Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von.. Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 6 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „. 7„„ 3„ 4„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für H und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zexriſſene, verlörene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verp flichtet.. J7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattſinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 2—— 1 4 ₰ Ʒ— Die Erkerſtübchen. Eine Erzahlnng von Emilie Flygare-Carlén. Aus dem Schwediſchen. Vier Theile. Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1845. 1. Fort, Brauner, fort! Arbeite mit den Hufen. Wadman. „Carl!“ „Herr Ingenieur!“ „Es ſei vorgeſpannt, haſt Du geſagt?“ „Ja wohl hab' ich das geſagt— und ſchon vier⸗ mal hab' ich's jetzt geſagt,“ erwiederte Carl, indem er in die Finger blies. „Nun gut, ſo ſag' es zum fünften Mal, wenn Du. die Mantelſäcke feſtgeſchnallt und die Felleiſen in Ord⸗ nung gebracht haſt.“ Nach dieſen Worten wandte ſich Carls Herr, der junge Feldmeſſer William Williamsſon zu ſeinen zwei Gehülfen, mit denen er beim Abſchiedsfrühſtücke ſaß, und ſprach mit einem kleinen Hieb von vornehmer Würde:„Ja, wir trennen uns nun für dieſes Jahr, meine Herren; aber bis zum Frühling werden die Herrn wieder vollauf Beſchäftigung bei mir finden, denn ich habe Gott ſei Dank eine Menge vortheilhafte Aufträge erhalten. Und bei dieſem Glaſe hier, das ich die Herrn bitte, mit mir auf ein gutes und fröhliches Wiederſehen zu leeren, ſpreche ich den Wunſch aus, daß der nächſte Sommer eben ſo angenehm für uns vergehen möchte, wie dieſer. Wenn wir auch hie und da unſer Theil ausgeſtanden haben, ſo haben wir doch auch wieder unſern guten Biſſen gehabt.“ Auf dieſen Toaſt folgten mehrere andere, worun⸗ ter auch der Wunſch der Herren für die glückliche Nieder⸗ laſſung des Herrn Ingenieurs in der Stadt, bis end⸗ lich Carl mit einer kläͤglichen Miene zum ſechſten⸗ und letzten Mal auf der Schwelle erſchien. „Ja ſo, Du— ich ſehe, es iſt Zeit, daß ich auf⸗ breche. Nun, ſo gib den Mantel und den Pelz her.“ Und nachdem unſer Feldmeſſer den Herrn die Hand geſchüttelt und die vortreffliche Frau Gerichtsbeiſitzerin auf beide Schultern geklopft hatte, ließ er ſich auf den ſchmalen Chaiſenſitz nieder, während ſich Carl an ſeiner Seite einzwängte. „Was iſt das, mein kleiner Hanswurſt?— Ich glaube, Du haſt die Sprache verloren,“ ſprach der Ingenieur und nahm ſeinem kleinen Heiduken die Zü⸗ ab. „Ja wohl habe ich die Sprache verloren— der Herr Ingenieur ſaß drinnen in der Wärme und Be⸗ haglichkeit, während ich hier außen ſtand und Hände und Füße erfror,“ erwiederte Carl mit all der Frei⸗ müthigkeit, die er ſich zu nehmen gewohnt war. „Weiſe geſprochen, Bruder Carl! Es iſt übrigens gut, daß, wenn ich Dich vergeſſe, Du Dich nie ſelbſt vergißt. Jetzt werde ich wohl daſitzen und an Deiner Stelle frieren müſſen, während Du hinein ſpringſt, ein Glas Bier zu Dir nimmſt und ein Paar Butter⸗ brödchen in die Mahnteltaſche ſteckſt. Du kannſt auch gleich einige Haferkuchen für den Braunen mitnehmen — Du ſiehſt, der iſt zu hoch geſinnt, um zu klagen! Aber geſchwind muß es gehen, ſonſt weißt Du, daß ich Dich im Nothfall ſelbſt erwärmen kann.“ Einige Minuten ſpäter knarrte die grüne Chaiſe des Ingenieurs über den vom Herbſtfroſt holperig ge⸗ wordenen Hof. 2. Ich kam, ich ſuchte, ich fand. Läſtadius. Die Sonne ſchaut ſo friſch herein, Aus Allem ſtrahlt Behagen; Geſorgt iſt ohne Prunk und Schein Doch reich, für Leib und Magen. Wadſtröm. Die vier Talglichter im Stadtklubbſaale waren be⸗ reits angezündet. Einige von den Herrn hatten ſich am Spieltiſch niedergelaſſen, andere laſen die Anzeigen, während wieder andere bei einer Pfeife und einem Glas Toddy warteten, bis die Reihe dieſer Unterhal⸗ tung auch an ſie käme. Im Saalſtübchen ſaß Frau Elmgren, die Patronin des Klubbs, und legte ihre Butterbrödchen aus, welche die Herrn in Ermanglung eines Kellners um die achte Stunde ſelbſt holten oder auch drinnen bei ihrer guten Wirthin verzehrten, welche ihre nächſten Bekannten bisweilen zu einem„Kältever⸗ tilger“ oder einem Glas Bierkäſe einlud. Die einzige Roſe des Kellers, die rothwangige Lotte, war eben im Begriff mit der Bierkäſeſchüſſel die Schwelle des genannten Verkaufſtübchens zu treten, als ein größes Ereigniß geſchah, indem näm⸗ lich ein donnerndes Fuhrwerk an der Thüre hielt. Es war ſchon lange her, ſeit keine Fremden mehr in die Stadt gekommen waren, und deshalb war es auch verzeihlich, daß Gäſte und Wirthin die Naſen hinter die Gardinen ſteckten, um mit Hilfe des Mondes zu ſehen, wer noch„ſo ſpät“ draußen ſein könnte. „Herr Gott, Frau! und das Gaſtzimmer iſt nicht geheizt!“ rief Lotte ganz beſtürzt. „Du Gans“ erwiederte ihre Herrin,„meinſt Du, ich werde mein Holz ſo unſinnig verbrennen und das Gaſtzimmer heizen, wenn wir nicht mehr als 2 bis 3 Reiſende im Monat bekommen! Nein, meiner Seel — wenn die Leute nicht öfter kommen wollen, als 7 jetzt, ſo müſſen ſie mit der Wärme vorlieb nehmen, die wir zu Stande bringen können, wenn ſie einmal da ſind. Aber geh' jetzt hinaus und leuchte ihm— er kann ſich einſtweilen hier im Saal niederlaſſen.“ s als unſer nachdem er ſich eine Zeitlang mit dem Fremdling unterhalten hatte, und ſich nun dem Saalſtubchen und ſeiner lie⸗ ben Frau Baſe am runden Tiſch näherte,„ich höre, daß die Frau Baſe kein geheiztes Zimmer hat. Viel⸗ 5 leicht könnte der junge Herr zu uns ziehen, da zufäl⸗ lig mein Schwager bei uns war und unſere beiden obern Zimmer noch warm ſind.“ „Nehmen Sie ihn immerhin, Herr Vetter;“ lä⸗ chelte Frau Elmgren,„ich bin nicht ſo, daß ich An⸗ dern nicht auch ein kleines Verdienſt gönnte.“ Die eigentliche Urſache dieſer Dienſtfertigkeit lag aber in Frau Elmgrens Erfahrung, daß Reiſende, die nur eine ½ Nacht bleiben, mehr Beſchwerden machen, als Profit geben. — „A la bonne heure!“ ſagte William, als der Rathsherr unter vielen Komplimenten mit ſeinem Vor⸗ ſchlag herausrückte.„Und wenn mir die Zimmer ge⸗ fallen, ſo werde ich ſie wohl auf längere Zeit neh⸗ men.“ ¹ 11 „Herr Vetter, Herr Vetter— Rathsherr Utter!“ rief Frau Elmgren, die plötzlich andern Sinnes wurde. „Es war ja nur Scherz von mir! Sie begreifen wohl, Herr Vetter, daß, wenn das Zimmer einmal recht geheizt iſt, ich nicht— aber hören Sie denn Nichts, Herr Vetter?“ Aber der Vetter hütete ſich wohl, zu hören. Er beeilte ſich im Gegentheil, ſo ſchnell er konnte, ſeine Beute fortzuführen. Und als Frau Elmgren ſelbſt in 5 kam, um ihr Recht zu den Saal herausgeſprungen wahren, war von dem Rathsherrn und dem Gaſte nichts mehr übrig, als der Stock des Erſtern und die Peitſche des Letztern.. „Ja, das hat man davon, wenn man zu gut ge⸗ gen ſeine Freunde iſt,“ polterte unſere Klubbfrau.„Sie ſchämen ſich nicht, mir die Reiſenden unter der Naſe wegzuſchnappen. Nächſtens wird es ſo weit kommen, daß ſie vor dem Thore ſchon Wache ſtehen. Pfui! was in dieſem Neſte hier für eine elende Geſellſchaft iſt!“ Das Ende vom Lied war bei Frau Elmgren im⸗ mer, daß ſie über die Geſellſchaft klagte, eine Klage, die ihr als ein beſonders feiner Stich gegen den Bür⸗ germeiſter dünkte, der an dem einzigen Spieltiſch des Klubbs ſaß, übrigens that, als ob er nichts höre und nichts ſehe. Von dem Rathsherrn Utter, der voranging ge⸗ führt, zog unterdeſſen unſer Ingenieur mit all ſeinen Habſeligkeiten, dem Braunen, Carl, dem Wagen und Bagage über den Markt nach der Strandgaſſe hinab, wo die Utteriſche Behauſung lag. So weit der Mond⸗ ſchein die Gegenſtände erkennen ließ, ſchien es William, als ob ſeine künftige Wohnung mit der kleinen drei Ellen langen Blumenhecke auf beiden Seiten der Treppe ihm recht gut werde gefallen können. „Mutter!“ rief der Rathsherr, indem er nach dem Thürſchloß tappte.„Mutter, komm mit einem Licht herab und öffne, wir haben einen freiden Gaſt hier.“ —— Der Mops bellte; die Thüre öffnete ſich und auf der Schwelle erſchien eine gar gutmüthig und behag⸗ lich ausſehende Matrone in einer neu geſtärkten Schürze mit weiten Falten und einer fein gekräuſelten Haube auf dem ehrbaren Haupt. Die Rathsherrin verneigte ſich und ging mit dem Lichte rückwärts, um den Weg zu zeigen, und da das Zimmer nicht ſehr tief war, ſo erreichte man bald den Sopha. „Dieſer junge Herr iſt der Herr Ingenieur Wil⸗ liamsſon, Mutter,“ ſagte der Rathsherr, jenen vor⸗ ſtellend.„Er hätte es gar zu kalt im Wirthshauſe gefunden, deßhalb ließ ich ein Wort von unſern Zim⸗ mern fallen.“ „Sie ſtehen recht gern zu Dienſt,“ antwortete vie Alte herzlich. William nahm ſogleich ſeine Partie. Er ergriff ihre Hand und ſagte raſch:„Meine beſte Frau Raths⸗ herrin, Sie ſehen in mir einen jungen Mann, der ſi in dieſer guten Stadt niederlaſſen will, da ſie in der Nähe der Gegenden liegt, wo ich Sommers meine Verrichtungen habe. Von den wenigen Freunden, die ich auf der Welt beſitze, ſehr weit entfernt, habe ich die Abſicht, mir in guten Nachbarn ſolche zu verſchaf⸗ fen zu ſuchen, und da ich ein gerader Mann bin und das Herz auf den Lippen habe, ſo ſage ich frei heraus, Frau Rathsherrin, daß Alles, was ich im erſten Au⸗ genblick hier ſehe, mir ſo gut gefällt, daß ich gerne hier bleiben möchte.“ „Wenn das iſt,“ erwiederte die Alte geſchmeichelt, „ſo glaube ich gewiß, wir werden gute Freunde wer⸗ den. Denn da wir alten Leute kinderlos find, ſo ken⸗ nen wir nichts Angenehmeres als einen lieben Haus⸗ freund— aber der Herr Ingenieur iſt doch allein?“ „Nein, wahrhaftig, meine wertheſte Frau Raths⸗ herrin! Ich komme drei Mann ſtark, das heißt, ich habe ein Pferd und einen Burſchen, jedoch beide von 13 der beſten Race, weßhalb ich auch bitte, ſie ſo bald als möglich unter Dach und Fach zu bringen.“ „O ich habe bereits meine Befehle gegeben,“ ver⸗ ſicherte der Rathsherr, der bei dieſen Worten von ei⸗ nem Geſchäft in der Küche zurückkam. „Ja, aber ſehen Sie, mit den Pferden iſt es gar zu arg,“ wandte die Rathsherrin unruhig ein.„Und die Burſchen— die gehören gegenwärtig freilich dazu, ich will auch nichts Schlimmes darüber ſagen. Ich weiß wohl, daß die Herrn nichts Böſes wollen, aber es iſt denn doch wahr und wahrhaftig, daß der Lieu⸗ tenant, der im vorigen Winter hier wohnte, einen Be⸗ dienten hatte, der einmal um das andere das Futter⸗ geld vergeudete— falls er welches bekam und ſich da⸗ für auf unſerem Heuboden behalf, ſo daß, als es gegen das Frühjahr ging, ich meine beſte Milchkuh mit er⸗ bärmlichem Häckerling füttern mußte! Sie können ſich denken, Herr Ingenieur, was ich da für eine Milch bekam. Ich ſah mich genöthigt, meinen beſten Kunden abzuſagen.“ „O, das heißt die Grenzen der Gaſtfreundſchaft zu ſehr überſchreiten,“ rief William mit einem außer⸗ ordentlich verwunderten Geſichte, obſchon er beim Licht beſehen ſich nicht verbergen konnte, daß Carl eher zu Allem fähig wäre, als daß er den Braunen hungern ließe. Doch weit entfernt, eine ſolche Möglichkeit an⸗ zunehmen, ſetzte unſer Ingenieur mit aller Sicherheit hinzu:„Aber meine gute Frau Rathsherrin, erlauben Sie mir, Ihnen zu erklären, daß ich ein ziemlich or⸗ dentlicher Mann bin und immer ſelbſt nach dem Stalle ſehe. Auch werde ich meine Futtereinkäufe ſo genügend machen, daß Carl ſich keinerlei Gewaltthätigkeiten er⸗ lauben wird.“ „Ja, ja, mein Herr Ingenieur! Aber—“ die Rathsherrin ſchüttelte den Kopf—„ich habe einen mächtig großen Widerwillen gegen die Burſchen. Sie ſind immer ſo ſtörriſch“— 15 vollkommen zu Hauſe. Einmal über das andere drückte er der Rathsherrin die Hand, während er hin⸗ und herlief und Alles bis auf den Winkel und die Garde⸗ robe hinaus in Augenſchein nahm. „Ja, Gott ſei Dank, daß es ſo iſt, wie es iſt,“ ſagte der Rathsherr vergnügt.„Als ich und Mutter uns verheiratheten, war dieſe kleine Wohnung nur ein großer Dachboden und war dieß bei meinem Vater und Großvater geweſen. Aber Gretchen, meine Alte, gab ſich ſo lange Mühe, auch eine obere Wohnung zu bekommen, wie die andern Frauen, bis ich endlich um des Hausfriedens willen nachgab.“ „Und warſt Du dann nicht auch recht froh darüber, Vater?“ fragte die Rathsherrin, indem ſie den Alten herzlich anblickte. „Ei freilich! es wurde ja recht hübſch. Aber Herr Ingenieur, glauben Sie mir, Rom wurde nicht in ei⸗ nem Tag erbaut. Das eine Jahr wurden die Wände gezimmert, im andern kam die innere Einrichtung, im dritten brachten wir die Geräthſchaften zuſammen und im vierten und letzten, da wir Alles bis Weihnachten fertig haben wollten, hatte Mutter mit eigener Hand den Ueberzug zu den Möbeln und Polſtern, die Gar⸗ dinen und den ganzen Fußteppich verfertigt. Da hiel⸗ ten wir einen Schmaus und hatten des Bürgermei⸗ ſters und des Probſts und mehrere andere Freunde bei uns, und auf dieſer Nachhochzeit, wie wir es nannten, ging es luſtig her, Herr Ingenieur; denn Gretchen und ich waren damals eben im 25ſten Jahre verheirathet.“ „Nun, wir wollen hoffen, daß Sie eine nicht min⸗ der fröhliche goldene Hochzeit feiern dürfen,“ ſagte der Ingenieur freundlich.„Aber um wieder auf unſere Sache zurückzukommen, ſo habe ich einen Vorſchlag zu thun, mit dem ich mich vornehmlich an die Frau Raths⸗ herrin wende, denn ich weiß, daß die Frauenzimmer in dieſem Punkte die entſcheidende Stimme haben. Wäre es nicht möglich, daß ich mich mit meinem Bur⸗ — 16 ſchen für alle Bedürfniſſe hier einmiethen könnte. Ich weiß nichts Langweiligeres, als in einer kleineren Stadt im Wirthshaus zu eſſen, wo man ſo gut wie allein ſeine Mahlzeit halten darf. Auch gibt es nichts Be⸗ ſchwerlicheres, als die Bequemlichkeit der Heimath zu vermiſſen, wenn man an einer anhaltenden Arbeit ſitzt.“ Dieſer Vorſchlag wurde ſogleich angenommen. Und nach einigen Stunden war unſer Feldmeſſer mit Sack und Pack glücklich in ſeine neue Wohnung eingezogen. „Nun, Carl, was denkſt Du zu all dem?“ fragte William, als Herr Carl ihm beim Stiefelausziehen half. „Ich, Herr Ingenieur, denke, daß Alles ſchön wer⸗ den wird,“ antwortete Carl mit einem vergnügten Blick.„Ich bekam einen ſo ausgezeichneten Brei, daß ſelbſt die Frau Gerichtsbeiſitzerin vor Freude faſt zer⸗ ſprungen wäre, wenn ſie geſehen hätte, wie weiß er war. Aber wenn ich mich rühmen darf, ſo war ich nachher ſelbſt auch ſo flink wie ein Barſch und putzte Meſſer und Lichtſcheeren, daß ſie glänzten wie die Sonne in Carlsſtadt.“ „Gut; ich weiß, was Du für Reden über Deine Talente halten kannſt, mein lieber Carl! Mache jetzt nur, daß meine Stiefel eben ſo glänzend werden wie die Lichtſcheeren der Frau Rathsherrin. Und höre nun weiter. Wenn der Kaffee zu früh herauf kommt, ſo bitteſt Du in aller Höflichkeit, daß man ihn warm hal⸗ ten möge, bis ich erwache, und iſt dieß nicht vor neun Uhr geſchehen, ſo kannſt Du mich wecken— jetzt gehab Dich wohl.“ Als der Ingenieur am folgenden Vormittag gegen elf Uhr zu ſeinen Wirthsleuten herabkam, hatte ſich der Rathsherr nach einem langen Warten am Frühſtücks⸗ tiſche endlich auf die Rathsſtube begeben, und das ſonſt ſo freundliche Geſicht der Alten zeigte zweideutliche Falten über den Augbrauen. „Mein lieber junger Herr!“ ſagte ſie in einem † 17 gutmüthigen, aber recht mütterlich ſtrafenden Tone: „Wir halten ein Haus nach der alten Welt, und wenn der Herr Ingenieur unſer Tiſchgaſt ſein will, ſo muß er die Zeit einhalten. Im Winter haben wir imme um ſieben Uhr unſern Kaffee getrunken, um halb iſt die Frühſtücksſtunde des Alten; um ein Uhr ſ wir zu Mittag und um acht Uhr zu Nacht.“ „Aber meine liebe Frau Rathsherrin, nicht eben müde und erfroren von der Reiſe dient das nicht eine kleine Mildernng in d das ich ſchon herannahen ſehe? Wenn i Arbeit bin, trinke ich gewöhnlich Kaffeg ſchon um ſechs Uhr wäre; und bin ſtunde nicht zu Hauſe, ſo bittg nicht auf mich zu warten.“ „Nun, nun; es ver 1 ſöhnt.„Eine warten— ko 18 der in der erſten Woche wenigſtens zehnmal des Tags voerſetzt worden war, hatte endlich ſeinen beſtimmten Platz in dem Erker ſelbſt erhalten, wo das Licht am veſten für die Arbeit hereinfiel. Zu den abzumachenden Geſchäften gehörte auch, der Ingenieur in den vornehmſten Häuſern ſeine grtung machte; und ſeine Bemühung um einen ichen Umgang war bereits durch vier Einladun⸗ Nachher hatte er bei des Bür⸗ des Doktors, des Pfarrers und des Poſt⸗ ee getrunken. Ein junger, hübſcher und u, von geſetztem Weſen und lebhaftem iner Stadt, wo die Töchter die Söhne aen, bald geliebt und gefeiert. Auch Stadt von nichts Anderem, als Williamsſon, der bei Poſt⸗ angehabt hatte, während ate Frau, welche ül balten hatte 19 ſon beilegte, aber daß dieſe Wichtigkeit ſo weit ging, daß er durch Carls zufällige Verſäumniß in die Freier⸗ liſte der Stadt geſetzt wurde, das ließ er ſich um ſo weniger träumen, als er ſich nicht bewußt war, einer der Damen den Vorzug gegeben zu haben, mit Aus⸗ nahme von zwei blühenden Frauen, die ihm die vor⸗ nehmſte Zierde der Geſellſchaft zu bilden ſchienen. So offen auch Williams Gemüth ſtets für Poeſie und Freude geweſen war, ſo hatte er doch von Kind⸗ heit an gewiſſe Eindrücke in ſich aufgenommen, die ſich nicht leicht mit etwas Anderem vermiſchen ließen. Er hatte ſich daran gewöhnt, die Arbeit mit Ernſt zu be⸗ handeln, und da er jetzt fand, daß er zu viel Zeit in den geſellſchaftlichen Kreiſen vergeudet hatte, ſo be⸗ ſchloß er weislich, den Verluſt wieder einzuholen und das mit einer Kraft, die den bereits erlittenen Scha⸗ den unfühlbar machen ſollte. „Zieh den Schlüſſel ab, Carl,“ ſagte der Inge⸗ nieur.„Und mag kommen, wer will, ſo bin ich nicht zu Hauſe— verſtehſt Du?“ Drei Tage lang arbeitete er nach dem alten Takt, ohne ſich eine andere Zerſtreuung zu gönnen, als daß er hie und da einen Zlick über die Straße nach dem gegenüberliegenden Erker warf. Am erſten Tag hatte er bemerkt, daß er dort eine Nachbarin beſaß, damals aber nur flüchtig die Umriſſe eines ältlichen Frauenkopfes aufgefaßt. Am andern Tag, als er hie und da ausruhte, um die Feder zu ſchneiden, meinte er, in dieſem Geſichte etwas Edles zu finden, das ihm Ehrerbietung einflößte; und unwillkührlich lächelte er der alten Frau zu, die beſtändig damit beſchäftigt war, gewiſſe Dinge in Papier einzuwickeln. Er konnte Anfangs nicht unterſcheiden, was es war, er erfuhr aber nachher, daß es Chokoladetafeln ſeien, welche ſie nach einer mühſamen Zubereitung zum Ver⸗ kauf in die Stadt herum ſchickte. Am dritten Tag— und der Ingenieur war ein Liebhaber von ſchönen alten Frauengeſichtern— konnte er ſich nicht enthalten, eine Art Bekanntſchaft dadurch einzuleiten, daß er ſich achtungsvoll über den Tiſch hin verbeugte, eine Artig⸗ keit, welche die Bewohnerin des Erkers(die nicht ge⸗ rade ſo alt war) mit einer anmuthigen Verneigung des Kopfes erwiederte. Aber gute Vorſätze können nicht ewig dauern. William begann bald einzuſehen, daß es in einem Städtchen, wo man eine Menge Bekanntſchaften ge⸗ macht hat, nicht eben ſo gut angeht, ſeine Arbeit auszuführen, wie in der Einſamkeit auf dem Lande, wo die Arbeit im Winter das größte Zerſtreuungs⸗ mittel iſt. Auch konnte er ſich nicht verhehlen, daß er bisweilen eine gewiſſe Neigung fühlte, in Carls In⸗ ſtruktion eine und die andere Ausnahme zu machen. Kurz, es kam dahin, daß der Herr Ingenieur ſchon am vierten, fünften und ſechsten Tag ſeiner erſten Arbeitswoche es für unartig hielt, den Beſuch der Einladung dieſes oder jenes guten Freundes zurückzu⸗ weiſen, und endlich kam er auf die Entdeckung, daß zu viel Nachtarbeit den Augen ſchade. Dieſes ungewöhnliche Verhältniß konnte jedoch bei einer Perſon, die ſo mit Arbeiten überhäuft war, nicht wohl ſtatt finden, ohne daß die Geſchäfte dadurch hie und da liegen blieben, was eine Erſchütterung des bereits gewonnenen Vertrauens zur Folge haben konnte. Und da William bemerkte, daß er bald dahinten blei⸗ ben würde, ſo begann er nach irgend einem armen Teufel zu fahnden, für den es eine himmliſche Wohl⸗ that ſein könnte, wenn er ihm ein Theil ſeiner Laſt abnehmen dürfte, ſei es nun durch Reinſchreiben oder Illuminiren der Karten. „Kennen Sie vielleicht eine Perſon, Herr Raths⸗ herr, die eine zuverläſſige und hübſche Hand hat?“ fragte der Ingenieur, als er das nächſte Mal ſeinen Wirth traf.„Ich habe ſo viele Geſchäfte über mich genommen, daß ich einen Gehülfen bedarf.“ jalter er ſich Artig⸗ cht ge⸗ eigung auern. einem en ge⸗ Arbeit Lande, tungs⸗ daß er s In⸗ Lachen. ſchon erſten ) der ückzu⸗ „daß ch bei nicht h hie 8 21 „Der alte Organiſt ſchreibt ziemlich gut, wenn er Zeit hat. Aber ſchnell geht es nicht und dann ha⸗ ben wir auch einen heruntergekommenen Kaufmann, der gern etwas annimmt, wenn er etwas bekommt⸗ Aber, die Wahrheit zu ſagen, er iſt beſtändig etwas betrunken, ſo daß man ihm nicht das geringſte Ge⸗ ſchäft von Wichtigkeit anvertrauen kann.“ „Aber gibt es denn hier um's Himmels willen keinen arme, aber ordentliche Seele, die einen kleinen Verdienſt brauchen kann?“ William wollte, wo mög⸗ lich in der befriedigenden Gewißheit, einem armen Mitmenſchen zu helfen, eine natürliche Entſchuldigung gegen ſich ſelbſt und die Vorwürfe finden, die er bis⸗ weilen empfand, wenn er ſich des Raths ſeiner gelieb⸗ ten, verſtorbenen Mutter erinnerte: nie zu vergeſſen, wie nothwendig die Arbeit in der Jugend ſei, um den Grund zu einem geborgenen Alter zu legen, und daß kein Wohlſtand ſüßer ſchmecke und beſſere Früchte trage, als der, den man ſich durch eine edle Thätig⸗ keit ſelbſt geſchaffen habe. „O doch!“ antwortete der Rathsherr, über ſei⸗ nen Eifer lächelnd.„Es gibt allerdings hier eine ſolche Seele, wenn ich recht darüber nachdenke, und es iſt nicht weit von hier. Aber wenn der Herr In⸗ genieur auch noch ſo lang riethe, ſo würde er, glaube ich, doch nicht darauf kommen, wer in unſerer Stadt am geläufigſten ſchreibt und doch die ſchönſte Hand hat. 71 „Ei, ſo zeigen Sie mir doch dieſen Juwel— es iſt vielleicht gar ein Stockholmer Kammerſchreiber, der ſich hieher verirrt hat?“ „Ein Kammerſchreiber? Ja, ja, ſo etwas“⸗— lachte der Rathsherr—„oder wir wollen lieber ſagen, eine Kammerſchreiberin. Sie hat wahrhaftig ſchon manche dicke Scharteke für den Bürgermeiſter und den Fiskal durchgegangen.“ Die Erkerſtübchen. 2 22 „Wie— ein Frauenzimmer?“ barin des Herrn Ingenieurs im Erker gegenüber.“ „Die artige Frau?“ „So, ſo, der Herr Ingenieur hat, wie ich höre, ſchon ſeine Enideckungen gemacht! Allein die Frau iſt es nicht; ſie weiß wahrhaftig keinen andern Nutzen aus dem Papier zu gewinnen, als daß ſie es an ihre alten Chokoladetafeln verderbt. Aber ſehen Sie, die Tochter:„das ſchöne Fräulein im Erker,“ wie wir ſie nennen— die weis, zu was ein Bogen Papier taugt. Sie kann ihn nicht nur voll ſchreiben, ohne auf den Rand zu ſchmieren, ſie kann auch das vortrefflichſte Straminpapier machen, worauf ſie dann Blumen und Muſter zeichnet, mein Herr Ingenieur, die das kleine, geſchickte Fräulein den Pflanzen nachbildet, welche ich in meinem Gartchen da draußen ziehe.“ „Ach, mein beſter Herr Rathsherr, das iſt ja ein ganzer Netzzug voll Neuigkeiten, jubelte der Inge⸗ nieur vergnügt.„Da kommt mir plötzlich eine Idee! Wenn das ſchöne Fräulein ſo geſchickt im Muſterzeich⸗ nen iſt, ſo wette ich was, ſie kann auch meine Karten copiren oder illuminiren.“ „Ja, ich ſtehe dafür, daß ſie kann, was ſie will. Aber es hat nur einen Hacken, und der iſt, daß ſie ge⸗ genwärtig nicht daheim iſt. Sie fuhr vor einigen Wochen zu einem vornehmen Hauſe auf's Land, wo ſie Lektionen im Zeichnen gibt, aber ſie wird wohl näch⸗ ſtens wieder heimkommen, denke ich.“ „Und dieſe ſchöne Unbekannte heißt 2 „Marie Louiſe N. Ihr Vater, ein armer Capi⸗ tän, der ſtets, um mit einem alten Sprichwort zu re⸗ den, den Kopf unter dem Arme trug, hinterließ ſeine Wittwe in den dürftigſten Umſtänden. Aber da ſie ſelbſt in ihrer Jugend ein vornehmes und gefeiertes Fräulein von guter Erziehung geweſen und nur durch den Schelm Amor veranlaßt worden war, ſich gegen „Ja, ein Frauenzimmer und obendrein die Nach⸗ — 2* 23 den Willen ihrer Verwandten mit dem Sauſewind zu vermählen, ſo verlor ſie zwar die großen Verwandt⸗ ſchaften, mit denen ſie noch hie und da groß thut; aber es blieb ihr eine gute Portion Verſtand und Wiſſen, und da ſie, wie man geſtehen muß, eine tüchtige Mut⸗ ter iſt, ſo hat ſie Beides dem jungen Mädchen beige⸗ bracht. Denn das Fräulein iſt es vornehmlich, die das Wenige herbeiſchafft, das einkommt.“ „Aber die Mutter macht ja Chokolade?ℳ ſagte William mit einem Ton der Theilnahme, welche er bereits für die arme Familie empfand. „Freilich, freilich; ſie kann doch nicht daſitzen und die Hände in den Schoos legen, während Ln en, der Engel, für Zwei arbeitet. Und die okolade 6— obſchon ich nie ſolches Zeug trinke— recht gut, das ſagt wenigſtens Gretchen, die ſich auf das und auf noch mehr Dinge verſteht.“ „Und einem ſo geſchickten Mädchen hat der Herr noch keinen Freier geſandt?“ „Sie könnte ſchon verlobt und verheirathet ſein, wenn ſie nicht ſo heikel wäre. Denn wie das nun iſt, ſie hat auch noch einen Hieb von dem vornehmen We⸗ ſen. Und, im Vertrauen geſagt— aber Niemand ein Wort davon— der Doktor und der Apotheker haben dort Beide einen Korb geholt, ehe ſie wo anders ein Jawort bekamen. Das Merkwürdigſte aber iſt, daß einer ihrer Verwandten von väterlicher Seite ein bra⸗ ver, ordentlicher und geborgener Menſch— er fährt wenigſtens ſechs Paar Ochſen auf unſern Jahrmarkt— ebenfalls einen Korb bekommen hat. Wir nennen ihn hier den Jahresfreier, denn er kommt ſtets in ſeiner Chaiſe hinter den Ochſen drein, und freit jedes Mal, zieht aber ſtets mit langer Naſe wieder heim.“ „Das bewundere ich,“ verſetzte der Ingenieur leb⸗ haft.„Ein armes Mädchen, das eine reiche Frau zu werden verſchmäht, hat Charakter— die Arbeit wird ihr nicht beſchwerlich.“ „Nein, das kann man nicht ſagen. Man ſieht ihr's auch gar nicht an. Sie blüht wie meine ſchön⸗ ſten Roſen mitten im Sommer. Nach dieſem Geſpräch ließ William ſeinen Blick wenigſtens zehn Mal in jeder Viertelſtunde von ſeinem Fenſter nach dem ſeiner Nachbarn hinüber ſchweifen. Aber er entdeckte keine Roſe.„Sie könnte doch zu Hauſe ſein,“ ſagte er zu ſich ſelbſt, ohne ſich am Fen⸗ ſter ſehen zu laſſen— aber das will ich bald wiſſen — Carl!“ „Herr Ingenieur!“ „Spring hinüber zu Frau N., die auf dem Dach⸗ boden wohnt und kaufe ſechs Ta feln Chokolade.“ Carl war ſchon im andern Zimmer, als er wie zufälligerweiſe wieder zurück gerufen wurde.„Höre— da erinnere ich mich eben, ich wollte auch noch etwas Anderes. Frage zugleich, ob nicht Jemand in dem Hauſe wohnt, der eine Reinſchrift uübernehme. Ich habe gehört, daß Jemand dort ſein ſolle.“ Jetzt zog der Ingenieur ſeine Jalouſieen zuſammen und hinter dieſen verborgen, das Auge an ein kleines Loch gedrückt, das er nach der intereſſanten Entdeckung zufälligerweiſe geriſſen hatte, welches Loch aber eine tiefe Falte bei einem etwaigen Beſuch der Rathsherrin verbarg, ſtand er jetzt auf der Lauer, um Carls Sen⸗ dung auszuſpähen. Die Frau im Erker ſaß jedoch heute nicht am Fen⸗ ſter, das am Morgen reine weiße Gardinen bekommen hat te. Obſchon William ohne Rückſicht auf die Verweiſe, die er dafür von ſeiner Wirthin zu erwarten hatte, das Loch in der Jalouſie ſo ſehr, wie möglich, erwei⸗ terte, ſo war ſeine Mühe doch vergebens. Es hatte ſich nichts Bewegliches am Fenſter gezeigt, als Carl über die Straße zurück geſprungen kam. „Nun?“ fragte der Ingenieur und erhob den Blick —,— 25 von den Papieren, indem er that, als ſei er eifrig damit beſchäftigt. „Ich ſoll die Chokolade morgen holen, ſie habe heute keine fertig,“ ſagte ſie. „Und die Reinſchrift— das haſt Du wahrſchein⸗ lich vergeſſen, das kann ich mir denken.“ „Nein, ich habe wohl daran gedacht, und darüber ſollte ich auch morgen Beſcheid bekommen.“ „Es iſt gut! Ich will heute ungeſtört ſein und arbeiten. Ziey' jetzt die Schlüſſel ab und präge Dir wohl ein, daß ich heute für Niemand zu Hauſe bin.“ William ſummirte nun das Eine mit dem Andern. Die reinen Gardinen und der Umſtand, daß er am an⸗ dern Morgen eine Antwort bekommen ſollte, bezeich⸗ neten ja deutlich, daß Fräulein Marie Louiſe heute kommen würde. Unſer Held ſagte ſich zwar, es ſei höchſt lächerlich, daß dieſe Kleinigkeiten ihn intereſſirten, und ſeine Auf⸗ merkſamkeit von andern Gedanken abzuziehen vermöch⸗ ten, aber andererſeits ſchien es ihm verzeihlich, daß ein junger Mann ſich darauf freuete, eine hübſche Nach⸗ barin zu ſehen, von der er ſo viel Gutes gehört hatte. Wenn er ſie nur einmal geſehen hätte, ſo würde ſich das Fieber ſchon legen. Der Tag und auch der Abend vergingen jedoch, ohne daß ein Fuhrwerk an der nachbarlichen Thüre hielt, und erſt als der Ingenieur ärgerlich das Licht gelöſcht und ſich gegen die Wand gewendet hatte, ſchlug das Geräuſch von Wagenrädern an ſein Ohr. „Jetzt mag ſie betrachten, wer will,“ ſagte er mit ſtoiſcher Gleichgültigkeit; ſtand aber deſſen ungeachtet auf, um zu ſehen, ob Carl nicht vergeſſen habe, die Gardinen herab zu laſſen. Carl hatte es auch richtig vergeſſen. Im Erker gegenüber war man nicht ſo nachläßig geweſen. Da es aber dort lichthell und bei dem In⸗ genieur dunkel war, ſo hatie er das unbeſchreibliche Ver⸗ gnügen, einen ſchlanken und feinen Schatten unter aller⸗ hand anmuthigen Bewegungen kommen und gehen zu ſehen.„Welch ein Wuchs!“ dachte William,„und welche Leichtigkeit, welche Grazie in den Bewegungen!“ Es iſt beſtimmt gefährlicher, mit dem Auge der Phan⸗ taſie ein Weib durch die Gardinen zu betrachten, als ſ mit natürlichen Augen am offenen Fenſter zu ehen. Der Ingenieur ſchlief nicht eher ein, als bis es ſchon ein Paar Stunden finſter bei ſeinen Nachbarin⸗ nen war. 4. Ach, ſchon fühl' ich mich getragen Nach der Grazien Heimathland. Franzen. „Die Jugend wird nie ordentlich,“ ſagte der Rathsherr, der, während er zwiſchen dem Frühſtück⸗ tiſche und der Thüre auf und ab ſpazierte, ungeduldige Blicke nach der Wanduhr warf. Es war heute Gericht über einen Dieb, der eine Caſſerolle aus der Küche der Poſtmeiſterin geſtohlen hatte, und der Rathsherr konnte die Seſſionsſtunde nicht verſäumen, um den Herrn vom obern Stock zu erwarten. „Ich ſchätze ihn; denn er iſt herzensgut,“ ſagte die Rathsherrin;„aber bei Leuten der alten Welt—“ „Wertheſte Frau Rathsherrin! Es iſt nicht meine Schuld, ſondern die des Schlingels Carl, der vergeſ⸗ ſen hatte, die Gardinen herab zu laſſen, und nun heute morgen der Teufel weiß, wohin gelaufen war! Den⸗ ken Sie ſich, Frau Rathsherrin! als ich erwachte, er⸗ 27 blickte ich einen Frauenzimmerarm am Fenſter gegen⸗ über, und da ich vermuthen konnte, daß dort mehr ſein werde, als ein bloßer Arm, ſo erlaubte mir meine Schamhaftigkeit nicht, meine Toilette bei aufgezogenen Vorhängen zu machen.“ Der Rathsherr lachte; aber die Rathsherrin fragte lächelnd, wie der Herr Ingenieur denn heraus gekom⸗ men ſei. „Ja, warten Sie!“ ſtammelte William;„erſt als Carl— nein! jetzt erinnere ich mich, es waren die Frauenzimmer, welche ihre Jalouſieen wieder zu⸗ ogen.“ zon Die Alte drohte mit dem Finger.„Ja, ja, mein Herr Ingenieur! Es iſt gut, daß Sie den Carl haben, auf den Sie die Schuld abladen können! Aber im Ver⸗- trauen geſagt, dieſer feine Herr hat in verſchiedenen Beziehungen Neigung zur Nachläßigkeit. Ich ſage Ih⸗ nen, Herr Ingenieur, Sie ſind zu gut gegen ihn“ „Es iſt möglich,“ antwortete William,„daß ich ihm durch die Finger ſehe, aber er iſt auch ein gar zu herzensguter Junge. Sollte er ſich jedoch in irgend einer Hinſicht das Mißfallen der Frau Rathsherrin zugezogen haben, ſo kommt es ihm theuer zu ſtehen.“ „O nein! ich leſe ihm ſchon den Text, wenn es nothwendig iſt—— aber ſieh mal— wahrhaftig! da geht Fräulein Marie Louiſe. Sie war es alſo die geſtern Abend noch ankam!“ Die Rathsherrin begann aus allen Kräften zu nicken. Und hinter der Alten verborgen, mit den Augen über ihre Schulter zielend, erblickte William zum erſten Mal Fräulein N— ausgezeichnet hubſches Geſicht, als ſie mit einer gra⸗ ziöſen Verneigung den Gruß der Nachbarsfrau er⸗ wiederte. „Ja, ſchön iſt ſie,“ ſagte William bei ſich ſelbſt, als er ſo daſtand, und wiederholte es ſpäter, als er ſie an demſelben Vormittag von ſeinem Fenſter aus zurück⸗ kommen ſah;„ſchön, wie Gott weiß was— aber“— Dieſes Aber konnte er ſich ſelbſt nicht klar machen, es war jedoch vorhanden und war ſogar noch da, als er an dem folgenden Abend das Vergnügen hatte, das Fräulein bei einer kleinen Geſellſchaft in einem Haus der Stadt zu treffen. Es hatte William bisher weder an Worten noch an Sicherheit gefehlt, wenn er ſich einem jungen Weibe, ſei es nun ein Mädchen oder eine Frau, nähern wollte; aber als nun Fräulein Marie Luiſe unter den ſpäteſten Gäſten, wie wenn ſie eine ganz andere Perſon wäre, als das arme Fräulein im Erker, das nur von ſeiner Hände Arbeit lebte— als ſie eintrat und zur Rechten und Linken grüßte und in⸗ dem ſie bei der winkenden Wirthin Platz nahm, ihr geſtärktes helles Zitzkleid ſo zierlich ausbreitete, als ob es von Seide wäre— da lag in dieſem Allem, in die⸗ ſer geraden Figur, dieſem wohlgeborenen Kopfe, in dieſer Begrüßung, ja ſogar in dem Ausbreiten des Kleides, auf deſſen äußerſter Falte ſie einen kleinen Handſchuh und ein Spitzenſacktuch ruhen ließ, etwas, das William zurückhielt, ſich zu bald zu nähern. Und hier kam es ihm zum erſten Mal ſehr kühn vor, ohne weitere Umſtände eine Bekanntſchaft zu machen. Er erröthete beinahe, als er bedachte, daß er verlangt habe, dieſes ſchöne und ohne Zweifel ſehr ſtolze Weib ſolle ſich niederſetzen, um ſeinen alten Plunder ins Reine zu ſchreiben. Während ſich William mit einem von den Herren in eine Unterhaltung einließ, ſtellte er ſich ſo, daß er auf Fräulein Marie Luiſens Stimme lauſchen konnte, die den Damen eine Beſchreibung ihrer Reiſe und ihrer Vergnügungen auf derſelben gab, beſonders aber von der Freude erzählte, die ſie erfahren, als ſie wieder in ihre tleine Heimath und zu ihrer guten Mutter zurück⸗ gekehrt ſei.— „Fraulein Marie Luiſe hat einen Nachbar bekom⸗ men,“ flüſterte eine von den Frauen. ——— 29 „Ja, ich höre, Rathsherr Utters haben einen Miethgaſt genommen.“ „Einen ganz artigen und außerordentlich gebildeten Mann.“ „Wirklich!“ ſagte das Fräulein. In dieſem einfachen Wort lag kein Ausdruck, der einen Zweifel oder einen Widerſpruch der gemachten Behauptung vermuthen ließ, aber ſo allein und ohne alle Zugabe lag doch etwas Aergerliches darin, und William, der mit dem einen Ohr der leiſen Con⸗ verſation am Damentiſche gefolgt war, brannte vor Verdruß. Er konnte zwar für ſich ſelbſt nicht behaup⸗ ten, daß er ein vollkommen gebildeter Mann ſei, aber er glaubte doch etwas der Art zu ſein und wußte nicht, wie er zu dem„wirklich“ des Fräuleins Veranlaſſung gegeben haben ſollte, außer etwa— ach! wie dumm, — da haben wir's— durch Carls Sendung wegen der Reinſchrift. Das hätte auf einem andern Wege vor ſich gehen ſollen. Er konnte jedoch keine Ahnung davon haben, daß ſeine Nachbarin, die er ſich als eine kleine hübſche Kokette gedacht hatte, dafür als eine Dame von der allerpräſentabelſten Gattung aufzutreten beliebte. Ohne recht zu wiſſen, wie es zugegangen war, ſah ſich William bald in den Theil des Zimmers verſetzt, den die Damen mit ihren Handarbeiten eingenommen hatten und wo die Wirthin jetzt den Ingenieur Wil⸗ liamsſon Fräulein N. vorſtellte, mit dem naiven Zu⸗ ſatz: man könne ſich übrigens wohl denken, daß der In⸗ genieur mit eigenen Augen ſeine ſchöne Nachbarin gegenüber bemerkt haben werde. „Meines Wiſſens habe ich bis jetzt noch nicht die Ehre gehabt,“ antwortete William, der ſich noch nicht ſo weit erholt hatte, um die Wahrheit zu ſagen. „Nein, da höre man nur, welch' ein Schelm!— er will alte, erfahrene Frauen zum Beſten haben! Wenn ich nun ſage, daß ich dem Herrn Ingenieur anſehe— und gerade jetzt an ſeinem Rothwerden anſehe, daß der Herr Ingenieur das Fräulein doch geſehen hat, was würde das Gewiſſen darauf antworten?⸗ „Das weiß ich nicht genau; aber es würde ohne Zweifel überzeugt ſein, daß eine Dame nie Unrecht haben kann, außer etwa in dem Fall, wenn es ihr ein Vergnügen macht, einen Mann in die kitzliche Lage zu verſetzen, daß er entweder die Unwahrheit ſagen oder da widerſprechen muß, wo er eigentlich immer einſtim⸗ men ſollte.“ 3 „Ja, da haben wir ihn feſt bekommen,“ ſagte die Wirthin lachend.„Aber glaube ihm, wer da will— Nun wohl, Herr Ingenieur, Friede in dieſer Richtung um der ſchönen Phraſen willen! Sagen Sie uns jetzt, Herr Ingenieur, ob Sie ſtark im Boſton ſind, denn dann will ich Sie ohne Weiteres dazu werben?“ „Ach, meine gnädige Frau Großhändlerin, ich bin leider in Nichts ſtark und am allerwenigſten im Kar⸗ beu pitt wo ich mich kaum für einen Schuler ausgeben darf.“ „Poſſen— wir wollen um die Wette paſſen, wenn wir die Bürgermeiſterin nicht bête machen können.“ „Aber ich verſichere Sie—“ „Ich verſichere Sie, daß das nur Ausflüchte ſind, um ſich mit jungen Damen unterhalten zu dürfen. Aber wahrlich, der Herr Ingenieur ſoll wenigſtens das erſte Spiel mitmachen.“ „Nach Befehl!“ Und William, der dem Fräulein, die er doch ſo gerne angeſprochen hätte, noch nicht ein einziges Wort hatte ſagen können, mußte ſich von den alten Frauen fortſchleppen laſſen, die herzlich über ihren Triumph lachten. Nach zwei tödtlich langen Stunden ſchlug endlich der Augenblick der Befreiung. Die Damen ließen ſich begnügen ihren früheren Anbeter, einen alten Aſſeſſor, zum vierten Mann anzunehmen. Entzückt verließ William den Platz und ließ ſich ung etzt, enn bin Lar⸗ ben enn „ nd, ber rſte ein, ein den ren ich ſich or, ſich 31 nun durch nichts mehr abhalten, zu dem Mädchen zu ſitzen. Doch ſaß ein Band an ſeiner Zunge, weßhalb er damit begann, daß er ihre auf dem Tiſche liegenden Arbeiten betrachtete. Fräulein Marie Luiſe ſtickte ein Paar Manſchetten, die allgemein bewundert wurden. „Ich begreife nicht, wie Du ſo etwas Feines bei Licht nähen kannſt,“ ſagte eine von ihren näheren Be⸗ kannten.„Ich meine, Deine Augen ſollten durch Dein Schreiben und Dein Muſterzeichnen gelitten haben.“ „O das kann ich nicht ſagen! Das Sticken greift in die Länge mehr an.“ „Haſt Du gegenwärtig viel zu ſchreiben?“ „Für den Augenblick Nichts.“ Williams Blut kam in einen ſchnellern Umlauf. Sollte das etwa deßhalb geſagt ſein, um ihn, der ſich nicht weiter nach dem erſten Reſultate ſeiner Frage er⸗ kundigt hatte, wiſſen zu laſſen, daß ſeinem Begehren willfahrt werden könne? Vielleicht! Aber gewiß wäre es ganz unpaſſend geweſen, hier etwas davon zu er⸗ wähnen! Ein Gegenſtand mußte indeſſen angeſchlagen werden. Doch vermochte er die Schüchternbeit, die ihn heute beläſtigte, nur mit der größten Mühe zu über⸗ winden. „Sie ſind kürzlich von einer Reiſe zurückgekehrt, gnädiges Fräulein? „O, ſie war nicht ſonderlich lang. Es war nur ein kleiner Ausflug zu einigen Bekannten und in dieſer Zeit hat unſere kleine Geſellſchaft ein neues Mitglied bekommen?⸗ William verbeugte ſich; aber der Blick, den er dabei aus dem Auge des Fräuleins aufzufangen erwar⸗ tete, gleitete an ihm vorbei. Er meinte einen Schim⸗ mer von der ſchönſten Sternſchnuppe gewahrt zu haben, aber es mußte ein Irrthum geweſen ſein, denn gleich⸗ gültig blickte Marie Luiſe wieder auf ihre Arbeit hinab. Ihr Garnknäul rollte— ohne irgend eine Bei⸗ hülfe von Koketterie— auf den Boden und als Wil⸗ liam ihn aufheben wollte, war er nahe daran, ſeine Stirne gegen die eines eben ſo dienſtfertigen Hand⸗ lungsdieners zu ſtoßen. Endlich gelang es ihm jedoch, den Knäul zu übergeben. „Es iſt ein kleines unartiges Ding,“ ſagte das Fräulein, indem ſie ſich bedankte, und ihren Strickbeu⸗ tel herauszog.„Es iſt beſſer, wir ſchließen es ein.“ William mußte wieder erröthen. Warum hatte er den Knäul nicht auf den Tiſch gelegt, anſtatt ihr denſelben hinzureichen.„Sie iſt kokett,“ war ſeine erſte Bemerkung.„Und ich ſpiele ſo ziemlich die Rolle eines Schafskopfs“, die zweite. Nach dem Abendeſſen griffen der Rathsherr Utter und der Wirth zu ihren Geigen. Sie hatten in ihrer Jugend manches Duett zuſammen geſpielt, begnügten ſich aber jetzt damit, den jungen Leuten aufs Eſſen einen Tanz aufzuſpielen. „Sie wird doch meine Hand nehmen“, dachte Wil⸗ liam und ging direkt auf das Fräulein hin, und bat ſie um die Ehre eines Walzers. Marie Luiſe ſtand auf und legte die Fingerſpitzen auf die ſeinigen, aber ſo leicht, daß er nur die Hand⸗ ſchuhe zu berühren meinte. Der Walzer kann zu einem vertraulichen Tanze werden. Bei manchem hatte William früher in ſeinem warmen Muthwillen allerlei Artigkeiten in das offene Ohr ſeiner Dame geflüſtert; hier aber wollte ihm der alte Ton nicht recht gelingen. Wohl lag ſein Arm um den Leib des Fräuleins, wohl ſah er ihr ſchönes Geſicht von Wärme und jugendlicher Heiterkeit erröthet und ein Paar Mal geſchah ſogar, daß ihre Locken ſo nahe an ſeinen Locken vorüberflogen, daß er ſie hätte berüh⸗ ren können— und doch— in ihrem Blick lag viel Seele, aber kein Funken von Aufmunterung. Der Walzer begann und ſchloß, ohne daß etwas Anderes F Bei⸗ Wil⸗ ſeine itzen and⸗ anze nem ffene der um eſicht und nahe rüh⸗ viel Der eres 33 als ein Paar einſylbige Worte zwiſchen ihnen gewech⸗ ſelt wurden. An der Thüre des Fräuleins, wohin ein Theil der Geſellſchaft ſie begleitet hatte, war William der, wel⸗ cher zuletzt Gelegenheit bekam, ſich zu verabſchieden. „Wir ſind Nachbarn,“ ſagte er, da er fürchtete, zu gar keinem Wort mehr zu kommen;„dürfte ich es wohl wagen, mir die Freiheit zu nehmen—“ „Die Kränklichkeit meiner Mutter,“ verſetzte das Fräulein ausweichend,„und ich darf es wohl ſagen, auch ihre ſonſtigen Verhältniſſe machen es uns beinahe zur Pflicht, dem Vergnügen der Gaſtfreundſchaft zu entſagen. Im Fall Sie jedoch ein Geſchäft haben— ihre Wange erröthete und der zur Hälfte empor gerich⸗ tete Blick ſenkte ſich ſchnell—„ſo ſind wir an den Vormitkagen ſtets zu Hauſe zu treffen, wenigſtens Mama.“ Sie verneigte ſich artig und verſchwand. „So, ſo,“ murmelte William, während er die Treppe zu ſeinen Zimmern hinauftappte,„das heiß ich die Sache ohne Complimente abſchneiden. Ja ſchön iſt ſie, aber, aber“— Carl war auf einem Stuhl im äußern Zimmer eingeſchlafen. Und obſchon er ſogleich, nur ein wenig ſchlaftrunken erwachte, geſchah doch— was ſeit lange nicht geſchehen war(denn es war ihm noch nie verbo⸗ ten geweſen, ſich auf die beſte Weiſe die Zeit zu ver⸗ treiben, während er ſeinen Herrn erwartete)— Carl fühlte nämlich ganz unvermuthet und zu ſeinem unge⸗ heuren Erſtaunen die kräftige Hand des Hausherrn auf ſeinem Backen brennen. „Du nachläſſiger Schlingel— ſoll ich eiwa im Finſtern das Genick brechen?“ Carl zündete ein Licht an, ohne ein Wort zu ſa⸗ gen. Er war zu gut dreſſirt, um nicht zu wiſſen, wo er daran war. Der Ingenieur trat in das Schlafzimmer. „Was iſt däs für eine Geſchichte— was ſollen die Gardinen unten, wenn es mondhell iſt?“ „Sie hatten mir das letzte Mal Schläge verſpro⸗ chen, als ich vergeſſen hatte, ſie herabzulaſſen.“ „Damals war es ja abnehmender Mond, Du Dummkopf.“ „Ja wohl; freilich. Aber es iſt doch auch jetzt nicht ſo hell“— „Nichts raiſonnirt! Zieh' die Gardinen auf— aber morgen bei Zeit mußt Du ſie wieder herablaſſen, verſtehſt Du?“ „„Ja, aber ſagen Sie es künftig, Herr Ingenieur, wenn Sie es anders haben wollen.“ „Gehab' Dich wohl.“ William legte ſich in dem ſogenannten Mondſchein, der alle mögliche Aehnlichkeit mit dem berüchtigten Stockholmer Polizei⸗Mondſchein hatte, nieder. Aber es war ihm unmöglich, zu ſchlafen, denn noch zwei Stunden lang brannte Licht gegenüber und eine Ge⸗ ſtalt, die er wohl kannte, zeigte ſich durch den Vor⸗ hang. Sie war an dem Tiſche im Erker beſchäftigt; was ſie aber that, konnte er nicht ſehen. „Sie iſt ſo arm, daß ſie bis ſpät in die Nacht hinein arbeiten muß— aber dennoch ſtolz, wie wenn ſie die Erbin einer Million wäre!“ 5. Der Himmel ſchuf uns nimmermehr zu Knechten, Er ſchenkte uns des Willens frei Geſetz; Des Herzens Feld ſoll nicht in finſtern Nächten Pfleglos verwildern in der Glieder Netz. Euphroſyne. „Marie Luiſe, mein geliebtes Kind, bleibe nicht länger auf— es iſt über ein Uhr. Ich hörte den Wäch⸗ ter ſchon vor ziemlich langer Zeit rufen!“ 4½ 7 3⁵ „Ach, daß Mama nicht ſchlafen kann!“ Marie Luiſens ſchöner Kopf wandte ſich zur Seite, wo das Bett der Mutter, von großblumigen Vorhängen umge⸗ ben, in einem kleinen Alkoven ſtand. Die beiden Frauen hatten, wie ihr Nachbar, zwei Zimmer, aber im Win⸗ ter konnten ſie nur eines benützen. „Ich ſchlafe nicht, wenn Du wachſt.“ „So muß ich mich wohl auch niederlegen, Mama⸗ chen, obſchon Mama weiß, daß ich der Baronin von Segerſtad verſprochen habe, die Haube und die Man⸗ ſchetten bis in der nächſten Woche fertig zu machen. Und ich bin heute Abend noch gar nicht ſchläfrig.“ „Nun; dann iſt es eben ſo gut, wir ſchwatzen noch ein wenig, als wenn ich thue, als ob ich ſchliefe. War es bei Lundens unterhaltend, meine Liebe?“ „O ſo, ſo; eben nicht beſonders.“ „Du ſahſt wohl Utters neuen Miethgaſt— ich vermuthe, daß er dort war?“ „Das verſteht ſich.“ „Iſt er ein ordentlicher Menſch? Er ſieht in der Entfernung, wie ich ihn geſehen habe, ſehr gut und hübſch aus.“ „Ja, und ich glaube, daß er bei näherer Betrach⸗ tung nichts verliert.“ „Sprach er mit Dir?“ „Ja, und er tanzte auch mit mir. Aber er führte eben keine intereſſante Unterhaltung, ſo daß ich fürchte, er iſt in dieſer Beziehung wie unſere andern Herrn.“ Wenn unſer armer Ingenieur dieſes Urtheil ge⸗ hört hätte! Es war gut, daß er es nicht hörte, denn in dieſem Fall würde er gewiß der guten Stadt den Rücken gewendet haben und unſere Geſchichte wäre ſo⸗ mit zu Ende. Aber glücklicherweiſe ſagte William in demſelben Augenblicke, wo Fräulein Marie Luiſe den letzten Satz zu ihrer Mutter hinſprach, zu ſich ſelbſt: „Sie wird gewiß gleich bemerkt haben, daß ich von anderem Schrot und Korn bin, als die Dummköpfe, welche ſich an ſie machen wollen.“ Gott ſei gedankt, daß wir die Eigenliebe haben. Wenn ſie hie und da viel Böſes thut, ſo thut ſie auch zuweilen viel Gutes. „Du meinſt alſo, er ſei ein wenig linkiſch— vielleicht eines beſſeren Geſellſchafttones ungewohnt?“ fragte Frau N. „Nein, linkiſch meinte ich nicht! Aber er ſcheint das zu ſein, was ein Mann oft wird, wenn ihm der Umgang mit gebildeten Frauen fehlt, nämlich ſchüch⸗ tern und etwas dummdreiſt zugleich.“ Immer beſſer und beſſer. „Wenigſtens,“ fuhr William, indem er ſich über die Bettkante hinausſtreckte und nach dem Schatten⸗ ſpiel in dem nachbarlichen Erker blickte, in ſeinem Selbſtgeſpräch fort,„wenigſtens muß ſie geſehen haben, daß ich in guter Societät lebte.“ „Erwähnte er des Abſchreibens?“ fragte die Mutter. „Nein, ſo zart war er. Ich gab ihm jedoch ſelbſt einen paſſenden Wink darüber, und er kann daraus abnehmen, daß er mit mir ſprechen kann, wann er will.“ „Daran thateſt Du Recht! Die Abſchreiberei, die man'nach Linien berechnen darf, trägt viel ein. Viel⸗ leicht kommt er ſelbſt herüber, da er den Jungen nicht mehr geſchickt hat.“ „Er erwähnte zwar etwas der Art, als wir uns an der Thüre trennten— aber Mama weiß ja, wie es bei uns ausſieht.“ „Wir könnten es beſſer haben, meine liebe Marie Luiſe, wenn Du nur ſelbſt wollteſt, das weiß die ganze Stadt und wahrſcheinlich er auch. Aber wie es einmal iſt, dürfen wir uns doch nicht unhöflich gegen die Leute zeigen— vielleicht haſt Du ihn beleidigt? Ich weiß, daß Du es hie und da nicht ſo genau nimmſt.“ „Nein, Mamachen, beleidigt konnte er ſich nicht fühlen. Ich erinnere mich nicht mehr genau, was ich ——„ 37 ſagte— aber das weiß ich, daß ich ihm ſagte, wir ſeien an den Vormittagen daheim.“ Das Geſpräch verſtummte für eine Zeitlang. Ma⸗ rie Luiſens fleißige Finger flogen mit einer Fertigkeit mit der Stricknadel herum, wie wenn ſie die einfachſte Leinwandnäherei unter den Händen hätte. „Du haſt mir nicht geſagt,“ begann endlich die Mutter aufs Neue und dießmal ſtreckte ſie den Kopf zwiſchen den Umhängen hervor,„Du haſt mir nicht geſagt, ob Malkolm ſich in Segerſtad befand, als Du dießmal dort warſt?“ „Wenn ich das nicht geſagt habe,“ verſetzte Marie Luiſe mit einem feinen Lächeln,„ſo darf Mama über⸗ zeugt ſein, daß es nur daher kam, weil ich auf der ganzen Welt keine langweiligere Perſon kenne, als unſern geliebten Neveu, den Repräſentanten aller Och⸗ ſenmärkte, und deßhalb iſt es mir zuwider, nur von ihm zu ſprechen.“ „Aber war er vort, frage ich?“ „Ja, und er weihte mir ſeine Huldigung mit ſei⸗ ner gewöhnlichen verführeriſchen Liebenswürdigkeit.“ „Nimm Dich in Acht, Marie Luiſe! Ich habe Dir ſchon früher geſagt, daß Du einen Stolz und eine Selbſtliebe beſitzeſt, die nicht an ihrem Platze iſt, und die, wie ich fürchte, Dich ins Unglück ſtürzen kann. Der Tag dürfte wohl einmal kommen, wo Du Dir dieſe Huldigung zurückwünſchen könnteſt— einen Rit⸗ terſitz wie Malkolmsnäs!“ „Und einen Ritter wie Vetter Malkolm, Mamachen!“ Beide Theile gleichen ſich gegenſeitig aus. So aber“— „Ja, ſo aber,“ ergänzte Marie Luiſe den von der Mutter mit Fleiß abgebrochenen Satz,„kann ich glück⸗ lich, froh und von Allem unabhängig ſein, außer von Mama's Wünſchen, deren Erfüllung mir ja ſtets ſo theuer iſt.“ Die Erkerſtübchen. 3 „O was das betrifft, liebes Kind, ſo weißt Du recht gut—“ „Gute geliebte Mama,“ ſagte Marie Luiſe in bit⸗ tendem Tone,„es iſt hart für mich, daß ich daran er⸗ innert werde, in dieſer Sache nicht auf Mama's Wil⸗ len gehört zu haben. Es würde aber auch hart ſein, gegen ſeine Neigung ſich verheirathen zu müſſen, um die gnädige Frau von Malkolmsnäs heißen zu dürfen und dagegen ſich an einem Manne ſe n zu müſſen, der keine zehn zuſammenhängende Sätze in ei nat ſprechen kann.“ „Er ſpricht doch nur geſcheidte Sachen.“ „Ja, von ſeiner ewigen Landwirihſchaft, aber et⸗ was Anderes verſteht er nicht! Und ich, gutes Mama⸗ chen— verzeih mir das ein für allemal— ich will unter der Bedingung nicht Frau und nicht reich wer⸗ den. Ich bin im Stande, mich ſelbſt zu ernähren.“ „Und Hungers zu ſterben, wenn der Arbeitsver⸗ dienſt nicht mehr hinreicht, und endlich ein betagtes Fräulein zu werden, das mit der Brille auf der Naſe Socken ſtricken und Werggarn ſpinnen darf.“ „Immerhin, Mamachen,“ antwortete Marie Luiſe mit einem heitern Lächeln auf die halb ſcherzhaften Worte der Mutter,„was wir ſelbſt wählen, ſchmeckt immer gut— doch das Licht brennt in der Dille hinab — wir wollen jetzt ſchlafen und nicht mehr an Mal⸗ kolmsnäs denken.“ *. 3* Die Vormittagsſonne ſpielte freundlich in den zwei Myrthenbäumchen, welche Marie Luiſe ſo oft zu Brautkränzen für die jungen Mädchen der Stadt ge⸗ plündert hatte. Es war zwei Tage nach dem Abend, den wir zuletzt beſchrieben haben, und das Fräulein, das noch immer mit der verſprochenen Arbeit beſchäf⸗ 39 tigt war, ſaß wieder am Tiſch vor dem einzigen Fen⸗ ſter des Zimmers. Es klopfte an die Thüre. „Herein!“ rief Frau N. und warf ſchnell den Sonntagsſhawl über die Schultern. Marie Luiſen's ſtets geſchmackvolle, obſchon häus⸗ liche Toilette bedurfte keiner Verbeſſerung. Aber da fremde Männertritte an ihr Ohr ſchlugen, ſo fuhr ſie doch einige Male über den Scheitel. „Ich habe doch die Ehre, Frau N. zu ſehen?“ ſagte der Ingenieur Williamsſon, der heute nicht die Beſchuldigung der Schüchternheit oder Dummdreiſtigkeit verdienen zu wollen ſchien. „Ja, wir haben bereits durch das Fenſter Be⸗ kanntſchaft gemacht,“ verſetzte Frau N. artig.„Und meine Tochter—“ der Ingenieur verbeugte ſich vor dem Fräulein—„iſt Ihnen ja perſönlich bekannt.“ Marie Luiſe erwiederte den Gruß und bot ihm einen Stuhl an. „Indeſſen,“ verſicherte William mit einer Feinheit und einer Wendung im Ton, die Marie Luiſen beſon⸗ ders wohl gefiel,„wage ich es nicht, dieſe Bekanntſchaft als Vorwand zu einem Beſuch zu benützen. Nur in der Eigenſchaft eines Bittenden habe ich es gewagt, mich hier einzufinden.“ Ein freundlicher Blick des Fräuleins ermunterte Williams Beredtſamkeit weit mehr, als Frau N's offene Frage:„Weshalb denn?— wahrſcheinlich wegen des Abſchreibens?“ „Nein,“ ſagte er haſtig, obſchon er ſeinen Wider⸗ willen gegen das Ausſprechen der Sache ſelbſt nur mit Mühe bekämpfte,„damit kann ich das Fräulein nicht beſchweren. Es iſt gar zu langweilig, einen ſol⸗ chen Plunder zu durchgehen. Aber vielleicht wäre es minder kühn, wenn ich gehorſamſt zu bitten wagte, daß Sie mir einige Karten illuminirten.“ „Das wage ich nicht auf mich zu nehmen, Herr Ingenieur,“ verſetzte Marie Luiſe;„denn ich weiß, daß eine ſolche Arbeit eine außerordentliche Genauig⸗ keit erfordert.“ „Ich würde nicht mit meiner Bitte gekommen ſein,“ fuhr William fort,„wenn ich nicht von dem Talent des Fräuleins im Zeichnen gehört und geglaubt hätte, daß es ſich mit den Karten leicht thun laſſe.“ „Dürfte ich vielleicht eine ſehen,“ fragte Marie Luiſe, die zwiſchen dem Wunſch, die Arbeit anzuneh⸗ men, und der Furcht, ſie nicht ausführen zu können, zu ſchwanken ſchien. „Wenn Sie erlauben, ſpringe ich ſogleich hinüber und hole eine, die ich eben erſt angefangen habe.“ „Wie es dem Herrn Ingenieur beliebt— wenn Sie ſich nur keine vergebliche Mühe machen.“ „O, das fürchte ich nicht!“ William war wie der Blitz fort. Und verwun⸗ dert ſagte Frau N. zu ihrer Tochter:„Wo haſt Du denn Deine Augen gehabt, meine liebe Marie Luiſe? Iſt denn der Menſch ſchüchtern oder dummdreiſt? Es iſt ja ein ſo gebildeter und gewandter Mann, als man nur wünſchen will.“ „Ja wahrhaftig, das iſt er— und wenn ich jetzt recht darüber nachdenke, ſo hatte er wohl auch Dienſtags ſeine lichten Augenblicke, wie z. B., wenn er mit der Wirthin ſprach.“ „Da kommt er ſchon wieder zurück. Wir wollen alle Nähſachen vom Tiſche abräumen. Gott gebe, daß Du im Stande wäreſt, die Karten anzunehmen; mein Kind, das wäre gewiß eine gute Erwerbsquelle.“ „Das hängt davon ab, wieviel Zeit die Arbeit erfordert— bezahlen wird er ſie wohl können. Darum aber bitte ich Mama von vorn herein, daß ich das Geld nicht in Empfang nehmen muß, ſondern das kann Mama thun, wenn ich nicht da bin.“ „Habe keine Furcht; ich ſehe ihm an, daß er zu wenn wun⸗ Du uiſe? Es man jetzt ſtags t der ollen daß mein rbeit rum das kann zartfühlend iſt, um dieſe Sache vor Dir zu erwähnen. Ein ſolcher— ſillle, da iſt er ſchon wieder!“ Marie Luiſe legte ihre Arbeit weg, zog die Jalou⸗ ſien bei Seite und half dem jungen Feldmeſſer dienſt⸗ fertig die Karte ausbreiten, über welche ſich jetzt beide, er beſchreibend, ſie horchend, hinneigten. Es war ein angenehm belohnendes Gefühl für William, an der Seite eines jungen und ſchönen Wei⸗ bes jetzt den Weg wieder durchfliegen zu dürfen, den er vor noch nicht langer Zeit unter Anſtrengungen und Mühen gewandelt war. Er verweilte auch bei jedem Punkte ſo lange, als es ſich paſſender Weiſe thun ließ, bis er, den ſchnellen Lauf der Minuten innerlich be⸗ klagend, die Karte zuſammenrollen ließ, während ſein Blick fragend den des Fräuleins ſuchte. Marie Luiſe ſtützt ſinnend die Ellbogen gegen das Fenſtergeſimnſe. Und während William ſie betrachtete, fühlte er, daß all ſeine Aber verſchwunden waren. Sie mochte jetzt thun oder ſagen, was ſie wollte, ſo meinte er nie ein ſo anziehendes, ein zugleich ſo wür⸗ diges und anſpruchsloſes Weib geſehen zu haben. „Nun wohl, Herr Ingenieur, wenn ich den Ver⸗ ſuch wage und er mißlingt, läßt ſich der Schaden dann wieder gut machen?“ „Sehr leicht, ich kann dann eine neue Karte copiren.“ „Auf dieſe Weiſe,“ erwiederte Marie Luiſe, indem ſie etwas den Mund verzog,„wird der Herr Ingenieur keinen großen Gewinn davon haben. Wenn Sie aber erlauben, ſo will ich verſuchen, die Karte ganz zu copiren. Gelingt es dann nicht, ſo verlieren Sie auch Nichts.“ „Aber das Fräulein verliert ſeine Zeit.“ „Das fürchte ich allerdings; doch man lernt Nichts, ohne Etwas aufzuopfern— ich bin entſchloſſen.“ „In dieſem Fall kann ich nicht genug danken. Aber ich würde dem Fräulein im höchſten Grad ver⸗ bunden ſein, wenn es mir erlaubt wäre, dem Fräu⸗ lein Anfangs einigen Rath zu geben, der Ihnen wohl nützen könnte.“ 3„Sehr gern, wenn der Herr Ingenieur ſo gut ſein will. Auf einige Tage bin ich jetzt noch mit einer angefangenen Arbeit beſchäftigt. Nächſten Mittwoch aber können wir unſere Unternehmung beginnen.“ Wer war jetzt entzückter als William! Um in⸗ deſſen nicht zudringlich zu erſcheinen, nahm er ſeinen Hut, ſobald das Geſchäft beendigt war, und entfernte ſich, indem er bei Mutter und Tochter einen angeneh⸗ men Eindruck zurückließ. 6. Brief des Ingenieurs Williamsſon an einen Freund in der Heimath. Hör' einmal, Du alter Gothe, der lieber auf den morſchen Schwellen unſerer Vorfahren herumwandelt, als den Hauch einer fremden Luft empfindet, haſt Du wohl einmal recht darüber nachgedacht, was für eine Ungereimtheit Du verlangſt, indem Du begehrſt, daß ich zur Erbauung der Herrſchaften in der Heimath meh⸗ rere Stunden meiner koſtbaren Zeit dazu verwenden ſolle, um euch nicht etwa Briefe, ſondern Epiſteln, Herr Gott! ganze Epiſteln aus dem Leben eines armen Feldmeſſers zuſammen zu ſchreiben! Wenn ich aber der Wahrheit gemäß mittheile, wie ich an dieſem oder jenem Tag einen neuen Grenzweg betrat, dieſe oder jene Straße abmaß, oder dieſes und jenes Grundſtück für Peter, Olle, Andres oder Jöns abtheilte, ſo wird man ganz einfach erklären, daß all' das gar zu lang⸗ weilig ſei, um es aufs Papier zu ſetzen, kurz, daß nd f den ndelt, Du eine daß meh⸗ nden ſteln, rmen der oder oder ſtück wird ang⸗ daß 43 man etwas Unterhaltendes, etwas„Skizzenartiges“ wolle, um mich modern auszudrücken. Aber die lieben Skizzen hängen nicht an den Zwei⸗ gen, die ich an manchen Wegen mühſam durchbrechen muß, und ich möchte wünſchen, daß ihr einmal in's Klare darüber kämet, wie einförmig und unangenehm, den Geldverdienſt ausgenommen, dieſe Reiſen und Geſchäfte ſind, wie elend man in den Bauernſtuben in den Gebirgen lebt, und wie oft man bis auf die Haut hinein durchnäßt, mit kothigen Stiefeln, die kaum die Fuße nachzuſchleppen erlauben, und zerlumpt wie ein Zigeuner den Hafen, das heißt, eine rauchige Stube mit einer Pfanne gebratenem Speck, zu erreichen ſtrebt, und dort oft nicht einmal einen ordentlichen Schnaps findet, der zu der letzteren Speiſe Appetit machen könnte Doch gleichviel; ſo lange gute Laune, Geſundheit und Kaſſe vorhanden iſt, kann der Feldmeſſer ſeine Strapatzen ertragen. Etwas muß er ja dech thun, und ein freies Leben im Wald und Flur ſtimmt mehr mit meiner Gemüthslage überein, als wie Du an dem Schreibpult feſtgekettet zu ſitzen, und ſo will ich mich denn an das Skizziren machen, damit ihr daheim nicht mit langen Naſen daſitzen dürft. Vor Etwas über einen Monat es war mein letztes Geſchäft, ehe ich in die Stadt zog— ſollte ich die Meſſung einer der Inſeln vollenden, die drei Meilen von meiner damaligen Station weg lagen, und an einem nebligten Sonntagmorgen machte ich mich mit einem meiner Gehülfen und Karl nebſt einem Ruder⸗ knechte auf den Weg. Unter den Grundſätzen, die mir ſtets theuer wa⸗ ren, und von denen ich noch nicht abgegangen bin, rechne ich auch den, daß ich nie eine Seereiſe zur Herbſtzeit unternehme, ohne eine Geſellſchaft von wenigſtens drei verſiegelten Freundinnen mitzunehmen. Dieſe Vorſicht beobachtete ich auch dießmal. Nuhig 44. ſaß ich daher im Nachen und dachte: komme, was da will, Sturm, konträrer Wind, Windſtille, ſo habe ich doch immerhin meinen Toddy und meine Pfeife im Rückhalt, mit denen ich den Geiſt neu beleben kann. Aber was weiß der Menſch von dem Erfolg ſeiner thörichten Berechnungen! Ich fordere die Herrſchaften auf, das Licht zu putzen und die Ohren außzuſperren. „Ein Boot auf der Seeſeite, das gerade gegen uns kommt,“ ſagte mein wackerer Alter von Ruderer und deutete in die Richtung hin, von woher ein ande⸗ rer Sohn des Meeres ſeinen Weg pflügte. „Halt an! Es iſt wahrſcheinlich Jemand, der mit mir ſprechen will,“ ſagte der Unterzeichnete. Und gleich darauf ſchauten meine Augen, ſo gerne ſie auch falſch geſehen hätten, eine alte Bekanntſchaft, einen von den Dutzbrüdern, über die wir ſtolpern könnten, ohne daß wir herauszubringen vermöchten, wo wir ihren Namen hernehmen ſollten, und die wir, Gott weiß, wie be⸗ kommen haben, da wir in einer fröhlichen Stimmung mit dem Glaſe in der Hand die Brudertoaſte nicht ſo genau abwogen. Ein ſolcher Bruder ſtand jetzt in dem ſchaukelnden Boote vor mir, ein Bruder, der mir jedoch durch das Gerücht nicht ſo ganz unbekannt war. Es war näm⸗ lich der berühmte Branntwein⸗Advokat Pellandern, der ſeit einem Vierteljahrhundert ſeinen Namen theils durch die Menge Prozeſſe, die er ein und ausgefädelt, theils durch ſeine mehr als unerhörte Fähigkeit, alle flüſſigen Stoffe zu konſumiren, unſterblich gemacht hatte. „Herr Genieur Jansſon!“ rief mein heiterer Freund, der wenigſtens dreiviertel und zehn Minuten lang ſei⸗ ner Gewohnheit pflog, indem er nämlich in ſeligem Zuſtand beinahe die Hälfte von den Namen und Cha⸗ rakteren ſeiner Freunde abkürzte,„Genieur Jansſon— Bruder ſollte ich eigentlich ſagen— ach Herzens⸗ bruder! wie befindeſt Du Dich? nden das äm⸗ der urch eils igen 45 „Ungemein ſchlecht, mein beſter Herr Pellander! Wir haben ein wahres Hundewetter.“ „Leider, ſehr leider! Aber da es immer beſſer iſt, wenn man in Geſellſchaft leidet, ſo— wenn es Dir recht iſt, Bruder Jansſon— ſo ſtoßen wir die Boote beſſer zuſammen! Ich will auch nach der Binhaminſel zu Andres Andresſon.— Du haſt, glaub' ich, Deine Bezahlung erhalten?“ Dieſe letzten Worte richtete Pel⸗ lander an ſeinen Ruderer, und ehe dieſer noch ein langes und erſtauntes„Nein“ herausbringen konnte, war der Herr Advokat ſchon in mein Boot ge⸗ ſprungen. Mit knapper Noth gelang es mir, mein Flaſchen⸗ futter vor ſeinen ſpähenden Blicken zu verbergen— ich ſagte Dir ſchon, daß ich drei liebenswürdige Freun⸗ dinnen in meiner Geſellſchaft hatte. Aber da gleich⸗ geſtimmte Freunde in die Länge einander langweilig werden, ſo war mirr das Schickſal gewogen und ſandte mir zur Abwechslung die Zwietracht in der Geſtalt des Advokaten Pellander. „Ich ſollte nach dem Akkord neun Mark erhalten,“ ſagte der Mann in dem leeren Boot. „Gut, mein Freund, ich will ſie Dir bei dem nächſten Bericht abziehen, den ich für Dich aufſetze.“ Was war zu machen? Mit oder gegen meinen Willen mußte ich mich der Verzauberung von Pellan⸗ ders Machtſpruch unterwerfen. Die Sache war näm⸗ lich die, daß er eine Spur von meinem Ausflug be⸗ kommen hatte und da er einſah, daß er auf dieſe Weiſe ſeine eigene Ueberfahrt erſparen konnte, ſo hatte er das Boot nur beſtellt, um mich an einem geſchickten Orte zu treffen. „Haſt Du nichts Erwärmendes, Bruder?“ fragte Pellander, der, wie ich merken konnte, bereits Vor⸗ mittags den Vorrath erpedirt hatte, den er ſelbſt bei ſich führte. „Nur wenig, ſo gut wie nichts— und dieſes Wenige iſt unwiderruflich dazu beſtimmt, mir heitere Abende zu machen, wenn ich den Tag über viel aus⸗ geſtanden habe. Verſtehen Sie mich, Herr Pel⸗ lander?“ „Was zum Henker iſt denn das für ein Be⸗ herren! Wenn der Bruder zu geizig iſt, um mir ei⸗ nen Grog anzubieten, ſo braucht er doch nicht hoffär⸗ tig zu ſein und zu thun, als erinnere er ſich nicht mehr, daß wir Brüderſchaft getrunken haben, und das bei einer Gelegenheit— Bruder Jansſon wird ſich wohl noch erinnern— wo weit größere Burſche als er dieſelbe Gunſt von mir erbaten.“ „Deſſen erinnere ich mich ſehr wohl,“ erwiederte ich ehrerbietig,„und es geſchah auch nur aus gezie⸗ mendem Zartgefühl, weil ich es für einen ſo jungen Mann wie ich bin für unpaſſend gehalten hätte, wenn ich einer Perſon, die mir an Jahren ſowohl als an Werdifäcen ſo weit voran iſt, den Brudernamen bei⸗ egte.“ „O gehorſamer Diener, gehorſamer Diener! das hat, nichts zu bedeuten— der Bruder kann ja Onkel zu mir ſagen.“ Ich erklärte, daß ich mich von dieſer neuen Gunſt ſehr geehrt fühle, beſchloß jedoch bei mir, ſo wenig als möglich Gebrauch davon zu machen. Als wir zu Andres Andresſon kamen, fanden wir zwar eine kleine Zubereitung auf Bauernmanier; allein während der Geſchäftstage nahm die Bewirthung ein ſo vollkommenes Ende, daß Pellander den tiefſten Seufzer über die Verminderung ſowohl in der Schüſ⸗ ſel als im Becher ausſtieß und höchſt vergnügt war, da der Tag des Aufbruchs heran kam, als ſich plötz⸗ lich in der Nacht vor dieſem ein ſo unerhörter Sturm oder vielmehr ein ſo ſchrecklicher Orkan erhob, daß eine Rückfahrt von drei Meilen in einem kleinen offe⸗ nen Boote ſo viel geheißen hätte als dem Leben mit Vorſatz Valet zu ſagen. und wir rllein ein fſten chüſ⸗ war, lötz⸗ urm daß offe⸗ mit 47 Da ich Euch nun geſagt habe, daß es ſchon vor Ausbruch des Ungewitters hohe Zeit war, auf die Heimfahrt bedacht zu ſein, ſo könnt Ihr Euch denken, wie es uns ging, als der Sturm— weit entfernt am zweiten oder dritten Tage abzunehmen— in einem ſolchen Grade anhielt, daß wir vor Ungeduld und Mangel faſt in Verzweiflung geriethen. Kälte und Regen, Nebel und Windesgeheul in jeder Ecke!— Es war ein Wetter, daß man Geſicht und Gehör ver⸗ lieren konnte, wenn man nur die Naſe hinaus⸗ ſtreckte. Als letzte Reſource, um uns in der kalten und feuchten Stube, wo ich und die Meinigen nebſt Pel⸗ lander, und einem Sohn des Bauern, gemeinſchaftlich unſern Wohnſitz aufgeſchlagen hatten, zu erwärmen und zu ermuntern, hatte ich mit bewundernswürdigem Scharfſinn und nicht ohne tauſend Schwierigkeiten meine letzte Rhumflaſche glücklich gerettet. Denn wenn wir auch nicht eingefrieren oder eine neue Robinſonade erleben ſollten, ſo konnte man doch aus dem Gang der See und allen Anzeichen voraus ſehen, daß wir in der erſten Woche nicht reiſefertig werden würden. Die Sparſamkeit war daher eine mehr als nothwen⸗ dige Tugend, da ſich zu dem Uebrigen auch noch das Mißgeſchick geſellte, daß wir ſo wenig Brennholz als möglich hatten. Onkel Pellander, die arme Seele, war ſo dünn geworden, daß ihm der Rock anderthalb Mal um den Leib ging. Sein Geſicht hatte den ſtrah⸗ lenden Glanz verloren, und trug den Stempel des tiefſten Leidens, dem er unterworfen war, ſeit er ſeine Tage ſo äußerſt nüchtern hinſchleppen mußte. Vernunft, Geduld und Zeit! Dieſe drei vortreff⸗ lichen Lebensregeln, welche die Grundlage meines Lexi⸗ kons bildeten, waren lange mein Troſt. Aber Alles hat ſeine Grenze, auch die Zeit, wenigſtens für den Menſchen; woraus ſonnenklar folgt, daß die Geduld ſchon vorher endigt. Ich reeitirte Valerius— Du weißt, daß er die Geduld, dieſe wünſchenswerthe Göt⸗ tergabe, beſungen hat— aber es gewährte mir we⸗ nig Troſt, und ich fordere die ganze Dichterſchaar heraus, mir offen zu geſtehen, ob ſie auch nur eine Unze davon behalten haben, wenn ſie je einmal Theil⸗ nehmer an dem großen Unglück waren, das unſerem Mißgeſchick die Krone auſſetzte. Unſere Vorfahren— das waren große Männer — die konnten beinahe Alles entbehren! Später wuchs jedoch, ohne daß man beſtimmt weiß, wo der Saame gepflanzt wurde, der große ſich immer weiter ver⸗ zweigende ſchlimme Baum der Erkenntniß und des Be⸗ gehrens, unter deſſen Aeſten wir klein gewachſene Nach⸗ kommen Schutz ſuchen. Die Bedürfniſſe vermehrten ſich wie die Heuſchrecken und man ſchämte ſich nicht, dieſe Entartung zu geſtehen. Holberg ſagt ja offen in ſeinem Peter Paars:„Ohne Bier und Brod iſt der Held nichts.“ Die Stürme hat er jedoch vergeſſen, woraus man ſchließen kann, daß Holberg dieſes Hel⸗ dengedicht im Sommer ſchrieb. Aber es fragt ſich nun, wenn ſchon der Held ohne Speiſe und Trank nichts iſt, was ſollen dann die gewöhnlichen Menſchen in der⸗ gleichen Umſtänden ſein? Ach— noch weniger als Nichts. Merkwürdig jedoch! je mehr ich mich der Kata⸗ ſtrophe nähere, deſto höher ſteigt meine Leidenſchaft für ausgezeichnete großartige Beiſpiele in der Wirk⸗ lichkeit. Ich klammere mich an die Geſchichte feſt, und ſehe hier den von Gott geſandten Napoleon und ſeinen Zug nach Rußland. Nicht einmal er, das heißt, er in ſeiner Armee dargeſtellt, konnte Kälte, Hunger und Durſt aushalten; er fiel von Allem entkleidet außer der Ehre. Konnte er aber mit anſehen in philoſophi⸗ ſcher Ruhe auf Elba ſeine Unmacht und den Fall ſei⸗ nes großen Werkes? Nein! noch einmal ſchwang ſich der Adler gegen die Wolken des Himmels, bis Jupi⸗ ters Blitz deſſen Ebenbild auf Erden er ſein wollte, Göt⸗ we⸗ haar eine heil⸗ erem nner uchs tame 49 ſeinen Flug hemmte und ihn für ewig betäubt auf Sankt Helena niederwarf. Hier weihte er vielleicht dem Fall des herkuliſchen Gebäudes, das er aufge⸗ führt und ſtürzen geſehen hatte, einige Thränen, wie wir(denn Alles vom Größten bis zum Geringſten er⸗ hält ſeinen Werth erſt durch das Bedürfniß) den Fall unſerer letzten Rhumbouteille beweinten, welche Karl, der Schlingel, auf den Boden fallen ließ. Vielleicht ſcheint Euch dies eine ſehr einfache und anſpruchloſe Einleitung, um zu einer Sache von ſo großer Bedeutung zu kommen? Aber wenn die Stürme des Leidens vorüber ſind, ſo kann man ruhiger dar⸗ über ſprechen. Ich erinnere mich noch, wie Pellander ſeine eigenen Thränen mit den Bächen vermiſchte, welche über unſern Stubenboden floßen, und er den Duft und vielleicht noch etwas Weiteres aufſaugend ſich alſo beklagte:„Ach, ach, Bruder! wie konnteſt Du es über das Herz bringen, dieſen Schatz vor mir zu verbergen? Sieh jetzt die Folgen Deiner eigennützigen Berechnungen!— hätteſt Du die Bouteille mir zur Verwahrung gegeben, ſo würde ſie wenigſtens ein ihr würdigeres Ende genommen haben. Und, Du Lüm⸗ mel“— dabei erhob Pellander ſeine Stimme und ſeine geballte Fauſt tanzte auf Karls Naſe—„Du Lüm⸗ mel, der da ſteht und mit den Scherben in der Hand mich angafft, ich werde— o wenn ich Dein Herr wäre!“ Nur durch einen raſchen Seitenſprung rettete ſich Karl. Aber unſere Noth und unſer Elend nahm zu, denn eine weitere dreitägige Diät, beſtehend in Hä⸗ ring, Haferbrod und friſchem Waſſer, beraubte uns vollends des kleinen Ueberreſtes von Kraft und Muth, der uns noch geblieben war. Endlich dämmerte ein Tag, wo die Wuth der Elemente es für gut fand, zur Ruhe zu gehen. Wir mußten Pellander beinahe in das Boot tragen ſo nachtheilig hatte dieſe Woche auf ſeinen phyſiſchen 8 . —yy— Menſchen eingewirkt. Aber als wir den Fuß an's Land ſetzten, that er ein feierliches Gelöbniß, den Schaden wieder herein zu bringen, welches Gelöbniß er, wie ich am folgenden Tage fand, ehrlich gehalten hatte; denn ich begegnete ihm da ganz mit ſeinem Schickſale ausgeſöhnt, und er dankte auf ſeine eigene Manier dem Bruder Jansſon für die gute Geſelſchaft. Und damit ſchließt die„Skizze“ von Onkel Pel⸗ lander und der letzten Rhumflaſche. Die Herrſchaften haben ſich vielleicht auf etwas ganz Anderes geſpitzt, z. B. auf eine Beſchreibung meines Lebens in der Stadt, meinen Huldigungen, meinen glücklichen Erfolgen u. ſ. w., aber die ganze Welt kennt die Skizze der Art und Weiſe nämlich, wie es in einem Städtchen zugeht, wo ſich ein junger und civiliſtrter Menſch niedergelaſſen hat, ich will nicht gerade ſagen, wie der Habicht unter den Tau⸗ ben, denn dieſes Gleichniß würde auf der einen Seite unrichtig ſein, indem ich ſtets zu ſchüchtern bin, um den Habicht zu ſpielen; was aber die Tauben bettifft, ſo haben ſie hier allerdings die größte mögliche Aehn⸗ lichkeit mit Tauben, mit zahmen nämlich. Es gibt hier nur eine einzige Waldtaube, die ſich frei und ſtolz über die andern erhebt. Doch ich laſſe das Taubenbild dieſer Einzigen fallen und ſtelle ſie Euch als meine Nachbarin in dem Erkerſtüchen geradeüber von dem meinigen vor— die Herrſchaften müſſen nämlich wiſſen, daß auch der Un⸗ terzeichnete in einem ſolchen wohnt. Ich will die ſchöne Marie Luiſe nicht beſchreiben, denn alle Be⸗ ſchreibungen einer Schönheit ſind ſo abgenützt, daß man ſie aufgeben ſollte. Genug, ſie iſt ein Weſen, deren Anblick ſowohl vom Fenſter aus als in der Nähe ganz unausſprechliche Gefühle erweckt. Es iſt mir gelungen, Zutritt in's Haus zu er⸗ halten. Sie hat an einer Karte für mich zu arbeiten angefangen— ſie iſt arm und ich glücklicher Menſch Finſt „Ge Hau Pell und Nach and nden wie tte; ſale nier bel⸗ vas ung gen, nze ich, ger vill au⸗ eite um ffft, hn⸗ gibt ind gen em die Un⸗ die Be⸗ daß en, der er⸗ ten ſch 51 habe die Erlaubniß bekommen, ſie unterrichten, mit ihr ſprechen, neben ihr ſitzen zu dürfen! Doch, wie Ihr ſeht, ich bin noch nicht verliebt, denn ſonſt würde ich nicht von ihr ſchreiben. Es freut mich, ſagen zu dürfen, daß ſie ein Engel iſt, ſo weit ein irdiſches Weib es ſein kann: Liebenswürdig, gut, arbeitſam, aber dennoch keine von jenen eilfhundert Lilien mit hängenden Köpfen, die man immer ſtützen muß; denn das verſichere ich Euch, ſie kann ſich immer ſelbſt ſtützen. Eben jetzt ſchmiegt ſich ihr ſchöner Arm zwiſchen der Jalouſie hervor— es wird mir zu warm im Kopf und Herz, als daß ich weiter ſchreiben könnte. Ich habe dieſen Arm ſchon in der Nähe geſehen, er hat nicht Seinesgleichen. Und jetzt wißt Ihr Alles, was Ihr zu wiſſen braucht. Meine Geſchäfte gehen ziemlich gut, obſchon ich hie und da herum ſchwärme. Doch ich werde mich beſſern!— Nach Weihnachten bekommen wir längere Täge und da geht die Arbeit beſſer. Lebt wohl, lebt wohl, meine Freunde am Herd der Heimath— ach, meine geliebte Mutter— jetzt verziehen ſich ihre Lippen nicht mehr zu einem Lächeln, wenn ſie meine Epiſteln leſen hört! Doch Freunde und Verwandte wollen von mir hören und Gott ſegne Euch dafür! Ich habe ein ſo weites Herz, daß ich die ganze Welt in mir aufnehmen zu können glaube. Euer William. Ei, ei! was iſt denn das für eine Stimme der Finſterniß, die ich draußen mit Carl zanken höre— „Gewiß, Du Schlingel, Genieur Jansſon iſt zu Hauſe, ich ſah ihn ja am Fenſter!“— Himmel— Pellander! Er kommt alſo immer wie ein böſer Geiſt, und eben jetzt mußte er herkommen! Meine gnädigen Nachbarinnen— und ein ſolcher Bruder!— Da iſt B 59 52 er! Und eben jetzt zieht ſie die Jalouſie hinweg— ich wollte— der Teufel holte den Kerl! Welch' ein un⸗ glückliches Schickſal hat ihn in dieſe Stadt geführt? Wie ſelig bin ich— ſeht, in tauſend Formen Tanzt jenes ſchöne Ideal um mich! Runeberg. „D iener, Bruder Jansſon— danke, danke für letzthin und unſer luſtiges Zuſammenleben auf der Binſeninſel.“ Mit dieſen Worten nahm der Advokat Pellander, der ſeine gewöhnliche große Ledertaſche auf der Bruſt ſelten trug, ohne Einladung Platz, und William fühlte ſich etwas erleichtert, als er ſah, daß er zufällig einen von den Stühlen gewählt hatte, die am weitſten von Grur Fenſter entfernt ſtanden. Verg Pellander's Geſicht war heute mehr als gewöhn⸗ wen lich von der Verwüſtung mitgenommen, welche die oder Traube hervorbringen kann. Er ſah aus wie ein Mann, der im Stande wäre, Rock und Weſte der ſeine Allmacht der Leidenſchaft aufzuopfern— und Pellan⸗ dige der's Leidenſchaften waren ſtets allmächtig. aber „Was verſchafft unſerer Stadt die Ehre eines ſo würdigen Beſuchs?“ fragte der Ingenieur. war „Ein kleines Geſchäft, Bruder Jansſon,“ ant⸗ ein wortete der Advokat, indem er die Augen zuſammen⸗ dan blinkte,„ein kleines, einträgliches Geſchäft für einen zu mächtigen Clienten, deſſen Bekanntſchaft ich neulich mei gemacht habe. Denken Sie ſich, ein Menſch in die⸗„. 84 04 machten und der Bruder— ich ſage es offen, dazu erfordert es Geiſt— an meinem wachſamen Zollhaus den guten Freund vorbei ſchmuggeln konnte, der nach⸗ her durch Carl Schiffbruch litt.“ „Nun, ja, ich wurde aber auch dafür geſtraft! Meine Abſicht war jedoch gut, ich wollte ſo damit haushalten, daß es zu einer kleinen Aufmunterung für die folgenden Tage reichen ſollte— doch entſchuldigen Sie, beſter Onkel, ich muß zu meinem Leidweſen ſo aufrichtig ſein und bemerken, daß ich für den Augen⸗ blick ſo ſehr mit Geſchäften überhäuft bin—“ „Thut nichts! Bruder Jansſon ſoll ſich nicht geniren, denn ich kann mich im Nothfall ſelbſt unter⸗ halten— aber ſieh da, welch' ein hübſches, junges Frauenzimmer am Fenſter da gegenüber! Das will ich doch näher in Augenſchein nehmen.“ „Unmöglich, das geht nicht an!“ Und eben als ſich Pellanders roſiges Geſicht an die Scheibe feſtzu⸗ ſetzen ſuchte, zog William die Jalouſien zu. Vielleicht war dieſe Bewegung, die ohne Ueberlegung geſchah, nicht ſehr klug, denn gewiß war es, daß ſowohl Pel⸗ landers Phyſtognomie als das ſchnelle Manöver von den Nachbarn bemerkt wurde. Der Aufenthalt des Advokaten in der Stadt dauerte nur bis über den andern Tag. Und als William ihn zum letzten Mal ſagen hörte:„Lebe wohl, Herzens⸗Bruder Jansſon!“ da fühlte er eine Erleich⸗ terung im Herzen, die er kaum zu erklären wußte. Jetzt war, wie er hoffte, jede weitere Bekanntſchaft abgeſchnitten und er freute ſich hierüber um ſo mehr, als er, wenn die Umſtände ihm eine Wahl erlaubten, im Allgemeinen ſehr heikel in ſeinem Umgange war. Jetzt in'sbeſondere fürchtete er, daß Perſonen, die ihn nicht näher kennten, die Vertraulichkeit übel deuten möchten, in die er zu einem ſo zweideutigen Charakter, wie Pellander, gerathen war. 5 Williams Befürchtung ging ſpäter einmal in Er⸗ 5⁵ füllung. Jetzt aber vergaß er den Beſuch ſowohl als den Beſucher, denn ſeine Seele war von ganz andern Eindrücken erfüllt, und da dieſe allmälig eine beſtimm⸗ tere Farbe annahmen, ſo war er ununterbrochen zu Hauſe beſchäftigt und gab nur ſolchen Einladungen Folge, wo er die junge Bewohnerin des Erkerſtübchens zu treffen hoffte. Erfuhr er durch ein feines Spionir⸗ ſyſtem, daß ſie nicht kommen würde, ſo war er ſo mit Geſchäften überhäuft, daß zehn Boten ſeinen Vorſatz nicht erſchüttern noch ihn von ſeinem Platze am Schreib⸗ tiſche wegbringen konnten, an den ihn ein angenehmer Mangnetismus gefeſſelt hielt. Es würde indeſſen der Wahrheit widerſtreiten, wenn wir damit andeuten wollten, daß er unthätig und träumeriſch da geſeſſen ſei, und nur Schattenſpiele beſchaut habe. Hie und da that er dieß allerdings, aber den größten Theil des Tages über fühlte er ſeine ganze frühere Arbeitsfähigkeit zurückgekehrt. Es war ihm ſo wohl, in ihrer Nähe arbeiten zu können, die ſelbſt ums Brod zu arbeiten genöthigt war. Das neue Jahr hatte noch nicht die ungleiche Erbſchaft des Men⸗ ſchen in künftigen Trauer⸗ und Freudentagen ausgetheilt, als William ſich bereits mit dem Gedanken trug, daß es ihm nicht ſonderlich ſchwer fallen würde, für ſie beide zu arbeiten. Vielleicht hatte er ſchon von Anfang den Samen des Gefühls in ſich aufgenommen, das dieſen Gedan⸗ ken erzeugte. Gewiß aber iſt es, daß derſelbe zwei volle Monate brauchte, um Wurzel zu ſchlagen und zur Blume aufzuſchießen, wozu vornehmlich die vielen Kartenlectionen beitrugen. Marie Luiſe wurde jedoch bald ſo geſchickt, daß ſie den Beiſtand entbehren konnte. Aber da William einmal daran gewöhnt war, hinüber zu ſpringen und ſie über dieſes und jenes zu belehren, ſo ließ er dieſe gute Gewohnheit nicht abkommen, ſon⸗ dern nahm ſich die Freiheit, entweder hinter dem Stuhl 56 des Fräuleins oder an ihrer Seite dem Gang ihrer ſchönen Hand zu folgen. Eine offene Huldigung, eine ſolche nämlich, welche die kleine Stadt zu dem Glauben hätte berechtigen können, daß er gefeſſelt ſei, hatte jedoch noch nicht Statt gefunden. Denn ſo viel man wußte— und in dieſer Stadt wußte man Alles— war er bei ſeinen Nach⸗ barn nie im ſchwarzen Frack noch weniger in Uniform geweſen; von Anfang bis zu Ende hatte er ja nur den braunen Ueberrock angehabt! Und die Folgerung einer ſo ſinnreichen Bemerkung war, daß Williams Beſuche bei der Frau N. den Karten gälten und nicht derjeni⸗ gen, welche ſie verfertigte. Als Weihnachten heran kam, hätte unſer Ingenieur ſeine Dankbarkeit gern auf eine andere Weiſe als durch die kleinen Summen an den Tag gelegt, die Frau N. erhalten hatte. Er wagte es jedoch nicht, denn er fürch⸗ tete, eine ſolche Freiheit müßte derjenigen mißfallen, der er ſo ſehr zu gefallen wünſchte. Zu ſeinem Leidweſen durfte er ſie auch nicht ſo oft beſuchen, denn in den Tagen vor und nach Weih⸗ nachten war Marie Luiſe von einer Menge Handarbei⸗ ten in Anſpruch genommen. Sie hatte ihm das ſelbſt geſagt, und er mußte ſich mit ſeinen alten Beobachtun⸗ gen durch die Fenſter und die Gardine begnügen. „Nun, mein Herr Ingenieur,“ ſagte die Raths⸗ herrin, die in dieſer Sache ſchärfer ſah als die Andern, „wiſſen Sie, daß wir am Neujahrsabend einen kleinen Schmaus haben werden. Würde der Herr Ingenieur nicht ſo gut ſein und uns ſeine Zimmer benützen laſſen, da ſie durch die verriegelte Thüre mit unſerem Saale zuſammen hängen.“ „Sehr gern, meine beſte Frau Rathsherrin! Aber was für angenehme Gäſte werde ich denn bekommen?“ „O Gäſte genug, einen ganzen Haufen, ſo daß Sie tanzen und ſich ſonſt beluſtigen können! Ich ſehe gerne ihrer velche btigen Statt dieſer Nach⸗ form r den einer ſuche jeni⸗ nieur durch N. ürch⸗ llen, t ſo eih⸗ bei⸗ elbſt tun⸗ ths⸗ ern, nen teur ſen, tale ber 2ℳ Sie rne 57 junge Leute, und Fräulein Marie Luiſe iſt die ſchönſte Blume im Kranz.“ „Da bin ich Ihrer Meinung!“ Williams Herz ſchlug laut vor Freude. Marie Luiſe ſollte ſein Zim⸗ mer betreten, auf ſeinen Stühlen ſitzend, ſeine Pa⸗ piere, ſeine Bücher, ſeinen Schreibtiſch ſehen— wie theuer würden ihm alle dieſe Dinge von nun an wer⸗ den! Er war närriſch vor Freude.— In einer Geſell⸗ ſchaft, die zwiſchen Weihnachten und Neujahr Statt fand, traf er den Gegenſtand ſeiner Gedanken und er klagte darüber, daß er ſie ſo lange nicht mehr ge⸗ ſehen hatte. „Wenn der Herr Ingenieur dieſen Wunſch gehabt hätte, ſo wäre ja der Weg kurz geweſen antwortete Marie Luiſe mit dem freundlichſten Blick, den er noch erhalten hatte. „Aber das Fräulein war mehr als gewöhnlich be⸗ ſchäftigt, und ich glaubte einen kleinen Wink zu ver⸗ fehen der von einer Verweiſung auf unbeſtimmte Zeit prach. „Nein, ſo war es nicht gemeint,“ verſetzte Marie Luiſe erröthend. „Das will heißen— 2 „Daß da keine Verweiſungsordre ausgefertigt wurde— ein feines Lächeln vollendete den Satz. William verbeugte ſich und ſein ſtrahlender Blick erklärte hinreichend, wie weit er dieſe Worte zu deuten gewagt hatte. Marie Luiſe beſaß jedoch ein großes Talent die Gluth der Gefühle abzukühlen, wenn dieſe zu hoch ſtieg. „Ich reiſe gleich nach dem Dreikönigsfeſte ab,“ fuhr ſie gleichgültig fort. „Das Fräulein reist ab?“ „Ja, für einige Zeit auf's Land— ich habe es ver⸗ ſprechen müſſen.“ Williams Freude war vernichtet. 1 „Und Sie bleiben vielleicht bis zum Frühjahr 58 fort?“ William zitterte für dieſe Zeit, wo ſeine Ge⸗ ſchäfte wieder beginnen ſollten. „Nicht ſo lange, glaube ich— es iſt jedoch noch unbeſtimmt.“ Ein Herr kam, um Marie Luiſe zum Tanze aufzu⸗ fordern. Und William, der im Laufe der Unterhaltung vergeſſen hatte, ſich des Verſprechens zu verſichern, das er ſo gerne erhalten hätte, ſah ſie aufſtehen. In die⸗ ſem Augenblick war er auch nicht in der Stimmung, ſie um einen andern Walzer zu bitten. Er ging und ſo geſchah es, daß der artige Ingenieur, auf den alle Mütter für ihre Töchter gerechnet hatten, bei der erſten Tanzunterhaltung, die er nach ſeiner Ankunft in der Stadt beſuchte, ſich mit Rathsherr Utter und ein Paar andern Herrn an den Spieltiſch ſetzte. „Was um's Himmels willen hat unſer Ingenieur?“ ſagte die Rathsherrin zu Fräulein Marie Luiſe, die eine Weile nachher einen Platz bei ihrer freundlichen Frau Nachbarin ſuchte. „Hat er etwas?“ „Ja wohl, denn er, der eine ſo große Freude am Tanzen hat, ſetzt ſich heute zum Kartenſpiel nieder. For⸗ derte er denn das Fräulein nicht auf?“ „Nein, wahrhaftig nicht.“ „Hm! nun, ſo ſprachen Sie wohl von etwas An⸗ derum.— Es iſt ein braver und gar ſeltener Mann, mein Ingenieur! Ein Mann, mein kleines Fräulein Marie Luiſe, wie es ſeines Gleichen nicht in der gan⸗ zen Stadt hat— ordentlich im Handel und Wandel, reell und arbeitſam, ein recht eſtimabler junger Mann. — Aber ſehe ich recht? ja wahrhaftig, da kommt er ja!— Herr Ingenieur, Herr Ingenieur! kommen Sie einmal da her!— Da ich ein gewiſſes Recht habe, Sie zu bevormunden, ſo möchte ich wiſſen, warum mein lieber Herr fich mit den Karten abgegeben hat?“ „Deßhalb,“ antwortete William mit einem ſchnel⸗ len Blick auf Marie Luiſe,„weil ich zu ſehr ins Den⸗ ken hinein gerathen war, als ich hätte handeln ſollen. Ich wollte eine Dame auffordern, man kam mir aber uvor.“ 4„Und damit war die Tanzluſt zu Ende?“ bemerkte die Rathsherrin, während Marie Luiſe eine Bandroſe zu befeſtigen ſuchte, die nicht die geringſte Abſicht ge⸗ habt hatte, ihr Ballkleid zu verlaſſen. „Nicht eben zu Ende, aber da ich mich doch mit Etwas unterhalten mußte, ſo wollte ich das Glück in einer andern Richtung verſuchen. Es war mir jedoch auch dort nicht günſtig, deßhalb verließ ich es.“ „So— Sie haben alſo verloren 2„ „Ich gab mein Lehrgeld und habe die Entdeckung gemacht, daß ich es nie zum Meiſter bringen werde.“ „Iſt das nicht rühmenswerth Fräulein Marie Luiſe?“— wandte ſich die Alte zum Fräulein—„das Spiel zu ſchließen, wenn man Unglück hat? Ich weiß Viele, die dadurch gereizt wurden und ſich einen Erſatz ertrotzen wollten, anſtatt ſich klugerweiſe mit dem er⸗ haltenen Denkzettel zu begnügen.“ „Um in dieſem Grade unvernünftig zu ſein,“ meinte Marie Luiſe,„muß man wohl eine ſtärkere Leidenſchaft zum Spiel haben.“ „Ich glaube nicht, daß das nothwendig iſt,“ ver⸗ ſetzte William,„denn ohne daß man die geringſte Nei⸗ gung zum Spiele beſitzt, kann der Aerger über den Verluſt, die Begierde erzeugen, das Verlorne wieder zu gewinnen, und dieſe ſich bei fortdauerndem Unglück allmälig bis zur Leidenſchaft ſteigern— und in dieſem Fall vereinige ich mich mit der Frau Rathsherrin.“ „Der Herr Ingenieur,“ lächelte Marie Luiſe, „rühmt ſich alſo ſelbſt ſeines großen Sieges.“ „Ja, warum nicht? Er war auch nicht ſo ganz ohne ſeine Schwierigkeiten. Aber da er jetzt errungen iſt, ſo will ich es mir zum Grundſatz machen, mich nie mehr an einen Spieltiſch zu ſetzen, außer wenn ich von der Geſellſchaft dazu genöthigtwerde oder— aus Neigung. 60 „Kann man denn auf eine andere Weiſe dahin kommen?“ fragte die Rathsherrin lachend.„Ach hl bisweilen dazu getrieben, ohne daß Zwang oder Neigung Theil daran hat, wenn ken 1 man z. B. ſich nur dem Bedürfniß hingibt, einige gern Grillen zu verſcheuchen, die ſich nicht entwirren laſſen wollen.“„ſtet „Entſchuldigen Sie, meine Herrſchaften— die habe ürgermeiſterin winkt mir— ⸗ und die Alte ver⸗ gleie chwand im nächſten Zimmer. William nahm den freien Platz ein. ihre Marie Luiſe vermied feinen Blick nicht. Beide errötheten. Sie verſtand, was William ihr hatte ſa⸗ mein gen wollen, und ſchien froh zu ſein, daß er es ſo offen hob geſagt hatte. men „Haben Sie fich ſchon auf den nächſten Walzer 3 lich verſprochen, Fräulein?⸗ Alle „Ja, auf dieſen und wahrſcheinlich auf mehr, als derſ man hier überhaupt tanzen wird.“ „Alſo haben Sie keinen für mich? nich „Ich kann gegen die Herrn nicht unartig ſein, Zei die dem Herrn Ingenieur zuvor gekommen ſind.“ „Das iſt wahr— und mir bleibt alſo nichts an⸗ eine deres übrig, als aufs Neue mein Glück bei den Kar⸗ eine ten zu verſuchen.“ Her „Ja, ſofern der Herr Ingenieur nicht mit einer von den andern Damen tanzen will.— 4 Auf Wil⸗ als liams Stirn erhob ſich eine dunkle Röthe—„oder“ ihr ſetzte Maria Luiſe hinzu, nachdem ſie ſich ein Paar er Sekunden lang dahin ieben, wenn inige aſſen die ver⸗ eide ſa⸗ ffen alzer als 61 „Mir?“ flüſterte William, als ſie ungeſtört waren. „Ach Fräulein Marie Luiſe, wie ſoll ich Ihnen danken?“ „Ich weiß nicht, ob es überhaupt etwas zu dan⸗ ken gidt. Ein ſo tanzſüchtiges Weſen wie ich ſitzt nicht gerne; ich fürchtete, es würde mich Niemand auffordern.“ „Muß denn das Fräulein,“ ſagte William warm, „ſtets ein halb Dutzend froſtige Worte bei der Hand haben, um die Freude eines einzigen Freundlichen ſo⸗ gleich wieder abzukühlen?“ Die Muſik begann zu ſpielen. Marie Luiſe zog ihre Handſchuhe an. „Sie werden mir die Antwort ſchuldig bleiben mein Fräulein,“ fuhr William fort, indem er ſich er⸗ hob und ihr die Hand bot. Aber während der Pro⸗ menade nach dem beſtimmten Platz ſagte ſie freund⸗ lich:„Ich nehme jetzt keine Rechnungen mehr an. Alles, was vor der Francaiſe paſſirt iſt, muß nach derſelben abgeſchrieben werden.“ „Aber,“ wandte William ein,„noch hat ſie ja nicht angefangen, das Fräulein hätte alſo vollkommen Zeit, die Frage zu beantworten.“ „Verlangen Sie nie, daß ein Frauenzimmer auf eine Frage ſich erinnere, wenn ſie auf den Beginn einer Francaiſe wartet, denn das beweiſt, nur daß der Herr Ingenieur die Frauenzimmer nicht kennt.“ Ihre Miene und ihr Blick waren ſo bezaubernd, als ſie dieſe Worte ſprach, daß William ſeinerſeits ihr die Antwort ſchuldig blieb. Unaufhörlich folgte er ihren geringſten Bewegungen, als ſie leicht und graziös im Tanze dahinſchwebte, und jedesmal, wenn ſie an ihren Platz zurückkehrte, ſpielte ein unſchuldiger Scherz auf Marie Luiſens ſchönen Lippen. Unſer Ingenieur gab die Hoffnung auf, dießmal ein ernſtes Wort zu bekommen.„Aber warte,“ dachte er,„der Neujahrsabend ſoll mir günſtiger werden.“ — 5 8 —ͤͤͤͤ 8. Er ſah zurück: ſchon lag viel Himmel hinter ihm, aber noch mehr hatte er vor ſig Schwab ab. „Aber, großer Gott, iſt denn das auch eine Art, einen Teller zu halten? Was denkſt Du denn?“ rief die Rathsherrin, indem ſie Carl mitten in ſeinem eiligen Laufe hemmte, als er eben die Treppe zum obern Stockwerk hinaufjagen wollte.„Siehſt Du nicht, Du Tölpel, daß alle Lichter ſich auf die Seite neigen? Wenn ich jetzt nicht dazwiſchen gekommen wäre, ſo würden ſie alle pautz! auf den Boden gefallen ſein.“ „O bewahre,“ antwortete Carl,„ich habe wohl hingeſehen.“ „Ja, ja, ſchon recht— aber höre jetzt: haſt Du Dir auch recht ſagen laſſen, wie ſie aufgeſtellt werden ſollen? Laß mich einmal hören.“ „Nun, vier Stück ſollten auf den Schreibepult kommen, und zwei auf jeden Tiſch, die Ecktiſche aus⸗ genommen, wo ſie unter den Geigen umgeworfen wer⸗ den könnten, und dann ſollten Lichter in alle Lämp⸗ chen geſetzt werden.“ „Ja, die mußt Du aber zuerſt unten holen.“ „Die hab' ich ſchon geſtern geholt.“ „Was ſagſt Du? die Lämpchen brachteſt Du wohl zuſammen, aber die Lichter gewiß nicht— von denen habe ich ſo gut wie keines.“ 4„Aber ich kaufte geſtern, und Wachslichter noch azu.“ „Wachslichter!— wer ſchickte Dich denn,“ fragte die Rathsherrin etwas heftig. 3 „Der Ingenieur.“ 63 „So, ſo; er meinte alſo, meine Lichter würden nichts taugen!“ Und lang vor Carl war die alte Ut⸗ ter ſelbſt die Treppe zum obern Stockwerk hinauf, wo William hin und her ging und Alles auf das Aus⸗ geſuchteſte anordnete. „Mein kleiner Ingenieur, was ſoll das heißen? Sie haben Wachslichter zu den Lämpchen gekauft— das hab' ich wahrhaftig nicht gewollt, denn nicht ein⸗ mal des Bürgermeiſters haben Wachslichter gehabt, außer im letzten Jahr, da ihre älteſte Tochter Hoch⸗ zeit machte. Und ich muß Ihnen erklären, Herr In⸗ genieur, ich möchte nicht haben, daß man ſagte, die alte Utter ſei in ihren alten Tagen noch hoffärtig ge⸗ worden.“ „Meine beſte Frau Rathsherrin!— Doch erlau⸗ ben Sie mir mit dem letzten Tag des Jahres alle Titel bei Seite zu legen; und da mich die Herrſchaf⸗ ten wie einen Sohn und nicht wie einen Miethgaſt behandelt haben, ſo möchte ich künftig die vertrau⸗ lichere Benennung Tante und Onkel gebrauchen dürfen.“ „Danke, danke, das iſt ein guter Gedanke,“ ſchmunzelte die Rathsherrin, indem ſie ſich verneigte. „Ich werde doch noch hie und da mein kleiner Inge⸗ nieur ſagen.“ Und nun erhielt die Alte eine gewal⸗ tige Umarmung, die ſie mütterlich erwiederte.„Aber jetzt,“ fuhr ſie fort,„ſollſt Du mir Rechenſchaft wegen der Wachslichter ablegen— verwechsle mir aber die Karten nicht!“ „Weit entfernt! Ich wollte mich ja eben erklä⸗ ren, als ich eine noch lichtere Idee bekam. Es war nur eine kleine Artigkeit gegen die auf den Bänken fitzenden Damen, um ihre Toiletten vor Talgtropfen zu ſchützen. Und ich wollte dieſe kleine Ueberraſchung beſorgen, ohne daß Mutter Grete etwas davon wiſſen ſollte; denn da meine Zimmer für das Feſt benützt werden, ſo muß ich auch einen kleinen Thyeil an der Beleuchtung tragen.“ 64 „Nun, ſo behalte Deine lieben Wachslichter,“ antwortete die Alte beſiegt.„Ich weiß doch, wegen welcher Perſon die Talglichter nicht gut genug waren, obſchon die arme Kleine froh wäre, wenn ſie eines von den letzteren hätte.“ William wurde roth wie die Tulpe, deren Sten⸗ gel er eine beſſere Stütze zu geben ſuchte; that aber, als ob er den Stich der Tante nicht hörte. „Ich bin eben jetzt ein wenig um ſie bekümmert,“ fuhr die Rathsherrin fort, indem ſie mit ihrer Schürze den bereits geputzten Spiegel abſtäubte. „Um wen?“ fragte William, jedoch ohne ſich um⸗ zuwenden. „Ei, um unſre Nachbarn da drüben. Eben jetzt in den Tagen vor Weihnachten hatten ſie noch keinen Stecken Holz, um damit einzuheitzen.“ „Wer hat das geſagt?“ fragte der Ingenieur, außer Stands ſeine Aufregung zu unterdrücken. „Nun, das hat die geſagt, die es weiß: nämlich ihre Hausfrau.“ „Sie hat gewiß die Unwahrheit geſagt.“ „Sie iſt ein zu ehrliches Weib dazu, und auch ich möchte eine Klatſcherei nicht nachſagen. Es iſt um ſo gewiſſer, als ich ſelbſt— aber das bleibt unter uns — ihnen welches lieh, oder vielmehr die Hauswirthin, Frau Leander entlehnte von mir, um ihnen wieder zu leihen. Aber vor ein Paar Tagen bekamen ſie zwei Fuder von Segersſtad, wohin das Fräulein öfters ar⸗ beitet, und da bekam ich auch gleich mein Holz wie⸗ der; ſie ſind immer ſo ordentlich.“ „Großer Gott!“ ſeufzte William, der jetzt die Ur⸗ ſache ſeiner Verweiſung in der letzten Woche zu ver⸗ ſtehen glaubte. „Ja, Gott iſt gut,“ fuhr die Rathsherrin fort, „Fräulein Marie Luiſe wird ein tüchtiges Weib für einen braven Mann.“ William konnte nicht umhin, die Hand der Alten 8 65 zu ergreifen. Es lag ſo viel innige Güte, ſo viel auf⸗ richtige und warme Theilnahme in ihren Worten, daß er nicht thun konnte, als verſtehe er ſie nicht. Er blickte ſie freundlich an und ohne daß ein Wort geſprochen wurde, hatte er jetzt eine Vertraute. Lächelnd trippelte die Rathsherrin zu ihren Caſſerolen hinab. Beinahe ſo unruhig wie ein Bräutigam am Hoch⸗ „ zeittag wartete William auf den Beginn der Feier⸗ tert, lichkeit. Seine eigenen Zimmer waren ihm nie recht ſchürze in Ordnung, denn bald legte er alles Ungehörige bei Seite, um Ordnungsſinn zu zeigen, bald wurden Pa⸗ um⸗ piere und verſchiedene andere Sachen hervor gezogen, 8 damit es nicht ſo ſteif und berechnet ausſehen ſollte; jetzt kurz er veränderte ſo oft und viel, daß wenigſtens das einen innere Zimmer eher unordentlich als geordnet war, . da die erſten Gäſte ankamen. Aber ehe Marie Luiſe teur, erſchien, hatte ſein Gemüth das glückliche Gleichgewicht wieder errungen, ſo daß er im Stande war, zu ſehen, mmlich was fehlte und den Mängeln abzuhelfen. An dem jährlichen Galatage des Utteriſchen Hau⸗ ſes ging es ſtets fröhlich und ungenirt zu. Heute Abend ch ich aber war es glänzender als gewöhnlich und alles von in ſo den Wachslichtern und Punſchbowlen, wo die goldenen, uns Zitronenſcheiben unter dem gewaltigen Rühren der thin, Wirthin hin und her flogen, bis herab auf den wohl⸗ r zu gemäſteten Kapaunen und die überzuckerte Torte zeugte zwei von Einfachheit und Reichthum in Geſchmack und Zu⸗ ar⸗ bereitung. vie⸗ Obſchon Frau N. zu allen Feſtlichkeiten der Stadt eingeladen wurde, ging ſie doch nie hin, entweder Ur⸗ aus alt eingewurzeltem Hochmuthe, wie man ſagte, der⸗ oder aus Mangel an Garderobe. Einige Wenige urtheilten jedoch milder und glaub⸗ rt, ten, daß das Unglück und die noch fortdauernden für Kümmerniſſe ihr Gemüth für die Einſamkeit geſtimmt hätten. ten Wie dies nun auch ſein mag— Marie Luiſe kam 66 heute ebenfalls allein, und vielleicht war es dieſe Gewohnheit, ſich ſelbſt aufzuführen, was ihrem Be⸗ nehmen und ihrer Haltung, die Manche einem Gefühl der Ueberlegenheit zuſchrieben, eine Sicherheit und eine gewiſſe Freiheit gegeben hatte, welche über die Schran⸗ ken hinausging, an welche die jungen Mädchen der Stadt gewöhnt worden waren. Marie Luiſe trug heute ein Kleid, das nicht nur Neid, ſondern beinahe ſogar eine Art Gährung im Kreis der Damen hervorrief. Die ganze Stadt wußte, daß„die Gnädigen im Dacherker“, wie man ſie in der Stille nannte, die ganze Woche vor Weihnachten kein einziges Scheit Holz mehr gehabt hatten, als das Geliehene— und jetzt trug ſie ein Kleid von violet⸗ tem Tafft!„Nein, Maß in Allem!“ ſagte die Pfarre⸗ rin, eine kleine, neuvermählte Dame, die nicht zu⸗ geben konnte, daß ihr ſchwarzes Levantin⸗Brautkleid von einem andern verdunkelt wurde, zumal da dieſes, das Brautkleid nämlich, eine Menge Hochzeiten, Kind⸗ taufen und Begräbniſſe in einer langen Reihe von Jahren vor ſich hatte. „Fräulein Marie Luiſe hat dieſen Zeug von der Baronin von Segersſtad zum Weihnachtsgeſchenk be⸗ kommen,“ bemerkte eines jener ſeltenen guten Weſen, welche ſich durch den Ausbruch des Reides verletzt fühlen.„Sie bekam es, weil ſie das kleine Fräulein ſo hübſch zeichnen lernt, und weil die Baronin über⸗ dies Fräulein Marie Luiſe ſtets wie eine Schweſter behandelt.“ „Das mag ſein, Mamſell T.; aber es paßt ſich jedenfalls nicht ſehr für Fräulein Marie Luiſe, ein ſol⸗ ches Kleid anzuziehen— darüber könnten wir einig ſein. Ich denke doch wahrhaftig, ſie war auf dem letzten Ball in ihrem Florkleid elegant genug⸗“ „Aber da ſie jetzt einmal den Zeug bekommen hat, ſo mußte ſie ihn doch benützen.“. „Meiner Anſicht nach wäre es weit nützlicher ge⸗ 67 weſen, wenn ſie ihn an Jemand verkauft hätte, für den es ſich beſſer geziemt haben würde.“ In dieſem Augenblicke kam Marie Luiſe, ſchön wie Hebe ſelbſt. Und mit den Spitzen des reichge⸗ ſtickten Schleiers ſpielend, der über ihre Schultern ge⸗ worfen war, und über das beneidete Kleid herabfiel, näherte ſie ſich den Damen, auf deren Lippen ihr Name eben geſchwebt hatte. Unwillkührlich rückte die junge Frau bei Seite, und die kleine artige Mamſell T. war ſo gut, ihren Platz zu verlaſſen. „Liebes Fräulein Marie Luiſe, welch' ein ſüßer Roſenduft weht aus den Blumen in Ihren Flechten,“ ſagte die Pfarrerin mit ſanfter und einſchmeichelnder Stimme.„Woher haben Sie die ſchöne Roſe und die lieblichen Geranien? Wir ſind ja mitten im Winter.“ „Ja— bin ich nicht beneidenswerth!“ antwortete Marie Luiſe mit ſtrahlenden Blicken.„Ich habe unſe⸗ rer guten Wirthin, der Rathsherrin Utter, für dieſe Artigkeit zu danken.“ „Aber das Bouquet im Gürtel,“ fuhr die Frau fort,„iſt doch noch ſchöner! Sehen Sie, Mamſell T., das iſt gerade ein ſolcher Goldlack, wie wir eben einen im Zimmer des Ingenieurs bewunderten— er iſt wirklich zu hübſch.“ „Das denke ich auch, er mag gewachſen ſein, wo er will,“ entgegnete Marie Luiſe kalt, worauf ſie ſich mit ein Paar herzlichen Worten an ihre andere Nach⸗ barin wandte. William, der es auf ſich genommen hatte, dem Onkel in der Wirthſchaft zu helfen, kam jetzt in den Saal, und da er Marie Luiſe ſogleich bemerkte, welche die Rathsherrin ſelbſt von der andern Treppe her⸗ führie, ſo war der Eindruck, den ſie heute auf ihn machte, ſo ſtark, daß es ihm ſchwer wurde, denſelben hinter den Formen des Gebrauchs und den Zwang der Höflichkeit zu verbergen. Außer Stands, ſie ſo⸗ gleich anzureden, verbeugte er ſich nur aus der Ent⸗ ſah er ſogleich ein; und da es ihm als eine Beleiidi⸗ 68 fernung, eine Unart, die Marie Luiſen übel bekam, da die junge Pfarrerin ſpitzig ſagte:„Ich glaube wahrhaftig, Ingenieur Williamsſon kennt Fräulein Marie Luiſe in ihrer eleganten Kleidung nicht mehr.“ Ein Paar Sekunden lang vermochte dieſe boshafte Bemerkung Marie Luiſen das Blut in die Wangen zu jagen. William ſah die Wirkung, ohne die ÜUrſache zu ahnen, und da er glaubte, daß die geſagten Worte auf ihn abzielten, ſo vermehrte dieſe nur noch ſeine Verlegenheit. Er wollte ſich zwingen, hin zu gehen. Er ſah, wie lächerlich es war, es nicht zu thun, aber er vermochte es nicht, und begann dafür, ohne eigent⸗ lich ſelbſt recht zu wiſſen, was er that, eine Unter⸗ haltung mit einer Dame, die er kaum kannte. Aber ſchnell, mitten in ſeiner konfuſen Unterhal⸗ tung, welche, die Wahrheit zu ſagen, die alte Dame, an die ſie gerichtet war, nicht wenig in Erſtaunen ſetzte, flog William empor— denn der Rathsherr fuhr mit dem Harz über den Bogen, ein Zeichen, daß. der Walzer beginnen ſollte.— Ach und wehl war es denn jetzt wieder zu ſpät? William ſchoß gerade durch den Saal, er wußte, wo Marie Luiſe ſaß. Sie anſehen konnte er zwar nicht, da er ſie vielleicht ſchon durch ſeine ſonderbare Begrüßungsweiſe beleidigt hatte; er begnügte ſich da⸗ her mit niedergeſchlagenem Blick zu ſagen:„Darf ich mir die Ehre auf den erſten Walzer ausbitten?“ „Ich danke gehorſamſt, ſehr gerne,“ antwortete eine ganz andere Stimme, als Marie Luiſens, und als William heftig emporblickte, ſah er ſich von Ange⸗ ſicht zu Angeſicht der jungen Pfarrerin gegenüber. Marie Luiſe ſaß daneben, that aber, als ſehe ſie den Ingenieur nicht, der indeſſen mit Verzweiflung, ob⸗ ſchon zu ſpät, einſah, wie gefährlich es ſei, eine Dame zu engagiren, ohne daß man ſie anſehe. Daß das Geſchehene nicht mehr zu ändern ſtannd, gung dem entfer haber keine unbel dem den ſon, von Hau Auge neter beſſen deſſe fein, Kand Lebe im; zweit Mar welc ſagte von er, him ehr.“ 1 69 gung erſchien, in demſelben Augenblick Marie Luiſe zu dem nächſten Walzer zu engagiren, ſo mußte er ſich mifernen⸗ ohne einen einzigen Blick von ihr erhalten zu haben. Die Gemüthsſtimmung unſeres Ingenieurs wurde keineswegs beſſer, als er gleich darauf einen ihm ganz unbekannten Gaſt, von dem Bürgermeiſter geführt, zu dem Fräulein herantreten und ſich als Bittſteller für den unglücklichen Walzer präſentiren ſah. Dieſe Per⸗ ſon, welche von dem Lenker der Stadt als Lieutenant von Wallden und Verwandter des bürgermeiſterlichen Hauſes vorgeſtellt wurde, behauptete ſogar in den Augen eines Nebenbuhlers ſeinen Platz als ausgezeich⸗ neter Ballelegant. Er führte ſeine Dame wo nicht beſſer als der Ingenieur— denn in dieſer Kunſt war deſſen Meiſterſchaft entſchieden— doch ſo gewandt und fein, daß das ganze ſitzende Publikum, welche die Kanapee's zierte, bereit war, mit ihm durch's ganze Leben zu walzen, wenn er es begehrt hätte. Als die tanzenden Paare hinter einander mitten im Zimmer ruhten, gelang es William, einen Reſeda⸗ zweig aufzufangen, der aus dem Bouget fiel, welches Marie Luiſe an ihrem Gürtel befeſtigt hatte, und welches ſie, obſchon Rathsherr Utter es nicht geradezu ſagte, doch nach einer Anſpielung deſſelben, das letztere von William herrührend vermuthete. „Sie haben da Etwas verloren, Fräulein,“ ſagte er, indem er ihr den noch friſchen und ſchönen Zweig hinreichte. „Es thut nichts,“ ſagte Marie nachläßig, und ließ die arme Reſeda auf den Boden fallen, wo ſie bald von Lieutenant Walldens Fuß fortgeſtoßen wurde. Jetzt war die Reihe des Erblaſſens an dem In⸗ genieur; in dieſem Augenblick fühlte er ſich überzeugt, daß ſie in dem Bouquet ein Geſchenk von ihm geahnt Die Erkerſtübchen. 5 70 hatte. Sie hatte alſo ſeine Blumen getragen, ſie aber nachher mit Verachtung weggeworfen. Ohne es ſelbſt zu wiſſen, war er da dem Thore des Himmels näher geſtanden, als er zu glauben gewagt hatte, aber daß dieſes jetzt verſchloſſen war, ging ſehr gut aus dem kurz angebundenen Tone hervor, womit der Repräſentant ſeiner Liebe abgefertigt wurde. William endigte den Walzer, indem er eine Ent⸗ ſchuldigung vorſchützte, weit früher, als es ſeine Dame erwartet hatte. Mißgelaunt und ärgerlich warf er ſich in einen kleinen Sopha, der in dem Erker ſelbſt ſtand, welcher letzterer eben leer geworden war, da die ältern Herrn und Damen unten in den eignen Zimmern des Rathsherrn an dem dort hergerichteten Spieltiſche Platz genommen hatten. Nach einiger Zeit hörte William Stimmen aus Carls gewöhnlicher Reſidenz her, die heute zur Toilette für die Damen eingerichtet worden war. Täuſchte er ſich wohl? William meinte den Ton von Marie Lui⸗ ſens Stimme zu vernehmen. Die Thüre ſtand angelehnt. „Seien Sie ſo gut, Jungferchen,“ ſagte das Fräu⸗ lein— denn ſie war es wirklich—„und knüpfen Sie mein Schuhband! Es iſt zwar noch nicht aufgegangen, aber ich ſpüre, daß es beſſer befeſtigt werden muß.“ „So, jetzt iſt es gethan,“ antwortete die Jungfer dienſtfertig.„Und da will ich auch noch einen Tannen⸗ zweig hinwegnehmen, der ſich in die Garnirung des Kleides verwickelt hat.“ „Es find ja keine Tannenzweige da.“ „Vielleicht hat ihn das Fräulein auf der Treppe bekommen— doch ich ſehe, es iſt ein kleiner Reſeda⸗ zweig.“ „Den hab ich aus dem Gürtel verloren!“ ſagte Marie Luiſe ungezwungen;„aber er ſoll kein ſchlim⸗ meres Schickſal haben als die andern.“ Sie nahm den Reſedazweig, ſtäubte ihn an ihren gen, ſie Ohne es Himmels t hatte, ſehr gut dmit der ne Ent⸗ e Dame er ſich t ſtand, eältern ern des ſe Platz n aus voilette chte er ie Lui⸗ Fräu⸗ en Sie angen, ß 71 ungfer nnen⸗ g des reppe ſeda⸗ ſagte blim⸗ hren 71 Handſchuhen ab und befeſtigte ihn unter den Blu⸗ men in dem nemlichen Bouquet, wo er vorhin ſeinen Platz gehabt hatte. Hatte William dieſe kleine Scene geſehen? Es war nur zehn Schritte von dem Sopha nach der Thüre— und ein Liebender hat ſcharfe Augen. In vollkommen veränderter Stimmung und von den Schwingen einer Kühnheit getragen, die ihm ſeine ganze gewöhnliche Sicherheit wieder gab, trat er jetzt in den Saal hinaus und ſtellte ſich an den Eingang, den Marie Luiſe paſſiren mußte. „Beſtes Fräulein Marie Luiſe— verzeihen Sie, daß ich Sie einen Augenblick aufhalte. Aber ich muß Ihnen ehrlich geſtehen, daß ich vorhin beim Engage⸗ ment zum Walzer das Unglück hatte, einen grauſamen Mißgriff zu thun, der mir ſo nahe ging, daß ich faſt an Ort und Stelle meine Ungeſchicklichkeit eingeſtand. Ich weiß nicht, ob das Fräulein nicht möglicherweiſe verſtand, an wen meine Worte gerichtet ſein ſollten, obſchon die Verbeugung ſelbſt in Folge meiner Träu⸗ mereien zu weit links kam.“ „Nein,“ antwortete Marie Luiſe, während ſie zuſammen nach dem obern Ende des Saales gingen, wo ſie Platz nahm; ſich ahnte nicht, daß der Herr Ingenieur nicht recht ging.“ „Dann,“ ſagte William mit Nachdruck,„muß mein Benehmen das Fräulein mehr als nur lächerlich vor⸗ gekommen ſein.“ „Weder lächerlich noch ſonſt Etwas— ich habe nicht das Mindeſte darin geſehen, das meine beſondere Aufmerkſamkeit erregt hätte.“ „In dieſem Fall“— William verbeugte ſich mit glühenden Wangen—„muß ich das Fräulein bitten, meinen vielleicht allzu kühnen Schlußſatz zu entſchul⸗ digen. Ich werde vermuthlich wie letzthin damit be⸗ ſtraft, daß alle Walzer des Fräuleins vergeben ſind! Sind ſie es nicht?“ 72 „Ja, in der That.“ „Und von einer Francaiſe als Erſatz kann natür⸗ lich nicht die Rede ſein?“ „Es würde nicht ſehr zart von mir ſein, wenn ich dem Herrn Ingenieur einen Erſatz anbieten wollte, wo er keinen Verluſt gehabt hat. Ueberdies—“ „Ueberdies?“ „Glaube ich, daß ich auch dieſe vergeben habe.“ „Glauben Sie?“ wiederholte William und hef⸗ 1 tete ſeinen Blick mit einem Ernſt auf Marie Luiſe, der ö ihre Wangen flammen machte. Da er in demſelben Augenblicke ging, hätte ſie ihn gerne zurückgerufen; ö allein— das paßte ſich ja nicht. Später am Abend, als die anfängliche Ordnung ſich etwas aufgelöst hatte und überdies der Tanzſaal unerträglich warm geworden war, begannen die Da⸗ men, von ihrer guten Wirthin geführt, häufige Wan⸗ derungen nach den kleinen Zimmern zu unternehmen, die endlich ſo ſehr gefielen, daß ſich in jeder Ecke kleine Geſellſchaften bildeten. Der kleine Erker, der heute mit all ſeinen blätter⸗ ſo g reichen Pflanzen grün wie ein Blumengarten daſtand, ſieht gewann nur theilweiſe Beifall. Er war zwar ſehr. geſchmackvoll angeordnet, hatte jedoch einen Fehler und wie das einen ſehr großen. Denn da das Licht von außen legt her kam, ſo wagten ſich die tanzenden Damen nicht hin aus Furcht, das Halbdunkel möchte den Herrn ver⸗ wor hindern, ſie zu entdecken und zu engagiren. Marie Luiſe hatte bisher das einladende Plätzchen Wi aus der Entfernung betrachtet und es würde ihr aus die andern Gründen an Muth gefehlt haben, hinzugehen, wenn ihr nicht eine von den Mädchen zugewinkt hätte, ihr dorthin Geſellſchaft zu leiſten um eine Haarlocke zu befeſtigen. St Als nun unſer Fräulein hier ſtand und nach dem hal Fenſter ihrer eigenen Wohnung hinüber blickte, be⸗ ge merkte ſie, wie eine Geſtalt recht gut hinter den Gar⸗ un 1 2 — — ehmen, kleine Lätter⸗ iſtand, r ſehr r und außen nicht ver⸗ zchen aus ehen, hätte, rlocke 73 dinen bemerkt werden konnte; ſie ſah ihre Mutter, wie ſie den Kopf neigte und wieder aufrichtete; und Marie Luiſens Herz bebte bei dem natürlichen Gedanken, daß William wahrſcheinlich manchmal an derſelben Stelle geſtanden ſei und ſie ſelbſt betrachtet hätte. Da kam ein Gefühl der Rührung über ihren ſtolzen Sinn und ſie warf ſich vor, das wahrſcheinlich unvorſätzliche Ver⸗ ſehen mit dem Gruß übel genommen und dann ihn, der ſo offen und aufrichtig an ſie appellirt hatte, nach⸗ her mit Kälte oder, was noch ſchlimmer war, mit gleich⸗ gültiger Bitterkeit behandelt zu haben. In Betrachtungen verſunken und gegen das Fen⸗ ſter gelehnt, welches dieſelben hervorgerufen hatte, gab ſie nicht Acht darauf, daß ihre Geſellſchaft verſchwun⸗ den war und William ſich leiſe näherte. Er war ihr ſchon ganz nahe, als ſie ſich umwandte; und wie wenn der Wechſel nichts Unerwartetes an ſich haben könnte, ſagte ſie ohne Verlegenheit, mit einer ſo weichen und guten Stimme, daß ſie Williams Herz hoch über alle kleinen Widerwärtigkeiten erhob:„Jetzt weiß ich eben ſo gut wie der Herr Ingenieur wie es bei uns aus⸗ ſieht.“ „Und eben ſo gut als das Fräulein auch weiß, wie es hier ausſieht!“ verſetzte William leiſe und legte die Hand aufs Herz. Marie Luiſe wandte den Kopf ab, ohne zu ant⸗ worten: ein leichtes Zittern bewegte ihre Lippen. „„Nach Tiſche wird der Cotillion getanzt,“ fuhr William fort,„wird Fräulein Marie Luiſe mir auch dieſen abſchlagen?“ „Nein, gewiß nicht.“ „Dank— ach tauſend Dank, theuerſtes Fräulein. Marie Luiſe! Aber noch eine Bitte, ſolange mein guter Stern ſtrahlt— er tritt ſo oft in die Wolken! Wir haben heute Abend eine Schlittenpartie auf übermor⸗ gen verabredet; die Bahn macht ſich, es iſt mondhell und Alles verkündet Glück. Wird aber mein höchſter 74 theuerſter Wunſch nicht erfüllt, darf ich Fräulein Marie Luiſe nicht führen, dann mag arrangiren wer will, ich werde es nicht thun.“ „Und,“ erwiederte Marie Luiſe in ihrer gewöhn⸗ lichen leichten Art,„da dies gewiß ein Verluſt für die Geſellſchaft ſein würde, ſo glaube ich beinahe, daß es meine Pflicht iſt, etwas zu unterlaſſen, was das Ver⸗ gnügen ſtören könnte.“ Ehe ſie es hindern konnte, hatte er ſchon ihre Hand ergriffen und ſie an ſeine Lippen geführt. Und Marie Luiſe fühlte noch lange die Wärme dieſes Kuſ⸗ als Williams Stern ſich bereits in Wolken verhüllt atte. 9. An's Herz ſchließ ich des Augenblickes Glück, Und ahne Luſt der Ewigkeit darin. Unonius. ———— das eeben ſpielt Ein Weilchen nur mit ſeiner heitern Welt. Lénſtröm. Man konnte ſich denken, daß der Braune ſowohl als Carl gehörig hergeputzt waren, um ihrem Herrn an dem wichtigen Tag, der ihn an der Spitze der Stadtſchlitten ſehen ſollte, Ehre zu machen; denn als Hauptdirektor der verabredeten Partie kam William dieſe Ehre zu. Doch wie äußerte ſich unſer Ingenieur in ſeiner Skizze?„Was weiß der Menſch von dem Erfolg ſei⸗ ner Berechnungen?“ Glück, s. Welt. n. wohl Herrn der als liam einer ſei⸗ — 79 Armer William! Noch mehrere Jahre nachher konnte man ihn mit nichts mehr ärgern, als wenn man ihn an den Tag dieſer Schlittenpartie erinnerte— einen wahren Tycho Brahes Tag, von dem ſich all ſeine ſpäteren Mißgeſchicke datirten. Wohl an keinem Januarmorgen leuchtete die Sonne heller als an dieſem. Die Kälte hatte Roſen auf Wil⸗ liams Fenſter gemalt, aber er thaute ſie mit ſeinen Lippen auf, um zu ſeinen Nachbarinnen hinüber ſehen zu können. Ach! auch ihre Fenſter hatten Froſtroſen; kein einziger Blick konnte ſich hinüber ſtehlen. Um halb elf Uhr Vormittags hielt er es für paſ⸗ ſend, einen Beſuch zu machen, um einen Sonnenſchim⸗ mer von Marie Luiſe zu bekommen, ehe er nach dem Wirthshofe fuhr, wohin die Partie gehen ſollte und wo William zum Voraus einige Geſchäfte abzumachen hatte. Mit warmem Herzen und fröhlichem Geſicht trat er in das Zimmer der Damen, und Marie Luiſe ſchien ihn wo nicht warm, ſo doch wenigſtens freundlich und fröhlich zu empfangen. Eine halbe Stunde verging, während Ernſt und Scherz leicht auf ihren Lippen wech⸗ ſelten. William nahm Abſchied. Um drei Uhr wollte er zurück ſein und um vier Uhr ſollte er ſeine Damen abholen. Sie trennten ſich. Marie Luiſe nahm ihr Kleid, ihren Shawl und die kleineren Sachen heraus, flocht ihr Haar vor dem Spiegel, zog die Locken aus ihren Feſſeln und rollte ſie wieder auf, um ſie unter die Haube zu ſtecken, de aufprobirt und wieder aufprobirt wurde. „Heute nimmſt Du Dir recht Zeit,“ ſagte die Mutter lächelnd. Marie Luiſe ſah der Mutter freundlich ins Auge, küßte die geliebte Hand und antwortete zuverſichtlich: „Ich habe heute meinen guten Tag. Ich bin fröhlich wie ein Kind.“ 76 „Gott laſſe es dauern,“ verſetzte Frau N.„Möchte keine Laune Dein Glück ſtören!“ „Was für eine Laune, Mamachen?“ „Eine Laune des Schickſals oder Deiner ſelbſt.“ „O heute kann ich nicht launiſch ſein. Man iſt nicht launiſch, wenn man glücklich iſt.“ „Und warum, meine Marie Luiſe, biſt Du heute mehr als gewöhnlich glücklich?“ fragte Frau N., in⸗ dem ſie die Hand ihrer Tochter zärtlich zwiſchen den ihrigen hielt. „Ich weiß es ſelbſt nicht, geliebte Mama! Aber ſo frei, ſo leicht und fröhlich habe ich mich nie gefühlt. Geſtern beim Jahreswechſel ſprach ich auch recht ernſt mit mir ſelbſt und hielt mir das vor, was Mama immer gerne verbeſſern möchte, meine Veränderlichkeit und— warum ſoll ich es nicht ſagen— meinen ſtol⸗ zen Sinn, der ſo leicht verletzt wird, während ich doch ſelbſt oft kein Bedenken trage, Andere zu verletzen.“ „Ach, meine Marie Luiſe! wie wohl thut es mir, Dich ſo ſprechen zu hören! Hat die ſchöne Predigt un⸗ ſeres braven Pfarrers dieſe guten Vorſätze in Dir er⸗ weckt, mein Kind?“ „Nein, Mama, ich halte ſie ſchon vorher,“ antwortete Marie Luiſe und beugte den Kopf erröthend über die Schultern der Mutter.„Aber jedenfalls wurden ſie in der Kirche befeßigt, und wie ich hoffe für immer—“ Während Mutter und Tochter ſich ſo einander mittheilten, gab William der jungen Wirthin in Aby ſeine Befehle. Vollkommen überzeugt, daß Alles, was zur Bequemlichkeit und zum Vergnügen gethan werden könnte, jetzt angeordnet ſei, ſaß er um zwei Uhr wie⸗ der im Schlitten und berechnete eben, wie viel Zeit er noch zu ſeiner Toilette übrig hätte, als nicht weit von der Stadt ein offener Schlitten ihm entgegen kam. Er hielt ſein Pferd in demſelben Augenblick an, wo auch der Kutſcher im andern Fuhrwerk dieſen Befehl zu er⸗ halte ſeinen los L Mar ſie ſi nicht nicht mich theil ſelbf Sie, 77 halten ſchien, und in einer Sekunde war William aus ſeinem Schlitten und ſtand an der Thüre des andern. „Fräulein Marie Luiſe!“ rief er beinahe athem⸗ los vor Erſtaunen. „Mein beſter Ingenieur Williamsſon,“ antwortete Marie Luiſe mit einer Vertraulichkeit im Tone, der ſie ſich früher nie bedient hatte,„werden Sie mir nicht böſe— ich kann nichts dafür, nein, wahrhaftig nicht— Doch ich ſehe, der Herr Ingenieur iſt bereit, mich ungehört zu verurtheilen.“ „Gott verhüte, daß ich Jemand ungehört verur⸗ theilen ſollte und am allerwenigſten die, von der ich ſelbſt gut beurtheilt zu werden wünſche! Doch ſagen Sie, ums Himmels willen, wie hängt das zuſammen?“ „Nun, vor einer Stunde erhielt ich mit dieſem Schlitten ein Billet von der Baronin von Segersſtad. Sie“— 3 „Fräulein Marie Luiſe,“ unterbrach ſie William mit flehendem Blick,„ich kann es, ich wage es nicht zu ſagen, welch' einen höchſt unangenehmen Eindruck es auf mich macht, daß eine Botſchaft, ein Billet, komme es von wem es wolle, die Erinnerung an ein Verſprechen, das ich bereits erhalten hatte, ſo ſchnell fortblaſen konnte. Aber noch iſt es nicht zu ſpät, es abzuändern. Kehren Sie um— es hängt für mich ſo viel, ſo viel von dieſer Güte ab.“ „Das geht nicht und der Herr Ingenieur kann nicht wollen, daß ich mich dem Gelächter ausſetze— nicht wahr?“ „Ja,“ antwortete William kalt, denn jetzt war die Temperatur ſeines Herzens plötzlich eine andere geworden,„aber mich demſelben Dinge auszuſetzen— das iſt nichts. Was wäre es auch, wenn man darüber lachte, daß der Veranſtalter der Partie keine Dame bekam und zu Haus blieb.“. „Ja, das Letztere wäre in der That lächerlich,“ meinte Marie Luiſe.„Ein Mann, der daheim ſitzt, 78 um über eine fehlgeſchlagene Hoffnung zu klagen! Laſ⸗ ſen Sie mich ſo Etwas nicht glauben.“ „Nein, glauben Sie es nicht,“ verſetzte William zugleich zornig und überwunden.„Ich werde mir eine von den überflüſſigen Damen aufſuchen.— Wann wer⸗ den Sie zurückkehren, gnädiges Fräulein?“ „So bald als möglich! Und glauben Sie mir jetzt— ich ſage es im Ernſt— es thut mir ſehr leid, heute reiſen zu müſſen, da ich mir ein ſo großes Ver⸗ gnügen verſprochen hatte; allein die Baronin(der Herr Ingenieur weiß, welche Verbindlichkeiten wir ge⸗ gen ſie haben) ſchreibt und bittet mich, um Gottes⸗ willen hinauszukommen und ihr an dem Krankenbette ihres Töchterchens wachen zu helfen.— Konnte ich mich da weigern, eine Laſt mit der zu theilen, die ſo oft ihre Freude mit mir getheilt hatte?“ „Nein, wenn es ſo iſt, ſo konnten Sie nicht an⸗ ders, aber ſagen Sie mir noch einmal, ſagen Sie mir recht herzlich, daß es Ihnen leid thut, reiſen zu müſſen.“ „Herr Ingenieur, der Kutſcher und die Pferde werden ungeduldig. Ich habe jetzt Alles geſagt!“ „So leben Sie wohl, leben Sie wohl, Marie Luiſe.“ „Leben Sie wohl,“ flüſterte ſie erröthend. „Legen Sie noch ein Wort dazu— ein einziges — und ich entferne mich ſogleich.“ Sie ſchüttelte langſam den Kopf, wie wenn dieſes Wort den Weg nicht über ihre Lippen finden könnte. Aber ſein inniger und flehender Blick überwand jede Bedenklichkeit. „Leben Sie wohl, William!“ „Jetzt iſt Alles gut— Reiſen Sie mit Gott!“ ſagte er zuverſichtlich und gab dem Kutſcher ſelbſt ein Zeichen, zuzufahren. Ueber Marie Luiſens letztem Blick, als der Schlit⸗ ten fortflog, lag ein Nebel, der ſeinen Schatten auf Williams Herz zurückwarf; aber er verſcheuchte ihn— denn ſchier zu tu weſe denn war auch ſein Schickſal nicht unwiderruflich ent⸗ ſchieden, ſo hatte er doch Grund, von einer Seligkeit zu träumen, die indeſſen noch in weitem Felde ſtand. * 1⁸ Ueber einen Monat dauerte Marie Luiſens Ab⸗ weſenheit. Da William während dieſer Zeit nicht den geringſten Geſchmack an Vergnügungen hatte, ſo holte er ſeine Arbeiten wieder völlig herein, ja weit mehr als er verloren hatte. Denn er arbeitete auch für die Zeit des Friedens und der Freude, die er erwartete. Seine einzige Erquickung mit Ausnahme der Tiſchſtun⸗ den bei ſeinen wohlwollenden und herzlichen Wirths⸗ leuten waren die Stunden, die er bei Marie Luiſens Mutter zubrachte; und nichts machte ihm mehr Freude als die kleinen Vortheile und Aufmerkſamkeiten, die ſein guter Wille und ſeine zarte Freundſchaft ihr be⸗ reiten konnte. Frau N—s Vertrauen zu William nahm auch immer mehr zu. Sie ſah jetzt keinen Fremdling mehr in ihm, er war ihr ein lieber Sohn, und ohne Verle⸗ genheit vertraute ſie ihm ihre kleinen häuslichen Sor⸗ gen oder fragte ihn um Rath, wenn ſie welchen brauchte. Durch Williams Vorſorge, der ihr vom Lande her Holz und alle andern Waaren zu den billigſten Preiſen verſchaffte, erhielt ſie, was ſie lange nicht gehabt hatte, einen kleinen Vorrath, anſtatt wie vorher durch theure Laufweiber die Bedürfniſſe an verſchiedenen Stellen in der Stadt holen laſſen zu müſſen. Und wenn Wil⸗ iam bei ſeinen Wanderungen über den Markt etwas Gutes in den Weg kam, ſo bekam ſtets ſeine Nachba⸗ rin und Mutter Grete jede die Hälfte davon. Einſt an einem ſchneegrauen Februar⸗Nachmittag hielt wieder der Schlitten von Segersſtad vor der Hausthürtreppe der armen Wittwe. Und William, der 80 bei dieſem Anblick vor Freude vom Stuhle aufſprang, konnte ſeine Ungeduld kaum ſo lange zügeln, als es die Artigkeit erforderte. Ungeduldig zählte er die Mi⸗ nuten, bis die Stunde verfloſſen und mit ihr das frei⸗ herrliche Gefährt verſchwunden war. Da ſtand Wil⸗ liam an der Thüre zu den Zimmern, in denen ſich das Weſen befand, das ihm am theuerſten war. Als er eintrat, ſaß Marie Luiſe allein am Tiſche und war mit Ordnen ihrer Nähſachen beſchäftigt. Schon der erſte Blick verkündete William, daß ein kalter „Hauch über ſeinen ſchönen Blumengarten, ſeine ſüßeſten Hoffnungen gegangen war. Marie Luiſe war zwar freund⸗ lich, ja mehr als das, ſie war artig, aber ſtarr wie eine Roſe, in die der Froſt ſeine Kälte ausgeſchüttet hat. „Allezeit ein aufmerkſamer Nachbar!“ ſagte ſie lächelnd, ehe William nur ein Wort hervorbringen konnte, und der Ton war ſo glücklich abgewogen, daß er ſogleich beſtimmte, auf welchem Fuß ſie künftig gegen einander ſtehen ſollten. „Da iſt etwas vorgegangen,“ dachte William. „Was, das muß ich wiſſen! Sie hat einen fremden Einfluß auf ſich wirken laſſen. Hier aber taugt es nicht, den bittenden Liebhaber zu ſpielen— dann wäre Alles verfehlt. O die Weiber, wie ſchnell können ſie unſer ſchönſtes Paradies zerſtören!“ William war ſei⸗ ner fehlgeſchlagenen Hoffnung ungeachtet bei gutem Muthe. Er glaubte es nur mit einer leichten Wolke zu thun zu haben, die endlich doch der Sonne Platz machen würde. „Ja wohl, Fräulein Marie Luiſe, ich ſchmeichle mir damit; allein dieß iſt kein Verdienſt, wenn man zwei ſo anziehende Damen zu Nachbarinnen hat. Iſt das kleine Fräulein von Segersſtad wieder hergeſtellt, da unſerer Stadt die Freude wird, ihren ſtrahlendſten Stern wieder zu bekommen?“ Marie Luiſe war ſichtlich überraſcht von der un⸗ gezwungenen Art, wie William ſie begrüßte und anre⸗ — 81 dete. Sie, der er bisher mit ſo ſchüchterner Hinge⸗ bung begegnet und bei der Trennung ſo deutlich das Geheimniß ſeines Herzens anvertraut hatte, ſie redete er jetzt an wie die gewöhnlichſte Bekanntſchaft. „Die kleine Ottanie war in vierzehn Tagen wie⸗ der geſund— allein Segersſtad iſt ſo feſſelnd.“ „Ich begreife. Es iſt auch ganz natürlich, daß das gnädige Fräulein ſich in einem Kreiſe gut un⸗ terhielt, der ſo ganz mit ihren eigenen Neigungen übereinſimmt. Ich habe Segersſtad als einen Tempel des Reſchthums und der Grazien rühmen hören.“ „Das iſt wahr! Die Baronin iſt bezaubernd. Ein Engel an Güte gegen alle Nothleidenden, zeichnet ſie ſich auch durch Bildung und ihren leichten Geſellſchafts⸗ ton aus.“ „Sie muß die Vollkommenheit ſelbſt ſein! Ich be⸗ greife nur nicht, wie Fräulein Marie Luiſe im Stande war, ſich von dieſem Eden loszureißen.“ „Meine Pflichten daheim!“ „O nach einem einzigen Monat iſt es doch zu früh, daran zu denken.“ Jetzt ſtrömte das Blut heftig nach Marie Luiſens Wangen.„Ich weiß nicht,“ ſagte ſie kalt,„ob ich nicht ſelbſt am beſten beurtheilen kann, wann dieſe Pflichten in ihre Rechte eintreten müſſen.“ „Ohne Zweifel!“ „Und daher Bemerkungen dieſer Art“— „Vollkommen unpaſſend ſind?“ „Und dennoch hat der Herr Ingenieur“— „Es gewagt, eine ſolche zu machen?— Sehr wahr, und ich würde bereits auf den Knieen für dieſe Kühnheit abgebeten haben, wenn ich nicht als ein auf⸗ merkſamer Nachbar— das Fräulein beliebte ſelbſt mir dieſen Titel zu geben— beobachtet hätte, wie tief es die Frau Mutter des gnädigen Fräuleins ſchmerzte, ſo lange von ihrer Tochter getrennt zu ſein. Frau N. hFatte oft ſehr mit ihren alten Leiden zu ſchaffen, und 82 in den Stunden, wo ſie mir erlaubte, neben ihr zu ſitzen, war es ſtets ihr höchſtes, ja ich darf ſagen, ihr einziges Vergnügen, die Tage bis zur Rückkehr des Fräuleins zu zählen, die ſo oft aufgeſchoben wurde.“ „Ich weiß,“ erwiederte Marie Luiſe mit gedämpf⸗ ter Rührung,„daß der Herr Ingenieur ſehr gütig gegen Mama war, und ich bin gewiß die Erſte, die ihm dafür zu danken wünſcht. Aber es geſchah mit Mama's Willen und Erlaubniß, daß ich fort blieb.“ „Sie iſt zu gut, um etwas Anderes zu wollen, als was Fräulein Marie Luiſe ſelbſt wünſcht— doch ich möchte das Fräulein vielleicht ſchon zu lange auf⸗ gehalten haben! Darf ich meine liebe Frau Nachbarin heute Abend nicht ſehen?“ „Mama iſt mit ihren Chokoladetafeln beſchäftigt — Wenn es aber dem Herrn Ingenieur angenehm iſt, ſo will ich ihr ſagen, daß—“ „Ach nein, einer ſolchen Artigkeit bedarf's um meinetwillen nicht. Ich werde mir das Vergnügen nehmen, ein anderes Mal wieder zu kommen!“ Und mit einer Verbeugung entfernte ſich William ſo ruhig, wie wenn er der Nachbar in dem untern und nicht der im obern Stocke geweſen wäre. „Was bedeutet dieſe Veränderung?“ ſagte Marie Luiſe bei ſich ſelbſt. „Der Geiſt des Hochmuths und der Vornehmthue⸗ rei hat ſich ihrer auf dem freiherrlichen Segersſtad be⸗ mächtigt. Ich wollte, es läge in Neuholland!“ ſagte William, als er weit weniger ruhig, als er ausſah, über die Straße hinüber nach ſeinem Hauſe ging. „Der Ingenieur Williamsſon war da, Mama,“ ſagte Marie Louiſe mit abgewandtem Geſicht, als die Mutter einige Zeit ſpäter eintrat. 2 „Und warum iſt er nicht mehr hier?“ fragte Frau N. ärgerlich und erſtaunt zugleich. „Ja— ich weiß nicht.“ „Du weißt es nicht— ganz gewiß weißt Du's, 83 das hört man an Deinem Tone. Haſt Du ſchon ver⸗ geſſen, was ich Dir erſt eben ſagte, und was ich Dir ſo oft geſchrieben habe: daß William zärtlicher und freundſchaftlicher gegen mich war, als ein Sohn 2 „Nein, das hab' ich gewiß nicht vergeſſen, Ma⸗ ma'chen.“ „Und doch iſt er jetzt fort?« „Ich ſagte ihm, ich wollte Mama rufen, aber er hatte gewiß Geſchäfte.“ „Da ſteckt etwas Anderes dahinter, Marie Luiſe! Ich merkte ſogleich, als ich mit Dir von Williamsſon ſprach, daß Du Deine Anſicht geändert zu haben ſchienſt; und ich muß Dir ſagen, mein Kind, ich habe lange geahnt, daß Dein beſtändiges Verweilen in Segersſtad in der Länge zwar nicht der Reinheit Deines Herzens — denn ich hoffe, dieſe iſt zu feſtgewurzelt— aber doch der Reinheit Deines Sinnes ſchaden würde. Je⸗ desmal, wenn Du von dorther zurück kehrſt, biſt Du reicher an Prätenſionen, Stolz und Launen. Ein ar⸗ mes Mädchen darf, wenn es auch von guter Geburt iſt, ſich nicht in Eine Linie mit einer reichen Baronin ſtellen, wenn dieſe ſie auch wie eine Schweſter behan⸗ deln ſollte. Dieſe Güte ſollte Dich im Gegentheil zum Nachdenken über den Unterſchied in euern Verhältniſ⸗ ſen führen, und Dich demüthiger und dankbarer machen.“ „Ich kann nicht demüthig ſein,“ antwortete Marie Luiſe leiſe.„Aber dankbar bin ich gegen die, welche mich nie empfinden laſſen, daß ich arm bin.“ „Großer Gott, mein Kind!“ ſeufzte Frau N. mit der tiefen Angſt einer wahren Mutter, wenn ſie ahnt, daß ihr Kind einen Irrweg einzuſchlagen im Begriff iſt.„Ach, wie verſchieden ſind nicht die Anſichten, die Du heute äußerſt gegen die, welche am Neujahrstage in Deiner Seele erweckt wurden, und von denen ich mir eine ſo reiche Freude verſprach!“ Marie Luiſe ſchwieg. „Ich kenne die Baronin von Segersſtad und die vornehme Geſellſchaft, die dort aus wenig,“ fuhr die Mutter fort— nicht mehr hin.“ „Mama— ich habe verſprochen, in vierzehn Ta⸗ gen hin zu kommen.“ „Das magſt Du gethan haben; ich aber ernſtliches Nein— Richte Di Deiner Selbſtſtändigkeit Grenzen zu ſetzen. Deine Mutter wenigſtens, hoffe ich, wirſt Du ſie nicht geltend machen.“ „Nie, Mama!“ erwiederte Marie Luiſe, indem ſie ehrerbietig die Hand der Mutter küßte.„Allein es iſt Jemand hier, um deſſen willen ich fort ſein möchte, Wenn er abgereist iſt, komme ich wieder.“ „Williamsſon?“ „Ja. 4 Die Mutter ſchüttelte betrübt den Kopf.„Du willſt mir alſo jede Hoffnung tödten,“ ſagte ſie.„Er iſt jung, hübſch, gut und hat ein einträgliches Geſchäft — was kann ihm denn fehlen?“ „Er iſt— ich glaube— ich meine— man ſagt, er ſei ein Schlemmer, obſchon er dieſen Hang, den ich Wehr als alles Uebel verabſcheue, hier ſorgfältig ver⸗ irgt.“ „Williamsſon ein Schlemmer— biſt Du von Sinnen?“ „Ich weiß es beſtimmt, Mama. Ich habe es von ſicherer Hand, daß er in der ſchlechteſten Geſellſchaft lebt und in Bauernſtuben und auf Inſeln ganze Wo⸗ chen über die Zeit, wo ſeine Geſchäfte beendigt ſein ſollten, gelegen hat. Und derjenige, welcher bei dieſer Gelegenheit die edlen Vergnügungen, um deren willen er ſeine Geſchäfte verlängerte, brüderlich mit ihm theilte, iſt ein verſoffener, übel berüchtigter Branntweinadvo⸗ kat, derſelbe, den wir einmal im Herbſt zu Williams⸗ ſon hinein gehen ſahen, und den er wahrſcheinlich vor „Allein Du darfſt ⸗ und eingeht, ſehr nd die , ſehr darfſt 1 Ta⸗ ge ein Zeit, Gegen nicht m ſie e iſt öchte. „Du „Er ſchäft ſagt, ich ver⸗ von von haft Wo⸗ ſein 85 uns verbergen wollte, da er die Jalouſieen zuzog. Ich erinnere mich deſſen noch ſehr gut.“ „Pfui, Marie Luiſe! wie kannſt Du ſo Etwas lauben? Wie kannſt Du den gemeinen Erfindungen der Dummheit mehr Vertrauen ſchenken, als Deinem eigenen geſunden Urtheil! Es bedarf doch gewiß keines ſonderlichen Verſtandes, um einzuſehen, daß Williams⸗ ſon eben ſo weit von einem Schlemmer entfernt iſt, als Dein Sinn ſich gegenwärtig vom Pfad des Rech⸗ tes abgewendet hat. Wer hat Dir denn das Alles geſagt ² „Es iſt in Segersſtad von dem Baron ſowohl, als der Baronin, und ſogar von Vetter Malkolm er⸗ zählt worden. Der Letztere muß das am beſten wiſſen, denn der Advokat Pellander, der eine Rechtsſache für ihn führte, hat ſelbſt damit geprahlt, daß er und der Ingenieur eine ganze Woche lang unter allerhand Abentheuern zuſammen kampirt hätten, und zwar kurz vorher, ehe William in die Stadt zog.“ „ ob das nicht zufällig hätte geſchehen kön⸗ nen?“ „Nein, ihre Bekanntſchaft ſoll ſehr vertraulich ſin. Der Herr Ingenieur nennt dieſe ſaubere Perſon Onkel.“ „ Auch dazu wird er wohl ein Recht haben— und Alles, was über dieſe Bagatelle geſagt wurde, beweist weder mehr noch weniger, als daß man Gründe aus der Luft gegriffen hat, um William in Deinen Augen herabzuſetzen, und daß Du ſelbſt Dich nur allzu bereit⸗ willig gezeigt haſt, die Verläumdung für Wahrheit gel⸗ ten zu laſſen. Doch er ſoll ſich rechtfertigen.“ „Um Alles in der Welt nicht— Mama wird ihm doch kein Wort davon ſagen?“ „Hierin handle ich, wie es mir am beſten dünkt.“ Die Erkerſtübchen. 6 10. Kannſt Du mehr verlangen, Als die Liebe gibt? Grafſtröm. William ließ drei Tage vorübergehen, ehe er ſei⸗ nen Beſuch erneuerte. Diesmal traf er Frau N. allein. Er hatte abſicht⸗ lich eine Zeit gewählt, wo er wußte, daß Marie Luiſe auf einem Beſuche abweſend war. William gratulirte ſeiner Nachbarin zur endlichen Stillung ihrer Sehnſucht.„Wie glücklich muß jetzt Frau N. ſein! ſagte er. Sie antwortete offenherzig:„Das kann ich wahr⸗ haftig nicht ſagen. Marie Luiſe macht mir vielen Kummer.“ „Wie ſo?“ fragte William erblaſſend. „Das verwünſchte Segersſtad iſt ihr nicht gut. Einſtmals— aber dieſe Zeit iſt jetzt ſo fern, daß ich mich ihrer kaum erinnere— war ich ſelbſt eine ge⸗ feierte Dame von Vermögen. Nichts deſto weniger empfinde ich doch kein Verlangen, Marie Luiſe das Eine ſpielen zu ſehen, da ſie das Andere nicht hat. In Segersſtad aber, glaube ich, bilden ſie ihr ein, ſie habe Anſpruch auf Alles.“ „Der helle Verſtand des Fräuleins?“ 8 Ach mein beſter Ingenieur Williamsſon, der iſt blind, wenn die Eigenliebe und die Eitelkeit Macht über ſie bekommen.. „Seien Sie nicht zu ſtrenge, beſte Frau N. „Ach,“ ſagte die aufgeregte Mutter, das Bedürf⸗ niß fühlend, ſich dem anzuvertrauen, der ſie hier ſo gut verſtehen mußte.„Wollte Gott, ich wäre von Anfan an nicht zu ſchwach geweſen! Ich habe immer bemerk gen, er ſei⸗ bſicht⸗ Luiſe lichen jetzt vwahr⸗ oielen gut. iß ich e ge⸗ niger das hat. n, ſie er iſt Nacht dürf⸗ gut fang eerkt, 1 87 daß Marie Luiſens Sinn höher ſtrebte, als er follte; aber ich glaubte auch, zu viele Predigten in dieſer Richtung würden das Böſe nur ſteigern und deßhalb war ich zu ſparſam damit.“ „Aber was iſt es denn jetzt eigentlich“ „Ach,“ ſagte Frau N. erröthend, denn da William ſich noch nicht näher erklärt hatte, ſo war es ihr ſchwer zu ſagen, was es eigentlich war.„Ach es iſt viel!“ „Ein Fremder,“ fuhr William mit ahnender Zärt⸗ lichkeit fort,„kann kein volles Vertrauen verlangen, aber Frau N. weiß, daß meine Theilnahme warm und aufrichtig iſt.“ „Das glaube ich oder vielmehr davon bin ich überzeugt.“ „Und als das Fräulein abreiste,“ ſetzte er hinzu, indem er ſeinen Stuhl näher rückte,„hatte ich, wenn auch eine kleine, ſo doch wenigſtens immerhin eine Hoffnung, ihr nicht zu mißfallen!“ Ein ehrerbietiger Kuß auf Frau N-s Hand ließ ſie das Recht ahnen. „Das glaubte ich auch und nach Allem, was ich von dem Charakter und der Handlungsweiſe des Herrn Ingenieurs kennen lernte, würde es von wenig Ver⸗ ſtand und Zartgefühl zeugen, wenn ich mich anſtellen würde, als verſtehe ich die Gefühle des Hertn Inge⸗ nieurs nicht.“ „Wie ſoll ich für dieſes edle Vertrauen danken!“ ſagte William warm.„Ich vermag das nur, wenn der Tag kommt, der meine Hoffnungen gekrönt ſieht! doch ich muß ſagen, daß, als ich das letzte Mal hier war, Fräulein Marie Luiſe mir deutlich zu verſtehen gab, wie thöricht die Hoffnung ſei, die ich zu hegen gewagt.“ „Das konnte, ich mir denken! Doch noch iſt nicht Alles verloren. Sie werden wohl nicht ahnen, Herr Ingenieur, daß man die albernſten Geſchichten zuſam⸗ 4 — —, men geſponnen hat, um Marie Luiſens mögliche Hin⸗ neigung nach einer gewiſſen Richtung zu verhindern.“ „Wie— Verleumdung? Gott ſei Dank, dann kann ja Alles gut werden. Denn obſchon ich nicht vollkommener bin als andere Adamſöhne, ſo habe ich mir, doch, auf Gewiſſen! nie eine ſchlechte Handlung zu Schulden kommen laſſen, wegen der ich erröthen müßte.“ „Das war ich ſchon im Voraus überzeugt! Man will indeſſen dem Herrn Ingenieur— verzeihen Sie, daß ich aufrichtig bin, allein um des Verhältniſſes willen, in dem wir zu einander ſtehen, ſo wie um deſſenwillen, worein wir möglicherweiſe künftig zu ſtehen kommen könnten, möchte ich nicht den Vorwurf auf mich nehmen, durch eine Delikateſſe, die hier übel angewendet wäre, das Uebel verſchlimmert zu haben — man behauptete alſo, der Herr Ingenieur habe nicht immer in der beſten Geſellſchaft gelebt, er habe ein wenig Gefallen an der Schlemmerei gefunden und darum die Geſchäfte ungebührlich hinausgezogen.“ „Das iſt etwas ſtark!“ rief William blaß vor Zorn.„Bei Gott! ich hätte nicht geglaubt, daß man mir etwas der Art nachſagen könnte. Hat man einen beſtimmten Fall angeführt?“ „Nein— aber einer von den nähern Bekannten des Herrn Ingenieurs, ein Advokat Pellander, ſoll— 4 „O, Herr Gott! kommt der Wind von der Rich⸗ tung?“ ſagte William mit erleichteter Bruſt,„dann werde ich mich ſchon reinigen, was ich übrigens hof⸗ fentlich auf jeden Fall hätte thun können. Aber es ſchmerzt und kränkt mich tief, daß Fräulein Marie Luiſe einem ſo niedrigen Gewebe von Wahrheit und Lüge Glauben ſchenken konnte.“ „Wahrheit?“ „Ja, Wahrheit— Frau N. ſoll ſelbſt über dieſen Theil der Geſchichte urtheilen.“ William flog blitzſchnell über die Straße hinüber Rhur hätte Uebe viell wie blick mos gun we ein ren und zun von 89 und kehrte mit ſeiner Skizze zurück, die er abgeſchrie⸗ ben und aufbewahrt hatte, wie er immer mit den Blättern zu thun pflegte, die er den Seinigen heim⸗ ſandte, um ſo eine Gelegenheit zu bekommen, dereinſt als gereifter Mann über die Abenteuer ſeiner Jugend lächeln zu können. „Da, meine beſte Frau N., leſen Sie dieß bis ans Ende, und meine Bekanntſchaft mit Pellander wird, wie ich glaube, hinlänglich aufgeklärt ſein. Im Uebri⸗ gen will ich Frau N. bitten, ſich gütigſt zu erinnern, daß dieß an einen vertrauten Freund und vor Allem, daß es vor drei Monaten geſchrieben wurde. Es wird daher vielleicht gut ſein, wenn es das Fräulein nicht liest, denn ſie könnte den Ton zu frei finden. Aber in die Hände ihrer erfahrenen Mutter wage ich dieſe kleine Epiſtel getroſt und ohne Furcht vor einem Miß⸗ verſtandenwerden niederzulegen.“ Als William dieß geſagt hatte, verabſchiedete er ſich, um daheim bei ſich die Wirkung abzuwarten, welche die Skizze von Onkel Pellander und der letzten Rhumflaſche haben würde. Wean unſer Ingenieur ein anderes Mittel beſeſſen hätte, um ſich zu rechtfertigen, ſo hätte er das jetzt Uebergebene nicht angewendet, da es genau genommen vielleicht doch nicht das glücklichſte war. Aber ſei dem wie ihm wolle, er hatte der Eingebung des Augen⸗ blicks und des Aergers gehorcht— die Folge davon mochte nun eine günſtige ſein oder nicht. Frau N. hatte bereits eine hinlängliche Ueberzeu⸗ gung von Williams innerem Werth, um keinen Be⸗ weis zu bedürfen. Nichts deſto weniger ergriff ſie mit einem hohen Grad von Neugierde das Papier. Wäh⸗ rend des Leſens flog oft ein Lächeln über ihre Lippen, und ſie ging das kleine abgeriſſene Poſtſcriptum bereits zum zweiten oder dritten Male durch, als Marie Luiſe von ihrem Beſnch zurückkehrte und erſtaunt fragte: — 5 — 90 „Nun, was hat denn Mama ſo Unterhaltendes zum Leſen bekommen?“ „Je nun, meine Liebe, man hat mir zwar ver⸗ boten, es Dich ſehen zu laſſen, aber ich breche dieſes Verbot doch in der tiefſten Stille. Es iſt ein Brief, den Williamsſon vor drei Monaten an einen Freund in ſeiner Heimath geſchrieben.“ „Mein Gott! wie iſt der in Mama's Hände ge⸗ rathen?“ „Auf die einfachſte Weiſe. Williamsſon war hier. Wir haben uns auf eine äußerſt zarte Weiſe gegen einander erklärt, und das Ende vom Liede war, daß er dieſe Abſchrift aus ſeinen Papieren hervorſuchte.“ Marie Luiſe ſah mißvergnügt aus.„Gegen das, was Mama für paſſend gefunden hat, kann ich nichts einwenden,“ ſagte ſie. „Nein, nicht wohl; denn Du, mein Kind, mußt Dich erinnern, daß Deine Mutter das Paſſende weit früher gekannt und begriffen hat, ehe ſie eine Tochter bekam, die ſich beſſer darauf zu verſtehen glaubte.“ „Ach jetzt iſt Mama zu ſtreng!“ ſeufzte Marie Luiſe, indem ſie ihrer Mutter den Brief aus der Hand nahm.„Mama iſt nicht liebevoll gegen mich.“ „O ja, immer, meine Marie Luiſe, auch wenn ich hie und da genöthigt bin, ſtrenge zu ſein. Aber lies und bitte dann Williamsſon ſein Unrecht ab.“ „Ich werde den Brief erſt heute Abend öffnen, wenn Mama eingeſchlafen iſt. Ich will allein ſein, wenn ich ihn leſe.“ „Mache es, wie es Dir gefällt.— Es iſt jeden⸗ falls nicht mehr lange bis dahin; denn ich, fühle mich ſchläfrig und müde.“ In der geheimnißvollen Stille der Nacht ſpricht das Herz lauter, als wenn die verwirrenden und ſtö⸗ renden Geſtalten des Tages hin⸗ und herfahren und es wo nicht ganz ohne Antwort laſſen, ſo doch mit 1 fremde verwiſ 5 einer Augen lächelr wieder 2 durch den r heiter gend ſeinen genhe ſie au liams als Bild ſtürzt unger ſie m verw elfhu Stüt das Mar Jetzt Aus lend Argt ſelb Ver⸗ Lebe Ent 91 fremden Stimmen umſauſen, die ſeine wahre Sprache verwiſchen. 1 Marie Luiſe ſitzt jetzt einſam beim Schimmer einer kleinen Lampe; ſie liest Williams Brief. Ihre Augen funkeln, ihre Wangen flammen, ihre Lippen lächeln. Sie legt den Brief zuſammen und liest ihn wieder. Marie Luiſe weiß zu unterſcheiden. Sie läßt ſich durch den Ton des Briefes nicht verwirren, ſie erkennt den replichen, braven, wohlgeſinnten Menſchen, den heiteren Geſellſchaftsmann, mitten in dem Netze ju⸗ gendlichen Scherzes und verzeihlichen Leichtſinns. Sie lachte ſelbſt über Onkel Pellanders Auftreten, ſeinen Kummer— und endlich über Williams Verle⸗ genheit, als er dieſe Bekanntſchaft wieder ſah, da er ſie am wenigſten zu ſehen wünſchte. Aber wie ging es weiter, als Marie Luiſe Wil⸗ liams offenes Geſtändniß über„die Waldtaube“ las, als ſie in ſein Herz ſah und dort überall ihr eigenes Bild fand, da wurde es auch ihr zu warm. Thränen ſtürzten aus ihren Augen, ſie bat ihm innerlich das ungerechte unverſöhnliche Mißtrauen ab Wer konnte ſie wohl ſo lieben und verſtehen wie er? Mit Entzücken verweilte ſie bei den Worten:„Sie iſt keine von den elfhundert Lilien mit hängendem Kopf, die ſtets einer Stütze bedürfen, denn ſie kann ſich immer ſelbſt ſtützen, das verſichere ich Dich“ Dieſe Worte entſchieden den Sieg für William. Marie Luiſe war geſchmeichelt, geruhrt, verſöhnt. Jetzt trat eine kleine Periode ein, die für William's Ausſichten günſtig war. Aber William war feinfüh⸗ lend; tief empfand er den Stich, den Marie Luiſens Argwohn ihm verſetzt hatte, und überdieß liebte er ſelbſt zu edel und zu innig, um dieſe augenblickliche Veranderung zum Äbſchluß einer Verbindung fur's Leben zu benützen. Es koſtete ihn zwar eine große Entſagung, die wichtige Stunde aufzuſchieben; aber 92 das Weib, dem er ſeine ganze Huldigung widmete, ſollte ihn zuerſt beſſer kennen lernen; ſie ſollte Zeit bekommen, um zu beurtheilen, ob die Macht eines fremden Einfluſſes größer wäre, als die des ſeinen, größer als die ihres eigenen Herzens. William wagte dieß Letzte hinzuzufügen, denn er vergaß nie den Ausdruck ihrer Stimme, als ſie damals ſeinen Na⸗ nem ohne Titel ausgeſprochen hatte. Der Winter ging ſeinem Ende zu, und die Zeit, wo Williams Geſchäfte auf dem Lande beginnen ſollten, nahte heran. Oft, beinahe täglich, hatte er in dieſem Zwiſchen⸗ raum ſeine Nachbarinnen beſucht, und Marie Luiſe ſein Herz ſo offen dargelegt, daß es ihr bisweilen vorkam, als ob er ihr bereits das bedeutungsvolle Wort ge⸗ ſagt und ſie ſchon geantwortet hätte:„Ich will die Deinige ſein!“ Dieß war die Zeit ihrer Glückſeligkeit. Marie Luiſe folgte damals nur der mahnenden Stimme ihres Herzens, das noch Macht genug beſaß, um alle andere Stimmen zu übertönen. Als William Abſchied nahm, war er beinahe über⸗ zeugt, daß, wenn er in dieſem Augenblick um ihr Ja⸗ wort gebeten, er es erhalten hätte. Aber es war ſein Vorſatz, daß ſie frei von dem Einfluß, den die Erſchüt⸗ terung des Abſchieds auf ſie haben konnte, in Ruhe bei ſich ſelbſt überlegen ſollte. Und Marie Luiſe dankte ihm innerlich für dieſes Zartgefühl, das, weit entfernt. Williams Intereſſe zu ſchaden, es vielmehr erhöhte. Jetzt war er fort, und Marie Luiſe hatte ungeſtört Zeit über die Wahl nachzudenken, die ſie vielleicht in Kurzem treffen ſollte. Williams Vermögensumſtände waren ihr nicht durch ihn ſelbſt bekannt; aber von der Rathsherrin wußte Frau N., daß er nur ein unbedeutendes Erbtheil gehabt hatte, das größtentheils darauf gegangen war, bis er Mittel und Wege fand, für ſich ſelbſt zu ſorgen. Auch für gegenwärtig konnte ſeine Lage, obſchon ſie ſehr kunft iſt w einer ſo dg deſſe Han Will Küh wird dieſe Wei zure 93 gut war, nicht für ſonderlich glänzend angeſehen wer⸗ den. Er war erſt kürzlich Commiſſionsfeldmeſſer ge⸗ worden. Gleichwohl hatte er durch ſeine ununterbro⸗ chene Thätigkeit und ſein redliches Benehmen ein aus⸗ gezeichnetes Vertrauen gewonnen, das ihm Geſchäfte in Menge zuführte. Ohne Zweifel würde er in der Zu⸗ kunft ein geborgener Mann werden. „Ja, in der Zukunft,“ dachte Marie Luiſe.„Es iſt weit bis dahin— und indeſſen—“ Es war nach einem neuen Beſuch in Segersſtad, daß Marie Luiſe ſo dachte. Zu Anfang Mai bekam das Fräulein einen Brief, deſſen Ueberſchrift ihr nicht fremd war. Mit zitternder Haͤnd erbrach ſie den Umſchlag; der Brief war von William und lautete alſo: „Ich weiß, daß Fräulein Marie Luiſe über meine Kühnheit, direct an Sie zn ſchreiben, nicht erſtaunen wird; denn lange, ſehr lange hat ſie gewußt, wovon dieſer Brief handelt. „Doch ehe ich mehr ſage, erlauben Sie mir, das Weib, nach deren Gunſt ich ſtrebe, mit den Lauten an⸗ zureden, womit ich in meinem Herzen mit ihr ſpreche. „Marie Luiſe! wenn es mir nicht ſüßer als Alles wäre, was ich bisher empfunden, ſagen zu dürfen: ich liebe Dich über alles! ſo würde ich damit ſchweigen, da es für Dich keine Neuigkeit iſt, und Du verſtündeſt dennoch alles, was in der Frage enthalten iſt, welche ich Dir jetzt vorlegen werde: Marie Luiſe, haſt Du wohl überlegt, kann der geringe Feldmeſſer, der Dir nichts als ein warmes Herz und ein mittelmäßiges Auskommen zu bieten hat, kann er hoffen, daß Du dieſes Loos reich genug finden werdeſt um es mit ihm theilen zu wollen? „Ich muß mir Gewalt anthun, um nicht in die Sprache der Leidenſchaft auszuſchweifen. Ich bin fie⸗ beriſch vor Unruhe, Hoffnung und Furcht; ich leide zum Voraus die ganze Marter eines Nein, und ich ge⸗ 94 nieße die Seligkeit des Himmels, wenn ich in der Ein⸗ bildung von einem Ja träume. So werde ich hin und her geworfen, und Du würdeſt vielleicht weinen und lachen, wenn Du ein einziges Mal in mein Herz treten und ſehen könnteſt, wie verſtört es dort ausſieht. Ueberall habe ich das Bild meines Abgottes aufgeſtellt, aber je nachdem die Wagſchale meiner Hoffnungen ſteigt oder fällt, wechſelt dieß Bild ſeine Tracht. Tau⸗ ſend Mal im Tage drapire ich Dich bald mit dem Ro⸗ ſenſchleier der Freude, bald mit dem Flor der Trauer. Welch eine grenzenloſe Gewalt hat nicht dieſes Gefühl, das wir Liebe nennen, über unſere Seele— welch einen ſonderbaren Zuſtand erzeugt es! Ich möchte wiſſen, ob es nicht mit dem Wahnſinn verwandt iſt— doch ſo ſollte ich nicht ſprechen; ſo nicht ſchwärmen. Ich will gefaß, will Marie Luiſens würdig ſein. O Gott! möchten doch alle meine Seufzer erhört werden, möchte ſie, für die zu leben und zu arbeiten mir ſo ſüß wäre, ſie, die mit ihrem Blick meine Kräfte ver⸗ vielfältigen könnte, möchte ſie Vertrauen genug haben, mich genugſam zu lieben, um mit Freuden die Meinige zu werden! In drei Tagen— dieß iſt der längſte Termin, den mein Herz und meine Vernunft ausharren kann— komme ich ſelbſt, um die Antwort zu holen, die für mich Alles iſt. William.“ Marie Luiſe ließ den Brief in den Schooß ſinken. Was in dieſer Stunde in ihr vorging, wiſſen wir nicht; aber daß es Vieles und Mannigfaltiges war, konnte man aus dem Farbenwechſel ihrer Wangen und den Nebel⸗ wolken deuten, die ſich zwiſchen den Blitzen ihres Au⸗ ges hinwälzten. „ mal v Raths denen die A Ueber Mit herrir ſeht e nieur den, und . 1 theue der( mich glaul es ge ſehe verg der Liebt Karl es il 11. Ach— da ſtehſt du, wie einſt ich, Obdachlos in deinem Herzen, Einſam mit Erinn'rungsſchmerzen. Kullberg. „Nun willkommen, und noch ein Mal und tauſend⸗ mal willkommen, mein kleiner Ingenieur!“ ſagte die Rathsherrin Utter, indem ſie den ihr ſo theuer gewor⸗ denen Miethgaſt mütterlich umarmte. Auch er preßte die Alte mit einem Nachdruck in ſeine Arme, der die Ueberſpannung ſeiner Gefühle verrieth. Genug, genug, Du drückſt mich ja zu Tod!“ Mit einem gutmuüthigen Lächeln entzog ſich die Raths⸗ herrin den kräftigen Zärtlichkeitsbezeugungen.„Aber ſeht einmal, wie ſonnverbrannt und braun unſer Inge⸗ nieur geworden iſt— Du haſt wohl vieles ausgeſtan⸗ den, das kann ich mir denken; wenn man ſo in Staub und Hitze herum ſchweifen muß.“ „Za, es ging mir eben nicht immer gut, meine theuerſte Tante Grete— doch laß uns vor Allem in der Geſchwindigkeit den Kaffee trinken, denn ich muß mich putzen und in die Stadt gehen.“ „In die Stadt? ja— es wird nicht weit gehen, glaube ich! ſei doch ſo gut und gib Dich zur Ruhe, wie es geſcheidten Leuten geziemt.“ „Nein, bei Gott, nein! ich bin nicht geſcheidt, das ſehe ich ein— Ich muß fort!“ rief William, den ſie vergebens auf den S pha nöthigen wollte. Und von der Rathsherrin und dem Kaffee ſprang der ungeduldige Liebhaber fort. 3 Als er auf ſein Zimmer gekommen war, traf er Karl mit einem Billet in der Hand. Ahnend entriß es ihm William, brach das Siegel und ſah die Worte: 96 „Heute nicht— es iſt mir unmöglich! Morgen Vormittag bin ich daheim. W. 2 William ging in ſein Schlafzimmer und ſchlug die Thüre ins Schloß. Sein Blut, erhitzt von der Reiſe und den ſchweren Strapazen, denen er ſich vorher un⸗ terworfen hatte, um den Beſuch in der Stadt machen zu können, wo er doch nur zwei Tage aufopfern durfte, erhielt durch dieſe Nachricht einen Zuſatz von fieber⸗ hafter Angſt, der es mit einer ſolchen Wildheit durch die Adern jagte, daß er ſich beinahe von Wahnſinn er⸗ faßt fühlte. Vergebens pochte die wohlmeinende Rathsherrin an die Thüre, als er ſich nicht mehr zeigte und ſein Benehmen ihre Aufmerkſamkeit erweckte. Aber ſie be⸗ kam nur die Antwort:„Tante Gretchen, ich habe mei⸗ nen Entſchluß geändert. Ich gehe nicht aus. Ich fühle mich ſo mitgenommen von dem Fahren die ganze Nacht hindurch im Regen nach mehrtägiger ſtrenger Arbeit, daß ich es für beſſer hielt mich nieder zu legen. — Ich weiß, Tantchen iſt ſo gut und entſchuldigt mich.“ William hatte einen beſtimmten Abſcheu davor, irgend einen Menſchen zu ſehen oder zu hören, ja nur den Ton einer einzigen Stimme zu vernehmen, ehe ſein Schickſal entſchieden war. Und vielleicht war es auch das Klügſte, was er thun konnte, als er in einem Zwiſchenſpiel zwiſchen Schlaf und Wachen die Zeit verſtreichen ließ. Am andern Morgen um neun Uhr ſtand er mit ruhigerem Gemüthe an ſeinem Fenſter und ſpähte nach dem ihrigen hinüber. Er erblickte einen Schim⸗ mer von Marie Luiſe, und ſchon längſt in Ordnung, um ſeinen Beſuch abzuſtatten, nahm er den Hut, flog die Treppen hinauf und ſtand im nächſten Augenblick vor derjenigen, in deren Hand ſein Urtheil ruhte. Sichtlich erſchüttert— ſie hatte ihn nicht ſo früh⸗ zeitig erwartet— nahm ſie in der einen Sophaecke Platz andere 2 ſonder und in ſch Glaul ſchnell verſch genbl ihrem ſo be Willi vom ihren und 8 Luiſer dieſes einm durch zu gr es g, — fi ſanft er ſp ſie n und melt Will „Ich zu t rgen 2.“ g die Reiſe un⸗ achen rfte, eber⸗ durch n er⸗ errin ſein 4 be⸗ mei⸗ fühle anze nger egen. ich.“ vor, nur ehe ar es inem Zeit mit dähte him⸗ ung, flog blick rüh⸗ gecke 97 Platz und bot ihm mit einer leichten Bewegung die andere en. William ſetzte ſich jedoch nicht ſo weit hinweg, ſondern neben ſie, und indem er ihre Hand ergriff und ſie heftig zwiſchen die ſeinigen drückte, ſagte er in ſchnellen abgebrochenen Worten:„Keinen Aufſchub! Glaube, daß ich genug gequält bin— Sprich, ſprich ſchnell! kann ich hoffen, daß Marie Luiſe mich nicht verſchmähen wird?“ Marie Luiſe zitterte ſo heftig, daß ſie einen Au⸗ genblick lang außer Stands war zu ſprechen, und in ihrem Blick in ihrem ganzen Weſen lag Etwas, das ſo beredt ſagte, was in ihrem Herzen vorging, daß Williams Kuhnheit wenigſtens verzeihlich war, als er vom Entzücken der Hoffnung erfaßt, ſeinen Arm um ihren Leib ſchlang, um ſie an ſeine Bruſt zu ziehen und ihr das Bekenntniß zu erſparen. Aber eben dieſe Bewegung war es, was Marie Luiſens ganze Angſt vor der unermeßlichen Wichtigkeit dieſes Augenblicks emporrief. Dieſer Augenblick, der, einmal vorüber, nie mehr, weder durch Thränen noch durch Reue ungeſchehen gemacht werden konnte, war zu groß, um ſo ſchnell verſchleudert werden zu dürfen; es galt ja ein ganzes Leben! Sie erſchrack, ſie bebte — ſie hatte noch nicht genug überlegt. Beinahe un⸗ ſanft ſtieß ſie William hinweg. „Marie Luiſe!“ waren die einzigen Worte, die er ſprach; aber ſein Blick enthielt einen Vorwurf, den ſie nicht auszuhalten vermochte. Sie ſenkte die Augen und ſtützte den Kopf in die Hand. Einige Sekunden vergingen in peinlichem Schweigen. „Ich habe noch nicht genug Zeit gehabt—“ ſtam⸗ melte Marie Luiſe unter der Laſt ihrer Verwirrung. „Wie viel Zeit braucht es denn noch?“ fragte William, indem er ſich anſtrengte, ruhig zu erſcheinen. „Ich kann nur zwei Tage da bleiben, und ich wagte zu träumen, daß ich ſie ſüßer verleben würde.“ „Geben Sie mir— geben Sie mir noch Zeit bis morgen Abend.“ „Alſo bis zum letzten Augenblick! Ach Marie Luiſe, das iſt nicht Recht— doch ich unterwerfe mich. Möchte ich wenigſtens dann nicht auf Ausflüchte ſtoßen.“ „Nein, nein! morgen habe ich mich entſchieden!“ . * Die ehrliche Rathsherrin ſtand auf der Lauer und paßte auf den Augenblick, wo ihr kleiner Ingenieur zurückkommen würde. Sie begriff recht wohl, wo es hinaus laufen ſollte; und da ſie jetzt William ſo bald und mit ſo finſterem Geſichte zurückkehren ſah, wurde ſie nicht allein betrübt, ſondern auch im höchſten Grade böſe auf die„Gnädigen im Dacherker,“ welche, anſtatt ſich etwas darauf einzubilden, für die Ehre gedankt hatten, die ihnen der Ingenieur anthun wollte. „Komm herein, William, komm! ſagte die Alte und öffnete die Thüre, als der Ingenieur ſchon hoffte, daran vorbei und die Treppe hinauf ſchleichen zu können. 3 „Nein, Tante, ich glaube, es wird am beſten ſein, ich bleibe für mich.— Ich bin heute ein wenig konfus.“ „Ja, das ſeh ich wohl! Und eben deßhalb mußt Du mir alter Frau verzeihen, wenn ſie ein wenig überläſtig iſt— Aber das darfſt Du mir glauben, ich bin heute auch nicht ſehr fröhlich! Gab ſie Dir einen Korb?“ Es war der Rathsherrin jetzt gelungen, die Thüre zwiſchen William und den Oehren zuzuſchließen. „Nicht ganz; aber ſie hatte ſich noch nicht genug beſonnen. Morgen Abend, Tantchen!“ Er nickte der Alten herzlich zu. „Aha! ich weiß, wo ſie der Schuh drückt; ſie hat noch keine Antwort von der Baronin von Segersſtad erhalten. Ohne ihren Rath thut Marie Luiſe Nichts.“ wenn 7 gen i mit it 2 glaub falls, die, hat e es ge Wir er ar aufs mir ihn 1 willſt Zeit Marie mich. ßen.“ den!“ r und nieur vo es bald vurde chſten elche, Ehre ollte. Alte offte, n zu beſten venig mußt venig ·, ich einen „die eßen. genug e der 2 hat sſtad hts.“¹ 8 99 „Mein Glück ſollte alſo von dem Ausſchlag die⸗ ſer abhängen?“ ſprach William mit flammendem Blick. „So iſt's! Und da der Alte bereits auf die Rathsſtube iſt— er konnte mit dem Frühſtück nicht auf Dich warten— ſo wollen wir uns hier auf das Sopha ſetzen und ein geſcheidtes Wort mit einander ſprechen. Sieh, mein kleiner Ingenieur, ich verſtehe mich auf derlei Geſchichten, und ich muß Dir ſagen, daß die gnädige Frau, weiche ſich beſtändig für den Jahresfreier von Malkomsnäs verwendet hat, Dich nie begünſtigen wird. Deßhalb bin ich der Anſicht, das Veſte, was Du thun könnteſt, wäre, Du gäbeſt die Sache auf.“ „Unmöglich! Ich habe um ſo viel mehr Grund zu glauben, daß die gnädige Allmacht in dieſem Falle Nichts ausrichten wird, als ſie es auch in dem an⸗ dern gethan hat. Marie Luiſe läßt ſich nicht leiten, wenn ſie auch um Rath bittet und ihn anhört.“ „Ja wohl, thut ſie das— und das vielleicht ge⸗ gen ihre eigentliche Neigung, ſobald der Hochmuth mit in's Spiel kommt.“ „Der Hochmuth?“ „Nun, nun! werde jetzt nur nicht roth! Ich glaube wohl und die ganze Stadt glaubt es eben⸗ falls, daß ſie keine beſſere Partie machen könnte, als die, welche Du ihr anbieteſt. Aber, wie geſagt, ſie hat ein großes Blut in ſich— Ich bin begierig wie es geht; der Hochmuthsgeiſt iſt ein leidiger Verſucher. Wir wollen ſehen, wir wollen ſehen!“ „Ja, wir wollen ſehen!“ ſagte William indem er aufſtand, durch die Zimmer ging und die Hand aufs Schloß legte. „Aber noch ein Wort— und darauf mußt Du mir die Hand geben!“ fuhr die Alte fort, indem ſie ihn unter der Thüre ſelbſt feſthielt.„Wenn Du nicht willſt, daß Du durch eigene Schuld Deine Sache ver⸗ liereſt, ſo bleibe nicht ſo eingeſchloſſen auf Deinem Zimmer, wie ein Verbrecher, der auf ſein Urtheil wartet— das taugt nichts bei dem Mädchen. Du mußt im Gegentheil ausgehen, in die Stadt und an ihrem Fenſter vorbei, und eſſen und trinken wie an⸗ dere Leute, und aufrecht daher gehen wie wenn Du ein Ofenrohr verſchlungen hätteſt, und Viſiten machen, ſchwatzen und Antwort geben und Dich in Allem be⸗ nehmen, wie wenn Du nicht im Sinne hätteſt, Dich zu hängen, falls Du morgen einen Korb bekommſt.“ „Ich danke für den Rath,“ verſetzte William lächelnd,„ich will ihn befolgen, ſo ſehr ich auch von Gedanken und Sorgen zerſtreut bin.“ Und William kam den klugen Vorſchriften der Tante Grete nach, wobei ihm die Zeit zwar lang, aber doch nicht ſo drückend wurde wie in einer völli⸗ gen Einſamkeit. Am letzten halben Tag vermochte er jedoch nicht in Geſellſchaft zu ſein, ſondern auf und ab gehend und den Blick beinahe unverwandt auf die Uhr geheftet, zählte er die Minuten nach, bis der Stundenzeiger 6 Uhr wies. „Jetzt muß es Abend ſein!“ rief er heftig auf⸗ geregt.„Jetzt muß ſich Alles entſcheiden!“ * 1 z. Frau N., die nicht erſcheinen wollte, bis die Sache entſchieden wäre, hatte ſich in das innere Zimmer zu⸗ rückgezogen, wo ſie eben ſo unruhig wie die Raths⸗ herrin hinter den Jalouſien, den Ausgang der letzten Unterhandlung abwartete, worüber ihr ihre Tochter zum Voraus nur die Worte geſagt hatte:„Ich muß mir ja in Allem ſelbſt rathen.“ 3 Mit Faſſung empfing Marie Luiſe heute ihren Freier. Und da ſie ſogleich merkte, daß er die Unter⸗ haltung nicht zu eröffnen vermochte, hatte ſie den Muth, es zu thun. liam, ſens K denken 7/ die ſo unter Marie thue e Leiden genſta ten ka 2 ſtolz, die h ſchale ein e Zukur des 2 ſein! behau überh mit z Kühn 1 mann dem Neig auf Weil Die einem rtheil Du ad an e an⸗ n Du achen, m be⸗ Dich umſt.“ illiam h von n der lang, völli⸗ chte er uf und auf die is der g auf⸗ 101 „Beſter Ingenieur Williamsſon, ich—⸗ „O es braucht nichts weiter,“ unterbrach ſie Wil⸗ liam, und ſeine Wange wurde weiß wie Marie Lui⸗ ſens Kleid.„Ich kann mir den Schluß der Berathung denken.“ „Mißverſtehen Sie mich nicht,“ ſtammelte ſie, während ſie vielleicht eben ſo ſehr vor ſich ſelbſt als vor ihm erröthete. „Nein; ich kann Beweggründe nicht verkennen, die ſo offen daliegen, nur ſchade, daß ſie ſich zuweilen unter Blumen mit Konigkelchen verborgen haben! Ach Marie Luiſe! ich lierte, ich vergötterte Dich, und ich thue es vielleicht noch; aber wiſſe, daß der Mann die Leidenſchaft zu überwinden vermag, wenn er den Ge⸗ genſtand ſeiner innigſten Gefühle nicht mehr hochach⸗ ten kann.“ „Was will das heißen?“ fragte Marie Luiſe ſtolz, aber doch nicht ohne Verwirrung. „Das will heißen, daß ein junges Weib, welches die heiligſten Gefühle ihres Herzens auf die Wag⸗ ſchale der Berechnung legt, die in dieſem Kampfe ein einfaches häusliches Glück verſchmäht, um in der Zukunft günſtigere Ausſichten abzuwarten, kein Gefühl des Verluſtes erwecken kann.“ „Wahrhaftig, der Herr Ingenieur überſchätzt hier ſein Uebergewicht— und vielleicht iſt es ſehr eitel, zu behaupten, daß ſolche Gefühle und ein ſolcher Kampf überhaupt vorhanden waren! Ich wenigſtens,“ ſetzte ſie mit zitternden Lippen hinzu,„weiß nicht, wie ſich dieſe Kühnheit rechtfertigen läßt.“ „Darum, mein gnädiges Fräulein, weil Jeder⸗ mann in einem ſolchen Falle das Recht hat, ſich vor dem Weibe auszuſprechen, das— nachdem es ſeine Neigung angenommen und aufgemuntert und zweimal auf ſeinen Antrag um Bedenkzeit gebeten hat, was ein Weib nicht thut, wenn ſie zu einer abſchlägigen Ant⸗ Die Erkerſtübchen. 7 1 wort entſchloſſen iſt— dennoch am Ende zeigt, daß ſie mit ſeinen Gefühlen und ſeiner Ehre nur zu ſpielen beliebte.“ Marie Luiſe, die, um die Wahrheit zu ſagen, ſich auf Bitten und Verzweiflung vorbereitet hatte, ſchien zwiſchen dem Aerger über dieſe kühne Anrede und der Sympathie für die männliche Sprache zu ſchwanken. Dennoch ſollte weder das eine noch das andere auf den Entſchluß einwirken, den ſie unwiderruflich gefaßt hatte. Das Loos, das ihr William anzubieten hatte, kam ihrem ſtolzen Geiſte geringer vor, als es wirklich war. Das Weib eines Kommiſſionsfeldmeſſers, das es ſich in einer Haushaltung mit vielen Menſchen, Gehülfen, und Gott weiß was Allem ſauer werden laſſen mußte, und vielleicht ſpäter verſchlimmerte Umſtände, Armuth, eine Hütte auf dem Lande, Mangel, Kindergeſchrei, eine verſchwundene Liebe zu gewarten hatte— nein! das war nicht das Loos, das ſie ſuchte! Sie liebte William, aber nicht hoch, nicht rein genug, um ein beſcheidenes Schickſal mit ihm theilen zu wollen. Sie hatte noch dazu das Beiſpiel ihrer Mutter vor Augen. Was war aus dieſer durch eine Heirath ohne Vermögen gewor⸗ den? Nein, nein! die Armuth iſt ſchwer allein zu tra⸗ gen— unerträglich aber wäre ſie für eine Gattin, eine Hausfrau und Mutter! „Ich glaube,“ ſagte Marie Luiſe, indem ſie das Stillſchweigen unterbrach, das auf Williams letzte Worte eingetreten war,„daß es unter meiner Würde iſt, auf dieſe Beſchuldigungen zu antworten. Vielleicht iſt das Beſte, was wir thun können, wenn wir einan⸗ der Lebewohl ſagen!“ William verbeugte ſich, ohne eine Antwort zu ge⸗ ben, und fand ſich zur Thüre hinaus— er wußte nicht wie. Aber nachdem er ein Paar Augenblicke gegen den Treppenverſchlag gelehnt, dageſtanden war, bemerkte er, daß er ohne Hut war und ging daher wieder hin⸗ ein, um denſelben zu holen. daß ſie ſpielen n, ſich ſchien nd der anken. zuf den hatte. 2, kam war. es ſich hülfen, mußte, rmuth, i, eine il das illiam, eidenes te noch Is war gewor⸗ u tra⸗ /, eine ſie das letzte Würde jelleicht einan⸗ zu ge⸗ e nicht en den merkte er hin⸗ 103 Aber welch ein Anblick ward ihm da!— Marie Luiſe lag in Thränen aufgelöst und mit gerungenen Händen da. William ſtürzte hinzu.„O Gott! o Gott— ſiehſt Du, Marie Luiſe, ſiehſt Du!“ 4 „Was?“ ſagte Marie Luiſe, mit kräftigem Muthe den Sturm des Schmerzes hemmend. „Daß auch Dein Herz brechen muß.“ „Nicht aus Liebe,“ entgegnete ſie,„glauben Sie das nicht, William— ich bin nicht ſo ſchwach! Aber es iſt mir ein bitterer Gedanke, die Achtung desjenigen verloren zu haben, der mir ſo theuer war.“ „Noch läßt ſich Alles ändern, Marie Luiſe: ent⸗ ferne dieſes ſchlimme, finſtere Gefühl, das zwiſchen Dir und mir ſteht! Glaube mir, die Liebe iſt höher, ſüßer, ſeliger als der Reichthum und Alles was er gewähren kann— laß die Reinheit Deiner Seele nicht länger von einem Hange befleckt werden, der Deiner und der reinen Weiblichkeit unwürdig iſt!“ „Sprechen Sie nicht ſo, William— es iſt verge⸗ benafſ Was ich beſchloſſen habe, ſteht feſt— leben Sie wohl! „Nun, ſo leb' wohl, Marie Luiſe, leb' wohl auf ange!“. „Es iſt vorbei,“ ſagte William in unnatürlicher Ruhe zu ſeiner mütterlichen Freundin. Und das Fen⸗ ſter nach dem Hof aufreißend, rief er:„Karl, ſpann' an! „Heute Abend nicht mehr, William!“ bat die Alte ängſtlich. „Ja, eben heute Abend noch— ich muß in die friſche Luft hinaus und zu meinen Geſchäften.“ „Ja, an die mußt Du allerdings denken.“ „An die muß ich denken. Ich habe auf übermor⸗ gen früh eine Zuſammenkunft beſtellt— und man ſoll nicht ſagen, daß ich über einem Weibe närriſch gewor⸗ den ſei! Wenn ich auch hie und da noch etwas verwirrt ſpreche oder ſchlecht höre, ſo will ich doch in meinen Geſchäften ſein; die Arbeit ſei mein einziger Arzt.“ „Das iſt geſprochen, daß ich Freudenthränen über Dich weinen könnte. Aber ach, wie lange wird es an⸗ ſtehen, bis ich Dich wieder ſehe?“ „Wahrſcheinlich erſt im Herbſt— aber dann hoffe ich wieder an Herz und Geiſt geſund zu ſein.“ Marie Luiſe ſah die Chaiſe vorfahren und William gleich darauf in Reiſekleidern aus dem Hauſe treten. Der Rathsherr und die Rathsherrin ſtanden auf der Treppe. Frau N=, die an ihrem innern Fenſter ſaß, nickte ihm mit thränenſchwerem Blicke ein Lebewohl zu. Wil⸗ liam zog achtungsvoll den Hut und erwiederte ihren ſprechenden Gruß mit einer tiefen Verbeugung. Dann war Alles verſchwunden. Die Chaiſe rollte ort. Leiſe öffnete Frau N— die Thüre zu dem äußern Zimmer. Marie Luiſe lag ſtumm und mit ſtarrenden Augen wie ein Marmorbild im Sopha. 12. So ſteht die Geſchichte—— Sieh, was hier zu leſen iſt. Dahlgren. „Wie ich ſage— auf meine Ehre, ganz wie ich ſage, Bruder Jansſon! Wart einmal: es war Freitag Abends, als ein Courier kam, der an meinem Hof aus⸗ ſpannte. Ich lag in ſüßem Schlummer und dachte ge⸗ 4 4 iſt ie ich reitag aus⸗ te ge⸗ 105 rade daran, wie ich wohl am beſten die Menge Pro⸗ zeſſe abſchütteln könnte, die bei den Gerichtsſitzungen vorkommen würden, als es an die Thüre zu klopfen und zu lärmen begann; und die Schlingel verführten ein ſolches Luderleben, wie wenn ſie die Poſaunen des jüngſten Gerichts mit ſich brächten.„Olle, Peter, Laſſe!“ ſchrie ich bei vollen Sinnen— ich liebe es nicht, mit allen zugleich zu ſchlafen, denn man kann dann leicht ohne ein Wort davon zu wiſſen, beraubt und ermordet werden—„Olle und Laſſe, hört ihr Hunde!“ „Weiter, weiter!“ mahnte ihn William, als er etwa drei Monate nach dem Zeitpunkte, da wir ihn zuletzt verließen, an ſeinem Schreibtiſch im Nebenzim⸗ mer einer ziemlich ordentlichen Bauernhütte ſaß.„Wei⸗ ter— ja, Du mußt nicht ſo eilig ſein, mein Bruder! Paſſivität in Allem, das iſt mein Wahlſpruch. Indeſſen kam Laſſe auf meinen Ruf und ſchrie:„Herr Jeſus! wer hätte das gedacht! Der Herr von Malkolmsnäs iſt auf dem Heimweg von dem Markte in Lo umge⸗ worfen worden und am Sterben— und ehe er abfährt, will er noch ein wenig mit dem Herrn ſprechen.“ Schön, ſchön! Ich rieb mir die Hände, wie ich immer thue, wenn ich einen recht guten Biſſen vor mir ſehe. Ich ließ michs nicht verdrießen, in die Nacht hinauszugehen und ſtand auf dieſe Weiſe bald vor dem glänzenden Geſicht mei⸗ nes hohen Gönners. Aber das war jetzt blaß— der arme Menſch! er hatte umgeworfen, war zerſchmettert worden, mußte ſterben und wollte noch vorher ſein Te⸗ ſtament machen, zu welchem Geſchäft er, wie Bruder Jansſon ſelbſt weiß, keinen paſſenderen Juriſten finden konnte, als den Unterzeichneten, der ja mehr als irgend Einer zu Recht gelegt und in Ordnung gebracht hat.“ „Und der Wille des Erblaſſers?“ „War der: daß mit Beiſeiteſetzung der geſetzlichen Theilung ſein ganzes erworbenes Vermögen, das heißt, das prächtige Malkolmsnäs mit Allem und jedem an ſeine geliebte Verwandte, das Fräulein Maria Loviſa N. fallen ſollte.“ „William fuhr heftig vom Stuhl auf und ging einige Mal mit der Hand vor der Stirne im Zimmer auf und ab.„Jetzt,“ dachte er mit einem bittern Seuf⸗ zer,„jetzt iſt alſo die letzte Hoffnung, die letzte Mög⸗ lichkeit verſchwunden. O Marie Luiſe!“ „Das Fräulein weiß wohl ſchon ihr Glück?“ ſagte er, indem er ſich zu Pellander wandte, der halb be⸗ trunken und halb ſchlafend auf dem Bette ſaß. „Ja wohl; der letzte Befitzer von Malkolmsnäs, wie er unſer altes Akenäs beim Kauf umtaufte, über⸗ übergab es der Beſitzerin mit eigener Hand.“ „Das Fräulein war anweſend?“ „Verſteht ſich! Man hatte ſie von Segersſtad ho⸗ len laſſen, und ſie kam Vormittags in Geſellſchaft des Barons und der Baronin.“ „Und wie ſchien ihr die Neuigkeit zu bekommen?“ „Unvergleichlich gut! Sie hatte zwar einige Thränen bei der Hand zum Heil ihres Herrn Vetters, und ſpielte eine recht ſchöne Troſtſcene am Sterbebett; aber im Ganzen war es ſchon, wie wenn ſie Alles hätte. Sie benahm ſich wie eine Gräfin, und mich grüßte ſie, wie wenn ich eine Art Kammerdiener und nicht der Mann wäre, durch deſſen Hand ſie wurde, was ſie jetzt iſt— die Fratze!“— „Entſchuldigen Sie, Onkel— es iſt mir nicht recht wohl!“ ſagte William, nahm ſeinen Hut und ging hinaus, einen Spaziergang im Walde zu machen. Es He ihm nothwendig, in dieſem Augenblicke allein zu ein. Als er ſpät am Abend heimkam, war Pellander eingeſchlafen und dießmal ſchlief er ſo ſehr mit allen Sinnen, daß ihn William in die Stube hinaustragen ließ, worauf er das Licht anzündete und ſich an den Arbeitstiſch ſetzte, um in der Fluth ſeiner Geſchäfte die vviſa ging nmer Seuf⸗ Nög⸗ ſagte be⸗ näs, ber⸗ ho⸗ des en?“ änen bielte im Sie wie Nann ſt— nicht ging Es n zu nder allen agen den 2 die 107 heißen Gedanken zu löͤſchen zu ſuchen, die ſein Blut in Flammen ſetzten. . * Nach allen Ecken des Bezirks kaͤmen ſchwarzgerän⸗ derte Briefe des Inhaltst daß der wohlgeborene Herr Malkolm N. auf Malkolmsnäs ſanft entſchlummert ſei. Ein ſtattliches Begräbniß erhielt ſein Gedächtniß drei ganze Wochen lang; in der vierten ſprach man von nichts Anderem als von der reichen, vornehmen Erbin, die für den Winter den erſten Stock im Hauſe des Großhändlers P. auf dem Markte gemiethet habe. Erſt im Frühjahr wollte ſie nach Malkolmsnäs ziehen. Indeſſen wohnte Frau N., die eher mit Furcht als mit Freude der Veränderung und dem Schickſal ihrer Tochter entgegenſah, doch immer in ihrem kleinen Dach⸗ erker. Sie wollte dort die Zeit abwarten, bis die große Wohnung in Beſitz genommen würde. Aber Marie Luiſe war beinahe immer in Segersſtad, wo auch wir einen flüchtigen Beſuch machen wollen. Es iſt ein kühler Herbſtabend von jener Gattung, die melancholiſche Gedanken zu erwecken vermag. Im Saale von Segersſtad, durch deſſen breite, antike Fenſter der Mond einen gebrochenen Schimmer über den dunkelgebohnten Boden hinwarf, ſaß Marie Luiſe, nachläßig in einen Lehnſeſſel geworfen, mit dem einen Fuß auf der Kante eines ſchwellenden Schemels ruhend, und ſtarrte gedankenvoll auf die Mondſtrahlen, die ſich in ihrer Phantaſie zu einem ganzen Strome erweiter⸗ ten, auf deſſen phantaſtiſcher Oberfläche ſeltſame Bil⸗ der ſchwebten. Bald ſtand dort von ſchimmernden Wachskerzen umſtrahlt Herr Malkolm Rs. ſilberbeſchlagene Bahre mit dem ganzen Prunke umher; bald tauchte eine junge, lichte Geſtalt empor. Es war der Mann, bei deſſen bloßem Namen ihr Herz ſo klopfte, daß die Schläge hörbar wurden— und er ſchaute mit einem Blick auf ſie, in dem Wehmuth und Verachtung mit einander kämpften. Endlich erſchien ihr eigenes Bild, aber nicht deutlich und zeigte ſich nur am Rande der Silberfluth, verſank dann und hob ſich wieder, ohne ganz heraus zu kommen, bis das Nebelbild dadurch verſchwand, daß die Thüre aufging und ein Bedienter mit dem Licht herein trat. Mit der Beleuchtung wurde es auch lebendig. Ein ſchönes Kind, die kleine Ottanie, kam herein geſprun⸗ gen und rief Marie Luiſe bei Namen. Hinter der lieblichen Sylphe kam ein junges, ſchönes Weib in der Blüthe des Mittags; es war die Baronin Char⸗ lotte, die Beſchützerin des früher armen Fräuleins. „Was machſt Du hier, ſo allein, Marie Luiſe?“ ſagte ſie mit einem leiſen Vorwurf im Tone.„Ich glaube, Du ſchwärmſt wieder?“ „Nein, ich habe ſchon ausgeſchwärmt und dachte nur ein wenig an meine alten Träume,“ antwortete Marie Luiſe, indem ſie ſich neben die Baronin an einen kleinen Arbeitstiſch ſetzte, der auf einer breiten Erhöhung an der einen Fenſterreihe ſtand. Ottanie ſpielte zu den Füßen ihrer Mutter und der Mutterſtand kleidete die Baronin außerordentlich gut, obwohl ein genauer Beobachter bemerkt haben würde, daß ihre Liebe ſich mehr in ſchönen, zärtlichen Bewegungen verrieth, als in der Auffaſſung der tieferen Pflichten einer Mutter. „Die kleine Ottanie geht jetzt mit ihrer Puppe auf den Divanteppich und ſpielt dort— hier am Fenſter zieht es und das iſt nicht gut für Ottanie, die erſt krank war.“ Und mit einer Liebkoſung wurde die Kleine abgefertigt. „So, liebe Marie Luiſe! jetzt ſind wir allein— Kinder brauchen es nie zu hören, wenn Frauen über gewiſſe Dinge mit einander ſprechen. Sage mir fetzt,“ hier ſpielte ein feines Lächeln um die Lippen der Ba⸗ ronir über Sieh dieſe tie u Wech gute rie W Anſie gega inem :mit Bild, e der ohne durch enter Ein run⸗ der b in Lhar⸗ 8. e2 „Ich achte rtete an eiten und atlich aben ichen feren uppe am die die 1— über tzt,“ Ba⸗ 109 ronin Charlotte,„ob Du noch nicht aufgehört haſt, über Deinen idealiſchen Feldmeſſer nachzugrübeln? Siehſt Du nicht ein, daß der Himmel ſelbſt ſich in dieſe Sache gemiſcht hat? Bedenke, wenn dieſe Par⸗ tie unwiderruflich geworden wäre, ehe dieſer brillante Wechſel in Deinen Glücksumſtänden ſtatt fand.“ „Es war eine Strafe vom Himmel, aber keine gute Schickung, daß es ſo verkehrt ging,“ ſagte Ma⸗ rie Luiſe.. „Verkehrt— welch' ein eigener Ausdruck! Meiner Anſicht nach iſt es die ganze Zeit über ſehr richtig zu⸗ gegangen.“ „Ach, nein! Hätte William ſeinen Antrag drei Monate ſpäter oder Malkolm ſein Teſtament drei Monate früher gemacht, ſo wäre jetzt Alles anders.“ „O, wenn es nichts Anderes iſt, was Du wün⸗ ſcheſt, als eine Verwechslung der Zeitrechnung, ſo wirſt Du ohne Zweifel einen bereitwilligen Helfer finden — nichts iſt leichter.“ „Nichts iſt ſchwerer in den Verhältniſſen, in denen wir jetzt ſtehen! William wird mich nie auf⸗ ſuchen.“ „Das würde ich für einen ſehr glücklichen Um⸗ ſtand anſehen. Uebrigens wäre es nicht mehr als ſeine Pflicht— denn die Beſitzerin von Malkomsnäs iſt doch eine Frucht, die für ihn zu hoch hängt.“ „Sprich nicht ſo, Charlotte! Ich vergeſſe es nicht, daß er das bettelarme Fräulein im Dacherker für die wünſchenswertheſte Partie hielt.“ „Für ihn war es dieß auch, was am Beſten dar⸗ aus hervorgeht, daß das arme Fräulein ihn ver⸗ ſchmähte.“ „Aber die reiche— das muß ich Dir offen ſagen, würde es nicht thun, wenn er ſie für würdig hielte, das wieder gut zu machen, was jene verbrochen hat.“ „Das iſt in der That zu lächerlich,“ ſagte die 110 Baronin mit einer ungeduldigen Bewegung ihres ſchönen Kopfes.„Es fehlt nur, daß Du dieſer Tage ſelbſt hingehſt und um ihn freiſt.“ Marie Luiſe erröthete bis zur Stirne.„Ich ſollte ſelbſt freien?“ ſagte ſie verletzt.„Wohl kann ich Dir mine innerſten Gedanken über eine Sache anver⸗ trauen, von der nie die Rede ſein wird, eben deß⸗ halb darfſt Du nicht glauben, daß ich auch nur eine Sekunde lang die Schamhaftigkeit meines Geſchlechts und meine eigene Würde vergeſſen werde.“ „Jetzt erkenne ich meine edel ſtolze Marie Luiſe wieder— Du erſchreckteſt mich wirklich ein wenig! Dein Charakter bringt zuweilen ſo wunderliche Grillen mit ſich— doch gefällt es mir nicht, daß Du eine Wohnung in der Stadt genommen haſt. Du hätteſt den Winter über mit Deiner Mutter recht wohl hier außen in Segersſtad wohnen können, da Du erſt im Frühjahr nach Malkolmsnäs ziehen willſt.“ „Nein, ich bin eitel genug, um einen großen Ge⸗ fallen daran zu finden, meine alten neidiſchen Freunde noch neidiſcher zu machen. Ueberdies iſt es mir in der kleinen Geſellſchaft der Stadt recht wohl.“ „Ich wohne nur ſechs Viertelmeilen von dieſer Stadt, ſagte die Baronin mit Nachdruck,„und ich bin kaum drei Mal im Jahre dort.“ „Deßhalb kannſt Du auch die Leute nie kennen lernen. Jetzt aber hoffe ich, daß Du Raum in unſerer Wohnung findeſt, und der Geſellſchaftskreis—“ „Ach, den kenn' ich,“ unterbrach ſie die Baronin. „Doch, wir reiſen nach Stockholm— was ſagſt Du zu dem Vorſchlag, uns zu begleiten?“ „Ein herzliches„Nein!“ Ich fühle keine Sehn⸗ ſucht dahinz wenigſtens jetzt noch nicht.“ 3 „Deine Sehnſucht hat anſpruchsloſere Gegenſtände,“ bemerkte die Baronin ironiſch, und rief die kleine Ot⸗ tanie zu ſich, um das Geſpräch abzubrechen. ** ⁵*† 6 begar Leben kränk drückt und konnt Leute Perſe barke Rath Beſu Stad halbr als Hauf wie einen liam Rath ſelbſt kam. Inge liche nieut inder im liegt das Lauf gen und Sta ihres Tage ſollte Dir nver⸗ deß⸗ eine echts Lu iſe enig! illen eine ätteſt hier t im Ge⸗ unde der dieſer ich nnen ſerer onin. Du behn⸗ ade,“ Ot⸗ 111 In der großen P-— ſchen Wohnung am Markte begann nun mit Anfang Oktober ein ſehr brillantes Leben im Kleinen. Frau N., die jetzt, wie früher, kränklich und mehr als jemals von Kummer niederge⸗ drückt war, liebte die beſtändigen Einladungen nicht, und ging oft frühzeitig zu Bette. Aber Marie Luiſe konnte die Honneurs für beide machen und ſah viel Leute von der Stadt und vom Lande. Die einzigen Perſonen, welche ihre Einladungen nicht mit Dank⸗ barkeit entgegengenommen hatten, waren des alten Rathsherrn Utters. Sie hatten noch nicht einmal den Beſuch erwiedert, den jene bei ihrer Ankunft in die Stadt bei ihnen gemacht hatte. Der Herbſt verging und auch der Winter war halbwegs vorüber. Man war zu Anfang des Januar, als Carl eines Tags mit der leeren Chaiſe vor dem Hauſe des Rathsherrn hielt.„Um's Himmels willen! wie ſteht es?“ rief die Rathsherrin, indem ſie ihm einen Brief aus der Hand riß. Es war nicht Wil⸗ liams Hand; auch nicht ſeine Unterſchrift. Da der Rathsherr nicht daheim war, machte ſich die Alte ſelbſt an die Lektüre, die ſonſt immer dem Vater zu⸗ kam. Der Brief lautete: „Ein ſehr guter Freund und alter Bekannter des Ingenieurs Williamsſon meldet hiermit dem wohllöb⸗ lichen Rathsherrnhauſe in X., daß der genannte Inge⸗ nieur Williamsſon im Begriff iſt, mit Tod abzugehen, indem er ſeit ſechs Wochen auf dem Hofe Radeboda im Härnögebirge an einem Erkältungsfieber krank liegt, dem er anfangs keine Aufmerkſamkeit ſchenkte, das aber jetzt wahrſcheinlich ſeine ſchöne und thätige Laufbahn endigen wird. Da ich geſtern zufallig we⸗ gen einer Theilung in die Nachbarſchaft hieher kam und den bemeldeten guten Freund Williamsſon außer Stand fand, für ſich ſelbſt zu ſorgen, ſo hielt ich es 112 für meine Pflicht, die Herrſchaften zu bitten, daß ſie gefälligſt prüfen möchten, ob nicht ein Arzt geholt werden ſolle; zu welchem Endzwecke ich ſeinen Bedien⸗ ten mit der Chaiſe ſchicke. Williams zwei Gehülfen, welche von Zeit zu Zeit hieher kommen, haben mir beide bezeugt, daß nur in Folge des Eigenſinns ihres würdigen Vorgeſetzten bis dato noch keiner gerufen worden ſei.“ Radeboda, den 4. Januar 18— Im Namen der Menſchlichkeit: Joſias Pellander, Sachwalter.“ „Nina! Britta! Liſa! meine lieben Kinder, ſpringt was Eure Beine laufen kö nnen: eine nach dem Clubb und eine zum Bürgermeiſter, um den Vater aufzu⸗ ſuchen und ſagt ihm, eine Sache von großer Wichtig⸗ keit rufe ihn augenblicklich heim.“ Nachdem die Alte dieſe Befehle ausgefertigt hatte, ſchenkte ſie Carl einen Schnaps ein, und bat ihn, ihr doch um's Himmels willen zu erzählen, wie das Alles zuſammen hänge. „Nun, das hängt ſo zuſammen,“ begann Carl. „Im Herbſt hatten wir ein Geſchäft in Linemark, und der Ingenieur mußte drei Tage lang naß und erfroren im Koth bis an die Kniee gehen. Dann nahmen wir Winterquartiere bei Andres Mansſon in Radeboda, damit wir, wie der Ingenieur ſagte, nicht durch einen Zug nach der Stadt vor Weihnachten an der Arbeit gehindert würden. Aber ſehen Sie, da hatte er ſich verrechnet; und ſo lag er, anſtatt zu arbeiten, zuerſt an Bruſtſchmerzen krank, und das wurde immer ſchlim⸗ mer und ſchlimmer, bis es kam, wie es jetzt iſt.“ „Und ſteht es denn ſo ſchlimm, Carl, wie er in dem Briefe ſagt?“ 1 „Ja wohl, obſchon ich nicht genau weiß, was er geſagt hat— aber Pellander kann das wohl aus ein⸗ ander ſetzen! Uebrigens möchte ich gehorſamſt darauf aufmerkſam machen, daß es zwiſchen hier und Rade⸗ — boda ein abſcheuliches Stück Weg iſt, und daß ich / dem 2 ren— dazu ſeien, 4 Vater er mi halten Ankun Carl auch mit f bring Wort beim Sie ihn 3 men gen Alte, wein 8 ſie holt dien⸗ lfen, mir hres ufen . 4 ringt lubb ifzu⸗ atte, „ihr Alles Larl. und oren wir oda, inen rbeit ſich uerſt lim⸗ r in s er 113 nicht das Herz hatte, mehr als einmal unter Wegs mich mit Eſſen aufzuhalten.“ Der alte Utter beeilte ſich, Carls Wink nachzu⸗ kommen, und während er ſich damit beſchäftigte, den Ueberreſten des Mittagsmahls die gehörige Ehre anzu⸗ thun, wurde die Unterhaltung fortgeſetzt. „Aber wollte er denn gar nie nach uns oder nach dem Doktor ſchicken?“ „Nein, das wies er immer ab; denn unſere Her⸗ ren— wir haben jetzt zwei Stück— wollten ihn oft dazu bereden. Stets antwortete er, daß das Poſſen ſeien, es würde ſich ſchon ohne ärztliche Hülfe geben.“ Die Rathsherrin ſchaute durch das Fenſter, ob der Vater noch nicht erſchiene.„Ja wahrhaftig! da kommt er mit ſeinem fliegenden Rock!“ Jetzt wurde Rath ge⸗ halten und ein Entſchluß gefaßt. Zwei Stunden nach Ankunft von Pellander's Brief reiste der Doktor mit Carl ab, der außer einer ganzen Ladung Vorſchriften auch noch das Beſte und für einen Kranken Paſſendſte mit führte, was Tante Grete in der Eile zuſammen⸗ bringen konnte. „Mein liebſter, beſter Doktor!“ war das letzte Wort der Alten, als der Doktor beim Vorüberfahren beim Rathsherrn das Abſchiedsglas trank,„machen Sie ihn um Gottes Willen geſund, und ſuchen Sie ihn zu bereden, daß er ſo bald als möglich heimkom⸗ men möge! Ach, wenn ich nur mitreiſen und ihn pfle⸗ gen könnte!— Sagen Sie ihm übrigens, daß die Alte, wo ſie gehe und ſtehe, reichliche Thränen um ihn weine.“ 13. Nie flieht die Wehmuth, nie der Schmerz, Sie ziehen nur von Herz zu Herz. Dahlgren. In ihrem ſchönen Cabinette ging Marie Luiſe auf und nieder, indem ſie bald vor dem Kamine, wo eine Flamme kniſterte, bald an dem Fenſter ſtehen blieb, durch welches ſie nach dem Himmel hinauf ſchaute, der in Dunkel gehüllt war. Ihre ganze Umgebung trug den Stempel des Friedens und des Glücks; aber die junge Beſitzerin ſeufzte dennoch, ſie hatte bereits erfah⸗ ren, daß, welche Bedürfniſſe der Reichthum auch zu befriedigen vermag, die des Herzens doch unbefriedigt bleiben. „Lieutenant von Wallden läßt fragen, ob die Herr⸗ ſchaften heute Abend Jemand annehmen?“ ſagte das eintretende Geſellſchaftsfräulein. „Ja— nein, ich weiß nicht— Mama hat ja Kopfweh, und ich habe— Gott weiß, was, aber wohl bin ich nicht. Haben Sie die Güte, Mamſell Hen⸗ riette, und ſagen Sie, daß Mama unwohl ſei und ich ihr Geſellſchaft leiſte.“ Mamſell Henriette entfernte ſich, kam jedoch nach⸗ einer Weile mit einer beſtürzten Miene zurück, die Marie Luiſens Aufmerkſamkeit erregte. 8 „Was gibt es?“ fragte ſie. „Man ſagt“— Mamſell Kenriette, welche die Verhältniſſe hinreichend kannte, zögerte weiter zu ſprechen. „Was um's Himmels willen gibt es 24 „Der Doktor wurde eben ſchnell zu einem Kran⸗ ken geholt.“ „Wohin?“ „Auf's Land; ich weiß nicht recht, wohin, aber 20 11⁵ man glaubt, er werde zu ſpät kommen— die Perſon, zu der er berufen worden, ſei vielleicht ſchon—⸗ „Es iſt doch nicht die Baronin von Segersſtad?“ „O nein, es iſt Jemand anders: eine Perſon, die hier in der Stadt allgemein vermißt wird— der Ingenieur Williamsſon.“ „Williamsſon!“ rief Marie Luiſe mit einer ſo durchdringenden, erſchrockenen und ſchmerzlichen Stimme, daß die Mamſell erſchrocken zurück fuhr.„O Gott! o Gott! Du biſt gerecht!“ Marie Luiſe ſank auf den Sopha nieder. 9 Die Heftigkeit ihres Schreies rief die Mutter erein. Marie Luiſe ſtreckte ihre Arme gegen fie, und zum erſten Mal ſeit langen Jahren weinte ſie am Mutter⸗ herzen.„Sage nichts! ſage nichts, hab' Erbarmen!“ ſtammelte ſie.„Ich weiß ja doch Alles, was Mama ſagen könnte!“ „Nein, mein Kind; es würde grauſam ſein, jetzt mit einem Vorwurf heran zu rücken. Das Härteſte für Dich iſt der Gedanke, daß Du bei dieſer Gelegenheit als ſein Weib, oder ſogar ſchon als ſeine Braut, das Recht hätteſt, ihn zu beſuchen und zu pflegen.“ „Ich will doch hin, Mama— ich will, ich muß hin! Er darf nicht ſterben, ohne daß ich ihn ſehe, ohne daß er mir verzeiht!“ „Unmöglich— Dein Ruf?“ „Was kümmert mich mein Ruf? Mich kümmert nichts, als er! Habe ich nicht genug gelitten? Laß mich hin; die Rathsherrin ſoll mich begleiten und—“ „Du ſprichſt im Fieber, mein Kind! Wenn er auch ſtirbt, bleibſt Du jetzt doch daheim. Du haſt keinen Vorwand, der einen ſolchen Schritt rechtfertigen könnte, und Du würdeſt Dein ganzes übriges Leben hindurch Reue empfinden, wenn ich der Heftigkeit Deiner Lei⸗ denſchaft nachgäbe.“ „Mama,“ ſagte Marie Louiſe mit zitternder —— ͦ — 116 Stimme,„dieſer Schritt wird William überzeu⸗ gen— „Daß Du ebenſo wankelmüthig, als launiſch biſt. Genug, Marie Luiſe— es iſt meine Pflicht, über Dich zu wachen, wenn Du ſelbſt vergißſt, daß kein Weib ungeſtraft den Forderungen der Sitte trotzt.“ 5„So laß mich wenigſtens zur Rathsherrin hinüber gehen.“ „Auch das nicht! Es würde nur Veranlaſſung zu einer Geſchichte geben, die entſtellend für Dich ausfal⸗ len würde. Mamſell Henriette kann hingehen und ſich nach der Sache erkundigen, die vielleicht ſehr übertrie⸗ ben worden iſt.“ In Fieberängſten wartete Marie Luiſe auf Mam⸗ ſell Henriettens Rückkehr. Die Rathsherrin war entweder aus eigenem Schmerz, oder aus einer andern Urſache, nicht ſehr geſprächig geweſen, und hatte geäußert, es wäre am beſten, die Herrſchaften läſen den Brief ſelber, der Alles erklärte; weßhalb ſie ihn der Mamſell mitgab. Marie Luiſe brachte den Brief ans Licht, und als ſie Pellander's Namen darunter ſah, wurde ihr die Ueberzeugung abgedrungen, daß Perſonen, welche wir mit Verachtung anſehen, oder unſerer Aufmerkſamkeit unwerth halten, uns oft ſehr wichtig, ja ſogar theuer werden können. Ohne die Dazwiſchenkunft des Advo⸗ katen würde der Arzt nicht gerufen worden ſein, und wenn William alſo gerettet wurde, wem mußte ſie, nächſt Gott, dafür danken?„Gott ſegne ihn! ich will keinen Menſchen mehr verachten,“ dachte Marie Luiſe, während ihre heißen Thränen auf die ſonderbare Unter⸗ ſchrift:„im Namen der Menſchlichkeit,“ fielen. Niedergeſchmettert und betäubt ſank endlich Marie Luiſe in einen Zuſtand der Ohnmacht, der ſie ein Paar Tage lang des Gefühlsvermögens zu berauben ſchien. Nur Seufzer gingen über ihre Lippen. Pellander's wohlwollende Handlung wurde indeſſen von einem um ſo höhe lich nic dern ni worden an, bie mit ſei zu Anf „2 herrin nieurs 6 wenig C „ vor W wieder ſo ger 2 Die 117 ſo höheren Erfolge gekrönt, als die Krankheit eigent⸗ lich nicht von gefährlicher Beſchaffenheit geweſen, ſon⸗ dern nur durch gleichgültige Behandlung verſchlimmert worden war. Es ſtand jedoch noch ein Paar Wochen an, bis der Patient ſo weit hergeſtellt wurde, daß er mit ſeiner Bagage den Umzug unternehmen konnte, der zu Anfang des Februars Statt fand. „Lieber Gott! wie Du ausſiehſt,“ ſagte die Raths⸗ herrin, indem ſie in dem kleinen Zimmer des Inge⸗ nieurs herumſtöberte. „Poſſen! Ich werde mich unter Tante Grete's Regiment bald wieder erholen,“ war Williams tröſt⸗ liche Antwort.„Ein junger und ſtarker Burſche ſetzt nicht gleich Fleiſch und Farbe zu, wenn er ſich ein wenig erkältet hat.“ „Ja, ſauber ein wenig! Wenn der Bote nicht ge⸗ kommen wäre—ℳ „So wäre ich doch geſund geworden, und ohne ein ſo großes Loch in meiner Kaſſe,“ entgegnete Wil⸗ liam ſcherzend. „Gott helfe Dir— Du biſt ein rechter Mann, daß Du in der Betrübniß noch lachen kannſt! Ich weiß wohl, daß die Krankheit nicht das Schlimmſte war.“ „Ja, gewiß war ſie es! Sonſt wäre ich ſchon vor Weihnachten da geweſen, und hätte mich auf Fräu⸗ lein N— s Soiréen herum getrieben.“ „O verſuche es nicht, die Alte zu überliſten— ſie ſieht zu hell! Vielleicht fängſt Du doch wieder an, die Angel auszuwerfen.“ „Nein,“ entgegnete William, indem er von der erkünſtelten Heiterkeit wieder in den Ernſt zurückfiel, der ihn jetzt ſelten verließ.„Ich werfe die Angel nicht wieder aus.“ „Aber ſie war recht in Angſt um Dich. Das iſt ſo gewiß wie der Tag.“ „Dafür dank' ich ihr; aber mehr geſchieht nicht.“ Die Erkerſtübchen. 8 118 „Und ſie hat Thränen auf dieſen Brief hier ver⸗ Gelege goſſen; da, ſieh' ſelbſt! Woher glaubſt Du, daß dieſe einem verblichenen Flecken gekommen ſeien? Ich lieh ihnen jetzt an den Brief.“ ihre A „O Gott weiß—“ antwortete William, indem 1 er ſich bemühte, die Rührung zu verbergen, welche die und de Vermuthung der Rathsherrin in ihm hervorgerufen welcher hatte—„das iſt immerhin ungewiß! Es können auch ein fie ma Paar Tropfen aus einem Glas Waſſer darauf gefal⸗ ſagen len ſein.“ wahr i „Das glaub' ich nicht! Ich habe meine beſtimmte Al Anſicht darüber.“ 3 Fenſter „Und wenn es auch Thränen wären,“ fuhr Wil⸗ Derſell liam fort,„ſo hat ſie nur der flüchtige Eindruck des mand Nugenblit hervorgerufen; Marie Luiſe kann nicht ja erfr lieben.“ O Die Alte ſchüttelte zweifelnd den Kopf. und ſo „Möge ſie durch eine vornehme Heirath glücklich tigkeit werden. Möge ſie glänzen und kokettiren, um ſo lange zu bet⸗ als möglich den Traum fortzuſetzen, den ſie Leben innerun nennt— Einmal erwacht ſie doch, und vielleicht wird und di ſie dann dem, der ihr, was ſie jetzt gering ſchätzt, ein Betrach treues und warmes Herz bot, eine wahrere Thräne anſtatt weihen.“. „Ich ſehe, daß Du in dieſer Richtung vollkommen auch, ſ entſchieden biſt; aber warte, mein Junge— Du haſt er im ſie noch nicht geſehen.“ Blicken „Ich werde ſie ſehen, aber ich werde ſie ohne Ge⸗ ſchaft; fahr ſehen, und ich kann kaum glauben, daß ſie in ihrer wenn jetzigen Stellung mein Bild noch bewahrt.“ vorſpie „So ſage mir denn, warum ſie die Herrſchaften er doch von Segersſtad nicht begleitete, als dieſe vor vierzehn hatte i Tagen nach der Hauptſtadt abreisten? Die Baronin kein I war ſelbſt zwei Mal da und ſuchte ſie zu überreden ſolche — und man hätte doch denken ſollen, daß das dem M Fräulein hätte anſtehen können.“ ddie Zei „Ja, es wundert mich wirklich ſehr, daß ſie dieſe Ankunf 4 ver⸗ dieſe hnen ndem e die rufen h ein gefal⸗ umte Wil⸗ des nicht icklich lange Leben wird t, ein hräne nmen t haſt 2 Ge⸗ ihrer daften rzehn ronin rreden dem 3 dieſe 4 119 Gelegenheit aus den Händen ſchlüpfen ließ, da ſie an einem weit größeren Himmel glänzen konnte, als ſie jetzt an einem ſtrahlt. Doch ſie wird wohl auch hier ihre Anbeter haben.“ „Nun, das verſteht ſich! Der Großhändler Klamer und der Lieutenant— wie heißt er jetzt doch?— der, welcher voriges Jahr bei unſerem Schmauſe hier war; fie machen ihr beide den Hof. Aber der Lieutenant, ſagen ſie, ſei eine Spielratze. Gott weiß, ob es wahr iſt. Als William allein war, legte er ſich in das Fenſter und blickte nach dem kleinen Dacherker hinüber. Derſelbe hatte jetzt zugefrorene Scheiben, denn Nie⸗ mand wohnte dort. Ach auch ſeine Hoffnungen waren ja erfroren. Obwohl William ruhig zu erſcheinen ver mochte und ſo viel Kraft beſaß, um in ununterbrochener Thä⸗ tigkeit den Schmerz über ſeine zerſtörte Jugendfreude zu betäuben, ſo nagte nichts deſto weniger die Er⸗ innerung an dieſe Zerſtörung, ſtets gleich heftig an ihm und die Stunden, wo er ſich ungeſtört ſeinen finſtern Betrachtungen überlaſſen durfte, wurden immer bitterer, anſtatt von der Zeit gemildert zu werden. Ein edles und männliches Selbſtgefühl gebot ihm auch, ſich vor dem Weibe nicht ſchwach zu zeigen, die er im Geheimen anbetete, ohne jemals mit Worten, Blicken oder Handlungen dieſe unbezwingliche Leiden⸗ ſchaft zu verrathen. So ſtolz war William, daß er, wenn auch— was ſeine Eigenliebe ihm jedoch nicht vorſpiegelte— Marie Luiſe ihn jetzt aufmuntern wollte, er doch nicht thun würde, als ob er ſie verſtünde. Sie hatte ihn verſchmäht, weil er nicht reich war; er wollte kein Weib beſitzen, wie reich es auch ſein mochte, das ſolche Gefühle mit in die Heirath brachte. 5 Mit der größten Spannung wartete Marie Luiſe die Zeit ab. Schon waren einige Tage nach Williams Ankunft verſtrichen und noch hatte er ſich nicht einge⸗ 120 ſtellt. Endlich an einem Vormittag trat er ein, und nachdem er Frau N. mit der vertraulichen Herzlichkeit eines alten Bekannten gegrüßt hatte, verbeugte er ſich mit der größten Artigkeit vor Marie Luiſe wobei er ihr mit großer Selbſtbeherrſchung zu ihren veränder⸗ ten Umſtänden Glück wünſchte. Mit ſichtlichem Zwang brachte Marie Luiſe einige einförmige Worte hervor. Williams Ton, Williams Blick, ſein ganzes Weſen ſagte ihr mehr als deutlich, daß er ſeine früheren Gefühle jetzt überwunden habe. Ein tiefer Seufzer ſchwellte ihr Herz, aber ſie unter⸗ drückte ihn, indem ſie von einem andern Gegenſtand anfing. Der Beſuch dauerte nicht lange und wurde unge⸗ achtet Frau N— s freundlichen Einladungen nicht wie⸗ der erneuert. Doch fand er ſich gewöhnlich ein, wenn ſie größere Geſellſchaften hatten, und vergaß dabei nie aus Zerſtreutheit, das Fräulein nicht bei Zeit zu en⸗ gagiren. Er gab dem Geſpräch ganz den leichten Flug, den Marie Luiſe liebte, ohne daß jedoch dieſer Flug mit ihren früheren Verhältniſſen in Berührung gekom⸗ men wäre, und zeigte ſich überhaupt als ein artiger und gebildeter Geſellſchafter, der keine andere Abſicht hat, als an dem Vergnügen Theil zu nehmen. Wenn ſeine Leidenſchaft gemindert oder vielmehr gänzlich zuſammen gefallen zu ſein ſchien, ſo entwickelte ſich die ihrige immer ſtärker, je artig kälter er wurde. Dieſes Gefühl, welches Marie Luiſe vor acht Mona⸗ ten hatte beherrſchen können, welches damals unterge⸗ ordnet geweſen war, drohte jetzt nicht nur ihr Herz zu übermannen, ſondern auch über Vernunft und Stolz empor zu wachſen. Zwar kämpfte ſie um den äußern Schein zu bewahren— und bewahrte ihn auch wirk⸗ lich— aber war ſie auch immer Meiſter über ihren Blick und vor Allem über ihre Laune, die beſtändig zwiſchen einer unnatürlichen Luſtigkeit und einer an Verzweiflung grenzenden Schwermuth abwechſelte ehe e ausz ſtren⸗ „Auge erſta⸗ zum Ings Sinn aufre nach Gru Stre den zern war. Mut über den zur genu durc zeige ſtets es j nähe Freie der mer ohne ſitzer „ und lichkeit er ſich bei er ünder⸗ einige lliams eutlich, habe. unter⸗ enſtand unge⸗ t wie⸗ wenn bei nie zu en⸗ Flug, r Flug gekom⸗ artiger Abſicht elmehr vickelte wurde. Mona⸗ nterge⸗ derz zu Stolz 121 Als William ſeinen letzten Abſchiedsbeſuch machte, ehe er wie gewöhnlich im Frühjahr auf das Land hin⸗ auszog, kam es jedoch beinahe ſo weit, daß jede An⸗ ſtrengung vergeblich geweſen wäre. Der Glanz ihres Auges wurde von einem Nebel umhüllt, der Scherz werſtarb auf ihren Lippen und die Hand, die ſie ihm zum Lebewohl reichte, zitterte. „Wann werden wir einander wieder ſehen, Herr Ingenieur?“ fragte ſie mit erzwungenem Lächeln. „Vermuthlich nächſten Winter, wie ich hoffe.“ Es wurde kalt um Marie Luiſens Herz und ihre Sinne ſchwindelten; nur mit Anſtrengung hielt ſie ſich aufrecht, während ſie ihn mit einem Kopfnicken grüßend, nach dem nächſten Zimmer ging. Die Monate ſchlichen langſam dahin. Während William ſtrebte und arbeitete, um den Grund zu einer künftigen Unabhängigkeit zu legen; ein Streben, das immer mehr mit Erfolg gekrönt zu wer⸗ den ſchien, ſchleppte Marie Luiſe unter heimlichen Seuf⸗ zern die Laſt hin, die ihr das Leben jetzt geworden war. Einen Theil des Sommers brachte ſie mit ihrer Mutter in Malkomsnäs, einen Theil im Bade zu, und überall kam ihr der junge artige Lieutenant von Wall⸗ den in den Weg. Seine Aufmerkſamkeit war nicht bis zur Zudringlichkeit läſtig, denn er hatte Scharfſinn genug, um Marie Luiſens Charakter theilweiſe zu durchſchauen. Wo jene aber Gelegenheit fand, ſich zu zeigen, ohne geſucht oder fad zu erſcheinen, geſchah es ſtets. Nach der Rückkehr von der Badreiſe hielt er es jedoch für paſſend, einen Verſuch zur direkteren An⸗ näherung an das Ziel zu machen, und trat bald als Freier auf. Um dieſe Zeit wetteiferten zwei andere Perſonen: der vorhergenannte Großhändler und ein ſchlauer Kam⸗ merjunker um die Ehre von Marie Luiſens Hand; und ohne die geringſte Neigung für irgend einen zu be⸗ ſitzen, hielt ſie ſie doch lange genug in ihren Feſſeln. 122 Endlich aber um den dringenden Vorſtellungen ihrer Mutter, einen Entſchluß für oder gegen zu faſſen, nach⸗ zukommen, wurden dieſe beiden Andeter verabſchiedet, wogegen dem Lieutenant geſtattet wurde, ſeine Be⸗ mühungen fortzuſetzen. Doch that er es, wie es ſchien, mit geringem Erfolg. „Meiner Anſicht nach, mein Kind,“ ſagte Frau N. eines Tags zu ihrer Tochter,„triffſt Du gewiß e iimſe Wahl, wenn Du von Wallden vor⸗ ziehſt. „Ich will ihn nicht wählen, Mama.“ „Warum gibſt Du ihm denn nicht denſelben Be⸗ ſcheid wie den Andern?“ „Weil er der Einzige iſt, deſſen Beſuche und Ge⸗ ſpräche mich unterhalten; er hat ein Bischen Kopf.“ „Und vielleicht auch Herz!“ verſetzte die Mutter. „Haſt Du noch nicht genug geſpielt?“ „Poſſen, Mama— mit ſeinem Herzen hat es keine Gefahr, ſo wenig als mit dem der Andern. Die Männer beſitzen eine große Virtuoſität im Vergeſſen.“ „Oder im Vergeſſenſcheinen, wenn ihre Vernunft die Wahl verworfen hat, die ihr Herz einmal machte.“ „Iſt das nicht eine ſehr harte Bemerkung, Ma⸗ machen?“ „Du haſt ſelbſt darüber urtheilen können, meine Marie Luiſe.“ „Ja, leider— aber was ſoll am Ende daraus werden?— Was iſt das für ein Leben!“ Frau N. ſchüttelte den Kopf. „Ich glaube, ich verheirathe mich noch vor dem Herbſt— vielleicht würde es ihn ärgern.“ „Pfui, mein Kind! Haſt Du ſo unklare oder viel⸗ mehr ſo gottloſe Vorſtellungen von dem Heiligthum der Ehe, daß Du dieſes Band auf einen ſo erbärmli⸗ chen Beweggrund hin knüpfen zu können glaubſt?"¹“4) „Ach, Mamal ich weiß nicht, was ich will— ich weiß nur, daß ich unglücklich bin, und daß ich mit 4 Freud Lage wohn ſie di legte. beſſer meine daraus dr dem r viel⸗ igthum ärmli⸗ 2 — i ich mit 4 123 Freuden wieder arm werden wollte, um wieder in die Lage zu kommen, wo ich war, als wir im Dacherker wohnten.“ „Immer gleich heftig!“ ſagte die Mutter, indem ſie die Hand auf die brennende Stirn ihrer Tochter legte.„Wir müſſen die Folgen unſeres Leichtſinns beſſer und geduldiger ertragen, meine Marie Luiſe!“ 14. Verlaſſnes Herz, Für meine Liebe Tempel, meinen Schmerz, Hüll Dich in Wolken, kleid' mit Ooferſchniit⸗ Dich! ybom. Mit dem Herbſte kamen Marie Luiſe und ihre Mutter wieder in die Stadt, und dieſelbe Jahreszeit führte auch William her. Noch einmal, zum letzten Mal wollte Marie Luiſe ſehen, ob der Würfel unwiderruflich gefallen ſei. Sie begegnete William in den Geſellſchaften; aber dieſer Winter überzeugte ſie wie der frühere nur zu ſehr davon, daß, welche Gefühle auch William in ſei⸗ nem Herzen hegte— und ſie konnte kaum glauben, daß er flüchtig ſei— er doch mit vollem Ernſt beſchloſ⸗ ſen habe, dieſe zu bemeiſtern. „Nun gut,“ ſagte Marie Luiſe eines Tags zu ſich ſelbſt, während heiße Thränen ihre Wangen bedeckten und der Aerger über den gleichgültigen Gruß, womit er eben am Fenſter vorübergegangen war, noch in ih⸗ rem Gemüthe gährte,„nun gut! auch ich will die mei⸗ nigen bemeiſtern— das muß ein Ende nehmen!“ Sie 124 hob mechaniſch ein Billet von dem Tiſche auf, das, ſie wußte nicht mehr wann, dorthin gelegt worden war. Bebend warf ſie den Blick auf die Ueberſchrift— ach wovon hatte ſie jetzt wieder geträumt? Der Brief war ja nicht von William! Sie erbrach ihn jedoch, und ſah ihn mit Rudolph v. Wallden unterzeichnet. „Ach!“ rief Marie Luiſe, indem ſie die zierlichen Zeilen durchlief, worin ſie der Lieutenant beſchwon, ſein Glück oder Unglück zu entſcheiden—„Das könnte nicht gelegener kommen!“ Und ohne weitere Ueberlegung ihre erſte Pflicht, ihre Mutter zu Rathe zu ziehen, ver⸗ geſſend, legte ſie ein Blatt zuſammen und ſchrieb: „Lieutenant v. Wallden iſt heute Abend um ſechs Uhr willkommen. Marie Luiſe.“ Sie verſiegelte das Billet mit derſelben fliegenden Haſt, wie es geſchrieben worden war. Erſt nachdem es abgeſandt war, ſprang ſie zu ihrer Mutter und warf ſich mit Heftigkeit in ihre Arme, indem ſie flü⸗ ſterte:„Jetzt iſt es geſchehen.“ „Was ums Himmels willen?“ fragte Frau N. beſtürzt.’ „Ich habe v. Wallden ſichere Hoffnung gegeben und ihn gebeten, heute Abend um ſechs Uhr hieher zu kommen.“ „Ohne mein Wiſſen?“ „Wozu würde es gedient haben? Mama war im⸗ mer gegen ihn und doch iſt er der Einzige, mit dem ich einigermaßen erträglich durchs Leben gehen kann.“ „Du glaubſt alſo, daß er immer Dein gehorſamer Sklave ſein werde, der die Saiten der Guitarre zu Deinem Vergnügen ſtimme und zärtliche Weiſen an⸗ ſtimme? Aber ich bitte Dich, Marie Luiſe— noch iſt es nicht zu ſpät, ändere dieſen übereilten Entſchluß, zu dem Du gewiß durch eine Urſache veranlaßt wurdeſt, die zu unbedeutend iſt, als daß ſie gegen das Glück Deiner ganzen Zukunft in die Wagſchale gelegt wer⸗ den d bitter meine warut Ahnur harrſt / ren v wendt mir, nichts ein C brauc genor arme Sage ſchleck ich e⸗ als würd wirke ten, wille auf! ſie v derer „Nu abſte alle merk ich k ſchre wie e.“ enden chdem und 2 flü- u N. geben er zu r im⸗ dem ann.“ ſamer re zu n an⸗ öch iſt iß, zu irdeſt, Glück wer⸗ 125 den dürfte. Erinnere Dich, daß Deine Mutter aus bitterer, theuer erkaufter Erfahrung ſpricht, und handle meinem Nathe nicht entgegen! Ich kann nicht ſagen, warum ich es will; aber mein Herz hat eine beſtimmte Ahun von Unglück, wenn Du bei dieſer Wahl be⸗ arrſt.“ 5„Ach liebe Mama,“ antwortete Marie Luiſe, de⸗ ren verſtörte Sinne keine nähere Ueberlegung oder An⸗ wendung der zärtlichen Mutterworte erlaubten, glaube mir, Du empfindeſt nur ein Vorurtheil, weil Wallden nichts als ein armer Militär iſt. Er iſt auf alle Fälle ein Ehrenmann, für den ein Weib nicht zu erröthen braucht; und ich glaube, das heißt, ich habe mir vor⸗ genommen, recht glücklich mit ihm zu werden.“ „Marie Luiſe, Marie Luiſe— ich zittre für Dich, armes Kind!“ „Nun, ſo gib mir denn Deine Hände, liebe Mama! Sage mir einen einzigen Zug von dieſem Mann, der ſchlecht iſt, und ich werde augenblicklich umlenken, da ich es noch kann.“ „Wollte Gott, ich kennte dieſe Züge eben ſo gut, als ich ſie ahne,“ ſagte Frau N. traurig,„dann würde ich vielleicht ſo glücklich ſein, auf Dich ein⸗ wirken zu können! So aber kann ich Dich nur bit⸗ len, aus wärmſtem Herzen bitten, um Deiner Mutter willen von dieſer Verbindung abzuſtehen!“ Marie Luiſe ging einige Augenblicke im Zimmer auf und ab, ohne eine Antwort zu geben. Dann trat ſie vor ihre Mutter hin und ſprach mit einer Stimme, deren Leidenſchaftlichkeit die zärtliche Mutter erſchreckte: „Nun wohl, Mama, ich will von dieſer Verbindung abſtehen— und ich thue es um ſo leichter, als ſie auf alle Fälle eine verhaßte Kette werden würde. Aber merke jetzt, was ich ſage: ich bin nicht wie Andere; ich kann nicht anders! Oft jagt das Blut auf eine ſchreckliche Weiſe durch meine Adern, und es brennt wie Feuer, wenn ich mich zwingen muß, kalt zu ſchei⸗ 126 nen. Gebe ich jetzt einem Manne ein Recht auf mein Wort und meine Treue, und zugleich mir ſelbſt wich⸗ tige Pflichten, ſo bin ich gebunden und vor meinem ſchrecklichſten Feinde bewahrt: vor der Freiheit— der Freiheit, in einem Augenblick des Wahnſinns auf die wilden Ideen zu horchen, die bisweilen durch meine Phantaſie jagen— O Mama, Du theure und einzige Freundin, Du, die ſo fromm und rein iſt, wie ſoll ich es wagen, Dir die ſündigen Gedanken zu ſagen, die ich ſchon gehabt habe!“ Marie Luiſe ſank zu den Füßen ihrer Mutter und benetzte ihre Hände mit ihren Thränen. „Unglückliches, verirrtes Kind! Wird das Maß des Kummers nie gefüllt werden?“— Die Thränen der Mutter miſchten ſich mit denen der Tochter; lange blieben ſie ſo ſtumm und Bruſt an Bruſt geſchloſſen. Endlich ſagte Frau N., indem ſie Marie Luiſens Stirne erhob und die Hand darauf legte:„Du mußt viel gelitten haben, bis das Licht Deiner Seele ſich ſo verfinſtern konnte, und ich bin überzeugt, daß Dein eigenes Gewiſſen Dich ſchon genug beſtraft hat. Ich will die Laſt nicht noch vermehren. Ich will nicht einmal ſagen: gib mir ein Verſprechen, denn ein ſol⸗ ches begehren, hieße vorausſetzen: daß Du noch einmal von der größten Sünde verſucht werden könnteſt, die ein Menſch begehen kann. Aber meine Marie Luiſe hat ſich ſelbſt überwunden, indem ſie ſich ihrer Mutter anvertraute.“ „Ach ja! ich fühle, daß hier mein beſter Zufluchts⸗ ort iſt. Aber demungeachtet rathe mir nicht von mei⸗ ner Heirath ab, ſondern laß uns heute Abend Alles entſcheiden! Glaube mir, glaube mir, ich werde ruhi⸗ ger, wenn ich ein beſtimmtes Ziel weiß, für das ich leben werde.“ „In Gottes Namen denn!“ ſagte Frau N. mit angſterfülltem Herzen.„Nur Eines will ich hinzu⸗ ſetzen, und bewahre dieſe Worte beſtändig in Deiner Seele: Wenn Du dieſe Verbindung eingegangen haſt, die j Gefi haben in T Verl es zu keine inden hinar ſelbſt drei Fenſt komt ihren groß⸗ die ſ und einen neuli um d germ geſſer tenan biger 127 die fürs Leben gilt, ſo bedenke, daß nicht einmal ein Gefühl dem untreu ſein darf, dem Du Alles gegeben haben mußt.“ 4 * 2* Am Tage nach dieſem entſcheidenden Wendepunkt in Marie Luiſens Leben, flog das Gerücht von ihrer Verlobung durch die Stadt und nicht zuletzt gelangte es zum Hauſe des Rathsherrn. „Jetzt werden wir wohl ſehen, ob die Glöckchen keinen andern Ton annehmen,“ ſagte die alte Utter, indem ſie die Treppe zu der Wohnung des Ingenieurs hinauf ging, welche Wohnung jetzt mit dem Saale ſelbſt vermehrt worden war, da er nicht weniger als drei Herrn Gehülfen hatte, die an den verſchiedenen Fenſtern arbeiteten. Die Rathsherrin pflegte Williams Feldmeſſerei⸗ komtor ſtets die„Kanzlei“ zu nennen, wenn ſie vor ihren Bekannten mit ihrem kleinen Ingenieur, ſeinen großen Verdienſten und einträglichen Geſchäften prahlte, die ſie ſtets als ihre eigenen anſah. William ſaß auf ſeinem alten Platz im Erker und ſchrieb. „Willkommen Tante Grete.“ Er räumte eilig einen Stuhl für die Alte ab. Die Rathsherrin machte die Thüre zu. „Nun, William, haſt Du noch nichts Neues gehört?“ „Nichts Merkwürdiges, außer daß Pellander, der neulich von hier wegging, in die Stadt gekommen iſt, um die ſchlummernde Gerechtigkeit zu erwecken.“ „Wie ſo?“ „Es iſt nämlich ein Verhaftsbefehl von dem Bür⸗ germeiſter gar zu lange verzögert oder vielmehr ver⸗ geſſen worden, weil er ſeinem Verwandten, den Lieu⸗ tenant Wallden, galt.“ „Ach nein?“. „Ja wohl. Pellander hat jetzt von dem Gläu⸗ biger die Vollmacht erhalten, die Sache raſcher zu 128 betreiben, und vermag der Lieutenant nicht etwas herbei zu ſchaffen, wodurch unſer Advokat in Ver⸗ ſuchung geführt wird, der in ſolchen Fällen wegen ſeiner Toleranz und„Menſchlichkeit bekannt iſt, ſo fürchte ich, wird der Herr Lieutenant in Bälde auf eine unbequemere Weiſe von der Stadt abfahren, als er ſonſt zu reiſen pflegt.“ „O das hat keine Gefahr! Er wird ſchon einen Ausweg ſinden, um die Sache in Ordnung zu brin⸗ gen— Haſt Du ſonſt nichts Neues gehört?⸗ „Nein— was denn?“ fragte William und ſeine Wange nahm eine höhere Färbung an. „Marie Luiſe verlobte ſich geſtern mit Lieutenant Wallden.“. „O das iſt ſchändlich!“ rief William heftig auf⸗ fahrend. „Schändlich? das iſt doch zu viel geſagt.“ „Zu viel?— Nein gewiß nicht. In demſelben Augenblick um ein Weib anzuhalten, wo er in das Schuldgefängniß abgeführt wird!— Sie ſoll nicht aufgeopfert werden— Aber wer ſoll ſie warnen?“ „Haſt Du einen Nutzen davon, wenn ſie gewarnt wird?“ „Ich denke nicht an meinen Nutzen oder Scha⸗ den— ich denke nur an ſie, vor der ich einen boden⸗ loſen Abgrund offen ſehe.“ „Aber lieber kleiner William, das iſt doch nicht das Schlimmſte, was ein Mann thun konnte.“ „Wenn es auch nicht ſo wäre, ſo hat er doch etwas Schlimmeres gethan, der Elende—“ William brach ſchnell ab und ſetzte ruhiger hinzu:„Aber bei Gott! ſie ſoll ſich nicht ungewarnt ins Verderben ſtür⸗ zen. Mögen ſie mich beurtheilen, wie ſie wollen— mein Benehmen in der letzten Zeit hat hinlänglich be⸗ wieſen, daß ich nicht für eigene Berechnung handle— Ich will mit Frau N. ſprechen und auch mit Marie Luiſe, wenn es nothwendig iſt.“ ¹ heute gewit da e beſtm blick halbe all ſ Inne Wohl! Mutt und 4 aber einan gemi ſetzte „Ich — w erlau ſo fo Gele gen etwas Ver⸗ vegen , ſo e auf , als einen brin⸗ ſeine enant auf⸗ 129 „Aber beruhige Dich und bedenke—“ „Da iſt keine Zeit zu bedenken. Ich gehe noch heute Abend hinüber. Doch nein— da treffe ich gewiß den Lieutenant. Es muß jetzt gleich geſchehen, da er vermuthlich damit beſchäftigt iſt, ſeine Sachen beſtmöglichſt zu arrangiren. Ich gehe im Augen⸗ blick hin.“ William kleidete ſich ſchnell an. Und kaum eine halbe Stunde, nachdem er die Nachricht erhalten, die all ſeiner Entſchlüſſe ungeachtet ſeine Seele bis ins Innerſte erſchüttert hatte, ſtand er im Vorzimmer der Wohnung, die von Fräulein Marie Luiſe und ihrer Mutter eingenommen war. Frau N. hörte vom Schlafzimmer aus ſeine Stimme und kam ſogleich heraus. Mit einem Gefühl, nicht eben der Verlegenheit aber doch einer gegenſeitigen Unruhe, näherten ſie ſich einander; und bei ihr wenigſtens wurde dieſe nicht gemindert, als William ſich neben ſie auf das Sopha ſetzte und mit einer etwas unſichern Stimme ſprach: „Ich komme in einem Geſchäft von großer Wichtigkeit — wird Frau N. einem alten ergebenen Freunde wohl erlauben, ohne Umſchweife zu ſprechen?“ „Sehr gerne,“ ſtammelte ſie. Sie zitterte davor, William möchte jetzt, da es zu ſpät war, ſeinen An⸗ irag erneuern. Aber ſie wurde bald über ihren Miß⸗ griff aufgeklärt, als William die Farbe wechſelnd fort⸗ fuhr:„Fräulein Marie Luiſe hat ſich geſtern verlobt — kennen die Herrſchaften den Mann näher, der das Jawort des gnädigen Fräuleins erhalten hat?“ „Nein, bei Gotlt! nicht im Geringſten.“ „Das hab' ich mir gedacht. Und obſchon ich der Letzte ſein ſollte, der dieſe Geſchichte berührte, ſo er⸗ laubt mir doch mein Gewiſſen nicht, dieſe Verbindung ſo fortgehen zu ſehen, ohne daß ich der Herrſchaft eine Gelegenheit gebe, darüher zu urtheilen, was für Fol⸗ gen ſie mit ſich führen könnte.“ 130 „Sprechen Sie, ſprechen Sie, mein beſter Herr Ingenieur!“ „Erſtens iſt Lieutenant Wallden nicht nur ruinirt, ſondern in eine Menge nicht ſehr ehrenvoller Geſchich⸗ ten verwickelt, die ſämmtlich Folgen ſeiner Leidenſchaft für das Spiel ſind. Ein augenblicklicher Beweis— und Frau N. möge die Erwähnung deſſelben nicht für kleinlich von mir halten— iſt der, daß der Bürger⸗ meiſter aus Gründen, die man jetzt ohne der Wahrheit zu nahe zu treten, leicht errathen kann, einen Ver⸗ haftsbefehl verzögert hat, der ſchon längſt in Wirkung geſetzt ſein ſollte. Heute iſt indeſſen der Sachwalter des Gläubigers in der Stadt und auf welche Weiſe die Affaire abgemacht wird, dürfte ſich ebenfalls ver⸗ muthen laſſen, da man Lieutenant Walldens neues Verhältniß kennt.“ „O meine Ahnungen! meine Ahnungen!— ich hielt nie viel Gutes von dem Menſchen.“. „Und doch,“ fuhr William fort,„iſt dieß meiner Anſicht nach das Geringſte, da dieſer Umſtand leider ſehr gewöhnlich iſt und den Herrſchaften doch früher oder ſpäter zu Ohren gekommen wäre. Aber was ich noch hinzu zu fügen habe, das kann mir nur die drän⸗ gende Macht des Augenblicks abnöthigen, denn es iſt ein mir anvertrautes Geheimniß.— Lieutenant Wall⸗ den hat kaum vor einem Monat und zugleich während er ſein Schickſal in die Hände des Fräulein Marie Luiſe legte, um die häßliche, aber reiche Tochter der verwittweten Baronin von G. angehalten. Er war feſt entſchloſſen, ſich auf eine oder die andere Weiſe zu retten. War ihm das Glück hier ungünſtig, ſo würde es ihm auf der andern Seite gewogener ſein, dachte er. Die Baronin, welche argwohnte, ſeine Bewerbung habe nur das große Vermögen ihrer Toch⸗ ter im Auge, hat noch nicht geantwortet, wird aber mit„Nein“ antworten— Fräulein Marie Luiſe hat ihm während der Zeit das Jawort gegeben.“ 7 erröth Die taſche dolph des L 1 ſtehe ziemli 7 er ſic N. be ſei. Poſt züngi⸗ leeren wenn finde. ſtellig er, w v. W 2 allerd denno 2 den- 131 „Das iſt denn doch eine Geſchichte“— Frau N. erröthete und ihre Stimme zitterte. „Die eines Beweiſes bedarf,“ verſetzte William. „Dieſer iſt hier.“ Er zog einen Brief aus der Bruſt⸗ taſche, der an die Baronin v. G. adreſſirt und Ru⸗ dolph v. Wallden unterzeichnet war. „Ums Himmels willen! wie kam das in die Hände des Herrn Ingenieurs?“ „Auf die einfachſte Weiſe. Seit längerer Zeit ſtehe ich mit dieſer Dame in Geſchäftskorreſpondenz wegen einer Gütertheilung zwiſchen ihr und ihren Nachbarn. Ich war ſo glücklich, mir ihre Achtung zu erwerben und ſie war ſo gütig, ehe ſie ihre Ant⸗ wort an den Lieutenant von Wallden abſchickte, mir ſeinen Antrag anzuvertrauen und mich zu bitten, ich möchte, da ich in derſelben Stadt wie der Lieutenant wohnte, ihr einige Nachrichten über ſeine Verhältniſſe und ſeinen Charakter geben, welche beide der Baronin ziemlich dunkel zu ſein ſchienen.“ „Und was antwortete der Herr Ingenieur?“ „Daß ich nichts weiter von ihm wüßte, als daß er ſich hier offen und ſeit längerer Zeit um Fräulein N. bewerbe, daß aber der Ausgang noch unbekannt ſei. Nun ſchickte mir die Baronin mit umgehender Poſt dieſen Brief, der die niederträchtigſte Doppel⸗ züngigkeit beweist, mit dem Auftrag, ihn in einem leeren Couvert an den Lieutenant zurück zu ſchicken, wenn er ſich gerade in Geſellſchaft des Fräuleins be⸗ finde. Ich wollte dieſen Befehl ſchon geſtern bewerk⸗ ſtelligen, aber es kann auch heute geſchehen, nachdem er, wie ich hoffe, jetzt ein hinlängliches Licht auf Hrn. v. Walldens Handlungsweiſe geworfen hat.“ „Ach mein beſter Ingenieur Williamsſon, das iſt lerdings ein ſprechender Beweis. Allein ich fürchte ennoch— ℳ „Wie? ſollte das Fräulein unter ſolchen Umſtän⸗ den— Es iſt nicht möglich!“ 13² „Es iſt nichts weniger möglich als vorher zu ſe⸗ hen, wie Marie Luiſe eine Sache nehmen wird und am allerwenigſten dieſe. Wenn aber der Herr Inge⸗ nieur mich noch mehr verbinden will, ſo verſprechen Sie mir, ſelbſt mit ihr zu reden.“ „Nicht gerne, meine beſte Frau N! Es iſt ein zu zarter Punkt— mit einem Wort, das Fräulein würde gewiß glauben— Nein! ich muß mir in der That ausbitten, daß Sie mich mit dieſem Vertrauen ver⸗ ſchonen.“ „Stille, ſtille— der Herr Ingenieur entſchlüpft mir nicht. Haben Sie die Güte und bleiben Sie— ich höre Marie Luiſe in das Schlafzimmer kommen! Ich will ſie ſogleich vorbereiten; werden Sie nur nicht ungeduldig, wenn es ein wenig lange anſteht.“ Frau N. verſchwand. Die gute Frau glaubte in ihrem Her⸗ zen, Niemand könne beſſer als William auf Marie Luiſe einwirken. Wir werden ſehen, ob ſie ihre Tochter richtig be⸗ urtheilte. Was in dem Schlafzimmer vorging, iſt nicht zu unſerer Kenntniß gelangt; denn nur abgebrochene Worte trafen Williams Ohr, als er, gegen den Kamin⸗ rand geſtützt, in der peinlichſten Gemüthsſtimmung daſtand. Er bereute es beinahe, daß er eine Sache über ſich genommen hatte, die, mochte ſie nun gelin⸗ gen oder mißlingen, einen Schatten auf ihn ſelbſt wer⸗ fen konnte. Wer bekümmerte ſich um die Reinheit ſei⸗ ner Abſicht, wer würde glauben, daß er ſeine frühe⸗ ren Anſprüche nicht erneuern wollte, wenn es ihm ge⸗ lungen wäre, ſeinen Nebenbuhler zu ſtürzen? Das wußte Niemand, aber vielleicht würde bald Mancher vermuthen, ja Marie Luiſe ſelbſt möglicherweiſe glau⸗ ben, daß eigennützige Berechnungen ſeinem Benehmen zu Grunde gelegen ſeien. Dieſe Betrachtungen waren unausſprechlich bitter für William; aber da der Schritt einmal gethan war u ſe⸗ und Inge⸗ echen in zu vürde That ver⸗ hlüpft ie— mmen! nicht Frau Her⸗ Narie g be⸗ ht zu ſchene amin⸗ mung Sache gelin⸗ wer⸗ it ſei⸗ frühe⸗ n ge⸗ Das ancher glau⸗ ehmen bitter war, 133 konnte er nicht mehr zurück; und was auch daraus entſtehen mochte, ſo hatte er ſtets einen Troſt in der Gewißheit, daß er ſogar mit Aufopferung ihrer guten Meinung von ihm, ſie zu retten, verſucht habe. Sie ſollte nicht mit verbundenen Augen in die Gefahr rennen. Es war eine für William unendlich lange Zeit verfloſſen, als die Thüre leiſe geöffnet wurde und Marie Luiſe auf der Schwelle erſchien. Sie waren nicht mehr allein zuſammengetroffen, ſeit dem wichtigen Augenblick, wo ſie aus unbeſieg⸗ barem Hochmuth ihren Geliebten verabſchiedet hatte. Jetzt ſtanden fie einander wieder gegenüber; er ernſt und tief im Innern gerührt, ſie mit ruhiger Würde ohne eine Spur von verſchwundenen Wolken auf der Stirne. Marie Luiſe war das unbeſtimmteſte Weib, wenn es ſich darum handelte, über Etwas einen Entſchluß zu faſſen; hatte ſie ſich aber einmal entſchieden, ſo ſtrebte fie unwiderruflich vorwärts, mochte ihr nun begegnen, was da wollte. Daraus folgte, daß fie eine nur wenige Stunden alte Verlobung für gleich bedeutend mit dem Heiligthum der Ehe und ihrer eige⸗ nen Ehre wie derjenigen des Mannes anſah, mit dem ſie ihr Schickſal als ein gemeinſames Gut verbunden hatte. Hätte ſie anders gedacht, hätte ſie dieſe erſte Verbindung nicht für ſo unauflöslich angeſehen, ſo würde ſie wahrſcheinlich in dem ſchmerzlichſten ent⸗ ſcheidenden Augenblicke nicht vor dem Manne zurück⸗ gewichen ſein, den ihr Oerz einſt, jetzt und immer anbetete. „Unendlich willkommen, Herr Ingenieur,“ ſagte ſie in jenem Tone der Artigkeit, womit man nähere Bekannte anredet.„Ich kann nicht anders, als Ihnen ſehr dankbar für die gutgemeinte Abſicht ſein, die Sie hieher führt. Aber zu den meiner Mama gegebenen Erklärungen iſt noch eine weitere nothwendig, dir ich bitte, hinzuſetzen zu dürfen.“ Die Erkerſtübchen. 9 134 William war wie aus den Wolken gefallen. Da ſtand dieſes Weib, welches, wie er gewiß wußte, ihn noch liebte, das unter Thränen und in der heftigſten Bewegung, wie er meinte, erſcheinen würde, um ihm für ſeinen Eifer zu danken oder ihn zu verwünſchen, und das, wie er vor Allem gewähnt hatte, eine gewiſſe Furcht und ſcheue Unruhe vor einer Zuſammenkunft mit ihm zeigen würde— da ſtand es vollkommen gefaßt, und ſprach in dem Ton einer höflichen Bekanntſchaft, wie wenn er ihr ganz gering⸗ fügige Mittheilungen zu machen hätte. Ganz ver⸗ wirrt über dieſe Geiſtesgegenwart, deren er ſich ſelbſt immer weniger und weniger rühmen konnte, begnügte er ſich in Ermanglung einer paſſenden Antwort die Erläuterungen abzuwarten, die ſie ihm angekündigt hatte. „Was die erſte Geſchichte betrifft,“ fuhr Marie Luiſe mit ſo viel Sicherheit fort, wie wenn ſie die vollkommenſte Wahrheit anführte,„ſo muß ich erklä⸗ ren, daß ſie mir bereits bekannt iſt—“ ſie weidete ſich an Williams ſichtlicher Beſtürzung—„daß in demſelben Augenblick, oder vielmehr noch ehe v. Wall⸗ den um meine Hand anhielt, er mir die Unordnung mittheilte, worin ſich ſeine ökonomiſchen Angelegen⸗ heiten befinden, welchen Umſtand ich durchaus für kein Hinderniß hielt, da meine Wahl einmal entſchieden war. Was dagegen dieſen Brief betrifft—“ ſie legte ihn vor William auf den Tiſch—„ſo will ich mir keine Bemerkung über den Mißbrauch erlauben, der davon gemacht wurde. Ich will nur ſagen, daß ich v. Wallden niemals wiſſen laſſen werde, daß ich ihn geſehen habe, denn um die Zeit, da er geſchrieben wurde, war unſere Verbindung ſo vollkommen abge⸗ brochen, daß er das Recht hatte, anzuhalten, um wen er wollte. Und ich vermuthe, daß er die Verzögerung der Antwort als eine deutliche Erklärung betrachtete daß er ſeine Freiheit wieder beſitze, weßhalb er ſeinen AntraB ſchah.⸗ den B Mühe ſelten Vorau ten de Handl dernsr Sie d Acht Luiſe, der ich entgege auf ſeit ewiß d in einen ihn dähnt einer ſtand einer ring⸗ ver⸗ ſelbſt nügte t die ndigt Narie e die erklä⸗ eidete ß in Wall⸗ mung egen⸗ kein ieden legte ) mir , der iß ich h ihn ieben abge⸗ iwen erung chtete, ſeinen 185 Antrag bei mir erneuerte, welches erſt geſtern ge⸗ a. ſ h. Aus all Dem,“ entgegnete William, indem er den Brief zuſammen legte,„ſehe ich, daß ich meine Mühe hätte erſparen können— aber man iſt leider ſelten im Stande, die Anwendbarkeit derſelben im Voraus zu berechnen! Es iſt meine Pflicht, den Wor⸗ ten des Fräuleins zu glauben, und jedenfalls iſt ihre Handlungsweiſe in dieſer neuen Frage ſehr bewun⸗ dernswürdig. Indeſſen, Fräulein Marie Luiſe, laſſen Sie die Fakta, die ich angeführt habe, nicht außer Acht— ſie ſind ſprechend und erlauben Sie mir— „Nein, Herr Ingenieur,“ unterbrach ihn Marie Luiſe,„ich kann nicht erlauben, daß die Perſon, mit der ich mein Schickſal vereinigt habe, länger der Ge⸗ genſtand einer derartigen Unterhaltung zwiſchen uns iſt, und ich muß nur noch hinzuſetzen, daß ich in kei⸗ ner Hinſicht etwas mit dem zu ſchaffen zu haben glaube, was ſich vor meiner Verlobung mit v. Wallden zuge⸗ tragen hat. Das iſt ganz ſeine Sache.“ „Man mag alſo dem Charakter des Lieutenant v. Wallden noch ſo viel zur Laſt legen, ſo hat es kei⸗ nen Werth für ſeine Braut?“ „Keinen Werth.“ „Verzeihen Sie, mein Fräulein— aber wenn es mir noch geſtattet iſt, ein aufrichtiges Wort zu ſagen, ſo möchte ich fragen, ob man dies nicht füglich ein abſichtliches Blindſeinwollen nennen könnte?“ „Möglich,“ antwortete Marie Luiſe;„aber das iſt einmal mein Grundſatz.“ Das Blut ſtieg William in den Kopf. Sein Aer⸗ ger hatte lange mit einem beſſeren Gefühl gekämpft, einem Gefühl, das warm für Marie Luiſe ſprach, auch als ſie, wie dies jetzt der Fall war, ſich von ihrem eigenſinnigen Stolz einem offenbaren Verderben entgegen führen ließ. Die ſcharfe Antwort ſtarb jetzt auf ſeinen Lippen, und in einem Ton inniger Milde 136 ſagte er:„Ich fürchte, dieſer Grundſatz kann von un⸗ berechenbarem Schaden für die Zukunft ſein. Ach Fräulein Marie Luiſe!“ fuhr er in großer Aufregung fort,„glauben Sie dem Freund, der kein höheres Intereſſe kennt, als Ihr Glück. Er kann keine ſchlimme Abſicht haben— erwägen Sie es wohl. Ich be⸗ ſchwöre Sie, Fräulein.“ „Nicht dieſen Ton, um Gottes willen!— ver⸗ laſſen Sie mich! Wir haben einander nichts mehr zu ſagen— Dank, Dank für Alles! Aber es kam zu ſpät!“ Marie Luiſe war verſchwunden. In düſterer Gemüthsſtimmung kehrte William heim. Marie Luiſe hatte ſeinen Rath, ſeinen guten Willen verſchmäht, ſie hatte ihn vielleicht im Verdacht eines tieferen Planes, und bei dem Ausgang, den die Sache jetzt genommen, wünſchte er auf's Neue, ſich jener Mittel nicht bedient zu haben, die er hervorgeſucht hatte, um ihr die Gefahr zu zeigen. 9 3 15. Was helfen mir Gebete und was Klagen? Steht nicht mein Urtheil tief ſchon eingegraben Und unauslöſchlich in des Schickſals Kupferplatte Wozu noch Hoffen, Suchen und Begehren? Was kann ich noch bekommen, was verlieren? Runeberg. Zwei Stunden nach Williams Beſuch trat Lieu⸗ tenant von Wallden mit ſtrahlendem Blick zu ſeintt Braut ein. Er war glücklich, glücklicher ſelbſt als am Tage vorher, wo er das Jawort erhalten hatte; den heute hatte er Pellanders Jawort erhalten, und dieſt für ein reſpektables Douceur, das vor allem Andern einlaufen ſollte, verſprochen, ſeinen Gläubiger über⸗ zeugen zu wollen, daß die Schuld weit bälder bezahlt werden würde, wenn man den Lieutenant in Ruhe Hochzeit machen laſſe, als wenn man ihn verhafte. „Wie befindeſt Du Dich heute, meine geliebte Marie Luiſe?“ fragte der ſchnellbekümmerte Liebhaber, als er ſie mit marmorblaſſer Wange gegen die be⸗ queme Rückwand eines Ruhbettes gelehnt daſitzen ſah. „Nicht ganz wohl und nach dem Gerücht zu ur⸗ theilen, das dieſen Morgen durch die Stadt flog und auf dieſem Weg zu meiner Kenntniß kam, hätte ich auch nicht erwartet, Dich ſo heiter zu ſehen.“ v. Wallden ungewiß, welches Gericht ſie meinte — denn eine Menge Möglichkeiten kreuzten ſich in ſeinem Kopf— war jedoch zu klug, um eine Seite bloszu⸗ ſtellen, die verhüllt werden konnte. Er ſah deßhalb nur mit einem Fragezeichen auf ſeine Braut. „Die Geſchichte mit dem Advokaten Pellander!“ „Ach! wie widerwärtig doch dieſe Kleinſtädter ſind!— die ganze Stadt miſcht ſich in die Angele⸗ genheiten des Einzelnen! Ich verſichere Dich, meine Geliebte, das iſt eine Bagatelle, die Deine Aufmerk⸗ ſemtei durchaus nicht verdient und die bereits beige⸗ egt iſt.“ „Mit der Verbindlichkeit der Schuldſcheine nach zwei Monaten zu honoriren, vermuthe ich?— Es war ja doch auf einen Zeitraum von zwei Monaten von jetzt an, daß ich geſtern auf Deine dringende Bitte unſere Hochzeit feſtſetzte?“ Von Wallden erröthete ſtark, doch ſagte er mit der bezauberndſten Faſſung:„Sechs Wochen, mein Engel.* „Ja, ſo war es— Aber Du wirſt auf alle Fälle nicht weniger als vierzehn Tage nöthig haben, um Dich mit Deinen neuen Geſchäften vertraut zu machen.“ „Du willſt mich beleidigen, theure Marie Luiſe.“ 138 „Weit entfernt! Ich will nur, daß wir einander recht verſtehen. Deine Angelegenheiten ſind gänzlich zerſtört und nichts iſt natürlicher, als daß Du ſie wie⸗ der in Ordnung zu bringen ſuchſt.“ „Ach, Marie Luiſe, meine geliebte, angebetete Marie Luiſe! Du wirſt doch nicht glauben, daß ich aus einem ſo unedlen Beweggrund mit dieſem Eifer ein Glück zu gewinnen geſucht habe, das Du mir endlich ſchenkteſt.“ „In dem Verhältniß, in dem wir jetzt zu ein⸗ ander ſtehen,“ verſetzte Marie Luiſe,„halte ich es für's Beſte, daß wir einander ſtets ein offenes Ver⸗ trauen zeigen, und um daher einen Anfang zu machen, will ich meine Anſicht rein ausſprechen. Ich glaube, daß dieſer Wunſch größtentheils Deinen Berechnungen zu Grunde lag, daß Du aber zugleich ſo viel perſön⸗ liche Neigung zu mir hatteſt, als nöthig iſt, um das Bewußtſein ein wohlhabender Mann zu ſein, noch ſüßer zu machen; mit einem Wort, ich bezweifle nicht, daß Du, im Fall Du zugleich— ich ſetze nur den Fall— um ein Weib angehalten hätteſt, das reich und häßlich geweſen wäre, Du mich vorgezogen haben wür⸗ deſt, ſofern es von Deiner Wahl abgehangen hätte.“ Von Wallden ſtand buchſtäblich verſteinert da. Marie Luiſe ſollte alſo wiſſen— was war jetzt zu thun? Nichts Anderes blieb mehr übrig, als ſich das Beiſpiel des Vertrauens zu Nutzen zu machen, das ſie ihm gegeben hatte. Aber es mußte fein, und nicht ganz offen geſchehen. In Folge dieſes Gedankengangs ſtürzte ſich von Wallden vor ſeiner Braut nieder, ergriff ihre Hand und ſtammelte:„Marie Luiſe! kannſt Du mir ver⸗ geben.— Es geſchah in einem Augenblick des Wahn⸗ ſinns und der Verzweiflung, als ich alle Hoffnung ver⸗ loren hatte, Dich zu beſitzen. Aber ich brach dieſe Iporheit ſogleich wieder ab.“ „ u 2/ nander nzlich e wie⸗ ebetete ch aus er ein endlich u ein⸗ ich es 3 Ver⸗ nachen, laube, = E —₰ —₰ — 139 „Ja, bei meiner Ehre!“ „Und wenn Du es nicht gethan hätteſt, ſo wür⸗ deſt Du die Hand dieſer Erbin erhalten haben?“⸗ „Sollte der,“ antwortete der Lieutenant mit ein⸗ ſchmeichelnder Stimme,„der Marie Luiſe eroberte, eine abſchlägige Antwort von einer kleinen Meduſa befürchten müſſen?“ „Nein, das geht doch beinahe zu weit!“ ſagte Marie Luiſe in einem Ton, der ſehr ſchneidend in das Ohr eines Bräutigams klang. Er war nicht kalt, nicht heftig; aber er drückte etwas weit Schlimmeres aus. „Was meinſt Du damit, meine Geliebte?“ „Daß Du ein ſehr kurzes Gedächtniß haben müſ⸗ ſeſt— doch laß uns dieſen Gegenſtand abbrechen! Du wirſt mich ſtets geneigt finden, das, was über Dein verfloſſenes Leben zu meiner Kenntniß gelangen kann, mit geſchloſſenen Ohren aufzunehmen. Aber merke wohl: an Allem, was Du künftig thuſt, nehme ich An⸗ theil! Befleckſt Du Deine Ehre, ſo befleckſt Du auch die meinige— doch ich hoffe, daß Du nichts unter⸗ nehmen wirſt, woruͤber ich erröthen müßte.“. „Nein, bei Gott! Du überirdiſches, idealiſches Weib, mit dieſen erhabenen Geſinnungen, wie ſie keine Deines Geſchlechts beſitzt! Glaube mir— ich ſchwöre es Dir hoch und theuer— mein ganzes Leben ſoll Dir und der Ehre geweiht ſein! Nie werde ich ein Geheim⸗ niß vor Dir haben, nie eine Handlung begehen, die ſich vor Deinem reinen Blick verbergen müßte.“ Der Lieutenant ſchwebte auf der Himmelsleiter. Er war im Begriff geweſen, in den Abgrund hinab zu ſtürzen, aber durch ein Wunderwerk, er wußte nicht hurch welches, flog er jetzt in die Seligkeit ſelbſt hinein. „Gott gebe,“ ſagte Marie Luiſe ernſt,„daß Du dieſes Verſprechen halteſt! Sobald wir getraut find, haſt Du freie Hände, denn um Dich deſto ſicherer zu 14⁴⁰ 4 binden, ſchenke ich Dir ein unbegrenztes Vertrauen. Verl⸗ Mama hat Alles aufgeboten, um mich zu einem ſoge⸗ abſpe nannten Vertrag zu vermögen, aber der, dem ich meine Hand gebe, muß auch Herr über mein Vermögen ſein. Lieut Sollteſt Du aber dieſes mein Vertrauen täuſchen, ſo. — ich will dieſen fürchterlichen Gedanken nicht denken!“ ſie a „Du willſt nicht, geliebte Marie Luiſe, denn Du kannſt nicht ſo verächtlich von dem Manne denken, den Du zu Dei⸗ mein nem Gatten gewählt haſt. Ich nehme Gott zum Zeugen, daß ich es redlich meine, und daß ich keine höhere geſch Pflicht kennen werde, als die, Dein Glück zu be⸗ reiten.“ es ni „Dieſes“— Marie Luiſe fuhr mit der Hand über Theil die Stirne—„doch gleichviel! höre jetzt weiter: da Du, wie geſagt, Herr meines Vermögens geworden ſinne biſt, ſo wirſt Du Deine Angelegenheiten auf einmal herko in Ordnung bringen, damit wir von der Erinnerung Luiſe daran vollkommen befreit werden; dann mußt Du ge⸗ kurz ordnet, ſtreng geordnet werden, wenn Du meine Ach⸗ tung zu gewinnen und zu erhalten wünſcheſt, denn= Bar arm will ich nicht noch einmal werden.“ Verä „Ich auch nicht,“ verſicherte von Wallden aus einen aufrichtigem Herzen.„Ich wäre ſchon längſt der or⸗ die f dentlichſte Menſch geworden, wenn ich Etwas beſeſſen gam hätte, um damit hauszuhalten, aber ein armer Mann ſamn kann ſich nur durch Thätigkeit oben erhalten.“ rieth Als dieſe nicht ſonderlich ſchwärmeriſche Unter⸗ weni haltung zwiſchen den Verlobten erſchöpft war, wollte wurn von Wallden mit dem Recht eines Liebhabers und Ruhe Bräutigams eine Scene aufführen, welche mit dem müht Verhältniſſe beſſer übereinſtimmte, das vor vierund⸗ zwanzig Stunden beſtimmt worden war; aber dieſer zu C Verſuch wurde durch Marie Luiſens Erklärung, daß tiefen ſie Liebeständeleien nicht leiden könne, gänzlich abge⸗ ALuiſe ſchnitten. Man könnte, meinte ſie, einander doch eben tröſte ſo gut lieben, ſie wüßte nichts Langweiligeres als zwei bofl als 141 Verlobte, die wie Tauben girrten und ſich mit Küſſen abſpeiſten. „Aber dieſe Speiſe iſt göttlich!“ entgegnete der Lieutenant. „ Für die vielleicht, welche ſie lieben— mir kommt ſie aber beinahe eklich vor.“ „Himmel! wie proſaiſch! Wo ſoll ich denn mit meinem liebeglühenden Herzen hin?“ „Du biſt ja ſchon fertig damit, da Du es mir geſchenkt haſt,“ ſagte ſie mit erzwungener Heiterkeit. „Wohl; aber das Unglück beſteht darin, daß man es nicht ſo ganz fortgeben kann, daß Einem nicht ein Theil übrig bliebe, der für das Ganze leiden kann.“ „Nein, das find doch gar zu fade Dinge— be⸗ ſinne Dich auf etwas Unterhaltenderes, bis Du wieder herkommſt. Jetzt muß ich Briefe ſchreiben!“ Marie eiſ fertigt: den künftigen Lenker ihres Schickſals ſehr urz ab. Der Brief, den ſie ſchreiben wollte, war für die Baronin Charlotte beſtimmt, um ſie von der neuen Veränderung in Kenntniß zu ſetzen. Aber nicht mit einem Worte ſprach ſie von den neuen Entdeckungen, die ſie in Beziehung auf den Charakter ihres Bräuti⸗ gams gemacht hatte, noch auch von ihrer letzten Zu⸗ ſammenkunft mit William. Ihre Mittheilungen ver⸗ riethen jedoch der ſcharfſinnigen Freundin, daß ſie wenigſtens in dem Augenblick, wo ſie niedergeſchrieben wurden, weit entfernt war, glücklich zu ſein oder die Ruhe zu beſitzen, die ſie ſich an den Tag zu legen be⸗ mühte.*. Marie Luiſens kurze Zeit der Freiheit ging bald zu Ende. Die unruhige liebende Mutter ſeufzte immer tiefer, je mehr ſie ſich dem Ziele näherte. Aber Marie Luiſe hatte beſtändig eine zärtliche Schmeichelei, ein tröſtendes Wort bei der Hand. Nie war ſie ſo liebe⸗ voll, ſo warm, ſo demüthig und aufmerkſam geweſen als jetzt. Allein nichts konnte das Mutterherz beru⸗ 142 higen; es durchſchaute den Schleier, den Marie Luiſe über ihr Inneres geworfen hatte, und es zitterte da⸗ vor, daß ſie einmal von den Dornen verwundet wer⸗ den möchte, mit denen ſie ſpielte. Während der drei Verkündigungstage ſtrömten Freunde und Bekannte in das Haus der Frau N. William machte ſeinen Beſuch in aller Eile an einem Vormittag und in Geſellſchaft des Rathsherrn Utter. Die Rathsherrin mußte natürlich in eine große Kaffe⸗ viſtte. Da von Walden gegenwärtig war, als William ſich dieſe für ſein Herz ſo harte Probe auferlegte, ſo lief ſie leichter ab, als ſie es vielleicht ſonſt gethan ha⸗ ben würde. Am 16. Februar ſchimmerte die ganze große Woh⸗ nung auf dem Markte im Glanze des Kronleuchters und der Kandelaber. Der nicht eingeladene Theil der Stadtbevölkerung drängte ſich neugierig außen herum, um etwas von der Braut zu erblicken, die ſich hie und da bald an der Seite des überglücklichen Bräutigams, bald nur von ihren Mädchen begleitet, am Fenſter zeigte. „Sie hat nie ſo wenig hübſch ausgeſehen, wie heute Abend,“ ſagte eine von jenen vornehmeren Da⸗ men, die, wenn ſie eine Magd in Geſchäften nach einem Nachbarhof ſchicken, ihr einen Gruß von der„Madame“ mitgeben:„Ihre Augen ſehen ja rothgeſchwollen aus.“ „Ach! aber ſie iſt doch ſo elegant, ſo elegant!“ rief eine Andere,„das Geſicht iſt das Wenigſte an einer Braut. Sehen Sie einmal dieſe Garnirung— es ſind ja vier Reihen Blonden! Und dieſer Seiden⸗ harſch— wie die glücklich iſt! o wer an ihrer Stelle wäre!“. „Der wäre vielleicht nicht zu glücklich,“ meinte eine Dritte.„Ich kenne Mamſell Henriette und ſie ſagte mir heute Morgen, als ich in Geſchäften oben war, daß das Fräulein die ganze Nacht nicht geruht Luiſe da⸗ wer⸗ mten N. 143 habe, ſondern angezogen auf und abgegangen ſei, und daß ſie auch heute etwas ſonderbar wäre. „O, das war ſie immer, das hoffährtige Ding!“ ſagte die vierte Sprecherin.„Sie wußte nie recht, auf welchem Fuße ſie ſtehen ſollte, und jetzt wird es wohl noch ärger ſein, da ſie beſtändig fähren darf. Mein Mann hat den neuen eleganten Wagen ausge⸗ polſtert und den zwei Schlingeln, die drinnen hin und herſpringen, die Livreen gemacht.“ Wahrend dieſes vor ſich ging, ſaß in dem finſtern Dacherker eine Perſon über den Tiſch vor dem Fenſter herabgebeugt. Es war William, der die Uniform an⸗ gezogen hatte, um ſich zur Hochzeit zu begeben, der aber, als er gehen ſollte, alle Macht verloren hatte, von der Stelle zu kommen. Unbeweglich ſtarrte er nach dem Dachſtübchen gegenüber— es ſah öde aus, wie ein Grab! Was helfen mir Gebete und was Klagen! Steht nicht mein Urtheil tief ſchon eingegraben Und unauslöſchlich in des Schickſals Kupferplatte! Wozu noch Hoffen, Suchen und Begehren? Was kann ich noch gewinnen, was verlieren? Der Rathsherr war bereits nach dem Hochzeits⸗ hauſe gewandert; aber die Rathsherrin, die es ſich bei einer Gelegenheit, die ihr nur Kummer machte, kein neues ſchwarzſeidenes Kleid koſten laſſen wollte, war daheim geblieben. Sie wußte, daß William die Ab⸗ ſicht hatte, hinzugehen, und da Alles auf ſeinem Zim⸗ mer ſtill geworden war, woraus ſie ſchloß, daß er jetzt fort ſei, nahm ſie das Licht, um hinauf zu trippeln und ihm das Zimmer ein wenig in Ordnung zu bringen. Im Saale ſchwatzten die jungen Herren an ihren Ar⸗ hettstiſchenz ſie wußten nicht anders, als daß ihr Herr ort ſei. Aber, Herr Gott! wie entſetzte ſich Tante Grete 144 als ſie eintrat und ihn, den ſie mitten unter den Hoch⸗ zeitsgäſten glaubte, wie todt am Tiſche ſitzen ſah. In einer Sekunde war ſie bei ihm und faßte ihn am Arm, „William, William! mein lieber Junge! was iſt es mit Dir— ſieh mich doch an!“ „Ja, ja,“ ſagte William, indem er ſich den kalten Schweiß von der Stirne ſtrich,„ich ſollte ja zur Hoch⸗ zeit, zu Marie Luiſens Hochzeit— nicht wahr?“ „Aber es iſt jetzt zu ſpät, liebes Kind,“ ſagte die Alte mit unterdrücktem Weinen, denn wie ihr lieber William jetzt ausſah, hatte ſie ihn nie geſehen. Er war ſo blaß, daß kaum ein Tropfen Blut in ſeinen Adern zu rollen ſchien. „Nicht zu ſpät, Tante! Ich will, ich muß ſie als Braut ſehen.“ „Nein, mein Herzensſohn, das mußt Du nicht wollen! Sie hat Dich genug gekoſtet, und die Andern würden nur über Dich lachen, wenn ſie Dich ſo ſähen, wie Du jetzt biſt; die Andern, verſtehſt Du, die nichts weiter wiſſen.“ „Wie?— glaubſt Du, daß ſie mich auslachen werden, Tante 2⸗ „Ja, ja, das könnte wohl geſchehen. Aber ſiehſt Du, Williamchen, hier iſt Jemand, der nicht über Dich lachen wird, der gerne den Reſt ſeines alten Lebens hingeben wollte, wenn das Glück, das Du verloren haſt, dadurch wieder erkauft werden könnte. Komm jetzt und ſetz' Dich hier auf das Sopha zu der Alten, und laß ſie mit Dir plaudern.“ „O nein! Ich kann nicht ſprechen! Es iſt hier ſo dumpf— ich habe keine Luft— ich muß ein wenig hinausgehen.“ „Rein, das thuſt Du nicht! Wir wollen den ſteifen Frack ausziehen— der beengt Dich, ſonſt nichts. Sieh, Williamchen, da haſt Du Deinen Schlafrock! Wenn wir uns nur wieder recht daheim fühlen, ſo wird es ſchon gut werden.“ 145 Die Alte brachte ihn dazu, den Hochzeitsſtaat aus⸗ zuziehen, den ſie ſogleich wieder in die Garderobe hängte, um ſeine Erinnerung nicht zu erwecken, und beſonders gut verbarg ſie den Degen, vor dem ſie in ihrer übertriebenen Einbildung eine große Furcht hatte. Jetzt ſaß William alſo auf dem Sopha an der Seite ſeiner wahrhaften und treueſten Freundin und ließ ſie ſprechen, thun und gebaren, was ſie wollte, während er gleich unruhig nach dem Dacherker ſtarrte. „Ach, ach! Du hörſt mich nicht,“ klagte die Alte und drückte ihm die Hand. „Ich will nachher Alles hören, laß mich jeßt nur den Mantel umwerfen. Ich muß hinaus, ich habe mir vorgenommen, ſie heute Abend zu ſehen.“ „Nun denn, in Gottes Namen! Aber laß mich mitgehen— wir können uns ein wenig vermummen und uns in den Volkshaufen miſchen.“ William ſprang heftig empor.„Dank, herzlichen Dank!“ ſagte er.„Laß uns eilen.“ 1 „Ja, nimm jetzt den Mantel und den Hut, und gedulde Dich dann ein Paar Augenblicke unten, wäh⸗ rend ich mich anziehe! Aber, mein lieber William, da⸗ für, daß ich jetzt mitgehe, mußt Du mir auch auf Treu' und Glauben verſprechen, daß wir umkehren, ſobald Du ſie geſehen haſt.“ „Ja, ich verlange nicht mehr.“ Und Arm in Arm gingen der junge Mann und die alte Frau der Marktſtraße zu. Niemand that als ob er ſie kenne, aber aus der Bereitwilligkeit, womit man ihnen im Gedränge Platz machte, ſchloß die Alte, daß ſie wohl erkannt ſei. Ein Stück weit von dem Hauſe blieb ſie ſtehen.„Drücke den Hut herab und ziehe den Kragen hinauf,“ flüſterte Tante Grete. William hörte ſie nicht, denn ſein Wunſch war be⸗ reits erfüllt. Von den Brautjungfern, mit dem Licht in der Hand, begleitet, trat die Braut, wie auf eine geheime Mahnung hervor. Sie ſah auf die Straße 146 hinaus in die dunkle Menſchenmaſſe, wo ſich jedoch keine einzelne Geſtalt erkennen ließ, aber vielleicht herrſchte die Macht der Ahnung über ihr Herz, denn jetzt hatte ſie nicht, wie bei den vorhergehenden Malen, ein Lächeln zu zeigen. Ihre Lippen zitterten, als ſie tief und ernſt hinaus grüßte. Nach einigen Minuten verſchwand ſie vom Fenſter. „Können wir jetzt gehen?“ flüſterte Tante Grete und zupfte William ſanft beim Arm. 7 „Ja. Und in der kleinen Wohnſtube der Rathsherrin, wo er ſo manche frohe und gemüthliche Stunde verlebt hatte, ſaß William dann den ganzen Abend äußerlich ruhig. Ja, er war ſo ungewöhnlich gefügig, daß die Alte für ihn fürchtete. Aber ſpäter am Abend brach das unnatürliche Band, das ſein Herz zuſammengepreßt hatte. Im Zimmer auf und abgehend, drückte er die Hand vor die Augen, aber Tante Grete ſah die Thrä⸗ nen dennoch, die durch die Finger herabtropften. Mit dieſer Erleichterung bekam William ſeine Kraft wieder, und die Alte hätte gerne vor Freude darüber geweint, daß ſie ihren kleinen Ingenieur jetzt wieder erkannte, wenn ſie nur das Geſehene laut an⸗ zuerkennen gewagt hätte. „Dank, Dank, liebſte Tante Grete— das iſt Alles, was ich ſagen kann,“ ſprach William, als ſie ſich an dieſem bitter ſchweren Abend trennten.„Meine eigene Mutter hätte in dieſen Augenblicken nicht mehr für mich ſein können.“ „Mache die Alte nicht ſtolz! Sie handelt ja nur aus Eigennutz; Dein Glück iſt das ihrige.“ „Aber ohne dieſen edlen Eigennutz,“ ſagte William, indem er ſie gerührt umarmte,„wäre ich jetzt nicht, was ich bin, und,“ ſetzte er hinzu, da er ahnte, daß Tante Grete ſeine Schwachheit geſehen habe,„Gott gab dem Weibe Thränen, um ſeinen Schmerz auszugießen, aber der 2 um 5 ſchlief Wehr Broſ für f 8 in ei hält nicht Geſta Tabor tarre beglei dern 2 melde Livré” 2 leichte 147 der Mann, bei dem ſie ſeltene Gäſte ſind, bekam ſie, um Kraft und Muth wieder zu gewinnen.“ Gott preiſend ging die Rathsherrin zur Ruhe, und ſchlief lange und gut, während William jetzt in ſtiller Wehmuth auf Marie Luiſens Fenſter blickte, unter deren Froſtroſen der Mond ſo ſchön ſchimmerte. Und über alles Kleinliche erhaben, betete er für ſie, für ſich! 16. Wie unvergeßlich war die Stunde, Voll Licht aus tauſend Sonnenflammen, Voll Seligkeit und Harmonie! 5 von Braun. Ja— find wir nicht unendlich glücklich? Mellin. Es ſind acht Tage nach der Hochzeit. Marie Luiſe liegt auf einem Sopha im Kabinet, in ein elegantes Morgenkleid gehüllt. Ihre Hand hält ein Buch auf dem Schooß, während ihre Blicke nicht ohne ein gewiſſes Wohlwollen über der ſchönen Geſtalt ihres Mannes ruhen, der auf einem niedern Tabouret zu ihren Füßen ſitzt, in die Saiten der Gui⸗ tarre greift und die weichen Töne mit einer Stimme begleitet, die nichts Weichliches oder Weibiſches, ſon⸗ dern einen recht männlichen Klang hat. „Der Wagen der gnädigen Frau iſt vorgefahren,“ holdete ein Bedienter, in der von Walldenſchen ivrée. Marie Luiſe erwiederte die Nachricht mit einer leichten Bewegung des Kopfes. Aber als ihr Mann 148 die hübſche Romanze geendigt hatte, ſagte ſie freund⸗ lich:„Ich will Dich heute nicht bitten, mir Geſell⸗ ſchaft zu leiſten! Denn hie und da iſt es gut, wenn man allein friſche Luft ſchöpft.“ 2 „Wie Du willſt, meine Geliebte. Es iſt ein Opfer, das Du mir auferlegſt“— Wallden küßte ſeiner Frau artig die Hand—„Aber die Sonne wird hoffentlich nicht auf lange verſchwinden?“ „Ach, beſter Wallden, wenn Du nur dieſe abge⸗ nützten und trivialen Phraſen bei Seite laſſen wollteſt, ſie ſagen ja doch nichts. Wollen wir heute Abend Beſuche machen?“ „Za, wenn es Dir recht iſt, mein Engel! Da dieſe Menſchen unſer häusliches Glück durchaus mit ihren wohlgemeinten Einladungen unterbrechen wollen, ſo kann man ja zum Erſatz für ihre Koſten einige kurze Beſuche dagegen ſchenken.“ „Ja, ſo meine ich auch.“. „Und immer, meine angebetete Marie Luiſe, wer⸗ den unſere Neigungen übereinſtimmen! Die Harmonit iſt das Fundament der ehlichen Glückſeligkeit!“ „Das iſt wahr, mein Freund! Aber jetzt muß ich mich ankleiden— darf ich Dich bitten, zu läuten 24 „Läuten— was denkſt Du, meine Göttliche? Ich behalte es mir vor, Dich bedienen zu dürfen. Du brauchſt ja doch nur Oberkleider, und ich erlaube Niemand anders, Deine Schuhe zu knüpfen— und ſieh, das liegt ja Alles in dem Schlafzimmer.“ Und mit fröhlicher Dienſtfertigkeit ſprang der neue Ehe⸗ mann um ſeine junge Frau herum, indem er ein grö⸗ ßeres Weſen machte, als ein Liebhaber. „Nun denn, wie Du willſt!“ Marie Luiſe ſtreckte ihren kleinen Fuß auf den Schemel. „Ach, welch' ein entzückender Fuß— ich fordert die Venus heraus, einen ähnlichen zu zeigen.“ „Ich bitte Dich um s Himmels willen, mein Freund,“ bat ihn Marie Luiſe ungeduldig,„laß doch — einma „Glau kleinli gehen, Walld 3 1⁴9 eſell⸗ einmal Deine ſchwülſtigen Redensarten. Die Pferde venn züſen ja ſo lange warten und der Kutſcher friert ſich u Tode.“ in 1„Was thut das, meine Göttin, Pferde und Kut⸗ küßte ſcher ſind dazu geſchaffen, zu warten— Nun, da iſt wird der Pelz— welch' ein geſchmackvoller Zeug— wie meiſterhaft er ſitzt! Nichts ſteht Dir ſo gut, wie blau, abge⸗ das Rothe ausgenommen“— llteſt„Und das Gelbe und das Weiße, nicht wahr?“ lbend verſetzte Marie Luiſe. „Ja, das verſteht ſich; denn Alles ſteht Dir gut Da— Aber dieſer kleine violette Sammthut übertrifft mit doch Alles! Man ſieht deutlich, daß die Georgine eine ollen, ächte Pariſerin iſt. Du ſollteſt mich mitgehen laſſen, einige um die Bewunderung mit zu genießen, die Du er⸗ wecken wirſt.“ Dieſe letzte Bemerkung nöthigte Marie Luiſe ein wer⸗ Lächeln ab. Von den Fenſtern, an denen ſie vorüber monie fuhr, mußten ja allerdings viele Perſonen die Blicke nach ihr ſenden. Aber zu ihrem Manne ſagte ſie: uß ich„Glaubſt Du, ich ſei ſo eitel, daß ich um einer ſo n 20 kleinlichen Urſache willen meinen Wunſch, allein zu 2 Jch gehen, ändern würde!“ Eine Andeutung, welcher von Du Wallden als ein artiger Mann Folge leiſtete. rlaube Indeſſen begleitete er ſeine junge Frau zum Wa⸗ — und gen und ließ ſelbſt den Fußtritt herab, als er ihr die Und Hand zum Hinaufſteigen bot. Che⸗— Ein Fußdänger kam in dieſem Augenblick vorbei „ und grüßte. n gr„Mein Gott! ich glaube, Du zitterſt, mein Engel ſtrekte— biſt Du krank?“ „Nein, ich hatte nur Angſt wegen der Ungeduld ordere der Pferde— Adieu, adieu!— Ich komme bald hin⸗ ein.“ Sie ſetzte ſich im Wagen zurecht und von Wall⸗ mein den ſchloß die Thüre, nachdem er noch einen leichten doch Kuß auf die Hand ſeines Weibes gedrückt hatte. Die Erkerſtübchen. 10 150 „Wohin befiehlt die gnädige Frau, daß ich fahren ſoll?“ fragte der Kutſcher. „Nach dem Oſtthore.“ Der Wagen flog davon. Marie Luiſe grüßte ihren Mann noch einmal, und würde dann in die Wagenecke zurück geſunken ſein und ſich frei ihren ver⸗ borgenen Qualen überlaſſen haben, wenn ſie nicht be⸗ merkt hätte, daß die Aufmerkſamkeit von jedem vor⸗ überfliegenden Fenſter auf ſie gerichtet war. So ward ſie von der Furcht zurückgehalten. Voll Anmuth und ohne alle Zeichen des Stolzes, den man ihr immer aufbürden wollte, grüßte ſie Freunde und Bekannte. Aber als ſie an ihrer früheren Wohnung vorbei fuhr, die zugefrorenen Fenſter im Dacherker ſah und an je⸗ nes Ehmals und dieſes Jetzt dachte, da trat das Ge⸗ fühl in ſeine Rechte. Glücklicherweiſe war jedoch die Gaſſe ſo kurz, daß ſie bald in der ungeſtörten Einſam⸗ keit der Landſtraße in den Wagen zurückſinken und ganz in den Betrachtungen leben durfte, die auf ihr Gemüth einſtürmten. „Nein; ich muß von hier fort!“ war ihr einziger klarer Gedanke.„Dieß überſteigt alle menſchenmög⸗ liche Anſtrengung. Keine Pflichten, wie heilig ſie auch ſein mögen, können uns vor unſerer Phantaſie retten, die immer wieder auf dieſelben Gegenſtände zurüch kommt.“ In Verzweiflung, in halbem Wahnſinn hatte Ma⸗ rie Luiſe ihre Heirath abgeſchloſſen. Sie hatte ein gewaltſames Mittel brauchen wollen, um die zerſtö⸗ rende Leidenſchaft aus ihrer Bruſt zu reißen. Wenn aber dieß gelingen ſollte, ſo durfte es nicht unten den Augen desjenigen geſchehen, deſſen bloßer Namt jene unterhielt. Marie Luiſe hatte jedoch einmal, nach⸗ dem dieſe Ehe eingegangen war, einen feſten, uner⸗ ſchütterlichen Entſchluß gefaßt, in Allem den wichtigen Beruf auszufüllen, den ſie jetzt als eine Art große Sühne für ihre frühere Thorheit anſehen wollte. Sie 6 nziger nmoͤg⸗ tee auch retten, zurück te Ma⸗ tte ein zerſtö⸗ Wenn unter Namt , nach⸗ , uner⸗ ichtigen t große 2. Si 6 1⁵¹ fühlte keinen Widerwillen gegen von Wallden, aber auch keine ſonderliche Neigung. Er war gutmüthig, er war fröhlich und aufmerkſam; mit einem Wort, er war brav. „Ach, ja, er iſt brav genug!“ ſeufzte Marie Luiſe, denn es kam ihr vor, wie wenn ſie recht beſcheiden in ihren Anforderungen ſein müßte, da ſie ihm nicht ihr Herz ſchenken konnte, welches unwiderruflich fort war. Dies wußte auch von Wallden im Geheimen, er trö⸗ ſtete ſich aber leicht darüber, wenn ſie ihm nur Freund⸗ lichkeit zeigte. Nach weiteren acht Tagen, die in Saus und Braus verlebt wurden, ſagte Marie Luiſe eines Abends zu ihrem Mann:„Ich ſehe den Frühling ſo gerne von Anfang an ſich entwickeln; wir wollen daher jetzt, wenn Du meinen Vorſchlag billigſt, nach Malkolmsnäs hin⸗ ausziehen.“ „Das iſt ein ſchneller und ganz unerwarteter Ent⸗ ſchluß, mein Engel.“ „Ach, ja, das geſteh' ich— aber ſo bin ich. Ich habe meine kleinen Grillen; das haſt Du wohl ſiets bemerkt?“ „Nein, das hab' ich wahrhaftig nicht!“ „Nun wohl, mein Freund,“ fuhr Marie Luiſe in einem einſchmeichelndern Tone fort;„es iſt alſo nicht zu früh, wenn Du ſie nach einer vierzehntägigen Ehe ent⸗ deckſt! Ich habe jetzt den gluͤhendſten Wunſch, zu reiſen und Malkolmsnäs zu ſehen.“ „Aber meine Geſchäfte, die ich ja um dieſe Zeit in Ordnung bringen ſollte?“ „Die kannſt Du weit beſſer draußen in Ordnung bringen, wo Du in ungeſtörter Ruhe biſt. Denn Du darfſt ſtets ſicher ſein, daß Deine Gläubiger ſo artig ſind, Dich perſönlich oder ſchriftlich aufzuſuchen, wo Du Dich auch befinden magſt.“ „Freilich— aber das Land um dieſe Zeit? Wenn Du nur zu reiſen wünſcheſt, ſo wollen wir lieber ei⸗ nen längeren Ausflug machen, was ſich auch für ein neuvermähltes Paar in unſern Umſtänden beſſer ſchi⸗ cken würde. Wir können zu keiner beſſern Zeit zu den Stockholmer Vergnügungen kommen. Ach! welch' ein Triumph wäre es für mich, eine ſolche Gattin aufzuführen! Du lächelſt, meine Geliebte, ich ſehe Dir an, daß Du nicht gleichgültig gegen den Beifall wäreſt, denn Du vort überall gewinnen würdeſt.“ „Nein, Du täuſcheſt Dich, beſter Wallden. Nicht darüber lächelte ich. Die Art Glück, welche Du mir vorſpiegelſt und die allerdings für ein Weib nicht ohne ihre reizende Seite iſt, kann ich auch noch in einem andern Winter haben. Aber ich habe Dich ſo oft über das Himm⸗ liſche des ſogenannten Honigmonats deklamiren hören, daß ich nicht glaubte, Du würdeſt den Himmel ſo bald gegen die Erde austauſchen wollen. Im Gegenſatz zu dem, was Du behaupteſt, erinnere ich Dich daran, daß alle glücklichen Neuvermählten auf's Land reiſen, um in der Einſamkeit die Süße der gegenſeitigen Ge⸗ ſellſchaft ungeſtört genießen zu können. Erſt ſpäter bilden ſie ſich einen Geſellſchaftskreis und ſtreben nach rauſchendern Vergnügungen.“ Mit einem halb ironi⸗ ſchen, halb koketten Lächeln ſprach die junge Frau dieſe Worte, die gegen ihre Gewohnheit von einer kleinen Liebkoſung begleitet waren. „Es wird wohl jetzt und immer ſo ſein, wie Du willft, Du Unwiderſtehliche!“ antwortete er beſiegt. „Aber um eines will ich Dich bitten, nämlich, daß Du es nicht übel nimmſt, wenn ich ein Paar Kame⸗ raden, alte gute Freunde einlade, die mit ihrer ange⸗ nehmen Gegenwart den Genuß unſeres häuslichen Glücks erhöhen ſollen.“ „Solche Einladungen auf längere Zeit,“ ſagte Marie Luiſe,„ſind allerdings nicht ganz nach meinem Geſchmack, allein—“ „Allein ſie ſind bei allen vornehmen Häuſern auſ dem Lande im Brauch, mein Schatz. Wenn man die ein chji⸗ zu lch' ttin Dir eſt, eicht mir ohne dern nm⸗ dren, bald 3 zu rran, iſen, Ge⸗ oäter nach roni⸗ Frau einer 2 Du eſiegt. daß dame⸗ ange⸗ lichen ſagte einem n auf m die 153 Stadt verläßt, ladet man Geſellſchaft zu ſich ein— das kannſt Du,“ fuhr er lächelnd fort,„in unſern vor⸗ trefflichen engliſchen Romanen, ſogar in den ſchwedi⸗ ſchen und vor Allem in der Wirklichkeit ſelbſt finden.“ „Gegen ſo entſcheidende Gründe weiß ich nichts einzuwenden. Lade ein, wen Du willſt; aber die Be⸗ ſuche in der Nachbarſchaft werden wir doch nicht ſo bald ſchon machen? Ich bin der ewigen Schmauſereien müde und will mich jetzt ausruhen.“ „Süperb, mein Engel! Man ſoll unſere Zärtlich⸗ keit bewundern, die nur einer Einſiedelei bedarf, um angenehm zu leben; und man ſoll ſagen: die neue Herrſchaft in Malkolmsnäs wird überall erwartet, aber ſie laſſen ihre Nachbarn warten. Sie werden gewiß auf einem großen Fuße leben wollen.“ Einige Tage nach dieſer Unterredung zogen die jungen Gatten nach Malkolmsnäs, jedoch allein. Denn Frau N. zog es aus Gründen, die ſie noch für ſich be⸗ hielt, vor, in der Stadt zu bleiben. Marie Luiſe hatte William ſeit ihrer Hochzeit nicht mehr geſehen, außer bei der genannten Morgenprome⸗ nade. Er hatte die Feſtlichkeiten nicht beſucht, die auf ihre Verheirathung gefolgt waren. Mehr als die Einladungen in der Stadt lieferte die Reiſe den Neuvermählten Gelegenheit, ſich mit ge⸗ wiſſen Gewohnheiten und Ungewohnheiten vertraut zu machen, und gab ihnen vor allem mehr als hinreichend Zeit, um ſie gegenſeitig davon zu überzeugen, daß ſie ſelbſt nicht die intereſſanteſte Geſellſchaft für einander ſeien. Doch that jedes, was es konnte, um ſich ſelbſt und den andern Tdeil von dem Gegentheil zu überreden. Er erzählte Anekdoten aus ſeinen Junggeſellentagen, Anekdoten aus den Salons und den Exerzicien. Sie hörte darauf, lächelte, gähnte ein wenig ſtark und er⸗ zählte ihrerſeits von dem lieben Segersſtad und von ihrem Leidweſen, daß die Beſitzer deſſelben fort ſeien, malte ſich jedoch das Vergnügen deſto größer aus, das 154 man bei ihrer Rückkehr im Frühling haben würde. Alles das war recht und gut, erlaubte jedoch den Reiſenden hie und da zu ſchlafen oder wenigſtens ſo zu thun. Endlich war man daheim. Aber nach dem Ver⸗ ſuch, den man unterwegs gemacht hatte, lag doch etwas Kaltes in der Art und Weiſe, wie ſich die Neuange⸗ kommenen in dieſe Einſamkeit des Honigmonats ſchickten. Die erſte Woche benützte v. Wallden dazu, ſeine Angelegenheiten zu rangiren, die nothwendigſten näm⸗ lich; denn trotz des Verſprechens, das er Marie Luiſe gegeben, befriedigte er entweder aus alter Gewohnheit, oder weil das baare Geld ihm gar zu lockend erſchien, nur die dringendſten Verbindlichkeiten. Alle diejenigen dagegen, welche noch unbezahlt gelaſſen werden konnten, ließ er ſtehen. Denn, dachte von Wallden,„reich oder arm, man findet immer die alte Schulden, ohne ſie ſelbſt aufzuſuchen.“ Ueberdieß brauchte man ja jetzt eine Menge nützlicher Dinge, als da ſind: Reitpferde, Jagdhunde und ein verbeſſertes Lager im Keller; über⸗ dieß verſchiedene unvermeidliche Veränderungen in der Zimmereinrichtung und dem armſeligen Ameublement des ſeligen Vaters Malkolm. Während ihr Mann mit dieſen wichtigen Berech⸗ nungen beſchäftigt war, richtete Marie Luiſe ihre große Haushaltung ein, dingte Mägde und eine Haushälte⸗ rin, eine Hausmamſell und eine Kammerjungfer. Doch wollte ſie ſelbſt ein wachſames Aug über Alles haben. An Arbeitſamkeit gewöhnt, war ihr dieß in gegenwär⸗ tiger Zeit eine doppelte Zerſtreuung, und ſie begann bald Vergnügen an ihrem hausmütterlichen Berufe zu nden. Abends trafen die jungen Gatten gewöhnlich am Theetiſch zuſammen. „Du arbeiteſt Dich zu Tod, meine theure Marie Luiſe,“ ſagte einmal bei einer ſolchen Gelegenheit der 1⁵⁵ noch aufmerkſame Mann.„Laß voch die Leute all die Sachen thun.“ „Die Leute bedürfen der Aufſicht und haben ſie lang genug entbehrt,“ antwortete die junge Frau.„Ich bin jetzt Hausmutter und will es ſein.“ Und ich bin Hausvater, mein Schatz,“ ſagte v. Wallden lachend.„Aber hol' mich der Teufel— ent⸗ ſchuldige, das war eine zufällige Reminiscenz aus dem Kameradenleben— wenn ich im Stande bin, dieſem Amt mit nur halb der Würde vorzuſtehen, welche Du in das Deinige legſt. Auf meine Ehre, Du biſt eine ganz allerliebſte Mamſell Nylander, wenn Du in Dei⸗ nem kleinen Spenzer und ein Tuch über die Haube in Küche und Speiſekammer trittſt und dort ein Leben und einen Ordnungsgeiſt hervorrufſt, der mich toll macht, wenn ich zufällig die Naſe hinein ſtrecke.“ „Sei ſo gut und ſetze den Ofenſchirm her, mein Freund,“ war Marie Luiſens liebenswürdige Antwort auf ſo viel häuslichen Humor. Aber zum erſten Mal fiel es dem Lieutenant ein, daß es eigentlich doch nicht recht für ein Weib paßte, mit ein Paar ſo ſehr beruhigenden Worten die finnrei⸗ chen Bemühungen ihres Mannes zu ihrer Unterhaltung abzukühlen. Um dieß zu zeigen, beſchloß der Ehemann zu ſchellen, und ſagte zu dem eintretenden Bedienten: „Die gnädige Frau will den Ofenſchirm näher am Kamine haben— vergiß nicht, ein andermal darnach zu ſehen.“ Zu Walldens großem Aerger that indeſſen Marie Luiſe, als merke ſie den feinen Stich gar nicht. Sie benützte im Gegentheil die Anweſenheit des Bedienten, um ihm einen andern Auftrag zu geben. Als die Herrſchaften wieder allein waren, ſagte v. Wallden, der es nicht hinunter bringen konnte, daß ſein männliches Benehmen nicht gehörigen Effekt gemacht hatte:„Du nahmſt das doch nicht übel, meine liebe Marie Luiſe?“ 156 „Was 2“ fragte ſie ganz arglos. „Daß ich Deinen Befehl dem Bedienten gab.“ 6„Nein, bewahre. Er hatte ja nichts Anderes zu un. „Welch' ein himmliſcher Satan!“ dachte der Lieute⸗ nant, aber indem er ſeine fehlgeſchlagene Hoffnung, Marie Luiſen beleidigt zu ſehen, und dadurch Stoff zu einer kleinen Abwechslung zu bekommen, nicht merken ließ, ſagte er munter:„Die Abende werden denn doch etwas lang in unſerer ſüßen Einſiedelei— ſollteſt Du nicht ein Geſellſchaftsſpiel lernen wollen?“ „Warum nicht?“ antwortete Marie Luiſe.„Schach kann ich ſchon, falls Du es ſpielen willſt.“ „Ach nein, das iſt zu langweilig und erfordert— aber die Hunde ſchlagen an— vielleicht“— v. Wall⸗ den horchte zum Fenſter hinaus. „Vielleicht biſt Du ſo glücklich, einen geſchickten Mitſpieler zu bekommen.“ „Wahrhaftig, mein Engel— ich zweifle nicht, daß es meine zwei Freunde find! Sie kommen bei meiner Ehre! ſie kommen wie von oben geſandt.“ v. Wallden hatte recht gerathen. Die Reiſenden waren die erwarteten Geſellſchaftsbrüder, die, nachdem ſie ſich ein wenig heraus geputzt hatten, von ihrem Wirthe geführt, herein traten, der ſie als Capitän G. und Rittmeiſter A. vorſtellte. Zu Anfang der Ankunft dieſer Herrn fand Marie Luiſe dieſe Unterbrechuug in ihrer Einſamkeit nicht ohne Annehmlichkeit. Es gab doch eine Abwechslung, die vielleicht genau genommen eben jetzt vonnöthen war. Zu den Unterhaltungen, die jetzt eingeführt wur⸗ den, gehörten die Promenaden zu Pferd. Marie Luiſe wurde bald beredet, dieſe ſchöne Kunſt zu lernen, und entzückte ihren Mann durch die Bereitwilligkeit, womit ſie in den Vorſchlag einging— v. Wallden bekam da⸗ durch ein neues Geſchäft; man ließ Zeug von der 71 es zu eute⸗ ung, ff zu erken doch t Du chach t— Vall⸗ ickten daß einer enden hdem hrem n G. Narie ohne , die dar. wur⸗ Luiſe und vomit 157— Stadt holen und ein Schneider wurde herbeordert, um der gnädigen Frau ein Reitkleid zu verfertigen. In Erwartung deſſen verkürzte man ſich die Tage mit heiteren Geſprächen, mit Lektüre und Muſik. Die Abende dagegen waren nur einem Vergnügen gewidmet — dem Kartenſpiel, das, ſonderbar genug, keiner von den Herrn, obſchon alle drei vollkommen artige Cava⸗ liere waren, aus ſchuldiger Aufmerkſamkeit für die Wir⸗ thin unterlaſſen wollten. Zwar ſuchte von Wallden ein Paar Mal im Scherz Marie Luiſen dazu zu bringen, daß ſie ebenfalls zu den Karten greife, was ſie jedoch, wie er richtig berechnet hatte, abſchlug. Dagegen aber geſchah, was er weder berechnet oder gewünſcht hatte: ſie nahm nämlich ihre Arbeit und ſetzte ſich ganz häus⸗ lich an die Seite ihres Mannes. Eine Gewohnheit, die zur Folge hatte, daß das Spiel nie die gewöhn⸗ liche Geſellſchaftszeit überſchreiten konnte. Zeigten die Herrn Luſt, es zu verlängern, ſo ſagte Marie Luiſe mit einnehmender Freundlichkeit:„Meine Herrn, ſie vergeſ⸗ ſen ganz, daß ich nur Zuſchauerin bin und daß Zu⸗ ſchauer den Fehler haben, müde zu werden.“ Inzwiſchen war das Reitkleid fertig geworden, und als ſich Marie Luiſe zum erſten Mal in demſelben zeigte, konnte v. Wallden nicht aufhören, den Wuchs und die Anmuth ſeines Weibes zu bewundern, die er nie ſo deutlich erkannt zu haben meinte. Der Capitän und der Rittmeiſter wetteiferten um die Ehre, den Steig⸗ bügel halten zu dürfen, wurden jedoch von dem Ehe⸗ mann bei Seite geſchoben, der ſeine Frau mit eifer⸗ ſüchtiger Unruhe ſelbſt in den Sattel hob. Dieſes Be⸗ nehmen war Marie Luiſens Aufmerkſamkeit nicht ent⸗ gangen. Indeß gefiel es ihr mehr als irgend Etwas, was ſie bisher an ihrem Manne geſehen hatte. Der Ritt ging gut. Sie war gelehrig, aufmerkſam, ver⸗ gnügt— und man kam in der beſten Laune heim. Jeden Tag wurde daſſelbe Vergnügen erneuert und bald wurde es für Marie Luiſe eine ſo nothwen⸗ 158 dige Zerſtreuung, daß ſie ärgerlich wurde, wenn der Himmel am Morgen mit Regen drohte. Das Ver⸗ gnügen ſtieg bald zur Leidenſchaft und oft ritt ſie allein aus, wo dann die Herrn in Verzweiflung über ihre Abweſenheit, am hellen Vormittag ſich die Zeit mit den Karten verkürzten, die jedoch bei Marie Luiſens Rückkehr verſchwunden waren. „Beſter Wallden,“ ſagte Marie Luiſe eines Abends, als ſie allein waren, mit ungewöhnlicher Herzlichkeit zu ihrem Mann,„ich habe bemerkt, daß Du Unglück im Spiele haſt, und obſchon der Point nicht hoch iſt, ſo machſt Du doch, wenn man Alles zuſammenrechnet, bedeutende Verluſte.“ „Die ich den andern Abend wieder herein hole.“ „Das iſt ſehr ſelten geſchehen. Wenn Du mir eine Freude, eine wahre Freude machen willſt, ſo nimm das Kartenſpiel nicht zur ausſchließlichen Zerſtreuung für den Abend; vor Allem aus der Urſache, die ich bereits erwähnt habe, und dann weil es zu langweilig für mich iſt, den ganzen Abend da zu ſitzen und über meiner Näherei zu gähnen!“ „Haſt Du Dir dieſe Langeweile nicht ſelbſt zuzu⸗ ſchreiben, mein Schatz? Warum machen wir keine Be⸗ ſuche bei unſern Nachbarn und laden ſie wieder ein? Dann könnte Abwechslung in die Unterhaltungen kom⸗ men, und Du hätteſt einen Kreis, in dem Du präſi⸗ diren könnteſt, wie es einer Frau von Deinem Rang und Deiner Schönheit zukommt.“ „Es thut mir leid, daß Du ausweichſt und nicht mich allein ſchon der kleinen Aufmerkſamkeit für werth hältſt, die ich begehre.“ „Nun, mein Engel, Du kannſt Dich doch wohl nicht über unſere Gäſte beklagen, ſie liegen ja beinahe im Staube vor Dir? Aber wenn man den ganzen Tag über aufmerkſam geweſen iſt— „So kann man ſich davon dispenſiren, wenn die Spielſtunde herankommt, meinſt Du? Allein, mein der Ver⸗ llein ihre mit iſens ends, chkeit glück h iſt, hnet, le.“ mir nimm uung ie ich veilig über zuzu⸗ e Be⸗ ein? kom⸗ präſi⸗ Rang nicht werth 159 guter Wallden, hierin denken wir ganz verſchieden, und ich will Dir deßhalb mit all der Offenheit, über die wir zu Anfang unſerer Verbindung übereingekommen ſind, ſagen, daß ich in Ernſt böſe werden würde, wenn Du jetzt, da ich Dich darum gebeten, nicht einige Feſſel anlegteſt, und dieſe Unterhaltung verminderteſt, die ich keineswegs billigen kann, wenn ſie zur beſtändigen Gewohnheit wird.“ „Das hätteſt Du nicht ſagen ſollen, Marie Luiſe. Ein Weib ſollte doch bedenken“— „Daß ſie die beſte Freundin ihres Mannes iſt, und daß er immer auf ihren Rath hören muß, wenn derſelbe aus guten Beweggründen herfließt,“ unter⸗ brach ſie herzlich den mißvergnügten Mann. „Nun, nun, ſo lautete meine Meinung nicht, aber da Du es über Dich genommen haſt, ſie zu überſetzen, 9— „Kommt der Spieltiſch morgen nicht zum Vor⸗ ſchein?— O Du biſt ein Muſter von einem liebens⸗ würdigen Mann!“ Und v. Wallden ließ es ſich gefallen, ſein Haus⸗ herrnrecht um einen der ſeltenen und deßhalb um ſo gefährlicheren Schelmenblicke ſeines ſchönen Weibes für dießmal fahren zu laſſen.„Aber,“ dachte er,„jetzt möchte es doch wohl Zeit ſein, die ſüße Einſamkeit des Honigmonats zu endigen; er hat bereits fünf Wochen gedauert— alſo acht Tage zu viel.“ 7 17. Ich ſteh' nicht länger auf den Zehen— Da Gott mir Augen hat verliehen, So will ich auch mit ihnen ſehen. von Braun. Am Tag nach dieſer Unterhaltung machte die Herrſchaft von Malkolmsnäs ihre erſten Beſuche. Marie Luiſens Toilette war darauf berechnet, Be⸗ wunderung zu erwecken. Ihr Weſen, das, wenn ſie wollte, die ausgezeichnetſte Eleganz und die feinſte Grazie in ſich ſchloß, konnte nicht verfehlen, auch an dieſem ihrem erſten recht glänzenden Tage ſeine Wir⸗ kung zu thun. Was war ihr wohl der Beifall der Kleinſtädter gegen den der ariſtokratiſchen Societät? Die Bewunderung, die ſie auch hier gewann, war ei⸗ gentlich das Geringſte; das Hauptſächlichſte, das Schmei⸗ chelndſte war die ausgezeichnete Artigkeit und das Wohl⸗ wollen, womit ſie überall empfangen wurde. Marie Luiſe fühlte ſich glücklich, denn ihre Eitelkeit feierte einen Triumph, der ſie befriedigte. Nachdem man ſich bei der Heimkehr in Bemerkun⸗ gen über die kleinen Begebenheiten des Tages erſchöpft hatte, begannen die Herrn unruhig und wie von einer unſichtbaren Macht bei den Rockſchößen gezupft, an dem ihnen ſo theuer gewordenen Mahagonitiſch auf und ab zu ſchwanken, da kein geſchäftiger Bedienter kam, um ihn herbei zu tragen. Denn die gnädige Frau hatte ja zu Lundſtedt, als er ſein gewöhnliches Amt verrichten wollte, geſagt:„Wir ſpielen heute Abend nicht.” Zum Erſatz bot Marie Luiſe ihre ganze Unterhal⸗ tungsgabe auf. Der Rittmeiſter und der Capitain hörten mit ſchuldiger Artigkeſt zu, und gaben auch, obſchon nur mit der Hälfte Leben, wie gewöhnlich, ih⸗ ren 2 ganz 2 vielme war e weil j es ſei⸗ er nich geweſe ken? wenn und Zweif Null die N zu er ihm nicht ſeiner Bedie ſtellen v Natur es ge Eine aber nicht größte gung unbek Spiel würde ten u rend er ger ſchaft⸗ ll der ietät? ar ei⸗ chmei⸗ Wohl⸗ Marie feierte erkun⸗ ſchöpft einer t, an ch auf dienter e Frau s Amt nicht.“ terhal⸗ itain m auch, ch, ih⸗ 161 ren Beitrag zur Converſation, aber v. Wallden ſchien ganz hülflos und niedergeſchlagen zu ſein. Da er einmal dieſe ſeine liebſte Unterhaltung oder vielmehr ſeine einzige Leidenſchaft gewöhnt war, ſo war es ihm unmöglich, ſie zu unterdrücken; beſonders weil jetzt noch der Gedanke dazu kam, wie ſchmählich es ſei, den Vorſchriften eines Weibes zu folgen. War er nicht ein Mann— war er nicht lange genug Sklave geweſen! Was mußten ſeine zwei Freunde davon den⸗ ken? Was mußte Marie Luiſe ſelbſt ſich einbilden, wenn ſie ſah, daß ſie ihre Gewalt ſo ſchnell und leicht und ohne allen Widerſtand befeſtigen konnte? Ohne Zweifel nichts weniger, als daß, da er ſich als eine Null zeigte, ſie die Ziffer machen müßte, durch welche die Null eine Summe bildete. Aber dieß war nicht zu ertragen. Jedes männliche Gefühl erhob ſich in ihm gegen ſo viel Schwachheit. Und doch war es nicht leicht, Marie Luiſen ſo offen zu trotzen, da ſie in ſeiner Gegenwart und in Folge ſeiner Erlaubniß dem Bedienten geſagt hatte, daß er den Tiſch nicht her⸗ ſtellen, ſolle. v. Wallden war im Ganzen eine ziemlich paſſive Natur, wenn aber ſein Blut zu ſieden begann, ſo kam es gewöhnlich in einen ſchnelleren Lauf, als er wünſchte. Eine Stunde lang kämpfte er gegen die Verſuchung, aber da die Verſuchung„Spiel“ hieß, ſo konnte er ſie nicht überwinden. Es war Marie Luiſe gänzlich unbekannt, daß der größte Theil ſeiner Schulden dieſer verderblichen Nei⸗ gung entſprungen war, und es war v. Wallden ſelbſt unbekannt, wie viel Schuldſcheine er in durchwachten Spielnächten ausgegeben hatte. Viele, glaubte er, würden ohne Frage bezahlt werden, viele konnten war⸗ ten und viele von bedeutendem Belauf hatte er wäh⸗ rend der ewig langen Freierzeit gänzlich vergeſſen, da er genöthigt geweſen war, ſich auf die übrigen Geſell⸗ ſchaftsſpiele der kleinen Stadt zu beſchränken. Auch 162 hier daheim, in ſeinem eigenen Haus mußte er ſich bis auf Weiteres mit einem für ihn niedrigen Point be⸗ gnügen— aber es waren doch Spieler, mit denen er ſpielte. Sie waren eben ſo fieberhaft, eben ſo elektri⸗ ſirt wie er ſelbſt. „Es ſchlug halb acht Uhr. Was ums Himmels willen ſollte man bis elf Uhr thun, der Zeitpunkt, wo man ſich gewöhnlich trennte? Marie Luiſe ſuchte v. Wallden in die Unterhal⸗ tung herein zu ziehen. Sie war mehr als gewöhnlich freundlich gegen ihn— Alles vergebens! Vielleeicht ſah er hierin nur einen Beweis, daß ſie ſelbſt ahne, ſie habe ihre Macht zu weit getrieben. Kurz: nachdem v. Wallden einige Augenblicke heftig auf⸗ und abge⸗ gangen war, überwand er glücklich das aufrühreriſche Gefuhl, das ihm gebot, ſein Weib nicht auf dieſe Weiſe zu beleidigen. Er ſchellte und befahl dem Bedienten mit ſcharfer Stimme, den Spieltiſch in Ordnung zu bringen. In derſelben Sekunde, wo dieſer Befehl ſeine Lippen verließ, überzog ſich Marie Luiſens Geſicht mit der tiefſten Röthe. Das ſtolze Weib zum erſten Mal von der Perſon verletzt, die ſie zu ihrem Gatten ge⸗ macht, und dem ſie eine ſo unbeſchränkte Gewalt ge⸗ geben hatte, ſtand auf und näherte ſich v. Wallden mit einer Freundlichkeit und Ruhe, die er nicht zu ver⸗ ſtehen vermochte.„Nun gut,“ ſagte ſie mit freundli⸗ cher Naivität, indem ſie ihm einen leichten Schlag mit dem Nastuch gab,„Du haſt alſo die Wette verloren, und ich werde meinen neuen Shawl mit Vergnügen annehmen— Ich wußte ja nicht, daß Du nicht ohne Deinen Spieltiſch ſein kannſt.“ „Das konnte ja nicht vortrefflicher gehen,“ dachte v. Wallden; und auf einmal durch dieſe Wendung der Sache in die vortrefflichſte Laune verſetzt, küßte entzückt ſeinem Weib die Hand und rief:„Zwei Shawlo, meine Göttin, iſt die geringſte Buße, die Du fordern kannſt— oder wie, meine Herrn, iſt das nicht billig, ich bis int be⸗ nen er elektri⸗ mmels kt, wo terhal⸗ öhnlich elleicht ahne, achdem abge⸗ reriſche Weiſe dienten ing zu l ſeine cht mit n Mal ten ge⸗ alt ge⸗ Vallden zu ver⸗ eundli⸗ ag mit rloren, gnügen dt ohne dachte ng der ißte er hawls, fordern billig, 163 wenn man ſeine Wette an ein ſo ſcharmantes Weib verliert wie das meinige?“ Die beiden Herrn hatten natürlich paſſende Ant⸗ worten in Bereitſchaft; aber keiner von ihnen glaubte die Geſchichte mit der Wette. Im Gegentheil ahnten ſie die Wahrheit und ſchätzten die Feinheit und den Scharfſim ihrer jungen Wirthin in ſo hohem Grad, daß ſie v. Wallden verdammt haben würden, der ſich nicht geſchämt hatte, auf dieſe Weiſe ihre Eigenſchaf⸗ ten hervorzurufen,— wenn ſie nämlich nicht ihre eigene Leidenſchaft parteiiſch für ihn gemacht hätte. Marie Luiſe griff zu ihrer Näherei und nahm den gewöhnlichen Platz an der Seite ihres Mannes ein. Ein Paar Mal wollte zwar von Wallden ſie bereden, zur Ruhe zu gehen, da ſie gewiß müde von dem Her⸗ umfahren ſei, aber Marie Luiſe verneinte dieß, und das Spiel endigte zur gewöhnlichen Zeit. 82 8 ¹³ „Befiehlt die gnädige Frau noch Etwas?“ fragte die Kammerjungfer. „Nichts, Hanna.“ Die Jungfer ſchloß die Thüre des Schlafzimmers. Die Herrſchaften waren allein. Marie Luiſe hatte einen weichen Shawl über das weiße Unterkleid geworfen, und ſaß vor der verglim⸗ menden Flamme. Sie war damit beſchäftigt, ihre ſchönen Zöpfe aufzulöſen, während von Wallden ganz muthlos bei dem Gedanken an ſeine erſte Gardinen⸗ predigt, die ſicherlich im Anzuge war, langſam auf und nieder wandelte. Aber Minute auf Minute verging. Bald war die ganze Flechte offen und noch kein Anfang gemacht. „Auf was wartet ſie denn?“ dachte er.„Vielleicht auf einen Kniefall, auf Seufzer, Thränen und Reue — ja daraus wird nichts, das darf ſie glauben! Ich muß alſo doch wohl ſelbſt das Eis brechen— 164 „Befindeſt Du Dich nicht wohl, liebe Marie Luiſe?⸗ „Vollkommen.“ „Du biſt ſo ſtill, mein Engel?“ „Ich dachte an Etwas.“ „An was? An Deine neuen Shawls?“ ſagte er, indem er leichtfertig auf die improviſirte Wette an⸗ ſpielte. Marie Luiſe antwortete nichts. „Alſo an etwas Anderes— an unſere heutigen Beſuche vielleicht? Nun ja, auf dem alten Lindboholm geht es ziemlich ſteif zu; die Gräfin ſcheint ſo wenig mit der Zeit vorwärts zu ſchreiten, daß ſie immer noch glaubt, eine gräfliche Krone bedecke die Mängel des alten Hauſes, aber ſie iſt doch ein würdiges, feines Weib, in deren Ehrfurcht gebietender Gegenwart ihr jungen Damen es nicht wagt, die kokettirende Gewalt⸗ thätigkeit zu zeigen, die ihr euch ſonſt erlaubt.“ Marie Luiſe fuhr fort, zu ſchweigen. „Aber in Kronby werden wir gewiß eine ange⸗ nehme Geſellſchaft finden. Die Baronin iſt wohl die hübſcheſte Frau, die wir hier in der Gegend haben— natürlicherweiſe die kleine gnädige Frau in Malkolms⸗ näs ausgenommen.“ Beſtändiges Stillſchweigen. „Nein, mein Schatz, jetzt wirſt Du doch zu inte⸗ reſſant! Laß doch lieber den Sturm ausbrechen, als immer mit dunkeln Wolken zu drohen! Ich habe ge⸗ hört, die eheliche Glückſeligkeit ſei mit gewiſſen Privi⸗ legien verbunden, die unter dem humanen Namen von Gardinenpredigten bekannt ſind, und ich armer Teufel werde mich wohl dem alten Geſetz unterwerfen müſſen — Mach alſo den Prozeß ſo kurz, als möglich 1“ Von Waliden nahm einen Stuhl und ſetzte ſich neben ſeine rau. „Dieſen Scherz hätteſt Du Dir wohl erſparen können, denn Du wirſt vielleicht ſelbſt einſehen, daß er Naͤrie e er, an⸗ tigen holm venig noch l des feines rt ihr walt⸗ ange⸗ Al die 2en— olms⸗ inte⸗ , als de ge⸗ Privi⸗ n von Teufel nüſſen Von ſeine paren daß er 165 nicht am rechten Platze iſt. Ich habe nicht die Abſicht gehabt, Deine Aufmerkſamkeit zu erregen.“ „Wirklich, meine kleine Zauberin— Du ſollteſt alſo nicht böſe ſein?“ „Böſe!“ „Nun beleidigt, mißvergnügt, wenn Du ſo willſt — mit einem Wort, Du biſt vielleicht billig genug,. um einzuſehen, daß auf ein Verſprechen, wie Du mir geſtern eines entlockteſt, nicht ſehr zu rechnen war.“ „Ja, das hab' ich eingeſehen.“ „Und in Deiner Eigenſchaft als Engel— Du weißt, daß ich Dir dieſe ſo gern zutheile, wirſt Du nicht erzürnt ſein?“ „In der Eigenſchaft eines Engels, falls ich einer wäre, ſollte ich vielleicht über mein Unvermögen: auf Dich einzuwirken, weinen. In der Eigenſchaft eines Weibes— ſchweige ich.“ „Und warum gerade das? warum ſchweigen? Ich möchte wiſſen, was Du für einen Grund haben könn⸗ teſt, nicht irgend Etwas zu ſagen? „Worte des Ernſtes,“ erwiederte Marie Luiſe, „dürfen nicht vergebens weggeworfen werden. Was ich geſagt habe, war ja vergebens.“ „Ja, aber mein kleiner Schatz, Du darfſt mich deßhalb nicht für ganz verloren betrachten, weil ich nich einmal erdreiſtete, einen eigenen Willen zu haben! Du warſt drinnen im Salon, als Du mit Deiner Wette kokettirteſt, ſo reizend— warum ſiehſt Du denn jetzt ſo finſter aus?“. 4 „Das Lächeln und die erkünſtelten Worte hat man für Fremde; für ſeinen Mann—“ Biire dt man mißvergnügte Mienen und unfreundliche i e 74 „Nein, das nicht— man verſtellt ſich nur nicht. Und wir wollen jetzt denken, als ſeie genug von der Sache geſprochen.“ Die Erkerſtübchen. 11 166 „Mit dem größten Vergnügen, meine liebe Marie Luiſe— ich habe keinen andern Wunſch! Aber da Du ſo, ſo— wie ſoll ich ſagen— ſo ganz anders warſt, als ich erwartet hatte(Wallden ergriff die Hand ſei⸗ nes Weibes und küßte ſie achtungsvoll), ſo bitte ich Dich von Herzen um Verzeihung! Erſt jetzt ſehe ich ein, was Deine Faſſung Dich gekoſtet hat.“ „Da Du ſo ſprichſt, ſo will ich auch Dir ſagen, daß dieſe Faſſung beinahe meine Kräfte überſtieg, und ich würde ſehr unglücklich ſein, wenn Du ſie oft auf eine ſolche Probe ſtellteſt.“ „Ach, Marie Luiſe, meine Angebetete! ich bin Dei⸗ ner Güte, Deiner Nachſicht nicht würdig!“ Und in heftiger Reue, und ergriffen von dem augenblicklichen Entzucken darüber, daß die, die ſo viel hätte ſagen können, ſo wenig geſagt hatte, lag der Ehemann in demſelben Augenblick zu den Füßen ſeines Weibes. Marie Lniſe lächelte: ein ſüßes und gutmüthiges, obſchon betrübtes Lächeln. Nie hatten die beiden Gat⸗ ten ſo wie jetzt ſich vorgenommen, für ihre Pflichten, für einander zu leben; ja, vielleicht war es das erſte Mal, daß ein wahres und ernſtes Gefühl in Walldens leichtſinnigem Herzen erwettswurde. Leider waren jedoch alle ſeine Eindrücke von der flüchtigſten Beſchaffenheit. Dem Zegenwärtigen war es jedoch vorbehalten, eine merkliche Frucht zu tragen. Am folgenden Abend dachte Marie Luiſe an nichts weniger, als eine Ueberraſchung, aber ſie bekam doch eine, als von Wallden, da Lundſtedt den Spieltiſch wie gewöhnlich herrichtete, ziemlich laut und, wie wenn die Worte einige Anſtrengung erforderten, den Befehl ausſprach:„Keine Partie heute Abend!“ In der erſten Viertelſtunde nach dem großen Opfer war ihm Marie Luiſen's ſchöner und ſprechender Blick eine hinlängliche Belohnung, aber ehe eine halbe Stunde vorüber war, begann ſich die Reue über den zu weit getriebenen Edelmuth einzuſtellen. Die Befriedigung, 2 wegun Einlal Herrſc beiden unauff T gdee Geſell die mi tern, Narie a Du warſt, d ſei⸗ te ich he ich ſagen, , und ft auf Dei⸗ Ind in klichen ſagen unn in es. thiges, Gat⸗ lichten, s erſte alldens on der war es tragen. nichts m doch pieltiſch ie wenn Befehl Opfer r Blich Stunde zu weit digung, 167 welche ihm den ganzen Tag über beim Gedanken an Marie Luiſens ungemeine Verwunderung vorgeſchwebt hatte, war jetzt zerronnen und vorbei; und bald fühlte er ſich von einer dunkeln Vorſtellung erfaßt, wie paſ⸗ . ſend und edel es wäre, wenn Marie Luiſe jetzt ihrer⸗ ſeits einen Gegenbefehl gäbe; das wäre eine ſo engel⸗ gleiche Handlung! Aber Marie Luiſe gab keinen ſolchen Befehl, obſchon ſie, die Wahrheit zu ſagen, den Wunſch ihres Mannes recht wohl verſtand; ein ſolches Spiel paßte nicht zu ihrem Charakter.„Hm, hm, hm!“ dachte von Wallden, als er ſah, daß ſeine Hoffnung nicht in Erfüllung ging,„einmal mag es hingehen.“ An den folgenden Abenden war der Spieltiſch wieder im Gang. 18. Wie Liedertöne ſterben auf der Haide, So ſtarb und ſchwand auch meine Freude hin; Und von der Stunde, von dem Trauungseide, Fühlt' ich mein Weſen nebelhaft umzieh'n. Nikander. Bald gab es ein anderes Leben, eine andere Be⸗ wegung in Malkolmsnäs. Gäſte kamen und gingen. Einladungen wurden gemacht und empfangen. Die Herrſchaft in Segersſtad war zurückgekehrt, und die beiden Familien, beſonders die zwei Damen, waren unaufhörlich bei einander. Die Baronin Charlotte, die früher nicht auf die Idee gekommen war, zu reiten, wollte jetzt Marie Luiſe Geſellſchaft leiſten, und begleitet von den Elegantes, die mit dem Frühjahr da und dort auf den Landgü⸗ tern, beſonders in Segersſtad, eintrafen, ſtreiften die 168 Damen umher, und es wurde Mode, kleine Partieen nach vielen Punkten in der Gegend zu arrangiren, die früher keiner Aufmerkſamkeit werth gehalten wurden, die aber jetzt plötzlich ungeheuer pikant erſchienen. Im Rauſch der Vergnügungen, da nichts geſpart. wurde, um der Zeit Schwingen zu geben, begannen Marie Luiſen's innere Gedanken weniger an ihr zu nagen. Sie fühlte ſie zwar jetzt und immer— denn ihr Herz war nicht geſchaffen, um einen ſolchen Schmerz in ſich aufzunehmen, ohne ihn für immer zu behalten — aber die lindernden Mittel ſchmeckten nicht übel. Eines Tages hatte die Geſellſchaft mit der Ba⸗ ronin Charlotte und Marie Luiſen an der Spitze im Lauf einer lebhaften Unterhaltung ganz vergeſſen, wie weit ſie gekommen waren, als die Baronin rief: „Was iſt das— wir ſind ja bis Quillingen geritten,“ „Erſchrecken Sie nicht, meine Gnädige,“ ſagie v. Wallden.„Dieſer Wald ſieht ja ganz ehrwürdig aus; wir können uns unter ſeinen Zweigen ein wenig abkühlen. Wie maleriſch die Sonne in den Baum⸗ wipfeln flammt!“ „Ich höre dort Stimmen— was meinen Sie Frau v. Wallden, ſollte uns die Waldfrau hier in der Abenddämmerung irre geleitet haben?“ fragte der Ritt⸗ meiſter ſeine junge Wirthin, die ſtill und in tiefe Ge⸗ danken verſunken nach dem Fußpfad hinausſchaute. „Nein; auf meine Ehre, das ſind zwei Wald⸗ männer.— Aber ach! was gibt es da?“ Der Ritt⸗ meiſter hielt ſein Pferd an, wie Marie Luiſe auch mit dem ihrigen that.„Ich glaube, Sie ſind erſchrocken, gnädige Frau?“. „Erſchrocken?— nein, durchaus nicht!“ entgegnete Marie Luiſe, während ihre Wangen ein unaufhörliches Farbenſpiel zeigten. Kaum vermochte ſie im Sattel ſitzen zu bleiben, ſo bis in die innerſte Seele erſchüt⸗ terte ſie die Stimme, die ihr Ohr getroffen hatte. Der wohlwollende Gaſt ſah aus, wie wenn 4 Gegen ſon ha artieen en, die urden, n. geſpart. gannen ihr zu — denn ſchmerz ehalten bel. er Ba⸗ itze im n, wie mrief: ritten,“ ſagte würdig wenig Baum⸗ en Sie in der er Ritt⸗ efe Ge⸗ ute. Wald⸗ er Ritt⸗ uch mit hrocken, tgegneie örliches Sattel erſchüt⸗ nte. wenn n 169 noch eine Bemerkung machen wollte, aber Marie Luiſe, ergriffen von der Angſt, daß ihre Bewegung von der Geſellſchaft bemerkt werden könnte, ſtammelte in einem Ton, der beinahe wie eine Bitte klang:„Es iſt nur die Hitze, Herr Rittmeiſter.— Machen Sie kein We⸗ ſen aus einer ſolchen Unbedeutendheit.“ Es war ein Glück für Marie Luiſe, daß die Aufmerkſamkeit der Baronin Charlotte nach einer andern Richtung hin⸗ gekehrt war; indeſſen vermochte ſie ihre Unruhe kaum länger zu bemeiſtern, da ſie mit jeder Sekunde die Sprechenden zu ſehen fürchtete und erwartete. Sie durfte nicht lange warten. Zwei Männer, ein ältlicher Bauer und ein jun⸗ ger hübſcher Herr in einem leichten Jagdrock und mit einem runden Strohhut auf dem Kopf kamen von dem Waldpfade auf die Straße heraus. „Ach, gehorſamer Diener, Herr Ingenieur Wil⸗ liamsſon!“ rief v. Wallden mit heiterer Stimme. Es lag dem Ehmann viel daran, die Baronin und den übrigen Theil der Geſellſchaft, der mit den alten Ver⸗ hältniſſen bekannt ſein mochte, zu überzeugen, daß er von Eiferſucht oder Argwohn gegen den Einfluß ſeines frühern Rivals himmelweit entfernt ſei, und ſich im Gegentheil der Gelegenheit freute, dieſem ſein Glück und vor Allem ſeine Frau zeigen zu können.„Gehor⸗ ſamer Diener, das iſt ein ſehr angenehmes Zuſam⸗ mentreffen, oder nicht, meine geliebte Maxie Luiſe?“ „Unendlich angenehm,“ entgegnete ſie, indem ſie die erſte Phraſe ergriff, die ihr auf die Lippen kam. William grüßte unterdeſſen die Geſellſchaft zur Rechten und Linken und trat jetzt mit einer Sicherheit, welche Marien Luiſen wieder Sprache und Muth gab, zu ihrem Pferde hin, und während er dieſes auf den Hals klopfte, fugte er lebhaft, aber in vollkommen gemäßigtem Tone:„Ich glaubte, es ſeie Diana ſelbſt mit ihrem Gefolge. Aber die Göttin in eigener Per⸗ ſon hatte mir keine angenehmere Begegnung ſein kön⸗ 170 nen! Es iſt überflüſſig, Frau v. Wallden nach Ge⸗ ſundheit und Befinden zu fragen, man darf ſie ja nur anſehen.“ „Da kann man ſehen,“ verſetzte der Ehemann, „wie artig die Herren von der Stadt ſind. Ich ſollte zwar eigentlich nicht mit einſtimmen, aber, da wir noch in dem Honigmonat leben, ſo darf ich wohl, ohne daß man mich darum tadelt, die Behauptung des Herrn Ingenieurs, daß ſich meine Frau in der Land⸗ luft ungemein embellirt hat, beſtätigen.“ Williamsſon machte v. Wallden nicht das Ver⸗ gnügen, daß er dieſer berechneten Freimüthigkeit ſeine Aufmerkſamkeit ſchenkte.„Ich halte die Herrſchaften auf,“ ſagte er und machte Anſtalten, ſich zu entfernen. „Wir haben nicht ſo ſehr Eile,“ antwortete Ma⸗ rie Luiſe, die ihr beharrliches Stillſchweigen gegen ei⸗ nen alten Bekannten für unpaſſend hielt.„Ich nehme mir die Ehre, den Ingenieur Williamsſon einer Freundin vorzuſtellen, von der ich ihm ſo oft geſpro⸗ chen habe.“ Ein tiefe Verbeugung von Williams Seite, die mit ein paar gewandten und feinen Worten begleitet war, rief eine anmuthige Verneigung des ſchönen Kopfes bei Baronin Charlotte hervor. Sie hatte ſich nicht gedacht, daß dieſer ihr ſchon ſo lange verhaßte Feldmeſſer ſo ausſehen und in ſeiner Eigenſchaft als Marie Luiſens ehemaliger Liebhaber einen ſolchen Takt zeigen würde. „Leiſten Sie uns jetzt Geſellſchaft nach Malkolms⸗ näs,“ ſagte von Wallden in dem Ton der aufrichtig⸗ ſten Einladung. Es reizte ſein leichtſinniges Gemüth, dem Ingenieur in der eigenen Heimath ſeine ganze Macht zeigen zu dürfen. Hocherröthend ſah ſich Ma⸗ rie Luiſe um der Umgebung willen genöthigt, ihre Wünſche mit denen ihres Mannes zu vereinigen. William erklärte, daß er zu ſeinem eigenen gro⸗ ßen Leidweſen außer Standes wäre, ſich die Güte der Herr u. ſ. Nach in L Verg Sie am ja di liam Herr der dopp ſeine bran wohl Land ſagte Mar Züge wie im 2 Ton hinre geben ſtand nicht Mal folge abge Vier chen dank Ge⸗ a nur nann, ſollte wir ohne g des Land⸗ Ver⸗ ſeine haften ernen. 3 Ma⸗ gen ei⸗ nehme einer eſpro⸗ e, die gleitet chönen te ſich rhaßte ift als n Takt kolms⸗ ichtig⸗ emüth, ganze h Ma⸗ , ihre n gro⸗ üte der 171 Herihaft zu Nutzen zu machen:„Dringende Geſchäfte u. f. w.“ „O das gibt es doch nicht immer! Wir ſind ja Nachbarn, ſo lange der Herr Ingenieur ſeine Geſchäfte in Quillingen hat. Wenn wir heute alſo nicht das Vergnügen Ihrer Geſellſchaft haben, ſo erwarten wir Sie dafür an einem andern Tage! Laſſen Sie ſehen: am Donnerſtag, Freitag oder— am Sonntag? da iſt ja die ganze arbeitende Welt frei.“ Bei dieſer einfältigen Anſpielung wechſelte Wil⸗ liam flüchtig die Farbe und antwortete:„Wenn es der Herr Lieutenant alſo befiehlt, ſo möge der Sonntag, der für den Arbeiter ein Ruhetag iſt, für mich ein doppeltes Feſt ſein!“ Er lüpfte den Strohhut von ſeinen ſchönen Locken, die ihm frei um die ſonnver⸗ brannte Stirne flatterten, ſagte der Geſellſchaft Lebe⸗ wohl und verſchwand auf dem Waldpfad, der von der Landſtraße auf die andere Seite führte. „Ein alter Bekannter, wie man ſehen konnte,“ ſagte der Rittmeiſter, der die ganze Zeit über auf Marie Luiſe Acht gegeben hatte und jetzt ſchnell die Zügel ihres Pferdes faßte, das eben ſo gedankenvoll wie ſeine junge Gebieterin die Abſicht zu haben ſchien, im Wald zu botaniſiren. Marie Luiſe hörte die Worte ſelbſt nicht, aber der Ton ſchlug etwas ſonderbar an ihr Ohr und hatte hinreichend Macht, ihr die nöthige Kraft wieder zu geben. Mit Eifer ergriff ſie einen Geſprächsgegen⸗ ſtand nach dem andern und ſpann ſie ſo gut fort, daß nicht einmal die Baronin Charlotte ſie ein einziges Mal auf einem Mangel an Klarheit in der Gedanken⸗ folge ertappte. Aber als Marie Luiſe am Abend, da die Gäſte abgereist waren und die Herren des Hauſes noch eine Viertelſtunde lang das neu aufgeſtellte Billard verſu⸗ chen wollten, allein war, da fand ſich kein klarer Ge⸗ danke mehr in ihrem Kopf. Alles, was ihr in den 172 vorangehenden Wochen angenehm und unterhaltend er⸗ ſchienen war, kam ihr jetzt leer und tödtlich langweilig bege vor; und die unpaſſenden und leichtſinnigen Reden ih⸗ ande res Mannes machten ſie erröthen, trotzdem, daß ſie ſes einmal die Verſicherung gegeben hatte, wegen eines als ſolchen Mannes brauche kein Weib zu erröthen. Ach wenn ſie das verſchiedene Benehmen der Männer bei dieſer Gelegenheit verglich, wie ſtieg da nicht Willian, Thü ihr früherer Geliebter, gegenüber von ihrem Mann! b Im gegenwärtigen Augenblick kam ihr die Laſt des wor ehelichen Joches bleiſchwer vor. Ihr Herz brannte ſie i 8 und zitterte, es wurde jetzt ganz ein Raub jener lei⸗ Zur denſchaftlichen Ausbrüche, die ſie ihrer Mutter beſchrie- des ben hatte; und die Worte dieſer zärtlichen Mutter:; word „Wenn Du dieſe Verbindung eingegangen haſt, die uund für's Leben gilt, ſo erinnere Dich, daß nicht einnal ſtiiege ein Gefühl dem untreu ſein darf, dem Du Alles ge⸗ Reiz geben haſt“— gänzlich vergeſſend, überließ ſich Marie und Luiſe der Wildheit ihres Schmerzes und vergaß ſogar, gerie daß ihr Gatte jeden Augenblick herein treten konnte. Zu beider Glück und Unglück geſchah dieß jedoch koſur nicht. Die Viertelſtunde war zur Stunde und die verãät Stunde zu Stunden angewachſen, als Marie Luiſe aus dem böſen Traume erwachte, ſich vom Sopha er⸗ ich ſe hob und auf die in den Leuchtern abgebrannten Lichter ein ſtierte. Auf einmal war ihr Alles klar. In zittern⸗ nun der Furcht warf ſie einen Blick auf die weißen Vor⸗ Teuf hänge; ſie glaubte, von Wallden habe ſich längſt nie⸗ deßh. dergelegt, er habe ihre Gefühle durchſchaut und ſie in gerechtem Zorn abſichtlich in der Betäubung gelaſſen, Luiſe die auf die heftige Aufwallung ihres Blutes folgte; Anty aber mit erleichtertem Herzen fand ſie, daß er nicht Vern im Zimmer war, und jetzt kam die Reihe an ſie, über ihr ſich ſelbſt zu erröthen, da ſie vie Unordentlichkeit ihres ergre Mannes, in der ſie einen Schutz für ihre eigene Ver⸗ irrung fand, mit einer Art Dankbarkeit betrachten Denn mußte. einge 173 Sie ſah auf die Uhr. Es war über zwei. Schnell begann Marie Luiſe ſich zu entkleiden, aber von einem andern Gedanken ergriffen, unterbrach ſie alsbald die⸗ ſes Geſchäft, zündete neue Lichter an, nahm ein Buch, als leſe ſie, und ſetzte ſich an den Tiſch, um ihren Mann zu erwarten. Kaum hatte ſie die neue Rolle begonnen, als die Thüre leiſe geöffnet wurde und v. Wallden mit einem etwas unſichern Gang und in einem Zuſtande eintrat, worin ihn Marie Luiſe noch nie geſehen, und worin ſie ihn auch niemals ſehen zu müſſen geglaubt hatte. Zur Feier der Ankunft des Billards war der Genuß des Spiels durch ſchnell arrangirte Bacchanalien erhöht worden. Von einem heitern Einfall unter Scherz und Sang waren ſie allmählig zu bitterm Ernſte ge⸗ ſtiegen. Das Unglück im Spiel hatte v. Walldens Reizbarkeit erhöht. Betäubungsmittel ſtanden parat— und die Folge davon war, daß er endlich in jene Lage gerieth, worin ſich der Mann am meiſten erniedrigk. Marie Luiſe wich mit Abſcheu vor ſeinen Lieb⸗ koſungen zurück. Sie konnte ihn kaum anſehen, ſo verächtlich kam er ihr vor. „Du haſt gewacht und auf mich gewartet, wie ich ſehe, mein Turteltäubchen, und wohl geſeufzt und ein Thränchen geweint, das kann ich mir denken— nun was iſt es denn? Ich bin zwar, hol' mich der Teufel, etwas heiter, aber es iſt nicht der Mühe werth, deßhalb hin zu ſitzen und zu weinen.“ „Das fällt mir auch nicht ein,“ ſagte Marie Luiſe, indem ſie ſich zu einer einigermaßen heitern Antwort zwang, denn jetzt war nicht der Augenblick, Vernunft zu predigen; aber ihr Herz ſchlug heftig und ihr Zorn war wirklich nahe daran, den Ausweg zu ergreifen, den ſie eben verleugnet hatte. „So; es fällt Dir nicht ein— nun, das iſt gut! Denn weißt Du auch, meine Göttin, was mir dann eingefallen wäre?“ 174 „Nein, was denn?“ Marie Luiſe wand ſich angſt⸗ voll hin und her. „Nun, nichts mehr und nichts weniger, als jeden Tag zu leben wie mirs beliebt, denn, unter uns ge⸗ ſagt, es iſt ein verflucht dummer Zwang, wenn man ſeine Neigungen hemmen ſoll! Aber warum ſiehſt Du denn immer nach der Wand— ſieh mich an— ſo, daher! Sieh mich freundlich an, küſſe mich, mein Täubchen.“ „Nein, bei Gott! das wird zu unerträglich!“ Marie Luiſe erhob ſich heftig, um in das Cabinet zu gehen. „O gehorſamer Diener, Madame— keine ſolche Manöver, wenn ich bitten darf! Man kann zwar des Scheines halber in der Geſellſchaft und zumal in Ge⸗ genwart eines verabſchiedeten Liebhabers ſeiner Frau ein wenig den Hof machen, aber unter vier Augen will man, hol' mich der Teufel, ſeinen Reſpekt haben.“ Die ſtolze Marie Luiſe war nahe daran, unter der Laſt dieſes Augenblicks zu erliegen. „ 4„ Am Morgen nach dieſer Nacht, in der Marie Luiſe ſo viele und mannigfache Qualen erlitten hatte, fuhr ſie in aller Frühe auf einen Beſuch nach Segers⸗ ſtad. Ihr Herz bedurfte eines Erguſſes. Sie ſchämte ſich, ja ſie zitterte davor, ſich an ihre Mutter zu wen⸗ den; überdieß war es drei Meilen nach der Stadt. Segersſtad lag ſo nahe und Charlotte⸗ ſollte ohne Al⸗ les zu wiſſen, doch genug erfahren, um ihr mit ihrer älteren Erfahrung nützen zu können. Die Baronin, welche ſogleich bemerkte, daß der frühzeitige Beſuch etwas Morgenpromenade galt, führte ihre Freundin nach dem Gartenpavillon, wo ſie ungeſtört plaudern konnten. „Nun, liebe Marie Luiſe, ich ſehe, daß Dich et⸗ V V Anderem als einer bloßen 175 was quält, begreife aber nicht was. Denn mit Aus⸗ nahme der erſten Scene, wo Du Dich etwas unge⸗ ſchickt benahmſt, muß ich Dich wegen der Art und Weiſe rühmen, wie Du die ſpätere Partie Deiner Rolle in unſerem kleinen Walddrama ausführteſt.“ „Nachher aber,“ ſagte Marie Luiſe,„theilte mir das Schickſal eine andere Rolle zu. Es iſt vielleicht eine Schwachheit, daß ich Dir das ſage, ja ich ſchäme mich beinahe, meinen Aerger nicht allein tragen zu können— allein Dein Rath dürfte mir von Nutzen ſein.“ „Wie ſo?— natürlich nicht wegen Deiner Rolle am Sonntag? Denn was die betrifft, ſo biſt Du ſelbſt der beſte Richter. Aber was es auch ſein mag, ſo ſprich ſchnell. Deine Feierlichkeit miaſßt mich neu⸗ gierig.“ Marie Luiſe erzählte jetzt den ſpäteren Theil der Nachtabenteuer. Ihr ſo tief und grauſam verletztes Gefüͤhl ſchonte von Wallden nicht. Die Baronin konnte ihn ſehr deutlich ſehen, wie er ſeinem Weibe ſowohl in der Eigenſchaft als galanter Ehemann wie als würdiger und beleidigter Herrſcher vordemonſtrirte. Aber ſtatt in Rufe der Verwunderung und des Zornes auszubrechen, antwortete ſie lachend:„Mein Gott, meine liebe Freundin, wie glücklich biſt Du— Du biſt ja beneidenswerth!“ „Du ſcherzeſt ſehr zur ungelegenen Zeit, ſcheint mir,“ verſetzte Marie Luiſe halb beleidigt. „Ich ſcherze durchaus nicht! Ein Weib, das drei volle Monate verheirathet war, ohne den Trauben⸗ kranz des Bacchus um die Schläfe ihres Mannes zu ſehen, iſt in der That zu beneiden, und ich rathe Dir, als Deine beſte Freundin, weder jetzt noch künftig zu thun, als ob ſich Dein Gedächtniß vom Abend bis zum Morgen erſtrecke. Siehſt Du, meine beſte Marie Luiſe, wir Weiber müſſen immer ſchlafen, ſchlafen wie Steine, wenn unſer Inſtinkt uns beim erſten Dre⸗ 176 hen im Schloſſe ſagt, daß wir nicht ohne die Gefahr einer Beleidigung wach ſein können. Schlafe, ſchlafe, liebes Kind, und danke Gott, daß Du nicht Tag und Nacht ſchlafen mußt— glaube mir, manches Weib muß ſich darein finden.“ „Aber,“ wandte Marie Luiſe ein, die gegen ihren Willen erheitert und außer Stands war, den Troſt⸗ gründen ihrer Freundin ein Lächeln zu verſagen,„aber, beſte Charlotte, bedenke, wenn das Spiel dieſe Or⸗ gien veranlaßt hat?“ „In dieſem Falle,“ fuhr die Baronin bedenklich fort,„kann man kaum ſagen, daß ein Weib genug gethan hat, wenn ſie nur ſchläft, im Nothfall muß ſie ſogar ſcheintodt ſein können.“ „Warum denn?“ „Weil die Scheintodten weder ſprechen noch Ant⸗ wort geben, und weil Worte, wenn ſie auch von den Lippen eines Seraphs kommen, ſtets Worte bleiben, nämlich kleine Undinge, denen der, welcher ſie uns im Augenblick der Gereiztheit auspreßt, die Farbe geben kann, die ihm gefällt.“ „Nun wohl, ich verſtehe,“ ſagte Marie Luiſe, „und ich will auch verſuchen zu ſchlafen.“ „Aber ſchlafe mit Grazie, meine Liebe! Erinnere Dich vor Allem, daß jene ſchwere Betäubung am Morgen nicht noch in Deinen Augen hängen darf, denn dann, verſtehſt Du, fragt der zärtliche Gatte, warum Deine Augen ſo dunkel ſeien, und dieſe Frage muß man ihm erſparen, um nicht aufs Neue Gelegen⸗ heit zum Scheintode zu bekommen.“ Die beiden Damen trennten ſich. Und v. Wall⸗ den, der noch nicht wach geweſen war, als ſeine Frau fortfuhr, ihr aber jetzt angezogen und etwas verwirrt entgegen kam, war ganz verblufft über Marie Luiſens zwar ernſtes, aber doch einnehmendes und liebevolles Weſen, das nicht die Spur einer Erinnerung an die Nachtſenne zeigte. 177 „Meiner Seel', ſie iſt doch ein Engel,“ ſagte er bei ſich ſelbſt.„Und ein ſolches Weib verdient wohl, daß man ſie reſpektirt. Dieſer freundliche Blick an einem ſolchen Morgen iſt mehr werth als tauſend Gar⸗ dinenpredigten.“ Als großes Dankopfer kam an dieſem Abend der Spieltiſch nicht zum Vorſchein, und was den Schlüſſel zum Billiardzimmer betraf, ſo hatte ihn v. Wallden ganz verlegt. „Wahrhaftig,“ dachte Marie Luiſe,„Charlotte iſt eine kluge Frau; möchte das Mittel nur immer gelingen!“ 19. Williams Brief an einen Freund in der Heimath. „Nichts als Jeremiaden über meine Trägheit! Wenn Du aber wüßteſt, wie ſich Alles verhält, ſo würdeſt Du Gott danken, nur hie und da eine arm⸗ ſelige Seite von mir zu bekommen. Da die Lieben, welche ehedem meine Epiſteln mit Dir theilten, jetzt dahin ſind, ſo kann ich offener und vertraulicher ſchreiben, denn jetzt wird nur Dein Blick dieſe Zeilen durchlaufen. Aber die Zeit der„Skizzen“ iſt vorüber— Du mußt Dich mit einer dürftigeren Koſt begnügen, wenn Du willſt, daß ich Dich noch in einer freien Abendſtunde ſpeiſen ſoll. Unſere kleine Stadt iſt eine herzensgute Stadt, eine unübertreffliche Stadt, in der Hinſicht nämlich, daß man dort ſelten in den Fall kommt, ſich Schnu⸗ pfen und Bruſtweh zuzuziehen. Man lebt, ſiehſt Du, in einer ſo warmen Atmosphäre, daß die Straßen ſo⸗ gar im Winter von einem Nachbar zum andern ganz 178 lauwarm ſind; und von wo aus glaubſt Du wohl, daß dieſes wohlthuende Feuer ausgehe, das ſeine Strahlen durch die ganze Stadt zu verbreiten und unſer Blut in einen ſolchen Umlauf zu verſetzen ver⸗ mag, daß wir uns mitten im Winter in den Sommer verſetzt glauben? Ei nun, dieß Feuer geht von den Roſenlippen und den glühenden Zünglein unſerer Da⸗ men aus. Du haſt noch nie in einer ſo kleinen Stadt ge⸗ wohnt, Du haſt keine Idee von einer haute volée, die vom Bürgermeiſter herab bis zu dem beſcheidenen Höker hinter ſeinem Kramtiſch gegen diejenige haute volée conſpirirt, welche ihre Reſidenz außerhalb der Stadt aufgeſchlagen hat; und da Du das nicht weißt, mein Bruder, ſo muß ich Dir ſagen, daß es gefähr⸗ lich iſt, zwiſchen dieſe beiden Parteien zu gerathen. In einer Entfernung von einigen Meilen von der Stadt liegen mehrere reſpektable Herrenſitze, die der älteren ſowohl als der neueren Ariſtokratie ange⸗ hören. Sie haben natürlich ihre feine und vornehme Geſellſchaft und beſuchen die Stadt vielleicht keine zwei Mal im Jahr. Die Stadt dagegen hat ihre ſehr pikante und gemüthliche Geſellſchaft, die ſich ehe⸗ dem mit der ländlichen verbinden wollte; von dieſer aber zurückgewieſen, hat ſie ſich ihrerſeits auf das hohe Pferd geſetzt, und Gott gnade dem Mitglied der großen haute volée, das in das Netz der kleinen ge⸗ fallen iſt. Es wird beinahe eben ſo unrettbar ver⸗ ſchlungen wie die Fliege im Spinnengewebe. Ferner mußt Du wiſſen, daß auch wir große Leute haben und noch immer vor dem Aufſtehen von einem heitern Mittagstiſche ſingen:„Mög' Handel und Schiff⸗ fahrt floriren!“ Hier ſiehſt Du z. B. einen Großhänd⸗ ler, der den Aufkauf von 20 Pfund holländiſchen Käſes mit derſelben Wichtigkeit und demſelben Tiefſinn be⸗ handelt, wie Roth child, wenn er ein Staatsgeſchäft von Millionen abſchließt; dort einen andern Merkurs⸗ ſohn Kur⸗ mit zuſa von er n Telle endl diſch Jom Alles gen Ünſir muß beide gut licher der einen möch von Bürg heira wohl der 9 Wall Socie kannt iſt, m Tage lichen nach jedoch Nacht 179 ſohn, der in der Stille den Himmel anruft, daß der Kurs fallen möge, denn in einigen Poſttagen ſoll er mit 133 und 60 Banko herausrücken, die er noch nicht zuſammengeliehen hat; dort einen Dritten, der Dir von ſeinen großen Geſchäften mit England erzählt, weil er neulich mit einem bekannten Schiffe einige Dutzend Teller und ditto Theetaſſen eingeſchmuggelt hat; und endlich einen reſpektablen Detailhändler, der einem nor⸗ diſchen Handlungshaus den Auftrag gibt, vier Vierling Jomfrulands⸗Makrelen aufzukaufen. Sprich ſelbſt, theuerſter Bruder, ob Dir nicht das Alles Achtung vor der großen Compagnie einflößt, ge⸗ gen welche die oſtindiſche zu ihrer Zeit vermuthlich eitel ÜUnfinn war. Nachdem Du jetzt das Terrain ein wenig kennſt, muß ich Dir erzählen, daß ſo lange die Grenze zwiſchen beiden Parteien nicht überſchritten wurde, Alles ſehr gut ging. Jetzt aber hat ſich auf einmal ein ſchreck⸗ licher Lärm der Kriegstrompete erhoben: nämlich in der Stadt. Du weißt, daß Fräulein N.(für mich hatte ſie einen andern Namen, den ich jedoch gern vergeſſen möchte) ſich vor einigen Monaten mit dem Lieutenant von Wallden vermählte, der mit unſerem wohlweiſen Bürgermeiſter weitläufig verwandt iſt. Vor ihrer Ver⸗ heirathung hatte ſie, wie Du weißt, ein bedeutendes, wohl gebautes und ſchönes Gut geerbt, das mitten in der Region der großen haute volée liegt. Frau von Wallden, ſchon früher mit der Zierde der vornehmen Societät der Baronin G. von Segersſtad genau be⸗ kannt, wurde natürlich, da ſie ſelbſt von guter Familie iſt, mit offenen Armen aufgenommen; als ſie vierzehn Tage nach der Hochzeit ihren Mann beredete, die täg⸗ lichen Feſtlichkeiten in der Stadt zu verlaſſen, um ſich nach Malkolmsnäs hinaus zu begeben, das damals jedoch nichts Anziehendes hatte, da ſeine vorzügſtlichſten Nachbarn nach den großen Städten gezogen waren. 180 So viel Undankbarkeit und Kaltſinn hatte die Stadt von dem jungen Paare nicht erwartet, das kei⸗ nen Menſchen, nicht einmal den Onkel Bürgermeiſter einlud, ſie in Malkolmsnäs zu beſuchen. Die Einen ſagten:„Damals, wo das Fräulein die arme Gnädige im Dacherker mit nichts Anderem brilliren konnte, als mit ihrem geſtärkten Zitzkleid, da wurde ſie von uns aufgenommen, wie wenn ſie ganz unſeres Gleichen wäre. Niemand war ſo kleinlich geſinnt, ſie ſeine Ue⸗ berlegenheit und ihre eigene Unbedeutenheit fühlen zu laſſen— nein, Gott ſei Dankl ſo waren wir nicht.“ „Und wir,“ ſagten die Andern,„die ein enormes Geld für Mittagsmahle zu Ehren der Neuvermählten weggeworfen hatten, was haben wir dafür gehabt? Nicht einmal eine Gegenladung“—„Und wir erſt, meine Herrſchaften,“ klagte eine dritte Schaar,„wir gaben ja die brillanteſten Bälle mit glänzenden Soupers, und bekamen kaum eine Viſite für all unſere Mühel O,, es iſt ein Skandal, ſeinem älteſten und vielleicht ſolideſten Geſellſchaftskreiſe auf dieſe Weiſe zu begegnen!“ Doch was war das Alles? Das leiſe Geſummſe der Mucken gegen das Surren eines Miſtkäfers, wenn wir an den gerechten Zorn des Bürgermeiſters denken. Er, der mächtige Magnat der Stadt, von einem Verwandten, ja, was noch mehr war, von einem Manne ignorirt, der ihm ſein ganzes Glück zu danken hatte! Denn Du mußt wiſſen, daß wenn der Burgermeiſter nicht„im Namen der Menſchlichkeit,“ um mich mit Onkel ellander auszudrücken, einen Verhaftsbefehl im Bü⸗ reau hätte ſchlafen laſſen, anſtatt ihn in Ausführung zu bringen, ſo hätte von Wallden um dieſe Zeit im Schuldgefängniß philoſophirt und alſo keine Gelegen⸗ heit gehabt, den ſtolzen Gentleman auf„Nudolph Caſtle“ zu ſpielen, wie man ſagt, daß er Malkolmsnas umtaufen wolle. Aber da ich Dir, mein beſter Freund, jetzt all das geſagt habe, ſo ſage Du mir dagegen NB, wenn Du ſie m Stelli reicht heilbar Luiſen mir he thum: noch meinig len un Die guen! ummſe wenn denken. einem MNanne hatte! meiſter Onkel n Bü⸗ ührung zeit im elegen⸗ udolph Imsnät all da2 nn Du 181 kannſt, warum ich mein Gehirn abgemüht und ein Paar Blatt Papier mit der Erzählung von Dingen vollgeſchmiert habe, die mich auf keine Weiſe intereſ⸗ ſiren und wahrſcheinlich Dich noch weniger? Ganz ge⸗ wiß kommt dieß davon her, weil wir unter dem Ein⸗ fluß einer unglücklichen Leidenſchaft nach Allem jagen, was unſere Aufmerkſamkeit von dem Schmerz der in⸗ nern Wunde ablenken kann, zu der wir endlich doch zuruckkommen, wenn wir auch verſucht haben, ſie zu eilen. ) Lange genug war mein Herz ſtumm und vor dem Freunde verſchloſſen; jetzt ſollſt Du hineinſchauen. Jetzt fühle ich mich ſtark genug zu einer Mittheilung. Als Marie Luiſe, dieſes immer gleich angebetete Weib, meinen Antrag verwarf, ſo geſchah es nicht aus Mangel an Liebe, ſondern aus einem weit unglückli⸗ cheren Mangel: ich meine aus dem Mangel eines rei⸗ nen Herzens. Der Hauch eines nicht guten Geiſtes war über Marie Lutſens lichte Seele hingeflogen und hatte ſie mit der Sünde des Hochmuths befleckt. Meine Stellung im Leben kam ihr zu gering, mein Name zu bürgerlich vor. Eine andere Zeit kam. Sie wurde reich, aber ſie begann da zu erfahren, daß der Reich⸗ thum nicht Alles ausmacht. Ich täuſche mich nicht, wenn ich Dir ſage, daß ihre frühere Liebe jetzt, da ſie mit mir einem Leben entgegenſehen konnte, von dem ſie alle Sorgen entfernt glaubte, zu einem Grade ſtieg, den ſie vielleicht unter andern Verhältniſſen nicht er⸗ reicht haben würde. Aber aufs Empfindlichſte, ja un⸗ heilbar in meiner Seele verwundet, mußte ich Marie Luiſen zeigen, daß ſie, die das geringere Loos nicht mit mir hatte theilen wollen, nachher mich durch ihren Reich⸗ thum nicht glücklich machen konnte. Meine Gluth flammte noch eben ſo hoch und ihre Qualen waren auch die meinigen; aber es gelang mir doch, mich kalt zu ſtel⸗ len und jedesmal, wenn ich von der Verſuchung erfaßt Die Erkerſtübchen. 12 18² ward, mein Geheimniß zu verrathen, ſtand die vergan⸗ gene Zeit warnend vor mir. Nur im Wohlſtand, nur ohne Sorgen kann Marie Luiſe lieben. Ein Weib, das mit dem Manne, den ihr Herz gewählt hat, ein mäßiges Auskommen, ja ſogar Armuth nicht dem blen⸗ dendſten Glanze vorzieht; ſie, die dies nicht im erſten Frühling thut, hat nicht wahrhaft geliebt. Die Zeit der Berechnung kommt noch früh genug. Marie Luiſe war zu jung, um ſie ſchon zu kennen, und ſie berechnete dennoch. Ich weiß nicht, welch' ein wilder Entſchluß ſie trieb, ihr Schickſal in aller Eile zu entſcheiden. Und laß mich hinzuſetzen, ich weiß auch nicht, wie lange ich es vermocht hätte, gegen ihre und meine vereinigten Gefühle anzukämpfen, wenn dieſe Wahl nicht mit einem Male den Ueberlegungen ein Ende gemacht hätte, die ſich mir bisweilen gegen meine beſſere Vernunft auf⸗ drängten. Ich wußte, daß von Wallden ein Glücksritter, ein Menſch ohne Charakter war. Ich hatte Beweiſe gegen ihn, und um Marie Luiſe dem Abgrund zu entreißen, den ich ahnte, legte ich ſie vor. Ach, damals erſt be⸗ kam ich Gelegenheit, dieſes zugleich ſo klein und groß⸗ geſinnte Weib zu bewundern, die, da ſie einmal ihr Wort einem Manne gegeben hatte, wenn er deſſen auch unwürdig war, ſeine Sache zu der ihrigen machte. Du hätteſt hören ſollen, mit welcher Sicherheit ihre bis dahin gewiß mit der Lüge unbekannte Lippen kühn eine um die andere ausſprachen, um mich zu überzeugen, daß ſie Alles wüßte, was ſie zu wiſſen bedürfte, und daß ſie nicht mehr wiſſen wollte! O Marie Luiſe, Marie Luiſe— für immer Ver⸗ lorne! Bruder, verzeih dieſe Klage! Sie war ein Weib, würdig, beweint zu werden, und der Schmerz, den ſie einflößt, dauert ewig. Nach ihrer Verheirathung habe ich ſie nur einmal gan⸗ nur Leib, „ein blen⸗ erſten Zeit V Luiſe chnete äß ſie Und ge ich nigten einem „ die t auf er, ein gegen eißen, eſt be⸗ groß⸗ gal ihr n auch e. Du re bis ine um , daß daß ſie r Ver⸗ Weib, den ſie einmal 183. geſehen; es war in einem der Augenblicke, wo ſie die Triumphe ihrer Eitelkeit genoß, indem ſie eine Mor⸗ genpromenade in ihrer neuen Equipage machte und die Stadt durch ihre Toilette, ihren Luxus und ihre Li⸗ vreen in Erſtaunen ſetzte— Ach, arme Marie Luiſe! wie lange werden wohl dieſe Spielſachen die Leere Deines Herzens ausfüllen können? Kurz darauf zog ſie mit ihrem Manne nach Mal⸗ kolmsnäs. Jetzt trat völlige Nacht in mein Herz. Ich ſchäme mich beinahe zu geſtehen, wie meine Schwachheit und Muthloſigkeit ſo groß war, daß ich mich meiner ſelbſt unwürdig fühlte. Aber Alles muß ſeine Zeit zum Aus⸗ toben haben, auch der Schmerz. Wenn wir uns auch noch ſo lange dagegen ſperren, ſo wird er uns doch faſſen. Er faßte mich. Ich will das ſchnell übergehen. Ein Mann mag die Qualen der Liebe fühlen, aber beſchreiben ſoll er ſie nicht— dann wird er weibiſch, und Du weißt, ob ich das jemals ſein wollte. Monate vergingen. Ich fing an, den Kopf wieder zu heben, denn in kräftiger und mannigfacher Thätig⸗ eit forderte mich der Frühling zu neuem Leben hinaus. Gott ſei Dank, daß die Arbeit nicht nur mein Vergnü⸗ gen, ſondern auch ein Bedürfniß, ja mehr als ein Be⸗ dürfniß für mich iſt; ſie iſt mir Alles. Kannſt Du's glauben, Bruder, daß ich noch eine andere Leidenſchaft habe, die ich früher nicht kannte?— Ich bin ehrgeizig. Ich habe mir vorgenommen, nicht nur durch Thätigkeit, Redlichkeit und das wenige Gute, das ich zu thun ver⸗ mag, ein geachtetes Mitglied in der Geſellſchaft zu werden, ſondern ich will auch reich werden, um Marie Luiſen einmal zeigen zu können, daß das Loos, das ich ihr bieten konnte, nicht ſo verächtlich zurückgewieſen zu werden verdiente. Hie und da ertappe ich mich auf Träumen, die vielleicht nicht ſo ganz recht ſind, die 184 mich aber zu einem raſtloſen Eifer antreiben, um das Ziel zu erreichen. 4 Ich ſchreibe dies in Quillinge, einem angenehmen Bauernhof, wo ich für gegenwärtig mein Lager auf⸗ geſchlagen habe. Qutllinge liegt eben nicht weit von Malkolmsnäs, aber für mich iſt der Weg dahin zu weit, da er unnütz iſt. Mein Brief ſoll bis zum nächſten Poſttag liegen bleiben, denn ich werde hier von meinem Wirthe unterbrochen, der mit mir hinaus will, um einen Sumpf im Walde zu beſehen———— Ich habe ſie wieder geſehen!— ſie! Ich habe Marie Luiſe wieder geſehen! In einer Geſellſchaft aus dem Kreiſe, von dem ich zu Anfang dieſes Briefes ſprach, kam ſie zu Pferd gegen mich heran. Du kannſt nicht faſſen, was ich empfand, als ich ſie ſo ſchön, ſo ſchön, wie ich ſie früher nie geſehen— und ſo verwirrt ſah! Ich weiß nicht, woher ich Muth und Kühnheit nahm, um ſie in einer Sprache anzureden, die in dieſe Umgebung und zugleich für die Vertraulichkeit paßte, die ſich für einen alten Bekannten geziemt. Ich glaube, daß es mir gelang, und es freut mich, glauben zu dürfen, daß meine Faſſung ihr ebenfalls welche verlieh. Er, v. Wallden, der meine ſüße herrliche Blume pflücken ſollte— und es will viel heißen, dieſen Men⸗ ſchen zu dulden, es iſt mehr als eine Prüfung, ihm jene humane Artigkeit zu erweiſen, welche gebildete Leute gegen einander beobachten— er lud mich nach Malkolmsnäs ein, zwar auf eine übermüthige, ja dumme Weiſe, aber doch auch mit einer Hartnäckig⸗ keit, die keine fortgeſetzte Weigerung geſtattete. Sonn⸗ tags, denke Dir, Sonntags ſoll ich Marie Luiſen in ihrem eigenen Hauſe als Weib, als Wirthin wieder ſeh en! 8— Sonntag Nacht. einig was verwi Ungl 185 Ich kann, ich ſollte heute Abend nicht ſchreiben! Meine Vernunft erliegt wieder unter dem mächtigen Sturm der Leidenſchaft. Seltſame Kämpfe, die mei⸗ nem Gemüth, meinem Herzen fremd ſind, beginnen meine Seele zu verwirren, meinen Sinn zu verfinſtern. Was ſoll das Alles heißen? Liebte ich nicht ſchon vorher— hatte ich nicht ſchon damals einen Begriff, einen großen und klaren Begriff von der Macht der Liebe? Ich muß lachen, aus Mitleid mit mir ſelbſt lachen. Die Binde iſt mir von den Augen gefallen. Ich war glücklich, ſo lange ich nur liebte, jetzt bin ich unglücklich, wahnſinnig, zerſtört, weil ich mehr als liebe, weil ich von Qualen brenne und verzehrt werde, die aus dem Abgrund ſtammen. Woher nimmt dieſes Weib, das mich, mich allein liebt, woher nimmt ſie die Kühnheit, ſich vor meinen Blicken von dem Manne liebkoſen zu laſſen, den ſie verabſcheuen muß? Woher nimmt ſie dieſes Lächeln, dieſe Miene hingebender Zärtlichkeit, womit ſie ſeine faden Bemühungen erwiedert? Woher kommen dieſe Blitze, die den Raum auf einige Schritte durchfliegen, aber nur auf mich niederſchlagen, Blitze, die mit einem Feuer zünden, das Nichts zu löſchen vermag? Weiß ſie Nichts davon? Nein; ſie weiß es nicht— denn zit⸗ ternd und bebend wie ein ertappter Verbrecher ſucht ihr Auge ſogleich einen andern Gegenſtand; und ihre Lippen bewegen ſich ſo ſchnell und lebhaft, als ob ſie fürchtete, der Stoff reichte nicht hin. Er iſt unerträglich, dieſer Menſch! Er kann nicht leben ohne Spiel; auch heute Abend mußte dieſe Zer⸗ ſtreuung herhalten. Ich entſchuldigte mich. Marrie Luiſe ging ab und zu. Es waren nur einige Herrn da. Mit mir ſprach ſie wenig, aber was ſie ſagte, that ſie mit einer Freiheit, die mich verwirrte. Sie ſprach deſto mehr mit den Andern. v. Wallden hatte den ganzen Abend entſchieden Unglück. Sein Gemüth begann ſichtbar darunter zu 186 leiden, und nach zwei oder drei bittenden Blicken, welche Marie Luiſe unbemerkt von den Andern, aber nicht von mir, über den Tiſch hinſchickte, ſchien ſeine Gereiztheit ihren Höhepunkt erreicht zu haben. Um halb zehn Uhr wurde das Abendeſſen ange⸗ meldet.„Iſt das nicht um eine halbe Stunde zu früh, mein Schatz?“ fragte er und warf ſeinem Weibe einen Blick zu, für den ich ihm gerne eine Ohrfeige gegeben hätte.„Wir haben Gäſte, die gerne abreiſen möch⸗ ten,“ antwortete ſie ruhig. Es mußte ſonſt Gewohnheit geweſen ſein, das Spiel mit der Eßſtunde zu endigen; denn in ſehr ent⸗ ſchiedenem Tone ſagte v. Wallden:„Wir ſchließen noch nicht ab, meine Herrn! Das mag nach dem Eſſen geſchehen, wo ich auch Revange zu nehmen hoffe.“ V Ich ſah Marie Luiſe ſtark erröthen. Und ich ſah ſie erbleichen, als er nach aufgehobener Tafel mit in-⸗ fernaliſcher Fröhlichkeit ſagte:„Haben Sie die Güte, und nehmen Sie Ihre Plätze wieder ein, meine Herrn! Meine Frau, meine kleine Regentin, hat für heute Abend eine Milderung in unſern Hausgeſetzen eintre⸗ ten laſſen und uns erlaubt, unſere Unterhaltung fort⸗ zuſetzen, obwohl mit Verluſt ihrer Gegenwart, denn ſie theilt Strafen⸗ und Gnadenbeweiſe immer zugleich aus.“ Ich nahm Abſchied. Ich meinte zu bemerken, daß Marie Luiſe ſich kaum aufrecht zu erhalten vermochte, als ich mich ihr näherte— und ich kannte das ſtolze Weib zu wohl! Vor mir jenen Trotz erduldet zu haben! Ich fühlte an meinem eigenen Herzen, wie das ihrige ſchwoll! Sie verneigte ſich in einem ſtummen Abſchieds⸗ gruße. Die Andern waren ſchon fort. Sie begleitete mich aus Höflichkeit oder aus einer andern Urſache bis zur Thüre zwiſchen dem Vorzimmer und dem Salon. Wir ſtanden auf beiden Seiten der Schwelle. Im Vorzimmer war Niemand außer mir. Das vorſprin⸗ gende Kamin verbarg ſie vor den Blicken der Spie⸗ 187 lenden. Ich ergriff ihre Hand, und hätte es mein Leben gegolten, ſo hätte ich mich nicht enthalten kön⸗ nen, ſie an meine Lippen zu drücken— wie? weiß ich nicht. Marie Luiſe ſah mich an, mit einem großen, ſeelenvollen, wunderbaren Blick— einem Blick, worin ein ganzer Himmel und eine ganze Hölle in einander verſanken. Es ſchien mir, als ob eine Thräne her⸗ vorblitzte und ich täuſchte mich nicht! Was mußte es ſie nicht gekoſtet haben, dieſer nicht gebieten zu kön⸗ nen! Aber auf einmal ihre Maske wieder annehmend, zog ſie ſich ein Paar Schritte zurück, grüßte mich mit kalter Würde und verſchwand. Glaubſt Du, daß ich ſogleich heimging? Nein, nachdem ich ein Stück weit geritten war, band ich mein Pferd an, irrte in der Allee umher, kam von der Allee in den Park, und dort gewahrte mein Blick einen Gegenſtand, der mir zu heilig war, als daß ich es in dieſem Angenblicke gewagt hätte, mich ihm zu nähern. 3 Unter den Bäumen verborgen, ſah ich im Halb⸗ dunkel des Frühlingsabends Marie Luiſe auf einer Bank ſitzen, mit dem Kopf gegen den Stamm einer Birke gelehnt. Jetzt war nicht mehr von einer her⸗ vorſchleichenden Thräne die Rede, es war ein wilder, ungezügelter Strom. Es war der Ausdruck des bit⸗ terſten Schmerzes. Und ich ſtand nur einige Schritte davon entfernt! Aber wenn ich auch in dieſem Augenblicke empfand, zu welcher Rieſenhöhe die Leidenſchaft wachſen kann, ſo hatte ich doch Beſinnung genug, um an die Gefahr, an ihren Ruf zu denken. Ich floh, floh ohne mich umzuſehen; aber aus einem ſchwachen Schrei, der mein Ohr erreichte, ſchließe ich, daß ſie mich entdeckte. Jetzt weißt Du Alles— und jetzt weißt Du auch daß ich am Rande des Abgrundes ſtehe.——— Einige Tage ſpäter. 188 Jetzt iſt Alles gut! Mein Blut iſt abgekühlt, mein deſſer Sinn frei, das Böſe iſt gewichen; und wer hat mich, aufzy wer hat uns Beide gerettet? Sie. nie Ich weiß nicht, wie es dieſe letzte Woche mit mir ruhig war. Ich erkannte mich ſelbſt nicht wieder. ches Vorgeſtern verbreitete ſich das Gerücht, daß die ſend Herrſchaft von Malkolmsnäs eine längere Reiſe nach er w Brunnen, Bäder oder Gott weiß wohin, zu machen der ir beabſichtige. Dem Himmel ſei Dankl ich bin ſo glück⸗ Weiſe lich in dem Gedanken, daß ſie ſich lieber freiwillig eines jeder Pein unterwirft, als in der Nähe deſſen bleiben geſtel will, den ihre neue Pflicht, ihn zu fliehen, gebietet. von d Marie Luiſe war ſtets ein herrliches Weib. Jetzt Nein bete ich ſie rein und mit einer andern Liebe an, mit Luiſe einer Liebe, wie ſie es verdient! Ich kehre zu meinen ſolche Pflichten, zu meinen Beſchäftigungen zurück, um nie, Schn nie mehr an den Pfad der Verirrung zu kommen, in wollt 8 den ich mich vor Kurzem hineinſtürzen wollte. Ich frage mich ſelbſt: würdeſt Du nicht endlich lange geſiegt, aus eigener Kraft geſiegt haben? Es wäre mit wohlthuend, dieſe Ueberzeugung zu beſitzen— aber u. ſ. wie hat mancher andere fortgeſetzte Kampf geendigt? Einmal, mehrere Male iſt die Verſuchung überwun⸗ den worden, endlich kommt doch ein Augenblick, wo wir ohne Wehre ſind. Weit beſſer iſt es, die Gefahr nicht herauszufordern. Ich habe den Bauplatz zunächſt Rathsherrn Utters gekauft. Dort will ich mit dem nächſten Jahre den Bau eines Hauſes beginnen, von wo aus ich für immer die Ausſicht nach jenem Dacherker haben werde, wo ſie einſt lebte, arbeitete und liebte. Wie reich und arm zugleich in meinen Erinnerungen werde ich nicht 1 in dieſem Hauſe wohnen, das mir ſchon deßhalb ſo Deine theuer iſt, weil ich dort beſtändig ihr Bild in das Schattenſpiel der Gardinen zurückrufen kann!— ℳ beſuch Dieſer Brief, deſſen erkünſtelte, heitere Einlei⸗ trauli tung Williams Melancholie zurückſpiegelte, und an din ſa mein nich, mir die nach ichen lück⸗ illig eiben tetet. Jetzt mit einen nie, —, in dlich wäre aber digt? wun⸗ „ wo efahr itters den für derde, hHund nicht lb ſo das 7 inlei⸗ d an 189 deſſen Schluſſe er ſich die Ueberzeugung einer Ruhe aufzwingen wollte, die nicht vorhanden war, wurde nie abgeſchickt. Denn als ſein Gemüth wirklich be⸗ ruhigt war und ſeine Seele wieder in ihr gewöhnli⸗ ches Gleichgewicht trat, zerriß er ihn unwillig in tau⸗ ſend Stücke. Was waren das für Thorheiten? Hatte er wirklich den Verſtand verloren? Sollte ihr Name, der ihm das Theuerſte auf der Welt war, auf dieſe Weiſe blosgeſtellt werden?— Sollte ſie, die Gattin eines Andern, im Kampfe gegen eine Schwachheit dar⸗ geſtellt werden, die ſie überwinden wollte? Sollte ſie von dem verrathen werden, um deſſenwillen ſie kämpfte! Nein, das wäre eine Niedrigkeit geweſen! Marie Luiſe war eines edleren Gefühles werth, als eines ſolchen, das der Mittheilung bedurfte, um ſeinen Schmerz auszugießen. Sie litt allein, und auch er wollte ſo leiden. Vergebens warteten die in der Heimath auf einen langen Brief. Sie bekamen nur kleine Wiſche, die mit Entſchuldigungen wegen dringenden Geſchäften u. ſ. w. gefüllt waren. 20. Er reckte ſich in ſeinen Schultern, Und fing'ne feine Rede an. Stjernſtolpe. „Ach geliebtes, theures Kind, wann wird Dich Deine Mutter wieder ſehen?“ fragte Frau N., als Marie Luiſe, die nebſt ihrem Manne auf Abſchieds⸗ beſuche nach der Stadt gekommen war, in dem ver⸗ Pa chen Zimmer bei ihrer älteſten und beſten Freun⸗ in ſaß. 190 „Ja, das weiß Gott allein, liebe Mama, denn Wallden iſt jetzt feſt entſchloſſen, nach der Brunnen⸗ kur eine Reiſe mit mir ins Ausland zu machen.— Cs wird ſehr unterhaltend ſein, ſich ein wenig in der Welt umzuſehen.“ „Unterhaltend? Ich fürchte, meine Marie Luiſe, es iſt nicht die Sehnſucht nach Vergnügen, was Dich, dabei bewegt.“ Marie Luiſe erröthete und ſchwieg. „Vielleicht haſt Du, mein Kind, durch irgend ei⸗ nen Zufall, den wieder geſehen, der Dir einſt theuer war?“ „Ja, Mama, und eben weil er es noch iſt, und ich die Worte noch im Gedächtniß habe, die mir Mama an meinem Verlobungsabend ſagte, will ich weit fort von hier. Auch wollte ich Wallden nicht widerſprechen, weil ich glaube, daß es für ihn nützlich iſt, wenn er von ſeinen alten Geſellſchaften weg⸗ kommt.“. „Ich weiß wohl, was Du meinſt, mein Kind.“ „Ach, Mama!“ Ein leichter Seufzer hob Marie Luiſens Bruſt. „Ich war noch nicht in Eurem Hauſe,“ fuhr die Mutter fort,„und das nicht aus den Urſachen, die ich vorgegeben habe, ſondern aus einem Grundſatz, den ich Dir jetzt näher auseinander ſetzen will. Ich habe nämlich gefürchtet, daß, wenn ich etwas zu ſehen be⸗ käme, was ich nicht billigen könnte, ich nicht im Stande ſein würde, die gehörige Ruhe zu beobachten, ja viel⸗ leicht parteiiſch für Dich werden könnte— und eine ſolche Parteilichkeit für eines der beiden Gatten kann zu unberechenbar üblen Folgen führen, beſonders im Anfang einer Ehe. Aber obſchon ich Euch nicht bei⸗ ſammen in Eurem Hauſe auf Malkolmsnäs geſehen habe, ſo habe ich doch alle Veranlaſſung zu glauben, daß meine Marie Luiſe ein verſtändiges Weid wird. Doch bin ich bekümmert, denn das Gerücht ſagt, daß von herri ſicht, „Folge ihm Er b ner 8 men ſehen wund ren u Recht erſchö Haup allein einem Lande entſte muß, Sam Alles 6 ſie ſ Bezie wiede trotz tend wäre um e I nicht Luiſe ſtänd denn innen⸗ — Es r Welt Luiſe, Dich, nd ei⸗ b theuer , und e mir ill ich nicht kützlich weg⸗ Kind.“ Marie hr die die ich , den ) habe en be⸗ Stande viel⸗ d eine kann ers im öt bei⸗ geſehen auben, wird. , daß 191 von Walldens unglücklichſte Neigung ihn wieder zu be⸗ herrſchen begonnen hat— iſt es nicht ſo?“ „Ja, ganz gewiß.“ „Nun wohl, meine Marie Luiſe, ich bin der An⸗ ſicht, daß dieſe Reiſe, von der Du Dir ſo günſtige Folgen verſprichſt, weit entfernt das Uebel zu heilen, eihm all die Freiheit gewähren wird, die er wünſcht. Er bedarf der gewohnten Geſellſchafter nicht, um ſei⸗ ner Begierde nachzuhängen.“ „Aber es iſt doch anders, Mamachen! Da kom⸗ men immer neue Gegenſtände, da iſt ſo Vieles zu ſehen und zu hören.“ „Dieſes viele Neue kann Dir, mein Kind, Be⸗ wunderung, Unterhaltung und Beſchäftigung gewäh⸗ ren und Dir vielleicht nützlich werden, wenn Du das Rechte findeſt; aber der Mann hat dieſe Genüſſe ſo erſchöpft, daß er ſich allzuleicht davon weg zu ſeinen Hauptleidenſchaften wendet— und denke Dich dann allein mit einem Spieler zum Gatten nicht nur an einem fremden Ort, ſondern auch in einem fremden Lande! Welche ſchreckliche Folgen können daraus nicht entſtehen! Ich warne Dich. Reiſe, wenn es ſo ſein muß, ins Bad, obſchon leider Gottes gerade ſolche Sammelplätze höchſt gefährlich ſind, aber wende um Alles in der Welt die längere Reiſe ab.“ Marie Luiſe ſtützte ſinnend den Kopf in die Hand; ſie ſah wohl ein, daß ihre Mutter in verſchiedenen Beziehungen Recht hatte, aber hier ſtellte ſich jetzt wieder der alte unüberwindliche Eigenſinn ein, der ſich trotz ihres eigenen geſunden Urtheils aufs Neue gel⸗ tend machte. Die Reiſe war ja feſt beſchloſſen— es wäre alſo eine zu große Schwachheit, wenn man nur um eingebildeter Gefahren willen davon abſtünde. „Du billigſt meinen Rath nicht, Du wirſt ihn nicht befolgen,“ ſagte die Mutter traurig.„Ach, Marie Luiſe, ich will Dir weder jetzt noch jemals das Ge⸗ ſtändniß abzwingen, daß Du es bereits bereut haſt, 192 dieſen Rath bei einer andern Gelegenheit nicht befolgt zu haben; aber ich verlange, daß Du jetzt, da Du Dich auf das Zeugniß der Erfahrung ſtützen kannſt, ernſt und beſonnen überlegeſt! Es iſt jetzt nicht mehr Zeit, übereilte Entſchlüſſe zu faſſen.“ „Uebereilte, Mamachen? Ich verſichere Dich, Mama, ich habe nie Grund gehabt, einen Entſchluß, den ich faßte, zu bereuen.“ „Ei, liebes Kind, ſind wir einander ſo fremd ge⸗ worden, daß Du Dich auch vor mir mit Deinem al⸗ ten unglücklichen Stolze ſchützen mußt? hat Deine Mutter das verdient?“ „Aber Mama, ich betheure—“ „Gut, gut, mein Kind, um ſo beſſer! In dieſem Fall haſt Du um ſo mehr zu überlegen, ob Du zu⸗ gleich Dein Wohl und Dein häusliches Glück aufs Spiel ſetzen willſt.— Ich kann Dich verſichern, daß ſie auf dieſer Reiſe nicht gewinnen werden.“. „Das iſt aber denn doch meine Anſicht, Mama.“ „Immer blind, immer eigenſinnig! Wann wird meine Marie Luiſe zu ſich ſelbſt kommen? Ich fürchte, 8 früher, bis ſie das Bitterſte im Leben genoſſen at.“ 8 „Und was nennt Mama das Bitterſte?“ „Wenn wir mit Haſt den geringſten Halt ſuchen, aber keinen finden, ſondern muthlos in die Tiefe hin⸗ abſtürzen, die unſre Reue und unſer Gram nur noch tiefer machen.“ „Wie ſchrecklich Mama heute ſpricht! Wir wollen hoffen, daß es keine prophetiſche Stimme iſt! Indeſſen bin ich ſo tief betrübt, Mama weh gethan zu haben, daß ich nicht weiß, was ich thun wollte, um Mama wieder heiter zu ſehen.“ Marie Luiſe küßte zärtlich die Hand ihrer Mutter. „Ich höre die Stimme Deines Mannes.— Er darf uns nicht in einer ſo ernſten Unterhaltung fin⸗ efolgt a Du annſt, mehr Dich, ſchluß, ad ge⸗ m al⸗ Deine dieſem u zu⸗ aufs daß anma.“ wird irchte, noſſen uchen, 2 hin⸗ noch vollen deſſen daben, Yama ch die — Er fin⸗ 193 den.“ Von Wallden trat, eine Lieblingsweiſe ſum⸗ mend, ein. „Nun, Mamachen,“ ſagte er, indem er ſich gleich an ſeine Schwiegermutter wandte,„hat Marie Luiſe jetzt recht gebeichtet? hat ſie das Regiſter meiner Sün⸗ den vollſtändig durchgegangen?“ „Sie hat Dich allzu mild beurtheilt, glaube ich,“ antwortete Frau N. in einem Tone, der mehr nach Ernſt als nach Scherz ſchmeckte. „Um ſo beſſer.“ „Um ſo ſchlimmer! Ein Weib darf nie blind ſein.“ „O, fürchten Sie nichts wegen Marie Luiſens Blindheit! Ich kann bezeugen, daß ihr Blick der Durch⸗ dringendſte iſt, den ein Weib je gehabt hat,“ verſetzte von Wallden lachend. „Und was hat ſie denn durchdringen können? Ich möchte das gerne von Dir wiſſen, da ſie ſelbſt nicht damit herausrücken wollte.“ „Nun— laſſen Sie ſehen, meine beſte Schwie⸗ germutter! Erſtens hat ſie deutlich bemerkt, daß ich ein etwas leichtſinniger Burſche bin.“ „Daran zweifle ich nicht.“ „Aber ſie hat zugleich entdeckt, daß dieſer Leicht⸗ ſinn das Liebenswürdigſte und Unſchuldigſte iſt, das man ſich denken kann.“ „Daran zweifle ich.“ „Dann appellire ich an Marie Luiſe ſelbſt.— Iſt es nicht wahr, mein Engel, daß nicht das geringſte Böſe an mir iſt? Ich bin ja weich wie Wachs, und laſſe mich biegen, wie Du willſt, aber weil Du— Dir zur Ehre ſei es geſagt— das herrlichſte Talent zu dieſem Biegungsprozeſſe haſt.“ „Weich wie Wachs biſt Du, das iſt gewiß,“ ſagte Marie Luiſe. Nun, hören Sie ſelbſt, Schwiegermutter! Fer⸗ ner habe ich einige kleine Gewohnheiten—“ 194 „Oder vielmehr Ungewohnheiten!“ „„Auch das; aber keine gefährlichen. Ich liebe ein fröhliches Gelage; nicht deshalb, weil es mir nicht am wohlſten in meinem eigenen Paradieſe iſt, wo Marie Luiſe allein herrſcht und zugleich die Rollen Evas und des Erzengels ſpielt; aber es iſt doch hie und da ſo unterhaltend, durch die Thüre hinaus zu bühten und zu ſchauen, wie es in der Welt aus⸗ ſieht.“ „Das will heißen, wenn es in dem Luſtgarten zu langweilig iſt.“ „Es iſt nie langweilig in dem Luſtgarten, Schwie⸗ germutter. Dieſer Schlußſatz beweist nur, ſeit wie unendlich langer Zeit die Schwiegermntter nicht mehr die Eva ſpielte. Aber kein Genuß iſt größer als der, den wir von Zeit zu Zeit entbehren, und nur um mir ieſes Vergnügen zu verſchaffen, liebe ich Geſel⸗⸗ ꝗ. 2* „Nun, was liebſt Du weiter?“ „Einen Becher guten Weins mit einigen guten Freunden zu trinken— das ſchmeckt gut und belebt den Geiſt.“ „Und betäubl auch, wenn ich mich recht er⸗ innere.“ „Das war nur in früheren glücklichen Zeiten, meine beſte Schwiegermutter, als wir unſern Trau⸗ benſaft unverfälſcht bekamen. Jetzt tragen die werthen Herrn Weinhändler und Wirthe auf meine Ehre ge⸗ hörig Sorge, daß wir nicht im mindeſten Gefahr lau⸗ fen, unſere Beſinnung zu verlieren.“ „Aber vielleicht dafür unſer Geld; denn was der OQualität gebricht, muß wohl durch die Quantität er⸗ ſetzt werden.“ „Keineswegs! Wir verbrauchen gewiß nicht mehr Wein als unſere Väter, obſchon es ſo ausſehen mag, da wir auf viel Male trinken, was ſie auf einmal in ſich hinein ſtürzten— Ach, meine geehrte Schwieger⸗ mutte Wie würde jenen Kraft mache wohl 7 wenn meine einer 2 ſelber ſchein danke gegen ‿— = — S = 5 zeſell⸗ guten belebt t er⸗ Zeiten, Trau⸗ erthen e ge⸗ r lau⸗ as der ät er⸗ mehr b mag, nal in vieger⸗ 195 mutter, bedenken Sie, wenn wir es abmeſſen wollten! Wie viel von unſern kleinen hübſchen Fingerhutgläſern würde man da nicht brauchen, um einen einzigen von jenen Ehrfurcht gebietenden Pokalen zu füllen, die der Kraft und dem Geſchmack unſerer Väter ſo viel Ehre machen!“ He ſfen wir das auf ſich beruhen— aber Du haſt wohl noch eine Schwachheit zu berichten?“ „Nein; jetzt glaube ich, iſt die Liſte geſchloſſen, wenn mich mein Gedächtniß nicht trügt. Oder wie, meine liebe Marie Luiſe— weißt Du ſie mit noch einer kleinen Sünde zu vermehren?“ Marie Luiſe war während dieſes Geſprächs in ſich ſelber verſunken dageſtanden und den Worten nur mit ſcheinbarer Aufmerkſamkeit gefolgt. Sie lag in Ge⸗ danken über den vorangehenden Rath ihrer Mutter gegen das Sophakiſſen gelehnt. „Wie,“ ſagte ſie, und ermannte ſich mit einem ächeln,„wie kann ich wiſſen, was Du ſelbſt nicht weißt?“ 1 „Biſt Du nicht der beſſere Theil meiner Seele, der Erzengel, der Alles weiß?“ „In der letztern Eigenſchaft muß ich denn wohl enthüllen, daß Du Deine ſchlimmſte Sünde vergeſſen haſt; ich meine die, welche mir nach der intereſſanten Wette zwei Shawls einbrachte.“ „Ah, Du kleine Spitzbübin, die hatte ich wahrlich vergeſſen! Aber da Du Dich nicht geſchämt haſt, ſie ſo zu verrathen, ſo muß ich wohl mit dem Geſtändniß herausrücken, daß ich eine kleine, aber ſehr kleine Nei⸗ gung zum Geſellſchaftsſpiel habe. Ich ſpiele nie hoch, nie Hazard, nur ein kleines unſchuldiges Kartenſpiel zum Zeitvertreib.“ „Aber dieß, mein Herr Sohn, iſt ein ſehr unglück⸗ licher Zeitvertreib; und verzeih, beſter Wallden, wenn ich jetzt ein ernſtes Wort mit Dir ſpreche! Du wirſt das an mir als Mutter verzeihlich finden.“ 196 „Nein, ums Himmels willen keine Predigten, meine beſte Schwiegermutter! Marie Luiſe führt mich an einem weit beſſeren Bande, und erlauben Sie mir, Ihnen mit aller möglichen ſohnlichen Liebe und Ehr⸗ furcht zu erklären, daß es nie geholfen hat und nie helfen wird, wenn man auf dieſe Weiſe einen Fehler bei mir verbeſſern will, falls ein ſolcher vorhanden ſein ſollte.“ Frau N. wurde wechſelweiſe roth und blaß, aber indem ſie ihren Gefühlen Gewalt anthat, ſagte ſie in einem Tone, den ſie wenigſtens ſelbſt für ruhig hielt, obſchon er eine gewiſſe Schärfe hatte:„Ich beklage das Weib, das die Wahrheit nur lallen darf, und ich wußte nicht, daß Marie Luiſe dieſe Kunſt ſo ſchnell gelernt hat, die übrigens ohne Zweifel ſehr gut iſt.“ Marie Luiſe warf einen Blick, nicht des Vorwurfs, ſondern des Schmerzes auf ihre Mutter, wobei ſie bei ſich dachte:„Mama hat Recht mit ihrem Grundſatz, nicht bei uns wohnen zu wollen— das ginge nicht.“ Was v. Wallden betraf, ſo war Nichts vorhan⸗ den, das ihn jetzt hätte antreiben können, ſein Weib auf irgend eine Weiſe zu verletzen, was er, wie er einſah, nie mehr thun würde, als wenn er ihre Mutter beleidigte. Ja trotz dem, daß Frau N—s Antwort ihn gewaltig ärgerte, ging er doch ſo weit in ſeiner Ueberlegung, daß er einſah, wie es ſein eigener künf⸗ tiger Nutzen erforderte, Marie Luiſen dadurch zu ver⸗ binden, daß er jetzt den vollkommen nachgiebigen und artigen Sohn ſpielte. Marie Luiſe, die wirklich den Ausbruch eines ern⸗ ſten Streites zwiſchen Mutter und Mann gefürchtet hatte, wobei es für ſie eine ziemlich kitzliche Sache geworden wäre, zu vermitteln, indem ihre Parteilich⸗ keit gleich laut für beide ſprechen mußte, belohnte jetzt ihren Mann mit dem herzlichſten und dankbarſten Blick, als er die Hand ſeiner Schwiegermutter ergriff, fie achtungsvoll küßte und antwortete:„Es thut mir in der erreg die 2 Sie ſo lei ſich g überz geſcha habe heran v Augen wenn doch ganzer und i „0 ſchaft Die. 197 der That leid, einige Unruhe bei meiner guten Mama erregt und eine Bemerkung hervorgerufen zu haben, die Marie Luiſen vielleicht peinlich war, aber laſſen Sie mich verſichern, daß ſie mich ſo gut verſteht, mich ſo leicht zurückführt, wenn ich mich verirre, daß Mama ſich getroſt auf ihre Klugheit verlaſſen kann! Ich bin überzeugt, daß unſer Herr nie ein vortrefflicheres Weib 24 geſchaffen hat, als das meinige iſt, und wem anders habe ich dafür zu danken, als derjenigen, die ſie ſo herangebildet hat?“ v. Walldens Miene und Geberde waren in dieſem Augenblick ſo geeignet, Vertrauen einzuflößen, daß er, wenn er ſeine Schwiegermutter nicht ganz gewann, ſie doch vollkommen beſänftigte. Und das Ende von der ganzen Unterredung war, daß Frau N. ihrer Tochter und ihrem Schwiegerſohne verſprach, während ihrer Abweſenheit in Malkolmsnäs zu wohnen, um die An⸗ gelegenheiten des Hauſes zu beſorgen. „Und jetzt, beſte Marie Luiſe, iſt es Zeit, an die Beſuche in der Stadt zu denken. Der Wagen wird ſogleich vorfahren. Aber ich weiß wahrhaftig nicht, wie es kommt, daß mir alle Menſchen hier vorkom⸗ men, als ob ſie ſammt und ſonders in einem ſauer⸗ ſüßen Ragout lägen— und ſogar mein geachteter Onkel, der Herr Bürgermeiſter, hatte unendlich Eile und wußte kaum, ob ihm ſeine Zeit erlaubte, mich zum Sitzen einzuladen. Meiner Seele! ſie ſind doch recht ſpaßhaft, unſere lieben Kleinſtädter!“ „Sit ſind erzürnt, die ganze Stadt en corps iſt auf Euch erzürnt.“. „Das glaubte ich eben,“ verſetzte v. Wallden,„aber wodurch waren wir denn ſo unglücklich, uns die Un⸗ gnade der geehrten Stadt zuzuziehen?“ „Erſtens weil ihr jetzt der ariſtokratiſchen Geſell⸗ ſchaft angehört, und dann weil Ihr bei Eurer Abreiſe Die Erkerſtübchen. 13 ——— 198 die Stadtbewohner nicht nach Eurer neuen Heimath einludet.“ „Dieſe kleine Verwirrung werde ich ſchon zurecht legen,“ ſagte Marie Luiſe.„Denn es iſt doch immer gut, mit alten Bekannten gut zu ſtehen. Ehe ich ein Paar Minuten lang bei einem Jeden geweſen bin, werde ich es ſo gemacht haben, daß aller Groll ver⸗ geſſen iſt, und ſie mich wenigſtens zehn Mal in der Minute ihre liebe, aimable gnädige Frau nennen.“ „Nun, mein Engel,“ fragte der Lieutenant,„wie willſt Du das anfangen? Jetzt, da wir eben am Ab⸗ reiſen ſind, dürfte es ſchwer ſein, den erſten Fehler wieder gut zu machen, und wenn wir einmal wieder kommen, dann—— Du weißt ſelbſt, liebe Marie Luiſe, daß der Adel und die Bürgerſchaft ſich nie zuſam⸗ men verſchmelzen können.“ „An dieſe Verſchmelzung werden wir wohl künftig einmal Gelegenheit haben zu denken! Jetzt werde ich einen Plan verfolgen, der näher liegt— und wir wollen ſehen, wenn wir morgen heimreiſen, ob uns nicht aus allen Fenſtern Köpfe zunicken.“ „Nein, jetzt halten wir uns zu lange auf,“ er⸗ mahnte v. Wallden.„Soll ich der Jungfer ſchellen, mein Täubchen?“ „Was ſagſt Du— ſchellen 24 NMarie Luiſe warf ihrem Mann einen ſchelmiſchen Blick zu.„Weißt Du nicht mehr“— „Ei freilich, ich weiß noch ſehr gut, und ich bin noch immer derſelbe aufmerkſame Ehemann— aber wo ſind denn die Sachen?“ „Steht die Schlafzimmerthüre nicht offen? Ei ei, mein Herr, man ſieht klar, daß wir im dritten Monat verheirathet ſind! Sei indeſſen ſo gut und hole meine Mantille.“ Im erſten Haus— es war natürlich das des Bürgermeiſters— wurde unſer Paar wie zwei voll⸗ kommen frem de Perſonen empfangen. Aber als Marie — 2 — 8 = 5 =— = meine s des i voll⸗ Marie 199 Luiſe ſich ſo tief verneigte, daß ihre Lippen beinahe an der Hand der alten Bürgermeiſterin vorüberſtreiften, und dabei in die funkel⸗nagelneue Benennung„Tante“ ausbrach und ſagte:„Ach wie die Tante ſo friſch und geſund ausfieht!“ da verzog die Bürgermeiſterin den Mund zu einem kleinen Lächeln, und als Marie Luiſe in demſelben Athem hinzufügte:„Eine kleine Reiſe aufs Land würde jetzt gewiß nicht ſchaden, Tante,“ da lächelte die Tante mit dem ganzen Geſicht. „Wenn wir,“ fuhr die junge Frau fort, nachdem einige gegenſeitige Höflichkeitsbezeugungen gewechſelt waren,„wenn wir nicht vor unſerer Reiſe das Ver⸗ gnügen haben, Onkel und Tante bei uns zu ſehen, die wir in dem ſchlechten Frühlingswetter nicht hinausbe⸗ mühen konnten, ſo hoffen wir, daß doch Mama, die wäh rend unſerer Abweſenheit in Malkolmsnäs wohnt, die Ehre haben wird, wenn ſie die Herrſchaften auf Kirſchen oder ſonſt etwas Gutes einladet! Sobald wir ſelbſt zurückkommen, wird es unſer größtes Vergnügen ſein, unſere Freunde öfter bei uns zu ſehen.“ „Ach, gnädiges Coufinchen, Sie ſind gar zu aimable.“ „Liebe Tante, ich bitte, ſprechen Sie nicht ſo, ſonſt wage ich es ja nicht, die Tante zu fragen, ob ſie nicht etwas Beeren zum Einmachen von Malkolmsnäs be⸗ fiehlt! Sie ſind wirklich gut und wir haben viele Sor⸗ ten, unter denen Sie wählen können.“ Die Bürgermeiſterin begleitete ihre geliebte Cou⸗ ſine nicht nur bis in den Oehrn, ſondern bis zur letz⸗ ten Treppe hinab. Bei den andern Freunden wurde dieſelbe Scene wiederholt, nur mit einigen kleinen Abänderungen, je nach dem Geſchmack derſelben, den Marie Luiſe ja überall kannte. Dem Einen verſprach ſie Schößlinge von ſeltenen Bäumen, einem Andern den neuen fran⸗ zöſiſchen Blumenkohl, einem Dritten Spargeln, einem Vierten Blumen u. ſ. w., aber an den Orten, wo es etwas kitzlicher wurde, ein gutes Verhältniß in Gang 200 zu bringen, ging Marie Luiſe in der Artigkeit ſo weit, daß ſie ſogar einer ſogenannten alten Freundin, welche ſich über die Schwierigkeit beklagte, ſo feine Wolle zu bekommen, wie zu einem Halstuchgewebe erforderlich war, das ſie in Geſellſchaft einer Nachbarsfrau machen laſſen wollte, ein Paar Pfund von ihrer feinen ſpani⸗ ſchen anbot. Jetzt war Alles zu Gunſten der gnädigen Frau entſchieden. Aus dem Munde der Compagnie Frauen, welche die ſchärfſten Zungen in der Stadt hatten, floß nur Blumenduft; und es zeigte ſich in der That, daß Marie Luiſe Recht gehabt hatte: denn als die Malkolmer Herrſchaft am andern Morgen heim⸗ reiste, konnte Frau N., die ihnen Geſellſchaft leiſtete, ſehen, wie alle Damen der Stadt an artigen und freundſchaftlichen Grüßen wetteiferten. An Rathsherrn Utters Thüre hielt der Wagen. Marie Luiſe hatte die Rathsherrin am Tage vorher nicht getroffen und ſie konnte nicht abreiſen, ohne vorher bei der guten herzlichen alten Frau Abſchied genommen zu haben. Jetzt ſaß Tante Grete in ihrer neu geſtärkten Schürze und der zierlichen Haube gar fein da, und hielt in Erwartung des vornehmen Beſuchs den Teller mit Wein und Confekt in Bereitſchaft. Hier wurde keine Komödie aufgeführt. Mit einer Rührung, die vom Herzen und zum Herzen ging, ſchloß Marie Luiſe die gute Rathsherrin, Williams mütter⸗ liche Freundin, in ihre Arme, und die Rathsherrin, die edel genug war, das Böſe vergeſſen zu haben, das Marie Luiſe ihr zugefügt, indem ſie ihrem Lieblinge weh that, erwiederte den Gruß eben ſo warm und ſprach lange und herzlich mit der jungen Frau. Während von Wallden ſeiner Schwiegermutter in den Wagen half und der Rathsherr es bedauerte, ſeine gute Frau Nachbarin ſo lange vermiſſen zu müſſen, flüſterte Marie Luiſe der neben ihr im Oehrn ſtehenden Rathsherrin zu:„Beſte Frau Utter, grüßen Sie herz⸗ lich von mir den Freund, den ich einſt hatte.— Ich 1 veit, elche e zu rlich ichen dani⸗ digen gnie Stadt 1 der als heim⸗ ſtete, und agen. orher orher een zu irkten und Teller einer ſchloß ütter⸗ n, die „ das blinge ſprach ter in ſein nüſſen, henden e herz⸗ — Jch glaube einen Gruß zurücklaſſen zu dürfen, da ich ſo weit fortreiſe.“ „Ich weiß nicht,“ antwortete die Tante Grete eben ſo leis,„ob ich dieſe Commiſſion annehmen darf. Ich halte es nicht für heilſam, den Bären zu wecken, wenn er ſchläft. Verzeihen Sie der Alten, die eben ſo ſpricht wie ſie denkt, und deshalb der jungen Frau ins Ohr flüſtern will, daß ein Gruß, der ſich nicht offen heraus wagt, nie über die Lippen eines verheiratheten Weibes kommen ſollte! Fort iſt fort, und muß vergeſſen werden.“ Marie Luiſe erwiederte nichts. Sie drückte nur der Rathsherrin die Hand, und die feinfühlende Alte verſtand die Rührung wohl, die über ihrem Geſichte lag, als ſie noch einmal, während der Rathsherr ſie nunf Wagen führte, einen Blick nach dem obern Stocke warf. „Das arme Weib!“ ſagte Tante Grete als die Fremden fort waren,„ſie wird wohl lange für ihre Ver⸗ irrung büßen müſſen!“ * ** Als der Landauer der Herrſchaft an der Treppe u dem großen Hauptgebäude von Malkolmsnäs an⸗ zußr. erblickten ſie unten an dem einen Ende des Hofs einen rothbraunen Einſpänner, neben welchem das aus⸗ geſpannte Pferd damit beſchäftigt war, eine kleine Er⸗ friſchung zu ſich zu nehmen. „Wem gehört das Fuhrwerk?“ fragte v. Wallden ziemlich verwundert den Bedienten, der heran kam, um den Kutſchenſchlag zu öffnen. „Dem Advokaten Pellander— er iſt ſeit ein Paar Stunden hier und wollte den Herrn Lieutenant er⸗ warten.“ „Marie Luiſe warf ihrem Mann einen fragenden Blick zu. Sie hatte nie einen Zweifel darein geſetzt, daß er das Verſprechen, ſeine Angelegenheiten zu ran⸗ giren nicht erfüllt habe. Nichts deſto weniger wunderte ſie ſich über dieſen Beſuch. v. Wallden verſtand das ſtumme Fragzeichen ihres Aug's und flüſterte in leich⸗ tem Ton:„Fürchte nichts, mein Engel— dieſer Ku⸗ kukskerl und ich ſind geſchieden.“ Marie Luiſe führte ihre Mutter nach ihrem Zim⸗ mer, während v. Wallden auf das ſeinige ging, wo Pellander ſich die Zeit mit einem kleinen Mittagsſchläf⸗ chen in dem bequemen Ruheſeſſel des Herrn Lieute⸗ nants ſüß vertrieben hatte, und ſein Zögern nicht ſon⸗ derlich übel nahm. Als er aber jetzt durch das Ein⸗ treten des Wirths erweckt wurde, ſtand er auf, rieb ſich die Augen und ſagte:„Gehorſamer Diener Herr Lieu⸗ tenant, entſchuldigen Sie, ich ruhte ein wenig auf die Reiſe, während ich Sie hier erwartete! Wir haben ein⸗ ander nicht getroffen, ſeitdem wir unſere kleine Affaire hatten.“ „Nein, ich hatte nicht die Ehre,“ erwiederte v. Wallden mit ſpöttiſcher Artigkeit:„aber was verſchafft mir jetzt das Vergnügen einer neuen Begegnung?“ „Wieder ein Geſchäft— aber ein weit reſpektable⸗ res als das erſte.“ „Ich verſtehe nicht, wovon es ſich handelt. Haben Sie indeſſen die Güte und nehmen Sie Platz.“ „Eine gewiſſe Perſon, Namens G.,“ begann jetzt Pellander,„ein alter Bekannter des Herrn Lieutenants, dem er, wie er ſagt, einen Brief um den andern ge⸗ ſchrieben hat, iſt endlich jetzt, da alle Antworten aus⸗ blieben, dieſe ſehr achtungswerthe und loyale Weiſe von fich hören zu laſſen, müde geworden. Er habe, ſchreibt er mir, geglaubt, daß ſich der Herr Lieutenant bei ſei⸗ nen veränderten Umſtänden von ſelbſt der Verbindlich⸗ keit erinnern werde, die zwiſchen den Herrn beſtehe, allein ſowohl hierin als in der Erwartung einer Ant⸗ wort auf ſeine Schreiben getäuſcht, hat er, wie ich eben meiner Pflicht gemäß erklärte, den Entſchluß gefaßt, — 203 den Herrn Lieutenant gerichtlich zu belangen, zugleich aber hat er mich, als eine durch das Gerücht in Hand⸗ habung kitzlicher Affairen für geſchickt bekannte Perſon beauftragt, dem Herrn Lieutenant den Vorſchlag zu machen, die Sache auf eine glimpflichere Weiſe abzu⸗ un.“ Während Pellander ſein Geſchäft vorbrachte, ging v. Wallden auf und ab, wobei er bald vor einem Vo⸗ gelkäfig ſtehen blieb und mit dem Gitter deſſelben ſpielte, bald gähnte und bald wieder leiſe pfiff. Endlich als Pellander ſeinen Mund ſchloß, warf er ſich nach⸗ läßig in den Sopha und rief:„Bei meiner Ehre, Herr Pellander! Sie ſind zum Redner geboren.“ „Ich bin zum Sachwalter der Gerechtigkeit gebo⸗ res,“ antwortete Pellander, ärgerlich über den Ton des Lieutenants, ſo wie über die nachläßige Weiſe, wo⸗ mit er ſeine Mittheilung aufnahm.„Und ich frage, welch Antwort der Herr Lieutenant auf meinen Vor⸗ trag zu geben beliebt. Wollen wir uns vergleichen oder ſtreiten;“ 3 „Wr ſtreiten— doch nein, mein beſter Herr Pel⸗ lander! énem ſolchen Kampfe bin ich nicht gewachſen! Aber im Lertrauen geſagt, ich habe im gegenwärtigen Augenblick in Betracht unſerer Reiſe eine Menge Aus⸗ gaben zu michen, und muß daher um ein Jahr Auf⸗ ſchub bitten. Wie viel macht der Plunder? Die Summe iſt mir entfellen, und er erwähnt ſie nicht in die⸗ ſem Briefe.“ ellander übergab ihm eine Abſchrift der Doku⸗ mente. v. Wallden erblaßte.„Was zum Henker!“ rief 5 indem er ſich mehrmals über das Kinn ſtrich,„das iſt ja—“ „Nun ja,“ voſetzte Pellander vergnügt,„ich ſagte Ihnen ja, die Affare ſei reſpektabel! Doch das thut nichts! Ich war ſtes als ein liberaler Mann bekannt! Da der Herr Lieutenant jetzt im Begriff ſteht, eine län⸗ 201 gere Reiſe anzutreten, ſo würde ein Prozeß natürlich geniren. Es dürfte daher beſſer ſein, auf meine Be⸗ dingungen zu hören. Die Hälfte der Summe in acht Tagen von heute an und fur die andere Aufſchub auf ein Nähr, natürlich mit den mir zukommenden Pro⸗ centen.“ „Unmöglich!“ rief v. Wallden,„Sind Sie von Sinnen, Herr? Glauben Sie, ich könne Geld ſchlagen? „Einer, der ſo ſchnell damit fertig werden kann, ſollte es allerdings können,“ antwortete Pellander un⸗ genirt, und ſeiner Pflicht, nie ein Blatt vor den Mund zu nehmen, getreu.„Jetzt aber handelt es ſich nur darum, ob es dem Herr Lieutenant beliebt, die Sache ſo abzumachen oder nicht?“ „Ich kann nicht— ſeien Sie vernünftig! Ein Viertel von der Summe und ein Douceur.“ „Läßt ſich nicht thun; meine Bedingungen ſiw be⸗ ſtimmt.“ Noch wurde die Sache lange hin und her beſpro⸗ chen. Endlich fand ſich Herr v. Wallden in Hinſicht auf einige beſondere Umſtände, die nur ihm und dem Gläubiger bekannt waren, veranlaßt, ſein Vort zu ge⸗ ben, daß er zu der vorgeſchlagenen Zeit die Summe in Bereitſchaft haben wolle. Dieß kam ihm zur gegen⸗ wärtigen Zeit ſehr ungelegen, aber es gab keinen an⸗ dern Ausweg. Nach einer dreimonatlichm Ehe konnte er ſich nicht ſchon wieder in Proceſſe vervickeln, obſchon es ſonſt ſeine ſchwache Seite und ſogeninnter Grund⸗ ſatz war, ſtets Zeit zu gewinnen, wenn auch nur einige Wochen oder Monate, während die Sache von der einen Inſtanz zur andern wanderte. „Wovon war hier die Rede?“ fagte Marie Luiſe, als von Wallden in den Salon kat und ſie allein naß⸗ Doch nichts aus Deinen Junggeſellentagen, hoff' i „Wie kannſt Du ſo fragen, nein Engel? Warſt Du es nicht ſelbſt, die mich mit Deinem gewöhnlichen Verſtande ermahnte, dieſes ganze Gewirre auf einmal zu endigen, und erinnerſt Du Dich nicht, daß ich die erſten Wochen nach unſerer Hieherkunft dazu verwendete, um es in Ordnung zu bringen 20 „Mein beſter Wallden, wenn aber doch noch einige Schulden da ſein ſollten, ſo beſchwöre ich Dich, mich nicht aus einer falſchen Scham hinters Licht zu führen. Sei aufrichtig, und laß ſie uns um Gottes willen lie⸗ ber jetzt bezahlen, als dieſe Reiſe unternehmen, die wir eben ſo gut für ein anderes Jahr aufſparen kön⸗ nen! Ich weiß nicht, wie es kam— aber ich wurde ſo unruhig, als ich den Mann hier ſah.“ „Ach das ſind Grillen, mein Herz! Es iſt unver⸗ zeihlich, daß Du ſie haſt. Um Dich aber zu beruhigen, muß ich Dir wohl ſagen, was ich eigentlich zu verſchwei⸗ gen verſprach: der arme Teufel bat mich um einen kleinen Gegendienſt, für den, welchen er mir einmal leiſtete, Du weißt ja.“ „Gott ſei Dank! das iſt ſchön, daß es nichts An⸗ deres war.“ „O es iſt auch nicht gar ſo ſchön; ich ſollte für ihn bürgen.“ „Für eine bedeutende Summe?“ „O nein, es iſt im Grund eine Kleinigkeit— ſolche Leute machen keine große Geſchäfte. Ein Dis⸗ kontoanlehen auf ein Paar Hundert Reichsthaler; aber ein ordentlicher Mann ſoll nicht bürgen.“ „Du ſchlugſt es ihm doch nicht ab?“ Marie Lui⸗ ſens Herz hatte ein kleines Attachement für Pellander, ſeit er ſich„im Namen der Menſchlichkeit“ Williams angenommen hatte. „Nein, ich konnte es nicht übers Herz bringen, mein Täubchen, denn im Ganzen iſt es recht ſchön, den Menſchen helfen zu können, wenn es unſern eigenen Intereſſen nicht zu nahe geht.“ Das Geſpräch wurde hier abgebrochen, und kam natürlich nicht wieder auf die Bahn. 206 v, Walldens gegenwärtige Einkünfte, die keine ſonderlich große Breſche erlitten hatten, da der bedeu⸗ tendſte Theil ſeiner Schulden unbezahlt blieb, ſchienen ihm nicht ſo leicht verblühen zu können, wenn auch hie und da eine kleine Geldklemme verſpürt wurde. Er war daher beim beſten Muth und hatte nicht im Sinne, ſi einen Genuß zu verſagen, den man für Geld haben onnte. Es wurde ausgemacht, daß, während er ſich bei den bevorſtehenden Exerzicien befand, Marie Luiſe an einem Geſundbrunnen weilen ſollte, von wo aus ſie an zuſammen die große Reiſe unternehmen wollten. 21. Fragmente aus einem Brief des Freundes in der Heimath an William. Da ſtand eine ganz lange Reihe Zahlen vor mir auf dem Papier. Ich rechnete und rechnete, und glaubte, ich müßte närriſch werden, während ich, weit entfernt mich in das Geſchäft zu finden, meinen Kopf ſchwindeln fühlte. Ganz erſchrocken fuhr ich vom Contorſtuhl herunter und rief mit kräftiger Stimme: „Hol mich der Teufel, das geht nicht!— Ich vermo⸗ dere hier; ich bekomme einen Schlag, wenn ich mir nicht Luft verſchaffe! Ich will fort!“ Nachdem dieſer große Entſchluß ſo ſchnell in mir zur Reife gekommen war, ſetzte ich mich wieder ruhig auf meinen Stuhl am grünen Pult. Die Zahlen wa⸗ ren vor meinem Blick helle geworden— ſo viel be⸗ wirkte ſchon der Gedanke, den Staub von mir ab⸗ ſchütteln zu dürfen. Ich ging zu meinem Weibe hinunter, die große eine deu⸗ enen hie Er nne, aben ſich uiſe aus men 207 Augen machte, als ſie mich eine ganze Viertelſtunde vor der Eſſenszeit kommen ſah; aber ſie machte noch größere Augen, als ich ſagte:„Hör' mal Auguſtchen, wir müſſen in die Welt hinaus, mein Kind!“ „Wo iſt die denn eigentlich?“ fragte ſie und ſah mich etwas mißtrauiſch an. „Natürlich überall, aber wir reiſen jetzt nach ei⸗ ner Welt im Kleinen, liebe Guſte. Wir reiſen an einen Brunnen in ein Bad oder dergleichen.“ „Wir?“ „Ja, wir, mein Kind! Du weißt, daß, wenn ich Etwas beſchloſſen habe, es feſt ſteht.“ Meine kleine Auguſte ſah ganz verblüfft aus. „Du haſt ja in den zehn Jahren, die wir verheirathet ſind, nicht mehr als zwei Handelsreiſen gemacht.“ „Eben deßhalb iſt es um ſo nothwendiger, ein⸗ mal im Leben eine Fahrt zu ſeinem Vergnügen zu machen. Heraus jetzt, meine kleine Alte, und laß machen, was Du nöthig haſt; ſetze alle Näherinnen der ganzen Stadt in Bewegung— in vierzehn Tagen reiſen wir ab.“ Und in vierzehn Tagen reisten wir. Ich und meine Auguſte, die in unſerer eigenen lieben Heimath ein glückliches Paar ſind, wußten im Anfang nicht recht, wie es uns war, als wir in den Wirbel dieſer fremden Menſchen, dieſer fremden Vergnügungen hereingezogen wurden. Aber wir gingen mit, deßhalb waren wir ja hergekommen— Bruder, Bruder! ich habe Deine ehmalige Geliebte, das ſchöne Fräulein im Dacherker geſehen!— Das iſt ein teufelmäßig ſchönes und anmuthiges Weib! Sie war vor uns hier, jedoch ohne ihren Mann. Da man aber nicht all die Namen behalten kann, die Einem hier um die Ohren ſauſen, ſo hatte ich auch nicht auf den ihrigen Achtung gegeben. Ihre Perſon dagegen fiel mir ſchon am erſten Tag in die Augen, denn ſie iſt ſo gefeiert und von Leuten umgeben, daß ſie Aufmerkſamkeit er⸗ regen muß. Endlich hörte ich den Namen und fand da, daß ich eine alte Bekanntſchaft vor mir hatte. Ich weiß nicht, ob ich Dich über den Verluſt die⸗ ſer Dame, die den einen Tag meine Bewunderung, den andern meinen Zorn erregt, beglückwünſchen oder beklagen ſoll. Sie iſt ſchön, lebhaft, liebenswürdig, aber auf meine Ehrel ſie iſt zugleich auch eitel, putz⸗ ſüchtig und kokett— wenigſtens ſieht es ſo aus. Es gibt hier keine Frau im ganzen Bad, die den Ver⸗ gnügungen ſo ſehr ergeben wäre. Sie erfindet ſelbſt immer welche, eines toller als das andere; aber die andern Leute laufen alle mit und ſchreien:„Es iſt göttlich und es kann gar nicht anders ſein, da Frau von Wallden es vorgeſchlagen hat!“ Sie iſt jedoch gutherzig. Manchem armen Teufel hat ſie in der Stille geholfen; für ein Paar hat ſie Sammlungen veranſtaltet, und daß dieſe reichlich aus⸗ gefallen ſind, kannſt Du daraus abnehmen, daß ſie ſelbſt in einem Körbchen die ſogenannten Scherflein ein⸗ ſammelte— 4 Aber da haben wir etwas Neues. Ihr Mann iſt jetzt vom Exerziren angekommen. Der Menſch kommt mir vor, wie eine verwirrte Doke Seide. Es ging hier eine Geſchichte herum, daß er dort— ich weiß nicht, wo zum Henker ſie ihren Exerziersplatz haben — wie ein Türke gewirthſchaftet habe. Als er hieher kam, ſah er ganz liederlich aus, und die Frau ſoll an dieſem Abend in einem ſehr aufgeregten Gemüthszu⸗ ſtande geweſen ſein. Es iſt mir auch vorgekommen, als ob ſie ſich ſeitdem ſelbſt nicht mehr recht gleich ſehe. Den einen Tag blüht ſie wie eine Roſe, am andern gleicht ſie, trotz ihrer Bemühung, den Kopf gleich hoch zu tragen, einer Deiner eilfhundert Lilien. 29 behaupi⸗ jedoch deßhalb nicht, daß ſie einer Stütze edarf. An meiner Auguſte hat ſie Gefallen gefunden. Sie, 209 die einen eben ſo ſichern als edlen Blick hat, ſie ſieht die junge Frau in einer näheren Entfernung als die andern, welche ſie nur durch die tauſend Verſchöne⸗ rungs⸗ und Vexirgläſer erblicken. Auguſte hat be⸗ merkt, daß ſie leidet und daß ſie Stunden hat, die mit ihrem fröhlichen Aeußern durchaus nicht überein⸗ ſtimmen. Die arme Kleine!— Und er, der Elende, hat immer ſeine Spielpartien mit einigen gleichge⸗ ſtimmten Seelen, verſteht ſich von der feiner en Sorte. Die Tage werden Vergnügungen gewidmet, welche würdig ſind, dem achtungsvollen Werke voranzugehen, das mit dem Abend wieder begonnen wird. Es iſt nicht zu leugnen, daß dieſes Weib eine Würde an ſich hat, die Achtung einflößt. Man kann bemerken, daß ſie noch einigen Einfluß auf ihren Mann ausübt und es thut Einem im Herzen wohl, wenn man ſieht und hört, wie freundlich, wie meiſterhaft ſie es verſteht, ſeiner Abweſenheit von der Geſellſchaft und von ihr ſelbſt den beſten Anſtrich zu geben, und wie ſie, wenn er zurückkömmt, ein lächelndes, auf⸗ merkſames Wort auf den Lippen hat. Man ſieht auch, daß, wenn dieſes Wort ihn nicht bei Zeit beruhigte, vielleicht ſchon ein ausweichender Blick, eine ernſte Miene der Reizbarkeit erwecken könnte, die ſich nicht ſelten in kleinlichen Dingen kund gibt. Sie braucht viel Verſtand, und ſie hat ihn; dennoch fürchte ich, daß in die Länge kein Mittel mehr helfen wird.—— Sie find abgereist. Am letzten Abend, da ſie ſich in der Geſellſchaft zeigte, war ſie blendend. Sie duf⸗ tete von Roſen, und Roſen blühten auf den Wangen, Luſt auf den Lippen. Sie ließ eine ſchmerzlich ſüße Erinnerung in dem Kreiſe zurück, wo ſie ſo gefeiert worden war. Aber meine Auguſte und ich, wir be⸗ klagten ſie— Morgen kehren wir alſo heim in unſere ruhige, gute Heimath und danken Gott, daß dieſe Zeit vor⸗ über iſt. Wenigſtens zehn Jahre werden vergehen, bis wir wieder von der Begierde verſucht werden, nicht nur die Thorheiten der Menſchen zu ſehen, ſondern auch daran Theil zu nehmen. Ich ſehne mich, ja ich ſchmachte nach meinem alten Pulte, Auguſte nach ihren Kleinen, ihrer Küche und ihrer Speiſekammer. Wollte Gott, die bewunderte Frau von Wallden wäre wie meine Auguſte geweſen, ſie hätte dann ein ſichereres Glück gehabt, als das iſt, dem ſie jetzt ohne Zweifel entgegen geht Bruder William, Herzensbruder! Dieſe Zeilen ſchreibe ich in der Heimath. Ich wollte, Du hätteſt uns geſehen! Du haſt ein Herz, um zu begreifen, was eine Heimath heißen will. Die Kinder hingen weinend an meinem Hals. Sogar auf meinen Pultſtuhl, den treuen Kameraden, ließ ich, Gott verzeih mir's, eine große Freudenthräne fallen. Aber ich ſchämte mich der Thräne und ſtrich ſie in den Spalt, welchen die Zeit in die grüne Kette geriſſen hat. Der Teufel hole den, der ſeinem Herde mehr gibt! Sprich jetzt, ob ich nicht auch draußen war und ſtizzirt und die alte Schuld bezahlt habe? Gott ſegne Dich! Laß uns bald von Dir hören und ſchenke uns etwas Anderes, als die ewigen Wiſche, die, wie Du zu bemerken beliebſt, alle von demſelben Inhalt ſind, nämlich: Nächſtens mehr! Dein Freund Karl. 1 3 nahe cher de S gelacht tinnen göttert glänzt alſo 3 ſie erft A bens n eine C Schnel ſamen keine⸗ von ih E hin die nicht n zu erh fordert unterw und B reist v ten Er nicht dern t ich ihren ollte wie reres veifel zeilen ätteſt was inend den eine h der Zeit den, und hören iſche, ſelben . 2. Ach ungehört verklingt meine bittende Stimme, Und ungeſehen fällt meine Thräne, Ich vergehe wie eine Blume im herbſt⸗ lichen Grimme. Vitalis. Zwei Jahre ſind verfloſſen. Marie Luiſe hat bei⸗ nahe alle Arten von Schaum geſchmeckt, die der Be⸗ cher des Lebens darbietet. Sie hat Reiſen gemacht, gelebt, genoſſen; ſie hat gelacht, geweint, gelitten; ſie war eine von den Göt⸗ tinnen des Tags, ſie wurde gefeiert, angebetet, ver⸗ göttert; ſie hat in den Geſellſchaften der Städte ge⸗ glänzt und an Brunnen und Bädern kokettirt; es iſt alſo Zeit auszuruhen, den Rauſch zu hemmen, ehe er ſie erſtickt. Ach in bangen, einſamen Nächten hat ſie verge⸗ bens nach dieſer Ruhe geſeufzt und Alles gethan, was eine Gattin und ein Weib zu thun vermag, um die Schnelligkeit zu hemmen, womit beide dem gemein⸗ ſamen Ziele entgegen eilen, aber Marie Luiſe hat keine Macht mehr über von Wallden, noch hat ſie ſich von ihm lostrennen können. Erſt kürzlich nach Schweden zurückgekommen, wo⸗ hin die Noth von Wallden gedrängt hatte, da es ihm nicht mehr möglich war, die enormen Geldſendungen zu erhalten, die er beſtändig von ſeinem Verwalter forderte, befanden ſie ſich gegenwärtig auf der Reiſe unterwegs nach Malkomsnäs an demſelben Brunnen und Badorte, von wo aus ſie vor zwei Jahren abge⸗ reist waren. v. Wallden war von einem verzweifel⸗ ten Entſchluſſe getrieben hier durch ſein gewöhnliches 4 Mittel die beinahe gänzlich zerſtörten Vermögensum⸗ ſtände wieder herzuſtellen, und feſtgehalten von dem Zügel ſeiner unmäßigen Leidenſchaft, verſchob er trotz der beſtändigen Verminderung der Reiſekaſſe, von Tag zu Tag den Aufbruch vom Bade, und alle Bitten Marie Luiſens waren vergebens. Es war Abend. Die Jungfer war in der langen Erwartung ihrer Herrſchaft eingeſchlafen, wachte aber ſogleich auf, als ſie Stimmen hörte, ſprang dann auf, zündete die Lichter auf der Toilette an und ſchloß die Thüre auf. Marie Luiſe trat, den leichten Mantel haſtig ab⸗ werfend, in einem glänzenden Ballkleide herein, v. Wallden folgte ihr, nicht mehr in der Kraft der Ju⸗ gend, ſondern gelblich und abgefallen, ein deutliches Opfer heimlicher Orgien. Er warf ſich nachläſſig in das Sopha und begann zu gähnen. Auf Marie Luiſens Geſicht entdeckte man im er⸗ ſten Augenblick keine ſonderliche Veränderung, aber als die Zierden der Toilette eine nach der andern verſchwanden, als die Locken zurückgeſchoben und unter der einfachen Spitzenhaube verborgen waren, da glaubte man zu bemerken, daß die friſcheſten Roſen verheert ſeien, wie es der Friede des Herzens ſchon längſt ge⸗ weſen war. Doch noch immer blickte dieſes Weib ſtolz um ſich, denn mitten unter tauſend Verſuchungen war ſie ruhig und ſicher geſtanden. Nicht einmal der Hauch der Verläumdung hatte ihren Ruf berührt; ſie hatte mit den Sinnen gelebt, nicht mit der Seele, ſie war raſtlos bemüht geweſen, die Zeit vorwärts zu treiben, um nicht von ihr erfaßt zu werden, von ihr, der ſie entfliehen wollte, da ſie unter der Maske des Glanzes grenzenlos unglücklich geweſen war. So war Marie Luiſens Schickſal geweſen; ſo iſt das Schickſal von tauſend Weibern geweſen und ſo wird es das von Tauſenden werden. Noch war ſie ſchön, und ein Ausdruck von füßem 1 V Friede lag a über und l thüre Kind war für do glückli 2 Jahr Theil einer über d ihren ter de der R heiten in Lüg hinder Briefe Mutte ſich di grenze Heimr N Kuß a ſie wie ihr zu Augen befand 3 11* Luiſe. iſt an 1 Die sum⸗ Zitten angen aber nauf, oß die g ab⸗ n, v. r Ju⸗ tliches fig in m er⸗ aber undern unter laubte heet gſt ge⸗ Weib pungen al der rt; ſie ele, ſie rts zu en ihr, ke des ſo iſt und ſo füßem 213 Frieden, ſo anders als der, der auf ihrem Geſichte lag als ſie eintrat, ſchimmerte wie eine Verklärung über ihren Zügen, als ſie mit dem Licht in der Hand und leiſe auf den Zehen nach der offenen Cabinets⸗ thüre ſchlich. Dort ſchlummerte in ſüßer Ruhe ein Kind auf ſeinem ſchneeweißen Bettchen: Marie Luiſe war Mutter, ſie beſaß ein Weſen, das ſie lieben und für das ſie leben konnte.— Dennoch wagte ſie es, un⸗ glücklich zu ſein. Mit Leidenſchaft liebte ſie ihren etwas über ein Jahr alten Sohn und widmete ihm einen großen Theil der Tagesſtunden. Doch bedurfte ſie bisweilen einer ſtärkeren Zerſtreuung, wenn Sorge und Gram über die beſtändig ſchlechtere Aufführung ihres Gatten ihren Frieden mordete, und wenn ihre eigene noch un⸗ ter der Aſche glimmende Leidenſchaft ſie in den Wirbel der Reue und der Verzweiflung zog. Noch ahnte ſie nicht, wie ſchlimm ihre Angelegen⸗ heiten ſtanden, denn v. Wallden, der ſich immer mehr in Lügen und Betrügereien aller Art verwickelte, ver⸗ hinderte ſtets durch erdichtete Vorwände, daß ſie die Briefe von der Heimath zu Geſicht bekam. Die ihrer Mutter waren zwar immer voll Unruhe; aber ließ ſich dieſe Unruhe nicht hinlänglich durch v. Walldens grenzenloſe Verſchwendung und ſeiner Verzögerung der Heimreiſe erklären? Nachdem Marie Luiſe einen leichten und warmen Kuß auf die Stirne ihres Sohnes gedrückt hatte, kam ſie wieder in das Schlafzimmer heraus. Jetzt fielen ihr zwei Briefe, die auf der Toilette lagen, in die Augen. Die Jungfer war fort; die beiden Gatten befanden ſich allein. „Haſt Du dieſe Briefe geſehen?“ fragte Marie Luiſe.„Der eine iſt von Mama an mich, der andere iſt an Dich.“ „Was ſoll ich geſehen haben?— wer zum Teufel Die Erkerſtübchen. 14 214 V ſieht nach all dem Zeug? Ich habe wenigſtens zehn bis zwölf ſolcher in meiner Schatouille liegen, aber da ſie alle ungefähr einen und denſelben Inhalt haben, ſo mögen ſie in Ruhe liegen.“ v. Wallden hatte ſich wirklich in der ſpäteren Zeit den Aerger erſpart, die Mahnbriefe ſeiner Gläubiger zu leſen. Marie Luiſe erbrach das Schreiben ihrer Mutter, und während ſie es durchlief, malte ſich die ſtärkſte Bewegung in ihren Mienen. Als ſie den Brief been⸗ digt hatte, war ſie einer Ohnmacht nahe; aber dieſe weibliche Schwachheit beherrſchend, verſuchte ſie es, ein Paar Mal zu ſprechen, doch die Stimme verſagte ihr ihren Beiſtand. „Nun, was ſind denn das für intereſſante und empfindſame Neuigkeiten? Ich glaube ſie berauben Dich der Kraft, Dein gewöhnliches Abendlied zu fingen?“ „Gott im Himmel! wie kannſt Du ſo ſpotten?“ „Warum nicht? Ich möchte doch wiſſen, falls es etwas beſonders Rührendes iſt, warum ich weinen ſollte?— Das Maulen ziemt den Weibern, nicht den Männern.“ „Weißt Du, wie es daheim ſteht?“ fragte Marxie Luiſe mit der ſtärkſten Anſtrengung. „Nein, aber ich kann mir nichts anders denken, als daß es gut ſtehen wird.“ „Das iſt ſchrecklich! Du haſt mich getäuſcht— Deine größten Schulden waren unbezahlt, als wir Schweden verließen: Gerichtliche Klagen regneten von allen Richtungen her; eine Auspfändung folgte auf die andere; und der Verwalter, der in der größten Verlegenheit iſt, verläßt Alles, wenn Du nicht ſogleich heimkommſt, und Deine Verfügungen triffſt. ¹ „Außerordentlich hübſch das, ich geſtehe es! und ſ beſonders effektvoll muß es ſein, da es eine Mutter beſchreibt— wenigſtens wird da nichts verkleinert. „Du ſchämſt Dich alſo nicht, mich auch auf dieſe Weiſ Man war, heim wenn retten näs s zehn , aber haben, tte ſich rt, die b Mutter, ſtärkſte f been⸗ r dieſe es, ein gte ihr ate und erauben lied zu otten?“ falls es weinen icht den Marie denken, uſcht— als wir ten von gte auf größten ſogleich es! und Mutter nert.“ zuf dieſe 215 Weiſe zu verletzen! Du weißt recht wohl, wie lange Mama mich verſchonte, juſt ſo lange als es möglich war, aber jetzt kann unſere Stellung nicht länger ge⸗ heim gehalten werden, und man glaubt beſtimmt, daß, wenn wir etwas für unſer zukünftiges Auskommen retten wollen, wir gezwungen ſein werden, Malkolms⸗ näs zu verkaufen und uns ein geringeres Gut anzu⸗ ſchaffen.“ „Was? Malkolmsnäs ſollte verkauft werden?— Nun ja, das wäre eine vortreffliche Art zu rangiren, und es zeugt von dem großen Verſtande deſſen, der es vorgeſchlagen hat. Kümmere Dich indeſſen nichts um die ganze Lumperei! Ich beſorge meine Angelegen⸗ heiten am beſten ſelbſt, und wenn ich jetzt heimkomme, werde ich auf meine Ehre ein anderes Leben in die Sache bringen! Der Haſe von Verwalter iſt ganz und gar untauglich zu ſeiner Stelle.“ „Wann werden wir venn reiſen? Ach beſter Wall⸗ den, laß uns doch morgen gehen.“ „Morgen!— Warum nicht gar! Ich muß mir erſt Reiſegeld verſchaffen, ich habe nichts mehr als zwei magere Zehnthalerſcheine, und die werden wohl nicht weit reichen, wenn wir unſere Rechnungen hier bezahlen und den Weg fortſetzen wollen.“ „Mein Gott! wo iſt denn die Reiſekaſſe?“ „Beim Teufel!“ war v. Walldens lakoniſche Antwort. „Das iſt ſchrecklich!“ ſagte Marie Luiſe erblaſſend. „Wie haſt Du uns ſo bloßſtellen können?“ „Das iſt ganz in der Ordnung. Die Weiber nehmen immer die leichteſte Partie für ſich und können nur jammern und lärmen, während wir gezwungen ſind, unſern ganzen Scharfſinn anzuſtrengen, um uns ſelbſt zu helfen.“ „Du mußt wohl entlehnen, ſo demüthigend es auch ſein mag.“ „Ach was demüthigend!— Aber Geld bekommen 216 iſt ſchwer, weil ich ſchon ſo viel entlehnt habe, daß ich nicht weiß, an wen ich mich jetzt wenden ſoll.⸗ „Und dieſes entlehnte Geld?“ ſeufzte Marie Luiſe. „Hat in Folge einer innern Sympathie dem an⸗ dern Geſellſchaft geleiſtet.“ „Und wir ſind alſo in der unglücklichſten Verle⸗ genheit! Was, ums Himmels willen iſt da zu thun?“ „Ja, erfinde etwas, wenn Du kannſt— das wäre eines Weibes würdiger, als über etwas zu klagen, was ſich nicht mehr ändern läßt.“ Marie Luiſe ſchwieg einige Augenblicke, dann ſagte ſie langſam, wie wenn ſie bei ſich ſelbſt überlegte: „Wenn Du mir heilig verſprichſt, daß wir morgen ab⸗ reiſen“— „Nun was denn?“ fragte v. Wallden aufmerkſam und mit dem Blick und Ton eines Spürhunds. „Dann— aber auch nur in dem Fall— habe ich einen Sparpfennig, den ich zum Glück für irgend ein nothwendiges Bedürfniß aufgehoben habe. Ich kenne kein wichtigeres, als das, jetzt heimzukommen, und ich glaube, daß die Summe hinreichen wird.“ „Geſprochen, wie es einer guten Gattin geziemt, mein Täubchen!— Du ſiehſt, daß ich die alten Liebes⸗ ausdrücke noch nicht vergeſſen habe, wenn Du Dich nur aufführſt, wie es ſich gehört. Wo haſt Du Dei⸗ nen Schatz? Zeig ihn mir!“ „Dazu iſt es morgen Zeit, wenn Du die Reſſe angeordnet haſt.“ b „Sol hier iſt alſo von Argwohn die Rede, glaube ich? Nun, ſo behalte Dein Spargeld— wir bleiben, wo wir ſind. Ich habe Kredit; ich lebe gut, ſo lange es reicht.“ „Lieber Wallden! ſprich nicht ſo. Du weißt, daß wir reiſen müſſen.“ „Natürlich, wenn ich Geld bekommen habe und einen Ueberſchlag machen kann, wie Alles bereinigt werden ſoll.“ 4 geziemt, Liebes⸗ zu Dich du Dei⸗ te Reiſe glaube bleiben, ſo lange abe und bereinigte 217 „Nun wohl, ich will es morgen in aller Früh herausgeben— jetzt müſſen wir zu ruhen ſuchen.“ 3 „Ruhe, ſo viel Du willſt, ich will noch einen klei⸗ nen Spaziergang machen, da ich nichts daheim zu thun habe.“ „Wirſt Du denn nicht ſchlafen?“ „Nein.“ „Das heißt, Du biſt böſe auf mich?“ „Nein.“. „Ach! ſei nicht ſo hart— verſprich mir gewiß, daß Du daheim bleibſt, wenn Du das Geld ſogleich bekommſt!“ „Ja gewiß— aber reize mich nicht länger.“ Seufzend ging Marie Luiſe an den Schreibtiſch, öffnete eine kleine wohlverwahrte Schublade und nahm ein zuſammengelegtes Couvert heraus. Aber das Couvert war— leer. „Großer Gott, was iſt das?“ Marie Luiſe hielt die Hand vor die mit Angſtſchweiß bedeckte Stirne. Ihre letzte Reſource!!! Es war ein ſchauerlicher Anblick, wie der Aus⸗ druck der Beſtürzung und Unruhe ſich auf ihrem Ge⸗ ſichte malte, der gegen die nur zur Hälfte abgeworfene Balltracht ſo furchtbar abſtach. „Meinteſt Du dieſes Geld?“ fragte v. Wallden mit einer Miene, die nicht einmal Ueberraſchung, ſon⸗ dern nur nachläſſige Verwunderung ausſprach.„Das hab' ich längſt benützt!“ „Du haſt dieſes Geld genommen? Das iſt nicht möglich!“ „Ich ſehe darin nichts Unmögliches— Ich wollte nur, es wäre noch einmal zu nehmen! Mann und Wei haben eine gemeinſchaftliche Kaſſe, ſollte ich enken!“ „In gewiſſen Fällen— aber im Geheimen einan⸗ der das Geld nehmen! Guter Gott!“ „Keine Exclamationen, wenn ich bitten darf! Dein 218 iſt mein, und mein iſt Dein— ſo habe ich das Trauungs⸗ formular verſtanden, und ob man dann das Geld aus einer Schublade oder anders woher nimmt, ſo iſt es immerhin gemeinſchaftliches Eigenthum.“ „Und jetzt ſind wir alſo ohne Mittel— ganz ohne Mittel?“ „Ja, ſo ſcheints, falls Du nicht zufälligerweiſe einen weiteren Schatz haben ſollteſt, den Du jedenfalls nur von dem freigebigen Nadelgeld zuſammenſparen konnteſt, das ich Dir ausſetzte.“ „Das hat kaum zu ſeinem Zwecke hingereicht. Dieſe Summe aber war der Reſt eines unbedeutenden Kapitals, das ich noch aus der Zeit hatte, wo ich ſelbſt über mein Vermögen diſponirte.“ „Das heißt, aus der glücklichen Zeit, wo ich noch über meine Freiheit diſponirte, wo ich jeden Tag lebte, wie es mir gut dünkte, und ich nicht der Widerwärtig⸗ keit ausgeſetzt war, meine Geduld unter den Jeremia⸗ den zu verlieren, die mir die Ehe aufbewahrt hat. Ach, das war eine ſchöne Zeit!“ Marie Luiſe ſchwieg. Ihr Blick ſuchte ſich einen Weg aus dem Dunkel der Nacht nach dem Himmel, der ſich in blaugrauer Dämmerung über die Erde und ihre Schmerzen wölbte.„O!“ dachte das leidende Weib,„wer dort wäre!“ Eine gänzliche Stille war eingetreten. Endlich nahm v. Wallden ſeinen Hut und ging nach der Thüre. „Ich bitte Dich,“ ſagte Marie Luiſe angſtvoll, „gehe heute Nacht nicht aus— laß uns mit Verſtand überlegen!“ „Wir haben genug überlegt, da doch kein Geld da iſt! Ein Paar Freunde erwarten mich— die letzten Thaler mögen immerhin ſpringen, wenn ſie nicht mehr Geſellſchaft bringen können.“ „Nein, um Gotteswillen, geh nicht! Was werden die Menſchen denken, die Dir um dieſe Stunde be⸗ gegnen! Der Geſellſchaftsſaal iſt längſt geſchloſſen.“ ſchreck einſen ungs⸗ aus iſt es ganz weiſe rfalls varen feeicht. enden d ich noch lebte, ärtig⸗ emia⸗ hat. einen nmel, e und dende ndlich chüre. ſtvoll, rſtand Geld letzten nicht derden e be⸗ en.“ 219 „Wer will denn was vom Geſellſchaftsſaal! Ich bin zu einem Bekannten eingeladen, der ein kleines Junggeſellenfeſt auf ſeinem Zimmer hat— das iſt „Aber Du biſt kein Junggeſelle, beſter Wallden!“ Marie Luiſe ſuchte ſogar noch etwas Zärtliches in ihre Stimme zu legen. „Nein, leider! aber das hindert mich doch nicht, an einem fröhlichen Gelage Antheil zu nehmen.“ Marie Luiſe bat, bat lange. Vergebens! v. Wallden ging. Was für Stunden begannen jetzt für das unglück⸗ liche Weib! Im Zimmer auf⸗ und abgehend durchflog ſie in ihren Gedanken den Zeitraum von vier Jahren, der ſie von ihrem ſtillen Leben in dem unbemerkten Dacherker trennte. Eine ganze Zukunft von Licht und Glückſeligkeit war damals vor ihr gelegen; aber ihr Herz, belagert von den unedlen Geiſtern der Eitelkeit und des Hochmuths, ſtieß den ſtillen Himmel hinweg, um ein Phantom von Glück zu umarmen, das ſich nie, niemals verwirklichte! Und wohin hatte ſie jetzt ihr Stolz, ihre Sucht zu glänzen geführt? In das ſchauerlichſte Labyrinth, aus dem fie keinen Ausweg ſah. Denn mochte kom⸗ men, was da wollte, Wallden konnte nicht mehr um⸗ kehren. Nichts, keine Liebe, keine Opfer, keine Unfälle, nicht einmal das furchtbarſte Unglück vermochte ſeine Leidenſchaft zu hemmen. So lange nur noch ein Stü⸗ ber von dem verlorenen Gute da war, wurde er preis⸗ gegeben. Wohin ſollte ſie ſich mit ihrem Kinde, ihrer kränklichen Mutter wenden? Und wie würde ſie von denen beurtheilt werden, die ſie nicht beneideten? Ge⸗ wiß würden dieſe triumphiren, wenn ſie ſie, Gott weiß wie! zurückkehren ſehen würden. Ja, Gott weiß wie — denn ſie konnte das in der für den Augenblick ſo ſchrecklichen Lage, in der ſie ſich befanden, ſelbſt nicht einſehen. 22²0 Und die einzige Freundin, der fie ſich hätte an⸗ vertrauen können, die, welche vielleicht durch ihren Rath dazu beigetragen hatte, ihre unglücklichen Nei⸗ gungen zu reizen, ſie war jetzt dahin, für immer da⸗ hin! Die Baronin Charlotte war ſchon im erſten Jahr von Marie Luiſens Abweſenheit von dem Tode hinweg⸗ gemäht worden. Der Baron hatte Segersſtad verkauft. Nirgends alſo ein vertraulicher Umgang. Ach das war ein harter Verluſt! Ihre Klage vor der Mutter, dieſer zärtlichen und verſtändigen Mutter auszuſchütten, deren Rath und Ermahnungen ſie entgegengehandelt hatte, dazu war Marie Luiſe noch immer zu ſtolz— und zu was hätte das auch gedient? Sie verſtanden einander, doch die Mutter las in dem Herzen der Toch⸗ ter, ohne daß dieſe ihre Reue, ihren Schmerz in Worte kleidete. Es wurde finſter. Graue Wolken ſchwebten über dem Himmel, und ein leiſer Regen begann gegen das Fenſter zu ſtäuben. Marie Luiſe horchte auf die Straße hinaus, die Stunden wurden ihr ſo lange, nichts ließ ſich hören. Sie ging in das Kabinet und ſank am Bett ih⸗ res Sohnes auf die Kniee. Sie betete heiß und in⸗ brünſtig um Frieden, um Muth; ſie betete, daß um dieſes geliebten Kindes willen ein Strahl des Lichts die Finſterniß ihrer Seele durchdringen und ihr den Weg zeigen möchte, den ſie zu gehen habe. Geſtärkt begann ſie ihre Wanderung in die an⸗ dern Zimmern wieder. Sie wog die Möglichkeiten hin und her. Von Fremden entlehnen?— Unmöglich! überdieß hatte ja v. Wallden dieſe Reſource erſchöpft. Sie beſaß Gegenſtände, die verſetzt werden konnten, Schmuck von Werth— Dieß war zwar ein Ausweg, aber ach! wie ſchmachvoll, wenn es bekannt wurde, und wie konnte dieß anders ſein an einem ſolchen Ort! Heimſchreiben und Briefe von dort her erwarten, würde zu lange anſtehen; überdieß hatte Wallden erſt vor te an⸗ ihren n Nei⸗ er da⸗ n Jahr inweg⸗ rkauft. ch das Nutter, hütten, dandelt Straße ts ließ hett ih⸗ ind in⸗ aß um Lichts hr den die an⸗ chkeiten öglich! ſchöpft. onnten, usweg, wurde, n Ort! würde rſt vor 221 Kurzem Geld erhalten, das letzte, das man zur Rück⸗ reiſe zuſammenſcharren konnte. Marie Luiſe hatte aus dem Briefe ihrer Mutter ſo viel begriffen, daß große Summen auf das Gut aufgenommen ſeien— und jetzt Alles, Alles verloren! Ohne auf ein beſtimmtes Reſultat in Beziehung auf die Mittel gekommen zu ſein, hatte jedoch Marie Luiſe, als der Morgen graute, den feſten Entſchluß gefaßt, wenn auch allein mit ihrem Kinde die Reiſe nach der Heimath zu unternehmen—— Dieſe Hei⸗ math, ach wie lange ſollte ſie noch die ihrige ſein? Bebend blieb ſie jede vier, fünf Minuten vor dem Fenſter ſtehen. Endlich hörte ſie eine Perſon die Straße daher kommen. Der Schritt war ihr wohlbekannt, obſchon er ihr ungleicher als gewöhnlich vorkam. Auf das Schlimmſte vorbereitet, und nur davor zitternd, kein Aufſehen zu erregen, öffnete Marie Luiſe leiſe die Thüre. Von Walldens Ausſehen war ein treues Bild da⸗ von, wie er die Nacht zugebracht hatte. Marie Luiſe bot ihm einen Stuhl, aber er ſtieß ihn hinweg, und ſank angekleidet, wie er war, auf das unberührte Bett nieder. „Nun, haſt Du mich Nichts zu fragen?“ ſagte er mit einem boshaften und wilden Lachen. „Nein! außer etwa, wie viel Uhr es iſt; ich habe das letzte Mal nicht ſchlagen hören.“ „Wenn Du das wiſſen willſt, ſo mußt Du war⸗ ten, bis es wieder ſchlägt! Denn meine Uhr ging mit der letzten Karte zum Teufel.“ feine goldene Uhr, die Du von mir bekommen a 2 4 „Ja— denk' Dir, wie zärtlich— von Dir! Wie konnte ich's über's Herz bringen, mich davon zu tren⸗ nen! Es iſt aber doch geſchehen, um meine Ehre zu retten— Du weißt ja, daß man den äußeren Schein immer wahren muß.“„ 222 „Aber die Kette— um Gottes Willen! Du haſt die Kette doch abgenommen? Es war mein Haar!“ „Ich dachte nicht an den Bettel! Die Kette ging mit in den Kauf. Und da der gute Freund, der ſie gewann, ſich ſtets als Dein Bewunderer gezeigt hat, ſo hoffe ich, wird er dieſes Souvenir als Entſchädi⸗ gung für ſeinen Verluſt an der Summe gelten laſſen, die ich ihm hätte zahlen ſollen.“ Marie Luiſe hatte die letzte Spur von Farbe ver⸗ loren. Sie war zwar vollkommen überzeugt, daß von Wallden noch ſo viel Ehre im Leib hatte, um am an⸗ dern Morgen, wenn er wieder nüchtern geworden war, die Kette zurückzufordern; aber ſie inzwiſchen in ſol⸗ chen Händen und von ihrem eigenen Manne gedanken⸗ los verſchleudert zu wiſſen, o das war zu bitter! Und war Marie Luiſe bis jetzt ohne Thränen geweſen, ſo ſtrömten ſie jetzt um ſo reichlicher, da ſie an dieſe Er⸗ niedrigung dachte, die für ihr feines, weibliches Gefühl ſo kränkend war. Von Wallden ſchlief, ihren Schmerz verhöhnend, endlich ein, während er ſich damit unterhielt, Marit Luiſens Bewegungen und Mienen nachzuäffen. Aber am Morgen, als ſie, die die ganze Nacht auf geweſen war, jetzt in ihrem Morgenkleid, wie wenn ſie eben erſt aufgeſtanden wäre, an ſein Bett trat, ihn aufweckte und um Gottes Willen bat, ſich ordentlich anzukleiden, ehe die Jungfer käme, da erho⸗ ben ſich die Begebenheiten der Nacht klar vor ſeinem Gedächtniß, und ohne ein Wort zu ſagen, machte er ſchnell eine nothdürftige Toilette und ging hinaus. Es war ihm von Wichtigkeit, daß dieſes Ereigniß nicht bekannt werden ſollte, und überdieß war noch einige Ehrenhaftigkeit bei ihm vorhanden. Er hatte die Haar⸗ kette ſeines Weibes nicht auf dieſe Weiſe weg geben wollen; er hatte es gethan, ohne es zu wiſſen. Eine Stunde ſpäter kam er zurück und warf ſie auf den ringfü ſchehen Gleich ſehen, Verleg 4 7 Gegen u haſt rl⸗ gin der ſe t hat, chädi⸗ laſſen, e ver⸗ ß von an⸗ war, n ſol⸗ anken⸗ ! Und n, ſo ſe Er⸗ Gefühl hnend, Marie Nacht , wie i Bett , ſich erho⸗ ſeinem chte er 3. Es nicht einige Haar⸗ geben Eine af den 223 Tiſch.„Der Bettel hat mich mehr gekoſtet, als er werth iſt,“ ſagte er. „Wie ſo?“ fragte Marie Luiſe, indem ſie das jetzt überflüſſige Geſchenk zurücknahm.. „Wenn ich ſie gelaſſen hätte, wo ſie war, ſo hätte ich gewiß Etwas darauf geliehen bekommen.“ „Still um Gottes Barmherzigkeit willen!“ Ihre Wangen färbten ſich von der Röthe des Zorns, und, ihren Mann verlaſſend, ging ſie zu dem Kinde hinein. „Vergeude da drinnen die Zeit nicht!“ rief von Wallden ihr nach. Marie Luiſe, die bei ſeiner Rückkehr die Jungfer hinaus gewieſen hatte, nahm jetzt ſelbſt den Kleinen auf den Arm und kam in das Schlafzimmer zurück. „Was in aller Welt willſt Du mit dem Jungen machen— laß ihn in Ruhe!“ „Ich will ihn nur beaufſichtigen!“ Und indem ſie dem Kinde einige von den Blumen, welche ſie am vor⸗ hergehenden Abend geſchmückt hatten, zum Spielen gab, ſetzte ſie es auf ihren Schooß, und mit dem Kopf über den goldgelockten Seraph geneigt, fragte ſie leiſe: „Wollen wir uns jetzt beſprechen?“ „Meinetwegen! Wie viel Schmuck haſt Du? Es 5 hier eine Perſon, die uns Geld darauf leihen ann. „Kann ſie auch ſchweigen?“ „Ich glaub' es; aber wenn auch nicht, ſo iſt uns baares Geld nothwendiger, als das Schweigen! Eine kleine Verlegenheit auf der Reiſe iſt die elendeſte Ge⸗ ringfügigkeit auf der Welt, und kann Jedermann ge⸗ ſchehen.“ „Ich aber halte ſie für eine Unannehmlichkeit ohne Gleichen. Ich wage es kaum, durch das Fenſter zu ſehen, weil ich fürchte, alle Menſchen leſen mir unſere Verlegenheit aus dem Geſicht ab.“ „Sprich keinen ſolchen Unſinn! Du mußt Dich im Gegentheil heute Abend in der Geſellſchaft der Gräfin 1₰ ——— 224 A. höchſt elegant zeigen— bedenke, es iſt unſer letzter Abend! Wir müſſen Geiſtesgegenwart genug haben, 7 um niemals, in welcher Verlegenheit wir uns auch jeßt befinden mögen, durch eigene Üngeſchicktheit die Auf⸗ aint merkſamkeit auf uns zu ziehen.“ einige „und Du glaubſt, daß ich an einem ſolchen Tag in Geſellſchaften gehen könnte— unmöglich!“ 4 „Ich glaube es nicht, mein lieber Schatz, ich for⸗ ge dere es! Verſtehſt Du, Marie Luischen? Ich for⸗ un dere esl“ nicht „Du magſt thun, was Du willſt! Aber ich bin, ef g werde oder will nie in der Stimmung ſein, auszuge⸗ rief v hen, bis wir unſere Zimmer verlaſſen, um abzureiſen.“ nnth. „Ich beklage dieſen Vorſatz, denn in dieſem Fall Dei 3 vermuthe ich, daß von einer Reiſe bis auf Weiteres kin nicht die Rede ſein wird.“ „Treibe mich nicht über die Grenze der Mäßigung„, hinaus, die ich ſtets gegen Dich beobachtet habe,“ bai ſein Marie Luiſe in beſtändig ſteigender Aufregung.„Denn Stüd heute— das muß ich Dir ſagen— fühle ich mich nicht f l geneigt, nachzugeben.“ chlag „Wirklich? Du ſetzeſt mich in Erſtaunen!“ t „Das mag ſein!“ nnnd „Nur Schade, daß ich keine große Freude an der⸗ men lei Erſtaunen habe, und daher genöthigt bin, Dich zu org. bitten, daß Du ſo aimabel ſein und zu Deiner Pflicht zurück kehren mögeſt.“ letzte „Meine erſte Pflicht iſt, Schutz für mein Kind zu len. ſuchen,“ ſagte Marie Luiſe, indem ſie den Knaben feſt iberz an ſich drückte.„Und willſt Du Deine Angelegenheiten ihen nicht heute noch ſo arrangiren, daß wir morgen zur dig, Abrciſt bereit ſind, ſo ℳ werſt „So? „So reiſe ich allein— das iſt mein feſter, unwi⸗ zum derruflicher Entſchluß.“ S atze Von Wallden brach zuerſt in ein lautes Gelächter inner 1 aus; aber nachdem er ſein Weib einige Augenblich nen letzter haben, as auch ie Auf⸗ en Tag ich for⸗ h for⸗ ich bin, zuszuge⸗ rreiſen.“ em Fall Veiteres äßigung be,“ bat „Denn ich nicht 7 an der⸗ Dich zu Pflicht Kind zu aben feſt henheiten rgen zur , unvwi⸗ Helächter genblich 225 näher betrachtet hatte, ſchien er einzuſehen, daß er ſie jetzt auf einen Punkt getrieben hatte, wo von einem Scherz ihrerſeits nicht die Rede ſein konnte. Er trat einige Schritte gegen ſie heran und ſagte:„Gib den Schmuck her.“ „Wenn Du mir Dein Wort gibſt, daß wir mor⸗ gen abreiſen, daß die Poſtpferde heute beſtellt werden und wir, wenigſtens ich, der Einladung zur Gräfin nicht Folge leiſten.“ „Nein, bei meiner Ehre! das iſt etwas zu ſtark!“ rief von Wallden, auffahrend.„Du buchſtabirſt mir eine Bedingung nach der andern vor, wie einem Schul⸗ knaben— Beliebe doch darüber nachzudenken, ob ich Dein Mann bin, der das Recht hat, Dir zu befehlen, oder Dein Sklave, dem Du befehlen darfſt.“ „Von befehlen kann auf keiner Seite die Rede ſein,“ erwiederte Marie Luiſe mit erheuchelter Ruhe. „Und mein letztes Wort iſt jetzt, daß ich kein einziges Stück unter einer andern Bedingung, als der vorge⸗ ſchlagenen, hergebe.“ „Und was helfen Bedingungen? Siehſt Du nicht ein, daß ich Deinen Schmuck empfangen, in Geld ver⸗ wandeln, einen Beſtellungszettel ſchreiben— und doch morgen die gültigſten Gründe haben kann, um die Reiſe einzuſtellen? „Allerdings— Du kannſt auch dieſes Geld, unſere letzte Möglichkeit, von hier fort zu kommen, verſpie⸗ len. Aber ich habe noch Vertrauen genug zu Dir, um überzeugt zu ſein, daß Du mich nicht ſo grauſam täu⸗ ſchen wirſt. Und auch für Dich ſelbſt iſt es nothwen⸗ dig, von hier fort zu kommen, denn in einigen Tagen wirſt Du weder Etwas zum Verſpielen, noch Etwas zum Leben haben.“ Von Wallden, der das Sonnenklare dieſes letztern Satzes ſelbſt einſah, aber außer Standes war, der innerlichen Macht gutwillig nachzugeben, griff, um ſei⸗ enen Gedanken eine andere Richtung zu geben, mecha⸗ 22²6 niſch nach dem noch nicht aufgebrochenen Brief. Der ſagte Inhalt deſſelben war kurz, allein er vermochte auf ein⸗ grau mal alle Lauheit, alle Unentſchloſſenheit in Kraft und. Entſchluß zu verwandeln. dafün Der Brief enthielt nur dieſe wenigen Zeilen: gen „Wenn Du nicht innerhalb vierzehn Tagen, von ſchne heute an, Dich zu einer mündlichen Beſprechung und Thür beſtimmten Vergleichung mit mir in Deiner Heimath einfindeſt, ſo ſchwöre ich bei meiner Seligkeit, daß ich barer die Umſtände veröffentlichen werde, welche an dem Schuldſchein haften, welchen ich von Dir habe. Für Mach den Fall, daß Du noch einmal meine Geduld auf die ordne Probe ſtellſt und mich ſelbſt dem Ruin ausſetzeſt, hat Zeit Pellander die beſtimmteſte Inſtruktion. Richte Dich darnach! rung C. G.“ ſchen Marie Luiſe war mit Unruhe dem Mienenſpiele ſem ihres Mannes gefolgt. Sein Geſicht trug den Stempel Seuf des Zorns und der Beſtürzung. Aber ſchnell den Ton jedoc unbeküm merter Gleichgültigkeit annehmend, den er für jetzt den Paſſendſten hielt, um ſein Weib irre zu führen, haben ſagte er mit einem lang gezogenen Gähnen:„Nichts von Bedeutung— ein alter Freund, der im Begriff iſt, mit Tod abzugehen.“ 8 „Und unſere Reiſe? Was beſchließeſt Du in Be⸗ treff dieſer?“ „Um dieſe verwünſchte Jeremiade nicht mehr hö⸗ ren zu müſſen, will ich mich in Gottes Namen rüſten. Gib den Plunder her— und ſei ruhig! Ich will noch heute Abend Poſtpferde beſtellen, um unſerer Reiſe eine deſto natürlichere Färbung der Nothwendigkeit zu ge⸗ ben. Deine Mutter iſt ſchnell erkrankt, Du willſt, Du mußt heim, um ſie noch einmal zu treffen— O das wird Jedermann glauben, der die unlenkſame Heftig⸗ keit der Weiber kennt, wenn irgend eine Störung eintritt.“ 3 „Ich hoffe, es fällt Dir etwas 1 dieſer Anderes ein,“ V 227 „Der ſagte Marie Luiſe.„Schon die Vorſtellung eines ſo uf ein⸗ grauſamen Hohnes macht mich ſchaudern.“ aft und„So ſchaudre denn, ſo viel Dir beliebt! Ich werde dafür ſchwitzen müſſen, bis ich überall herumgeſprun⸗ n: gen bin und meine Geſchichte erzählt habe. Doch jetzt , von ſchnell— die Pferde werden um ſechs Uhr vor der ng und Thüre ſtehen.“ eeimath Marie Luiſe brachte den größten Theil ihres koſt⸗ daß ich baren Schmuckes herbei. n dem Und v. Wallden, der heute von einer ſtärkeren 2. Für Nacht zur Haltung ſeines Verſprechens getrieben wurde, auf die ordnete Alles ſo an, daß die Reiſe zur beſtimmten ſt, hat Zeit wirklich Statt fand. e Dich Als Marie Luiſe im Wagen ſaß und ihre Erinne⸗ rung auf die zwei Jahre zurückkehren ließ, die zwi⸗ 2 ſchen ihrem früheren und ſpäteren Aufenthalte an die⸗ enſpiele ſem Orte lagen, da dachte ſie mit einem flüchtigen Stempel Seufzer:„Ich habe meine ſogenante Blüthenzeit, die en Ton jedoch auch Dornen genug hatte, überlebt; die, welche er für jetzt meiner wartet, wird mir keine Roſen zu bieten führen, haben.“ „Nichts Begriff— in Be⸗ 2 ehr hö⸗ 23. rüſten. Nicht länger ruft mich ill noch Des Lebens Luſt; iſe eine Der Hoffnung Stern zu ge⸗ Vergoldet nicht Uſt, Du Mit hellen Strahlen O das Meine Welt. Heftig⸗ Stagnelius. Störung Marie Luiſe lag an der Bruſt ihrer Mutter— ein A— dieſer unendlich liebenden und treuen Mutter, die ihren 228 ganzen Verſtand angeſtrengt hatte, um ihre Pflicht auf dem ernſten Platze, der ihr anvertraut worden war, recht zu erfüllen. Jetzt, da ſie ihre Marie Luiſe wieder hatte und dazu noch einen kleinen Enkel in ihre Arme ſchloß, war ſie mit allem Kummer, mit allen Stunden der Angſt ausgeſöhnt. „Gott ſei geprieſen!“ ſagte Frau N.; njetzt wer⸗ den wir doch jeden Schlag, der Dich treffen mag, zuſammen tragen— aber, mein Kind, mein armes Kind, mach' Dich auf das Schlimmſte gefaßt.“ „Ich bin es, Mama, ich bin ruhig, vollkommen Tuhi, wenn nur nicht Mama um meinetwillen itte! „Dann wäre ich ja nicht Mutter, mein Kind! Aber wenn Wallden nur ſeinen Verſtand zuſammen⸗ nehmen wollte, wenn er es nur bei Zeit über ſich bringen könnte, Malkolmsnäs zu verkaufen und das kleine Broby hier neben bei an ſich zu bringen, dann ſähe man wenigſtens eine Spur von Sicherheit für die Zukunft.“ „Er iſt ſo eigenſinnig in der Sache, Mamachen, daß alles Zureden nichts nützt.“ „Nun, dann wird er wohl bald dazu gezwungen werden, dann dürfte es aber mit weniger Gewinn als jetzt verkauft werden können, da man jetzt ſo vortheil⸗ hafte Bedingungen bietet.“ „Man bietet? Iſt denn ſchon davon die Rede ge⸗ weſen?“ „Nicht beſtimmt, denn die Sache konnte natürlich nicht früher eingeleitet werden, als bis man mit Wall⸗ den geſprochen hatte. Aber es ſollen zwei Herrn in M. ſein, welche die Abſicht haben, das Gut zu kau⸗ fen. Sie haben ſich durch einen Kommiſſionär an den Verwalter gewendet— denn hier in der Umgegend, mein Kind, ſind Walldens zerrüttete Angelegenhei — hinla fertig Luiſt 8 Kind verlie gerin recht aber Leben leicht fort müſſe 1 denn oder Deine werde geſchle angel Freun näs v gens Dein theil Zukur ten Dein Die 229 Pflicht hinlänglich bekannt, um eine ſolche Vorfrage zu recht⸗ worden fertigen.“ „Es iſt alſo ſo weit gekommen,“ ſeufzte Marie tte und Luiſe, indem ſie das Geſicht in den Händen verbarg. ſchloß,„Nimm es nicht ſchlimmer, als es verdient, mein den der Kind! Wenn man auf dem Punkte ſteht, ſo viel zu verlieren, ſo muß man Gott danken, wenn nur ein zt wer⸗ geringeres Uebel eintritt. Das kleine Broby iſt ein n mag, recht hübſches Gut. Es trägt zwar nicht viel ein, armes aber doch ſo viel, als für ein ſtilles, unbemerktes Leben nothwendig iſt; was immer beſſer iſt, als viel⸗ kommen leicht noch ein oder zwei Jahre hier in Malkolmsnäs etwillen fort zu leben, um endlich als Bettler abziehen zu müſſen.“ Kind!„Ach Mama! Das wartet unſerer endlich doch— ammen⸗ denn was Wallden in die Hände bekommt, ob wenig ber ſich oder viel, geht Alles denſelben Weg.“ und das„Aber dem kann man zuvorkommen, meine Marie n, dann Luiſe! Derſelbe gute, ſtets rechtlich geſinnte Freund, heit für der mir während Eurer Abweſenheit manchmal die ſchweren Sorgen tragen half, die mein Amt hier mit machen, ſich brachte, iſt zugleich der Kommiſſionär der genann⸗ ten Herrn, und da er eingeſehen hat, daß Deine und wungen Deines Kindes Zukunft nur auf dieſe Weiſe geſichert dinn als werden kann, ſo hat er den Ankauf von Broby vor⸗ vortheil⸗ geſchlagen. Obſchon er ſich nicht tiefer in dieſe Privat⸗ angelegenheiten einlaſſen will, ſo hat er doch als Rede ge⸗ Freund den Rath ertheilt, daß Du, wenn Malkolms⸗ näs verkauft würde, um eine Theilung des Vermö⸗ natürlich gens einkommen ſollteſt. Auf dieſe Weiſe könnte Broby it Wall, Dein werden, und Wallden zu ſeinem eigenen Vor⸗ berrn in theil außer Stands geſetzt werden, es durchzubringen.“ zu kau⸗„Ich errathe, wer dieſer Freund iſt, der ſich meine ran den Zukunft ſo angelegen ſein läßt; aber—“ agegend,„Was aber? Haſt Du nicht auch Pflichten gegen henheiten Dein Kind?“ Die Erkerſtuͤbchen. — 230 „Und gegen meine Mutter, meine geliebte, gute V Mutter, deren letzte Lebenstage ich aus unverzeihlicher Gedankenloſigkeit nicht ſicher ſtellte, als ich die Mittel dazu hatte!— O, das iſt meine größte Pein! Aber ich dachte damals, wer Malkolmsnäs beſitze, könne nie in den Fall kommen, einen ſolchen Fehler zu be⸗ weinen.“ „Sorge nicht für mich, meine theure Marie Luiſe Ich habe die Bereitung meiner Chokoladetafeln noch nicht vergeſſen— und unſere kleine Stadt wird mich, hoffe ich, kein neues Unglück mehr fühlen laſſen. In⸗ deſſen ſind wir noch nicht dort, ich bleibe bis auf Weiteres bei Dir, und wenn Du meinen Rath be⸗ folgſt, ſo wirſt Du ſtets im Stande ſein, Deiner Mutter einen Platz unter Deinem eigenen Dache zu verſchaffen.“ „Ach, man weiß nicht, was übrig bleibt, wenn Mal⸗ kolmsnäs zerſtückelt wird, und Jedes ſeinen Theil an ſich reißt; und überdies glaube mir, Niemand wird Wallden überreden können, es zu verkaufen.“ Während dieſe Unterredung zwiſchen Mutter und Tochter Statt fand, ſaß v. Wallden mit dem Ver⸗ walter auf dem Contor. Und je mehr er hörte und je mehr er ſah, deſto bläſſer wurden ſeine Wangen, deſto leerer und ſeelenloſer ſeine Blicke. Mit gekreuz⸗ ten Armen und Beinen warf er ſich endlich auf einen Stuhl und rief:„Es wäre beim Teufel eben ſo gut, wenn ich mir eine Kugel vor den Kopf ſchöſſe, das nimmt weniger Zeit weg, als die Entwirrung all dieſer Dinge.“ Der Verwalter nahm ſich die Freiheit, des An⸗ gebots auf Malkolmsnäs zu erwähnen, und zugleich die Vorzüge dieſes Antrags zu entwickeln. „Kein Wort, kein Wort davon! Der Herr von Malkolmsnäs kann ſich noch Kredit verſchaffen, um das Satansloch wieder zuzuſtopfen, wenn er nur Zeit beke dix, näs pun ſchö 9 4 jahr ſan laſſ nen Kaſ tenc ten. eine erfor zwar kann ſtopf werd wie mit ger fort. des An⸗ zugleich err von en, um nur Zeit 331 bekommt; aber Lieutenant Wallden, ohne dieſen Appen⸗ dir, kann Nichts ausrichten.“ „Alles wäre ja bereinigt, wenn man Malkolms⸗ näs zu Geld machte,“ begann der Verwalter wieder, „und der Herr Lieutenant hätte dann noch ein ſehr ſchönes Kapital, das er auf einem andern Gut, z. B. auf Broby, anlegen könnte, welches im nächſten Früh⸗ jahr verkauft werden wird.“ „Still, ſtill! Das taugt nichts— es muß bei⸗ ſammen bleiben, ſo lang es kann! Für den Anfang— laſſen Sie ſehen, was wir für den Anfang thun kön⸗ nen. WSagen Sie, haben Sie wirklich Nichts in der Kaſſe? „Nein, ſie iſt total entblößt, wie der Herr Lieu⸗ tenant aus den vorgelegten Büchern ſelbſt erſehen konn⸗ ten. Indeſſen müſſen innerhalb ſechs Wochen, außer einer Menge kleinerer Poſten, drei ſehr große ausbe⸗ zahlt werden— es wird daher nothwendig ſein, einen eben ſo kräftigen, als ſchnellen Entſchluß zu faſſen.“ „So geben Sie Etwas an, denn ich bin auch von einer andern Seite her in Verlegenheit.“ „Es gibt keinen andern Ausweg, als den vorge⸗ ſchlagenen, da zu viele Verſchreibungen auf dem Hofe laſten, als daß ein ſo großes Anlehen, wie jetzt eines erforderlich iſt, aufgenommen werden könnte.“ „So weiß ich ſelbſt einen beſſern Rath. Ich ſehe zwar wohl ein, daß er nicht ausreichen wird, aber er kann doch den Schreihälſen einige Zeit lang den Mund ſtopfen. All meine fahrende Habe muß verauctionirt werden!“ „Damit bin ich vollkommen einverſtanden. Aber wie weit wird dieſe reichen, da eine Menge Sachen mit Segueſter belegt ſind und zu Gunſten der Gläubi⸗ ger verkauft werden müſſen.“ 5 17Weii Equipagen, Wagen und Pferde ſollen auch ort. „Za, das verſteht ſich von ſelbſt.“ 232 „Und auch die Reitpferde— man muß dieſen Luxus aufſtecken.“ 3 Die ſind ſchon längſt fort, für die Schuld n „Nun, ſo laſſen Sie zum Teufel Vieh, Getreide und die Saat für den Boden unter dem Hammer fort⸗ gehen, nur den Hof ſelbſt nicht!“ „Und womit will ihn dann der Herr Lieutenant bebauen und beſäen?“ „O, dafür wird ſchon Rath werden! Ich nehme für einige Jahre, bis ich meine Angelegenheiten rangirt habe, Leute, die für die Hälſte des Ertrags arbeiten. Ich bin überzeugt, daß ich mich bald aus dieſer Klemme herausgearbeitet habe. Indeſſen muß ich jedoch mit einem tüchtigen Geſchäftsmann ſprechen— ſchicken Sie nach Pellander.“ Vierzehn Tage nachher— es war am andern Sonntag nach der Rückkehr der Herrſchaft auf ihr Gut — wurde in der Kirche eine ewig lange Bekanntma⸗ chung, mit Joſias Pellander unterzeichnet, verleſen, welche verkündete, daß auf dem Sitze Malkolmsnäs eine öffentliche Auction gehalten werden ſolle, wobei den geneigten Liebhabern Gold, Silber, Möbeln, Vieh u. ſ. w. mit einem Monat Zahlungsfriſt angeboten würden. Marie Luiſe hatte ſich dieſen ganzen ſchrecklichen Vormittag hindurch in ihr Schlafzimmer eingeſchloſſen. Unaufhörlich tönte die grauſame Bekanntmachung in ihr Ohr; unaufhörlich meinte ſie das bedauernde Ach⸗ ſelzucken ihrer adeligen Freunde zu ſehen, das eben ſo peinigen mußte, wie die Stichwörter, welche gewiß in der kleinen Stadt von Mund zu Mund flogen.„Ach,“ dachte Marie Luiſe, als ſie unter den Qualen beinahe erlag, die ihr ſtolzer Sinn heute empfand, nnicht ein Einziger wird mich beklagen, ohne nachher einen höh⸗ nenden Zuſatz zu machen.“ „Doch; Einer wird es!“ flüſterte es in ihrer be⸗ Luxus Schuld etreide rfort⸗ tenant nehme rangirt beiten. lemme ch mit een Sie andern hr Gut antma⸗ erleſen, msnäs wobei „Vieh geboten cklichen rer be⸗ 233 wegten Seele; aber von ihm beklagt zu werden, wäre eher eine Pein, als ein Troſt. „Mein Schatz,“ ſagte von Wallden, der trotz den Bitten ſeiner Schwiegermutter: Marie Luiſen ſich ſelbſt zu überlaſſen, ſie dennoch in der ſtillen Kammer auf⸗ ſuchte,„nehme die Sache kaltblütig! In zwei Jahren werden unſere Aktien wieder eben ſo gut ſtehen, als zur Zeit, da wir fortreisten. Und da Du ein Weib von Verſtand biſt, ſo mußt Du auch Philoſophie genug beſitzen, um einzuſehen, daß zwei Jahre Genüſſe zwei Jahre Entbehrung werth ſind.“ „Dieſe Sophismen können mich nicht beruhigen,“ antwortete Marie Luiſe. „Das iſt ſehr traurig. Ich wollte mir die Mühe nehmen, Dich aufzuklären und zu tröſten; denn ich glaubte, es müſſe ein Weib beruhigen, wenn ſie weiß, daß ſie keine Memme zum Mann hat— Du kannſt ſagen, daß Du einen Mann haſt, der größer iſt als ſein Schickſal.“ Marie Luiſe ſchwieg. „So laß uns denn verſtändig mit einander ſpre⸗ chen, mein Schatz; vielleicht iſt das beſſer für Dich als meine Troſtgründe. Haſt Du nachgeſehen, ob alles Linnen und Bettzeug in der gehörigen Ordnung iſt? Wenn Du altes Tiſchzeug haſt, ſo laß es ſtark mangen — dadurch werden die Mängel verdeckt, und man ver⸗ kauft es ſo gut wie neues, ſagt Pellander.“ Luſſ„Ich werde thun, was mir obliegt,“ ſeufzte Marie uiſe. „Das bin ich überzeugt! Laß übrigens allen denk⸗ baren Kram von der Bühne und aus den Kammern herbeiſchaffen; ſolche Gegenſtände werden oft am beſten bezahlt. Sie werden draußen auf dem Hofraum ver⸗ kauft, wo nach Pellanders kluger Vorſchrift Branntwein an die Bauern vertheilt werden ſoll.“ „Pfui!“ ſagte Marie Luiſe. 3 1 „Meine Liebe, wir müſſen während dieſer zwei Re⸗ 234 gulirungsjahre alles unnöthige Kopfzerbrechen bei Seite kaſſen. Sehen wir daher, was weiter zu thun iſt. Nun ja, Du nimmſt hier die Umhänge weg— in gegen⸗ wärtigen Zeiten behilft man ſich ohne ſeidene Bettvor⸗ hänge und auch ohne Mahagonibetten. Glaubſt Du nicht, wir ſollen den perlfarbigen Koloß von der Bühne herunter tragen laſſen, in dem Papa Malkolm ſo ſüß ſchlummerte, wenn er von ſeinen Ochſenexpeditionen zurückkehrte? Denn der heilige Malkolm—“ „Ach ſchweig!“ „Ich beſchwöre Dich, liebe Marie Luiſe, ſieh' in meinen Erinnerungen nur die beſte Abſicht von der Welt! Es iſt beſſer, Du möblirſt Dein Schlafzimmer ſchon zum Voraus, ſo wie es künftig werden wird, als man trägt ein Möbel um das andere während der Auktion hinaus— findeſt Du das nicht ſelbſt? Was die andern Zimmer betrifft, ſo mag Alles ſtehen blei⸗ ben und ſoll nur vorgezogen werden, damit man es leichter beſehen kann; die beweglichen Güter aber wer⸗ den im großen Saale aufgehäuft.“ „Ja, ja, laß mich jetzt nur in Ruhe— ich habe b ja den Montag und Dienſtag für mich!“ „Das iſt jedenfalls eine ſehr kurze Zeit für ſo viele Geſchäfte. Aber zur Feier des letzten Abends, an dem wir Gäſte in unſerem Hauſe ſehen können, habe ich ein Paar alte Freunde eingeladen, die ſich zufällig hier in der Gegend aufhalten. Sie ſollen mir helfen die Sor⸗ gen vertreiben.“. „Du wirſt doch nicht an dieſem Abend Karten ſpielen wollen? Nein, das kannſt Du nicht wollen!“ „Ei, warum nicht— ich kann es um ſo ruhiger, als ich für gegenwärtig keine zwei Stüber zu verſpie⸗ len habe. Künftig geht Alles auf die Kreide.“ „Die ſich auch zu ihrer Zeit in Schuldſcheine ver⸗ wandeln wird, welche eingelöst werden müſſen! Ach, Wallden! wirſt Du Dich denn nie beherrſchen Leäpene⸗ „Sobald es noͤthig iſt, kann ich mich ſtets beherr⸗ ſchen. mich gnüge Jahre ſelbſt doch 1 irgend gegnu ten k ſhäft mer. Aukti Mar das vor! Pflic erſch Luiſe Bett und ihm ihn Kna die aber ihre „Ich meit es: te ver⸗ Ach, rnen?“ beherr⸗ 23⁵ ſchen. Aber ich ſehe es für eine Ehre an, wenn ich mich heute mit eben ſo viel Geiſtesgegenwart und Ver⸗ gnügen an den Spieltiſch ſetze, wie ich es vor ein Paar Jahren that.“ 8 „Du wäreſt wohl im Stand, am Auktionstage ſelbſt zu ſpielen.“ „Ja; was ſollte ich denn Anders thun? Man muß doch die Herren, die hier über Nacht bleiben, auf irgend eine Weiſe unterhalten.— Eine artige Be⸗ gegnung iſt wohl das Geringſte, was man ihnen bie⸗ ten kann.“ Marie Luiſe hatte genug gehört. Sie gab Ge⸗ ſchäfte für das Kommende vor, und verließ das Zim⸗ mer. 8 *½ Der in qualvoller Unruhe erwartete, für die Auktion beſtimmte Tag erſchien und der erſte Laut, der Marie Luiſe aus einem kurzen Schlummer weckte, war das Geraſſel von Pellanders Einſpänner, als derſelbe vor der Treppe hielt und er ſelbſt gleich darauf ſeiner Pflicht gemäß die Stimme nach allen Richtungen hin erſchallen ließ. Nach einem kurzen, aber heißen Gebet verließ Marie Luiſe ihr Lager, das wirklich in dem anſpruchsloſen Bette des ſeligen Herrn Malkolms hergerichtet war, und nachdem ſie ihren Sohn mehrere Male geküßt und ihm Alles gegeben hatte, was ſie erdenken konnte, um ihn zu beruhigen und zu unterhalten, übergab ſie den Knaben der Wärterin und ging zu ihrer Mutter hinein. Frau N. öffnete ihre Arme; Marie Luiſe empfing die mütterliche Umarmung und erwiederte ſie herzlich; aber keine Thräne kam in ihr Auge, keine Klage über ihre Lippen.„Ich muß heute ſtark ſein,“ ſagte ſie. „Ich müßte mich ſonſt ſelbſt verachten— ich habe mir mein Schickſal ſelbſt geſchaffen und beſitze kein Recht, es zu tadeln.“ Sie ging in den Saal. Eine ſchreckliche, aber geordnete Waarenniederlage begegnete ihren Blicken. Und mitten unter dieſen Haufen von Bettzeug, Weiß⸗ eug, Porzellainpyramiden und Dingen aller Art ging Pellander mit einer Papierrolle in der einen und einer Feder in der andern Hand auf und nieder. „Ihr Diener, Ihr Diener, gnädige Frau! Ich bin eben damit beſchäftigt, meiner Pflicht gemäß alle dieſe Nummern hier aufzunotiren. Uebrigens eine recht an⸗ hafti⸗ genehme Geſchichte! Auf meine Ehre, ich dachte nicht an 3 etwas der Art, als wir uns am Krankenbett des ſeli⸗ wegl gen Herrn Patrons trafen und ich die Ehre hatte, wie weßn die gnädige Frau ſich erinnern wird— doch entſchul⸗ digen Sie, daß ich ſo frei ſpreche.“ Frau „Hat Nichts zu bedeuten! Ich kam jedoch hieher, hleib weil ich ein kleines Geſchäft mit Herrn Pellander habe.“ geld „Sehr geſchmeichelt von Ihrem Vertrauen, gnä⸗ mein dige Frau! Wovon handelt es ſich?“ weiſ „Unter dem Goldſchmuck—“ fand „Oho, gnädige Frau!“ unterbrach ſie Pellander, wie wenn er mehr zu hören fürchtete,„das wird ge⸗ gen wiß unmöglich ſein! Meiner Pflicht gemäß darf ich die; nicht geſtatten, daß einer von den aufgeſchriebenen über Gegenſtänden bei Seite geſchafft wird, denn ich bin der für Alles verantwortlich. Doch die Frauenzimmer verſtehen ſo Etwas nicht; das iſt ganz natürlich.“) jene „O ja, ich verſtehe es ſehr wohl; allein Herr Pellander hat ſich über meine Meinung gänzlich ge⸗ Fra käuſcht. Ich wollte nur ſagen, daß ſich unter dieſem Got Schmuck eine Toilettendoſe befindet; die dort, mit dem klug großen Topas auf dem Deckel. Thun Sie mir den wed Gefallen, ſie ſelbſt für den möglichſt niederen Preis ſond zu erſtehen, wie wenn ſie es in Kommiſſion von einem ſche Andern hätten. Sie iſt mir ſo theuer, weil ich ſie von einer verſtorbenen Freundin bekommen habe, deren Luiß Namen darin ſteht— ſeien Sie überzeugt, daß ich Gei 237 33 thun werde, um ſie auf das Bäldeſte einzu⸗ öſen.“ „Gnädige Frau, gnädige Frau!— Es wird Jh⸗ nen nicht unbekannt ſein, daß es meine Pflicht iſt, ſie zum höchſtmöglichen Preis fortgehen zu laſſen. Sie iſt ſo ſchön und koſtbar, daß wir viel dafür bekommen werden, und was die Zumuthung betrifft, daß ich ſo zufs Ungewiſſe hin das Geld vorſchießen ſollte, wahr⸗ aftig— „O beſter Herr Pellander, ſeien Sie nicht unbe⸗ weglich! Ich werde Sie gewiß einlöſen, glauben Sie meinem Wort!“ „Ich glaube feſt an Ihren guten Willen, gnädige Frau, aber ich zweifle ſehr, ob Ihnen noch etwas bleiben wird, womit Sie die Doſe einlöſen können.“ „O doch, ich habe ja mein Gemüſe⸗ und Milch⸗ geld! Gedenken Sie auch des kleinen Dienſtes, den mein Mann ſo glücklich war, Herrn Pellandern zu er⸗ weiſen, als Sie ſich einmal in Verlegenheit be⸗ fanden.“ „Was iſt das?“ fragte Pellander mit großen Au⸗ gen.„Wann ſollte denn das geſchehen ſein? Wollte die gnädige Frau nicht ſo gut ſein, und ſich näher dar⸗ über erklären? Wahrhaftig, ich erinnere mich nichts der Art— wohl aber des Gegentheils.“ „Ach, es war nur eine Kleinigkeit; ich meine nur jene Bürgſchaft für ein Diskontoanlehen.“ „Ganz gewiß ein Mißverſtändniß, meine gnädige Frau; denn ſeit wenigſtens fünfzehn Jahren haben ſich, Gott ſei Dank, meine Angelegenheiten durch eine kluge Wirthſchaft in der Ordnung befunden, daß ich weder Diskonto noch Bankanlehen zu machen brauchte, ſondern im Gegentheil Andern, wie es meine Men⸗ ſchenpflicht iſt, durch Ausleihen half.“ „Ach, jetzt erinnere ich mich,“ antwortete Marie Luiſe zögernd, während dieſer neue Beweis von der Gemeinheit ihres Mannes ihr Herz bitter zuſammen zog,„es war eine ganz andere Perſon— entſchuldi⸗ gen Sie mich! Dieſer Tag verwirrt mir den Kopf!“ „Das iſt kein Wunder,“ ſagte Pellander, indem r 6 in ſeinem Geſchäft fortfuhr—„Nummro 245, Marie Luiſe war im Begriff, das Zimmer zu verlaſſen, als Pellanders Herz durch den Anblick ihrer ſtillen Ergebenheit erweicht, ihn von dem Grundſatze abzugehen veranlaßte, dem er ſtets gehuldigt hatte: nämlich das Intereſſe Anderer ſeinem eigenen nachzu⸗ ſetzen.„Hören Sie, gnädige Frau,“ ſagte er, indem er ſich mit der Feder hinter dem Ohr kratzte,„ich werde an einen Ausweg mit der Doſe denken. Mei⸗ ner Seel! das werd ich.— Aber ſie bleibt in meinem Beſitz, bis— Sie verſtehen mich, gnädige Frau?“ „Vollkommen, beſter Herr Pellander; mit der größten Dankbarkeit werde ich ſo ſchnell als möglich meine Schuld bezahlen,“ und indem ſie einen Blick auf all die Dinge zurückwarf, mit denen ſie ſich ver⸗ traut gemacht und auf die ſie als ihr beſtändiges Ei⸗ genthum gerechnet hatte, eilte Marie Luiſe hinaus, um in der Beſorgung der vielerlei häuslichen Geſchäfte des Tages eine Zerſtreuung zu ſuchen. Marie Luiſe war mit ihrer Mutter und ihrem kleinen Sohne eingeladen worden, dieſe harten Tage auf einem der Edelſitze zuzubringen, die in der Nähe von Malkolmsnäs lagen, aber ſie hatte es vorgezogen, lieber bei der Verödung gegenwärtig zu ſein, und ſich ſo allmälig daran zu gewöhnen, als auf einmal bei der Rückkehr ein ganz leeres Haus zu finden. Vielleicht hatte ſie indeſſen zu viel auf ihre Stärke gerechnet, denn als der Klang des erſten Hammer⸗ ſchlags in dem Zimmer widerhallte, in dem ſie ſich eben aufhielt, fand er auch ein Echo in ihrem zittern⸗ den Herzen. Sie ſank auf den Stuhl nieder, erhob ſich jedoch bald wieder, ihrer Schwachheit ſich ſchä⸗ mend. Was war es denn anders als der Verluſt ei⸗ nes we ſeſſen Lebens traut Bande Gattin erheiſch ſchwäch welche heit, d E vorneh nahme waren in der konnte dem a ander Einfäl Hochm immer mehr wie d neswe ja, we zunehn ſie Nie nicht, anzufü die Gr — und geſang V falls die Hi verſpü den er huldi yf! indem 245, rer zu ihrer ndſatze hatte: achzu⸗ indem 1 ich Mei⸗ neinem u2“ it der nöglich Blick ch ver⸗ es Ei⸗ binaus, eſchäfte ihrem 1 Tage Nähe ezogen, und ſich nal bei Stärke ammer⸗ ſie ſich zittern⸗ erhob h ſchä⸗ luſt ei⸗ 239 nes weltlichen Guts, das ſie nur vier Jahre lang be⸗ ſeſſen hatte! Während ihres ganzen vorausgehenden Lebens war ſie ja mit der Noth, mit der Armuth ver⸗ traut geweſen— warum alſo jetzt beben? Heilige Bande, ihr Kind, ihre Mutter, ihre Pflichten als Gattin, Alles das blieb ja noch übrig, und Alles das erheiſchte, daß ſie jedes klägliche Weſen, jede Nerven⸗ ſchwäche entfernte und Körper und Geiſt für die Tage, welche bevorſtanden und für die dreifache Obliegen⸗ heit, die ihr beſcheert war, härtete. Eine Menge Stadtbewohner oder vielmehr die vornehmere Bevölkerung der ganzen Stadt, mit Aus⸗ nahme des Rathsherrn Utters und ihres Miethgaſtes waren bei der Auktion gegenwärtig. Man freute ſich in der Stille, daß man endlich frei herum wandern konnte und das Recht hatte, über jeden Winkel in dem adeligen Hauſe zu disponiren, während ſie ein⸗ ander in die Arme kneipten, und ſich die pikanteſten Einfälle ins Ohr flüſterten, wie zum Beiſpiel,„daß Hochmuth vor dem Fall komme, daß der Stolz ſich immer ſelbſt beſtrafe u. ſ. w.,“ welche Einfälle um ſo mehr an ihrem Platze waren, als dieſer Hochmuth, wie die eine Frau der andern anvertraute, noch kei⸗ neswegs gedämpft ſei, denn die gnädige Frau hatte ja, weit entfernt die Beſuche mit der Dankbarkeit an⸗ zunehmen, die man erwarten konnte, ſagen laſſen, daß ſie Niemand ſehen könne. Man verſagte ſich jedoch nicht, manche Erinnerungen aus der brillanten Periode anzuführen, wo das ſchöne Fräulein vom Dacherker die Gräfin geſpielt, und wie eine Königin gelebt hatte — und das war gerade„das Feine an dem Krähen⸗ geſang.“ Von den umliegenden Herrenhöfen erſchienen eben⸗ falls viele Leute. Und der Lärm und das Gedränge, die Hitze und das Unweſen wurden im ganzen Hauſe verſpürt. Marie Luiſe flüchtete mit ihrem Sohn nach den entlegenen Zimmern, die von ihrer Mutter be⸗ 24⁴0 wohnt wurden, wo jedoch ihr Mann ſie bald auf⸗ Eindre ſuchte, um ihr ein Paar Worte ins Ohr zu flüſtern. Deine „Darf ich Dich bitten, mein Schatz,“ ſagte der exem⸗ ihn,“ plariſche Mann,„daß Du ſo gut biſt und einen klei⸗ Deine nen Tiſch für ſechs— kalte Speiſen, oder was Du Deine eben haſt— im blauen Zimmer herrichteſt? Es iſt haft.“ der einzige Winkel im ganzen Hauſe, wo man nicht Gefahr läuft, das Gehör zu verlieren.“ er ein „Und Du kannſt an Ausruhen denken? biſt Du denn ganz gefühllos?“ „Gefühle, mein Schatz, pflegen Leute, die zu le⸗ ben wiſſen, bei ſolchen Gelegenheiten nicht zu zeigen! indem Im nächſten Monat oder vielleicht noch früher reiſen ihr H wir auf die Auktion zu einem unſerer Freunde, wenn E die Reihe an ſie kommt und wir Möbel für unſere Pellan neue Einrichtung brauchen. Derlei Dinge gehen von Hand zu Hand, und es verlohnt ſich nicht der Mühe, ihnen ſeine Gefühle zu widmen.“ „Und wann würdeſt Du ſie überhaupt Jemand widmen?“ fragte Marie Luiſe mit einer Thräne im Auge, welche ihr mehr der Leichtſinn ihres Mannes, als ihr eigener Kummer ausgepreßt hatte. „Wann? O ſolche Gelegenheiten könnten doch kommen— zum Beiſpiel, wenn ich Dich verlieren würde. Dann würde ich den Gefühlen die Erlaub⸗ niß geben, mich zu beherrſchen, denn dann könnte ic mich vielleicht ſelbſt nicht beherrſchen.“ Marie Luiſe war von dieſen Worten überraſcht die ſie nicht erwartet hatte, und erwiederte den leich⸗ 7 ten Händedruck, der ſie begleitete, mit einem Gefüßl en J der Dankbarkeit. Aber der gute Eindruck verſchwamd bald, als von Wallden, indem er ſich durch die Thün ſtänder zurückzog, wiederholte:„Um neun Uhr im blauen Punkt Zimmer, Marie Luischen!— Du brauchſt Dir kein, omme ſonderliche Mühe zu machen.“ Zimm Frau N. warf einen verſtohlenen Blick auf ihr gen wi Tochter. Sie ſah, daß dieſe Scene keinen günſtige! Erinne V 241 d auf⸗ Eindruck auf Marie Luiſe gemacht hatte.„Denke an lüüſtern. Deinen kleinen Knaben, und ermuntere Dich durch rexem⸗ ihn,“ bat die zärtliche Mutter.„Er wird einmal alle en klei⸗ Deine jetzigen Prüfungen belohnen, wenn Du ſie nur vas Du Deiner ſo würdig erträgſt, wie Du bereits begonnen Es iſt haſt.“¹ an nicht„Ach!“ ſeufzte Marie Luiſe,„vielleicht wird auch er einmal ſo werden!“ biſt Du„Nein. Gott iſt gut, er ſieht Deine Gebete und Deine Leiden, armes Kind.“ e zu le⸗„Aber er iſt auch gerecht,“ antwortete Marie Luiſe, zeigen! indem ſie den Knaben auf ihre Arme hob und feſt an er reiſen jhr Herz drückte. „ wenn Ein donnernder Schlag des Hammers, gefolgt von r unſere Pellanders Stimme unterbrach die Stille. hen von r Mühe,—— Jemand räne in Mannes, 24. Jetzt kömmt der Herbſt, ten doch Die Sonne flieht verlieren Und Stürme heulen. Erlaub⸗ Mein Auge weint önnte ic Auf der Erinrung rünße. tagnelius. berraſcht den leich⸗ Die Auction mit ihrem Lärm und ihren ſchneiden⸗ n Gefüll en Mißlauten war vorüber. erſchwam Es iſt nicht der Auctionstag ſelbſt, der unter Um⸗ die Thün ftänden, wie wir ſie eben ſchilderten, den ſchlimmſten blaun Punkt in der großen Wendung bildet, härtere Tage Dir kein fommen noch, wenn aus den beſchmutzten, verſtörten immern ein Gegenſtand um den andern herausgetra⸗ gen wird, wenn die Dinge, an die wir unſere theuerſten Erinnerungen hefteten, von rohen, gleichgiltigen Hän⸗ 24⁴2 den weggenommen, losgeriſſen und auf einen Karren war, geworfen werden, den wir, hinter einer halb herab⸗ Geſe gelaſſenen Rollgardine verborgen, abfahren ſehen, um ſeiner bei andern Perſonen, die eben ſo gleichgiltig wie ihre liebe Boten ſind, wieder abgeladen zu werden. Ja, bitter ſeine ſind dieſe Tage, wenn man durch ein großes Haus muß wandelt, das ſo nackt und leer da ſteht, daß das Auge Einſc ſuchen muß, um hie und da einen Stuhl, einen Tiſch, fühle einen alten Sopha zu finden, die aus der Rumpelkam⸗ ich a mer hervor geholt wurden, und welche Invaliden ſich mich nun in ihrer Einſamkeit an die eben ſo verlaſſenen 1 Wände lehnen. Dieſe Zimmer zu durchwandern, wo Mari das Echo unſerer Schritte in unſerem Ohre wiederhalll doch und uns an einen Tiſch zu ſetzen, wo das zuſammen ge⸗ ſtoppelte Service von ungeſchlachtem Porcellan und wenig eine Menge fehlender Artikel aller Art uns erinnern, weſen daß wir es noch lange nicht beſſer haben werden— könnt das gehört allerdings unter die geringeren Unfälle des gerne Lebens, und kann vielleicht überhaupt kaum eines genann„ werden, da es noch unendlich ſchlimmer ſein könnte; aben verge es iſt doch immer noch ein nagendes Uebel, das mih nächte hartnäckiger Beharrlichkeit täglich ſeine Jeremiad verlau außer und in uns wiederholt.„ Marie Luiſe war müde, krank an Körper umn Dirn Geiſt; aber ſie wollte ſtark ſein und ſie war es. Ei ben un hatte ehedem vor dem Gedanken zurückgeſchaudert, di Armuth heran nahen zu ſehen, da ſie die Pflichten einn zuricht Mutter und einer Gattin zu erfüllen hatte, und jetz fohlen 7 eit i kommen. Wie ſie ihre Laſt in einſamen Stunden trug wo nur das Auge des Allſehenden ſie ſchauen konnte ſe das weiß Niemand; aber vor den Ihrigen zeigte fit ein ruhiges Aeußeres und ein gefaßteres Weſen, als fit früher bewieſen hatte, doch ſah man beinahe nie ei eige Lächeln über ihre Lippen ſchweben. ſchicke v. Wallden, der ein Paar Tage lang von de deſt d ärgſten Pein, die er auf Erden kannte, gequält word ſtreuur ſah ſie ſie gleichwohl mit großen Rieſenſchritten 8 eigene Karren ) herab⸗ den, um wie ihre 1, bitter 2es Haus das Auge en Tiſch, npelkam⸗ liden ſich rlaſſenen ern, wo iederhallt nmen ge⸗ lan um erinnern, erden— cfälle des s genanm nte; aber das mit Zeremiade rper um es. St ſdert, die hten einen und jett ten heran nden trug⸗ n konnte zeigte ſit n, als ſ e nie ei von de lt word 243 war, nämlich von der Einſamkeit und ſeiner eigenen Geſellſchaft, ſagte am dritten Tag ganz ungekünſtelt zu ſeiner Frau:„Da ich ſehe, daß es unmöglich iſt, Dir, liebe Marie Luiſe, eine heiterere Anſicht vom Leben und ſeinen kleinen Alltagsbegebenheiten beizubringen, ſo muß ich glauben und glaube es auch, daß Du in der Einſamkeit mit Dir ſelbſt Deine Gedanken und Ge⸗ fühle befeſtigſt. Und um Dir Zeit dazu zu laſſen, reiſe ich auf acht Tage fort— ein Paar Freunde wünſchen mich zu ſehen.“ „Du reiſeſt fort und verläßt uns jetzt?“ ſagte Marie Luiſe ſchmerzlich überraſcht, denn das hatte ſie doch nicht erwartet. „Was ſoll ich thun, mein Schatz? Du legſt zu wenig Werth auf meine Geſellſchaft, als daß ſie einen weſentlichen Einfluß auf Deine Gemüthsſtimmung haben könnte, und was mich betrifft, ſo weißt Du, daß ich gerne fröhliche Geſichter ſehe.“. „Ach, kann ich denn fröhlich ausſehen, kann ich vergeſſen, wie Du mit Deinen Freunden die Auctions⸗ nächte im blauen Zimmer zubrachteſt? Kannſt Du das verlangen?“ „Ich verlange nie Etwas, mein Schatz.— Mache Dir nur das nämliche Geſetz, und Du wirſt das ganze Le⸗ ben unendlich leichter finden! Tröſte Dich jetzt, liebe Marie Luiſe, und habe die Güte, ein wenig Weißzeug her⸗ zeigten. Ich habe bis vier Uhr vorzufahren be⸗ ohlen.“ „Beſter Wallden, laß mich Dir ſagen, daß es hohe Zeit iſt, allem Leichtſinn und vor Allem dieſe Leiden⸗ ſchaft zum Spiel abzulegen, die uns ins Verderben geſtürzt hat! Kehre um, ich beſchwöre Dich in meinem und Deines Kindes Namen, und im Namen Deiner eigenen Ehre! Willſt Du nicht den Verwalter fort⸗ ſchicken und Deine Geſchäfte ſelbſt beſorgen? Du wür⸗ deſt dann eine genügende und Deiner würdige Zer⸗ ſtreuung finden, die jede andere überflüſſig machte.“ — 8—— —õ————— ——— 244 „Daran zweifle ich keineswegs. Da ich aber keine Getrei praktiſche Gewandtheit in der Landwirthſchaft beſitze, ſo gelegt muß der Verwalter bleiben, bis ich mir eine ſolche er⸗ nun ke worben habe. Weil dieß aber keine Sache iſt, die man A ſich lektionsweiſe aneignet, ſo liegt kein Hinderniß Begebe vor, daß ich nicht hie und da abweſend ſein könnte.“ deren Marie Luiſe ſeufzte. N v. Wallden reiste ab. geleger Aber nicht nur dießmal, ſondern einmal um das durch andere unternahm er längere Reiſen. lich her Während des Sommers verging jedoch die Zeit Gläube ziemlich gut; aber es wurde Herbſt. Es kamen langt und ſie ſtürmiſche Abende, und Marie Luiſe ſaß beſtändig allein Heeres bei ihrer Mutter, ihrem Kinde,— in häuslichen Arbei⸗ kehr vo ten und der Erfüllung ihrer Pflichten eine Stütze ge⸗ und die gen alle finſtern und quälenden Gedanken ſuchend. Es Aber u wurde nun auch Winter, der Schnee lag ellenhoch in nicht e der großen Allee, die nach Malkolmsnäs führte; keine nur da Schlitten kamen, keine Pferde wieherten, keine Glöck⸗ Au chen erklangen: Alles war ſtill und todt. Und immer von de ſelten und ſeltener kamen die Zeiten, wo v. Wallden lag, be heimkehrte, um ſich ein Paar Tage lang in unwahren prah⸗ gebäud leriſchen Angaben darüber zu ergießen, wie er auf jede M erdenkliche Weiſe in den Städten und auf dem Lande ſielle a es ſich angelegen ſein laſſe, ihre Umſtände auf einen Haus beſſern Fuß zu bringen. Einmal erzählte er, daß die Küche: Ausſichten ſich vollkommen erhellt hätten, da er auf geſehen dem Wege ſei, ein ſehr bedeutendes Anlehen zu bekom⸗ getünch men; aber das andere Mal hatte ein unvorhergeſehe“ die äuß nes Ereigniß die Entwicklung ſeiner Operation verhin⸗ hätte fü dert, ſie jedoch, verſteht ſich, nur auf einige Zeit, verz immer zögert.: ſtanden, Lange war es Marie Luiſe ein Räthſel, wovon e ters du auf dieſen ewigen Geſchäftsreiſen lebte, da ſie ſehr wohſ dem M wußte, daß Pellander keinen Theil von den Auctions ebäud mitteln in ſeinen Händen gelaſſen hatte. Mit Entſehen Monat erfuhr ſie jedoch bald, daß er den größten Theil de Die E keine itze, ſo che er⸗ e man derniß onnte.“ Getreides verkauft hatte, das als Wintervorrath zurück⸗ gelegt worden war. Für das künftige Frühjahr war nun kein Korn da. Aber es wäre eben ſo nutzlos als einförmig, die Begebenheiten Schritt für Schritt zu verfolgen, durch deren vereinigte Macht er endlich zu Grunde ging. Nachdem v. Wallden noch eine Zeitlang„ſeine An⸗ gelegenheiten zu rangiren“ fort gefahren und ſich da⸗ m das je Zeit mlange g allein Arbei⸗ tze ge⸗ nd. Es hoch in 3 keine Glöck⸗ immer Wallden en prah⸗ auf jede n Lande if einen daß die er auf bekom⸗ ergeſehe⸗ verhin⸗ eit, ver⸗ vovon en ehr woh luctions Entſetzen cheil de durch in ein Netz verwickelt hatte, aus dem er unmög⸗ lich heraus kommen konnte, hatte ſich die Anzahl ſeiner Gläubiger vermehrt wie die Heuſchrecken in der Wüſte, und ſie überfielen ihn jetzt mit ihrer ganzen furchtbaren Heeresmacht. Noch ein Jahr lang nach ſeiner Rück⸗ kehr von den Reiſen behielt v. Wallden den Namen und die Würde eines Beſitzers von Malkolmsnäs. Aber um dieſe Zeit verließ er es auf eine Art, die nicht einmal den Gedanken an die Möglichkeit, auch nur das geringſte Stück Erde zu kaufen, ubrig ließ. Auf einer öden Militärwohnſtelle, die drei Meilen von dem prächtigen Malkomsnäs entfernt im Walde lag, bekam v. Wallden endlich den Pacht des Haupt⸗ gebäudes, der Waide und eines Stückes Kartoffelland. Man muß dieſe unfreundliche, ſchlechtgebaute Wohn⸗ ſtelle aus ältern Zeiten, das ſchmale, rothangeſtrichene Haus mit dem Dach über das Fenſter herab, mit der Küche im Hof und das Gras unter der niedern Thüre geſehen haben; man muß die kleinen Scheiben, die weiß getünchten Wände, den rauchenden Kamin und endlich die äußern Wände ſelbſt geſehen haben, die man längſt hätte für unbrauchbar erklären ſollen, die aber noch immer gleichſam als eine mufikaliſche Schutzwehr da⸗ ſtanden, wo die kalten Winde des Herbſtes und Win⸗ ters durch die Oeffnungen ſpielten, welche die Zeit in dem Mooslager gebildet hatte— man muß ein ſolches Gebäude geſehen, oder noch beſſer, man muß dort einen Monat gelebt haben, um begreifen zu können, was Die Erkerſtübchen. 16 Marie Luiſe empfand, als ſie an einem ſchwarzgrauen Herbſtabend in ihrer ſo beſchaffenen Heimath anlangte. Ein liebender, ein unſichtbarer Freund hatte in geheimer Verabredung mit der Perſon, welche die Wohnſtelle verpachtete, dafür Sorge getragen, daß der größte Theil, das heißt, der mögliche Theil der oben angeführten Ungelegenheiten verbeſſert war, daß ſch ein hinreichender Vorrath von Brennholz vorfand und daß die Nachbarn der Wohnſtelle, einige anſpruchsloſe Bauernhöfe, zu deren Begrüßung ſich v. Wallden her⸗ abgelaſſen hatte, um verſchiedene kleine Bedürfniſſe alf Credit zu erhalten, ſich nicht ſo ungefällig zeigten, au ſie ſonſt gewiß gethan hätten. Der erſte Anblick dieſer neuen Heimath nahm in⸗ deſſen Marie Luiſe den letzten Reſt des Muthes, dir ſie noch aufrecht erhalten hatte, da ſie ſich mit ihr Mutter und ihrem Sohn in das beſcheidene Fuhrwel ſetzte und mit Malkolmsnäs wahrſcheinlich die 5 Spur der Bedürfniſſe und Anforderungen eines ver feinerten Lebens hinter ſich ließ. von Wallden war einige Tage voraus gereict um die Sachen in Ordnung zu bringen und ſie empfangen. Eine feuchte Luft, die ſich unmöglich hatte vit treiben laſſen, ſchlug den Eintretenden entgegen, d in dem ſogenannten Saal ein Feuer fanden, an dar ſie aufthauen ſollten. Die einzige Dienerin, welche d Herrſchaft beibehalten hatte, eine alte, brave Magt die ebenfalls vorausgegangen war, empfing nun m tiefen Verneigungen und heimlichen Thränen ihre prät tige Frau, ihre elegante Baronin, die jetzt ſo einfan gekleidet war, als die neuen Verhältniſſe es erfd⸗ derten, um den Contraſt nicht allzu ſchneidend machen. „Wo iſt mein Mann?“ fragte Marie Luiſen t dem ſie ihrem Kinde die Reiſekleider aufmachte un ggrauen nangte. datte in che die daß der er oben daß ſich und und uchsloſe den her⸗ niſſe aiſ ten, als ahm im⸗ des, de nit ihr Fuhrwal die lets nes ver⸗ gereig dd ſie atte ven gen, d an de velche de 247 nur nach dem Feuer hinſah, da es ihr an Muth ge⸗ brach, ſich umzuſchauen. „Nun, werden Sie nicht böſe, gnädige Frau,“ antwortete die alte Johanna,„aber als der Herr Lieu⸗ tenant hier herumging, kam eine ſolche Unruhe uber ihn, daß er keine Minute lang ſich ſtill verhalten konnte.„Höre, Johanna,“ ſagte er,„Du ſiehſt, daß hier nichts weiter geſchehen kann; ich werde ein Paar Zeilen an die Frau ſchreiben, denn ich muß in einem dringenden Geſchäfte fort; und ſo ſchrieb er das da und verließ mich.“ „Es iſt gut,“ ſagte Marie Luiſe, die Thränen un⸗ terdrückend,„geh', liebe Johanna und ſetzte uns ein wenig Thee hin. Mache ihn recht heiß und gut; ich werde mich einſtweilen hier ſelbſt einrichten.“ Johanna ging hinaus, konnte ſich jedoch nicht ver⸗ ſagen, durch das große Schlüſſelloch wieder herein zu ſehen. Was ſah ſie da? Sie ſah, wie ihre junge nädige Frau ſich in die Arme ihrer Mutter warf, die ſe ſtumm an ſich drückte, während der Knabe, welcher über eine Unebenheit am Boden geſtrauchelt war, hin⸗ fiel, zu weinen begann und nach der Mama rief. „Das iſt Leben! das iſt Poeſie! rief Marie Luiſe mit bitterer Ironie, indem ſie das Kind aufhob und durch Liebkoſungen beruhigte.„Ach Mama! zu bald, zu bald ſollte ſich mein Schickſal vollenden. Sieh—“ ſie hielt das unerbrochene Billet gegen den Schein des Feuers—„kann man ſich etwas Schreck⸗ licheres denken, als dieſen Augenblick? Verlaſſen von ihm, dem ich Alles gegeben habe!“ „Er iſt Deiner Klage, Deines Schmerzes nicht werth, mein Kind! Aber ſchließe aus dem, was Du jetzt ſelbſt empfindeſt, was ich litt, die nicht blind war, als Du, meine Hoffnung, mein Alles, den erſten ent⸗ ſcheidenden Schritt thatſt, der dieſe Wendung in Dei⸗ nem Schickſal begründete. Seitdem war ich ſtets auf das Schlimmſte vorbereitet, und will jetzt nur aus 248 dem Innerſten meiner Seele zu Gott bitten, daß meine Marie Luiſe nicht unterliege— denn dann erſt werde auch ich recht unglücklich!“ „Nein, Mama, ich werde nicht unterliegen! Ich darf es nicht. Doch wir wollen ſehen, was er ſchreibt.“ Sie erbrach das Billet. „Beſte Marie Luiſe! ich hoffe, Du findeſt, daß ich mit all der Liebe und Vorſorge, welche die Umſtände geſtatteten, für Deine Bequemlichkeit geſorgt habe. Ich habe es für meine Pflicht gehalten, Dich in dieſem kummervollen Augenblick nicht ohne allen Rath zu verlaſſen, wo vielleicht manche andere Männer in der Verzweiflung Alles vergeſſen hätten. Indeſſen fühle ich, daß es meine Kräfte überſtiege, Dich hier zu em⸗ pfangen. Ein Zuſammenſein im erſten Augenblich würde uns beide nur peinigen, und um uns dieſe Unannehmlichkeit zu erſparen, habe ich dieſe Zeit ge⸗ wählt, um einige Angelegenheiten zu ordnen. 36 werde höchſtens drei Tage fort ſein. Indem ich Dir eine gute Ruhe auf der Reiſe wünſche, meine theure Freundin, und Deine Zufriedenheit verdient zu haben hoffe, bitte ich Dich, überzeugt zu ſein, daß ich bleibe Dein treuer Wallden.“ Als Marie Luiſe den Brief geleſen hatte, warf ſie ihn mit einer Miene in die Flammen, die keinen Zweifel über die Art ihrer Gemüthsſtimmung zulieſ. „Du konnteſt das erwarten, mein Kind; und haft keinen Grund mehr, Dich über etwas zu verwundern.“ „Ich wundere mich auch nicht,“ antwortete Marie Luiſe in unnatürlichen Ton; ich möchte nur wiſſen, wo es am Ende noch hinaus ſoll.“ „Gott lenkt— beruhige Dich dabei und wende Dich zu ihm! Aber wir wollen uns jetzt hier um⸗ ſehen, denn ſo werden wir uns am beſten zerſtreuen. Sieh, meine Liebe, es iſt ja hier im Ganzen beſſer, als wir nach der Beſchreibung erwarten konnten Die V wahr? E mern trefflie dieſes ger e meine werde 183 vreibt.“ daß ich nſtände e. Ich dieſem ach it in der n fühle zu em⸗ genblick 43 dieſe eit ge⸗ . ich Dir theure haben bleibe den. 9 , warf keinen zuließ. ind haft ndern.“ e Marie wiſſen, wende ier um⸗ eſtreuen. beſſer, onnten 24⁴9 Die Wände haben eine helle angenehme Farbe, nicht wahr?“.. „Und dieſe Möbeln hier, die früher in den Zim⸗ ch mern des Verwalters ſtanden, nehmen ſich ganz vor⸗ trefflich aus; ja ſie ſind beinahe zu elegant für unſern neuen Salon— oder warte, wie wollen wir es nen⸗ nen?— in unſerem Saal, Wohnzimmer, Empfang⸗ zimmer?“ „Nicht dieſen Ton, Marie Luiſe,“ ſagte die Mut⸗ ter ſtrafend.„Ein demüthiges Herz ſieht der Herr am liebſten, wenn ſeine Ruthe ſtraft. Wir wollen dieſes Zimmer den Saal nennen, wie unſere Vorgän⸗ ger es gethan haben, und da wir hier unſer Beſtes ſtehen haben, ſo wollen wir es auch für unſer Feſt⸗ zimmer anſehen, wohin wir uns mit Frieden im Her⸗ zen begeben können, ſo lange wir Frieden mit unſerem Gewiſſen haben.“ Marie Luiſe drückte leiſe die Hand ihrer Mutter. „Ach!“ ſeufzte ſie,„wann werde ich werden, wie Mamg?“ 4„Wann Gott Dich genug geprüft hat, mein ind.“ Während dies im Feſtzimmer vor ſich ging, ſtand Johanna draußen in ihrem Kämmerlein, von dem eine Thür nach dem Schlafzimmer führte(das Haus ent⸗ hielt drei Zimmer ohne Johannas) und blies das Feuer unter der längſt zugeſetzten Theepfanne auf. In⸗ dem Johanna ſich damit beſchäftigte, regte es ſich leiſe an der Klinke der entgegengeſetzten Thüre gegen den Oehren hin und eine Stimme flüſterte aus der Ecke: „Johanna, ſind ſie noch im Saal?“ „Ja, treten Sie nur ein! Wenn ſie kommen ſoll⸗ ten, ſo hört man es wohl; aber ſie waren ſo betrübt, daß ſie wohl nicht ſehr eilen werden.“ „So, ſie war betrübt— das glaub' ich wohl!“ Ein Mann, in einen Mantel gehüllt, ſchlich auf den Zehen herein. Ich will nur einen Blick hineinwerfen 25⁵0 und ſehen, ob Alles recht und gut iſt.“— Und Er— wir wiſſen wohl, wer es war— öffnete die Thüre zu dem Schlafzimmer, wo ebenfalls ein Feuer brannte Theetiſch warf, der vor einem kleinen neuen, weichen und bequemen Sopha ſtand. Dieſen hatte einer der genannten Nachbarn dem Lieutenant angeboten, da er ihn zufällig zum Verkauf in Commiſſion erhalten hatte. Der Lieutenant, der gerne Alles kaufte, was er unter der Bedingung, nach drei, vier oder ſechs Monaten zu bezahlen, bekommen konnte, hatte den Sopha und die dazu gehörigen ſechs Seſſel mit ausgeſtreckten Händen genommen. Das war eine eben ſo unerwartete Ueber⸗ raſchung für ſeine Frau, als das Pult, der Nähtiſch und der Toilettenſpiegel, die er Alle auf dieſelbe Weiſe, obſchon von verſchiedenen Perſonen angetragen be⸗ kommen und erhandelt hatte. Selbſt das Theeſervice, das ehedem der Herrſchaft von Malkolmsnäs gehört hatte, war nach der Abreiſe des Lieutenants hieher gekommen, und Johanna hatte den Auftrag erhalten, ihrer jungen Gebieterin einen Wink darüber zu geben, daß es in der Stille von einem der Herrenhöfe her⸗ geſendet worden ſei. Die Perſon, welche in der größten Heimlichkeit und ohne Aufmerkſamkeit auf ſich zu ziehen, Alles das bewirkt hatte, trat jetzt leiſe in das Wohnzimmer, zündete das Licht auf dem Tiſche an, warf einen zärt⸗ lichen, unruhigen Blick über das Ganze und legte dann, von Johanna unbemerkt, Etwas in ein Papier einge⸗ wickelt in die Toilettenlade. Aber bald knarrte die Thüre zu dem Zimmer, welches zwiſchen dem Schlaf⸗ kabinette und dem Saale lag, und William hörte Frau Ns Stimme ſagen:„Herr Gott, mein liebes Kind! hier werde ich mich ſehr gut befinden— ich hätte Wallden nicht zugetraut, daß er ſo an mich denken würde.“ „Das hätte er auch wohl nie gethan,“ dachte Willic zurück ten, und ſeinen Schimmer über einen wohl verſehenen Neiſe leichte rie Lu ſam i drücken ten E das T nicht glaubt dekom habe!“ in de Herz 8 hanna Er— üre zu rannte ehenen deichen er der da er hatte. unter ten zu nd die dänden Ueber⸗ ähtiſch Weiſt, n be⸗ ervice, gehört hieher halten, geben, fe her⸗ lichkeit es das mmer, m zärt⸗ dann, einge⸗ te die Schlaf⸗ te Frau Kind! hätte denken dachte 251 William und zog ſich ſchnell in das äußere Zimmer zuruck, wo er ſeiner verſchwiegenen, einzigen Vertrau⸗ ten, der alten Johanna(die er ſelbſt während der Reiſe der Herrſchaft der Frau N. empfohlen hatte) ein leichtes Lebewohl mit der Hand zuwinkte. „Großer Gott! was will das heißen?“ rief Ma⸗ rie Luiſe, als ſie in das Schlafzimmer trat und gleich⸗ ſam in einer unausſprechlichen, zugleich ſüßen und drückenden Ahnung die Berührung mit einem verwand⸗ ten Geiſte fühlte.„Sieh, Mama— ſieh— wenn das Walldens Werk iſt— und eines andern kann es nicht ſein— ſo muß ich ſehr, ſehr dankbar ſein! Ich glaubte nie mehr einen ſolchen Sopha zu Geſicht zu bekommen, und dieſe Blumen, die ich ſtets geliebt habe!“ Sie neigte ſich über ſie herab, eine Perle fiel in den Kelch der ſchönſten Blume. Marie Luiſens Herz ließ ſich nicht täuſchen. Frau N. zweifelte keine Sekunde. Aber als Jo⸗ hanna, die gleich darauf herein kam, mit ſtrahlenden Augen erzählte, daß der Lieutenant alle dieſe Dinge mit Ausnahme des Services, das, wie ſie glaube, von Wallby gekommen ſei, gekauft habe, um der gnädigen Frau eine Freude zu machen, ſo begannen die Damen das immer wunderbarer zu finden, und die Gefühle und Geſpräche, die dadurch erweckt wurden, bewirkten, daß ſie die Bitterkeit des erſten Eindrucks weniger empfanden. Der Thee ſchmeckte ſo gut aus den alten, be⸗ kannten Taſſen! Marie Luiſe, deren Gemüth auf eine unerklärliche Weiſe beruhigt worden war, begann ſelbſt mit ihrer Mutter uber ihre künftige Lebensweiſe, über die vielen Arbeiten, die ſie vornehmen wollte, zu ſprechen und wie Alles auch in der Armuth gut werden könnte, wenn nur Wallden daheim bleiben und ſeine unſelige Spielſucht beherrſchen würde, die doch jobt⸗ wie ſie meinte, keine Nahrung bekommen önnte. 5 252 Der erſte Abend in der neuen Heimath verfloß beſſer, als man zu hoffen gewagt hatte, und erſt als Marie Luiſe ſich von ihrer Mutter getrennt und ihr Kind zur Ruhe gelegt hatte, zog ſie die Toilettenlade heraus und gewahrte dort das kleine Paket. Ohne an Etwas zu denken, entfaltete ſie das Papier. Aber ſie fuhr heftig zuſammen, als fie das in doppeltem Sinne koſitbare Andenken darin fand, das die Baronin Char⸗ lotte ihr vermacht hatte, nämlich die goldene Toiletten⸗ doſe, welche Pellander aus Auftrag in der Auktion er⸗ ſtanden hatte, die aber Marie Luiſe noch nicht hatte einlöſen können. Sie öffnete den Deckel und fand darin folgendes Schreiben. Verehrteſte gnädige Frau! „In Betracht der ſehr traurigen Begebenheiten, die ſich kürzlich ereignet haben, und von denen Ihr Herz ſehr betrübt ſein muß, nehme ich mir als Ihro Gnaden ergebener Diener und Freund die Freiheit, Sie an ein kleines Geſchäft zu erinnern, das zwiſchen uns Statt fand. Ihro Gnaden gefaßtes und ſchönes Be⸗ nehmen bei der Gelegenheit, die ich nicht zu erwähnen brauche, flößte mir den ehrfurchtsvollſten Gedanken von Ihro Gnaden Geiſt und Verſtand ein, welche Gedanken ſich nachher ſo befeſtigten, daß ich hiemit als ein Beweis, daß die ſogenan ten Advokaten auch ein menſchliches Gefühl haben, mir die Ehre nehme, Iyro Gnaden das beiliegende Präſent zu überſchicken, das zugleich ein Beweis der Dankbarkeit für das Ver⸗ trauen ſein ſoll, womit ich in und durch Handhabung der Angelegenheiten der Herrſchaft geehrt wurde. Mit aller Achtung Ihro Gnaden gehorſamſter Diener Joſias Pellander.“ „Ach, meine Ahnung, meine Ahnung! ſagte Ma⸗ rie Luiſe bei ſich ſelbſt, indem ſie das wiedergefundene Kleinod, das ihr jetzt theurer, weit theurer als je⸗ mals war, an ihre Lippen führte. erfloß ſt als d ihr enlade ne an ber ſie Sinne Char⸗ letten⸗ on er⸗ t hatte fand heiten, in Ihr Jhro t, Sie en uns es Be⸗ vähnen danken welche hiemit n auch nehme, chicken, 1s Ver⸗ habung ſter ader.“ te Ma⸗ undene als je⸗ 253 Nur Einer hatte das hier laſſen können; denn dieſer Brief, was hatte der wohl zu bedeuten?— Es war nur ein Schein, um ſie zu verwirren. Und er, der dieß gethan, hatte es auch verſtanden, alles An⸗ dere ſo fein und zart anzulegen, daß ſie nur ihrem Manne dafür zu danken hatte. O, es lag etwas ſo Wunderbares in der Ueberzeugung, daß der, welcher ehedem ihrem Herzen ſo nahe geweſen war, noch an ſie dachte, für ihr Wohl und Gedeihen ſorgte und wachte— das hatte ſie nicht verdient! Aber es war doch auch ein ſüßes Gefühl, denn Marie Luiſe war ge⸗ wiß, daß der, welcher beſtändig ſo viel Vorſorge in Verhüllung ſeiner Werke, ſo viel Vorſicht und Zart⸗ gefuhl gezeigt hatte, ſie nie, auch nur einen Augen⸗ blick in Unruhe verſetzen, ſich nie perſönlich einfinden, aber ſie gewiß auch nie aus dem Geſichte verlieren würde. Dieſe Ueberzeugung gab Marie Luiſe den Muth, mit neuem Ernſt ihre ganze Kraft aufzubieten und das Schickſal zu ertragen, das ſie ſich ſelbſt zuzu⸗ ſchreiben hatte. Weit entfernt, mit einem ein⸗ zigen Gedanken, der ihre Pflichten als Gattin verletzt haͤtte, bei Williams Bild und Erinnerung zu verwei⸗ len, ſah ſie dies Bild jetzt in einer ganz andern Be⸗ leuchtung als früher; in einer Beleuchtung, die ihrem Herzen Frieden ſchenkte. Die Macht der Leidenſchaft lag gebunden von der harten, beſtändig drückenden Feſſel der häuslichen Sorgen, und P arie Luiſens Gedanke an den, der ihr in einer verſchwundenen, vergangenen Zeit theuer ge⸗ weſen und auch jetzt und immer noch theuer war, hatte etwas ſo Reines, daß ſie ihn hätte ſehen und ſpre⸗ chen können, ohne eine verlegene Bewegung, ohne Herzklopren und Unruhe, wenn ſie die Verleumdung nicht gefürchtet hätte. Ihr Ruf war das Einzige, was ihr noch blieb, und mußte deßhalb um ſo mehr be⸗ wahrt werden. 254 Erſt nach Verfluß einer Woche kam von Wallden von einem großen Markt in der Nachbarſchaft zurück, wo er auf ſeine gewöhnliche Weiſe„ſeine Angelegen⸗ heiten rangirt“ hatte, und zwar mit einer Summe, die er Pellandern als Abzug von dem kleinen Reſte, der nach dem Verkauf von Malkolmsnäs noch übrig war, abgequält hatte. Und obſchon er einen lieder⸗ lichen und in jeder Hinſicht jämmerlichen Anblick dar⸗ bot, wurde er doch von Marie Luiſen mit Herzlichkeit, ja mit ungeheuchelter Freude empfangen, und er ſchwoll von Selbſtzufriedenheit, als ſie ihn für all die Aufmerkſamkeiten, womit er ſie überraſcht hatte, freundlich dankte. „Ja, es iſt ſo meine Art, Böſes mit Gutem zu vergelten,“ ſagte er; und naß und unſauber wie er war— denn jetzt beſtand ſeine Equipage nur aus ei⸗ nem Poſtkarren— warf er ſich der Länge nach auf den zierlichen Sopha.„Du, mein Schatz,“ fuhr er fort,„zeigteſt mir ein ſinſteres Geſicht, als ich hieher reiste, um Alles in Ordnung zu bringen, und ich nahm mir vor, es wieder aufzuhellen— das war Alles!“ „Und Du haſt alle dieſe Dinge kaufen können, beſter Wallden? Ich begreife nicht—“ „Sie kaufen können?— eine ſolche Kleinigkeit, mein Schatz! Ich hatte ſie ſchon längſt beſchrieben und beſtellt; allein ich wollte mein kleines Geheimniß nicht ſagen, bis Du hieher kämeſt. Künftig, wenn, ich meine Angelegenheiten wieder hergeſtellt habe,— was, wie ich alle Veranlaſſuug zu glauben habe, nicht lange mehr anſtehen wird— ſollſt Du ſehen, daß das hier höchſtens Möbel für das Kindszimmer werden. Aber was haſt Du mir Gutes außzutiſchen? Ich bin hungrig wie ein Wolf, denn unter uns, ich war heute nicht bei Kaſſe, um etwas eſſen zu können! Ich hatte zwar einiges Geld von Pellander empfaugen, von dem Plunder, den wir noch haben, aber ich traf einen Elenden, der noch ſchlimmer daran war, als ich„1 halten 1 ſich i net e und! dageg ſieht finden liegen gung ſie unr doch wenn er f Anfa ſes d enthi ihre bleib Umle auf lich, den ten der mehrl früh wor⸗ einer Spi war ſuch. onnen, igkeit, rieben limniß wenn, be,— habe, ſehen, immer ſchen? 1s, ich innen! augen, ch traf e, als 255 16, und ſo konnte ich den letzten Kreuzer nicht zurück alten.“ „Mein armer Wallden!“ „Keine Klagen, mein Schatz! Ein Mann weiß ſich in ſchlechtes wie in gutes Wetter zu ſchicken. Reg⸗ net es Glücksfälle, ſo macht er den Regenſchirm zu und läßt ſie hübſch um ſein Geſicht ſpielen; regnet es dagegen Unfälle, ſo ſpannt er ſeinen Schirm auf und ſieht genau nach, daß ſie keinen Weg durch das Zeug finden, ſondern ſich damit begnügen müſſen, oben zu liegen und herumzurollen, bis ſie endlich der Bewe⸗ gung müde werden und in den Staub fallen, wo er ſie unter die Füße tritt. Ein ſolcher Mann bin ich— doch das Eſſen, das Eſſen, das iſt die Hauptſache!“ Und das war auch wirklich ſtets die Hauptſache, wenn von Wallden daheim war. Aber wer konnte ſagen, wo er ſich aufhielt, wenn er fort war, was beinahe immerwährend geſchah! Anfangs ging es über Marie Luiſens Vermögen, die⸗ ſes Räthſel zu löſen und alle ihre Bitten, daß er es enthüllen möchte, hatten eben ſo wenig Erfolg, als ihre Vorſtellungen von der Nothwendigkeit, daheim zu bleiben. Doch endlich kamen mehrere Geſchichten in Umlauf, welche die Gefühle der unglücklichen Gattin auf das Bitterſte verletzten. Man erzählte ſich näm⸗ lich, daß Lieutenant von Wallden ſich nicht nur an den ſchlechteſten Orten herumtrieb, wenn es nur Kar⸗ ten und geiſtige Getränke gab, ſondern ſich auch mit der ſchlechteſten Geſellſchaft begnügte, ſeit er nicht mehr mit ſeinen alten Freunden ſpielen durfte. Der Gram über dieſe Zurückſtoßung von ſeinen früheren Kameraden und vielleicht auch das Elend, worein er ſeine Familie geſtürzt hatte, ward bald von einer neuen, ebenſo heftigen Leidenſchaft, wie die Spielſucht, gefolgt, und ehe ſechs Monate um waren, war der vor einigen Jahren noch blühende und ge⸗ ſuchte von Wallden nicht nur vom Regiment verab⸗ 256 ſchiedet, ſondern auch als für immer verloren für die Geſellſchaft betrachtet. Verſoffen, verſtört, durch ſeine wilden Begierden abgeſtumpft, beſaß er doch noch die Fähigkeit, auf Koſten der letztern Reſſurcen der Sei⸗ nigen Schulden zu machen. Eines Tags, als Marie Luiſe unter Thränen im Begriff war, ihren Sohn in Schlaf zu bringen, der, beſtändig kränklich und unruhig, ihr Ohr und Herz mit leiſem Jammer erfüllte, hörte ſie mit Verwunde⸗ rung fremde Männertritte vor dem Fenſter. Sie wen⸗ dete den Kopf und gewahrte einen Mann in blauem Rock mit weißen Knöpfen. Marie Luiſe hatte eine ſoſche Perſon ſchon früher geſehen, und ahnte leicht die Bedeutung ſeiner Gegen⸗ wart. Schaudernd bei dem Gedanken, ſich noch elen⸗ der zu ſehen, ſtand ſie auf, um die Thüre zu öffnen. Ihre Ahnung hatte ſie leider nicht betrogenz es war wirklich der Gerichtsbote, der, von zwei Viertels⸗ männern gefolgt, erſchienen war, um die Auspfändung beinahe des ganzen kleinen Beſitzthums, das noch übrig war, zu beſorgen. „Das iſt ja unmöglich,“ ſeufzte Marie Luiſe,„das muß ein Mißverſtändniß ſein!“ „Ich wollte, es wäre ſo,“ antwortete der Dienſt⸗ mann mitleidig.„Aber ſehen Sie, hier dieſe Papiere ſprechen hinlänglich. Die ausgepfändeten Sachen müſſen zur Exekutivauktion.“ Und ſie kamen auch dazu, denn— es war Früh⸗ jahr! Marie Luiſens Schutzengel war jetzt fort. Un⸗ kundig der neuen Eingriffe v. Walldens, die um ſo unerwarteter waren, als ihm William vor nicht langer Zeit durch Pellander aus ein Paar drückenden Ver⸗ legenheiten geholfen hatte, konnte er das Schlimmſte nicht ahnen. Aber es kam noch eine andere Zeit. v. Walldens Geſundheit konnte den vereinigten Verheerungen, die darüber hingewüthet hatten, nicht r die ſeine h die Sei⸗ in im „der, Herz unde⸗ wen⸗ lauem früher zegen⸗ elen⸗ ffnen. 3 war ertels⸗ ndung noch „das HDienſt⸗ apiere nüſſen Früh⸗ Un⸗ um ſo langer Ver⸗ immſte V jnigten nicht 257 länger widerſtehen. Er erkrankte heftig und nahm für eine lange Zeit das Schmerzenslager ein. Dieſer Zeitpunkt war der ſchwerſte, wichtigſte in Marie Luiſens ganzem Leben, indem ſie ſich zum zwei⸗ ten Mal genöthigt ſah, ihr Kleinod, das koſtbare Ge⸗ ſchenk zweier Freunde, zu veräußern, und das geſchah nicht nur, um die Krankenpflege beſtreiten zu können, ſondern es geſchah auch, um Brod zu kaufen; denn jetzt konnte ſich Marie Luiſe nicht mehr wie früher mit Arbeiten für Fremde beſchäftigen. Ihre gute zärtliche Mutter, die Gott ihr als Troſt und Aufmunterung im Unglück gelaſſen hatte, ver⸗ mochte, da ſie ſelbſt kränklich und ſchwach geworden war, ihrer Tochter in den langen, tödtlich angſtvollen Nächten nicht zu helfen; in jenen Nächten, wo Marie Luiſe ſo gut Zeit hatte, ſich ihrer früheren Berech⸗ nungen von dem Gipfel alles Unglücks zu erinnern. Damals hatte ſie prophezeiht:„Eine Hütte auf dem Lande, verſchlimmerte Umſtände, Mangel, Armuth, verſchwundene Liebe—“ ach dieſes Bild des Elends war noch licht gegen das Gemälde, das jetzt vor ihr lag. Marie Luiſe hatte nämlich darin aufzunehmen vergeſſen, einen kranken Mann im Fieber, der bald fluchte und ſang, bald klagte und lachte, und ein Kind, ein einziges angebetetes Kind, das, langſam verzehrt, auf dem Schmerzenslager dahin ſchwand. In Marie Luiſens gepreßter Bruſt war, wie wir bereits angedeutet haben, kaum Raum mehr für die Stürme einer irdiſchen Leidenſchaft. Mit Entzücken hätte ſie in dieſen Nächten die Kniee vor Dankbarkeit beugen mögen, wenn ſie ein Weſen bei ſich gehabt hätte, das ihren Schmerz hätte begreifen und theilen, ihr die ſchwere Laſt hätte tragen helfen— ja, wäre es auch William geweſen, William, nur noch als Freund, als Bruder!„O wollte Gott, er käme!“ Aber er kam nicht, er war weit fort, und Fremdlinge wollte ſie nicht um Liebe, um Mitleid, uͤm Hilfe anflehen. Es war in einer Nacht gegen Ende des Som⸗ mers, in einer trüben, regneriſchen Nacht, aber doch einer Sommernacht mit ihrem geheimnißvollen Halb⸗ dunkel. In einem Bette lag v. Wallden, roth und aufgedunſen, in wilden Fieberphantaſien, die ſein altes Thema, das Spiel, bearbeiteten. Er verlor und ge⸗ wann, und ſprach mit ſich ſelbſt auf eine Weiſe, welche bei denen, die ihn gehört hätten, eben ſo großen Schmerz als Abſcheu erregt haben würde. Marie Luiſe ſaß angekleidet und mit dem Knaben in ihren Armen, auf ihrem eigenen Bette. Eingeſchlummert, und außer Stands, länger zu wachen, hatte ſie den Kopf gegen das Kiſſen gelehnt. Die alte Johanna nickte von einem Schemel am Herde herab. Marie Luiſe träumte. Sie war ſo glücklich, ſo über alle Beſchreibung ſelig! Es war ihr, als ſei ſie damit beſchäftigt, ihr Kind mit dem feierlichen Schmucke zu bekleiden, der ihr die Gewißheit gab, daß dieſes Kind, für das ihr Herz ſo manche unruhige Schläge gethan, für das ſie ſo manchen tiefen Seufzer geholt, und ſo manche heiße Thräne geweint hatte, jetzt allem irdiſchen Jammer enthoben war. Erſchrocken fuhr ſie jedoch zuſammen, als ſie beim Erwachen in furchtbarer Angſt dachte:„Mein Gott, mein Gott! Dieſer Traum wird doch nicht ſchon wahr ſein? Gott kann ihn nicht fortgenommen haben, während ich ſchlief!“ Und noch einmal, und wieder horchte Marie Luiſe nach dem ſchwachen Athemzug. O, nur eine Mutter kann ſo lauſchen, kann ſo ihr Ohr ſpannen! Marie Luiſens Herz war nahe daran, vor Verzweiflung zu brechen, bis der Knabe endlich leiſe:„Mama!“ huſtete! Ach, welche ſüße Macht liegt in dieſem Wort! Jetzt lebte das Licht und der Friede der Seligkeit durch die Seele der jungen Mutter. Wie groß, wie gnädig, wie gütig iſt nicht Gott!— Er hatte ihr nur zeigen wollen, welch' ein ſchreckliches Schickſal ſie hätte treffen können! e gütig wollen, önnen! b 259 In unausſprechlicher Dankbarkeit blickte ſie gegen den Himmel und drückte das Kind an ihr Herz. Geſtärkt von dem kurzen Schlaf und dem myſti⸗ ſchen Einfluß, den die vergangene Stunde gebracht hatte, ſtand Marie Luiſe auf und ging mit der leich⸗ ten, dreijährigen Bürde in dem Arm an das Bett des Gatten, um dort zu horchen. v. Walldens Phanta⸗ fieen waren endlich in dem beruhigenden Tranke er⸗ loſchen, den er früher am Abend eingenommen hatte; jetzt lag er in tiefen Schlaf verſunken da. Einige Augenblicke ſtand Marie Luiſe in ſtillem Gebet für ſie Alle; dann ſetzte ſie ſich an's Fenſter, indem ſie leiſe den Wiegengeſang flüſterte, bei dem der Kleine ſo gerne entſchlummerte. Die Sonne begann allmählig die Waldſpitzen zu vergolden; es wurde hell in der Kammer, und als Marie Luiſe die matten abgefallenen Züge des Weſens betrachtete, dem ſie das Leben gegeben, und das bald nach dem wahren Leben fortgehen ſollte, da fühlte ſie, daß ihr Herz ſtark ſein könnte. Sie fühlte das nicht nur, ſondern ſie ſagte auch zu ſich ſelbſt:„Gottes Wille geſchehe!“ Und doch glaubte die arme Marie Luiſe die letzte Saite in dieſem geprüften Herzen müßte brechen, als ſie den Knaben plötzlich auf eine unver⸗ muthete und heftige Weiſe die Arme ausſtrecken ſah. Ach, ſie verſtand die Bewegung nicht, aber ſie ahnte etwas Schreckliches und weckte Johanna, die ſchnell Frau N. aufweckte, und bald ſtand Marie Luiſens Mutter erſchüttert und unruhig an der Seite der Tochter. „Sieh Mama! mein Gott, wie ſeine Farbe ver⸗ ändert iſt! wie ſeine kleine liebe Hand zuckt— mein Kind, mein Kind, gib Antwort!“ Der Kleine gab keine Antwort mehr; er verſuchte es, das einzige füße Wort auszuſprechen, das er ge⸗ lernt hatte, das Wort Mama!— aber es ſtarb auf den blaſſen Lippen. Doch heftete ſich ſein Blick noch 260 mit Liebe auf die Mutter, ehe der letzte leichte Schlag⸗ anfall den ſchwachen Lebensfunken ausblies. Jetzt brannte die Sonne hochroth am Himmel, und warf ihre Purpurflammen über dieſe weiße, un⸗ bewegliche Mutter, dieſes weiße Kind, das an ihrem Buſen lag und umſchattet von ihren langen Locken mit verkärtem Geſichte den Schlaf des Friedens ſchlief. Ein leichter Wind ſauſte durch die Baumſpitzen. Die Amſel ſchlug ihren Morgentriller vor dem Fenſter. Drinnen lag die alte Mutter mit gebogenen Knieen im Gebet zu Gott. Im Bette regte ſich der Mann und hob ſich auf. Er rieb ſeine Augen, betrachtete ſtier die Scene, die ſich ihm darbot, und erleuchtet vom Lichte der Beſin⸗ nung, faltete er die Hände und verbarg ſein Geſicht. 95 konnte ſich jedoch nicht vor ſeinem Gewiſſen ver⸗ ergen. 25. Waseiſt Friede? Wenn unſer Geiſt ausruht von Raum und Zeit. Ling. Wieder ſchwebten Wochen auf der Fluth der Zeit dahin. Bald hatte Marie Luiſe einſehen gelernt, daß ihr Traum in jener bedeutungsvollen Nacht ein Bote des Friedens geweſen war, und daß ſie jetzt, da ſie ihr Kind vor allen Stürmen geſichert wußte und ſelbſt die Gewißheit hatte, die heiligen und ernſten Pflichten einer Mutter ſo weit als möglich erfüllt zu haben— chhlag⸗ nmel, „ un⸗ ihrem Locken chlief. bitzen. enſter. enieen h auf. e, die Beſin⸗ üzeſicht. n ver⸗ 261 ſich mit um ſo größerer Sorge und Eifer denen wid⸗ men konnte, die noch übrig waren. v. Walldens Zuſtand, der lange ungewiß gewe⸗ ſen war, verbeſſerte ſich endlich doch. Und während dieſer Zeit war es, daß Marie Luiſe unermüdlich in ihrer Zärtlichkeit und dem liebevollen Bemühen, ihn zu einem beſſeren Leben zurück zu führen, ganze Stunden lang mit der Kraft dieſes innern heiligen Berufes ſprach. p„Du biſt geſund,“ ſagte ſie, indem ſie freundlich auf ſeine abgemagerte Hand klopfte,„ich brauche nicht weiter den größten Theil meiner Zeit den unumgäng⸗ lichen Mutterpflichten zu widmen; ich kann alſo dop⸗ pelt arbeiten und ich habe die Kraft dazu. Wir kön⸗ nen einen Theil der Grundſtücke dieſer Wohnſtelle ver⸗ pachten, wir können ſie ſelbſt leicht mit ein Paar Taglöhner bearbeiten, und Du wirſt ſehen, daß Gott unſer Unternehmen ſegnet und die Sonne noch einmal uns zulächeln läßt.“ Von Wallden ſchüttelte den Kopf mit einer zwei⸗ felnden Geberde. Er baute keine Luftſchlöſſer mehr; die Zeit des Leichtſinns und der Prahlerei war dahin, aber ſie hatte auch jeden Samen weggefegt, der ſich zu einer beſſeren Frucht hätte entwickeln können. Er war muthlos, ſchwermüthig, innerlich vernichtet, ob⸗ ſchon der Körper leben wollte. „Antworte mir Etwas, mein lieber Freund! Ich werde ſo froh, ſo glücklich ſein, wenn meine Vorſchläge Dich etwas beleben. Was iſt denn das alles, was hinter uns liegt, Anderes, als eine Reihe von Prü⸗ kuna die Gott uns zuzuſchicken für nothwendig hielt? Si Ind jetzt zu Ende, ich fühle es an der Leichtigkeit, woruhn, ich athme, an meiner Geſundheit, die trotz des Kung zers nicht ſchwächer geworden iſt.“ pf Lährend Marie Luiſe ihren Gatten ſo zu tröſten luhr 5, führte ſie mit derſelben Leichtigkeit und Uner⸗ Erkerſtübchen. 17 262 müdlichkeit, wie ehedem, die Nadel durch das feine Tuch, das ſie für eine reiche Bauernfrau ſtickte. „Du biſt gut, wie Du immer geweſen biſt,“ ſeufzte er;„aber weder jetzt noch jemals habe ich Deine Nach⸗ ſicht verdient. Ich war ein Elender— verſtehſt Du? ein Elender! Ha, Du weißt nicht, was es heißen will, von der Erinnerung unaufhörlich zu ſeinen Irrthü⸗ mern, zu ſeinem Wahnſinn zurück gejagt zu werden! Ich bin jetzt geheilt, aber keine Freude wird daraus entſtehen.“ „O ja, mein theurer, geliebter Freund! viel, viel Freude wird daraus entſtehen! Dieſe Thräne, die ſich über meine Wange herab ſchleicht, iſt eine Freuden⸗ thräne; ich habe keine mehr für den Schenerz, ſeitdem Du dieſes Wort ausgeſprochen haſt.“ „Armes Weib! das iſt nur ein Ueberreiz.“ „Nein, bei Gott nicht! Ich bin in dieſem Augen⸗ blick ſo ſelig, wie ich nie in der blühendſten Zeit un⸗ ſeres Glückes war. Du biſt von Deiner unſeligen Lei⸗ denſchaft geheilt— jetzt muß nur noch Dein Gemüth geheilt werden, und das gelingt gewiß, wenn Du mit der Kraft der Geſundheit ſo viel Elaſticität gewinnſt, um die finſtern Grillen zu beſiegen. Denn dann ſind alle, alle Leiden überwunden. Wir Beide ſind jung und können eine neue Bahn der Thätigkeit beginnen. Gefällt Dir mein voriger Vorſchlag nicht, ſo können wir etwas ſpäter nach einer größeren Stadt ziehen, wo Du Unterricht in den Sprachen und der Muſik geben, und ich Schülerinnen für die feineren Arbeiten bekommen könnte. Stets, mein Wallden, wirſt Du in mir eine aufmunternde Freundin finden. Wir warden einander ſtützen und tröſten, und in der Armuth h ilfſir erkennen lernen, was unſere Herzen uns ſein kö deren, als ehemals im Ueberfluß.“ ih So ſprach ſie zu ihm, ſo ſuchte ſie ſich ſelb dian ihn neu zu beleben. Sollte wohl ihre edle Bemäüſtennn mit Erfolg gekrönt werden? 4 5 Luiſe lange ne e jet von T geben, muth anſtell trieb um; einma einer ſen T für v . f. wirſt ſen ar dieſes Kopf nige eheder feine eufzte Nach⸗ Du? will, rrthü⸗ rden! araus , viel ie ſich Luden⸗ eitdem lugen⸗ it un⸗ n Lei⸗ gemüth du mit winnſt, in ſind d jung ginnen, können ziehen, Muſik rbeiten Du in warden eß riſie kö denen, ih bſt dim nüſtenng — 4 253 Mit der Rückkehr des Herbſtes begann Marie Luiſe den Einfluß der unbemerkten Anweſenheit eines lange vermißten Freundes zu ſpüren. Es wurde beſſer um ſie her; aber der einzige große Endzweck, für den ſie jetzt lebte und zu wirken ſuchte, den Zweck nämlich: von Wallden ihm ſelbſt und ſeinen Pflichten zurück zu geben, wollte ſich nicht erfüllen laſſen. Seine Schwer⸗ muth nahm zu, trotz all der Verſuche, die ſie dagegen anſtellte, und als er das Bett wieder verlaſſen konnte, trieb er ſich mehrere Stunden des Tags draußen her⸗ um; am liebſten im Walde, wo er einen Schutz gegen alle Nachſpürungen ſuchte. Aber die beſtändige Angſt ſeines Weibes wollte ihn nicht ſich ſelbſt überlaſſen. Mit unausſprechlich zärtlichen Worten warf ſie ihm ſeine Grauſamkeit vor, daß er ſie dieſen neuen Qualen zum Naube ließ. „Ich beſchwöre Dich, Marie Luiſe,“ antwortete er einmal mit einer Wildheit, die jedoch den Ausdruck einer innigen Bitte hatte,„laß mich in Frieden mit die⸗ 3 ſen Vorſtellungen, dieſen ewigen Bitten— ſieh mich für verloren an, und überlaß mich meinem Schickſal.“ „Unmöglich! Wie kannſt Du das verlangen? Du wirſt zurück kommen!“ „Niemals! Sieh mich recht an, Weib— ſieh die⸗ ſen ausgemergelten Körper, dieſe eingeſunkenen Augen, dieſes dünn gewordene Haar, das kaum hinreicht, den Kopf zu bedecken, in dem ſich einſt ſo viele leichtſin⸗ nige Gedanken herum wälzten; ſieh dann weiter den ehedem glänzenden Lieutenant von Wallden in dieſem abgeſchabten Rocke, ſeinem einzigen Rocke, den er nicht einmal das Recht hat, zu tragen, deſſen gelbe Auf⸗ ſchläge eben ſo beſchmutzt ſind, wie der Ruf ſeines Be⸗ ſitzers— und ich frage Dich, Marie Luiſe, ob Du glauben kannſt, daß er, der Demüthigungen tauſender⸗ lei Art erfahren, der geſehen, wie alte Kameraden den Kopf abwendeten und thaten, als ſähen ſie ihn nicht, um ihn nicht grüßen zu müſſen, glaubſt Du, daß er, 264 dieſer Mann, der ſich ſelbſt erniedrigt und an den ſchlechteſten Orten Nahrung für ſeine ſchlechte Leiden⸗ ſchaft geſucht hat, daß er zu einer nützlichen Thätig⸗ keit, zu einem neuen Leben zurück kehren werde? Er kann es nicht!“ „Ja, mein Geliebter, er kann es— und das wäre der Gipfel alles Sieges. Dann würdeſt Du mehr ge⸗ achtet und geehrt werden, als Du es je geweſen biſt.“ „Ich bin zu ſchwach!“ Dieſe Schwachheit kann überwunden werden, denn in dieſem Augenblick, da die ganze Welt Dich verlaſ⸗ ſen, da ſogar Dein eigenes Herz ſich mit ihr verbün⸗ det hat, bleibt Dir doch noch eine Freundin übrig, die Dir mehr ſein muß, als Alles, was Du verloren haft, und die Liebe und das Gebet und Gott ſtehen bei Dir, als ſtarke Stützen, auch für ein ſchwaches Ver⸗ mögen.“ theilt mich zu Leiden, die alle andern überſteigen— ich bitte Dich, gib dieſe Verſuche auf, ſie führen zu Nichts— laß mich gehen.“ Ihre Hände, machtlos, wie ihre Worte, konnten ihn nicht zurück halten. Er ging jetzt auf ſeine gewöhnliche Weiſe, und erſt wenn er in den Wald kam, empfand er einen Hauch von Frieden. Dort ſaß er entweder und lauſchte auf das Brauſen des Waldſtroms, das dem brauſenden Strom in ſeiner eigenen Bruſt mächtig erwiederte, oder bahnte er ſich auch gewaltſam einen Weg durch die finſtern Tannenmaſſen, und drang ſo tief hinein, bis er einen Platz fand, der einſam genug war, daß er ſich ungeſtört dem Ausbruch der Gemüthskrankheit überlaſſen konnte, die ihm nie Raſt noch Ruhe ließ. Tauſendmal flog ihm in dieſen einſamen Stunden der Gedanke an Selbſtmord als die einzige Linderung von aller Noth, aller Qual durch den Kopf. Aber der Ge⸗ danke, ſeinem Weibe noch einen Schlag zuzufügen, den „Ach peinige mich nicht mehr! Deine Liebe verur⸗ an den Leiden⸗ Thätig⸗ e? Er 3 wäre ehr ge⸗ biſt.“ a, denn verlaſ⸗ derbün⸗ rig, die en haſt, hen bei 's Ver⸗ verur⸗ gen— hren zu konnten ſe, und r einen lauſchte uſenden diederte, g durch hinein, ar, daß rankheit he ließ. den der ng von der Ge⸗ jen, den 265 zerſchmetterndſten— hielt ihn beſtändig zurück. Auch eine andere, vielleicht mächtigere Kraft, hielt ihn zu⸗ rück. Von Wallden's religiöſes Gefühl war erweckt worden; er ſchaute jetzt oft hinter den Vorhang, der Zeit und Ewigkeit trennt. Marie Luiſe hatte endlich das Ziel ſeiner finſtern Gedanken errathen, und ſie ahnte, daß nur eine gewiſſe Zärtlichkeit für ſie gegen die Gewalt derſelben an⸗ kämpfte. Und oft bebte ſie vor der ſchauerlichen Mög⸗ lichkeit, daß dieſe Liebe die Macht über ſeine unruhige Seele verlieren und ſie ſeiner gottloſen Begierde preis⸗ geben könnte. Doch das Trauerſpiel eilte dem letzten Akte ent⸗ gegen. * 2 4 Der kurze Wintertag ging zu Ende. Marie Luiſe trat fleißig das Spinnrad, denn ſeit die Stickereien keinen Abgang mehr fanden, hatte ſie Geſpinnſte an⸗ genommen— Ja, Marie Luiſe ſpann jetzt Werg, und that es ohne Murren. Die alte Johanna hatte eben ein Feuer angemacht. Frau N. nahm einen Strickſtrumpf, und unter Schwei⸗ gen ging die Arbeit eine Zeit lang fort. „Wie lange er heute zögert! mein armer Wall⸗ den!“ ſagte endlich Marie Luiſe, indem ſie auf ihre Mutter ſah.„Was glaubt Mama— es iſt doch wohl Nichts paſſirt?“ „O nein, mein liebes Kind, beunruhige Dich nicht! Er kommt ja beinahe nie früher als um dieſe Zeit heim, aber er kommt doch immer.“. „Ja, Gott ſei Dank, das thut er,“ wiederbolte das arme Weib, um ſich zu tröſten und der ängſtlichen Ahnungen zu erwehren, die in ihr aufſteigen wollten. Dot, hatte ſie nicht oftmals ſo geahnt und gefürchtet, ohne daß ein Unglück geſchehen war?— Sie durfte 5 alſo auch heute nicht der Kleinmüthigkeit über⸗ aſſen. 266 „Iſt es ſehr finſter draußen, ſie die treue Dienerin, die in beitete. „O, es iſt eben nicht ſo ſehr finſt chen! Der Mond ſcheint ein wenig es noch heller.“ Wieder eine Weile Stillſchweigen. Ich bin ſo Uhr! So lange iſt er noch nie aus⸗ „Mein Goit, Mama! ſchlägt ſchon fünf geblieben. Wie hungrig er ſein wird liebe Johanna?“ fragte demſelben Zimmer ar⸗ er, liebes Frau⸗ und ſpäter wird unruhig— es 19 1 „Du quälſt Dich unnöthiger Weiſe, meine Marie Luiſe! Dieſes beſtändige Vorſtellen von allerhand Un⸗ glück, das Deine Einbildungskraft ſo gerne erfindet, iſt eine unglückliche Gewohnheit, die macht, daß Du am Ende nicht eine Minute Ruhe genießeſt. Nimm Deine Vernunft zuſammen, mein Kin d.“ . „Hab' ich denn nicht Grund, unruhig zu ſein, Mama?“ „Nicht daß ich wüßte— er iſt ſe ſchon länger aus⸗ geweſen! Und er wird bald hier ſein, das fühl' ich an mir.“ Luiſe. Schreckliches, ich mich nicht erwehren kann war das für ein Schein, der Sahſt Du ihn nicht, Mama 2 „Mein liebes Kind, Du wirſt ſtüm. Das iſt ja der Schein von an den Scheiben bricht Aber, „Hörſt Du denn auch das nicht, Was iſt das Das iſt nicht Walldens Hand! Abe denn ſein! Eile Dich ſchnell mit der Suppenpfanne her! da Wie gut wird ihn tappt ja an der Thüre.— was iſt das? vielleicht doch liebe Johanna! mit wir das Eſſen aufwärmen! — Wer ſollte es „Ich fühle auch etwas an mir,“ ſagte Marit „Aber es iſt etwas Unheimliches, etwas gan das ich nicht zu faſſen vermag, und deſſen mein Gott, waß am Fenſter flammte! wirklich zu unge⸗ Es fehlt nur noch, daß Du abergläubiſch wärſ der Heerdflamme, die ſich Du erſchreckſt Dich ſelbſte Mama? G. , mein Gott! "fragte ner ar⸗ Frau⸗ er wird g— es nie aus⸗ 2 Marie and Un⸗ erfindet, daß Du Nimm zu ſein, ger aus⸗ fühl' ich e Marie vas gang ind deſſen ott, was lammte! zu unge⸗ ſch wärſ „ die ſic 267 das thun— er muß das Schloß nicht recht finden, ſo lauf doch mit dem Licht, eile Dich und öffne— Es pocht an der Thüre, es iſt ein Fremder— Er iſt es nicht, Gott! ich wußte es wohl!“ Johanna eilte nach der äußern Thüre. Vor Schreck konnte Marie Luiſe ſich weder von der Stelle bewegen, noch ihrer Dienerin zurufen, daß ſie zurückkommen ſolle, da Alles draußen ſtille wurde. Frau N. nicht viel weniger erſchüttert als ihre Tochter, verſuchte ſich zu faſſen.„Mein liebes Kind, was iſt da zu fürchten— Wenn es nun auch ein Fremder iſt, warum kann das Dich erſchrecken?“ Marie Luiſe winkte nur mit der Hand, daß die Mutter horchen ſollte. Man flüſterte in Johannas Kammer. „Ich will hinaus,“ ſagte Frau N. Marie Luiſe hielt ſie in ihrer Angſt feſt. So ver⸗ gingen ein Paar ſchreckliche Minuten. Jetzt war es aber unmöglich, es länger auszuhaltenz ſie riß ſich aus dem Zuſtand der Lähmung, der ſich ihrer Glieder be⸗ mächtigt hatte, und wankte gegen die Thüre, die ſie heftig aufriß. Auf das Schlimmſte vorbereitet, ſah ſie nur einen ihrer Nachbarn vor ſich, einen braven Bauern, der ſich mit Johanna zu berathen ſchien. „Liebes, gnädiges Frauchen,“ ſagte der Mann, „es iſt hier nicht lange Zeit zur Vorbereitung, ſondern ich muß wohl ohne Einleitung ſagen, daß ich und meine Kameraden, die heute Holz heimführten, den Herrn Lieutenant leider Gottes mehr todt als lebendig gefunden haben. Er war in der Finſterniß, als er aus dem Walde ging, ein wenig vom Wege abgekom⸗ men und in den Steinbruch bei Arſtupen geſtürzt. Wir hörten ihn rufen und waren ihm bald auf der Spur. Aber ſo zugerichtet, wie ihn die nachgerollten Steine hatten, konnten wir ihn nicht gleich hertragen— 268 „Wo iſt er? wo iſt er denn?“ ſtammelte Marie Luiſe leichenblaß und wollte hinaus. „Ruhig, ruhig, gnädiges Frauchen! Er wird bald hier ſein. Das hat er auch ſelbſt geſagt, wenn er nur erſt ein wenig in unſerer Hütte zu ſich gekommen ſein wird—“ Ein Paar Stunden ſpäter, als von Wallden in ſeine Heimath gebracht und der nahe wohnende Arzt Herufen war, ſagte dieſer zu Marie Luiſe, die jetzt hhre Faſſung wieder gefunden hatte und am Bette ihres Gatten ſitzend jede ſeiner Bewegungen mit un⸗ ruhiger Zärtlichkeit bewachte:„Meine gute Frau von Wallden, ich würde ſie nur mit einer falſchen Hoff⸗ nung bethören, wenn ich ſagte, daß überhaupt eine vorhanden wäre! Doch gegen Morgen wird er, wenn ich mich nicht ganz täuſche, zum klaren Bewußtſein zurückkehren.“ Der Arzt hatte ſich nicht getäuſcht. Noch einmal flammte der Funken in des unglück⸗ lichen von Walldens Blick und Seele empor, obwohl zu einem ſchwachen Leben.„Meine Bruſt, mein Kopf,“ flüſterte er.„Ich glaubte, es ſei nur ein finſterer Traum, aber ich fühle jetzt, daß es eine lichte Wirk⸗ lichkeit iſt— Gott ſei Dank! es geht bald mit Allem zu Ende.“ Die Hand ihres Gatten umfaſſend, über die ihre Thränen ſtrömten, ſagte Marie Luiſe mit tiefer und zitternder Stimme:„Mein Geliebter, ſprich nicht ſo! Haſt Du gedacht, haſt Du an—“ er verſtand ihren unruhig fragenden Blick. „Ja, ich habe gedacht, ich habe Zeit zum Denken gehabt, ſeit meiner langen Krankheit und jener Nacht, wo ich, wie Du Dich erinnern wirſt, aufwachte und Dich mit unſerem todten Kinde auf dem Schoße ſah. Von der Stunde an war ich verändert und hätte ich nicht ſo viel gedacht, ſo würde es ſchon mit mir zu Ende gegangen ſein. In dieſer Stunde will ich kein Marie dbald nn er mmen den in 2 Arzt e jetzt Bette it un⸗ t von Hoff⸗ t eine wenn ßtſein glück⸗ bwohl dopf,“ nſterer Wirk⸗ Allem e ihre r und ht ſo! ihren Henken Nacht, te und e ſah. tte ich nir zu h kein 269 Geheimniß vor Dir haben. Die Sünde des Selbſt⸗ mords hat mich oft, oft verſucht! Aber bei dem Ge⸗ danken an die Qualen, die ich zu Denen häufen würde, welche ich Dir ſchon bereitet habe, ſuchte meine Seele in den Stunden der Verſuchung den Retter, den ich lange vergeſſen hatte. Ich fand ihn — und er war jetzt gnädiger als ich verdient hatte. Der Tod war meine Sehnſucht. Ich ſtehe am Ziele und Su⸗ meine Marie Luiſe, ſollſt ebenfalls glücklich werden!“ Schluchzend beugte ſich Marie Luiſe über ihren Gatten herab und ſank auf die Kniee. Sie hatte keine Worte für ihre Rührung. „Wie wurde ich nicht von dem Bewußtſein ge⸗ quält,“ fuhr er fort,„daß Du, die ſo glücklich, ſo im Beſitz von Allem war, daß Du von dem, welchem Du vertrauensvoll Dein ganzes Wohl übergeben hat⸗ teſt, Schritt für Schritt in die äußerſte Armuth ge⸗ bracht worden warſt.“ „O mein Geliebter, ich hatte kein Recht zu kla⸗ gen. Genoß ich nicht mit Dir, was der Reichthum zu bieten hat— ſollte ich da nicht auch zufrieden ſein, die Armuth mit Dir zu theilen! Theurer Gatte, ver⸗ giß das oder wenn Du es nicht kannſt, ſo nimm meine innige heilige Verzeihung. Alles, Alles iſt ver⸗ ſöhnt! Und verzeih auch Du, wenn ich Dich aus Un⸗ bedachtſamkeit verletzt habe.“ Dieſe Worte ſchienen wohlthuend auf von Wall⸗ dens Herz zu fallen. Er verſuchte den Druck ihrer Hand zu erwiedern, vermochte ihr aber nur mit einem friedevollen Blick zu danken. „Vielleicht,“ ſagte Marie Luiſe und ſah ihn for⸗ ſchend an,„vielleicht wünſcheſt Du—“ „Nein, es iſt nicht nothwendig— für die wenig Augenblicke, die ich noch übrig habe, macht mich Nie⸗ mand beſſer als ich bin. Ich glaube, und laß es Deine Beruhigung, Dein Troſt ſein, daß ich ſterbend 270 glaubte und fühlte, daß ich mit Vertrauen zu einer ewigen Barmherzigkeit aufblicken konnte. Ich habe eine ſchwere Strafe hienieden gelitten— doch ich kann nicht mehr ſagen, und ich habe genug geſagt! Lege Deine Lippen an die meinigen, damit ich mich noch einmal Dir nahe fühle— O das war ſüß—— Und Du haſt mir alſo verzieben? Du Gute, Gute! Bitte auch Deine Mutter, daß ſie mir verzeihe— ich war nicht ſchlecht, meine Marie Luiſe, ich war leicht⸗ ſinnig; Du haſt zwiſchen dieſen beiden Laſtern unter⸗ ſchieden und Liebe genug gehabt, um ein ganzes Leben mit mir hinbringen zu wollen, wenn ich hätte leben, wenn ich ein anderer Menſch hätte werden können!“ „O dann wär ich ſelig geweſen!“ „Doch es iſt beſſer, wie es iſt. Jetzt ſind meine Angelegenheiten auf die beſte Weiſe rangirt“— hier flog ein ſchwaches Lächeln über ſeine Lippen—„aber es wird immer matter, immer dunkler vor meinem Blick. Marie Luiſe, meine zärtliche, treue, geliebte Gattin! lebe wohl, lebe wohl! Ich ſterbe mit einem Segen für Dich— Nach einigen Augenblicken war Alles vorbei. Marie Luiſe war Wittwe. 83 — 26. Zu Recht ſie ſitzen, Sie halten Rath Die guten Tanten. Silfverſtolpe. „Des Herrn Wille geſchehe— was er thut, iſt immer wohlgethan!“ ſagte die Rathsherrin, indem ſie einer Hmeine — hier „aber meinem geliebte t einem vorbei. en, b an. olpe. hut, iſt ndem ſie 271 die Kaffeetaſſe zurückſchop und den Brief zuſammen legte, worin ihr Frau N. das traurige Ereigniß mit⸗ theilte, das Marie Luiſens Ehe geſchloſſen hatte, und zugleich die würdige alte Freundin aufforderte, ihnen einen Rath in ihrer drückenden Lage zu geben. „Ja wer jetzt wüßte, was hier das Klügſte wäre!“ ſagte der Rathsherr und klopfte zugleich ſeine Pfeife ſo unbedachtſam auf den Kaffeetiſch aus, daß die Aſche über die blaue Zuckerdoſe flog,„wer jetzt wüßte, was hier das Klügſte wäre, Mutter!“ „Gib auf den Zucker acht, Vater, und laß uns nichts ſagen, bis wir dieſen Brief hier von William geleſen haben. Ich denke, er könnte jetzt lange genug in dem Winkel des Landes fort geweſen ſein, wo ſein Geburtsort liegt, und es dürfte Zeit ſein, heim zu kommen und nach der Kanzlei zu ſehen! Wenn ich nicht 33 35 da hinauf ginge und nach den feinen Herrn ähe, ſo— „O Du biſt eine vortreffliche Mutter, Du taugſt zu Allem. Du verſtehſt Dich ſogar auf Feldmeſſerei⸗ Geſchäfte und kannſt junge Herrn in Ordnung halten! Aber ſchenke noch ein wenig ein; da heute Sonntag Nachmittag iſt, ſo darfſt Du wohl etwas freigebig ſein, Mutter; ich werde Dir dafür den Brief von Deinem Goldjungen vorleſen!“ Die Alte ſchmunzelte und der Alte begann: „Meine liebe, gute Tante Grete! Jetzt habe ich denn voll und rein ſo viel Freude genoſſen, als ich in dieſem Leben zu erlangen hoffen darf. Ich bin im Lehnſtuhl meiner alten Mutter ge⸗ ſeſſen, und unter Gefühlen, wie ſie nur ein ſo gelieb⸗ ter Sohn empfinden kann, habe ich die theuren Auf⸗ zeichnungen geleſen, die ſie mit eigener Hand auf die eingelegten Papierblätter in der Bibel machte; ich bin ganze Stunden lang dageſeſſen und habe ihre al⸗ ten durchbrochenen Fächer betrachtet, deren Malereien mein höchſtes Entzücken waren, als ich noch ein Knabe —— 272 war. Tante Grete! ich habe ſogar aus ihrer großen ſilbernen Doſe, mit dem Porträt Guſtav des III. auf dem Deckel, geſchnupft, und wenn ich heim komme, ſo ſoll Tante Grete und ich in Compagnie eine Priſe aus der Doſe nehmen. Ich habe meinen Freund, mei⸗ nen Jugendfreund, in ſeinem Hauſe, das einſt meinen Eltern gehörte, geſehen. Ich habe ihn glücklich mit einem guten, lieben und häuslichen Weibe geſehen, das einfach und anſpruchslos iſt, aber ſo ganz für ſeinen Kreis paßt. Mit einem Wort, ich war glück⸗ lich, denn in der Heimath iſt alles Finſtere abgefallen, und wenigſtens hier licht geworden. Aber all deſſen ungeachtet ſehne ich mich nach dem Orte zurück, den ich jetzt und immer meine Heimath nennen werde. Ich ſehne mich nach Tante Grete— einen ſolchen Kaffee kann Auguſte nicht kochen und eine ſolche Ord⸗ nung kann Niemand in einer Junggeſellenwirthſchaft erhalten! Ich ſehne mich nach dem Onkel, dem Ehren⸗ mann. aus der alten Schule, der Blumen pflanzt, die ſo ſchön und begehrlich find, wie Noahs Trauben. Und ungeachtet des Eigenfinns, womit ſie mich hier feſthalten wollen, komme ich doch ungefähr vierzehn Tage nach Ankunft dieſes Briefes zurück. Meine gute Tante Grete! mache keine Arrange⸗ ments in meinem Hauſe! Du weißt, daß es mir eine heitre Zerſtreuung war, ſo lang ich daran baute und einrichtete; aber jetzt iſt die Freude vorbei. Und ich will nirgends anders wohnen, als in meinen alten Zimmern, meinem lieben kleinen Dacherker. Sage jetzt nichts mehr über dieſen Einfall! Es mag ſein, daß es dumm iſt, ein großes Haus zu bauen und dann in anderer Leute ihrem zu wohnen.— Aber laß mich meinen Willen haben! Ich denke dafür mein ei⸗ genes zu vermiethen. Und jetzt nicht weiter! Ich habe Eile, denn ich muß heute Abend auf den Ball und mich mit den Mädchen der Stadt auf dem Abſatz herum drehen. oßen auf nme, Priſe mei⸗ einen mit ehen, 3 für glück⸗ allen, deſſen „den eerde. Dchen Ord⸗ ſchaft hren⸗ t, die uben. hier rzehn ange⸗ eine e und d ich alten Sage ſein, und r laß in ei⸗ in ich t den rehen. 273 Wer weiß was geſchieht— doch dieß iſt nur ein dum⸗ mer Scherz. Tante Grete weiß wohl, daß ſie die alleinige Gebieterin über das Haus und Herz ihres kleinen Ingenieurs bleibt. Grüße den Onkel von Deinem treuen William.“ „Ja, Gott ſegne meinen kleinen Ingenieur,“ ſagte die Alte, indem ſie auf den Sacktuchzipfel hauchte und ihn an die Augen führte;„er iſt gut wie Gold und wir werden zuſammen ſchnupfen, das iſt gewiß; obſchon ich glaube, daß er dieſe Kunſt bald aufgibt, wenn wir zur Probe geſchnupft haben! Was das Zimmer betrifft, ſo mag er ſeinen Willen haben, ob⸗ ſchon es etwas drollig iſt, hier zu wohnen, wo er es ſo enge mit ſeinem Kram hat.“ „Er bekommt nie Jemand, der ihm Alles ſo recht macht wie Du, Mutter; das iſt die ganze Krankheit,“ meinte der Alte. „Ich zweifle ſehr, daß das die Krankheit iſt, Va⸗ ter, denn es iſt, Gott ſei Dank! nicht ſo weit bis zu dem neuen Hauſe, daß ich ihm nicht auch dort Alles in Ordnung bringen könnte— Und habe ich das nicht ſchon längſt gethan, obſchon er meinte, daß es nicht ſo ſchmecke, wie das Alte und Gewohnte! Ich will den ſehen, der eine beſſere Wohnung hier in der Stadt hat, und ſchönere und elegantere Möbel. Nun, nun, ſie waren auch ſo gut wie neu, als er ſie auf der Malkolmsnäser Auktion kaufen ließ, und hier ſind ſie gewiß nicht verderbt worden, da er nur hingeht und ſie anſieht, und ich ſie auslüfte.“ „Ja,“ ſagte der Rathsherr.„Ihr habt es aller⸗ dings ſehr elegant da drinnen hergerichtet, aber mir wäre es dort nicht wohl, denn man iſt ganz wie ein fremder Gaſt in ſeinem eigenen Hauſe, wenn man in ſolchen Gemächern herum geht. Ich glaube, er war nicht geſcheidt, daß er ſie nicht geradezu vernagelte.“ „O Alter, die jungen Leute haben andere Ge⸗ 274 danken und einen anderen Geſchmack, als wir. Wer ſich zur Welt hält, bedarf einen großen Raum; wir, die wir uns davon fern halten, haben an Wenigem genug. Jedenfalls ſind aber ein Paar allerliebſte Zimmer da; nämlich die, welche ich immer die Docken⸗ ſtuben nenne; und dieſe Zimmer liebt er auch, der arme William, wie wenn ſie ein Herz hätten.— Ja, ja, ich weiß wohl, warum er ſie ſo liebt!“ „Das weiß ich auch,“ verſetzte der Rathsherr, „das eine liegt nach dem neuen Garten, der von ihm oder vielmehr von mir angelegt worden iſt, denn ich habe dort eine große Arbeit gehabt. Aber dafür iſt auch die ganze inwendige Herrlichkeit eitel Plunder gegen die Blumenbeete, Rondelle und Spaliere, die ich dort in Stand ſetzte.— Der Apfel⸗, Kirſch⸗ und Birnbäume, die ich für ihn pfropfte, will ich gar nicht erwähnen. Ich denke, ich habe eine Ehre von der Pflanzung, Mutter.“ „Das haſt Du, mein Alter! Aber ich glaube nicht, daß Deine Blumen ihm das Zimmer ſo ſehr viel lieber machen. Dieſe Liebe hat wohl ihren Grund wo anders!“ „Da wäre ich doch verteufelt neugierig, mehr zu erfahren.“ „Aber Du ſollſt nichts davon erfahren! Ich ver⸗ muthe nur, daß, weil die eine Dockenſtube gegen die Straßenſeite unſerem Hauſe zunächſt liegt, er von dort aus Manches ſieht, was er zu ſehen gewohnt war. „Ja, Du biſt ſcharfſinnig, Mutter, ganz wie die Weibsleute im Allgemeinen. Doch laß uns jetzt ein Wort von der andern Sache ſprechen— wollen wir darauf denken, den Frauenzimmern ein Paar Zimmer zu miethen? Denn wie man aus dem Brief unſerer alten Frau Nachbarin abnehmen kann, ſo fürchten ſie ſich, den ganzen Winter über ſo allein in dem häß⸗ lichen Loche zu wohnen, und das kann Niemand Wun⸗ 275 der nehmen. Ich will zwar glauben, daß die Stadt⸗ bewohner ihren letzten Aerger, weil ſie am Auktions⸗ tage nicht empfangen wurden, vergeſſen haben, ich wills glauben, aber gewiß bin ich deſſen nicht.“ „O ſie werden ſich wohl damit ausſöhnen,“ meinte die Rathsherrin,„Liſe, mein Kind, nimm den Kaffee eri und bring den Pelz, den Muff, und das Hals⸗ tu 14 „Willſt Du ausgehen, Mutter?“ „Ja, ich will ein wenig bei der Bürgermeiſterin einſprechen, und hören, was die Glocke iſt; denn wenn es mir nicht gelingt, es ſo einzurichten, daß ſie freund⸗ lich empfangen werden, ſo will ich ihnen nicht rathen, wieder hieher zu ziehen. Marie Luiſe, die arme Kleine, hat genug Kummer gehabt, und braucht jetzt nicht am Ende noch zu erfahren, daß man ſie in ihrem eige⸗ nen Heimathort verachtet und ihr den Rücken kehrt!“ „Gott gnade dem, der meinem ſchönen Fräulein im Dacherker das thäte,“ entgegnete der Rathsherr. „Hat ſie keinen andern Beſchützer, ſo kann ich es werden.“ „Das iſt recht und gut, Vater! aber wir allein können ſie nicht ſchützen und ſtützen. Sie bedarf der Arbeit und einer herzlichen Begegnung. Denn ſoll ſie hier einſam in ihrer Kammer ſitzen und hinſchwin⸗ den und mit anſehen, wie die Leute hoffärtig den Hals verdrehen, ſo kann ſie eben ſo gut bleiben, wo ſie iſt— doch laß mich nur machen, ich werde die Sachen ſchon zurecht legen. Liſe, laß den Pelz jetzt gehen— es iſt jetzt warm genug und gib den Spie⸗ gel her und den Pomadentopf und die Haube mit dem braunen Band.“ Nach einer eiligen Toilette begab ſich die Raths⸗ herrin zu der Bürgermeiſterin, wo zufällig ganz, wie es die Alte berechnet hatte, noch drei andere Frauen waren, nämlich die Poſtmeiſterin, die Doktorin und die junge Pfarrerin. 276 „Ei, ſieh da, Grete— was bläst Dich für ein Wind her?“ ſagte die Bürgermeiſterin und ging ih⸗ rem willkommenen Gaſte entgegen. „Ja, meine Damen,“ antwortete die alte Utter freundlich,„es bläst allerdings ein eigener Wind, wenn die Alte auf Beſuch geht. Es iſt recht ſchön, daß ich Euch Alle hier beiſammen treffe.“ „Was willſt Du damit ſagen?“ fragten die Poſt⸗ meiſterin und die Bürgermeiſterin zugleich, während die Pfarrerin und die Doktorin, die zu junge Damen waren, um ihre Neugierde laut werden zu laſſen, ſich damit begnügten, einander bedeutſam anzuſehen. „Je nun— doch darf ich zuerſt ablegen?“ Alle Hände wetteiferten, der willkommenen Bot⸗ ſchafterin zu helfen, und nach einigen Minuten ſaß ſie mitten auf dem Sopha zwiſchen den beiden älteren Damen. „Habt Ihr noch von keinem Todesfall ſprechen hören?“ „Nein! mein Gott, wer ſollte das ſein?“ Und jetzt rieth man ſchnell auf eine Menge Perſonen, dit entweder krank oder im Begriff zu ſterben waren, oder es wenigſtens hätten ſein ſollen, um ihrem war⸗ Pnden Nachfolger ein einträgliches Amt zu hinter⸗ aſſen. „Nichts da, meine Herrſchaften! Die Perſon, welcht hinüber gegangen iſt, hat längſt aufgehört, ein Gegen⸗ ſtand der Unterhaltung zu ſein, aber ehemals war ſie es deſto mehr und beſonders in unſerer Stadt.“ Ein allgemeines, langgedehntes„Aha!“ verſtärkt durch eine ſprechende Mimik, ſchien zu verkünden, daß man der Wahrheit endlich auf die Spur gekommen ſei. „Hier kann,“ ſagte die Poſtmeiſterin,„nur von dem verrückten Lieutenant die Rede ſein, der ſich vor einigen Jahren mit dem hochmüthigen Ding verheirathete, die in dem Leanderſchen Dacherker, gegenüber von der Herr⸗ ſchaft, glaube ich, wohnte?“ Die Poſtmeiſterin hielt es unter haben gehab zu ſe Rath Schw freun unſer Stad Zierd ſprach nicht gewif ſehr trotz führte Juger Ungli wohl annel um ſ kannt Einlo men Baro zu le wohl inner ländi ſonde Niem muß Die ir ein ig ih⸗ Utter Wind, ſchön, Poſt⸗ V V ihrend Damen n, ſich Bot⸗ en ſaß älteren prechen „ Und en, die waren, n war⸗ hinter⸗ welche Gegen⸗ war ſie eerſtärkt en, daß nen ſei. don dem einigen ete, die er Herr⸗ hielt es 277 unter ſolchen Umſtänden für paſſend, ganz vergeſſen zu haben, daß dieſer Lieutenant einmal die große Ehre gehabt hatte, mit dem bürgermeiſterlichen Hauſe verwandt zu ſein.„Iſt er's?“ fragten die Andern und ſahen die Rathsherrin an. „Ja freilich,“ ſagte die alte Utter.„Aber, liebe Schweſter Ulla, warum ſprichſt Du ſo fremd und un⸗ freundlich von einer alten Bekannten? War ſie nicht unſer Aller Freude, als ſie noch die Zierde unſerer Stadt bildete?“ „Was?“ riefen die beiden jüngern Frauen,„die Zierde unſerer Stadt— die Tante muß ſich täuſchen.“ Die Bürgermeiſterin, die bisher geſchwiegen hatte, ſprach jetzt mit großer Würde:„Meine Damen, es iſt nicht zu leugnen, daß die Schweſter Rathsherrin in gewiſſer Beziehung Recht hat. Einmal— es iſt jetzt ſehr lange her— ſah auch ich dieſes Mädchen, das ſich trotz ihrer großen Armuth ſo anſtändig und fleißig auf⸗ führte, wirklich für eine Zierde und ein Muſter der Zugend an; aber ein hochmüthiger Geiſt machte ihr Unglück. Der hat ſich jetzt ſelbſt geſtraft und wird wohl noch mehr geſtraft werden, da man mit Grund annehmen kann, daß die Leute ſich jetzt eben ſo wenig um ſie bekümmern werden, als ſie ſich um ihre Be⸗ kannten bekümmerte, die ſie nicht einmal mit einer Einladung zu ehren beliebte, als ſie nach dem vorneh⸗ men Malkolmsnäs hinauszog, um in Geſellſchaft der Baronin von Segersſtad und anderer ähnlicher Vögel u leben.“ 3„Ueberdieß,“ ſagte die Doktorin,„kann man ſich wohl noch der eilfertigen und erzwungenen Beſuche er⸗ innern, welche die gnädige Herrſchaft vor ihrer aus⸗ ländiſchen Reiſe hier machte, und wo wir ſammt und ſonders auf die Kirſchen eingeladen wurden, während Niemand draußen wohnte, als die arme Frau N. Man muß lachen, wenn man daran denkt, wie wir, als wir Die Erkerſtübchen. 18 278 nach unſerer Abreiſe uns trafen, bald herausbrachten, daß ſie die Eine von uns mit dem, die Andere mit jenem geködert hatte! Aber all das abgerechnet, hat man ſo ſchlimme Dinge von ihrem ſeligen Manne ge⸗ hört, daß ſie kaum erwarten kann, daß ſie Jemand kennen ſoll.“ „Jemand kennen— was meinſt Du damit?“" fragte die junge Pfarrerin.„Glaubſt Du denn nicht, daß ſie ſich ſchämen wird, hieher zu ziehen, wo ſie doch einſehen muß, daß kein Menſch ſie grüßen wird! Ich war draußen bei der Auktion und hatte die Abſicht, ihr einen Beſuch zu machen, um ſie zu tröſten; aber ſie, die damals ſchon in ziemlich verwickelten Umſtänden war, fand es für gut, noch immer die vornehme Dame zu ſpielen. Zu ſagen, daß man einen nicht annehmen könne! Das mag vielleicht für eine Gräfin paſſen, aber es ſieht beinahe zu lächerlich aus, wenn es von einer fimplen Lieutenantsfrau herkommt, beſonders gegen Per⸗ ſonen, von deren Arbeit ſie früher gelebt hat.“ Die alte Utter ließ den erſten Sturm ſtillſchwei⸗ gend ausbrauſen. Aber nachdem er eine Weile unge⸗ zügelt dahin gefahren war, ohne daß die plaudernden Zungen ermüden zu wollen ſchienen, nahm ſie das Wort, in jenem ſanften und herzlichen Tone, der der guten alten Frau ſo eigen war:„Meine lieben Her⸗ zensdamen und Freundinnen,“ ſagte ſie, indem ſie freundlich mit der Hand drohte,„was, ums Himmels willen, ſind denn wir?— Welche Bürgſchaft hat der Herr uns dafür gegeben, daß unſere Segel beſtändig mit günſtigem Winde geſchwellt ſein werden, daß wir uns auf dieſe Weiſe überheben! Heute mir, morgen He⸗ ſagt ein altes Sprichwort. Laßt uns chriſtlich ein. „Chriſtlich?“ verſetzte die junge Pfarrerin. „Ja wohl, mein Sophiechen! Und ich kann nicht umhin, Dir zu ſagen, daß eine Pfarrersfrau vor allen Andern verträglich ſein ſollte. Ich bin überzeugt, daß, ſchten, ee mit „hat ne ge⸗ mand mit?“ nicht, e doch 1 Ich zt, ihr er ſie, tänden Dame ehmen , aber einer n Per⸗ ſchwei⸗ unge⸗ ernden le das der der a Her⸗ em ſie mmels dat der ſtändig aß wir norgen riiſtlich n nicht r allen t, daß, 279 wenn unſer guter Pfarrer hier wäre, er ſelbſt auf meine Seite treten würde.“ „Das iſt allerdings möglich, meine beſte Tante; aber ich weiß nicht, ob man es für unchriſtlich anſehen kann, wenn man den Stolz und Hochmuth nicht auf⸗ muntern will.“ „Ich glaube,“ erwiederte die alte Utter,„daß jetzt weder von dem einen noch von dem andern mehr die Rede ſein kann. Marie Luiſe iſt von ihrem alten un⸗ glücklichen Fehler ſo bis auf den Grund geheilt, daß ſie im Gegentheil das demüthigſte und unterwürfigſte Weib iſt, das man ſich denken kann. Sie hatte große Prüfungen durchgemacht, Prüfungen, die das Gemüth reinigen und zum Nachdenken ſtimmen. Für gegenwär⸗ tig ſitzt ſie von Allem entblößt und allein mit ihrer Mutter auf einer öden Wohnſtelle im Walde. Ihr Mann ſtarb durch einen Unglücksfall und mit dem We⸗ nigen, das zum Begräbniß eingegangen iſt, ſind auch ihre letzten Hülfsquellen verſiegt.“ „Das arme Weib— ſie iſt alſo wirklich einmal demüthig und zerknirſcht geworden?“ „Das arme Weib, ſie hat alſo die Ruthe küſſen müſſen— die Strafe war ihr gewiß von Nutzen.“ „Das arme Weib— es iſt ſehr gut, daß ſie an Arbeit gewöhnt war, ehe ſie vornehm wurde! Jetzt wird ſie nur alte Gewohnheiten annehmen müſſen.“ „Das arme Weib, ſie wird wohl zu ihren adeligen Freunden gehen und betteln müſſen.“ So toͤnte es im Kreis. Die alte Utter fuhr fort:„Sie war früher ein Mitglied dieſer Stadt— es würde nur als ein ſchöner Zug erſcheinen und einen Beweis von den hier herr⸗ ſchenden reinen und edlen Geſinnungen geben, wenn die Stadtbewohner einige Kleinigkeiten, die nicht der Rede werth find, vergeſſend, ſie mit Freundlichkeit einladen würden, wieder hieher zu kommen.“ „Hieher— von was, ums Himmels willen, ſollte 280 ſie denn leben?“ fragte die Bürgermeiſterin;„ſie hat allerdings früher einmal arm hier gelebt, aber erinnern Sie ſich, meine Herrſchaften, daß ſie damals die Ba⸗ ronin von Segerſtad hatte, welche ſie unterſtützte! Und Niemand wird wohl denken können, daß wir ſie unter⸗ halten ſollen, weil der verlumpte Lieutenant zufällig mit dem Vetter meines Mannes weitläufig verwandt war.“ „So meinte ich es gewiß nicht! Marie Luiſe kann noch arbeiten wie früher, und warum ſollte es ihr denn an Arbeit vom Lande und von der Stadt fehlen? — Gewiß wird ſie um billigen Preis nähen und mit Vergnügen die Geſchäfte annehmen, die ihr dargeboten werden.“ „Vielleicht,“ ſagte die kleine Pfarrerin verächtlich, verneuert jetzt der Ingenieur Williamsſon ſeinen An⸗ trag.“ Die Doktorin ſchlug ein lautes Gelächter auf, ſo ſpaßhaft kam ihr dieſe Bemerkung vor; aber die Bür⸗ germeiſterin ſagte ernſt:„Es iſt beinahe ein wenig boshaft, meine Damen, daß Sie ſo ſcherzen. Wir ſehen wohl Alle ein, daß ein Mann in Ingenieur Williams⸗ ſons glücklicher Lage und von einem ſolchen Charakter, wie er, ſie jetzt nicht mehr in Verlegenheit ſetzen wird.“ Die Rathsherrin, der daran gelegen war, dieſen Gegenſtand ſchnell abzubrechen, drängte ſie zu einem Ausſpruch über ihren Vorſchlag. Man ſchwieg, man überlegte. Es müßte ſehr hübſch ſein, zu der gnädigen Frau von Malkolmsnäs zu gehen, oder vielmehr ſie zu ſich kommen zu laſſen, und dann, indem man ihr gnädig mit der Hand zu⸗ winkte, daß ſie an der Uhr oder am Ofen Platz nehmen möge, zu ihr ſagen zu dürfen:„Ich habe nach dem Frauchen geſchickt, um zu hören, ob ſie dieſe Kleider für den kleinen Alfred nähen kann.“ O, das wäre ein Triumph, ganz würdig einer Kleinſtadt. „Ich denke,“ ſagte die Pfarrerin, die ſtets zuerſt hat dern Ba⸗ Und ter⸗ llig andt ann ihr ken? mit oten lich, An⸗ „ ſo Bür⸗ enig ſehen ams⸗ kkter, ird.“ ieſen inem ſehr snäs aſſen, d zu⸗ hmen dem leider wäre zuerſt 281 kommen wollte,„daß ſie immerhin hieher ziehen kann. Wir können eine Kleinigkeit zuſammenſchießen— ſie machte ja auch Einſammlungen, als ſie im Bade bril⸗ lirte. Jetzt wollen wir für ſie einſammeln, ich werde meinen Mann bitten, eine Armenliſte aufzuſetzen.“ Die Geduld der Rathsherrin war nahe daran aus⸗ zugehen, aber noch einmal bewehrte ſie ſich mit den Waffen der Milde:„Meine lieben guten Freundinnen,“ ſagte die würdige Alte,„wenn wir etwas Gutes thun wollen, ſo wollen wir es ganz und ohne Nebenabſichten thun! Ich nehme es auf mich, der armen Marie Luiſe zu ſchreiben und ihr den Vorſchlag zu thun, daß ſie hieher ziehen ſolle; aber laſſen Sie mich ohne zur Lüg⸗ nerin zu werden hinzuſetzen, daß alle ihre Bekannten in der Stadt ſie mit der tiefen und wahren Theilnahme erwarten, die ihr Schickſal verdient! Ich kann mir recht wohl vorſtellen, wie dankbar, wie gerührt und über⸗ raſcht ſie durch dieſe Nachricht werden wird, die ſie ge⸗ wiß nicht erwartet. Aber“— ſetzte die Alte hinzu, in der ſchnell ein lichter Gedanke aufblitzte—„wenn es geſchehen ſoll, ſo muß es bald geſchehen, ehe der Adel etwas für ſie thut! Ich möchte ſo gerne, daß man ſagen ſollte, unſere Geſellſchaft habe ſich zuerſt gezeigt.“ Das war ein Nagel, der zog! „Ich habe die Sache überlegt,“ nahm jetzt die Bürgermeiſterin das Wort,„und bin ganz auf daſſelbe Reſultatgekommen, wie Schweſter Grete; und es iſt eigent⸗ lich meine Pflicht als Frau vom Oberhaupte dieſer Stadt, den armen Leuten einen Einladungsbrief zu ſchicken. So viel ich mich erinnere, iſt der Adel ſtets nach uns gekommen, wenn es ſich um eine Wohlthat handelte, die der Geſellſchaft Ehre machte, und ganz gewiß wird es auch jetzt auf dieſelbe Weiſe gehen. Frau v. Wall⸗ den gehört mehr zum Adel als zur Bürgerſchaft, oder vielmehr ſte iſt ein Vögelchen, das zwiſchen beiden hin und her flatterte, aber nachdem ihm jetzt die Flügel im Schooße ſeiner hohen Gönner geſtutzt worden ſind, 282 ſo können ſie unter dem Schutze der Mauern wieder wachſen, die ihr Wohnung und Brod gaben, ehe der Adel noch wußte, daß ſie vorhanden war.“ Nachdem dieſe Worte der Weisheit von den Lippen der Bürgermeiſterin gefloſſen waren, hörte man keine weitere Oppoſition. Alle erklärten einhellig, daß ſie gerade daſſelbe gedacht und es auch ausgeſprochen hät⸗ ten, wenn ihre gute Wirthin ihnen nicht zuvor gekom⸗ men wäre. Und da das eine Extrem ſo oft hart neben dem andern liegt, ſo brannte man jetzt nur vor Be⸗ gierde, nicht zu ſpät zu kommen. Die Poſtmeiſterin gab einen ſehr willkommenen Wink daruͤber, daß es durch einen Correſpondenten ihres Mannes in die Bezirkszeitung kommen könne, wie die edle Bürgerſchaft von N., die ſich ſchon ſo oft durch ſchöne Handlungen ausgezeichnet habe, jetzt wie⸗ der ein Opfer der Noth, das dießmal eine arme ade⸗ lige Wittwe ſei, eine hilfreiche Hand reiche— aber es ſei nicht das erſte Mal, daß die Bürgerſthaft ihren Nachbarn ein ſo ſchönes Beiſpiel gebe. 27. Sie forſchen, tadeln, lachen,— Weil ſie drauf Anſpruch machen, Für dich und für dein künftig Treiben Geſetze vorzuſchreiben. Adlerbeth. „Nun, wie lief der Beſuch ab?“ fragte der Raths⸗ herr, als die Alte, ganz warm von den langen und eifrigen Debatten in dem Seſſionszimmer der Bürger⸗ der der pen ine ſie ät⸗ dm⸗ ben Be⸗ nen aten nne, oft wie⸗ ade⸗ aber hren eiben h. aths⸗ und rger⸗ 283 meiſterin, eintrat und athemlos rief:„Liſe, Kind, knüpfe mir den Pelz auf.“ „Nun gut, Vater! es ging zwar anfangs ein we⸗ nig hitzig her, aber jetzt iſt der Sieg, Gott ſei Dank! in meinen Händen, und wenn ich mich nicht gar zu ſehr täuſche, ſo ſoll die Leanderin die Freude haben, ihren Dacherker wieder vermiethen zu dürfen.— Es iſt doch ſo ſelten, daß ſie Miethsleute für die unange⸗ nehme Bühne bekommen.“ „Meinſt Du nicht, es wäre paſſender, wenn man auf einen andern Ort verfiele?“ wandte der Raths⸗ herr ein.„Ich möchte mein kleines Fräulein, meine ſchöne Blume, wie ich ſie nannte, gar zu gerne zur Nachbarin haben, aber wenn es ſie verletzen ſollte, daß wir ihnen gerade die Zimmer vorſchlagen, welche ſie zuletzt bewohnten, als ſie arm waren, ſo möchte ich lieber einige Schritte weiter gehen um ſie zu beſuchen.“ „Glaube mir, Vater, gerade die Zimmer werden die beſten ſein, und es wird ihrem Herzen wohl thun, ſie wieder ſehen zu dürfen. Sie wird denken, es ſei beinahe Alles wie früher, und vielleicht wird es auch ſo werden. Doch wir wollen jetzt üͤberlegen, wie wir den Brief aufſetzen! Es wäre gut, wenn wir Alles im Reinen hätten, bis William zurück kömmt. Siehſt Du, Vater, ich habe im Heimweg bei mir ſelbſt gedacht, wie hübſch es wäre, wenn wir ihm eine ſolche Ueber⸗ raſchung bereiteten, und er die alten Dacherkerfenſter aufgethaut ſähe und ein bekanntes Geſicht ihn daraus anblickte. Ach es wäre Etwas werth, dann ſeine Ver⸗ wunderung zu ſehen— denn er glaubt ſie ja noch ver⸗ heirathet und draußen im Walde lebend! Was ſagſt Du, Vater? Wir haben ja vierzehn Tage vor uns.“ „Ein prächtiger Vorſchlag, Mutter, ein wahrhaft prächtiger Vorſchlag! Aber vierzehn Tage iſt doch eine ſehr knappe Zeit— denke nur, bis ſie erſt den Brief bekommen und dann das Wenige, was ſie haben, her⸗ über bringen.“ —.— ¹— „O das Letztere wird nicht ſo viel Mühe machen! Herr Gott! wenn ich nur eine Perſon wüßte, die wir hinſchicken könnten, und die ihnen helfen könnte, Alles in Ordnung zu bringen.“ „Eine Perſon— hm! Nun, Mutter, ich denke, ich bin ſelbſt die beſte Perſon, die dahin fahren könnte! Es iſt zwar ſieben oder acht Jahre, daß ich nicht mehr auf Reiſen war, aber ſo eine kleine Tour, eine Tag⸗ reiſe, kann mir nichts ſchaden, ſondern nur ſehr nützlich ſein. Und wenn ich bedenke, welche Freude es den armen Weibern machen wird, wenn ſie ſehen, daß alte Bekannte ſich ihrer noch erinnern, ſo werde ich wieder jung. Geſagt, gethan, Mutter! Wir werden morgen den Wolfspelz hervorſuchen und den Schneider kommen laſſen, daß er darnach ſehe, der Schuhmacher ſoll auch meins Ueberſtiefel herrichten, die im Schrank verſchim⸗ meln.“ „Ach, mein Alter, ich wage es nicht, Dich fort zu laſſen! Ich fürchte, Du erfrierſt.“ „Ach, Geſchwätz, Mutter,“ verſetzte der Rathsher ärgerlich,„als ob ich ſo ein abgelebter Baumſtumpf wäre, der weder Wetter noch Wind ertragen könnte! Ueberdieß,“ ſetzte er, von dem ängſtlichen Ausdruck im Auge der Mutter bewegt hinzu,„kannſt Du ganz ruhig ſein. Die ſchönen Wollhandſchuhe, die Du mir zu Weihnachten gabſt, werden mich ſchon ſchützen! Laß ſehen— wie bald werde ich fertig ſein? Nun, morgen ſetze ich den Kontrakt mit der Leanderin auf und über⸗ morgen oder ſpäteſtens am Mittwoch mache ich mich mit den Documenten auf den Weg, um meine ver⸗ lorene Dame aufzuſuchen, wie es in den Romanbüchern von den Rittern ſteht.“ Die Alte mußte den ritterlichen Geſinnungen des Nathsherrn nachgeben. Und am Mittwoch Morgen reiste er, begleitet von den Grüßen und Einladungen der ganzen Stadt, und vor Allem von der Mutter mit einem großen Speiſeſack und Glühwein verſehen, den⸗ chen! 2 wir Alles e, ich unte! mehr Tag⸗ ützlich s den ß alte vieder norgen mmen l auch ſchim⸗ kort zu hsherr ſtumpf önnte! uck im ganz du mir n! Laß norgen d über⸗ hh mich ie ver⸗ büchern gen des Morgen dungen tter mit n, den 285 der Alte in der Pelztaſche warm halten ſollte, ab, um das Geſchäft zu vollführen, wozu ihn ſein redliches Herz aufforderte Der Rathsherr war ſo gut eingepelzt, daß die Luft nur hie und da ſeiner Naſe einen flüchtigen Beſuch ma⸗ chen konnte, und ſo bekam ihm die Farth ungemein gut, da auch eine gute Bahn und gutes Wetter ſie be⸗ günſtigte. Aber er begann ſich ein wenig vorſichtig umzuſehen, als er, beim Lichte eines hellen Mondſcheins, ziemlich ſpät am Abend in den großen finſtern Wald fuhr, in deſſen inneren Revieren die kleine Wohn⸗ ſtelle lag. „Hier oben war es,“ ſagte der Fuhrmann, indem er auf einen dichtverwachſenen Fußpfad deutete,„wo das Unglück mit dem Lieutenant geſchah’“ Der Alte ſchauderte und warf nur einen halben Blick nach der bezeichneten Stelle.„Wie leben die armen Frauenzim⸗ mer jetzt?“ fragte er. „O es geht immerhin knapp genug mit ihnen, fürchte ich, und es würde gewiß noch knapper gegan⸗ gen ſein, wenn ſie nicht von den Herrenhöfen Allerlei geſchickt bekommen hätten.“ „So, ſie haben Etwas geſchickt bekommen?“ „Ja wohl! Von Kronby kam eine ganze Fuhr zum Begräbniß, und von manchen andern Orten hat man ihnen auch geſchickt. Denn ſehen Sie, obſchon dieſe vornehmen Herrſchaften den Lieutenant nicht ken⸗ nen wollten, ſeitdem er in die große Lüderlichkeit ge⸗ rathen war— und darüber darf man ſich nicht ſehr wundern, denn ſogar ein ehrlicher Bauer konnte ſich da⸗ vor zurückziehen, wenn er recht im Zuge war— ſowar doch ſeine Frau immer ſehr gut angeſchrieben. Man weiß übrigens, wie es ſchmeckt, Gnadengeſchenke von ſolchen annehmen zu müſſen, die früher unſeres Gleichen waren. Doch die armen Weibhsleute haben jetzt allen Stolz einſtecken müſſen.“ 286 Unter ſolchen Geſprächen näherte ſich unſer reiſen⸗ der Rathsherr allmählig dem Ziel. „Dort, wenn der Herr das roth angeſtrichene Haus ſehen kann, das zwiſchen dem Schneehaufen her⸗ vorſieht— der eine Giebel iſt erleuchtet— dort woh⸗ nen ſie.“ Der Rathsherr führte den Wollhandſchuh nach dem Auge. Nicht ohne eine zarte Regung konnte er das Licht von dieſer niedern Wohnung herſchimmern ſehen, die in den Schnee eingebettet lag. Das war alſo Marie Luiſens Heimath— die Heimath derjenigen, welche er das letzte Mal in einer eleganten Equipage zu den Freuden und Vergnügungen der Welt hatte hinausfahren ſehen. Das ſchöne, ſtolze Weib, wie mochte ſie jetzt ausſehen? „Man kann nicht ganz hinkommen,“ meinte der Fuhrmann,„ich will alſo hier halten und dann den Schlitten zu Nils Perſſons führen, wo der Herr ein Nachtquartier haben kann— denn ich glaube nicht, daß die Frauen eines anzubieten im Stande ſind— und dann müſſen wir auf dem Fußpfad weiter gehen, der in den Schnee getreten iſt.“ „Du haſt Recht,“ ſagte der Rathsherr und be⸗ gann ſich aus dem Fuhrwerk zu bewegen. Es war nur ein kleines Stück weit bis zur Thüre. Bald klopfte der Alte an und man öffnete. Mit einem brennenden Fichtenſpahn in der Hand kam ihm Marie Luiſe entgegen. „Ach, was ſeh ich!“ rief ſie vor Freude und Ge⸗ müthsbewegung beinahe außer ſich. Der Rathsherr nicht weniger gerührt, ließ das Familienkleinod, den koſtbaren Wolfspelz, nachläſſig auf den Boden fallen und ſtreckte die Arme aus, um ſein Blume, das ſchöne Fräulein im Dacherker, zu um⸗ armen. „Worte,“ ſtammelte Marie Luiſe, indem ſie den lten mit ſich zu dem ſchwachen Feuer im Schlafzim⸗ mer zog, wo jedoch jetzt kein Bett mehr ſtand, denn es war am Tag nach dem Begräbniß ausgepfändet und fortgenommen worden,„Worte vermögen nicht auszudrücken, was ich über dieſe unbeſchreibliche Güte empfinde, mein alter lieber Rathsherr Utter— Mama, Mama!“ 3 Frau N. kam ſchnell aus dem andern Zimmer und noch einmal öffnete der Alte ſeine Arme. Er hatte ſich noch nie ſo reich und mächtg gefühlt, er wünſchte nur, daß die Mutter dieſe Herzensfreude ein wenig mitgenießen könnte. Wir übergehen die Geſpräche, die nun folgten, ſowie die dankbare Freude der Frauen, als ſie erfuh⸗ ren, daß nicht nur der Rathsherr gekommen ſei, um ſie abzuholen, ſondern auch die Stadtbewohner, alle kleinen Aergerniſſe vergeſſend, bereit ſeien, ihre alten Freunde liebevoll aufzunehmen. Vor Allem freute ſich jedoch Marie Luiſe, wieder in ihren geliebten Dacherker ziehen zu dürfen, dort, wo ſie ſo viele glückliche Tage verlebt hatte, würde ihrer vielleicht noch der Friede warten. Zwei Tage nachher waren die beiden Bewohne⸗ rinnen der einſamen Wohnſtelle bereit, die Heimath zu verlaſſen, wo ſie ihr letztes langes Jahr verlebt hatten. Was fühlte nicht Marie Luiſe, als ſie zum letzten Mal die Schwelle überſchritt, als ſie zum letzten Mal die Thüre der Wohnung hinter ſich ſchließen hörte, von welcher ſie die Leichen ihres Kindes und ihres Gatten hatte hinaustragen ſehen. Die ganze Stadt war an dem Tag in Bewegung, als die Gnädigen im Dacherker nach einer fünfthalbjäh⸗ rigen Entfernung zurückkamen, um noch einmal Schutz in der Stadt zu ſuchen. Der Schlitten hielt vor dem Haus des Raths⸗ herrn Utter. „Ach!“ rief Frau N., die trotz der Thränen Faſſung 288 genug hatte, um ſich umzuſehen,„wem in aller Welt gehört das große Haus, das hiex aufgekommen iſt, ſeitdem wir weggezogen?“ „Es gehört unſerm kleinen Ingenieur,“ ſagte der Nathsherr lächelnd,„aber er iſt, wie ich bereits er⸗ wähnt zu haben glaube, gegenwärtig noch auf der Reiſe.“ Marie Luiſe warf einen Blick auf das prächtige Gebäude und unterdrückte einen Seufzer. Bald lag ſie jedochzitternd von den tauſend verſchiede⸗ nen Gefühlen, die ſie beſtürmten, an dem warmen Herz des alten Utter. Dort war ihr ſo wohl, dort fühlte ſie ſich daheim. Die alte Frau ſah ihr gar zärtlich in's Auge und ſagte:„Willkommen, Herzenskind! ich ſage recht und ſchlecht Du.“ Maarie Luiſe drückte ihre Lippen auf die Hand der geachteten Freundin, und ſtammelte Worte ohne Sinn; ſie vermochte nicht zu ſprechen. Aber bald mußte ſie ſprechen und Antwort geben, denn obſchon die Rathsherrin gehofft hatte, daß man ſo viel Zartgefühl haben werde, um den erſten Abend in ungeſtörter Ruhe vorübergehen zu laſſen, ſo täuſchte ſie ſich doch hierin. Innerhalb einer halben Stunde hatte der alte Utter beinahe die Frauen der halben Stadt bei ſich auf Beſuch. Man konnte eine ſo glück⸗ liche Gelegenheit nicht vorübergehen laſſen, um ſie zu ſehen und ſogleich ſagen zu konnen:„Seien ſie wie⸗ der bei uns willkommen, Frau v. Wallden! Wir ſind Gott ſei Dank nicht von der Gattung, die Einen den Wechſel der Glücksumſtände empfinden läßt,“ oder „wir find, Gott ſei Dank, zu ſehr über Kleinigkeiten erhaben, um das im Gedächtniſſe zu bewahren, deſſen Auffriſchung jetzt unrecht wäre u. ſ. w.“ Aber gewiß war es unangenehm, daß man ſich in einem weſentli⸗ chen Punkte verrechnet hatte; man hatte nämlich be⸗ ſtimmt darauf gezählt, Marie Luiſe in einem alten, kurzen und engen Bombaſſinkleide, mit einem dünnen, / nicht meiſte ſich in zug. kleid änder - Welt een iſt, gte der its er⸗ uf der ächtige ſchiede⸗ en Herz hlte ſie ch in's h ſage nd der Sinn; geben, ß man Abend äuſchte Stunde halben glück⸗ ſie zu wie⸗ er ſind n den oder gkeiten alten, innen, 289 aufgefärbten, ſchwarzen Shawl um den Hals und einem vergelbten Trauerkragen von abgewaſchenem Zeug, mit einem Wort, in jener ſtehenden Tracht zu ſehen, in der ſich arme herabgekommene Frauen ſtets zeigen, wenn ſie aus der dürftigen Heimath fortziehen. Dieſe Hoffnung ſchlug indeſſen ganz fehl, da Marie Luiſe ein ausgezeichnet ſchönes Trauerkleid trug. Den Zeug zu dieſem, ſowie den großen ſeidenen Shawl hatte ſie gleich nach dem Begräbniß von der Herrſchaft von Kronby zugeſandt bekommen. Er war von einem artigen und theilnehmenden Brief der Baronin beglei⸗ tet, worin dieſe Marie Luiſe einlud, mit ihrer Mutter ein Paar Wochen bei ihnen zuzubringen. In einer warmen und dankbaren Antwort hatte jedoch Marie Luiſe dieſes abgelehnt, da ſie jetzt nicht mehr nach vornehmer Bekanntſchaft ſtrebte. „So,“ ſagte die Bürgermeiſterin, die dieß in einer vertraulichen Ecke von dem Rathsherrn erfahren hatte, da der Alte wußte, es würde Marie Luiſens Aktien heben,„ſo, ſie haben ſie zu ſich eingeladen! Sie that ſehr wohl daran, daß ſie es ablehnte— denn dieſe Wohlthat hätte nur für ein Paar Wochen ge⸗ golten, und ſie hätten damit Alles abgethan geglaubt; unſere Stadt dagegen thut nie etwas halb. Aber Schweſter Grete, ſie hätte das ſchöne Trauerkleid da den Tag, wo ſie hieher kam, wohl bei Seite laſſen können.“ „Sie hat kein anderes Trauerkleid,“ flüſterte die Rathsherrin.„Und es würde Aergerniß gegeben ha⸗ ben, wenn ſie in einem farbigen erſchienen wäre.“ „Das iſt wahr— aber ſie darf ihr beſtes Kleid nicht an den Werktagen verderben,“ fuhr die Bürger⸗ meiſterin fort, die jetzt ein Recht zu haben glaubte, ſich in Alles zu miſchen, ſogar in Marie Luiſens An⸗ zug.„Ich werde ihr morgen ein ſchwarzes Bombaſſin⸗ kleid ſchicken, das ich abgelegt habe, das kann ſie ab⸗ ändern und wieder recht hübſch herrichten, da ich, Gott ſei Dank, nie am Zeug ſparen durfte, wenn ich mir etwas Neues machen ließ.⸗ „Und ich,“ ſagte die kleine Pfarrerin,„werde ihr einen ſchwarzen Shawl und eine Schürze ſchicken, die beide noch recht hübſch ſind, da ich erſt vor zwei Jah⸗ ren darin um meine Großmutter trauerte.“ Nachdem dies entſchieden war, fühlte man ſich befriedigt, denn man war ja jetzt ſicher, das ſchöne Fräulein vom Dacherker, die gnädige Frau von Mal⸗ kolmsnäs, in einem alten ſchwarzen Bombaſſinkleide zu ſehen, das doch am beſten für ſie paßte. Was die Art und Weiſe betraf, wie ſich Marie Luiſe jetzt benahm, ſo waren Alle mit der anſpruch⸗ loſen Einfachheit und ungeſuchten Artigkeit derſelben zufrieden. Allerdings meinte man, ſie hätte noch de⸗ müthiger ſein und etwas mehr danken können, aber in ihren Augen lag Etwas, das dankte, und man war nicht abgeneigt, zu geſtehen, daß ſie ſich im Ganzen benähme, wie es ſich für ſie ziemte. Als man ſich am Abend trennte, erhielt Marie Luiſe eine Menge Einladungen und das ſehr dringende, denn man hatte noch nicht die Hälfte von dem erfah⸗ ren, was man gerne gewußt hätte. Endlich war die Stunde da, wo Marie Luiſe an der Seite ihrer Mutter die Wohnung wieder betrat, aus der ſie vor ſechs Jahren als eine reiche Erbin yerausgegangen war, und wohin ſie jetzt ſo arm zu⸗ rück kehrte, daß ſie keinen Stuhl, keinen Tiſch hatte, an den ſie ſich hätte lehnen können. Sie wankte zum Fenſter im Erker, und hier ſank Marie Luiſe auf die Kniee, Gott preiſend und dankend, daß er ſie nach allen dieſen Stürmen und Prüfungen den Hafen hatte erreichen laſſen, der ihr früher klein geſchienen hatte, jetzt aber groß genug war. Hier war ihre glückliche Jugendzeit hingefloſſen, hier ſollte ſie vielleicht ihr ganzes künftiges Leben zubringen. Es war Mariet Luiſe, als ob ein Hauch himmliſcher Ruhe ihr Herz ſch mir rde ihr en, die i Jah⸗ an ſich ſchoͤne Mal⸗ leide zu Marie ſpruch⸗ erſelben och de⸗ aber in un war Ganzen Marie ngende, erfah⸗ uiſe an betrat, Erbin erm zu⸗ hhatte, kte zum auf die ſie nach en hatte n hatte, lückliche icht ihr Marie hr Herz 291 berührt habe; ſie athmete leichter, ſie fühlte weder Furcht noch Verlangen, weder Sehnſucht noch Erinne⸗ rung— Alles war aufgelöst in der Wonne des Au⸗ genblicks. Leiſe näherte ſich die gütige Mutter und legte ihre Arme um die theuere, gereinigte Tochter.„Mein Kind, mein geliebtes Kind! hier werden wir wieder werden, was wir einſt waren. Ach wie groß, wie gütig iſt Gott!“ „Ja,“ antwortete Marie Luiſe, indem ſie die ge⸗ falteten Hände gegen den Himmel aufhob, zu den tauſend funkelnden Welten in der ruhigen Bläue,„ja wie gütig, wie groß! Nie in meinem Leben werde ich dieſen Abend vergeſſen.“ Am nächſten Morgen ſollte Marie Luiſe andere Gefühle bekommen. An dieſem Tag ſetzte die Stadt ihre ſchönſten Kräfte in Bewegung; Jungfern und Laufmädchen wurden zu Dutzenden von allen Stadt⸗ frauen mit den tauſend verſchiedenen Bedürfniſſen in Bündeln, Körben und Paketen herbei geſchickt, welche man für unumgänglich nothwendig für die Neuange⸗ kommenen erachtete. Die Freigebigkeit überfluthete nicht nur in Eßwaaren, ſie zeigte ſich auch in einer Menge mehr oder weniger abgetragener Kleidungs⸗ ſtücke vom ſchwarzen Bombaſſin⸗Kleid der Bürger⸗ meiſterin bis zum Weißzeug herab. Wenn man die Abſicht gehabt hätte, eine recht peinliche Tortur zu erfinden, ſo hätte man es auf keine beſſere Weiſe zu Stande bringen können, als gerade durch dieſes Ver⸗ ſöhnungsfeſt. Marie Luiſe war zwar allerdings, wie die Stadt es nannte, vom Unglück betäubt; aber ſie hatte doch noch ſo viel feines Gefühl, daß ſie es tau⸗ ſendmal vorgezogen hätte, Nächte lang zu arbeiten, als einen ganzen Tag ſo dazuſtehen und zu danken, und ſich zu verneigen und ein Bündel nach dem an⸗ dern aufzulöſen, ohne daß ſie wagen durfte, Etwas 292² zurückzuweiſen oder etwas Anderes als die größte Dankbarkeit und Zufriedenheit zu zeigen. Als am Abend die Thüren geſchloſſen wurden, ſank Marie Luiſe, welche ihre bittern Gefühle nicht länger zurückzuhalten vermochte, an die Bruſt ihrer Mutter und verbarg das Geſicht an ihrer Schulter. „Ja, ja, mein Kind,“ ſagte die gute Mutter, indem ſie die Stirne der Tochter aufhob, die vor Schaam glühte,„das hatteſt Du noch durchzumachen! Aber mit dieſem Tag, das wag, ich zu prophezeihen, wird Dein Unglück aufhören. Die Stadtbewohner ha⸗ ben ſich im Ganzen weit beſſer benommen, als ich je zu träumen wagte, und dafür haben wir nur des Nathsherren, den vortrefflichen Menſchen, zu danken, unſern wahren Freunden, die ſo gut für uns ſorgten.“ „Ja, bei dieſen iſt es Menſchenliebe und wahre Theilnahme,“ ſagte Marie Luiſe,„und deßhalb thut es dem Herzen wohl, die Beweiſe ihrer Gefühle ent⸗ gegenzunehmen; aber, Mama, das fleckige, alte Bom⸗ baſſin⸗Kleid der Bürgermeiſterin tragen zu müſſen— „Mein liebſtes Kind— willſt Du, die den Schlag des ſchwerſten Unglücks gefühlt hat, vor Mückenſtichen zurückweichen! Erinnere Dich, wie gut Alles das ge⸗ meint iſt, wenn man auch denken könnte, daß ein fei⸗ neres Zartgefühl den Werth der guten Abſicht erhöht haben würde. Ich kann nicht glauben, daß Du die⸗ ſer Kleinigkeit irgend einen Einfluß auf Dich vergönnſt! Waſche das Kleid und ſtelle es ſo ſchnell wie möglich her— Du mußt, um den alten Neid recht zu be⸗ ſänftigen und Demuth zu zeigen, das Kleid anziehen, wenn Du zur Bürgermeiſterin gehſt.“ Und ſo geſchah es. Marie Luiſe fand zwar die Buße hart, aber ſie unterwarf ſich derſelben dennoch und nie lächelte die Bürgermeiſterin ſüßer, als da ſie Marie Luiſe im Arme haltend, dieſe im Zimmer herum ſchwenkte und ſagte:„Mein Gott! wie artig das Frauchen iſt, daß — öͤßte ſank nger utter atter, vor chen! eihen, r ha⸗ ich je des einken, ten.“ vahre thut ent⸗ Bom⸗ n— ſchlag ſtichen s ge⸗ n fei⸗ erhöht t die⸗ önnſt! öglich zu be⸗ ziehen, ber ſie lte die iſe im te und t, daß 293 ſte den alten Fahnen ſo heraus geputzt hat! Ja, ja, das Unglück iſt ein guter Lehrmeiſter.“ 5 r Nach einer langen, für die Ungeduld der Raths⸗ herrin allzulangen Erwartung war die Woche endlich zu Ende. Eben als die Alte eines Abends zum Vater ſagte:„Jetzt, denke ich, könnte er ſchon ein Paar Mal hier ſein,“ ertönten Schellen. Ein Schlitten fuhr vor und in einigen Augenblicken ſtand William mitten in dem kleinen Wohnzimmer, umſchloſſen von den Armen ſeiner lieben Hauswirthe, und ſie ſelbſt in die ſeinigen ſchließend. Gerade über im Dacherker war es noch finſter, denn nach alter Sit! wurden die Lichter nicht früh⸗ zeitig angezündet, und das Feuer war bereits ver⸗ glimmt. Aber beim Klang der Schellen ſteckte Marie Luiſe den Kopf zwiſchen die Rollgardine und ſah eine nur zu bekannte Perſon ausſteigen. Sie hatte William nicht mehr geſehen, ſeit dem Anfang ihrer Ehe, wo er Malkolmsnäs jenes eine Mal beſucht hatte; aber oft unter der Zeit des Elends hatte ſie ſeine wohl⸗ thuende Nähe verſpürt. Jetzt dagegen fühlte ſie ſchon bei dem Gedanken an ſein Wiederſehen die höchſte Unruhe und Verlegenheit, und wünſchte, daß er nicht zu ihnen kommen möchte, wenigſtens nicht ſo bald. Lange nachdem er hineingegangen war, weilte ihr Blick, wie er jeden Abend that, auf dem neuen wei⸗ ßen Hauſe, das prächtig über die andern hinleuchtete. Marie Luiſe konnte es nie betrachten, ohne darüber nach⸗ zudenken, wie ſich die Verhältniſſe jetzt geändert hatten, noch konnte ſie verhindern, daß ihr Herz klopfte und ihre Wangen brannten, wenn ſie ſich erinnerte, wie der Beſitzer als Fremdling hieher gekommen war, um ſich in der Stadt niederzulaſſen, wo ſie damals daheim war. Jetzt war er hier daheim und ſie fremd. Die Erkerſtübchen. 19 —— 294 Die Rathsherrin, die geſehen hatte, daß es bei der Nachbarin finſter war und William alſo keine Ver⸗ änderung bemerkt haben konnte, gab dem Vater einen Wink, ſich ruhig zu verhalten, und ſo viel es auch dem Rathsherrn koſtete, der Mutter hierin zu Willen zu ſezue ſo hatte er doch nicht das Herz, ihre Freude zu ören. Die Alte, die ſonſt immer an den Heimkehraben⸗ den William lange unten behalten wollte und ihn über⸗ dieß heute Abend recht im Zuge ſah, alles Alte und Neue aus ſeiner Heimath zu erzählen, konnte dennoch, ſo gerne ſie ihm auch zuhörte, die Ueberraſchung nicht länger aufſchieben, die ihren kleinen Ingenieur erwar⸗ tete und gab ein heftiges Kopfweh, ſowie das Bedürf⸗ niß der Ruhe, das William ſelbſt fühlen müßte, als Grund an, um ſich früher als gewöhnlich zu trennen. William, der dieß ganz unerwartet fand, grübelte darüber nach, ob ihm wohl im Zimmer ſelbſt durch irgend ein neues Möbel oder dergleichen eine Ueber⸗ raſchung werden ſollte, und nahm daher gute Nacht, 6 um die Geduld der Alten nicht länger auf die Probe zu ſtellen. Nach ſeiner Gewohnheit ſtellte er das Licht an das Bett und ging nach dem Fenſter, deſſen Gardine auf⸗ gezogen war, und wenig fehlte, ſo hätte er ſich entwe⸗ der für närriſch oder für träumend gehalten, als er das Dacherker gegenüber beleuchtet und auf den Roll⸗ gardinen daſſelbe Schattenſpiel, dieſelben Umriſſe ſah, die vor langen Jahren ſo hundertmal ſein Herz in Flammen geſetzt hatten. 8 Nachdem er einige Augenblicke in ſtummer unaus⸗ ſprechlicher Angſt, daß Alles bald wieder verſchwinden würde, ſein geliebtes Schattenſpiel betrachtet hatte, ſtürzte er heftig hinaus, fand jedoch die alte Utter ſchon im äußern Zimmer, bereit den Lohn ihres Schweigens und ihrer Feinheit zu empfangen. — 4 8 eigens „Was iſt das? was will das heißen?“ fragte er und zeigte hinüber. „Ei, beruhige Dich, mein William! Es ſind Mieths⸗ leute, ſo viel ich weiß.“ „Welche? welche?“ „Ei, ei, wie heftig— Du ſchreckſt mich zu Tod! Zwei Frauenzimmer ſind es.“ „Und Niemand mehr— wo iſt denn—“ „Der, den Du meinſt,“ antwortete die Alte in tiefer Rührung,„iſt fort, weit fort; er iſt todt.“ William ſank auf den Stuhl nieder und lehnte den Kopf gegen den Fenſterpfeiler. Ueber ſeine Lippen ſchwebten nur vier Worte, aber ſie wurden in einem Tone ausgeſprochen, der die Größe und Tiefe ſeiner Gefühle mehr als alle Worte ſchilderte:„Marie Luiſe iſt Wittwe!“ Nachdem die maäͤchtige, ſinnverwirrende Ueberra⸗ ſchung des erſten Augenblicks ſich gemildert hatte, er⸗ zählte die Alte und auch der Alte, der jetzt hinzugekom⸗ men war, wie Alles geſchehen und gemacht worden ſei. Zuerſt kam der Tod des Lieutenants an die Reihe, dann der Brief der Frau N., ſodann die große Seſſion bei der Bürgermeiſterin, die Abreiſe des Vaters, der Zu⸗ ſtand, in dem er die Frauen fand, ihre Wiederkehr, ihr Empfang in der Stadt, der Tag der großen Klei⸗ derſchickung— Alles bis auf die Klemme, die Marie Luiſe in dem alten Bombaſſin⸗Kleid der Bürgermeiſte⸗ rin auszuſtehen gehabt hatte, Alles, Alles wurde er⸗ zählt, während William im Freudenfieber weinte und lachte, und den Alten in die Arme drückte, ſeine Hand⸗ lungsweiſe preiſend. Aber bei der Bombaſſingeſchichte fing er an ganz wüthend zu werden:„Sie wollen ſie,* ſagte er,„mit ihrer gemeinen Schadenfreude ganz zu Grunde richten, die abſcheulichen alten Weiber!“ „Pfui Williamchen!“ drohte die Rathsherrin,„wie kannſt Du Dich unterſtehen, uns ſo zu nennen? Ich verſichere Dich, daß mit dieſer kleinen Verſöhnung alles 296 Unebene ins Reine gebracht worden und nun wieder ganz in dem Zuſtande iſt, in dem es war. Die ganze Otatt hat Beweiſe der freundlichſten Geſinnungen ge⸗ geben.“ .„Ja, ja, Tante Grete, das mag ſein— ich kenne die Stadt und ihre guten Geſinnungen und ſchätze ſie nach Verdienſt! Aber ſage mir jetzt dafür, wie ſich Ma⸗ rie Luiſe als Wittwe benimmt?“ „Ganz wie man es von einem Weibe von ihrem Verſtand und guten Herzen erwarten kann. Jedermann wird zwar einſehen, daß ſie ihn eben nicht ſehr bewei⸗ nen kann; aber es liegt doch etwas Trauriges und Tiefernſtes in ihrem ganzen Weſen, und wenn ſie von ihrem Manne ſpricht, den ſie doch nicht viel Urſache hat zu loben, da er nicht nur Alles durchbrachte, was ſie hatte, ſondern ſie auch auf jede andere Weiſe un⸗ glücklich machte, ſo geſchieht dieß mit allen Zeichen der Liebe und der Duldung. Gewiß war ſie ein muſter⸗ haftes Weib.“ „Ja wohl, muſterhaft!“ ſagte William, indem er heftig auf und abging. „Ich weiß, was ſie war; ich bin manchen finſtern und einſamen Abend draußen vor dem niedern Fenſter geſtanden und habe gehorcht, wie ihre Lippen ihn mit Engelsworten baten und beſchworen, anders zu werden. Und mit welch beiſpielloſer Geduld hat ſie nicht das Elend der Armuth getragen! Nie klagte ſie, nie ver⸗ letzte ſie den mit einem Vorwurf, der ſie ins Verderben geſtürzt hatte— ach, ſie war mehr als ein Engel; denn die Engel mag es wohl nicht ſoviel koſten, rein und gut zu ſein, aber ſie war ein Weib und erhob ſich über alles Irdiſche, über alles Gemeine! Ich habe ſie bewundert, ich habe ſie vergöttert, und ich will es vor der ganzen Welt ſagen, daß ich Niemand kenne, der einer größeren Hochachtung würdig wäre.“ 2„Mein lieber Junge, da⸗wirſt Du zu offenherzig,“ lächelte die Rathsherrin.„Halt ein mit dieſen Dingen —&—— —9——, ——, kenne, erzig,“ Dingen und laß ums Himmels willen Niemand ahnen, daß Du auf dieſe Weiſe herumgeſpäht haſt, denn nicht Alle würden darüber ſo urtheilen, wie ich und der Vater.“ William erröthete und, indem er ſeiner alten treuen 3 Freundin die Hand reichte, erwiederte er:„Weiſe ge⸗ ſprochen, Tante Grete! Ich ſchäumte über— aber ver⸗ giß Alles, das Letzte ausgenommen! Denn ich bleibe dabei, ſie iſt mehr als ein Engel und der größten Hochachtung würdig.“ Mit einem herzlichen Gute Nacht entfernten ſich die beiden Alten und ließen William im ungeſtörten Genuß des Schattenſpiels an der Gardine. 28. Da verkehrt und dort verkehrt, Alles geht verrückt. Bellmann. Am folgenden Morgen begann William ſeine al⸗ ten Operationen mit den Jalouſieen, die zur Zufrie⸗ denheit der Rathsherrin manches liebe Jahr ganz ge⸗ blieben waren. Da lag er jetzt über den Tiſch gelehnt, und genoß den mehr als ſüßen Anblick von Marie Luiſen's Arm, der ſich am Fenſter hin und her bewegte, während ſie ſich mit den Blumen beſchäftigte, welche der Rathsherr Utter ihr geſchenkt hatte. Dieſe Hand, die den Stän⸗ gel dort aufrichtete und feſt machte, war ſie nicht eben ſo weiß und ſchön, wie ehemals? Und dieſes, von Lei⸗ den blaß gewordene Geſicht, trug es nicht einen Aus⸗ Pru der Schönheit, des Friedens, der hinreißend. war. 298 Mehrere Male ergriff William den Hut, um wie ehedem hinüber zu gehen; aber ſonderbarer Weiſe hatte ſich mit der Verſetzuug in die alte Zeit auch die alte Schüchternheit wieder eingeſtellt. Er wußte nicht, ob ſie ahnte, daß ſie ihm manche Linderung ihrer Noth zu verdanken hatte, aber das wußte er, daß er ſelbſt ſich dieſes einbilden und es nicht recht wagen würde, ſie anzuſehen, da er nicht gewiß war, ob dieſe Theilnahme, in der ſich eine nie verſchwundene Zärtlichkeit ausge⸗ ſprochen hatte, ihr angenehm geweſen war. Und jetzt iſt ſie frei! „ Frei“— Dieſes Wort hatte die ganze Nacht hindurch in ſeinem Ohre geklungen; und mit ungemei⸗ ner Genauigkeit hatte er ausgerechnet, wie viele Tage auf ein Wittwenjahr gehen. Leider hatte es eben ſo viele Tage, als ein anderes— und ein Jahr überhaupt kam William wie ein ganzes Jahrhundert vor. Schon den ganzen Morgen über hatte Frau N. die gemietheten Möbel abgeſtäubt und gefegt. Marie Luiſt hatte ihr ſchönes Wittwenkleid angezogen; die weiße Kopfbedeckung ſtand ihr ſo gut. Jedes Mal, wenn es auf der Treppe knarrte, ſa⸗ hen die beiden Frauen einander an. Frau N. lächelte, Marie Luiſe wurde roth; aber immer hatten ſie ſich getäuſcht. Es war entweder Eins von den Hausleu⸗ ten, das auf die Bühne ging, oder war es eine Sen⸗ dung von dieſer oder jener Frau nach einem Kleid, einer Haube, einem Kragen und dergleichen. Es wurde Mittag. Jetzt konnte Niemand mehr kommen. „Nun,“ ſagte die Rathsherrin bei Tiſche,„was haſt Du den ganzen Vormittag über bei Dir oben ge⸗ than, Williamchen? Ich dächte, Du hätteſt ausgehen und Jemand beſuchen ſollen— Du gehſt wohl heute Abend dafür hin?“ „Ja, ich ſollte wohl!“ meinte William. Aber ob er nun ſollte oder nicht ſollte, ob er K 299 wollte oder nicht wollte, er kam nicht dazu. Er war angezogen, er griff wohl zehn Mal zu Hut und Hand⸗ ſchuhen; aber beim Gedanken, daß er jetzt nothwendig Marie Luiſen ein Paar bedauernde Worte über ihren Wittwenſtand und Etwas über ſeine Freude, ſie nach ſo langer Zeit wieder in der Stadt zu ſehen, ſagen müſſe, entfiel ihm aller Muth, und nicht nur dieſer Abend ging vorbei, ſondern auch noch mehrere folgende Tage, ohne daß er hinüber kam. Da ſagten die Schweſtern im Sitzungszimmer der Bürgermeiſterin:„Williamsſon handelt ungemein ach⸗ tungswerth und ſchön, daß er ſeine Gedanken ſo deut⸗ lich kundgibt.“ Die Rathsherrin ſagte:„Mein Williamchen, Du ſollteſt Dich ſchämen!“ Frau N. ſagte:„Kann die Zeit ihn ſo verändert haben?“ Marie Luiſe ſagte Nichts. So verfloß eine ganze Woche. Die Damen im Dacherker fingen ſchon an zu glauben, daß jetzt keine Rede mehr von einem Beſuche ſein werde, als in einer ſtillen Dämmerungsſtunde, da das Kaminfeuer Marie Luiſens ſchöne Geſtalt beleuch⸗ tete, während ſie davor ſaß und ſtickte— die Thüre leiſe aufging und eine Perſon mit einer großen Papier⸗ rolle unter dem Arm in halber unentſchloſſener Bewe⸗ gung auf der Schwelle erſchien. „Ach, willkommen, beſter Ingenieur Williamsſon 14 ſagte Frau N. herzlich. Eine leichte Purpurwolke flog über Marie Luiſens Geſicht. Dieſer Name hatte doch einen wunderbaren Klang, und der Anblick des Mannes eine noch wunder⸗ barere Macht. Sie war eben ſo wenig wie William ſelbſt im Stande, auch nur ein einziges Wort hervor⸗ zubringen. Es lag zu viel, zu viel in dieſem Moment, um den Gedanken einen Laut zu erlauben. „Haben Sie die Güte und nehmen Sie Platz⸗ mein beſter Ingenieur!“ fuhr Frau N. fort, welche merkte, daß ſie allein werde ſprechen müſſen. William verbeugte ſich und nahm einen Stuhl neben Marie Luiſen, die ſich tief ſchämte, daß ſie dem nichts zu ſagen wußte, der ein herzliches Wort von ihr ſo wohl verdient hatte. Aber es war ihr unmöglich, zu danken: damit hätte ſie ja zu erkennen gegeben, daß ſie gewußt, von wem all jene Aufmerkſamkeiten kamen. Endlich fiel ihr Blick auf die Papierrolle, die er noch unter dem Arm hatte, und dieſe half ihr aus der peinlichen Verlegenheit.„Ach,“ ſagte ſie mit einem Lächeln, das für William etwas ſo Süßes und Anziehen⸗ des hatte,„da haben Sie wohl eine Karte— der Herr Ingenieur will mir alſo noch einmal eine jener Arbeiten anvertrauen, die ich früher—“ Aber hier konnte Marie Luiſe nicht weiter. Die Erinnerung ſchloß ihr die Lippen. „Ich wußte nicht recht,“ antwortete William, in⸗ dem er die Karte verlegen hin und her zog,„ob ich es wagen dürfte! Aber die Tage fangen jetzt an heller zu werden, ſo daß wahrſcheinlich—“ „Ach ja, ſo iſt es“— fiel Marie Luiſe ein,„es wird mir ſo angenehm ſein, eine alte Arbeit wieder anfangen zu dürfen.“ „Und darf ein alter Freund,“ fuhr William fort, der ſich, da das Eiſen einmal gebrochen war, beſſer zu Muthe fühlte,„darf er es wagen, ſeine Nachbarinnen wie früher zu beſuchen und ihnen ſeine Rathſchläge mit⸗ theilen?“. Marie Luiſe ſchwieg. Aber Frau N. verſicherte, daß ſie mit Ausnahme von Rathsherren Utters Nie⸗ mand wüßte, der ihr willkommener ſein könnte. Man zündete Licht an. William ſetzte ſich an das Tiſchchen neben Marie Luiſe, die jetzt ihre Stickereien wieder vornahm. Welche Augenblicke kamen nun für ihn, der die Seligkeit, in ihrer Nähe zu ſein, ſo lange hatte entbeh⸗ 301 ren müſſen! Für den Anfang begnügte er ſich mit dem bloßen Anblick. Es kam ihm vor, als ſei ſie unaus⸗ ſprechlich viel ſchöner geworden; die Zeit, die ſie in der Schule des Unglücks verlebt hatte, hatte ihren Zügen eine Reinheit und einen Glanz gegeben, die ſie früher nicht beſeſſen. Doch die Unterhaltung kam bald in Gang; und was man ſprach, das trug den Stempel der Herzlichkeit, der innern Seligkeit. „Was für ein großes und ſchönes Haus der Herr Ingenieur gebaut hat!“ ſagte Frau N.„Es iſt eine wahre Zierde der Stadt.“ „Der leere Bauplatz mußte ausgefüllt werden,“ meinte William,„und es war mir eine angenehme Unterhaltung in den Zwiſchenzeiten meiner Geſchäfte ein Ziel für meine Thätigkeit zu haben. Was den Garten betrifft, der vielleicht das Beſte am Ganzen iſt, ſo verdanke ich ihn hauptſächlich den Bemühungen des Rathsherrn Utter. Nächſten Sommer, hoffe ich, wer⸗ den wir die prächtigen Anlagen des Rathsherrn be⸗ wundern.“ „Ich glaubte,“ ſagte Marie Luiſe,„der Herr Ingenieur ſei noch wie ſonſt den Sommer über fort?“ „Nicht ganz! Wenn der Feldmeſſer eine Reihe von Jahren gearbeitet hat, ſo kann er einen großen Theil der Geſchäfte gewandten Gehülfen anvertrauen. Ich reiſe zwar noch viel und arbeite auch noch in Feld und Wald — was ich fortſetzen will, ſo lange ich zur Arbeit fähig bin, denn ich liebe die Thätigkeit— aber ich habe nicht weniger als vier Mitarbeiter, die mir meine Laſt tra⸗ gen helfen.“ „Und auch die Erndte mit einziehen,“ verſetzte Frau N. „Sehr wahr, und da Gott ſie geſegnet hat, ſo kann ich mir auch den Sommer über hie und da Vakanz machen.“ Daß Williams Beſuche erneuert wurden, obwohl in ſchicklichen Zwiſchenräumen, verſteht ſich von ſelbſt Wieder ſaß Marie Luiſe da und illuminirte Kar⸗ ten; wieder ſtand William hinter ihrem Stuhl und folgte aufmerkſam jeder Bewegung ihrer Hand. Und wandte ſie dann bei irgend einer zufälligen Frage den Kopf, ſo begegnets ſie einem Blick, der ihr trotz der Wittwentracht das Blut in die Wangen jagte. Aber wenn ſich William auf dieſen Blicken ertappt ſah, die noch als Kontrebande betrachtet werden konnten, ſo gab er immer Geſchäfte vor und eilte heim. Er fürchtete ſich ſo ſehr, Marie Luiſen Veranlaſſung zu einer Klage über Mangel an Zartgefühl zu geben. „Dieſe Biſten,“ hieß es jetzt unter den Stadt⸗ damen,„fangen wirklich an, verdächtig zu werden— aber er wird doch nicht ſo alles geſunden Menſchen⸗ verſtandes baar ſein, unſer braver, vortrefflicher Inge⸗ nieur, daß er ſeine Blicke im Ernſt auf den allerge⸗ ringſten Gegenſtand heftet, da er ſich doch ſichere Hoff⸗ nung auf die beſten Partien in der Stadt machen kann!“ „O nein, o nein,“ tröſteten ſich die würdigen Da⸗ men ſelbſt,„es iſt nur Menſchlichkeit, reine Menſchlich⸗ keit, weil er uns nachahmen will! Es weiß ja Jeder⸗ mann, daß ſie nie mehr nöthig hatte, Karten zu illu⸗ miniren als jetzt!’¹? Aber die Rathsherrin kneipte ihren kleinen Inge⸗ nieur in die Wange und ſagte:„Nimm Dich nur in Acht, und thue nichts zur unrechten Zeit— erinnere Dich, daß es lang iſt, bis das Jahr zu Ende geht; weißt Du das, mein junger Herr?“ William antwortete in demſelben ſcherzhaften Tone: „Wenn das Wittwenjahr zu Ende iſt, ſo darf die Wittwe heirathen. Aber hat Tante Gretchen auch ge⸗ hört, welche Zeit das Geſetz zum Anfang einer neuen Werbung feſtgeſetzt hat?“ Du Spitzbube— das Geſetz konnte nicht an Alles denken. Müßte aber ich ein Geſetz machen, ſo ſollte Werbung und Hochzeit immer ſchnell auf ein⸗ 303 ander folgen, denn geheime Verlöbniſſe haben mir nie gefallen!“ „Um ſo mehr haben ſie mir gefallen,“ ſagte Wil⸗ liam,„doch Noth kennt kein Gebot: im April reiſe ich aufs Land.“ „Und bleibſt bis zum Spätherbſt!“ fuhr Tante Grete fort. „Ja, wir wollen ſehen. Bis Pfingſten— das wird ſich ſchon machen laſſen!“ „Biſt Du toll! Pfingſten iſt ja——, „Einen ganzen Monat nach Oſtern,“ unterbrach ſie William;„kann Tante Grete mit Grund mehr ver⸗ langen?“ „Ja, Dul das kann ich! Strecke mir die Naſe nicht vor Johanni hieher, ſonſt nehme ich Dich nicht gut auf. Schicklichkeit muß ſein, hörſt Du, mein Junge, ſonſt will die Alte nichts damit zu ſchaffen haben.“ „Nun gut, alſo bis Johanni.“ Als William im April Abſchied nahm, mußten ihm die Frauen verſprechen, ſeinen Garten als den ihrigen anzuſehen; aber er nahm zugleich Tante Grete das Verſprechen ab, ſie nicht in das neue Haus zu laſſen. Die Tante errieth wohl warum, und errieth auch, wann die Zimmer gezeigt werden ſollten. Deß⸗ halb b ſie das gewünſchte Verſprechen und hielt es auch. Hinter der Gardine ſtand Marie Luiſe und ſah, wie William abreiste. Frau N. war am Fenſter und empfing ſeinen herzlichen Abſchiedsgruß. Wie verſchieden war dieſer nicht von dem, den ſie an derſelben Stelle bei einer andern Gelegenheit empfangen hatte. „Es wird jetzt lange anſtehen bis wir ihn wieder zu ſehen bekommen, ſagte die Mutter, indem ſie den Blick der Tochter ſuchte, aber dieſe vermied denſelben upen ſah wieder auf die Arbeit nieder. cect Als der Frühling kam, ging Marie Luiſe 304 Seite der Rathsherrin in den geſandelten Wegen des Gartens auf und ab, wobei ſie eine Seligkeit, einen Frieden genoß, den ſie lange für immer verſchwunden wähnte. Mit jeder Morgenſonne, die neu über ihrem Leben ſtrahlte, erweiterte ſich ihr Herz mehr und mehr. Die dunkeln Wolken vergingen und ließen endlich nur noch eine Erinnerung zurück, die zwar ſtets wehmüthig, aber doch ohne Bitterkeit war; denn überſtandenes Un⸗ glück verleiht, wenn nur der Friede des Gewiſſens ge⸗ borgen iſt, eine Seligkeit, die nicht minder groß iſt, als die Freude, obſchon ſich ein Ton zitternden Schmer⸗ zes ſtets durch dieſelbe hinziehen muß. Es war Marie Luiſens höchſtes Vergnügen, wenn ſie bei Sonnenuntergang im Schatten der Spaliere des Rathsherrn ſitzen und auf den Fluß hinausblicken konnte, der ſo nahe lag, daß ſein Waſſer gegen das Staket des Gartens ſpritzte. Wie war es hier ſo ſchön, wie war es ſo ruhig und harmoniſch! Bald wurde der Beſitzer daheim erwartet, wie würde es dann wer⸗ den? Bei dieſem Gedanken, der gegen ihren Willen ſo oft wiederkehrte, bebte ein lange zurückgewieſenes Ge⸗ fühl durch ihr Herz. Sie zwang ſich jedoch dieſen Ge⸗ enſtand zu vergeſſen, der ihre Begriffe verwirrte und e träumen machte, wenn ſie arbeiten ſollte. Es verzögerte ſich einige Tage über Johanni, bis William zurückkam, und die Rathysherrin fürchtete ſchon wieder einen Brief„im Namen der Menſchlichkeit“ zu bekommen, als endlich ihr Ingenieur friſch, ſonnver⸗ brannt und wohlbehalten, aber beinahe in einer höchſt üblen Laune darüber anlangte, daß ſeine ganze Ge⸗ ſchäfte ihn drei ganze Tage über die Zeit aufgehalten hatten, wo er hätte daheim ſein wollen. „Du kommſt um keinen Tag zu ſpät, da Du doch jedenfalls noch lange zu warten haſt, mein Junge,“ meinte Tante Grete beruhigend. Alles ber dieſe wohlmeinende Beruhigung der Alten ſollte Lein Tropfen Waſſer auf flammendes Feuer. ———— 82—————— à— 305 Einige Tage die der erwarteten Seligkeit abgeſtohlen wurden, ſchienen unerſetzlich, und konnten nur dadurch wieder eingeholt werden, daß man jetzt keine Sekunde verlor.. „Ums Himmelswillen! lauf doch nicht gerade fort wie ein Narr!“ ermahnte ihn die Rathsherrin,„Du biſt ja ſo ſtaubig, wie wenn Du auf der Landſtraße übernachtet hätteſt.“ „Das hab ich auch,“ ſagte William, indem er die Treppen zu ſeinen Zimmern hinauf eilte, denn Tante Grete hatte doch Recht; es mußte eine Toilette gemacht werden, wenn auch im Flug. „Wo ums Himmelswillen will Mama hin?“ ſagte Marie Luiſe und wollte ihre Mutter zurückhalten, die im Begriff ſtand, das Zimmer zu verlaſſen. „Ei wie biſt Du doch ſo ſonderbar, mein liebes Kind?“ antwortete Frau N.„wo ſollte ich denn hin, da ich doch nie wohin gehe, außer wie jetzt in die Küche, um meine Chokolade zu beſorgen?“ Gott ſei Dank! ſie hat wieder denſelben Abgang wie früher, und Frau N. ging auf das angegebene Geſchäft, ohne daß Marie Luiſe, die vor ſich ſelbſt nicht und noch we⸗ niger vor ihrer Mutter geſtehen wollte, daß ſie ihrer Hidendart bedürfe, den Muth hatte, ſie zurück zu alten. Um dieſe Zeit hatte Marie Luiſe ihre Wittwen⸗ tracht beinahe ſechs Monate lang getragen. Es war das erſte Mal, daß ſie, ohne recht zu wiſſen wie, die⸗ ſen Umſtand in Erwägung zog, und zum erſten Mal, daß ſie vielleicht unwillkuͤhrlich einige Veränderungen daran traf. Der heiße Sommertag und das ſchwarze, heiße Kleid ſtimmten auf keine Weiſe zuſammen. Ma⸗ rie Luiſe hatte neulich ein Mouſſelinkleid abgeändert, das für eine leichtere Trauer paßte. Dieſes wurde jetzt herbeigeholt; vielleicht hatte ſie aber nie ein ſo großes Gefuͤhl der Verlegenheit empfunden, als ſi dl erfuhr, da die Mutter den Kopf zur Thüre ſtreckte, um nach der Uhr zu ſehen und dabei verwun⸗ T dert rief:„Du wirſt doch in dem Kleid nicht ausgehen h wollen, mein liebes Kind?“ 4 je „Nein, ich will nicht ausgehen, Mama.“ n „Ich glaubte es, weil Du Dich anders an⸗ zogſt.“ b 2 „Soll ich denn nie ein leichteres Kleid anziehen b d dürfen— ich ſchwitze ja in dem ſchwarzen zu Tod.“ T Frau N. ſchloß die Thüre, ohne eine Antwort„ zu geben. Marie Luiſe öffnete ſie wieder.„Iſt denn dar⸗ d. über eine Bemerkung zu machen, Mamachen?“ B „Durchaus nicht, mein Kind! Du magſt immerhin g etwas an dem Traueranzug verändern. Das geht ol daheim ſehr gut, wenn Du nur nicht vergißt, daß et⸗ 1— 6 was Anderes nicht verändert werden darf, noch 2 kann.“ k Jetzt war es Marie Luiſe, welche die Thüre ſchloß und indem ſie den ſchon hervorgenommenen ſa Tüllkragen wieder aufhob, nahm ſie dafür den ſchwar⸗„ zen, ſeidenen Shawl hervor, den ſie vor dem Spie⸗ ſe gel über die Schultern warf. Aber das ſah doch gar zu traurig und feierlich aus; ſie konnte doch daheim 3 gl nicht in dem großen Shawl herum ſchweben, und es he war ihr ganz unmöglich, ſich für das kleine, häßliche Tuch der Paſtorin zu entſchließen. Von dem breitge⸗ fu falteten Trauerkragen, womit ſie ſich den ganzen Win⸗ ur ter über geſchleppt hatte, war natürlich keine Rede ch und es blieb alſo nichts übrig, als nach dem ſchwar⸗ al zen Florſchleier auf dem Hute zu greifen, dey auch ſo⸗ fie gleich abgelöst und in ein Schlingtuch verwandelt wurde, welches ſich auf dem weißen Halſe vortrefflich w ausnahm. Mit einigen Strichen über dem Haare m war die Toilette vollendet, und Marie Luiſe ſaß wie⸗ Idr der an ihrem Arbeitstiſch. AuEine kleine Weile verging, während welcher die 3 es neben der Stickerei auf⸗ und abfuhr, und Ma⸗ fie ſollte — 307 rie Luiſens Blicke zum öfteſten zwiſchen den Gardinen hinaus auf die Straße gingen. Auf einmal wurde ſie jetzt roth und blaß und wieder roth: es kam dort Je⸗ mand auf die Treppe heraus. Marie Luiſe ſtand auf und war Willens, zu ihrer Mutter hinaus zu gehen, ſetzte ſich aber wieder auf den Stuhl, ehe ſie ihren Entſchluß ausdenken konnte. Der ganze Stickapparat— o, daß jetzt die Frau Poſtmeiſterin ihre zierliche Haube hätte ſehen können! lag indeſſen auf dem Boden, und Marie Luiſe war damit beſchäftigt, die Tüllſtücke, Faden, Blumen und Bänder zuſammen zu leſen, als die Thüre ſchnell auf⸗ ging und William neben ihr ſtand. Es ſah aus, als ob er ſie in demſelben Augenblicke an ſein Herz ſchlie⸗ ßen wollte, und als ob er nur mit der größten Anſirengung die heftig wallenden Gefühle beherrſchen önnte. „Willkommen in der Heimath, Herr Ingenieur!“ ſagte Marie Luiſe, indem ſie ſich zu faſſen ſuchte. Hente muß es ſehr warm zum Fahren geweſen ein?“ „Warm? O, das iſt zu wenig geſagt! Die Sonne Kluht, der Sand auf dem Weg glüht, Alles glüht eute.“ „Aber wir haben doch hübſch kühl hier innen,“ fuhr Marie Luiſe fort, doch ohne jenes bezaubernde und kokette Lächeln, das früher einen Satz von ſol⸗ chem Doppelfinn begleitet hatte! Jetzt dagegen ſah ſie aus, als ob ſie weder mehr noch weniger dächte, als ſie ſagte. „Es wäre mir lieber, wenn es weniger kühl wäre,“ ſagte William;„denn ein ſtarker Wechſel hat mir immer wehe gethan und einen ſchmerzlichen Ein⸗ druck auf mein Gemüth ausgeübt. „Ohne Zweifel wird Mama bald hier ſein— wollen der Herr Ingenieur einſtweilen“— ihr Blick fiel auf einen der freien Stühle. 308 „Ach, ich bitte Sie, ſprechen Sie etwas weniger ich fremd! Wenn ich ſagen dürfte, was ich möchte, ſo me würde ich Ihnen zu bedenken geben, wie kalt Worte pr. dieſer Art zwiſchen Perſonen klingen, deren Bekannt: der ſchaft ſo alt iſt, wie die unſrige. Ich möchte nicht ew Frau von Wallden ſagen müſſen, ich möchte nicht Herrn me Ingenieur heißen— dieſe Worte haben eine tödtende G Kälte.“ da „Aber die Sitte, die Form“— ſtammelte Marie ich Luiſe. He „Die Sitte und die Form! ach, die ſind hier von Re ſehr geringem Gewicht gegen“— wi „Nein,“ unterbrach ſie ihn in ſichtlicher Unruhe, eir i find nicht von geringem Gewicht— erinnern Sie ne ſi—, je „O, ſein Sie verſichert, daß ich mich an Alles rie erinnere! Man iſt nicht im Stande, das zu vergeſſen, was ſich täglich am beſten ſelbſt anmahntz aber man im kann nicht eine ganze Ewigkeit lang von Sitte und M Formen leben! Ich ſehne mich unausſprechlich nach der einem Augenblick, wo dieſe, wenn man ihrer nicht die bedarf, abfallen dürfen, zum Zeichen, daß das Herz Th größere Rechte hat, als alle Formen der Welt.“ ken „Um Gottes willen! ſprechen Sie nicht ſo,“ bat tete Marie Luiſe, außer Standes, ſich länger einen Zwang vor aufzuerlegen. Ich bitte Sie inſtändig, ſprechen Sie zu nicht weiter.“ hal „Ach, Marie Luiſe, muß ich auch jetzt zum Schwei⸗ ber gen ermahnt werden?“ William nahm ihre Hand in mi die ſeinige, ſein Blick appellirte an ihre Erinnerung. 19 tre „Es iſt Vieles anders,“ antwortete ſie leiſe. hä „Ja, Vieles, Vieles iſt anders!“ wiederholte William,„und deßhalb, eben deßhalb meine theure, get meine beſtändig geliebte Marie Luiſe, ſollſt Du nicht rej weniger hart ſein, als mein eigenes Schickſal gegen wi mich war! Ich begehre ja nicht, daß ich heute vor nig der ganzen Welt ausrufen dürfe; Dieſes Weib, das 309 ich ſieben Jahre angebetet habe, für deſſen Glück ich mein Herzblut opfern wollte, die mir Thränen ausge⸗ preßt hat und— o Gott verhüte, daß ich jemals wie⸗ der ſolche vergießen müſſe— dieſes Weib iſt jetzt für ewig mein, mein, um alle meine Leiden zu belohnen, mein, um einmal im Genuß des höchſten, wahrſten Glücks des Lebens ſelbſt glücklich zu werden! Nein! das Alles, meine geliebte, ſüße Marie Luiſe, verlange ich noch nicht ſagen zu dürfen. Aber hier, in Deiner Heimath will ich es ſagen können, hier, wo es keine Neider gibt, keine lauſchende Ohren, hier, wo ich Dich wieder hören kann, ohne fürchten zu müſſen, daß ein einziges Deiner Worte von fremden kalten Lippen von mir weggeführt werde— O, ſprich! ſprich! ſind nicht jetzt alle Prüfungen, alle Sorgen vorbei? Iſt Ma⸗ rie Luiſe nicht mein?“ Das Gefühl der Seligkeit, das zu groß iſt, um im Herzen Raum zu finden, flüchtet ſich in's Auge. Marie Luiſe hatte zwar noch eine ſchwache Macht über den Dolmetſcher des Herzens, die Lippen, aber über die Blicke hatte ſie keine mehr. William ſah die Thräne in den Augenwimpern zittern und helle Wol⸗ ken über die Wangen hinflammen. Doch da er fürch⸗ tete, noch einmal denſelben Mißgriff zu begehen, wie vor ſechs Jahren, ſo wagte er's nicht, dieſe Sprache zu dolmetſchen. Er wollte einen ſprechenderen Beweis haben und würde vielleicht einen ſolchen erhalten ha⸗ ben, wenn nicht in demſelben Augenblicke Frau N. mit einem ganzen Arm voll Chokoladetafeln hereinge⸗ treten wäre und ihn herzlich willkommen geheißen hätte. William, der ſonſt immer freundlich und artig gegen die gute, würdige Frau geweſen war, mit der er ſich ſo oft in ihrem Kummer unterhalten hatte, wünſchte ſie jetzt, wo nicht gar zu weit, ſo doch we⸗ nigſtens in die Küche zurück. Aber Frau N. hatte Die Erkerſtübchen. 20 c im jaft ihre Geſchäfte für heute beendigt und blieb zu Wil⸗ amn⸗ unausſprechlicher Pein den ganzen Abend ſitzen. „Nun, in Gottes Namen! iſt es denn noch nicht im Reinen?“ fragte Tante Grete, als William zurück kam und ſie ihm gleich anſah, daß er das Ziel nicht erreicht habe. „Im Reinen— o, es kommt nie in's Reine! Morgen, liebe Tante Grete, mußt Du fie in meinen Garten zum Kaffee einladen und dann!“ William ſagte gute Nacht und drückte der Alten die Hand. Am folgenden Tag war William unaufhörlich in ſeinem neuen Hauſe beſchäftigt. Aber als der Nach⸗ mittag kam, half er Tante Grete den Kaffeetiſch in der kleinen Laube herzurichten, wo es ſo ſchön kühl vom Fluſſe her wehte. Zwar ging William in Ge⸗ danken tauſendmal die Dinge durch, welche an dieſem Abend vorkommen könnten, aber nichts deſto weniger hatte er, der Himmelsfahrten ungeachtet, ein aufmerk⸗ ſames Auge auf Alles außen und drinnen. Machte ihm das Schickſal nicht wieder einen Querſtrich, ſondern ging Alles nach Wunſch, dann ſollte die Feierlichkeit in dem neuen Hauſe ſchließen, eben in der Dockenſtube, wie Tante Grete die zwei Giebelzimmer nannte. Die Glocke hatte das bedeutungsvolle vier Uhr, dieſe beſtimmte Kaffeeſtunde für alle kleinſtädtiſchen Einladungen noch nicht ausgeſchlagen, als die Garten⸗ thüre von William ſelbſt angelweit aufgeriſſen wurde und der Rathsherr mit Frau N. unter dem Arm und die Nathsherrin mit dem ſchönen Fräulein vom Dacherker in Williams Paradies eintrat. „Ei, ei, wie der Ingenieur flott thut!“ ſagte Frau N., indem ſie die ſilberne Kanne und die an⸗ dern Lurusartikel betrachtete, die im Gold der Sonne blinkten.„Da ſeh einer dieſes Junggeſellen⸗Ser⸗ vice! Marie Luiſe begnügte ſich, die herrlichen Blumen⸗ dil⸗ zu bewundern, die aus zwei ſchönen Kryſtallvaſen end dufteten. icht„Ich danke,“ ſagte der Rathsherr, indem er fie rück auf die Schultern klopfte,„mein Blümchen ſchmeichelt icht dem Gärtner, während die Mama— nun, nun, meine 7 liebe Frau Nachbarin, ich will nichts Zweideutiges inel ſagen,“ ſetzte der Alte ſcherzhaft hinzu. inen„Und doch, mein beſter Vetter,“ antwortete Frau am N. in demſelben Ton,„war das, wie mir ſcheint, 5 wirklich etwas zweideutig?“ Die Rathsherrin ſetzte ſich an den Tiſch und be⸗ höin gann als Wirthin zu präſidiren, und jetzt war die 9 In Reihe an ihr, ein Lob für den Kaffee ſelbſt einzuernd⸗ kühl ten, indem man ſeines Gleichen noch gar nicht getrun⸗ Ge⸗ ken haben wollte.. eſem JIn fröhlicher Dienſtfertigkeit, und glückſelig, wie dgtr. ein Menſch es an dem Tage ſein kann, wo er die lgt Eliasfahrt zwiſchen Erde und Himmel zu machen hofft, ihm ging William von dem Einen zum Andern, und jeder dern ſeiner Blicke war Sehnſucht. Nachdem das Kaffeeſer⸗ hkeit vice hinweg genommen war und man eine Zeit lang tube über allerhand Dinge geplaudert hatte, ſagte die Raths⸗ ube, herrin zu der Frau N., daß ſie ihr zeigen wolle, wie Uhr groß ihre Zuckererbſen ſchon geworden ſeien. che 3 Ueber Gartengegenſtände konnte man nie ſprechen, rten⸗ ohne daß der Rathsherr dabei war. Er begleitete Atde alſo die beiden ältern Damen, und Marie Luiſe hätte Arm gerne daſſelbe gethan, wenn nicht die Rathsherrin Lain ganz unbefangen, wie es ſchien, geſagt hätte:„Liebe . Marie Luiſe, bleibe da! Ich fürchte, der Mops könnte ſagte auf den Tiſch ſpringen und die Vaſen zerſchlagen.“ 3i⸗ Und um den Mops und die Vaſen zu hüten, blieb onne Marie Luiſe ſitzen. Ser⸗ vEndlich!“ rief William, als die dichte Hecke, der Er⸗ Triumph des Rathsherrn, und nie ſo ſehr von William 2 geſegnet, wie jetzt, die ſpazierengehende Geſellſchaft umen ³ 7 X verdeckte,„endlich, meine Marie Luiſe, wird es keine Ausflüchte mehr geben! Hier—“ „Gehorſame Dienerin, gehorſame Dienerin, meine Herrſchaften! Was doch der Herr Ingenieur für einen angenehmen und ſchönen Garten hat!“ Die Thüre knarrte, und die Bürgermeiſterin und die Poſtmeiſterin, die, wenn es ſich um Kaffeeſchmäuſe handelte, die beſte Witterung in der ganzen Stadt hatten, und eben jetzt im Begriff geweſen waren, der Rathsherrin eine Viſite zu machen, nahmen ſich jetzt, wie ſie ſagten, die Frei⸗ heit, ihre gute Freundin da aufzuſuchen, wo ſie ſich eben befand. „Nun ſo ſoll es doch alle— Gehorſamer Diener, gehorſamer Diener, unendlich willkommen, meine Da⸗ men! Wie glücklich iſt mein Garten, daß er ſich dieſer Ehre rühmen kann! Aber da ich höre, daß die Raths⸗ herrin, unſere gute Wirthin, der eigentliche Magnet iſt, ſo erlauben Sie mir“— William bot beiden Da⸗ men artig den Arm, um ſie nach dem Theil des Gar⸗ tens zu geleiten, wo die Zuckererbſen wuchſen. Aber ſie verſicherten mit einem Munde, ſie befänden ſich ſo unendlich gut an dieſem ſchönen und kühlen Platze, daß ſie ſich zu ihrer kleinen Frau von Wallden ſetzen woll⸗ ten, ſofern ſie nicht beſchwerlich ſielen. „Ich möchte wiſſen,“ dachte William bei ſich ſelbſt, „wann ihr je etwas Anderes gethan hättet!“ Laut aber ſagte er:„Dann iſt es wenigſtens meine Pflicht, die Wirthin aufzuſuchen!“ Und alsbald eilte er fort, in⸗ dem er that, als höre er die warmen Verſicherungen nicht, daß dies keineswegs nothwendig ſei. Um keinen Preis wollte William allein zwiſchen Marien und die⸗ ſen Damen gausharren. „Man ſieht,“ ſagte die Poſtmeiſterin,„daß Frau von Wallden von der großen Hitze eben ſo ſehr ge⸗ plagt iſt, wie wir!“ Sie warf einen bedeutungsvollen Blick auf Marie Luiſens Mouſſelinkleid. „Ach ja,“ antwortete dieſe, indem ſie noch ſtärker 313 erröthete, da ſie fühlte, daß ſie erröthete, nes iſt ſehr warm.“ „Was ums Himmels Willen gibt es da?“ fragte Tante Grete, als ſie ihren kleinen Ingenieur mit der mißvergnügteſten Miene gegen ſich ankommen ſah und hu dann in's Ohr flüſterte:„Geh' Du jetzt Deiner ege.“ „Gäſte— ſo intereſſant, wie möglich!“ entgeg⸗ nete William.„Die Bürgermeiſterin, die Poſtmeiſte⸗ rin! Dieſe liebenswürdigen Unterröcke bringen Einen um mit ihren dummen Viſiten.“ „Still! nimm Dich in Acht, daß Du vor den Frauen nicht heraus platzeſt, und gib Dich zufrieden — ſie werden bald wieder gehen.“ Aber davon war gar nicht die Rede. Man machte im Gegentheil alle möglichen Anſpielungen, um in das Haus ſelbſt hinein zu kommen. In dieſer Hinſicht aber waren ihre ſinnreichſten Bemühungen ohne Erfolg, da William das Geſpräch entweder auf andere Gegen⸗ ſtände lenkte, oder Tauſend Entſchuldigungen vorzu⸗ bringen hatte. Deſſen ungeachtet blieben die Frauen bei der bril⸗ lanteſten Laune, und gingen ſo weit in der Freund⸗ ſchaft, daß, als die Rathysherrin ſelbſt keinen Wunſch ausſprach, ſie zum Abendeſſen zu behalten, ſie auf die feinſte Weiſe ihrem Gedächtniſſe nachhalfen. „Wir ſollten zwar darauf denken, heimzugehen, Schweſter Ulla,“ ſagte die Bürgermeiſterin, und hob den Beutel drei Strohhalme hoch vom Tiſch empor, „aber ich weiß zum Voraus, daß es ſich gar nicht der Mühe verlohnt, davon anzufangen. Grete iſt eine viel zu gute Wirthin, um ihre Gäſte los zu laſſen!“ Und dabei ſetzte ſich die Bürgermeiſterin erſt recht in Ordnung. Tante Grete antwortete natürlicher Weiſe, wie es ſich für ſie ziemte, aber ſie war nahe daran, laut zu lachen, als ſie die Verzweiflung ſah, die ſich in Williams Geberden malte. Aus Erbarmen mit ihrem kleinen Ingenieur rich⸗ tete es indeſſen die Alte ſo ein, daß die Geſellſchaft früher als gewöhnlich aufbrach. Aber für William war der Tag doch fruchtlos vorübergegangen. Der Rathsherr, der recht wohl begriff, wie es die Mutter hatte anſtellen wollen, lachte in's Fäuſtchen, und nahm ſich vor, daß William ihm und nicht der Mutter für ein glückliches Ende ſeiner langen Erwar⸗ tung danken ſollte. Als der Alte am Abend ſich von ſeiner Frau Nachbarin trennte, ſagte er ſo fein, wie wenn es ihm eben erſt eingefallen wäre:„Ich möchte meine liebe Frau Nachbarin bitten, morgen Vormittag ein wenig zu uns herein zu ſchauen und die Streifung des Som⸗ merzeuges zu beſehen, den die Mutter für mich in der Arbeit hat— ich möchte ihn auf meine Weiſe haben und die Alte auf die ihrige. Wenn die Frau Baſe ihre Meinung dazwiſchen legt, ſo wird ſich die Sache machen.“ Frau N. verſprach natürlich zu kommen und den wichtigen Rath zu ertheilen. „Hol' mich die Katze, Vater! Du biſt feiner, als ich Dir zugetraut habe,“ ſagte die Alte, als ſich die Gäſte entfernt hatten, und Williams Schritte auf der Treppe nach dem obern Stockwerke knarrte. Der Rathsherr ſchmunzelte gutmüthig. Es war ſein Triumph, daß er die Mutter hatte überliſten kön⸗ nen, und es lag ein Hieb davon in ſeinem Ton, als er antwortete:„Ja, ja, jetzt ſiehſt Du zum zweiten Mal, daß es nichts ſchaden würde, mich mit im Ge⸗ heimniß zu haben.“ Fau Die Alte bot ihm eine Priſe und nickte ihm Bei⸗ all zu. 29. Mein ödes Herz erfüllt ſich mählig Und breitet ſich zu einer Siegesfahne aus. Vitalis. William, der dieſe Nacht nicht ſehr vom Schlafe verſucht worden war, hatte ſchon lange nach der Mor⸗ genſonne geſpäht, als ſie endlich zu ſeiner unausſprech⸗ lichen Freude zwiſchen den Blumenvaſen am Fenſter hervorſchaute. Es war zwar noch lange bis zu der Stunde, wo ſich Frau N. bei des Rathsherren einfinden ſollte, aber William hatte doch den Troſt, ſagen zu können:„Es wird heute geſchehen!“ Und er wiederholte dieſes„heute“ mit um ſo größerer Sicherheit, als er ſich ſelbſt das heilige Verſprechen gegeben hatte, wenn auch die Tan⸗ ten der ganzen Stadt einen Bund gegen ihn ſchließen würden, ihnen zum Trotz noch vor dem Abend Bräu⸗ tigam zu ſein— ſo fern nicht: doch es war ja un⸗ möglich, daß Marie Luiſe noch einmal—— Des Sieges gewiß, begann er im Auf⸗ und Ab⸗ gehen eine muntere Weiſe zu trällern, welche bald die Rathsherrin erweckte und ihr verkündigte, daß er zum Einnehmen des Kaffee's bereit ſei. Um eilf Uhr kam Frau N. über die Straße herüber und kaum hatte ſie die Thüre zu dem kleinen Wohnzimmer des Rathsherrn geſchloſſen, als William wie ein Pfeil die Leanderſche Treppe hinauf flog. Beinah athemlos vor Furcht, daß ein neues Hinder⸗ niß ihm in den Weg kommen könnte, ſchoß er die Thüre zu Marie Luiſens Zimmer hinauf, wo er ſie in beredter Verwirrung am Fenſter im Erker ſtehen fand. „Jetzt, jetzt, guter Gott, jetzt!“ rief er und ſchloß ſie ohne Umſtände feſt ans Herz,„jetzt, Marie Luiſe, biſt Du mein!“ „Ja, William,“ flüſterte ſie leiſe,„jetzt bin ich Dein, Dein!“ 3 „Und ſelig, ſelig wie ich— mein, mit dem vol⸗ len Gefühl, daß Du erſt jetzt glücklich biſt?“ „O William, warum dieſe Frage?“ „Darum, meine Geliebte, meine unausſprechlich Geliebte, weil ich ſie hören muß! Ich bedarf eines großen Erſatzes für all die Leiden, die Du mir ange⸗ than haſt— ſage mir, was Dein Gefühl in dieſem Augenblick ſpricht?“ „Mein Gefühl,“ antwortete Marie Luiſe, indem ſie ſich von William, der den Arm um ihren Leib ge⸗ ſchlungen hatte, neben ihn auf das Sopha ziehen ließ, „ach, das ſagt viel! Zuerſt und vor Allem fragt es: wirſt Du wohl ganz vergeſſen und verzeihen können, William, daß es eine Zeit gab, wo die unedelſten Beweggründe mich abhalten konnten, die Gefühle aus⸗ zuſorechen, die damals wie jetzt in meiner Bruſt leb⸗ ten? Und dann: werde wohl ich nach ſo vielen, ſeit⸗ her vergangenen Jahren, nachdem ich die Gattin eines Andern geweſen, Dir werden können, was Du ehedem glaubteſt und erwarteteſt? O ich wollte noch viel, viel mehr ſagen, aber ich kann es nicht ſagen!“ „Meine ſüße, meine geliebte Marie Luiſe! gebiete allen dieſen unruhigen Befürchtungen ein ewiges Still⸗ ſchweigen! Weder jetzt noch jemals könnte ich ſo un⸗ edel ſein und Dich an jene Zeit zu erinnern, außer etwa um den Heldenmuth zu bewundern und anzu⸗ beten, womit Du die Unglücksfälle getragen haſt, die daraus entſtanden— Nein, meine Geliebte, das Ver⸗ gangene gehört nicht für uns und wir laſſen es gerne ruhen. Aber die Gegenwart, die ſtrahlende Zukunft, die iſt unſer, Dein und mein gemeinſchaftliches Eigen⸗ thum— doch Du haſt mir noch nicht auf meine Frage, 317 meine Bitte geantwortet: wird meine hochherzige Marie Luiſe ihrem künftigen Gatten die ſelige Gewißheit ver⸗ weigern, nach der er ſich ſehnt?“ „Mein William! was bedarfſt Du der Worte, da Du in meinem Blicke leſen kannſt? Doch warum ſollte ich hierin eigenſinnig ſein, warum ſollte ich nicht eben ſo gut ſagen, daß ich niemals, niemals ſo glück⸗ lich war wie jetzt?“ Und Marie Luiſens Kopf ſank an die Bruſt des ſo lange Geliebten. Himmel, Erde und Alles verſchwanden in dem Meer der Minute. Weder er noch ſie wußten jetzt, daß es eine Zeit vor dieſer gegeben, daß es eine Zeit nach ihr geben würde, ſie wußten nur, daß ſie einan⸗ der beſaßen. „Bei offenen Thüren, meine Herrſchaften!“ rief der Rathsherr, der etwas für ſeine Mühe haben und deßhalb der Erſte ſein wollte, der gratulirte,„am hellen Vormittag und bei offenen Thüren hinſitzen und einander küſſen, das iſt doch, genau genommen, etwas zu ſtark!“ Marie Luiſe ſprang verwirrt, hochroth, aber mit wonneſtrahlenden Blicken auf, und ſuchte einen Schutz an der Bruſt des Alten. William dagegen rief luſtig . und indem er dem Alten herzlich die Hand ſchüttelte: „der Onkel hat gewiß vergeſſen, wie eine ſolche Stunde ſchmeckt, da er das Herz hatte, ſie zu unterbrechen?“ „Es wäre wohl beſſer geweſen, wenn die Bürger⸗ meiſterin oder die Poſtmeiſterin Euch unterbrochen hätte, Du undankbarer Burſche, der Du den Mann, dem Du das Alles zu danken haſt, ſo unartig empfängſt?“ „Das iſt wahr, und ich nehme meine Worte zu⸗ rück! Aber jetzt muß ich bei Gott hinunter zu Tante Grete—“ und die Treppe hinab und über die Straße flog William. Eine halbe Sekunde lang ſchwankte er zwiſchen den beiden Frauen, die ihm beide ſo theuer waren, dann aber ſchlang er ſchnell den Arm um die Raths⸗ herrin, ſeine liebe, mütterliche Tante Grete, und preßte ſie ſo derb, daß die Alte ſchrie:„Laß mich los, laß mich los, Du Toller! Man braucht jetzt nicht zu fra⸗ gen, ob Du im Reinen biſt— aber da ſteht eine, die vor Allem ein Recht hat, an der Sache auch einigen Antheil zu nehmen.“ „Meine Mutter, meine geliebte Mutter,“ ſagte William und ergriff ehrfurchtsvoll die Hand der Frau N., denn hier war er doch noch ein wenig fremd, „darf ich zu hoffen wagen, daß Marie Luiſens Mutter auch die meinige werden will?“ „Von ganzem Herzen! das war ja immer mein wärmſter Wunſch! Ich brauche nicht hinzu zu ſetzen, mache Marie Luiſe glücklich, denn ich weiß, daß ſie es nie mit einem Andern werden könnte.“ Jetzt tanzte William mit den alten Frauen im Zimmer herum, denn recht feierlich, wie es die Wich⸗ tigkeit der Stunde, erforderte, konnte er doch nicht werden. Aber Frau N. hemmte ſeine Tollheit ein wenig, indem ſie ermahnend ſagte:„Stille, ſtille! er⸗ innere Dich, daß die Verlobung noch das tiefſte Ge⸗ heimniß iſt— vergiß nicht, daß Marie Luiſe ſich ſelbſt und ihre Tracht nicht beleidigen darf und kann.— 4 „Ach, ich weiß es wohl,“ fiel William ein,„und Niemand ſoll ſagen, daß ich nicht die Vorſicht ſelbſt ſei.— Jetzt aber muß ich zu meinem Bräutchen zurück.“ Noch an demſelben Abend wanderte Marie Luiſe unter dem Schutz der Rathsherrin und ihrer Mutter Arm in Arm mit William durch das neue Haus. Bei dieſer Gelegenheit war William natürlich nicht auf Erden, ſondern hoch im Himmel oben und Marie Luiſe ſchwebte ſo ungefähr dazwiſchen. Sie ſah Alles nur in einem undeutlichen Wirrwarr; aber als ſie in die„Dockenſtube“ der Rathsherrin gekom⸗ 1 — — — A SgBA — 319 men waren, da erwachte ſie zur vollen Beſinnung, zur tiefen und ſeligen Dankbarkeit. Dieſe„Dockenſtuben“ enthielten die ſchönen und eleganten Möbel, welche ſie ſelbſt, noch unverheirathet, für ein Paar Lieblings⸗ zimmer in Malkolmsnäs gekauft hatte. Ach, auf die⸗ ſem nämlichen Sopha war ſie ſo unzählige Male ge⸗ ſeſſen und hatte gedacht, an ihn gedacht, der jetzt neben ihr ſaß, tauſendmal hatte ſie gedacht und ge⸗ wünſcht, wieder arm zu werden und in dieſelben Ver⸗ hältniſſe zu kommen, wie die waren, unter welchen ſie ſich von ihm losſagte, und jetzt lag das Alles in wei⸗ ter Ferne, Prüfungen und Stürme hatten ihr Ende erreicht, ſie und er waren vereinigt. Aber war es nicht ein Traum? war wohl ſo viel Seligkeit auf Erden möglich?„O Gott!“ ſeufzte ſie, indem ſie ihre Stirne an ſeine Schulter legte, vich begreife nicht, wie man ſolche Augenblicke überleben kann!“ „Nachdem ich dieſes Bekenntniß von Deinen Lip⸗ pen gehört habe, meine Marie Luiſe!“ ſagte William und ſah ihr tief ins Auge,„habe ich keinen Grund mehr, über meine ſechs Prüfungsjahre zu klagen. Dieſe Stunden und alle folgenden konnten nicht mit weniger bezahlt werden!“ „Und was Alles thateſt Du für mich während dieſer Zeit, o William! Ich wollte Dir nie ſagen, was ich geahnt habe— doch zwiſchen uns kann es kein Geheimniß mehr geben.“ „Erinnere mich nicht hieran, meine Geliebte,“ ſagte er und ein Zug des Schmerzes flog über ſein Geſicht; dieſe Zeit, ach!— doch nichts davon! Wenn je ein Weib von einem zärtlichen und liebenden Gat⸗ ten auf den Händen getragen worden iſt, ſo ſollſt Du es werden, ſo wirſt Du es, wegen welcher dieſe Aus⸗ ſicht—“ er zeigte nach dem Dachfenſter ſhräg drüben —„mir Alles war, denn ich hatte keine Hoffnung, je etwas Anderes beſitzen zu dürfen, als die Erinnerung.“ „Und ich,“ verſetzte Marie Luiſe, indem ſie ſeinen Blicken folgte,„ich danke Gott, daß dieſes Haus eben hier erbaut worden iſt, und daß dieſe kleinen geliebten Zimmer, in denen ich meine Werktagsreſidenz aufſchla⸗ gen will, ſo liegen, daß ich täglich bei meinem Gebet nach dieſem Dacherker hinüber blicken kann, wo meine wichtigſten Schickſale entſchieden wurden, wo ich durch meine früheren Fehler mir ſelbſt jahrelanges Elend geſchaffen habe, und wo auch meine Reue und meine Thränen, wie ich hoffe, die Flecken abbleichten, welche dieſe Fehler einſtmals zurück ließen.“ Marie Luiſe ſprach dieſe Worte in großer Bewe⸗ gung. William antwortete nur dadurch, daß er ſie feſter in ſeine Arme ſchloß. „Herr Ingenieur!“ tönte Carls Stimme von der Thüre her. Carl war jetzt aus einem flinken Bedien⸗ ten ein ganz Gentlemaniſcher Kammerdiener geworden, und ging mit keinem geringeren Plane um, als ſich mit einem der jungen Höcker der Stadt zu aſſociren, bei welchem Vorſchlag Carl auf den Beiſtand ſeines Herrn rechnen durfte. Denn jetzt, wie immer, war er ſein Liebling, das wußte er. „Was gibt's?“ fragte William, der, wie Carl be⸗ merken konnte, von ſeiner Erſcheinung nicht ſonderlich erfreut war. „Herr Pellander iſt draußen, und ich kann nicht mit ihm fertig werden.“ „Bruder Jansſon, gehorſamer Diener, Bruder Jansſon!“ ſcholl jetzt Pellanders Stimme ſeligen An⸗ denkens von der halbgeſchloſſenen Thüre her.„Herzens⸗ bruder Jansſon, da ich in der Stadt bin, ſo— Ah ſieh da eine Viſite— die gnädige Frau, die Gott ſei Dank ſo hübſch und gut ausſieht, daß Niemand an den Schnee denken kann, der im vorigen Jahre fiel, obſchon es eigentlich, genau genommen, heuer war. Nun, darf man gratuliren. Darf man gratuliren?“ ————+———'— 98ͤ—— n — 1—NAR 321 „Ein halbes Jahr zu früh, Onkel Pellander,“ ver⸗ ſetzte William.„Aber wenn der Onkel bei ſeiner un⸗ ſterblichen Advokatenehre ſtill ſchweigen will, ſo lade ich den Onkel ſeiner Zeit zur Hochzeit ein, und ich verſpreche und ſchwöre hier in Gegenwart meiner an⸗ gebeteten Braut, daß der Onkel an dieſem Tage ein ganzes Dutzend Flaſchen vom feinſten Rhum, ächte Brüder jener großen Rhumflaſche, die bei unſerer Ex⸗ pedilon nach Säfö verunglückte, zum Geſchenke haben 0. „Ach, Bruder Jansſon, Bruder Jansſon und Sie, kleine gnädige Frau, die jetzt recht und ſchlecht Frau Jansſon wird, wobei— ich ſag' es meiner Pflicht gemäß frei heraus— die gnädige Frau nichts verliert; ſo lange noch ein Tropfen in dem Fläſchchen iſt, werde ich jeden Tag auf das Wohl der Herr⸗ ſchaften trinken.“ „Aber, beſter Herr Pellander,“ ſagte Marie Luiſe,„vergeſſen Sie nur nicht, daß ſie auf Ehre und — doch ich weiß, daß Herr Pellander zuverläßig iſt.“ „O Madame, Madamel kleines gnädiges Frau⸗ chen! Frau Jansſon— Frau Ingenieurin, wollte ich eigentlich ſagen— ich habe immer meiner Pflicht ge⸗ mäß zu ſchweigen gewußt! Doch ich bin nicht ſo ganz ohne Geſchäft hieher gekommen. Eine gewiſſe Sache, ein Artikel oder ein Stück, wie es die gnädige Frau zu nennen beliebt, iſt zum zweiten Mal in meinen Beſitz gekommen; auf welche Weiſe, braucht hier nicht auseinandergeſetzt zu werden. Ich hatte die Abſicht, die Sache Bruder Jansſon zum Kauf anzubieten, da ich aber die Aktien auf dieſe ſehr hübſche Weiſe ſtehen ſehe, ſo fällt es mir ein, daß ich den kleinen Brief da, die gnädige Frau weiß ſchon— ja, ja, ſehen Sie mich nur an, ſo viel Ihnen beliebt, gnädige Frau— es iſt mein voller Ernſt, dieſes Kleinod der Braut mei⸗ nes lieben Bruders und Freundes zum wirklichen Prä⸗ 322 ſent zu machen, und ich behalte mir dafür nur vor, als ein Freund dieſes achtungswerthen Paares und dieſes Hauſes angeſehen zu werden.“ Zu Williams und Mariens großer Verwunderung zog Pellander die während von Walldens Krankheit zum letzten Mal verpfändete goldene Doſe heraus, jenes theure Andenken, an das ſich für Marie Luiſe ſo viele Erinnerungen knüpften, und übergab es der gnädigen Frau zu eigenen Händen. „Wie, ums Himmels willen!“ rief William,„meine arme Marie Luiſe, hat dieſer Freund wieder—“ „O ſtille, ſtille!“ bat ſie erröthend,„aber Herr Pellander, das geht unmöglich an.“ „O gehorſamer Diener, gehorſamer Diener! Ich habe manches gute Geſchäft mit der gnädigen Frau gehabt und dann thue ich es auch aus Freundſchaft für Bruder Jansſon, meinen lieben Freund, der, wie die gnädige Frau vermuthlich ſchon weiß, das erſte Mal der eigentliche Geber der Doſe war, obſchon der Spitz⸗ bube mich den Brief ſchreiben ließ, für den die gnädige Frau ſo ſchön dankten!“ Der Blick, den Marie Luiſe mit William wechſelte, überzeugte ihn, daß dieſe Nachricht keine Neuigkeit für ſie war, und fröhlich ſagte:„Es geſchehe, wie Onkel Pellander will! Aber ich bitte den Onkel, überzeugt zu ſein, daß ich meiner künftigen Frau nie erlaubt haben würde, ein ſo koſtbares Geſchenk anzunehmen, wenn ich mich nicht erſtens für glücklich geſchätzt hätte, dem Onkel dadurch meine dankbare Hochachtung für die vielen freundlichen Vorſorgen darbringen zu können, die meine Marie Luiſe überall erfuhr, wo der Onkel die Hand im Spiele hatte; und zweitens, wenn ich nicht beſtimmt wüßte, daß dieſes Geſchenk, das man von einem Andern anzunehmen erſchrecken müßte, für den reichen Pellander eine wahre Kleinigkeit iſt. Du mußt nämlich wiſſen, meine Geliebte, daß eine ſolche — S—, 323 Perſon, wie der berühmte juridiſche Geſchäftsführer Joſias Pellander es bei dem nächſten einträglichen Ge⸗ ſchäft wieder doppelt hereinbringt.“ „Auf meine Ehre, Bruder Jansſon!“ antwortete Pellander geſchmeichelt.„Du ſprichſt nicht übel! Bru⸗ der Jansſon hat mich immer richtig beurtheilt, denn ohne Prahlerei geſprochen, ich halte es immer für pflichtgemäß, erlittenen Schaden wieder hereinzu⸗ bringen.“ Es gab ein großes Untereinander, einen wahren Aufſtand, als am Ende des Wittwenjahres Williams und Mariens Verbindung von der Kanzel herab ver⸗ kündigt wurde. Die Stadt hatte nie ſo Etwas erwartet. Ja man war nicht einmal im Stande, einen paſſenden Namen dafür zu finden, denn gab es wohl eine einzige Mut⸗ ter, die nicht ihre Netze ausgeworfen hatte, um den hübſchen und vermöglichen Ingenieur zu fangen, der in ihrer guten Stadt eigentlich gar nichts zu ſchaffen hatte, und jetzt am Ende wie ein Narr hinging und ſich mit einer Bettlerin verheirathete, die es nur ihrer, en Städterinnen, Güte zu danken hatte, daß ſie noch ebte. „Ich gratulire, ich gratulire,“ ſagte Frau Elm⸗ gren, die würdige Klubbfrau der Stadt, die an jenem Sonntag ihre Geſellſchaft ſo gut hatte wie die Bürger⸗ meiſterin.„Es wäre zu wünſchen, daß dies zur War⸗ nung für ein anderes Mal gelte, ſo könnte ich dar⸗ auf rechnen, künftig meine Reiſenden in Frieden be⸗ halten zu dürfen! Jede Chriſtenſeele kann ja begreifen, daß wenn man den Menſch in dem Frieden gelaſſen hätte, in dem er hier war, daß, ſage ich, er und ich über meine beiden Eckzimmer ſchon ins Reine gekom⸗ men wären. Dann wäre er nie in den gemeinen Dach⸗ erker gekommen und hätte Utters ſaubere Blume, die Gnädige im Erker gegenüber, niemals geſehen. Aber ich wußte wohl und hab es immer geſagt, daß das einmal einen ſchlimmen Ausgang nehmen würde, weil die ſchlechte Geſellſchaft hier nie Ordnung hält, weder im Kleinen noch im Großen, ſondern Eines ſich immer in die Affairen des Andern miſcht.“ Anfangs gab es kein einziges Frauenzimmer, das nicht unwiderruflich beſchloſſen hätte, nicht auf die Hochzeit zu gehen. Aber je näher der wichtige Tag kam, deſto mehr begann man nachzugeben und die Sache auszugleichen, denn es war vielleicht doch nicht ſo ganz recht, den billigen Aerger ſo öffentlich kund zu geben; überdies wäre es ja eine Sünde, die armen Leute ſo zu erzürnen. 3 Indeſſen war der letzte mögliche Tag für eine Ein⸗ ladung erſchienen und noch hörte man nichts von dem Stadtdiener im ſchwarzen Frack und mit den Karten in der Hand. Ach, man bekam den Stadidiener mit den Einladungskarten überhaupt nie zu Geſichte, denn Marie Luiſe hatte es vorgezogen, ſich in der größten Stille trauen zu laſſen, was auch in dem kleinen Dach⸗ erker geſchah, wo ſie ſo viele gedächtnißreiche Tage verlebt hatte. Was die Stadt betrifft, ſo wurde ſie durch das am folgenden Mittag ſtattfindende Diner mit dem da⸗ zu gehörigen Balle vollkommen ausgeſöhnt, welche Feſtlichkeit Alle ſehr glänzend und gut arrangirt fanden. „Ja,“ ſagten unſere Frauen, die Eine zu der Andern, als ſie am andern Tage auf Beſuchen herum liefen,„ſie war wirklich ſehr liebenswürdig und ein⸗ nehmend, die kleine Frau Williamsſon, und es lag in der That, wenn die Herrſchaften es bemerkten, et⸗ was Demüthiges in ihrem Weſen.“ — „. N — 325 „Nun, nun,“ ſetzte eine Andere mit einem ſchlauen Lächeln hinzu,„wir haben nie gehört, daß ſie ein kur⸗ zes Gedächtniß gehabt habe, und es iſt noch nicht lange her, als ſie durch unſer Mitleiden den Weg hie⸗ her fand.“ „Jedenfalls,“ ſchloß die junge Pfarrerin,„gehört ſie jetzt nicht mehr zum Adel, ſondern iſt Gott ſei Dank! eben ſo bürgerlich, wie irgend eine von uns, und ich hoffe, es wird ſich jetzt gar nicht mehr fragen, ob ſie Einen annehme oder nicht, da wir ja beſchloſ⸗ ſen haben, auf einem familiären Fuße mit ihr zu leben.“ Die Stadt bekam nie mehr einen Grund, ſich über Marie Luiſe zu beklagen, obſchon Alles allmälig wieder in das alte Geleiſe kam. Ohne daß eine von den andern Frauenzimmern es bemerkte, bildete ſie wieder die vornehmſte Zierde der Geſellſchaften, ſo⸗ wohl was Schönheit, als was Ton und Kleidung be⸗ traf, und ſie entlehnten nicht nur ihre Muſter von ihr, ſondern auch, ſo weit dies möglich war, ihre Sitten. An einem ſchönen Frühlingstage, ein Jahr nach Williams Verheirathung, wurde ein Feſt froher Be⸗ deutung gefeiert. Schwiegermutter und Tante Gret⸗ chen ſprangen außen um einander herum, während William ſingend und närriſcher Freude voll aus und ein ſtürmte, aber immer wieder nach einer der„Docken⸗ ſtuben“ kam, wo ſein angebetetes Weib gegen die Sophakiſſen zurückgelehnt ſaß und die Füße auf dem Schemel ruhen hatte, den er wenigſtens zehn Mal in der Viertelſtunde hin und her rückte. Bei einem dieſer vielen Beſuche ſprach Marie Die Erkerſtübchen. 326 Luiſe den Wunſch aus, daß er ihr eine Kleinigkeit aus der oberſten Sekretärſchublade im innern Zimmer bringen ſollte. William kehrte ſogleich Alles, was in der erſten und zweiten Schublade war, zu unterſt und zu oberſt. Da er aber das Begehrte nicht fand, ſteckte er den Schlüſſel in die dritte und zog ſie ſchnell heraus, ohne jedoch zu ſuchen. S „Was ums Himmels willen, meine Geliebte, iſt das?“ fragte er verwundert, nachdem er die reine Serviette hinweg gehoben hatte, und wandte ſich der Thüre zu gegen ſeine Frau.„Was thuſt Du mit den Lumpen da?“ Marie Luiſe winkte ihn zu ſich und William ſtand ſogleich am Sopha, mit einem alten fleckigen Bom⸗ baſſinkleid in der einen und einem grauſchwarzen ab⸗ getragenen Shawl in der andern Hand; dabei blickte er aber mit unausſprechlicher Zärtlichkeit auf ſein ver⸗ göttertes Weib, denn er fing jetzt an, das wahre Ver⸗ hältniß zu ahnen. „Dieſe Lumpen, wie Du ſie nennſt, mein Wil⸗ liam,“ ſprach ſie mit inniger Rührung,„habe ich ein⸗ mal als Gnadengeſchenke zugeſendet bekommen, als ich von Allem entblößt hieher zurückkehrte. Der Tag, wo ich ſie empfing, war vielleicht der demüthigendſte in meinem Leben; aber als Erinnerung an ihn und um einen ſo wohlthätigen Vergleich ſtets vor Augen zu haben, habe ich dieſen Sachen in demſelben Schranke einen Platz eingeräumt, wo ich den Putz verwahre, den Du an mich verſchwendeſt; und wenn ich mich je einmal zum Hochmuth oder Stolz verſucht fühle, ſo ziehe ich ſogleich dieſe Schublade heraus, die mehr Berediſamkeit für mich enthält, als alle Predigten. Ich werde ſie dereinſt meiner Tochter zeigen, theurer William, und ich hoffe, daß die Moral, die in dieſen alten Fetzen liegt, ſie vor den Fehlern ihrer Mutter bewahren ſoll.“ — o————— dAdAàAk π̈iꝙ— ³8— d A — 8 82 327 „Gott gebe,“ ſagte William, indem er gerührt ſeine Arme um Marie Luiſen ſchlang,„daß ſie all' die Tugenden erben möge, welche Dich ſchmücken, meine Geliebte, und ich wünſche ihr keine beſſere Aus⸗ ſteuer! O meine Marie Luiſe, für ſolche Stunden iſt die Erde doch zu klein!“ „Was ſprichſt Du von der Erde?“ lächelte ſie mit einer Miene entzückender Schelmerei,„ſehe ich nicht an Deinen Augen, daß Du im Himmel biſt?⸗ „Und ich ſage, daß ihr beide im Himmel ſeid!“ rief die Rathsherrin von der Thüre her,„denn hier ſtehe ich und ſchreie mich heiſer, ohne daß mich Eines hört oder mir auf meine Frage Antwort gibt, ob nämlich William— und es kann nicht wohl ein An⸗ derer geweſen ſein— mit meiner großen ächten Da⸗ maſtſerviette davon gelaufen iſt, die ich auf dem Tiſch im Wohnzimmer für den Pfarrer hergelegt hatte?“ „Ach Herr Gott!“ ſagte William lachend und wieder ganz auf der Erde, W liebe Tante Grete, ver⸗ zeihe, verzeihe, die nahm ich um meinen Schreibtiſch damit abzuſtäuben!“ Ende.