Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oltmaun in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rächgape eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 4 Der.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 2 7„ 3„— Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der be er auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eeiines größeren Werkes, ſo iſt der erſer dunn Erſatz des Ganzen verpflichtet. .Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſänder darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bicher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. v Gerücht. Roman von Emilie Carlén. Aus dem Schwediſchen von A. Kretzſchmar. A Ir— 3r Band. Grimma und Leipzig, Druck und Verlag des Verlags⸗Comptoirs. 3 1850. Ein Gerücht. ½ Erſter Theil. Ein Gerücht. 1. Die Seele eines Weibes gleicht einer mitten im Meere erbauten und mit einer unſichtbaren Garniſon verſehenen Feſtung; der nach dem Hafen ſuchende Seefahrer kann wohl hier landen, aber die Feſtung liegt gleichwohl ver⸗ ſchloſſen. F. T. 4 Wolk Erde, 8 ſchien in ih vor 1 luftig . aufſti aber kleinf einm trockt Einleitung. Die Angſt. Am Himmel ruͤſteten ſich zwei Heere kohlſchwarzer Wolken zum Streit. Eine furchtbare Hitze hatte den ganzen Tag auf Erde, Menſchen und Thieren gelegen. Der Abend nahete, aber ohne Kuͤhle. Die Sonne ſchien ſich ſelbſt verbrennen zu wollen; als ſie langſam in ihr Bett von Feuer und Blut hinabſank, zog ſich vor ihr Antlitz ein ſchwefelgelber Vorhang, aus deſſen luftigem Gewebe ein roth und gruͤn ſpielender Dampf aufſtieg. Eine tiefe Stille ruhete noch uͤber der Landſchaft. Man ſah einen Wald von himmelhohen Tannen, aber es war ein todter Wald, denn nicht einmal der eleinſte Vogel ſchaukelte ſich auf den Zweigen und nicht einmal eine arme Eidechſe ringelte ſich uͤber den veis trockneten Erdboden. Man ſah einen von Klippen eingefaßten See; aber nicht der kleinſte Fiſch kraͤuſelte ſeine in Sonnen⸗ rauch begrabene Flaͤche; nicht der geringſte Lebens⸗ puls ſchien die matte Vegetation auf den Klippen zu heben. 7 Es war Alles todt.⸗⸗. Man ſah zwiſchen dem Wald und dem See ein weißes, praͤchtiges Gebaͤude in einen dunkeln Rahmen von Gaͤrten eingefaßt; aber vor den meiſten Fenſtern waren die Laͤden oder Velüit geſchloſſen. Die Thü⸗ ren des Hauſes waren zu kein Menſch ſichtbar. Auch hier war Alles todt. Aber die Heere in der Hoͤhe begannen ſich zu ruͤhren. Ein Feuerpfeil ſchoß erſt durch die Luft und ſo wie er ziſchend dahinfuhr, zerriß er den Himmel und ließ ein ſo blendendes Lichtmeer hindurchblicken, daß alle Augen auf Erden ſich ſchloſſen.⸗ Aber der Riß des Himmels ſchloß ſich wieder und alle Ohren glaubten den Schritt des Allmaͤchtigen uͤber die Wolken zu vernehmen— die Veſte des Himmels bebte davon; man ſah die Wolken ſchwanken.“ Dieſer erſte Laͤrmſchuß war das Signal zum Be⸗ ginn des Kampfes.. und er begann. 4 Sie waren furchtbar, dieſe geſpenſtigen Luftkrieger, welche mit wildem Wahnſinn auf einander ſtuͤrzten, waͤh⸗ rend ihre grauſchwarzen Mantel ſie umflatterten. Bald niß welc Ber Kaͤr vor Erd dieſe mer aus erw zu in eine Ju Ste tun einſ ſene ſter wie fuͤn See; onnen⸗ eebens⸗ ven zu ee ein ahmen nſtern Thuͤ⸗ ... ſch zu nd ſo Al und ß alle r und uͤber nmels Be⸗ rieger, waͤh⸗ Bald 7 ward die ganze Schlacht in undurchdringliche Finſter⸗ niß gehuͤllt, bald ward ſie durch lange, weiße Blitze erhellt, welche dem Zuſchauer geſtatteten, den unregelmaͤßigen Bewegungen in ihren Einzelkaͤmpfen zu folgen— Kaͤmpfen, die unter einem Krachen gefuͤhrt wurden, vor welchem das Krachen des gewaltigen Geſchuͤtzes der Erde zitternd verſtummt waͤre und nach einer jeden dieſer Salven des Himmels ſpritzte in ungeheuern Stroͤ⸗ men das weiße Blut der Kaͤmpfenden herunter auf die ausgedoͤrrte Erde, die es mit Wolluſt einſog und, neu erwachend, vor Begierde zitterte, ihren Durſt vollſtaͤndig zu loͤſchen.. Doch laſſen wir die ſtreitenden Elemente draußen in ihrem Kampfe, um ſtatt deſſen unſere Blicke auf einen anderen zu werfen, der an demſelben ſtuͤrmiſchen Juniabend drinnen vor ſich ging. In einem großen, dunkeln Zimmer des erſten Stockes trug ſich ein Auftritt zu, der mit der Beleuch⸗ tung von den ſich kreuzenden Blitzen vollkommen uͤber⸗ einſtimmte. In der Oeffnung, welche die zur Haͤlfte geſchloſ⸗ ſenen, gruͤnen, hoͤlzernen Jalouſien an dem einen Fen⸗ ſter ließeen, zeigte ſich ein Antlitz, das eben ſo bleich war, wie der weiße Schein des Blitzes. Dieſes Antlitz gehoͤrte einem Mann von ungefaͤhr fuͤnfundzwanzig bis ſechsundzwanzig Jahren, deſſen ſchlaffe und hoffnungsloſe Haltung einen auffaͤlligen Gegenſatz bildete zu dem feſten und geſchmeidigen Bau ſeiner Formen und der vollen Jugendkraft der Muskeln. Die toͤdtliche Farbe auf ſeinem Angeſicht hatte wohl den gewoͤhnlichen Ausdruck deſſelben veraͤndert, aber die Zuͤge des Antlitzes ſelbſt konnte ſie doch nicht veraͤndern. Dieſe Zuͤge waren nicht ſchoͤn. Bei naͤherer Be⸗ trachtung wuͤrde man ſogar verſucht geweſen ſein, ſie haͤßlich zu nennen, weil ſie eine ganz launenhafte Eigen⸗ thuͤmlichkeit beſaßen und ein jeder fuͤr ſich nichts mit einander zu thun zu haben ſchien. Aber gerade dieſer Mangel an Harmonie gab dem Geſicht in ſeiner Ganz⸗ heit— gleichviel ob in ruhiger oder ſtuͤrmiſcher Stim⸗ mung— jene unerklaͤrliche Anziehungskraft und jenen unerklaͤrlichen Ausdruck, den man an einem ſchoͤnen oft vergebens ſucht. G Aber jetzt war weder von Ruhe noch von Sturm die Rede. Es war eine nebelhafte Betaͤubung, mit Todesſchauern abwechſelnd, und deshalb ſpiegelten dieſe Zuͤge auch ein und daſſelbe Bild wieder: eine bebende Seele in den quetſchenden Armen des grauſamen Un⸗ geheuers, welches man Angſt nennt. Wer blos fluͤchtig das Ausſehen und die Haltung des Mannes betrachtet haͤtte, wie der kalte Schweiß von ſeiner Stirn troͤpfelte, waͤhrend ſeine großen, in braun⸗ grauer Sammtfarbe ſpielenden Augen bald ſtier hinaus ins Freie blickten, bald wieder ſich mit Heftigkeit ſchloſſen, Bau keln. hatte ndert, nicht Be⸗ n, ſie tigen⸗ 3 mit dieſer Ganz⸗ Stim⸗ jenen hoͤnen turm mit dieſe bende Un⸗ lltung ß von raun⸗ inaus loſſen, 9 als ob ſie des Schutzes der Augenlider beduͤrften— der wuͤrde ihn als Beute einer feigherzigen Furcht angeſehen haben— einer Furcht, uͤber deren Einfluß auf den Koͤrper keine vernuͤnftige Vorſtellung irgend welche Macht beſitzt. Wenn man ſich aber Zeit zu einer naͤheren Pruͤ⸗ fung nahm, ſo fand man, daß weder der Blitz noch der Donner im mindeſten die Haltung des jungen Man⸗ nes aͤnderten. Der Blitz bewog ihn wohl, das Auge zu ſchließen, aber dieſe Bewegung war rein mechaniſch und der Donner ging offenbar ungehoͤrt an ſeinem Ohr vorbei. Der Blitz ſchlug draußen ein und zerſpaltete dicht vor dem Fenſter einen Baum von oben bis unten— der junge Mann aber blieb ſtehen, ein Gegenſtand der⸗ ſelben tyranniſchen Macht— der Furcht. Der Unterſchied war nur der, daß ſeine Furcht ſich von inneren Elementen herleitete, nicht von den aͤußern. Seit ſechs Stunden befand ſich dieſer junge Mann, deſſen Name Philipp Thurné war, in dieſem ſelben Zimmer eingeſchloſſen. Waͤhrend dieſer ſechs Stun⸗ den hatte er alle Grade der fuͤrchterlichen Qual durch⸗ gemacht, welche Hoffnung und Angſt in einem Men⸗ ſchenherzen abwechſeln laſſen koͤnnen. Er war aber auch auf dem Wege Alles zu verlie⸗ ren, bis aufs Leben. Vor wenigen Wochen noch war Philipp Thurné ein reicher Mann geweſen, der beneidete Eigenthuͤmer eines bluͤhenden Fabrikgeſchaͤfts. Aber daneben gehoͤr⸗ ten ihm auch edlere Schaͤtze. Er beſaß die Achtung und das Vertrauen ſeines ganzen Ortes; er beſaß eine reizende Gattin, die er anbetete und von der er auch angebetet zu werden ſchien; er beſaß zwei Kinder— mit einem Wort, er beſaß das ganze Paradies: Reichthum, Achtung, Liebe, Selig⸗ keit... und heute beſaß er nichts mehr, weder Reich⸗ thum, noch Liebe, noch Gattin, noch Kinder, noch all⸗ gemeine Achtung. Woher kam ein ſo gewaltiger und heftiger Schlag? Dieſes Geheimniß mußte ſich in der Obhut ganz ver⸗ ſchwiegener Leute befinden, denn Niemand ahnte, Nie⸗ mand verrieth es. Alles was man wußte, war, daß Frau Thurné, dieſes Muſter aller Hausfrauen, ihr Haus verlaſſen und ihre Kinder mitgenommen hatte und daß ſie unwider⸗ ruflich auf gerichtlicher Scheidung ſtand. Da nun Philipp Thurné Alles durch ſeine Ver⸗ heirathung beſaß, bei welcher ſolche Vorkehrungen ge⸗ troffen worden, welche ſeiner Gattin ihr ganzes Eigen⸗ thum vollſtaͤndig ſicherten, ſo verlor er auch Alles durch die Trennung der Ehe und dabei noch mehr, als er bekommen, denn die Achtung, die er fruͤher beſeſſen, 11 ward durch den Schritt, den ſeine Gattin gethan, in dem allgemeinen Urtheil geſchmaͤlert. Sie konnte nicht gut Unrecht haben. Aber im Fall nun ſchon Alles verloren war, wo⸗ her ruͤhrte dann jene angſtvolle Abwechſelung, die auch auf Hoffnung deutete? Es waren jetzt ungefaͤhr ſechs Wochen, ſeitdem er aus der Hauptſtadt zuruͤckgekehrt war, wo verſchie⸗ dene Umſtaͤnde ihn mehr als das Doppelte dieſer Zeit zuruͤckgehalten hatten und in demſelben Augenblick, wo er aus dem Wagen ſprang, kam ihm die unerwartete Nachricht entgegen, daß ſeine Gattin ſchon vor einem Monat verreiſ't ſei, um einige Verwandte in Holland zu beſuchen. Von dieſen Verwandten war niemals zuvor auch nur die Rede geweſen. Doch es iſt hier nicht der Ort, von dem Erſtau⸗ nen des jungen Ehemannes uͤber die Flucht ſeiner Gat⸗ tin oder von dem Briefe zu ſprechen, in dem ſie auf Scheidung drang und welchen er kurz nach ſeiner Zu⸗ ruͤckkunft erhielt. Genug— es waren ſechzehn Stunden, ſeitdem Philipp Thurné nach unzaͤhligen mißgluͤckten Verſuchen endlich den dermaligen Aufenthaltsort ſeiner Gattin— ihm weit naͤher als er geglaubt— entdeckt hatte— und endlich waren es nicht mehr als ſechs Stunden, ſeit⸗ dem ſein vertrauter Freund, Doctor Arnold Warvner, den delikaten Auftrag uͤbernommen, einen Brief an Frau Lilia Thurné zu uͤberbringen, die ſich ſeit einigen Tagen heimlich in einer kleinen Stadt aufhielt, drei Meilen von dem Hauſe entlegen, welches ſie verlaſſen und wo ihr Gatte jetzt ſein letztes Urtheil abwartete. Der Brief, den er geſchrieben, enthielt blos die Zeilen: 3 „Lilia! Wenn Du Dich weigerſt, mich noch ein⸗ mal— vielleicht das letzte Mal— mich zu ſehen, ſo bedarf es weder einer gerichtlichen Bekanntmachung, noch eines Proceſſes, um Dich frei zu machen; dann ſchieße ich mir eine Kugel durch den Kopf.“ Noch zwei Stunden hatte er zu warten und drei hatte er ſchon in derſelben Stellung am Fenſter ge⸗ ſtanden. Ein Blitz, ſtaͤrker und anhaltender, als einer der vorhergegangenen, ſchlug ihn gerade in die Augen. Er trat zuruͤck. Er ſtrich ſich mit der Hand uͤber die kalte Stirn; er begann den Kampf der Elemente draußen zu begrei⸗ fen und er fuͤhlte ſich von der neuen Furcht ergriffen, daß dieſes entſetzliche Unwetter ſeinen Boten aufhalten koͤnnte. Aber er wiederholte jetzt, was er ſchon unzaͤhlige Mal vorher wiederholt— Doctor Warrvners letzte Worte: an gen drei ſſen die ein⸗ ſo ing, ann drei ge⸗ der Er irn; grei⸗ fen, lten glige etzte „In acht Stunden!“ Und durch eine mechaniſche Bewegung glitten ſeine Lippen langſam auseinander— es war ein Laͤcheln. Er vertraute darauf, daß ſein Freund ſein Wort halten werde. Matt ſchleppte Philipp ſich von dem Fenſter nach dem Ofen.... hier lag ein geladenes Piſtol.... er waͤgte es in der Hand. „In zwei Stunden,“ murmelte er mit undeut⸗ licher Stimme,„hat ſie eingewilligt mich zu hoͤren — das iſt Hoffnung und Hoffnung iſt das Leben— oder ſie hat ſich geweigert und ich habe aufgehoͤrt, zu hoffen und zu leiden.“ Er legte das Piſtol wieder nieder. Aber man merkte wohl, daß, wie auch ſein Cha⸗ rakter uͤbrigens ſein mochte, es ſich jetzt nicht um einen Prolog zu einer Tragoͤdie handelte, wo der Schau⸗ ſpieler, nachdem er ſich unter dem Beifallrufe der Zu⸗ ſchauer erſchoſſen, nach dem Fallen des Vorhangs ſich beeilt, wieder aufzuſtehen. Jeder, der in Beurtheilung der Menſchen einen nur einigermaßen ſichern Blick beſitzt, wuͤrde eingeſehen haben, daß dieſer an den aͤußerſten Rand der Ver⸗ zweiflung getriebene Mann fertig ſtand, buchſtaͤblich Wort zu halten. Eine ganze Stunde wankte er auf dem Fußbo⸗ den hin und her, allein, fortwaͤhrend allein. Er hatte mit unabweisbarer Strenge befohlen, daß die Thuͤr zu dieſem Zimmer— ſeinem Privatzimmer— von Nie⸗ mandem geoͤffnet werde, außer von dem Doctor. Die Uhr ſchlug und Philipp fuhr zuſammen... er zaͤhlte Neun— um zehn Uhr mußte Alles entſchie⸗ den ſein. Der beklagenswerthe, junge Mann ſank am Fenſter auf die Knie nieder. Er wollte beten, aber kein Gebet fand den Weg zu ſeiner verſtoͤrten Seele. Er wollte weinen— o welche Wolluſt waͤren nicht Thraͤnen fuͤr ihn gewe⸗ ſen— aber kein Tropfen drang aus ſeinen trockenen, brennenden Augen. Er beſaß nicht mehr die Kraft, ſeine Sinne bei⸗ ſammenzuhalten; in ſeinem Kopfe entſtand faſt ein vollkommenes Chaos. Ploͤtzlich und zwiſchen mehrern Donnerſchlaͤgen hindurch ließ ſich noch ein anderes Geraͤuſch verneh⸗ men. Es war das Raſſeln eines leichten Jagdwagens, welcher, von zwei ſchaͤumenden Pferden gezogen, den gepflaſterten Hof heraufgeflogen kam. Ein galvaniſches Zucken bewegte Philipps Glie⸗ der. Er ſtand mechaniſch auf, aber in Folge eines jener moraliſchen Geheimniſſe, welche zwiſchen den Empfindungen und dem Koͤrper ſtattfinden, zeigte ſich abe auf ſeinem Antlitz eine eben ſo ſchnelle als außeror⸗ dentliche Veraͤnderung. Eine ſcharlachfarbene Roͤthe verdraͤngte die graue Blaͤſſe ſeiner Wange, eine duͤſtere Entſchloſſenheit funkelte aus ſeinen ſo eben noch ſtierenden, beinahe ſeelenloſen Augen; die Nerven erhielten neue Spann⸗ kraft; er ſchleppte ſich nicht, ſondern ging gerade und mit feſtem Schritt nach dem Ofen und legte ſeine Hand auf das Piſtol. In dieſem Augenblick ließ ſich eine Bewegung auf dem langen Corridor draußen vernehmen. Sie war erſt heftig und ungeduldig, dann langſam, als ob die Tritte ſtehen bleiben wollten— auf einmal aber wur⸗ den ſie wieder raſch, beinahe eilend. Die Thuͤr flog auf. Ein zweiter junger Mann— eben ſo bleich, als Philipp in dieſem Augenblick durch den Andrang des Blutes nach dem Kopfe roth war— zeigte ſich auf der Schwelle. Es war Arnold Warvner, Philipps Jugendfrund. „Ja oder Nein?“ fragte Philipp mit einer Stimme, deren eiſige Ruhe ungluͤckverkuͤndend war. „Ja, mein Freund, ja— ſie willigt ein.“ Philipp ſtieß einen Ruf aus, einen einzigen, aber in dieſem lag das Leben. Ein Thraͤnenſtrom kam hinterher, um, wie der Regen der Erde, dem leidenden Sohn der Erde eine wohlthaͤtige Linderung zu verſchaffen. Aber wie ſtand es inzwiſchen mit dem Ueberbrin⸗ der Nachricht? Er lag ohnmaͤchtig auf der Schwelle. 3 — 1. Charatterzüge. Jeder Menſch von einiger Erfahrung weiß, daß es zwiſchen den Menſchen Sympathien und Antipathien ggiebt, die eben ſo unmoͤglich zu erklaͤren ſind, als es zu erklaͤren iſt, weshalb gewiſſe Thierarten vor andern einen unbeſchreiblichen Widerwillen oder Vorliebe einfloͤßen. Ungefaͤhr ſechs oder ſieben Jahr vor der Zeit der Einleitung zu dieſem wechſelvollen„Drama aus dem Leben“, wunderte ſich der ganze Ort uͤber die unbegreif⸗ liche und ganz unerklaͤrliche Sympathie, welche zwiſchen dem betriebſamen, rauhen, heftigen und proſgi Induſtriemenſchen, Herrn Svante Sorenius Lehrer ſeines einzigen Sohnes, dem ten, poetiſchen und harmloſen Phili den war. Und vielleicht wunder Hoch ſelbſt am allermeiſt ſin Gerücht. I. 18 trotz ihrer ſo unaͤhnlichen Naturen, ſie zu einan⸗ der zog. Das ganze Ausſehen und die aͤußere Erſcheinung des Direktors Sorenius ließ einen Mann erkennen, der es in der Welt zu etwas gebracht haben wuͤrde, ſelbſt wenn man ihn auf eine nackte Klippe des Weltmeeres geſetzt haͤtte. Auch prahlte er gern,— wie dies oft mit reichen Leuten der Falll iſt, welche ihre Laufbahn dem Fleiß und der Umſicht, wodurch es ihm gegluͤckt andern zuruͤckzulegen, ohne jemals den geringſten Ver⸗ dienſt fuͤr zu gering anzuſehen. 4 Was unſern Helden dagegen betrifft, ſo muͤſſen wir aufrichtig geſtehen, daß, wenn jetzt noch Horoſkope geſtellt wuͤrden, ihm prophezeiht worden waͤre, daß er grinnerungen“,„einen frohen Augenblick bei der „w. ſyſtematiſch zuſammengepackt werden, nach⸗ gie zum Beiſpiel: bboren den und den, geſtorben 5 herausgegeben.“ chenden Talente fehlte es mit nichts begonnen haben— mit der Sparſamkeit, war, einen Schilling und einen Reichsthaler nach dem ganz poetiſch in einer Dachkammer vor Hunger ſterben wuͤrde, aber mit der Hoffnung auf ein Ehrengedaͤcht: niß in irgend einer Anthologie oder Literaturgeſchichte, wo Romanſchreiber, oder Dichter eines Liedes auf„Ju⸗ in dem correcteſten Handelsſtyl gehoͤrig einan⸗ heinung nen, der „ſelbſt tmeeres dies oft aufbahn ſamkeit, gegluͤckt ach dem en Ver⸗ muͤſſen oroſkope daß er rſterben ggedaͤcht⸗ eſcchichte, uf„Ju⸗ bei der en, nach⸗ gehoͤrig geſtorben fehlte es 19 nicht an Anlagen“... oder„dieſes beinahe vergeſſene Talent wuͤrde ſich etwas uͤber das Alltaͤgliche haben er⸗ heben koͤnnen, wenn es ſich mehr haͤtte angelegen ſein laſſen, gewiſſe Fehler abzulegen, die wir beklagen, ohne ſie in Abrede ſtellen zu wollen.“ Nun iſt es wohl wahr, daß Philipp— im Fall die Prophezeihung in Erfuͤllung gegangen waͤre,— ſich damit haͤtte troͤſten koͤnnen, daß nicht zum erſten Male ein ſchwediſcher Dichter auf dieſe Weiſe geſtor⸗ ben waͤre. Und fuͤr Philipp waͤre ein ſolcher Tod gewiſſer⸗ maßen eine Ehre geweſen, wenn man bedenkt, daß er, der die Grenze ſeines Rufes blos in einer Spalte der Literaturgeſchichte ſah, einerlei Schickſal mit ſolchen Maͤnnern gehabt haͤtte, deren geiſtreiche und klaſſiſche Werke von ihren Zeitgenoſſen mit Stolz und von der Nachwelt mit Bewunderung geleſen werden. Aber der Stolz und die Bewunderung, die ein Land fuͤr einen ſeiner Soͤhne empfindet, ſeien es nun Dichter oder Kuͤnſtler, ſind nichts als ſchimmernde Seifenblaſen, welche verſchwinden, wenn man darnach greift. Sie ſind ein ſchoͤnes Spielwerk, welches die Seele erheitern, ja ſogar berauſchen kann; aber leider muͤſſen auch die Seelen der Dichter und Kuͤnſtler in einem Koͤrper wohnen und dieſer iſt es, der bisweilen aus Mangel an einer reellen Aufmunterung verfaͤllt, verſinkt, ermuͤdet, waͤhrend der Geiſt unter dieſem 2* langſamen Kampfe hinſtirbt, lange bevor der Koͤrper mit ſeinen zaͤhen Kraͤften zu Ende iſt. Und dann... ja dann kommen beklagende Ur⸗ theile, zweideutige Urtheile, niedrige Urtheile— denn die Welt hat ja ein ganz abſonderliches Recht, uͤber das zu urtheilen, was ſie ſich niemals erklaͤren kann— und zuletzt eine Subſcription zu einem Denkmale uͤber der Aſche, einem Erſatz fuͤr das, welches man ſchon uͤber dem Geiſt errichtete, der einſt jene beherrſchte. „Was ſoll aus Dir werden, Philipp? Wann biſt Du geſonnen, endlich einmal mit Fleiß darnach zu trach⸗ ten, daß Du einen Grad bekommſt? Wann wirſt Du endlich in die Fußtapfen Deines Vaters treten?“ So fragte unzaͤhlige Mal Philipps Mutter und der Sohn antwortete eben ſo oft: „Was aus mir werden ſoll? Was Gott will, Mamal Einen Grad werde ich ſchon bekommen, glaube ich, ſobald ich fertig bin;z was aber das Treten in die Fußtapfen meines Vaters betrifft, ſo entſage ich dieſer Ehre ganz und gar.“ Sagte dann die Mutter mit bedauerndem Achſel⸗ zucken:„Philipp, Philipp!“ ſo fuhr er fort: „Ich will lieber, daß man in meiner Leichenrede ſage, Philipp Thurnè ſei ein Taugenichts, ein einfaͤl⸗ biſt rach⸗ Du und will, aube n die dieſer chſel⸗ nrede nfaͤl⸗ 21 tiger Narr geweſen, als daß man ſage: Dieſer wuͤrdige Sohn betrat treu und mit derſelben gewiſſenhaften Red⸗ lichkeit die muͤhe- aber ehrenvolle Bahn, welche ſein ſe⸗ liger Vater vor ihm wandelte..... Der Himmel be⸗ wahre mich vor einer ſo großen Tugend; ſie fuͤhrt ihre eigene Strafe mit ſich und kann man ſich eine groͤßere denken, als die, womit mein Papa ſo fruͤhzeitig ſeine Leichenpredigt bezahlen mußte— in voller, bluͤhender Jugendkraft, nachdem man eben erſt ſo weit gekom⸗ men, die Grammatik und die ganze Schulliteratur in den Schrank ſchließen zu koͤnnen, wieder darnach zu greifen, um mit dem Anfange anzufangen, nicht ein Mal, ſondern tauſend Mal, und zwar, um das zaͤhe Brot eines Rectors oder endlich eines Lectors zu eſſen!“ „Dein Vater,“ antwortete einmal die Lectorin Thurné,„dachte ganz anders uͤber ſeinen Beruf und ſeine Pflichten gegen den Staat.“ „Das kommt daher, Mama, daß er, wie ich ſchon ſagte, die perſonificirte Tugend war. Ich dagegen habe den Fehler, weder tugendhaft noch boͤs zu ſein. Ich verlange nicht darnach, ein Pfeiler fuͤr den Staat zu werden, aber ich fordere auch nicht, daß dieſer meine Stuͤtze werde. Muͤſſen wir etwas mit einander beſor⸗ gen oder pflegen... nun warum nicht... aber ich kann das ewige Reden von Pflichten gegen die buͤrgerliche Geſellſchaft nicht leiden— es moͤge doch ein Jeder die Pflicht gegen ſich ſelbſt zu erfuͤllen ſuchen und dieſe ſcheint mir am beſten ausgeuͤbt zu werden, wenn man in Uebereinſtimmung mit ſeinen Neigungen lebt.“ „Philipp, Du erſchreckſt mich— nach dieſer Re⸗ gel kannſt Du dir ja ſo viel Boͤſes erlauben, als Du willſt!“ „Aber was in Gottes Namen,“ antwortete Phi⸗ lipp, indem er ſeine Mutter zur Beſchwichtigung ihrer Unruhe herzlich umarmte,„was in Gottes Namen, ſind denn das fuͤr boͤſe Neigungen, die ich habe und denen ich mich hingeben will?“ 4 „Lieber Philipp!“ „Liebe Mama, laß uns doch zuſehen... ich ſchreibe zuweilen Verſe, von denen ich allerdings nicht weiß, ob ſie Jemand nur einmal anſieht... aber gleichviel, aber um deſto fleißiger ſtudire ich ſie ſelbſt. Ich trinke zuweilen ein Glas— es kann ſein zu oft— in mun⸗ terer und guter Geſellſchaft, aber deswegen bin ich im⸗ mer noch kein Schwelger. Ich gerathe in Extaſe, wenn ich eine kleine, ſchlanke Syllphidengeſtalt ſehe, denn meine Dichtergoͤttin gehoͤrt zu dieſem niedlichen Schlage und ich denke nicht an Untreue— das iſt alſo eine Tugend. Ferner leſe ich eine ganze Menge Zeug, wel⸗ ches ich moͤglicherweiſe entbehren koͤnnte und verſaͤume dagegen eine Menge Zeug zu leſen, deſſen ich zur Er⸗ werbung meines kuͤnftigen Grades beduͤrfen werde.. das iſt Alles!“ 3 „Ach, Philipp, Du biſt ſo leichtſinnigle man r Re⸗ als ihrer amen, e und chreibe weiß, chviel, trinke mun⸗ ch im⸗ Extaſe, „ denn Schlage o eine g, wel⸗ rſaͤume ur Er⸗ erde... 23 „Larifari, Mama— man iſt nicht auf die Welt gekommen, um ſich mit ſchwerem Sinne hindurchzu⸗ ſchleppen.“ „Aber man iſt auch nicht hineingekommen, um wie die Voͤgel in den Tag hineinzuleben— man muß auch an die Zukunft denken.“ „Ei, ei, hat Mama nicht in ihrer Bibel geleſen: Es iſt genug, daß jeder Tag ſeine eigene Plage habe?“ „Du machſt mich nicht aͤrgerlich, mein Sohn!“ „Nein, es iſt Mama ſelbſt, die ſich aͤrgerlich macht. Waͤre ich zum Beiſpiel ſchon Familienvater, ein Thor, der ſich zur Unzeit das Waſſer uͤber den Kopf haͤtte ſteigen laſſen, dann haͤtte Mama allerdings Grund, gegen mein jetzt ganz unſchuldiges Leben zu predigen und das ſelbſt in dem Falle, daß ich, wie es im alten Style heißt, meiner Mutter einzige Stuͤtze waͤre.“ „Nun, biſt Du das nicht?“ „Davon wollen wir niemals ſprechen! Mama be⸗ ſitzt Kraft genug, um, dafern es noͤthig waͤre, zehn ſolche Soͤhne zu ſtuͤtzen, obſchon Mama gluͤcklicher⸗ weiſe nicht mehr als einen hat; und endlich hat Mama, Gott ſei Dank, die klingenden Erſparniſſe von den Tu⸗ genden des ſeligen Papas und dieſe Erſparniſſe ſind viel zu gut untergebracht, als daß wir befuͤrchten duͤrften, daß irgend eine ungluͤckliche Kataſtrophe mich zu einer Veraͤnderung zwingen werde.“ „Aber bedenke, mein Sohn, daß Du das, was Du von dieſen Erſparniſſen erhaͤlſt, auf die Dauer fuͤr Dich zu gering iſt.“ „Nun, wenn es nicht zureicht, ſo...“ „Nun, was dann?“ fragte die Mutter eifrig. „So werden wir ſchon ſehen!“ Und an einem ſchoͤnen Tage ſchrieb die Lectorin an ihren Sohn, welcher ſich damals in Upſala befand: „Du haſt nun Alles erhalten, was Du auf dieſes Jahr zu bekommen haſt, Philipp! Fuͤr die uͤbrige Zeit mußt Du Dir alſo ſelbſt durchhelfen.“ Philipp antwortete: „Es iſt gut Mama! Naͤchſte Woche werde ich mir eine Stelle verſchaffen. Allerdings verzoͤgert das meinen Grad um ein oder zwei Jahr, aber ich habe ja keine Eile.“ Wieder ſchrieb die Mutter: „Wenn es Dein aufrichtiger Ernſt iſt, Philipp, mit Fleiß zu ſtudiren, ſo kann ich Dir von meinem eigenen Gelde etwas vorſchießen.“ „Das werde ich niemals annehmen,“ lautete die zweite Antwort des Sohnes.„»Ueberdies wuͤrde ich mir ſelbſt Vorwuͤrfe machen muͤſſen, wenn ich vielleicht doch nicht dazu kaͤme, mit Eifer zu ſtudiren und man kann nicht recht heiter ſein, wenn man einen Vorwurf fuͤhlt, bleibt! 1 2 Beſitzu wollenf der erſt von Z0 aus eig muthen wie der den wuͤ auf Be ⸗ im St ite= bis zur nicht e r Dich ig. ectorin efand: dieſes ge Zeit de ich rt das h habe hilipp, neinem ete die ch mir öt doch 1 kann orwurf 25 fuͤhlt, den man nicht los werden kann. Prga, es bleibt bei der Stelle.“ Und dabei blieb es. Auf dieſe Weiſe kam Philipp nach Ribyhus, der Beſitzung, wo Director Sorenius ſeine große Baum⸗ wollenſpinnerei angelegt hatte. Aber noch vor Ablauf der erſten Woche hatte der Director in einem Ausbruch von Zorn erklaͤrt, daß, dafern ſein Sohn ſich nicht aus eigenem Antriebe etwas lehrte, mit Grund zu ver⸗ muthen ſtuͤnde, daß er mit einem ſolchen Informator, wie der gegenwaͤrtige, ein vollkommener Ignorant wer⸗ den wuͤrde. „Nun, er braucht wohl nicht erſt zu werden, was er ſchon iſt,“ antwortete Philipp.„Und wenn der Herr Director noch zwanzig Hauslehrer annaͤhme, ſo wuͤrden ſie doch alle— dafern ihre Arbeit nach dem Erfolge bemeſſen wird— ſich eben ſo wenig Anſpruch auf Belohnung erwerben, als ich.“ „Der Herr hat alſo die Impertinenz, zu ſa⸗ gen, daß mein Sohn ein Dummkopf iſt?“ „Ich habe blos die Ehre, zu ſagen, daß ich nicht im Stande bin, einen klugen Kopf aus ihm zu machen.“ „Aber will der Herr wiſſen, was der Herr ſelbſt iſt?— Ein unverſchaͤmter Menſch, der vom Morgen bis zum Abend die Zeit wegſtiehlt; ein Menſch, der nicht ein einziges Mal in ſeinem Leben bedacht hat, was eine wohl angewendete Stunde ſagen will.. kurz und gut, der Herr hat ſeinen Abſchied!“ „Zum Gluͤck fuͤr mich bin ich nicht ſo hitzig, den Herrn Director bei ſeinem Wort zu nehmen. Ich bin von dieſer Stelle ganz unbeſchreiblich eingenommen, ich halte ſehr viel auf den Tiſch des Herrn Direc⸗ tors— ich halte ſogar viel auf den Herrn Director ſelbſt, abſchon ich fuͤrwahr nicht weiß, weßhalb. Und endlich halte ich noch ſo viel auf meinen Schuͤler, daß ich ihn nicht gern noch ſchlimmern Haͤnden uͤberlaſſen moͤchte, als den meinigen.“ „Alſo, der Herr bleibt da, ungeachtet ſeines Ab⸗ ſchieds 2“* „Ach, was da, Abſchied! Der Herr Director ha! es jetzt nicht mit einem ſeiner Fabrikarbeiter zu thunt Unſer Ubereinkommen lautet auf ein Jahr, und ſo lange wenigſtens muß der Herr Director mit mir vorlieb nehmen.“ „Das iſt mir ein Sacramentskerl,“ brummte der Director, indem er dem Informator den Ruͤcken wen⸗ dete.„Unter ſeiner Aufſicht wird der Junge wohl ganz verdorben werden.“ * ☛᷑ man n˙8 wußte der L. ausge Mun einem Corn welcht beſſer Soph kurz ig, den Ich bin dmmen, Direc⸗ Director Und er, daß verlaſſen nes Ab⸗ ctor ha! zu thunt und ſo mit mir amte der en wen⸗ vohl ganz 2 St Anfang zur Freundſchaſt. Aber der dreizehnjaͤhrige Dietrich oder Dick, wie man ihn gewoͤhnlich nannte— ward unter Philipp Thur⸗ n's Aufſicht keineswegs verdorben. Inzwiſchen iſt es wahr, daß Niemand zu ſagen wußte, wie oder wann er etwas lexnte. Kam man hinauf in das Schulzimmer waͤhrend der Lehrſtunden, ſo fand man nicht ſelten den Lehrer ausgeſtreckt auf dem Sopha liegen, mit der Cigarre im Munde, die Augen an die Decke geheftet und Dick auf einem Stuhl daneben, laut vorleſend, aber nicht den Cornelius Nepos, ſondern die Verſe des Magiſters, welche dieſer— wenn er ſie ſo hoͤrte— in Gedanken beſſer corrigiren zu koͤnnen glaubte. Ein andermal war es wieder Dick, der auf dem Sopha lag und mit den Fuͤßen nach Roſabella ſtieß, einer kleinen, ſchoͤnen, weißen Huͤndin, die eben ſo ſehr Dicks Entzuͤcken ausmachte, als die Muſen Philipps. Und waͤhrend dieſer Beluſtigung, welche der Lehrer icht bemerkte, ſaß dieſer auf dem Stuhle und erklaͤrte Sick mit Beiſpielen und Beweiſen Alles, was der Knabe ſdſt nicht im Stande war, von den Seiten zu begrei⸗ fen, welche der Magiſter ihm am Abend vorher, waͤh⸗ rend der Freiſtunden,„ein wenig anzugucken“ empfohlen, was er auch gethan hatte, denn er wuͤrde verſucht ha⸗ ben, Hieroglyphen zu leſen, wenn ſein Lehrer ihn darum gebeten haͤtte. Der Director ſchuͤttelte den Kopf— alles dies konnte nicht gut ablaufen. Aber er gab ſich dennoch zufrieden, ſo lange der Lehrer und der Schuͤler waͤhrend der Lehrſtunden auf dem Schulzimmer blieben. Jedoch wenigſtens vier Mal unter acht traf es ſich, daß keiner von Beiden dort war. „Wir wollen uns ein wenig Bewegung machen, Dick!“ ſagte Philipp. „Komm', Roſabella!“ ſagte Dick. Und ſo ſprangen alle Drei aus der Schule hinaus, — wo Mamſell Roſabella gewoͤhnlich den Herren Ge⸗ ſellſchaft leiſtete— hinaus in den Wald, Thal und Ebene. und gepurzelbaumt, nachdem Roſabella eine neue Pſyche— nicht mehr auf Dick⸗Amors Arm ausge⸗ Aber, nachdem man ſich muͤde ſpaziert, geturnt ſtreckt Schm zu ein bella's in die alles ganze einſchl ſpitze o gann e nem jt 1 wiirklich in Alle Geſpraͤ ler ſein * voorlas holte D daß, al ward, d wurden 4 Berecht nißreich 2 „* Directo ſo ſehr lipps. Lehrer erklaͤrte Knabe begrei⸗ waͤh⸗ fohlen, ht ha⸗ darum es dies dennoch aͤhrend traf es nachen, öinaus, en Ge⸗ al und geturnt e neue ausge⸗ ſtreckt haͤngen wollte und ſelbſt nicht mehr auf Philipps Schmeichelreden hoͤrte(die darauf berechnet waren, ſie zu einem kleinen Soloſprunge zu vermoͤgen, der Roſa⸗ bella's großes Bravourſtuͤck ausmachte, denn ſie leiſtete in dieſer Beziehung wirklich Wunderbares), nachdem alles dies, wiederholen wir, vorbei war, legte ſich die ganze Geſellſchaft in das Gras, und waͤhrend Roſabella einſchlummerte, mit ihrer kleinen, roſenrothen Naſen⸗ ſpitze auf die Biegung von Dicks Ellbogen geſtuͤtzt, be⸗ gann eine lange Converſation zwiſchen Philipp und ſei⸗ nem jungen Schuͤler. Unter dieſer Geſptaͤchsform ließ Philipp ſein wirkliches Amt hervortreten und gab ſich Muͤhe, ſich in Allem begreiflich zu machen. Bisweilen ward das Geſpraͤch dadurch abgebrochen, daß der Lehrer dem Schuͤ⸗ ler ſein Penſum laut herſagen ließ oder es ihm ſelbſt vorlas und auf dieſe fragmentariſche Art und Weiſe holte Dick waͤhrend der erſten ſechs Monate ſo viel nach, daß, als endlich eine Art oͤffentliches Examen angeſtellt ward, die Erwartungen des Direckors weit uͤbertroffen wurden. Dieſe ſechs Monat hatten Dick— nach der alten Berechnung— um wenigſtens anderthalb Jahr kennt⸗ nißreicher gemacht, als vorher. „Der Herr iſt allerdings ein Taugenichts,“ ſagte der Director zu Philipp, als ſie mit einander allein waren, „aber der Herr hat ſich auf jeden Fall ein großes Ver⸗ dienſt um meinen Knaben erworben.“ „Und allerdings iſt der Herr Director ein großer Stuͤmper in der Kunſt, Artigkeiten zu ſagen,“ antwor⸗ tete Philipp heiter,„aber der Herr Director beſitzt ein großes Verdienſt darin, daß er den Taugenichts bezahlt, als ob er der tuͤchtigſte Mann waͤre.“ „Hm, mein lieber Thurné, was Artigkeiten be⸗ trifft, ſo... doch gleichviel— wir fangen doch an, unſer Auskommen mit einander zu finden, glaube ich.“ „Ich wundere mich blos uͤber eins, und dies iſt, daß der Herr Director ſechs Monate gebraucht hat, um einzuſehen, daß wir ordentlich fuͤr einander geſchaffen ſind.“ „Wire— Ha, ha, ha! Das nenne ich doch ſtark.“ „Mit einem Worte, wir wuͤrden kaum ohne ein⸗ ander leben koͤnnen.“ „Der Herr und ich?r „Leben wir... laſſen Sie uns nachdenken...“ „Wenn ich fuͤr meinen Theil niemals ſo viel nachdenke...“ „Warten Sie nur, ich komme mit Beweiſen.“ „Gut— wie lauten ſie.“ „Wenn der Herr Director des Morgens ſeinen Gang nach der Fabrik gemacht hat, wohin nimmt er dann ſeinen Weg? Vielleicht nach dem Comptoir? Neir zimn Herr Jun Weij war recto ſchein deute recto irgen des Liebl ande ordn recto erſt wohl Freu hagli wir ſeher faͤlli die Ver⸗ großer intwor⸗ itzt ein bezahlt, ten be⸗ och an, be ich.“ dies iſt, hat, um ſchaffen ich doch hne ein⸗ .. ſo viel ſen.“ s ſeinen immt er omptoir? 31 Nein, direct nicht, ſondern direct hinauf nach dem Schul⸗ zimmer, um zu ſchelten: Was der Tauſend, liegt der Herr immer noch... was Tauſend, laͤßt der Herr den Jungen immer noch liegen... was ſoll nur auf Weiſe werden?... u. ſ. w.“ „Nun das,“ fiel der Director laͤchelnd ein,— es war ſchon ein Triumph, das muͤrriſche Geſicht des Di⸗ rectors zum Laͤcheln zu bewegen—„nun, das gerade ſcheint mir eben nicht unſere Unzertrennlichkeit anzu⸗ deuten.“ „Ach, wie falſch verſteht ſich doch der Herr Di⸗ rector ſelbſt! Wiederholt ſich nicht derſelbe Beſuch mit irgend einer kleinen Veraͤnderung fuͤnf bis ſechs Mal des Tages! Wenn aber der Herr Director an feinem Lieblingsvergnuͤgen gehindert worden, wer iſt es dann anders, als ich, der bemerkt, daß etwas an der Tages⸗ ordnung fehlt, in aller Freundlichkeit den Herrn Direc⸗ reckor aufſucht, worauf wir— notabene, nachdem ich erſt eine Abhandlung uͤber die richtige Grundlage einer wohlorganiſirten Spinnfabrik genoſſen— wie gute Freunde nach Hauſe wandeln, um zwiſchen uns die be⸗ haglichſten Tabakswolken zu ſpinnen, durch welche wir uns bald in einem neuen und ſchoͤneren Lichte ſehen.. „... die der Herr benutzt, um mit ſeinen ſchwer⸗ faͤlligen und langweiligen Verſen angeruͤckt zu kommen, die mir allezeit im Halſe ſtecken bleiben... „.. und welche der Herr Director allemal mit einem ſo gewaltigen Punſch hinunterſpuͤlt, daß ſie ſo⸗ gleich ertrinken.“ Nein, das nicht— ſie ſind von zu elendem Stoffe, dn umzukommen.. ich hoͤre das alberne Zeug mir manchmal mitten am Tage vor den Ohren klingen.“ „Sagen Sie lieber,“ antwortete Philipp lachend, „daß der goͤttliche Funke allein Sie in dieſer Atmoſphaͤre von ungewoͤhnlich achtungswerther Proſa aufrecht er⸗ haͤlt.“ Philipp hatte recht. Schon zu dieſer Zeit fanden er und der Director Einer an des Andern Umgange Vergnuͤgen. Schon jetzt waren ſie eine Art Gewohnheit fuͤr einander geworden. Und von dem Tage an, wo der Director offen ſeine Verbindlichkeit gegen Philipp in Bezug auf Dick offen anerkannte, ſah Philipp ſich ver⸗ anlaßt, ſich dieſer Verbindlichkeit dadurch, daß er ſie er⸗ hoͤhete, noch wuͤrdiger zu machen; gleichwohl veraͤnderte er nichts in Bezug auf die Ordnung des Unterrichts. Sobald es Philipp einfiel, daß der Poet in ihm die Ueberhand gewoͤnne, ſo mußte er ſogleich hinaus in die ſchoͤnen Waͤlder von Ribyhus und dichten, ſelbſt al mit ſie ſo⸗ Stoffe, g mir n.“* nchend, ſphaͤre ht er⸗ fanden ngange eit fuͤr vo der ipp in ch ver⸗ ſie er⸗ aͤnderte chts. in ihm laus in ſelbſt 33 wenn er ſich ſo eben erſt niedergeſetzt hatte, um mit ſei⸗ nem Zoͤgling die Lection zu beginnen. Und wohl traf es ſich dann, daß, ſo lange das poetiſche Feuer in Philipps Gehirn waͤhrte, Dick allein da⸗ ſitzen und leſen mußte, ohne alle andere Leitung als Roſabella's, der klugen Roſabella, welche— da ſie ſah, daß Dick nahe daran war, unter dem Bemuͤhen, ſich einen mathematiſchen Punkt klar zu machen— ihm zutrug, was ſie ſelbſt von einem großen Lehnſtuhl, wo Dick ſeine Privatbibliothek aufzuſtellen pflegte, auszu⸗ waͤhlen fuͤr gut fand. Dieſe Privatbibliothek Dicks beſtand meiſtens aus Reiſebeſchreibungen und Sammlungen von Trachten, Haͤuſern und Fahrzeugen fremder Voͤlker, Alles gehoͤrig beſchrieben von Leuten, welche dieſe Voͤlker beſucht hatten. So etwas beluſtigte Dick, welcher ſtets dabei blieb, daß er, ſobald er ſein eigener Herr wuͤrde, ein großes Schiff bauen wolle, auf welchem er, nachdem er es mit allen Arten Waaren beladen, die Erde umſegeln und alle Arten Voͤlker beſuchen wollte, um ſich andere Sa⸗ chen von ihnen einzutauſchen. Spaͤter, wenn er wieder nach Hauſe kaͤme, wollte er ein großes Haus bauen, um dieſe Schaͤtze darin unterzubringen und ſeine uͤbrige Zeit damit zubringen, dieſelben zu ſtudiren und in ſeinen Erinnerungen zu leben. Dieſer glaͤnzende Zukunftstraum Dicks, in welchem Ein Gerücht. I. 3 3 ſein Papa die Spuren eines keimenden, thaͤtigen Kauf⸗ mannsgenies ſah, ward von Philipp als Vorwand be⸗ nutzt, den Juͤngling zum Leſen von Sachen zu vermoͤ⸗ gen, die außerdem ganz und gar ſeinem Geſchmack wi⸗ derſtritten. Ein Gluͤck war es jedoch fuͤr Dick, daß das, was er einmal ſich eingepraͤgt, eben ſo feſt in ſei— nem Gedaͤchtniß ſaß, als es ihm Muͤhe gekoſtet, es hineinzubringen. . Director Sorenius, der Witwer war, hielt ein großes Haus. Er ſprach allerdings viel von der Noth⸗ wendigkeit der Sparſamkeit, aber war demungeachtet weit freigebiger, als ſparſam, und ſeitdem der„liebens⸗ wuͤrdige, froͤhliche, ausgezeichnete“ Herr Philipp Thurné in das Haus gekommen, war dieſes noch beſuchter ge⸗ worden, denn auf die angenehmſte und ungenirteſte Weiſe ſpielte er den Wirth und lud Alle, ganz beſon⸗ ders Damen auf das Dringendſte ein, recht bald wieder⸗ zukommen. „Es iſt fuͤr Dicks Erziehung durchaus nothwen⸗ dig,“ pflegte der Informator zu ſagen,„daß er ſich an das Geſellſchaftsleben gewoͤhnt, denn hieraus laſſen ſich auch eine Art ganz nuͤtzlicher Lehren ſchoͤpfen, und da die Wiſſenſchaften in Ewigkeit nicht ſein eigentliches Studium werden, ſo iſt es beſſer, daß er mit den Leuten umgehen lernt und ein Weltmann wird.. Es war allerdings die Meinung, wenigſtens der Wunſch des Directors geweſen, in ſeinem Sohne ein⸗ dauf⸗ d be⸗ rmoͤ⸗ k wi⸗ daß ſei⸗ et, es lt ein Noth⸗ eachtet ebens⸗ hurné ter ge⸗ nirteſte beſon⸗ wieder⸗ thwen⸗ ſich an ſen ſich und da ntliches Leuten ens der one ein⸗ 35 mal einen Gelehrten zu ſehen; aber dagegen ſtellte Phi⸗ lipp ſo ſonnenklare Beweiſe auf und daneben ſo uͤber⸗ zeugende Beweiſe des Satzes, daß ein Jeder der Bahn folgen muß, welche die Natur ſelbſt ihm vorzeichnet, daß der Director ſich dem Wunſche zuneigte, ſeinen Dick zu einem allgemein gebildeten Manne zu machen, dem es freigeſtellt wuͤrde, zwiſchen der Carridre des Kauf⸗ manns und der des Induſtriellen zu waͤhlen. So erwogen, war Alles gut und man richtete ſich ſo in einander ein, daß der Director gegen den Schluß des erſten Jahres Philipp erlaubte, ihm ohne Unter⸗ brechung ein ganzes, langes Heldengedicht vorzuleſen welches zu einer Preisſchrift fuͤr die ſchwediſche Akade⸗ mie beſtimmt war; ja, er fand ſogar, daß das„Ge⸗ ſchreibſel“ nicht ſo ganz dumm ſei— eine Artigkeit, welche Philipp hundertmal dadurch wieder gut machte, daß er eines Tages ſeinen Prinzipal mit der Erfindung einer Maſchine uͤberraſchte, welche er fuͤr die Fabrik des Directors ausgeſonnen, und welche merkwuͤrdige Ma⸗ ſchine von unberechenbarem Vortheil ſein ſollte. Bei dieſer großen Gelegenheit ward Philipp mit der erſten Umarmung beehrt. „Tauſend Teufel, der Herr hat ja Anlage, ein wirklicher Menſch zu werden und, obſchon die ganze Erfindung bei dem erſten Verſuche, ſie in Gang zu ſetzen, ſcheitern wuͤrde, ſo ſetze ich doch eben ſo viel Werth 3* auf den Willen, und wenn der Herr nur aufhoͤren wollte, zu...“ „Ich bitte, meine Muſe nicht anzutaſten!“ rief Philipp.— Und als es ſich einige Wochen ſpaͤter zeigte, daß die ſchwediſche Akademie das Gedicht, welches wir eben genannt, mit dem zweiten Preiſe belohnt hatte, ſo kann man ſich wohl denken, daß es jetzt nicht an der Zeit war, Philipps Geliebte in die Unterwelt zu ſchicken. Im Gegentheil ließ der Geliebte ſie nun in allen Almanachen und Provinzialblaͤttern leuchten, und er war uͤberzeugt, daß, wenn er ſeinen naͤchſten Band: „Feierklaͤnge von Alexis“ herausgaͤbe, derſelbe ganz an⸗ deres Gluͤck machen wuͤrde, als der erſte. Die Kunſt war blos, einen Verleger zu finden... die Schwierigkeit, zugeben, hatte er nicht ſo leicht im Fluge zu haſchen, lichen Muſen. Beſuchte er dieſe Herren waͤhrend des Winters, ſo hieß es allemal:„Mein Herr, zu der jetzigen Zeit haͤlt es ſehr ſchwer, ein Werk mit Vortheil herauszu⸗ geben; die Communicationen ſind waͤhrend des Winters ſo ſchwierig, die Verſendung durch die Poſt ſo koſt⸗ ſpielig; wenn aber der Herr warten will, bis zum Som⸗ mer, ſo wird es ſich vielleicht thun laſſen.“... Aber als nun Philipp im Sommer eine Anfrage von Upſala ſchon erfahren. Ein Verleger war wie eine der freund⸗ die Sache im eigenen Verlag heraus⸗ hoͤren rief zeigte, 3 wir te, ſo in der lt zu allen ind er Band: nz an⸗ nden... heraus⸗ er war freund⸗ Linters, en Zeit rauszu⸗ Vinters o koſt⸗ a Som⸗ . Aber rUpſala 37 — verſteht ſich, in Stockholm— that, ſo hieß es: „Mein Herr, jetzt iſt ja die ganze Welt auf dem Lande— im Sommer lieſ't kein Menſch etwas— — wenn aber der Herr waͤhrend des Winters noch ein⸗ mal anfragen will...“ Auf eine ſolche Antwort hin geſchah es, daß Phi⸗ lipp verdrießlich ſein Werk in eigenem Verlag heraus⸗ gab, zum großen Schaden fuͤr ſeine Kaſſe und zum nicht minder großen fuͤr ſeine Eigenliebe. Zum Gluͤck war er der Anſicht, daß der Fehler nicht an ihm laͤge... Doch wir wenden uns von dem Dichter wieder zum Hauslehrer. Als das Jahr um war, ſchrieb Philipps Mutter und erinnerte ihren Sohn an jenen alten Gegenſtand. Und in einem ploͤtzlichen Anfall von Dankbarkeit, weil ſeine geliebte Mutter ſo lange geſchwiegen, beſchloß Philipp, ſie dadurch zu belohnen, daß er ſogleich nach Upſala eilte und ſich auf ſeinen Grad vorbereitete. Aber als er dieſen Beſchluß verkuͤndete, den der Director ſich gar nicht gedacht hatte, gerieth Dick dar⸗ uͤber in ſo großen Kummer, daß der Director ſich ge⸗ radezu auf's Bitten legen mußte. „Was der tauſend, wozu ſoll denn der dumme Grad dienen, da der Herr doch einmal nicht zur Schule uͤbergehen will?“ „Meiner Treu', das iſt mehr, als ich ſelbſt weiß, oder beantworten kann— aber ſeit der Zeit, wo ich im Kinderkleide und in Unſchuld einherging, hoͤrte ich ge— meinſchaftlich mit Gott, der die Kinder lieb hat:„Wenn Du groß biſt, kleiner Philipp, und Deinen Grad erlangt haſt«... und ſo iſt es allmaͤlig dahin gekommen, daß ich mich an den Gedanken gewoͤhnt habe, daß ich nicht eher„groß“ werde, als bis ich meinen Grad erlangt habe, und da ich nun bald einundzwanzig Jahre bin, ſo geht es doch kaum an, daß ich mit Ehren noch laͤn⸗ ger klein bleibe.“ „Aber was ſoll denn dann werden?“ „Wer kann das jetzt wiſſen!“ „Ich daͤchte gleichwohl, daß der Herr... „Mit meinem akademiſchen Preis und meinem Jahrgehalte— den ich nicht anzuruͤhren gebraucht habe, denn der Herr Director wird bemerkt haben, daß ich kein Verſchwender bin— kann ich die Koſten meines Unterhalts in Upſala ein Jahr lang beſtreiten und mehr brauche ich zum Schluſſe nicht. Was dann folgt, da⸗ fuͤr laſſe ich unſern Herrn ſorgen.“ Der Director konnte nichts zur Sache thun, aber Philipp verſprach mit Vergnuͤgen, wenn der Director Reiſegeld ſchickte, waͤhrend der Sommerferien auf Beſuch zu kommen. 4 ch im h ge⸗ Wenn rlangt a, daß nicht rlangt 2 bin, h laͤn⸗ neinem t habe, daß ich meines d mehr gt, da⸗ n, aber Director Beſuch 39 Nach Philipps Abreiſe begann inzwiſchen in Ri⸗ byhus ein wirkliches Leiden. Der Director nahm einen neuen Informator. Da aber dieſer mit Dick nicht auf kameradſchaftlichem Fuße leben, die Lehrſtunden nicht zu Spielſtunden oder umgekehrt, Alles nach bewandten Umſtaͤnden, verwandeln und noch viel weniger Mamſſell Roſabella, Dicks fort⸗ waͤhrenden Liebling, in die Geheimniſſe der Schule ein⸗ weihen, ja waͤhrend der Lektionen kaum in das Schul⸗ zimmer einlaſſen wollte, ſo verlor Dick wieder die Luſt, ward dann halsſtarrig und endlich ſo hartnaͤckig, daß der neue Lehrer ihn nicht bewegen konnte, uͤberhaupt etwas zu leſen, ſo daß dieſer, nach unzaͤhligen Klagen, endlich ſeinem Amte entſagte und ein Anderer, der dar⸗ auf kam und dieſelben Grundſaͤtze mitbrachte und daſſelbe Reſultat herbeifuͤhrte, ſchlug auch denſelben Weg ein. „Es iſt doch zum Teufelholen!“ ſagte der Director, als ein neues Interregnum eingetreten war.„Wirſt Du denn alle meine vielen Koſten immerfort umſonſt aufgewendet ſein laſſen, Knabe? Wirſt Du denn jedem Lehrer ungehorſam ſein, es moͤge kommen, welcher da wolle?“ „Bin ich denn jemals Herrn Thurné ungehorſam geweſen? Las ich denn bei ihm nicht?“ „Wenigſtens haſt Du etwas bei ihm gelernt.“ „Ja, das iſt gewiß und Papa haͤtte Herrn Thurné uͤberreden ſollen, dazubleiben. Niemand verſteht ſo zu lehren, wie er und wenn Papa es nicht moͤglich machen kann, daß wir ihn wieder hierherbekommen, ſo ſchicke mich nach Upſala zu ihm, denn es iſt ausgemacht, daß ich bei Niemandem anders etwas lernen kann.“ „Dick, mein Sohn, Du haſt auch Deine lichten Augenblicke!“ Der Director ſagte weiter nichts, aber den naͤchſten Morgen ſtanden die Koffer gepackt, der Reiſewagen an⸗ geſpannt, und ehe noch die zehnte Stunde geſchlagen hatte, waren der Director, Dick und Roſabella auf dem Wege nach Upſala. dem 3. Das Zand der Freundſchaft wird geknüpft. Es entſtand kein kleines Jubiliren, als Philipp Thurné— waͤhrend er mit der Punſchkelle in der Hand gerade in ſeinem einſamen Studentenſtuͤbchen ſaß— ſeinen alten Prinzipal und Goͤnner neben dem lieben Dick eintreten ſah. Sie kamen wie gerufen, um an dem kleinen Feſte Theil zu nehmen, welches Philipp heute ſeinen Freunden gab, weil er nicht die Staͤrke gehabt, zu leugnen, daß es ſein zehnter Namenstag war. Nachdem die Freunde ſich entfernt hatten, erklaͤrte der Director, daß es nach Philipps Abreiſe mit Dicks Gelehrſamkeit geradezu zum Teufel gegangen ſei und daß er(der Director) auf Dicks eigenes Begehren ge⸗ kommen waͤre, um ihn ſeinem alten Lehrer zu uͤberlaſſen. „Und ich werde Dick pflegen, als wenn es mein eigener Sohn waͤre... nicht wahr, Dick, Du haſt Papa Philipp lieb und wirſt bald wieder nachholen, was Du verſaͤumt haſt?“ „Ich weiß, was ich thue... wenn ich will!“ ſagte Dick, halb lachend und halb vor Ruͤhrung ſchluch⸗ zend.»Und wenn ich bei dem bin, den ich unter allen Menſchen am liebſten habe, ſo will ich allemal.“ Der Director miethete ein kleines Local. Philipp ſollte nun auf ſeine Koſten in Upſala verweilen, was fuͤr unſern Poeten eine ſehr gluͤckliche Fuͤgung war, denn die unzaͤhligen Namenstage, die ihm aufgebuͤrdet wur⸗ den, hatten ihm ſchon ſo viel zu ſchaffen gemacht, daß ihm bisweilen, wenn er zufaͤllig an die Sache dachte, ganz unheimlich zu Muthe ward. Aber jetzt, nachdem er auf dieſe Weiſe etablirt und etatiſirt war, ſah er das Leben ſogleich im freundlichſten Roſenroth emportauchen und nachdem der gute Director nach Hauſe gereiſ't war, lebten Philipp und Dick wie ein paar gute, luſtige Bruͤder, die ſich vorgenommen, die Zukunft, das heißt, den naͤchſten Tag, in der hellſten Perſpektive zu ſehen. Hiermit ſoll nicht geſagt ſein, daß Philipp das Geld des Directors ganz unnoͤthig verſchwendete, denn es fand ſich auf der langen Liſte der Beduͤrfniſſe ſchon etwas, was fuͤr nothwendig angeſehen werden konnte. Noch weniger verſaͤumte er Dick, welchen er theils deshalb liebte, weil dieſer ſich ſo innig an ihn anſchloß, theils er ſ ſeine men leich chen in d Papa s Du vill le chluch⸗ r allen Dhilipp 8 was c, denn t wur⸗ öt, daß dachte, — lirt und dlichſten Director HDick wie ommen, hellſten lipp das denn es a etwas, . Noch deshalb ß, theils 43 auch deshalb, weil Philipps eigenes Herz ſo warm war, daß er ſich gluͤcklich fuͤhlte, Jemanden zu lieben und zu pflegen zu haben. Aber was er ſtatt deſſen verſaͤumte, war ſein eige⸗ nes Studium. Er hatte Gelegenheit zu genießen und deshalb genoß er auch,„denn,“ ſagte er,„man iſt auf alle Faͤlle nur einmal jung.“ Sieben Monate lang legte ſich der Director die Entbehrung auf, allein zu ſein und fand einen Er⸗ ſatz in Philipps ſowohl, als in Dicks Briefen. Dick war ordentlich ein wenig genial geworden und prahlte mit ſeinem„Studentenleben“, aber als die Magiſter⸗ promotion herannahete, ohne daß etwas daruͤber verlau⸗ tete, daß Philipp nun ſein Examen als Candidat der Philoſophie machen wolle, begann der Director ſtark das Haupt zu ſchuͤtteln. Nachdem ein paar Wochen voruͤber waren, ſetzte er ſich nieder und ſchrieb folgenden Brief an den Lehrer ſeines Sohnes: „Der Herr wird, glaube ich, in Ewigkeit kein Exa⸗ men machen und keinen Grad erlangen und das iſt viel⸗ leicht eben ſo gut, denn der Herr iſt mehr als hinrei⸗ chend gelehrt fuͤr die offenbare Anlage, die der Herr hat, in der Welt nicht vorwaͤrts zu kommen. 4 „Wir wollen zweierlei annehmen. „Entweder wird Herr Thurné ein Auflieger— was, lte Jungfer — oder der Herr wird ein ſogenannter junger Mann im Holze, was den Herrn auf dem geradeſten Wege ins Schuldgefaͤngniß fuͤhrt, denn von der Versmacherei, das begreift der Herr wohl, feiert man weder viele Namens⸗ tage, noch Geburtstage. „Nun, was ſind das nun fuͤr angenehme Ausſich⸗ ten bei allem dieſen, was ſich ſo herausſtellen kann? „Kommen Sie zuruͤck nach Ribyhus— ich ſehne mich nach dem Jungen und ich ſehne mich nach dem Herrn und wenn Dick nach drei oder vier Jahren noch eine Art Gouverneur gebraucht, ſo biete ich Herrn Thurné mein Haus und fuͤnfhundert Thaler Banco jaͤhrlich. Dick wird nicht mehr Zeit wegnehmen, daß der Herr nicht uͤberdies drei bis vier Ries Papier vollſchmieren kann und dieſes will ich dem Herrn noch obendrein ſchen⸗ ken, wogegen ich mich auch verbindlich mache— wenn wir an den Herbſtabenden nichts Beſſeres zur Unter⸗ haltung haben— dann und wann des Herrn wohlge⸗ meintes, wiewohl uͤberſpanntes Geſchreibſel anzuhoͤren, was mitunter vielleicht nicht ganz uneben iſt. Auf jeden Fall aber iſt es dies, was den Herrn verdirbt und deshalb kann ich es nicht recht leiden. „Mit vaͤterlicher Freundſe chaft „Svante Sorenius.“ wie mir ſcheint, ſchlechter klingt, als eine a er ge. Al wi me er, haͤt ſon erft ſol la ch 4 habe verze glau gfer ann ins das gens⸗ zſich⸗ 12 ſehne dem noch urné rlich. Herr nieren ſchen⸗ wenn inter⸗ ohlge⸗ oͤren, Auf t und ft N. S. Natmuͤrlich erwarte ich Antwort mit der erſten Gelegenheit. Ungefaͤhr zwei Monate, nachdem dieſer Brief ab⸗ gegangen, nahmen Philipp und Dick an einem ſchoͤnen Abend ihr altes, jetzt vergroͤßertes Zimmer auf Ribyhus wieder ein.. Da der Director, anſtatt ſchnell Antwort zu bekom⸗ men, keine einzige Zeile von Philipp erhielt, ſo glaubte er, daß dieſer auf irgend eine Weiſe es uͤbel genommen haͤtte, was ihn ſehr boͤſe machte, denn er meinte es gut, ſowohl mit ſich ſelbſt als auch mit dem jungen Mann. Aber jetzt, wo er ſeine Wuͤnſche ganz unvermuthet erfuͤllt ſah, war ſein erſtes Wort ein Vorwurf, daß man ſo lange damit gezoͤgert. „Ich hatte ja meine tentamina!“ ſagte Philipp lachend. „Ja, ich glaube, daß dieſe viel Zeit weggenommen haben!“ ſagte der Director, indem er hoͤhniſch den Mund verzog. „Es ſieht fuͤrwahr aus, als ob der Herr Director glaubt, daß ich ſie nicht durchgemacht haͤtte.“ „Das glaube ich auch meiner Treu nicht, denn in dieſem Falle waͤre der Herr wohl mit auf den Parnaß gekommen.“ „Ich habe meinen eigenen Parnaß und kann des⸗ halb den entbehren, der nur einen Kranz giebt... Aber, ernſtlich geſprochen, der Brief des Herrn Directors pi⸗ kirte mich ein wenig; ich war gerade dieſen Tag ſchon vorher ein wenig uͤbelgelaunt, denn Dick war ſo eben aus der Domkirche gekommen und hatte mir einen gan⸗ zen Haufen Promotionen erzaͤhlt, die er mit angeſehen und er weinte, der arme Schelm, daß ſein wuͤrdiger Papa Philipp ſich nicht unter den Auserwaͤhlten befand.“ „Hatteſt Du wirklich ſo viel Verſtand, Dick 2“* un⸗ terbrach der Director. „Zweifeln Sie niemals an Dicks Klugheit,“ hob Philipp wieder an.„Waͤhrend der letzten Monate iſt er eben ſo ſehr mein Mentor geweſen, als ich der ſeine.“ Dick laͤchelte und ſah ganz ſtolz aus. „Ja,“ fuhr Philipp fort,„vielleicht iſt es haupt⸗ ſaͤchlich Dicks Verdienſt, daß ich mein Examen gemacht habe und nun Candidat bin. Die Promotion iſt ja nichts, als eine Ceremonie.“ „Was ins... was der Tauſend, der Herr iſt wirklich Candidat geworden 55 „Sind wir es geworden, Dick, oder nicht?— Ant⸗ worte Du, Dick.“ „Ja, Papa, tig geworden ſind. ich habe das Diplom ſelbſt eingepackt.“ verlaß Dich darauf, daß wir es rich⸗ arnaß des⸗ Aber, rs pi⸗ ſchon deben n gan⸗ geſehen Papa 8.4 2νl un⸗ „ hob ae iſt ſeine.“ haupt⸗ gemacht iſt ja derr iſt — Ant⸗ es rich⸗ gepackt.“ 47 Der Director ward uͤber ſeine fehlgeſchlagene Hoff⸗ nung etwas verlegen, aber war noch weit mehr entzuͤckt, was ſich ganz deutlich in der Kraft des neuen Handſchlags offenbarte, den Philipp erhielt. „Nun, hatte denn mein Brief auch etwas mit der Sache zu thun?“ „Ohne Zweifel. Er kam gerade, wie ich ſchon er⸗ waͤhnte, als Dick weinend ſeine Beſchreibung ſchloß. Als ich den Brief geleſen, ſagte ich: Hm! Dabei reckte ich ihn Dick hin, der auch ſagte: Hm!... Was meinſt Du? fragte ich... Nun, daß Papa in dem erſten Satze unrecht hat, antwortete er, denn Herr Philipp wird ſein Examen ſchon machen, wenn er will... Glaubſt Du das, mein lieber Sohn Dick? und ich ward ordentlich ein wenig geruͤhrt, daß noch Jemand mir glaubte, denn ein Brief von meiner Mutter, den ich den Tag vorher erhalten, bewies mir, daß ſelbſt ſie kleinglaͤubig war.“ „»Und ſo, Papa,“ fiel Dick ein, der es jetzt ange⸗ meſſen fand, das Wort zu ergreifen,„und ſo ſagte Herr Thurneé: A la bonne heure, Dick, ſagte er, wir wollen doch ſehen, ob man nicht eben ſo gut na ch, als vor der Promotion ſein Examen machen kann— gieb Acht, mein Junge, mit jetzt beginnt ein anderes Leben; aber bemerkſt Du, daß ich ermuͤde, ſo treibe mich an, ſo wie ich es ſpaͤter, ſo Gott will, mit Dir machen werde.“ Der Director lachte und ſchlug Dick tuͤchtig auf die Schultern. „Nun, triebſt Du ihn denn an 25 „Das wollte ich meinen, Papa; ich wagte des Abends kaum einzuſchlafen, aus Furcht, daß ich ihn nicht zeitig genug wecken knnte. Und niemals haͤtte ich ge⸗ glaubt, daß ein Menſch ſo viel lernen koͤnnte— Merr Thurné ſchlingt Latein und Griechiſch in ſich hinein, wie wenn die Pferde Hafer freſſen.“ „Pfui, Dick, Du geraͤthſt nicht nach Deinem Leh⸗ rer. Wie kannſt Du ihn bei ſeinem Streben nach Weisheit mit einem Pferd vergleichen, welches Hafer frißt— wenn Du noch vom Pegaſus geſprochen haͤt⸗ teſt... Doch genug davon; ich bin Candidat und auf der Hierherreiſe machten wir einen Abſtecher auf eine Woche, um meine Mutter zu uͤberraſchen, die mir nun, Gott ſei Dank, ihr Vertrauen wieder geſchenkt hat.“ „Und die Frau Lectorin Thurné erlaubte mir, ſie Tante zu nennen, Papa, und ſie war auch ganz wie eine Mutter gegen mich— ach, lieber Gott, wie freund⸗ lich und gut war ſie! Roſabella bekam ſo viel Zwie⸗ back, daß ich ſie beinahe von der guten Frau Lectorin gar nicht wieder mit fortgebracht haͤtte.“ 3 Aber ſo entzuͤckt Du auch uͤber die gute Lectorin biſt, ſo gehorchſt Du ihr doch nicht. Sagte ſie nicht daſſelbe, was ich Dir ſelbſt ſo viele Mal geſagt habe: Laß Deinen ewigen Herrn Thurn ſein und ſage Phi⸗ Reil den Nan nach hagli chem das e da er etwas ſo ga und zum Ein ig auf gte des n nicht ich ge⸗ Her hinein, n Leh⸗ nach Hafer en haͤt⸗ nd auf uf eine ir nun, at.“ dir, ſie nz wie freund⸗ [Zwie⸗ Lectorin Lectorin ie nicht t habe: ge Phi⸗ 49 lipp! Du biſt ja volle funfzehn Jahr alt und uͤberdies leben wir mehr wie Bruͤder, denn wie als Lehrer und Schuͤler.“ „Und um dem vertraulichen Verhaͤltniſſe, welches wir jetzt eingehen, ein Compliment zu machen,“ ſetzte der Director hinzu,„ſo will auch ich ſchlecht und recht Philipp ſagen— Herr Candidat klingt ſo fremd— und ich bin wohl alt genug, um Onkel heißen zu koͤnnen.“ In Ribyhus bereitete man ſich nun auf eine lange Reihe angenehmer Jahre vor und Philipp hatte ſchon den Plan zu einem Trauerſpiel ausgedacht, das ſeinen Namen unſterblich machen ſollte, als man ſich ſchon nach einigen Monaten in ſeiner Ruhe und dieſem be⸗ haglichen Verhaͤltniß unterbrochen ſah. Der Director bekam einen Schlaganfall, von wel⸗ chem er zwar wiederhergeſtellt ward, in deſſen Folge aber das eine Bein und der eine Arm gelaͤhmt wurden. Und da er nun ein armer Invalid im Rollſtuhle ward— etwas, was der thaͤtigen und raſchen Natur des Mannes ſo ganz widerſtritt— war ihm Philipps Anweſenheit und ſein erheiternder Umgang ganz beſonderes Beduͤrfniß. Und Philipp— er, der lieber vom Morgen bis zum Abend im Walde lag, ſo lange der Ein Gerücht. I. Sommer 4 dauerte und im Winter vor dem Kaminfeuer— wie be⸗ reitwillig legte er dieſen ſeinen Neigungen Feſſeln an und blieb zu Hauſe bei dem Director und ließ ſich von dem alten Manne langweilen, der mit jedem Tage un⸗ geduldiger und wunderlicher ward. Aber mit dieſer Bereitwilligkeit, mit welcher Phi⸗ lipp Geſellſchaft leiſtete, war es noch nicht genug— er trat allmaͤlig in ein ganz eigenthuͤmliches Amt ein: er ward, ſo zu ſagen, eine thaͤtige Kraft in des Directors lahmem Arm. Philipp war es, dem anvertraut ward, was der Director weder dem Buchhalter noch dem Fabrikvorſteher anzuvertrauen gewohnt war und da er auf dieſe Weiſe in eine Menge neuer Verhaͤltniſſe eingeweiht ward, ſo bekam er auch eine ganz neue Wirkſamkeit, welche, ge⸗ gen alles Vermuthen, ihm ſo ſehr zuſagte, daß er ſelbſt, als es ſich mit dem Uebel des Directors beſſerte, fort⸗ fuhr, ſeines Prinzipals„Alles in Allem“ zu ſein, der Ableiter ſeiner uͤbeln Laune, der Ausfuͤhrer aller ſeiner haͤuslichen Urtheilsſpruͤche und gewoͤhnlich ſein Intendant und vertrauter Geheimſchreiber. Was den Director am meiſten mit Verwunderung und Freude erfuͤllte, war Philipps auffallende Ordnungs⸗ liebe. Er hatte nicht geglaubt, daß ein Poet, ein, wie der Director es nannte—„fuͤr ſich ſelbſt unnuͤtzer Menſche be⸗ ſo nuͤtzlich fuͤr Andere ſein koͤnnte und einma n an dieſem ſeinen Gedanken ſogar Worte. von l lieh er „Ich wuͤrde,“ antwortete Philipp,„wohl auch fuͤr un⸗ mich ſelbſt nuͤtzlich ſein koͤnnen, wenn ich etwas haͤtte, 5 womit ich nuͤtzlich ſein koͤnnte. Aber mich von nichts Phi⸗ heraufzuarbeiten, das liegt nicht in meinem Geſchmack.“ er„Das kann ich mir denken.“ a: er 2 ctors„Doch was thut es,“ hob Philipp in ſeinem ſorg⸗ loſen Tone wieder an, pich lebe gluͤcklich auch ohne s der Reichthum.“ äshe„Aber wenn Du welchen haͤtteſt, koͤnnte man wohl eiſ glauben, daß Du ihn nicht leichtſinnig verſchwenden 8 1 wuͤrdeſt?“ ge⸗...... ſelbſt,„Ich wuͤrde ſo viel verſchwenden, als ich fuͤr meine fort⸗ Genuͤſſe noͤthig erachtete; aber ich habe mich nicht an , der große Beduͤrfniſſe gewoͤhnt und es wird mir wahrſchein⸗ ſeiner lich niemals einfallen, mir neue blos deshalb zu ſchaf⸗ ndant fen, um ſie befriedigen zu koͤnnen.“ 3 Der Director ſprach uͤber das Thema nicht weiter, erung aber mit jedem Tag ward er von Philipp mehr einge⸗ ungs⸗ nommen, fuͤhlte ſich immer dankbarer fuͤr ſeine Geduld und freute ſich immer mehr uͤber ſeine Thaͤtigkeit und die der Geſchicklichkeit, womit er die ihm anvertrauten Gegen⸗ enſch“ ſtaͤnde zu behandeln wußte. 4* 2 Was Dick betrifft, ſo war Philipp gleichſam ſeine Seele und wenn man zufaͤllig von der Zeit ſprach, wo Dick keinen Lehrer mehr brauchen wuͤrde, ſo ſah er aus, als ob er nicht begreifen koͤnnte, wie es moͤglich waͤre, ohne einen ſolchen zu leben. 4. Des Directors Tochter. „Der Henker hole dieſe Geſchichte, Philipp!“ rief der Director an einem ſchoͤnen Fruͤhlingsmorgen, als Philipp, der in Geſellſchaft ſeiner Muſe in den Wald hinausgegangen war, durch fuͤnf oder ſechs einzelne Bo⸗ ten— die nach allen Richtungen hin ausgeſendet wor⸗ den— nach Hauſe gerufen ward. „Nun, was iſt los, Onkel? Iſt der Onkel durch ein unerwartetes Falliſſement an den Rand des Ver⸗ derbens gebracht worden? Hat ſich die Laͤhmung wieder in den Arm gelegt? Oder iſt vielleicht in der Fabrik Feuer ausgekommen?“— „Ach nein, aber meine Schweſter, die fromme Seele in Hernoͤſand, iſt nach dem, was ſie ſchreibt, nahe daran, das Zeitliche zu ſegnen und ſie wuͤnſcht daher, daß Lilia wieder heimkehre, bevor ſie vereinſamt. „Nun, darin ſehe ich gerade kein Ungluͤck. Wir haben in Ribyhus allerdings Alles, was der Menſch ſich zur Annehmlichkeit des Lebens wuͤnſchen kann, aber das Allerangenehmſte entbehren wir doch noch.“ „Hoho, was waͤre denn das fuͤr eine Annehm⸗ lichkeit?“ „Frauenzimmer, meine ich; denn die, welche jetzt hier kommen und gehen, ſind gar nicht zu rechnen— es ſind ſchoͤne Zugvoͤgel, die nur Leere und Sehnſucht zuruͤcklaſſen.“ „Was mich betrifft, ſo ſehe ich ſie auf dieſe Weiſe am liebſten. Denn ein Haus, das nach Frauenzim⸗ merweiſe regiert wird... hul“ „Man hoͤrt, daß der Onkel ſeit zehn Jahren Witwer iſt; aber glaube mir der Onkel, er wird ſich ſehr ſchnell an die Gluͤckſeligkeit gewoͤhnen, zu fuͤhlen, wie eine kleine, zarte Hand Alles ordnet.“ „Kleine zarte Hand?“ polterte der Director.„Dank⸗ bhar bin ich, wenn die alte Gunnel mich in meinem Rollſtuhle faͤhrt oder mir die Kiſſen zurecht ruͤckt. An die habe ich mich nun gewoͤhnt. Aber die Pflege mei⸗ nes liebenswuͤrdigen Toͤchterchens wird, fuͤrchte ich, mehr beſchwerlich als wohlthuend ſein. Dieſe Maͤdchen da ſind ſo... ſo... ich weiß ſchon, was ich meine.“ „Man ſollte faſt glauben, der Onkel liebe ſeine Tochter eben nicht ſehr und ich glaube wirklich nicht, 55 daß in dem Jahre, welches wir nun beiſammen gewe⸗ ſen ſind, Mamſell Lilia zehn Mal erwaͤhnt worden iſt.“ „Allerdings habe ich ſie lieb, das verſteht ſich, auf meine Weiſe; doch daruͤber iſt jetzt nichts zu reden. Es ſind nun acht Jahre, ſeitdem meine Schweſter ſie zu ſich nach Hernoͤſand nahm und ſechs Jahr ſind es, ſeitdem ich ſie beſuchte und meine Tochter zum letzten Male ſah.“ „Und da verſprach ſie...“ „Zweierlei.“ „Darf ich fragen, was?“ „Erſtens, daß ſie nicht gerade eine ausgezeichnete Schoͤnheit, zweitens aber, daß ſie unzweifelhaft ein klei⸗ nes, intriguantes Ding werden wuͤrde und ich glaube, daß ſie jetzt mit ſechzehn— doch nein... in wenigen Monaten wird ſie ſiebzehn Jahr— beides in Erfuͤllung gebracht hat.“ „Nun,“ fiel Philipp lachend ein,„Parteilichkeit kann man dem Onkel nicht zum Vorwurfe machen.“ „Nein, ich huͤte mich ſchon, mich vor den Leuten zum Gelaͤchter zu machen! Inzwiſchen wird es nun vielleicht noͤthig ſein, das Haus auf einem andern Fuß einzurichten... Wir muͤſſen ſehen, was ſie ſelbſt zur Sache ſagt... Es wird mir ſo ſchwer, dieſen finz⸗ lichen Krikelkrakel zu leſen, daß ich wartete, bis Du her⸗ einkommen wuͤrdeſt.“ „Und im Fall ich auf die uͤbrigen Urtheile des On⸗ Onkel ſo eben uͤber Mamſell Lilia's Krikelkrakel gefaͤllt hat, ſo bin ich der Anſicht, daß auf Seiten ihres wuͤr⸗ digen Vaters eine große Ungerechtigkeit vorwaltet.“ „Ungerechtigkeit... Ungerechtigkeit?“ wiederholte der Alte. „Ja, denn man koͤnnte ſchwerlich eine zierlichere Frauenhand ſehen— ſie hat ſich ſeit vorigem Jahre ungemein verbeſſert... wir muͤſſen nun ſehen, ob auch der Inhalt ein wenig anders iſt, als gewoͤhnlich.“ „Aha, Du ſiehſt auch ein, das der ſtehende Vier⸗ teljahrsbrief mit der Floskel,„meinen ehrerbietigſten Dank fuͤr Papas letztes Geſchenk“, nicht ſehr erwaͤr⸗ mend iſt.“ „Ich habe niemals die eigenen Briefe des Onkels geſehen— vielleicht ſind dieſe...“ „Laß das gut ſein und lies... meine Briefe konnen ſich auch hoͤren laſſen, wenn ſie auch nicht von der Art ſind, daß die Kinder dadurch verhaͤtſchelt werden.“ „Nun, das habe ich allerdings auch nicht gefuͤrch⸗ tet... doch wir wollen anfangen.“ Philipp nahm den erbrochenen Brief und las: „Geehrter Papa! „Ich kenne den Inhalt von dem Briefe der Tante, aber da ich denſelben auf keine Weiſe billige, ſo bitte ich, Papa moͤchte die Guͤte haben, ihn als nicht ge⸗ ſchrieben zu betrachten... kels einen Schluß aus dem ziehen ſoll, welches der ten dem das Liebe lang daß 57 „»Siehſt Du,“ unterbrach der Director,„ja, ja, meine kleine Lilia will, daß Alles nach ihrem Willen geſchehe!“ „Warte der Onkel doch nur, wir haben ja noch nicht die Urſache des Willens erfahren.“ „... Meine zaͤrtliche und gute Tante hat, wie Papa am beſten weiß, Mutterſtelle an mir vertreten. „Wie undankbar und gleichzeitig ſchwach waͤre es daher von mir, wenn ich ſie, um dem ſchmerzlichen Gefuͤhl zu entgehen, bei ihrem Verſcheiden mich einſam zu ſe⸗ hen, ſie jetzt ſchon verlaſſen wollte, waͤhrend ſie noch lebt, und meiner Fuͤrſorge bedarf. „Daher werde ich ſie nicht verlaſſen, wie lang oder kurz ihre Krankheit auch ſein moͤge. Papas gehorſame und ergebenſte Lilia.“ „Gehorſame und ergebene Lilia— ja, das muͤß⸗ ten wir erſt ſehen, wenn ich ſchriebe: Du reiſeſt mit dem naͤchſten Dampfboot!“ „Aber ſie hat ja ganz und gar recht.“ „Allerdings hat ſie das. Meine Schweſter, die das engelreinſte Weſen auf dieſer Erde iſt, verdient ihre Liebe und Dankharkeit. Und deshalb koͤnnen wir ſo lange noch das Haus laſſen, wie es iſt.“ „Ich fuͤr meinen Theil haͤtte aber lieber geſehen daß wir es aͤndern muͤßten. Und wenn auch Mamſ⸗ Lilia nicht eine der Houris des Paradieſes an Schoͤn⸗ heit und einer der Engel des Paradieſes an Sanft⸗ muth waͤre, ſo haͤtte ſie doch ſchon einen Vorzug in ihrem ſchoͤnen, lieblichen Namen. Lilia, blendende Liebe, benetzt mit der Friſche der Jugend und dem Thau der Poeſie, wie ſehne ich mich, Deiner Macht zu huldigen und zu Deinen Fuͤßen in den Staub niederzuſinken!“ „Na, na, nur gemach— es iſt ſehr leicht moͤg⸗ lich, daß das wirklich ſo wird... ich gratulire!“ In dieſem Augenblicke trat Dick mit Roſabella ein. „Etwas Neues, mein Junge,“ ſagte der Director; „Deine Tante, fuͤrchte ich, wird nicht lange mehr hier auf Erden verweilen, wenigſtens giebt ſie mir zu verſte⸗ hen, daß ſie des Irdiſchen uͤberdruͤſſig iſt und Hoffnung hat, in den Himmel zuruͤckzukehren, von wo ſie, wie ich ganz gewiß glaube, gekommen iſt. Sobald ſie aber wirklich dahin iſt, kommt Lilia nach Hauſe.“ „So ſo,“ antwortete Dick,„nun, das waͤre nicht ſo uͤbel.“ „Glaubſt Du denn, daß es gut fuͤr uns iſt, Frauen⸗ zimmer in das Lilia iſt nun bald ſiebzehn Jahr alt und ſie wird, wie ſich von ſelbſt annehmen laͤßt, Geſellſchaften haben wol⸗ len. Wir werden demzufolge das ganze weibliche Ge⸗ ie, ſchlecht des Ortes hier haben, Bekannte, Freunde, ver⸗ ſchraraute Freunde und endlich eine ganze Schaar Freier... Dick... hul“ Haus zu bekommen?— Verſtehſt Du, kann Pap ſagt, mals und finde betra⸗ meine rung große laͤchel! wenn nation liebe Schw choͤn⸗ hanft⸗ ug in Liebe, iu der ldigen n!“ moͤg⸗ la ein. rector; r hier verſte⸗ ffnung vie ich e aber e nicht Frauen⸗ ſt Du, 8 6 d, wie en wol⸗ he Ge⸗ de, ver⸗ ceier... „Freier braucht ſie nicht, Papa— die ſtrei⸗ chen wir.“ „So, und Du glaubſt, daß ſie damit zufrieden iſt?* „Ja, ja— wenn wir ihr ſtatt deren etwas Ande⸗ res geben.“ „Was der Tauſend, Dick,“ rief Philipp,„was willſt Du denn Deiner Schweſter anſtatt eines Freiers geben?“ „Einen Mann,“ antwortete Dick ruhig;„Lilia kann ja Philipp heirathen— waͤre das nicht ganz gut, Papa?“ „Dick, mein Sohn, ich habe Dir ſchon fruͤher ge⸗ ſagt, daß Du bisweilen wirklich Ideen haſt!“ „Und ich, Onkel, habe geſagt: Man zweifle nie⸗ mals daran, daß Dicks Ideen ſich durch eine einfache und klare Logik auszeichnen! Ich fuͤr meinen Theil finde dieſe da ſo hell, daß ich mich ſchon als Ehemann betrachte, weshalb ich auch darum bitten muß, daß in meinem Beiſein ſich Niemand eine herabſetzende Aeuße⸗ rung uͤber Frau Lilia Thurné erlaube! Ich beſitze eine große Schwaͤche fuͤr meine Frau.“ „Hanswurſt!“ rief der Director und mußte ſelbſt laͤcheln— dann ſetzte er hinzu:„Es iſt leicht moͤglich, wenn es um und um kommt, daß ſie ſchon eine Incli⸗ nation hat, welche ſie eben ſo, wie die Sorge um die liebe Tante, dort zuruͤckhaͤlt.“ „Ach mein Gott, ſchickt es ſich wohl fuͤr einen Schwiegervater, mit ſolchen Vorausſetzungen heraus⸗ zuruͤcken! Nein, nein, fuͤr mich haben ſie keine Wahrheit, . Schade nur, daß dieſe zarte, Schoͤne Lydia noch nicht hier iſt.“ An demſelben Tage ſchrieb der Director einen herzlichen Brief an ſeine Schweſter, die er ſowohl ach⸗ tete, als liebte und beklagte aus aufrichtigem Herzen, daß er an ſeinen Rollſtuhl gefeſſelt war. Er ſprach warm von ſeiner Dankbarkeit fuͤr die⸗ Pflege, welche ſeine Tochter genoſſen und verwarf eben ſo, wie Lilia, den Vorſchlag, daß ſie ihre zweite Mutter zu einem Zeitpunkte verlaſſen ſollte, wo es ihr moͤglich war, einen Theil ihrer Liebesſchuld abzutragen. Hierauf wurden noch einige Briefe gewechſelt, welche in Folge der an den Tag gelegten Sympathie des Vaters fuͤr die Gefuͤhle der Tochter freundlicher und minder ſteif von ihrer Seite zu ſein ſchienen; dann trat eine Pauſe von ein paar Wochen ein und endlich kam die ſchwarz geraͤnderte Trauerpoſt mit der Nachricht von dem Tode der alten Frau. Dieſer Brief war nicht von Lilia, ſondern von der treuen und langjaͤhrigen Geſellſchafterin ihrer Tante, Mamſell Helena Forsling, welche— nach ihrer Ge⸗ woh ten Frer nach in d chens Pap waͤht „So Gefi Arm Throͤ Scht lipp, Wor gen als Zeile ſprich allem ſie g 2 keine einen hl ach⸗ Herzen, fuͤr die⸗ arf eben Mutter moͤglich wechſelt, thie des her und ann trat lich kam richt von dern von er Tante, hhrer Ge⸗ 61 wohnheit— ſich weitlaͤufig uͤber den Hintritt, die letz⸗ ten Wuͤnſche und bevorſtehende Begraͤbniß ihrer ſeligen Freundin ausſprach und daneben ſich ſchließlich erbot, nach dem Willen der Entſchlafenen, Lilia wieder zuruͤck in das Haus ihres Vaters zu bringen. Eine Nachſchrift von der Hand des jungen Maͤd⸗ chens lautete: „Meine Pflicht hier iſt erfuͤllt. Ich erwarte Papas Befehle.“ Nicht ein Wort der Wehmuth oder des Kummers! „ Bewundernswuͤrdig,“ murmelte der Director, waͤhrend er Philipp dieſes Poſtſcript vor die Augen hielt. „Sollte man nicht glauben, daß ſie keine Spur von Gefuͤhl beſitzt oder bemerkſt Du ſo etwas hierin?. Arme, ehrliche Schweſter!“ und zwei große, aufrichtige Thraͤnen wurden von dem Bruder dem Andenken der Schweſter gewidmet. „Ich habe ſtets bemerkt, Onkel,“ antwortete Phi⸗ lipp,„daß die Gefuͤhle am tiefſten ſind, welche nicht in Worte uͤbergehen und ich glaube, daß in dieſer einzi⸗ gen Zeile mehr Kummer und Wehmuth verborgen liegt, als in dieſem ganzen, großen Briefe, der auf jeder Zeile von einem„ewigen und unerſetzlichen Verluſten ſpricht.“ „Es kann ſein, es kann ſein... Du nimmſt allemal ihre Partie. Na, es iſt wenigſtens gut, daß ſie gleich eine alte Schuͤrze mit ſich hierherbringt. Da brauche ich mich alſo in dieſer Beziehung weiter nicht zu bekuͤmmern und das Kind ſoll willkommen ſein— ja, von ganzem Herzen!“.... Aber zwiſchen dem Tage, wo der Director an ſeine Tochter in Bezug auf ihre Ruͤckreiſe ſchrieb, welche ſie uͤber Stockholm— wo ein Commiſſionair des Di⸗ rectors die Damen empfangen und weiter nach Hauſe begleiten wuͤrde— antreten ſollte, zwiſchen dieſem Tage, wiederholen wir und dem, an welchem der Wagen von Ribyhus abging, um die Damen an der letzten Dampf⸗ bootſtation abzuholen, verurſachte der gute Director ſo ernſthafte Unruhe, daß beinahe Alles, was dieſe Welt anging, vergeſſen ward. Ein neuer Schlaganfall fuͤhrte ihn an den Rand des Grabes, aber das Grab ſchloß ſich noch einmal, um ihm Zeit zu laſſen, ſein Haus zu beſtellen. Dies war aber auch noͤthig, denn wenn der Tod an ſeine Thuͤr pochte, ſo war an nichts Anderes zu denken, als an die letzte Ueberfahrt. Inzwiſchen war der jetzige Zuſtand des Directors eben ſo ſchmerzhaft, als beunruhigend— die Laͤhmungz erſtreckte ſich auf die ganze eine Seitt. Er, noch ſo voll Kraft der Seele, mußte dieſe Kraft unterdruͤcken, um ſich zu erinnern, daß er nur eine Maſchine war, die man wendete und ruͤckte, wie eine ſolche.. r nicht ein— tor an welche es Di⸗ Hauſe Tage, en von Dampf⸗ ector ſo e Welt Rand einmal, Dies n ſeine n, als irectors hmung noch ſo druͤcken, ne war, 63 „Was fuͤr ein Leben, Philipp, und fuͤr mich, fuͤr mich... ich muß wohl ein großer Suͤnder geweſen ſein, wenn ich das verdient habe.... Und dieſe Kin⸗ der, dieſe beiden Kinder!“ Er ſchuͤttelte ſachte den Kopf. „Ihre Liebe, ihre Theilnahme wird den Onkel mit dem Leben wieder ausſoͤhnen... und meine Theilnahme wird niemals wankend werden.“ „Als ob ich das nicht wuͤßte.“ Philipp laͤchelte. „Tag und Nacht biſt Du bei dem alten, muͤrri⸗ ſchen Manne, der Dich vielleicht nicht verſteht aber den⸗ noch Dich lieb hat, als ob Du ſein eigener Sohn waͤreſt.“ „Und liebte ich meinen eigenen Vater wohl mehr? Sind wir nicht gluͤcklich mit einander geweſen und koͤn⸗ nen wir es, trotz dieſes großen Ungluͤcks, nicht wieder werden? Wenn der Onkel nur geduldig ſein und ſich ſein Leiden nicht durch eine ewige Unruhe verſchlimmern will, ſo ſchwoͤre ich, daß ich in Jahr und Tag nicht einen einzigen Vers ſchreiben will. Ich will mich ganz und gar und mit ſolchem Eifer dem Geſchaͤfte wid⸗ men, daß der Onkel glauben ſoll, er ſei von Neuem aufgelebt.“ 9 Der Director reichte dem Troͤſter ſeine geſunde and. „Wann,“ ſagte er,„kann Lilia wohl hier ſein?“ „Morgen Abend, Onkel... Dick wird ſich ſchon dazu halten.“ 1 „Ja, das war recht, daß er mitreiſ'te... Arme Lilia— das eine Sterbebett zu verlaſſen und... „Aber das iſt doch entſetzlich, daß der Onkel immer wieder auf daſſelbe Kapitel zu ſprechen kommt— der Onkel will alſo ſterben?“ „Du wirſt wohl einſehen, mein lieber Junge, daß ich viel lieber ganz und vollſtaͤndig ſterben will, anſtatt ſo zur Haͤlfte todt noch lange dazuliegen.. aber gerne moͤchte ich erſt manches in Ordnung bringen, was ich zum Vortheil der Hinterlaſſenen in Ordnung zu bringen wuͤnſche. Mein armer Dick— Du wirſt ihn niemals verlaſſen, Philipp... vielleicht bekommt er einen Schwager, der nicht...“ „Wie koͤnnte ich Dick verlaſſen— eben ſo leicht koͤnnte ich daran denken, mich ſelbſt zu verlaſſen! Ge⸗ gen Schwager oder Vormund werde ich ſtets auf ſeiner Seite ſtehen.“ ſchon Arme 4 nmer — der daß nſtatt gerne s ich ingen emals einen leicht Ge⸗ ſeiner 2. Sie kommt. Am folgenden Abend ging es mit dem Director weit ſchlechter als gewoͤhnlich. Jede Stunde fragte er, ob ſeine Tochter noch nicht angelangt ſei. Aber die Glocke ſchlug zehn... elf zwoͤl... eins und endlich zwei Nachmitternacht, und immer noch ließ ſich kein Wagen hoͤren. Philipp hatte ſich nicht niederlegen wollen. Er wachte bei ſeinem alten Freunde und folgte gewiſſen⸗ hafter, als eine Krankenwaͤrterin von Profeſſion, den Vorſchriften, die der Arzt gab „Iſt ſie noch nicht hier?« fragte der Director, aus einem kurzen Schlummer aufwachend. „Beſter Onkel, das Dampfboot iſt wahrſcheinlich aufgehalten worden; aber ich bin uͤberzeugt, daß Mam⸗ ſell Lilig die verſaͤumte Zeit wieder einbringen wird.“ „Das iſt ſehr ſchoͤn und gut, aber ich hatte etwas ſo Nothwendiges ſie zu fragen... ich will kein Tyrann Ein Gerücht. I. 5 gegen ihr Herz ſein, ich moͤchte blos wiſſen, ob es Je⸗ manden giebt, der Anſpruͤche darauf hat.“ „Sie iſt ja noch nicht ſiebzehn Jahr alt, Onkel.“ „Du glaubſt, daß ſie deswegen noch frei iſt? rei⸗ chen Maͤdchen wird bei Zeiten nachgeſtellt.“ Der junge Mann antwortete nicht. „Philipp, Du weißt ja, was ich denke.“ „Ich glaube es, Onkel, obſchon ich nicht zu be⸗ haupten wage, daß dieſer Gedanke zu den kluͤgſten ge⸗ hoͤrt, die der Onkel gehabt hat.“ „Warum das?“ „Nun, die Sache moͤchte nicht ſo ganz leicht zu erklaͤren ſein.“ „Waͤreſt Du im Stande, ein doppeltes Vertrauen zu taͤuſchen?“ „Niemals in dem, was Dick angeht.“ „Alſo, Du willſt Lilia nicht haben... na, dann kann man nicht ſagen, daß Du eigennuͤtzg biſt.“ „Nein, das weiß der Onkel, daß ich dies nicht bin. Ich ſchaͤtze gebuͤhrend die Gaben, welche der Reich⸗ thum gewaͤhrt, aber ich ſtelle andere Gaben noch dar⸗ uͤber. Hieraus folgt jedoch nicht, daß ich nicht mit der tiefſten Dankbarkeit ihre Hand annehmen wuͤrde, wenn ſie mich derſelben wuͤrdig haͤlt und wenn, ſobald ich ſie ſehe, in meiner Seele etwas fuͤr ſie ſpricht...“ „Aber weshalb ſagteſt Du, daß dieſer Gedanke nicht zu meinen kluͤgſten gehoͤre?“ es Je⸗ Onkel.“ ſt? rei⸗ zu be⸗ ten ge⸗ icht zu rtrauen dann wenn ich ſie danke 67 „Hatte ich nicht Grund zu einer ſolchen Aeuße⸗ rung? Bin ich wohl, ich, der arme Poet, leichtſinnig von Natur und Neigung, wohl im Stande, die weit⸗ laͤufigen Angelegenheiten eines Hauſes, wie dieſes, zu uͤbernehmen? Bin ich geſetzt genug, um der Gatte und Fuͤhrer einer jungen Frau zu werden? Iſt wohl endlich mein Charakter von der Art, daß er eine Gattin gluͤck⸗ lich machen kann?“ „Ich habe Dich gepruͤft, Philipp! Es liegt Staͤrke und Verſtand auf dem Boden Deiner Schwaͤche— Dein Leichtſinn iſt mehr ein Leichtſinn der Laune, als des Herzens. Du haſt ein ſtarkes Ehrgefuͤhl und die Dankbarkeit iſt bei Dir nicht minder lebendig. Du wirſt mich nicht taͤuſchen.“ Philipp antwortete nur durch eine Geberde. „Und dann,“ hob der Director wieder an, ge⸗ winnſt Du durch meinen Vorſchlag die Unabhaͤngigkeit, die eine Natur, wie die Deinige, bedarf, um gluͤcklich zu ſein. Du wirſt Dich niemals emporarbeiten koͤnnen, ſagteſt Du einmal; aber ich ſage, daß Du, wenn Du einmal richtig oben biſt, auch arbeiten wirſt, um Dich in Deiner Stellung zu erhalten.“ „Ich glaube, der Onkel hat recht. Inzwiſchen kommt es mir nicht zu, das im Voraus von mir zu behaupten. Aber eins kann ich ſagen, und das iſt, daß die Gefuͤhle, womit der bloße Wunſch des Onkels mein Herz erfuͤllt hat, von der Art ſind, daß ſie niemals, 5* 68 niemals erloͤſchen koͤnnen. Urtheile nun der Onkel, was dieſe Gefuͤhle werden koͤnnen, wenn dieſer ſo edelmuͤthige Wunſch in Erfuͤllung geht.“ In dieſem Augenblick ſchlug es drei Uhr. „Nun geſtatte ich nicht, daß Du noch laͤnger wa⸗ cheſt,“ ſagte der Director...„Sei nicht eigenſinnig, geh und leg Dich nieder— aber wecke erſt Gunnel.“ Gunnel— die einzige Favoritin des Directors unter dem Dienſtperſonal— war ſeit ſeinem erſten Krankheitsanfall in ſeiner Gunſt immer hoͤher geſtiegen, bis ſie ſich endlich faſt ganz unentbehrlich gemacht hatte. Das kam nicht daher, daß Gunnel theilnehmend geweſen waͤre, oder ein natuͤrliches Geſchick gehabt haͤtte, Kranke zu warten— darum kuͤmmerte ſich der Direc⸗ tor auch nicht— ſondern Gunnel war groß und ſtark, wie eine Rieſin— ſie konnte den Holzſtuhl des Direc⸗ tors, ihn ſelbſt mit eingerechnet, handhaben wie ein Speetzeug... Das war ihr Verdienſt, welches dadurch noch er⸗ hoͤht ward, daß ſie niemals verdrießlich ausſah und den Director niemals bedauerte, was er durchaus nicht lei⸗ den konnte. Philipp merkte, daß Gunnels Zeit nun gekommen war und da er fuͤhlte, daß er ſelbſt der Ruhe ſehr be⸗ durfte, ſo verſuchte er nicht laͤnger, ſich zu weigern. Gleich darauf befand er ſich in ſeinem Zimmer, der [, was uͤthige r wa⸗ innig, del.a ectors erſten iegen, nacht mend 69 wo er in einem tiefen Schlaf das wichtigſte Geſpraͤch vergaß, daß er jemals gepflogen. Als unſer Held zu einer ſpaͤten Stunde des Vor⸗ mittags erwachte, ſtand Dick an ſeinem Bett. Er hatte mit ſichtbarer Ungeduld dieſen Augenblick erwartet. Faſt erſchreckt erhob ſich Philipp. „Ah... Dick!... Willkommen zu Hauſe... wie geht es mit Papa... haſt Du Deine Schweſter mit⸗ gebracht?“ „Papa iſt viel ſchlimmer, als da ich abreiſ'te,“ ant⸗ wortete Dick, mit unterdruͤcktem Schluchzen. „Ja, ja, mein armer Dick, das iſt nur allzuwahr — doch, es iſt noch nicht gefaͤhrlich und wir muͤſſen hoffen... aber Du ſagteſt mir nichts von Lilia.“ „Sie iſt, ſeitdem wir angekommen ſind, drinnen bei dem Papa.“ „Ah, alſo iſt ſie wirklich gekommen— wie lange iſt es ſchon?“ „Gewiß vier gute Stunden— es wird gleich Zehn ſchlagen.“ „Nun, mein lieber Dick, biſt Du uͤbrigens zufrie⸗ den? Was ſagſt Du zu ihr?“ Philipp that dieſe Frage, waͤhrend ihm das Herz vor Angſt pochte. Seine Lage ward eine unangenehme und ließ ſich nur mit ſeiner Verlegenheit vergleichen, wenn er ſich ge⸗ noͤthigt ſah, das edelmuͤthige Vertrauen ſeines Freundes von ſich zu weiſen. „Du kannſt Dir in dieſer Hinſicht alle Fragen er⸗ ſparen,“ ſagte Dick,„der Papa hat mir verboten, darauf zu antworten.“ „Was ſagſt Du?“ „Ja, ich ſage, daß er ſo eben Lilia hinausgehen ließ, worauf er mir dann zufluͤſterte: Dick, mein Junge, nicht ein Wort zu Philipp uͤber Deine Schweſter— verſtehſt Du, nicht ein einziges Wort!“ „Nun, ſo ſage auch nicht ein einziges Wott, lieber Dick,“ antwortete Philipp und fuͤhlte gleichſam einen Krampf in der Seele. „Es iſt klar,“ dachte er,„der Onkel will nicht, daß irgend eine Vorbereitung mich fuͤr oder gegen ſtimmen ſoll... das war ein garſtiges Anzeichen— er fuͤrchtet alſo.“ „Ich will erſt hinuntergehen,“ ſagte Dick. „Nein, das kannſt Du bleiben laſſen... Aber Mamſſell Lilia hat ſich vielleicht ſchon auf ihr Zimmer begeben?“ „Wenigſtens hatte ſie es noch nicht gethan, als ich drinnen war.“ 1 Aber nmer s ich Waͤhrend Philipp ſprach, hatte er ſich mit eben ſo großer Eile, als außerlicher Sorgfalt angekleidet. In dieſer Sorgfalt lag aber doch eine angenehme Nachlaͤſ⸗ ſigkeit— Niemand konnte weniger pedantiſch ſein, als er. Candidat Philipp Thurné wußte recht wohl, daß er ein intereſſantes Aeußere hatte, und im Fall er einen Schimmer von Hoffnung beſaß, daß es ſich der Muͤhe lohnte, zu gefallen, wuͤrde er auch Alles, was in ſeinen Kraͤften ſtand, aufgeboten haben, um ſeinen Zweck zu er⸗ reichen. Aber jetzt zeigte er ſich blos mit jener ruhigen und eigenthuͤmlichen Art von Wuͤrde, welche einem Haus⸗ freund zukommt, der in die delikateſten Verhaͤltniſſe der Familie eingeweiht iſt und wie großer haͤuslicher Kummer, oder andere zarte Umſtaͤnde es verlangen. „Alſo, Dick, nun gehen wir— aber Du haͤltſt Dich hinter mir, verſtehſt Du!“.„.... Ein großer Salon theilte das Hauptgeſchoß von Ribyhus in zwei Haͤlften. Auf der einen Seite dieſes Scheideweges lagen die ſogenannten Putzzimmer, wovon ein paar kleine fuͤr die junge Herrſcherin eingerichtet worden— auf der andern befanden ſich die Zimmer des Directors. Dahin ſchlich ſich nun Philipp, und nachdem er durch das leere Vor⸗ und Arbeitszimmer gegangen, oͤffnete er die blos angelehnt ſtehende Thuͤr zum Schlafzimmer. Aber er hatte blos drei oder vier Schritte vorwaͤrts gethan, als er unſchluͤſſig ſtehen blieb. Der große Lehnſtuhl neben dem Bett des Directors hatte ſich in ein Sopha verwandelt— wenigſtens ſchien es ſo im Verhaͤltniß zu dem darin nachlaͤſſig ruhenden Zephyr, denn kaum(ſo dachte Philipp im erſten Augen⸗ blick) war wohl dieſe kleine Erſcheinung ein im Fleiſche wandelndes Frauenbild. An der Kante des Stuhls herab hing auf die rei⸗ zendſte Weiſe ein Fuß, gegen welchen der Aſchenbroͤdels groß genannt werden konnte und der arme Poet wuͤrde hundert Verſe dafuͤr gegeben haben, wenn er mit der aͤußerſten Fingerſpitze den ſchwarzen Seidenſchuh haͤtte anruͤhren duͤrfen, der dieſes kleine Meiſterwerk umſchloß. Aber er wagte nicht, ſich von der Stelle zu ruͤhren, aus Furcht, daß der Zephyr erwachen moͤchte, welcher mit dem Kopfe auf dem Pfuͤhl des Kranken und mit einer Hand in der ſeinen ſchlummernd dalag. Noch mehr fuͤrchtete er, ſeinen alten Freund aufzu⸗ wecken, welcher einen guten Schlaf zu genießen ſchien. Aber Philipp brauchte ſich auch nicht von der Stelle zu ruͤhren, um die verſchiedenen tauſend Einzelnheiten des Anblicks zu entdecken, der ihn uͤberraſchte. Lilia ſchien gleichſam mit iihrem eigenen Namen verſchmolzen zu ſein. Eine Lilie an Weiße, Feinheit und Schlankheit— ein duftendes Kind des Fruͤhlings, lag ſie da, mit dem launenhaften Uebermuth der Grazien in Aus⸗ waͤrts ectors ſchien eenden ugen⸗ leiſche e rei⸗ roͤdels druck und Haltung. Und uͤber die urwarmen, purpur⸗ gluͤhenden Wangen fiel ein Netz von weichen Seidenlocken, von jener Lieblingsfarbe der Dichter, welche man cendré nennt und die die ſchoͤnſte von allen blonden Schattirun⸗ en iſt. 4 Die Zuͤge ihres Antlitzes machten die vollendetſte Harmonie kindlicher Anmuth und wirklicher Engelmilde aus. Es war nicht ſchwer, ſchoͤnere Frauen zu finden, aber ſehr ſchwer waͤre es geweſen, eine Perſon zu finden, die mit ſo unnachahmlicher Wahrheit die Vorſtellung von jenem abgenutzten Ausdrucke reine Unſchuld wiedergab, eine Unſchuld, ſo rein und heilig wie die, die auf dem Ge⸗ ſicht des erſten Weibes geruht haben muß, ehe es fiel. Das ſchwarze Trauergewand umſchloß ihre blen⸗ dendweiße Geſtalt, wie eine dunkle Wolke, aber die offe⸗ nen, ſogenannten griechiſchen Aermel des Kleides ließen einen Arm ſehen, deſſen Form und durchſichtiger Schnee den Poeten mit Blindheit ſchlug. Eine Bewegung Dicks rief Philipp zuruͤck. Er drehte ſich herum. Dick blinzelte blos und nickte und ſah ganz trium⸗ phirend aus und dann verſchwand er durch die Thuͤr, aber nicht ſo leiſe, daß nicht der unangenehme Laut eines Knarrens ſich haͤtte hoͤren laſſen. In demſelben Augenblick ſtreckte ſich die kleine Schlaͤferin in dem Lehnſtuhle und wendete den Kopf nach der Thuͤr. Philipp verneigte ſich tief und ausdrucksvoll— das koͤnnen wir verſichern. Aber bevor er eine einzige Sylbe vorgebracht, machte Lilia— die ſich langſam aufrichtete und ihre kleinen Fuͤße auf den Schemel niederſetzte— mit der Hand eine Be⸗ wegung, welche, wenn ſie ihn auch nicht beſtimmt aus dem Zimmer hinauswies, ihm doch zu ſchweigen befahl. Und in den taubenaͤhnlichen, ſaphirblauen Augen lag ein ſo ungenirter Ausdruck von Gott weiß was fuͤr einer Kraft, daß Philipp unwillkuͤrlich gehorchte. Hinaus ging er jedoch nicht— im Gegentheil, er ſetzte ſich auf einen andern Stuhl nieder, Lilia gerade ge⸗ genuͤber. Aber gleich als ob gar nichts geſchehen waͤre, ſchlummerte das junge Maͤdchen bald wieder ein und ihre Bewegungen waren ſo leicht geweſen, daß ſie nicht einmal die Hand zu regen gebraucht, welche in der ihres Vaters ruhte......... Unzaͤhlige Mal— was eben ſo viel ſagen will, als niemals— hatte Philipps Herz von zaͤrtlicheren Gefuͤh⸗ len geſchlagen. Es gab faſt kein junges Frauenzimmer in der Ge⸗ gend— die kleine Nachbarſtadt mit eingerechnet— deſ⸗ ſen Stammbuch er nicht mit den ſuͤßeſten Verſen berei⸗ chert hatte, von denen ſogar viele ein kleines Geheimniß Kopf das achte Fuͤße Be⸗ t aus efahl. g ein Kraft, il, er de ge⸗ waͤre, dihre nmal gaters „als efuͤh⸗ Ge⸗ deſ⸗ berei⸗ mniß 75 verriethen, aber niemals, niemals hatte der Dichter und der Menſch gleichzeitig einen ſo hohen Genuß gehabt, wie waͤhrend der nun folgenden Stunde. Dieſes kleine, uͤberirdiſche Weſen verwirklichte ſeine ſchoͤnſte Vorſtellung vom Weibe, in welchem er, ſtets zur Anbetung geneigt, allemal einen Seraph ſehen wollte. Und als er ſich die Moͤglichkeit dachte, daß dieſer Seraph ſeine eigene Lebensbahn begluͤcken und verſchoͤnen werde, begann er zu zittern und dann den Eindruck zu unterſu⸗ chen, welchen er erfuhr. 3 Aber dieſe Arbeit ward unmoͤglich, denn alle ſeine Eindruͤcke ſchmolzen in ein unendliches Wohlbefinden zu⸗ ſammen. Aber bald ſtand gleichſam eine Wolke zwiſchen ihm und dem entzuͤckenden Anblick, der eine berauſchende Kraft uͤber ſeine Sinne auszuuͤben begann und als er ſeine Augen anſtrengte, welche Muͤhe hatten, recht leibhaftig zu ſehen, bemerkte er eine lange, in Trauer gekleidete Frau, welche ſich uͤber das ſchlummernde Maͤdchen niederbeugte. In ſeiner poetiſchen Verblendung war Philipp nahe daran, die Hand auszuſtrecken, um dieſe Wolke hinwegzu⸗ ziehen, aber die Wolke wendete ſich auch gegen ihn ſelbſt und nun begriff er endlich, was zu ſeinem Frieden diente. Er ſtand auf und begruͤßte ſtumm Lilia's Beglei⸗ terin, die gefuͤhlvolle und wortreiche Mamſell Helena Forsling, ehemaliges Geſellſchaftsfraͤulein bei der Schwe⸗ ſter des Directors. Gleichzeitig erwachten auch die Schlafenden. Lilia kuͤßte mit ſanfter und anmathiger Geberde die Hand ihres Vaters, welche ſie dann ſachte niederlegte und er. Philipp erkannte ſeinen Blick faſt nicht wieder; niemals war derſelbe ſo geweſen, wie in dieſem Augen⸗ blick, als er mit inniger Liebe auf der Tochter verweilte. Dieſer einzige Blick erklaͤrte Philipp, wie ſehr der arme Vater das Beduͤrfniß ſeines eigenen Herzens ver⸗ kannt und wie ſehr er bereute, ſich ſo lange eine Seligkeit verſagt zu haben, die er jetzt erſt kennen lernte. Der andere Blick des Directors fiel auf Philipp. „Siehſt Du, mein Sohn“— es war das erſte Mal, daß der Director dieſen Ausdruck gebrauchte.. vielleicht hatte er in Philipps Augen geleſen, daß er ihm nicht mißfallen wuͤrde—„ſiehſt Du, mein Sohn, was Gott uns geſchickt hat... Ach, wenn ich Dir geglaubt haͤtte.. Nun, Lilia, mein liebes Kind, haſt Du Philipp begruͤßt?“ „Ja, Papa, wir haben uns ſchon begruͤßt,“ antwor⸗ tete Lilia mit demſelben unbefangenen Ton, als ob ſie Philipp ſchon Zeit ihres Lebens gekannt haͤtte.„Und Herr Thurné hat die Guͤte gehabt, ſowohl meinen, als Papas Schlaf zu bewachen.“ „So, Du ſchliefſt, nachdem er eingetreten war?“ „Das heißt, Papa, daß ich, als Herrn Thurné's Ankunft mich weckte, gleich wieder einſchlief.“ Dies ward ſo unſchuldig und naiv und mit einer 8 de die rlegte eder; igen⸗ lte. r der ver⸗ igkeit p. Mal, leicht nicht Gott te... ßt?“ wor⸗ b ſie ‚Und „ als 2 né'˙s einer 77 ſo weichen und ſchoͤnen Stimme geſagt, daß es weit ent⸗ fernt, Philipp zu beleidigen, ihn vielmehr entzuͤckte und noch mehr ward er entzuͤckt, als Lilia— nachdem ſie ſich uͤber das Bett geneigt und den Vater umarmt— mit einer leichten Verbeugung gegen Philipp ſagte: „Leben Sie wohl, Herr Thurnsz ich uͤberlaſſe Papa nun ſeinem ſchon privilegirten Waͤrter, waͤhrend ich mich auf einige Stunden ordentlich ſchlafen lege.“ „Ja, thue das, mein liebes Kind,“ ſagte der Vater, „denn die Ruhe, die Du hier auf dem Stuhle genoſſen, kann nicht ſehr gut ſein... Aber verzeihen Sie, beſte Mamſell Helena“— Mamſell Helena hatte ſich waͤh⸗ rend des eben erzaͤhlten kleinen Auftritts einmal uͤber das andere verbeugt—„das liebe Kind da kommt mir... „Keine Entſchuldigung, Herr Director— ich muß ganz gehorſamſt bitten, daß der Herr Director ſich in keinerlei Weiſe genirt! Ich bin ſchon zu gluͤcklich, daß ich ſo willkommen bin und fuͤrwahr, ich glaubte es nicht! Die arme, gute Lilia konnte ſich nicht allein behelfenz die Welt iſt leider nicht ſo, daß ſie Alter und Weisheit entbehren koͤnnte. Na, na, es hat keine Gefahr, mein beſter Herr Director— der Herr Director wird ſich ſchon wieder erholen! Ich hatte uͤberdies meiner ſeligen Freundin— ach theure Seele, Du biſt nun im Him⸗ mel— mit Hand und Mund verſprochen, ihren vor⸗ nehmſten Schatz in die Arme eines liebenden Vaters zu fuͤhren.“ Der Director zog einige Mienen, welche unzwei⸗ deutig ſeinen Widerwillen gegen dieſen Wortſchwall zu erkennen gaben, aber Philipp, dem der dunkle Planet, welcher ſeinem hellen Sterne folgte, eben ſo wenig be⸗ hagte, begnuͤgte ſich nicht mit Mienen— er ſagte ganz betruͤbt:. „Ich fuͤrchte, daß wir den Onkel nicht durch zu vieles Reden munter machen duͤrfen— vielleicht kann der Onkel wieder einſchlafen, wenn Alles ſtill bleibt.“ „Ja, ich fuͤhle mich ſehr muͤde... verzeihen Sie, Mamſell Helena! Thun Sie inzwiſchen, als ob Sie zu Hauſe waͤren. Sehen Sie ſich ein wenig nach den Dienſtleuten um und ſehen Sie zu, daß Lilia ungeſtoͤrt ſchlafen kann.“ „Ich gehe.. ich fliege, ſolche Zuſtaͤnde greifen mich außerordentlich an; aber ich beſitze, Gott ſei Dank, auch eine erſtaunliche Staͤrke. Ach, wer ſollte ſich um Lilia bekuͤmmern, wenn ich es nicht thaͤte— ſeien Sie ruhig, Herr Director! Die Dienſtleute ſind gerade meine ſchwache Seite... mein Blick dringt uͤberall hin.“ Endlich ging dieſe hunderttauſend und erſte Auflage von alten plauderſuͤchtigen Jungfern ihrer Wege. Der Director ſchoͤpfte leichter Athem. Philipp, der die Thuͤr hinter ihr zugemacht, ſtuͤrzte beinahe zuruͤck an das Bett des Kranken. rs zu zwei⸗ all zu anet, g be⸗ ganz h zu kann 46 Sie, ie zu den eſtoͤrt eifen Dank, um Sie neine flage uͤrzte 79 Seine blitzenden Augen, ſeine ſtrahlende Stirn und ſein ganzes Weſen ſprachen, bevor noch ſeine Lippen es thaten. „O mein Vater, mein theurer Vater, der Name, den ich ſo eben erhielt, hat mein Herz entzuͤckt— wird mir wohl jemals wieder dieſer heilige Name zugetheilt werden?“ Ein Laͤcheln ſchwebte auf den bleichen Lippen ſeines alten Prinzipals. „Geſtern ſchien Dir nicht ſo viel daran zu liegen, Philipp!“ „Geſtern handelte es ſich darum, ein mir anver⸗ trautes Kleinod zu behuͤten, welches mir eine Menge irdiſche Guͤter zufuͤhren wuͤrde, aber heute— o welcher Unterſchied— heute, wo die Frage wieder aufgeworfen wird, iſt es ein Engel, den man an mein Herz legt und dieſer Engel, der den Himmel zum Brautſchatz mitbringt, wuͤrde von mir mit uͤbermenſchlicher Zaͤrtlichkeit und Sorgfalt behuͤtet werden.“ Der Director bewegte blos langſam den Kopf— es war doch ein Beifall in dieſer Geberde. „Ach, Onkel, dieſer edelmuͤthige Vorſchlag haͤtte nie⸗ mals gemacht werden ſollen— ſie kann nicht wollen... es iſt unmoͤglich, daß ſie wollen kann.“ „Aber wovon biſt Du nur ſo eingenommen worden? Du haſt ſie ja blos ſchlafen ſehen.“ „Sie blos ſchlafen geſehen zu haben, das waͤre 8⁰ wohl auch mehr als hinreichend geweſen. Aber habe ich nicht außerdem ihre ganze bezaubernde Sylpphengeſtalt uͤber den Boden ſchweben ſehen, habe ich nicht den keu⸗ ſchen Glanz auf ihrer Stirn, das Gemiſch von Anmuth und jungfraͤulichem Stolz in ihrem Blick, habe ich nicht den Silberton gehoͤrt, welcher...“ „Still, ſtill— Du biſt ja viel ſchlimmer, als die Plaudertaſche, welche eben hinaus iſt, Philipp... die Summa der Geſchichte iſt, daß Du, im Fall Lilia ein⸗ willigt, ſie gerne zur Frau annimmſt?“ „Annimmſt?— Nun, ich glaube wohl!“ „Haͤtten wir nur Zeit zu einer naͤhern Pruͤfung— aber Gott weiß, ich glaube, ſie iſt liebenswuͤrdig und ihr Verſtand kommt mir, nach dem wenigen, was wir geſpro⸗ chen, vor, als ob er hoch uͤber ihren Jahren ſtuͤnde. Das Beſte jedoch iſt ihre Sanftmuth... dieſe Veraͤnderung iſt wunderbar, denn fruͤher war ſie nicht mild.“ „Aber, Onkel, dieſer Gegenſtand... der erſtere war tauſendmal angenehmer.“ „Nun, ſo traͤume daruͤber und laß mich in Ruhe nachdenken.“ 6. Vater und Tochter. Es war zu einer Morgenſtunde im Monat Juni. Zu den halbgeoͤffneten Fenſtern in dem Vorzimmer des Directors ſtroͤmte der ſchmeichelnde Sommerwind hetein, Roſen⸗ und Jasminduͤfte mit ſich fuͤhrend. Die Kanarienvoͤgel in den Kaͤfigen beantworteten munter die Triller ihrer Bruͤder draußen im Freien. Aber ein Ton, bemerkbarer als das Zwitſchern der Voͤgel und das Sum⸗ men der Inſekten erhob ſich uͤber die anderen. Dieſer Ton war das einfoͤrmige Gebraus des Waſſers bei der etwas entlegenen Fabrik. Der Director war in ſeinem Rollſtuhle herausge⸗ fahren worden, in welchem er, mit dem Kopf auf die Hand geſtuͤtzt, in halb liegender Stellung ſaß und den Kopf nach Lilia wendete, welche, nachdem ſie den Arzt an die Thuͤr begleitet, jetzt zuruͤckkam und ſich auf ein Ein Gerücht. I. 6 niedriges Tabouret an der Seite ihres Vaters nieder⸗ ſetzte. Vater und Tochter waren allein. „Waͤhrend der vier Tage, die ich Dich bei mir habe, mein liebes Kind,“ ſagte der Vater und ſtreichelte leiſe die kleine Hand, die ſich auf die ſeine legte,„habe ich gefunden, daß Du ſo weit entfernt biſt von der gewoͤhnlichen weiblichen Verzaͤrtelung— ja ſogar von der natuͤrlichen Schwaͤche, die Deinem Geſchlecht eigen iſt und beſonderes einem ſo zarten und kleinen Koͤrper⸗ bau, wie dem Deinen, daß ich kein Bedenken getragen habe, Dich mein Geſpraͤch mit dem alten Doctor an⸗ hoͤren zu laſſen... Du haſt gehoͤrt, was er geſagt hat?“ Bei dieſen Worten hob Lilia ihre vorher nie⸗ dergeſchlagenen Augen zu dem Vater auf und uͤber dem klaren Schmelz derſelben lag ein feuchter Schleier, der ſie in einem Augenblick ſo in ſeinen Silbernebel ein⸗ huͤllte, daß ſie ſich von Neuem ſenken mußten; aber das Silber des Nebels blieb in den Augenwimpern haͤngen. „Du liebſt mich alſo, mein Kind, Du liebſt mich wirklich— nicht wahr?“ „Ach— ob ich Papa liebe... ich glaubte, Papa liebte mich nicht; aber ich ſehe es ja nun deutlich.“ „»Wie, meine Tochter, Du konnteſt glauben... aber es iſt wahr...“ er ſeufzte und brach ab. „Ach, ich entſinne mich noch,“ hob ſie wieder an, nieder⸗ ei mir reeichelte „habe on der ar von t eigen Koͤrper⸗ etragen kor an⸗ geſagt er nie⸗ er dem r, der el ein⸗ der das aͤngen. t mich Papa ⁴ ben... der an, 83 „daß ich ein ſehr unfreundliches Kind war, als ich noch zu Hauſe war. Ich hatte da noch nicht meine Empfin⸗ dungen und Einfaͤlle beherrſchen gelernt. Es war wirk⸗ lich ein Gluͤck, daß Papa mich zur Tante ſchickte. Nun aber, wenn Gott es zulaͤßt—“ ihre Stimme klang eben ſo zaͤrtlich, als ihr Blick anmuthig war—„wie gluͤcklich werden wir nun miteinander ſein.“ „Aber er wird es nicht zulaſſen, mein Kind; Du haſt es eben gehoͤrt— und urtheile nun, wenn der Arzt erklaͤrt, daß ich mich auf dieſe Weiſe noch ein Jahr dahinfriſten kann, vielleicht aber auch nur ein paar Wochen, urtheile, ſage ich, nun ſelbſt, welche furchtbare Angſt mich martert, bei dem Gedanken, Dich ohne andern Schutz zuruͤcklaſſen zu muͤſſen, als den eines Dir fremden Vormunds und der freundlichen aber einfaͤltigen Mamſell Helena... Dick iſt noch nicht ſechzehn Jahr alt und bedarf eines Schutzes faſt eben ſo dringend, als Du.“ „Gewiß wuͤrde Papa es nicht fuͤr noͤthig gehalten haben, auf dieſe ſchmerzlichen Einzelnheiten einzugehen, im Fall Papa nicht im Zuſammenhange damit etwas Beſonderes zu ſagen haͤtte.“ „Das iſt wahr, mein Kind! Ich haͤtte mir dann angelegen ſein laſſen, vor allen Dingen Eure Vormuͤn⸗ der zu waͤhlen, aber mein letztes Teſtament, hoffe iſt, iſt noch nicht aufgeſetzt.“ „O Papa!“ „Entſchuldige, mein Kind, aber Du mußt Muth beſitzen.“ „Nun wohl, Papa, ich werde mein Moͤgliches thun.“ „Du biſt jung, meine Lilia, aber es giebt ein Gefuͤhl, welches nicht den Jahren folgt. Waͤreſt Du vielleicht damit bekannt? Antworte aufrichtig.“ „Lieber Papa, ich antworte aufrichtig Nein!“ „Iſt es gewiß, daß Du nicht vor Deiner Heim⸗ kunft einen Mann getroffen haſt, den Du vor allen Andern vorziehen wuͤrdeſt?“ „Keinen!“ „Wenigſtens iſt es wahrſcheinlich, daß Du be⸗ merkt worden biſt. Dein Aeußeres, welches ſich waͤh⸗ rend der letzten Jahre eben ſo ſehr veraͤndert hat, wie Dein Weſen, hat nicht verfehlen koͤnnen, ſchon Auf⸗ merkſamkeit auf ſich zu ziehen.“ „Allerdings bin ich geſehen worden, aber da ich nicht Jemanden geſehen habe, ſo hat man mich als ein Kind betrachtet, was ich ja in der That auch bin.“ „Ach nein, Lilia, fuͤr eine Frau iſt Dein Alter allerdings noch ſehr gering, aber es i*ſt doch hinreichend, daß Du heirathen kannſt.“ „Glaubt das Papa?“ „Ganz gewiß, da Du frei biſt... um Alles in der Welt haͤtte ich keine Tyrannei gegen Dein Herz aus⸗ uͤben moͤgen.“ Muth gliches ebt ein ſt Du 1 Heim⸗ allen u be⸗ waͤh⸗ , wie Auf⸗ da ich h als bin.“ Alter chend, in der aus⸗ 8⁵ „Tauſend, tauſend Dank, Papa, fuͤr dieſe Worte, die weit edelmuͤthiger ſind, als die, deren ſich andere Vaͤter, wie ich gehoͤrt habe, bei ſo wichtigen Gelegen⸗ heiten bedienen.“ „Du ſollſt Deinen freien Willen haben, meine Lilia— nur Deine eigene Stimme ſoll uͤber den Vor⸗ ſchlag entſcheiden, den ich Dir zu machen gedenke.“ . Und den Papa in Erfuͤllung gehen zu ſehen wůnſchtꝛ⸗ „Das leugne ich nicht und da Du, ſonderbar ge⸗ nug, Alles zu errathen ſcheinſt, ſo begreifſt Du auch, daß es mein ehrl icher Philpp iſt, dem ich Dich zur Gattin ge⸗ ben will? „Ja, Papa... aus all den Lobſpruͤchen, welche Dick unterwegs an ihn verſchwendete und aus vielen Worten, die er uͤber Papas große Vorliebe fuͤr ſeinen Lehrer fallen ließ, merkte ich beinahe, was mich er⸗ wartete.“ „Und Du faßteſt gerade deshalb ein Vorurtheil ge⸗ gen Philipp?“ „Ich faſſe niemals Vorurtheil oder Vorliebe fuͤr Jemanden, den ich nicht perſoͤnlich beurtheilen kann.“ „Ach, nun errathe ich— weißt Du was?“ „Nein, in der That nicht!“ „Nun, daß Du den erſten Morgen nicht ſchliefſt, wie Du Dich ſtellteſt, ſondern daß Du ſtatt deſſen die Gelegenheit benutzteſt, ihn zu betrachten, als er ſich un⸗ 86 geſehen glaubte. Ich weiß von fruͤher her, daß Ihr Frauenzimmer im Stande ſeid, durch die geſchloſſenen Augen hindurchzuſehen.“ „Warum nicht, Papa,“ antwortete ſie laͤchelnd, „wenn wir ſie zuweilen ein ganz klein wenig oͤffnen.“ „Nun gut, meine liebe Lilia, das freut mich, denn da konnteſt Du— waͤhrend Deines Schlafes, nicht um⸗ hin, zu bemerken, daß der arme Poet ganz und gar hinge⸗ riſſen ward.“ Die Antwort des jungen Maͤdchens lag in einer leichten Verdunkelung ihrer außerordentlich klaren Roſen⸗ farbe. „Die Nacht vor Deiner Ankunft erklaͤrte ich ihm meine Gedanken uͤber dieſen Punkt. Im Fall ich plöͤtz⸗ lich von hinnen ſcheiden muͤßte, wollte ich, daß er ſie ken⸗ nen moͤchte.“ „Wußte er den Wunſch des Papas nicht ſchon vorher?“ „Er haͤtte ihn blos ahnen koͤnnen.“ „Und als er Gewißheit erhielt?“ „... Ging er auf den Vorſchlag nicht ein, wie ein Mann, der ſich freut, ſich unvermuthet einer unabhaͤn⸗ gigen Zukunft verſichert zu ſehen.“ „Nicht?“ „Nein, mein Philipp iſt fuͤrwahr kein Mann, der ſich durch eigennuͤtzige Berechnungen leiten laͤßt. Im Gegentheil machte er zur Bedinguung, nicht blos Deine vo die T 1 n Ihr ſſenen helnd, denn t um⸗ hinge⸗ einer koſen⸗ ) ihm ploͤtz⸗ e ken⸗ ſchon ie ein bhaͤn⸗ 1, der Im Deine 87 volle Zuſtimmung, ſondern daß auch ſein eignes Gefuͤhl die Wahl billigen wuͤrde.“ „Und wenn das nicht waͤre?* „ Dann weiß Gott, wie es geworden waͤre. .. Aber willſt Du wiſſen, wie es nun den erſten Mor⸗ gen ging?“ Lilia gab ein ſtummes Zeichen mit ihrem kleinen Koͤpfchen. „Nun, ſobald als Du fortgegangen warſt, um, wie Du ſagteſt, ordentlich auszuſchlafen und es ihm gelun⸗ gen war, die liebe, langweilige Mamſell Helene fortzu⸗ ſchaffen, kam er wie ein Wirbelwind auf das Bett zu⸗ geſtuͤrzt und ich wollte, Du haͤtteſt gehoͤrt, mit welchem Enthuſiasmus er dann von dieſem Thema ſprach, wel⸗ ches er den Tag vorher mit ſo viel Ruhe und Nachden⸗ ken beruͤhrt hatte.“ „Uebertreibt Papa nicht?“* „Uebertreiben— ich entſinne mich ja nicht eines Wortes ſeiner ganzen Herzensergießung, als daß der Junge ſich beklagte, daß dieſer edelmuͤthige Vorſchlag, wie er es nannte, jemals zur Sprache gebracht worden.“ „Wenn er das beklagte, ſo...“ „Nun, verſtehſt Du, er glaubte nicht an die Moͤg⸗ lichkeit, daß Du einwilligen wuͤrdeſt. Und erſt noch geſtern Abend, als er von mir ſchied, ſagte er in einem Ton, deſſen Niedergeſchlagenheit mich ordentlich boͤſe machte: der Onkel ſieht ja, daß ſie mir mit einer Gleich⸗ giltigkeit begegnet, welche deutlich darauf berechnet iſt, jede Annaͤherung von meiner Seite zuruͤckzuſchrecken.“ „Aber was verlangt denn Herr Thurn nach einer dreitaͤgigen Bekantſchaft an dem Krankenbette meines Vaters? verlangt er, daß ich ihm jetzt ſchon beſondere Ruͤckſicht ſchenke, ſo wuͤnſcht er ſeine Siege ſehr leicht zu erkaufen.“ „»Um Alles in der Welt willen, mein Kind, verkenne ihn nicht! Niemand kann empfindlicher ſein, als er und ohne Zweifel wuͤrde er niemals auch nur die ge⸗ ringſte Anſpielung auf ſeine Gefuͤhle machen wollen, be⸗ vor er einige Hoffnung auf Erfolg beſaͤße, wofern nicht meine Zeit, bei Euch zu ſein, ihrem Ende entgegeneilte.“ Lilia ſchwieg. „Und ich frage Dich, iſt es wohlgerathen, dieſe koſtbare Zeit an eine Menge ceremonieller Ruͤckſichten zu verſchwenden? Wenn wir handeln ſollen, duͤrfen wir nicht zaudern.“ „Es iſt gleichwohl uͤbel; denn welche liebevolle Ge⸗ fuͤhle hat wohl der Mann, der mir nach ſo kurzer Be⸗ kanntſchaft vorgeſchlagen wird, mir einfloͤßen koͤnnen — vielleicht Dankbarkeit fuͤr ſeine kindliche Pflege mei⸗ nes Papas und fuͤr ſeine treue bruͤderliche Pflege Dicks? Aber wenn wir einen pruͤfenden Blick auf die Sache werfen...“ „Nun, was iſt dann?“ „Wie ſehr ſpricht nicht der Aufenthalt hier zu net iſt, en.“ h einer meines ſondere r leicht erkenne als er die ge⸗ n, be⸗ mnicht eilte.“ dieſe ten zu n wir e Ge⸗ r Be⸗ onnen mei⸗ dicks? Sache zu 89 ſeinem eigenen Vortheil! So wie Papa ihn ſchildert, muß das Leben in Ribyhus— ruhig, genußvoll, ge⸗ maͤchlich und traͤumeriſch— fuͤr ihn ein Leben im Para⸗ dieſe ſein.“ „Wenn ich ihn ſo geſchildert habe, meine Lilia, ſo ſo habe ich ihn nicht recht geſchildert. Scheint Dir uͤbrigens, daß das Leben hier gegenwaͤrtig ruhig, genußvoll und gemaͤchlich ſei oder glaubſt Du, daß es ſeit langer Zeit ſo geweſen, ſo irrſt Du Dich, denn uͤber ſechs Mo⸗ nate lang hat Philipp kaum eine Stunde fuͤr ſich gehabt, um ſie in Gemaͤchlichkeit vertraͤumen zu koͤnnen. Sein natuͤrlicher Edelmuth geſtaltet die Natur ſelbſt um. Er ſah, was ich bedurfte und er ward fuͤr mich Alles, waͤhrend er doch blos der Lehrer meines Sohnes zu ſein gebraucht haͤtte.* „Dick erwaͤhnte,“ ſagte Lilia, indem ſie dem Ge⸗ ſpraͤch eine etwas andere Wendung gab,„daß Herr Thurné unter den Frauen der Nachbarſchaft viel Gluͤck gemacht habe.“ „Nun ja, das will ich nicht leugnen,“ antwortete der Director mit einem gewiſſen vergnuͤgten Stolze. „Will man in der Stadt ein kleines Stuͤck auf dem Geſellſchaftstheater auffuͤhren, oder einen Ball oder eine Schlittenpartie anſtellen, ſo kann man ohne den um⸗ ſichtigen, den heitern, den intereſſanten Candidaten gar nicht zu Fache kommen und die Frauenzimmer— ſo heißt es— ſpielen viele kleine Intriguen, um ſich vor 90 ihm bemerkbar zu machen. Ja, in dem Marktflecken neben uns liegen ſie ſogar im Fenſter und gucken ihm nach.“ (Wenn das nicht zieht, dachte der Director, ſo verſtehe ich mich auf nichts!) „Aber wenn Papas Schuͤtzling gewohnt iſt, ſo viele Eroberungen zu machen, wenn er ſich an die Veraͤn⸗ derlichkeit gewoͤhnt hatt, welche, wie man glaubt, dem Gemuͤthe eines Poeten eigen iſt, welche Buͤrgſchaft hat dann Papa fuͤr meine gluͤckliche Zukunft? Die fluͤch⸗ tige Neigung, welche der Herr Candidat auf den erſten Anblick fuͤr mich gefaßt hat, kann ihn auch bald wie⸗ der verlaſſen und dann...“ „Eine edle und reine Liebe wird immer ihre Macht uͤber ihn beibehalten, deſſen bin ich gewiß, ſelbſt wenn...“ „Was fuͤr ein ſelbſt wenn?⸗ „Ach nichts, nichts!“ „Nun, dann will ich Papas Worte ergaͤnzen— ſelbſt wenn eine oder die andere kleine Untreue, von der Du Dir nicht merken laſſen darfſt, daß Du davon weißt, ſeinen poetiſchen Geiſt auffriſchen ſollte.“ „Was Du jetzt ſagſt, mein Kind, haͤtte ich von einem Maͤdchen, welches kaum ſiebzehn Jahre alt iſt, nicht zu hoͤren erwartet. Aber da Du Dich mit ſo vieler Sachkenntniß ausſprichſt, ſo... „Ach, Papa,“ unterbrach ihn Lilia,„wenn ich alt 91 fflecken genug bin, um zu heirathen, ſo ſehe ich nicht ein, wes⸗ en ihm halb ich eine Pruͤderie zeigen und mich ſtellen ſollte, als kennte ich nicht die moͤglichen Folgen, wele che aus ſo dieſer Sache hervorgehen koͤnnen. Ich will eine Frau ſein und nicht ein Kind, wenn ich in den Eheſtand tre⸗ o viele ten ſoll.“ Beraͤn⸗ Als der Director die zephyrgleiche Erſcheinung vor dem ſich betrachtete— denn ein Zephyr war Lilia— ſo ift hat konnte er nicht begreifen, wie dieſes ſowohl in Bezug fluͤch⸗ auf Koͤrperhaltung als Ausdruck des Angeſichts vollkom⸗ erſten men kindiſche Weſen ſich auf dieſe beſtimmte Weiſe d wie⸗ ausdruͤcken konnte und zwar, ohne daß ihre Stimme einen einzigen Ton von ihrer unbeſchreiblich unſchuldi⸗ Macht gen und wohlklingenden Reinheit verloren haͤtte. ſelbſt Es war blos ein kleiner Zug um den Mund herum, welcher darauf hindeutete, daß die Seele, welche dieſen kleinen Koͤrper beherrſchte, ſich vielleicht in ihrer Wohnung etwas beengt fand. en—„Du biſt mir ein kleines Raͤthſel, Lilia! Aber da on der Du wil lſt, daß ich zu einer gere eiften Frau und nicht davon zu einem ſchuͤchternen Kinde e ſpreche, ſo war das, was ich ſagen wollte, blos das, daß Philipps Gattin aller⸗ h von dings moͤglicherweiſe einen kleinen Seitenſprung zu ver⸗ alt iſt, zeihen haben koͤnnte. Doch ich glaube ſogar, daß ſie nit ſo ſich auch davor ſchuͤtzen koͤnnen, wenn ſie die Herrſchaft uͤber ſein Herz nicht aus den Haͤnden giebt... Aber ich alt Dein Blick wird finſter und kalt... ich kenne den Aus⸗ 92 druck deſſelben nicht und ich fuͤrchte, daß Philipp mir nicht ſehr danken wuͤrde— wenigſtens wuͤrde er meine Behauptung ganz und gar beſtreiten— im Fall er hoͤrte, was ich eben ſagte.“ „Daran zweifle ich nicht; aber ohne einige Er⸗ fahrung zu beſitzen, begreife ich doch, daß eine ſolche Verſicherung nicht von irgendwelchem Werthe ſein kann. Nur die Zukunft kann man um Rath fragen und von ihr eine Antwort erwarten— im Fall naͤm⸗ lich dieſe Zukunft wirklich kommen ſollte.“ „Das wird natuͤrlich von Dir ſelbſt abhaͤngen, mein Kind. Und faſſeſt Du Deinen Entſchluß fuͤr Philipp, ſo haͤtte es, da Du ſelbſt ſagſt, daß blos die Zukunft eine Antwort geben kann, ja keinen Zweck, die Handlung aufzuſchieben, die Euch Alle in eine ſichere Stellung verſetzen kann.“ Lilig ſenkte den Kopf auf die Hand. „Haſt Du etwas gegen Philipp?“ „Nein, nichts.“ „Glaubſt Du, daß Du ohne irgend eine Art von Widerwillen ſeine Gattin werden koͤnnteſt?* „Ja, weil ich lieber gleich in eine unabhaͤngige Stellung kommen will, als...“ „Als was?“ „Als mich der Unannehmlichkeit ausſetzen, die fuͤr mich entſtehen wuͤrde, wenn ich nach Papas Tode— pp mir meine Fall er ge Er⸗ ſolche he ſein fragen lnaͤm⸗ zhaͤngen, aß fuͤr blos die eck, die ſichere Irt von haͤngige die fuͤr ode— 93 ach, moͤge dieſer noch fern ſein— von dem Willen eines Vormundes abhaͤngen muͤßte.“ „Iſt das die einzige Urſache zu Deiner Zuſtim⸗ mung? Ich geſtehe aufrichtig, daß ich Dich lieber eine andere haͤtte nennen hoͤren.“ „Es macht mir ſchon Freude, den letzten Wil⸗ len Papas erfuͤllen zu koͤnnen.“ „Nicht Willen— das bedenke!“ „Nun denn, Wunſch.“ „Aber beruhige mich wenigſtens in einer Hinſicht! Wuͤrdeſt Du, wen ich Dir auch ſonſt vorgeſchlagen haben moͤchte, Dich aus den zwei angegebenen Gruͤn⸗ den vermaͤhlt haben?“— „Das behaupte ich nicht.“ „Gut— das iſt wenigſtens ein Anerkenntniß von Philipps Vorzug. Und nun, mein Kind, erlaubſt Du ihm wohl, mit Dir zu ſprechen?“ „Das ſcheint mir aber gerade nicht zu etwas fuͤh⸗ ren zu koͤnnen... Wenn Papa ihn von meiner Ein⸗ willigung unterrichtet, ſo iſt das gewiß Alles, was noͤthig iſt.“ „Aber Du begreifſt doch, das er von Deinen eige⸗ nen Lippen zu hoͤren wuͤnſcht, daß Deine Zuſtimmung eine freiwillige iſt.“ „Nun, er muß doch wohl wiſſen, daß in unſerer Zeit Niemand mehr zum Altar geſchleppt wird und daß die Einwilligung zu einer Vermaͤhlung— die Ur⸗ 94 ſache moͤge nun ſein, welche ſie wolle— ſtets eine ar freiwillige iſt.“ ch „Auf jeden Fall, meine Tochter, kannſt Du, nach⸗ P dem Du eingewilligt, ſeine Frau zu werden, Dich ſte ſeiner Erklaͤrung nicht entziehen.“ „Guter Papa, verzeihe mir, aber wenn er hört, gl daß ich die Erklaͤrung als ſchon gegeh ben anſehe und daß n ich mich ohne weitere Uruſtende als deſeid Verlobte be⸗ di trachten will, ſo ſcheint mir, daß er dies Alles entbeh⸗ m ren kann, was, gelind ge ſagt, bei einer ſo eilig zuſam⸗ fuͤ mengebrachten Partie laͤcherlich waͤre.“ ke „Wenn ich Dich recht verſtehe⸗— der Director un erſtickte einen halben Seufzer, er war erfreut und miß⸗ m vergnuͤgt zu gleicher Zeit—„ſo willſt Du lieber die ei ganze Vermaͤhlung auf ceremoniellem Fuße arrangirt zu ſehen?“ br „Nun ja, warum nicht— es iſt ja eine Hand⸗ P G lung, mit welcher das Geſetz und das Ceremoniell zu D ſchaffen hat... und noch ein Wort— im Fall Papa lic mir erlaubt, es auszuſprechen.“ „Sage Alles, was Du zu ſagen Luſt haſt, mein liebes Kind!“ 1 S „Was ich jetzt zu ſagen beabſichtige, geſchieht— ich rufe Gott dabei zum Zeugen an— weder aus Nie⸗. drigkeit, noch aus Eigennutz, ſondern blos deshalb, daß, weil ich im gegenwaͤrtigen Augenblicke noch nicht daß ganze Vertrauen auf Herrn Thurné's Feſtigkeit und ets eine I, nach⸗ „Dich er hoͤrt, und daß obte be⸗ entbeh⸗ zuſam⸗ Director nd miß⸗ ieber die rrangirt e Hand⸗ oniell zu U Papa t, mein hieht— us Nie⸗. alb, daß, licht daß keit und auf ſeine Faͤhigkeit zur Leitung der Geſchaͤfte habe, wel⸗ ches ich mir ſpaͤter zu erwerben hoffe, ich es fuͤr meine Pflicht anſehe, uns nicht Beide durch diePflichten blos⸗ ſtellen, welche ein blindes Vertrauen haben koͤnnte.“ „Ach, meine Tochter, meine liebe Tochter, ich glaube wirklich, daß Du ein ganzer Advokat biſt! Na, na, es kann eigentlich gar nichts ſchaden, wenn auch die Frauen Sinn fuͤr die Geſchaͤfte haben und ſich be⸗ muͤhen, ſich vor mißlichen Folgen ſicher zu ſtellen, die fuͤr ſie hervorgehen koͤnnten, wenn ſie ein Intereſſe ver⸗ kennen, welches ſie ſo nahe beruͤhrt, als es hier in unſerer Angelegenheit der Fall iſt. Aber ich wuͤrde mich ſehr irren, wenn ich der Meinung ſein wollte, daß ein Vorſchlag zur Vorſicht von unſerer Seite gemacht zu werden brauchte. Es iſt vielmehr meine unver⸗ bruͤchlich feſtſtehende Ueberzeugung, daß mein armer Philipp der Allererſte ſein wird, dem daran liegt, Deine oͤkonomiſche Unabhaͤngigkeit gebuͤhrend und geſetz⸗ lich ſichergeſtellt zu ſehen.“ Lilia ſtand auf, ohne weiter etwas hinzuzufuͤgen. „Koͤnnen wir, im Fall Papa es wuͤnſcht, naͤchſten Sonntag das Aufgebot erfolgen laſſen?“ „Wenn Papa befiehlt.“ 7. Bräutigam und Braut. Am Morgen nach dem Tage, an welchem das im vorigen Kapitel mitgetheilte Geſpraͤch ſtattfand, erwar⸗ tete Philipp— berauſcht und von Gluͤckſeligkeit und Zittern ganz verwirrt— den Augenblick, wo das junge Maͤdchen eintreten wuͤrde. Er hatte von ſeinem kuͤnftigen Schwiegervater die angenehme, laͤngſt erwartete Nachricht erhalten, daß Lilia eingewilligt habe, die Seine zu werden, aber daß ſie aus Schuͤchternheit— der Director fand es paſſend, der ſonderbaren Weigerung ſeiner Tochter dieſe Faͤrbung zu geben— nicht eine muͤndliche Zuſtimmung geben ge⸗ wollt habe. Philipp murrte daruͤber wohl in ſeinem Herzen, aber die jungfraͤuliche Schuͤchternheit der jungen Braut hatte auch einen verfuͤhreriſchen Reiz und er wagte nicht, ſie zu tadeln. as im rwar⸗ it und junge ter die ß Lilia ie aus , der ing zu en ge⸗ derzen, Braut nicht, 97 Dick, der am Morgen ebenfalls Mittheilung uͤber dieſe wichtige Familienangelegenheit erhielt, war außer ſich vor Freuden. Und als der Director das vor Freude ſtrahlende Geſicht ſeines Sohnes betrachtete, klaͤrte ſich auch ſein eigenes auf, welches nach dem Geſpraͤche mit der Toch⸗ ter noch nicht recht hell hatte werden wollen. Er war uͤberraſcht; er war mit Lilia gleichzeitig zufrieden und unzufrieden. Wie ſehr er auch uͤber ſie nachdachte, verſtand er ſich doch nicht recht auf dieſes gereifte Kind. Aber eins beruhigte ihn, naͤmlich das, daß ſie nicht um ihres Wunſches nach Unabhaͤngigkeit willen Jeden nehmen wollte, der ihr vorgeſchlagen ward. Sie beſaß alſo einen, wenn auch noch ſo kleinen Funken des Gefuͤhls fuͤr Philipp und es war nun ſeine eigene Auf⸗ gabe, denſelben zu einer groͤßeren Flamme anzufachen. „Herr Gott,“ hatte Dick geſagt,„was ich mich uͤber Lilia's Verſtand freue, daß ſie gleich eingeſehen hat, was zu Philipp iſt! Iſt es wahr, Papa, daß ſie nicht eine einzige Einwendung machte?⸗ „Ja, es iſt wahr, daß ſie nicht einen einzigen Au⸗ genblick mich verwarf,“ ſetzte mit funkelnden Blicken Philipp hinzu, der auf der anderen Seite des Directors ſtand und uͤber den Stuhl Dick anlaͤchelte und zunickte, der allerhand von ſeiner innigen Freude zeugende, luſtige Geberden machte. Ein Gerücht. I. 7 98 „Wie ich Euch geſagt habe, Kinder, ſie fuͤgte ſich ſogleich und ohne Einwendungen.“ Es war etwas ſpaͤter, als Philipp, wie wir ſchon erwahnt haben, die Ankunft ſeiner Braut erwartete. Dick war ſo eben hinausgeſprungen, um in ſeiner Freude mit Roſabella eine Galoppade zu tanzen, als Lilia, die man jetzt noch nicht erwartete— ſonſt wuͤrde Dick ſich gewiß nicht entfernt haben— von Mamſell Helene gefolgt, in das Zimmer ihres Vaters trat. Als ſie Philipp erblickte, uͤbergoß eine leichte Roͤthe ihre ſammetweiche Wange. Aber als er ſie ſah, wie ſie ſo luſtig in einem blendendweißen Morgengewande daher ſchwebte— er hatte ſie bis jetzt noch in keiner andern als ſchwarzen Kleidung geſehen— glaubte er wirklich einen Engel des Himmels auf ſich zukommen zu ſehen. Und es ke⸗ ſtete ihm Muͤhe, nicht niederzufallen und anzubeten. Daß inzwiſchen ſeine Anbetung in ſeinen Blicken geleſen ward, das war deutlich, denn bevor Lilia ſich dem Rollſtuhle ihres Vaters nahete, hatte ſich die leichte Roſenfarbe ihres Antlitzes in das warme Colorit der Cactusbluͤthe verwandelt und als ihre Augen eine fluͤch⸗ tige Secunde lang denen Philipps begegneten, hatte ihr kleiner, herrlicher Mund, friſch und bluͤhend, wie eine eben gereifte Traube, ihm laͤchelnd das erſte Zeichen ihrer Gunſt gegeben. Mamſell Helena, die ein paar Schritte hinter ihr te ſich ſchon 8. ſeiner , als wuͤrde amſell Roͤthe einem — er varzen Engel es ko⸗ n. Zlicken ig ſich leichte rit der fluͤch⸗ tte ihr ie eine beichen ter ihr 99 her ging, ſuchte mit Gluͤck in ihrer Haltung die Zaͤrt⸗ lichkeit einer Mutter mit dem Stolze einer Duenna zu vereinigen, als ſe ihren Liebling dieſem wichtigſten Schritte entgegengehen ſah. Daneben hatte die alte, freundliche Seele es fuͤr angemeſſen erachtet, ihrem Ant⸗ litz eine officielle Feierlichkeit zu geben, zu welcher auch das ſchwarze Seidenkleid ſehr gut paßte. An dem Stuhle ihres Vaters, auf deſſen einer Seite Philipp ſtand, angekommen, verneigte Lilia ſich tief, ſo daß ſie faſt auf die Knie fiel und nachdem ſie die Hand des Vaters gekuͤßt und Philipp eine foͤrmliche Verbeugung gemacht hatte, wartete ſie, ohne große Ver⸗ legenheit, was noch weiter geſchehen wuͤrde. „Mein Kind,“ ſagte der Director ganz einfach und ohne alle Vorſpiele,„ich habe Philipp Deine Antwort mitgetheilt... Philipp, mein Sohn, umarme Deine Braut— der Probſt und der Landrichter werden gleich hier ſein.“ Philipp nahete ſich nun mit einem Gefuͤhl, das von ſeiner gewoͤhnlichen freimuͤthigen Dreiſtigkeit him⸗ melweit verſchieden war und wenn Lilia ihm nicht einen Schritt entgegengegangen waͤre, ſo iſt es unge⸗ wiß, ob etwas Anderes ſtattgefunden haͤtte, als eine Be⸗ ruͤhrung zwiſchen Luft und Armen. Aber die Bewegung der jungen Braut floͤßte Phi⸗ lipp ein wenig Muth ein und waͤhrend er ganz leiſe, als ob er gefuͤrchtet haͤtte, ihr wehe zu thun, ſeinen *ℳ 7 100 Arm um ſie ſchlang, druͤckte er einen Kuß auf ihre Stirn, welche ſie mit der naiven Anmuth eines Kindes ihm hinhielt. Er hatte nicht den Muth, etwas Weiteres zu be⸗ gehren, kaum ſo viel, um zu ſagen: „Iſt es wohl wahr, o ſchoͤnſte Lilia, daß dieſer Schritt ohne Zwang oder Ueberredung gethan worden?⸗ „Ich bin noch ſo jung,“ antwortete ſie mit nie⸗ dergeſchlagenen Augen, daß ich nicht daran denken kann, andere Wuͤnſche zu haben, als die meines Vaters und es hat mir Vergnuͤgen gemacht, dieſelben zu erfuͤllen.“ „O Dank, Dank, das iſt ſchon zu viel— aber Gott weiß, was ich thun will, was ich thun muß, um das Vertrauen dieſes ſo edelmuͤthigen Vaters zu recht⸗ fertigen!“ „Herr Thurné hat auch— wenn ich wagen darf, mein Wort mit dazu zu geben— allen Grund, dank⸗ bar zu ſein,“ fiel Mamſell Helena ein, die ſich durch einen Blick von Lilia nicht abhalten ließ. „Iſt es nicht wahr, mein Engel,“ fuhr ſie fort, „daß ich ſchon geſtern den ganzen Tag nichts Anderes gethan, als mich uͤber dieſes merkwuͤrdige Ereigniß verwundert habe? Lilia wird verlobt, ſie wird ver⸗ maͤhlt, ehe ſie noch im Hauſe ordentlich warm geworden .. Liebe Lilia, habe ich geſagt, biſt Du auch uͤber⸗ zeugt, daß Du in dieſe Anordnung einwilligen kannſte Biſt Du gewiß, daß Deine ſelige Tante,— dieſe ver⸗ 200—— ihre indes 1 be⸗ dieſer en?“ nie⸗ aann, und 1.9 aber um echt⸗ darf, ank⸗ urch fort, eres gniß ver⸗ den ber⸗ iſt? 101 ehrungswuͤrdige, vortreffliche Frau— ein ſo uͤbereiltes Arrangement gebilligt haben wuͤrde?— Aber Lilia ant⸗ wortete, wie ſie immer zu antworten pflegt, das liebe Kind: Wenn ich es geſagt habe, daß ich es will, ſo wird es auch... Iſt es nicht wahr, liebes Kind, daß Du Dich ſo aͤußerteſt?“ „Meine beſte Tante Helena,“ ſagte das junge Maͤdchen, mit einem Tone, der weit ſanfter war, als der heimliche Blick, den ſie ihrer Huͤterin zuſchickte,„ich glaube nicht, daß es noͤthig war, dies hier Alles zu er⸗ waͤhnen.“ „Das denke ich auch,“ murmelte der Director, worauf er laut zu Philipp ſagte: „Haſt Du ſchon an Deine Mutter geſchrieben, mein Sohn? Und glaubſt Du, daß ſie es verzeihen wird, wenn wir, im Vertrauen auf ihre Einwilligung, das erſte Aufgebot vor ſich gehen laſſen, ehe der Brief hinkommt?“ „Ich habe geſchrieben und bin vollkommen uͤber⸗ zeugt, daß ſie mit der innigſten Dankbarkeit alles bil⸗ ligt. Ich habe auch, nach dem guͤtigen Wunſche des Onkels, darum gebeten, daß ſie hierherkommen moͤge..“ „... Zur Hochzeit— das iſt ganz in ſeiner Ord⸗ nung und es wird gewiß auch Lilia Freude machen, nicht wahr?“ „Ja, Papa, ohne Zweifel.“ Das Geraſſel von Wagenraͤdern gab dem Geſpraͤch eine andere Wendung. k Es war heute nicht blos der Verlobungstag und der Tag, an welchem die oͤffentliche Bekanntmachung 1 aufgeſetzt ward, ſondern auch, welcher zur Aufſetzung el von des Directors Teſtament und den geſetzlichen Foͤrm⸗ 2 lichkeiten in Bezug auf den Ehecontract beſtimmt war. ij Philipp hatte natuͤrlich nicht die geringſte Ahnung h davon, daß ſeine junge Braut mit ſo großer Vorſicht ihre Zukunft ſicherte; aber da er ſelbſt fuͤrchtete, daß f man ihm eine eigennuͤtzige Berechnung zutrauen koͤnnte, ſ ſo uͤberhob er den Director, gerade wie dieſer vorausge⸗ ſt ſehen, der Unannehmlichkeit, ſich zuerſt ausſprechen zu muͤſſen. Es war Philipps unwiderruflicher Wille, daß das Beſitzthum ſeiner Gattin zugehoͤren ſollte, ohne alle andere Gemeinſamkeit, als die des Ertrages. Selbſt e die Vormundſchaft uͤber Dick, inſoweit ſie ſich auf ſein d Erbtheil bezog, wollte er nicht uͤbernehmen. d Aber das gab der Director nicht zu. Und es ward ſ alſo beſchloſſen, daß Philipp und der Probſt dieſes Amtt zwiſchen ſich theilen ſollten. 5 5 Doch wir uͤbergehen die Tage zwiſchen der Verlo⸗ 7 bung und dem erſten Aufgebotstage. Wohl waren es eſpraͤch g und achung ſetzung Foͤrm⸗ t war. hnung orſicht , daß oͤnnte, ausge⸗ hen zu 2, daß ie alle Selbſt ff ſein ward Amt Ferlo⸗ 103 deren nicht mehr als vier an der Zahl, aber Philipp kam es vor, als wenn es noch einmal ſo viele waͤren. Dieſer ihr langſamer Verlauf kam daher, daß der junge Braͤutigam ſich in den Kopf geſetzt hatte, aft dem erſten Aufbietungstage ſich die Freiheit zu nehmen, Kine Braut in ihrem eigenen Zimmer zu beſuchen, wo er ſich, ins Himmels Namen, doch wohl eine Vertraulichkeit herausnehmen konnte. Jetzt, neben Papas Rollſtuhle, wo Lilia treulich faſt den ganzen Tag mit ihrer Naͤherei auf dem Knie ſaß— denn es ſchien nicht, als ob das Arbeiten ihre ſtarke Seite waͤre— konnte daraus nichts werden. Alle Morgen kuͤßte er ſie auf die Stirn und des⸗ gleichen alle Abende, aber wollte er dazwiſchen nur ver⸗ ſuchen, ihre Hand zu faſſen, ſo nahm Lilia ſogleich eine ſolche reizende, muͤrriſche Miene an, daß Philipp den Muth und viele Mal auch ungluͤcklicherweiſe ſogar den Faden verlor, waͤhrend er eben im beſten Zuge war, ſich durch ſein Geſpraͤch intereſſant zu machen. Doch wie geſagt, am Aufbietungstage mußte der Muth ſich ſchon einfinden. Endlich kam dieſer. Wir wollen nichts von der kunſtvollen Arbeit er⸗ zaͤhlen, welche Philipp auf ſeine Toilette verwendete und eben ſo wenig von der kleinlichen Sorgfalt, womit er ſein Angeſicht und ſeine Geſtalt ſchmuͤckte— und nicht ohne Hoffnung auf Erfolg begab er ſich auf ſeinen erſten 8 Beſuch. ſ Er hatte zum Vorwand genommen, ſich auszubit⸗ 8 ten, daß er ſeine Braut zu einem Spaziergange aus⸗ fuͤhren duͤrfte und indem er die Gelegenheit abpaßte, ſch wo Mamſell Helena, die gewoͤhnlich zuerſt herauskam,*† bei dem Director eintrat, eilte er ſogleich nach dem klei⸗ aͤh nen Salon, der vor dem Zimmer ſich befand, welches je Lilia bewohnte. ſo Mit welchem Herzklopfen pochte er an! ro Ein junges Dienſtmaͤdchen, welches zu Mamſell le Lilia's ausſchließlicher Dispoſition geſtellt worden, oͤffnete die Thuͤr. od „Sei ſo gut, Marie, meine Braut zu fragen, ob Li ſie mir erlaubt, mit ihr zu ſprechen.“ Ohne die Thuͤr zuzumachen, wendete ſich das Maͤd⸗ de chen nach dem Theil des Zimmers, welchen Philippg N nicht ſehen konnte und gleich darauf hoͤrte er eine me⸗ in lodiſche Stimme ſagen: eb „Oeffne, Marie.“ die Und waͤhrend Marie oͤffnete, verſchwand ſie ſelbſt M durch die Thuͤr. 5 Da ſtand nun Philipp am Eingange ſeines Pa⸗ ſaf radieſes, mit einem Bouquet in der Hand, das aus einer ſtu einzigen Roſenknospe, in weiße Fliederzweige eingefaßt, ra⸗ beſtand. we Es vergingen ein paar Augenblicke, bevor ſein 1 105 Herz— welches natuͤrlich jetzt noch viel gewaltiger ſchlug, als da er draußen vor der Thuͤr ſtand— ihm Beſinnung und Zeit ließ, ſich umzuſehen. Er befand ſich in einem der ſchoͤnſten und ge⸗ ſchmackvollſten Zimmer im ganzen Hauſe. Dieſes Zimmer war mit dunkelrothen, ſammet⸗ aͤhnlichen Tapeten ausgeſchlagen und hatte dunkelrothe, jetzt vorgezogene Gardinen, durch welche die Vormittags⸗ ſonne hereinbrach und die alten, vergoldeten, mit blaß⸗ rothem Seidenbrocat beſchlagenen Moͤbel prachtvoll be⸗ leuchtete. Aber ſah Philipp etwas davon? Wußte er wohl oder kuͤmmerte er ſich darum, woher ein ſo bezauberndes Licht kam? Nein, er ſah blos in einem der tiefen Fauteuils denſelben Anblick, den er vor wenigen Tagen eines Morgens gehabt und daß dieſes weiße Himmelsbild ſich in roſenfarbenen Wolken offenbaren muͤßte, kam ihm eben ſo natuͤrlich vor, als ob dieſe rothen Wolken und dieſer bezaubernde Schein zu der Toilette des jungen Maͤdchens gehoͤrt haͤtten. Lilia, welche offenbar ein bequemes Leben liebte, ſaß dieſes Mal auf orientaliſche Weiſe in ihrem Lehn⸗ ſtuhle und wenn die Spitze ihres kleinen Fußes hervor⸗ ragte, ſo ward ſie wenigſtens in den weiten Falten ihres weißen Morgengewandes verſteckt. Sie begruͤßte Philipp mit einer grazioͤſen Vernei⸗ 106 gung des Kopfes und ſtreckte ihm freiwillig ihre eine kleine Hand entgegen. Mit der andern, von deren ſchneeweißer Flaͤche einige ſchoͤne Juwelenringe blitzten, hielt ſie verſchaͤmt die ſchwarze Spitzenmantille zuſammen, die ſie uͤber ihre halbentbloͤſ'ten Schultern geworfen, deren glaͤnzender Ala⸗ baſter durch die Seidenmaſchen der Mantille ſchimmerte. Ihr Koͤpfchen ruhte mit unvergleichlichem Behagen auf der einen Schulter, ſo daß die Maſſe ihres aufgeloͤſ'ten, aber noch nicht geflochtenen Haars auf derſelben Seite herun⸗ terfiel und auf ihrem Arme gleichſam ein Kopfkiſſen bildete. Philipp wollte ſeinem Entzuͤcken entweder keine Schranken anlegen, oder vermochte es nicht. Befand er ſich nicht bei der, die binnen wenigen Wochen ſeine Gattin werden ſollte? Kniebeugend uͤberreichte er ſeiner jungen Geliebten das Bouquet und bedeckte mit Kuͤſſen die Hand, die ſie in der ſeinen ließ. Lilia zeigte hieruͤber keinen Unwillen und auch keine allzugroße Schuͤchternheit; im Gegentheil ſah ſie ganz ſo aus, wie ein munteres Kind, welches ſich uͤber die Muͤhe freut, die man ſich giebt, es zu unterhalten. Als aber Philipp, durch den Erfolg dreiſt gemacht, mit von Seligkeit und Hoffnung ſtrahlenden Blicken den Kopf zu erheben wagte, um in Beſitz des erſten Kuſſes von den ſchoͤnen Lippen der Braut zu kommen, da warf Lilia ihren Kopf auf die andere Seite, waͤh⸗ rend ſie ſchalkhaft ſagte: ar kleine veißer haͤmt ihre Ala⸗ nerte. uf der aber erun⸗ ldete. keine efand ſeine ebten ie ſie 107 Ich daͤchte doch, an dem erſten Aufbietungstage koͤnnte das genug ſein.“ „Aber wann, Du meines Lebens entzuͤckende Mor⸗ genroͤthe, wann, Du meine himmliſche Walkyre, wann werde ich jene Gunſt empfangen, die jeder andere An⸗ beter ſchon vor der Verlobung genießt.“ „Heute,“ ſagte ſie mit neckiſcher Heiterkeit— einer ganz neuen Seite ihres Weſens, welches ſich bis jetzt faſt fortwaͤhrend ernſt. gezeigt hatte—„heute habe ich die Hand uͤberlaſſen... naͤchſten Sonntag, dafern ich mich die Woche hindurch uͤber nichts zu beklagen habe, wird es die Wange.“ „Und den dritten— mein Gott, den dritten?“ „Nun wohl, den dritten Sonntag— alles nach demſelben Reglement— wird es...“ Sie vollendete den Satz nicht, aber niemals in ſeinem Leben hatte Philipp eine Bewegung geſehen, die an Anmuth und naivem Muthwillen mit der verglichen werden konnte, womit Lilia in dieſem Augenblicke das Bouquet an ihren Lippen ſpielen ließ. Philipp ſeufzte vor Entzuͤcken und Pein und ſagte zu ſich ſelbſt: „Welcher kleine, goͤttliche Satan hat ſich in den Kinderleib dieſes Engels geſetzt? Welch ein Weib von ſiebzehn Jahren.“ Der arme Philipp wagte nicht, ſeine Gedanken uͤber den dritten Sonntag hinausſchweifen zu laſſen. 108 Er fuͤrchtete, wahnſinnig zu werden und es war gleich⸗ ſam, als wenn er in dieſem Augenblicke eingeſehen, daß er ſeine Seele an dieſe unſchuldsvolle Sirene verkauft, welche mit ihren klaren, ruhigen Blicken den unregelmaͤ⸗ ßigen Bewegungen zu widerſprechen ſchien, welche ihr koͤrperliches Weſen dann und wann ſehen ließ. „»Marie,“ rief ſie ſchnell und als Marie eintrat, ſo ſchnell, daß Philipp nicht Zeit hatte, erſt aufzuſtehen, ſette ſie ganz unbefangen hinzu:„Setze meinem Braͤu⸗ tigam einen Stuhl her... nicht ſo weit weg... hier neben dem meinigen.“ Dabei erhielt Marie einen Wink, zu gehen, und Philipp einen zweiten, den neuen Platz einzunehmen, welcher ihm gleichwohl nicht ſo wuͤnſchenswerth vorkam, wie der, welchen er verlaſſen mußte. „Nun wohl, nun laß mich den Zweck dieſes Mor⸗ genbeſuches hoͤren?“ »Bedarf es wohl eines andern, als daß ich an einem ſolchen Tage, wie dieſer, Dich auf einige Augen⸗ blicke allein zu treffen wuͤnſche? O Lilia, ſchon allzu⸗ geliebte Lilia, es kann Dir nicht unbekannt ſein, daß unſer Verhaͤltniß gewiſſe Freiheiten mit ſich bringt und ich hatte mir vorgenommen, Dich zu bitten, geneigteſt einen Spaziergang mit mir vorzunehmen.“ „Dieſem Vorſchlage trete ich gern bei, dafern wir nicht weiter gehen, als hinunter auf die Sandwege zwi⸗ a gleich⸗ daß kauft, elmaͤ⸗ he ihr ntrat, tehen, Braͤu⸗ und men, kam, Mor⸗ h an igen⸗ llzu⸗ daß und gteſt wir zwi⸗ u 109 ſchen den Blumenbeeten. Dann kann ich bleiben, wie ich bin, denn es iſt jetzt noch zu warm, um ſich zu Mittag anzukleiden.“ „Ueberdies biſt Du ja ſo reizend in dieſem weißen Gewande... wo iſt Dein Hut, Dein Sonnen⸗ ſchirm?“ Philipp kam in eine ganz muntere Bewegung und gleichzeitig fuͤhlte er die Steifheit verſchwinden, welche bis jetzt zwiſchen ihm und ſeiner faſt ganz unbe⸗ kannten Braut beherrſcht hatte. Marie ward abermals gerufen. „Bring' ein Paar Spazierſtiefelchen und meinen Strohhut... ja ſo, das iſt wahr, meine Haare ſind noch nicht gekämmt— komm her und ſchlinge es kurz zuſammen.“ Mit wirklichem Entſetzen ſchickte Philipp ſich an, das Zimmer waͤhrend dieſer Anſtalten zu verlaſſen, denn wenn Lilia ſich nicht von der Stelle ruͤhrte, war es ziemlich offenbar, daß ſie ſtattfinden wuͤrden, wo ſie ſaß. Aber zu Philipps eigener Verwunderung erging kein ſolcher Befehl. Als Marie wieder herein kam, uͤberließ Lilia ihr ohne alle Ziererei ihren Kopf und waͤhrend Marie die langen und dicken Seidenlocken abtheilte und zuſammen⸗ flocht, erzaͤhlte Lilin ihrem Verlobten von einer Reiſe, die ſie nach Haparanda gemacht, um die Johannisſonne zu ſehen. Aber ſie haͤtte von einer Reiſe nach dem Monde erzaͤhlen koͤnnen und Philipp wuͤrde dennoch kein Zei⸗ chen der Theilnahme gegeben haben, ſo ganz und gar ward ſeine Aufmerkſamkeit von Mariens Beſchaͤftigung in Anſpruch genommen. Einmal warf ſie aus Verſe⸗ hen eine Locke ſo weit fort, daß deren parfuͤmirte Flaͤche dicht an Philipps Geſicht vorbeiſtreifte. Aber was war dennoch dieſe Beſchaͤftigung Mariens gegen die, welche kam, als ſie ein Paar kleine, faſt ganz chineſiſche Stiefelchen herzubrachte. Philipp fuͤhlte ſich wirr im Kopfe, er ſah gleich⸗ ſam durch einen Nebel— waͤhrend Lilia immer noch fortfuhr, die Fahrt nach Haparanda umſtaͤndlich zu be⸗ ſchreiben— obſchon ſie durch eine einzige nachlaͤſſige Hebung des Koͤrpers erſt den einen und dann den an⸗ dern pantoffelbekleideten Fuß hervorreckte, um ſich die chineſiſchen Stiefelchen anſtecken zu laſſen. Endlich erhob ſie ſich, huͤpfte auf den Spiegel zu, wo ſie ſich den Hut feſtband, der nur mit einem roſen⸗ farbenen Bande geziert war. „Gieb mir Handſchuhe, mein Freund,“ ſagte ſie zu Philipp mit demſelben ruhigen Tone, als ob Philipp ſchon als Ehemann zu betrachten waͤre. Philipp wuͤhlte auf einem Tiſche alle moͤglichen onne onde Zei⸗ gar gung eerſe⸗ laͤche riens ganz leeich⸗ noch be⸗ iſſige an⸗ ) die lzu, oſen⸗ e ſie ilipp ichen 111 Dinge umher, warf das Platinafeuerzeug, eine Blumen⸗ vaſe und verſchiedene kleine Porzellanfiguren um— endlich erwiſchte er richtig ein Paar Handſchuhe, welche aber vermuthlich nur dazu dienten, ihn noch mehr zu verwirren, denn anſtatt ſie ſeiner Braut zu uͤberreichen, verbarg er ſie mit der echten Sorgfalt eines verliebten Thoren an ſeinem, nach dieſem Morgenbeſuche tauſend⸗ mal hoͤher flammenden Herzen. Lilia merkte nichts— ſie nahm ein Paar andere C. r 29 3. Handſchuh und damit war ſie fertig. Von dem Sandwege unter den erſten Blumen⸗ beeten— das coupirte Terrain des Gartens hatte die⸗ ſen Blumenbeeten ihre einzelnen Abtheilungen gegeben — genoß man eine prachtvolle Ausſicht uͤber die poetiſche Umgegend von Ribyhus. Waͤlder erinnerten an die dunkle Zeit, wo ſie noch nicht der mordenden Axt anheimgefallen und der ſchim⸗ mernde Waſſerfall, der von Klippe zu, Klippe ſtuͤrzte, wie eine Cascade von Diamanten, bewog die Gedanken, bei dem Tage der Vorzeit zu verweilen, wo das Gebirge, von einer ſiegenden Naturkraft untergraben, ſich Stuͤck fuͤr Stuͤck oͤffnete und die ſchaͤumende Woge aufnahm, welche auf ſeinen kantigen Spitzen doch niemals Raſt und Ruhe fand, ſondern beſtaͤndig, von unſichtbarer Hand getrieben, hinunterrollte, um ſich mit dem tief unten wallenden Strome zu vereinigen, der mit einem Kranze junger, ſtolzer Birken prachtvoll eingeſaͤumt war. „Alles dies iſt ſchoͤn,“ ſagte Lilia, indem ſie ſich leicht auf den Arm ihres Verlobten ſtuͤtzte,„und wenn nur der Papa wieder geſund wird, ſo werde ich mich hier ganz wohl befinden.“ „Aber wenn er nun nicht laͤnger bei uns verwei⸗ len ſollte, wuͤrde Dir dann dieſer Ort ganz und gar verdunkelt und veraͤndert vorkommen?“ „Veraͤndert ohne Zweifel, aber nicht ganz und gar verdunkelt, denn es giebt hier zwei Weſen, welche ſich bemuͤhen, mir ihn angenehm zu machen, Dick und — Du.⸗ Lilia hatte bis zu dieſem Augenblicke fortwaͤh⸗ rend dieſe vertrauliche Benennung vermieden, aber da ſie ſie nun anwendete, ſo lag gleichſam ein Verſpre⸗ chen darin. Philipps antwortender Blick gab einen unzwei⸗ deutigen Begriff von ſeiner Dankbarkeit. Sie verſtand dieſen Blick und laͤchelte. 113 ahm, Aber in dieſem Augenblicke kam Dick wie ein Raſt Platzregen die Treppen der Terraſſe heruntergefahren darer und damit war der Zauber zerſtoͤrt. tief Lilia erklaͤrte, ſie ſei muͤde und ging wieder hinein. nem„Dick, Du Dummkopf,“ fluͤſterte Philipp,„konn⸗ umt teſt Du denn nicht begreifen, daß Du uͤberfluͤſſig warſt!⸗ ſich venn mich wei⸗ e=S gar und elche und 3 vaͤh⸗ 6 r da b pre⸗ wei⸗ Ein Gerücht. I. 8. Die Frau Kectorin. 4 Es waͤre nun in der Ordnung, einige Worte uͤber Liliens Erziehung zu erwaͤhnen. Da ſie aber zu der Zahl der jungen Maͤdchen ge⸗ hoͤrte, welche eigentlich gar nicht erzogen werden, ſo wuͤrde es zu nichts fuͤhren, wenn wir ihre verfloſſenen frohen Jahre genauer durchgehen wollten. Ihr Vater hatte von ihr geaͤußert, ſie waͤre„ein kleines, intriguantes Ding“— und das war ſie auch. Aber anſtatt Lilia's Fehler zu ſtudiren und zu beſeitigen ſuchen— hatte aber der fleißige Fabrikbeſitzer und Landwirth wohl Zeit zu ſo etwas?— ließ er ſich dadurch vielmal auf eine Weiſe reizen und erhitzen, die ihn gegen die Vorzuͤge, welche ſie beſaß, ungerecht machte und endlich, da er nicht mit ihr fertig werden konnte, ſchrieb er an ſeine Schweſter, welche auch ſogleich kam und Lilia zu ſich holte. uͤber n ge⸗ t, ſo ſſenen „ein auch. nd zu eſitzer r ſich n, die nachte onnte, kam Dieſe Schweſter— weniger als irgend Jemand zu dem ſchweren Berufe einer Erzieherin geſchaffen und ganz beſonders, um mit einem ſo ungebundenen Charakter, wie ihre Nichte„fertig zu werden“— war ein ſanftmuͤthiges Weſen, weich wie Wachs, fromm, demuͤthig, ein Frauenzimmer von jener Art, die ſtets als Muſter angefuͤhrt wird. Lilig ſah von dieſer frommen Tante zwei Seiten. Zuerſt ihre Schwachheit, die in Allem bis auf's Aeußerſte ging, weil ſie Alles Allen geſtattete. Ihre Leute beſtahlen ſie und ſie that lieber, als ob ſie es nicht bemerkte, als daß ſie ihre angenehme Ruhe durch einen ſogenannten„Auftritt“ blosgeſtellt haͤtte. Man belog ſie dreiſt und handgreiflich— ſie bezweifelte allemal das Daſein der Unwahrheit. Man zerbrach irgend einen koſtbaren Gegenſtand— denn die Leute wurden in dem Dienſte dieſer muſterhaften Frau wider ihren Willen unachtſam— aber man ſtellte das Zerbrochene ſo, daß, wenn die Hausmutter einen Schrank, eine Thuͤr oder dergleichen oͤffnete, ſie ſelbſt unverſehens eine ihrer Lieblingsſachen zerſtoͤrte und obſchon ſie recht gut wußte, daß ſie nicht daran ſchuld war, bedankte ſie ſich gleichwohl im Stillen bei der Vorſichtigkeit ihrer Leute, welche die Sache ſo angeſtellt hatten, daß ſie nicht zu ſchelten brauchte. Das war es, was Lilia auf der einen Seite be⸗ merkte. Auf der andern Seite bemerkte ſie, wie alle 8* 116 jenen groben Fehler, die in dem Hauſe ihrer Tante ge⸗ diehen, unter ihrem engelgleichen Schutze ſich in Tu⸗ genden verwandelten. Man riß ſich ordentlich darum, Dienſtboten von dieſer exemplariſchen Frau zu bekommen, in deren Hauſe niemals eine Unordnung vorfiel. Eine Magd, die ein Jahr in ihrem Dienſt geweſen, ward fuͤr ſo rein ge⸗ waſchen von allen fruͤhern Fehlern angeſehen, daß ſie, wenn dieſelben auch bekannt waren, doch ſicher ſein konnte, daß Niemand ſich ſehr daran erinnerte. Alle Menſchen liebten, verehrten und nannten Frau T.; die Armen, welche, was ſie auch fuͤr er⸗ dichtete Geſchichten erzaͤhlen mochten, ihr Scherflein bekamen, betrachteten ſie wie eine irdiſche Vorſehung und wenn es jetzt noch Mode geweſen waͤre, Jeman⸗ den zu canoniſiren, ſo waͤren ihre Gebeine ganz gewiß nach Rom geſchickt worden, um neben denen der hei⸗ ligen Brigitta zu ruhen. Lilia, die an den Mangel an Liebe gewohnt war, erſtickte beinahe in dieſer Atmoſphaͤre uͤbermaͤßiger Zaͤrt⸗ lichkeit. Aber ſpater— ohne daß die Tante nur jemals ſich die Muͤhe genommen haͤtte, zu uͤberlegen, in wie⸗ fern nicht eins und das andere bei Lilia auf gewiſſe, dunkle Flecken ihrer jungen Seele ſchließen ließ— leitete oder vielmehr beherrſchte das junge Maͤdchen auf eigenen Antrieb die letztere. Sie begann, da Nie⸗ te ge⸗ Tit⸗ nvon Hauſe ie ein n ge⸗ z ſie, ſein anten tr er⸗ flein hung man⸗ gewiß hei⸗ war, Zaͤrt⸗ mand anders ſich die Muͤhe nahm, ſich ſelbſt zu erzie⸗ hen und da ſie einſah, welchen ungeheueren Unterſchied in der Gewalt uͤber Andere eine ſanfte, zaͤrtliche und freundliche Gemuͤthsart gegen ein eigenſinniges und hartnaͤckiges ausmacht, ſo ſtellte ſie ihre Berechnungen uͤber den Nutzen der Methode an, die ſie ſah, jedoch ſtets mit Vorbehalt der Veranderungen, welche die Um⸗ ſtaͤnde verlangen konnten. Nach dieſer Erklaͤrung werden wir nicht die min⸗ deſte Schilderung hinzufuͤgen, wie Lilia ihre Erfahrung anwendete. Die Entwickelung ihres Charakters, den wir eine Phantaſie auf eigene Hand nennen wollen, gehoͤrt der Fortſetzung unſerer Geſchichte an. Was Mamſell Helena Forsling betrifft, ſo ha⸗ ben wir blos zu erwaͤhnen, daß ihre Geſchwaͤtzigkeit zehn Jahre lang eine Art geiſtiger Tortur fuͤr Frau T. war. Aber wie konnte ſie wohl, ſie, die ſich von ihrer Jugendfreundin, der freundlichen Helena, ange⸗ betet ſah, den Muth haben, als dieſe auf Beſuch kam und ſpaͤter ſich auf immer im Hauſe einquartirte, ein einziges Mal dieſer Jugendfreundin zu ſagen, daß ſie ſie buchſtaͤblich krank ſchwatzte? Nein, ſo etwas haͤtte nach der Bosheit dieſer Welt ausgeſehen und deshalb laͤchelte Frau T. alle⸗ mal, wenn Mamſell Helena davon ſprach, daß ſie noch nicht das Herz haͤtte, ihre hochgeehrte Freundin zu ver⸗ laſſen, die ſie durch ihre Geſellſchaft aufzuheitern hoffte 118 — und ſo blieb ſie, von einer Zeit zur andern, zehn Jahre lang da, bis die hochgeehrte Freundin ſtarb. Lilia bemerkte jedoch, daß ihre Tante litt und auch ſelbſt konnte Lilia das Geſchwaͤtz Mamſell Hele⸗ nens nicht vertragen, wie gut ihr Gemuͤth auch uͤbri⸗ gens war. Und es war Lilia's feſter Vorſatz, ſo bald als moͤglich ihren zaͤrtlichen Plagegeiſt zu verabſchie⸗ den, der ihr uͤberdies durch ſeine Einfalt beſchwer⸗ lich fiel. Philipp war ſeiner Mutter entgegengereiſ't und am Tage vor der Hochzeit langte ſie in Ribyhus an. Sie kam ohne jedes Vorurtheil gegen ihre kuͤnf⸗ tige Schwiegertochter, denn wenn ſie auch mehr als die Haͤlfte von dem blendenden Schimmer abzog, den der junge Braͤutigam uͤber ſeine Braut warf, ſo blieb doch immer noch genug uͤbrig, um ſie in einem hellen Lichte erſcheinen zu laſſen. Ihre zaͤrtliche Beachtung der Wuͤnſche ihres Va⸗ ters war ein gutes Vorzeichen fuͤr ihr Benehmen als Gattin. Ihre Schuͤchternheit nach der Verlobung war ein Zeichen der Ehrbarkeit der Seele und des Herzens und ihre kleine Koketterie am erſten Aufbietungstage, welche Philipp wohl erzaͤhlt, aber gleichwohl angenehm — △ᷣ—— ———— — zehn t und Hele⸗ uͤbri⸗ o bald bſchie⸗ chwer⸗ und an. kuͤnf⸗ dr als , den blieb hellen Va⸗ als war rzens btage, 119 gemildert hatte, bewies, daß ſie ſchon das Beduͤrfniß fuͤhlte, ihrem Braͤutigam zu gefallen. „Moͤchte ſie Dich nur zu einem gluͤcklichen, ja auch nur zu einem zufriedenen Manne machen, dann hat ſie Alles gethan, was man fordern kann! Und bedenke wohl, Philipp, daß Du Deine Anſpruͤche an das Gluͤck nicht uͤbertreibſt— dieſes da hat ſich auf ſo wunderbare Weiſe Dir in die Arme geworfen, daß ich neben meiner Freude eine große Unruhe em⸗ pfinde.“ „Aber, ich unwuͤrdiger Suͤnder,“ antwortete Phi⸗ lipp,„ich fuͤhle blos eine unermeßliche Seligkeit meine Seele durchdringen: „Wenn Hymens mildes Licht den hehren Auftritt ſchaut: Am Fuß des Altars kniet die junge, ſchoͤne Braut; Sie opfert ihre Hand, die Treue iſt geborgen Und ſie, die Herrin, ſchwoͤrt, dem Sklaven zu gehorchen.“ Weit vorn in der Allee und bevor noch Philipp mit ſeiner Declamation der Verſe des Dichters Vale⸗ rius zu Ende war, kamen Dick und Roſabella den Ankommenden entgegengeſprungen, und nun war es Dick, welcher in den Wagen hineinſtieg und die Lectorin in ſeine Arme ſchloß, waͤhrend Philipp vor⸗ auseilte. „Nun, mein lieber Dick,“ ſagte die wuͤrdige, gute 120 Frau,„Du freuſt Dich wohl recht, daß wir mit ein⸗ ander verwandt werden?“ „Ja,“ antwortete Dick herzlich lachend,„ich habe das ſo ſehr gewuͤnſcht, daß, im Fall Philipp mit Lilia nicht einig geworden waͤre, ich dann in einigen Jahren ſelbſt um die Tante gefreit haben wuͤrde. Und wenn die Tante auf mich warten will, ſo kann ich das immer noch thun, wenn ich von meiner großen Reiſe um die Erde wieder zuruͤckkomme.“ „Aber dann haſt du gewiß ſo viele Wuͤnſche em⸗ pfunden, mein lieber Dick, daß der nach Deiner alten Tante erloſchen iſt.“ „O nein, ſo flatterhaft bin ich durchaus nicht. Denke Dir nur, was fuͤr ein Spaß es waͤre, wenn mich Philipp, der mich vorher ſeinen Sohn Dick ge⸗ nannt, ſtatt deſſen Papa tituliren muͤßte.“ „Ja, das waͤre allerdings ſehr ſpaßhaft,“ ſagte die Leckorin lachend.„Aber unter Erwartung unſerer Hochzeit ſage mir mittlerweile, ob Du glaubſt, daß Lilia an Philipp Gefallen findet?“ „Wenn ſie das nicht thut, ſo iſt es wenigſtens nicht meine Schuld. Jedes Mal, wo wir beiſam⸗ men ſind, fragt ſie mich ſo genau uͤber Alles, was ihn angeht, von dem Anfang unſerer Bekanntſchaft an... wie wir in Upſala lebten und ſo weiter.⸗ „Nun, Du ſagſt doch auch die Wahrheit, Dick? — Du uͤbertreibſt doch nicht Philipps Verdienſte?⸗ be t ein⸗ 2 ich p mit nigen Und h das Reiſe em⸗ alten nicht. wenn k ge⸗ ſagte ſerer daß ſtens ſam⸗ was haft dick? 121 „Nein, denn ich ſehe ſie ſtets in einem ſolchen Lichte, daß ſie nicht uͤbertrieben zu werden brauchen, aber zuweilen veranlaßt ſie mich, gegen meinen Willen, Dinge zu erzaͤhlen, die ich nicht erwaͤhnen wollte.“ „Was ſind denn das fuͤr Dinge, mein Freund?“ „Nun, kleine Abenteuer... bloße Narrenspoſſen, Tante!“ „Hm, uͤber alles dies will ſie alſo Auskunft ha⸗ ben, lieber Dick!“ „Es ſei durchaus nothwendig, ſagt ſie, um den Charakter ihres Mannes kennen zu lernen.“ „Ja, jale „Aber weißt Du, Tante, Philipp habe ich davon nichts geſagt, weil ſie mir das Verſprechen der Ver⸗ ſchwiegenheit abgenommen; auch habe ich davon nichts geſagt, daß ich alle ſeine Gedichte ſtehlen muß, welche ſie in ihrem Zimmer lieſ't, das ganze Fuder, denn ſeitdem Philipp in Lilia verliebt iſt, mußt Du wiſſen, Tante, daß er in der Nacht fuderweiſe dichtet.“ „Und was ſagt ſie denn zu dieſer Spielerei?“ „Sie ſollte wohl dankbar dafuͤr ſein, denn ihr Name ſteht beinahe auf jeder Zeile— aber will Tante, daß ich ſage, wie ſie ausſieht, wenn ſie mir die Hefte wieder zuruͤckgiebt?“ „Ja— ſag' es!“ „Nun, ſie macht ein Geſicht, als ob ſie dieſe 5 122 Gedichte alle zuſammen ihres Mitleides werth faͤnde. Entweder verſteht ſie nichts von Poeſie, oder ſie glaubt, daß dieſe Gedichte fuͤr ſie noch nicht gut genug find.“ „Vielleicht iſt das nicht ſo, mein lieber Dick— vielleicht hat ſie den klaren Verſtand, einzuſehen, daß dieſe Liebhaberei Philipp ſchaden kann und daß es, da er doch als Dichter niemals vollkommen wird, weit beſſer fuͤr ihn waͤre, wenn er das Dichten ganz ſein ließe.“ In dieſem Augenblick lenkte der Wagen in den Garten hinein und gerade, als die Lectorin im Begriff war, einen Ausruf des Entzuͤckens uͤber die Schoͤnheit der Umgebung auszuſtoßen, bezwang ſie ſich und war im Begriff, einen ganz andern von ſich zu geben, als ſie an Philipps Arm eine ſchimmernde Sylphe, die kaum das Gras zu beruͤhren ſchien, auf ſich zuſchwe⸗ ben ſah. Triumphirend hob Philipp auf ſeinen ſtarken Armen die kleine Sylphe in den Wagen hinauf und da lag nun Lilia mit thraͤnenfeuchten Augen an dem Herzen einer Mutter. Und in ſanften, weichen Toͤ⸗ nen, einer wirklichen Muſik, ſagte ſie: „Nimm die arme, mutterloſe Lilia auf und liebe ſie ein wenig, um Philipps willen!“ „Wer ſollte Dich, Du kleines, himmliſches We⸗ ſen, nicht um Deiner ſelbſt willen lieben! Ich bin ſtolz auf meine Tochter und gluͤcklich, zu ſehen, daß faͤnde. Zlaubt, ind.“ ick— n, daß s, da weit z ſein n den zegriff oͤnheit d war n, als , die ſchwe⸗ rarken 123 mein Sohn beinahe ein Recht hat, uͤber die Gluͤckſe⸗ ligkeit, dle ihm zugefallen, halb naͤrriſch ſein, was zu er auch iſt.“ „O, ſchmeichle mir nicht— von den Lippen einer Mutter klingt die Schmeichelei ganz anders, als von dem, der ſchon parteiiſch iſt. Und ich bin ſo unvollkommen, daß ich vielleicht verblendet werden koͤnnte.“ „Ach,“ dachte die Lectorin, ganz eingenommen, „welche Liebenswuͤrdigkeit und bezaubernde Beſchei⸗ denheit, mit Verſtand gepcart— welche Anmuth, welche Unſchuld, welche Natuͤrlichkeit.. Gott, mein Gott— und dieſes kiebliche Weſen ſoll meines Soh⸗ nes Gattin werden?“ Zwiſchen dem Director und der Lectorin ent⸗ ſtand augenblicklich jene Freundſchaft, welche Perſonen vereint, die einen und denſelben Gegenſtand lieben. Der Director hoͤrte ſehr gern ſeine edle Hand⸗ lungsweiſe ruͤhmen— und er ward zufriedengeſtellt. Die Lectorin war, trotzdem daß ſie die Fehler ihres Sohnes ganz gut kannte, doch fuͤr ſein Lob ſehr eingenommen und auch ſie ward zufriedenge⸗ ſtellt. Und als ſie ſpaͤter ſich im Entzuͤcken uͤber Lilia 124 erging und ſo zu ſagen, einen Schatten nach dem andern von allen den Schatten entfernte, welche der Director, bei dem Geſpraͤch uͤber ſeine Tochter, durch⸗ ſcheinen zu laſſen, fuͤr ſeine Pflicht hielt, ward der Director ſo dankbar und gluͤckſelig, daß er faſt ver⸗ gaß, daß er nur noch zur Haͤlfte lebte, denn nichts konnte auf ihn wohlthuender wirken, als die angenehme Ueberzeugung, daß Lilia in der That tauſend Mal vollkommener ſei, als Inſtinkt und mehrere ihrer Aeußerungen ihm ſagten, was ſie waͤre. Ueber eins wunderte ſich die Lectorin gleichwohl, aber ſie verdammte es nicht. Es war der Abend vor dem Hochzeitstage und gleichwohl herrſchte in der Art und Weiſe der Verlobten gegen einander eine ſolche Zuruͤckhaltung, daß die Mutter, welche ſowohl die heftige Neigung ihres Soh⸗ nes, als auch ſein Ungeſtuͤm uͤberhaupt kannte, durch⸗ aus nicht begriff, wie er ſo vergnuͤgt mit nichts ſein konnte. Jeder ſeiner geringſten Verſuche zu einer Liebkoſung ward ſogleich durch einen Blick der Braut zuruͤckgeſchreckt... war ſie da wohl ſelbſt vollkom⸗ men kalt? Das war es, was die Lectorin nicht verſtand. Bisweilen ſchien Lilia allerdings ſchmelzend⸗lieb⸗ reich zu ſein, aber nur in der Ferne; ſobald Philipp ihr zu nahe kam, glichen ihre Augen, die ſo eben 125 ) dem noch Feuerfunken ausgeſtroͤmt, zwei Brennglaͤſern he der von Eis. durch⸗ Die ganze Nacht dachte die unruhige Mutter rd der uͤber dieſe herrlichen Augen mit ihren herrlichen Stern⸗ t ver⸗ ſchnuppen nach; ſie wollte durch dieſe wunderbaren nichts Augen in die Seele ihrer jungen Schwiegertochter hin⸗ nehme eindringen. Mal Aber dieſe Schwiegertochter kam ihr ſelbſt ſo ihrer offen entgegen, daß es beinahe eine Laͤcherlichkeit ge⸗ weſen waͤre, ihren kindlichen Sinn fuͤr etwas Ande⸗ hwohl, res, als uͤbertriebene, jungfraͤuliche Schuͤchternheit zu halten. und Inzwiſchen nahm ſich die Lectorin vor, am fol⸗ lobten genden Morgen, dem Hochzeittage, ein Geſpraͤch unter ß die vier Augen mit Lilia zu haben... Und gleichſam, Soh⸗ als ob dieſe ihren Wunſch errathen haͤtte und ihm durch⸗ zuvorkommen wollte, trat ſie, ſobald als ſie hoͤrte, 3 ſein daß ihre zukuͤnftige Schwiegermutter angekleidet ſei, einer zu ihr ins Zimmer, um ihre Aufwartung zu machen. Braut„Geliebtes Kind,“ ſagte die Lectorin, nachdem kom⸗ die gewoͤhnlichen beiderſeitigen Hoͤflichkeitsbezeugungen voruͤber waren,„Du verzeihſt gewiß einer Mutter ſ wenn ſie das Beduͤrfniß des Vertrauens empfindet— wuͤrdeſt Du mich wohl ſo gluͤcklich machen, mir das lieb⸗ Deinige zu ſchenken?“ ilipp.„Mein Vertrauen— was haͤtte ich zu ver⸗ eben ſchweigen, das ich anvertrauen koͤnnte?“ 126 „Jedes Weib, meine Tochter, hat ſeine Geheim⸗ niſſe, die ſeinem Herzen angehoͤren.“ „Aber ich nicht; ich habe gar kein Geheimniß.“ „Wenn dem ſo iſt, ſo antworte mir offen auf die Frage, ob Philipp einen Eindruck auf Dein Ge⸗ fuͤhl gemacht hat?“ „Sobald ich das ſelbſt verſtehe, werde ich es nicht verbergen.“ „»Wie— Du weißt nicht, ob das, was er Dir einfloͤßt, Zaͤrtlichkeit oder Widerwillen iſt?“ Lilia ſah aus, als ob man hebraͤiſch mit ihr ſpraͤche. Sie ſchuͤttelte ihr Koͤpfchen und nahm eine ganz bezaubernde Miene der Befangenheit an. „Mein Kind, ich bitte Dich, daß Du mir ant⸗ worteſt!“ „Aber, was ſoll ich denn antworten?“ „Fuͤhlſt Du, daß Philipp Dir auf irgend eine Weiſe theuer iſt?“ „Von heute an ſoll er es ja werden.“ „Durch die Pflicht, ja.“ „Ja, durch die Pflicht; ein Mann ſoll ſeiner Gattin ſtets theuer ſein.“ Lilia ſagte dies mit einem ſolchen Tone der Ein⸗ falt, daß ſie die Lectorin ganz in Verzweiflung ſetzte. „Meine liebe Lilia, ich hoffte, daß Du fuͤr mei⸗ nen Sohn noch etwas Anderes fuͤhlteſt, als was blos heheim⸗ iß.“ en auf n Ge⸗ Z nicht r Dir it ihr n eine r ant⸗ d eine ſeiner Ein⸗ zte. mei⸗ 3 blos die Pflicht vorſchreibt— hat nicht ſeine Liebe einen einzigen kleinen Theil Deines Herzens gewonnen?“ „Wie ſoll ich das wiſſen?“ „Laß uns verſuchen, der Sache auf den Grund zu kommen— erlaubſt Du, daß ich ein kleines Exa⸗ men anſtelle?“ „Gern.“ „Findeſt Du Vergnuͤgen an ſeiner Geſellſchaft?“ „Ja, gewiß.“— „Siehſt Du ihn— bedenke immer, daß es eine Mutter iſt, welche Dich fragt— ſiehſt Du ihn fuͤr einen huͤbſchen Mann an?“ „Ja, gewiß, das ſagen ja Alle.“ „Vermiſſeſt Du ihn, wenn er von Dir hinweg⸗ geht?“ „Nicht gerade ſehr.“ „Aber doch ein wenig?“ „Zuweilen.“ „Nun, wenn intereſſirt er Dich am meiſten?“ „Wenn er ſpricht. „Aha! Dagegen mißfaͤllt er Dir, wenn er blos mit Blicken ſpricht?“ „Ja.“ „Und wenn er ſich eine kleine Freiheit als Braͤu⸗ tigam erlaubt, ſo mißfaͤllt er Dir noch mehr?“ „Das iſt wahr!“ brach Lilia mit einem unnach⸗ ahmlichen Ausdruck kindiſchen Erſtaunens aus, daß 128 Jemand anders etwas auseinanderſetzen konnte, was ſie ſelbſt nicht verſtand. „Weißt Du, was ich aus allem dieſen ſchließe, mein Kind?“ „Nein, aber ich moͤchte es gern wiſſen.“ „Nun, daß Dein Herz, ohne daß Du es ſelbſt weißtt, fuͤr meinen Sohn ganz guͤnſtig geſtimmt iſt.“ „Das iſt allerdings moͤglich.“ „»Und daß, wenn Du drei Monate verheirathet biſt, mir ganz anders antworten wirſt, als heute. Philipp wird ſich Liebe erwerben und dann wirſt Du Dich eben ſo ſehr nach ſeiner Zaͤrtlichkeit ſehnen, als ſie Dir jetzt, in Deiner unſchuldigen Unwiſſenheit, un⸗ angenehm iſt.“ „Wir wollen ſehen,“ ſagte Lilia mit anmuthigem Laͤcheln. Und ſo ſchloß die Verhandlung zwiſchen der Lecto⸗ rin und ihrer Schwiegertochter. Als das junge Maͤdchen hinausging, ſagte die erſtere zu ſich ſelbſt:„Niemals in meinem Leben habe ich eine ſo große Kindlichkeit geſehen— ich kann voll⸗ kommen ruhig ſein.“ In demſelben Augenblicke ſagte Lilia auch zu ſich ſelbſt: „Niemals in meinem Leben habe ich eine ſo große Lei ſeir gefe dah poet 129 was Leichtglaͤubigkeit geſehen— ich kann vollkommen ruhig ſein!:............ Einige Stunden darauf ward die Vermaͤhlung gefeiert und Philipps vorausgeſetztes Horoſkop hatte ſelbſt daher wohl gelogen, als es prophezeihte, er werde ganz 8 poetiſch in einer Dachkammer vor Hunger ſterben. athet heute. un⸗ G G Ein Gerücht. I. 9 Des häuslichen Glückes Außenſeite. M un Ein Jahr war verfloſſen. K Director Sorenius hatte ſchon vor acht Monaten we der Erde ſeine Schuld bezahlt. Er ſtarb in der Ueber⸗ 3e zeugung, daß er gehandelt habe, wie ein Salomo an aͤu Weisheit, denn kein Tag verfloß, an welchem Philipp ſei nicht erklaͤrte, daß das Paradies Armuth und Duͤrftig⸗ ſich keit ſein muͤſſe, gegen das Gluͤck, das er ſein nannte. che Und der ganze Ort ward verſucht, daſſelbe zu erf glauben. Wo gab es wohl eine Gattin, die ihren Mann in na Weſen und Handlung mehr ergeben war?— That ſie ſta nicht Alles, um was er ſie bat, Alles, was er blos wuͤnſchte? Sie zeigte ſich beſtaͤndig fuͤr ihn, wie eine gute Fee. Aber bat er ſie wohl jemals um etwas Anderes, Nonaten r Ueber⸗ komo an Philipp Duͤrftig⸗ annte. ſelbe zu Nann in That ſie er blos wie eine Anderes, 131 als was ſie ſelbſt thun wollte— wuͤnſchte, oder richti⸗ ger, aͤußerte er jemals einen Wunſch, von dem er nicht vorher wußte, daß er bewilligt werden wuͤrde?... Niemals! Er war es vielleicht, der ſeine Frau ſtudirte, waͤh⸗ rend er ausſah, als ob ſie ihn ſtudirte. Als Neuvermaͤhlte waren ſie ebenfalls bewunderns⸗ wuͤrdig und zwar deshalb, weil ſie anderen Leuten mit ihrer Liebe nicht laͤſtig fielen. Es iſt wohl wahr, daß die bezaubernde Lilia ihrem Manne oft die zaͤrtlichſten und verfuͤhreriſchſten Blicke und auf den Spitzen ihrer Roſenfinger die feurigſten Kuͤſſe zuſchickte, aber eben ſo wahr iſt es, daß er, wie⸗ wohl er bisweilen roth und bleich ward und die ganze Zerſtreutheit eines bethoͤrten Liebenden verrieth, doch den aͤußern, feinern Anſtand nicht dadurch verletzte, daß er ſeinen Empfindungen Luft gemacht haͤtte. Er bediente ſich nicht einmal eines einzigen jener tauſend Schmei⸗ chelnamen, welche die Liebe und vor allen die Dichter erfunden haben. 4 Es war ein exemplariſches Ehepaar, und es war natuͤrlich, daß das Gluͤck deſſelben damit im Verhaͤltniß ſtand. In dieſer Ueberzeugung ſtarb auch, wie ſchon erwaͤhnt worden, der Director; in dieſer Ueber⸗ zeugung reiſ'te die Lectorin wieder nach Hauſe 9* 13²2 und in dieſer Ueberzeugung verſuchte der arme Dick — durch den Tod des Vaters ſo tief betruͤbt und er⸗ ſchuͤttert— einen Erſatz fuͤr ſeinen eigenen Verluſt zu finden, der von Philipp und ſeiner jungen Gattin innig getheilt ward. Die einzige, die von der großen Gluͤckſeligkeit in Ribyhus ſich nicht ſo ganz und gar uͤberzeugt fuͤhlte, war Mamſell Helena, die lange Ohren hatte. Aber die arme, alte Jungfer, wie gern ſie auch plauderte, verurtheilte ſich doch freiwillig zur Tortur des Schweigens, um nicht die Moͤglichkeit zu verlieren, bei ihrer geliebten Lilia zu ſein und ſie wußte, daß dieſe Moͤglichkeit bei der geringſten Albernheit von ihrer Seite auf dem Spiele ſtand. „Gott behuͤte meine liebe Lilia!“ ſagte ſie zur Lec⸗ torin, als dieſe jetzt am Schluß des Jahres nach Ri⸗ byhus kam, um ihr erſtes Enkelkind zur Taufe zu tra⸗ gen.„Man kann gar keiner andern Meinung ſein, als daß ſie ein Engel auf Erden iſt, und ich hoffe, daß Vet⸗ ter Philipp ehenſo denkt— wenigſtens iſt es ſeine Pflicht, ſo zu denken... obſchon es ſich von ſelbſt ver⸗ ſteht, daß Lilia auch ein irdiſches Weib ſein muß, und daß ſie als ſolches ihn zuweilen zur Verzweiflung brin⸗ gen kann.“ „Zu was?“ fragte die Lectorin,—„zur Verzweif⸗ lung? Er iſt ja ganz vernarrt in ſeine Frau.“ „Ja, das iſt es eben, und das iſt ganz natuͤrlich Dick nd er⸗ uſt zu innig eit in uͤhlte, auch ir des n, bei dieſe Seite -Lec⸗, Ri⸗ 1 tra⸗ I, als Vet⸗ ſeine ver⸗ und brin⸗ weif⸗ 133 ... ſagte ich Verzweiflung? Ich ungeſchicktes Ding ſchwatze immer ins Blaue hinein! Nein, geehrteſte Frau Schweſter, ich habe Lilia erziehen ſehen und ich weiß auf mein Gewiſſen, daß alle die kleinen, intriguan⸗ ten Grillen, die ſie erſt verrieth, hinwegſchwanden, wie Thau vor der Sonne, als meine ſelige Freundin, eine Heilige auf Erden, ihre Tugend auf dieſes junge Kind ſcheinen ließ, und deshalb iſt Lilia eine lebende Tugend in Allem— ausgenommen, verſteht ſich, daß kein Sterblicher ſo geſchaffen iſt, daß er ſeine Natur verleug⸗ nen koͤnnte... und Lilia's Natur, Du lieber Gott, iſt wohl nicht die leichteſte, zu uͤberwinden!“ Obſchon Mamſell Helena Forsling dafuͤr bekannt war, daß ſie mehr als eine Melodie ſang, ſo weckte doch die Weiſe, auf welche ſie jetzt zwitſcherte, einen aller⸗ dings ſchon fruͤher erwachten, ſpaͤter aber wieder einge⸗ ſchlummerten Inſtinkt bei der Mutter. Sie verſuchte deshalb, durch einige unbedeutende Fragen ſich mehr Licht zu verſchaffen, aber gerade die Vorſicht bei dieſen Fragen erweckte Mamſell Helenens Aufmerkſamkeit auf ſich ſelbſt und das gute Geſchoͤpf ward ganz beſtuͤrzt daruͤber, daß ſie in ihrer Unachtſam⸗ keit Worte geſprochen, die ſie kaum ein Recht hatte, vor ſich ſelbſt auszuſprechen, und weshalb ſie beſchloß, kuͤnf⸗ tig beſſer er auf ihrer Hut zu ſein. 134 Es war einige Tage nach der Gevatterſchaft und ungefaͤhr einen Monat nach der Geburt des kleinen Sohnes. Die achtzehnjaͤhrige Mutter lag auf einem Ruhe⸗ ſopha und hielt in der Hand einen langen, purpurfar⸗ benen Shawl, woran ſie dann und wann einige Ma⸗ ſchen ſtrickte, aber ſo ſelten, daß man beinahe auf den Verdacht gefuͤhrt ward, dieſer Gegenſtand ſei eben ſo ſehr des Effects, als der Arbeit willen, zur Hand ge⸗ nommen worden. Und es ließ ſich nicht leugnen, dieſer Shawl gab dem weißen Morgengewande, uͤber welches er ſich phantaſtiſch hinſchlaͤngelte, ein anmuthiges Relief, und verlieh daneben eine helle Roſenfarbe den blendend⸗ weißen Haͤnden, die in den Wogen der Zephyrwolle ſpielten. Lilig's lilienbleiches Kinderantlit war in eine Spitzenhaube eingeſchloſſen, deren gekraͤuſelter Beſatz, wie auf alten Bildniſſen, das ſchoͤne Oval umgab und nur einen Rand des cendré⸗farbigen Haares ſehen ließ. Nicht weit von dem Ruheſopha ſaß Dick, nun bald ein ſiebzehnjaͤhriger Juͤngling, und wiegte ſeinen Neffen, den er ſchon Onkel ſagen lehren wollte. Roſabella lag, muͤde von der gewoͤhnlichen Mor⸗ genpromenade und den gymnaſtiſchen Uebungen, zu Dicks Fuͤßen und ſchlief mit dem Kleinen um die Wette. — Un rot velches Relief, ndend⸗ prwolle eine Beſatz, ib und ſehen „nun ſeinen Mor⸗ n, zu m die 135 „Welche Zeit iſt es, Dick?“ fragte Lilia. „Halb Eins— willſt Du etwas?“ „Nein.“ „Soll ich Mamſell Helena aufſuchen?* Die junge Frau gab nur ein leichtes Zeichen der Ungeduld. „Die Tante?“ Daſſelbe Zeichen. „Sehnſt Du Dich vielleicht nach Philipp?“ Lilia's Wange zeigte ploͤtzlich einen Widerſchein des rothen Shawls.„Wie albern Du doch biſt, Dick!“ „Warum denn das 2“ „Hat man wohl Urſache, ſich nach einer Perſon zu ſehnen, die man niemals laͤnger, als auf einige Stun⸗ den verliert?“ „Ich daͤchte, Du ſollteſt Dich ſchaͤmen, ſo etwas zu ſagen,“ antwortete Dick aͤrgerlichz„denn Du weißt wohl, daß er ſich nach Dir ſehnt.“ „Und Du ſollteſt Dich ſchaͤmen, ſo heftig mit mir zu ſprechen, da Du wohl weißt, daß ich noch ſo matt bin.“ „Ach, dummes Zeug, Lilia, Du biſt nicht ſo matt, als Du Philipp weiß machſt!“ „Was?“ 3 „Ja, ja; mehrmals, wenn Du Dich allein glaub⸗ teſt, habe ich Dich ganz flink und leicht uͤber das Zim⸗ mer laufen ſehen.“ 136 „Dick! Ja, ja, ſo iſt es! Ich laſſe mir nichts vormachen der — und weißt Du noch etwas?“ und 14„Nun?« Ha „Nun, wenn ich an Philipps Stelle waͤre, ſo ſoll⸗ teſt Du mir ganz gewiß mit Deinen kleinen Fuͤßen ſo gehen muͤſſen, denn ſie ſind doch auf jeden Fall zu die⸗ nu ſem Zwecke geſchaffen. Aber Gott bewahre, da heißt Gr es: Liebe Lilia, ſoll ich Dich dorthin tragen— liebe Lilia, ſoll ich Dich dahin tragen... ach, was fuͤr ein Ir Thor iſt doch dieſer Philipple „Ja, ich bin auch recht aͤrgerlich daruͤber, daß 2 Du recht haſt.“ den „So, Frau Lilia, Du biſt aͤrgerlich daruͤber, eine abe olche Gewalt uͤber ihn zu haben? Aber es ſieht gerade zur nicht aus, als ob Du es beklagteſt, denn ſonſt wuͤrdeſt wie Du dieſe Gewalt nicht auf ſo ſchlaue Weiſe unterhalten. In allen andern Dingen iſt Philipp uͤber jeden Tadel erhaben.“ und „Das wollte ich meinen.“ iſt, „Wie merkwuͤrdig fleißig und gewandt nimmt er alle ſich nicht der großen Geſchaͤfte an, welche Papa ihm Do hinterlaſſen, obſchon ſo etwas ſeinen Neigungen gar der nicht zuſagt. Er wird von den Arbeitern angebetet und wenn die Fabrik unter Papas Leitung ſchon bluͤhete, o wird ſie unter Philipps noch mehr bluͤhen.“ nachen ſoll⸗ Fuͤßen u die⸗ heißt liebe ir ein daß eine gerade uͤrdeſt alten. Tadel nt er ihm gar und te, ſo 137 „Aber dazwiſchen dichtet er Elegien und Hirtenlie⸗ der, und traͤumt von Phoͤbus und Apollo, von Pſyche und den Muſen; er ſchwimmt in Poeſie und ſpielt Haſchens mit Frau Venus*).“ „Aber, wenn Du eine dieſer Elegien ſehen ſollteſt, ſo wuͤrdeſt Du finden, Du tadelſuͤchtige, kleine Hexe“— nun war Dick ordentlich boͤſe—„daß er ſeinen guten Grund hat, mit Frau Venus zu ſpielen und Du kannſt Dich nur bei ihm bedanken, daß er nicht mit andern Frauen ſpielt, als ſolchen, die auf dem Olymp herrſchen.“ „Dick,“ ſagte Lilia erbleichend,„was unterſtehſt Du Dich, da zu ſagen, Du unartiger Knabe!“ „Knabe... Frau Lilia iſt ſehr alt und weiſe, denn ſie iſt ein Jahr aͤlter, als ich und heißt Mama; aber Frau Lilia muß wiſſen, daß ich mich nicht mehr zum Beſten halten laſſe, wie ich lange gethan, gerade wie andere Leute.“ „Zum Beſten haben?“ „Ja, das war das Wort deſſen ich mich bediente und ich fuͤge hinzu, daß Philipp durchaus nicht gluͤcklich iſt, weil Du ihm mit Kaͤlte begegneſt— wenn Ihr allein ſeid, verſteht ſich, und Du Niemanden haſt, der Dein ſuͤßes Laͤcheln und Deine zaͤrtlichen Blicke bewun⸗ dern kann.“ *) Dieſe letzten Worte waren eine Anſpielung auf einen poetiſchen Scherz Philipps. „Dick, Dick!“ „Und es geſchieht nicht zum Scherze, daß er fort⸗ waͤhrend im Gedicht ſein Herz vor einer grauſamen Gottheit ausſchuͤttet, welche ſeine Bitten und ſeine brennende Liebe nicht ruͤhren koͤnnen!“ „Haſt Du ſolche Gedichte geleſen?“ „Ja wohl, ich habe es. Sein bekuͤmmerter Blick, wenn er ſich allein glaubte und ſeine ploͤtzliche Freude wenn Du ihm in Gnaden einen kleinen Beweis Dei⸗ ner Zaͤrtlichkeit gibſt, bewog mich, die Wahrheit zu arg⸗ wohnen. Ich oͤffnete daher einmal in ſeiner Abweſen⸗ heit den Schreibtiſch, in welchem er ſeine poetiſchen Geheimniſſe zu verwahren pflagt, und ich fand da— Du verſtehſt mich, Frau Lilia— ein Geheimniß, welches mit etwas Anderem zu ſchaffen hatte, als mit der Poeſie.“ „St, Dick... ich hoͤre meine Schwiegermutter kommen! Morgen kannſt Du mir einmal das merk⸗ wuͤrdige Gedicht verſchaffen, welches wemutglich an ir⸗ gen ein getraͤumtes Ideal gerichtet iſt.“ Die Lectorin, die des Vormittags einen n. Spazier⸗ gang gemacht hatte, trat jetzt ein und uͤberreichte ihrer Schwiegertochter einen ſchoͤnen Blumenſtrauß. Lilia empfing denſelben mit dankbarem Laͤcheln, wobei ſie ſogleich die muͤtterliche Hand herzlich und ehr⸗ erbietig an ihre Lippen druͤckte. fort⸗ amen ſeine Blick, Freude Dei⸗ marg⸗ veſen⸗ iſchen da— mniß, s mit nutter merk⸗ an ir⸗ pazier⸗ e ihrer aͤcheln, ĩd ehr⸗ 139 „Die Blumen ſind nicht von mir, mein ſuͤßes Kind!“ „Ah ſo, von Philipp... weshalb gibt er ſie mir nicht ſelbſt?“ „Weil er nicht Zeit hat, vor Mittag nach Hauſe zu kommen.“ Bei dieſen Worten machte Dick eine Geberde der Befriedigung. „Nicht Zeit?“ ſagte Lilia. In ihrer Stimme lag weder Unwillen, noch Ver⸗ gnuͤgen. „Es iſt wohl gar nicht moͤglich, daß er eine ſolche Heldenthat vollbringenßänn?“ ſagte Dick...„vom Morgen bis Mittag außer dem Hauſe zu ſein, das iſt ja ein ordentliches Wunderwerk.“ „Ja, aber er will es verſuchen, es doch durchzu⸗ ſetzen,“ fiel die Lectorin ein. Und Gott weiß, wie es kam, daß gleichſam eine Sympathie zwiſchen ihrem und Dicks Tone lag. Lilia that, als ob ſie dieſen veraͤnderten Ton nicht bemerkte und fing ganz ruhig an, ihre Maſchen zu zaͤhlen.. Aber jetzt vernahm man ſchnelle Tritte draußen auf dem Salon, die eilends auf das Zimmer zukamen, Die junge Frau blickte auf— ein triumphirender Blitzſtrahl leuchtete in ihren Augen. Die Lectorin ſagte:„»Mein Gott, was iſt das?“ 140 Und Dick ſtieß in ſeiner ſtillen Wuth ſo derb nach wol Roſabella, daß dieſe hoͤchſt verwundert uͤber eine ſolche lun Behandlung die Ohren ſchuͤttelte und ihre ſchlaͤfrigen Augen fragend zu ihrem Herrn emporhob, welcher, nach⸗ dem er Roſabella ihr Theil gegeben, ſo heftig die Wiege und zu ſchwenken begann, daß der kleine Neffe beinahe auf. die Dielen geſtuͤlpt worden waͤre. Die Philipp, in einen kleinen, gruͤnen Comptoirrock ge⸗ 4 kleidet, mit wegen der Waͤrme umgeſchlagenem Hemd⸗ die kragen, waͤhrend ſein ſchoͤnes, braunes Haar um das 3 ſonnenverbrannte Geſicht flatterte, trat in demſelben Au⸗ ein genblicke ein.* aus „Es iſt mir eben eingefallen, geliebte Lilia, daß 9 Du vielleicht, um der Kuͤhle willen, draußen im Salon dar zu liegen wuͤnſcheſt, und es iſt Niemand da, der Dein der Ruheſopha ſo ſchieben kann, wie ich.“ ein „Ich daͤchte doch, ich waͤre nicht zu klein dazu,“ Ga ſagte Dick. em „Aber Du biſt nicht vorſichtig genug.“ Mi „Ja, das koͤnnte wohl ſein!“ murmelte er und ſan dachte uͤber das nach, was er ſo eben geſagt. W' „Guter Philipp,“ fluͤſterte Lilia, und legte in dieſe zwei Worte einen ſo bezaubernden Ton, daß Philipps aus Antlitz vor Freude ſtrahlte. reie Er trat ganz nahe an ſie heran. „Im Fall Du draußen auf dem Sopha liegen nach ſolche rigen nach⸗ Viege e auf k ge⸗ demd⸗ das Au⸗ daß balon Dein azu,“ und dieſe lipps 141 wollteſt, ſo waͤre das vielleicht eine kleine Abwechſe⸗ lung.“ „Aber Du biſt es gewiß muͤde, mich zu tragen?“ „Ja, das iſt ſehr wahrſcheinlich,“ antwortete er und beugte ſich zu ihr nieder. „Nun, dann wird es vielleicht gut ſein, wenn ich Dich im Voraus bezahle!“ Sie neigte das Haupt ein wenig vor und bot ihm die friſchen Lippen. Blos ein paarmal hatten Mutter und Bruder eine ſolche Liebkoſung zwiſchen dem jungen Ehepaare austauſchen ſehen. Und die Mutter fuͤhlte eine krampf⸗ hafte Empfindung im Herzen, als ſie Philipp mit einem Blick unbeſchreiblichen Entzuͤckens und ruͤhrender Dank⸗ barkeit— kurz, mit einem Blick, der durchaus nicht der ruhigen Zaͤrtlichkeit eines Mannes glich, der ſchon ein Jahr verheirathet iſt,— ſich neben ſeine junge Gattin niederwerfen ſah, um den dargebotenen Kuß zu empfangen... Und der Herzenskrampf der armen Mutter nahm noch zu, als ſie darauf den Sohn, gleich⸗ ſam berauſcht, dieſe Gattin mit beinahe wahnſinniger Wonne betrachten ſah. Er nahm ſie nun in ſeine Arme und trug ſie hin⸗ aus in den Salon, wo er mit dem ganzen Erfindungs⸗ reichthume unruhiger Liebe ihr Alles zurecht ſtellte. „Ach,“ ſagte er, indem er einige Schritte von ihr hinwegtrat,„wie ſchoͤn, wie anbetungswuͤrdig Du hiſt! 142² Wo giebt es ein Weib, welches mit Dir verglichen werden koͤnnte, Du Engel, Kind, Madonna, bezaubernde Sirene, meine Egeria!“ „Still, ſtill, Philipp— Du weißt wohl, daß ich Dir niemals widerſpreche; Du biſt mein Herrſcher, aber dieſe uͤbertriebenen Benennungen ſind...“ „Ich ſage nichts mehr... aber laß mich blos, bevor ich wieder gehe, unſern Sohn zu Dir hertragen — darf ich das?“ Lilia nickte Zuſtimmung; aber als der vierund⸗ zwanzigjaͤhrige Vater den Sohn in die Arme der jungen Mutter legte, begegneten ſich ihre Blicke auf eine eigen⸗ thuͤmliche Weiſe... Philipp zog ſich zuruͤck, und obſchon Lilia jetzt weit ſchoͤner in der Stellung war, die ſie um des Kleinen, oder um ihrer ſelbſt oder um Philipps willen annahm, ließ er doch nicht einen einzigen Ausruf hoͤren. Er ſtand vor dem lebenden Bilde, welches ſeine Gattin mit dem Kinde auffuͤhrte, wie ein fremder Zu⸗ ſchauer, aber wie ein Zuſchauer, der kaum zu athmen wagt, weil man ihm geſagt, daß bei der geringſten Be⸗ wegung Alles zuſammen verſchwinden werde. „Freuſt Du Dich, mein Philipp?“ fragte mit an⸗ muthiger Unterwuͤrfigkeit die fromme Gattin.„Ich halte das kleine, ſchwere Geſchoͤpf in meinen Armen, bis ſie mir faſt einſchlafen, aber ſo lange es Dir Freude gllichen vernde aß ich rſcher, blos, tragen erund⸗ ungen eigen⸗ gt weit leinen, mahm, 3 ſeine er Zu⸗ thmen in Be⸗ nit an⸗ „Ich Armen, Freude 143 „Ach mein Gott, wie ruͤckſichtslos bin ich doch!“ klagte Philipp ganz erſchrocken. „Nun, unſere Lilia iſt ja ganz munter, Du brauchſt Dir kein Gewiſſen zu machen, mein Sohn,“ ſagte die Mutter, indem ſie der Schwiegertochter, gleichſam etwas kurz angebunden, den Kleinen abnahm. „Nein, gewiß nicht!“ ſtimmte Lilia bei.„Und wenn ich auch vor Mattigkeit umſinke,“— und Lilia's Kopf ſank wirklich mit einer Muͤdigkeit auf die Seite, daß Philipp todtenbleich ward—„ſo iſt es ja weiter nichts; meine ganze Freude iſt Dein, mein Freund.“ „Ja, das iſt es,“ murmelte Dick, der hinter dem Sopha, die Haͤnde ballend, ſich ſchleunigſt hinausbegab. Ein paar Nachbarinnen traten in demſelben Au⸗ genblicke ein, um ihren Dankſagungsbeſuch nach der Gevatterſchaft abzuſtatten. „Welch ein intereſſantes Bekenntniß hoͤren wir!“ rief heiter eine der Damen. „Ach,“ antwortete Lilia laͤchelnd und mit Scham⸗ roͤthe auf dem reizenden Geſicht,„Sie haben unſere klei⸗ nen Familiengeheimniſſe abgelauſcht— nicht wahr?“ „Nein, bewahre,“ ſagte die zweite Dame, es iſt kein Geheimniß, daß Herr Thurné, wenn er zum Prah⸗ len geneigt waͤre, alle unſere Maͤnner auf ſein Gluͤck neidiſch machen koͤnnte.“ „Was mich betrifft,“ ſagte Philipp, indem er den Beſucherinnen hoͤflich Stuͤhle hinſetzte,„ſo wuͤrde ich es lieber ſehen, wenn meine Frau alle Frauen auf ihr Gluͤck neidiſch machen koͤnnte, denn ich bin uneigennuͤtzig genug, das ihre dem meinen vorzuziehen.“ Lilia warf einen fragenden Blick auf die Freun⸗ dinnen und die Augen derſelben antworteten ihr, daß ſie wirklich beneidet war. Obſchon Philipp ſich jetzt nicht mehr erbot, Verſe in Stammbuͤcher zu ſchreiben, blieb er doch ſtets der Liebling der Damen, denn er war von ſeinem ganzen Herzen ein Ritter des ſchoͤnen Geſchlechts. 4 ihre? lena mer ſie m alten einer Seel 3 10. 3 der anzen Des häuslichen Glückes innere Seite. —— Die Lectorin war wieder fort. Und ihr letztes Geſpraͤch mit Philipp hatte alle ihre Beſorgniſſe beſchwichtigt. Aber nicht blos ſie war fort, auch Mamſell He⸗ lena Forsling— dieſes Vermaͤchtniß von Lilia's from⸗ mer Tante— hatte ſich muͤſſen uͤberzeugen laſſen, daß ſie mit einer guten Penſion in ihrer Vaterſtadt unter alten Bekannten weit gluͤcklicher leben wuͤrde, als hier in zeiner beinahe fremden Umgebung. Allerdings ging es etwas hart her, bevor die gute Seele in dieſem Falle ſich in Lilia's Meinung zu fuͤgen vermochte, aber da Lilia bemerkte, daß ihre Schwieger⸗ mutter nach ihren Promenaden mit Tante Helena kaͤlter zu ſein und gleichſam ein wenig zu ſpioniren ſchien, konnte nichts die junge Frau vermoͤgen, die gutmuͤthige Haushaͤlterin— denn Mamſell Helena ordnete auch Ein Gerücht. I. 10 146 alle Verhaͤltniſſe unter den Dienſtleuten— noch laͤnger dableiben zu laſſen. Natuͤrlich machte die junge Frau ihrer fruͤhern Duenna nicht den geringſten Vorwurf und beruͤhrte nicht mit einer Sylbe die eigentliche Urſache ihres Wunſches. Aber ſie ſprach ſtatt deſſen viel von der Annehm⸗ lichkeit der alten, traulichen Kaffeegeſellſchaften, in wel⸗ chen die ſelige Tante an der Seite ihrer alten Freundin ſo wuͤrdig den Vorſitz gefuͤhrt hatte und ſie war uͤber⸗ zeugt, wie ſchmerzlich auch Tante Helena vermißt wuͤrde. Und da die Zukunft der Tante nun ſichergeſtellt wer⸗ den konnte, ſo wollte Lilia um Alles in der Welt nicht ſie langer zuruͤckzuhalten ſuchen, da ſie ſich in einer eigenen kleinen Heimath weit beſſer befinden mußte. Auf dieſe Weiſe beſiegt, mußte Tante Helena ſich drein ergeben, aber im letzten Augenblicke geſtand ſie laut, daß ſie dies doch niemals von einer Perſon er⸗ wartet haͤtte, die von ihrer ſeligen Freundin erzogen worden. Aber wahrlich, ſie fuͤr ihren Theil koͤnnte ſchon die Leute entbehren, welche ihrer nicht beduͤrften— eine Klage, die gleichwohl ſofort verſtummte, als Lilia mit der groͤßten Zaͤrtlichkeit ſie umarmte und ihr verſicherte, daß der Verluſt ein wechſelſeitiger ſein wuͤrde und daß ſie nur um des eignen Beſten der Tante willen ſo ge⸗ handelt habe. bende muß Phil laͤſtit in F merk muß befin zwei Nac ihre weg nich ſchen den Bli aͤnger uͤhern ruͤhrte ihres nehm⸗ n wel⸗ rundin uͤber⸗ wuͤrde. t wer⸗ t nicht neiner te. na ſich and ſie ſon er⸗ erzogen hon die — eine llia mit ſicherte, und daß 1 ſo ge⸗ 147 Befreit von dieſer laͤſtigen Aufſicht, von dieſer le⸗ benden Mahnung, daß ſie ſtets auf ihrer Hut ſein mußte, fuͤhlte Lilia eine große Erleichterung. Gegen andere Leute hieß es gleichwohl: „Ich habe lange Zeit mit Verdruß geſehen, wie Philipp durch das Geſchwaͤtz der guten, alten Perſon be⸗ laͤſtigt ward. Und ſo ſehr ich auch auf ſie hielt, ich, die in Folge der Gewohnheit, ihre kleinen Fehler kaum be⸗ merkte, trennte ich mich doch von ihr, denn eine Frau muß natuͤrlich und vor allen Dingen auf das Wohl⸗ befinden ihres Mannes ſehen.“ Jetzt war es Winter... gegen den Schluß des zweiten Winters nach Lilia's Vermaͤhlung. Man hatte in Ribyhus ein großes Feſt fuͤr die Nachbarn gegeben. Lilia in einer reizenden Toilette, die ihres Geſchmacks wegen ebenſo bewundert ward, als wegen ihrer Eleganz, hatte mit Allen getanzt... nur nicht mit ihrem Mann, deſſen Anſuchen ſie jedesmal ſcherzend zuruͤckgewieſen. Die letzten Wagen waren fort— die Kerzen auf den Leuchtern flammten mit dem letzten Lebensfunken, Blumen lagen zerſtreut uͤber dem Fußboden, die Dienſt⸗ 10* 148 leute klirrten mit Glas⸗ und Silberzeug und ſchoben Tiſch und Stuͤhle hin und her. Veroͤdung und Unbehaglichkeit war eingetreten. Aber in Lilig's Kabinet vor dem Schlafzimmer herrſchte das ruhigſte und anmuthigſte Wohlbehagen. Die Lampe brannte hell und warf ihren veſtaliſchen Schein auf die junge Frau, welche, noch das roſenfar⸗ bige Florgewand mit weißen Bouquets tragend, vor dem Spiegel ſtand und den Blumenkranz losmachte, der auf der einen Seite ihrer Locken ſchwebte. Dieſe Arbeit war noch nicht beendet, als Philipp leiſe eintrat. Lilia ſah ihren Mann im Spiegel recht wohl, aber ſie that, als ob ſie ihn nicht ſaͤhe. „Stoͤre ich Dich, wenn ich einen Augenblick hier verweile?“ fragte er. Lilia wendete den Kopf ein wenig herum... „Nein, gewiß nicht— ich bin freilich ziemlich ſchlaͤfrig und wollte eben Marien klingeln.“ „Ich bitte, daß Du damit einen Augenblick war⸗ teſt, Lilia.“ Philipps Ton klang wie ein Gemiſch von Ernſt und Schmerz. Ohne zu antworten, warf Lilia ſich in einen Lehn⸗ ſtuhl und fing an zu gaͤhnen. „Wir ſind nun unter vier Augen“ „Das ſehe ich wohl.“ choben en. immer gen. liſchen ſenfar⸗ dr dem er auf hilipp l, aber ick hier „... hlaͤfrig k war⸗ Ernſt Lehn⸗ 149 „Deshalb iſt es aus mit meinem beneideten Gluͤck ... ja, es iſt wahr, ich bin in der That beneidens⸗ werth gluͤcklich!“ „Es freut mich, daß Du das findeſt, mein lieber Philipp!“- „Ja, Du thuſt recht daran, mich zu verhoͤhnen, mich zu verachten— ich verachte mich ſelbſt wegen meiner elenden Schwachheit.“ „Was denn fuͤr eine Schwachheit?“ „... daß ich mich Deiner infernaliſchen Gewalt unterwerfe.“ „Nun, ſo brich ſie doch!“ Philipp ſah ſie blos an. „Du biſt Mann und ich bin nur ein armes, ſchwaches Weib... aber...“ „Aber?“ „... ich vertheidige meine Rechte— vertheidige Du die Deinen!“ „O Du verkleideter Daͤmon in freundlicher En⸗ gelsgeſtalt!“ Philipp druͤckte in ohnmaͤchtiger Raſerei die Haͤnde an ſeinen ſchwindelnden Kopf. „Ganz gewiß, mein Freund, phantaſirſt Du uͤber ein Trauerſpiel, das Du zu dichten gedenkſt... iſt es nicht ſo?“ „Hore, Lilia,“ ſagte er mit einer gewaltſamen An⸗ ſtrengung, ſeine Ruhe wieder zu gewinnen,„wiederhole, 150 was Du mir an unſerm Hochzeitsabend ſagteſt; wieder⸗ wir hole es!“ De „Das will ich thun, obſchon ich es bereits ſchon ein ſo viele Male gethan habe, daß ich meinen ſollte, Du ſie koͤnnteſt es auswendig.“ „Ich will es dennoch hoͤren!“ Di „Nun wohl: Als wir allein waren und Du Dich zu meinen Fuͤßen werfen wollteſt, ſagte ich:... Mein ſo Freund, als wir einander drei Tage lang kannten, ward G ich Deine Braut, und jetzt nach drei Wochen bin ich M durch meinen freien Willen— aber merke wohl, nicht D durch Liebe— Deine⸗Frau geworden, das heißt ge⸗ T wiſſermaßen, daß ich Deine Sklavin geworden bin. fal Aber es wird vielleicht auf Dich ſelbſt ankommen, ein D angenehmeres Verhaͤltniß herzuſtellen. Waͤhle, ob Du in mir Deine gehorſame Sklavin oder mit der Zeit Deine Geliebte ſehen willſt!... Das ſagte ich.“ ſo „Und wie lautete meine Antwort? Sie lautete un dahin, daß ich Dir bewies, daß ich keinen Anſpruch be⸗ vnr ſaß... Ich war es, der Dein Sklave ward.“ ni „Verloreſt Du durch dieſen Edelmuth?“ fragte die D— junge Frau und ihr Blick und ihr Laͤcheln haͤtte einen Heiligen wuͤthend machen koͤnnen, ſo hoͤhniſch war es. at Philipp ſah ſie mit wilder Aufregung an und ſagte dann: ſi „O, welches Weib biſt Du, wie Du mich mar⸗ terſt! Was ich gewonnen habe, ließeſt Du mich ge⸗ dieder⸗ ſchon Du Dich Mein ward in ich nicht zt ge⸗ bin. I, ein b Du Zeit autete ch be⸗ te die einen es. ſagte mar⸗ chh ge⸗ 151 winnen, um es ſpaͤter tauſendmal durch den Verluſt Deiner Zaͤrtlichkeit zu bezahlen! Wage ich wohl ein einziges Mal die unſchuldigſte Liebkoſung, ohne daß Du ſie ſelbſt bewilligſt?“ „Nun, warum wagſt Du nicht zu erobern, wenn Dir das beſſer gefaͤllt, als zu empfangen?* „Weshalb— das fragſt Du, nachdem Du mir ſo viele Male geſagt, daß nur meine Ergebenheit, meine Geduld und Ausdauer Deine Gegenliebe gewinnen koͤnnte! Mit der grauſamſten und ſinnreichſten Koketterie theilſt Du Deine Gnadengeſchenke an mich aus und laͤſſeſt ſie Tropfen fuͤr Tropfen, wie ſiedende Lava, auf mein Herz fallen! Du ſchwelgſt in meinem Schmerzez; es beluſtigt Dich, der Welt glauben zu laſſen, daß Du zu den liebe⸗ vollen Frauen gehoͤrſt. Bisweilen glaube ich ſelbſt an mein Gluͤck— Dein Laͤcheln— Deine Blicke, Deine ſo anziehenden Worte verleiten mich; aber wenn ich unter dem Einfluſſe einer ſolchen Illuſion zu Dir komme und den unbedeutendſten Beweis dafuͤr fordere, daß ich nicht traͤume, da haͤlt mich Deine eiſige Kaͤlte zuruͤck... Du naͤhreſt meine Leidenſchaft, Du erhitzeſt meine Phantaſie und dann lachſt Du uͤber meine Raſerei, uͤber meine Leiden!“ „Mein Gott, mein Gott, was das fuͤr wahn⸗ ſinnige Beſchuldigungen ſind!“ Lilia warf einen neuen Blick, in welchem Erſtau⸗ 152 nen und Anklage ſich ausſprach, auf ihren verzweiflungs⸗ vollen Gatten. „Wie— willſt Du die Wahrheit dieſer Beſchul⸗ digungen leugnen?“ „Aber kann ich denn dafuͤr, daß ich Dich noch nicht liebe? Ich thue, was ich kann und bisweilen— das weißt Du ſelbſt— ſieht es wirklich aus, als ob Du tieferen Eingang in mein Herz gewinnen wuͤrdeſt. „Ach, das ſagſt Du nur.“ „Ich ſuche nicht, es zu verbergen, aber ein ſolcher Auftritt, wie dieſer, koͤnnte einen Engel ermuͤden und Alles mit einander zerſtoͤren.“ „Lilia, Lilia!“ „Es iſt wirklich, wie ich Dir ſage, mein guter Philipp, Du haſt zu wenig Geduld.“ „Ich?“ „Ja Du... ich bin noch ſo gut wie ein Kind, meine Gefuͤhle ſind noch nicht erwacht— warte doch und hoffe, ſage ich!“ „Aber Du bringſt mich ja endlich auf dieſe Weiſe um's Leben!“ „Ach, mein Freund, wie kannſt Du nur einen ſo ungereimten Ausdruck gebrauchen! Was wuͤrdeſt Du erſt ſagen, wenn ich einem Andern den Vorzug ein⸗ raͤumte?“ „Haſt Du das nicht den ganzen Abend gethan?... Alle, ja einen Jeden haſt Du mir vorgezogen. Fuͤr 153 Deinen Mann haſt Du nur laͤchelnde Blicke gehabt, ſo falſch wie Deine Verſprechungen, aber fremde Maͤnner haben Dich unter den wildeſten und andauerndſten Wal⸗ zern umſchloſſen halten duͤrfen.“ „Wie thoͤricht Du doch biſt, mein armer Phi⸗ lipp! Was bedeutet denn dieſe mechaniſche Bewegung in einem ſolchen Wirbel, woran blos mein Koͤrper Theil nimmt?... Sahſt Du nicht... daß meine Seele Dir mit den Blicken folgte, welche Dich ſuchten?“ „Wenn Deine Seele bei mir geweſen waͤre, wes⸗ halb haͤtteſt Du mir dann die Taͤnze abgeſchlagen, um welche ich Dich bat?“ „Deshalb, weil ich in gewiſſen Faͤllen ſchuͤchtern bin, wie ein kleines Maͤdchen... wenn wir walzten, Du und ich...“ „Nun?“ antwortete er heftig. „... wenn Du, Philipp, Deinen Arm um mei⸗ nen Leib geſchlungen haͤtteſt, ſo vor allen Menſchen . wenn Du mich beinahe in Deinen Armen fort⸗ gerragen haͤtteſt... dicht an Deinem Herzen... ſo. „Stil, ſtilll „Ja, ſiehſt Du, das waͤre ja gar nicht angegan⸗ gen. Ich zitterte bei dem bloßen Gedanken, daß man ſagen koͤnnte: Da ſeht nur dieſen uͤbergluͤcklichen Ehe⸗ mannz; er ſcheint von Seligkeit ganz berauſcht zu ſein und gleichwohl iſt es nur ſeine Frau, mit der er tanzt 154 .. ſeine Frau, die er in ſeine Arme nehmen kann, wenn er will! Das iſt ja meiner Treu eine unver⸗ gleichliche Liebe nach anderthalb Jahren.“ Philipp war aufgeſprungen. Mit gluͤhenden Wangen und funkelnden Augen ſtand er vor der jungen Frau, die ihn ſo unbarmherzig verhoͤhnte. „Ich kam hierher, um Dir etwas zu ſagen.“ „Das dachte ich mir, mein Freund“— ſie nahm jetzt den ungezwungenſten und alltaͤglichſten Ton an— „ich war uͤberzeugt, daß Du einen ganz andern Zweck haͤtteſt, als mich noch einmal wiederholen zu laſſen, was ich an unſerm Hochzeitsabend zu Dir ſagte.“ „Nein, gerade das war es, woran ich Dich erin⸗ nern wollte, denn ich will Dich fragen, ob noch keine Hoffnung fuͤr mich vorhanden iſt. Ich will wiſſen, ver⸗ ſtehſt Du, ob dieſe Verdammniß nicht bald ihrem Ende naht... aber weigerſt Du Dich, mir zu antworten... ſo... 3. „Nun, was dann?“. „Nun, dann reiſe ich fort, Gott weiß auf wie lange! Ich muß aus dieſem Fegefeuer herauskommen.“ „Du verreiſeſt wirklich?“ „Ganz beſtimmt— ich kann Geſchaͤfte zum Vor⸗ wand nehmen.“ Nun war es Lilia, welche aufſtand und nachdenklich einigemal im Zimmer auf⸗ und abging. kann, unver⸗ Augen hherzig nahm an— Zweck laſſen, 3 erin⸗ ) keine n, ver⸗ n Ende ten... zuf wie nmen.“ m Vor⸗ denklich 155 „Philipp,“ ſagte ſie, indem ſie ſich wieder nieder⸗ ſetzte,„Du fragſt mich ſo ernſt, daß ich wirklich aufrich⸗ tig ſein will.“ „O, daß Du dies doch ein einziges Mal ſein koͤnnteſt!“ „Du ſollſt ſehen— verſtehſt Du die Symptome, welche der Liebe vorangehen?“ „Ach ſprich, ſprich!“ „Aber es liegt mir ſo ſehr daran, klar zu ſehen, denn ich ahne, wenn ich einmal liebe, ſo wird... ſo wird... es ohne Maaß und Grenzen ſein.“ Philipp zog ſeinen Stuhl dicht an den ſeiner Gat⸗ tin; ſeine Blicke drangen faſt durch ihre geſenkten Augenlider. „Haſt Du einmal eine ſolche Bangigkeit empfun⸗ den, Philipp?“ „Nein... denn als ich anfing, Dich zu lieben— Du weißt wohl, daß ich jetzt nicht mehr weiß, ob mein Herz fruͤher ſchon ſo etwas empfunden— geſchah es mit dem ſeligen Gefuͤhle, mich Dir hinzugeben. Ich konnte weder, noch wollte ich dem angenehmſten aller Gefuͤhle widerſtehen.“ „Aber iſt es wahr“— ſie ce unbewußt ihre Hand in die ſeine—„iſt es wahr, daß es angenehm iſt, wie, Philipp?“ „O, ob das wahr iſt!“ 156 „Ich glaubte, daß es viel zu barbariſch ſei, um angenehm zu ſein.“ „Aber wir lieben dieſe Tyrannei.“ „Es ſchien mir gleichwohl ſoeben und viele Male vorher, als ob Du es gar nicht liebteſt.“ „Weil, Lilia, diejenigen, die wir lieben, allerdings ihre Macht auf eine grauſame Weiſe mißbrauchen koͤnnen.“ „Das iſt es eben, was ich fuͤrchte... ich zum Beiſpiel...“ „Ja Du, die im Beſitz einer zu grenzenloſen Liebe biſt, Du biſt nicht barmherzig gegen Dein Opfer.“ „Ach, man kann nicht dafuͤr und dereinſt, ich ahne es, wird die Reihe an mir ſein, uͤber Deine Un⸗ barmherzigkeit zu klagen. Mein Gott, Philipp, wie wirſt Du dann Deine Rache genießen koͤnnen— Du wirſt mich armes, ſchwaches Weſen unter Deinem Fuße zertreten.“ „Ich!... So uͤbel beurtheilſt Du die reine und erhabene Liebe und wie wenig biſt Du im Stande, das ununterdruͤckbare Gefuͤhl zu erfaſſen, welches Du in mir erweckt! Wenn Du mich liebſt, Lilia— bei dem bloßen Gedanken daran, daß dieſer Tag kommen wird, zittert meine Seele vor namenloſer Seligkeit— da wirſt Du erſt ſehen, wie groß, wie tief der Abgrund iſt, in welchen Du ſchon vorher mich geſtuͤrzt haſt.“ „Um auf die Seele zu warten, welche nachkommt!“ jetzt Fra Gat wal Frei Fuͤr Blit fach gut ſage wen wo ſond Fur wele um Male dings uchen zum Liebe , ich le Un⸗ , wie Du Fuße ee und e, das Du in ei dem wird, wirſt iſt, in mmt!“ 157 „Ha, wird ſie kommen?... Ich bitte Dich, ſpotte jetzt nicht!“ „Sie wird kommen! Hoͤre... wenn Du anderen Frauen die geringſte Aufmerkſamkeit erweiſeſt, leide ich.“ „Du leideſt?“ Philipp's Hand brannte fieberheiß in der ſeiner Gattin. „Ja, ich fuͤhle OQualen— unbeſtimmte, aber ge⸗ waltſame.“ „Mein Gott, betruͤgſt Du mich nicht?“ „Ich betruͤge Dich nicht... ich hoͤre mit heimlicher Freude Deine Seufzer, ich weide mich an Deiner Qual. Fuͤr mich, ſage ich, fuͤr mich allein leidet er... Ein Blick von mir macht ihn tauſendfach ſelig oder tauſend⸗ fach ungluͤcklich.“ Philipp ſeufzte blos einen verworrenen Laut hervor⸗ „Und, ſage ich weiter, weshalb ſoll ich ihm dieſe guten Blicke und andere kleine freundliche Zeichen ver⸗ ſagen, bis ich ihm etwas mehr ſchenken kann?... Und wenn ich an die Zeit denke... Du verſtehſt...“ „Ja, ja, ich verſtehel“ „... wo unſere Seelen gleichſam blos eine ſind... wo ich daneben keinen Schmerz, keinen Abſcheu fuͤhle, ſondern blos, wie ich Dir ſoeben vertraute, eine bange Furcht, daß Du mir das Boͤſe wieder vergelten wirſt, welches ich Dir unfreiwillig anthue.“ „ Unfreiwillig?“ „Ja gewiß, denn es iſt doch nicht meine Schuld, ob ich ſo oder ſo bin. Zuweilen werde ich durch Deine Schwachheit ordentlich zum Zorn gereizt, zuweilen denke ich, daß Du ganz unertraͤglich wirſt, das heißt, wenn meine ſchoͤnen Gefuͤhle im Abnehmen ſind. Und da, mein Freund... aber das brauche ich Dir gar nicht erſt zu ſagen“— hier athmete ihr ganzes Antlitz, ihre Haltung und ihr Ton den Ausdruck der muthwilligſten Schalkhaftigkeit—„daß es bei abnehmendem Mond allemal finſter iſt.“ „Wie da neulich, als ich zu Dir hineinkam?“ „Ganz recht, denn ich wußte, daß Du kamſt, um mich auszuſchelten... aber nun biſt Du zufrieden, mein Philipp, vollkommen beruhigt und wir gehen als die beſten Freunde, um die Ruhe zu ſuchen, deren wir be⸗ duͤrfen.“ „Jedes allein?“ „Nun, es iſt ja zu Deinem eigenen Vortheile ſo ausgemacht— der Kleine koͤnnte Dich im Schlafe ſtoͤ⸗ ren. Ich bin dieſe liebe Unannehmlichkeit gewoͤhnt und will uͤberdies nicht, daß es heiße, ich erfuͤllte nicht meine Pflicht als Mutter.“ „Sei ruhig— die Welt wird Dich niemals wegen etwas anklagen; ſie wird immer uͤberzeugt ſein, daß Du alle Deine Pflichten erfuͤllt haſt.“ „Du ſagſt das mit einem ſehr veraͤnderten Ton, Philipp! Jetzt biſt Du ſelbſt kalt und bitter.“ leb' Unrt kenn als! dem ſie r ſelnd das man rene zu b zuld, deine denke venn h da, nicht ihre gſten Nond neine vegen Du Ton, 159 „Nein, aber ich habe meine Antwort bekommen... leb' wohl, Lilia!“ Lilia ſah ihren Mann mit einem Blicke heimlicher Unruhe an. Er bemerkte es. „O wenn ich Dich nur faſſen koͤnnte! Aber ich kenne Dich heute eben ſo wenig, als ich Dich kannte, als wir uns vermaͤhlten.“ Der arme Philipp— nach einer vierjaͤhrigen Ehe, dem Zeitpunkte, wo ſeine Frau ihn verließ, kannte er ſie noch eben ſo wenig. Dieſe zuruͤckhaltende, ſelbſtſuͤchtige Frau, ſo wech⸗ ſelnd wie die Farben des Regenbogens, ſo weich wie das Gewebe der ſeidenen Maſche, ſo hart wie der Dia⸗ mant, dieſe kleine Miniaturtigerin in Geſtalt einer Si⸗ rene, wie verſtand ſie es, den Mann zu beherrſchen und zu beſiegen, der ſich ſo achllos in ihre Gewalt begeben. 11. Pphilipp faßt einen Entſchluß. Vielfache Auftritte, aͤhnlich dem ſo eben geſchilder⸗ ten, hatten ſchon vorher ſtattgefunden. Und nach jedem derſelben ſchwur Philipp hoch und theuer, daß er ſich ſelbſt verachten wuͤrde, wenn er bei ſeiner ungeheuern Schwaͤche fuͤr eine Frau beharrte, die blos mit ihm ſpielte. Aber wenn der andere Tag kam, verwunderte er ſich uͤber ſeine rebelliſchen Gedanken, dafern er ſich uͤber⸗ haupt noch derſelben entſann. Wie waͤre es wohl moͤglich geweſen, ein ſo gren⸗ zenloſes Gluͤck, wie Lilia's Liebe, zu erlangen, ohne etwas dafuͤr gelitten zu haben? Eine Frau, wie dieſe, ſchenkte ihr Herz nicht einem Manne, der ihr merken ließ, daß er eine Art Recht auf ſie beſaͤße.. ach nein, nein, der Egoismus kann nicht der Dolmetſcher des Herzens ſein! Und damit war Philipp wieder ein gluͤcklicher Mann, in der Hoffnung, noch der allergluͤcklichſte zu werden. als groͤf ſoll mor darc auf auf habe verd⸗ Sell zu ſ gehoͤ habe haber als Dick zwei leicht lder⸗ und bei , die te er über⸗ gren⸗ twas enkte aß er der ſein! ann, 161 Bei der gegenwaͤrtigen Gelegenheit ſagte er auch, als er wieder auf ſein Zimmer zuruͤckging: „Ich ſollte mich verachten,“ u. ſ. w. und um des groͤßern Nachdrucks willen ſetzte er hinzu:„Der Teufel ſoll mich holen, wenn ich mich laͤnger hudeln laſſe... morgen verlaſſe ich ſie!“ Und zu noch groͤßerer Bekraͤftigung hieß es gleich darauf: „Ja, es iſt abgemacht: Ich verlaſſe ſie beſtimmt auf drei Monate, wenigſtens auf zwei, allerwenigſtens auf einen.. Man kann in eine Frau vernarrt ſein — dieſe kleinen, an kein Geſetz gebundenen Engelsfurien haben einmal ein Patent darauf, uns den Kopf zu verdrehen— aber man muß doch ſo viel Muth und Selbſtbeherrſchung haben, ſie zu verlaſſen, wenn ſie uns zu ſehr tyranniſiren wollen!“ Wenn Lilia ſelbſt den Monolog ihres Mannes gehoͤrt haͤtte, wuͤrde ſie veraͤchtlich die Achſel gezuckt haben. Sie war uͤberzeugt, daß Philipp dieſen Muth nicht haben wuͤrde. Man moͤge ſich daher ihre Ueberraſchung denken, als Philipp am folgenden Morgen beim Fruͤhſtuͤck in Dicks und des Buchhalters Beiſein erklaͤrte, daß er in zwei Tagen auf ein ſechs bis ſieben Wochen, ja vier⸗ leicht noch laͤnger nach Stockholm reiſen wuͤrde. „Dann muß ich mich beeilen, Deine Sachen in Ein Gerücht. 1. 11 162 3 Ordnung zu bringen,“ ſagte Lilia mit der unterwuͤrfig⸗ ſten Miene. „Ich werde Dir mit an die Hand gehen, Schwe⸗ ſterchen,“ fiel Dick froͤhlich ein;„und mit der großen Gunnel und Deinen drei Hausmaͤgden, werden wir doch wohl bis zum naͤchſten Sonnabend ein paar Man⸗ telſaͤcke packen koͤnnen.“ „Willſt Du nicht mitkommen, Dick?“ ſagte Philipp. „Nein, ich danke, ich bleibe daheim, um das Haus und Roſabella zu bewachen... die arme Roſabella hat eine boͤſe Vorderpfote bekommen— ich hoffe aber, ſie wird wohl wieder hergeſtellt ſein, ehe wir unſere große Reiſe um die Erde vornehmen.“ „Du wirſt wohl bald anfangen, Dein Schiff zu bauen?“ fiel Lilia laͤchelnd ein, denn es wird ſich wohl Niemand vorſtellen, daß Lilia ihrem Mann das Ver⸗ gnuͤgen machte, ihm Betroffenheit, geſchweige denn Kummer uͤber ſeinen ſchnellen Entſchluß ſehen zu laſſen. Ach nein, ich kaufe es gleich fertig gebaut oder ich fahre auch vielleicht ganz einfach als Paſſagier mit. Jetzt hat die Sache noch keine Eile und ich werde in⸗ zwiſchen kraͤftiger, im Fall vielleicht Kaͤmpfe mit Wil⸗ den zu beſtehen ſind.“. Als man vom Tiſche aufſtand, ging die junge Frau ihren haͤuslichen Geſchaͤften nach. Und wenn in der That ihre ganze Gluͤckſeligkeit rfig⸗ hwe⸗ voßen wir Nan⸗ ſagte Haus a hat r, ſie große iff zu wohl Ver⸗ denn aſſen. der ich mit. de in⸗ Wil⸗ junge eligkeit 163 auf dem Spiele geſtanden haͤtte, ſo wuͤrde ſie nicht eine einzige Bitte an ihren Mann gerichtet haben, um ihn zu vermoͤgen, zu Hauſe zu bleiben und eben ſo wenig haͤtte ſie ihm vorgeſchlagen, die Reiſe mitmachen zu wollen. Aber ſie verließ ſich noch darauf, daß er zu ihr kommen wuͤrde, um zu bereuen oder zu bitten— dieſe Reue, dieſe Bitten waren ihr wahrſcheinlich nicht gleich⸗ gultig. Inzwiſchen mußte ſie doch thun, als ob ſie an ſeinen Entſchluß glaubte und darnach ihre Anordnun⸗ gen treffen. Damit ging es ſo zu: Frau Lilia lag, wie gewoͤhnlich, zuſammengekauert in einem Lehnſtuhl— dieſes Moͤbel liebte ſie ſehr— und waͤhrend ſie die Klingel in der einen Hand hielt, ſtuͤtzte ſie mit der andern ihr Koͤpfchen, welches in ru⸗ hender Stellung allemal ſo reizend ausſah. Auf die verſchiedenen Klingelſignale ſtellten ſich vier verſchiedene dienſtbare Geiſter in Geſtalt dreier Maͤgde mit der Favoritin des ſeligen Directors, der großen Gunnel, ein. „Chriſtine, iſt die Waͤſche des Herrn in Ordnung? Wenn dies nicht der Fall iſt, ſo ſiehe zu, daß bis Frei⸗ tag Nachmittag das Noͤthige geſchieht... Du, Sophie, kannſt Chriſtinen helfen. Du, Marie, wirſt mit Jon⸗ ſon nachſehen, daß alle Tuchkleider in gehoͤrigem Zu⸗ ſtande ſind... und Dich, Gunnel, beauftrage ich, Auf⸗ 11* ſicht zu fuͤhren, daß keiner meiner Befehle außer Acht gelaſſen werde.“ Nachdem Lilia auf dieſe ruhmwuͤrdige Weiſe mit der ernſthafteſten Miene die Pflichten einer buͤrgerlichen Hausfrau erfuͤllt hatte, weckte ſie den Kleinen auf, der in der Korbwiege neben dem Ruheſtuhl lag und kaum hatte ſie die Madonna in Ordnung gebracht— ſie war ſehr geſchickt in der Kunſt, lebende Bilder aufzufuͤhren — als Philipp, den ſie jeden Augenblick erwartete, auch ganz richtig eintrat. „Mein lieber Freund,“ ſagte die junge Gattin mit weicher Stimme und einem Laͤcheln, ſo warm, wie ein ſonnenheller Tag,„ich habe ſchon alle Anordnungen fuͤr Deine Reiſe getroffen und es bleibt mir jetzt nichts weiter uͤbrig, als auf Mittel zu meiner eigenen Zer⸗ ſtreuung waͤhrend Deiner Abweſenheit zu denken.“ „Geliebte Lilia... ach, welchen Heiligenſchein giebt Dir dieſe Stellung... wenn Du ſo ſchuͤchtern und ſanft waͤreſt, wie Du jetzt ſcheinſt.. Aber Du haſt es ja ſelbſt ſo gewollt.“ „Ach, was rede ich von Zerſtreuung,“ fuhr ſie fort, ohne zu thun, als ob ſie das Entzuͤcken und den Ein⸗ wurf ihres Mannes bemerkte,„habe ich nicht dieſes theure und liebe Kind?“— ſie druͤckte den Kleinen an ſich— er ſoll mein Erſatz ſein!“ „Erſatz.. Du... Du ſollteſt wirklich einen Erſatz beduͤrfen, wenn ich reiſe?“ Acht mit ichen , der aum war ihren auch dattin „wie ungen nichts Zer⸗ ſchein chtern r Du efort, Ein⸗ dieſes en an einen 165 „Lieber Gott, iſt denn das etwas ſo Sonderbares .. eine arme, verlaſſene Frau...“ „O, ich verſtehe Dich⸗— Philipp begann die Verſucherin zu durchſchauen—„Du willſt mich ſchwach ſehen, um dann ſpaͤter uͤber meine Schwaͤche zu ſcher⸗ zen! Aber dieſes Mal, Lilia, dieſes Mal ſollſt Du es bleiben laſſen!“ Und Lilia's Verlockungen blieben auch dieſes Mal ohne Wirkung, denn hatte ſie ein Stuͤck Terrain gewon⸗ nen, geſchwind war Dick da und entriß es ihr wieder. „Wie ſo?« ſagte Dick des Abends, als Philipp ein wenig bekuͤmmert zu ſein ſchien,„ich glaube, Du biſt nicht recht feſt entſchloſſen? Das waͤre aber doch aͤrger⸗ lich, wenn die Buchhalter lachen muͤßten, daß...“ Dick konnte nichts weiter ſagen, denn Philipp nahm ſeine Praͤceptormiene an und ſagte keck: „Mein Sohn Dick, Du faͤngſt an, naſeweis zu werden— welcher Menſch wird denn uͤber Deinen Schwager lachen?“ „Auf meinen Antrieb allerdings nicht.“ Auch ſpaͤter ließ Lilia ſich nichts merken. Aber Philipp war, als er abreiſ'te, ſo weich, ſo verliebt, ſo uͤbermaͤßig erſchuͤttert, daß der kleine Tyrann triumphirend dachte:„Er haͤlt es nicht eine Woche aus.“ Davon ſagte ſie aber auch Dick nichts, als ſie mit⸗ einander allein waren. Aber wie unbarmherzig ließ Dick ſie dieſe Sicher⸗ heit bezahlen, als ungeachtet der zaͤrtlichſten und poetiſch⸗ ſten Briefe von Philipp an ſeine geliebte Gattin, dieſer nicht blos eine und zwei, ſondern ganze ſieben Wochen bis zu ſeiner Zuruͤckkunft verſtreichen ließ. „Da ſiehſt Du nun, Frau Lilia,“ ſagte Dick jede Woche, die er auf der Toilette der Schweſter mit einem Ritz in den Mahagony bezeichnete,„da ſiehſt Du nun, was Du fuͤr Deinen Uebermuth haſt; er lebt, Gott ſei Dank, auch ohne Deine Engelsnaͤhe! Und glaube mir, daß er nicht in Stockholm ſitzt und wehklagt, wie in den anmuthigen Briefen, denn dann kaͤm' er meiner Seel' nach Hauſe. Und hat er erſt Geſchmack daran gefunden, abweſend zu ſein, ſo.. Lilia lachte ſehr uͤber Dicks Triumphiren, aber er merkte ganz deutlich, daß ſie heimlich litt— und— ſich ſehnte. Liebte ſie wohl ihren Mann?— oder fuͤhlte ſie wenigſtens die Daͤmmerung der Zuneigung, welche ſie ihm vorzuſpiegeln Vergnuͤgen fand? Inzwiſchen war es ſo, wie Dick ſagte: Philipp ſaß nicht in Stockholm und wehklagte. Im Gegentheile lebte er ganz munter in Geſell⸗ ſchaft einiger alten Univerſitaͤtsfreunde, die er hier traf. Daneben gab er— um ſeines eigenen Vergnuͤgens willen— ein Heft ſcherzhafte Gedichte heraus, das tiſch⸗ dieſer dchen jede inem nun, tt ſei mir, ie in einer daran ber er d— lte ſie he ſie hilipp Geſell⸗ traf. uͤgens , das 167 Beſte, was ſein Pult enthielt, und bevor dieſe gedruckt wurden und er die Corretctur dieſer kleinen„Mei⸗ ſterwerke“ geleſen hatte, welche ſeine Freunde in den uͤberſchwenglichſten Ausdruͤcken bis zum Himmel erho⸗ ben, verging die Zeit und er hielt es ſelbſt kaum fuͤr wahr, daß er zwei Monate von Lilia getrennt hatte le⸗ ben koͤnnen, als er an einem ſchoͤnen Tage dieſe Wochen eines heitern und poetiſchen Junggeſellenlebens zuſam⸗ menzaͤhlte. Aber nun ward er von einer heftigen Sehnſucht und einer wirklichen Reue ergriffen, daß er ſeine vor⸗ nehmſte Angelegenheit im Leben verſaͤumt, und mit dem Herzen ſeiner Gattin geſpielt habe, und er ließ ſogleich anſpannen und fuhr von den Freunden, den Diners, den traulichen Abendgeſellſchaften und dem letzten Cor⸗ reckurbogen hinweg, unaufhaltſam Tag und Nacht direct nach Ribyhus. Das Wiederſehen Lilia's, die er zaͤrtlich, gut, un⸗ ausſprechlich anmuthig fand, trieb ſeine Leidenſchaft bis auf den hoͤchſten Gipfel und einen ganzen Monat lebte er wie im Himmel. Aber dann ward er ploͤtzlich davon durch Lilia's reuevolles Bekenntniß hinweggeſcheucht, daß ſie fuͤrchtete, ſie habe ſich in ihren wirklichen Gefuͤhlen getaͤuſcht. ᷣ 12. Poctor Waryner. Wir gehen nun zu dem Anfange der Periode uͤber, welche dem Bruche vorausging und denſelben veran⸗ laßte. Unſer junges Paar war nun ſeit etwas mehr, als drei und ein halbes Jahr vermaͤhlt. Lilia, die zum zweiten Male Mutter, beſaß nun auch ein Toͤchterchen und Jeder, der dieſe junge, kind⸗ lichreizende, engelgleiche Mutter, mit den beiden Che⸗ rubim ſpielend, auf dem Teppich ſitzen ſah, war der Meinung, daß das Loos irdiſcher Seligkeit, welches Philipp zugefallen, uͤber alle Beſchreibung ſei. Aber wie ſtand es jetzt im Grunde mit dieſer Gluͦckſeligkeit? War ſie wirklicher, als da wir vor zwei Jahren die jungen Ehegatten verließen? Nein... Philipp hatte mehr, als jemals Grund — uͤber, eran⸗ , als nun kind⸗ Che⸗ der elches dieſer ahren Brund 169 zu klagen, aber er klagte doch weniger, als vorher, denn er litt tiefer, er litt grauſam durch dieſes Weib, welches fortwaͤhrend daſſelbe Syſtem befolgte, mit dem Unter⸗ ſchied, daß ſie jetzt ihm eine abſchreckende Kaͤlte zeigte. Nachdem ſie bisweilen mit einer infernaliſch⸗gluͤ⸗ henden Phantaſie das uͤberirdiſche Leben geſchildert, wel⸗ ches ohne Zweifel noch einmal zu erwarten ſtuͤnde, ward ſie auf einmal ganz niedergeſchlagen und wenn dann der ſchon bethoͤrte, von heimlicher Hoffnung ſtrahlende Philipp ſeine Augen auf ſie heftete, legte ſie in die ihrigen eine ſo duͤſtere Troſtloſigkeit, daß er mit Reue ihre Hand ergriff, welche er krampfhaft feſthielt, bis die magnetiſche Wirkung ihrer Blicke ſeine Seele laͤhmte. Er weinte zu ihren Fuͤßen, er kuͤßte dieſe, er blickte— ein demuͤthig Bittender— mit dem Aus⸗ druck eines herzzerreißenden Schmerzes zu ihr auf. Dies war klaͤglich, aber er war ſo wahnſinnig, wie ein von einer einzigen, aufgeſtachelten und wilden Leiden⸗ ſchaft beſeſſener und gemarterter Menſch es nur ſein kann. Und ſie laͤchelte und bat ihn, zu warten. Sie war immer noch das Kind, welches ſein eignes Herz nicht kannte und ſie konnte ja nicht dafuͤr, daß ſie ſo bos⸗ haft war. „Verzeihe mir, Philipp, und begehe keine weitere Thorheit wegen einer ſolchen Naͤrrin,“ ſagte ſie das eine Mal. 170 Das andere Mal hieß es: „Ach, mein Freund, Deine Geduld uͤberſteigt die eines Erzengels; Du reizeſt mich durch Deine Langmuth — zeige doch, daß Du ein Mann biſt! Du mußt doch wohl einſehen, daß eine neue Auflage von Wer⸗ thers Leiden in unſrer Zeit kein Gluͤck machen kann.“ Und Philipp biß die Lippen zuſammen und ſtuͤrzte hinaus. Unter Fremden dagegen war er ein ganz anderer Menſch und Niemand, außer ſeiner Gattin, fand Grund, ihn einen Werther zu nennen. Aber Dick, fuͤr welchen Philipp in jeder Hinſicht Vater war, der liebe, freundliche Dick, der ſeinen beſten Troſt in mancher truͤben Stunde ausmachte, er war nun fort und auf ſeiner erſten Reiſe begriffen... nicht der um die Erde— die hatte er auf unbeſtimmte Zeit verſchoben— aber doch auf einer ziemlich langen. Dick war naͤmlich mit einem bekannten Seecapi⸗ tain uͤber das Weltmeer nach der neuen Welt geſegelt und wie ſehr Phitipp auch ſich uͤber Dicks Jubel freute, ſo fuͤhlte er doch bitter, daß jetzt nichts mehr zwiſchen ihm und ſeinem Schickſal— ſeiner Gattin— ſtand. Da hierzu noch kam, daß Philipp ſchon vor an⸗ derthalb Jahren ſeine geliebte Mutter verloren, ſo hatte er jetzt Niemand mehr, dem er den Ueberfluß von rei⸗ ner Waͤrme und Freundſchaft, die in ihm gluͤhte und 171 das Beduͤrfniß weihen konnte, welches er beſaß, ſeine Gedanken mit einem vertrauten Weſen ausz utauſchen. Die Kinder liebte er abgoͤttiſch und nahm oft den kleinen Alban mit auf ſeine einſamen Spaziergaͤnge; aber dieſe Liebe hing mit der leidenſchaftlichen zur Mut⸗ ter zuſammen und gab daher mehr Schmerz als Selig⸗ keit, vor allen Dingen keine Ruhe. Philipp beſaß, wie der Director bemerkt hatte, ein ſtarkes Ehrgefuͤhl und er wollte beweiſen, daß ſein Schwiegervater ſich in ihm nicht getaͤuſcht habe. Er ſtand daher mit Fleiß ſeinen Geſchaͤften vor, wie ſchwer dieſe Thaͤtigkeit ihm auch ankam, denn es war nicht die ſeiner Neigung. Ebenſowenig ging er verſchwenderiſch mit den großen Mitteln um, uͤber die er zu verfuͤgen hatte. Aber welche Freude hatte er dafuͤr, daß er ſeine beſten Kraͤfte an Gegenſtaͤnde und Anſtrengungen ver⸗ ſchwendete, die ſeiner Natur ſo fern lagen? Sah Lilia wohl den Werth ſeiner Selbſtverlaͤugnung ein?— Nein, er war ja ein reicher Mann durch ſie, was konnte er mehr wuͤnſchen... o weh! Was kuͤmmerte er ſich um Reichthum, um Ge⸗ ſchaͤfte und Geldgeklimper?— Er wuͤrde viel, Alles darum gegeben haben, wenn er haͤtte ſich Alles zuſam⸗ men vom Halſe ſchaffen und ruhig mit ſeinen Gedan⸗ ken in einer Dachkammer ſitzen koͤnnen. Ach, wie ſehnte er ſich, der arme Philipp, nach 172 der Zeit, wo Dick muͤndig werden und die Fabrik uͤber⸗ nehmen wuͤrde, denn das war ſchon laͤngſt ausgemacht! Zu einer noch groͤßern Vermehrung ſeiner Qual, fand er, daß auch die freundlichen Muſen ihn allmaͤlig ver⸗ ließen. „Die Treuloſen,“ ſeufzte er,„ſie waren ja auch Frauen! Sie vermochten nicht laͤnger den Streit zwi⸗ ſchen dem ewigen Materialismus auf der einen Seite und dem unaufhoͤrlichen, herzzerreißenden Seelenkampf auf der andern auszuhalten... So lebt denn wohl, auch ihr... ich werde nicht mehr von einer einzigen, ſchimmernden Luftblaſe auf der Fluth der Zeit bethoͤrt werden!“ Und er verbarg das Antlitz in den Haͤnden und ließ ſeine Seele gleichſam in der Wolluſt des Schmer⸗ zes ſich baden. Philipp waͤre vielleicht ein unheilbarer Gemuͤths⸗ kranker geworden, wenn nicht die Vorſehung ihm zu ſeinem Beiſtande einen Freund geſchickt haͤtte, ein We⸗ ſen, an welches er ſich wieder anſchließen konnte. Der alte Provinzialdoctor ſtarb und der, welcher an ſeiner Stelle ernannt wurde, war ein junger Mann, in welchem Philipp mit großer Freude einen alten, lie⸗ ben Schulkameraden erkannte. 173 Univerſitaͤtsfreunde waren ſie nicht geweſen, denn waͤhrend Philipp in Upſala lag und uͤber ſeinen Grad nachdachte, machte Arnold Warvner— unſer junger Doctor und eine der Hauptperſonen in dieſer Geſchichte — ſeine Examina in Lund und hatte nichts wieder von Philipp gehoͤrt, den er jetzt, mit nicht geringem Erſtau⸗ nen, als einen bedeutenden Mann in dem Diſtricte wie⸗ derfand, in welchem er ſelbſt zu ſeinem erſten oͤffentlichen Amt ernannt ward. Der junge Arzt war weit entfernt, aus derſelben Form gegoſſen zu ſein, wie unſer armer, gluͤhender Poet. Arnold Warvner hatte ſchon in ſeinen fruͤheſten Knabenjahren ſeine Lebensbahn ſich vorgezeichnet und dieſelbe ſeitdem beharrlich verfolgt. Ohne Eltern und ohne Erbtheil, hatte er ſchon von ſeinem achten Jahre an die ſchwere Buͤrde gekannt, ein uͤberfluͤſſiger Verwandter zu ſein. Er hatte viel ertragen und viel gelernt. Er beſaß einen geduldigen und feſten Sinn, einen ſchnellen Ver⸗ ſtand, aber ein etwas verſchloſſenes und kaltes Weſen, welches die Folge nicht einer kalten Seele, ſondern ſei⸗ ner zeitigen Gewoͤhnung an Zuruͤckgezogenheit war. Was endlich die Gefuͤhle betrifft, die bei Philipp ſo oft auͤberſtroͤmten, ſo hielten dieſe bei Arnold ſich ſtets in den Ufern der Ruhe. Jetzt, in einer ſelbſtſtaͤndigen Stellung des Lebens, 174 das Hoͤchſte, wornach er geſtrebt— ward ſeine Art und Wieeſſe nicht ſonderlich veraͤndert. Sie war gleichſam in der Form geblieben, welche ſeine einſame Jugend ihr gegeben. Der ganze Ort ſchickte nach dem neuen Doctor. Man hatte gehoͤrt, daß er jung, huͤbſch und gebil⸗ det war. Und von einem jungen, huͤbſchen, unverhei⸗ ratheten Arzte— unverheirathet will unter gewiſſen Verhaͤltniſſen mehr ſagen, als gebildet— werden ſo⸗ gleich die intereſſanteſten Anekdoten erzaͤhlt. So zum Beiſpiel hatte er an einem Orte eine Wunderkur vollbracht, wovon der Stadtarzt— das wußte man mit Sicherheit— ſich nicht das mindeſte hatte traͤumen laſſen... An einem andern Orte hatte er mit der delikateſten Feſtigkeit die Bezahlung fuͤr ſeine Muͤhe zuruͤckgewieſen, weil die Leute, die ihn gerufen, ſo gut als mittellos waren. In einem dritten Falle — es war dies bei einer reichen Herrſchaft geweſen— hatte er das Honorar ſo unbedeutend gefunden, daß er es ohne Verkuͤrzung dem Knechte gegeben, der ihn nach Hauſe gefahren... mit einem Worte, man wußte und erzaͤhlte ſo viel, daß ein Jeder ſelbſt den neuen Doctor rufen laſſen mußte, um mehr zu erfahren; denn ohne alle Frage war er als Geſellſchafter eben ſo aus⸗ gezeichnet, wie als Arzt. Aber daneben machte man auch gewiſſe Entdeckungen, welche, wenn der Doctor reuen denn aus⸗ man voctor 175 funfzig Jahr alt und verheirathet geweſen waͤre, ſeine Actien rettungslos zum Fallen gebracht haͤtten. In Frauengeſellſchaft, dafern es nicht am Kraͤn⸗ kenbette war— und in Parentheſe koͤnnen wir erwaͤh⸗ nen, daß die Damen ihn hier am liebſten ſahen— war er etwas zuruͤckhaltend, um nicht zu ſagen langweilig. Und ward er nicht eingeladen, ſo kam er niemals, außer bei Krankenbeſuchen. Hieraus zog man den Schluß⸗ ſatz, daß er eben ſo hochmuͤthig, als ſteif ſei, ſonſt wuͤrde er nicht ſeine Studien und ſeine Wohnung dem Viſite⸗ machen vorgezogen haben. Und kam er einmal auf Beſuch, das heißt zufaͤl⸗ lig im Vorbeireiſen, ſo ſetzte er ſich ganz ruhig zu einer Schachpartie nieder, oder ſchwatzte mit dem Herrn im Hauſe, obſchon an dem Damentiſche ein Platz leer ſtand. Nun konnte es ſich wohl treffen, daß bemeldete Damen ganz fein durchſcheinen ließen, daß ſie ſchon lie⸗ benswuͤrdigere Maͤnner gekannt haͤtten, aber gegen der⸗ gleichen Anſpielungen war der Doctor vollkommen ge⸗ fuͤhllos und ſo nahm man ihn wieder zu Gnaden an, weil ſeine ſcharf markirten Zuͤge etwas Italieniſches, ſeine Augen, wenn auch ein wenig nordiſch⸗ſchlaͤfrig, etwas Schwaͤrmeriſches und ſein Haar eine ſo glaͤnzend ſchwarze Farbe hatte, daß es rein unmoͤglich war, es nicht zu bewundern, auch wenn er nicht ſeinen langen, ſchoͤnen Bart gehabt haͤtte— eine Zierde, die zu jener Zeit Anſpruch darauf hatte, originell genannt zu werden. Die einzige Dame, welche dem ernſthaften, jungen Doctor etwas Queckſilber beizubringen vermochte, war die kleine Frau in Ribyhus. Nicht deshalb, weil ſie ſchoͤn war— dieſer Macht waren die Sinne des Doctors nicht ſehr zugaͤnglich— auch nicht deswegen, weil ſie eine ſo gewinnende Liebens⸗ wuͤrdigkeit in ihrem geſchmeidigen Weſen beſaß— dieſe Richtung war ſeinen Sympathien fremd— ſondern wahrſcheinlicherweiſe, weil ſie die Gattin ſeines Jugend⸗ freundes war und vielleicht auch deshalb, weil ſie, wenn ſie mit Kindern und Gatten ſchwatzte, ein ſolches Sinn⸗ bild des Paradieſes um ſich her zu zaubern verſtand, daß der Doctor ganz gutmuͤthig glaubte, dieſes Paradies ſei auch wirklich vorhanden. Und gewiß iſt es, daß man, wenn ſie wie ein Luft⸗ geiſt im Zimmer umherſchwebte— nichts als Anmuth und Aufmerkſamkeit gegen ihres Mannes Gaͤſte und vor allen Dingen und allermeiſt gegen ihren Mann ſelbſt— einen ſolchen Irrthum begehen konnte. Und der Doctor war um ſo mehr dazu berechtigt, als ſie ihm oft vertraulich die Frage zufluͤſterte, ob er glaubte, daß eine ſo wonnevolle und unermeßliche Seligkeit auf die Dauer beſtehen koͤnne. Aber gegen ſeinen Willen zweifelte der Doctor an dieſem letzteren. Er hatte bemerkt, daß Philipp, der ihm warm und offen entgegenkam, in ſeiner Seele einen Mißmuth 177 hegte, einen Hang zur Bitterkeit, der, obſchon er oft vor dem Eindrucke des Augenblicks wich— Philipp war ſtets ein Kind des Augenblicks— doch in ſeinem Gemuͤth feſt ſaß und dieſe Seele verdunkelte, welche die Natur ſelbſt ſo hell und heiter geſchaffen. Die Rinde der Zuruͤckhaltung, welche Arnolds ker⸗ niges Herz umgab, hatte Philipp ſchnell bis auf die Wurzel abgeſchaͤlt und da der junge Doctor jetzt ſo viel Zeit beſaß, die er dem Freunde widmen konnte, ſo glaubte er bald den wahren Grund von Philipps Melancholie entdecken zu koͤnnen. Der Doctor war nicht ſelbſt Poet, aber er liebte und verſtand die Poeſie und er ſah ein, wie tief Phi⸗ lipp, bei ſeiner großen Empfindlichkeit, durch den fort⸗ waͤhrend ſchlechten Erfolg verletzt werden mußte, von welchem ſeine Gedichte begleitet wurden, nicht dadurch, daß man ſie tadelte, ſondern dadurch, daß man ſie ver⸗ gaß. Seine zwei letzten Hefte fuhren, wie das erſte, fort, in den ſtaubigen Schraͤnken der Buchlaͤden den Schlaf des Todes zu ſchlafen. Eine einzige Ausnahme— eine große und bril⸗ lante, hatte ſtattgefunden, als die ſchwediſche Akademie ſein großes Gedicht mit dem zweiten Preiſe belohnte — aber welcher Schluß war hieraus zu ziehen? Man konnte dreierlei annehmen: Entweder war es das Publikum, welches einen ſchlechten Geſchmack zeigte, oder die ſchwediſche Akademie Ein Gerücht. I. 12 178 war es, oder— aber es ließ kaum vermuthen, daß Philipp ſelbſt dies glaubte— die rechte Ader war nur ein einziges Mal bei ihm gefloſſen. Jedoch, dem ſei wie ihm wolle, das Reſultat war, daß der Pſeudonymus, als welcher Philipp auftrat, kaum von mehr, als einigen wenigen Freunden gekannt ward. Dem Doctor war es beſchieden, bald einer dieſer Wenigen zu werden und hiermit begann ſein Amt als Seelenarzt. Mit unbeſchreiblicher Delicateſſe verſtand er es, Philipp manchen guten, aber nicht verletzenden Wink zu geben und entwickelte meiſtentheils ſein perſoͤnliches Urtheil in einem ausgedehnteren Raiſonnement, welches, indem es Philipp gleichzeitig anregte und ihn in einen andern Gedankengang einfuͤhrte, ihn ahnen ließ, daß, ob⸗ ſchon die allgemeinen Anſichten nicht die eigenen des Freundes waͤren, derſelbe doch in dieſen Heften— wie viel ſchoͤnen und poetiſchen Stoff ſie auch enthielten— Vieles fand, das er nicht gutheißen konnte. Und Beides war ſeine wahre Ueberzeugung. Wie verſchieden handelte dagegen die Gattin— was der Freund heilte, riß ſie wieder auf.; Philipp, der ſich gefreut haben wuͤrde, wenn er nur von einer einzigen Perſon geleſen worden waͤre, mußte die Qual erfahren, zu ſehen, wie dieſe einzige Perſon mit einer Gleichguͤltigkeit ohne Grenzen ſeine 179 Lieder behandelte.. Nicht einmal die, welche ihr ge⸗ widmet waren, vermochten ihren Lippen das kleinſte Zeichen von Beifall zu entlocken. Sie nahm ſie an, aber ſagte dann niemals ein Wort daruͤber und Philipp hatte nicht den Muth, ſie um ihr Urtheil zu fragen— er las es ja in ihren kal⸗ ten Blicken und in dem mitleidigen Laͤcheln des Mundes. Nur ein einziges Mal ließ ſie eine ßerung ih⸗ hilipp rer Gefuͤhle hoͤren, aber dieſe Aeußerung koſtete Pl mehrere ſchlafloſe Naͤchte, waͤhrend welcher er in frucht⸗ loſer Raſerei im Begriff war, alle ſeine noch ungedruck⸗ — ten Manuſcripte zu verbrennen. Es war an einem der Abende, wo Arnold ſeine Freunde in Ribyhus beſuchte. Die junge Frau ſaß vor dem Kamin zwiſchen ih⸗ rem Mann und dem Doctor und plauderte munter mit Beiden, als der letztere, der keinerlei Feindſeligkeiten von Lilia's Seite ahnen konnte, das Geſpraͤch auf den Entwurf zu einem Drama lenkte, welches Philipp an⸗ gefangen hatte. „Er hat,“ ſetzte Arnold hinzu,„mir einige Scenen vorgeleſen, wonach ich, ſoweit ich es zu beurtheilen ver⸗ mag, der Arbeit den beſten Erfolg verſpreche.“ „Ach, mein Freund,“ fiel Lilia ein und ſah ihren Mann mit einem wirklichen Taubenblick an,„kann der Doctor das Stuͤck meinen, mit welchem Du mich neu⸗ lich in den Schlaf laſeſt, als ich ſo unwohl war?s 12* 180 „Von dieſem reden wir nicht,“ antwortete Philipp hocherroͤthend,„aber wir koͤnnen gern annehmen, daß auch das, welches wir meinen, dieſelbe Wirkung auf Dich aͤußern wuͤrde.“ „Dann, mein theurer Philipp, rathe ich Dir, Dein Drama den„neuen Magnetismus“ zu nennen!“ Und waͤhrend ſie dieſe Worte in dem ſanfteſten und ſuͤßeſten Tone ausſprach, warf ſie ihrem Manne ein Kußhaͤndchen zu und eilte hinaus. Dieſer ganze, kleine Auftritt flog ſo raſch voruͤber, daß der Doctor denſelben kaum anders bemerkte, als wenn er die Bilder eines Panoramas haͤtte voruͤber⸗ eilen ſehen; gleichwohl blieb derſelbe auch in ſeiner Erinnerung zuruͤck. Er war nicht im Stande, ſich zu erklaͤren, wie ein ſo kleines, gutmuͤthiges und liebenswuͤrdiges Weſen, ſich eine ſo bittere Bosheit erlauben konnte und er fuͤhlte ſich unangenehm beruͤhrt, ſowohl um der jungen Frau, als um ſeines Freundes willen. Es war ganz offenbar, daß Philipp weit mehr litt, als ſeine Worte verriethen. Von dieſem Augenblick an ward die Bemuͤhung des Doctors um Philipp noch andauernder und aufe merkſamer und immer unter der Vorausſetzung, daß pp aß uf dir, 1 ind ein der, als ber⸗ ner vie en, olte au, itt, ing ufe daß 181 Philipps Uebel ſeinen Grund in dem Ziele habe, das er ſich einmal vorgeſteckt— denn Lilia gab keine weitere Veranlaſſung zu einem fuͤr ſie weniger guͤnſtigen Ge⸗ danken— gab er ſich vor dem Freunde Muͤhe, zu un⸗ terſuchen, ob der leere Triumph eines Erfolges von we⸗ nigen Tagen, Wochen oder auch Jahren es werth ſei, ihm die beſten Kraͤfte zu opfern. „Es giebt ja,“ antwortete Philipp— als er an einem ſonnenhellen Januarvormittag, mit ſeinem kleinen Sohn auf dem Arme, eine Promenade an des Doctors eite machte—„es giebt ja Gelegenheiten, wo wir fuͤr den Erfolg eines einzigen Tages unſer Leben wuͤr⸗ den opfern wollen. Wie koͤnnten wir daher Bedenken tragen, fuͤr die ſtolze Freude einiger Jahre unſere beſte Kraft, unſere Jugend zu opfern?“ „Ich wenigſtens,“ hob Arnold wieder an,„wuͤrde nicht fuͤr die Hoffnung oder vielmehr fuͤr die Moͤglich⸗ keit, mit den ſchnell verwelkenden Lorbeeren dieſes Ruh⸗ mes gekroͤnt zu werden, meine ſchon gewonnene Selig⸗ keit auf das Spiel zu ſetzen wagen. Wie weit theurere Intereſſen koͤnnen nicht in der Wirklichkeit verloren gehen, waͤhrend wir uns mit den erdichteten beſchaͤf⸗ tigen.“ Philipp laͤchelte ohne zu antworten, aber er betrach⸗ tete ſeinen Sohn und hob ihn hoͤher auf ſeinem Arme empor, um die Ruͤhrung zu verbergen, welche Arnolds Worte in ihm erweckten. 182 Die arme Mama weint, wenn er lange draußen bleibt!“ ſagte der kleine Alban, der von ſich ſtets in der dritten Perſon ſprach, und die klare, ſanfte Kinderſtimme, welche dem ſchon zu lange andauernden Schweigen ein Ende machte, war eine angenehme Unterbrechung. „Iſt Deine Frau ſo beſorgt um dieſen großen, ſtarken Jungen da, daß ſie glaubt, ein wenig Reiffroſt in den Haaren werde ihm etwas ſchaden?“ „Ach bewahre, meine Frau iſt durchaus nicht ſo aͤngſtlich; es iſt blos eine Redensart, daß ſie weint.“ „Eine Redensart?“ „Ja wohl— hat nicht jede Mutter ihre eigene Methode?... Wenn Du das oder das thuſt, ſagt ſie zu dem Kinde, ſo weint Mama.. Nicht wahr, Al⸗ ban, Mama will nicht, daß Du lange im Freien bleibeſt?“ „Die arme Mama weint... Alban will nach Hauſe gehen.“ 1 „Hoͤrſt Du,“ hob Philipp wieder an,„wie trefflich er ſeine Lection kann... ach, meine Frau nimmt nichts vor, ohne die Wirkung zu berechnen.“ Philipp ſprach die letzten Worte in ſo wunder⸗ lichem Ton, daß der Doctor ihn mit forſchendem Blick betrachtete. Doch er ließ den Gegenſtand fallen und fragte ſtatt deſſen:„Nun, wie wird es, reiſeſt Du auch im Winter? Ich hoͤrte Deine Frau neulich ſagen, daß ———₰ à20— hen der ne, ein en, oſt ſo ene ſie Al⸗ eien nach klich umt der⸗ Zlich agte im 183 Du es mit der Proſa auf dem Lande nicht aushalten koͤnnteſt, wenn Du Dich nicht jaͤhrlich ein paar Mal durch einige Wochen Aufenthalt in Stockholm aufhei⸗ terteſt.“ „Das iſt wahr,“ fiel Philipp mit einem unter⸗ druͤckten Seufzer ein,„ich bedarf dieſe Zerſtreuung, ſie iſt eine reine Nothwendigkeit, wenn ich im Stande ſein ſoll, alles das zu tragen, was das Schickſal mir aufge⸗ legt hat und ich beabſichtige daher, ſie auch dieſes Jahr, und zwar ſobald als moͤglich, anzuwenden.“ „Mama weint,“ wiederholte der Kleine. „Nein, nein,“ murmelte Philipp aͤrgerlich,„es hat keine Gefahr!“ „Aber in dieſem Falle glaube ich doch dem Kleinen.“ „Du wirſt es wohl ſehen.“ „Sie haͤngt ſo an Dir.“ „O ja, das iſt wahr, ſie haͤngt unausſprechlich an mir! Auch macht ſie mich zu einem beneidenswerthen Manne.“ Der Doctor ward immer aufmerkſamer. „Du biſt ja ordentlich ein wenig Miſanthrop, mein lieber Philipp, und Du weißt, daß ein ſolcher Alles mit ſchiefen Augen betrachtet.“ „Nun, was ſehe ich denn ſchief— ſag mir das und kurire mein Geſicht, wenn Du kannſt.“ 184 „Dann rathe ich Dir vor allen Dingen, Deine Aeußerungen von dieſem Morgen zu uͤberdenken.“ „Meine Aeußerungen— und warum das?“ „Haſt Du nicht ſogar in Deiner uͤbeln Laune Dich mißliebig uͤber.... „Die Heilige geaͤußert?“ rief Philipp mit lautem, erzwungenen und widerlichen Gelaͤchter. „Ach nein, ich behaupte nicht, daß die Frauen Engel oder Heilige ſeien, aber ſie ſollten wohl auf jeden Fall das Beſte ſein, was wir haben.“ „Glaubſt Du das?“ „Ich hoffe es; da wir nun einmal verurtheilt ſind, ſie anzubeten, obſchon ich fuͤr meinem Theil mit dieſem Geſetz noch keine Bekanntſchaft gemacht habe, ſo ſehe ich es doch fuͤr ein unſchaͤtzbares Gluͤck an, wenn dieſe Anbetung unſeren eigenen Frauen dargebracht wer⸗ den kann— und Du ſcheinſt auch geneigt zu ſein, der Deinigen ihr volles Recht zukommen zu laſſen, wenn ich die jetzige Gelegenheit, und einige andere vorher, aus⸗ nehme.“ „Aha, alſo die Schiefheit bezog ſich auf meine Frau?“ Der Doctor machte eine zuſtimmende Geberde. „Apropos, was glaubſt Du von ihren Gefuͤhlen fuͤr mich.. ſollte ich nicht ſchiefer ſehen, als erlaubt iſt, im Fall ich ihre Zaͤrtlichkeit bezweifelte?“ als verd treff zu ſ mein ren den geger nem dring Meir als genſe mer losrei komn Grun ne len bt 185 „Ohne Zweifel, mir hat es wenigſtens geſchienen, als ob Du mehr geliebt wuͤrdeſt, als Du bisweilen verdienſt.“ „Ach ſtill, Arnold! Du biſt vielleicht ein ganz vor⸗ trefflicher Arzt, wenn es ſich darum handelt, den Koͤrper zu ſtudiren— aber die Geheimniſſe der Seele...“ „Nun?“ „Ach, nichts... inzwiſchen kannſt Du waͤhrend meiner Abweſenheit den Charakter meiner Frau ſtudi⸗ ren— ich gebe Dir Erlaubniß dazu.“ „Das werde ich auf meine Ehre, weil Dein Frie⸗ den wohl werth iſt, daß ich meinen alten Widerwillen gegen Frauengeſellſchaft uͤberwinde und obſchon Du mei⸗ nem Vermoͤgen, durch die aͤußere Schaale hindurchzu⸗ dringen, zu mißtrauen ſcheinſt, ſo bin ich gleichwohl der Meinung, daß ich Deine Frau richtiger beurtheilen kann, als Du es ſelbſt thuſt.“ „Aber Du glaubſt wohl nicht, daß ſie andere Ei⸗ genſchaften und Vollkommenheiten beſitzt?“ „»Wenigſtens beſitzt ſie einen Mangel, den Du im⸗ mer bemerken wirſt, den, daß ſie Dich von den Muſen losreißen will, um Dich allein zu haben. Daher kommt ihr Haß gegen die Poeſie, ein Haß, der im Grunde nichts Anderes iſt, als weibliche Eiferſucht.“ „Vortrefflich... alſo aus Eiferſucht gegen meine 186 arme Muſe ließ ſie ſich von derſelben einſchlaͤfern... o was fuͤr ein großer Pſycholog biſt Dul“ Der Doctor zuckte leicht die Achſeln— er ſah ſeinen Philipp fuͤr kraͤnker an, als vorher und redete ihm aus voller Ueberzeugung zu, ſeine Reiſe nicht guf⸗ zuſchieben. 13. Der Abſchied. Es war eine Wahrheit, welche Philipp ſeinem Freunde Arnold geſagt: Er wuͤrde nicht die Laſt ertra⸗ gen haben, ein reicher und gluͤcklicher Mann zu ſein, da⸗ fern er nicht einmal in einer andern Atmoſphaͤre haͤtte aufathmen duͤrfen. Die Zeit dieſer Ruhetage nahte nun heran— die letzten Tage des Januars waren zur Reiſe beſtimmt. Niemals hatte Lilia ihren Mann zu uͤberreden geſucht, von dieſen Reiſen abzuſtehen, aber er merkte wohl, daß ſie nicht nach ihrem Geſchmacke waren. Und niemals hatte er ſie zu uͤberreden geſucht, ihm Geſellſchaft zu leiſten. Sie hatten, wie dies bei Neuvermaͤhlten ſehr haͤu⸗ fig zu geſchehen pflegt, eine Reiſe gemacht, auf der auch Stockholm beſucht ward, aber das war keine Erho⸗ lung fuͤr Philipp, was er auch am beſten dadurch be⸗ 188 wies, daß er gleich nach der Zuruͤckkunft allein wieder fortreiſ'te. Die ganze Woche vor dem zu der erwaͤhnten Reiſe feſtgeſetzten Aufbruchstage war Philipp beinahe ganz auf ſeiner fruͤhern elaſtiſchen Laune geweſen. Es war bemerkenswerth, daß er, ſobald er dem Augenblick entgegenging, wo er ſeine Feſſeln abwerfen ſollte, gleichſam eine neue Jugend ſeine Adern durch⸗ ſtroͤmen fuͤhlte. Er vertrug dann mit Leichtigkeit die„Zaͤrtlichkeit“ ſeiner Frau; er war heiter, liebenswuͤrdig, ſogar kin⸗ diſch und gewahrte er auch zuweilen eine leichte Blaͤſſe auf Lilia's Wange, ſo beſaß er Kraft genug, zu thun, als ob er nichts bemerkte. Mit brennender Begierde ſehnte er ſich nach der zwiefachen Exiſtenz, die er nun bald beſitzen ſollte. In Stockholm hatte er es in der letzten Zeit ſo eingerichtet, daß er zwei Wohnungen auf's Jahr miethete. Die eine, die aus ein paar eleganten Zimmern, eine Treppe hoch, beſtand, ward von dem reichen Fabrik⸗ herrn bewohnt, der hier den Beſuch von Freunden und Geſchaͤftsleuten annahm und nicht noͤthig hatte, mit dem Gelde ſparſam umzugehen. Und der reiche Fabrik⸗ beſitzer war vier Tage in der Woche zu Hauſe anzu⸗ treffen. In der andern Wohnung dagegen, einem ganz kleine Dich verſe genu bedec halbe verſch dony mode fache Poete vervo Wack ſchran nes l nach, Man groß geoͤffn Tage heiter beln einem Beifa ieder Reiſe ganz dem erfen urch⸗ keit“ kin⸗ laͤſſe hun, der Zeit Jahr nern, abrik⸗ und mit abrik⸗ anzu⸗ ganz 189 kleinen Dachſtuͤbchen, vier Treppen hoch, wohnte der Dichter in der duͤrftigſten Umgebung. Das kleine Stuͤbchen war mit folgendem Geraͤth verſehen: einem ſchwarzen Schreibtiſch von altem, ab⸗ genutztem Ausſehen, aber mit einer Menge Manuſcripten bedeckt, an deren Seiten ſich eine Dintenflaſche, ein halbes Dutzend Dintenfaͤſſer, eine Waſſerflaſche und verſchiedene Baͤnde Gedichte von einem gewiſſen Pſeu⸗ donymus vertraulich anſchloſſen. Eine armſelige Ko⸗ mode, zwei mit Leder beſchlagene Stuͤhle und ein ein⸗ faches Sopha machten das weitere Meublement des Poeten aus, welches endlich durch einen Buͤcherſchrank vervollſtaͤndigt ward, uͤber welchem drei Grazien in Gyps Wache hielten und daneben ſtand ein kleiner Schenk⸗ ſchrank, der in ſeiner dunkeln Hoͤhle einige Flaſchen je⸗ nes hochgeſchaͤtzten Getraͤnkes barg, welches, der Sage nach, die poetiſche Nachtwache eines manchen großen Mannes belebt haben ſoll. Da aber unſer Held kein großer Mann war, ſo ward der Schrank des Abends geoͤffnet und nicht des Nachts. Dieſe Freiſtatt war es, in welcher Philipp drei Tage der Woche ſich einbildete, wie ſonſt, bald der alte, heitere, ſorgloſe Student zu ſein, bald der mit den Ue⸗ beln der Armuth muthig kaͤmpfende Poet, der von einem undankbaren Publikum vergebens das Bischen Beifall begehrt, welches unumgaͤnglich nothwendig iſt, 190 um Verleger von den Schoͤnheiten der Verſe unbemit⸗ telter Dichter zu uͤberzeugen. Waͤhrend er in dem Dachſtuͤbchen wohnte, holte er ſich ſein Mittagseſſen fuͤr zwoͤlf Schillinge aus der naͤchſten Reſtauration und nahm alle wechſelnde Ma⸗ nieren eines armen, noch unbekannten Schriftſtellers, der zuweilen durch irgend einen unvermutheten Zuſchuß erfreut wird, ſo genau an, daß die freundliche Madame, die in demſelben Haus wohnte und ihm aufwartete, voll und feſt glaubte, er ſei wirklich ſo huͤlflos, als er 5 ſich zeigte. Und es koſtete der ehrlichen Seele— deren Bekanntſchaft wir bald zu machen uns freuen— nicht wenig Muͤhe, bei dem Kaffeekochen und Eſſenholen ſich mit den Ueberbleibſeln auch noch gute Tage zu machen. Aber hierzu verlohnte es ſich nicht der Muͤhe, Nein zu ſagen, denn der eben ſo freundliche Poet theilte ſich ſo gern mit. Und waͤhrend und nach dieſen klei⸗ nen Zwiſten fand zwiſchen Madame Malmelin und dem Poeten manches treffliche Geſpraͤch ſtatt, welches den letztern ungemein amuͤſirte. Nach der Auseinanderſetzung dieſer Einzelnheiten wird man Philipps Sehnſucht beſſer verſtehen; eine Sehnſucht, welche der Leidenſchaft, die er fuͤr ſeine Frau hegte, nicht widerſtritt, denn gerade in der Ein⸗ ſamkeit des Dachſtuͤbchens verehrte er ſie am hoͤchſten. In der Ferne verlor ſie viele der Zuͤge, welche da⸗ heim ihr Bild verdunkelten. —— gatte ſchoꝛ fing allen chem ſein hatte chen blon⸗ nem Inh beine was ſham Pen die, Vorf ausſe werd eerſter emit⸗ holte 3 der Ma⸗ ellers, ſchuß dame, artete, als er deren nicht en ſich achen. Muͤhe, theilte n klei⸗ n und velches nheiten 3; eine r ſeine r Ein⸗ oͤchſten. che da⸗ eerſten Quaſte gekommen. 191 Am Abend vor der Abreiſe ſaßen die beiden Ehe⸗ gatten allein in dem kleinen, rothen Salon, den wir ſchon mehrmals erwaͤhnt haben. Philipp war mit allen Vorkehrungen zu Ende und fing an, jene innere Beklemmung zu empfinden, welche allemal dem Abſchied voranging. Man hatte ſchon von Dick geſprochen, von wel⸗ chem kuͤrzlich ein Brief angekommen war, der ſowohl ſein als Roſabellens Wohlbeſinden meldete— man hatte auch von den Kindern, Philipps Wonne, geſpro⸗ chen und er ſelbſt hatte auf ſeinen Armen die kleine, blondlockige Sylvia eingewiegt, waͤhrend Alban auf ei⸗ nem Kiſſen zu den Fuͤßen der Mutter ſchlief. Aber nun waren die Kinder in ihrem Zimmer, der Inhalt von Dicks trefflichem, ungekuͤnſtelten Briefe beinahe ganz durchgeſprochen und man mußte daher et⸗ was Neues auf's Tapet bringen. Lilia arbeitete wieder an dem alten, rothen Reiſe⸗ ſhawl fuͤr ihren Mann. Dieſer Shayl, welcher dieſelbe Eigenſchaft, wie Penelope's beruͤhmtes Gewebe zu haben ſchien, naͤmlich die, daß er niemals fertig ward, kam gewoͤhnlich zum Vorſchein, wenn Lilia recht haͤuslich und einnehmend ausſehen wollte. Und ohne Zweifel mußte er dieſes Mal fertig werden, denn ſie war nun nach dritthalb Jahren bis zur 192 Die junge Frau, welche mit dem Tiſche vor ſich auf dem Sopha ſaß, hatte ganz phantaſtiſch das Ende des Shawls uͤber den Hals geworfen, ſo daß er, zur Haͤlfte herabfallend, einer purpurnen Boa glich, welche ſich ohne Frage in der matten Beleuchtung gegen Li⸗ lia's weiße Sammetſchulter ganz charmant ausnahm. Bei jeder Beruͤhrung ihrer kleinen Haͤnde zitterte die Purpurſchlange auf ihrem Alabaſterbett und Philipp, der ſeiner Frau gegenuͤber in einem Lehnſtuhle ſaß, ſah zu, wie der Schein der Lampe gleichſam einen Strahl in jeder Maſche bildete und natuͤrlich kamen alle Strah⸗ len der Arbeiterin zu Gute. „Mein Freund,“ ſagte Lilia, nachdem das Schwei⸗ gen eine Weile gedauert hatte,„ich daͤchte, wir ließen noch einmal Feuer anbrennen— ich befinde mich in der Waͤrme ſo wohl.“ Philipp klingelte. Die neue Gluth ward entzuͤndet und als der Schein derſelben hoch aufflammte, brachen ſich noch mehr leuchtende Strahlen um Lilia. Es kam Philipp, nachdem er ſich wieder auf den Seſſel niedergelaſſen, vor, als ob ſie mitten in einem Heiligenſchein ſaͤße. „Laß uns doch ein wenig plaudern, Philipp!“ „Recht gern.“ „Aber Du haſt heute Abend die frohe Laune ver⸗ loren, welche Du die ganze Woche gehabt haſt.“ r ſich Ende „ zur velche n Li⸗ hm. itterte ilipp, ſah Strahl Strah⸗ chwei⸗ ließen ich in s der noch if den einem 16 te ver⸗ * 193 „Iſt das nicht ganz natuͤrlich?“ „Mir ſcheint es gleichwohl verkehrt zu ſein.“ „Ich verſtehe Dich nicht.“ „Warum ſoll man ſich auf ein erſehntes Zier blos in der Ferne freuen? Heute biſt Du ja Deiner Reiſe naͤher, als vor acht Tagen!“ „Aber... ich bin auch unſerer Trennung naͤher!“ Die Unſicherheit in Philipps Stimme verrieth deutlich, was dies ſagen wollte. „ Ahl Lilia warf den Shawl von der Achſel um die Taille, aber zog ihn gleich wieder hinauf— er war ſo unhandlich, der laͤſtige Shawl! „Ich bin nicht eingebildet genug, um mich durch eine Vorſtellung von Deiner Sehnſucht zu bethoͤren.“ „Welche Beſcheidenheit!“ „Und deshalb kann ich mich auch aufrichtig auf das Vergnuͤgen freuen, welches Du von Arnolds Ge⸗ ſellſchaft erwarten kannſt. Er iſt allerdings kein Da⸗ menfreund im Allgemeinen, aber in Deiner Geſellſchaft befindet er ſich wohl und er hat mir verſprochen, ſo oft ſeine Zeit es erlaubt, hierherzukommen und nach Dir und den Kindern zu ſehen.“ „Der liebe Doctor iſt allzugut... aber ich weiß nicht gerade, ob...“ „Was?“ „Ob es zum Beiſpiel paſſend iſt, daß eine junge Ein Gerücht. J. 13 19⁴4 Frau, wie ich, in Abweſenheit des Mannes vertraulich einen jungen Arzt empfaͤngt, der nicht einmal unter dem Vorwande eines Krankenbeſuches kommt?“ „Ach, meine gute Lilia, es wird gewiß Nieman⸗ dem einfallen, Dich deswegen zu verlaͤumden.“ „Um ſo beſſer!“ „Du weißt ja, daß es im ganzen Ort, vielleicht in der ganzen Welt kaum noch eine Frau giebt, deren Tugend ſo unantaſtbar waͤre, wie die Deine.“ „Du biſt alſo vollkommen ruhig?“ „Vollkommen!“ „Und Du vertrauſt mich, da ich jetzt Dick nicht mehr habe, der Obhut des Doctors an?“ „Ja, mit unbegrenztem Vertrauen.“ Bei dieſen Worten flog eine zornige Roͤthe uͤber die Wange der jungen Frau. Aber ſie antwortete nicht. „Ich habe Dich niemals mit Eiferſucht geplagt,“ hob Philipp wieder an,„mit Ausnahme eines Balles, wo Du mit Allen tanzteſt, nur nicht mit mir, und ſelbſt da war ich nicht auf Jemanden ſpeciell eiferſuͤch⸗ tig, ſondern auf Alle und Alles, was Dich von mir ab⸗ wendig machte.“ „Und nunmehr biſt Du weder auf Alle, noch auf Jemanden ſpeciell eiferſuͤchtig?“ „Das iſt wahr, denn die Erfahrung hat mich uͤberzeugt, daß ich nichts zu hoffen habe. Und wenn 2 E raulich unter leman⸗ elleicht deren nicht e uͤber nicht. plagt,“ Balles, c, und erſuͤch⸗ nir ab⸗ ch auf t mich wenn 195 Du Dich freiwillig von mir abwendeſt, ſo habe ich kein Recht, Andere anzuklagen.“ „Du fuͤhrſt jetzt eine recht pikante Sprache.“ „Ich fuͤhre die Sprache, die ich denke.“ „Du uͤberlaͤſſeſt alſo Deine Frau ſich ſelbſt, mit der Mittheilung, daß Du nicht mehr eiferſuͤchtig biſt — und vielleicht erwarteſt Du von mir eine aͤhnliche Erklaͤrung?“ „Ich uͤberlaſſe Dich Deiner eigenen Ehre und glaube Dich hinreichend zu kennen, um fuͤr die mei⸗ nige niemals etwas zu fuͤrchten zu brauchen.“ „Das iſt Alles gut und ſchoͤn— man kennt ſchon die Redensarten der Maͤnner in dieſer Beziehung. Aber ich frage, ob Du von mir daſſelbe unbegrenzte Ver⸗ trauen erwarteſt, welches Du gegen mich zu zeigen fuͤr angemeſſen findeſt?“ Philipp laͤchelte. Ein Schimmer von Seligkeit, von Hoffnung bewegte ſein Herz, aber er huͤtete ſich wohl, ſich dieſe Bewegung merken zu laſſenz im Gegen⸗ theil nahm er einen Ton und eine Miene vollkommener Sorgloſigkeit an. „Die Maͤnner, mein Engel, haben nicht dieſelben Geſetze, wie die Frauen. Recht oder unrecht, die Welt iſt gegen ſie nachſichtiger.“ Dieſer Scherz, der erſte, den Philipp ſich jemals auf dieſe Weiſe erlaubt, ward von Lilia nicht auf die⸗ ſelbe Weiſe aufgenommen. 13* 196 Erſt ward ſie roth, roͤther als die tiefſte Schatti⸗ rung der Cactusbluͤthe, und dann ward ſie bleich wie eine Leiche. Sie ließ den Shawl fallen und ſah ihren Mann unverzandt an.. „Wie— Du ſagſt mir— Du wagſt, beinahe offen darauf hinzudeuten, daß Du Dich von Deiner geſchworenen Treue freiſprichſt?“ 3 „Meine beſte Freundin, Du weißt ja, daß der Satan ein Engel war, bevor er fiel. Aus dieſem Um⸗ ſtande ziehe ich den einfachen Schluß, daß Niemand auf die Unbeſtechlichkeit ſeiner Tugend ſchwoͤren darf.“ „Philipp, Philipp, huͤee Dich— Du weißt nicht, was Du auf's Spiel ſetzeſt, wenn Du ſo redeſt... hoͤre wohl, ich habe ſchon Verdacht gehabt...« „Nein, wirklich?“ „In dieſem ernſten Augenblicke,“— und Lilia ſprach jetzt wirklich ernſt—„darf ich Dir nicht ver⸗ bergen, daß ich in Bezug auf Dein Leben in Stock⸗ holm nicht ganz ununterrichtet bin.“ „Was?“ fragte Philipp, der nun ſeinerſeits erroͤ⸗ thete—„Du haſt mich alſo durch Spione belauſchen laſſen?“ „Ich habe mich blos von Deiner Lebensweiſe un⸗ terrichten laſſen. Dieſes Recht hatte ich.“ „Daran kann ich Dich nicht hindern— aber was erzaͤhlt denn die Klatſchchronik?“ —— chatti⸗ h wie Mann einahe HDeiner ß der Um⸗ 197 „Nun, daß Du die halbe Woche en grand seigneur lebſt, Fruͤhſtuͤcke und Diners giebſt, die Theater und Soupers beſuchſt und bisweilen eine Junggeſellen⸗ geſellſchaft bei Dir haſt, welche bis zum andern Mor⸗ gen dauert— kurz, Du amuͤſirſt Dich wie ein Che⸗ mann, der einer langweiligen Frau und einer langwei⸗ ligen Heimath entſchluͤpft iſt.“ „Haſt Du etwas dagegen, daß ich ſo lebe, wie un⸗ ſere Mittel es erlauben?“ „Ach nein, ich ſaͤhe es ſogar lieber, wenn Du die ganze Woche ſo lebteſt, anſtatt daß Du die andere Haͤlfte wie Philipp Thurné lebſt, bevor derſelbe ein reicher Mann ward.“ „Verzeihe,“ antwortete er, von dieſem Mangel an Zartgefuͤhl tief verletzt,„aber Philipp Thurné war, bevor er der Geſchaͤftsfuͤhrer ſeiner Frau ward, ein ſo gluͤcklicher und ſorgenfreier Mann, daß es dem Fabrik⸗ dirigenten verziehen werden muß, wenn er einmal zu den Tagen des Poeten zuruͤckzukehren wuͤnſcht, Lilia.“ „Aha,“ ſagte Lilia nachlaͤſſig—„der Fabrikdiri⸗ gent iſt alſo neidiſch auf das Gluͤck des Poeten?“ „Ja, ſehr neidiſch.“ „Bei Gott, das iſt etwas, was die Leute hoͤren muͤßten, um es glauben zu koͤnnen!“ „Es iſt genug, daß Du es hoͤrſt.“ „Ha! Vorwuͤrfe, mein Herr?⸗ „Gewiß nicht, liebe Frau! Ich habe aufgehoͤrt, 198 dergleichen zu machen; ich habe mich ergeben und un⸗ terwerfe mich.“— „Philipp, mein armer Philipp, wie unnatuͤrlich klingt dieſe Sprache von Deinen Lippen! Verzeihe mir— ich hatte unrecht! Ich weiß, daß Du wohl wie ein Poet lebſt, aber ohne Philipp Thurné's ſtuͤr⸗ miſche Junggeſellentage wieder heraufzubeſchwoͤren... ich weiß, daß keine anderen Frauen, als Deine Aufwaͤr⸗ terin und Deine Muſe Dir Beſuche abſtatten.“ Indem ſie heiter die letzten Worte ausſprach, ſtreckte ſie mit einem Blicke ſeelenvollen Vertrauens ih⸗ rem Manne die Hand uͤber den Tiſch entgegen. Im naͤchſten Augenblick ſaß Philipp nicht mehr Lilia gegenuͤber, ſondern auf dem Sopha neben ihr, und waͤhrend er ihre Haͤnde mit Liebkoſungen und Kuͤſſen bedeckte, fuhr ſie fort: „Ja, ja, mein theurer Philipp, mein ewig theurer Philipp, Du ſchwoͤreſt alſo, auch hinfort mir treu zu ſein, nicht wahr?“. „Was bedarf es eines Eides daruͤber?“ ſtammelte er, gluͤhend vor Seligkeit und Entzuͤcken.„Kann ich Dir untreu werden— haſt Du mich nicht zu einer ewigen Sklaverei verurtheilt? Komme ich nicht ſtets wahnſinniger zuruͤck, als da ich abreiſ'te?“ „Aber Du biſt dennoch kein Liebhaber nach dem alten, romantiſchen Muſter, denn dann wuͤrdeſt Du, gleich einem Drachen, Deinen Schatz bewachen, ohne 7 un⸗ trlich zeihe wohl ſtuͤr⸗ waͤr⸗ rach, 3 ih⸗ mehr und aſſen zurer u zu nelte ich iner ſtets dem Du, 199 ihn jemals zu verlaſſen zu wagen. Aber Du... ach, pfui, pfui— Deine Natur haͤlt es nicht aus, ſo lange hinter einander in der Ueberſpannung eines ech⸗ ten Liebenden zu leben; Du mußt fort und ausruhen, um neue Nahrung fuͤr Dein Herz zu holen, iſt es nicht ſo?“ „Ja, ja, ich erkenne, daß ich eine arme, gebrech⸗ liche Natur bin. Aber wenn Du auf dieſe Weiſe Dir die Muͤhe geben willſt, mich zuruͤckzuhalten, ſo. e „Wie huͤbſch Du heute Abend ausſiehſt, Philipp .. das Feuer, welches in Deinen Augen leuchtet, electriſirt mich.. ach, wie unrecht hatten wir, als wir bezweifelten, daß die vollkommenſte Gluͤckſelig⸗ keit uns eines Tages gehoͤren wuͤrde. Ich fuͤhle an dem unruhigen Schlage meines Herzens...* Sie ſtockte, gleichſam als ob ſie glaubte, daß ſie zu viel geſagt haͤtte. „O was.. eile... ſage.. ſage mir, was fuͤhlſt Du?“ „... daß ich mich nicht betrogen!e Und Lilia's Arm ſchlang ſich um Philipps, wobei ſie zugleich muthwillig den rothen Shawl auch um ihn warf. „So halte ich Dich hier, boͤſer Mann,“ fuhr ſie fort,„aber wenn Du zu entfliehen ſuchſt.... „Nun, was wird dann, geliebte Koͤnigin meines Lebens?“ 200 „Dann bin ich es, welche Dich flieht, denn ich bin eiferſuͤchtig— ich mag mit Niemandem theilen!“ Waͤhrend ſie noch ſprach, nahten ſich ihre weichen, warmen Lippen denen ihres Gatten. Es war dieſer Sirene leicht, dem armen Poeten den Kopf zu verwirren. Er verſprach Alles, ohne am folgenden Morgen ſich noch einer einzigen ſeiner Verſprechungen zu ent⸗ ſinnen. Er beſaß blos eine Erinnerung— die, daß er aus dem ungluͤcklichſten aller Menſchen der gluͤcklichſte geworden war. Inzwiſchen fiel es ihm nicht ein, ſein Gluͤck durch Verlaͤngerung deſſelben zu verſuchen. Zur beſtimmten Zeit verließ er Ribyhus. So⸗ gar dieſer Wechſel diente zur Erhoͤhung der Gluͤckſelig⸗ keit— einer Gluͤckſeligkeit, die durch keine Ahnung der Umſtaͤnde verduͤſtert ward, unter welchen dieſes Chepaar ſich wiederſehen ſollte. 14. Die Frau in der Abweſeyheit ihres Mannes. „Er kann niemals ſeine Feſſeln brechen, die er mit Entzuͤcken kuͤßt, wenn ich ſie ihm an die Lippen fuͤhre!“ fagte die junge Gattin, als ſie, am Fenſter ſtehend, dem Schlitten nachſah, der ihren Gemahl fortfuͤhrte. „Niemals,“ ſetzte ſie in dem kuͤhnen Uebermuth ihrer Gedanken weiter hinzu,„niemals wird er auch nur das fluͤchtigſte Gefuͤhl faſſen koͤnnen, welches ſeine abgoͤttiſche Neigung ſchmaͤlert... Ach, fuͤrchte nichts, mein Vater; ich habe das Mittel gefunden, dieſen Schmet⸗ terling ewig feſtzuhalten... Seine Liebe ſoll noch milder, noch ſklaviſcher werden... armer Philipp, wie ich Dich bemitleide— aber ich kann es nicht aͤndern, denn wenn ich lieben ſollte... ſelbſt wenn ich liebe, will ich herrſchen, nicht gehorchen!“ Sie ging, um ſich auf daſſelbe Sopha zu ſetzen, wo ſie den Abend vorher mit Philipp geſeſſen. 202 Sie beugte ſich auf das Kiſſen nieder, wo ſein Haupt geruht... ſie kuͤßte es, und vergoß Thraͤnen auf die Blumen, auf welche ſeine Thraͤnen mehr als ein⸗ mal gefallen waren. „Waͤre er nur nicht in gewiſſen Faͤllen ganz ohne alle Kraft... er weint und raſ't uͤber die Marter, welche eine Frau ihm zufuͤgt und iſt dennoch bereit, auf den Knien ihre kleinſte Gunſt entgegenzunehmen... Und dann dieſe ſchwermuͤthigen Elegien... wie aͤr⸗ gere ich mich daruͤber!“ Sie warf das Kiſſen auf die andere Seite und ſtampfte mit ihren kleinen Fuͤßen darauf. „Woruͤber hat er ſich auch wohl zu beklagen?.... Wie viele andere Maͤnner ſind wohl des Gluͤckes theil⸗ haftig, nachdem ſie drei und ein halbes Jahr verheira⸗ thet ſind, noch in ihre Frau vernarrt zu ſein?... Und wuͤrde er dieſes Gluͤck wohl beſitzen, wenn ich waͤre, wie andere Frauen?... Und haͤtte er ein irdiſches Para⸗ dies hoffen und traͤumen koͤnnen, wenn ich es nicht ſo ſelten hervorgezaubert haͤtte! Er muß zuweilen lange leiden, es iſt wahr, er muß grauſam leiden durch meine Kaͤlte, meine Selbſtſucht, meine Bosheit— denn ich bin boshaft— aber alles dies iſt ein belebender Reiz fuͤr die Nerven, fuͤr die Seele, die außerdem unter der Laſt ihrer kurzen Gluͤckſeligkeitsperiode ermuͤdet ſein wuͤrde.“ Sie zog aus ſeinem heimlichen Verſteck ein Me⸗ aupt fdie ein⸗ ohne rter, auf aͤr⸗ und heil⸗ eira⸗ Und wie ara⸗ t ſo ange heine ich Reiz Laſt de.“ Me⸗ 203 daillon mit Philipps Portrait— er glaubte, es laͤge in dem Schubfache des Buͤreaus, in welches ſie es ſo ruhig gelegt, als er es ihr ein Jahr vorher zum Weihnachts⸗ geſchenk gemacht hatte. Sie betrachtete das kleine Portrait mit Blicken, welche unwillkuͤrlich Philipp zuruͤckgelockt haben wuͤrden, wenn er ſie geſehen haͤtte. „Wie ſanft und liebenswuͤrdig ſind doch dieſe Zuͤge — wie liebevoll ſehen ſie mich an... Zum Gluͤck er⸗ innern ſie nicht an ſeinen Ton von geſtern Abend... es wuͤrde mir nicht zuſagen, wenn er auf dieſe Weiſe Kraft zeigte!— Es war ein Scherz und doch waͤre mir beinahe bange geworden... ich ſagte mehr, als ich ſagen ſollte... ich weckte vielleicht Mißtrauen in ihm... aber nein, ſein offenes, vertrauensvolles Herz hat ſchon Alles wieder vergeſſen... Weshalb ſollte er auch— im Fall er ſich meiner Worte erinnert— fuͤrch⸗ ten, belauſcht zu werden?— Er hat ja nicht eine ein⸗ zige Handlung zu verbergen... Aber wenn er noͤthig haͤtte, etwas zu verheimlichen— wenn er einmal ge⸗ zwungen waͤre, ſich zu verſtellen...“ Bei dieſen Gedanken ſprang ſie auf und eine eis⸗ kalte Entſchloſſenheit ſtand auf ihrer Stirn geſchrieben. In demſelben Augenblick klingelte ein Scheſlenge⸗ laͤut auf dem Hofe. „Sollte er ſchon zuruͤckkehren?...“ 204 Sie verſteckte ſchnell wieder das Medaillon und eilte erroͤthend und zitternd, wie ein junges Maͤdchen, ans Fenſter. Der ganze kalte, entſchloſſene Ausdruck war ver⸗ ſchwunden— verſchwunden war Spott, Stolz und Duͤnkel. Einige Secunden lang, war ſie einmal in der Wirklichkeit ein ſchoͤnes Kind. Aber es war nicht Philipp, ſondern Doctor Warv⸗ ner, der aus dem Schlitten ſprang. Lilia zog erſt eine ganz abſcheuliche und aͤußerſt kindiſche Fratze, dann machte ſie mit der Hand eine leichte Geberde in der Luft, als ob ſie ploͤtzlich auf eine Idee gekommen waͤre und dann eilte ſie in das naͤchſte Zimmer, wo der Doctor ſie mit dem Kleinen ſpielend antraf. „Ach, ſieh da, unſer lieber Doctor! Haben Sie die Guͤte, und treten Sie wieder in den Salon, ich werde ſogleich nachkommen! Aber ich ſage Ihnen im voraus, daß wir heute in Ribyhus Faſttag haben— nolabene, was das Wohlbefinden anbetrifft,— mein Philipp iſt ab⸗ gereiſ't.“ Der Doctor, welcher waͤhrend dieſer langen Be⸗ gruͤßung nicht Gelegenheit bekam, ein einziges Wort und den, ver⸗ und der irv⸗ erſt eine eine hſte raf. Sie erde daß was ab⸗ Be⸗ Vort 2⁰0⁵ zu ſagen, wohl aber etwas zu ſehen, ſah ſich jetzt ge⸗ noͤthigt, ſich zuruͤckzuziehen. War ſie, dieſe reizende, kleine Mutter, vielleicht mit den Blicken wirklichen Wohlgefallens unbekannt, womit der ernſte Doctor zuweilen ihre kleinen, natuͤrlichen Co⸗ moͤdien anſah? Wahrſcheinlich nicht, weil ſie ſehr oft ihm eine Augenweide, oder vielleicht, richtiger geſagt, ſich ſelbſt eine kleine Zerſtreuung bereitete. Allein im Salon ging der junge Doctor, um nach Art eines Hausfreundes vor dem Kamine Platz zu neh⸗ men, waͤhrend er die Ankunft der Wirthin erwartete. Waͤhrend des letzten Vierteljahres— es waren im Ganzen erſt ſechs Monate, ſeitdem Doctor Warv⸗ ner ſein Amt bekleidete— war ſeine Praxis aͤußerſt bluͤhend geworden und man hatte ſo weit die kleinen An⸗ tipathien gegen ſeinen ſogenannten Stolz und ſeine ver⸗ meinte Langweiligkeit— welche, wie man ſpaͤter bemerkte, nicht aus Mangel an Theilnahme herruͤhrte— uͤberwun⸗ den, daß ſowohl Maͤnner als Frauen ihn zu ihrem Ver⸗ trauten auserſahen. Der Mann, ſo hieß es, hat etwas ſo Geſetztes, etwas ſo Ruhiges und Grundehrliches, daß man auch andern Rath von ihm begehren kann, als den, welcher ſeinem Berufe zukommt. Ob dies angenehm auf ihn einwirkte, oder ob es ihn im Gegentheil beſchwerte, ließ ſich nicht leicht errathen, weil er ſich in dieſer Beziehung niemals ausſprach; aber 206 ſo viel war ſicher, daß er ſich nirgends ſo wohl befinden konnte, als in Ribyhus. Das war auch ganz natuͤrlich. Bis jetzt hatte er niemals in ſeinem Leben ein Band der Freundſchaft oder der Liebe beſeſſen— wie haͤtte er da Philipp widerſtehen koͤnnen, der die Erinnerung an die entſchwundene Jugend mit den neuen, warmen und ohne Zweifel wahrhaften Gefuͤhlen des Mannes⸗ alters in ſich vereinigte! Aber wenn unſer Doctor in der Wirklichkeit kein derartiges Band beſeſſen hatte, ſo war es wenigſtens hinfort ſeine eigene Schuld, wenn er ſich nicht eins ſchaffte. Schon hatte man ihn in Gedanken mit fuͤnf jun⸗ gen Maͤdchen und eben ſo viel Witwen verheirathet, welche nach einander ſeines aͤrztlichen Beiſtandes bedurf⸗ ten; aber der unerſchuͤtterliche Arzt ſaß an dem Sopha der Schoͤnen mit derſelben Miene, wie an dem eines alten Weibes. Niemals rauh, ſondern ſtets geneigt und freundlich, aber ohne das geringſte Anzeichen von verſtellter Ge⸗ ſchaͤftigkeit oder dem mindeſten Schimmer von zwei Ar⸗ ten von Theilnahme. Die ſeine richtete ſich ſtets nach dem Standpunkte der Krankheit, nicht nach dem des Kranken. Man hoͤrte nun einmal auf, ſich mit ſeiner Ver⸗ heirathung zu beſchaͤftigen, denn man hatte— Gott weiß woher— die Neuigkeit erfahren, daß der Doctor inden Band haͤtte erung rmen nnes⸗ kein ſſtens affte. jun⸗ athet, durf⸗ bopha eines dlich, Ge⸗ Ar⸗ unkte Ver⸗ Gott doctor 207 ſich ſchon ſeit langer Zeit mit einem armen Maͤdchen verlobt habe, welches er nicht ſitzen laſſen wolle. Arnold ließ ſie thun und ſagen, was ſie Luſt hat⸗ ten und ſagte eben ſo wenig Nein als Ja. Inzwiſchen haͤtte er, wenn er es gewagt haͤtte, gern eine Art Vorlegeſchloß erfunden, um es gewiſſen klatſch⸗ ſuͤchtigen Damen vor den Mund zu haͤngen. Zu ein paar Herren hatte er geſagt, daß er wirklich das Modell zu einem ſolchen beſaͤße, aber daß er nicht ein Patent auf die Ausfuͤhrung deſſelben zu verlangen wagte. Waͤhrend unſer Doctor nun daſaß und wartete, fielen ſeine Augen auf ein kleines Billet, welches an ihn ſelbſt adreſſirt war. Er nahm es vom Tiſche und las eifrig die von Philipp in Eile geſchriebenen Zeilen: „Wenn Du vor meiner Abreiſe noch einmal zu uns gekommen waͤreſt, wuͤrde ich Dir geſagt haben, daß Du nicht ein ſo ſchlechter Pſycholog biſt, als ich glaubte. „Ich reiſe ab, mit dem Himmel im Herzen, ich um⸗ arme die ganze Welt und ſcheere mich den Teufel dar⸗ um, ob das Publikum mich leſen will oder nicht; ich bin dennoch uͤberzeugt, daß der Tag kommen wird, wo man mich aus dem Schranke nimmt, abſtaͤubt und fin⸗ det, daß ich doch nicht ſo gar toll bin. „Deiner Obhut, lieber Bruder, befehle ich meine theuerſten Schaͤtze: meine angebetete Frau und meine 208 zwei kleinen Amoretten, dieſe goͤttlichen Ausſtrahlungen meiner goͤttlichen Aphrodyte. „Lache nicht— ich will nicht, daß man mich einen Narren nenne, weil ich einige Linien uͤber Deine kalte Welt hinausſchwaͤrme. „Ach, Du weißt nicht, was Seligkeit iſt— Du haſt noch nicht im Todeskampfe gelegen und biſt noch nicht wieder erweckt worden— Du weißt nichts, Du ahneſt nichts, mein armer Arnold! Die Liebe iſt fuͤr Dich eine Mythe— und zwar eine Mythe, welche Du leider niemals durchſchauen wirſt. „Beklagenswerther Sterblicher! Wie werde ich die Buͤrde des unſterblichen Gluͤcks ertragen koͤnnen, wel⸗ ches die Zukunft mir zeigt! Ich reiſe fort, um meine Seele zu bereiten und wenn ich wiederkomme, werde ich zu mir ſelbſt ſagen: „Ich habe nichts mehr zu wuͤnſchen! Dein Philipp.“ Zum Gluͤck ahnete unſer poetiſcher Ehemann, als er den letzten Satz ſchrieb, nicht, daß derſelbe, mit Aus⸗ nahme der zwei letzten Worte, buchſtaͤblich in Erfuͤllung gehen wuͤrde. Waͤhrend des Leſens dieſes Billets zeigte Arnold dieſelbe Miene, die er wahrſcheinlich gezeigt haben wuͤrde, wenn er die ausſchweifenden Phantaſien eines Fieber⸗ kranken gehoͤrt haͤtte. ungen einen kalte 209 „Armer Schwaͤrmer!“ Dies war Alles, was er ſagte. Aber er wußte nicht, daß er laut gedacht hatte. „Warum gerade armer?“ fragte eine wohlklin⸗ gende Stimme hinter ihm. Der junge Doctor ſtand auf und zog Lilia's Lieb⸗ lingsſtuhl herbei; darauf antwortete ermit ruhigem Laͤcheln: „Kann man wohl etwas Anderes von einem Manne ſagen, der ſo etwas ſchreibt?“ Er reichte ihr Philipps Herzensergießung hin. Die junge Frau gluͤhete, wie eine Roſe, als ſie das Billet wieder zuruͤckgab. Bei dem Ganzen war es eigentlich nur ein Punkt, der ſie in Verwunderung ſetzte. Sie verſtand, daß der Doctor ihr dieſen kleinen Brief deshalb ſo dienſtfertig gezeigt, um ſelbſt ſeine Be⸗ obachtungen zu machen— was brauchte er mehr als Glauben? „Das ſieht ja aus,“ ſagte ſie, indem ſie eine Miene des Erſtaunens und der Verwirrung annahm,„als ob ich einen Vertheidiger beduͤrfte!“ „Ach, einen ſolchen wuͤrde Frau Thurné niemals beduͤrfen und am allerwenigſten bei ihrem Manne!“ „Worauf ſpielt er denn dann an?“ „Auf eine voruͤbergehende, unruhige Grille, die ihn einmal anfocht.“ „Nun wohl, Herr Doctor, wie zeigte ſich denn dieſe Ein Gerücht, 1, 14 210 Anfechtung? ſagen Sie. Wir armen Frauen ſind neu⸗ gierig, auch wenn wir uns kuͤmmern und ſehnen.“ Es lag in Lilia's Ton und Worten etwas, was den Doctor um ſeines Freundes willen unangenehm be⸗ ruͤhrte und uͤberdies lag in ihrem ganzen Ausſehen und Weſen etwas, was den Begriff, den der Doctor von Kummer und Sehnſucht hatte, durchaus nicht entſprach. Er ward uͤberraſcht, waͤhrend ſie das Billet las, auf ihrem ſchoͤnen Antlitz ganz deutlich einen heimlichen Triumph wahrzunehmen— vielleicht fand ſich daneben uch ein Ausdruck der Freude, aber dann war es mehr die der Eitelkeit als des Herzens. „Dieſe Anfechtung, meine beſte Frau Thurné... ja, wenn ich die Wahrheit ſagen ſoll...“ „Thun Sie das!“ „Dieſe Anfechtung hatte die groͤßtmoͤgliche Familien⸗ aͤhnlichkeit mit einer in ſich verſchloſſenen Verzweiflung. Philipp war auch ein Zweifler.“ „Ach, mein Gott— gruͤbelt er vielleicht uͤber reli⸗ gioͤſe Dinge?* „Nein, ſo viel ich weiß.“ „Nun, in welchem Falle war er da ein Zweifler?“ „Damals zweifelte er beinahe an Allem.“ „Wie?“ „Er zweifelte an ſich ſelbſt, an Ihnen, ſelbſt an der Liebe und dem Gluͤck, welches er, wie man allgemein glaubt, genießen muß.“ d neu⸗ —.““ , was m be⸗ sſehen or von ſprach. et las, glichen mneben mehr nilien⸗ flung. reli⸗ ler?“ ſt an mein 211 „Wie man glaubt?“ wiederholte Lilia in einem unwahrſcheinlichen Tone des Vorwurfs. „Ich ſagte daſſelbe und nun ſcheint es ja, als ob Philipp erkannt habe, daß ſowohl ich, als alle anderen Leute recht hatten.“ „Und inzwiſchen...“ hob Lilia zoͤgernd wie⸗ der an. Der Doctor ſah gerade vor ſich hin in das Feuer, ohne zu thun, als ob er wuͤßte, was dieſes Stocken der ſchoͤnen Frau zu bedeuten haben ſollte. „... inzwiſchen ſieht es jetzt aus, als ob der Doctor nicht Luſt haͤtte, denſelben Satz wieder zu ver⸗ theidigen, im Fall Philipp von Neuem in denſelben Zweifel verfiele; habe ich recht?“ „Fuͤrwahr, es iſt ein wahres Spruͤchwort, daß der Zweifel anſteckt.“ „Und das ſagt der Herr Doctor zu mir?“ Lilia brach in ein lautes Gelaͤchter aus. „Warum nicht, da es nicht zum Scherze geſchieht! Ich wuͤrde es fuͤr ein großes Unrecht anſehen, uͤber ei⸗ nen Gegenſtand zu ſcherzen, der Philipps innerſtes Le⸗ ben beruͤhrt.“ „Ach, dieſen gelehrten, docirenden Ton kann ich durchaus nicht leiden und noch weniger dieſe Miene von Gott weiß was. Nein, mein lieber Doctor, ſehen Sie weniger ſchwerfaͤllig aus, wenn wir mit einander ſprechen ſollen!“ 14* 212 „Es thut mir leid,“ antwortete Arnold, immer ver⸗ wunderter uͤber die Verwandlung, welche die junge Frau offenbarte,„es thut mir leid, daß ich dieſem Befehle nicht gehorchen kann; aber der Grund iſt, daß ich mich Nauf keinerlei Weiſe zu irgend einer Art von Heiterkeit aufgelegt und geſtimmt fuͤhle.“ „In dieſem Falle hat der Herr Doctor Unrecht ge⸗ than, zu kommen.“ „Das iſt allerdings moͤglich.“ „Philipp war der feſten Ueberzeugung, daß er keine Beſchwerde verurſache, wenn er dem Doctor das Amt aufbuͤrdete, nach ſeinen kleinen Schaͤtzen zu ſehen.“ „Ich ſehe darin auch nicht die geringſte Beſchwerde. Ich wuͤnſche aufrichtig, Frau Thurné von einigem Nutzen ſein zu koͤnnen, und mehr als gern ſtehen meine geringen geſellſchaftlichen Talente zu Dienſten, wenn die Praxis mich nicht in Anſpruch nimmt.“ „Aber mein Gott!“ rief Lilia mit einer Miene des ſchalkhafteſten und muthwilligſten Erſtaunens,„wo iſt nur der Doctor zu dieſem ganzen Haufen alter, abgedro⸗ ſchener Redensarten gekommen— fuͤrwahr, ſelbſt der alte ſelige Doctor Hultberg haͤtte ſich nicht abgezirkelter und kaͤlter ausdruͤcken koͤnnen... aher nun, laſſen Sie uns Freunde ſein... ſonſt...“ 4 Sie hob drohend den Finger in die Hoͤhe. „Nun, ſonſt?“ ner ver⸗ ge Frau Befehle ch mich eiterkeit echt ge⸗ r keine s Amt 8* hwerde. inigem ſtehen enſten, 3 ne des wo iſt gedro⸗ bſt der rkelter Sie 213 „... ſonſt mache ich den Doctor zu meinem demuͤthigen Anbeter.“ Dieſe Gaukelei ſchien dem Doctor offenbar etwas uͤber die Grenzen der heitern Laune einer jungen Dame hinauszugehen. Gerade deshalb, weil Lilia im Beiſein ihres Man⸗ nes niemals dieſe freie Sprache fuͤhrte, klang ſie den Ohren des Doctors um deſto widerlicher. War dies wirklich dieſelbe Lilia, welche(wenn er das einzige Mal ausnahm, wo ſie ſo unfreundlich mit Philipp uͤber ſeine einſchlaͤfernde Poeſie ſcherzte) ſonſt in ihrem Weſen ſtets ſo ſanft und hell war, wie ein Sonnenſtrahl, in ihren Worten rein, wie friſchgefallener Schnee? Lilia bemerkte recht wohl, daß, wenn ſie auch den Doctor uͤberraſcht hatte, derſelbe gleichwohl nicht geneigt zu ſein ſchien, ſich auf den erſten Angriff zu ergeben. Und eben ſo wenig ſchien er geneigt zu ſein, den ver⸗ traulichen Ton zu benutzen, den ihre eigene Ungezwun⸗ genheit geſtattete. „Beklagen Sie mich, Frau Thurné, daß ich in einem altvaͤteriſchen Hauſe erzogen, und ohne das Gluͤck eines lebhafteren geſellſchaftlichen Umganges genoſſen zu haben, ganz und gar der Erfindungsgabe entbehre, welche zu einer launigen Converſation gehoͤrt. Es iſt dies inzwiſchen ein Mangel, der mich allein trifft.“ „Aber mir iſt nicht bekannt, daß ich den Doctor zu einer launigen Converſation aufgefordert haͤtte.“ 214 „Ich habe mich alſo geirrte „Ohne Zweifel, denn ich will nur daran erinnern, daß ich ganz einfach ſagte, daß wir Freunde bleiben wollten, weil ich im andern Falle den Doctor zu meinem demuͤthigen Anbeter zu machen beabſichtigte.“ Das war zu ſtark. Der Doctor erroͤthete, waͤhrend die junge Frau dies unterließ. Sie lag ganz nachlaͤſſig zuſammengekauert in ihrem Lehnſtuhle und ſah ſo ernſt und tiefſinnig aus, als ob ſie in der allerernſthafteſten Abſicht geſprochen haͤtte. „Dieſes Weib,“ dachte Arnold bei ſich ſelbſt,„iſt entweder eine vollendete Kokette, oder ſie will mich offen⸗ bar zum Narren haben.“ Laut ſagte er mit Kaͤlte: „Wir ſind Freunde ohne irgend eine Alternative, denn ich bin zu ſehr Arzt, als daß ich wuͤnſchen ſollte, eine Frau geſtehen zu hoͤren, daß ſie ihren Vorſatz nicht auszufuͤhren vermocht hat. Ich weiß recht wohl, welche Kriſen auf die kleinen Beſchaͤmungen der Damen folgen.“ Lilia zuckte die Achſeln und warf einen mitleidigen Blick auf ihren Gaſt. „Wollen wir eine Wette machen?“ ſagte ſie. „Um was denn?“ „Daß ich heute uͤber zwei Monaten meinen kalt⸗ rinnern, bleiben meinem ge Frau n ihrem als ob itte. ſt, viſt hoffen⸗ rnative, ſollte, tz nicht welche Damen leidigen 2. — kalt⸗ 215 ſinnigen Doctor da habe, wo jetzt das Fußbaͤnkchen ſteht.“ Arnold ſprang auf. „Hier, neben den kleinen Fuͤßen? So ſehr ich dieſelben auch bewundere, ſo wird es doch niemals auf den Knien geſchehen.“ „Wir werden ſehen.“* „Auch ohne Wette?“ „Warum nicht?— ich habe eben ſo wenig Mit⸗ leiden mit dem Doctor, als der Doctor mir da neulich bewies, denn ich weiß, daß die Maͤnner noch weniger Helden ſind, als die Frauen, wenn es darauf ankommt, einen Irrthum zu bekennen.“ Nachdem Lilia dies geſprochen, ſprang ſie fort an einen Tiſch, wo ein elegantes Schreibzeug mit Zubehoͤr ſtand. Sie ſetzte ſich und fing an, in den Sachen, die auf dem Tiſche lagen, herumzuwuͤhlen— offenbar ſuchte ſie etwas. Mit einem ganz eigenthuͤmlichen Gefuͤhl verfolgte Arnold jede ihrer Bewegungen. Er wollte verſuchen, ihre Augen wegzuwenden, denn es war ja Alles eine einfaͤltige Spielerei, aber dieſe Augen kehrten doch un⸗ willkuͤrlich immer wieder zu demſelben Gegenſtande zuruͤck. „Na, endlich,“ ſagte Lilig, indem ſie ein ganz klei⸗ nes Buch emporhielt. 216 „Ein Kalender!“ dachte der Doctor verwundert bei ſich ſelbſt. Lilia ſchlug ein weißes Blatt auf. „Den achtundzwanzigſten Januar,“ ſagte ſie ſo ungekuͤnſtelt, wie ein junges Maͤdchen, welches ſich we⸗ gen einer unſchuldigen Wette um eine Zuckerduͤte das Datum aufſchreibt,—„ich mache ein Kreuz, lieber Doctor, bei dem acht und zwanzigſten Maͤrz!“ „Wirklich, geehrte Frau?“ ſagte Arnold in hoͤhni⸗ ſchem Tone. „Ja wirklich, geehrter Herr! Und nun rathe ich Ihnen, ganz uneigennuͤtzig, allen ihren Fleiß aufzuwen⸗ den, um ein Recept zu erfinden, welches Sie vor der Krankheit ſchuͤtzen kann, die ich Ihnen vorausgeſagt, und deren Symptom Sie ſchon haͤtten beobachten koͤn⸗ nen, wenn Sie ein geſchickter Arzt geweſen waͤren.“ „Wie“— der Doctor bemuͤhte ſich, zu lachen, obſchon das Lachen, die Wahrheit zu ſagen, etwas ge⸗ zwungen herauskam—„wie... wie ſollte denn der Zauber ſchon gewirkt haben?“ „Das fragt er,“ rief Lilia und ſchlug die Haͤnde froͤhlich zuſammen.„Er bemerkt nicht, der gute Doc⸗ tor, daß er ſchon ein ganzes Vierteljahr einen andern Ton angeſchlagen hat... leben Sie nun wohl, ich gehe, um an meinen theuern, theuern Philipp zu ſchrei⸗ ben, und werde ihm unſere kleine, naive Wette er⸗ ſo ſuch mei wer nur em 217 undert„Frau Thurné,“ antwortete Arnold, indem er ſeine ſo unvermuthet verlorene Wuͤrde wieder zu gewinnen ſuchte,„es thut mir ſehr leid, erklaͤren zu muͤſſen, daß ſie ſo meine uͤberhaͤuften Geſchaͤfte mich wahrſcheinlich hindern ch we⸗ werden, dieſe kleine, naive Wette zu verlieren... Und ee das nun erlauben Sie mir, mich Ihnen ganz ergebenſt zu lieber empfehlen.“ hoͤhni⸗ 15. Briefwechſel. Am Morgen darauf erhielt der Doctor folgenden Brief: „Mein guter Doctor Warvner! „Ich habe bisweilen die ſchlimme— moͤglicherweiſe unedle Gewohnheit zum Verbergen der wirklichen Ge⸗ fuͤhle oder Schmerzen meines Herzens, eine unnatuͤr⸗ liche 3 empoͤrende Heiterkeit zu heucheln, und welcher bizarre Einfall mir dann auch in den Kopf kommt, ſo bin ich im Stande, ihn auszuſprechen. „Ach, mein Gott, ich weiß wohl, daß ich fuͤr meine zwanzig Jahre noch eine unverzeihliche Kindiſchkeit beſitze. „Aber wie ſoll man es anfangen, wenn man fort⸗ waͤhrend verzaͤrtelt wird? „Ich weine heute uͤber meine unverzeihliche Gau⸗ kelei, meine wirkliche Thorheit von geſtern— was kann ich mehr thun? genden rweiſe a Ge⸗ aatuͤr⸗ delcher at, ſo meine ſchkeit fort⸗ Gau⸗ was 219 „Ja, es iſt wahr, ich kann meinen Fehler erkennen und inſtaͤndig um Verzeihung bitten. Dieſe Demuͤthi⸗ gung ſehe ich fuͤr nicht mehr als gerecht an und ich din ſchon allzugluͤcklich, wenn ich den Doctor uͤberzeugen kann, daß dieſer ganze Unſinn, den ich geſtern ſchwatzte, nicht in einem Mangel an Achtung, ſondern in gedan⸗ kenloſem Unverſtand ſeinen Grund hatte. „Wer mich gruͤndlich kennt, wuͤrde uͤber mein Be⸗ nehmen blos gelacht haben, aber der Herr Doctor, der mich erſt ſeit ſechs Monaten kennt und dazu waͤhrend einer Zeit, wo ich gluͤcklich war, kann meinen Charak⸗ ter unter andern Umſtaͤnden nicht beurtheilen. „Ich arme Thoͤrin! „Ich weiß nicht, warum ich nicht in des Doctors Beiſein daſſelbe thun konnte, was ich vorher und nach⸗ her gethan habe, naͤmlich weinen. Ja und deshalb fahre ich fort zu weinen, daß Philipp trotz des Gluͤckes, welches er zu empfinden vorgiebt, gleichwohl mich ver⸗ laſſen hat. „Noch einmal, nehmen Sie meine Entſchuldigung an und ſtrafen Sie mich— um Philipps willen, nicht dadurch, daß Sie lange wegbleiben; vergeſſen Sie wo⸗ moͤglich auf ewig dieſen unwuͤrdigen Scherz der kindiſchen und reuevollen Lilig.“ 220 Doctor Warvners Antwort: „Meine beſte Frau Thurné! „Niemals habe ich einen einzigen Augenblick be⸗ zweifelt, daß ich die Zielſcheibe eines kleinen Gaukel⸗ ſpiels geweſen, aber eben ſo feſt bin ich auch uͤberzeugt daß demſelben keine boͤſe Abſicht zu Grunde lag. „Von irgend einer Verzeihung meinerſeits kann durchaus keine Rede ſein, denn es iſt das alte Privile⸗ gium der Frauen, ihre kleine Reizbarkeit erſt an dem Ehemann und dann an der Geduld des Freundes zu erproben. „Kuͤnftig werde ich eben ſo, wie zeither, das Ver⸗ gnuͤgen haben, ſo oft meine Geſchaͤfte es erlauben, in dem traulichen Ribyhus einzuſprechen. „Mit Hochachtung und Freundſchaft Frau Thurné's ergebener Diener Arnold Warvner.“ / Nach dieſem Briefwechſel dauerte es inzwiſchen doch vier Tage, bevor der Doctor kam, um ſeine Be⸗ ſuche zu erneuen. Als er eintrat, lag Lilia bleich und niedergeſchla⸗ gen auf dem Sopha. Sobald als ſie Arnold erblickte, ſtreckte ſie ihm ganz ungekuͤnſtelt die Hand entgegen, wendete ſich aber ſchen Be⸗ ſchla⸗ ihm aber 221 in demſelben Augenblicke weg, um ein Schluchzen zu unterdruͤcken. „Mein Gott, mein Gott, was ſoll ich glauben?“ ſagte ſie und es war, als wenn der letzte Auftritt mit dem Doctor niemals ſtattgefunden haͤtte.„Er hatte verſprochen von U. zu ſchreiben und ich habe heute Mor⸗ gen keinen Brief bekommen... ach, es iſt entſetzlich.“ „Aber meine gute Frau Thurné, eher als morgen koͤnnen Sie ja den Brief gar nicht erhalten.“ „Wie... wirklich?“ „Rechnen Sie nur beſſer nach und Sie werden finden, daß ich recht habe.“ Ach, koͤnnte das wirklich ſo ſein?“ Lilia richtete ſich halb empor und trocknete mit den langen, ſchoͤnen Seidenlocken die hellen Thraͤnen, welche die Wange herabrollten. Sie war wirklich hinreißend, waͤhrend dieſes Kam⸗ pfes zwiſchen der fliehenden Furcht und der neuerwachten Hoffnung. Der Blick des Doctors ſchweifte uͤber dieſes be⸗ zaubernde Antlitz und waͤhrend er ſich— wiewohl in gebuͤhrender Entfernung— niederſetzte, ſprach er ſeine feſte Ueberzeugung aus, daß Frau Thurné den naͤchſten Tag eben ſo froh und gluͤcklich ſein wuͤrde, wie ſie heute betruͤbt und ungluͤcklich waͤre. „Aber ich bin es ja nicht mehr, nachdem ich mir die Sache recht uͤberlegt habe. Wie gut war es, daß der Doctor kam und mir rechnen half! Wir Frauen ſind doch, beim Lichte beſehen, recht ſchwache Geſchoͤpfe — die kleinſte Widerwaͤrtigkeit beugt uns nieder.“ „Und der kleinſte Erfolg richtet Sie wieder auf... aber was koͤnnen wir nun thun, um Frau Thurné die Zeit zu vertreiben?“ „Ach, verſteigen Sie ſich nicht ſo weit, mein troſt⸗ reicher Freund; wenn ich auch meine Thraͤnen trockne, ſo bin ich gleichwohl nichts weniger als geneigt, an irgendwelche Zerſtreuung zu denken.“ „Aber...“ „Sagen Sie nichts, Herr Doctor! Wie beneide ich doch meine Kinder— wie ruhig und gluͤcklich ſchla⸗ fen ſiel Ich wollte, ich koͤnnte auch ſo ſchlafen, ich wollte, ich koͤnnte einige langſam verſtreichende, traurige Wochen verſchlafen!“ „Und dies bedeutet vielleicht, daß Frau Thurné waͤhrend dieſer Zeit die Einſamkeit allen andern Dingen vorziehen wird.“ „Wenn ich das auch thun wollte, wuͤrde ich wohl ein Recht dazu haben? Philipp wuͤrde dieſe Frage mit Nein beantworten.“ „Eben ſo wie ich.“. Zwei Tage darauf bekam Arnold abermals ein Billet: Beſu rade Sie men wirkl heute und Anſi ich n ruͤckk tigen gen rauen hoͤpfe 1f... 66 die troſt⸗ ockne, , an 223 „Beſter Doctor! „Ich weiß, daß Sie die Abſicht hatten, heute einen Beſuch in Ribyhus abzuſtatten, aber ich bin heute, ge⸗ rade heute, auf verzweifelt widerwaͤrtiger Laune— ſetzen Sie ſich derſelben nicht aus! „Ich habe den Brief von meinem Philipp bekom⸗ men— er ſehnt ſich ſchon, ſchreibt er; aber wenn das wirklich wahr waͤre, ſo kaͤme er zuruͤck. Nein, ich muß heute allein ſein, um mich recht ordentlich auszuaͤrgern und morgen wieder gut ſein zu koͤnnen, das iſt meine Anſicht.“ Der Doctor ſchrieb blos folgende Worte zuruͤck: „Geehrte Frau! „Ich gehorche Ihrem Befehle um ſo lieber, weil ich nicht weiß, ob ich heute wieder aus der Stadt zu⸗ ruͤckkommen werde, wohin ich ſo eben behufs einer wich⸗ tigen Conſultation abreiſe, deren Erfolg ich Ihnen mor⸗ gen mittheilen werde.“ Ende des erſten Theiles. Druck der Verlagsbuchdruckerei in Wurzen. 2 5 5 — 00 ◻Q O em