Leihbibliothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur . von. 5. Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ==A — 8 Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 8 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ — den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: — für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3 1— 3 5„ 2 9—„— 5. Answärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zuruüͤckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene’, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufm erkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. y——— Camera obscura. —60— Zweiter Theil. Emilie Alpgare-Carlén. Mit Genehmigung der Verfaſſerin veranſtaltete deutſche Ausgabe. Zweiter Theil. „˙ ονμ 3—3e2e Leipzig, Verlag von Chriſtian Ernſt Kollmann. 1862. Der Mlathehönig und deſſen Gemahlin. Skizze aus der Zeit der Häriagsfiſcherei. Carlen, Cam obsc. II. J. Die alte Häringsſiſcherei. Die Schwierigkeiten und die Unruhe, welche mein Vater auf ſeiner letzten Reiſe zu bekämpfen gehabt hatte; die fortdauernde Ungewißheit über Krieg und Frieden, beſtimmten ihn, dem Wunſche ſeiner Frau zu folgen und dem Seemannsberufe bis auf Weiteres zu entſagen, um ſich ausſchließlich dem Handel zu widmen, welcher unter der alljährlichen Abweſenheit noth⸗ wendig leiden mußte. Es waren überdies augenblicklich großartige Conjuncturen in dem Häringsfang eingetreten und Rüttiger Smith beſchloß, dem Winke ſeiner klugen Lebensgefährtin zu folgen und ſich mit Ernſt und Eifer auf dieſen Nahrungszweig zu legen. Ein zeitweiliger Aufenthalt in den Scheeren war lange nicht das, was eine längere Abweſenheit in fremden Ländern, und da ſein Gemüth eine anſtrengende Thätigkeit zur Bedingung eines friſchen, muntern Lebens machte, ſo wurde beſchloſſen, daß große Thranbrennereien aufgebaut und der Handel im Großen getrieben werden ſollte. Der Häringsfang iſt von jeher ſowohl eine Goldgrube, als ein Grund des Verderbens für die Provinz Bohuslän geweſen. Im 16. Jahrhundert war derſelbe in außerordentlichem Flor. Tauſende von Fahrzeugen aller Art erſchienen, theils 1* 4 um zu kaufen, theils um gratis zu fiſchen. Bohuslän war ſomit in jeglicher Beziehung: ein erſtes Californien. Von allen Seiten ſtrömten die Menſchen herbei und ließen ſich mit Frau und Kindern an den Fiorden nieder, ſo daß allenthalben, wo der Häring ging, zahlloſe Gebäude, von der klein⸗ ſten Hüͤtt bis zum dreiſtöckigen Wohnhauſe aus der Erde wuchſen. in Dänemark und Deutſchland, von Friesland, Holland, Engkand, Schottland und Frankreich fanden ſich die Schiffe ein, um Ladung zu löſchen und eirzuden und dennoch war dieſe Epoche nicht die vortheilhafteſte, da man nicht die rechte Art kannte, den Fiſch zu behandeln. Sogar die größten Häuſer bedienten ſich nicht der Manier des Einſetzens, ſondern der des Trocknens. Gegen das Jahr 1587 waren die Häringe plötz⸗ lich verſchwunden, ein Ereigniß, welches erſt den Sturz aller bedeutenden Kaufleute veranlaßte und dann denjenigen, der längs der ganzen Küſte anſäſſigen Fremdlinge nach ſich zog. So lange man zu leben hatte, hatte man wie wahnſinnig davon gelebt, und beim Schluſſe der Orgien fand ſich nicht ſoviel übrig, um in die Heimath zurückkehren zu können. Arm und von allen Mitteln entblößt wollte überdies keines zurück und die Folge war, daß die Klippen der Provinz Bohuslän für kommende Zeiten von einer ſehr gemiſchten Maſſe bevölkert ward, von welcher aber Krankheit, Armuth und unſittliches Leben einen großen Theil hinraffte. Es war ganz natürlich, daß man auch damals bei einer ſo wichtigen Begebenheit zu erforſchen ſuchte, weshalb der liebe Gott ſeine Beſchlüſſe geändert habe und nicht täglich Manna herabregnen laſſe. Da man aber damaliger Zeit lieber glaubte, als ſelbſt raiſonnirte, ſo glaubte man den Worten jener klugen Leute, welche behaupteten, daß der Häring von einem kupfernen Pferde fortgeſchreckt ſei, welches durch Hexerei ins Meer geſenkt worden, und nun den Häring in die Bucht einzulaufen hindere. 4 Der übel glat Wer bean und vinz bend inde wün vorh än war rnien. ließen ſo daß er klein⸗ wuchſen. Holland, iffe ein, dar dieſe chte Art Häuſer der des ge plötz⸗ urz aller en, der ſich zog. ahnſinnig ich nicht n. Arm s zurück Zohuslän bevölkert nſittliches bei einer der liebe Manna it lieber Worten ring von h Hexerei die Bucht 5 Wer dieſe Hexerei getrieben, davon ſchweigt die Tradition. Der alte norwegiſche Hiſtoriker Peter Clauſſen berichtet aber über dieſe Fiſcherei, über die Strandbeſitzer und deren Aber⸗ glauben folgendes: „Die Menſchen haben weder den Gebrauch noch den Werth dieſer ſchönen Gottesgabe richtig erkannt: Die Zoll⸗ beamten haben den armen Fiſchern und Kaufleuten welhide und ungeſetzliche Steuern auferlegt; die Einwohner der Pro⸗ vinz haben ſich ſchlecht gegen ihre Landsleute und die Fremdlinge benommen, welche dorthin kamen, um mit ihnen zu fiſchen; indem ſie dieſelben mit Schimpfworten, Schlägen und Ver⸗ wünſchungen überfielen, ſo daß keine Sicherheit für dieſe Leute vorhanden war, wenn ſie nicht in hinreichend ſtarker Anzahl er⸗ ſchienen, um ſich vertheidigen zu können. Es geſchah nicht ſelten, daß ihnen die Netze geſtohlen wurden; ja, die gottloſen Menſchen ſcheuten ſich nicht, ſowohl ihre als die fremden Netze an Sonn⸗ und Feiertagen auszulegen. Dazu gaben ſie ſich der Trunkenheit und allen daraus folgenden groben Laſtern: Schlägerei, unreinem Lebenswandel, Mord und Todtſchlag ꝛc. hin. Da ſchickte Gott ihnen 1587 ein Warnungszeichen in der Ge⸗ ſtalt eines wunderbaren Härings, der daſelbſt gefangen wurde, und offenbarte ihnen, daß er dieſen ſeinen Segen ihrer Gott⸗ loſigkeit halben von ihnen nehmen werde, welches auch im darauf folgenden Jahre geſchah.“ Eine andre norwegiſche Schrift weiß von einem mißge⸗ ſtalteten, wunderbaren Schweine zu erzählen, welches den alten ſündigen Küſtenbewohnern zum Warnungszeichen geboren worden iſt. Wahrſcheinlich geſchah es, um dieſer babyloniſchen Ver⸗ wirrung ein Ende zu machen und dem gäͤnzlichen Untergange der Sittlichkeit durch eine Beſchränkung der Volksmenge an Zahl und Miſchung vorzubeugen, daß die Regierung im Jahre 1666 ein Reglement erließ, laut welchem Niemand an dem 6 Fiſchfange Theil haben dürfe, der nicht in irgend einer ſchwe⸗ diſchen Stadt das Bürgerrecht erworben habe. Außerdem mußte für jede Tonne Häring zur Ausfuhr acht Oere(unge⸗ fähr ein Schilling) und für jede dito im Lande bleibende, vier Oere Zoll erlegt werden. Nun ſchien es aber, als ob die Entfernung dieſes Uebel⸗ ſtandes dem allgemeinen Beſten in einer Beziehung keines⸗ wegs förderlich ſei. Das alte, wilde Leben war Hand in Hand mit dem leichten Verdienſt gegangen; man hatte nur für den kommenden Tag geſorgt. Das allgemeine Wohl gedieh nicht beſſer, in der Behand⸗ lungsweiſe der Häringe waren keine Fortſchritte gemacht; wes⸗ halb die Regierung ſich genöthigt ſah, einige Holländer ins Land zu rufen und einen Octroi für die Häringsfiſcherei nach holländiſcher Art zu bewilligen. Deſſenungeachtet war der Er⸗ folg weniger günſtig, als man gedacht, indem der Export von Gothenburg ſich im Jahre 1666 auf etwa eintauſenddreihun⸗ dertundzwei Tonnen beſchränkte. Nachdem der Häring gänzlich verſchwunden geweſen, zeigte er ſich nach ſiebenzig Jahren wieder in großer Menge, und welch' ungeheuren Einfluß die veredelte Kunſt in der Berei⸗ tung deſſelben auf dieſen Erwerbszweig ausübte, geht daraus hervor, daß der Export von Gothenburg, der ſich von 1755— 1760 auf neunzigtauſend Tonnen belief, in dem fol⸗ genden Decennium auf einhunderttauſend Tonnen jährlich ge⸗ ſtiegen war. Zu Anfang dieſes großartigen Opferfeſtes auf offener See, hatte es der Regierung viele Koſten verurſacht, dem Fiſche einen guten Empfang zu bereiten; und dennoch ent⸗ ſprach der Ertrag wegen Mangel an Leuten und mangelnder Sachkenntniß nicht dem Reichthum deſſelben. Im Gegenſatz zu jenem Reglement des ſiebenzehnten Jahr⸗ hunderts, mußte die Regierung wegen Mangel an Leuten eine wieſer mien und j denjen holz einund Oere 7 ſchwe⸗ neue Verordnung(vom 8. Juni 1752) des Inhaltes erlaſſen, ißerdem daß alle diejenigen, welche ſich auf den Kronländereien in den (unge⸗ Scheeren anſiedeln und ſich der Fiſcherei befleißigen wollten, eibende, freie Conceſſion und freies Baumaterial erhalten ſollten. Eine andre, ſpätere Verordnung ruft alle ſchwediſche Unterthanen, Uebel⸗ welche ſich auf geſetzwidrige Weiſe von ihrem Vaterlande ent⸗ keines⸗ fernt und ſich im Auslande angebaut haben, mit dem Ver⸗ dand in ſprechen zurück, daß ſie, wenn ſie an geeigneten Orten die tte nur Fiſcherei betreiben wollten, ihnen für ewige Zeit der Ort dazu angewieſen und die nöthigen Gebäude auf Koſten der Regie⸗ Behand⸗ rung aufgeführt werden ſollten. t; wes⸗ Dies genügte noch immer nicht. Es wurden Prämien der ins anfangs von drei Thalern Silbermünze für jede Tonne Häring, rei nach die eingeſalzen wurde, verſprochen. Die veranſchlagten Fonds der Er⸗ wieſen ſich aber bald als unzulänglich aus, weshalb dieſe Prä⸗ ort von mien 1758 auf einen Thaler Silbermünze herabgeſetzt werden reihun⸗ und ſpäter ganz aufhören mußten, nachdem man ſie erſt nur denjenigen verweigert hatte, die ſich keiner Tonnen von Eichen⸗ zeigte holz bedienten. Die Fonds hatten eine Schuld von achtmillionen⸗ e, und einundfünfzigtauſendachthunderteinundvierzig Thaler und zwölf Berei⸗ Dere Kupfermünze contractirt. daraus ch von em fol⸗ lich ge⸗ offener t, dem bch ent⸗ igelnder II. Die Mitgift der Töchter liegt auf Grönland. Es war vorauszuſehen, daß alle Diejenigen, welche Prämien zu empfangen hatten und längere Zeit mit leeren Ausflüchten abgeſpeiſ't waren, endlich als die Auszahlungen gänzlich auf⸗ hörten, in die größte Aufregung gerathen mußten. Die Krone mußte ſomit darauf bedacht ſein ihren vielen Gläubigern wenn nichts andres, doch wenigſtens eine eingebildete Hoffnung leuchten zu laſſen, die, wenn das Glück ihnen lächelte, in der That zur Wirklichkeit werden konnte. Im Jahre 1774 wurde nämlich in Gothenburg eine Ge⸗ ſellſchaft zum Wallfiſchfang in Grönland durch Subſcription auf Actien gegründet, und die Regierung benutzte dieſe Ge⸗ legenheit, um ihre obengenannten Gläubiger zu Actieninhabern der Grönländiſchen Compagnie zu machen, indem ſie den Theil der Häringsprämien, für welche ſie ſubſcribirt hatte, auszahlte. Sie brachte der Gründung und dem Beſtehen dieſer Ge⸗ ſellſchaft wirkliche Opfer; aber letztere war nicht beſtimmt, irgend welchen Glanz über die Regierung noch über die Stadt Gothenburg, oder die beſtehende Direction zu verbreiten; es ſchien vielmehr, als ob die Oſtindiſche Compagnie jene wichtige Handelsſtadt allein repräſentiren ſolle. Jahre kamen und gingen, ohne daß der Wallfiſchfang den genährten Hoffnungen entſprach; die Auszahlungen waren nicht des Nennens werth. d. Prämien flüchten ich auf⸗ e Krone lubigern offnung in der ine Ge⸗ ription ſtimmt, 9 Die Fiſchereibeſitzer waren außer ſich vor Wuth, der ſie auf keine beſſere Weiſe Luft machen konnten als gegen die Töchter, denen es in jener goldenen Zeit nicht an Freiern fehlte, die den Vätern von ihren Töchtern und Thrankochereien abhelfen wollten. Der Vater pflegte die Bitte ſeiner Töchter um Ein⸗ willigung zur Heirath gewöhnlich mit der barſchen Weiſung zu beantworten:„Was ſchwatzeſt Du— Deine Mitgift liegt auf Grönland. Wenn die Prämien dermaleinſt ausbezahlt ſind, iſt es noch immer früh genug, vom Heirathen zu reden.“ Eines ſchönen Tages erhielt man die Nachricht, daß die Compagnie ihre Wirkſamkeit niedergelegt habe, und zwar keines⸗ wegs um auf ihren Lorbeeren zu ruhen, indem der Verluſt ſich auf alle Mitglieder erſtreckte. Die mißvergnügten Actieninhaber waren im Voraus mit fünfundzwanzig Procent abgekauft wor⸗ den. Granberg berichtet hierüber:„Die Anzahl derjenigen Perſonen, welche durch ausſtehende Häringsprämien, mit oder ohne ihren Willen Actieninhaber geworden waren, belief ſich auf mehr denn hundert; und die für ihre Rechnung einge⸗ ſchoſſene Summe auf achtmillioneneinundfünfzigtauſendachthun⸗ derteinundfünfzig Thaler und zwölf Oere Silbermünze.“ Trotz aller dieſer Widerwärtigkeiten ſetzten die verführeri⸗ ſchen Ausländer— meiſtens engagirte Buchhalter— ihre Be⸗ werbungen fort und die Tochter weinte und erklärte:„Papa, was kümmert mich Grönland, die Regierung und die ganze Compagnie— ich will meinen Herzliebſten haben!“ „Aber ich,“ erwiderte der Vater noch verdrießlicher als vorher,„ich will nicht gänzlich ruinirt werden! Ich habe über⸗ menſchliche Anſtrengungen gemacht, ich habe mich in unerhörte Schulden geſetzt, um alle dieſe Gebäude aufzuführen und den wilden Geſellen in den Salzereien und Thrankochereien ihren Lohn auszuzahlen; ſoll ich nun noch den Herrn Buchhalter zum Com⸗ pagnon einſetzen, ſo kann ich von Haus und Hof laufen. Schweig deshalb mit Deiner Heirath, bis die Geſchäfte geordnet ſind!“ — 10 Statt zu ſchweigen, vertrieb die Jugend beiderlei Ge⸗ ſchlechtes ſich die Zeit mit einem alten Volksſpiele, welches durch die Grönländiſchen Verhältniſſe eine kleine Variation erlitten hatte. Nachdem man ſich nämlich in einen Kreis geſetzt hatte, flüſterte man ſeinem Nachbar die Namen dreier Perſönlichkeiten in's Ohr; und nachdem alle Mit⸗ ſpielenden mit Namen verſorgt waren, las der Erſte fol⸗ gendes Verschen vor, welches dann von allen Uebrigen wieder⸗ holt wurde: „Das erſte Mal, als ich nach Grönland fuhr, Da wollte man mich vermählen. Gegen meinen Willen und gegen mein Wort, Gab man mir den ich nicht liebte, dort Und das war... N. N..... Hier wurde einer von den ins Ohr geflüſterten Namen genannt. Nachdem man das zweite Mal ebenſo unglücklich auf der Reiſe nach Grönland geweſen war und erklärt hatte, daß man auch den zweiten Freier N. N. ausſchlage, ſagte des Mädchen mit einem Seitenblick auf den Auserkorenen: Das dritte Mal, als ich nach Grönland fuhr, Da wollte man mich vermählen. Mit meinem Willen und mit meinem Wort' Gab man mich dem, den ich liebte dort Und das war....... Nun wurde der Name des Auserwählten verſchämt ge⸗ nannt, und zwar mit einem ſo zärtlich bittenden Blick auf den Vater, daß derſelbe ſich bisweilen dadurch erwei⸗ chen ließ. In den meiſten Fällen half dieſe kleine Liſt jedoch zu nichts, und man kann ſich nicht darüber wundern, da die Väter, welche ihre Töchter mit jenen Glücksrittern von Oſten und Weſten verheiratheten, nicht ſelten dadurch ruinirt wur⸗ Ge⸗ lches ation dreis aimen Mit⸗ fol⸗ eder⸗ amen auf hatte, des t ge⸗ Blick erwei⸗ ch zu da die Oſten wur⸗ 11 den. Die Herren Buchhalter pflegten einen beſſeren Rock dabei anzuziehen, als der Eigenthümer, welcher für alle Be⸗ triebskoſten ſtehen und allen fremden Arbeitern ihren Lohn auszahlen mußte. Denjenigen Perſonen, welche auf Anmahnung der Regie⸗ rung und in der Hoffnung auf Prämien, koſtſpielige Gebäude für die Thrankochereien und Salzereien erbaut hatten, wurden von einem noch größeren Unglück betrofſen. Nach der brillanten Periode von 1754—1790 hatten die Häringszüge ihren Naturgeſetzen gehorchend, ſich mehr und mehr von der Bohuslän’ſchen Küſte entfernt, ohne jedoch ganz aufzuhören. In einer aufgeklärten Zeit von verhexten Pferden, Schwei⸗ nen und Häringen zu ſprechen, war nicht denkbar. Eine annehmbare Urſache für dieſe Naturerſcheinung mußte man jedoch haben und— man fand ſie. Es war eine Nationalfrage von großer Wichtigkeit, welche beinahe eine Revolution veranlaßt hätte. Einer Lawine gleich wälzte ſich der Alarm durch das Land, daß es der„Bodenſatz des Thranes“ ſei,(den man bis jetzt hatte in'’s Meer laufen laſſen) der den Häring fort⸗ geſcheucht habe. Man traf alle Maßregeln, um die Ge⸗ haltloſigkeit dieſes Gerüchtes zu beweiſen— aber umſonſt. Es wurde discurirt und disputirt, das Mögliche und Unmög⸗ liche dafür und dawider behauptet, ohne daß man etwas Eigentliches beweiſen konnte. Da traf ein königlicher Befehl bei der Landeshaupt⸗ mannſchaft ein, kraft welchem keine Thrankochereien längs der Küſten beſtehen, oder neu angelegt werden durften; und ferner alle Eigenthümer, welche nicht den Bodenſatz des Thra⸗ nes, der nicht ſofort hatte eingegraben werden können, we⸗ nigſtens drei Wochen nach dem Aufhören des Kochens ab⸗ geleitet, oder welche denſelben gar in’'s Meer geleitet hatten— 12 zu einer Brüche von einhundert Thalern verurtheilte und der Conceſſion verluſtig erklärte. Dabei ſtand einem Jeden das Recht der Anklage zu. Es iſt begreiflich, daß es ſich Mancher angelegen ſein ließ, ſeinen beneideten Collegen bei dieſer Gelegenheit zu ſtürzen. Auch für die Herren Buchhalter war dies Waſſer auf ihre Mühle, indem ſie nichts verſäumten, was ihrem Fort⸗ kommen förderlich ſein konnte, ſei es mit oder ohne Beihülfe der Töchter ihres Principals. Mittlerweile nahm die Sache einen ſehr ernſten Cha⸗ racter an, indem die unzähligen Werkzeuge der Hauptunter⸗ nehmer ſowohl, wie die der Privatleute in Unordnung gera⸗ then waren, weshalb beim Herannahen der Fiſchzeit die größte Verwirrung entſtand, weil ein Jeder ſeinen Fang bedroht ſah. Die Thranbrennereibeſitzer ſuplicirten deshalb an die Regierung, daß das über ihren Beſitz gefällte Urtheil bis auf Weiteres aufgeſchoben und ſtatt deſſen eine gründliche Unter⸗ ſuchung über die Schädlichkeit des Thran⸗Bodenſatzes angeſtellt werden möge. Se. Majeſtät bewilligte dieſen Aufſchub, und zwei Offi⸗ ciere nebſt einem Naturforſcher wurden mit dem Auftrage betraut, die Unterſuchung anzuſtellen, worüber zahlloſe Nach⸗ forſchungen, Meſſungen, Nachfragen und Vergleiche in das Journal eingetragen wurden, welches ſpäter auf Koſten der Thrankochereibeſitzer gedruckt und unter dem Titel:„Acte über den Thran⸗Bodenſatz herausgegeben wurde. Sogar nach Upſala wurde ein Gefäß mit dieſem bezwiſteten Gegenſtande den dortigen Gelehrten zur Unterſuchung eingeſchickt. Das Endreſultat dieſer ganzen Geſchichte, welche gleichſam ein trübes Intermezzo während der Entfernung der Häringe ge⸗ bildet hatte, war: daß der genannte Bodenſatz des Thranes weder zu dem erlittenen Schaden beigetragen habe, noch habe beitt ſich an Här Griü ren Pha anſe der das ſein 1 zu zaſſer Fort⸗ hülfe Cha⸗ mter⸗ gera⸗ die Fang die s auf Inter⸗ eſtellt Offi⸗ ftrage Nach⸗ das n der „Acte nach ſtande Das ein e ge⸗ ranes habe 13 beitragen können. Die Richtigkeit dieſer Entſcheidung erwies ſich bald, indem der Häring wirklich in nie geſehener Menge an die hier mehrfach erwähnte Küſte zurückkehrte. Und um dieſe Zeit, zwiſchen 1786 und 1799, wo der Häringsfang in ſeinem größten Flor, und die Prämien⸗, die Grönländiſchen⸗ und die Thranbodenſatz⸗Proceſſe beſtattet wa⸗ ren— um dieſe Zeit war es, wo mein Vater ſich der großen Phalanx der Fiſchereibeſitzer und Kaufleute in den Scheeren anſchloß. III. Der Wathekönig. Mein Vater errichtete ſeine Thrankochereien und Salzereien in der Gegend von Fiskebäckskil. In der Wahl ſeiner Buch⸗ halter— eine wichtige Sache— war ihm das Glück hold. Denn, obwohl dieſe beiden Männer, die Herren Diedrichſen und Dittmer, ſpäterhin beide ein eigenes Handlungshaus grün⸗ deten— der eine am Strande von Fiskebäckskil, der andere in Strömſtad— ſo geſchah dies doch keineswegs auf Koſten ihres Principals. „Leben und leben laſſen!“ Das war ihr Wahlſpruch, dem auch ihr Principal huldigte, und zwar in ſo hohem Grade, daß ſeine Leute die Nachſicht ihres ſonſt ſtrengen Herren förm⸗ lich auszubeuten wußten, und die Herren Buchhalter ihn mehr als einmal darauf aufmerkſam machten, daß er ſeinen Vor⸗ theil nicht zu wahren wiſſe. Rüttiger Smith duldete aber ebenſo wenig dergleichen Anmerkungen von ſeinen Untergebenen, wie er ſie von ſeinem Vorgeſetzten geduldet haben würde, wenn er ſolche gehabt hätte. Wir haben ſchon zu Anfang dieſer Außzeichnungen er⸗ wähnt, daß es nur zwei Mächte gab, welche Einfluß auf ihn hatten: Seine Frau und der Aberglaube. Das verlockendſte Geſchäft, welches am Abend, gleich einem ſicheren Gewinn, berechnet und abgemacht war, wurde ebenſo ſich Kre zeig bis ja Ge Vat mei nich alle nun alle lich Wa ihr ſei Tra eine fen reien Buch⸗ hold. ichſen grün⸗ ndere oſten dem drade, förm⸗ mehr Vor⸗ eichen einem hätte. i er⸗ f ihn einem benſo 15 ſicher am folgenden Morgen verworfen, wenn die Nacht ihm Krämer oder das holländiſche Glockenſpiel im Traume ge⸗ zeigt hatte. „Aber in Gottes Namen, Herr Patron,“ polterte dann bisweilen der etwas heftige Diedrichſen heraus,„das führt uns ja direet auf den Blocksberg, wenn wir eine ſchon abgezählte Geldſumme wegwerfen wollen!“ „Dahin können Sie ſelbſt gehen, Herr!“ pflegte mein Vater dann in aufwallendem Aerger zu rufen. „Ich gehorche keinem andren Willen, als meinem eigenen. — Nun, nun, Herr Diedrichſen, es war nicht ſo ſchlimm ge⸗ meint. Die Rechnung war fehlerhaft— das Geſchäft wäre nicht haltbar geweſen.“ „Aber Herr Patron, wie können Sie das behaupten, wo alles ſo ſonnenklar vor uns liegt?“ „Still, ſtill, Herr— ich weiß, worauf ich baue. Und nun keinen Laut mehr darüber.— Das war das Wort.“ Die Buchhalter fluchten im Stillen und grübelten über alle denkbaren und nicht denkbaren Urſachen zu einem ſo plötz⸗ lich geändertem Beſchluſſe. Da aber nichts den Schein der Wahrſcheinlichkeit für ſich hatte, glaubten ſie endlich, daß ohne ihr Wiſſen noch ein heimlicher Agent mit im Spiele geweſen ſei— ja, fie glaubten alles Mögliche, nur nicht, daß ein Traum die Dinge dahin hatte umgeſtalten können, daß man eine ſo große, feſt berechnete Geldſumme freiwillig wegwer⸗ fen könnte. Und nichts deſtoweniger ſtand das Geſchäft im beſten Flor. Nun iſt es aber Zeit, eine Perſon einzuführen, welche keineswegs das letzte Glied in der Kette zwiſchen Waare und Kaufmann bildete, nämlich den Wathekönig, deſſen Titel folgen⸗ den Urſprung hat: Da man den Häring in alten Zeiten nur in Netzen zu⸗ 16 fangen pflegte, ſo hatte man gegen das Jahr 1770 die ſoge⸗ nannten Wathen*) dazu benutzt. Die Länge derſelben betrug gewöhnlich hundert, die Tiefe zwölf Faden, doch gab es deren bis zu hundertvierundvierzig Faden in der Länge. Letztere be⸗ ſtanden aus 48 verſchiedenen Stücken, ein jedes drei Faden breit. Die Taue waren an jeder Seite vierhundert Fa⸗ den lang. Die Wathen wurden ſo weit als möglich um den heran⸗ ziehenden Häringszug ausgelegt, und nachdem die Fiſche mit Geräuſch dahinein getrieben worden— mittelſt einer Winde ans Land gezogen. Gewöhnlich gehörten zwölf bis achtzehn Perſonen um eine ſolche Wathe, von denen einer den Befehl über das Ganze und den Titel:„Wathekönig“ erhielt. Da ein gemeinſamer Feind auch ein gemeinſames Intereſſe einflößt, ſo vereinigten ſich oft mehrere Wathenbeſitzer— wie die Fürſten es im Kriege zu thun pflegen; obgleich der Feind nur in den dummen Häringsſchwärmen beſtand. Bei ſolchen Fällen wurden die Wathen aneinander ge⸗ knüpft und die Bucht auf dieſe Weiſe abgeſperrt, ſo daß die Häringe, die darin waren, ſich gefangen gaben und von den kleineren Netzen herausholen laſſen mußten. Eine einzige Wathe konnte im glücklichen Fall eintauſendzweihundert Tonnen Häringe in einem Zuge fangen. Bisweilen hatten dieſe Wathekönige aber auch Gelegen⸗ heit, die Wahrheit des Sprichwortes zu erfahren, daß„der Geiz die Klugheit betrügt.“ Wenn ſie nämlich zu viel Häringe in die Wathe gedrängt hatten, und dieſelbe nicht ans Land zu ziehen vermochten, ſtarben die zuſammengepreßten Fiſche und blieben auf dem Meeresboden liegen, woſelbſt ſie verrotteten. Hunderttauſend Tonnen gingen auf dieſe Weiſe verloren, und *) Wathe= Schleppnetz. D. Ueberſ. ten es, man untau⸗ verdor ber, gerieth und B. D von de geführt einande und zu vermöch A befande Alters handelte ſondern zwar je D hübſchen liebteſte buhlerſch und Pi Bruſt u turmenſe heidigte W war, bli Wathe⸗ jeder Be Au Carlen, ie ſoge⸗ i betrug es deren ztere be⸗ i Faden dert Fa⸗ n heran⸗ iſche mit Winde um eine anze und Intereſſe — wie der Feind uander ge⸗ hdaß die von den ige Wathe n Häringe Gelegen⸗ „der Geiz däringe in Land zu Fiſche und eerrotteten. loren, und .Ueberſ. 17 man wollte ſogar behaupten, daß der Ort künftig zum Fang untauglich ſei. Aber es war nicht allein der Ort zum Fiſchfang, der verdorben wurde, ſondern auch das Gemüth der Machtha⸗ ber, welche bei weit geringerer Urſache in die äußerſte Wuth geriethen. Man hörte faſt täglich von den blutigen Auftritten und Bataillen, welche dieſe Majeſtäten unter ſich geliefert hatten. Nachdem die Boote gefüllt waren, wurde die meiſtens ſchon von den Kaufleuten erſtandene Waare ſofort in die Salzereien geführt. Bei dieſen Lieferungen, wo Freund und Feind auf einander ſtießen, wurden die gefährlichſten Kämpfe ausgefochten, und zwar unter Verhältniſſen, die keine Feder zu ſchildern vermöchte. An ſolchen Orten, wo ſich Salzereien und Thrankochereien befanden, waren eine Menge Frauen und Mädchen, jeglichen Alters und von aller Welt Enden, zur Arbeit angeſtellt. Es handelte ſich hier nicht um Heimathſchein und Aufenthaltskarte, ſondern nur um kräftige Arme und arbeitsfähige Hände, und zwar je mehr, deſto beſſer. Dieſe Damen waren ſehr ungleicher Art. Die jungen und hübſchen, und bisweilen auch ſittſamen, waren natürlich die be⸗ liebteſten. Sie waren die Sonnen, um deretwillen die Neben⸗ buhlerſchaft entſtand; und wenn auch die Duelle nicht mit Degen und Piſtole ausgekämpft wurden, ſo geſchah es doch Bruſt gegen Bruſt und Knie gegen Knie mit der ganzen Wildheit des Na⸗ turmenſchen und in der Ueberzeugung, daß der Lohn des ver⸗ heidigten Gegenſtandes nicht ausbleiben werde. Wenn nun der Sieger ſeines doppelten Erfolges ſicher war, blieben deshalb die Fehden in Zukunft nicht aus, da die Wathe⸗Theilhaber, immer wilde Geſellen, Communismus in jeder Beziehung, einführen wollten. Die Majeſtäten ſelbſt lieb⸗ ten es, einem reichen Sultane gleich, mit eigenem Serail zu leben. Auf der kleinen Felſeninſel, wo„Patron Smith“ ſeine Carlen, Cam. obsc. II. 2 18 Gebäude hingeſtellt hatte, herrſchte jedoch eine Ordnung, die man im Vergleich zu dem, was bei andren Patronen vorfiel, muſterhaft nennen konnte, weshalb er auch ein Gegenſtand des Neides für alle umwohnenden Salzereibeſitzer geworden war. Die Herren Diedrichſen und Dittmer verſtanden es, in Abweſenheit ihres Principals, die Zügel zu halten. War die⸗ ſer zugegen, ſo war es weniger ſeine allgemeine Freigebigkeit, die ihm den großen Einfluß auf dieſe Leute ſicherte, als der Ruf, der vor ihm herging, daß er der heftigſte und kühnſte von den noch lebenden Sprößlingen des„alten Stammes“ ſei. Seine funkelnden Augen, wenn er durch Falſchheit und Hin⸗ terliſt zum Zorn gereizt wurde; ſeine zuſammengezogenen Brauen, ſeine gewaltige Stimme zeigte ihnen, daß ihre Macht nichts über ihn vermöge; und es kam einer Ehrenbezeugung gleich, wenn die Männer unter ſich verſicherten:„Das iſt ein Mann, den man mitrechnen muß. Der iſt nicht vange!“ Einer dieſer Wathekönige, mit welchem manches Geſchäft abgeſchloſſen wurde, war der bekannte und gefürchtete Jörgen Kon, ein halber Herr, der aber ſeiner äußeren Erſcheinung nach, gern einen wirklichen Herrn und zwar von guter Fa⸗ milie hätte vorſtellen können. Woher er ſtammte, ließ ſich ſchwer behaupten. Er redete mehrere Sprachen, d. h. ſo wie die Seeleute es zu thun pflegen — und gab ſich bald für einen Ruſſen, bald für einen Nor⸗ weger, Schotten oder Spanier aus. Die olivenfarbene Haut⸗ das dichte, ſchwarz⸗krauſe Haar, und der ebenſolche Bart, die etwas eckigen Züge und die ſtarken feſt zuſammengewachſenen Brauen, die ſich über dunkelbraunen, auf gelber Email ſpielen⸗ den Augenſternen wölbten, gaben der Vermuthung etwas Wahr⸗ ſcheinliches, daß er dem verachteten, merkwürdigen Zigeuner⸗ ſtamme angehöre, obſchon er viel zu ſtolz war, einzuräumen, daß er Scheerenſchleifer und Marktſchreier geweſen ſei, ehe er nach verſchiedenen Seereiſen in ferne Länder, als„Herr“ in den S Taſche ſen wa 85 J keit für ling, r ſo ernſt ſeiner Feſſeln liche P. lichkeit Trunk 1 der Erf zu plau überfiel bei der macht heo ſalzereien ſondern beiden Anundſſ Gu heirathet ſorgt wer den Tod Wohnung ſie nicht günſtig nen zu v bar ange Es Jörgen 4 nung, die en vorfiel, nſtand des en war. en es, in War die⸗ feigebigkeit, e, als der ühnſte von nmes“ ſei. tund Hin⸗ nen Brauen, gacht nichts ung gleich, ein Mann, es Geſchäft tete Jörgen Erſcheinung a guter Fa⸗ Er redete ſthun pflegen einen Nor⸗ rbene Haut, he Bart, die ngewachſenen mail ſpielen⸗ etwas Wahr⸗ en Zigeuner⸗ einzuräumen, ſei, ehe er s„Herr“ in Jö 19 den Scheeren erſchienen, wo er mit klingender Münze in der Taſche angekommen und nun über ein Jahr anſäſſig gewe⸗ ſen war. Jung, kühn, leicht entflammt, und ſeiner Unwiderſtehlich⸗ keit für das ſchöne Geſchlecht ſicher, war er wie ein Schmetter⸗ ling, von einer Strandroſe zur andren geflattert, bis er jetzt ſo ernſthaft gefeſſelt worden, daß er, falls er den Gegenſtand ſeiner heftigen Neigung gewinnen konnte— unter Hymens Feſſeln ſich zu beugen beſchloſſen hatte. Das war aber der frag⸗ liche Punkt, obſchon Jörgen Kon auf dem Gebiete der Sitt⸗ lichkeit vor allen ſeinen Collegen den Vorſprung hatte. In Trunk und Spiel, Kampfluſt und allen tollen Streichen immer der Erſte, verſtand er es, mit den jungen Frauen herzlich zu plaudern— aber mitten in dieſen fröhlichen Geſprächen überfiel es ihn wie eine heimliche Trauer— die ſich nur bei der jetzt angebahnten Courtoiſie noch nicht fühlbar ge⸗ macht hatte. Es war aber auch keine Schönheit, aus den Härings⸗ ſalzereien, welche ſeine Antipathie gegen die Ehe beſiegt hatte, ſondern die ſchüchterne, hübſche, verſtändige Haushälterin der beiden Herren Diedrichſen und Dittmer, die junge Wittwe Guri Anundſſon. Guri hatte ſich das erſte Mal nicht aus Neigung ver⸗ heirathet. Jung und arm, hatte ſie auf anſtändige Weiſe ver⸗ ſorgt werden wollen, aber die kinderloſe, nach drei Jahren durch den Tod geſchiedene Ehe hatte ihr nichts, als eine ärmliche Wohnung und die Frauenwürde hinterlaſſen. Letztere ſchützte ſie nicht vor allerlei läſtigen Artigkeiten, und da die Zeit nicht günſtig war, ſich den täglichen Unterhalt mit Weben und Spin⸗ nen zu verdienen, hatte ſie den Platz als Haushälterin dank⸗ bar angenommen. Es war alſo auf dem Beſitze des Patron Smith, wo Jörgen Kon die vierundzwanzigjährige Guri in ihrer reichen 2* 20 Schönheit erblickt hatte. Die Achtung, die ihr ſelbſtſtändiges ehrbares Weſen ihr verſchafft hatte, wirkte ebenſo ſtark auf Jörgen ein, der für jene, damals äußerſt ſeltenen Eigenſchaften beſonders empfänglich war. Sein Geſicht wurde noch mehr angefacht, als er merkte, daß eine ganze Schaar von Freiern ſeine Wünſche theilten. Sie war ohne Widerrede die Königin längs der ganzen Küſte, und deshalb fragte Jörgen ſich, ob es noch einen andren Wathe⸗ könig gäbe, der ſich mit ihm meſſen könnte— eine Frage, die er in königlichem Selbſtvertrauen mit einem lauten: Nein! beantwortete. Genug, Guri verdiente, ſeinen Rang und Reich⸗ thum zu theilen, welcher letztere keinen anderen Werth für ihn haben konnte, als die anſpruchslos gekleidete Geliebte zu ſchmücken. Als Guri Jörgen kennen lernte, kümmerte ſie ſich weder um einen Freier, noch um ſchöne Kleider. Wenn ſie ihn aber ſpäterhin in ſeinem maleriſchen Coſtüme erblickte— eine Zu⸗ ſammenſetzung aller der von ihm beanſpruchten Nationalitäten — wenn ſie ſah, mit welchem eigenthümlichen Blick ſeine dunk⸗ len Augen gleichſam ihre ganze Geſtalt einhüllten— da fühlte ſie ihr Herz wunderbar beklommen und erregt. „Nehmen Sie ſich in Acht, Frau Guri!“ pflegten die beiden Buchhalter bisweilen wohlmeinend zu ſagen,„nehmen Sie ſich in Acht vor Kon. Der Teufel weiß, was das fur ein Zeiſig— und ob es eigentlich Vogel oder Fiſch iſt.“ Diedrichſen fügte dann wohl noch hinzu:„Wiſſen Sie was⸗ Frau Guri? Ich glaube, man käme der Wahrheit am näch⸗ ſten, wenn man ihn für einen ächten Scheerenſchleifer erklärte — d. h. nachdem er ſich ſeiner bunten, geliehenen Fedem entkleidete.“ „Ich weiß von keinen andren Federn, als der Adlerfeder, an ſeiner ſchwarzen Sammetmütze; und die Herren werden zugeben, daß ihm dieſelbe ſehr gut ſteht.“ von de E gann jene Z ſich An G über ei Er fan A ſeinen zeihliche ihrer S einen Fe 5 Sie blo⸗ Schling dahin ſe G ihren zu bring den geſe 2 77 5 länger z ₰ 1 wir nich daß Sie ſind— Al ſoweit Gunſt d zu gegel ſodann ſtſtändiges ſtark auf genſchaften er merkte, e theilten. zzen Küſte, ren Wathe⸗ eine Frage, ten: Nein! und Reich⸗ Werth für Geliebte zu ſich weder ſie ihn aber eine Zu⸗ ationalitäten ſeine dunk⸗ da fühlte pflegten die n,„nehmen was das für Fiſch iſt.“ fen Sie was, eit am näch⸗ leifer erklärte henen Fedem er Adlerfeder, erren werden 21 „O weh, Frau Guri, ich ſehe ſchon im Geiſte, wenn Sie von dem großen Wallfiſche verſchlungen werden!“ Guri that, als höre ſie nicht, was man ſprach; ſie be⸗ gann zu arbeiten und allerlei beängſtigende Gedanken über jene Zeit, wo ſie alt und nicht mehr im Stande ſein würde, ſich Andren nützlich zu machen, quälten ihr Inneres. Ein andermal unterbrach Herr Dittmer ihre Grübeleien über ein armſeliges und einſames Alter auf ſeine ernſte Weiſe. Er fand jedoch nicht mehr Gehör, als ſein Gefährte. Als aber der Principal bei ſeiner nächſten Ankunſt offen ſeinen Wunſch erklärte, Frau Guri möge nicht ſolch' unver⸗ zeihliche Thorheit begehen, führte die junge Wittwe, den Zipfel ihrer Schürze an die glänzenden Augen und meinte: ſie müſſe einen Feind haben, der ſie ſo beim Herrn Patron zu verläumden wiſſe. „Ihr ärgſter Feind ſind ſie ſelbſt, Frau Guri. Bedenken Sie blos, wie toll der Menſch lebte, bevor es ihm einfiel, ſeine Schlinge nach einer Frau auszuwerfen, welche ihr Herz bis dahin ſo heilig gehalten hatte.“ Guri wurde blutroth; jeder Andre, der es gewagt hätte, ihren Namen mit dem was früher geſchehen, in Verbindung zu bringen, würde mit Worten und Gebehrden von ihr zu Bo⸗ den geſchmettert worden ſein. „Herr Patron— wenn Sie mit meinem Dienſte nicht länger zufrieden ſind—“ „Dummes Geſchwätz, Frau Guri—— diesmal wollen wir nicht weiter von der Sache reden. Laſſen Sie mich ſehen, daß Sie, wenn ich das nächſte Mal wiederkomme, vernünftiger ſind— ich bleibe diesmal nur einige Tage fort.“ Als er aber das„nächſte Mal“ eintraf, hatte die Sache ſich ſoweit entwickelt und Jörgen ſo bedeutende Fortſchritte in der Gunſt der bethörten Guri gemacht, daß ſie ihm Einwilligung da⸗ zu gegeben, daß Kon bei dem Patron um ſie werbe, welcher ſodann die Hochzeit beſtehen könne. 22 Zum Ueberfluß aller Vorſicht, ſagte Guri in jenem feier⸗ lichen Augenblicke, wo ſie dem Wathekönig das Jawort gab: „Du kannſt es doch nimmer anders, als ehrlich mit mir meinen?“ „Beleidige mich nie wieder mit einer ſo ſchimpflichen Frage!“ rief Jörgen.„Ich ſchwöre,““— hier nahm er das Sammetbarett ab und zauſ'te heftig an der Adlerfeder—„ich ſchwöre Dir, daß ich Dich faſt über alle Frauen auf dem weiten Erdenrunde ſtelle. Blicke aber nie, wäre es auch nur mit dem vierten Theile eines freundlichen Blickes, auf einen andren Mann; denn dadurch verwirkſt Du ein Menſchenleben. Wer Dich zu einem ſolchen Verrathe, an Deinem einzig wahr⸗ haften Freunde, der Dich wie eine Prinzeſſin hoch halten wird, verführt— der darf hinfort nicht mehr leben.“ Guri lächelte und war beſiegt. „Aber haſt Du denn auch Deine Papiere, Jörgen, damit das Aufgebot geſchehen kann? Ich weiß ja nicht einmal, wo Du eigentlich zu Hauſe gehörſt?“— „Wo ich eigentlich von vornherein meine Heimath gehabt habe, weiß ich ſelbſt nicht; aber das iſt ja einerlei; Du weißt ja doch, wo ich jetzt zu Hauſe bin. Meine Papiere ſind in Ordnung und der Prediger, der uns nicht auf ſie trauen will, möge ſich in Acht nehmen, daß ſein Weg ins Himmelreich nicht kürzer werde, als der meine.“ „Sprich nicht ſo ſündhaft, Jörgen. Ich geſtehe, daß Du uns manchmal Furcht machſt. Und doch iſt es, als wärſt Du ein Schlangenbeſchwörer.“ „Ja, das kann ich im Nothfall auch ſein,“ entgegnete Jörgen mit ſchallendem Gelächter;„am liebſten bezaubre ich aber Tauben, und Dich will ich auf meiner rechten Hand tragen.“ Und Guri war bezaubert und wartete mit klopfendem Her⸗ zen was„der Patron“ dazu ſagen würde. Am T folgende den Un ungen E. geräumt rothen 2 tres Ar bedeckt, pen ihre S ſich ihre bekundet Schnalle dem M von der den Sti zierlichen des Nac Vi dem Vor um ſo r und Gu Di em feier⸗ vort gab: meinen?“ mpflichen n er das r—„ich auf dem auch nur auf einen ſchenleben. zig wahr⸗ lten wird, gen, damit nmal, wo th gehabt Du weißt re ſind in auen will, reich nicht be, daß Du wärſt Du entgegnete re ich aber d tragen.“ ndem Her⸗ IV. Das Feft. Am Donnerstage kam der Kaufmann von Strömſtad, und am folgenden Sonntag ſollte zum Zeichen ſeiner Zufriedenheit mit den Untergebenen, ein Feſt mit Tanz und Spiel und Erfriſch⸗ ungen veranſtaltet werden. Einer der großen Schuppen war zu dieſem Zwecke aus⸗ geräumt und mit Laub und Blumen geſchmückt worden. Die rothen Pechnelken gaben den grünen Wänden ein friſches, mun⸗ tres Ausſehen. Die ganze Inſel war mit dieſen Blümchen bedeckt,— die einzigen Kinder Flora's, welche die nackten Klip⸗ pen ihres Schmuckes würdigten. Schon früh am Morgen hatten die Häringsſalzerinnen ſich ihrer widerlichen, unſauberen Kleidung, die ihren Stand bekundete, entäußert; in ihren Sonntagsröcken, mit ſilbernen Schnallen auf den Schuhen, und ſilbernen Schnürnadeln an dem Mieder, bildeten ſie eine bunte Kette jeglichen Alters: von der ſiebzigjährigen nußbraunen Matrone mit der kreiſchen⸗ den Stimme, bis zu dem ſiebenzehnjährigen Kinde, mit hohem zierlichen Fuße und geſtrecktem Halſe, das ſich in Erwartung des Nachmittags ungeduldig nach allen Seiten hin drehte. Viele von ihnen gingen nach Fiskebäckskil hinüber, unter dem Vorwande, dem Gottesdienſte beizuwohnen, eigentlich aber, um ſo viel früher die Neuigkeit zu verbreiten, daß Jörgen Kon und Guri Anundſſon ein Ehepaar würden. Die Männer, welche noch mancherlei Vorbereitungen für 24 den Abend zu treffen hatten, hielten ſich von den Frauen und Mädchen entfernt. Jörgen Kon ſtand ſchon früh Morgens, mit dem Barette unter dem Arme in dem Zimmer des Patrons. Der Gegen⸗ ſtand ſeines Anliegens machte ihn nicht verlegen und ſomit redete er freimüthig, wie folgt: „Ich will ehrlich bekennen, wie die Sachen ſtehen. Ich will von jetzt an ſolide werden und ein Andrer, als ich bisher geweſen. Ich habe Gefallen an Frau Guri Anundſſon gefun⸗ den; ſie hat eingewilligt, ſie iſt mündig, ihr eigener Herr, und Keiner hat ſich ſomit um ihr Thun und Laſſen zu kümmern. Dennoch will ich ſie nicht mit Gewalt nehmen, und frage des⸗ halb den Herrn Patron, wann er ſie entbehren kann?—— Natürlich je eher, deſto lieber.“ „Guri hat ſchon mit mir geſprochen und ich habe ihr meine Anſicht von der Sache geſagt, nämlich: daß ſie es be⸗ reuen wird. Sie iſt aber, wie geſagt, ihr eigener Herr.— Wenn Ihr die Wohnung für ſie in Ordnung habt, ſo kommt und ſagt Beſcheid. Ich will Euch kein Hinderniß in den Weg legen, ſondern wünſchen, daß Euer Betragen in Zukunft aus⸗ weiſen möge, daß ich Unrecht gehabt habe.“ „Das will ich Ihnen zeigen, Herr. Ich bin auch nicht ganz ſo ſchlecht wie es ausſieht. Ich habe viel Unglück und Kummer erlebt.“— hier zitterte ſeine Stimme und ſeine Augen wurden von einem feuchtem Nebel verſchleiert.—„Ehrlich ge⸗ ſtanden,“ fügte er hinzu—„ich ſuchte dieſen Kummer im Trunk und in einem wilden, wechſelvollen Leben zu vergeſſen. Jetzt ſchwöre ich Ihnen aber— daß ich die redlichſte Abſicht habe, ein rechtſchaffner Unterthan der ſchwediſchen Krone zu werden und ebenſo geachtet, wie ich bisher gefürchtet war.“ „Das war gut geſprochen.— Habt Ihr Eure Papiere in Ordnung, die Ihr mir zeigen könnt?“ „9 See gef den. B. genomme G ſtrenge. der Euc „J heut Abe dagegen, gen führ Es die Wind um den Tänzerin ſah dort Tiſche un gebrachten mit verſc und pfeife Kette beg Die zählt, da als dieſen und Klip Häuſern dunkle Wa brechunger ſchwimmen legenen P ſternden F wilden Fef ten und Barette Gegen⸗ d ſomit n. Ich h bisher gefun⸗ err, und ümmern. age des⸗ habe ihr e es be⸗ derr.— b kommt en Weg uft aus⸗ lich nicht lück und e Augen erlich ge⸗ tmer im ergeſſen. Abſicht trone zu par.“ Papiere 2⁵ „Mit den Papieren iſt es, wie es kann. Ich bin zur See gefahren und unter verſchiedenen Namen abgemuſtert wor⸗ den. Bei jetzigen Zeiten kann es damit ja auch nicht ſo ſtrenge genommen werden!“ „Bei Vollziehung der Ehe iſt es damit zu allen Zeiten ſtrenge. Das müßt Ihr aber mit dem Paſtor abmachen; kann der Euch nicht trauen, ſo kann ich Euch nicht helfen.“ „Ich werde ihn ſchon dazu vermögen. Da Sie uns aber heut Abend zum Tanze geladen, ſo haben Sie wohl auch nichts dagegen, Herr Patron, wenn ich Guri, als Braut in den Rei⸗ gen führe?“ Es war im Spätſommer, ſo daß ſchon gegen zehn Uhr die Windlichter in den Felsſchluchten angezündet werden mußten, um den Spaziergang zu erleuchten, wohin die Tänzer und Tänzerinnen in den Zwiſchenacten zu luſtwandeln pflegten. Man ſah dort verſchiedene Gruppen, welche, die Granitblöcke als Tiſche und die Steine als Bänke benutzend, ſich bei den mit⸗ gebrachten Erfriſchungen gütlich thaten. Andre Parteien zogen mit verſchlungenen Armen, einer lebenden Kette gleich, ſingend und pfeifend einher, bald hie bald da eine ebenſolche wandernde Kette begrüßend und anrufend. Die Schiffer, welche zu fiſchen aus waren, haben oft er⸗ zählt, daß man ſich keinen herrlicheren Anblick denken könne, als dieſen weit ausgedehnten Küſtenſtrich voll unzähliger Inſeln und Klippen, alle bewohnt und mit größeren oder kleineren Häuſern bebaut, von denen der Lichterſchein Abends auf die dunkle Waſſerfläche hinausſtrömte, die ihn in tauſend Strahlen⸗ brechungen zurückwarf. Es war gleichſam ein Archipelagus von ſchwimmenden Lichtinſeln, die hie und da von einem höher ge⸗ legenen Platze dominirt waren, wo man beim Schein der kni⸗ ſternden Fackeln und bei der herübertönenden Muſik eines jener wilden Feſte mit anſah, die oftmals ein blutiges Ende nahmen. Das Feſt, von welchem wir hier reden, hatte ſeinen Höhe⸗ punkt erreicht. Jörgen Kon hatte alle Tänze mit ſeiner, ihm ſeit weni⸗ gen Stunden verlobten Braut getanzt, welche in ihrem tief⸗ blauen Camelotmieder und dem weißgeblümten Rocke mit einem kürzeren von dem Stoffe des Mieders darüber, ſo bübſch und ſtattlich ausſah, daß Jörgen Kon allgemeinen und heftigen Neid erregte. Heute durfte es jedoch Niemand wagen, Frau Guri mit be⸗ wundernden Augen anzuſchauen, denn Kon's Augen ſprühten ſolche Flammen, daß der Email zu brennen ſchien, und keiner es für rathſam hielt, den Liebesrauſch in den der Wuth zu verwandeln. „Komm hinaus auf den Felſen, Du Liebe!— ich ſehne mich, Dein Bild im Waſſerſpiegel zu ſchauen,“ ſagte der Bräutigam. Und ſie gingen beide hinaus und ſpiegelten ſich in der Fluth. „Du biſt auch hübſch, Jörgen!“ ſagte Guri um ſich für ſeine Artigkeiten dankbar zu zeigen.„Aber Du erinnerſt mich an jene geheimnißvollen Räuberhäuptlinge, von denen man in den Märchenbüchern lieſt.“ „Und Du biſt der bezauberten Prinzeſſin im Liede ähn⸗ lich; und noch ähnlicher wirſt Du ihr, wenn Du Dir erſt neue Kleider aus dem rothen Seidenzeuge genäht haſt, das ich habe, und wenn Du meine dreidoppelte Goldkette und meine Rubinen⸗ ſchnallen trägſt. Dazu will ich Dir drei Zoll lange Ohrringe mit diamantenen Glöckchen machen laſſen und ein doppeltes goldenes Herz, das auf Deiner Bruſt glänzen ſoll, ſo daß Du nicht Deines Gleichen haſt. Jörgen Kon's Frau muß, wie er ſelbſt, über alle ſeine Collegen hervorragen. Schau, wie mir alle Burſchen aus dem Wege gehen, welche einen Blick auf Dich verloren haben. Meine Hand fällt wie Blei, wenn ſie im Fauſtkampfe niederfällt.“ „Daran zweifelt Niemand, und am wenigſten ich; heut⸗ Abend darfſt Du aber keine Proben davon ablegen,— wenn wir hier am Orte unſere Beluſtigung haben, muß alles anſtändig hergeher — Hin Frau— mer als haſt Di „ zu könn der Wit übrigens ich komn ſich an Auskunf ſchlecht „ der derg das Wo⸗ Frauenzi ten, beſo ner Ver! mir desh „D ſein,“ e erzählen zu ſingen beſſere ich ſage wa kundet, ſchöne J ſehr gut 1 Höhe⸗ tt weni⸗ em tief⸗ it einem zſch und gen Neid i mit be⸗ en ſolche r es für wandeln. hne mich, äutigam. r Fluth. ſich für erſt mich man in ede ähn⸗ erſt neue ich habe, Rubinen⸗ Ohrringe doppeltes daß Du , wie er wie mir Blick auf wenn ſie anſtändig 27 hergehen. Aber— St!— da ſchleicht etwas hinter uns her — Himmel, was iſt das— eine ſo wunderlich gekleidete alte Frau— kennſt Du ſie? Wann mag die hierher gekommen ſein?“ „Was willſt Du?“ fragte der Wathekönig, der ſich im⸗ mer als Wortführer aufwarf, mit gewaltiger Stimme.„Was haſt Du hier zu ſchaffen und woher kommſt Du?“ „Ei nun, ich glaubte in dieſer Gegend etwas verdienen zu können und kam hierher wie jedes Andre. Kommt nicht der Wind bald aus Süden, bald aus Norden? Ich glaubte übrigens nicht, daß mich hier Jemand fragen würde: woher ich komme, denn wenn es ein Geſetz gäbe, nach welchem Keiner ſich an dieſer Küſte anſiedeln dürfte, der nicht hinreichende Auskunft über ſich geben kann, ſo dürfte es um Manchen ſchlecht beſtellt ſein.“ „Du ſprichſt da ein dreiſtes Wort und zwar zu Jemand, der dergleichen zu hören nicht gewohnt iſt. Noch dreiſter als das Wort ſelbſt, iſt aber der Ton, in welchem Du redeſt. Frauenzimmer haben freilich nichts von meinem Zorne zu fürch⸗ ten, beſonders wenn ſie das Alter erreicht, was Du nach Dei⸗ ner Vermummung zu rechnen, haben mußt.— Du ſcheinſt mir deshalb auch reichlich alt, um zu arbeiten.“ „Der Menſch kann auf ſehr verſchiedene Weiſe nützlich ſein,“ entgegnete die Alte.„Mein Amt iſt: Geſchichten zu erzählen und alte, merkwürdige Lieder zu meiner Harmonika zu ſingen, um den Leuten die Zeit zu verkürzen. Außerdem beſſere ich Kleider aus, übernehme Beſorgungen aller Art und ſage wahr aus Karten, Kaffeeſatz und aus der Hand.“ „Ah,“ rief Jörgen mit etwas bewegter Stimme,„da biſt Du vielleicht eine Finnländerin?“ „Ich bin, die ich bin, und der Accent meiner Rede be⸗ kundet, woher ich bin.— Wollen Sie ſich wahrſagen laſſen, ſchöne Jungfrau?— die Windlichter brennen ſo helle, daß ich ſehr gut ſehen kann.“. 28 „Reich' Deine Hand hin, Guri!“ verlangte der Bräuti⸗ gam.„Es iſt recht artig, ein Wort über die Zukunft zu hören.— Aber Gott ſtehe Dir bei, alte Hexe, wenn Du etwas Andres, als Sonnenſchein und Goldgruben herauslieſ'ſt!“ „Ich bin Wittwe,“ erklärte Guri—„ich will Euch nicht hintergehen, damit auch Ihr es nicht thut.“ „Das wußte ich ſchon— aber nun tretet näher heran zu den Windlichtern, damit ich die Linien deutlicher ſehe.“ „Nun?“ fragte Se. Majeſtät ungeduldig. „Wartet— hier hab' ich es. Sonnenſchein— Gold⸗ gruben.— Nehmt Euch in Acht; hier ſteht nur: Finſterniß, Thränen und eine alte Schuld— vielleicht etwas noch Schlim⸗ meres.— Hört Ihr den Unglücksvogel, der draußen auf der See krächzt?“ „Elende, Du biſt gedungen, um ſie zu erſchrecken!“ ſchrie Jörgen in wildem Zorne und ſtürzte hervor, um der Seherin, trotz ſeiner Verſicherung, daß die Frauen vor ſeiner Rache ſicher ſeien, einen Schlag in’s Geſicht zu geben— als gerade eine jener„wandernden Ketten“ erſchien und die Alte in ihre Glie⸗ der nahm und mit ſich fortzog. „Zurück!“ herrſchte Jörgen ſie an.„Ich will ſie ſehen, und ich ſchwöre, daß Ihr kein Glied heil und ganz behalten ſollt, wenn Ihr mir das Weib nicht ſofort herausgebt.“ „Ruhe!“ entgegnete nun ein anderer Wathekönig, der ſich auch etwas auf ſeinen Rang einzubilden ſchien.„Wenn Du auch Behumal Jörgen Kon biſt, ſo bin ich ebenfalls mit Recht auf den Namen getauft, der in meinem Tauſſchein ſteht, und ich habe dem Herrn Patron, als er nach Morlanda abſegelte, verſprochen, daß ich einem Jeden den Daumen auf's Auge halten würde, der Zank anfinge oder vergäße, daß die Herren Buchhalter auch noch da ſind, wenn ſie auch in dieſem Augenblicke drinnen ſitzen und ſich einander das Geld im Kartenſpiele abnehmen.“ Ohne den Redner eines Wortes zu würdigen, ſprang Jörgen auch ſof links zu Geſetze D eigenthü⸗ „S dem An heraufbe ſchließt e denſelber geſcheher mit eine terkeit n Ei Glieder. deren S entſchwu Strandh ergriff e Lachen „N Auch de 71 muß es Rücken umdrehe ganze ſeiner la Bräuti⸗ inft zu nn Du lieſ'ſt!“ ch nicht r heran he.“ Gold⸗ nſterniß, Schlim⸗ auf der ¹“ ſchrie Seherin, he ſicher gade eine it Recht ht, und bſegelte, ge halten uchhalter drinnen nehmen.“ ſprang 29 Jörgen Kon über mehrere Glieder der Kette hinweg, welche auch ſofort zerriß, indem die zur Seite Geſtoßenen rechts und links zur Erde fielen.„Jörgen Kon läßt ſich von Niemandem Geſetze vorſchreiben. Gebt das Weib heraus!“ Die alte Seherin wurde nun wieder ſichtbar in ihrer eigenthümlichen Kleiderhülle. „Sieh, hier komme ich von ſelbſt. Aber achte Dich vor dem Anblicke, den Du, Uebermüthiger, in Deiner Wildheit ſelbſt heraufbeſchworen haſt!— Tretet zurück, guten Freunde und ſchließt einen Kreis um uns, und Ihr, Herr Wathekönig, tretet in denſelben und nehmt die Braut mit. Gebt nun Acht auf das, was geſchehen wird, Ihr Männer und Frauen! Ich will die Geſellſchaft mit einem Hexenſtück zu unterhalten ſuchen, daß allgemeine Mun⸗ terkeit werden ſoll.— Soll ich Euch meine Künſte zeigen?“ „Ja, ja,“ rief es von allen Seiten,„je mehr, deſto beſſer!“ Ein Fröſteln rieſelte dem wilden Seemanne durch alle Glieder. Sein Auge ſtarrte die zauberhafte Erſcheinung an, deren Stimme ihn mit Schrecken erfüllte und an eine längſt entſchwundene Zeit erinnerte. Der kühnſte, mannhaſteſte aller Strandbewohner durfte aber keine Furcht zeigen und— ſomit ergriff er Guri's Hand und führte ſie mit kurzem, höhniſchem Lachen in den Kreis. „Nun amüſire uns!“ rief er vornehm.„Ich geſtatte es Dir. Auch der Spielmann mag kommen und zum Tanze auſſpielen.“ „Nein!“ antzvortete die Wahrſagerin,„noch nicht! Hier muß es ſtill ſein, wie im Grabe. Ihr müßt mir alle den Rücken zuwenden und Keiner darf ſich während der Beſchwörung umdrehen— welches ſonſt großes Unheil verurſachen würde. — Wollt Ihr mir dies verſprechen und halten?“ „Ja!“ rief Guri, die ſich faſt für ſo ſouverain hielt, als ihr königlicher Bräutigam.„Ja! Ja!“ rief nach ihr die ganze Geſellſchaft wie mit einer Stimme. Jörgen war mit ſeiner lachenden Geliebten umgedreht worden, ehe er ſeine 30 Stimme abgegeben hatte; und da dies Gaukelſpiel ſie zu un⸗ terhalten ſchien, mochte es vor ſich gehen. „Nun gebt mir eine Schale mit Waſſer! Und dann rührt Euch nicht, bis ich eins— zwei— drei geſagt habe. Wenn ich drei ſage, ſo kehrt Euch um!“ Nachdem dieſe Befehle der Sybille pünktlich erfüllt waren, wickelte ſich ihre Geſtalt aus einem ungeheuren Shawl heraus, der von ihrem Haupte bis auf die Erde niederhängend, ihr das Anſehen eines beweglichen Zeltes gab und wenn ſich Je⸗ mand vor der Zeit umgedreht hätte— das Geheimniß der innerhalb deſſelben vorgehenden Verwandlung dennoch bewahrt haben würde. Volle zehn Minuten wurden Erwartung und Neugier auf die Folter geſpannt. Da erſcholl plötzlich das Signal:„Eins— zwei— drei!“ Wie der Blitz drehte ſich das Brautpaar und der ganze um⸗ ſtehende Kreis herum; und wie ein Blitz traf ſie der Anblick, der jetzt ihrer harrte. Es war als wäre eine zweite„Papagena“ aus ihrer garſtigen Hülle gekrochen. Die alte Hexe war in eine junge, blühende, bernſteinfar⸗ bige Zigeunerin verwandelt, die in einer mit ſchimmernden Glasperlen, Meſſingſchmuck und Steinkohlenknöpfen überſäeten Gewande vor den erſtaunten Zuſchauern ſtand. Alle Anweſenden ſtießen einen Schrei aus. Jörgen ſtand wie eine Bildſäule und nur Guri, die das Ganze für eine Beluſtigung, ihr zu Ehren, hielt, wagte zu lachen. Als aber eine junge, friſche, wiewohl ernſte Stimme, folgende Beſchwö⸗ rung anhob, die alle ihre Illuſionen in die Flucht jagte— da verſtummte dies Lachen. „Hört mich,“ ſprach die bernſteinfarbene Schönheit mit kräftiger Stimme,„hört mich, und dann urtheilt!— Seht Ihr den Mann, deſſen Vermeſſenheit eben noch ſeines Gleichen nicht kan mäßigen Erde ver zehn Ja lockte mi nem eife geführt, glaubte fort und einiger nen hört eine and ohne mi mein iſt Jörgen Anmuth Arme ent Die Guri, di nen Ehen „,3— zu forder Deiner, lin des Und Ex⸗Brau Ihr zen umſte ſagen zu ihr Jede Verzeihun weckte dann habe. waren, heraus, „ ihr ch Je⸗ fiß der ewahrt er auf drei!“ ze um⸗ Unblick, ihrer teinfar⸗ iernden erſäeten n ſtand ür eine ls aber heſchwö⸗ gte— eit mit Seht Gleichen nicht kannte, und der ſich nun vor dem Anblicke ſeiner recht⸗ mäßigen Gattin, die er vor neun Jahren verließ, in tiefſter Erde verbergen möchte? Sie war damals ein Kind— ſieben⸗ zehn Jahre alt.—— Aber er verließ mich nicht bloß— er lockte mich vorher in den dichten Wald, wo er mich, von ſei⸗ nem eiferſüchtigen Herzen und von ſeinem wilden Sinne irre⸗ geführt, ſchlug, bis ich bewußtlos— und wie er wahrſcheinlich glaubte— todt war. Denn, als ich mich beſann, war er fort und ich habe nichts weiter von ihm gehört, bis ich vor einiger Zeit, als ich in dieſe Gegend kam, ſeinen Namen nen⸗ nen hörte und erfuhr, daß er die Schamloſigkeit gehabt hatte, eine andere leichtgläubige, arme Frau in ſeine Netze zu ziehen, ohne mit Sicherheit zu wiſſen, ob er Wittwer ſei. Aber mein iſt er und mein ſoll er bleiben.— Richte Dich auf, Jörgen— ich vergebe Dir!“ Und mit ungekünſtelter, edler Anmuth ſtreckte ſie den immer noch ſtummen Jörgen beide Arme entgegen. Die Erſte, welche ſich von ihrem Erſtaunen erholte, war Guri, die, einen verachtenden, entſetzten Blick auf den erkore⸗ nen Ehemann werfend, mit ausdrucksvoller Geberde ausrief: „Ich verſchmähe und verabſcheue es, Rechenſchaft von Dir zu fordern, Du doppelter Betrüger! Bleibe nun allein mit Deiner, mit Meſſing beſchlagenen Zigeunerin, der Gemah⸗ lin des Wathekönigs—“ Und raſcher, als die Möve die Luft durcheilt, flog die Ex⸗Braut davon. Ihr gerechter Aerger fand jedoch kein Echo in dem gan⸗ zen umſtehenden Kreiſe. Es iſt ſo angenehm, ſeinem Nachbar ſagen zu können:„Sie hätte ſich vorſehen ſollen. Das hätte ihr Jeder ſagen können, daß das ſchief gehen würde!“ Die verlaſſene Gattin aber, die ſo plötzlich und zwar mit Verzeihung und Verſöhnung auf den Lippen erſchien— die weckte ungetheilte Sympathie und Guri's Schmähwort: Ge⸗ „ 32 mahlin des Wathekönigs gab derſelben Luft in einem lauten: „Hurrah! Hurrah! für den Wathekönig und ſeine Ge⸗ mahlin!“ worauf die ganze Menge ſich in den wildeſten Rei⸗ gen um das merkwürdige Paar herumdrehte. Nun erſt erhob Jörgen das Haupt. Sein Hochmuth war durch Guri's kalten, hohnvollen Ab⸗ ſchied ſchwer verletzt worden; und der Schmerz über ihren Verluſt nahm ab in dem Verhältniſſe, wie die Befriedigung, die ſeine Augen beim Anſchauen dieſer jungen, gleichſam neu⸗ erſtandenen Frau ihm ins Herz flößten— wuchs. War ſie nicht überdies ſeine Frau, ihm mit ſechszehn Jahren angetraut, und die er in ihrem ſiebenzehnten verlaſſen hatte! Neun Jahre lang war er von Gewiſſensbiſſen gemartert worden und doch hatte eine innere Furcht ihn abgehalten, ſich Gewißheit darüber zu verſchaffen, ob das Opfer ſeiner Eiferſucht und ſeines wil⸗ den Sinnes wieder ins Leben zurückgekehrt ſei. Mit den leicht⸗ ſinnigen Grundſätzen ſeines Stammes hatte er die Erinnerung geflohen und das Geſchehene geſchehen ſein laſſen.— Wenn er anderen Frauen ſeine Huldigung gebracht, hatte er verſucht, ſich für frei zu halten; hatte er aber dem Branntwein gehul⸗ digt, da hielt er ſich für gebunden. bis er eine Gewißheit habe, die er gleichwohl zu erlangen ſcheute, da er entweder ſeine Ge⸗ wiſſensqual dadurch geſteigert ſehen, oder ſich ſelbſt für noch tiefer geſunken halten mußte, indem er bis jetzt noch die eine Tugend bewahrt hatte: daß er ſeiner erſten Liebe gewiſſer⸗ maßen treu geblieben war. Es war deshalb ein prächtiger Anblick, als der ſtolze Jörgen in edler Demuth zu der jungen Zigeunerin hintrat. „Mayna, kannſt Du wirklich alles vergeſſen und vergeben?“ „Ich habe nie einen Anderen geliebt, Jörgen— nach Dir allein habe ich geforſcht und geſucht.— Aber Du— willſt Du, daß ich von hinnen gehe?“— „Nit denzeuge, Ich ſchütt verdiente, Freunde, ein Hoch Wäh aufgeregte mer ihres „Wa Bräutigan „Er garſtigen „Pot von Gott, Da kann Wathekönit „Gla Diedrichſen Suneſſon vielleicht d Ob 6 derſelbe w dieſer Sva die Geſchig vor, daß einem mer Grund zu Dieſe deutenden jener Zeit i taſtiſcher 2 Carlen, C n einem ine Ge⸗ ten Rei⸗ llen Ab⸗ er ihren iedigung, ſam neu⸗ War ſie ngetraut, un Jahre und doch darüber ines wil⸗ en leicht⸗ innerung — Wenn verſucht, in gehul⸗ heit habe, ſeine Ge⸗ für noch die eine ewiſſer⸗ der ſtolze zintrat. ergeben?“ — nach Du— 33 „Nimmermehr! Keine Andere, als Du, ſoll meine Sei⸗ denzeuge, meine Goldketten und Diamantglöcklein tragen. Ich ſchüttele alle Gedanken an diejenige ab, die es doch nicht verdiente, Jörgen Kon's Frau zu werden. Und nun Dank, Freunde, Dank dem Erſten und Letzten, welcher der Rechten ein Hoch brachte. Ihr mögt es gern wiederholen!“ Während die Felſen von dem abermaligen„Hurrah“ der aufgeregten Menge wiederhallten, ſtürzte Frau Guri ins Zim⸗ mer ihres Herrn. „Was giebt’s.— Hat die Braut ſich erzürnt,— oder hat der Bräutigam einem Nebenbuhler das Meſſer in die Kehle gejagt?“ „Er war verheirathet— verheirathet mit einem gelben, garſtigen Geſchöpfe, welches ihm nachgereiſt iſt!“ „Potz tauſend!— Nun da war es ja aber eine Gnade von Gott, daß Ihr dies noch zu rechter Zeit erfahren habt! Da kann der Wind ja einem anderen weniger gefährlichen Wathekönig die Segel ſchwellen!“ „Glauben Sie denn, daß ich aus Aerger heirathe, Herr Diedrichſen?— Nein, gewiß nicht.— Aber wenn Svante Suneſſon heut um mich anhielte— ſo— Es iſt heut Abend vielleicht das letzte Mal, daß ich an ſolche Dummheit denke.“ Ob Svante Suneſſon— wir wollen annehmen, daß er derſelbe war, der König Jörgen zurechtzuweiſen wagte— ob dieſer Svante noch am ſelben Abende freite— davon ſchweigt die Geſchichte. Daß es aber ſpäter geſchah, geht daraus her⸗ vor, daß Frau Guri Suneſſon in ihren alten Tagen oft von einem merkwürdigen Abenteuer erzählte, welches eigentlich den Grund zu ihrem ſpäteren Glücke gelegt habe. Dieſe kleine, romantiſirte Epiſode, bildet nur einen unbe⸗ deutenden Beitrag zu den tauſend Abenteuern, welche ſich zu jener Zeit in den Scheeren zutrugen, und die mitunter ſo phan⸗ taſtiſcher Art waren, daß man verſucht war, ſie in das Reich Carlen, Cam. obsc. II. 3 34 der Märchen zu verſetzen. Die ganze Periode war ein Gewebe unglaublicher Wahrheiten und glaubwürdiger Lügen, ein Ge⸗ miſch, wie es nur da entſtehen kann, wo eine geſetzloſe Be⸗ völkerung ſich heimiſch auf einem Boden niederläßt, der ihnen zur Nutzanwendung abgetreten worden iſt. Plötzlich erſchien aber ein Tag, der allem Glanze und aller Freude ein Ende machte. Die Feſte verſtummten, der Ueber⸗ muth ſank, denn— der Häring, deſſen Ankunft und dauernder Aufenthalt all' dieſen lebendigen Verkehr hervorgerufen hatte, verſchwand und die Epoche, die nun eintrat, zeigte die Scheeren— in einem ganz andrem Lichte: ein Gemälde, wo vor Allem die le ſcharfen Contouren der Armuth, des Kummers, des Müßigan⸗ ges und des Hungers hervorragten. Die großen, ſtattlichen Gebäude wurden niedergeriſſen; das Material verkauft; die Principale zogen fort und die Herren Buchhalter— etablirten Handlungshäuſer längs der Küſte. Die ganze Küſte glich einer ungeheuren Ruine. Zwiſchen den öden, ſchweigenden Felſen und Klippen krächzte nicht nur der Sturmvogel— manche hagere, bleiche Geſtalt ſchlich dort einher und klagte ſich ſeufzend an: die herrliche Gottesgabe nicht beſſer angewandt zu haben. Die Regierung hatte unerhörte Opfer gebracht, um den Häringsfang in Flor zu bringen. Was that ſie nun aber für die Exiſtenz aller jener Menſchen, die gleich Vögeln herbeige⸗ lockt waren und ſich auf den Raub geſtürzt hatten?— Nichts andres, als was Moſes in der Wüſte gethan hatte: ſie ließ die erſte Generation ausſterben. Die darauf folgende, ein Gemiſch*) Aus der eingewanderten Häringsfänger und der eingeborenen Küſten⸗ noch heutigen bewohner, waren abgehärteter Natur und— von dem Augenblicke, ulſ enä wo ſie die Augen öffneten, bis ſie dieſelben ſchlöſſen,— den haben, werde härteſten Entbehrungen preisgegeben, indem ſie Nahrung und verändert, th⸗ Kleidung, Wärme und Lebensmuth von der ſchäumenden Bran⸗ ungefähr in dung und der nackten Klippe zu empfangen hatten. zählung und betrachtet we Gewebe ein Ge⸗ ‚Bloſe Be⸗ der ihnen und aller er Ueber⸗ dauernder fen hatte, Scheeren Allem die Müßigan⸗ iſſen; das die Herren Küſte. Zwiſchen nicht nur chlich dort Gottesgabe , um den aber für herbeige⸗ — Nichts ie ließ die in Gemiſch ien Küſten⸗ BDie ilie am Strande zu Sotenüs.*) *) Aus Rückſichten für die höchſt achtungswerthe Familie, die noch heutigen Tages in den Scheeren von Bohuslän, wenn auch nicht ic, auf Sotenäs, lebt, und in welcher die leider allzu romantiſ i lugenblick, auf enäs, lche leider allzu romantiſchen Ereig⸗ g9 1 niſſe, die in der folgenden Skizze geſchildert werden, ſagedenden ,— denu haben, werden die Namen der darin erſcheinenden Perſonen theils hrung und verändert, theils nur angedeutet werden. Die Begebenheiten fanden nden Bran⸗ afähr ü nn den Weitpumkte ſtatt, wie die vorhergehende Er⸗ lählung und kann deshalb gewiſſermaßen, als ein Seitenſtück derſelb⸗ betrachtet werden. Krihenſaüik derſelben „Mach 1 Mein Herz Kind darir b ruhigen!“ „Das V dem Blute als von der dieſes Volk Dieſe einem ſehr ruhig dalag, in ſich aufn Und w ben, während verſchleierter I. Ein Abſchied. „Mach' mir keine Vorwürfe— ſprich nicht hart zu mir! Mein Herz iſt ſo voller Klage. Es iſt mir als ſäße ein Kind darin und weinte und ich könnte daſſelbe nicht be⸗ ruhigen!“ „Das Kind biſt Du ſelbſt, meine Juanna! Du haſt mit dem Blute Deiner ſpaniſchen Mutter weniger von dem Feuer als von der ſteifen Grandezza und der wehmüthigen Romantik dieſes Volkes geerbt.“ Dieſe Worte wurden zwiſchen einem jungen Manne und einem ſehr jungen Mädchen gewechſelt, welche nebeneinander in der Vertiefung eines auf einer kleinen einſamen Inſel ge⸗ legenen Felſens ſitzend, auf's Meer hinaus ſchauten, das in den erſten Stunden des neuerwachten Sommertages klar und ruhig dalag, und ein treues Bild der huͤbſchen Gruppe droben in ſich aufnahm. Und wohl war ſie hübſch die Gruppe, die von der auf⸗ gehenden Sonne beleuchtet, wie verklärt erſchien!— Einige leichte Regentropfen waren wie glänzende Perlen in den dunklen Locken des jungen Mädchens hängen geblie⸗ ben, während ihre tiefſchwarzen Augen, in denen ein wiewohl verſchleierter Himmel von Gluth und Liebe lag, über die 38 Waſeerfläche hinirrten und einen Gegenſtand zu ſuchen ſchienen, auf dem ſie ausruhen könnten. Der Mann an ihrer Seite, Juanna's Verlobter, Capitain Lauritz Hellevi, galt auch in andren Augen, als denen ſeiner liebenden Braut für einen Typus ſchwediſcher Ehre, ſchwedi⸗ ſchen Muthes und des ſchwediſchen Herzens; alles dies offen⸗ bart in einer ſo hübſchen Form der menſchlichen Geſtalt, wie ſie je aus der freigebigen Gotteshand hervorgegangen war. Man ſuchte aber vergebens nach einem milden, zarten, weichen Ausdrucke in den feurigen Augen oder in dem etwas ſtrengen⸗ Zuge um den Mund. Sturm und Leidenſchaft, Entzücken und Mißvergnügen lagen in den Blicken, mit denen er die leichte Geſtalt an ſeiner Seite ſo zu ſagen einhüllte. Auf Juanna's Wangen, deren eigenthümlich gelber war⸗ mer Farbenton durch den raſcheren Blutumlauf noch erhöht wurde, lagen ebenfalls zwei Perlen— nicht der Thau des Himmels, ſondern ihres Augenpaares. Sie lagen ſo ſtille als wollten ſie ihn all der Unreimlichkeiten anklagen, die ſeine thörichte Eiferſucht in dieſer letzten Stunde des Beiſammen⸗ ſeins geſprochen hatte. 3 4 „Nun denn,“ brach Lauritz ungeduldig das längere Schwei⸗ gen, während ſie noch in derſelben Stellung verharrte,„willſt Du mich noch länger mit Entziehung Deiner Blicke ſtrafen, die ich jetzt nach Minuten zählen und berechnen muß? Du glaubſt nicht, wie kalt Du in dieſem Augenblicke ausſiehſt. Meine warme gelbe Lilie wird gleich wieder zu der ſteifen weißen... Signora Juanna ſoll die ſpaniſche Grandezza auch bei dieſem Trauerfeſte präſidiren?“ Sie wandte dem heftigen jungen Manne ihr Antlitz zur „Lauritz, ſchau auf's Meer hinaus; ſieh wie die weißen Wogenkämme über Sote's tiefem Abgrunde ſpielen! Wie viele Liebende hat dieſe Fluth getrennt und vereint! Ich rufe ſie deshalb als Zeuge auf, daß meine Treue—“ „O, riſchen wählteſt von der „D der Fels kehrt.— verſteht a für den 1 „In Stern in Bord mei träume, Nachdem weiſe die dem künfti daß mein ſo wenig doch dem dies biswe der den ih hafter Zar lich, daß nur den in meinem „Sag aufrichtig, Anfang un „Erſt Unruhe nie dem noch vie durch das und zweite n ſchienen, Capitain nen ſeiner , ſchwedi⸗ dies offen⸗ eſtalt, wie igen war. n, weichen s ſtrengen zücken und die leichte gelber war⸗ loch erhöht Thau des o ſtille als die ſeine Beiſammen⸗ ſere Schwei⸗ rte,„willſt icke ſtrafen, nuß? Du ausſiehſt. der ſteifen Grandezzu Antlitz zur die weißen Wie viele sch rufe ſie „O, Juanna, ſchwöre doch nicht im Namen der verräthe⸗ riſchen Wogen! Das iſt eine ſchlechte Vorbedeutung. Warum wählteſt Du nicht lieber den unerſchütterlichen Felſen, der ſich von der Welle liebkoſen und geißeln läßt?“ „Der Felſen iſt hart, aber die Welle weich. Du biſt der Fels und ich die Welle, die immer und immer wieder⸗ kehrt.— Ach, Lauritz, glaube feſt an die, die nichts ſowohl verſteht als die Schläge ihres eigenen Herzens, welches nur für den Undankbarſten der Männer klopft!“ „Juanna, Du am Tage meine Sonne, mein glänzender Stern in der Nacht, wenn ich mich während der Woche am Bord meines Fahrzeuges in die heimathliche Welt zurück⸗ träume, kannſt Du vergeben und meine Thorheit vergeſſen? Nachdem Du Deine Mutter verloren haſt, ſollteſt Du billiger⸗ weiſe die zarte Sorgfalt, deren Dein Herz ſo ſehr bedarf, in dem künftigen Gatten wiederfinden; aber es iſt ein Unglück, daß mein Herz, obgleich bei Gott! ſo warm und redlich, doch ſo wenig Sympathie für das Weiche und Milde hat, was doch dem Menſchen ſo natürlich iſt. Vielleicht— ich fühle dies bisweilen mit wahrer Angſt— bin ich nicht der Mann, der den ihm anvertrauten Schatz mit hinreichender, gewiſſen⸗ hafter Zartheit zu beſchützen weiß. Ich liebe Dich ſo unend⸗ lich, daß ich mein Leben zehnmal laſſen möchte, könnte ich nur den Ton treffen, den Du— ich fühle es— vergebens in meinem Herzen ſuchſt.“ „Sag' nicht, daß ich vergebens ſuche— ſage mir lieber aufrichtig, warum Du jetzt ſo viel mißtrauiſcher biſt als zu Anfang unſrer Verlobung?“ „Erſtens, meine Juanna, weil ich das Grauen und die Unruhe nicht überwältigen kann, die das lange Trauerjahr von dem noch vier Jahrhunderte, das heißt Monate zurückzulegen ſind, durch das Hinausſchieben unſrer Vereinigung veranlaßt hat, und zweitens, weil ſich in Deiner Nähe zwei Perſonen befinden, kann.“— „Concordia— wie Unrecht Du ihr thuſt— und Engel bert, für den ich kaum das Intereſſe fühlen kann, was ich ihm als Anverwandte ſchuldig bin.“ „Aber Dein Vater, ein ſonſt ſo ehrwürdiger Mann, iſt ſchwach genug, zu wünſchen, daß ſeine altadelige Familie durch den Herrn Kornet fortgepflanzt werde. Und wenn ich dente daß Du——“ „Still, Lauritz, Du läſterſt! Wer will ſich darüber wun⸗ dern, daß mein Vater ſeinen Namen fortleben zu ſehen wünſcht! Ich hoffe auch, daß ihm dieſer Wunſch erfüllt werde, da Engelbert C Concordia nicht ſelten mit wirklichem Intereſſe an⸗ ſieht, und auch ſie ihm nicht abgeneigt ſein würde. „Nein, nein!“ erwiderte der junge Capitain erröthend, „Concordia liebt Deinen Vetter nicht!“ „Glaubſt Du denn, daß ſie des Paſtors Adjunct be⸗ günſtigt?“ „Ich glaube nichts, meine geliebte Juanna, aber ich weiß, daß ich Dir die Wahrheit geſagt habe, als ich erklärte, daß ich dieſe beiden Perſonen in Deiner Umgebung fürchte. Gott gebe, daß ich Unrecht habe.— Aber ſieh, die Sonne iſt unter⸗ deſſen ſo hochgeſtiegen, daß ich dieſe Stunde nicht zu verlän⸗ gern wage, die ich Dir und mir verbittert habe.“ „Gerade deshalb mußt Du noch einige Minuten verwei⸗ len, mein Lauritz. Iſt es durchaus nothwendig, daß Du heut reiſeſt; kannſt Du es gar nicht ändern?“ „Wie hart, die Bitte abſchlagen zu müſſen, die in Deinen Augen liegt, meine liebe Juanna! Ich muß leider vor morgen⸗ früh in Gothenburg ſein, da das Fahrzeug alsdann gelöſcht iſt und die Ladung beginnt. Je mehr ich zu thun habe, deſto raſcher hoffe ich die vier Monate zu tödten, die mich von meinem Glücke trennen.“ 4 die ich aus verſchiedenen Gründen nicht ide 0 die B. e Morge reuen, zu zehr Frieden undank zögern Boot z rudert ich mie kann.“ C D die We er ſaß 41 cht leiden Juanna's Thränen fielen nun wie reichlicher Thau auf ddie Bruſt des jungen Mannes, der ſie feſt umſchloſſen hielt. ind Engel⸗„Es wäre vielleicht beſſer geweſen, wenn wir es bei dem „was ich geſtrigen Abſchiede hätten bewenden laſſen, und daß ich heut Morgen gar nicht gekommen wäre,“ ſagte ſie leiſe. Mann, iſt„Sagſt Du dies im Ernſt— kann es Dich wirklich milie durch reuen, daß unſre Liebe noch ein Andenken mehr hat, um davon ich denke, zu zehren? Dieſer letzte Augenblick iſt ja ſo ſchön, ſo voller Frieden, daß wir ſeiner mit innerſter Seligkeit denken können!“ rüber wun⸗„Nein, nein, keine Reue; die Trennung macht mich nur en wünſcht! undankbar.— Und nun Lauritz, laß uns nicht länger ver⸗ werde, da zögern, was doch geſchehen muß. Ich habe den Muth ins ntereſſe an⸗ Boot zu ſteigen. Wenn Du mich bis an die Landzunge ge⸗ rudert haſt, fliegſt Du mit dem Morgenwinde davon, während m erröthend, ich mich in einer Schlucht verberge, wo ich ungeſtört weinen kann.“— Adjunct be⸗ Gleich darauf flog das Boot Juanna's Landungsplatz ent⸗ gegen, woſelbſt es nach wenigen Minuten anlegte. r ich weiß, Der junge ſtarke Mann ſchloß ſeine Arme zitternd um klärte, daß die Welt ſeiner Liebe.... noch einige Minuten... und ſchte. Gott er ſaß allein im Boote.— ſten verwei⸗ ß Du heut in Deinen or morgen⸗ un gelöſcht hun habe, ſe mich von II. Concordia. Auf einer anderen Landzunge und von der höchſten Klippe herab, flatterte im Morgenwinde ein hellfarbiges Kleid, das eine hohe, ſchlanke, weibliche Geſtalt umfloß, die ſelbſt unbe⸗ weglich, das Auge mit einem Fernrohr bewaffnet, daſtand. Plötzlich zeigte das klare Glas den kleinen Nachen, in welchem das junge Paar, ſich einander gegenüber, auf den Ruderbänken ſaß. Während derſelbe bei Juanna’'s Landzunge anlegte, ſah man nichts mehr; bald jedoch wurde er wieder mit nur einer einſamen Perſon ſichtbar und glitt raſch an dem Felſen vorüber, von welchem die lichte Frauengeſtalt, nach⸗ dem ſie der Hülfe des Fernrohrs nicht mehr bedurfte, ihre ſpähenden, in magnetiſcher Kraft ſprühenden Blicke ausſandte. „Guten Morgen und Adieu, Capitain Lauritz! Ich glaubte Sie längſt im Wagen und auf dem Wege nach Gothenburg. — Wollen Sie denn in dem kleinen Boote reiſen?“ „Ich habe Abſchied von meiner Braut genommen, die ich ohne Zeugen zu treffen wünſchte. Wollen Sie Näheres über meinen Reiſeplan erfahren, ſo—“ „Nein, nein, geben Sie ſich keine Mühe. Ich konnte es nur nicht laſſen, Sie anzurufen, weil ich doch einmal ſo zeitig auf dem Wege bin. Der Sonntagmorgen iſt immer ſchöner, als die anderen; er lockt mit unwiderſtehlicher Macht—“ Predige ſein mi nach B 8 ( 17 mich je ſchlichte Artigkei kommen genehme H den er ließ, ſe — ohn Pfeil d D hielten, ſchien. Armen Klippe eid, das sſt unbe⸗ tand. chen, in auf den uandzunge r wieder raſch an lt, nach⸗ fte, ihre usſandte. glaubte thenburg. , die ich res über konnte es ſo zeitig ſchöner, 43 „— in die Kirche und zur Predigt? Ich wünſche des Predigers wegen, daß Sie recht aufmerkſam auf die letztere ſein mögen. Da Sie aber noch eine ganze Meile von Toſſene nach Berffendal haben, will ich Sie nicht länger aufhalten.“ „Ach, der Tag beginnt ja erſt eben—“ „Deſto kühler und angenehmer iſt die Reiſe.— Ich muß mich jedenfalls empfehlen. Mamſell Concordia wird es dem ſchlichten Seemanne zu Gute halten, daß er ſich ſo wenig auf Artigkeit und feine Sitte verſteht und ein raſches Vorwärts⸗ kommen jeder Verzögerung vorzieht, ſo unerwarteter und an⸗ genehmer Art dieſelbe auch ſein möge.“ Hierbei erhob ſich Capitain Lauritz, nahm den Hut ab, den er feierlich einen halben Bogen in der Luft beſchreiben ließ, ſetzte ſich dann wieder nieder, ergriff die Ruder und flog — ohne noch einen Blick auf die Klippe zu werfen, wie ein Pfeil davon. Die leichte Frauengeſtalt ſtampfte mit den hohen Abſätzen ihrer Schuhe ſo heftig auf den Felſen, daß ſie leicht die Prin⸗ zeſſinnen hätte wecken können, von denen das Märchen erzählt, daß ſie daſelbſt bis zum Tage der Auferſtehung ſchlafen. Der Name Concordia war gleichſam eine Satire auf die Perſon, die ihn trug, indem nicht leicht Jemand ſo mit ſich ſelbſt im Streite liegt, wie ſie es that. Dies hinderte ſie freilich nicht, viele andere Leute voll⸗ kommen zu beherrſchen, welche ſie wirklich für das Weſen hielten, das ſie durch unglaubliche Selbſtbeherrſchung zu ſein ſchien.— Sie war ihrer alten Mutter eine treue Stütze; den Armen des Kirchſpiels, durch Ausübung guter Werke, eine Art Vorſehung; ſie war ihnen eine immer zugängliche Spar⸗ und Leiheaſſe; ſie wußte Rath in allen Communeangelegenheiten; ſie ſetzte Vertheidigungsſchriften an das Landgericht auf; Bitt⸗ ſchriften an den Kirchſpielsvorſtand, an das Amthaus— kurz ſie repräſentirte eine Kraft, eine Macht, auf die ſich Alle verließen. ——— — — —— 44 Die Kenntniſſe, welche ſie auf dieſe Weiſe ſo zu ver⸗ werthen verſtand, hatte ſie ſich während der Zeit erworben, wo ſie ihren alten Vater: den Diſtrictsexecutor und Commiſſarius Peder Gude Giädda(aus der alten Paſtorenfamilie in Bul⸗ laren) in ſeiner amtlichen Wirkſamkeit unterſtützte, weil das geringe Einkommen dieſes Mannes— der den armen Bauern und Strandbewohnern lieber half, als daß er ſie pfändete— nicht ausreichte, ſich einen Schreiber anzuſchaffen, als Alters⸗ ſchwäche und Krankheiten anfingen, ihn an der Vollziehung aller ſeiner amtlichen Obliegenheiten zu hindern. Dies vorausſehend, hatte er den geſcheidten Kopf ſeines einzigen Kindes benutzt und daſſelbe mit allerlei Amtsgeſchäften, wie z. B. Einnahme der Steuergelder, Abrechnungen ꝛc. bekannt gemacht, ſo daß Concordia in den letzten Jahren das Amt gewiſſermaßen allein verwaltete, bis auf ſolche Fälle, wo die perſönliche Anweſenheit des Commiſſars nothwendig war, und wo dann der Alte in die Chaiſe ſtieg und ſich— natürlich an der Seite ſeiner Concordia— auf den Weg machte. Auf dieſe ungewöhnliche, aber jedenfalls ſehr achtungs⸗ werthe Art wurde es dem alten Peder Gude möglich, ſein Amt und ſein Einkommen zu behalten, welches Letztere, mit Sparſamkeit verwaltet und in kleinen Privatgeſchäften, die Concordia ebenfalls beſorgte, angelegt, bis zu einem artigen Capital heranwuchs, hinreichend zum Ankaufe einer kleinen Landſtelle in dem ſchönen Berffendal: der dritten Filialgemeinde des großen Hauptpaſtorates zu Toſſene auf Sotenäs. In dieſen Zufluchtsort, den die vor keiner Arbeit zurück⸗ ſchreckende Concordia ſelbſt eingerichtet, ſelbſt gemalt und deco⸗ rirt hatte, führte dies brave Mädchen ihre Mutter, als der alte Peder Gude zu ſeinen zahlreichen Vätern heimgegangen war, nach denen er in der letzten Zeit ſeines Lebens eine ſo große Sehnſucht genährt hatte, daß er mit Ungeduld jeden Tag anbrechen und enden ſah, der ihn noch von denfelben trennte. D den mit Al wirkte g keinen 2 auflehnt Ir Wittwe levi, ge⸗ Sohn L anſpruch eigenes in welch Bücherſe Meerſcho der unte ten ihre am trau anfinger ſeitiger ſammenſ C jüngſten ſchon ir ſchwediſ Abkömn Krieger 5 dritte u lich He zu ver⸗ hen, wo iſſarius n Bul⸗ eil das Bauern dete— Alters⸗ ziehung fſeines ſchäften, bekannt as Amt wo die ur, und irlich an chtungs⸗ ch, ſein re, mit en, die artigen kleinen gemeinde t zurück⸗ nd deco⸗ als der gegangen eine ſo d jeden trennte. 4⁵ Damals war Concordia, was ſie ſchien: in vollem Frie⸗ den mit ſich und der ganzen Welt. Aber die Liebe, die oft eine veredelnde Macht ausübt, wirkte ganz anders auf Concordia ein, deren ſtarke, ernſte, an keinen Widerſtand gewöhnte Natur ſich wider jede Entſagung auflehnte. In Berffendal hatten ſie eine liebe Nachbarin in der Wittwe des tapferen Secondlieutnants der Flotte, Lorens Hel⸗ levi, gefunden: eine ſtattliche Frau und ebenſo ſtolz auf ihren Sohn Lauritz, den jungen Schiffscapitain, als es die einfache, anſpruchsloſe Frau Jetta auf ihre hurtige Tochter war, die ein eigenes Comptoir, ganz dem des ſeligen Gude ähnlich, hatte, in welchem man das Schreibpult, den morſchen Lehnſtuhl, den Bücherſchrank, ja ſogar die Lieblingspfeife des Alten mit dem Meerſchaumkopfe und ſelbſt die braune, leinene Gardine vor der unterſten Fenſterſcheibe wiederfand. Beide Wittwen rühm⸗ ten ihre Kinder ſo lange und über die Maßen, wenn ihnen am traulichen Kaffeetiſche das Herz aufging, daß ſie endlich anfingen, es für gar nicht unmöglich zu halten, daß ihr beider⸗ ſeitiger Grundbeſitz dereinſt zu einem ſtattlichen Gehöfte zu⸗ ſammenſchmelzen könne. Capitain Lauritz hatte aber längſt ſeine Augen zu der jüngſten Tochter der altadeligen Familie v. B. erhoben, welche ſchon in Bohuslän gewohnt hatte, ehe dieſe Provinz unter die ſchwediſche Krone kam. In Toſſene wohnte eine Seitenlinie dieſes Geſchlechtes, das, wenn auch nicht ſo reich und mächtig wie ehedem— die alten Fehden hatten es bedeutend geſchwächt— dennoch directe Abkömmlinge hoher Herren und berühmter Staatsmänner und Krieger zählte. Das ſchöne, allgemein beliebte Fräulein Juanna war die dritte und jüngſte Tochter des Majors Tönne v. B., gewöhn⸗ lich Herr Tönne zu Byborg genannt. Die Schweſtern waren 46 in entfernten Provinzen verheirathet und nachdem ihre Mutter, die indeß ſchon als Kind mit einer emigrirten Familie nach Schweden gekommen war, ihr allein die Pflicht hinterlaſſen hatte, dem Haushalte des Vaters vorzuſtehen und die Geſell⸗ ſchaft der Verklärten zu erſetzen, hatte Juanna, die aus lauter Gefühl gewoben ſchien, ſich berufen gefühlt, alle Kräfte und Fähigkeiten zu entwickeln, die bis dahin in ihr geſchlummert hatten. Wenn ihre Empfindungen ſie zu ſehr beherrſchten und ſie zu überwältigen drohten, ſo verbarg ſie dieſelben unter einer Oberfläche von Kälte und Gemeſſenheit, die ihre Freunde als„ſpaniſche Grandezza“ zu bezeichnen pflegten. Das B.ſche Geſchlecht hatte ſchon ſeit langen Jahren faſt ausſchließlich in der Familie geheirathet und da Herr Tönne keinen Sohn beſaß, war es ſein höchſter Wunſch: die eine ſeiner Töchter mit einem Verwandten ſeines Namens ver⸗ mählt zu ſehen. Die beiden Aelteſten waren freilich mit Ver⸗ wandten, aber mütterlicherſeits, verheirathet, ſo daß jetzt alle Hoffnung auf Juanna geſetzt wurde, welche dem Vater und der ganzen Familie keine größere Freude hätte machen können, als wenn ſie die Bewerbung des Cornets Engelbert angenommen hätte, der ſchon um ſie angehalten, als ſie ſechszehn und er einundzwanzig Jahre zählte. Aber Engelbert hatte in Lauritz einen Nebenbuhler, der ſich nicht beſiegen ließ. Ungeachtet ſeines angenehmen Aeußeren und ſeines dem Anſcheine nach liebenswürdigen Charakters— beides Dinge, welche zu ge⸗ fallen beanſpruchen konnten— gelang es ihm nicht, Juanna's Sympathie zu gewinnen, die nur Augen für Lauritz hatte und gegen den Vetter, der ſeine gerechten Anſprüche geltend zu machen ſuchte, faſt unartig und ungerecht wurde. Die väterlichen Pflichten beſtanden, nach Herrn Tönne’s Begriffen, hauptſächlich darin: für das Glück ſeiner Kinder zu ſorgen. Gegen Herz und Character des Capitains war nichts einzuwenden, und daß derſelbe nur von ſeinem Erwerbe lebte, während galt, we ten, ge vermocht auch ſche Tod der ſchoben weil es milie ſo Nu kranz wi ihres Vo füllte, w Vater ne ſelbſt die ſchmerzlie Mit den Corn und bis ſchönen. pflückte u Die hefti Verſtand, daſelbſt g der Flam Wie heit ihrer cordia ſel hübſch; a Züge; dr denen die den etwas tenden fr.e Mutter, lie nach terlaſſen Geſell⸗ s lauter äfte und Slummert ſten und en unter Freunde Jahren da Herr iſch: die ens ver⸗ nit Ver⸗ jetzt alle und der nen, als nommen und er Lauritz ngeachtet ne nach zu ge⸗ zuanna's atte und ltend zu Tönne’s inder zu ir nichts be lebte, 47 während der Cornet als Erbe eines bedeutenden Fideicommiſſes galt, war ein Umſtand, der dem künftigen Glücke ſeiner ſanf⸗ ten, gefühlvollen Tochter nicht das Gegengewicht zu halten vermochte. Sie wurde deshalb mit Lauritz verlobt und hätte auch ſchon ſeit längerer Zeit Hochzeit gefeiert, wenn nicht der Tod der geliebten Mutter dieſen Act um ein Jahr hinausge⸗ ſchoben hätte; theils weil Juanna es ſelbſt wünſchte, theils weil es die in mancher Beziehung ſtrengen Grundſätze der Fa⸗ milie ſo erheiſchten. Nun aber ſollte Juanna nach vier Monaten den Braut⸗ kranz winden und dann auch als Frau noch auf dem Landſitze ihres Vaters, wo ſie ſchon jetzt den Platz der Hausfrau aus⸗ füllte, wohnen bleiben. Auf dieſe Weiſe konnte ſie ihrem alten Vater noch ferner ihre zärtliche Pflege widmen, während ſie ſelbſt die zeitweilige lange Abweſenheit ihres Mannes weniger ſchmerzlich empfinden würde.. Mit dieſen Anordnungen waren Alle zufrieden, bis auf den Cornet, deſſen Bekanntſchaft wir ſpäterhin machen werden, und bis auf Concordia, bei welcher die Eiferſucht an den ſchönen Körperformen zehrte, die Roſen von ihren Wangen pflückte und das früher ſo rechtſchaffene Herz mit Galle füllte. Die heftige, unerwiderte Gluth derſelben verwirrte ſogar ihren Verſtand, ſo daß alle klaren und guten Gedanken, die früher daſelbſt gethront hatten, jetzt von Bosheit entſtellt oder von der Flamme des Zornes verzehrt wurden. Wie innig hatte ſie Juanna geliebt und die Ueberlegen⸗ heit ihrer inneren und äußeren Schönheit anerkannt! Con⸗ cordia ſelbſt— jetzt ſechsundzwanzig Jahre alt— war nicht hübſch; aber ihr Geſicht frappirte durch die ſcharf geſchnittenen Züge; durch die halbverſchleierten, hellgrauen Augen, aus denen die Funken ihres hellen Verſtandes ſprühten, und durch den etwas ſpöttiſchen Mund, aus deſſen ein wenig hervortre⸗ tenden friſchen, rothen Lippen ihr ſchönſter Schmuck: zwei 48 Reihen kleiner, regelmäßiger, blauweißer Perlen hervor⸗ ſchimmerten. Wenn ſie auch dieſe Vortheile nicht unterſchätzte, fühlte ſie doch ſehr deutlich, daß dieſelben neben Juanna's blenden⸗ der Schönheit gänzlich verſchwanden und dies Gefühl wurde eine Quelle des Haſſes, des Verdruſſes und manches anderen Uebels in ihrem Freundſchaftsverhältniſſe. Sie wußte ihre Worte und Gebehrden aber ſo zu beherrſchen, daß ihr dop⸗ peltes Weſen nur von einer Perſon bemerkt und für viel bösartiger gehalten wurde, als es eigentlich war— und leider war es gerade diejenige Perſon, vor welcher ſie rein, wie friſch gefallener Schnee hätte daſtehen wollen.— Es fehlte Concordia nicht an Bewunderern. Der neue Diſtrictsexecutor(Länsmann) hatte zweimal einen Korb bekom⸗ men; nun war der Adjunct von Toſſene in ſeine Fußſtapfen getreten; ein demüthiger Apoſtel Chriſti, deſſen beſcheidene Wünſche kein höheres Glück vom Leben forderten, als die Hülfspredigerſtelle in Toſſene, wo Concordia als Hausfrau walten müßte— ein Dutzend weißer Schafe auf der grünen Wieſe, einige Kühe in dem Stalle und einen Schwarm Enten auf dem Teiche. Magiſter Sune Conradsſon hatte ſeine Bewerbung noch nicht angebracht; erſt wollte er zum Hülfsprediger ernannt ſein, wozu er die beſten Ausſichten hatte. Gerade an dieſem Sonn⸗ tage ſollte er ſeine Wahlpredigt halten, auf welche auch Ca⸗ pitain Lauritz hingedeutet hatte, als er ſich den Anſchein gab zu glauben, daß Concordia ſo früh auf dem Wege ſei, um zur rechten Zeit von Byborg, wo ſie den Tag vorher bei Juanna zugebracht hatte, nach Berffendal zurückzukehren. Was kümmerte ſich aber Concordia um den ſchüchternen Pfarrer mit ſeiner lieblichen Sommeridylle von weißen Bäumen und grünen Wieſen und der ihr ebenſo bekannten Winteridylle von der ſauber gekehrten Stube, wo die vorſorgliche Hausfrau für Licht kniſterte 1 wilder He Gruße ſo viel grauf „Warte,“ Schuhe a fenden P. „Warte dern—“ Hier die Steige Carlen, C 49 hervor⸗ für Licht und Wärme ſorgte, wo das helle Feuer im Kamin kniſterte und die Aepfel in der Aſche brieten! Sie dachte mit fühlte wilder Heftigkeit an den ſtolzen Seemann, der bei ſeinem tiefen lenden: Gruße ſo ſpöttiſch gelächelt hatte, und der ſie ſo grauſam, ja wurde viel grauſamer beurtheilte, als ſie in der Wirklichkeit verdiente. anderen„Warte,“ rief ſie und ſtieß mit den hohen Abſätzen ihrer te ihre Schuhe abermals ſo gewaltſam auf die, Klippe, daß die ſchla⸗ hr dop⸗ fenden Prinzeſſinnen drinnen ſich ganz gewiß gerührt haben. für viel„Warte— Concordia läßt ſich nicht umſonſt verachten, ſon⸗ d leider dern—“ ie friſch Hier verſchwand ſie auf dem Wege am Strande, ſorgſam die Steige vermeidend, wo ſie mit Juanna zuſammentreffen konnte. er neue bekom⸗ ußſtapfen ſcheidene als die. hausfrau— grünen n Enten ng noch unt ſein, Bäumen nteridylle Hausfrau Carlen, Cam. obsc. II. 4 III. Der alte und der junge Edelmann. Das Härad(Gerichtsbezirk) von Sotenäs liegt auf der nörd⸗ lichſten jener drei großen Halbinſeln, welche ſich von der mitt⸗ leren Küſte Bohuslän's, in erſtrecken. Im Norden mit und Stangenäs zuſammenhängend, ſüdweſtlicher Richtung, ins Meer den Häraden von Oville, wird Sotenäs im Weſten Tunge von dem gefährlichen Sote, im Oſten von dem reizenden Aby⸗ fjord eingeſchloſſen, der ehedem„Berofjord“ hieß, und von wel⸗ chem das ſchöne Berffendal ſich längs des Kirchſpislsgebitios bis nach Sbartebor erſtreckt. In dem Kirchſpiele Toſſene und am Abyfiord lag das merkwürdige Donations⸗ und Rittergut Aby, doppelten Schloßhöfen und ſchönen Gartenanlagen, das ſich mit ſeinen einer Rit⸗ terburg gleich, von der abſchüſſigen Klippe erhob— an der einen Seite, fließenden Meerbuſen, feldern und waldigen Hügelketten begrenzt wurde. län dem ſchwediſchen Reiche incorporirt wurde, zig Meierhöfe zu dieſem Gute, eines Königs Olof geweſen war, gend beſeſſen haben ſoll. welches ehedem von dem durch drohende Felſenwände leiſe daher an der anderen von fruchtbaren Saat⸗ hus⸗ Als Bo gehörten ſechs⸗ das Eigenthum der viele Güter in jener Ge⸗ Aus den Händen der Familie Galde ging das Gut durc Kauf in die der menſchenliebenden Frau Margaretha Hoitfeldt über, welche es 1666 mit ihren übrigen Gütern dem Gymna⸗ 3 ſium zu viele Sti Man ve Tod des veranlaß Da reits) un ödes, ſte Berge ra Sote⸗Ko⸗ Margare Kirchhofe glückte E Da für übert die Begel ſem, ball Wil bedeutend Das D erſtreckte in den Oben au Holzunge förmig a und grau auf eine meiner Le hannisklip den Schee begleitet h ſeiner wür der mörd⸗ der mitt⸗ ins Meer e, Tunge m Weſten den Aby⸗ von wel⸗ bietes bis lag das mit ſeinen ſeiner Rit⸗ an der eiſe daher ren Saat⸗ s Bohus⸗ arten ſechs⸗ Eigenthum jener Ge⸗ Gut durch Hoitfeldt n Gymna⸗ 51 ſtum zu Gothenburg vermachte, von welchem noch heutiges Tages viele Stipendien an unbemittelte Studenten ausgetheilt werden. Man vermuthet, daß dies großartige Vermächtniß durch den Tod des einzigen Sohnes und Erben der Frau Margaretha veranlaßt ſei, welcher auf einer Reiſe im Auslande geſtorben war. Das zweite Kirchſpiel Askim(das dritte kennen wir be⸗ reits) umfaßt den ſüdlichen Theil der Halbinſeh und, hat ein ödes, ſteppenähnliches Ausſehen. Hohe, gleichſam abgeſchliffene Berge ragen übereinander hervor, von Grafverna bis nach dem Sote⸗Kopf und Müyfjord hin. Dieſer Ort— ebenfalls Fran Margaretha Hoifeld t gehörig— hatte ſeine Namen von dem Kirchhofe erhalten, welchen ſie zum Begräbnißplatz für verun⸗ gl lüeten Seeleute hatte einweihen laſſen.“*) Damit man die Erwühuumg dieſer drei Kirchſpiele nicht für überflüſſig halte, muß ich darauf aufmerkſam machen, daß die Begebenheiten in nichſtehendem F Far ankennunas bald in die⸗ ſem, bald in jenem derſelben ſtattfnden————— Wir befinden uns jetzt auf Byborg, dem freilich nicht ſehr bedeutenden Landgute des vormaligen Majors, Herrn Tönne von B. Das Gut lag am Abhange einer mäßigen Anhöhe und erſtreckte ſich bis an die nackten Klixpen am Strande, die ſich in den Theil der Nordſee ſenkten, welcher Sotenäs umſpült. Oben auf der Anhöhe ſah man einen anmuthigen Park, kleine Holzungen und einen recht hübſchen Garten, welcher ſich Lertaſſ en⸗ förmig an dem Hügel hinabzog. Das Wohnhaus, lang, alt und grau, wie der Beſitzer deſſelben, aber wohl erhalten, lag auf einer hübſchen ebenen Fläche, ziemlich vom Strande ent⸗ *) Der Strand von Graſverna(den Gräbern) dürfte denjenigen meiner Leſer nicht unbekannt ſein, welche den„Einſiedler auf der Jo⸗ hannisklippe“ kennen gelernt und zuletzt in„dem Handelshaus in den Scheeren“ den Capitain Odjers auf ſeiner Reiſe durch Sotenäs begleitet haben, der für immer in Grafverna blieb und daſelbſt ein ſeiner würdiges Grab erhielt. 4* 52 fernt, und war rundum mit Syringen bepflanzt, die ſo hoch emporgewachſen waren, daß man einige Aeſte hatte ausſchneiden müſſen, um den majeſtätiſchen Anblick des Meeres nicht einzu⸗ büßen, deſſen Getöſe im Herbſt und Winter die Fenſterſcheiben klirren und die blätterloſen Aeſte knarren machte. Außen vor dem alten ehrwürdigen Gebäude, dem ebenſo alten Gitterthore, mit dem Hundzhauſe auf der einen und dem Taubenſchlage auf der anderen Seite, gegenüber, befand ſich eine Art Vorhalle mit weit vorſpringendem hölzernen Schutzdache, das— in der inneren Seite mit kleinen Vogelkäfigen behangen— auf zwei maſſiven Pfeilern ruhte, an die ſich breite eichene Ruhebänke lehnten. Rings um die Mauern waren einige Bienenkörbe aufgeſtellt und g 9 ge verſchiedene feinere Fiſchgeräthſchaften untergebracht worden. Auf der einen dieſer einſamen Bänke ſaßen zwei Männer. Der eine— zwiſchen ſechszig und ſiebenzig Jahren— ſchien noch älter, als er war: das letzte Jahr hatten ſeine Silber⸗ locken noch mehr gebleicht und den lieben ſanften, biederen Antlitz⸗ zügen jenen verklärten Ausdruck inneren Friedens verleihen, der nur ſolchen Menſchen eigen iſt, die den Aufenthalt auf Erden nur für eine Pilgerfahrt in den Himmel anſehen. Das Geſicht des jüngeren Mannes, der ungefähr dreiund⸗ zwanzig Jahre zählte, hätte einen Menſchenkenner in Verlegen⸗ heit ſetzen können. Ein ſcharfer Beobachter des Mienenſpiels und gewiſſer Züge würde vielleicht behauptet haben, daß mehr und auch weniger in denſelben liege, als man glaubte, und daß jedenfalls noch Manches unentwickelt unter der hübſchen Oberfläche ſchlummere. — „Lieber Engelbert, Du ſollſt nicht meinetwegen aus der Kirche fortbleiben, da es für mich zu anſtrengend iſt, jeden Sonntag hinzugehen. Es wäre mir ſogar unlieb, wenn unſere Bank heute ganz leer bliebe. Die Leute ſind alle nach Berffen⸗ dal gegangen, um Magiſter Sune's Wahlpredigt zu hören, und Juanna hält ihren Gottesdienſt wahrſcheinlich in der freien Natur, ebenſo a „N lieber On iſt ſo de drein du bedrückt „St „Jch alten, mit der fort Cornet's. dieſelbe ge Menſch!“ „So Empfindu Legte er und nim zügelloſen Wünſchen drücken.“ „Da in uns ko zu dem 2 ſteht, den ſo hoch ſchneiden t einzu⸗ rſcheiben ißen vor terthore, lage auf halle mit inneren maſſiven lehnten. tellt und rden. Männer. — ſchien Silber⸗ n Antlitz⸗ verleihen, zuf Erden dreiund⸗ Verlegen⸗ enenſpiels aß mehr ubte, und hübſchen Haus der ſt, jeden nn unſere h Berffen⸗ ören, und der freien 53 Natur, unter dem ſchönen blauen Himmel— wo man ihn ebenſo andächtig begehen kann.“ „Willſt Du auch mir erlauben, den Sonntag dort zu feiern, lieber Onkel?“ fragte Juanna's Vetter, der junge Cornet.„Es iſt ſo dumpf und ſchwül in der alten Kirche, die noch oben⸗ drein durch Moder⸗, Rauten⸗ und Lavendelgeruch verpeſtet iſt.“ „Thu' was Dir gefällt, lieber Neffe! Ich ſehe überdies, daß Dein Gemüth durch irgend etwas beunruhigt iſt. Willſt Du Dich ausſprechen oder ziehſt Du es vor, zu ſchweigen?“ „Ich will mich lieber ausſprechen.— Mein Herz iſt zu bedrückt—“ „So ſprich— wir ſind ungeſtört.“ „Ich bin erſt ſeit vierzehn Tagen als Gaſt in dieſem alten, mir ſo theuren Hauſe und ſchon fühle ich, daß ich wie⸗ der fort muß. „Das iſt eine traurige Nachricht, Neffe!“ „Und eine noch trauerigere Wirklichkeit, lieber Onkel!“ „Hm! Hm! Der Mann muß mehr Gewalt über ſich haben!“ Es flog eine Purpurwolke über Stirn und Wange des Cornet's.„Mehr Gewalt— ich weiß am beſten, wie groß dieſelbe geweſen iſt; aber der Menſch iſt und bleibt immer nur Menſch!“— „So lange derſelbe nur ſeine eigenen Rathſchläge und Empfindungen zur Richtſchnur nimmt— allerdings, mein Sohn. Legte er aber die Letzteren in die Feſſeln der Nothwendigkeit und nimmt Gottes weiſen Rath zu Herzen, ſo kann er den zügelloſen Naturmenſchen, der nur der Sinnesluſt und den Wünſchen ſeines Herzens lauſcht und folgt, gänzlich unter⸗ drücken.“ „Das iſt zu diel verlangt, ſo lange das Blut der Jugend in uns kocht, Onkel; und es iſt ein hartes Wort, was Du da zu dem Bruderſohne ſprichſt, gerade wo derſelbe im Begriff ſteht, den Geſetzen der Ehre und des Gewiſſens zu gehorchen, 54 indem er einen Ort verläßt, wo nur Bitterkeit, Verdruß, Eifer⸗ ſucht und das Gefühl der Demüthigung in ihm Raum finden.“ 5 5—— 1 919— 9 2. „Da ſprachſt Du, wie es Dir ums Herz iſt, lieber Engel⸗ 1 9.. 85 5 3 bert. Aber wenn ich zu große Forderung an Deine Jugend machte, ſo kam es daher“— hier blickte der Alte forſchend umher,—„weil ich deren noch größere an mein Alter und an meine Klugheit ſtellen muß.— Glaubſt Du denn nicht, Kind, daß ſich noch tiefe Spuren von jenem Schmerze in mir ſinden, den ich erfuhr, als Juanna, das Licht meiner alten Augen, nicht auf die Stimme ihres Vaters hören wollte?“— „Ich weiß dies, theurer Onkel! Aber Juanna erfuhr da⸗ mals keinen Widerſtand; ſie würde ſonſt jene Caprice leicht haben fahren laſſen.“ „Weiter darfſt Du nicht gehen, Engelbert. Sollte der in der Schule des Lebens vielfach geprüfte und abgehärtete Mann, der ſeinem jungen, ſanften Kinde immer nur das verſagte, was ihm wirklich Schaden bringen konnte, demſelben eine ſolche Bürde auf die zarten Schultern legen, und dies nur um ſeine Lieblingsidee verwirklicht zu ſehen; da er doch in dem Bewußt⸗ ſein des Opfers, welches er von ſeinem Kinde angenommen hatte, nie wahrhaft glücklich noch froh hätte werden können?“ „Wußteſt Du denn ſo gewiß, lieber Onkel, daß ihr die gewünſchte Verbindung nicht zum Schaden gereichen würde?“ „Des Menſchen Auge ſieht nicht weit, Sohn; aber das meine ſpürte damals und ſpürt auch jetzt nichts, was beun⸗ ruhigen könnte. Lauritz hat einen offenen Character— ein warmes Herz einen beſonnenen Kopf, ernſte Gefuͤhle— frei⸗ lich auch manche Fehler, aber den größten derſelben: daß er Juanna liebt und ihre Gegenliebe zu gewinnen wußte— den kann ich ihm nicht ſo hoch anrechnen.“ Der Cornet fuhr mit der Hand über die ſonſt ſo glatte Stirne; jetzt lag ſie in tiefen Falten und ein ſchlecht verhehl⸗ ter Unwille blitzte in ſeinen Augen. fällen,“ ſollen geg und ich i gegen der „En ich habe ich auf u „Th Deinem J kämeſt erſ „Da verrieth „Ich wer! als meine Scheeren! daß ich, meines H bei iſt un nachzuhän „Du als hätteſt mir ebenſt noch imm müſſen!“ tete Herr ſtande in horchen. lebte, die ten— ſo , Eifer⸗ finden.“ r Engel⸗ Jugend forſchend und an zt, Kind, r ſinden, a Augen, te der in te Mann, ver ſagte, eine ſolche am ſeine 1 Bewußt 1 genommen önnen?“ äß ihr die würde?“ aber das was beun⸗ er— ein gle— frei⸗ n: daß er te— den t ſo glatte ht verhehle 55 „Hüte Dich ein vorwitziges und ungerechtes Urtheil zu fällen,“ begann der Alte wieder mit ſtrafendem Tone.„Wir ſollen gegen Niemand ſo gerecht ſein wie gegen unſren Feind; und ich weiß, daß das Gefühl, das Du— Gott beſſere es— gegen den Capitain hegſt, der Feindſchaft ſehr nahe kommt.“ „Entſchuldige, Onkel,“ es wird mir hier zu warm— ich habe meinem Herzen jetzt Luft gemacht und morgen bin ich auf und davon.“ „Thue wie Dir gefällt, aber da Du nun einmal mit Deinem Inneren ſo zerfallen biſt, wäre es vielleicht beſſer, Du kämeſt erſt nach der Hochzeit wieder.“ „Darauf kannſt Du Dich verlaſſen!“ Engelbert'’s Stimme verrieth wie heftig das Blut ihm zum Herzen ſtrömte.— „Ich werde nie einer anderen Hochzeit auf Byborg beiwohnen, als meiner eigenen. Mir iſt eines Tages, als ich hier in den Scheeren umherſtreifte, von einer Zigeunerin prophezeit worden, daß ich, ſo unmöglich es auch ſchien, dennoch die Geliebte meines Herzens beſitzen würde. Nun 1 ſehe ich, daß Alles vor⸗ bei iſt und daß ich närriſch wäre, dieſem wahnſinnigen Traume nachzuh zangen. 6 „Du erſchreckſt mich, Knabe! Dein Antlitz iſt entſtellt, als hätteſt Du eine garſtige Maske angelegt, und Du machſt mir ebenſo viel Angſt als Kummer, wenn Du ſagſt, daß Du noch immer von dem träumſt, was Du lange hätteſt begraben müſſen!“ „Träume gehorchen weder göttlichen noch menſchlichen Gejſeten. 4 „Nicht die, welche uns im Schlafe umgaukeln,“ antwor⸗ tete Herr Tönne,„aber diejenigen, welche ſich bei wachem Zu⸗ ſtande in unſre Gedankenwelt zu drängen ſuchen, müſſen ge⸗ horchen. Wenn Deine Liebe nur ihren eigenen Wünſchen lebte, die nur auf Juanna's Koſten in Erfüllung gehen konn⸗ ten— ſo war ſie nicht die ächte, wahre Liebe, die ich kenne.“ „Ich weiß ſelbſt nicht, was ich ſchwatze— entſchuldige mich, Onkel“.. hier griff er plötzlich nach ſeinem Hute, verbeugte ſich, ohne den Onkel anzublicken, und verſchwand durch das Gitterthor, nicht in der Richtung des Meeres, ſon⸗ dern nach dem Park hin. Als er fort war, blickte Herr Tönne fromm gen Himmel empor, als ſuche er Jemand, deſſen Gebete Juanna's Glück und des armen Engelbert's Seelenfrieden erflehen könne. Dann nahm er aus dem neben ihm ſtehenden Korbe eine Handvoll Gerſte und ſtreute ſie den Sperlingen hin, welche bald zu ganzen Schaaren herbeigeſlogen kamen, um ihr Futter zu holen. Während deſſen hatte die junge Braut ſich inſoweit von dem Schmerze der Trennung erholt, daß ſie daran dachte, wie egoiſtiſch es ſei, den lieben alten Vater noch länger allein zu laſſen. Um den Augen Zeit zu gönnen, ihre gewohnte Klarheit wieder zu erlangen, und um die letzte Spur der inneren Erre⸗ gung zu bekämpfen, ſchlug ſie einen Pfad ein, der ſich über Klippen und Felſen wendend in den Park mündete. Dort wollte ſie noch einen Strauß Maiblumen für den Vater pflücken, der dieſe Blume— die einſt ein Liebesbote zwiſchen ihm und ſeiner ſeligen Juannita geweſen war— über Alles liebte. Den fertigen Strauß in der Hand, hatte Juanna ſich auf die Raſenbank unter einem Baume geſetzt, Namenszug verſchlungen in ſeiner Rinde bewahrte. Plötzlich zuckte ſie zuſammen. Wer trat dort aus dem Gebüſche hervor, wenn nicht ihr Vetter—— Engelbert hatte nicht beabſichtigt ſie aufzuſuchen. er ſie aber ſo plötzlich vor Augen ſah und ſo ſchön in der Aufregung, die noch in ihr wogte, da fühlte er, daß dieſer Anblick ein ſtechender Schmerz und zugleich auch Balſam für der ihren und Lauritz' Als die bren himmliſch letzten T Ju⸗ ihrem Vo liches Be gung ein ſich nicht die Klipy Seufzer men zu ſ mannsbra Der auffallen. Ohne ſich Mufregun werth iſt.“ tſchuldige em Hute, erſchwand eres, ſon⸗ Himmel a's Glück 1 könne. orbe eine u, welche hr Futter wweit von achte, wie ger allein Klarheit eren Erre⸗ ſich über re. Dort er pflücken, ihm und es liebte. ch auf die d Lauritz aus dem hen. Als ön in der daß dieſer zalſam füͤr 57 die brennende Wunde in ſeinem Herzen ſei, und jedenfalls himmliſch, ſie ohne ihn zu treffen, deſſen Anblick ihm in den letzten Tagen ſo qualvolle Marter verurſacht hatte. Juanna hatte keine Ahnung von dem Sturme, der in ihrem Vetter tobte, und ſein freundliches, kühles, doch zutrau⸗ liches Benehmen beſtärkte ſie in dem Glauben, daß ſeine Nei⸗ gung eine vorübergehende geweſen ſei;— dennoch konnte ſie ſich nicht eines geheimen Widerwillens gegen ihn erwehren. „Guten Morgen, ſchöner Flüchtling— ich glaubte, daß die Klippen am Meere Deine Thränen auffangen und Deine Seufzer beantworten würden. Können denn Wald und Blu⸗ men zu ſolcher Stunde eine paſſende Geſellſchaft für die See⸗ mannsbraut ſein?“ Der unnatürliche Ausdruck ſeiner Stimme mußte Juanna auffallen. Sie betrachtete ihn deshalb aufmerkſamer als ſonſt. Ohne ſich jedoch den Anſchein zu geben, als habe ſie ſeine Aufregung bemerkt, antwortete ſie ruhig: „Dieſer Baum trägt ſeinen Namen und Wald und Blu⸗ men paſſen für jedes Herz, das den Segnungen der Natur zugänglich iſt!“ „Deshalb glaubte auch ich, daß ſie für mich paſſend ſei!“ antwortete der Cornet und fügte mit affectirter Nachläſſigkeit hinzu:„Willſt Du mir einige von Deinen Blumen geben?“ „Nein!“ entgegnete Juanna mit leichtem Erröthen,„willſt Du welche haben, ſo mußt Du ſie Dir pflücken.“ „Eine einzige— nur eine einzige, Juanna, die kann ja die Freude Deines Vaters weder erhöhen, noch ſchmälern.“ „Lieber Engelbert, ich verſchenke niemals Blumen— glaube mir— aber ſei deshalb nicht böſe!“ „Böſe, einer ſolchen Kleinigkeit wegen— wie kannſt Du Dir das einbilden?— Es wundert mich überhaupt, daß Du ſo viel Gewicht auf eine Bitte legſt, die gar keiner Weigerung werth iſt.“ 58 Juanna erröthete abermals. Sie wollte zeigen, daß ſie kein Gewicht auf ſeine Bitte lege und ſtreckte deshalb ſchon die Hand nach dem Strauße aus, als ſie dieſelbe plötzlich wieder zurückzog.—„Nein“, rief ſie,„die Blumen der Braut dürfen nicht für den Vetter ſein.“ Engelbert wurde blaſſer als die Lilien bei dieſen Worten: „Wenn man mir Alles weigert,“ rief er,„wenn man alles Zartgefühl bei Seite ſetzt, und mich abſichtlich beſchimpft, ſo mache ich es ſo“— und in einem Nu riß er dem jungen Mädchen den Blumenſtrauß aus der Hand, hielt ihn einen Augenblick hoch in die Luft, preßte ihn ſtürmiſch an ſeine Lippen und warf ihn dann auf die Erde, wo er ihn mit den Füßen zertrat. Juanna ſtand wie verſteinert. „Siehſt Du, herzliebſte Couſine, weiter war es nichts!“ rief er mit lautem, gezwungenem Lachen.„Ich will Deine Einſamkeit aber nicht länger ſtören“— und ohne ſich weiter zu beurlauben, eilte er dem anderen Ende des Parkes zu.— Er war ſchon mehrere Minuten ihren Augen entſchwun⸗ den, als Juanna noch immer unbeweglich ſtehen blieb: „Jeſus, mein Gott, er liebt mich alſo noch!“ ſprach ſie leiſe,„v bewahre mich vor dieſer Liebe, denn ſie iſt voll Zorn und Bitterkeit! Nun erinnere ich mich, daß er vor Lauritz Ankunſt ein ganz anderer Menſch war. Hat er denn glauben können, daß der Aufſchub eines Jahres.... Ja, ich muß mich vor ihm in Acht nehmen.... O, Mutter, wie ſehr entbehre ich Dich jetzt!... Deine liebreiche, kluge Hand würde mir den rechten Weg gezeigt haben.— Da ich aber Deiner lieben Stimme nicht mehr lauſchen kann, will ich mein Herz fragen⸗ das wird vielleicht am erſten ſagen, was Du mir angerathen haben würdeſt.... Ja, ich glaube, daß ich Dir am beſten gehorche, wenn ich meinen Zorn und meinen Aerger zu be⸗ herrſchen ſuche, und ihm— ſo ſchwer es mir auch wird 3 heut Mit ich ſeinen Der In gedeckte T hohen err viette ein ſchäumend Familienk ein Zeiche verbunden Grabſtein hatte ein wohnt un auf dem Freude ur Uebe ehemaligen haben, de Galde, d Dieſe bei erwähnten etwa zwa ſtalten im lich erken Versmas 59 daß ſie heut Mittag durch mein unverändertes Benehmen zeige, daß alb ſchon ich ſeinen erregten Zuſtand nicht der Beachtung werth halte.“ plötzlich Der Mittag erſchien. der Braut In dem alten, mit Eichenholz getäfelten Saale ſtand die 4 gedeckte Tafel: Blühende Syringen und Pfingſtlilien in den Worten: hohen cryſtallenen Gläſern, bei jeder zierlich gefalteten Ser⸗ denn man viette ein ſilberner Becher, und die große ſilberne Kanne mit beſchimpft, ſchäumendem Bier gefüllt. Dieſe Kanne— ein ſchätzbares m jungen Familienkleinod zeigte, das B. ſche Wappen neben dem Galde ſchen: ihn einen ein Zeichen, daß dieſe beiden Geſchlechter früher durch Heirath an ſeine verbunden geweſen, welches auch durch einen prächtig gehauenen n mit den Grabſtein in der Kirche zu Toſſene beſtätigt wird. Damals hatte ein Fräulein Birgitta v. B. als Herrin auf Aby ge⸗ wohnt und ein Fräulein Galde nicht verſchmäht, das Scepter 3 auf dem kleinen Byborg zu führen, wo allezeit glückliche Liebe, vill Deine Freude und Einigkeit gewohnt hatten. s nichts!“ ſich weiter Uebertriebene Freude und Munterkeit muß auch bei den kes zu.— ehemaligen großen Tanzgeſellſchaften auf Sotenäs geherrſcht entſchwun⸗ haben, denn noch jetzt erzählt ſich das Volk von zwei Fräulein b: Galde, die ſich auf einer Hochzeit zu Tode getanzt haben. ſprach ſie Dieſe beiden jungen Damen ſind es auch, welche unter dem voll Zorn erwähnten Grabſteine ruhen, auf welchem man noch vor itz Ankunſt etwa zwanzig Jahren ihre in denſelben ausgehauenen Ge⸗ den können, ſtalten im ſtattlichen Coſtum des Mittelalters noch ſehr deut⸗ 3 mich vor lich erkennen konnte. Die Inſchrift dieſes Steines iſt im entbehre ich Versmas und lautet folgendermaßen: de mir den 1.„Christoffer Galde vor fader med ære: einer lieben Fru Birgitte B= e vor moder keere: Herz fragen, Af Oby(Aby) gaar lod han sig skriffue: angerathen Her at begrafven lad de os bliffue. beſt Jomfrue Birgitte och Ellien Galde: am beſten 8 3 mer Zlhe Gud lad os af verden kalde! rger zu Anno 1555.“ ich wird— 60 Chriſtoffer Galde, unſer Vater mit Ehr“ Frau Birgitta B—e, unſre Mutter hehr Zu Aby ſie ihren Wohnſitz hatten— Die ließen uns Beide hier beſtatten: Ellien Galde und Jungfrau Birgitte— Gott rief uns gar bald aus der Unſeren Mitte. An der oben erwähnten Mittagstafel ſtand nun das letzte Fräulein v. B. auf Byborg: Die zarte, liebliche Juanna, deren kleine weiße Hände emſig bemüht waren, die großen Schüſſeln, Brodkörbe und alle übrigen zur Mahlzeit gehören⸗ den Gegenſtände zu ordnen, da man gewöhnlich jeden Sonn⸗ tag einige der Kirchgäſte zu Mittag erwartete. Wir wollen uns aber weder durch dieſen Beſuch noch durch die einladenden Erfriſchungen feſſeln laſſen, ſondern nur erwähnen, daß Juanna ihrem Vorſatze treu blieb, ſo daß weder der Vater noch der Cornet eine Spur von dem widrigen, traurigen Eindrucke merkten, den das Benehmen des Letzteren in ihr zurückgelaſſen hatte; und es war gleichſam eine Belohnung, als ſie nun erfuhr, daß Engelbert ſchon am folgenden Morgen abrei⸗ ſen würde. Und er reiſ'te wirklich, ehe Juanna noch am nächſten Morgen ihr Lager verlaſſen hatte. Strahlend vor Freude, der drückenden Gegenwart ihres Vetters enthoben zu ſein, eilte Juanna an den Ort, wo ſie am geſtrigen Tage mit ihm zuſammengetroffen war, un den verhaßten Strauß zu ſuchen und fortzuwerfen, der gewiß nicht neben dem Baume vertrocknen noch verweſen durfte, der Lauritz; Namen in ſeiner Rinde trug.— Als ſie den Ort erreichte, war weder Blatt noch Stengel von den bo⸗ wußten Blumen zu finden;— ein Anderer war ſchon vor ihr dageweſen und hatte ſie ſorgfältig aufgeleſen, und wer dieſer Andere geweſen war, konnte ſie leicht errathen, auch ohne der im Sand Cravatte Einae Knopf u ten Arme wo ein v nun das 2 Juanna, ie großen t gehören⸗ den Sonn⸗ Vir wollen inladenden aß Juanna noch der Eindrucke rückgelaſſen 3 ſie nun gen abrei⸗ m nächſten wart ihres Ort, wo war, un der gewiß ſen durfte, ls ſie den n den be⸗ ſchon vor und wer then, auch 61 ohne den kleinen in Silber gefaßten Rubinenknopf, den ſie im Sande fand und den der Cornet am Sonntage in ſeiner Cravatte getragen hatte, Einem inſtinctartigen Abſcheu gehorchend, nahm ſie den Knopf und warf denſelben mit einer Kraft, die man dem zar⸗ ten Arme kaum zugetraut haben würde, den Berg hinunter, wo ein vorbeifließender Bach ihn aufnahm. IV. Goprf Die Wahlpredigt in Berffendal. Oeſtlich von dieſem paradieſiſch ſchönen Thale— das ehemalt eine Fortſetzung des Meerbuſens geweſen ſein ſoll— wo friſche grüne Haine, herrliche Wieſen, wohlgebaute Bauerhäuſer und endlich die unſcheinbare, aber reizend gelegene Kirche das Auge des Beſchauers erfrellen, erheben ſich, dem von Sotenäs kom⸗ menden waldigen Bergrücken gegenüber, die gleichfalls bewab deten ſteilen Wände des großartigen Skottefjäll's. In dieſer Gegend, wo die kleinen, während der Regen⸗ zeit gebildeten Bäche ſich zu Hunderten von den hohen Felſa herabſtürzen und den Eindruck der ohnehin ſchönen Naturſceme noch bedeutend erhöhen— in dieſer Gegend lagen Oſter⸗ umd Weſterhof, zwei Landſtellen, die durch einen ziemlich breiten Bach nebſt Mühle und Mühlteich getrennt waren, und woron erſtere der Wittwe des Commiſſars Peder Gude Giädda, und letztere der Wittwe des Secondelieutnants, Frau Stefana Hal⸗ levi gehörte. Frau Stefana Lorens wurde ſie von den Landleuten ge⸗ nannt, denn Herr Lorens, der in Folge einer ehrenvollen Wunde ſehr früh ſeine Entlaſſung hatte nehmen müſſen und ſich daru in Berffendal verheirathete, hatte mit allen Leuten in freund ſchaftlichem Verkehr geſtanden und Liebe und Vertrauen d ganzen Gegend genoſſen. Jer Gude la bäude: e nen beid. ſtellen ſol Hier ſonders i Dürre di ihrer Mu Feuer un Wenr hätten au zur Herb täglich ei austheilte dem Holz! nen Luſthe überſchau Wer und ergri hechelte, heißen Th Jetzt Concordia trat ſie ſo geſchmückt pfing, da in die Ki zu Mitta Die die Mutte „Nu fragte die das ehemalz wo friſche thäuſer und e das Augr ptenäs kom⸗ falls bewal⸗ 2 Naturſcem Oſter⸗ um lich breiten und wovon Hiädda, und Stefana Hel⸗ ndleuten ge— ollen Wunde d ſich darau n in freund ertrauen de 63 Jenſeit des Baches und auf dem Gebiete der Frau Jetta Gude lag ein unvollkommenes Gegenſtück zu dem N Rühlenge⸗ bäude: ein vor Kurzem gezimmertes Schauer, welches mit ſei nen beiden Fenſteröffnungen ein Garten⸗ oder Luſthaus vor⸗ ſtellen ſollte. Hier hielt ſich die ſtarke Concordig am liebſten auf, be⸗ ſonders im Herbſt und im Winter, ſo lange weder Froſt noch Dürre die Mühle zum Stillſtehen zwangen; und ſie verſicherte ihrer Mutter, daß ſich der Flachs, in dieſer Entfernung von Feuer und Wärme, am beſten ausſchwingen ließe. Wenn aber die kleinen Fenſterſcheiben ihre Geheimniſſe hätten ausplaudern können, ſo hätte man auch erfahren, daß zur Herbſt⸗ und Winterszeit und ſo lange die Mühle ging, täglich ein junger Mann daſelbſt erſchien, der ſeine Befehle austheilte, mit den Leuten lauderte und oft ſtundenlang auf dem Holzhaufen ſtand und— nicht etwa nach dem nahgelege⸗ nen Luſthauſe dem bewaldeten Bergrücken hin⸗ überſchaute, hinter welchem der Abgott ſeines Herzens wohnte. Wenn Concordia dies ſah, verließ ſie eilends das Fenſter und ergriff mit wilder Haſt den Flachs, den ſie hechelte und hechelte, bis nur wenige Locken noch blieben, die feucht von heißen Thränen waren. Jetzt war es jedoch nicht nach dem Luſthauſe, wohin Concordia ihre Schritte lenkte. Von Byborg zurückkehrend, trat ſie ſogleich in die„große Stube“, die zierlich mit Laub geſchmückt war und wo die Mutter ſie mit der Nachricht em pfing, daß Magiſter Sune Conradſſon bei ihr eingekehrt, jeßt in die Kirche gegangen ſei und bei ſeiner Rückkehr mit ihnen zu Mittag ghen werde. Die Tochter nannte dies ſehr unrecht und unvorſichtig, d die Mutter recht gut wiſſe,„wo der Haſe ſeine Wege habe.n „Nun, darf denn der Haſe nicht ſeinen eigenen Weg gehen?“ fragte die Mutter, betrübt über den ſtrengen Blick der Tochter. 64 „Warum? Wenn er wie der Fuchs nach den Trauben trachtet, ſo will ich ihm prophezeien, daß er ſie nicht er⸗ reicht!“— „Um ſo ſchlimmer, Kind. Du biſt hier in der Gegend ſo beliebt, daß Du als Frau des Hülfspredigers mehr Käſe, Butter, Eier und Milch bekommen würdeſt, als manche Frau Hauptpaſtorin vor und nach Dir.“ „Er iſt doch wohl nicht in meinem Arbeitszimmer gewe⸗ ſen?“ fragte Concordia. „Nein, er iſt nur in unſerem hübſchen Wohnzimmer ge⸗ weſen. Du kannſt nicht glauben, wie lange er die Wände angeſtarrt, die Du ſelbſt gemalt, und Deinen Namenszug unter Glas und Rahmen; das Sopha, das Du mit dem weichſten Seetang gepolſtert und mit dem ſchönſten Zeugr überzogen haſt, welches Deine Hände jemals gewebt haben. Am längſten aber betrachtete er die Gardinen und behauptete, daß Niemand ſo regelmäßige Vierecke knoten, noch ſo natürliche Roſen hineinſticken könnte.„„Aber, was iſt es, das ſie nicht könnte!““ rief er.—„„Glücklich wer—““ „— ſeinen Lebensfaden mit dem ihren zuſammenknüpfen wird!“ fiel Concordia ſpöttiſch ein. anders Frau Paſtorin in Berffendal, als ich, ſo muß er ſich da allein behelfen!“— Hiermit eilte die erzürnte Maid in ihre früher beſchriebene Kammer, legte das helle Kleid ab, das für ganz andere Augen beſtimmt geweſen war, als für die des Magiſters, vertauſchte daſſelbe gegen einen ſchwarzen Camelotrock mit der ſchwarzen Merinojacke, die mit ſilbernen Haken ehrbar zugeknöpft und mit einer Halskrauſe von blendend weißer Leinwand garnin war, und ſo gekleidet, das Geſangbuch in der Hand, einen kleinen, zuckerhutförmigen Hut auf dem Kopfe und eine leichte ſcharlachrothe Sommerſaloppe über die Schultern, begab f ſich nach der hübſch gelegenen alten Kirche, die ſie wenig ſam bleiben „Wird aber Niemand Minuten beſtieg. Die ſchloſſene⸗ und eigent launiges T zu wiſſen —„wod daß ihre T Familie ha wandeln w Darar hinüber, w nachdem es gerührt hab ſchaft ſeiner die Küche h teten Enten Hofe unter verherrlichen Erſatz dafü ten, ſelbſt n dicanten zu Währe men, und daſelbſt paſſ Erbitterung durch ſein Belohnung h „Mei bekommen,“ nach mir zu Carlen, Ca Trauben nicht er⸗ Gegend che Frau ner gewe⸗ mmer ge⸗ e Wände amenszug mit dem en Zeuge bt haben. vehauptete, natürliche ſie nicht nenknüpfen Niemand uß er ſich eſchriebent dere Augen vertauſchte ſchwarzen knöpft und and, einen eine leichte begab ſi ſie wenig nd garnit 65 Minuten vorher erreichte, ehe Magiſter Sune die Kanzel beſtieg. Die gute Frau Jetta hatte ihre ſonſt ſo ruhige und ent⸗ ſchloſſene Tochter in letzterer Zeit ſtets ſo reizbar, unfreundlich und eigenthümlich geſehen, daß ſie ſich nicht mehr über ihr launiges Weſen wunderte. Um ſo mehr betrübte es ſie aber, zu wiſſen— Concordia würde dies nimmermehr geahnt haben —„wo der Haſe ſeinen Weg hatte“ und ſie hoffte zu Gott, daß ihre Tochter, wenn ſie verheirathet ſein und eine eigene Familie haben würde, nicht ferner auf unerlaubten Wegen wandeln werde. Darauf blickte Frau Jetta freundlich nach der Wand hinüber, wo des ſeligen Peder Gude'’s Silhouette hing; und nachdem es ihr geſchienen, als ob der ſchwarze Papierkopf ſich gerührt habe— ein Zeichen, daß Papa ihr aus der Geſell⸗ ſchaft ſeiner Ahnen freundlich zunickte— eilte ſie vergnügt in die Küche hinaus, wo ſie ſich mit den beiden eben geſchlach⸗ teten Enten beſchäftigte, die das Mahl, welches draußen im Hofe unter dem blühenden Flieder eingenommen werden ſollte, verherrlichen würden. Dieſe freudige Ausſicht war gleichſam Erſatz dafür, daß ihre häuslichen Geſchäfte ſie daran hinder⸗ ten, ſelbſt nach der Kirche zu gehen, um den geſchätzten Prä⸗ dicanten zu hören. Während der Zeit hatte Concordia ihren Platz eingenom⸗ men, und zwar in einer ganz anderen Stimmung, wie ſie daſelbſt paſſend geweſen wäre. Ihr vorherrſchendes Gefühl war Erbitterung gegen den jungen Mann, der die anweſende Menge durch ſein Rednertalent ſo einzunehmen hoffte, daß ſie ihm zur Belohnung bei der bevorſtehenden Wahl ihre Stimme geben würde. „Meine, d. h. meiner Mutter Stimme wird er nicht bekommen,“ dachte Concordia,—„und da ſich ſo viele Leute nach mir zu richten pflegen, wird dies Beiſpiel nicht unwirk⸗ ſam bleiben. Ich mag ihn hier nicht ſehen und werde ihm, Carlen, Cam. obsc. II. 5 66 wenn er auf die Kanzel tritt, einen Blick zuwerfen, über den ſich die arme Seele, da ſie ſich nicht zu ärgern vermag— wenigſtens betrüben und grämen ſoll.“ So geſchah es. Als ſie ihn die Treppe, die nach der Kanzel führte, hin⸗ aufgehen hörte, betrachtete ſie hartnäckig die vier Apoſtel, die in erhabener Arbeit die Kanzel ſchmückten; davon ermüdet, drehte ſie den Kopf ſo weit um, daß ſie die Niſche hinter dem Altar gewahren konnte, die ehemals einem Heiligenbilde zum Wohnſitz gedient hatte und jetzt ein Aufenthalt der fleißigen Spinnen war. Aber ſo groß Concordia's Einfluß ſonſt war— hier ver⸗ mochte er nichts: die Gemeinde blickte mit Wohlwollen auf den bleichen, tief erſchütterten, jungen Mann, der nach verrichtetem Gebete den erſten Blick nach der Bank ſandte, wo Concordig ſaß; als er den gleichgültigen, kalten Ausdruck ihres Geſichtes bemerkte, wandte er ſich bekümmert der Gemeinde zu, deren geſpannte Aufmerkſamkeit ſeine Schüchternheit inſoweit ermun⸗ terte, daß er die Rede mit ſchwacher, zitternder Stimme be⸗ ginnen konnte. Je weiter er in der Erklärung des Evangeliums vorſchritt, deſto voller und ſicherer wurde ſeine Stimme, und ſchon hatte er es gewagt, in der Kirche umherzuſchauen und die andäch⸗ tigen Zuhörer anzublicken, als man plötzlich in einer der vorderſten Bänke ein lautes Geräuſch vernahm. Es war Jemand mitten unter der Predigt aufgeſtanden und fortgegangen. Von einem beunruhigenden Gedanken gequält, konnte der junge Prädicant es nicht unterlaſſen, noch einmal nach der be kannten Bank hinüberzuſchauen— und zwar gerade in den Augenblicke, wo Concordia ihren Platz verließ, die Thür de Kirchenſtuhles ziemlich geräuſchvoll zuſchlug und dabei mit einen ſo offenen, ſtrafenden Blicke zu ihm hinauf ſah, daß er in d größte 2 und zu verlor, d auf die endete. danken, d ten und Die Ernennur die Folge Mittagsti ſo einlade ferner, d ſeinem V ſchönen 2 Den die beabf Doch die Es jungen, ſ in der S Fron unausſpre Berffenda es ihm ge zu ſchütze Dieſelbe l eifixe aus und einen Enden de dem Chri Grunde: Verzierun über den ermag— auhrte, hin⸗ poſtel, die ermüdet, hinter dem abilde zum r fleißigen — hier ver⸗ en auf den verrichtetem Concordia es Geſichtes zu, deren s vorſchritt, ſchon hatte die andäch⸗ einer der aufgeſtanden „konnte da mnach der be ade in den lie Thür de hei mit einen laß er in d größte Verwirrung gerathend, in dem Concepte zu blättern und zu ſuchen begann und ſo gänzlich den Faden ſeiner Rede verlor, daß er ſofort auf den Schluß derſelben überging, dann auf die mittlere Abtheilung zurückkam und mitten in derſelben endete.— Alles dies unter dem peinlichen, ängſtlichen Ge⸗ danken, daß die Zuhörer ſeine Zerſtreuung bemerkt haben müß⸗ ten und wie ſie dieſelbe beurtheilen würden. Die Gemeinde dachte in der That mancherlei, was ſeiner Ernennung zum Hülfsprediger nicht förderlich ſein konnte, und die Folge dieſer Begebenheit war: daß Frau Jetta's ſtattlicher Mittagstiſch im Grünen, wo die delicaten, gebratenen Enten ſo einladend paradirten, ohne den erwarteten Gaſt blieb und ferner, daß ein anderer Diener des Herrn, der ſich nicht in ſeinem Vortrage ſtören ließ, die Hülfspredigerſtelle in dem ſchönen Berffendal erhielt. Demüthig und beſcheiden zog Sune ſich zurück und begrub die beabſichtigte Brautwerbung mit der verlorenen Brodſtelle. Doch die Liebe überlebte dies Mißgeſchick. Es war aber noch eine andere Sache vorhanden, die den jungen, ſchlichten Apoſtel ſo ſehr betrübte, daß er noch lange in der Stille darum trauerte. Fromm und gottesfürchtig, wie er war, hatte er eine unausſprechliche Sehnſucht gehegt, mit dem Predigeramte in Berffendal zugleich das Recht zu erlangen, ſo oft und ſo viel es ihm gefiele, jene große Sehenswürdigkeit anzuſchauen und zu ſchützen, die in der Kirche zu Berffendal verwahrt wird. Dieſelbe beſteht in einem ſehr merkwürdigen und ſeltenen Cru⸗ eifire aus emaillirtem Kupfer. Der Gekreuzigte trägt eine Krone und einen Rock mit goldener Kante. An den beiden äußerſten Enden der Kreuzarme befindet ſich ein Heiligenbild und über dem Chriſtusbilde ſteht mit blauen Buchſtaben auf goldenen Grunde: urs. Außerdem iſt das ganze Kreuz mit einer Menge Verzierungen verſehen: Sterne, ovale und runde Vertiefungen, 5* 5 68 und in jeder eine kleine, rothe Kugel, die mit einem Stück⸗ chen Marienglas bedeckt iſt. Ein ebenſolcher Zierrath wird in zwei kleinen Doſen verwahrt, die in Ketten von den Armen des Kreuzes herabhängen. Dies Crucifix, welches eine Elle hoch iſt und der Zeit des erſten Chriſtenthums im Norden zugeſchrieben wird,— war es, welches dem Magiſter ſo werth und ſo lieb war, daß er den Verluſt deſſelben faſt ebenſo tief betrauerte, als den ſeiner weltlichen Idylle von den weißen Lämmern und grünen Wieſen und Concordia's, der Seele ſeines Hauſes. Der Oe Sch fahrteicag von B. Stockwer die Neuv zimmer Alles wa der Brär Auq eingetroff glück, ſon auch der hinreichen ſchlimmes zu müſſen ihres Va einer Pr gering ga Frü weſen, ei cordia od em Stück⸗ h wird in den Armen d der Zeit wird,— war, daß den ſeiner ien Wieſen V. Zu beiden Seiten des Baches. Der Octobermonat nahte ſeinem Ende. Schon hatte das erſte und zweite Aufgebot für den Kauf⸗ fahrteicapitain Lauritz Hellevi mit dem edlen Fräulein Juanna von B. ſtattgefunden; ſchon waren zwei Zimmer im oberen Stockwerk neu gemalt und meublirt, und zur Wohnung für die Neuvermählten beſtimmt worden; ſchon waren die Fremden⸗ zimmer für die herannahenden Verwandten in Ordnung— Alles war bereit, nur das dritte Aufgebot fehlte noch und— der Bräutigam.—. Auch das dritte Aufgebot war geſchehen, ohne daß Lauritz eingetroffen war. Man wußte freilich, daß kein größeres Un⸗ glück, ſondern blos ungünſtige Winde ihn aufhielten, als aber auch der November ohne den Geliebten erſchien, glaubte Juanna hinreichende Veranlaſſung zu haben, dieſe Zögerung für ein ſchlimmes, unglückverheißendes Omen für ihre künftige Ehe anſehen zu müſſen, und ſie war nur ruhig, ſo lange ſie der milden Stimme ihres Vaters lauſchte, der ſie oft ermahnte, mehr Geduld in einer Prüfung zu erweiſen, die in Vergleich zu anderen ſehr gering genannt werden konnte. Früher war es eine angenehme Zerſtreuung für ſie ge⸗ weſen, einen Tag in Berffendal zuzubringen, ſei es bei Con⸗ cordia oder bei ihrer künftigen Schwiegermutter. Frau Stefana's V 70 niedliche Wohnung war von der Hand eines zärtlichen Sohnes auf manche Weiſe ausgeſchmückt worden, ſo daß es der jungen Braut ſchien, als offenbare ſich ſein Geiſt in jedem Gegenſtande, der ihre Augen traf. So innig und aufrichtig die Zuneigung war, die Juanna zu Lauritz' Mutter hinzog, ſo konnte ſie ſich ſeit einiger Zeit doch niemals recht heimiſch und glücklich in Berffendal fühlen, indem— ſie wußte nicht wie— etwas Unbegreifliches, Dunkles, Unheimliches zwiſchen ſie und Con⸗ cordia getreten war. Fragte Juanna die Freundin um einen Rath in Betreff der neu decorirten Zimmer oder der Brauttoilette, ſo antwor⸗ tete dieſe bald gereizt, bald beißend, bald mit verletzender Gleichgültigkeit; und wenn ſie bemerkte, daß Juanna traurig und niedergeſchlagen dadurch wurde, pflegte ſie lachend zu ſagen: „Du würdeſt wirklich am beſten für Magiſter Sune zur Frau paſſen. Ihr Beiden ſeid gleich kläglich und geduldig und mit allem zufrieden.“ „War es denn Deine Abſicht, etwas zu ſagen, was Ge⸗ duld vorausſetzte?“ fragte Juanna eines Tages etwas verletzt, als ſie gerade bei Concordia war und abermals dieſe Aeußerung von derſelben entgegen nehmen mußte. „So iſt es recht! Sennora Juanna legt ihre ſpaniſche Grandezza an, um der armen Länsmannstochter zu imponiren.“ „Concordia, warum biſt Du nicht mehr wie ehedem?! Habe ich Dich, ohne es zu wiſſen, beleidigt?“ „Du mich beleidigt? Nein, gewiß nicht!— Es ſind die Sorgen für das tägliche Fortkommen, und um meiner Mutter ein einigermaßen ſorgenfreies Alter zu bereiten, die mich ſo unleidlich machen. Das ſind aber alles Dinge, die Du, welche im Wohlſtande geboren und erzogen wurdeſt— nicht verſtehen und begreifen kannſt.“ „Wenn Gott bis jetzt ſo gnädig gegen mich geweſen iſt” erwiderte Juanna mit mildem Ernſte,„ſo kann doch auch für mich eine gegenführ meine Hr Die als die b gegangen men, we Sie hatte Baches h Mühlende Communi Ehe eine klein Frau Ste über die legt word Mädchen, b Du denn Sohnes r jungen genſtande, zuneigung te ſie ſich ücklich in — etwas und Con⸗ in Betreff » antwor⸗ erletzender a traurig zu ſagen: Sune zur uldig und was Ge⸗ 1s verletzt, Aeußerung ſpaniſche nponiren.“ e ehedem? s ſind die eer Mutter ie mich ſo Du, welche t verſtehen weſen iſt,“ h auch für 71 mich eine Zeit kommen, die mich jetzt unbekannten Leiden ent⸗ gegenführt. Ich bin noch nicht neunzehn Jahre— ſcheuche meine Hoffnungen nicht durch ſolche Drohung fort!“ Dies Geſpräch fand an einem friſchen Novembertage ſtatt, als die beiden Mädchen nach Concordia's ſogenannten Luſthauſe gegangen waren, um die Anpflanzungen in Augenſchein zu neh⸗ men, welche Letztere an dieſem Zufluchtsorte angelegt hatte. Sie hatten Beide von Zeit zu-Zeit nach der andren Seite des Baches hinübergeſchaut, wo in dem Pfahlzaune, neben dem Mühlendamme, eine bequeme Steige angebracht war, um die Communication zwiſchen beiden Höfen zu erleichtern. Ehe Concordia Zeit zur Antwort fand, wurde plötzlich eine kleine blaue Flagge ſichtbar, welche von der hohen, auf Frau Stefana's Hofe befindlichen Stange herabflatterte. „O, mein Gott, Concordia, ſiehſt du—“ Juanna eilte über die beiden Bretter, welche als Brücke über den Bach ge⸗ legt worden waren. „Was iſt Dir— was willſt Du?“ fragte Concordia und faßte Juanna'’s Kleid. „Laß mich! Halte mich nicht zurück!“ flehte das junge Mädchen,„Meine Mutter hat mir etwas zu ſagen— haſt Du denn vergeſſen, daß wir dies Signal unter uns verabredet haben für die Zeit, wo ich hier bei Dir bin?“ Sie riß ſich kräftig los,— ſchon war ſie über die Brücke, über den Zaun— und flog wie ein Pfeil über die Wieſe hin. In wilder Heftigkeit, ihrer Sinne nicht mächtig, warf Concordia ſich auf den kleinen Raſen hinter dem Luſthauſe, wo ſie Niemand ſehen konnte. Sie hätte die Erde aufreißen mögen, den Steg, den Bach und am liebſten die Wieſen, über die Juanna's Fuß dahineilte. „Ich vermag nichts— gar nichts— alles bleibt wie es iſt— alles geht ſeinen ruhigen Gang! Kein Sturm, keine Brandung, keine Strömung will ihr Glück zerſtören, 72 während meine grauenvolle Qual weder Raſt noch Nuhe findet. — Sollte er heimgekehrt ſein— liegt ſie vielleicht jetzt an ſeinem Herzen— liebkoſt ſeine Wange die ihrige?— Nein, nein, ich kann dies Bild nicht ausmalen— oh, daß ich todt wäre!“ —— Sie ſprang auf, eilte in's Luſthaus und verriegelte die Thür. Als ſie eine Stunde darauf nach Hauſe zurückkehrte, war ſie bleich und ſcheinbar auch ſo kalt wie der Tod; aber der Friede, den er verleiht, lag nicht auf ihrem Angeſichte. „In Gottes Namen, Kind, was iſt Dir— biſt Du krank?“ fragte die Mutter erſchrocken. „Nein, Mutter, ich bin ja niemals krank.— Mich friert nur.— Hat jemand nach mir gefragt?“ „Nein, nicht eigentlich. Der alte Olle Martenſſon von Graſverna iſt hier geweſen und hat mir die Webekämme gebracht, die ich bei ihm beſtellt hatte. Er erzählte, daß der dortige Capellenprädicant, der wie Du weißt, ſeit einem Monate krank lag, dieſe Nacht von ſeinen Leiden erlöſ't worden iſt.— Ein harter Verluſt für die armen Fiſcher auf den umliegenden In⸗ ſeln— ſie werden ihn ſchmerzlich vermiſſen, denn er war ein ein ebenſo guter Menſth⸗ als tüchtiger Prediger.“— „Ei, da wird ja der Dienſt an der Kapelle ledig!“ ant⸗ wortete Concordia, unfähig in dieſem Augenblicke für inf jemand zu fühlen, als für ſich ſelbſt.„Weſterhof“— ſchweiften ihre Gedanken umher—„verliert bald für tuun ſeinen Herrn, und wer in Berffendal wohnt und ihm nicht willkommen iſt, wird den Weg nach Bpyborg nicht oft zurück⸗ legen— aller näherer Umgang wäre ſomit todt.“ „Ja freilich wird der Dienſt ledig,“ erwiderte Frau Jetta, „aber weshalb fiel Dir denn dies gleich ein?“ „Das weiß ich ſelbſt nicht, Mutter.“— Wieder ſchweiften ihre Gedanken in die Zukunft:„Von allen Predigern in den drei Kirchſpielen, iſt keiner, deſſen Um⸗ gang ſo frommen mit dem nur eine müßte d Be rend der Seelſorge Mutter an den i pieren ei die ſie zu Nun nach We Fral eine ebenſt Sie war zwanzig Webſtühle aus den ſelnd Unte die ihnen Sie ſelbſt griff, wie Die Frau Ste als ſelbſt waltete. daß ihre es ihr ſo he findet. jetzt an in, nein, dt wäre!“ herriegelte hrte, war aber der 3 biſt Du lich friert nſſon von gebracht, er dortige nate krank — Ein nden In⸗ war ein ig!“ ant⸗ für ſonſt 4. ſr ür immer ihm nicht sft zurück⸗ rau Jetta, ft:„Von deſſen Um⸗ 73 gang ſo ſehr von Herrn Tönne geſchätzt wird, als der des frommen Magiſters Sune. Graßverna iſt freilich im Vergleich mit dem ſchönen Berffendal eine wahre Wüſte, aber es liegt nur eine halbe Meile von Byborg und die Frau des Paſtors müßte doch—“ Beſchämt über die Irrwege ihrer weltlichen Pläne, wäh⸗ rend der letzte Hauch kaum den Lippen des eben verſchiedenen Seelſorgers entflohen war, brach ſie das Geſpräch mit der Mutter ab und zog ſich in die Kammer zurück, die ſo lebhaft an den verſtorbenen Vater exinnerte, und wo ſie in den Pa⸗ pieren ein Hülfsmittel ſuchte: alle die verſchiedenen Gefühle, die ſie zu beherrſchen ſuchten, zu verbannen. 4 Nun dürfte es an der Zeit ſein, einen flüchtigen Blick nach Weſterhof zu werfen, wo Frau Stefana Lorens reſidirte. Frau Stefana war, wenn auch auf andre Weiſe, doch eine ebenſo wichtige Perſönlichkeit, als Mamſell Concordia Giädda. Sie war nämlich die geſchickteſte Drellweberin auf wenigſtens zwanzig Meilen im Umkreiſe, und hatte ſtets drei bis vier Webſtühle im Gange, wobei ſie die armen, jungen Mädchen aus den umliegenden Fiſcherdörfern beſchäftigte, welche abwech⸗ ſelnd Unterricht bei ihr erhielten und eine Fertigkeit erlangten, die ihnen für Lebenszeit einen ſicheren Broderwerb verhieß. Sie ſelbſt aber webte ſo wunderbare Muſter, daß keiner be⸗ griff, wie ſie zuſammengeſetzt waren. Die Drellweberei war ein wichtiger Induſtriezweig und Frau Stefana verdiente viel Geld mit dieſem Handel; mehr, als ſelbſt ihr Sohn es ahnte, da ſie ihre Geſchäfte ſelbſt ver⸗ waltete. Sie war ſparſam, verſtändig und ängſtlich bemüht, daß ihre Vermögensumſtände nicht allzu bekannt würden, da es ihr ſo ſchon ſchwer genug wurde, die zahlreichen Bewerber 74 fern zu halten. Vierundvierzig Jahre alt,— ſie hatte ſich mit ſiebenzehn verheirathet— ſah ſie noch ſo blühend und hübſch und jugendlich aus, daß mehrere Hülfsprediger und an⸗ dere Beamte des Diſtrikts und der angrenzenden Häraden es ſchon ſeit zehn Jahren für höchſt wünſchenswerth gehalten hat⸗ ten: eine ſolche Frau zu bekommen. Ein andres, ebenſo einträgliches Talent beſtand darin, alle Krankheiten bei Menſchen und Thieren, von dem kalten Fieber und der engliſchen Krankheit an, bis zu den ſchwerſten äußerlichen Schäden, auf's Sorgfältigſte zu behandeln und zu heilen. Dabei war ſie ſo gut, ſo klug und ſo freigebig mit Salben und Krankenſuppen, daß man es für himmelſchreiendes Unrecht gehalten haben würde, hätte jemand leugnen wollen, daß ſie der Inbegriff aller Vollkommenheit ſei. In Folge dieſer glücklichen Verhältniſſe war auf Weſter⸗ hof mehr für Bequemlichkeit und Luxus gethan worden, als auf Oſterhof jemals in Frage kommen konnte. So fand man zum Beiſpiel im Eßſaal— hier hieß es:„im Eßſaal“, nicht wie bei Frau Jetta„in der großen Stube“— mit Oelfarbe gemalte Wände, Spiegellanzetten, ein Clavier, und perlfarbene, mit hochrothem Serge überzogene Meubles. Es war eine wahre Pracht!— Auch die Seitenzimmer waren wahre Pup⸗ penſchränke: blanke Fenſter, mehrere Reihen kleiner Bilder an den Wänden, eine Decke auf dem Fußboden und große Por⸗ zellanfiguren auf der geſchweiften Commode. In einem dieſer beiden Zimmer, in„dem blauen“— das andre wurde„das gelbe“ genannt— ſtand die ſchlanke Frau Stefana, die Arme um die zarte Geſtalt ihrer reizenden Schwiegertochter gelegt, deren ſchwarze Locken ſich gar hübſch mit den reichen, blonden Flechten der Matrone vermiſchten. Die Roſen, die auf Juanna's Antlitze blühten, waren vielleicht zarter, aber nicht friſcher, als die auf den Wangen der jugend⸗ lichen Schwiegermutter. „ zur Rul „L kann, d gen hier ein Mee Ach, M wohnen? Lieblings „Gott w und de und ich muß etw kann mich zu Gott, „De derlich iſt dereinſt hatte ſich dend und und an⸗ raden es alten hat⸗ ad darin, em kalten ſchwerſten n und zu ggebig mit ſchreiendes en wollen, if Weſter⸗ rden, als fand man nal“, nicht t Oelfarbe erlfarbene, war eine ahre Pup⸗ Bilder an große Por⸗ lauen“— die ſchlanke r reizenden gar hübſch vermiſchten. en vielleicht der jugend⸗ 7⁵ „Nun, meine Juanna, wirſt Du Deine Beſorgniſſe jetzt zur Ruhe verweiſen?“ „O, mein Gott, ich bin ſo glücklich, daß ich kaum faſſen kann, daß er wirklich in Gothenburg iſt und binnen acht Ta⸗ gen hier ſein wird. Welch' ein Leben, welche Wonne, welch' ein Meer von Seligkeit auf meinem geliebten Byborg!— Ach, Mutter, weshalb willſt Du nicht kommen und bei uns wohnen?“ „Unmöglich— vielleicht nach zwanzig Jahren!“ antwor⸗ tete Frau Stefana lächelnd.„Du weißt, daß mein Lauritz nichts hat, als was er durch ſeine Arbeit verdient. Ich muß für die Familie ſammeln.“ „Ach, denk doch nicht ſo weit voraus! Wir wollen Alle arbeiten. Du weißt doch, daß mein Glück vollkommen wäre, wenn Du mir dieſe eine Bitte erfüllteſt.“ „Es wäre nicht gut für uns, wenn uns nichts zu wün⸗ ſchen übrig bliebe, meine anmuthige Lilie(ich darf Lauritz' Lieblingsausdruck wohl einmal gebrauchen),“ erwiderte Stefana. „Gott will nicht, daß wir uns Vollkommenheit gewähren ſollen, und dem Tage, wo ich Weſterhof verlaſſe, wo mein Lorens und ich unſer Glück haben knospen und aufblühen ſehen, dem muß etwas andres vorhergegangen ſein. Nur der Kummer kann mich von hier treiben, nicht die Freude. Bitte deshalb zu Gott, daß er mich vor dieſem Umzuge bewahre!“ „Dann muß ich freilich— ſo ſchwer es mir wird— den lieben Gott bitten, daß er uns davor verſchone.— Aber ſag' mir, Mutter— ich bin zu jung und unerfahren— was ſoll ich von Concordia's verändertem Benehmen denken?— Ich habe mich oft dadurch verletzt gefühlt, aber heute hat es mich ernſthaft gekränkt.“ „Denk' mein Kind, daß Alles unter der Sonne verän⸗ derlich iſt, daß Concordia mancherlei Sorgen hat und daß ſie dereinſt wärmer zu Dir zurückkehren wird, als wie ſie ſich jetzt 76 von Dir abwendet.— Einen Rath Rüchte ich Dir gleichwohl geben—“ — den ich treu befolgen werde, Mutter!“ „Sprich nicht ſo oft und ſo lebhaft von Deinem bevor⸗ ſtehenden Glücke mit ihr. Sie iſt ſo allein und ſcheint eine ſo einſame Zukunft vor ſich zu haben—“ „Ich verſtehe— und doch nicht ſo ganz— Magiſter Sune— Du weißt doch, Mutter, daß er ſie liebt—“ „Ein Adjunct ohne Brod— aber wir wollen jetzt nicht weiter darüber reden. Es wird ſpät und Du mußt an den Heimweg denken!“ „Ach, ich fliege nach Hauſe!“ rief Juanna und lachte ſo herzlich wie ein Kind,„und wenn Papa mich anſieht, weiß er die Neuigkeit ſchon, ehe ich Zeit habe, ſie ihm mitzutheilen.“ Wie der An dem Freitage, hatte— „W Jetta, di Con Blick au deſſen un „W liſten im für Niſſe wollen n zu thun.“ Die Niſſe’'s B ſo mehr es auch Nach denkende mals un als Verg gleichwohl em bevor⸗ heint eine Magiſter jetzt nicht t an den lachte ſo t, weiß er zutheilen.“ VI. Wie der Haſe zwei verſchiedene wege hatte und welchen er davon wüählte. An demſelben Freitagnachmittage— es war nämlich an einem Freitage, wo vorſtehendes Geſpräch mit Juanna ſtattgefunden hatte— erhielt Concordia einen Brief aus entfernter Gegend. „Was in aller Welt kann das ſein, Kind?“ fragte Frau Jetta, die ihr denſelben hereinbrachte. Concordia brach das Siegel. Kaum hatte ſie aber einen Blick auf denſelben geworfen, als ſie dunkelroth wurde, aber deſſen ungeachtet mit bewundernswerther Geiſtesgegenwart ſprach: „Wie ärgerlich, Mutter! Der Brief iſt von einem Kanz⸗ liſten im Hochgericht, welcher mir mittheilt, daß die Bittſchrift für Niſſe in Wrange, gänzlich abgeſchlagen iſt.— Nun, wir wollen nicht weiter darüber reden— ich habe noch ſo viel zu thun.“ Die Mutter ging; freilich nur halb davon überzeugt, daß Niſſe's Bittſchrift abſchlägig beantwortet worden ſei, aber um ſo mehr davon, daß Concordia, wenn ſie nicht ſprechen wollte, es auch gewiß nicht that. Nachdem Concordia allein war, nahm ſie eine ſehr nach⸗ denkende Stellung ein, und griff nach dem Briefe, den ſie aber⸗ mals und wie es ſchien: mit mehr Erſtaunen und Verlegenheit, als Vergnügen las. Derſelbe war folgenden Inhalts: 78 „Meine beſte Mamſell Concordia! In Unfrieden mit mir ſelbſt, unglücklich, zerriſſen, halb wahnſinnig, brennend, frierend, blutend, ſterbend— ſo vie⸗ len verſchiedenen Empfindungen unterworfen— habe ich be⸗ ſchloſſen, mir durch einen außerordentlichen Schritt zu neuen Eindrücken zu verhelfen und dadurch eine wohlthuende Wech⸗ ſelwirkung auf die vorigen zu bezwecken. Sie, Manſell Concordia, Sie wiſſen, mit welcher wahn⸗ ſinnigen Leidenſchaft ich meine Couſine anbete, und ich weiß, daß Sie deren Bräutigam ebenſo glühend lieben.— Dies darf kein Geheimniß zwiſchen uns ſein: wir müſſen einander ebenſo redlich als vorurtheilsfrei gegenüber ſtehen. Ich ſagte geſtern zu meinem Onkel, in deſſen Hauſe ich jetzt lebe und deſſen Erbe ich dereinſt werde, daß ich freilich ſeinen Wunſch erfüllen und mich verheirathen würde, aber nur mit einem Mädchen, welchem der Zuſtand meines zerriſſenen Innern bekannt ſei und— ich nahm mir die Frei⸗ heit: Ihren Namen zu nennen. Mein Oheim antwortete mir etwas in Bezug auf Ihre bürgerliche Herkunft. Als ich ihm jedoch bewies: wie höchſt komiſch und lächerlich es ſein würde, wenn die Nachkommen des altadeligen Geſchlechts Giädda, das ſeinen Rang verlor, weil eine Jungfrau aus dieſer Familie ſich mit einem Bür⸗ gerlichen verheirathet hatte— wenn dieſe Nachkommen es nun erleben müßten, daß einer zweiten Jungfrau von ihrem Blute, ihrer bürgerlichen Abkunft wegen, der Eintritt in eine adelige Familie verweigert würde, und daß Sie aus einem Zweige jener alten norwegiſchen Familie und zwar in directer Linie von dem alten Probſten Gude Gäädda, dem Jünger Martin Luther's, herſtammen, da hatte mein würdiger Oheim nichts mehr gegen mein Vorhaben einzu⸗ wenden, und kann nunmehr das einzige Hinderniß für unſre eheliche Verbindung nur von Ihnen kommen. ander in al wälzt nicht ſtarken und verwit unſer verein anfleh Antwe Weine gerieb richten 6 trauen lichen Als ſie eine 4 auf und Entſchluſ nach eine besbrief dann in haft ſe Ehe, welche ſen, halb — ſo vie⸗ de ich be⸗ zu neuen ide Wech⸗ her wahn⸗ ich weiß, — Dies einander een Hauſe daß ich en würde, ud meines die Frei⸗ auf Ihre wie höchſt achkommen ng verlor, inem Bür⸗ ommen es von ihrem eintritt in Sie aus und zwar 2 Gäädda, hatte mein ven einzu⸗ für unſre 79 Wir dürfen uns nicht ſcheuen, unſre Gedanken vor ein⸗ ander zu offenbaren; und ich gelobe, daß ich die Ihrigen in allen Ehren halten werde, da ich von Ihnen eine Um⸗ wälzung in meinem Leben erwarte, wenn ich gleich ſelbſt nicht weiß welche. Ich fühle aber, daß ich, mit einem ſo ſtarken, edlen Weſen an meiner Seite, auf beſſ're Gefühle und Gedanken kommen werde, als deren jetzt in meinem verwirrten Gemüthe wach ſind. Antworten Sie gefälligſt ſo raſch wie möglich, damit unſer Aufgebot an demſelben Tage geſchehen kann, der ſie vereint. Können Sie dahingegen einen Menſchen, der Sie anfleht, ihm ſeinen Verſtand zu erhalten, eine abſchlägige Antwort geben, ſo werde ich mich an jenem Tage dem Weine ergeben und damit fortfahren bis meine Kräfte auf⸗ gerieben ſind— oder ich werde ſonſt irgend ein Unglück an⸗ richten.— Verlaſſen Sie ſich darauf, daß ich Wort halte. Sie ſehen, daß ich es redlich meine, und welches Ver⸗ trauen ich in Sie ſetze. Erbarmen Sie ſich eines unglück⸗ lichen Wahnſinnigen, der ſich ſelbſt verachtet! Engelbert.“ Als Concordia dieſen Brief zu Ende geleſen hatte, ging ſie eine Weile mit unruhigen, unſicheren Schritten im Zimmer auf und nieder. Endlich klärte ſich ihr Antlitz zu einem feſten Entſchluſſe auf. Sie ſetzte ſich an den alten Schreibtiſch, griff nach einem groben, gelbgrauen Papierbogen, der nie zum Lie⸗ besbrief fabricirt worden war, ſchnitt ihn zuerſt und ſchrieb dann in ihrer raſchen, kurzen Weiſe, folgende Antwort: „Hochwohlgeborener Herr Cornet! Ich will ebenſo redlich, als aufrichtig und gewiſſen⸗ haft ſein. Zwei Tollhäusler in einem Hauſe und in einer Ehe, ſind zu viel. Ich empfehle Sie dem Schutze Gottes, welcher ſicherer iſt, als der meine. Trinken Sie immerhin 80 über den Durſt, wenn Sie für nothwendig halten, ſich zu betäuben, aber ſpritzen Sie kein Blut auf das Brautkleid einer Unſchuldigen! Concordia Giädda.“ Sie durchlas dieſe Zeilen, faltete den Brief und ſandte ihn noch denſelben Abend zur Poſt.— Mutter und Tochter ſahen ſich an dem Abende nur einen Augenblick, um ſich gegenſeitig eine gute Nacht zu wünſchen. Am folgenden Morgen aber ſagte Concordia beim Frühſtück: Es iſt doch im Ganzen genommen recht auffallend, daß Frau Stefana den Magiſter jeden Sonntag zu Mittag bittet, wenn die Reihe hier zu predigen an ihm iſt. Du müßteſt ihn auch einmal einladen, Mutter— was meinſt Du, wenn Du es morgen ſchon thäteſt?“ „Das kann ich gern thun.— Ich ſchäme mich nur, daß er unſre Stimmen nicht bekam, als—— „Ach, wenn Dich ſonſt nichts hindert, die Angelegenheit will ich ſchon in Ordnung bringen.“ „Nein, ſonſt liegt nichts im Wege,“ antwortete Frau Jetta und grübelte im Stillen darüber, ob der Brief moglicherweiſe von Magiſter Sune ſein konnte.— Nein— der hüätte ſich nimmermehr zu einem ſo entſcheidenden Schritte entſchließen können—„Ich habe freilich keine Enten mehr zu ſchlachten,“ ſetzte die gute Frau ihr Selbſtgeſpräch jetzt laut fort,„aber ich kann ja eines meiner Spanferkel ſpendiren; mit einem Apfel im Munde, und einem Epheuzweige um den Schwanz wird der Braten ſich prächtig ausnehmen.—— Soll ich ſelbſt in die Kirche gehen?“ „Wenn Du ſo große Vorbereitungen machſt, wirſt Du ſchwerlich Zeit dazu finden. Aber wenn Du es wünſcheſt, kann ich ihn ja, wenn ich ihn auf dem Kirchhofe treffe, von Dir grüßen und ihn in Deinem Namen einladen.“ ſchlachten Den Concordi braunen an, ein Mit rechnung. Sie fürchtete Dem Ma gefährliche Gefahr n Dra Concordia ter und Mutter ih anderweiti men wolle Mag des Nämd men habe beſonders Gude Gi wartete, — beſchlot treffen ſoll Eine mit friſchen Mahle un kränzte Fe Vor den Verluß Carlen, Cs ſich zu autkleid 1.“ ſandte r einen ünſchen. ſtück: d, daß S bittet, teſt ihn inn Du ur, daß egenheit u Jetta Herweiſe itte ſich chließen in die rſt Du ſt, kann on Dir 81 „Das iſt das Beſte; und nun will ich gleich das Ferkel ſchlachten laſſe.“————————— Der Sonntag erſchien, ohne Sturm und Regen, was Concordia für ein gutes Zeichen hielt. Sie legte deshalb ihren braunen Sonntagsrock und die Jacke mit den vergoldeten Knöpfen an, ein Coſtüm, welches ihr vortrefflich ſtand. Mit einem Worte, Alles ging nach Wunſch und Aus⸗ rechnung. Sie ſaß diesmal ſo ſtille und ruhig in der Kirche, als fürchtete ſie, ein einziges Wörtchen von der Rede zu verlieren. Dem Magiſter flimmerte es vor den Augen, als er nach der gefährlichen Bank hinüber blickte, und er nahm ſich vor, der Gefahr nicht wieder zu trotzen: nicht wieder hinzuſehen. Draußen vor der Kirche aber, hielt er es für unnöthig, Concordia noch länger zu meiden; und nachdem man über Wet⸗ ter und Wind geſprochen hatte, fiel es dieſer ein, daß die Mutter ihr aufgetragen, Magiſter Sune zu fragen, ob er ſich anderweitig zu Mittag verſagt habe oder bei ihr fürlieb neh⸗ men wolle. Magiſter Sune wußte nicht recht, ob er die Einladung des Nämdemanns(Beiſitzer im Landgericht) beſtimmt angenom⸗ men habe— und nach mehreren Hin⸗ und Herreden, wobei beſonders der Punct hervorgehoben wurde, wie traurig Frau Gude Gäädda ſein würde, wenn ſie vergeblich auf ihren Gaſt wartete, wurde— nicht ohne Gewiſſensſcrupel des Magiſters — beſchloſſen, daß Frau„Nämdemans“ dies Schickſal gerade treffen ſollte. Eine Stunde ſpäter ſaß man in Frau Jetta's ſauberer mit friſchen Tannenzweigen ausgeſtreuten Stube beim fröhlichen Mahle und verhandelte die wichtige Frage: wie das epheube⸗ kränzte Ferkel am beſten zu zerlegen ſei. Vor und nach dieſer wichtigen Abhandlung beklagte man den Verluſt, der die Capelle in Grafverna erlitten hatte, ohne Carlen, Cam. obsc. II. 6 8² daß Magiſter Sune durch ein halbes Wörtchen zu erkennen gegeben hätte, daß er der Nachfolger des Verſchiedenen zu wer⸗ den beabſichtigte. Dahingegen wurde er einmal über das andre roth, ſtrich das lange, blonde Haar bald aus der Stirn, bald in die Stirn— kurz er war ſo linkiſch und befangen, wie möglich. Am Nachmittage, als er ſich zur Abfahrt rüſtete, und die Mutter hinausgegangen war, um das Geſchenk anzunehmen, welches eine der Nachbarsfrauen eben gebracht hatte, bat Con⸗ cordia den Magiſter um ſeinen Rath in einer wichtigen Ange⸗ legenheit, die ſie der Mutter nicht eher mittheilen könne, als bis ſie mit ſich ſelbſt einig geworden, indem die Sache dem Anſcheine nach ſehr verführeriſcher Natur ſei. „Es handelte ſich alſo—— um Ihr Wohlergehen?“ fragte der Magiſter ſtotternd. „Allerdings, und da die Annahme oder die Verwerfung einer Bewerbung—— Nun, ohne Umwege: Engelbert hat an mich geſchrieben und mit Genehmigung ſeines reichen Oheims, des jetzigen Beſitzers des Fideicommiſſes, um meine Hand an⸗ gehalten. Er verlangt umgehende Antwort.“ Es war traurig anzuſehen, wie der von Natur bleiche junge Mann, bei dieſer Mittheilung, kreideweiß wurde; wie er ver⸗ geblich nach Athem rang und endlich die Worte hervorbrachte, daß er ein ſo ſchlechter Rathgeber ſei, aber hoffe und glaube: Herr Engelbert werde des Glückes, welches er ſuche, wür⸗ dig ſein. „Das heißt ſo viel, Herr Magiſter, als daß Sie mir da⸗ zu rathen—“ Concordia war ſchlecht bewandert in der Ko⸗ ketterie und andren Frauenkünſten, aber die Miene des Er⸗ ſtaunens, welche ſie jetzt annahm, gelang ihr vollkommen. „Ich?— Nein, gewiß nicht.— Das iſt ja eine Sache, wozu nur Gott der Herr rathen kann. Glauben Sie mir, werthe Mamſell Concordia, ich— ich bin der Letzte—“ „E noch meh „ befugteſte weiß im und Reich ten, daß „D mit Reich bedeutend Herz, und Hier eigene Ki thun muf „Jen auf,„iſt und ſterb liebt bin. nesweges „Wi von hier f zenden Ho „Nei ben Soten die pracht Gegend.“ „Ma Conc müſſen. „Ich ein— ir C. „Ja, erkennen zu wer⸗ s andre en, bald en, wie und die inehmen, dat Con⸗ u Ange⸗ une, als ache dem rgehen?“ rwerfung bert hat Oheims, Hand an⸗ Herz, und— 83 „Ein ſo rechtſchaffener Mann, wie Sie?“ Concordia ſah noch mehr verwundert aus.„Das glaube ich nicht!“. „Ich weiß es aber, daß ich unbefugt bin— der Un⸗ befugteſte—“ „Da werde ich mit meiner Mutter reden müſſen und ich weiß im Voraus, daß ſie, wie alle Mütter, ihr Kind in Rang und Reichthum ſehen wollen wird.— Aber wer will behaup⸗ ten, daß dies zum Glücke genug iſt!“ „Da haben Sie Recht, Mamſell Concordia; Mancher iſt mit Reichthum geſegnet, der doch vermißt, was der ärmſte, un⸗ bedeutendſte Menſch haben kann: ein—— ein ungetheiltes Hier wurde der arme Mann aber ſo verwirrt über ſeine eigene Kühnheit, daß Concordia, wollte ſie ihn nicht fortjagen, thun mußte, als habe ſie nichts verſtanden. „Jedenfalls“ nahm ſie den Faden des Geſprächs wieder auf,„iſt es immer mein Wunſch geweſen: auf Sotenäs leben und ſterben zu können, wo ich geboren und auch ziemlich be⸗ liebt bin. Der Gedanke: ſo weit fort zu ziehen, iſt mir kei⸗ nesweges angenehm.“ „Wie,“ rief Magiſter Sune lebhaft,„Sie würden nicht von hier fort wollen, ſelbſt dann nicht, wenn eins der angren⸗ zenden Hauptpaſtorate?“— „Nein! Eine noch ſo kahle öde Klippe auf meinem lie⸗ ben Sotenäs, iſt mir mehr werth als der ſchönſte Park und die prachtvollſten Zimmer auf einem Herrenſitze in fremder Gegend.“ „Mamſell Concordia!“—— Concordia glaubte dieſen Ausruf nicht beantworten zu müſſen. „Ich hoffte eines Tages auf Berffendal— aber da traf ein— irgend ein Hinderniß ein.“ „Ja, Sie erhielten damals zu wenig Stimmen. Sie wer⸗ 6* 84 den jedoch errathen haben, Herr Magiſter, weshalb wir Ihnen die Unſrigen nicht geben konnten. Ich hätte es nimmer ertra⸗ gen, wenn man Schlüſſe daraus gezogen hätte, daß—“ Ein Strahl der hellſten Freude färbte die Wangen des Magiſters und ſeine Stimme war ſo belebt, wie nie zuvor, als er fragte: „War es— ich frage Sie auf Ihr Gewiſſen— war es wirklich aus keiner anderen Urfache? Sie verſtanden alſo, was ich damals zu erklären nicht den Muth hatte, und noch weniger jetzt, wo ich keine Ausſicht auf irgend einen Erſatz für das ſchöne Berffendal habe.“ Concordia ſah zum Fenſter hinaus. Der Magiſter wagte nichts mehr zu ſagen. Er griff nach ſeinem Hute, den er nach allen Seiten hin drehte. Sie that, als bemerkte ſie nichts. „Sie werden alſo mit Ihrer Mutter reden, Mamſell Con⸗ cordia?“ „Ich weiß es nicht— ich muß die Sache überlegen.“ Magiſter Sune befand ſich in der größten Spannung. Er mußte doch noch etwas ſagen; entweder jetzt, wo vielleicht Alles auf dem Spiele ſtand— oder nie. „Ich könnte jetzt nur um die Capelle in Grafverna nach⸗ ſuchen; aber wer möchte dort wohnen?— Verzeihen Sie Mam⸗ ſell Concordia, wenn ich zu kühn werde.“ Concordia wandte ſich mit freundlichem offenen Geſichte zu ihm hin und ſprach. „Grafverna iſt allerdings nicht mit dem ſchönen Berffen⸗ dal zu vergleichen, Herr Magiſter. Aber es ließe ſich leicht ein Garten neben der Capellenwohnung anlegen, und Kühe und Schafe können dort ebenfalls leben. Das hat aber noch alles Zeit— Sie mögen handeln, wie Sie es für richtig hal⸗ ten. Das iſt das Einzige und Alles, was ich Ihnen jetzt ſagen kann.“ „Icl Magiſter ſo unſiche werden w „Ja, ihm die§ Wie Geſtalt of entſproſſen und Glüc Schneeſtür — Die L ihren eigen iſt eine un und ſo ſtar dort oben Die leichtſinnige halten darf Einfluß ar man ihre 8 Wenige th⸗ Nefligelte C telt und de zu haſchen ſich mit Ha keit anbeten Man Der 2 Ihnen r ertra⸗ een alſo, nd noch rſatz für er wagte er nach ell Con⸗ gen.“ annung. vielleicht ja nach⸗ bie Mam⸗ tig hal⸗ nen jetzt Geſichte 8⁵ „Ich handle darin nur, wie es Ihnen gefällt,“ ſagte Magiſter Sune mit ungewohnter Feſtigkeit in der Stimme; um ſo unſicherer aber waren die Schlußworte:„Dann— dann werden wir ſehen——“ „Ja,“ erwiderte Concordia, ſcheinbar gerührt, und reichte ihm die Hand:„Dann— werden wir ſehen.“ Ein winterliches Paradies. Wie ſchön iſt die Liebe, wenn ſie ſich in ihrer edelſten Geſtalt offenbart! Wie ſüß das Glück, das einer reinen Liebe entſproſſen; und wie feſt das Vertrauen, welches durch Liebe und Glück gegründet iſt! Was bedeuten alsdann Winter, Schneeſtürme, Nebel, Finſterniß und der brauſende Sturm? — Die Liebe hat ihre eigene Sonne, ihren eigenen Sommer, ihren eigenen Frieden und ihre eigene Harmonie. Die Liebe iſt eine unſichtbare Kette, die von der Erde zum Himmel führt und ſo ſtark, daß wir, von ihr gezogen, bald hier unten, bald dort oben zu ſein glauben. Die Liebe iſt eine ernſte, heilige Sache, die man nicht leichtſinnigerweiſe für lauter Luſt und Schäkern und Koſen halten darf. Um ihr eigentliches Weſen, und ihren großen Einfluß auf das höhere moraliſche Leben zu verſtehen, muß man ihre tiefinnerſte Natur zu ergründen ſuchen— und wie Wenige thun dies! Deshalb ſehen wir auch ſo oft, wie der geflügelte Gott, den leichten Staub von den Schwingen ſchüt⸗ telt und den Gedankenloſen verläßt, der ihn vergeblich wieder zu haſchen ſucht und ſich dann ſeine eigenen Götzen ſchafft, die ſich mit Haß und Leidenſchaft, mit Bitterkeit und Flatterhaftig⸗ keit anbeten laſen———— Man war jetzt im Februar. 4 Der Weſtwind pfiff um das alte Byborg und zauſ'te an 86 den mit Eisdiamanten belaſteten Syringenhecken. Die ſchlan⸗ ken Zweige neigten ſich bis zur Erde, als bäten ſie um Ruhe, aber der Weſtwind iſt ein geſtrenger Herr, der ſich gern alles unterthan macht; deshalb mußten die müden Zweige ſich bald hierhin, bald dorthin neigen und ſich damit tröſten, daß es ſelbſt den großen Bäumen im Parke nicht beſſer erging; ſelbſt die Wetterfahne auf der Flaggenſtange, die dürren Reiſer und die Strohhalmen auf dem Hofe und die Schneeflocken auf den Klippen mußten in raſtloſer Fahrt umhertanzen. Wenn es draußen ſo tobt und ſtürmt— wie herrlich ſitzt es ſich alsdann drinnen im gemüthlichen warmen Zimmer, wo das helle Feuer im Kamine praſſelt, wo freundliche Stim⸗ men im traulichen Geſpräche in einanderſchmelzen, während Hund und Katze, behaglich vor dem Kamine hingeſtreckt, Sieſta halten und nur von Zeit zu Zeit von einem herausfliegenden Funken geſtört werden!— An einem ſolchen Winterabend, als Bäume und Syringen⸗ hecke, Wetterfahne, Strohhalmen und Schneeflocken entſetzlich von dem Winde gequält wurden, brannte drinnen im Saale zu Byborg ein großes, helles Feuer, welches die mit Eichen⸗ holz getäfelten Wände auf Schönſte beleuchtete. Nicht weit vom Kamine entfernt, ſaßen Herr Tönne und Frau Stefana (die auf einige Tage von Berffendal herübergekommen war, um ihre Schwiegertochter zu beſuchen), und ſpielten Dame. Hinter dem weit hervorſpringenden Geſimſe des Kamins befand ſich eine gemüthliche Ecke, wo ein kleines Sopha für zwei Perſonen ſeinen Platz gefunden hatte. Dort ſaß das junge Ehepaar, welches nun ſeit ungefähr drei Monaten ver⸗ heirathet war und plauderte halbleiſe, während die Schwieger⸗ ältern mit den Damenſteinen klapperten und gleichfalls ein leb⸗ haftes Geſpräch unterhielten. Augenblicklich war es Herr Tönne, welcher redete: „Nein, Couſine Stefana, ich glaubte nicht, daß es ſo raſch vor geſchlichen als der „Ar man den der Blum herrlich a „Da meinte He der Blun leiſe aus d werden, u ringſten z „Weo ſchehen, l gehendes drucke des „Am Jeſu Chrif lich iſt; d er ſich bei beſtehen w⸗ deshalb w „Sie Liebe nenr „Wa „Ein der Vernu „Be von einen daß Engel gefühlt hat „Das ſchlan⸗ n Ruhe, n alles ſich bald daß es z ſelbſt iſer und auf den herrlich Zimmer, e Stim⸗ während t, Sieſta lliegenden Syringen⸗ entſetzlich m Saale t Eichen⸗ ticht weit Stefana war, um Kamins vopha für ſaß das aaten ver⸗ Schwieger⸗ ein leb⸗ e:. daß es ſo 87 raſch vorübergeht. Wenn die Sünde ſich in des Menſchen Herz geſchlichen, ſo iſt ſie ebenſo ſchwer wieder heraus zu bringen, als der Wurm, der ſich in die Blume hineingezehrt hat.“ „Am ſchlimmſten iſt es,“ fuhr Frau Stefana fort,„daß man den Wurm nicht herausreißen kann, ohne die edleren Theile der Blume zu verletzen, ſo daß ſie nie wieder ſo friſch und herrlich aufblüht, wie zuvor.“ „Das dürfen Sie weder ſagen noch denken, Couſine,“ meinte Herr Tönne bekümmert.„Der Wurm darf ja nicht aus der Blume herausgeriſſen werden. Er muß behutſam und leiſe aus den Blättern, in die er ſich geſponnen hat, gewickelt werden, und das kann geſchehen, ohne die zarten Fibern im Ge⸗ ringſten zu verletzen.“ „Wann und durch wen ſoll dies Wunder denn aber ge⸗ ſchehen, lieber Vetter, da das Uebel nun einmal kein vorüber⸗ gehendes iſt?“ fragte Frau Stefana noch immer mit dem Aus⸗ drucke des Zweifels. „Am liebſten würde ich ſagen, daß dies unſrem Herrn Jeſu Chriſto, der die Thoren und Narren beherrſcht, allein mög⸗ lich iſt; doch will ich gern zugeben, daß das Werkzeug, deſſen er ſich bedient, am beſten in einer vernünftigen jungen Frau beſtehen würde. Die Liebe hat Engelbert ſo unglücklich gemacht; deshalb würde auch die Liebe ihn am erſten heilen.“ „Sie können ſeine wahnſinnige Leidenſchaft doch nicht Liebe nennen wollen?“ „Was denn ſonſt?“ „Eine unbändige Leidenſchaft, welche niemals die Zügel der Vernunft gefühlt hat.“ „Beſte Stefanga—“ hier wurde die Wange des Alten von einem zarten Roth angehaucht.—„Wer will zeugen, daß Engelbert eine lange Zeit hindurch den Zügel der Vernunft gefühlt hat?“ „Das thue ich, Herr Vetter, denn die Vernunft gründete 88 ſich nur auf die Hoffnung, die Verbindung zwiſchen meinem durch irgend ein Hinderniß ſcheitern zu Sohne und Juanna, ſehen. Als dies Hinderniß ausblieb, ſtellte ſich der Wahnſinn ein, der ſich am gelindeſten in ſeiner thörichten Freierei offen⸗ barte, die er ſelbſt bekannt gemacht hat.“ „Sie ſind immer beſtimmt in Ihren Antworten, Couſine. Wenn er meine Juanna bekommen hätte, würde auch ſeine Liebe andrer Art geworden ſein.“ Frau Stefana ſchätzte Herr Tönne zu hoch, um ihm noch länger zu widerſprechen. „Nun,“ begann ſie auf's Neue,„was können wir denn aber von Concordia ſagen, die eine ſo glänzende Partie aus⸗ ſchlug und ſich ſtatt deſſen mit dem armen Adjuncten verlobte?“ „Das war ein hübſcher Zug, der ſie in meinen Augen ehrt. Sie iſt eine kluge Frau, die gar wohl einſah, bert's beabſichtigte Heirath zu plötzlich ſei, um ein Heilmittel für ihn werden zu können, und um der weltlichen Vortheile willen, wollte ſie ſich nicht zu dieſer Verbindung hergeben. Daß ſie hingegen Magiſter Sune wählte——) „Ja, wie mag das zugehen?“ „Ei nun, ſie ſah, Herzen kam, und daß ſie manches Gute für ihn und mit ihm wirken könne. Ich freue mich ordentlich darauf, ſie heut Nach⸗ mittag mit dem Bräutigam hier zu ſehen.“ „Der Cornet blieb länger hier, als es anfangs ſeine Ab⸗ ſicht zu ſein ſchien.“— Frau Stefana berührte dieſen dritten Punkt mit einer gewiſſen Vorſicht. „Er iſt ja noch nicht lange hier,“ meinte Herr Tönne und ſetzte die Damenſteine wieder in Bewegung. „Er ſpricht ſomit noch nicht von ſeiner Abreiſe?“ „Nicht, ſo viel ich weiß. Der Aufenthalt hier bei uns ſcheint ihm gut zu thun.“ „Iſt das Ihr Ernſt, Vetter? Ich bilde mir ein—“ hier 8. daß Engel⸗ daß ſeine Neigung aus einem reinen begann wobei ſie „ich bilt wohlthäti „No nehmen In terhaltung und das Gegenſtän „Alj geſſen, m dieſelbe lie über uns durchs Lel „Ich luſt biſt,“ geſprochen große, un danke, daß könnte ich Alſo „Ja, Arel verlon — Vielleiq daß die K Paſſenderes Zeit der J ſie nur Go „Ich Dich auf Vater nicht „Ja, meinem tern zu ahnſinn i offen⸗ Couſine. ie Liebe )m noch dir denn tie aus⸗ rlobte?“ Augen 3 Engel⸗ eilmittel Vortheile Daß reinen Rit ihm ut Nach⸗ tine Ab⸗ dritten une und bei uns “ hier 89 begann auch Frau Stefana die Steine hin⸗ und herzurücken, wobei ſie einen verſtohlenen Blick nach der Kaminecke warf— „ich bilde mir ein, daß ſeine Anweſenheit für Niemand hier wohlthätig noch nützlich ſein kann.“ „Nein, Couſine Stefana, den Zug müſſen Sie zurück⸗ nehmen— wir vergeſſen unſer Spiel ja ganz und gar.“ In der„Kaminecke“ hatte man kein Wort von der Un⸗ terhaltung am Spieltiſche gehört. Man war ſich ſelbſt genug und das muntere Geplauder war nach und nach auf jene Gegenſtände übergegangen, woran die Liebe ſo reich iſt. „Alſo meine herrliche Lilie glaubt, daß ſie mich nie ver⸗ geſſen, mir niemals untreu werden kann; ſelbſt dann, wenn dieſelbe liebreiche Hand, die jetzt ihre ſchönſten Gaben ſo reichlich über uns ausgeſtreut, ihr gebieten würde, allein und ohne Lauritz durchs Leben zu gehen?“ „Ich habe Dir ſchon oft geſagt, daß Du meine Lebens⸗ luſt biſt,“ flüſterte Juanna ebenſo leiſe, als Lauritz zu ihr geſprochen hatte.„Dir untreu zu werden, ſcheint mir ebenſo große, unbegreifliche Sünde, und ebenſo ſchrecklich wie der Ge⸗ danke, daß Du vor mir ſterben könnteſt. Von dem Tage an könnte ich nur noch einen Wunſch hegen.“ „Alſo doch noch einen Wunſch?“ „Ja, nämlich, daß ich mich, wie Wallborg, als ſie ihren Arxel verlor, in das alte Kloſter zu Drangsmark flüchten könnte. — Vielleicht habe ich Unrecht, aber es thut mir oftmals leid, daß die Klöſter aufgehoben ſind; denn ich kann mir nichts Paſſenderes für eine hinterbliebene Wittwe denken, als die Zeit der Wiedervereinigung an einem Orte abzuwarten, wo ſie nur Gott und ihren heiligſten Gefühlen lebt.“ „Ich zweifle keinen Augenblick, meine Juanna, daß Du Dich auf dieſe Weiſe aufopfern könnteſt, d. h. wenn Dein Vater nicht mehr lebte.“ „Ja, ihn würde ich nie verlaſſen und wenn auch zehn 90 Klöſter ihre Thore öffneten. Bei ihm iſt mein Platz bis zum letzten Athemzuge— was für Prüfungen Gott mir ſonſt auf⸗ erlegen möge; und Du ſelbſt biſt zu edel, mich an der Aus⸗ übung dieſer Pflicht hindern zu wollen!“ „Davor kannſt Du ruhig ſein. Wenn ich von Dir ſchei⸗ den muß, ſcheint es mir, daß ich gar ſehr des zwiefachen Schutzes für Dich bedarf, den ich in meiner Mutter und in Deinem Vater zu haben glaubte. Aber ſobald ich an dieſe unvermeidliche Trennung denke, gerathen alle Sinne bei mir in Aufruhr.“ Juanna's Bruſt wurde von einem Seufzer gehoben und an ihrem Augenlide hing eine Thräne. „Dank, Dank, geliebte Frau— ich verſtehe und ſegne Dich. — Aber ſiehſt Du nun auch, daß ich Recht hatte, als ich vori⸗ gen Sommer beim Abſchiede auf unſerer Inſel ſagte, daß ich ſelbſtſüchtig werden würde?“ „Du, Lauritz?“ Juanna's Lächeln widerſprach dieſem Ausſpruche auf's deutlichſte. „Ja gewiß, denn ich fühlte eben eine unwürdige Freude bei dem Schmerze, den Du im Gedanken an unſre bevorſtehende Trennung empfandeſt. Wie kann ich Dir gleich werden!— Du willſt mich nie traurig und niedergeſchlagen ſehen.“ „Weil Kummer dem Manne nicht paßt, noch kleidet. Die Frau darf hingegen immer natürlich ſein, und überdies biſt Du nicht ſelbſtſüchtig, ſondern viel edelmüthiger und vertrauens⸗ voller, als ich geglaubt habe.“ „Das macht, weil Du nun meine Frau biſt. Die Braut konnte man mir abſpenſtig machen, aber nun biſt Du mein mit Leib und Seele, mit Herz und Blut, und ich verdiente nicht, Deine treue Hand in der meinen zu halten, wenn ich einen Gedanken hegte, der Dich verletzen könnte.“ „Dank, mein geliebter Freund! Du ſchauſt nie mißver⸗ gnügt darein, wenn ich mich bemühe, den armen Engelbert auf⸗ zurichten; die er ſo „En ich wegen von hier Neffe, un d. h. ſo ſchenwürde „Wi Du gegen „Nei „So „Ich werden wi „Liel heit. Der daß Du ſ „Ein ſuchen. 2 achtungsw korenen.“ „Hö lieber Got geſſen; dag Stuhle de der ſie gel „Ach den ſoll! I „Mei „Sch geßt— a is zum ſt auf⸗ r Aus⸗ r ſchei⸗ iefachen und in in dieſe bei mir ben und ne Dich. ich vori⸗ daß ich dieſem Freude arſtehende den!— Du mein verdiente wenn ich mißver⸗ bert auf⸗ 91 zurichten; noch wirſt Du beleidigt durch die bitteren Worte, die er ſo oft an Dich richtet! „Engelbert,“ erwiderte Lauritz,„iſt ein armer Wicht, den ich wegen ſeiner unglückſeligen Verwirrung am liebſten weit von hier ſähe. Aber er iſt Dein Verwandter, Deines Vaters Neffe, und ich werde der Letzte ſein, der ihm die Thür zeigt, d. h. ſo lange er nicht Dich, ſondern nur ſeine eigene Men⸗ ſchenwürde beleidigt. Concordia dahingegen——“ „Wieder Concordia, ich begreife nicht, lieber Mann, was Du gegen ſie haſt.“ „Neige Dich her zu mir, ſo werde ich es Dir ſagen.“ „So, da bin ich, näher kann ich nicht kommen.“ „Ich fürchte, daß ſie die Schlange in unſerem Paradieſe werden wird.“ „Lieber Lauritz, wie viel fehlt Dir noch zur Vollkommen⸗ heit. Deine Ungerechtigkeit gegen Concordia iſt ſo merkwürdig, daß Du ſie durchaus bekämpfen mußt!“ „Einen ſo harten Vorwurf muß ich freilich zu vermeiden ſuchen. Jedenfalls muß ich geſtehen, daß ihre Wahl eben ſo achtungswerth iſt, wie ihr Streben für das Glück des Auser⸗ korenen.“ „Hörſt Du das Schlittengeläut? Da ſind ſie! Aber, Du lieber Gott, da habe ich dem Papa die Pfeife zu ſtopfen ver⸗ geſſen; das iſt unverzeihlich!“ Im Nu ſtand Juanna neben dem Stuhle des Vaters, ſo reuevoll und anmuthig, daß der Alte, der ſie gehört hatte, ſeinen Liebling blos lächelnd anſah. „Ach, Vater, glaub' doch nicht, daß das zur Gewohnheit wer⸗ den ſoll! Du ſtrafteſt mich aber hart, weil Du mich nicht riefſt.“ „Meinſt Du?— Nun wenn Du mich wieder vergißeſt, ſo“— —„ſo werde ich aufpaſſen, Papa!“ ergänzte Lauritz. „Schon gut, Kinder— wenn ihr es nur nicht Beide ver⸗ geßt— aber nun geht und empfangt die Fremden.“ VII. Concordia und Engelbert.— Concordia und Lauritz. „Wiltkommen, willkommen, liebes Kind!“ rief Herr Tönne der mit dem Magiſter hereintretenden Concordia entgegen, welche ſich verneigte und hoffte, daß Alles wohlauf ſei im Paradieſe. „Ja, gewiß, wir warteten nur auf die Frau Paſtorin. Nun junger Mann“— hier drehte Herr Tönne ſich nach dem Magiſter um, dem er herzlich die Hand drückte—„das iſt ja Alles wie in einem Athemzuge gekommen: Wahlpredigt, Ernennung und Verlobung. Die letztere bedarf aber einer nochmaligen Gratulation, denn eine tüchtigere Hausfrau, als Concordia, hätten Sie in den Scheeren nicht finden können.“ „Sie hat ihres Gleichen nicht,“ antwortete Magiſter Sune mit hoffnungsvollem, entzücktem Blicke—„und ſie hätte etwas Beſſeres verdient als Paſtorin in Grafverna zu werden.“ „Das darfſt Du nicht ſagen!“ rief Concordia, ihren Ver⸗ lobten freundlich anſehend,„für ein armes Mädchen ohne An⸗ ſprüche iſt es beſſer, weniger Ueberfluß als Gelegenheit zur Thätigkeit zu haben,— die bringt Wohlſtand, Zufriedenheit und Luſt—“ „— und Glück!“ ergänzte Capitain Lauritz, indem er Concordia freundſchaftlich die eine und Sune die andere Hand reichte. „Der Mann, welcher eine liebevolle, muntere, arbeitſame Frau h wirkt, z zigen C Liebe ir „L als Mau „T fiel Jua gelegt l Wohnung Unt von dann „W innere R „Gl neue Geg herbeizuſc jener We „J 1 einer klei Leben die „Ai ich zu G goldenen unendliche Dankbark wärtigkeit tragen.“ 2„W einmal di „St Lauritz. r Tönne entgegen, ſei im Paſtorin. nach dem „das iſt hlpredigt, bber einer frau, als können.“ iſter Sune ätte etwas den.“ ihren Ver⸗ ohne An⸗ enheit zur friedenheit indem er dere Hand arbeitſame 93 Frau hat, wird nie aufhören, das Gute, was ſie im Stillen wirkt, zu ſegnen, gleich wie ſie nicht vergißt, daß er den ein⸗ zigen Erſatz für ſeine Strapazen, ſein Streben und für ſeine Liebe in ihrem Herzen findet!“ „Lauritz iſt freilich kein Prediger, aber er redet beſſer als Mancher meiner Collegen!“ ſprach Sune ſcherzend. „Deshalb mögen die Herren ſich miteinander unterhalten,“ fiel Juanna ein, die ſchon Concordig's Arm in den ihrigen gelegt hatte,„wir gehen eine Weile hinauf in meine Wohnung.“ Und ſchnell wie die Lerchen flogen die beiden Frauen von dannen. „Wie reizend iſt es hier!“ Concordia unterdrückte eine innere Rührung.—„Sieh, noch mehr neue Sachen!“ „Glaubſt Du, daß Lauritz es unterlaſſen kann, immer neue Gegenſtände für meine Bequemlichkeit zu erſinnen und herbeizuſchaffen? Er iſt ſo gut, er hat mich ſo grenzenlos lieb! Ach, Concordia, mein Glück iſt wie eine Sage von jener Welt!“ „Ich beanſpruche nicht ſo viel Ueberfluß, ich will mit einer kleinen einfachen, ehrbaren, gemüthlichen Sage aus dem Leben dieſer Welt zufrieden ſein.“ „Auch Du wirſt glücklich werden, Concordia, das hoffe ich zu Gott! Aber ſieh, meine Zukunft liegt wie in einen goldenen Schleier gehüllt und ich fühle, daß Gott in ſeiner unendlichen Liebe an keiner Falte deſſelben rühren wird; aus Dankbarkeit will ich aber auch die unvermeidlichen Wider⸗ wärtigkeiten, wie zum Beiſpiel Lauritz' Reiſen ſtandhaft er⸗ tragen.“ „Warum begleiteſt Du ihn nicht?— Ich meinte, daß einmal die Rede davon war.“ „Still, ſtill— als wir davon ſprachen, ſah ich zwei große 94 Thränen in den Augen meines alten, angebeteten Vaters, und ſeitdem haben wir dies in die Zukunft hinausgeſchoben. Wir V haben ja ſo viele Jahre der glücklichen Jugend vor uns, daß wir nicht gleich anfangs alle Schätze derſelben erſchöpfen müſſen.“ „Das heißt edel geſprochen und gehandelt!— Und Engel⸗ bert iſt ſeit acht Tagen hier, wie ich höre?— Iſt er wirklich ſo elend, wie behauptet wird?“ Juanna ſchüttelte den Kopf. „Es ſteht recht ſchlimm mit meinem armen Vetter. Aber kannſt Du glauben, daß mein früherer Widerwille gegen ihn auf einmal verſchwunden iſt! Ebenſo geht es Lauritz. Das iſt das Kennzeichen der wahren ehelichen Liebe, daß man bei⸗ derſeits das grenzenloſeſte Vertrauen zu ſeinen Handlungen, Gedanken und Empfindungen hegt.“ „Es verſteht ſich,“ antwortete Concordia erröthend,„daß das Vertrauen ein großer und wichtiger Beſtandtheil iſt.— Nun, der erſchlaffte Menſch hängt hier alſo umher, ebenſo wo⸗ nig geachtet, gefürchtet und bemerkt wie einer der großen Hof⸗ hunde, wenn dieſer in's Zimmer kommen würde? Die Liebe hat auf euch Beide alſo auch die Wirkung, daß alle anderen Dinge der Schöpfung zu nichtigen verwiſchten Schattenbildern für euch werden!“ „Nein, ſo barbariſch und ſelbſtſüchtig ſind wir nicht, und was Engelbert betrifft, ſo hat er keine Urſache über Rüc. ſichtsloſigkeit zu klagen. Ich war als Mädchen nicht halb ſo aufmerkſam gegen ihn.“ „Ah, ich verſtehe— aber wie erbärmlich?“ „In wiefern erbärmlich?“ fragte Juanna beſtürzt.„Selbſ Lauritz erzeigt ihm großes Wohlwollen. Dürfen wir anders handeln, da wir ſo glücklich ſind?“ „Noch erbärmlicher.— Ich ſage, daß der Cornet ver⸗ diente, daß ihm irgend ein barmherziger Menſch eine Kugl vor den Kopf ſchöſſe, wenn er es ſelbſt nicht kann!“ W ſprichſt ein feige wie— Mein Sch er ſich, n Unt Ehrenpla Herr Tön der Magi der Kape⸗ noch Kind ſchon zur benutzte d zu ertheil Beſorgun Frau Paſ „De Lauritz, Hochzeitsg In der Corn Er eingefallen Gang wan zerſtreut 1 „Kor wollen ni Stefana. „Um Wenigſten Hausfrau rs, und nmüſſen.“ Engel⸗ wirklich b r. Aber gegen ihn tz. Das man bei⸗ indlungen, benſo we⸗ roßen Hoſ⸗ Die Liebe le anderen ttenbildern wir nicht, über Rück⸗ ht halb ſo t.„Selbſ vir anders Lornet ver⸗ eine Kugl 74 95 „Wie wild und merkwürdig Du nun wieder biſt! Warum ſprichſt Du ſolchen Unſinn?“ „Weil ich jede Feigheit verab ein feiger, verächtlicher Menſch iſt, der ſich hier behandeln läßt wie— wie— aber einerlei, laß uns nun hinunter gehen.— Mein Schäfer iſt, wie Du weißt, ſehr blöde, und dennoch ſehnt er ſich, mich jeden Augenblick zu ſehen.—— n Unten im Saale hatte Frau Stefana unterdeſſen den Ehrenplatz am Kaffeetiſch eingenommen und neben ihr ſaß Herr Tönne im großen Lehnſtuhl, während der Capitain und der Magiſter an dem Kamin ſtanden und über die Einrichtung der Kapellenwohnung ſprachen, welche— da weder Wittwe noch Kinder da waren, die eines Gnadenjahres bedurften— ſchon zum Herbſte bezogen werden konnte. Magiſter Sune benutzte dieſe Gelegenheit, um ſeinem Freunde einen Auftrag zu ertheilen, welcher in nichts Geringerem beſtand, als in der Beſorgung eines kleinen blauen Eßſervices, womit er die junge Frau Paſtorin zu überraſchen gedachte. „Denk Dir etwas anderes Lauritz,„das Service kaufe Hochzeitsgeſchenk.“ In demſelben Augenblicke wurde der Cornet erſchien auf der Schwelle. Er war ſehr verändert. Seine vollen Wangen waren eingefallen, ohne jedoch blaß und ſchwammig zu ſein. Sein Gang war ſchleppend und unſicher und ſeine Augen ſtarrten zerſtreut und mit ſeelenloſem, erloſchenem Ausdrucke umher. „Kommen Sie gefälligſt zum Kaffee, meine Herren, wir wollen nicht auf die jungen Damen warten!“ ſagte Frau Stefana. „Um keinen Preis, Mutter— wir Männer dürfen zum Wenigſten nicht unſere Schuldigkeit vergeſſen; ich will die Hausfrau ſchon finden!“ Und voll Leben und Luſt eilte der ſcheue, und weil der Cornet aus, mein Freund,“ entgegnete ich für eigene Rechnung zum die Thür geöffnet und 96 junge Mann zur Thür hinaus, an Concordia, die ihm auf der Diele begegnete, vorüber und fing ſein Weibchen gerade auf der oberſten Treppenſtufe, ſo daß er ſie auf den Arm nahm und hinunter trug. Concordia eilte in's Zimmer. Sie mochte das Lachen und Scherzen und Widerſtreben nicht mit anhören. Die Scene auf der Treppe dauerte ſo lange, daß Con⸗ cordia Zeit fand, den Cornet zu begrüßen, der ſie ſo gleich⸗ gültig betrachtete, als hätte er ſie kaum gekannt, noch viel we⸗ niger um ſie geworben. „Der muß geweckt werden,“ dachte Concordia,„und das Geſchäft will ich übernehmen, das darf auf keine allzu zarte Weiſe geſchehen!“ „Guten Tag, Cornet Engelbert— Dank für neulich!“ „Ich erinnere mich nicht, wenn das war!“ entgegnete der Cornet gähnend und ſeinen Kaffee umrührend. „Ei, wie kann man ſo vergeſſen ſein! Wir begegneten und auf der Poſt und Sie waren ſo gütig, mir ein ſogenanntes Programm über das zu ſchicken, was Sie an jenem Tage vor⸗ zunehmen beabſichtigten. Ich bewundere, wie treu Sie Wort gehalten haben!“ Nun ſtieg endlich das Blut in die Wangen des Cornets und brannte dort eine ziemliche Weile, denn Concordia's durch⸗ dringender verächtlicher Blick hatte ſein Auge wie die Funken einer Rakete getroffen. Es gährte und rührte ſich in ihm, kam aber nicht weiter zum Ausbruch, als daß er die halbe Taſſe Kaffee verſchüttett und den Theelöffel auf die Decke fallen ließ. „Da haben Sie Ihren Löffel wieder, darf ich nun auc beim Trinken des Kaffees behülflich ſein?“ fragte Concordi mit einem ſo beleidigend mitleidigem Ausdruck, daß der Cot⸗ net, einen wahrhaft flammenden Blick auf ſie ſchleudernd die Taſſe niederſetzte und hinausging, ohne die Neuvermählten auf der dem Spie „W Tönne ve „Me Concordia folg verſp „We ſter Sune, „Ich Freund,“ hinauf, ich Im ſchwunden. Der weit vorſp „Seh eben ſehr mer zu vi hier gleich mag, den „Ihr „Sie Ihres Her ſollten. 6 den Broſa Kommen 6. Tage als G reichung ir eine Meng wird es Ih men, als d horchen, ſo Carlen, Ca auf der ade auf n nahm Lachen aß Con⸗ o gleich⸗ viel we⸗ „und das lzu zarte neulich!“ egnete der meten uns genanntes 8 Cornets lia's durch⸗ ſie Funken ſicht weiter werſchüttete nun auch Concordin ß der Cor⸗ 97 auf der Diele zu bemerken, wo er ſelbſt ſo oft zu ſtehen und dem Spiele der Schneeflocken zuzuſehen pflegte. „Warum biſt Du ſo boshaft, Mädchen?“ fragte Herr Tönne verwundert. „Merken Sie nicht, Vetter,“ äußerte Frau Stefana,„daß Concordia eine Cur unternommen hat, der ich den beſten Er⸗ folg verſpreche?“ „Was Concordia thut, iſt immer wohlgethan,“ ſprach Magi⸗ ſter Sune,„aber diesmal verſtand ich ihre Handlungsweiſe nicht.“ „Ich werde ſie Dir bei Gelegenheit erklären, mein Freund,“ fiel Concordia ein,„jetzt muß ich aber noch einmal hinauf, ich habe oben etwas vergeſſen.“ Im nächſten Augenblicke war das raſche Mädchen ver⸗ ſchwunden. Der Cornet ſtand draußen an die alten Stützpfeiler des weit vorſpringenden Schutzdaches gelehnt. „Seht, da treffen wir uns ſchon wieder.— Ich war eben ſehr unbeſcheiden und vorwitzig, aber ich halte noch im⸗ mer zu viel von dem alten Spielkameraden, als daß ich ihn hier gleich einem unſchädlichen Tollhäusler umherſchleichen ſehen mag, den zu fürchten Niemand der Mühe werth hält.“ „Ihre Zunge iſt ſchärfer als zehn Schwerter!“ „Sie müßte ſo ſcharf wie zwanzig ſein, um in den Fleck Ihres Herzens zu dringen, wo Ehre und Selbſtgefühl wohnen ſollten. Sie dürfen hier nicht länger bleiben und ſich mit den Broſamen ſättigen laſſen, die das Mitleid Ihnen ſpendet. Kommen Sie mit mir nach Berffendal; Sie können einige Tage als Schreiber bei mir arbeiten. Ich bedarf dieſer Hand⸗ reichung in der That, da ich mich nicht habe weigern können, eine Menge Plunder zur Reinſchrift anzunehmen. Nebenbei wird es Ihnen wohl thun, in eine andere Atmoſphäre zu kom⸗ men, als die Ihrer unſinnigen Liebe; und wenn Sie mir ge⸗ horchen, ſo will ich Sie davon heilen!“ Carlen, Cam. obsc. II. 7 98 „Gott, jetzt erinnere ich mich erſt der verzweifelten Stunde, wo ich es wagte, um Ihre Hand zu werben. Warum gaben Sie mir nicht die Antwort, um welche ich bat— da 14 würden Sie jetzt das Recht gehabt haben— „Das Recht: Ihnen die Wahrheit zu ſagen, kann ich mir jetzt eher nehmen, als wenn ich Ihre Frau geworden wäre!— Sie kommen alſo morgen mit mir?“ 3 „Vielleicht— aber auch Sie hatten früher ein Gefühl!“ „Ich will es Niemanden rathen, mich daran zu mahnen. Sehen Sie mich gefälligſt an, ſehe ich etwa aus wie eine ſeufzende, liebeskranke Thörin?“ „Nein, das kann ich allerdings nicht behaupten— Sie 74 haben alſo überwunden?— „Natürlich. Der Menſch kann Alles überwinden, wenn er wahrhaft will. Glauben Sie nicht, daß ich, wenn ich als Frau ſolche Figur geſpielt hätte, wie Sie es als Mann thun, mir eine tägliche Buße auferlegt haben würde? Ich beklage den, welcher es gewagt hätte, mich in aller Freundlichkeit gleich einem unſchädlichen Hausthiere zu behandeln.“ „Sie ſind eine unbarmherzige Freundin, Mamſell Con⸗ cordia.— Aber es iſt abgemacht, daß ich Sie morgen be⸗ gleite, wenn— ich dazu kommen kann.“ „Das dürfen Sie nicht bezweifeln, Herr Cornet. Ich habe jetzt Ihr Verſprechen.“ „Aber,“ begann der Cornet von Neuem,„da ich Ihnen Alles ſagen darf, ſo darf ich auch nicht verſchweigen, daß ich nicht mehr leben kann ohne zu trinken— da vergeſſe ich füͤr kurze Zeit.“ „Sie ſollen trinken und vergeſſen dürfen, bis Sie unter dem Tiſche einſchlafen, vorausgeſetzt, daß Sie Niemand ſieht außer mir. Wenn Sie aber erwachen, ſo will ich Sie in meint Hut nehmen und Sie zur Einſicht Ihrer ſchimpflichen Erniedri⸗ gung bringen, die Sie bald ſelbſt verabſcheuen ſollen.“ „ gar nich Sie hab daß ſie laſſen S Bette.“ „N. gehen u Das hab „No Kar Vetter, d mit jener etwa ein weiſen pf „Lie derſt ſo l. gar nicht geben? Warum l von Dir? Eng lichen Sin herzueilte ſo mitleid wie Recht als ſie ih jetzt erret ſich ſofort. „Da giebſt Dir hier täglig weifelten Warum t— da ich mir wäre!— Gefühl!“ mahnen. wie eine — Sie n, wenn n ich als un thun, beklage keit gleich iſell Con⸗ orgen be⸗ net. Ich ich Ihnen u, daß ich ſſe ich für Sie unter mand ſieht e in meine i Erniedri⸗ n.“ 99 „Ich glaube beinah, daß ich ſo lange ich bei Ihnen bin, gar nicht nöthig haben werde, nach dem Glaſe zu greifen. Sie haben eine eigenthümliche Art, Scheintodte zu wecken, ſo daß ſie nicht wieder in ihre Betäubung zurückfallen. Nun laſſen Sie mich aber auf mein Zimmer gehen; ich muß zu Bette.“ „Nimmermehr. Wir wollen jetzt mit einander hinein⸗ gehen und die obwaltenden Verhältniſſe näher beobachten. Das haben Sie gewiß noch nicht gethan.“ „Nein, bei Gott!“ Kaum waren ſie in's Zimmer getreten, als Juanna ihrem Vetter, der früher kaum einen Blick von ihr erlangen konnte, mit jener liebreichen Vertraulichkeit entgegenkam, wie man ſie etwa einem ſchwachen und geiſteskranken Menſchen zu er⸗ weiſen pflegt. „Lieber Engelbert, warum gehſt Du von uns und plau⸗ derſt ſo lange mit Concordia draußen in der Kälte, die Du gar nicht vertragen kannſt! Darf ich Dir eine Taſſe Kaffee geben?— die wird Dir wohl thun.— Aber ſo komm doch! Warum läſſeſt Du ſo lange auf Dich warten— iſt das artig von Dir?“ Engelbert lauſchte ihren Worten und plötzlich den eigent⸗ lichen Sinn derſelben verſtehend, wurde er ſo blaß, daß Juanna herzueilte und ſeine Hand faßte. „Was iſt Dir, lieber Vetter?“ fragte ſie, ihn mit einem ſo mitleidsvollem Blicke anſehend, daß er anfing einzuſehen, wie Recht Concordia gehabt und wie wohl ſie ihm gewollt, als ſie ihm den Zuſtand offenbart hatte, aus welchem ſie ihn jetzt erretten wollte. Die Frucht dieſer Reaction zeigte ſich ſofort. „Dank, beſte Juanna!“ antwortete er ungezwungen,„Du giebſt Dir wirklich zu viel Mühe mit einem Verwandten, der hier täglicher Gaſt und ſo zu Hauſe iſt, daß er ſich gern 7* 100 ſeinen Kaffee ſelbſt einſchenken kann, ohne auf Deine freund⸗ liche Einladung zu warten.“ Dieſe wenigen Worte verfehlten nicht ihre Wirkung und die Folge davon war ein Gefühl der Dankbarkeit für Con⸗ cordia——— Etwas ſpäter am Abend, als die Jugend von dem hellen Mondſcheine ins Freie gelockt wurde, um in kleinen Hand⸗ ſchlitten die prächtige Bahn zu verſuchen, welche Capitain Lau⸗ ritz hatte zurecht machen laſſen, zeigte ſich dieſer, aus reinen Entzücken über die erfreuliche Wendung der häuslichen Ver⸗ hältniſſe, ſo artig gegen Concordia— welche überdies als Magiſter Sune's Braut und künftige Paſtorin ein Recht auf ſeine Aufmerkſamkeit hatte— daß er ebenſo oft an ihrem Schlitten ſtand als an dem ſeiner Frau. „Aber in Gottes Namen, warum erweiſen Sie mir denn heut Abend ſo viel ſcheinbare Freundlichkeit?“ fragte Concor⸗ dia, als ſie ihn abermals an ihrer Seite erblickte.„Man könnte ja verſucht ſein, zu glauben—“ 8 „Was könnten Sie anders glauben, als daß ein Wirth und Freund ſich glücklich ſchätzt, einer ebenſo liebenswürdigen als hochgeachteten Dame ſeine Aufmerkſamkeit erzeigen zu können?“ „Liebenswürdig und geachtet?— Unſinn. Liebenswür⸗ dig bin ich nicht und habe mir eigentlich nie Mühe gegeben es zu ſein; und Achtung habe ich nicht immer, das heißt nicht von Allen genoſſen.“ „Wenn Sie mich in dies unbeſtimmte Zahlwort mit ein⸗ zuſchließen beabſichtigten, ſo thun Sie Unrecht, an der Achtung zu zweifeln, die ich freilich nie ſo offen und aufrichtig gezeigt habe, wie eben jetzt.“ „Mein beſter Capitain Lauritz“— hier zuckte ein belei⸗ digendes Lächeln um Concordia's Lippen—„wenn ich den vertraulichen Ton beobachte, der hier den Gäſten des Hauſes gegenüber theilen, entſpringt „ n Capitain dargebotern gründetes lieber gef Es dieſen le⸗ wieder er drückend, „Mo — Kann trauen, do lich nicht gegen meit zuſtößt. es ſich vo „Se darauf wi Capitain! erſte Bitte Seien Si Verſtelluns ſie zu ver „Bei Augenblick frei macht Sie Enge eine Frau fuͤrchten m freund⸗ ling und lr Con⸗ n Hand⸗ hin Lau⸗ s reinem en Ver⸗ ies als echt auf n ihrem mnir denn Concor⸗ „Man in Wirth würdigen eigen zu benswür⸗ gegeben das heißt mit ein⸗ Achtung g gezeigt ein belei⸗ ich den s Hauſes 101 gegenüber herrſcht, ſo fürchte ich mich beinahe, ein Glück zu theilen, das aus Gott weiß welchen geheimen Combinationen entſpringt.“ „Immer auf dem Kriegsfuß, immer boshaft!“ meinte der Capitain lachend.—„Beruhigen Sie ſich— da Sie meine dargebotene Freundſchaft ausſchlagen, ſo ziehe ich ſie zurück—“ „— und ſchenken mir ſtatt deſſen Ihr voriges, unbe⸗ gründetes Mißtrauen wieder.— Nun, ich will jedenfalls lieber gefürchtet und verabſcheut als verachtet ſein.“ Es lag eine ſolche Kraft, ein ſolch verborgenes Feuer in dieſen letzten Worten, daß Lauritz ſein voriges Mißtrauen wieder erwachen fühlte. Dieſe Regung jedoch mit Gewalt unter⸗ drückend, ſprach er in ernſtem, faſt würdevollem Tone: „Mamſell Concordia, wir werden jetzt wieder Nachbarn. — Kann denn die Freundſchaft die Achtung und das Ver⸗ trauen, das ich Ihnen anbot und jetzt nochmals anbiete, wirk⸗ lich nicht zwiſchen uns herrſchen? Seien Sie gut und liebevoll gegen meine Juanna, wenn ich fort bin und ihr alsdann etwas zuſtößt. Juanna's weiches Herz ſchätzt ſich ſo glücklich, wenn es ſich von ſchönen und edlen Gefühlen umgeben weiß.“ „Sehen Sie“— es flog wie eine Wolke und gleich darauf wie ein Blitz über Concordia's Augen—„Sehen Sie, Capitain Lauritz, hier iſt meine Hand. Ich werde mir Ihre erſte Bitte an mich in's Herz und in's Gewiſſen ſchreiben. Seien Sie redlich und offen gegen mich, ohne Argwohn noch Verſtellung und ſchenken Sie mir Ihre Achtung;— ich werde ſie zu verdienen ſuchen und dann wird Alles gut.“ „Bei Gott, Manſell Concordia, das iſt ein ſegensreicher Augenblick für mich, der mich von einem grundloſen Uebel frei macht. Und nun Dank und Gottes Lohn dafür, daß Sie Engelbert in Ihre Obhut genommen haben. Sie ſind eine Frau, die der Mann entweder über Alles achten oder furchten muß.“ 10² „Schon gut; was Sie da ſagen, iſt freilich nicht geeignet, der weiblichen Eigenliebe zu ſchmeicheln, aber die kenne ich gottlob ſehr wenig und die ernſte Tochter des alten Peder Gude Giädda iſt mit Ihren Worten zufrieden.“ Von dieſem Tage an wurde die Harmonie des winter⸗ lichen Paradieſes auf Byborg nicht mehr geſtört. Mit freudigem Erſtaunen hörte man, daß der Cornet ſich auf einen ganzen Monat in Berffendal in die Koſt gegeben habe, wo er ſeine Zeit zwiſchen Oſter⸗ und Weſterhof theilte. Auf Oſterhof machte er förmlich eine Cur durch für Geiſt und Körper, denn Concordia beaufſichtigte und leitete ſogar ſeine Däät; und die langen ernſten Geſpräche, die zwiſchen der Arbeit gepflogen wurden, waren ganz geeignet, einen ſchwachen Geiſt zu ſtärken und zu erfriſchen und wohlthuend auf die beſſeren Gefühle einzuwirken. Unterdeſſen eilte die Zeit unaufhaltſam weiter. Der Win⸗ ter nahm Abſchied von der Erde, die Wellen tanzten wieder frei um das alte Sotenäs, die Sonne ſtieg immer höher,— gleich der Liebe in zwei jungen Herzen— und gerade als die Seligkeit in ſchönſter Blüthe ſtand, wurde ſie von unerbittlicher Hand gebrochen,— Lauritz mußte ſeine geliebte Lilie ver⸗ laſſen, die von jetzt an nur noch für den alten Vater blühte und duftete. Concordi⸗ ihrem gan der Fürſo ſie dem al mehr denn Die die zärtlie und lächel daß ſie, haben wür bild vergö ſtete, heit der Entfer wo aus fi ihr die N. getretenen, zeug deshe Mittelmeer Gothenbur auf eine h ferner: eeignet, une ich r Gude winter⸗ net ſich gegeben theilte. eiſt und ar ſeine r Arbeit en Geiſt beſſeren ger Win⸗ wieder blühte VIII. Es wurde Herbſt. Concordia hielt ihr Verſprechen. Es herrſchte nunmehr ein milder, freundlicher Geiſt in ihrem ganzen Weſen. Sie wetteiferte mit Frau Stefana in der Fürſorge für Juanna's zarte Geſundheit, welche jetzt, da ſie dem alten, lieben Byborg einen neuen Erben ſchenken wollte, mehr denn je der Pflege bedurfte. Die junge Frau ſelbſt war freilich nie beſorgt. Sie war die zärtlichſte, aufmerkſamſte Tochter, immer fröhlich, blühend und lächelnd, und oftmals lachte ſie herzlich bei dem Gedanken, daß ſie, ſelbſt noch ein Kind, bald ein eben ſolches Kindlein haben würde, mit dem ſie ſpielen, und das ſie, als Lauritz' Eben⸗ bild vergöttern könnte.— Tief im Herzen wohnte jedoch eine ſtete, heimliche Sehnſucht; täglich fragte ſie den Vater nach der Entfernung des Schiffes von den Beſtimmungsorten, von wo aus ſie Briefe erhalten konnte; und, als einer dieſer Briefe ihr die Nachricht brachte, daß die Rheder die mittlerweile ein⸗ getretenen, guten Conjuncturen benutzen wollten, und das Fahr⸗ zeug deshalb ſeine Reiſen zwiſchen den verſchiedenen Häfen des Mittelmeeres fortſetzen und den Sommer über nicht wieder auf Gothenburg zurückkommen ſolle— da wurde Juanna's Muth auf eine harte Probe geſtellt. In dieſem Briefe ſchrieb Lauritz ferner: 104 „— Du dearfſt hierüber nicht traurig ſein, meire ſchöne Lilie; wenn Du deshalb ein einziges Blättchen aus Deiner Blüthenkrone verlierſt, ſo vergebe ich Dir es nie. Glaube mir, es iſt beſſer ſo, meine geliebte Juanna. Was ſind dieſe kurzen Stunden des Wiederſehens denn anders, als ein immer wiederkehrender Trennungsſchmerz, welcher der flüchtigen Freude, gleich einem unvermeidlichen, unheimlichen Schatten folgt! Ich fühle ſogar. daß die Aufregung des Abſchiedes Dir für den Augenblick ſehr ſchädlich ſein könnte; deshalb laß uns der Vorſehung für jede ihrer Schickungen danken und glauben, daß ſie uns diesmal mehr gab, als ſie uns nahm. O, meine Juanna, ſei ſehr beſorgt um Dich! „Ende October, bin ich, wenn Gott will, zu Hauſe. Mit welchen Farben des Himmels male ich mir das Bild, welches mir dann entgegen tritt, und den Winter, der unſer wartet. Juanna, mein Weib, denke dieſes Winters, und Du wirſt den Schmerz der Trennung im Triumphe überwinden!“— „— Nein, geliebter Lauritz“— erklärte Juanna in ihrer Antwort—„mit Triumph ertrage ich keine Wider⸗ wärtigkeiten, wohl aber mit Geduld, wie mein alter Vater es mich lehrt. Iſt das nicht ſchon genug? „Ich treffe täglich andere Vorkehrungen in unſrer klei⸗ nen Wohnung und man lacht mich herzlich aus, daß ich es immer noch nicht paſſend und gut genug halte für den klei⸗ nen Gaſt, der vor Dir eintreffen ſoll. „Eines macht mir Kummer; daß wir nämlich dem lieben Gott nie eine ſo große Dankbarkeit weihen können, wie ſie der Fülle ſeiner Gaben angemeſſen wäre. Wo ich eine arme Mutter in meiner Lage weiß, gereicht es mir zur Freude, ihr nach Kräften behülflich zu ſein. Wie gut macht uns das Glück!— Pava ſagt freilich, daß das Unglüc, wenn wir es recht verſtehen, uns noch beſſer macht, aber ich er Wider 1 ſen, n es wa 55 ermüd eine u mich d kann heraus und ſe und T freund Vorber unglar mit me Somm dort zu die an eine T demjen mir V von da fühle; dem vo wenn i Segel ich, d. ſchneew ſüdliche Traum meine hen aus es nie. Was anders, ccher der imlichen ung des könnte; ickungen als ſie n Dich! Hauſe. as Bild, ter, der Winters, riumphe anna in Wider⸗ r Vater ich dem können, Wo ich mir zur it macht Unglück, t, aber 10⁵ ich empfinde einen förmlichen Widerwillen, eine Art von Widerſpenſtigkeit, dies zu glauben. „Engelbert läßt ſich hier nicht ſehen. Gott mag wiſ⸗ ſen, was Concordia mit ihm vorgehabt hat; jedenfalls war es was ſehr Nützliches und Gutes. „Sie und Deine Mutter verziehen mich durch ihre un⸗ ermüdete Sorgfalt. Sie können es nicht laſſen, mich für eine unreife Frucht, für ein hülfloſes Kind anzuſehen und mich als ſolches zu behandeln, und obwohl ich dies einſehe, kann ich doch immer nicht aus dieſer ſüßen Gewohnheit herauskommen. Ich bin aber lange nicht immer ſo ſanft und ſeidenweich, wie man glaubt, weil Ueberfluß an Gefühl und Mangel an Erfahrung mich weich und fügſam machen. „Um auf Concordia zurückzukommen, ſo iſt es viel freundlicher von ihr, mich oft zu beſuchen, da ſie, mit den Vorbereitungen zu ihrer bevorſtehenden Hochzeit beſchäftigt, unglaublich viel zu thun hat.— Der alte Papa fährt oft mit mir nach„unſrer Inſel“ hinüber, wo wir im vorigen Sommer Abſchied von einander nahmen. Es iſt ſo herrlich dort zu ſitzen und auf den Klang der Welle zu lauſchen, die an die kleinen Steine am Strande ſchlägt. Das iſt eine Muſik, die dem Ohre gefällt, während das Herz bei demjenigen weilt, den es über Alles liebt. Dann macht es mir Vergnügen, Deine wilde, heftige, anſpruchsvolle Liebe von damals, mit dem tiefen, endloſen, vertrauensvollen Ge⸗ fühle zu vergleichen, womit Du mich jetzt beglückſt!— Je⸗ dem vorbeieilenden Vogel trage ich Grüße auf an Dich, und wenn ich im Schimmer des Abendrothes ſehe, wie ein weißes Segel nach dem andern am Horizonte verſchwindet, ſo denke ich, daß vielleicht auch Dein Schiff eben jetzt im ſtolzen ſchneeweißen Segelkleide auf den Wogen tanzt, die der warme, ſüdliche Himmel mit Purpur und Azur gefärbt hat. Der Traum iſt ſchön; aber noch ſchöner die Wirklichkeit. Wenn 106 der Sommer zum zweiten Male die Flucht ergreift und der ihres ern Herbſt ſeine ſchwellenden Wogen gegen die ſteilen Felswände gung zu von Sotenäs treibt, da blüht mein Sommer zum zweitenmal.“ verdiene. Als endlich d Der Herbſt war gekommen und ziemlich weit vorgeſchritten. wirklich o Seit zwei Monaten war Juanna in ihren mütterlichen ſchmückter Beruf eingeweiht worden, und ſtrahlend vor Freude und Hoff⸗ Tochter u nung tanzte ſie, das Söhnlein auf dem Arme in dem großen Tönne be Saale umher und um den Stuhl des Herrn Tönne, der Sinatt, de dieſe Gruppe mit ſeligem Lächeln anſchaute und mit einem im ſchwar Blicke gen Himmel ſah, als wolle er ſagen:„Herr, nun laß aus der Deinen Diener in Frieden fahren!“ einer frei Nach dem Briefe, der Lauritz' Abreiſe von jenem Hafen und Band des Mittelmeeres meldete, von welchem er direct nach Gothen⸗ b Glück für burg zurückkehren ſollte, konnte Juanna mit ziemlicher Gewiß: d des gottes heit berechnen, daß ſie ihren Mann gegen Ende October wie⸗ durfte ihr derſehen werde. Sie wollte aber nicht unvernünftig ſein: das niedergeſch paßte ſich weder für die Frau eines Seemannes, noch für ihre treten wol junge mütterliche Würde. Ja ſie beſchloß, den November ein⸗ ſicht erwa treten— und wenn es ſein müßte— ihn ſelbſt enden zu erſt verſch ſehen, ohne ſich dadurch beunruhigen zu laſſen. Wie könnte nuntert man alle ungünſtigen Winde berechnen, die ihn möglicherweiſe ahnen dun aufhalten würden! 4 Von In den letzten Tagen des Oectobers ſollte auch Magiſter Frau Ste Sune ſein Amt in Grafverna antreten und Concordia mußte ſich ſelbſt ſich entſchließen, das Brautkleid anzulegen, ohne von Capitain daß Corn Lauritz an den Altar geführt zu werden: eine Sache, die zwi- derſelben ſchen ihnen abgemacht war, die ſie in tiefſter Seele ſehnſüchtig abwechſeln gewünſcht hatte. Sie war zu practiſch, um nutzloſen Träumen und die i nachzuhängen, aber deſſenungeachtet hatte ſie ſich oft mit ge⸗ lende Ju heimem Stolze auf jene Stunde gefreut, wo er erkennen ſollte, Gedanken daß ſie eine Frau ſei, die wegen ihrer Selbſtbeherrſchung und Vetter no ad der wände umal.“ pritten. rlichen Hoff⸗ großen e, der einem un laß Hafen Hothen⸗ Gewiß⸗ er wie⸗ n: das ür ihre könnte herweiſe Nagiſter mußte Capitain die zwi⸗ nſüchtig räumen mit ge⸗ ihres ernſten Willens: eine ohne ihr Zuthun entſtandene Nei⸗ gung zu unterdrücken, ſeine wahrhafte, ungetheilte Achtung verdiene. Als aber ein Tag nach dem anderen zu Ende ging und endlich der Hochzeitstag feſtgeſetzt worden war, wurde dieſe wirklich am 28. October in Frau Jetta Gude's feſtlich ge⸗ ſchmückter„großer Stube“ gefeiert. Um die Freundin ſeiner Tochter und die künftige Frau Paſtorin zu ehren, hatte Herr Tönne beſchloſſen, ſelbſt nach Oſterhof zu fahren, um an Lauritz' Statt, den Vater der Braut zu vertreten; und als Concordia im ſchwarzen Brautgewande über die Schwelle ſchritt, die ſie aus der Heimath in den Brautſtuhl führte, von dem Leben einer freien Frau in ein anderes, wo alle Gefühle in Zucht und Band gelegt werden mußten— da fühlte ſie, daß es ein Glück für ſie ſei, ſich in dieſem Augenblicke auf den alten Arm des gottesfürchtigen Herrn Tönne ſtützen zu können. Sie be⸗ durfte ihrer ganzen Kraft und Geiſtesgegenwart, da ſie weder niedergeſchlagen, noch mit verſtellter Freude in den Brautſtuhl treten wollte, wo ihr biedrer Verlobter ſie in freudiger Zuver⸗ ſicht erwartete, und welcher die wahre Urſache: weshalb ſeine erſt verſchmähte Liebe endlich zu dem wichtigen Schritte er⸗ muntert worden war, nicht im Geringſten ahnte, noch jemals ahnen durfte. Von der ganzen Hochzeit(wo Frau Jetta Gude und Frau Stefana Lorens in der Anordnung des Mahles u. ſ. w. ſich ſelbſt übertroffen hatten), wollen wir nur noch erwähnen, daß Cornet Engelbert, welcher als einziger Brautführer bei derſelben fungirte, nunmehr ſich ſelbſt wiedergegeben war und abwechſelnd die ſtattliche, feierlich geſtimmte, ſchmucke Braut und die in ihrer jetzt vollkommen entfaltenden Schönheit ſtrah⸗ lende Juanna betrachtete, die eine große Verlegenheit bei dem Gedanken an jene mitleidige Vertraulichkeit fühlte, die ſie ihrem Vetter noch vor Kurzem erwieſen hatte. Sie fühlte nebenbei, 108 daß ſein durchbohrender, bewundernder Blick ſie jetzt mehr be⸗ läſtige, als damals, wo Lauritz ihr zur Seite ſtand, und ihre Sehn⸗ ſucht nach Hauſe und nach ihrem Kinde wuchs mit jeder Minute. Sie fuhr auch wirklich mit dem Vater nach Hauſe, der die Geſellſchaft ſchon zeitig am Abende verließ. Am folgenden Tage wurden alle Hochzeitsgäſte auf Byborg erwartet, von wo aus man die Neuvermählten nach ihrer Capellenwohnung in Grafverna begleiten ſollte; und erſt nachdem alle Vorkehrungen hierzu getroffen, nachdem alle Reden für das Wohlergehen des jungen Paſtors und deſſen Ehehälfte beendet und alle Gläſer auf deren Wohlſein geleert waren— erſt da kam auch Juanna wieder zur Ruhe und war dankbarer, als Worte es auszu⸗ drücken vermögen, daß der Cornet nicht länger als eine Nacht auf Byborg verweilte. Man war jetzt im November. Weder von Lauritz noch von den Schiffsrhedern waren fernere Briefe eingegangen. Juanna'’s lobenswerthe Vorſätze geriethen bisweilen in's Schwanken, und ſie würden noch unſicherer geworden ſein, wenn ſie nicht für die Geſundheit ihres Kindes gefürchtet hätte. Was ſie am meiſten beunruhigte, war, daß weder ihr Vater noch ihre Schwiegermutter dieſe Angſt zu verſcheuchen ſuchten. Sie war gewohnt, daß dieſelben ſie Alles im hellen Sonnen⸗ ſchein zu betrachten lehrten— und jetzt ſchienen Beide un⸗ ſchlüſſiger und beſorgter, als ſie ſelbſt. Es war um dieſe Zeit, als Frau Stefana eines Tages erklärte, daß ſie eine Reiſe nach Gothenburg machen müſſe, um ihren Vorrath von Drell zu verkaufen. Juanna ließ ſich dadurch nicht täuſchen. Sie verſtand, daß das ängſtlich beſorgte Mutterherz Gefahr witterte und deshalb ſelbſt mit dem Chef jenes Handlungshauſes zu ſprechen wünſchte, in deſſen Intereſſe Lauritz ſeine Reiſe unternommen hatte. An aufrecht Grafvern ſelbſt die ſen war, frohe Hof kehren zu eine andr lichkeit zu gemüthlich „Si — viel l erinnern eheliche L doch zur unſrer br der Falſch den Sune der Hoffn das Einzi Du darfſt Manne h machen, hohem G mich des „Di Manne,“ will, daß *) Di Glaubensl reſpective allein das tern ſich u ehr be⸗ Sehn⸗ Minute. e, der lgenden von wo ung in prungen hen des Gläſer Juanna auszu⸗ e Nacht waren en in's , wenn hätte. r Vater ſuchten. onnen⸗ lide un⸗ 8 Tages müſſe, ließ ſich beſorgte m Chef ntereſſe 109 An einem dieſer Tage, als Juanna ſich mit aller Gewalt aufrecht zu halten ſuchte, begab ſie ſich zu Concordia nach Grafverna und war nicht wenig erſchrocken, als ſie fand, daß ſelbſt die Freundin, die immer ſo reich an Troſtſprüchen gewe⸗ ſen war, jetzt gar verlegen und bekümmert ſchien, ſobald ſie die frohe Hoffnung ausſprach: ihren Gatten binnen Kurzem heim⸗ kehren zu ſehen. Concordia verſuchte jedesmal dem Geſpräche eine andre Wendung zu geben, indem ſie auf ihre eigene Häus⸗ lichkeit zurückkam, die, wie ſie ſich auszudrücken pflegte:„recht gemüthlich und anſtändig ſei.“ „Sieh Dich um, Juanna, iſt nicht Alles recht nett hier? — viel beſſer, als ich ſelbſt geglaubt habe. Die blauen Wände erinnern mich an die Treue; der blühende Roſenſtock an die eheliche Liebe, die, wie klein auch anfangs die Knospe, ſich doch zur ſchönſten Blume entfalten kann; der gelbe Ueberzug unſrer braun lackirten Meubles warnt mich vor der Gefahr der Falſchheit; und die grünen Jalouſien von friſchem Epheu, den Sune ſelbſt gezogen und gezüchtet hat, ſind mir ein Bild der Hoffnung, wie der Gewißheit, daß dieſe artigen Gewächſe das Einzige ſein wird, was ſeiner Zucht bedarf.— Ja, Du darfſt nicht glauben, daß ich keine Achtung vor meinem Manne hege! Ich ſuche eine Ehre darin: ihn glücklich zu machen,— und das iſt er gottlob ſchon jetzt, und zwar in ſo hohem Grade, daß er ſich heute kaum dazu entſchließen konnte, mich des Hausexamens*) wegen zu verlaſſen.“ „Du ſprichſt immer auf ſo ſonderbare Weiſe von Deinem Manne,“ antwortete Juanna,„obgleich ich nicht bezweifeln will, daß Du ihm von ganzen Herzen zugethan biſt.“ *) Dies Hausexamen beſteht in einer Prüfung in der chriſtlichen Glaubenslehre, welche die Prediger alljährlich in den Häuſern ihrer reſpective Pfarrkinder anzuſtellen verpflichtet ſind, und welchem nicht allein das Geſinde und die Kinder des Hauſes, ſondern auch die Ael⸗ tern ſich unterwerfen mußten. D. Ueberſ. 110 „Um Gotteswillen, faſſe niemals einen ſolchen Gedanken, Juanna!“ rief Concordia heftig.„Du weißt, daß ich herber und vielleicht wunderlicher Sinnesart bin. Aber was kannſt Du von einem Mädchen verlangen, daß zehn Jahre lang dem Comptoir eines Diſtrictsexecutors vorgeſtanden und das Leben von früheſter Kindheit an nur von der practiſchen Seite ken⸗ nen gelernt hat? Glaube lieber, daß ich, wenn es nöthig wäre, mich ſelbſt„züchtigen“ würde, wie Sune es mit dem Epheu gethan hat, damit wir beide zu ſeiner Freude wachſen und gedeihen. Ich will Dir nur einen Beweis geben, Juanna: Du weißt, daß ich keine Katzen um mich haben mag und über⸗ dies ſehr wenig Milch im Keller habe; deſſenungeachtet habe ich mir ein ſolches Thier verſchafft, das ich mit dünnem Brei und Fiſchſuppe füttre, um Sune eine Freude zu machen. Es beluſtigt ihn ungemein, die Katze des Abends am Kamine ſchnur⸗ ren zu hören, während ich die Aepfel zum Braten hole; und nichts kann ſein Vergnügen übertreffen, wenn er das Thier verleiten kann, an den heißen Apfel zu riechen. Wenn derſelbe abgekühlt iſt, bekommt Miezchen die Hälfte davon zur Beloh⸗ nung.— Der Winter bringt zu viele Ausgaben mit ſich, aber nächſten Frühling ſchenke ich ihm einen Hund zu ſeinem Ge⸗ burtstage und da ſollſt Du ſehen, daß er vollends vergißt, daß Grafverna nicht ſo ſchön iſt, als Berffendal.“ „Und bevor das Jahr um iſt, haſt Du ihm noch etwas Beſſeres geſchenkt. Da wird er nicht allein glücklich, ſondern vollkommen ſelig werden.“ „Still, ſtill, die Hülfsprediger müſſen immer die goldene Mittelſtraße gehen und an das ſentimentale Gebiet dürfen wir gar nicht ſtreifen.— Ei, nun, wenn wir einen kleinen kraus⸗ köpfigen Wechſelbalg bekommen, der zwiſchen den Klippen um⸗ hertrabt und ſich die Naſe an dem Felle der Robben roth ſcheuert, die an der Oberfläche des Waſſers liegen, ſo ſoll er willkommen ſein; und ich will keineswegs beſtreiten, daß mein einfältige kommen Grafvern Als ihrer Re bleich, ſo auf dem Beider§ „W „W Die Schi „W Lauritz d trotz der Fahrwaſſe glücksfälle Meere eb bar ſind, und Unrr meinem S eines ſo Die „Di ſie mit 2 Juanna d Dunkel er „Mi Tönne u ihre Stun ſie, wie e Fral weſen. 6 hauſes ge danken, herber kannſt ng dem 8 Leben ite ken⸗ nöthig nit dem wachſen Fuanna: ad über⸗ tet habe em Brei en. Es ſchnur⸗ le; und s Thier derſelbe Beloh⸗ ich, aber iem Ge⸗ ißt, daß ch etwas ſondern goldene rfen wir n kraus⸗ pen um- den roth »ſoll er daß mein 111 einfältiger Sune bei ſolcher Gelegenheit auf den Gedanken kommen könnte, ein Stück von dem verlorenen Paradieſe in Graſverna wiedergefunden zu haben.“ Als Juanna nach Hauſe kam, war Frau Stefana von ihrer Reiſe nach Gothenburg zurückgekehrt; aber ſie ſah ſo bleich, ſo matt und verſtört aus, als ſie ſie neben Herrn Tönne auf dem Sopha ſitzend fand, daß ſie zu ihr hinſtürzend und Beider Hände ergreifend, mit herzzerreißender Stimme rief: „Was giebt's?— Briefe— Nachrichten?“ „Weder Briefe noch ſonſtige Nachrichten, geliebtes Kind. Die Schiffsrheder haben nichts erfahren können.“ „Warum ſeid Ihr denn ſo muthlos und traurig? Iſt Lauritz denn nicht ſchon früher ebenſo lange fortgeblieben, und trotz der ſchweren Stürme, die wir hier in unſerm gefährlichen Fahrwaſſer gehabt, haben wir doch von keinen bedeutenden Un⸗ glücksfällen gehört;— kann es denn nicht im mittelländiſchen Meere ebenſo ſein? Und ſelbſt wenn dieſe Schlußſätze unhalt⸗ bar ſind, ſo will ich mein Herz nicht unnützerweiſe mit Sorge und Unruhe erfüllen. Jetzt will ich hinausgehen und nach meinem Söhnlein ſehen, damit ich gar nicht an die Möglichkeit eines ſo großen Unglücks denken kann.“ Die junge Mutter eilte hinaus. „Dies Kind beſchämt uns!“ ſagte Frau Stefana, indem ſie mit Bewunderung auf die blinde Zuverſicht blickte, womit Juanna dieſer ziemlichen Ungewißheit, dieſem undurchdringlichen Dunkel entgegentrat. „Möchte ſie lange ſo bleiben können,“ erwiderte Herr Tönne und beugte demüthig das Haupt.„Wenn aber auch ihre Stunde kommen ſoll— da wird es um ſo ſchwerer für ſie, wie es denn auch wird.“ Frau Stefana's Reiſe war voll Angſt und Kummer ge⸗ weſen. Sie hatte mit dem Chef des genannten Handlungs⸗ hauſes geſprochen und von ihm vernommen, daß— ſo gern 112 er ſelbſt noch hoffen wolle, doch mehr Grund zur Furcht vor⸗ handen ſei.— Seine Worte verriethen deutlich, daß er die Mutter ſeines jungen Capitains in ihr ſchonen, und derſelben nicht die letzte Hoffnung nehmen wollte. Erſt vierzehn Tage ſpäter: am 12. December traf die Poſt auf Byborg ein, welche Herr Tönne ſo lange gefürchtet hatte. Zwei von der Reiſe heimkehrende Fahrzeuge, welche dieſelben Häfen am Mittelmeere beſucht hatten, brachten Kunde von einem, durch ſchreckliche Umſtände veranlaßten Schiffbruche, wobei das von Capitain Lauritz Hellevi aus Gothenburg ge⸗ führte Fahrzeug auf Grund geſtoßen und mit Ladung und Be⸗ ſatzung geſunken ſei. Wir wollen kein Bild von Juanna's tiefem Schmerze zu entwerfen ſuchen, die noch vor Kurzem ihre Zukunft in Gold⸗ flor gehüllt vor ſich geſehen hatte— und dieſelbe nun ſo plötzlich im Leichentuche gewahrte. Wohl gab es Tage, an denen die Hoffnung wieder aufloderte; aber ſie erloſch für im⸗ mer, als man ſpäter im December abermals Briefe von den Rhedern erhielt, welche die Mittheilung machten, daß ein Ma⸗ troſe, ſeiner eigenen Ausſage nach der einzig Gerettete, der wie durch ein Wunder von einem vorbeiſegelnden Schiffe aufgenom⸗ men worden war, in Gothenburg angekommen ſei, aber nur um daſelbſt zu ſterben. Der arme Menſch hatte kaum die Zeit ge⸗ habt zu erzählen, daß der Capitain der Letzte geweſen, den er geſehen habe, aber daß auch dieſer in der Tiefe verſchwunden ſei. Von dieſem Tage an legte Juanna das Wittwenkleid an. Von den beiden anderen Frauenherzen, die durch dieſen Schlag geknickt wurden, hatte nur das eine das Recht, ſeinen Zuſtand gleichſam in dem ſchwarzen Trauergewande zu offen⸗ baren. Das andere durfte ſich die Wucht des Schmerzes kaum in tiefſter Verborgenheit geſtehen und peinigte ſich mit der Geißel der Pflicht. Nloch imn gelegt un andere Se Die die Feuerl den und ſ ſteife Lilie aber die Schnee un Wie länger das zu werden, aus dieſer Male eine empfing: it in dieſer obgleich kei ſich ihrer Wohlthuen als dem de Sie verabſcheut Carlen, Ca nun ſo ge, an für im⸗ von den ein Ma⸗ der wie ifgenom⸗ nur um Zeit ge⸗ den er nden ſei. kleid an. h dieſen t, ſeinen u offen⸗ chmerzes ſich mit IX. Nloch immer hatte Juanna das Wittwenk Bypborg.— Drei Jahre ſpäter. leid nicht wieder ab⸗ gelegt und mit dieſem dunkelen Gewande ſchien auch eine andere Seele in ihren Körper gezogen zu ſein. Die weiche, zarte, im Feuer des Südens glühende Natur, die Feuerlilie, die Lauritz ſo ſehr geliebt hatte, war verſchwun⸗ den und ſtatt ihrer ſah man die weiße, ſammetne, ſchneeweiße, ſteife Lilie des Nordens. Die blendende Friſche war verduftet, aber die Schönheit blieb, wiewohl unter einer Decke von. Schnee und Eis. Wie das Aeußere, ſo das Innere. länger das Kind, welches immer wünſchte, zu werden, und dabei nicht wußte, wie ſie aus dieſer Kindheit heraus zu kommen. Juanna war nicht gehegt und gepflegt es machen ſollte, um Sie war mit einm Male eine reife Frau geworden, die mehr Schutz gewährte, als empfing: ihr Kind, ihr alter Vater, ihre Schwiegermutter, die in dieſer kurzen Friſt um zehn Jahre ä lter geworden war, obgleich keine Klage über ihre Lippen kam— Alle erfreuten ſich ihrer unermüdlichen Fürſorge, in welcher jedoch nichts Wohlthuendes, Erhebendes lag: ſie war jed als dem der Pflicht, völlig abgeſtorben. em anderen Gefühle, Sie erſtreckte dieſe Pflicht ſogar auf Dinge, die ſie früher verabſcheut hatte, wie z. B. die verſchied Carlen, Cam. obsc. II. enen Intereſſen des 8 114 Haushalts; und mit wahrem Eifer ſuchte ſie ſich jene Eigen⸗ ſchaften und Kenntniſſe zu erwerben, deren ſie als künftiger Vormund ihres Sohnes und vielleicht auch bald als Beſitzerin von Byborg bedurfte; denn ihr alter, theurer Vater war durch ihren ſtummen Schmerz und durch ihr verändertes Weſen ſo tief gebeugt, daß ſie wohl einſah, ſeine Pilgerfahrt auf Erden werde gar bald beendet ſein. Sie fühlte weder Angſt noch zehrende Unruhe bei dem Gedanken, daß die lieben, alten Augen ſich bald ſchließen und der müde Körper unter dem grünen Raſen ſchlummern werde: damit war ja eine Aufgabe gelöſt! Wenn Gott dann auch ihr Kind zu ſich nähme, ſo würde ſie hier auf Erden nichts mehr zu vollbringen haben; und da alle irdiſchen Bande nur zerreißen, um dort oben um ſo feſter wieder angeknüpft zu werden, ſo würde ſie das Recht haben, ſich ſo ſehr dort hinauf zu ſehnen, daß Gott ſich gar bald ihrer erbarmen würde. Sollten die Bande dieſes Lebens hingegen noch lange Zeit ungelöſt bleiben, ſo wußte ſie ſich auch darein zu finden, indem ſie einer langen Vorbereitungszeit hier unten bedurfte. So ertrug ſie Alles mit entſagender, kalter, aber nichts mit erhebender Geduld.—— Es war an einem der erſten Tage im Januar. Juanna befand ſich in dem Zimmer des Vaters, welcher in ſeinem großen Lehnſtuhle ſaß und ſehr gealtert ſchien. Sie hatte ihm eben das Kopfkiſſen zurechtgeſchoben und den Schemel unter die ſchwachen Füße gerückt. „Mein Auge wird Dich wohl niemals wieder ſo ſehen, wie Du ehemals in glücklicheren Zeiten warſt, meine Juanna!“ ſagte der Alte mit halberſtickter Stimme. „Das iſt nicht wahrſcheinlich, Vater! Glück und Jugend gehen Hand in Hand; wenn ſie fliehen, tritt das Alter an die Stelle.— Ich bin alt geworden, Vater!“ „Ich verlor auch das Theuerſte, was ich beſaß,“ ant⸗ wortete in mein „2 mein Ki „J Ich fürch bald ein Strande „N Ich wer! ehren, d werde ih gewöhnen fordert r „E tes Herz nicht ver „W auch mei „D aber Du langt, de treten ka⸗ und Son Ohr verletzt z „Un würde, danken a Glück, ne männliche ten und ſchehen m Eigen⸗ ünftiger eſitzerin r durch eſen ſo Erden bei dem ben und werde: un auch n nichts nde nur üpft zu ihr dort (rbarmen n noch arein zu er unten er, aber Juanna n ſeinem atte ihm el unter o ſehen, uanna!“ Jugend Alter an 3,“ ant⸗ ——— 115⁵ wortete der Alte mit ſanftem Vorwurfe.„Aber ich lebte fort in meinen Kindern— beſonders in Dir, meine Juanna!“ „Lebe ich denn nicht auch für meinen Vater und für mein Kind?“ „Ja, aus Pflicht— aber wo iſt der Funke des Lebens? Ich fürchte, daß Du verfrierſt, wenn Du— was vielleicht bald eintreten wird— ganz allein mit dem Kleinen hier am Strande zurückbleibſt.“ „Nein, lieber Vater, das brauchſt Du nicht zu befürchten. Ich werde meinen Sohn erziehen und Dein Andenken dadurch ehren, daß ich ihm Deine Grundſätze einzuflößen ſuche. Ich werde ihn in den erſten Jahren an nicht zu viel Sonnenſchein gewöhnen— das könnte ihn verweichlichen, und das Leben fordert viel Ernſt und große Kraft.“ „Es fordert mehr, liebe Juanna: Demuth und ein ſanf⸗ tes Herz, Glauben, Hoffnung und Geduld— das darfſt Du nicht vergeſſen.“ „Was ich ſelbſt begreifen und vollbringen kann, werde ich auch meinem Kinde zu geben ſuchen.“ „Du vermagſt viel, Kind, und Du begreifſt noch mehr, aber Du fühlſt ſehr wenig. Ich bin zu der Ueberzeugung ge⸗ langt, daß nur dann eine glückliche Veränderung in Dir ein⸗ treten kann, wenn Du ein neues Band knüpfſt. Leben, Freude und Sonnenſchein ſind uns noth.“ Ohne ſich durch dieſen directen Vorſchlag erſtaunt oder verletzt zu zeigen, antwortete Juanna ruhig: „Und Du glaubſt, daß Alles dies wieder hier einziehen würde, wenn ich mich verheirathete? Schlage Dir ſolche Ge⸗ danken aus dem Sinne, lieber Vater. Ich brauche weder Glück, noch Leben, noch Sonnenſchein, und noch weniger einen männlichen Schutz. Ich bin als eine ältere Frau zu betrach⸗ ten und obendrein Wittwe, und ſehe deshalb Allem, was ge⸗ ſchehen wird, ruhig entgegen.“ 8* 116 „Die Ruhe iſt zu frühreif und auf keinen feſten Grund gebaut. Es thut mir leid, daß ich es Dir ſagen muß, Kind, aber das iſt keine lobenswerthe, keine chriſtliche Ruhe. Die ſcheut ſich nicht davor, die Sonne warm auf das verſteinerte Gemüth ſcheinen zu laſſen.“ „Vater! Vater!“ „Engelbert— Du weißt, daß ich ihn meine— iſt ein rechtſchaffener, herrlicher Mann geworden. Seine Reiſen haben wohlthätig auf ihn eingewirkt. Ich liebe und ſchätze ihn; und er hat Dich ſo lange und ſo treu im Herzen getragen—“ „Hat der Rittmeiſter an Dich geſchrieben?“ „Der Rittmeiſter?— Du könnteſt wohl ein freundlicheres Wort finden, wenn Du von Deinem Vetter ſprichſt.“ „Er hat alſo nochmals um mich geworben?“ „Ja, mein Kind, das hat er gethan und ich habe ihn gebeten, ſich ſelbſt die Antwort zu holen, wenn Du Dir die Sache überlegt haſt. Das Einzige, worum er bittet, iſt, daß ſein Schickſal ſo bald als möglich entſchieden werde. Jetzt iſt vielleicht der Augenblick gekommen, wo Du, meine theure Juanna es anerkennen wirſt, daß ich einſt Deinem jugendlichen Glücke alle meine Wünſche opferte. Wie glücklich wäre ich, wenn Du dies endlich fühlteſt und einſäheſt!“ „Theurer, geliebter Vater, glaube nicht, daß ich dies je vergeſſen konnte! Ein unbezwingliches Vorgefühl ſagt mir aber, daß dieſe Ehe weder mehr Leben noch Wärme ins Haus brin⸗ gen würde, als wir jetzt haben; und zu welchem Zwecke ſollte dies denn eigentlich geſchehen?“ „Um mich wegen Deiner Jugend und Schutzloſikeit zu beruhigen. Eine zweiundzwanzigjährige Wittwe, die ſo ein⸗ ſam—“ „— die recht wohl ſo einſam leben kann. Laß uns, bitte, nicht weiter darüber reden, Vater. Ich habe einen unüberwindlichen Widerwillen gegen Engelbert und ich halte es für ſündlich, ihm Lie das ein Hi Bo blaß un verdient Er ihm mit Verbindr den Aug einer ein „T den Tag lein Ped lich dure Vertraue Paſtorin „W Paſtorin „N genug du „Li ſprechen, D „W Gefühl f vorſichtig behrden. haltung iſt es m Dingen: ohne den 117 Hrund ihm Liebe und Gehorſam zu geloben, da ich ihm doch weder Kind, das eine noch das andere geben kann.“ Die Hier endete der erſte Verſuch. inerte Bald aber erſchien der Rittmeiſter, nicht zudringlich, noch blaß und verliebt, ſondern ein wirklicher Mann, der Achtung . verdiente und— forderte. ſt ein Er wiederholte ſeinen Antrag an Juanna und als dieſe haben ihm mit ihrer gewohnten Kälte erklärte, daß ſie jeder neuen 3 und Verbindung in hohem Grade abgeneigt ſei, zuckte er nur mit 44 den Augenbrauen, ohne ſich zu Bitten oder Vorſtellungen oder . einer einzigen ſentimentalen Phraſe herabzulaſſen. ichrs ſen „Das geht beſſer, als ich dachte!“ ſagte Juanna folgen⸗ den Tages zu ihrer Freundin Concordia, die mit ihrem Söhn⸗ e ihn lein Peder Gude zum Beſuch auf Byborg war(wozu ſie heim⸗ dir die lich durch Herrn Tönne aufgefordert worden, der ein großes ſt daß Vertrauen in die treue, entſchloſſene und dienſtfertige Frau etzt iſt Paſtorin ſetzte). theure„Was geht jetzt beſſer, als Du glaubteſt?“ fragte die dlichen Paſtorin, die jetzt viel weiblicher und freundlicher ſchien, als bisher. re ich,„Nun, der neue Antrag meines Vetters. Du biſt lange n genug drinnen bei Papa geweſen, um davon gehört zu haben.“ dies je„Liebe Juanna, man kann jetzt wieder ein Wort mit Dir raber, ſprechen, welcher Art der Gegenſtand ſein möge, nicht wahr?“ brin⸗„Das iſt wahr. Sag deshalb, was Du willſt!“ ſollte„Wohlan— was den Rittmeiſter betrifft, ſo iſt ſein . Gefühl für Dich noch immer daſſelbe, obgleich er klug und eit zu vorſichtig genug iſt, ſich weder kläglich noch lächerlich zu ge⸗ o ein⸗ behrden. Außerdem hofft er wahrſcheinlich, daß ſeine Zurück⸗ 1 haltung vortheilhaft auf Dich einwirken müſſe.— Uebrigens 3 nicht iſt es mit ihm gegangen, wie mit allen anderen weltlichen dlichen Dingen: er hat ſich ſo weit geändert, daß er, wenn er jetzt ndlich, ohne den Hoffnungsſchimmer, Dich dereinſt zu gewinnen, ab⸗ 118 reiſen müßte, gewiß in keine Art von Wahnſinn mehr verfallen würde.— Deshalb können wir den Rittmeiſter von unſerer Unterredung ausſchließen.“ „Dafür bin ich Dir wirklich dankbar, denn ich fürchtete etwas ganz Anderes.“ „Statt deſſen,“ begann Concordia von Neuem,„will ich Dir ſagen, was ich von Deinem Benehmen als Tochter denke!“ „Iſt das nothwendig?“ „Ja, das iſt nothwendig und Du erlaubteſt mir zu reden. — Du biſt ſeit drei Jahren lange nicht das geweſen, was Du einem ſo zärtlichen, liebevollen Vater hätteſt ſein müſſen. Suche nicht, Dich mit der Behauptung zu vertheidigen, daß Du Deine Pflicht gethan haſt;— ich kenne dieſe Scheingründe, womit man ſich einzulullen ſucht und ſich damit ſelbſt hinter's Licht führt. Seitdem Dein Herz von dem ſchweren Unglücksfall betroffen wurde, biſt Du nie anders, als ſteif und kalt, ja faſt hart gegen ihn geweſen. War Dein Vater ſo gegen Dich, als er Dir ſeine ſchönſten Hoffnungen opferte? War er ſo, als er ſeine geliebte, hochgeehrte Gattin verlor? Nein! und tauſendmal nein! Er verſchloß den tiefen Schmerz in ſeine Bruſt; und die ſanfte Wärme ſeines Herzens, die er dadurch nicht eingebüßt hatte, die ſparte er für Dich und goß ſie gleich wohlthuenden Sonnenſtrahlen über Dich aus! Das hat er nun ſeit zehn Jahren gethan und wird es bis zum letzten Lebensfunken fortſetzen. Du wirſt ihn vielleicht bald— ſehr bald verlieren, Juanna!— Hüte Dich, daß die paſſive Träg⸗ heit ſich nicht auflöſt, wenn Du an dem grünen Raſen ſtehſt, der ſein reines, kindliches Herz deckt— hüte Dich vor Reue, Juanna, und denke jetzt daran, daß er unſäglich leidet bei dem Gedanken, daß er Dich, Deinem eigenen ſchwachen Schutze überlaſſen, zurückläßt!— Und endlich, denke daran: daß er zu Deiner Mutter geht!“ Juanna erwiderte kein Wort auf dieſe gewiſſermaßen ge⸗ rechten T zog ſich mutter foe neuen Ar In kurze in Form und ſchlo „ gehorſam „N. ſchrocken, ungehorſe uur Dei Dein ver und im? Treue ge ſchon nac und kann „Lc qualvolle ablegen zu höre erwidern Zu Regung ſie wirkl wußte n loren ge ſicht und ernſte V vereint; — fallen nſerer rchtete ill ich enke!“ reden. s Du Suche Deine womit Licht icksfall ja faſt Dich, er ſo, i! und ſeine dadurch gleich hat er letzten — ſehr Träg⸗ ſtehſt, Reue, det bei Schutze daß er ßen ge⸗ 119 rechten Vorwürfe, die jedoch tief in ihre Seele drangen. Sie zog ſich in ihre Zimmer zurück, woſelbſt ſie ihre Schwieger⸗ mutter fand.— Frau Stefana ahnte freilich etwas von dem neuen Antrage, doch wußte ſie noch nichts Beſtimmtes darüber. In kurzen, beſtimmten Worten, ohne irgend eine Abweichung in Form einer Klage, ſetzte Juanna ſie davon in Kenntniß und ſchloß mit folgenden Worten: „Iſt es Gewiſſenspflicht, meinem geliebten Vater hierin gehorſam zu ſein?“ „Nein, um Jeſuwillen,“ rief die Schwiegermutter er⸗ ſchrocken,„unter ſolchen Umſtänden iſt es eher Deine Pflicht, ungehorſam zu ſein! Ich rede nicht aus Eigennutz, damit Du uur Deinem Kinde lebeſt, aber ich fühle deutlich, daß Du Dein verlorenes Glück nicht mit Engelbert wiederfinden kannſt; und im Namen meines Sohnes, dem Du ewige, unverbrüchliche Treue gelobt haſt, proteſtire ich dagegen, daß Du dieſelbe ſchon nach drei Jahren brechen willſt!“ „Will ich es denn?“ fragte Juanna tonlos.„Ich will und kann es nicht; es möge gehen, wie es will.“ „Laß Dich nicht überreden, Juanna! Ich fühle eine ſo qualvolle Angſt bei dem Gedanken, daß Du einen neuen Eid ablegen könnteſt, daß ich Dich anflehe und beſchwöre, auf mich zu hören und mir zu gehorchen!“ — Auch von hier ging Juanna fort, ohne ein Wort zu erwidern.— Zum erſtenmale ſeit drei Jahren fühlte ſie eine heftige Regung in ihrem Herzen: eine zehrende, bittere Qual. War ſie wirklich ſo gefühllos geweſen? Sie wußte es nicht. Sie wußte nur, daß mit Lauritz auch ihr ganzes inneres Leben ver⸗ loren gegangen war; doch meinte ſie ihre Pflicht in jeder Hin⸗ ſicht und aufs Beſte erfüllt zu haben. Concordia's aufrichtige, ernſte Vorſtellungen hatten ſich mit den Worten des Vaters vereint; aber am meiſten hatte das Bild ſie erſchreckt, welches 120 Concordia von der Zukunft entworfen, indem ſie einen Zipfel des verhängnißvollen Vorhanges zu lüften verſucht hatte. Hatte ſie ſo ſehr gegen den zärtlichſten der Väter gefehlt, hatte ſie ihn in ſeinem ſpäteſten Alter ſo ſehr vernachläſſigt, daß ſie nicht allein ihre eigenen, ſondern auch anderer Leute Vorwürfe ver⸗ diente, da wollte ſie lieber das Unmögliche möglich machen, als mit dem ſchweren, troſtloſen Leben auch noch dieſe ſchwere Bürde weiter tragen. Warum denn nicht lieber Alle verſöhnen? Sie hegte eigentlich gar kein Gefühl für ihren Vetter, doch begann ſie ſeiner mit einer Regung von Mitleid zu denken. Was für Glück konnte er von einer Frau erwarten, deren Herz ebenſo todt war, als ihr Antlitz? Was ſie ſelbſt betraf, war ihr gleichgültig. Sie betrachtete die Zeit, die ſie von Lauritz getrennt ausharren mußte, wie eine Art Fegefeuer, in welchem ein Leiden mehr oder weniger nicht gerechnet werden durfte. Sie hätte aber lieber Alles geopfert, um nur ihrem Sohne keinen Stiefvater zu geben. Als ſie zu Herrn Tönne hineintrat, ſaß Concordia neben ihm. Beide mußten lebhaft geſprochen haben, denn auf dem Antlitze des alten, ehrwürdigen Mannes leuchtete ein ſo ſeliger Friede und ſein Auge ſiel mit einer ſo großen Liebe auf die hereintretende Tochter, daß dieſe das Eis in ihrem Herzen thauen fühlte. Im nächſten Augenblicke lag ſie auf ihren Knieen, an ſeinem Stuhle, das Haupt an ſeine Bruſt gedrückt. „Meine Juanna— mein wiedergefundenes Kind, biſt Du es wirklich!— Gott ſegne Deine Thränen— ſie ſind warm— da wird auch Dein Herz wieder warm werden. Du mußt lernen, daß Gott uns den Schmerz ſendet, um unſer Herz zu läutern und nicht, damit wir unſer Auge abwenden von dem, was er uns noch erhalten hat.“ „Mein theurer, theurer Vater, vergieb, wenn ich grau⸗ ſam geweſen bin.— Ach! Ach!——“ zwingen r nur mein nie könnte hätte, mir — ich ſter bischen Ohne die junge „Con Conct „Mei einem tiefe mir bei de höchſten W wenn ich( „Ja, oft geſagt, Zukunft ſch wohl aber ſein würde Juanna, n „Gen ſchehen ſoll mit dem W iſt, ſo wer „Nich „Nein Und bis das O) mit leiſer S „Iſt e —— Zipfel Hatte tte ſie e nicht fe ver⸗ nachen, ſchwere öhnen? Vetter, denken. deren betraf, e von er, in werden ihrem neben f dem ſeliger uf die Herzen n, an „biſt e ſind . Du unſer denden grau⸗ —— 121 „Beruhige Dich, mein liebes, liebes Kind! Beruhige Dich in jeder Hinſicht. Meine Liebe hat Dich zu nichts zwingen wollen; ſelbſt Deine Verbindung mit Engelbert war nur mein Wunſch. Niemals— merk' Dir das, Juanna— nie könnte ich den Tag überleben, an dem ich Dich gezwungen hätte, mir ein Opfer zu bringen.— Sieh mich an, mein Kind — ich ſterbe ja vergnügt, wenn ich nur weiß, daß Du ein bischen wieder die frühere Juanna biſt!“ Ohne den Kopf von des Vaters Bruſt zu erheben, ſagte die junge Wittwe: „Concordia, laß uns einen Augenblick allein!“ Concordia ging. „Mein geliebter Vater“— nun blickte ſie den Alten mit einem tiefen, vollen Blicke ihrer ſchönen Augen an—„ſage mir bei dem heiligen Andenken meiner Mutter: würde ich den höchſten Wunſch dieſes ſanften, engelreinen Herzens erfüllen, wenn ich Engelbert meine Hand reichte?“ „Ja, Kind, das würdeſt Du. Aber ich habe Dir ſchon oft geſagt, daß der Menſch ſehr kurzſichtig iſt, wenn er in die Zukunft ſchaut; ich kann deshalb nicht von Sicherheit reden, wohl aber von meiner feſten Hoffnung, daß es ſo am beſten ſein würde. Sollte aber das Gegentheil eintreffen— o meine Juanna, meine Juanna!“ „Genug, Vater! Wir wollen hoffen, daß das, was ge⸗ ſchehen ſoll, zur guten Stunde geſchieht.— Wenn Engelbert mit dem Wenigen, was ich ihm zu geben vermag, zufrieden iſt, ſo werde ich mich noch heute Abend mit ihm verloben.“ „Nicht ſo eilig, Kind, nicht ſo eilig— laß Dir Zeit!“ „Nein, Vater, was geſchehen ſoll, muß ſofort geſchehen!“ Und wie im Fieber fortgeriſſen, hatte ſie keine Ruhe, als bis das Opfer vollbracht war. Engelbert wurde gerufen und mit leiſer Stimme, aber fliegendem Athem ſprach Juanna: „Iſt es, wie mein Vater ſagt, Engelbert, haſt Du keine 12² größeren Anſprüche, als daß eine Wittwe, deren beſte und edelſte Gefühle im Grabe ruhen, denſelben genügen kann?“ „Wenn dieſe Gefühle im Grabe wohnen, Juanna, ſo können andere auferſtehen, welche—“ „Glaube das nicht! Herz und Verſtand ſagen mir, daß ich nicht ein zweites Mal lieben kann. Ich verſpreche Dir jedoch feierlich, eine gute, umſichtige und treue Frau werden zu wollen, und dankbar für Deine Nachſicht mit Allem, was an mir mangelt.“ „Wohlan, Juanna, das ſei für den Anfang genug.— Ich bin nicht anſpruchsvoll, und Du wirſt Dich nie über einen Mann zu beklagen haben, welcher Dich zu lange und zu innig geliebt hat, um ſich ſelbſt beherrſchen zu können und nur auf Dein Glück bedacht zu ſein.“ Bei dieſer beſonnenen, edelmüthigen Antwort reichte Juanna ihm die Hand.— Der Bund war geſchloſſen. Zwei Monate ſpäter hatten auf Byborg Hochzeit und Begräbniß ſtattgefunden. Die Tochter hatte ihren Namen, der Vater ſeine Wohnung gewechſelt. Nun ſchlief Herr Tönne in ſeinem tiefen Bette und Juanna wurde durch das Bewußtſein geſtärkt, dem Vater ſeinen einzigſten und höchſten Wunſch er⸗ füllt zu haben, bevor er die Erde gegen den Himmel vertauſchte. Das Begräbniß hatte ſeit ungefähr einem Monate ſtatt⸗ gefunden, als zwiſchen den jungen Eheleuten, welche die Zim⸗ mer zu ebener Erde bewohnten, folgendes Geſpräch geführt wurde. Juanna ſaß in einem kleinen Eckzimmer und hatte die Karten zu einer patience ausgelegt, womit ſie den langen Sonntagnachmittag zu kürzen ſuchte, und die ihre ganze Auf⸗ merkſamkeit zu beanſpruchen ſchien. Der junge Ehemann hatte es ſich in der Sophaecke bequem gemacht und hielt eine Zeitung in der Han auf ſeiner gemacht, un Schlaf ihn kleinen Fing Engel der Hand g unverwandt „Beſte ſehr intereſſ „Sie Zerſtreuung man daran „Jede Zerſtreuu neuem.„ zu reden he „Ich junges Ehe wir ſind G Alles trägt eines neuen wenigſtens „Ich nicht allzu daß ich das Aufgebotes zärtlichen „Ich ſie ſein wi ſo zu betre „Das tungsblatte eſte und un?“ nna, ſo nir, daß che Dir werden m, was nug.— der einen zu innig nur auf Juanna zeit und men, der Lönne in wußtſein unſch er⸗ rtauſchte. ate ſtatt⸗ die Zim⸗ geführt hatte die a langen nze Auf⸗ unn hatte Zeitung in der Hand, während der kleine Lauritz in der anderen Ecke auf ſeiner Geige eingeſchlafen war, die ſein Stieſvater ihm gemacht, und mit welcher er ſo lange geſpielt hatte, bis der Schlaf ihn überraſchte, ſo daß er noch den Bogen zwiſchen den kleinen Fingern hielt. Engelbert hatte ſchon wiederholt das Zeitungsblatt aus der Hand gelegt und forſchend auf ſeine Frau geblickt, welche unverwandt auf die Karten ſah. „Beſte Juanna, wie kann Dich dieſe Beſchäftigung ſo ſehr intereſſiren?“ „Sie intereſſirt mich nicht ſo ſehr, als ſie eine gewiſſe zerſtreuung ſichert. Wenn man etwas im Sinne hat, ſo denkt man daran und ſieht zu, ob es eintrifft.“ „Jedenfalls ſollte man nicht ſo weit nach einer gewiſſen gerſtreuung zu ſuchen brauchen,“ begann der Mann von neuem.„Ein junges Ehepaar müßte von tauſenderlei Dingen zu reden haben!“ „Ich muß Dir ſagen, Engelbert, daß ich uns nie als ein junges Ehepaar betrachtet habe. Wir kennen uns ſo lange, wir ſind Geſchwiſterkinder und mit einander aufgewachſen: dies Alles trägt dazu bei, unſerer Verbindung nicht den Character eines neuen, ungewohnten Verhältniſſes zu geben, welches— wenigſtens für mich— ſehr peinlich ſein würde.“ „Ich darf alſo hoffen, daß Du Deine jetzige Stellung nicht allzu unerträglich findeſt, meine gute Juanna? Du ſiehſt, daß ich das Verſprechen, das ich Dir am Tage unſeres erſten Aufgebotes gab, halte und Dich ſo wenig wie möglich mit zärtlichen Liebeständeleien plage.“ „Ich finde ſie gerade ſo, wie ich im Voraus wußte, daß ſie ſein würde, d. h. ſehr gut, ſeitdem ich beſchloſſen hatte, ſie ſo zu betrachten.“ „Das heißt ſo viel“— Engelbert fuhr hinter dem Zei⸗ tungsblatte, mit dem er zu ſpielen ſchien, heftig zuſammen— 124 „das heißt ſoviel, als daß Du unſre Stellung zu einander ſelbſt geſchaffen, ehe ſie noch begonnen hatte?“ „Allerdings.“ „Denke Dir, daß ich bis jetzt wirklich geglaubt habe, ſo⸗ wohl durch mein überlegenes Weſen und meine geringen An⸗ ſprüche, wie durch die Achtung und Nachſicht, die ich Deiner trockenen Gleichgültigkeit entgegen ſetze, ſelbſt einigen Antheil an dem Verhältniſſe zu haben, welches Du ſelbſt mit„ſehr gut“ zu bezeichnen beliebſt. „Ich vergaß es in Worten anzuerkennen; Du kannſt jedoch überzeugt ſein, daß ich Dein vernünftiges Benehmen nicht überſehen habe.“ „Gott, das haſt Du bemerkt und erkennſt es an?“ Engel⸗ bert war nahe daran aufzuſpringen, aber er drückte ſich gewalt⸗ ſam in die Sophaecke zurück. „Du kannſt Dich darauf verlaſſen, mein Freund!“ „Aber das wußteſt Du doch nicht vorher?“ „Ja, ich ſagte mir, daß ein Mann, welcher ſich unter ſolchen Bedingungen verheirathete, auch nach der Hochzeit nicht ſeine Gemüthlichkeit und ſeinen Hausfrieden durch, ein Be⸗ tragen auf's Spiel ſetzen werde, von dem er wiſſe, daß ſeine an⸗ genehme Häuslichkeit, wenigſtens für ihn, dadurch geſtört wer⸗ den würde.“ „Du ziehſt Deine Schlußſätze mit merkwürdiger Alrr heit. Aber geſetzt: Deine Berechnung ſchlüge fehl— würde alsdann nur meine Ruhe und Gemüthlichkeit darunter leiden?“ „Gewiß!“ „Das iſt höchſt merkwürdig!“— Das Blut begann raſcher durch die Adern des jungen Mannes zu ſtrömen.—„Alſo wie ich mich auch zeige, wie ſich meine Laune entwickeln mag— ſo wird es Dich in Deinen kalten Gleichmuth nicht ſtören können?“ „Nein, lieber Engelbert, und ich hoffe, daß Du dies nicht wünſcheſt.“ „Wede ich meine fl möglichenfal wer kann f wenn ich e fordern wür druck auf T „Ich „So ſtören oder „Das ich, mein N erſchüttern.“ Engell Geſpräch li „Nur Wirſt Du überhaupt l „Ich— Du wirſt it und zu ver niemals?“ „Mein hoffe, wenn es werde T „Freil „Aber heut Nachm „Tant ſchaft zu le einander habe, ſo⸗ igen An⸗ h Deiner 1 Antheil nit„ſehr u kannſt Zenehmen * Engel⸗ ) gewalt⸗ 144 ich unter zeit nicht ein Be⸗ ſeine an⸗ tört wer⸗ ger Klar⸗ — würde leiden?“ n raſcher Alſo wie ag— ſo önnen?“ ies nicht 12⁵ „Weder heut noch morgen, noch übermorgen oder ſo lange ich meine fliegenden Gedanken feſthalten kann; aber wenn ich möglichenfalls in allerlei Verſuchung und Gefahr geriethe,— wer kann für ſeine ſchwache menſchliche Natur einſtehen!— wenn ich ermüdete, litte und endlich Erſatz für alle dieſe Ruhe fordern würde— was dann?— Würde auch das keinen Ein⸗ druck auf Dich machen?“ „Ich würde es unangenehm finden.“ „So— es würde Dich alſo nicht betrüben, Dich nicht ſtören oder irgend einen tieferen Eindruck auf Dich üben?“ „Das weiß ich nicht. Aber aufrichtig geſtanden, glaube ich, mein Freund, daß es andrer Dinge bedarf, um mich zu erſchüttern.“. Engelbert blickte ſie lange und unverwandt an und ſagte nur: „Ach! Ach! Ach!“ „Ich glaube“ begann Juanna von Neuem,„daß wir dies Geſpräch lieber fallen laſſen— es iſt nicht gut für Dich!“ „Nur eines noch— antworte nur auf die eine Frage: Wirſt Du barmherzig ſein, wenn ich fehle, und wirſt Du es überhaupt bemerken?“ „Ich ſehe alles, was Du thuſt, ſei es gut oder böſe und Du wirſt immer ein Herz in mir finden, welches zu vergeben und zu vergeſſen bereit iſt.“ ——„welches aber niemals dadurch leiden wird— niemals?“ 1— G „Mein Freund ich habe bereits ſo viel gelitten, daß ich hoffe, wenn Du dies Gefühl wieder in mir zu wecken wünſcheſt, es werde Dir mißlingen.“ „Freilich! Freilich!“ „Aber, wie war es doch, Engelbert, wollteſt Du nicht heut Nachmittag nach Grafverna?“ „Tante Stefana iſt ja nicht gekommen, um Dir Geſell⸗ ſchaft zu leiſten, obſchon Du ſie darum gebeten haſt.“ 126 Deswegen ſollſt Du nicht zu Hauſe bleiben. Die Mutter meines ſeligen Mannes fühlt ſich nicht mehr behaglich auf Vy⸗ borg, und ich kann es ihr nicht verdenken. Reite deshalb hin⸗ über nach dem Capellenhofe und plandre ein Stündchen mit den Freunden.“ „Ja, dort athmet alles eine glückliche Häuslichkeit und es iſt eine Luſt zu ſehen, wie Concordia ihren Sune und ihren kleinen Peder Gude zu herrſchen verſteht;— und dennoch weiß ich, daß ſie ihren Mann nicht liebte, als ſie demſelben ihre Hand reichte!“ „Sie hatte aber auch keinen Andren geliebt!“ „Wer weiß?“ Juanna blickte ihn fragend an. Engelbert ſah jedoch das Gefährliche eines Experimentes ein, welches ihm Concordia's Gunſt und Freundſchaft koſten konnte, und deshalb ſchwieg er. Bald darauf ruhten Juannas Augen mit demſelben Ausdrucke auf den Karten, wie es vor dem Beginne der Unterredung der Fall geweſen war. Nachdem der Ehemann Abſchied genommen hatte und ver⸗ ſchwunden war, ſaß ſie noch einige Augenblicke, um dem Huf⸗ ſchlage des davon eilenden Roſſes zu lauſchen. Dann ſtand ſie auf und trat leiſe und auf den Zehen an das Sopha und küßte die Locken ihres Sohnes. Darauf legte ſie gedankenvoll noch eine patience, bis der Blick immer matter und ſeelen⸗ loſer wurde— und endlich ergriff ſie das Schlüſſelbund und ging hinaus um eine Rande durch Kammern, Kiſten und Schränke zu machen. Wo ſich ein rröhliches Wort, ein munteres Lachen hören ließ, da verſtummte es, ſobald Juanna ſich blicken ließ. Es war, als ob jedes Zeichen von Leben und Theilnahme vor ihr die Flucht ergriffe. Deinahe eines Abe Herrenhau Der Fideicomm abreiſen n ſellſchaft f Wen gen ſollte, Mann un nen Mäde zwei Jahn Der activen D ſpricht la heit dazu häufig ſei derbe Zur Lauritz bel ſich nach Pflegeſohn theil an ie Mutter hauf By⸗ halb hin⸗ rmit den it und es und ihren dennoch elben ihre derimentes en konnte, Juannass vor dem und ver⸗ dem Huf⸗ ann ſtand opha und dankenvoll nd ſeelen⸗ bund und Schränke hen hören ließ. Es e vor ihr X. Das unvergeßliche Feſt. Beinahe fünf Jahre nach den erzählten Ereigniſſen, waren eines Abends alle Fenſter im unteren Stockwerk des alten Herrenhauſes zu Byborg feſtlich erleuchtet. Der junge Herr feierte ſeinen Antritt des lange erſehnten Fideicommiſſes, und da er ſchon binnen wenigen Tagen dahin abreiſen wollte, galt dies Feſt gleichſam für eine Abſchiedsge⸗ ſellſcaft für die in der Nähe wohnenden Freunde. Wenn die Familie ihm nach ſeinem neuen Wohnſttze fol⸗ gen ſollte, war noch unbeſtimmt. Dieſelbe beſtand jetzt, außer Mann und Frau, und dem kleinen Lauritz, noch aus zwei klei⸗ nen Mädchen, von denen das eine dreiundeinhalb, das andre zwei Jahr alt war. Der Herr Rittmeiſter, der jetzt ſeine Entlaſſung aus dem activen Dienſte genommen hat, iſt nicht wieder zu kennen. Er ſpricht laut und vornehm, ſpielt hoch, wenn ſich die Gelegen⸗ heit dazu bietet, trinkt fleißig und macht der Frau Paſtorin häufig ſeine Aufwartung, obgleich er oft herbe Wahrheit und derbe Zurechtweiſungen von ihr hinnehmen muß. Den kleinen Lauritz behandelt er mit einer gewiſſen Herablaſſung und ſcheint ſich nach und nach eingebildet zu haben, daß er denſelben, als Pflegeſohn aufgenommen, der ebenfalls ſeinen beſcheidenen An⸗ theil an dieſem und jenem haben müſſe. Gegen ſeine Frau 128 hatte er einen nachläſſigen Ton angenommen, der ſowohl ſeine Selbſtſtändigkeit beweiſen, als das Gefühl verbergen ſollte, das noch immer gleich ſtark in ihm war. Und wie ſtand es um Juanna, nachdem jetzt acht Jahre über Lauritz' Verſchwinden hinweg gegangen waren? War ſie das ſanfte freundliche Weſen von ehedem, welches glühte und liebte und wohlthuende Wärme um ſich verbreitete?— Nein, ihre Unterredung, die wir aus erſter Zeit ihrer Ehe angeführt haben, trug in der That den Stempel einer Prophezeiung. Der Rittmeiſter mochte ſich benehmen, wie er wollte— und er hatte es wahrlich auf mancherlei Art verſucht— ſo gelang es ihm dennoch nie, ſeine Frau zum Zorn zu reizen oder Angſt, Schrecken, Verzweiflung und noch weniger Freude in ihr zu wecken. Und er gerieth bisweilen ſo außer ſich hierüber, daß er die größte Luſt empfand, alles zu zertrümmern, was ihm in die Hände fiel. Wenn er in ſolchen Augenblicken einen Stuhl faßte und ihn mit bewundernswerther Geſchicklichkeit fortſchleu⸗ derte und fallen ließ— einerlei, wohin?— Da nahm Juanna ihn ruhig und ſtellte ihn an ſeinen Platz. Sie hatte es nicht vergeſſen, daß er einſtmals ihren Maiblumenſtrauß ebenſo be⸗ handelt hatte, und wenn er ſich ſchon damals ſo wenig zu be⸗ herrſchen verſtand, was konnte ſie da jetzt erwarten, wo er allen ſeinen Launen die Zügel ſchießen ließ. Warf er das Sopha⸗ kiſſen an die Wand gegenüber, ſo ſchien ſie es nicht zu bemer⸗ ken; las er ſeinem Stiefſohne den Text:„dem langen Jungen, der überall im Wege ſtand“— ſo durfte derſelbe gleich dar⸗ auf einen Beſuch bei der Großmutter machen, was ihm zur größten Freude gereichte, denn die Großmutter vergötterte ihren Enkel und war überdies ſeit Juanna's Verheirathung die vorige, rüſtige, arbeitsſame Frau geworden: ſie mußte ja ſammeln und erwerben, um das kleine Vermögen, welches ſie ihrem Sohnes⸗ kinde hinterlaſſen wollte, möglichſt zu vergrößern! Unten im großen Saale waren die bekannten ländlichen Geſellſchaf Flor, als ausnehme in ſeinem jenigen P lich aus nämlich u ſehr beliel kleidung o Kleinigkeit mer eilte, der Anord für die D „Au reichend v Juan „Wa „Du mit ich C papier ꝛc. wir Andre beſuchen, „En Kind, ſo „Wi zu machen „Auf „Irr in der eie Begräbniſſ fünf ganze „Du eiſigem To Carlen, C ohl ſeine llte, das d es um chwinden he Weſen e Wärme wir aus That den ollte— o gelang er Angſt, u wecken. ß er die n in die u Stuhl ortſchleu⸗ Juanna es nicht enſo be⸗ g zu be⸗ er allen Sopha⸗ t bemer⸗ Jungen, eich dar⸗ ihm zur te ihren vorige, neln und Sohnes⸗ indlichen Geſellſchaftsſpiele in vollem Gange und die Munterkeit in beſtem Flor, als der Tonangeber: der Rittmeiſter, welcher heut bei ausnehmend brillanter Laune war, ſich leiſe davon ſchlich, um in ſeinem Zimmer(ehemals Herrn Tönne's ſtille Kammer) die⸗ jenigen Perſonen zu treffen, welche ſich auf ſeinen Wink heim⸗ lich aus dem großen Kreiſe entfernt hatten. Es handelte ſich nämlich um eine jener Beluſtigungen, wie ſie damaliger Zeit ſehr beliebt und in der Mode waren: um eine großartige Ver⸗ kleidung oder Maskerade. Dem Rittmeiſter fehlten noch einige Kleinigkeiten zu den Coſtümen, weshalb er in die inneren Zim⸗ mer eilte, um ſeine Frau zu ſuchen, die er auch wirklich mit der Anordnung eines Tiſches beſchäftigt fand, der im Voraus für die Damen gedeckt war. „Auf ein Wort, Juanna; dieſer Créme iſt wirklich hin⸗ reichend verziert!“ Juanna legte den Theelöffel auf die eingemachten Orangen. „Was wünſcheſt Du?“ „Du haſt vergeſſen die Kleinigkeiten hervorzuſuchen, wo⸗ mit ich Engela coſtümiren will. Etwas weiße Gaze, Silber⸗ papier ꝛc. Sie ſoll das Sinnbild des Mondes darſtellen, da wir Andren, als Reiſende vom Strande kommen und die Erde beſuchen, um ihr Nachricht von ihrem Trabanten zu bringen.“ „Engela iſt ſchon zu Bette. Es taugt nicht für das Kind, ſo ſpät auf zu bleiben.“ „Wir können ſie ja wecken, um ihr ſelbſt ein Vergnügen zu machen.“ „Außerdem habe ich weder weiße Gaze noch Silberpapier.“ „Irrthum, meine Gnädige! Oben auf der Bodenkammer, in der eichenen Kiſte, liegt eine ganze Menge davon, ſeit dem Begräbniſſe des ſeligen Vaters; und ich hoffe, daß es jetzt, nach fünf ganzen Jahren, keine Profanation mehr iſt, daran zu rühren.“ „Du wirſt nicht daran rühren,“ antworte Juanna mit eiſigem Tone, ohne jedoch die Stimme zu heben noch zu ſenken, Carlen, Cam. obsc. II. 9 130 „und ebenſo wenig wirſt Du das Kind wecken und es mit den Ueberreſten von dem Sargbehange ihres alten, ehrwürdigen Groß⸗ vaters ausſtaffiren wollen!““ „Immer dieſelbe Gemeſſenheit! Wie prächtig wirſt Du Dich auf meinem großen Herrenſitze ausnehmen, wie liebens⸗ würdig wirſt Du ſein! Oder glaubſt Du, daß wir auch dort jeden Tag wie im Leichenzuge einherſchreiten wollen? Nein, bei Gott! Da will ich endlich zu leben anfangen und ver⸗ ſuchen, ob Deine eiſige Atmoſphäre alle Keime des Frohſinns in mir gemordet hat!“ „Wenn die Verkleidungsſcene noch vor dem Abendeſſen ausgeführt werden ſoll, ſo dürft Ihr nicht ſäumen, ſonſt wird vor Mitternacht nichts mehr daraus.“ „Das macht nichts. Wir eſſen, wenn wir hungrig ſind, und gehen darauf dem Morgen entgegen. Aber noch eine Sache. Wenn ich von Engela abſtehe, ſo gieb mir die Schlüſſel zu jener heiligen Kammer, wo Du außer andren Reliquien auch die Röcke verwahrſt, die der Alte in ſeiner Jugend getra⸗ gen! Wir müſſen ſie durchaus gebrauchen.“ „Die Röcke bekommſt Du nicht.“ „Du thuſt alſo nichts von dem, was ich will. Wie ſoll das werden, wenn wir nach meinem andren Gute ziehen?“ „Es iſt jetzt kein paſſender Augenblick, dies zu unterſuchen.“ „Deinen Plan habe ich längſt errathen: Du willſt hier wohnen bleiben. Fuüͤr's Erſte laß ich dies gelten, aber wenn ich dies alte Rabenneſt einmal verkaufe——“ „Kamſt Du, um mit mir von Geſchäften zu reden?“ „Bekomme ich die Röcke?“ „Keineswegs. Aber ich habe noch ein paar Coſtüme, die von einer älteren Generation herſtammen, und welche Du noch nicht kennſt. Die kann ich Dir holen.“ „Nun, das war doch endlich eine Aufmerkſamkeit Deiner⸗ ſeits. Ach, Juanna, Du Marmorweib, könnteſt mit mir machen, was Du ſtrenge Schönhe lich ein Kleid D Oh dem The Créme v Du wol kann ich Paſtorin die andr Kinder he gehofft, Gegenwa „D gebracht auf die Na wünſchten halbdunk der Fau jetzigen S welche m bringen ſenden T merkſam G „Ich mit den Groß⸗ virſt Du liebens⸗ uch dort Neeiinn, und ver⸗ rohſinns bendeſſen nſt wird rig ſind, och eine Schlüſſel deliquien d getra⸗ Wie ſoll den?“ rſuchen.“ eillſt hier der wenn den?“ üme, die Du noch t Deiner⸗ machen, 131 was Du willſt; denn ſo langweilig und einförmig, ſo kalt und ſtrenge Du auch biſt, Du beſitzeſt doch noch immer Deine Schönheit und Deine ſpaniſche Grandezza und ich muß Dir wirk⸗ lich ein Compliment über Deine Toilette machen, da das weiße Kleid Dir ausnehmend gut ſteht.“ Ohne ein Wort zu erwidern, griff Juanna wieder nach dem Theelöffel und nach den eingemachten Orangen, um den Créme vollends zu garniren. „Was nun?“ rief der Rittmeiſter verſtimmt,„ich glaubte, Du wollteſt ſofort gehen— thue es, bitte— den Crème kann ich auch garniren— Sieh da kommt Verſtärkung: Frau Paſtorin mit einer Nymphe in jedem Arme; die eine ſchlafend, die andre nahe daran. Das weiß der liebe Gott, daß alle Kinder heut⸗Abend vor der Zeit müde werden. Ich hatte darauf gehofft, daß Jetta und Laurentia meine Aufführung mit ihrer Gegenwart ehren würden.“ „Dürfen die undankbaren Nymphen in die Kinderſtube gebracht werden, liebe Juanna?“— Frau Paſtorin ſchlug, ohne auf die Antwort zu warten, den bekannten Weg dorthin ein. Nachdem Juanna ihre Arbeit beendet hatte und die ge⸗ wünſchten Sachen herbeiholte, blieb ihr Mann in dem großen, halbdunkeln Saal allein, um die Rückkehr ſeiner Frau oder die der Fau Paſtorin zu erwarten, welche letztere auch alſobald erſchien. „Für wen ſteht denn der Herr Rittmeiſter hier auf dem Poſten?“ „Unglücklicherweiſe nicht für meinen ehemaligen Arzt und jetzigen Seelſorger, ſondern für meine eigene, hochgeehrte Frau, welche mir einige von Ururgroßvaters Röcken und Weſten zu bringen verſprochen hat. Ach, wenn Sie ſich doch unſerer rei⸗ ſenden Truppe anſchließen wollten! Sie glauben nicht, wie auf⸗ merkſam ich gegen Sie ſein würde!“ „Ich bin heut nicht bei Laune.“ 132²2 „Sie, die immer können, was Sie wollen, können auch ein Stückchen ſchlechter Laune unter Schloß und Riegel hal⸗ ten. Laſſen Sie ſich bewegen! Ich weiß, daß ich noch ein⸗ mal ſo viel Witze und Unwahrheiten zu Tage bringen werde, wenn Sie mich in's Schlepptau nehmen!“ „Sie können mit den faden Redensarten, die Sie bereits hervorgebracht haben, vollkommen zufrieden ſein, Herr Ritt⸗ meiſter.— Wie ſteht es denn aber, glauben Sie Juanna dazu zu vermögen, daß ſie Byborg verläßt?“ „Wenn ich mein Gut ſo weit in Ordnung habe, das heißt wenn das Wohnhaus reſtaurirt und neu eingerichtet iſt und ich der Hausfrau und Wirthin bedarf, ſo wird ſie ſchon kommen.“ „Alſo hat ſie es verſprochen?“ „Nein, das nicht; aber Sie wiſſen, daß ſie ihre Pflicht bis auf ein Jota erfüllt und daß das Weib dem Manne folgen ſoll.“ „Sie iſt allerdings gewiſſenhaft bis zur Uebertreibung; und dennoch zweifle ich daran, daß ſie ihren jetzigen Wohnort verlaſſen wird.“ „Sie bezweifeln meine Macht, weil Sie derſelben ſtets widerſtanden haben, Frau Paſtorin. Wie ſtolz würde ich ſein, wenn es mir gelungen wäre, den ehrenwerthen Herrn Sune auch nur einen einzigen Augenblick zu beunruhigen!“ „Ich erlaube mir, Sie daran zu erinnern, daß Sie von meinem Manne reden, welcher auch in anderer Beziehung Ehren werth iſt, als wie Sie es zu meinen ſcheinen.“ Con⸗ cordia hatte eine wichtige, würdevolle Miene angenommen, welche ſich alle ferneren Witze zu verbitten ſchien. Glücklicherweiſe kehrte auch Juanna jetzt zurück. „Deine Güte hat nicht Ihresgleichen, liebe Frau und daſſelbe könnte man von den Sachen ſagen.“ „Ich glaubte, daß die Anzüge zu klein ſein würden, und 8 habe des doch noch einen He machen k⸗ „D Steht de Frau zur Meine bei und par Rückkehr Himmel „Ge Freiheit! zu uns i miſch in Gott,“ angſtvolle „Be ſchwören aber es durch irg Nich und Con Dri und ſang Als giebt's?“ werde, bereits r Ritt⸗ Juanna Pflicht Manne reibung; Wohnort den ſtets ich ſein, in Sune Sie von eziehung „“ Con⸗ nommen, au und en, und 133 habe deshalb nur einen mit heruntergebracht; aber ich muß doch noch einmal hinauf gehen, da ich mit dem Lichte in der einen Hand und die Kleider im Arme nicht die Thür zu⸗ machen konnte.“ „Das iſt vortrefflich.— Aber laß mich Dir helfen!“ „Nein, ich danke Dir!“ Juanna war abermals verſchwunden. „Nun,“ rief der Rittmeiſter triumphirend,„ſagen Sie noch, daß meine Frau nur liebenswürdig aus Pflichtgefühl iſt? Steht denn ein einziges Wort im Traugelübde, welches es der Frau zur Pflicht macht, Kleider zur Maskerade herbeizuſchaffen? Meine bevorſtehende Abreiſe hat ſie weich gemacht, das iſt klar, und parole d'honneur wir werden es erleben, daß meine Rückkehr ſie ſo froh macht, wie die Lerche, die zum blauen Himmel emporſteigt.“ 4 „Gewiß,“ antwortete Concordia ironiſch,„dieſe Zeit der Freiheit wird ihr wohl thun, und da nun der kleine Lauritz zu uns in Penſion kommt, wird ſie ſich hoffentlich recht hei⸗ miſch in unſerem kleinen Kreiſe fühlen.— Aber, Du großer Gott,“ unterbrach ſie ſich plötzlich,„was war das für ein angſtvoller Schrei?“ „Bei meiner Seligkeit, das kam von oben und ich möchte ſchwören daß dieſe durchdringende Stimme Juanna's war— aber es iſt ja nicht möglich— nicht denkbar, daß Juanna ſich durch irgend etwas erſchrecken ließe!“ Nichtsdeſtoweniger ſtürzte er hinaus, die Treppe hinauf und Concordia folgte ihm auf dem Fuße. Drinnen im Saale, wo die Gäſte tanzten und ſpielten und ſangen, hatte man bis jetzt noch nichts vernommen.— Als der Rittmeiſter unter dem wiederholten Rufe:„Was giebt's?“ endlich das Zimmer erreicht hatte, welches früher 134 Juanna's Wohnzimmer geweſen war und jetzt zum Verwah⸗ rungsorte aller der Sachen diente, welche früher in Herrn Tönne’'s Zimmer geſtanden hatten, erblickte er ſeine Frau, mitten im Zimmer ſtehend, ein flackerndes Licht in der Hand und ſo bleich, ſo bleich, daß das Kleid, welches ſie trug, nicht weißer war, als die Farbe ihres Antlitzes. „Juanna, geliebte Juanna, warſt Du es, die ſo ängſtlich rief— haſt Du Dich erſchrocken?“ „Das kann man wohl ſehen!“ rief Concordia, die herzu⸗ geeilt war und den Leuchter aus der krampfhaft geſchloſſenen, zitternden Hand gewunden hatte—„der große Shawl, den ſie vorhin trug, liegt dort bei der anderen Thür.“ Mechaniſch wandte Juanna den Zlick nach dem bezeich⸗ neten Orte. Dort lag wirklich der Shawl, der eine Zipfel zwiſchen Schwelle und Thür geklemmt. „Was wollt Ihr mit mir?“ fragte ſie mit ſtürmiſcher Un⸗ geduld.„Warum ſeid Ihr hier?“ die tödtliche Bläſſe entwich und eine Röthe, dunkler denn Purpur und Blut, trat auf die Wangen. „Warum wir hier ſind?“ rief der Rittmeiſter ſtrenge. „Ich höre einen Schrei, der mir das Ohr zerreißt; ich finde Dich in einem Zuſtande, der alle Menſchen mit Grauen erfüllen würde, und Du fragſt, was ich will?— Komm nun hinweg aus der Kälte.— Frau Sune, nehmen Sie den Shawl und ſchlagen ſie ihn ihr über die Schultern!“ „Rühre den Shawl nicht an, Concordia! Ich gehe hin⸗ unter.— Eilt, ſchnell, ſchnell!— Geht voraus, ich ſchließe die Thür zu meinen Zimmern ſelbſt.“ „Du ſollſt den Shawl um haben!“ rief der Rittmeiſter und lief nach der Thür.„Ah, er ſitzt feſt.— Alſo drinnen haſt Du eine Erſcheinung gehabt— gieb mir den Schlüſſel, damit ich den Shawl los mache!“ „Die den Shan von demſe Der tief erſchü ſen ſonſt ſchloſſen l da beeilte dieſem üb Stan einem Sti Anf folgt war gänzlich frühere „Ve nicht um nur, Ihr was mich verlaßt m Gat durfte, u „Ge Rittmeiſte und der „Ja vergeblich die früher „Di Erſcheinu alten Vat Anderer ſo ſteht Perwah⸗ ingſtlich herzu⸗ oſſenen, den ſie bezeich⸗ zwiſchen entwich „Die Thür öffnet Niemand außer mir!“ Hier riß ſie den Shawl mit ſo unglaublicher Kraft an ſich, daß ein Stück von demſelben zwiſchen der Thür ſtecken blieb.„Kommt jetzt!“ Der Rittmeiſter und Concordia folgten ihr langſam und tief erſchüttert über eine Heftigkeit, die Juanna's ganzem We⸗ ſen ſonſt ſo fremd war. Als dieſe aber das Vorzimmer ver⸗ ſchloſſen hatte und wie ein Pfeil die Treppe hinunter flog, da beeilten auch ſie ihre Schritte, in der Furcht, ſie könne in dieſem überſpannten Zuſtande auf den Hof hinauslaufen. Statt deſſen eilte ſie in die Kinderſtube, wo ſie auf einem Stuhle neben dem herabgebrannten Kaminfeuer niederſank. Anfangs ſchien ſie nicht zu beachten, daß man ihr ge⸗ folgt war. Als ſie es bemerkte, erhob ſie ſich und bat mit gänzlich veränderter, zärtlich flehender Stimme ganz wie die frühere Juanna: „Verlaßt mich jetzt, meine Freunde, und kümmert Euch nicht um mich binnen einer Stunde; eine einzige Stunde nur, Ihr ſeht, es thut mir noth. Wenn ich dann ſagen kann, was mich betroffen hat, ſo thue ich es;— Um Gottesyillen, verlaßt mich jetzt, ſonſt verwirrt ſich mein Verſtand!“ Gatte und Freundin ſahen ein, daß ſie der Einſamkeit be⸗ durfte, und verließen ſie, obſchon ſelbſt in großer Aufregung. „Gaben Sie genau Acht auf ihre Stimme?“ fragte der Rittmeiſter, dem alle Luſt zu Spiel und Scherz vergangen war und der jetzt mit Concordia in's Eßzimmer trat. „Ja!“ erwiderte dieſe, indem ſie ihrer eigenen Stimme vergeblich die gewohnte Feſtigkeit zu geben ſuchte.„Das war die frühere Juanna— Unbegreifliches iſt geſchehen!“ „Dies Unbegreifliche iſt nichts anderes, als daß ſie eine Erſcheinung gehabt zu haben glaubt; ſei es nun die ihres alten Vaters, als ſie an ſeinen Kleidern rührte, oder die eines Anderen, als ſie drinnen im Heiligthume war, wo noch Alles ſo ſteht wie ehemals.“ 136 „St!— kein Wort mehr!— Jetzt gehen Sie hinein zu der Geſellſchaft und laſſen Sie um des Himmelswillen nichts merken von dem, was vorgefallen iſt.— Aber warum ſind Spiel und Munterkeit drinnen verſtummt?“ Als ſie nun die Thür nach dem angrenzenden Zimmer öffneten, wartete ihrer abermals ein merkwürdiger Anllick: Die Gäſte ſtanden, mitten im Vergnügen geſtört, in zer⸗ ſtreuten Gruppen, redend, fragend und antwortend. Es hatte nämlich ſo eben Jemand von einem herzzerreißenden Schrei erzählt, von einer Ohnmacht, die von einem der Coſtümirten veranlaßt ſein ſollte, der ſeine Toilette vor den Uebrigen be⸗ endet und auf eigene Hand hatte ſeine Poſſen treiben wollen; aber Keiner wußte, wer ſo boshaft hatte ſein können. Er war treppauf und treppab geflogen und hatte Jemand, der ſich zu⸗ fällig in den oberen Zimmern befunden hatte, in großen Schrecken geſetzt.— War es Juanna geweſen, oder wer war ſonſt ſo entſetzt? Dadurch ohnmächtig geworden? „Was in aller Welt bedeutet dieſer Aufſtand?“ fragte Concordia mit lauter ſicherer Stimme.„Ich habe Juanna ſo eben in der Kinderſtube verlaſſen, wohin ich meine kleinen ſchläfrigen Mädchen gebracht hatte.“ Nun, wenn es nicht Juanna war— obwohl man es ſo feſt behauptete— ſo mußte es ſonſt Jemand geweſen ſein. Jedenfalls mußte die verkleidete, verfängliche Perſönlichkeit her⸗ ausgefunden werden. Aber keine der ausſtaffirten Perſonen, welche von Neugierde getrieben, in den großen Saal geeilt waren und die ſich in ihren ergötzlichen, mangelhaften Coſtü⸗ men: der Eine mit der Maske in der Hand; der Andere die Perrücke verkehrt auf dem Kopfe; der Dritte den Halbmond auf einem Ohre— höchſt komiſch ausnahmen,— keiner von ihnen wollte der Schuldige ſein, welches jedoch nicht geglaubt, ſondern für ein Uebereinkommen der bei der Maskerade bethei⸗ ligten Truppe angeſehen wurde. Wie jetzt ein Widerruf, vollendeten Geſellſchaf alsbald w auf's Neut Als Juanna, d und Conct gen und a wie ein B dem kleine einer gerät mer lagen weil eine Fuß gehen innen geöf Entſe blick um. zu können hineintreten Thür, die Es n in dieſem flog, ſich Lachen un Wildheit, Thieres er deſſen Spr jammert. Dieſe und ſomit e hinein en nichts rum ſind Zimmer Anhlick: in zer⸗ Es hatte n Schrei ſtümirten ligen be⸗ wollen; Er war ſich zu⸗ chrecken ſonſt ſo ¹fragte danna ſo kleinen in es ſo n ſein. eit her⸗ rſonen, geeilt Coſtü⸗ pere die lbmond er von glaubt, bethei⸗ 137 Wie gewöhnlich bei ſolchen Gelegenheiten, erhob ſich auch jetzt ein Sturm von Fragen, Antworten, Widerſpruch und Widerruf, wobei die Mond⸗Reiſenden in vollendetem und nicht vollendetem Coſtüme im Saale auf und ab wandelten und die Geſellſchaft dadurch ſo beluſtigten, daß der ſtörende Eindruck alsbald wieder ausgelöſcht wurde und Heiterkeit und Freude aufs Neue aufblitzte-— Als der betäubende Lärm im Saal begonnen hatte, war Juanna, die mit geſpannter Aufmerkſamkeit auf ihres Mannes und Concordia's Entfernung gelauſcht hatte, raſch aufgeſprun⸗ gen und als der Jubel drinnen ſeinen Gipfel erreicht, flog ſie wie ein Blitz die Treppe hinauf. Diesmal blieb ſie aber in dem kleinen Corridor ſtehen, der von ihren Zimmern nach einer geräumigen Vordiele führte, an welcher die Fremdenzim⸗ mer lagen. Die Thür zu dieſer Vordiele war verſchloſſen, weil eine zweite Treppe dort hinauf führte; was aber Juanna's Fuß gehemmt hatte, war der Umſtand: daß ihre Zimmer von innen geöffnet waren. Entſetzt, unentſchloſſen, verwirrt, ſah ſie ſich einen Augen⸗ blick um. Die arme junge Frau ſchien ſich nicht entſchließen zu können, ob ſie hinunter eilen oder in das offene Zimmer bineintreten ſolle. Endlich trat ſie hinein und fand auch die Dhür, die in ihr früheres Schlafzimmer führte, offen. Es wäre ein ergreifender Anblick geweſen, hätte man ſie in dieſem Augenblicke geſehen, wie ſie in dem Zimmer umher⸗ flog, ſich über jedes Meuble warf und daſſelbe unter lautem Lachen und Schluchzen liebkoſ'te und küßte. Es war eine Wildheit, ein Schwindel, ein Inſtinet, der an den eines treuen Thieres erinnert, der die Nähe ſeines geliebten Herrn wittert, deſſen Spuren ſucht und über deſſen Abweſenheit klagt und jammert. Dieſe gewaltſame Exaltation konnte nicht dauernd ſein und ſomit wurde es zur Wahrheit, was ſchon vorhin erzählt 138 worden war: Juanna ſtürzte bewußtlos nieder und bewußtlos wurde ſie gefunden. Dies Ereigniß rief einen nochmaligen Aufſtand unter den Gäſten hervor und das von Concordia in möglichſt großer Eile veranſtaltete Nachteſſen wurde durch die plötzlich eingetretene Krankheit der Dame vom Hauſe entſchuldigt. Der Hausherr war ſtumm. Er antwortete keine Silbe auf die an ihn gerichteten, unzähligen Fragen. Zu ſeiner Frau durfte er nicht hinein; dies war ihm von Concordia verboten worden, welche Juanna mit vieler Mühe ins Bewußt⸗ ſein zurückgerufen und zu Bette gebracht hatte. Die junge Frau hatte nicht geſprochen; ſie hatte Concordia nur mit herz⸗ zerreißendem Ausdruck in ihren wie in Fieber glühenden Augen angeblickt. Concordia hatte auch nicht gefragt, aber ihre Wan⸗ gen waren bleifarben und auf ihrer Bruſt lag es centnerſchwer. In dem f heulte und Klagen mit altersgraue Berffendale ſchleiert un zu mildern Es ko Auf; durch Kauf und mit w Stefana L. geliebten er achtjähriger Für d Tag; für zahllos die Hirne kreu in jeder 2 Stiefvater Hand dazu ließ, das des Knaben XI. Eine Racht auf Weſterhof. In dem finſteren Dickicht des bewaldeten hohen Skottefjäll's heulte und pfiff der Wind und vermiſchte ſeine ſchneidenden Klagen mit den unzähligen kleinen Bächen, welche von dem altersgrauen Scheitel des Gebirges in den offenen Schooß des Verffendales herabſtürzten. Der Mond ſchien matt und ver⸗ ſchleiert und vermochte die tiefen Schatten der Herbſtnacht nicht zu mildern. 1 Es konnte zwiſchen ein und zwei Uhr ſein. Auf Weſterhof,(das jetzt nach Frau Gade Giädda's Tode durch Kauf mit Oſterhof verbunden war) lag eine Frau ſtille und mit wachem Auge in ihrem Bette. Dieſe Frau war Frau Stefana Lorens, welche in dieſem Augenblicke nicht an ihren geliebten erſten Lauritz dachte, ſondern an ihr Sohneskind, den achtjfährigen Lauritz, der nebenan in der Kammer ſchlief. Für dies vergötterte Kind arbeitete ſie den ganzen lieben Tag; für ihn durchwachte ſie oft die halbe Nacht; und ſo zahllos die Gedanken auch ſein mochten, die ſich in ihrem Hirne kreuzten, ſo liefen ſie doch Alle dahinaus: den Knaben in jeder Beziehung ſo unabhängig wie möglich von ſeinem Stiefvater zu machen. Letzterer ſchien ſelbſt bisweilen die Hand dazu zu bieten, indem er Frau Stefana ihren Willen ließ, das heißt inſofern dieſer mit den Anſichten der Mutter des Knaben übereinſtimmte. 140 Aber Juanna und deren Schwiegermutter lebten nicht mehr in ſo glücklichem, innigem Verhältniſſe wie damals, als die kleine Flagge auf der hohen Stange flatterte, als Juanna ſo innig gefleht hatte: die theure Mutter möge nach Byborg kommen und bei ihnen wohnen, worauf dieſe mit feierlichem Ernſte geantwortet hatte:„Bitte Gott, daß er mich davor be⸗ wahre, Weſterhof verlaſſen zu müſſen; denn dem Tage, der mich von hier forttreibt, muß etwas Anderes vorhergegangen ſein!“ Seit dem Tage, an welchem die Trauerpoſt in Byborg eingetroffen, war es nicht mehr zwiſchen den beiden Frauen wie ehedem. Juanna hatte ſich dabei als die Stärkſte gezeigt— wenn auch nicht auf befriedigende Weiſe. Sie war eine Stütze für die Mutter geweſen, die ihren unſäglich bitteren Schmerz aber noch viel tiefer empfand, wenn ihre brennend heißen Thränen auf den kalten unzugänglichen Marmor fielen. Ferner konnte ſie Juanna's Erziehungsmethode nicht billi⸗ gen; ja— ſie fürchtete ſogar im Geheimen, daß dieſe ihren Sohn nicht einmal lieb habe. Hierin irrte ſie aber gewaltig: Juanna liebte ihr Kind mit einer grenzenloſen, unendlichen Liebe, obſchon ſie den ſtrengen ernſten Müttern des Mittel⸗ alters gleich, ſehr ſparſam mit ihren Liebkoſungen und zärt⸗ lichen Worten war. Sie verlangte, daß er der Natur gemäß erzogen und auf keine Weiſe verweichlicht werden ſolle; ſon⸗ dern es früh lerne, daß wir nicht auf Erden ſind, nur um zu leben, ſondern um uns unſeren Nebenmenſchen nützlich zu machen. Hätte Juanna ſelbſt in einer wärmeren Atmoſphäre ge⸗ lebt, ſo würde die Erziehung ihres Sohnes wahrſcheinlich nicht ſo ſtreng zugeſchnitten worden ſein. Jedenfalls gereichte ſie ihm zum Nutzen, und wenn er in den kalten Zügen der Mutter nicht immer fand, was er darin ſuchte, ſo wurde er nicht ſeiner ſelbſtwegen, ſondern ſeiner Mutter wegen betrübt. Deſto tiefer ſchaute er in die liebreichen Augen der Großmutter, deren zärt! und weich Dies weckte kein ihr Sohn und tugen! ihre vernü ſtehen und Was Schwiegert teren— d Juan zeigten der keuſche, ſpi Kloſters E ihrem Pfli mit Sicher ihres Soh dieſe ſich den Vater entgegen Da nicht beiw Es iſt ber characterfeß mit wache ein reicher Glück zu Bis bei ſich be nenden en nicht als, als Juanna Byborg ſeierlichem age, der en ſein!“ Byborg n Frauen n. icht billi⸗ ſeſe ihren gewaltig: nendlichen s Mittel⸗ und zaert⸗ ur gemäß lle; ſon⸗ ir um zu ttzlich zu phäre ge⸗ lich nicht eichte ſie er Mutter er nicht t. Deſto oßmutter, deren zärtliche Liebkoſungen ihn erfreuten und ſein Herz gut 141 und weich machten. Dies innige Verhältniß zwiſchen Großmutter und Enkel weckte keinen Funken von Neid in Juanna. Auf welche Weiſe ihr Sohn ſich glücklich fühlte, galt ihr gleich, ſo lange er rein und tugendhaft blieb. Sie war außerdem überzeugt, daß er ihre vernünftige, uneigennützige Liebe in ſpäteren Jahren ver⸗ ſtehen und zu ſchätzen wiſſen werde. Was den eigentlichen Bruch zwiſchen Stefana und deren Schwiegertochter herbeiführte, war die zweite Heirath der Letz⸗ teren— das pflichtſchuldige Opfer ihrer kindlichen Liebe. Juanna's ſtumme, aber unbezwingliche Widerſpenſtigkeit zeigten der Schwiegermutter, daß dieſe junge Frau— deren keuſche, ſpiegelreine, unantaſtbare Schönheit der Aebtiſſin eines Kloſters Ehre gemacht haben würde— ſich fernerhin nur von ihrem Pflichtgefühle leiten laſſen werde. Frau Stefana hatte mit Sicherheit darauf gerechnet, daß ihr Proteſt im Namen ihres Sohnes Eindruck auf Juanna machen werde. Nachdem dieſe ſich aber ihrer kindlichen Pflicht gegen den noch leben⸗ den Vater einmal bewußt geworden war, ging ſie ihrem Ziele entgegen— ja faſt darüber hinaus. Da fühlte Lauritz' Mutter, welche jener Hochzeitsfeier nicht beiwohnte, daß auch in ihr eine Umwälzung vorgehe. Es iſt bereits erwähnt worden, daß ſie dieſelbe ſtarke, fleißige, characterfeſe Frau von ehedem war; ja ſie war thätiger, denn zuvor: ſie wollte Geld verdienen, und das that ſie wirklich und träumte manche Nacht, wie ſie es eben jetzt mit wachendem Auge that, daß ihr„kleiner Lauritz“ dereinſt ein reicher ſtattlicher Mann werden würde, der ihr allein ſein Glück zu danken habe. Bis jetzt hatte ſie den Knaben oft eine ganze Zeitlang bei ſich behalten dürfen, indem er von einem in der Nähe woh⸗ nenden Studenten unterichtet worden war; nun waren ihre — 142 Gedanken durch Juanna's Mittheilung beunruhigt worden, daß ſie beſchloſſen habe, ihren Sohn auf Grafverna in Penſion zu geben, wo er mit dem kleinen Peder Gude in Fleiß und Wiß⸗ begierde wetteifern und außer anderen guten Dingen auch das lernen ſollte, daß man in der größten Einfachheit und trotz mancher Entbehrungen, doch in ſich glücklich ſein kann. Juanna würde es nie eingeſtanden haben, daß ihre unbe⸗ grenzte Liebe für den Knaben ſie dem Vorſchlage der Groſ⸗ mutter abgeneigt machte: ihn nach Uddevalla auf die Schule zu geben, woſelbſt ſie manche Relationen hatte. Frau Stefana hatte viel zu Gunſten dieſer Idee geredet und geſtritten; Juanna ſtritt hingegen nie; ſie ſprach ihr feſtes, ruhiges Nein! und blieb danach allen Beweggründen unzugänglich. Die leichten, regelmäßigen Athemzüge des kleinen Lauritz klangen in den Ohren der Großmutter wie die herrlichſte Muſik. Sie hatte ſchon vor einigen Tagen gefürchtet, daß man ihn nach Byborg zurückverlangen werde; als ſie jedoch von den An⸗ ſtalten zu dem großen Feſte daſelbſt vernahm, verſtand ſie ſehr wohl, daß Juanna ihn gerade aus dieſem Grunde noch länger in ihrer Obhut ließ. Plötzlich fuhr Frau Stefana aus ihren ſtillen Träumen empor. Es hatte Jemand von draußen an's Fenſter geklopft. Sie ſtützte ſich auf den Ellbogen und lauſchte eine Weile— das konnte nur der Wind ſein; und dennoch klang es anders. Das Fenſter lag nur zwei Ellen hoch von der Erde, alſo konnte der Wind nicht ſo heftig darauf einwirken, auch nahm die Bewegung zu.— Jetzt klang es wie ein wiederholtes Klopfen. Stefana Lorens war eine muthige Frau. Sie beſann ſich nicht lange, ſondern warf ſich raſch in die Kleider. Im Ve⸗ griffe, ans Fenſter zu treten, um durch das in die Fenſter⸗ luke geſchnittene Herz zu blicken, fiel es ihr plötzlich ein, daß ihre Vermögensumſtände bekannt ſeien, und es ſich ſomit leicht um Raub und Diebſtahl handeln könne. Dann wäre es aber auffallend, begann. machen, oben in d Beſch Jetzt welches de ſchaute, w das Blut Dort kend an d klopfen. Dier ergriffene? und denno erſchöpften ob ſeine l. Da Sie Luke auf, aus, ſie an ihrem lag daſſelh Augen wa immer rden, daß enſion zu nund Wiß⸗ auch das und trotz ruhiges n Lauritz hhſte Muſik. man ihn n den An⸗ Träumen r geklopft. (Weile— s anders. rde, alſo nuch nahm s Klopfen. eſann ſich Im Be⸗ Fenſter⸗ ein, daß 143 auffallend, daß man mit dem Fenſter in ihrem eigenen Zimmer begann. Nach kurzer Ueberlegung beſchloß ſie: keinen Lärm zu machen, ſondern leiſe die Treppe hinauf zu gehen und von oben in den Hof hinab zu blicken. Beſchluß und Ausführung folgten unmittelbar auf einander. Jetzt ſtand ſie in dem kleinen Erker, an einem Fenſter, welches dem ihrigen ſchräg gegenüber lag, und als ſie hinab⸗ ſchaute, wurde ihr Auge von einer Erſcheinung getroffen, welche das Blut in ihren Adern erſtarren machte. Dort ſtand ein Mann oder beſſer, er ſtützte ſich ſchwan⸗ kend an die Luke und fuhr fort, leiſe aber unausgeſetzt zu klopfen. Die von wunderbarem Schrecken und geheimnißvollem Grauen ergriffene Frau wollte reden, wollte ſich bewegen, wollte denken, und dennoch blieb ſie ſtehen, bis es ihr ſchien, als ob dem erſchöpften Manne der Kopf tief auf die Bruſt ſank, und als ob ſeine letzten Kräfte ihn verließen. Da war es der Inſtinct, welcher ihr neue Kraft verlieh. Sie kam hinunter, ſie wußte nicht wie— ſie ſchob die Luke auf, ſie wußte nicht wie— ſie hob die Fenſterhaken aus, ſie wußte nicht wie— und drinnen in ihrem Zimmer, an ihrem Herzen, welches pochte wie das des gehetzten Vogels, lag daſſelbe Haupt, welches ſie eben hatte ſinken ſehen. Vier Augen waren von Thränen überfluthet, die ſich miſchten und immer aufs Neue über die Wangen floſſen— und ſie wußte noch immer nicht wie.— Die Erde lag noch öde in dem ſchwarzen, düſteren Mantel der Nacht, aber der Wind klagte nicht mehr durch das Berffen⸗ dal: er war zur Ruhe gegangen und auch die letzten Herbſt⸗ blumen durften in Frieden an dem mütterlichen Herzen ruhen. XII. In Grafverna. Vor uns liegt ein Familiengemälde im hellſten Farbenton, dem ſelbſt der kahle, nackte Klippenrahmen keinen Abbruch thut, der allen Bildern der bohuslän'ſchen Küſte eigen iſt. Der Kuckuk auf der Wanduhr hatte eben das Ende der fünften Nachmittagsſtunde verkündet. Das Feuer im Kamine loderte nicht ſo hoch auf, wie im Hauſe des reichen Mannes, wo man das Holz nicht zu ſparen braucht, aber die beſcheidene Flamme der etwas feuchten, kreuz⸗ weiſe gelegten Holzſcheite brannte dennoch hell genug, um das Stübchen bis nach dem Fenſter hin zu erleuchten, wo die im⸗ mer grünen Epheu⸗Jalouſien ſtanden, ſo ſorgfältig beſchnitten und gezogen, daß die Herbſtſonne ungehindert hereinſchauen konnte, wenn ſie die Welt mit einem kurzen Blicke ihres klaren Auges erfreute. In dem mit neuem Leder beſchlagenen alten Stuhle des ſeligen Commiſſars, Herrn Peder Gude Giädda, ſaß nun der junge Capellenprediger in ſeiner dreifachen Würde, als Gatte, Vater und Seelenhirte. Der Ausdruck ſtiller Beſcheidenheit in ſeinen offenen Zügen, zeigte nichts von Ueberſchätzung ſeiner Kräfte, und der freundliche Blick, der an Herr Tönne’s fromme, friedvolle Augen erinnerte, ruhte jetzt auf der kräftigen Haus⸗ mutter, welche am Speiſeſchranke ſtand und vier achtungswerthe Butterbri nach, den flächlich ſei ein 2 Um Gude, ſie Laurentia cher drei nannt we Die roſenwang weil ſie zwiſchen nicht in aus ihr nützlich z wirklich, enthülſten ein Surr bürſteten ihre Arbe an den 6 des Vate Fre⸗ ſie ſich ſchnurrte, Nun — denn Arbeit ſer „Er *) D Carlen, karbenton, rruch thut, Ende der f, wie im zu ſparen en, kreuz⸗ um das 14⁵ Butterbröde bereitete,— achtungswerth der Größe und Dicke nach, denn das Meſſer mit der Butter fuhr ſo raſch und ober⸗ flächlich darüber hin, daß es deutlich die Lehre gab: Butter ſei ein Artikel, mit dem man ſparſam umgehen müſſe. Um ſie her ſtand die kleine wartende Schaar: Herr Peder Gude, ſieben Jahre alt; Mamſell Jetta, ſechs Jahr; Mamſell Laurentia vier Jahr; und endlich der kleine Herr Sune, wel⸗ cher drei Jahre zählte und gewöhnlich:„Klein' Sune“ ge⸗ nannt ward. Die Sprößlinge waren alle vier blond, blauäugig und roſenwangig; auch etwas rauh und gebräunt von der Luft, weil ſie nach Herzens Luſt draußen im Sande wühlen und zwiſchen den Klippen umherlaufen durften, wenn der Vater ſie nicht in den Lehrſtunden feſthielt und nachdem die Mutter ſie aus ihrem Unterrichte entlaſſen, welcher in der Kunſt: ſich nützlich zu machen, beſtand. In dieſer Kunſt hatten ſie es wirklich, Jedes nach ſeinem Alter, ſchon weit gebracht. Sie enthülſten die Erbſen, zerquetſchten den gebrannten Roggen— ein Surrogat für den Kaffee— ſie putzten die Meſſer und bürſteten des Vaters große Amtsweſte, woran ſie oft alle vier ihre Arbeit hatten; und endlich fand man ſie alle miteinander an den Spulrocken, wo ſie Spulrollen*) für die Mutter aus des Vaters abgenutzten Predigten anfertigten. Freudeſtrahlend, das Butterbrod in der Hand, lagerten ſie ſich nun um den Kamin, wo Miezchen ſchon ſaß und ſchnurrte, und ſich putzte und das Pfötchen leckte. Nun kam auch Concordia mit dem wollenen Strickſtrumpfe — denn die fleißige Hausmutter konnte keinen Augenblick ohne Arbeit ſein. „Endlich,“ ſprach Sune;„ſieh hier ſteht Dein Stuhl und *) Die Spule, welche in das Weberſchiffchen geſteckt wird. 4 D. Ueberſ. Carlen, Cam. obsc. II. 10 146 wartet ebenſo lange auf Dich wie ich.— Ach, wie ſchön und traut ſitzt es ſich hier!— Das iſt anders, als heut vor acht Tagen, auf Byborg!— Aber, liebe Concordia, was denkſt Du eigentlich von jenen Auftritten?“ „Was denkſt Du ſelbſt von einer Sache, die wohl Nie⸗ mand anders aufklären kann, als der, welcher ſie angerichtet hat? Da keiner der coſtümirten Herren ſich zu dieſem unver⸗ zeihlichen Narrenſtreiche bekennen will, wird die Geſchichte, wie ſo manche andre der Vergeſſenheit anheim fallen.“ „Du weißt, theure Concordia, daß ich dieſe großen Ge⸗ ſellſchaften überhaupt nicht mag, obgleich mein Amt mich nö⸗ thigt, oft daran Theil zu nehmen. Unter allen Beluſtigungen iſt mir jedoch keine ſo peinlich wie dieſe Verkleidungen, wo man als Reiſende aus allen Ländern der Welt erſcheint, um allen erdenklichen Unſinn zu ſchwatzen; und wenn ihnen nun gar die Erde nicht groß genug mehr iſt für ihre Abenteuer und ſie ſich als Mondreiſende repräſentiren— da wird es mir doch zu viel.— Wir ſehen, wohin das führt. Wäre dieſer Mummenſchanz, der Anlaß zu allerlei Wirren und Verwechs⸗ lung gab, nicht angeſtellt worden, ſo würden die Leute, den un⸗ berufenen Menſchen, der ſich in, Gott weiß, welcher Abſicht hineingeſchlichen und den Schaden angerichtet hatte— ſofort ergriffen haben!“ „Du haſt Recht, lieber Sune, wie immer. Aber Du weißt, daß allgemein geglaubt wird: es ſei einer der Herren Mondfahrer aus des Rittmeiſters Zimmer geweſen, der ſich jetzt ſeiner Poſſen ſchämt und ſie deshalb nicht eingeſtehen will.“ „Aber weshalb reiſ'te Engelbert denn nicht zwei Tage nach der Feſtlichkeit ab, wie es doch anfangs beſtimmt war? Und weshalb iſt Frau Juanna ſo verändert? Statt ihrer ſtei⸗ fen Gleichgültigkeit ſieht man ſie in beſtändiger, qualvoller Un⸗ ruhe. Als ich am Mittwoch dort war, zuckte ſie bei jedem lauten Worte, welches geſprochen wurde, zuſammen; wenn der Zugwind ſie haſtig „Ka „Laß uns lieber loben, da wir nicht brauchen, nun, Kind muntert(. ſtimmt da Die hockten, wo Biſſen verf Reihe: Pe⸗ Katze im 6 „Stil lich.„Da — Großer ſchäften aus Auch aus bei der Concordia, kalten, näch erſt ſehr ſp gnügen dau unſchuldige Es we junge Frau hön und vor acht enkſt Du hl Nie⸗ gerichtet unver⸗ hhte, wie ßen Ge⸗ ich nö⸗ igungen ſen, wo nt, um en nun benteuer es mir e dieſer erwechs⸗ den un⸗ Abſicht ſofort ber Du Herren ſich jetzt will.“ ei Tage nt war? rer ſtei⸗ aeler Un⸗ ei jedem enn der 147 Zugwind die Thüre faßte oder am Fenſter rauſchte, ſo blickte ſie haſtig auf, ſah umher und wurde bald roth, bald blaß.“ „Kann das nicht eine Folge des Schreckens ſein?“ „Laß uns nicht weiter darüber nachdenken; wir wollen uns lieber dieſer ſchönen Stunde freuen, und Gott danken und loben, daß er uns ein beſcheidenes Glück gewährt, und daß wir nicht für mehr und größere Kraft verantwortlich zu ſein brauchen, als uns zur Verfügung geſtellt worden iſt.— Und nun, Kinder, wenn Ihr das Abendbrot verzehrt habt, ſo er⸗ muntert Euch mit einem Marſche durch das Zimmer und ſtimmt das Lied von dem Fuchſe und der Gans an. Die kleine Schaar, die wie die Krähen um das Feuer hockten, waren im Nu auf den Beinen und nachdem der letzte Biſſen verſchluckt war, ſtellten ſte ſich mit lauter Freude in die Reihe: Peder Gude an der Spitze und„Klein⸗Sune“ mit der Katze im Schlepptau. Darauf ſtimmten ſie das Gänſelied an: „Witſchel, Watſchel Gänſelein, Der Fuchs iſt nicht zu Hauſe; Weit, weit weg im fremden Land—“" ꝛc. „Still, Ihr geſegneten Schreihälſe!“ rief Concordia plötz⸗ lich.„Da kommt wirklich ein Wagen auf den Hof gefahren. — Großer Gott, wie langweilig, wenn Du nun in Amtsge⸗ ſchäften aus3mußt, mein armer Sune!“ 5 Auch der überglückliche Familienvater ſah etwas verſtimmt aus bei dem Gedanken, daß er ſeine gemüthliche Häuslichkeit, Concordia, den Gänſemarſch und das warme Stübchen mit der kalten, nächtlichen Amtsreiſe vertauſchen müſſe, von welcher er erſt ſehr ſpät heimkehren konnte. Dieſer Anflug von Mißver⸗ gnügen dauerte aber nur kurze Zeit, und er machte ſich dieſe unſchuldige Selbſtſucht zum Vorwurfe. Es war aber kein Kirchſpielbote, der da kam, ſondern die junge Frau von Byborg, welche bei ihrer Freundin Concordia 10* 148 übernachten wollte, da Engelbert am Morgen nach ſeinem Fideicommiſſe abgereiſt war. Wie war es möglich, daß dies Weſen, welches jetzt hereinſchwebte, daſſelbe war, welches man acht Jahre lang immer unverändert gekannt hatte. Roſen blühten auf den Wangen, die Augen funkelten wie Diamanten, die Füße be⸗ rührten kaum den Boden und die ſchleppende Stimme klang wie ſilberne Glöcklein. Sie ſprach wenig und ſchien überhaupt fieberhaft und ſeltſam in jeder Beziehung. Das Spiel der Kinder war durch dieſen Beſuch abge⸗ brochen und ſo zerſtört worden, daß es ſich nicht wieder zu⸗ ſammenfand; ſelbſt dann nicht, als Concordia ihre Freundin ins Schlafzimmer geführt hatte, woſelbſt ſie lange blieb und dann allein ins Wohnzimmer zurückkehrte. Sune that keine Frage. Nachdem die kleine Familie ihr Abendbrod eingenommen und Sune ſein Gebet geſprochen hatte, wurden die Kinder zur Ruhe gebracht; Alles ward ſtille im Hauſe und das Ehepaar begab ſich in die Kammer. „Sie wollte alſo nicht eſſen?“ fragte Sune. „So viel wie nichts.— Aber lieber Mann, Du haſt ja feſtes Vertrauen zu mir?“ „Das iſt das erſte Mal, daß Du eine ſolche Frage an mich richteſt. Kein anderer Mann kann ſolches Vertrauen zu ſeinem Weibe hegen.“ „Wohlan— was ich auch unternehme— tadle mich nicht. Du weißt, daß ich ſeit unſerer Verheirathung frommer und beſſer geworden bin, als ich war, und ich ſchwöre, daß was ich jetzt vorhabe, aus rechtſchaffener Abſicht geſchieht!“ „Du erſchreckſt mich—“ 1 „Im Gegentheil: ich wollte Dich beruhigen.— Hör Sune, ich ſchlafe dieſe Nacht nicht hier im Zimmer.“ „Hältſt Du es für nothwendig, bei Frau Juanna zu bleiben?“ „W thür knar ſo bin ich leicht Jem „Co worum es „Jetz ſchweige, ſo lange i geglaubt „Es Strafwürd weißt— „Ich Schuld vo geſchehen, vielleicht 1 zum Rettur und ſegne „Got ich glaube löſer; aue Gatte, der und reine Conc treuen Ga „Denr ſein letztes Als plötzlich ve h ſeinem ches jetzt hre lang auf den Füße be⸗ ne klang äberhaupt ich abge⸗ ieder zu⸗ Freundin plieb und milie ihr hen hatte, ſtille im Du haſt Frage an rauen zu dle mich frommer öre, daß eht!“ — Hör anna zu 149 „Wenigſtens eine Zeitlang— und wenn Du die Dielen⸗ thür knarren hörſt— ich weiß, Du ſchläfſt erſt ſpät ein— ſo bin ich es, die ſie öffnet.“ Sune ſchien ſehr beunruhigt. „Wie— Du willſt mitten in der Nacht ausgehen?“ „Nein, mein Freund, aber ich werde— ich werde viel⸗ leicht Jemand einlaſſen.“ „Concordia, theure Concordia, kannſt Du mir nicht ſagen, worum es ſich hier handelt?“ „Jetzt nicht, Sune, aber ich betheure Dir, daß ich nur ſchweige, weil ich muß. Vertraue mir und ich werde es nie, ſo lange ich lebe, werde ich es nicht vergeſſen, daß Du mir geglaubt haſt.“ „Es ſei, wie Du willſt!— Aber noch eins: Liegt nichts Strafwürdiges in Deinem Vorhaben, d. h. ohne daß Du es weißt— Deine Wege ſind keine geheimen Wege!“ „Ich bin in tiefſter Seele davon überzeugt, daß, wenn Schuld vorhanden iſt, dieſelbe mein iſt. Und ſollte etwas geſchehen, was ich nicht auszuſprechen wage, ſo wird Gott vielleicht mich allein durch meine Kraft und Entſchloſſenheit zum Rettungswerkzeuge erſehen haben.— Bitte Gott für mich und ſegne mich!“ „Gott der Herr und Schöpfer aller Dinge, an welchen ich glaube, ſegne Dich; Dich ſegne Sein Sohn, unſer Er⸗ löſer; auch der Geringſte ſeiner Jünger ſegnet Dich: Dein Gatte, der mit unerſchütterlichem Vertrauen auf Deine Tugend und reine Sitte baut.“ Concordia neigte ihr Haupt und umarmte ihren frommen, treuen Gatten. „Denk daran, daß ich mich nicht zu Bette lege!“ war ſein letztes Wort. Als Concordia in das Vorzimmer hinaustrat, ſchien ſie plötzlich verändert. Es lag ein herzzerreißender Ausdruck in 150 ihrem Geſichte, verzweiflungsvoll rang ſie die Hände und flü⸗ ſterte einmal über das Andere: „Ach, weiß ich denn ſelbſt, ob der Gedanke aus reiner Quelle floß— lauerte nicht eine Schlange am Grunde?— Ich habe es nie unterſuchen wollen— habe nie geglaubt, daß es nöthig ſein würde— habe mir ſtets eingeredet, daß ich ibr den Pfad der Pflicht nur habe zeigen wollen— o, wer ahnt, was ich leide— was ich leide!— Aber, ich bin ja wahnſinnig, o ich habe keine Schlange im Buſen getragen, obgleich ich damals noch fühlte: wie ſchrecklich es iſt, in einer Ehe zu leben, wo das Herz ohne Liebe iſt, die Gedanken von dem Bilde eines Andern erfüllt— und man dennoch allen Pflichten gewiſſenhaft nachkommen muß.— Nein, hätte ich damals wirklich gewußt, daß ſie, die ſo grenzenlos glücklich geweſen iſt, ſolches erfahren würde, ſo wäre dies eine ſo bar⸗ bariſche Grauſamkeit geweſen, daß Gott mich nie auf den Punkt geführt hätte, auf dem ich ſchon ſeit geraumer Zeit ſtehe und von dem aus ich mein Loos, meinen Gatten und meine Kin⸗ der ſegne.— Sei ruhig, meine zagende Seele, Dich quält die Angſt um ihretwillen, denen— ach Gott! denen ich den⸗ noch viel Weh bereitet habe. Denn hätte ich damals nicht ſo zu ihr geredet, wie ich es that, ſo würde nie, nie— St!— rührte ſich nicht etwas?— O, eine ſolche Nacht, eine ſolche Nacht!“— Sie ging hinaus. Sie ſtand an Juanna's Thür und ſah durch das Schlüſſelloch. „Ja, da ſitzt ſie, ſtumm und unbeweglich— aber das iſt eine andere Ruhe— noch immer den Talisman in der Hand!— Gott erbarme ſich über Dich, armes Kind! Wie theuer mußt Du eine Stunde im Himmel bezahlen!— Viel⸗ leicht im Gegentheil.— Ich kann nicht zu ihr hineingehen; ihr Anblick raubt mir den letzten Funken von Vernunft, den ich noch beſitze.“ Col nieder; auf und gehabt. En Stunde Nu führte, d Si ſie heftig ganze S und ging der eiſern Im folgende Mit Entzücken ſcher Lieh drohend dem gelb mit grau war. D und den hingeriſſen Leidenſcha „Ze um mich treuloſe damals, digen We und flü⸗ us reiner nde?— aubt, daß daß ich o, wer hh bin ja getragen, in einer nken von och allen hätte ich glücklich ſo bar⸗ en Punkt ſtehe und ine Kin⸗ ich quält ich den⸗ nicht ſo St!— ne ſolche hür und aber das w in der d! Wie — Viel⸗ eingehen; nft, den 151 Concordia kehrte ins Wohnzimmer zurück. Sie ſetzte ſich nieder; ſie legte ſich aufs Sopha; ſie ſtand auf, ſie ſchritt auf und ab. Von einer ſolchen Nacht hatte ſie keinen Begriff gehabt. Endlich verkündete der Kuckuk in der Uhr die erſte Stunde des neu angebrochenen Tages. Nun ſtand Concordia an der Thür, die auf die Vordiele führte, den Kopf an den Pfoſten gelehnt. Sie mochte eine halbe Stunde ſo geſtanden haben, als ſie heftig auffuhr. Die Kniee brachen zuſammen, aber ihre ganze Seelenſtärke aufraffend, beherrſchte ſie auch ihren Körper und ging hinaus auf die Diele, wo ihre zitternden Hände nach der eiſernen Stange ſuchten und ſie endlich losmachten. Im nächſten Augenblicke fand in dem Fremdenzimmer folgende Scene ſtatt: Mitten im Zimmer ſtand Juanna, von ſo ſtrahlendem Entzücken verklärt, daß man deutlich ſah, daß es nicht irdi⸗ ſcher Liebe entſtamme. Vor ihr ſtand ein Mann, finſter und drohend wie die Gewitterwolke, unſäglich tiefen Schmerz in dem gelben, abgezehrten Antlitze, das von dunkelem, ſtark mit grau vermiſchtem Haar und langem Barte eingerahmt war. Der Ausdruck, welcher dieſer Geſtalt, dem Geſichte und den tief eingeſunkenen Augen Leben verlieh, war nicht hingeriſſene, ſchwindelnde Liebe, ſondern herrſchende, befehlende Leidenſchaft. „Zeigſt Du Dich in dieſer verklärten, himmliſchen Geſtalt, um mich zu gelinderen Anſprüchen zu vermögen, meineidige, treuloſe Gattin und ſündhaftes Weib? Ahnteſt Du ſchon damals, wozu Du fähig ſein würdeſt, als Du die unbeſtän⸗ digen Wogen zu Zeugen Deiner Treue aufriefſt? Suchteſt Du 15² in der zweiten Ehe das Kloſter, wo Du mit Wallborg Dein verlorenes Glück beweinen wollteſt? O Weib! Weib! Schmücke Dich immerhin mit dieſer himmliſchen Glorie für das Grab, aber hoffe nichts von Dem, der acht Jahre lang ſo grauen⸗ volle Marter ertragen hat, daß ſie wohl in dem Herzen der treuen Gattin hätten wiederklingen müſſen.— Aber viſſe, daß meine größten Qualen darin beſtanden, daß ich den Glau⸗ ben an Deine Standhaftigkeit verloren hatte. Ja, von dem Augenblicke an, wo eine unbarmherzige Welle mich auf eine Planke meines Fahrzeuges geworfen hatte, wo ich von marok⸗ kaniſchen Seeräubern aufgefiſcht und in die entlegenſten Ge⸗ genden Afrika's in Sclaverei geführt wurde, von demſelben Augenblicke an habe ich mir mit zerriſſener Seele wiederholt: „„Sie glaubt Dich todt— ſie bricht ihren Eid.““ Und wenn ich denke, daß ich kurze Zeit vorher, ehe Du die neuen Bande knüpfteſt, nahe daran war, zu entfliehen— da— da—“ Er faßte ſeinen brennenden Kopf mit beiden Händen und ein unterdrücktes Schluchzen hob die beengte Bruſt. Dann erhob er ſich wieder, gleichſam als wolle er die eigene Schwach⸗ heit mit Füßen treten, und mit derſelben Kraft der Stimme und mit flammendem Auge fuhr er fort: „Hör— eines Tages— es ſind jetzt ſechs Monate— da feierte meine Ausdauer, meine Liſt, meine Kraft ein end⸗ liches Siegesfeſt: es gelang mir, auf unglaublichen Auswegen zu entkommen. Mein Weg ging durch endloſe Gefahren, Hunger, Durſt und unzählige Kämpfe für die wiedererlangte Freiheit mit den wilden Thieren und Menſchen jener Länder. Endlich erſchien der Augenblick, wo ich die europäiſche Erde küſſen durfte, und auf ihr kehrte mir der verlorene Glaube wieder, und ich ſagte mir, daß ich acht Jahre lang wahnſinnig geweſen ſei, weil ich gezweifelt hatte an— meiner theuren, geliebten, mit mir im Leben und Tod vereinten Gattin!— Ha! Du Geiſt! Strahlen längſterlo dornigen denn was ſtehe ich Braus ſch alten, beke ſteht offen mich nicht Engel vor ich nur, d in ein and Brautgema und daß i Hauſe floh mehr mei meine ein; endlich an mich einlie in ihre K. liebte und Augen wec zeigte ſſie und die to — Aber j⸗ ſprechen!“ Währ mende, her rg Dein Schmücke 3 Grab, grauen⸗ rzen der r wiſſe, 1 Glau⸗ don dem uf eine marok⸗ en Ge⸗ mſelben derholt: Du die den— en und Dann ſchwach⸗ Stimme ate— in end⸗ swegen fahren, rlangte änder. e Erde blaube ifinnig heuren, in!— 153 Ha! Du biſt noch nicht vernichtet, Du wunderbarer, verhärteter Geiſt! Du ſchauſt mich noch an, als wandelteſt Du auf den Strahlen der Sonne und ich erzählte Dir Geſchichten aus längſterloſchenem Erdenleben. Ich wandle aber noch auf dem dornigen Pfade— ich eile der Heimath entgegen— jetzt komme ich näher und näher, ſo nahe, daß ich in meiner Sicherheit zu fragen wage— hörſt Du mich— ich frage, ich bekomme Antwort, und dennoch ſetze ich meinen Weg fort, denn was man mir geſagt hatte, war unmöglich.— Endlich ſtehe ich vor meinem Hauſe— Spiel und Tanz, Saus und Braus ſchallen mir entgegen.— Meine Füße tragen mich den alten, bekannten Weg hinauf, ich erreiche die Treppe, die Thür ſteht offen, ich gehe hinein— kaum weiß ich, ob meine Sinne mich nicht verlaſſen, als eine weiße Geſtalt, ein verſteinerter Engel vor mir ſteht, ein Licht in der Hand.— Dann weiß ich nur, daß ich einen Hauch auf meiner Stirn fühlte, daß ich in ein anderes Zimmer gedrängt wurde, welches vormals ihr Brautgemach geweſen war, daß ich verworrene Stimmen hörte und daß ich, als ſie verſtummt waren, aus dem geräuſchvollen Hauſe floh, das nicht mehr mein war; vor der Frau, die nicht mehr mein war, hinaus in die kalte, öde Nacht: nunmehr meine einzige Vertraute! Und ich ging und ging, bis ich endlich an einem Fenſter niederſank, wo eine andere Frau mich einließ. Sie ſtieß mich nicht zurück, ſie führte mich in ihre Kammer, ſie pflegte und labte den Wanderer, ſie liebte und weinte mit ihrem Sohne, und der Thau ihrer Augen weckte ihn aus der Betäubung zu neuem Elend. Da zeigte ſſie ihm das Bett, in welchem ſein Kind ſchlummerte und die todten Kräfte verſuchten noch einige Tage zu leben. — Aber jetzt— jetzt bin ich hier, um Urtheil und Recht zu ſprechen!“ Während der ganzen Zeit, in welcher dieſe wilde, ſtür⸗ mende, herzzerreißende Rede über die Lippen des in zwiefacher 154 Hinſicht ſchiffbrüchigen Mannes ſtrömte, ſtand Juanna ſtill, aber gleichſam, als wäre ſie bereit, Alles abzuſtreifen, was noch an dem Staube dieſer Erde hing. Als er ſchwieg, ſprach ſie leiſe: „Wozu alle dieſe Worte? Wozu dieſer Blick voll Haß und Drohung? Ich habe nur in Dir gelebt— mit Dir will ich ſterben. Dein Entſchluß iſt mein Entſchluß; Dein Wille mein Wille. Nimm meine Hand und zittere nicht— ſie iſt ein Pfand, daß mein Herz, meine Seele, mein Leben, mein Blut Dir angehören. Ich weiß von keinen anderen Banden.“ „Nein, ich wage Deine Hand nicht zu berühren, bevor der letzte Schritt uns zwiſchen dieſem und jenem Leben trennt. Mir könnte ſchwindeln— ich könnte mich ſelbſt verlieren.— Aber antworte mir erſt— giebt es keine Hoffnung auf Erden mehr? Ich brauche nur aufzutreten— und er muß zurückweichen. Haſt Du Alles bedacht, was ich Dich in meinem unzuſammenhängenden Briefe zu bedenken bat— haſt Du das Rechte gewählt?“ „Ich habe das Einzige gewählt: Kein Schimpf, keine Schande darf auf das alte Byborg und das Andenken meines alten Vaters fallen. Das Opfer, welches ich ihm gebracht habe, ſoll vollkommen ſein!— Aber weshalb zögern— laß uns eilen, ehe Concordia zurückkehrt!“ „Concordia— was ahnete mir— ſie hat Dich an dieſen Abgrund geführt. Meine arme Mutter hat es mir ge⸗ ſagt.— Meine Mutter! Mein Sohn!— Ach, werden ſie mir vergeben?“ Es ſenkte ſich ein Schleier der Wehmuth über die ſtren⸗ gen Züge. „Keine Schwäche!“ rief Juanna erſchrocken.„Was ſagt Deine Mutter, wozu räth ſie Dir?“ „Sie, die Heldenmüthige, will das Land ihrer Väter verlaſſen erſpart h kömmling leben un lullt, in könnten iſt der d und Deit bliebe B dem Sch zu fürcht kommen?“ „Un Leben zu „Di Kinder S ich weder noch?“ „Ne Mit von drau Füßen n. emporhob „Er und der haben büß kündet ha jenen un ich würde Dir nich ich ſagte.“ mna ſtill, en, was voll Haß mit Dir 3 Dein nicht— Leben, anderen n, bevor n trennt. teren.— ung auf er muß meinem Du das pf, keine n meines acht habe, laß uns Dich an mir ge⸗ n ſie mir die ſtren⸗ Was ſagt ter Väter 15⁵ verlaſſen und mit Sohn und Sohneskind und dem, was ſie erſpart hat, in die neue Welt überſiedeln, wo die neuen An⸗ kömmlinge wohl eine Scholle Erde finden werden, auf der ſie leben und ſterben können. Ich habe ihre Wachſamkeit einge⸗ lullt, indem ich ihren ſchönen Träumen lauſchte. Und ſtie könnten Wahrheit werden, dieſe Träume, wenn Du— dies iſt der dritte Vorſchlag— Deinem Manne, Deinem Kinde und Deiner Mutter dorthin folgen wollteſt. Auf ſolche Weiſe bliebe Byborg und das Andenken Deines alten Vaters vor dem Schimpfe bewahrt, den Du mehr, denn alles Andere zu fürchten ſcheintt.— O Juanna, Juanna, wirſt Du kommen?“ 4 „Um als zweier Männer Frau ein ſündhaftes, geſetzloſes Leben zu führen?— Niemals!“ „Du gehörſt mir allein!“ „Wahnſinn! Kannſt Du das Geſchehene ungeſchehen machen? Wenn ich leben ſoll, ſo lebe ich zu meiner eigenen und der Kinder Schande, denen ich das Leben gegeben habe. Da bin ich weder des Einen, noch des Andern Frau.— Zögerſt Du noch?“— „Nein, Du haſt für uns beide gewählt— folge mir!“ Mit leiſen Schritten nahten ſie der Thür, als dieſelbe von draußen geöffnet wurde und Concordia zu Juanna's Füßen niederſank und beide Arme zu dem finſtern Manne emporhob.. „Erbarmen um meinet⸗, um Euret⸗, um Eurer Mutter und der armen Kinder willen, die für Euer ſündhaftes Vor⸗ haben büßen werden, das eine ſchreckliche Ahnung mir ver⸗ kündet hat! Ich, Juanna, ich habe Dir Deine Pflicht in jenen unheilvollen Worten als unabweisbar dargeſtellt und ich würde keine Ruhe mehr im Gewiſſen haben, wenn ich Dir nicht ſchwören könnte, daß ich damals glaubte, was ich ſagte.“ 156 „Beruhtge Dich, Concordia. Es ſcheint nur ſo, als hätteſt Du auf mich eingewirkt, während doch niemals ir⸗ gend Jemand Einfluß auf mich geübt hat. Ich ſelbſt faßte nach reiflicher Ueberlegung dieſen Beſchluß und bezahlte meine Schuld gegen den alten Vater.— Aber jetzt laß uns allein— wir wollen gänzlich ungeſtört Abſchied von einander nehmen.— Komm, Lauritz,“ ſprach ſie mit der vor⸗ maligen zärtlichen, faſt heiteren Stimme,„komm, ſonſt ſpringe ich Dir voraus!“ Schon war ſie mit Windesſchnelle verſchwunden. Lauritz eilte ihr nach; aber mit Juanna's beflügeltem Fuße, der kaum die Klippen ſtreifte, konnte er nicht Schritt halten und er⸗ reichte erſt nach ihr die Bergſpitze, die ſich von ſchwindelnder Höhe als ſteile Wand in Sote's dunkle Fluth ſenkte, aus welcher eine weißſchaumige Welle nach der andern an die Klippe ſchlug. Da ſchlang er ſeine Arme mit ſtarker, unwiderſtehlicher Macht um die zarte Frau, da brannte der Verſöhnungskuß, Verzeihung hauchend, auf den Lippen: ein paar Minuten lang fühlten ſie des Lebens volle Gluth, geläutert von der Nähe des Todes.— Nun waren ſie bereit, auf den von dem Lichte des Mondes verſilberten Schwingen der Nacht die letzte Reiſe anzutreten. Mit verſchlungenen Armen ſtanden ſie da; noch einen um Erbarmen flehenden Blick gen Himmel, da nahmen ſie ihre letzte Kraft zu dem Sprunge in die Tiefe zuſammen — als ſie plötzlich von vier ſtarken Armen wieder ins Leben zurück gezogen wurden.. Es war nicht Concordia allein, welche dieſen entſcheiden⸗ den Schritt gethan hatte. Sich erinnernd, daß ein Freund für ſie wache, hatte ſie den Werth dieſes Schutzes erkannt. Dort ſtand nun der ſchlichte, arme Diener des Herrn, groß und reich in ſeinem hohen Berufe und befahl den beiden Unglück⸗ lichen im Namen ſeines Meiſters, die ſchwere Bürde des Lebens wieder ar davon be „W treten?“ einer ſo Concordi Lebens in zu ſühnen abzubüße eigenen Du dem zuziehen welches T. trauert h liches Ge theuren F ich gelobe die Ihr l Habt Ihr Recht her ſoll— Wort ratl Ausweg, in die we müſſen T warteſt; inneren, ſein kann. Es Seelſorgen ſah mit u unfruchtba Hier ſo, als nals ir⸗ ſt faßte bezahlte etzt laß iied von der vor⸗ ſpringe Lauritz er kaum und er⸗ ndelnder te, aus an die ſtehlicher ingskuß, en lang er Nähe n Lichte te Reiſe g; noch nahmen ſammen 3 Leben ſcheiden⸗ und für Dort oß und Unglück⸗ Lebens 157 wieder auf ſich zu nehmen und ſie zu tragen, bis Er ſie davon befreie. „Wollen Sie Ihrem Vater als Selbſtmörderin entgegen⸗ treten?“ ſprach er zu Juanna, deren Extaſe und Fiebergluth einer ſo großen Mattigkeit Platz gemacht hatten, daß ſie von Concordia aufrecht gehalten werden mußte.„Die Hälfte Ihres Lebens in wahrer Beſſerung reicht kaum hin, dies Vergehen zu ſühnen, noch die andere Hälfte, um das grenzenloſe Unheil abzubüßen, welches Sie in blinder Leidenſchaft über Ihre eigenen Kinder bringen wollten.— Und Du, Lauritz, kannſt Du dem Weſen, das Du ſo hoch geliebt haſt, eine ewige Reue zuziehen wollen und Dir ſelbſt nicht minder durch das Elend, welches Du über Deine Mutter bringſt, die Dich ſo tief be⸗ trauert hat; über Deinen Sohn, für den Du wohl ein menſch⸗ liches Gefühl hegen ſollteſt! Hört mich Beide, Ihr theuren, theuren Freunde, ich bin ein geringer Diener des Herrn, aber ich gelobe Euch in Jeſu Chriſti Namen, daß die Entſagung, die Ihr hier übt, Euch jenſeits reiche Früchte tragen wird. Habt Ihr unter Euch beſchloſſen, daß Lauritz nicht mit ſeinem Recht hervortreten, noch den Beiſtand des Geſetzes beanſpruchen ſoll— eine Sache, worin kein Anderer, außer Euch, ein Wort rathen noch entſcheiden kann— da bleibt kein anderer Ausweg, als daß Du Lauritz, armer, armer Freund, wieder in die weite, weite Welt ziehſt; nicht allein: Mutter und Sohn müſſen Dich an einem Orte treffen, an welchem Du ihrer warteſt; Ihr ſollt Euch eine Heimath gründen, die mit Euern inneren, reichen Hülfsmitteln nimmer kalt, noch unwohnlich ſein kann.“ Es lag eine Kraft, ein Feuer in der Rede des jungen Seelſorgers, wie ſie ihm nie zuvor eigen geweſen war, und er ſah mit unbegrenzter Dankbarkeit, daß ſeine Worte nicht auf unfruchtbaren Boden gefallen waren. Hier wollen wir eine Pauſe machen. 158 Juanna's Liebe, welche ihr ganzes Sein und Weſen durchdrang, vermochte gleichwohl die Scheu vor der öffentlichen Aufdeckung des Geheimniſſes nicht zu überwinden. Sie konnte mit Lauritz ſterben, aber nicht mit ihm in neuer Ehe leben, nachdem ſie einem Anderen ihre Hand gereicht hatte. Die Scham verwirrte ihre Gedanken, wenn ſie ſich in dieſe Rich⸗ tung verirrten. Sollte ſie von dem einen Manne fort, zu dem andern hingehen— Beiden angetraut?“ Lauritz bewies in der letzten, bitteren Stunde ihres Bei ſammenſeins, daß er dem unüberwindlichen Gefühle dieſer Frau Gerechtigkeit widerfahren ließ. Der Abſchied zwiſchen dieſen beiden Herzen blieb ein Ge⸗ heimniß, welches mit ihnen zu Grabe gegangen iſt. Gleich nach den oben geſchilderten Begebniſſen verbreitete ſich ein Gerücht, daß Juanna ein ſehr vortheilhaftes Anerbieten von ihren Verwandten in Spanien erhalten habe in Betreff ihres Sohnes, doch unter der Bedingung, daß derſelbe dort erzogen werde; ja es verlautete ſogar, daß die Großmutter ihm dorthin folgen ſolle. Das Gerücht fand jedoch, im Gan⸗ zen genommen, wenig Glauben, da ſich auf Byborg Alles ruhig verhielt und jedenfalls vor der Rückkehr des Rittmeiſters nichts abgemacht werden konnte. Unterdeſſen wurden in der Stille alle Vorkehrungen zur Abreiſe getroffen, theils durch Frau Stefana's ſtarke Hand, theils durch Concordia's thätigen Beiſtand, welche auch alles Weitere ordnen, beſorgen und abſenden ſollte. Wo Lauritz während dieſer Zeit verweilte, wußte Niemand. Juanna fragte nie, aber ſie glaubte aus Gründen, daß er in einer kleinen Grenzſtadt verweile, von wo aus er binnen wenigen Stunden nach Norwegen hinüber kommen konnte. Ob die Reiſe allein, oder in wußte Nie Nach meiſter zun wieder, w gewohnt w Weſen entlichen ekonnte leben, e. Die ſe Rich⸗ zu dem kes Bei e dieſer ein Ge⸗ rbreitete erbieten Betreff lbe dort ßmutter n Gan⸗ g Alles meiſters gen zur Hand, ch alles Lauritz 1 fragte kleinen Stunden allein, 159 oder in Geſellſchaft anderer Auswanderer vor ſich gehen ſollte, wußte Niemand. Nach einer Abweſenheit von fünf Wochen kehrte der Ritt⸗ meiſter zurück und fand in ſeiner Frau daſſelbe erſtarrte Weſen wieder, welches er in ſeinem ganzen Eheſtande in ihr zu ſehen gewohnt war.— unverän andren 4 noch wo laſſen m chen alle Byborg III.„J 1 ein Man „J. 1 Die letzte Erklärung. einen den Lör „Iſt der Junge nach dem Capellenhofe gekommen oder läßt deshalb er ſich noch in Berffendal verziehen?“ war eine der erſten Fra⸗ Spur zi gen, welche der Rittmeiſter an ſeine Frau richtete.„H .„Ich habe ihn in Geſellſchaft ſeiner Großmutter eine längere lenkeſt, Reiſe antreten laſſen. Leute, die gegründete Anſprüche auf ihn Engelber machen können, haben mit meiner Bewilligung ſeine Zukunft ſterben, in ihre Hand genommen.“ es wohl „Leute, die— Juanna, hier hat ſich etwas entwickelt, Galeeren — hier iſt alſo etwas vorgefallen? Man iſt mir überall mit gefeſſelt Geſchichten von ſpaniſchen Verwandten entgegen gekommen.— Unſinn! Rede— was iſt da geſchehen, wo eine Mutter freiwillig ihrem uns nich Rechte entſagt und ihren einzigen Sohn, ein ſiebenjähriges Kind Rede die in die wildfremde Welt ſchickt?“ 4„W „Das mußte geſchehen! Ich habe Vieles müſſen. Laß zu reden es bei der Ahnung bewenden, Engelbert, und dabei, daß Du entſcheide mich hier wieder angetroffen haſt! Mach' keine Anſpielungen„D auf das, was geſchehen iſt. Man kann begraben ohne zu ſinn ſein vergeſſen.“ biſt Du „Aber ich will weder begraben noch vergeſſen! Ich habe deſſen W ein lebendes Marmorbild vor einem Lavaſtrom ſchmelzen ſehen meine — aber der Lavaſtrom iſt erſchöpft und das Marmorbild ſteht Schande Carlen, oder läßt ſten Fra⸗ e längere auf ihn Zukunft entwickelt, erall mit men.— lig ihrem iges Kind en. Laß daß Du pielungen ohne zu Ich habe zen ſehen bild ſteht 161 unverändert da.— Du folgſt mir unverzüglich nach meinem andren Beſitzthume, und nie wird mein Blick Dich verlaſſen!“ „Ich folge Dir weder nach Deinem großen Beſitzthume, noch wohin Du ſonſt willſt, und Dein Blick wird mich auch laſſen müſſen, denn ich werde mit meinen beiden kleinen Mäd⸗ chen allein— verſtehſt Du, vollkommen allein— auf dem alten Byborg wohnen bleiben.“ „Juanna, nimm Dich in Acht! Haſt Du nie geſehen, daß ein Mann ſich in einen Tiger verwandeln kann?“ „Ich habe geſehen, was ich nur einmal ſehen konnte: einen Mann, der dem Gexiſſensfrieden einer Frau zu Liebe, den Löwen und Tiger in ſeinem Buſen bezwungen hat. Rede deshalb nicht in Drohungen zu mir; ſie prallen ab, ohne eine Spur zurückzulaſſen.“ „Herr dort oben, der Du unſre Wünſche und Beſchlüſſe lenkeſt, erhöre mein einziges Gebet bei Tag und Nacht,“ rief Engelbert in gewaltſamer Aufregung,„laß mich leben und nicht ſterben, bevor dieſe Frau zur Ruhe gegangen iſt! Ich weiß es wohl, ſtolze Sennora Juanna, daß ich für Euch nur eine Galeerenkette bin; aber dieſe Kette wird halten, ſo lange Ihr gefeſſelt zu werden braucht!—— Was ſchwatze ich da für Unſinn! Ein Schurke, ein liſtiger Abenteurer— und es fehlt uns nicht daran— hat Eure Leichtgläubigkeit betrogen— Rede die Wahrheit— ich will es!“ „Wenn dies der Ton iſt, in dem Du künftig mit mir zu reden gedenkſt, ſo zwingſt Du mich, das Geſetz zwiſchen uns entſcheiden zu laſſen.“ „Das Geſetz entſcheiden— worüber? Hat der Wahn⸗ ſinn ſein Siegel auf Dein Gehirn gedrückt? Biſt Du oder biſt Du nicht mehr die Tochter des alten Herrn Tönne, an deſſen Wappenſchilde bis jetzt kein Makel haftet? Biſt Du meine geſetzliche Gattin, um durch einen ſchimpflichen Proceß Schande und Spott auf mich, Dich, Deine ganze Familie und Carlen, Cam. obsc. II. 11 162 vor allem auf Deine Kinder aus zweiter Ehe herabzurufen? Willſt Du ein ſchöner, ſeltener Zankapfel zwiſchen zwei Ehe⸗ männern— falls noch ein zweiter lebt— vor dem Richterſtuhl ſtehen und von der neugierigen Menge angegafft und geſchmäht werden? Willſt Du mit dem Betrüger entrinnen und mich und Deine beiden Töchter unſrem Schickſal überlaſſen, daß wir vor Scham vergehen mögen— oder was willſt Du, daß Du ſolche Reden führſt?“ „Ich will nichts von dem Geſetze, obgleich Du in ſolchem Falle von Allem zurücktreten müßteſt, was Du unrechtmäßiger⸗ weiſe beſitzeſt. Auch habe ich nicht das Land verlaſſen wollen, welches ſonſt bereits geſchehen wäre. Ich wünſche den äußeren Schein aufrecht zu halten; nicht um Deinet⸗ noch meinet⸗ oder der Welt wegen, ſondern dem Andenken meines Vaters und meiner armen Töchter zu Liebe. Ich kann den Gedanken nicht ertragen, daß ſie in Zukunft die bittere Frucht von der Schwachheit ihrer Mutter koſten ſollen, welche anderen Regungen ihres Herzens nachgab und den Inſtinct verleugnete, der ihr dem erſten Namen treu zu bleiben gebot.“ „Nun, Gott ſei Dank, daß Du endlich Vernunft annimmſt. Du kannſt davon überzeugt ſein, daß hier Betrug zu Grunde liegt.— Acht Jahre— ganze acht Jahre——!“ „Kein Betrug, wohl aber ein unermeßliches Unglück, wel⸗ ches zu heilig iſt, um zum Gegenſtand der Unterredung zwiſchen uns zu paſſen.— Es ſei genug. Was ich Dir eigentlich habe ſagen wollen, iſt: daß ich mich ſeit einem Monate nur dem Namen nach als Deine Frau anſehe.“ Engelbert antwortete nicht. Er ging mit großen Schrit⸗ ten im Zimmer auf und ab. Dann trat er hin vor ſeine Frau blickte ſie forſchend an und fragte: „Schwörſt Du im Namen Deines Vaters und Deiner Mutter, daß er es war?“ „Das ſchwöre ich in Vaters und Mutters Namen und bei mein ſchaffene 8 in dem geboren die kalte liche Fre an, als Du des ſtatten, d meinen „D Hier einander drückte ni Jahre ka trug noch An und glüh dieſe Roſ konnten d mittheilen Da ſchneeweiß Zwei Gã Lande: ei in der er Sie urufen? i Ehe⸗ tterſtuhl ſchmäht ich und laß wir aß Du ſolchem äßiger⸗ wollen, äußeren t⸗ oder rs und edanken on der gungen der ihr nimmſt. Grunde k, wel⸗ wiſchen gentlich ate nur Schrit⸗ ie Frau Deiner en und 163 bei meiner eigenen Seligkeit, ſo wahr ich ſie durch ein recht⸗ ſchaffenes Leben zu gewinnen hoffe!“ „Schwörſt Du, daß er ſich nie, ſo lange ich lebe, in Schweden blicken laſſen wird?“ „Er wird ſich weder vor noch nach Deinem Tode wieder in dem Lande blicken laſſen, das ihn zu ſo großem Unglücke geboren hat.“ „Wohlan, Du pflichtgetreue Frau, die Du für mich nie weder ein Gefühl noch einen Gedanken hatteſt, der nicht durch die kalte, bleiſchwere Pflicht geboten war, nimm Deine perſön⸗ liche Freiheit zurück und betrachte Dich von dieſem Augenblicke an, als eine von Tiſch und Bett geſchiedene Frau. Doch mußt Du des Scheines wegen, den wir Beide bewahren wollen, ge⸗ ſtatten, daß ich Dich zuweilen auf Byborg beſuche, obgleich ich meinen Wohnſitz auf meinem anderen Gute nehmen werde.“ „Das iſt alles, was ich verlange.“ Hiermit war das innere Band, welches die Gatten an einander knüpfte, gelöſtt; das äußere beſtand noch, aber es drückte nicht- 121212 Jahre kamen und gingen. Die Lilie am Strande zu Sotenäs trug noch immer ihre ſchneeige Blüthenkrone. An ihrer Seite blühten zwei üppige Roſen auf: lieblich und glühend, wie die Feuerlilie von ehemals. Aber ſo innig dieſe Roſen ſich an den ſchlanken Lilienſtengel ſchmiegten, ſie konnten der kalten Blume nichts von ihrer jugendlichen Wärme mittheilen. Da erſchien ein Tag, an welchem ſo ſtarker Thau auf die ſchneeweißen Blätter fiel, daß die ganze Blüthenkrone erbebte. Zwei Gäſte waren auf Byborg erſchienen, aus fernem, fernem Lande: eine alte, noch immer kräftige Frau und ein Jüngling in der erſten, üppigen Blüthezeit des Lebens. Sie waren Beide in tiefe Trauer gekleidet und als der 11* 164 Jüngling die Lilie an's Herz drückte, da ſank ihre zarte Krone und lange, lange Zeit ging darüber hin, bis ſie ſich wieder er⸗ hob. Dann aber ſchien es, als ſei ſie zu neuem Leben ge⸗ boren und mit jedem Tage, der aus ihrem Leben verſchwand, entwickelte ſie ſich zu neuer Schönheit und ſah der bevorſtehen⸗ den Verpflanzung in jene Räume mit wachſender Sehnſucht entgegen.—— Diejenigen meiner Leſer, welche durch dies„Ende“ des obigen Familienromanes nicht befriedigt ſind oder von Juanna eine andre Handlungsweiſe gefordert haben, muß ich daran er⸗ innern, daß dieſe Zeit⸗ und Sittengemälde keine Kunſtſtücke ſind, welche die Verfaſſerin nach eigenem Gutfinden zuſammengefügt hat. Dieſe Erzählung iſt gleich den übrigen dieſer Schatten⸗ bilder auf wahren Begebenheiten begründet, und wenn es der Dichtung freiſtand, die Nebenperſonen und Nebenpartien zur Abrundung des Ganzen nach Gefallen auszuſchmücken, ſo darf ſie ſich dahingegen nie an die Grundlage wagen, das heißt an die ernſte, unantaſtbare Wahrheit. rte Krone ieder er⸗ eben ge⸗ erſchwand, vorſtehen⸗ Sehnſucht nde“ des Juanna daran er⸗ ücke ſind, nengefügt (Schatten⸗ n es der ktien zur , ſo darf heißt an Iätete Sahichſale eines Ränigsgünſtlingn. In H pag. 35 „ cember bant un gehört Guſtav's ſtücke vo Luſtſpiel Abenteur ein munt in den den Zuſ ſetzung, dien au⸗ Entdecku „die Lu „die bei finden ſ Sein„“ ſehen; n Parbrike In Hammarsköld's„Schwediſcher Belletriſtik“ lieſ't man pag. 352, wie folgt: „Johan Magnus Lannerstjerna— geboren den 10. De⸗ cember 1758, erſt königlicher Page, dann königlicher Leibtra⸗ bant und ſpäter Capitain; geſtorben den 15. Januar 1797— gehört zu den geiſtreichen Elementen, welche das Zeitalter Guſtav's III. hervorgebracht hat. Wir beſitzen vier Bühnen⸗ ſtücke von ihm: ein Drama:„Adolph und Lotte“; und drrr Luſtſpiele:„Frauen und Träume“,„der Magiſter“ und„der Abenteurer oder die Reiſen nach der Mondinſel.“ Letzteres, ein munteres Phantaſiegemälde in fließenden Verſen, wurde noch in den letzteren Jahren mehrmals aufgeführt und befriedigte den Zuſchauer ebenſo ſehr, wie den Leſer. Auch als Ueber⸗ ſetzung, theils in Verſen, theils in Proſa, ſind mehrere Comö⸗ dien aus ſeiner Feder gefloſſen, wie z. B.:„die unverhoffte Entdeckung“,„die verſtellte Untreue“,„Tom Jones in London“, „die Luftſchlöſſer“,„Tom Jones und Fellamas“ und endlich „die befreundeten Nebenbuhler.“ In alten Sammlungen be⸗ finden ſich ferner mehere ſcherzhafte Gedichte von Lannerstjerna. Sein„Pagenweſen“ iſt als einer ſeiner erſten Verſuche anzu⸗ ſehen; von größerem Werthe ſind„zwei Reden für den Clubb: Parbrikoll 1791“, beſonders die, welche am Jubeltage, den * 168 15. Mai, gehalten wurde. Er erzählte in derſelben, wie er am 1. Mai, als er ruhig im Keller„Zum Frieden“ ſaß, plötz⸗ lich in das Schloß des Bacchus geführt und mit den Göttern des Olymps zu Gaſte geladen worden iſt.— Darauf führt der Autor einige Strophen aus der genannten Rede an, mit der Bemerkung, daß dieſelben bis dahin ungedruckt geweſen ſind. „Das iſt Alles, was Hammarsköld über Lannerstjerna's Lebenslauf zu ſagen weiß!“ ſagt Atterbom in ſeinem„Siare och skalder“(Seher und Sänger), woſelbſt er obige biogra⸗ phiſche Skizze citirt,„und bis jetzt— weiß auch ich nichts mehr davon.— Man ſieht,“ fährt er fort,„daß Lannerstjerna, als Jüngling am Hofe Gobhhs III. gelebt hat. Ob er ſein ſatiriſch⸗komiſches Gedicht„das Pagenweſen,“ als Page geſchrie⸗ ben hat, iſt mir ebenſo unbekannt als gleichgültig. Es machte damaliger Zeit großes Aufſehen, wenigſtens in den dem Hofe zunächſtſtehenden Kreiſen. Jetzt beſteht die Merkwürdigkeit deſſelben nur noch in dem Correcturbogen, welcher in der aca⸗ demiſchen Bibliothek zu Upſala verwahrt, und mit der An⸗ Mkkung des Gelehrten M. Floderus verſehen iſt. Se. Maje⸗ ſtät habe ſelbſt den Correcturbogen geleſen und die Heraus⸗ gabe des Gedichtes verboten, weshalb dies Exemplar das einzige ſei, welches davon exiſtire.— Es umfaßt zwölf Quartſeiten und ſollte in der königlichen Buchdruckerei anno 1777 gedruckt werden, woraus erhellt, daß der Autor damals in ſeinem 19. Le⸗ bensjahre ſtand. Die Schilderung iſt im Ganzen wenig piquant. Doch hat ſie einen gewiſſen Werth, als Sittenbild des dama⸗ ligen Pagenlebens und wenn es wahr iſt, was von der Be⸗ ſpeiſung dieſer jungen Herrn darin geſagt wird, ſo lebten die Pagen Guſtav's III. für gewöhnlich bei ebenſo einfacher Koſt, als die König Karl's IX. es gethan hatten——— So weit Atterbom. Nach dieſer kahlen literaturhiſtoriſchen Einleitung, gleichſam das Etui der romantiſchen Seite von Lannerstjerna's Leben— einer Frau heit, welch meine Mu umfaſſen ſe ſie ſehr vi als ich de vermochte, Ja, für war ſ welche, die hatte: wie Gunſt, als geflogen we Es e kunde— die Geſchich ſtad erſchie Mit! Geger ein gewiſſe ſchrieb, wu bekannt, ¹ Seine mor wünſchen i zu jenen U iſt, denen ſcheint, daf Dieſe wie er plöͤtz⸗ Böttern führt n, mit n ſind. jerna's „Siare biogra⸗ nichts tjerna, er ſein eſchrie⸗ machte Hofe digkeit r aca⸗ r An⸗ Maje⸗ eraus⸗ einzige tſeiten edruckt 9. Le⸗ quant. dama⸗ r Be⸗ en die Koſt, ichſam en— 169 werde auch ich mittheilen, was mir von dem Schickſale dieſes Schriftſtellers und von ſeiner eben erwähnten Feſtrede für den „Parbrikoll“ bekannt iſt. Zu meinen erſten Kindheitserinnerungen gehört das Bild einer Frau von durchſichtiger Bläſſe und faſt überirdiſcher Schön⸗ heit, welche oft in meinem älterlichen Hauſe erſchien. Ich fragte meine Mutter, welche dieſe Dame mit inniger Freundſchaft zu umfaſſen ſchien, einſtmals: warum dieſelbe ſo bleich ſei?„Weil ſie ſehr viel gelitten hat!“ antwortete meine Mutter. Später, als ich den Sinn einer ausführlicheren Antwort zu verſtehen vermochte, hieß dieſelbe:„Weil ſie viel gelitten und geliebt hat!“ Ja, dieſe Frau hatte viel gelitten und geliebt. Aber da⸗ für war ſie auch mit einer Hingebung wiedergeliebt worden, welche, die Liebe in die eine Schale der Wage werfend, geſehen hatte: wie die andre, mit Glück, Ehre, Zukunft und königlicher Gunſt, als ob mit eitel Luft und Dunſt gefüllt, in die Höhe geflogen war.„ Es exiſtirte damals in Strömſtad eine adoptirte Ur⸗ kunde— wenn man dieſen Ausdruck anwenden darf— über die Geſchichte, in welcher jene bleiche Dame, ehe ſie in Ström⸗ ſtad erſchienen war, die Hauptrolle geſpielt haben ſollte. Mit dieſer„Urkunde“ wollen wir beginnen. Gegen das Ende des Jahres 1780 lebte in Stockholm ein gewiſſer Herr Zaar oder Sahr— wie er ſich eigentlich ſchrieb, wußte Niemand. Sein Stand, ſein Beruf waren un⸗ bekannt, oder wenigſtens in einen dunklen Schleier gehüllt. Seine moraliſchen und pecuniären Verhältniſſe ſchienen viel zu wünſchen übrig zu laſſen, und dem Character nach gehörte er zu jenen Uebermüthigen, denen nichts unter der Sonne heilig iſt, denen kein Vorhaben ſo abenteuerlich und unausführbar ſcheint, daß ſie es nicht zu unternehmen wagen. Dieſer Herr Zaar beſaß ein Kleinod, welches kein Reich⸗ 170 thum aufwog, nämlich: eine Frau, die an Schönheit nicht ihres Gleichen hatte. Wenn er mit dieſer Frau am Arme auf der Promenade erſchien, hatte er Mühe alle die jungen Hofeavaliere in gehöriger Entfernung zu halten, welche ſich auf ihre Be⸗ kanntſchaft mit dem Manne beriefen, um einen Blick von jener blendend ſchönen Frau zu erhaſchen, deren Augen Stoff zu wenigſtens drei Elegien die Woche gaben. So ſchön, ſo bewundert, gefeiert und beſungen die Frau war, hatte ſie doch nichts von jenem franzöſiſchen Geiſte in Ton und Weſen angenommen, welcher ſich zu damaliger Zeit, von den Hofkreiſen bis an die entlegenſten Landorte verbrei⸗ tete und bei den Frauen eine ſolch ungebundene Freiheit in Gedanken, Empfindungen und Manieren hervorrief, daß der dünne Flor, den Beſcheidenheit und oberflächliche Zurückhaltung darüber zu werfen bemüht waren, dieſelben nur ſchlecht verbarg. Ein ſittenreiner, prunkloſer Hof— gleichſam ein Gegen⸗ ſatz zu dem vorigen— übt durch die Macht des Beiſpieles, eeinen weit größeren Einfluß auf den entfernteſten Winkel des Reiches, als auf die nächſte Umgebung, weil die ſtarke, gefährliche Anziehungskraft dieſer hohen Sphäre deſto unwiderſtehlicher it, je weiter die empfänglichen Sinne von derſelben entfernt ſind.“) Frau Maria Zaar, geborene Aronſſon, wurde für ebenſo rein und makellos an Sitten, Herz und Character gehalten, als es ihre äußere Geſtalt war. Dennoch trieb ſie die Sitt⸗ ſamkeit nicht bis zur Ziererei. Sie wußte, daß Gott ihr in Schönheit ein gefährliches Geſchenk verliehen hatte; ſie wußte, daß ſie durch dieſelbe vielmehr bemerkt wurde, als es ihr lieb ſein konnte, und noch mehr, ſie wußte, daß es der Eitelkeit ihres Man⸗ nes ſchmeichelte, von den vornehmen Herren aufgeſucht zu werden. Hiervon gab er unzweideutige Beweiſe, wenn er die jungen *) Dieſer Satz dürfte wohl auf den Hof König Oscars I. au⸗ wendbar ſein. D. Ueberſ. Cavaliere ſpruchsloſe der ſehr man nur ei Hausherrn Die in einer d der ſie ar bürgerliche und Ehrbe beide als ſchloſſen h haben ſchi aber muß bisher in Beobachtur Die dreifachen ihres Man triebenen gleich ange allen drei Die inmitten d fuße zu l durch unl wollte we Feinheit u dahin, da ruhe hat ſuchen die iſt ja ein zwiſchen d ht ihres auf der avaliere hhre Be⸗ on jener Stoff zu ie Frau Peiſte in her Zeit, verbrei⸗ eiheit in daß der khaltung verbarg. Gegen⸗ feiſpieles, inkel des efährliche licher iſ, nt ſind.“) ir ebenſo gehalten, die Sitt⸗ tt ihr in ee wußte, lieb ſein res Man⸗ werden. e jungen rs I. an- Ueberſ. 171 Cavaliere in den Cirkel führte, der ſich bisweilen in der an⸗ ſpruchsloſen Wohnung ſeiner Frau zu verſammeln pflegte und der ſehr wenig zu den vornehmen Junkern paßte, in denen man nur eine Contrebande ſah, welche dort einzuſchmuggeln dem Hausherrn zu geringer Ehre gereichte. Die junge Wirthin befand ſich bei ſolchen Gelegenheiten in einer äußerſt ſchwierigen Lage, welche allen Tact erforderte, der ſie auszeichnete und der ihr angeboren ſchien. In einer bürgerlichen Familie geboren und erzogen, waren Gottesfurcht und Ehrbarkeit ihre erſten Lehrmeiſter geweſen. Sie waren ihr beide als Wegweiſer in die Ehe gefolgt, die ſie ſehr früh ge⸗ ſchloſſen hatte, ohne daß die Liebe eine Rolle dabei geſpielt zu haben ſchien, und waren ihr eine ſichere Stütze geweſen. Jetzt aber mußte ſie noch außerdem die Hülfsmittel anwenden, die bisher in ihrer Bruſt geſchlummert hatten: eine feine, ſcharfe Beobachtungsgabe und ihre ganze weibliche Seelenſtärke. Die junge Frau war an dieſen Geſellſchaftsabenden einer dreifachen Gefahr ausgeſetzt: der abſichtlichen Gleichgültigkeit ihres Mannes, den Argusaugen ihrer Bekannten, und der über⸗ triebenen Artigkeit der fremden Herren. Von drei Seiten zu⸗ gleich angegriffen, war ſie in ſteter Angſt darob, wie ſie ſich nach allen dreien hin decken könne. Die vornehmen Cavaliere fanden es wahrſcheinlich piquant, inmitten dieſes kleinen Gebietes der Bourgeoiſie auf dem Kriegs⸗ fuße zu leben; aber die vorfallenden Scharmützel zeichneten ſich durch unbeſchreibliche Feinheit auf feindlicher Seite aus: man wollte weder beunruhigen noch angreifen. Durch diplomatiſche Feinheit und ſchmeichelhafte Kunſtgriffe brachte man die Sachen dahin, daß ein Waffenſtillſtand proclamirt wurde. Eine Waffen⸗ ruhe hat immer etwas Verlockendes: unter ihrem Schutze ver⸗ ſuchen die feindlichen Parteien ſich einander zu nähern— es iſt ja ein ſo vorübergehender, bedeutungsloſer Berührungspunct zwiſchen den feindlichen Lagern! Und man hat mehr, als ein 172 Beiſpiel davon, daß die Folge eines mit Klugheit benutzten Waffenſtillſtandes: vollſtändige Capitulation geweſen iſt. Die ſchöne Maria, deren Herz die belagerte Feſtung war, nahm die ausgeſuchteſten Schmeicheleien und die ſinnreichſten Gleichniſſe mit unnahbarer Kälte auf. Obgleich die Huldigung nicht eigentlich verletzend war, hatte ſie doch nichts von der ehrerbietigen Achtung, welche ſie als Dame vom Hauſe bean⸗ ſpruchte. Im Inneren verletzt, hüllte ſie ſich in kalte, unan⸗ taſtbare Würde und ſchreckte dadurch eine Galanterie zurück, die ſich ihr in der verſchiedenſten Geſtalt aufgedrungen hatte. Nachdem die Geſellſchaft ſich eines Abends wieder ent⸗ fernt hatte, beklagte ſie ſich zum erſten Male bei ihrem Manne darüber, daß er dieſelbe um gewiſſe Gäſte vermehrt habe, die durchaus nicht in ihren einfachen, bürgerlichen Kreis paßten. „Was iſt das für Ziererei?“ antwortete derſelbe roh. „Jede andre Frau würde ſich freuen, dem Geſchwätze alter Tan⸗ ten und Gevattern überhoben zu ſein.“ 4„Ich bin nun einmal dieſe Art von Zerſtreuung gewohnt, und wenn Du erlaubſt——“ „Ich erlaube Niemand, meine Handlungen weder zu beur⸗ theilen noch zu tadeln, und lade ein, wen ich will. Das ſei ein für allemal genug.“ „Wenn Du dieſe Herren nur Deiner Spielpartie wegen hier zu ſehen wünſcheſt, ſo bitte ſie zu Dir, wenn ich nicht ge⸗ nöthigt bin, gegenwärtig zu ſein,“ begann Maria von Neuem, keineswegs von einem Tone abgeſchreckt, an den ſie ſich ſeit lange gewöhnt hatte. „Kein Wort mehr davon! Du kannſt die Narren, die ſich in Deine„himmliſchen Augenſterne“ vergaffen, meinetwegen zu Deinen Sclaven machen, aber mit mir brauchſt Du es nicht zu verſuchen! Ich habe dieſe Kindereien lange ſatt.“ 6 In in die Ge müde, ſei ſchworen auch der hervorrage tain Joha Es welcher er einziger den jungen her in ih Lann terer Sän erſten liter war ihr keit und Schwarm munter u Doppelſin Grazien Waffen d daß ſelbſt zu ſeinen können. können, daß ſie d menſchen Si deretwege Kopf bis hätten ſi enutzten ng war, reichſten tldigung von der ſe bean⸗ , unan⸗ zurück, hatte. der ent⸗ Manne habe, die aßten. lbe roh. ter Tan⸗ gewohnt, zu beur⸗ Das ſei e wegen nicht ge⸗ Neuem, eit lange die ſich begen zu es nicht 173 In der folgenden Woche führte Herr Zaar neue Verſtärkung in die Garniſon, aus welcher Mancher, des zweckloſen Krieges müde, ſeinen Abſchied genommen und einer neuen Fahne ge⸗ ſchworen hatte. Unter den neuen Ankömmlingen befand ſich auch der durch ſeinen ſchriftſtelleriſchen Ruhm und durch ſeine hervorragende Perſönlichkeit gleich ausgezeichnete Dichter: Capi⸗ tain Johan Magnus Lannerstjerna. Es war das erſte Mal, daß er der ſchönen Frau, von welcher er ſo viel hatte reden hören, gegenüberſtand, und ein einziger Blick belehrte Maria, daß der Eindruck, den ſie auf den jungen Mann gemacht, ein ganz andrer ſei, wie ſie es bis⸗ her in ihrer Umgebung erfahren hatte. Lannerstjerna war ihr bereits als Schriftſteller und mun⸗ terer Sänger bekannt; und die ausgeſuchte Aufmerkſamkeit der erſten literariſchen Celebrität, welche ſie in ihrem Hauſe empfing, war ihr ſo ſchmeichelhaft, daß ſie ihre gewöhnliche Furchtſam⸗ keit und Steifheit gänzlich ablegte. Egpitain Lannerstjerna gehörte freilich auch zu dem Schwarm der Hofcavaliere, aber er wußte ſeine Artigkeiten ſo munter und ungekünſtelt vorzutragen, daß ſie keinen verſteckten Doppelſinn hatten, vor dem die Keuſchheit erröthet und die Grazien die Flucht ergreifen. Außerdem verſtand er es, die Waffen der Satire mit ſo anmuthiger Leichtigkeit zu führen, daß ſelbſt die Hofdamen, die in den meiſten Fällen den Stoff zu ſeinen Epigrammen liefern mußten, ihm nicht hätten zürnen können. Wie hätte die junge bürgerliche Frau es denn thun können, für welche ſogar der neue Einfall ein Genuß war: daß ſie die Hofdamen eigentlich gar nicht als ihre Neben⸗ menſchen anzuſehen brauche! Sie waren ja gerade die verlockenden Göttinnen, um deretwegen ſie ihre natürliche Heiterkeit dämpfen und ſich vom Kopf bis zu Fuß in eine Zwangsjacke kleiden mußte, denn, hätten ſie den zweideutigen, verblümten Redensarten nicht in 174 ihren Cirkeln das Heimathsrecht zugeſtanden, ſo würden die Cavaliere dieſelben nicht in die Bürgerhäuſer getragen haben, wo ſie vielleicht nur Material für die Unterhaltung ſuchten, mit welcher ſie vor ihren Herrinnen zu glänzen hofften. Nachdem Maria an jenem Abende allein geblieben, dachte ſie zum erſten Male mit Vergnügen an einen ihrer Gäſte. Jeden Blick, jede Modulation der Stimme, jede Bewegung rief ſie ſich ins Gedächtniß zurück; jedes Lächeln, jede kleine un⸗ ſchuldige Bosheit, die ihm entfallen war. Gleich Perlen, die zur Erde gefallen und zu koſtbar waren, um zertreten zu wer⸗ den, ſammelte ſie dies alles in ihr Gedächtniß und erregt von der lebhaften Freude dieſes Abends, der allen vorhergehenden ſo ungleich war, rief ſie unſchuldig aus: „O, wie hab' ich die Dichter ſo lieb!“ Lannerstjerna's Schickſal war bereits entſchieden. Er liebte erſt wie berauſcht, dann wild und ſtürmiſch— zuletzt wahnſinnig. In der ganzen und folgenden Epoche— wo ein Mann eine verheirathete junge Frau liebt: ein Gegenſtand, der nicht in ſeinen Einzelheiten berührt zu werden braucht, um verſtan⸗ den zu werden— in der ganzen Epoche iſt das Merkwürdigſte, daß Zaar gar nichts zu bemerken ſchien und mit Lannerstjerna auf ungenirtem, faſt vertraulichem Fuße ſtand. Weder eine freundliche Warnung noch ein mißvergnügtes Wort ließen die Frau ahnen, ob ihr Gatte tiefer in ihr zitterndes Herz zu blicken verſtand, als ihr Anbeter. Der unbegreifliche Ehemann verließ ſich wahrſcheinlich auf die feſten Grundſätze ſeiner Frau;— und mit Recht. Man ſollte weder die weinende Magdalena in ihr ſehen, noch das weit traurigere Bild jener ſchuldbewußten Frauen, welche der Welt mit erhobener Stirn herausfordernd entgegentreten. Aber, wenn man weder das Eine noch das Andre ſehen ſollte, was bleibt zu ſehen übrig?— Manches, was, zum we⸗ nigſten in damaligen Zeiten, ungeſehen und unerhört war, wenn au ſein mag. unſere Mit ſtad ſtamn geführt w An e von Zaar worden, irn zenden Ufe Auf ria: ſtrahl in dem ver geahntes C kelnden Bo kämpfte ſie grünen Sch haben glau Geſichte fo deſſen freu⸗ ben vor de ſo ſehr von er gar nich Waru Höhepunct dem Zephy lieren müſſ das die bit um was fle den grünen die nicht ü Die o ſah angſtvo rden die n haben, ſuchten, n. n, dachte r Gäſte. ung rief eine un⸗ rlen, die zu wer⸗ regt von gehenden er liebte —nſinnig. n Mann der nicht verſtan⸗ ürdigſte, erstjerna der eine eßen die t blicken lich auf Man och das lche der n. re ſehen um we⸗ rt war, 17⁵ wenn auch in ſpäteren Jahren vieles derartiges vorgefallen ſein mag.— Wir dürfen mittlerweile nicht überſehen, daß unſere Mittheilungen aus der„adoptirten Urkunde“ in Ström⸗ ſtad ſtammen, wo ſelbſt die letzten Scenen dieſes Dramas auf⸗ geführt worden ſind. An einem ſchönen Sommertage war Capitain Lannerstjerna von Zaar zu einer Ausfahrt mit ihm und ſeiner Frau geladen worden, in welcher das Mittagseſſen im Freien, an den rei⸗ zenden Ufern des Brunnsvik, den Glanzpunct bilden ſollte. Auf der Ruderbank am Hinterſteven des Bootes ſaß Ma⸗ ria: ſtrahlend in üppiger Jugendfriſche und hinreißend ſchön in dem verſchämten Purpur, den ein gefahrbringendes, kaum geahntes Gefühl über ſie ausgegoſſen hatte. Von der ſchau⸗ kelnden Bewegung des Bootes leiſe hin und her gewiegt, kämpfte ſie mit dem ſchelmiſchen Zephyr, welcher in ihrem grünen Schleier eine gute Priſe für ſein Spiel gefunden zu haben glaubte, und denſelben abwechſelnd von dem lieblichen Geſichte fortzog, damit der gegenüber ſitzende Liebende ſich deſſen freue, und dann ebenſo ſchnell die roſige Gluth deſſel⸗ ben vor den Blicken des Ehemannes verbarg, welcher übrigens ſo ſehr von ſeinen Zeitungen in Anſpruch genommen war, daß er gar nicht merkte, was um ihn her vorging. Warum das Leiden des Dichters gerade heute ſeinen Höhepunct erreicht hatte, iſt ein Geheimniß zwiſchen ihm und dem Zephyr geblieben. Er fühlte, daß er den Verſtand ver⸗ lieren müſſe, wenn er ſich noch länger in ein Schweigen hüllte, das die bittenden Augen der Geliebten ihm auferlegten. Und um was flehten dieſe Augen eben jetzt wieder, wo ſeine Blicke den grünen Schleier durchbohrten und die Klagen verriethen, die nicht über ſeine Lippen kommen durften? Die arme junge Frau ſehnte ſich nach Hauſe zurück; ſie ſah angſtvoll zu ihrem Manne hinüber, als wolle ſie ſeinen 176 Beiſtand anrufen. Er war aber ſo im Anblick der entzücken⸗ den Natur verſunken, daß er für nichts Anderes Sinn hatte. Lannerstjerna ſuchte einen geringen Troſt darin, Verſe an eine unbekannte Gottheit gerichtet, zu declamiren, die er auf den Knieen anbetete. Sie trug nicht Menſchengeſtalt: die Engel durften ſie kaum als Schweſter betrachten. Seht, dort an dem Ufer, welches Bellman ſo herrlich be⸗ ſungen, dort haben ſie gelandet. Das Mittagsmahl, bei wel⸗ chem das Eis den Wein nicht zu kühlen vermochte, iſt beendet. Die Bäume im Walde ſäuſeln ſo lind; die Vögel dort oben in den Zweigen träumen von Liebe; die plätſchernde Welle ſpielt mit den jungen Fiſchen, die ſich an die Oberfläche des Waſſers wagen, und das weite große Herz der Natur ſchlägt in demſelben Tact, wie das Herz der beiden verzagten Men⸗ ſchenkinder, welche dort neben einander auf dem grünen Raſen ſitzen und nichts anderes anzuſchauen wagen, als den blühen⸗ den Klee und die blauen Kelche der Campanula. Die dritte zu dieſer Luſtpartie gehörende Perſon liegt etwas weiter hin⸗ auf am Abhange des Waldes hingeſtreckt und ſchläft, das Taſchentuch über's Geſicht gedeckt. Letzteres wird jedoch dann und wann plötzlich fortgerückt— gewiß wegen der naſeweiſen, läſtigen Fliegen. „Maria“— es iſt das erſte Mal, daß dieſer Name ihr auf dieſe Weiſe zugeflüſtert wird—„Maria, haben Sie je⸗ mals von den Qualen des Tantalus geleſen? Ich würde in dieſem Augenblicke mit ihm tauſchen. Am liebſten möchte ich ſterben, aber ſo lange Sie auf Erden weilen— habe ich nicht den Muth dazu.“ „O, Herr Capitain, warum—“ Die Wangen der jungen Frau, welche eben noch mit den funkelnden Granaten an ihrem Halſe gewetteifert hatten, wur⸗ den plötz ſie langſe weißen G auf den ſondern 1 mel, Waſ war wie Es innere Se einförmige daß er ſie Bei die Hände dem Herz entzückende daß die ir eine ande Kerzen un 5 In fernere R Taſchentuch ihre Folge wie gewöh ſei nicht z Er k ſein werde dieſelbe An Nun Manne an brachte er Carlen, C⸗ entzücken⸗ hatte. n, Verſe , die er ſtalt: die rrlich be⸗ bei wel⸗ beendet. dort oben de Welle läche des ur ſchlägt ten Men⸗ een Raſen blühen⸗ die dritte iter hin⸗ äft, das och dann aſeweiſen, Name ihr Sie je⸗ vwürde in nöchte ich habe ich mit den ten, wur⸗ 477 den plötzlich ſo ſchneeweiß wie der Grund ihres Fächers, den ſie langſam über die Augen führte. Aber, ach! aus dieſem weißen Grunde trat ein Schäfer hervor, der vor ſeiner Daphne auf den Knieen lag; und ſie nicht etwa mit einem Fächer ſondern mit einem Blumenſtrauß in der Hand. Wald, Him⸗ mel, Waſſer, das ſanfte Colorit des Bildes— Alles— Alles war wie die Wirklichkeit rings umher. Es war ein Glück für den Capitain, daß er nicht die innere Seite des Fächers ſehen konnte. Die äußere zeigte eine einförmige Landſchaft, die ihm zuletzt ſo abgeſchmackt vorkam, daß er ſie mit dem Fächer bei Seite ſchob. Bei dem Anblicke, der jetzt ſeine Augen traf, hätte er die Hände zum Gebete falten mögen. Maria's Antlitz, auf dem Herz und Gewiſſen mit einander kämpften, war ein ſo entzückendes Sinnbild des Glückes, der Angſt, der Verwirrung, daß die irdiſche Flamme von ſelbſt erloſch und an ihrer Statt eine andere aufſchlug, ſo rein, als wäre ſie den geweihten Kerzen um ein Heiligenbild entſprungen. In dieſem Augenblicke ſchienen die Fliegen ſich gegen die fernere Ruhe des Schlafenden verſchworen zu haben. Das Taſchentuch wurde haſtig fortgeſchoben. „Schlaf' doch nicht mehr,“ bat die verwirrte Gattin,„es iſt Zeit, an den Kaffee zu denken.“ Dieſe Scene war nur kurz geweſen, aber wichtiger waren ihre Folgen. Als Capitain Lannerstjerna am folgenden Tage, wie gewöhnlich, ſeinen Beſuch machen wollte, hieß es: Madame ſei nicht zu Hauſe. Er konnte nicht denken, daß dieſe Grauſamkeit von Dauer ſein werde; und dennoch war dem ſo: er erhielt jeden Tag dieſelbe Antwort. Nun war er es, welcher nähere Vertraulichkeit mit dem Manne anzuknüpfen ſuchte. Alle Zeit, die er erübrigen konnte, brachte er mit Zaar, und am häufigſten am Spieltiſche zu. Carlen, Cam. obsc. II. 12 178 Endlich kam ein Gegenſtand eigenthümlicher Art zwiſchen ihnen zur Verhandlung— und es dauerte nicht lange, ſo hatten Lannerstjerna's Freunde, welche anfangs ſeine Geſellſchaft ver⸗ mißten, die ſeltſamſten Gerüchte über ſeine Stellung zu der Familie Zaar in Umlauf gebracht. Um dieſe Zeit gefiel es Guſtav III., ſich für die Sache zu intereſſiren, und den Helden des Abenteuers, welcher über die üblichen Grenzen hinaus zu gehen begann, zu ſich entbieten zu laſſen. Der König verbot den Herren ſeines Hofes weder Intriguen, noch galante Abenteuer; doch verlangte die Eti⸗ quette, daß ſie auf eine Weiſe vollführt würden, die ſich mit dem„guten Tone“ vertrüge: es durfte geflüſtert, aber nicht von gewiſſen Scandalen laut geſprochen werden. „Ew. Majeſtät haben geruht, mich rufen zu laſſen!“ ſprach Lannerstjerna, der ſich trotz aller Gunſtbezeugungen, die er, als Poet und Officier, vom Könige empfangen hatte, jetzt voll Verdruß und gedemüthigten Stolzes dazu verurtheilt ſah, ſich dem forſchenden kalten Blicke Sr. Majeſtät in pflicht⸗ ſchuldiger Ergebung zu beugen. Der König fuhr fort, ihn ſchweigend zu fixiren; und Lannerstjerna, welcher ſchon ein Vergehen begangen hatte, wagte nicht, ſich eines zweiten ſchuldig zu machen. Er war erſchrocken über ſeine Kühnheit, den König angeredet zu haben, denn er fühlte, daß er nicht mehr als Günſtling, ſondern als Angeklagter vor Sr. Majeſtät ſtand. Da ſagte der König plötzlich mit einer Stimme, welche mehr Güte, als Strenge verrieth:„Wiſſen Sie, weshalb ich Sie habe rufen laſſen, Capitain?“(Sonſt hieß es„Du“ und„mein lieber Lannerstjerna!“) „Ew. Majeſtät haben mir vielleicht einen Befehl in Dienſt⸗ angelegenheiten zu geben?“ Guſtav III. zog die Brauen zuſammen.„Denken Sie beſſer nach!“ ſprach er ſcharf. „Ah auf den 2 „Die tion auf Perſonen einem Har Herr— Lann werden, a ſtät die C Hochdero! Ein „Wa höchſt auff gangen ha hat angede Audienz ar vorbereitet. „Ich fallen zuge nicht, wel hatten.“ S „So, jerna.— Unterthaner gekränkt w dem großen iſt es, wen Zuthun ver ſorge über2 deſto gründ meines Hof Gliede deſſ n ihnen hatten aft ver⸗ zu der Sache über die utbieten 8 weder die Eti⸗ ſich mit icht von laſſen!“ gen, die tte, jetzt eilt ſah, pflicht⸗ n; und n hatte, Er war haben, dern als welche halb ich 5„Du“ Dienſt⸗ ken Sie 179 „Ah, Ew. Majeſtät geruhen, einen Strahl Ihrer Sonne auf den Menſchen— nicht auf den Diener zu werfen?“ „Die Sonne ſcheint, merkwürdig genug, weniger Attrac⸗ tion auf Sie zu üben, als der Mond, der mit unzähligen Perſonen Zeuge Ihrer Promenaden und Blicke vor und nach einem Hauſe ſind, in welchem— verſtehen Sie mich, mein Herr— kein Cavalier meines Hofes geſehen werden darf.“ Lannerstjerna richtete ſich auf.„Möge es mir verziehen werden, aber bis jetzt habe ich nicht gewußt, daß Ew. Maje⸗ ſtät die Grenzen bezeichnet haben, in denen ſich die Blicke Hochdero Unterthanen zu halten verpflichtet ſind.“ Ein Blitzſtrahl flammte in den Augen des Königs. „Was ſoll dies heißen? Wiſſen Sie, daß Sie ſich auf höchſt auffallende Weiſe gegen Ihren König und Herrn ver⸗ gangen haben und gegen den Schutz, den er Ihnen bis dato hat angedeihen laſſen? Sie haben ſich von Anfang dieſer Audienz an, wie ein Verrückter benommen. Ich war darauf vorbereitet.“ „Ich bin in Verzweiflung, mir Ew. Majeſtät hohes Miß⸗ fallen zugezogen zu haben. Vielleicht verſtand ich die Worte nicht, welche Ew. Majeſtät an mich zu richten die Gnade hatten.“ „So, das läßt ſich hören.— Trete näher, Lannerst⸗ jerna.— Ich hege eine väterliche Fürſorge für alle meine Unterthanen und ſehe mit Schmerz, wenn Tugend und Sitte gekränkt werden. Dieſe Prachtblume ſoll aber beſonders in dem großen Mittelſtande cultivirt werden, und am gefährlichſten iſt es, wenn ſie dort nicht mehr gedeiht, ſondern durch fremdes Zuthun verletzt und verkrüppelt wird. Wenn ich dieſe Für⸗ ſorge über Alle ausſtrecke, wird ſie natürlich für das Individuum deſto gründlicher; und käme es in Frage, daß ich ſie im Kreiſe meines Hofſtaates bethätigen müßte— und ſei es am letzten Gliede deſſelben— ſo würde ich ſtrenge zu Wege gehen— 12* 180 merk Dir das— denn die Macht des Beiſpiels iſt größer, denn jede andre.“ „Ew. Majeſtät geruhen mir die ſublimſten, edelſten Wahr⸗ heiten zu ſagen— ich bin aber nicht im Stande, ſie zu faſſen.“ „Keine Ausflüchte, Herr Capitain! Sie ſind im Begriff, einen Scandal zu veranlaſſen, wie er bis jetzt in dieſem Lande nicht erlebt worden iſt. Und da es ſcheint, daß Sie mich nicht verſtehen, ohne daß ich Ihnen unumwunden die Wahrheit ſage, ſo mögen Sie erfahren, daß ich, wenn ich bei einer Herzens⸗ angelegenheit, die nicht weiter, als bis zu den Nachbarn dringt, die Augen ſchließe, ſolches keineswegs fortzuſetzen gedenke, wenn es ſich um eine ſo verabſcheuungswürdige Umwälzung in Moral und Religion handelt, wie Sie ſie einzuführen im Begriff ſtehen.“ Lannerstjerna ſah zur Erde nieder, ohne zu antworten. „Eh bien! Sehen Sie nun, daß Sie vor Beſchämung die Augen niederſchlagen müſſen, erſt vor Ihrem Könige und ſpäter vor der ganzen Welt?— Ich werde die Sache ſelbſt in meine Hand nehmen. Das iſt meine Pflicht!“ „Um Gotteswillen, Majeſtät— das wäre zu viel Gnade— Sie würde mein ganzes Lebensglück zerſtören.“ „Im Gegentheil, Capitain, ich will Ihrem Unglücke vor⸗ beugen. Aber erſt antworten Sie mir, nicht— als ob Sie nur vor Ihrem höchſten Richter auf Erden ſtehen, ſondern auch vor dem Auge des Höchſten, der über Himmel und Erde re⸗ giert:— Iſt es wahr, daß ſie die Frau dieſes elenden Wich⸗ tes gekauft, für Geld gekauft haben?“ „Ha“— Lannerstjerna's Geſicht verlor die letzte Spur von Farbe—„Ew. Majeſtät, der ritterlichſte Mann der Welt, kann ſo von einer wehrloſen Frau ſprechen?!“ „Nun, was haben Sie denn gekauft?“ „Seine Einwilligung zu einer geſetzlichen Scheidung von ſeiner Frau.“ „Pax „das iſt ſo ausdrü Hofchronik was denke ginnen, w nachdem. bezahlt ha „Ma ich ſie zur „Da iſt, und zů ſich für er wollte, ſo ren Preis Geſchenk; Bei welche alle „Ma Barmherzi barmt!“ „Her größere G ich einem dieſelbe ſo und ſein wo Sie d ſchied ein, Wer mein werden!“ Tödt ſeine Aufr die Worte größer, en Wahr⸗ tfaſſen.“ Begriff, em Lande nich nicht heit ſage, Herzens⸗ on dringt, gedenke, nwälzung ühren im worten. ſchämung nige und che ſelbſt Gnade— lücke vor⸗ b Sie nur ern auch Erde re⸗ den Wich⸗ tzte Spur der Welt, dung von 181 „Parole d'honneur,“ rief der König mit feinem Lächeln, „das iſt eine gewiſſenhafte Dame. Wenn alle anderen einen ſo ausdrücklichen Preis für ihre Gunſt verlangten, würde die Hofchronik weniger reichhaltig an Geſchichten ſein.— Und was denken Sie mit dieſer kleinen pretentiöſen Frau zu be⸗ ginnen, wenn ſie wirklich von ihrem Manne geſchieden iſt und nachdem Sie Alles und vielleicht mehr, als Sie beſitzen dafür bezahlt haben werden?“— „Majeſtät,“ antwortete Lannerstjerna muthig,„dann nehme ich ſie zur Frau.“ „Das habe ich gedacht; und da der Mann geldgierig iſt, und zwar bis zu einem Grade, wo der verworfenſte Menſch ſich für entehrt halten würde, wenn man ihm Geld bieten wollte, ſo werde ich ihm dieſelbe Waare um einen noch höhe⸗ ren Preis abkaufen und ſie ihm darauf als unveräußerliches Geſchenk zurückgeben.“ Bei dieſer Drohung erlitt Lannerstjerna eine Qual, welche alle Fibern ſeines Herzens zu zerreißen ſchien. „Majeſtät, haben Sie Erbarmen, wie Gott in ſeiner Barmherzigkeit ſich gnädigſt über ſeine ſterblichen Kinder er⸗ barmt!“ „Herr Capitain, ich habe Ihnen durch dieſe Unterredung größere Gnade erwieſen, als Ihr Wahnſinn verdient, und als ich einem Menſchen erzeigen zu können geglaubt habe, der dieſelbe ſo wenig zu ſchätzen weiß. Nunmehr redet der König, und ſein ultimatum lautet folgendermaßen: An dem Tage, wo Sie dieſe Frau zu ehelichen wagen, reichen Sie Ihren Ab⸗ ſchied ein, und entfernen ſich für immer aus meinen Augen. Wer meine Ungnade allem Andren vorzieht— dem möge ſie werden!“. Tödtliche Bläſſe bedeckte das Geſicht des Capitains und ſeine Aufregung war ſo groß, daß er mit größter Anſtrengung die Worte hervorbrachte:„Majeſtät, wenn—“ „Kein Wort weiter in dieſer Angelegenheit, bis Sie als Diener und Unterthan wiederkehren, dem ich auf,s Neue mein Vertrauen ſchenken kann.“ Hier gab der König ein Zeichen, welches dem Capitain andeutete, daß dieſe allzu wichtige Audienz beendigt ſei. Auf welche Weiſe Lannerstjerna das Zimmer verließ, wußte er ſelbſt nicht. Dunkele Nacht lag nicht allein über ſeinen Augen, ſondern auch über ſeiner Seele. Was war jetzt zu beginnen? Eine höhere Inſtanz, als die des Königs exiſtirte nicht.—— Auf der einen Seite: wiedergewonnene, erhöhte Gnade, äußerer Glanz, Ehre und eine Zukunft, welche mit Sicherheit halten würde, was ſie ver⸗ ſprach— auf der anderen: Liebe, Abſchied vom Dienſte, Verläumdung, Secandal, Armuth und vielleicht auch Reue— welch' ſchreckliches Alternativ! Hatte er die Kraft, das hiervon Gewählte zu tragen?— Eine Stimme in ihm antwortete: Ja! Die Liebe, die allmächtige hatte geſiegt! Nachdem Beata Maria Aronſſon von ihrem Manne geſetz⸗ lich geſchieden war, wurde ſie mit Capitain Johan Magnus Lannerstjerna ehelich verbunden.— Wie viel und wie wenig Wahres an dieſer kleinen Ge⸗ ſchichte iſt, kann ich nicht entſcheiden. So viel iſt gewiß, daß Capitain Lannerstjerna aus den Hofſälen, aus dem Regimente und aus dem glänzenden Horizonte verſchwand, in welchem ſein Weg bis dahin ſo ehrenvoll bezeichnet geweſen war; und daß ferner die kleine Grenzſtadtz Strömſtad eines Tages ein junges Paar in ihren Schooß aufnahm, welches ſo arm war, daß es ſein Glück und ſeine Dürftigkeit in einer kleinen, an dem Smedklefven, dicht an der Stromaubrücke gelegenen Hütte verbergen mußte. Der Grund, weshalb man eben dieſe kleine Stadt zum Zufluchtsorte aufgeſucht hatte, lag vielleicht nicht allein in ihrer weiten C Strömſta Capitain war,— die glänz ſeiner ſel bande ſie Ma von wele ward, a angekomn beſcheiden delten ſi und in Wunſch Abſchiede unheimlie Familie bevor ſie kam auf Stockholl Stammb was der nichts n nerstjern ria Aron freilich 1 geſellſcha digen ſu *) 2 ſköld behe durch zu als Liter⸗ Sie als zue mein Capitain i. verließ, ein über unz, als Seite: hre und ſie ver⸗ Dienſte, teue— jen?— e geſetz⸗ Magnus nen Ge⸗ diß, daß egimente zem ſein und daß junges es ſein dklefven, mußte. adt zum in ihrer weiten Entfernung vom Hofe: Capitain Lannerstjerna hatte in Strömſtad zwei Schweſtern wohnen, von denen die eine mit Capitain Rahm, die andere mit Capitain Hellberg verheirathet war,— und wahrſcheinlich hatte er ſeiner Frau, weil er ihr nicht die glänzende Stellung geben konnte, die er mehr ihret⸗ als ſeiner ſelbſtwegen betrauerte, die Wohlthat zärtlicher Familien⸗ bande ſichern wollen. Man kann ſich übrigens denken, von welcher Neugierde, von welchem Entzücken und Grauen die kleine Stadt ergriffen ward, als es laut wurde, daß daſelbſt eine„gekaufte“ Frau angekommen ſei. Als man aber dieſe„gekaufte“, ſchöne, edle, beſcheidene und achtungswerthe Frau kennen lernte, da verwan⸗ delten ſich Tadel und Klatſcherei in die wärmſte Theilnahme und in die innigſte Achtung. Alles wäre vollkommen nach Wunſch geweſen, hätte man nur ein Wörtchen von dem letzten Abſchiede zwiſchen Mann und Frau erfahren können; wo der unheimliche Menſch eigentlich geblieben ſei, und wo die kleine Familie gewohnt, nachdem ſie Stockholm verlaſſen hatte und bevor ſie nach Strömſtad gekommen war. Eine liſtige Dame kam auf den glücklichen Einfall, an eine vertraute Eunſine. in Stockholm zu ſchreiben und ſie zu bitten, einmal auf dem Stammbaume der Lannerstjernas im Ritterhauſe nachzuſehen, was derſelbe über die Sache enthalte. Die Antwort wußte nichts weiter zu berichten, als daß Johan Magnus Lan⸗ nerstjerna laut Stammregiſter im März 1780 mit Beata Ma⸗ ria Aronſſon, bürgerlicher Herkunft, vermählt ſei.— Das war freilich nicht viel und man mußte ſich 3 den häufigen Kaffee⸗ geſellſchaften, wo dieſe Dinge verhandelt wurden, zu entſchä⸗ digen ſuchen). *5) Wenn die Feſtrede für den Parbrikoll wirklich, wie Hammar⸗ ſköld behauptet, im Jahre 1791 gehalten worden iſt, ſo wäre man da⸗ durch zu der Vermuthung veranlaßt„ daß Lannerstjerna zu der Zeit als Literat in Stockholm gelebt habe; es möchte denn ſein, daß die 184 Noch eine andere Sache beunruhigte die Bewohner der guten Stadt Strömſtad: Wovon, in des Herren Namen, wollte die Familie leben? Die beiden Schweſtern hatten einen Reich⸗ thum an Kindern, aber nicht mehr Brod als zum Hausbedarf. Aber Der, welcher die Vögel unter dem Himmel nährt, und die Lilien kleidet auf dem Felde, der konnte auch dieje⸗ nigen ſeiner Kinder nicht vergeſſen, welche durch ihren häus⸗ lichen Frieden bewieſen, daß die Liebe, wo ſie als reines, hei⸗ liges Element in die Ehe tritt, alle Entbehrungen ertragen kann, indem ſie darauf baut, daß wahre Liebe„alles vermag, alles glaubt und alles duldet.“ Eine ſolche Liebe erlöſcht we⸗ der in der Zeit, noch im Unglück; im Gegentheil, ſie brennt um ſo heller und klarer, je mehr ſie ſich jener Flamme nähert, welche ſich entzündet, wenn das irdiſche Lebenslicht niederge⸗ brannt iſt. 3 Mit jener herzlichen, überaus naiven Vertraulichkeit, welche nur in jenen kleinen Landorten herrſcht, wo biedere Menſchen noch in ihren patriarchaliſchen Gewohnheiten fortleben— in Rede nur eingeſchickt und von einem Anderen vorgeleſen worden ſei. In der Abſchrift, welche ich von derſelben beſitze und welche ich von meinem vor einigen Jahren in Strömſtad verſtorbenen Bruder: Karl Smith habe, ſteht bemerkt: das Jahr(unbekannt)(17902). Mein Bruder hat auch die Erzählung ergänzt, die ich von meiner Mutter erfahren hatte.— Seitdem dieſe kleine Erzählung im vorigen Jahre dem„Häus⸗ lichen Heerde“ geliehen wurde, habe ich noch folgende Aufklärungen erhalten: Sowohl Zaar, als ſeine Frau und auch Lannerstjerna ſollen aus Wermland geſtammt und Erſterer in Stockholm als Muſikus gelebt haben. Lannerstjerna's älteſte Tochter hat erzählt, daß ſie als kleines Kind mit den Aeltern in einer„großen, großen Stadt“ gelebt habe. — Der Dichter ſcheint alſo wirklich in Stockholm in der Nähe des Königs geblieben zu ſein. Wenn er ſich Hoffnungen auf die Ver⸗ zeihung deſſelben machte, ſo ſah er ſich in denſelben betrogen.— Die Sonne der königlichen Gnade leuchtete ihm nicht wieder.— jenem her dem liebe auf Erden würdige Capitain ſcherzhafte — denn gange— für den 9 Wenn ſie biſſen in“ Bier beur rung, daß unter inti Nebe heimnißvor geſchickten Man ſchick theuren, u Wir Lannerstjer ſeine Freu⸗ richten wol Wir zweigen ge Balſaminen ſchöne Mar Kleider au⸗ Sinne an für Frau Eleganz b eigentlich g die Bürger dner der , wollte 1 Reich⸗ sbedarf. l nährt, hh dieje⸗ n häus⸗ es, hei⸗ ertragen vermag, ſcht we⸗ brennt nähert, iederge⸗ welche tenſchen — in den ſei. ich von r: Karl Mein Mutter „Häus⸗ irungen len aus gelebt kleines t habe. ähe des ie Ver⸗ — Die 185⁵ jenem herzlichen Wohlwollen beſchloſſen die Damen der Stadt: dem lieben Gotte bei der Ernährung der kleinen Sperlinge auf Erden behülflich zu ſein. Capitain Lannerstjerna's liebens⸗ würdige Kinder wurden zu allen Kindern der Stadt geladen. Capitain Lannerstjerna war durch ſeine munteren, witzigen, ſcherzhaften Einfälle die Seele des Geſellſchaftslebens geworden — denn man fand noch immer Geſchmack an geſelligem Um⸗ gange— und Frau Lannerstjerna erhielt ſo viel Einladungen für den Nachmittag, daß ſie nicht der Hälfte genügen konnte. Wenn ſie nicht erſchien, ſo wurde ihr eine Probe der Lecker⸗ biſſen in's Haus geſchickt; wurde gebraut, ſo mußte ſie das Bier beurtheilen— und alles dies unter der heiligen Verſiche⸗ rung, daß dies ein uraltes Herkommen in Strömſtad, nota bene unter intimen Freunden ſei. Nebenbei fanden bei allen großen Geſellſchaften kleine ge⸗ heimnißvolle Zuſammenkünfte zwiſchen Frau Lannerstjerna's geſchickten Händen und den Coiffuren ſämmtlicher Damen ſtatt. Man ſchickte lange nicht ſo oft nach Gothenburg, um ſich die theuren, unumgänglichen Modeartikel von dorther zu verſchaffen! Wir müſſen übrigens zu erforſchen ſuchen, was Capitain Lannerstjerna ſelbſt uber den kitzlichen Punkt denkt, der alle ſeine Freunde beunruhigte, nämlich: wie er es fernerhin ein⸗ richten wolle, für den Unterhalt ſeiner Familie zu ſorgen. Wir wollen einen Blick in das traute, mit friſchen Baum⸗ zweigen geſtreute Zimmer werfen, wo Sonnenſchein und blühende Balſaminen der höchſte Luxus waren, und wo die immer noch ſchöne Maria in einfachem, geſchmackvollen Anzuge(geänderte Kleider aus früheren Zeiten) am Fenſter ſaß und mit fröhlichem Sinne an einem hellblauen, mit Flittern benähten Kopfputze für Frau Majken Falk arbeitete, welche mit ungewöhnlicher Eleganz bei einer Kindtaufe erſcheinen ſollte. Man hatte eigentlich geglaubt, daß eine vornehmere Dame, vielleicht gar die Bürgermeiſterin, das Kind aus der Taufe heben würde; 186 und da nun dieſe Ehre der guten Frau Majken zu Theil wurde, hatte ſie wohl Urſache zu zeigen: was ſie gelte, trotz ihrem Manne, der ſeit drei Tagen hoch und heilig ſchwur, keinen Heller dazu aus der Geldkiſte herzugeben. Als Frau Majken aber ihre hyſteriſchen Zufälle bekommen hatte und in ſo hefti⸗ ges Weinen ausgebrochen war, daß man„Schweſter Greta Smith“ hatte rufen laſſen müſſen, welche noch immer als „beruhigendes Mittel“ wirkte, und man die ganze Apotheke nach Tropfen und Pulvern durchforſcht hatte— da griff der treuherzige Ehemann in die intereſſante Kiſte und ver⸗ wünſchte in der Stille den Arzt, der noch immer keine Mixtur zur gründlichen Heilung dieſes Hausübels hatte finden kön⸗ nen.————— Wir wollen zu Frau Lannerstjerna zurückkehren. Von Sonnenſtrahlen umfloſſen, die in den Flittern in ihrer weißen Hand funkelten und blitzten, neigte ſie das ſchöne Haupt oft der Fenſterſcheibe zu, welche von den rothen Balſaminen ein⸗ gerahmt wurde. „Sieh nicht ſo ausſchließlich nach den Kindern, belle amie,“— ſprach der immer noch ſo innig liebende Ehemann, der jetzt den Schreibtiſch verließ, um ſich neben die Frau zu ſetzen,—„Du könnteſt mich wohl darüber vergeſſen.“ „Wenn ich Dich über irgend etwas Andres in der Welt vergeſſen könnte, ſo müßte ich ein Ungeheuer, ſtatt einer Frau ſein,“ antwortete ſie anmuthig.„Giebt es einen zweiten Mann, der—“ „Maria, meine Göttin, meine Schäferin, haſt Du jemals eine Falte der Reue auf meiner Stirn geſehen, oder einen ſehnſüchtigen Seufzer aus meiner Bruſt vernommen, der ſich über die Schwelle der Hofſäle zurückſchlich?“ „Nein, nein,“— die junge Frau ließ ein ganzes Bund Flitter zur Erde gleiten, um ihrem edlen Gatten ſchnell die Hand zu reichen—„nicht Du haſt Reue gezeigt, aber ich habe ſie ſo großn „ In der vereinigt gewollt i ſteht wed Du war , wie gern haben wi können.“ „W hören, König“ einem leie Poſtens 1 tauſendma Ende jene ken, daß habe ich nung auf muß ich ſchen Mit ſtopfen, ſchöpft ſin mit Dein die Sache „Wi feſten, ner *) He Nachfolger ◻ zu Theil te, trotz , keinen Majken ſo hefti⸗ r Greta mer als Apotheke griff der ud ver⸗ 2 Mixtur den kön⸗ n. Von r weißen aupt oſt nen ein⸗ —, belle hemann, Frau zu der Welt ier Frau zweiten u jemals der einen der ſich es Bund chnell die aber ich 187 habe ſie gefühlt, und fühle ſie noch jetzt darüber, daß ich ein ſo großmüthiges Opfer annehmen konnte.“ „Still, Du Holde ich mag kein derartiges Vertrauen! In der Liebe opfert der Eine ſoviel wie der Andere. Sie vereinigt zwei Weſen zu einem Daſein— ſo hat Gott es gewollt und ſo haben wir es verſtanden. Der Reichthum be⸗ ſteht weder in gemünztem Golde, noch in der Gunſt des Hofes. Du warſt mein Gold, und Deine Gunſt wog Königsgunſt auf.“ „Immer derſelbe artige Cavalier.— Du wußteſt doch, wie gern ich, als Deine Gattin, fern von jenen Kreiſen gelebt haben würde, wenn Du nur Deine Stellung hätteſt behalten können.“ „Wo ich täglich dazu verurtheilt geweſen wäre, Dinge zu hören, die meine Ohren verabſcheuen,—— nie!— Der König“— hier wurde die bleiche Wange des Capitains von einem leichten Roth gefärbt—„der König hielt mich meines Poſtens nicht länger für wrdig.— Nun— darin hatte er tauſendmal Unrecht.— Aber dennoch werde ich bis an mein Ende jenen unglückſeligen Maskenball beweinen und Gott dan⸗ ken, daß ich nicht dabei gegenwärtig war. Bei Herzog Karl*) habe ich niemals in Gunſt geſtanden, und da ſomit alle Hoff⸗ nung auf eine neu zu beginnende Carriere verſchloſſen iſt, ſo muß ich darauf bedacht ſein, meine ſchriftſtelleriſchen und poeti⸗ ſchen Mittel zu verwerthen, um den Leck in meiner Börſe zu ſtopfen, der mich, ſeitdem meine Stockholmer Erſparniſſe er⸗ ſchöpft ſind, täglich quält.— Wenn Du, meine Egeria, mich mit Deinen klugen Rathſchlägen und Einfällen inſpirirſt, wird die Sache ſchon gehen!“ „Wie— Du fühlſt eine Inſpiration, wie ſie nur einem feſten, neuerſtandenen Willen entſpringen kann?“ *) Herzog von Södermanland; Bruder und, als Karl XIII., Nachfolger Guſtav's III. D. Ueberſ. 188 „Du glaubſt alſo, daß es der Wille allein geweſen, der meinen Flug bis jetzt gehemmt hat?— Das iſt ſchmeichel⸗ haft und demüthigend zugleich— die Sache verhält ſich jedoch anders. Ich habe eine Idee gefaßt und— ich glaube, eine gute.“ „Wenn dieſelbe die Stadt angeht, ſo wird ſie zur Aus⸗ führung kommen, denn ſo freundliche, theilnehmende Leute dürften ſchwerlich anderswo gefunden werden.“ „Die Stadt iſt gut. Sie weiß Geiſt, Schönheit und Anmuth nach ihrem vollen Werthe zu ſchätzen, und das iſt mehr, als ich erwartet habe. Ob ſie gegen jeden Fremdling, der ſich in ihre Mitte zu drängen ſucht, ſo zuvorkommend ſein würde, iſt jedoch eine Sache, die wir nicht überflüſſigerweiſe erforſchen wollen.“ „Nun handelt es ſich aber um einen Berührungspunct zwiſchen der Stadt und dem Dichter— Tiſchreden und Gele⸗ genheitsgedichte laſſe ich bei Seite.— Willſt Du ein Stuck für die Bühne ſchreiben, oder—“ „Still, ſtill— ich will eine Zeitung ſchreiben.“ „Eine Zeitung— Du ganz allein, lieber Freund? Wo ſoll denn die gedruckt werden?“ „Man hat in dieſer guten Stadt weder eine eigene Zei⸗ tung, noch eine Druckerei. Dem einen Uebel kann ich abhel⸗ fen, das andre muß ich zu umgehen ſuchen.“ „Wie meinſt Du das, lieber Magnus?“ „Schau! Ich ſchreibe in den letzten Tagen der Woche eine Menge Exemplare von der Zeitung, die ich in den erſten Ta⸗ gen verfaßt habe. Politik, Critik, Plaudereien, Aneedoten, Gedichte, Orationen, Parentationen, juriſtiſche, olympiſche und geiſtliche Urtheilsſprüche, Schiffergeſchichten, Marktſcenen, Ball⸗ programme und eine Menge von erdichteten Miscellen— was willſt Du mehr? Das Publikum wäre in der That mehr denn anſpruchsvoll, wenn es nicht von dieſem Proſpectus, der natürlich kommen „D junge F ken's Co „J ter ſollen devalla; meine E meine B wirſt es reſpectab. „A „H gen Tag Vorräthe habe ich Ekmann, der Apot zeihen m ermunter Reſultat mit der hoffe, we nerhin v zu Smit tigen W Kanne „Ac doch, daß Aber ne iſt er be en, der meichel⸗ ilt ſich glaube, r Aus⸗ Leute it und das iſt mdling, nd ſein gerweiſe gspunct d Gele⸗ 1 Stück 2 Wo ne Zei⸗ abhel⸗ he eine ten Ta⸗ eedoten, che und „Ball⸗ — was t mehr us, der 189 natürlich gleich in dem Probeblatte enthalten ſein müßte, voll⸗ kommen befriedigt würde.“ „Du bringſt mich außer Athem, mein Freund!“ rief die junge Frau ſo herzlich lachend, daß alle Flitter zu Frau Maj⸗ ken's Coiffure über den Fußboden rollten. „Ja, das war es gerade, was ich wollte.— Dieſe Blät⸗ ter ſollen alsdann weit umherfliegen: von Strömſtad nach Ud⸗ devalla; von Uddevalla nach Gothenburg; überall ſoll man meine Einfälle citiren: ich werde bekannt, geſucht, man wird meine Beiträge zu auswärtigen Zeitungen verlangen und Du wirſt es erleben, belle amie, daß unſer Einkommen ein ſehr reſpectables werden wird.“ „Alſo es iſt Dein voller Ernſt?“ „Haſt Du denn nicht bemerkt, wie meine Feder ſeit eini⸗ gen Tagen über das Papier geflogen iſt. Ich habe allerlei Vorräthe geſammelt. Mit den angeſehenſten Herren der Stadt habe ich bereits geſprochen: Mit Major d'Orchimont, Paſtor Ekmann, Norberg, Smith; der Doctor hat mir Beiträge, und der Apotheker Beiträge und Abſatz verſprochen. Sie prophe⸗ zeihen meinem Unternehmen einſtimmig den beſten Erfolg und ermuntern mich, die Subſcriptionsbogen auszulegen.— Das Reſultat von allen dieſem iſt: daß ich Euch, ſchöne Dame, mit der Feder jene kleinen Annehmlichkeiten zu verſchaffen hoffe, welche mit dem Schwerte für Euch zu erobern, mir fer⸗ nerhin verſagt iſt. Und in Erwartung deſſen, ſchicke hinunter zu Smith, mein guter Engel, und laß zur Feier unſres künf⸗ tigen Wohlſtandes, drei Bouteillen Rheinwein und eine halbe Kanne Claret holen— natürlich auf Credit.“ „Ach, mein theurer, vergnügter Magnus, Du weißt ja doch, daß ich erſt vor Kurzem dort habe holen laſſen!“ „So ſchicke zu Boman— er wird auch Abonnent.— Aber nein, laß den Claret lieber bei Smith holen, dort iſt er beſer. Den Rheinwein kannſt Du nehmen, wo Du 190 willſt;—— und, wenn Du den nicht bei Smith fordern laſſen magſt, ſo nimm dort eine ganze Kanne Claret.“ Dies höchſt merkwürdige„Wochenblatt“— ich erinnere mich nicht, daß es jemals einen anderen Titel geführt hat— er⸗ blickte wirklich das Licht und wurde mit ſo lautem, allgemei⸗ nem Jubel in der kleinen Stadt begrüßt,(welche weder vor⸗ und nachher ein eigenes Zeitungsorgan gehabt hat,) daß ſich nichts mit dieſer lauten Freude vergleichen läßt, es ſei denn die Trauer an jenem Tage, wo dies Blatt für immer einging, wo die Tinte in dem Schreibzeuge des Redacteurs für immer austrocknete, und wo die kleinen, ſchwarzgeränderten Blätter ausgeſandt wurden, welche die Freunde und Bekannten auffor⸗ derten, dem Verblichenen die letzte Ehre zu erweiſen.— Aber ſo weit ſind wir mit unſerer Erzählung noch nicht gekommen. Es war ein munteres, ſcherzhaftes Blatt, eine wahre Chronik der Stadt, welche die alten Traditionen ganz in den Hintergrund drängte, und ſich das Recht angemaßt hatte, alle ſchwachen Seiten der Einwohner auf beißende, witzige Art her⸗ vorzuheben und zu beleuchten. Heute lachte man recht unbarm⸗ herzig über den Nachbar, den man trotz des allegoriſchen Ge⸗ wandes recht gut erkannte, und morgen war man gezwungen, über ſich ſelbſt zu lachen, wenn man nicht wollte, daß der Nachbar das Signal dazu geben ſollte. Dafür tröſtete man ſich mit der Ausſicht auf den kommenden Sonnabend, wo man den Geiz, den Hochmuth oder die Zankſucht eines Dritten in irgend einer ergötzlichen Carricatur nebſt Unterſchrift zu erken⸗ nen hoffte. Die Tendenz dieſer Zeitung war eine rein demokratiſche, und da die Stadt ſeit Jahren nicht mit dem Hofe in Berüh⸗ rung gekommen war, hingegen alle Motionen am Reichstage abgeſchlag daraus, 1 tiſiren; d Kiel ſitzen zwiſchen Naſen— triſirt von digen Bla wurden d daß kein übrig geb Nur ihren Ma gegenüber bringen n. Bürgermei welches Fr zellan und fanden ih „Abe men Freu Macht übe kannſt, die Spitzfindig „Ach weſen, ab rückhalten, beſonders cepte und ders verfa ſen Boshe ſo von D ein ganzes fordern ere mich — er⸗ Ugemei⸗ er vor⸗ aß ſich ei denn inging, immer Blätter auffor⸗ h nicht wahre in den te, alle rt her⸗ nbarm⸗ en Ge⸗ zungen, aß der e man do man tten in erken⸗ fatiſche, Berüh⸗ chstage „ 191 abgeſchlagen wurden, ſo machten ſich auch die Magnaten nichts daraus, mit rothſeidenen Schnupftüchern in der Hand zu poli⸗ tiſiren; die Bootsmänner politiſirten auf einem umgeſtürzten Kiel ſitzend, die rothe Mütze auf einem Ohre, und die Knaben zwiſchen den Steinen und Krabben politiſirten mit blaurothen Naſen— kurz, Alles was Leben und Athem hatte war elec⸗ triſirt von dieſem neuen Vergnügen, und obgleich die merkwür⸗ digen Blätter auf Boman's beſtem Papiere geſchrieben waren, wurden dieſelben doch ſchließlich ſo abgenutzt und zerleſen, daß kein Exemplar für das Archiv eines Curioſitätenſammlers übrig geblieben iſt. Nur die Damen bildeten eine Art Oppoſition, ſowohl ihren Männern, als der bisweilen höchſt fatalen„Preſſe“ gegenüber, welcher nichts heilig war, die Alles an den Tag bringen mußte. Selbſt die„unſchuldige“ Ohrfeige, die die Bürgermeiſterin ihrer Zofe gegeben, und das Halbjahrslohn, welches Frau So und So ihrem Mädchen für zerbrochenes Por⸗ zellan und den entwendeten Theelöffel hatte kürzen müſſen— fanden ihren Platz in dem furchtbaren Blatte. „Aber liebe Majken,“ ſprach die Doctorin zu ihrer inti⸗ men Freundin, Madame Falk,„haſt Du denn nicht ſo viel Macht über Deinen Mann, daß Du ihn davon zurückhalten kannſt, dieſe ſkandalöſen Blätter zu vertheilen, welche ſo viele Spitzfindigkeiten über unſre angeſehenſten Familien ausſchütten?“ „Ach, liebe Freundin, meine Macht iſt nie weit her ge⸗ weſen, aber Du ſollteſt Deinen Mann billigerweiſe davon zu⸗ rückhalten, dem Capitain ſo vielen Unſinn zu berichten. Und beſonders müßteſt Du ihn daran hindern, die anonymen Re⸗ cepte und Promemorien einzuſchicken, welche von Niemand an⸗ ders verfaßt ſein können, als von unſrem werthen Doctor, deſ⸗ ſen Bosheit aus jeder Zeile hervorguckt.— Vergieb, daß ich ſo von Deinem Manne rede, aber ich verſichere Dich, ich habe ein ganzes Taſchentuch vollgeweint, als ich von dem„Decoct“ 192 des Neuen Rathgebers las:„gegen alle extravaganten hyſteri⸗ ſchen Zufälle; den Damen gewidmet.“ Wenn man nun eine noch ſo natürliche Criſis hätte, ſo dürfte man ſich ihr nicht hingeben, und ich danke meinem Schöpfer von Herzen, daß dies Leiden mich jetzt, da ich älter werde, immer ſeltener heimſucht!“ „Das iſt ja ein wahres Glück für Dich!“ rief die Doctorin mit ſchlauem Lächeln.„Ich habe davon gehört, daß Dein Mann in dem Kriegsjahre 1788 durch dieſen Handel mit Nerventropfen ſo gehetzt worden iſt, daß der damalige Arzt ihm das Recept zu einem Elixir gegeben hat, welches in offe⸗ nen Eimern ſtehen und kannenweiſe in Spülkummen gefüllt werden konnte. Uebrigens mußt Du mich entſchuldigen, daß ich mich nicht in meines Mannes Decocte zu miſchen wage. Aber um auf dies Wochenblatt zurückzukommen, ſo iſt es nicht zu leugnen, daß es bedeutenden Mangel an Moralität verräth, indem es ſich ſo offenbar der Dienſtmädchen annimmt. Denn die Klatſchſucht dieſer flatterhaften Geſchöpfe iſt allgemein be⸗ kannt und wird nicht enden, ſo lange die Welt ſteht.“ „Hm! Ich glaube, daß dies für gewiſſe Frauen recht heilſam iſt.“— Hier war die Reihe, verſtohlen zu lächeln, an Frau Majken.—„Sie werden ſich künftig beſinnen, ehe ſie ihrem Mädchen am Morgen die Schminke auflegen.“ „Nun,“ erwiderte die Doctorin, über und über roth, „das war jedenfalls eine Kleinigkeit gegen die boshafte, aber witzige Scene aus, ich weiß nicht welchem Luſtſpiele;— ich meine es war: Die eiferſüchtige Frau— ſie war zu komiſch; und ich will hoffen, daß es reine Dichtung war.— Aber, was iſt Dir, beſte Majken— fühlſt Du Dich unwohl? — Soll ich hinunter gehen und die Tropfen holen?—“ „Nein ich bin nicht krank!“ Frau Marjken ſetzte ſich todtenblaß auf den nächſten Stuhl. „Nun, wir wollen uns auf neutralem Gebiete halten.— Haſt Du ungewohn „Nei jener beid alle Weiſ Bootsman porgeſchwi „Nu Freundinn „Gle Falk,„ich bei der H anſteht, in tern ſchwe⸗ „Und zuſamment: noch Cava immer arti und dabei man ihm bis man n erdroſſeln.“ Am Balſam fü waren nun nymität ge ehrenwerthe Mann von tagsabgeord geſtanden h Strör Skee gehö Carlen, Ca hyſteri⸗ un eine hr nicht en, daß ſeltener rief die gehört, Handel ige Arzt in offe⸗ gefüllt en, daß n wage. es nicht verräth, Denn nein be⸗ en recht zeln, an ehe ſie er roth, e, aber — ich war zu var.— inwohl? lten.— 193 Haſt Du nicht über Mamſell Petterſſon's Erſcheinen in der ungewohnten Societät gelacht?“ „Nein, da hätte man auch über den mißlungenen Verſuch jener beiden Frauen lachen müſſen, die das arme Mädchen auf alle Weiſe lächerlich zu machen ſuchten, weil ihr Vater als Bootsmann gefahren iſt, bevor er ſich zum Capitainstitel em⸗ porgeſchwungen hat.“ ⸗ „Nun, ſie gehören weder zu Deinen, noch zu meinen Freundinnen.“ „Gleichviel,“ antwortete die kleine, gutherzige Madame Falk,„ich weiß, daß es mir nicht zukommt, bei derlei Dingen bei der Hand zu ſein, und daß es unſeren Herren gar übel anſteht, in dies drohende Beil, das über unſerer Aller Häup⸗ tern ſchwebt, ſo vernarrt zu ſein.“ „Und wenn man dann wieder mit dem witzigen Menſchen zuſammentrifft,“ fügte die Doctorin hinzu,„ſo iſt er immer noch Cavalier und Hofmann, aller Damen ergebenſter Diener, immer artig und lächelnd, immer mit dem Hute in der Hand, und dabei ſo voll luſtiger Einfälle und witziger Anecdoten, daß man ihm unmöglich zürnen kann und mit ihm lachen muß, bis man wiederum Luſt hat, ihn mitſammt ſeiner Zeitung zu erdroſſeln.“ Am folgenden Sonntage vertheilte Capitain Lannerstjerna Balſam für die vielen Wunden, die er geſchlagen hatte. Sie waren nun Alle, mehr oder weniger mit dem Mantel der Ano⸗ nymität gedeckt,„auf dem Tapet“ geweſen, mit Ausnahme des ehrenwerthen Seelſorgers der Stadt: Paſtor Ekmann's, ein Mann von vielem perſönlichen Verdienſte, ausgezeichneter Reichs⸗ tagsabgeordneter, der außerdem bei Guſtav III. in großer Gunſt geſtanden hatte. Strömſtad hatte früher als Filiale zu dem Hauptpaſtorate Skee gehört und erſt nach vielen Bemühungen war es der Carlen, Cam. obsc. II. 13 194 Stadtgemeinde gelungen, die Beſtätigung ihrer Selbſtſtändigkeit zu erlangen: eine Errungenſchaft, die in Paſtor Ekmann's Augen für überflüſſig galt, weshalb er auch für die Idee kämpfte: es möge die Stadt Strömſtad der alten Mutter⸗ pfründe auf's Neue annectirt werden. Dies war um ſo wich⸗ tiger für den Paſtoren, da Guſtav III. ihm das Paſtorat zu Skee bereits nach erfolgtem Ableben des jetzigen Inhabers geſichert hatte. Das Hinſcheiden des alten, gelehrten Probſten Gothenius konnte nun aber nicht lange mehr dauern, da der⸗ ſelbe bereits nahe an ſiebenzig Jahre zählte. Nun brachte das Wochenblatt eine kleine, pikante, mit einer Federzeichnung illuſtrirte Erzählung, welche beſchrieb, wie der alte Gothenius am jedesmaligen 1. Mai— man hatte ihn erſt vor einigen Tagen begangen ſich anſchickte, in neu friſirter Perruͤcke und ſtattlichem Hochzeitsrocke, mit kecker Hal⸗ tung und liebenswürdiger Miene in die Stadt zu fahren und zwar gerade vor Paſtor Ekmanns Fenſtern vorbei, wo er ſeine „Reverenz“ auf eine Weiſe anbrachte, die dem Paſtoren und deſſen Damen nun ſchon ſeit zehn Jahren verdroß. Der Probſt hatte wirklich eine Manier zu grüßen und zu lächeln, welche entweder zum Aerger reizen mußte oder zum Lachen über ſeine Entſchuldigung:„daß er noch immer dem Rufe zur letzten Reiſe nicht gefolgt ſei.“—— Wir müſſen hier hinzufügen, daß Paſtor Ekmann volle zwanzig Jahre dieſe Entſchuldigung entgegennehmen mußte, und ſchon begann er den alten Herrn für unſterblich zu halten, als endlich ein 1. Mai erſchien, wo man vergebens auf den ſtattlichen Probſten in Perrücke und Hochzeitsgewand wartete. Der faſt neunzigjährige Greis konnte das Haus nicht mehr verlaſſen und bald darauf entſank auch der Hirtenſtab ſeiner Hand— gerade, als Paſtor Ekmann das Concept zur Leichenrede für den gelehrten und originellen Ver⸗ weſer, der nun„das rechte Hochzeitskleid angethan,“ vollendet hatte.——— Lang graph ſein Was ein Geheit noch ſeine Laut der friſche, ju⸗ Kräften er begehrten; Eines Bewußtſein ſprach er n „Mar fen und ich ten kann.“ „Das Lebensgefäl aus den „Wa „Auf Papieren. mich nur ſ finden, und bekommſt I „Abe „Wa ſie hinaus voll vergilb „Nun Ein paar Aufſatze fü lidigkeit mann's ſe Idee utter⸗ o wich⸗ orat zu ahabers robſten da der⸗ te, mit ieb, wie latte ihn in neu fkker Hal⸗ ren und er ſeine dren und r Probſt , welche ber ſeine r letzten zzufügen, uldigung i Herrn hien, wo ücke und s konnte ank auch tann das llen Ver⸗ vollendet 195 Lange vor Doctor Gothenius hatte deſſen erſter Bio⸗ graph ſeinen Wanderſtab niedergelegt. Was konnte an Lannerstjerna's Leben zehren? War es ein Geheimniß, das nur er allein kannte? Weder ſeine Frau, noch ſeine unzähligen Freunde hörten je ein Wort oder einen Laut der Klage von ſeinen Lippen und dennoch ſchwand das friſche, jugendliche Leben allmählig hin— und mit ſeinen Kräften erloſch auch das wechſelvolle Leben des kleinen, viel⸗ begehrten Wochenblattes. Eines Tages, als die Gedanken gar nicht zum klaren Bewußtſein kommen und auch die Feder nicht weiter wollte, ſprach er wehmüthig lächelnd zu ſeiner Frau: „Maria, geliebte Frau, mein Pegaſus hat mich abgewor⸗ fen und ich weiß nicht, ob ich jemals die Zügel wieder hal⸗ ten kann.“ „Das glaube ich nicht,“ entgegnete die immer troſtreiche Lebensgefährtin,„aber für den Augenblick kannſt Du Dir ja aus den Reiſern neue Lorbeerkränze winden.“ „Was meinſt Du, treue Egeria?“ „Auf dem Boden liegt noch ein Mantelſack mit alten Papieren. Die werden ſich jetzt zurecht gelegen haben. Laß mich nur ſuchen, ich werde ſchon Stoff für die nächſte Woche finden, und wenn nur der Inhalt der Zeitung beſtimmt iſt, ſo bekommſt Du eher zehn Schreiber, als einen.“ „Aber—“ „Warte nur—“ Ohne die Antwort zu erwarten, eilte ſie hinaus und kehrte ſchon nach einigen Minuten, die Schürze voll vergilbter Papiere, zurück. „Nun, was haſt Du da Gutes gebracht, belle amie?— Ein paar ſchon benutzte Epigramme— der Schluß von einem Aufſatze für die„Stockholmpoſt“. Der Anfang eines Diver⸗ 13* 196 tiſſements für den Hof— ach, was für Erinnerungen.— Da haben wir den Entwurf zum„Pagenweſen“, wovon Se. Ma⸗ jeſtät ſelbſt die Correctur las.— Nun, damals hatte ich es nicht viel beſſer, als jetzt: „Schon iſt der Mittag da; zum Anziehn eilet man; Die ſchäbige Livree wird eiligſt angethan. Iſt auch das Hemd nicht ganz, was iſt daran gelegen, Erſcheint man nur gentil und trägt Jabot und Degen. Im Saal ſitzt man zu Tiſch; doch kann man leicht ermeſſen, Daß wenig Hoffnung iſt, ſich heute ſatt zu eſſen: Nur Strömling*), trocknes Fleiſch und dünner Haferbrei.—“ „Das Meiſte hiervon iſt bereits angewandt.— Sieh, da kommt, meiner Treu, die Mairede für„Parbrikoll“— und zwar bis dato ungedruckt.— Ich ſegne Dich, mein holder Stern.— Das giebt Stoff für zwei Nummern. Die Neuig⸗ keiten mußt Du liefern, bonne amie!“ „Damit hat es keine Gefahr. Die Damen der Stadt werden mich mehr als reichlich damit verſorgen; ſie ſind zu angelegen, ihren Männern Gleiches mit Gleichem zu vergelten, als daß ſie das einzige öffentliche Organ der Stadt im Stiche laſſen werden.“ „Wohlan, nun ſetze Dich mir zur Seite, holde Dame, — Du eigneſt Dich beſſer, als jede Andere dazu, die Be⸗ ſchreibung eines Götterfeſtes zu leſen.— Ich bin zufrieden, wenn dieſe Rede mir einen Kalbsbraten und eine Flaſche Malaga gegen baare Bezahlung einbringt; zur Ueberraſchung des ganzen Kaufmannsſtandes. Aber erſt muß ſie ein Fläſch⸗ chen Roſeneſſenz für Dich bringen und einen Teller mit Krin⸗ geln und Mandeln und Roſinen für die Kinder.“ Die verſtändige Frau dachte an auszubeſſernde Schuhe, an neue Röcke u. ſ. w., aber ſie war zu edel, um die poeti⸗ *) Eine Art kleiner Häringe. D. Ueberſ. ſchen Schy Und als e Paar ſehr deren ihr ſo freundli ſköld erwäl kränklichen Jetzt Gedicht da zuͤckende H himmelweit ein ſchönes „So, Freundin!“ „So einmal: „Ihr, die Ich wage Von einen Als ich b Es war — Solch Ich ſaß U Da öffnet Ich ſeh 2 Hör“, ſpr Dich lade Ich weiß Er ſchätzt Es pflegen Bei ihm Doch von Von ihm Erſtaunt Und um Erwidre i Wann Ih .— Da be. Ma⸗ ich es en, Sieh, da — und in holder e Neuig⸗ ſer Stadt find zu vergelten, im Stiche de Dame, die Be⸗ zufrieden, e Flaſche erraſchung in Fläſch⸗ mit Krin⸗ 2 Schuhe, die poeti⸗ Ueberſ. 197 ſchen Schwingen ihres Mannes durch ihre Proſa zu lähmen. Und als es ihr einfiel, daß ſie den Schuhmacher mit einem Paar ſehr feiner, kaum benutzter Stiefeln bezahlen konnte, deren ihr Mann nicht mehr bedurfte, da griff ſie mit einem ſo freundlichen, ermunternden Lächeln nach der von Hammar⸗ ſköld erwähnten Feſtrede, wie nur eine liebevolle Frau es einem kränklichen Manne gegenüber geben kann. Jetzt an Form und Gedanken gleich veraltet, war dies Gedicht dazumal ebenſo anmuthig und modern, als die ent⸗ zuͤckende Hirtin im Schäferſpiele. Olymp und Idylle, ſonſt ſo himmelweit von einander entfernt, gingen hier Hand in Hand: ein ſchönes Bild brüderlicher Gleichheit. „So, nun liege ich gut.— Beginne jetzt, geliebte Freundin!“ „So höre, Herr Autor, und träume den Traum noch einmal: „Ihr, die von Bachus' Stamm: Ihr edlen Rittersleute, Ich wage den Bericht Euch vorzutragen heute Von einem ſeltnen Glück, das neulich mir beſchieden, Als ich bei meinem Glas im Keller ſaß zum„Frieden.“ Es war am erſten Mai, vor vierzehn Tagen eben — Solch' einen erſten Mai werd' ich nicht mehr erleben— Ich ſaß bei meinem Quart in innigſtem Ergötzen, Da öffnet leiſe ſich die Thür: Ich ſeh Mercurius den Fuß ins Zimmer ſetzen. Hör', ſprach er, ſeltne Gunſt, mein Freund, wird jetzo Dir: Dich ladet Bachus heute ein! Ich weiß, Du pflegſt Dich ihm zu weihn. Er ſchätzt auch Dich nicht weniger.— Es pflegen des Olymp's geſammte Götterſchaaren Bei ihm den erſten Mai zu feiern ſchon ſeit Jahren. Doch von den Sterblichen biſt Du der erſte, der Von ihm ſo hohe Gunſt erfahren. Erſtaunt ob das, was ich geſehen und gehört, Und um ſo großer Ehr’ mich würdig zu beweiſen, Erwidre ich: Ich bin bereit zu reiſen, Wann Ihro Excellenz begehrt.— 198 Gleich ſah ein prächtig Faß man durch's Gewölb' ſich ſenken, Das ſollte unſer Phaeton ſein; Ich aber rief nach reiflichem Bedenken Dem Kellner zu:„Komm, ſchenke ein!“ Er eilte, Jedem ſchnell ein Schnäppschen Rhum zu ſchenken, Mercurius trank mir zu— wir ſtiegen ein.—“ „Warte einen Augenblick, Maria!“ unterbrach ſie der Dichter mit einem Lächeln der Erinnerung auf den Lippen. „Das wird die Herren im Apothekerelubb amüſiren. Ich ſchwöre Dir,„der Falke“ wird ſo animirt werden, daß er den „Bitteren“ gratis verabreicht. Es iſt eine kleine artige, ge⸗ ſegnete Stadt, in welcher meine Daphne nicht verlaſſen daſtehen wird mit ihren Kleinen, wenn ihr Schä—“ „Guter Magnus, laß mich fortfahren— Du glaubſt nicht, wie ſehr es mich beluſtigt. Nach einer halben Stunde kommen die Kinder aus der Schule.— Wir waren gerade da, wo Du mit Mercur in das Faß ſtiegſt—“ „Irrthum, meine Walkyrie— ich nahm den letzten Schluck zum„Frieden“— hm, dieſer Keller— ich glaube fürwahr, ich ſeufßte— bah, Du weißt wohl, weshalb— Bellmann, Kexel, Hallmann— de Broen— Lidner— ja, ja, das Leben iſt eine ſonderbare Schaukel! Heute ſitzen wir neben einander und ſchaukeln hin und her und fliegen hoch in die Wolken— hei, gloriamus— die Freude ſtrömt durch die Adern, friſch und feurig, wie das Lied über die Lippen— wie der Schaum im Pokal.— Morgen bekommt die Schaufel einen Stoß: der Eine fällt rechts; der Andre links; der Dritte hält ſich feſt; der Vierte ſchleift faſt im Schmutz und hängt zwiſchen Himmel und Erde; aber die Schaukel geht unerbittlich ihren regelmäßigen Gang und— nein, das taugt nicht für mich— die dicken Schweißperlen ſtehen mir auf der Stirn.“ „Ach lieber, theurer Magnus, Du darfſt Dich nicht ſo aufregen!“ „Du haſt Recht— es iſt ſo weit mit mir gekommen, daß ich ar Hand meit ja, Du e und Einzi „O, Aber ſie davon!— ſie mit ein Weibes in „Sie Freundin „Ja, Es geht Ein Bild Wie dure Wie Vat Genug, Kaum zu Und mei Im Bur Die Wac Berauſch Muſik un Die Sch Beim A Des Ba Er konn Und ſein „Me unterbrach „Ber und in a Stammwö halb fort „Das en, u, ſie der Lippen. 1. Ich er den ige, ge⸗ daſtehen glaubſt Stunde rade da, Schluck fürwahr, dellmann, ja, das ir neben h in die durch die 1— wie kel einen ritte hält zwiſchen lich ihren mich— nicht ſo ekommen, 199 daß ich auch damit ſparſam ſein muß— aber wenn Deine Hand meine Stirn ſtreichelt, wird es beſſer— Du weißt es ja, Du edles Weſen, daß Du in jeder Beziehung die Erſte und Einzige biſt.“ „O, ich war nicht eiferſüchtig auf Deine Erinnerungen! Aber ſie ſtehlen mir ja Deine Lebenskraft.— Nichts mehr davon!— Auf dieſe Weiſe kommen wir nicht weiter!“ fügte ſie mit einem Lächeln hinzu, wie es nur aus der Seele des Weibes in ſolchem Augenblicke hervorleuchten kann. „Sieh, ich liege ſchon wieder ganz ſtill, meine traute Freundin— laß das Faß nun die Fahrt beginnen!“ „Ja, wir dürfen nicht ſäumen— es iſt dreiviertel zwölf—“ Es geht in Verſen nicht, ja kaum in Proſa an, Ein Bild zu geben, recht ein der Natur getreu's, Wie durch der Lüfte Raum wir flogen unſre Bahn, Wie Vater Jofur ſelbſt in„Thetis und Peleus.“ Genug, ich ſah alsbald die Erde raſch verſchwinden, Kaum zwei Secunden ſind dahin, als mein Genoß Und meine Wenigkeit ſich mit Vergnügen finden Im Burghof von Herrn Bachus' Schloß. Die Wache ſah ich dort— Ihr Brüder, welch' ein Leben!— Berauſcht lag jeder Kerl auf ſeiner Flinte da, Muſik und Musketier und Grenadier daneben, Die Schildwach ſchrie„Gewehr!“ ſobald das Faß ſie ſah. Beim Aufgang hieß man uns mit großem Prunk willkommen, Des Bachus Mundſchenk auch begann zu haranguiren, Er konnte nicht mehr ſtehn, ſo viel hatt' er genommen Und ſeine Rede war ein ſtetes Balanciren— „Mein Freund, mir ſcheint, hier kommt ſo viel von—“ unterbrach ſich die junge Frau. „Beruhige Dich, Daphne, das ſind hiſtoriſche Ausdrücke und in allen Tempeln des Bachus privilegirt— kurz es ſind Stammwörter, an denen man nicht feilen darf.— Fahre des⸗ halb fort und überſpringe nichts, wie eben!“ „Das war nur wegen des ewig wiederholten—“ 200 „Von dem ewig jungen— meinſt Du. Richtig. Nun, jetzt fängt er alſo an, zu haranguiren.“ Der Vater Bachus ſelbſt ſtand an dem Innenthor, Mit Schweiß und Bier in ſeinen Brauen, Ganz aufgeblaſen, roth und ſtrotzend anzuſchauen, So ſett wie ein Faß Thran aus Marſtrand trat er vor. Ein flüchtig Compliment ward Jedem von dem Alten; Ich gab zur Rechten das Geleite, Mercurius trat an die linke Seite; So ward in Proceſſion Einzug ins Schloß gehalten.— Ich ſollte hier vielleicht beſchreiben etwas breiter Des Schloſſes Ausſehn, Park, die Lage und ſo weiter, Doch ich bin nicht geneigt, Geſchichte heut' zu ſchreiben. Ein andermal vielleicht geb' ich mein Thun und Treiben In Druck; und was geſchehn mit mir bei dem Beſuch, Will auf's Genauſte ich notiren. Ich laſſe dann pränumeriren, Das giebt ein intreſſantes Buch!— —— r————————— Hier entfiel der jungen Frau das Blatt.——„Ach, Magnus, wie hellſehend biſt Du geweſen— geht es jetzt nicht wirklich auf Subſeription?“ „Herrlich! Ergötzlich!“ rief der Poet. Aber diesmal klang die Munterkeit nicht natürlich, wie ſonſt.„Das Stück iſt vom Schickſal ſelbſt zu dem erſehen, was es nun werden ſoll.“ Maria drückte die weiße, abgezehrte Hand ihres Gatten und begann von Neuem: Ein länglich runder Tiſch, aus Chryſolith gemacht, War von den Göttern des Olymps ſchon eingenommen. Vier Lü Vier S In Per Das wo Noch w Sie wa O, geg „Heo ſender M höre auch Ebenbild. zu hartes ter Schat Das vierte— Und vielle dieſem Ar er lächelte und Erſcl Am um einige thekerelubl jedem Ta man auf ſchienen d Eini Stadt. 2 rothen Bo die friſche im Stübch Nun, „Ach, zt nicht l klang iſt vom .⸗ Gatten 201 Vier Löwenrachen ſpieen an dieſes Saales Ecken Vier Ströme in die Luft, die regneten herab In Perlen friſch und klar, in große goldne Becken, Das war aus Uugarn Wein, vom Rhein, Burgund und Cap. Noch war die Pracht erhöht durch die ſmaragdne Bowle, Sie war wie Björkfiärd*) groß, voll Duft, wie die Viole. O, gegen die ſind unſre Bowlen nichts—“ „Halte jetzt inne, liebe Maria!“ bat der Mann mit wach⸗ ſender Mattigkeit.„Wir haben für dieſe Nummer genug. Ich höre auch meinen Liebling kommen: die kleine Caroline, Dein Ebenbild. Ach, möge der liebe Gott unſeren Kindern kein zu hartes Loos beſcheiden— die Schönheit iſt ein gefährde⸗ ter Schatz.“ Das kleine, reizende Weſen— von fünf Kindern das vierte— kam jetzt hereingehüpft und unterbrach das Geſpräch. Und vielleicht war es dem Capitain Lannerstjerna verliehen, in dieſem Augenblicke einen Blick in die Zukunft zu werfen: denn er lächelte, wie man zu thun pflegt, wenn liebliche Träume und Erſcheinungen die Seele umſchweben. Am nächſtfolgenden Sonnabend erſchien das Wochenblatt um einige Anecdoten aus dem„Bauern⸗Repertoir“ des Apo⸗ thekerelubbs bereichert. Aber obgleich die Abonnenten ſich mit jedem Tage vermehrten— der Redacteur war ſo beliebt, daß man auf das magerſte Blatt abonnirt haben würde— ſo er⸗ ſchienen doch nur noch einige wenige Nummern davon. Einige Wochen ſpäter herrſchte tiefe Trauer in der ganzen Stadt. In dem kleinen Häuschen am Smedklefven hatten die rothen Balſaminen dem weißen Sterbelaken weichen müſſen und die friſchen, grünen Tannenzweige dufteten nicht blos drinnen im Stübchen: auch draußen auf dem blendenden Schnee bildeten *) Björkfjärd: eine Bucht des Mälarſees. D. Ueberſ. ſie einen breiten, grünen Weg, auf dem man viele ſchwarze Geſtalten mit wallendem Trauerflor erblickte. Die glühenden, heiligen Liebesworte zwiſchen dem treuen Paare, welches ſeine Seele ſo rein und roſig bis an den letzten Augenblick zu bewahren gewußt, hat Niemand vernom⸗ men, doch wer ſelbſt geliebt, hat ihre tiefe, heilige Bedeutung geahnt und verſtanden. Wohl fühlte er, daß er ſie mit den Kleinen allein und den Stürmen des Lebens preisgegeben, zurückließ, aber er ver⸗ ließ ſich auf Den, der ſich des Lammes auf nackter Klippe annimmt und den Vogel unter dem hohen Himmelsgewölbe beſchützt. Es war am 15. Januar 1797, als Johan Magnus Lannerstjerna's Seele ihre irdiſche Hülle verließ, die ſie nur achtunddreißig Jahre bewohnt hatte; und ſo beliebt und geachtet war er in dem Kreiſe, dem er in den letzten Jahren angehört hatte, daß ſein Andenken noch ungeſchwächt in dem letzten dieſer Freunde fortlebte, welcher der lauſchenden, heranwachſen⸗ den Generation die Geſchichte dieſes unglücklichen, braven jungen Mannes erzählen konnte.————— Von jener Stunde an glitt kein Lächeln mehr über Frau Maria Lannerstjerna's Lippen, kein noch ſo zartes Roth wärmte ihre todtbleiche Lilienwange. Einem ſchönen, friedevollen Schat⸗ ten ähnlich, glitt ſie ohne Klage durch's Leben. Mutterpflichten und eine immer wachſende Frömmigkeit hielten ſie aufrecht und verliehen ihr den Muth, ſo lange Jahre in Geduld auf die Wiedervereinigung mit ihrer erſten und einzigſten Liebe zu hoffen: mit dem Manne, welcher ihr nie gezeigt, was dieſe Liebe ihn gekoſtet hatte. warze treuen n den rnom⸗ eutung n und r ver⸗ Klippe ewölbe tagnus ie nur eachtet gehört letzten achſen⸗ braven Frau wärmte Schat⸗ flichten ht und uf die ebe zu 3 dieſe lein Gevatter. Zebn J Anfange einſamer Laune, gendlich. De diſcher C abhängig von eine die er v. ſchloſſen, wo die ſeine Ne ihm erw Nu den, wo Decken, dem Geſ Er Stadt vr ohne noc Gaſthofe Zebn Jahre nach dem Tode des Capitains Lannerstjerna, im Anfange des Frühlings von 1817 erſchien in Strömſtad ein einſamer Reiſender, ein Mann noch jung an Jahren, aber in Laune, Gedanken und Einbildung nichts weniger, als ju⸗ gendlich. Der Rittmeiſter Wilhelm Hoving, ein ſogenannter ſchwe⸗ diſcher Engländer(mit angeborenem Spleen, wohlhabend, un⸗ abhängig und voller Einfälle, welche ihm halfen, das Leben von einer möglichſt ſchweren Seite zu erfaſſen, wie eine Bürde, die er verurtheilt war, mit ſich umher zu ſchleppen) hatte be⸗ ſchloſſen, einen Sommer an dieſem nackten Geſtade zuzubringen, wo die Seewinde ſein Blut kühlen, der Schaum der Wogen ſeine Nerven ſtärken, und wo er außerdem die oft plötzlich in ihm erwachende Luſt zum Fiſchen befriedigen könnte. Nun handelte es ſich aber darum, eine Wohnung zu fin⸗ den, wo Zimmer, Matrazen, Sophas, Stühle, Laken und wollene Decken, Speiſe, Aufwartung und beſonders die Menſchen mit dem Geſchmack des Reiſenden ſympathiſirten. Er begann ſeine Nachforſchungen damit, daß er die ganze Stadt von einem Ende bis zum anderen durchwanderte; und ohne noch in einem andren Hauſe geweſen zu ſein, als im Gaſthofe, wo er alles Unterſte zu oberſt gekehrt und ſelbſt der 206 Frau Wirthin den Kopf heiß gemacht hatte, beſchloß er ſeinen Aufenthalt ſüdlich von der Brücke zu wählen. Von dieſem Geſichtspuncte ausgehend, begann er ſeine Wanderung hausaus, hausein, die ganze Langeſtraße entlang, um ſich nach einer weder zu großen, noch zu kleinen Wohnung umzuſehen: ein Verhältniß, welches auch auf alle anderen Nebendinge ſeine Anwendung fand. Er gebrauchte keinen ſo geräumigen Saal, daß er ſich darin müde gehen konnte, aber das Zimmer durfte auch nicht ſo klein ſein, daß er ſich, ſobald er zu ſpazieren an⸗ fing, an die gegenüber liegende Wand ſtieß. Er liebte den Sonnenſchein bis zu einem gewiſſen Grade, doch zog er für den Sommer ein Zimmer ohne Sonne vor, in welchem ein gemüthliches Halbdunkel und eine temperirte Luft herrſchte. Kurz es war ſo Vieles, was ihm gefiel und nicht gefiel, daß man ihn überall, wo ſich ſeine lange dünne Geſtalt auf der Schwelle zeigte und ihre großen und kleinen Anſprüche kund that, mit dem verbindlichſten Lächeln verſicherte, daß was er wünſche, gewiß in einem anderen Hauſe zu finden ſein werde. So kam er bis an den Markt, wo er zuerſt in die Apotheke hineinzugehen beſchloß. Wäre er um einige Jahre früher gekommen, ſo würde unſer biederer, dienſtfertiger Apotheker ihm gewiß mit Rath und That beigeſtanden haben. Nun aber war„der Falke“ längſt mit ſeinem Weibchen zur Ruhe gegangen und ſchon wuchs das Gras ſo hoch auf ihren Gräbern, daß die ſpielen⸗ den Kinder ſich darin herumtummelten. Ihre eigenen Kinder hatten längſt jedes ſeinen Wirkungskreis gefunden, denn es iſt lange her ſeitdem wir im Jahre 1782 unſeren erſten Beſuch in der Apotheke abſtatteten!— Dieſelbe war niemals wieder zu einem ſo beliebten Sam⸗ melplatz für die Herren der Stadt geworden. Wer lachte ſo herzlich, wer erzählte ſo ergötzliche Anecdoten wie Falk?— Und dann die ſanfte, gutherzige Frau Majken mit ihren Nerventr lich verm fühlten empfinder Als um Aus ernſte Ap den, der quält, ä „Mein§ nämlich d „D. „Man ha begnüge „Bä zuſchlagen Kerl wär bezahlen! Bei bei der haben gla ſuche bee und ſchwe ihn Niem Als ſein lange hätte er d „Eit die ihres hat!— ſeinen dieſem isaus, einer : ein ſeine Saal, durfte en an⸗ te den er für m ein erſchte. I, daß uf der kund vas er werde. votheke würde Rath Falke“ ſchon pielen⸗ Kinder es iſt Beſuch Sam⸗ hte ſo 8?— ihren 207 Nerventropfen und ihrer Eiferſucht!— Beide wurden ſchmerz⸗ lich vermißt, und wenn ſchon die Freunde und Bekannten dies fühlten— was mochten da die ihnen näher Stehenden empfinden! Als Rittmeiſter Hoving nun in die Apotheke trat und um Auskunft über eine paſſende Wohnung bat, ward der ernſte Apotheker Hornér ſo empört über die Unart des Frem⸗ den, der ſich von den verſchiedenen Gerüchen der Apotheke ge⸗ quält, ängſtlich die Naſe zuhielt, daß er mürriſch antwortete: „Mein Herr, Sie können hier nur eine Auskunft erhalten, nämlich die, daß meine Apotheke kein Commiſſionsbureau iſt!“ „Das iſt verdammt wenig!“ antwortete der Rittmeiſter. „Man hatte mir doch geſagt—“ „— Daß es früher ſo geweſen iſt;— möglich— ich begnüge mich mit einem Beruf.“ „Bär!“ murmelte der Rittmeiſter die Thür hinter ſich zuſchlagend.„Gott gebe, daß ich hier nicht krank werde, der Kerl wäre fähig, mir Gift zu geben.“ „Hochmüthige Fratze!“ murmelte der Apotheker,„wenn Du hier krank wirſt, ſollſt Du die Medicamente theuer genug bezahlen!“ Bei den unzähligen Anfragen und Nachforſchungen, wo⸗ bei der Rittmeiſter die beſcheidenſten Anſprüche gemacht zu haben glaubte, war er doch von Allen, die er mit ſeinem Be⸗ ſuche beehrt hatte, für einen ſo wunderlichen, empfindlichen und ſchwer zu befriedigenden Menſchen gehalten worden, daß ihn Niemand als Miethling in's Haus zu nehmen wagte. Als er aus dem letzten Hauſe heraustrat, ſchwenkte er ſein langes ſpaniſches Rohr mit einer Kraft in die Luft, als hätte er die ganze Stadt unter ſeiner Fuchtel gehabt. „Eine ſo verrückte Stadt,“ ſprach er,„ohne allen„esprit“, die ihres Gleichen nicht in den Annalen der ganzen Welt hat!— Sich von Thür zu Thür ſo gegen einen Fremden 208 zu betragen, gerade als wäre er der wandernde Schuſter von Jeruſalem, ein Peſtkranker, ein Hexenmeiſter oder— hier kam das ſpaniſche Rohr mit einem kleinen rothen, langhaarigen Hündchen in Contact, das dem erzürnten Herrn ganz unſchul⸗ dig vorbeigelaufen war und nun jämmerlich zu bellen und zu heulen anfing. „Was haben Sie mit meinem Hunde zu thun, Herr?— Spader, mein alter prächtiger Junge, lebſt Du noch oder hat der tückiſche Türke Dir den Garaus gemacht?“ Mit dieſen Worten wurde eine hochgewachſene ernſte Frau ſichtbar, welche unter lautem Schelten und Zanken drohte, den Thäter auf’'s Rathhaus citiren zu laſſen. „Still, um Gotteswillen, ſtill, Frau.— Sie haben ja abſcheuliche Manieren! Ich fuchtelte mit meinem Rohr ohne jede Abſicht, Ihrem Hunde etwas Böſes zu thun. Hier, neh⸗ men Sie und dann machen Sie—“ „Schau! Zwei Dreithalerzettel?— Das läßt ſich hören!— Schweig, Spader, der Herr hat ſich anſtändig ent⸗ ſchuldigt.— Aber, wie iſt mir, ſind Sie nicht der Herr, welcher die Straßen auf und ab läuft, um eine Wohnung zu finden?“ „Ich glaube fürwahr, die ganze Stadt iſt von Tollhäus⸗ lern bewohnt!“ ſprach der Rittmeiſter vor ſich hin, und ſchickte ſich an, weiter zu gehen. Die Alte, die durch das reichliche Geſchenk verſöhnt war, trat ihm aber in den Weg und fragte:„Soll ich Ihnen eine Wohnung zeigen, Herr?“ „Wenn Sie etwas Paſſendes wiſſen, warum nicht?“ „Das will ich meinen! Ich hörte zufällig, daß der Herr eine Wohnung ſucht, wo Sonne und auch keine Sonne iſt und wo die Bretter des Fußbodens weder zu kurz noch zu lang ſind.“ „Das wäre allerdings nach Wunſch.“ „Se der Straf hinzieht?“ „We „In das Haus der Herr Hofe zu; der Straß ſein, daß auch nicht ſich ein b⸗ „Da Hauſes, it „Ja, Haus gehr Sie ſich li im Hauſe Strähne c „Gut zige vernü haben Sie beſſere Lat „Das Dienſt gut Land. Ad Am Laune an beſchädigten mem, zuve Mein Carlen, C⸗ er von er kam narigen nſchul⸗ und zu rr?— der hat dieſen welche r auf's äben ja r ohne r, neh⸗ ßt ſich ig ent⸗ r Herr, ung zu Allhaͤus⸗ ſchickte it war, en eine 2 der Herr onne iſt noch zu 209 „Sehen Sie das hellgraue Haus, welches dort unten der Straße anfängt und ſich dann am Markte, nach der Bucht hinzieht?“ „Weiter.“ „In dem entfernteſten Flügel geht ein Saal quer über das Haus, der auf jeder Seite zwei Fenſter hat.— Will der Herr ſich aufthauen im Sonnenſchein, ſo geht er nach dem Hofe zu; will er ein abkühlendes Bad nehmen, geht er nach der Straße zu, und außerdem wird der Saal gerade ſo groß ſein, daß Sie ſich nicht müde zu laufen brauchen und ſich auch nicht an die gegenüber liegende Wand ſtoßen, wenn Sie ſich ein bischen Motion machen wollen.“ „Dank, brave Frau! Wie heißt denn der Beſitzer des Hauſes, in dem ich wohnen werde?“ „Ja, ob es dahin kommt, weiß ich noch nicht. Das Haus gehört dem Patron Rüttiger Smith. Aber— wenden Sie ſich lieber an die Frau; ſie hat ſchon viele feine Herren im Hauſe wohnen gehabt und verſteht es, die verwirrteſten Strähne aufzuſchlichten.“ „Gut!— Ich fange an zu glauben, daß Sie die ein⸗ zige vernünftige Perſon in der ganzen Stadt ſind.— Da haben Sie noch einen Dreithaler dafür, daß Sie mich in beſſere Laune gebracht haben.— Wie heißen Sie?“ „Das brauchen Sie nicht zu wiſſen. Ich habe meinen Dienſt gut bezahlt bekommen und gehe nun mit Spader auf's Land. Adieu, Herr!— Glück zu!“ Am folgenden Tage, als mein Vater in ſichtlich übler Laune an der Brücke ſtand und der Löſchung einer Quantität beſchädigten Kaffee's beiwohnte, ſchritt ein Mann von vorneh⸗ mem, zuverſichtlichem Ausſehen auf ihn zu. Mein Vater ſtand nicht mehr in dem kraftvollen Alter Carlen, Cam. obsc. II. 14 ——— 210 de Jugend. Der Herbſt hatte bereits ſeine Silberflocken in das dunkle Haar geſtreut und die Geſtalt etwas vornüber ge⸗ beugt, aber die kühn gezeichneten Brauen, das klare Auge und die tiefe Stirnfalte ließen verſtehen, daß noch immer derſelbe Geiſt in ihm wohne, der es ſich zur Aufgabe gemacht hatte, jene Hypochondrie zu bekämpfen, die ihn jetzt weit häufiger beſchlich als ſonſt— dieſe Macht, welche den feſteſten Cha⸗ racter zu beherrſchen und den ſtärkſten Willen gleich einem Rohr zu biegen vermag. Mit immer wachſender Menſchenliebe umfaßte er den großen Kreis ſeiner Untergebenen und war von ihnen ebenſo geliebt, als geachtet. Jeder Bootsmann, jeder Arbeitsmann oder Hausknecht war ihm mit Frau und Kindern zugethan und vermochte nichts zu unternehmen oder zu beſchließen, ohne ſeinen„Patron“ um Rath und Meinung gefragt zu haben. Deſſenungeachtet wußte er ſich ſo im Re⸗ ſpeet zu halten, daß er nur die Augenbrauen zuſammen zu ziehen oder den Stock von der linken Hand in die rechte zu nehmen brauchte, um den ganzen Kinderſchwarm in die Flucht zu ſchrecken, die ſich dann im Seetang unter den alten Böten verſteckt hielten. Ließ er ſie jedoch in ihrem Spiel zwiſchen den Steinen und Speichern gewähren, ſo waren ſie Alle be⸗ reit, aufzuſammeln was im Wege lag und dem Transport hin⸗ derlich ſein konnte: von den dürren Reiſern und Tau⸗ und Baſtenden, bis zu werthvolleren Sachen, die ſie am Wege fanden. Die Väter dieſer heranwachſenden Generation wären für ihren Patron bis an's Ende der Welt gegangen. Und wenn die Frauen und Töchter im Comptoir oder im Kaufladen er⸗ ſchienen, um Nachrichten von den Gatten und Vätern zu holen, die mit den Schuten des Patrons„auf See“ waren, ſo lächelten ſie ſo freundlich und knixten ſo lange und ſo tief, für das Geſchenk an Kaffee und Zucker, das ihnen die Zeit kürzen ſollte,— daß ſie oft in Gefahr geriethen, die Treppe rücklings hinab zu fallen.— Später werde ich an ge⸗ eignetem Frauen er Ich ter nicht ter.— Seele vo klar zu T Gewohnhe keit ohne immer geſ rathsluſtig Frau Sm jede Thür Nun Rittmeiſter nähert. 2 guter Lau mann“ ha den Stur langer Zei „Hal ſehen?“ würdige T maſſe bliel „Wa Ballen an in die Hö mann, ohr „Mei ob Sie H ganz gedu „Ihr Sie mit i ſerſelbe hatte, lnfiger Cha⸗ einem ſenliebe d war zmann, u und in oder einung m Re⸗ ten zu chte zu Flucht Böten wiſchen llle be⸗ rt hin⸗ u⸗ und fanden. ren für d wenn den er⸗ holen, en, ſo ſo tief, ie Zeit Treppe an ge⸗ 211 eignetem Orte von meines Vaters„Capitainen“ und deren Frauen erzählen. Ich muß der Wahrheit gemäß bekennen, daß meine Mut⸗ ter nicht in ſo hohem Grade vergöttert wurde, wie mein Va⸗ ter.— Wie konnte man aber auch wiſſen, was Alles in ihrer Seele vorging. Die Weichheit ihres Herzens lag nicht ſo klar zu Tage, denn ſie war eine Frau von ernſten, ſtrengen Gewohnheiten, die deutlich zeigte, was ſie verlangte: Gerechtig⸗ keit ohne Schwäche. Ihre Hausmamſellen und Mädchen waren immer geſucht, ſowohl von den Herrſchaften, als von den hei⸗ rathsluſtigen jungen Männern.„Sie iſt ſo und ſo lange bei Frau Smith geweſen,“ war ein Empfehlungsbrief, der ihnen jede Thür öffnete. Nun iſt es aber Zeit von dieſem Abwege wieder zu dem Rittmeiſter überzugehen, welcher ſich gerade meinem Vater nähert. Die Pfeife im Munde und bei nichts weniger als guter Laune, ſitzt dieſer dort auf der Steinbank:„der Kauf⸗ mann“ hatte heut manchen Verdruß gehabt und überdies durch den Sturz eines ausländiſchen Handlungshauſes vor nicht langer Zeit einen bedeutenden Verluſt erlitten. „Habe ich das Vergnügen, Herrn Smith vor mir zu ſehen?“ Der Rittmeiſter bemühte ſich, eine möglichſt liebens⸗ würdige Miene anzunehmen, die aber doch immer eine Gri⸗ maſſe blieb. „Was zum Teufel, Elias, ſiehſt Du denn nicht, daß der Ballen an dem einen Ende geplatzt iſt?— Wirf den Kaffee in die Höhe— hierher mit dem Faß!“ So redete der Kauf⸗ mann, ohne den Fremden eines Blickes zu würdigen. „Mein Herr, ich nahm mir die Freiheit, Sie zu fragen, ob Sie Herr Smith ſind?“ fragte der Rittmeiſter noch einmal ganz geduldig. „Ihr Diener, Ihr Diener— jawohl, der bin ich. Haben Sie mit mir in Geſchäften zu reden, ſo bitte ich, daß Sie 14* 212 zwiſchen fünf und ſechs Uhr wiederkommen.— Ich habe jetzt keine Zeit, wie Sie ſehen.“ „Ich befaſſe mich nicht mit dergleichen, mein Herr!“ ent⸗ gegnete der Rittmeiſter piquirt.„Halten Sie mich etwa für einen Krämer?“ „Für was Sie wollen,“ entgegnete mein Vater ſchon etwas warm—„doch ſtören Sie nicht andere Leute in ihren Angelegenheiten.— Du, Elias, wir müſſen wohl hinauf⸗ ſchicken und Kriſter holen laſſen; ich habe heute keine Leute mehr. Dein Sven kann wohl hinlaufen, ich ſehe den Jungen gerade dort zwiſchen den Balken auftauchen.“ „Immer dieſelbe tolle Stadt!“ brummte der Rittmeiſter und fügte dann laut hinzu:„Mein Anliegen iſt wichtig und hat Eile.“ „Zwiſchen fünf und ſechs Uhr, Herr!“ „Sie können mich ebenſo gut jetzt anhören. Ich bin kein Laufburſche.“ „Nun, da Sie ſo große Eile haben, können wir die Sache ſofort abmachen: Ich antworte ein entſchiedenes Nein! auf Alles, was Sie von mir wollen— das iſt klar genug, hoffe ich.“ „O, bewahre der Himmel, ſo dürfen wir uns nicht übereilen.— Ich bin der Rittmeiſter Hoving und—“ „Das freut mich.— Verdammt! Iſt da nicht ſchon wieder ein Sack geplatzt.— Reitet denn der Böſe alle Säcke heut?“ „— und hoffe Anſpruch auf höfliche Begegnung machen zu können.“ Jetzt nahm der Kaufmann die Pfeife aus dem Munde, richtete ſich hoch auf und maß den Fremden vom Kopfe bis zum Fuße.„Herr,“ ſprach er mit ſteigendem Mißvergnügen, „ich ſagte Ihnen eben, daß Sie ſein können, wer und was Sie wollen, aber daß Sie nicht andere Leute in ihren Ge⸗ ſchäften Höflichkeit Brücke zu radezu im „Ab deſſen Fer rief der zwungen „Zit habe kein „Ah „man hat er plötzlie blicke vern Er nicht gün und eilte und in d Wort mit Mei in den regierten. wo ſie ar ſpräche be Kaum he den Ferſ jener an gewohnte ſchuldigen erneuern. 213 e jetzt.—. ſchäften ſtören ſollen. Jetzt ſage ich Ihnen, ſuchen Sie ent⸗ Höflichkeit, wo es Ihnen gefällt, aber ſeien Sie ſo höflich, die a für Brlcke zu verlaſſen, Sie ſehen ja, daß Sie den Leuten ge⸗ radezu im Wege ſtehen.“ ſchon„Aber es handelt ſich um ein Zimmer, um den Saal, ihren deſſen Fenſter nach Norden und nach Süden hinausgehen!“ hinauf⸗ rief der Rittmeiſter, dunkelroth im Geſicht, während er ge⸗ Leute zwungen wurde, einige Schritte zurückzuweichen. ungen„Zimmer?— Ah, da iſt nichts mehr zu berathen: Ich habe keine Zimmer zu vermiethen.“ tmeiſter„Ah, welch ein ſchreckliches Unglück!“ rief der Rittmeiſter, g und„man hatte mir doch geſagt, daß ich mich an—“ hier brach er plötzlich ab, verbeugte ſich und war in demſelben Augen⸗ blicke verſchwunden. ſch bin Er ſchritt durch die Gaſſe— der Augenblick konnte — nicht günſtiger ſein— bog rechts ab von dem Marktplatze vir die und eilte die Treppe des weiß angeſtrichenen Hauſes hinauf Nein! und in das Haus hinein, wo er freundlich darum anhielt, ein genug, Wort mit der Dame vom Hauſe reden zu dürfen. s nicht t ſchon Meine Mutter war ſchon ſeit Jahr und Tag nicht mehr ſe alle in den Laden gekommen, wo jetzt Buchhalter und Commis regierten. Sie war gewöhnlich im Empfangszimmer zu treffen, machen wo ſie auch jetzt mit zwei anderen Damen im traulichen Ge⸗ ſpräche begriffen war, als ihr ein fremder Herr gemeldet ward. Munde Kaum hatte ſie den Rittmeiſter, welcher dem Commis auf pfe bis den Ferſen folgte, in der Thür erblickt, als ſie ſich mit zuügen jener anmuthigen Unbefangenheit erhob, welche langjährig d was gewohnte Gaſtfreiheit verleiht, und ſich bei den Damen ent⸗ en Ge⸗ ſchuldigend, bat ſie dieſelben, am Nachmittage ihren Beſuch zu erneuern. 214 Die beiden Damen nahmen eiligſt Abſchied, aber, um aus der Thür zu kommen, mußten ſie erſt bei dem Rittmeiſter vorbei, welcher wie feſtgewurzelt in der Thür ſtand, und gar nicht geſonnen ſchien, den Damen Platz machen zu wollen, bis er von der älteren Dame durch eine Handbewegung dazu aufge⸗ fordert wurde. Die Jüngere wollte den Sonderling näher ins Auge faſſen, aber wurde für ihre unſchuldige Neugierde be⸗ ſtraft: das Blut ſtieg ihr bis an die Stirn, weil ſie merkte, daß gerade ſie der Gegendſtand ſeines merkwürdigen Erſtaunens war. Endlich war die Thür wieder geſchloſſen und noch immer ſtand er ſtumm und wie in Nachſinnen verloren da. „Sie wünſchten mit mir zu ſprechen, mein Herr?“ fragte meine Mutter, nicht wenig verwundert über das eigenthümliche Schweigen des Fremden. „Ein merkwürdig bleiches Geſicht— etwas Sublimes— Raphael's Madonna hätte ſich vor dieſen Zügen nicht zu ſchämen brauchen, d. h. in einem Alter, in dem man ſie ſelten gemalt ſieht. Das zweite Geſicht habe ich ganz gewiß ſchon in einer Privat⸗ gallerie in Deutſchland bewundert— das gehört zu den„be⸗ ruhigten Phyſiognomien“, nicht etwa Madonna, weil ich glaube, daß dies junge Mädchen kein Leben in ſich trägt, ſondern weil man bei ihrem Anſchauen empfindet, als hätte man Opium ge⸗ nommen, welches angenehme, freundliche Träume hervorruft.“ Meine Mutter war zu ſcharfſinnig und hatte zu viel Men⸗ ſchenkenntniß, um auf den Gedanken zu fallen, daß ſie es mit einem Irrſinnigen zu thun habe. Auch hatte ſie bereits von dieſem Sonderlinge gehört und am vorhergehenden Abend ge⸗ ſehen, wie er die Luft vor ihrem Hauſe mit Zollſtock und Spa⸗ zierſtock gemeſſen hatte. Sie errieth deshalb ſein Anliegen und mußte im Stillen darüber lächeln, daß auch ſie nun dies Ori⸗ ginal vor ſich habe. „Darf ich Sie fragen, Madame, wer dieſe beiden Frauen waren?“ „F. deren T der Star Hoving 6J ving, eir ſehen ha than, me — Die dem etw zuwege triarchal hier, pa leiſeſten — ‿ Güte h'e „2 trotz m Mann. heimiſch Neigung für mi Hülfsm der Zeit ich einit ſundhei . erlaube wir ba⸗ Sie je des He vorzugt m aus vorbei, nicht bis er aufge⸗ er ins rde be⸗ merkte, aunens immer fragte ümliche nes— chäͤmen lt ſieht. Privat⸗ n„be⸗ glaube, n weil im ge⸗ ft.⸗ [ Men⸗ es mit es von nd ge⸗ „ Spa⸗ n und s Ori⸗ Frauen 21⁵ „Frau Lannerstjerna eine ſehr geſchätzte Freundin, und deren Tochter: Fräulein Caroline Lannerstjerna, der Liebling der Stadt.— Habe ich das Vergnügen den Herrn Rittmeiſter Hoving vor mir zu ſehen?“ „Ja leider, Madame! Leider bin ich der Rittmeiſter Ho⸗ ving, ein Mann, den Gott zu allem möglichen Unglück auser⸗ ſehen hat;— wenigſtens hat dieſe Stadt ihr Möglichſtes ge⸗ than, meine Nerven auf eine außerordentliche Probe zu ſtellen. — Die Luft in dieſem Zimmer iſt ſehr geſund, es liegt außer⸗ dem etwas darin, welches eine wohlthätige Reaction im Blute zuwege bringt— Alles einfach, bürgerlich, achtungswerth, pa⸗ triarchaliſch— nichts was das Auge ſtört!— Ich fühle mich hier, parole d'honncur, vollkommen behaglich und nicht von der leiſeſten unangenehmen Empfindung attaquirt.“ „In ſolchem Falle wird der Herr Rittmeiſter vielleicht die Güte haben, Platz zu nehmen!“ „Mit Vergnügen.— Sehen Sie, meine Gnädige, ich bin trotz meines recht geſunden Ausſehens ein ſehr kränklicher Mann. Ich bin weit umher gereiſ', ohne mich irgendwo recht heimiſch fühlen zu können. Kein Menſch hat meine dauernde Neigung gewinnen können und keiner hat wirkliche Sympathie für mich gehegt. Man mag nun aber noch ſo viele innere Hülfsmittel beſitzen, ſo genügt man ſich doch nicht für die Länge der Zeit, und ich wünſchte ſehnſüchtig, ein Haus zu finden wo ich einige Monate lang ruhig wohnen und meine zerrüttete Ge⸗ ſundheit wieder herſtellen kann.“ „Und was kann ich dazu beitragen?“ „Viel, o ſehr viel. Erſtens, beſte Madam Smith— ich erlaube mir dieſe vertrauliche Anrede, weil ich vorausſehe, daß wir bald näher mit einander bekannt werden— erſtens beſitzen Sie jenen feinen, durchſichtigen Verſtand, und jenen Inſtinet des Herzens, den man in allen Ständen nur bei einigen be⸗ vorzugten Frauen wiederfindet, und der es ihnen möglich macht 216 ſich mit der liebenswürdigſten Ungezwungenheit in alle Ver⸗ hältniſſe hinein zu finden.“ „Dieſe Worte ſind ebenſo ſchmeichelhaft für Sie, wie für mich, Herr Rittmeiſter!“ entgegnete meine Mutter mit heiterer Miene.„Denn wer eine Perſon nach der Bekanntſchaft von wenigen Minuten ſo gründlich beurtheilen kann, muß ſich ſeiner Unfehlbarkeit in dieſer Gabe bewußt ſein.“ „Charmant! Und ſehr wahr geſprochen— Dieſe Aufrich⸗ tigkeit— welche im Munde einer Dame keineswegs dreiſt genannt werden darf— hat mich ganz und gar bezaubert. Ja, Madame, ich verlaſſe mich ſo ziemlich auf mein Ur⸗ theil, und ich kann nicht ſagen, daß es mich ſo ſehr oft betro⸗ gen hat.— Um nun aber dem eigentlichen Hauptpuncte: der Urſache meines Hierſeins näher zu rücken— nun die Combina⸗ tion liegt auf der Hand— ich bin feſt davon überzeugt, daß Sie ſchon Alles errathen haben.“ „Wenn dies wirklich der Fall wäre, Herr Rittmeiſter, ſo fürchte ich—“ „Pardon, beſte Frau, um Ihrer eigenen guten Eigenſchaf⸗ ten willen! Ich will mich meiner Unfehlbarkeit als Phyſiognomiſt begeben, wenn ich darauf ſchwören kann, daß Sie ſich niemals fürchten.“ „Aber Herr Rittmeiſter, Sie wiſſen ja nicht——“ „Brauche ich mehr zu wiſſen, als daß dies Haus das einzige in der ganzen Stadt iſt, welches mir gefällt?— Wenn ich ſo unglücklich bin, von hier ausgewieſen zu werden, ſo bleibt mir nichts anderes übrig, als meine Sachen zu packen und mich wieder auf die Landſtraße zu legen.“ „Sie wiſſen ja aber gar nicht, ob Ihnen hier wirklich alles zuſagt. Denken Sie ſich nur den großen Hausſtand, geradeüber der Kaufladen mit dazu gehörender Unruhe; an einem Ende des oberen Stockwerks die Schulſtube der lärmenden Kna⸗ ben; dabei ein unaufhörliches Hin⸗ und Herrennen von frem⸗ den Mei Strande mes und ken Sie Recht hal „W ſungen w und mich Sie ſehe fallen Si jemals ein Dame bel man ſchich Umgang zugsweiſe das eigen ſuche. U kennen, d halb dieſ derſelbe 1 ſelben abſ „Del Ihnen mi anderweiti zige Unang liegt.— paſſender. zu nahe.“ „Laſ wir dieſen dem nächſt „Wir „Ich Ver⸗ e für iterer t von ſeiner frich⸗ dreiſt ubert. Ur⸗ betro⸗ : der bina⸗ daß r, ſo ſchaf⸗ omiſt mals 217 den Menſchen; Lärm und Geſchrei von den Speichern am Strande und in den Kellern, das Toben und Heulen des Stur⸗ mes und bisweilen auch ein bischen Unwetter im Hauſe. Den⸗ ken Sie an alles dies, und Sie müſſen geſtehen, daß ich Recht habe.“ „Wenn dieſe Litanei mir von Jemand anders vorge⸗ ſungen wäre, hätte ich die Finger in beide Ohren geſteckt, und mich längſt aus dem Staube gemacht. Aber je länger ich Sie ſehe und höre, werthe Madame Smith, deſto mehr ge⸗ fallen Sie mir. Fürchten Sie nicht, daß dieſe Bewunderung jemals eine Farbe annehmen könnte, die eine ſo achtungswerthe Dame beläſtigen müßte, und die ſich ſchlecht für einen Gentle⸗ man ſchicken würde.— Was mir eigentlich noth thut, iſt der Umgang mit liebenswürdigen feingebildeten Frauen und vor⸗ zugsweiſe in dem Hauſe, wo ich wohne. Sehen Sie, das iſt das eigentliche Geheimniß in Betreff der Häuslichkeit, die ich ſuche. Und wenn ich ganz aufrichtig ſein ſoll, ſo muß ich be⸗ kennen, daß ich den Saal, welcher für ſich allein und ober⸗ halb dieſer beiden Zimmer liegt, bereits kenne, und daß derſelbe mir außerordentlich gefällt.— Sie müſſen mir den⸗ ſelben abſtehen, gnädige Frau!“ „Der Saal iſt recht gut und ich glaube auch, daß er Ihnen mit einigen kleinen Abänderungen der Meubles und der anderweitigen Einrichtung recht gut gefallen würde. Das ein⸗ zige Unangenehme iſt: daß er gerade über unſeren Wohnzimmern liegt.— Da wäre das grüne Cabinett mit dem kleinen Saale paſſender.— Aber nein, der liegt wiederum dem Schulzimmer zu nahe.“— „Laſſen Sie es bei dem größeren bewenden. Und wenn wir dieſen Punct für abgemacht anſehen, ſo laſſen Sie uns zu dem nächſten übergehen.“ „Wirklich— und der wäre?“ „Ich bin immer mit Hausmannskoſt zufrieden— d. h. 218 wenn ſie gut iſt. Aber meine Organe ſind ſo empfindlich, daß die größte Behutſamkeit, um nicht zu ſagen: die vollkommenſte Delicateſſe erforderlich iſt, nicht ſo ſehr in der Wahl, als in der Bereitung der Speiſen, und ich werde mir deshalb die Frei⸗ heit nehmen, ſelbſt mit der Haushälterin zu conferiren, und ihr meine Erfahrung, meine Gewohnheiten, meine Principien und meine Beobachtungen mittheilen.“ „Da gratulire ich Ihnen, mein Herr!“ rief meine Mut⸗ ter, herzlich lachend.„Meine Haushälterin, Frau Malmelin hat früher ihren eigenen Hausſtand gehabt und iſt ſo eigenmächtig und jähzornig, daß das ganze Haus in Flammen ſtehen würde, wenn ſich ein Fremder in ihr Revier wagen wollte.“ „Ei nun, da muß ich auf meine Diät ſo lange verzichten, bis ich ſie zahm gemacht habe. Ich werde ſie ſchon dreſſiren. Erſtens gehört ſie zu dem ſchönen Geſchlechte; d. h. ſie hat irgend eine ſchwache Seite; und zweitens macht es mir unge⸗ mein viel Vergnügen und es befördert die Verdauung beſſer, als der feinſte Wein, wenn ich mich mit einer ſcharfzüngigen Frau ein bischen zanken kann. Somit wäre Alles abgemacht, und ich kann morgen einziehen.“ „Nein, gewiß nicht.— Ich ſehe voraus, daß Sie mir das ganze Haus in Confuſion bringen.“ „Nein, auf Ehre! Ich werde im Gegentheil wie ein gutes Hausthier werden, nota bene, ein Lieblingsthier, das man nicht ſobald wieder vergißt.— Weiſen Sie mich nicht zurück— ich bin im Grunde ein guter Menſch, wenn auch ein bischen Teufelszeug obenauf ſchwimmt. Wenden Sie ſich nicht ab— ſagen Sie mir nur ein freundliches, günſtiges Wort — ich bin mit einem einzigen zufrieden!“ Es lag etwas Herzgewinnendes, Wehmüthiges in Worten und Weſen des ſonderbaren Fremden. Meine Muttter war be⸗ ſiegt und antwortete entſchloſſen:„nun, es mag darum ſein, inſofern——“ „O, „Al darum ſe dige Ein⸗ „D ſprechen mein Anl „Un — das „M habe nur anderen „Li des Himn meiſter ä⸗ blicke auf zu:„Erg heit genor als es m „Il für allem geſagt h. brauchen. Ritt meine M vermochte Landſtraß Mit dreiundvi ihren Ma mit einen dem Ritt ), daß menſte als in Frei⸗ nd ihr n und Mut⸗ lmelin iſt ſo ammen oollte.“ zichten, eſſiren. ie hat unge⸗ beſſer, ngigen emacht, bie mir die ein r, das ) nicht uch ein h nicht Wort Worten var be⸗ i ſein, 219 „O, tauſend, tauſend Dank!“ „Aber Sie laſſen mich ja gar nicht ausreden.— Es mag darum ſein, inſofern mein Mann ſeine unumgänglich nothwen⸗ dige Einwilligung dazu giebt.“ „Da haben wir es.— Wozu nützt mir jetzt Ihr Ver⸗ ſprechen— Herr Smith iſt ja ſchon ſo unbillig geweſen, mir mein Anliegen rundweg abzuſchlagen.“ „Und davon haben Sie mir nichts geſagt, Herr Rittmeiſter — das war recht übel.“ „Margreta, mein Schatz, iſt der Mittag bald fertig— ich habe nur eine halbe Stunde für mich!“ klang es jetzt aus dem anderen Zimmer. „Liebenswürdigſte, gnädigſte Frau, zeigen Sie nun um des Himmelswillen, was eine Frau vermag!“ flüſterte der Ritt⸗ meiſter ängſtlich; und als mein Vater ſich in demſelben Augen⸗ blicke auf der Schwelle zeigte, fügte er mit lauter Stimme hin⸗ zu:„Ergebenſter Diener, Herr Smith! Ich habe mir die Frei⸗ heit genommen, meine Angelegenheit in beſſere Hände zu geben, als es meine eigenen ſind.“ „Ihr Diener— ich glaubte übrigens die Sache wäre ein fuͤr allemal abgemacht.— Du wirſt es dem Rittmeiſter auch geſagt haben, Mutter, daß wir unſere Zimmer ſelbſt ge⸗ brauchen.“ Rittmeiſter Hoving ſah aber ſo tragi⸗komiſch aus, daß meine Mutter Erbarmen mit ihm fühlte und es nicht über ſich vermochte, ihn aus dem Hauſe, aus der Stadt und auf die Landſtraße hinauszuweiſen. Mit einem Lächeln und mit einem Blick, der nun, wo ſie dreiundvierzig Jahre zählte, noch immer dieſelbe Macht über ihren Mann übte, wandte ſie ſich demſelben entgegen und ſprach mit einem Anflug von Wehmuth:„Wie ſchade— ich hatte es dem Rittmeiſter halb und halb verſprochen— aber wenn Du 220 beſtimmten Abſchlag gegeben haſt, bleibt mir nichts Anderes übrig, als mein Verſprechen zurückzunehmen; obwohl es mir zur Freude gereicht hätte, einen Fremdling bei mir aufzu⸗ nehmen, der wirklich einer Heimath zu bedürfen ſcheint——“ „—— und der Alles bezahlt, was Sie verlangen!“ ergänzte der Rittmeiſter, gleichſam in Parentheſe. „Hm! Hm! Mein Schatz! Du pflegſt freilich auf Deinem Gebiete zu ſchalten und zu walten, wie Du willſt,— aber ſieh Kind, unſer Haus iſt zu einfach für den Herrn.“ „Irrthum, Herr Smith! Es würde mir hier vortrefflich gefallen, aber es iſt leider in den kleinen Landſtädten anders, wie in der übrigen weiten Welt, wo das Wort der Frau, in den Dingen, die ſie angehen, den Ausſchlag zu geben pflegt. Ach die Provinz— die Provinz kann doch nie mit dem fort⸗ eilenden Zeitgeiſte Schritt halten.“ „Was das Schritthalten in dieſer Beziehung betrifft, ſo wird das wohl überall gleich ſein, Herr Rittmeiſter. Das hängt von den häuslichen Verhältniſſen ab. Jede vernünftige, ehrbare Frau hat ein Wörtchen mit in die Wagſchale zu legen, ſie mag leben wo ſie will— wenn es nur nicht unter Bären iſt— und wenn Margreta ſich der Mühe unterziehen und der Herr Rittmeiſter etwas manierlicher ſein will, als dort unten an der Brücke—— nun, nun, ich mag auch nicht allzu artig geweſen ſei— ſo machen Sie die Sache mit ihr ab, denn rein heraus geſagt, iſt ſie es doch, welche im Hauſe das Regi⸗ ment hat.“ Hiermit war die Sache abgemacht und nicht nur durch einen kräftigen Handſchlag beſiegelt, ſondern auch in der Ein⸗ ladung an den Rittmeiſter: den Abend in der Geſellſchaft einiger Freunde in der neu gewonnenen Heimath zuzubringen. Zwiſchen den Gäſten, welche ſich zu der kleinen Abendge⸗ ſellſchaft wiſſen, ar Letztere a finden kor das Fräul er riſſe z mußte die tereſſe err „Nu mit einige wie haben „Pa Smith un Wein ha nommen. mir einen ich nur m. darf: wie thanen z mir den Franzoſen Gemüſe es etwas als für Madame, „W daß der 4 neuen Or „Ack „W „Ge ſo gern, gen!“ einem aber fefflich nders, u, in pflegt. fort⸗ fft, ſo Das aftige, legen, ären Herr en an artig denn Regi⸗ durch Ein⸗ iniger endge⸗ 221 ſellſchaft bei meinen Eltern einfanden, befanden ſich, wie wir wiſſen, auch Frau Lannerstjerna und ihre Tochter; und wenn Letztere auch kein Gefallen an der Unterredung des Rittmeiſters finden konnte(ſeine hauptſächlichen Fragen beſtanden darin: ob das Fräulein friſche Luft liebe, ob ſie empfänglich für Zugluft ſei, er riſſe zuweilen mitten in der Nacht die Fenſter auf, ꝛc.) ſo mußte die ſonderbare Perſönlichkeit doch gewiſſermaßen ihr In⸗ tereſſe erregen. „Nun, Herr Rittmeiſter,“ fragte meine Mutter, als er ſich mit einigen artigen Redensarten entfernte,„aufrichtig geſtanden, wie haben Sie ſich in dieſem ungewohnten Kreiſe befunden?“ „Parole d'honneur, Madame, ganz vortrefflich! Herr Smith und ich werden bald die beſten Freunde werden: Sein Wein hat nicht den geringſten Schaden von der Haverie ge⸗ nommen. Ferner fühle ich, daß Fräulein Lanerstjerna's Antlitz mir einen ruhigen, ſtärkenden Schlaf ſchenken wird, und wenn ich nur meiner gütigen Wirthin die Hand küſſen und ihr ſagen darf: wie glücklich ich mich ſchätze, einer ihrer treueſten Unter⸗ thanen zu werden, ſo wird ſie mir die Gunſt erweiſen und mir den Spinat nicht wieder mit Milch geſtobt geben. Die Franzoſen, welche die Kunſt:„zu eſſen“ verſtehen, bereiten alles Gemüſe mit kochendem Waſſer und Butter. Dadurch erhält es etwas Subtiles, welches ebenſo nützlich für den Gaumen, als für den Magen iſt.— Und keine Muscatblüthe, liebe Madame, keine Muscatblüthe, das attaquirt meine Nerven.“ „Wir wollen ſehen; für heut Abend beunruhigt es mich, daß der Herr Rittmeiſter durch die eingenommene Doſis ſeines neuen Opiums calmirt worden iſt.“ „Ach, beſte Madame Smith, noch eines!“ „Was denn?“ „Geben Sie mir nie Rahmkuchen zu Abend: ich eſſe ihn ſo gern, daß ich mich leicht krank darin eſſen könnte—“ 222 Am folgenden Abend nahm der Rittmeiſter ſeine neue Wohnung in Beſitz; und nachdem er Alles, ohne Ausnahme für unübertrefflich erklärt hatte, begann er alles auf den Kopf zu ſtellen, ſo daß man ihn noch zwiſchen ein und zwei Uhr in der Nacht mit den Meubles umherſchleppen hörte, wobei ein Commis, den er glücklich eingefangen hatte, ihm behülflich ſein mußte. Er hatte den Platz ausgemeſſen, wo der erſte Sonnen⸗ ſtrahl ihn wecken mußte, und das Bett ſo geſtellt, daß er die Sonne, falls er erwachte, nur auf ſeine Füße ſcheinen ſähe. Dann hatte er einen großen Schirm beſtellt, mittelſt welchem er die Eintheilung des Zimmers nach Gefallen vergrößern und verkleinern konnte oder der ihm außerdem eine angenehme und anhaltende Beſchäftigung ſicherte, indem er beabſichtigte, mit eigener, kunſtfertiger Hand eine ganze Laube und dahin gehö⸗ rende Perſpective darauf hin zu zaubern. Gegen zwei Uhr wurde die„hülfreiche Hand“ entlaſſen. Kaum war der arme Menſch die Treppe hinunter, als auch der Rittmeiſter aus Leibeskräften zu ſchreien und fluchen und ihn zurück zu rufen begann. „Nun, was giebt es denn nun noch?“ „Was es giebt— ſind Sie blind— ſehen Sie denn nicht, in welch abſcheulicher Lage ich mich befinde? Sehen Sie nicht, daß die Bettunterlage auf der einen Seite herunterge⸗ brochen iſt, weil Sie bei dem Umſetzen des Bettes vergeſſen haben dieſelbe wieder einzuſetzen.— Quel malheur— quel malheur.— Was, Sie wagen darüber zu lachen, Herr— gehen Sie— Sie ſind dazu geſchaffen, hinter der Tonbank zu verrotten.— Was zum Teufel, Sie wollen doch nicht etwa gehen, ohne mir in die Höhe zu helfen.— So ja— ach, ach, ich habe für dieſe Nacht genug. Lieber hülle ich mich in meine wollene Decke und lege mich auf's Sopha. Die Sonne wird mir gerade auf den Scheitel brennen, aber ich bin nun e ſals Wille Als im gemein legenheit Trauer, ſ gebracht z ſaß den im Vorau⸗ beklagte n einzige kle⸗ Dieſe den Rittm charmanten geben, es men habe hatten. In d duld eines ſein zarter der zweite! heftigen W zu beherrſ den beſten war, einen zu kaufen. curiren, oft in de Mütze und ergriff, wä Seele übe böſen Aug „Her neue ahme Kopf Uhr ii ein alflich nnen⸗ er die ſähe. lchem und und mit gehö⸗ aſſen. h der d ihn denn Sie terge⸗ geſſen quel 223 bin nun einmal zum Unglück geboren— das war des Schick⸗ ſals Wille!“ Als der Miethgaſt am anderen Tage erſt gegen Mittag im gemeinſchaftlichen Wohnzimmer erſchien, lag eine ſolche Ver⸗ legenheit in ſeinem ganzen Weſen, eine ſo augenſcheinliche Trauer, ſeine wohlwollende Hauswirthin um ihre Nachtruhe gebracht zu haben, daß es meiner Mutter leid that. Sie be⸗ ſaß den Tact, ihn mit der Verſicherung zu beruhigen, daß ſie im Voraus auf dieſen kleinen Sturm gefaßt geweſen ſei, und beklagte nur, daß ſeine vortrefflichen Anordnungen durch eine einzige kleine Unbedachtſamkeit ſo übel ausgefallen ſeien.“ Dieſe Liebenswürdigkeit von Seiten meiner Mutter rührte den Rittmeiſter ſo tief, daß er den feſten Vorſatz faßte: dieſer charmanten, achtungswerthen Frau niemals Veranlaſſung zu geben, es zu bereuen, daß ſie ihn in ihr Haus genom⸗ men habe, während alle Anderen ihm ihre Thür verſchloſſen hatten. In der erſten Woche ging alles vortrefflich. Mit der Ge⸗ duld eines Märtyrers ertrug er alle Widerwärtigkeiten, denen ſein zarter Organismus während der Zeit ausgeſetzt war. In der zweiten Woche war es ihm aber nicht länger möglich den heftigen Wunſch: Eintritt in die Küche zu erlangen, noch länger zu beherrſchen, und endlich gelang es ihm wirklich, ſich gegen den beſten Schnupftaback, der in der ganzen Stadt zu haben war, einen kleinen Winkel am Feuerheerd von der Malmelinin zu kaufen. Nun entſtand aber ein Experimentiren, ein Dis⸗ curiren, ein Disputiren und Revoltiren, daß der Rittmeiſter oft in der weißen Schürze über dem Schlafrocke, in weißer Mütze und die große Fleiſchgabel in der Hand, eiligſt die Flucht ergriff, während er kläglich flehte: es möge ſich eine mitleidige Seele über ſeine Weißfiſche erbarmen, damit ſie nicht von den böſen Augen der„Malmelinin“ verbrannt würden. „Herr,“ rief die mürriſche Frau in flammendem Zorne, 224 „er kann mit ſeiner Schürze, ſeinem Frühſtück und mit ſeinen impertinenten Manieren aus der Küche bleiben! Kommt er noch einmal und ſchamfiert meine ehrlichen anſtändigen Augen, ſo kann er Frühſtück und Mittag allein kochen, und die Abend⸗ grütze obendrein. Ich gehe davon, ſo wahr ich Malmelinin heiße.—— Verſteht er mich, Herr Küchenmeiſter vom rothen Meere? Dort hat er wohl auch ſeinen erſten Hummer gekocht, wovon er noch roth im Geſicht iſt!“ „Weib, komm und umarme mich— ich liebe Dich für Deinen erhabenen Zorn.— Das iſt eine Reereation von Pri⸗ maqualität.“ Und darauf kehrte er an den Heerd zurück und reichte der Alten in ſeiner Freude die goldene Doſe mit Na⸗ poleon's Bruſtbild auf dem Deckel. Er durfte ſeinen Winkel wieder einnehmen und hatte nicht ſelten die Genugthuung, daß die Malmelinin mit ſüßſaurer Miene geſtehen mußte, ſeine Ein⸗ fälle ſeien gar nicht ſo dumm, wie man wohl glauben könnte. Daß der Rittmeiſter mit ſeiner lebendigen Phantaſie ſich lange auf die Küche beſchränken würde, war nicht denkbar. Sobald die Malmelinin anfing, ſich an die neue Kameradſchaft zu gewöhnen, hatte dieſe Zerſtreuung den größten Reiz für ihn verloren und es dauerte nicht lange, ſo geſtattete er es ihr, ihn mit einem Safteréème zu vergiften, den ſie ganz beſtimmt in unverzinntem Gefäſſe gekocht hatte. Nach dieſem letzten und vollkommenen Bruche wandte ſich der Rittmeiſter dem Laden zu, wo er neue wohlthätige Erſchüt⸗ terungen für ſeine Nerven zu finden hoffte. Aber aus dem Laden wurde er nooch viel ſchneller vertrieben, als aus der Küche. Buchhalter und Commis wollten nichts von ſeiner projectirten neuen Methode in der Behandlung der Kunden wiſſen und der beſtändige Zank mit dieſen groben Menſchen erſchütterte ſeine Nerven mehr, als für das tägliche Quantum Recreation erforderlich war. Nun kam das Comptoir an die Reihe. Aber der Schrei⸗ ber war greifen wu könne. Auch Naſe geſtec die Flucht die Ueber; Landwirth (der Ritt dung bri ſo miteine wahrſchein Mutter, hatte, ſich „Gr gefährtin Teufel gel haus, abe lange halt „Her allen Erze und Waſſe ſind, wenn „Mä ter mit g oben am ich Unrecht Haus zu einen ſolch ſie einige bin, als ſe „Das Mal, daß Carlen, Ca t ſeinen er noch gen, ſo Abend⸗ melinin rothen gekocht, dich für on Pri⸗ ück und nit Na⸗ Winkel ig, daß ie Ein⸗ könnte. aſie ſich denkbar. adſchaft für ihn es ihr, eſtimmt ſich der Erſchüt⸗ is dem us der ſeiner Kunden enſchen lantum 225⁵ ber war ein herber, ernſter Mann, der durchaus nicht be⸗ greifen wollte, daß man auf verſchiedene Weiſe Buch führen könne. Auch in das Schulzimmer hatte der launenhafte Mann die Naſe geſteckt, wo Informator und Schüler ihn ebenſo ſchnell in die Flucht gejagt hatten. Als er aber ſchließlich meinem Vater die Ueberzeugung beizubringen ſuchte, daß er nichts von der Landwirthſchaft verſtehe, ſondern die Gebräuche, welche er (der Rittmeiſter) auf ſeinen Reiſen geſehen hatte, in Anwen⸗ dung bringen müſſe, da geriethen beide Herren eines Tages ſo miteinander in Streit, und dies auf offenem Hofe, daß es wahrſcheinlich ein ſchlimmes Ende genommen hätte, wenn meine Mutter, welche die ganze Scene vom Fenſter mit angeſehen hatte, ſich nicht zur rechten Zeit ins Mittel gelegt hätte. „Greta,“ rief mein Vater, ſobald er ſeine treue Lebens⸗ gefährtin gewahrte,„ſagte ich Dir nicht gleich, daß dies zum Teufel gehen würde?— Man ſperre die Narren ins Narreu⸗ haus, aber laſſe ſie nicht frei umherlaufen. Ich ſage Dir, lange halte ich es nicht mehr aus— das war das Wort!“ „Herr, ich ſchwöre bei meiner Ehre, beim Paradieſe, bei allen Erzengeln, ich ſchwöre bei Himmel und Erde, bei Luft und Waſſer, ja beim Satan ſelbſt, daß Sie der größte Narr ſind, wenn Sie das Heu mitten unter——“ „Mäßigen Sie ſich, Herr Rittmeiſter,“ ſprach meine Mut⸗ ter mit gebieteriſcher Würde.„Fräulein Lannerstjerna ſteht oben am Fenſter. Soll ſie, ſoll die ganze Stadt ſagen, daß ich Unrecht that, als ich meinen Mann überredete, Sie ins Haus zu nehmen?— Und Du, Vater, wie magſt Du mir einen ſolchen Schreck einjagen, gerade jetzt“— hier flüſterte ſie einige Worte—„und Du weißt, daß ich viel empfänglicher bin, als ſonſt.“ „Das iſt wahr, mein Schatz! Aber das iſt das vierzehnte Mal, daß Du Dich auf Deine Nerven berufſt. Mich dünkt, Carlen, Cam. obsc. II. 15 226 Du könnteſt Dich jetzt ſchon an einen Zank, den die Männer unter ſich ausmachen, gewöhnt haben.— Ja nun, alles ſoll immer nach Deiner Pf——. So, ſo, Du haſt Dich doch nicht allzu ſehr erſchrocken, Mutter?““ „Beſte Madame Smith, ich bin, parole d'honneur, in Verzweiflung. Ich weiß nicht, weſſen Schuld es war, aber ich biete die Hand zur Verſöhnung.“ „Nun, da iſt auch die meine— aber künftig müſſen Sie ſich andere Zerſtreuungen ſuchen.“ Der Rittmeiſter küßte meiner Mutter im Vorbeigehen die Hand— er beobachtete noch immer eine ritterliche Artigkeit ihr gegenüber— und verſchwand dann über die Hintertreppe in ſeine eigene Wohnung. Als er nach einer Viertelſtunde wieder unten im Wohnzimmer erſchien, war ihm keine Spur von dem eben ſtattgefundenen Auftritte mehr anzumerken. „Wo iſt Fräulein Lannerstjerna— ſie iſt doch nicht etwa fortgegangen?“ Nun erſt bemerkte der Rittmeiſter, daß er ſich allein im Zimmer befand. Er war es aber ſo gewohnt, die Frau vom Hauſe überall aufzuſuchen, daß er bis nach der großen Vor⸗ rathskammer hinwanderte, wo er meine Mutter auch wirklich antraf, als ſie gerade im Begriffe war, die Thür zuzu⸗ ſchließen. „Aber wo iſt denn Fräulein Lannerstjerna?“ „Diesmal waren es nur ihre Augen, die hier zum Be⸗ ſuche waren!“ erwiderte meine Mutter lächelnd. „O, die Weiber!— Parole d'honneur, das war ein geiſtreicher Einfall.— Aber meine gnädigſte Frau Wirthin, ich möchte Ihnen ſo gern einen Vorſchlag machen, von dem ich be⸗ ſtimmt weiß, daß er allen dieſen Auftritten fernerhin ein Ende machen würde.“ „Nun, ſo laſſen Sie uns hineingehen, damit ich höre, worum es ſich handelt.“ — —— 6₰ 77 hier— 77 ein paa 7 9 1 hang langt, herrühr ſteige, 77 Rittmei 7 geſunde immer dahin ſ attaquir ſteigen total zu Stunde C 71- nicht er einem disponi oder be Smith telſtund das M nungen 7 meiſter änner s ſoll doch , in er ich Sie n die tigkeit treppe ſtunde Spur nicht in im vom Vor⸗ irklich zuzu⸗ n Be⸗ ar ein n, ich ch be⸗ Ende höre, — — ⁴ ο 227 „Nein, im Gegentheil, wir müſſen hier bleiben, gerade hier— das Zimmer links, das große Zimmer—“ „Das dient zu allerlei häuslichen Zwecken. Auch wohnen ein paar von meinen jüngſten Kindern darin.“ „Und darüber befindet ſich ein Boden— nicht wahr?“ „Allerdings— aber ich ſehe noch keinen Zuſammen⸗ hang—“ „Hochgeſchätzte Frau, ich bin zu der tiefen Einſicht ge⸗ langt, daß mein ſtets fieberhafter Zuſtand nur allein davon herrührt, daß ich nicht jeden Morgen, ſobald ich aus dem Bette ſteige, ein kaltes Bad nehmen kann.“ „Aber Sie baden ja täglich in dem Badehauſe, Herr Rittmeiſter.“ „Im Badehauſe— das thue ich freilich! Aber der un⸗ geſunde Kaſten liegt ſoweit von der Stadt entfernt, daß ich immer erſt ſpät am Vormittage dorthin kommen kann. Bis dahin ſind meine Nerven ſchon auf mancherlei ſtörende Weiſe attaquirt worden: das Gehirn iſt angegriffen, die Pulſationen ſteigen— kurz ich fühle, daß mein ganzer phyſiſcher Menſch total zu Grunde geht, wenn ich nicht täglich zur beſtimmten Stunde ein kaltes Bad erhalten kann.“ „Ich verſichere, Herr Rittmeiſter, daß ich dies Zimmer nicht entbehren kann. Es iſt außerdem der einzige Eingang zu einem entlegenen, ruhigen Stübchen, worüber ich ganz allein disponire, und wohin ich mich bei vorkommender Ermattung oder bei Krankheitsfällen zurückziehe.“ „Aber ich will ja auch nicht dort wohnen, beſte Madame Smith— ich will ja nur jeden Morgen höchſtens eine Vier⸗ telſtunde dort verweilen. Jetzt gehe ich ſogleich und laſſe mir das Maß zu einer Badewanne nehmen, und ſobald die Anord⸗ nungen auf dem Boden getroffen ſind—“ „Von welchen Anordnungen ſprechen Sie, Herr Ritt⸗ meiſter?“ 15* 228 „Ei, von der Hauptſache: das Waſſer muß ja vom Bo⸗ den herabkommen!“ „Das Waſſer vom Boden herab?“ „Freilich— man ſchneidet ein Viereck aus dem Bretter⸗ boden und wenn ich unten in der Wanne ſitze, regnet das Waſſer in friſchen, prächtigen, wohlthuenden Strahlen auf mich herab.“ „Ich habe bis jetzt geglaubt, daß meine Geduld nie zu Ende gehen würde, aber wiſſen Sie auch, Herr Rittmeiſter, daß ich dieſem Punkte ſehr nahe zu ſein fürchte?“ „Gewiß nicht, Madame, das hieße Ihre eigene hochſinnige Seele verkennen. Ich will nicht von einer außerordentlichen Miethe ſprechen— das wäre erſtens undelicat und zweitens läßt ſich die Mühe, die ich Ihnen verurſache, nicht bezahlen. — Aber denken Sie, welch' eine Genugthuung für Sie, wenn ich durch dieſe Waſſerkur, die wohl noch Keiner hier am Orte vor mir angewandt hat, vollkommen geneſen würde, und das in Ihrem Hauſe!— Was ich ſuchte war: Recreation und Revolution, meine Nerven bedurften der Erſchütterung, um nicht ganz zu erſchlaffen. Nun aber habe ich dieſe in ſo überaus reichlichem Quantum erfahren, daß ich darauf bedacht ſein muß, in ein ruhiges Stadium einzutreten.“ Meine Mutter blickte ihren Miethgaſt forſchend an und es flog gleichſam ein Schatten über ihr helles, klares Auge. Djeſer biedere, ehrenwerthe, im Stillen wohlthätige, aber durch und durch ſonderbare Mann, glaubte ſo feſt an Alles, was er zur Wiedererlangung ſeiner Geſundheit, die ihm ſtets im Sinne lag, für nothwendig erachtete, daß ſein ganzes Weſen dadurch etwas Kindiſches, Lächerliches und dabei doch den Anſtrich von Glaubwürdigkeit erhielt. „Ja, ja, ich verſtehe dieſen Blick recht gut. Aber Sie können mir glauben, daß ein Mann, wie ich, die Geſundheit des Körpers und der Seele nach beſtimmten Regeln behandelt, * welche Pſych den. wußte nicht feſtzuſt neuen 7 9 verwir thätig runge unbeh im ob ſich z befand welche konnte Trep Haus ſchall war Zokn die G Bad laufe Kopf bis und quet Str om Bo⸗ Bretter⸗ iet das en auf nie zu meiſter, Fſinnige ntlichen weitens zahlen. „wenn 4 n Orte 2* nd das n und g, um in ſo bedacht ind es 4 Dieſer h und er zur Sinne adurch h von r Sie ndheit ndelt, 8 229 welche Jedem, der nicht in die Geſetze der Phyſik und der Pſychologie eingeweiht iſt, immerdar ein Räthſel bleiben wer⸗ den.— Nun, darf ich meine Badewanne beſtellen und die be⸗ wußten Anordnungen treffen.“ „So möge es denn auf einen Monat geſtattet ſein. Aber nicht länger. Ich habe gültige Urſachen, um dieſen Termin feſtzuſtellen. Außerdem hoffe ich, daß ſie bis dahin von dieſem neuen Amuſement ermüdet ſein werden.“ „Ein Monat iſt Alles, was ich brauche.“ Aber nachdem nun auch dieſe fixe Idee des Rittmeiſters verwirklicht war, bei deren Ausführung er ſelbſt unausgeſetzt thätig geweſen; und nachdem er ſich durch die langen Wande⸗ rungen von ſeiner Wohnung in die entlegene Badeſtube ein unbehagliches kaltes Fieber zugezogen hatte(erſtere lag nämlich im oberen Stockwerke des alten Wohnhauſes, während letztere ſich zu ebener Erde in dem entfernteſten Flügel der Neubauten befand), ſo bedurfte er einer erwärmenden Gemüthsbewegung, welche den geſtörten Blutumlauf wieder in Ordnung bringen konnte. Hieran fehlte es nun freilich nicht, wenn er auf den Treppen und in den Corridoren dem Nähmädchen oder der Hausmamſell begegnete, die ſich bei ſeinem Anblicke nicht eines ſchallenden Gelächters enthalten konnte, aber dieſe Erwärmung war„höchſt malplacirt“, indem ſie dem Zorne entquoll; und der Zokn war gefährlicher, als alles Andere, weil er das Herz und die Galle afficirte— kurz, unter dieſen Umſtänden konnte das Bad ſogar einen Schlaganfall veranlaſſen. Wie hätte man ſich denn auch bei dem Anblicke dieſes laufenden Flanellballens eines Lächelns enthalten können! Vom Kopfe, über welchen der Laken gleich einer Mütze gezogen war, bis zum Fuße war die ganze, lange Geſtalt in ſo viele Decken und Shawls gewickelt, daß er vollkommen einem großen Pa⸗ quete ähnlich ſah, und oft geſchah es, daß die Kinder vom Strande, welche fruüh ausgeſchickt worden waren, um Kaffee 230 1 und Zucker zu holen, bei ſeinem Anblicke laut ſchreiend die Seite Flucht ergriffen und glaubten, daß„Lunkentus“*) hier um⸗ wirkl herſpuke.. Meine Mutter übernahm es, für dies erwärmende Ele⸗ Mann ment zu ſorgen. Sie ſpann in der Stille ihre unſchuldigen 4 der E Pläne, wie gute Freunde und Nachbarn es bisweilen zum 6 haben Beſten ihrer Nebenmenſchen zu thun pflegen. p Perſö Der Hausſtand bedurfte gerade einer neuen Auflage von Liebe geſteppten Bettdecken. Da ſtellte meine Mutter oftmalige„Stepp⸗ Partien“ an, wozu ſie mehrere junge Damen der Stadt und nemen am häufigſten Fräulein Carolina Lannerstjerna einlud. Es von fügte ſich oft, daß letztgenannte junge Dame ganz allein er⸗ role ſchien, und bei dieſen Gelegenheiten gewährte es dem Rittmei⸗ der v ſter ein ebenſo neues, als ſüßes Vergnügen, ihr das Eichen⸗„ laub auf das Zeug zeichnen zu dürfen. ABrov Fräulein Carolina Lannerstjerna beſaß nicht die wunder⸗ thenh bare Schönheit ihrer Mutter; aber ſie war ein blühendes, aus⸗ gewö gezeichnet hübſches Mädchen. Bei dem Zeichnen, Steppen, dem Plaudern und Vorleſen verſchwand nach und nach das kalte neckiſ Fieber des Rittmeiſters und er erklärte hocherfreut, nunmehr dritte eine wohlthuende, temporirte Wärme in ſeinem ganzen Weſen bei zu ſpüren. ſeit „Nun, Herr Rittmeiſter,“ fragte meine Mutter dieſen, als 4 daß man an einem ſchönen Auguſtabende von einer Ausfahrt heim⸗ wird kehrte, bei welcher Fräulein Carolina natürlicherweiſe nicht hatte herv fehlen dürfen,„nun, was halten Sie von meiner Kur?“ „Ach, beſte Madame Smith, Sie begreifen die Geſetze der necke Natur, wie ich es bis jetzt noch von keinem Uneingeweihten Lott geſehen habe.— Aber ſagen Sie, aufrichtig, jede Artigkeit bei. d a . 0 fort *.) Lunkentus: bekannte Perſönlichkeit aus einem ſchwediſchen Märchen; Factotum und Bote eines verzauberten Schloſſes, welcher zweitauſend Meilen in einer Stunde zurücklegen konnte. 6 Gua * die um⸗ Ele⸗ digen zum von ppen, kalte amehr Weſen , als heim⸗ hatte e der eihten it bei iſchen eelcher 8 4 Seite ſetzend, ſollte eine Frau mit einem Manne, wie ich bin, wirklich glücklich werden können?“ „So wie Sie jetzt ſind, nein! Wohl aber mit einem Manne, wie Sie ſein werden, nachdem Sie unter dem Einfluſſe der Ehe und der Zeit, alle die kleinen Narrenſtreiche abgelegt haben, die jetzt mehr einen Anhang als die Grundzüge Ihrer Perſönlichkeit bilden. Heirathet man aus Liebe, ſo thut die Liebe Wunder.“ „Bei Gott, Frau Salomo, ich glaube, daß dies Raiſon⸗ nement durchaus logiſch iſt.— Aber warum haben Sie keine von Ihren eigenen Töchtern zu Hauſe, es wäre ſo hübſch, pa- role d'honneur, es wäre zum Entzücken, wenn wir mit einan⸗ der verwandt würden!“ „Meine älteſte Tochter wurde voriges Jahr mit Paſtor Brovall verheirathet, deſſen Filialpfarre in der Nähe von Go⸗ thenburg liegt; die zweite iſt kaum erwachſen und bringt wie gewöhnlich den Sommer bei Verwandten väterlicherſeits, bei dem General Belfrage zu, ſie iſt auch viel zu ausgelaſſen und neckiſch, um der zugedachten Ehre würdig zu ſein;— die dritte, zwiſchen zwölf und dreizehn, iſt faſt ſeit einem Jahre bei Kaufmann Diedrichſens in den Scheeren; eine Familie, die ſeit vielen Jahren mit uns befreundet iſt. Es iſt hier Sitte, daß die Erziehung der Töchter außerhalb des Hauſes vollendet wird, oder wie Papa zu ſagen pflegt, daß ſie hinterm Ofen hervor kommen.“ „Das war recht dumm. Ich laſſe mich übrigens nicht necken, und eine junge Schönheit— wie ich weiß— daß Miß Lotte iſt— findet man auch nicht alle Tage. Nun wenn Sie eine ſolche Methode in der Erziehung Ihrer Töchter befolgen, da wundert es mich nicht, daß auch die Söhne vom Hauſe fort ſind. Ich habe vergeſſen, wo ſie Alle ſtecken.“ „Mein Erſtgeborener, mein Sohn Jan“— dieſen Namen nannte die Mutter immer mit einem gewiſſen Stolze—„iſt, * 232 wie ſchon geſagt, auf einer Reiſe nach England und Frankreich begriffen. Er wird binnen Kurzem ein en-gros⸗Geſchäft für eigene Rechnung etabliren und hat mit ſeinem jüngeren Bru⸗ der Karl ſtudirt, welcher letztere in Gothenburg in einem be⸗ freundeten Handlungshauſe auf dem Comptoir arbeitet.“ „Aber warum haben ſie denn ſtudirt, wenn ſie doch nur Kaufmann werden wollten?— Sprachkenntniſſe und Buchfüh⸗ rung iſt ja Alles, was dazu nöthig iſt.“ „Das war eine unbedachte Aeußerung, Herr Rittmeiſter.“ „Ja, parole d'honneur, das war es— ich glaube ſo⸗ gar, es war eine große Dummheit.“ „Meine älteſten Söhne waren anfangs nicht für den Kaufmannsſtand beſtimmt. Bei damaligen glänzenden Conjunc⸗ turen vermochte ich meinen Mann zur Nachgiebigkeit: beide Söhne wurden auf die Univerſität geſchickt, um ſich zu einer beliebigen Carrière vorzubereiten.— Es ſollte nicht ſein. — Und es war ein tiefer Kummer für mich und für ſie, als Papa eines Tages den unumſtößlichen Entſchluß faßte, ſie nach Hauſe zu rufen und Beide dem Handelsſtande zu widmen.— Ich kämpfte lange dagegen, aber das eine Mal — umſonſt.“ „Run hätten denn die jungen Männer ſich nicht weigern ot Bahn brechen können?“ „Gegen den Willen ihres Vaters? Das iſt nicht Brauch in unſrer Familie. Sie werden erſt für ſelbſtſtändig angeſehen, wenn ſie für ſich ſelbſt ſorgen können.“ „Nun, und wo iſt der dritte erwachſene Sohn?“ „Wilhelm, welcher noch von der Firma unſeres eigenen Hauſes beſchäftigt wird, hat für den Sommer in Norwegen zu thun, und mein hurtiger vierzehnjähriger Paul iſt dieſen Früh⸗ ling als Schiffsjunge in die Rolle der Scheerenflotte einge⸗ tragen worden.“ „Da haben wir die ganze Familie. Die jüngere Gene⸗ und 3 hab ratio gen billig in 2 gar ſtehe wenn bruſt zu h ſcheh habe Wen die i bilde ſtiſch mißr ſelb ang Sach Sm Car ich auf Waz und gern auch hen, enen zu rüh⸗ nge⸗ ene⸗ 233 ration kenne ich perſönlich, obgleich ich den vermaledeiten Jun⸗ gen immer aus dem Wege gehe.“ „Aber geſetzt, Sie hätten ſelbſt Kinder?“ „Die werden Alle außerhalb des Hauſes erzogen. Ich billige Ihre Methode durchaus, nur werde ich ſie viel früher in Anwendung bringen. Aber da Sie, liebe Madame Smith, gar nicht geneigt ſcheinen, Miß Lotte kommen zu laſſen, ſo ſtehe ich nicht dafür ein, was morgen geſchehen kann, das heißt wenn die Malmelinin mich nicht durch eine mißrathene Kalbs⸗ bruſt aus meiner guten Laune bringt.“ „Ich werde es ihr auf's Strengſte anbefehlen, ſich davor zu hüten.— Und, wenn Alles gut geht, was wird da ge⸗ ſchehen?“ „Nichts anderes, als was ich mir längſt vorgenommen habe: ich werde einen Beſuch bei Frau Lannerstjerna machen. Wenn ich mich aber in die Wohnung dieſer Dame wagen ſoll, die ich mit einem, aus ſeiner Niſche hervorgetretenen Heiligen⸗ bilde vergleichen möchte, ſo muß ich mich in einer milden, ela⸗ ſtiſchen Gemüthsſtimmung befinden, und das iſt mir nach einer mißrathenen Mahlzeit unmöglich.“ „Beruhigen Sie ſich, Herr Rittmeiſter. Und ſollte ich ſelbſt an den Heerd gehen, ſo—“ „Um keinen Preis.— Ein erſter Beſuch iſt immer un⸗ angenehm, und da iſt es vielleicht ebenſo gut, daß wir die Sache dem Zufall anheim geben.— Aber, liebe Madame Smith, können Sie mir die Verſicherung geben, daß Fräulein Carolina's Laune immer ſo liebenswürdig und ſanft iſt, wie ich ſie bisher gefunden habe?“ „Das glaube ich zu können. Ich habe ſie von Kindheit auf gekannt, wir waren mit ihren Aeltern ſehr befreundet. Was war nicht Capitain Lannerstjerna für eine liebe, gute und muntere Seele! Sie werden auch genug davon gehört haben. Und was Frau Lannerstjerna betrifft, ſo weiß die 234 ganze Stadt, daß ſie eine ebenſo ausgezeichnete Gattin, als Mutter war.“ „Herrlich, herrlich! Außerdem liegt in Fräulein Caro⸗ lina's Weſen gerade die rechte Mittelſtraße. Sie ſchauert nicht zuſammen bei jedem ſcharfen Luftzuge, ſie ſchwitzt nicht wie eine Viehmagd, ſobald es um einige Grad zu warm iſt, und da der Zufall es obendrein ſo glücklich fügt, daß ſie arm iſt— ich würde nie eine Frau nehmen mögen, die ſelbſt einen Schil⸗ ling hat— ſo— Aber für heute wollen wir nicht weiter darüber ſprechen. Wenn ich morgen aus dem Bade und von der Promenade heimkehre, da treffen wir uns wieder.“ Am andern Morgen wollte es ſich aber nicht beſſer, als daß die Frau vom Hauſe keinen Beſuch empfangen konnte und es war ein förmlicher Dolchſtoß für den Rittmeiſter, als er mit neuen, friſchen Plänen beladen in das Wohnzimmer trat und daſelbſt nur die leeren Wände fand, während im Hauſe ein unheimliches, langweiliges Schweigen herrſchte. Er ſtürzte in die Küche und rief der Malmelinin ſchon von weitem ent⸗ gegen:„Was iſt geſchehen? Es iſt ja keine Seele drinnen, mit der man reden könnte! Iſt Madame verreiſt?“ „Gehen Sie gefälligſt hinauf in Ihr Zimmer, Herr Ritt⸗ meiſter! Ich will das Eſſen gleich hinauf beſorgen. Madame iſt umgezogen.“ 44 „Umgezogen! Weib, ſo ſprechen Sie doch kein ſo dummes Zeug!“ „Nun, nun, ſie hat nur ihr eigenes Zimmer im anderen Flügel bezogen und wird wohl ſo bald nicht wieder zu ſpre⸗ chen ſein.“ „Bin ich denn noch immer von den ſchrecklichen Wider⸗ wärtigkeiten, von dem ſchändlichen Unglück verfolgt?— Gerade ₰ 1 jetzt, ihr Gede Gefe Ibr nicht heut Daſe Laut res des kümr die 23⁵ jetzt, wo ich die wichtigſte Angelegenheit meines Lebens mit ihr berathen wollte, wo ich den Kopf ſo voll neuer Pläne und Gedanken habe.— Aber in Gottes Namen, es iſt doch keine Gefahr vorhanden?“ „Das ſteht in Gottes Hand. Aber nun gehen Sie auf Ihr Zimmer. Gefahr, wer kann das vorher wiſſen?“ „Madame, ich will kein Eſſen. Es würde mir hier doch nicht ſchmecken. Ich gehe in den Gaſthof und bleibe dort bis heut Abend. Wenn Jemand nach mir fragen, d. h. ſich meines Daſeins erinnern ſollte, ſo ſagen Sie, daß ich bei miſerabler Laune bin und mich vielleicht ertränke, wenn mir nichts Beſſe⸗ res einfällt.“ Hiermit entfernte ſich der Rittmeiſter. Er war wirklich des Lebens ſatt und müde: Wer würde ſich jetzt um ihn kümmern, wer ſeine Laune aufräumen und gleichſam täglich die Uhr ſeines inneren Menſchen aufziehen? Er nahm ſeinen Hut und ging. Der Mittag im Gaſthofe war unerhört ſchlecht; der Kaffee abſcheulich; der Tabak ohne alle Widerrede vergiftet. „Was ſoll ich vornehmen?“ fragte er ſich.„Soll ich noch einmal baden? Nein, ich bin zu aufgeregt, das taugt nicht. Fiſchen?— da wäre ich zu weit weg, wenn ein Unglück ein⸗ träfe— was Gott verhüten wolle! Ich habe dieſe vernünf⸗ tige, herrliche Frau ſo herzlich lieb! Am Ende wäre es am beſten, wenn ich ihrem Wunſche gemäß die Freundinnen auf⸗ ſuchte!“ In dem kleinen, rothen Häuschen am Smedklefven und zwiſchen den blühenden Balſaminen ſaß Frau Maria Lanners⸗ tjerna und neben ihr eine jüngere, blühende Schönheit, deren ſchlanke Finger ein Netz aus feinen Silberfäden knüpften. Das Stübchen war ſauber gekehrt, mit Tannenzweigen geſtreut und Alles athmete reinen, tiefen Frieden. Frau Lannerstjerna arbeitete in dieſem Augenblicke nicht. 23⁶ Ihre noch immer ſchöne, weiße Hand hielt das Miniatur⸗ bild ihres geliebten Magnus, welches ſie mit feuchtem Auge anſchaute. „Was muß doch die Liebe für eine gewaltige, unwider⸗ ſtehliche Macht auf uns üben!“ ſprach Carolina.„Du wirſt alſo immer gleich ſchmerzlich vermiſſen, Mama?“ „Das nicht, aber ich ſehne mich und warte— doch nicht, bevor Du, meine Caroline, eine würdige Stütze zur Seite haſt.“ „Ach, Mama, ich bin noch viel zu jung, um einer an⸗ deren Stütze zu bedürfen, als der Deinigen.“ „Keineswegs! Wenn es Gottes Wille wäre, ſo glaube ich, daß Du mit Deinen Grundſätzen und mit dem klaren Verſtande und dem gefühlvollen Herzen, welches der liebe Gott Dir geſchenkt hat, gern derartige Verantwortung und Pflichten übernehmen könnteſt.“ „Mama,“ rief Carolina plötzlich,„wer geht da und kommt jetzt gerade auf's Haus zu?— O mein Gott, kann er wirklich zu uns wollen?“ „Das iſt der achtungswerthe, obſchon excentriſche Ritt⸗ metſter Hoving.— Nun, liebe Carolina, ſieh nicht ſo er⸗ ſchrocken aus— das iſt ja ſo einfach.“ „Ja, das iſt es freilich, Mama, aber ich hätte nicht gedacht—“ „Liebe Caroline, ich glaube, Du haſt recht oft an die Möglichkeit gedacht, daß er uns beſuchen könne!“ Und mit einem feinen Lächeln ſtand Frau Lannerstjerna auf, um ihren Beſuch zu empfangen.————— Die erſte Folge dieſes erſten Beſuches war, daß der Ritt⸗ meiſter es mit dankbarem Herzen anerkannte, einen ſo ange⸗ nehmen Zufluchtsort während dieſer traurigen Zeit gefunden zu haben. Ohne Selbſtmordgedanken, aber voll inniger Theilnahme und Fam einer herzli hatte auf gefül Woh zwar für k äußer Geva als licher denſe daran word und einer — 237 und Unruhe kehrte er nach Hauſe zurück, wo der glückliche Familienvater, der ſchon auf ihn gewartet hatte, ihn mit einer Nachricht begrüßte, welche nichts Geringeres, als eine herzliche Umarmung zwiſchen den beiden Männern zur Folge hatte: Ein Töchterlein hatte das Licht der Welt erblickt und auf dem Tiſche ſtanden die Gläſer, mit dem beſten Weine gefüllt, den der Keller zu geben hatte, und warteten, auf das Wohl der jungen Dame geleert zu werden. Der Rittmeiſter wurde ſogleich zu Gevatter geladen und zwar mit Fräulein Carolina—„eine glückliche Vorbedeutung für künftige gemeinſchaftliche Pflichten,“ wie mein Vater ſich äußerte. Und noch an demſelben Abend eilte der entzückte Gevatter zum Goldſchmidt, um einen großen ſilbernen Becher als Taufgeſchenk zu beſtellen. Als die Kleine dieſen Becher erhielt, ſchlief ſie in glück⸗ licher Unwiſſenheit in ihrer Wiege. An dem Tage, wo ſie denſelben verlor, knüpften ſich aber ganz andere Erinnerungen daran, als hier in dieſer kleinen Erzählung aufgezeichnet worden ſind. Zwiſchen dem hier beſchriebenen Abend des achten Auguſts und der bald darauf folgenden Kindtaufe hatte der Rittmeiſter einen zweiten Beſuch in dem freundlichen Häuschen am Smed⸗ klefven gemacht. Wir wollen aber nicht ferner mit ihm in das kleine Heiligthum dringen, wo der Hauch entflohener Zeiten, der Duft einer innigen Liebe in größeſter Armuth nun gleichſam verwiſcht wurde. Während der Rittmeiſter ſein eigenes Weſen zu ergrün⸗ den ſuchte und alle Licht⸗ und Schattenſeiten des Eheſtandes hervorholte, indem er ſich bald in dieſe bald in jene zu ver⸗ ſetzen ſuchte, war meine Mutter damit beſchäftigt, einen Na⸗ men für ihr letztgeborenes Töchterchen zu wählen. Sie hatte freilich ſchon mehrere Namen aus den Büchern ihrer Lieblings⸗ ſchriftſteller in Bereitſchaft, aber ſie hielt es gleichſam für eine Emilie Johanna. Ich hätte es gern geſehen, daß Jan nach 238 ungerechtigkeit, einen derſelben zu bevorzugen. Um über dieſen ſchwierigen Punct hinweg zu kommen, beſchloß ſie den Namen aus dem letzten Roman von Lafontaine zu wählen, welches gerade ihr Lieblingsbuch war, nämlich:„die Familie von Hal⸗ den“— die Heldin hieß Emilie. Das Kind wurde ſomit auf den Namen Enilie getauft; trotz allen Widerſtrebens von Seiten meines Vaters, welcher die Kleine, Emilie Johanna nennen wollte, weil dieſe Ver⸗ einigung der Namen des älteſten und jüngſten Kindes an die Stütze erinnern ſollte, welche der Bruder im Nothfalle der Schweſter ſchuldig ſein würde. Aber hierin war meine Mutter unbeweglich. „Nun, nun,“ tröſtete ſich mein Vater,„wenn ich noch ein Bischen lebe, ſo ſollen dieſe beiden Namen zum wenigſten auf einem neuen Schooner vereinigt werden: auf dem Schooner Hauſe gekommen wäre, um wenigſtens als Taufzeuge gewiſſe Pflichten gegen ſein Schweſterlein zu übernehmen.“ Der Namenintereſſent des zukünftigen Schooners erſchien nicht; wohl aber die beiden anderen Söhne, Karl und Wil⸗ helm, welche gerade zeitig genug eintrafen, um der Taufe bei⸗ zuwohnen. Ein Unglück traf jedoch ein, wodurch beſonders die Ge⸗ duld meines Gevatters auf eine harte Probe geſtellt wurde: Fräulein Carolina Lannerstjerna war von einem ſo plötzlichen Unwohlſein befallen worden, daß ſie nicht auf der Kindtaufe erſcheinen konnte, und es vermochte den Rittmeiſter auf keine Weiſe zu tröſten, daß die junge Dame, welche ihre Stelle ver⸗ treten mußte, ebenfalls Caroline hieß. Am ſchlimmſten war es für ihn, daß der Eindruck, den der Gevatterkuß ſeiner Be⸗ rechnung nach auf ſein ganzes Nervenſyſtem ausüben ſollte— nun gänzlich für ihn verloren ging! Aber das waren noch nicht Leiden genug. Er hatte ja ——————, 239 keine Menſchenſeele, der er alles Neue anvertrauen konnte, das ihn drückte. Mit dieſem„Neuen“ meinte er die Empfin⸗ dungen ſeines Herzens, welche täglich zahlreicher und ſtärker wurden, ſo oft er den Smedklefven auf und nieder ging und aus Mangel an Selbſtvertrauen nicht wagte, in das kleine rothgemalte Häuschen hineinzugehen. Deshalb gerieth der arme Rittmeiſter in deſto größeres Entzücken, als er nach gewiſſer Zeit ſeine vertraute und ge⸗ ſchätzte Freundin wieder ſah. Er war gerade in beſter Fahrt, ſeine Liebesgeſchichte in allen Details zu erzählen, in die er unzählige Klagen über den unerhörten und unglaublichen Un⸗ fug hineinmiſchte, den die„Malmelinin“ ſich während der Zeit in der Bereitung der Speiſen hatte zu Schulden kommen laſſen— als er plötzlich von einem Beſuch unterbrochen wurde. Dieſer Beſuch war kein anderer, als die holde Carolina. Es iſt wahrſcheinlich, daß der Rittmeiſter dies intereſſante Ereigniß für einen glückverheißenden Wink hielt, den er nicht unbenutzt laſſen durfte. Ob er noch an demſelben Abend um den Gegenſtand ſeiner Liebe warb, kann ich nicht beſtimmen, aber es dauerte nicht lange, ſo verließ der umherirrende Fremd⸗ ling, der nur in die„tolle“ Stadt gekommen war, um eine Diverſion für ſeine Nerven zu ſuchen, dieſelbe für immer an der Seite einer innig geliebten Frau. Die Neuvermählten ſchlugen ihre Wohnung auf einem Landgute in der Nähe von Gothenburg auf, und ihre Ehe war eine jener glücklichen Verbindungen, wo die Macht und der Werth der Frau ſich in ihrem rechten Lichte zeigt. Der Rittmeiſter hatte lange nach einem Hafen geſucht, aber er wußte es mit aufrichtiger Dankbarkeit anzuerkennen, daß er endlich in dem beſten vor Anker gegangen war. Seine Ex⸗ perimente ſetzte er noch längere Zeit fort; aber ſie waren ſo unſchuldiger Art, daß ſeine Frau nur freundlich dazu lächeln konnte. 240 Dieſe Verbindung warf einen letzten Schimmer der Freude auf Frau Maria Lannerstjerna's Lebenstage. Doch hatte ſie noch manche bittere Prüfung zu erleiden, bis ſie im Jahre 1821, vierundzwanzig Jahre nach dem Hinſcheiden ihres Gatten, zu ihm eingehen durfte, zu dem ihre Seufzer ſo oft auf den Schwingen des Gebetes und der Hoffnung hinauf geſtiegen waren. Ende des zweiten Theiles. Druck von Oswald Kollmann in Leipzig. —— tiegen ——“ ——— “