philipp wieder gut machten, dieſe offene, edelmuͤthige und feurige Seele, welche Ihr Ver⸗ luſt in Verzweiflung ſtuͤrzen wird und der, als er einen unfreiwilligen Irrthum beging, im Ganzen— bei ge⸗ rechter Pruͤfung— einen kleinern Fehler beging, als Sie, da Sie gewiſſenlos einen Mann in Ihr Netz zo⸗ gen, blos um des kaltberechneten Vergnuͤgens willen, ihn ſpaͤter mit der Waffe des Spottes zu zerſchmettern.“ „So, alſo mit dieſen milden Farben malen Sit den Ehebruch?“ 2 hinzu „daß auch n gehabt obſchon riſſen heit 1 mehrer wenn 2 Umſtaͤn 8 als ſie den Bl kleines 9 Sylphe und der J ſchien Unwett Wildhe NM gens le J en, mir in der floh das verging; um mit cheuen. fenbaren m Spie⸗ ),„dies Verhaͤlt⸗ belche der daß ich n wollte, ten, dieſe Ihr Ver⸗ er einen bei ge⸗ ing, dis Netz zo⸗ eillen, ihn tern.. alen Sit 103 „Sie wiſſen alſo nicht,“— ſetzte ſie gleich darauf hinzu und ihre Wange ward ploͤtzlich weiß wie Schnee— „daß ich dieſen thoͤrichten Mann liebte, daß ich niemals auch nur auf eine Secunde Neigung fuͤr einen andern gehabt und daß ich niemals einen andern lieben werde, obſchon er auf ſo gewaltſame Weiſe unſer Band zer⸗ riſſen hat?“ „Ich bin nicht hierhergekommen, um ſeine Thor⸗ heit zu vertheidigen, aber ich bin feſt uͤberzeugt, daß mehrere mildernde Umſtaͤnde vorhanden ſind... und wenn... „Ich bitte Sie, kein Wort mehr... mildernde Umſtaͤnde— ha, man koͤnnte ſterben vor Zorn!“ Die junge Frau zitterte am ganzen Koͤrper und als ſie jetzt auf den Stuhl niedergeſunken, ihre funkeln⸗ den Blicke auf den Doctor warf, war ſie ein wirkliches kleines Wunderwerk von aufgeregten Leidenſchaften. Man ſah nicht einen Schimmer mehr von der Sylphe— die ſchoͤnen Haͤnde ballten ſich gewaltſam und der kleine Fuß ſtampfte auf den Boden. Mit ſtummem Entſetzen betrachtete ſie Arnold; ſie ſchien wirklich in vollſter Uebereinſtimmung mit dem Unwetter zu ſein, welches draußen in ſeiner ganzen Wildheit tobte. Nach einigen Augenblicken beiderſeitigen Schwei⸗ gens legte ſich der Sturm in Lilia's Seele. Ihre Geberden nahmen, obſchon blos allmaͤlig, 104 eine ruhigere Form an. Ihr Antlitz ward kalt und be⸗ ſtimmt. „Hat der Herr Doctor einen beſondern Auftrag v orzubringen?“ „Ich bringe eine Bitte von Philipp, eine zaͤrtliche und demuͤthige Bitte, die in dieſem Billet enthalten iſt.“ „Ah!“ „Ich weiß nicht, wie ſie lautet, aber ich kann bei meiner Seele Seligkeit ſchwoͤren, daß ich glaube, er gehe mit Gedanken um, die eben ſo entſetzlich, als gefaͤhrlich ſind... Sie ſind grauſam gegen ihn geweſen, beden⸗ ken Sie, daß er auf's Aeußerſte getrieben iſt und daß ſein Charakter ihm wahnſinnige Handlungen zulaͤßt.“ Mit einer Hand, welche noch zitterte, empfing Lilia das Billet. „Sagen Sie,“ warf ſie nachlaͤſſig hin,„weiß Philipp von unſerer kleinen Komoͤdie?“ „Er weiß nichts von Ihrer kleinen Komoͤdie und braucht auch nichts davon zu wiſſen. Gleichwohl gab es eine Zeit, wo ich anders dachte.“ „Ich verſtehe— es gab eine Zeit, wo Sie Ihr kleinen Gewiſſensbiſſe hatten, aber Sie halten ſich in demſelben Grade fuͤr gereinigt, als Sie einſehen, daß Sie der Verfuͤhrte waren, anſtatt des Verfuͤhrers. Na, dieſe Sophiſterei iſt gewoͤhnlich, wenn auch nicht gerade ſehr ruͤhmlich. Doch entſchuldigen Sie, ich komme den Augenblick wieder.“ lipps ſelben wuͤßte und n darau tigkeit wern es eine ſchi 7 willige 5 bringen wuͤnſch iſt dies ſich mi daß eir mit die lung zu und be⸗ Auftrag zaͤrtliche en iſt.“ ann bei er gehe faͤhrlich „beden⸗ und daß aͤßt.“ empfing „weiß ddie und ohl gab zie Ihre ſich in en, daß s. Na, tt gerade komme 195 Lilia riß, ſobald ſie allein war, mit Heftigkeit Phi⸗ lipps Brief auf und nachdem ſie den kurzen Inhalt deſ⸗ ſelben geleſen, traten ihr die Thraͤnen in die Augen. „Armer Philipp, wenn Du wuͤßteſt— wenn Du wuͤßteſt...“ Sie knitterte das Blatt in der Hand zuſammen und warf es dann weit von ſich hinweg, um es gleich darauf wieder aufzuheben, es mit leidenſchaftlicher Hef⸗ tigkeit zu kuͤſſen und noch einmal die Worte zu leſen: „Lilia! „Wenn Du Dich weigerſt, mich noch ein einziges, wenn auch vielleicht das letzte Mal zu ſehen, ſo bedarf es weder einer oͤffentlichen Bekanntmachung, noch eines Prozeſſes, um Dich frei zu machen. Ich ſchieße mir dann eine Kugel durch den Kopf.“ „Nun wohl,“ ſagte ſie, als ſie wieder eintrat,„ich willige in ſein Begehren; ich will ihn wiederſehen.“ „Ah, Sie willigen ein?“ „Aber wenn Sie wirklich ſein Freund ſind, ſo bringen Sie ihm die Ueberzeugung bei, daß die ge⸗ wuͤnſchte Zuſammenkunft zu nichts dienen kann... es iſt dies Ihrerſeits ganz nothwendig fuͤr den Fall, daß er ſich mit irgend einer Hoffnung taͤuſchen ſollte.“ 2 „Aber, mein Gott, iſt es moͤglich, iſt es denkbar, daß eine Frau, die ihren Mann liebt, im Stande iſt, ihn mit dieſer kalten Selbſtſucht einer Zukunft der Verzweif⸗ lung zu uͤberlaſſen?“ 1⁰6 „Ich bin es nicht, die ihm dieſe Zukunft bereitet hat, er iſt es ſelbſt.“ „Und wird denn,“ fuhr Arnold in innigem Tone fort,„die Gattin des warmen, weichherzigen Philipp, die ungeheuerliche Grauſamkeit haben, ſich ſelbſt neben ihm ungluͤcklich zu machen, blos um ſich fuͤr einen menſch⸗ lichen Fehltritt zu raͤhhen? O nein, das iſt nicht moͤg⸗ lich— laſſen Sie mich hoffen, daß es nicht ſo iſt.“ „Hoffen Sie nichts, denn dies beweiſ't nur, daß Sie mich nicht kennen. Ich kann Alles verzeihen, aber eine Untreue niemals.“ „Aber haben Sie auch das Schickſal Ihrer Kinder bedacht?... Nein, Sie haben nicht an die ungeheure Verankwortlichkeit gedacht, welche eine geſchiedene Frau auf ſich nimmt. Dieſe Kinder werden Sie einmal an⸗ klagen und Sie werden Ihre Handlungsweiſe nicht recht⸗ fertigen koͤnnen.“ „Daruͤber machen Sie ſich keine Sorge! Es iſt meine Sache, ſie ſo zu erziehen, daß ſie meine Hand⸗ lungen billigen.“ „Um ſo ſchlimmer— aber angenommen, daß Sie dieſelben nicht behalten duͤrften?“ „Ich werde ſie ſchon behalten— wenigſtens... „... wenigſtens eins, meinen Sie. Aber welch, eine Theilung!— Kann eine wirkliche Mutter darauf eingehen?“ Lilia ſchwieg einen Augenblick. V I Seel beſitze ein g einen zweif der 5 dieſe Verit ſie ne ſie iſt daß d ſparen daß i geben um ſo dieſen Erhoͤr und g hafte, ganzer weigen eereitet Tone p, die n ihm genſch⸗ moͤg⸗ 4. r, daß I, aber Kinder geheure e Frau nal an⸗ recht⸗ Es iſt Hand⸗ aß Sie 38. welch' darauf 107 „Sie beſitzen,“ hob er wieder an— und ſeine ganze Seele lag in dieſen redlich gemeinten Worten—„Sie beſitzen eine Heimath, einen Gatten, der reuevoll Ihnen ein ganzes Leben der Liebe und Treue bietet. Sie haben einen Bruder, der durch dieſen Ihren Schritt zur Ver⸗ zweiflung gebracht werden wird. Sie haben Kinder, die der Pflege eines Vaters beduͤrfen und alles dies, alle dieſe Heiligthuͤmer opfern Sie wegen einer unnatuͤrlichen Verirrung Ihres Gemuͤthes! Dieſe Scheidung, wenn ſie noch wirklich vor ſich geht, muͤſſen Sie bereuen, denn ſie iſt die Folge einer Uebereilung— und bedenken Sie, daß die Reue eine ſchwere, eine entſetzliche Buͤrde iſt!“ „Mein guter Doctor, Sie werden Ihre Argumente ſparen, wenn ich Ihnen eins verſichere, naͤmlich das, daß ich einen einmal gefaßten Entſchluß niemals bereue.“ Still und bekuͤmmert ſtand der Doctor auf; ver⸗ gebens hatte er ſein eigenes Herz auf die Folter geſpannt, um ſeine Pflicht zu erfuͤllen. O menſchliche Schwaͤche... Arnold wuͤrde vor dieſem hartherzigen Weſen niedergekniet ſein, um die Erhoͤrung der Bitten, die er ihr vortrug, zu erwirken und gleichwohl lebte in ihm eine heimliche, eine ſuͤnd⸗ hafte, eine unſelige Freude— eine Freude, die ſeinen ganzen Muth toͤdtete— die Freude daruͤber, daß ſie ſich weigerte. Durchſchaute er Lilia? Ohne Zweifel, denn mit einem einzigen Worte 1098 jagte ſie ihn wie einen Wahnſinnigen hinaus in den wilden, ſtuͤrmiſchen Abend. „Doctor,“ agte ſie, indem ſie ihm die Hand zum Abſchied reichte,„huͤten Sie ſich wohl, Philipp eine andere Antwort zu g geben, als die, daß ich ihn uͤbermor⸗ gen erwarte. Vergeſſen Sie nicht, daß ich die Schei⸗ dung will— und um Ihre eigenen Gewiſſensſkrupel zu beruhigen, ſo denken Sie an mich immer, wie an eine geſchiedene Frau, eine Witwe— mit einem Wort, mein Freund, wie an eine Perſon, an die man ohne Suͤnde denken kann.“ Ruhe gefolgt Waſſe zittern dunkel 4 C beiſam nung ſtimmn letztere 7. mein b ſo lang 7 n den d zum p eine ermor⸗ Schei⸗ krupel vie an Wort, ohne 2. Ein Abenteuer. Die Nacht war vorgeruͤckt und eine himmliſche Ruhe auf den vorhergegangenen Aufruhr der Elemente gefolgt. Auf jedem wallenden Grashalm ſchimmerte ein Waſſertropfen und der milde Schein des Mondes fiel zitternd uͤber den rieſigen Wald, den Waſſerfall und die dunkeln Felſen. In Philipps Zimmer ſaßen die beiden Freunde beiſammen, der erſtere von einer neuerwachten Hoff⸗ nung belebt— es gehoͤrte ſo wenig dazu, eine Um⸗ ſtimmung in Philipps Seele hervorzubringen— der letztere ernſt und einſylbig. „Dein Unwohlſein verſtimmt Dich ganz und gar, mein beſter Arnold, und ich bin ſo unbarmherzig, Dich ſo lange hier aufzuhalten.“ „Gewiß nicht, gewiß nicht.“ 11⁰ „Bei Gott, Deine Ohnmacht haͤtte mich beinahe ernſtlich erſchreckt.“ „Ich war von der ſchnellen Reiſe erhitzt— die Luft aͤußerte eine druͤckende Einwirkung auf mich und dann... Arnold ſtockte. „Na, das fehlte noch, daß Du Dich erklaͤren ſoll⸗ teſt! Habe ich nicht geſehen, wie innig Du an meinem Schickſal Theil nimmſt, habe ich nicht Deine Unruhe ge⸗ ſehen, Deine Beſorgniß um den Ausgang, Deine Freude uͤber den gluͤcklichen Erfolg?“ Arnold kruͤmmte ſich hin unb her. Noch hatte er Lilia's zweite Botſchaft nicht mit. getheilt, die, welche allen Anderen, nur nicht Philipp ſelbſt, erlaubte, an ſie zu denken. Dieſe entſetzlichen Worte hatten ſich tief in Ar⸗ nolds Seele geſenkt und wirkten wie der erſte Funken einer Feuersbrunſt. Er kaͤmpfte jedoch maͤnnlich, um den Funken zu daͤmpfen, bevor derſelbe in helle Flammen ausbrach. „Aber, um Gotteswillen,“ hob Philipp, ganz und gar mit ſeinen eigenen Gedanken beſchaͤftigt, wieder an,„warum bekamſt Du denn nicht die Kinder zu ſehen?“ „Die Kinder, ja...“ „Ich haͤtte ſonſt etwas fuͤr eine kleine Haarlocke oder fuͤr einen Gruß von meinen Engeln gegeben— waͤre ſccht dieſen eigent Grun Erfol ſagen 1. dieſes chen u 3 1 mir de „, iſt ſeh 1. einahe — die ch und n ſoll⸗ neinem uhe ge⸗ Freude zt mit⸗ Philipp in Ar⸗ Funken ken zu ach. nz und wieder der zu aarlocke ben— 111 dieſen meinen beſten Fuͤrſprechern. Nun, ſprich... ich habe Dich ſchon ein paar Mal gefragt.“ „Ich weiß nicht,“ antwortrte Arnold erroͤthend — er entſetzte ſich uͤber ſeine eigene Vergeßlichkeit daß er ſich nicht nach den Kleinen erkundigt und konnte es nicht uͤber ſich gewinnen, es zu geſtehen, denn dies waͤre ſchon ein zu weit gehendes Geſtaͤndniß geweſen —„ich weiß wirklich nicht, weshalb ſie ſie nicht bei ſich hatte. Ich glaubte, ich muͤßte annehmen, daß ich dieſen Gegenſtand nicht beruͤhren duͤrfte und da mein eigentlicher Auftrag von ſo großem Gewicht war...“ „Du hatteſt vollkommen recht— es war kein Grund vorhanden, durch irgend ein Mißtrauen den Erfolg unſicher zu machen...“ Der Doctor ſchwieg. »Alſo uͤbermorgen... ach nein, ich kann ſchon ſagen morgen, denn es iſt beinahe zwei Uhr.“ „Ja, ich glaube wohl.“ „O mein Gott, halte mich aufrecht und gieb mir dieſes einzige Mal in meinem Leben die Kraft zu ſpre⸗ chen und zu ruͤhren!“ „Du machſt Dich doch nicht zu ſicher, Philipp?“ „Zu ſicher?— in welchem Tone ſagſt Du mir das!“ „» Ich ſage nur: Huͤte Dich— Lilia's Charakter iſt ſehr feſt.“ „Aber auch edel und warm— ſie verkennt ihr 11² eigenes Weſen, wenn ſie ſich fuͤr boshaft oder niedrig haͤlt... nun, da ich nun ſelbſt meine Sache bei ihr fuͤhren darf, verzage ich nicht— ſie muß, ſie wird ſich uͤberreden laſſen.“ „Aber geſetzt, ſie thaͤte das nicht?* „Warum ſoll ich dies annehmen? Wenn dieſer Morgen, an welchem ich noch Hoffnung habe, der letzte zwiſchen mir und der Seligkeit iſt, warum ſoll ich mir ihn dann verbittern? Ich ſage mit Silverſtolpe: „... ich begehre nicht zu heben Den Schleier, der das Morgen in ſich huͤllt. Dort uͤber'm Wolkenbette ſtrahlt vielleicht ein Stern, Der Andern leuchtet, aber nicht fuͤr mich. Wohlan, wenn er nur nicht dem Aug' entſchwindet, So mal' ich meinen Himmel doch nicht ſchwarz... „... notabene, vor der Zeit!“ ſetzte Philipp mit einem unbeſchreiblichen Laͤcheln hinzu. „Gut, Bruder, Dein Gemuͤth iſt nicht zur Hoff⸗ 4 V V nungsloſigkeit geſchaffen. Um ſo beſſer fuͤr Dich... Aber Du mußt Alles wiſſen, was ſie ſagte.“ „Ha, ſagte ſie noch mehr?“ „Sie beauftragte mich, Dir zu ſagen, daß nichts, verſtehſt Du, daß nichts ſie vermoͤgen koͤnnte, ihren Entſchluß zu aͤndern.“ Philipp erbleichte, ſagte aber kein Wort. „Du liebſt ſie dann wohl uͤber alle Maaßen, da reizende Philipn laͤßt! Seele fuͤr das gar zu der ſich gab ihm „ T Ein Ger⸗ niedrig bei ihr ird ſich n dieſer er letzte ich mir pp mit Hoff⸗ 9... nichts, ihren zen, da ’ 113 ihre kalte Grauſamkeit nicht Deinen Abſcheu er⸗ weckt?“ „Ja, uͤber alle Maaßen... das iſt das richtige Wort.“ „Und zugleich das entſetzlichſte.⸗ „Du kannſt nicht meine Liebe begreifen, denn Du weißt nicht, welche Waffen dieſes— in gewiſſer Hinſicht ſo unſchuldsvolle— Weſen in ſeiner Macht hat.“ „Ach ja,“ murmelte der Doctor,„das habe ich begriffen. Sie iſt, laß mich Dir dies als Freund ſagen...* „»Nun, was?« fragte Philipp mit erſtauntem Blick. „... eine ausgelernte Kokette, ein Daͤmon in der reizenden Geſtalt eines Kindes verſteckt. Fliehe ſie, Philipp... danke Gott, daß ſie Dich freiwillig ver⸗ laßt! Glaube mir, ich habe bis auf den Grund ihrer Seele geſehen— es findet ſich darin keine Buͤrgſchaft fuͤr das Gluͤck Deiner Zukunft.“ „Du,“ rief Philipp,„Du haſt ſie naͤher kennen gelernt! Wie hat das geſchehen koͤnnen?“ „Wie? Das fragſt Du... Arnold war auf dem beſten Wege, ſich ganz und gar zu verrathen; aber die Furcht vor einem Auftritt, der ſich leicht in einen Skandal verwandeln konnte, gab ihm bald ſeine Faſſung wieder. „»Weißt Du nicht mehr,“ fuhr er nach einer Ein Gerücht. II. 8 114 ſtudiren?“ „Allerdings.“ behandelte mich danach.“ Philipp hoͤrte aufmerkſam zu. Streich luſtig gemacht. Er war uͤberdies nicht der Mann ſenſpiel, der gute Arnold. Es lag eine verſteckte Bitterkeit in der er ten Ruhe des Doctors und Philipp faßte ſogleich den richtigen Gedanken, daß Lilia zu ihrem Vergnuͤgen mit dem Doctor kokettirt, daß es ihr gelungen, ihn ein wenig zu verwirren und daß ſie ſich dann uͤber dieſen kurzen Pauſe fort,„daß Du ſelbſt mich bateſt, ſie zu „Nun, habe ich ſie nicht in allen Arten von Un⸗ ſtaͤneen geſehen— hatte ich nicht Gelegenheit zu Ver⸗ gleichungen ihres Benehmens? Sie genirte ſich nicht vor mir oder ſie faßte ſo viel Freundſchaft fuͤr mich, es nicht zu thun; ich ward ihr Lieblingshund und ſie Aber er war weit entfernt von der Ahnung, daß das Poſſenſpiel ſo weit gegangen, wie es wirklich der Fall war. Er kannte die Wuͤrde von Arnolds Cha⸗ rakter und Lilia's Stolz und er ſchrieb Arnolds Bitter⸗ keit auf Rechnung der verletzten Eigenliebe. zu einem Poſ⸗ Natuͤrlich erlaubte Philipps Zartgefuͤhl nicht, daß dieſes Thema, welches fuͤr ihn eben ſo verletzend war wie fuͤr den Freund, weiter fortgeſetzt wurde. kuͤnſtel⸗ eine muͤt ſein⸗ ſich dem geſel in d NaY und hend mach Part mel ſpieg und an de ſie zu on Un⸗ u Ver⸗ und ſie kuͤnſtel⸗ eich den rgnuͤgen ihn ein er dieſen ung, daß klich der Ids Cha⸗ 3 Bitter⸗ dem Poſ⸗ nicht, daß zend war 115 Er gab daher dem Geſpraͤch, ohne große Muͤhe, eine andere Wendung. Nicht lange darauf erklaͤrte der Doctor ſich ſo muͤde und ſchlaͤfrig, daß er, um den folgenden Tag ſeine Patienten beſuchen zu koͤnnen, nun unbedingt an ſich ſelbſt denken muͤßte. Was unſern Helden betrifft, ſo war ſeine Seele dem Einfluſſe einer allzu ſchwindelnden Erhebung aus⸗ geſetzt, als daß er an Nuhe haͤtte denken koͤnnen. Er warf den Mantel um und begab ſich hinaus in die kuͤhle Luft, um mit vollen Zuͤgen dieſe goͤttliche Nacht zu genießen, welche ihm Hoffnung, Vernunft und Leben wiedergegeben. Seine ſchwaͤrmenden Gedanken, ſeine neuaufbluͤ⸗ henden Gefuͤhle, die uͤberſtroͤmende Kraft in jedem Puls machten ihm gleichwohl bald den Garten und den Park zu enge. Er mußte hinaus auf's Feld, er mußte den Him⸗ mel frei ſehen, er mußte ſich in der Woge des Stromes ſpiegeln. Der Dichtergeiſt erwachte und wuchs in ihm— und in der Tiefe ſeiner Seele ſang er ſofort ein Lied an die bleiche Luna, worin er ihr ſeine ganze Herzens⸗ 8* 116 qual anvertraute und ſie bat, in das Kaͤmmerlein der Geliebten zu ſchauen und ihr einen Gruß zu bringen. Unter allen Wechſeln und Schattirungen der er⸗ habenen Thorheit, welche Liebe genannt wird, giebt es nichts Unbegreiflicheres, als die Hoffnung. Dieſe lebt von nichts und zuweilen erbleicht ſie durch nichts. Die Hoffnung iſt die Seele in der Liebe, ſie lebt mit dieſer und ſtirbt mit dieſer. Wie unendlich gering war Philipps Hofſnun und gleichwohl war ſie im Stande geweſen, ihm faſt ein neues Sein zu geben. Er haͤtte gewuͤnſcht, die ganze Schoͤpfung mit Allem, was darinnen lebt und ſich ruͤhrte, umarmen zu koͤnnen. Schon war er bis zum fuͤnften Vers ſeines Ge⸗ betes gekommen, in welchem er Luna um ihren Bei⸗ ſtand anrief, als das Geraͤuſch eines wild und don⸗ nernd daher fahrenden Wagens die Stille der Nacht und den Dichter mitten in ſeinem Gedankengang un⸗ terbrach: „Nimm ihre Beichte, keuſche Kanzoin d der Nacht Und laß mich deuten ſie, daß... „Himmel,“ rief der Dichter, in welchem der Men⸗ ſchenfreund ſofort die Oberhand gewann,„ein Paar ſcheugewordene Pferde ſo nahe am Waſſer!“ Er ſtuͤrzte herunter von der kleinen Anhoͤhe, auf wele habe kein moch ſtuͤr⸗ auft derw teten zu r. als e nes in a Kutſc neben hoͤrte, ſtand ren li ſagte b Bein ſchuld; reit iſt mit de n der en. er er⸗ bt es ht ſie Liebe, nung faſt mit en zu Ge⸗ Bei⸗ don⸗ Nacht un⸗ Men⸗ Paar auf 117 welcher er ſtand und wuͤrde, Gott weiß was, gethan haben— denn es iſt leider ſehr wahrſcheinlich, daß er keine ſehr romantiſche Herkulesarbeit auszufuͤhren ver⸗ mocht haͤtte— als er den Wagen am Uferdamme um⸗ ſtuͤrzen und durch ſeine Schwere die Pferde nicht blos aufhalten, ſondern ebenfalls mit auf den Boden nie⸗ derwerfen ſah, wo ſie beinahe die Zugſtraͤnge zerarbei⸗ teten, bevor noch der Vorſpannbauer ſich von dem Platze zu ruͤhren vermochte, auf den er geworfen worden. So gut wie augenblicklich kam Philipp zu Huͤlfe. Und was er helfen ſollte, das verſtand er ſogleich, als er unter dem Wagenkorbe das Bein eines Man⸗ nes hervorragen ſah und eine grobe, maͤnnliche Stimme in allen moͤglichen Tonarten ihren Zorn uͤber den Kutſcher, uͤber den Wagen, uͤber die Pferde und da⸗ neben noch uͤber einen andern Gegenſtand austoben hoͤrte, den Philipp nicht ſehen konnte, welcher Gegen⸗ ſtand aber bald eine ruhige, harmoniſche Stimme hoͤ⸗ ren ließ— eine Aeolsharfe im Sturme. „Haſt Du Schaden genommen, mein Freund?“ ſagte die Stimme. „Schaden? Nun zu allen tauſend Teufeln, das Bein muß ich gebrochen haben!... Und wer iſt dran ſchuld? Habe ich in der Nacht reiſen wollen?“ „Hier iſt Jemand, der zu jeder Handreichung be⸗ reit iſt,“ ſagte Philipp, nachdem es ihm, ſeine Kraͤfte mit denen des Vorſpannbauers, welcher nun herzuge⸗ 118 kommen war, vereinend, gelungen war, den Wagen ſo⸗ wohl als die ſchaͤumenden Pferde aufzurichten. „Großen Dank, mein Herr, großen Dank... wie ich nicht anders ſehe, befinde ich mich noch mitten auf der Landſtraße mit einem zerriſſenen Wagen, einem verrenkten Bein und einer winſelnden Frau, denn die Weiber winſeln allemal, wenn ſie nichts auszurichten wiſſen.“ Mit Verwunderung blickte Philipp von dem Manne nach der Frau, die er jetzt erſt zu Geſicht be⸗ kam— ſie war auf die Seite in den Zaun hineinge⸗ fallen— und er ſah eine junge, ſehr bleiche Dame, welche, in einen ſchwarzſeidenen Mantel und einen ſchwarzen Spitzenſchleier gehuͤllt, langſam und mit deut⸗ lichen Zeichen von unterdruͤcktem Schmerz ſich von der Erde aufrichtete. Sie ſchien jedoch keineswegs zu winſeln, wie ihr Mann ſagte, ſondern vielmehr ſehr gefaßt zu ſein, was am Beſten aus den wenigen Worten hervorging, die ſie ſogleich mit anziehender Hoͤflichkeit an Philipp richtete. „Wir danken Ihnen herzlich, mein Herr, fuͤr Ihre Huͤlfe und freundliche Dienſtfertigkeit! Welches Gluͤck fuͤr uns, daß wir einen Reiſegefaͤhrten treffen . Aber, mein guter Helleding“— ſie wendete ſich wieder mit ruhiger Freundlichkeit zu dem Manne— en ſo⸗ nitten einem an die eichten dem ht be⸗ reinge⸗ Dame, einen deut⸗ on der vie ihr , was ig, die Philipp r, fuͤr Velches treffen ete ſich ans mal nicht hofftet... Kann ich mich denn vom Flecke 119 „wie ſteht es denn mit Deinem Beine? Ich hoffe doch, daß Du nicht ernſthaft Schaden genommen haſt!“ „Hoffe, hoffe,— das iſt ſo die Art der Weiber, immer zu hoffen; ich moͤchte wiſſen, wenn Ihr ein⸗ ruͤhren? Au, au! Alle tauſend... au, au! Was iſt denn nun zu thun?“ Noch hatte er nicht gefragt, wie es mit der Frau ſtuͤnde. „Du alter, wilder Baͤr,“ dachte Philipp,„fuͤr Dich waͤre es vielleicht gut genug, wenn man Dich liegen ließe, wo Du liegſt.“ „Ich fuͤrchte,“ ſagte er laut,„daß die Dame auch Schaden genommen hat und wenn ich mir einen Vor⸗ ſchlag erlauben duͤrfte...* „Ach, die Weiber ſehen immer aus, als ob ihnen etwas fehlt, das iſt ſo ihre Art. Aber haben Sie die Guͤte, irgend etwas vorzuſchlagen. Ich bin der Oberſt⸗ lieutenant Helleding, fruͤher dienſtthuender Major in dem koͤniglichen Regiment***, komme von Stockholm — dieſem tauſendmal verwuͤnſchten Babylon und reiſe nach meinem Landgute Tjuſtorp, wo ich ſehr gern jeden Dienſt bezahlen werde, der mir geleiſtet wer⸗ den kann.“ Philipp praͤſentirte ſich nun ſeinerſeits als Beſitzer des Fabrikgebaͤudes, welches man ſah und da der Wagen und das Geſchirr, obſchon beides bedeutend beſchaͤdigt war, 120 f ſ 3 ur eine ſo kleine Strecke benutzt werden konnte, ſo ch hlug er gaſtfrei ſein Haus vor. Und nachdem der Oberſtlieutenant vorſichtig in den Wagen transportirt worden— der Fuß war blos verrenkt— folgte die junge Frau, mit Philipp an ihrer Seite, langſam nach. „Es beunruhigt mich nur, daß wir Ihnen mitten in der Nacht ſo große Belaͤſtigung verurſachen,“ ſagte ſie,—„ohne Zweifel iſt Herr Thurné verheirathet und... Nun erſt ward Philipp von dem Gedanken an das Unbehagliche ſeiner Lage bei dieſem Beſuche ergrif⸗ fen; gleichwohl murmelte er mit ſo viel Faſſung, als ihm moͤglich war: „Ja, gnaͤdige Frau, ich bin verheirathet, aber meine Frau iſt mit den Kindern gegenwaͤrtig auf einer Reiſe begriffen.“ „Honorine, glaubſt Du, daß Du einen ordentli⸗ chen Verband anlegen kannſt?“ fragte der Oberſtlieute⸗ nant, der zu den Maͤnnern gehoͤrte, die zuerſt an ſich ſelbſt denken...„Ich wuͤnſchte, mein Kind, Du haͤt⸗ teſt mit mir den nordiſchen Feldzug mitgemacht, denn da haͤtteſt Du wohl einen Verband anlegen lernen.“ „Ich fuͤrchte, mein Freund, daß ich in dem Alter, in welchem ich damals ſtand, hichts haͤtte lernen koͤnnen. Ja, ich weiß nicht einmal gewiß, ob ich damals ſchon geboren war.“ ſe ſich 7. was r mit ei daran gleich, wuͤrfigt Frau je erhalten unſer — n- Oberſtli W nicht be „ fragte zuruͤckkeh „N Verrenku Tage beh * te, ſo tig in r blos ihrer nitten ſagte rathet an rgrif⸗ 3, als aber einer entli⸗ eute⸗ ſich haͤt⸗ in da llter, nen. chon 121 »Ja, ja, das haben die Weiber ſo in der Art, daß ſie ſich Jahrzahl und Datum niemals merken koͤnnen.“ „Statt deſſen merken wir uns ſo vieles Andere, was nothwendig iſt,“ antwortete die Oberſtlieutenantin mit einer Freundlichkeit, welche bewies, wie ſehr ſie daran gewoͤhnt war, Geduld zu uͤben, aber auch zu⸗ gleich, wie weit ſie davon entfernt war, zaghafte Unter⸗ wuͤrfigkeit zu zeigen. „Ueberdies,“ fiel Philipp ein,„kann die gnaͤdige Frau jetzt vollſtaͤndigen Unterricht in der beruͤhrten Kunſt erhalten, denn der Zufall fuͤgt es gluͤcklicherweiſe, daß unſer Bezirksarzt heute in Ribyhus uͤbernachtet.“ „Donnerwetter, das trifft ſich gut,“ ſagte der Oberſtlieutenant. Wie man ſieht, war es Doctor Warvner noch nicht beſchieden, dieſe Nacht zu ſchlafen. Der Laͤrm im Hauſe galt vor allen Dingen ihm. „Nun, wie ſteht es mit dem alten Soldaten?“ fragte Philipp, als der Doctor aus dem Gaſtzimmer zuruͤckkehrte.„Hat er ernſtlichen Schaden genommen?“ „Nein, durchaus nicht, es iſt nichts, als eine kleine Verrenkung; Du wirſt die Leutchen aber doch noch einige Tage beherbergen muͤſſen.“ „Nichts koͤnnte mir jetzt gerade ungelegener kom⸗ 122 men. Eine feine Dame in einem Haus ohne Wirthin. Und daß ich auf dieſe Weiſe gezwungen werde, an etwas Anderes zu denken, als... 3„Eine kleine Zerſtreuung wird Dir nichts ſcha⸗ den, mein Freund, und was dieſe junge Frau betrifft, ſo kannſt Du ganz ruhig ſein, denn ſie gehoͤrt nicht zu den Damen, die viel Umſtaͤnde verurſachen.“ „Das weißt Du?“ „Das ſehe ich in ihrer Einfachheit, ihrer Be⸗ ſtimmtheit und dieſer ganzen Art und Weiſe, die ſich weder durch Heftigkeit, Weichlichkeit oder auch nur dem gewoͤhnlichen Feinde der Frauen, der Furcht, ſti⸗ ren laͤßt.“ „Und Alles das haſt Du gleich bemerkt? Damn hat ja die gnaͤdige Frau gleich Deinen Geſchmack ge⸗ troffen.“ „Das wollte ich meinen... fuͤrwahr, ſie hielt mir bei der kleinen Operation das Licht mit ſo feſta Hand, als ob ihr Mann eine Maſchine waͤre, an da ich mich uͤbte und gleichwohl geberdete er ſich und ſchii ſo, daß er ein halbes Dutzend Frauenzimmer in d Flucht haͤtte jagen koͤnnen.“ „Nun, was eine ſolche Ruhe betrifft... 9 „Uebereile Dich nicht in Deinem Urtheile! Diß Nuhe hatte nicht den mindeſten Schein von Stumy heit oder Gleichguͤltigkeit. Ihr Laͤcheln war ermutſ nahme ren, welche * muͤths duͤrftig Miene thuende ihre gre widerge † offenbat den mit E Art A Perſoͤn! Auge g der ſch durchau Wirthin. un etwas öts ſcha⸗ betrifft, nicht zu hrer Be⸗ die ſich auch nur ercht, ſtöͤ⸗ 2 Danmn hmack ge⸗ , ſie hielt t ſo feſte rre, an der und ſchriͦ ner in d lel Diſ Stumy r ermutſ durchaus nicht angenehmen Eindruck auf ihn machten. gend, ihre Geberden freundlich und anmuthig... Und haſt Du ihr ordentlich ins Geſicht geſehen?? „Iche wie kannſt Du ſo fragen... ſehe ich wohl jeßt, ob ein Frauengeſicht ſchoͤn iſt, oder nicht? Ich ſah, als ich ihr meine Dienſte anbot, nur den Men⸗ ſchen, nicht das Weib.“ „Aber ich bitte Dich, daß Du hiervon eine Aus⸗ nahme machſt— ſieh ſie morgen nur an.“ „Es iſt bewundernswuͤrdig, Dich ſo reden zu hoͤ⸗ ren, beſonders da Du in einer Stimmung warſt, welche...* „Vielleicht bin ich eben in meiner jetzigen Ge⸗ muͤthsſtimmung am meiſten eines guten Eindrucks be⸗ duͤrftig und dazu geneigt und Frau Helledings Blick, Miene und Geſichtszuͤge haben etwas unerklaͤrlich Wohl⸗ thuendes, ja Beruhigendes. Man ſieht deutlich, daß ihre großen, ſchwarzen Augen niemals eine Leidenſchaft widergeſpiegelt haben.“ Philipp laͤchelte— und gegen ſeinen Willen offenbarte ſich in dieſem Laͤcheln ein gewiſſes Mitlei⸗ den mit dem Geſchmack des Doctors. Er(Philipp) war ſtets von einer ganz andern Art Augen entzuͤckt worden und uͤberdies hatte er die Perſoͤnlichkeit der Oberſtlieutenantin nur fluͤchtig ins Auge gefaßt, wogegen ihr ſchwarzſeidener Mantel und der ſchwarze Spitzenſchleier einen lebhaften, obſchon 124 Beides machte naͤmlich eine ſehr peinliche Erinnerung in ihm rege. In dem Augenblick, wo der junge Hauswirth wieder allein war, kam ein Dienſtmaͤdchen und uͤbergab ihm ein in rothen Sammt gebundenes Buch, welches auf dem Hofe gefunden worden. 3 Ganz mechaniſch empfing es Philipp und ſchlug das Titelblatt auf. Das elegante Buch trug folgenden Titel: Der „Poetiſche Augenblicke von Alexis.“ Auf der andern Seite des Titels ſtand ein Name: De „Anima Honorine Helleding.“ ſande fo Philipp ließ das Buch fallen und i einen Ruf Se der Ueberraſchung und Beſtuͤrzung aus. 2 d1 aznf a ie 4 ſenen tief ihrem lei * meriſche n Ee ſie in das nzen U mit der Stoͤrung „Ne die Gattin Aber einem har innerung auswirth uͤbergab welches ad ſchlug 3. Der Poet auf der Kundſchaſt nach ſeiner Muſe. a Name: Der naͤchſte Morgen fand Philipp in einem Zu⸗ ſtande fortdauernder Beſtuͤrzung. en R Sein Verſtand fluͤſterte ihm unaufhoͤrlich zu, daß nen Ruf.. „ier wahnſinnig ſei. attl Dieſe Honorine, mit der von Arnold ſo hoch geprie⸗ ¹ ſenen tiefen und idealen Ruhe auf ihrer Stirn, mit irem leidenſchaftsloſen Blick, ſollte ſie dieſelbe ſchwaͤr⸗ meriſche und unvorſichtige Anima ſein, die ihm erlaubte, ſe in das Aſyl des Poeten zu fuͤhren, die an ſeinem aanzen Ungluͤck ſchuld war und die er unaufhoͤrlich— mit der gewohnten Dankbarkeit der Maͤnner— der Stoͤrung ſeines irdiſchen Friedens anklagte? „Nein, weg mit dem Gedanken, ein reines Weib, iie Gattin eines ehrlichen Mannes anzuklagen!“ Aber ſchrieb nicht Anima von einem Tyrannen, inem harten, eiferſuͤchtigen Tyrannen, vor welchem ſie 126 8 beſtaͤndig zitterte ²... Ha, welche Maske kann nicht ein Weib annehmen! Wer ſah Lilia und ahnete ihren wirk⸗ lichen Charakter? 3 Und Lilia's Anklage.. Anima hatte ja ihr Ge⸗ heimniß der verrathenen Gattin verkauft. Ach, das war ja ſiebenfach, ja ſiebzigtauſendfach unmoͤglich! Die keuſche Gattin des barſchen Oberſtlieutenantzs im Dienſt als Philipps Muſe angeſtellt! Man haͤtte ſich uͤber eine ſolche Vorausſetzung krank lachen koͤnnen — ſobald man nur Luſt zu lachen hatte. Aber die Ankunft von Stockholm, der Name, das Buch, eine Menge unterſtrichener Stellen darin, welcht Anima oft beruͤhrt hatte, die Kleidung, ſelbſt der Wuchs, den er jetzt mit Huͤlfe des Gedaͤchtniſſes dem⸗Anima ſehr aͤhnlich zu finden anfing, und endlich der anmuthige Ton der Stimme, welche gleichwohl nicht— das muft er ſich geſtehen— den ſchmachtenden Ausdruck hatte welcher der echten Anima zu Gebote ſtand— alles das traf zu. . Zum dritten Male mußte er aber doch alle diſ eingebildeten Aehnlichkeiten verwerfen. Denn kein Waß zwiſchen ihren Gatten und ihren Liebhaber geſtellt— auch wenn ſie ſich auf die Gewißheit verließ, daß der lah tere ſie nur maskirt geſehen— konnte eine ſolche Fu ſung und Unbefangenheit zeigen. Hiernaͤchſt war die Sorgfalt des faſt uͤberſchnappt Poeter ſamme zu ent C dem G nicht v ringſte . 2 wuͤnſch denkend ſo viel unbekaf angebet Gaſt u ſeine S T Verdac fortzufe von ihn len, die N A C denn be durch de nicht ein ren wirk⸗ ihr Ge⸗ nuſendfach eutenants Nan haͤttt en koͤnnen dame, das in, welch⸗ eer Wuchs, Animas anmuthige das mußte ruck hatte alles dai h alle diſ kein Wait geſtellt— daß der lu ſolche Fa 4 127 Poeten darauf gerichtet, ſich jedes Umſtandes ſeines Bei⸗ ſammenſeins mit Anima Nr. 1 und jedes Kennzeichens zu entſinnen, der ihm auf die Spur helfen konnte. Jedoch, wie ſcharf er auch die Sporen des Willens dem Gedaͤchtniß in die Flanken ſtieß, ſo wollte dies doch nicht von der Stelle und er vermochte nicht, ſich die ge⸗ ringſte Aufflaͤrung zu verſchaffen. „Aber darf ich mir wohl eine ſolche Aufklaͤrung wuͤnſchen, darf ich ſie auch nur wollen?⸗ ſagte er nach⸗ denkend. „Wenn ſie es iſt, ſo kann ich Gott danken, daß ſie ſo viel Selbſtbeherrſchung beſitzt und daß ſie es vorzieht, unbekannt zu ſein... Himmel, wenn meine grauſame, angebetete Lilia ahnete, daß ihre Nebenbuhlerin ſich als Gaſt unter ihrem eigenen Dache befindet!“ Dos arme Philipp— der Angſtſchweiß befeuchtete ſeine Stirn. Wieder in dem einmal erwachten erniedrigenden Verdacht gegen eine tugendhafte und unſchuldige Frau fortzufahren, welch ein Verbrechen war dies, beſonders von ihm, der das ganze Geſchlecht verehrte, trotz der Qua⸗ len, die ein Theil der Mitglieder deſſelben ihm zufuͤgte! Nein, nein, Gewißheit mußte er haben. Aber wiee? Es war unmoglich, ſich an den Doctor zu wenden, denn beſaß wohl Philipp den geringſten Schein von Recht, durch das bloße Anvertrauen ſeiner Zweifel eine ihm voͤl⸗ 128 lig unbekannte Dame zu verleumden die uͤberdies noch V Verſe ſeine Gaſtfreundſchaft genoß? ſamer ..... 2e. tn. n. hatten Unter dieſen widerſtreitenden Ueberlegungen vergin: hatte gen die Stunden. ü. Sobald als die Sitte es geſtattete, ließ der Wirth b ſich nach dem Befinden ſeiner Gaͤſte erkundigen. enen Zugleich ließ er fragen, ob er dem Oberſtlieutenant V die ar einen Beſuch abſtatten duͤrfte— eine Artigkeit, welche Oberſt dieſer mit der Verſicherung beantwortete, daß es ihm b nackige hoͤchſt angenehm ſein wuͤrde. durchg Durch eine ſorgfaͤltige Toilette hatte Philipp die Muͤhe Spuren zu verwiſchen geſucht, die der bittere Kampf der jet des Tages ſo wie die neue Unruhe der Nacht auf ſeinem den V Angeſicht zuruͤckgelaſſen hatten und obſchon es wahrſchein⸗ der den lich fuͤr jeden Mann von weniger elaſtiſcher Gemuͤthsart 5 unmoͤglich geweſen waͤre, nach einer ſolchen Revolution in Phi ſeine aͤußere Erſcheinung zu etwas mehr als einer Copie geliebt liebenswuͤrdiger Anmuth zu machen, ſo muͤſſen wir doch anerkennen, daß Philipp Thurne's aͤußere Erſcheinung nicht eine Copie, ſondern ein wirkliches Original aus⸗ machte. A Gott weiß am beſten, in welchen Winkel ſeiner ding— Seele er die mitternachtsſchwarzen Phantaſien verbannte, vierund die den Tag vorher nahe daran waren, ihn zum Selbſt⸗ ſaufende mord zu bringen. ſten kör Natuͤrlich that das meiſte die Hoffnung auf eine ſtieß, Ein G ies noch vergin⸗ r Wirth eutenant ,welche es ihm ilipp die Kampf f ſeinem hrſchein⸗ nuͤthsart volution r Copie wir doch cheinung nal aus⸗ kel ſeiner erbannte, Selbſt⸗ auf eine 129 Verſohnung mit ſeiner Gattin, eine Hoffnung, die er in ſeiner Einbildung ſchon zur Wirklichkeit umgeſchaffen hatte. Demnaͤchſt kam die wieder aufgelebte Myſtification mit Anima. Und endlich— wehe, wehe! Gott troͤſte uns uͤber einen ſolchen Helden— hatten gewiſſe Erinnerungen an die antiken und edlen Schoͤnheiten in dem Geſicht der Oberſtlieutenantin Helleding ſich mit einer neuen und hart⸗ naͤckigen Klarheit zwiſchen ſeinen gehetzten Gedanken hin⸗ durchgeſchlichen und Summa Summarum, man wuͤrde Muͤhe gehabt haben, in dem jungen und eleganten Mann, der jetzt ging, ſeinen Gaͤſten die Aufwartung zu mach den Verzweifelten und Verſtoͤrten wieder der den Abend vorher ſein Urtheil erwartete. Dieſe Veraͤnderlichkeit, dieſe unromantiſche Schwaͤche in Philipps Charakter war es, die von Lilia gleichzeitig geliebt und verabſcheut ward. hen, zu erkennen, Als Philipp eintrat, ſaß Oberſtlieutenant Helle⸗ ding— ein martialiſcher und kraͤftiger Mann von etwa vierundfuͤnfzig Jahren, der mit ſpartaniſcher Ruhe im ſauſenden Kugelregen geſtanden, der aber bei dem klein⸗ ſten koͤrperlichen Leiden, das ihm auf andere Weiſe zu⸗ ſtieß, klagte und jammerte, wie ein altes Weib— be⸗ Ein Geerücht. II. 9 ——-— 13⁰ quem auf einem Ruheſopha, mit dem Fuße auf einigen uͤbereinandergelegten Kiſſen ruhend. Seine Gattin, die einen Lehnſtuhl neben ihm ein⸗ nahm, war eben beſchaͤftigt, ihm laut aus den letzten Zeitungen vorzuleſen, die in Riyhus angekommen waren. Auf einem kleinen Tiſche neben der Oberſtlieute⸗ nantin lagen verſchiedene Compreſſen und Binden, welche ſie nach den mathematiſchen Berechnungen ihres Gatten zugeſchnitten hatte, denn da er zu Felde geweſen war, was der Doctor nicht von ſich ruͤhmen konnte, ſo be⸗ trachtete er ſich fuͤr competenter, als dieſen, ſeine Frau in dieſer Sache zu unterweiſen. „Guten Morgen, mein beſter Herr Wirth,“ ſagte der Oberſtlieutenant, indem er Philipp die Hand hin⸗ hielt.„Welches Gluͤck im Ungluͤck, daß wir es ſo gut getroffen haben! Aber da ich doch kein Sokrates an Ge⸗ duld bin— der hatte aber auch wahrſcheinlich nicht ſo viel zu thun, wie ich— ſo iſt es mein hoͤchſter Wunſch, daß wir nicht laͤnger als bis morgen Herrn Thurné's große Gaſtfreundſchaft in Anſpruch nehmen. Sollte es inzwiſchen ſo toll werden, daß... Der Oberſtlieutenant zog eine freundliche Grimaſſe, welche ſeine Hoffnung vorſtellen ſollte, daß er in einem ſolchen Falle nicht allzuviel Beſchwerde verurſachen werde. „Alles, woruͤber ich befehlen kann, ſtelle ich mit Vergnuͤgen zur Verfuͤgung des Herrn Oberſtlieutenants. Nachdem Philipp zu dieſer Antwort pflicht einige beigefi daß ſe Richtu nen ei * aber n Nuͤdig nicht ſc MNinut ſtellen! blick au S 22 rufen?“ S 28 Schlafen wenn D „A nur nich nicht ſter ſchuldigſ Gefaͤße 131 einigen einige artige Worte ſeiner Theilnahme fuͤr den Mann beigefuͤgt hatte, wendete er ſich zur Frau. hm ein⸗ Der Wahrheit gemaͤß muͤſſen wir aber geſtehen, letzten daß ſeine Augen ſchon lange vorher ſich nach dieſer waren. Richtung gewendet hatten. ſtlieute⸗„Ribyhus iſt wohl nicht ſo gluͤcklich geweſen, Ih⸗ ,welche nen eine ungeſtoͤrte Nachtruhe zu gewaͤhren.“ Gatten„Nein,“ antwortete Honorine, auf deren ſchoͤnem, en war, aber nachdenklichen Antlitz noch eine leichte Spur von „ſo be⸗ Muͤdigkeit zwiſchen den Roſen verweilte,„nein, ich habe Frau in nicht ſchlafen koͤnnen, weil mein Mann auch nicht eine MNinute lang die Augen geſchloſſen hat.“ „ ſagte„Wie empfindſam die Weiber ſich doch immer nd hin⸗ ſtellen! Habe ich vielleicht um einen alten, zerbrochenen 3 ſo gut Topf geklagt?“ an Ge⸗„Allerdings nicht, mein Freund,“ antwortete ſie nicht ſo laͤchelnd,„aber Du haſt mich ſtatt deſſen jeden Augen⸗ Wunſch, blick aufgeweckt.“ 1 hurné's„Nun, darf man denn etwa ſeine Frau nicht Sollte es rufen?“ „Ohne Zweifel, aber das hindert ſie allemal am zrimaſſe, Schlafen. Und uͤberdies, wie haͤtte ich ſchlafen wollen, wenn Du Schmerzen haſt?“ „Aha, aha, geht das Gewinſel wieder los? Weine it nur nicht, liebes Kind, an dieſer Bettelei da werde ich nicht ſterben. Ach, die armen Weiber, was fuͤr ſchwache Gefäße ſind ſie doch!⸗ 9 13²2 Philipp konnte nicht anders, als laͤcheln, als er die Frau betrachtete, die ein ſolches Zeugniß bekam. Wenn Honorine zum Ball geſchmuͤckt geweſen waͤre, ſo wuͤrde ſie als ein Stern der allererſten Groͤße geglaͤnzt haben. Aber es lag in ihr etwas, was zu erkennen gab, daß ſie, wenn ſie auch nicht die Siege des Salons ver⸗ ſchmahte, dieſe doch jetzt nur einen unbedeutenden Ein⸗ druck auf ihr Gemuͤth machten. Selten ſah man bei einer ſo jungen Dame(ſie konnte nicht uͤber dreiund⸗ zwanzig Jahre alt ſein) eine vollkommnere und anmu⸗ thigere Wuͤrde und mit dieſer paarte ſich der Ausdruck nicht einer engelreinen— da wir von Lilia's Engelrein⸗ heit geſprochen haben, moͤchte man gegen dieſes Wort mißtrauiſch ſein— ſondern eine innige, menſchliche Guͤte und uͤber dieſer menſchlichen Guͤte leuchtete hell das Licht des Verſtandes, der Bildung und des Nachdenkens. H nens Augen, von jener durchſichtigen, ſchwarß⸗ glaͤnzen Farbe, die man bei dem Achat wiederfin⸗ det, ſchienen nicht gewohnt zu ſein, zu weinen; aber auch eben ſo wenig ſpielte in ihnen das funkelnde Feuer oder das wechſelnde Laſcheln einer Kokette. Im Gegen⸗ theil, es war, wie der Doector ſagte, eine Ruhe fuͤr die Seele, dieſe Augen zu betrachten, welche durch ihre eigem friedliche Ruhe auch andern die Ruhe wiederzugeben ſchienen. Was den Wuchs betrifft, ſo fand Philipp jetz, als er— unbeirrt durch die Phantaſien der Nacht— in Hon n der ve ſeidene ſah, d ſeiner ihrem der ji vollkor ſchwar ſelben ſich fa lieuten richtige nantin 2 noch ei — T G packen 4 C ſich hin Augen als er m. n waͤre, geglaͤnzt hen gab, ons ver⸗ en Ein⸗ nan bei dreiund⸗ danmu⸗ lusdruck ngelrein⸗ 1s Wort che Guͤte hell das denkens. ſchwarz⸗ viederfin⸗ en; aber de Feuer Gegen⸗ e fuͤr die hre eigem erzugeben jetzt, als ht— in b 133 der vollen Beleuchtung des Tages ihre in das ſchwarz⸗ ſeidene Kleid gehuͤllten, weichen und anmuthigen Formen ſah, daß dieſelben voller und geruͤndeter waren, als die ſeiner maskirten Freundin. Die letztere war auch etwas kleiner und hatte in ihrem ganzen Weſen jene Macht zu berauſchen, welche der jungfraͤulichen Ehrbarkeit in Honorinens Weſen vollkommen fremd zu ſein ſchien. Nun blieb blos noch der Name und das glaͤnzend⸗ ſchwarze Haar uͤbrig: aber wie Viele konnten nicht den⸗ ſelben Namen tragen? Wenigſtens eben ſo Viele, als die ſich falſcher Locken bedienten. Es war alſo nun voͤllig ausgemacht, daß die Oberſt⸗ lieutenantin Helleding nicht Anima ſein konnte oder richtiger geſagt, daß Anima unmoͤglich die Oberſtlieute⸗ nantin Helleding ſein konnte. Aber trotz dieſes Zeugniſſes der Vernunft blieb doch noch eine nagende Unruhe in ihm uͤbrig. Das Buch war noch da. Er zog es aus der Taſche. „Dieſes Buch hier haben Sie wohl bei dem Aus⸗ packen des Wagens verloren, gnaͤdige Frau?“ Er legte nicht das Buch weg, ſondern hielt es vor ſich hin, um zu gleicher Zeit einen Blick in die ruhigen Augen werfen zu koͤnnen. „Ach ja, eine gute Freundin ſchenkte es mir zur 134 Reiſelectuͤre... er hat recht leidliche und huͤbſche Ideen, Ich e der gute Herr Alexis.“ aber „Wirklich— Sie finden ſie leidlich, gnaͤdige Frau?⸗ unterbrach ſie Philipp. nicht Der Poet erroͤthete vor Aerger. „Ja, hat Herr Thurné etwas dagegen?“ ſchrieb „Durchaus nicht.“ wohl „An mehrern Stellen ſind ſeine Ideen mehr als Weibe leidlich und huͤbſch, er hat zuweilen Gedanken und Bil⸗ diges der, ſie einzukleiden, welche beide einem groͤßern Talente Ehre machen wuͤrden.“ Honor „Sie wuͤrden ja den beſcheidenen Dichter ordentlich Herr; verſcheuchen, gnaͤdige Frau, wenn er dieſe ſchmeichelnden 1 Lobreden hoͤrte.“ theilt „Aber wenn mir Herr Alexis wegen des naturfri⸗ geweſe ſchen Tones gefaͤllt, der ſtets ſeine Gedichte durchweht, Geiſte moͤchte ich ihn doch gleichzeitig in Form eines freund⸗ ſchaftlichen Rathes bitten, minder geſucht in Phraſen Dank und dagegen etwas inhaltsreicher zu ſein.“ einer 9 „Und ich konnte dieſe fuͤr Anima anſehen!“ mur⸗ 8 melte Philipp bei ſich ſelbſt.„Welche Thorheit!“ Stiche „Ja, ſolches dummes Zeug leſen die Weiber,“ un⸗ auf ihr terbrach der Oberſt, indem er einen veraͤchtlichen Blick E auf Philipps Buch warf,„aber mein Werk uͤber die lich, na Pferdezucht, eine Wiſſenſchaft, die, wie ich glaube, die gekehrt Versmacherei ein wenig uͤberwiegt, bleibt ungeleſen.. Unruhe Ideen, Fraul hehr als nd Bil⸗ Talente rdentlich chelnden naturfri⸗ rchweht, freund⸗ Phraſen ube, die 135 Ich erwartete es in dem Blatte da angezeigt zu ſehen, aber nichts iſt es!“ „Nun, lieber Helleding, Du kannſt doch wenigſtens nicht ſagen, daß ich Dein Buch nicht geleſen habe?“ „Das war reiner Zwang, als Du es ins Reine ſchriebſt, meine kleine Freundin, aber ich bemerkte recht wohl Deine Manoͤvres mit dem Schnupftuche. Die Weiber haben es ſo in der Art, daß ſie etwas Verſtaͤn⸗ diges nicht leſen koͤnnen, ohne zu gaͤhnen.“ „Welch eine greuliche Beſchuldigung!“ antwortete Honorine mit anmuthigem Laͤcheln...„ich hoffe, daß Herr Thurné die Frauen milder beurtheilt.“ „Ach, ich fuͤrchte, daß ich ſie nur allzumild beur⸗ theilt habe! Ich bin ſtets zutraulich und ſtets geneigt geweſen, ſowohl vor ihrer Schoͤnheit, als vor ihrem Geiſte mein Opfer niederzulegen.“ „»Und haben vermuthlich nur Schande dafuͤr zum Dank erhalten?“ unterbrach ihn der Oberſtlieutenant mit einer Rauhheit, die ſeine Gattin zu erroͤthen zwang. Der arme Philipp ward von dem unabſichtlichen Stiche eben ſo tief getroffen, als wenn derſelbe mit Fleiß auf ihn abgezielt worden waͤre. Seine Wange erbleichte und es war ihm unmoͤg⸗ lich, nachdem ſeine Gedanken nun einmal zu Lilia zuruͤck⸗ gekehrt waren, ſie wieder davon loszureißen, ohne daß die leſen.. Unruhe ſeiner Seele ſich in ſeinen Zuͤgen malte. 136 Frau Honorinens Zartgefuͤhl brachte jedoch Alles wieder ins Gleis. — Ohne zu thun, als ob ſie auf die tiefe Bewegung achtete, die ſich auf dem Antlitz ihres Wirthes malte— und welche Bewegung die Bemerkung des Oberſtlieute⸗ nants vollſtaͤndig beantwortete— begann ſie gelaͤufig, ſich uͤber allerhand in der Geſellſchaft gebraͤuchliche Themata auszuſprechen, unter welchen eins die Eigenſchaft hatte, daß Philipps Gedanken ſofort wieder auf ſeine geheimniß⸗ volle Unbekannte gelenkt wurden. Der Gegenſtand des Geſpraͤchs war die, nach Ho⸗ norinens Meinung, allzugroße Menge von Zerſtreuungen, welche Stockholm darbot. „Man wuͤrde,“ ſagte ſie,„wenn man dem Strome folgen wollte, niemals Zeit haben, einer edleren Beſtim⸗ mung zu leben. Baͤlle, Soupers, Theater, Subſcrip⸗ tions⸗Soireen, dramatiſche Vorſtellungen, Concerte, Maskenbaͤlle...“ Sie machte hier eine Pauſe und fuhr erſt nach einigen Secunden fort:„Und Gott weiß, was ſonſt noch!“ „Maskenbaͤlle?“ unterbrach ſie Philipp dreiſt.„Ha⸗ ben Sie einmal einen ſolchen beſucht, gnaͤdige Frau?“ „Eher wird ſie wohl den Teufel beſucht haben, hoffe ich!“ entgegnete der Ehemann.„Maskenbaͤlle ſind blos fuͤr eine gewiſſe Art von Damen.. oder wie, Honorine, ſollteſt Du wohl waͤhrend der Tage, da ich abweſend war, wirklich Deine thoͤrichte Neugierde befriedigt haben?“ — daß D will ut Geberd muth deutet murm vielleich .) Kind, 5 lieuten zu wer etwas fragte komme 2) 3 h Alles wegung alte— ſtlieute⸗ fig, ſich hemata t hatte, ſeimniß⸗ ach Ho⸗ uungen, Strome Beſtim⸗ ubſcrip⸗ Concerte, ind fuhr iß, was ſt.„Ha⸗ kau?“ en, hoffe ind blos donorine, end war, en?“ „Mein Freund,“ antwortete Honorine,„Du weißt, daß Du mich ruhig hingehen laſſen kannſt, wohin ich will und ſo...“ Sie vervollſtaͤndigte ihre Worte durch eine kleine Geberde, welche eben ſo viel Selbſtſtaͤndigkeit, als An⸗ muth ausdruͤckte. Philipp lauſchte mit allen ſeinen Sinnen. „Sie laͤugnet nicht, großer Gott, was... was be⸗ deutet das?“ „Ich ſoll Dich gehen laſſen, wohin Du willſt?“ murmelte der Oberſtlieutenant,„ja, in zwanzig Jahren vielleicht.“ „Mein beſter Helleding!“ „Na, Du warſt doch nicht auf der Maskerade, mein Kind, nicht wahr?“ Man bemerkte recht wohl, wie ſehr es dem Oberſt⸗ lieutenant am Herzen lag, von dem Gegentheil uͤberzeugt zu werden. „Ich hatte mir beſtimmt vorgenommen, einmal ſo etwas anzuſehen.“ „Und Sie befriedigten Ihre Neugier, gnaͤdige Frau?“ fragte Philipp mit bebenden Lippen. „Nein, das Schickſal wollte, daß ich nicht weiter kommen ſollte, als bis in den Vorſaal.“ „Im Kirſtein'ſchen Hauſe?“ »Ei, wie koͤnnen Sie denn wiſſen, Herr Thurné, 138 daß es ſich nicht um den Maskenball im Opernhauſe handelte, wie?“ „Es war eine bloße Vermuthung.“ „Mir liegt mehr daran, zu wiſſen, was Dich zuruͤck⸗ hielt, nachdem Du einmal ſo weit gekommen,“ fragte der Oberſtlieutenant. Und auch ſeine Lippen bebten unter dem ergrauten Schnurrbarte. Unwillkuͤrlich mußte Philipp an den eiferſuͤchtigen Tyrannen denken. „Mein guter Helleding, haͤtte wohl mehr als ein einziger Umſtand mich zuruͤckhalten koͤnnen?“ Bei dieſen Worten legte Honorine ihre Hand in die ihres Mannes. „Ich ward,“ fuhr ſie fort,„ploͤtzlich von dem Ge⸗ danken ergriffen, daß mir etwas Unangenehmes zuſtoßen koͤnnte, wenn ich gegen Deine Wuͤnſche handelte und die⸗ ſer Gedanke reichte hin, mich zur Umkehr zu bewegen.“ Der Oberſtlieutenant fuͤhrte die kleine weiße Hand ſeiner Gattin ganz artig an ſeine Lippen. „Du biſt eine liebenswuͤrdige, eine auserleſene Frau, Honorine!“ Und die Augen des alten Soldaten fun⸗ kelten. Er war nicht gleichguͤltig gegen den Triumph, den er vor einem jungen Mann gewonnen, welcher ſich uͤber den Undank der Frauen zu beklagen zu haben ſchien.. einem nach j ihres und P faſt bi Ihnen vermag voller! wiſſen, demſell S in dieſe ſtaͤndig durch hervorz zuweiler U len, eilt ernhauſe zuruͤck⸗ fragte rgrauten uͤchtigen als ein Hand in dem Ge⸗ zuſtoßen und die⸗ begen.“ ße Hand ene Frau, ten fun⸗ ph, den ſich uͤber hien 139 Einige Minuten darauf kam der Doctor, der, nach einem fruͤhzeitigen Morgenritt in der Nachbarſchaft, nun nach ſeinem Patienten ſehen wollte. Die Oberſtlieutenantin zog ſich auf einen Wink ihres Mannes an das Fenſter des Nebenzimmers zuruͤck und Philipp nahm ſich die Freiheit, ihr dahin zu folgen. „Erlauben Sie mir,“ ſagte er, indem er ſeinen Ton faſt bis zu einem Fluͤſtern herabſenkte, verlauben Sie mir, Ihnen eine einzige Frage vorzulegen.“ „Sehr gern, obſchon ich durchaus nicht zu errathen vermag, welche Frage Herr Thurné mit ſo geheimniß⸗ voller Miene an mich zu thun wuͤnſchen kann.⸗ „O, ſie iſt ganz einfach... ich— ich wollte blos wiſſen, ob die ſchoͤne Anima das Kirſtein'ſche Haus in demſelben Wangen werlaſſen hat, in welchem ſie hinkam?« Honorine ſah ihrem Wirth gerade in die Augen und in dieſem Blick lag eine ſo niederſchmetternde und voll⸗ ſtäͤndige Antwort, daß er beſtuͤrzt, verzweifelt, vernichtet durch die Groͤße ſeiner Unverſchaͤmtheit nur die Worte hervorzuſtammeln vermochte: „Fragen Sie den Doctor Warvner, ob ich nicht zuweilen nicht recht richtig im Kopfe bin.“ Und ohne ſich noch einem ſolchen Blicke bloszuſtel⸗ len, eilte er hinaus. A0 4. Die Gäſte reiſen ab. „Ich ſtehe dafuͤr, daß der Herr Oberſtlieutenant morgen wieder auftreten kann,“ ſagte der Doctor.„Es i*ſt nichts weiter zu thun, als die zeitherige Behandlung fortzuſetzen.“ „Und morgen, glaubt der Doctor, kann ich die Reiſe fortſetzen? Mein ganzes, großes Landgut— ich haͤtte beinahe geſagt, mein ganzer Ort, denn ohne mich geſchieht dort nichts— geraͤth außer ſich, wenn ich nicht nach Hauſe komme.“ „Ja, der Herr Oberſtlieutenant kann ohne alle Gefahr reiſen, wohin er will, das heißt, mit Vorſicht. Ueberdies komme ich heute Abend wieder.“ Honorine ſtand noch draußen in dem Nebenzim⸗ mer, als der Doctor zuruͤckkam. „Es hat mit meinem Manne, Gott ſei Dank, keine Gefahr, wie ich hoͤre?“ allen; das U ich Ik aus ei ter, jt Sie d — ſonders tuͤrlich 21 einer L nimmt 2) eine P als un . 2) ein ſe men ſe Das 9 gehen.“ 7 eutenant r.„Es dandlung ich die t— ich hne mich ich nicht ohne alle Vorſicht. ebenzim⸗ i Dank, „Sie koͤnnen ganz ruhig ſein, gnaͤdige Frau.“ „Aber, ſagen Sie mir, Herr Doctor— und vor allen Dingen haben Sie die Guͤte, kein Gewicht auf das Unartige in meiner Frage zu legen; ſie ruͤhrt, wie ich Ihnen verſichern kann, weder aus Neugierde, noch aus einem Mangel an Zartgefuͤhl her— iſt unſer gu⸗ ter, junger Wirth ſelbſt bei vollkommenem Wohlſein?s „Darf ich meinerſeits fragen, aus welchem Grunde Sie dies bezweifeln, gnaͤdige Frau?“ „Nun, ich habe ſowohl heute Nacht, als ganz be⸗ ſonders eben jetzt Verſchiedenes bemerkt, was eine na⸗ tuͤrliche Verwunderung in mir erregt hat.“ „Er befindet ſich allerdings fuͤr den Augenblick in einer Lage, welche die groͤßte Theilnahme in Anſpruch nimmt. Ja, er iſt im hoͤchſten Grade beklagenswerth.“ Ach!“ * „Seine Frau...“ der Doctor ſah ſich genoͤthigt, eine Pauſe zu machen, wahrſcheinlich mehr um ſeinet⸗, als um Philipps willen. »Nun wohl, ich konnte mir wohl denken, daß ein ſehr delikates Verhaͤltniß in Unordnung gekom⸗ men ſei.“ „Wenn es blos in Unordnung gekommen waͤre! Das ganze Gluͤck ſeines Lebens droht in Truͤmmern zu gehen.“ „Mein Gottl 14² „Philipp betet ſeine Gattin an und ſie hat ihn verlaſſen, mit dem Vorſatz, nicht wieder zu kommen.“ „Wie... nicht wieder zu kommen?... Und er betet ſie an?“ Honorine ſchuͤttelte den Kopf. „Ich verſtehe, was Sie ſagen wollen, gnaͤdige Frau, und ich muß daher hinzufuͤgen, daß er ſich fuͤr den Augenblick einer gefaͤhrlichen Taͤuſchung hingiebt.“ „Einer Taͤuſchung?“ „Ja; er wird morgen eine Zuſammenkunft mit ihr haben und er rechnet auf die Kraft ſeiner Beredt⸗ ſamkeit. Aber es ſteht zu vermuthen, daß er ſich ver⸗ rechnet und dann— verzeihen Sie nun mir meine nothgedrungene Aufrichtigkeit— verfaͤllt er wieder in einen Zuſtand, der es ihm ohne Zweifel unmoͤglich macht, die Pflichten eines Wirths zu erfuͤllen.“ „O, fuͤrchten Sie nichts, wir reiſen zeitig, ganz zeitig und ich danke dem Herrn Doctor von ganzem Herzen fuͤr dieſe Mittheilung, ohne die wir uns viel⸗ leicht nicht blos eines Verſtoßes gegen den Anſtand, ſondern ſogar einer wirklichen Herzloſigkeit ſchuldig ge⸗ macht haͤtten... Armer, armer, junger Mann! Daß wir ihn mit der Sorge fuͤr die Bequemlichkeit fremder Menſchen belaͤſtigen mußten! Es thut mir aufrichtig leid, daß wir jemals hierhergekommen ſind.“ „Bereuen Sie das nicht, denn ich habe die Ueber⸗ zeugung, daß gerade dieſe Zerſtreuung in ſeinen Ge⸗ danken heftig, Verzw 3 Oberſt norine, wechſel 7. 2 mehr a C liche W uͤber die nantin rung ſe V ehrbarer beleidige Geheim rine mi ein Zuf D ten, ſuch hat ihn men.“ Und er gnaͤdige ſich fuͤr ngiebt.“ nft mit Beredt⸗ ſich ver⸗ meine ieder in moͤglich g, ganz ganzem ns viel⸗ Unſtand, ldig ge⸗ n! Daß fremder ufrichtig Ueber⸗ gen Ge⸗ danken ganz wohlthaͤtig war. Sein Charakter iſt ſo heftig, daß er ſich eben ſo leicht der Hoffnung, wie der Verzweiflung hingiebt.“ „Honorine, Honorine!“ ſchallte die Stimme des Oberſtlieutenants im Tone ſteigender Ungeduld.„Ho⸗ norine, ich ſchreie mich heiſer... der Umſchlag ſoll ge⸗ wechſelt werden.“ „Gleich, mein Freund, gleich!“ Waͤhrend des ganzen Tages kam Philipp nicht mehr auf Beſuch zu ſeinen Gaͤſten. Er erfuhr durch Arnold, daß ſie nun das ſchmerz⸗ liche Verhaͤltniß kannten und eine heimliche Scham uͤber die Art und Weiſe, auf welche er die Oberſtlieute⸗ nantin beleidigt, ohne ihr die mindeſte, ſchickliche Erklaͤ⸗ rung ſeiner Keckheit geben zu koͤnnen, hielt ihn zuruͤck. Welche Erklaͤrung haͤtte er auch wohl der ſchoͤnen, ehrbaren Honorine geben koͤnnen, ohne ſie noch mehr zu beleidigen? Und uͤberdies, wie konnte er ein ſo delikates Geheimniß einer Fremden Preis geben? Nein, Hono⸗ rine mußte ohne Aufſchluß bleiben, dafern nicht irgend ein Zufall dieſelbe auf ſich nahm. Die Gaͤſte, die ihrerſeits ſich ebenfalls gedruͤckt fuͤhl⸗ ten, ſuchten nicht darum an, ihren Wirth ſprechen zu 144 duͤrfen, und unter wechſelſeitiger Verlegenheit ging der Tag voruͤber. Erſt am Abend, als der Doctor wiederkam, ver⸗ ſammelte man ſich, um gemeinſchaftlich zu ſoupiren. „Ich fuͤrchte,“ ſagte Philipp, nachdem man nach einer ziemlich ſteif verfloſſenen Stunde ſich anſchickte, zu ſcheiden,„ich fuͤrchte, daß ich ſchon heute Abend mei⸗ nen geehrten Gaͤſten Lebewohl ſagen muß. Ich habe morgen fruͤh, ganz zeitig, eine Reiſe vor.“ Der Okerſtlieutenant aͤußerte einige hoͤfliche Re⸗ densarten. Honorine benutzte das zuweilen ſehr gelegene Privilegium der Frauen, zu ſchweigen, wenn die Maͤn⸗ ner ſprechen. „Ich habe dieſes edle und anmuthige Weſen be⸗ leidigt!“ ſagte Philipp zu ſich ſelbſt, und ſein leicht zu ruͤhrendes Gewiſſen litt unter dieſem Vorwurfe. Es war klar, daß er auf ein Mittel denken mußte,„ meinem es zu beruhigen, auf ein Mittel, eine der Gelegenheiten zu ſchaffen, denen er fruͤher nur in Hoffnung ſich haͤtte nahen koͤnnen. „Darf ich Ihnen meinen Arm zur Unterſtuͤtzung anbieten?“ fragte der Doctor und der Oberſtlieutenant hinkte, auf den Arm des jungen Arztes geſtuͤtzt, aus dem Salon hinaus. Langſam folgte ihm die Oberſtlieutenantin mit dem Hausherrn. „Ich habe eine Abbitte zu thun,“ ſagte er, und richtet gefaͤhr Bitter druckst Mann um eit ſchnell ſieht di hetzigke der arn . der ſchen H dem ich es ja, d „ Muͤhe.“ „6 Anima gen Na ihn aus⸗ Ein G zing der m, ver⸗ iren. an nach nſchickte, end mei⸗ zch habe iche Re⸗ gelegene ie Maͤn⸗ zeſen be⸗ leicht zu a mußte, genheiten ich haͤtte rſtuͤtzung leutenant aus dem mit dem er, und 145 richtete auf Honorine einen Blick, der faſt fuͤr jede Frau gefaͤhrlich geweſen waͤre, denn es lagen darin tauſend Bitten, welche ſein lebhaftes Mienenſpiel und ſeine aus⸗ drucksvollen Augen noch beredter machten. Die Oberſtlieutenantin, welche, dem Beiſpiel ihres Mannes folgend, im Vorzimmer ſtehen geblieben war, um einige Prachtgewaͤchſe zu bewundern, wendete ſich ſchnell zu Philipp herum und ſagte ſehr freundlich: „Herr Thurné hat einen Irrthum begangen und ſieht dies ein; mehr kann man nicht thun.“ „Es war,“ fuhr Philipp mit weit groͤßerer Offen⸗ hetzigkeit fort, als er eigentlich wollte—„es war Alexis, der arme, betrogene Poet, der ſich irrte... Alexis, den 2. den.. eine andere Anima einmal mit einer fal⸗ ſchen Hoffnung auf Theilnahme troͤſtete.“ „Was... wie... Alexis?... ich lerne alſo in meinem Wirth den ſeelenwarmen Dichter kennen, mit dem ich ſchon ſo bekannt war?... Ach, nun bin ich es ja, die eine Abbitte zu thun hat!“ „Ach, meine Gnaͤdige, das verlohnt gewiß nicht der Muͤhe.“ „Glauben Sie inzwiſchen, daß es noch eine zweite Anima giebt, die keine falſche Theilnahme hegt.“ „O, ich bitte Sie, laſſen Sie nicht dieſen unheili⸗ gen Namen uͤber Lippen ſchweben, die viel zu rein ſind, ihn auszuſprechen!“ Ein Gerücht. II. 10 146 Honorinens ſchoͤne Augen wurden durch einen leich⸗ ten Schatten verduͤſtert. „Der Name Anima/“ hob Philipp wieder an,„iſt fuͤr mich nur eine ungluͤckliche Myſtification, aber eine Myſtification, welche mich... verzeihen Sie, ich ver⸗ geſſe mich ganz. Und nun, leben Sie wohl, gnaͤdige Frau, unſere Bekanntſchaft iſt kurz geweſen und gleich⸗ wohl...“ Seine Stimme ſchwankte. „... gleichwohl,“ fiel Honorine ein,„von der Art, daß ſie niemals vergeſſen werden kann.“ „Ich danke Ihnen, gnaͤdige Frau, ich danke Ihnen tauſendmal fuͤr dieſen Ausdruck der Theilnahme! Sie iſt mir angenehm geweſen, ſowohl die, welche Sie dem unbedeutenden Poeten, als die, welche ſie dem ungluͤck⸗ lichen Menſchen widmeten. Moͤge Gott ſie vor jedem Leiden ſchuͤtzen!“ „Wenn mein Tag kommt, werde ich mich bemu⸗ hen, bereit zu ſein.“ „Bereit?« Philipp laͤchelte— es war in der That ein wehmuͤthiges Laͤcheln.„Kann man ſich darauf be⸗ reiten, wie man den Schmerz aufnehmen will 2* „Vielleicht— ich glaube es wenigſtens.“ „Das waͤre ein großes Geheimniß und eins, wel⸗ ches ich lernen moͤchte.“ „Nun, dann kommen Sie einmal nach Tjuſtorg und ich will verſuchen, Herrn Thurné dieſes Geheim⸗ niß zu lehren.“ 2 einen! muͤthig Philipf ehrerbie C ben, er gewonn zaͤrtliche Thautr⸗ A nenaufg E Helledin H der praͤRc „6 nant mi morgen ſehen; iſ „2 Gattin, Leute zu Un nen leich⸗ an,„iſt aber eine ich ver⸗ gnaͤdige nd gleich⸗ der Art, ke Ihnen ne! Sie Sie dem ungluͤck⸗ vor jedem ich bemi⸗ der That darauf be⸗ 2“ 6 eins, wel⸗ ) Tiuſtorg § Geheim⸗ 147 Waͤhrend die junge Frau mit einer Stimme, die einen unbeſchreiblichen Ausdruck beſaß— lieblich, weh⸗ muͤthig, ermunternd— dieſe Worte ſprach, reichte ſie Philipp ihre Hand zum Abſchied. Philipp kuͤßte ſie ehrerbietig. Er war zufrieden mit der Erklaͤrung, die er gege⸗ ben, erfreut uͤber die Achtung und Theilnahme, die er gewonnen und die letzten dankbaren Blicke und das letzte qartliche Laͤcheln der ſchoͤnen Frau fielen wie wohlthaͤtige Thautropfen in ſein Herz. Am folgenden Morgen verließ Philipp mit Son⸗ nenaufgang Ribyhus. Einige Stunden ſpaͤter reiſ'ten Oberſtlieutenant Helledings ab. Honorinens ſanfte Blicke verweilten lange auf der praͤchtigen Landſchaft und dem weißen Gebaͤude. „So geht es im Leben,“ ſagte der Oberſtlieute⸗ nant mit tiefſinnigem Tone—„heute trifft man ſich, morgen ſcheidet man wieder, um ſich niemals wiederzu⸗ ſehen; iſt es nicht ſo?“ „Mir kommt es aber doch vor,“ antwortete ſeine Gattin, als ob ich weder dieſe Landſchaft, noch dieſe keute zum letzten Male geſehen haͤtte.“ Und Honorine hatte recht. 148 Der Doctor war allein auf Ribyhus zuruͤckge⸗ blieben. Er hatte Philipp verſprochen, bei dem Fruͤhſtuͤck und dem Abſchied die Stelle des Wirths zu vertreten. Jetzt ſtand ſein Gig bereit, ja, derſelbe hatte ſchon ſeit einer halben Stunde bereit geſtanden und gleichwohl kam der Doctor nicht heraus. Doctor Arnold hatte ſeine Kranken, die Zeit, Alles, Alles vergeſſen— nur nicht die Qual und die uner⸗ laubten Freuden, die er in demſelben Zimmer genoſſen, wo er jetzt ſaß. Er war naͤmlich in den kleinen, rothen Salon hin⸗ eingegangen, wo Lilia gewoͤhnlich ſich aufzuhalten pflegte und er ſaß auf demſelben Ruheſopha, wo er mehr als einmal neben ihr geſeſſen oder ſie nach ihrer gewoͤhnli⸗ chen, anmuthig⸗muthwilligen Weiſe zuſammengekauert hatte liegen ſehen. Von den Dienſtleuten fiel es Niemandem ein, ſich daruͤber zu wundern, daß der Doctor hier ſo hei⸗ miſch that. Denn ſo eingeweiht auch die Dienſtleute gewoͤhn⸗ lich in die Angelegenheiten eines Hauſes ſind, ſo wan doch von Ribyhus aus niemals auch nur ein Hauch ge hoͤrt worden, der fuͤr den Ruf der jungen Herrin da Hauſes haͤtte verletzend ſein koͤnnen. Ueberdies gab es in der ganzen Einrichtung fu das Dienſtperſon al keinen alten, vertrauten Diener un keine genen, nen, n tarienſt ſten un S rectors Er hat vielleicht genau! Haus j nehmen D einen al ein Sta einem n D geheimn Doctors machen. von dem Herrſcha zuruͤckge⸗ Fruͤhſtuͤck vertreten. atte ſchon gleichwohl eit, Alles, die uner⸗ genoſſen, zalon hin⸗ ten pflegte mehr als gewoͤhnli⸗ engekauert adem ein, ier ſo hei⸗ e gewoͤhn⸗ d, ſo wan Hauch ge Herrin deſ D chtung fi Diener un 149 keine alte, vertraute Dienerin, welche ihre verſchwie⸗ genen, aber ſicheren Bemerkungen haͤtte machen koͤn⸗ nen, mit einem Wort, keins jener angenehmen Inven⸗ tarienſtuͤcke, welche einem großen Hauſe faſt ſeinen be⸗ ſten und heimiſchſten Anſtrich geben. Sonderbar genug war waͤhrend der Zeit des Di⸗ rectors kein ſolches Inſtitut zu Stande gekommen. Er hatte blos einen Favoriten, die große Gunnel, und wahrſcheinlich hatte Lilia den Geſchmack ihres Vaters geerbt, denn Gunnel hatte ihr auf ihrer Reiſe folgen muͤſſen. Uebrigens wechſelte Lilia die Dienſtleute ſehr oft, vielleicht eben aus dem Grunde, weil ſie nicht allzu genau beobachtet ſein wollte. Und ſo war das große Haus jetzt wohl voll Menſchen, aber ganz ohne theil⸗ nehmende Herzen. Die Fabrik hatte allerdings alte Arbeiter und einen alten Werkmeiſter, aber die Fabrik war gleichſam ein Staat fuͤr ſich, der zu dem Herrſchaftshauſe in einem neutralen Verhaͤltniß ſtand. Daher rotteten ſich keine alten und klugen Koͤpfe geheimnißvoll zuſammen, um uͤber das Verweilen des ockors im Salon der Hausfrau Bemerkungen zu machen. Und waͤhrend man draußen blos munter von dem nobeln Trinkgeld ſchwatzte, welches die fremde Herrſchaft gegeben— die Abreiſe der Hausherrin war 150 ein zwei Monate altes und daher beinahe abgedroſche⸗ nes Thema— blieb der Doctor in ungeſtoͤrter Ruhe. Aber ſeine Seele fand keine ſolche, denn dieſe eilte durch Zeit und Raum hindurch nach dem Zimmer, wo Lilig auf ein paar Stunden mit ihrem Gatten allein ſein ſollte. Nach den unzaͤhligen Anſtrengungen, die Arnold waͤhrend der letzten vierundzwanzig Stunden ausge⸗ ſtanden— er, der kein Recht beſaß, eine tiefere Ge⸗ muͤthsbewegung zu zeigen— war dieſe halbſtuͤndige Einſamkeit ganz unentbehrlich... denn zuweilen iſt es unentbehrlich, ſo ſchwach ſein zu duͤrfen, als wir wol⸗ len, in dem Vertrauen, daß nur Gott uns ſieht. Wie wuͤrde nicht dieſe einfache, redliche, in ſich ſelbſt verſchloſſene Natur vor dem bloßen Gedanken zu⸗ ruͤckgebebt ſein, daß andere Menſchen der Seele des ruhigen, bedaͤchtigen Doctors auf den Grund ſehen und gewahren koͤnnten, daß er unter der aͤußern Schale eines gleichmaͤßigen, alltaͤglichen Weſens ein ſo zaͤrt⸗ liches, ſo weiches und ſo feinfuͤhlendes Herz verbarg, daß es ein Vermoͤgen, zu leiden, beſaß, eben ſo wie ſein feſtes Gemuͤth ein doppeltes Vermoͤgen beſaß, das Leiden zu ertragen. b Welche Gewiſſensqual machte er ſich nicht um Philipps willen... und auch um ſeiner ſelbſt willen! Moͤge man daruͤber lachen, wenn man Luſt hatz mag man es fuͤr ſo laͤcherlich und abgeſchmackt anſe⸗ hen, w obſchon unterw ihre S Verirri ſatzes z deſſelber J Doctor Veracht Bild ar ... vo ſite zur 1 „8 Du mi waͤhlen Menſche nicht ein allen W „) erleben, zerriſſen. gedroſche⸗ Nuhe. dieſe eilte mer, wo een allein 2 Arnold ausge⸗ efere Ge⸗ bſtuͤndige len iſt es wir wol⸗ t. „in ſih anken zu⸗ Seele des ind ſehen n Schale ſo zaͤrt⸗ verbarg, n ſo wie eſaß, daß nicht um ſt willen Luſt hat, ackt anſe 151 hen, wie man wolle, es giebt doch Menſchen, welche, obſchon ſie eben ſo wie andere dem Taumel der Sinne unterworfen ſind, doch mit Kummer und Schmerz an ihre Schwachheit, mit Entſetzen an eine andauernde Verirrung denken und die ſich ſelbſt wegen des Vor⸗ ſatzes zum Boͤſen eben ſo ſehr, als wegen des Begehens deſſelben verabſcheuen. In dieſer Stimmung befand ſich unſer ehrlicher Doctor, ja in einer noch entſetzlicheren, denn all ſeine Verachtung, all ſein Abſcheu vermochte nicht, Lilia's Bild aus ſeinem Herzen zu entfernen. Mit Verzweiflung ſagte er zu ſich ſelbſt: „Kann es wohl eine entſetzlichere Lage geben, als die, bPis zum Wahnſinn ein Weib zu lieben, welches man keines Schimmers von Achtung fuͤr wuͤrdig haͤlt .. vor ihrem Verluſt zu zittern und vor ihrem Be⸗ ſize zuruͤckzuſchaudern?“ Er verbarg ſein Angeſicht in den Haͤnden. „O Lilia, Lilia, was hatte ich Dir gethan, daß Du mich zum Opfer Deiner leichtſinnigen Kuͤnſte waͤhlen mußteſt? Das kuͤnftige Wohl oder Weh eines Menſchen hat fuͤr Dich keine Bedeutung. Du warfſt nicht einmal einen Gedanken auf dieſes Spielzeug ohne allen Werth. „Philipp wird Dich vergeſſen— er wird den Tag erleben, wo er Dich dafuͤr ſegnet, daß Du das Band zerriſſen. Aber ich... ich werde leben, um ewig zu 152 haſſen, ewig zu lieben— denn ich kann nicht ver⸗ geſſen!“ Und er, der in ſeinen Gedanken ſo oft ſich ein keuſches Bild fuͤr ſeine Anbetung geſchaffen— ein Bild, an welches Honorine ihn ſuͤß und bitter erinnert hai— er, der ſo oft zu ſich ſelbſt geſagt: Wie ſehr will ich mich vorſehen, bevor ich meine Seele in die Gewalt eines Andern gebe— er weinte nun in der augenblicklichen Einſamkeit, daß das keuſche Bild ent⸗ flohen war und daß er nur noch das einer Sirene beſaß. Die Liebe kann eine tyranniſche Feſſel werden, und hier war ſie es. Arnold glaubte noch, daß er vor dem Verluſt ſei⸗ ner Ruhe, der Hoffnung ſeiner Zukunft bebte, waͤhrend eer doch in der That nur vor dem entſcheidenden Augen⸗ blick zitterte, welcher jetzt herannahete. Mit hoͤlliſcher Genauigkeit gab ſein Gedaͤchtniß Lilia's verfuͤhreriſche Geſtalt zuruͤck. Er glaubte ihre purpurgluͤhenden Lippen ſich ruͤh⸗ ren, ihre gefaͤhrlichen Augen gleichzeitig locken und ah⸗ ſchrecken zu ſehen, er hoͤrte ihre engelweichen, ſanftklin⸗ genden Toͤne, und er fuͤhlte die ganze Gewalt von Phi⸗ lipps Bemuͤhen, eine Verſoͤhnung herbeizufuͤhren. Wenn.. wenn es ihm gelang. „Nein, fort von hier!“ rief er aufſpringend, blieb hoͤren, d aber n im S. 2 jeder O trage? Kranke G Doctor 2 Auge d nen un wirklich der Ha und G den Do U ter, ve und liej ruͤckrufe E derſelbe Geduld. W ſtreuung ſie ware fuͤr die) ht ver⸗ ſich ein — ein erinnert ie ſehr in die in der ld ent⸗ Sirene werden, luſt ſei⸗ vaͤhrend Augen⸗ daͤchtniß ſch ruͤh⸗ und ab⸗ unftklin⸗ on Phi⸗ d, blieb 153 aber wie verſteinert ſtehen, als er ſich im Vorbeigehen im Spiegel ſah. „Wie, bin ich ein ſo armer Schwaͤchling? Soll jeder Menſch mir anſehen, daß ich die Hoͤlle in mir trage? Iſt dies die Miene, womit der Arzt vor das Krankenbett tritt?“ Es verging noch eine halbe Stunde, bevor der Doctor herauskam. Aber dann hatte ſeine Stirn ihre Glaͤtte, ſein Auge den gewoͤhnlichen, ruhigen Ausdruck wiedergewon⸗ nen und mit einer Geduld, die im vorliegenden Falle wirklich Heldenmuth genannt werden konnte, hoͤrte er der Haushaͤlterin langweilige Beſchreibung eines Ruͤcken⸗ und Gichtuͤbels an, um deſſen Heilung ſie ſchon laͤngſt den Doctor hatte bitten wollen. Und der Doctor klopfte ſie gutgelaunt auf die Schul⸗ ter, verſprach ihr das naͤchſtemal etwas zu verſchreiben und ließ ſich mit der Geduld eines Engels drei Mal zu⸗ ruͤckrufen, um die Entſchuldigung derſelben Perſon anzu⸗ hoͤren, daß ſie ſich unterſtanden, ihn ſo lange aufzuhalten. Endlich ſaß er in ſeinem Wagen und nun rollte derſelbe munter fort auf dem Wege der Pflicht und der Geduld. Waͤhrend des ganzen Tages beging er in der Zer⸗ ſtreuung nicht mehr als zwei oder drei Mißgriffe, aber ſie waren von der Art, daß er mit Schrecken die Gefahr fuͤr die Patienten erkannte, einen verliebten Arzt zu haben. 154 Zum Gluͤck war es blos er ſelbſt und ſein ihm ge⸗ wogener College, der Apotheker, ein verſchwiegener Mann, welcher einſah, daß es um die Haͤlfte von Doctor Warv⸗ ners Reputation geſchehen waͤre, wenn die Klatſchſchwe⸗ ſtern im Marktflecken und in der kleinen Stadt die Geheimniſſe ſeiner Recepte von dieſem Tage erfahren haͤtten. * A Reiter ſam ir waͤhnt trennt ſcharfe hier, als es ters ſe ſpazier die ſeir 2 aus ſei auf die zu dem erreicht ihm ge⸗ Mann, Warv⸗ hſchwe⸗ adt die erfahren 2. Uhilipp unterwegs. Es war ungefaͤhr neun Uhr des Morgens, als ein Reiter mit geſenktem Haupte und ſchlaffen Zuͤgeln lang⸗ ſam in den Wald hineinritt, welcher die mehrmals er⸗ waͤhnte, kleine Stadt von der laͤndlichen Umgebung trennte. Das Pferd, welches nach einem mehrſtuͤndigen, ſcharfen Trab gehen durfte, wie es wollte, blieb bald hier, bald da am Straßenrande ſtehen. Und endlich, als es ſich ganz ohne alle Aufſicht von Seiten des Rei⸗ ters ſah, begann es ganz unbefangen uͤberall herumzu⸗ ſpazieren, wo ſich eine einladende, gruͤne Stelle zeigte, die ſeinen Appetit reizte. Auf dieſe Weiſe geſchah es, daß der Reiter, als er aus ſeinem tiefen Nachdenken erwachte, fand, daß er mit auf die Weide gegangen war, anſtatt ſich auf dem Wege zu dem Ziele zu befinden, welches ſeine Traͤume ſchon erreicht hatten. 156 „Welch ein boͤſes Omen! Die Thiere haben ihren Inſtinkt,“ murmelte Philipp, indem er die Zuͤgel anzog ...„Na, vielleicht bedeutet dieſer Aufenthalt, daß ich noch Zeit genug komme.“ Und wieder ließ er mit jenem Gefuͤhle der Furcht, welches ſich oft gegen unſern Willen unſerer bemaͤchtigt, die Zuͤgel ſinken. „Mache dir ein Vergnuͤgen und weide dul“ ſagte er, indem er das Pferd auf den Hals klopfte. Und gleich, als ob er unwillkuͤrlich das Beduͤrfniß gefuͤhlt haͤtte, einen Augenblick zu verweilen, der einmal ver⸗ loren, niemals wiederkam, ſtieg er ab und warf ſich in das Gras. Die letztverfloſſene Nacht war fuͤr Philipp nicht gluͤcklich geweſen. Alle die Hoffnungen und roſenfarbenen Bilder, die ſo kuͤhn und ſchnell nach der Botſchaft, die Arnold brachte, emporgetaucht waren, waren in dieſer letzten Nacht wieder vollſtaͤndig hinabgeſunken. Aber nicht genug hiermit— Troſtloſigkeit war darauf gefolgt und mit der Troſtloſigkeit kamen guch alle jene finſteren und boͤſen Geiſter, welche die ſtehende Begleitung dieſer nagenden Furie auszumachen pflegen. Philipp haͤtte viel darum gegeben, wenn er zu ſei⸗ nem gefaͤhrlichen Vorhaben einen Gluͤckwunſch von den Lippen der Oberſtlieutenantin Helleding haͤtte erhalten koͤnnen. Dieſe Lippen hatten— als der wahnſinnige Irrth beſchr Hono Seele Fuͤrbi viel 2 die F uͤberle macht welche ter S der ſe gar er ſelbſt unbeke hoͤrlich zumac er in zu erk verſtoͤr kenner Verſu n ihren anzog daß ich Furcht, aͤchtigt, e du!“ e. Und gefuͤhlt nal ver⸗ ſich in p nicht der, die Arnold rletzten eit war en guch ſtehende pflegen. zu ſei⸗ von den erhalten nſinnige 157 Irrthum wegen Anima beſeitigt war— etwas ſo un⸗ beſchreiblich Reines und gleichſam das ganze Angeſicht Honorinens druͤckte ſo alles Erhabene aus, was eine Seele beſitzen koͤnne, daß Philipp der Meinung war, ihre Fuͤrbitte oder ihr Gluͤckwunſch muͤſſe wenigſtens ebenſo⸗ viel Werth haben, als welchen man fruͤher darauf ſetzte, die Fuͤrbitte eines gewiſſen Heiligen erworben zu haben. Dieſe getaͤuſchte Hoffnung, die er ſich erſt recht uͤberlegte, nachdem er von ſeinen Gaͤſten geſchieden war, machte den Anfang der duͤſtern Gemuͤthsſtimmung aus, welche ihn jetzt beherrſchte. Nach der getaͤuſchten Hoffnung kam ein fieberhaf⸗ ter Schlaf, mit abenteuerlichen, aͤngſtlichen Traͤumen, der ſein Blut in eine ungluͤckliche Wallung verſetzte. Er waͤlzte und kruͤmmte ſich, er wollte ganz und gar erwachen, um nur durch die Bilder zu leiden, die er ſelbſt heraufbeſchworen. Aber ſein Wille ermattete in dem Kampfe mit den unbekannten Maͤchten und er ſchlief und wachte unauf⸗ hoͤrlich, um tauſend verſchiedene Grade der Pein durch⸗ zumachen. Als er mit der Morgendaͤmmerung aufſtand, war er in Vergleich zu dem Tage vorher gar nicht wieder zu erkennen; er ſah jetzt noch erſchoͤpfter, muthloſer und verſtoͤrter aus, als in dem Augenblick, wo wir ihn zuerſt kennen lernten. Er machte allerdings einige ſchwache Verſuche, dieſer Verheerung abzuhelfen, aber vergebens. 158 Er hatte einen Widerwillen gegen Alles, was ihn, wenn auch nur auf einen einzigen Augenblick, aus dieſem un⸗ gluͤckſeligen Zuſtand zog, wo jedes ſeiner Gefuͤhle und jeder ſeiner Gedanken gefeſſelt zu Lilia's Fuͤßen lag. Anima lebte nicht mehr in ſeiner Erinnerung und noch weniger Honorine. Was kuͤmmerte er ſich jetzt noch um die gefaͤhrliche Theilnahme der Muſe, was um die Fuͤrbitten einer rei⸗ nen Seele? Er ſelbſt hatte ja nicht mehr eine Seele zu verſchenken, denn dieſe gehoͤrte unwiderruflich ſeiner Gattin, der Mutter ſeiner Kinder, die er wiederfinden mußte oder... Der Ritt und die friſche Morgenluft wirkte in⸗ zwiſchen gut auf ihn ein. Es war ihm gleichſam, als wenn wieder ein Strahl der Hoffnung ſein Herz erwaͤrmen wollte. Er eilte fort, ſchnell wie der Wind, auf ſeinem ſchnellen Pferde... kam er wohl noch Zeit genug? Nein, er haͤtte fliegen moͤgen, um ſein Endurtheil einige Minuten fruͤher zu hoͤren. Aber ſo wie die Umgebungen der Stadt hervor⸗ traten, begann ſein Muth wieder zu ſinken. Das Pferd durfte, wie man ſchon geſehen, nach ſeinem eigenen Gutduͤnken gehen— der Herr fing wieder an zu traͤumen. Erſt in dem Augenblick, wo er ſich in das Gras warf, legte er ſich eine Frage vor, die er niemals zuvor, wenig hatte. waren Fall, lich, vorang 8 Kraft wirken eine vo der M Beſchi als ein U er noc Mann ausgele binnen bande, C lich, da dieſe R U in dieſe ,, wenn em un⸗ hle und lag. ng und aͤhrliche ner rei⸗ e Seele h ſeiner erfinden rkte in⸗ Strahl ſeinem nug? durtheil hervor⸗ s Pferd eigenen an zu s Gras 6 zuvor, 159 wenigſtens nicht in beſtimmter Form, an ſich gethan hatte. Konnte er nicht— im Fall alle Bitten vergebens waren— das Recht geltend machen, das ihm fuͤr den Fall, daß er es benutzen wollte, zuſtand, das Recht naͤm⸗ lich, die oͤffentliche Aufforderung, welche der Scheidung vorangehen mußte, zu verweigern? Vielleicht mußte gerade eine ſolche Handlung der Kraft wohlthaͤtig auf Lilia's eigenes, kraftvolles Gemuͤth wirken; vielleicht mußte ſie dann einſehen, daß ſie nicht eine von allen Ruͤckſichten unabhäͤngige Macht, ſondern der Macht deſſen unterworfen war, den ſie zu ihrem Beſchuͤtzer gewaͤhlt hatte. Er ging nicht weiter. Er war es ſo ungewohnt, der arme Philipp, ſich als eine Macht zu betrachten... Und gleichwohl in einer entſchwundenen Zeit, als er noch ein froͤhlicher, ſorgenfreier, unverheiratheter Mann war, der nur fuͤr den Tag lebte, wuͤrde er jeden ausgelacht haben, der ihm prophezeiht haͤtte, er werde binnen Kurzem am Gaͤngelbande gehen— am Gaͤngel⸗ bande, er, der ſtets frei und ſelbſtſtaͤndig ſein wollte. Eine hohe Roͤthe flammte auf ſeiner Wange. Moͤg⸗ lich, daß er erroͤthete, weil ſeine Gedanken zufaͤllig gerade dieſe Richtung beruͤhrten... Und gleichwohl lag keine eigentliche Demuͤthigung in dieſem Gedanken, denn welche poetiſche Seele haͤtte 160 ſich jemals durch die Macht der Liebe erniedrigt ge⸗ glaubt? Philipp erroͤthete aber doch und in demſelben Au⸗ genblick ging ein kraͤftiger Hauch durch ſeine Seele. Lilia ſollte ſehen, daß er kaͤmpfte, nicht blos fuͤr ſeine Liebe, ſondern auch fuͤr ſeine Kinder, fuͤr das Recht, ſie beide bei ſich zu haben... und die Kinder, konnte wohl eine Mutter, die ſie liebte, ſich weigern, ſie unter ihrem natuͤrlichen Schutze aufwachſen zu laſſen? Waͤhrend dieſer Gedanke an ein Recht und an eine Gewalt in Philipp aufſtieg, eilte er, ſich auf's Pferd zu werfen. Eine halbe Stunde darauf ſah man ihn durch das Stadtthor reiten und bald darnach an einem kleinen, mit Gras bewachſenen Hofe Halt machen, der dem Bo⸗ ſitzer des Hauſes gehoͤrte, welches Lilia bewohnte. Aber wie ſtand es jetzt mit der Kraft unſerss Helden?. Nachdem Philipp das Pferd dem Hausknecht uͤber geben, machte er ſich auf den Weg, die ſchmale Treppe hinauf, nach der er gewieſen ward. Dabei aber klopfte ſein Herz mit ſo uͤberwiegender Gewalt, daß er bei jeder Treppenſtufe ſtehen bleiben und die Hand gegen die Bruſt druͤcken mußte. nicht 2 Und ſo Verurt geſchuͤtt V gegnen, gebroche W das Wi einige fehlte, den waͤr El deln kon an der kommen. Er benſower daſſelbe C waren. We nen, ſo Wohlthat Ein Ger drigt ge⸗ lben Au⸗ Seele. blos fuͤr as Recht, , konnte ſie unter 2 und an ich auf's durch das n kleinen, dem Be⸗ e. t unſeres echt uͤber⸗ ale Treppe wiegendet eihen und 161 Man haͤtte glauben ſollen, es floͤſe Schnee und nicht Blut in ſeinen Adern, ſo weiß war ſein Angeſicht. Und ſo heftig bebten ſeine Glieder, daß kein zum Tode Verurtheilter jemals von einem furchtbarern Schauder geſchuͤttelt ward. Wie, wie ſollte er dem Blicke dieſes Weibes be⸗ gegnen, nachdem er ſie betrogen..“ ſeine heiligen Eide gebrochen? Wahrſcheinlich wuͤrde er umgekehrt und vorher in das Wirthshaus gegangen ſein, um ſich daſelbſt durch einige Glaͤſer Wein den Muth einzufloͤßen, der ihm fehlte, wenn ihm nicht dieſes letzte Mittel verſagt won den waͤre. Ehe noch der Gedanke ſich in Handlung verwan deln konnte, trat ein Dienſtmaͤdchen aus der Thuͤr oben an der Treppe und erſuchte ihn, gefaͤlligſt heraufzu kommen. Er ging daher hinauf, ohne zu wiſſen wie, und bbenſowenig wußte er, wie er in ein Zimmer kam, wo aſſelbe Dienſtmaͤdchen ihn bat, zu warten. Sein erſtes, halbklares Gefuͤhl war ein Dankgebet zu Gott, daß ihm noch einige Augenhlicke geſtattet waren. Wenn er in dieſem Augenblicke haͤtte fliehen kön⸗ nen, ſo wuͤrde er es gethan haben, und als die groͤßte Wohlthat wuͤrde er die Meldung begruͤßt haben, die ihm Ein Gerücht, II. 11 162 verkuͤndet haͤtte, daß die Zuſammenkunft auf einen an⸗ dern Tag verſchoben werden muͤſſe. Ach, ach, er hatte ja noch gar nichts richtig uͤber⸗ legt und erwogen! Er fuͤhlte, daß jetzt ſein ungluͤcklicher Stern allein am Himmel ſtand; er konnte nicht hoffen, die Worte zu treffen, die auf Lilia wirken und Eindruck machen wuͤrden. Es kam ihm vor, als ob er ſchon von Gott ver⸗ laſſen ſei— was konnte er da von dem Weibe erwar⸗ ten, welches er beleidigt hatte? Er ſtand an dem Ofen und ſtuͤtzte den Kopf auf den Arm, den er auf die Kante des Ofens ſtemmte. In dieſem Augenblick ließen ſich leichte Tritte in den innern Zimmern vernehmen. Der arme, junge Mann glaubte, in die Erde ſin⸗ ken zu muͤſſen. Er ward von einem innern Schwindel ergriffen und mußte ſich gewaltſam aufraffen, um nicht umzu⸗ fallen. In dem andern Zimmer fand aber ohne Zweift ein aͤhnlicher Auftritt ſtatt. Haͤtte Philipp es hoͤra koͤnnen, ſo wuͤrde er vernommen haben, daß die Tritte gleichſam hin und her wankten und dann unwillkuͤrlich ſtehen blieben, waͤhrend ein Geraͤuſch am Schloſſe zu erkennen gab, daß eine Hand es umſchloß, ohne oͤffnen zu koͤnnen. 8 zug.„ Gott, nein, ick der Kind ... Al nur jene welches! er erlauf Ei ward, tr auf den „N das nich muß.. Mi mer und di Thuͤr waͤre. Abe Lil veilig, ie inen an⸗ tig uͤber⸗ en allein ie Worte k machen Gott ver⸗ be erwar⸗ Kopf auf mmte. Tritte in Erde ſin⸗ ergriffen cht umzu⸗ ne Zweift es hoͤrn die Tritt willkuͤrlich Schloſſe zu hne oͤffnen 163 „Sie iſt da,“ murmelte er mit kuͤrzerem Athem⸗ zug.„Aber ſie zoͤgert... ſie uͤberlegt. Ha, mein Gott, mein Gott, vielleicht war ſie es gar nicht... nein, ich taͤuſchte mich... Koͤnnte ich nur die Stimme der Kinder hoͤren— das wuͤrde mir neues Leben geben ... Alban! Sylvia!“ fluͤſterte er. Aber das Fluͤſtern verhallte ungehoͤrt. Wieder ſtrengte er ſeine Ohren an— wenn er nur jenes leichte, muntere Huͤpfen haͤtte erlauſchen koͤnnen, welches den Kindern eigen zu ſein pflegt... aber nein, er erlauſchte nichts. Eine Stille, die ganz entſetzlich und unertraͤglich ward, trat ein und legte ſich mit ihrer ganzen Wucht auf den Ungluͤcklichen. „Nein,“ rief er, auf einmal faſt wild,„ich halte das nicht aus... ich muß ein Ende ſehen... ich muß...“ Mit beſinnungsloſer Eile ging er uͤber das Zim⸗ mer und faßte den Thuͤrwirbel und wuͤrde ohne Zweifel di Thuͤr geoͤffnet haben, wenn dies moͤglich geweſen ware. Aber die Thuͤr war inwendig verriegelt. „Lilia,“ ſagte er mit halb erſtickter Stimme, veilia, ich warte.“ 6. Die Gatten. Kaum hatte Philipp ausgeredet, als der Riege zuruͤckgezogen ward und die Thuͤr aufging. Bei dem Anblick, der ihm jetzt entgegentrat, bliel Philipp mit gefalteten Haͤnden, keuchender Bruſt und einem Blicke ſtehen, ſo voll von ſtuͤrmiſcher Herzens⸗ pein, daß er wohl das Herz haͤtte zu ſich locken koͤnnen welches wenige Schritte von dem ſeinen ſchlug. Lilia trug ein weißes Kleid und als ſie auf da Schwelle ſtand, mit ihren von einem matten Lebens⸗ hauche gefaͤrbten Lilienwangen, ihren flammenden Augm welche Funken zu ſpruͤhen ſchienen, mit Hohn auf da Lippen und eiskalter Verachtung in jedem Zuge ihreh Antlitzes, glich ſie in ihrer wilden, aber bezaubernde Schoͤnheit und mit der halb ausgeſtreckten, abwehren den Hand nicht etwas Menſchlichem— es war ein aus der Unterwelt aufgeſtiegene Sirene, die, nachden ſie den tadieſes Schwer Eintritt N zubringe keit ang indem Lehnſtul habe ich ich ſie ef ſender, mit eine P. ſik, abe lieblichen tig ihn D ſein Hel war All En ken wuͤr „L 2 )* der Riege ttrat, blich Bruſt und Herzens⸗ en koͤnnen, J. ſie auf da en Lebens⸗ den Auge )n auf de Zuge ihre zaubernde abwehren 3 war ein te, nachden ſie den Erzengel, den Waͤchter an der Pforte des Pa⸗ radieſes verfuͤhrt, ſich jetzt ſelbſt mit dem flammenden Schwert auf den Platz des Huͤters ſtellte, um Allen den Eintritt zu wehren, die nicht hereingehoͤrten. Nicht ein einziges Wort vermochte Philipp hervor⸗ zubringen. „Da dieſe Zuſammenkunft fuͤr eine Nothwendig⸗ keit angeſehen worden,“ ſagte endlich die junge Frau, indem ſie einige Schritte heraustrat und ſich in den Lehnſtuhl auf der einen Seite des Tiſches ſetzte,„ſo habe ich ſie nicht verſagen wollen. Inzwiſchen halte ich ſie fuͤr ganz uͤberfluͤſſig und es waͤre wohl weit paſ⸗ ſender, wenn wir nur durch unſere Bevollmaͤchtigten mit einander verhandelten.“ Philipp lauſchte, wie nach einer entfernten Mu⸗ ſik, aber vergebens war ſein Bemuͤhen, einige jener lieblichen Toͤne herauszuhoͤren, die ſo oft und ſo maͤch⸗ tig ihn bezaubert hatten. Die Stimme war kalt, kalt wie die Worte, und ſein Herz froͤſtelte unter dem Einfluß dieſer Kaͤlte. „Die Kinder... laß mich die Kinder ſehen!“ war Alles, was er hervorbringen konnte. Er fuͤhlte, daß ihr Anblick ſeine Lebenskraͤfte ſtaͤr⸗ ken wuͤrde. „Sie ſind nicht hier.“ „Wo, o wo ſind ſie?“ 166 .Do, wo ich mich veranlaßt geſehen habe, ſie in guter Obhut und Pflege zu laſſen.“ „Du haſt Dich nicht von ihnen getrennt— ich will ſie ſehen... ich muß, ich habe das Beduͤrfniß o Barmherzigkeit, laß mich meine Kinder ſehen!“ Lilia ſchuͤttelte blos den Kopf. Er ging nach der Thuͤr, aus welcher ſeine Gattin herausgetreten war. „Such',“ ſagte ſie bitter,„ſuche, wenn es Dir beliebt, aber...“ Philipp ſtierte ſie an. „... aber dieſe Kinder, die Du nicht mehr werch biſt zu umarmen, ſollen nicht mehr Deine falſchen Lieb⸗ koſungen beantworten... ich ſchwoͤre darauf, daß ſie nicht hier ſind.“ Die Augen des jungen Mannes funkelten nun auch— er ſtand wild, drohend und todtenbleich vor Lilia. „Meine Kleinen... hoͤrſt Du, meine Kleinen!“ Ein veraͤchtlicher Blick war die ganze Antwort, die er erhielt. Eine Wolke ging uͤber die Seele des ungluͤcklichen Gatten und Vaters. Raſ'te er nicht, daß er von dieſem Weibe eine Gnade begehrte, bevor er ihre Verzeihung gewonnen hatte? Sie verſtand ja nicht, daß er mit den Kindern auf ſe ſtand die ih ihr w dann nicht erquick nichtet keit zu aͤchtlic Kraft zu ver ich ko blicklic Verirr wohin ſicht g de, ſie in it— ich Jeduͤrfniß r ſehen!“ e Gattin n es Dit hr werth hen Lieb⸗ „ daß ſie elten nun leich vor Kleinen!“ Antwort, luͤcklichen beibe eine gewonnen Kindern 167 auf ſeiner Seite ſich doppelt ſtark glaubte— ſie ver⸗ ſtand nicht, daß die unnennbare, gewaltige Sehnſucht, die ihn zu den Kindern zog, die edlere Sehnſucht nach ihr war. Oder, wenn ſie alles dies verſtand, hatte ſie dann mit Fleiß Vorkehrungen getroffen, daß ſeine Seele nicht durch einen einzigen Thautropfen des Troſtes erquickt wuͤrde? Die Wildheit war verſchwunden— er fiel ver⸗ nichtet ſeiner Gattin zu Fuͤßen. Er blickte mit demuͤthiger, flehender Unterwuͤrfig⸗ keit zu ihr auf und ſie antwortete mit einem noch ver⸗ aͤchtlicheren Blick, als ſie ihm ſchon gegeben. „Lilia, hoͤr' mich!“ ſtammelte er. O, ich hoͤre ſchon— fahre fort.“ „Ach, Dein grauſamer Hohn beraubt mich der Kraft zu jeder Vertheidigung.“ „Wie, Du biſt alſo hierhergekommen, um Drh zu vertheidigen?“ „Nein, nein, ich weiß nicht, was ich rede... ich komme, um mich zu Deinen Fuͤßen einer augen⸗ blicklichen Verirrung anzuklagen, einer...* „Still— augenblicklich oder nicht, ſo war dieſe Verirrung ein Verbrechen.“ „Ja, ſie war ſuͤndhaft... ⁵ „Ein erfahrener Mann mußte im Voraus wiſſen, wohin dieſes romantiſche Verhaͤltniß mit einer in Aus⸗ ſicht geſtellten perſoͤnlichen Zuſammenkunft fuͤhren mußte.“ 168 „Lilia, Lilia!“ „Wer war es, der um eine Zuſammenkunft bat? es jene ſchwaͤrmeriſche, einfaͤltige Naͤrrin oder ihr er Anbeter? Sprich!“ „O, wie Du mich marterſt.. dieſes Verhaͤlt⸗ niß war rein, bis... „Ha, Du wagſt alſo, mit dieſen niedrigen So⸗ phismen hervorzutreten?... Giebt es wohl etwas Rei⸗ nes bei dem Mann, wenn es ſich um eine Frau handelt? Hoͤre... wenn kein gefaͤhrl iches, kein gegen Deine Pflicht treuloſes Gefuͤhl in Dir entſtanden waͤre, wa⸗ rum haͤtteſt Du dann nicht ſogleich die Gefahr dieſes heimlichen Verhaͤltniſſes eingeſehen? Oder wenn es nur die Eitelkeit des Dichters kitzelte, warum bewahrte es dann nicht ſeine ſogenannte Reinheit? Konnte nicht die reizende Walkyre des Barden ihn aus der Ferne be⸗ geiſtern— aus der Ferne ihn uͤber die Gattin troͤſten, die nicht ſeinen Werth zu ſchaͤtzen vermochte? Eine pla⸗ toniſche Vereinigung zwiſchen zwei poetiſchen Seelen haͤtte des materiellen Anſchauens nicht bedurft.“ Philipp hatte ſich von ſeiner knienden Stellung wieder erhoben. Anſtatt ihn mit ihren Vorwuͤrfen niederzuſchmet⸗ tern, hatte Lilia ihn gereizt, gerade deshalb, weil dieſe Vorwuͤrfe von einer ſtrengen und bittern Gerechtigkeit erfuͤl Ut waren. „Nun wohl, ja,“ ſagte er heftig,„es iſt wahr, daß ich ent Weſen wenſtar gelebt. C ſollte, * ten H Werth wuͤrdig Reue a ſhwoͤre und iſ ich hoff L letzender . Anima konnte 3 barkeit 8 27 wenn 2 Vorwor zen iſt! Schwac uft bat? oder ihr Verhaͤlt⸗ gen So⸗ das Rei⸗ handelt? Deine re, wa⸗ hr dieſes venn es dewahrte ate nicht eerne be⸗ troͤſten, ine pla⸗ Seelen Stellung uſchmet⸗ veil dieſe chtigkeit ihr, daß — 169 ich entzuͤckt von dem neuen Genuß, zu hoͤren, daß es ein Weſen gab, welches in der Ferne den einſamen Wit⸗ wenſtand theilte, in welchem meine Seele ſeit Jahren gelebt... Er ſtockte, er wußte nicht recht, ob er es wagen ſollte, auch nur die Wahrheit zu reden. „Nun, fahre fort, fahre fort! Dieſe ungekuͤnſtel⸗ ten Herzensergießungen haben einen unbeſchreiblichen Werth fuͤr mich. Sie beweiſen, wie wahr, wie glaub⸗ wuͤrdig die vorigen waren— die, welche eine unnüͤtze Reue ausdruͤckten.“ „Lilia, bei dem Gott, der unſer Schickſal lenkt, ſchwoͤre ich, daß meine Reue eben ſo aufrichtig war und iſt, wie mein Abſcheu vor dem Weſen, welches, ich hoffe es, gegen ſeinen Willen meine Sinne hinriß.“ Lilig laͤchelte und ihr Laͤcheln war tauſendmal ver⸗ letzender als Worte. „Blos ſo,“ hob Philipp wieder an,„weil dieſe Anima ſich vorgenommen, mich zu bethoͤren, blos ſo konnte dieſe Thorheit mit einem Verbrechen enden.“ „Vortrefflich! Ein neuer Beweis von der Dank⸗ barkeit der Maͤnner.“ „Wenn Du wuͤßteſt, wenn Du hoͤren wollteſt, wenn Du begreifen wollteſt, wie innig dieſes poetiſche Vorwort in mir mit meinem uͤbrigen Weſen verſchmol⸗ zen iſt!... Meine ganze Seele mit all' ihrer Schwachheit und Starke, allen ihren Gefuͤhlen, boͤſen 170 und guten, gehoͤrte Dir; ich war Dein Sklave, aber es lag Dir nichts daran, Dein Eigenthum zu bewahren; Du ſpielteſt mit Gefuͤhlen, die Du nicht verſtehen woll⸗ teſt oder denen Du blos Dein Mitlleiden ſchenkteſt; Du verſetzteſt ihnen Wunde auf Wunde und wenn Du einmal Deinen Gatten oder vielmehr Deinen Anbeter aufmunterteſt, zermalmteſt Du ſtatt ſeiner den armen Dichter und deshalb ward er es, der die Untreue des Anbeters verſchuldete. Bei einer andern Handlungs⸗ weiſe von Deiner Seite...“ „Du biſt in der That ein geſchickter Advocat und wuͤrdeſt ganz gewiß Beifall ernten, wenn unſer Striit vor einem oͤffentlichen Richterſtuhl gefuͤhrt wuͤrde; abet da wir jetzt keinen andern haben, als den unſeres Ge⸗ wiſſens, ſo koͤnnen wir uns die unnoͤthige Muͤhe einer brillanten Vertheidigung erſparen... Genug, Du biſt mit Vorſatz untreu geworden...* „Niemals mit Vorſatz!“ „Gleichviel! Ein anderes Weib hat Deine Lie⸗ besſeufzer gehoͤrt und ich... ich ſollte Dir verzeihen, ich, die den Abend vor...* „Verirrung, Verirrung, Lilia!“ „Nein, Du haſt Dich nicht in mir geirrt;z denn am Abend vor Deiner Abreiſe ließ ich Dich in mein unverhuͤlltes Herz ſchauen. O, mein Gott, mein Gott, im Augenblicke des hoͤchſten Opfers ſelbſt betto⸗ gen zu werden, Dich in meine Seele blicken zu laſſen, in ein liſcher erſte meiner nicht von d gelockt brenne ich ar ließeſt, Berau da— Jahre Du, Seele deln ke angeno * Dir a keit D Anderr ave, aber ewahren; hen woll⸗ henkteſt; venn Du Anbeter n armen treue des ndlungs⸗ ocat und er Streit rde; aber eres Ge⸗ uͤhe einer aug, Du deine Lie⸗ verzeihen, rrt; denn in mein tt, mein bſt betro⸗ zu laſſen, 171 in einen Spiegel, der Dir eine ganze Zukunft himm⸗ liſcher Genuͤſſe zeigte und gleichwohl... ⸗ „Ach, grauſame, theure Lilia, war das wohl das erſte Mal, daß Du dieſe ſchoͤnen Spiegelbilder mit meiner Leichtglaͤubigkeit ſpielen ließeſt? Hatteſt Du nicht mit derſelben Hoffnung mich zwanzigmal vorher von dem Abgrund der Verzweiflung zu dem Himmel gelockt, den Du ſo eiferſuͤchtig bewahrteſt, blos um mich brennende Blicke hineinwerfen zu laſſen... O, wenn ich an alle die Qualen denke, die Du mich ausſtehen ließeſt, wenn ich an die ſchwindelnden Augenblicke der Berauſchung denke, die Du mir ſo ſparſam zutheilteſt, da— weißt Du— da begreife ich kaum, daß ich vier Jahre lang dieſen Wechſel aushalten konnte. Ja, Lilia, Du, auch Du haſt Schuld daran gehabt und Deine Seele kann nicht ſchweigen.“ „Aber ſie ſchweigt doch, ich handelte, wie ich han⸗ deln konnte, bevor mein Gefuͤhl eine beſtimmte Form angenommen und Du... „Ich?* „Laß die Erinnerung Deines Prahlens vor Anima Dir antworten! Waͤhrend Du Dich um die Zaͤrtlich⸗ keit Deiner Gattin bewarbſt, ließeſt Du Dich von Andern troͤſten? War es nicht ſo?“ „Fluch uͤber jene unſelige Nacht!“ rief Philipp, von dem Gedanken an das unwahre Zugeſtaͤndniß er⸗ griffen, das er Anima gemacht.„Aber Du, Du, die 172 4 Alles zu wiſſen ſcheint, ganz gewiß weißt Du auch, daß dieſe Erdichtungen, denen ich im Rauſche Worte lieh, keinen Grund hatten.“ Lilia antwortete nicht. „Sag' um's Himmels willen, daß Du mir glaubſtl“ „Ich glaube Dir, aber was hilft das? Verlaſſen wir lieber dieſen peinlichen Gegenſtand und kommen wir lieber auf das, was im naͤchſten Zuſammenhange mit dem Schritte ſteht, den wir zu thun beabſichtigen.“ „Du willſt mich alſo toͤdten?“ „Ich will im Gegentheil, daß Dein Leben gegen die Beduͤrfniſſe geſichert werde, die allerdings fuͤr einen Poeten gering ſind...“ „Ach, geringer als nichts, wenn Du ihn des Hoͤch⸗ ſten beraubſt. Sag, war es jemals Dein Reichthum, nach dem ich ſtrebte? Betrachtete ich mich wohl an⸗ ders, denn als einen Verwalter deſſelben und war ich in der That etwas Anderes? Ich fuͤhlte mich nicht ver⸗ letzt und nicht beleidigt durch das Mißtrauen, welches Dein Eigenthum unter den Schutz des Geſetzes ſtellte .. Aber mir, mir, der das Geld ſo gering ſchaͤtzt, von der Befriedigung elender, alltaͤglicher Beduͤrfniſſe zu ſprechen... bei Chriſti Blut... das heißt mich tiefer beleidigen, als ich ſelbſt beleidigte!“ Philipps Antlitz und ganze Geſtalt hatte waͤhrend dieſer Antwort, welche den ganzen Zorn ſeiner tiefver⸗ wundeten Seele verrieth, eine ſo edle Kraft und wirk⸗ liche K betrach ſich ve verſteh 5 lockende druͤckte Gut, 4 nicht i ſensbiſ auf der digte n ſinn. Verbre zum„ thue, d fuͤhreri 4 ch, daß te lieh, aubſt!“ erlaſſen den wir ge mit ngegen r einen 8Hoͤch⸗ hthum, ohl an⸗ r ich in cht ver⸗ welches 8 ſtellte ſchaͤtzt, uͤrfniſſe ßt mich vaͤhrend tiefver⸗ id wirk⸗ liche Hoͤhe angenommen, daß Lilia ihn mit Blicken betrachtete, in welchen ſowohl Bewunderung als Liebe ſich verbarg. „Will ich Dich denn beleidigen, Philipp? Du verſtehſt mich nicht...“ Bei dem Laute dieſer Stimme— des maͤchtig lockenden Geſanges, der ihn ſo oft bezaubert— ſank Philipp von Neuem vor der nieder, die er niemals auf⸗ gehoͤrt anzubeten. Mit gluͤhender Heftigkeit faßte er ihre Hand und druͤckte ſie an ſeine Lippen. „O Du, meiner Seele einziges Licht und einziges Gut, erbarme Dich uͤber Deinen Philipp! Laß ihn nicht in der Qual vergehen, die ſeine eigenen Gewiſ⸗ ſensbiſſe ihm bereiten!“ „Es iſt alſo wahr, daß Du bereueſt?“ „Großer Gott, ſie fragt, ob es wahr iſt! Weißt Du wohl, wie ich meine Naͤchte zubringe? Wie jetzt, auf den Knien und Dein Bild anrufend. Ich verthei⸗ digte mich ſo eben... ach, es war nur ein Wahn⸗ ſinn. Ich ſchaudere vor der bloßen Moͤglichkeit eines Verbrechens gegen Dich und ich ſetze meine Seligkeit zum Pfande auf das Bekenntniß, welches ich Dir jetzt thue, daß... daß... was?“ fragte Lilia heftig. 4 daß, wenn dieſe Anima nicht eine ſo ver⸗ füͤhreriſche Aehnlichkeit mit dem Ideal gehabt, welches . 174 fortwaͤhrend mir vorſchwebte, ich nicht, wie jetzt, meine Schwachheit zu verfluchen brauchte. Aber zuͤrne nicht! Ich ſehe das Blut aus Deiner Wange fliehen... ich „rede ja auch jetzt nur Wahnſinn, aber das kommt daher, daß mein Schmerz uͤber alle Maaßen iſt.“ Die Thraͤne, welche in dieſem Augenblicke Lilia's Auge entrann, bewies, daß auch ſie einen Schmerz fuͤhlte. „Ha, Du weinſt! Gott ſendet alſo endlich die Engel ſeiner Liebe, um Dein Herz zu ruͤhren! O, Vater im Himmel, gieb mir Worte, die den Sieg der Liebe erringen koͤnnen... Lilia, meine Gattin, meine Geliebte, ſollen unſere Thraͤnen vergebens ſich vermiſcht haben? Hoͤre die Stimme, die Dir zufluͤſtert, daß der Mann, der jetzt im Staube zu Deinen Fuͤßen liegt und Dich flehend anruft, ohne Dich vernichtet iſt! Durch Dich lebte er; Deiner beraubt, einſam, ohne Liebe, ohne Hoffnung, ohne Ziel, wird ſeine Kraft, die du entwickeln koͤnnteſt, ganz untergehen. Sein Geiſt wird ſterben, wenn er auch noch an den Koͤrper feſtgekettet iſt. Hoͤre ihn alſo, ſo lange noch ſo vielem Elend vorgebeugt wer⸗ den kann— hoͤre ihn, ſo lange ſeine Stimme Dir noch nahe iſt! Hoͤre den Vater Deiner Kinder— er ſchwoͤrt. hier in dieſem, dem entſetzlichſten Augenblicke ſeines Le⸗ bens, daß er ihrer und Deiner wuͤrdig werden wird!“ Und waͤhrend er ſo in den Staub gebeugt, ſein Herz ausſtroͤmen ließ, ſtroͤmten auch ihre Thraͤnen. N Frau g ein We fuͤhlen. jeder be waͤhrend Vergang es iſt u 5 „ ſo hart Unterwuͤ ruͤhren.“ „L Qual ve er will r uns ende „2 da, nich meine nicht! ich ommt Lilig's chmerz ich die DO, eeg der meine miſcht aß der 1 liegt Durch „ohne vickeln teerben, Hoͤre t wer⸗ r noch chwoͤrt. ees Le⸗ 14 n Herz 175 Niemals hatte ein Mann ſich mehr vor einer Frau gedemuͤthigt, aber eben ſo gab es auch niemals ein Weib mit reizbareren und unverſoͤhnlicheren Ge⸗ fuͤhlen. „Philipp, es iſt vergebens!“ ſagte ſie endlich. „Der Ueberreſt von Liebe, der noch in mir vorhanden iſt, iſt nicht ſo ſtark wie der, den ich fuͤr Dich vor der Kraͤnkung fuͤhlte, die Du mir bereitet haſt. Ich habe mich gepruͤft, ich werde niemals vergeſſen koͤn⸗ nen— und wenn man nicht vergeſſen kann, ſage mir, welche Hoffnung giebt es dann fuͤr die Zukunft?... Jede Deiner Liebkoſungen wuͤrde mir verhaßt ſein jeder bekuͤmmerte Blick einen Vorwurf ausmachen, der, waͤhrend er mich gleichzeitig ſchmerzte, wieder gegen die Vergangenheit erbittern wuͤrde... Nein, Du ſiehſt, es iſt unmoͤglich.“ „Das ſcheint Dir jetzt blos ſo; Du kannſt nicht ſd hart ſein, wie Du glaubſt! Meine Reue, meine Unterwuͤrfigkeit, meine grenzenloſe Liebe werden Dich ruͤhren.“ „Du taͤuſcheſt Dich; alles dies wuͤrde nur meine Qual vermehren. Ich wuͤrde fortwaͤhrend zu mir ſagen: er will verſöhnen. Verhaßtes Wort: verſoͤhnen! O laß uns enden! Verſoͤhnungen taugen nichts.“ „Alſo es iſt keine Hoffnung, gar keine Hoffnung da, nicht ein einziges Gefuͤhl, welches den Weg zu 3 176 Deinem Herzen finden koͤnnte? Haſt Du wohl jemals einen Blick auf andere Frauen geworfen?“ „Still, ſprich mir nicht von anderen Frauen— moͤgen ſie verzeihen und vergeſſen und ſo dankbar ſein, als ſie wollen, wenn ihre Maͤnner ihnen einmal ein reuiges Geſtaͤndniß zufluͤſtern. Ich kann nicht ihre Neigungen und ihre Gefuͤhle haben, denn ich habe blos ein Glaubensbekenntniß... wird die Heiligkeit der Che ein einziges Mal verletzt, ſo iſt die Ehe geloͤſ't.“. Wir werfen einen Schleier uͤber das Ende dieſes Auftritts. Lilia blieb unbeweglich. Sie verlangte, daß Phi⸗ lipp, ſobald er die Stadt verlaſſen, die oͤffentliche Auf⸗ forderung ergehen laſſen ſollte. Er hoͤrte ſie nicht, er verſtand ſie kaum... ſein Herz war zerriſſen, ſeine letzte Kraft gebrochen— der Kummer toͤdtete ſein Denkvermoͤgen. Als er hinauswankte, war er wie ein Traͤumender. e Unt Wo der Land Ribyhus Sir von ſolche in ihren wollen wi gen, noch tigen Beſt Phit Weſen lag Und ihm in Li⸗ 2 Es ſoßen hat Sce Ein Gerü⸗ jemals uen— ar ſein, nal ein cht ihre abe blos der Ehe de dieſes aß Phi⸗ he Auf⸗ .. ſein — der mender. 7. Unterhandlungen. Eine geheimnißvolle Botſchaft. Waͤhrend der naͤchſtfolgenden vierzehn Tage reiſ'ten der Landrichter und der Propſt unaufhoͤrlich zwiſchen Ribyhus und der Nachbarſtadt hin und her. Sintemal aber die Geſchaͤfte dieſer Herren nicht von ſolcher Beſchaffenheit waren, daß ſie mit Intereſſe in ihren Einzelnheiten vorgefuͤhrt werden koͤnnten, ſo wollen wir den Leſer weder mit ihren Vergleichsvorſchlaͤ⸗ gen, noch mit ihren uͤbrigen Vorſchlaͤgen zum wechſelſei⸗ igen Beſten der beiden Parteien ermuͤden. Philipp war gefuͤhllos fuͤr Alles— ſein ganzes Weſen lag in einer ſchweren Betaͤubung. Und ſeine einzige Antwort auf jeden Vorſchlag, der ihm in Lilia's Namen gemacht ward, lautete: „Es mag werden, wie ſie will; da ſie mich ver ſoßen hat, frage ich nach nichts in der Welt mehr.“ 2 „Schaͤme Dich, Bruder, einer ſolchen Gemuͤths⸗ Ein Gerüt Il. 12 178 ſtimmung, einer ſolchen ungluͤcklichen Schlaffheit!“ ſagte Warvner eines Tages.„Haſt Du nicht Deine Kin⸗ der! Biſt Du nicht verpflichtet, an ihre Zukunft zu denken?“ „Kann ich denn denken? Hat ſie mir nicht dieſes Vermoͤgen geraubt? Hat ſie mir nicht Alles, Alles ge⸗ raubt?... grauſame, unverſoͤhnliche Lilia!“ Er rang die Haͤnde und weinte vor ohnmaͤchtiger Wuth und vor noch ohnmaͤchtigerem Schmerze. Darauf verſank er wieder in ſeine Betaͤubung zuruͤck. Die Kraft des Doctors aber ruͤttelte ihn wieder auf „Hoͤre mich, beſter Freund! Dieſes Weib, ſagſt Du, hat Dir Alles geraubt und darin haſt Du recht. Wache daher auf und vertheidige Dich, ſo lange es noch, Zeit iſt! An einem ſchoͤnen Tage wird ſie fort ſein fuͤr immer und Du bekommſt dann Deine Kinder nie wie⸗ der. Ich beſchwoͤre Dich, zu hoͤren und zu faſſen, was ich ſage!“ „Was ſagſt Du denn?“ „Daß die Zeit kommen wird, wo Du, und zwar mit Grund, die wahnſinnige Leidenſchaft verfluchſt, di in Deinem Herzen die Stimme verſtummen laͤßt, di Du fuͤr Deine Kinder erheben ſollteſt. Du mußt we nigſtens Alban bekommen und ſein Vermoͤgen muß g. ſichert werden. Du wirſt ſein Vormund, ich werde dſ. Sorge fuͤr ihn mit Dir theilen und wenn Dein redlichen unger dritter 5 er waͤre leer. K Ribyhu es und muͤſſen. 8 dern um 2 beſtimm men, D ihn kom. als in ei kleinen blos mit waͤhlt— ſie viellei was Du der, mein haben.. Verluſt Lili l“ ſagte ne Kin⸗ kunft zu ht dieſes Alles ge⸗ naͤchtiger etaͤubung eder auf. ib, ſagſt Du recht. ees noch ſein fuͤt nie wie⸗ ſſen, was und zwar uchſt, die laͤßt, di mußt we muß g. werde d. redlichen 179 junger Schwager heimkommt, wird er des Knabens dritter Vater.“ „Ach Dick, mein lieber, lieber Dick, wollte Gott, er waͤre hier... Aber wenn er kommt, ſteht Ribyhus leer. Ha, warum bin ich nicht ſchon fort von hier?... Ribyhus wird von Dick uͤbernommen werden und er iſt es und ſie, welche die Geſchaͤfte mit einander fortfuͤhren muͤſſen.“ „Jetzt handelt es ſich nicht um die Geſchaͤfte, ſon⸗ dern um Dich und das Beſte Deiner Kinder.“ „Ja, ja.“ „Alſo nur Muth und Faſſung! Dein Verlangen iſt beſtimmt und unwiderruflich: Du mußt Alban bekom⸗ men, Du mußt den Vermoͤgensantheil verwalten, der auf ihn kommt oder Du willigſt in keine andere Scheidung, als in eine von Tiſch und Bett. Auch der Antheil der kleinen Sylvia muß auf gleiche Weiſe geſichert werden, blos mit dem Unterſchied, daß die Mutter ihren Vormund waͤhlt— doch darf ſie es auf keinen Fall ſelbſt ſein, wie ſie vielleicht wuͤnſchen wird.“ „Mache was Du willſt— ich unterſchreibe Alles, was Du fuͤr gut findeſt. Mein einziger Wunſch iſt nur der, meine Kinder behalten zu duͤrfen. Ja, dieſe muß ich haben... nein, Sylvia nicht... die Mutter wird ihren Verluſt nicht ertragen.“. Lilia ſtritt dagegen ſo lange als moͤglich. 12* 180 Sie wollte auch den Knaben bis zu ſeinem zehnten Jahre behalten, aber ſie mußte ſich fuͤgen und bald waren alle gerichtlichen Geſchaͤfte in Bezug auf die Vermoͤgens⸗ angelegenheiten beſprochen. Zu Albans Vormund ward der Vater unter Beirath des Doctor Warvner er⸗ nannt.. Philipp hatte noch um eine Abſchiedsunterredung gebeten, aber Lilia dieſelbe unwiderruflich verweigert. Sie wollte nicht zu Hauſe ſein, wenn er kommen wuͤrde, um den Sohn zu holen und das Toͤchterchen zum letzten Mal an ſein Herz zu druͤcken. Jetzt war die junge Mutter fortgereiſ't, um ihre Kinder zu holen. Als ſie zuruͤckkam, blieb nur noch die letzte Thei⸗ lung—(die Theilung der Kinder) uͤbrig und dann nach einer neuen und laͤngern Reiſe die entſcheidende Bekannt⸗ machung in den oͤffentlichen Blaͤttern. Ein Verwalter, der bis zu Dicks Ruͤckkehr die Ge⸗ ſchaͤfte in Ribyhus uͤbernehmen ſollte, war ſchon ange⸗ kommen und angeſtellt. Philipp war jetzt nichts mehr als ein Schatten von dem fruͤhern Hausherrn. Noch hatte er ſich gleichwohl fuͤr keinen Wohnſitz beſtimmt und es war wahrſcheinlich, daß er anfangs— da ihn nichts vermoͤgen konnte, an einem Orte zu ver⸗ weilen, wo ſo unzaͤhlige Erinnerungen ſein Herz ver⸗ wundet ſeine J 5 gelangt, von ein fand, de E. ehe er il W waren, die Thei des, Sch neben C Ab einen ga ſehen hat Billets, erhalten Bemuͤhu waren. Er war der De faͤltig geb ternde H 8 zehnten d waren noͤgens⸗ id ward ner er⸗ rredung ert. ommen een zum im ihre e Thei⸗ nn nach Zekannt⸗ die Ge⸗ n ange⸗ tten von Wohnſit angs— zu ver⸗ eerz ver⸗ 181 wundeten— auf Arnolds Vorſchlag eingehen wuͤrde, ſeine Junggeſellenwohnung im Marktflecken zu theilen. Bis auf dieſen Punkt war der Stand der Dinge gelangt, als der Doctor eines Abends, bei der Ruͤckkehr von einer Amtsreiſe, auf ſeinem Tiſche einen Brief vor⸗ fand, deſſen Aufſchrift ihm nur allzubekannt war. Er hob ihn auf und hielt ihn lange in der Hand, ehe er ihn zu oͤffnen wagte. Waͤhrend der ſtuͤrmiſchen Wochen, die jetzt verfloſſen waren, war es Arnold gelungen, ſich zu uͤberzeugen, daß die Theilnahme an Philipps, ſeines Bruders und Freun⸗ des, Schickſal, jedes Gefuͤhl, zuruͤckgedraͤngt hatte, das neben Ehre und Rechtſchaffenheit nicht beſtehen konnte. Aber der Anblick dieſes Briefes, obſchon derſelbe einen ganz andern Schnitt und ein ganz anderes Aus⸗ ſehen hatte, als die koketten, roſenfarbenen und duftenden Billets, die er vor einigen Monaten von derſelben Hand erhalten— uͤberzeugte ihn augenblicklich, daß alle ſeine Bemuͤhungen, beim Licht beſehen, vergeblich geweſen waren. Er konnte ſeine Leidenſchaft beherrſchen, das war der ganze Vorzug, den er vor Philipp hatte. Der Brief, von großem, ernſten Format und ſorg⸗ faͤltig gebrochen, verrieth ſchon in der Aufſchrift eine zit⸗ ternde Hand. 8 182 „Sie hat bereut, die Schwache,“ ſagte er in einem gewiſſen veraͤchtlichen Ton,„und ſie wuͤnſcht, daß ich der Vermittler ſein moͤchte. Nun wohl, ich werde dies wer⸗ den koͤnnen... Moge ſie ſich uͤberzeugen, daß ich ihrer Verſoͤhnung mit ihrem Gatten das Wort reden kann... ich beneide ihn nicht, nein, bei Gott, ich beklage ihn, daß die Sache eine ſolche Wendung genommen hat.“ Und waͤhrend er uͤber den Auftrag discutirte, den er noch nicht erhalten, erbrach er den Brief. Derſelbe war aber von einem ganz andern Gehalt, als er erwartet hatte. Er lautete: „Mein beſter Doctor Warvner! „Wir ſind keine guten Freunde, das weiß ich lei⸗ der! Ich weiß, daß ein unedler Einfall, dem ich nicht haͤtte Raum geben ſollen, mir Ihre Ungunſt, vielleicht auf immer, zugezogen hat. Und gleichwohl ſind nur Sie es von allen Mem⸗ ſchen, dem ich ohne Ruͤckhalt ſage: „Ich bedarf eines Freundes Rath und Vermitte⸗ lung in einer Sache von außerordentlich ſchwerem Ge⸗ wicht, nicht in der, wovon wir zuletzt ſprachen... dieſe moͤge todt ſein, ſo wie ich im gegenwaͤrtigen Augenblick ſelbſt todt zu ſein wuͤnſche. „Moͤge Doctor Warvner mir glauben, wenn ich ihm heilig verſichere, daß es ſich nicht um etwas hau⸗ delt, was dem ſtrengſtenund ſcrupuloͤſeſten Gewiſſen die mindeſte gefaͤhrliche Unruhe bereiten koͤnnte! Wi könnte ſein, w Jeman „ der Fir und zul Gericht „ Gemuͤt ſentime . zweiflu oͤffentli ein Be Welt z ſterniß denn, 1 heit na geſellſck n einem ich der ies wer⸗ ich ihrer zann... age ihn, hat.“ rte, den Gehalt, ich lei⸗ ich nicht vielleicht in Men⸗ germitte⸗ rem Ge⸗ . dieſe ienblicke venn ich vas han— Gewiſſen ate! Wie 183 könnte ich auch jetzt zu der mindeſten Thorheit aufgelegt ſein, wie koͤnnte ich aufgelegt ſein, in Scherz oder Ernſt Jemanden in Verſuchung zu fuͤhren? „Meine Seele iſt in einen ſiebenfachen Schleien der Finſterniß eingehuͤllt. „Ich haſſe die ganze Welt. Mich ſelbſt zuerſt und zuletzt. Ich wollte, daß noch heute die Donner des Gerichtes uns Alle zerſchmetterten. „Dies iſt gleichwohl im Allgemeinen nicht meine Gemuͤthsart, denn ich bin weder eine ſchwache, noch eine ſentimentale oder romanhafte Frau. „Und dennoch, wenn ich von Finſterniß und Ver zweiflung ſpreche, gehoͤren dieſe mir zu. „Nicht wie ein Luxusartikel, mit welchem man ſich oͤffentlich zeigt, um Aufſehen zu erregen, ſondern wie ein Beſitzthum, welches ich vor dieſer ganzen dummen Welt zu verbergen wuͤnſche, die ſich wenig um die Fin ſterniß kuͤmmert, in welcher Andere wohnen, es waͤ denn, um mit den Blicken der Neugierde und der Bos⸗ heit nach etwas zu ſpaͤhen, was ein Fund fuͤr die Klatſch geſellſchaften werden kann. „Aber wenn Sie, bei Ihrem wohlwollenden Ge⸗ muͤthe und als Menſchenfreund, fuͤhlen, daß Sie nicht den Muth und den Willen beſitzen, etwas fuͤr die Frau zu thun, welche wohl weiß, daß ſie keinem Menſc hen auf Erden ſo zu nahe getreten iſt, wie eben Ihnen, ſo koͤnnen Sie das offen mit ein paar Worten erklaͤren re 184 „Es iſt meine Pflicht, hierbei gleich zu ſagen, daß das, was ich begehren will, ſich nicht auf eine paſſive Theilnahme beſchraͤnkt... Ich fordre Handlung, ich fordere Ueberlegung und vor Allem unverbruͤchliches Stillſchweigen. „Wenn ich hieruͤber feſte Verſicherung erhalten kann, ſo iſt es mein Wunſch, nicht den Doctor bei mir zu ſehen, ſondern ihn morgen Abend zwiſchen zehn und elf Uhr zu beſuchen. 7 „Die kleine Stadt hier iſt ſo klatſchſuͤchtig, daß ſie nur mit dem Marktflecken verglichen werden kann und ich habe einen fuͤrchterlichen Widerwillen gegen alle Klatſcherei. „Laſſen Sie um Gottes willen meine Ankunft durch nichts verrathen! Ich werde wiſſen, mich zu ver⸗ kleiden und ein Patient bei dem Arzte kann weder fuͤr die alte Aufwaͤrterin, noch fuͤr den Diener etwas Auf⸗ fallendes ſein. „Morgen fruͤh erwarte ich Ihre Antwort, die ich felbſt unter dem Namen eines Receptes abholen laſſen werde, und wie auch dieſe Antwort ausfallen mag, ſo werde ich mich doch ſtets mit der groͤßten Achtung und Freundſchaft unterzeichnen als des Herrn Doctors 4 ergebene Lilia Sorenius.“ Huͤlfe zu M Arnolds W durfte ſo Verzweif bisher n gen laſſe W gluͤckliche gebracht Abſichten Un Stadt zu dem Brei In und oͤffne mal nach Er Verbindl mit Din beſaßen, beſaß er Er mit Ja; uͤberlegt; n, daß paſſive g, ich chliches kann, nir zu und elf daß ſie n und n alle nkunft u ver⸗ eer fuͤr Auf⸗ die ich laſſen i, ſo g und 185 Man begreift, welchen Aufruhr dieſer Brief in Arnolds Bruſt erwecken mußte. Was konnte ſie meinen? Welches Geheimniß be⸗ durfte ſo vieler Schleichwege? Welche Finſterniß, welche Verzweiflung hatte ſich ihrer bemaͤchtigt, ſie, die ſich bisher noch niemals von Verzweiflung hatte uͤberwaͤlti⸗ gen laſſen?... Wenn nun Alles erdichtet war... wie viele un⸗ gluͤckliche Grillen hatte dieſes Weib nicht ſchon ans Licht gebracht... aber was waren wohl in dieſem Falle ihre Abſichten? Und endlich, wo war ſie? War ſie wieder in die Stadt zuruͤckgekommen oder auf dem Wege dahin? In dem Briefe ſtand keine Adreſſe. In tiefer und peinlicher Unentſchloſſenheit ſchloß und oͤffnete der Doctor dieſe ſonderbare Botſchaft ein⸗ mal nach dem andern. Er war ein Mann, der nicht gerne unbekannte Verbindlichkeiten uͤber ſich nahm, der ſich nicht gerne mit Dingen befaßte, die vielleicht mehr Zweideutigkeit beſaßen, als wuͤnſchenswerth war... und gleichwohl: beſaß er wirklich den Muth, Nein zu ſagen... als ſie Huͤlfe zu beduͤrfen ſchien? Er war ſchon ſo weit gekommen, daß er beſchloß, mit Ja zu antworten, ehe er noch die Sache zur Halfte uͤberlegt zu haben glaubte. 186 Aber noch blieb das Schlimmſte uͤbrig: wie konnte er ſie in ſeiner Garconwohnung empfangen? Auch wenn ſeine beiden Diener nichts ahneten, ſo war es doch auf alle Faͤlle... o es war, es war— mit einem Wort— am beſten, auszuweichen... Aber auf der andern Seite, wenn die Zeit keine andere Wahl zuließe?... Den folgenden Morgen noch hatte Doctor Arnold uͤber den letzten Umſtand nicht mit ſich einig werden koͤnnen. Und erſt als ſein Heiduck, der ſehr aufmerk⸗ ſame und verſtaͤndige kleine Laſſe— der hoffnungsvolle Sohn der einzigen Pfefferkuchenbaͤckerin des Fleckens— mit der Meldung eintrat, daß ein Bote wegen eines Receptes aus der Stadt da ſei, erſt da ergriff Arnold mit unterdruͤckter Bewegung die Feder und ſchrieb: „Geehrte Frau! „Das Haus eines Arztes ſteht Tag und Nacht allen Beſuchenden offen. Als perſoͤnlicher Bekannter aber moͤchte ich wuͤnſchen, daß die Bitte, die Sie, wie Sie ſagen, an mich thun wollen, an einer andern Stelle geſchehen koͤnnte, dafern dies moͤglich iſt. „Auf alle Faͤlle bin ich— ſobald ich keine andere Nachricht erhalte oder ich nicht etwa zu einem unauf⸗ ſchiebbaren Krankenbeſuch abgerufen werde, zu der be⸗ ſtimmten Zeit zu Hauſe.“ 8 redung auch jet Bereitn ten und A war er war auf einen ſe licherwe D ſchon v ja wirk 5 wortlich rend der dem ſie im Fal Geheim ches wo ſie viell konnte ſie konn 5 Fieberſe ſie ein NM ie konnte ahneten, war— . Aber ee Wahl Arnold werden aufmerk⸗ ingsvolle kens— en eines f Arnold eb: d Nacht hekannter Sie, wie en Stelle ie andere n unauf⸗ i der be⸗ 187 „N. S. Da ich den Gegenſtand unſerer Unter⸗ redung nicht einmal zu errathen vermag, ſo kann ich auch jetzt weiter nichts verſprechen, als eine vollkommene Bereitwilligkeit zu Allem, was nicht gegen meine Pflich⸗ ten und Grundſaͤtze ſtreitet.“ Als Arnold das Siegel auf dieſe Antwort druͤckte, war er allerdings nicht ganz zufrieden damit, aber er war auch nicht unzufrieden damit, denn ſie verrieth ja einen ſo kalten, beinahe rauhen Ton, als ſie nur moͤg⸗ licherweiſe verrathen konnte. Das Billet war aber kaum fort, als er ſich auch ſchon verwunderte, daß er ſo foͤrmlich, ſo unfreundlich, ja wirklich hart hatte ſchreiben koͤnnen. Bei allen ihren Thorheiten und ihrer unverant⸗ wortlichen Selbſtſucht war ſie doch eine Frau, die waͤh⸗ rend des gegenwaͤrtigen Augenblicks keinen Freund hatte, dem ſie die delikate Sache anvertrauen konnte, welche, im Fall ſie fuͤr den Landrichter und den Propſt ein Geheimniß ſein mußte, vielleicht fuͤr den Arzt kein ſol⸗ ches war. Und nun, verwundet, zuruͤckgeſtoßen, beging ſie vielleicht eine neue ungluͤckliche Handlung... Sie konnte auch... etwas Anderes gemeint haben— ja ſie konnte gedacht haben... Hier uͤberfiel den jungen Doctor ein ploͤtlicher Fieberſchauer. Sollte dieſe Heimlichkeit bedeuten, daß ſie ein Wort in Bezug auf die Zukunft ſagen wollte? Nach dieſem Augenblick erſchrack Arnold noch mehr 188 bei dem Gedanken an dieſe Zuſammenkunft, die moͤg⸗ licherweiſe auf den ſchwaͤchſten Punkt ſeines Herzens angelegt war und ſeine tauſendmal vor ſich ſelbſt wie⸗ derholten Verſicherungen, daß er niemals niedrig handeln koͤnnte, beruhigte ihn nur unvollkommen. Wie geſt ᷣ—. Eh eingehen, des Hau bewohnt Di ben, am war auf den, der kleinem Nachbar! Au auch zu Weiſe w einzigen delle anz ie moͤg⸗ Herzens bſt wie⸗ handeln 8. wie gefährlich es für einen Arzt iſt, heimliche Zuſam⸗ menhünſte zu geben. Ehe wir auf den uͤbrigen Inhalt dieſes Kapitels eingehen, muͤſſen wir einige Worte uͤber die Einrichtung des Hauſes vorausſchicken, welches von dem Diſtricksarzt bewohnt ward. Dieſes Haus, welches, wie wir ſchon erwaͤhnt ha⸗ ben, am Ende der einzigen Gaſſe des Marktfleckens lag, war auf einem ſehr großen, leeren Platze aufgefuͤhrt wor⸗ den, den die fruͤheren Eigenthuͤmer zu einer Art von kleinem Park umgeſchaffen hatten, der den neugierigen Nachbarn den Eingang zum Hauſe vollſtaͤndig verbarg. Auf der andern Seite lag ein großer Garten, der auch zu demſelben Grundſtuͤck gehoͤrte und auf dieſe Weiſe war das kleine, gelbgetuͤnchte Haus, mit ſeinem einzigen Stockwerk, wie eine wohl eingeſchloſſene Cita⸗ delle anzuſehen— um ſo mehr, als ein hoher Bretter⸗ 190 verſchlag ſich rund um den Park, den Garten und das Haus herumzog— und der Flecken wuͤrde Muͤhe ge⸗ habt haben, zu erfahren, was ſich in dieſen Mauern zutrug, wenn nicht die Garniſon der kleinen Citadelle das Beduͤrfniß gehabt haͤtte, eine Verbindung mit ihren Angehoͤrigen draußen zu unterhalten. Die Haushaͤlterin und Aufwaͤrterin des Doctors war leibliche Schweſter des Kirchvaters, der ſeinerſeits Schwager, des Kuͤſters war, welcher beinahe jeden Tag in Amtsgeſchaͤften etwas bei dem Paſtor zu thun hatte. Dieſer Kanal fuͤhrte alſo durch die eine Haͤlfte des Fleckens. Auf der andern Seite hatte man einen zweiten, deſſen Ausgangspunkt das Haus der ehrſamen Mutter Smacks, der Pfefferkuͤchlerin, war und dieſer erſtreckte ſich bis nach der Stadt, welche dem Pfefferkuchen des Fleckens eben ſo den Vorzug gab, wie dem Arzte des Fleckens, denn der Stadtarzt hatte ungluͤcklicherweiſt den Fehler, zu alt zu ſein. Dieſelbe Eigenſchaft hatten die Pfefferkuchen der Stadt. Man nahm daher mit Vorliebe alle moͤgliche No⸗ tiz von dem neuen Doctor, der ſogar, unter dem Vor⸗ wande von Conſultationen, zu einer Menge kranker Stadtbewohner gerufen ward, die ihren gewoͤhnlichen Arzt nicht verabſchieden konnten. Aber dieſer Eifer, dieſes Intereſſe fuͤr ſeine Perſon erweckte bei Doctor Warvner keine ſonderliche Erkennt⸗ lichkeit. die alle als er, die er d mit zu Lande z D zuruͤck. folgende W Park ar Schritte eingang kenboten Angeleg ten, als M mende, wie ſie uͤbereinſt Zu wo Jun erfreuen des jung in die und eine und das duͤhe ge⸗ Mauern Citadelle nit ihren Doctors einerſeits den Tag un hatte. e Haͤlfte zweiten, Mutter erſtreckte ichen des lrzte des icherweiſt ft hatten iche No⸗ em Vor⸗ kranker oͤhnlichen e Perſon Erkennt⸗ 191 lichkeit. Im Gegentheil zeigte er gegen ſeinen Collegen die allergroßte Artigkeit, war ſelten anderer Meinung, als er, und vergalt die unfreiwilligen Verdrießlichkeiten, die er dieſem Ehrenmanne machte, dadurch, daß er ihn mit zu Berathungen bei ſeinen Patienten auf dem Lande zog. Doch wir kehren zu unſerm erſten Gegenſtand zuruͤck. Die Eintheilung des Hauſes war in der Kuͤrze folgende: Wenn man durch den kleinen, dichtbewachſenen Park an die Treppe kam, befand man ſich nach wenigen Schritten in einer geraͤumigen Hausflur, deren Haupt⸗ eingang zu dem Saale fuͤhrte, wo der Doctor ſeine Kran⸗ kenboten und die Patienten empfing, welche in ſolchen Angelegenheiten Rath begehrten, die ſowohl von befug⸗ ten, als unbefugten Ohren gehoͤrt werden konnten. Mit einem Wort, der Saal war ſowohl fuͤr Kom⸗ mende, als fuͤr Gehende und beſaß eine Einfachheit, wie ſie fuͤr einen Arzt auf dem Lande mit dem Zwecke uͤbereinſtimmte. Zur rechten Hand war ein zweiter, kleinerer Saal, wo Jungfrau Lisbeth ihr Beſtes that, um die Gaͤſte zu erfreuen, welche eingeladen wurden, die Gaſtfreundſchaft des jungen Arztes zu theilen, und von da gelangte man in die Privatzimmer des Doctors, einem Vorgemach und einem Schlafzimmer, wo Alles, was zu einem wiſ⸗ 192 ſenſchaftlichen, behaglichen und bequemen Junggeſellen⸗ leben erforderlich iſt, vorhanden war. Dieſe Zimmer waren fuͤr Freunde: hier hatte man ſeine kleine Spiel⸗ partie und dann und wann eine Zuſammenkunft, um die Befoͤrderung der Bildungsmittel fuͤr den Ort zu be⸗ ſprechen. Ging man aber nun zuruͤck in den großen Sanl, ſo fand man links eine zweite Thuͤr, die zu zwei Zim⸗ mern fuͤhrte, welche nur der Art von Patienten einge raͤumt wurden, die entweder einer laͤngern Abwartung bedurften oder ſolche Umſtaͤnde mitzutheilen hatten, welche Heimlichkeit und Verſchwiegenheit verlangten. Hier wurden alle Arten von Operationen vorgenommen und das aͤußere Zimmer war mit einer Menge von At⸗ tributen ausgeſtattet, welche die Beſtimmung deſſelben verſinnlichten. Es war ungefaͤhr acht Uhr Abends an demſelben Tage, wo aus der Stadt nach dem erwaͤhnten Recept geſchickt worden war— ſo hieß es wenigſtens. Dieſe Stadtboten waren etwas ſo Gewoͤhnliches, daß der, von welchem hier die Rede iſt, weder Jungfer Lisbeths noch Laſſe's Aufmerkſamkeit erweckte. Sie fuͤhlten ſich nur im Allgemeinen etwas ſtolz daruͤber, daß die Leute in der Stadt den Rath ihres Herrn be⸗ durften Jungfe Stadte ſtehen ihrer2 A * Tag in Somm heitsfaͤl Behan A eifrigſte eheſten E einem D keinen ſein Th gezwun⸗ atzureif nicht z auch, d von Lil N war jed dem H O Ein G geſellen⸗ Zimmer 2 Spiel⸗ nft, um t zu be⸗ n Saal, dei Zim⸗ n einge vartung hatten, langten. nommen von At⸗ deſſelben mſelben Recept enliches, Jungfer Sie daruͤber, errn be⸗ — 193 durften, da ſie doch ſelbſt ihren Doctor hatten, was auch Jungfer Lisbeth, wenn ſie die Haushaͤlterin des alten Stadtarztes einmal in der Kirche traf, ganz fein zu ver⸗ ſtehen gab, obſchon es, wie ſie ſagte, durchaus nicht in ihrer Art lag, hochmuͤthig zu ſein. Arnold hatte nichts Beſſeres gewuͤnſcht, als dieſen Tag in Ruhe bleiben zu koͤnnen und jetzt, waͤhrend des Sommers, kamen auch in der Regel nicht viele Krank⸗ heitsfaͤlle vor, die ſchleunige Huͤlfe oder ganz beſondere Behandlung verlangten. Aber wer weiß nicht, daß gerade, wenn man am eifrigſten vergeſſen zu ſein wuͤnſcht, man allemal am eheſten aufgeſucht wird. Gegen zehn Uhr Vormittags war ein Eilbote von einem der Magnaten des Fleckens angekommen. Der Wagen war mitgeſchickt und Arnold— der keinen andern Befehl zuruͤckzulaſſen wagte, als den, daß ſein Thee gegen acht Uhr fertig ſein ſollte— ſah ſich gezwungen, mit einem Herzen voll Unruhe und Furcht abzureiſen, theils, weil es leicht moͤglich war, daß er nicht zur rechten Zeit wieder nach Hauſe kam, theils auch, weil vielleicht waͤhrend des Tages eine Botſchaft von Lilia kommen konnte. Mit Ausnahme einiger minder wichtigen Beſuche war jedoch bis halb neun Uhr nichts Abſonderliches in dem Hauſe des Doctors vorgekommen. Der Theekeſſel hatte ſchon, in Erwartung der Heim⸗ Ein Gerücht. II. 13 194 kunft des Hausherrn, eine ganze Stunde dageſtanden und geſprudelt. „Weißt Du was, Buͤrſchchen?“ ſagte Jungfer Lis⸗ beth, als ſie, mit dem Strickſtrumpf auf dem Knit, ganz vornehm zuruͤckgelehnt in einem alten Lehnſtuhl ſaß, den ſie vor den Kuͤchenheerd geſtellt hatte.„Weiſt Du, was ich von Dir denke?“ „Nein,“ antwortete Laſſe und fuhr unbekuͤmmert fort, einige friſche Reiſer auf das Feuer zu legen. „Nun, ich denke, daß es Dir gar nichts ſchaden koͤnnte, wenn der Doctor Dich in etwas ſtrengerer Zucht hielte. Es wird mir ordentlich ſchlimm, wenn ich ſehe wie Du Dich immerwaͤhrend herumtreibſt.“ „Herumtreibſt? Ich moͤchte wiſſen, Jungfer Li⸗ beth, wer von uns Beiden am meiſten muͤſſig geht.“ „Wie ſo, Du Naſeweis* „Nun, wer wartet denn das Pferd ab? Wa putzt denn die Zimmer auf, in denen Euer Beſen nichtz zu ſuchen hat? Wer belaͤuft denn alle Gaͤnge und en⸗ pfaͤngt alle Patienten und wer ſteht denn Tag um Nacht im kalten Winter und friert und wartet auf de Herrn, waͤhrend Jungfer Lisbeth vor dem ſchoͤnen Feun ſitzt und das Holz verbrennt, das ich erſt gehackt haben Und zum Letzten moͤchte ich noch fragen, wer es iſt, de die Sandwege im Garten und im Park ſaͤubert? Das beſorgt wohl Alles Jungfer Lisbeth, nicht wahr?“ 7. Alter mir ſe meine 77 wuͤrde um zu ich mit ſo thue L den S Uhr* man ve einziges Hausft Du hi ſorgen. U Doctor eine gre . eine alt iſt von kaum 1 nden und agfer Lis⸗ em Knie, Lehnſtuhl „Weißt kkuͤmmeit gen. s ſchaden erer Zucht ich ſehe ngfer Li⸗ geht.“ b? Wa ſen nichtz und em⸗ Tag um et auf da dnen Feu ackt haben es iſt, der ert? Daß hr 2 195 „Schweig, Burſche, Du ſollſt Reſpect vor dem Alter haben und wenn Du das nicht weißt, ſo muß ich mir ſelbſt mein Recht verſchaffen, obſchon es gar nicht meine Art iſt, ſtolz zu ſein.“ „Und meine auch nicht, Jungfer Lisbeth, ſonſt wuͤrde ich mich beleidigt fuͤhlen. Ich bin alt genug, um zu wiſſen, was meine Schuldigkeit iſt und wenn ich mir dann und wann einen freien Augenblick mache, ſo thue ich es gewiß nicht allein.“ Laſſe warf einen ſtechenden Blick auf den ruhen⸗ den Strickſtrumpf in Jungfer Lisbeths Schooße. In dieſem Augenblick— es war jetzt ziemlich neun Uhr— hoͤrte man das Raſſeln eines Wagens, und da man vermuthete, daß es der Hausherr waͤre, ſo war ein einziges, wechſelſeitiges Kopfnicken hinreichend, um den Hausfrieden wieder herzuſtellen. „Na, Laſſe, laß die Kanne ſein und mach, daß Du hinauskommſt; ich will ſchon meine Sache be⸗ ſorgen.“ Und Laſſe eilte hinaus; aber es war nicht der Doctor, welcher wiedergekommen war, denn es begann eine große Unterhandlung. Gleich darauf ward Laſſe wieder ſichtbar. „Was ſollen wir thun?“ ſagte er.„Da kommt eine alte, kranke Frau, mit einer Fiſtel im Geſichte und iſt von Schmerz und Ermuͤdung ſo angegriffen, daß ſie kaum noch auf den Fuͤßen ſtehen kann.“ 13* 196 Lieber Gott, ſo laß ſie doch in den Saal gehen!“ „Aber ſie bittet himmelhoch, daß ſie ſich irgendwo allein niederſetzen darf, ſonſt, ſagt ſie, muͤßte ſie auf dem Flecke ſterben. Und ich daͤchte, Jungfer Lisbeth, ich ließe ſie auf der andern Seite in das gelbe Zimmer gehen. Dort muß ſie doch ohnedies hin, da ſie eime Fiſtel zu operiren hat.“ „Nun, das mag Laſſe auf ſeine Verantwortung thun. Ich fuͤr meinen Theil daͤchte, daß es beſſer ware, wenn der Doctor, wenn er nach Hauſe kommt, das alte Scheuſal nicht gleich zu Geſicht bekaͤme, bevor er ſeinen Thee getrunken hat.“ „Ach, von einem Scheuſal iſt nichts zu ſehen, denn ſie iſt ſo mit Tuͤchern und Binden umwunden, daß kaum die Naſenſpitze und die Augen herausgucken. Aber es bleibt dabei, ſie muß in das gelbe Zimmer.“ Und in die gelbe Marterkammer ward die alte, kranke Frau ſogleich gefuͤhrt. Laſſe's artiges Anerbie⸗ ten einer Taſſe Thee(beide Diener des Doctors waren ſtreng angewieſen, ſich gegen die Beſuchenden mit der groͤßten Hoͤflichkeit zu benehmen) wies ſie jedoch mit einer Kuͤrze zuruͤck, welche Laſſe beinahe beleidigt haͤtte Und nur der Umſtand, daß ſie, von ihrem Leiden uͤber⸗ waͤltigt, ſogleich auf das Sopha niederfiel, verſoͤhnte ihn mit ſo großer Undankbarkeit. Kaum waren Jungfer Lisbeth und Laſſe auf ihu Platze zuruͤckgekehrt, nachdem die Erſtere ſich uͤberzeugt, daß es ſich ſow nehmen men hoͤ § waͤhrend C 0 iſt!“ ſer Ut gleichwo O anlangte „” 8 blick, d Hauſe 56 gehen Punſch. Un richtiger ſchien, t ſich Luf La P die letzte D — 197 gehen.“ daß es mit dem ganzen Beſuche nichts war—— was rgendwo ſich ſowohl an dem Kutſcher, als an dem Fuhrwerk ab ſie auf nehmen ließ— als man abermals einen Wagen kom⸗ Lisbeth, men hoͤrte. Zimmer„Na, das iſt ganz gewiß der Doctor,“ ſagte Laſſe, ſie eine waͤhrend er, wie ein Pfeil, hinausſchoß. „Ja, man hoͤrt gleich, daß es ein Herrenwagen wortung iſt!“ ſetzte Jungfer Lisbeth h hinzu. es beſſet Und allerdings war es ein Herrenwagen, aber kommt, gleichwohl immer noch nicht der des Hausherrn. ,bevor Diesmal war es der Herr von Ribyhus, welcher anlangte. ſehen,„Iſt der Doctor zu Hauſe, Laſſe?“ 1 wunden,„Nein, Herr, aber wir erwarten ihn jeden Augen⸗ usgucken. blick, denn er wollte ſpaͤteſtens um acht Uhr wieder zu zmer.“ Hauſe ſein.“ die alte,„Es iſt gut... ich werde in den Saal hinein⸗ Anerbie⸗ gehen und warten. Bringe mir ein großes Glas s waren Punſch.“ mmit der Und Philipp, der ganz beſonders aufgeregt oder doch mi richtiger, aus ſeiner langen Betaͤubung erwacht zu ſein igt haͤtte ſchien, trat in den Saal, wo er alle Fenſter aufriß, um den uͤber ſich Luft zu hafſen oͤhnte ihn Laſſe kam bald und brachte Punſch und Eigarren. Philipp ſtuͤrzte den erſtern hinunter, ruͤhrte aber auf ihn die letztern nicht an. uͤberzeugt Darauf warf er ſich in einen Schaukelſtuhl und V 198 fing, waͤhrend er den Koͤrper heftig hin⸗ und herbewegte, an, ſeine Seele in Gedanken einzuwiegen, welche, nach dem Eindruck zu urtheilen, der ſich in dem Angeſicht des jungen Mannes ſpiegelte, ihn wahrſcheinlich er⸗ freueten. Endlich, ungefaͤhr drei Viertel auf zehn Uhr, kam der Doctor ſelbſt und er fuhr ſo ſchnell, daß man haͤtte glauben ſollen, er waͤre, weit entfernt, in aller Ruhe nach Hauſe zu reiſen, nach einem Orte unterwegs, wo ſeine Anweſenheit als Leben oder Tod begruͤßt ward. „Nun, Laſſe, ich hoffe doch, daß Du Niemanden hier haſt? Ich bin vor Muͤdigkeit ganz erſchoͤpft.“ „Allerdings haben wir Jemanden da— Herr Thurné iſt im Saale.“ „Aber, Du Toͤlpel, haſt Du ihm denn nicht ge⸗ ſagt, daß ich nicht zu Hauſe ſei?e Es lag Ruhe auf Arnolds Lippen, aber in ſeinem Innern etwas ganz Anderes— da hieß es: „Philipp hier, in dieſem Augenblick, wo ſie jede Minute eintreffen kann!“ „Herr Thurné kam ſoeben erſt,“ antwortete Laſſe, „und dann dachte ich, weil er es waͤve, ſo... „Schon gut, Laſſe... weiter haſt Du nichts zu melden?... Was iſt denn das fuͤr ein Fuhrwerk, das da auf dem Hofe ſteht?“ 0 p Frau, d war mi haben n daß ſie 58 auch nie ſich dahe Der Ku „5 „das iſt Fluch u ganz ein Ir ehemalic dumme Ir die in d und er! herrſchun ihm geſe bewegte, ee, nach ngeſicht lich er⸗ hr, kam un haͤtte r Ruhe 2g8, wo dard. manden pft.⸗ = Hert nicht ge⸗ ſeinem ſie jede te Laſſe, ichts zu erk, das 199 „Ja, Herr Doctor, das gehoͤrt einer alten, kranken Frau, die ich in das gelbe Zimmer laſſen mußte; es war mit ihr ſo ſchlimm, daß man wirklich Mitleiden haben mußte.“ „Eine alte, kranke Frau— ſahſt Du ſie? Kennſt Du ſie?“ Mit Schrecken dachte Arnold an Lilia's Worte, daß ſie ſich verkleiden wuͤrde. „Ich kann ſagen, daß ich ſie geſehen habe und auch nicht— ſie hat etwas Boͤſes im Geſichte und ſich daher ganz verbunden, aber ich kannte ſie gar nicht. Der Kutſcher ſagt, ſie kaͤmen weit her.“ „Kein Zweifel,“ murmelte der Doctor vor ſich hin, „das iſt ſie— und in dem Nebenzimmer iſt er... o, Fluch uͤber dieſe Heimlichkeitskraͤmerei! Wenn ſie nur ganz einfach mich zu ſich gerufen haͤtte.“ In ſeiner doppelten Verlegenheit, als Arzt und ehemaliger Liebhaber, war der Doctor auch uͤber ſeine dumme Lage in doppelter Verzweiflung. 3 Inzwiſchen beſaß er von Natur diejenige Faſſung, die in den meiſten unangenehmen Umſtaͤnden aushaͤlt und er bewies jetzt, daß er das Studium der Selbſtbe⸗ herrſchung zu der Gabe hinzugefuͤgt, welche die Natur ihm geſchenkt. „Willkommen, lieber Philipp! Nun, es iſt ziem⸗ lich lange her, daß Du das letzte Mal hier warſt.“ Es verſteht ſich, daß der Doctor ſeine Stimme, die ſonſt leiſe und ſehr melodiſch war, ſehr laut erhob. „Aber weshalb,“ fuhr er fort, nachdem er mit dem Freunde einen Handſchlag ausgetauſcht,„weshalb haſt Du Dich denn hier niedergelaſſen, wo wir jeden Augen⸗ blick geſtoͤrt werden köͤnnen? Komm herein zu mir, da iſt es weit gemuͤthlicher!“ „Nein, ich danke, ich danke, ich ſitze ganz gut hier im Schaukelſtuhle.“ „Aber auch mitten im Zuge.“ „Ach was da, es wehet ſo friſch durch das Fenſter . Weißt Du, ich habe Briefe von meinem ehrlichen Dick bekommen.“ „Nun, das iſt erfreulich!“ „Ja wohl, ſehr; es hat mich wieder belebt und einen neuen Gedanken in mir erweckt. Die Sache iſt ſo, ſiehſt Du, daß... Ein Pochen an der innern Seite der Thuͤr zu dem gelben Zimmer, unterbrach hier die Freunde. „Es iſt Jemand da drin, der Dich erwartet, wie mir jetzt einfaͤllt. Genire Dich nicht nach mir.“ „Na, es wird wohl nicht ſo eilig ſein,“ meinte de Doctor mit einer Gleichguͤltigkeit, die ſonſt nicht ſeine Art und Weiſe gegen die Kranken war.„Inzwiſchen doch ein paar Worte mit der Perſon ſprechent E der Se Zimmer W er die S Kopf hi „l nicht ur machen Un der zu, tientin; P ans Fer den er eintrat hoͤchſt i eigenen waͤre un auszuric L wortete A wieder, dem Do ziem⸗ timme, erhob. nit dem lb haſt Augen⸗ u mir, zut hiet Fenſter hrlichen ebt und zache iſt bhuͤr zu 6. etet, wie 4 einte der cht ſeine zwiſchen prechen.“ V 201 Er dankte Gott, daß die Abenddaͤmmerung und der Schatten der großen Obſtbaͤume im Garten, das Zimmer in tiefes Dunkel huͤllte. Wie ſehr bedurfte es auch dieſer Dunkelheit, als er die Thuͤr des geheimnißvollen Zimmers oͤffnete, den Kopf hineinſteckte und fluͤſterte: „Ums Himmels willen, geehrte Frau, werden Sie nicht ungeduldig! Sobald als ich mich von ihm los⸗ machen kann, werde ich kommen.“ Und er zog die Thuͤr mit einer Schnell igkeit wie⸗ der zu, welche ihm nicht erlaubte, die Antwort der Pa⸗ tientin zu hoͤren. Philipp hatte waͤhrend dieſes Augenblicks den Stuhl ans Fenſter geſchoben und Dicks Brief herausgezogen, den er ſich anſchickte, laut vorzuleſen. Aber er hatte noch nicht angefangen, als Laſſe eintrat und meldete, daß ein Laufburſche mit einem hoͤchſt wichtigen Briefe angekommen ſei, den er in die eigenen Haͤnde des Doctors zu uͤbergeben beauftragt waͤre und uͤberdies haͤtte er auch noch etwas muͤndlich auszurichten. „Sage ihm, er moͤchte den Mtief hergeben,“ ant⸗ wortete der Doctor gelaſſe. Aber Laſſe kam bald darauf mit dem Beſcheide wieder, der Burſche habe geſagt, er muͤſſe durchaus mit dem Ooctor ſelbſt ſprechen. 202 „So laß ihn in den kleinen Saal treten und da⸗ ſelbſt warten.“ Philipp legte wieder ſeinen Brief zuſammen. „Beſorge doch erſt Deine Angelegenheiten, Arnold ſagte er;„dies da koͤnnen wir aufſparen, bis Du frei biſt.“ Ein neues Pochen an der Thuͤr des gelben Zim⸗ mers. „Allerdings, Philipp,“ ſagte Arnold mit einer Stimme, die nachgerade ihre Ruhe zu verlieren anfing, „allerdings muß ich Dich beim Worte nehmen, aber dann mußt Du auch in das Vorzimmer gehen, denn ſiehſt Du, die armen Patienten wollen gewoͤhnlich von Zuſchauern nichts wiſſen... Du verſtehſt mich, nicht wahr?“ Auf dieſen Wink erhob Philipp ſich ſofort und verſchwand, ohne ein Wort zu ſagen, in den kleinen Saal. Arnold ſchoͤpfte tief Athem und ſeine Wange roͤ⸗ thete ſich von Verdruß, waͤhrend er nach dem Zimmer eilte, wo die ungeduldige, kranke Frau verweilte. „Mein Gott,“ rief er in dem Augenblicke, wo er die Thuͤr oͤffnete,„was denken Sie nur, Lilia! Iſt denn die Sache ſo eilig, daß Sie keine Ruͤckſicht auf die An⸗ weſenheit Ihres Mannes nehmen?“ Er ergriff heftig ihre Hand, um ſie nach dem Sopha zu fuͤhren. 52 haben E auf Sch ich bin Doctor D Geſtalt, bedeuten A wenn er dies doc D Krankhe aller Zu die, wel hatte ve zimmer treten ge ind da⸗ 1 rnold,“ Du frei n Zim⸗ t einer anfing, n, aber , denn ich von ), nicht ort und kleinen nge roͤ⸗ Zimmer „wo er Iſt denn die An⸗ ff heftig 203 „Welche entſetzliche und abſcheuliche Verkleidung haben Sie angenommen!“ „Ich bin nicht verkleidet und ebenſowenig bin ich auf Scherz oder unerlaubte Wege ausgegangen, ſondern ich bin eine alte, von Krankheit geplagte Frau, was der Doctor doch gleich ſehen muß, wie ich meinen ſollte.“ Dieſe kreiſchende Stimme, dieſe kleine, verſchrumpfte Geſtalt, dieſes verhuͤllte Geſicht, was hatte dies Alles zu bedeuten? Arnold zog die Unbekannte ſchnell ans Fenſter und wenn er auch ſonſt ſich zu beherrſchen verſtand, ſo war dies doch nicht im gegenwaͤrtigen Augenblicke der Fall. Dieſe Frau, die wirklich an einer entſetzlichen Krankheit litt, war auf dieſe Weiſe durch den unſeligſten aller Zufaͤlle unter falſcher Flagge gekommen, waͤhrend die, welche ſich in der Verkleidung eines Laufburſchen hatte verbergen und ſchuͤtzen wollen, gerade in daſſelbe Zimmer gewieſen worden war, in welches er Philipp zu treten genoͤthigt. S 9. Neue Verlegenheit für den Doctor. Nachrichten von Hich⸗ Die alte, kranke Frau ward von der Ueberraſchung, die ſie hier verurſacht, ſichtlich ſehr unangenehm beruͤhtt und mit mißtrauiſchem Kopffſchuͤtteln ſagte ſie: „Nun, wenn ich gedacht haͤtte, daß ich hier ſo un⸗ gelegen kaͤme, ſo haͤtte ich gewiß, wie elend ich auch war, den Weg nach der Stadt fortgeſetzt. Aber man hatte mir ſo viel erzaͤhlt, daß der Herr Doctor in ſolchen Sa⸗ chen ſo gelehrt und geſchickt waͤre, daß ich...“ „Meine liebe Frau, verlaſſen Sie ſich darauf, daß ich es mir angelegen ſein laſſen werde, dieſe unvorſaͤtz⸗ liche Verſaͤumniß, die ich begangen, wieder gut zu ma⸗ chen; aber leider kann ich nicht eher etwas vornehmen, als morgen fruͤh. Inzwiſchen bitte ich Sie, in dem Nebenzimmer mit einem Bett fuͤr dieſe Nacht vorlieb zu nehmen. Ich will meine Haushaͤlterin hereinſchicken, um al kuͤhlent 1 ſowohl er ruͤck Thuͤr; murme mir ge na, ich 4. j und n Maul bin ich nicht a der au 2 ein koͤr geborer 2 zu Ha Markt kannt, werden machte Schult haft w an Hich. aſchung, beruͤhrt r ſo un⸗ uch war, un hatte hen Sa⸗ auf, daß nvorſaͤtz⸗ zu ma⸗ nehmen, in dem vorlieb ſchicken, 205 um alles Noͤthige zu beſorgen und werde ſelbſt einen kuͤhlenden Nachttrunk zubereiten.“— Und waͤhrend er ſo Troſt auf Troſt haͤufte, um ſowohl ſich ſelbſt als ſeine Patientin zu Wami n, ging er ruͤcklings aus dem Zimmer hinaus und ſchloß die Thuͤr zu. „Na, dem vertraue ich mich gewiß nicht an,“ murmelte die Frau aͤrgerlich vor ſich hin.„Der waͤre mir gerade der rechte... er hatte ſich Eine beſtellt... na, ich muß ſagen, wir leben in einer anſtaͤndigen Zeit ja, ſchicke Du nur Haushaͤlterin und Nachttrunk und was Du ſonſt Luſt haſt... ſie wollen mir das Maul verzuckern, damit ich ſchweigen ſoll... krank bin ich, aber einem ſolchen Laffen vertraue ich mich nicht an... Wie dumm, daß ich mich gar nicht wie⸗ der auf den Namen ſeiner Dulcinea beſinnen kann.“ Wie man ſieht, laſſen gewiſſe Gemuͤther ſich durch ein koͤrperliches Leiden nicht hindern, eine natuͤrlich an⸗ geborene Bosheit zu entwickeln. Dieſe alte Frau, Witwe eines Dorfkraͤmers, war zu Hauſe, in ihrem ungefaͤhr ſechs Meilen von dem Marktflecken entlegenen Dorfe, als ein boͤſes Weib be⸗ kannt, das nur durch ein ſchweres Koͤrperleiden gebeugt werden konnte. Diejenigen, welche ihr ſich mißfaͤllig machten, betrachtete ſie, als haͤtten dieſelben eine große Schuld von ihr zu fordern und da ſie außerſt gewiſſen⸗ haft war, ſo bezahlte ſie allemal ihre Schulden⸗ 206 Als ſie in dem Hauſe des Doctors ankam, war ſie wirklich von der Reiſe ſo angegeiffen, daß ſie fromm war, wie ein Lamm. Sobhald ſie ſich aber wieder er⸗ holt hatte und ſie merkte, daß der Doctor nach Hauſe gekommen war, begriff ſie nicht, was ſie hindern koͤnnte, ſofort mit ihm zu ſprechen. Daher kam es, daß ſie zweimal an die Thuͤr pochte, und ſie wuͤrde herausgekommen ſein, wenn der Doctor ihren Ruf nicht beachtet haͤtte. Sie brauchte nicht zu warten, denn ſie hatte Geld im Beutel und konnte bezahlen... ſie war auch nicht gewohnt zu warten und noch viel weniger fuͤr Jemanden anders ge⸗ halten zu werden, als ſie war. Waͤhrend die aͤrgerliche, alte Patientin dies Urtheil uͤber den jungen Doctor faͤllte, ſtand dieſer ſelbſt in der graͤßlichſten Verlegenheit vor der Thuͤr, welche ſein Pri⸗ vatzimmer von dem aͤußeren Saale trennte. Er horchte mit geſpannten Sinnen, ſo daß ihm nicht der kleinſte Laut entgangen waͤre, aber er hoͤrte nicht das mindeſte. Wenn er im Stande geweſen waͤre, zu reflectiren und an die Perſon zu denken, die er ſo eben verlaſſen, ſo wuͤrde er in einer noch groͤßeren Verlegenheit gewe⸗ ſen ſei ſtande ſes bef trotzen nicht hineing ein ga einen 2 L Wenn entdeckt War 2 men! iſt auf gekomn U in den 9 ſehen. 2 ſich der Hinter jeder C in Nac m, war 2 fromm iede r er⸗ h Hauſe mkoͤnnte, ie Thuͤr venn der brauchte utel und vohnt zu nders ge⸗ s Urtheil ſſt in der ſein Pri⸗ daß ihm er hoͤrte feflectiren verlaſſen, eit gewe⸗ V V V ſen ſein. Aber alle ſeine Gedanken waren dem Gegen⸗ ſtande zugewendet, der ſich auf dieſer Seite des Hau⸗ ſes befand. „Ich muß den Muth beſitzen, dem Schlimmſten zu trotzen! Ich habe keine boͤſe Abſicht— ich habe mich nicht ſelbſt in dieſe tauſendmal verwuͤnſchte Geſchichte hineingeworfen... Aber was iſt es wohl anders, als ein ganz einfacher Zufall.. das arme Weſen bedarf einen guten Rath. ſie iſt hierher gekommen...“ Aber gerade hier mußte er ſtehen bleiben. Unter welcher Myſtification war ſie gekommen! Wenn Philipp, wenn irgend Jemand ihr Abenteuer entdeckte, haͤtte man wohl an ihre Unſchuld geglaubt? War nicht der Schein ganz und gar gegen ſie? „Es ſei, wie es wolle, ich muß ihr zu Huͤlfe kom⸗ men! Vielleicht hat er ſie noch nicht bemerkt oder ſie iſt auf demſelben Wege hinausgegangen, auf dem ſie gekommen.“ Und ſeine ganze Faſſung zuſammenraffend, trat er in den kleinen Saal. Mit einem einzigen Blick konnte er Alles uͤber⸗ ſehen. Die Thuͤren der beiden inneren Zimmer befanden ſich der gegenuͤber, zu welcher er hereintrat. Und im Hintergrunde des Schlafzimmers ſtand ein Sopha in jeder Ecke. Philipp lag auf einem derſelben und ſchien in Nachdenken verſunken. 208 Es ſchien nichts Beſonderes ſich zugetragen zu ſie, als haben. kannte Mit langem, forſchendem Blick ſah der Doctor iſt. ſich um, ehe er weiter ging, aber ein fremder Lauf⸗ ſchlimn burſche war nirgends zu ſehen. Liebesg — Philipp bemerkte den Eintritt ſeines Freundes Ungluͤch nicht und Arnold benutzte den Umſtand, um aus dem in Ber kleinen Saale erſt noch einmal in die Hausflur hinaus zu gehen, wo ihm gerade Laſſe mit dem Theegeſchirr Doctor begegnete.. muͤthsb „Er iſt wohl wieder fort?“ ſagte der Doctor in ei⸗ Stube nem Tone, in welchem mehr eine Vermuthung, als ein ihr gem Frage lag. E „Wer ſoll fort ſein?s beſtimm „Der fremde Burſche.“ „Nein, Herr Doctor, er iſt nicht fort, wenigſtens habe ich nichts davon geſehen.“ „Er iſt aber fort!“ wiederholte der Hausherr mit einer Beſtimmtheit, welche Laſſe zu dem Glauben be„ wog, daß er ſeinerſeits nicht recht aufgepaßt habe. Ahen Dich mi bei ſich ſelbſt ſchwur Laſſe, daß der Teufelsjunge ſih er ſeiner unſichtbar gemacht haben muͤſſe, als er durch die Haus⸗„T flur eilte, denn die Thuͤr zwiſchen dieſer und der Kuͤchte„»A hatte waͤhrend der ganzen Zeit offen geſtanden. Dick ſch „Ach,“ ſagte Arnold mit toͤdtlichem Erſchrecken zu neuen 2 ſich ſelbſt,„iſt ſie alſo nicht fort, hat ſie ſich verſtockt wieder n aber wo?...Gleichwohl iſt es aber auch moͤglich, daß Manate in G nagen zu ſie, als ſie Philipps Tritte hoͤrte und ſeine Stimme er⸗ ü kannte, durch das Fenſter in den Garten geſprungen Doctor iſt... Ungluͤcklicher, verderblicher Zufall! Koͤnnte ich er Lauf⸗ ſchlimmer daran ſein, wenn es ſich um eine unerlaubte Liebesgeſchichte handelte?... Dieſes Weib wird noch Freundes Ungluͤck uͤber ſich ſelbſt und Alle bringen, die mit ihr aus dem in Beruͤhrung kommen.“ r hinaus Es wird ſich wohl Niemand ſehr wundern, daß eegeſchin Doctor Warvner— von dieſen widerſtreitenden Ge⸗ muͤthsbewegungen beſtuͤrmt— die Frau in der gelben kor in eie Stube eben ſo, wie die ſchoͤnen Verſprechungen, die er als eine ihr gemacht, ganz und gar vergaß. Er hatte nur einen klaren Gedanken, nur einen beſtimmten Wunſch, den, Philipp fortzuſchaffen. enigſtens—— zherr mit Heni„Du biſt recht lange, Arnold... ich erwarte be. Aber Dich mit Ungeduld!“ ſagte der arme, junge Mann, als zunge ſihh er ſeinen Freund zu Geſicht bekam. 5 Haus⸗„Verzeihe, lieber Bruder— ich konnte nicht dafuͤr.“ der Kuͤche„Ach, das weiß ich wohl... Aber ſiehſt Du, Dick ſchreibt mir, daß er mit ſeinen Streifzuͤgen in der Frecken zuſ neuen Welt nun vollkommen zufrieden iſt, daß er ſich verſteckt wieder nach der alten ſehnt und daß er in etwa drei c Monaten wieder zu Hauſe zu ſein hofft.“ glich, da zu ſe zu ſein hoff Ein Gerücht. II. 114 210 „So, das ſchreibt er? „Hoͤre nur den Schluß des Briefes... ich habe noch keine Ruhe gehabt, mich mit allen ſeinen Schilde⸗ rungen deſſen, was er geſehen und gehoͤrt, zu befaſſen; die Bemerkungen des guten Jungen werden mir ſehr angenehm zu leſen ſein, ſobald meine Gemuͤthsſtimmung etwas ruhiger iſt. Jetzt ruͤhrt mich blos das, was mich ſelbſt angeht, denn dies hat mir eine ſchwache Hoffnung gegeben, daß ich, wenn es mir blos gelaͤnge, ihren Ent⸗ ſchluß zu verzoͤgern, bis Dick...“ „Lieber Philipp!...“ Arnold zuckte die Achſeln. „Ich weiß wohl, daß die Hoffnung ſchwach iſt⸗ aber dennoch begruͤße ich auch den geringſten Strahl mit Freuden.“ „Nun, ſo lies doch,“ ſagte Arnold, denn er ſah ein, daß er unmoͤglich loskommen koͤnnte, bevor Philipp ſü⸗ nen Willen durchgeſetzt. Philipp begann: „Ja, ſo iſt es, mein lieber Schwager— in jedem Winkel der Welt, wo Dn nicht biſt, fuͤhlt Dick ſic nicht heimiſch. „Es iſt etwas Sonderbares mit dieſer Liebe zu Dir! Ich glaube, es iſt eben ſo damit, wie mit mei⸗ ner Religion, denn wenn eine uͤble oder eine froh⸗ Laune mich zu Thorheiten hinreißen will— bald ſe bald ſo— hoͤre ich allemal Deine Stimme: Mäl Sohn Dick, Du ſtehſt im Begriff, einen dumm Streie Du n haſt wo D zu un men n mals allema dies ne Wunſe weißt Creolin Luſt ge merkte kleine⸗ und w daß D Du m vor Au Philipp C 229 ich ihre Norden ich habe Schilde⸗ befaſſen; mir ſehr immung bas mich Hoffnung ren Ent⸗ Achſeln. wach iſt, trahl mit r ſah ein, hilipp ſei in jedem Dick ſich Liebe zu mit mii⸗ eine froh⸗ — bald ſe e: Mein dumm 211 Streich zu machen! Oder: mein Sohn Dick, wenn Du noch nicht weißt, daß Du ein Dummkopf biſt, ſo haſt Du hier einen ſchlagenden Beweis. „Ich habe Dich von der erſten Stunde an geliebt, wo Du nach Ribyhus kamſt, der feſteſte Grund aber zu unſerer Freundſchaft ward gelegt, als wir das Exa⸗ men machten. „Ich ſage jetzt noch mit Stolz zu mir ſelbſt: Da⸗ mals hatte Philipp Dich noͤthig! und dann ſetze ich allemal von ganzem Herzen hinzu: Gott gebe, daß dies noch einmal der Fall ſein moͤge! „Und es kann auch ſehr leicht ſein, daß mein Wunſch in Erfuͤllung geht, denn in einer Sache, das weißt Du ſelbſt, begehſt Du alle Tage dumme Streiche. „Ich ſah einige Mal eine kleine, verteufelt huͤbſche Creolin und weißt Du, ich glaube nicht, daß ſie uͤbel Luſt gehabt haͤtte, Frau Dick zu werden, aber ich be⸗ merkte bald, daß ſie in ihrer Art und Weiſe gewiſſe kleine Mucken hatte, die mich an Frau Lilia erinnerten und wups, dachte ich: Bruder Dick, Du ſiehſt wohl, daß Du ſchlimmer waͤreſt, als ein Dummkopf, wenn Du mit dem Beiſpiele, welches Du drei Jahre lang vor Augen gehabt haſt, in die Falle gehen und Papa Philipp nachahmen wollteſt. „Ich gab daher meiner Schoͤnen zu verſtehen, daß ich ihren Wunſch, die intereſſanten Schneegefilde des Nordens in Augenſchein zu nehmen, nicht erfuͤllen koͤnnte 14* 212 und zur Rache geberdete ſie ſich, wie eine hinterliſtige Katze, welche immer ſchmeichelt— nolabene, wenn man ſie ſieht.— „Du weißt, Philipp(und es thut mir ſehr leid), daß, wiewohl ich Deine Gedichte ſo oft ins Reine ge⸗ ſchrieben, ich mich doch niemals auf ſolche ſchoͤne Re⸗ densarten wieder beſinnen kann, ſonſt wuͤrde ich Dir auf beſſere Weiſe, als ich jetzt ſage, mittheilen, daß dieſe Bekanntſchaft mit Lilia der Zweiten— Du glaubſt nicht, was fuͤr ſchoͤne Haͤnde und Fuͤße die kleine Hee hat und was fuͤr himmliſche Blicke ſie ſpielen laſſen kann— daß dieſe Bekanntſchaft, ſage ich, mich fuͤr Dich fuͤrchten laͤßt. „Ich ziehe Vergleiche zwiſchen den beiden Lilien und waͤhrend ich Gott danke, daß ich kluͤger geweſen bin, als mein Lehrer, denke ich: Wie mag er es nur jetzt haben... wahrſcheinlich nicht allzugut, denn da ſie jetzt mit ihm ganz allein iſt, fuͤrchte ich, oder bin ich vielmehr feſt uͤberzeugt, daß ſie, mitſammt ihren En⸗ gelsmienen, noch launenhafter und obſtinater gewor⸗ den iſt. „Aber weißt Du, was ich mir in den Kopf ge⸗ ſetzt habe?. „Nun, weiter nichts als das, daß ich, ſo uͤberlegen ſie mir auch zu ſein glaubt, doch im Scherz oder Ernſt ſie zu der Einſicht bringen werde, daß ich nicht ihr Brude macher 77 machte was ar Weibe Lilia! Dir ne fruͤher „ vorzune Aber 2 hoͤren. gemach⸗ Paſſag mich ſi gkleinen G 57 rectortit 5 daß ich kiſten n Transp erliſtige wenn hr leid), eine ge⸗ one Re⸗ ich Dir daß dieſe glaubſt ne Hexe n laſſen uͤr Dich n Lilien geweſen es nur denn da bin ich ren En⸗ gewor⸗ Kopf ge⸗ aberlegen er Ernſt nicht ihr Transport koſten. Du ſiehſt, ich⸗denke an die Mah⸗ 213 Bruder bin, um ſie meinen beſten Freund ungluͤcklich machen zu ſehen. „Und ungluͤcklich biſt Du— das iſt eine ausge⸗ machte Sache. „Nun kann ich mir an den Fingern abzaͤhlen, was aus dem Menſchen wird, wenn er einem koketten Weibe in die Haͤnde faͤllt... Aber warte nur, Frau Lilia! Dick lebt noch, er iſt im Anzuge und er wird Dir noch ein wenig beſchwerlicher werden, als er Dir fruͤher war. „Du darfſt nicht glauben, Philipp, daß ich etwas vorzunehmen beabſichtige, was Dir ſchaden koͤnnte! Aber Bruder will ich ſein und Lilia ſoll ſchon auf mich hoͤren. Ich glaube mir ſehr viel Beredſamkeit zu eigen gemacht zu haben, ſeitdem ich abgereiſ't bin— die Paſſagiere hoͤren mir gern zu. „Und braun und groß und ſtark bin ich geworden, ſo daß die Fabrikarbeiter, wenn ich nach Hauſe komme, mich ſofort den„Herrn Director“ und nicht mehr den zkleinen Herrn Dick“ nennen werden. „Ich fuͤr meinen Theil habe nichts gegen den Di⸗ reckortitel, den Du Dir fuͤr Deine Perſon verbateſt. „Mein Muſeum iſt nachgerade ſo groß geworden, daß ich aufhoͤren muß zu ſammeln, denn meine Pack⸗ kiſten werden mir ein ſchoͤnes Stuͤck Geld fuͤr den 214 nung des ſeligen Papas: Sei niemals verſchwenderiſch, Dick, mein Sohn! „Ich ſende Dir jetzt ein warmes Lebewohl! Wenn ich Dir aber ſagen ſoll, was mir auf dem Herzen liegt, ſo muß ich Dir geſtehen, daß ich eine ſchlimme Ahnung habe... doch was koͤnnte ſich wohl Uebles zugetragen haben? Ach, nichts, es iſt bloße Einbildung. Aber ich ſehne mich ungeheuer, zu ſehen, ob Alles wohl ſteht. „Und nun Gruß und Freundſchaft an Lilia und die Kinder! „Es iſt wahr, ich habe ſchon mehrmals daran ge⸗ dacht, daß ich, da Du verheirathet biſt und wir auch ſchon Erben haben, eigentlich dem geſegneten Eheſtande ganz und gar entgehen koͤnnte— ich glaube, man wird dann ſchwerfaͤllig und langweilig und da ich mein Mu⸗ ſeum und die Fabrik habe, ſo habe ich genug zu pflegen. „Ich bringe unter Anderm den Schaͤdel eines In⸗ dianers mit und eine Boaſchlange, notabene, ausgeſtopft und— was meinſt Du wohl— einen Anzug, der einer wilden Prinzeſſin gehoͤrt hat. Ach, Du wirſt Deinen Augen nicht trauen, wenn Du mein Muſeum zu ſehen bekommſt! „Umarme nun in Gedanken Deinen . Dick.“ „N. S. Spaͤteſtens in drei Monaten ruht er auf ſeinen Lorbeeren aus.“ 8 *7 Dicks ben, zu einwilli und gi wie er Rathge ken... wiſſen; gehoͤrt, und he⸗ ſie aufz denn ſi „ „» Philip „ ſie einn Bezug durchſch deriſch, Wenn liegt, ihnung etragen ber ich eht. ia und ran ge⸗ ir auch heſtande in wird n Mu⸗ pflegen. ies In⸗ geſtopft zug, der du wirſt Nuſeum 54 t er auf „Nun, Arnold,“ ſagte Philipp, nachdem er mit Dicks Brief, dieſer wuͤrdigen Copie des ehrlichen Kna⸗ ben, zu Ende war,„glaubſt Du nicht, daß, wenn ſie nur einwilligt, ihren Entſchluß aufzuſchieben, dieſes warme und gute Herz etwas uͤber ſie vermoͤgen wird? Es iſt wie er ſagt, er iſt ihr Bruder, ja, er iſt ihr natuͤrlicher Nathgeber, den ſie nicht verſtoßen kann, wie ihren Gat⸗ ten... aber antworte doch— ſag', was glaubſt Du?“ „Ich?... Was ich glaube?... Du willſt es wiſſen?...“ Der Doctor hatte von Dicks Briefe weiter nichts gehort, als verworrene Laute, die vor ſeinem Ohre hin⸗ und herſchwirrten, ohne daß er auch nur daran dachte, ſie aufzufangen. Nur drei Worte waren es, die er deutlich hoͤrte, denn ſie klangen unaufhoͤrlich in ſeiner Seele wieder: „Wo 9 ſie?“ „Ob ich wiſſen will, was Du denkſte“ wiederholte Philipp.„Deswegen bin ich ja eben hergekommen!“ „Und; Du glaubſt alſo, daß Dein Schwager Dick.. „Ja, ich ſehe es fuͤr ganz beſtimmt an, daß er auf ſie einwirken wird. „Aus dem, was er rritt erſiehſt Du, daß er in Bezug auf das haͤusliche Gluͤck meine Lage ſchon laͤngſt durch ſchaut hat. Ja, allerdings finde aic das, aber... „Ich verſtehe Dich, Du glaubſt, daß er keine Ge⸗ 216 walt auf eine Natur ausuͤben koͤnne, die ſo bedeutend ſowohl uͤber, als unter ihm ſteht. Aber ich ſage Dir, daß Dick mit ſeiner Ehrlichkeit und ſeiner Entſchieden⸗ heit auch ſeine Macht beſitzt. Ich weiß, daß ſie ſorg⸗ faͤltig ihr inneres Weſen vor ihm verbarg.“ „Nach dem, was ich abnehme, haſt Du alſo die Abſicht, vorzuſchlagen, daß die ganze traurige Angelegen⸗ heit bis auf weiteres ſiſtirt werde?“ „Ach, ich weiß nicht, was ich vorſchlagen oder wie mich benehmen ſoll! Sie iſt ſo kalt, ſo unzugaͤnglich, ſo ohne alles Mitleiden.“ „Darin haſt Du recht.“ „Ich bin uͤberzeugt, daß ſie mich ſowohl geſehen und gehoͤrt hat, wenn ich ſo oft in der Nacht auf dem kleinen Grasplatze unter ihrem Fenſter herumſchlich.“ „Wie— Du biſt heimlich dort geweſen?“ „Lilia... Lilia,“ fuhr Philipp im Uebermaße ſei⸗ ner bittern Empfindungen fort,„o Lilia, Du haſt mich gehoͤrt, als ich in Verzweiflung Deinen Namen rief! Hinter Deiner herabgelaſſenensGardine haſt Du meine Thraͤnen, meine Qual, meinen Todeskampf geſehen. Du haſt meine gefalteten Haͤnde ſich nach Deinem Fen⸗ ſter emporſtrecken ſehen... aber Du haſt mir nicht geantwortet— Du verachteſt den armen Philipp zu tief, als daß Du ihm ein Wort, eine einzige Sylbe des Mitleidens zuwerfen ſollteſt.“ Waͤhrend Philipp mit ausdrucksvoller Stimme ſeine n beweglie ſtumme Tapeter Zimme 3 ſchieden chen K. den Be der Ju hatten den„w 8 etwas wendete Blaͤſſe Muth getreten daß ſie Mann wenn i ſtehſt, Zeiten der mi deutend ſeine naͤchtlichen Fahrten unter dem Fenſter ſeiner un⸗ ſe Dir, beweglichen Gattin ſchilderte, hatte der Doctor mit hieden: ſtummem Entſetzen eine wogende Bewegung an dem e ſorg: Tapetenſchirme wahrgenommen, der die eine Ecke des Zimmers verbarg. ilſo die Innerhalb dieſes abgegrenzten Platzes hatte er ver⸗ gelegen: ſchiedene Todtenſchaͤdel und Gypsabguͤſſe von menſchli⸗ chen Koͤrpern aufgeſtellt, weshalb auch dieſer Ort vor der wie den Beſuchen ſowohl des jungen Herrn Laſſe, als auch unglich, der Jungfer Lisbeth vollkommen ſicher war, denn beide hatten gleich großen Reſpekt vor den Todtenſchaͤdeln und den„weißen Geſpenſtern“. geſehen„Mein armer Philipp“— ſagte der Doctor mit uf dem etwas erhobener Stimme, waͤhrend er zugleich ſich ſo ich.““— wendete, daß Philipp nicht ſeine unaufhoͤrlich wechſelnde Blaͤſſe und Roͤthe ſehen konnte,—„Du ſollteſt den aße ſei Muth haben, dieſes Weib, welches Dich ſo mit Fuͤßen b ſt mich getreten, ſich ſelbſt zu uͤberlaſſen. Du ſiehſt wohl ein, en rief! daß ſie weder Deine, noch irgend eines andern redlichen meine V Mannes Liebe verdient.“ geſehen.„Ich kuͤmmere mich nicht darum, was ſie verdient, m Fen⸗ wenn ich ſie nur wiedergewinnen koͤnnte.“ ir nicht„Ha, was ſagſt Du?“ lipp zu„Daß Du die wahnſinnige Leidenſchaft nicht ver⸗ hlbe des ſtehſt, die mich durchgluͤht und verzehrt... zu gewiſſen Zeiten verſinke ich wohl in eine Art lebendigen Schlafs, Stimme der mich unvermoͤgend macht, die Groͤße meines Leidens 218 zu fuͤhlen, aber Niemand bemerkt, wie oft ich aus dem Schlafe emporfahre, um waͤhrend meines Wachens tau⸗ ſendfach zu leiden... Nichts, nichts bewegt ſie zur Barmherzigkeit!“ Der Schirm bekam jetzt eine Erſchuͤtterung, die ſich auf das ganze Nervenſyſtem des Doctors fort⸗ pflanzte. „Heute Abend, Bruder,“ ſagte er ſchnell, waͤhrend ihm die Stimme faſt verſagte,„heute Abend iſt mein Koͤrper von den Strapatzen des Tages ſo angegriffen, daß die Seele nicht eines einzigen geſunden Gedankens fahig iſt. Beſuche mich morgen wieder und ich werde Dir uͤberlegen helfen.“ Philipp ſtand auf und ergriff ſeinen Hut. „Du moͤchteſt mich los ſein, wie ich bemerke— ich werde Dir natuͤrlich beſchwerlich. Aber bisweilen kann ich einmal meine Buͤrde nicht allein tragen.“ „Niemals, Philipp, wirſt Du mir beſchwerlich. Aber heute Abend werde ich noch von Jemandem er⸗ wartet, der meinen Rath in Anſpruch nehmen will— ſiehe, das iſt der wahre Grund, weshalb ich Dir nicht laͤnger Geſellſchaft leiſten kann.“ Und waͤhrend der Doctor die letzten Worte ſprach, klingelte er und befahl Laſſe, zu ſagen, daß Herrn Thurne's Wagen angeſpannt werden ſolle. Als Philipp gleich darauf, von ſeinem Wirthe be⸗ gleitet, Vorbeig C ruͤck, H 3 zu und zem, b mer zur E vorbring des Ta Knabe kleidet, nicht be zimmer gewurze us dem ns tau⸗ ſie zur ng, die s fort⸗ 219 gleitet, in die Hausflur hinaustrat, ſagte letzterer im 6 Vorbeigehen zu Laſſe: „Ich werde klingeln, wenn ich Dich brauche.“ Hierauf kehrte er wieder in den kleinen Saal zu⸗ ruͤck, riegelte die Thuͤr, die nach der Hausflur fuͤhrte, zu und ging ſodann mit langſamen Schritten und kur⸗ zem, beinahe keuchendem Athemzug in das Sch lafzim⸗ vaͤhrend ſt mein griffen, dankens ) werde erke— sweilen .** werlich. dem er⸗ will— ir nicht ſprach, Herrn- tthe be⸗ mer zuruͤck. Er ſah ſich rings um, ohne ein einziges Wort her⸗ vorbringen zu koͤnnen. Im naͤchſten Augenblicke wich die aͤußere Wand des Tapentenſchirmes auf die Seite und ein junger Knabe— ſo gut und mit ſo ausgeſuchter Kunſt ver⸗ kleidet, daß ſelbſt ein geuͤbter Beobachter ſein Geſchecht nicht bezweifelt haben wuͤrde— ſtuͤrzte in das Schlaf⸗ zimmer heraus, wo der Doctor wie an den Boden an⸗ gewurzelt ſtand und die verwegene Erſcheinung anſtierte. — ⏑—Q— „Sprechen Sie jetzt noch nicht mit mir— laſſen Sie mich erſt mich erholen; Sie ſehen wohl, daß ich erſticke!“ rief die junge Frau, indem ſie ſich auf das Sopha warf und in ein gewaltſames Weinen ausbrach. Niemals hatte ſie— ſonſt die perſonificirte Ver⸗ 10. Das Verſprechen. ſtellung und Selbſtbeherrſchung— ſich in einem ſolchen Zuſtande gezeigt. Ihren Schmerz ſchien ſie eben ſo wenig maͤßigen zu koͤnnen, als das krampfhafte Schluchzen. Es war ein entſetzlicher Paroxysmus. Ihre weiße Hand raufte wild in der reichen Fuͤlle ihres blonden Haares, ihre ſchoͤn gezeichneten Augen⸗ brauen zogen ſich uͤber den rollenden Sternen zuſam⸗ men, welche jetzt, von dem Flor der Verzweiflung um⸗ duͤſtert, keinen einzigen ihrer glaͤnzenden Strahlen mehr zu beſil ſchien verbrar 5 Weib, Arnold wmochte, 2 ben S ſein we Philip) aber. „ was S dieſe pe war, d verlaſſe weshal bei wel Kaͤlte! den an 2) fragte beachte laſſen daß ich auf das isbrach. te Ver⸗ ſolchen naͤßigen n Fuͤlle Augen⸗ zuſam⸗ ig um⸗ n mehr 221 zu beſitzen ſchienen. Das reine Colorit ihrer Wange ſchien von der Gluth der Gemuͤthsbewegung gleichſam verbrannt zu ſein. In dieſem Augenblick war Lilia ein verzweifeltes Weib, weder mehr noch weniger. „Um Gottes willen, beruhigen Sie ſich!“ bat ſie Arnold, waͤhrend er, trotz ihres Widerſtrebens, ſie ver⸗ mochte, etwas Erfriſchendes einzuathmen. „Sie reden mit mir von Ruhe, Doctor?— Ha⸗ ben Sie denn vergeſſen, daß ich dort drinnen ſtand und ſein wehklagen hoͤrte?— O Philipp, Philipp, armer Philipp, daß ich nicht hervorſtuͤrzte, daß ich nicht... aher.... „Nun, aber, geehrte Frau, wenn das Wichtige, was Sie mir zu ſagen haben(und welches uns Beide in dieſe peinliche Verlegenheit gebracht hat) nichts Anderes war, als daß das Gefuͤhl, welches Sie niemals haͤtte verlaſſen ſollen, endlich erwacht iſt, ſo begreife ich nicht, weshalb Sie ſich nicht ſogleich an den Mann wenden, bei welchem Sie keines Vermittlers beduͤrfen.“ „O, welches Phlegma, welche toͤdtliche, abſcheuliche Kaͤlte! Und in meiner Verzweiflung habe ich Nieman⸗ den anders, an den ich mich wenden koͤnnte!“ „Wollen Sie ſich mit Ihrem Manne verſoͤhnen?“ fragte Arnold, ohne zu thun, als wenn er den Vorwurf beachtete. 222 Nein! Ich habe es Ihnen ja geſagt— nie⸗ mals!“ „Niemals?“ „Es kann nicht geſchehen, es darf nicht geſchehen und wird nicht geſchehen... aber ich haͤtte eben jetzt mit ihm ſterben wollen, denn— großer Gott, ich bin ſo ungluͤcklich!“ „Ich bitte Sie, Lilia, ſammeln Sie Ihre Ge⸗ danken, ſuchen Sie diſſen gewaltſamen Gefuͤhlen Feſſeln anzulegen und ſagen Sie mir, was Sie von mir ver⸗ langen? Ich werde es thun, wenn es in meiner Macht ſteht.“ Waͤhrend Arnold ſprach, ſuchte er Lilia eine beſſere Lage zu geben und ſetzte ſich dann ſelbſt auf einen Lehnſtuhl neben dem Sopha. „Iſt es wirklich gewiß, Doctor, daß Sie fuͤr mich Alles thun wollen, was in Ihrer Macht ſteht?“ Lilig's Thraͤnen verſiegten aühmälis, ihre aufgereg⸗ ten Zuͤge gewannen einen Theil ihrer Jaemon wieder, ſie neigte ſich nach dem Doctor und ließ ihr kleines, weißes, rundes Kinn auf die wſtaßſhbenen Fingerſpitzen niederſinken. Arnold ſtieß einen Seufzer aus— auch eine Ant⸗ wort. Seine Lage war die eines Verdammten. Allein mit einer Frau, deren Koketterie in ihm 3 eine, ſeinem ruhigen Charakter bisher unbekannte Leiden⸗ ſchaft zu ein aufge Vertr an T dung gefaͤh dieſer er nit hoͤren nen in Ar merke an. woller Wor! ausſp kennt ſich g geſchehen ben jetzt ich bin hre Ge⸗ Feſſeln nir ver⸗ r Macht ee beſſere f einen uͤr mich ufgereg⸗ wieder, kleines, gerſpitzen ne Ant⸗ in ihm e Leiden⸗ 1 ſchaft erweckt, die er anbetete und haßte, ſah er ſie jetzt zu einer ſpaͤten Abendſtunde in ſeinem eigenen Hauſe, aufgeregt, verwirrt, um ſeinen Schutz bittend, ihm ihr Vertrauen aufdringend, ihn der Kaͤlte und des Mangels an Theilnahme anklagend,... wäͤhrend ihre Verklei⸗ dung nur dazu dienen konnte, dieſe Zuſammenkunft noch gefaͤhrlicher zu machen. Aber Arnold hatte ſich ſo eben von dem Manne dieſer Frau getrennt und wiederholte bei ſich ſelbſt, daß er niemals einen Freund verrathen, niemals wieder auf⸗ hoͤren wolle, ſeine eigene Achtung zu verdienen. In Folge dieſes ernſten Entſchluſſes ruͤckte er ſei⸗ nen Stuhl einige Schritte zuruͤck. Lilig war von ihrem eigenen Kampf viel zu ſehr in Anſpruch genommen, um den des Doktors zu be⸗ merken. 3 „Sie antworten nicht!“ hob ſie ungeduldig wieder an.„Iſt es nicht gewiß, daß Sie fuͤr mich Alles thun wollen, was in Ihrer Macht ſteht?“ „Ich werde mein moͤglichſtes thun.“ „Nun wohl, mein Freund, ich bedarf es, daß Sie Wort halten. Denn merken Sie wohl, es iſt ein un⸗ ausſprechlich ſchmerzliches und— demuͤthigendes Be⸗ kenntniß, welches ich ablegen will.“ Bei dieſen Worten ſprang Arnold auf. Es war ihm ſchon gelungen, die Betaͤubung von ſich abzuſchuͤtteln, die ihn einige Augenblicke lang um⸗ 224 fangen hielt und jetzt ſah er vollkommen ein, daß von ihm durchaus nicht die Frage war. Gleichwohl war es etwas Menſchliches, etwas ganz Schwaches, was ſich in ihm ruͤhrte. Wir wollen gleichwohl nicht verſuchen, das Gefuͤhl zu dolmetſchen, welches er ſich ſelbſt zu ver⸗ ſtehen ſcheuete. „Sagten Sie Demuͤthigendes?“ fragte er langſam. „Ich that es und ich muß hinzuſetzen— Verab⸗ ſcheuungswerthes.“ „Wollen Sie da vielleicht erſt erklaͤren, ob es der Arzt oder der Freund iſt, dem Sie Ihr Vertrauen zu ſchenken wuͤnſchen?“ „Ach, Sie haben ſchon Argwohn, wenn Sie eine ſolche Frage thun.“ 3 ſ „Bei meiner Ehre, nein.... Aber es ſcheint mir t kaum moͤglich, daß Sie, wenn Sie blos den Rath eines Freundes haͤtten haben wollen, mich gewaͤhlt haben wuͤrden?“ „Sie haben vielleicht recht.“ „Es iſt alſo...“ „... ſowohl der Freund, als der Arzt, den ich ſuche.“ Die Wolke, welche uͤber Arnolds Seele ge⸗ ſchwebt hatte, zog ſich nun ſchnell hinweg. „Dank,“ ſagte er,„nun bin ich weit ruhiger— ſagen Sie mir nun Alles.“ Lilig betrachtete einen Augenblick den jungen Ars daß von war es vas ſich erſuchen, zu ver⸗ angſam. Verab⸗ des der nuen zu Sie eine int mir th eines t haben den ich eele ge⸗ iger— en Arzt. —— Sie ſah endlich ein, daß ſie eine entſetzliche Unvorſich⸗ tigkeit begangen hatte. Aber der Ernſt und die Ruhe auf Arnolds Ge⸗ ſicht ſagten ihr doch, daß auch ſie ruhig ſein koͤnnte. Ueberdies hatte ſie in der That nicht Zeit, uͤber den Fehler nachzugruͤbeln, den ſie dadurch beging, daß ſie den beichten wollte, welchen ſie ſchon begangen hatte. Die Reue daruͤber kam aber mit der Zeit. „Hoͤren Sie mich, beſter Warvner,— geben Sie ſich Muͤhe, mich zu begreifen, denn ich ſelbſt kann es zuweilen nicht.“ Er gab ihr ein ſtummes Zeichen und ſie fuhr fort: „Erlauben Sie mir, eine Frage zu ſtellen... Glauben Sie, daß d gewiſſe Menſchen ſchon vor ihrer Geburt zu boͤſen Anlagen beſtimmt ſind, ooder ſind Sie der Meinung, daß dieſe Anlagen nur eine Entwickelung der Richtungen ſind, in welche man ſpaͤter kommt, und daß man ihnen entge genar beiten kann? Mit einem Wort: Sind wir in unſerer Willenskraft freie Weſen oder Maſchinen, deren Laufbahn zum Guten oder zum Boͤſen ſchon im Voraus vorgezeichnet iſt?“ „Niemals habe ich an der Freiheit unſers Willens gezweifelt. Daß derſelbe unſer vollkommenes Eigenthum iſt, laͤßt ſich guf mancherlei Weiſe wahrnehmen, dafern wir es nußwahrnehmen wollen. Was dagegen den Ein Gerücht II. 15 226 erſten Theil der Frage betrifft, ſo finde ich es unmoͤglich, denſelben auf mehr als eine Weiſe zu beantworten.“ „Und auf welche?“ „Daß, wir moͤgen nun mit gewiſſen, vorzugswei⸗ ſen Organen zum Guten oder Boͤſen im Voraus aus⸗ geruͤſtet ſein oder nicht, es doch unſere Pflicht gegen uns ſelbſt iſt, uns nicht durch den gefaͤhrlichen Gedan⸗ ken irre zu leiten, daß wir einer beſtimmten Macht ge⸗ horchen... denn laͤßt ſich wohl annehmen, daß Gott das Boͤſe wolle?“ „Aber laͤßt ſich denn auch annehmen, daß er die Weſen, die er ſelbſt zur Reinheit und Gluͤckſeligkeit be⸗ ſtimmt, ſich in Suͤnde und Elend ſtuͤrzen ſieht, ohne daß er ſeine Hand ausſtreckt, um ſie zuruͤckzuhalten? Iſt es ein Genuß fuͤr ihn, ſie verbrecheriſch und leidend zu ſehen, weil er keine Revolution durch dieſe Gemuͤther gehen laͤßt, um jede Seele, die von ihm abfallen wil,, wieder zu ſich zu fuͤhren?“ „Thut er denn das nicht?“ fragte Arnold mit ei⸗ nem langen und tiefen Blick, der gleichzeitig ſanft und ſtreng war.„Denken Sie nach, Lilia— ich bin uͤber⸗ zeugt, daß durch Ihr eigenes Gemuͤth mehr als eine ſolche Revolution gegangen iſt.“ „Glauben Sie das 2“ „Ja, ich bin davon uͤberzeugt. Und wenn ich ein Seelenarzt waͤre, anſtaͤtt eines Pflegers des Ebenbildes, in we geſchle Sie nen! Hinſi duͤrfn zuſuch zu we˖ Fortd was von! werde Iſte warer Gefuͤ undle weile ugswei⸗ s aus⸗ gegen Gedan⸗ icht ge⸗ ß Gott er die keit be⸗ , ohne halten? leidend muͤther n will, mit ei⸗ eft und uͤber⸗ ls eine ich ein bildes, in welches Gott einen Funken ſeines eigenen Weſens ein⸗ geſchloſſen, ſo...“ „Nun?“ „So wuͤrde ich zu Ihnen ſagen: Lilia, kehren Sie um, o, kehren Sie um, dieweil Sie es noch koͤn⸗ nen! Sie find leichtſinnig, unvorſichtig, in gewiſſer Hinſicht ſogar ſehr ſuͤndhaft geweſen. Aber das Be⸗ duͤrfniß, welches Sie fuͤhlen, die Quelle des Boͤſen auf⸗ zuſuchen, beweiſ't, daß ſie dieſelben finden wollen und zu welchem Zwecke koͤnnte dies ſein, wenn nicht, um die Fortdauer dieſes Boͤſen zu verhindern?“ „Aber Sie wiſſen nicht... Sie wiſſen nicht was ich gethan habe.“ „Gethan!“ ſtammelte der Doctor. „Ja, Gott hat mich ſchon geſtraft und ſeine Hand von mir abgezogen... wenn Alles ungeſchehen gemacht werden koͤnnte...“ „Wodurch ſollten Sie dann wohl gebeſſert werden? Iſt es nicht die Erfahrung, die es thun muß?* „Aber ahnen Sie wohl, welches meine Fehler waren?“ „Sie zeigten ſich kalt und gleichguͤltig, wenn edle Gefuͤhle in Ihrer Seele gluͤheten; Sie zeigten ſich gluͤhend und lebendig, waͤhrend Sie vor Gleichguͤltigkeit und Lange⸗ weile gaͤhnten, Sie zeigten der Welt die anziehende Außen⸗ 15* 4 1 228 ſeite einer exemplariſchen und bewundernswuͤrdigen Haus⸗ frau, waͤhrend Sie Ihren Gatten tyranniſirten und ihm fuͤh⸗ le ließen, daß er Ihr elender Sklave war... Ihr Charakter iſt aus den widerſtreitendſten Elementen zu⸗ ſammengeſetzt. Sie ſind gleichzeitig... Aber verzeihen Sie, ich bin ſchon zu weit gegangen!“ „Ja, viel zu weit, um ſtehen zu bleiben— fah⸗ ren Sie daher fort, es iſt ein Freund, den ich hoͤre.“ „Ja, hei Gott, es iſt ein Freund, der Ihnen ſagt, daß Sie gleichzeitig heuchleriſch, offenherzig, leichtſinnig, ſtark, herdc unvorſichtig bis ins Unglaubliche ſind— und dennoch liegt uͤber allem dieſen ein Helldunkel, wel⸗ ches verwirrt, denn Sie ſind in allen Irrwegen der Koketterie ſo zu Hauſe, daß Sie mit derſelben Leichtig⸗ keit die Rolle einer Heiligen, einer Courtiſane und einer ehrbaren Ehefrau annehmen.“ „Aber auf dieſe Miſ bin ich ja jetzt ſchon eine wirkliche Mißgeburt i in Ihren Augen! Was, um Got⸗ tes willen, werden Sie dann ſagen, wenn Sie hoͤren, was ich Ihnen jetzt anzuvertrauen gekommen bin?* „Ich hoffe zu Gott, daß ich ſagen werde, wie jetzt, daß ſie zu jenen excentriſchen Frauen gehoͤren, welche, aus Mangel an einer beſſeren und edleren Richtung, ohne Unterſchied jedem Gegenſtand nachjagen, der ſich als Claviatur fuͤr die verſchiedenen Melodien benutzen laͤßt, die ihnen einfallen.“ „O Doctor, Doctorl⸗ lich, ſind. dem letzte wo nen, Rich Haus⸗ mfuͤh⸗ Ihr en zu⸗ zeihen fah⸗ rre.“ ſagt, ſinnig, nd— , wel⸗ n der ichtig⸗ Heiner n eine Got⸗ hoͤren, 2⁸ e jetzt, velche, htung, er ſich nutzen 229 „Laſſen Sie mich nun noch eins hinzufuͤgen, naͤm⸗ lich, daß Sie mehr aus Princip, als von Herzen boͤs ſind. Muth daher, Lilia... Und nun eilen Sie zu dem Geſtaͤndniß, welches, wir wollen es hoffen, Ihre letzte Verirrung iſt!“ „Nun, ſo hoͤren Sie... Aber, o mein Gott, wo ſoll ich dieſen Muth hernehmen?... ich ſage Ih⸗ nen, Doctor, ſeien Sie nicht zu hart— Sie ſind mein Richter.“ „Nein, nicht ſo!“ „Ja— Sie und Gott.“ „Reden Sie, reden Sie.“ Lilia begann nun— waͤhrend der Doctor ſich ihr entgegen neigte— eine Erzaͤhlung in ſchnellen, fluͤſtern⸗ den Worten. Und ſo wie ſie in dieſer Erzaͤhlung wei⸗ ter vorſchritt, ward Arnolds Angeſicht immer duͤſterer. Im Anfange hatte es ein tiefes, unbeſchreibliches Erſtaunen ausgedruͤckt, darauf eine aͤngſtliche Verwir⸗ rung und dann Schrecken, und waͤhrend aller dieſer Wechſel war das Blut ſeiner Wangen unaufhoͤrlich ent⸗ ſchwunden und wiedergekommen. Aber bald ſchienen die rothen Wogen gleichfam gehemmt zu ſein und ſein Antlitz ward ganz weiß, waͤhrend ein Ausdruck unbe⸗ weglicher Strenge ſich immer mehr und mehr darin ſpiegelte. Endlich ſchwieg Lilia. Ihre Augen, die eine grenzenloſe Unruhe verrie⸗ 230 riethen, waren auf Arnold gerichtet— aber die ſeinen waren zu Boden geſenkt. „Sie ſagen alſo nichts... Sie wollen nicht, mein Freund, meine Stuͤtze werden?“ Endlich blickte Arnold auf.. „Ich kann es nicht!“ ſagte er mit gedaͤmpfter Stimme,„als Freund kann ich mich an einem ſolchen Geheimniß nicht theilhaft machen.“ „Aber da ich Sie als Arzt betrachtete,“ ſtammelte ſie, hatte ich ja ein Recht, mich an Sie zu wenden?“ „Und als ſolcher habe ich kein Recht, mich zu weigern... aber nun bin ich es, der ſie bittet, mich zu ſchonen.“ „Ha, ſo ſind die Maͤnner— groß in Worten, klein in Thaten! Spielbaͤlle unſerer Launen, beten ſie uns an, wenn wir ſie als Puppen behandeln, aber wenn wir uns an ſie, als unſere Herrſcher, wenden, da verlie⸗ ren ſie den Kopf und ziehen ſich in den ruhigen Kreis einer paſſiven Enthaltung zuruͤck.“ „O, ſchweigen Sie, Sie beleidigen mich da ohne Grund... Sie wiſſen, Lilia,“ fuhr er in weicherem Tone fort,„daß ich Ihnen mit meinenn... ja mit meinem Herzblut dienen wollte, dafern es moͤglich waͤre.“ „Es iſt moͤglich, wenn Sie nur wollen— ich habe Ihnen ſchon geſagt, auf welche Weiſe.“ „Aber denken Sie an die Wahrſcheinlichkeit, daß dieſes Geheimniß, trotz aller Sorgfalt und Vorſicht, den⸗ ſeinen nicht, mpfter ſolchen zmelte en?“ ch zu mich orten, en ſie wenn verlie⸗ Kreis ohne herem mit zaͤre.“ habe daß den⸗ —— 1 noch durch einen Zufall entdeckt wuͤrde. In welchem Grade iſt dann nicht der Schein dagegen... und wenn ich an dieſe ganze entſetzliche Tragodie denke, welche Sie angeſtellt haben... doch ich will nicht davon ſprechen, ich will Sie blos daran erinnern, daß Ihr Ruf nach allem dieſen der ſorgfaͤltigſten Obhut bedarf. Eine geſchiedene Frau— erlauben Sie mir, dies zu ſagen— befindet ſich ſchon an und fuͤr ſich in einer hinreichend kritiſchen Lage, ohne daß ſie ſich noch unter den zweideutigen Schutz eines jungen Arztes ſtellt.“ „Zweideutigen?“ „Wenigſtens kann die Sache ſo angeſehen werden.“ „Es iſt alſo nur der Schein, was Sie fuͤrchten?“ „Sowohl dieſer, als auch die Entdeckung ſelbſt.“ „Aber wuͤrden Sie— wenn... wenn Sie keins von dieſen beiden zu fuͤrchten brauchten— bereit ſein, mir zu dienen 25 „Brauchen Sie das zu fragen?e „Ich brauche es.“ „Nun, ſo hoͤren Sie meine aufrichtige Antwort. Ich verabſcheue und verdamme in gleichem Grade Ihre Handlungsweiſe, will aber nicht mit eitlen Vorwuͤrfen die Buͤrde vermehren, die Ihr wirklich fabelhafter Leicht⸗ ſinn Ihnen zugezogen hat. Doch koͤnnte ich Ihnen die⸗ nen, ohne Sie jemals vor der Welt bloszuſtellen, ſo...“ „Genug...“ Ein milder Blitz ſpruͤhte aus Li⸗ 232 lia's Augen und dieſer Blitz ſchien in die innerſte Seele des jungen Arztes dringen zu wollen.„Schwoͤren Sie,“ ſagte ſie,„daß Sie niemals verrathen wollen, was ich „Ihnen anvertraut!“ „Bevor Sie dieſe aͤußerſte Buͤrgſchaft fuͤr meine Verſchwiegenheit begehren, ſo bedenken Sie, ob nicht ein Mann lekt, der edel genug iſt, Ihnen zu verzeihen! Sie hoͤrten ihn ſo eben, und mir ſcheint nichts natuͤr⸗ licher, als daß Sie morgen zu ſeinen Fuͤßen liegen. Ich ſtehe dafuͤr, daß er Sie wieder aufnehmen wird und dann gibt es nichts mehr, was ſich nicht arrangiren ließe. „Was?— Ich ſoll wie eine bußfertige Suͤnderin zu ſeinen Juͤßen liegen? Er ſollte ſeine Schuld als ge⸗ tilgt anſehen und ſich blos mit der meinigen beſchaͤfti⸗ gen! Alles, nur nicht dies!“ „Erinnern Sie ſich gleichwohl, daß Sie in einer großen, ja in einer unermeßlichen Verantwortlichkeit fuͤr das ſtehen, was Sie jetzt in blindem und thoͤrichtem Hochmuth und aus verletzter Eigenliebe von der Hand weiſen. Lilia, ich ſage Ihnen, wenn Sie dieſen einzi⸗ gen, ehrlichen Ausweg verſchmaͤhen, ſo verdienen Sie, bei Gott, alles das, was wahrſcheinlich nicht ausbleiben wird.“ 3 „Nein, nein, auch wenn ich Philipp verzeihen koͤnnte, was ich niemals kann, ſo iſt es doch zu ſpaͤt.“ Zu ſpaͤt? Sie chen Schi mir ſchin moͤg mir, woll dieſe bind unhe⸗ Fram Rar ſtrit daß eine woh thur nen gelt Seele Sie,“ s ich meine öt ein eihen! natuͤr⸗ Ich und giren nerin 8 ge⸗ haͤfti⸗ einer it fuͤr chtem Hand einzi⸗ Sie, leiben zeihen ppaͤt.“ — „Ja, Sie moͤgen von„arrangiren“ ſagen, was Sie wollen, ſo wuͤrde die Welt doch in dieſe ungluͤckli⸗ chen Geheimniſſe eingeweiht werden, und da ich den Schimpf nicht bekannt werden laſſen will, den Philipp mir angethan, ſo kann ich noch viel weniger ihn be⸗ ſchimpfen wollen. Alſo zum letzten Male: es iſt un⸗ moͤglich!“ „Nun, ſo nennen Sie Ihren Ausweg— es ſchien mir, als ob Sie auf einen ſolchen anſpielten?“ „Schwoͤren Sie, daß Sie mich niemals verrathen wollen?“ 3 „Ich verſpreche es bei meiner Ehre, aber außer dieſer Verſchwiegenheit mache ich mich zu nichts ver⸗ bindlich!“ 8 „Nun wohl!“... in dieſem Augenblick ging eine unheimliche Verwandlung uͤber das Antlitz der jungen Frau— alles Engelgleiche darin verſchwand und machte Raum fuͤr einen verzweifelnden, hoͤhnenden Kampf. Man ſah, daß boͤſe Maͤchte ſich um ihre Seele ſtritten, daß dieſe immer mehr und mehr unterlag, und daß auf ihrer von Schweißtropfen befeuchteten Stirn eine eiskalte Entſchloſſenheit ſich geſtaltete...„nun wohl,“ wiederholte ſie keuchend,„Sie wollen ja viel thun, um die geſchiedene Frau zu ſchonen... mit ei⸗ nem Worte Alles, ohne fuͤr ihren Mitſchuldigen zu gelten?“ „Allerdings!“ 234 „Wenn Sie nun niemals dafuͤr gelten ſollten, ſondern ſtatt deſſen es waͤren?“ „Daß ich Ihr Mitſchuldiger waͤre— was wollen „Sie damit ſagen?“ Er ſtierte ſie mit Blicken an, die deutlich ſagten, daß er ihre Worte nicht begriff. „Iſt es wohl moͤglich, daß Sie mich nicht verſtan⸗ den haben?“ „Bei meiner Seele, ich verſtehe Sie nicht!“ Eine wilde, brennende Ungeduld ſpiegelte ſich in ihren wilden, verſtoͤrten Zuͤgen. „Denn es iſt unmoͤglich, ſehen Sie das wohl ein — es iſt unmoͤglich, daß ich Sie verſtehe,“ hob Ar⸗ nold mit ſchleppender Langſamkeit wieder an. „Aber es iſt nicht unmoͤglich! Begreifen Sie doch, daß ein verzweifeltes Weib, welches von dem ver⸗ ſtoßen worden, den es um Huͤlfe angerufen, alles wagen kann— ja, ich wage Alles.. Sie ſetzte fluͤſternd noch einige Worte hinzu und glitt in demſelben Augenblick von dem Sopha zu den Fuͤßen des Doktors nieder. Einen Augenblick betrachtete er ſie mit ſtarrem Blick. Darauf ſtieß er ſie unſanft von ſich und ſagte mit einer von Gemuͤthsbewegung zitternden Stimme: „Wahnſinnige, was haben Sie geſagt— hat Gott Sie denn ganz verlaſſen?“ Bei dem Laute dieſer bebenden Stimme und bei L ———yÿ— dem ihrige gleich ſich ſeine nicht nein, ches bethe — klein gang ſond unte war Sei nun Ver geſe uuf ollten, vollen agten, rſtan⸗ j in hl ein b Ar⸗ Sie ver⸗ vagen und den arrem ſagte me: Gott d bei 235 dem Blicke, der, den hoͤchſten Ahſcheu verrathend, dem ihrigen begegnete, war Lilia's momentaner Taumel ſo⸗ gleich wieder verſchwunden. Sie ſchleppte ſich wieder zu dem jungen Arzte, der ſich einige Schritte von ihr entfernt hatte und umfaßte ſeine Knie. „Erbarmen, Erbarmen.. uͤberlaſſen Sie mich nicht mir ſelbſt! Ich weiß nicht, was ich thue.. nein, bei der ewigen Barmherzigkeit, ich weiß nicht, wel⸗ ches Ende das nehmen ſoll...“ In dieſem Augenblick— die bei dem Auftritte betheiligten Perſonen hoͤrten und bemerkten jedoch nichts — oͤffnete ſich die Thuͤr zwiſchen dem großen und dem kleinen Saal und leiſe Schritte nahten ſich dem Eiſk⸗ gange zwiſchen dem Vorgemach und dem Schlafzimmer. Dieſer Eingang war mit keiner Thuͤr verſehen, ſondern blos mit einem Vorhange, den der Doctor her⸗ untergelaſſen, als er das erſte Mal hereingekommen war. Dieſer Vorhang bewegte ſich jetzt leiſe auf die Seite und ein Meduſenhaupt zeigte ſich in der Oeff⸗ nung. Es war eine voruͤbergehende, kaum bemerkbare Verruͤckung, aber die Augen, welche hereinblickten, hatten geſehen, daß eine als Knabe verkleidete Frau den Doctor auf den Knien anflehte, daß er ſie nicht verlaſſen ſolle * 236 . Wird man wohl von Jemandem anders verlaſſen, als von ſeinem Verfuͤhrer? Das Meduſenhaupt verſchwand und ebenſo die lleiſen Tritte. „Moͤge es denn ſein,“ ſagte Arnold mit faſt erſtick⸗ ter Stimme.„Ich werde verſuchen, Ihnen zu dienen, ich werde Mittel finden, Ihren Wunſch zu erfuͤllen, aber von dieſem Augenblicke an ſehe ich— vergeſſen Sie das nicht— in Ihnen nichts weiter, als eine Perſon, deren Vertrauen ich als Arzt anzunehmen gezwungen ge⸗ weſen bin... und nun ſchwoͤren Sie mir, daß Sie ohne mein Vorwiſſen nicht das Geringſte vornehmen wollen.“ „Dank, o haben Sie Dank... ich werde Ihnen blind gehorchen, denn jetzt bin ich nicht mehr von dem Wahnſinn hingeriſſen, der ſo eben noch mein Hirn durchgluͤhete... nein, ich will meine ganze Staͤrke wieder gewinnen, ich will vernuͤnftig und ruhig ſein. Und ich ſchwoͤre, wenn vielleicht einmal der Tag kommt, wo Sie von mir eine Belohnung fordern— es ſei, welche es wolle— ich werde Sie Ihnen nicht verwei⸗ gern, ich ſchwoͤre es.“ „Niemals,“ antwortete Arnold mit einer Verach⸗ tung, die er nicht weiter zu verbergen ſuchte,„niemals werde ich von Ihnen eine andere Belohnung fordern, als die, daß Sie zu vergeſſen belieben, daß Sie mich 84 — einme vollzu Lilia der ſie u zwan von Guͤte nes mich mich es ſe könn uͤber dand in d im dere mer ſcho inde aſſen, die rſtick⸗ eenen, aber Sie erſon, n ge⸗ Sie hmen hnen dem Hirn vaͤrke ſein. mmt, 3 ſei, rwei⸗ rach⸗ mals dern, mich einmal fuͤr tauglich anſahen, die Zahl Ihrer Puppen vollzumachen.“ Bei dieſer ſo ſtolzen und bittern Antwort ſtand Lilia ploͤtzlich auf. Eine Blaͤſſe, welche verrieth, daß der Stich ſie tief verwundet, uͤberzog ihr Antlitz, aber ſie unterdruͤckte jeden Ausbruch ihres Schmerzes und zwang ſogar ihre Stimme zur Milde, als ſie ſagte: „O, welches Intereſſe fuͤr meine Leiden werde ich von dem Manne erwarten koͤnnen, der ſelbſt in ſeiner Guͤte gegen mich ſo hart iſtl“ „Sie haben ſtets die rechtſchaffene Erfuͤllung mei⸗ nes Verſprechens zu erwarten. Aber eine Ahnung, die mich wahrſcheinlich nicht truͤgen wird, ſagt mir, daß mich alles dies theuer zu ſtehen kommen wird. Doch es ſei, wie es wolle, mein Wort iſt gegeben und Sie können ſich darauf verlaſſen.“ „Das thue ich auch... Aber wir ſollten auch uͤberlegen, ob...“ „Ich muß erſt Zeit zum Nachdenken haben— dann kann ich Ihnen ja ohne Aufſehen einen Beſuch in der Stadt machen oder an Stſſchreiben... aber im gegenwaͤrtigen Augenblick heſchaͤftigt mich eine an⸗ dere Verlegenheit— wie wollen Sie von hier fortkom⸗ men, ohne daß meine Leute— ſie glauben, Sie ſeien ſchon fort...“ O, deswegen ſeien Sie unbeſorgt,“ ſagte Lilia, —/ indem ſie auf das bis ganz tief auf die Erde herabrei⸗ ———— — 238 chende Fenſter zeigte unter welchem ein Schaukelbret ſtand... zeine zuverlaͤſſige Perſon erwartet mich gleich daneben.“ „Eine zuverlaͤſſige Perſon?— eine erkaufte viel⸗⸗ leicht?“. „Nein, nein, eine Perſon, die mich liebt, die ſelten fragt und ſtets gehorcht.“ 8„Wer iſt es denn?“ „Gunnel, die Kinderwaͤrterin.“ Und bevor noch ein Wort weiter gewechſelt werden konnte, hatte Lilia ihr Haar unter der wieder aufgeſetzten Muͤtze geordnet, das Fenſter geoͤffnet und war ſchnell, wie der Wind, hinaus auf das Schaukelbret und von da auf den weichen Raſen geſprungen. Der dunkle Schleier der Nacht umhuͤllte ſie ſofort. Ende des zweiten Theiles. Druck der Verlagsbuchdruckerei in Wurzen. elbret gleich viel⸗ ſelten erden etzten ynell, von pfort. Ein Gerücht.