—— N1/16 ——— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit ſeines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 8.. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: — ͥ⁴———— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mr.(50 Pf. 2 Wr.— Pf. 7„—„ 35„„„—„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für„Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern dc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, vaß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. „ hinten wird. 4. beträg für w auf 44 5.]¹ der B 6. defectt Laden. lorene der Le⸗ 8 u Ffr Emilie Alugare Carlen. beſonde Frau Emilie Flug der Bü ſelben v Das Fideicommiß. Von Emilie Flygare⸗Carlén. Aus dem Schwediſchen. Mit dem Porträt der Verfaſſerin, Erſter bis vierter Theil. *½ Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1844. Ein Paar Worte zum Porträt der Schriftſtellerin. Es iſt etwas Natürliches, wenn man Per⸗ ſonen, mit denen man ſo lange im Geiſte um⸗ gegangen iſt, und von deren Unterhaltung man ſo ſchöne Erinnerungen hat, auch von Angeſicht zu Angeſicht kennen lernen, und ſo die äußere Erſcheinung derſelben mit ihrer innern verglei⸗ chen möchte. Um dieſem ſtillen Wunſche unſerer ſchönen Leſerinnen zu begegnen, ließen wir das liebliche Bild unſerer geiſtreichen Schwedin über die See herüberſchweben und ſtellen ſie nun mit gebüͤhrender Feierlichkeit vor. So viel ſich nun auch uͤber eine hübſche intereſſante Frau ſtets ſagen läßt, und über 4 dieſe insbeſondere ſich ſagen ließe, ſo ſey es 3 1 jeden den 3. eines hinte betrag für w 5.]¹ der B 6. 4 defecte Laden lorene der Leſſ wird. 7. A beſonde der Büt ſelben— VI doch ferne von uns, den Blicken der Leſerin vorzugreifen, und ſie auf die ſinnigen Augen, den neckiſchen Mund, das feine Näschen und das ganze poetiſche Enſemble unſerer Freundin aufmerkſam zu machen; wir erlauben uns da⸗ gegen, an den Zauberſpiegel zu erinnern, in dem wir dieſe Aeußerlichkeiten in ihren mannig⸗ fachen Nuancirungen ſchon längſt ſo gerne be⸗ trachteten, an ihre Geiſtesprodukte. Noch gedenken wir mit inniger Freude jener erſten Blume, jener Anemone, wie ſie ſelbſt „Waldemar Klein“ beſcheiden nannte, die ſie uns aus dem fernen, noch ſo fremden Norden ſchickte. Wir fanden damals in ihrem Kelche jenen lieblichen idylliſchen Farbenſchmelz, jene reinen ſüßen Düfte, die uns vor Zeiten im ge⸗ müthlichen„Landprediger von Wakefield“ erquickt hatten. Es erſchloß ſich uns in dem Schooße ihrer weichen Blätter ein neues, durch Ort, Klima und Verhältniſſe von uns verſchiedenes und doch ſo anziehendes, heimliches Familien⸗ leben, ein Leben, das uns wärmte, ergötzte und erhob. In kurzem Zeitraume folgten dieſer einen Blume ſo viele und prächtige Schweſtern, daß uns gebe von men zu Ha⸗ lich gib hie an 4 von T. gut a ein un 83 Se und jene ge⸗ zuickt ooße Ort, enes lien⸗ und inen daß 6*— WI uns wohl ſchon lange kein ſo lieblicher Strauß geboten wurde, und wir einen hohen Begriff von dem reichen Garten unſeres nordiſchen Blu⸗ menmädchens bekommen haben, den wir jetzt ihr zu Ehren mit einer kleinen Illumination ſeiner Hauptparthien feiern wollen. Die dramatiſche Lebendigkeit iſt es vor allem, die wie rauſchendes Waſſer durch das Ganze hinſtrömt, jener unmittelbar in den Her⸗ gang der Sache eindringende Ton, der eben ſo fern iſt von der ſeitenlangen, namentlich weib⸗ lichen Autoren ſo oft anklebenden Raiſonnirwuth, die in unbeholfener Breite konfuſe und ſuper⸗ kluge Weltanſichten verdolmetſcht, wie von der endloſen Sentimentalität, die ſich in abſonder⸗ lichen Bildern, Ausrufungen und Fragen uns gibt. Wie herrlich wirft ſich ihr reicher Dialog hier in majeſtätiſchen Wellen über Felſen hinab, an alten ernſten Schlöſſern oder Gotteshäuſern vorbei, wie geſchwätzig murmelnd er unten im Thale eitem Pfarrhofe zu oder einem Bauern⸗ gute, wie kokett ſpringt er hier in der Fontaine eines herrſchaftlichen Gartens aus der alten Zeit und breitet ſich dort aus in einem ſtillen klaren See, an deſſen Rand zwei Liebende Vergißmein⸗ auf 1 ¾ „ 3 d 5. er Bi 6G defecte Ladenz lorene VII nicht pflücken und die Abendſonne in ihrem naſſen Spiegel bewundern. 1 Innig verwandt mit dieſer Lebendigkeit iſt die Leichtigkeit, die Natürlichkeit ihrer Ueber⸗ gänge; ein Umſtand, der nur zu oft verkannt wird, weil wir glauben, es könne ja gar nicht anders ſeyn, als eben ſo, und nicht bedenken, daß gerade dieſe Empfindung das höchſte Lob für die Kunſt des ſchöpferiſchen Geiſtes iſt. Und wie mu die dramatiſche Lebensquelle das Ganze durchdringt, ſo ſind es die Cha⸗ raktere, welche mit ihrem Gefolge von Ge⸗ danken und Gefühlen die Hauptparthien ſelbſt bilden. Und da ſie keine der eleganten Damen iſt, die ihre Welt einzig aus den Salons holen und nur ungern und nothgedrungen zu der Stube des Bürgers und Bauers herabſteigen, ſondern mit ihrem Geſichtskreiſe alle Stände umfaßt, ſo bietet ſie uns auch hier Natur und Mannig⸗ faltigkeit dar. Da ſehen wir Männerherzen, ſtarr wie die Felſen und finſter wie ihre Tannen⸗ wälder, aus denen Adler, die Kinder der Sonne, emporſteigen, begeiſterte Juͤnglinge wie Götter⸗ bilder in ſtille Haine verſteckt, Zaubernirxen in ſchimmernden Grotten und zarte Mädchengebilde naſſen it iſt leber⸗ kannt nicht enken, Lob muelle Lha⸗ Ge⸗ ſelbſt amen holen Stube dern , ſo mig⸗ rzen, men⸗ onne, tter⸗ n in bilde IX in lieblich einſamen Wieſengründen, aber auch wahrhaft chineſiſche Figuren und Verirbilder und Menſchenruinen, und das Alles von einer Wahrheit der Empfindung durchweht, die uns das Neue lieb und heimiſch, das Alte neu macht. Wenn wir aber müde geworden ſind im Herumwandern, ſo ſchiebt ſie uns an einem ſchattigen Platze den Lehnſeſſel der Häuslich⸗ keit hin, und beſchreibt uns die Umgebung ſo ſorgfältig detaillirt, daß wir uns ganz heimiſch darin fühlen und in aller Behaglichkeit die Ge⸗ ſtalten erwarten, die ſie auf's Neue an uns vorüberzaubern wird, oder nimmt ſie uns fort im Flug ihrer Phantaſie und läßt uns auf einem hohen Punkte nieder, wo wir hinaus⸗ ſchauen in das bunte Treiben der Welt oder hinauf an die ewigen Sterne, in den Hochzeit⸗ ſaal mit den tauſend flimmernden Kerzen oder in die ſchweigende Nacht des Grabes. Denn es iſt ein weiterer Vorzug von ihr, daß ſie, dbſchon Frau, doch niemals blos ihre Helden in die Brautkammer führt, ſondern ſehr oft mit ernſter erhebender Hand zu den eiſernen Pforten des Todes weist. —. ᷣ S=S 25 3 253 beträg für w auf 1 der 5b defert⸗ Ladens lorene 4 der Leſ * beſonos der B ſelben So iſt uns denn nun die ſüße Blumenſpen⸗ derin ſelbſt zur lieblichen Blume geworden und neigt ſich uns lächelnd zu, und die Frühlings⸗ winde wehen den Namen um ſie, den ſie mit zarter, aber unvergänglicher Hand auf ihre Blätter ſchrieb: Emilie Carlén. Der Ueberſetzer. 1— *— liebe nik, der ſtellt Küch läche viette Duft erſt eher hätte die bekon in de ren nehn ſchät 6*— L Einleitun g. „Beliebt Ihnen heute ein friſcher Waitzenkuchen, liebes Frauchen?“? Dieſe Frage wurde von der wandernden Stadtchro⸗ nik, der tugend⸗ und ehrenreichen Madame Weſtergren, der holden Mutter aller Saffran⸗ und Mandelkuchem age⸗ ſtellt, als ſie an einem ſchönen Morgen den Kopf in die Küche des Stadtarztes ſtreckte. „Iſt er auch recht warm, meine liebſte Weſtergren?“ lächelte die Frau Doktorin, die eigenhändig die Ser⸗ viette zu heben geruhte, und ihre Naſe die angenehmen Düfte einſaugen ließ. „Ganz glühend heiß, liebes Frauchen! Ich war erſt an einem Platze, und ich wäre gewiß auch dort nicht eher hingegangen, als bis ich vorher hier geweſen wäre, hätte man nicht die Kuchen beſtellt gehabt.“ „Beſtellt?— nun das muß ich ſagen! Wer iſt denn die Herrſchaft, die ſie ohne Beſtellung nicht ſchnell genug bekommt? Die Weſtergren ſpringt ja in einer Stunde in der ganzen Stadt herum.“ „Ja, das hab ich jetzt ſeit zwei und zwanzig Jah⸗ ren gethan; aber es gibt gewiſſe Leute— natürlich vor⸗ nehme Leute— die es vor andern haben müſſen.“ Die Frau Doktorin Manning, die ſich eben ſo hoch ſchätzte als die Bürgermeiſterin und die Probſtin— zwei Laden lorene der Le 7. beſond der B ſelben arme Frauen vom Adel nicht zu vergeſſen: denn, wenn dieſe ein„von“ hatten, ſo hatten ſie etwas Reelleres— die Frau Doktorin, ſagen wir, würde ſich eine Ewigkeit lang und vergebens das Gehirn mit der Frage zerbro⸗ chen haben, wer von den Frauen der guten Stadt An⸗ ſpruch darauf machen könnte: für nobler als ſie ſelbſt gehalten zu werden, wenn nicht die liſtge Madame We⸗ ſtergren durch die Bemerkung, daß vielleicht der Herr Doktor beſſer als irgend Jemand die Geſchichte erklären könnte, ihren Gedanken eine Richtung gegeben hätte, die ſie nur noch mehr verwirrte. „Die Geſchichte?“ wiederholte Frau Manning und beſaß Selbſtverläugnung genug, um die gewiſſe Belei⸗ digung, welche in der erſteren Nachricht lag, ganz zu vergeſſen, um mit um ſo ungetheilterer Aufmerkſamkeit auf die andere zu lauſchen. „Komme Sie herein liebe Madame Weſtergren, und nehme Sie ein wenig Liqueur. Die arme Perſond ſie läuft beſtändig umher, ohne daß Jemand daran denkt, daß ſie ſo gut wie irgend eine der Ruhe bedürfen kann. So, komme Sie herein— komme Sie!“ Madame Weſtergren, die ſicher war, daß ihr der Beſitz der Geſchichte mehrere Tage lang Einladungen zum Ausruhen ſowohl, als zum Eſſen und Trinken ver⸗ ſchaffen würde, folgte der Wirthin, ohne jedoch das ge⸗ wöhnliche Ceremoniel mit Komplimenten und Vernei⸗ gungen zu beobachten, das bei dergleichen Gelegenheiten üblich iſt. Frau Manning, die in dieſer Vernachläſſi⸗ gung nur eine erhöhte Wichtigkeit der Hauptſache ſah, beeilte ſich ſo ſchnell als möglich, während ſie den Li⸗ queur einſchenkte, ihrem getreuen Kommiſſionär zu er⸗ zählen, daß man es jetzt nächſtens nicht mehr mit den Abzügen aushalten könne, die ſich der Apotheker ſowohl in Beziehung auf die Qualität oder Quantität der ge⸗ wöhnlichen Neujahrspräſente erlaubte.„Ich will nichts geſagt haben, ſetzte die würdige Frau hinzu, indem ſie die Flaſche und den Pfropfzieher eilig in den Schrank und Zelei⸗ 3 zu mkeit und läuft daß So, der ngen ver⸗ b g5⸗ mei⸗ eiten läſſi⸗ ſah, Li⸗ er⸗ den vohl ge⸗ ichts ſie rank 13 warf;„aber das iſt gewiß, wenn es das nächſte Mal wieder geſchieht, ſo ſoll die Viſitation etwas ſtrenger zu Werke gehen als gewöhnlich, und da werden wir ſehen, wer am Meiſten Grund hat, gewiſſe Rückſichten zu be⸗ obachten.“ Nach dieſem Wink, deſſen Nutzanwendung Madame Weſtergren an ihren fünf Fingern herunterzählen konnte, war es der Frau Doktorin unmöglich, ihre Neugierde länger zu beherrſchen.„Nun,“ ſagte ſie und bot Allem auf, um ſo gleichgültig als möglich auszuſehen, was iſt denn das für eine Geſchichte, die mein Mann kennen ſoll, wie die Frau Weſtergren behauptet?“ „Ei Gott bewahre, liebes Frauchen! ich ſagte nicht, daß er ſie kenne— denn was das betrifft, ſo wird er es wohl ſelbſt am beſten wiſſen. Ich dachte nur in mei⸗ ner Einfalt ſo, weil er gerade da hineinging, wo ich herauskam.“ „Und wo ging er dann hinein 2 Madame Weſtergren nahm eine geheimnißvolle Miene an, legte ihre Korbſerviette zuſammen, und ſagte mit einem pfiffigen Blinzeln: zur Frau Bjorkman ging er hinein. „Ja, das iſt freilich eine rechte vornehme Dame!“ rief die Doktorin lachend.„Ich hätte nie geglaubt, daß ſie ſo einfältig wäre, wie Frau Weſtergren. Iſt denn die Björkman, die Kröte, vornehm, weil ſie ſich beſſer und klüger denkt, als unſere brave und beſcheidene Ma⸗ dame Struttelin, und weil mein Mann ihr hie und da erlaubt, daß ſie bei Gelegenheiten, die ſie nicht verſteht — und deren gibt es meiner Seel' manche— ſich bei ihm Raths erholen darf? Nein, da ſoll man ſehen, die will vornehm ſeyn! Aber ich ſage, ich, daß ſo einge⸗ bildet ſie auch iſt, ſie nie die Ehre haben ſoll, zu mir kommen zu dürfen; denn bekomme ich auch noch ein halb Dutzend Gottesengel zu den Sechſen, womit mich unſer Herr geſegnet hat, ſo nehme ich doch die Struttelin, ob pfaß 3 7 u 4 jed d 2 einen 3 hinte wird beträ Laden loren der L. 74 8 beſon der B ſelben nun eraminirt oder nicht: Ich dulde keine Neuerungen, und bin Gott ſey Dank Frau in meinem Hauſe.“ „O, es iſt ein entſetzlich hoffärtiges Ding!“ verſetzte Madame Weſtergren.„Die liebe Frau ſollte ſie nur bei armen Leuten ſehen; dort i*ſt ſie ein ſolches Thier, daß Niemand ihr gegenüber zu muckſen wagt. Und wahr⸗ haftig, ſie iſt die nicht, die einem Armen aus Barm⸗ herzigkeit hilft: Sie iſt eben ſo geizig als hoffärtig, und macht ſich davon ſobald kein Stuͤber mehr im Hauſe iſt.“ „Schweige Sie, Weſtergren, ſchweige Sie!“ rief die Frau Doktorin, die ſchon bei dem Gedanken an die er⸗ wähnte Perſon ſich im höchſten Grade erbittert fühlte, und dabei ohne es zu wiſſen den ſchönen Mandelkuchen zerſtückelte, den ſie in der Hand hielt.„Schweige Sie, ſchweige Sie, ich werde krank, wenn ich nur an das Ding denke! Ich erinnere mich noch, daß meine Schwe⸗ ſter, die Stadtkaſſierin, die erſte war, zu der ſie geru⸗ fen wurde, und da mein Mann ſie meiner Protektion empfohlen hatte, ſo ließ ich mich herab, eines und das andere zu ihrer Belehrung zu ſagen. Unter Anderem ſagte ich einmal, ſie ſolle gehen, und die Grüttzſuppe für meine Schweſter aufwärmen...„Ich bitte um Ver⸗ gebung,“ antwortete die naſeweiſe Kreatur,„ich muß zu meinen andern Patienten! Und bei Gott! mag Sie nun meinen Worten glauben oder nicht, Frau Weſter⸗ gren, ſie ging, ohne die Suppe zu wärmen.“ „Ach, Herr Jeſus!“ Madame Weſtergren ſchlug beide Hände zuſammen— das war ausdrucksvoll genug. „Ja, und das mir, Frau Weſtergren,“ fuhr die Wirthin nach einer der Wichtigkeit der Sache angemeſ⸗ ſenen Pauſe fort,„mir,“ des Doktors eigener Frau— dem erſten Haus in der Stadt! Aber ich habe das nicht vergeſſen, und werde es auch nicht vergeſſen, und deß⸗ halb habe ich mich auch ſo gewaltig verwundert, daß die Frau Weſtergren die Gans vornehm nannte.“ „Herr Gott! ich meinte ja auch nicht ſie, liebes Frauchen, ſondern die vornehme Dame, die vor ein / ringſte Alles ich au Aber Brezel ſierdan abbrec ſchön uerungen, 2 verſetzte 2 nur bei ſier, daß id wahr⸗ 8 Barm⸗ lig, und auſe iſt.“ rief die n die er⸗ t fühlte, delkuchen eige Sie, an das e Schwe⸗ ſie geru⸗ Frotektion und das Anderem ü tzſuppe im Ver⸗ ich muß nag Sie Weſter⸗ 1 ſchlug l genug. fuhr die angemeſ⸗ Frau— das nicht und deß⸗ daß die , liebes vor ein — — H 15 paar Tagen ſpät in der Nacht in einem verdeckten Wa⸗ gen hieher kam, und hinter einem großen Schirme ein⸗ geſperrt gehalten wird. Die iſt es, welche den Kuchen bekommen ſoll, ſo viel ich weiß.“ 1 Jetzt mußte ſich Frau Manning ſetzen. Eine ſo wichtige Neuigkeit konnte man nicht ſtehenden Fußes ver⸗ zehren. Nachdem die Küchenthüre vorſichtig verriegelt war, hielt es die Frau Doktorin nicht für zu gering, den nächſten Stuhl neben der Weſtergren einzunehmen. „Nein! hat man je ſo etwas gehört! Eine vor⸗ nehme Dame hinter einem Schirm, bei der Björkman — das geſtaltet ſich ja zu einem ganz hübſchen Ge⸗ ſchichtchen! Ach wie viel Thorheiten gibt es nicht auf der Welt! Aber um Gotteswillen!, ſage Sie mir doch nur genau Alles, Frau Weſtergren, was Sie davon ge⸗ hört hat! Mein Mann iſt dort? Er ging jetzt eben hin? Und ich glaubte ihn zu Hauſe! Glaubt Sie, daß er ſchon früher dort war?“ „Von dem Herrn Doktor weiß ich nicht das Ge⸗ ringſte weiter, als daß er hineinging, wie er herauskam. Alles Uebrige, und dieß iſt eben nicht zu wenig, habe ich aus der Johanne der Björkman herausgelockt... Aber mein Gott! ich komme gewiß zu ſpät mit meinen Brezeln zu der Bürgermeiſterin!“ Und die ſchlaue Hau⸗ ſierdame that, als ob ſie die verführeriſche Unterhalkung abbrechen wollte. „Nein, liebe Madame Weſtergren, das erlaube ich nicht; bleibe Sie immerhin ſitzen! Ich will Ihr die Verzögerung ſchon vergüten! Laſſe Sie nur hören, was die Johanne erzählt hat.“ „Gott ſegne die liebe Frau Doktorin, die immer ſo gut iſt, und an die Weſtergren und die Kleinen denkt! Ich muß wohl ſitzen bleiben und Alles erzählen. Nun, die Sache iſt ſo: Mehrere Tage lang vor jener Nacht hatte die Björkman ein entſetzliches Weſen und Leben; vor Allem machte ſie das hinterſte Zimmer ſauber und ſchön, ſetzte grüne Jalouſien vor die Fenſter, und nähte — pfa 7 U 2 jeden eine hint wird 4. hetr für w auf 1 den 3 16 einen Haufen alte Gardinen zuſammen, die ſie dann zu einer ſpaniſchen Wand zwiſchen den beiden andern Wän⸗ den aufſpannte. Die arme Johanne die nie derartige Geſtelle geſehen hatte, nahm ſich die Freiheit, zu fragen, zu was ſie dienten, und bekam zur Antwort darauf, daß es einem Domeſtiken nicht anſtünde, ſich in die Angele⸗ genheiten ſeiner Herrſchaft zu miſchen, daß dieß aber, wenn ſie es durchaus wiſſen wolle, dort ſo der Brauch ſey, wo ſie, die Björkman, hergekommen ſey.“ „Ja, ja,“ ſagte die Doktorin, um die Pauſe aus⸗ zufüllen, während die Weſtergren ſchnupſte, das wiſſen wir wohl! Man nennt das geheime Zimmer, und ich kann mir wohl denken, daß die Frau Björkman, als ſie in Stockholm war, mehr von derartigen Verdienſten als einer ordentlichen Praris lebte. Aber fahre Sie ſort, meine liebe Weſtergren.“ 4„Nun ſehen Sie, liebe Frau, ſo kam nun mit der Zeit der Abend des letzten Tags herbei.“„Höre, Jo⸗ hanne,“ ſagte die Björkman, als es gegen zehn Uhr Abends war,„geh' und lege Dich jetzt nieder, mein Kind! Und im Fall Du einen Lärmen an der Haus⸗ thüre hörſt, ſo brauchſt Du nicht aufzuſtehen und zu öffnen; denn da ich mich nicht recht wohl befinde, ſo bleibe ich ſelbſt auf und warte, weil ich heute Nacht gewiß bin, zu einem Kranken gerufen zu werden.“ „Das liſtige Weibsbild!“ „Ja, daran fehlt es ihr nicht! Aber nun weiß die liebe Frau ſelbſt am beſten, wie die Mägde heut zu Tage ſind. Mein Gott welcher Leichtſinn und welche Untu⸗ gend! Da haben ſie alle ihre Liebhaber; und flüſtern und ziſcheln in jeder Ecke, und der Björkman ihre Jo⸗ hanne iſt um kein Haar beſſer als die andern! In der⸗ ſelben Nacht, wo ihre Frau ihr befohlen hatte, zu ge⸗ hen und ſich niederzulegen, blieb ſie anſtatt deſſen in der Küche, weil ſie etwas mit ihrem Liebſten zu ſprechen hatte, und gerade als es ein Uhr ſchlug, und Johanne das Licht nahm, um ihm wieder hinauszuzünden, hörte ſie, daß man ſi ausblieg die lieb gen ſo kam di thüre, ein gro den ga⸗ feines daß ſie blinkte, man ſi unter in das oder ſo Wagen und iſt Fr betheuer ununter nahme in Wor 775 einheizt den m lung dieſem nicht u ob ſie ten, w Fricaff ſehen dem. der ſp ringſte D dann zu ern Wän⸗ derartige zu fragen, rauf, daß e Angele⸗ ieß aber, r Brauch auſe aus⸗ as wiſſen und ich ,als ſie enſten als Sie fort, mit der Pöre, Jo⸗ ehn Uhr er, mein er Haus⸗ und zu finde, ſo te Nacht 74 weiß die zu Tage ſe Untu⸗ flüſtern ihre Jo⸗ In der⸗ „zu ge⸗ n in der ſprechen Johanne , hörte 17 ſie, daß es fnhr und vor der Hausthüre hielt. Nun kann man ſich denken, daß die Johanne nicht faul ihr Licht ausblies und auf die Bank hinaufſtieg, und was meint die liebe Frau wohl, daß ſie anders ſah, als einen Wa⸗ gen ſo groß wie ein ordentliches kleines Haus. Zugleich kam die Björkman ſelbſt heraus und öffnete die Haus⸗ thüre, und im Nu war auch der Wagen offen— und ein großes ſtarkes Mannsbild, das ausſah, als ob es zu den ganz vornehmen Leuten gehöre, hob ein hohes und feines Frauenzimmer heraus. Johanne ſchwur darauf, daß ſie einen ſeidenen Mantel anhatte, der wie Silber blinkte, und ſo viele Schleier und türkiſche Shawls, daß man ſie gar nicht zählen konnte. Der Herr nahm jene unter dem Arm und führte ſie die Treppe hinauf und in das Zimmer; aber nachdem er eine halbe Stunde oder ſo etwas oben geweſen war, ſtieg er wieder in den Wagen und reiste ſeiner Wege. Aber ſie blieb zurück, und iſt noch bei der Björkman.“. „In meinem Leben hab' ich nie ſo etwas gehört,“ betheuerte Frau Manning, und ließ ihren Kopf durch ein ununterbrochenes Hin⸗ und Hergewackel die große Theil⸗ nahme ausſprechen, die ſie vor Erſtaunen nicht ſogleich in Worte zu kleiden vermochte. „Als Johanne am andern Morgen hineinkam und einheizte,“ fuhr die Weſtergren fort, nicht wenig zuft den mit der gewaltigen Verwunderung, die ihre Mitthei⸗ lung erweckt hatte,„ſah ſie kein Fäſerchen weder von dieſem noch von jenem, und da ihre Frau den Mund nicht öffnete, ſo ſchwieg natürlich auch ſie, und that, als ob ſie nichts wüßte. Auch ſah ſie von all' den Naritä⸗ ten, welche die Björkman jetzt kochte: Bouillon und Gelée, Fricaſſé und Gott weiß, was Alles, nicht mehr, als ſie ſehen ſollte! Aber wie oft ſie ſich auch ein Geſchäft in dem Zimmer ihrer Frau machte, welches vor dem mit der ſpaniſchen Wand liegt, konnte ſie auch nicht den ge⸗ ringſten Laut oder Tolf ausſpüren.“ Das Fideicommiß. I. 2 18 „Guter Gott, großer Gott!“ ſagte Frau Manning und holte tief Athem,„wer mag das wohl ſein, der ein ſolches Aergerniß gibt? Ja das ſind ſaubere, dieſe vor⸗ nehme Damen! Gibt es denn nicht geheime Zimmer genug in Stockholm, ſondern muß gerade unſere ehrbare Stadt einen ſolchen Zufluchtsort abgeben! Das arme Weib iſt doch wohl ſehr unglücklich in ihrer Einſamkeit, da ſie jetzt von dem feinen Herren verlaſſen iſt, der ſie hieher führte Aber in Jeſu Namenl iſt denn die Björk⸗ man ſeither gar nicht ausgeweſen?“ „Ei freilich, liebes Frauchen, war ſie mehrmals aus. Die Johanne hat genau aufgepaßt, aber ſehen Sie, da nimmt ſie immer den Schlüſſel mit.“ „Immer beſſer— da kann ja die Frau drinnen liegen und vor Mangel an Hülfe umkommen! Nein, das geht nicht an, und ich werde erfahren, wie ſich die Sache verhält, und wenn ich auch ſelbſt hingehen müßte,“ verſicherte die Frau Doktorin in einem Tone, der bewies, daß ſie die Befriedigung ihrer Neugierde mit jedem Opfer erkaufen wollte. „Nun, für die liebe Frau wird das wohl eine leichte Sache ſeyn,“ ſchmeichelte die Weſtergren: nder Herr Doktor iſt ja jetzt dort.“ „O ja, freilich; aber unglücklicher Weiſe iſt mein Mann, ſo gut er auch ſonſt iſt, doch bisweilen ein wenig eigenſinnig. Doch gleichviel, ich muß mit der Sache in's Klare kommen, darf nicht ſo leicht hingehen! Wer weiß⸗ was das für eine Dame ſeyn kann: vielleicht ſogar ein Hoffräulein oder eine Gräfin, die ihrem Manne entführt wurde? E iſt ſchrecklich, daß ſo etwas noch in unſern Tagen geſchehen kann; aber ganz gewiß werden es⸗ vor⸗ nehme Leute ſein.“ „Ja, liebe Frau, und ganz außerordentlich vornehme; denn ſolche Vorſichtsmaßregeln nimmt man wahrhaftig nicht bei geringen Leuten.“— „St... ſtill! ſtille, liebe Madame Weſtergren! ich höre meinen Mann an der Vorthüre! Gehen Sie hier hina jeden komm was die H mann Kalla kann tuchc von damiꝛ wolle das will ſtets Gew habe Stu heit men wele ihn geſe ſtar es hinaus, ſchnell, ſchnelll Aber mache Sie ſich doch noch jedenfalls heute ein Geſchäft bei der Björkman, dann komme Sie Abends zurück und laſſe Sie mich hören, was Sie herausgebracht hat! Das grüne Wamms und die Hoſen und Winterſtiefel, aus denen der kleine Her⸗ mann hinausgewachſen iſt, werden gerade recht für Ihren Kalle ſeyn, Madame Weſtergren; und wie geſagt, Sie kann heute Abend Alles zuſammen holen!“ Und gerade als der letzte Streifen des weißen Korb⸗ tuches an der Küchenthüre verſchwand, trat der Doktor von der andern Seite herein. Obſchon Frau Manning wie wir eben gehört haben, damit groß that, daß ſie Frau in ihrem Hauſe ſei, ſo wollen wir doch nicht verbergen, daß— ſo fern man das Wort in einer ausgedehnteren Bedeutung nehmen will— nichts für zweifelhafter angeſehen werden durfte. Von dem Beginn ihrer Ehe an hatte der Doktor ſtets ernſtlich bewieſen, daß ſich das Weib nicht in das Gewerbe und die Obliegenheit des Mannes zu miſchen habe. Und wenn es ihm auch bis zur gegenwärtigen Stunde nicht gelungen war, ſein Weib von der Wahr⸗ heit und Nützlichkeit dieſes vortrefflichen Satzes vollkom⸗ men zu überzeugen, ſo hatte er doch eine gewiſſe Art, welche es der zärtlichen Gattin eben ſo unmöglich machte, ihn dahin zu bringen, wohin ſie wollte, als es dem geſchickteſten Kutſcher unmöglich iſt, mit einem ſehr hals⸗ ſtarrigen und ſtättiſchen Pferde zurecht zu kommen, wenn es ſich nicht gutwillig behandeln läßt. Deßhalb möge aber Niemand glauben, daß ſich Frau Manning jemals durch all' die mißlungenen Verſuche ab⸗ ſchrecken ließ, die ſie machte, um hinter die Geheimniſſe ihres Mannes und folglich auch hinter die anderer Leute zu kommen(denn er war nicht allein der Arzt, ſondern auch der Freund der meiſten Familien); weit entfernt! Und das Einzige, worin ſie ſich durch die Erfahrung 2 — — 8₰ — — ——— — SͤSSeen leiten ließ, war die Art und Weiſe ſelbſt, wie ſie dieſe Verſuche in's Werk ſetzte, welche ſie dann ſtets für neu hielt, obſchon ſie in der That mit einigen unbedeutenden Scenen⸗Veränderungen ſo vollkommen die nämlichen wa⸗ ren, die ſie ſchon im Anfang gebraucht hatte. Daß ihr Mann gewöhnlich bereits in den erſten fünf Minuten wußte, wohin ſie zielte, und ſich nach Umſtänden in den Vertheidigungsſtand ſetzte. Die Erbfünde der Neugierde, die man mit gutem Grunde für eine der Hauptverwirrungen im weiblichen Leben anſieht, ſollte beſonders von allen zur medieini⸗ ſchen Fakultät gehörigen Unterröcken weit fortgewieſen werden. Die Frau eines Arztes darf nicht neugierig ſeyn: Sie kann damit mehr Schlimmes anrichten, als jede andere. Die Vermuthung iſt ſehr nahe mit der Neugierde verwandt; und um der letztern Licht zu ver⸗ ſchaffen, genügt ſehr oft die erſtere. So kann eine Feuersbrunſt durch einen ganz kleinen Funken entſtehen, und Feuersbrünſte ſind, wie man weiß, recht dazu ge⸗ eignet, Unordnungen hervorzubringen. „Ich werde ein Butterbrod und einen Schnaps neh⸗ men, ehe ich ausgehe,“ ſagte der Doktor und legte Hut und Stock hinweg. „Ich glaubte, Du ſeyeſt bereits ausgegangen, mein Schatz,“ antwortete die Frau lächelnd. „Aber ich komme zurück, wie Du ſiehſt. Haſt Du etwas Kaltes im Schenktiſch, meine liebe Henriette?“ Frau Henriette ſah ſo ſanft aus, wie die erſte Lerche im Frühling. Sie tiſchte Butterbrod mit Lachsſchnitten auf, und ging dann um das noch nicht ganz abgegeſſene Gerippe eines Birkhuhns zu holen. Doktor Manning, obſchon gewiß kein Vieleſſer, hatte doch eine große Vorliebe für tüchtige Frühſtücke; und es war eine Luſt, wenn man ſah, mit welch' freundlichem Wohlbehagen er jeden einzelnen Leckerbiſſen betrachtete, den ihm ſein Weib von der Speiſekammer auf den Tiſch brachte. „Das iſt ſehr ſchön, liebe Henriette,“ ſagte er ver⸗ 4*½ gnug als den ärme es ſ huhr leich Hen Sch gewt bere ſanf Pert zum ihn wele voll ſagt hein Ueb eine Fra ſicht prol brat Dei mac 1 21 gnügt; und nachdem er den Lachs und das Butterbrod als Ballaſt abgefertigt hatte, legte er die Serviette auf den Tiſch, ſchlug mit aumuthiger Leichtigkeit den Nock⸗ ärmel zuruͤck, und griff dann zu dem Meſſer, um, wie es ſchien, mit eben ſo viel Eifer und Ernſt das Birk⸗ huhn zu ſeziren, wie er ein paar Stunden ſpäter viel⸗ leicht einen Menſchen ſeziren wollte.„Sehr gut, liebe Henriette: Ein ſchönes Frühſtück, recht ſchmackhaft! Schenke mir halbvoll, mein Kind.“ Die freundliche Hausfrau erwies ihrem Mann die gewünſchte Artigkeit, ſetzte jedoch, ohne irgend ein vor⸗ bereitendes Wort zugleich hinzu:„Ich hoffe, Du biſt ſo ſanft und theilnehmend wie möglich gegen die arme Perſon?“ „Wa was? was beliebt?“ rief der Doktor;— zum erſten Mal war es ſeinem Weibe gelungen, ihn wirklich verblüfft zu machen. Er wußte nicht, von welcher Richtung her der Wind blies. Denn er war vollkommen überzeugt, daß außer ihm ſelbſt und der be⸗ ſagten eraminirten Frau keine menſchliche Seele der ge⸗ heimnißvollen Dame Aufenthalt in der Stadt wußte. Ueberdieß war die Frage ſo einfach und offen, daß es einem bekannten Gegenſtande gelten mußte. „Mir beliebt nichts, mein beſter Freund,“ fuhr Frau Manning fort, indem ſie gar freundlich über die ſichtliche Wirkung lächelte, den dieſe früher noch nie er⸗ probte Methode, alle Präludien auszuſchließen, hervor⸗ brachte. Ich möchte Dich nur innig bitten, daß Du Deine Stimme ſo weich und angenehm als möglich machſt, wenn Du mit ihr ſprichſt, denn die Wahrheit zu ſagen, Du biſt gewöhnlich etwas herb. Wir Weiber fühlen auch im Unglück eine gewiſſe Sympathie für ein⸗ ander; und ich bin gewiß, eine geheime Stimme ſagt es mir, daß ich weit beſſer als irgend Jemand ihren Schmerz theilen und lindern könnte, wenn Du mir nur erlauben wollteſt, Dich dabei zu begleiten.“ „Hm! hm!“ ſagte der Doktor einmal über das an⸗ dere, indem er das Meſſer niederlegte und mit ſeinen friſchen weißen Zaͤhnen einen Angriff nach dem andern auf das Birkhuhngerippe machte, deſſen hübſche Dimen⸗ ſionen immer geringer wurden:„Hm, hm, hm! liebe Henriette.“ „Lieber, guter Manning.“ „Hm, hm, mein Schatz!“ „Theurer Manning— Du kennſt ja mein Zartge⸗ fühl für alle Leidenden.“ „Ja, ja.“ „Ach wie glücklich würdeſt Du mich machen, wenn Du mir erlaubteſt, Dich dahin zu begleiten.“ Der Doktor, der unterdeſſen überdacht hatte, wer denn wohl von allen ſeinen Patienten die Theilnahme ſeines Weibes bis zu dem Grade erwecken könnte, ge⸗ rieth endlich auf die Vermuthung, daß ſie eine alte See⸗ kapitänswittwe meine, die kürzlich die ſchwere Trauerpoſt erhalten hatte, daß ihr Gatte geſtorben ſey, worauf auch ſie erkrankte. Da dieß indeſſen kein Geheimniß war, und es den ehrlichen Mann aufrichtig freute, daß ſein Weib eine ſo warme Theilnahme für ein ganz anderes Unglück bewies, als das war, welches ſie auf Umwegen auszuſpüren ſuchte, ſo antwortete er in freundlichem Tone:„Warum nicht, liebe Henriette! Das darfſt Du gewiß, und ich danke Dir ſogar für Deine Theilnahmez aber Du mußt warten, bis die gefährlichſte Kriſis vor⸗ über iſt. Jetzt iſt ſie beinahe ohne Beſinnung.“ „Um Gotteswillen, lieber Manning!“ rief die Dok⸗ torin, entzückt über ein ſo großes beinahe außerordent⸗ liches Vertrauen,„iſt die Kriſis ſchon vorüber? Nein, das hätte ich nicht geglaubt! Höre, mein Lieber, iſt es ein Knabe oder ein Mädchen?“ Der Doktor, der gerade wieder im Begriff war, das Birkhuhn zum Munde zu führen, ließ es auf den Teller fallen, und ſeine Worte nahmen die allerpro⸗ ſaiſchſte Geſtalt an, die man ſich nur denken kann.„Hen⸗ riette,“ ſagte er ſehr ernſt,„biſt Du denn verrückt?“ einen dern men⸗ liebe rtge⸗ venn wer ihme ge⸗ See⸗ rpoſt rauf war, ſein beres egen hem Du mez vor⸗ Dok⸗ ent⸗ tein, t es var, den pro⸗ den⸗ Frau Manning, durch dieſen Ausruf, den ſie ge⸗ linde geſagt, für ungeziemend hielt, etwas aus dem Konzepte gebracht, fuhr etwas kleinlauter fort:„Nun, was iſt denn das ſo beſonders? Was kannſt Du denn daran übel nehmen! War es weder ein Knabe noch ein Mädchen, ſo war es vielleicht eine kleine Mißgeburt, mit der Du Dir das Vergnügen machen kannſt, ſie in Wein⸗ geiſt zu legen, oder wohin Du gewöhnlich ſolche Selten⸗ heiten legſt.“ Jetzt mußte der Doktor auf ſeine eigenthümliche, kurze drollige Weiſe lachen.„Ich weiß nicht Henriette, was Du einmal wieder in den Kopf bekommen haſt; aber es iſt wahrhaftig etwas ſehr Tolles. Die letzte Un⸗ glücksreiſe des alten Brude währte ja anderthalb Jahre, und die Alte hat ſchon längſt ihren fünfzigſten Geburts⸗ tag gefeiert.“ Jetzt kam die Reihe des Erſtaunens an Frau Man⸗ ning.„Wer ſpricht denn von der alten Brude, dem armen Weib? rief ſie heftig.„Hm! Du konnteſt doch begreifen, daß ich die vornehme Dame meinte, die vor ein paar Nächten hinter dem Vorhang im hintern Zim⸗ mer der Frau Björkman einlogirt wurde; gerade daſ⸗ ſelbe Frauenzimmer, zu dem Du heute gerufen wurdeſt.“ Nie ſah man eine abſcheulichere Grimaſſe, als der Doktor jetzt machte, und nie bekam wohl ein Weib ei⸗ nen vielſagenderen Blick. Ohne ein Wort zu ſprechen, ſtand der ernſte Mann auf, wiſchte ſich mit der Ser⸗ viette den Mund, ſchlug die Rockärmel herab, und griff erbarmungslos zu Hut und Stock. „Manning, biſt Du böſe?“ Der Doktor zog mit der äußerſten Kaltblütigkeit ſein Nastuch heraus und ſchneuzte ſich, daß die Fenſter⸗ ſcheiben klirrten. „Guter, lieber Manning, iſt es deun etwas ſo Schlimmes, daß ich weiß, was die ganze Stadt gewiß auch weiß. Und da ich überdieß Dein Weib bin, ſo— Manning'chen!“ Der Doktor zog ſeinen linken Hand⸗ ſchuh an— den rechten trug er immer in der Hand— ohne daß der ſchärfſte Beobachter eine Bewegung ſeiner Lippen, oder eine Umwandlung und Milderung ſeiner Züge hätte wahrnehmen können. „Ach Manningl wie hart behandelſt Du mich! Es gibt kein Weib, das ſo viel ausſtehen muß, wie ich. Immer werde ich zurückgeſetzt, als ob ich zu nichts An⸗ derem da wäre, als wegen Deiner Bequemlichkeit und Deinem Frühſtücke— und doch bin ich das beſte, zärt⸗ lichſte und unterwürfigſte Weib. Ich klage nie, ich dulde Alles, ich leide Alles, ich ertrage Alles.“ Der Doktor nahm eine Priſe, das letzte was er im⸗ mer that, wenn er ausging, ließ die Doſe in die Rock⸗ taſche ſchlüpfen und legte die Hand auf das Thürſchloß. „Manning, um Gotteswillen! geh, nicht, ohne mir ein einziges Wort zu ſagen! Das haſt Du mir noch nie gethan, und das halte ich nicht aus. Sage mir wenig⸗ ſtens, ob ich Dich bis Mittag zu Hauſe erwarten darf?“ Auf dieſes Letzte nickte unſer unbeweglicher Doktor beifällig, wovon er ohne im Geringſten von den bitten⸗ den Blicken ſeines Weibes gerührt zu werden, die Thüre ſchloß und ging. „Welch' ein Tyrann, welch' ein Tiger, welch' ein Steinherz!“ Frau Manning appellirte an alle Mächte üher, unter und auf der Erde, ob es in der ganzen Schöpfung ein Weſen gebe, das an Härte mit ihrem Mann verglichen werden könnte, und überzeugte ſich leicht, daß ſo etwas unmöglich ſey. Aber nachdem ſie eine kleine Weile in gebeugter Stellung das Weſen und die Miene einer Märtyrerin angenommen hatte, erhob ſie ſich mit der ganzen edlen und hohen Würde, die ihrer Meinung nach dem Weibe ſo wohl anſtund, wenn es gegen ein unabwendbares Schickſal kämpft.„Jeder Ver⸗ ſuch, etwas mit dem Manne anzufangen, iſt vergeblich,“ dachte ſie. Nichts, nicht einmal die ſchönſte Seite, die ein Weib anfweiſen kann, die Sanftmuth und Ergeben⸗ — A*= heit, u Deine erfahr und i nicht i legt h zuerſt mitzu Probſt unter ſen? Ereign Dokto 1 in ha von ſäumt ſie, die erſt b ſie die hatte. einer höher gen j Locken Barn jetzt mit ſchief Anz läſſi hatt geri Lid! 2— einer einer Es ich. An⸗ und zärt⸗ zulde im⸗ dock⸗ lloß. mir nie nig⸗ erten ktor tten⸗ hüre ein ichte nzen rem icht, eine die ſie hrer es Ver⸗ ch,“ die ben⸗ 25 heit, wirkt auf ihn ein. Aber gleichviel, mit oder ohne Deine Einwilligung, mein lieber Manning, werde ich erfahren, wie all' das zuſammenhängt; ich muß es wiſſen, und ich ſterbe vor Neugierde, wenn ich mit der Sache nicht in's Klare komme.“ Nachdem Frau Manning einige Augenblicke über⸗ legt hatte, welche von ihren zahlreichen Bekannten ſie zuerſt beſuchen ſollte, um ihr den intereſſanten Scandal mitzutheilen, ging ihr ein Licht auf: Sollte nicht die Probſtin— um's Himmelswillen! man lebt ja nicht unter Türken und Heiden— ſollte ſie nicht etwas wiſ⸗ ſen? Der Probſt mußte wohl bei oder vielmehr nach dem Ereigniß eine eben ſo unentbehrliche Perſon ſein, als der Doktor vor demſelben. Und jetzt hätte man ſehen ſollen, wie unſere Frau in halber Verzweiflung darüber, daß ſie ſchon ſo viel von dem koſtbaren Gute, das wir Zeit nennen, ver⸗ ſäumt hatte, Haube, Hut and Mantel anzog, und wie ſie, die ſonſt ſo aufmerkſam bei der lieben Toilette war, erſt bei dem letzten Blick in den Spiegel bemerkte, daß ſie die Papillotten noch nicht aus den Haaren genommen hatte. Die armen Papierwickeln wurden auch jetzt mit einer Heftigkeit herausgezogen, welche das Blut immer höher auf Frau Mannings an ſich ſchon ſehr rothe Wan⸗ gen jagte; und die Haare, die ihr beim Aufrollen der Locken um den Finger in den Weg kamen, wurden ohne Barmherzigkeit ausgeriſſen. Aber obgleich der Haarputz jetzt in einige Ordnung kam, ſo war dieß doch keineswegs mit dem Uebrigen der Fall. Der Mantelkragen ſaß ſchief, der Schleier hing auf dem Rücken, und der ganze Anzug verrieth bis in das geringſte Detail herab Nach⸗ läſſigkeit und Eile. Endlich kam die Frau Doktorin fort; und kaum hatte ſie die Hälfte der Straße hinter ſich, als ſie keine geringere Perſon gewahr wurde, als die Frau Probſtin Lidholm ſelbſt. Beide, in ſich von dem alleinigen Beſitze des Geheimniſſes überzeugt, begannen einander zu beob⸗ achten, wie zwei ſich begegnende Fahrzeuge, die einan⸗ der zwar an ihrer Bauart als Landsleute erkennen, aber doch noch nicht die beſtimmte Flagge aufgehißt haben, die ihnen entſchieden ſagt, was ſie im Schilde fuhren. Endlich ſchoß die Probſtin gerade gegen den Wind, und nachdem Frau Manning ein paar Mal anmuthig ab⸗ gefallen war, ließ ſie ſich bewegen, an die Langſeite der Probſtin zu kommen, die ſo ziemlich mit einem ſtarken Kutter verglichen werden konnte, während Frau Manning am eheſten einer leichten Jacht glich. Nachdem unſere Damen jetzt glücklich zuſammen ge⸗ kommen waren, eröffnete ſich ein Wettkampf, indem ſie einander, ſo gut es ſich auf offener Straße thun ließ, in den wunderbarſten und geheimnißvollſten Winken zu überbieten ſuchten. Endlich machte die Doktorin, die mit ungemein viel Zartgefühl that, als merke ſie nicht, daß der Beſuch ihr beſtimmt war, der Probſtin, die ſie„liebe Tante“ betitelte, den Vorſchlag, ſie möchte ihr die Chre ſchenken und eine Weile zu ihr heraufkommen. Die Probſtin ihrerſeits zeigte einen eben ſo hohen Grad von Lebendigkeit, als ſie, nach einiger Nöthigung nachgebend, verſicherte, daß es ihr ſehr leid thun würde, wenn ſie die kleine Couſine an einem dringenden Haushaltungs⸗ geſchäſte verhinderte. Nachdem eine volle halbe Stunde über den Prä⸗ liminarien dahin gegangen war, kam man endlich glück⸗ lich in das Wohnzimmer und auf den Sopha mit dem runden Tiſch davor. Die Doktorin wartete mit den Ue⸗ berreſten von des Apothekers Liqueur und Morſellen auf, während ſie wie gewöhnlich als Dank dafür ihn, ſeine Geſchenke und ſein ganzes Haus verläumdete, ein Gegen⸗ ſtand, worin die Probſtin um ſo gerner einſtimmte, als er ihr ſeit drei Jahren nicht das Geringſte geſchickt hatte. Nach dieſen kleinen freundlichen Vorbereitungen rü⸗ ſteten ſich die Frauen, die übrigen Angelegenheiten der Stadt und ihrer Einwohner recht genau auseinanderzu⸗ ſetzen; nahe g ter der und ä dem S hatte, ſei, die verberg ihrer Zuſam zeugt, zu erfe einen ganzen 4„ wickeln erröth⸗ hältnif ſei D zu erz ſtolz d nern ren kü Solch endigt dieſe macht ſten jetzt koſten beob⸗ einan⸗ „ aber haben, ühren. , und ig ab⸗ ite der ſtarken unning en ge⸗ im ſie ließ, en zu ie mit „ daß „liebe Ehre Die d von ebend, in fie ungs⸗ Prä⸗ glück⸗ dem n Ue⸗ auf, ſeine egen⸗ als hatte. 1 rü⸗ der erzu⸗ 88 27 ſetzen; und nachdem man ſo allmäͤhlig dem Hauptpunkte nahe gekommen war, vertraute man einander immer un⸗ ter dem Siegel des tiefſten Geheimniſſes die bedenkliche und ärgerliche Geſchichte an und kam dabei endlich zu dem Schluſſe, den Frau Manning ſchon vorher gemacht hatte, daß es ohne Zweifel eine Dame von hohem Stande ſei, die unter dieſem Incognito wahrſcheinlich die Schande verbergen wollte, womit ſie ihre Familie belaſtet hatte, ihrer ſelbſt nicht zu gedenken. „Was mich betrifft,“ ſeufzte die Doktorin, als die Zuſammenkunſt ihrem Ende zuging,„ſo bin ich über⸗ zeugt, daß es unmöglich iſt, den wahren Zuſammenhang zu erfahren, da ſie meinen Mann zum Arzte hat; denn einen ſo eigenſinnigen Kopf gibt es gewiß nicht auf der ganzen Gotteswelt.“ „Ei, ei, mein Couſinchen,“ entgegnete die Probſtin mit erheuchelter und etwas bösartiger Verwunderung, „ich meine, Du habeſt immer geſagt, er bete Dich an und ſei ſo ſeideweich, daß Du ihn um Deinen Finger wickeln könneſt?“ „Das kann ich auch,“ erwiederte die beleidigte Frau erröthend,„in allem, was nicht gerade gewiſſe zarte Ver⸗ hältniſſe des Dienſtes betrifft; aber mein Mann iſt, Gott ſei Dank! zu brav und ehrliebend, um mir ſo etwas zu erzählen; und wiſſen Sie nur, Tante, ich bin ſogar ſtolz darauf, daß Manning nicht gewiſſen andern Män⸗ nern gleicht, die nicht das geringſte Geheimniß bewah⸗ ren können, ſondern ſogleich damit zu ihrer Frau rennen. Solche alte Baſen waren mir ſtets zum Ekel!“ Erſt als unſere Frau ihre etwas heftige Rede be⸗ endigt hatte, gewahrte ſie die ſchlimme Wirkung, welche dieſe beredte Vertheidigung auf die Tante Probſtin ge⸗ macht hatte, die mit erröthenden Wangen an den Qua⸗ ſten ihrer Ridiküleſchnur drehte; und da Frau Manning jetzt in Eile erwog, was dieß ungeſchickte Benehmen ihr koſten könnte, ſo hielt ſie es für rathſam, ſchleunigſt 9 umzuſatteln. Und ehe noch die Probſtin mit ihrer tödt⸗ lichen Antwort fertig war, ſetzte ſie wie im Zuſammen⸗ hang mit dem Vorhergehenden hinzu:„Ich hoffe, meine gute Tante verſteht ein wenig Spaß! Wir beide ſind im Stande, die Herren zu beurtheilen, und wiſſen recht wohl, daß nicht Einer unter ihnen iſt, der es werth wäre, das gute Verhältniß zwiſchen zwei Frauenzimmern ſtören zu können.“ Dieſe artige Wendung, die in dem höflichſten Tone ausgeſprochen und mit einer freundlichen Aufnöthigung von ein halb Dutzend Morſellen für die„zu lieben“ Kinder, die kleinen Engel, begleitet war, welche wahre Muſter für andere minder begabte Engel ſeien, beſänf⸗ tigte die Probſtin vollkommen; und ehe ſie ihre gute Freundin verließ, war das Verhältniß wieder ſo herz⸗ innig warm, daß ſie mit dem huldvollſten Lächeln ſprach: „Ich ſage Dir, liebe Henriette, wenn ſich auch kein Wort aus denen herausbringen läßt, die mit der Sache ſelbſt zu thun haben, ſo gibt es doch ein Ding, oder beſſer geſagt, ein Ding, welches eine verſtändliche Sprache ſpricht.“ „Welches denn, meine gnädigſte Tante?“ „Das Kirchenbuch, mein Kind!“ Ach!“ 4 „ Eines Abends— es war etwa eine Woche nach obbemeldeter Unterredung— als der Doktor ermüdet von den Beſchwerden des Tages eben eingeſchlafen war, ſeine Frau aber noch da lag und darüber nachſann, was für ein Vorgericht es denn eigentlich geweſen ſei, das die Bürgermeiſterin bei ihrem Souper an demſelben Abend gehabt habe, klopfte es heftig an die Hausthure. Bei dem ungeduldigen, beſtimmten, und wenn man ſich ſo ausdrücken darf, vornehmen Pochen— denn die Frau Doktorin Manning war mit dergleichen Tönen zu wohl bekannt, um nicht ſogleich zu merken, daß es ſich jetzt nicht um einen armen Kranken handle— fuhr ſie heftig der Fu Theiln ren En geahnt, wiß— in eine dem V wäre, nur ei inſtruir jetzt ein koſte es herausl heimnif V Betrach mehr und ei das ſo ihres hinunt den ſie Schult ſich, e 2 haftig nachhe zu m Björk tödt⸗ nmen⸗ meine nd im recht wäre, ſtören Tone igun hen vahre eſänf⸗ gute herz⸗ rach: kein Sache oder rache 4 heftig empor, aber in einer Aufregung, die weder die der Furcht, der Verwunderung, des Verdruſſes noch der Theilnahme war, ſondern weit eher ein Gefühl des wah⸗ ren Entzückens. Lange hatte ſie geträumt, gehofft und geahnt, daß dieſe Schläge ſich hören laſſen würden. Ge⸗ wiß— wahrſcheinlich— ja ohne alle Frage ſtanden ſie in einer glücklichen Verbindung mit der Heldin hinter dem Vorhange. Und da es ja faſt barbariſch geweſen wäre, wenn ſie den armen, ermüdeten Manning auch nur eine Minute vorher, ehe es durchaus nothwendig war, geſtört hätte, beſchloß die edelmüthige Gattin, zum erſten Mal nach ihrer Verheirathung, bei einer Gelegen⸗ heit wie dieſer, ihn nicht zu wecken, ſondern hüpſte ſelbſt leicht aus dem Bette, um die Kleider umzuwerfen und die Thüre zu öffnen. Unſere Doktorin nahm es für ausgemacht an, daß es die Björkman'ſche Johanne ſei, die von ihrer Frau inſtruirt, das raſche Signal gegeben hatte. Und da ſich jetzt eine ſo gute Gelegenheit darbot, ſo mußte man, koſte es was es wolle, etwas aus der Jungfer Johanne herauslocken, da dieſe wahrſcheinlich ſchon in das Ge⸗ heimniß eingeweiht war. Während ſich Frau Manning mit dieſen angenehmen Betrachtungen beſchäftigte, aber trotz aller Eile nicht mehr hatte anziehen können, als Strümpfe, Pantoffeln und einen kurzen Flanellrock, klopfte es auf's Neue, und das ſo ausdrücklich, daß, wenn ſie nicht das Erwachen ihres Mannes erwarten wollte, ſie wie ſie eben war, hinunterſpringen mußte. Sie warf alſo den andern Rock, den ſie in der Hand hielt, wie einen Mantel über die Schultern, ergriff die Lampe, nahm den Hausſchlüſſel zu ſich, eilte hinaus und zog den Riegel vor. Aber o Himmel! welch' ein Schlag für die Scham⸗ haftigkeit der jungen Dame! Sie glaubte auch, wie ſie nachher mehrmals verſicherte— vor Schrecken ſterben zu müſſen, als nicht die erwartete Johanne der Frau Björkman, ſondern ein großer, außerordentlich dreiſter und verwegener Mann hereinſtürzte. Aber man ſtirbt im Allgemeinen nicht ſo leicht an Schrecken, wenigſtens nicht bei ſo guten und feſten Nerven, als die der Frau Manning waren. Sie konnte ſogar bemerken, daß der Civilmantel auf der unrechten Perſon ſaß; nie hatte ſie einen ſchöneren Schnurrbart und ein paar ſchwärzere Augen geſehen; aber es lag eine Verwirrung in dieſen ſchwarzen Angen, welche ſie mehr erſchreckte, als die ganze Erſcheinung des Mannes. Mit einem heftigen Schrei ſprang ſie fort, oder vielmehr ſie war im Be⸗ griff dieß zu thun; allein ſie wurde dadurch daran ver⸗ zunet, daß der Ofſizier ſie ohne Komplimente am Arm aßte. „Halte, Weib!“ ſprach er, wie Jemand, bei dem alle Rückſichten aufgehört haben.„Halte und ſage mir, ob der Doktor zu Hauſe iſt, und mir augenblicklich fol⸗ gen kann?“ Aber Frau Manning, deren Eitelkeit und Scham⸗ haftigkeit in gleichem Grade verwundet waren, die letz⸗ tere, weil ſie ſo in dem tiefſten Negligé von einem Manne geſehen worden, und die erſtere— was vielleicht noch ſchlimmer war— weil ſie gewiſſermaßen eigentlich noch gar nicht geſehen, ſondern für ein ſimples Weib gehalten worden war; Frau Manning konnte zwei ſo mächtigen Aergerniſſen hingegeben, dem keine Antwort geben, der ſie ſo tief verunglimpſt hatte. Sie ſchrie an⸗ ſtatt deſſen um ſo lauter, bis nach einigen Augenblicken der Dottor halb ſchlaftrunken und in noch tieferem Ne⸗ gligé als die Frau ſich an der Thüre zeigte, wo er zu ſeiner größten Beſtürzung ſeine liebe Henriette nicht wie weiland Frau Potiphar den Mantel mitnehmen, ſondern im Gegentheile zurücklaſſen ſah, da ſie der kräftigen Hand ſich entreißend, in ihr Schlafzimmer flüchtete. Der Fremde, welcher merkte, daß er jetzt den Dok⸗ tor ſelbſt vor ſich habe, bat denſelben in kurzen abge⸗ brochenen Worten, er möge ihm ſogleich folgen.„Mein Herr,“ ſetzte er mit einer Stimme hinzu, die, obſchon vor 1/ Dolkto innere ſchmech Die S tigkeit mögen leiſten. Ihnen einer d gen e würde, das eh / fel, fü die Fr hervor 1 Untert nicht 1 wahr! aber ren Rock, das geweſ Mit über 46 ben 1 ſtirbt gſtens Frau ß der tte ſie ärzere dieſen s die fftigen Be⸗ ver⸗ Arm i dem mir, fol⸗ cham⸗ ei ſo 31 innerer Bewegung zitternd, doch etwas nach Hochmuth ſchmeckte,„es iſt dieß kein gewöhnlicher Krankenbeſuch: Die Sache iſt von Wichtigkeit, von der äußerſten Wich⸗ tigkeit, weßhalb ich Sie bitte, daß Sie die Güte haben mögen, mir ohne die geringſte Zögerung Geſellſchaft zu leiſten.“ „Ich hoffe, mein Herr,“ antwortete unſer braver Doktor etwas ärgerlich,„Sie verlangen nicht, daß ich Ihnen im bloßen Hemde nachſpringen ſoll?“ Und mit einer kurz angebundenen Geberde, die Manning nie ge⸗ gen einen armen, demüthigen Mann gebraucht haben würde, ſchlug er die Thüre wieder zu und zog ſich in das eheliche Heiligthum zurück. „Was, um's Himmelswillen! war das für ein Büf⸗ fel, für ein Grobian, der mich ſo erſchreckte?“ fluͤſterte die Frau, und ſtreckte vorſichtig den Kopf unter der Decke hervor, in die ſie ſich gehullt hatte. „Das weiß der Teufel!“ war die lakoniſche Ant⸗ wort ihres Mannes, während er das Oberſte zu unterſt kehrte, um gewiſſe verloren gegangene Kleidungsſtücke zu finden. „Das iſt beſtimmt ihr Verführer, deß bin ich ge⸗ wiß; er ſah mir gerade ſo aus,“ fuhr Frau Manning forſchend fort. „Aber ich glaube, der Teufel ſelbſt iſt mit meinen Unterhoſen davon gefahren! Henriette,— hörſt Du denn nicht— wo ſind meine Unterhoſen?“ „Kannſt Du denn verlangen, daß ich ſie in Ver⸗ wahrung nehmen ſoll?“ erwiederte die Frau mürriſch; aber in dieſem Augenblick fiel ihr Auge zufällig auf ih⸗ ren ganz zierlich über dem Stuhle hängenden weißen Rock, und es ging ihr das entſetzliche Licht auf, daß es das genannte ihrem Manne zugehörige Kleidungsſtück geweſen war, welches ſie in der Eile ergriffen hatte. Mit einigem Beben war ſie jetzt genöthigt, einen Wink über den unangenehmen Fall zu geben, indem ſie dieſel⸗ ben wahrſcheinlich draußen verloren habe, da ſie in ih⸗ rem großen Wohlwollen ſelbſt hinausgegangen ſei, die Thüre zu öffnen, um ihren lieben Manning nicht zu be⸗ unruhigen. „Die Weiber, die Weiber!“ brummte der Doktor, während er aus dem Kleiderſchrank ein paar neue Unter⸗ hoſen zog, worauf er ſchnell wie der Gedanke, aber nicht wenn dieſer dahin fliegt, ſondern wenn er ſich Zeit nimmt, eine anſtändige Tracht anzulegen, ankleidete und ging. „Mein lieber, mein theuerſter Manning,“ dieß ſein Weib ihm nach,„ich bin beinahe zu Tode erſchreckt! Du biſt wohl ſo gut, Manning'chen, und erzählſt mir ein wenig, wann Du heim kommſt? „Ja, von der Beſchwerlichkeit des Thüröffnens,“ ſagte der Doktor, indem er die Thüre ſchloß; aber er ſprach dieſe Worte in einem Tone, den ſein Weib noch nie an ihm gehört hatte. Der Laut war jedoch ſchon längſt verklungen, als ſie ihn zu verſtehen begann. Ihr Mann und der Fremdling waren fort. Jetzt legte ſich Frau Manning nieder und weinte. Sie hätte doch wiſſen mögen, was ſie mit der Landſtrei⸗ cherin, der Unglücksperſon hinter dem Vorhang zu thun hätte. War es nicht ganz wie verhert, daß ſie, eine ehr⸗ bare Frau, ſo viele Verdrüßlichkeiten wegen der Abſcheu⸗ lichen auszuſtehen hatte? Und Manning, ja, der iſt mir ein artiger und dankbarer Mann! Er konnte doch wohl unmöglich etwas Anderes denken, als daß ich die Thüre aus reinem Wohlwollen öffnete. Ach die Männer, die Mäͤnner! Wann wird der Tag kommen, wo ſie den Werth und die aufopfernde Zärtlichkeit ihrer Weiber ein⸗ ſehen werden?“ Während ſich Frau Manning über dieſen Gegen⸗ ſtand ausließ, der ſchon ſo oft ein Stoff für die Be⸗ trachtungen eines ſchläfrigen Weibes war, folgte der Doktor mit ſchnellen Schritten dem Fremden die Straße entlang, ohne daß einer von ihnen das Stillſchweigen unterbrach. „Ich glaube, Herr Doktor,“ ſprach endlich der Of⸗ ———-= fizier, nahe daß e 1 mit. 5 in die zige mich eine a Ich t größe 7 falt ei 7 nie na A Nachd öhrn. öffnet; eramir / ſchlich Aber zurück ein k dem rock welch i, die zu be⸗ Doktor, Unter⸗ nicht nimmt, g. f ſein ! Du ir ein nens,“ er er — 2 — fizier, als ſie der Wohnung der Frau Björkman ganz nahe waren:„Sie ſind ſchon zum voraus unterrichtet, daß eine junge Dame..“ „Ja, ja, ich weiß. Ich habe vermuthlich die Ehre, mit.. „Ganz recht, Herr Doktor! Ihre Geſchicklichkeit iſt in dieſem Augenblick meine ganze Hoffnung, meine ein⸗ zige Hoffnung. Ich ſage nicht mehr; aber laſſen Sie mich noch hinzuſetzen, daß Sie gewiß ſeyn mögen, daß eine anſtändige Belohn...“ „O, es hat noch gute Zeit, um davon zu ſprechen! Ich thue meine Pflicht bei Jedem, der mich ruft, ohne auf größere oder kleinere Belohnung eine Rückſicht zu nehmen.“ „Das glaub' ich wohl; aber natürlich muß die Sorg⸗ falt eines Doktors auch gewiſſe Grade haben.“ „Ja, je nach der Wichtigkeit der Krankheit, aber nie nach der des Patienten.“ Bei dieſen letzten Worten, die der Doktor mit Nachdruck ausſprach, verſchwanden die Herren im Haus⸗ öhrn. Nach einem leiſen Pochen wurde die Thüre ge⸗ öffnet; und ſie befanden ſich in dem vordern Zimmer der eraminirten Frau. „Wie ſteht es?“ fragte der Fremde ängſtlich, und ſchlich ſich auf den Zehen nach dem innern Zimmer. Aber Frau Björkman rief ihn mit einem ſchnellen Winke zurück; worauf ſie, ohne ihm durch etwas Anderes als ein kurzes Schütteln des Kopfes zu antworten, leiſe mit dem Doktor zu ſprechen begann, worauf dieſer den Ober⸗ rock ablegte, und ſich am Feuer wärmte. Nach einigen weiteren Vorbereitungen, während welcher der junge Offizier bald mit allen Zeichen der Verzweiflung und Ungeduld ſich auf den Sopha warf, bald mit bittenden Geberden die Hand des Doktors er⸗ griff, wurde der Vorhang ein klein wenig gehoben. Ein ſchwaches Lampenlicht warf hier ſeinen geheimnißvollen Schimmer über ein Ruhebett, und man gewahrte zwi⸗ Das Fideicommiß. I. 3 ſchen den weißen Vorhängen hindurch das bleiche Bild eines jungen und ſchönen Weibes, das in einem bewußt⸗ loſen Schlummer verſunken lag; aber ſobald die Geſtal⸗ ten des Doktors und der Frau Björkman in den ge⸗ weihten Umkreis gekommen waren, ſiel der Vorhang wie⸗ der herab und die Ausſicht verſchwand vor den Blicken der Uneingeweihten. Erſt gegen ſieben Uhr Morgens, als Frau Man⸗ ning ſchon lange auf war, ward ſie durch die Gewißheit von der Zurückkunft ihres Mannes wieder beruhigt. „Nun, Manning, wenn Du jetzt nicht von Stein biſt, ſo ſag' mir etwas, was mich zufrieden ſtellen kann.“ „Ich bin entſetzlich ſchläfrig— das iſt alles, was ich Dir ſagen kann, mein Kind.“ „Manning, lieber Manning, ſey nicht ſo böſe.“ „Liebe Henriette, ſey Du nicht ſo kindiſch! was dieſe Sache betrifft, die nun ſchon zu lange Deine Neu⸗ gierde gereizt hat, ſo thuſt Du am beſten daran, wenn Du ſie zu vergeſſen ſuchſt. Was iſt denn für eine große Merkwürdigkeit an einem Ereigniß, das alle Tage ohne Aufſehen paſſirt? Aber Du weißt, daß es gegen meinen Amtseid ſtreitet, zu ſprechen, wenn ich mich zum Schwei⸗ gen verpflichtet habe, und Du weißt auch, daß ich nicht der Mann bin, der ein gegebenes Wort bricht, um die Neugierde eines Weibes zu befriedigen. Und jetzt gute Nacht, mein Schatz! Wenn es Dir ein Vergnügen macht, ſo kannſt Du in meiner Brieftaſche nachſehen, was mir dieſe Beſchwerlichkeit eingetragen hat; Du haſt Dir ſchon längſt ein neues ſchwarzſeidenes Kleid gewünſcht, und Du ſollſt nun die Hälfte davon haben.“ So verſüßten Pillen konnte die Doktorin Manning nicht widerſtehen. Ohne ihren Mund zu etwas Anderem als einem dankbaren Kuſſe zu öffnen, ließ ſie ihren Mann in Frieden und Ruhe einſchlafen; dann aber ſchlich ſie nach dem auf der Sophalehne hängenden Rocke, zog vor⸗ ſichtig das Briefbuch aus der Bruſttaſche, und fand mit⸗ 7 inniY thale Bjö unzä um mit rathe jedo anhe weni die Dokt alle ſich könn gewe ſich Blich ſtrich der ihrer einen ning und Ma wor bew ſchr den ihr ſpr vol ſell Bild wußt⸗ zeſtal⸗ 1 ge⸗ wie⸗ Zlicken Man⸗ ßheit Stein nn.“ was was Neu⸗ venn 35 innigem Vergnügen eine Banknote von hundert Reichs⸗ thalern. Vier Wochen ſpäter war der Vorhang in der Frau Björkman hinterem Zimmer verſchwunden, und alle ihre unzähligen Beſuche durften frei die Wände beſchauen, um voll unbefriedigter Neugierde jedes einzelne Möbel mit den Augen zu meſſen. Auf wie Vieles wurde ge⸗ rathen, wie Verſchiedenes vermuthet! Endlich blieb ihnen jedoch nichts übrig, als die Sache der Vergeſſenheit anheim zu geben; aber ehe es ſo weit kam, waren wenigſtens zwanzig Kaffeeviſiten der Reihe nach durch die Schwatzgeſellſchaft der Stadt gegangen. Die Frau Doktorin und die Frau Probſtin hatten jedoch noch nicht alle Hoffnung aufgegeben. Sie wußten ja, worauf ſie ſich verließen: Wenn ſie nur das Kirchenbuch bekommen könnten! Aber der Probſt war dießmal nicht zugänglicher geweſen als der Doktor, und zur Strafe dafür hatte ſich ſein Weib vorgenommen, um jeden Preis einen Blick in das allmächtige Buch zu thun. Einen Quer⸗ ſtrich in dieſer Rechnung machte jedoch die Erkrankung der Probſtin an einem ſchweren Fieber. Als ſie nach ihrer Wiedergeneſung zum erſten Mal ſeit vielen Wochen einen Beſuch von ihrer guten Freundin, der Frau Man⸗ ning, empfing, theilte ihr dieſe im Vertrauen mit— und dieſes Vertrauen wurde aus guten Gründen bewahrt — daß ſie jenen Plan während ihrer Krankheit ihrem Mann entdeckt habe, worauf der Probſt ſo ernſtlich böſe worden ſey, daß er ſich erſt nach vielen Bitten habe bewegen laſſen, die Sache vor dem Doktor zu ver⸗ ſchweigen. Frau Manning, die vor dem bloßen Gedanken an den Auftritt, den ſie bei einer ſolchen Entdeckung von ihrem Manne zu befürchten haben würde, ſchauderte, ſprach von dieſer Zeit an nie mehr von dem geheimniß⸗ vollen Frauenzimmer hinter dem Vorhange, das in den⸗ ſelben Schatten gehüllt, erſchienen ünd verſchwunden war. Die Erinnerung an dieſe Begebenheit hielt zwar ſo lange an, als das neue ſchwarzſeidene Kleid florirte; aber nach der Hand, als die Blüthezeit deſſelben zu ver⸗ ſchwinden begann, erbleichte auch der Gedanke an die verworrene Veranlaſſung ſeines Vorhandenſeyns. Von dieſer Zeit bis zu der, wo ein neuer Abſchnitt in unſerer Erzählung beginnt, hatte Frau Manning wahrſcheinlich Gelegenheit, in mancher erneuerten Auflage des Schwarz⸗ ſeidenen zu glänzen. Erſtes Kapitel. Noch kämpfte der röthliche Vorbote der Sonne mit der ſchwachen Dämmerung der Juninacht, als ein ſchnau⸗ bender, von dem ſcharfen Ritt ganz mit Schaum be⸗ deckter Klepper in dem hintern Hofe eines Landhauſes anhielt, welches von dem Oberſten, Baron X— gepach⸗ tet war. Ein junger Knabe, der wahrſcheinlich auf Kund⸗ ſchaft draußen geſtanden war, wie man nach der Eile abnehmen konnte, womit er von einer Anhöhe in der Nähe herabgeſprungen kam, fragte athemlos:„Wie iſt es Blomgviſt? Ich bin überzeugt, daß Ihre Gnaden heute Nacht vor Unruhe kein Auge zugethan haben.“ Blomgviſt warf, ohne eine Antwort auf jene be⸗ ſtimmte Frage zu geben, dem Knabeu die Zügel zu, und das mit der ganzen Würde einer Perſon, welche weiß, daß ſie es mit einem Untergebenen zu thun hat.„Nimm das Pferd, Du Wechſelbalg,“ ſagte der ſtolze Mann der Livrée, indem er ſich die Stirne mit dem ſeidenen Sacktuche abtrocknete,„und ſehe zu, daß ſich der Stall⸗ knecht ſogleich daran macht.“ „Aber,“ wandte der Knabe mißvergnügt ein,„es preſſirt wohl nicht ſo ſehr mit dem Pferde! Ihre Gna⸗ den ſind ſo bekümmert; Blomaviſt hat wohl eine Bot⸗ ſchaft bei ſich?“ 1 bringe bei de Stall riger nach in de giert kleine des T innen nachz öffnet nicht Neuic ſen di rieth, mit e Ober den, Gna⸗ die Der ſehr aus öffn ſtaw zwar rrirte; t ver⸗ n die Von nſerer inlich warz⸗ mit nau⸗ be⸗ auſes hach⸗ und⸗ Eile der iſt aden be⸗ und eiß, mm ann nen all⸗ 2 es na⸗ ot⸗ „Thu', wie ich Dir geſagt habe, Guſtav, und bringe dann dieſen Brief hin— ich klopfe einſtweilen bei dem Verwalter an.“ Der Knabe ſchoß wie ein Pfeil davon, ſetzte den Stallknecht in Bewegung, und ergriff dann mit ſo gie⸗ riger Begehrlichkeit, als ob die Sache ihn ſelbſt berührte, nach dem genannten Brief, mit dem er eben ſo ſchnell in der Küchenthüre des Hauptbaues verſchwand. Herr Blomgpiſt, der indeſſen noch nirgends einlo⸗ giert war, fuhr fort, ſeine Ankunft an der Thüre des kleinen rothen Hauſes zu melden, das von der Familie des Verwalters bewohnt wurde. Aber ehe man ſich hier innen in Ordnung geſetzt hatte, um ſeinem Begehren nachzukommen, wurde ein Fenſter im Herrenhauſe ge⸗ öffnet, und der Oberſt ſelbſt ſtreckte den Kopf heraus. „Holla! Blomgpiſt! iſt Er's? Warum ſchlägt Er nicht an die Hausthüre? Laß Er hören, was Er für Neuigkeiten bringt!“ Und der Oberſt, deſſen ganzes We⸗ ſen die eifrigſte, wenn auch nicht zarteſte Ungeduld ver⸗ rieth, winkte heftig mit der Hand. Der Bediente eilte mit einer tiefen Verbeugung zu dem Fenſter. „Kommt Er eben jetzt in der Minute, Blomqpiſt?“ „Ja, wenigſtens ſind noch nicht viele vorüber, Herr Oberſt, der alte Baron iſt bedeutend ſchlimmer gewor⸗ den, ſeit der Herr Oberſt geſtern abreiste, und Ihre Gnaden von Tjällstorp haben mich mit einem Brief an die Frau Baronin hergeſchickt.“ „Blieb denn meine Schwägerin dort uber Nacht? Der Wagen war ja vorgefahren, als ich abreiste.“ „Ja, aber gleich darauf bekam der Baron einen ſehr heftigen Anfall; deßhalb wurden die Pſerde wieder ausgeſpannt und Ihre Gnaden blieben.“ „Wart Er, Blomgpiſt,— ich werd' Ihm ſelbſt öffnen und den Brief abnehmen.“ „Den Brief, Herr Oberſt, habe ich ſchon dem Gu⸗ ſtav gegeben, er trug ihn wohl gleich zu Ihro Gnaden.“ Der Oberſt zog die Augbraunen zuſammen.„Welche Dummheit!“ murmelte er zwiſchen den Zähnen. Aber laut ſagte er:„Hör' Er, Blomgviſt, wenn er während der Krankheit meines Schwiegervaters wieder mit Brie⸗ fen hieher geſchickt wird, ſo gebe Er ſie nie Jemand anders, als mir ſelbſt. Meine Frau leidet wirklich mehr als gewöhnlich an ihren Nerven, und könnte leichtlich am Schreck ſterben, wenn man nicht vorſichtig wäre.“ Nachdem der Oberſt dieſe Weiſung ertheilt hatte, kleidete er ſich ſchnell, aber doch vollkommen pünktlich an, ging dann hinab und befahl, daß die Drotſchke ange⸗ ſpannt und bereit gehalten werden ſollte; und gerade als er auf dem Wege nach den Zimmern ſeiner Frau war, begegnete er der Kammerjungfer, die den Auftrag hatte, den Herrn Oberſt zu bitten, er möge die Güte haben, und ſich bei Ihro Gnaden einfinden. In einem kleinen Zwiſchenkabinet, welches vor dem Schlafzimmer lag, erwartete die Baronin ihren Gatten, und ſo wie jetzt Mann und Weib hier zuſammentreffen, wollen wir ſie dem Leſer vorſtellen. Der Oberſt von&—, der in der Mittagshöhe, ſeines Lebens ſtand, trug auf ſeinem ſpiegelglatten noch röthlichen Geſichte einen ebenſo unzweideutigen Stempel von verſchlagener Kühnheit wie unbezähmbarem Stolze. Seine Augen von katzenſchwarzer, glänzender Farbe la⸗ gen etwas nahe bei einander, und ein paar gewaltige Augbraunen von derſelben Farbe zogen ſich in einen Winkel nach der Naſe herab, die wieder mit der ganzen Würde einer ächt ariſtokratiſchen Naſe hervortrat. Dieſe Naſe des Oberſten hatte in der That eine edle Form, und für ihn ſelbſt mußte ſie die Kraft gehabt haben, ihn in zwei ungleichen Geſtalten zu zeigen, was daraus geſchloſſen werden kann, daß er ſie wechſelsweiſe zu der griechiſchen und römiſchen Schule rechnete, wenn er— was nicht ſelten geſchah— ſein Mißvergnügen über den beklagenswerthen Umſtand ausdrückte, daß die Naſe ſei⸗ nes Sohns und Erben eine nicht zu verkennende Nie⸗ drigkeit nicht nur in jeder Ausdehnung, ſondern ſogar in der der O von d. war, beneid hatte; werde konnte Notah als n Meth heite hielt her a Ober daß, Men gibt, verbe Perſ würd Läng Achſ konn gen er, Sei dem jene M ſehe ver wa um Aber hrend Brie⸗ nand mehr ) am zFatte, han, unge⸗ 2 als war, zatte, aben, dem tten, ffen, öhe, noch mpel olze. la⸗ ltige inen nzen Dieſe orm, ben, in der ganzen Form verrieth, die, ſoviel ſich wenigſtens der Oberſt erinnern konnte, zu keiner Schule gehörte. Aus all' dieſem iſt leicht abzunehmen, daß der Oberſt von X— ſtolz auf ſeine ſchöne römiſch⸗griechiſche Naſe war, die ihm in den vergangenen Lieutenantstagen den beneidenswerthen Titel des antik ſchönen X verſchafft hatte; aber da dieſe Zeit jetzt zu der paſſirten gerechnet werden mußte, erſetzte der Oberſt dieſelbe, ſo gut er konnte, dadurch, daß er alle lebenden Dinge— die Notabene von ihm abhingen— nach keiner andern Naſe, als nach ſeiner eigenen gehen ließ. Durch dieſe glückliche Methode konnte dieſelbe natürlich nie zu den Unbedeutend⸗ heiten des Tages im Naſenkapitel herabſinken, ſondern hielt ſich ſtets mit edler Würde empor, von welcher Seite her auch der Wind blies. Aber nachdem wir jetzt ſo viel über die Naſe des Oberſten geſprochen haben— wobei wir jedoch erinnern, daß, wenn auch ſchon die meiſte Lebensweisheit der Menſchen ihren Sitz im Gehirne hat, es doch auch ſolche gibt, welche ſie aus Mangel an Raum dort in der Naſe verbergen— können wir in Beziehung auf ſeine übrige Perſönlichkeit um ſo kürzer ſeyn, da dieſe nichts Merk⸗ würdiges darbot, als daß er durch ſeine ungewöhnliche Länge mit großer Leichtigkeit gewöhnliche Leute über die Achſel anſehen und den Kopf an die Kronleuchter ſtoßen konnte. Ueber den Anzug des Oberſten iſt nur zu ſa⸗ gen, daß er ſtets ausgezeichnet ſorgfältig war, auch wenn er, wie es jetzt der Fall war, in Eile gemacht wurde. Sein Weſen, ja ſelbſt ſeine Haltung verrieth, ſogar in dem täglichen Leben und in der gewöhnlichen Umgebung, jene glatte und glänzende Eleganz, die ſich bei einem Manne, der in der Welt gelebt hat, und dieß gerne ſehen läßt, ſehr wohl mit einem tiefen, wenn auch fein verborgenen Deſpotengeiſte vereinigen läßt. Die Baronin Eugenie beſaß durchaus nichts Ver⸗ wandtes. Vor allem bewies ihr haſtig und unordentlich umgeworfener Morgenrock, daß das Grundelement ihres ☛ Weſens eher das Gefühl als der Gedanke war. Ferner ſah man in ihrer, von Unruhe und Schmerz zitternden Geſtalt eines jener feinen und biegſamen Rohre, die unter den geſchickten Händen der Männer elaſtiſch hin⸗ und herſchwanken, die aber, wenn ſie ſich ſelbſt über⸗ laſſen ſind, die eigene kleine Kraft wieder zu finden ſtre⸗ ben, welche ſie einmal beſaßen. Die Baronin war noch hübſch, und ihre Augen haͤtten ohne Zweifel ſchön ge⸗ nannt werden können, wenn nicht ein Zug der Furcht ihnen ihre naturliche Süßigkeit genommen hätte. Ihr aufgelöstes und zerſtreutes Haar war nachläſſig zurück⸗ geworfen, und nur zur Hälfte von einem loſe umgebun⸗ denen Florſhwale bedeckt. „Wie Du ausſiehſt, liebe Eugenie!“ ſagte der Oberſt, und hatte ein kleines mitleidiges Lächeln zur Hand, das jedoch dießmal für ſein Weib verloren ging. „Warum bleibſt Du nicht liegen, meine Liebe? Es war eine wahrhaft überflüſſige Artigkeit, daß Du aufſtan⸗ deſt, um mit mir zu ſprechen.“ „Ja ich glaube wohl, daß Du das nicht verlangen würdeſt,“ antwortete die Baronin ſanft;„und Du kannſt Dir leicht vorſtellen, daß es die Unruhe über den Zu⸗ ſtand meines Vaters iſt, was mich herausgetrieben hat.“ „Es war mir zu unangenehm, daß der Bengel, der Guſtav, ſo zur Unzeit hereinlaufen mußte— Du hätteſt den Brief nicht ohne Vorbereitung erhalten ſollen.“ „Lieber Malchus, ſey deßhalb nicht böſe auf den armen Knaben! Wenn er unſern Augen anſehen kann, was wir wünſchen, ſo iſt er ſogleich bereit, darum dem Schlaf und der Ruhe zu entſagen.“ „Ja ſo, ich verſtehe— er ſtand alſo auf Befehl auf der Lauer? „Nein, nicht gerade das,“ verſetzte die Baronin mit etwas unſicherer Stimme,„nicht gerade auf Befehl.“ „Sondern nur, weil er es Dir an den Augen an⸗ geſehen hatte? Auf meine Ehre, ein ſehr artiger, klei⸗ —— —=—.——— ner K liebe C Offenhe hier in könnte, ich nich ſich n mir lei denn D quenz i aber e meine ihn ni um ih 9 71 Abſicht Unterre unruhi wenn? ſie hiel benpaa 2. in der Vorſic in ihr die R heit, nen gut g und mit ich ſe Ferner ernden , die hin⸗ über⸗ 1 ſtre⸗ noch n ge⸗ Furcht Ihr rrück⸗ ebun⸗ der zur ging. war ſtan⸗ ngen alten den ann, dem auf mit an⸗ klei⸗ ner Kammerjunker! Aber ich muß Dir ſagen, meine liebe Eugenie, und ich hoffe, Du haſt die Güte, meine Offenheit nicht übel aufzunehmen, daß im Fall Jemand hier im Hauſe auf den unbeſonnenen Gedanken gerathen könnte, Dir kleine Artigkeiten erweiſen zu wollen, die ich nicht billige, ſey es nun, wer es auch ſeyn mag, er ſich nach einem andern Platze umſehen muß! Es würde mir leid thun, wenn dieſes Loos Deinen Günſtling träfe; denn Du weißt ſehr wohl, daß ich mir keine Inkonſe⸗ quenz in meinem einmal geſaßten Beſchluſſe geſtatte.“ „Aber für dießmal, beſter Malchus, verzeihſt Du ihm doch?“ bat die Baronin in nachgiebigem Tone. „Verſteht ſich, er wußte ja nicht, daß er fehlte; aber er ſoll es erfahren, und dann dürfteſt Du vielleicht, meine gute Eugenie, am beſten daran thun, wenn Du ihn nicht ſo unverdeckt in Deinen Augen leſen ließeſt, um ihn nicht zu fernerem Ungehorſam zu verleiten.“ „Malchus,“ begann die Baronin, offenbar in der Abſicht, jetzt den Gegenſtand einzuleiten, weßhalb ſie die Unterredung begehrt hatte;„Ebbas Brief iſt höchſt be⸗ unruhigend, ich bin in tödtlicher Angſt darüber, und wenn Du nichts dagegen hätteſt, ſo wünſchte ich innig...“ ſie hielt inne;— und ihre Augen, dieſes furchtſame Tau⸗ benpaar, ſchienen um eine Aufmunterung zu bitten. „Und ich,“ entgegnete der Oberſt ſchnell,„möchte in der That wünſchen, daß die Majorin ein wenig mehr Vorſichtigkeit, ich möchte ſagen, ſchweſterliche Zärtlichkeit in ihre Handlungsweiſe gegen Dich legte! Sie kennt doch die Reizbarkeit Deiner Nerven, Deine ſchwache Geſund⸗ heit, und Dein ſenſibles Gemüth: Sie hätte Dich ſcho⸗ nen ſollen, und Alles recht wohl mir ſchreiben können.“ Ich verſichere Dich, beſter Malchus, daß ſie es ſehr gut gemeint hat. Sie hat Recht, daß ſie mir ſchreibt, und mich nach Tyringsholm zu kommen bittet, um mit ihr die Sorgfalt für unſern Vater zu theilen— ich ſelbſt habe keinen höhern Wunſch.“ „Das glaube ich wohl, und ich finde dieſen Wunſch vollkommen in Ordnung; allein dennoch muß ich mich dagegen ſetzen. Und Du ſelbſt, meine liebe Eugenie, ſollteſt einſehen, daß Deine Kräfte keine große Erſchüt⸗ terungen dulden. Du biſt es in der That nicht im Stande.“ „Malchus!“ rief die Baronin, und ihre heftig flie⸗ ßenden Thränen bezeugten, daß ſie ihren Schmerz nicht länger in der engen Schale der Konvenienz verſchließen konnte— jener Schale, die der Oberſt ſogar in dem ſogenannten vertraulichſten Alltagsleben nicht gerne zer⸗ brochen ſah—„Malchus, ich halte es nicht länger aus — verweigere mir nicht, Du kannſt mir ja nicht ver⸗ weigern, daß ich meinen Vater ſehe und auf ſeinem Sterbebette von ihm Abſchied nehme!“ „Eugen'chen,“ erwiederte der Oberſt mit jener kalt⸗ blütigen Ruhe, die das fühlende Weib ſchon ſo oft zur Verzweiflung gebracht hatte,„es ſchmerzt mich unend⸗ lich, Dich in dieſer Lage zu ſehen! Aber gerade Deine übertriebene Gereiztheit beſtärkt mich in dem Entſchluſſe, Dich nicht fortzulaſſen. Deine Geſundheit, meine Theure, liegt mir mehr am Herzen, als daß ich es tolldreiſt wa⸗ gen ſollte, ſie vollkommen gebrochen zu ſehen, und das würde ſie gewiß, wenn ich Dir Deinen Wunſch erfüllte — einen Wunſch, den ich übrigens vollkommen billige, denn er iſt eben ſo ſchön als natürlich an einer zärtli⸗ chen Tochter.“ „Er iſt ſchön und natürlich, Du billigſt ihn voll⸗ kommen, und dennoch weigerſt Du Dich— wie bitter kannſt Du ſeyn, Malchus!“ „Ich verzeihe Dir Deine Ungerechtigkeit, Eugenie: Ein Mann darf ſeinem Weibe einen übereilten Ausdruck nicht ſo genau nachrechnen. Ich bin überzeugt, bei beſ⸗ ſerer Beſinnung wirſt Du dieß nicht nur billigen, ſon⸗ dern mir ſogar für meine Zärtlichkeit danken.“ Die Baronin ſchüttelte zweifelnd den Kopſ. „Haſt Du mir noch ſonſt Etwas zu ſagen, meine — Dich w fortlaſſe Vunſch mich ugenie, ht im g flie⸗ jnicht bließen n dem 8 zer⸗ r aus t ver⸗ einem kalt⸗ ft zur nend⸗ Deine lluſſe, heure, wa⸗ das füllte Ellige, ärtli⸗ voll⸗ bitter enie: druck beſ⸗ ſon⸗ neine Liebe? Die Drotſchke wartet, und es wäre Unrecht von mir, wenn ich noch eine Minute länger zögerte.“ Der Oberſt reichte ſeiner Frau die Hand zum Abſchied, und drückte ihr einen leichten und kühlen Kuß auf die Stirne. „Lebe wohl, liebe Eugenie! Geh' jetzt, und lege Dich nieder; Du bedarfſt deſſen jetzt am Meiſten, ich hoffe, mit guten Zeitungen heimzukehren!“ „Malchus, Malchus! um Gotteswillen, ſey nicht ſo hart, ſo kalt gegen mich! Ich weiß, daß es nicht um meiner Geſundheit willen, ſondern wegen einer für Dich weit wichtigeren Sache iſt, daß Du mich nicht frtſaſen willſt. Aber ich verſpreche, ich verſpreche Dir heil... „Du biſt krank, und mußt zu Hauſe bleiben,“ un⸗ terbrach ſie der Oberſt nachdrücklich, d. h. ſeine Stimme wurde nicht lauter, ſondern ſie ſank um ein paar Töne unter ihren gewöhnlichen ſchönen Klang.„Und nicht nur krank,“ ſetzte er hinzu, als die Baronin antworten wollte,„ſondern weit ſchlimmer: Ich fürchte, Du bekomniſt einen Rückfall von Deiner alten Hypochondrie.“ „O mein Gott, mein Gott!“ ſeufzte die Troſtloſe, „iſt es zu verwundern, wenn ich gemüthskrank werde?“ „Gewiß nicht, meine Liebe— ich ſage auch nicht, daß es im Geringſten zu verwundern ſey? Solche Zu⸗ fälle ſind in gegenwärtiger Zeit ſehr gewöhnlich, und wir wollen hoffen, daß ſie ſich durch ſtrenge Vorſicht und zärtliche Pflege geben.“ Bei dieſen letzten Worten brachte der Oberſt ſeine Fingerſpitzen mit all' der Anmuth zuſammen, die man von einem Manne erwarten konnte, der ſich ſo artig und vorſorglich gegen ſein Weib gezeigt hatte; und einige Augenblicke ſpäter war er auf dem Wege nach dem herr⸗ lichen Tyringsholm, dem großen Gute ſeines Schwie⸗ gervaters, und dem Leckerbiſſen, den er, nach ſeiner köblichen Gewohnheit alles, was ſeinem Nächſten ge⸗ hörte, für ſein anzuſehen, bald als ſein Eigenthum zu begrüßen hoffte. Als die Baronin Eugenie ſich allein ſah, ſank ſie ermattet auf den Sopha nieder, neben dem ſie die ganze Zeit über geſtanden war; und wenn man die Troſtloſig⸗ keit, die Angſt ſah, die ſich in ihrem ganzen Geſichte und Weſen abſpiegelte, wenn ſie die feinen Hände zu⸗ ſammenpreßte, ſo fühlte man ſich verſucht zu fragen, ob ihre Bruſt nicht einen noch bitterern Schmerz als die Furcht vor dem Tode eines geliebten Vaters bewahrte. Es war nicht nur Kummer, was in ihren Zügen lag, es war die bleiche ſtumme Verzweiflung, die ſie offenbar in der Gegenwart ihres Gatten nicht zu zeigen gewagt hatte. Zweites Kapitel. Das Fideicommiß Tyringsholm hatte mit den dazu gehörigen Höfen und geringeren Weilern länger als ein Jahrhundert der Familie E— brand angehört. Der jetzige Beſitzer, ein beinahe achtzigjähriger Greis, beſaß keine männliche Erben, und da ſich auch in den entfern⸗ teren Zweigen der Familie keine ſolche vorfanden, ſo ſollte das große Fideicommiß auf den Erſtgebornen von den Enkeln des Barons E— brand kommen, auf den dann auch der Name übergehen ſollte. Der Baron hatte in ſeiner Ehe zwei Töchter, Ebba und Eugenie. Bei ihrer Güte, Liebenswürdigkeit und Schönheit fehlte es ihnen nicht an Anbetern, beſonders da es nur der Zukunft vorbehalten war, das wichtige Räthſel zu löſen, wer von ihnen dem künftigen Majo⸗ rathsherrn, dem Erben eines Vermögens, das unter der Pflege des letzten ſparſamen Barons noch immer ange⸗ wachſen war, das Leben geben ſollte. Man glaubte allgemein, daß Baron E— brand ſeine zwei Töchter in gleich hohem Grade liebte; auch konnte man nie bemerken, daß ſein Vaterherz für die eine oder für die andere wärmer geklopft hätte. Indeſſen war es gerade d ruhigen Er fühl heitere, licheren ren Ant tete, die ſo ware wahrſche ſeiner T länger Eugenie die 99 rochen ſp zn mit grof Schwieg Ebbas mann d wohl kü men wü kränklich im Fal Majora würden. des Ka volle 2 Gegend hochfal Artigke ſchönes Naſe! keinen 5 ger g gen d ihr n ſank ſie ie ganze roſtloſig⸗ Geſichte nde zu⸗ fragen, als die wahrte. gen lag, ffenbar gewagt dazu ls ein Der beſaß tfern⸗ 1, ſo von den Ebba und uders htige kajo⸗ der nge⸗ ſeine nnte oder r es 45 gerade dieſer Umſtand, was manche Stunde in dem ſonſt ruhigen und ſorgenvollen Leben des Barons verdunkelte. Er fühlte mit einer Art Gewiſſensvorwurf, daß er die heitere, lebensfrohe Ebba vorzog, und der ſtilleren, zärt⸗ licheren und gefühlvolleren Eugenie einen weit geringe⸗ ren Antheil an ſeiner Liebe ſchenkte. Aber da er fürch⸗ tete, dieſe Partheilichkeit könnte irgendwo hervorleuchten, ſo waren ſeine Worte gegen Eugenie oft zärtlicher; und wahrſcheinlich vermochte ihn dieſer Umſtand, die Hochzeit ſeiner Tochter an demſelben Tage zu feiern, obſchon Ebba länger mit dem Kapitän L— verlobt geweſen war, als Eugenie mit dem damaligen Rittmeiſter Baron&— und die Hochzeit der erſtern in der That ein Jahr vorher be⸗ ſprochen worden war. Die doppelte Feierlichkeit in Tyringsholm wurde mit großer Pracht begangen; und da keiner von den Schwiegerſöhnen Vermögen beſaß— die Liebe hatte Ebbas und Eugenies Wahl geleitet— ſo war Jeder⸗ mann darauf begierig, welche von den beiden Familien wohl künftig das prächtige Tyringsholm in Beſitz neh⸗ men würde. Man glaubte, daß der ſchon ſechzigjährige kränkliche Baron nicht beſonders lange leben könne, und im Fall ſeines Todes die Eltern des minderjährigen Majoratserben ſich natürlich auf dem Gute niederlaſſen würden. Alle guten Wünſche fielen indeſſen zu Gunſten des Kapitäns L—. Der einfache, herzliche und gehalt⸗ volle Mann hatte weit mehr Liebe und Anſehen in der Gegend gewonnen, als der Baron von—, deſſen hochfahrender Ton und Sinn ſtets aus ſeiner feinen Artigkeit hervorſchaute. Nicht einmal ſein jugendlich ſchönes Aeußeres und ſeine berühmte römiſch⸗ riechiſche Naſe hatte etwas geholfen. Die Leute hatten durchaus keinen Geſchmack. Aber wenn der Rittmeiſter in der Umgegend weni⸗ ger geliebt war, ſo war er es deſto mehr von ſeiner jun⸗ gen Frau, die in ihm einen Gott ſah, deſſen Launen ihr nur als die liebenswürdigſten und entzückendſten Ein⸗ fälle erſchienen— und einem Einfall von ihm, er mochte nun ſo toll ſein, als er immer wollte, war es ihr phy⸗ ſiſch und moraliſch unmöglich zu widerſtehen. Wir brau⸗ chen nicht hinzuzuſetzen, daß ſich der Oberſt oder der damalige Nittmeiſter ſeinerſeits bemühte, ſeine junge Gattin durch das ſüßeſte Liebesgetändel einzuſchläfern, da es ſich ja von ſelbſt verſteht, daß ein ſolcher Mann von Anfang an ſeine Macht auf dieſe Art begründen mußte. Ueberdieß muß man wiſſen, daß der Rittmeiſter auch liebte, aber freilich auf ſeine Art: Schon in ſeiner Jugend, ehe noch die wärmſten Gefühle erſtarrt waren und ſich zu einer eiſigen Kruſte gebildet hatten, war Eigennutz und Berechnung ſeinem Weſen nicht fremd ge⸗ blieben und ſchon damals übten ſie eine Gewalt über ihn aus, die ſich ſpäter nicht verminderte. Die beiden neuvermählten Paare verließen Tyrings⸗ holm zu gleicher Zeit, um ſich für den Anfang an den verſchiedenen Punkten niederzulaſſen, wo die Dienſtver⸗ richtungen der Herren ihre Anweſenheit erforderten; und nur wenige Monate ſpäter erhielt Baron E— brand mit Freude und Unruhe zugleich die Nachricht, daß beide Töch⸗ ter ihm einen Erben zu ſchenken hofften. Gegen das Ende der Erwartungsperiode nahm die Unruhe des alten Ba⸗ rons auf eine bedeutende Art zu: Er konnte beinahe nicht mehr ſchlafen, weder bei Nacht noch bei Tag.„Möchte Ebba die erſte ſein!“ flüſterte die Partheilichkeit.„Möge Gott ſeinen Segen dazu geben, ſei es nun dieſe oder jene,“ berichtigte die uneigennützige Vaterliebe. Endlich kam der erſte Brief, und das Siegel trug das L—'ſche Wappen. Die Hände des alten Baron E— brand zitterten ſo ſehr, daß er es eine lange Zeit nicht öffnen konnte.„Bedenke, wenn es ein Mädchen wäre!“ Er fühlte, wie ein Schauder ihm durch die Glie⸗ der fuhr.„Gott bewahre uns! nur keine Mädchen, nur nicht wieder Mädchen!“ Jetzt ſprang das Siegel und da ſtand in gutem und leſerlichem Schwediſch deutlich und klar, obſchon die Hand, die die Worte niedergeſchrieben — hatte, d glückliche wohlgeſte De höchſter genden ein gan untertha erben A Abe menſchlie ſei gewiß ſei, für ratsherr fand m Tage ſy ſeinem 3 händigt ſeines V ſtand hi Stunder Licht de eine Ve tere An ändern aufs N und ei nun ſer raht h vergebe Mal l ziemlic Ehre hatten Ihrig ſprech mochte hr phy⸗ r brau⸗ der der junge hläfern, Mann gründen tmeiſter ſeiner waren , war md ge⸗ der ihn jrings⸗ n den nſtver⸗ ; und nd mit Töch⸗ Ende 1 Ba⸗ nicht Nöchte Möge oder trug Zaron Zeit dchen Glie⸗ nur d da und ieben hatte, offenbar etwas vor Freude gezittert hatte:„Die glückliche Niederkunft meines geliebten Weibes mit einem wohlgeſtalten Sohn und ſo weiter.“ Der Baron faltete ſeine Hände: Sein wärmſter, höchſter und ſeligſter Wunſch war erfüllt; und am fol⸗ genden Abend ſprangen unzählige Weinbouteillen und ein ganzes Faß Bier vor den zuſammenberufenen Guts⸗ unterthanen, welchem unter lautem Jubel des Majorats⸗ erben Ankunft auf der Welt feierten. Aber auf wie ſchwankenden Füßen ſteht nicht die menſchliche Freude! Nun hätte man meinen ſollen, nichts ſei gewiſſer, als daß der junge Klas Richard L— der ſei, für den er gehalten wurde, nämlich der Majo⸗ ratsherr und Erbe des großen Tyringsholm; aber bald fand man, daß man ſich vollkommen geirrt habe. Acht Tage ſpäter wurde dem Baron ein zweiter Brief von ſeinem zweiten Schwiegerſohn, dem Rittmeiſter, einge⸗ händigt, worin dieſer auf gleiche Weiſe die Niederkunft ſeines Weibes meldete, wobei nur noch der kleine Um⸗ ſtand hinzukam, daß Baron Klas Malchus gerade acht Stunden und fünfzehn Minuten vor ſeinem Vetter das Licht der Welt erblickt hatte. Ein längerer Poſtgang und eine Verzögerung unterwegs hatten wahrſcheinlich die ſpä⸗ tere Ankunft des Briefes verurſacht. Was war jetzt zu thun? Die Sache ließ ſich nicht ändern, und der Inſpektor erhielt deßhalb den Befehl, aufs Neue alle Gutsunterthanen zuſammen zu berufen und ein neues Bierfaß aufzuſchlagen. Aber wie dieß nun ſein mag, ob ſie ſich beim erſten Mal heiſer gehur⸗ raht hatten, oder ob ſie in den Zügen des alten Herren vergebens den belebenden Geiſt ſuchten, der ſie das letzte Mal befeuert hatte, die Freude war bei dieſem Gaſtmahle ziemlich ſtille, und nachdem ſie, um doch einer Sache Ehre anzuthun, beſt möglichſt gegeſſen und getrunken hatten, gingen ſie nach Hauſe, wo ſie offen mit den Ihrigen ihr ziemlich lautes Mißvergnügen darüber aus⸗ ſprechen konnten, daß der hochfahrende Rittmeiſter dem braven Kapitän den Rang abgelaufen hatte. Und über⸗ dieß war das heitere und herablaſſende Fräulein Ebba immer in höherer Gunſt geſtanden, als Fräulein Eugenie, und daher kam es nun, daß man gar nicht damit zu⸗ frieden war, daß man dem Sohn der Letztern vor dem der Erſtern huldigen ſollte. Niemand von dem alten Baron, bis herab zu dem letzten Hirtenjungen konnte ſich mit dieſem Gedanken ausſöhnen. Was den Baron E— brand ſelbſt betraf, ſo hatte er natürlich ſeine fehlgeſchlagene Hoffnung niemals in Worten ausgeſprochen. Aber jeder konnte doch hinläng⸗ lich bemerken, wie es in dieſer Hinſicht ausſah; und als die beiden Familien im folgenden Sommer nach Tyrings⸗ holm kamen, um ihre Lieblinge zu zeigen, ſo ſah der Rittmeiſter mit heimlichem, aber nur um ſo tieferem Aerger, daß der Großvater dem abgeſetzten Majorats⸗ herren einen unwillkürlichen Vorzug vor dem eigentlichen Prätendenten gab. Auch Eugenie gewahrte mit dem ſchar⸗ fen Blick der Mutterliebe dieſelben Symptome; und hätte nicht die freundliche und liebenswürdige Ebba mit ihrem zugleich herzlichen und frohen Weſen die ſchweſterliche Harmonie mit Macht aufrecht erhalten, ſo würde man vielleicht manchen unangenehmen Auftritt erfahren haben. Wenn Eugenie z. B. ſagte:„Ich ſehe recht wohl, daß Papa meinen kleinen Knaben nicht beſonders liebt, ſon⸗ dern dem Deinigen das beſte— ſeine Liebe ſchenkt,“ dann erwiederte die freundliche Baronin Ebba mit ihrem ſanf⸗ teſten Lächeln:„Liebe Eugenie, Du mußt Dich erinnern, daß reiche Majoratsherren weit weniger der Liebe be⸗ dürfen, als arme Fähndriche! Uebrigens bin ich gewiß, daß Du Dich täuſcheſt, wenn Du Papa für ſo par⸗ theiiſch hältſt: Es iſt nur ein feines Zartgefühl gegen bine welches übel zu nehmen Du ſelbſt zu. gut und edel biſt.“ Die Jahre gingen indeſſen in ihrem gewöhnlichen Gang dahin. Der Rittmeiſter war allmählig bis zum Grade eines Oberſtlieutenants geſtiegen, und hatte mit dem Tit Einkünft mehrt, Kinder eine Toc zogen w noch im woraus trotz der gervater dürſtig ſ hatten ſi niedergel Hoffnung der Maj Tjällstor vermöger hatte. aber neu und die fühlte ni über den andern. derſelben Abe wärts zu vorwäͤrts Brucke Hinterni d über⸗ Ebba ugenie, nit zu⸗ r dem alten tte ſich hatte ils in nläng⸗ id als rings⸗ h der eferem orats⸗ lichen ſchar⸗ hätte ihrem erliche man aben. daß ſon⸗ dann ſanf⸗ nern, be⸗ ewiß, par⸗ jegen edel ichen zum mit 1* 49 dem Titel als Oberſt ſeinen Abſchied genommen. Seine Einkünfte hatten ſich durch einen klugen Haushalt ver⸗ mehrt, und er und ſeine Frau beſaßen keine weitern Kinder als den obgenannten Sohn Klas Malchus und eine Tochter, die jedoch nicht im Hauſe der Eltern er⸗ zogen wurde. Der Kapitän dagegen, jetzt Major, der noch im Dienſte war, hatte eine ganze Schaar Kinder, woraus ziemlich natürlich hervorging, daß ſeine Umſtände trotz der bedeutenden Unterſtützung, die ihm ſein Schwie⸗ gervater reichte, nicht beſſer waren, als ſie eben noth⸗ dürftig ſeyn mußten. Beide, der Oberſt und der Major, hatten ſich ſchon längſt in der Nähe von Tyringsholm niedergelaſſen, der erſtere auf einem Pachthofe, in der Hoffnung ihn bald gegen etwas Beſſeres umzutauſchen, der Major aber auf dem kleinen und reizenden Gute Tjällstorp, welches der alte Baron von ſeinem Privat⸗ vermögen angekauft und ſeiner Tochter Ebba geſchenkt hatte. Tjällstorp enthielt ein nicht ſonderlich großes, aber neues, ſchönes und wohlgelegenes Wohngebäude, und die treffliche und dürftige Familie, die darin lebte, fühlte nicht den geringſten Neid nicht einmal einen Schmerz über den Verluſt der großen Hoffnungen, welche den andern Zweig der Familie, wenigſtens das Oberhaupt derſelben belebte... Aber während wir im beſten Zuge ſind, um rück⸗ wärts zu gehen, eilt der Oberſt in ſeiner leichten Drotſchke vorwärts und hat eben jetzt eine hübſche grünbemalte Brücke erreicht, wo er wegen eines ihm begegnenden Hinterniſſes ſchnell die Zügel anzieht und haͤlt. Die Brücke geht über einen Strom, deſſen klare Wellen den Felſen beſpülen, auf dem das alterthümliche Tyrings⸗ holm gebaut iſt; und wie jener Reiſende wollen auch wir hier einen Augenblick ſtehen bleiben, um ſeine ſchöne Lage und ſein maleriſches Bild zu betrachten. Im vollkommenen Gegenſatz gegen die rechte Seite, wo ſich die Waſſermaſſe in mehreren Fällen aus dem Das Fideicommiß. 1. 4 50 dunklen Fichtenwalde hervorwälzt, der die reiche Holz⸗ niederlage des Gutes liefert, welche von zwei hungrigen Sägewerken in eiligem Laufe verſchlungen wird, zeigt die Lücke ein um ſo ruhigeres Gemälde in der Thal⸗ öffnung, wo der Strom ſeine rauſchenden Wellen in einen kleinen See niedergelegt hat, der ſtets bereit iſt, die hel⸗ len Bäume der Ufer, die einander ſo weit das Auge geht, in phantaſtiſchen Formen überbieten, in ſeinem Spiegel aufzunehmen. Nicht weniger phantaſtiſch erhebt ſich auf der Anhöhe vor der Brücke der alte Herrenſitz, ein Ueberbleibſel aus längſt vergangenen Zeiten, mit ſei⸗ nen graugelben Steinmaſſen. Die Jetztzeit hat ſeine ausſpringende Flügel in eine moderne Farbe gekleidet, und dieſe erſtreckt ſich ſogar auf die Gebäude der Arbeits⸗ leute, die ſeitwärts hinter einer Reihe von Pappeln her⸗ vorſchimmern, welche über die Teraſſen der Felſenmauer wehen und rauſchen. Ein Altan von der Plattſeite des Daches,— dem verfallenen und düſtern Galleriewerk nach zu urtheilen, wahrſcheinlich ſeit vielen Jahren nicht mehr benützt— ruſt die Erinnerung an die Pracht der Ritterzeit zurück. Man denkt an die alten Chroniken und meint, man müſſe jetzt eine verſchleierte Dame ſehen, eine jener romanti⸗ ſchen und entzückenden Adelgunden oder Kunigunden, wie ſie den runden Arm auf die Balluſtrade geſtützt mit ſehn⸗ ſuchtsvollen Blicken nach dem aus dem Heldenkampf zu⸗ rückkehrenden Geliebten ſpähte. Die Täuſchung wäre vollkommen, wenn nicht die friſch getünchten Fluͤgel mit Eins uns daran erinnerten, daß wir uns in unſerer nüchternen Zeit befinden, wo keine ritterlichen Abenteuer mehr produzirt werden. Kein Kurt oder Kuno bricht mehr eine Lanze auf Leben und Tod für ſeine Schöne; keine Bertha oder Agnes ſtickt die Thaten ihres Helden in Gold, oder wirkt unter dem Perlenthau ihrer Thrä⸗ nen die Schäͤrpe, womit er ſich im Streite umgürten ſoll. Nein! entflohen ſind ſie, die Tage der ächten Ro⸗ mantik und des Heroismus! Die Männer brechen jetzt, ſo kla Schwe halb mit H doch n ſeine mußte werder lich: d trachte die in Phant der F Oberſt ſchwer ſeinen Vergo beibehe gen u Luruſſ Ungele maß gering die, gen Züge und Form finden ſelbe nur nicht mit ſchän Holz⸗ ingrigen „ zeigt Thal⸗ in einen die hel⸗ s Auge ſeinem h erhebt errenſitz, mit ſei⸗ at ſeine gekleidet, Arbeits-⸗ eln her⸗ enmauer — dem rtheilen, nützt— zurück. in müſſe vomanti⸗ en, wie nit ſehn⸗ npf zu⸗ g waͤre üͤgel mit unſerer benteuer o bricht Schöne; Helden r Thrä⸗ mgürten ten Ro⸗ en jetzt, 51 ſo klagen wenigſtens die Damen, ganz andere Dinge als Schwerdter und Lanzen, und die Damen haben ſiche deß⸗ halb genöthigt geſehen, anſtatt ihrer Thaten ſie ſelbſt mit Hund und Jagdtaſche in Stramin zu nähen! Oberſt von&—, obwohl keine poetiſche Natur, ging doch nie über die Brücke, ohne dem prächtigen Gemälde ſeine ungetheilte Aufmerkſamkeit zu widmen; denn es mußte ja doch einmal das Eigenthum ſeines Sohnes werden, und das wollte er dann nicht— er ſelbſt nem⸗ lich: der Majoratserbe wurde ſtets in zweiter Reihe be⸗ trachtet— für Veränderungen und Pläne vornehmen, die in jedem Jahre, wo er genöthigt war, ſie auf bloße Phantaſieen einzuſchränken, wieder anders waren! Eine der Fragen, die hauptſächlich den lebhaſten Sinn des Oberſten in Anſpruch nahmen, war die, ob er das alte ſchwere und altmodiſche Ameublement— es ſah mit ſeinen gediegenen Verhältniſſen und ſeinen halb ſchwarzen Vergoldungen ſo ganz antik und ariſtokratiſch aus— beibehalten, oder ob er dem modernen Geſchmacke fol⸗ gen und eine Einrichtung nach der Schule des neueren Luruſſes treffen ſolle. Dieſes Letztere hatte jedoch eine Ungelegenheit, welche der Oberſt ſeinem Charakter ge⸗ mäß nicht überſehen konnte: Er konnte ja leicht bei den geringern Gutsbeſitzern eben ſolche Möbel antreffen wie die, welche eines ſeiner eigenen Gemächer zierten. Es iſt ein großer, beinahe grober Fehler der jetzi⸗ gen Möbelgeneration, daß ſie ſo wenig eigenthümliche Züge beſitzt. Im Allgemeinen huldigt ſie in ihrer Form und Jedermann weiß, welch' eine wichtige Sache die Form iſt— einem Aehnlichkeitsſyſtem, das nicht ſtatt⸗ finden ſollte. Wer entdeckt z. B., da ja die Favon die⸗ ſelbe iſt, ob dieſer prachtvolle Sopha von maſſivem oder nur eingelegtem Mahagony gearbeitet iſt, ja ob derſelbe nicht ſogar in einem gewiſſen Verwandtſchaſtsverhältniſſe mit der Birke ſteht? Und dieſer ſchöne Wollendamaſt, ſchämt er ſich wohl, da er in höherem Purpur als der 4* Seidenzeug ſelbſt, erröthet? Ach nein! er wagt es nur in ſeiner Kühnheit, eine eben ſo prächtige, wenn nicht noch prächtigere Farbe, einen eben ſolchen Glanz zu ha⸗ ben, als der Purpurſammt ſelbſt! Und all' dieſe Schnüre, Quaſten, Rouleaur und Kordons, wachſen ſie nicht wie an einem Baume für Jedermann, der ſie um ſein Geld pflücken will? Es bleibt alſo nur noch übrig, daß man ſie etwa nach ihrer Elaſticität(welche aus der Menge des Roßhaares entſteht) in zwei Klaſſen theilen kann; allein dieſe Eigenſchaft fällt nicht in die Augen, und iſt deßhalb ohne eigentlichen Werth. Man ſieht daraus, welche Ungelegenheiten durch dieſes Aehnlichkeitsſyſtem entſtehen, und daß die Eman⸗ zipation der Möbel von ihrer alten Schule, welche eine beſtimmte Trennung in der Form beſaß, höchſt tadelns⸗ werth iſt. Es gibt vielleicht Leute, welche behaupten, daß das ganze Möbel— wie ſollen wir doch ſagen— ¹ Möbelcorps an ſich zu unbedeutend iſt, um einige Auf⸗ merkſamkeit darauf zu verwenden, in welcher Form es erſcheint. Das mag an ſich wahr ſeyn, aber gewiß nicht was die Form betrifft, denn jede Form vertritt etwas: Sie iſt die Oberfläche, die Zierde der Sache. Ehrens⸗ vürd ſagt:„Die Zierde iſt ein Zuwachs der Sache, ein großer Schein der Sache; ſie iſt nicht ſo klar wie die Farbe, aber ſie iſt glänzender als jede mögliche Farbe und jede mögliche Sache. Sie iſt nicht das, was man die Geſtalt der Sache nennt; aber ſie iſt eine mannig⸗ fache Geſtaltung der Sache. Sie iſt was ein Nebel in weiter Entfernung von einer Sache zeigt. Er zeigt Alles und doch nichts; er zeigt mehr und doch nicht Alles.“ So iſt es auch mit der Form, und deßhalb iſt die Form für viele Leute mehr als ihr eigentliches Selbſt. Die Form ihrer Möbel darf alſo ebenfalls nicht für eine Klei⸗ nigkeit angeſehen werden. Wenn man in eines jener ächt ariſtokratiſchen Schlöͤſſer eintritt, ſo ſindet man mit einer Art Erſtaunen, daß jedes Möbel gleichſam an der Stelle des hingegangenen Schloß⸗ . ¹ herrn einem blemen prahlt druck 1 mit ſei wohnn Geiſte verſteh denn man wieder dieſem etwas halb ganze ein E damal gehab leibe holm grenz gebill lichen Ober er ſp Vorr einen gedie einen könn neue der kein es nur nn nicht zu ha⸗ Schnüre, licht wie ein Geld aß man Menge kann; und iſt n durch Eman⸗ che eine tadelns⸗ haupten, agen— ige Auf⸗ Form es viß nicht etwas: Ehrens⸗ ſche, ein wie die he Farbe das man mannig⸗ Nebel in igt Alles t Alles.“ die Form ſt. Die eine Klei⸗ Schlöſſer daß jedes Schloß⸗ 53 herrn die Honneurs macht; und das iſt doch viel von einem Möbel! Man ſehe dagegen unſer modernes Ameu⸗ blement in einem modernen Schloſſe; es glänzt und prahlt— aber es iſt doch Bürgerlurus, der keinen Ein⸗ druck macht. Bei all' dieſem Uebelſtand war der Oberſt, der gerne mit ſeiner Zeit gehen wollte, dennoch verſucht, die Pracht⸗ wohnung von Tyringsholm nach dem gegenwärtigen Geiſte einrichten zu laſſen. Unter dieſem Gegenwärtigen verſtehe ich aber weder den heutigen noch den geſtrigen; denn hätte der Oberſt von X— gerade jetzt gelebt, wo man den Werth eines alten ſchwerfüßigen Lehnſtuhles wieder recht zu ſchätzen verſteht, ſo hätte er ſich nie mit dieſem Kummer befaſſen können. Aber wir müſſen uns etwas zurück in der Gegenwart denken. Der Oberſt ging halb und halb mit dem entſetzlichen Entſchluſſe um, die ganze alte Herrlichkeit in der Auktion zu verkaufen, als ein Ereigniß eintrat, welches, falls das Majoratserbe damals in ſeine Hände gerathen wäre, gewiß zur Folge gehabt hätte, daß Alles in ſeiner urſprünglichen Geſtalt bleiben durfte. Es geſchah nämlich, daß ein Rittmeiſter von Stock⸗ holm eines der Güter kaufte, welches an Tyringsholm renzte, und der Oberſt, der an einem paſſenden und gebildeten Umgang ein Vergnügen fand, über den alltäg⸗ lichen Namen Hukanſon wegſah; denn es war dem Oberſt ſehr daran gelegen, für populär zu gelten, und er ſprach gerne von der Lächerlichkeit alter ariſtokratiſcher Vorurtheile, denen er jedoch ſelbſt im Innern und in einem weit höhern Grade huldigte, als mancher wirklich gediegene Ariſtokrat, der die Ahnen des Oberſten in einen Nebenzweig ſeines Stammbaumes hätte einſchließen können. Inzwiſchen langte die Hukanſon'ſche Familie auf ihrem neuen Gute an und gab gleich darauf den Herrſchaften der ganzen Umgegend ein Gaſtmahl. Der Oberſt, der keinen Grund hatte, die Einladung abzulehnen, begab ſich dahin, hatte jedoch die Vorſicht, ſeine Frau zu Hauſe zu laſſen, für den Fall, daß man ſich nicht bewogen ſinden würde, den Umgang fortzuſetzen. Das Diner war glänzend, die Weine ausgeſucht; nichts aber übertraf die prahlende Pracht in dem Salone und den bei den kleineren Wohnzimmern. Jedes Möbel glänzte vor Neuheit; der ſeidene Ueberzug war von der feſteſten Gattung— und das Roßhaar in einem ſolchen Ueberfluß vorhanden, daß der Sopha wogte wie bei hoher See. Ein paar der vornehmſten Damen fühlten eine lei⸗ Anwandlung von Seekrankheit, als ſie ſich darauf etzten.— „Das iſt ſehr ſchön,“ ſagte der Oberſt zu einem Bekannten. „Ja, meiner Seel',“ erwiederte dieſer,„es iſt wahr⸗ haft königlich dafür, daß wir bei einem Metzger ſind.“ „Metzger,“ wiederholte der Oberſt,„iſt er denn nicht Rittmeiſter bei... Ich erinnere mich jetzt, daß ich den Namen des Regiments nicht gehört habe.“ „Bei der Stockholmer Bürgergarde,“ lächelte der Andere.—„Metzger und Stadtrittmeiſter!“ Es war, als ob der Oberſt ein Duſchbad auf den Rücken bekäme; aber natürlich ließ ſich der feine Mann nichts anmerken. Beim Abſchied wartete die Frau vom Hauſe vergebens darauf, unter dem Schwall ſeiner Ar⸗ tigkeiten etwas zu hören, was einer Einladung zu ei⸗ nem Beſuche oder dem geringſten Wunſche einer ferne⸗ ren Bekanntſchaft gleich geſehen hätte. Daraus wurde nichts! der Oberſt ſprach von allem Anderen, nur nicht von dieſem, und ſobald er im Wagen ſaß, war ſein er⸗ ſter Gedanke der:„Wie ſoll ich jetzt Tyringsholm mö⸗ bliren?“. Zu allem Glück, obſchon der Oberſt es gewiß nicht für ſehr glücklich anſah, ging Jahr auf Jahr dahin, ohne daß ſein Erfindungsgeiſt auf eine ernſte Probe geſetzt wurde. Zwar bekam der alte Baron jeden Herbſt und jedes Frühjahr einen Anfall von der Gicht; aber dies h dieſes da der lendets ſchaftl 9 der G Oberſ und Gedaun begra und glückl Brüch Nach im A den fuhr ſchie weder Nach gewe ſtürz Wie der tiefe war zu auf ten und der ter ſen laf u Hauſe bewogen geſucht; Salone Möbel von der ſolchen ei hoher en eine darauf u einem t wahr⸗ ind.“ nn nicht ich den Alte der luf den Mann iu vom er Ar⸗ zu ei⸗ ferne⸗ wurde r nicht ein er⸗ n mö⸗ ß nicht dahin, Probe Herbſt ; aber dies hatte der Sache nie einen Ausſchlag gegeben, bis dieſes Mal, wo es denn auch hohe Zeit zu ſeyn ſchien, da der Majoratserbe nächſtens das zwanzigſte Jahr vol⸗ lendete, und folglich nur noch eines für die vormund⸗ ſchaftliche Regierung des Oberſten übrig blieb. Man begreift jetzt, welch' eine wichtige Botſchaft der Eilbote von dieſem Morgen brachte. Auch war der Oberſt während des ganzen Weges zwiſchen Rönnäs und Tyringsholm— es war eine halbe Meile— im Gedanken damit beſchäftigt; ſeinen Schwiegervater zu begraben, und hatte eben mit einer prunkenden Rede und direkt aus Stockholm beſtellten Verſen den Alten glücklich im Chore untergebracht, als er mitten auf der Brücke auf einen reitenden Boten ſtieß, der ihm die Nachricht überbringen ſollte, daß der alte Baron gerade im Augenblick an einem heftigen Schlaganfalle verſchie⸗ den ſey. „O mein Gott! mein Gott! rief der Oberſt, und fuhr ſchnell mit dem Sacktuch über das Geſicht. Er ſchien in der That im höchſten Grade überraſcht, ent⸗ weder weil er ſich jetzt erſt erinnerte, daß die genannte Nachricht eigentlich vorher noch nicht an ihn gelangt geweſen war, oder auch um unter der Maske der Be⸗ ſtürzung ſeinen Mangel an Betrübniß zu verbergen. Wie dies nun ſeyn mag, ſo hatten ſeine Züge während der kurzen Strecke, die er noch zu Fuße ging, eine ſo tiefe Trauertracht angelegt, daß es wirklich erbaulich war; und es gelang ihm ſogar, eine Thräne ins Aug' zu bringen, als er die breite Treppe zum Portale hin⸗ aufſprang. In dem Zimmer neben dem Schlafkabinete des al⸗ ten Barons fand der Oberſt ſeine Schwägerin in tiefer und inniger Trauer, denn es war die des Herzens. Mit der wärmſten Liebe hatte ſie die Zärtlichkeit ihres Va⸗ ters vergolten. Sie wußte, daß ſie ſein Liebling gewe⸗ ſen war. Darum hatte ſie auch ihr eigenes Haus ver⸗ laſſen, um bei ihm zu wachen und all' die Sorgfalt ei⸗ ner liebenden Tochter an den kränklichen Alten zu ver⸗ ſchwenden. „Ach, Malchus!“ ſagte ſie zu dem Oberſten, und deutete unter ſtillen Thränen nach dem dunklen Gemache, deſſen halb geöffnete Thüre einen hinlänglichen Blick in die Wohnung des Todes gewährte.„Ach Malchus! mein Vater, mein alter, theurer Vater— jetzt iſt er nicht mehr!“ „Ja,“ ſeufzte der Oberſt nach einem kurzen Blick in das Leichenzimmer— Leichen und Leichenzimmer ge⸗ hörten im Allgemeinen unter die größten Antipathieen des Oberſten—„es iſt hart, ſehr hart, meine gute Ebba!“ er drückte der trauernden Tochter die Hand, und blinkte ſtark mit dem Augenwimper, um die Thräne vollends herauszudrücken, die noch beſcheiden dort ſaß. Indeſſen iſt es meine Pflicht, daß ich mich zu beherr⸗ ſchen ſuche, um bei dieſer traurigen Gelegenheit meine arme Eugenie zu ſchonen.“ „Eugenie, jal! warum iſt ſie nicht hier? warum war ſie in den letzten Tagen nicht hier?“ rief die Ma⸗ jorin und ſah mit einem vorwurfsvollen Blick auf ihren Schwager. „Sie iſt zu ſchwach, um es in die Länge an einem Krankenbette auszuhalten, und eben vorhin wurde ſie von Deinem Briefe ſo heftig ergriffen, daß ich ihr al⸗ les Ernſtes zureden mußte, um ſie zum Daheimbleiben zu vermögen.“ „Ach, mein liebes, liebes Tyringsholm!“ ſeufzte die Majorin, ohne auf die Antwort ihres Schwagers zu hören. Aber der Oberſt, der ihre Gefühle nicht be⸗ griff, ſagte, weil er dies für den letzten Troſt hielt, zu ihr:„Sey überzeugt, liebe Ebba, daß Tyringsholm ſtets für Dich und die Deinen eine bleibende Heimath bleiben wird.“ Es lag eine einfache und freundliche Offenheit in dieſen Worten, wie ſie ſich noch nie in der Ausdrucks⸗ weiſe des Oberſten gefunden hatte. Er wollte Vertrauen einflöß wöhnl dieſes ſollte ſehend aber i mächti ſich e würde genen das ſe Kinde was i 6 E— b die L2 der G hatte Tyrin kehrt, die F Ausdr heiten liegen eine ſich i die g lenen zeugt gange der tete und u ver⸗ , und emache, gZlick in alchus! iſt er Blick er ge⸗ athieen 2 gute Hand, Thräne t ſaß. veherr⸗ meine varum Ma⸗ ihren einem de ſie hr al⸗ dleiben ſeufzte agers zt be⸗ t, zu ſtets leiben it in rucks⸗ rauen 57 einflößen und wußte von Alters her, daß es ſeiner ge⸗ wöhnlichen ceremoniellen Sprache nicht gelingen würde, dieſes Gefühl in jener zu erwecken. Aber auch jetzt ſollte es ihm nicht glücken. Die Majorin war eine hell⸗ ſehende Frau. In Wort und Ton lag Herzlichkeit; aber in dem Sinne derſelben war Etwas, was klar den mächtigen Gönner ſehen ließ. Die Baronin erinnerte ſich erſt jetzt, daß ſie kein anderes Erbe davon tragen würde, als die Erinnerung an die Liebe des Hingegan⸗ genen; und ſie dachte zu edel, um nicht dieſes Loos für das ſchönſte anzuſehen, wenn ſie auch um ihrer vielen Kinder willen mit einem gewiſſen Schmerz an das dachte, was ihr nicht zufiel. Drittes Kapitel. Seit drei Monden ruhte jetzt der alte Baron Klas E— brand in der Familiengruft, ſeit drei Monden war die Baronin Eugenie in einem Zuſtande geweſen, der der Geiſteszerrüttung nahe verwandt war, und der Oberſt hatte ununterbrochen Alles in den alten Mauern von Tyringsholm reparirt, und das Unterſte zu Oberſt ge⸗ kehrt, da war endlich die Sache ſo weit gediehen, daß die Familie ihren großen Einzug halten, und nach dem Ausdruck des Oberſten, in die beſchwerlichen Obliegen⸗ heiten ihres Standes eintreten konnte. Unter dieſen Ob⸗ liegenheiten verſtand der Oberſt nichts Geringeres, als eine Art kleine Hofhaltung, um deren Einrichtung er ſich in der That keine geringe Mühe gab, wovon auch die ganze Reihe der unter dem vorigen Beſitzer verfal⸗ lenen und jetzt neu wieder hergeſtellten Gaſtzimmer zeugte. Die Flügel, die in Allem mit ihrer Zeit ge⸗ gangen waren, wurden, der eine für den Majoratserben, der andere für das Fräulein beſtimmt. Dieſes erwar⸗ tete man jetzt natürlich daheim, und mit ihr die reiche und gnädige Frau Tante, bei welcher ſie erzogen wor⸗ den war. Dieſe verwittwete Tante, die Kammerräthin Malmros, war die Halbſchweſter des Oberſten, aber keine geborene Freiin, denn die Mutter des Oberſten brachte ſie aus ihrer erſten Ehe mit; hier hatte jedoch der Barontitel auf alle Fälle weniger zu ſagen, denn die Kammerräthin wog ihre vollgewichtigen hunderttau⸗ ſend Reichsthaler— ein Verdienſt, wofür die brüderliche Liebe nicht gefühllos war. Aber ehe wir den ganzen Familienſtaat en face d. h. vor der großen Auswanderung oder vielmehr Ein⸗ wanderung betrachten, dürfte es gut ſeyn, die Profile der zwei künftigen Hauptperſonen, nämlich des dazu be⸗ ſtimmt geweſenen und des wirklich gewordenen Majo⸗ rathsherrn zu zeichnen; und dazu waͤhlen wir ein paar Briefe, die zwiſchen den beiden Vätern und Söhnen gleich nach der Kataſtrophe oder dem Tode des alten Oberſten gewechſelt wurden. Wir beginnen mit dem Brief des Oberſten, der als ein Beitrag zu ſeiner Charakteriſtik angeſehen werden kann. „Mein geliebter Sohn! So iſt mir denn endlich die für mein Vaterherz ſo ſtolze Freude, dieſes ſo lang erſehnte Glück geworden, Dich als den Beſitzer des prächtigen Tyringsholm be⸗ grüßen zu dürfen. Es hat dem Höchſten gefallen, Deinen vortrefflichen Großvater, dem Du wie wir Alle ein ſchmerzliches Andenken widmen mußt, abzurufen. In Anſehung Deiner Jugend, Deines Mangels an Erfahrung, ſo wie Deiner Minderjährigkeit, welche Dir noch nicht erlaubt, ſelbſt Hand an etwas zu legen, habe ich es für meine unabweisliche Pflicht gehalten und— merke Dir das wohl, mein beſter Klas Malchus— werde es ſtets dafür halten, ülle Laſten auf mich ſelbſt zu legen, da meine Schultern beſſer im Stande ſind, alle die mit einer weitläufigen Gutsverwaltung und einem großen Hauſe verbundenen Sorgen zu tragen. G Baror lautet wirſt ſo zu Spröf Es i Konte meine Krieg darum könnte ſtändi ſehen nothr reiche mit e ſo g ſchwie ſehr dieſe einige Track mein räthin aber verſten jedoch denn erttau⸗ erliche face Ein⸗ Profile zu be⸗ Majo⸗ paar zöhnen alten er als kann. erz ſo orden, m be⸗ Deinen le ein els an he Dir „habe ind— werde legen, die mit Hauſe So biſt Du denn jetzt Beſitzer von Tyringsholm. Baron Klas Malchus E—brand von Tyringsholm! Das lautet recht ſchön, ſehr ſchön; und ich zweifle nicht, Du wirſt Deine neue, wahrlich nicht unbedeutende Würde ſo zu behaupten wiſſen, wie es meinem Sohne, dem Sprößling zweier ehrwürdigen Stammbäume, geziemt. Es iſt mir höchſt unangenehm, daß die meiſten alten Konterfeien aus unſerer eigenen Familie nach dem Tode meines Vaters, der während meiner Abweſenheit im Kriege erfolgte, verauktionirt wurden, und ich wollte viel darum geben, wenn ich wüßte, wo ich ſie wieder kaufen könnte; denn ich habe mir in den Kopf geſetzt, eine voll⸗ ſtändige Familienbildergallerie einzurichten. Du wirſt ein⸗ ſehen, welchen Effekt es machen wird, oder vielmehr wie nothwendig es iſt, daß Du, da Tyringsholm eine ſo reiche Sammlung Deiner mütterlichen Ahnen beſitzt, auch mit einer Reihe väterlicher glänzeſt. Vielleicht bin ich ſo glücklich, einen Künſtler zu finden, auf deſſen Ver⸗ ſchwiegenheit man ſich verlaſſen darf. Dann wäre es ſehr leicht, nach ein paar Miniaturgemälden,— woher dieſe kommen ſollten, davon ſprach der Oberſt nichts— einige wichtigere Perſonen aus unſerer Familie in der Tracht der alten Zeit im Bruſtbilde zu malen, wie z. B. meinen Großvater, den Admiral, der eigentlich die Schlacht bei... entſchied, wofür er die Freiherrnwürde erhielt (mein Vater war nur Kapitän, und ſein Portrait hab ich auf alle Fälle)— meinen Großonkel, den Landes⸗ hauptmann B— krona, der mit der Erzellenz C— ſköld verſchwägert war, dem berühmten C⸗ ſköld(Du haſt doch von ihm ſprechen hören, oder vielmehr von ihm geleſen?)— meine Großmutter, eine Gräfin P-feldt, höchſt celebrirt zu ihrer Zeit, wegen ihrer Beziehungen zu einer gewiſſen hohen Perſon— und meine verſtorbene Schweſter, bekannt wegen ihrer Schönheit und ver⸗ mählt mit dem Baron und Kammerherrn, Hampus von L— u. ſ. w. Was das Hauptgebäude betrifft, ſo fordert es weit⸗ läufige Reparationen. Du weißt, daß Dein Großvater nach der Gewohnheit alter Leute keinen Nagel in die Wand geſchlagen hätte und wenn es auch zuſammen gefallen wäre, ich bin indeſſen noch ganz unentſchloſſen, ob ich ihr das alte, unläugbar feudale Ausſehen der äuſ⸗ ſern Mauern beibehalten oder das ganze Schloß weiß übertünchen laſſen ſoll. Ich nenne es Schloß, da ein ſo weitläufiges Gebäude mit mehr Grund ſo genannt werden kann, als manche wirklichen kleinen Schlöſſer. Das alte Ameublement gedenke ich beizubehalten—(aber ſieh, da ertappe ich mich auf einer Tautologie, das iſt ganz gegen meine Gewohnheit. Man muß ſowohl im Sprechen als Schreiben ſtets ſehr genau ſeyn und nie zwei gleiche Worte wiederholen, was von einem Mangel an Sprachgewalt zeugt. Hier ſtanden nun freilich die Worte„beibehalten“ in einer zu großen Entfernung von einander, um eine ſolche Beſchuldigung zu rechtfertigen; aber ſie wurden auf alle Fälle zu nahe gebraucht. Lies Er⸗ halten)— nämlich in den vornehmſten Zimmern. Aber die ſechs kleineren, ſo wie die Gaſtzimmer wollen wir moderniſiren. Ich ſchreibe nächſten Poſttag nach Stock⸗ holm, um Alles durch die Kammerräthin nach ihrem und Iſabellens Geſchmack beſtellen zu laſſen. Ich ſelbſt werde nur noch einige Vorſchriften über das Ganze geben. Die Kammerräthin hat die Güte Iſabellen zu begleiten, und ich hoffe ſie dazu überreden zu können, daß ſie ſich wenigſtens den Winter über in Tyringsholm niederläßt. Sie iſt ein äußerſt charmantes und gebildetes Frauen⸗ zimmer, und fiüllt ſtets ihren Platz aus. Uebrigens dürfte ſie uns um ſo unentbehrlicher werden, als ſich Deine Mutter durch die ſchreckliche Erſchütterung, die der Tod Deines Großvaters bei ihr hervorbrachte, ſo ſchwach befindet, daß es ungewiß iſt, ob ſie die Oblie⸗ genheiten, die einer Wirthin zukommen, auf die gehö⸗ rige Art oder überhaupt auf irgend eine Art überneh⸗ men kann. Nun, mein lieber Baron Klas Malchus E— brand von TD Eure eingeſe weiter armer wegen das k Tyrinz nur n Erlau beinal ſehen her, Du ſe ſen, r nach dem hier Tage Kunſt niem viel die 1 man gege erbã eine mar die heit mö die B e D ko vater die nmen oſſen, äuſ⸗ weiß a ein nannt löſſer. (aber s iſt l im d nie angel ) die von aber Er⸗ Aber wir Stock⸗ ihrem ſelbſt geben. eiten, e ſich wläßt. auen⸗ igens Oblie⸗ gehö⸗ rneh⸗ prand von Tyringsholm,— das klingt verteufelt hübſch!— Eure Herrlichkeit wird wohl bei dieſer Lage der Dinge eingeſehen haben, daß es beinahe tollhäusleriſch wäre, weiter in den Kreis der Wiſſenſchaften einzudringen! Ein armer Junge mag ſich immerhin Geld, Frau, ja meinet⸗ wegen grün wachen, um ſich ein Brod zu verſchaffen— das kann ihm Niemand verdenken. Aber der Beſitzer von Tyringsholm hat Gelehrſamkeit und Kenntniſſe genug, nur nicht im Punkte des guten Tons; denn mit Deiner Erlaubniß, mein beſter Klas Malchus, hierin ſtehſt Du beinah hinter jedem jungen Manne, den ich bisher ge⸗ ſehen habe, bedeutend zurück. Doch dieß kommt davon her, weil Du Dich ſo wenig mit Dir ſelbſt beſchäftigſt, Du ſchenkſt Deine Aufmerkſamkeit nur der Gattung Wiſ⸗ ſen, welche man aus Büchern holt, die aber meiner Anſicht nach von weniger Nutzen iſt, als die, welche man aus dem Umgang mit gebildeten Perſonen ſchöpft. Ich meine hier nicht jene allgemeine Bildung, die man heut zu Tage überall antrifft, ſondern jene, welche eigentlich die Kunſt zu leben in ſich ſchließt. Ich meines Theils habe niemals eine tiefe Gelehrſamkeit erheuchelt; aber ich habe viel geleſen, und ich führe hier eine Stelle aus Thorild an, die meine eigenen Ideen über die Art und Weiſe, wie man ſich ſelbſt betrachten ſoll, vollkommen erklärt: „Da Gott und die Natur Einem nichts Edleres gegeben haben, als ſein eigenes Weſen, wie leer und erbärmlich muß nicht dieſes ſein, wenn man eine Luſt, eine Ehre daran finden kann, demſelben zu entſagen, wenn man den Schein eines andern höher ſchätzen kann, als die Wirklichkeit ſeiner ſelbſt! Zu einer ſolchen Gemein⸗ heit der Gemeinheit ſteigt das Thier nie herab.“ Das iſt ſehr ſchön geſagt, ſehr bezeichnend! Ich möchte wünſchen, Du überdaͤchteſt die ſchöne Wahrheit, die hierin liegt, dann würdeſt Du gewiß der armſeligen Begierde entſagen, für den Schein der Gelehrſamkeit Deinen eigenen Werth, Dein Ich aufzuopfern. Nein, komme jetzt heim, mein theuerſter Klas Malchus, ſo ſchnell als möglich— und ich werde mich ungeachtet aller meiner dringenden Geſchäfte für glücklich ſchaͤtzen, Dir meine Vorſorge widmen zu dürfen; und ſofern Du ſelbſt willſt, ſo wage ich ohne Prahlerei die Behauptung aufzuſtellen, daß Du nur den täglichen Umgang in Deiner Familie bedarfſt, um jenen feinen Takt, jene leichte und anmuthige Tournüre zu gewinnen, welche das erſte und ſicherſte Kennzeichen einer guten Erziehung iſt. Ich verlange gewiß nicht, daß Du Deine Bücher fortwerfen ſollſt, um Dich ganz und gar dem Studium des geſellſchaftlichen Lebens zu widmen; aber ich ver⸗ lange, d. h. ich wünſche, daß Du ſo bald nach Hauſe kommſt, daß wir noch einige Monate vor unſerm Zuge nach Tyringsholm vor uns haben; denn einmal dort, ſiehſt Du, ſo ſind wir gezwungen, öffentlich zu leben, Leute zu ſehen und den Ton anzugeben, während wir dagegen in der noch übrigen Zeit wegen der Trauer um den ſeligen Schwiegervater, ſo wie der Kränklichkeit Dei⸗ ner Mutter und der Zurüſtungen für Tyringsholm en famille leben können. Ich rechne darauf, daß Du durch den Umgang mit Deiner Schweſter bedeutend gewinnen wirſt. Iſabelle ſoll, wie mir Katharine Marie ſchreibt, eine ganz voll⸗ kommene Schönheit ſein, und ein ſo ſpielendes, naives und graziöſes Weſen, einen ſo eleganten Ton beſitzen, daß ſie für das Muſter einer vollendeten Erziehung gilt, — das ſind die eigenen Worte der Kammerräthin. Es iſt mir gelungen, Richard eine Lieutenantsſtelle bei dem W-ſchen Regimente zu verſchaffen. Dies hatte trotz des ſchwiegerväterlichen Geldes allerdings ſeine großen Schwierigkeiten; aber bei meinen ausgedehnten Verbindungen ließ es ſich doch machen, und man muß nicht ſo genau rechnen, wenn es ſich darum handelt, armen Verwandten aufzuhelfen. Richard iſt auch ein hoffnungsvoller Jüngling. Er machte ein ſehr ehrenvolles Offizierseramen, und hat während ſeiner Kadettenzeit die Gelegenheiten, die ich ihm eröffnete, um in gute Häͤuſe ſpruch Männ ſchaft Lieute wie ich Vorth fahrer ſchwar Füchſ nach komme dazu könne ihre ſtrafen ſoll, auf d die 9 eine Händ einem etwas nige rader und Univ früh⸗ adeli gege tiſche und lebe und btung einer und und ücher dium ver⸗ dauſe Zuge dort, eben, wir um Dei⸗ en mit velle oll⸗ ives Ben, gilt, telle atte eine iten nuß elt, ein lles zeit ute 63 Häuſer zu kommen, ſo brav benützt, daß er ſchon An⸗ ſpruch darauf machen kann, unter die Anzahl junger Männer gerechnet zu werden, die man in jeder Geſell⸗ ſchaft als eine glückliche Acquiſition anſieht. Was unſern Lieutenant betrifft, ſo habe ich übrigens einen Plan, der, wie ich glaube, ſehr gefallen wird, und der zugleich den Vortheil hat, ihn ſeſter an unſer Haus zu knüpfen Ich habe die Abſicht, die Wagenpferde ſelbſt einzu⸗ fahren. Der Alte benützte nie andere als die alten ſchwarzen wackelichen Schecken. Aber es ſind hier vier Füchſe von einer neuen Generation, die, wie ich hoffe, nach einer fleißigen Benützung von einigen Monaten voll⸗ kommen gut ſeyn werden. Ich gedenke auch noch, zwei dazu zu kaufen, um gelegentlich ſechsſpännig fahren zu können. Dein Onkel und die Tante von Tjällstorp, ſo wie ihre ganze geſegnete Kinderſchaar— Gott ſoll mich ſtrafen, wenn ich weiß, wo ich ſie künftig alle placiren ſoll,— befinden ſich vollkommen wohl. Viktor iſt ſchon auf dem Gymnaſium, und Hampus und Linus beſuchen die Rektorſchule in B. Deine Couſine Virginie iſt für eine Landerziehung ſehr ordentlich ausgefallen; aber ihre Hände beweiſen, daß meine Schwägerin ſie mit irgend einem braven Landjunker für beſtens verſorgt hält; von etwas Anderem iſt, wie ich glaube, nie die Rede. Wenn Du dieſen Brief erhältſt, wirſt Du wohl ei⸗ nige Freunde zu einer Bowle einladen. Heitere Kame⸗ raden erhöhen in der Jugend den Genuß des Glücks; und obſchon, wie ich gehört habe, gegenwärtig an der Univerſttät ein gewiſſer Brüdergeiſt herrſcht, der ſich früher nicht in dieſem Grade zwiſchen adelichen und un⸗ adelichen Söhnen vorfand, ſo habe ich doch nichts da⸗ gegen. Ich bin zu aufgeklärt, um den alten ariſtokra⸗ tiſchen Vorurtheilen zu huldigen. Es lebe die Geburt und der Rang!— Das ſind große Vorzüge— aber es lebe auch das Talent und die Wiſſenſchaft, das Genie und die Kunſt! Wo Du ſie findeſt, ſchenke ihnen Deine Achtung! Du kannſt ſogar aus dem Umgang mit dem unbedeutendſten Individuum einigen Nutzen ziehen. Un⸗ terlaſſe es nie, mit Perſonen zu ſprechen, die in einer oder der andern Hinſicht einigen Werth in dem Tempel der ſchönen Künſte und Wiſſenſchaften haben, oder haben werden! Durch vielſeitige Konverſation über alle Gegen⸗ ſtände erlangt man Fertigkeit und Leichtigkeit im Aus⸗ druck, und gewinnt auf dieſe Art eine genügende Ueber⸗ ſicht in den Dingen, worin man ein wenig zu Hauſe ſeyn muß. Ich weiß nicht, ob Du Dich des Kapitäns Brand⸗ ler, einer höchſt originellen und unterhaltenden Perſon erinnerſt; ich habe darauf gedacht, ihn und den Stall⸗ meiſter Günthers, einen ſehr gewandten jungen Mann, einzuladen, um den Winter in Tyringsholm zuzubringen. Die Finanzen beider ſtehen auf ſchwachen Füßen; deß⸗ halb macht es mir ein wahres Vergnügen, ihnen als ihr alter Vorgeſetzter dieſe Artigkeit erweiſen zu können. Sie ſind übrigens nicht unnütz. Ein paar wackere Mi⸗ litärs—. Der Kapitän iſt zwar freilich nicht von der eleganteſten Klaſſe— füllen überall eine Stelle aus; die Kammerräthin möchte gerne an den Abenden ihren Spieltiſch haben, und hie und da kommen langweilige Beſuche, wo es dann das Geſchäft jener ſeyn wird, ſie zu unterhalten. Ueberdies gibt es immer ein gewiſſes Anſehen, wenn man Leute um ſich ſieht. Der Zuſtand Deiner Mutter beunruhigt mich wirk⸗ lich. Sie läßt Dich zärtlich grüßen, und ich heiße Dich noch einmal auf das herzlichſte willkommen, bei Deinem gütigen Vater Hans Malchus v. X— ℳ Antwort des Barons Klas Malchus. *„Mein beſter Vater! Zwanzig Jahre, ich geſtehe es zum Voraus, geben keinen Anſpruch auf einen großen Vorrath von Erfah⸗ rung um Wert Eige iſt. Uebe glau fühl, wo d verbe vollke gegen len Glüc ich ſ nicht, nes klein Beſſe repre für nur Ego aufſ Ma nich D nit dem 1. Un⸗ n einer Tempel haben Gegen⸗ Aus⸗ Ueber⸗ Hauſe Zrand⸗ Perſon Stall⸗ Mann, ingen. deß⸗ n als önnen. — Mi⸗ n der aus; ihren eilige „ ſie viſſes wirk⸗ Dich nem — 6⁵ rung, und dennoch meine ich, deren genug zu beſitzen, um ein Recht zu der Ueberzeugung zu haben, daß der Werth und das Anſehen, den wir durch das hinterlaſſene Eigenthum eines Andern gewinnen, höchſt unbedeutend iſt. Ich für meinen Theil haſſe und verabſcheue dieſes Ueberbleibſel des Feudalismus, woraus ſich, wie ich glaube, der Fideicommiß herleitet. Es empört das Ge⸗ fühl, wenn man an dieſe egoiſtiſche Einrichtung denkt, wo das größte Beſitzthum auf einen Einzigen übergehen ſall, um einen eben ſo unnützen als thörichten Glanz auf⸗ recht zu erhalten, während dagegen andere eben ſo nah verwandte Erben ſich in den Strahlen dieſes ſonnen, und mit den Krumen begnügen müſſen. Gott ſegne meinen würdigen Großvater: Er war es nicht, der dieſe Thorheit in unſer Geſchlecht einführte! Ich hätte ihn ſonſt nicht achten können. Jetzt weiß ich ihm Dank für das deutliche und natürliche Mißbehagen, womit er mich ſtets betrachtete, ſo ſehr er dieß auch zu verbergen ſuchte, und ich kann den zartfühlenden Abſcheu vollkommen begreifen, welchen er vor dem hatte, der gegen die Stimmen der Natur und der Gerechtigkeit al⸗ len ſeinen Lieblingen ihr Brod rauben ſollte. Dieſes Glück iſt auch in der That durchaus nicht beneidenswerth, ich ſehe es für eine Bürde an. Ich liebe den Reichthum nicht, ich liebe die Pracht nicht, und haſſe in Grund mei⸗ nes Herzens dieſes Jagen nach Unbedeutendheiten, die ſo kleinlich ſind, daß ſie Ekel erregen! Ich will für etwas Beſſeres leben, als das Streben würdig in Tyringsholm repräſentiren zu können. Ich will für mich ſelbſt, nicht für Andere leben. Glauben Sie nicht, mein beſter Vater, daß dieß nur eine eitle Jugendgrille, der Dunſt eines verkehrten Egoismus ſei! Ich will es nicht als eine Unmöglichkeit aufſtellen, daß ich eines Tages den Vorzug, ein reicher Mann zu ſein, begreifen ſollte; aben ih glaube doch nicht, daß ſich mein Charakter je bis zu dem Grade Das Fideicommiß. I. 5 ändern wird, um eine Freude daran haben zu können. Ich bin kein Genie, kein tiefer Denker, habe weder einen lebhaften Kopf, noch ein ſo reiches Gedächtniß, um die Schätze bewahren zu können, die ich zu ſammeln ſuche; und folglich iſt auch nicht ein Schimmer von Hofſnung vorhanden, daß ich mich in den Wiſſenſchaften oder der Aeſthetik auszeichnen werde. Deſſen ungeachtet liebe ich beide warm und tief. Ich fühle in mir, daß ich nie ein tüchtiger und praktiſcher Geſchäftsmann werden wuͤrde, und aus dieſem Grund hat es ſeinen Vorzug, wenn ich würdigeren Gegenſtänden nachhängen darf; aber auch als ein armer Menſch hätte ich denſelben Göttinnen gehul⸗ digt. Je größer der Kampf, deſto ſchöner der Sieg— es iſt ein großes Ding darum, von der Welt anerkannt zu werden. Ich kenne einen alten Univerſitätsgelehrten, der, wenn er ſeine Lieblingsſtudien hätte aufgeben und in das öffentliche Leben eintreten wollen, gewiß eine ausgezeich⸗ nete Beförderung erlangt hätte und in dieſer Stunde ganz beſtimmt einer der geachtetſten Profeſſoren wäre. Aber er hatte den Muth, obſchon beinahe vollkommen mittellos, aller Beförderung zu entſagen, um nur einſam und ungeſtört ſein Leben den Wiſſenſchaften weihen zu können, denen er um ihrer ſelbſt willen huldigt. Sein alter abgeſchabter ſchwarzer Rock war vielleicht oft der Gegenſtand eines mitleidigen Lächelns. Aber für mich und mehrere ſeiner wahren Freunde iſt dieſer Anblick ein wahrer Genuß; und wenn er mir bei ſeinem Tode, der nunmehr vielleicht nicht mehr ſehr ferne iſt, dieſen vermachen würde, ſo wäre es für mich eine Reliquie von höherem Werth als ſelbſt Tyringsholm. Mein Vater bittet mich, nach Hauſe zu kommen— allein ich bin überzeugt, daß ich bei der neuen Lage der Dinge ganz daſſelbe ſein würde, wie das fünfte Rad am Wagen. Ich habe in meinem Charakter nicht Biegſam⸗ keit genug, um mich ſo formen zu können, wie Papa es wünſcht. Wenn die Natur mich zu einem jener lie⸗ der zw un n. Ich einen m die ſuche; ffnung der der be ich ch nie würde, un ich ich als gehul⸗ ieg— erkannt der, in das gezeich⸗ Stunde wäre. t der mich lnblick Tode, dieſen ſe von benswürdigen Männer hätte machen wollen, die durch ihre Attitüden, ihren Ton, ihre Toilette und ihre Un⸗ terhaltungsgabe entzücken, ſo würde mich Papa gewiß mit all' ſeinen nicht geſparten Bemühungen ſchon zu einem ſolchen gemacht haben; aber da dieß bisher nicht gelungen iſt, ſo laſſen Sie uns aufrichtig geſtehen, daß jetzt zu w nig Ausſicht vorhanden iſt, um mich zu einem Dandy zu bilden. Laſſen Sie uns alſo mit dem zu⸗ frieden ſein, was ſich nicht mehr ändern läßt! Ich bin zufrieden und vollkommen glücklich, wenn ich nur ſo viel habe, um anſtändig zu leben, und mir den Zutritt zu den Quellen verſchaffen zu können, aus denen ich Leben, wenn nicht Geſundheit trinke; denn ich muß ge⸗ ſtehen, Wenn es mir hie und da beifällt, mich in dem Spiegel zu betrachten, ſo finde ich, daß ich ſehr traurig ausſehe. 4 3 Was das Uebrige betrifft, wovon mir mein Vater ſchreibt, ſo habe ich nichts weiter zu erwiedern, als daß ich bitte, man möge das Hauptgebäude wenigſtens aus⸗ wendig ſo laſſen, wie es iſt! Der Umſtand, welcher Richards Glück ſo nahe berührt, wird, wie ich vermuthe, eine Verbindung mit Iſabellen ſein, das iſt ſehr ſchön vom Papa; und wenn Richard noch dieſelbe gute und kräftige Natur iſt, die ich in unſern Knaben⸗ und Schul⸗ jahren ſo ſehr an ihm liebte, ſo wird Iſabelle gewiß glücklich mit ihm ſein. Ueberzeugt, daß Papa in Beziehung auf den Onkel und ſeine Familie Alles thun wird, was Bllligkeit und Verwandtenliebe verlangt, verbleibe ich Ihr getreuer Sohn. Klas Malchus. P. S. Ich ſchreibe der Mama noch beſonders.“ Dieſer Brief, der deutlicher als je ein vorhergehen⸗ der den Oberſten über den himmelweiten Unterſchied zwiſchen ſeinem und ſeines Sohnes Chbakter, Anſichten und Intereſſen aufklärte, erweckte in mehr als einer Hin⸗ 5 8 ſicht die Befürchtungen des zärtlichen Vaters; aber es war noch ein Umſtand da, der alle andern in einem ſol⸗ chen Grade überwog, daß ſie im Verhältniß zu ihm als untergeordnet erſchienen: Klas Malchus erwähnte im Vorübergehen ſeiner Geſundheit, er meinte ſelbſt, er ſehe traurig aus— das war bedenklich. „Sollte, was Gott verhüte!“ ſagte der Oberſt zu ſeiner Frau,„irgend ein Grund zu dieſer Befürchkung vorhanden ſein, ſo müßte ich verzweifeln. Wozu und warum hätte ich dann ſo lange gerungen, wenn nach einer zwanzigjährigen Unruhe Klas Malchus ſterben würde, um Richard das Fideicommiß und mir die Ar⸗ muth zu überlaſſen: Liebes Eugenchen! ſchreihe ihm mit aller Beredtheit der Mutterliebe und beſtimme ihn, daß er heim kömmt! Wir müſſen ſeine Geſundheit in Obhut nehmen, denn davon hängt alles ab.“ Die Oberſtin ſeufzte; es war ein tiefer bitterer Seufzer; aber der Oberſt hörte ihren an einer Mutter ſo ſeltſamen Wunſch nicht: „Gebe Gott, er läge in ſeinem Grab und ich in dem meinen!“ „Willſt Du nicht ſchreiben, meine liebe Eugenie? Dein eigenes Gefühl ſcheint mir Dich dazu anmahnen zu müſſen?“ „Ja wohl, will ichz ich werde ihn überreden, heim zu kommen, den armen Klas!“ „Wie ſo— armer Klas? Ja arm iſt der, der ſein eigenes Beſtes nicht erkannt! Aber ich bin zu klug, um zu thun, als bemerke ich dieſe Narrheiten. Pure Stu⸗ denten⸗Phantaſien— nichts weiter!“ „Das glaube ich nicht,“ ſagte die Baronin. 4 „Gleichviel, meine beſte Eugenie, was Du glaubſt; das hat wenig zu bedeuten. Wenn wir ihn nur daheim haben, das iſt aus⸗ Hauptſache!“ Aber damit ging es nicht ſo leicht, als das warme Mutterherz glaubte. Erſt nachdem die Baronin ihn feierlich verſichert hatte, daß ſie um ihrer eigenen Nuͤhe * 6 er es* willen, und zur Wiedergewinnung ihrer Geſundheit und ſol⸗ Gemüthsruhe dieſen Winter mit ihren beiden Kindern n als zuſammen zu leben wünſchte, ließ ſich Klas Malchus e im überreden, zu Anfang Septembers das Dach ſeiner Hei⸗ ſehe math zu ſehen. 88 Er liebte und verehrte ſeine Mutter eben ſo tief, eſt zu als er die Krankheit ihres Gemüths beklagte, das er hkung v ſich nie anders entſinnen konnte. Aber dieſer Liebe un⸗ und geachtet fand ſich doch in gewiſſen Stunden zwiſchen den nach Herzen des Sohnes und der Mutter ein fremder Zwang, terben den es ihm nie zu verjagen gelang und der offenbar von Ar⸗ ihr herkam. n mit Dieß, ſo wie die ſich immer mehr hervortretende daß ungleichheit zwiſchen ihm und dem Vater machte, daß Dbhut Klas Malchus in der Heimath nicht jene ruhige Ge⸗ müthlichkeit fand, die ihn ſonſt auf längere Zeit dort feſt⸗ tterer gehalten hätte. Aber jetzt waren zwei Jahre verfloſſen, dutter ſeit dem er ſeine Mutter zum letzten Male geſehen hatte; 1 und da ſein Herz für den, der es zu behandeln verſtand, dem das freundlichſte und wohlwollendſte Herz war, ſo freute er ſich, durch dieſes Opfer ſeiner Mutter die Erfüllung enie? ihres eifrigſten Wunſches zu ſichern. hnen Doch bis auf Weiteres genug von dem Baron Klas Malchus. Jetzt zu unſerer andern Brief⸗Auflage. Viertes Kapitel. Stu⸗ 4 Major Hampus L— an ſeinen Sohn. „Mein lieber Richard! Durch die Traueranzeige weißt Du, daß der alte Großvater zu ſeinen Vätern gewandert iſt. Ich war bei dem Todesfalle ſelbſt nicht daheim; aßa er war ſchon ſo ſchwach, als ich zu den Uebungen ahging, daß wir 1 für dieſes Leben von einander Abſchied nahmen. Er 3 war ein Ehrenmann, ein Segen für Kinder und Unter⸗ thanen, und Gott gebe, doch daran zweifle ich, daß Tyringsholm wieder einen ſo guten Herren bekomme. Was insbeſondere uns betrifft, ſo wirſt Du ein⸗ ſehen, daß wir am meiſten gelitten haben. Wie viel haben wir nicht ſeiner Vaterliebe zu danken. Ich für mein ſchönes Tyällstorp, Du für Deinen langen Aufent⸗ halt in Karlberg, Dein Lieutenants⸗Patent und Deine Equipirung. Außer den in dem Teſtamente voraus er⸗ wähnten dreitauſend Banko, welche die Summe voll machen, die der Großvater nebſt dem Kaufſchilling für Tyällstorp zur Mitgiſt Deiner Mutter beſtimmte, bekam ſie— doch das bleibt unter uns— noch bei ſeinem Leben, eine eben ſo große Summe für die Erziehung der übrigen Knaben. Gott ſegne ihn! Ich habe meinen Vater und Wohlthäter aufrichtig beweint Es wird jetzt ein anderes Leben in Tyringsholm geben, und mein Wohl⸗ behagen dort wohl vorüber ſeyn. Da es noch ungefähr drei Jahre anſteht, bis Viktor die Akademie beſuchen kann, und noch länger bis Ham⸗ pus und Linus eine bedeutendere Hülfe bedürfen, bleibt das Geld natürlich bei mir; und ich habe deßhalb auf verſchiedene Verbeſſerungen in Tyällstorp gedacht. Schon im Herbſte nehme ich ein paar bedeutende Neupflanzungen vor; was ſagſt Du aber zu dem Sumpfe— daraus ließe ſich mit der Zeit eine Wieſe machen! Es würde viel Arbeit koſten, aber ſich auch wieder rentiren Dieſe Verbeſſerungen ungerechnet, habe ich noch einen Plan von größerem Um⸗ fang. Du weißt, daß Tyällstorp ein paar gute Waſ⸗ ſergefälle hat, und der Vortheil von Mühlen iſt hand⸗ greiflich, da es auf weite Entfernung nicht ſo viele gibt, als das Mahlkorn in der Umgegend und die Nachbar⸗ ſtädte erfordert. Dieß iſt freilich ein zu wichtiger Vor⸗ ſchlag, um ſich ohne genaues Ueberdenken dazu zu ent⸗ ſchließen; es iſt jedoch mein feſter Glaube, daß das Ka⸗ pital der jungen Herren in dieſer Unternehmung keine Gefahr laufen, ſondern im Gegentheile ſo viel ausgeben wird, um mir ſelbſt einigen Gewinn davon zu verſchaf⸗ fen. habe Aus ſond kanr für Plã weiß legſt Dei nicht Kla nich wen oder Sch mal der rep We dar Hm röc rig lã au un er; ih Ap u daß ein⸗ viel für ifent⸗ Deine s er⸗ voll g für dekam einem g der leinen jetzt Vohl⸗ Biktor Ham⸗ bleibt auf Schon ungen ließe Urbeit ungen Um⸗ Waſ⸗ hand⸗ gibt, hbar⸗ Vor⸗ ient⸗ ⸗Ka⸗ keine geben ſchaf⸗ — 71 fen. Die im Teſtamente berührten dreitauſend Banko haben wir, wie Du weißt, ſchon früher zu Virginiens Ausſteuer beſtimmt. Bleibe nicht unnöthigerweiſe aus, mein beſter Junge, ſondern erfreue uns mit Deiner Gegenwart, ſobald Du kannſt; das koſtet Dich am wenigſten und iſt am beſten für Dich. Wir können auch dann zuſammen über die Pläne berathen, die ich erſt flüchtig entworfen habe. Ich weiß, Du haü eine Freude an der Land wirthſchaft und legſt Dich nicht auf die faule Haut, d. h. Du wirſt mir Deine Miwirtung nicht entziehen. Dein Onkel haust in Tyringsholm, als ob er und nicht ſein Sohn es wäre, der es erhalten hat. Iſt aber Klas Malchus ſich noch gleich, ſo wird er meiner Seel nicht das geringſte Weſen aus ſich machen. Ich habe den Majoratserben nie begriffen; es iſt ein wunderlicher Kautz Sch halte ihn zwar für eine grundehrliche Seele, aber für ein wenig linkiſe ch und trocken. So war es wenigſtens das letzte Mal; und nie gab es einen Vater oder Sohn, die ungleicher geweſen wären, als mein lieber Schwager und Klas Malchus. Doch dieß iſt nun ein⸗ mal wie es iſt, und der Oberſt bekonnt durch dieſe Laune der Natur wenigſtens Gelegenheit ſelbſt, in Tyringsholm repräſentiren zu dürfen. Gegen den Herbſt wird Iſabelle zu Hauſe erwartet. Wenn man den Worten ihres entzückten Vaters glauben darf, ſo iſt ſie wenig geringer als ein wahres Wunderwerk. Hm! hm! ich habe mich nie auf Wunderwerke in Unter⸗ röcken verſtanden, und überhaupt iſt es mir etwas Wid⸗ riges, wenn man die Töchter außer dem Hauſe erziehen läßt. Virginie iſt zwar keine Schönheit, ſie hat weder ausgezeichnete Talente noch ausgezeichneten Witz; deſſen ungeachtet glaube ich, daß ſie ein ſehr liebes und wohl⸗ erzogenes Mädchen iſt. Sie beſitzt die angeborne Grazie ihrer Mutter, und das kleine vornehme Air derſelben. Aber ſie hat von der Natur zugleich ein warmes und ungekünſteltes Gemüth erhalten, und iſt bereits eine ſo 72² artige kleine Haushälterin, als man nur irgend wo ſehen kann. Doch ich muß lachen, wenn ich all das wieder durch⸗ leſe. Habe ich hier nicht eine Liſte von den Vorzügen meiner Tochter aufgeſtellt, die beinahe eben ſo prunkend iſt, als jene, womit mich der Oberſt ſo manchmal in Be⸗ ziehung auf Iſabellen ärgerte. Ich fürchte, mein lieber Richard, Dein Vater begeht den Fehler, daß er etwas neidiſch iſt; wenigſtens ſollte er die Schwachheit ſeines Schwagers etwas billiger beurtheilen. Und die Fehler, die ich ſtets an Klas Malchus geſehen habe, dürften überhaupt vielleicht nur daher kommen, daß er einige Stunden vor Dir zur Welt geboren wurde. Der Menſch iſt doch im Ganzen genommen ein ſchlechtes Produkt! Ich habe mich immer, wie ich mir ſchmeichle, daß auch andere Leute thun, für einen ſehr braven Mann gehalten; aber ich muß geſtehen, daß es weit ſchwerer iſt, dieß zu ſeyn, als in den Augen Anderer ſo zu ſcheinen. Ich hoſſe inzwiſchen, mein unverzeih⸗ liches Mißvergnügen mit gewiſſen Umſtänden, die ſich nun einmal nicht anders machen laſſen, überwinden zu können. Meine Frau, Deine vortreffliche Mutter, erlaubt ſich nie die geringſte Klage; es iſt mir zu ſehr an ihrer uten Meinung gelegen, um ſie merken zu laſſen, daß ich Gefühle hege, von denen ich meiner Seele nie vor dieſer Stunde wußte, daß ich ſie beherbergte. Gott ſey mit Dir, mein Sohn Richard! Melde uns Tag und Stunde, wo wir Dich erwarten können Du weißt, daß Mama und Virginie ihre Freude an kleinen Veranſtaltungen haben. Ein vortreffliches Weib und gut⸗ artige Kinder find doch der beſte Reichthum, die beſte Gottesgabe! Höre, Monſieur Richard, Du ſollſt nicht ſchlimmer von Deinem Vater denken, als es eigentlich iſt! Meiner Seel', Iſabelle kann, wenn es drauf und dran kommt, ein ſehr natürliches und gutes Mädchen und Klas Malchus mit ſeinem„Mondsfinſternißgeſicht“ ☛ Papa vaters jetzt ſtiſch. iſt es ich d Tyrit freur Kind liebe Ach geſſe prãc war wen vere ſo wo urch⸗ üügen akend Be⸗ lieber twas eines ehler, rften inige itlich und und ſeiner Bücherwurmerei das non plus ultra von einem vortrefflichen Gutsherrn werden. Viele Grüße von den Uebrigen durch Deinen treuen Vater Friedrich Hampus L—.“ Lieutenant Richard an ſeinen Vater: „Ich ſollte etwas über Papa denken, das nicht das Allerbeſte wäre, was man von einem Menſchen nur denken kann? Dann wäre ich der ſchrecklichſten Straſe werth, d die ich mir vorſtellen kann: Nämlich meiner Lebe⸗ tage ein armer Lieutenant zu bleiben. Ich lebe und ſterbe in dem wahrhaften Glauden, daß das, was Papa in dem Briefe äußerte, Eingebung des Augenblicks war; denn nie gab es einen wirklichen Neid in einem ſolchen Herzen, wie das meines guten und vortrefflichen Va⸗ ters iſt. Aus dem vor rausgeſe ſchickten Brieſe an Mamg erſieht Papa, wie tief mir der Verluſt unſeres geliebten Groß⸗ vaters zu Gemüthe gegangen iſt; aber nachdem ich mich jetzt etwas erholt habe, halte ich dieſe Trauer für egoi⸗ ſtiſch. Im achtzigen Jahre bedarf man der Ruhe; doch iſt es mir, als ob mir das Herz zerſpringen müßte, wenn ich daran denke, wie leer es mir jetzt in unſerem lieben Tyringsholm vorkommen wird, wo ich nicht mehr ſeine freundliche leiſe Stimme höre, wenn er ſagte:„Richard, Kind! gieb mir Deinen Arm!“ oder:„Richard, mein lieber Junge, rolle mir den Stuhl an das Fenſter!“ Ach! die Stimme, dieſen Blick werde ich nie mehr ver⸗ geſſen; dieſe Erinnerung möchte ich nicht um das ganze prächtige Tyrir igshol m hingeben... Großvater liebte mich warm, und dieſe Gewiß heit wird auch mich erwärmen, wenn ich in die kühle Gruft hinabſteige, um von ſeinem verehrten Staube Abſchied zu nehmen. Ich glaube keineswegs, daß das Fideicommiß, in ſo fern es Klas Malchus Eigenthum würde, in ſchlimme Hände gerathen iſt. Obſchon er weder Luſt noch Willen hat, ſich mit der Landwirthſchaſt zu beſchäftigen, beſitzt er doch ein ſo durch und durch braves und wohlwollendes Herz, daß er ſich gewiß nie mit Wiſſen und Willen einen Mißbrauch erlauben wird. Was den Onkel betrifft, ſo iſt er ein kenntnißreicher und thätiger Landwirth. Wenn ſein Gefühl für das Wohl ſeiner Unterthanen auch nicht das ſtärkſte iſt, ſo iſt er doch gewiß gerecht, und übri⸗ gens wird Niemand, der in Noth iſt, ſich vergebens an Klas Malchus wenden. Da mich mein Chef einlud, nach Beendigung der Uebungen ein paar Wochen in C-— rup zu verweilen, ſo konnte ich dieß nicht abſchlagen, obſchon ich, die Wahr⸗ heit zu ſagen, dieſe Artigkeit recht gerne entbehrt hätte; denn Gott weiß, daß es hier entſetzlich ſteif und vor⸗ nehm, und gar wenig unterhaltend iſt. Doch man muß ſich geniren, um, wie der Onkel ſagt, ſeine Bekannt⸗ ſchaften zu kultiviren, und unter dieſe muß man natür⸗ lich in der erſten Reihe die Cheſs und Gönner rechnen. Ich hoffe, der Onkel wird finden, daß ich in der edlen Kunſt mit Schippen und Caro umzugehen, bedeutend gewonnen habe. Ich habe täglich eine drei⸗ bis vier⸗ ſtündige Uebung darin, was, wie Papa wohl begreifen wird, mitten im Sommer zu angenehm iſt, als daß ich meinen Genuß dabei beſchreiben könnte. An den Morgen halte ich mich dafür ſchadlos: dann ſchwärme ich im Walde umher, und bringe ſehr oſt den Gnädigen ein wenig Wildpret nach Hauſe, was ſehr gnädig aufgenom⸗ men wird. O man weiß ſich zu ſtellen! Papa merkt, daß ich ein Mann von Welt bin. Ich glaube in der That, mein geehrter Vater hat un kleines Vorurtheil gegen Iſabellen. Während meiner Karlsberger Zeit hatte ich einige Mal das Vergnügen, ſie zu ſehen, indem ihre Tante ſo gut war, mich nach ihrem Gute einzuladen. Das iſt jetzt drei Jahre her; aber damals war, ſo weit ich beurtheilen konnte, meine liebenswürdige Couſine weder verzogen noch geziert. Frau Maln Gunſt verlie auszu ſie be breche orden ſeiden mehr brauch ſich ſich darna ſie a eine ſelige eines ſichert auch hält, ſchaſſe meine Scho ihre frühe vortr belle noch dieß denke wo herz kein keine ich übri⸗ ins an haͤtte; vor⸗ muß fkannt⸗ iatür⸗ orgen ) im n ein nom⸗ nerkt, r hat ieiner ügen, Malmros— nein, das lautet zu ſimpel; ich würde die Gunſt, worin ich bei dem Onkel ſtehe, ganz und gar verlieren, wenn ich mit dieſem bürgerlichen Namen her⸗ auszuplatzen wagte! Gott ſei Dank ſür die lieben Titel: ſie bedecken einen ganzen Haufen kleiner Lücken und Ge⸗ brechen. Alſo— die Kammerräthin ſcheint mir ein ſehr ordentliches Weib zu ſeyn, das ſich in einem garnirten ſeidenen Kleide vortrefflich in einer Sophaecke oder viel⸗ mehr auf einem halben Sopha ausnimmt; denn ſo viel braucht ſie immerhin. Sie hat gerade ein Weſen, das ſich dazu eignete, um durch Niederſitzen und Auſſtehen ſich bemerkbar zu machen; ihr Anzug iſt auch immer darnach eingerichtet. Uebrigens glaube ich, daß, wenn ſie außer ihrer gewaltigen Liebe zu Iſabellen noch eine andere Schwachheit beſitzt, es eine gewiſſe glück⸗ ſelige Zufriedenheit mit ihrem Reichthume iſt, der ſie eines bedeutenden Platzes im geſellſchaftlichen Leben ver⸗ ſichert. In das Verzeichniß ihrer Verdienſte rechne ich auch noch den Umſtand, daß ſie keine Schooßhunde unter⸗ hält, das unerträglichſte Gewürme, was unſer Herr er⸗ ſchaſſen hat. Ich habe hier täglich einen Kampf zwiſchen meinem großen Pollur und Ihrer Gnaden Semiramis. Schooßhunde ſollte man in das Gebet einſchließen. Aber um wieder auf Ifabellen zu kommen, ſo war ihre Schönheit ſchon damals von der Art, wie ich weder früher noch ſpäter ihres Gleichen geſehen habe. Unſere vortreffliche Virginie iſt hübſch und anmuthig; aber Iſa⸗ belle iſt ſo ſchön, daß kein Vergleich weder mit Venus noch mit Juno, Hebe oder allen Göttinnen zuſammen dieß vollſtändig ausdrücken kann; und wenn ich daran denke, was ſie erſt jetzt ſeyn wird! Ach! ach! ach!— wo ſoll es hinaus mit meinem armen Lieutenants⸗ herzen! Ueber ihre übrigen Eigenſchaften getraue ich mir kein entſcheidendes Urtheil zu. Ich beſitze gegenwärtig noch keinen außerordentlichen Scharfſinn. Vor drei Jahren hatte ich aber noch weniger: und einem ſiebenzehnjährigen Jüngling, einem kleinen artigen Kadeten, zumuthen zu wollen, daß er Iſabelle begreife oder gar beurtheile, wäre vergebliche Mühe geweſen, obwohl ſie daͤmals erſt ſechszehn Jahre alt war. Indeſſen habe ich die Abſicht, der Sache nun auf den Grund zu gehen und vielleicht finde ich jetzt, daß ich damals nur geblendet war. Aber ich muß doch ſehen, ob ſie nicht etwas mehr als nur ſchön iſt! Mit all' den wohl überlegten Plänen Papa's bin ich vollkommen einverſtanden; und ich hoffe, wir haben das Kapital verdoppelt, ehe die jungen Herren, Viktor aus⸗ genommen, in der Welt auſtreten werden. Ich habe keine Ruhe, bis das Mühlenwerk in Gang gebracht iſt, und ich begreife nur nicht, daß wir erſt jetzt auf dieſen Gedanken kamen; Großvater hatte doch Geld genug vor⸗ geſtreckt. Doch es iſt ſo gut wie es einmal iſt. Welch ein Ausſehen und Anſehen wird es nicht Tjällstorp geben, wenn es Muühlen beſitzt! Aber mit der Wieſe, fürchte ich, wird es wohl nichts werden: ſie wird unter Waſſer gerathen, wenn wir nicht einen Damm aufwerfen, der auf alle Fälle dazu dienen wird, den Sumpf zu füllen. Nun, die ganze Herrlichkeit wollen wir noch beſprechen, wenn ich heim komme. Ich freue mich auf die vielen Geſchäfte, die meiner warten; ich quäle mich dann nicht mit dem Kummer, eine überflüſſige Perſon in der ſchon vorher ſtarken Haushaltung meines geliebten Vaters zu ſeyn. Ach meine theure, ſchöne, geliebte Heimath! meine heitere, gemüthliche Heimath! wie ſehne ich mich nach Dir! Ich glaube nicht, daß es auf dem ganzen Erden⸗ rund eine Luft gibt, wie in Tjällstorp. Jedes Gebüſch, jedes Blatt zittert von Friſche und Lebensluſt; und wenn unſere kleinen Herren ſich auf dem Graſe herumtummeln und in die Heuböden hüpfen, ſo empfinde ich dabei einen weit größeren Genuß als damals, wo ich die Gelegen⸗ heit hatte, die perſonificirten Liebesgötter des Königlichen Theaters unter künſtlichen Blumen umherrauſchen zu ſehen. die ſie Vater, Jungen das un trachte ſerſte2 A ſie ſo Sie tr mich zu bin üb Artigke reiten, verzeihe wenn Tante Sie g ſam h Beſuch bei ſie Hauſe Onkele anders ſagen werde. zu oku Tjälls Parad K ich ho Toilett ich in S ringst Eiſenf ſicht, leicht Aber nur aus⸗ habe t iſt, ieſen vor⸗ Velch eben, rchte aſſer der illen. chen, dielen nicht ſchon aters neine nach den⸗ üſch, venn meln einen gen⸗ ichen zu 77 ſehen. Ja geprieſen ſey die Heimath und die Lieben, die ſie ſo ſchön machen! Eine ſolche Mutter, ein ſolcher Vater, eine ſolche Schweſter, und ſolche Wildfänge von Jungen!— zeigt mir ein heitreres Familiengemälde als das unſrige! Aber ich ſchlage das Blatt um, ich be⸗ trachte das andere Familiengemälde: dort iſt ja die äuſ⸗ ſerſte Armuth. Arme Tante Eugenie! Ich höre, daß jener Schlag ſie ſo hart betroffen hat! Wie leid thut es mir um ſie! Sie trägt einen Kummer in ihren blauen Augen, der mich zugleich beklommen macht, und zu ihr hinzieht. Ich bin überzeugt, daß der Onkel mit all' ſeiner außerlichen Artigkeit es nie wirklich verſucht hat, ihr Glück zu be⸗ reiten, und ich fühle mich nicht geneigt, ihm dieß zu verzeihen. Wie anders ſtrahlen nicht Mamas Blicke, wenn ſie ſie offen und freundlich zu Papa aufſchlägt, als Tante Eugeniens, wenn ſie ſie zu ihrem Gatten erhebt! Sie gleichen der einer erſchreckten Taube. Und wie ein⸗ ſam hat nicht die arme Tante gelebt! Außer flüchtigen Beſuchen hat ſie ihre Tochter ja ſeit zehn Jahren nicht bei ſich gehabt. Klas Malchus hat ſich auch nicht zu Hauſe wohl befunden, und bisher war das Haus des Onkels keine angenehme Heimath. Vielleicht wird es anders, wenn jetzt Alle in Tyringsholm verſammelt ſind. Grüßen Sie meine kleine vortreffliche Mama, und ſagen Sie ihr, daß ich im Garten Wunderwerke thun werde. Ich habe die Abſicht, im Herbſte alle Apfelbäume zu okuliren und die Stachelbeerbüſche umzupflanzen. Ach Tjällstorp ſoll mit der Zeit ein Herrenſitz, ein kleines Paradies werden! Doch die Zeit des Mittageſſens naht heran, und ich habe nur noch eine halbe Viertelſtunde für meine Toilette, die doch in gehöriger Ordnung ſeyn muß, wenn ich in der Gunſt meiner Wirthin bleiben ſoll. Ich glaube, der Onkel will einen Hofſtaat in Ty⸗ ringsholm bilden: Er hat den Kapitän Brandler, dieſen Eiſenfreſſer, und Günthers eingeladen, den Herbſt, und wenn es ihnen beliebt, auch den Winter dort zuzubrin⸗ gen. Ich bin begierig, was unſer lieber Klas Malchus zu der Ausſicht auf ſo viel Geſellſchaft ſagen wird? Es wäre—— halt—— keinen Buchſtaben weiter! Das Mittageſſen iſt bereit; wie um's Himmelswillen ſoll ich meinen Rock anbekommen und den Schnurrbart in Ord⸗ nung bringen! Der Teufelskerl will ſich noch nicht recht machen. Ihr getreuer Richard. P. S8. Bitten Sie Mama und Virginie mich zu entſchuldigen, daß ich ihnen nichts weiter als einen Gruß ſchicken kann. Die gnädige Frau hat mir einige Ableger von ihren ſchönſten Blumen verſprochen; mit der ganzen Artig⸗ keit eines liebenswürdigen Sohnes werde ich ſie vorſich⸗ tig heimbringen. Die Frau Majorin in Tjällstorp hat doch eine kleine Paſſion für Blumen. . Ei zum Henker— ich finde das ſchwarze Siegellack nicht! Soll ich denn den Brief unverſiegelt fortſchicken. Ich bin in Verzweiflung! Die Stunde ſchlägt, ich komme in Ungnade, und mein Schnurr... ich ſiegle mit rothem. Mein himmliſcher Großvater verzeih mir!“ Fünftes Kapitel. Der vierte September war der merkwürdige Tag, wo der Oberſt auf all' den Werken, die er geſchaffen hatte, ausruhte und fand— daß ſie gut waren. Im Garten und Hofe waren große Dinge geſchehen, die jedoch erſt im nächſten Sommer recht zum Vorſcheine kommen konnten. Aber das Innere von der neugetünch⸗ ten großen Pforte mit ihren ungeheuren Steinkoloſſen, die der Himmel weiß, was für Klötze von alten Käm⸗ pen vorſtellten, bis hinauf zu den Pracht⸗ und Gaſt⸗ zimmern, bewies, daß ein kraftvoller Wille und eine unablaſſige Emſigkeit in kurzer Zeit viel ausrichten kann. Da vorſprin Oberſt ſehen ei werke a Menge Zur Ze Zimmer verheira hörte, Prachtr ſeine K ſchwarz ſtens w um eit oder un Arbeit u gen 3 daß die von de Gepräg neren Familit und de ſtaffirt dazu b geöffne gediege die vo rend l hatte, wurde. T prächti Reichtt Zimme brin⸗ le us mme them. Tag, hatte, ehen, heine ünch⸗ oſſen, Käm⸗ Gaſt⸗ eine kann. 79 Das Hauptgebäude von Tyringsholm mit ſeinen vorſpringenden Flügeln erhielt in der That, wie der Oberſt geſagt hatte, durch ſeine hohe Lage das Aus⸗ ſehen eines Schloſſes; es hatte indeſſen nur zwei Stock⸗ werke außer dem Dachboden, wo ſich die Küche und eine Menge Vorrathskammern und Geſindezimmer befanden. Zur Zeit des alten Barons waren auch ſeine eigene 4 Zimmer dort geweſen; denn, ſeitdem er ſeine Töchter verheirathet hatte, ſeit er alt geworden war, und auf⸗ hörte, mit der Welt zu leben, ließ er die ſogenannte Prachtwohnung mit Ausnahme einiger Zimmer, die für ſeine Kinder bereit ſtanden in Frieden ſchimmeln und ſchwarz werden. In den letzten fünfzehn Jahren wenig⸗ ſtens war ſie nicht mehr geöffnet worden, außer etwa um einen neugierigen Reiſenden darin herumzuführen, oder um einmal im Jahre die Spinnen in ihrer emſigen Arbeit zu beunruhigen, und die Frucht ihrer Bemühun⸗ gen zu zerſtören. *† Dieſe Wohnung hatte der Oberſt jetzt ſo eingetheilt, daß die eine Hälfte— welche durch einen großen Salon von der andern getrennt war— ihr altes großartiges Gepräge beibehielt, wogegen die andere, welche die klei⸗ neren Zimmer in ſich faßte, und für gewöhnlich von der Familie bewohnt werden ſollte, nach der neueſten Mode und dem beſten Geſchmacke tapeziert, möblirt und aus⸗ ſtaffirt war. Nach den alten Staatszimmern aber, die dazu beſtimmt waren, nur bei feierlicheren Gelegenheiten geöffnet zu werden, hatte der umſichtige Oberſt all' die 6 gediegenen Prachtwerke und Lurusartikel bringen laſſen, die vorher überall herum vertheilt geweſen warenz wäh⸗ rend hingegen Alles, was minderen Glanz oder Werth hatte, in den ſogenannten Junggeſellzimmern aufgeſtellt wurde. Wohl gab die Durchwanderung dieſer Strecke einen prächtigen Anblick ab, der an die Wunder und den Reichthum einer vergangenen Zeit erinnerte! Ein paar Zimmer waren mit Tapeten von Goldbrokat bekleidet, einige andere mit gewirkten und genähten Jagdſtücken, eines mit dunkelrothem Damaſt, eines mit blauem. Die⸗ ſes letztere war herrlich. Es bildete ein achteckigtes Ge⸗ mach, deſſen acht vorſtehende Pfeiler von Spiegelglas die Bilder der ſchweren Kronleuchter zurückwarfen, die in maſſiven ſchwarz gewordenen Ketten, von den hohen, mit Sturz gezierten Plafonds herabhingen; an jeder Zwi⸗ ſchenwand waren, wie in den andern Zimmern große Gemälde befeſtigt, meiſtens Schlachtſtücke und Portraits von königlichen Perſonen. Eine Menge ſteifer Damen in runden Goldrahmen blickten mit ihren großen Augen verwundert auf die Bewegung herab, die um ſie her vorging; und die nicht minder ſteifen und gepuderten Herren in ihren eben ſo reich geſchmückten Trachten wa⸗ ren gleich neugierig. Die ganze Verſammlung ſchien es indeſſen nicht ungnädig zu ſehen, daß ſie wieder einmal mit beweglichen Figuren in Geſellſchaft ſein durften. Die Möbel, obſchon etwas unförmlich und plump, hatten ein ehrfurchtgebietendes Ausſehen; und wo ſonſt, als auf alten Edelſitzen ſchaut man jenen imponirenden Lurus, vor dem die Pracht der Jetztzeit erbleicht! Seht jene kunſtreich gearbeiteten mit unzähligen kleinen Zier⸗ rathen verſehenen Sophas, jene gewaltigen Paradebetten, wie gigantiſch ſind nicht alle Formen, und wie friſch erhält ſich noch der rothgeblümte Damaſtüberzug! die Stickerei auf dieſen Seſſeln, Teppichen und Polſtern iſt, wenn auch nicht das, was wir elegant nennen, doch oſt unerreichbar; dieſe reinen Marmorplatten auf Füßen, die noch ein paar Jahrhunderten trotzen können; dieſe mik Perlmutter und Ebenholz eingelegten kleinen Tiſche und Schreine, nicht zu gedenken der wundervollen Kamine mit ihxen großen Schirmen, die von den früheren Töch⸗ tern des Hauſes in Seide und Silber genäht wurden; dieſe myſtiſchen, langen und faltigen Gardinen und end⸗ lich die ſo überirdiſchen Lehnſeſſel, in deren Wiege von Eiderdaunen man mit einem Gefühle hinabſinkt, das uns nur ungerne an ein Aufſtehen denken läßt.— Das 8 Alles iſ ſten El aufgepu Ue nichts 4 volle m. Lurus vertrau V hervorz Lokale die übr 31 rothe 1 zum tä Auf de ihnen 3 rung je iges I zimmer ſah, h behalte 4 8 Korrid ſeiner Tagen hatte, 4 Flügel 3 ſtander eine fi der a beſtim 2 L den ſ jetzt. Da tücken, Die⸗ s Ge⸗ gelglas , die hohen, Zwi⸗ große rtraits damen Augen e her derten wa⸗ en es inmal lump, ſonſt, eenden mine öch⸗ 81 Alles iſt in der That herrlich, und es macht dem Ober⸗ ſten Ehre, daß er es beibehalten und ſo ausgezeichnet aufgeputzt und angeordnet hat. Ueber die andere Seite dieſes Stockwerks iſt gerade nichts zu ſagen. Das Alltägliche, wenn auch Pracht⸗ volle macht keinen tieferen Eindruck: es ſpricht nur von Putz und Eitelkeit, von dem Konkurs und der Leichtigkeit der Einfuhr von Modewaaren, wogegen uns der ehrbare Lurus der alten Zeit gleichſam mit den oft großen Geiſtern vertraulich macht, die ein Recht hatten, denſelben um ſich hervorzurufen. Indeſſen müſſen wir, um uns mit dem Lokale bekannt zu machen, auch ein paar Worte über die übrigen Zimmer ſagen. Zunächſt nach dem Saale kamen zwei Zimmer, das rothe und gelbe Kabinet genannt, die von dem Oberſten zum täglichen Sammelplatz der Familie auserſehen waren. Auf der einen Seite derſelben, durch einen Voröhrn von ihnen getrennt, lag der Speiſeſaal; in ihrer Verlänge⸗ rung jedoch kamen die Gemächer der Baronin, ein präch⸗ tiges Wohnzimmer, ein Schlafkabinet und ein Toiletten⸗ zimmer. Der Oberſt ſelbſt, der gerne nach den Leuten ſah, hatte die Zimmer ſeines Schwiegervaters für ſich behalten. 3 Das andere Stockwerk, das von zwei ſchmalen Korridoren durchſchnitten war, bewies durch die Menge ſeiner Gaſtzimmer, daß Tyringsholm in den früheren Tagen ſeine Mauern einer zahlreicheren Geſellſchaft geöffnet hatte, als der Oberſt wohl bei ſich ſehen würde. Die Flügel welche in Verbindung mit dem Hauptgebäude ſtanden, waren, wie wir ſchon früher geſagt haben, der eine für Baron Klas Malchus, der gerne für ſich lebte, der andere für die Kammerräthin und das Fräulein beſtimmt. Nachdem wir nun einigermaßen hier heimiſch gewor⸗ den ſind, gehen wir zu dem Oberſt über, der, da er jetzt alles Bewegliche außer ſeiner Frau von Rönnäs 6 Das Fideicommiß. I. herübergebracht hat, ſich gerade anſchickt, auch dieſes vollends zu bewerkſtelligen. Zwei neue angenommene Bedienten in des Oberſten Livrée treiben ſich ſchon auf den Treppen herum; die Haushälterin, die Hausmanſell, die Jungſern und Mägde ſind alle an ihrem Platz; und nachdem der Oberſt noch einmal alle Zimmer durchlaufen hatte, ſank er auf ſein Ruhebett, um die Nachricht von der Ankunſt des Wagens zu erwarten. Der Wagen war neu und zum erſtenmal draußen, die Pferde gut eingefahren, Kutſcher und Laquaien in gehörigem Staate! es fehlte nichts mehr, als daß der Oberſt, der ſelbſt ſo ganz glücklich in ſeiner befriedigten Eitelkeit war, auch einen Schimmer von Befriedigung bei ſeiner Frau ſah. „Der Wagen iſt vor der Thüre, Euer Gnaden,“ meldete Guſtav, derſelbe Junge, der das Unglück gehabt hatte, ſich durch die Uebergabe jenes Briefes an die Baronin das Mißfallen des Oberſten zuzuziehen. „Was iſt das?“ ſagte der Oberſt,„warum haſt Du nicht Deine Livrée an?“ „Der Vater hat mir befohlen, es bleiben zu laſſen.“ „Es bleiben zu laſſen?— Du meinſt wohl ſie ſorgfälltig in Acht zu nehmen 2“— „Nein, er hat geſagt, ich dürfe ihm nie mehr vor ſeine Thüre kommen, wenn ich einen ſolchen Rock anziehe.“ Der Oberſt wurde roth vor Zorn.„Wenn Du in meinen Dienſten ſeyn willſt,“ ſagte er,„ſo mußt Du auch, wenn ichs befehle, mine Livrée tragen. Geh' ſchnell und kleide Dich an.“ „Und wenn es mein Leben gälte, ſo darf und will ich nichts gegen den Willen des Vaters thun,“ antwor⸗ tete der Knabe in einem Tone, der zwar ein wenig vor Angſt über ſeine eigene Kühnheit zitterte, aber zugleich einen feſten Sinn bewies. Wäre Guſtav in ordentlichem Dienſte geſtanden, ſo nicht g und n ſeiner wo ſie geweſe. die wi lirt, Bildu ſich e nicht zu m ſich i hatte xonir bei d bilde der war ſicht wir eben ch dieſes nommene hon auf mamſell, tz und hlaufen iicht von draußen, ugien in daß der riedigten iedigung jnaden,“ k gehabt an die haſt Du ben zu vohl ſie e mehr en Rock Du in ußt Du Geh' nd will antwor⸗ nig vor zugleich den, ſo hätte man ihn jetzt ohne Zweifel gezwungen, die Livrée anzuziehen; aber da dieß nicht der Fall war, ſo wählte der Oberſt einen andern Ausweg, um ſeine Autorität zu behaupten.„Höre,“ ſagte er,„da Du es nicht für gut findeſt, zu gehorchen, ſo verläßt Du augenblicklich mein Haus! Wage es nicht, Dich noch hier ſehen zu laſſen wenn ich mit der Baronin zurückkomme.“ Nach dieſen Worten ging er die Treppe hinab und that, als bekümmere er ſich nicht weiter um den erblei⸗ chenden und beſtürzten Jungen; indeſſen war der Oberſt nicht ganz mit dieſem Anfang zufrieden! nicht um ſeinet⸗ und noch weniger um Guſtavs willen, ſondern wegen ſeiner Frau, die er nicht gerne gleich am erſten Abend, wo ſie in ihre alte und jetzt wieder neue Heimath einzog, betrüben wollte. Guſtav war der Liebling der Baronin Eugenie. Er war der Sohn des Meßners und Organiſten in der Gemeinde, und ſeine Mutter war ehedem ein Mittelding von Hausmamſell und Kammerjungfer bei der Baronin geweſen. Der alte Meßner, anderer Umſtände halber, die wir ſpäter anführen werden, auch Kapellmeiſter titu⸗ lirt, war ein Mann, der für ſeinen Stand nicht ohne Bildung und Menſchenkenntniß war, und als der Oberſt ſich erbot, Guſtav aufzunehmen, ſo war es durchaus nicht ſeine Meinung, aus ſeinem Sohne einen Bedienten zu machen, denn, der Ehrenmann war ſtolz genug, um ſich über eine ſolche Stellung erhaben zu dünken. Er hatte geglaubt und dieß war auch die Abſicht der Ba⸗ xonin— daß der Knabe künftig irgend eine Befaſſung bei dem Gute erhalten würde: aber um dazu herange⸗ bildet zu werden, meinte der Kapellmeiſter, ſey der Weg der Livrée nicht der rechte, weßhalb er feſt entſchloſſen war, nie nachzugeben, und, ſoltten ſich auch alle Aus⸗ ſichten in dieſer Richtung vor Guſtav verſchließen. Und wir können verſichern, daß der Kapellmeiſter Alſing eben ſo konſequent war wie der Oberſt ſelbſt. 6* Einige Stunden nach dieſem kleinen Auftritt, als es ſchon etwas dunkel war, fuhr der Wagen wieder vor. Der Oberſt hüpfte mit einer Leichtigkeit heraus, die einem fünf und zwanzigjährigen Lieutenant Ehre gemacht hätte, und es lag in der That etwas Ritterliches in der Artigkeit, womit er ſeiner Frau ausſteigen half. Die Baronin war in ihren Schleier gehüllt und zitterte ſo heſtig, daß ſie offenbar der Stütze bedurfte. Seit dem Tode ihres Vaters hatte ſie Tyringsholm nicht wieder geſehen; und jetzt hatte ſie kaum ihre Zimmer erreicht, als ſie, anſtatt wie ſich der Oberſt doch geſchmeichelt hatte, einige verbindliche und zufriedene Worte über ſeine vortrefflichen Einrichtungen zu äußern, in einen ſo heftigen Thränenſtrom ausbrach, daß der Oberſt bei ſich den glücklichen Stern pries, der ihn veranlaßt hatte, ſeinen anfänglich gefaßten Entſchluß, den erſten Tag ihrer Ankunft in Gegenwart von Gäſten zu feiern, aufzugeben; denn wenn ihm dieſer ſo empfindſame Auftritt ſchon jetzt ſo äußerſt widrig war, da ſie ſich allein befanden, wie viel unerträglicher wuͤrde er nicht geweſen ſein, wenn ihn mehrere Augen mit angeſehen hätten. Ohne Zweifel war es eine wahre Wolluſt für die arme Eugenie, daß ſie weinen konnte: Sie hatte dieſes Gluͤck lange nicht genoſſen; auch ſchien es wirklich, als ob die reichen Quellen ihrer Thränen überſtrömen wollten. Es war ein Weinen, das kein Ende zu neh⸗ men ſchien. „Meine beſte Eugenie, ich verſichere Dich, daß Du mir ganz Angſt machſt,“ ſagte der Oberſt, der haupt⸗ ſächlich fürchtete, es könnte Jemand von dem Geſinde hereinkommen.„Du biſt ſo entſetzlich eſchauffirt, meine Liebe!“ „Malchus, wie kannſt Du von einer ſolchen Ge⸗ ringfügigkeit ſprechen? fragte die Baronin mit einem Blick tiefen Vorwurfs, indem ſie ihr ſtilles Schluchzen zu unterdrücken und ſich etwas zu beherrſchen ſuchte. „Und wie kannſt Du, meine liebe Eugenie, es paſſend nig! alle Gif habe? kann, attigen 1/ ſagte d wuͤrde! D / langſan aushal Ei Stillſch auf die dieſem ihm ſe jenes n geſunde kann. war d ſchellen / ſeinen das d aus!“ 2 — ritt, als eder vor. us, die finden, eine ſo tragiſche Scene aufzuführen? Iſt das die Dankbarkeit, die Du mir für alles ſchuldig biſt, was ich für Deine Bequemlichkeit zu thun ſuchte?“ gemacht 3 in der„Ach, zu meiner Bequemlichkeit braucht es nur we⸗ Die nig! Was können mir alle möglichen Bequemlichkeiten, rte ſo alle Güter der Welt für das geben, was ich verloren t dem habe? Du weißt ſelbſt am beſten, daß ich viel ertragen wieder kann, aber ich bitte Dich, ſprich mir nie mehr von der⸗ erreicht, artigen Dingen! Es iſt ein ſchändliches Poſſenſpiel!“ meichelt„Ums Himmelswillen, Eugenie, nimm Dich in Acht!“ e über ſagte der Oberſt erblaſſend.„Wenn Dich Jemand hören einen ſo wuͤrde!“ bei ſich„Dann bin ich ja verrückt, nicht wahr?“ ſagte ſie t hatte, langſam, aber mit einem Blicke, den der Oberſt nicht ag ihrer aushalten konnte. g ihrer lten d—. ugeben; Einige Minuten lang beobachteten beide ein tiefes on jetzt Stillſchweigen. Die Dämmerung ſenkte ſich immer dichter n, wie auf die Erde herab, und es lag etwas Schauerliches in dieſem großen düſtern Gemache, als die Abendſchatten ihm ſeinen Glanz benahmen und die Gegenſtände in jenes myſtiſche Dunkel hüllten, das oft ſogar auf ein enn ihn für die e dieſes geſundes Gemüth einen wunderbaren Einfluß ausüben h, als kann. ſtrömen„Ich weiß nicht, ob ich es mir nur einbilde,“ ſagte u neh⸗ die Baronin,„aber ich meine, es riecht hier überall nach Leichen!“ Sie erhob das geſenkte Haupt und ſah ſich mit einem halb furchtſamen Blicke um. aß Du. 3 3 lt 3 „Welche Kindereien,“ ſprach der Oberſt und bemühte ho pt⸗ 4 efint ſich zu lächeln.„Es thut mir leid, daß der Geruch von meine dem Malen noch nicht weg iſt; aber die Witterung war dem Trocknen nicht günſtig. Ich will nach Licht n Ge⸗ ſchellen.“. einem„Nein, noch nicht, noch nicht!“ Sie faßte bittend luchzen ſeinen Arm.„Iſt das nicht meines Vaters Porträt⸗ .5 das dort hängt? Wie drohend und finſter ſieht er vaſſend aus!“ „Eugenie, Du befindeſt Dich nicht wohl,“ fuhr der Oberſt unruhig fort.„Du haſt dieß Porträt ja ſchon millionenmal geſehen, ohne Dir einzubilden, daß es das Deines Vaters ſey. Erkennſt Du es denn nicht wieder? Es iſt ja Seine Höchſtſelige Majeſtät, König Karl IX.“ „Ja, ja, ſo iſt es. Aber warum dieſe langen weißen Gardinen, die das Fenſter ganz und gar verdunkeln? Ich möchte ſo gerne hinaus ſehen, ich möchte meine Terraffen ſehen.“ „Nun, ſo laß uns in das rothe Kabinet gehen.“ Der Oberſt fügte ſich mit bewundernswürdiger Nachgie⸗ bigkeit in die Wünſche ſeiner Gattin. Von dieſem kleinen reizenden Zimmer aus hatte man eine Ausſicht auf den Felſen, auf dem eine Seite des Gebäudes ruhte. Derſelbe bildete theils von Natur, theils durch die Einwirkung der Kunſt mehrere Abſätze, auf welchen kleine Blumengärten treppenweiſe bis zum Fluß hinabgepflanzt waren. Hier ſtand, von der letzten Terraſſe durch eine kleine Brücke getrennt, ein Pavillon über dem Waſſer, der ehedem in Tyringsholms glän⸗ zenderen Tagen eine wichtigere Rolle geſpielt hatte. Aber jetzt war er ſo zerfallen, daß man die Kuppel, in welcher mehrere Glasſcheiben zerſchlagen waren, mit Brettern zugedeckt hatte, und das Schilfrohr ſich friedlich an den Mauern hinaufſchlängelte. „Wenn man Alles auf einmal fertig machen könnte, ſo würde das Gerümpel da ſchon ganz anders ausſehen,“ ſagte der Oberſt mit einem gewiſſen Mißvergnügen dar⸗ über, daß ſich überhaupt noch Gerümpel in Tyringsholm befand.„Aber bis nächſten Sommer wollen wir ihm ſchon aufhelfen.“ Jetzt ſtieg der Mond auf und ſeine Strahlen ſpiel⸗ ten ſilberhelle auf den zerbrochenen Fenſterſcheiben des zerſtörten Pavillons. Die Wogen brachen ſich leiſe und 3 eintönig am Fuße deſſelben. Baronin Eugenie fühlte ſich von einem unwillkühr⸗ lichen Schauer durchbebt. Die Erinnerung an laängſt vergangene Tage ſprach mächtig zu ihrer Seele.„Mal⸗ chus,“ Liebe, n der Me wie gan fallen!“¹ S — mußt unſere elleren nach me N einer w täuſchul heit un ſchluſſes nur di ihm; ſ daß ſie er ſie i Neliqui ſentirte heiten ſchrani ſchenkt fürchte übrige wenn a ſchon es das wieder? rl IX.“ weißen unkeln? 2 meine gehen.“ Nachgie⸗ 3 hatte e Seite Natur, Abſätze, is zum letzten Javillon glän⸗ Aber welcher Zrettern an den könnte, ſehen,“ en dar⸗ holm ihm ir ſpiel⸗ en des ſe und llkühr⸗ längſt „Mal⸗ chus,“ flüſterte ſie,„hier war es, wo Du um meine Liebe, mein Jawort bateſt, und es erhielteſt. Ach! wenn der Menſch ſein Leben von Neuem durchleben könnte, wie ganz anders würden nicht oft ſeine Handlungen aus⸗ fallen!“ „Sehr artig,“ bemerkte der Oberſt.„Aber jetzt mußt Du entſchuldigen, meine beſte Eugenie, daß ich unſere Phantaſte im Mondſcheine abbreche, um zu re⸗ elleren Dingen überzugehen: Licht und Thee ſind mehr nach meinem Geſchmack.“ Nur die ſeinſte männliche Seele vermag es, einer weiblichen, ineinanderlaufenden Fäden der Selbſt⸗ täuſchung und der vorbedachten Täuſchung, der Schwach⸗ heit und des Betrugs, der Zufälligkeit und des Ent⸗ ſchluſſes zu unterſcheiden! Die Schuld, daß der Oberſt nur die Oberfläche an jedem Dinge ſah, lag nicht an ihm; ſeine Seele, der arme Menſch!— war ja ſo klein, daß ſie mehr als hinreichend Raum gehabt hätte, wenn er ſie in einen Kirſchkern einſchloß. Sie wäre dann eine Reliquie geweſen, würdig, auf ein kleines goldenes Prä⸗ ſentirteller gelegt, die koſtbare Sammlung von Selten⸗ heiten zu vermehren, die in einem ſchwarzen Ebenholz⸗. ſchranke, welchen die Königin Chriſtine Tyringsholm ge ſchenkt hatte, aufbewahrt wurden; und es ſteht zu be⸗ fürchten, daß der Oberſt eingewilligt hätte, ſein ganzes übriges Leben vollends ohne Seele zu durchwandern, wenn er durch dieſe Liberalität dem kleinen Dinge die Ehre verſchaffen könnte, in einer ſo großen Geſellſchaft zu glänzen: In dem Schranke waren nämlich viele wun⸗ derſame Dinge, wie z. B. ein Streifen von dem Un⸗ terrocke der Königin Ulrika Eleonore, einer von den Stiefeln Karls des XII. und drei oder vier Späne von Adolph Friedrichs Drechſelbank. Die Baronin, die zwar gewiß an nichts ſo Schlim⸗ mes dachte, aber doch die Unmöglichkeit einſah, ſein Herz andern Eindrücken zu eröffnen, als die waren, welche er ſelbſt einlaſſen wollte, ließ ohne weitere Einwendung die in geſchehen, was er wünſchte. Zudem hatten die Thränen jene Unruhe etwas gelindert, die in ihrer friedlichen Bruſt wohnte. Aber doch ſchien es kein gerade ange⸗ nehmes téte à téte zu ſeyn, als die beiden Gatten an dem üppigen Theetiſche einander gegenüber ſitzend, ſtille und wie von einer mechaniſchen Aufmerkſamkeit getrieben, ſich bald dieß, bald das anboten. „Nun, es wird ſchon beſſer werden,“ tröſtete ſie der Oberſt,„wenn nur erſt mehrere Zimmer erleuchtet ſind, und ſich Leute darin bewegen! Morgen haben wir den Major mit ſeiner ganzen Familie beim Eſſen: ſie kön⸗ nen einige Tage da bleiben. Morgen Abend kommt Klas: ich habe ihm nach unſerer Verabredung die Pferde und den Jagdwagen entgegengeſchickt. Bis gegen Sam⸗ ſtag erſcheint Brandler, ein angenehmer und unterhal⸗ tender Geſellſchaftsmann, und zu Anfang der nächſten Woche der Stallmeiſter, wo man dann, Gott ſey Dank! jeden Abend ſeine Whiſtparthie haben kann— endlich zu guter letzt, die Kammerräthin und Iſabelle. Dann wollen wir ein Feſt geben, meine Liebe, das der Schön⸗ heit des Gegenſtandes, wie unſern neuen Einkünften gleich angemeſſen ſeyn ſoll. Welches Leben und Geraͤuſche wird dann nicht durch dieſe leeren Zimmer ertönen, was für ein Laufen wird da in den Korridoren ſeyn, und welche Bewegung in den Gaſtzimmern! „Ja, es wird ein fürchterliches Weſen geben,“ ſagte die Baronin, die mit der Ausſicht auf all' dieſe Herr⸗ lichkeit nur gar nicht zufrieden ſchien. „Durchaus kein Weſen für Dich, beſte Eugenie! Du ſollſt nur befehlen; und wenn Du das für zu be⸗ ſchwerlich hältſt, ſo will ich es an Deiner Stelle thun, denn ich glaube einigermaßen des Arrangirens gewohnt zu ſeyn. All' das Wenige, was ich von Dir verlange, iſt, daß Du unſere Gäſte auf eine verbindliche Art em⸗ pfängſt, und im Uebrigen ſo ſentimental und nerven⸗ ſchwach als möglich ausſiehſt.“ Es war offenbar, daß der Oberſt durch alle erdenk⸗ liche Li erhalter der R Thüre gnädigg ſchon l ſprechen ſchlager nicht g / verdier / 1 erinner mit de rin be durch „« von d len H ich ka L gro ße ler ge Thränen edlichen ange⸗ tten an , ſtille trieben, ſie der et ſind, ir den e kön⸗ kommt Pferde Sam⸗ terhal⸗ chſten Dank! endlich Dann Schön⸗ gleich räuſche „ was „ und ſagte Herr⸗ genie! u be⸗ thun, wohnt lange, t em⸗ rven⸗ denk⸗ 89 liche iebensüdiskeit die Grillen vertreiben wollte, die ſein Weib plagten und ſein Bemühen ſchien auch bis zu einem gewiſſen Grade mit Erfolg gekrönt zu ſein, als die Baronin nach Guſtav ſchellte, der einige Aufträge erhalten ſollte. Der Oberſt, der ſogleich errieth, wem der Ruf galt, beeilte ſich, den Bedienten unter der Thüre aufzuhalten und ihm zu ſagen, es ſei nichts. Die gnädige Frau habe etwas gefucht, was ſie ſchon gefunden habe. 4„Ich möchte mit Guſtav ſprechen, beſter Malchus,“ ſagte ſie ſ ſich ttlich verwundert, indem ſie aufſtand und nach der Thüre ging, um den Bedienten zurückzurufen.“ „Erlaube mir, Dir zu ſagen, daß das unmöglich iſt, mein Engel! Der Junge hat ſich dadurch, daß er einen von mir beſtimmt gegebenen Befehl nicht befolgte, mein Mißfallen zugezogen: Ich wies ihn fort, und er iſt ſchon heimgegangen. Die Baronin ſetzte ſich wieder, ohne ein Wort zu ſprechen; aber ſie ſchien tief beleidigt und niederge⸗ ſchlagen. „Wenn ich es hätte vermeiden konnen, ſo wäre es nicht geſchehen,“ fuhr der artige Ehemann fort. „Was hat er denn gethan, das eine ſo ſtrenge Strafe verdi ente?“ „Er weigerte ſich, ſeße Livrée anzuziehen.“ „Gewiß auf Befehl ſeines Vaters. Du wirſt Dich erinnern, daß die Bofnuagen, wel lche der alte Alſing mit dem Aufenthalt Guſtavs bei uns verband, nicht da⸗ rin beſtanden, daß er die Anzahl dieſer unnützen Tagdiebe durch ihn vermehrt ſehen wollte.“ „Gleichviel— es war ein unangemeſſener Hochmuth von dem ehemaligen Herrn Kapellmeiſter; und da ich al⸗ len Hochmuth verabſcheue, ſo beſtrafe ich ihn auch, wenn ich kann, nach Verdienſt.“ Nun dachte zwar die Baronin Manches über die große Nachſicht, die der Oberſt bei dem nämlichen Feh⸗ ler gegen ſich ſelbſt hatte; ſie ſchwieg jedoch, und äußerte nur, daß wohl jeder Vater die Freiheit beſitze, ſeinem Sohne zu verbieten, ſich in die Farben eines Andern zu kleiden, da dieß ein Zeichen ſey, das an die Leib⸗ eigenſchaft erinnere. Ueberdieß ſey ja der Kapellmeiſter aus einem beſſeren Stande, oder wenigſtens halb und halb: und es ſey ſehr ſchön von ihm, daß er trotz ſei⸗ ner geringen Umſtände ſo viel Ehre und Freiheitsgefühl beibehalte. Der Oberſt ſchüttelte mit einem zweifelhaſten Lä⸗ cheln den Kopf:„Ehre und Freiheitsgefühle ſind hier nicht an ihrem Platz,“ meinte er. „Meiner Anſicht nach,“ wandte die Baronin leiſe ein, gleichſam als fühle ſie, daß es vielleicht etwas ge⸗ wagt ſey, dieſen Gegenſtand noch weiter fortzuſetzen, „ſind die Gefühle in jeder Bruſt am Platz, welche ihre Bedeutung zu erfaſſen vermag. Der alte Alſing iſt ein armer, aber ehrenhafter Mann, und hat eben ſo viel Recht, ſtolz zu ſein, als irgend ein Anderer.“ Weiter ſagte ſie nichts. Sie hatte noch nie, nicht einmal in Sachen von Wichtigkeit ihren Willen und ihre Anſichten geltend zu machen vermocht. Ihren Mann zu bitten, daß er einen Beſchluß ändere, der bereits bewerk⸗ ſtelligt war. Daran konnte ſie alſo gar nicht denken; aber mit einer heimlichen Hoffnung verweilten ihre Ge⸗ danken jetzt bei Klas Malchus Heimkehr. Er hatte das Recht, Guſtav in ſeine Dienſte zu nehmen. Die Baronin war jedoch zu ungewohnt auf die Seite der Oppoſition zu treten, um ſich nicht ſogleich mit einem Selbſtvorwurf für dieſen Plan zu ſtrafen. „Ich denke, der Lieutenant hätte heute Abend wohl herüber kommen können,“ ſagte der Oberſt, indem er ein Gähnen unterdrückte. Die Baronin erwiederte nichts auf dieſe Bemerkungz vielleicht hörte ſie dieſelbe auch nicht, denn ſie ſchien in andere Gedanken vertieft. Und nach ein paar weitern langſamen Stunden, während welcher der Oberſt all' ſeine Unterhaltungsmittel und ſeine Frau ihren ganzen Vor⸗ rath von unſer G genug ſ gab ſich ſo ſern Abend den, da ſich geg Na Langew erleucht wir das einfache anſpruc N ringsho deicomr roth b einen 1 Auf de drei F ner kle vor der dreier ähnlick von ſe wird d titelt Famil⸗ kleiner er ſell hatte, üͤberhe ſeinem Indern Leib⸗ neiſter d und 5 ſei⸗ gefuͤhl Lä⸗ hier leiſe S ge⸗ ſetzen, ihre ſt ein viel nicht ihre n zu werk⸗ nken; Ge⸗ das ronin ſition wurf wohl r ein ung; n in iitern ſeine Vor⸗ 91 rath von geſpannter Aufmerkſamkeit erſchöpft hatte, kam unſer Ehepaar endlich darüber überein, daß ſie ſchläfrig genug ſeyen, um zu Bette gehen zu können. Bei ſich gab ſich der Oberſt übrigens das Verſprechen, nie mehr, ſo ſern es nur irgend vermieden werden könnte, einen Abend allein mit ſeiner Frau zuzubringen; und zufrie⸗ den, daß wenigſtens der heutige vorüber war, bot man ſich gegenſeitig gute Nacht. Sechstes Kapitel. Nachdem wir jetzt geſehen haben, wie eine gähnende Langeweile und kühle Artigkeit in einem prächtigen wohl erleuchteten Gemache zuſammenkeuchte und ſtöhnte, wollen wir das Blatt wenden und den Blick auf einem jener einfachen Gemälde ruhen laſſen, die, gerade, weil ſie ſo anſpruchlos ſind, das Herz anziehen. Nur eine kurze Strecke von dem Kirchthore in Ty⸗ ringsholm, eine kleine halbe Viertelſtunde von dem Fi⸗ deicommiß gleichen Namens entfernt, liegt ein kleines roth bemaltes Haus mit einem Kohlgärtchen auf der einen und einem kleinen Teiche auf der andern Seite. Auf dem Teiche regiert ein hochbeinigter Gänſerich mit drei Favorit⸗Sultaninnen, nebſt ein paar Enten und ei⸗ ner kleinen Schaar junger Entchen. Der Garten ſcheint vor den ungehörigen Beſuchen einer ſchwarzen Kuh und dreier gelbhaariger Vierfüßler durch einen großen wolf⸗ ähnlichen Hund geſchützt zu werden, der bei Tage nie von ſeinem Platze am Thore weicht. Die Hütte ſelbſt wird von dem alten Meßner, oder wie er ſich lieber be⸗ titelt hört, dem alten Kapellmeiſter Alſing und ſeiner Familie bewohnt. Der ehemalige Kapellmeiſter war ein kleiner kurzbeiniger, heiterer und braver Mann, der wie er ſelbſt oft erzahlte, etwas mehr von der Welt geſehen hatte, als ſich die Tyringsholmer träumen ließen oder überhaupt nur begreifen konnten. Er war aber auch ein weit gereister Mann, und hatte ſich in vielen Hand⸗ thierungen verſucht; zuerſt als wohlbeſtellter Kellner in ſeines Vaters eigenem Wirthshauſe— bei dieſer Epoche ſeines Lebens verweilte er mit einem gewiſſen Stolze— aber damit nahm es bald ein Ende; denn als jenes mit ſeinem Vater zu Grabe ging, ging er auf die See, was zu ſeinem heitern raſchen Sinne ſehr gut paßte, nicht ſo aber zu ſeinem Körper, der ſich nie mit dem Tanz der Wellen vertraut machen konnte. Um beider Neigun⸗ gen zu vereinigen, kehrte er wieder zum Lande zurück, und wurde zuerſt Schuhmacher⸗, dann Gelbgießer⸗ und endlich Schreinergeſelle, in welchen Eigenſchaften er drei⸗ mal eine Reiſe durch die Schweſterreiche machte. Endlich ward es ihm jedoch klar, daß er weder zum Schuhmacher noch zum Gelbgießer oder Schreiner ge⸗ ſchaffen ſey. In Folge dieſer Eingebung nahm er für immer Abſchied von allen Zunftverfaſſungen, ließ ſich in einer heitern Stunde zum Soldaten anwerben, von wel⸗ cher Zeit an ſein von Natur etwas unruhiger Geiſt durch die Subordination gezwungen ward, ſich ſtille zu ver⸗ halten. Um inzwiſchen den Verluſt ſeines früheren freien Lebens zu erſetzen, ſchloß er eine vertraute Freundſchaft mit einem Hoboiſten, und vermochte dieſen gegen eine ſehr unbedeutende Vergütung, daß er ihn Klarinet blaſen lernte. Es dauerte nicht lange, bis Alſing ſich über⸗ zeugte, daß die Urſache, warum er ſich bis jetzt ſtets üͤber ſeine Beſtimmung getäuſcht hatte, die ſey, daß die Natur ihn offenbar zum Muſikus beſtimmt habe. Um jedoch, ſo gut es ſich thun ließ, die entfloſſene Zeit wieder einzuholen, blies er Tag und Nacht, bis ſein Lehrmeiſter und Freund ihn verſicherte, daß er jetzt eine Virtuoſität beſitze, welche ſeine eigene weit übertreffe. Jetzt war Alſing darauf bedacht, koſte es, was es wolle, auch das Klavier zu erlernen. Er leitete geſchickt eine Bekanntſchaft mit einem armen Organiſten ein; um aber die Koſten für die Abendlektionen beſtreiten zu können, war er gen, ode gegen ſo ſich gefe die für Kellerm Nach ei dem rot Frucht opferung W mehrere girte, b noch zu ehrgeizig Vorſtan nen hü ſtand. Dauer Theater Leben; Schauſ B daß er dem T geachtet gering. Ehre d vollen eines t das an wenn und ei — eir ſame Dienſt Hand⸗ er in poche e s mit was nicht Tanz igun⸗ urück, und drei⸗ zum ge⸗ für ch in wel⸗ durch ver⸗ reien ſchaft eine laſen iber⸗ ſtets daß zabe. Zeit ſein eine reffe. olle, eine aber nen, 93 war er genöthigt, den Tag über entweder Holz zu ſä⸗ gen, oder Taglöhnerdienſte zu verrichten. Beides ſtritt gegen ſeinen Kunſt⸗ und Schönheitsſinn; aber er ließ es ſich gefallen, um deſto ſchneller in eine Lage zu kommen, die für einen Mann von ſeinem Kopfe, den Sohn eines Kellermeiſters, den Enkel eines Rathsherrn, beſſer ziemte. Nach einigen mühevollen Jahren ſah er ſich endlich von dem rothen Aufſchlag befreit; und jetzt war es Zeit, die Frucht der Talente zu erndten, die er mit ſo großen Auf⸗ opferungen erworben hatte. Wie er allmählig dieſe Talente emporbrachte, noch mehreres dazu lernte, Lektionen gab und Ballmuſik arran⸗ girte, braucht nicht erwähnt zu werden. Wir haben nur noch zu erzählen, daß er in Wirklichkeit die Höhe ſeiner ehrgeizigen Träume erreicht zu haben meinte, da er als Vorſtand der Kapelle eines Gymnaſiums mit einem klei⸗ nen hübſchen Einkommen auf eigenem Grund und Boden ſtand. War aber das erreichte Glück wohl von einiger Dauer für ihn? Nein, gewiß nicht! Eine herumziehende Theatergruppe machte eine Revolution in ſeinem ruhigen Leben; und jetzt half es nichts— er mußte ſich als Schauſpieler verſuchen. Bei ſeiner muſikaliſchen Fertigkeit geſchah es oft, daß er an demſelben Abend ſowohl im Orcheſter als auf dem Theater eine Rolle ausfüllte. Dieſer Induſtrie un⸗ geachtet war das Verdienſt klein und die Nebenvortheile gering. Es iſt jedoch immer ſchön, wenn man für die Ehre dient, heute als ein Mächtiger der Erde einen effekt⸗ vollen Heroismus entwickeln, und morgen die ganze Kraft eines tragiſchen Talentes zeigen zu dürfen; und eines und das andere abgerechnet, iſt es doch ein luſtiges Leben, wenn man ſo im Lande herumſtreiſt, und eine Liebſte hier und eine andere dort hat. Endlich geſchah es jedoch, daß ſich der Kapellmeiſter — ein Titel, den er ablegte— ernſtlich in die tugend⸗ ſame Jungfer Chriſtina Lindgren vergaffte, die im Dienſte der hochwohlgebornen Frau Baronin von&— ſtand. Genannte Jungfer Kerſtin verſtand ſich jedoch nicht zu der Art Liebesweſen, wie es bei der Truppe im Schwung war. Sie ſprach vom Heirathen; und da, als er ſie zu überzeugen ſuchte, daß ſeine unbedeutenden Einkünfte kaum zu Häring und Kartoffeln und einem ganzen Nocke hinreichen wollten, machte ſie den Vor⸗ ſchlag— denn die Weiber ſind in dieſer Beziehung im⸗ mer erfinderiſch— daß ihr Liebhaber ſein gegenwärtiges Geſchäft aufgeben und ſich um den Organiſten⸗ und Meßnerdienſt in der Gemeinde Tyringsholm bewerben ſolle. Sie ſelbſt wollte die Sache bei ihrer Frau ſchon ſo vortragen, daß es nicht ſehlte; aber da das Amt ge⸗ rade jetzt vergeben werden ſollte, ſo war keine Zeit zu verlieren. Der Kapellmeiſter überlegte in eiligſter Eile. Ei⸗ nerſei's hatte er ſein freies herumſchwaäͤrmendes Leben, das übrigens doch nicht immer ſo ganz ſchön ſchmeckte, wenn er, was nicht ſo ſelten geſchah, mit leerem Ma⸗ gen zu Bette mußte; andererſeits bedachte er ſein zuneh⸗ mendes Alter, wo es doch beruhigend war, ein beſtimm⸗ tes Geſchäft zu haben; und wenn dieſes auch kein eigent⸗ liches Anſehen verlieh, ſo konnte er ihm durch ſeinen Titel ein ſolches geben. Fügte er dann noch ein ziem⸗ lich ſicheres Auskommen, ein Weib, ſchön wie der Tag, und das Vergnügen, bei allen Hochzeiten und Begräb⸗ niſſen zu figuriren, hinzu, ſo wurde die Wahl ſehr ver⸗ führeriſch. Kurz und gut: Ehe ſich noch der Kapellmei⸗ ſter recht in ſeine neuen Verhältniſſe und Pflichten hin⸗ eindenken konnte, war er nicht allein Organiſt und Meß⸗ ner in Tyringsholm, ſondern noch mehr— er war ein verheiratheter Mann. Jetzt war es natürlich zu ſpät, um weiter über die Sache nachzugrübeln; deßhalb bot auch der Kapellmeiſter allem auf, um ſich in ſein Schickſal zu finden, das im Laufe der Jahre, als die Anzahl der eſſenden Mäuler zunahm, nicht gerade ſo leicht wurde. Alſing verlor je⸗ doch niemals den Muth und noch weniger ſeine gute Laune. barn und ſo überto tig ware glanz un wunderun Die len, abe genomme apfel des brachte Und als ihr ſiebz Thätigkei tragen k ſtand, da Reiz hat Reichsta ſich bisy guten To Die barliche Reſignati Titel M neren 2 weilen v Anrede ſehr bel Hochzeite umher das Ha üͤberdieß holt, de kochen k Vieh di Be es natü⸗ — 95 och Laune. Er liebte ſein Weib, ſeine Kinder, ſeine Nach⸗ ppe barn und ſein altes Klavier. Wenn die Kinder ſchrieen, da, ſo übertönte er ſie mit dem Klarinet; und wenn ſie ar⸗ den tig waren, traktirte er ſie mit Sagen, deren Farben⸗ nem glanz und Wunderbarkeit ihr Erſtaunen und ihre Be⸗ vor⸗ wunderung erweckten. im⸗ Die Armuth ließ ſich inz zwiſchen ſchwer genug füh⸗ ges len, aber ſeit der Herr vier kleine Pflänzchen zu ſich und genommen und die Baronin verſprochen hatte, dem Aug⸗ ben apfel des Kapellmeiſters, Guſtav, eine Mutter zu ſeyn, hon brachte ſich die kleine Familie recht ordentlich durch. ge⸗ Und als die Tochter, die ſchöne ſchwarzäugige Marie, zu ihr ſiebzehntes Jahr pollendet hatte, und nun durch ihre Thätigkeit ebenfalls zur Verbeſſerung des Hauſes bei⸗ tragen konnte, ſo erhob ſich dort ſogar ein kleiner Wohl⸗ ſtand, der für den guten Kapellmeiſter einen ungemeinen Reiz hatte, da er ihm geſtattete, in Geſellſchaft mit den Reichstagsmännern die Bezirkszeitung zu halten, und ſich bisweilen mit einem ſteifen Grog und einer Pfeife guten. Tabak zu traktiren. Die Frau des Kapellmeiſters, welche, um die nach⸗ barliche Eintracht bei den Bauernweibern beizubehalten, Reſignation genug gehabt hatte, um dem verführeriſchen Titel Madame zu entſagen, und ſich mit dem beſcheide⸗ neren Mutter Chriſtine, Mutter Meßnerin, oder bis⸗ weilen von verſtändigeren und artigeren Leuten mit der Anrede Frau Kapellmeiſterin zu begnügen, war eine ſehr beliebte und angeſehene Perſon. Sie ſagte alle Hochzeiten, Begrähniſſe und Gaſtirungen in der Gegend d umher an, ſie kleidete Leichen und Bräute, pfuſchte in das Handwerk gewiſſer eraminirter Frauen, und ward die überdieß bei allen unvermutheten Krankheitsfällen ge⸗ ſter holt, da ſie Aderlaſſen, Bl lutegelſetzen und Haberſuppe im kochen konnte. Ja ſie impfte ſogar und heilte verhertes ler Vieh durch ſympathetiſche Kuren. Bei ſo vielen vereinigten koſtbaren Eigenſchaften war es natürlich, daß die Mutter Meßnerin eine ſehr wich⸗ 96 tige Perſon ſeyn mußte. Der Kapellmeiſter hatte auch eine ſehr hohe Achtung vor den großen Kenntniſſen ſei⸗ nes Weibes, und da ſie von Anfang ihrer Ehe an eben⸗ falls ſeinem überlegenen Geiſt und ſeinen Talenten eine tiefe Ehrerbietung gewidmet hatte, ſo lebten ſie in der glücklichſten und harmoniſchſten Ehe. Zu derſelben Zeit, als die Baronin Eugenie und ihr eitler Gatte in den ſtattlichen Herrenſitz eingezogen, und die eine mit ſtrömenden Thränen an die Vergangen⸗ heit, der andere mit ſtolz klopfendem Herzen an die Zu⸗ kunſt dachte, zu derſelben Stunde ſaß in glücklicher Un⸗ kenntniß von den Freuden und Kümmerniſſen der Hohen, der Kapellmeiſter Alſing mit ſeiner treuen Hausehre an dem flackernden Kaminfeuer. Das Klarinet ruhte auf Alſings Knieen, und er geſtattete ſich den dreifachen Genuß, ein wenig Grog zu ſchlüͤrfen, das langhaarige Fell Ulfs, des Hofwächters, zu ſtreicheln und zugleich mit ſeinen kleinen lebhaften Augen Marien zu betrach⸗ ten, die zu dem eben nicht wohllautenden Aecompagne⸗ ment eines kreiſchenden Klaviers eine um ſo ſüßere Stimme hören ließ. Es war ein ſchöner Choral, der Triumph des Kapellmeiſters, der ſich gut zu ſeinem vol⸗ len Baſſe ſchickte! Er ſang ihn auch oft mit Marie; aber ſo groß iſt die Macht der Vaterliebe, daß der Ka⸗ pellmeiſter, der ſonſt nach ſeinem Geſchmack nichts beſ⸗ ſeres hörte, als ſeinen eigenen Geſang, ſich doch bis⸗ weilen dieſes Vergnügens enthielt, um mit ungetheilter Aufmerkſamkeit auf Mariens Stimme zu lauſchen, in welcher er täglich etwas Schöneres und Süßeres zu ent⸗ decken vermeinte. Und gewiß war Mariens Stimme auch ſehr lieblich, ſie ſang ſo fromm, jeder Ton klang hör⸗ bar aus einem warmen Herzen. Marie war ein hübſches, ſittſames Mädchen, mit einem ſtillen ſanften Kindergemüthe. Vielleicht hatten die von den erſten Jugendjahren an beſtändig gehörten und frühzeitig eingeübten Choräle, verbunden mit dem Umſtand, daß der Kirchhof ihr Spielplatz war, die ernſte — Richtun hatte. Spiel eine ve obſchon chen; u¹ erhaber ſcheinli Gegenf z. B. S von ih gerufen bot, da Vater nachgir gern; fand e der ihr wenige 7! ſternde Strum gierig, Stimu G Kopf, ſeinem ſeyn ſ ihrem alſo l tte auch ſſſeen ſei⸗ an eben⸗ ten eine in der nie und gezogen, gangen⸗ die Zu⸗ her Un⸗ Hohen, ehre an hte auf reifachen ghaarige zugleich betrach⸗ npagne⸗ ſüßere al, der em vol⸗ Marie; der Ka⸗ 3 beſ⸗ h bis⸗ etheilter den, in zu ent⸗ ne auch ig hör⸗ in, mit hatten gehörten nit dem ee ernſte Richtung erzeugt, die ihre junge Seele angenommen hatte. Sie freute ſich/ h nicht wie ihre Altersgenoſſen an hatte auch Niemand, mit dem ſie eine vertraute Freundſchaft knüpfen konnte. Ihre Bildung, obſchon gering, ſtand er der der Bauernmäd⸗ chen; und die Mamſellen andererſeits hielten ſich für zu erhaben, um zu Marien herabzuſteigen, die auch wahr⸗ ſcheinlich kein groß Vergnügen daran gefunden hätte, von Gegenſtänden reden zu hören, die ihr fremd waren, wie z. B. Moden, Hofmachen u. ſ. w. So wuchs Marie einſam heran. Die Mutter, die von ihren vielfältigen Geſchäften bald dahin, bald dorthin gerufen wurde, hatte nichts dagegen, wenn ſich Marie er⸗ bot, daheim zu bleiben und das Haus zu hüten, während Bater und Mutter ihren Verrichtungen und Schmauſereien nachgingen. Der Kapellmeiſter ſah dieß auch nicht un⸗ gern; denn bei ſeinem nicht ſo unbedeutenden Hochmuth fand er keinen unter den rohen Söhnen der Gemeinde, der ihm würdig erſchien, Marie zum Tanze und noch viel weniger zum Altare zu führen. „Ich bin begierig, ſagte Mutter Chriſtine mit flü⸗ ſterndem Tone, und ſtieß ihren Mann leiſe mit dem Strumpfe an den Arm,„ich bin wahrhaftig ſehr be⸗ gierig, ob Fräulein Iſabelle eine ſchönere und klarere Stimme hat.“ Der Kapellmeiſter machte eine Bewegung mit dem Kopf, als ob er die Sache bezweifelte, gab jedoch dann ſeinem Weibe mit der Hand ein Zeichen, daß ſie ſtille ſeyn ſolle. Gleich darauf ſchloß Marie, und erhielt von ihrem Vater die gewöhnlichen Lobſprüche, die ungefähr alſo lauteten: „Nun, iſt das nicht hübſch, ſprich! Ja, ich meine ſo! Holen mich zehntauſend Millionen Granaten, wenn die Prima Donna unſerer Truppe es beſſer machte! Nun, was meinſt Du, Marie, wenn ich an einem ſchö⸗ nen Morgen mit Dir nach Stockholm reiste. Du könn⸗ Das Fideicommiß. 1 7 teſt Hofſängerin werden— meiner Seel', das könn⸗ teſt Du!“ „Ja, das wäre mir eine rechte Hofſängerin!“ lä⸗ chelte Marie mit einem kleinen ſpöttiſchen Lächeln um die fein gebildeten Lippen. „Es gibt ſchlechtere,“ fuhr der Vater mit Kenner⸗ miene fort.„Aber Du verſtehſt das nicht, ſelbſt zu be⸗ urtheilen, mein Kind, was ſich aus Deiner Stimme machen ließe. Ich dagegen, ſiehſt Du, begreife es; und hätte ich nur Geld, ſo würden wir uns morgenden Ta⸗ ges auf den Weg machen, und ich wette, ehe ein Jahr verginge, wäreſt Du ſo berühmt wie irgend Eine. Das Herz hüpft mir im Buſen, wenn ich daran denke, daß Du die erſte Sängerin am K. Theater werden könnteſt, Kind! Wie ſollten ſie Dir da Blumenbouquete und Kränze zuwerfen, mit den Händen klatſchen und rufen und ſtür⸗ men:„Narie Alſing! Marie Alſing!“ Und dabei ſchrie der Kapellmeiſter ſelbſt aus aller Kraft ſeiner Lunge, und klatſchte dabei zur Erhöhung der Illuſion tüchtig darauf los.— Doch dieß Alles machte keinen Eindruck auf Marie;„das würde ſich wenig für mich paſſen,“ ſagte ſie, und nahm ganz ſtille das Fichtenholz aus dem Kamine, zündete das Licht an und ſetzte ſich an ihre Näherei. „Du biſt ein wunderliches Mädchen, Marie,“ ſagte der Kapellmeiſter etwas mißlauniſch, denn er hatte ſei⸗ nen Lieblingsſtoff heute verführeriſcher als gewöhnlich ausgemalt.„Kannſt Du ſo langweilig ſeyn, daß Du an dem Gedanken keine Freude findeſt, andere Leute von Dir entzückt zu machen und von einer großen Stadt be⸗ gafft und bewundert zu werden? Wie gut würdeſt Du Dich ausnehmen, wenn Du unter dem lauten Lärmen des Publikums herausgerufen, in oinem zierlichen An⸗ zuge auf dem Theater ſtündeſt und Dich verneigteſt. Ei, ei, Mariel Das wäre doch etwas, das dem Leben eini⸗ gen Werth gäbe,“ ſetzte der alte Kapellmeiſter hinzu, war k Beſu verlor 1 Chriſt hebun Mars war ſo ſ Kenner⸗ zu be⸗ Stimme es; und den Ta⸗ n Jahr . Das ke, daß könnteſt, Kränze nd ſtür⸗ ei ſchrie ge, und darauf uck auf “ ſagte us dem an ihre 4 ſagte ttte ſei⸗ vöhnlich aß Du ite von tadt be⸗ heſt Du Lärmen en An⸗ ſt. Ei, en eini⸗ hinzu, 99 deſſen größte Schwachheit in dieſer ihm noch immer an⸗ klebenden Liebe für das Theaterweſen beſtand. „Das würde mich nur ängſtlich machen,“ meinte Marie.„Ueberdieß habe ich viel Schlimmes von den Theaterleuten gehör 8.0 „Nun ja, es verſteht ſich, daß 8 keine Engel ſind; das will ich auch nicht behaupten. Aber ſchön iſt, wer ſchön thut; erinnere Dich der Wo rte der Schriſt: dem Reinen iſt alles rein.“ Marie ſchüttelte unmerklich ihr hübſches Köpfchen; aber ſie hatte nicht das Herz, ihrem Vater länger zu widerſprechen. Sie wußte ja, daß es Doch nie ſo weit kommen würde. Ein kaſcher Druck an der Thürklinge machte jetzt der Unterhaltung ein Ende, und einen Au⸗ genblick darauf ſtand Guſtav noch mit Thränen in den Augen vor den Seinigen. „Was gibt es?“ fragten alle drei auf einmal. Es war klar, daß der Junge nicht auf einen gewöhnlichen Beſuch kam. „Ach Vater! Das gibt's, daß ich meinen Dienſt verloren habe. Der O berſ hat mich fortgejagt!“ „Wie ſo?“ rief der Kapellmeiſter, während Mutter Chriſtine in ihrer großen Herzensangſt ſeine künftige Er⸗ hebung zum Verwalter dahinſchwinden ſah. „Was haſt Du denn Hethan, armer Guſtav?“ fragte Marie theilnehmend. „Ja, was haſt Du gethan? was haſt Du gethan?“ fielen Vater und Mutter ein. „Nicht das Geringſte; außer daß ich, wie mir der Vater befahl, keine Livrée anzog. Als der Oberſt dieß ſah, fragte er mich, warum ich den neuen Rock nicht an⸗ gezogen habe; ich Miworiete darauf, was die Wahrheit war; aber da ſagte der O Oberſt, ich ſey in ſeinen Dienſten, ſo ſolle ich entweder die Livrée tragen, oder das Haus verlaſſen, noch ehe er mit der gnädigen Frau zurückkomme, die er zu holen ging.“ 7* den Rock 2 ſagte Glick auf m gegen Mann; nen an⸗ und die inn ihm „Chri⸗ afe des r Livrée ſtreichen Dumm⸗ in ſei⸗ n dieſer ind wie ig nicht rend er „Will⸗ wegen Schnee, manche ch bald baß ſie de auch ſeine Mutter alten lter im den?“ 101 ſprach die freundliche Marie vermittelnd,„die Baronin verwendet ſich gewiß für Guſtav.“ „Ja, das würde ihr ſauber gelingen! Ich war im Hauſe und kenne die Verhältniſſe genau, und vor allem den Oberſten. Nein, wenn nicht Zeichen an Sonne und Mond geſchehen, ſo ändert kein Menſch, was der eigen⸗ ſinnige Schädel ſich in den Kopf geſetzt hat! Der Oberſt iſt ein abſcheulicher Menſch; die arme gnädige Frau hat es meiner Seele genügend erfahren müſſen; und ich glaube, es gibt keine Seele auf dem Gute Tyringsholm, die es nicht em pfind den wird, daß ein Anderer Herr ge⸗ worden iſt, als der ſelige Baron— Gott ſegne ihn.“ Alber der Sauertopf, der Baron Klas Malchus,“ fiel der Kapellmeiſter ein,„wird wohl auch ein Wort mit ſprec hen, da das Fideicommiß doch eigentlich ihm und nicht ſeinem Vater gehört. Was meinſt Du, Chriſtine, ſollten wir nicht mit ihm wegen Guſtav ſprechen?“ „Mit ihm ſprechen? ja, da wirſt Du einen ſchönen Beſcheid bekommen, er ſieht ja gerade aus, wie ein böſer Stier. Nein, wenn man mit Einem ſprechen ſollte, ſo wäre es mit dem Lieutenant Richard; das iſt ein junger Herr, an dem etwas iſt; er iſt eben 5 freundlich, wenn er mit den Armen ſpricht, als mit den Reichen; und ſo hübſch, und ſo gerade gewachſen, wie eine Fichte! Ja de wäre ein Majoratserbe geweſen, der n getaugt hätte! Ich werde morgen früh nach Tjällſtorp gehen. Ich weiß, daß des Majors nach Tyringsholm zum Eſſen eingeladen ſind, und da der Lieutenant ſo gut bei dem Oberſt angeſchrieben iſt, könnte er ſich wohl für uns ver⸗ wenden. Doch wenn ich die Sache B vedenke, ſo wird es nichts helfen: es dermag Niemand üitzwas über den Oberſten, ſofern nicht... Du ſollteſt n ben, Vater, was den Rock betrifft; und ſo wahr mir helfe, ich begreife nicht, was daran Böſes iſt? Wenn Guſtav älter wird, ſo...“ „Halte jetzt, Chriſtine!“ ſchrie der Kapellmeiſter in einem nicht undeutlichen Anflug von Zorneswuth.„Es 10² iſt das erſte Mal, daß Du Dich mir widerſetzeſt, wenn ich geradezu gehen will. Ich habe geſagt, was ich geſagt habe; und wer jetzt noch den Mund in dieſer Sache auf⸗ macht, der mag ſich die Schuld ſelbſt beimeſſen.“ „Das ſind in der That Worte, und keine Melo⸗ dieen,“ dachte Marie, die noch nie ſo ſcharfe Dinge von ihrem Vater gehört hatte. Sie ſah verſtohlen empor und auf die Mutter. Dieſe hatte ſich ſchon etwas im Milch⸗ chranke zu ſchaffen gemacht, aber Guſtav ſaß niederge⸗ gen am Kamine! es that ihm weh, daß er die Ür⸗ ſache der geringſten Uneinigkeit zwiſchen Vater und Mutter ſeyn ſollte. Ueberdieß blutete ſein Herz, wenn er an die gute freundliche Baronin dachte, die ihm eher Mutter als Herrin geweſen war. War es nicht ſie geweſen, welcher er größtentheils die geringe Gelehrſamkeit zu danken hatte, deren er ſich rühmte? Er war ja noch ein Kind gewe⸗ ſen, als er von dem väterlichen Hauſe herkam. Ach, ſie war immer ſo gut, und nie hatte er eine ſo bittere Stunde erlebt, wie die jetzige! Die kleine Wolke am Himmel der Familie ſtand jedoch nicht lange da. Der Kapellmeiſter nahm das Kla⸗ rinet und blies, bis der böſe Geiſt in ihm verdunſtet hatte. Als er dann wieder der Alte war, nahm er ſein Weib am Kinn und lachte. Die Mutter trug auch den Groll nicht nach, denn ſie ging ſogleich, um das Leibgericht des Vaters, Speckpfannkuchen, zu backen; und als nach dem kleinen Verſöhnungsmahle Marie und Guſtav wie in ih⸗ rer Kindheit den Abendpſalm ſangen, und der Vater ein⸗ ſtimmte, und die Mutter mit Entzücken und Andacht zuhörte, da war Alles ſo vollkommen gut und gerade, als ob nie eine Saite in der häuslichen Harmonie ſich ver⸗ ſtimmt hätteſßenn brechen konnte nie eine. Aber es ſollte noch beſſer kommen. Der Kapellmeiſter hatte am andern Morgen kaum die Stiefel an, als ein Bote vom Herrenhofe kam und ihn bat, ſich dort einzufinden. Und ſey es nun, daß entweder nach Mutter Chriſtinens Behauptung ein Zei⸗ chen ar ganz ein ronin d ſuchte, i um ſein dieſe K. des Obe dem S auch we höchſt g richt er geweſen ben für er ſagte ſeines Oberſt ablaſſen ſchaffene deßhalb ſoll noc N ſchuldig dem eir Baronit fehl des hälterin zu den Himmel die Zuk daß ſie 0 1/ ſagte de Augen ſie gebe „ wenn h geſagt ſche auf⸗ Melo⸗ nge von por und Milch⸗ iederge⸗ die Ur⸗ Mutter an die itter als welcher hatte, gewe⸗ Elch, ſie Stunde ie ſtand as Kla⸗ et hatte. n Weib a Groll icht des ach dem in ih⸗ ter ein⸗ Andacht ade, als ch ver⸗ kaum m und n, daß in Zei⸗ 103 chen am Monde geſchehen war, oder daß der Oberſt ganz einfach den Gedanken geahnt hatte, welchen die Ba⸗ ronin am vorigen Abend als Contrebande zu vertreiben ſuchte, in welchem Fall— wenn Baron Klas Malchus, um ſeiner Mutter ein Vergnügen zu machen, wirklich dieſe Kühnheit haben ſollte— die Autorität und Würde des Oberſten als Vater ſowohl wie als Hausherrn auf dem Spiele ſtand: dieß blieb dahin geſtellt, und hat auch wenig zu bedeuten; genug, der Kapellmeiſter wurde höchſt gnädig empfangen und mit der huldvollen Nach⸗ richt erfreut, daß Alles nur eine wohl überlegte Probe geweſen ſey, um zu entdecken, ob der Gehorſam des Kna⸗ ben für den Wunſch ſeines Vaters, den der Oberſt, wie ſagte, recht wohl kannte, ſo ſtark ſey, um den Schutz Feines Herrn daran zu wagen.„Aber,“ ſchloß der Oberſt und nahm eine Miene voll freundlicher und her⸗ ablaſſender Zufriedenheit an,„er hat ſich wie ein recht⸗ ſchaffener und braver Jüngling aufgeführt, und kann deßhalb fortwährend auf meine Gewogenheit rechnen. Er foll noch heute zurückkommen!“ Nach dieſen Worten, wofür ſich der Kape Ulmeiſter ſchuldigſt bedankte, wurde er mit einem gnädigen Bücken, dem ein gnädiges Lächeln folgte, abgefertigt. Aber die Baronin ließ ſich nicht ſehen; und nachdem er auf Be⸗ fehl des Oberſten eine paſſende Erquickung von der Haus⸗ hälterin erhalten hatte, eilte er mit der frohen Neuigkeit zu den Seinigen heim. Jetzt ſtand die Freude hoch am Him mel⸗ und Mutter Chriſtine war jetzt ſo gewiß, daß die Zukunft die erſehnte Verwaltersſtalle bringen würde, daß ſie darauf leben und ſterben wollte. Siebentes Kapitel. „Ich denke, des Majors könnten jetzt hier ſeyn!“ ſagte der Oberſt, indem er mit einer gewiſſen Unruhe die Augen von der Uhr nach dem Fenſter warf.„Ich habe ſie gebeten, vor ein Uhr zu kommen.“ 104 Aber da wir nach der neuen Ordnung nicht vor „2 halb drei Uhr eſſen werden, ſo iſt es ja gleich,“ wandte die Baronin ein. „Meine Liebe, Du ſprichſt, als ob man die Geſell⸗ ſchaft nur zum Eſſen einlüde! Es iſt freilich wahr, daß man ſein Diner oder Souper mit erhöhtem Genuſſe einnimmt, wenn es Mehrere theilen, aber ich für mei⸗ nen Theil ſähe auch gerne in den Zwiſchenzeiten Ge⸗ ſellſchaft. Und überdieß hatte ich die Abſicht, des Majors vor dem Eſſen in den Zimmern herum zu fuͤhren. Nach⸗ her iſt es ja finſter und wir müſſen dann verſammelt ſeyn, um Klas Malchus zu bewillkommnen... Doch ſieh', da kommt ein Günſtling, den Du vielleicht nicht ungerne ſiehſt. Ich habe Dir eine kleine Aufmerkſamkeit erweiſen wollen. Guſtav iſt zurück, ich habe nach ihm geſchickt.“ „Iſt es möglich, mein beſter Malchus? Du warſt wirklich ſehr gut!“ „Ich hoffe, meine liebe Eugenie, Du hatteſt nie Grund, Dich über das Gegentheil zu beſchweren; am allerwenigſten möchte ich, daß Du an einem ſo heitern Tag wie dieſer, wo wir nach einer zweijährigen Abwe⸗ ſenheit unſern Sohn wieder ſehen werden, Urſache dazu haben ſollteſt.“ „Ach ja, meinen guten, guten Jungen!“ Die Ba⸗ ronin ſprach dieſe Worte mit einem halben Seufzer aus, aber eine helle Röthe, die auf ihre feinen Wangen trat, verrieth die ſtille Luſt, womit ſich das Mutterherz auf das Wiederſehen des Erſtgebornen freute. „So gar gut kann ich gerade nicht behaupten, daß er iſt,“ verſetzte der Oberſt in einem Tone, der ſeiner Frau zu ſagen ſchien, daß ſie einen ſtrafwürdigen Fehler begangen habe, als ſie ihre Worte mit einem mitleidigen Seußzer begleitete. „O er iſt es gewiß, beſter Malchus!“ „Und doch war er ſchon als Knabe ſo eigenſinnig, daß es für einen andern Vater, der weniger gewohnt geweſen worden f „Li ſchüchter väterliche Ich verſt ſich nur er als 8„M feinen L wollen, chus Ch meine L Dir na wägen.“ / „U ſein Lei dreifache dünkt, Ideen g die Wel Reichth 1/ willſt kommt ſehr zu „ nicht. daß ig in der behand ſchlech dieſen ſeyn, weſer giſter — 105 cht vor eweſen wäre die Menſchen zu zügeln, ſehr ſchwer ge⸗ 9 g 9 wandte worden ſeyn möchte, mit ihm fertig zu werden.“ „Lieber Malchus,“ ſprach die Baronin, mit ſanfter Geſell⸗ ſchüchterner Stimme,„ich bin gewiß, daß Du jetzt Deine wahr, väterliche Autorität nicht wie früher gebrauchen willſt! Genuſſe Ich verſichere Dich, man kann Klas Malchus, wenn man lir mei⸗ ſich nur recht auf ſein Gemüth verſteht, das nichts weni⸗ en Ge⸗ ger als wild iſt, mit Güte um einen Finger wickeln.“ Majors„Mein Engen'chen,“ ſagte der Oberſt mit einem Nach⸗ feinen Lächeln,„Du wirſt mir doch nicht geradezu ſagen ſammelt wollen, daß Du Dich beſſer darauf verſteheſt, Klas Mal⸗ Doch chus Charakter zu beurtheilen, als ich? Wahrhaftig, ht nicht meine Liebe, das iſt beinahe lächerlich; und ich möchte kſamkeit Dir nachgerade rathen, Deine Worte etwas mehr zu ch ihm wägen.“ „Aber, Malchus, ich bin ja ſeine Mutter!“ u warſt„Und ich ſein Vater, meine Liebe. Sein Vater, ſein Leiter und Vormund! Mit dem Gexvichte dieſer teſt nie dreifachen Eigenſchaften will ich thun, was mir am beſten en; am dünkt, um ihn dazu zu vermögen, daß er ſeine wilden heitern Ideen aufgibt, und ſich in die Forderungen ſchickt, welche Abwe⸗ die Welt an einem Manne von ſeiner Geburt und ſeinem he dazu Reichthum machen kann.“ „Gehe wenigſtens nicht zu raſch zu Werke! was die Ba⸗ willſt Du thun, wenn er fortgeht und nicht wieder er aus, kommt? Er wäre zu Beidem fähig, wenn Du ihm zu n trat, ſehr zuſetzteſt.“ auf das„O das hat keine Gefahr! So toll iſt er wohl nicht. Auf alle Fäͤlle iſt es eine überflüſſige Warnung, n, daß daß ich mich übereilen ſollte. Ein Mann, der ſo lang ſeiner in der Welt gelebt hat und weiß, wie jedes Individuum Fehler behandelt werden muß, übereilt ſich nie: Nur Leute von leidigen ſchlechter Erziehung und geringer Weltkenntniß fallen in dieſen Fehler. Indeſſen wird eine feine Lockſpeiſe nöthig ſeyn, um ihn zu bewegen, daß er von ſelbſt das Bücher⸗ nſinnig, weſen aufgibt, worin er wohl trotz einem verrückten Ma⸗ gewohnt giſter excelliren wird. Ich habe an einen kleinen Ro⸗ man gedacht. Er iſt jetzt zwanzig Jahre alt, juſt die goldene Zeit. Der Herbſt iſt an ſich ſchon eine male⸗ riſche Saiſon und Tyringsholm und ſeine Umgebungen paſſen gerade recht zu Liebe und Poeſie. O ich bin ge⸗ wiß, es geht alles von ſelbſt! Ich habe auch eine Hel⸗ din in petto, welche die Sache nicht verderben wird.“ Eine ernſtliche Unruhe ward jetzt in den mütterlichen Zügen ſichtbar.„Beſter Malchus, was ſoll das heißen? Du willſt Dich doch nicht in ſeine Herzensangelegenhei⸗ ten miſchen?“ „Gewiß will ich das! Von ſelbſt würde er nicht einmal daran denken, daß er ein Herz hat. Als Vater iſt es überdieß meine Pflicht, auf Alles bedacht zu ſeyn; und Du wirſt bald die Schwiegertochter zu ſehen be⸗ kommen, die ich, wenn Alles gut geht, Dir als Geſell⸗ ſchafterin zugedenke, denn es iſt nothwendig, daß ſie ſich im Hauſe aufhält.“ „Ach, Du meinſt Virginie! Ja, wenn das ginge, das wäre freilich herrlich; aber...“ „Was ſchwatzeſt Du, Eugenie!“ unterbrach ſie der Oberſt mit einem Achſelzucken. Glaubſt Du, ich ver⸗ heirathe meinen Sohn in eine ſo arme Familie, wie die des Majors iſt? Doch ſtille, ſtille! da kommen ſie! Kein Wort von dem, was wir eben beſprochen haben, ſofern Du meinen Plan näher zu kennen wünſcheſt! Und dann keine Madonna⸗Blicke! Ich bin in der That begierig, ob Du Dir ſo viel Lebensgewohnheit erwerben kannſt, um Dein Minneſpiel in Deine Gewalt zu be⸗ kommen! Es iſt jetzt erſt ein Viertel auf zwei Uhr, wie ich ſehe: Wir können noch vor Tiſche eine Tour durch die Zimmer machen.“ Während der Oberſt noch ſprach, hielt der Wagen vor der Treppe. Der Major, den wir ſchon aus ſeinem Briefe als einen wackern Mann kennen, war ein vortrefflicher und herzensguter Landjunker, deſſen zugleich wohlwollendes und mannhaftes Ausſehen bewies, daß Herz und Muth in ſeiner ſaß mit ei Wagen, Baronin licher Reiz war. Ke Selbſtvertr ſanften Zi Gege Kleinen. chen. Ma abfertigen von dem die Gelege Lieut bei dem 2 im Gehei ſeyn, kon Schönheit denn ein Schriftſte Orakel Aber Ri Geſundhe vor allen ſich eine was dem voll war wicht wa Geſichtsf Körper Air, w ſich auf Das wo gewand ſeinen Eigenſe bungen bin ge⸗ e Hel⸗ zeißen? genhei⸗ r nicht Vater i ſeyn; en be⸗ ſie ſich ginge, ſie der h ver⸗ vie die en ſie! haben, nſcheſt! r That werben zu be⸗ i Uhr, 2 Tour Wagen fe als er und Dllendes Muth 107 in ſeiner breiten vollen Bruſt wohnten. Der Major ſaß mit einem Sprößling auf jedem Kniee vorwärts im Wagen, und neben ihm ſeine Frau, die einnehmende Baronin Ebba. In ihrem Geſichte lag noch ein jugend⸗ licher Reiz, der mit der liebenswürdigſten Würde gemiſcht war. Keine matronenhafte Steife, aber das ruhige Selbſtvertrauen des mittleren Alters ſprach ſich in ihren ſanften Zügen aus. Gegenüber ſitzt das Fräulein und die Wärterin der Kleinen. Ueber das Fräulein werden wir nachher ſpre⸗ chen. Man kann eine junge Dame nicht gar ſ übereilt abfertigen! Ueberdieß ſpringt jetzt gerade der Lieutenant von dem Kutſt henboche⸗ um die Wagenthüre zu öffnen; die Gelegenheit iſt alſo ſchon vorüber. Lieutenant Richard L—, deſſen Aeußeres ſchon ihn bei dem Oberſten ſo beliebt machte, daß dieſer manchmal im Geheimen wünſchte, er möchte ſein eigener Sohn ſeyn, konnte dennoch nicht für ein Muſter männlicher Schönbeit gelten. Und das hatte auch wenig zu ſagen; denn ein ſchöner Mann iſt, wie einmal ein geiſtreicher Schriftſteller ſagt, im Allgemeinen wenig mehr als das Orakel ſeiner Tanten und die Augenweide 5 Mägde. Aber Richards Stirne war edel, ſeine Wange blühte von Geſundheit und Kraft. In jeder ſeiner Bewegungen, vor allem aber in ſeinem lebhaften feurigen Auge ſprach ſich eine lebendige Seele aus. Das war es jedoch nicht, was dem Oberſten ſo ſehr geſtel. Daß ſeine Züge ſeelen⸗ voll waren, hielt er für Nebenſache; aber was von Ge⸗ wicht war, und was ihm an Richard gefiel, das war die Geſichtsform ſelbſt, die Art, wie er den Kopf und den Körper hielt, und endlich jenes angeborne vornehme nur, welches er von ſeiner Mutter hatte und welches ſich auf ſeinem männlichen Geſichte noch beſſer ausnahm. Das war es, was der Oberſt liebte, das, ſo wie das gewandte Weſen des jungen Mannes hätte er gerne auf ſeinen eigenen Sohn uͤbergetragen. Richards übrige Eigenſchaften waren ihm gleichgültigz und er wußte — — 108 auch nichts weiter davon, als daß er mit Ehre ſeine Eramina beſtanden hatte, woraus der Oberſt ſchloß, er müſſe einen guten Kopf haben; und wenn er dieſen wohl zu gebrauchen verſtände, ſo würde er wahrſcheinlich mit Beihülfe ſeiner Familien⸗Verbindungen künftig im Dienſte ſteigen. Zu der Zeit, als Oberſt R— in Rönnäs wohnte, und noch nicht die Vormundſchafts⸗Regierung über den Majoratserben und das Fideicommiß führte, pflegte er ſeinen Gäſten nach artiger Landmanns⸗Sitte bis an die Thure, ja bisweilen auf die Treppe hinauf, entgegen zu eilen; aber jetzt, in ſeiner neuen Würde, ging dieß nicht wohl an. Ein Bedienter lief hinauf, um die Wagen⸗ thüren zu öffnen; aber in demſelben Augenblick warf Richard dem Knechte die Zügel zu(zu Tjällſtorp hatte man weder Kutſcher noch Lakaien), und ſprang herab, um Mutter und Schweſter herauszuhelfen. Der Major nahm ſeine Kleinen an der Hand; und nach einem ſchnell ausgetauſchten Lächeln zwiſchen den Mitgliedern der Fa⸗ milie wanderte man ſo, den Bedienten voran, nach der Beletage hinauf, wo der Oberſt ſelbſt an der Salon⸗ thüre ſie zu empfangen und zu bewillkommnen beliebte. „Der Herr Bruder lebt hier verflucht fein,“ be⸗ merkte der Major in guter Laune.„Hier gibt es gewiß auch Tafeldecker, das läßt ſich denken.“ „Es iſt hier ſüperb, und der gute Geſchmack des Schwagers Malchus verräth ſich in dem geringſten De⸗ tail,“ ſagte die Majorin, indem ſie eine raſche Tour durch den Saal machte. Der Oberſt lächelte, indem er ſich anmuthig vor ſeiner Schwägerin verbeugte. Es war nicht das erſte Mal, wo die feine Frau zur rechten Zeit den unange⸗ nehmen Eindruck verwiſchte, den die etwas zu offene Aeußerung ihres Mannes hervorgerufen hatte. Virginie und Richard, die inzwiſchen damit be⸗ ſchäftigt geweſen waren, die kleinen Herrn Zwillinge, oder wie ſie auch genannt wurden„die Wagenpferde“, zwei vierjä zu beſreien ſchaft. D ſuchen, in hatte, die artiger Kat ben ſie, m ſich die Sinne ſo anzuhören, Ding auf „Was Spiegeln merken: T Kleinigkeit. wahr? A vorziehen. in ihrer A in Schlafzi mächern Lo genehmſte⸗ ſchaften zu That gelut wollte, als verzeihe, d nen Wang zöſiſche, m einer ſchwe Der bald etwas ſich, heit daß es ih Oberſt hi damit, w etwas dal übertreffli denken!“ re ſeine ſloß, er en wohl lich mit Dienſte wohnte, ber den egte er an die egen zu eß nicht Jagen⸗ ck warf p hatte herab, Major ſchnell der Fa⸗ ach der Salon⸗ jebte. 8,“ be⸗ gewiß ick des en De⸗ Tour hig vor s erſte mange⸗ offene nit be⸗ illinge, pferde“, 109 zwei vierjährigen Jungen von aller beweglichen Bagage zu befreien, vereinigten ſich jetzt mit der übrigen Geſell⸗ ſchaft. Da aber Richard ſchon bei den früheren Be⸗ ſuchen, im Hauſe ſeines Onkels, Gelegenheit gehabt hatte, die ganze Herrlichkeit zu ſehen, ging er als ein artiger Kavalier zu ſeiner Tante hin und ſetzte ſich ne⸗ ben ſie, wogegen Virginie auf einen Wink der Mama ſich die Qual auferlegen mußte, den ihrem heitern Sinne ſo widerwärtigen und langweiligen Wortſchwall anzuhören, womit ſich der Oberſt über jedes einzelne Ding auf der langen Runde verbreitete. „Was ſagt meine gnädige Frau Schwägerin zu den Spiegeln hier? Haben Sie die Güte, genau zu be⸗ merken: Das Glas iſt ganz! Sie koſten aber auch keine Kleinigkeit. Die Kronleuchter ſind ſcharmant, nicht wahr? Aber ich möchte doch beinahe dieſe Lampe hier vorziehen. Sie iſt aber auch ein wahres Meiſterſtück in ihrer Art; und überhaupt bin ich der Meinung, daß in Schlafzimmern, Kabineten und anderen kleineren Ge⸗ mächern Lampen den beſten Effekt machen und das an⸗ genehmſte Licht verbreiten. Aber was ſagen die Herr⸗ ſchaften zu der Farbe dieſer Tapeten? Sie iſt in der That gelungen, wenn man damit die Illuſion bezwecken wollte, als ſey es ein gelbſeidener Ueberzug. Virgin'chen verzeihe, daß die Blumen in dieſer Vaſe hier mit Dei⸗ nen Wangen zu wetteifern wagen! Aber es ſind fran⸗ zöſiſche, meine Liebe, ich hätte mir nie erlaubt, dieß von einer ſchwediſchen Roſe zu ſagen.“ Der Major gähnte zu All' dieſem, und ſehnte ſich bald etwas vom Eſſen reden zu hören. Virginie zwang ſich, heiter zu ſcheinen; aber die Majorin, die wußte, daß es ihr oblag, die kleinen Lücken auszufüllen, die der Oberſt hie und da entſtehen ließ, begnügte ſich nicht damit, wie manche bewundernde Freunde, nur ſo ohne etwas dabei zu denken:„Ach ſcharmant! ſüperb! un⸗ übertrefflich! Man kann ſich kein beſſeres Arrangement denken!“ auszurufen, bei welch' abgenützten Phraſen 110 man oft beinahe den Athem verliert. Nein! die Majorin von L— ertheilte bei dieſer kritiſchen Wanderung ihren Beifall mit derſelben Feinheit, wie ſie ihre Bemerkungen machte, gab hier einen Rath, dort ein Lächeln, das mehr werth war als eine lange Rede, legte mit geübter Hand die meiſten Langgardinen in andere Falten und benahm ſich mit einem Wort wie eine Perſon, die weiß, daß ſie eine Sache zu beurtheilen fähig iſt, und auf deren Tadel man mit eben ſo viel Aufmerkſamkeit lauſcht, als auf ihren Beifall. Eine kleine, wenn auch nicht die glücklichſte Ab⸗ wechslung entſtand inzwiſchen dadurch, daß die beiden „Wagenpferde“, ein jedes auf einer Feuerklamme in der Carriére durch das Zimmer geritten kamen, und gerade über die koſtbaren Fußteppiche hinrasten. 3 Die Stirne des Oberſten umwölkte ſich. Einmal war man erſt durch die Hälfte der Zimmer gekommen, und zweitens war dieß eine unſchicklichkeit, die auf keine Art geſtattet werden konnte. „Jungen! bleibt in Ordnung!“ rief der Major, aber er war innerlich ſo vergnügt, auf eine ſo gute Art vom Schlepptaue abkommen zu können, daß er die klei⸗ nen Wildfänge dafür hätte umarmen mögen.„Entſchul⸗ dige, Bruder,“ ſagte er mit einer kurzen Verbeugung gegen den Oberſt,„aber die Jungen ſollen ihre Lektion für dieſen Unfug bekommen,“ und mit einem Kleinen an jeder Hand eilte der Major hinaus, ohne auf Vir⸗ ginien zu hören, die eifrig bat, an Papas Stelle gehen zu dürfen. Erſt ſpät kamen die ermüdeten Damen und ihr zu⸗ friedener Cicerone zurück; ſie fanden den Lieutenant noch in vertraulicher Unterhaltung bei der Baronin ſitzen. „Nun, Mama? nun, Virginie? habt ihr je ſo Et⸗ was geſehen? Iſt es nicht ein verzaubertes Feenſchloß, dem nur noch die Fee fehlt?“ rief ihnen der ſchlaue Lieutenant entgegen. Benehme gerühmt Klaſſe neuen R Unwiſſen gepflanzt Die von ihre lebte in bild für jener ſch ſuchen, rothen laufen Die M ſie wir vernung Wirthi eingeſch 1 keit ur Manck Majorin ig ihren erkungen as mehr er Hand benahm daß ſie a Tadel als auf sſte Ab⸗ beiden in der gerade Einmal ommen, ff keine Major, Art je klei⸗ tſchul⸗ ugung Lektion leinen Vir⸗ gehen r zu⸗ tenant ronin Et⸗ hloß, hlaue 111 „Die Feen! wenn es Dir beliebt, Richard,“ berich⸗ tigte der Oberſt.„Ich hoffe,“ er warf dabei Virginien einen artigen Seitenblick zu,„wir werden bald mehrere junge Damen in Tyringsholms Mauern ſchweben ſehen. Aber Du haſt Recht, Du Schalk, daß hier noch das Beſte fehlt!“ Jetzt endlich kam das Mittageſſen und mit ihm wichtigere Gegenſtände der Unterhaltung, woran auch der Major Antheil nahm. Es wurden Verbeſſerungs⸗ Vorſchläge beſprochen, die den Park, die Weiden, das Sägewerk, die Brennereien u. ſ. w. betrafen; und auch in dieſen Dingen bewieſen die klugen Anmerkungen der Majorin, daß ſie Verſtand und Erfahrung beſaß. Sie war eine praktiſche Hausmutter, ein Weib, würdig eines echten Landjunkers, und obſchon ſie ehedem ein elegantes Fräulein geweſen war, und noch wegen ihres leichten Benehmens im Umgange und ihres guten Geſchmackes gerühmt wurde, ſo gehörte ſie doch keineswegs zu der Klaſſe liebenswürdiger Damen, die wahrſcheinlich einen neuen Reiz zu entwickeln glauben, wenn ſie die höchſte Unwiſſenheit affektiren und lächelnd fragen, ob der Flachs gepflanzt werde und das Malz auf den Bäumen wachſe. Die Majorin von L—, herzlich geliebt und geachtet von ihrem würdigen Gatten und ihren vielen Kindern, lebte in ihren Pflichten und für ſie, ein würdiges Vor⸗ bild für Mütter und Hausmütter. Sie war jedoch keine jener ſchaffenden Weiber, die ihr höchſtes Verdienſt darin ſuchen, wenn ſie ſich ſelbſt wie Mägde abarbeiten, mit rothen Geſichtern und aufgeſchwollenen Fingern umher⸗ laufen und beſtändig von preſſanten Geſchäften ſprechen. Die Majorin begnügte ſich mit weniger Geräuſch; aber ſie wirkte vielleicht eben ſo viel durch eine thätige und vernünftige Leitung. Nie hörte ſie auf, eine angenehme Wirthin für ihre Gäſte zu ſeyn, und ihrem Hauſe, ſo eingeſchränkt es auch war, einen Reiz, eine Gedeihlich⸗ keit und eine gewiſſe dürftige Eleganz zu geben, die Manche mit der größten Pracht nicht erreichten. Sie 112 nahm an dem geſellſchaftlichen Leben der Gegend Antheil, und blieb ſtets als Muſter derſelben, was guten Ton, Geſchmack und Moden betraf. Als Mutter war die Baronin, oder wie ſie ſich lieber nennen hörte, weil ihr Mann es ſo wünſchte, die Ma⸗ jorin unübertrefflich. Sie unterrichtete ihre Jungen ſelbſt, bis ſie das elterliche Haus verließen, war nie ſchwach, aber ſtets zärtlich gegen ſie, und hielt es durch⸗ aus nicht für nothwendig, daß ſie immer wie aufge⸗ ſpannte Drahtſiguren daſaßen. Sie durften vielleicht ein wenig zu viel lärmen. Aber ſie huldigte dem Grund⸗ ſatz, daß die Kinder das Glück und die Freiheit haben ſollten, Kinder zu ſeyn. Schon hatten vier hoffnungsvolle Söhne das Va⸗ terhaus verlaſſen: Unſer junger Lieutenant, Victor, der zweite Sohn in der Reihe, jetzt wohlbeſtallter Gymnaſiſt, und zwei jüngere Söhne, die, wie wir ſchon gehört ha⸗ ben, kürzlich nach der Schule geſchickt worden waren. Die Zwillinge waren die Jüngſten. Sie waren dem Kinderröckchen und der Ruthe noch nicht entwachſen, und bildeten für gegenwärtig die Augäpfel der Familie. Aber jetzt auch ein paar Worte über Virginien, die im Alter nach dem Lieutenant kam. Iſt ſie ſchön oder häßlich, jenes junge Mädchen, das ſich dort, von dem weichen ſchwarzen Tibetkleide umſchloſſen, ſchmiegſam gegen das ſonnenverbrannte Geſicht des Bruders lehnt? Ein durchſichtiges Goldnetz von luftigen Locken beſchattet und mildert die beinahe zu ſtarke Röthe der Wangen. Sie ſieht empor. Aus ihrem blauen Auge geht ein dunkler Strahl; er blendet nicht, er entzückt nicht, aber er erwärmt, und Niemand kann dieſe guten liebevollen Augen ſehen, ohne zu vergeſſen, wie klein ſie find. Manchmal ſucht man in großen Augen vergebens nach irgend einem Ausdruck. In den kleinen findet ſich zu⸗ weilen einer, der die Schönheit der großen übertrifft. Virginiens kleine blauen bildeten ihre hauptſächliche Zauberpracht; und hing vollends eine Thränenperle in den regel Herz au Nic eines Va ſchön ne nicht etr kroskop und da Fräulein ſchaft fü wir jetzt ſchnippiſeh um nicht Mund, a weich ur einer jun blauweiß kleinen H. und da b Aus könne V heit keir gewohnli wenn r aber m und el Bewegr dann zu V dem S ronin, Wirthi ſie ein was e ſigen ihre 1 Da Antheil, en Ton, h lieber ie Ma⸗ Jungen var nie durch⸗ aufge⸗ ielleicht Grund⸗ haben 18 Va⸗ r, der naſiſt, rt ha⸗ waren. dem achſen, ilie. t, die oder t dem egſam ehnt? hattet ngen. ein aber ollen ſind. nach zu⸗ rifft. liche in 113 den regelmäßigen Wimpern, ſo hätte wohl Mancher das Herz aus der Bruſt für ſie hingegeben. Nichts deſto weniger war es nur die Partellichkeit eines Vaters und einer Mutter, die ſie ohne Vorbehalt ſchön nennen konnte. Dieſer hohe Purpur z. B. iſt er nicht etwas zu ländlich, und braucht es wohl ein Mi⸗ kroskop oder eine Lorgnette, um zu entdecken, daß hie und da eine Finne auf den Roſen ſitzt! Ei, ei, mein Fräulein! da ſehen Sie ſelbſt die Frucht Ihrer Leiden⸗ ſchaft füj Sonne und Sommerluft! Aber was haben wir jetzt zunächſt? Eine kleine, ohne Zweifel recht ſchnippiſche und zierliche, aber höchſt alltägliche Naſe, um nicht zu ſagen eine wahre Kammerjungfernaſe; einen Mund, an dem nichts zu tadeln iſt, denn er iſt ſammet⸗ weich und roſenroth. Die Zähne, die vornehmſte Zierde einer jungen Dame, ſind ſchoͤn und von der reinſten blauweißen Farbe: aber mit dem Hals hat es einen kleinen Hacken, denn er iſt, wie Lieutenant Richard hie und da behauptet, wenigſtens um einen Zoll zu lang. Aus dieſer Beſchreibung will es nun erſcheinen, als könne Virginiens Aeußeres von Kunſtrichtern der Schön⸗ heit kein hübſches genannt werden, und nicht einmal gewöhnliche Beſchauer möchten es als ſolches erkennen, wenn man jeden einzelnen Theil beſonders betrachtet; aber man ſehe jetzt nur auch ein wenig ihre feine, edle und elaſtiſche Geſtalt, ihre geſchmeidigen anmuthigen Bewegungen, ihr kleines vornehmes Air— und wage dann zu behaupten, ſie ſey häßlich! Von der Mittagstafel ging die Geſellſchaft nach dem Saale, um dort den Kaffee einzunehmen. Die Ba⸗ ronin, die ſich anzuſtrengen ſchien, um die Pflichten einer Wirthin zu erfüllen, bat jetzt um Entſchuldigung, daß ſie eine Weile zu ruhen ging. Sie fühlte, Gott weiß was es ſeyn mochte, totales Uebelbefinden; und die häu⸗ figen Schauer, die ihr Weſen durchfuhren, bewieſen, daß ihre Unpäßlichkeit nicht erdichtet war. Das Fideicommiß. 1. 8 114 „Es iſt Deine gewöhnliche Nervenſchwäche, mein Kind,“ ſagte der Oberſt.„Geh' auf Dein Schlafzim⸗ mer! Virginchen wird uns ſchon das Vergnügen machen, zu ſerviren.“. Der Himmel war den ganzen Tag über ſchwer und grau geweſen, und ſeine Trübe jetzt noch durch einen feinen Thauregen vermehrt. Es lag etwas Schläfriges Innen und Draußen, und obſchon man den Baron Klas erſt in einigen Stunden erwartete, ſo machte es doch eine kleine Zerſtreuung nach dem Kaffee, daß man be⸗ ſtändig durch das Fenſter ſah. „Ich will hinunter gehen und nach den Pferden ſchauen,“ ſagte Richard.„Ich glaube, Jöſſe hat einen Stein in den Huf bekommen!“ „Und ich mache mein Mittagsſchläfchen,“ gähnte der Major. „Mamachen,“ flüſterte Virginchen halblaut,„ich bin gewiß, daß die Jungen den Onkel mit ihrem Lär⸗ men beläſtigen; darf ich mit ihnen auf ihre Zimmer hinauf gehen? Ich werde es ſchon ſo einrichten, daß ſie Unterhaltung haben?“ Und ſo verſchwand eines nach dem andern; nur die artige Majorin blieb noch ſitzen. Sie ſtrickte an einem Strumpf und hörte dem Oberſten zu, der ihr von ſeiner frohen Hoffnung erzählte, im Laufe des Herbſtes ſeinen alten guten Freund, den General D— mit Familie, bei ſich zu ſehen. „Aber, mein lieber Malchus,“ ſagte die Majorin mit einer gewiſſen kleinen Verwunderung,„wie kannſt Du daran denken, dieſe vielen Freunde bei Dir zu ſehen, da Deine Frau ſo geſchwächt iſt? Eugeniens Geſundheit iſt ſchrecklich zerſtört. Du kannſt nicht blind dafür ſeyn, und da wir jetzt gerade allein ſind, will ich Dir einmal auf⸗ richtig ſagen, daß dieſes Benehmen Dir gewiß vielen Tadel zuziehen wird. Sie bedarf der Ruhe und Stille.“ Miemand als der Majorin wäre eine ſolche Aeuße⸗ rung zu rathen geweſen; vor ihr hatte der Oberſt eine Art Ehr blaſenes wiederte: daß wir nachdem Aerzte fü zu dem rer Dokt ſie ſo vi ſchadet il ſie währ ſelbſt ſo Deßhalb und Ber Die ausgewo Sache Richard regne. „J dem dieſ darüber Waſſert nicht ei recht we „ die Ma 7 de Freuf „ ich rul darin. Ritter wagen würde den§ 115 Art Ehrerbietung und dem zufolge lag nichts Aufge⸗ blaſenes oder Uebermüthiges in ſeinem Tone, als er er⸗ wiederte:„Es thut mir ſehr leid, meine liebe Ebba, daß wir in dieſer Sache nicht einer Meinung ſind. Aber nachdem ich Brunnen und Bäder, in⸗ und ausländiſche Aerzte für meine Eugenie probiert habe, bin ich endlich zu dem Reſultat gekommen, das auch den Beifall mehre⸗ rer Doktoren erhalten hat, daß es am beſten ſeyn werde, ſie ſo viel wie möglich zu zerſtreuen. Die Einſamkeit ſchadet ihrem ſchwermüthigen Sinne; und gerade weil ſie während der letzten langweiligen Monate hier ſich ſelbſt ſo viel überlaſſen war, iſt ſie ſchlimmer geworden. Deßhalb halte ich es für meine heilige Pflicht, Leben und Bewegung um ſie her zu bringen.“ Die Majorin, die ſich keineswegs in dieſem geſchickt ausgeworfenen Netze fangen ließ, machte ſich bereit, ihre Sache von einer andern Seite aus zu vertheidigen, als Richard mit der Nachricht zurück kam, daß es ſehr ſtark regne. „Ja, wahrhaftig, das thut es,“ ſagte der Oberſt, dem dieſe Unterbrechung höchſt willkommen war, und der darüber den Satz vergaß, den er ſonſt bei dem erſten Waſſertropfen auszuſprechen gewohnt war: Wer die Saat nicht eingeerntet habe, dem ſey es beim Regen nicht recht wohl. „Gott ſey unſerem Korne gnädig, Richard,“ ſagte die Majorin bekümmert. „Und dem Klas Malchus, Mamachen! Es iſt keine Freude in einem ſolchen Wetter zu fahren.“ „Was das betrifft,“ ſiel der Oberſt ein,„ſo bin ich ruhig; der Wagen iſt bedeckt; er ſitzt ganz bequem darin... Aber was der Teufel iſt denn das für ein Nitter von der traurigen Geſtalt, der auf dem Leiter⸗ wagen dort einhergeholpert kommt? Ein Bauernſchlingel würde doch ein wenig Acht haben, und nicht nur ſo an den Hof herfahren.“ 8* 116 Die Perſon, der der Oberſt nicht ſo ganz unrichtig dieſen Namen gab, ſaß zuſammengekauert auf dem Wagen⸗ ſitze, der hinaufgeſchlagene Rockkragen ſtieß an das her⸗ unterhängende ſchwarze Haar, und verbarg dadurch das Geſicht des Reiſenden, während der vom Waſſer ſchlapp hin⸗ und herbaumelnde Regenſchirm den ganzen Menſchen wie in eine Wolkenſäule hüllte. „Mein beſter Onkel!“ rief der Lieutenant mit einem ſchalkhaften Lächeln,„machen Sie ſich auf das Schlimmſte gefaßt; denn ſo wahr meine Augen dieſen Rockkragen durchdringen, dieſe Perſon iſt nicht mehr und nicht we⸗ niger als der Freiherr Klas Malchus E— brand von Ty⸗ ringsholm ſelbſt!“ „Gott verhüte, daß er meinen Leuten ſolches Spek⸗ takel gäbe!“ ſprach der Oberſt von einer ſchnellen Bläſſe bedeckt.„Das waͤre mir gerade die rechte Art, um ſich zu introduciren!“ Richard war indeſſen ſchon die Treppe hinabz und wenn der Oberſt dem Zeugniß ſeiner eigenen Augen auch nicht hätte trauen wollen, ſo wäre es ihm doch ſchwerlich gelungen, da er den unſaubern Reiſenden herabſpringen und ſich in die ausgeſtreckten Arme des Lieutenants werfen ſah. „Meiner Treu! das iſt die rechte Zeit zu Umar⸗ mungen, wenn der Himmel ſo entſetzlich gießt! Stens⸗ ſon!“ rief der Oberſt heftig einem eintretenden Bedien⸗ ten zu,„laufe zu den Herren hinunter mit einem Regen⸗ ſchirm.“ 3 Aber der Regenſchirm kam zu ſpät. Schon tönten Schritte auf der Treppe, und der Oberſt hielt es für paſſend, ſeine Verwunderung und ſeinen Aerger zu ver⸗ bergen, um dem Sohne mit einer Art Vaterfreude ent⸗ gegen zu gehen. Aber ehe er die Thüre erreicht hatte, ward ſie ſchon aufgeriſſen, und in demſelben Augenblicke ſtürtzte von der anderen Seite die Baronin herbei, und ſank beinahe bewußtlos in Klas Malchus Arme. „Das war wahrhaſtig eine unvermuthete Ueberra⸗ ſchung, mein lieber Klas Malchus! Aber mein Gott! wie das ter: zuath der den S zeitig Dam doch ſeyn? in kla währe ihr 2 hörba etwas daß Veral bei W 1 einem „Wa zu la das theue Sop auf liebe wech auf nach nrichtig Wagen⸗ as her⸗ ch das ſchlapp enſchen einem immſte kragen ht we⸗ dn Ty⸗ Spek⸗ Bläſſe m ſich Treppe igenen 's ihm ſenden e des Umar⸗ Stens⸗ hedien⸗ tegen⸗ tönten 6 für t ver⸗ e ent⸗ hatte, ablicke und berra⸗ l wie 117 das Waſſer von Dir herabtropft! Du tödteſt Deine Mut⸗ ter: ſie kann es nicht ertragen, ſo viel Feuchtigkeit ein⸗ zuathmen! Doch willkommen, immerhin willkommen! Iſt der Wagen entzwei gegangen, oder warum biſt Du auf den Karren gekommen? Ich hoffe, Sjögren war ſo früh⸗ zeitig da, daß die Pferde ausruhen konnten, ehe das Dampfboot ankam? So ſtarke und gute Thiere können dach, nicht auf dieſer kurzen Strecke erſchöpft worden ſeyn?“ Mit dieſen liebeathmenden Worten, die der Oberſt in kleinen Pauſen ausſprach, bewillkommte er ſeinen Sohn, während dieſer, der ſeine Mutter im Arme hielt und ihr Worte in's Ohr flüſterte, die für die andern nicht hörbar waren, nur den Schluß hörte, welcher ihn jedoch etwas verlegen zu machen ſchien. „Es thut mir leid,“ ſagte er,„wirklich recht leid, daß Papa dieſe Anordnung vergebens getroffen hat! Unſere Verabredung war mir ganz entfallen. Ich ſtieg daher bei W—s ans Land, von wo aus ich Poſt nahm.“ „Nun, das iſt ſehr hübſch,“ meinte der Oberſt mit einem Geſichte, das etwas ganz Anderes zu ſagen ſchien, „Wagen und Pferde zehn Meilen weit vergebens fahren zu laſſen! Wann wird jetzt Sjögren wohl heimkommen? das iſt wirklich ein pikantes und charakteriſtiſches Aben⸗ theuer, mein beſter Klas Malchus!“ „Mama iſt ſo ſchwach: wir müſſen ſie auf den Sopha legen.“ „Ja freilich müſſen wir das, Eugenchen, ſtütze Dich auf meinen Arm! Ach ſie leidet ſo an den Nerven! Mein lieber Sohn, wollteſt Du nicht Deine naſſen Kleider wechſeln! Vielleicht wird Richard ſo gut ſeyn, und Klas auf ſeine Zimmer führen! Ich hoffe Du findeſt alles nach Deiner Bequemlichkeit eingerichtet.“ „Iſt Dir's beſſer, Mama? Nicht wahr, es iſt gewiß jetzt beſſer?“ ſprach der Baron in einem ſo ängſtlichen Tone, daß dieß ihn entſchuldigen mußte, wenn er kein Wort von ſeines Vaters Ermahnung hörte. Er beugte 118 ſich zu der Mutter herab, die gegen die Sophakiſſen zurückgelehnt lag. „Ja, viel beſſer,“ flüſterte die Baronin, und erwie⸗ derte die ſchmeichelnde Bewegung ſeiner Hand⸗ „Aber, Klaschen, Du mußt wirklich die Kleider wechſeln,“ ſagte die Majorin,„es iſt nicht geſund, weder für Dich noch für Mama.“ „Was iſt nicht geſund, Tantchen?“ „Daß Du ſo naß und kalt hier ſtehſt. Wenn Du jetzt eine Weile auf Dein Zimmer gehſt, ſo wird alles recht, bis Du wieder zurück kommſt.“ „Ach wie unvorſichtig war ich!“ Er zog ſich haſtig zurück, um dem Vater die noch verzögerte Umarmung zu geben; aber der Oberſt rief in einem Tone, der ſehr ſcherzhaft lauten ſollte, indem er drei Schritte zurücktrat: „Nein, danke; danke! ich will kein Douchebad! Wenn Du zurückkommſt, werde ich mir meinen Antheil an der Freude des Wiederſehens nehmen.“ Baron Klas Malchus ließ die ſchon ausgeſtreckten Arme ſteif herabſinken, warf mit einer nicht ſehr ele⸗ ganten Bewegung das herunterhängende Haar aus der Stirne, und folgte ohne ein Wort zu ſagen Richarden, der einſtweilen den Wirth zu machen beliebte. Achtes Kapitel. Sobald ſie in das erſte der drei Zimmer gekommen waren, welche die beſondere Wohnung des Barons bil⸗ deten, warf dieſer den Oberrock in eine Ecke und ſich ſelbſt rücklings in einen Lehnſtuhl. Ohne ein Wort zu ſprechen, drückte er beide Hände vor die Augen, und ſchien mit Gewalt eine hervorbrechende Thräne zerdrücken zu wollen.. Einmal über das andere ſtahl ſich ein tiefer Seufzer aus ſeiner Bruſt, und die Füße kreuzweis über einander geworfen, ſchien er ſich nicht mehr zu erinnern, daß er Geſellt zen 2 nicht wart 7 Du gehen. 7. ſeinem Vorat 1 ſträub 1 nicht darfſt war, zu ra Klein zum War dieſe ſie b geſu find Abc meif vor Es hakiſſen erwie⸗ Kleider weder n Du alles haſtig rmung r ſehr cktrat: Wenn lil an reckten r ele⸗ s der arden, mmen 3 bil⸗ d ſich ort zu und rücken eufzer ander aß er 119 E Geſellſchaft hatte; und wahrſcheinlich würde er den gan⸗ zen Abend ſo dageſeſſen ſeyn, wenn es der Lieutenant nicht für nothwendig erachtet hätte, ihn an ſeine Gegen⸗ wart zu erinnern. „Mein lieber Klas, befindeſt Du Dich nicht wohl? Du mußt Dich entweder ankleiden oder zu Bette gehen.“ „Es iſt alles ſeinem eigenen Ideengange folgend;„ich wußte es zum Voraus und ſträubte mich dagegen, ſo lange ich konnte.“ „Gegen was, mein beſter Malchus? Gegen was ſträubteſt Du Dich?“ „Gegen das Wetter,“ entgegnete er barſch. „Nun, Klas, Du wirſt doch einen alten Freund nicht ſo abſpeiſen wollen,“ ſagte Richard ſanft. Das darfſt Du nicht! Weiß ich nicht, daß es die Heimath war, wogegen Du Dich ſträubteſt? Doch urtheile nicht zu raſch! Der Augenblick war nicht recht günſtig: Eine Kleinigkeit... Nein, Klas Malchus, Du darfſt nicht zum Boraus ſchon Deine Parthie ergreifen.“ „Und meine Mutter ſo geſchwunden, ſo zerſtört! Warum leidet ſie immer? Zoll für Zoll ſinkt ſie unter dieſer eiſigen Behandlung meines Vaters ins Grab! Ach es beim Alten,“ antwortete der Baron 7 ſie bedurfte der Wärme, vieler Wärme, wenn ihr Herz geſund bleiben ſollte.“ „Bei Dir, Klas Malchus, wird ſie dieſe Wärme finden.“ „Bei mir: ja vielleicht, wenn wir allein wären: Aber ſchon das Einathmen der heimathlichen Luft greift mein Gehirn an. Und dieſes alte Neſt, dieſer Aufenthalt von Krähen und Dohlen, wenn ich es nur los waͤre! Es wird mir nie einen Tag hier wohl ſeyn.“ „Was ſagſt Du, mein Bruder? Tyringsholm ein Neſt für Krähen und Dohlen?“ entgegnete Richard lä⸗ chelnd.„Da biſt Du vollkommen im Irrthum. Sieh Dich nur um! Dein Vater hat große Verbeſſerungen 120 vorgenommen, und wird bald dafür ſorgen, daß Leben und Bewegung in dieſe prachtvollen Zimmer kommt.“ „Um ſo ſchlimmer! Ich kann große Geſellſchaften nicht leiden. Lieber noch das Geſchrei der Krähen und Dohlen, als das fade Geſchnatter gefallſüchtiger Weibs⸗ leute und verſchrobener Cavaliere. Welch eine Qual für den, der Ruhe und Stille liebt, wenn er an einem ſolchen Orte verweilen muß! Ich ſage Dir, Richard, ich halte es nicht aus.“ „Und ich ſage Dir, Klas, die Gewohnheit wird zur andern Natur. Und ſollte es ſich im ſchlimmſten Falle ſo geſtalten, daß dieſe Regel nicht auf Dich ange⸗ wendet werden könnte, nun was iſt es denn? Hier haſt Du ja Deine eigenen Zimmer, die von der Hauptwoh⸗ nung weit getrennt ſind; Du lebſt wie es Dir gefällt.“ „Das hab ich auch im Sinn. Um meiner armen Mutter Willen hab ich mir den Zwang auferlegt, mich ein Jahr lang hier einſperren zu laſſen, aber dann bin ich mündig und dann muß es anders werden.“ „Was meinſt Du damit, Klas? Du vergißt doch wohl nicht, daß Tyringsholm Dein iſt— und daß Dein Vater, daß Iſabelle... Aber Du kannſt doch nicht etwas meinen, was nicht recht iſt.“ „Das hoffe ich! mein Vater mag Tyringsholm im⸗ merhin bewohnen, wenn er es wünſcht, aber mich binden keine Rückſichten: Ich will meinen Wohnort ſelbſt wählen, und Mama kann bei mir leben.“ „Und Du wollteſt Deine Mutter von ihrem Gatten und ihrer Tochter trennen, und das nur um Deinet⸗ willen? Wäre das nicht ſehr egoiſtiſch? Und glaubſt Du, ſie würde darauf eingehen, geſchweige denn Dein Vater, der es gewiß nie zugiebt, daß ſich die Welt ſo viel mit ſeinen häuslichen Angelegenheiten beſchäſtige.“ „Wir müſſen einen Ausweg ſinden, um dieſe kitzli⸗ chen Verhältniſſe auszugleichen; denn— da meine Seele in dieſem Augenblick auf der Zunge liegt, und ich mich vollkommen auf Deine Ehre verlaſſe— ſo will ich Dir „ ſagen, widerwil So lan ich bin then, ſ ner Ses Scholle, ſelbſt. ſeinen ſich an in eine was wei lich gel ohne H Mangel empftude linge m ſtehen 3 entſetzli ligen G D De gewaltſe die Erl hinweg R geahnt, nerſtes nahme Stimn mein b 5 Zimm erkläre ſeyn r 1 zurück Leben t.⁰ chaften n und Weibs⸗ al für einem ichard, wird imſten ange⸗ haſt twoh⸗ flit. irmen mich n bin doch Dein etwas im⸗ nden hlen, atten inet⸗ aubſt Dein t ſo 7 tzli⸗ eele nich Dir 121 ſagen, daß ich fühle, es wird mir nie gelingen, dieſes widerwillige Gefühl gegen meinen Vater zu überwinden. So lange wir uns nicht begegnen, geht es an. Aber ich bin kaum unter den Einfluß ſeiner Gegenwart gera⸗ then, ſo fühle ich die Ruhe und das Gleichgewicht mei⸗ ner Seele geſtört. Wir gedeihen nicht recht auf einer Scholle, und dieſes Verhältniß reizt mich gegen mich ſelbſt. Richard! Richard!“— Klas ſchlang heſtig ſeinen Arm um den Hals des Freundes und lehnte ſich an ſeine Schulter—„was weißt Du, der in Liebe, in einem glücklichen Familienkreiſe aufgewachſen biſt, was weißt Du von ſolchen Qualen! Eine unausſprech⸗ lich geliebte Mutter leiden und hinbleichen zu ſehen, ohne Hoffnung, dem Uebel abhelfen zu können: bei dem Mangel an gegenſeitigem Vertrauen oft eine Kühle zu empfinden, die mich ſogar gegenüber von ihr zum Fremd⸗ linge macht; und endlich einen eigenen Vater nicht aus⸗ ſtehen zu können! Bei meinem Leben, Richard! dieß iſt entſetzlich, und mein Kopf ſchwindelt bei all' dieſen unſe⸗ ligen Gedanken.“ Der zurückgedrängte Schmerz machte ſich in einem gewaltſamen Schluchzen Luft. Dem Mann wird ſelten die Erleichterung zu Theil, daß er eine qualvolle Stunde hinwegweinen darf. Richard, der dieſes unglückliche Berhältniß zwar geahnt, aber nie ſo klar wie jetzt in Klas Malchus In⸗ nerſtes geſchaut hatte, drückte ihm mit ſtummer Theil⸗ nahme die Hand. Da tönte von der Entſernung die Stimme des Oberſten.„Biſt Du noch nicht angekleidet, mein beſter Klas Malchus? Wir warten auf Dich.“ Der Baron fuhr zuſammen, eilte in das innere Zimmer und überließ es dem Lieutenant, artig zu erklären, daß nur noch wenig fehle und Klas bald fertig ſeyn werde. 2 „Mein theuerſter Bruder,“ ſagte Richard, als jener zurückkehrte, Du mußt Dich ankleiden! Du mußt Dir einigen Zwang auferlegen. Die Freude und Dankbarkeit Klas! Deiner Mutter belohnt Dich dafür.“ die Km „Du haſt recht, es kann nicht ſo fortgehen, ich bin keine indeſſen ſo ſehr an die Einſamkeit meines Zimmers ge⸗ vraune wöhnt, wo die Bücher meine einzige Geſellſchaft ausge⸗ hier ſi macht haben, daß mir auch die geringſte Veränderung lichen zuwider iſt. Du lachſt mich vielleicht aus, wenn ich dir Frack ſage, daß ich nicht nur im Allgemeinen menſchenſcheu, jener ſondern wirklich ſo ſchüchtern bin, daß ich mich in Da⸗ vor ei mengeſellſchaft beſonders genirt fühle.“ geliebt „Aber vorderhand kann davon nicht die Rede ſeyn doch n wir ſind ja Verwandte! Sol! jetzt habe ich den Koffer„ geöffnet— gib mir Deine Inſtruktionen, während Du haben mit der Waſchſchüſſel und Haarbürſte ins Reine kommſt.“ „Meinſt Du ich ſoll mich raſieren?“ trefflich „Gewiß; Du haſt einen ungewöhnlich ſtarken Bart⸗ Menſch wuchs. Ich ſehe es mit Neid. Mein Schnurrbart macht mit d nicht ſo viel Weſen aus ſich.“ Deinen „Richard!“ ſagte Baron Klas ſehr ernſt, indem er einer das Raſiermeſſer aus dem Futterale nahm und nach der 3 Seifenſchachtel langte, die vor ihm anf dem Toiletten⸗ bin d tiſche ſtand,„ich glaube wahrhaftig Du biſt ein Narr!“ und ſ „Nein, nicht gerade, mein beſter Klas! Aber da mir ich überzeugt bin, daß unſere vorige Unterhaltung gerade will, zur rechten Zeit unterbrochen wurde, ſo iſt meine Mei⸗ die 2 nung, daß wir uns von dem Nachklange derſelben befreien 4 nachz müſſen. Glaube darum nicht, ich wiſſe Dein Vertrauen oder nicht vollkommen zu ſchätzen; ja noch mehr, ich will Tag griffe und Nacht auf Mittel ſinnen, um Dich geſund zu ma⸗ um 1 chen. Aber nun mußt Du ſelbſt geſtehen, daß es unan⸗ Du genehm wäre, wenn wir von einem neuen Boten über⸗ konſſ raſcht würden.“ 3 „Es iſt wahr!“ Der Baron ſetzte ſich mit dem dach Handtuch über den Knieen vor den Spiegel; der Lieu⸗ eine tenant dagegen begann den Koffer aufzuſchließen und der ſeinen Inhalt auf den Stühlen umherzuſtreuen. Ind „Da haben wir keine große Auswahl, mein lieber 4 für nkbarkeit ich bin ders ge⸗ t ausge⸗ inderung ich Dir jenſcheu, in Da⸗ tede ſeyn n Koffer end Du ommſt.“ n Bart⸗ tt macht ndem er nach der oiletten⸗ Narr!“ lber da gerade de Mei⸗ befreien ertrauen dill Tag zu ma⸗ unan⸗ n über⸗ nit dem Lieu⸗ en und lieber 123 Klas! Der blaue Frack möchte vielleicht paſſiren, wenn die Knöpfe nicht ſo ſchlecht wären. Hinten ſind gar keine, wie ich ſehe: Nun da müſſen wir uns an den braunen Ueberrock halten. Dieſe beiden ſchwarzen Fräcke hier ſind gerade würdige Amtsbrüder von dem unſterb⸗ lichen Fracke des ehrlichen Kapellmeiſters, welcher, der Frack nämlich, ſoviel ich mich erinnere, ſein Ahnen aus jener großen Epoche herzählt, wo der Alte ſein Klarinet vor einem erlauchteren Publikum blies, als unſere ſehr geliebten Tyringsholmer Bauern ſind. Du erinnerſt Dich doch noch des alten Alſing, hoffe ich 2 „Du meinſt den Meſſner? Ich ſollte warm Waſſer haben; das Meßer iſt ſtumpf.“ Poſſen! laß das nur ſein! So, das iſt ja vor⸗ trefflich! Auf meine Ehre, Du biſt ein ganz anderer Menſch! Aber was, ums Himmelswillen! thuſt Du denn mit der gräulichen Perrücke? Du mußt mir erlauben, Deinen Friſeur zu machen.“ Der Lieutenaut griff nach einer Scheere und ging auf ihn zu. „Nein, ich danke, mache Dir keine Mühe! Ich bin daran gewöhnt, eine ſo lange Mähne zu tragen; und ſchön oder häßlich muß ſie hingehen. Denn ſie iſt mir eine Art Geſellſchaft. Wenn ich unbeläſtigt ſeyn will, ſo laſſe ich ſie wie einen ſchützenden Schleier über die Augen herabfallen; bin ich im Zuge, über etwas nachzugrübeln, befinde ich mich in einer Verlegenheit, oder bin ich mit Leib und Seele in meinen Studien be⸗ griffen, ſo beſchäftige ich mich ausſchließlich damit, ſie um meine Finger zu winden; kurz, mein beſter Richard, Du mußt den Plan aufgeben, gegen meine Perrücke zu konſpiriren, denn ſie iſt mein anderes Ich.“ „Darüber wollen wir uns doch noch beſinnen,“ dachte der Lieutenant, der ſelbſt ein wenig ſchwach für eine hübſche Friſur, es nicht gerne ſah, daß ſein Freund der Gegenſtand ſpöttiſcher Bemerkungen werden ſollte. Indeſſen that er, als ob er die Gründe, die der Baron für ſeine Perrücke anführte, nicht hörte, ſondern trieb dafür an ſeinem trägen Freund, ſo ſehr er konnte. Nach einer guten Stunde war endlich der beſcheidene Beſitzer des prächtigen Herrenſitzes ſo weit ausſtaffirt, daß er ſelbſt mit eigenem Vortheil zur Geſellſchaft hinaufgehen zu können glaubte. Baron Klas Malchus war ein langer und mehr als gewöhnlich ſchmaler und ſchmächtiger junger Mann. Sein Geſicht ſchon von Natur mager, hatte durch die anhaltende Arbeit, der er ſich überließ, noch dünnere Formen angenommen. Seine Hautfarbe war blaßgelb, und die Naſe, auf die, wie wir wiſſen, der Oberſt im Allgemeinen ſehr viel Werth legte, weil er ſie für das Kennzeichen einer ächten Ariſtokratie hielt, war unglück⸗ licherweiſe ziemlich platt, die Stirne nieder. Man denke ſich jetzt das ſchwarze, ſich ſelbſt überlaſſene Haar, das in einem langen Buſche über die Hälfte der linken Wange herabfiel, ſo ſtellt ſich das Bild von Baron Klas nicht als ſonderlich liebenswürdig dar. Und dennoch war er nicht ohne ſeine Vorzüge: Ein ausgezeichnet fein ge⸗ ſchnittener Mund, ſchöne dunkle Augen, die, wenn er Jemand recht anſah— aber das that er ſelten— eine feſſelnde Gewalt hatten; dazu kamen die weißeſten Hände, die immer— Gott mag wiſſen, ob es nicht aus Ko⸗ ketterie geſchah— etwas mit dem ſchwarzen Haar zu thun hatten, und ein ſchönes Organ, das, obſchon er ſo leiſe ſprach, als man möglicherweiſe nur ſprechen kann, einen vollkommen klaren und reinen Ton, einen wahren Reiz hatte. Mit ein Bischen Sorgfalt auf ſeine Perſon und ſeine Toilette, hätte der Baron ſogar ein ausgezeichnet artiger Jüngling ſeyn können, aber leider war es gerade das, was ihm fehlte! Er hatte ſich daran gewöhnt, gekrümmt zu ſitzen, weil es bequem war. Er ließ ſich ſelten einen neuen Rock machen, weil er dann erſt recht in dem alten zu Hauſe war, er hatte ſtets geſchloſſene Weſten, weil es ihm ein wahrer Abſcheu war, beſtändig in neugeſtärkten Hemden zu gehen. Sie legten ſich nicht 2 Der b recht au Kravatt als ge ſeidenes ſchlung Kleider heute ihn her waren gewaſch geblüm gekauft und d vertra Ausnah durch erinner 4 warte bleibe thüre anzuth beſten Schw heimke keit ir 1 etwas meine Male eben hand der . Nach Beſitzer daß er ufgehen nehr als Mann. irch die dünnere laßgelb, derſt im ür das iglück⸗ n denke r, das Wange s nicht war er in ge⸗ enn er — eine Hände, 1s Ko⸗ nar zu er ſo kann, bahren und eichnet gerade vöhnt, ß ſich recht oſſene ändig nicht 125 recht an den Körper, bis erſt die Steife daraus weg war. Kravatten konnte er nicht leiden, weil es ihm vorkam, als gehe er wie aufgezäumt darin; und ein ſchwarz ſeidenes Tuch ohne Geſchmack um den dünnen Hals ge⸗ ſchlungen war ihm am liebſten. Dieſen feſtgeſtellten Kleiderregeln huldigend, konnte ſich Klas Malchus auch heute nicht dazu entſchließen, denſelben ganz zu entſagen. Der braune Oberrock hing in msglichſter Freiheit um ihn her, obſchon die zwei unterſten Knöpfe zugeſchloſſen waren, um nicht eine vollkommene Ueberſicht der ab⸗ gewaſchenen gelben Weſte zu gewähren. Ein ſchwarz⸗ geblümtes ſeidenes Tuch, das der Baron eigens dazu gekauft hatte, um damit in Tyringsholm zu glänzen, und deſſen Knüpfung für dießmal dem Lieutenant an⸗ vertraut worden war, vollendete ſeine Toilette, die, mit Ausnahme der Beinkleider und der Farbe des Halstuchs durch nichts an eine Trauer um den ſeligen Großvater erinnerte. „Nun laß uns in Gottes Namen hinaufgehen; aber warte nur: Wenn ich meine Bücherkiſten bekomme, dann bleibe ich hier unten.“ „Beſter Klas,“ ſagte Richard, als ſie an der Saal⸗ thüre ſtanden,„biete allem auf, um Dir einigen Zwang anzuthun! Ich betheure Dir, daß der Onkel nach ſeiner beſten Ueberzeugung gehandelt hat. Jedermann hat ſeine Schwachheiten, daran erinnere Dich, und ſey mild! Der heimkehrende Sohn ſoll es am wenigſten ſeyn, der Bitter⸗ keit in die Heimath bringt.“ Der Baron drückte ſeinem Vetter die Hand, ohne etwas zu erwiedern; aber ſein Auge ſchien dieſen wohl⸗ meinenden Worten Beifall zuzuwinken. „Noch einmal herzlich willkommen, mein lieber Klas Malchus!“ Vater und Sohn tauſchten eine Umarmung mit eben ſo großer Abgemeſſenheit aus, als ob es ſich darum handelte, eine Menuette zu tanzen. Aber jetzt erröthete der Oberſt, und maß den Baron Klas Malchus von Tyringsholm mit einem Blicke vom Wirbel bis zur Zehe. Ein langes und würdevolles Kopſſchütteln war der Vor⸗ bote der Verſicherung, daß es höchſt merkwürdig ſey, wie ein Mann vom Stande ſich auf dieſe Art kleiden könne! Und der Oberſt warf einen halb verzweiflungsvollen Blick von ſeinem Sohne auf den Lieutenant, deſſen eleganter Uniformsrock, ohne gerade angegoſſen zu ſeyn, doch ſo gut ſaß, wie ein gut gemachter Rock an einem gut ge⸗ wachſenen Jüngling ſitzt. „Man ſollte glauben,“ ſetzte der zärtliche Vater hinzu, ich ſey im Zutheilen Deines Taſchengeldes ent⸗ ſetzlich knickig geweſen; aber Du mußt entſchuldigen, mein beſter Klas Malchus, wenn ich Dir oſſen ſage, daß meine Kaſſenbücher dieſer Vermuthung widerſprechen.“ „Gewiß, es wäre undankbar, wenn ich anders ſagen wollte,“ erwiederte der Baron demüthig.„Aber ich meinte, meine Kleider ſeyen recht gut, und brauchte das Geld zu den Büchern.“ „Nun Morgen bei Zeit ſchicken wir in die Stadt nach Tuch und einem Schneider; aber es wird auf alle Fälle Pfuſchwerk, wenn es auf dem Lande gemacht wird. Wir müſſen der Kammerräthin Dein Maß ſenden, ſo beſorgt ſie ein paar Anzüge von Stockholm. Der Brief kann gerade noch zu rechter Zeit hinkommen, daß die Kleider fertig werden, bis ſie und Iſabelle hieher reiſen. Aber ſiehe da Deinen Onkel und Deine Couſine Virginie. Deine Dante iſt bei der Mama drinnen. Wir werden ſie bald Beide zu ſehen bekommen, hoffe ich.“ Dem Major wurde die Hand geſchüttelt, und ſie tauſchten einige freundſchaftliche Worte mit einander aus;z aber Fräulein Virginie war eine junge Dame, und nur um ſie nicht ſehen zu dürfen, hätte Baron Klas gerne ſeinen ſchützenden Schleier herabgelaſſen. Dieß waͤre aber doch zu ungeſchliffen geweſen. Er ſah ſich genöthigt, ſeine Finger zu einem'lleinen artigen Handdrucke herzu⸗ geben; aber als ſie ihm freundlich zu ſeiner Ankunft Glück wünſchte und ihn fragte ob er nicht viel unter⸗ 8 wegs d dern F hoffe, ſehr li theile 1 tem E meinte, habe e die Ve 3 Major ſaßen angene ſetzte dieſer er Kl es ein Mame als die daß d Mutt ſo gir den 2 ſeiner lich ⸗ ſo w dieß Uebr mein ſtrei der wei ſehe ur Zehe. der Vor⸗ ſey, wie könne! len Blick (leganter doch ſo gut ge⸗ Vater es ent⸗ n, mein aß meine s ſagen lber ich chte das Stadt auf alle gemacht ſenden, er Brief daß die reiſen. irginie. werden und ſie r aus; Id nur gerne wäre löthigt, herzu⸗ Inkunft unter⸗ 1 8 127 wegs ausgeſtanden habe, antwortete er nur mit einer an⸗ dern Frage, oder vielmehr mit der Vermuthung:„Ich hoffe, Virginie hat ſich dieſe Jahre her wohl beſunden.“ Baron Klas ſah ein, daß er ſeiner jungen Couſine ſehr linkiſch vorkommen müßte, und um ſich dieſem Ur⸗ theile nicht weiter bloß zu ſtellen, nahm er mit verdoppel⸗ tem Eifer ſeine Zuflucht zu dem Major, der ſeinerſeits meinte, die Mondfinſternißphyſiognomie des Majoratserben habe eine Stellung angenommen, welche ahnen laſſe, daß die Verfinſterung im Abnehmen begriffen ſey. Zur Theeſtunde vereinigten ſich die Baronin und die Majorin wieder mit der Geſellſchaft. Mutter und Sohn ſaßen vertraulich beiſammen; aber der Oberſt, der keine angenehmere Abendunterhaltung kannte, als den Spieltiſch, ſetzte ſich mit dem Major, ſeiner Frau und Richard zu dieſer ſeiner Lieblingsbeluſtigung. Vorher jedoch flüſterte er Klas Malchus in's Ohr:„Siehſt Du, wie ſchön ich es einichte? Es iſt billig, daß für den erſten Abend die Mama Dich allein in Beſchlag nimmt.“ Niemand konnte dankbarer für dieſe Anordnung ſeyn, als die Baronin Eugenie, obſchon ſie etwas bezweifelte, daß dieß um ihres Vergnügen Willens geſchah Da das Mutterherz indeſſen eine ganz ungeſtörte Stunde wünſchte, ſo gingen ſie in die innern Zimmer; und wenn man jetzt den Baron Klas geſehen hatte, wie er ſich an die Bruſt ſeiner Mutter lehnte, wenn man die warmen, unausſprech⸗ lich zärtlichen Worte gehört hätte, die er ihr zuflüſterte, ſo wurde man wahrſcheinlich nicht geglaubt haben, daß dieß dieſelbe Geſtalt ſey, die ſich eben gegenüber von den Uebrigen ſo ſteif gezeigt hatte. „Wie ſoll ich Dir für dieſes Opfer genug danken, mein geliebter, theurer Klas?“ ſagte die Baronin und ſtreichelte ſeine Wange.„Ich weiß wohl, daß es Dir in der Heimath nie wohl war.“ „Und warum, liebe Mama, war es ſo? Deßhalb weil ich ſo ſehr litt, wenn ich die zaͤrtlichſte Mutter leiden ſehen mußte. Jetzt bin ich aber kein Kind mehr: Ich kann jede Laſt begreifen und tragen. Laß alſo ein Ver⸗ trauen zwiſchen uns ſeyn, ein unbegränztes Vertrauen, wie es Freunden geziemt, wie es vor Allem der Mutter und dem Sohne geziemt 14 „Waͤs um's Himmelswillen meinſt Du damit, Klas?“ fragte die Baronin heftig.„Kein Vertrauen zwiſchen uns 2 Wie kommſt Du auf einen ſo grauſamen Gedanken? Wen liebe ich, wie Dich? Zu wem habe ich ein größe⸗ res Vertrauen, als zu Dir?⸗ Der Baron küßte die Hände ſeiner Mutter, drüͤckte ſie an ſeine Bruſt, an ſeine feuchten Augen.„Sage mir alſo, wenn es ſo iſt,“ flüſterte er,„woher dieſe ſtille, ver⸗ zehrende Traurigkeit kömmt, die nie von einer Abnahme weiß? Woher dieſe blaſſen Wangen, dieſe matten Augen, dieſe nervöſen Zuckungen? Sie haben einen Grund, ſo mahr es einen Gott gibt, der uns in dieſem Augenblicke ſieht.“ „Meine Kränklichkeit, mein von Natur trübes Ge⸗ müth hat mich ſo gemacht, beſter, geliebter Klas! Miß⸗ traue nicht Deiner armen Mutter, was argwohnſt Du denn? „Ich weiß es ſelbſt nicht. Aber mein Gefühl, oder vielleicht eher ein Inſtinkt ſagt mir, daß in unſerer Fa⸗ milie ein unglücklicher Saame liegt, der ſich früher oder ſpäter entwickeln wird.“ „Mein armer Klas! Du haſt ein ſchlimmes Ge⸗ ſchenk von Deiner Mutter erhalten. Das Leben an ſich ſchon iſt oft ſo ſchwer, daß es gerade nichts dankenswer⸗ thes iſt, aber noch ſchlimmer iſt es, wenn es von dieſer angeerbten Schwermuth begleitet wird. Aber Du biſt noch ſo jung, Du biſt ein Nann, Du mußt dieſem Uebel entgegen arbeiten.“ „Es ließe ſich die Möglichkeit denken, wenn ich die Wurzel des Uebels kennte. Aber die liegt hier!“ Er legte ſeine Hand auf das heftig klopfende Herz der Ba⸗ ronin.„Höre, wie es ſchlägt! Meine theure, geliebte Mutter! wäre hier innen Alles ruhig, wie es ſeyn ſollte, zeugen nes 2 nichts zuwir n Ver⸗ ttrauen, Mutter Klas?“ n uns? danken? größe⸗ drückte ige mir le, ver⸗ bnahme Augen, nd, ſo enblicke hes Ge⸗ Miß⸗ iſt Du l, oder ter Fa⸗ er oder es Ge⸗ an ſich enswer⸗ n dieſer du biſt 1 Uebel ich die „ Er er Ba⸗ geliebte ſollte, 129 ſo zitterte dieſes arme Herz jetzt nicht, wie das eines erſchreckten Vogels, und dieſe geſenkten Augen begegne⸗ ten dann den meinigen!“ Die Baronin gab keine Antwort, ihre Wange, von einer dunklen Wolke gefärbt, ſank auf ihre Hand herab, und ein halb erſtickter Seufzer zitterte über ihre Lippen. „Iſt es nicht ſo, wie ich mir's dachte,“ ſagte der Baron eher zu ſich ſelbſt als zu ſeiner Mutter:„Hier liegt ein Geheimniß, eine unbekannte Unruhe!“ „Nein Klas, das ſage ich nicht,“ verſetzte die Ba⸗ ronin mit mehr Faſſung.„Es iſt ein Phantaſieſpiel von Dir, eine fire Idee!“ „Eine fixre Idee?“ wiederholte Klas langſam.„Es mag ſeyn! Aber ich fühle, daß dieſe Idee mein Leben verbittern wird, ſo lange mir noch ein Tag übrig bleibt. Ich habe inzwiſchen kein Recht, darauf zu beſtehen; und ich möchte nur innig wünſchen, daß ſich Mamma über⸗ zeugen könnte, wie viel leichter es wäre, an eines Soh⸗ nes Bruſt zu weinen, als dies allein zu thun Doch ich ſchweige und gehorche; denn ich ſehe, daß es jetzt nichts mehr hilft, wenn ich auf Mammas Beſchluß ein⸗ zuwirken ſuche, der, wie ich glauben muß, einen giltigen Grund hat. Jetzt und nimmer iſt es aber meine Ueber⸗ zeugung, daß, was für ein Kummer es auch ſein mag, der Mammas Gemüth bedrückt, es für uns alle beſſer wäre, wenn ich es jetzt erführe: Es könnte ein Tag kommen, wo Mamma dieſe Zurückhaltung zu ſpät be⸗ reute.“ „Mein Klas, mein theurer, zärtlicher Klas, ſprich nicht ſo, ſprich nicht von Beſchluß und Grund, von Reue und Zurückhaltung? Du machſt mich ängſtlich! Liebe Deine Mutter, liebe ſie mit Deinem ganzen Her⸗ zen! Sieh', ſie begehrt nichts Beſſeres, als an Deiner Bruſt weinen zu dürfen!“ Und die Mutter ſchlang ihren Arm um den Hals des Sohnes. Heiß, wie Feuer⸗ tropfen, fielen ihre Thränen auf ſein Geſicht. Sie ſprach Das Fideieommiß. I. 9 nicht weiter; aber zum erſtenmal fühlte Klas Malchus, daß ein Vertrauen Statt finden kann, ohne daß man ein Geheimniß theilt. In dieſem Augenblick war es ihm genug, ihren Kummer zu theilen. Ohne Zweiſel lag in der Seele der Baronin Eu⸗ genie eine geheime Qual, die dort in der Einſamkeit ihr Bette grub. Nur der erheuchelte Schmerz ſucht die Welt auf, um ſich die Haare zu raufen und ſeine fal⸗ ſchen Senfzer herauszupreſſen. Die arme Engenie wäre mit dem ihren gerne unter der Erde gelegen. Ein paar Tage ſpäter, als Baron Klas alles ge⸗ ſehen hatte, was zu ſehen war, und alles gehört hatte, was der Oberſt an großen und kleinen Plänen mitzu⸗ theilen hatte, nachdem er ſich ferner, da dieſer an ſeinen Wunſch oder Geſchmack appellirte, mit Allem vollkom⸗ men zufrieden erklärt hatte, was Papa für paſſend hielt, war der junge Baron von dieſem ermudenden Einerlei ſo ſehr erſchöpft, daß er ſich die an ihm ſeltene Freiheit nahm, ſelbſt auf einen andern Gegenſtand überzugehen. „Papa ſchrieb einmal von einem Plane, wie unſer braver Richard näher an uns gefeſſelt werden ſollte; da ich im Allgemeinen, was das Errathen betrifft, nicht ſehr ſcharfſinnig bin, ſo muß mir der Knoten doch gelöst werden. Ich hege dabei blos die Furcht, daß Iſabellen, ſo wie ſie erzogen wurde, vielleicht ſchwer fallen würde, ſich an einen ſolchen Wechſel zu gewöhnen.“ Der Oberſt, der ſchon längſt die kindiſche Folgerung vergeſſen hatte, die Klas Malchus aus ſeiner Hindeu⸗ tung auf Richard zog, machte große Augen, als er die⸗ ſen ſonderbaren Sprung im Ideengange ſeines Sohnes vernahm.„Ich verſtehe nicht, was Du damit meinſt, mein beſter Klas Malchus? Entweder haſt Du etwas unrichtig aufgefaßt, oder habe ich gegen meine Gemohn⸗ heit mich nicht klar genug ausgeſprochen.“ „Meinte Papa denn nicht eine Heirath zwiſchen Ri⸗ chard und Iſabelle?“ „Ha ha hal lachte der Oberſt,„Du biſt ſehr Malchus, man ein es ihm dnin Eu⸗ inſamkeit ſucht die eine fal⸗ nie wäre lles ge⸗ rt hatte, mitzu⸗ n ſeinen vollkom⸗ hielt, Einerlei Freiheit ehen. e unſer lte; da ht ſehr gelöst abellen, würde, gerung dindeu⸗ er die⸗ Sohnes meinſt, etwas mohn⸗ n Ri⸗ ſehr ſpaßhaft, wahrhaft ſehr ſpaßhaft! Eine Heirath zwiſchen Iſabelle und Richard— Iſabelle, die, wie mir die Kam⸗ merräthin ſchreibt, zwei Grafen, drei Barone und we⸗ nigſtens ein halb Dutzend Offiziere aus den höheren Graden abgewieſen hat! Ja, ſie würde gerade dazu paſ⸗ ſen, einen neu gebackenen Lieutenant bei einem Landre⸗ giment, einen ſimpeln Edelmann zu nehmen!“ „Nun, aber was iſt denn Iſabelle für eine Dame?“ „Was ſie iſt!“ Es war des Oberſten Sache nicht böſe zu werden; aber dieſe Frage war von einer Be⸗ ſchaffenheit, daß die Antwort nothwendig etwas ſpitz ausfallen mußte.„Sie iſt eine geborene Freiherrin, und dazu noch wahrſcheinlich oder vielmehr ohne alle Frage die Erbin der Kammerräthin, folglich die künftige Be⸗ ſitzerin von ihren vollgewichtigen hunderttauſend Reichs⸗ thalern Banko. Das iſt ſie!“ „Meinetwegen! und wenn hunderttauſend Reichs⸗ thaler und ein freiherrlicher Titel— den ich beiläufig geſagt, für die größte Geringfügigkeit halte— mit einer in jeder andern Hinſicht paſſenden Verbindung unverein⸗ bar ſind, ſo iſt das ihre Sache; aber ich bin doch neu⸗ gierig, zu wiſſen, was für ein Glück Papa für Richard beſtimmte.“ „Eines, das ihm gewiß beſſer anſteht, als das, welches Du ſupponirteſt; und ich habe die gute Mei⸗ nung von Richard, daß er, falls er uns gehört hätte, eben ſo ſehr gelacht haben würde, wie ich. Was ich übrigens im Sinne hatte, war, ſofern Du meine An⸗ ſicht theilſt, ihm die Verwalterſtelle hier am Gute an⸗ zubieten.“ „Richard— mein Verwalter? Nein, nie ſoll er auf dieſe Art beſchimpft werden, ſo lange mein Wort etwas gilt!“ „Du wählſt ſehr ſonderbare Ausdrücke. Nach der Verwalterſtelle in Tyringsholm würde ein Major mit allen Fingern greifen. Und was iſt Dein Onkel anders, 9* als ſein eigener Verwalter, und wie unendlich klein iſt nicht Tjällſtorp gegen Tyringsholm? Noch iſt Richard dieſem wichtigen Platze nicht vollkommen gewachſen; aber er könnte im Herbſte hieher ziehen, und ſich all⸗ mählig mit dem beſchäftigen, was den Hof angeht. Un⸗ ſer jetziger Verwalter hat ſich zu ſehr dabei bereichert; er iſt ein thätiger und tüchtiger Mann, aber zu alt für den Poſten. Indeſſen kann ich Dich verſichern, daß Ri⸗ chard nach einem Jahre ungefähr mit der größten Dank⸗ barkeit eine Stelle annehmen würde, die, wie ich glaube, einem armen Subaltern nicht alle Tage angeboten wird.“ „Richard hat viel ſtolz; er wird nicht darauf ein⸗ gehen wollen.“ „Richard geht auf jeden Vorſchlag ein, den ich ei⸗ nem Verwandten machen kann; denn er weiß, daß ich mich nie von den ſtrengſten Anforderungen der Ehre und des Zartgefühls entferne. und wenn ich nicht ſelbſt Ty⸗ ringsholm beſäße, d. h. wenn Du es nicht befäßeſt, ſo würde ich mich keinen Augenblick beſinnen, ein Gut un⸗ ter meine Verwaltung zu nehmen Hatte ich nicht Rön⸗ näs im Pachte? Was übrigens Richards Stolz betrifft, ſo iſt dieß ein ſolcher, wie es ſich für einen jungen Mi⸗ litär und Edelmann ziemt und ganz in der Ordnung; allein mit meinem Plane hat er nichts zu ſchaffen. Ri⸗ chard liebt überdieß die Landwirthſchaft, und beſitzt einen vortrefflichen Lehrer an ſeinem Vater.“ „Will Papa wenigſtens erlauben, daß ich ihm dieſen Vorſchlag mache?“ Dieß war eine Bitte, worauf der Oberſt nicht gerne eingehen mochte, da ſie ihn ſelbſt der Ausſicht beraubte, den Gönner und Beſchützer zu ſpielen. „Mein beſter Klas Malchus,“ ſagte er,„das könnteſt Du gewiß recht wohl, wenn Du die geringſte Kenntniß von Geſchäften hätteſt, oder von dem, was zu einer größe⸗ ren Landwirthſchaft gehört. Ich fürchte in der That, Du könnteſt die Sache nicht durchſetzen, und Richard wird ſie beſſer beurtheilen können, wenn ich, der in die⸗ penhag aufhal 8 ½ bers Quer Ober fang ten C beſuc werd ren tes rin — lein iſt Nichard achſen; ch all⸗ Un⸗ ichert; alt für aß Ri⸗ Dank⸗ laube, vird.“ f ein⸗ ung; Ri⸗ einen ieſen gerne tbte, nteſt von öße⸗ hat, dard die⸗ — 133 ſen Dingen zu Hauſe iſt, ſie ihm vorbringe. Er könnte es auch für eine Herablaſſung Deinerſeits halten, wo⸗ von bei mir nicht die Rede ſeyn kann, da ich eigent⸗ lich nichts anderes bin als Dein erſter Verwalter.“ Baron Klas ward durch den Schluß in dem feinen Summa Summarum des Oberſten ſo ſehr betroffen, daß er ohne Widerſpruch ſeine Zuſtimmung gab, und die Hoffnung ausſprach, Papa möchte ſich ſtets als den eigentlichen Herrn von Tyringsholm anſehen, was dieſer auch keineswegs zu unterlaſſen gedachte. Neuntes Kapitel. Ein paar Tage nach der oben angeführten Unter⸗ redung zwiſchen Vater und Sohn erhielt der Oberſt die in mehr als einer Hinſicht unangenehme Nachricht, daß ſeine Schweſter, um einen längſt genährten Wunſch Iſabellens zu erfüllen, im Sinne habe, zuerſt nach Ko⸗ penhagen zu reiſen, wo ſie ſich wahrſcheinlich ſo lange aufhalten würden, daß ſie erſt gegen die Mitte Okto⸗ bers in Tyringsholm eintreffen könnten. Dieß war, was man im gemeinen Leben einen OQuerſtrich zu nennen pflegt; wenigſtens ſah es der Oberſt als einen ſolchen in ſeinen Plänen an. Zu An⸗ fang deſſelben Monats hatte er von dem oben erwähn⸗ ten General D— das Verſprechen erhalten, daß er ihn beſuchen und ſeine Tochter und Schwägerin mitbringen werde. Die Frau des Generals war ſchon vor mehre⸗ ren Jahren geſtorben, aber ihre Stiefſchweſter, ein al⸗ tes Fräulein, erfüllte die doppelte Pflicht als Vorſtehe⸗ rin ſeines Hauſes und Erzieherin ſeines einzigen Kindes. Nun war es die Abſicht des Oberſten geweſen, daß jenes Feſt für ſeine Gäſte einen doppelten Glanz da⸗ durch erhalten ſollte, daß es durch ſeine Tochter, der wegen ihrer ausgezeichneten Schönheit und Grazie be⸗ rühmten und bewunderten Iſabelle, illuſtrirt würde. Daß 134 dieß indeſſen nicht geſchehen konnte, wenn ſie ſich um dieſe Zeit in Kopenhagen befand, war ziemlich klarz aber im Kopfe des Oberſten entſtand eine große Son⸗ nenfinſterniß, und er ging zu ſeiner Frau, um in einer kleinen Unterhaltung mit ihr ſich von der Einwirkung derſelben zu befreien zu ſuchen. „Offenbar,“ ſagte er,„hat Fräulein Iſabelle noch einen Hieb von den Grillen, die ſie unter Deiner Lei⸗ tung erhielt. Du weißt ſelbſt, meine beſte Eugenie, und haſt einen täglichen Beweis davon, daß Du es nie verſtandeſt, einen Kinderſinn zu bilden und zu biegen. Ich hätte ſehen mögen, wie weit das gegangen wäre, wenn ich ſie nicht zu meiner Schweſter gebracht hätte! Mitten im ſpäten Herbſt nach Kopenhagen zu reiſen, iſt das nicht ein Einfall, der unverzeihlich iſt, und der beweist, daß die Kammerräthin zu ſchwach gegen ſie iſt? Aber warte nur, meine gnädige Dame, es gibt hier eine Perſon, die ſich nicht an der Naſe herum ziehen laſſen wird! Doch all' das iſt nur eine Folge der fehlerhaften oder, wenn ich das Wort ausſprechen ſoll, unvernünfti⸗ gen Erziehung, die ſie in ihrer erſten Kindheit erhielt.“ Bei dergleichen Ausfällen— man muß jedoch zu⸗ geben, daß ſie nicht oft kamen, denn der Oberſt ſprach ſelten gerade heraus— pflegte die Baronin nur Ein Mittel anzuwenden, das Stillſchweigen. Aber da es jeder Zeit eine wahre Linderung, ein Balſam für die Männer war, der wenigſtens eben ſo vortrefflich, und ſeiner Natur und ſeinen Wirkungen nach eben ſo wohl⸗ thuend für ſie iſt, wie Hjärnes bekannte Salbe, wenn ſie ihren Weibern alles Mögliche zur Laſt legen konn⸗ ten, ſo machte ſich der Oberſt, der jetzt recht in Zug gekommen war, zu einem neuen Erguſſe bereit, als Ba⸗ von Klas, der ohne ſein Wiſſen im andern Zimmer ge⸗“ ſeſſen war, heraustrat und gerade auf ihn zuging. Der Oberſt trat zwei Schritte zurück und ſah mit kalter Verwunderung auf den Sohn, auf deſſen Geſichte ſich Zorn und Bitterkeit malte.„Mein Vater,“ ſagte —— er, ſich ſolche e gegen n nicht au 7 Oberſt merkſam ſeine Zi⸗ Geſicht das eir kindiſche dem Na und an dem P mich 1 lich h Ehre ... u vor m ſoll, Mam C der L gema komn die 4 bei halb um klar; Son⸗ einer kung — ‚— 135 er,„ich muß mir ausbitten, daß ein ſolcher Ton, und ſolche eben ſo ungerechte als unzarte Vorwürfe nicht gegen meine Mutter angewendet werden! Ich kann das nicht aushalten.“ „Und ich, mein beſter Klas Malchus,“ verſetzte Oberſt mit ſeinem feinſten Lächeln,„will Deine 2 — N merkſamkeit darauf lenken, daß kein Mann von g ſeine Züge ſo ſehr von dem Zorne hinreißen l 1 Geſicht— entſchuldige das Gleie e das eines Trompeters; und kindiſche Zittern, wel dem Namen nach weißt, 8 ehe will. Das mußt Du ablegen, Sohn Dich ſonſt der Unannehmlichkeit aus, eine ſehr Rolle zu ſpielen! Indeſſen ſollſt Du eines fre Rathes nicht entbehren, denn ich halte es fü Pflicht, Dir jederzeit einen ſolchen zu ertheile Du deſſen bedarfſt.“ „Die ſtarke Röthe auf⸗Baron Klas Wangen mas jetzt einer blau weißen, nicht jugendlichen Farbe P Er zwang das überwallende Gefühl zum Schwei und antwortete in tiefem, aber leiſem Tone: dem Papa erklären, daß es mein feſter Entſchl. mich nicht leiten zu laſſen. Mag man mich für lächer⸗ lich halten, wenn ich die Forderungen der Pflicht und Ehre auf meine Art befolge, ich befolge ſie dennoch ſo ... und nicht anders; und wenn ich dieſes letzte Jahr vor meinem Mündigwerden hier in Tyringsholm bleiben ſoll, ſo geſchieht es nur unter der Bedingung, daß dI4 Mama mit mehr Schonung und Milde behandelt wird! Die Wahrheit zu ſagen, müſſen wir geſtehen, daß der Oberſt ſich mit jenem Zeitpunkte nie ſeſt vertraut die Hoffnung erweckt, daß die Zeit des Mün bei dem Sohne gar nie eintreffen werde. E halb nicht zu verwundern, wenn der Oberſt einen Anfall 136 von ſeiner Gicht zu verſpüren meinte, als er ſo unheil⸗ volle Worte von den Lippen des Majoratserben hörte. Niemand glaube jedoch, daß er Jemand den Herzſtoß merken ließ, welchen er durch dieſe Erinnerung erhielt. Ohne einen einzigen Zug ſeines Geſichtes zu verändern oder ſeine glatte Stirne in eine Falte zu legen, ſagte er: Es thut mir ſehr leid, ſolche Aeußerungen von Dir zu hören, mein beſter Klas Malchus! Ich glaube nicht, daß ſich Deine Mutter über irgend Etwas zu beklagen hat, das Deine Drohung gegen Deinen Vater recht⸗ fertigte oder gar forderte. Wir haben, Gott ſei Dank! ſtets in einer Ehe gelebt, wie es ſich für Perſonen un⸗ ſeres Standes ziemt; und wenn dabei, wie dießmal der Fall war, ein nicht genau abgewogenes Wort von dem einen oder dem andern ausgeſprochen wurde, ſo iſt es uns bisher nie eingefallen, darüber in Hitze zu gerathen. Ich muß Dich noch einmal erinnern, mein lieber Klas Malchus, daß ſich unter gebildeten Perſonen keine Hitze finden darf. Wozu nützt Civiliſation, wenn ſie nur ein leeres Wort ſein ſoll! Was die Zeit Deiner Mündig⸗ keit und Deine etwaigen Entſchlüſſe betrifft, ſo dürfteſt Du in dieſen zehn Monaten Muße genug haben, um beide in Erwägung zu ziehen; ich will Dir darüber nur ſo viel ſagen, daß, wenn ich an Deiner Stelle wäre, ich gewiß nicht einen Vater auf dieſe Art an den ſchon an ſich hinreichend bittern Umſtand erinnern würde, daß er dann ohne Dach über ſeinem Haupte iſt.“ Der Oberſt ſpielte ſeine Karten mit gewohnter Ge⸗ ſchicklichkeit aus. Klas Malchus glaubte etwas ſehr Verletzendes geſagt zu haben, und war betrübt darüber. Er erinnerte ſich nicht mehr, was für Worte ihm ent⸗ fallen waren; aber es war ihm genug, daß der Vater ſie in dieſem Sinne genommen hatte, der ſeiner Abſicht ſo ferne lag. Direkt wollte er ihn jedoch nicht um Ent⸗ ſchuldigung bitten(denn er wußte nicht weßhalb); aber er wollte auch nicht in einem ſo gehäſſigen Lichte ſtehen, wie der Oberſt angedeutet hatte. Tyrin men einig gnügt comm ſpäter aufge ſolche mein fort. mir und gerir ſchlo Ruh wird eke deeß ſten ſchn run zu unheil⸗ hörte. derzſtoß erhielt. Fändern „ſagte on Dir nicht, eklagen recht⸗ Dank! en un⸗ nal der n dem iſt es dathen. Klas Hitze ur ein ündig⸗ hürfteſt , um er nur wäre, ſchon „daß r Ge⸗ ſehr rüber. ment⸗ Vater bſicht Ent⸗ aber eehen, 137 Um daher ſeinen Stolz mit dem Gefühle deſſen, was er für Necht hielt, zu vereinigen, reichte er ſeinem Vater die Hand und verſicherte, daß hier ein vollkom⸗ menes Mißverſtändniß obgewaltet habe.„Wenn es noth⸗ wendig wird,“ ſetzte er hinzu,„daß Einer von uns Tyringsholm verläßt, ſo bin ich es“ Da der Oberſt auf dieſe eigene Wendung vollkom⸗ men unvorbereitet und noch nicht ganz mit ſich ſelbſt einig war, wie er ſeinen Sohn behandeln ſollte, be⸗ gnügte er ſich mit einigen allgemeinen Phraſen. Aber die Baronin, welche dem kurzen Wortwechſel aufmerk⸗ ſam gefolgt war, ſtand auf, ergriff Klas Malchus Hand, drückte ſie zärtlich und ſagte bittend: „Nicht ſo, mein theurer, theurer Klas! Beſchäftige Dich nicht mit Gedanken, die eben ſo grauſam gegen mich, als gegen diejenigen ſind, welche bald von Dir abhängen werden! Vergiß nicht, Klas Malchus, daß ganz Tyringsholm Anſpruch auf Dich hat.“ „Welch' unglückliche Einrichtungen doch dieſe Fidei⸗ commiſſe ſind!“ ſeufzte der junge Baron, als er etwas ſpäter auf der Landſtraße hinaus wanderte, um ſeinem aufgeregten Gemüthe Zerſtreuung zu verſchaffen.„Eine ſolche Bürde auf mich zu werfen, der ich doch kaum mein eigenes Daſeyn tragen kann,“ fuhr er in Gedanken fort. Ich wollte, man ließe mich in Frieden, und gebe mir einen Fleck, nur ſo groß, als ich für mich ſelbſt und meine Bücher bedürfte...“ Meine Bedürfniſſe ſind gering, meine Sinne den Genüſſen der Ueppigkeit ver⸗ ſchloſſen; ich begehre und wünſche nichts Anderes als Ruhe, aber eine ſaubere Ruhe wartet mein— bald wird das ganze Haus von meines Vaters Thorheit um⸗ gekehrt ſeyn. Und wenn erſt die Unglückszeit kommt, wo dieſe Menge Leute, die Unterthanen von Oſten und We⸗ ſten, ein Recht dazu haben, mich mit ihren tauſend Be⸗ ſchwerden und Bitten um Verbeſſerungen und Verände⸗ rungen und Tagwerke, und gemilderte Auflagen u. ſ. w. zu ſtören... Verdammt ſey der, welcher Tyringsholm zum Fideicommiß machte! Ich kann meinen Geiſt nicht 4 ſie ſich ) auf dieſe Art zerſtückeln laſſen. Nein, ich habe weder findet. Willen noch Kraft, weder Luſt noch Muth, mich aus M meinem Lebenskreiſe in einen neuen zu werſen.“ einen Während der Baron mit ſeinen Gedanken beſchäf⸗ und ſü tigt war, hatten ſeine Füße, ohne daß er es ſelbſt wußte, bar auf eine bedeutende Strecke Wegs zurück gelegt und erſt als gerade Klas Malchus zwei einander ganz entgegen geſetzte Laute machte vernahm, ſah er ſich mit einer raſchen Wendung des Weſen Kopfes um, wo er ſich befinde. Der erſte Laut war ein oft Ler grobes, lautes und unhöfliches Bellen, man konnte darin junge? — den Gruß eines wachſamen Hofhundes gegen einen Fremd⸗ dung e ling nicht wohl verkennen. Zweifelhafter war der Ur⸗ ſprung des andern. „Kuſch, kuſch, Ulf!“ Dieſe drei Worte waren an ſich ſelbſt nichts weniger als reizend; aber ſie wurden ſo leiſe und doch ſo klar geflüſtert, daß der Baron dar⸗ über nachzuſinnen begann, ob es ihm nur geträumt habe, daß er ſie höre. Es zeigte ſich kein Menſch; aber da Hauſes A er ſich von einem unſäglichen Durſte auf die ſchnelle das Zi Wanderung gequält fühlte, klopfte er an die Thüre des behagli kleinen Hauſes, in deſſen Nähe ſich der Hund aufhielt. ſtube; Sie wurde ſogleich geöffnet und Marie Alſing, die ſich weiß allein zu Hauſe befand, da Vater und Mutter bei einem die. Leichenzuge waren, verneigte ſich mit eben ſo großer 2 Schüchternheit vor dem Fremden, als dieſer ſich vor ihr Gaſte verbeugte. beugut Hätte der Zufall unſern Baron an ein ſchönes groſ⸗ und d ſes Haus geführt, ſo würde es ihm ganz ſicher nicht 2 3 eingefallen ſeyn, ein Glas Waſſer zu begehren; hätte roßha ihn jedoch das Bedürfniß dazu gezwungen, ſo würde er pellm es wenigſtens nicht gewagt haben aufzuſehen, da er ein alten junges Mädchen begegnete. Jetzt da das Haus ſo klein füͤhlte und anſpruchslos war, erkühnte er ſich beides zu thun; er die und der Zufall verſchaffte ihm die erſte Gelegenheit, wo Mäh er ſehen konnte, wie ſchön ein junges Mädchen erröthet,. ihren wie reizend ihre ſchöne Verwirrung ſich offenbart, wenn unge nicht weder ) aus ſchäf⸗ pußte, ſt als Laute des r ein darin emd⸗ Ur⸗ ätte e er ein klein un; wo thet, denn 139 ſie ſich unvorbereitet in einem ſolchen Verhältniſſe be⸗ findet. Marie hatte niemals in der Abweſenheit ihrer Eltern einen Fremdling geſehen. Sie kannte den Baron nicht und fürchtete ſich ein wenig vor dem langen, ſo ſonder⸗ bar ausſehenden Herren. Baron Klas dagegen ſchöpfte gerade aus Mariens ſichtlicher Schüchternheit Muth. Es machte ihm ein eigenes Vergnügen, an einem andern Weſen daſſelbe Unbehagen zu erblicken, das er ſelbſt ſo oft verrieth; und er fühlte eine Theilnahme für dieſes junge Mädchen, die in ihm eine ſehr angenehme Empfin⸗ dung erzeugte. „Gib mir ein wenig Waſſer, wenn Du welches haſt,“ ſagte der Baron, und nahm auf einem hohen reinge⸗ ſcheuerten Schemel, in der Nähe des Kamines Platz. „Seyen Sie ſo gut, hier iſt des Vaters Stuhl Maria rückte ein wenig an dem eleganteſten Möbel de Hauſes, und ging dann um Waſſer zu holen. Während ihrer Abweſenheit nahm Klas Malchus das Zimmer in Augenſchein und fand es ausgezeichnet behaglich und rein.„Das iſt, glaube ich, keine Bauern⸗ ſtube; ei, ein Klavier, was ſoll denn das ſeyn! O ich weiß— das iſt das Meßnerhaus; das Mädchen iſt alſo die Tochter des alten Kapellmeiſters.“ Marie kam mit dem Waſſer zurück und bot ihrem Gaſte ein Glas an, das dieſer mit einer ſtummen Ver⸗ beugung nahm; dann ſetzte ſich Marie an ihre Arbeit und dachte bei ſich ſelbſt:„Wenn er nur bald ginge!“ Aber Baron Klas befand ſich recht wohl in dem roßhaargepolſterten Lehnſtuhle, der nunmehr dem Ka⸗ pellmeiſter angehörte und ehedem Klas Großvater, dem alten Barone gehört hatte. Da er einige Mudigkeit fühlte, und eine bequeme Stellung ſehr liebte, ſo ſtreckte er die Beine nach ſeiner ganzen Länge aus. Die ſchwarze Mähne fiel von ſelbſt herab, und ihr Inhaber ließ ihr ihren Willen, da er durch ſie hindurch Marien um ſo ungehinderter betrachten konnte. Zum erſten Mal in ☚ ſeinem Leben fand Baron Klas, daß es eine Luſt, eine ganz unerklärliche Luſt ſey, ein ſchönes Mädchen anzu⸗ ſehen: d. h. er empfand, daß es ſo war; er wußte es nicht, denn er kam nicht ſo weit, um über die Sache nachzudenken. Der alte Noah ſchwieg und trank; Klas Malchus ſchwieg und genoß. Marie begann inzwiſchen ihre Lage minder ange⸗ nehm zu finden. Sie wußte nicht, wie ſie ſich mit einem ſo wunderlichen Menſchen benehmen ſollte, und wünſchte innig, es möchte Jemand kommen. Aber Niemand kam; und nachdem Marie lang darüber nachgedacht hatte, wie ſie das Stillſchweigen unterbrechen und ihn vielleicht aufwecken könnte, falls er ſchliefe, ſtand ſie auf, ging ein paar Mal im Zimmer auf und ab, ſtellte ſich an das Fenſter und ſagte gleichſam bei ſich ſelbſt— und Marie meinte, dieſe Wendung ſey nicht wenig pfiffig— „Ich möchte doch wahrhaſtig wiſſen, welche Zeit es ſeyn kann?“ „Welche Zeit?“ wiederholte Baron Klas und zog ſeine Uhr heraus.„Es iſt beinahe zwei Uhr— das hätt' ich nicht geglaubt Es muß eine gute Strecke zwi⸗ ſchen hier und dem Herrenhofe ſeyn?“ Er ſtand auf. „Nur eine halbe viertel Stunde. Wohnt der Herr auf dem Herrenhofe bei des Oberſten?“ die weibliche Mathr ſiegte, wie es ſich gehörte, über Mariens Schüch⸗ ternheit. „Das weißt Du nicht? Ich bin Klas Malchus! Aber jetzt lebe wohl! Ich danke für das Waſſer!“ Er ging und nickte noch einmal unter der Thüre. „Ei Du mein Himmel, das war der junge Baron!“ ſagte Marie und ſprang in den Hof hinaus, um ihm nachzuſehen, ſobald ſie glaubte, daß ſie ſelbſt nicht mehr geſehen werden könnte. Aber nun wollte es der Zufall, daß der Baron, eben da der Weg eine Krümmung machte, ſich umſah, und als er Marien gewahr wurde, nickte er noch drei bis viermal, gleichſam um ihr füͤr ihre Auf⸗ merkſamkeit zu danken. 3 N Malchus begann, weiter trank ei die Ehr chelt fü alle mö gen Ge zu unte es ſey ten W unter d zu ſpre eines T D Aber ei denn w ſprechen dieß da im Me gewöhn Geſichte an im zu betr nicht; machte herzlich richtig Art de ſchritte loſen Mitg verme und ten⸗V eine anzu⸗ te es Sache Klas ange⸗ einem nſchte kam; jatte, leicht ging han und 141 Nach dieſem Tage traf es ſich immer, daß Klas Malchus Spaziergänge, von wo aus er dieſelben auch begann, ſtets am Meßnerhauſe endigten, ohne daß er je weiter darüber nachſann. Hier ruhte er dann aus und trank ein Glas Waſſer. Der Kapellmeiſter, der ſich durch die Ehre, die ſeinem Haus wiederfuhr, ungemein geſchmei⸗ chelt fühlte, ſuchte die Aufmerkſamkeit des Barons auf alle mögliche Art, durch Erzählungen von überaus luſti⸗ gen Geſchichtchen aus ſeinem Wanderleben im Lande her, zu unterhalten. Der Baron ſah zufrieden aus, und meinte, es ſey gut. Dann begann Mutter Chriſtine in verblüm⸗ ten Worten von Guſtav und ſeinem langen Verweilen unter der gnädigen Obhut der gnädigen Frau Mutter zu ſprechen, wie Mutter Chriſtine hoffte, dem Guſtav eines Tages zum Beſten gereichen werde. Der Baron nickte und lächelte und hoffte daſſelbe. Aber eigentlich hörte er weder das eine noch das andere; denn wenn es ihm ſchon im Allgemeinen läſtig war, zu ſprechen und ſprechen zu hören, wie viel mehr mußte dieß dann nicht in jenen Stunden der Fall ſeyn, die er im Meßnerhauſe zubrachte, wo all' ſeine Seelenkräfte gewöhnlich in einem Sinne zuſammen floßen— dem Geſichte! Wie an dem erſten Tage, ſo war es von nun an immer eine ſtille wohlthuende Luſt für ihn, Marien zu betrachten. Aber weiter erſtreckten ſich ſeine Wünſche nicht; und ob er ſie allein oder mit ihren Eltern traf, ſo machte er gleich wenig Weſens: Er ſetzte ſich ruhig und herzlich zufrieden in den Lehnſtuhl, wo er dann auch richtig ſitzen blieb, bis er von Marien auf irgend eine Art daran erinnert wurde, daß die Zeit weit vorange⸗ ſchritten ſey. Während Baron Klas ſo ſeinem eigenen anſpruchs⸗ loſen Vergnügen nachging, gab er kaum auf zwei neue Mitglieder Acht, welche die Geſellſchaft in Tyringsholm vermehrt hatten. Er wußte zwar, daß ſie da waren, und daß er beim Eſſen von dem unerſchöpflichen Anekdo⸗ ten⸗Vorrath des Einen, und dem prahleriſchen Geſchwatze des Andern geplagt wurde, das gewöhnlich Dinge betraf, die Baron Klas nicht eines Gedankens würdigte; aber dieſe Herren ärgerten ihn nicht ſo ſehr, als er geglaubt hatte, da ſie die ihn ſo ſehr ermüdende Aufmerkſamkeit des Oberſten von ihm auf ſie ſelbſt ableiteten, und wenn der Baron dieß ſah, kam ſie ihm ſogar nicht ſo uneben vor. Sie waren, wie der Oberſt geſchrieben hatte, in der That zu etwas nütze. Wir wollen hier eine kleine Federzeichnung der neu angekommenen Herren entwerfen; denn ſie müſſen doch auf irgend eine Art präſentirt werden. Kapitän Brandler, ein fünf und vierzigjähriger Jung⸗ geſelle, hatte ſchon ſeit ſeinem achtzehnten Lebens⸗ und erſtem Fähndrichsjahre aus Mangel an eigenen Einkünften ganz ſchön auf Koſten Anderer gelebt; dieß iſt nicht ſo zu verſtehen, als habe er ſich durch Entlehnen und be⸗ trügeriſche Kniffe fortgeholfen: durchaus nicht! Er lebte von ſeiner Kunſt. Ob indeſſen dieſe Kunſt zu den ſchö⸗ nen Künſten gerechnet werden kann, wagen wir nicht zu entſcheiden, obſchon, wenn wir nach Beweiſen dafür ſuchen ſollten, ſowohl die römiſche als griechiſche Ge⸗ ſchichte uns die Beredtſamkeit als eine der ſchönſten unter den ſchönen Künſten bezeichnet. Wenn nun Kapitän Brandler gerade auch nicht beredt war, ſo lebte er doch von ſeiner Zunge; doch waren es gewöhnlich die Waaren⸗ lager Anderer, die er ſortirte und preis gab. Er war einer jener heitern alten Knaben, die den Boden im Glaſe nicht ſehen mögen und nie alt werden. Er hatte unzählige Bekanntſchaften, und es fehlte ihnen nie an Einladungen. Bei einem guten Freunde brachte er ein paar Monate zu, bei einem andern drei, bei einem dritten vier Wochen, bei einem vierten ein Vierteljahr, und war immer ſo in Anſpruch genommen, ſo abgehalten und auf den Landſitzen ſo geſucht, daß man es für einen großen Gewinn hielt, wenn man den luſtigen Brandler bekommen konnte. Alle dieſe Vorzüge verdankte der Ka⸗ pitän ſeiner Zunge; auf ihrer Spitze wuchs Honig und wiſſen ſchonte Kinn. Mantel nicht ſel Ab Niemand nalität meinen einem äußern ſogar u geſagt, O danr ſolchen halten. ſamkeit für da lebendi entbeh wenn als de wieger dieß l dir— den rechti ſtänd etraf, aber laubt mkeit wenn neben , in neu doch ung⸗ und iften t ſo be⸗ lebte chö⸗ t zu afür Ge⸗ nter itän och ren⸗ war im atte an aar ten ind ten ien ler La⸗ ind Giſt, die er je nach den Umſtänden gebrauchte In ge⸗ wiſſen Fällen war er ſcharf wie ein Raſiermeſſer und ver⸗ ſchonte weder ſeines Freundes noch ſeines Vorgeſetzten Kinn. Sein Witz, der ſich gewöhnlich in den bequemen Mantel der Anekdote kleidete, war ſehr oft ſtechend und nicht ſelten bedeutend grobkörnig. Aber wie kam es denn, daß ſich ungeachtet all' dieſes Niemand von ihm beleidigt fühlte, daß Alle behaupteten, er ſey ein Witzkopf, ein Original, was der Kapitän doch, ſo wahr ihm Gott helfen möge, durchaus nicht war? Vielleicht leitete ſich dieſes erſtens und hauptſäch⸗ lich davon her, daß eine Sache von geringer Glaubwür⸗ digkeit durch öfteres Erzählen gleichſam ein ordentliches Privilegium ihrer Wahrhaſtigkeit bekommtz zweitens durfte die dem Kapitän Brandler zugeſchriebene Origi⸗ nalität auch davon herkommen, daß die Leute im allge⸗ meinen weit mehr von einem Witzling ertragen, als von einem Dummkopf. Die Sottiſen, die der erſtere zu äußern beliebt, werden belacht und geprieſen; ſie ſind ſogar unterhaltend. Hätte ſie aber nicht ein Original geſagt, ſo wäre man genöthigt, ſie auf ſich zu beziehen: O dann gäbe es einen entſetzlichen Aufſtand; mit einer ſolchen Perſon könnte man es durchaus nicht mehr aus⸗ halten. Da man ſich jedoch jetzt in der ländlichen Ein⸗ ſamkeit ſehr gut durch Brandler unterhalten fand, und es für das größte Unglück angeſehen hätte, wenn man dieſe lebendige Chronik der Vergangenheit und Gegenwart hätte entbehren müſſen, ſo gab es wohl keinen andern Rath, wenn man ſich nicht vor einander kompromittiren wollte, als den Kapitän für eine Perſon anzuſehen, deren über⸗ wiegendes Genie ein Stichblatt haben mußte; und was dieß betraf, ſo konnte man ſagen: Heute mir, morgen dir— ergo mußte ihm Alles verziehen werden. Der Kapitän kannte die Ueberlegenheit, die er mit den Jahren erhalten hatte; und man muß ihm die Ge⸗ rechtigkeit widerfahren laſſen, daß er unter ſolchen Um⸗ tänden wohl noch etwas bizarrer hätte ſeyn können, als 144 er wirklich war. Aber er hatte Klugheit genug, um die glückliche und ſichere Stellung nicht auf's Spiel zu ſetzen, die er gegenwärtig in den ſieben bis acht Familien inne hatte, die ihn abwechslungsweiſe unterhielten. Der Stallmeiſter Günthers war nichts mehr und nichts weniger als eine gut ausſtaffirte Puppe in Hu⸗ ſaren⸗Uniform. Er hatte ein weißes und feines Geſicht, das ſein Entzücken und ſeinen Stolz ausmachte, obſchon es gerade von der Art war, wie man ſie dutzendweiſe ſieht, und weßhalb der Beſitzer eines ſolchen das Glück hat, beſtändig hören zu dürfen:„Nein, aber wie der Herr N. N. meinem Freunde T—, A—, P—, H—, gleichſieht, und ſo das ganze Alphabet durch. Eine höchſt erſtaunliche und merkwürdige Aehnlichkeit im ganzen En⸗ ſemble! O es iſt kaum glaublich! Außer dieſer Aehnlichkeit mit dem halben Menſchen⸗ geſchlecht, die natürlich nicht ſein eigenes Verdienſt war, hatte der Stallmeiſter noch einige andere. Er deklamirte Verſe mit theatraliſchem Nachdruck, ritt mit ausgezeich⸗ neter Anmuth, tanzte ditto, galt für höchſt artig, höchſt fein und höchſt eigenliebig. Was das Hofmachen betraf, ſo konnte er ganz gut drei bis vier, und wenn es ver⸗ langt wurde, auch fünf kleine Abenteuer zugleich betreiben; dieſe Anzahl überſchritt er jedoch nicht. Er ſpielte auch beinahe alle gewöhnlichen Kartenſpiele. Daraus bildete ſich ſeine kleine Handkaſſe. Er hatte auch noch eine gröſ⸗ ſere, von der wir vielleicht ſpäter einige Worte zu ſagen Gelegenheit haben. Das Vergnügen, welches der Oberſt bei der Ankunft dieſer beiden Herren empfand, wurde bald noch durch den unbeſchreiblich glücklichen Zufall vermehrt, daß der Ge⸗ neral, der ziemlich alt und kränklich war, einen Anfall von Podagra bekommen hatte, und welcher Umſtand ſeine Reiſe wenigſtens um vierzehn Tage verzögerte. Alles lachte alſo dem ſtolzen eitlen Oberſten entgegen. Der Beſuch der Familie D— und Iſabellens Rückkehr in die Heimath konnten ja auf dieſe Weiſe zugleich gefeiert werden. ſeinem bringen Oberſt wünſche „ tenant, einfach⸗ damit war e werde mit⸗ Mal Ich leich den um die ſetzen, n inne r und n Hu⸗ zeſicht, bſchon dweiſe Gluͤck ee der H-=, höchſt En⸗ ſchen⸗ war, imirte zeich⸗ höchſt etraf, ver⸗ iben; auch ildete gröſ⸗ ſagen kunft h den Ge⸗ nfall ſeine Alles Der r in feiert 145 werden. Was dann erfolgte, mußte die Zeit lehren; und wäre jetzt nur die geringſte Ausſicht vorhanden geweſen, aus dem Majoratserben etwas machen zu können, ſo würde wohl kein Menſch auf Erden glücklicher geweſen ſeyn als der Oberſt. Aber du lieber Gott! Klas Malchus mit ſeiner Perrücke, ſeiner Lauheit, ſeinem nachläſſigen Weſen, ſeiner Schweigſamkeit und ſeiner Zerſtreutheit war ein Menſch, dem nur das Fideicommiß und ein verſtändi⸗ er Vater zu einer ſo ausgezeichneten Braut helfen konnte, wie Fräulein Hedda D— war. „Ich muß Richard her holen, er ſoll mir an dem Dummkopf arbeiten helfen!“ dachte der Oberſt, und ritt an einem ſchönen Morgen nach Tjällſtorp hinüber, um durch den oben erwähnten Antrag einer Verwaltersſtelle ſeinem Wunſche, den Lieutenant nach Tyringsholm zu bringen, den Weg zu bahnen; da dieß von mehreren dem Oberſt wichtigen Geſichtspunkten aus betrachtet, höchſt wünſchenswerth wäre. „Willkommen, mein beſter Onkel!“ ſagte der Lieu⸗ tenant, den der Oberſt im Garten traf, wo er in ſeinen einfachen Arbeitshoſen und einem grünen Jagdrocke eifrig damit beſchäftigt war, die Aepfelbäume zu okuliren. Er war ein ſehr großer Freund des Gartenbetriebs. „Der Major und die Schwägerin ſind nach der Stadt, wie ich höre?“ „Leider; aber Virginie und ich ſind zu Hauſe, und werden unſer Möglichſtes thun. Iſt nicht Klas Malchus mit Ihnen? welch' ein Taugenichts! Er war erſt drei Mal hier, ſeit er ankam:“ „Nein, Richard, ich ſagte ihm heute nichts davon. Ich habe etwas mit Dir allein zu ſprechen. Aber viel⸗ leicht eilt dieß da?“ Durchaus nicht, mein beſter Onkel, da ich mit den Befehlen des Onkels beehrt werden ſoll. Ich ſtehe ganz und gar zu Dienſten. Aber wollen wir nicht erſt 10 Das Fideicommiß. I. ——— 146 hineingehen, und ein Glas von Mamas Kirſchengeiſt nehmen?“ Der Oberſt gab ſeine Zuſtimmung zu erkennen, da er im Geheimen wünſchte, es möchte ihm gelingen, den jun⸗ gen liebenswürdigen Mann für ſeinen Vorſchlag zu ge⸗ winnen; denn daß der Lieutenant eine Eroberung von Werth wäre, die man an manchen Punkten verwenden könnte, das war gar keine Frage. Wir wollen unſere Erzählung nicht durch eine weit⸗ läufige Beſchreibung von Tjällſtorp aufhalten. Es ſey genug darüber geſagt, wenn wir anführen, daß das Hauptgebäude und der Garten in einem tiefen freundli⸗ chen Thale lagen; dieſes Thal ward von einem Fluſſe durchſchnitten, der ſeinen Urſprung aus demſelben Strome herleitete, der Tyringsholm bewäſſerte; und Thal ſowohl als Fluß, Garten und Gebäude bildeten zuſammen ein ſo harmoniſches und paſſendes Ganzes, daß das ganze Gemälde mit Kühen, Schafheerden, Rindern und anderem kleinen Gewürme das Bild einer heitern Idylle darbieten konnte. Das Haus, nur aus einem Stockwerk beſtehend, ohne die vier Giebelzimmer, war in ſeinem Innern eben ſo⸗ einfach, wie in ſeinem Aeußern. Aber wie die Herbſtblu⸗ men auf dem ſchönen Rondelle des Gartens einen ſchönen bunten Farbenſchmelz zeigten, der ihre ſorgfältige Anord⸗ nung hervorhob, ſo leuchteten auch Tjällſtorps heitere gemuthliche Zimmer von der beſten Harmonie, dem beſten Ordnungsſinne. Virginie, eine ſo kleine liebliche Wirthin, als man nur irgend je ſehen konnte, bot jetzt Erfriſchun⸗ en an, und bekam dafür einen Kuß auf die Wange. Aber die hausmütterlichen Geſchäfte, die in Abweſenheit der Mutter ihr oblagen, riefen ſie bald hinaus, und nun ſammelte der Oberſt all' ſeine Beredtſamkeit, und richtete an den Lieutenant, der eben im Begriff war, die letzten Ueberreſte von Virginiens Bewirthung zu erpediren, fol⸗ gende wohlbedachte Worte: „Mein beſter Richard! ich bin üͤberzeugt, Du läßt mir die immer, wirken ſ obſchon aber hiel hielteſt. Lieuten lichen Vorſchl beſſern einen ling v müßte entſpre holm haben nehme abhäu wird zu li ges! die könn Tyr chengeiſt „da er en jun⸗ zu ge⸗ ne weit⸗ Es ſey aß das reundli⸗ Fluſſe Strome ſowohl nen ein ganze anderem arbieten d, ohne eben ſo rbſtblu⸗ ſchönen Anord⸗ heitere beſten Lirthin, iſchun⸗ Wange. ſſenheit id nun richtete letzten „ fol⸗ läßt mir die Gerechtigkeit widerfahren und erkennſt, daß ich immer, ſo weit ich es vermochte, Dein Beſtes zu be⸗ wirken ſuchte. Du weißt, daß Du durch meine Bemühung, obſchon mit dem Gelde des ſeligen Schwiegervaters, das aber hiebei Nebenſache war, Dein Lieutenantspatent er⸗ hielteſt.“ „Wo ſoll das hinaus?“ dachte der Lieutenant, be⸗ gnügte ſich jedoch damit, nur ein beifälliges Zeichen von ſich zu geben, um deſto bälder die Hauptſache zu erfahren. „Ich war immer der Anſicht,“ fuhr der Oberſt fort, „daß Verwandte einander dienen ſollten. Niemand kann dafür, daß er reich oder arm iſt, indem ja beides reiner Zufall iſt,“— der Oberſt bemerkte das Lächeln des Lieutenants nicht—„aber der Beglücktere hat auch größere Pflichten. Ich weiß nicht, ob Du mich verſtehſt, Richard; doch um kurz zu ſeyn— Du weißt, daß ich unnöthige Umwege verabſcheue— ſo reicht der kleine Lieutenantsgehalt nicht einmal zur Hälfte Deiner jähr⸗ lichen Equipirung hin. Ich habe Dir deßhalb einen Vorſchlag zu thun, wodurch Du Deine Umſtände ver⸗ beſſern kannſt, ohne Dich in Schulden zu ſetzen, oder einen Gnadenlohn zu empfangen, was für einen Jüng⸗ ling von Deinem feinen Ehrgefühl ſehr empfindlich ſeyn müßte. Wollteſt Du für den Anfang mir gegen einen entſprechenden Gehalt bei meinen Geſchäften in Tyrings⸗ holm helfen? Wenn Du dann mehr Erfahrung erlangt haben wirſt, kannſt Du die Verwaltung des Gutes über⸗ nehmen. Dadurch bildeſt Du Dir eine vollkommen un⸗ abhängige Stellung, und wenn ich mich nicht ſehr täuſche, wird es Dir lieb ſeyn, daß Du nicht bei Deinen Eltern zu liegen brauchſt, die, wie wir wiſſen, nichts Ueberfluſſi⸗ ges haben.“ Richard, der in der That nichts mehr wünſchte, als die Bürden ſeines Vaters in jeder Hinſicht erleichtern zu können, betrachtete das gemachte Anerbieten als ein Glück. Tyringsholm lag nicht ſo weit von Tjällſtorp entfernt, 10* 148 daß er nicht einmal in der Woche die Seinigen beſuchen und mit ſeinem Vater über ihre eigene Wirthſchaft ſprechen konnte. Dazu wußte Richard wohl, daß ein ſo thätiger Landwirth, wie der Major, ſeinen kleinen Hof vortrefflich ohne andere Hülfe betrieb, ſelbſt bei einer Erweiterung des Geſchäftes; ungeachtet er, um Richards zartfühlende nad nnichtni aufzuheben, gethan hatte, als bezweifelte er dieß. Wohin alſo der Lieutenant die Sache wandte, erſchien ſie ihm vortheilhaft, und da ihn ſeine eigene Neigung ebenfalls zur Landwirthſchaft trieb, gab er dem Oberſt ohne weiteres Bedenken ſeinen Handſchlag, und ſomit war die Sache abgemacht. „Nun, das freut mich, mein beſter Richard, daß Du ſo klug warſt; es handelt ſich jetzt nur noch darum, ob Du ſchon dieſer Tage zu uns ziehen kannſt, denn es iſt gerade jetzt eine Zeit, wo Aufſicht nöthig iſt. Das Ge⸗ traide ſoll abgemäht und ein Theil fortgefahren werden; die Rechnungen müſſen in Ordnung kommen, und der Holzbetrieb gibt vollauf zu thun. Ich muß Dir überdieß im Vertrauen ſagen, daß man Blomgren den Daumen auf's Auge halten muß. Er hat zwar ſeine guten Eigen⸗ ſchaften, er treibt die Leute recht an und iſt ein tüchtiger Landwirth; aber ſeiner Ehrlichkeit traue ich nicht beſon⸗ ders. Aus all' dem erſiehſt Du, wie nothwendig Deine Ankunft iſt, beſonders da ich ſelbſt auf den erwarteten Beſuch des Generals und der Kammerräthin alle Hände voll habe. Ich weiß nicht, wie ich überall herumkommen ſoll! Mein lieber Junge, Du ſiehſt ein, daß Du ſobald als möglich kommen mußt.“ „Mein beſter Onkel,“ antwortete der Lieutenant mit ſeinem gewöhnlichen heitern und gutmüthigen Lächeln, „es iſt mir nichts lieber, als wenn ich nützlich ſeyn kann. Unentbehrlich zu ſeyn, iſt wahrhaſt höchſt ſchmeichelhaft, und ich weiß nicht, was mich hindern ſollte, ſchon mor⸗ gen Abend in Tyringsholm zu ſeyn. Ich ſetze durchaus keinen Zy billigen u „ bekommſt Flügel d Querkopf er, und Oberſt n — bin Malchus ſo ganz linliſches jeder ſei kleiden, nicht ge denkt ar an was wie reiz matiſch ohne de ſchiefes ſo iſt Schulju um ſo liebe ih wenn i D Vertrat Charak haben; kels h⸗ erſehe“ dem O nie ge ben, ſi dieſer bahnen eiterung ühlende lfelte er werden; ſund der überdieß Daumen Eigen⸗ üchtiger beſon⸗ 3 Deine varteten Hände kommen ſobald ant mit kächeln, n kann. helhaft, mor⸗ irchaus keinen Zweifel darin, daß Papa und Mama die Sache billigen werden; ſie kommen heute Abend heim.“ „BVortrefflich!“ nickte der Oberſt vergnügt.„Du bekommſt ein paar hübſche Zimmerchen in demſelben Flügel den Klas Malchus bewohnt. Man dürfte dem Querkopf keinen andern Nachbar geben; aber Dich liebt er, und aufrichtig geſagt, mein lieber Richard,“— der Oberſt nahm dabei eine wichtige und betrübte Miene an, — bin nicht ohne gegründeten Kummer wegen Klas Malchus! Was ſoll daraus werden wenn er fortfährt, ſo ganz anders zu ſeyn, als andere Leute. Welch' ein linkiſches Weſen, welch' ein Mangel an Gewandtheit in jeder ſeiner Bewegungen! Welch' eine Manier, ſich zu kleiden, zu ſetzen, zu ſtehen und zu gehen! Und damit nicht genug: Er geht und träumt und phantaſirt, und denkt an, Gott weiß an was alles, nur nicht an das, an was er denken ſollte! Und dann ſollteſt Du hören, wie reizbar er iſt— er ſieht ſo gleichgültig und phleg⸗ matiſch aus, als ob ſeinethalben die Welt einfallen könnte, ohne daß er ſich umwendete; aber laß einen nur ein ſchiefes Wort fallen laſſen, das ſeine Mutter berührt— ſo iſt er ſogleich ergrimmt und benimmt ſich wie ein Schuljunge. Ich bin wahrhaftig ſehr betrübt darüber, um ſo mehr, da ſein Eigenſinn und ſeine verkehrte Eigen⸗ liebe ihm nicht einzuſehen erlauben, wie gut ich es meine, wenn ich ihn bisweilen zu verbeſſern probiere.“ Der Lieutenant begriff die ganze Mißlichkeit dieſes Vertrauens.„Mein beſter Onkel! man muß mit einem Charakter, wie der von Klas Malchus, einige Nachſicht haben; und die Welterfahrung, der ſichere Blick des On⸗ kels haben, wie ich aus der Aeußerung des Onkels erſehe“— der Schelm machte ſich kein Gewiſſen daraus, dem Oberſten eine Meinung abzulügen, die dieſer gewiß nie gehabt hatte, die er aber Richard eingeflößt zu ha⸗ ben, ſich ſehr geſchmeichelt fühlte—„ſie haben ſchon in dieſer kurzen Zeit entdeckt, daß man einen neuen Weg bahnen muß, um auf einen Menſchen von ſo ungewöhn⸗ 150 lichen Eigenſchaften einwirken zu können. Ich meines Theils billige die Meinung des Onkels vollkommen, und beſtärke ihn darin. Vorwürfe und Zurechtweiſungen ſind, wie der Onkel zu bemerken beliebt, ganz umſonſt, und von Befehlen kann bei ſeinem Starrſinn in gewiſſen Fällen durchaus nicht die Rede ſeyn. Ich würde dem Onkel rathen, ihn im Anfang ſeinen Eigenheiten zu überlaſſen, bis er erſt recht an die Heimath gewohnt wäre, und dann die Unterhaltung gefliſſentlich nie auf ſeine Klei⸗ dung, ſein Weſen u. ſ. w. zu lenken. Nach der Hand — denn man muß auf ſein Herz wirken, und nicht ſein Gemüth in Aufruhr bringen— kann man durch Sanſt⸗ muth und einen zufällig ausgeſprochenen Wunſch über dieſes oder jenes viel zu Wege bringen. Seine unge⸗ wöhnlichen und eigenmächtigen Grundſätze trotzen jedem Umwandlungsverſuche; aber ſeine Seele birgt ein gutes Gold für den, der es daraus zu holen verſteht, und das wird dem Onkel, wie ich nicht bezweifle, mit der Zeit gelingen.“ Der Oberſt hatte die Bemerkungen des Lieutenants mit großer Aufmerkſamkeit angehört, und war beſonders davon überraſcht, daß dieſer ſeine eigenen Gedanken ſo gut geahnt hatte. Doch in einem Punkte ſtimmten ſie nicht überein. Der Lieutenant ſprach von der Einwirkung der Zeit, und der Oberſt hatte ſo wenig Zeit. Was aus Klas Malchus gemacht werden konnte, mußte in der nächſten Zeit und vor der Ankunft des Generals und deſſen Tochter gethan ſeyn; denn der erſte Eindruck— der Oberſt wußte, was das heißen wollte und ſeufzte bei ſich ſelbſt:„Wenn man ihn wenigſtens dazu brächte, daß er äußerlich wie andere Menſchen ausſähe“— dieſer mußte durch Richard auf das Vortheilhafteſte beſorgt werden. „Es iſt merkwürdig,“ ſagte der Oberſt nach einer kleinen Pauſe,„daß wir die Dinge von ſo gleichen Ge⸗ ſichtspunkten aus betrachten. Ich muß Dir indeſſen ſagen, mein beſter Richard, daß mein höchſter Wunſch erfüllt würde, w rals Klas werden d meine vät Mähne z Tollhäus herunter Du muß Vertraue den Aug chend, gegen ſe nur mir von der ſetzen w heit an ein erke vielfache Geſellſc gen, m kannſt, Deiner „ als er Gewim Geſellſe Major wenn um ſie es iſt über dem n bei Kl C meines und Fällen Onkel rlaſſen, , und e Klei⸗ Hand cht ſein Sanſt⸗ h über ſe unge⸗ jedem n gutes nd das er Zeit itenants ſonders nken ſo iten ſie virkung Was in der ls und ruck— fzte bei te, daß dieſer beſorgt ) einer en Ge⸗ ſagen, erfüllt würde, wenn es uns gelänge, vor der Ankunft des Gene⸗ rals Klas einige Farbe und Tournüre beizubringen. Wir werden dann viel Leute ſehen, und kurzum, Du wirſt meine väterliche Unruhe ganz natürlich finden; eine ſolche Mähne zum Beiſpiel! man wird den Jungen für einen Tollhäusler anſehen. Und wie hängt der Frack an ihm herunter? Wie ſitzt ſeine Weſte? Auf meine Ehre, Richard, Du mußt wohl oder übel etwas an ihm thun; denn im Vertrauen geſagt, es liegt mir am Herzen, daß er in den Augen des jungen Fräuleins nicht allzu lächerlich erſcheint.“ „Ich verſichere den Onkel,“ verſetzte Richard la⸗ chend,„daß ich ſchon lange mit heimlichen Anſchlägen gegen ſeine Perrücke umgehe. Ueberlaſſen Sie die Sache nur mir. Ich will mein möglichſtes thun!“ „Gott ſegne Dich dafür, Richard! Ich will nichts von der Verbindlichkeit ſprechen, worein Du mich ver⸗ ſetzen würdeſt, wenn es Dir gelänge, einige Gewandt⸗ heit an ihn hinzubringen; aber ſey überzeugt, daß ich ein erkenntlicher Vater bin. Jetzt muß ich heim; meine vielfachen und dringenden Geſchäfte hindern mich, Deine Geſellſchaft länger zu genießen. Willkommen auf mor⸗ gen, mein beſter Richard; und wenn Du Mama bereden kannſt, daß ſie Virginien mitgehen läßt, ſo wirſt Du bei Deiner Tante doppelt willkommen ſeyn.“ „Das hab' ich fein angegriffen,“ dachte der Oberſt als er heimritt.„Der Lieutenant wird jetzt ein großer Gewinn für unſere Abendzirkel; hätte ich ihn nur als Geſellſchafter verlangt, ſo würde weder er, noch der Major eingewilligt haben. Man kann nichts dafür, wenn man weiß, wie die Leute behandelt werden müſſen, um ſie dahin zu bringen, wo man ſie haben will! Nun, es iſt ſehr ſchön, daß ich jetzt eine zuverläſſige Aufſicht über einen lieben Herrn Blomgren bekomme. Von dem weſentlichen Nutzen wird mir der Lieutenaut jedoch bei Klas Malchus ſeyn.“. Ein paar Tage nachher war Lieutenant Richard 152 als Viceverwalter und„Alles in Allem“ auf Tyrings⸗ holm inſtallirt. Der Major begleitete ſelbſt ſeinen Sohn, um dem Oberſt für ſeine väterliche Güte gegen Richard zu danken, der, wie er hoffte, ſeinem Platze vollkommen gewachſen ſeyn werde. Mit verbindlichſter Artigkeit nahm der Oberſt die Erkenntlichkeit ſeines Schwagers auf, und gab ihm die Verſicherung, daß er in Richard ſtets einen theuren Sohn ſehen werde, deſſen Zukunft ihm ſehr am Herzen liege. Er habe Richard wegen ſeines offenen freimü⸗ thigen Weſens ſtets geliebt, und er wünſche dem Major Glück zu einem Sohne, um den ihn der Oberſt ſeiner⸗ ſeits oft beneidet habe. Entzückt, und überzufrieden kehrte der ehrliche Ma⸗ jor zu den Seinen zurück. Er konnte die Folgen ſeiner Bereitwilligkeit natürlich noch nicht berechnen, und freute ſich aufrichtig über die Vortheile, welche Richard daraus erndten ſollte. Die Majorin war nicht ſo ganz damit zufrieden; allein ſie mußte zugeſtehen, daß das Anerbieten ein vor⸗ theilhaftes ſey. Ach, ſie hätte ihren Richard doch ſo gerne zu Hauſe behalten! Klas Malchus ſah den Einzug des Vetters mit großem Vergnügen. Er war ihm nie beſchwerlichz denn Richard hatte eine Art an ſich, die, obſchon der gerade Gegenſatz von dem Weſen des Barons, dennoch nie eine Ueberlegenheit, eine Selbſtliebe oder einen Meiſterton hervorſchimmern ließ. Auch in ſeinen Widerſprüchen gegen die Einfälle und Ideen des Barons, lag etwas innig Warmes und Wohlgemeintes; Klas Malchus fühlte, daß Richard ihn liebte, deßhalb duldete er von ſeiner uneigennützigen und munteren Laune Vieles, was er von andern nicht gelitten hätte. In Kurzem entſtand zwiſchen ihnen nicht gerade eine Sympathie oder Harmonie, aber ein herzlich gutes Verhältniß. In den folgenden Tagen war Baron Klas ſehr be⸗ ſchäftigt. Seine Bücherkiſten waren angekommen und das Ordn in Anſpru mittagswo iſt, er fü Comfort eigentlich dürfen. erwiederte gehe; un wieder in dieſe Ber ſer aus Der u Fuße Klas N kam; ur Tages u der Obe obſchon daß es gen ode und ſein Die Zeit in der hat Gaſtzim der ern lein Iſ ſer ery bedeuter ſten Ko Morge theuren Herzen freimü⸗ Major ſeiner⸗ d freute daraus rieden; in vor⸗ voch ſo rs mit ; denn gerade lie eine iſterton prüchen etwas Lalchus er von „ was ntſtand monie, hr be⸗ l und das Ordnen dieſer Schätze nahm ihn ſo ganz und gar in Anſpruch, daß er darüber ſeine gewöhnlichen Vor⸗ mittagswanderungen ganz vergaß. Aber wie das nun iſt, er fühlte bald, daß ihm etwas in ſeinem gewöhnlichen Comfort fehle; und ohne darüber nachzudenken, was es eigentlich war, glaubte er nur der friſchen Luſt zu be⸗ duͤrfen. Richard bot ihm ſeine Geſellſchaft an, aber er erwiederte ohne Komplimente, daß er am liebſteu allein gehe; und damit waren die Beſuche im Meßnerhauſe wieder im Gang. Dort war es ſo angenehm zu ruhen, dieſe Bewegung that ihm ſo gut, und das Glas Waſ⸗ ſer aus Mariens Hand ſchmeckte ihm immer beſſer. Der Oberſt bemerkte mit Vergnügen, daß dieſe Idee zu Fuße herum zu traben, die gute Wirkung hatte, daß Klas Malchus bis zum Mittageſſen einige Farbe be⸗ kam; und da dieſe Zeit beinahe die einzige des ganzen Tages war, wo er zur Familie heraufkam, ſo wüͤnſchte der Oberſt, dieſe Wuth möchte recht lange andauern, obſchon er ſeinem Sohne gern einen Wink gegeben hätte, daß es ſich ſchicke, ſeine Wanderungen bisweilen im Wa⸗ gen oder zu Pferde zu machen, wie es ſeinem Stand und ſeiner Würde ziemte. Die erhaltene Verſtärkung machte indeſſen, daß die Zeit in Tyringsholm recht paſſabel verging. Der Schnei⸗ der hatte den neuen Anzug des Barons vollendet, die Gaſtzimmer waren zehnmal ausgelüftet und endlich kam der erwünſchte Tag, wo die Kammerräthin und Fräu⸗ lein Iſabelle erſcheinen ſollte. Aber am Tag vor die⸗ ſer erwarteten Epoche wurde Klas Malchus von zwei bedeutenden Unfällen heimgeſucht, über die wir im näch⸗ ſten Kapitel Rechenſchaft ablegen werden. Zehntes Kapitel. Als Baron Klas Malchus von Tyringsholm am Morgen dieſes begegnißreichen Tages erwachte, ſo war —— 154 ſeine erſte Sorge, daß er wie gewöhnlich mit allen fün⸗ fen durch's Haar fuhr; es war ihm immer ſo angenehm geweſen, ſich mit dieſer paſſiven Bewegung zu ermun⸗ tern, aber wer beſchreibt ſein Erſtaunen, ſeinen tiefen Kummer und gerechten Zorn, als ſeine liebe, ſeine ge⸗ liebte Mähne, ſein Anderes Ich, nicht mehr an Ihrem Platze, ſondern radikal fort war! In der erſten Hitze des Augenblicks begann Klas Malchus aus allen Kräften nach ſeinem Bedienten zu ſchellen, der, dieſer Eile etwas ungewohnt, beinahe Hals über Kopf hereingeſtürzt kam. Er glaubte, der Baron ſey krank. „Höre, wie haſt Du es wagen können, Jemand hereinzulaſſen! Wer hat meine Mäh— mein Haar ge⸗ ſtohlen? Stehe nicht da und gaffe mich an! Ich bin ja raſiert, ſiehſt Du denn nicht?“ Der Bediente dachte, was er immer gedacht hatte, daß nämlich der Baron etwas weniges verrückt, dießmal aber der Böſe ganz losgekom⸗ men ſey. „Ich weiß wahrhaftig nichts davon, daß Jemand hier geweſen ſeyn ſollte; vielleicht hat der Herr Baron ſelbſt im Schlafe...“ „Geh' und ſage dem Lieutenant, er möge herein kommen.“ „Niemand anders kann mir dieſen Poſſen geſpielt haben,“ dachte Klas Malchus, ſobald er im Stande war, über die Sache nachzudenken.„Aber das war ſchlecht von Richard: Ich häͤtte ihm eine ſolche Büberei nicht zugetraut.“ „Befiehlt der Herr Baron Etwas?“ fragte der Lieutenant, und ſtreckte den Kopf in der harmloſeſten Miene von der Welt herein. „Komm' herein, Richard! Du haſt gehandelt wie ein wahrer Diebsgeſelle! Konnte es Dir ein Vergnügen machen, mir meine armen Haare im Schlafe zu rauben? Jedermann hat ſeine Eigenheiten, und es mag ſeyn, daß ich meine Lächerlichkeiten habe; aber ich meine, man ſollte dafür mit Klas Worte ma wohl einſa kommen R. „Mei Du mir n es thun, Deinen W Deinem! rein unmi z. B. ißt — ſo h und ich k dabei den den würd ſelbſt das Deiner U Du nie! ich zum Dir wäh Es Gutgelar beſänftig / Richard können, „2 Nieman / Aber w geſtatten liebt? ſich au leitet?“ ermun⸗ tiefen ne ge⸗ Ihrem Klas en zu . Hals Baron emand ar ge⸗ bin ja „ was etwas ekom⸗ emand Baron herein 15⁵ man ſollte die Schwachheiten Anderer achten, und ſich dafür mit ſeinen eigenen beſchäftigen.“ Klas Malchus ſprach mit großem Ernſt, und ſeine Worte machten Eindruck auf den Lieutenant, der recht wohl einſah, daß er in den letzten zwei Punkten voll⸗ kommen Recht habe. „Mein beſter und theuerſter Klas Malchus! ob Du mir nun glaubſt oder nicht, doch ich hoffe, Du wirſt es thun, es ſchmerzt mich ſehr, daß ich etwas gegen Deinen Willen thun mußte. Es war mir indeſſen als Deinem beſten Freunde, wie Du wohl einſehen wirſt, rein unmöglich, Dich auf dieſe Art zu ſehen! Wenn Du z. B. ißt— erinnere Dich nur, wie kurzſichtig Du biſt — ſo hängt Dir ja das Haar in den Teller hinab; und ich konnte das Lächeln der Herren nicht ſehen, und dabei denken, daß Du wahrſcheinlich ihre Zielſcheibe wer⸗ den würdeſt, wenn unſere Damen kommen, ohne mir ſelbſt das Verſprechen zu geben, Dich auch auf Gefahr Deiner Ungnade hin des Haarſchopfes zu berauben. Daß Du nie Deine Einwilligung dazu geben würdeſt, wußte ich zum voraus. Ergo blieb' nichts anderes übrig, als Dir während des Schlafes Gewalt anzuthun.“ Es war etwas zugleich Ernſtes, Scherzhaftes und Gutgelauntes in der Erklärung des Lieutenant; aber ſie beſänftigte den Baron nicht. „Du biſt alſo ſehr ſchwach für das Urtheil Anderer, Richard?“ ſagte er.„Du würdeſt es alſo nicht ertragen können, daß man über Dich lachte?“ „Nein, hierin haſt Du ſehr recht; ich will es auch Niemand rathen.“ 8 „Mag ſein, Niemand wird es wohl auch thun. Aber welch' ein Recht haſt Du, den Leuten nicht zu geſtatten, daß ſie über mich lachen, wenn es ihnen be⸗ liebt? Willſt Du mir wohl ſagen, ob dieſe Vorſorge ſih ahs Rückſicht für mich oder für Dich ſelbſt her⸗ eitet?“ „Welche Frage!— aus Rückſicht für Dich natür⸗ licher Weiſe.“ „Ich zweifle. Glaubſt Du denn, daß es mir Kum⸗ mer mache, wenn ich Gelächter errege?“ „Nein, leider Gottes! Dir nicht; aber die Deinigen werden deſto mehr dadurch gequält.“ „Siehſt Du,“ ſagte Baron Klas, und nickte bedeu⸗ tungsvoll,„es geſchah alſo nicht aus Rückſicht für mich; Du wußteſt ſehr wohl, wie gleichgültig mir Beifall und Tadel iſt. Aber es geſchah deßhalb, weil es Lieutenant Richard am Herzen lag, daß ſein BVetter nicht lächer⸗ lich erſcheinen ſoll; um alſo Deine eigene Selbſtſucht und Eitelkeit zu befriedigen, machſt Du mit mir, was Dir gut dünkt. Ich ſoll das Recht nicht haben, eine Schwachheit zu beſitzen, weil ſie der Deinigen im Wege ſteht! Ich möchte doch wahrhaftig wiſſen, mein beſter Richard, wer von uns der größte Narr iſt: Ich, der ich mich mit meinem eignen Beifall begnüge, oder Du, der nach dem der Andern jagt?“ Unſer junger Lieutenant fühlte ſich durch die Worte ſeines Vetters allerdings etwas geſchlagen, und zum erſten Male lag das Uebergewicht auf Klas Malchus Seite. Der Baron ſah— denn wenn er ſehen wollte, fehlte es ihm gewiß nicht an Scharfſinn— daß ſeine Worte Eindruck gemacht hatten. Er glaubte, es thue Richard leid, ihn durch dieſe Handlung jugendlichen Leichtſinnes beleidigt zu haben; und mehr bedurfte es nicht, um Klas Malchus zu gewinnen, deſſen warmes Herz die Nieder⸗ geſchlagenheit des Freundes, die ſeinem gewöhnlichen hei⸗ tern Muthe ſo ſehr widerſprach, nicht ſehen konnte, ohne ihm zur Verſöhnung zu helfen. „Laß uns Frieden ſchließen, Richard,“ ſagte der Baron und ſtreckte ihm die Hand hin.„Aber da Du Dein Friſeuramt auf eigene Fauſt begonnen haſt, ſo ſollſt Du es zur Strafe auch vollenden; denn ich weiß meiner Seele nicht, was ich mit dem anfangen ſoll, das Du mir noch gelaſſen haſt.“ Der er mit ſ ſchaut he geheimer Haar w vollendet hatte er Dieß we theile ſe denn do nicht un De ſtoßen, tale M gemach Der O zu und nichts, U Klas derung der H vollen nie ge er wui geende als 2 heute blieb ſtehen gewo heute einer als ein, natür⸗ Kum⸗ bſtſucht „ was , eine Wege beſter h, der ſr Du, Worte erſten Seite. fehlte Worte tichard tſinnes Klas kieder⸗ n hei⸗ ohne te der a Du t, ſo weiß „ das Der Baron hatte ſich unterdeſſen angekleidet, und als er mit ſaurer Miene ſeinen Schaden im Spiegel über⸗ ſchaut hatte, griff Richard trotz ſeiner kleinen Reue mit geheimer Freude zu Scheere, Kamm und Bürſte. Das Haar war an ſich ſelbſt weich, und als Baron Klas nach vollendeter Striegelung einen Blick in den Spiegel warf, hatte er die Güte zu ſagen, daß er ſich recht paſſabel finde. Dieß war jedoch nicht der Fall: Er fand ſich im Gegen⸗ theile ſehr übel; aber er hoffte auf den Beiſtand der Zeit, denn das Unglück hatte wenigſtens das Glück, daß es nicht unheilbar war. Der Oberſt hätte beinah einen Freudenſchrei ausge⸗ ſtoßen, als er ſeinen Sohn beim Frühſtücke ohne die fa⸗ tale Mähne ſah, die einer hohen, zierlichen Friſur Platz gemacht hatte.„Ach der Richard, der vortreffliche Junge!“ Der Oberſt warf dem Lieutenant einen vielſagenden Blick zu und drückte ihm leicht die Hand! weiteres wagte er nichts, bis ſie allein waren. Ungeachtet die Witterung nicht günſtig war, trat Klas Malchus doch ſeine gewöhnliche Vormittagswan⸗ derung an; er bedurfte heute der Zerſtreuung. Als er der Hütte ganz nahe kam, hörte er einen weichen und vollen Geſang. Er hatte Mariens ſchöne Stimme noch nie gehört; aber er lauſchte dennoch mit Bewegung, denn er wußte oder ſpürte vielmehr, daß es ſie war. Als ſie geendet hatte, trat er ein. Es war Niemand zu Hauſe als Marie. Bei dieſer Entdeckung gerieth unſer Baron heute in eine Verlegenheit. Er vergaß den Lehnſtuhl und blieb mit einer ſtummen Verbeugung mitten im Zimmer ſtehen. Marie, die nach und nach etwas weniger ſchüchtern geworden war, als im Anfang, fragte den Baron, ob er heute nicht ſitzen wolle. Klas Malchus antwortete ihr ſonderbar genug mit einer andern Frage.„Meinſt Du, das ſtehe mir beſſer als mein langes Haar?“ Er bildete ſich wahrſcheinlich ein, ſein Kopf habe ihre Aufmerkſamkeit erregt. —— 5—2 — Marie erröthete leicht, als ſie hörte, mit welch' un⸗ erwarteter Artigkeit er dieſe Frage ihrem Urtheil unter⸗ warf; und nachdem ſie einen, zwei, drei, ja vier ſcheue prüfende Blicke auf den Baron geworfen hatte, dem dieſe Muſterung ſehr wohl that, ſagte ſie: ſie glaube allerdings, daß dieſe Art, das Haar zu tragen, hübſcher ſey, als jene, deren ſich der Baron fruüher bedient habe; und gewiß würden Andere derſelben Meinung ſeyn. „Gleichviel, was Andere meinen!“ rief Klas Mal⸗ chus, und Niemand würde in dieſem Augenblick beſtritten haben, daß ihn dabei eine ſchöne und friſche Farbe über⸗ flog.„Ich bekümmere mich nicht um Andere! aber wenn Du, Marie, ſagſt, daß es hübſch ſey, ſo ſoll es bleiben dürfen.“ Das war etwas ſtark. Marie wußte nicht, wo ſie nach einer Aeußerung hinſehen ſollte, die zwar im Ganzen genommen, inſofern ſie von Baron Klas kam, der ja nicht war wie andere Menſchen, nicht beſonders viel zu bedeuten gehabt hätte, wenn nicht der Blick, der ſie be⸗ gleitete, ſo— ſo gar ſonderbar geweſen wäre. Da die Unruhe, die Klas Malchus dadurch bei ihr hervorgerufen hatte, merklich genug war, ſo ward er ſie gewahr; und dunkel fühlend, daß er etwas ſagen müßte, um ſie davon zu befreien, ließ er ein paar Worte der den Geſang fallen, den er bei ſeinem Eintritt gehört hatte. „Wünſcht der Herr Baron vielleicht, daß ich das kleine Lied noch einmal ſinge?“ Marie empfand keine gewaltige Begierde, mit ihrem geringen Talente zu glän⸗ zen; aber ſie glaubte, daß es ihr die kleine Verlegenheit überwinden helfen könnte. Sie hatte keine Erziehung, aber ſie beſaß ein feines und richtiges Gefühl, das ſo zart und ſtrenge war, als es irgend gefunden wird, wo eine frühzeitige Belehrung es einſchärfte. Klas Malchus gab ſeine Zuſtimmung ohne einen Ueberfluß von Worten zu erkennen, denn er ſagte nur; „Danke!“ auch ſprach er nichts, als Marie geendet hatte. Aber ſei derbarer zensangſ ſo ſehr Favorit⸗ die Han ihrige le Ton des vorhin, hatte. Klas lie einige ſchwebte ſagte ſi K kleinen ſagen Worte gehört ) das keine glän⸗ enheit thung, as ſo „ wo einen nur: hatte. 159 Aber ſeine Blicke begleiteten ſie mit einem immer ſon⸗ derbareren Ausdruck; und deßhalb nahm ſie in ihrer Her⸗ zensangſt ihre Zuflucht zu dem Chorale, den der Vater ſo ſehr gerühmt hatte. Aber kaum hatte ſie die brillanten Favorit⸗Präludien des Kapellmeiſters begonnen, als ſich die Hand des Barons mit einigem Nachdruck auf die ihrige legte. Es war klar, daß er den herzzerreißenden Ton des alten Klaviers jetzt nicht ſo gut aushielt, als vorhin, wo Mariens Geſang ihn unhörbar gemacht hatte. Erſchrocken ſah Marie empor. Der Baron ſtand ſtille; aber die Hand hielt er zurück. „Laß das,“ ſagte er mit einer freundlichen, aber Marien jedoch ganz unerklärlichen peinlichen Unruhe. „Und warum denn?“ fragte ſie unſchuldig. „Es klingt ſo ſchlecht. Das Klavier taugt nichts; und überdieß greifſt Du fehl; es muß ſo ſeyn!“ Baron Klas ließ ſchnell Mariens Hände fahren, und ſchlug ſelbſt einige Accorde des Chorales an. Ein leiſes„Ach!“ ſchwebte über Mariens Lippen.„Lehren Sie mich das,“ ſagte ſie arglos. ⸗ Klas Malchus ergriff ihre Hand wieder, ſtreckte ihre kleinen Finger aus, die weder roth noch grob waren, und legte ſie auf die beſtimmten Taſten. Marie war äußerſt gelehrig und griff den Accord bald richtig. „Liebſt Du die Mufik, Marie?“ fragte der Baron heftig.„Ich meine, ob Du ſie verſtehſt, ob Du ſie ge⸗ nießeſt?“ „Ja, das thu' ich gewiß,“ antwortete ſie mit über⸗ zeugender Stimme.„Ich liebe die Kirche um der Orgel willen; und ich ſchäme mich oft, daß mir mein eigner Geſang Thränen aus den Augen lockt.“ „Und wie geſchieht Dir denn dann? Du fühlſt doch etwas, wenn Du weinſt?“ „Ja, viel! Bald iſt meine Bruſt ſchwer und gepreßt; bald iſt es mir, als ob ich fliegen wollte. Ich bin ſo glücklich, ſo leicht und frei; und am allerbeſten iſt es, wenn ich allein bin.“ „Marie,“ ſagte Klas Malchus nach einigem Still⸗ ſchweigen,„ich werde Dir ein gutes Inſtrument verſchaf⸗ fen. Ich will Dich auch nach einer andern Methode ſpielen lehren, als Du bisher thateſt.“ „Iſt das möglich?“ fragte Marie zitternd vor Freude, „Sollte der Herr Baron das wirklich wollen?“ „Ich will es gerne; aber das Letztere darfſt Du Niemand ſagen, denn ich will Dich nur lehren, wenn wir wie heute allein ſind. Ich kann es nicht leiden, wenn man vor Andern ſpielt; Muſik ſoll man nur für ſich ſelbſt haben.“ „Ich bin oft allein,“ verſetzte Marie, ohne zu er⸗ röthen, denn jetzt war alle ihre Verlegenheit vorüber. „Ich gehe ſelten mit an die mancherlei Orte, wo Vater und Mutter ſind.“ „Und warum nicht?“ „Ich weiß nicht, aber es iſt mir immer am wohlſten, zu Hauſe bei mir allein. Ich habe kein Vergnügen an dem, was andere junge Mädchen erfreut, und deßhalb lachen ſie mich oft auch aus.“ „Armes Mariechen!“ ſagte Klas Malchus leiſe. Unterdeſſen war in Tyringsholm die Stunde des Mittageſſens herangekommen. Die Baronin, Virginie, die auf Beſuch war, der Kapitän, Richard und der Stallmeiſter, alle fanden ſich ein; nur Baron Klas Malchus ließ ſich nicht ſehen. Der Oberſt war ſehr genau in Beobachtung der Tiſchſtunde, und gab mit einiger Feierlichkeit zu erkennen, daß der Baron nachher eſſen ſollte. Man ſetzte ſich. Während des erſten Gerichts, wel⸗ ches gewöhnlich die Tugend hat, den Mund zu ſtopfen, wurden nur wenige Worte gewechſelt. Bei dem zweiten jedoch, als man den Wein einſchenkte, ſagte Kapitän Brandler, indem er das Glas zwei bis dreimal an die Lippen führte, ohne jedoch den Inhalt zu leeren:„Dieſer Wein, ſchichte Wirthsl zu geni Fiſch vo kleiner nen un gezeicht D tän w zwanzi flaſche geöffnet L wünſch mache gen an deßhalb ſe. nde des r, der den ſich n. Der hſtunde, aß der 3, wel⸗ ſtopfen, zweiten Kapitän an die „Dieſer 161 Wein, Herr Oberſt, erinnert mich an eine hübſche Ge⸗ ſchichte von zwei luſtigen Käuzen, die einmal in einem Wirthshauſe beiſammen ſaßen, um eine heitere Stunde zu genießen. Der Eine von ihnen, der ſich einen kleinen Fiſch verſchafft hatte— es muß aber doch ein verflucht kleiner Fiſch geweſen ſeyn!— ließ ihn unvermerkt in das Glas fallen, worauf er heftig nach dem Wirthe rief, und darüber zu lärmen anſing, daß er einen Fiſch im Weine habe. Der Wirth ſeinerſeits rief den Kellner, gab ihm eine Ohrfeige und ſchrie: ‚Hab' ich Dir nicht geſagt, Du ſollſt den Wein mit Brunnenwaſſer verdün⸗ nen und nicht mit Seewaſſer!e Ha, ha, ha! eine aus⸗ gezeichnete Geſchichte!“ Der Oberſt biß ſich in die Lippen; aber der Kapi⸗ tän war ja ein Witzkopf, und wenn er auch noch mit zwanzig Geſchichten kam, ſo wurde doch keine Wein⸗ flaſche von echtem Gehalte vor Ankunft des Generals geöffnet. „Aber wohin mag ſich Klas Malchus verirrt haben?“ fragte Virginie, um dem Kapitän nicht Zeit zu laſſen, mit einer andern Anekdote herauszurücken. „Sollte das gnädige Fräulein wirklich das zu wiſſen wünſchen?“ ſagte der Stallmeiſter.„In dieſem Falle mache ich mich anheiſchig, eine beſtimmte Meldung dar⸗ über zu erſtatten, wo er ſich in dieſem Augenblicke be⸗ findet.“ „Wirklich?— das riecht etwas nach Hererei“— lächelte Virginie,„aber laſſen Sie uns doch hören.“ „Welch' ein Glück für mich, dem Wunſche des Fräu⸗ leins entſprechen zu können! Vielleicht bin ich ſo benei⸗ denswerth, ein Verſprechen dafür zu erhalten, um wel⸗ ches ich geſtern vergebens flehte?“ „Was denn?— ich erinnere mich nicht.“ „Welche Grauſamkeit, ſich nicht erinnern zu wollen, daß ich zwei Stunden lang um das Vergnügen bettelte, Das Fideicommiß. I. 11 bei der erſten Schlittenfahrt in das gnädige Fräulein dem kleinen huͤbſchen Neiberſchlitten fahren zu dürfen!“ „Apropos,“ fiel der unverbeſſerliche Kapitän ein, der zugleich einen halben Barſch in den Mund ſteckte, um deſto ſchneller die Gelegenheit zu erhaſchen, den jungen feinen Herrn zu demüthigen, den er unmöglich ſprechen laſſen konnte,„da erinnert mich die Vorliebe des Stall⸗ meiſters für Reiberſchlitten an einen Einfall des Probſten T—, der ſie ebenfalls ſehr angenehm fand. Einmal auf einer Winterfahrt begegnete er dem Baron MO, einem ſeiner Pfarrkinder.„Ei, ſagte der Baron, als ſie hielten, um mit einander zu plaudern, ‚was der Herr Bruder für einen abſcheulichen Schlitten hat! Der Bruder ſollte ſich einen von dieſer Form anſchaffen!'—„Nein, mein Schlitten iſt recht gut,“ erwiederte der Probſt, ‚denn auf dieſem ſitzt der Hundsſott hinten 15 „Sehr hübſch! ſehr ergötzlich!“ lachte der Oberſt, der höchlich damit zufrieden war, daß die Reihe an einen Andern kam. Der Stallmeiſter wurde flammend roth und ſtellte eine ganze Batterie von Brodkrumen auf, während ſich Richard mit einer Frage wegen morgen an ſeine Tante wandte. Aber Virginie erklärte mit einem etwas ungnä⸗ digen Blick auf den Kapitän, daß ihr ſeine Geſchichten ziemlich ungelegen kämen, daß ſie über ihnen nicht erfahre, wie der Stallmeiſter ſeine Behauptung erweiſen wolle. „ Hüten Sie ſich, gnädiges Fräulein, etwas über die Neugierde zu ſagen; Es geſchah dem ſeligen Fräulein Engenborg,— ich erinnere mich der Sache, als ob ſie geſtern paſſirt wäre— daß... „Nein, um Gotteswillen!“ unterbrach ihn Virginie, „thun Sie mir den Gefallen, und vergeſſen Sie Alles, was Sie ſich erinnern, Herr Kapitän! Es kann wohl nichts Geiſtreiches mehr über einen ſo abgenützten Stoff wie dieſe unſere liehenswürdige Schwachheitsſünde geſagt werden. Herr Stallmeiſter! ich fordere doch nicht zu brechun wag i wärtig Meßne einen 1 die ſie barg, letztere Oberſt Malch bei ſic meiſte! 8 nicht 3„denn ſchon wahrſe Aber nicht C 5 Stall ihrt in fen!“ ein, der e, um jungen prechen Stall⸗ drobſten nal auf einem hielten, der für ſollte , mein enn auf Oberſt, n einen ſtellte nd ſich Tante ungna⸗ ſchichten n nicht erweiſen ber die Fräulein 3 ob ſie zirginie, 2 Alles, n wohl n Stoff geſagt icht zu —— 1 63 viel, wenn ich die Erfüllung eines freiwilligen Verſpre⸗ chens verlange?“ „Ich möchte jedoch glauben, Du verlangeſt mehr, als wahrſcheinlicher Weiſe erfüllt werden kann,“ verſetzte Richard, der in den Blicken des Stallmeiſters etwas ge⸗ leſen hatte, das den Wunſch in ihm erregte, dieſer Ge⸗ genſtand möchte nicht weiter fortgeſetzt werden. Aber der Stallmeiſter, der ſich auf jene widerwärtige Unter⸗ brechung wieder erholt hatte, erwiederte ſchnell:„Dennoch wag ich zu behaupten, daß ſich der Baron im gegen⸗ wärtigen Augenblick entweder auf dem Wege mnach dem Meßnerhauſe befindet, oder dort, verweilt. Der Weg dahin iſt maleriſch: die Hütte ſelbſt, ſo einfach und länd⸗ lich ſie iſt, hat ihre Reize; und Niemand, der dort war, kann behaupten, daß ſie nicht etwas Anziehendes in ſich verſchließe“ Die Anmerkungen des Stallmeiſters gaben ſeiner an ſich ſchon ungerufenen Aufklärung eine Zweideutigkeit, welche auf die Geſellſchaft mit Ausnahme des Oberſten einen unangenehmen Eindruck machte. Richard erröthete über die Boshaftigkeit des Nutzers, die ſich unter der Maske des Scherzes nur ſchlecht ver⸗ barg, und fühlte ſich von Zorn und Unruhe erfaßt. Die letztere war ſichtlich von der Baronin getheilk; aber der Oberſt fand die Sache ſo äußerſt läch zerlich— Klas Malchus auf verliebten Gängen!— daß er laut lachte, bei ſich aber bedauerte, daß der naive Gedanke des Stall⸗ meiſters keinen Grund habe. Dieß konnte ihn jedoch nicht verhindern zu wünſchen, es möchte wirklich ſo ſeyn, „denn,“ dachte der Oberſt,„ein kleines Abenteuer, ob⸗ ſchon es jetzt freilich etwas ungelegen käme, würde ihn wahrſcheinlich zu einem ordentlichen Menſchen machen. Aber dem Klas Malchus würde es bei ſeinem Phlegma nicht einmal einfallen, ein ſchönes Mädchen anzuſehen.“ Die kleine Senſation, die durch die Mittheilung des Stallmeiſters entſtanden war, hatte ſich noch„nicht ganz 11* 164 gelegt, als die Thüre aufging, und Baron Klas eintrat. Er verbeugte ſich und entſchuldigte ſein Ausbleiben mit kurzen Worten. Er war weit entfernt zu ahnen, daß ihn heute noch etwas Schlimmeres als der Verluſt ſeines geliebten Haarſchopfes bedrohte; aber bald mußte er er⸗ fahren, daß ſein vornehmſtes Vergnügen, ſeine Wande⸗ rungen nach dem Meßner⸗Hauſe andern Leuten ein Dorn im Auge waren. Man darf alſo nie etwas in der Welt für ſich ſelbſt haben! „Du wirſt angegriffen,“ rief der Oberſt ſcherzend, und ohne auf Richards Huſten und ſchnelles Blinzeln Acht zu geben.„Du wirſt hart angegriffen, und wie ich glaube von einem Nebenbuhler. Kannſt Du uns ſagen, woher Du kommſt?“ „Ich komme von einem Spaziergang,“ erwiederte der Baron kurz, indem er den freien Platz einnahm. „Ich appellire an den Herrn Oberſten, ob dieſes Ausweichen nicht ein Zeichen iſt, daß meine Behauptung einigen Grund hat,“ lispelte der Stallmeiſter und leerte ſein Weinglas. „Hörſt Du, Klas Malchus, vertheidige Dich jetzt, ſonſt biſt Du übel daran! Der Stallmeiſter behauptet, er wiſſe nicht allein, wohin Du alle Tage promenireſt, ſondern auch das Ziel dieſer Promenaden.“ Baron Klas wurde blaß, wie die Serviette, womit er ſich über das Geſicht fuhr.„Ich wußte nicht,“ ſagte er, und warf einen verächtlichen Blick auf den Stall⸗ meiſter,„daß es dieſer Herr der Mühe werth hielt, meine Schritte auszuſpioniren! Aber da ich dieß jetzt weiß, ſo muß ich ihn auch bitten, mir ſeinen Beweggrund zu er⸗ klären.“ „Ei behüte, mein lieber Sohn, man macht aus einem guten Spaß kein ſo ernſtes Ding! Du kannſt überdieß nicht wohl verlangen, daß der Stallmeiſter eine ſolche Beichte in Gegenwart der Damen ablegen ſoll.“ „Aber ich verlange es dennoch,“ erwiederte der Ba⸗ ron barſch. * De darüber weſen ſ jagt un Baron ſeiner der St ſey ein ſehr hü⸗ D des Ba wallung Er mei pfand zudrücke wirrung tes bed die ihm lich ha Auftrit die Au D merrät ten, ei durcha einem leeren zwei D ſo, wa 1 Lieute ſaß/ Geſell eilte. junge verla den a eintrat. en mit 1, daß ſeines er er⸗ Wande⸗ Dorn r Welt herzend, Zlinzeln wie ich ſagen, viederte nnahm. dieſes uptung leerte h jetzt, hauptet, kenireſt, womit ſagte Stall⸗ meine eiß, ſo zu er⸗ 3 einem berdieß ſolche er Ba⸗ F 165 Der Stallmeiſter wurde roth und ließ einige Worte darüber fallen, daß es nur ein unſchuldiger Scherz ge⸗ weſen ſey. Er habe zufällig einigemal in der Nähe ge⸗ jagt und dabei die Wahrnehmung gemacht, daß der Herr Baron das kleine hübſche Meßner⸗Haus zum Ruhepunkt ſeiner Wanderungen auserſehen habe. Seinerſeits ſehe der Stallmeiſter daran nichts Merkwürdiges, er ſelbſt ſey einige Male in dem Hauſe geweſen und habe Alles ſehr hübſch gefunden. Der Lieutenant merkte an den haſtigen Bewegungen des Barons, daß ſein Blut in ungewöhnlich heſtige Auf⸗ wallung gerathen ſey. Klas Malchus ſelbſt fühlte daſſelbe. Er meinte beinahe erſticken zu müſſen, aber zugleich em⸗ pfand er eine mächtige Begierde den Stallmeiſter nieder⸗ zudrücken. Sein Kopf war bald in einer ſo tatalen Ver⸗ wirrung, daß es nur eines einzigen aufreizenden Wor⸗ tes bedurft hätte, um der geringen Selbſtbeherrſchung, die ihm noch blieb, ein Ende zu machen; und wahrſchein⸗ lich haͤtte das Eſſen mit einem nicht ſehr angenehmen Auftritt geſchloſſen, wenn nicht das Rollen eines Wagens die Aufmerlſamkeit erweckt und getheilt hätte. Der Oberſt erhob ſich haſtig.„Wenn das die Kam⸗ merräthin und Iſabelle waren, die uns die Surpriſe mach⸗ ten, einen Tag früher zu kommen! Solche Surpriſen ſind durchaus nicht nach meinem Geſchmack,“ ſetzte er mit einem flüchtigen Blick nach dem Seitentiſche hinzu, wo die leeren Schüſſeln ſtanden.„Aber bei meiner Ehre, es ſind zwei Damen! Richard, Klas Malchus, lauft, lauft! Es iſt ſo, wahrhaſtig es iſt die Kammerräthin und das Fräulein!“ Ehe der Oberſt noch ausgeſprochen hatte, war der Lieutenant ſchon unten. Aber Klas Malchus ſaß, wo er ſaß, und dort blieb er auch ſitzen, als die ganze übrige Geſellſchaft mit Ausnahme des Kapitäns’ in den Saal eilte. Der Kapitän, der Ehrenmann wollte weder ſeinen jungen Wirth, noch den eben aufgetragenen Auerhahn verlaſſen. Er blieb ebenfalls ſitzen; aber keiner beläſtigte den andern. Der Kapitan aß und trank auch, obſchon 166 er dabei ſtets dem Weine zugrinste. Der Baron leerte ebenfalls gegen ſeine Gewohnheit einige Gläſer, aber er aß nichts; er ſchien nur damit beſchäſtigt, Löcher in die Serviette zu ſtechen. Der Oberſt und Nichard kamen indeſſen gerade herab, als die Wagenthüre geöffnet wurde. Zuerſt erſchien ein älteres Frauenzimmer in Seide und Spitzen gehüllt. Gegenſeitige Ausdrücke der Freude und des Entzuckens! Es war Schweſter Katharina Sophie, die Kammerräthin, die endlich auf den Arm ihres Bruders geſtützt, wohlbe⸗ halten auf dem Boden ſtand. Als ſie heraus war, trat eine Erſcheinung anderer Gattung aus der halb geſchloſ⸗ ſenen Kutſche Iſabelle— Iſabelle, von der der Ruf die volle Wahrheit nicht ſagen konnte, denn was ſie war, konnte Niemand ſagen— Iſabelle, deren Schönheit be⸗ ſtändig neu war, und alle Minuten einen andern Cha⸗ rakter annahm, deren Augen von einer Farbe waren, der Niemand einen Namen geben konnte. Man ſagte, ſie ſeyen blau, wenn die tieferen Bewegungen der Seele ſich darin abſpiegelten; wenn ſie aber lachte und ſcherzte, ſeyen, meinte man, die Strahlen zu feurig um eine nähere Beſchauung zu dulden; doch hielt man allgemein dafür daß ſie ſchwarz ſeyen, wenn ſie von Zorn oder einer unterdrückten Empfindung unangenehmerer Art blitzten. In der Welt der Jugend und Schönheit gibt es wie in der der Aſtrologen Sterne erſten und zweiten Rangsz; aber bisweilen ſchwebt zwiſchen ihnen ein einſamer Stern höherer Ordnung. Sein Kreislauf, ſo nahe er liegt, trennt ſich doch von denen der andern Sterne. Einer dunklen Sage gleich geht er dahin. Alle wollen ihn zurückhalten, aber Niemand kennt die Zauberformel, die das Räthſel löst— er entſchlüpft und entſchwebt frei. Der überglückliche Richard durfte der hohen edlen Geſtalt die Hand reichen, einer Geſtalt, deren weiche Formen jenen reinen Styl verriethen, welcher das Auge des Kenners und Künſtlers entzückt. „Du biſt mir über den Kopf gewachſen, Richard,“ A 4 ſagte ſi auf ſei der M Vorrech S 1, führte gewiß Barmh für un T Oberſt „Der belle! iſt! K. vorneh „ auf ei mit de 1 meine Couſir ſagte Freun ändert 7 gerne man drinne 8 ſchöne mit f Baror griffer ſchien derſeh Die das. leerte aber er in die herab, en ein gehüllt. ückens! räthin, vohlbe⸗ , trat eſchloſ⸗ r Ruf e war, heit be⸗ Cha⸗ en, der te, ſie ele ſich cherzte, nähere dafür reiner zten. gibt es zweiten nſamer er liegt, Einer en ihn el, die frei. edlen weiche 3 Auge chard,“ 167 ſagte ſte lächelnd, indem ſie beim Herausſteigen die Hand auf ſeine Schulter legte;„aber es verlohnt ſich nicht der Mühe ſich darüber zu ärgern, es iſt ja eines eurer Vorrechte, daß ihr im Allgemeinen uns Weiber überſeht.“ „Wenn es ſo iſt,“ erwiederte Richard heiter und führte die Hand der Couſine an die Lippen,„iſt es gewiß deßhalb ſo, weil unſer Herr, die Quelle aller Barmherzigkeit, einſah, daß hierin die geringſte Geſahr für uns liegen werde.“ Mit ſtolzen und zufriedenen Blicken muſterte der 7 1 Oberſt ſeine Tochter, iſt! Keine vornehme Bläſſe iſt ſcharmant und...“ „Um Alles in der Welt, Papa, laſſen Sie uns hin⸗ auf eilen,“ unterbrach ihn Iſabelle, der es nicht ſehr mit der väterlichen Schmeichelei gedient ſchien. „Ganz gewiß!.. Darf ich Dir den Arm geben, meine beſte Katharine Sophie!“ Richard hätte ſeiner Couſine gerne dieſelbe Artigkeit erwieſen, aber Iſabelle ſagte ſchnell; Geh Du voraus, Richard! Ich bin keine Freundin von Ceremonien! Ei wie ſich hier Alles ver⸗ andert hat, wie umgegoſſen und Neu Alles iſt!“ „Ja, meine Liebe, nicht wahr?“ Der Oberſt hätte gerne mit ſeinen kleinen Bemerkungen angefangen, wenn man jetzt nicht an der Saalthüre und Iſabelle ſchon drinnen geweſen wäre. Mutter und Tochter begrüßten einander mit jener ſchönen innigen Zärtlichkeit, die das vertraulichſte Band mit ſich bringt. Bemerkenswerth war jedoch, daß die Baronin durch dieſe Begegnung nicht ſo heftig ange⸗ griffen ward, wie durch jene mit dem Sohne. Ihr Gefuͤhl ſchien jetzt ruhig und gefaßt, obſchon die Seligkeit des Wie⸗ derſehens ihrem Auge einen vorübergehenden Glanz gab. Die Begrüßung der beiden Schwägerinnen trug dagegen das Gepräge jener ausgezeichneten Artigkeit, welche das 1 Merkzeichen der feineren Sitte iſt und mit der das Herz nichts zu ſchaffen hat. Sie vereinigten und bekompli⸗ mentirten ſich noch, als Virginie und Iſabelle einander ſchon längſt den Schweſterkuß gegeben, und die letztere den Pelz abwerfend ſich in einen großen rothen türkiſchen Shawl gehüllt hatte.„Wo iſt Klas Malchus? fragte Iſabella. „Vermuthlich hat er ſich im Speiſeſaal ganz ver⸗ geſſen,“ erwiederte der Oberſt.„Aber ſieh hier einen jungen Mann aus unſerem Geſellſchaſtskreiſe— Stall⸗ meiſter Günthers!“ Iſabelle verneigte ſich leicht und artig vor dem ſich tief bückenden Stallmeiſter; aber anſtatt auf den artigen Glückwunſch zu merken, den dieſer Herr ſich ſelbſt machte, indem er das längſt erſehnte Vergnügen habe, die Be⸗ kanntſchaft des celoͤbren Fräulein von&— zu machen, wiederholte ſie die Worte ihres Vaters.„Im Speiſe⸗ ſaal? Nun, das iſt vortrefflich! Wir ſind ja ſehr hungrig, nicht wahr, Tantchen? denn das Frühſtück war ſchmal; und wenn die Mama es erlaubt, gehen wir gleich, um Klas Malchus Geſellſchaft zu leiſten.“ „Aber, meine Liebe,“ ſagte der Oberſt mit ſeinem ſüßeſten Lächeln,„willſt Du nicht vielleicht ein wenig warten? Wir waren beinahe ſchon am Aufſtehen, der Tiſch dürfte alſo ziemlich übel arrangirt ſeyn, um neue Gäſte zu empfangen. Aber während die Damen, wie ich vermuthe, ihre Toilette machen, ſoll er in Ordnung kommen, ſo gut es ſich eben thun läßt, da wir das Vergnügen, Euch zu ſehen, erſt auf morgen erwarteten.“ „Toilette?“ rief Iſabelle.„Mein beſter Papa, wir werden uns doch wohl nicht hier auf dem Lande mit dem Zeug abquälen? Ich meines Theils komme mir ganz recht vor, und die Tante ſieht ja aus, als ob ſie zu einem großen Diner gehen wollte.“ 4 Der Oberſt war etwas verblüfft. Er ſah ein, daß es ſeine Schwierigkeiten haben würde, die junge Dame zu leiten.„Ein Mittageſſen,“ fuhr er mit einem ge⸗ — — — wiſſen kleine etwas! „L ihrer 2 anderes gen an gerichte Sophie Oberſte 1 Nu wo ſich un den M der ſic was ſo und he „ warmer zeugen, die Die Dir nit „ ließ ſich jedoch 1 Wange einige einmal 5 ſelbe hatte, ſes, e tän B Portior beugte Herz npli⸗ ider btere ſchen ragte ver⸗ einen tall⸗ ſich tigen ichte, Be⸗ chen, veiſe⸗ ſehr war wir inem venig der neue wie nung das ten.“ wir mit mir b ſie daß Dame ge⸗ * wiſſen Nachdruck im Tone ſort,„erfordert ſtets einige kleine Rückſichten. Ueberdieß pflegt man nach einer Reiſe etwas unwohl zu ſeyn.“ „O nicht im Geringſten!“ Iſabella nahm den Arm ihrer Mutter, und es blieb dem Oberſten jetzt nichts anderes übrig, als daß er der Kammerräthin den ſeini⸗ gen anbot. Man war bereits mit den Fiſchen und Vor⸗ gerichten fertig.„Ich möchte wiſſen, was Katharine Sophie dazu denkt!“ Dieß waren die Gedanken des Oberſten, als er die Thüre zum Speiſeſaale öffnete. „Sieh', da ſitzt ja Klas Malchus!“ und in einem Nu war Jſabelle an ſeiner Seite, ihre Arme ſchlangen ſich um ſeinen Hals und ihre Lippen drückten ſich auf den Mund des betroffenen und überraſchten Bruders, der ſich aus allen Kräften dagegen ſträubte.„Nein, was ſoll denn das ſeyn? ſagte er und wand ſich hin und her. „Was das ſeyn ſoll?“ verſetzte Iſabelle mit einem warmen und herzlichen Lachen.„Das ſoll Dich über⸗ zeugen, daß Du eine Schweſter haſt, die Dich liebt, und die Dich noch einmal küſſen will, nur deßhalb, weil es Dir nicht recht iſt.“ „Nun ſo thue es denn!“ ſagte Klas Malchus, und ließ ſich ganz beſcheiden küſſen, ohne dieſe Schmeicheleien jedoch im mindeſten zu erwiedern. „Klas,“ flüſterte Iſabelle und klopfte ihm auf die Wange,„wir werden gute Freunde! Ich ſehe ſchon einige kleine Sympathien... Du Queerkopf, der nicht einmal aufſieht.“ „Iſabellchen,“ begann der Oberſt, nachdem er die⸗ ſelbe Ceremonie mit der Kammerräthin vorgenommen hatte,„erlaube mir, Dir einen andern Freund des Hau⸗ ſes, einen Deiner Jugendbekannten, vorzuſtellen: Kapi⸗ tän Brandler!“ Dieſer, der gerade mit ſeiner zweiten Portion Wildpret beſchäftigt war, ſtand auf und ver⸗ beugte ſich, ſetzte ſich jedoch ſogleich wieder nieder. „Herr Kapitän,“ ſagte Iſabelle, indem ſie den 170 Stuhl, den ihr der Stallmeiſter anbot, artig ablehnend auf den Kapitän zuging und den leeren Platz an ſeiner Seite einnahm,„entſchuldigen Sie, daß ich von Ihrer vortrefflichen Eßluſt begeiſtert, mich zu Ihrer Nachbarin mache! Darf ich um das Geflügel bitten.“ Kapitän Brandler, der mit Meſſer und Gabel be⸗ ſchäftigt war, legte Beides mit möglichſter Artigkeit bei Seite, reichte dem Fräulein den begehrten Teller, und begann ſeine Arbeit auf's Neue, „Entſchuldigen Sie, mein beſter Kapitän, daß ich Sie ſchon wieder ſtöre; ich bin noch nicht fertig— die Sauce, wenn ich bitten darf, und den Salat... bitte tauſend Mal um Verzeihung! Sie ſind gar zu gütig, aber wir ſind ja alte Bekannte. Einige Tropfen Wein würden vielleicht auch nicht ſchaden.“ „Meiner Seele, nein! ſchaden wird der gewiß nicht,“ erwiederte der Kapitän mit einem ſchlauen Lächeln.„Ich habe die Ehre, Ihnen zu ſagen, mein gnädiges Fräu⸗ lein, daß dieſer nicht aus den Trauben des alten Noah gepreßt iſt.“ „Iſabellchen,“ ſagte der Oberſt, und bemühte ſich ſehr verwundert auszuſehen,„Du merkſt nicht, daß der Bediente Deine Befehle erwartet. Stensſon, in der Bou⸗ teille dort“— mit einem Wink auf einen Seitentiſch zur Rechten—„iſt ſchwächerer Wein: Bediene die gnä⸗ dige Frau und das Fräulein.“ „Verzeihen Sie, Papachen: ich dachte nicht daran, daß Papa jetzt Bedienten zum Aufwarten hat! Aber auf alle Fälle muß Papa geſtehen, daß Kapitän Brand⸗ ler dieſe kleinen Dienſte mit ſo großer Artigkeit verrich⸗ tet, daß es mir ein Vergnügen machen muß, ſie von ihm zu begehren.“ „Aber iſt das nicht eine kleine Ungerechtigkeit; Heißt das nicht ein beinahe zu großes Uebermaß von Glück in eine Hand legen?“ flüſterte der Stallmeiſter, der ſich gar zu gerne bemerklich gemacht hätte, und in dem Iſabelle augenblicklich einen jener unbedeutenden Narrer ſpielen 7 es nich cheln meiſter 7 Sie ſi mächti und ſollte, nen, geſeier nicht ein, überli I reichte umzu rend Wein befohl nur e Mit hielt lich v ( ſich g „Wol nend einer rer „Ich Fräu⸗ Noah c ſich 3 der Bou⸗ ntiſch gnã⸗ aran, Aber rand⸗ errich⸗ 2 von gkeit; 3 von eeiſter, ind in tenden 171 Narren erkannte, mit denen die Weiber nach Belieben ſpielen. „Von welchem Glück ſpricht der Herr Stallmei⸗ ſter?“ fragte ſie. „Von welchem andern als dem beneidenswerthen, das Fräulein als ihr Sklave bedienen zu dürfen 24 „Wenn Sie das für ſo beneidenswerth halten, und es nicht nur eine Redensart iſt...“ Das feinſte Lä⸗ cheln füllte dieſe kleine Pauſe, und ermunterte den Stall⸗ meiſter zu betheuren, daß er es in vollem Ernſte meine. „Nun wohl, wenn Sie es wünſchen, ſo ſtellen Sie ſich hinter meinen Stuhl.“ Günthers, der bis noch nie an eine ſo eigen⸗ mächtige Herrſcherin gerathen war, erröthete und huſtete, und wußte nicht recht, wie er dieſen Scherz nehmen ſollte, indeſſen glaubte er nichts Beſſeres thun zu kön⸗ nen, als wenn er ihr Begehren erfüllte; denn von einer gefeierten Dame ſich beleidigt zu fühlen, ging durchaus nicht an. Mit ziemlicher Faſſung nahm er den Platz ein, den ihm Stensſon mit einem naſeweiſen Lächeln überließ. Nachdem Iſabelle ein wenig Geflügel gegeſſen hatte reichte ſie den Teller dem Stallmeiſter hin, ohne ſich umzuſehen, und während dem plauderte ſie immerwäh⸗ rend mit dem Kapitän, den ſie fleißig mit der neuen Weinflaſche bediente, welche ſie Stensſon ganz ungenirt befohlen hatte, da zu laſſen. Sie ſelbſt trank jedoch nur einige Tropfen in Waſſer. „Mit was hab' ich das Glück aufwarten zu dürfen: Mit Bouillon oder Milch?“ fragte der Stallmeiſter und hielt ſich dadurch ſchadlos, daß er ſich ſoweit als mög⸗ lich vorwärts beugte. „Mit Bouillon, wenn ich bitten darf.“ Er brachte es. Aber jetzt fand Iſabelle, daß ſie ſich getäuſcht habe; ſie gab die Suppe zurück und fagte: „Wollen Sie mir ein wenig Milch dafür bringen.“ Der Oberſt ſah finſter drein. Er konnte es nicht — 172 hinunter bringen, daß eine ſo übermüthige Gewaltthä⸗ tigkeit mit dem guten Tone vereinbar ſeyn ſollte. Aber Klas Malchus ergötzte ſich ordentlich an der Verlegen⸗ heit des Stallmeiſters, beſonders als dieſer genöthigt ward, den letzteren Befehl auszuführen. „Dieß, meine Schweſter, iſt in der That, wenn ich mich nicht täuſche, vielleicht...“ Der Oberſt kam nicht weiter, denn die Kaͤmmer⸗ räthin, die indeſſen mit der Baronin geſprochen hatte, verſtand ſeine Meinung und flüſterte leiſe zurück:„Ich weiß, was Du ſagen willſt; aber wir ſitzen heute nicht an einem gewöhnlichen Mittagstiſche, überdieß iſt ſie nicht wie andere Mädchen; ſie hat die Schmeicheleien und Vergötterungen ſo ſatt, daß ſie mit einem Theile der Männer wie mit Puppen ſpielt. Es iſt handgreif⸗ lich, daß ſie mit dieſem Angriff das fade Bemühen des Stallmeiſters auf immer abſchneiden will.“ „Aber, meine beſte Katharine Sophie, für ein wohlerzogenes Frauenzimmer, für eine Dame, die voll⸗ kommenen Ton haben ſoll...“ „Geht es immerhin an, Launen zu haben, mein Bruder! Sey übrigens nicht wegen Iſabellens Ton be⸗ kümmert; ſo wie ſie iſt, habe ich die größten Elogen wegen ihrer Education erhalten; und ich darf Dir ſagen, daß Baron A—, Graf L—, und Andere ſich für benei⸗ denswerth halten würden, wenn ſie den Platz einnehmen dürften, den der Herr Stallmeiſter gegenwärtig inne hat.“ Der Oberſt merkte jetzt, daß er einen Fehlgriff ge⸗ than hatte; und da er nichts ſo ſehr fürchtete, als gegen die zehntauſend Reichsthaler der Kammerräthin zu ver⸗ ſtoßen, begann ſogleich von etwas Anderem, und verzog ſogar ſelbſt den Mund, als der Stallmeiſter mit dem Milchteller zurückkam, das Iſabelle nahm, ohne ihm die geringſte Aufmerkſamkeit zu ſchenken, ebenſo ließ ſie ſich das Deſert geben. „Aber warum iſt ſie ſo artig gegen den Kapitän!“ flüſterte der Oberſt wieder ſeiner Schweſter ins Ohr. 8 7 chard d tiger I „ haſt ja „ „ aus, ſo gut Mund T Faſſun ſelbſt n Malch⸗ er wen Gelehr 5 ſchien beſchäf heit be Weſen andern möchte Mutte ſtellte beinah A Iſabel ſie den nähert ſeinige // der ſie ganz ſagen verblü mer⸗ atte, Ich nicht ſie leien heile reif⸗ des ein voll⸗ nein be⸗ ogen gen, nei⸗ men at.“ ge⸗ egen ver⸗ rzog dem ihm ſie n!“ 173 „Weil er ſich nicht um ſie zu bekümmern ſcheint.“ „Höchſt ſonderbar! Ich möchte doch wiſſen, ob Ri⸗ chard dieſes merkt? Er verhält ſich ſo ſtille. Ein präch⸗ tiger Junge ſonſt, der Lieutenant oder nicht?“ „Eine ſchöne Figur und vortreffliche Haltung! Du haſt ja ſeine Erziehung geleitet.“ „Ich ſchmeichle mir damit.“ „Man muß Dir Glück wünſchen! Aber es ſieht aus, als ob es Dir mit Deinem eigenen Sohne nicht ſe gut gelungen wäre: Ich habe ihn noch nicht den Mund öffnen hören.“ Der Oberſt erröthete, erwiederte jedoch mit viel Faſſung:„das kommt wahrſcheinlich davon her, weil ich ſelbſt nicht Hand an ſeine Erziehung legen konnte. Klas Malchus hat ſie auf der Univerſität erhalten; und wenn er wenig Politur beſitzt, ſo hoffe ich, hat er deſto mehr Gelehrſamkeit.“ Wie der Oberſt bemerkt hatte, der Lieutenant er⸗ ſchien ungewöhnlich ſtille. Er war ganz mit Iſabellen beſchäftigt. Indem er ihre reine ungewöhnliche Schön⸗ heit bewunderte, erſtaunte er gleichwohl über ihr freies Weſen, das ſich ſo ſehr von dem unterſchied, was er an andern jungen Damen geſehen hatte. Er fürchtete, ſie möchte trotz all' der Reize, die ſie umſtrahlte, ſeiner Mutter nicht gefallen; und das Urtheil ſeiner Mutter ſtellte Richard, wenn es ſich um Schönheit handelte, beinahe höher als ſein eigenes. Als die Geſellſchaft vom Tiſche aufſtand, winkte Iſabelle Klas Malchus, der um des Streiches halber, den ſie dem Stallmeiſter geſpielt hatte, ſich ziemlich bereitwillig näherte und ihr erlaubte, daß ſie ihren Arm unter den ſeinigen ſchob. „Nun, mein lieber Stallmeiſter,“ ſagte der Kapitän, der ſich bei dieſem erſten Zuſammenſeyn mit den beinahe ganz unbekannten Damen etwas beläſtigt fühlte,„was ſagen Sie zu der Sache?“ Der Stallmeiſter ſtand etwas verblüfft da. Er hatte auf die Belohnung gerechnet, die 174 Klas Malchus zufiel, aber leider wurde er nur mit einem leichten Kopfnicken abgefertigt. „Was wäre darüber zu ſagen, als daß ſie höchſt bezaubernd iſt.“ „Ja, das iſt auch meine Meinung: denn ſie bewieß mit vielem Takt, daß meine letzte Aneldote doch nicht ſo dumm war.“ „Die Freiheiten des Herrn Kapitän ſind zum Sprich⸗ worte in der Gegend geworden; aber ich für meine Per⸗ ſon,“ ſagte der Stallmeiſter mit glühenden Wangen, „muß mir ausbitten, daß Sie mich mit ſolchen Zwei⸗ deutigkeiten verſchonen.“ „Zweideutigkeiten? Auf meine Ehre nicht im ge⸗ ringſten zweideutig! Der Probſt T— fand, daß der Hundsfott am brauchbarſten ſey, wenn er hinten ſitze; was mich betrifft, ſo kann er auch hinten ſtehen!“ Der Kapitän ging ganz ruhig ſeiner Wege, und über⸗ ließ es dem Stallmeiſter, eine Antwort nach Belieben auszuſinnen. Aber ein junger Offtzier, ein Mann von ſo feinem Ehrgefühl, mußte jetzt natürlich übler Laune werden, was Günthers auch that; denn er faßte den Kapitän mit einigem Nachdruck beim Arme, und da die Herren jetzt allein im Speiſeſaale waren, ſo erſuchte er den Kapitän mit ergrimmten Worten, daß er ihm die Ur⸗ ſache einer ſolchen Beſchimpfung erklären möge. „Mit dem größten Vergnügen,“ ſagte dieſer.„Ihre⸗ Unverſchämtheit gegen Baron Klas ſetzt Sie meiner An⸗ ſicht nach in gleiche Linie mit jedem Hundsfotte. Wer geht beſtändig ſeiner Spur nach? Wer benützt ſeine Zeit ſo edel? Wer war es, dem vor ein paar Tagen wegen ſeiner Unverſchämtheit von dem ſchönen Maͤdchen die Thüre gewieſen wurde? Und wer ſuchte durch einen elenden Spaß einer Mutter und noch einer andern Dame die Ueberzeugung einzuflößen, daß der Baron das Meß⸗ ner⸗Haus in gewiſſen Abſichten beſuche? Braucht es mehr — oder habe ich mich hinlänglich erklärt?“ Do Kapitän mit der Handlur De begab f Mittags Heute r höht, haben, traulich ein St weiſe ü ſchob il was J geneigt 8 die ma zu hal Stunde keinen launiſch verzoge fältiger B auf ein Baron ausſehe dieſer cher ſie vieß t ſo rich⸗ 1 Per⸗ gen, wei⸗ ge⸗ der tze; n* ber⸗ eben inem rden, vitän erren den Ur⸗ begen die einen Dame Meß⸗ mehr 175 Der Stallmeiſter von der Sachkenntniß, die der Kapitän hiebei an den Tag gelegt hatte, geſchlagen, zog mit der kahlen Ausſicht ab, daß er Niemand über ſeine Handlungsweiſe Rechenſchaft zu geben denke. Der Kapitän lachte, ging zur Saalthüre hinaus und begab ſich auf ſein Zimmer, wo ihm die Pfeife und das Mittagsſchläſchen zu den ſußeſten Genüſſen winkten. Heute wurden dieſe auch noch durch die Befriedigung er⸗ höht,„den ſchindelbeinigten Bengel,“ gedemüthigt zu haben, denn ſo nannte der Kapitän in einſamer Ver⸗ traulichkeit mit ſich ſelbſt den Stallmeiſter, der ihm ſtets ein Stein des Aergerniſſes war und doch unglücklicher⸗ weiſe überall angetroffen wurde. Eilftes Kapitel. Was dachte die Baronin von ihrer Tochter? Sie ſchob ihr⸗Urtheil auf, bis es ſich beſſer befeſtigen würde, was Jedem empfohlen wird, der möglicherweiſe ſchon geneigt ſeyn könnte, ein Urtheil über ſie auszuſprechen. Iſabelle gehörte nicht zu den alltäglichen Weſen, die man bereits von Anfang bis zu Ende durchgeleſen zu haben meint, wenn man ſie nur einen Tag, eine Stunde geſehen hat. Ihre Fehler— und ſie hatte daran keinen Mangel— ſtachen in die Augen: Sie ſchien ſtolz, launiſch, beinahe ein wenig gewaltthaͤtig, denn ſie war verzogen. Dagegen beſaß ſie einige Verdienſte, die ſorg⸗ fältiger verborgen lagen. Bei der Rückkehr in den Saal ſetzte ſich Iſabelle auf einen Schemel zu den Füßen ihrer Mutter. Die Baronin hatte die eine, die Kammerräthin die andere Sophaecke eingenommen. Richard ſtand am Fenſter, und that als ob er hin⸗ ausſehe; aber er ſah doch öfter nach dem Sopha, und dieſer Anblick kam ihm weit ſchöner vor, als der, wel⸗ cher ſich bei Tiſche dargeboten hatte. War dieſe Iſabelle, n die mit einem ſo ſchönen Geſichte die Hände ihrer Mutter und die ſtreichelte und von Sehnſucht und Liebe ſprach, war es großem dieſelbe, die ein Vergnügen daran gefunden hatte, ſich jede Be an dem Stallmeiſter zu reiben und mit dem Rittmeiſter ſchlagen zu kokettiren? Richard konnte ſich nicht von dem Ge⸗„C danken losmachen, daß auch in ihrem Uebermuth eine Art verlang⸗ Koketterie liege. Vielleicht hatte er Recht; und wenn beſſeres man jetzt noch Gefallſucht zu den übrigen Fehlern Iſa- ⁵ lich ein bellens legt, ſo gibt es eine ganze Liſte. Aber wie das auch ſeyn mochte, weder Richard noch ſonſt Jemand ter auf konnte laͤugnen, daß ſie eine Art dabei hatte, die auch beten J ihren Fehlern einigen Reiz verlieh; und das würde ge⸗„S rade das Gefährlichſte geweſen ſeyn, wenn nicht Iſabelle auf ſeir ſich und das Fahrwaſſer, das ſie zu beſegeln gewohnt ſelbſt di war, hinlänglich gekannt hätte.„L „Aber haben die Damen keine Kammerjungfer bei Werth, ſich 2“ fragte der Oberſt, der von Allem Kenntniß nahm. muthig „Nein, mein Bruder! Da es gerade Wanderungs⸗ keit erſt zeit war“— die Kammerräthin war in gewiſſen Fällen—„2 ſehr haushälteriſch—„ſo ließ ich meine Jungſer wan⸗ Schweſ dern. Ihr habt wohl eine überflüſſige, hoffe ich.“ Ich kar „Das verſteht ſich; aber ich glaubte, Iſabelle würde ſehen z eine Stockholmer Jungfer lieber haben. Sie haben mehr„4 Gewandtheit in der feineren Toilette.“ ſie ſich „Poſſen!“ ſagte Iſabelle.„Ich mache mir wenig ſchien i aus dem Anzug Er wird ſchon recht werden.“ ſo väte „Höchſt eigen das,“ bemerkte der Oberſt lächelnd.„2 „Aber ihr habt doch wohl einen Bedienten, obſchon ich ſcherzen keinen geſehen habe.“ 8 Wenn „Nein, wahrhaftig! Ich hätte es für ſehr unartig„ ſo wär gehalten, Dein Haus mit ſo Troß zu beſchweren, Bruder 1 weſen. Malchus.“ 5 nie auf „Wir bekommen auch gewiß an Guſtav einen kleinen daß ſie artigen Diener Er iſt doch noch da?“ fragte Jſabelle. 6„L „Ja,“ verſetzte der Oberſt mit einer etwas verächt⸗ Oberſt, lichen Miene,„er iſt wohl noch da, aber nicht als Be⸗ Das: dienter; Deine Mutter läßt ihn nur Blumen begießen wenn Iſa⸗ 2 das mand auch ge⸗ abelle vohnt r bei lahm. ungs⸗ Fällen wan⸗ vürde mehr venig helnd. n ich rartig ruder leinen elle. rächt⸗ Be⸗ gießen 177 und die Naſe über Bücher hängen, die ihm gewiß zu großem Nutzen gereichen werden! Du mußt Dir alſo jede Bedienung von dieſer Seite her aus dem Sinne ſchlagen.“ „Es kann alſo auch keine Rede davon ſeyn, ſie zu verlangen,“ erwiederte Iſabelle artig.„Guſtav wird etwas beſſeres werden können, und das hat Mama waͤhrſchein⸗ lich eingeſehen, da ſie ihn auf eine andere Art erzieht.“ Die Baronin beugte ſich herab und küßte ihre Toch⸗ ter auf die Stirne, während Klas Malchus ganz unge⸗ beten Iſabellens Nastuch aufhob, das ſie hatte fallen laſſen. „Du thuſt Wunder,“ lachte der Oberſt und deutete auf ſeinen Sohn;„ich glaube nicht, daß er der Königin ſelbſt dieſe Aufmerkſamkeit erwieſen hätte.“ „Seltene Artigkeiten haben immer einen doppelten Werth,“ verſetzte Iſabelle und lächelte Klas Malchus an⸗ muthig zu, der ſelbſt nicht wenig über ſeine Aufmerkſam⸗ keit erſtaunt ſich ſcheu zurückzog. „Apropos von Guſtav! Da fällt mir auch ſeine Schweſter ein: Iſt Marie noch immer gleich hübſch? Ich kann mich nicht erinnern, ein ſchöneres Geſicht ge⸗ ſehen zu haben.“ „Hm! Da war das Fräulein wohl im Schlaf, als ſte ſich ſelbſt im Spiegel ſah,“ flüſterte der Oberſt, und ſchien über das kleine Kompliment entzückt, das zugleich ſo väterlich lautete. „Wahrhaftig, mein beſter Papa,“ erwiederte Iſabelle ſcherzend;„das ſchmeckt etwas nach dem alten Stylel Wenn ein junger Mann dieſe Artigkeit geäußert hätte, ſo wäre er meiner Anſicht nach unrettbar verloren ge⸗ weſen. Die alten Herren auf dem Lande ſollten ſich nie auf Galanterie verlegen, denn es iſt ſehr natürlich, daß ſie hinter ihrer Zeit zurückbleiben müſſen.“ „Ei, Du biſt mir eine artige Tochter,“ ſagte der Oberſt, der alle Mühe hatte, bei ſo viel Kühnheit ſeine Das Fideicommiß. I. 12 Faſſung beizubehalten.„Wahrlich, ſehr artig— ha, ha, hal Welch eine kleine Naͤrrin!“ „Sag' mir, liebe Virginie, denn Du biſt gewiß un⸗ partheiiſch: iſt des Kapellmeiſters Marie noch ſo ſchön, wie vor einigen Jahren? „Ja, das will ich meinen. Ueberdieß hat ſie ſo viel Anmuth.“ Unwillkührlich war Klas Malchus ein paar Schritte näher getreten. Es war ihm, als habe Virginie ſelbſt noch nie ſo hübſch ausgeſehen wie in dieſem Augenblick. „Ich werde dieſer Tage das Meßner⸗Haus beſuchen und ſehen, ob wir wirklich eine ſo gefährliche Nebenbuh⸗ lerin haben.“ „Sie beſuchen? Man kann ja nach ihr ſchicken,“ meinte der Oberſt. „Um zu ſehen, wie ſchön ſie iſt? Nein, Papachen, ich würde es nie Jemand erlauben, zum dieſem Endzweck nach mir zu ſchicken. Ueberdieß habe ich ſeit meiner Kind⸗ heit ſtets eine kleine Liebe zu der Mutter Meßnerin ge⸗ habt, ich möchte auch gerne hören, ob der Kapellmeiſter ſeinen alten Theaterbrocken noch immer hübſch deklamirt.“ Im Laufe dieſes erſten Abends ſand Richard einige Male Gelegenheit Iſabellen zu unterhalten Sie be⸗ ſchäftigte ſich, ohne jedoch irgend Jemand zu vernach⸗ läſſigen, zumeiſt mit ihrer Mutter und Klas Malchus, da es ihr ein Vergnügen zu machen, ſchien, dieſen zu ſtudiren. Die Damen erhaten ſich auch ein frühzeitiges Abendeſſen, worauf ſie gleich zu Bette gingen. 3 Es war Sitte im Hauſe des Oberſten zuſammen zu fruͤhſtücken. Dieß geſchah in dem kleineren Zimmer, wo Kaffee und Thee nebſt Butterbrödchen ſervirt wurde. Die Kammerräthin fand ſich jedoch nicht in dieſe Ein⸗ richtung. Um halb zehn Uhr, der gewöhnlichen Ver⸗ ſammlungsſtunde im Herbſt und Winter, lag ſie noch; auch wollte ſie ihren Kaffee im Bette haben. Und ob⸗ ſchon Iſabelle demſelbem Geſchmack huldigte, beſaß ſie hinlänglich Achtung vor den Wünſchen ihres Vaters, um — dieſel weile gen, ihren heiten wußt mach Punk ſtückz Kam zum ſchon hagli Platz wohl ängſt leucht zu ur ſchnel der a blicke Ausd Alles Feuer es we Glan rakter ſchnel ſich in il ſtrahl Tag„ der E hatte hritte ſelbſt bick. uchen abuh⸗ cken,“ achen, dzweck Kind⸗ n ge⸗ neiſter mirt.“ einige e be⸗ rnach⸗ lchus, een zu ſitiges mmer, wurde. Ein⸗ Ver⸗ noch; 1 179 dieſelben nicht zu überſchreiten, wenn ſie nicht, wie bis⸗ weilen geſchah, bis zu einer lächerlichen Genauigkeit gin⸗ gen, fuͤr welchen Fall ſich Iſabelle vorgenommen hatte, ihren eigenen Willen zu haben. Sie kannte die Schwach⸗ heiten ihres Vaters vollkommen; und da ſie zum voraus wußte, in wie manchen Dingen ſie ihm mißfallen würde, machte ſie ſich ein Vergnügen daraus, ihm in dieſem Punkte zu Willen zu ſeyn: Sie war die Erſte im Früh⸗ ſtückzimmer. Zwei kleine gedeckte Tiſche nebſt dem praſſelnden Kaminfeuer und einem freundlichen Sonnenſtrahle, der zum Fenſter herein blickte, gaben dem kleinen an ſich ſchon heitern und gemüthlichen Zimmer etwas recht Be⸗ hagliches.„Hier,“ dachte Iſabelle, und ſah ſich einen Platz für ihren Nähtiſch aus,„hier wird es mir viel wohler ſeyn, als in dem weitläufigen Saale und den ängſtlichen Staatszimmern!“ Sie ging herum und ihre leuchtenden Blicke ſchienen ſich an allem zu freuen, alles zu umfaſſen; aber auf einmal blieb ſie ſtehen, und fuhr ſchnell mit der Hand unter den großen rothen Schawl, der auch heute ihre Geſtalt umhüllte. In dieſem Augen⸗ blicke wurden ihre Augen ſchwarz. Sie ſah mit einem Ausdruck himmliſcher Unruhe nach der Thüre, und da Alles ſtill war, ſetzte ſie ſich auf einen Stuhl an das Feuer. Die ſchönen Glieder ſielen über einander, aber es war klar, daß ſie keine Ruhe fanden, denn der ſchwarze Glanz des Auges nahm jetzt ſogar einen wilden Cha⸗ rakter an. So blieb ſie einige Minuten; da hörte man ſchnelle Schritte aus dem Oehrn her dem Speiſeſaal ſich nähern. Sogleich hatte Iſabelle die freie Anmuth in ihren Manieren wieder angenommen: die Augen ſtrahlten in höherem Glanze, als der heraufſteigende Tag, die Lippen lächelten, und von dem weißen Gewölbe der Stirne verſchwand jede Runzel, die noch eben dort hatte weilen dürfen. Es war Richard. Er, der an den„Vormittagen 12 gewöhnlich viel auszurichten hatte, war auch der Erſte beim Frühſtück. Eine Wanderung nach der Sägmühle hatte ſeinem Geſichte eine friſche warme Röthe verliehen, und ſo trat er herein und war nicht wenig angenehm über⸗ raſcht, Iſabellen ſchon vorher da zu finden. „Ei, wenn ich nur das gedacht hätte!“ ſagte er und ergriff mit dem glücklichen Privilegium eines Vet⸗ ters ihre Hand, als ſie aufſtand, um ihn zu begrüßen. „Welch' eine kleine, weiße und ſchöne Hand, Du darfſt mich nicht ſo hart ſtrafen, wenn ich es nicht unterlaſſen kann ſie zu küſſen! Aber— liebe Iſabelle, wie bleich biſt Du heute! Ich glaube, Du gleichſt eher einem Kunſt⸗ werk in Marmor als einer lebendigen Schönheit.“ Iſabelle lächelte.„Du biſt noch kein vollkommen artiger Cavalier, Richard,“ ſagte ſie.„Ich ſehe, ich muß Deine Erziehung vollenden. Meinſt Du, um mit Papa zu ſprechen, es zeuge von Welt, wenn man einer Dame ſagt, ſie ſehe aus wie ein Steinbild? Ich bin genöthigt, Dich für den Anfang mit einer Taſſe Thee zu bedienen und Deine Ideen außzufriſchen.“ „Nein, um Alles in der Welt keinen Thee Morgens. Die Ideen würden dann gewiß den ganzen Tag über wäſſerig ſeyn. Wenn ich mir dagegen eine Taſſe Kaffee von Deiner Hand ausbitten dürfte.“ „Es iſt nur die Frage, ob ich Dich nicht auf dieſe Art eigentlich verziehe! In demſelben Augenblick eine Guade zurückzuweiſen und eine neue zu begehren iſt etwas ſtark, und laͤßt ſich nur in ſo fern entſchuldigen, als Du ein... „Landjunker biſt, meinſt Du?“ „Meinetwegen! obſchon ich hinzuſetzen wollte: Als Du ein Vetter biſt. Aber in dieſer doppelten Eigen⸗ ſchaſt als Vetter und Landjunker biſt Du auch doppelt entſchuldigt.“ „Es iſt hart,“ ſagte Richard lächelnd,„der Beſitzer zweier Titel zu ſeyn, die ſo zweideutig ſind, daß ſie uns die Nachſicht einer jungen Dame verſchaffen, ohne ſie verſch zu en gen 2 ſeyn, junges ben 2 Freihe heiten behrli Geſag 2 Geſag 2 gehren traulie allein Miene biswei Weihn ein Pe macher mein l Tante Du bif teſt erſ 5 gerne 8 — freut förmlich merkſan r Erſte gmühle rliehen, n über⸗ agte er s Vet⸗ grüßen. darfſt erlaſſen bleich Kunſt⸗ ommen e, ich n mit einer h bin Thee rgens. über Kaffee dieſe eine etwas „ als Als figen⸗ pppelt eſitzer uns e ſie 181 verſchuldet zu haben! Ich wäre im Grunde bereit beiden zu entſagen.“ „Laß das bleiben, Richard! Wenn es für einen jun⸗ gen Mann nicht immer das Angenehmſte iſt, Vetter zu ſeyn, ſo iſt es deſto bequemer und angenehmer für ein junges Frauenzimmer einen ſolchen zu haben. Die lie⸗ ben Verwandtſchaftsverhältniſſe entſchuldigen eine Menge Freiheiten, Aufträge, Anſprüche, Laſten und Obliegen⸗ heiten aller Art und ein Vetter muß ſich ganz unent⸗ behrlich machen. Er iſt der glücklichſte Inbegriff alles Geſagten und Ungeſagten.“ „Und was genießt dieſer glückliche Inbegriff alles Geſagten und Ungeſagten, für Gegenprivilegien?“ „Verſchiedene— ſo z. B. wagt er Kaffee zu be⸗ gehren, wenn man ihm Thee anbietet. Er darf die ver⸗ traulichen Worte hören: Geh Deiner Wege; ich will allein ſeyn! etwas was man Andern nur durch ſaure Mienen kund thut. Dazu darf er bisweilen vorleſen, bisweilen Geſellſchaft leiſten, und mag ſich immerhin an Weihnachten, ſowie an Namens⸗ und Geburtstagen auf ein Portefeuille, eine Jagdtaſche oder dergleichen gefaßt machen.“ „Nicht ſo übel, das muß ich geſtehen! Wenn nur das Geſagte und Ungeſagte nicht gar zu weitläufig wird... Aber da kommt der Onkel.“ „Wie— ſchon auf, Iſabelle? Guten Morgen, mein lieber Richard! Willſt Du ſo gut ſeyn und Deiner Tante ſagen, daß wir auf ſie und den Kaffee warten. Du biſt etwas blaß auf die Reiſe, mein Kind! Du hät⸗ teſt erſt ſpäter aufſtehen ſollen.“ „Aber ich weiß von Alters her, daß es der Papa gerne ſieht, wenn wir zuſammen frühſtücken.“ „Meine liebe Iſabelle,“ ſagte der Oberſt höchſt er⸗ freut über die Artigkeit ſeiner Tochter, und küßte ſie förmlich und zierlich auf die Wange,„dieß iſt eine Auf⸗ merkſamkeit, wofür ich Dir ſehr danke, aber ich würde ihr doch gerne entſagt haben, wenn ich dafür eine etwas beſſere Farbe an Dir geſehen hätte.“ „Wenn ich mich recht erinnere, ſo wünſchte mir Papa geſtern gerade Glück, daß ich keine Farbe habe?“ „Daß Du nicht zu blühend ſeyeſt, meinte ich, denn das kleidet ein Frauenzimmer nicht gut, was Du an unſerem Virginchen ſehen kannſt, die auf jeder Wange eine Gichtroſe hat. Aber eine gewiſſe feine Röthe, wie Du ſie eben geſtern hatteſt, iſt ſehr hübſch.“ „Ach!“ ſagte Iſabelle mit einem leichten Seufzer, „dieſe Röthe hatte ich von der Reiſe her. Im Allge⸗ meinen bin ich beinahe immer ſo blaß wie jetzt.“ „Auch das hat ſeinen großen Reiz. Sey nicht be⸗ trübt darüber, mein Kind! Deine weiße iſt ſehr rein, beinahe durchſichtig, und ein ganz klein wenig... Nun, guten Morgen, Kapitän! Wir haben heute ein ausge⸗ zeichnet ſchönes Wetter. Ich denke, der General wird ſich bei dieſer Lage der Dinge auf den Weg machen.“ „Gott gebe, daß er ſo thun möchte,“ erwiederte der Kapitän ernſthaft. Ich ſehne mich ordentlich nach ſeiner Ankunft. Das Fräulein hat gut geſchlafen, hoffe ich— obſchon nach dem Ausſehen zu urthei!..“ Der Reſt des Wortes wurde von einem großen langen Gäh⸗ nen verſchlungen. „Mein lieber Kapitän! laſſen Sie uns nicht nach etwas ſo Ungewiſſem wie dem Ausſehen urtheilen! Sie wollen ſagen, es ſehe aus, als hab' ich nicht geſchlafen! Was ſagen Sie dazu, wenn es mir vorkommt, als ſchlafen Sie ſelbſt noch?“ Der Kapitän verbeugte ſich und nahm etwas be⸗ troſſen eine Priſe Tabak. Entweder war er noch nicht recht munter, oder war etwas an Jſabellen, das ſeinen gewöhnlichen erfinderiſchen Geiſt hemmte. Vielleicht fand er auch den Stich gerecht; denn mit einem Frauenzimmer gähnend zu ſprechen... ei, ei. Aber geſtern war ſie ja ſo gnädig! Ja geſtern— als ob die Frauenzimmer je⸗ mals heute wären wie geſtern! 1 den u Freun ſehr l ganz 1 jetzt n Gedul wieder als e trat. der G thaler man j ſter fi ‚wenn den V Nun mache deſſen geſund an de Fähnd nem(. ich zu kannſt daß D Ankun magſt S ſerem ſam e übrige nicht 1 twas mir 22“ denn an ange wie ifzer, Ellge⸗ t be⸗ rein, Nun, usge⸗ wird nach Sie afen! als be⸗ nicht einen fand nmer ſie ja r je⸗ —— „Ich wußte nicht,“ ſagte der Oberſt, um den Fa⸗ den wieder aufzunehmen,„daß der Kapitän ein ſo großer Freund von dem General D— iſt. Doch dieß iſt ein ſehr liebenswürdiger, anziehender alter Mann, es iſt alſo ganz natürlich!“. „Ja, ganz natürlich,“ fuhr der Kapitän fort, der jetzt wieder in ſeinem Elemente war.„Ich zähme meine Geduld dadurch, daß ich mir in Gedanken ſtets den Satz wiederhole, den der Pfarrer S-— bei Gelegenheit ſagte, als er einmal mit einem Fähndrich in einen Kaufladen trat. Was koſtet ein ſogenannter Pfarrersknaſter?: fragte der Geiſtliche, und bekam zur Antwort: ‚Einen Reichs⸗ thaler!:—„Pfui Teufel!“ rief der Fähndrich, zwie kann man ſolches Zeug kaufen! Ich rauche nur Generalskna⸗ ſter für zwei Bankol:—„Hm!“ verſetzte unſer Mann, wenn ein General nicht mehr koſtet, welch' einen elen⸗ den Werth muß dann nicht ein Faͤhndrich haben?— Nun weiß zwar Gott, daß ich keinen Anſpruch darauf mache, einem luftigen Fähndrich zu gleichen; aber deſſen ungeachtet kann ich nicht unterlaſſen, mich an die geſunde und rechtgläubige Logik des Pfarrers zu halten, an den Unterſchied nämlich, der zwiſchen einem armen Fähndrich oder einem ditto Kapitän einerſeits, und ei⸗ nem General andererſeits beſteht. Ja, Brandler, ſag' ich zu mir ſelbſt, das iſt ein großer Unterſchied, Du kannſt es nicht läugnen; aber verflucht hart iſt es doch, daß Du keinen Schimmer von rothem Lack vor— der Ankunft des Generals zu Geſichte bekommen ſollſt; Du magſt Dich alſo darnach ſehnen!“ Der Oberſt drohte mit der Hand.„Man darf un⸗ ſerem braven Kapitän nicht böſe werden,“ ſagte er gleich⸗ ſam entſchuldigend zu Iſabellen.„Ich verſichere Dich übrigens, daß der Wein ſehr gut iſt.“ „Und ich verſichere Sie, daß der Herr Oberſt ſich nicht im Geringſten auf den Wein verſteht.“ „Das iſt etwas ſtark, mein Kapitän.“ „Nein, ſehr ſchwach, behaupte ich.“ — . —— —— 2 184 „Ich meine nicht den Wein, ſondern Ihren Aus⸗ druck! Zu ſagen, daß ich nichts verſtehe!“ „Da kann ich nicht helfen. Ich ſage immer rein heraus, wie ich denke, und das iſt: daß ein wahrer Weinkenner nie einen ſolchen Wein koſtet oder ihn auf ſeinen Tiſch kommen ließe, wenn er ſich einen andern halten könnte.“ Da der Oberſt nie zugeſtehen wollte, daß es etwas gebe, worin er nicht vollkommener Richter ſey, ſo ward er jetzt genöthigt, ſeine Ehre als ächter Kenner— ob⸗ ſchon ihn dieß eine neue Weinauflage koſtete— auf eine feine Art zu retten. Mit einem nicht übel gelungenen Gelächter rief er: „Mein lieber Kapitän! wenn es Orauf und d'ran kömmt, ſo hat Stensſon vielleicht zwei Sorten heraufgenommen. Der, den ich gewöhnlich beim Eſſen benütze, iſt guter Portwein; denn aufrichtig geſagt, ich bin ein zu alter Verſucher, um mich prellen zu laſſen. Aber im Keller iſt ein Bret mit ſchlechteren Weinen für das Geſinde. Es muß von dieſer Sorte nur gegen meinen Willen auf den Tiſch gekommen ſeyn.“ Der Kapitän war mit dieſer Erklärung ſehr zufrie⸗ den. Er wußte, daß man von ſogenannten Hausfreun⸗ den viel verlangte. Ueberdieß hatte er ſeinen Endzweck erreicht, und ſomit war es gut. Den Reſt des Vormittags über half Virginie Iſa⸗ bellen beim Auspacken ihrer Garderobe, oder vielmehr, Virginie packte ſie aus; denn Iſabelle war müde und lag auf dem Sopha und ſah zu. Ein paar Mal wollte ſie allerdings Virginie bei ihren Bemühungen helfen; aber die freundliche, artige Virginie, die kein größeres Vergnügen kannte, als andern zu dienen, bat ſie ſo herzlich, keine Hand anzulegen, daß Iſabelle es hingehen ließ; und da ſtand nun Virginie wie ein dienſtfertiges Kammerjungferchen, wenn ſie die Sachen ihrer Gebie⸗ terin ordnet. „Willſt Du es ſo haben, liebe Iſabelle? In den 3 7 — 3 Kaſten und F die Tib alle hei Du der 8„2 Paſſion recht w wöhn lic D fort, un ſie von Eſſen k 102 ängſtlich 4,9 gewende in dem zes Tib ich auch ten laſſe Virginie „ „was ko gehen, quälen, gen iſt! L geduldig an! Der Aus⸗ rein dahrer n auf ndern etwas ward — ob⸗ f eine ef er: mmt, imen. guter alter eller ſinde. i auf jfrie⸗ reun⸗ zweck Iſa⸗ nehr, und vollte lfen; ßeres 185 Kaſten rechts vom Alkov hänge ich Deine ſchönen ſeidenen und Florkleider, und in dem links die einfacheren Zeuge, die Tibet, Battiſt, Indienen, Kattunkleider und wie ſie alle heißen... Ach wie viele Blouſeröcke! Wann ziehſt Du denn die an?“ „Beinahe jeden Tag! Ich habe eine ordentliche zaſſion für ſolche Kleider, und es iſt mir in andern nicht cht woyli⸗ „Nun, das iſt merkwürdig! loſe und haͤflich. 4 „Und ich liebe Alles, was leicht anliegt. Unſere ge⸗ wöhnlichen Kleider quälen und peinigen mich entſetzlich.“ Die Madchen fuhren in ihrer Pullettenumerſältudg fort, und waren davon auf Verſchiedenes gerathen, als ſie von der Botſchaft überraſcht wurden, daß ſie zum Eſſen kommen ſolkten. „Ach ich habe mich ganz vergeſſen!“ rief Virginie ängſtlich,„ich bin nicht angezogen!“ „Wie ſo? Du biſt ja ſehr nett, ſehr hübſchte „Ja freilich, in den alten Rock da, den ich dreimal gewendet und gefärbt habe! Glaubſt Du, ich wolle mich in dem bei Tiſche zeigen? Nein, ich werde mein ſchwar⸗ zes Tibetkleid und meinen neuen Kragen anziehen, wenn ich auch einen Verweis bekomme, daß ich auf mich war⸗ ten laſſe!“ Und mit ein paar leichten Sprüngen war Virginie weg. Ich meine, ſie ſitzen ſo „Tante!“ rief Iſabel lle durch die halbgeöff üre, „was kann lächerlicher ſeyn, als hier auf das Land zu gehen, um ſich einigemal des Tages mit Umkleiden zu DO= quälen, wenn man doch gut und vollkommen angez gen iſt!“ „Liebe Iſabelle, mein Zuckermädchen, ſey nicht un⸗ geduldig! Thu' mir den Willen und ziehe etwas anderes an! Den grauen ſeidenen Rock da.“ „Nein, durchaus nicht— er ſitzt ſo feſt! Hätt' ich das gewußt, ſo... „Nimm wenigſtens das Zitzkleid da, und einen an⸗ — —— — dern Shawl: Nur damit Dein Vater eine kleine Aen⸗ derung ſieht.“ „MNein, meinen rothen Shawl lege ich nicht ab, aber das Klaäſd will ich wohl anziehen, obſchon das, welches ich jetzt anhabe, weit hübſcher iſt.“ „Du wirſt auch Deinen ſchönen blauen Shawl neh⸗ men,“ bat die Kammerräthin ſchmeichelnd,„wirſt Du nicht, Iſabellchen?“ „Ach, wie die Tante ſo... lieb iſt!“ Iſabelle küßte mit einem etwas zweideutigen Lächeln die Hand der Tante. „Ich verſichere Dich, mein artiges Mädchen, bei Deinem Wuchs und Deiner Figur ſitzen Blouſekleider ſo ſcharmant, daß Du ſie nicht durch einen großen Shawl zu verhüllen brauchteſt. Es würde auch etwas vollſtän⸗ diger gekleidet ausſehen, wenn Du einen Spitzenkragen um den Hals legteſt.“. „Wenn ich mich nicht in meinen Shawl hüllen darf, Tantchen, ſo bin ich in einem ſolchen Kleide eben ſo genirt, wie in einem andern. Die Tante weiß ja, daß, wenn mich das nicht ſo quälte... „Kein Wort mehr, mein Engel! Da haſt Du den herrlichen Shawl. Gott ſegne Dich! Laß mich Dir hel⸗ fen!“ Und Tante Katharine Sophie ſetzte auch mit dem blauen ihren Willen durch. Iſabelle zog den Shawl vor dem Spiegel an, und nachdem ſie ihren Haarputz einige Male überſehen hatte,— denn hierin war ſie außeror⸗ dentlich genau,— nahm ſie den Arm ihrer Tante und wanderte nach dem Speiſeſaal. Der Oberſt hatte darauf gerechnet, ſeine Tochter we⸗ nigſtens heute in einer ordentlichen Toilette zu ſehen Aber auf's Neue hierin getäuſcht, erachtete er einen kleinen Vorwurf für durchaus nothwendig, als ſie ſich nachher allein in dem Nebenzimmer befanden. „Meine liebe Iſabelle,“ hieß es,„ich kann nicht umhin, wie wahrſcheinlich auch die übrige Geſellſchaft, mich darüber zu verwundern, daß eine Stockholmer Dame ſich von einem Landmädchen verdunkelt ſehen will. Das Kleid De und ſitzt ſten Stie etwas ſo Ihr unſt ganze Fit hab' ich dieſem Fe liren zu kragen a⸗ „2 „wenn J wird, ſo zu ihrer „Je und nah⸗ Toilette lich der das Verg dürfen.“ Der ſicherte, werden. an ſeine daß es 1 rals, die lein von fänden.“ Iſa ſung; a Wolke b Zaͤhne, De daher ih mer der mit eine dann vie aber elches neh⸗ Du küßte Tante. , bei der ſo Shawl lſtän⸗ ragen b darf, den ſo daß, u den r hel⸗ it dem vl vor einige ßeror⸗ te und ter we⸗ Aber kleinen achher nicht lſchaft, Dame Das Kleid Deiner Couſine Virginie hat einen ſüperben Schnitt und ſitzt meiſterhaft. Ihre Chemiſette iſt von der fein⸗ ſten Stickerei, und ihr leichter ſchwarzer Langſhawl, etwas ſo geſchmackvoll an einem jungen Mädchen, ſeht Ihr unſtreitig viel beſſer, als wenn ſie, wie Du, ihre ganze Figur in ein großes Tuch eingehüllt hätte. Oder hab' ich nicht recht, Mama?“ Der Oberſt meinte in dieſem Falle der Sicherheit halber an ſeine Frau appel⸗ liren zu können, die ſelbſt einen reich garnirten Trauer⸗ kragen an hatte „Mein beſter Malchus,“ erwiederte die Baronin ſanft, „wenn Iſabelle Deinen Wunſch in dieſer Hinſicht kennen wird, ſo bin ich gewiß, daß ſie ſich ein wenig mehr Zeit zu ihrer Toilette nimmt.“ „Ich für meine Perſon,“ bemerkte die Kammerräthin und nahm eine wichtige Miene an,„finde an Iſabellens Toilette nichts zu bemerken! Wenn ſie, wie es gewöhn⸗ lich der Fall iſt, ein wenig friert, ſo muß man ihr wohl das Vergnügen laſſen, ſich in ihren Shawl hüllen zu dürfen.“ Der Oberſt verbeugte ſich ſehr zierlich und ver⸗ ſicherte, es ſolle künſtig in den Zimmern doppelt geheizt werden.„Aber,“ ſetzte er hinzu und wandte ſich wieder an ſeine Tochter,„ich muß Dir ſagen, mein Iſabellchen, daß es mir äußerſt unangenehm wäre, wenn des Gene⸗ rals, die wir jeden Augenblick erwarten können, das Fräu⸗ lein von H— am Abend in einem paſſablen Morgenanzug fänden.“ Iſabelle erwiederte kein Wort auf dieſe Zurechtwei⸗ ſung; aber ihre blaßblühende Wange ward von einer Wolke bepurpurt, und die Lippe trat über zwei weiße Zaͤhne, die ſich feſt in ihren Korallenrand drückten Der Oberſt ſah, daß ſie verdrießlich war; er faßte daher ihre Hand und führte ſie nach dem innerſten Zim⸗ mer der Baronin.„Laß uns einige Augenblicke allein mit einander ſprechen,“ ſagte er,„wir werden einander dann vielleicht beſſer verſtehen.“ 188 „Die Unbedeutendheit des Gegenſtandes,“ entgegnete ſie beinahe kalt,„verdient nicht, daß man ſo viel Gewicht darauf legt.“ „Der Gegenſtand iſt nicht unbedeutend; und ich hoffe, Du läßt Dich davon überzeugen, wenn ich Dich verſichere, daß es mir von der größten Wichtigkeit iſt, daß wir ſämmtlich dem General und ſeiner Familie die höchſte Aufmerkſamkeit erweiſen. Ich geſtehe, ich ſuche ihn beſonderer Abſichten halber zu gewinnen, und der Alte ſieht ſehr auf eine geziemende Aufmerkſamkeit, das iſt einmal ſeine ſchwache Seite.“ „Ich werde es,“ verſetzte Iſabelle mit einem halben Lächeln,„gewiß nie an der geziemenden Aufmerkſamkeit fuür Papa's Gäſte fehlen laſſen; aber ich hoffe, der Ge⸗ neral dehnt ſeine Anſprüche auf Aufmerkſamkeit nicht ſo weit aus, daß man deßhalb den Shawl ablegen und ſich in Gala kleiden muß.“ „Nicht ablegen, das gewiß nicht; aber er kann „wenigſtens verlangen, bei Tiſche die Damen des Hauſes ordentlich gekleidet zu ſehen! Und da Du mich überdieß noch beſonders dadurch verbindeſt, ſo...“. „Wenn Papa und der General ſelbſt nicht ſchon ſeit längerer Zeit den Abſchied genommen hätten, ſo möchte ich glauben, Papa mache ihm den Hof, um befördert zu werden. Nun aber hiervon durchaus keine Rede ſeyn kann, iſt es mir unmöglich, zu begreifen, was wir Frauen⸗ zimmer ausrichten können und zu welchem Endzweck.“ „Das ſollſt Du wiſſen, mein Kind! Der Plan iſt tief überlegt, und es braucht nur ein wenig Diplomatik, mit ihn durchzuſetzen. Ich will Dir nämlich in größtem Geheim und als den beſten Beweis meines Vertrauens mittheilen, daß ich eine Heirath zwiſchen der Tochter des Generals und Klas Malchus zu Stande zu bringen wünſche.“ „Ich glaube, es wird keine geringe diplomatiſche Geſchicklichkeit bedürfen, um den Letztern dazu zu ver⸗ mögen, Wunſche „Bis aber ich und Dein obſchon ſ veinen dur Frräͤulein großen„ ihr Auge „De „Sit nicht unt iſt, was! Eigenen in dieſer es Klas wunderlic hich brauc konnte M geben.“ „Jeh hat in 1 deckt. A rakter ni und einer glauben, fügen kar „Ab chen, daß liebſt, nu geſtehen, Neigung ten ohne deſto beſſ hätte und „Do gegnete zewicht halben amkeit r Ge⸗ icht ſo nd ſich kann Hauſes verdioß on ſeit möchte ert zu ſeyn rauen⸗ 5. an iſt matik, ößtem rauens er des ringen atiſche ver⸗ 189 mögen, wenn die Sache nur von Papa's eigenem Wunſche unterſtützt wird,“ wandte Iſabelle ein. „Bisher hatte ſie keinen andern Bundesgenoſſen; aber ich geſtehe, daß ich auf Dich, auf Deine Klugheit und Deinen ſcharfen, feinen Blick rechnete. Der General, obſchon ſelbſt nicht von eigentlicher Familie, beſitzt doch veinen durchaus befriedigenden Rang und Vermögen. Das Fräulein iſt hübſch und anziehend. Eine Dame mit allzu großen Pretentionen und einem größeren Reichthum würde ihr Auge nicht auf Klas Malchus werfen.“ „Das thut vielleicht Fräulein von D= auch nicht.“ „Sie iſt noch ſo jung, daß ſie wahrſcheinlich noch nicht unter Vielen zu wählen hatte; und wenn es wahr iſt, was man behauptet, daß junge Mädchen von allem Eigenen und Ungewöhnlichen gefeſſelt werden, ſo habe ich in dieſer Hinſicht gute Hoffnung, denn Gott weiß, daß es Klas Malchus nicht an Eigenheiten fehlt: Er iſt die wunderlichſte Figur, die unſer Herr erſchaffen hat! Aber ich brauche in dieſer Sache Vertrauten, denn ich konnte Mama nicht weiter als einen halben Wink darüber geben.“ „Ich fürchte,“ entgegnete Iſabelle aufrichtig,„Papa hat in mir nur ein geringes Talent zu Intriguen ent⸗ deckt. Auch fürchte ich, daß Papa Klas Malchus Cha⸗ rakter nicht recht beurtheilt. Er hat ein tiefes Gefühl und einen hohen Begriff von Ehre; und ich wage zu glauben, daß Papa nie nach Gutdünken über ihn ver⸗ fügen kann.“ „Aber Du mußt doch ſelbſt einſehen, mein Iſabell⸗ chen, daß dieſes Gutdünken, wie Du es zu nennen be⸗ liebſt, nur ſein Beſtes ſucht; und ich glaube, Du wirſt geſtehen, daß Klas bei ſeinem einſeitigen Charakter, ſeiner Neigung für die Einſamkeit und ſeinen übrigen Narrhei⸗ ten ohne Zweifel weit glücklicher würde, wenn er je eher deſto beſſer ein gutes Weib bekäme, das Geduld mit ihm hätte und nach ihm ſähe.“ 6„Das glaub' ich auch, wenn die Wahl ſeine eigene —— 190 waͤre. Ich will indeſſen ſeine Gedanken in dieſer Hin⸗ ſicht ausforſchen. Laßt uns dann die zugedachte Braut betrachten! Dießmal wird es wohl auf keinen Fall eine Werbung abſetzen.“ „Nein, ſofern dieß nicht durch einen Coup de main geſchehen könnte. Und ich glaube beſtimmt, daß, wenn es einmal gut ausgeführt wäre, er ſich damit zufrieden geben würde: Er iſt ſo paſſiv!“ „Ich begreife nicht,“ ſagte Iſabelle und ſah feſt in das ſchlaue Geſicht des Vaters,„was für einen Vortheil Papa daraus ziehen kann, wenn Klas ſo bald verheirathet wird! Wozu denn dieſe Eile?“ „Vor einigen Tagen,“ ſprach der Oberſt und ſeine Züge nahmen einen bedenklichen und unruhigen Ausdruck an,„würde ich Dir auf dieſe Frage geantwortet haben: Es eilt durchaus nicht, und der ganze Vorſchlag iſt nur ein natürlicher Wunſch, das Eigenthumsrecht des Fidei⸗ commiſſes durch einen neuen Sprößling in unſerer Linie befeſtigt zu ſehen. Klas Malchus dürfte nicht alt wer⸗ den; und auf alle Fälle muß ein Vater auf das Glück ſeines Sohnes bedacht ſeyn, welches durch eine Verbin⸗ dung mit dem Fräulein von D— ohne Zweiſel begründet werden würde. All' das möchte ich Dir damals geant⸗ wortet haben; aber heute muß ich mit Kummer hinzu⸗ ſetzen, daß, wenn wir Klas Malchus nicht verheirathet haben, ehe er mündig wird, wir ein Unglück erleben dürften, das ich beinahe nicht Muth habe, auszuſprechen.“ „Papa ſetzt mich in das größte Erſtaunen.“ „Nimm Platz, mein Kind, und laß uns vertraulich mit einander ſprechen! Was ich Dir bis jetzt anvertraut habe, iſt nur ein Geringes gegen das, was ich jetzt ſagen will. Ich bitte Dich nicht, mit dieſem Geheimniß vor⸗ ſichtig zu ſeyn: Es liegt in der Natur der Sache, daß Du das biſt! Und ich bezweifle auch nicht, daß Du die außerordentliche Attenſion zu ſchätzen verſtehſt, die ich Dir erweiſe, indem ich in dieſer eben ſo kitzlichen als wich⸗ * tigen Affe wirkung b „Me dieſer Eir ſo deutlich Aufmerkſe Der Tochter gehuſtet dem Ton gefähr ſe hat er b gemacht, nicht ein oder nur blieb er nöthigt, nicht, u ſein Aus Winke fa Er wollt Malchus — näml kraft hal meiſter d eine klein Herr me Inzwiſche kleine L Klas M lichem 2 handelt gnügen, ich wollt gut aus ſehr ang kunft nit Hin⸗ Braut ll eine main wenn frieden feſt in ortheil irathet ſeine sdruck haben: ſt nur Fidei⸗ Linie t wer⸗ Glück berbin⸗ ründet geant⸗ hinzu⸗ irathet erleben ſichen.“ raulich ertraut ſagen 3 vor⸗ „ daß Du die ch Dir wich⸗ —* 191 tigen Affaire an Dein Urtheil appellirte und Deine Mit⸗ wirkung begehre.“ „Mein Gott!“ dachte Iſabelle, wenn wir doch aus dieſer Einleitung draußen wären!“ Ihre Augen ſprachen, ſo deutlich als Augen nur ſprechen konnten, daß ſie die Aufmerkſamkeit ſelbſt ſey. Der Oberſt zog einen Stuhl ganz nahe zu ſeiner Tochter und nachdem er das Nastuch herausgezogen, gehuſtet und ſich geſchneuzt hatte, ſprach er in flüſtern⸗ dem Tone:„Klas Malchus iſt jetzt, wie Du weißt, un⸗ gefähr ſechs Wochen lang daheim; während dieſer Zeit hat er beinahe täglich einen mehrſtündigen Spaziergang gemacht, ohne daß ich jemals— denn es faͤllt mir nicht ein, meinen Kindern nachzuſpioniren— gefragt oder nur daran gedacht hätte, wohin er ging. Geſtern blieb er länger als gewöhnlich aus, und wir waren ge⸗ nöthigt, uns ohne ihn zu Tiſche zu ſetzen. Ich weiß nicht, wie es kam, aber Virginie wunderte ſich über ſein Ausbleiben, worauf dann der Stallmeiſter einige Winke fallen ließ, die mir damals lächerlich erſchienen. Er wollte nämlich mit Beſtimmtheit wiſſen, adaß Klas Malchus nur Einen Zielpunkt ſeiner Wanderungen habe — näamlich das Meßner⸗Haus, wo ihn eine Anziehungs⸗ kraft halte, die ſich leicht errathen laſſe. Als der Stall⸗ meiſter dieſe Saite berührte, argwohnte ich gleich, daß eine kleine Eiferſucht mit im Spiele ſei, denn der feine Herr macht auch ſeine ziemlichen Morgenſpaziergänge. Inzwiſchen lachte ich bei mir ſelbſt und dachte, eine kleine Liebſchaft würde wahrſcheinlich mehr Leben in Klas Malchus bringen, als alle Verſuche auf gewöhn⸗ lichem Wege. Während dieſer Gegenſtand noch abge⸗ handelt wurde, trat er ein. Es machte mir ein Ver⸗ gnügen, ihn ein wenig in Verlegenheit zu bringen; aber ich wollte, ich hätte es nicht gethan, denn es fiel nicht gut aus; und wir hätten uns gewiß eine Scene nicht ſehr angenehmer Art bereiten können, wenn Eure An⸗ kunft nicht eine willkommene Unterbrechung dargebracht hätte. Klas Malchus aufgeregte Gemüthsſtimmung, konnte meiner Aufmerkſamkeit nicht entgehen; und da ich ihn dieſen Vormittag Hut und Stock nehmen ſah, um ſich auf die gewöhnliche Fahrt zu begeben, kam es mir in den Sinn— denn der Pflicht eines Vaters muß man natürlich viel nachſehen— ihm in einiger Entfernung zu folgen, und kurz und gut zu ſehen, wie die Sache ſtünde. „Ich kam ungefähr eine halbe Stunde ſpäter als er ſelbſt an dem Meßner⸗Hauſe an, und war mit dem Vor⸗ wande verſehen, daß ich mit dem Kapellmeiſter über das Impfen ſprechen wolle, falls dieſer zu Hauſe ſeyn würde. Aber ich erfuhr ſchon unterwegs, der Alte ſey nach dem Pfarrhofe gegangen. Nun, ſo ging ich denn zu, und da ich des Spioniren wegens gekommen war, legte ich das Auge an das große Schlſſelloch unter der Thürklinke und dort ſah ich alles eben ſo gut, als ob ich im Zimmer ſelbſt geweſen wäre. „Da ſaß nun Jungfer Marie am Tiſche, mit einem Geſichte roth wie eine Roſe, und Klas Malchus im Lehnſtuhl des Kapellmeiſters in möglichſt bequemer Lage. Ich hatte gehofft, etwas Weniges über irgend ein töl⸗ pelhaftes Manöver lachen zu dürfen, wie er etwa dem Mädchen einen Kuß ſtehlen wollte, oder ſo etwas; aber es bedurfte nur einen einzigen Blick in ſein Auge, um zu wiſſen, wie es ſich eigentlich verhielt, und ich kann Dich verſichern, daß niemals die heilige Maria von einem enthuſiaſtiſchen Maler mit einer tieferen Bewunderung, einer erhabeneren Anbetung betrachtet wurde, als jetzt in dem Auge unſeres phlegmatiſchen Klas Malchus für dieſe allzuirdiſche Maria leuchtete. Nun weißt Du, Iſabelle, daß ich nicht allein einige Weltklugheit beſitze, ſondern auch das menſchliche Herz genau kenne; und deßhalb ſehe ich voraus, daß, wenn Klas Malchus aus ſeinem Phlegma erwacht, wenn, was Gott verhüte! ein unſeliger Zufall dieſes bloße Wohlſeyn, das er jetzt em⸗ pfindet, in Leidenſchaft verwandeln würde, das Feuer an gen verſu ich im G kunſt her man ohne ter Eile verginge Meßner's fälligkeite aus Jahn neben der auch etwo Was wunderun Vaters. traut hät daß di eſchärft geſc„Me Tone eir ſelbſt ent Vortheilh Feinheit meine beſitzt ei Oberſt ſ „Ul einem 1 wir alſo mit in's Malchu eigene 2 Klas de Das konnte ich ihn im ſich mir in ß man eernung Sache als er Vor⸗ der das würde. h dem ind da h das rklinke immer einem 1s im Lage. töl⸗ dem aber , um kann einem rung, jetzt 3 für Du, eſitze, und aus ein em⸗ r an 193 allen Ecken ausſchlagen wird und dann mag, wer kann, zu löſchen und einen ſolchen Kopf zur Vernunſt zu brin⸗ gen verſuchen! Bei dem bloßen Gedanken daran ſehe ich im Geiſte die ſchrecklichen Auftritte, welche die Zu⸗ kunſt herbeiführen wird; aber all' dieſem Uebel könnte man ohne Mühe zuvor kommen, wenn man ihn in größ⸗ ter Eile verlobte und verheirathete. Die ganze Sache verginge dann, ohne daß er jemals wüßte, daß er in Meßner's Marie verliebt war; denn wenn es keine Zu⸗ fälligkeiten in der Welt gäbe, könnte er ganz ſicher Jahr aus Jahr ein ſeine gewiſſen Stunden an jedem Tage neben dem Mädchen ſitzen, ohne daß es ihm einfiele, auch etwas Anderes zu thun.“ Was in dieſer ganzen Erzählung Iſabellens Ver⸗ wunderung am meiſten erweckte, war der Scharfſinn ihres Vaters. Sie mußte ſich geſtehen, daß ſie ihm nie zuge⸗ traut hätte, ſo tief ſchauen zu können; aber ſie ſah ein, daß die Furcht dießmal ſeinen Blick ſo außerordentlich geſchärft hatte. „Mein beſter Papa,“ ſagte ſie und legte in ihrem Tone eine weit feinere Schmeichelei, als die Artigkeit ſelbſt enthielt, die ſie ihm ſagen wollte, um ihn auf das Vortheilhafteſte zu ſtimmen,„ich geſtehe, daß Papa eine Feinheit im Urtheil, eine Sicherheit im Blicke beſitzt, die meine Bewunderung erregt.“ „Man hat nicht umſonſt gelebt, mein Kind! Man beſitzt einigen Takt und einige Obſervationsgabe!“ Der Oberſt ſah ſehr zufrieden aus. „Und ich bezweifle nicht, daß Papa die Sache von einem richtigen Geſichtspunkte aus betrachtet. Nehmen wir alſo an, eine jener unglücklichen Zufälligkeiten komme mit in's Spiel, wer hätte denn das Recht, ſich Klas Malchus Wunſche entgegenzuſetzen, wenn er auf ſeine eigene Art glücklich ſeyn wollte?“ „Niemand hat ein eigentliches Recht dazu, wenn Klas das Alter der Mündigkeit erreicht hat, und ich bin Das Fideicommiß. I. 13 überzeugt, daß man auf meinen Befehl oder Wunſch keine Rückſicht nehmen würde; aber merke wohl, was ich ſage: Wenn es je ſo weit käme, daß er ſeiner Fa⸗ milie dieſen ſchmutzigen Schimpf zufügte, ſo gehe ich. mit meinem Weib als Bettler von Tyringsholm fort; denn ſo wahr ich ein Edelmann bin, ich werde nie von einem ſolchen Schurken von Sohn einen Biſſen Brod annehmen, und nie meine Einwilligung zu dieſer Er⸗ niedrigung geben, wenn er auch ſelbſt und Du und Deine Mutter auf Euren Knieen mich darum anflehtet, das ſchwöre ich! Ich weiß, wie ſehr er ſeine Mutter liebt. Er würde ſie nie wieder ſehen dürfen, nicht einmal auf ihrem Todtenbette; denn zu meiner Thüre, wo ſie nun a äre, würde er nie eingelaſſen, und wenn er vor Reue ſtöhnend auf ihrer Schwelle läge!“ Iſabelle hielt ihren Vater für fähig, Wort zu hal⸗ ten: Sie wußte, daß er Glanz, Wohlſtand und Pracht ſehr liebte, daß er aber das, was er für ſeine Ehre hielt, noch höher ſchätzte; und ſie fühlte ſich von dieſem Zutrauen beunruhigt, das er ihr nur darum geſchenkt hatte, damit ſie ihm in ſeinen Plänen beiſtünde. Sie hatte überdieß einen tiefen Abſcheu vor jeder Art Intri⸗ guen, und nur um ihren Vater durch einen beſtimmten Widerſtand nicht zu einem übereilten Schritte zu reizen, verſprach ſie über die Sache nachzudenken.„Aber,“ ſetzte ſie hinzu,„ich erinnere mich zum Voraus, daß die höchſte Vorſicht nothwendig iſt.“ „Glaubſt Du, mein Kind, ſo etwas brauche man mir zu ſagen? Ich gehe ja beinahe wie auf Eiern, weil ich fürchte, man möchte eine weitere Anſpielung auf ſeine Beſuche im Meßner⸗Hauſe machen, aber kannſt Du denn kein Mittel ausfindig machen, das ihn davon abhielte, ohne daß er es ſelbſt merkte?“ „Unmöglich! Wenn er einen Plan argwohnte, ſo wäre, wie Papa vorhin ſagte, das Feuer ſogleich los. Aber wie kam Papa wieder fort?“ „Ich ſchlich mich weg, wie ich gekommen war: aber ſtille Der Obe andern 6. ſinn, m roßes 2 3„Ei ſelbſt, Mitſpiele Wenn kundſchaf iſt, ehe einen ſo lauf Dei was Du ſollſt! 2 einer äh Aber me hergeſehe letzten C und ver Lippen. G J Mama Trutha Nahmt er me müſſen Schickf ſal! merrãäß Zunſch , was er Fa⸗ he ich. fort; tie von Brod er Er⸗ Deine , das rliebt. al auf ſie nun er vor zu hal⸗ Pracht Ehre dieſem geſchenkt 2. Sie Intri⸗ immten reizen, „4 ſetzte höchſte he man Eiern, pielung kannſt davon ite, ſo ich los. war: aber ſtille! Geht da nicht Jemand— Deine Mutter?“ Der Oberſt blinzelte und flüſterte, indem er nach einer andern Seite hinging:„Ich baue auf Deinen Scharf⸗ ſinn, mein Kind, und hoffe, Dir nicht umſonſt ein ſo großes Vertrauen geſchenkt zu haben!“ „Ein ſchönes Vertrauen!“ dachte Iſabelle bei ſich ſelbſt,„was wird aus All' dem werden? Aber zur Mitſpielerin gebe ich mich nicht her. Armer Klas! Wenn Du wüßteſt, daß Dein Geheimniß ſchon ausge⸗ kundſchaftet, nach allen Seiten gewendet und überlegt iſt, ehe Du ſelbſt weißt, daß Du eines haſt, daß Du einen ſo umſichtigen Vater haſt, der den ganzen Kreis⸗ lauf Deines Lebens zum voraus ausſteckt und beſtimmt, was Du fühlen und nicht fühlen, thun und ni un ſollſt! Vielleicht werde auch ich bald der Gegeilſtand einer ähnlichen Berathung, nur auf einer anderen Seite. Aber mein geehrter Vater, nimm Dich vor den unvor⸗ hergeſehenen Zufälligkeiten wohl in Acht!“ Bei dem letzten Gedanken flog ein Seufzer aus Iſabellens Seele, und verweilte eine flüchtige Sekunde lang auf ihren Lippen. Zwölftes Kapitel. Virginiens Abendbülletin an ihre Mutter. „Liebes Mamachen! Ich möchte wahrhaftig wiſſen, was Papa und Mama von dieſem Spektakel dachten? Ach der ſchöne Truthahn und der Rahmkuchen! Ich wußte, daß Mama Rahmkuchen hatte. Aber wie der Kapitän ſagte, als er meine Betrübniß ſah:„mein kleines Fräulein, Sie müſſen ſich zufrieden geben; denn wer kann gegen das Schickſal ſtreiten?“ Ja, aber das war auch ein Schick⸗ ſal! Doch iſt wahr: die Tante, der Onkel, die Kam⸗ merräthin und Iſabelle nebſt unſern vier wilden Pferden, 13* ich meine unſere jungen Herren bitten ſammt und ſon⸗ ders um Entſchuldigung wegen ihrer Unart. Man darf aber auch billig fragen, was wohl unartiger ſeyn könne, als ſich zuerſt einladen, und dann Papa und Mama, und den Truthahn und Rahmkuchen vergebens warten laſſen? Aber Mama wird bereits ahnen, daß etwas Außerordentliches vorgefallen ſeyn mußte, wenn der Onkel, dieſer aufrichtige Verehrer aller ſteifen Ceremonien, einen ſolchen Fehler gegen den„guten Ton“ begehen konnte: Beiläufig geſagt, wie ſpaßhaft der Onkel doch mit ſeinem „guten Ton“ iſt! Und dazu noch erſt jetzt ein Gegen⸗ gebot, wo es ſchon ſo ſpäͤt am Abend iſt, daß ſich Papa und Mama gewiß ſchon niedergelegt haben! Ja, dn um ſo ärger, als der Hirtenjunge nicht dazu zu bringen iſt, noch heute Nacht zu gehen, ſondern erſt mor⸗ gen früh fort will, obgleich ich jetzt am Abend noch ſchreibe. 1 Aber man höre, was vorgefallen iſt; und falls Papa noch etwas ungnädig iſt, weil er heute das Eſſen ſpät und kalt bekam, ſo grüße ihn von mir, und ſage ihm, daß er ſich vollkommen ausgeſöhnt fuhlen würde, wenn er wie ich Zeuge von der Angſt des Onkels geweſen wäre. In meinem geſtrigen Billet wurde gemeldet, daß das ganze Tyringsholmer Perſonale heute Mittag Tjäll⸗ ſtorp die Ehre ſchenken werde, und dabei erwähnte ich auch, falls es Mama bemerkte, da es an der Seite heraufſtand, daß der Onkel Briefe erhalten habe, welche die Ankunft des Generals auf übermorgen ankündigten. Gott verzeihe mir, es war mir recht verdrießlich, immer von des Generals und wieder von des Generals hören zu müſſen, und ich ſah wohl, daß es auch Iſabellen nicht ſonderlich damit gedient war. Ach, ſie wußte nicht, wie viel wir von ihr und meiner Schweſter, der Kam⸗ merräthin,„zum Voraus“ hören mußten; aber das iſt ungleich, denn es iſt ja vorüber. Ich bin begierig, müt wem der Onkel das nächſte Mal groß thun wird. 1 1 4 Nun, m ein ärgerl ſpannt, d ſchriften, Kammerre in den 2 Rocke un ſtopfte ſe klatſchte letzte Ane erſten m zu mache begann, Wagen f fahren w aufzuſchw o Himme in die räuſch un Schneller „Was g da ich gl es ſich daher zu Mittags anſtändit „Onkel, ſammen wurde i wohl, war kein bereitet nicht vi gerade noch et Vorzüg Nun, mein liebſtes Mamachen, denke Dir nur, welch' 4 ein ärgerlicher Zufall! Die Wagen waren ſchon ange⸗ ſpannt, die Tante gab der Hausmamſell die letzten Vor⸗ ſchriften, Iſabelle knüpfte den Hut vor dem Spiegel, die warten Kammerräthin legte die Stickſtreifen wohl eingewickelt etwas in den Beutel, Klas Malchus ging mit zugeknöpftem Onkel, Rocke und die Hände in den Taſchen, hinab, der Onkel einen ſtopfte ſeine Reiſepfeife; Richard ſtand im Hofe und onnte: klatſchte mit der Peitſche, der Kapitän ſchloß eben ſeine ſeinem letzte Anekdote, und der Stallmeiſter, der nach ſeinem 1 Gegen⸗ erſten mißlungenen Verſuche, ſich Iſabellen angenehm 5 ß ſich zu machen, ſeinen Galanteriegeiſt etwas gezügelt hatte, ! Ja, begann, weil ihm verſprochen war, daß er in ihrem ſazu zu Wagen fahren dürfe— denn das, daß ich auch darin ſt mor⸗ fahren würde, hatte nichts zu bedeuten— bereits wieder noch aufzuſchwellen und ſeine Pfauenſedern auszubreiten, da o Himmel! ſah ich, die hinabgeſprungen war, um etwas 6 Papa in die Wagentaſchen zu ſtecken, eine Kutſche mit viel Ge⸗ en ſpät räuſch und großer Eile durch die Allee herauffahren. e ihm, Schneller als ein Gedanke war ich wieder im Saal. wenn„Was gibts, meine Kleine? fragte der Oberſt; und geweſen da ich gleich durch ſeinen Ton daran errinnert wurde, daß es ſich für ein wohlerzogenes Mädchen nicht ſchicke, ſo t, daß daher zu ſpringen, bot ich, obſchon ſogleich wegen unſers Tjall⸗ Mittagseſſens unruhig, Alles auf, um ſo gefaßt und nte ich anſtändig als möglich auszuſehen, als ich antwortete: Seite„Onkel, des Generals ſind hier!“ welche Aber jetzt hätte ich gewünſcht, daß Mama Alle zu⸗ ndigten. ſammen und vor allem den Oberſt geſehen hätte! Er immer wurde wahrhaftig ganz gelb im Geſichte. Ich begriff s hören wohl, was ihn peinigte: da wir Alle fort wollten, ſo ſabellen war kein Mittageſſen gerichtet; und was in der Eile zu⸗ te nicht, bereitet werden konnte, würde, wie er gewiß glaubte, r Kam⸗ nicht vortrefflich und lecker genug werden. Es war alſo ver das gerade wie bei der Ankunft der Kammerräthin, oder eher begierig, † noch etwas ſchlimmer. Armer Onkel, immer muß das in wird. Vorzüglichſte auf die Ankunſt der hohen Fremden auf⸗ 198 geſpart werden, und dann machen ſie ihm zum Dank dafür immer den Verdruß, daß ſie zu bald kommen! Mama wird indeſſen wohl einſehen, daß wir nicht wie feſtgewachſen ſtehen blieben; denn die Fremden mußten doch empfangen werden. „Eugenie,“ flüſterte der Onkel der Tante ins Ohr, „ich bitte Dich, biete Deinen ganzen Scharfſinn auf, um ein paſſendes Mittagseſſen bis halb vier Uhr zu Stande zu bringen! Setze das ganze Haus in Bewe⸗ gung! Ich muß ſelbſt hinab; die Artigkeit erheiſcht, daß ich dieſe Pflicht nicht verſäume.“ „Sie werden wohl mit dem vorlieb nehmen, was man in der Eile zuwege bringen kann,“ erwiederte die Tante und nahm die Sache ganz ruhig „Vielleicht gar mit Rühreiern und gewärmtem Bra⸗ ten?“ fragte der Onkel verächtlich.„Könnt Ihr denn nicht einem halben Dutzend Hühnern den Hals umdrehen? — welche Nathloſigkeit! Jetzt hält der Wagen! Um's Himmelswillen, Eugenie, laß uns nicht zu Schanden werden!“ Und der arme Onkel ſprang mehr hinab als er ging. Richard war ihm jedoch ſchon zuvorgekommen, und ſtand artig und komplimentirend am Wagen, was ich ſah, als ich in aller Eile den Kopf durch die Gar⸗ dinen ſtreckte. Iſabelle legte mit einem mißvergnügten Geſichte den Hut hinweg; aber Klas Malchus murmelte etwas von„jetzt vollkommen complett“ ſeyn, worauf er ſich fortſchlich, und ſo that auch ich, um, wie die Mama ſich wohl denken kann, der verwirrten Hausmamſell und der keuchenden Haushälterin eine hülfreiche Hand zu reichen. Und ich wundere mich nicht, daß ſie keuchte. „Wenigſtens fünf Gerichte bis ein halb vier Uhr!“ wäh⸗ rend doch das arme Weib ſich eben darauf bereitet hatte, einen ihrer ſeltenen Feſttage zu feiern, ei lich, wo ſie durchaus nicht an das Eſſen denken durſte. Eine Haushälterin hat nie Raſt noch Ruhe, und da iſt es denn doch gar zu hart, wenn es ſich einmal ſo glück⸗ lich ſchickte, daß die Herrſchaft nicht zu Hauſe ſpeiſen inen ſolchen näm⸗ ſollte, un dens in ih ſpiel und Muſterung tigkeit ver SHals über will— ei Und ein recht ſeyn als keiten geg⸗ ich meinte Wen beſchreiben habe, und hat, ſo⸗w der Gicht jetzigen f bei—— habe imn gedacht, ſprach; D= hat cher Feld Band und invaliden die Tapf Herr Got tend ausſ Er macht übelſchme Alles iſt ral etwo doch gen Offizier, heraufgec 4 ſchaffte. Dank nmen! ht wie nußten Ohr, n auf, Uhr zu Bewe⸗ ht, daß n, was erte die Bra⸗ jr denn drehen? ! Um's anden inab als kommen, n, was die Gar⸗ rgnügten nurmelte worauf wie die smamſell Hand zu keuchte. !“ wäh⸗ ttet hatte, hen näm⸗ en durfte. nd da iſt ſo glück⸗ ſe ſpeiſen ſollte, und ſie nun anſtatt des erwarteten ſüßen Frie⸗ dens in ihrer Kammer bei der Kaffeekanne, dem Karten⸗ ſpiel und etwas ſpäter am Abend der großen General⸗ Muſterung ihrer Schubladen, jetzt auf einmal ihre Thä⸗ tigkeit vervielfacht in Anſpruch genommen ſieht, und Hals über Kopf— ſie mag es nun anfangen wie ſie will— ein Mittageſſen anſchaffen ſoll. Und ein Mittageſſen wurde es, und das erſt noch ein recht prächtiges! Aber nichts konnte vortrefflicher ſeyn als der Onkel ſelbſt. Er erſchöpfte ſich in Artig⸗ keiten gegen den alten General und die Fräulein. Ja, ich meinte, daß er etwas gar zu viel Weſens machte. Wenn ich jetzt in aller Eile der Mama die Fremden beſchreiben ſollte, da ich noch keine Luſt zum ſchlafen habe, und Mama es leſen kann, wenn ſie will und Zeit hat, ſo würde ich ſagen, daß der General ein alter mit der Gicht behafteter Herr iſt, der gar nicht wie unſere jetzigen feinen Militärs ausſieht, die wir im Luſtlager bei—— ſahen. Ja, das waren andere Generale! Ich habe immer an die prächtigen und ſtattlichen Herren gedacht, wenn der Onkel von dem erwarteten Gaſte ſprach; aber das iſt nun etwas ganz anderes! General D hat eine weniger noble Haltung, als unſer zierli⸗ cher Feldwebel Bjurmann; und der einfache Rock mit Band und Stern ſieht eher aus, als ſey er für einen invaliden Lieutenant gemacht, der in früheren Schlachten die Tapferkeitsmedaille erhielt, als für einen General. Herr Gott! was doch ein General ſo klein und unbedeu⸗ tend ausſehen kann! Aber damit iſt's noch nicht genug. Er macht zugleich ein Geſicht, als ob er beſtändig eine übelſchmeckende Arznei auf der Zunge hätte. Doch dieß Alles iſt etwas unartig von mir: denn wenn der Gene⸗ ral etwas weinerlich und kränklich ausſieht, ſo war er doch gewiß in früheren Tagen ein wackerer und tüchtiger Offizier, ſonſt hätte er ſich wohl nicht zu einem Grade heraufgearbeitet, der ihm einen Abſchied als General ver⸗ ſchaffte. Wie manche andere mürriſche Greiſe findet er —— 4— — Damen zu ſeyn, mir eben heraus; aber am ich denke ſogar unerträglich würdeſt ſ ein Vergnügen daran, artig gegen die und nimmt ſich verſchiedene Freiheiten Spieltiſche muß er höchſt ungnädig, chſelte der Onkel ein Fräulein ſeyn, denn bei all' ſeinem Takt we paar Mal die Farbe. Auch beliebte der Kapitän nach ſtets demü ſeiner freien Art eine Menge Dinge zu äußern, die den werde juſt n Schleich⸗ und mit e Onkel offenbar in Angſt verſetzten und die kleine wege zu rechtfertigen ſchienen, die er eingeſchlagen hatte, zu dem um den Kapitän nicht bei der Parthie zu haben; aber wohl au da Tante Katharine Sophie, die das Spiel angefangen Golt ſey hatte, aufſtand und dem Kapitän winkte, die Karten zu hatte, unßd nehmen, ſo half es jenem nichts. Doch anſtatt daß, wie der Onkel zu fürchten ſchien, zwiſchen dem General und das Kapitän, der ſich auch im Spiele keine Mühe gibt, artig bende. zu ſeyn, Streitigkeiten entſtanden, lief es ſehr gut ab, und kind obſchon ich dem Onkel anſah, daß er ein Schwitzbad aber es nach dem andern durchzumachen hatte. Onkel ge Ueber die Fräulein wäre viel zu ſagen; aber das ſer Wor muß ich noch aufſparen. Die äͤltere, die Tante des jetzt rech Fräulein Hedwig, iſt eine jener alten beſcheidenen Jung⸗ einigen s ſo viele Exemplare in den Familien gibt. beſitzen. fern, deren e Sie kommen immer in's Haus, um die Kinder zu erziehen bin, und u beſorgen, wenn die Frau ſtirbt Vor Alle und die Haushaltung z oder fortreist. Dieſe alten Fräulein ſind ohne Zweifel mer ſtet ein Segen, da ſie ungeachtet ihrer vielen Spitzen um bellen ka Naſen, doch ben. De die Haube und ihrer bisweilen auch ſpitzige das wohlwollendſte Herz und die unermüdlichſte Geduld darin, d haben. Sie ſind gewiß mit mehr als fünf Sinnen be⸗ länger v gabt, um alle Wünſche, Pretenſionen und Commiſſionen dieſelbe ihrer Verwandten erfüllen zu können; und glücklich die⸗ freie Ber jenigen unter ihnen, die am Ende einmal einen Ort verſuchte erreichen, wo ſie in Gottesnamen auch einmal Wirthinnen Maniere und Hausmütter ſeyn dürfen. Fräulein Gunilla mag es wollt wohl bei vielen ſehr vornehmen Familien geweſen ſeyn, lem iſt ehe ſie nach dem Tode ihrer Stiefſchweſter ihre gegen⸗ bewegt. wärtige Heimath in dem Hauſe des Generals erhielt. Nolle ſp hig und freundlich aus; aber es läuft ein wah Sie ſieht gutmüt ſeyn, er am räglich kel ein a nach die den chleich⸗ mhatte, ; aber efangen rten zu ß, wie ral und t, artig gut ab, hwitzbad ber das nte des a Jung⸗ ien gibt. erziehen au ſtirbt Zweifel tzen um en, doch Geduld nnen be⸗ miſſionen klich die⸗ nen Ort irthinnen illa mag eſen ſeyn, ee gegen⸗ S erhielt. es läuft 201 mir eben wie kalt Waſſer über den Rücken herab, wenn ich denke:„Geſetzten Fall, meine liebe Virgine, Du würdeſt ſelbſt ein ſo von Haus zu Haus wanderndes Fräulein mit Spitzenhaube, Tabacksdoſe und einem ſtets demüthigen Geſichte!“ O wir armen Fräulein! Ich werde juſt melancholiſch, wenn ich an die Zukunft denke; und mit einer gewiſſen innern Sympathie fühle ich mich zu dem freundlichen Fräulein Gunilla hingezogen, die wohl auch einmal eine frohe und ſchöne Heimath hatte. Gott ſey Dank! daß ich ſah, wie ſie die Brille verlegt hatte, und ſie ihr hervorholte. „Das kleine Fräulein,“ wie man Hedwig heißt, iſt das jüngſte von vielen Geſchwiſtern und das einzig le⸗ bende. Sie iſt nur ſechzehn Jahre alt, wild, froͤhlich und kindlich. Wir ſind ſchon die beſten Freundinnen; aber es ſcheint mir, als ſey ſie nicht ſo ſchön, wie der Onkel geſagt hat. Nein, da hielt er bei Iſabellen beſ⸗ ſer Wort! Iſabelle, ja das iſt Etwas! ich ſchäme mich jetzt recht, wenn ich daran denke, daß ich mir noch vor einigen Tagen einbildete, ſelbſt einige kleine Reize zu beſitzen. Jetzt dagegen ſinde ich, daß ich recht häßlich bin, und ſo meine ich, muß Alles neben ihr ausſehen. Vor Allem ihr Wuchs!— ich habe große Frauenzim⸗ mer ſtets um ihre hohe Figur beneidet; aber an Iſa⸗ bellen kann ich nichts beneiden, denn ſie muß Alles ha⸗ ben. Doch die Anmuth ihres Wuchſes liegt gewiß nicht darin, daß ſie ſo groß iſt; denn, wenn ſie auch nicht länger wäre als ich oder Hedwig, würde ſie doch gewiß dieſelbe feine Grazie beſitzen. Es iſt die Haltung und freie Beweglichkeit des Körpers, was mich entzückt. Ich verſuchte es neulich vor dem Spiegel, eine dieſer leichten Manieren anzunehmen, aber ich mußte Lachen, denn es wollte ſich durchans nicht thun. Das beſte von Al⸗ lem iſt aber vielleicht doch die Art, wie ſie ihre Hände bewegt. Ich begreife nicht, wie die Haͤnde eine ſolche Rolle ſpielen können, aber die ihrigen thun es! Es iſt ein wahrer Styl in ihren Händen, ſo fein, ſo weiß und ſammetweich ſind ſie. Aber Niemand darf auch läugnen, daß jene wechſelnden waſſerhellen Steine in ihren bril⸗ lanten Einfaſſungen das ihrige dazu beitragen. Iſabelle kleidet ſich ſehr einfach, ich möchte beinahe ſagen, mit einer gewiſſen Nachläſſigkeit! aber ihre Hände ſchmückt ſie mit verzierlicher Koketterie, ſowie auch ihr Kopfputz äußerſt geſchmackvoll iſt, und ihre kleinen hübſchen Füße ſtets außerordentlich zierlich gekleidet ſind. Allein, wenn ſie auch in einem Zwilchkittel ginge, würde ſie, glaube ich, doch ſtets die ſchönſte ſeyn! Wer kann einen Shawl in ſolche Falten legen wie ſie! Sie geht ſehr gerne in einem Shawl; aber ich denke an den großen Ball in der nächſten Woche wie an ein wahres Feſt, denn da werden wir ſie natürlich ganz feſtlich gekleidet ſehen Ich habe noch kein Wort von ihrem Geſichte geſagt. Ach Mamachen! wie glücklich iſt die, die ein ſolches Ge⸗ ſicht hat! Mir wuͤrde es aber doch nicht paſſen: ich bin überzeugt, daß das, welches ich habe, am meiſten mit meiner Kinderei und Alltäglichkeit harmonirt. Iſabellens Stirne klar und weiß, mit den ſeinſten blauen Adern, wölbt ſich leicht bis zum Haare hinauf, und ihre Locken, weich wie Seide und von dunkler nuß⸗ brauner Farbe, fallen bis zum Halſe herab. Von ihren Augen ſpreche ich gar nicht; ich möchte nur wiſſen, ob Mama je ſolche geſehen hat, und ob Mama nicht auch meint, daß es hier und da ausſieht, als ob ſie ei⸗ nen leidenden Ausdruck haben, und daß man ſich dann faſt etwas fürchtet, hineinzuſehen? Wenn ſie aber heiter lacht— denn ſie lacht auf verſchiedene Arten— wo gibt es dann ein Gleichniß für ihre Augen? Auch der kleine Schatten unter ihnen ſteht ihr gut; denn ſie iſt ſo unbeſchreiblich weiß und lilienhell, daß das Blaue gut läßt. Ich möchte nur wünſchen— denn etwas muß doch immer zu wünſchen übrig bleiben— ich könnte ihr ein wenig von meiner überflüſſigen Farbe geben. Die Röthe auf ihren Wangen iſt beinahe gar zu fein. Ihr Weſen wünſchte ich beſſer verſtehen zu können. Bisweilen ſeyn, oft Erkünſtelte ter liebt, und da vo des Onkel dieſelben 1 Achtung 1 Kammerrä lich. Ge⸗ Gegen der ſter launif mich ganz belle, die mir Man eilfertig ge Uebereinko Eindrücke Gege ſcherzweiſe Die alten bei ihr ge heit begeg Gegen da Sie hat irgend Je Ehe nen Umſte der gewiß Bei Klas Ma ſichtbar g⸗ den Dam Du Sche ſonders l bequem f Volumens ignen, bril⸗ ſabelle „ mit hmückt pfputz Füße wenn glaube Shawl rne in ill in in da Ich Ach 6 Ge⸗ ch bin n mit einſten inauf, nuß⸗ ihren n, ob nicht ſie ei⸗ dann heiter — wo h der ſie iſt Blaue s muß önnen. 203 Bisweilen ſcheint es die liebenswürdigſte Offenheit zu ſeyn, oft aber iſt, wenn ich mich nicht ganz irre, etwas Erkünſteltes in ihrem leichten Tone. Daß ſie ihre Mut⸗ ter liebt, ſcheint klar zu ſeyn; aber es kommt mir hie und da vor, als ob ſie von den kleinen Schwachheiten des Onkels etwas ermüdet würde. Gewiß iſt, daß ſie dieſelben nicht theilt. Ihrer Tante erweist ſie große Achtung und Zärtlichkeit; aber daß ſie die etwas ſteif Kammerräthin zugleich vollkommen lenkt, iſt handgreif⸗ lich. Gegen Klas Malchus iſt ſie Herz und Seele. Gegen den Kapitän ſtets gnädig, gegen den Stallmei⸗ ſter launiſch, gegen Richard freundſchaſtlich, und gegen nich ganz entzückend gut und freundlich. So iſt Iſa⸗ belle, die ich jetzt ſo ausführlich beſchrieben habe, weil mir Mama im geſtrigen Billete vorwarf, dieß allzu eilfertig gethan zu haben, und weil überdieß unſer altes Uebereinkommen iſt, daß ich der Mama über alle meine Eindrücke ſchreibe. Gegen des Generals iſt„Ihre Hoheit“ wie ich ſie ſcherzweiſe nenne, ein wenig wie wir ſagen, geſpannt. Die alten abgenützten Artigkeiten des Generals gehen bei ihr ganz verloren, und Hedwigs einnehmender Wild⸗ heit begegnet ſie mit einer gewiſſen herablaſſeuden Güte. Gegen das alte Fräulein Gunilla iſt ſie am artigſten. Sie hat mit ihr mehr geſprochen, als ich ſie dieß mit irgend Jemand thun ſah. Ehe ich meine Epiſtel ſchließe, muß ich einen klei⸗ nen Umſtand berichten, der Klas Malchus betrifft, und der gewiß den Onkel heute Nacht kein Auge zuthun läßt. Bei dem allgemeinen Aufbruche zum Souper hatte Klas Malchus, der zwiſchen den beiden Mahlzeiten nicht ſichtbar geweſen war, anſtatt wie die andern Herrn bei den Damen zu bleiben, ſich in eine Ecke verſteckt.„Ach Du Schelm!“ rief der Onkel in einem Tone, der be⸗ ſonders heiter und ſchlau lauten ſollte,„das iſt recht bequem für Dich, ſo unter dem Schutze meines großen Volumens unſern reizenden Gaſt ungeſtört zu betrachten. Aber man darf ſich nicht in dem Grade feſſeln laſſen, daß man die kleinen Aufmerkſamkeiten darüber vergißt. Alles in gehöriger Ordnung: Bieten ſie dem Fraͤulein den Arm, mein Herr.“ Ich kann nicht begreifen, was den Onkel zu der Idee veranlaßte, Klas Malchus für einen tiefen Be⸗ wunderer von Fräulein Hedwig gelten zu laſſen; aber ge⸗ wiß iſt, daß der Beſuch ſo unglücklich ablief, wie er es von ſeinem Herrn Sohn wohl hatte zum Voraus erwarten können. Klas Malchus ſah mit großen ver⸗ wunderten Augen empor.„Wer— ich?t ſagte er. „Ich ſah nicht auf das Fräulein, ſondern auf den hüb⸗ ſchen Burſchen da,“ er ſtreichelte den Hund des Gene⸗ rals. Hat Mama je etwas ſo närriſches gehört? Jetzt that es mir wirklich leid um den armen On⸗ kel, und auch um die kleine artige Hedwig, die ſchreck⸗ lich roth wurde. Aber wiſſen Sie Mama, jetzt war Iſabelle recht lieb! Sie nahm Hedwigs Arm unter den ihrigen und ſagte mit unvergleichlicher Anmuth und Lie⸗ benswürdigkeit:„Unſer zahmer Bär verſteht es noch nicht mit Frauenzimmern umzugehen, aber wir wollen ihn ſchon ziehen. Inzwiſchen laßt uns zuſammenhalten“ Nach Tiſche gab mir der Onkel einen Auftrag, den ich auf die Letzte aufgeſpart habe. Es iſt nämlich be⸗ ſchloſſen worden, dem Papa und der Mamma, den Trut⸗ hahn und Rahmkuchen die glänzendſte Genugthuung zu geben, indem der Onkel morgen Nachmittag nebſt ſeiner und des Generals Familie Tjällſtorp mit höchſt Ihrer Gegenwart beglücken will. Als der Onkel mir die Hauptſache auseinander geſetzt hatte, hieß es in einem vertraulichen Anhang:„Höre, Virginchen, glaubſt Du — Aber das iſt nicht wohl möglich!“ „Was iſt nicht wohl möglich?“ „Daß Deine Eltern— aber ich fürchte, es würde ſie inkommodiren, wenn„..“ „Wenn Onkel?“ „Wenn ſich darum „Wie „Jch d verſehen ſeyt der General meiner Seel Erztrinker, die Witzköpf mein Kind? Ich ve Bouteillen i „Das beerwein un „Wirkli Papa nie ol „Nun, ſammt und Generals,— erwähnen— kommen. D Ich ve nachdem mie ſagt hatte, gegeben habe ſeiner Wege hinzuſchreibe Und jer und küſſe u dazu hat, d P. S. einfiel, daß müſſe. Ich Hedwigs AW eine Ungeree geeſprochen h laſſen, vergißt. räulein zu der n Be⸗ ber ge⸗ wie er Voraus n ver⸗ gte er. n hüb⸗ Gene⸗ n On⸗ ſchreck⸗ t war ter den d Lie⸗ h nicht n ihn 44⁴ 3, den ich be⸗ Trut⸗ ing zu ſeiner Ihrer ir die einem oſt Du würde 205 „Wenn der General ſeine Parthie wünſcht, und es ſich darum handelte zum Souper zu bleiben.“ „Wie ſo, Onkel?“ „Ich dachte nur, ich weiß nicht, ob ihr mit Wein verſehen ſeyd?— Entſchuldige meine gute Abſicht; aber der General trinkt gerne ſein Glas, und der Kapitän, meiner Seele trinkt ſeine Bouteille für ſich allein. Ein Erztrinker, der Kapitän!— aber das ſind gewöhnlich die Witzköpfe! Glaubſt Du, daß Ihr Wein daheim habt, mein Kind?“ Ich verſicherte, daß wir wenigſtens zwei Dutzend Bouteillen im Keller hätten. „Das glaub ich wohl, wenn es nur nicht Stachel⸗ beerwein und ſüßes Bier iſt.“ „Wirklicher Wein, Onkel; ich verſichere Sie, daß der Papa nie ohne welchen iſt.“ „Nun, ſo ſchreibe denn, mein Mädchen, daß wir ſammt und ſonders, wenn es nicht genirt, und auch des Generals,— vergiß ja nicht des Generals beſonders zu erwähnen— auf morgen Nachmittag nach Tjällſtorp kommen. Die Soupers der Schwägerin ſind ſtets delikat.“ Ich verneigte mich im Namen der Mama; und nachdem mich der Onkel auf die Stirne geküßt und ge⸗ ſagt hatte, ich ſey ſehr lieb, weil ich mir ſo viel Mühe gegeben habe, Fräulein Hedwig zu unterhalten, ging er ſeiner Wege und ich ſetzte mich nieder, um alles das hier hinzuſchreiben. Und jetzt gute Nacht, Mamachen! Grüße den Papa und küſſe unſere kleinen Wagenpferde, falls Mama Zeit dazu hat, da— des Generals kommen! Deine Virginie. P. S. Ich wollte mich eben entkleiden, als es mir einſiel, daß ich noch einmal an den Schreibtiſch zurück müſſe. Ich erinnerte mich, daß ich noch kein Wort von Hedwigs Aeußerung geſagt hätte, was auf alle Fälle eine Ungerechtigkeit wäre, da ich ſo viel über Iſabelle geeſprochen hatte. Ich glaube, Mama wird derſelben Mei⸗ nung ſeyn wie ich, daß ſie nämlich ausſieht, als ob ſie noch mit Puppen ſpielte. Sie tanzt mehr als ſie geht, und ihre kleinen netten Füße berühren kaum den Boden, ſie iſt kleiner als ich, aber ihr Wuchs feiner und ſchlanker. Ihre Augen haben eine ſchöne braune Farbe, und das glatt herabgekäammte Haar gibt ihr ein kindliches und gutmüthiges Ausſehen. Es ſieht aus, als ob ſie den Richard auszeichne, wenigſtens ſcheint ſie ſich gerne mit ihm zu unterhalten; aber ich fürchte, Richard hat nicht mehr viel Aufmerkſamkeit für ſie uͤbrig, denn obſchon er ſich keineswegs emſig mit Iſabellen beſchäftigt, ſo nimmt ſie ihn doch gewiß in Anſpruch. Es wird am beſten ſeyn, zwei Spieltiſche parat zu halten, zumal weder Tante Katharine Sophie noch Fräulein Gunilla heute Abend ihre Parthie machten, während es doch beiden Bedürfniß und Unterhaltung iſt. Liebes Mamachen, bereite jeden⸗ falls etwas recht gutes, damit ſich das Herz des Onkels erfreuen kann! Bedenke, wie entzückt er würde, wenn Mama mit ihren feinen Gelées daher käme! Die hieſige Hausmamſell kann kein recht gutes Gelée machen; ich habe ihr verſprochen, ein vollſtändiges Rezept von Mama zu verſchaffen. Nein, jetzt gute Nacht, das wünſcht 4 Deine Virginie. Es würde mir außerordentlich angenehm ſeyn, wenn Mama ſo gut ſeyn wollte und durch die Kammergrete mein graues Zitzkleid waſchen und bügeln ließe, damit ich es dann mit mir zurücknehmen könnte, denn ich habe hier nur meinen Rock und das ſchwarze Tibetkleid, das wohl nicht gut dabei fahren wird, wenn ich es jeden Tag benütze. Sie könnte auch zugleich meinen Schuepp⸗ kragen und den kleinen Kragen und einige Chemiſſetten waſchen und bügeln. Ueber den Ballputz können wir morgen ein näheres ſprechen. Gott laſſe nur mein weißes Florkleid nicht zu kurz geworden ſeyn!“ „So, heute iſt der ganze Haufen in Tjällſtorp?“ ſagte die Mutter Chriſtine, als Guſtav, der auf Beſuch heimgekommen war, die unterbrochene Mittagsreiſe ſowohl 3 als die mitgethe Vergnug Haſt Di nerhaus „3 davon j daß ſie ſchöne 2 wolle.“ ſtehen m dienter. es wahr „E. ber,“ e geſcheher dienung die gnäd ich die 2 hängen „ anders war imr den, da Aber ich oder nich Vater ſo und wen einem d walter an bei d „Jo Seitdem er mich ſie noch eht, und oden, ſie ſchlanker. und das ches und ſie, den erne mit hat nicht bſchon er ſo nimmt ſten ſeyn, er Tante te Abend Bedürfniß ite jeden⸗ s Onkels de, wenn dee hieſige chen; ich n Mama ſcht e. yn, wenn nmergrete e, damit ich habe leid, das es jeden Schnepp⸗ hemiſſetten nnen wir in weißes ällſtorp?“ uf Beſuch iſe ſowohl 207 als die Ankunft des Generals und noch vieles Anderes mitgetheilt hatte.„Ja, ja, die Vornehmen machen ſich Vergnügen, und ſie haben auch ſonſt nichts zu thun! Haſt Du gehört, ob Fräulein Iſabelle noch an das Meß⸗ nerhaus denkt?“ „Ja wohl thut ſie das! Ich habe nur noch nicht davon ſprechen können. Vorgeſtern ſagte ſie zu mir, daß ſie ſich recht ſehne die Mutter Meßnerin und die ſchöne Marie zu ſehen, und daß ſie bald hieher kommen wolle.“ „Nein, was Du ſagſt!— ſagte ſie das wirklich? Sie ſagen, ſie ſey entſetzlich vornehm geworden und ſo ſtolz, daß der Stallmeiſter hinter ihren Stuhl habe ſtehen müſſen, um ihr aufzuwarten wie ein rechter Be⸗ dienter. Das geſchah dem Tanzmeiſter ganz recht, wenn es wahr iſt.“ „Es war nur am erſten Mittag des Spaßes hal⸗ ber,“ erklärte ihr Guſtav;„nachher iſt es nicht mehr geſchehen. Stensſon ſprach davon, daß ſie mich zur Be⸗ dienung verlangt habe, aber da habe der Oberſt gemeint, die gnädige Frau werde mich nicht laſſen wollen, weil ich die Blumen begießen und die Naſe über die Bücher hängen müſſe, die mir gewiß von Nutzen ſeyn würden.“ „Ei, ſieh Einer den Narren!— Du ſollteſt nichts anders thun, als Blumen begießen! Aber der Oberſt war immer ein ſchlimmer Menſch; er kann es nicht lei⸗ den, daß die gnädige Frau etwas aus Dir machen will. Aber ich frage den Henker darnach, ob es ihm recht iſt oder nicht, denn Baron Klas wird doch einmal, wie der Vater ſagt, auf ſeinem eigenen Gute ein Wort mitſprechen; und wenn Du ſo alt wirſt und Verſtand genug haſt, um einem derartigen Amte vorzuſtehen, ſo wirſt Du Ver⸗ walter— darauf wette ich! Du legſt doch ſchon Hand an bei dem Geſchäft?“ „Ja freilich thu' ich das, und das beinahe überall! Seitdem die gnädige Frau zu dem Verwalter ſagte, daß er mich verwenden ſolle, hat er mich ſo warm gehalten, daß ich kaum Zeit hatte, um ihre Blumen zu begießen, geſchweige denn die Naſe über die Bücher zu hängen.“ „Nun, das iſt ſchön, mein Junge, das gefällt mir! Stell' Dich nur wohl an, und wenn Dir die Arbeit noch ſo ſchwer vorkömmt, ſo gib nicht nach, ſondern denke nur an das Ende, wenn Du Herr Verwalter wirſt! Gott ſey Dank, mit unſeres Herren Hülfe werde ich Freude an Dir erleben! Aber wiſſe, mein lieber Guſtavus, um jetzt von etwas Anderem zu ſprechen, ich muß Dir im Ver⸗ trauen ſagen, daß ich dem Stallmeiſter recht gram bin. Er läuft früh und ſpät hieher und macht Deiner Schweſter Dummheiten vor. Und man kann ihn doch auch nicht fortweiſen. Ich fürchte zwar nichts für Marie, denn ſie hat Gott ſey Dank! ſo gut Verſtand als eine, und läßt ſich nicht von einem ſolchen Spiegelfechter be⸗ thören; aber es macht mir Schmerz wegen des Einfluſſes, den er über den Vater erhalten hat, und ich glaube, es iſt nicht viel Gutes an all' dem Geſchwätz, womit er den Alten beſtürmt, daß er Marie nach Stockholm ſchicken ſolle, um eine Opernſängerin, und Gott weiß was aus ihr zu machen. Du weißt, daß der Vater lange ſelbſt aus demſelben Ton gepfiffen hat; jetzt kommt es ihm gar nicht mehr aus dem Kopf: Er trägt ſich immer⸗ während mit der Sache herum, obſchon ich thue, als merk' ich es nicht.“ „Marie ſoll nicht von hier fort,“ erwiederte Guſtav mit ziemlich viel Entſchloſſenheit für ſeine füufzehn Jahre. „Zu was ſollte es gut ſeyn, wenn ſie auf dieſe Art im Lande herumreiste und um ihr Brod ſänge, da ſie es zu Hauſe ohne ſo viel Ungemach haben kann? Und die Ehre! dafür bedank' ich mich! Der Vater hat ſo viele Dinge in ſeinem Kopf, die ich nicht verſtehe; aber hiebei hat die Mutter eben ſo gut mitzuſprechen als er. Und ſollte aus dem Spiele Ernſt werden, ſo ſpreche ich mit Baron Klas, Mutter— ich glaube nicht, daß er Ma⸗ rien fortreiſen läßt.“ „Meinſt Du, daß er ſich ihrer annimmt? Er be⸗ 3 kümmert Tag für Morgen, nes Vate Adieu!“ „Da nicht viel. Leute als die Marie „Wo Augen d und Vern Junge?“ „Ja vielleicht wohl, daß die Herrſ betrifft, u davon ſas „Sy öffnen.“ „Nu kleine Ko getreten kleine Ge und wo ter Arml Schlafzin Oberſten geſagt h⸗ eben dav Meßnerh Schlüſſel trachtete, nicht ger ging in Das Fi begießen, ängen.“ fällt mir! rbeit noch denke nur irſt! Gott ch Freude avus, um r im Ver⸗ icht gram cht Deiner ihn doch für Marie, als eine, fechter be⸗ Einfluſſes, glaube, es mit er den lm ſchicken 3 was aus ange ſelbſt uit es ihm ich immer⸗ thue, als Guſtav mit ihn Jahre. leſe Art im da ſie es 2 Und die at ſo viele aber hiebei s er. Und che ich mit aß er Ma⸗ it? Er be⸗ kümmert ſich ja beinahe um nichts, denn er geht hier Tag für Tag aus und ein, und iſt gerade wie„guten Morgen, Holzblock!“ Da ſitzt er wie ein Klotz in Dei⸗ nes Vaters Lehnſtuhl, und ſagt kaum guten Tag oder Adieu!“ „Das iſt ſo ſeine Art; er ſpricht auch zu Hauſe nicht viel. Aber wohl hab' ich es gehört, daß klügere Leute als die Mutter und ich glauben, der Baron ſehe die Marie gern.“ „Was in Jeſu Namen, meinſt Du Guſtav?“ Die Augen der Mutter Chriſtine ſtrahlten von Erwartung und Verwunderung.„Sprich, was haſt Du gehört, mein Junge?“ „Ja wenn die Mutter zu ſchweigen verſpricht! Es iſt vielleicht nicht Recht, wenn ich es ſage, denn ich weiß wohl, daß ein Diener das nicht ausſchwatzen ſoll, was die Herrſchaſten untereinander ſprechen; aber da dieß Marie betrifft, und die Mutter vor keiner Chriſtenſeele ein Wort davon ſagt, ſo mag es darum ſeyn.“ „Sprich, ſprich nur; ich ſchwöre, den Mund nicht zu öffnen.“ „Nun, vorgeſtern Abend gerade, als ich in das kleine Kabinet vor dem Schlafzimmer der Baronin ein⸗ getreten war, wo ich in freien Stunden verſchiedene kleine Geſchäfte für die gnädige Frau zu verrichten pflege, und wo ich nun einen großen Korb voll alter vergolde⸗ ter Armleuchter poliren ſollte, hörte ich, daß man im Schlafzimmer ſprach. Ich erkannte die Stimmen des Oberſten und des Fräuleins. Was ſie einander vorher geſagt hatten, weiß ich nicht; aber der Oberſt ſprach eben davon, daß er dem Baron Klas bis hieher an das Meßnerhaus nachgeſchlichen ſey und dann durch das Schlüſſelloch geſehen habe, wie der Baron Marie be⸗ trachtete, als ob es die heilige Marie wäre. Ich kann nicht gerade ſagen, wie ſeine Worte lauteten, denn es ging in die Quere und im Zickzack, aber ſo viel verſtand Das Fideicommiß. I. 14 210 ich doch, daß der Oberſt glaubte, es könnte ſogar ge⸗ ſchehen, daß der Baron einmal Marien heirathen wollte. Aber dann wollte ihn der Oberſt nie mehr vor den Augen ſehen, und das letzte, was er ſagte, war, der Baron wiſſe ſelbſt nicht, daß er in Marie verliebt ſey, und man müſſe deßhalb ſehen, daß man ihn verheirathe, ehe ihm die Au⸗ gen geöffnet werden, denn dann würde gewiß Niemand mehr etwas über ihn vermögen.“ „Nein, du großer Gott! iſt das möglich, der Oberſt konnte ſo etwas glauben!“ rief Mutter Chriſtine, aber ſie war zu klug, um Guſtav— dieſes Kind, wie ſie meinte— zu ihrem weiteren Vertrauten zu machen.„Er hat einen unnöthigen Kummer, der Oberſt! Das weiß ich gewiß. Der Baron ſollte Marien heirathen— da ſind wir weit davon!“ „Und das iſt recht gut, Mutter, denn bedenke nur, was für Hiſtorien, Haß und Feindſchaft daraus entſtehen würden! Wenn ich mich nicht ſo feſt darauf verließe, daß die Mutter ſchweigt, ſo möchte ich wirklich bereuen, es geſagt zu haben. Bedenke nur, wenn etwas Schlimmes entſtünde— und die Baronin, die mich ſo oftmals er⸗ mahnt hat, nie etwas zu erzählen, was ich von der Herr⸗ ſchaft höre! Es iſt mir gerade, als ob ich etwas Sünd⸗ liches gethan hätte. Aber die Mutter verſpricht mir doch ganz ſtille zu ſeyn?“ „O Du einfältiges Kind! wie kannſt Du denn Dir einbilden, daß in dem, was Du mit Deiner eigenen Mutter ſprichſt, etwas Sündliches liegen könne— und Du wirſt wohl wiſſen, daß ich Verſtand genug habe, um es zu bewahren. Ueberdieß muß ich Dir ſagen, mein Kind, daß an des Oberſten Geſchwätz kein wahres Wort iſt. Baron Klas iſt in Marie ſo wenig verliebt, als er es in mich iſt.“ „Glaubt das die Mutter? Gott gebe, daß es ſo wäre! Aber ich ſchäme mich recht, wenn ich morgen der gnädigen Frau in's Geſicht ſehen ſoll.“ „Du Narr! haſt Du denn nie etwas ausgeplaudert, was die auch nich kommen wem ſie „2 eine zu t einen zw / damit he und ſage „N immer ſ wenn ich daß ich aus mi durch D bereitet.“ „N bin Got Leute C locken Und jetz ſondern Erzähle fuhr.“ „2 fuhr, ſo Kapitän der Ste Frau 2 und rü⸗ das Fre gen und das alt fuhr ſie ſitzigen e ſogar ge⸗ athen wollte. r den Augen Baron wiſee dman müſſe ihm die Au⸗ iß Niemand der Oberſt riſtine, aber nd, wie ſie nachen.„Er Das weiß then— da bedenke nur, aus entſtehen verließe, daß bereuen, es 3 Schlimmes oftmals er⸗ on der Herr⸗ twas Sünd⸗ icht mir doch du denn Dir iner eigenen mne— und ug habe, um ſagen, mein vahres Wort liebt, als er daß es ſo morgen der usgeplaudert, was die Herrſchaft betrifft; und das hätteſt Du gewiß auch nicht geſagt, wenn wir nicht auf Marie zu reden ge⸗ kommen wären. Aber kannſt Du mir nicht ſagen, mit wem ſie den Baron verheirathen wollen?“ „Nein, das hörte ich nicht,“ ſagte Guſtav, der ſchon eine zu tiefe Reue über ſeinen erſten Fehler fühlte, um einen zweiten begehen zu können. „Du höͤrteſt es wohl, Du Schelm, obwohl Du nicht damit herauswillſt! Kannſt Du mir in's Geſicht ſehen und ſagen, daß Du's nicht weißt?“ „Nein, Mutter, das kann ich nicht, denn es iſt mir immer ſchwer geworden, Jemand in's Geſicht zu ſehen, wenn ich nicht die Wahrheit ſpreche. Ich will alſo ſagen, daß ich es ebenfalls hörte; aber die Mutter ſoll es nicht aus mir herausbringen, weder durch Lockungen noch durch Drohungen. Ich habe mir ſchon Schmerz genug bereitet.“ „Nun, ſo behalte es für Dich, mein Junge! Ich bin Gott ſey Dank! eine zu brave Mutter, um anderer Leute Geheimniſſe aus meinem eigenen Kinde herauszu⸗ locken— Du ſollteſt beſſer von mir denken, Guſtavus! Und jetzt wollen wir nie mehr ein Wort davon ſprechen, ſondern es ſoll ſeyn, als ob es nie geſagt worden wäre. Erzähle mir jetzt, wie die Herrſchaft nach Tjällſtorp fuhr.“ —„Nun, in der Kutſche des Generals, die voraus⸗ fuhr, ſaß der General und der Oberſt im Fond und der Kapitän und Lieutenant Richard rückwärts. Dann kam der Staatswagen der Herrſchaft und in dieſem fuhr die Frau Baronin und die gnädige Frau von Stockholm; und rückwärts ſaß das kleine Fräulein des Generals und das Fräulein von Tjällſtorp. Dann kam der Jagdwa⸗ gen und in dieſem fuhr Niemand mehr als Iſabelle und das alte Fräulein des Generals, und der Stallmeiſter fuhr ſie. Ganz zuletzt kam Baron Klas in einer ein⸗ ſitzigen Chaiſe.“¹ 14* 212 „Ei, er fuhr allein! Ja, es iſt immer mit ihm, als ob er leuteſcheu wäre! Aber das iſt recht ſpaßhaft, daß der Lieutenant mit dem alten Herrn im erſten Wagen fuhr. Nahm er denn nicht die Gelegenheit wahr, um in Fräulein Iſabellens Wagen fahren zu dürfen?“ „Ich glaube wohl, daß er es gerne gethan hätte, aber der Stallmeiſter hatte ſchon längſt vorher darum gebeten; das hörte ich das Fräulein ſagen, als ſie und der Lieutenant geſtern Morgen im Hofe ſpazieren gingen. „Bat er ſie denn, daß er ſie führen dürfe?“ „Er mußte es wohl eben gethan haben, als ich vor⸗ bei ſchnurrte, da ich von der Brennerei kam, denn ſie ſagte ſo:„Nein, lieber Richard, ich habe dem Stall⸗ meiſter ſchon längſt verſprochen, daß er heute unſer Kutſcher ſeyn dürfe; aber das nächſte Mal, wenn es Dir gefällt...“ „Ach ja,“ verſetzte der Lieutenant und lachte,„ein Vetter muß ſich ämmer gefallen laſſen, mit dem nächſten Mal vorlieb zu nehmen. Er iſt eine gar zu beneidens⸗ werthe Perſon!“ Während dieſes Geſpräch zwiſchen Mutter und Sohn ſtattfand, war zu derſelben Zeit in der Kirche, wo der Kapellmeiſter die Orgel für nächſten Sonntag ſtimmen woollte, ein anderes zwiſchen Bater und Tochter im Gange. „Verſuche es jetzt, mein Kind!“ ſagte Alfing,„ich glaube, es ſoll ſich machen. Du kannſt mir das Hoſianna ſingen.“ Das war Mariens höchſter Genuß und ſie ſang mit tiefem und vollem Gefühle, während der Vater den Takt dazu nickte. „Ich ſage Dir, Marie!“ rief der Kapellmeiſter mit dem gemeinſchaftlichen Entzücken des Vaters und Ken⸗ ners,„Deine Stimme iſt zu ſchön, um hier auf dem Lande verderben zu dürfen, ſie muß von Jemand anders als mir gehört und bewundert werden. Und Du darfſt nicht länger gegen Dein eigenes Beſtes eigenſinnig ſeyn, Kind! Du kannſt als Geſangſchülerin an das Theater in Stockh Verſicher! Du Erfo „Wo in den K. flammte „Mi einem ger Einfalt. ren! Du lange vor dann weif und ein wie Du hätte, ſo bleibeſt. dienen, do dort oben hinkommer mir nicht „Ich beſtimmt, nicht viel Vater,“ ſe hinzu,„w heimzukom für eine 8 Haus und eine zu ſu während d Ferne und läge in eir hof hinaus „So, leuten gle ſie nicht ve die wirklie nit ihm, als ßhaft, daß ſten Wagen ahr, um in 21 than hätte, her darum als ſie und ren gingen. 22 ls ich vor⸗ „denn ſie dem Stall⸗ heute unſer enn es Dir achte,„ein im nächſten beneidens⸗ und Sohn 2, wo der g ſtimmen im Gange. lſing,„ich Hoſianna e ſang mit den Takt neiſter mit und Ken⸗ auf dem und anders Du darfſt anig ſeyn, 3 Theater in Stockholm kommen, und glaubſt Du denn nicht der Verſicherung Deines Vaters und des Stallmeiſters, daß Du Erfolg, ja großen Erfolg haben wirſt?“ „Was fällt dem Stallmeiſter ein, dem Vater ſo etwas in den Kopf zu ſetzen?“ fragte Marie und ihre Wange flammte von der Farbe des Aergers. „Mir in den Kopf ſetzen!“ wiederholte Alſing mit einem gewiſſen mitleidigen Lächeln über Mariens große Einfalt.„Ich laſſe mich nicht an der Naſe herum füh⸗ ren! Du wirſt Dich wohl erinnern, daß ich den Plan lange vorher hatte, ehe wir den Stallmeiſter ſahen; und dann weiß ich auch nicht, woher Du einen ſolchen Haß und ein ſolches Mißtrauen gegen ihn haſt? Wenn er, wie Du Dir wohl einbilden magſt, eine ſchlechte Abſicht hätte, ſo würde er es wohl gerner ſehen, wenn Du hier bleibeſt. Aber jetzt will er uns im Gegentheile dadurch dienen, daß er an einen guten Freund ſchreibt, den er dort oben hat, und der uns nützlich ſeyn kann, wenn wir hinkommen; und hin müſſen wir, mein Kind: Du kommſt mir nicht ſo leichten Kaufs davon.“ „Ich werde nie gutwillig gehen,“ erwiederte Marie beſtimmt,„und wenn man mich zwingt, ſo wird wohl nicht viel aus dem Geſange werden! Und bedenke auch, Vater,“ ſetzte ſie mit einem weichen und ängſtlichen Tone hinzu,„wie lange Du brauchen wirſt, um wieder allein heimzukommen! Dann ſagt der Vater: was hab' ich jetzt für eine Freude davon, daß ich meine arme Marie zwang, Haus und Heimath zu verlaſſen, und ſich unter Fremden eine zu ſuchen, wo ſie vielleicht doch keine findet? Und während der Vater denn ſo denkt, ſitze ich wohl in der Ferne und weine, und wünſche von ganzem Herzen, ich läge in einem ſolchen...“ Marie zeigte auf den Kirch⸗ hof hinaus nach einem friſch aufgeworfenen Grab. „So, da haben wir es! Das ſieht jetzt den Weibs⸗ leuten gleich, daß ſie meinen, alles ſey unſinnig, was ſie nicht verſtehen,“ ſagte der Kapellmeiſter, ohne jedoch die wirkliche Rührung beherrſchen zu können, welche 214 Mariens Schilderung hervorgerufen hatte.„Du wirſt doch einſehen, mein Mädchen, daß ich den größten Ver⸗ luſt darunter leiden würde; aber das ertrage ich, um Dich einmal in der Zeitung leſen zu dürfen. Ja, ja! dann iſt aus Kapellmeiſters Marie ein anderes Ding geworden! Und um ſo viel Freude willſt Du mich durch Deine Kin⸗ derei bringen!“ „Ich will dem Vater ſeine Freude nicht verderben,“ ſagte Marie betrübt;„aber ſie iſt nur eitel, und ich weiß ſo gewiß, als ich lebe, daß der Stallmeiſter eine ſchlechte Abſicht hat! Glaubt denn der Vater, daß er den Weg nach Stockholm nicht finden wird? Und wenn er jetzt, da ich doch bei Vater und Mutter zu Hauſe bin, ſich nicht ſcheut, ſo unbeſcheiden zu ſeyn, daß er ſich deſſen ſchämen ſollte, was würde erſt dann daraus werden, wenn ich ganz ohne Schutz wäre?“ Der Kapellmeiſter wurde nachdenklich. Seine eigene Vernunft machte ihm manchen Einwurf, der mit Mariens Befürchtung vollkommen übereinſtimmte! aber theils war die Verſuchung zu mächtig, theils war er Mariens Tu⸗ gend und Gottesfurcht ſo ſicher, daß er ſie deßhalb überall laſſen zu können meinte. Der Kapellmeiſter beſaß jedoch zu viel Welterfahrung, um nicht zu wiſſen, daß unvor⸗ hergeſehene Fälle eintreten können. Wenn zum Beiſpiel Mariens Herz mit in's Spiel käme? Dann... es iſt wahr... davor konnte der Alte die Augen nicht verſchließen; aber dann ſuchte er den Troſt hervor, das Unglück könne in der Heimath ebenſo gut kommen, wie in der Fremde, wenn uns die Hand des Herrn nicht ſchütze. Genug, Alſings Herz blutete bei dem Gedanken, den glänzenden Hoffnungen entſagen zu müſſen, womit er ſich ſchon vertraut gemacht hatte. In⸗ zwiſchen ſah er ein, daß es fruchtlos ſein würde, den Ge⸗ genſtand dießmal weiter auszuführen. Es begann jetzt in der Kirche zu dunkeln; und nach⸗ dem ſich der Kapellmeiſter mit einigen gewaltigen Aecorden überzeugt um ſich ſchämen z hören wol verließen Ein rie ſtehen zu ergötze herabgekoꝛ Marie ſt eines ihre gar zu haben mü ward es ihr ſündl „Un begann ihrer Se nicht gen den alten und es w Laſt, die zu dürfen ſehr, ſeh Tauben daheim l von fren Tauben wenn jetz hand Kü⸗ nähme m über ihre ihnen, 1 wären ſie Vater ni wünſchte „Du wirſt rößten Ver⸗ ch, um Dich ja! dann g geworden! Deine Kin⸗ verderben,“ l, und ich meiſter eine daß er den nd wenn er Hauſe bin, er ſich deſſen herden, wenn Seine eigene mit Mariens theils war Nariens Tu⸗ zhalb überall beſaß jedoch daß unvor⸗ in's Spiel ekonnte der ſuchte er den imath ebenſo die Hand des blutete bei entſagen zu hatte. In⸗ irde, den Ge⸗ n; und nach⸗ igen Accorden 215 überzeugt hatte, daß die Orgel ⸗ſoweit in Ordnung ſey, um ſich am Sonntage nicht einmal vor dem General ſchämen zu müſſen, wenn ſie ein ſo großer Mann anders hören wollte, gab er der Tochter einen Wink und Beide verließen ſchweigend den Tempel. Ein paar Schritte vor der Sakriſteithüre blieb Ma⸗ rie ſtehen, um ſich an der kleinen Schaar wilder Tauben zu ergötzen, die von ihrer Wohnung auf dem Kirchendach herabgekommen waren, um das Korn aufzupicken, das Marie ſtets für ihre Günſtlinge mitbrachte. Es war eines ihrer Lieblingsvergnügen, ſie ſo zu traktiren; und gar zu gerne hätte ſie ein Paar von ihnen zu Hauſe haben mögen, aber ſobald dieſes Gelüſte in ihr entſtand, ward es ſtets wieder von dem Mitleiden beſiegt, da es ihr ſündlich vorkam, ſie von einander zu trennen. „Und euch müßte ich auch verlaſſen!“ dachte ſie und begann den Reſt des Kornes auszuſtreuen, das ſie in ihrer Schurztaſche hatte. In der Kirche hatte Marie nicht geweint; aber jetzt allein mit ihren lieben Tauben, den alten Vertrauten, floßen die Thränen unaufhaltſam, und es war ihr unausſprechlich ſüß und erleichternd, die Laſt, die ſich auf ihr Herz gelegt hatte, ſo ausathmen zu dürfen.„Ich würde,“ agte ſie bei ſich ſelbſt,„ſo ſehr, ſehr trauern, wenn ich eine einzige von meinen Tauben verlöre— und der Vater, der nur noch mich daheim hat, kann mich fortlaſſen wollen, nur um mich von fremden Leuten rühmen zu hören— die weißen Tauben find die ſchönſten, ich liebe ſie am meiſten; aber wenn jetzt Jemand käme, der Vögel zähmt und ſie aller⸗ hand Künſte lehrt, um ſie dann für Geld zu zeigen, und nähme mir meine lieben Tauben, ſo könnte es mich nicht über ihren Verluſt tröſten, wenn ich wahre Wunder von ihnen, und ihren Ruhm und ihr Lob hörte. Für mich wären ſie fort— das wäre Alles! Aber ſo denkt der BVater nicht!“ Und heißer ſielen Mariens Thränen. Sie wünſchte ſich eine der weißen Tauben zu ſeyn; ſie liebten einander ſo ſehr, mochten ſie nun i ſeyn oder ſich auf mals geſehen, wie denn ſie waren will, ſeufzte e mag ſo wenig, wenn — aber vielleicht”... s in Mariens Herz t ernſtlich will daß eine warme nußte, und darin wirklich, während purpurroth. Aber verirrt? Glaubte eund beſäße, der as ſie alles dachte, gewiß, denn ſie bemerkte der andern heimflog und ſie einen Freund beſaß, m Hülfe zu wenden. t zufälligerweiſe davon hörte nicht ſo zahlreich, wenn es nicht thut, dann kom⸗ — aber die Zufälle k man auf ſie wartet; wenn man men ſie oft wie Kirchhof nach der Heimathhütte, wo Y als ſie die ſchö dutter Chriſtine, dieſe mit einem Blicke geſehen hätte, ſicher⸗ Meßnerin hatte mmen, Gedanken, agte; aber ſie baute auf s gewiß nur erlaubt ſeyn ihre Vorſorge die Augen och eine wichtige Sache, diente. Auch wollte ſie erke gehen, ſich nie in etwas denft und Gott lenkt; ab begriffen haben w wunderliche Gedanken in den die ſie Niemand ſich ſelbſt und könnte, wenn de geöffnet würden. die eine nähere B fein und wohlbedacht legen, denn der Menſch anzuvertrauen w glaubte, daß e m Baron durch Dieß war jed klein w und dar wohl v D in Tjä denn ſo in ſein⸗ ſehr ge an der N den die Sitte Schimt einzigen währte lichſten D den, 1 bedeute Vergni hörte als hö⸗ auf all ihre ge kaum i U Wie fr ſtrahlte ihre ei mit T Hand bekäme eine ei einander; irchendache tte ja oft⸗ ielten recht wohl utter ver⸗ iſtlich will ne warme und darin während oth. Aber Glaubte ſäße, der es dachte, bemerkte g und ſie ſeſaß, ſo h in die⸗ ein, das don hörte ), wenn unn kom⸗ iber den Chriſtine, m Blicke , ſicher⸗ in hatte eedanken, nute auf ubt ſeyn Augen Sache, ollte ſie 1 etwas ber ein 217 klein wenig hinunterblaſen, das konnte nichts ſchaden— und das würde unſer Herrgott, der guten Sache halber, wohl verzeihen. Vierzehntes Kapitel. Die glänzende Geſellſchaft von Tyringsholm wurde in Tjällſtorp zwar nicht von Livreebedienten empfangen, denn ſolche Pracht gab es dort nicht— aber der Major in ſeinem neuen Uniformsrock und die Majorin in einem ſehr geſchmackvollen Hauskleid bewillkommten ihre Gäſte an der Thüre. Nachdem man im Vorzimmer abgelegt hatte, wur⸗ den die Fremden in den Saal geführt, wo nach ländlicher Sitte ein Kaminfeuer ſie mit ſeinem luſtig flammenden Schimmer erfreute. Die Thüre zum Wohnzimmer, dem einzigen Prunkgemache in Tjällſtorp, ſtand offen und ge⸗ währte eine freie Ausſicht auf den lockendſten und zier⸗ lichſten Kaffeetiſch. Der General beliebte, Alles ſehr angenehm zu fin⸗ den, und die Kammerräthin war entzückt, Tjällſtorp ſo bedeutend verbeſſert zu ſehen, ſeit ſie das letztemal das Vergnügen gehabt hatte, hier zu ſeyn. Die Majorin hörte nicht viel auf dieſe Artigkeiten; denn obſchon ſie als höfliche und zugängliche Wirthin ihre Aufmerkſamkeit auf alle ihre Gäſte verbreitete, war doch ihr Auge und ihre ganze Seele ſo ſehr von Iſabellen gefeſſelt, daß ſie kaum irgend etwas von ihr zu trennen vermochte. Und Iſabelle, wie anziehend war ſie nicht heute! Wie freundlich, wie ſüß, wie lieb und heiter! Ihr Blick ſtrahlte vor Freude. Es war, als ob ſie erſt jetzt in ihre eigentliche Heimath gekommen wäre; ſie wetteiferte mit Virginien, ihrer Tante beim Theeſerviren an die Hand zu gehen und nachzuſehen, ob Alle ihren Antheil bekämen. Sie war lebhaft und voll Spaß; und als ſie eine einſame Minute mit der Majorin bekam, verſicherte ſie dieſe, daß Richard vollkommen Recht habe, wenn er behaupte, ſchon die Luft in Tjällſtorp bringe ein Wohl⸗ behagen und einen Frieden mit ſich, nach dem man an⸗ derswo erſt ſuchen müſſe.„Ich für meine Perſon,“ ſetzte ſie herzlich hinzu,„theile dieſe Anſicht. Ich meine kaum noch derſelbe Menſch zu ſeyn.“ „Du liebe, liebe Kleine!“ flüſterte Tante Ebba,„ich glaubte, Virginie habe in ihrer Schilderung eine wenig übertrieben, aber ſie iſt eine geſchickte kleine Portrait⸗ malerin.“ Richard kam dazu; aber die Majorin mußte gehen, um auf dem Sopha neben der Kammerräthin und Fräu⸗ lein Gunilla Platz zu nehmen, welch' Letzterer ſie in's⸗ beſondere einige herzliche Worte ſagen wollte. Virginie und Fräulein Hedwig ſaßen auf Taboureten an einem Fenſter und wurden von dem Stallmeiſter unterhalten; die Herren ſchwatzten draußen im Saale, und Alles war ſchon ſo vortrefflich in Ordnung, daß nur Klas Malchus bemerkte, wie die Baronin ſich hinausſchlich. Ihre Bläſſe und ihr niedergeſchlagenes Ausſehen bewogen ihn, ihr nachzugehen. „Was für eine ſchöne Farbe Du durch den Ausflug bekommen haſt, beſte Iſabelle. Wir ſehen jetzt, daß ein wenig Bewegung Dir beſonders nützlich iſt.“ „Vielleicht iſt es weniger der Ausflug, als die frohe zufriedene Gedeihlichkeit, die ich hier entdecke. Ja wiſſe nur, mein lieber Richard“— ſie ſetzten ſich in einen kleinen Eckſopha, von dem der Lieutenant eilig verſchiedene Halstücher und Beutel hinwegräumte— ich fürchte, an Deiner Stelle hätte ich mich nicht auf dem ſchwerfälligen Tyringsholm einquartiert.“ Richard erröthete leicht.„Glaubſt Du, Jſabelle,“ erwiederte er in leiſem vertraulichem Tone,„daß ich den Verluſt meiner guten lieben Heimath nicht lebhaft em⸗ pfinde? Ja gewiß! Aber“— er ſenkte die Stimme bis zum Flüſtern—„wenn man arm iſt, muß man einem Geſetze folgen, das Nothwendigkeit heißt; und da mir der macht 6 Annahn konnte nicht zu 7/ „3 wird, glaube Mann, ehrenha Anſicht eigenen fühl, nennen wenn er Wohl⸗ nan an⸗ “ ſetzte ne kaum ba,„ich e wenig vortrait⸗ gehen, Fräu⸗ ie in's⸗ Virginie einem thalten; les war Nalchus Bläſſe n, ihr Ausflug daß ein e frohe a wiſſe n einen hiedene te, an älligen belle,“ ich den ft em⸗ Stimme z man nd da 219 r der Onkel einen Platz in Tyringsholm anbot, ſo macht es mir eine Freude zu denken, daß ich durch die Annahme deſſelben eine doppelte Pflicht erfüllte; denn ſo kounte ich nützlich ſeyn, und dürfte meinen Geliebten nicht zur Laſt fallen.“ „Und Dein Stolz, Richard 276 „Ich hoffe, ſagen zu können, daß er nie ſchlafen wird, wenn er wach ſeyn muß; aber hiebei wäre er, glaube ich, ziemlich überflüſſig geweſen. Ein junger Mann, der der Thätigkeit bedarf und dem ſich auf eine ehrenhafte Art eine ſolche darbietet, müßte ſich, meiner Anſicht nach, in den Augen anderer lächerlich, in ſeinen eigenen verächtlich machen, wenn er ſich durch ein Ge⸗ fühl, das ich nicht Stolz, ſondern kleinlichen Hochmuth nennen will, davon abhalten ließe.“ „Du haſt mich vollkommen befriedigt, mein beſter Richard,“ ſprach Iſabelle mit einem Blick, worin ſich Achtung und Wohlwollen abſpiegelten,„und wir müſſen uns gemeinſchaftlich bemühen, Tyringsholm heiterer zu machen, als es mir bisher erſchien.“ „Du haſt dort noch nicht recht Wurzel gefaßt,„ſagte Richard;„aber wenn Du es gethan haſt, ſo wirſt Du ohne Zweifel finden, daß auch Tyringsholm eine ſchöne Heimath iſt.“ „Nur ſchade, daß der Winter nicht die Jahreszeit iſt, wo die Pflanzen Wurzel faſſen.“ „Ich bitte um Verzeihung: Wir haben erſt Herbſt und ehe noch der Winter kommt, hoffe ich, wirſt Du das Geſetz anerkennen, das die ganze Natur predigt, daß nämlich der Herbſt die wahre Umwanderungszeit iſt.“ „Und der Winter die lange Betäubung welche auf die Wanderung folgt.“ „Betäubung iſt nicht der rechte Ausdruck, es iſt Ruhe; und während der Ruhe keimt ein neues friſches Leben auf und entwickelt ſich allmählig aus der Schaale. Laß uns wenigſtens hoffen, liebe Iſabelle, daß der Win⸗ ter dieß Jahr in Tyringsholm nicht ſo ſtreng werden mi wird, um den zarten Keim der Gemüthlichkeit zu erſticken! Ich freue mich ſchon bei dem Gedanken, das meinige mi beizutragen, damit er recht üppig um Dich empor chieße.“— Iſabelle lächelte über die frohe Hoffnung ihres Vet⸗ ters, und dieſes Lächeln that ihm wohl, denn es ſchien ſo herzlich und ungeſucht. Wir wollen jetzt den Blick nach dem Fenſter werfen. Virginie hatte auf einen Wink ihrer Mutter das Zimmer verlaſſen; aber das junge Fräulein Hedwig von D— ſaß noch da. Ihre kleine Füße ſpielten gegen die Kante des Fenſtertritts, als ob ſie ſich ſchon auf den herannahenden Ball einübten, und ihre kieine hübſche Figur, beſonders der Kopf lehnte ſich zur Seite, um die Worte des Stallmeiſters beſſer auffaſſen zu können. Man plauderte hier rings herum. „Scharmant, ich geb' es zuz denn ich kann natür⸗ lich einer Dame nicht widerſprechen, auf deren Urtheil ich ſtets mit Stolz mein eigenes ſtützen wurde. Aber — er blickte heimlich auf Iſabellen, die noch bei Richard in dem Eckſopha ſaß—„ich, wäre doch zu ſehr von der Sonne geſchmeichelt, die unſern blaſſen Stern überſtrahlt.“ „Pfui, Sie ſind gerade ſelbſt ein Schmeichler, und ich kann Schmeicheleien durchaus nicht leiden,“ ſagte die kleine Gnädige mit den allerlieblichſten Runzeln der Aug⸗ braunen; aber die Lippe lächelte mit faſt zu viel kindi⸗ ſcher Zufriedenheit, um ihren Worten nicht zu widerſprechen. „Schmeicheleien, mein Fräulein?— ich glaube nicht, daß es wirklich Mode iſt zu ſchmeicheln.“ „Um ſo ſchlimmer für den, der gegen die Mode ſündigt!— Das können Sie nicht vertheidigen.“ „O gewiß; denn wenn man die reine Sprache der Wahrheit redet, ſündigt man nicht.“ „Und der Stallmeiſter iſt natürlich ein großer Freund der Wahrheit! Ich vermuthe, er iſt immer eben ſo glaub⸗ würdig wie heute.“ „Nein, das wage ich nicht zu behaupten. Aber wie * ſchien et Lieutenan tauſchen. Platz an chen beg und eini „ ginie zu worden? 7/ ſie bitte zu mack ſie glau & rſticken! meinige empor 28 Vek⸗ 3 ſchien werfen. er das ig von gen die uf den hübſche um die Man natür⸗ Urtheil Aber tichard on der ahlt.“ „ und gte die Aug⸗ kindi⸗ echen. glaube reund laub⸗ wie * 221 wäre es möglich, gerade jetzt in dieſem Augenblick eine andere Sprache zu reden? Ein paar Stunden können den ſchlimmſten Renegaten bekehren, geſchweige denn ein ganzer Tag!“ Und ſeufzend deklamirte der Stallmeiſter einige Fragmente von Verſen, deren Inhalt von gedämpf⸗ ten Flammen praſſelte. Die kleine Hedwig, die noch nicht ſo lange her die Kinderſtube verlaſſen hatte, verſtand das zugleich Kühne und Fade in der Huldigung des Stallmeiſters nicht recht; aber es ſchien ihr doch, als gehe er etwas weit in ſei⸗ ner Liebe zur Wahrheit, und was ſehr zu Gunſten des kleinen Fräuleins ſprach und ihr einen Werth in den Augen der aufmerkſamen Majorin gab, die jedem Worte mit einem Ohre gefolgt war, obſchon ſie that als höre ſie nichts, das war die kleine Bewegung von Unzuſrie⸗ denheit, womit ſie ſchweigend das Fenſter verließ und ging, um ſich neben ihre Tante zu ſetzen. In dieſem Augenblick kam Virginie zurück. Sie ſchien etwas bekümmert.„Richard,“ ſagte ſie zu dem Lieutenant,„ich will auf eine Weile den Platz mit Dir tauſchen.“ „Der Tauſchhandel hat mir nie gefallen,“ antwor⸗ tete er lächelnd, ſtand jedoch auf und ließ ſie den freien Platz an Iſabellens Seite einnehmen. Die jungen Mäd⸗ chen begannen jetzt vertraulich mit einander zu flüſtern, und einige Minuten ſpäter verließ Iſabelle das Zimmer. „Was iſt es?“ fragte die Majorin und winkte Vir⸗ ginie zu ſich her.„Die Tante iſt doch nicht krank ge⸗ worden?“ „Ei freilich, Mamachen, ſie iſt recht unwohl. Aber ſie bittet uns um Alles in der Welt kein Weſen davon zu machen, damit der Onkel nicht unruhig wird; denn ſie glaubt, es werde bald vorüber gehen.“ In einem der hübſchen Gaſtzimmer von Tjällſtorp ſaß die Baronin Eugenie an die Bruſt ihres Sohnes gelehnt. Iſabelle ſtand vor ihr und trocknete die kalten Schweißtropfen von der feuchten Stirne der Mutter. —— Wünſcht vielleicht Mama, daß wir gleich nach Tyrings⸗ holm zurückkehren?“ fragte Iſabelle theilnehmend. „Nein, nein!“ rief die Baronin mit unwillkührlicher Heftigkeit„Wollte Gott, ich käme nie mehr dahin!“ Die Worte waren ausgeſprochen, ehe ſie geahnt hatte, daß ſie einen Weg über ihre Lippen ſuchen würden. Sie las den Ausdruck ſprechender Verwunderung in Iſabellens Geſicht; und das Gefühl, das ſie dabei empfand, war ſo erſchütternd, daß ſie alle Gewalt über ſich ſelbſt ver⸗ lor. Ihr Weſen löste ſich gleichſam in den wilden Aus⸗ brüchen eines hyſteriſchen Schluchzens auf, dem jedoch keine wohlthuenden Thränen folgten. Bruder und Schweſter wechſelten einen raſchen Blick. „Was konnte denn Mama ſo aufregen?“ flüſterte Iſabelle, während ſie die Schläfe der leidenden Mutter mit Eau de luce rieb. „Ja, was,“ erwiederte Klas Malchus mit finſterem Blick.„Das iſt mehr als ich weiß, und als wir wohl je erfahren werden. Mama hat ihr Geheimniß bisher gut verwahrt: und wir bekommen nur die Folgen davon zu ſehen.“ „Geheimniß!“ wiederholte Iſabelle, Du quälſt die Mama, Klas! Du biſt ſo argwöhniſch! Geh' jetzt hin⸗ unter, mein beſter Bruder— Deine Worte haben keine beruhigende Wirkung.“ Mit ſichtlichem Mißvergnügen hob ſie den Kopf der Mutter von ſeiner Schulter und ſtützte ihn gegen ihre eigene. „Auch Du wirſt leiden und argwöhniſch werden, wenn Du geſehen haſt, was ich geſehen habe,“ ſagte Klas düſter.„Finſterniß am hellen Tag! Keinen Frie⸗ den im Herzen! Fühlſt Du denn nicht, daß man eine verpeſtete Luft in Tyringsholm einathmet? So iſt es überall, wo kein Vertrauen zwiſchen Mutter und Kin⸗ dern herrſcht. Er ſtand heftig auf. Du ſiehſt, was aus mir geworden iſt. Ich will nicht behaupten, daß ich nicht ſchon von Natur einen trüben Sinn habe; aber daß ich jetzt alles ſchwarz ſehe, daß ich bei zwanzig Jah⸗ ren ein Leben lie daß ich unter de in der He men So andere 2 wurde ie chus fo Mutter Iſ Recht Kindhei die ner der Se dieſer und beſ Schwac daß m könne, V Zug in Iſabelle Malch! uns Be kennen, Pein o immer J gewiß und tie ( jedoch n Blick. ſabelle, it Eau nſterem iir wohl bisher h davon rälſt die tzt hin⸗ en keine gnügen ker und werden, ſagte n Frie⸗ an eine iſt es d Kin⸗ as aus daß ich ; aber g Jah⸗ ren ein leutſcheuer Einſiedler bin, der nie ein heiteres Leben lieben lernte und es jetzt noch weniger lernen kann, daß ich nirgends Wurzel faſſen kann, weder hier noch dort unter den Leuten— das kommt daher, weil ich niemals in der Heimath feſtwachſen durfte. Ich ſehnte mich nach war⸗ men Sonnenſtrahlen. An ihnen hätte ich mich auf eine andere Art entwickeln können. Aber anſtatt der Sonne wurde ich an der mütterlichen Bruſt mit bleichem Mond⸗ ſchein begoſſen und unter der Vaterhand gefror ich zu Eis. So war es, ſo mußte es werden; denn über un⸗ ſerem Hauſe leuchtet nie ein heller Tag.“ In dieſer Aufregung des Gemüths ging Klas Mal⸗ chus fort, ohne auf die herzzerreißenden Seufzer der Mutter zu achten. Iſabelle ſchwieg; ſie fühlte, daß Klas Malchus gewiß Recht habe. Manche dunklen Erinnerungen aus der Kindheit, die ihr jetzt klar wurden, überzeugten ſie, daß die nervöſen Zufälle der Mutter ihren Urſprung eher in der Seele als im Körper hatten. Iſabelle beklagte in dieſer Hinſicht ihre Mutter; aber, ſelbſt von einem feſten und beſtimmten Charakter, liebte ſie dieſe Ausſprüche der Schwachheit nicht. Denn ſie glaubte mit Gewißheit, daß man ſie mit Willenskraft eben ſo gut beherrſchen könne, als jene, die aus phyſiſchen Urſachen herkämen. Vielleicht bemerkte die Baronin einen ihr ungünſtigen Zug im Blicke der Tochter. Mit Rührung faßte ſie Iſabellens Hand und legte ſie auf ihr Herz.„Iſt Klas Malchus Mißtrauen auch auf Dich übergegangen?“ „Ich kann es nicht läugnen; und gewiß liebt Mama uns Beide und die Wahrheit zu ſehr, um nicht zu be⸗ kennen, daß hier eine geheime Unruhe, eine vieljährige Pein obwaltet, die wohl bitter ſeyn muß, da ſie noch immer ſo heftige Ausbrüche erzeugen kann.“ Iſabellens Ton, als ſie dieſe Worte ſprach, war gewiß nicht herb, aber er beſaß auch nicht jene klagende und tieſe Rührung, die Klas Malchus verrathen hatte. „Du ſprichſt entſchieden,“ erwiederte die Baronin mit einem gewiſſen kleinen Verdruß, der ihr auch wieder Faſſung gab.„Ich habe Tjällſtorp nie wieder geſehen ſeit Ebba und ich unſern Vater verloren. Durch uns beide ſind die Looſe unſerer Familien ſo ungleich gefal⸗ len, und mein Herz blutet, wenn ich ſie mit einander vergleiche. Glaubſt Du, daß dieſes Gefühl nicht hin⸗ reichend iſt, um meine Bewegung zu erklären?“ „O ja, wenn es die Mama ſo beſiehlt,“ erwiederte Iſabelle.. „Du glaubſt mir alſo nicht?“ „Ich glaube freilich, daß Mama durch irgend Etwas aufgeregt worden iſt; aber ich bin nicht ſo empfindſam, um begreifen zu können, wie etwas, das man nicht ver⸗ hindern konnte, eine Schickung der Vorſehung, ſo er⸗ ſchüttern kann. Ueberdieß ſind ja die Umſtände des On⸗ kels und der Tante für gegenwärtig recht gut. Sind ſie mit ihrem dürftigen Einkommen nicht glücklicher als Mama und Papa? Und iſt nicht Richard mit ſeiner guten Laune und ſeinem friſchen Sinne, heiterer als der reiche Majoratserbe? Weßhalb beklagſt Du ſie alſo?“ Die Baronin beantwortete dieſe Frage nicht; aber ihre Augzit ruhten mit einem betrübten Ausdruck auf Iſabellen.„Wie unähnlich biſt Du Klas,“ ſagte ſie leiſe. Iſabelle küßte die Hand.„Unſere ungleiche Er⸗ ziehung, vielleicht auch die Natur,“ erwiederte ſie ſanft, „hat unſere Charaktere getrennt; aber in Einem Gefühle ſtimmen wir vollkommen überein; wir Beide lieben die Mama gleich ſehr, wir Beide wünſchen Mama's Ruhe. Ich für meine Perſon verlange nicht einen Schmerz zu theilen, der das Bedürfniß fuͤhlt, ſich in ſich ſelbſt zu verſchließen. Ich würdige dieſes Schweigen, und glaube nicht, daß die Kinder ein Recht haben, ſich zu beklagen, wenn die Eltern ſich nicht über Dinge aufklären wollen, die ſie vielleicht beſſer nicht erfahren; aber ohne das, was Mama jetzt und ſchon ſo oft aufgeregt hat, zu wiſſen, zu ahnen oder nur zu vermuthen, möchte ich wünſchen nung zu ſ „Ja, wünſchen? „Da und Aufre ſo ſehr un und beſond gethan, kelt ſein eine Woh während Auftritte Grunde l den dürfte „Und Iſabelle den; ma nicht ver Schmerz nender we „Ich denn ich will, un Ruhe Ar daß ich durch ger leid erreg Folge.“ uns gefal⸗ nander t hin⸗ ſam, ht ver⸗ ſo er⸗ s On⸗ Sind er als guten reiche ˖aber ck auf e leiſe. e Er⸗ ſanft, hefühle en die Ruhe. erz zu bſt zu glaube klagen, vollen, das, nt, zu te ich 225 wünſchen... doch es kommt mir nicht zu, meine Mei⸗ nung zu ſagen.“ 6 „Ja, ich bitte Dich, ſagte ſie! Was möchteſt Du wünſchen?“ „Daß meine gute, zärtliche Mutter ihre Gefühle und Aufregungen beſſer beherrſchen könnte, und das eben ſo ſehr um Mama's Willen, als wegen der Umgebung und beſonders wegen Klas Malchus. Es hat mir wehe gethan, ſeine Leidenſchaftlichkeit zu ſehen: ſie verdun⸗ kelt ſein Leben; für ihn wäre Mama's äußere Ruhe eine Wohlthat, die nie genug vergolten werden könnte, während hingegen Mama's beſtändige Traurigkeit und Auſtritte wie dieſer eine Gemüthskrankheit in ihm zu Grunde legen könnten, die vielleicht noch ſchwerer wer⸗ den dürfte, als Mama's eigene.“ „Und Du glaubſt, ich habe keine Selbſtbeherrſchung? Iſabelle— Du weißt nicht, was es heißen will zu lei⸗ den; man ſollte nie eiwas beurtheilen, was man ſelber nicht verſtehen kann! Wenn Du einmal einen tiefen Schmerz kennen lernſt, dürfte Dein Urtheil auch ſcho⸗ nender werden.“ „Ich werde gewiß immer urtheilen, wie jetzt, Mama, denn ich weiß, was man vermag, wenn ma ernſtlich will, und was ich auch in mir trüge, würde ich die Ruhe Anderer damit nie ſtören. Iſt es nicht genug, daß ich ſelbſt leide und blute— wird meine Qual da⸗ durch gemildert, wenn ich Unruhe, Schrecken oder Mit⸗ leid errege?“ „Nein, gewiß nicht, und es thäte mir wehe, wenn ich den Gedanken in Dir vermuthen könnte, daß es mein Wunſch ſey, dieſe Gefühle zu erwecken.“ „Ich kann mir dieß nie als Mama's Wunſch vorſtellen; aber daß es geſchehen, iſt eine natürliche Folge.“ „Von was?“ „Verzeihe Mamachen, daß ich es ſagen muß: von Das Fideicommiß. I. 15 — vernachläßigter Aufmerkſamkeit auf ſich ſelbſt, gerade in den Augenblicken, wo das Gefühl die Oberhand bekom⸗ men will.“ „Ach, meine Iſabelle, Du vergißt, daß Deine Mut⸗ ter ein ſchwaches Weib iſt! In Deiner glücklichen Un⸗ wiſſenheit urtheilſt Du blind; Du haſt keinen Begriff von einer innern Pein.“ „Vielleicht doch, meine gute, geliebte Mama,“ ſagte Iſabelle mit weicherer Stimme und ließ ihre großen, ſchönen Augen, worin ſich eine einſame Thräne ſpiegelte, beinahe in die ihrer Mutter verſinken.„Vielleicht hätte ich das Alles nicht zu ſagen gewagt, wenn nicht Erfah⸗ rung mich unterſtützt hätte.“ Iſabellens Züge, gewöhn⸗ lich wegen ihres edlen und entzückenden Reizes ausge⸗ zeichnet, entſchleierten in dieſem Augenblicke gleichſam ein fremdes Weſen. Die Lilienbläſſe ſchien jetzt an ihrem Platze, da ein überſchwenglicher Schmerz, ein bebender Schauer die feinen Glieder erſchütterte und ihre ſchönen Formen beugte. Aber auch ſo las man in dieſen blei⸗ chen Zügen eine Ergebung, die bewies, daß vergangene Kämpfe das gefunden hatten, was gewiß auch die künf⸗ tigen nicht entbehren würden, nämlich ein ſtarkes Boll⸗ werk in der ſchwachen Weibergeſtalt. „Iſabelle!“ rief die Mutter mit einer Stimme, die eine neue Herzensqual verrieth,„biſt es Du ſelbſt oder iſt es nur ein Schatten meiner glänzenden Iſabelle 2 „Ja, meine Mutter,“ ſagte ſie leiſe,„ſo wie ich jetzt in dieſer Stunde ohne Maske vor Dir erſcheine, würde ich beinahe immer ſeyn, wenn ich mich nicht da⸗ ran gewöhnt hätte, mein Herz und meine Züge ſtrenge zu beherrſchen. Ja— doch laß dieß unter uns bleiben — ich bin nicht unbekannt mit dem Schmerz. Ein tie⸗ fer Schlag hat meine Jugend in einem Zeitpunkte ge⸗ troffen, wo ich in ſorgloſem Uebermuth nur dazu be⸗ ſtimmt zu ſeyn wähnte, mich mit den Roſen des Lebens zu ſchmüͤcken. Aber ſeitdem hab' ich mich daran gewöhnt, über Vieles nachzudenken, was mir vorher fremd oder gleichgülti worden verzeihlich genug bir In ter an die ſprechen, ſeyn, on „M widerfahr ſelbſt W das höch ſollte, denn die geliebte bitte Di Denn W etwas h würde d wenn ich leſen m ſpiele d Liebe de ſtärker f Schwer was der den Kö durch d ſüͤßer Hals d Lippen „ 2 derte trauen Deinen eines in gleichgültig geweſen war. Mein Herz iſt jetzt ſtark ge⸗ worden und mein Muth wird von dem, wie ich glaube, verzeihlichen Stolze aufrecht erhalten, daß ich mir ſelbſt —.— ßen, ihrem bebender Denn Wunden aufreißen, thut wehe, ohne daß es zu ſchönen etwas hilft. Ich klage nicht bei mir ſelbſt, und ich en blei⸗ würde dieſen Augenblick des tiefſten Vertrauens bereuen, gangene wenn ich künftig in Mama's Auge eine fragende Unruhe ie künf⸗ leſen müßte. Laß uns einander lieber durch Bei⸗ s Boll⸗ ſpiele der Stärke aufmuntern! Dem armen Klas zu Liebe der Mama künftig gewiß ruhiger, muthiger und ne, die ſtärker ſeyn! Aber ich verſtehe darunter eine Ruhe ohne bſt oder* Schwermuth, einen Muth, der nicht vor allem zittert, e 2“ was der Augenblick bringen kann, und eine Stärke, die wie ich den Körper nicht für krank anſieht, ſo lange das Uebel rſcheine, durch die Kraft des Willens zu überwinden iſt.“ Mit icht da⸗ ſüßer Innigkeit ſchlang Iſabelle ihren Arm um den ſtrenge Hals der Mutter: ihre Augen ſprachen zärtlicher als ihre bleiben Lippen. Ein tie⸗„Meine gute, meine muthvolle Iſabelle!“ erwie⸗ akte ge⸗ derte die Baronin tief gerührt,„ich würde Dein Ver⸗ azu be⸗ trauen ſchlecht belohnen, wenn ich mich nicht bemühte, Lebens Deinem Beiſpiel zu folgen. Aber kann der erſte Schmerz ewöhnt, eines jungen unſchuldigen Herzens von der Art ſeyn, d oder 15 3⁵ — daß er ſich nothwendig vor den Blicken einer Mutter verbergen muß? Du ſchweigſt? O meine geliebte Toch⸗ ter, ich ahne dennoch das Gefühl, das Deine Erfahrung mit ſo bittern Früchten bereichert hat.“ Iſabelle erröthete. Ihr ganzes Weſen hatte wieder ihre gewöhnliche Haltung angenommen; aber ein ſchär⸗ ferer Blick, als der der Baronin Eugenie würde wahr⸗ ſcheinlich einen ſchwachen Zug von Mißvergnügen um die ſchönen Lippen gewahr geworden ſeyn. Sie widerſprach jedoch ihrer Mutter nicht, ſondern ſagte:„Laß uns un⸗ ſere gegenſeitige Geheimniſſe achten! Sie müſſen wohl einſt an's Licht kommen.“ „Ich will nicht eigenſinnig ſeyn, meine Iſabelle; Du erlaubſt mir aber doch die Hoffnung, daß die Zeit Dein Uebel lindern wird?“ „Wenn es Mama einigen Troſt ſchenkt, ſo laß uns das hoffen, lächelte Iſabelle; aber ihr Blick ſank zu Boden. Stumm, denn ſie hatten jetzt alles geſagt, preßten Mutter und Tochter ihre bleichen Stirnen gegen einander, und nur ſtille Seufzer, die Der allein hörte, der Beider Bürden kannte und wog, wurden zwiſchen ihnen gewechſelt. „Nein,“ ſprach Iſabelle endlich und erhob ſich vom Sopha,„Das geht nicht an!„Da Mama jetzt wieder erſtarkt iſt, müſſen wir hinunter, ehe Tante Katharine Sophie alle ihre Vermuthungen wegen unſerer Abweſen⸗ heit erſchöpfen kann. Ach, wenn es Mama nur moglich wäre, ein wenig herzlicher gegen unſere vortreffliche Kam⸗ merräthin zu ſeyn! Sie iſt das beſte Weib auf der Welt, wenn man ſich nur ein wenig auf ſie verſteht! aber Papa iſt bei all ſeiner Artigkeit zu feierlich, und Mama ſelbſt etwas ſteif. Erinnere Dich nur, was ſie mir war!“ „Es iſt wahr, ſie iſt Dir eine zaͤrtliche liebevolle Mutter geweſen; aber iſt ſie nicht etwas hochmüthig, geſchieht nicht Alles, was ſie thut, mit einem gewiſſen 4 Aufſehen nicht mit „Ae ſtärkte U aber Ta Alte, di ſonders Fehler ſie dann wie der weiß ich mir geh auf der durchſche ſo, Ma⸗ / Stimme Du Die mehr er mein Ki Nerven zumuthe thut ihr oder fäl De belle de haſt ga recht! ich Dir keit auf Treppe ner Fro r Mutter bte Toch⸗ Frfahrung tte wieder ein ſchär⸗ rde wahr⸗ tügen um diderſprach z uns un⸗ ſſen wohl Iſabelle; 6 die Zeit o laß uns ſank zu es geſagt, rnen gegen lein hörte, n zwiſchen b ſich vom etzt wieder Katharine Abweſen⸗ ur möglich fliche Kam⸗ b auf der ie verſteht! rlich, und r, was ſie e liebevolle ſochmüthig, m gewiſſen 229 Aufſehen? Wenn ſie ſich ſetzt und aufſteht, thut ſie es nicht mit einem entſetzlichen Weſen?“ Ach es iſt ihr großes Volumen und mancher ge⸗ ſtärkte Unterrock, der dieſes Weſen macht, Mamachen, aber Tante Katharine Sophie ſelbſt, iſt eine ſehr gute Alte, die nicht das geringſte Wefen aus ſich macht, be⸗ ſonders wenn man ſie ein wenig feiert und nicht zu viel Fehler an ihrem verzogenen Lieblinge ſieht. Gewinnt ſie dann Abends einen Spieltiſch, dann iſt ihre Laune wie der ſanfteſte Frühlingstag. Ihr Herz iſt gut, das weiß ich, denn ſie hat eine unbeſchreibliche Geduld mit mir gehabt... Doch ſtille! höre ich nicht Papas Schritte auf der Treppe! Ja wahrhaftig! Nun, er ſoll nicht durchſchauen, was zwiſchen uns vorgefallen iſt. Nicht ſo, Mama?“ „Eugenchen!“ rief des Oberſten feine zuckerſüße Stimme,„ich muß zu meinem Leidweſen erfahren, daß Du Dich unwohl befindeſt, bald kannſt Du die Luſt nicht mehr ertragen! Deine Nerven werden immer ſenſibler, mein Kind.“ „Es iſt ſchon vorüber,“ erwiederte die Baronin mit feſter Stimme,„wir wollten eben hinunter.“ „Und wiſſen Sie, Papa, was ich ſage? Mama's Nerven ſind nicht ſo ſchwach, man muß ihnen nur mehr zumuthen. Mama ſitzt nur zu viel zu Hauſe, deßhalb thut ihr die Luft weh! Wenn ſie täglich ſpazieren geht oder fährt, ſo wird es ſchon beſſer werden.“ Der Oberſt ſchien über die Art entzückt, wie Iſa⸗ belle den Krankheitszuſtand ihrer Mutter auffaßte.„Du haſt ganz Recht, mein Kind! Auf meine Ehre, ganz recht! Ich habe gerade daſſelbe ſchon oft geſagt! aber vielleicht haſt Du mehr Ueberredungsgabe als ich. Darf ich Dir den Arm geben, Eugenchen? Iſabelle, die merkte, daß eine eheliche Vertraulich⸗ keit auf der Bahn war, ſprang leicht voraus und die Treppe hinab. Der Oberſt bekam alſo Gelegenheit, ſei⸗ ner Frau in's Ohr zu flüſtern;„Niemals Aufmerkſam⸗ 230 keit auf Dich! Was wohl des Majors dazu denken wer⸗ den? Krank zu werden, wenn man⸗ kaum da iſt! Welche Weichlichkeit! Es iſt inzwiſchen ein Glück, daß ich Iſa⸗ bellen auf Deine Nervenſchwäche vorbereitete. Ich muß immer der ſeyn, der auf alles denkt! Wann wirſt Du einmal einige Vorſicht zeigen, meine Liebe?“ „Ah, da kommt ja unſere gnädige Oberſtin,“ ſagte Fräulein Gunilla, und machte Platz auf dem Sopho, vich ſagte eben zur Kammerräthin, wir mußten eine Deputation abfertigen, um zu hören, ob das Uebel zu⸗ genommen habe. Aber Gott ſey Dauk! Der Kummer war überflüſſig. Die gnädige Frau ſieht ganz ſchar⸗ mant aus, wenn man bedenkt, daß ſie von ſo abſcheu⸗ lichen Nervenaufällen geplagt iſt.“ Die Majorin, die das Glück genoß, den alten Ge⸗ neral von D— unterhalten zu dürfen, der von dem leichten Geſellſchaftston der anziehenden Frau ſehr er⸗ freut zu ſeyn ſchien, hatte eben eine kleine Geueral⸗ muſterung der Notabilitäten geſchloſſen, die zu dem Balle des Oberſten eingeladen werden ſollten, als der Major, der unterdeſſen den Spieltiſch geordnet hatte, ihn mit Artigkeit benachrichtigte, daß ſie warteten. Der General ſtand auf.„Mein lieber Major,“ ſagte er lächelnd, und wandte ſich mit den künſtlichſten Verbeugungen eit an die Bare⸗ 7 der altmodiſchen Artigke nin:„Das heißt einem eine Wahl und eine Qual laſ⸗ ſen.“ Ich wäre indeſſen nicht im Stande, dem Spiel⸗ tiſche zu liebe, der Unterhaltung mit einer ſo anziehen⸗ den Frau zu entſagen, wenn, ich nicht wüßte,„daß ſie in ihrer Eigenſchaft als Wirthin ihre Gnade an alle ver⸗ theilen müßte.“ Am Ende dieſer Phraſe küßte der Ge⸗ neral der„anziehenden“ Frau verbindlich die Hand, und entfernte ſich mit dem Major un i ſeine Parthie ausmachen ſollten. Der den ältern Damen den andern Spieltiſch ein; Majorin, die bisweilen die flog wechſelsweiſe von einem zum andern. die einſan d dem Kapitaͤn, die Oberſt nahm mit ; und die Karten ihres Mannes nahm, Die melt, wo ſetzte ſich Aufmunte mit dem mit Virgi Wie Aller, Bo und nich haben du nämlich, Menſchen mer wie jenem fra Lie „Ja „Ab hier ſon „Ja „S gethan.“ „8 fort,“ Es iſt ringshol Welt m daß die ſehen, v lerinnen „2 welcher beſitzt, 95 Sie mi R ten wer⸗ Welche ich Iſa⸗ zch muß virſt Du ,“ ſagte Sophe, ten eine gebel zu⸗ Kummer az ſchar⸗ abſcheu⸗ ulten Ge⸗ von dem ſehr er⸗ Geueral⸗ dem Balle r Major, ihn mit Major,“ ünſtlichſten die Baro⸗ Qual laſ⸗ em Spiel⸗ Hanziehen⸗ daß ſie in alle ver⸗ te der Ge⸗ Hand, und pitän, die nahm mit 1; und die ines nahm, 231 h in dem Saale verſam⸗ Die jungen Leute hatten ſi m Buche in der Hand melt, wo Klas Malchus mit ei die einſamſte Ecke in Beſitz genommen hatte. Iſabelle ſetzte ſich an das Piano und ſpielte zum Tanze; dieſe Aufmunterung geſchah nicht vergebens. Bald flog Richard mit dem jungen Fräulein Hedwig und der Stallmeiſter mit Virginien in einem muntern Walzer dahin Wie es ſchien, verging der Abend zur Befriedigung Aller, Baron Klas ausgenommen, der unglaublich gähnte, und nicht einmal ſein Buch und ſeine Ecke in Frieden haben durfte. Das kleine artige Fräulein Hedwig meinte nämlich, es ſey Schade um den wunderlichen betrübten Menſchen, und glaubte ihr Beſtes zu thun, wenn ſie im⸗ mer wieder hie und da kam, und ihn nach dieſem und jenem fragte. „Liest der Herr Baron gerne?“ „Ja.“* „Aber ſtört es den Herrn Baron nicht, wenn wir hier ſo vergnügt ſind und lärmen?“ „Ja, ein wenig.“ „Tanzt der Herr Baron nie?⸗ „Seit ich ein Kind war, hab' ich es nicht mehr gethan.“ „Ihre kleine raſche Zunge kommt dort gewiß nicht fort,“ flüſterte der Stallmeiſter Virginien in's Ohr. Es iſt eine kleine unſchuldige Kokette, die bei dem Ty⸗ ringsholmer Balle ihr Debut in der geſellſchaftlichen Welt machen wird. Doch beklage ich um ihretwillen, daß die Auſpizien nicht günſtiger ſind: wer wird nach ihr ſehen, wenn ſie neben zwei ſo überſtrahlenden Nebenbuh⸗ lerinnen ſteht.“ „Wenigſtens der,“ erwiederte Virginie etwas ſpitzig, welcher ein ſo wohl aſſortirtes Lager von feinen Phraſen beſitzt, daß ſie überall hinausreichen können.“ „Fräulein Virginie, wie unartig, wie ſehr verkennen Sie mich! Ich hätte geglaubt, daß.. 4 Richard ſtand hinter Iſabellens Stuhl; ſeine Blicke folgten den ſchnellen Bewegungen der weißen Finger, dieſer kleinen weichen elaſtiſchen Finger, die beinahe von Saphiren und Smaragden eingeſchloſſen waren.„Ich bin in Deine Hände verliebt, Iſabelle.“ „Das magſt Du immerhin ſeyn, Richard,“ erwie⸗ derte ſie in leichtem ſorgloſem Tone,„aber verliebe Dich nur nicht in mich ſelbſt, das rathe ich Dir freund⸗ ſchaftlich.“ „Wäre das vielleicht ein Verbrechen gegen das gnä⸗ dige Dämchen?“ „Nein, es wäre nur verlorene Mühe,“ entgegnete ſie lächelnd;„denn ſo gut ich meinen Freunden bin, ſo ſehr haſſe ich alle Liebhaber— und ein verliebter Vetter hat in der That etwas widerwärtiges. Es gehört zu dem Inbegriff des Geſagten und Ungeſagten, daß er ſich nie verliebt, notabene in mich.“ „Sey deßhalb ohne Furcht, ich werde mir dieſe Un⸗ gnade nicht zuziehen; und ſonderbar genug fühle ich mich auch gar nicht dazu verſucht.“ „Solche Bekenntniſſe ſind überflüſſig, mein Herr! Bringen Sie den Haufen Noten her, der dort auf dem Stuhle liegt! Ach, nur alter Plunder! Tragen Sie ihn wieder hin!“ Das Souper machte ſowohl dem Spiele als allen einzelnen Unterhaltungen ein Ende. Der General war beſonders aufgeräumt, theils weil er die Schwachheit hatte, ſich gerne ein wenig fetirt zu ſehen, theils weil er den ganzen Abend über ſo viel Glück gehabt hatte, daß ſeine Hitze zu keinem Ausbruch kommen konute. Aber dennoch war er ein paar Mal auf den Kapitän böſe geweſen, der den, in den Augen des Generals un⸗ verzeihlichen Fehler begangen hatte, ſich einige kleine Bo⸗ gegen die Spielregeln zu Schulden kommen zu aſſen. Das Eſſen der Majorin wurde mit Grund als ausgezeichnet geprieſen, und der Wein floß in ſolcher Menge, daß der Oberſt argwohnte, es geſchehe dieß, um ihm die Bowle Pr aber da d die Herrer halb es ſi zum Kapit ſen heitern erweckt, ſ wollte es einmal un alte Gener er von der als bezaub „Und lichen Wei und delikat „Stil im Arm meine Eh Wagen.“ wärts ein. „Nun zurecht ge Kapitän? „In gewiß, daſ gen mich gegen ſein „Leich habe ein keit rufen Finger, e von ſch bin erwie⸗ 2 Dich reund⸗ 8 gnä⸗ gegnete in, ſo Vetter zu dem ich nie eſe Un⸗ ch mich Herr! uf dem Sie ihn 8 allen al war vachheit ls weil t hatte, konute. Kapitän als un⸗ 2 kleine men zu und als ſolcher ieß, um ihm die Grundloſigkeit ſeiner Befürchtung zu zeigen. Eine Bowle Punſch zu Ehren des Generals ſchloß das Feſt; aber da darauf gar nicht gerechnet worden war, hatten die Herren ſchon zum Voraus guten Grund gelegt, weß⸗ halb es ſich ereignete, daß der General beinahe wieder zum Kapitän wurde, und der Kapitän dagegen durch die⸗ ſen heitern Anblick zum Bewußtſeyn ſeiner eigenen Stärke erweckt, ſich wie ein General aufblies. Beim Abſchied wollte es mit den Artigkeiten gar kein Ende nehmen. Noch einmal und jetzt mit einer gewiſſen Lebhaftigkeit küßte der alte General der Majorin die Hand, und verſicherte, daß er von dem erwieſenen Wohlwollen eben ſo geſchmeichelt als bezaubert ſey. „Und ich bin im höchſten Grad von den vortreff⸗ lichen Weinen der Herrſchaft bezaubert— verfluchte feine und delikate Weine!“ „Stille, ſtille, Kapitän!“ Der General kneipte ihn im Arm und flüſterte ihm in's Ohr:„Sie ſind auf meine Ehre betrunken; gehen Sie voraus nach dem Wagen.“ Der Kapitän machte eine Grimaſſe, als ob er ſagen wollte:„Einen nennt er und zwei meint er!“ Aber er ſteuerte fort, und nahm ſeinen Platz rück⸗ wärts ein. „Nun,“ ſagte der General, als er ſich gegenüber zurecht gemacht hatte,„wie ſteht es mit dem Kopfe, Kapitän? Können Sie uns auf dem Heimwege mit eini⸗ gen Geſchichtchen traktiren: aber ſitzen Sie nicht da und hängen Sie nicht ſo weit zum Wagen hinaus; Sie fal⸗ len hinunter.“ „In dieſem Falle,“ erwiederte der Kapitän,„bin ich gewiß, daß der Herr General dieſelbe Barmherzigkeit ge⸗ gen mich üben würde, wie der Staatsſekretär Roſenſtein gegen ſeinen Kammerdiener.“ „Leicht möglich, Kapitän, denn Sie wiſſen wohl, ich habe ein mitleidiges Herz; aber welche Art Barmherzig⸗ keit rufen Sie an?“ Der Oberſt trat dem Kapitän auf den Fuß, aber dieſer ſchrie auf und ſagte:„Ach, ach, Herr Oberſt! meine Hühneraugen, meine arme Hühneraugen! Nun der Staatsſekretär wollte eines Tags einen Ausflug ma⸗ chen, wobei es geſchah, was ſchon oſt geſchehen war, daß ſein Kammerdiener Hammarberg, der unglücklicher⸗ weiſe ein zu ſchwaches Gedächtniß hatte, um ſich an die goldene Regel„in allem Maß“ zu erinnern, es ſich ein wenig viel hatte wohl ſeyn laſſen, was man beſonders daran merkte, daß er ſeinen Platz rückwärts im Wagen nur mit Mühe beibehalten konnte Bei der Fahrt über die Nordbrücke oder vielleicht war es auch an einem an⸗ dern weniger beſuchten Platze, ich erinnere mich deſſen nicht mehr genau, ſiel er hinaus. Roſenſtein merkte es, befahl dem Kutſcher zu halten, und rief dem Kammer⸗ diener ganz artig zu:„Du biſt ein Schwein, Hammar⸗ berg, komm' und ſetze Dich neben mich!“ „Ha, ha, ha!“ lachte der General.„Sie nehmen ſich Revange, Kapitän! Der Wein ſchärft, glaube ich, Ihre Zunge.“ „Die Luft iſt neblicht,“ bemerkte der Oberſt, der wie auf Nadeln ſitzend, nicht wußte, was er in dieſem mißlichen Augenblicke ſagen ſollte. „Ja, ja,“ erwiederte der General,„der Herr Bruder hat auch ſeinen kleinen Haarbeutel. Es iſt recht gut, daß wir nur zu drei ſind. Der Lieutenant hat uns ver⸗ laſſen.“ Und der Lieutenant war ſo glücklich geweſen, eine kleine Intrigue durchzuſetzen, die während des Anziehens vor der Abreiſe geſpielt wurde. Gott mag wiſſen, wie es ihm gelang, der Kammerräthin, die ſich vor allem Fahren im Finſtern fürchtete, die Ueberzeugung beizu⸗ bringen, daß der Kutſcher vielleicht zu viel Bier genoſſen habe; kurz ſie wollte, daß Einer von den Herren den Wagen fahren ſollte, in dem ſie und die Baronin ſaßen; und Virginie, die vielleicht Richards Plan ahnte, fragte ſogleich de da er nati Der höchlich ge er Fräuleit die zu ſüß „Abe der Tante Iſabelle. ſten Kutſch den Ander! Der Richard w Gunilla, o hut anzuve ſo gut hei führt habe Fräul Alte, vern Iſabelle zu würde gew „Mir „Richard, und mir n „Wen nehmen. vertheilen.“ „Rech und linken dieſe Art g Nach tenant das geringſten Fräulein C. läſſigen Ke unmöglich , aber Oberſt! Nun g ma⸗ n war, klie an die ich ein ſonders Wagen t über m an⸗ deſſen kte es, mmer⸗ mmar⸗ rehmen be ich, , der dieſem Bruder ſt gut, s ver⸗ „eine iehens „ wie allem beizu⸗ noſſen en den ſaßen; fragte 235 ſogleich den Stallmeiſter, ob nicht er ſo gut ſeyn wolle, da er natürlich der Sicherſte ſey. Der Stallmeiſter erklärte ſich von dieſem Zutrauen höchlich geſchmeichelt; aber ein älteres Verſprechen, das er Fräulein von&— gegeben habe, halte ihn in Feſſeln, die zu ſüß ſeyen, um ſie zu brechen. „Aber mit ſchuldiger Rückſicht auf die Beſriedigung der Tante und der übrigen Damen breche ich ſie,“ ſagte Iſabelle.„Es iſt billig, daß wir das Glück, den ſicher⸗ ſten Kutſcher in der ganzen Geſellſchaft zu haben, mit den Andern theilen.“ Der Stallmeiſter kam zu keinem weitern Wort, denn Richard wandte ſich ſchnell mit der Frage an Fräulein Gunilla, ob ſie die Gnade haben würde, ſich ſeiner Ob⸗ hut anzuvertrauen, da er im Jagdwagen die Damen eben ſo gut heimzufahren hoffe, als der Stallmeiſter ſie herge⸗ führt habe. Fräulein Gunilla, die herzlich gute und vortreffliche Alte, verneigte ſich und behauptete, es komme Fräulein Iſabelle zu, die Sache zu entſcheiden, ſie für ihre Perſon würde gewiß recht gerne dazu ſehen. „Mir iſt es gleichgültig, wer fährt,“ verſetzte Iſabelle. „Richard, ſage doch dem Stensſon, er ſolle herkommen und mir meine Ueberſchuhe knüpfen!“ „Wenn Du erlaubſt, will ich ſelbſt ſeinen Platz ein⸗ nehmen. Es wird ihm zu ſchwer, ſich überall hin zu vertheilen.“. „Recht gern!... aber knüpfe doch nicht den rechten und linken Schuh zuſammen— wie ſoll ich denn auf dieſe Art gehen können?“ Nach einigen erneuerten Verſuchen lernte der Lieu⸗ tenant das Band ſo ſchnelle knüpfen, daß er nicht den geringſten Mißgriff beging, als er gleich darauf dem Fräulein Gunilla denſelben Dienſt erwies, unter unab⸗ läſſigen Komplimenten von ihrer Seite, daß ſie ſo etwas unmöglich zugeben könne. —— —— 236 Fünfzehntes Kapitel. Während der wenigen Tage, die zwiſchen dem Be⸗ ſuch bei der Majorin und dem längſten beſprechenen Balle verſtrichen, zerbrach der Oberſt vergebens ſein Gehirn, um die Sache zwiſchen Klas Malchus und Fräulein Hedwig in Gang zu bringen. Das Fräulein erſchwerte es ihm nicht, denn ſie lief wenigſtens nicht davon; aber dieß hat der Baron, der nur bei den Mahlzeiten ſichtbar wurde. „Er bringt mich zur Verzweiflung,“ ſagte der Oberſt eines Morgens zu Iſabellen.„Ich beſitze im Allgemeinen einige Geſchicklichkeit in der Leitung der Menſchen; aber ich geſtehe, daß es kein leichtes Ding iſt, einen ſolchen Kopf zu lenken. Kannſt Du ihn vermögen, wenigſtens mit ihr zu tanzen! Gebrauche Deine ganze Beredtſam⸗ keit; und gelingt dieß, ſo werde ich die Sache ſo wenden, daß es das Ausſehen bekommt, als habe er dieſe Auf⸗ merkſamkeit nur ihr erweiſen wollen.“ „Das iſt nicht mehr als eine billige Artigkeit, und ich gelobe dem Papa, nicht von ihm zu laſſen, bis ich ihm das Verſprechen abgenöthigt habe.“ „Ich danke Dir, mein Kind; das iſt recht freund⸗ ſchaftlich von Dir! Ich will erſt nach dem Balle die Sache weiter betreiben.“ Der Oberſt ging ſeinen vielen andern Obliegenheiten nach, und Iſabelle nahm ſich vor, ihren Bruder auf ſeinen Zimmern zu beſuchen, wo ſie ohne weiteres Anmelden eintrat. In dem hinterſten Gemach ſaß Baron Klas in einen Schlafrock gehüllt vor einem Schreibtiſche, auf dem ein Haufen Bücher lag. In dem Augenblick, wo Jſabelle eintrat, war er augenſcheinlich mit einigen mathemati⸗ ſchen Berechnungen beſchäftigt, wie man nach den vielen Zahlen urtheilen konnte, die auf einem Papiere ſtanden, über das er ſich gedankenvoll hinbeugte. Neben ihm ſtand eine Flaſche mit Waſſer nebſt Pfeife, Taback und Doſe. „Ei Iſabelle bin herge einſehen, mußt.“ „Dr chus mit Niemand eben eine falls hier vielleicht „St „St haltung ich will Bar werde, u gen des Du weiſ wenig A leicht wi eine Fra „Je Dummh „T. daß Pa⸗ erhält.“ „N an Auft Mißbeh geladen und Lei einem 2 dem Be⸗ prechenen Gehirn, Hedwig es ihm ber dieß ſichtbar er Oberſt gemeinen en; aber t ſolchen penigſtens eredtſam⸗ o wenden, ieſe Auf⸗ keit, und bis ich freund⸗ Balle die en vielen ſich vor, wo ſie in einen dem ein Iſabelle athemati⸗ en vielen ſtanden, hm ſtand nd Doſe. 237 „Ei wie viel Leckereien erlaubſt Du Dir!“ ſagte Iſabelle und klopfte ihm leicht auf die Schulter.„Ich bin hergekommen, um Dich zu beſuchen. Du wirſt alſo einſehen, daß Du aufſtehen und mir Geſellſchaft leiſten mußt.“ „Du biſt auf Beſuch gekommen?“ ſprach Klas Mal⸗ chus mit allen Zeichen der Unzufriedenheit.„Iſt denn Niemand oben, der mit Dir ſchwatzen kann? Ich wollte eben eine Aufgabe löſen, die...“ „Apropos,“ unterbrach ihn Iſabelle,„ich bin eben⸗ falls hierhergekommen, um ein Problem zu löſen, das vielleicht nicht weniger ſchwierig iſt als das Deine.“ „So.“ „So iſt ein Wort, das ſchon längſt aus der Unter⸗ haltung artiger Leute geſtrichen ſeyn ſollte. Nun Klas— ich will Dich um Etwas bitten.“ Baron Klas ahnte, daß nichts Gutes hierauf folgen werde, und ſah deßhalb ſo unfreundlich als möglich aus. „Was denn?“ „Nur eine Kleinigkeit! Du weißt, daß Papa mor⸗ gen des Generals zu liebe einen Ball halten wiro, aber. Du weißt auch, daß Du bisher den Gäſten Papas ſehr wenig Aufmerkſamkeit erwieſen haſt. Dieß wäre indeſſen leicht wieder gut gemacht, wenn Du einen Walzer oder eine Francaiſe mit⸗Fräulein Hedwig tanzteſt.“ „Ich ſoll tanzen! Nein, da dank' ich dafür; ſolche Dummheiten laß ich wohl bleiben.“ „Thu', was Du willſt— aber es iſt recht betrübt, daß Papas Behauptung ein ſo wahrſcheinliches Ausſehen erhält.“ „Was für eine Behauptung?“ „Nun, Deine Zurückgezogenheit und Dein Mangel an Aufmerkſamkeit ſey eine deutliche Erklärung Deines Mißbehagens an der Geſellſchaft, die Dein Vater ein⸗ geladen habe. Du wirſt doch wohl Papas Verlegenheit und Leidweſen bemerkt haben, gerade eben ſagte er in einem Tone, der mir recht wehe that:„Es iſt recht hart, 238 Iſabelle, daß man wie ein Eremit leben ſoll, wenn man gerne Menſchen bei ſich ſieht! Aber das wird künſtig mein Loos ſeyn, denn Du ſiehſt wohl ein, daß Klas Malchus all' zu deutlich zeigt, wer eigentlich Herr iſt: Er begegnet ja meinen Gäſten, daß ich bald roth und bald blaß darüber werde“ „Aber was um's Himmelswillen ſoll ich denn mit ihnen thun?“ fragte Klas Malchus ganz ängſtlich. Iſabelle wußte wohl, wie ſie ſich mit ihm beneh⸗ men mußte; ſie lächelte und ſprach in einem herzlichen und überredenden Tone:„Du ſollſt nur durch Deine handgreifliche Unhöflichkeit gegen Papas Gäſte nicht ihn ſelbſt beleidigen. Ich glaube, Klas— verzeihe mir, daß ich es aufrichtig ſage— daß es ein ſehr zarter Paſ iſt, wenn ein armer Vater bei einem reichen Sohne ebt.“ „Aber dieß iſt ja nicht der Fall, ich bin noch nicht mündig.“ „Das iſt daſſelbe; Du weißt nur zu wohl, daß die ganze Gegend Dich als den Herrn von Tyringsholm kennt, und alſo— Du verſtehſt mich! Ich möchte um Alles in der Welt nicht, daß man von Dir ſagte, Du laſſeſt den Papa dieß empfinden.“ „Es wäre mir ſehr lieb, wenn Tyringsholm nach Otaheiti fort wehte!“ erwiederte Baron Klas, und ein tiefes Mißvergnügen ſprach ſich in jedem ſeiner Züge aus.„Gott weiß, daß ich nicht den geringſten Werth⸗ auf die ganze Herrlichkeit lege! Das verfluchte Fidei⸗ commiß wird mir noch mit all' den Beſchwerlichkeiten, die es mit ſich bringt, das Leben koſten! Doch gleich⸗ viel— läßt man mich nur nachher in Frieden, ſo will ich ja in Gottesnamen eine Françaiſe mit dem Fräulein tanzen, da dieß als Beweis meiner kindlichen Achtung gelten ſoll! Ich fürchte nur, ich habe die Touren ver⸗ geſſen.“ „Danke, mein lieber, guter Klas; Du biſt gar zu artig! zweiten? „Ja denn der „e in dieſer beherrſch Dir Ric helfen! mir ſage tur ſo g W Aber ſo eiſen bei Gnade d „V chen, ſo Fräulein ſie hübſ von Her „u nie ange 8 Aber ich nützen! Frieden Iſe einen K Kopfnich enn man künftig aß Klas Herr iſt: roth und enn mit ſch. m beneh⸗ hherzlichen ch Deine nicht ihn ihe mir, hr zarter n Sohne loch nicht daß die tingsholm öchte um igte, Du olm nach und ein ter Züge in Werth e Fidei⸗ lichkeiten, ) gleich⸗ d ſo will Fräulein Achtung ren ver⸗ gar zu artig! Es wird am beſten ſeyn, Du engagirſt ſie zur zweiten Francaiſe, und ſiehſt während der erſten zu.“ „Ja ſolchen Unſinn anzuſehen! Aber wann reist denn der General ab— weißt Du das nicht?“ „Ich glaube am Montag. Alſo nur noch vier Tage; in dieſer Zeit könnteſt Du Deinen Aerger wohl ein wenig beherrſchen! Und noch etwas, mein beſter Klas: Laß Dir Richard als erſten Kammerdiener bei Deiner Toilette helfen! Richard kleidet ſich mit Geſchmack— kannſt Du mir ſagen, ob er ſein Haar brennt, oder ob es von Na⸗ tur ſo gelockt iſt?“ „Was für Du Aber ſo viel kann Dir ſagen, daß ich nie ein Brenn⸗ eiſen bei ihm geſehen habe. Ich glaube, Richard hat Gnade vor Deinen Augen gefunden?“ „Viel Gnade! Aber da wir jetzt ſo vertraut ſpre⸗ chen, ſo laß mich wiſſen, was Du zu unſerem kleinen Fräulein ſagſt?“ „Zu welcher— zu Virginien?“ „Nein, zu Hedwig.“ „Was ſollte ich denn von ihr ſagen!“ „Das möchte ich eben wiſſen. Meinſt Du nicht, daß ſie hübſch iſt, daß ſie gutmüthig und brav ausſieht, und von Herzen freundlich und wohlwollend iſt?“ „Und naſeweiß.“ „Sie iſt noch ſo ſehr Kind; überdieß glaub' ich wahr⸗ haftig, daß ſie gerne mit Dir ſpricht. Aber ich bin bei⸗ nahe überzeugt, Du weißt nicht einmal, wie ſie ausſieht.“ „Nein, wahrhaftig, das weiß ich nicht; ich habe ſie nie angeſehen.“ „Dir iſt nicht zu helfen, mein liebenswürdiger Klas! Aber ich rathe Dir, die noch übrige Zeit beſſer zu be⸗ nützen! Und jetzt will ich Mitleid haben und Dich in Frieden laſſen.“ Iſabelle warf dem Bruder mit den Fingerſpitzen einen Kuß zu, welche Artigkeit dieſer mit einem trockenen Kopfnicken erwiederte, heiten— meinſt Du, ich wiſſe das! D Der Ballabend war endlich da. Das Herz des Der Him Oberſten klopfte vor Stolz und Entzücken, als er Ty⸗ habe noc ringsholms prächtige Zimmer von einer glänzenden Ge⸗ begreife 1 ſellſchaft erfüllt ſah. In dieſen Mauern, wo ſeit zwei kann wol Jahrzehnten keine heitere Muſik mehr ertönt war, ſchmet⸗ recht hüb terten jetzt Trompeten und Hörner, und bei ihren be⸗ zuſammer lebenden Tönen flogen die bunten Schatten in leichten„Be Tänzen auf dem gebohnten Boden dahin, und in dem wittwete ſtrahlenden Lichtſchimmer erſchien das bewegte Gemälde bisher ſ noch prächtiger. was das Jedermann rühmte den Geſchmack, den der Oberſt Für ihn bei dieſen Anordnungen gezeigt hatte: Man ſagte ihm Seit der die ausgeſuchteſten Artigkeiten; und glücklich wie ein Gott nicht get in der Welt, die er ſelbſt hervorgerufen hat, ging er den Tag umher, um die Huldigungen zu empfangen, während da⸗ den wird gegen die Perſonen, die er verließ, nach alter verjährter unter ſi Sitte ſeine und ſeiner Familie Verdienſte in einem ganz töpfiſch anderen Lichte beleuchteten. den Ober „Meine beſte Antoinette,“ ſagte Frau von M-— zu„Al Frau von P—,„was ſagſt Du zu einem ſo enormen Frau vo Lurus? Ich wette, die Beleuchtung allein koſtet ein Sehen paar hundert Reichsthaler.“ Sie hat „Das will ich meinen,“ verſicherte Frau von P-=,„M „und ich vermuthe, daß Du Deine Blumen ſo gut dazu mir jede hergeben mußteſt, als ich? Aber ich kann nicht läugnen, nicht, ſi daß ich es für beſſer gehalten hätte, weniger Blumen⸗ Freo vaſen zu haben, und dagegen andern Leuten ihre Orange⸗ zu, der rien zu laſſen! Man kann doch nicht umhin, ſie zu Blick n plündern, wenn man ſo artig dazu eingeladen wird.— beides e Aber, liebe Marke, haſt Du je einen ſo närriſchen Kopf⸗ Gräfin, putz geſehen, als den der Kammerräthin! Daß das alte weſen w Ding ſich ſo herausſtafftren muß! Die Muſik iſt vor⸗ ſie nöth trefflich, und das iſt nicht zu verwundern, denn es iſt ge⸗ auf die wiß die halbe W-'ſche Regimentsmuſik. Es iſt entſetzlich. Bn wie er eitel iſt, der Oberſt!“ wieder v „Ja, da haſt Du recht! Was koſtet es nicht, dieſe Zu Menge Leute von Oſten und Weſten bei ſich zu haben! Das F Herz des s er Ty⸗ zenden Ge⸗ ſeit zwei ar, ſchmet⸗ ihren be⸗ in leichten lid in dem e Gemälde der Oberſt ſagte ihm ie ein Gott t, ging er vährend da⸗ verjährter einem ganz on M— zu ſo enormen koſtet ein t von P—, o gut dazu hht läugnen, er Blumen⸗ hre Orange⸗ hin, ſie zu n wird.— iſchen Kopf⸗ aß das alte iſik iſt vor⸗ in es iſt ge⸗ ſt entſetzlich, nicht, dieſe zu haben! 241 Der Himmel weiß, woher er ſie bekommen hat! Ich habe noch nicht die Hälfte der Geſellſchaſt geſehen, und begreife nicht, wie dieſe alle bedient werden können? Es kann wohl noch Mancher einen Ball arrangiren und das recht hübſch, ohne deßhalb eine ganze Reichsverſammlung zuſammen zu berufen.“ „Bedenken Sie, meine Damen,“ wittwete Gräfin ein, welche die intereſſante Unterhaltung bisher ſchweigend mit angehört hatte,„bedenken Sie, was das für ein Anblick für den alten Baron wäre! Für ihn, der große Verſammlungen nie leiden konnte! Seit der Hochzeit der Fräulein iſt hier in Tyringsholm nicht getanzt worden, und ich glaube auch nicht, daß in den Tagen des künftigen Beſitzers hier viel getanzt wer⸗ den wird, ſobald er ſelbſt erſt mündig wird und das Gut unter ſich hat. Sehen Sie, wie zerſtreut und ſauer⸗ öpfiſch er da ſteht! Es muß ein Herzenskummer für den Oberſten ſeyn, daß er einen ſo ungeſelligen Sohn hat.“ „Aber Ihre Gnaden müſſen zugeſtehen,“ entgegnete Frau von P—,„daß die Tochter um ſo ſcharmanter iſt? ehen Sie, dort walzt ſie eben mit dem Grafen M—. ie hat eine ſuperbe Figur.“ „Mit einer weniger ausgeſuchten Toilette würde ſie mir jedoch beſſer gefallen. Meinen Mädchen erlaube ich nicht, ſich wie Prinzeſſinen zu kleiden.“ Frau von P— warf Frau von M-— einen Blick d iel eine alte ver⸗ zu, der mit einem Lächeln empfangen wurde. Weder der Blick noch das Lächeln waren ſchwer zu deuten; denn beides enthielt einen feinen Spott über die verwittwete Gräfin, die ehedem wegen ihres Hochmuths bekannt ge⸗ weſen war, wie ſie jetzt wegen ihrer Armuth war, die ſie nöthigte, die eigene Kleidung wie die ihrer Töchter auf die möglichſte Einfachheit zu beſchränken. In dieſem Augenblick ſchwebte Iſabellens Geſtalt wieder vorbei; ſelbſt der Neid ſchwieg und bewunderte. Zum Erſtenmal ward die väterliche Eitelkeit des Das Fideicommiß. I. 16 242 Oberſten in ihrem vollen Maße befriedigt. Iſabellens edler ſtolzer Wuchs, der heute von der gewöhnlichen Shawl⸗ umhüllung befreit war, wurde natürlich noch durch den Geſchmack und die Eleganz ihres Ballkoſtüms erhöht. Dieß beſtand aus einem weiten weißſeidenen Kleide und einem anderen von Blonden⸗Tüll darüber, das reich mit Spitzen garnirt war. Um den runden Schwanenhals ſchloß ſich eine Schnur von ächten Perlen, die an Schön⸗ heit mit dem Schmucke wetteiferte, welcher ihr linkes Armgelenk zierte. Die größte Aufmerkſamkeit erweckte jedoch das Juwelengeſchmeide über ihrer ſchönen Stirne und in dem dunklen Haare. „Ach, Mama, wie ſchön ſie iſt!“ ſagte Virginie mit einem halben Seufzer, als ſie ſich nach Beendigung des Walzers neben ihre Mutter ſetzte. „Ja wohl iſt ſie ſchön! Ich habe nie ein herr⸗ licheres Frauenzimmer geſehen,“ erwiederte die Majorin; „aber— aber..,“ „Nun, ich weiß, was Mama meink! Mama glaubt, ſie ſey ſehr eitel, weil ſie ſich mit ſo viel Pracht auf einen Landball angezogen hat. Aber ich verſichere Mama, daß Tante Katharine Sophie jedes Bischen aus ihr herausgeknift und geweint hat. Ja, es war recht lächer⸗ lich! Iſabelle wollte ein ſchwarzſeidenes Kleid anziehen, weil wir die Trauer noch nicht abgelegt hätten, aber da drohte die Kammerräthin, keinen Fuß in den Ballſaal zu ſetzen. Dann gab es einen Streit über ein weißes Tüll⸗ kleid und das, was ſie jetzt an hat. Dabei trat Tante Eugenie gewiß auf Anſtiften des Onkels ebenfalls auf die Seite der Kammerräthin, und Iſabelle mußte ſich bewegen laſſen. Endlich wurde ein großer Rath über das Juwelengeſchmeide gehalten.„Was die Tante nur immer wollen mag,“ ſagte Iſabelle,„nur nicht dieſe verwünſchten Steine! Ich habe ein Paar Aſtern hier, die weit beſſer für das Haar paſſen.“ „Nein, was das für eine Behauptung iſt!“ ſchrie jetzt die Kammerräͤthin halb weinend.„Was ſollte zu Deiner hr das ich zu ließ, und „Ach Wohlwoll nach Dein „Abe und die 2 damit iſt wiederte ihrer letz die Augen Niemand ſie über o „Liel es könnte in Gottes gleich die nun Iſab niger als „Me Augen er mir eine walzte ſie „Mi gen Tag kann gar als er da Einladun hieher. zu dem, „Ja er ſeinen bis ſieben vorige Bo „Gre Iſabellens erhöht. eide und reich mit vanenhals an Schön⸗ hr linkes erweckte n Stirne Virginie eendigung ein herr⸗ Majorin; ia glaubt, rracht auf re Mama, aus ihr ht lächer⸗ anziehen, ten, aber Zallſaal zu ßes Tüll⸗ rat Tante falls auf nußte ſich über das ur immer wünſchten veit beſſer ! ſchrie ſollte zu 243 Deiner hohen Stirne beſſer paſſen, als das Geſchmeide, das ich zu Deinem achtzehnjährigen Geburtstage beſtellen ließ, und das Du damals auf dem großen Balle trugſt?“ „Ach, Iſabellchen! Dein Eigenſinn belohnt mein Wohlwollen ſchlecht! Darfſt Du nicht jeden andern Tag nach Deinem Kopfe handeln.“ „Aber an Balltagen will die Tante immer mich und die Juwelen gemeinſchaftlich ausſtellen. Ich meine, damit iſt die übrige Freiheit faſt zu theuer bezahlt,“ er⸗ wiederte Iſabelle etwas bitter. Jetzt griff die Tante zu ihrer letzten Hülfsquelle, ſie drückte das Sacktuch vor die Augen und fing an, ernſtlich zu betheuern, daß gar Niemand wiſſe, wie viel ſie leide, da ſie von der, welche ſie über alles von der Welt liebe, ſo behandelt werde. „Liebe Tante!“ flüſterte Iſabelle, welche fürchtete, es könnte ein Fremder den lauten Jammer hören:„Gib in Gottesnamen den Plunder her! Da klärten ſich ſo⸗ gleich die Augen unſerer guten Tante auf, und als ſie nun Iſabellen fertig ſah, ſtrahlten ſie kein Bischen we⸗ niger als die Juwelen ſelbſt, das verſichere ich Mama.“ „Meine liebe Virginie,“ ſagte die Majorin, deren Augen ebenfalls ſich zu erhellen anfingen.„Es macht mir eine wahre Freude, dieß zu hören. Aber mit wem walzte ſie denn eben?“ „Mit Graf Pontus von M—. Er war vor eini⸗ gen Tagen nach Svärdſö gekommen, und Mama kann gar nicht glauben, wie vergnügt der Onkel wurde, als er das erfuhr! Er ſchickte ihm geſtern Morgen eine Einladungskarte und Abends kam der Graf auf Beſuch hieher. Was meint Mama, ſieht er nicht noch gut aus zu dem, daß er über vierzig Jahr alt iſt?“ „Ja gewiß, und Svärdſö hatte auch nöthig, daß er ſeinen Herrn wieder einmal ſah. Es iſt jetzt ſechs bis ſieben Jahre, ſeitdem Graf Ludwig v. M—, der vorige Beſitzer ſtarb, und es ſeinem Bruder hinterließ. „Graf Pontus war mehrere Jahre bei der Geſandt⸗ 16* — 244 ſchaft im Ausland; aber jetzt wird er ſich längere Zeit in Svärdſö niederlaſſen... Liebe Mama, ſehen Sie Klas Malchus! er ſoll die nächſte Francaiſe mit Hed⸗ wig tanzen. Sie ſieht in ihrem Ballkleid ſo lieb aus, nicht wahr? Fräulein Gunilla macht die Toilette ihres Lieblings viel Ehre; beſonders ſteht ihr die weiße Roſe im Haare ſehr gut“ „Und Du ſelbſt biſt auch recht hübſch, Virginchen,“ ſagte die Mama mit einem aufmunternden Lächeln. Virginie küßte ihrer Mutter die Hand und erröthete vor Freude.„Mama kann gar nicht glauben,“ flüſterte ſie,„wie freudig überraſcht ich war, als ich mein ſchö⸗ nes Ballkleid bekam! Das hat Mama und Jſabelle mir zugeſtellt. Hedwig näht ſo hübſch; ſie hat mir bei da Garnirung geholfen.“ „Ich mag Fräulein Hedwig recht! Sie hat drei gute Eigenſchaften, die ich ſehr ſchätze: Sie iſt unſchul⸗ dig, heiter und anſpruchslos... Aber es iſt ein wahres Wunder, daß ſie Klas Malchus zum Tanzen vermocht haben.“ Das lärmende Rauſchen der Muſik unterbrach ihre Unterhaltung. Virginie wurde von ihrem Kavalier fort⸗ geführt; und jetzt ſetzte ſich auch Klas Malchus lang⸗ ſam in Bewegung. Der moderne Stockholmer Frack und die mit Huͤlfe des Brenneiſens neugeſchaffenen Locken gaben ihm ein mehr als gewöhnlich angſtvolles Aus⸗ ſehen, denn beides war ihm ungewohnt und machte ihn verlegen. Dazu kam die Ueberzeugung, daß Jedermamn gewiß auf ihn ſehen und ihn lächerlich finden, daß er vielleicht, ja ſogar wahrſcheinlich Fehler in den Touten machen, und was das Schlimmſte war, daß das Fräu⸗ lein ihm gewiß mit ihren ewigen Fragen keine Nuhe laſ⸗ ſen wurde. Der arme Baron Klas! Er ſah aus wie ein Märtyrer der barbariſchen Forderungen der Con⸗ venienz!— Richard, der ſein vis à vis war, ſtand mit Iſa bellen ſchon an dem beſtimmten Platze, als Baron Klas endlich mi pelte, an „Lieb das Vergn Dir tanzen in einer ſo but wäre.” „Es verläßt, ſehen, es Und zwar Klas Touren g nem Wol chard ent nicht zu um ihren die letzte gut wie Statten. Nach Wärme geführt l in der E zu derſelb „Ich duldig er ein ſo gre „Ich Iſabellen. zu theilen „Un vielmehr hier zu ſet „Nu ich jetzt u „Nie ugere Zeit ehen Sie mit Hed⸗ lieb aus, lette ihres weiße Roſe lirginchen,“ heln. d erröthete flüſterte mein ſchö⸗ ſabelle mir nir bei der hat drei ſiſt unſchul⸗ ein wahres i vermocht rbrach ihre valier fort⸗ chus lang⸗ Imer Frack enen Locken volles Aus⸗ machte ihn Jedermann en, daß er den Touken das Fraͤu⸗ — Ruhe laſ⸗ h aus wie der Con⸗ d mit Iſa⸗ Baron Klaß 245 endlich mit der kleinen Hedwig, die hinter ihm hertrip⸗ pelte, an Ort und Stelle ankam. „Liebe Iſabelle,“ ſagte Richard lächelnd,„ich würde das Vergnügen zum erſtenmale ſeit unſerer Kinderzeit mit Dir tanzen zu dürfen, doppelt genießen, wenn ich nicht in einer ſo gräßlichen Unruhe wegen Klas Malchus De⸗ but wäre.“ „Es iſt zu vermuthen, daß die Verwirrung ihn verläßt, ſo wie der Tanz recht im Gang iſt. Du wirſt ſehen, es geht dann von ſelbſt. Und Jſabelle hatte Recht. Anfangs verwechſelte zwar Klas Malchus rechts und links und vergaß zwei Touren ganz, aber die kleine Hedwig half ihm mit ei⸗ nem Wohlwollen und einer Anmuth zurecht, die Ri⸗ chard entzückte und auch auf den Baron ihre Wirkung nicht zu verfehlen ſchien. Er wurde bald aufinerkſamer, um ihren freundlichen Erinnerungen zu entgehen; und die letzte Hälfte der Francaiſe ging wenigſtens eben ſo gut wie bei manchen Andern aus der Geſellſchaft von Statten. Nachdem Baron Klas mehr aus Verdrießlichkeit als Wärme ſchwitzend, ſeine Dame an ihren Platz zurück⸗ geführt hatte, ging er in ein entlegenes Zimmer, um in der Einſamkeit einigen Erſatz zu genießen. Beinahe zu derſelben Zeit trat Richard und Iſabelle ein. „Ich bitte Euch, ſagt nichts!“ rief er ihnen unge⸗ duldig entgegen und wandte ſich ab, um ſich nicht auf ein ſo großes Manöver beſchauen zu laſſen. „Ich will nur einige Minuten ausruhen,“ ſagte Iſabellen.„Du erlaubſt mir doch, den Sopha mit Dir zu theilen?“ „Und ich,“ ſetzte Richard hinzu,„gehe oder laufe vielmehr einen Augenblick fort, um deſto ſchneller wieder hier zu ſeyn. Ich bringe Dir etwas, Iſabelle.“ „Nur kein Eis, mein galander Richard, das wage ich jetzt nicht zu genießen.“ „Nie bekommſt Du etwas ſo Kaltes von mir, Iſa⸗ 246 belle!“ Richard flog hinaus. Bruder und Schweſter lehn⸗ ten ſich jedes in eine Sophaecke, ohne ein Wort zu ſprechen. Sie befanden ſich in dem blauen Gemach mit den Spiegelpfeilern; und es war ein eigener Anblick in jedem Spiegel die ſtille Gruppe abgebildet zu ſehen: Er ſchwarz gekleidet mit finſterer Miene und Weſen; ſie ſo weiß, ſo ſchön, halb liegend, den Kopf auf einen Arm von der reinſten antiken Form gelehnt, und von dem Lichte der Kronleuchter umgoſſen, deren Strahlen auf den waſſerhellen Steinen ihres Armſchmuckes tanzten. Von beiden ungeſehen war Richard zurückgekommen. Einige Augenblicke konnte er ſich das Vergnügen nicht verſagen, die ruhende Iſabelle zu betrachten; aber er mußte den Zauber brechen. „Biſt Du ſchon müde?“ „Biſt Du ſchon zurück, Richard?“ Sie ſah auf, aber Richard erſchrack, denn ihr Geſicht war wo mög⸗ lich noch weißer als ihr Kleid, während ihre Augen jene ſchwarze Farbe angenommen hatten, deren zitternder Schimmer nur ſchwer eine nähere Betrachtung erlaubte. gu Iſabelle, ich fürchte, Du befindeſt Dich un⸗ wohl.“ „Nein, gewiß nicht! Ach wie ſchön— gib her! Meinſt Du nicht, daß dieß mich beſſer ſchmücken wird als die eiſigen Steine?“ Sie riß ihm haſtig ein Bonquet der ausgewählteſten Blumen aus der Hand. Richard hatte es ſich mit großer Mühe bei den erſten Gärtnern der Umgegend verſchafft. Die Gewächshäuſer von Ty⸗ ringsholm boten keine ſo ſeltenen Blumen dar. 3 Iſabelle, welche Blumen leidenſchaftlich liebte, ſog ihren herrlichen Duſt ein und hielt es über die blaſſe Stirne, ohne Richard ein einziges Wort zur Belohnung zu ſagen, der ſich jedoch durch die Befriedigung, die ſie zeigte, vollkommen belohnt fand. Es war die Abſicht des Lieutenants geweſen, ihr das Bouguet zu überrei⸗ chen, wenn er ſie in Tante Katharine Sophiens Zimmer. im Ballſtaate begrüßen dürfte; aber als dieß wirklich geſchah, r groß, daß quet, das zurücktrug. den derjen len ſtrahlt ren Verhä ſicht geänd nicht, daf Steine?“ Steinen. „Dieſ ſagte Iſal Sie von bekommen „Neit neteren G „Abe mit recht „Ja, Narr iſt d Jetzt „Liebes J zu kalt fü Iſabe nach dem den ganze eine unbeſe das Bouq zu geben, „Iſt Iſabellchen im Tanz nahm, un „Alte ſter lehn⸗ Wort zu mach mit Inblick in hen: Er ; ſie ſo nen Arm von dem hlen auf zten. gekommen. gen nicht aber er ſah auf, wo mög⸗ ugen jene zitternder erlaubte. Dich un⸗ gib her! icken wird Bonquet Richard Gärtnern von Ty⸗ jebte, ſog die blaſſe Zelohnung g, die ſie ie Abſicht überrei⸗ s Zimmer z wirklich 247 geſchah, war ſeine Ueberraſchung über ihren Anzug ſo groß, daß er trotz ſeiner tiefen Bewunderung das Bou⸗ quet, das er im Hute verborgen hatte, auf ſein Zimmer zurücktrug. Er glaubte, ein paar einfache Blumen wür⸗ den derjenigen nicht ſonderlich behagen, die von Juwe⸗ len ſtrahlte. Virginiens kleine Erzählung von dem wah⸗ ren Verhältniß der Sache hatte jedoch bald ſeine An⸗ ſicht geändert, und Iſabellens eigenen Worte meinſt Du nicht, daß dieß mir beſſer ſtehen wird, als die eiſigen Steine?“ verſöhnten ihn vollkommen mit ihr und den Steinen. „Dieſe Blumen habe ich hier noch nicht geſehen,“ ſagte Iſabelle und betrachtete ſie aufmerkſam.„Sind Sie von Tjällſtorp? Ich hätte kein ſchöneres Bouquet bekommen können!“ „Nein, Tjällſtorp hat leider noch keine ausgezeich⸗, neteren Gewächſe.“ „Aber wo haſt Du ſie denn herbekommen? Gewiß mit recht vieler Mühe, mein Richard?“ „Ja, das weiß Gott,“ fiel Klas Malchus ein.„Der Narr iſt darum drei Meilen weit herumgeritten.“ Jetzt zeigte ſich die Kammerräthin unter der Thüre. „Liebes Iſabellchen, ich ſuche Dich überall. Hier iſt es zu kalt für Dich, mein Kind!“ Iſabelle ſtand ſchnell auf und kehrte mit ihrer Tante nach dem Saale zurück, aber die Blumen begleiteten ſie den ganzen Abend ununterbrochen, und Richard fühlte eine unbeſchreibliche Freude, als ſie ſich freundlich weigerte, das Bouquet zu theilen und Hedwig eine einzige Blume zu geben, um welche dieſe bat. „Iſt Graf Pontus nicht ein intereſſanter Mann, Iſabellchen?“ ſagte der Oberſt, der während einer Pauſe im Tanz den Arm ſeiner Tochter unter den ſeinigen nahm, und ſo ein paar Mal mit ihr durch den Saal ging. „O ja für ſein Alter.“ „Alter?— was willſt Du damit ſagen?— er iſt 248 ein junger Mann! Noch nicht volle vierzig; ſo viel ich weiß.“ „Spielt der General den ganzen Abend.“ „Ja, wie gewöhnlich mit dem Major und Kapitän. Ich hatte gehört, daß Graf M= ebenfalls gerne ſeine Parthie machte und wollte ihn zu einem Spieltiſch nöthi⸗ gen; aber er ſagte mir ſehr verbindlich: obſchon er im Allgemeinen nichts dagegen habe; den Abend bei den Karten zuzubringen, ſo wäre dieß doch bei dieſer Gele⸗ genheit ganz unverantwortlich. Sehr fein geſagt! Er ſchien entzückt, und nichts konnte ſcharmanter ſeyn als Euch zuſammen walzen zu ſehen!“ „Aber meinte Papa nicht, daß es mit Klas Malchus ganz ordentlich ging!“ „O ja beſſer, als ich glaubte. Ich gedenke morgen etwas mehr zu wagen. Aber ſieh, da kommt eben der Graf! Schau uicht immerwährend auf die Blumen, meine Liebe! Ich denke, es fehlt Dir nicht an andern Gegenſtänden, die Deiner Aufmerlſamkeit werth ſeyn dürften.“ Die Baronin Eugenie hatte für dieſen Abend ihr gewöhnliches, verſchloſſenes und— wenn wir Andern nachſprechen wollen— etwas unangenehmes Weſen ab⸗ gelegt. Iſabellens Ermahnungen waren nicht vergebens geweſen. Sie erfüllte jetzt die Obliegenheit einer Wir⸗ thin mit aller erforderlichen Ceremonie, war artig und zugänglich für Alle, gab und empfing Komplimente, und bekam bisweilen ſogar eines von ihrem Manne, daß ſie einmal ſey, wie ſie ſeyn ſollte und wie es einer Dame an ihrem Platze gezieme. Einige Zeit vor dem Souper flüſterte ihr der Oberſt zu:„Wir haben zwar einen ganzen Haufen Leute über Nacht, aber noch Einer dazu wird wohl nichts ausma⸗ chen. Es iſt weit nach Svärdſö— könnten wir nicht den Grafen überreden über Nacht zu bleiben?“ „Unmöglich! Alle heizbaren Gaſtzimmer, das heißt alle die benützt werden können, ſind bis zum Uebermaß beſetzt. Ue nicht volle! ſelbſt unter Ein gebracht, ihn auf de unmöglich Graf genö in Tyring Der und drück aus. Gre Bekanntſch beiderſeits ing der des Hauf Wen mals hät jetzt gewe lichkeit ſa Artigkeit „Me Ohr,„ genug dü ſich dießn annahm, 9 leiſe, D ganz frer dieß aus er ſich ſeiner M „ wirklich! die äußer Nac und alle ſo viel Kapitän. ne ſeine h nöthi⸗ ſchon er bei den er Gele⸗ gt! Er eyn als Malchus morgen eben der Blumen, andern th ſeyn bend ihr Andern eſen ab⸗ dergebens ter Wir⸗ rtig und nte, und daß ſie er Dame r Oberſt ute über ausma⸗ vir nicht das heißt lebermaß beſetzt. Ueberdieß.“ Die Baronin konnte ihren Satz nicht vollenden: Sie wurde von dem Grafen von M ſelbſt unterbrochen, der ſchon kam, um Abſchied zu nehmen. Ein Bote von Svärdſö hatte ihm die Nachricht gebracht, daß er von einem Freunde erwartet werde, der ihn auf der Vorbeireiſe beſuchen wollte: da derſelbe aber unmöglich länger als bis morgen bleiben könne, ſo ſey der Graf genöthigt, dem Vergnügen, den Reſt des Abends in Tyringsholm zuzubringen, zu entſagen. Der Oberſt wurde dadurch ſehr unangenehm berührt und drückte ſein Leidweſen in den gewählteſten Worten aus. Graf M— dagegen hoffte die glücklich eingeleitete Bekanntſchaft erneuern zu dürfen; und nachdem man beiderſeits alles geſagt hatte, was die Etikette erforderte, ging der ſchwer vermißte Gaſt um der ſchönen Tochter des Hauſes Lebewohl zu ſagen. Wenn der Oberſt bei ſeiner feinen Lebensart je⸗ mals hätte böſe werden können, ſo wäre er es gewiß jetzt geworden, als er die kalte obſchon vollendete Höf⸗ lichkeit ſah, womit Iſabelle die ehrerbietige und feine Artigkeit des Grafen erwiederte. „Meinſt Du,“ flüſterte der Oberſt ſeiner Frau in's Ohr,„daß ihr vielleicht ein Prinz von Geblüte gut genug dünken würde?“ Und der feine Weltmann vergaß ſich dießmal ſo weit, daß er eine ganz bürgerliche Manier annahm, und ſeine Frau am Rocke zupfte. „Mein beſter Malchus,“ erwiederte die Baronin leiſe, Du kannſt doch wohl nicht denken, daß ſie eine ganz fremde Perſon aufmuntern ſoll? Ich erkenne über⸗ dieß aus der Verbeugung des Grafen und der Art, wie er ſich entſernt, daß ſie durch dieſe Zurückhaltung in ſeiner Meinung nur geſtiegen iſt.“ „Glaubſt Du das? Ja, ja, ſie hat eine Art, die wirklich nobel iſt.— Doch ich muß den Grafen durch die äußeren Zimmer begleiten.“ Nachdem der Oberſt dieſe letzte Artigkeit vollbracht und alle Gäſte, denen er dabei begegnete, mit einigen aus⸗ 250 geſuchten Worten mehr oder minder ſüßen Inhalts be⸗ wirthet hatte, machte er ſich wieder zu ſeiner Frau, mit der er wahrſcheinlich noch einige Worte zu ſprechen hatte. „So, Du meinſt alſo, dieſe Förmlichkeit habe keinen unangenehmen Eindruck auf ihn gemacht? Ein ausge⸗ zeichneter Mann, mußt Du wiſſen, dieſer Graf M.! Er verwandte beinahe nie ein Auge von ihr. Auch muß ich geſtehen, daß der Kammerräthin ſowohl ihre Erziehung als die Freigebigkeit, womit ſie ihre Toilette beſtreitet, Ehre macht. Es iſt mir ein wahres Vergnügen, ſie zu betrachten; und unter uns ich bin ſtolz darauf, in meiner Tochter eines der ſchönſten und liebenswürdigſten Frauen⸗ zimmer des Landes zu wiſſen. Ueberhaupt iſt das ganze Feſt ſo arrangirt, daß keine Anmerkungen darüber ge⸗ macht werden können. Glaubſt Du, daß das Souper vollkommen gelungen iſt?“ „Ich zweifle nicht daran. Aber wiſſe, mein Lieber, ich glaube der Stallmeiſter macht dem kleinen Fräulein, v. D-= ſehr emſig den Hof. Ich fürchte, er ſetzt dem jungen Mädchen einen Haufen närriſcher Dinge in den Kopf“ „Das ſoll er wohl bleiben laſſen,“ meinte der Oberſt und wurde feuerroth, als er einen Blick auf die funkeln⸗ den Augen des Stallmeiſters warf. Es war das dritte Mal, daß dieſer Hedwig zum Tanze führte. Als die Francaiſe zu Ende war, winkte der Oberſt dem jungen Elegant zu ſich her, wobei er etwas bei Seite und artig, aber ſcharf zu ihm ſagte:„Herr Stall⸗ meiſter, entſchuldigen Sie, wenn ich Ihnen freundſchaſt⸗ lich ſage, daß es ſich für einen Mann von Erziehung nicht ſchickt, eine Dame ſo oft zu beläſtigen! Wenigſtens ſollte ich glauben, daß eine Priyatgeſellſchaft ſie vor jeder Zudränglichkeit ſchützen ſollte. „Und ich,“ ſiel der Kapitän ein, der eben den Spiel⸗ tiſch verlaſſen hatte, und dicht hinter ihnen ſtand,„ich ſollte überdieß meinen, daß es ſolchen Wildfängen, wie ſch und der Stallmeiſter, uns guten Freunden des Hau⸗ tes zukäme ein Bischen die Reſerve abzufüttern.“ „Wie „Ha,„ Oberſt verſt Stallmeiſter was wir Damen zu ger verdreh Herſpähen Seele kom Ja, mein Herz um i ſo gut un mein vis: löſen!“ „Seht Oberſt, d großer Tl drießlichen höchſt verl in der The Der lichen Blit nahm und Für einen ihre „Ricl er und d trafen,„ und Fräu „Da⸗ nant ſchl. Fräulein Oberſt l zien ware zenden. Und lts be⸗ t, mit hatte. keinen ausge⸗ ! Er uß ich tehung treitet, ſie zu meiner rauen⸗ ganze r ge⸗ Souper Lieber, nulein, ungen Kopf 1 Oberſt nkeln⸗ dritte Oberſt s bei Stall⸗ ſchaſt⸗ ehung gſtens jeder Spiel⸗ nich „wie Han⸗ 251 „Wie ſo?“ fragte der Oberſt. „Ha, ha, ha!l“ lachte der Kapitän.„Der Herr Oberſt verſteht die Feinheit nicht! Ich meine, wir, der Stallmeiſter und ich, ſollten aus Dankbarkeit für das, was wir aufeſſen und trinken, den ſitzen gebliebenen Damen zu einiger Bewegung verhelfen; die armen Din⸗ ger verdrehen ſich noch den Hals mit dem ewigen Hin⸗ und Herſpähen zur Rechten und Linken, während doch keine Seele kommen und ſie aus dem Fegfeuer erretten will. Ja, mein Herr Stallmeiſter, ich habe kein ſo hartes Herz um ihre Noth mit anſehen zu können! Seyen Sie ſo gut und werden Sie in drei oder vier Françaiſen mein vis à vis, ſo wollen wir die armen Kinder er⸗ löſen!“ „Sehr aufmerkſam, mein beſter Kapitän,“ ſprach der Oberſt, der erſt jetzt Zeit hatte zu bemerken, daß ein großer Theil junger häßlicher Frauenzimmer mit ver⸗ drießlichen Geſichtern die Wände zierte.„Ich bin Ihnen höchſt verbunden, und der Herr Stallmeiſter würde mich in der That obligiren, wenn er dem guten Beiſpiel folgte.“ Der Stallmeiſter ſchickte dem Kapitän einen tödt⸗ lichen Blick zu, als ihn dieſer verbindlich unter den Arm nahm und mit ſich zog. Für den Reſt des Abends hatte Fräulein Hedwig einen ihrer eifrigſten Bewunderer verloren. „Richard,“ ſagte der Oberſt halb mißvergnügt, als er und der Lieutenant in einem Nebenzimmer zuſammen⸗ trafen,„warum haſt Du nicht mit Fräulein von P— und Fräulein von B— und Fräulein von A— getanzt?“ „Das kommt daher, Onkel,“ erwiederte der Lieute⸗ nant ſchlau,„weil ich dafür mit Fräulein von G—, Fräulein von L— und Fräulein von H— tanzte.“ Der Oberſt lächelte beifällig: Die drei letztgenannten Gra⸗ zien waren die Häßlichſten und Aelteſten unter den Tan⸗ Und jetzt genug der Bilder von des Oberſten Ball. 4⁴ —— 4.. 252 Sechszehntes Kapitel. Am Morgen nach dieſem Feſte, eine gute Weile, ehe die Gäſte vermuthlicher Weiſe ihre Zimmer verlieſ⸗ ſen, und nur die leiſen ſchlürfenden Schritte der Die⸗ nerſchaft gehört wurden— ein ewiger Kreislauf von Zimmer zu Zimmer, wobei man abſtäubte und reinigte — ſchlich der Oberſt leiſe über den Corridor und nahm ſeinen Weg nach dem Flügel, der von Baron Klas be⸗ wohnt wurde. Der Oberſt hatte ſeinen großen Plan nicht außer Augen gelaſſen; aber da er gefunden hatte, daß von Iſabellens Seite keine direkte Hülfe zu erwarten ſtand, ſo war er entſchloſſen allein zu handeln, und das nach einem Plane, der ihm wenigſtens zuläſſig, d. h. ſeiner Anſicht nach„ſehr gut“ erſchien. Manches Glück in ſeinem Leben hatte er einem kühnen Schritte zu danken, warum denn nicht noch einmal ſeine Kraft verſuchen? Der General beabſichtigte nur noch dieſen und den folgenden Tag da zu bleiben; und da kein geringer Theil der Ballgeſellſchaft ebenfalls verſprochen hatte, dieſe Zeit noch in Tyringsholm zuzubringen, ſo ging der Oberſt mit keinem geringeren Plane um, als eine Verlobung vor dem allgemeinen Aufbruche zu veranſtalten. Wie er es angreifen wollte, um eine ſo unwahrſcheinliche Sache möglich zu machen, das erfahren wir aus dem Folgenden. Baron Klas Malchus, das nahe Gewitter nicht ahnend, welches ſeine geliebte Ruhe bedrohte, hatte eben das Bett verlaſſen, als der Oberſt mit einer ernſten und etwas niedergeſchlagenen Miene zu ihm eintrat. „Entſchuldige mein beſter Klas Malchus, wenn ich Dich ſo frühzeitig ſtöre! Ich wollte nur zu Dir herunter und Dir für die Aufmerkſamkeit und Freundſchaft dan⸗ ken, die Du mir geſtern Abend dadurch erwieſeſt, daß Du mit Fräulein Hedwig tanzteſt. Ich hegte wahrhaf⸗ tig den Deinen kannte, zu bitte 6„* Vergni daran mich n S lichkeit ſein§ Oberſt meinte Vater⸗ hinau 3 Du koſten daß gen S Mitle nicht ate Weile, er verlieſ⸗ der Die⸗ Flauf von d reinigte und nahm Klas be⸗ cht außer daß von ten ſtand, das nach h. ſeiner Glück in u danken, chen? und den gger Theil dieſe Zeit er Oberſt Berlobung en. Wie ſcheinliche aus dem ter nicht atte eben iſten und wenn ich herunter aft dan⸗ eſt, daß wahrhaf⸗ 253 tig den Wunſch, daß Du es thun mögeſt, aber da ich Deinen Widerwillen gegen dergleichen Vergnügungen kannte, ſo hatte ich zu viel Zartgefühl, um Dich darum zu bitten.“ Es freut mich zu hören, daß ich Papa damit ein Vergnügen gemacht habe! Ich will alſo nicht weiter daran denken, wie widerwärtig und langweilig es für mich war.“ Der Oberſt huſtete.„Ich ſtehe in großer Verbind⸗ .Klas Malchus knüpfte lichkeit gegen den General.“. ſein Halstuch. „Deren Laſt ich ſelbſt am meiſten fühle.“ Der Aber der junge Baron Oberſt ſeufzte und hielt an. meinte, das Zartgeſühl erfordere es, dem Vertrauen des Vaters nicht zuvorzukommen; er ſah durch das Fenſter hinaus und war wie gewohnlich verlegen. „Klas Malchus!“ „Mein Vater!“ „Du ſiehſt mich im größten Kummer, mein Sohn! Du kennſt meinen Stolz und begreifſt wohl, was es mich koſten muß, dieß zu ſagen.“ „Ich zweifle nicht daran, Papa, und es thut mir leid, daß es ſo iſt.“ „Ja, Du kannſt nicht ſo ohne Gefühl für die Sor⸗ gen Deines Vaters ſeyn, um ihnen nicht wenigſtens Dein Mitleid zu ſchenken; aber damit iſt mir leider Gottes nicht geholfen!“ „Womit kann ich dem Papa dienen?“ „Das iſt eine ſehr delikate Sache, mein beſter Klas Malchus, ſehr delikat! Aber laß uns den Fall ſetzen, daß ich in einer größeren Schuld gegen den General ſtünde, als ich vergelten könnte; kurz, wenn meine Ehre... Erſpare mir die Weitläufigkeiten und ſage mir auf ein Mal, ob Du einem armen Vater aus der drückendſten Noth helſen wollteſt— ob Du, wenn ich auch verlangte was ich wollte, meine Verbindlichkeit gut machen wollteſt?“ Klas Malchus, der nichts anders glauben konnte, 254 als daß hier, von Geld oder vielleicht von einer Ver⸗ ſchreibung auf Tyringsholm die Rede ſſey, dem es aber nicht in den Sinn kommen konnte, daß der Oberſt ihn ſelbſt verſchreiben wollte, erwiederte ſchnell und bereit⸗ willig, denn er dachte zu edel, um ſeinen Vater eine Minute lang in Ungewißheit zu laſſen.„Es iſt mir ſehr lieb, dem Papa zu Dienſten ſeyn zu können— ſoll ich irgend Etwas unterzeichnen?“ „Mein lieber Klas Malchus, dieß iſt in der That ſehr ſchön und wacker von Dir! Wenn Du es nur nicht bereuſt. Biſt Du gewiß, daß Du es nicht thuſt, wenn Du hörſt, wovon die Rede iſt? Ich halte es für meine Pflicht Dir zu ſagen, daß es keine Kleinigkeit iſt“ „Ich hoffte, Papa hätte mich für beſſer gehalten! Ich kann wohl rauh und ungehobelt ſeyn, aber ſchlecht bin ich nicht; und ich gebe Papa mein Ehrenwort, falls dieß erforderlich iſt, jede Bedingung mit freudigem Herzen und dem größten Vergnügen zu erfüllen.“ Der edle argloſe Sohn reichte ſeinem ſelbſtſüchtigen betrügeriſchen Vater die Hand, der ein paar Augenblicke zögerte, roth wurde und unentſchloſſen ſchien, ob er ſie annehmen ſollte. Aber die Sekunde verſtrich, die Ver⸗ ſuchung war zu mächtig, und Oberſt von&— fügte in dieſem Augenblick eine neue Handlung zu den andern, die er ſchon in dem geheimſten Winkel ſeiner Seele nie⸗ dergelegt hatte. Niemand hatte jedoch den allgemein geachteten Mann auch nur wegen einer einzigen von der Art im Verdacht, daß ſie bei dem vollſten Lichte des Tages ſchlimm aus⸗ geſehen haben würde. „Wir ſind alſo einig,“ ſagte der Oberſt.„Und wenn Du Dich heute Abend um ſechs Uhr im Spiegel⸗ Zimmer einfinden willſt, ſo wirſt Du dort mich und den General antreffen. Aber bedenke, Klas Malchus, daß ich es nie vergeſſe, wenn Du mich dann komprommittirſt.“ Klas Malchus lächelte; er meinte, dieſer Kummer ſey überflüſſig. Na Baron, den und gewöhnl zu benü gen, u Stock 1 war jet weſen, für Fuf M und wo nicht w kannte. nerin g liche Un in der und W jetzt ho Herr C verhelfe nicht ar wäre, man de Gottes liebe le ihr ein: ner Ver⸗ nes aber Oberſt ihn id bereit⸗ gater eine mir ſehr ſoll ich der That nur nicht ſt, wenn ür meine 44 gehalten! ſchlecht ort, falls n Herzen ſüchtigen ienblicke b er ſie die Ver⸗ fügte in andern, eele nie⸗ n Mann 3 Verdacht, uim aus⸗ „Und Spiegel⸗ und den 1s, daß nittirſt.“ Kummer Nachdem der Oberſt gegangen war, beſchloß der Baron, der auf dieſe Unterredung mit ſich ſelbſt zuſrie⸗ den und dadurch auch bei beſſerer Laune war, den un⸗ gewöhnlich milden Herbſtmorgen zu einem Spaziergang zu benützen. Er ließ ſich ſein Frühſtück herunter brin⸗ gen, und als er es verzehrt hatte, nahm er Hut und Stock und begab ſich auf ſeine gewöhnliche Fahrt. Er war jetzt ſeit mehreren Tagen nicht im Meßnerhauſe ge⸗ weſen, denn Regen und Hagel hat Wetter und Wege für Fußpromenaden nicht ſehr angenehm gemacht. Mutter Chriſtine, die ſchon lange auf ihn gewartet, und wohl bedacht hatte, was dann zu thun wäre, war nicht wenig erfreut, als ſie den Baron von weitem er⸗ kannte. Um den heimlichen Wünſchen der Mutter Meß⸗ nerin gleichſam entgegen zu kommen, trat noch der glück⸗ liche Umſtand ein, daß der Kapellmeiſter zu einer Auktion in der Nachbarſchaft gerufen worden war— ſeine Stimme und Würde paßten ſo gut zu dieſem Geſchäft— und jetzt hatte die liebe Mutter freie Hände, um unſerem Herr Gott zu einer jener unglücklichen Zufälligkeiten zu verhelfen, die der Oberſt und noch viele andere Leute nicht auf der Welt wünſchten, da ſie immer Aergerniß hervorbrachten. „Mein liebes Kind,“ ſagte die alte Eva zu ihrer Tochter, die ſtill und etwas muthlos an der Arbeit ſaß, „das Grämen hilft zu nichts. Wenn die Erde brennend wäre, ſagte immer meine alte Großmutter, ſo müßte man doch auf ihr gehen. Und hierin hatte ſie leider Gottes Recht! Du weißt ſelbſt, daß ich mich Dir zu liebe lange dagegen geſträubt habe; aber ich ſehe jetzt all' zu klar ein, daß der Alte nicht nachgibt, bis er ſei⸗ nen Willen hat. Gott helfe Dir, mein Kind und ſtärke Dich, daß Du den großen Verſuchungen widerſtehen kannſt. Es iſt dann nicht, wie wenn Du zu Hauſe unter den Augen der Mutter wäreſt.“ „Als Marie dieſe Rede von der Mutter hörte, die ihr einziger Schutz und Troſt war, brach ſie in ein hef⸗ —— ☛☛— 256 tiges Weinen aus.„Gibt es denn Niemand auf Erden,“ ſchluchzte ſte,„der mich aus dieſer Noth erretten will?“ Die Mutter Meßnerin war zu ſchlau, um Mariens Bewegung zu hemmen, die ſie ſelbſt ſo geſchickt und zur rechten Zeit hervorgerufen hatte. Sie wußte recht wohl, wozu Thränen und ein aufgeregtes Gemüth bisweilen nützen.„Hoffe auf Gott, mein Kind,“ war ihr andäch⸗ tiger Troſt, als ſie den grauen Rock des Baron heran⸗ ſchimmern ſah; und nun ſtand ſie auf und ging hinaus, um nach der Kuh zu ſehen, die kürzlich gekalbt hatte. Mutter Chriſtine hatte noch nicht viel Schritte ge⸗ than, als die Hausthüre knarrte und Marie, die den Kopf auf die gekreuzten Arme und dieſe auf den Tiſch gelegt daſaß, von dem Baron überraſcht wurde. Scheu und erſchrocken ſprang Marie auf. Sie ſchämte ſich, daß der Baron ſie ſo geſehen hatte, und eine deutliche Verwirrung lag auf ihrem Geſichte und in ihrem Gruß. Klas Malchus empfand eine ſeltſame und beinahe eben ſo verlegene Bewegung, als er Marie in einem ihm unbekannten Schmerze erblickte. Nachdem er ſie einige Augenblicke ſchweigend betrachtet hatte, faßte er ſie ſachte beim Arm.„Was gibt es?“ Seine eigene heftige Unruhe verhinderte ihn, etwas weiter zu ſagen. „Der Stallmeiſter, der ſchlechte Menſch!“ ſagte Marie, die ſich bei dieſer theilnehmenden Frage außer Stands fühlte, ihren Kummer länger zu verbergen. Aber es kam nicht weiter als zu den Worten:„Der Stallmeiſter, der ſchlechte Menſch!“ denn hier barſt der unterdrückte Schmerz, wie ein zu feſt angezogenes Band. Um alles in der Welt hätte Marie ſich nicht ſo un⸗ ſchicklich benehmen mögen, um in Gegenwart des Ba⸗ rons laut zu weinen. Aber ſie konnte nicht anders. Die Thränen wollten ſich nicht befehlen laſſen, am Rande des Auges hängen zu bleiben; da ſtand jetzt die bleiche Roſe, von einem Thau begoſſen, den der Sonnenſtrahl noch nicht weggeküßt hatte. „Der Dieſer Na⸗ Lippen ar rung an beim Mit riſcher Ge⸗ rief er h⸗ verſpreche daß ich d brauche— wenn er? Die Klas Ma gleich zur ſeine Abf ich ſehr würde. Idee gehe meint, de Glück me gekommen der Stall und jetzt er Tag wird. E „Ha ſeine Lipe vor Wur hat er ſie Marie, haſt Du „Wi -Baron i ſchüchtern verſcheuch aus unpa Das f Erden,“ en will?“ Mariens t und zur echt wohl, bisweilen r andäch⸗ on heran⸗ g hinaus, hatte. chritte ge⸗ die den den Tiſch nuf. Sie atte, und ichte und d beinahe in einem in er ſie faßte er ne eigene zu ſagen. 1 ſagte ige außer verbergen. mn:„Der barſt der les Band. t ſo un⸗ des Ba⸗ ders. Die m Rande die bleiche nnenſtrahl „Der Stallmeiſter?“ wiederholte Klas Malchus. Dieſer Name, in dieſem Augenblick, und ſo von Mariens Lippen ausgeſprochen, und verbunden mit der Erinne⸗ rung an den zweideutigen Scherz des Stallmeiſters beim Mittageſſen, erweckten ein ganzes Heer aufrühre⸗ riſcher Gedanken im Kopfe des Barons.„Sage, Marie,“ rief er heſtig,„ſage mir, warum Du weinſt, und ich verſpreche Dir bei meiner Ehre— Du mußt wiſſen, daß ich dieſe Worte nicht wie eine leere Redensart ge⸗ brauche— ich verſpreche Dir, den Elenden zu züchtigen, wenn er Dir übel gewollt hat.“ Die unſichere, heftige, beinahe wilde Stimme von Klas Malchus brachte die ſtille, bedachtſame Marie ſo⸗ gleich zur Beſinnung.„Ich weiß nicht,“ ſagte ſie, ob ſeine Abſicht gerade böſe war; aber gewiß iſt, daß ich ſehr unglücklich werden müßte, wenn etwas daraus würde. Der Vater hat ſchon lange die wunderliche Idee gehabt, mich nach Stockholm zu ſchicken, wo er meint, daß ich mit meiner Stimme auf dem Theater Glück machen würde. Aber es wäre gewiß nie weiter gekommen, als zu einem bloßen Geſchwätz, wenn nicht der Stallmeiſter aus allen Kräften dazu gsholfen hätte; und jetzt iſt es ſo weit mit dem Vater gekommen, daß er Tag und Nacht keine Ruhe hatte, bis Ernſt daraus wird. Er glaubt, daß es der Stallmeiſter gut meine.“ „Ha, der Bube!“ ſtammelte Klas Malchus und ſeine Lippen zitterten vor Zorn, ſeine Augen brannten vor Wuth. Das hat er gewollt, der Bube, darum hat er ſich im Finſtern eingeſchlichen! Ich verſtehe! Aber, Marie, wie haſt Du damit ſchweigen können. Warum haſt Du mir das nicht ſchon früher geſagt?“ „Wie hätt' ich es wagen ſollen, mit dem Herrn Baron über ſo Etwas zu ſprechen?“ verſetzte Marie ſchüchtern.„Einmal dachte ich wohl daran. Aber ich verſcheuchte den Gedanken wieder, weil ich es für durch⸗ aus unpaſſend hielt, ſo dreiſt zu ſein.“ Das Fideicommiß. I. 17 1 V — 258 „Warum hätteſt Du das nicht wagen ſollen, Marie? Haſt Du denn nicht gewußt, daß Niemand Dir wohler wollen kann, als ich? Sprich, haſt Du denn das nicht bemerkt?“ Klas Malchus wußte vielleicht ſelbſt nicht, daß er Mariens Hand faßte, daß er ſie ſelbſt näher zu ſich zog, daß er ihr tief, allzutief in die ſchönen, noch von Thränen umſchleierten Augen ſah. „Marie, haſt Du nicht gefühlt, daß ich Dir ſehr wohl will?“ „Ja, ich glaubte zuweilen ſo; aber ich wußte es nicht recht, denn ſonſt häͤtte ich ſchon lang geſagt, wie es iſt,“ ſtammelte ſie. „Glaubſt Du es denn jetzt?“ fragte Klas Malchus ganz leiſe und legte Mariens Hand auf ſeine Augen, auf ſeine Stirne. Marie ſchwieg; ihre Unruhe, ihre Verwirrung war grenzenlos. Etwas ging vor, aber ſie wußte nicht was. Sie wollte ihre Hand von der des Barons losmachen; aber er hielt ſie zurück— da wurde es noch ſchlimmer, und die kleine Hand zitterte wie Eſpenlaub in der ſeini⸗ gen, die wie Feuer brannte. „Marie, willſt Du dieſe Sache mir anvertrauen? Sage mir offen, ob Du das willſt?“ „Ja, warum ſollte ich es nicht wollen? Dann darf ich doch nicht auf das Theater?“ „Dahin kommſt Du nie, darüber ſey ruhig! Ich will ſchon mit Deinem Vater ſprechen; aber ſage mir jetzt auch, ob Du Dich ruhig und zufrieden dabei fühlſt, daß ich Dich vertheidige?“ „Der Herr Baron iſt ſo gut, daß...“ Marie fand keine weitere Worte. „Es handelt ſich nicht darum, ob ich gut bin oder nicht; ich will nur wiſſen, ob Du einige Befriedigung darin fühlſt, daß Du Dich unter meinem Schutze weißt,A ſagte Klas Malchus ſanſt. „Ja viel!“ flüſterte Marie, und ihre Wange glühte höher, als eine Traube glüht. Da f ſtillen und Eine Mor ſeine Wan pfand, do rechnete, einſtrömte, und geliek In Entdeckun Fenſter be ſagt, ein heute Aber zu bringen „Um kann Ihn der gegend Ach Wagen h ſpruch. um Hedw „Und „ Jer helfen wo Neugierde brillant! Beſuch hi „Got Haben Si „Ste um ſieben ich Dich, Vater zu Narie? wohler 3 nicht t, daß u ſich h von r ſehr ßte es wie es alchus lugen, g war was. ichen; mmer, ſeini⸗ auen? n darf : Ich 2 mir fühlſ, fand oder igung eißt,“ glühte Da fuͤhlte Klas Malchus ſeine Bruſt leiſe von einer ſtillen und unendlichen Seligkeit gehoben und durchbebt. Eine Morgenröthe ſtieg in ihm empor, deren erſter Strahl ſeine Wangen mit Purpur bedeckte. Klas Malchus em⸗ pfand, daß er von dieſem Moment an ein neues Daſeyn rechnete, daß ein warmes Sonnenlicht auf ſeine Seele einſtrömte, daß Edens Thore ſich öffneten— daß er liebte und geliebt war! In demſelben Augenblick, als Baron Klas dieſe Entdeckung machte, zog der Oberſt Iſabellen an ein Fenſter bei Seite und flüſterte:„Nun, was hab' ich ge⸗ ſagt, ein coup de main ſollte das Spiel retten! Schon heute Abend hoffe ich die Sache zu einem glücklichen Ende zu bringen.“ „Um Gottes willen, Papa, wagen Sie nichts! Es kann Ihnen einen weit größeren Kummer ſchaffen, als der gegenwärtige iſt.“ „Ach, mein Kind, Du kennſt Deinen Vater nicht! Wagen heißt gewinnen, das war immer mein Wahl⸗ ſpruch. Ich gehe jetzt, um bei dem General förmlich um Hedwigs Hand für Klas Malchus anzuhalten.“ „Und er?“ „Jetzt keine weitern Fragen! Du haſt mir nicht helfen wollen, und zur Strafe dafür, will ich auch Deine Neugierde nicht befriedigen. Unſere Fôte war höchſt brillant! Du wirſt ſehen, daß Graf M— heute auf Beſuch hieher kommt.“ „Gott hole den Grafen M— und ſeinen Beſuch! Haben Sie wirklich Klas Malchus Zuſtimmung erhalten?“ „Steure Deine Ungeduld, Iſabellchen! Heute Abend um ſieben Uhr ſollſt Du Alles wiſſen. Und dann bitte ich Dich, künftig ein wenig mehr Vertrauen auf Deinen Vater zu haben.“ 17*¾ — 260 Siebenzehntes Kapitel. Die Stunde des Mittageſſens war da Die zahl⸗ reichen Gäſte hatten ſich allmählig im Saale verſam⸗ melt, als Baron Klas eintrat. Der Blick des Oberſten ſuchte ſogleich den ſeines Sohnes; aber wie groß war ſein Erſtaunen, als er Klas Malchus ſonſt blaſſe Wan⸗ gen von einer ſtarken und friſchen Röthe bedeckt, ſeine Augen ſtrahlend, und ſeine ganze gebückte Geſtalt, ja ſein ganzes Weſen wie durch einen Zauberſchlag ver⸗ wandelt ſah! Trug er nicht das Haupt ſo hoch, als wollte er an der Decke ein Ziel für ſeine Gedanken ſu⸗ chen, und lag nicht auf ſeinem Geſichte ein Schimmer von Etwas, das der Freude oder eher dem vollkomme⸗ nen Entzücken gleich ſah! Und war er dazu nicht ſo ar⸗ tig, daß er beim erſten Wink des Oberſten der kleinen Hedwig den Arm bot— es iſt wohl wahr, daß er ſie unterwegs einmal, wahrſcheinlich in der Zerſtrenung wie⸗ der ſahren ließ; aber dieß zog gleichwohl keine ſchlimme Deutung nach ſich, denn, wie der Oberſt dem General zuflüſterte:„es gibt gewiſſe Gefühle, die ihre Zerſtreu⸗ ungen haben!“ Der Oberſt ahnte nstürlich nicht, wie prophetiſch er ſprach, ſonſt hätte er wohl während dieſes in Tyringsholm ſo ungewöhnlich lebhaften Mittages ein anderes Geſicht gemacht. „Weißt Du, was mit Klas Malchus vorgegangen iſt, Richard?“ fragte Iſabelle, die ganz gegen die Mei⸗ nung des Oberſten, der ihr einen andern Tiſchnachbar zugedacht, ihrem Vetter zugewinkt hatte, den Platz neben ihr einzunehmen. „Nein, ich verſichere Dich, ich bin ſo erſtaunt, daß ich kaum die Augen von ihm wenden kann.“ „Sollte wohl Hedwig einen Antheil daran haben?“ Das ſchon laute Geſpräch umher machte es leicht, über Privatgegenſtände zu ſprechen. Eine heitere Mittags⸗ tafel g⸗ eben ſo 0 „ mit ein Ich mi Ich we Gelehrt ſich für hat er Freude hier ſo man ſie „ würde nur, d alten, ſeitdem keine a ſichtbar Studiu beer iſt ihren( keine d Welt w hätte b 1/ bewund Sünde eine br zu wer ruhen Tracht „„ Vetter, Tone, ſtelle T obern die zahl⸗ verſam⸗ Oberſten roß war ſe Wan⸗ kt, ſeine ſtalt, ja lag ver⸗ och, als nken ſu⸗ Schimmer llkomme⸗ öt ſo ar⸗ r kleinen aß er ſie ung wie⸗ ſchlimme General Zerſtreu⸗ icht, wie nd dieſes tages ein gegangen die Mei⸗ chnachbar atz neben unt, daß haben?“ ht, über Mittags⸗ 261 tafel gewährt einer vertraulichen Unterhaltung beinahe eben ſo viel Schutz, als die ſtiliſte Waldeinſamkeit. „Fräulein Hedwig?“ wiederholte der Lieutenant mit einem mißtrauiſchen Lächeln.„Nein, gewiß nicht! Ich möchte eher einen ganz andern Einfluß vermuthen. Ich weiß, daß er ſeinen alten Freund, den Univerſitäts⸗ Gelehrten, ſchon in zwei Briefen zu überreden ſuchte, ſich für den Winter in Tyringsholm niederzulaſſen; und hat er die Einwilligung deſſelben erhalten, ſo iſt ſeine Freude leicht zu erklären. Der arme Klas, er leidet hier ſo ſehr Mangel an allem gelehrten Umgange, daß man ſich nicht wundern darf, wenn er nicht recht gedeiht.“ „Ich wünſche, ſein Plan ginge in Erſüllung; es würde auch mir eine wahre Freude machen! Ja, wiſſe nur, Richard, ich habe ſo recht eine Paſſion für dieſe alten, ſtaubigen und halbverſchimmelten Magiſter, die ſeitdem ſie jung und bekränzt vom Parnaſſe herabſtiegen, keine andere Lorbeere mehr geerntet haben, als jene un⸗ ſichtbaren, welche langes Nachtwachen und ein einſames Studium um ihre dünnen Schläfe wob. Aber der Lor⸗ beer iſt auch von geringem Werthe für ſie; ſie richten ihren Geiſt zum Magazin für ſolche Kapitalien ein, die keine Renten tragen. Sie behalten ihr Gold, und die Welt weiß nicht, was ſie an ihnen verlor oder in ihnen hätte beſitzen können.“ „Wenn ich Iſabelle dieſe einſamen Lichter ſo tief bewundern höre, ſo fühle ich mich nicht nur zur ſchweren Sünde des Neides verſucht, ſondern ich vermeine ſogar eine brennende Luſt in mir zu ſpüren, das Schwert fort zu werfen— es wird ja doch auf alle Fälle in Frieden ruhen— um mich in die ſchwarze, achtunggebietende Tracht der Gelehrſamkeit zu kleiden.“ „Im Fall Du Dich dazu entſchließeſt, mein beſter Vetter,“ erwiederte Iſabelle in dem gleichen ſcherzhaſten Tone,„ſo höre meinen freundſchaftlichen Rath, und be⸗ ſtelle Dir zugleich mit dem Kleid etwas mehr Raum im obern Stockwerk! Ich wage ſonſt zu glauben, daß die 262 unſterblichen Werke der würdigen Vorfahren ſehr enge wohnen mußten.“ „Dieß meine Gnädigſte, iſt eine faſt zu nah gehende Vermuthung! und ich möchte doch wiſſen, was Du mir auf die Frage antworten kannſt: Worauf ſtützeſt Du Deine Meinung?“ „Darüber will ich Dich durchaus nicht in Unkennt⸗ niß laſſen: meine Meinung ſtützt ſich auf die von mir gemachte wichtige Wahrnehmung, daß Du Dein Licht nicht unter einen Scheffel zu ſtellen liebſt. Wer es aber nicht unter einen Scheffel ſtellt, laßt es natürlich leuchten vor den Leuten; und an dieſem Licht habe ich erſehen, daß Du, wenn Du die gelehrte Laufbahn eingeſchlagen hätteſt, niemals einer meiner verſchimmelten Günſtlinge geworden wäreſt.“ „Vertrauliche Mittheilung,“ verſetzte Richard. la⸗ chend,„muß wohl einer der wichtigſten Punkte in dem Geſagten und Ungeſagten ſeyn. Ich finde, daß Du mir eine anſehnliche Portion davon zutheilſt, ja doppelt ſo viel, als der geduldigſte Vetter mit Langmuth hinneh⸗ men kann. Uebrigens wirſt Du doch damit nicht ſagen wollen, daß ich durch den zufälligen Mangel an dieſer Art Glück jede Ausſicht zur Günſtlingſchaft in andern Richtungen verloren habe? Hüte Dich, dieß zu ſagen— denn der Schlag würde meine Eigenliebe voliſtändig zermalmen!“ „Dann iſt es ja nicht allein eine Pflicht, ſondern eine wahre Wohlthat, dieß zu ſagen, denn eigenliebige Männer ſind noch ein klein wenig unerträglicher als ei⸗ genliebige Frauenzimmer. Aber am allerunerträglichſten ſind eigenliebige Affen— ich vermiſſe unſern ſcharmanten Stallmeiſter bei Tiſche.“ „Er hat ſich krank melden laſſen,“ antwortete Ri⸗ chard mit der natürlichen Feinheit eines gebildeten Man⸗ nes, der einen Scherz keine Sekunde länger fortſetzt, als er dazu aufgemuntert wird, und dieß kann man ge⸗ wöhnlic ſtand ir I 7„ Tanzun E ein wer kömmt, geliehen daß er ten der Ich gl aber d mit for ſchießt. an ihn S daß er Wagen und w ſter im beſter keiten Art fo 3 als ſol wohlbe ſtern r flüſſig ten Ge Briefe 2 ſehr enge wöhnlich für beendigt anſehen, wenn ein neuer Gegen⸗ ſtand in einer neuen Tonart angeſchlagen wird. gehende„Krank?“ Du mir„Der Kapitän hält es für eine Folge der letzten itzeſt Du Tanzunterhaltung, die von ihm veranſtaltet wurde.“ Er iſt recht angenehm, der Kapitän! Es iſt doch Unkennt⸗ ein wenig Herz in ſeiner Narrheit, wogegen es mir vor⸗ von mir kömmt, der Stallmeiſter müſſe das ſeinige beſtändig aus⸗ ein Licht geliehen haben; ein Edelmuth, der zu beweiſen ſcheint, res aber daß er darauf verzichtet hat... Die kleinen Narrhei⸗ leuchten ten des Kapitäns nehmen ſich gar nicht ſo übel aus! erſehen, Ich glaube zwar, daß er weder Witz noch Salz beſitzt; geſchlagen aber das iſt ja auch überflüſſig, ſo lange man ſich da⸗ ünſtlinge mit forthelfen kann, daß man anderer Leute Pulver ver⸗ ſchießt.“ hard la⸗„Das iſt wahr, und wir werden jedenfalls etwas in dem an ihm verlieren.“ Du mir„Wird er abreiſen?“ oppelt ſo„Ja, wahrſcheinlich! Der General hat einen ſol⸗ hinneh⸗ chen Gefallen an den Nebenvergnügungen gefunden, die ht ſagen der Kapitän ihm während der Spielpartieen verſchafft, an dieſer— daß er ihm angeboten hat, die vierte Perſon in ſeinem andern Wagen auszumachen, wenn er nach Mörkedal heimfährt; ſagen— und wenn ich mich nicht täuſche, ſo hat der Stallmei⸗ ollſtändig ſter im Sinne, ſich den Platz des Kutſchers auszubitten.“ 3„Wie kannſt Du ein ſo hartes Herz haben, mein ſondern beſter Richard, um mir ſo viele unangenehme Neuig⸗ eenliebige keiten mitzutheilen? Ganz Tyringsholm geht ja auf dieſe als ei⸗ Art fort! Es bleibt ja gar keine Geſellſchaſt zurück.“ iglichſten„Nein, wenn Du nicht mich und Klas Malchus armanten als ſolche rechnen willſt. Er kann ſich wenigſtens einer 3 wohlbegründeten Aehnlichkeit mit Deinen Lieblingsmu⸗ rtete Ni⸗ ſtern rühmen. Für mich aber, der ich ſo gut, wie über⸗ n Man⸗ flüſſig bin, wird es am beſten ſeyn, von einem Anerbie⸗ fortſetzt, ten Gebrauch zu machen, das ich heute frühe in einem man ge⸗ Briefe von meinem Chef erhielt.“ „Was iſt dieß denn?“ fragte Iſabelle, und die — nige Fragen an ihn wagen zu können; ſie wies dieſen 264 blaßblühende Wange entlehnte für eine halbe Sekunde einen Strahl von dem rothen Weine, den ſie an die Lippen führte. Mit erzwungener Gleichgiltigkeit erwiederte er:„Der gegenwärtig dienſtthuende Adjutant übernimmt den Pacht eines Gutes, und ich kann ſeine Stelle erhalten.“ „Das wäre vielleicht ein Glück für Dich.“ „Vielleicht— wenn ich hier wirklich überflüſſig wäre!“ Iſabelle hatte vor dieſem Augenblicke noch in Richards dunkle Augen geſehen, in dieſe ſeelenvollen, lebendigen Leuchten, die ſo ſtrahlend, ſo heiß waren. Dieſe Augen lächelten ihr jetzt entgegen; und es war nicht wohl möglich, ihren Einfluß nicht zu empfinden. Aber was Iſabelle auch fühlen mochte, ſie behielt es für ſich, und in den leichten freien Ton übergehend, deſſen ſie ſich oft bediente, ſagte ſie mit einer gewiſſen heitern Nachläͤſſigkeit:„Keine Empfindſamkeit, wenn ich bitten darf, mein Vetter! Und was Deinen Abſchied von hier betrifft, ſo werde ich das erſt noch näher bedenken! Du wirſt ſelbſt einſehen, daß, wenn auch der Kapitän und der Stallmeiſter nicht um einen ſolchen einzukommen brauchen, dieß um ſo mehr Deine heilige Pflicht iſt, da Du nach ihrem Abgang unſer Alles in Allem ſeyn wirſt.“ Die Unterhaltung war unvermerkt auf einen Ge⸗ genſtand übergegangen, wo es Iſabelle für nöthig erach⸗ tete, ein neues Punktum zu ſetzen, was ſie auch dadurch that, daß ſie mit einer halben Wendung des Kopfes zur Rechten ihren Nachbar auf dieſer Seite ermunterte, ſeine Beredtſamkeit zu verſuchen. Während der Mahlzeit ſowohl als auch nachdem ſich die Geſellſchaft in die Nebenzimmer zerſtreut hatte, hatte Baron Klas ſein heiteres Ausſehen beibehalten. Iſabelle verband die Aeußerung ihres Vaters mit dieſer ſeltſamen Erſcheinung; aber ſie konnte aus dieſem Wi⸗ derſpruche nicht klug werden. Sie glaubte indeſſen ei⸗ Gedanken Wenn in riſches laäͤ unerklärli doch gew der gröf Sache w Hedwigs worden? Als nem Sop „Laß uns Widerſtan rem Lieb Ausſicht nach dem raſſe, und ches alles Mondſchei Anſtrich g „Mei ans Feuſte „Wen feln kann, hat alſo n „Ja „Und „Kan um meine „Nein eher als er ich nach d teſt, nicht „Du een 265 Sekunde Gedanken anfänglich zurück, aber er kam immer wieder. 2 an die Wenn in dem Verfahren ihres Vaters etwas Betrüge⸗ riſches läge, wenn Klas Malchus auf irgend eine ihr er:„Der unerklärliche Art zum Beſten gehalten würde, müßte er en Pacht doch gewarnt werden. Aber ſein Ausſehen zeugte von 4 der größtmöglichſten Ruhe und Zuſriedenheit— die 1 Sache war unbegreiflich! Vielleicht war er doch von berflüſſig Hedwigs kindlichem und einnehmendem Weſen gefeſſelt noch in worden?2 envollen, Als nun der Oberſt den General mit ſich nach ei⸗ waren. nem Sopha zog, flüſterte ſie Klas Malchus ins Ohr: es war„Laß uns ein wenig in das rothe Kabinet ſitzen!“ Ohne npfinden. Widerſtand folgte der Baron Iſabellen nach dieſem ih⸗ ſt es für rem Lieblingszimmer. Hier hatte man die prächtige b, deſſen Ausſicht über den Strom, und auf, der andern Seite heitern nach dem Walde. Hart unter dem Fenſter lag die Ter⸗ h bitten raſſe, und von da abwärts der verfallene Pavillon, wel⸗ von hier ches alles in ſeiner Vereinigung, beſonders an einem en! Du Mondſcheinabend dem kleinen Zimmer einen poetiſchen ſtän und Anſtrich gab. rkommen„Mein leber Klas,“ ſprach Iſabelle, und zog ihn iſt, da ans Fenſter,„willſt Du mir ohne Rückhalt ſagen, ob em ſeyn Papa Dir irgend einen Vorſchlag gethan hat?“ „Ja— aber warum erſcheinſt Du ſo unruhig dar⸗ ien Ge⸗ über?“ g erach⸗„Wenn Du ruhig biſt, Klas, was ich nicht bezwei⸗ dadurch feln kann, ſo hege auch ich durchaus keine Unruhe. Papa pfes zur hat alſo wirklich mit Dir geſprochen?“ te, ſeine„Ja wohl hat er das, ſchon heute früh bei Zeiten.“ „Und Du willigſt ein?“ nachdem„Kannſt Du noch fragen? Es handelt ſich ja nicht tt hatte, um meine Ehre!“ behalten.„Nein, bewahre, das weiß ich wohl! Ich ſehe es tt dieſer eher als eine Ehre für Dich an. Aber ich geſtehe, daß em Wi⸗ ich nach dem Weſen zu urtheilen, das Du bisher zeig⸗ eſſen ei⸗ teſt, nicht auf eine ſolche Willfährigkeit geſchloſſen hätte!“ 3 dieſen„Du haſt mich alſo auch verkannt, Iſabelle? Aber darüber läßt ſich nichts ſagen, denn wann hätteſt Du mich kennen lernen ſollen?“ „Du wirſt mich doch nicht mißverſtehen, Klas! Ich meine, um ohne allen Umſchweif zu reden, ob Papa mit Dir über den Plan rückſichtlich des Generals geſpro⸗ chen hat?“ „Ja doch, ſag' ich, und ich habe meine Einwilli⸗ gung gegeben; ich kenne zwar nicht den Belauf von des Generals... Ehe noch Klas Malchus den Satz vollendete, zeigte ſich der Oberſt unter der Thüre. Eine beſondere Unter⸗ redung zwiſchen Bruder und Schweſter fürchtend, eilte er ſeinen Sohn zu benachrichtigen, daß die Zeit der ver⸗ abredeten Zuſammenkunft da ſey, obſchon es, die Wahr⸗ heit zu ſagen, um eine ganze Viertelſtunde zu frühe war. Die Eigenliebe und Prahlſucht des Oberſten hat⸗ ten, wie wir wiſſen, die Entwicklung des gemachten Pla⸗ nes nicht abwarten können, ſondern Iſabellen das er⸗ wartete Reſultat ſchon vorher anvertraut, da er ſie von ſeiner Geſchicklichkeit in der Leitung einmal erfaßter Dinge überzeugen wollte. Aber kaum hatte er dieſer Schwachheit nachgegeben, als er einſah, wie ſchädlich dieß ihm werden könnte. Iſabellen ein Verſprechen des Stillſchweigens abzuverlangen, haͤtte indeſſen ihr Miß⸗ trauen erregt. Es blieb ihm alſo nur das eine Mittel übrig, beide beſtändig unter den Augen zu behalten, um ihnen keine Gelegenheit zu einer heimlichen Mittheilung zu laſſen. Der Zufall begünſtigte den Oberſten hierin; denn auch jetzt, da Iſabelle wirklich eine Gelegenheit erwiſcht hatte, um mit dem Bruder zu ſprechen, machte ein na⸗ türliches Mißverſtändniß in den Fragen und Antworten, daß Jedes das Andere zu verſtehen wähnte, ohne daß dieß jedoch der Fall war.— Baron Klas ſtand auf, nicht ahnend, was ihm der nächſte Augenblick bringen ſollte. Der Oberſt ſaßte ihn beim Arm und verlie Aber Es iſt ſche fernter das fließen ſein andere Hit Seele war bar mit de Waſſer ſich was ſollte Hinderniſſe ſagen, da Menſchenh bengängen, ein Flußbe „Ich was kann trotz Klas ſen Unruh⸗ die Rede ſeyn? Ne ken, er, der mögen den Als d zimmer ein ſprach der „Klas Ma vorbereitet! wirklich co weißt, daß zu erfüllen „Aber ſens von d wort gegeb thun habe? „Er k Du mich las! Ich Papa mit 3 geſpro⸗ Einwilli⸗ von des te, zeigte re Unter⸗ end, eilte t der ver⸗ hie Wahr⸗ zu frühe rſten hat⸗ hten Pla⸗ n das er⸗ er ſie von erfaßter er dieſer e ſchädlich rechen des ihr Miß⸗ ine Mittel alten, um Nittheilung rin; denn it erwiſcht e ein na⸗ Antworten, ne daß dieß s ihm der faßte ihn beim Arm, warf einen triumphirenden Blick au und verließ mit ſeinem Sohn das Zimmer. Aber wie war es denn eigentlich mit Klas Malchus? Es iſt ſchwer zu ſagen, wie es eigentlich war. Je ent⸗ fernter das Flußbett vom Waſſeerfalle iſt, deſto ruhiger fließen ſeine Wellen, wenn nicht Stürme, Steine oder andere Hinderniſſe es aufzuregen ſtreben. Klas Malchus' Seele war an dieſem neuen Morgen ſeines Lebens offen⸗ bar mit der ruhigen Fluth zu vergleichen, in deren ſtillem Waſſer ſich ein helles und luſtiges Bild abſpiegelt; aber was ſollte aus ihr werden, wenn Sturm und Felſen und Hinderniſſe daher gerollt kamen? Das iſt nicht leicht zu ſagen, da ſich nichts ſo wenig berechnen läßt, als ein Menſchenherz mit ſeinen tauſend und aber tauſend Ne⸗ bengängen, die ebenſo unzählig ſind, wie die Untiefen, die ein Flußbett bewahrt. „Ich kenne nicht den Belauf von des Generals... was kann er damit meinen?“ dachte Iſabelle, die ſich trotz Klas Malchus' Verſicherungen dennoch einer gewiſ⸗ ſen Unruhe nicht zu erwehren vermochte.„Konnte wohl die Rede von dem Laufe des Vermögens des Generals ſeyn? Nein, unmöglich! Klas würde daran nicht den⸗ ken, er, der mit keinem Gedanken an ſein eigenes Ver⸗ mögen denkt!“ Als der Oberſt und der junge Baron in das Spiel⸗ zimmer eintraten— der General war noch nicht da— ſprach der Erſtere in haſtigem und unſicherem Tone: „Klas Malchus, haſt Du Dich auf alle möglichen Fälle vorbereitet? Denkſt Du wirklich edel genug, biſt Du wirklich conſequent genug, um Wort zu halten? Du weißt, daß Du mir ganz ohne Vorbehalt jede Bedingung zu erfüllen verſprachſt!“ „Aber ich begreife nicht, warum Papa ſo viel We⸗ ſens von der Sache macht! Ich habe ja mein Ehren⸗ wort gegeben. Laß mich jetzt nur wiſſen, was ich zu thun habe? Ich glaubte den General ſchon hier.“ „Er kommt ſogleich, und es iſt mein höchſter Wunſch, Iſabellen, 268 daß es Dir nicht ſcheinen möge, er komme immer noch bald genug! Sieh, mein lieber Klas Malchus, im Ver⸗ trauen auf Dein gegebenes Verſprechen habe ich dem General in Deinem Namen einen Antrag gemacht, den er geſonnen ſcheint, annehmen zu wollen; aber das Zartgefühl erfordert es, daß ich bei dieſer Sache ſo we⸗ nig als möglich vorkomme. Du mußt es ganz und gar ſeyn. Meine Schulden und andere Verbindlichkeiten an! den General dürfen auf keine Art berührt werden! Es verſteht ſich von ſelbſt, daß ſie in dem Antrag mit ein⸗ begriffen ſind.“ „Aber wovon ſollen wir den ſprechen, wenn nicht von Papa und ſeinen Verbindlichkeiten? Das begreife ich wahrhaftig nicht.“ Jetzt hörte man die Schritte des Generals im äuſ⸗ ſern Zimmer. Der Oberſt erbleichte etwas. Das Spiel war kühn; aber er ſing an ſich ſelbſt zu überreden, daß Klas Malchus ſeine Abſicht ſchon errathen habe. Der forſchende Blick deſſelben hätte ihn indeſſen vom Gegen⸗ theil überzeugen ſollen. Aber der Oberſt ſah nicht auf ſeinen Sohn, er hatte die Augen ſtarr nach der Thuͤre gerichtet. Der General trat ein. „Sieh' da, mein geehrter Herr Bruder,“ ſagte der Oberſt mit vollkommener Faſſung und Artigkeit,„hier bringe ich Dir Klas. Ich habe ihm Deine Antwort noch nicht mitgetheilt; aber ich hoffe, mein Sohn, Du entſchuldigſt, wenn ich Dir für dieſe ruhige und heitere Stunde die angenehme Nachricht aufſparte, daß der Ge⸗ neral die Güte hatte, Deine Bitte um Fräulein Hedwigs Hand zu gewähren, ſoferne ſie ſelbſt, wie wir hoffen wol⸗ len, nichts dagegen hat.“ Der Oberſt hatte die Wirkung dieſer neuen, von ihm erfundenen Elektriſirmaſchine vorausberechnet, und wie er meinte, auf's Haar abgewogen. Nach dieſer Be⸗ rechnung würde der Stoß ſo ſtark ſeyn, daß Klas Mal⸗ chus bei ſeinem Phlegma, falls er nicht ſchon zum Vor⸗ aus die So der zur vol die Glückny Ueberdieß jeder Bedi Blöße gebe vorüber wä ſchleunigen fel ganz da Nun a traf, ſonder dem ſich d träumen laf dem großen das war e einen ähnlit Damit ben Momen ſprochen hat Bitte um ein Stoß d in's Herz tr nicht ſchnell Raum in ein tödtlich jüngſt das bung um ohne ſein 2 hatte, ſchien war aber die dem Sohne Wer von ih ſtehen? Kon „So und ſo ſo wenig kor bringen! C nicht zu thur ner noch im Ver⸗ ich dem ht, den ber das ſo we⸗ und gar eiten an! en! Es mit ein⸗ an nicht greife ich im äuſ⸗ 8 Spiel den, daß de. Der Gegen⸗ nicht auf r Thüre agte der t,„hier Antwort öhn, Du d heitere der Ge⸗ Hedwigs ffen wol⸗ ten, von net, und ieſer Be⸗ as Mal⸗ um Vor⸗ 269 aus die Sache errieth und billigte, gewiß nicht eher wie⸗ der zur vollen Beſinnung kommen könnte, bis es ihm die Glückwünſche unmöglich machten, zurückzugehen. Ueberdieß hatte er ſein Ehrenwort auf die Erfüllung jeder Bedingung verpfändet; er konnte ſich alſo keine Blöße geben. Und wenn nur erſt alle Förmlichkeiten vorüber wären, was der Oberſt ſo viel als möglich be⸗ ſchleunigen wollte, würde ſich Klas Malchus ohne Zwei⸗ fel ganz damit zufrieden geben. Nun aber geſchah es, daß nichts von all' dem ein⸗ traf, ſondern im Gegentheile etwas ganz Anderes, von dem ſich der Oberſt in ſeinem Leben nie etwas hätte träumen laſſen; und daß dieſes Andere ihm paſſirte, dem großen Kenner und Beurtheiler der Menſchen— das war ein Schlag, wie nie eine Elektriſirmaſchine einen ähnlichen verſendete. Damit verhielt es ſich nämlich ſo, daß in demſel⸗ ben Momente, wo der Oberſt die letzten Worte ausge⸗ ſprochen hatte:„Der General hatte die Güte, Deine Bitte um Fräulein Hedwigs Hand zu gewähren ꝛc. ꝛc“ ein Stoß von ganz anderer Art Klas Malchus mitten in's Herz traf. Der Blitz erhellt ein dunkles Zimmer nicht ſchneller, als dieſe Aeußerung ihm den dunklen Raum in ſeines Vaters Seele beleuchtete. Ein tiefer, ein tödtlich bitterer Schmerz nahm die Stelle ein, wo jüngſt das junge Paradies geblüht hatte. Die Wer⸗ bung um Hedwig, und der Umſtand, daß ſein Vater ohne ſein Wiſſen und Willen über ſeine Hand verfügt hatte, ſchien ihm das Geringſte zu ſeyn; das Gräßlichſte war aber die ränkevolle, ſchändliche Art, wie ein Vater dem Sohne das treuherzige Verſprechen entlockt hatte. Wer von ihnen ſollte jetzt ehrlos vor dem Generale da ſtehen? Konnte Klas Malchus von ſeinem Vater ſagen: „So und ſo hat er mich betrogen?“ Nein— und eben ſo wenig konnte er ſein Leben, ſeine Ruhe zum Opfer bringen! Er wollte es nicht und war feſt entſchloſſen, es nicht zu thun. 7 werfen. Einen Augenblick lang betrachtete er den General, cinen zweiten ſeinen Vater; es war ein ſcharfer und kalter Blick. Dann ſprach er in feſtem und ernſtem Tone: „Es thut mir leid, daß hier ein Mißverſtändniß obwaltet. Ich habe des Fräuleins Hand nicht begehrt, und muß es deßhalb meinem Vater überlaſſen, zu erklären, wie er dazu kam, bei dem Herrn General einen Wunſch vorzubringen, den ich, falls er meines Herzens Wahl geweſen wäre, ſelbſt darzulegen für eine Ehre gehalten haben würdez der aber jetzt, da dieß nicht der Fall iſt, Fräulein Hed⸗ wigs Glück mißachten hieße“ Als Klas Malchus dieſe Rede beendigt hatte, was geſchah, ehe noch der Oberſt den Mund öffnen konnte, verbeugte er ſich ehrerbietig vor dem General und ver⸗ ließ das Zimmer, ohne einen Blick auf ſeinen Vater zu „Was zum Teufel ſoll das heißen?“ fragte der General, der ganz blutroth geworden war „Das heißt nichts Anderes,“ erwiederte der Oberſt ſtammelnd— Zorn und Beſtürzung ließen ihn nicht deutlich ſprechen,—„als daß er den Verſtand verlo⸗ ren hat.“ „Doch kam es mir vor, als habe er ſehr mit Be⸗ wußtſeyn geſprochen! Doch ich ſchenke eine Erklärung! Es wäre unter meiner und meiner Tochter Würde, wenn ich eine Entſchuldigung für dieſes eben ſo lächerliche als unverſchämte Benehmen anhörte!“ Die Stimme des Ge⸗ nerals hatte eine eiſige Herbe; ſie ſauste noch in des Oberſten Ohr, als ſein Gaſt die Thüre ſchon hinter ſich geſchloſſen hatte. Und da ſtand nun der Oberſt allein, mit einer flammenden Schaamröthe auf dem Geſicht— ſein ſei⸗ nes Spiel verloren, ſein„cooup de main“ von einigen Worten des ohne Zweiſel wahnſinnigen Klas Malchus dahingeblaſen! der Oberſt zitterte an Händen und Füſ⸗ ſen. Der Mann von Welt ließ ſich in ſeiner Einſam⸗ keit zu einigen kleinen unendlich einfachen Ausrufen herab. D Was mu Verſtimm genblicklie niß vor d bellens Lo anderer 2 lauſchte a ihm an 2 Gefangene nem Ent gehen ſol der Oberf hinaufſteig beſuchen. Das und hält ſchon fünf nen zurück geben und leſen, wo ihm höre. Das Der angehalten. bemerkt, ſie tung ſeyn. gibſt, worü komme, ſo Indeſſen h und ſagt d einer Ande Grund ehr ein ſehr an ich nicht m General, arfer und tem Tone: obwaltet. id muß es vie er dazu zubringen, ſen wäre, n würde; ilein Hed⸗ atte, was ten konnte, [ und ver⸗ Vater zu fragte der der Oberſt ihn nicht and verlo⸗ mit Be⸗ Erklärung! ürde, wenn erliche als me des Ge⸗ dch in des hinter ſich mit einer ſein ſei⸗ on einigen s Malchus 1 und Füſ⸗ er Einſam⸗ Ausrufen 271 herab. Welch' eine qualvolle Lage war das aber auch! Was mußte die Geſellſchaft zu dieſer geheimnißvollen Verſtimmung ſagen? Vielleicht reiste der General au⸗ genblicklich ab und zog dadurch das unglückliche Ereig⸗ niß vor die Augen der Oeffentlichkeit! Und dann Iſa⸗ bellens Lächeln, wie war das auszuhalten— mancher anderer Aergerniſſe gar nicht zu gedenken! Der Oberſt lauſchte an der Thüre; es war beinahe, als fehlte es ihm an Muth, ſich wieder zu zeigen. Er ſtand da, ein Gefangener in ſeinem eigenen Hauſe, und konnte zu kei⸗ nem Entſchluſſe kommen, ob er bleiben, oder hinaus⸗ gehen ſollte, als ob nichts geſchehen wäre. Während der Oberſt hier noch überlegt, wollen wir eine Treppe hinaufſteigen und Fräulein Hedwig auf ihrem Zimmer beſuchen. Das kleine Fräulein ſitzt auf dem Sopha gekauert und hält ein Billet in der Hand, ein Billet, das ſie ſchon fünfmal durchgeleſen hat, ohne von ihrem Erſtau⸗ nen zurückzukommen. Ihr Vater hatte es ihr eben ge⸗ geben und dabei geſagt, ſie möchte es auf ihrem Zimmer leſen, wo ſie bleiben ſolle, bis ſie etwas Weiteres von ihm höre. Das Billet war kurz und lautete alſo: „Hedwigchen! Der Oberſt hat um Deine Hand für ſeinen Sohn angehalten. Ich habe nichts von ſeiner Liebe zu Dir bemerkt, ſie wird aber wohl von der ſchüchternen Gat⸗ tung ſeyn. Wenn Du dieſer Werbung Deinen Beifall gibſt, worüber Du Dich bedenken magſt, bis ich wieder komme, ſo ſollſt Du ihm ſelbſt mündlich Antwort geben. Indeſſen haſt Du ſelbſt über Dein Herz zu gebieten; und ſagt dieß hiebei etwa Nichts, ſo mag er ſich nach einer Andern umſehen. Der Menſch iſt eigen, aber im Grund ehrlich; und Tyringsholm iſt, wie Du ſelbſt ſiehſt, ein ſehr angenehmer Aufenthaltsort, für den Fall, daß ich nicht mehr wäre. Dein treuer Vater DAℳ 272 Wir haben bis jetzt wenig von Hedwig geſagt, und es mag vielleicht ausgeſehen haben, als gehörte ſie zu jenen undeutlichen Schattenbildern, die bisweilen in's wirkliche ſowohl, als in's Roman⸗Leben eingewoben find, ohne daß man darüber in's Reine kommt, was ſie eigent⸗ lich dort thun ſollen— aber von dieſem Geſichtspunlt aus darf Hedwig nicht betrachtet werden. Da ſie eben erſt das ſechszehnte Jahr vollendete, ſo hat ſie noch keine Rolle zu ſpielen angefangen; ihre Zeit dürfte jedoch kommen. Es war heute das erſte Mal, daß ihre Urtheils⸗ kraft und ihr Gefühl in Anſpruch genommen wurde. Bisher als Kind betrachtet, und ſelbſt ein gutes Kind beginnt nun Hedwig wie der Schmetterling in der Puppe, die Schaale zu zerbrechen, die Schwingen zu erheben und endlich ein klein wenig auf eigene Fauſt in den Regionen des denkenden Lebens umherzuflattern. Die Folge dieſes Ausflugs war, daß Hedwig einen ſehr deutlichen und beſtimmten Widerwillen gegen den Gedanken empfand, ſich mit dem ſtets ſchweigſamen um unfreundlichen Baron Klas zu verbinden. Aber Virginie hatte doch mehrmals geſagt, er ſey im Grund ſo gut. Daran dachte Hedwig jetzt, allein es half nichts! Da ſie indeſſen jetzt ſchon einmal in das merkwürdige Hei⸗ rathskapitel gerathen war, begann ſie in Erwartung ihres Vaters darüber nachzuſinnen, was ſie wohl geantwortet haben würde, wenn das Billet den Namen eines Andern als Baron Klas enthalten hätte. Wäre z. B. der Ka⸗ pitän oder der Stallmeiſter darin geſtanden, ſo würde auch ſogleich ein beſtimmter Korb gefolgt haben; wie aber, wenn es Lieutenant Richards Name geweſen wäre.. 2 Der Name des Lieutenants unter dieſen Voraus⸗ ſetzungen ausgeſprochen, machte Hedwig zuſammenfahren und vor Schaam erröthen— ſie erröthete nicht, als ſte an die drei Vorhergehenden dachte. Richard hatte ihr jedoch kein ſchmeichelhaftes Wort geſagt, und ſich über⸗ haupt ſehr wenig mit ihr beſchäftigt; deſſen ungeachtet ſah ſie ihn im Geiſte, wann ſie nur wollte. Ja es wat etwas g Klas in der Lieu⸗ und geſe tanzen d Na Hedwig an eine hauptet, mit Ric Di Geſichte gebniſſe Sie bee Beſtimn Anſicht ſcheulich ſeinen W Au zarten vermeide ihm Ge der alte nen Ta auch nie ment e andere. ſen hat im Feld Das d ſagt, und tte ſie zu eilen in's oben find, ſie eigent⸗ ſichtspunkt ſie ebeu noch keine fte jedoch e Urtheils⸗ en wurde. utes Kind der Puppe, rheben und ⸗Regionen dwig einen gegen den ſſamen und er Virginie ind ſo gut. ichts! Da ürdige Hei⸗ rtung ihres geantwortet nes Andern 3. der Ka⸗ ſo würde ; wie aber, wäre... n Voraus⸗ mmenfahren cht, als ſie — hatte ihr ſich über⸗ ungeachtet Ja es war etwas ganz Anderes, wenn ſie ſich dachte, wie Baron Klas in der Francaiſe herumholperte, und wie dagegen der Lieutenant im Walzer dahinflog, ſo hoch, ſo ſchlank und geſchmeidig!„Ach, wer ſo beſtändig mit ihm fort⸗ tanzen dürfte!“ Nach dieſen Träumereien, deren Unausführbarkeit Hedwig einen kleinen Seufzer erpreßte, war ferner nicht an eine günſtige Wendung für das Schickſal des Barons zu denken: Dem war nicht zu helfen— er bekam den Korb! Die ſechszehn Jahre hatten wieder ihr Recht be⸗ hauptet, und Hedwig walzte noch einmal in Gedanken mit Richard, als der General heftig eintrat. Die augenſcheinliche Aufregung, die ſich in ſeinem Geſichte beurkundete, ſchrieb Hedwig dem wichtigen Be⸗ gebniſſe zu, deſſen Entſcheidung er von ihr erwartete. Sie beeilte ſich deßhalb, ehe er noch fragte, mit aller Beſtimmtheit zu ſagen:„Es iſt durchaus nicht daran zu denken, Papachen! Ich bin gewiß, daß Baron Klas und ich nie zu einander paſſen würden.“ „Es iſt recht gut, daß Du ſo denkſt,“ entgegnete der General,„denn in dieſem Falle biſt Du derſelben Anſicht wie er. Der Antrag iſt zurückgenommen! Ab⸗ ſcheuliche Leute, das! Der Baron behauptet, er habe ſeinen Vater niemals gebeten, um Deine Hand anzuhalten.“ Aus dieſer Art des Generals ſeiner Tochter den zarten Gegenſtand mitzutheilen, was er recht wohl hätte vermeiden können, da ihre eigene abſchlägige Antwort ihm Gelegenheit dazu darbot,— geht leicht hervor, daß der alte Kriegsknecht ſich verdammt wenig um den„fei⸗ nen Takt“ des Oberſten bekümmerte. Der General hatte auch nie Gelegenheit gehabt, ſich in dieſes kitzliche Regle⸗ ment einzuſtudiren, das er für ſchwerer hielt als alle andere. Seit er die arme Scholle ſeiner Eltern verlaſ⸗ ſen hatte, lebte er ſtets bei ſeinem Regimente, entweder im Felde oder auf dem Lande, und hatte ſich, zu den Das Fideieommiß. I. 18 274 höheren Graden emporgeſtiegen, an einen gewiſſen Herr⸗ hoh Porg 98 ſcherton gewöhnt und obſchon er nun ſeit ſechszehn Jah⸗ 7 C 1) 8 8 1 ren beabſch jiedet war und nicht das Geringſte in ſeiner Perſönlichkeit beſaß, das auf die Generalswürde hinge⸗ deutet hätte, wollte er demungeachtet, daß man ſich allenthalben daran erinnern ſollte, was er geweſen war; das heißt, es freute den alten Mann, hie und da noch einen Schimmer von den Ehrfurchtsbezeugungen zu ſehen, womit er ſo lange traktirt worden war. Er ſelbſt theilte ſeine Artigkeiten, wenn er bei guter Laune war, unge⸗ fähr auf dieſelbe Art aus, wie ehedem die aufmuntern⸗ den Worte an ſeine Soldaten. Galt es intereſſante Frauen⸗ zimmer, für die er immer eine gewiſſe Schwachheit ge⸗ habt hatte, ſo war er voller Schmeicheleien und Kompli⸗ mente; wurde er aber gereizt, dann bezähmte er ſich nicht gerne, ſondern ſprach, was er dachte, ganz ohne Rückſicht, ob er es auch anders hätte ſagen können oder nicht. Er war ein ſtrenger braver Mann aus der alten Welt, doch mit gewiſſen Schwachheiten, die man ſowohl an Menſchen der alten als der neuen Zeit findet. Bei der väterlichen Mittheilung verbreitete ſich eine dunkle Wolke über Hedwigs Geſicht; es war die beſchämte, tief beleidigte Jungfrau, nicht das gedankenloſe Kind, was ſich vom Sopha erhob.„Wie,“ rief ſie, und zwei bittre Thränen drangen aus ihren ſchönen Augen,„haben Sie uns zum Beſten gehabt? Hat ſich Baron Klas nicht geſchämt, mir ſo zu begegnen?“ „Und erſt mir?“ ſchnaubte der General zornig,„das war wohl noch etwas ſchlimmer, ſollt' ich meinen! Aber der Oberſt iſt es, der hochmüthige Narr, der ohne ſeinen Herrn Sohn zu fragen, mit Händen und Füßen arbeitete, um eine Verbindung mit meinen Hauſe zuwege zu brin⸗ gen. Ueber einen ſolchen Narren, wie der Baron da iſt, kann ſich kein vernünftiger Menſch ärgern— aber der Oberſt, der Oberſt! Wenn hier das Haus nicht voller Leute wäre, ſo reiste ich noch dieſen Abend fort; aber nun würde es zu viel Aufſehen machen.“ „3 „Es kön letzend daß wir als ob ganz eir man ſicl De weit klü vollkomn Tante( Nieman trauſt 2 Geſellſch Sonſt unter de tiſch. 3 auf alle ganze 2 Do Gaſtzim um aue hören, tageſſen er denn die Sch daß er Auf ſeir es iſt be en Herr⸗ hn Jah⸗ n ſeiner hinge⸗ nan ſich en warz da noch u ſehen, ſt theilte , unge⸗ nuntern⸗ Frauen⸗ heit ge⸗ Kompli⸗ ſich nicht kückſicht, ht. Er elt, doch Nenſchen h eine eſchämte, e Kind, Ind zwei „haben as nicht g,„das i! Aber ee ſeinen erbeitete, zu brin⸗ 1 da iſt, äber der dt voller t; aber 275 „Ja, das geht freilich nicht an!“ verſetzte Hedwig. „Es könnten dann Vermuthungen aufkommen, die ver⸗ letzend für mich wären. Verſprich mir, lieber Papa, daß wir erſt zur beſtimmten Zeit abreiſen!“ Es war, als ob Hedwig auf einmal ausgewachſen und verſtändig, ganz eine Dame geworden wäre. Sie wußte jetzt, wie man ſich zu benehmen hatte. Der General klopfte ihr auf die Wange.„Du biſt weit klüger, als ich glaubte,“ ſagte er,„und ich billige vollkommen Deine Anſicht. Laß uns indeſſen nichts vor Tante Gunilla erwähnen, denn es iſt am beſten, wenn Niemand etwas von der dummen Geſchichte erfährt. Ge⸗ trauſt Du Dir, heute Abend drunten bei der übrigen Geſellſchaft zu ſeyn, ohne Deinen Aerger zu verrathen? Sonſt wäre es vielleicht am beſten, Du bliebſt hier oben unter dem Vorwande eines Unwohlſeyns.“ „Nein, durchaus nicht, Papachen! Ich will jeden⸗ falls hinunter. Niemand ſoll etwas merken.“ „Gut, dann ſetze ich mich ganz getroſt an den Spiel⸗ tiſch. Wenn ich die Sache recht bedenke, ſo wäreſt Du auf alle Fälle zu gut geweſen für den Bären und die ganze Affaire iſt nur zum Lachen!“ Achtzehntes Kapitel. Da wir ſchon einmal oben im Korridore zu den Gaſtzimmern ſind, ſo nehmen wir die Gelegenheit wahr, um auch zu dem Stallmeiſter hinein zu ſchauen und zu hören, was dieſen würdigen Herrn verhinderte, das Mit⸗ tageſſen mit ſeiner Gegenwart zu beehren. Aber wo iſt er denn, der junge kranke Mann, der elegante Ballheld, die Schleppe der Damen und der Haſen Schreck?(Denn daß er ein guter Schütze war, kann Niemand läugnen!) Auf ſeinem Zimmer wenigſtens findet er ſich nicht; und es iſt beinahe zu dunkel, um zu vermuthen, daß er auf 18* 276 die Haſenjagd ging— er hat alſo beſondere Geſchäfte, die den wohlwollenden Schleier der Dämmerung bedür⸗ fen? Wir wollen ſeiner Spur folgen. Doch zuerſt noch einige Worte, damit wir ſeine ſchlimmen Plänchen vor⸗ her etwas kennen. Der Stallmeiſter Günthers, obſchon nur die unbe⸗ zahlte Uniform als Privateigenthum beſitzend, hätte es doch für höchſt verletzend für ſein reizbares Ehrgefühl gehalten, wie der Kapitän von dem Geiſt und Witze Anderer zu leben. Ein Mann wie er konnte ſich zwar herablaſſen, von dem Gelde Anderer zu leben, aber als Anekdotenerzähler geſucht zu ſeyn, pfui!— lieber wegen ſeiner Perſönlichkeit, ſeiner Feinheit und ſeinem geſell⸗ ſchaftlichen Tone! Er hatte auch nichts dagegen, eine Acquiſition am Spieltiſche abzugeben, aber nicht wie der Kapitän, der dieß als eine Nebenſache betrachtete. Nein, das war die Hauptſache, denn er feſſelte ſeine bewegliche Seele nur deßhalb an dieſe Taglöhnerarbeit, um ſich dadurch eine Quelle zu eröffnen, von der er ſeine Privatvergnügungen beſtreiten konnte. Dieſe Ver⸗ dienſte bildeten ſeine ſogenannte„kleine Kaſſe.“ Auch war er ein ausgezeichnet geſchickter Kartenſpieler, wenn es eine ordentliche Partie galt: bei dem bloßen Geſell⸗ ſchaftsſpiel verlor er mit der größtmöglichſten Liebens⸗ würdigkeit. Es gab kein Mädchen auf viele Meilen im Um⸗ kreis, mit dem ſich der Stallmeiſter nicht abgegeben, dem er nicht mehr oder weniger den Hof gemacht hätte, je nach dem Gewinn, den er aus künſtigen Einladungen ziehen konnte. Das Hofmachen bei den Töchtertte Cou⸗ ſinen und Couſinen⸗Töchtern der Vornehmen geſchah gratis um der Ehre willen, und kam ſelten in die große Berechnung. Anders verhielt es ſich, wenn der Stall⸗ meiſter ſeine längeren Reiſen nach den Kleinſtädten machte: da wurde der Wirthsfrau der Hof gemacht— das ver⸗ minderte die Zeche. Bisweilen miethete er ſich auch bei Wittwen ein, die Zimmer abgaben, und war dann auſ⸗ gehn die Kaſt gan eben ſehr Ka Aus ſtehe Sta in 3 der licht ja ſ nehn gaß koſt inne eine von ſehr der kön ſein dieſ Geſchäfte, ung bedür⸗ zuerſt noch nchen vor⸗ die unbe⸗ „ hätte es Ehrgefühl und Witze e ſich zwar „aber als eber wegen hem geſell⸗ gegen, eine nicht wie betrachtete. ſſelte ſeine hnerarbeit, en der er ieſe Ver⸗ . Auch er, wenn en Geſell⸗ Liebens⸗ im Um⸗ bgegeben, cht hätte, aladungen r, Cou⸗ geſchah die große er Stall⸗ machte: das ver⸗ auch bei ſann auf⸗ gehoben wie ein Prinz. Die Erſparniſſe, die er ſo durch die geringeren Preiſe machen konnte, bildeten„die große Kaſſe,“ wovon jedoch nie etwas übrig blieb, da der ganze Gewinnſt in nichts Anderem beſtand, als daß er eben kein Geld entlehnen durfte. Seine Rechnung war ſehr einfach: Was du nicht ausgibſt, iſt ein ſtehendes Kapital, und das entlehnſt du, wenn es keinen andern Ausweg gibt; und je weniger du entlehnſt, deſto beſſer ſtehen deine Affairen. Seine Liebſchaften theilte der Stallmeiſter, wie die Berechnung ſeiner Geldüberträge, in zwei Klaſſen ein: in gezwungene und freiwillige; und der Reiz der letztern entſchädigte ihn für die Unannehm⸗ lichkeit, welche nicht ſelten die erſteren mit ſich brachten, ja ſie konnten ihn bisweilen in dem Grade in Anſpruch nehmen, daß er die erzwungenen ganz über ihnen ver⸗ gaß, bis eine entſetzlich lange Rechnung von Mittags⸗ koſt, Frühſtück, Wein, Punſch, Champagner ꝛc. ihn er⸗ innerte, daß es hohe Zeit ſey, die luftigen Sentiments eine Tour mit den Zugvögeln machen zu laſſen— denn von Seufzern und Luft lebte man auf alle Fälle ein ſehr mageres Leben. Waͤhrend ſeines Aufenthaltes in Tyringsholm ſah der Stallmeiſter, daß er recht wohl in Ruhe verharren könne; aber es war ihm ein für allemal unmöglich, ſeinem alten Verliebtheitsſieber zu widerſtehen, denn ohne dieſes kleine Gehobenſeyn meinte er nicht im Beſitze ſei⸗ ner gewöhnlichen Unwiderſtehlichkeit zu ſeyn. Um daher Allen Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, verliebte er ſich zuerſt in Virginien; daraus hätte wenigſtens ein kleines artiges Vaudeville werden können, wenn ſie nicht ſo phlegmatiſch geweſen wäre, und er gab freiwillig den Gedanken daran auf, als er JIſabellen zu Geſichte be⸗ kam. Er hielt es für reine Schuldigkeit, einer ſo voll⸗ kommenen und gefeierten Dame vom erſten Augenblick an ſeine Aufwartung zu machen; zu ſeinem Aerger mußte er jedoch bald empfinden, daß man ſeine Huldigung für die höchſte Geringfügigkeit anſah. Es wäre alſo unter 278 ſeiner Würde geweſen, auf die Länge in dieſer Richtung fortzuſchreiten. Jetzt kam die kleine Hedwig wie aus den Wolken gefallen und gerade während eine Stelle in ſeinem Herzen frei war. Nichts konnte zu einer geſchick⸗ teren Zeit kommen, als, wie das Sprichwort ſagt, dieſer gebratene Sperling, der in der Stunde der Noth vom Himmel fiel. Aber da der Stallmeiſter keinen Mangel an Wildpret litt, ſo war etwas Zahmes ſehr vorzuziehen. Er begann jetzt ſeinen Hof nach einem ganz an⸗ dern Syſteme zu machen, denn nach einer eintägigen Bekanntſchaft nahmen ſeine Gedanken eine ſehr kühne und reizende Wendung; es kam ihm nämlich in Sinn, er könne an dem kleinen Fräulein ein künftiges Weib auffiſchen. Man mußte ja doch einmal daran denken, ſich feſt niederzulaſſen, und dann wäre das Vermögen des Generals, wenn auch nicht gerade ungeheuer, doch immerhin ſehr ſchön, und die Heirath in jeder andern Beziehung ziemlich über dem, was er verlangen könne. Jetzt galt es jedoch vor Allem, es ſo anzugreifen, daß ihm der Alte das Anerbieten machte, mit nach Mörkedal zu gehen; ehe aber ein Schritt zu Erreichung dieſes Wunſches gethan würde, wollte der Stallmeiſter einen andern erfüllt ſehen, den er unmöglich Wind und Wogen überlaſſen konnte. Die Sache war die, daß, während der Stallmeiſter ſeine dreifache Huldigung bei den Damen des Herren⸗ hofes betrieb, ſein Sinn ſo ſehr von der blöden Schön⸗ heit gefeſſelt worden war, die das Meßnerhaus barg, daß ihn nicht einmal die mögliche Ausſicht, der Schwie⸗ gerſohn des Generals zu werden, beſtimmen konnte, Ty⸗ ringsholm zu verlaſſen, wenn nicht die Hoffnung auf ein baldiges Wiederſehen der ſchönen Marie die Qualen der Trennung linderte. Bei dem Plane, den Herr Günthers angelegt hatte, um Marien zu fangen, war er eben ſo vorſichtig als ſchlau zu Werke gegangen. Er hatte bald bemerkt, wel⸗ chen Nebenbuhler er an Klas Malchus beſaß; und zu klug, ſtandes Baron gebrach Der S was ſ ſtets k war es zu ſeyn aber ei weſen bringe dem b klopfte keine Marien erregen Grund der S und di nur er ſchützt, iſt recl „daß denn n feſt; a wenn 9 ſonder träum Nacht in all eigene kränzt am C Richtung wie aus Stelle in g eſch ick⸗ t, dieſer oth vom Mangel zuziehen. anz an⸗ ntaͤgigen r kühne Sinn, es Weib denken, ermögen r, doch andern könne. jn, daß Körkedal dieſes einen Wogen lmeiſter Herren⸗ (Schön⸗ barg, chwie⸗ 2, Ty⸗ ig auf Aualen hatte, ig als „ wel⸗ nd zu klug, um mit ihm um den Beſitz des erſehnten Gegen⸗ ſtandes zu kämpfen, vermied er jede Berührung mit dem Baron, in der Hoffnung, Alles zum glücklichen Schluſſe gebracht zu haben, ehe vieſer nur einmal Unrath ahnte. Der Stallmeiſter ſuchte auf Mariens Vater einzuwirken, was ſehr leicht war, da die Lieblingsſchwäche de ſtets klar am Tage lag; und gerade dieſe Schwac war es, was Günthers eine Eingebung vom— Himmel zu ſeyn ſchien, doch nein! dieß wagte er nicht zu ſagen, aber eine Eingebung ſeines guten Genius mußte es ge⸗ weſen ſeyn: Marie nach Stockholm an die Oper zu bringen, wo ſie von jeder Bewachung ferne war! Bei dem bloßen Gedanken an einen ſo günſtigen Ausgang klopfte ſein Herz mit Heftigkeit. Natürlich ſparte er keine Mühe, um dem Kapellmeiſter einzureden, daß Mariens Stimme ohne Zweifel das größte Auſſehen erregen würde, und daß ſeiner Ueberzeugung nach aller Grund vorhanden ſey, um den Plan ſo ſchnell als mög⸗ lich in's Werk zu ſetzen. Um ſeine uneigennützige Abſicht darzuthun, der Stallmeiſter an einen guten Freund in Stockholn chrieb lm 4 nur erwarten konnte. Marie ſollte auf alle Art be⸗ ſchützt, jede Sorgfalt ſollte ihr gewidmet werden.„Es iſt recht ſchlimm,“ ſetzte der Stallmeiſter noch hinzu, „daß ich keine Hoffnung habe, Marien hören zu duͤrfen, denn meine Dienſtverhältniſſe halten mich auf dem Lande feſt; aber es wird mir immer ein Vergnügen gewähren, wenn ich in den Zeitungen von ihren Triumphen leſe.“ Nach dieſen gefährlichen Vorſpiegelungen und be⸗ ſonders nach der Ankunft des glaubwürdigen Briefes träumte, wie wir wiſſen, der Kapellmeiſter Tag und Nacht von nichts als der Oper und Marie. Er ſah ſie in allen möglichen Rollen, deren er ſich noch aus ſeiner eigenen Theaterzeit her erinnerte, und ſtets war ſie be⸗ kränzt und beklatſcht. Der arme Kapellmeiſter gerieth am Ende in einen wahren Eitelkeitsſchwindel. weſen, wenn er nicht bal 280 An dieſem Tage wollte nun der Stallmeiſter Allem aufbieten, um eine erwünſchte Beendigung der Frage herbei zu führen. Er hatte bei ſich ſelbſt eine Summe Gelds entlehnt, um es dem alten Alſing als Anlehen zu den Reiſekoſten anzubieten, da dieß, wie er glaubte, der Haken war, der einen feſten Beſchluß zurückhielt oder hauptſächlich verhinderte. Aber welche Zeit ſollte er jetzt wählen? Der Morgen wäre zwar am beſten ge⸗ d ausſpionirt gehabt hätte, daß der Baron denſelben Weg gegangen ſey, und da dieſer gewöhnlich„den ganzen Vormittag daſaß und feſtklebte“ — die Worte des Stallmeiſters— ſo blieb nichts An⸗ deres übrig, als den Abend zu wählen. Um zu dieſer Zeit, wo er im Saal und am Spieltiſche Dienſt zu thun hatte, falls ihn der General zu ſeiner Partie rief, fort ſeyn zu können, gab es keinen andern 2 usweg, als ſich krank melden zu laſſen. Sobald es dunkelte, wollte er jedoch, in einen Mantel gehüllt, nach dem Hinterhofe ſchleichen, wo er gegen ein Trinkgeld von einem Zwölf⸗ ſchillingſtück von dem Stallknecht ein Pferd zu bekommen hoffte. Auf dieſe Weiſe konnte er bald wieder zurück ſeyn, und dann, wie wenn er ſich wieder erholt hätte, die Geſellſchaft aufſuchen. Nach ziemlich langem Warten trat die ſo erſehnte Dämmerung ein. Der Stallmeiſter lauſchte an der Thüre. Außer Fräulein Hedwigs zierlichen Schrittchen, als ſie von ihrer Tante nach dem eigenen Zimmer trippelte, war Alles ſtille im Korridor. Er öffnete leiſe die Thüre: nichts, nicht ſo viel wie eine Katze, ließ ſich ſehen. Ein raſcher Entſchluß! In einem Hui war der Mantel um die Schultern geworfen, und unſer feiner, auf Abenteuer ausgehender Stallmeiſter ſchlich ſich leiſe wie ein Geiſt längs der Wände dahin. Wohl hörte er hie und da eine Thüre zuſchlagen: aber es war dunkel, und längſt hatte er es gelernt, den Athem zurückhalten, und Hu⸗ ſten und Nießen zu bezwingen, jene gefährlichen und unberufer lungen. End haſtig w und den Perſon y demſelben treffen i höchſten der fortſ nen; und fen, füh mer Auf kochen. Marie?“ ſonſt ſo muß ihn war ſein innerte erdichtete um ein durfte. Kla Stallmei und dieſ kannt he gewöhnt lich war über Ko keit dav mancher haben m Ba glaubte würde, dem raf er Allem er Frage 2 Ju Summe lehen zu u dieſer zu thun ef, fort als ſich ollte er nterhofe Zwölf⸗ kommen zurück t hätte, erſehnte Thüre. als ſie kippelte, Thüre: Ein tel um enteuer Geiſt nd da längſt d Hu⸗ n und 281 unberufenen Unruheſtifter bei geheimnißvollen Verhand⸗ lungen. 2 Endlich ſchöpfte er im Hofe Athem, als eine Perſon haſtig wie eine Windsbraut, an ihm vorüber rauſchte und den Weg nach dem linken Flügel einſchlug. Dieſe Perſon war Niemand anders als Baron Klas, der in demſelben Augenblick von dem mißlungenen Zuſammen⸗ treffen im Spiegelzimmer zurückkehrte. Obſchon im höchſten Grade aufgeregt, meinte Klas Malchus doch in der fortſchleichenden Geſtalt den Stallmeiſter zu erken⸗ nen; und jetzt ſchnell in einen neuen Ideenkreis gewor⸗ fen, fühlte er ſein Blut, das ſchon vorher in genugſa⸗ mer Aufwallung war, vom wilden Feuer der Eiferſucht kochen. „Wo will er wohl anders hin, als zu ihr— zu Marie?“ Neue ſeltſame Qualen begannen jetzt in der ſonſt ſo ruhigen Bruſt des Barons zu wüthen.„Ich muß ihm nach, ich muß ſehen, was er wagt!“ Dieß war ſein einziger vollkommen klarer Gedanke. Er er⸗ innerte ſich jetzt, daß Günthers nicht bei Tiſche und die erdichtete Krankheit folglich nur eine Lüge geweſen war, um ein Vorhaben zu verbergen, das der Finſterniß be⸗ durfte. Klas Malchus hatte Beſinnung genug, um dem Stallmeiſter einen nothwendigen Vorſprung zu laſſen; und dieſer, der ſeinen Nebenbuhler durchaus nicht er⸗ kannt hatte, da er nur einen langſamen Gang an ihm gewöhnt war, eilte nach dem Hinterhofe, wo er ſo glück⸗ lich war, das Pferd zu erhalten. Er warf ſich Hals über Kopf in den Sattel und flog mit einer Schnellig⸗ keit davon, die, wenn es heller Tag geweſen wäre, mancher Dame Herz zu Gunſten des Ritters geſtimmt haben würde. Baron Klas kam jetzt nach dem Stallgebäude. Er glaubte nicht, daß es der Stallmeiſter gewagt haben würde, ein Pferd zu verlangen; aber bald merkte er an dem raſchen Hufſchlag, der, ſo peinlich für ſeine Unge⸗ 282 duld, auf dem Wege nach dem Meßner⸗Hauſe hinſchallte, daß es wirklich ſo war. In größter Eile wurde ein zweites Pferd geſattelt und der Stallknecht, der an dieſem Abend einen recht artigen Verdienſt hatte, angewieſen, nicht das Geringſte von dem Baron zu wiſſen, wenn man nach ihm fragen ſollte. Nach dieſem Befehl ſchwang ſich Klas Malchus mit beinahe eben ſo viel Gewandtheit wie der Stall⸗ meiſter ſelbſt in den Sattel, durfte aber nicht zu ſchnell reiten, damit ihn dieſer nicht bemerkte. Endlich, als man keinen Laut mehr von dem erſten Pferde hörte, bekam das zweite mehr Luft, und noch waren nicht viele Mi⸗ nuten verſtrichen, als die Kirche und bald darauf das Licht vom Meßner⸗Hauſe ſichtbar wurde. Klas Malchus band das Pferd eeine gute Strecke weit vom Hauſe an, dann ſchlich er ſich nach dem Fen⸗ ſter, wo er durch das Herz des Fenſterladens eben ſo gut hineinſehen konnte, als der Oberſt vor einiger Zeit durch das Schlüſſelloch in der Thüre. Einem eiferſüch⸗ tigen Liebhaber iſt jedoch eine ſolche Dreiſtigkeit immer⸗ hin etwas mehr zu entſchuldigen; er hatte aber auch einen Vorzug weiter, er konnte nämlich hören. Marie ſaß an ihrem kleinen Arbeitstiſche, und ihre Augen waren vom Stallmeiſter abgewendet, deſſen flam⸗ mende Blicke für Klas Malchus den widerwärtigſten Ausdruck beſaßen, den er je an ein Paar Augen geſehen hatte. Mutter Chriſtine trat das Spinnrad und hörte ihrem Gaſte zu, der es beklagte, daß er das Unglück haben ſollte, von dem braven Kapellmeiſter nicht Ab⸗ ſchied nehmen zu können, der noch nicht von der Auktion zurückgekehrt war. „Kann es noch lange anſtehen, bis er kommt?“ Der Stallmeiſter ſah auf ſeine Uhr. „Ja wohl,“ antwortete die Mutter; die Auktion dauert gewiß bis Nachts zehn Uhr, und dann werden die Alten wohl noch etwas ſchwärmen.“ „Dar denn ich „Ei mit nicht „So Nähe mei „Got Klas Ma daſtand. Stallmeiſt Mut anzünden Familie w eine klein krank und Laterne i Hand. 2 in ſich ſer theidigte, dringlich Kau der ungen für die legen kan Die dunk ihren Wo reizend, ein, die ſie ſo ver Hand un Klas M vor Zorn er wollte in's Rein „Laf mit Gew „Un inſchallte, geſattelt nen recht Geringſte m fragen Malchus r Stall⸗ zu ſchnell als man , bekam viele Mi⸗ rauf das Strecke dem Fen⸗ eben ſo iger Zeit eiferſüch⸗ t immer⸗ ber auch und ihre en flam⸗ värtigſten n geſehen nd hörte Unglück icht Ab⸗ Auktion kommt?“ Auktion werden „Dann muß ich ihn morgen bei Zeit aufſuchen; denn ich kann nicht abreiſen, ohne ihn zu ſprechen.“ „Ei was, der Herr will abreiſen 2“ fragte die Mutter mit nicht wenig heiterem Geſichte. „So iſt's; mein Dienſt nöthigt mich, mehr in die Nähe meines Chefs zu ziehen.“ „Gott ſey Dank, daß der Elende abreist!“ dachte Klas Malchus, den es tüchtig fror, da er ohne Mantel daſtand. Er war nicht ſo vorſichtig geweſen, wie der Stallmeiſter. Mutter Chriſtine mußte wohl oder übel die Laterne anzünden, um dem Vieh ſein Nachtfutter zu geben. Die Familie war zwar jetzt in ſo guten Umſtänden, daß man eine kleine Dienſtmagd halten konnte; aber dieſe war krank und die Mutter mußte deßhalb ſelbſt hinaus, die Laterne in der einen und den Milchkübel in der andern Hand. Marie ſah ihr unruhig nach; doch ſie hatte ja in ſich ſelbſt einen Schutz, der ſie gewiß am Beſten ver⸗ theidigte, wenn es der Stallmeiſter wagen ſollte, zu auf⸗ dringlich zu ſeyn. Kaum hatte die Mutter die Thüre geſchloſſen, als der ungeduldige Hofmacher, dem der Erſatz, welchen er füͤr die Abweſenheit des Alten erhalten hatte, ſehr ge⸗ legen kam, ſeinen Stuhl näher zu Marien hinrückte. Die dunkle Röthe, die noch vom Vormittage her auf ihren Wangen brannte, machte ſie ihm noch einmal ſo reizend, und ſeine Einbildung flößte ihm den Gedanken ein, die Nachricht von ſeiner unvermutheten Abreiſe habe ſie ſo verſtimmt. Trotz ihres Widerſtandes faßte er ihre Hand und bedeckte ſie mit verwegenen Küſſen, während Klas Malchus, der noch keinen einzigen gewagt hatte, vor Zorn und Eiferſucht zitternd, draußen ſtand; aber er wollte ſehen, wie Marie auf eigene Fauſt mit ihm in's Reine käme— er war ja auf alle Fälle da. „Laſſen Sie!“ rief Marie zornig und riß ihre Hand mit Gewalt zurück. „Und warum, meine holde Schöne? Wir ſehen uns 284 ja nie mehr! Warum mir alſo nicht einmal den ſchwachen Troſt in meinem Leiden vergönnen, daß ich die kleinen hübſchen Hände küſſen darf? Marie weiß nicht, mit welch' gränzenloſer Liebe ich ſie anbete. Alle Damen im Herrenhofe droben ſind ein Nichts gegen Marie; und ich wollte eine ganze Nacht barfuß im tiefſten Schnee gehen, wenn ich dadurch einen einzigen freiwilligen Kuß von ihr verdienen könnte.“ „Nein! und wenn der Herr einen ganzen Winter lang im Schnee bis an's Kinn waten wollte!“ antwor⸗ tete Marie kurz. „Haſſeſt Du mich denn, Marie? „Seyen Sie ſo gut und nennen Sie mich nicht Dul Ich haſſe übrigens keinen Menſchen; aber ich weiß nicht, warum der Herr nach Dingen fragt, die ihn nichts an⸗ gehen.“ „Wie ſoll ich denn Marie nennen, ſage mir erſt das?“ „Wie Sie wollen, nur nicht Du; man kann Marie ſagen oder Jungfer Alſing.“ „Nun wohl, Jungfer Alſing verkennt mich ganz! Nein, ich kann nicht ſo ſteif ſprechen— Marie, Du ver⸗ kennſt mein Herz! Ich will nun offen geſtehen, daß ich aus Eigennutz wünſchte, Du möchteſt nach Stockholm gehen; aber ich darf ſagen, dieſer Eigennutz war edel. Wenn Du Ehre und Ruf gewonnen haſt, wenn Du eine berühmte Sängerin geworden biſt, dann kann ich Dir meine Hand anbieten, ohne daß ich fürchten darf, lächer⸗ lich zu werden. Eher will ich Dich auch nicht wieder⸗ ſehen; nein, nicht eher, als bis Du mein Weib werden kannſt!“ „Dann geſchieht es gewiß nie mehr,“ erwiederte Marie mit einem leichten Spott; ‚denn ich wollte nicht nur einen Wintertag barfuß im Schnee waten, ſondern lieber mein ganzes Leben lang ſo gehen, als des Stall⸗ meiſters Weib werden.“ „Ach, Du kleine, trotzige Zauberin, Du weißt ſehr 3 wohl, daß Du mich nur noch verliebter machſt, wenn Du ſo ſy Du ſo kal kein Wort eine entfer abweiſen v Mari wortet zu „Du hoffen! O ſeinen Arn Leib heral ſtieß ſie il Zorne.„ weil ich werden, y ſolchen Ge „Ha ich jetzt!“ durchdring Malchus anlaſſung einzuſtürze Um alles Zwar hatt ſo gezeigt, er möglich Mari Blicken de Stallmeiſte wen Du l liebt, ſo n „9 j „Neit hätteſt es macht mic glaube, T Aber kann ſchwachen ie kleinen icht, mit e Damen arie; und n Schnee ligen Kuß n Winter antwor⸗ nicht Du! veiß nicht, nichts an⸗ erſt das?“ un Marie ich ganz! Du ver⸗ „ daß ich Stockholm war edel. 1 Du eine ich Dir r;, lächer⸗ yt wieder⸗ ib werden erwiederte ollte nicht , ſondern des Stall⸗ weißt ſehr hſt, wenn Du ſo ſprichſt! Aber in Ernſt, theure Marie, ſollteſt Du ſo kalt gegen mich und meine Liebe ſeyn, daß Du kein Wort des Troſtes für mich hätteſt? Laß mir nur eine entfernte Hoffnung, daß Du meinen Antrag nicht abweiſen wirſt, wenn ich um Dich zu freien komme.“ Marie ſchwieg. Sie meinte ſchon genügend geant⸗ wortet zu haben.. 1. „Du ſchweigſt, ſuße, geliebte Marie— ich darf alſo hoffen! O ich wußte das wohl!“ Der Stallmeiſter ließ ſeinen Arm unmerklich von der Stuhllehne nach Mariens Leib herabgleiten, den er raſch umſchloß. Aber kräftig ſtieß ſie ihn zurück.„Gehen Sie!“ rief ſie mit heftigem Zorne.„Begreifen Sie nicht, daß ich nichts erwiederte, weil ich ja ſchon geſagt hatte, ich würde nie Ihr Weib werden, wenn Sie auch je den geringſten Sinn mit einem ſolchen Geſchwätze vereinigten!“ „Hal ein Anderer iſt mir alſo im Wege, das merke ich jetzt!“ und des Stallmeiſters Blicke ſchienen Marien durchdringen zu wollen. Bei dieſen Worten hielt Klas Malchus unwillkührlich an,— er war nämlich aus Ver⸗ anlaſſung der vorigen Scene im Begriſſe geweſen, her⸗ einzuſtürzen. Was mochte wohl Marie darauf antworten? Um alles in der Welt hätte er dieß nicht verlieren mögen. Zwar hatte ſich ihr Abſcheu gegen den Stallmeiſter gerade ſo gezeigt, wie er wünſchte und hoffte; aber jetzt konnte er möglicherweiſe noch etwas Wichtigeres erfahren. Marie erwiederte jedoch nichts; ſie ſaß mit geſenkten Blicken da und ſchwieg.„Antworte!“ wiederholte der Stallmeiſter mit geſteigerter Aufregung.„Ich will wiſſen, wen Du liebſt; denn hätteſt Du nicht einen Andern ge⸗ liebt, ſo würdeſt Du mir nicht widerſtanden haben.“ „O ja, das hätte ich doch können!“ verſetzte Marie. „Nein, ich⸗ſchwöre es beim Himmel und Hölle, Du häͤtteſt es nicht gethan! Aber gerade Dein Widerſtand macht mich toll; und trotz dem Baron... Aha, ich glaube, Du bekommſt Leben; welche allerliebſten Roſen? Aber kannſt Du denn wirklich ſo einfältig ſeyn, und Dir 286 einbilden, Du werdeſt ihn fangen? Du hätteſt nur ſehen ſollen, wie wüthend er wurde, als wir ihn einmal mit Dir aufzogen!“ Mariens Roſen fielen ſcehnell ab. Sie kämpſte mit einer hervorbrechenden Thräne, hatte jedoch nicht den Muth, auch nur ein Wort zu ſagen. „Ja, ja, meine Schöne, ſo ſteht es! Und dennoch verſchmähſt Du mich! Aber Du ſollſt mich nicht ver⸗ ſchmähen; ich bin nicht gewöhnt, ſolchen Schimpf zu dulden!“ Außer Stands, ſeine Leidenſchaft länger zu bezähmen, zog er Marie an ſich;z aber im nächſten Augen⸗ blicke klatſchte eine Ohrfeige mit ſolcher Heftigkeit auf ſeiner Wange, daß er gegen die andere Seite des Zim⸗ mers taumelte; und Marie, von ihrem Quälgeiſt befreit, lehnte ſich zitternd an Klas Malchus, der über ſie ge⸗ beugt flüſterte:„Sey ruhig, Mariez Du weißt ja ſeit heute früh, daß ich Dich beſchütze!“ Der Stallmeiſter, dem es vor den Augen ſchwarz geworden war und geblitzt hatte, erholte ſich wieder. „Herr Baron,“ ſagte er vor Wuth ſchäumend,„Sie ſind mir Genugthuung ſchuldig!“ „Ich bin Ihnen nichts ſchuldig, als was Sie bereits erhalten haben!“ erwiederte Klas Malchus, der ſeine Gemüthsruhe wieder errungen hatte.„Und jetzt bitte ich Sie nur, daß Sie ſich nicht allein ſogleich fortpacken, ſondern auch ſobald als möglich mit Ihrem Vorſatze von Tyringsholm abzureiſen Ernſt machen; denn ſonſt wird dieſes Sie ſo ehrende Abenteuer noch heute Abend be⸗ kannt. Wenn Sie mir verſprechen, abzureiſen, ſo ver⸗ ſpreche ich Ihnen zu ſchweigen. Sie können jetzt nach Belieben wählen und ſich in beiden Fällen auf mein Ehrenwort verlaſſen.“ Die Zeit zum Ueberlegen war kurz; aber ungeach⸗ tet der Art Wahnwitz, worin ſich der Stallmeiſter befand, ſah er doch ein, daß jetzt dahin waren. Er mußte ſich zum Rückzuge beque⸗ men, ſo gerne er ſich auch für die Ohrfeige gerächt hätts⸗ alle ſeine fein berechneten Vortheile 41 4 An ein D zwei weite und dann oft von e er unmögl marum, d gen zu ga „Ich reiſe Mann von und ritt in Niem und ihrem wenn Mut wo der S wäre, un Gnaden ne „Ich verſetzte de habe Mar wollte nun gen bei S „Ei doch nicht Schleier d ihrer inner „War Fortepiano Zimmer he Sache iſt wundern.“ Der annehmen, verneigte ſ deyn die immer ltiges C nur ſehen nmal mit npſte mit nicht den d dennoch nicht ver⸗ himpf zu änger zu en Augen⸗ igkeit auf des Zim⸗ iſt befreit, er ſie ge⸗ ßt ja ſeit n ſchwarz ch wieder. „Sie ſind Sie bereits der ſeine jetzt bitte fortpacken, orſatze von ſonſt wird Abend be⸗ 1, ſo ver⸗ jetzt nach auf mein r ungeach⸗ ter befand, Vortheile uge beque⸗ rächt hätte. An ein Duell war indeſſen nicht zu denken; dazu kamen zwei weitere Gründe: erſtens war der Baron ſein Wirth, und dann konnte auch der bravſte und muthigſte Mann oft von einem Nebenbuhler eine Schmach erleiden, die er unmöglich öffentlich abwaſchen durfte. Summa Sum⸗ marum, der Stallmeiſter hielt es für's Beſte, ſich geſan⸗ gen zu geben; und indem er kaum hörbar murmelte: „Ich reiſe und hoffe, der Baron benimmt ſich wie ein Mann von Ehre!l ſtürzte er hinaus, warf ſich auf's Pferd und ritt im Galopp nach Tyringsholm zurück Niemand weiß, was an dieſem Abend zwiſchen Marie und ihrem ſchweigſamen Liebhaber hätte vorfallen können, wenn Mutter Chriſtine nicht beinahe in derſelben Minute, wo der Stallmeiſter das Zimmer verließ, zurückgekommen wäre, und ſich nun ſehr erſtaunt darüber zeigte, Seine Gnaden noch ſo ſpät am Abend außen zu finden. „Ich hatte ein Geſchäft, das ich heute früh vergaß,“ verſetzte der Baron ziemlich der Wahrheit gemäß: ich habe Marien ein beſſeres Inſtrument verſprochen und wollte nun ſagen, daß Ihr das Gerümpel da bis Mor⸗ gen bei Seite ſchaffen ſolltet.“ „Ei du meine Güte! Das kann dem Herrn Baron doch nicht Ernſt ſeyn?“ rief Mutter Chriſtine unter einem Schleier von Einfalt, der ſich nicht ſonderlich gut zu ihrer innern Befriedigung ausnahm. „Warum nicht? Ich erwarte bis Morgen ein neues Fortepiano für mich; und da wir ein zweites oben im Zimmer haben, ſo ſoll Marie mein altes bekommen. Die Sache iſt ſehr einfach, und braucht Niemand zu ver⸗ wundern.“. Der Baron konnte im Nothfall auch eine Würde annehmen, die ihn nicht übel kleidete. Mutter Chriſtine verneigte ſich demüthig, und wagte nur die artige Be⸗ meyſkung, daß ſie nicht ſo ſehr darüber verwundert ſey, deyn die Güte der Herrſchaft gegen ſie und ihr Haus ſel immer groß geweſen, aber dieß ſey doch ein ſo ge⸗ wäßltiges Geſchenk, daß ſie ganz erſchrecke. Marie ſprach keine Silbe, hob auch die Blicke nicht vom Boden; dazu war ſie wieder zu ſchüchtern und über⸗ raſcht. Auch dachte ſie, daß der Baron nicht Alles hätte wiſſen können, was vorgefallen war, wenn er nicht lange in der Kälte draußen geſtanden wäre. Durch dieſe Vor⸗ ſtellung beunruhigt, fragte ſie leiſe, als er ſeinen Hut faßte:„Darf ich dem Herr Baron nicht ein Glas Milch wärmen?“ „Ich danke!“ ſagte er und nahm nicht unwillig ſeinen Platz in den alten Lehnſtuhl ein, den ihm Muttt Chriſtine mit einer ehrerbietigen, halb zögernden Bo⸗ wegung hinſchob,„ich glaube, es wird mir gut thunl’ Und gewiß that es ihm gut; denn auf die Wärm hin, in die ihn ſeine Aufregung gebracht hatte, ware ſeine Glieder wieder ganz erſtarrt. „Wo iſt Ihr Ueberrock?“ fragte Marie bekümment als ſie ſah, daß er keinen an hatte. Die Mutter wan ſchon mit dem Topfe hinaus gegangen. „Ich vergaß ihn,“ verſetzte Klas Malchus, vals ich ſah, wie ſich der Stallmeiſter hinausſchlich, und gleit überzeugt war, der Elende würde ſeinen Weg hierha nehmen.“ „Und da ging denn der Herr Baron ſo hieher! Marie betrachtete ihn mit einem Blick ſo voll entzücken⸗ der Unruhe, daß Klas Malchus gerne etwas Schwerereh dafür gethan hätte. „Biſt Du bekümmert darüber, Marie?“ „Ja, Herr Gott, wenn der Herr Baron ſich erkal tet; wenn... oh, das wäre ja zu arg!“ „Sey unbeſorgt, ich reite ja und bin bald zu Hauſe Lebe wohl, Marie!“ Er gab ihr die Hand, und art die ihre Rührung, ihre Dankbarkeit nicht zu unterd üt vermochte, drückte ſchnell ihre Lippen darauf. Warhi⸗ Baron nicht ihr Herr, ihr Beſchützer? Dieſe Ehrfurch bezeugung konnte alſo nicht anders als richtig ſey aber obwohl Marie ſich dieſes ſagte, ſo hatte ſie de kaum ihrer augenblicklichen Eingebung nachgegeben, G 3 ſie von e nach der einen Fle die Hufſc ſernung In nicht mit habe, wa ſcheinlich fünfzig2 gezogen mußte, d mußte, d chen ver Da früher 1 Di Tyrings zur Hä freundli ein Fu Arm in Iſabelle ter, daß ſich he vom ge nicht ſe Das Blicke nicht ſie von einer quälenden Furcht erfaßt, über die Schwelle und über⸗ nach der Küche eilte. Es war ihr, als ob die Hand Alles hätte einen Fleck auf ihre Lippen gebrannt habe, und erſt als nicht lange die Hufſchläge vom Pferde des Barons in einiger Ent⸗ dieſe Vor. fernung ertönten, wagte ſie ſich wieder hinein. ſeinen Hut In dieſer Nacht ſchlief Marie nicht viel. Sie konnte las Milch nicht mit ſich ſelbſt einig werden, ob ſie etwas gethan 3 habe, was ſie nicht hätte thun ſollen, oder nicht. Wahr⸗ ht unwillig ſcheinlich war es doch ſo, denn ſie erinnerte ſich wohl ihm Mutter fünfzig Male daran, daß ja der Baron die Hand zurück⸗ ernden Be⸗ gezogen habe, als ſey er geſtochen. Wenn ſie denken gut thunle mußte, daß er nun böſe wäre— wenn ſie gar denken 3 die Wärme mußte, daß er nicht wieder käme! Wenn er ſein Verſpre⸗ atte, waren chen vergäße, ſie nach der neuen Methode ſpielen zu lehren! Das arme Mariechen! So viel Mücken waren ihr e bekümmen, früher noch nie im Kopfe herumgeflogen. 6 Mutter wa us,„als ich , und gleich Weg hierha Neunzehntes Kapitel. ſo hieher! oll entzucken⸗— s Schwerertz Die Wachslichter brannten helle im Saale von Tyringsholm. Der General hatte ſeinen Aerger ſchon on ſich erkäͤl zur Hälfte am Spieltiſche vergeſſen, und in Hedwigs freundlichem und ſanſtem Antlitz malte ſich auch nicht ald zu Hauſt ein Funke davon, als ſie jetzt an Lieutenant Richards „ und Mau Arm in der Wirklichkeit in einem Walzer dahinſchwebte. t unterd Fäte Iſabelle ſpielte dazu, und die Geſellſchaft ſchien ſo mun⸗ uf. Warh ter, daß es nicht ſchwer war zu bemerken, wie die Gäſte ſe Ehrfurch ſich heute weit beſſer unterhielten, als auf dem Balle richtig ſey vom geſtrigen Abend. Die ſogenannten Nachleſen haben hatte ſie da nicht ſelten dieſen Vorzug. gegeben, a Das Fideicommiß. I. 19 6 290 Der Oberſt hatte eine Gelegenheit gefunden, ſich aus ſeinem Arreſt in dem Spiegelzimmer fortzuſchleichen; und obſchon er ſich in weislicher Entfernung von dem Spieltiſche des Generals hielt, lavirte er doch ſo, daß er hie und da einen ſpähenden Blick nach dem alten Herrn werfen konnte. Das Reſultat dieſer Seitenblicke war die angenehme Ueberzeugung, daß der General nicht daran denke, ſich vor der beſtimmten Zeit zur Abreiſe zu rüſten; und was das kleine Fräulein betraf, ſo mochte ſie wohl von gar nichts gewußt haben, was deutlich aus ihrem Ausſehen hervorging. „Wo,“ dachte der Oberſt triumphirend, wo anders als unter Männern von Welt konnte ein ſolches Ereig⸗ niß ſo ſtille, ſo ohne alles Aufſehen, ohne alle Oeffent⸗ lichkeit vorübergehen? Hier iſt ja keine Seele, die etwas davon ahnt; aber wäre derſelbe Fall in einer ordent⸗ lichen Bürgersfamilie vorgekommen, welche himmel⸗ ſchreiende Ungelegenheiten und Geſchichten hätte es nicht da gegeben!“ Und der Oberſt lächelte mit Wohlbehagen und ſah ſich mit ruhiger Kühnheit im Kreiſe um. Er hatte Urſache überzeugt zu ſeyn, daß der General, der ſich im erſten Augenblicke hatte beherrſchen können, es ſich gewiß ſehr angelegen ſeyn laſſen werde, auch nachher daſ⸗ ſelbe zu thun. Durch dieſen Schlußſatz beruhigt, war der Oberſt bald wieder der Alte. Zwar dachte er mit einigem Miß⸗ behagen an eine künftige Beſprechung mit ſeinem Sohne, und an Iſabellens Fragen, aber er verließ ſich auf ſeine Feinheit, die ihm gewiß heraushelfen würde, und nach⸗ dem er dem jüngern Theil der Geſellſchaft den Vorſchlag gemacht hatte zu tanzen, ſetzte er ſich ſelbſt ſehr artig mit der Kammerräthin und Fräulein Gunilla an den Spieltiſch. Etwas ſpäter erſchien der Stallmeiſter. Er wagte nicht zu tanzen, weil er nicht ganz fieberfrei ſey, etwas, 1 was ſeine den Stul ter, ſtiller keit des des unwi vergnügt. es gerne ſpieler h dritten 2 nahm er ſorgniß jour; e ſchwärm den St ſchlaue das emf und ihn ſo unth brachte ſchein, ſie ſich dritten Anſchau Herr li No gute Lo er ſtill und no Blicke heute ſen, ſich hleichen; ſon dem ſo, daß en Herrn war die t daran t rüſten; ſie wohl s ihrem anders s Ereig⸗ Oeffent⸗ ie etwas ordent⸗ himmel⸗ es nicht lbehagen um. Er ral, der n, es ſich hher daſ⸗ - Oberſt em Miß⸗ Sohne, auf ſeine nd nach⸗ Vorſchlag hr artig an den r wagte „ etwas, was ſeine Richtigkeit hatte. Er ſtellte ſich alſo hinter den Stuhl des Generals, bewunderte in wohl angebrach⸗ ter, ſtiller Aufmerkſamkeit die Feinheit und Geſchicklich⸗ keit des alten Herrn, wobei ihm nur hie und da ein Ah! des unwillkürlichen Staunens entfuhr. Der General nickte vergnügt. Es war eine ſeiner Schwachheiten, daß er es gerne hörte, wenn man ihn für einen geſchickten Whiſt⸗ ſpieler hielt: und da ſich jetzt durch das Aufſtehen der dritten Perſon ein Platz für den Stallmeiſter darbot, ſo nahm er denſelben mit einer gewiſſen ſchmeichelnden Be⸗ ſorgniß ein. Der Kapitän hatte heute nicht ſeinen heau jour; er hatte in der vergangenen Nacht zu viel ge⸗ ſchwärmt und war ſchläfrig. Dieß war ein Glück für den Stallmeiſter, denn ſonſt hätte gewiß irgend eine ſchlaue Anekdote die Aufmerkſamkeit des Generals auf das emſige Weſen gelenkt, womit jener ihn zu intereſſiren und ihm zu gefallen ſich bemühte. Nun, da der Kapitän ſo unthätig blieb, glückte dem Stallmeiſter beides. Er brachte eine ganze Maſſe heiterer Hiſtörchen zum Vor⸗ ſchein, deren Held immer er war. Dadurch unterſchieden ſie ſich von Brandlers Geſchichten, der immer in der dritten Perſon erzählte, und bekamen zugleich eine große Anſchaulichkeit, die den General amüſirte; und der alte Herr liebte es, ſich zu amüſiren. Nach beendigtem Spiele ſchien des Stallmeiſters gute Laune auf einmal weg zu ſeyn. Beim Souper ſaß er ſtill da wie eine Bildſäule; er aß nicht, er trank nicht und noch mehr, er ſprach weder durch Worte, noch durch Blicke und Geberden. „Was iſt denn bei Ihnen auf der Bahn— ſollte es ein ernſtes Uebelbefinden ſeyn?“ fragte der General, als ſie ſich im Korridore für dieſen Abend trennen woll⸗ ten Kommen Sie eine Weile zu mir herein; ich ſchlief heute Vormittag ſo lange, daß ich jetzt nicht ſchläfrig bin.“ 19* 292 „Der Herr General ſind allzu gütig, daß Sie dar⸗ 4 nach zu fragen belieben; aber es hat keine Gefahr mit habe ich meiner Geſundheit, die, hoffe ich, ſoll ſchon bis morgen Herr Sta wieder in Ordnung ſeyn.“— aber i „Nun alſo, was iſt es denn?“ Der General ging— ſo iſt voraus und ließ den Stallmeiſter die Thüre ſchließen. 1 Der „Eine kleine Ehrenſache mit Baron Klas, der die klaͤrte ſich Artigkeit hatte, mir die Thuͤre zu weiſen, veranlaßt mich Anerbielen Tyringsholm zu verlaſſen; denn natürlich beſitze ich zu dem Aufe! 33 Stolz, um da zu bleiben, wo man mich nicht gerne rigemaht ſieht.“, „Wieder Einer,“ dachte der General,„den der Narr flüſterte— beleidigt hat... Worin beſteht denn die Ehrenſache, Oberſten wenn ich fragen darf?“ 1 Abend ver „Der Herr General werden mir erlauben, darüber„Sti zu ſchweigen! Sie iſt ſehr... ſehr zarter Natur.“ unſere Un Günthers zuckte bedeutungsvoll die Achſel. Jſabellcher 1„Ich verſtehe; es betrifft wohl eine Dame? Junge um dieſen Herren ſind immer gleich hitzig.“ liche d Der Stallmeiſter verbeugte ſich auf eine Art, welche dne Eige dieſer Behauptung nicht widerſprach. Der General war ſinsg he 0. daher vollkommen überzeugt, daß Baron Klas irgend A einen unüberlegten Ausdruck über Hedwig habe fallen Ball dn laſſen, worüber Günthers in Eifer gerathen ſey, und er allgäͤſte ſchien über das Zartgefühl, womit der Letztere darüber ſänen r ſchwieg, nicht ungehalten zu ſeyn. . „Wo hat der Herr Stallmeiſter jetzt im Sinne hin⸗ ner beiden zureiſen 2⸗ ſich mit d „Das iſt ſchwer zu ſagen. Da mich der Oberſt konnte we auf längere Zeit hieher bat, ſo hielt ich es für meine urulhui h Schuldigkeit, alle andern Einladungen zurückzuweiſen, 1 und werde jetzt wohl eben planlos in die Welt hinaus⸗ dabei; ab ziehen.“ vortrefflich „Wenn Sie keine Abhaltung haben, ſo reiſen Sie meden, le mit uns!“ ſagte der General munter.„Den Kapitän beim Ein 6* Sie dar⸗ fahr mit morgen eral ging ießen. der die aßt mich be ich zu cht gerne der Narr hrenſache, darüber Natur.“ Junge t, welche eral war s irgend be fallen und er darüber inne hin⸗ r Oberſt ir meine zuweiſen, hinaus⸗ eiſen Sie Kapitän 293 habe ich dem Oberſten ſchon abgejagt; und wenn der Herr Stallmeiſter den noch übrigen Platz einnehmen will — aber ich muß Ihnen ſagen, daß es auf dem Bocke iſt — ſo iſt es mir ſehr angenehm!“ Der Stallmeiſter verbeugte ſich tief und artig, er⸗ klärte ſich höchſt geſchmeichelt und dankbar für das gütige Anerbieten, verſprach ſich ein unendliches Vergnügen von dem Aufenthalt in Mörkedal— und damit war die Sache abgemacht. Als die Familienglieder einander gute Nacht boten, flüſterte Iſabelle mit einem ſchelmiſchen Lächeln dem Oberſten in's Ohr:„Nun, Papa, ich habe den ganzen Abend vergeblich auf die Verlobungserklärung gewartet!“ „Stille!“ erwiederte der Oberſt und erröthete.„Alle unſere Unterhandlungen ſind abgebrochen; und ich hoffe, Iſabellchen, Du haſt zu viel Achtung vor Deinem Vater, um dieſen Gegenſtand jemals wieder zu berühren!“ Iſabelle verwunderte ſich gewaltig über dieſe feier⸗ liche Erklärung ihres Vaters; aber da ſie merkte, daß ſeine Eigenliebe verletzt worden war, war ſie zu edel, um der Sache weiter nachzuſpüren. Am andern Tage nach dem Frühſtück reisten die Ballgäſte ab, und am Morgen darauf der General mit ſeinen Fräuleins, dem Kapitän und dem Stallmeiſter. Der Oberſt hatte zwar ein wenig gegen den Verluſt ſei⸗ ner beiden Tagesgäſte proteſtirt, aber er wagte es nicht, ſich mit dem General um ſie zu zanken! denn Niemand konnte wohl mit Billigkeit behaupten, daß der gute Ge⸗ neral nicht einige Genugthuung und Erſatz für den Schwie⸗ gerſohn mit dem Fideicommiß verdiente. Es blieb alſo dabei; aber mit blutendem Herzen ſah der Oberſt ſeine vortrefflichen Spielbrüder und Tiſchgenoſſen aus dem jetzt wieder leeren Tyringsholm fortwandern. Am Abend vorher hatte Hedwig, als Virginie ihr beim Einpacken half, ſich nicht enthalten können— die 294 Mädchen können nicht wohl mit einem Geheimniß leben, wenn ſie nicht eine Vertraute haben, der ſie es mitthei⸗ len dürfen— ihrer neuen herzguten Freundin Virginie einen kleinen Ueberblick über die Sache zu geben; ſie er⸗ zählte ihr die unbeſonnene Werbung des Oberſten, und als Seitenſtück die Zurücknahme der väterlichen Bitte durch Baron Klas. Virginie erſtaunte und bewunderte Hedwigs Gut⸗ müthigkeit und Selbſtbeherrſchung, da ſie ſich nicht das Geringſte hatte merken laſſen. „Das war ich ja mir ſelbſt ſchuldig, meine Liebe! 4 entgegnete Hedwig und nahm eine etwas ſtolze Miene an.„Siehſt Du, Virginchen, es ſteht zwar in der Macht des Oberſten und ſeines Sohnes, mich zu beſchimpfen, aber nur ich ſelbſt kaun mich erniedrigen; und das hätte ich gethan, wenn ich Leidweſen oder Aerger darüber hätte merken laſſen.“ Virginie, die ſelbſt ſehr feinfühlend war, gab das zu; aber ſie hätte doch auch gerne gewußt, ob es Hedwig viel gekoſtet habe, ſich ſo ruhig zu zeigen. „Nein, nicht gerade ſo gar viel,“ antwortete dieſe lachend, indem ſie ihre Kravättchen in Papier einpackte, „nicht gerade ſo gar viel, meine Kleine— meinſt Du nicht, daß dieſe Blumen auf dem weißen Grunde ſehr hübſch ſind?— denn ich hätte ihm auf alle Fälle einen Korb gegeben!“ Jetzt war Virginie vollkommen beruhigt, und nach⸗ dem die beiden jungen Mädchen ausgemacht hatten, ein⸗ ander wenigſtens dreimal in jedem Monat zu ſchreiben, trennten ſie ſich unter Bezeugungen des lebhafteſten Schmerzes über ihren Verluſt. Als Hedwig in den Wagen ſtieg, und Richard auf der einen und Virginie auf der andern Seite ſtand, flü⸗ ſterte ſie der Letztern mit thränenvollen Augen zu:„ 8 thut mir ſo wehe, von hier fort zu müſſen! Ich habe mich no⸗ Tagen!“ Seit Ertratou er ſein 3 Oberſt d ner Sche mit dem ſo hatte Der Bar ſeiner Lie und dito unterhalte zu Liebe gens eben ſind Fuß! Aber Kla nen billig zu ſagen, dem Schr ſeine Mu Nach Baronin im Hauſe ſich zu K neſen zu Sopha a mit ihren Der Familie da Niem noch viel Talent it vergebene Der Se niß leben, s mitthei⸗ Virginie 1; ſie er⸗ ſten, und hen Bitte igs Gut⸗ nicht das e Liebe! 4 aze Miene der Macht eſchimpfen, das hätte über hätte gab das es Hedwig riete dieſe einpackte, neinſt Du runde ſehr Fälle einen und nach⸗ atten, ein⸗ ſchreiben, lebhafteſten ichard auf tand, flü⸗ zu:„Es Ich habe mich noch nie ſo gut unterhalten, als in dieſen acht Tagen!“ Seit dem Abend, wo Baron Klas Malchus ſeine Ertratour nach dem Meßnerhauſe gemacht hatte, hatte er ſein Zimmer nicht mehr verlaſſen, und obſchon der Oberſt dieſe Art Incognito ſeinem Widerwillen und ſei⸗ ner Scheu zuſchrieb, nach dem, was vorgefallen war, mit dem General und ihm ſelbſt zuſammen zu treffen,— ſo hatte er doch nicht den wahren Beweggrund entdeckt. Der Baron war unwohl, ſehr unwohl; er hatte ſich auf ſeiner Liebeswache erkältet, einen jämmerlichen Schnupfen und dito Huſten davon getragen, und mußte ſich damit unterhalten, der ſteigenden Bekümmerniß ſeiner Mutter zu Liebe allerlei Hauskuren zu gebrauchen— die übri⸗ gens ebenſo beſchwerlich ſind als andere Kuren— als da ſind Fußbäder, Fliederthee, Kampher, Habergrütze u. ſ w. Aber Klas Malchus konnte ſeiner zärtlichen Mutter kei⸗ nen billigen Wunſch abſchlagen, obgleich er, die Wahrheit zu ſagen, bei dem ewigen Kamphereinreiben, das ihn trotz dem Schnupfen entſetzlich beläſtigte, aufrichtig wünſchte, ſeine Mutter möchte weniger zärtlich ſeyn. Nachdem des Generals abgereist waren und die Baronin ihre Befehle zur Wiederherſtellung der Ordnung im Hauſe gegeben hatte, nahm ſie ihre Stickerei und ſetzte ſich zu Klas Malchus hinunter(der zwar vollkommen ge⸗ neſen zu ſeyn erklärte, aber deſſen ungeachtet nicht vom Sopha auf durfte), denn die gnädige Frau hatte ein wenig mit ihrem Sohne zu ſprechen. Der zum Erſtaunen des Oberſten und der ganzen Familie requirirte Flügel war eben angekommen; und da Niemand wußte, daß Klas Malchus die Muſik liebte, noch viel weniger, daß er in den letzten Jahren dieß Talent in hohem Grade ausgebildet hatte, ſo rieth man vergebens hin und her, zu was jener wohl beſtimmt ſey. Der Salon hatte ein vorzügliches Piano; und das, 296 worauf Klas Malchus als Kind geſpielt hatte, obſchon man nie glaubte, daß er es weit in der Muſik bringen würde, ſtand, wie man meinte, unbenützt auf ſeinem Zimmer. Dieß war jedoch nicht der Fall. Man ging ſelten nach dem Flügelbaue und hatte deßhalb nicht ge⸗ hört, daß Klas Malchus oft zwei bis drei Stunden lang hinter einander darauf phantaſirte, wenn er ſich allein wußte. Der Baron liebte die Muſik leidenſchaftlich, er lebte ganz in ihrem Genuſſe; aber gerade weil er ſie ſo hoch in ſeinem Herzen ſtellte, konnte er es nicht leiden, wenn ihn Jemand ſpielen hörte. Er hätte es für eine entſetzliche Profanirung, ja für eine reine Unmöglichkeit gehalten, ſich an das Inſtrument niederzuſetzen, um mit den Lauten, die er demſelben entlockte, Andere zu amü⸗ ſiren; und immer ſpielte ein etwas ſpöttiſches Lächeln um ſeine Lippen, wenn ſich Iſabelle anbot, zum Tanze aufzuſpielen. Tanzmuſik war Klas Malchus ein Abſcheu; und er glaubte, Iſabelle müſſe alles feinere und tiefere Gefühl für den Genuß der Muſik entbehren, da ſie im Stande ſey, ſie ſeiner Anſicht nach ſo in den Staub zu ziehen. Sie führte überdieß eine ganze Maſſe großer, artiger Dinge aus, von denen er ſich nicht ſonderlich ergötzt fand; denn er und Iſabelle übten die Kunſt nach verſchiedenen Methoden. „Mein liebes Klaschen,“ ſagte die gnädige Frau ſehr mütterlich,„halte Dich jetzt hübſch ſtille! Du kannſt ja ſagen, wo Du das Inſtrument aufgeſtellt haben willſt — haſt Du es vielleicht Iſabellen zugedacht?“ „Nein, Mamachen, es ſoll hier innen aufgeſtellt werden.“ „Was Du ſagſt, mein lieber Klas, hier innen? Du haſt ja ſchon eins, ein ſehr gutes— was ſollen wir denn mit dem anfangen?“ 1 „Das habe ich verſchenkt! Doch das iſt wohl keine ſo wichtige Sache, daß Mama darüber ſo verwundert ſeyn ſollte eine ſo ſt aufwarf, nerin ſchi was ſie ſ Klas Gruß ſch wegen ſe plöͤtzlich nichts ſch Rath fr dem Meſ und es e herunterk Transpo „W „ mer aufg bleiben „J welches Klavier ganze C raſcht. Witz der auf Klo deßhalb ihren 2 Frauen; Hedwig in der Antwor Frau w handelr „ obſchon ſik bringen auf ſeinem Nan ging nicht ge⸗ nden lang ſich allein aftlich, er er ſie ſo icht leiden, für eine möglichkeit „um mit zu amü⸗ es Lächeln um Tanze Abſcheu; nd tiefere da ſie im Staub zu ſe großer, ſonderlich Kunſt nach ige Frau Du kannſt ben willſt aufgeſtellt r innen? vas ſollen wohl keine herwundert ſeyn ſollte!“ Klas Malchus zeigte in dieſem Augenblicke eine ſo ſtarke Fieberröthe, daß die Baronin die Frage aufwarf, ob man nicht nach der erfahrenen Mutter Meß⸗ nerin ſchicken ſolle, damit ſie ihm Ader laſſe oder ſage, was ſie ſonſt für dienlich finde. Klas Malchus, der ſehnlichſt wünſchte, Marien einen Gruß ſchicken zu können, da ſie, wie er wohl wußte, wegen ſeines Ausbleibens in Unruhe ſeyn würde, kam plötzlich ebenfalls auf den Gedanken, daß es vielleicht nichts ſchaden dürfte, wenn man Mutter Chriſtine um Nath fragte.„Und da Mama ſo auf alle Fälle nach dem Meßnerhauſe ſchickt, ſo könnte Mama ſo gut ſeyn, und es einrichten, daß... Doch wenn Guſtav zu mir herunterkommt, will ich ihm ſchon ſagen, wie es zum Transport gepackt werden muß.“ „Was, mein Sohn?“ „Das Klavier.“ „Das iſt ja ſchon gepackt und draußen im Vorzim⸗ mer aufgeſtellt, Klaschen, und dort wird es doch ſtehen bleiben können, bis Du ganz geſund biſt?“ „Ich meine nicht das neue, Mama, ſondern das, welches ich des Organiſten geſchenkt habe! Ihr altes Klavier that mir in den Ohren wehe.— Das iſt die ganze Geſchichte.“ Jetzt ſchien die Baronin ſehr uͤber⸗ raſcht. Sie erinnerte ſich des Mittags, wo der ſchlechte Witz des Stallmeiſters einen ſo unangenehmen Eindruck auf Klas Malchus gemacht hatte. Und man darf ſich deßhalb nicht wundern, wenn die arme Baronin, die ihren Mann kannte, und ohne ſein Wiſſen auf dem Frauenzimmerkanal die Neuigkeiten erfahren hatte, die Hedwig Virginien mittheilte, ſehr bekümmert wurde, und in der großen Noth ihres Herzens nicht wußte, welche Antwort wohl am beſten darauf wäre; denn die gnädige Frau war leider nicht ſehr gewöhnt, auf eigene Fauſt zu handeln. 298 „Iſt etwas in dieſer Sache, was Mama mißfällt?“ fragte der Baron, und erhob ſich mit einer gewiſſen merk⸗ lichen Heftigkeit auf einen Arm. „Mißfaͤllt? Nein, behüte! was ſollte mir mißfallen? Ich ſetze natürlich voraus, daß Du Dein Fortepiano ver⸗ ſchenken darfſt. Sonſt dächte ich...“ Aber die Baronin dachte zu viel, um eigentlich an irgend etwas zu denken; denn ſonſt hätte ſie gewiß nicht eine ſo herzlich beſcheidene Einfältigkeit geäußert. „Wenn ich,“ erwiederte Klas Malchus erröthend, „nicht das Recht habe, dieſes Inſtrument zu verſchenken, das ich ſelbſt vor mehreren Jahren von Papa erhielt, ſo habe ich doch wohl wenigſtens das Recht, den Flügel weg⸗ zugeben, den ich ſelbſt beſtellt habe; und der ſoll noch heute nach dem Meßnerhauſe gebracht werden.“ Nun hätte man ſehen ſollen, wie die gnädige Frau ſo recht vom Regen in die Traufe kam! „Ich hoffe, Du biſt doch nicht böſe auf Deine Mut⸗ ter, mein beſter Klas Malchus! Was ich äußerte, geſchah nur aus Aufmerkſamkeit für Deinen Vater, das wirſt Du wohl einſehen; und ich bin gewiß, Du wirſt den neuen, ſo ſchönen und koſtbaren Flügel nicht nach dem Meßner⸗ hauſe ſchicken.“ „Aber bin ich denn ein Kind?“ fragte Klas Malchus ſehr ernſt und heftete ſeine großen ſchönen Augen mit einem ſichtlichen Mißvergnügen auf die Mutter.„Habe ich denn nicht das Recht, etwas ohne Erlaubniß herzu⸗ ſchenken?“ „Ei freilich, guter Gott! Klaschen, wer ſagt denn das? Aber ich dachte nur, dieſe Handlung würde ſehr viel Aufſehen erregen.“ „Das hat nichts zu ſagen! Wenn ſich Jemand wun⸗ dern will, ſo mag er es immerhin thun“ „Ja, das ſagſt Du, lieber Klas Malchus! Aber es handelt ſich nicht nur um Dich; man könnte auch etwas übe makellos; auch für würde, da gen Man Die chus das er wuürde ohne woh Kleinod, Abſicht k nicht mit es auch d weſen wä lichen G „2 und küßt Hinſicht! Schatten chens zu Marien beſte Mo ich will bekömmt Die Baronin nunmeh⸗ ſtatt des W ſelbſt he fragte führens Vater von ihr mißfällt?“ biſſen merk⸗ mißfallen? piano ver⸗ e Baronin zu denken; beſcheidene erröthend, erſchenken, rhielt, ſo ügel weg⸗ ſoll noch dige Frau eine Mut⸗ e, geſchah wirſt Du en neuen, Meßner⸗ Malchus igen mit —„Habe ß herzu⸗ agt denn rde ſehr nd wun⸗ ! Aber ite auch 299 eiwas über Marie ſagen. Bisher war ihr Nuf ganz makellos; aber ich wage nicht zu behaupten, daß ſie ihn, auch für die Zukunft ſo erhalten möchte, wenn es bekannt würde, daß ſie ein ſo koſtbares Geſchenk von einem jun⸗ gen Manne bekommen habe.“ Die Baronin meinte zu wiſſen, daß ihr Klas Mal⸗ chus das zartfühlendſte und gewiſſenhaſteſte Naturell habe; er wuͤrde alſo gewiß keine ſolche Anſpielung hören können, ohne wohl zu bedenken, wie ſehr er Mariens höchſtes Kleinod, ihren Ruf, ſchonen müſſe. Aber auch die beſte Abſicht kann ihren Zweck verfehlen, beſonders wenn ſie nicht mit Menſchenkenntniß verbunden iſt; und ſo geſchah es auch der Baronin. Sie fand bald, daß es beſſer ge⸗ weſen wäre, ſie hätte geſchwiegen, als einen ſo gefähr⸗ lichen Gegenſtand berührt. „Meine gute zärtliche Mutter,“ ſprach Klas ſanft und küßte ihre Hand,„ſey ganz ohne Sorgen in dieſer Hinſicht! Niemand kann ſich mehr davor hüten, einen Schatten auf den Ruf eines jungen unſchuldigen Maͤd⸗ chens zu werfen, als ich; doch dieß wird gewiß bei Marien nicht der Fall ſeyn. Nein, ſey deſſen gewiß, beſte Mama, und laß jetzt den Boten abgehen— denn ich will beſtimmt, daß ſie noch heute das Inſtrument bekömmt.“ Dieß war ſo zu ſagen ein kleiner Machtſpruch. Die Baronin konnte nicht widerſprechen; und Alles, was ſie nunmehr auszuwirken vermochte, war, daß das alte an⸗ ſtatt des neuen abgeſchickt werden ſollte. Während man im Hofe daran packte, kam der Oberſt ſelbſt heraus.„Wo ſoll das ſeinen Weg hin nehmen?“ fragte er ſeine Frau, die einige Befehle wegen des Ab⸗ führens gab. Die Baronin, roth und blaß zugleich, und Vater und Sohn gleich ſehr fürchtend, wenn ſie Einem von ihnen etwas zuwider that, antwortete auf eine Art, 300 7 daß ſie dem Oberſten dadurch einen heimlichen Wink gab, er möge keine Frage thun, bis ſie drinnen wären. „Nun, wo ſoll es denn hin?“ fragte der Oberſt auf's Neue, als ſie in ſeine Zimmer gekommen waren. „Ach, mein Freund, ich bin bekümmert, ſehr, ſehr bekümmert!“ ſprach die Baronin.„Aber ich verſichere Dich, daß es mir unmöglich war, die Sache zu hinter⸗ treiben; er ſchickt es als Geſchenk in das Meßnerhaus!“ „Nun, der Plunder iſt nichts Beſſeres werth!“ ſagte der Oberſt ſehr kalt. Er that, als begreife er die Unruhe der Frau nicht, als ſähe er das nur wie einen Akt der Gutmüthigkeit von Klas Malchus' Seite an. Eigentlich war es dem Oberſten vor der Hand nicht ſehr daran ge⸗ legen, irgend einen Wortwechſel mit ſeinem Sohne zu haben. Da er überdieß überzeugt war, daß ſich der Ge⸗ ſichtskreis ſeiner Frau nicht ſonderlich weit erſtrecke, ließ er ſie ſich verwundern, ſo viel ſie beliebte. Indeſſen war der Oberſt durchaus nicht ohne Sorgen bei dieſer Sache, im Gegentheil, er hielt dieſen Schritt von Klas Malchus für eine Art öffentliches Anerkennen ſeiner Bekanntſchaft mit der kleinen Marie; und ſchon die Vermuthung, daß der Sohn über ſeine Gefühle in's Klare gekommen ſey, war ein unnennbarer Schmerz für den ſtolzen Vater. Die Abſendung des Pianos war gleichwohl keine nothwendige Folge hievon, denn dieß konnte er dem Mädchen recht wohl ſchenken; und um der Sache ein Geſicht zu geben, als billige er ſie ſehr, ging der Oberſt ſelbſt in den Hof hinaus und befahl den Knechten ein ſorgſames Fahren an. Dieß bewirkte, daß Alle glaubten, der Oberſt und die Baronin, und nicht Baron Klas ſchicken das Inſtrument. Als Mutter Chriſtine ein Paar Stunden ſpäter im großen Sonntagsornat der gnädigen Herrſchaft ihre Auf⸗ wartung machte, wollte es kein Ende nehmen mit zier⸗ lichen Verneigungen und weitſchweifigen Artigkeiten. „Sch jetzt gut klopfte ihr gedacht, d ich habe es Klas vor dieſer Erkla Baron Kl dürfen. ein Wort Erkältung in das äu lichen und muth nichtz Art Hochn glaubte, de von Euer rock hinau War Chriſtine ſ ſie in dieſe men ſich v Von der Baron und auch er deſſen: ſich alſo zu ertheile ſchwand, konnte, eit die Mutte und jetzt Gefühl er ihrer gar Tone:„ zink gab, . erſt auf's r, ſehr verſichere hinter⸗ rhaus!“ 1“ ſagte Uuruhe Akt der igentlich rran ge⸗ ahne zu der Ge⸗ ke, ließ Sorgen Schritt erkennen d ſchon hle in's erz für ps war n dieß um der r, ging hl den e, daß d nicht ter im re Auf⸗ it zier⸗ 1. 301 „Schon recht, ſchon recht, liebe Mutter, laßt es jetzt gut ſeyn!“ ſagte der Oberſt etwas beläſtigt und klopfte ihr auf die Achſel.„Ich habe ſchon längſt daran gedacht, dieß Marien für ihr Wohlverhalten zu geben, ich habe es aber immer wieder vergeſſen, bis mich Baron Klas vor einigen Tagen wieder daran erinnerte.“ Nach dieſer Erklärung bekam die Mutter Meßnerin die Erlaubniß, Baron Klas auf ſeinen beſondern Zimmern beſuchen zu dürfen. Sie war zu klug, um in Gegenwart der Baronin ein Wort von der Veranlaſſung zu erwähnen, der ſie die Erkältung zuſchreiben zu dürfen glaubte. Aber als dieſe in das äußere Zimmer ging, ſagte ſie mit einer vertrau⸗ lichen und geheimnißvollen Miene, die Baron Klas Hoch⸗ muth nicht ſehr wohl that— denn er beſaß auch eine Art Hochmuth—„Gott ſey mir gnädig, wenn ich nicht glaubte, daß es ſo gehen würde! Es war auch keine Art von Euer Guaden, bei der harten Kälte ſo ohne Ueber⸗ rock hinauszureiten!“ War es Zartgefühl oder Schlauheit, aber Mutter Chriſtine ſprach kein Wort weiter über Marie, nachdem ſie in dieſer, in des Vaters und in ihrem eigenen Na⸗ men ſich vielmals für das„rare Präſent“ bedankt hatte. Von einem Aderlaß war dießmal nicht die Rede, denn der Baron hatte ſich über dieſen Punkt anders beſonnen, und auch die Mutter Meßnerin mußte zugeſtehen, daß er deſſen nicht bedürftig war. Ihr Geſchäft beſchränkte ſich alſo nur darauf, einige wohlmeinende Rathſchläge zu ertheilen, worüber eine Minute nach der andern ver⸗ ſchwand, ohne daß es Klas Malchus über ſich bringen konnte, eine Frage an ſie zu ſtellen. Endlich machte ſich die Mutter Meßnerin bereit, wieder heim zu wandern, und jetzt erſt ſprach Klas Malchus, da ihn ein gewiſſes Gefühl ergriff, es möchte Marien wehe thun, wenn er ihrer gar nicht erwähnte, haſtig und in erzwungenem Tone:„Grüßt Marien! Vielleicht wundert ſie ſich, daß 2 . 3⁰²— ich ihr nicht ſchon geſtern das Inſtrument ſchickte, wie ich verſprochen hatte?“ „Ich hörte ſie nichts davon ſagen,“ erwiederte Mut⸗ ter Chriſtine ausweichend;„aber es wird wohl ſo geweſen ſeyn, da ſie den ganzen Tag aus⸗ und einlief.“ „Und ſie freute ſich, als ſie es bekam?“ „Das wird ſie wohl thun, wenn ſie zur Beſinnung kommt... doch darüber läßt ſich nichts ſagen.“ „Worüber läßt ſich nichts ſagen?“ Es war ein Glück, daß die Baronin eben in die Belletage hinauf gegangen war. Klas Malchus fragte mit einer ſo un⸗ ruhigen Heſtigkeit, daß Mutter Chriſtine nur die reine Wahrheit antworten durſte.„Mutter“ Chriſtine war zwar eine ſehr verſtändige und wackere Mutter“, aber ſie war auch ein ſcharſſinniges Weib, und wo ſie eine Gele⸗ genheit erſah, natürlich ganz unſchuldigerweiſe für ihren geheimen Plan zu wirken, da that ſie es. „O Herr Baron, es iſt gewiß nicht gefährlich!“ antwortete ſie mit ſo glücklich modulirter Stimme, daß der Baron recht gut in Ungewißheit darüber ſchweben konnte, ob man⸗ ſich auf ihre Verſicherung verlaſſen dürfe.„Doch ich will Ihnen ſagen, wie die Sache ging. Peter, der das Klavier zu uns ſuhr, ſagte mir ſo heftig, daß ich hierher kommen und Euer Gnaden Ader laſſen ſolle, da Sie krank wären; daß Marie, das arme ſchwache Ding, es ſich zu ſehr zu Herzen nahm, und geradezu um⸗ ſank. Sie war alſo die erſte, die den Aderlaß bedurfte, und ſie bekam ihn auch. Aber nun bin ich gewiß, daß ſie wieder bei der Hand iſt, bis ich heimkomme, denn ſo etwas geht ſchnell vorüber.“ „Morgen,“ ſprach Baron Klas ganz leiſe,„hoffe ich geſund zu ſeyn. Seyd ſo gut, Mutter Chriſtine, und ſagt ihr das!“ Mutter Chriſtine ging; aber ihre kleine blieb bei dem Baron zurück, um ſein Herz we Erzählung chſelweiſe mit Schm ihn— un die ſeinige Bruſt ſtür Gedanken treffen wü er für ſie proben ſie wünſch meinige, k Mar er hatte i tert, mit nehme Fa ein Recht geben und bei einer Hoffnung und nach wollte, lel eines Wei dort zu fi ſehnte, un den, eine dern nicht die er ſell den wollte Würde 1 Launen, war ohne und mit ſchien, d von dem dachte B der Sach te, wie ich erte Mut⸗ ſo geweſen Beſinnung 44 3 war ein ge hinauf er ſo un⸗ die reine ſtine war , aber ſie eine Gele⸗ für ihren äährlich!“ nme, daß ſchweben verlaſſen ache ging. ſo heftig, der laſſen e ſchwache adezu um⸗ bedurfte, wiß, daß , denn ſo „hoffe ich tine, und Erzählung echſelweiſe mit Schmerz und Entzücken zu erfüllen. Marie liebte ihn— und er hatte ja keinen höheren Wunſch, als ſie die ſeinige nennen zu dürfen; aber in Klas Malchus' Bruſt ſtürmte es von unruhigen Ahnungen, wenn er in Gedanken die Orkane durchging, die künftig ihn ſelbſt treffen würden. Wenn Marie alles das verdiente, was er für ſie thun wollte— er hatte im Sinne dieß zu er⸗ proben— und wenn ſie ſich als eine ſolche zeigte, wie er ſie wünſchte,„dann,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„wird ſie die meinige, komme auch, was da wolle!“ Mariens niedere Herkunft machte ihm keine Sorge; er hatte immer ſchon vor dem bloßen Gedanken gezit⸗ tert, mit einem Weib eine ganze, hochmüthige und vor⸗ nehme Familie auf den Hals zu bekommen, die ſich würde ein Recht nehmen wollen, bei Allem ihren Rath abzu⸗ geben und ſich in Alles zu legen, während er dagegen bei einer Frau ohne Familie und ohne Pretenſionen ſtets Hoffnung haben konnte, nach ſeiner eigenen Naſe gehen, und nach eigenem Behagen und ſo einſam, als er nur wollte, leben zu dürfen. Ein ſolches Leben an der Seite eines Weibes, das ihn hinlänglich liebte, um ihre Welt dort zu finden, wo er war; die ſich nicht nach Wechſel ſehnte, und beſtändig gleich herzenswarm, ihn einen Frie⸗ den, eine Seligkeit empfinden ließ, die er bei einer an⸗ dern nicht finden konnte; ein ſolches Leben mit ihr, ihr, die er ſelbſt erziehen und nach ſeinen eigenen Ideen bil⸗ den wollte, mit ihr, der Guten, Süßen, die zwar die Würde und alle Reize eines Weibes beſaß, aber keine Launen, keine Ziererei, kein erkünſteltes Weſen— das war ohne Zweifel das Urbild eines Himmels auf Erden, und mit Marien, die nur für ihn geſchaffen zu ſeyn ſchien, würde er ohne Zweifel dieſes Glück erreichen, von dem er eben zu träumen angefangen hatte. So dachte Baron Klas; aber dieß war nur die eine Seite der Sache, und er war nicht ſo egoiſtiſch, um trotz ſei⸗ — 2 304 ner unabhaͤngigen Stellung, die ihn in Stand ſetzte, nach eigenem Gutdünken zu handeln, die Wünſche ſei⸗ ner Eltern gar nicht zu beachten. Es war ihm bitter zu wiſſen, daß eine ſolche Wahl ein fürchterlicher Schlag für ſie ſeyn würde, beſonders für ſeinen Vater. Doch dabei dachte er:„Mamaä und Papa mögen ja immer⸗ hin ungeſtört in der ganzen Herrlichkeit von Tyrings⸗ holm ſitzen, ich pachte mir eine kleine Wohnſtelle, und das Glück, das ich dort genießen kann, iſt mehr als ge⸗ nug für mich!“ Dieſer ganze Plan wegen ſeiner künftigen Verhält⸗ niſſe war kein geringer Schritt von Klas Malchus, wenn man ſich erinnert, daß er jetzt zum erſten Mal ſeine Stellung überdachte. Doch hätte er wahrſcheinlich noch ziemlich lange mit dieſer Ueberlegung gezaudert, wenn nicht der Heirathsplan ſeines Vaters ihn darüber aufge⸗ klärt hätte, daß man ihn ohne ſeine Mitwirkung mit einem Weibe zu verſorgen gedenke. Die Heſtigkeit ſeiner Gefühle für Marien ward — dadurch nur geſteigert; doch hätte er ſich auf alle Fälle— niemals ſolche Bande aufnöthigen laſſen. Jetzt war es indeſſen, wie es nun einmal war; Alles hatte die Kri⸗ ſis beſchleunigt, anſtatt ſie aufzuhalten; die Eiferſucht hatte das Werk vollendet— und von nun an konnte jedes Zuſammentreſſen mit Marien den großen„Familien⸗ ſchlag“ herbeiführen. 3 Wenn der Oberſt geahnt hätte, daß das Unglüc ſo an einem Strohhalm über ſeinem Haupte hing! Aber er hielt es wenigſtens noch für entfernt. 3 — dachte Baron jeden hörte ziehun begrei meiſter hatte, ſchien nem hörte Phan ſprach jeder rung 3 wußte und Stund wenn weilen ihn j nem und zu r Niem nd ſetzte, auſche ſei⸗ hm bitter r Schlag r. Doch n immer⸗ Tyrings⸗ elle, und ör als ge⸗ Verhält⸗ Malchus, rſten Mal rrſcheinlich dert, wenn der aufge⸗ rkung mit tien ward ⸗ alle Fälle pt war es die Kri⸗ Eiferſucht an konnte Familien⸗ Unglück ſo ng! Aber Zwanzigſtes Kapitel. Herbſt und Weihnachten waren vorüber. Der Oberſt dachte kaum noch an Meßners Marie; denn ungeachtet Baron Klas nach ſeiner alten Gewohnheit regelmäßig jeden Vormittag nach dem Meßnerhauſe wanderte, ſo hörte man doch durchaus von Nichts, was in dieſer Be⸗ ziehung hätte beunruhigen können. Es war auch leicht begreiflich, daß der Baron, nachdem die durch den Stall⸗ meiſter herbeigeführte Verwirrung ſich allmählig gelegt hatte, ebenfalls wieder ſo ruhig wie vorher nicht nur ſchien, ſondern größtentheils auch war. Er ſaß in ſei⸗ nem Lehnſtuhl, trank ſein Glas Milch oder Waſſer, hörte auf Mariens Geſang und lehrte ſie ſeine eigenen Phantaſien ſpielen, wenn ſie allein waren. Aber nie ſprach er ein Wort von Liebe; deſſen ungeachtet war jeder Blick, den er auf ſie warf, die lebendigſte Erklä⸗ rung davon, daß dieſelbe in ſeinem Herzen wohnte. Marie hatte ſich an dieſe ſtille Gluth gewöhnt, ſie wußte nur zu wohl, was die Blicke des Barons ſagten, und ihr Vertrauen zu ihm war ſo feſt, daß ſie oft Stunden lang ihre Hand in der ſeinigen ruhen ließ, wenn er es ſo wünſchte, und dabei wagte ſie ihn bis⸗ weilen anzuſehen. Klas Malchus, ſo zwiſchen ihr, die ihn jeden Tag ſtärker feſſelte, ſeinen Büchern und ſei⸗ nem Inſtrumente getheilt, wünſchte keine Veränderung, und ſehnte ſich durchaus nicht darnach, Stürme herbei zu rufen. Er war nie ſo glücllich geweſen wie jetzt. Niemand ſchien ſich um ihn zu bekümmern, und für dieſe Güte war er ſo ſehr dankbar, daß er die Artigkeit gegen ſeinen Vater ein paar Mal ſo weit trieb, um den dritten Mann am Spieltiſche abzugeben. Das Fideicommiß. I. 20 3⁰6 Es wollte den Anſchein nehmen, als könnte der Oberſt jetzt einer ungeſtörten Ruhe genießen; aber ach! da der Wind nicht von dieſer Seite herblies, kam er bald von einer andern! Nach jenem großen Balle näm⸗ lich, war eine Perſon, die auch ihren kleinen Raum in unſerer Geſchichte einnimmt, öfter in Tyringsholm er⸗ ſchienen, und mit ihr trat die Thätigkeit des Oberſten in eine neue Periode. Graf Pontus von M=, ein fein gebildeter ält⸗ licher Junggeſelle, konnte doch wohl nicht nur ſeines Vergnügens halber eine ſo lange Zeit in dem einſamen Svärdſö verweilen? Er war zwar für gegenwärtig nicht durch Dienſtverhältniſſe gebunden, allein es ließ ſich doch vermuthen, daß er den zufälligen Beſuch auf ſeinem Gute nicht ohne beſondere Beweggründe in eine Win⸗ terquarantäne verwandelte. Inzwiſchen war es ſo; und es wurden, wahrſcheinlich um ſeinem Entſchluß eine paſ⸗ ſende Färbung zu geben, weitläufige Reparationen im Innern ſeiner Wohnung vorgenommen. Das große, ehedem prächtige Hauptgebäude war auch hinlänglich zerfallen, um eine ſolche Ausbeſſerung hervorzurufen. Indeſſen wollte die ganze Umgegend und vor Allem der Oberſt eine nähere Urſache kennen. Die immer hãuſi⸗ geren Beſuche des Grafen in Tyringsholm, beſonders nach Weihnachten, ſchienen auch die Vermuthung zu rechtfertigen, daß er bald als Werber um Iſabellen auf⸗ treten werde. Aber was that Iſabelle unterdeſſen? Je nun, ſie ging ganz ruhig und unbekümmert in ihrem großen ro⸗ then Shawle umher, ohne welchen— den Fall ausge⸗ nommen, daß ſie ihn hie und da gegen den blauen aus⸗ tauſchte— ſich Niemand erinnern konnte, ſie jemals ge⸗ ſehen zu haben ſeit dem großen Balle, wo der Operſt zum erſten und einzigen Male die unendliche Befrie⸗ digung gehabt hatte, ſie ſo gekleidet zu ſehen, wie es ei⸗ „ ner D ſcheinli nachten theils ſie oh tanzt. ſeit de merkw gegebe Böſes malede mochte oder r verſche Shaw Sagte blauen Iſabel ihr Li ſich ſchriel lich d anerke nicht lieben würdi Kabit gefall einſan ſaßen keit önnte der aber ach! kam er alle näm⸗ Raum in hholm er⸗ Oberſten deter ält⸗ ur ſeines einſamen riig nicht ſich doch ff ſeinem ne Win⸗ ſo; und eine paſ⸗ onen im as große, enlänglich rzurufen. Allem der er häuſi⸗ beſonder hung zu llen auf⸗ nun, ſie koßen ro⸗ U ausge⸗ uen aus⸗ mals ge⸗ r Oberſt Befrie⸗ zie es ei⸗ * V ner Dame von ihrer Schönheit, ihrem Range und wahr⸗ ſcheinlichen Reichthume geziemte. Im Laufe der Weih⸗ nachten war man zwar vielfach eingeladen worden, aber theils hatte Iſabelle die Beſuche vermieden, theils war ſie ohne große Toilette erſchienen, und hatte nie ge⸗ tanzt. 1 Nun hätte der Oberſt doch wiſſen mögen, ob es ſeit der Erſchaffung der Welt ein Weib mit einer ſo merkwürdigen Laune, und von einem ſolchen Eigenſinn gegeben habe! Hatte er nicht Alles verſucht, Gutes und Böſes, Bitten und Drohungen, und doch ſaß der ver⸗ maledeite Shawl da, zu ſeinem unſäglichen Verdruſſe, mochte nun der gräfliche Nachbar auf Beſuch da ſeyn oder nicht. Wenn der Oberſt z. B. ſagte:„Ich bitte Dich, verſchone mich doch wenigſtens für heute mit dem rothen Shawle!“ dann zog Iſabelle pünktlich ihren blauen an. Sagte der Oberſt dann:„Ich kann den verdammten blauen Shawl für mein Leben nicht ausſtehen,“ ſo zog Iſabelle kaltblütig wieder den rothen an, der offenbar ihr Liebling war; und weiter kam es nicht. Aber hätte ſich Iſabelle auch, wie Virginie ehedem ihrer Mutter ſchrieb, in einen Sack gehüllt, ſo würde man wahrſchein⸗ lich doch ihre überlegene Schönheit und Anmuth haben anerkennen müſſen; um wie viel reizender war ſie alſo nicht in dem weichen türkiſchen Gewebe, wenn ſie in liebenswürdiger Unart— wenn nämlich Unart liebens⸗ würdig iſt— halbliegend auf dem Sopha in dem rothen Kabinet ruhte! „Willſt Du denn dem Grafen durchaus gar nicht gefallen?“ fragte der Oberſt eines Abends, als ſie in einſamer Vertraulichkeit in dem eben genannten Zimmer ſaßen.„Ich erlaube mir gleichwohl Deine Aufmerkſam⸗ keit darauf zu lenken, daß ſein Vermögen, ſein Rang 20* 308 und ſeine Geburt ihn zu einer der wünſchenswertheſten Parthien machen.“ „Ich fürchte, ich gefalle ihm ſchon zu ſehr!“ ent⸗ gegnete Iſabelle lachend. „Das wäre ein halbes Wunderwerk! Ich für meine Perſon könnte mich nicht in ein Mädchen verlieben, das ſich nicht einmal wegen mir ankleidet!“ „Ich hoffe, der Graf macht keine ſo große An⸗ ſprüche auf Artigkeit.“ „Aber er könnte ſie machen; und dieſer Mangel an Aufmerkſamkeit von Deiner Seite wird wahrſcheinlich zur Folge haben, daß er ſich wieder zurückzieht.“ „Nun, es iſt ja immer gut, Papa, wenn unſer Spiel ſo ſteht, daß wir uns mit Ehre zurückziehen können— es wäre übrigens kein ſo entſetzliches Unglück!“ „So, ſo, es wäre kein Unglück? Höre, mein Iſa⸗ bellchen, Du würdeſt mich in der That verbinden, wenn Du mir ſagen wollteſt, ob Du nicht glaubſt, daß ein Graf, ein Mann, der mehrere Jahre lang rühmlich bei der Geſandtſchaft am kaiſerlichen ruſſiſchen Hofe diente, ein Ritter des Schwerdt⸗Ordens und des St. Annen⸗Or⸗ dens zweiter Klaſſe, ein Mann, der überdieß ein bedeu⸗ tendes Vermögen, einen hohen Rang, den beſten Ruf und einen in der Geſellſchaft geachteten Namen beſitzt— daß er, ſage ich, der hohen Gnade würdig wäre, Dich als Gattin heimführen zu dürfen?“ „Ohne Zweifel wüͤrde ein Mann von nur halb ſo viel Verdienſten, als Papä eben aufzählte, dieſer Ehre hinlänglich werth ſeyn; es handelt ſich jetzt nur noch um zwei Dinge: erſtens ob ich ihn lieben kann, und zwei⸗ tens, ob ich mich überhaupt je zu vermählen gedenke.“ Der Oberſt, der die Kunſt beſaß, auf gar mancher⸗ lei Arten lächeln zu können, legte jetzt eine ſtechende Zweideutigkeit in ſein Lächeln.„Alle Mädchen,“ ſagte er,„wollen heirathen, das iſt ein ſo ausgemachtes Ding, als daß trifft, ¹ M n ein Wo J des war Die fei ſie ſpra mal ru klaren die ma über d wohl war zu wonner neue 2 S die So⸗ Aber zweiten andern es waß liebe wenn über Langen 1 Vermi ertheſten* r!“ ent⸗ ür meine en, das ſer Spiel unnen— ein Iſa⸗ n, wenn daß ein mlich bei* e diente, nen⸗Or⸗ n bedeu⸗ ten Nuf deſitzt— te, Dich halb ſo er Ehre noch um d zwei⸗ enke.“ nancher⸗ ſtechende 71 ſagte 3 Ding, als daß der Tag auf die Nacht folgt; und was das be⸗ trifft, daß man eine ſo liebenswürdige Perſon wie Graf M nicht lieben könne, ſo iſt das zu lächerlich, um nur kein Wort darüber zu verlieren.“ Iſabelle hatte ebenfalls ihr eigenes Lächeln, aber es war nicht ſo leicht zu deuten, wie das des Oberſten. Die feine Lippe verzog ſich nun zwar ein wenig, aber ſie ſprach nicht, und der Vater ließ die Sache für dieß⸗ mal ruhen.„Man muß es ſich nie in Kopf ſetzen, einen klaren Satz beweiſen zu wollen; denn wenn die Perſon, die man überzeugen will, ſelbſt Zeit gefunden hat, um über die beſprochene Sache nachzudenken, ſo wird ſie wohl von ſelbſt zur richtigen Einſicht kommen!“ Dieß war zwar eine Anſicht, die der Oberſt erſt neulich ge⸗ wonnen hatte, aber er liebte es ſeine Erfahrung durch neue Beweiſe zu befeſtigen. Sobald Iſabelle allein war, lehnte ſie ſich gegen die Sophakiſſen zurück und legte die Hand über die Augen. Aber ſie behielt nur einen Augenblick Ruhe, denn im zweiten hörte ſie ſchon ihren Vater gegen Jemand im andern Zimmer ſtoßen. „Pardon, Pardon, Onkel!“ „Zum Henker— biſt Du es, Richard! Wir gehen hier im Finſtern; ich weiß nicht, warum ſie keine Lampe angezündet haben. Ah, da kömmt Stensſon mit einer.“ Jetzt öffnete ſich wieder die Thüre zu dem Kabinet; es war Richard, der den Kopf hereinſtreckte.„Darf ich, liebe Iſabelle, oder willſt Du allein ſeyn?“ „Komm herein, mein getreuer Ritter,“ antwortete ſie munter,„komm herein und verjage mir die Grillen, wenn Du's vermagſt! Mama und die Tante ſitzen jede über einem Buche und ſind höchſt ungeſellig. Ich habe Langeweile.“ „Und doch weiß Gott, daß der Onkel ſeinem ganzen Vermögen aufbot, um Dich zu ermuntern! Ich machte 310 mir kein Gewiſſen daraus, außen zu ſitzen und Alles mit anzuhören.“. „Und das ſagſt Du ſo ruhig? Nun, ich will Dein Vertrauen erwiedern: wiſſe denn, ich beſinne mich eben, ob ich den Antrag des Grafen von M— annehmen ſoll.“ „Wenn er nämlich einen gemacht hat, meinſt Du?“ „Wie kannſt Du wiſſen, mein Vetter, ob das nicht ſchon geſchehen iſt?“ fragte Iſabelle und betrachtete ihn mit einem etwas höhniſchen Trotze; aber unter der hei⸗ tern Oberfläche lag dennoch ein forſchender Blick ver⸗ borgen. Richards oſſenes Auge ſcheute vor dem doppelten Späher nicht zurück, und in demſelben freien und hei⸗ tern Tone gab er zur Antwork:„Ach, wie gerne doch die Frauenzimmer mit ihren Eroberungen prahlen! Er hat beſtimmt noch nicht um Dich angehalten.“ „Nun wohl, ich muß geſtehen, daß er es noch nicht gethan hat; aber er wird es gewiß thun, und ich beſinne mich zum voraus. Schiebe den Schemel näher her, Richard! Ich danke Dir. Wenn Du jetzt artig biſt, ſo ſollſt Du das kleine Kiſſen nehmen und mir unter den Kopf legen dürfen. Ja, ja, ich glaube, ein Vetter hat ſeine gewiſſe Vorrechte! Sehr gut! Sol jetzt iſt es genug gezogen und geglättet, mein Herr! Setze Dich nun auf das Tabouret mir gegenüber, und ſage mir Deine aufrichtige Meinung über Graf M—, aber ver⸗ nünftig, verſteht ſich! Wir wollen ein ordentliches Kon⸗ ſilium halten.“ „Er iſt im Grund ein braver Mann, und das iſt die Hauptſache.“ 3 „Da haſt Du recht, und darauf ſehe ich auch am meiſten. Er ſieht auch recht ordentlich aus. Man kann bei nahe ſagen, er iſt hübſch; und ein gewandtes und gefälliges Benehmen beſitzt er auch.“ 3 „Du haſt jetzt ſelbſt ſchon ſo viele Verdienſte auf⸗ gezählt, welche i mir.. beſter d mer ſel das err ſolcher mittlere befürch daher als W nicht zu Richar „Graf digung ſie zög Gedan Korb, 8 eine ſt ruhig, 7/ wohl, Dich Sein da D ſch nicht beſinne er her, ig biſt, r unter Vetter jett iſt ze Dich ge mir er ver⸗ 6 Kon⸗ das iſt ich am n kann es und 4 te auf⸗ 311 gezählt,“ verſetzte Richard lachend,„daß ich nicht weiß, welche ich noch hinzulegen könnte, außer etwa je Reichthum.“ „Darauf nehme ich am wenigſten, Rückſicht; mit dem Gelde der Tante bedarf ich deſſen nicht.“ „Und dann beſitzt er auch Anſehen in der Welt; Geburt und Reichthum geben ja Anſehen.“ Aber dieß Anſehen hilft ihm auch nicht viel bei mir. Ich will bei meiner Wahl nicht die Welt um Rath fragen.“ „Und dann liebt er Dich— das dürfte doch wohl das Erſte von Allem ſeyn?“ Das war ein guter, ein ſchöner Schlußſatz, mein beſter Richard; denn bei einer Verheirathung iſt es im⸗ mer ſehr hübſch, wenn wenigſtens ein Theil liebt, damit das erwartete Paradies nicht gar zu liebearm wird. Ein ſolcher kleiner Funken iſt quch ſehr nothwendig, um eine mittlere Temperatur zu verbreiten; man könnte ſonſt befürchten müſſen, vor Kälte zu ſterben. Wenn wir daher die Eigenſchaften des Graſen in ſeiner Erſcheinung als Werber ſummiren, ſo iſt das Reſultat, daß er eine nicht zu verachtende Partie iſt. Aber, Scherz bei Seite, Richard“— und Iſabellens Ton wurde plötzlich ernſt— „Graf Pontus von M-— iſt kein Mann, bei deſſen Hul⸗ digung ein Weib ganz gleichgültig ſeyn könnte. Ich“... ſie zögerte— ihre Augen ſchienen in Richards innerſte Gedanken dringen zu wollen—„ich gebe ihm keinen Korb, ohne mich vorher wohl zu beſinnen.“ 2 In Richards Geſicht bewegte ſich keine Muskel, die eine ſtärkere Bewegung bewieſen haͤtte. Sein Auge war ruhig, ſeine Stirne klar, als er antwortete: „Das wundert mich nicht, Iſabelle! Er verdient wohl, daß Du ſeine Liebe in Erwägung ziehſt. Und für Dich kann ich mir kaum eine paſſendere Partie denken. Sein Weſen iſt zugleich ernſt und liebenswürdig; und da Du keine Grillen, noch übertriebene Anſprüche auf 312 Phiſches Glück haſt, ſo wirſt Du gewiß gut mit ihm eben.“ Iſabelle ſchwieg. Was in dieſem Moment in ihrer Seele vorging, iſt nicht wohl zu ſagen, aber wenn es wahr iſt, daß das Auge die Gefühle der Seele dolmet⸗ ſchet, ſo war in ihr eine ſüße, innige, obſchon wehmüthige Luſt; etwas der Art lag wirklich in ihrem Blicke, als er eine Minute llang mit einem ganz unnennbaren Ent⸗ zücken auf Richard ruhte. In ſeinem Auge zeigte ſich, als ſie ihn ſo betrachtete, ein ſehr verſchiedener Ausdruck; aber da er ſie nicht anſah, gewahrte Iſabelle auch den vorübergehenden Blitz nicht, der weder auf Entzücken noch auf Luſt ſchließen ließ. „Gib mir meine Guitarre, Richard, ich will Dir Dein Lieblingsliedchen ſingen!“ „Nein, Iſabelle, ich bitte Dich, ſinge das nicht heute Abend!“ ſprach er mit leiſerer Stimme. „Wie ſo?“ „Ich ſehne mich dann zu ſehr heim, und ich habe doch im Sinne, Morgen fort zu reiſen.“ „Das haſt Du mir noch nicht geſagt!“ „Ich wollte es Dir gleich ſagen, aber da kam unſere große Abhandlung dazwiſchen. Der Zweck der Reiſe iſt ein Geſchäft für meinen Vater. Du weißt, daß ich heute in Tjällſtorp war.“ „Ich mußte das wohl erfahren, da Du nicht zum Eſſen heimkamſt; aber was iſt denn das für ein Geſchäft?“ „Je nun, ein recht ſonderbares in ſeiner Art. Du haſt gewiß ſchon gehört, daß wir von väterlicher Seite eine alte Familiengruft beſitzen. Dieſe liegt in der Ryd—er Kirche in dem Kirchſpiel W—. Nun hat der Bater einen Brief von dem Probſte der Ryd— er Ge⸗ meinde erhalten, des merkwürdigen Inhalts, daß, wenn Papa den Chor nicht mit einer wirklich bedeutenden Summe einlöſen wolle, die Saͤrge herausgenommen und im Kir einer werden keine ich ſol Sache lich ge vermod laſſen ſonen, opfern Nachki mehr, geheue 1 es kon ernſtli bei ſe die eit len, lang Richat woller davor Vor d ten G Erde will Ich b ſt heute ) habe unſere eiſe iſt ) heute ht zum häft 24 Du 4 2 Seite in der at der r Ge⸗ wenn ttenden n und 313 im Kirchhofe beigeſetzt würden; denn der Chor, der an einer Seite der Kirche liegt, ſoll zur Sakriſtei eingerichtet werden, deren die Kirche um ſo mehr bedarf, als gar keine ſolche vorhanden iſt. Nun iſt Papas Meinung, ich ſolle unverzüglich an Ort und Stelle reiſen und die Sache ins Reine bringen, da ſo etwas am beſten münd⸗ lich geſchieht. Einer Seits iſt es hart, daß man die vermoderten Glieder ſeiner Ahnen nicht in Frieden ruhen laſſen ſoll; anderer Seits iſt es ebenſo hart, für Per⸗ ſonen, die vor Jahrhunderten gelebt haben, mehr auf⸗ opfern zu ſollen, als das Wenige beträgt, deſſen ſich ihre Nachkömmlinge als Eigenthum rühmen können, ja weit mehr, denn die Einlöſungsſumme für den Chor iſt un⸗ geheuer.“ „Und Du mußt nothwendig dahin reiſen, Richard? es kommt mir doch etwas ſeltſam vor, daß man ſo etwas ernſtlich in Erwägung ziehen kann. Sollte denn der Onkel bei ſeinen wenigſtens nicht allzu brillanten Umſtänden die eigenen lebendigen Kinder darunter leiden laſſen wol⸗ len, damit dieſe hochadeligen Särge ein Jahrhundert lang in ungeſtörter Ruhe ſtehen dürfen? In Wahrheit, Richard, ich meine, Du ſollteſt das nicht zugeben.“ „Du irrſt Dich, Iſabelle, wenn Du glaubſt, daß ich den Wunſch habe die Gruft einzulöſen, weil einige Gra⸗ fen, Ritter und Freiherrn, die ſich zufällig in das ein⸗ fache adelige Geſchlecht verirrten, dort ihre Stelle haben. Nein, es kann ſich gewiß niemand weniger als ich etwas auf die Hoheit und Ehre ſeiner Vorfahren zu Gute thun wollen; aber ich geſtehe, daß ich einen tiefen Abſcheu davor habe, wenn die Ruhe der Todten geſtört wird. Vor dem Gedanken, daß die Leute nun in den vermoder⸗ ten Gebeinen herumwühlen und ſie unter einander in die Erde werfen ſollten, ſträubt ſich mein Gemüth. Deßhalb will ich jetzt hinreiſen und hören wie die Sachen ſtehen. Ich bin noch nicht ſo ganz überzeugt, daß das Konſiſto⸗ 314 rium ein Recht hat, die Zerſtörung der Gruft zuzugeben, auch wenn ſie nicht eingelöst wird.“ Es freut mich, Dich ſo ſprechen zu hören, Richard, denn ich kenne nichts Erbärmlicheres als ein Prahlen mit geſtorbenen Perſonen; und ich kann nur lachen, wenn ich an Papas neue Requiſition alter Ahnen in Zöpfen und Puder denke. Die ganze würdige Verſammlung kommt mir wahrhaftig vor, wie unſre jungen Schauſpieler an der Oper, wenn ſie ſich unter jener alten ſteifen Würde krümmen: ſie beſteht ja nur in der Tracht; und ſo iſt denn es auch mit Papas Bildern, die er aber mit der tiefſten Bewunderung betrachten kann. Und wenn ſie nur wenigſtens ſo ächt wären als die Reliquien aus der Zeit und Vorzeit des Großvaters— aber ihre ganze Aechtheit liegt eigentlich in Papas Verſicherung, daß ſie es ſeyen.“ „Das iſt die große Schwachheit des Onkels,“ ſagte Richard;„und obſchon ſie gewiß nicht ohne eine kleine Lächerlichkeit iſt, ſo kann ich ſie doch nicht belachen, da ich ſehe, daß ſie ihn ſo innig glücklich macht. Ich weiß nicht wie es geſchieht, aber es ergreift mich dabei eher ein unbeſtimmtes Gefühl, das der Wehmuth gleicht. Ich denke mich einige Jahre weiter voran. Ich ſehe ihn wieder in der Bildergallerie ſtehen und vor einer neuen Generation. Weſſen Namen werden dann ſeine ſtolzen Lippen neben Klas Malchus ausſprechen? Wie heißt der Herr mit dem Ordensband, deſſen Konterfei an der Seite der ſchönen Dame,„dem Stolz der Familie,“ erſcheint, wie der Onkel ohne Zweifel ſagt, wenn er auf die Züge weist, die uns doch Iſabellen nie wiedergeben können?“ Richards Lippen zitterten leicht, als er die letzten Worte ausſprach, und vergebens war ſein Bemühen, ihnen einen Anſtrich von Scherz zu geben. „Ich weiß nicht, wie Du auf dieſen Uebergang kommſt,“ ſagte Iſabelle, und betrachtete ihren Vetter mit einem beinahe Klas le die Ver willen aber ne wiſſe D einem 1 es Dir Skizze d einem! klärun durch weichen gnädig würde ganze aß ſie ſagte kleine „ da weiß i eher Ich e ihn neuen ſtolzen ßt der Seite cheint, Züge nen?“ letzten üühen, umſt,“ einem .— — 3¹5 beinahe traurigen Blicke. Den Namen, den man neben Klas leſen wird, habe ich längſt errathen; doch könnte die Vermuthung fehl ſchlagen, und um unſer Aller Ruhe willen hoffe ich, daß es geſchieht. Von dem Porträt aber neben dem„Stolz der Familie,“ wie Du eine ge⸗ wiſſe Dame zu nennen beliebſt, und die ohne Zweifel in einem rothen Shawl figurirt, könnte ich Dir wohl, wenn es Dir nämlich ein großes Vergnügen macht, eine kleine Skizze in Bleiſtift entwerfen.“ Die friſche Geſichtsfarbe des Lieutenants ward von einem höheren, ſtärkeren Purpur übergoſſen.„Wie ſoll, teſt Du ſchon das Ausſehen dieſer Perſon wiſſen können⸗ Du Zauberin?“ „Das wie iſt gleichgültig; genug wenn ich es weiß! Und ich verſichere Dich, Richard, ich weiß es; und Du ſollſt es von mir erfahren, wenn Du nämlich wünſcheſt.“ „Du haſt alſo wohl am Weihnachtsabend einige Zauberkünſte verſucht, welche Dir dann die wichtige Auf⸗ klärung verſchafften?“ ſagte der Lieutenant, indem er durch dieſen etwas erzwungenen Scherz der Antwort aus⸗ weichen wollte.„Aber wer hätte denken können, daß die gnädige Dame ſich zu einem ſolchen Unding herablaſſen würde?“ „Fehl geſchoſſen; ich brauchte um ſo weniger nach dieſen heidniſchen Küͤnſten zu greifen, als ich die Ge⸗ ſichtssüge ſchon vorher ſo gut kannte, wie heute. Aber was iſt Dir, Richard, biſt Du nicht bei Laune, oder magſt Du vielleicht nicht erfahren, wie die Perſon ausſieht?“ „Dein Bräutigam, Iſabelle?“ „Ja, mein Bräutigam!“ „Wenn Du willſt, ſo zeichne ihn immerhin; aber ich weiß nicht, ob ich nicht zu viel dabei wage, Jſabelle, Du darfſt nicht zu grauſam ſcherzen!“ Richard beugte ſich über ihre ſchone weiße Hand herab, die ſchon ein Bleiſtift erfaßt hatte.„Ach nein... laß es... laß es ſeyn! Wenn Du den Grafen M— zeichneteſt!“ 316 Dieſe Bewegung Richards war ganz unwillkürlich; und um das gefährliche Mienenſpiel zu verbergen, das er, wie er fühlte, in dieſem Momente nicht beherrſchen konnte, ſenkte er den Kopf immer tiefer herab. War es Phantaſie, was ihm in dieſem Augenblick vorgaukelte, oder berührte ein Geiſt ſeine Locken? Etwas, etwas war es, aber doch gewiß nicht— nein, es konnten nicht Iſabellens Lippen ſeyn! Er ſah empor: ihre Züge waren faſt unbeweglich ſtarr, ihr Blick war fremd und kalt, kalt wie Eis— ach, wie war dieſes Weſen nicht von der reinen Freude verſchieden, daß ſich beim Beginn der Unterhaltung in ihren Augen offenbarte! Richard bereute es tief, daß er, wenn auch nur auf ein paar Minuten, die ſtrenge Wache über ſich ſelbſt ver⸗ ſäumt hatte. Sein Verhältniß zu Iſabellen war ganz eigener Art. Es gewährte manche Vertraulichkeit, manche Stunde, ebenſo ſüß und reich an ätheriſchem Genuſſe, als nur die Liebe ſelbſt zu ſchenken vermag, und noch auf eine gewiſſe Art reicher, denn mit den ſcheuen Rei⸗ zen jener verbanden ſich noch die kleinen glücklichen Frei⸗ heiten der Freundſchaft und Verwandtſchaft! aber alles das konnte ja nur auf Eine Weiſe Beſtand haben: Da⸗ durch nämlich, daß er nie als Liebhaber auftrat. Er hatte von Anfang an bemerkt, daß es Iſabellen ange⸗ legen war, auf einem offenen, freundſchaftlichen Fuße mit ihm zu ſtehen. Stuſenweiſe war nun die Freund⸗ ſchaft wärmer, und ſeinerſeits namentlich immer wär⸗ mer geworden, ſo ſehr er auch in ihrem gewöhnlichen Umgange für ein lebhaſteres Gefühl gleichgültig erſchien. Sie dagegen beliebte oft, wie es auch dieſen Abend der Fall war, den Gehalt dieſer ruhigen Freundſchaft auf die Probe zu ſtellen, und nie war ſie wärmer, nie war ihr Verhältniß angenehmer und glücklicher, als wenn ſie in ſeinem heitern, offenen Geſichte nur den Ausdruck eines herzlichen, ruhigen Wohlwollens las. Zeigte ſich dort 4— aber eti Leidenſc Bild o⸗ Weſen D nahe ge beſaß auf W ein Wo tesgabe Hereng das iſt hindern tiefer i daſſelbe dern n Stolz Wie d weit g. künfte ſtelle a nach auch Straße Rede den T Dinge ( nur ü wendig Augen Hoffnt Furcht heilvo daß de waren kalt, t von in der ur auf ſt ver⸗ ganz nanche eenuſſe, d noch Rei⸗ Frei⸗ alles Da⸗ . Er ange⸗ Fuße reund⸗ wär⸗ alichen ſchien. ud der t auf e war un ſie eines dort 317 aber etwas, das nur im geringſten auf die Unruhe der Leidenſchaft zu deuten ſchien, ſo war ſie kalt wie ein Bild ohne Leben und Wärme, ja ſie nahm dann ein Weſen an, das ſie einander vollkommen fremd machte. Der Lieutenant war, wie wir ſehen, dem Feuer zu nahe gekommen, um nicht gebrannt zu werden, aber er beſaß auch einen guten und geſunden Verſtand, der bis auf Weiteres das Wort führte— das heißt, der auch ein Wort mit ſprach. So lange dieſe vortreffliche Got⸗ tesgabe Wache hält, bleibt eine Maſſe kleiner gefährlicher Herengeſtalten ausgeſperrt, die ſonſt umher ſpucken; und das iſt gut. Aber auch der Verſtand konnte es nicht hindern, daß Iſabellens Bild mit jedem Tage immer tiefer in ſein Herz ſank; übrigens ſah es aus, als ob daſſelbe dort keine eigentliche Verwirrung anrichtete, ſon⸗ dern wie auf einem Paradebette lag, an dem Ehre und Stolz den holden Gaſt abwechslungsweiſe bewachten. Wie die Aktien jetzt ſtanden, war die Frage ſogar ſo weit gekommen, ob er, der arme Lieutenant, ohne Ein⸗ künfte und ohne andere Ausſichten, als die Verwalters⸗ ſtelle auf ſeines Vetters Gute, ſeiner Liebe geſtatten durfte, nach dem Höchſten ihrer Hand zu ſtreben, und wenn er auch dazu aufgemuntert würde. Aber da ſie ſelbſt die Straße ſo beſtimmt ausgeſteckt hatte, ſo konnte nie eine Rede davon ſeyn; und um keinen Preis wollte Richard den Verluſt des gegenwärtigen glücklichen Standes der Dinge riskiren. Es war inzwiſchen eine beſtändige Wachſamkeit nicht nur über die Gefühle, ſondern auch über die Züge noth⸗ wendig; und nie hatte er ſich ſo verrathen wie in dieſem Augenblicke, wo ihn zuerſt eine unbeſtimmte, übereilte Hoffnung irre gemacht hatte, und dann eine entſetzliche Furcht wegen ihres ruhigen Ausſehens ihn etwas Un⸗ heilvolles ahnen ließ. Wie ſehr wünſchte jetzt Richard, daß der Name des Grafen nicht in dieſem Tone, in die⸗ 318 ſer Gemüthsbewegung, über ſeine Lippen gegangen wäre! Was hatte er nicht durch ſeine Unvorſichtigkeit verloren! Iſabelle ſchien nicht mehr dieſelbe für ihn zu ſeyn. Aber Richard wollte ihr wenigſtens zeigen, was er über ſich vermochte. Er unterdrückte den Sturm ſeiner Gefühle, brachte Ruhe auf ſeine Stirne und Lächeln in den Blick.„Habe ich Dich durch mein prophetiſches Weſen erzürnt, beſte Iſabelle? Es war auch ſehr ein⸗ fältig von mir; denn die Züge des Grafen würden mir ebenſo angenehm geweſen ſeyn, als die jedes andern.“ „Es waren nicht ſeine!“ antwortete Iſabelle ernſt. Dann wage ich Dich nicht um die Erneuerung Dei⸗ nes Verſprechens zu bitten— jetzt möchte ich denn doch neugierig darauf werden.“ Ohne ein Wort weiter zu ſagen, zog Iſabelle das Papier zu ſich her; und während ſie ihre Skizze vollendete, die Richard nicht ſehen konnte, weil ſie einen Leuchter mit einem Schirme davor geſtellt hatte, bemerkte er, daß ihre Blicke mit einem unerklärlichen Ausdrucke auf dem Papiere ruhten. Als das Bild fertig war, legte ſie es mit einem halben Seufzer zuſammen. „Noch nicht,“ ſagte ſie:„Du ſollſt Dich erſt beſinnen. Ueberdieß fordre ich das Verſprechen von Dir, niemals Jemanden zu ſagen, welche Züge Du geſehen haſt!“ „Ich verſpreche es— gib es jetzt her!“. „Micht ſo eilig! Ich höre die Mama; und Du haſt nicht Selbſtbeherrſchung genug, um es in Jemandes Ge⸗ genwart zu öffnen, ohne Dich zu verrathen. Da iſt das Papier! verbirg es; aber erinnere Dich, daß Du es nicht eher ſehen darfſt, als bis Du allein biſt! Richard riß das Papier haſtig zu ſich. Iſabellens Worte warfen einen Ocean neuer Empfindungen in ſeine Seele.„Du haſt nicht Selbſtbeherrſchung genug, um es in Jemandes Ge⸗ genwart zu oͤffnen, ohne Dich zu verrathen!“ O Gott, was ſolite das bedeuten? Er dachte an die ſanfte myſtiſche —— Berüh ber ne Heftig. nicht rer zu Iſabel beſitze, beinah verlaſſ merrät Pünkt Nach ſten ü wenigf merkur ein no liche 5 9 hatte an il trium hatté; gemiſe das ni men: H pfende das z wohl, aufreg den 5 n wäre! erloren! 1. was er n ſeiner cheln in hetiſches ehr ein⸗ den mir n.“ ernſt. ig Dei⸗ nn doch elle das llendete, Leuchter er, daß uf dem e ſie es eſinnen. niemals 71 du haſt es Ge⸗ iſt das 's nicht riß das einen du haſt es Ge⸗ Gott, jſtiſche Berührung ſeines Haars; und vom Haare ging das Fie⸗ ber nach dem Kopfe. Seine Pulſe ſchlugen mit einer Heftigkeit, die ihn vermuthen ließ, daß er in der That nicht die Kraft beſitze, das Papier in Gegenwart Ande⸗ rer zu öffnen. Da ihm indeſſen daran gelegen war, Iſabellen zu überzeugen, daß er mehr Selbſtbeherrſchung beſitze, als ſie ihm zuzutrauen ſchien, that er etwas, was beinahe noch unglaublicher ſchien: ohne das Zimmer zu verlaſſen, ſetzte er ſich mit ſeinem Onkel und der Kam⸗ merräthin an den Spieltiſch, ſpielte mit gewöhnlicher Pünktlichkeit und führte ſein Protokoll vollkommen genau. Nach Tiſche ſprach er eine lange Zeit mit dem Ober⸗ ſten über die beabſichtigte Reiſe, und horchte, wie es wenigſtens ſchien, ſehr aufmerkſam auf die wichtigen Be⸗ merkungen des Oberſten. Als aber endlich Tante Ka⸗ tharine Sophie das Signal zum Aufbruch gab, flüſterte er Iſabellen ins Ohr:„Sprich, ob ich nicht ein wenig Lob verdiene?“ „Ohne Zweifel,“ erwiederte ſie; aber Du verdienſt ein noch größeres, wenn Du auch morgen dieſelbe herz⸗ liche Zufriedenheit zeigſt.“ Richard verbeugte ſich haſtig und verſchwand. Er hatte Iſabellen nicht anzuſehen gewagt, denn er hörte an ihrem Tone, obwohl derſelbe weder ſcharf noch triumphirend war, daß ſie ihn vollkommen durchſchaut hatte; aber ſeine eigenen Gefühle waren dabei zu ſehe gemiſcht, als daß eines die Oberhand bekommen konmien das niedrigſte, wenn auch natürlichſte, etwa ausgenom⸗ men: die Neugierde. 4 Jetzt ſtand er auf ſeinem Zimmer. Mit heftig Aüse pfendem Herzen und glühenden Wangen betrachtat es das zuſammengefaltete Papier. Welche Zugene in ihm wohl, die, wenn auch ungeſehen, ſolche n Minute n aufregten— Gefühle, die ihn in den erhoben, und den Zinnen aller irdiſchen Herrliches 3 320 in der andern auf eine Folter warfen, wo die peinigen⸗ den Qualen der Ungewißheit Keil um Keil auf ihn ein⸗ ſchlugen?„Vielleicht,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„iſt es am beſten, wenn ich dieſen Talisman ungeſehen ver⸗ brenne!“ aber gleich darauf ſchien ihm eine ſolche Handlung Feigheit zu verrathen. Wenigſtens mehr Feig⸗ heit, als Muth— und da nun ein ſolcher Gedanke Macht über ihn bekommen hatte, half es nichts mehr. Er trat dem Lichte näher— noch einen Moment des Beſinnens, und er entfaltete das Blatt. Ja, er ent⸗ faltete es, aber er ließ es wieder fallen, und taumelte mit beiden Händen vor dem Geſichte in den Sopha zurück. Sah er wohl, was er zu träumen gewagt hatte, ſah er ſein eigenes, jugendlichfriſches Geſicht, von Iſabellens geliebter Hand gezeichnet? Nein, er ſah an ſeiner Stelle — den Knochenmann mit Hippe und Stundenglas. Ende des erſten bis vierten Bändchens. 4 einigen⸗ ihn ein⸗ iſt es en ver⸗ ſolche r Feig⸗ Gedanke 8 mehr. hent des er ent⸗ aumelte zurück. ſah er abellens Stelle “