A —————— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 1 Leih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 17 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von g jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme f eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe ) hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für vschentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——— .— 2——. auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3„„—„ 3„= 3 0 3. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird ¹ beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ——— „ X —.—.— — A ſ ——— —— .2 * Binnen ſechs Wochen. Novelle Emilie Carlen. Aus dem Schwediſchen überſetzt von V Dr. G. Fink. G Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1854. Schnellpreſſendruck der J. G. Sprandel'ſchen Buchdruckerei. I. Die Brüder. Während der heißeſten Stunden eines brennenden Julinachmittags des Jahres 1840 hatten zwei junge Männer Kühlung in einer Berggrotte an demſelben Strande geſucht, wo ſie als kleine Jungen ihre Schifflein von Baumrinden getakelt und auf die Wogen hinaus⸗ geſandt. Die beiden jungen Männer waren Brüder. Sie hatten ſich neuerdings in der Heimath getrof⸗ fen, um in Geſellſchaft einer geliebten Mutter die Som⸗ merferien zuzubringen. Der ältere von ihnen, Edwin Wallenberg, der vor einem halben Jahr ſein Amt als Rektor in der nahge⸗ legenen Provinzialſtadt angetreten hatte, glaubte in ökonomiſcher Beziehung bereits den Hafen erreicht zu haben, während Victor, der in einem Hofgericht arbei⸗ tete und bis jetzt noch ein Vice vor ſeinem Bezirksamt⸗ mannstitel führen mußte, ſich noch allen Arten von Hä⸗ fen ziemlich fern glaubte. Der Abend war im Anzug. Der Sonnenrauch, welcher lange die Gegenſtände verhindert hatte in ihrem rechten Lichte hervorzutreten, begann ſich allmählig zu verziehen, und ein hellblauer Himmel glänzte jetzt über einem hellblauen See, der Carlén, Binnen ſechs Wochen. 1 gleichſam in einem Gürtel von hohen fanft wiegenden Binſen eingeſchloſſen ſchien, deren grüner Farbeton an⸗ muthig gegen den weißen Sand am Ufer abſtach. Und gegen den weißen Sand ſtachen hinwiederum die dunkeln Bergparthien ab, in deren Umkreis unſere jungen Herrn ihr Vikingerneſt geſucht hatten. „Strecke Dich doch, Victor, Du ſchläfriger Geſell, ſiehſt Du denn nicht, daß ich meine Cigarre anzünden will?“ Mit dieſen Worten richtete ſich der junge Rektor auf den einen Arm auf, und ſtreckte die Hand nach dem Feuerzeug aus. „Nun, wer von uns zeigt ſich als der ſchläfrigſte?“ antwortete der Bezirksamtmann, indem er lächelnd dem Bruder ein Büchschen mit Zündhölzchen reichte,„ich, der ich das heilige Feuer bewahrt habe, oder Du, der Du es erlöſchen ließeſt?“ „Ei was! ſtöre mich nicht— ich meditire, ich⸗ führe ein ganz und gar geiſtiges Leben, ein Götterleben. Dieſe ſchmale Moosbank und dieſes Kopfkiſſen von echt nordiſchem Grauſtein repräſentiren für mich das Him⸗ melreich, und das Getöſe des Waſſers zwiſchen dem Steingerölle hin klingt für meine Ohren wie Seraphi⸗ nenmuſik.“ „Und ich wollte gerne drei Viertheile meiner Aus⸗ ſichten auf Avancement binnen zwei Jahren dafür ge⸗ ben, wenn wir eine andere Muſik zu hören bekämen ... Geſchieht es nicht um dieſe Zeit, daß Deine my⸗ ſtiſche Schönheit ihre Grabwohnung verläßt, um ihren Kummer in Muſik zu ſetzen?“ „Bah 1 „Ich bin verdammt neugierig!“ „Bah!“ „... Sie in ihrem Boot zu ſehen.“ „Bah!“ „Du haſt leicht Bah ſagen, Du der Du bereits im etwa ich 1 Behe klein lichke nicht um genu mich loſop ich h was wie d 7 unſere 1 „ 1 tröſten „. 7- einzig genug . 7 nicht * den an⸗ rum ſere ſell, iden ktor dem te2" reits 3 im Himmelreich biſt. Aber ich... dieſer Fels iſt etwas zu kurz zum Ruheſofa— zum Henker, ſobald ich mich bewege, zerſchlage ich mir den Schädel. Das Behagen auf einem ächt nordiſchen Kopfkiſſen hat ſeine kleinen Unbehaglichkeiten!“ „Jedes Behagen hat ſeine verborgenen Unbehag⸗ lichkeiten. Wenn Du Philoſoph wäreſt, hätteſt Du nicht erſt auf einem Grauſtein zu ſchlafen gebraucht, um dies zu lernen. Ueberhaupt lieſeſt Du wenig genug.“.. „Im Gegentheil, ich bin eben jetzt im beſten Zug mich auszubilden.“ 2 „Aha, Du ſtudirſt Philoſophie?“ „Errathen!“ „Du lieſeſt alſo Hegel?“ „Bah!“ „Schelling?“ „Bah!“ „Oder vielleicht einen von unſern ſchwediſchen Phi⸗ loſophen?“ „Ich ſtudire Paul de Kock.“ 1 „Eine ſchöne Philoſophie, meiner Seel! Ich wollte, ich hätte meine Karbatſche hier, ſo ſollteſt Du ſehen, was es heißen will mit einem ſo bedeutenden Mann, wie der Rektor Wallenberg iſt, Scherz zu treiben.“ „Nun, laß uns jetzt Frieden ſchließen und auf unſere Wittwe Marie Eleonore II zurückkommen.“ „Immerhin.“ „Wer von uns beiden ſoll es auf ſich nehmen ſie zu tröſten?“ „Das muß wohl ich als Geiſtlicher thun. Das einzigemal, daß ich ſie in der Kirche ſah, hat mir Luſt genug eingeflößt.“ „Das glaube ich gerne, da ich, der ich ſie noch gar nicht geſehen habe, denſelben Beruf in mir verſpüre. Es ſollte mich wundern, wenn ſie nicht eher irgend eines Rechtsbeiſtandes bedürfte.“ 3„Sie ſoll keine Prozeſſe von ihrem Mann geerbt aben.“ „Hat ſie überhaupt etwas von ihm geerbt?“ „Nichts, ſo viel ich weiß, außer dieſem Gute hier, wo ſie ſich, wie man ſagt, in einem ſchwarz ausgeſchla⸗ genen Zimmer eingeſchloſſen hält und dem wahnſinnig⸗ ſten Kummer überläßt.“ „Und gleichwohl hat ihr Wittwenſtand bereits acht Monate gewährt.“ „Nun, Du findeſt alſo, daß ein geiſtlicher Tröſter „Nein, nein, der arme Engel hat beſtimmt ein weit größeres Bedürfniß nach einem weltlichen.... Aber hör einmal, hat man ſie nie geſehen außer in der Kirche und während dieſer geheimnißvollen Abendſpa⸗ zierfahrten auf dem See 2„ je 19 „Nie! „Und bei den letzteren lenkt ſie die Fahrt immer nach den einſamen Haſelinſeln?“ „Nicht immer, aber meiſtens. Sie hat dort eine kleine Zerſtreuung für ihr Herz?“ „Für ihr Herz?“ „Ihre Menſchenliebe. Die zwei oder drei Fiſcher, welche die Haſelinſeln bewohnen, leben von der übrigen Welt ſo gut wie abgeſchieden. Es iſt alſo ein doppel⸗ tes Verdienſt die Armuth aufzuſuchen, die niemals ſelbſt zu Markte geht!“ „Nun, wenn das ein Verdienſt iſt, ſo könnte es als Muſter dienen, und in dieſem Fall..“ „Taugt nichts! Das wäre eine verdächtige Barm⸗ herzigkeit: es wäre ganz einfach eine Spionerie.“ „Beinahe. Und da wir vor allen Dingen ritterlich handeln müſſen, inſofern wir überhaupt handeln ſollen, ſo.. hören einer das 1 nicht, aus d hinter eine ich w hält. . antwo 5- „Bſt, bſt! Bei Gott, ich meinte Nuderſchläge zu hören.— Möchte es ſich ſo glücklich fügen, daß dieß eerbt einer der Abende wäre, wo.. 5 Statt der Antwort erhob ſich Victor, und eilte auf das Plateau hinaus, das vor der Berggrotte lag. hier„Unvorſichtiger,“ warnte Edwin,„begreifſt Du ſch la⸗ nicht, daß, wenn ſie es iſt und uns zu ſehen bekommt, ſch aus der Serenade dann nichts wird? Komm, ziehe Dich gend unig⸗ hinter dieſen Baum da zurück; dann ſehen wir durch acht eine Art von Jalouſie.“ „Gut... hier haben wirs recht brav— aber röſter ich werde raſend, wenn unſre Heldin uns für Narren hält.“ t ein„Oder wenn wir uns ſelbſt für Narren halten,“ . antwortete der Rektor lachend. in der ndſpa⸗ immer Die Ruderſchläge kamen inzwiſchen immer näher; aber da die Landſpitze unſere Herrn verhinderte zu ſehen, was ſich hinter ihr befand, ſo mußten ſie ſich einige iſcher Minuten in der Geduld üben. . Während dieſer Minuten, worin ſich die gemein⸗ boppel⸗ ſchaftliche Ungeduld charakteriſtiſch an ihren verſchiedenen s felbſt Gemüthsarten ausprägte, wollen wir ein paar Worte von ihren Perſönlichkeiten zum Beſten geben. Der Rektor, der eine unerſchütterliche Ruhe in ſeinen Bewegungen beibehielt, obſchon auch in ſeinem Geſicht die Neugierde zu leſen ſtand, war ein kleiner blonder Mann mit feinen und angenehmen Zügen. In ſeinen blauen Augen ſpiegelte ſich eine denkende Seele mit mehr ernſten als lebhaften Gedanken; aber die etwas hervorſtehende Oberlippe, die von einem gelblichen, unnte es Barm⸗ e.“¹ itterlich ſollen, ſeideweichen Schnurrbart beſchattet war, hatte einen etwas trotzigen Zug, welcher bewies, daß der junge Mann nicht ſo vollkommen gefügig und nachgiebig war, als man beim erſten Anblick ſeines mehr weiblichen als männlichen Geſichtes zu glauben verſucht wurde. Victor war um einen Kopf größer, hatte jedoch in ſeiner Geſtalt nicht die vollſtändige Eleganz, die in allen Bewegungen des Rektors lag; dagegen zeigte er an Seele und Leib Leben, Raſchheit und Mannhaf⸗ tigkeit. Er war von dunkler Farbe und hatte tiefe ſchwarze Augen, die in jedem Blick ein verführeriſches Lächeln offenbarten. Die Stirne, die noch niemals von andern Runzeln gefurcht worden, als ſolchen, die eine beharr⸗ liche Arbeit manchmal hervorrief, war glatt wie Elfen⸗ bein und ſtach nur leicht gegen die dunkle Bernſtein⸗ farbe ſeiner langen Haare ab, welche die Natur mit größerem Geſchmack gelockt hatte, als das künſtlich ge⸗ lockte Haar des Rektors. Auch in Victors offenem Geſicht war Güte der Hauptzug; aber ein Blick, der gewohnt war durch die Oberfläche hindurch zu ſehen, würde in dieſer Phyſio⸗ gnomie eine nicht unbedeutende Eigenliebe nebſt den Spuren von mehr heftigen als gediegenen Gefühlen ge⸗ funden haben. Er konnte kaum eine Sekunde lang ſtill ſtehen, und er hätte vor Freude und Beſtürzung beinahe einen Ausruf gethan, als das erwartete Boot endlich um die Spitze bog und eine entzückende Erſcheinung ſich ihren Blicken darſtellte. Es war ein ganz kleiner Nachen, gerudert von einem jungen Knaben, der ganz nach eigenem Wohl⸗ gefallen die Ruder führen und die Fahrt lenken zu dürfen ſchien. Gleichwohl befand ſich darauf eine andere Perſon, der es zuſtehen konnte ein Commandowort hören zu laſſen ſchwe bewe hinal als d behar einen zeigen Geiſt tor, nicht, an d Blick ren nge ar, als Hin in er af⸗ arze zeln dern arr⸗ fen⸗ ein⸗ mit ge⸗ der die hſio⸗ den ge⸗ hen, ſinen die hren von 2 hl⸗ zu rſon, n zu 7 laſſen; aber dieſe Perſon, ein engelſchönes Weib, ſchwarz gekleidet von der Hand bis zum Fuß, ſaß un⸗ beweglich hinten im Schiff und ſtarrte in das Waſſer hinab, welches getreu ihr Bild zurückſpiegelte. Es wäre ſchwer ein hinreißenderes Geſchöpf zu ſehen, als dieſe blonde junge Wittwe, deren Herz, wie man behauptete, gänzlich von Verzweiflung zermalmt wurde. Ihre lieblichen, hellbraunen Augen ſchienen auch einen bereits mit dem Himmel vermählten Geiſt anzu⸗ zeigen, gleichwie die ganze irdiſche Wohnung dieſes Geiſtes aus ätheriſchem Stoffe gebildet ſchien. „Nun, habe ich zu viel geſagt?“ fragte der Rek⸗ tor, indem er auf das Boot deutete.„Sollte man nicht, nach dieſem ſublim leidenden Geſicht zu urtheilen, an die Sage glauben können, die man ſich erzählt?“ „An welche Sage?“ fragte Victor, ohne ſeine Blicke von der feſſelnden Erſcheinung loszureißen. „Daß ſie, gleich der Gemahlin Guſtav Adolphs⸗ das Herz ihres verſtorbenen Gatten aufbewahre. Sie hält es einbalſamirt in einem ſilbernen Käſtchen ver⸗ ſchloſſen.“ „Ah, eine zweite Maria Eleonora... dieſer Name paßt für ſie, auf Ehre! Aber ich hoffe, daß ſie keinen Grund hat dieß länger zu thun, als es einer Schön⸗ heit mit ſolchen Anſprüchen zuſteht und geziemt.“ „Nun, Ihre ſchwärmeriſche Majeſtät höchſt ſeligen Angedenkens, welche Anſprüche hätte nicht ſie machen können?“ „Sie?— ganz und gar keine; die Gemahlin Guſtav Adolphs II konnte niemals Erſatz finden. Aber was unſere Wittwe hier betrifft, ſo wäre es eine Ungerechtigkeit gegen das Schickſal an ihrem guten Stern zweifeln zu wollen. War ihr Gemahl nicht ein Ehmann, wie es ihrer Duzende gibt?“ „Ich weiß darüber nichts; aber da ſie ihm eine ſo ſchmerzliche Trauer widmet, ſo iſt es ganz gleich, zu welcher Klaſſe er gehörte. Die Hauptſache iſt, daß er ſie nach ſeinem Tode noch ebenſo gut beherrſcht, wie im Leben.“ „Ein ſolches Weib einer untröſtlichen Schwermuth anheimgefallen zu ſehen... Hat denn Niemand einen Verſuch gemacht...“ „Wer ſollte in dieſer Gegend hier, die nicht einen einzigen erträglichen, ja kaum einen unerträglichen Mann beherbergt, daran denken... Nein, ſieh, was war das, das ſie unter ihrem Shawl liegen hatte? Eine Guitarre!“ „Ja, wahrhaftig... Ach, ſie zieht ſie hervor... Zauberin, wenn Du wüßteſt, daß Du ndere Zuhörer haſt, als die Berge und das Waſſer...“ „Aber wir wollen ſehen, ob... „Willſt Du ſchweigen?“ „Schwatze doch nicht immer... halte den Athem an.“ II. Vinnen ſechs Wochen. In demſelben Augenblick, wo das Boot gerade vor das Platean kam, zog die junge Wittwe ihre ſchwarzen Handſchuhe ab, und die ſchneeweißen Finger irrten in wehmuthsvollem Spiel über die Saiten der Gnitarre. 85 Hierauf ließ ſie ihre großen melancholiſchen Augen eine Runde über die Ufer hin machen, und da kein menſchliches Weſen zum Vorſchein kam, öffnete ſie die c ſpreche feuriger ſiegen, 1 44 9 ſchönen korallenrothen Lippen und ſang mit harmoni⸗ ſcher, reiner und ſchmelzender Stimme einige Verſe von einer alten rührenden Ballade, worin die Liebende im Schmerz der Dichtung ihren eigenen Schmerz zu vergeſſen ſuchte, welchen die Untreue und Abreiſe des Geliebten verurſacht hat.——— Noch lange nachdem das Boot verſchwunden und der Geſang verklungen war, ſahen die jungen Männer vor ihren inneren Augen einen Schwall heller Locken unter einem leichten Hut von ſchwarzen Spitzen hervor⸗ quellen, und ebenſo lange vernahmen ihre Ohren die Töne dieſes zärtlichen Klaggeſanges. „Ich will einen Verſuch machen, ob ich mit ihr ſprechen kann,“ ſagte der Rektor, deſſen Augen von Rührung feucht waren. „Ich bin feſt entſchloſſen ſie zu ſehen und zu ſprechen,“ rief Victor heftig.„Und,“ fügte er mit feuriger, kühner Zuverſicht hinzu,„ich werde ſie be⸗ ſiegen, denn nachdem ich ſie zehn Minuten lang geſehen habe, bin ich verliebt, nicht wie ein Narr, wie es in der Sprache der Jetztzeit heißt, ſondern wie ein Ritter der Vorzeit, der mit einem Drachen ſtreiten könnte, um zu dem Schatz zu gelangen, den er bewachte.“ „Ganz ſchön, aber nur ſachte, ſachte, ich bin juſt kein Drache, aber doch...“ „Eitles Geſchwatz. Deine Philoſophie und Dein göttliches Phlegma erlauben Dir nicht die Liebe auf dieſe Art zu begreifen. Ueberdieß weißt Du wohl, daß, wenn wir Rivale wären...“ „Nun ja, Du biſt noch ſo eigenliebig wie immer.. Aber ich habe auch meine Eigenliebe, und wahrlich, ich ſehe keinen Grund, warum ſie nachgeben ſollte.“ „Du kannſt mit Deinen Gefühlen Alles thun was Du willſt, ſie gehorchen Dir, und Du regierſt ſie wie Dich ſelbſt, nach Formen und Vernunſt; aber ich kann die meinigeu nicht regieren, und ich erkläre Dir, daß dieſes Weib, mit welchem juſt Du ſelbſt vorher meine Einbildungskraft angefüllt haſt, ebenſo lang in meinem Herzen bleiben wird, als ſie es ſchnell in Beſitz genommen hat.“ „Aber,“ verſetzte der Rektor,„falls auch ich mir die pikante Mühe geben wollte dieſe geheimnißvolle Wittwe zu beſiegen, wie kannſt Du dann glauben, daß ich ohne Kampf nachgeben würde? Nein, nein, mein lieber Victor, Deine Kühnheit beluſtigt mich und for⸗ dert mich heraus.“ „Nun, ſo wollen wir es denn verſuchen, jeder für ſich!“ „Ganz gut, und die Hoffnung ſteht Jedem zu... laß ſehen, ich habe beinahe zwei Monate vor mir.“ „Aber ich habe nicht mehr als ſechs Wochen, die Sache muß binnen dieſer Zeit zur Entſcheidung kom⸗ men.“ Der Rektor lächelte zweifelhaft. „Es muß ſich entſcheiden, ſage ich. Wollen wir wetten? Ehe ſechs Wochen zu Ende ſind, muß dieſes entzückende Weſen ſich entſchloſſen haben, zu leben für... „Für Dich?“ „Für mich!“ „Du verlierſt, und ich werde mein Beſtes thun, um es Dir zu beweiſen.“ „Thu was Du willſt. Ich höre eine Stimme in mir, die mir zuflüſtert getroſt zu ſein. Sie wird nicht widerſtehen, aus dem Grund, weil Amor ſelbſt ihr Ge⸗ müth mir geneigt machen wird.“ Der Rektor lächelte noch einmal mit derſelben ruhi⸗ gen, mitleidigen Miene, die auf ſanguiniſche Charaktere ſo aufreizend wirkt. „O, wie haſſe ich ein ſolches Lächeln!“ rief Vickor. „Es iſt eine Art vergifteter Waffe, deren ſich proſaiſche und Vergn der R 7 Armes Schmer vergehe „2 Schmer daß ſie um ſich ſie wäh ſuchte.“ für ihre und es ſechs W ſich, daf nung he Biſt Di weiter g aufgeber 1A Dir, rher S in eſitz mir olle daß nein for⸗ eder die kom⸗ wir ieſes eben 11 und triviale Perſonen bedienen, blos damit ſie das Vergnügen haben Andere zu verletzen.“ „Mein Gott, Du wirſt ja ganz närriſch, lieber Victor! Auf den Beſitz eines Weibes zu wetten, von dem Du gar nichts weißt.“ „Weiß ich gar nichts?“ „Beinahe ſo viel als nichts.“ „Ich weiß Alles was nöthig iſt, um ein großes Gefühl zu wecken.“ „Ah, wirklich?“ „Sie iſt ſchön wie der Lieblingsengel Gott Vaters.“ „Den Du geſehen haſt?“ „Rein und heilig wie der Andachtsſeufzer, welchen der Maler der Madonna ſeiner Träume widmet.“ „Ei, jetzt biſt Du ja recht im Zuge.“ „Sie leidet, ſie iſt unglücklich, und ſie weint. Armes, herrliches, holdſeliges Weib, allein mit Deinem Schmerz und Deinen Erinnerungen, müßteſt Du ja vergehen.“ „Aber ſo vergiß doch nicht, daß ſie mit ihrem Schmerz und ihren Erinnerungen allein ſein wollte, daß ſie die Stadt, die Freunde, die Theilnahme flieht, um ſich in dieſem abgelegenen Winkel zu verbergen, den ſie während der Lebzeiten ihres Mannes niemals be⸗ ſuchte.“ „Daß ſie das thut, iſt blos ein weiterer Beweis für ihre Vortrefflichkeit. Aber kein Kummer währt ewig, und es iſt Zeit, daß dieſer gemildert wird.“ „So ſei es denn, wie Du willſt! Du beſtimmſt ſechs Wochen, ich meine zwei Monate, und zeigt es ſich, daß Du am Schluß Deines Termins einige Hoff⸗ nung haſt, ſo gebe ich freiwillig meine Anſprüche auf. Biſt Du dagegen nach Verfluß der ſechs Wochen nicht weiter gekommen als ich, ſo mußt Du alle Anſprüche aufgeben und mir das Feld räumen.“ „ℳ³ la bonne heure, ich bins zufrieden.“ Victor reichte ſeine Hand dar, und der Rektor ſchlug ein. Und damit war die Sache abgemacht. III. Zu Hauſe. 4 Eine Stunde ſpäter traten die beiden Brüder ins Zimmer ihrer Mutter. Frau Gertrud Wallenberg, Wittwe eines Gutsbe⸗ ſitzers, der ihr ein kleines Einkommen hinterließ, war ein Frauenzimmer, das durchaus auf nichts Anderes Anſprüche machte, als ein herzensgutes, vernünftiges Weib im Allgemeinen und eine ausgezeichnete Mutter im Beſondern zu ſein. Durch ihre Vorſorge hatten die Söhne ihre Bil⸗ dung erhalten, und hätte ihre Vorſorge jetzt Jedem eine vermögliche und ſchöne Frau verſchaffen können, ſie hätte nichts dagegen gehabt.————— „Wißt Ihr auch, was ich für eine Neuigkeit ge⸗ hört habe, meine Jungen?“ fragte ſie, ſobald ſie die beiden jungen Männer anſichtig wurde. „Iſt der Roggen im Preis geſtiegen, liebe Mama?“ antwortete der Rektor, indem er heiter der Mutter Hand von der Nähterei abzog und in die ſeinige ſchloß. 2 Ach nein, ich denke jetzt an etwas ganz Anderes, 1 ins be⸗ war res ges tter Bil⸗ dem nen, ge⸗ die a42“ itter nige eres, 13 als an meinen Roggen; übrigens iſt Tönne noch nicht aus der Stadt zurückgekommen.“ „Nun, was mag es denn ſein?“ „Ja, ſeht Ihr, dieſe junge Wittwe da, die Frau, die auf Tyſſelvik wohnt... Aber der Tauſend, mein lieber Victor,“ unterbrach ſich die würdige Mutter, „Du ſiehſt ſo roth und wunderlich aus, ich glaube wahrhaftig, Du haſt Fieber.“ „Ja, iſt's nicht wahr, gute Mamma, daß er recht krank ausſieht?“ ſagte der Rektor boshaft.„Aber fürchten Sie nichts, es iſt blos die Sonnenhitze, die ihm in den Kopf geſtiegen iſt!“ „Liebe gute Mamma, hören Sie nicht auf dieſe Dummheiten da. Ich bin nicht krank, aber ich werde es vor Neugierde, wenn Sie nicht ſogleich Alles ſagen, was Sie von der poetiſchen Wittwe wiſſen.“ „Eine ſolche Neugierde ſchadet der Geſundheit nicht, mein Kind, wenn ſie gut behandelt wird,“ lächelte Frau Gertrud und ließ mit mütterlichem Stolz ihren Blick von einem Sohn auf den andern ſchweifen... „Und Du, Edwin?“ fügte ſie hinzu. „O, ich höre gar zu gern einiges Geklatſche an, wenn es ſo unſchuldig iſt, wie dieſes hier.“ „Nun, ſo ſollt Ihr hören. Frau Norlin von Kumlaby kam heute Mittag hieher, und ſie hat aus erſter Hand Aufſchluß über Alles.“ „Ueber Alles?“ wiederholten die jungen Herrn. „Ja, Frau Norlins Tante hat einen Vetter in C.. köping.“ „Liebe Mamma, laſſen Sie uns um Gotteswillen Alles übergehen, was nicht zur Sache ſelbſt gehört!“ „Nun wohl denn, Ihr ungeduldigen Geſchöpfe, ich will alſo meine Geſchichte gar nicht ausſchmücken. Ich erzähle Euch ſomit ohne Umſchweife, daß ſie, un⸗ ſere ſchöne Wittwe, um des leidigen Reichthums willen, gezwungen worden iſt einen gewiſſen Bendelvik zu heirathen, einen Geſchäftsmann, der freilich in jeder Provinz einen Hof beſaß, daß ſie aber an dem Tage, wo man ſie zum Altar führte, beinahe den Verſtand verlor.“ „Aha,“ ſagte Victor, indem er einen bedeutungs⸗ vollen Blick mit dem Bruder wechſelte,„ſie hat alſo auch die romantiſche Eigenſchaft als Opfer dazuſtehen — wenn es nur nicht herauskommt, daß es ihr Lieb⸗ haber iſt, den ſie beweint, und nicht ihr Mann.“ „Nein, nein,“ eiferte die Mutter,„Ihr Kummer gilt wirklich den Mann.“ „Iſt das gewiß?“ „Vollkommen. Sie waren vier Jahre verheirathet; in den erſten zwei Jahren verhielten ſie ſich ſo kalt gegen einander, daß Jedermann ſich wunderte, wie ſie es auf dieſe Art aushalten konnten; aber im dritten Jahr ging, ohne daß Jemand die Veranlaſſung er⸗ fahren konnte, eine große Veränderung vor. Die Frau war wie umgewandelt, ebenſo der Herr; Zärtlichkeit und Frenndſchaft ſtellten ſich ein, und dieſes Verhält⸗ niß währte bis zu ſeinem Tod. „Und dann?“ fragte Victor. „Dann hat ſie ſich— Alles nach derſelben Ge⸗ währsmännin— aus Schmerz über ſeinen Verluſt bei⸗ nahe eine ſchwere Krankheit zugezogen, und um den unnützen Troſtgründen ihrer Arbunde zu entfliehen, iſt ſie hieher in dieſe Art von Verſteck gezogen, wo ſie noch kein ehrlicher Mann geſehen hätte, wenn nicht Ihr, meine Kinder, zufällig nach Hauſe gekommen wäret.“ „Ja, aber was hilft es ſie zu ſehen,“ wandte Edwin ein,„wenn ſie ſo eigenſinnig auf ihrem Schmerze verharrt? Es ſind jetzt gewiß 8 oder 9 Monate, daß ſie Wittwe geworden iſt.“ „Ein Jahr darf ſie doch wohl trauern.“ „Aber dieſer Liebhaber?“ dern Weil forſe ware mit Kirch ſie ſe inder rathe Eucdh erzen Gem würt Ihr ſchen über leide muß mit eder age, tand ngs⸗ alſo ehen Lieb⸗ umer thet; kalt e ſie itten 15⁵ „Er verlobte ſich ein Jahr darauf mit einer An⸗ dern und iſt wahrſcheinlich ſchon lange verheirathet.“ „Welch ein elender Kerl, der ein ſo herrliches Weib vergeſſen konnte!“ murmelte Victor. „Du ſprichſt, wie wenn Du ſie geſehen hätteſt,“ forſchte die Mutter.„Haſt Du das?“ „Juſt heute Mittag.“ „Sah ſie auch Dich?“ „Nein, ſie ſah keinen von uns. Edwin und ich waren beiſamen; aber Edwin, der ein Sonntagskind mit allen möglichen Vortheilen iſt, hat ſie auch in der Kirche geſehen!“ „Ja das iſt wahr: wir ſaßen ihr gegenüber und ſie ſchlug zweimal ihre Augen gegen ihn auf.“ „Vermuthlich ein bloßer Zufall,“ meinte Victor, indem er, nicht ohne einen unbewußten Verdruß zu ver⸗ rathen, das Zimmer verließ. „Victor ſieht Dich bereits etwas ſauer an. Hütet Euch vor Nebenbuhlerſchaft, meine Kinder; ſo etwas erzeugt böſe Folgen.“ „Ach nein, Mamma, bei unſerer friedfertigen Gemüthsart nicht... aber welchem von uns beiden würden Sie Ihre beſten Wünſche widmen wollen?“ „Keinem.“ „Wie ſo 22 „Wenn Ihr beide dieſelbe Sache wünſchtet, die Ihr nicht beide bekommen könntet, ſo würde ich wün⸗ ſchen, daß Ihr beide nachgeben müſſet. Ich könnte es nicht übers Herz bringen, den Einen um des Andern willen leiden zu ſehen.“ „Sie urtheilen, wie eine gute Mutter urtheilen muß. Ich glaube übrigens, daß wir Sie nicht zu ſehr mit der Wahl quälen werden.“ 12 IV. Der erſte Kampf. „Höre einmal, wollen wir im Anfang gemeinſchaft⸗ lich operiren, oder hältſt Du es für beſſer, daß Jeder für ſich handelt?“ Mit dieſen Worten trat der Rektor in ſeines Bruders Zimmer, das zunächſt bei ſeinem eigenen ag. Aber als er bis ans Bett vortrat und es bereits verlaſſen fand, machte er eine Miene, die ungefähr ſa⸗ gen wollte: „Ah, ſo, die Frage iſt bereits entſchieden... Glück auf denn, Du Narr!“ Und damit ging der Rektor auf ſein Zimmer zu⸗ rück, zündete eine Cigarre an und begann über das Närriſche der eingegangenen Wette nachzugrübeln, was jedoch den Nachtheil hatte ihn zu weiteren Grübeleien darüber zu reizen, wie er die Sache behandeln ſollte. Denn es konnte dieß jedenfalls eine Gelegenheit wer⸗ den, die zum mindeſten eine ernſte Ueberlegung ver⸗ diente———— Der Bezirksamtmann, der ſich ſelten zu Schulden kommen ließ, daß er ſeine Zeit mit langen Ueberle⸗ gungen vergeudete(„Woz. 4 unnöthig zu ermüden 2u) war ſchon ſeit Sonnenaufgang auf Wegen und Stegen umhergeſchweift. u hilft es auch, ſagte er, ſich Aber es muß bemerkt werden, daß dieſe Wege und Stege nich t das Eigenthum ſeiner Mutter umgürteten: nein, ſie ſchloſſen ſich um das garſtige, einſamgelegene, bein Mei ches unfr Pfla trockt verw Leber den Stra ſagte würde geſtor das dü verwei E E ganzes er den A über ſe E Appeti dem er des Ju Carl chaft⸗ Jeder ſeines genen ufgang irteten: elegene, 17 beinahe düſtere Tyſſelvik, das ungefähr eine halbe Meile von dem hübſchen Gütchen Elfheim ablag, wel⸗ ches Frau Wallenberg gehörte. Tyſſelvik hatte ein ſchlechtes Wohnhaus, deſſen unfreundliches Anſehen nicht einmal durch einige ſchöne Pflanzungen verbeſſert wurde. Alles war kalt und ver⸗ trocknet; der Wald umgehauen, die Gärten gänzlich verwildert, und das Einzige was dem Platz einiges Leben verlieh, war eine Sägmühle, deren Getöſe an den Felſen verhallte, welche ſich von dem unfruchtbaren Strande bis hieher erſtreckten. „Wie iſt es möglich, daß ſie hier leben kann 20 ſagte Victor zu ſich ſelbſt.„Ein Herbſtabend mit Sturm würde ihr das Leben nehmen.“ Er ging weiter, er blieb ſtehen, er wandte ſich wieder um. „Es wäre verwünſcht dumm, wenn ich geſehen würde, und hier kann man von allen Seiten her ge⸗ ſehen werden:.. Welch ein infamer Platz für Aben⸗ teuer dieſer Art! Man kann gar nichts Pikantes zu Stande bringen.“ Er hatte ſich an den Stamm einer zweigloſen, ab⸗ geſtorbenen Birke gelehnt, und hielt ſeine Augen auf das düſtere Wohnhaus gerichtet, wo ſein Engel des Lichts verweilte. Endlich hörte er ein Geraſchel hinter ſich. Er fuhr zuſammen und ſah in der Einbildung ein ganzes Kapitel aus ſeinem beabſichtigten Roman, ehe er den Muth hatte ſich umzuwenden. Als dieß endlich geſchah, erröthete er vor Mitleid über ſeine eigenen dummen Phantaſien. Es war ein kleiner Käthnerknabe, der mit gutem Appetit ein Stück ſchönes Roggenbrod verzehrte. „Gehts gut, Kleiner?“ ſagte der junge Mann, in⸗ dem er den friſchen Appetit und die ſtrahlenden Augen des Jungen betrachtete. Carlén, Binnen ſechs Wochen. 2 18 „Iſt Er hungrig, Er?“ fragte der Junge. „Das kann ich juſt nicht ſagen. Aber im Fall ich es wäre, hätteſt Du dann Luſt mit mir zu theilen 2„ „Ja, ein Bischen, ein klein Bischen. Wenn ich artig bin, ſagt die Mutter, ſo komme ich in das Him⸗ melreich. Und die ſchöne Dame vom Gut ſagt, ich ſei artig, wenn ich demjenigen etwas gebe, der hungeriger ſei, als ich ſelbſt.“ „Himmliſche Mächte,“ dachte Victor,„da bekomme ich ja gleichſam von ſelbſt den erſten Faden meiner künftigen Liebesgeſchichte. Jetzt gilt es blos ihn feſt⸗ zuhalten, und geſchickt an das Weitere anzuknüpfen.“ „Du biſt ein braver Junge, daß Du Dich der Er⸗ mahnungen Deiner Mutter ſo wohl erinnerſt. Du kommſt gewiß ſchon um des guten Vorſatzes willen ins Himmelreich.“ „Glaubt Er das, Herr?“ Der Junge zog mit einem verzeihlichen Inſtinkt das prächtige Brod näher an ſich. „Ja gewiß, der Pfarrer wird Dir, wenn Du zu ihm in den Unterricht kommſt, wohl ſagen, daß der Vor⸗ ſatz ſo gut ſei wie die Handlung ſelbſt.“ „Da ich jetzt bereits einen guten Vorſatz gehabt habe, ſo will ich alſo den Heimweg über Sundsmo nehmen, denn ſonſt treffe ich den kleinen Peter, der immer hungrig iſt.“ — Victor lächelte über die leichte Auffaſſung des Kna⸗ ben, aber da er es nicht auf ſein Gewiſſen nehmen konnte, dem Schützling ſeiner künftigen Geliebten einige jeſuitiſche Ideen beigebracht zu haben, ſo fügte er ſchnell hinzu: „Das Himmelreich ſteht noch ſicherer ſolchen Kin⸗ dern offen, welche ſelbſt diejenigen aufſuchen, die hung⸗ riger ſind als ſie, und ungebeten mit ihnen theilen.“ „Ja, aber der kleine Peter P ſo ſchrecklich viel⸗ 3 bring thalen Mutt Herr doch „ 2 bekom 2 2 2„ kehrt? in den V S in der verſuch ſeine§ G Der In eilte ge welchen Ir wie er! fremder Ta aber kei werden. Fall ich eilen?“ enn ich 8 Him⸗ ich ſei geriger ekomme meiner hn feſt⸗ üpfen.“ der Er⸗ t. Du len ins Inſtinkt Du zu gehabt undsmo ſer, der i einige ſchnell In Kin⸗ Mhung⸗ len.“ ſcch viel⸗ ler Vor⸗ 19 Ich möchte gern der Mutter ein Stück nach Hauſe bringen.“ „Da ſieh her!“ Victor zog einen blanken Silber⸗ thaler hervor...„Wenn Du dieß Geldſtück da Deiner Mutter brächteſt!“ Die Augen des Jungen funkelten. „Er braucht wahrlich nicht hungrig zu ſein, Herr!“ „Wenn ich die hübſche Gutsfrau treffe, will ich ihr doch ſagen, daß Du mir etwas angeboten haſt.“ „Will Er das?“ „Ganz gewiß... haſt Du dies Stück Brod heute bekommen?“ „Jetzt, vor einer kleinen Weile.“ „Du warſt alſo auf dem Gut?“ „Sie gieng hier vorbei.“ „Ah, ſie ging vorbei— und hat alſo umge⸗ kehrt? „O nein, ſie hat nicht umgekehrt, ſie hatte noch viel in dem Korb, den ſie an ihrem Arme trug.“ Victor bebte vor Freude. Sie mußte alſo zurückkommen, er ſollte ſie ganz in der Nähe zu ſehen bekommen. Er fühlte ſich ſehr verſucht noch einen Reichsthaler hervorzuziehen, obſchon ſeine Kaſſe gerade nicht zum beſten verſehen war. Glücklicherweiſe dauerte die Verſuchung nicht lange. Der Junge hatte ſich bereits auf die Beine gemacht und eilte ganz geſchwind fort, um ſeiner Mutter zu zeigen, welchen Glückstag er gehabt hatte.——— Inzwiſchen mußte Victor einen Plan entwerfen, wie er die Dreiſtigkeit entſchuldigen ſollte, daß er ſich auf fremdem Grund und Boden betreten ließ. Tauſend Entwürfe kreuzten ſich in ſeinem Kopf, aber keiner war natürlich genug, um angenommen zu werden. 20 Man konnte ſich eine halbe Meile von ſeiner alten Heimath nicht wohl verirren. Auch konnte man nicht ſtürzen und Arm und Bein brechen, wenn man ſich zu Fuß befand. Und auf der Jagd begriffen zu ſein, das war beinahe ebenſo unmöglich ohne Büchſe, beſon⸗ ders auf einer fremden Markung. „Ach mein Gott, wie dumm bin ich!“ rief er end⸗ lich.„Ich will ja in die Sägmühle gehen, ich habe für meine Mutter etwas zu beſtellen... Zum Henker, die Sägmühle liegt in einer andern Richtung und ihr Weg iſt juſt dieſer da. Taugt nichts!“ „Nun jetzt hab ichs... ich bin Botaniker... Botaniker mit Leib und Seele, und ich habe ſagen hören... nein, ich weiß von meiner Kindheit her, daß hier eine äußerſt ſeltene Pflanze vorkommt, gleich⸗ viel welche— es fällt mir jetzt meiner Seel kein ein⸗ ziger lateiniſcher Name ein, aber es iſt um ſo artiger, ſich auf rein Schwediſch auszudrücken.“ Und jetzt begann er mit der geſpannteſten Auf⸗ merkſamkeit unter den Geſträuchen und Geſteinen um⸗ her zu ſuchen, während er in Gedanken ſeinen Monolog fortſetzte. „Ja, ja, ſo geht es demjenigen, der ein gerechtes Vertrauen zu ſich ſelbſt beſitzt. Das Glück iſt dem Kühnen niemals abhold. Während Du ſchläfſt und nachgrübelſt, theuerſter Bruder, ſchmiede ich das Rad meines Glückes... Und bei meiner armen Seele, ich glaube, daß meine Geſchicklichkeit juſt jetzt auf die Probe geſetzt werden ſoll— ſind dies nicht eines Seraphs Füße, die hinter mir über das Laub hin⸗ ſchweben?“ 2 Hätte der junge Mann der Wahrheit gemäß ant⸗ worten wollen, die er in ſeinem Innern vernahm, ſo würde er nein! geantwortet haben; ſo wenig ſchienen die trippelnden und nicht ſonderlich leichten Tritte, die er hö maßli blick⸗ Fuß vor tü und, alltägl welche ſein i zukom zimme Hut v kommer monirt wart z der no ſcheinli verſpür geweſen „2 Wildni 38 aber ich hälmche ſpringe alten nicht ch zu ſein, eſon⸗ end⸗ habe enker, ihr .. ſagen her, gleich⸗ n ein⸗ rtiger, Auf⸗ n um⸗ nolog uf die hin⸗ 21 er hörte, der Art zu entſprechen, wie die Seraphim muth⸗ maßlich gehen. „Sucht der Herr etwas?“ fragte in dieſem Augen⸗ blick eine Stimme, die unſern Liebhaber von Kopf zu Fuß ſchauern machte, nicht vor bebender Wonne, ſondern vor tödtlichem Schreck. Konnte die himmliſche Sängerin ein ſo ſcharrendes und, um den gelindeſten Ausdruck zu gebrauchen, ſo alltägliches Sprachorgan haben? Und konnte eine Dame, welche der ganzen Welt entfliehen wollte, im Stande ſein ihm ſo ungenirt mehr als halbwegs entgegen⸗ zukommen? Mit einem Gefühl des Zwangs und Mißvergnügens drehte er ſich um und that unwillkürlich einen Ruf der Befriedigung, als er ein großes, recht hübſches Frauen⸗ zimmer in blauem Kleid, grünem Shawl und rothem Hut vor ſich ſah, deren ganze Art und Haltung voll⸗ kommen mit dem bunten Geſchmack ihrer Kleidung har⸗ monirte. „Haben Sie mich ſchon früher geſehen?“ fragte ſie ſchnell und ſichtlich in geſchmeicheltem Ton,„da Sie eine ſolche Freude über meine unbedeutende Gegen⸗ wart zu verrathen ſcheinen?“ „Kann man ſich nicht auch über etwas freuen, was man zum erſtenmal ſieht?“ ſagte Victor in einem Ton, der noch mehr ſchmeicheln mußte, obſchon er wahr⸗ ſcheinlich ſogleich einige Symptome übler Laune zu verſpüren anfing, weil der Erfolg, auf den er ſo ſtolz geweſen war, einen ſolchen Verlauf nahm. „Aber ſagen Sie mir doch, Herr, was Sie in dieſer Wildniß thaten?“ begann die Dame lächelnd wieder. „Ich beſchäftigte mich mit Botaniſiren.“ „Ah ſo, ich verſtehe auch etwas von dieſem Zeug, aber ich finde es ſchrecklich langweilig um einiger Gras⸗ bälmchen willen in Sümpfen und Wäldern herumzu⸗ ſpringen. Sind Sie ſchon lange in der Gegend 2“ „Erſt einige Tage.“ „Ich kann wahrhaftig nicht daſſelbe ſagen, denn ich plage mich bereits einen ganzen Monat hier.“ „Ah, Sie ſind fremd?“ „Ja, Gott ſei Dank, das iſt noch ein Troſt!“ „Sie bewohnen die Gegend blos bis auf Wei⸗ teres?“ „Das heißt, ſo lange es mir gefällt. In einem ſolchen Grabesland bleibe ich wahrlich nicht lang. Es iſt ja hier, wie wenn Alles ausgeſtorben wäre.“ „Wenn ich es wagen dürfte mir eine ſolche Frei⸗ heit zu nehmen, ſo möchte ich fragen, mit wem ich die Ehre gehabt habe zuſammenzutreffen? Mein Name iſt Wallenberg, meine Mutter wohnt nicht weit von hier.“ „Ah, das iſt alſo der Bezirksamtmann,“ ſagte die Dame mit einem eigenthümlichen Nicken;„den Rektor habe ich bereits in der Kirche geſehen, obſchon ich glaube, daß ich nicht das Glück hatte ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit zu erregen.“ „Das iſt wohl kaum möglich.“ „Ei, wirklich?“ „Inzwiſchen,“ erinnerte Victor, der ſogleich fand, daß Delicateſſe hier eher für einen Fehler als für eine Tugend angeſehen würde,„inzwiſchen hat es Ihnen noch nicht gefallen, mir eine Antwort auf die Frage zu ertheilen, die ich an Sie zu richten mich erdreiſtete.“ „Ah ſo, wer ich bin?— Nun ja ich bin die Ge⸗ ſellſchafterin und Kammerjungfer der Wittwe Bendel⸗ vik, die auf den Einfall gekommen iſt ihren Mann in der Abgeſchiedenheit zu beweinen.“ „Ah...“ Victor that ſich Einhalt. „Sonſt heiße ich Sophie Tolander. Mamſell Tolander von Jönköping. Mein Vater iſt am Hof⸗ gericht.“ „Ich kann mich nicht erinnern dieſen Namen dort gehört zu haben.“ kleine hoffen Naſ ei lange lander Frau in de bei il beten bin n anfaf iſt all darf ihre hier treffe unbe lande Aber eine geha zu ſe vor ſinn keine denn 4 1 Wei⸗ einem g. Es Frei⸗ ich die ime iſt hier.“ gte die Rektor on ich ufmerk⸗ h fand, ür eine Ihnen Frage eiſtete.“ die Ge⸗ Bendel⸗ tann in Mamſell n Hof⸗ nen dort „Er iſt der älteſte Aufſeher.“ „Das iſt etwas Anderes, Mamſell— dann kenne ich ihn ganz gut.“ „Nun, das iſt luſtig: es beſteht alſo bereits eine kleine Bekanntſchaft zwiſchen uns. Der Alte war doch hoffentlich wohl auf?“ „Ganz wohl. Aber wenn ich noch eine weitere Naſenweisheit wagen dürfte, ſo möchte ich fragen, wie lange Sie von Hauſe abweſend ſind, Mamſell To⸗ lander?“ „Es iſt etwas länger als ein Jahr, ſeit ich der Frau Bendelvik recommandirt wurde. Ich wäre aber in der letzten Zeit nach dem Tode ihres Mannes nicht bei ihr geblieben, wenn ſie mich nicht ſo ſchrecklich ge⸗ beten hätte, daß ich ſie hieher begleiten möchte. Ich bin nicht von Stein, ich, wenn man mich beim Herzen anfaßt!“ „Welche achtungswerthe Denkungsart... Sie iſt alſo ſehr unglücklich, die junge Wittwe 2, „Sie iſt ganz närriſch... Aber wahrhaftig, ich darf mich dießmal nicht länger aufhalten. Dieß iſt ihre Zeit, wo ſie heimkommt. Wenn Sie auch morgen hier ſpazieren gehen wollen, ſo können wir uns vielleicht treffen, wenn ich die Armen der Frau beſuche.“ Victor wurde troſtlos bei der Ausſicht auf dieſes unberechnete Abenteuer. Er konnte allerdings durch Mamſell Sophie To⸗ lander Aufſchlüſſe über ſeine künftige Braut erhalten. Aber dieſe mußte ebenſo unzweifelhaft erfahren, daß er eine Art von Zuſammenkünften mit ihrer Kammerjungfer gehabt, und eine ſolche Entdeckung konnte nicht wohl zu ſeinen Gunſten ausfallen. Jedoch Mamſell Sophie vor den Kopf zu ſtoßen, das ging auch nicht an. „Ei der Tauſend, mein Herr, ich glaube, Sie be⸗ ſinnen ſich. Haben Sie die Güte und machen Sie ſich keine Mühe, wenn es Ihnen unbequem iſt. Es iſt 24 allerdings etwas langweilig in der Einſamkeit, aber ich will Niemand in ſeinen Neigungen ſtören. Guten Morgen, Herr Botaniker, viel Glück!“ „Ei, Mamſell, ich habe ja nicht geſagt...“ „Ergebenſte Dienerin!“ Mamſell Sophie zog ihren Schleier herab, ſchob den Hut ein wenig in die Höhe und hielt ihr Näschen mit einer nobeln Störrigkeit in die Luft. „Ich wollte Ihnen ja blos ſagen, Mamſell, daß ich meinem Bruder verſprochen habe ihn auf die Jagd zu begleiten; aber ich hoffe bald genug zurückzukommen, um von einem angenehmen Zuſammentreffen profitiren zu können.“ „Wie Sie wollen, Herr. Aber jetzt iſt es ganz gleich, denn jetzt erinnere auch ich mich, daß morgen einer der Abende iſt, wo die Frau auf den See hinaus⸗ fährt, und dann iſt ſie den ganzen Tag in einer ſolch ſieberhaften Unruhe, daß ich keine Minute von Haus abkommen kann.“ Dieſe koſtbare Nachricht belohnte Victor damit, daß er Mamſell Sophiens ſchönes Zartgefühl zu Hauſe zu bleiben hochpries und bemerkte, er könnte es nicht auf ſein Gewiſſen nehmen, dieſes Zartgefühl auf irgend eine Weiſe ſtören zu wollen. Hierauf verbeugte er ſich artig und eilte weg. Was Mamſell Sophiens Befürchtung betraf, daß ſie unter⸗ wegs auf einige böſe Kühe ſtoßen könnte, ſo that er, als ob er ſie nicht gehört hätte. „Verdammt,“ murmelte der junge Mann,„dieſer Faden iſt gar zu ſchnell zerriſſen. Der Schutzengel des armen Jungen war nicht der meinige.“ 7 lichen? „2 ... mn Ganzen geweſen „2 ohne 2 17 aber Guten 14 ſchob üschen mmen, fitiren b ganz rorgen naus⸗ ſolch Haus „daß uſe zu ht auf d eine Was ſunter⸗ at er, dieſer eel des V. Die Collationirung. Als der Bezirksamtmann nach Hauſe kam, glaubte er den Rektor bei der Mutter am Frühſtück zu finden, aber der Rektor warnicht zu finden und kam auch vor Mittag nicht heim.* Kaum waren die Brüder allein, als Victor mit der Ungeduld und Heftigkeit eines Kindes Edwin mit⸗ theilte, welch ungehenren Vorſprung er ihm abgewon⸗ nen habe. 3 „Wie ſo?“ fraßte der Rektor mit ſeiner gewöhn⸗ lichen Ruhe. „Das fragſt Du, nachdem Du mich gehört haſt ... mit der Kammerjungfer anzufangen, das iſt ja im Ganzen genommen ſchon ſeit der Heidenzeit Brauch geweſen.“ „Aber unzweifelhaft wäre es doch beſſer geweſen, wenn Du mit der Heldin ſelbſt hätteſt anfangen dürfen!“ Victor, der eigentlich ein wenig hatte großthun wollen, antwortete etwas niedergeſchlagen: „Allerdings, aber das Glück fällt Einem nicht ſo ohne Mühe und Vorſpiel in den Schoos.“ „Dir vielleicht nicht, aber mir!“ „Was ſoll das heißen?“, „Daß ich nicht blos unſere Wittwe geſehen, ſon⸗ dern daß ich auch mit ihr geſprochen habe, und daß ich nicht blos mit ihr geſprochen, ſondern daß ich auch ihre Hand gehalten habe, während ſie auf den ſchmalen Steg trat, der über den Waldbach führt.“ N „Ach Du dummer Münchhauſen... Aber warum nicht? Wenn man ein Geſchichtchen erzählt, ſo kann man ja ſo leicht aufſchneiden. Ich dagegen, der ich Wirklichkeiten erlebt habe, brauche nicht aufzuſchneiden.“ „Im Fall Du meinen Worten nicht glaubſt, ſo laß Beweiſe gelten; was ſagſt Du von dieſem hier?“ „Ah ein gefundenes Nastuch mit dem Namen Ma⸗ thilde gezeichnet!“ „Ein guter Vorwand,“ verſetzte der Rektor,„ihr morgen meine Aufwartung zu machen, oder wie?“ „Nein, das iſt unmöglich, das iſt ſchlechterdings unmöglich; wo, wann oder wie ſollteſt Du ſie geſehen haben?“ Der Rektor lächelte. „Wenn es wirklich wahr iſt, ſo iſt es Deiner un⸗ würdig eine ſolche Tour zu gebrauchen.“ „Ich habe dieſe Tour meiner lieben Philoſophie zu verdanken.“ „So erkläre Dich.“ „Ich hatte da gelegen und meinen Heine geleſen im Wald, der, wie Du weißt, drunten am Bach unſer Gut von dem Tyſſelvik'ſchen ſcheidet; aber ich hatte ſo eben das Buch weggelegt, um unter den Bäumen einen Na⸗ men zu ſuchen, den ich einmal in die Rinde einer Birke einſchnitt.“ „Ah ich erinnere mich ganz gut: das geſchah zur Zeit, als Du in unſer Bäschen, die hübſche kleine Hil⸗ da, verliebt warſt.“ „Die ich ſeitdem nie wieder ſah— es iſt eine Reminiſcenz aus den glücklichen Gymnaſiſtentagen.“ „Weiter, weiter!“ „Nun wohl, ich ſtand juſt da und wunderte mich darüber, daß mein und Hildas Namen ſich noch ganz friſch in der Rinde befanden, als ich zwiſchen dem Laub und den Zweigen der Bäume eine kleine ſchwarze Elfe heranſch meinem 7 tin des 77 phraſen. „J in ſichtl ſein mö 77 wundern „2 7 „3 in Dein ſondern zugleich Verlege „,2 einfach Sie mi bliothek Stünde freuen, die eine 21 weishei 77 Worte und mi ſchreibe einem großer warum o kann der ich eiden.“ bſt, ſo hier?“ en Ma⸗ r.„ihr 2 erdings geſehen ner un⸗ pphie zu leſen im ſer Gut ſo eben ien Na⸗ er Birke hah zur ine Hil⸗ iſt eine gen.“ rte mich och ganz em Laub rze Elfe 27 heranſchweben und, kannſt Du es wohl glauben? vor meinem aufgeſchlagenen Buch ſtehen bleiben ſah.“ „Man möchte raſend werden, womit hatteſt wohl Du ſo etwas verdient?“ „Tröſte Dich mit der alten Sentenz, daß die Göt⸗ tin des Glücks blind iſt.“ „Verſchone mich mit Deinen abgenützten Schul⸗ phraſen. Nahm ſie das Buch auf?“ „Ja gewiß, und ſie begann ſogar darin zu blättern, in ſichtlicher Verwunderung, woher es wohl gekommen ſein möge.“ „Und Du ließeſt ſie wohl nicht vergebens ſich ver⸗ wundern?“ „Das hätte ich mir nicht erlauben können.“ „Nein, nein!“ „Ich kam inzwiſchen nicht hervorgeſtürzt, wie Du in Deiner Heftigkeit ohne Zweifel gethan haben würdeſt, ſondern ich näherte mich mit einer Beſcheidenheit und zugleich mit einer gedankenvollen Miene, die ihr alle Verlegenheit erſparte. „Wir ſind Nachbarn, Madame,“ ſagte ich ganz einfach und eher gleichgültig als lebhaft.„Erlauben Sie mir in dieſer Eigenſchaft zu fragen, ob meine Bi⸗ bliothek dazu beitragen könnte Ihnen manchmal ein Stündchen zu verkürzen. Es würde mich in dieſem Fall freuen, daß ich einige gute Bücher mitgebracht habe, die einem leichteren Geure angehören als dieſes da.“ „Und ſie gab Dir eine Antwort auf Deine Naſen⸗ weisheit?“ „Naſenweisheit, ſagſt Du— ſie beurtheilte meine Worte ganz anders. Sie antwortete mit vieler Anmuth, und mit einer Stimme, deren Wohllaut ſich nicht be⸗ ſchreiben läßt: Ich werde mir die Freiheit nehmen von einem Anerbieten zu profitiren, das mir mit eben ſo großer Einfachheit als Offenheit gemacht wird.“ 28 „O das iſt zuviel, zuviel!“ rief Victor.„Und ich, der ich kein einziges Buch habe außer...“ „... Deinem geliebten Paul de Kock; könnteſt Du nicht...“ „Schweig doch, willſt Du ſchweigen?... Aber wart nur, ich kann auch eine Gelegenheit finden!“ „Während Du darnach ſuchſt, will ich meine Er⸗ zählung beendigen.“ „Ja beendige ſie.“ „Wenn Sie mir erlauben wollen Ihnen ein Ver⸗ zeichniß deſſen, was ich Ihnen anbieten kann, zu ſchicken — merk wohl, ich ſagte ſchicken— ſo dürften Sie ſanſ die Bücher bezeichnen, welche Sie zu leſen wün⸗ chen.“ „Deſſen bedarf es nicht,“ antwortete ſie;„ich über⸗ laſſe die Wahl Ihnen ſelbſt, Herr Rektor!“ „Herr Rektor— jetzt ſehe ich ganz deutlich, daß Du nach Herzensluſt dazu lügſt!“ „Nicht einen Buchſtaben. Das war eine Feinheit von ihr, daß ſie mir zu verſtehen gab, daß ſie mich kenne.“ „Wie es eine Grobheit von Dir war, ſie dadurch, daß Du Dich ihr nicht präſentirteſt, zu dieſer Feinheit zu nöthigen. Nun, ſie erlaubte Dir wohl auch einen Beſuch zu machen?“ „Sie äußerte Nichts weiter, als was ich Dir er⸗ zählt habe. Und das Allerletzte ſagte ſie juſt, während ſie ſich zum Abſchied verneigte und nach dem Steg zugieng.“ „Und alles das konnte das Schickſal auf eine ein⸗ zige Hand ſich häufen laſſen?“ „Die Delicateſſe ſchien mir zu fordern, daß ich vorauseilte, worauf ich mit der unſchuldigſten Miene von der Welt ihr die Hand reichte und hinüberhalf.“ „Nun die Geſchichte mit dem Nastuch...“ „... iſt ganz einfach die, daß ſie es beim Buche liegen li dringlich geſprung Vich Sei noch tar ihre Sch eine einz Es deren Re ebenſo ei doch eine bereitete noch wei Abe Wittwe Es In ſchwarz und ver des Orte eines al Die hieß, wo druck de ind ich, könnteſt Aber n⸗⸗ ine Er⸗ in Ver⸗ ſchicken ten Sie en wün⸗ ch über⸗ ch, daß Feinheit ſie mich dadurch, Feinheit h einen Dir er⸗ während i Steg ine ein⸗ daß ich Miene erhalf.“ 71 m Buche 29 liegen ließ. Und es würde wie eine unſchickliche Auf⸗ dringlichkeit ausgeſehen haben, wenn ich ihr damit nach⸗ geſprungen wäre.“ Victor antwortete Nichts. Seine gute Laune war dahin, und obſchon er gerne noch tauſend Fragen über ihr Ausſehen, ihr Weſen, ihre Schwermuth gemacht hätte, ſo machte er doch nicht eine einzige. Es war offenbar, daß Edwin dieſe Umſtände, in deren Rahmen das kleine Abenteuer eingeſchloſſen war, ebenſo eifrig mitgetheilt haben würde, aber Victor hatte doch einen Troſt— wenn er auch ihm ſelbſt ein Leiden bereitete— nämlich daß Edwin keine Gelegenheit hatte noch weiter mit ſeinem Erfolg zu prahlen. Aber wir verlaſſen jetzt die Brüder, um der jungen Wittwe ſelbſt einen Beſuch zu machen. VI. Der Kummer einer Wittwe. Es iſt am Morgen des folgenden Tages. In einem großen tiefen Zimmer, das zwar nicht ſchwarz ausgeſchlagen war, aber doch dunkle Tapeten und verſchloſſene Gardinen hatte, ſaß die Herrſcherin des Ortes, zurückgelehnt an die ſkulptirte Rückenlehne eines alten Armſtuhls von Ebenholz. Die junge Frau, die, wie wir hörten, Mathilde hieß, war in der Nähe noch blendender, und der Aus⸗ druck des Leidens, ganz beſonders eines ſchmerzlichen 30 Sehnens, das beſtändig auf ihrem Geſicht weilte, verlieh demſelben ein erhöhtes Intereſſe. Man konnte dieſes ſeelenvolle Geſicht nicht ſehen, ohne zu wünſchen, daß dieſes wehmüthige Sehnen es verlaſſen möchte. Mathilde war mit keiner weiblichen Arbeit beſchäf⸗ tigt, die ſie zerſtreuen konnte. Ihre eine Hand ſpielte mechaniſch mit den Armquaſten des Stuhles. Die an⸗ dere umſchloß ein altes mit wunderlichen Figuren eiſe⸗ lirtes Goldherz, deſſen oberer Theil das Schloß des untern bildete. Vielleicht war es dieſes Metallherz, welches die Sage mit dem famoſen Namen Mannes herz be⸗ ehrt hat. Aber wie ſehr oder wie wenig ſich Mathilde ge⸗ grämt hatte oder noch grämte, ſo ſchien doch dieſes Herz für ſie eine Koſtbarkeit von hohem Werthe zu ſein, denn ſie führte es alle Augenblicke mit beinahe leidenſchaftlicher Heftigkeit an ihre Lippen, und bald fielen ihre Thränen auf ſeine verdunkelten Blumen und Blätter. Aber nicht genug damit, daß dieſer Beweis von Zärtlichkeit dem äußern Kleinod gewidmet wurde: nach einigen Minuten öffnete ſie das Herz und nahm eine helle Haarlocke heraus, die ohne Zweifel ihre zugleich allerbitterſte und allertheuerſte Erinnerung in ſich ſchloß, denn jetzt verwandelten ſich die Thränen der jungen Frau in ein Geſchluchze, das nicht inne hielt, Jis die Thüre vom äußern Zimmer ſich leiſe öffnete, worauf die Haarlocke blitzſchnell in ihren Sarkophag einge⸗ paßt und das Herz ſelbſt in ein ſilbernes Käſtchen ge⸗ legt wurde. Es war Manmſell Sophie, deren Ankunft die Ein⸗ ſamkeit ihrer Gebieterin ſtörte. „Mein Gott, wie ſonderbar iſt das, daß Sie es aushalten können ſo entſetzlich lange zu weinen!“ Me 5 ſo bin Spektak deſt Die habe.“ Sie vor eines ar len, und einſamer jetzt nich hieher k traf geſte o ſo ſch Madame man auf ein leicht Wangen. für Auge „Jch verlieh ſehen, hnen es beſchäf⸗ ſpielte Die an⸗ en ciſe⸗ oß des hes die rz be⸗ ilde ge⸗ dieſes erthe zu beinahe nd bald nen und is von e: nach lhm eine zugleich hſchloß, jungen bis die worauf einge⸗ ſchen ge⸗ ie Ein⸗ Sie es 144 31 Mathilde ſchien die Störung nicht zu beachten. „Wenn ich nur eine einzige halbe Stunde weine, ſo bin ich ganz verloren und ſehe aus, daß es ein Spektakel iſt; aber Sie, Madame, können den ganzen Tag weinen und dennoch immer gleich ſchön ſein.“ „Sophie,“ ſagte die junge Dame mit einem Ton, der die Schmeichelei zurückwies,„ich glaubte, Du wür⸗ deſt Dich beſſer an das erinnern, was ich Dir geſagt habe.“ „Ach mein Gott, Madame, ich weiß wohl, daß Sie von einem ſo unbedeutenden Geſchöpf, wie ich für eines angeſehen werde, kein wahres Wort anhören wol⸗ len, und es wäre auch keine beſondere Freude in dieſer einſamen Wildniß da noch ſo gut auszuſehen, wenn ſie jetzt nicht weniger einſam wäre, als zur Zeit, da wir hieher kamen.“ „Was meinſt Du damit?“ „Nichts anderes, als daß es hier wenigſtens auch Menſchen gibt.“ „Das hat es doch wohl immer gegeben.“ „Ja freilich, aber nur von einer gewiſſen Sorte.“ „Nun weiter?“ „Ei jetzt iſt eine neue Sorte gekommen. Ich traf geſtern früh einen jungen Herrn, der ſo ſchön war, o ſo ſchön, daß er ganz einem Zuckerengel glich— Madame haben gewiß ſchon ſolche Engel geſehen, die man auf Weihnachten in den Conditoreien auszuſtellen pflegt.“ „Iſt er blond?“ fragte die junge Wittwe, und ein leichter Roſenſchimmer breitete ſich über ihre blaſſen Wangen. „Nein er iſt dunkel wie ein Italiener und Augen bat er im Kopf, Sie können gar nicht glauben, was für Augen.“ „Ich weiß nicht, warum Du mich mit ſolchem dum⸗ 32 mem Geſchwatze ſtörſt... bekümmere ich mich etwa da⸗ rum, wie ein Fremder ausſieht?“ „Aber Madame, ich verſichere Sie...“ „Still und verſchone mich künftig mit den Ent⸗ deckungen, die Du machſt.“ „Ei mein Gott, ich will ja ſchweigen, ich will ge⸗ wiß nicht vergeſſen, wer ich bin. Aber ich glaubte, es würde ſo werden, wie Sie ſagten, Madame, als Sie mich überredeten mit Ihnen in dieſe Wildniß zu kom⸗ men, nämlich daß ich mehr Geſellſchafterin als Kam⸗ merjungfer ſein ſollte.“ „Das darfſt Du auch ſein, wenn ich Luſt nach Geſellſchaft habe; und ſobald mir dieſe Luſt kommt, werde ichs Dir ſagen.“ Die Gebieterin machte eine Bewegung mit der Hand. Und ohne noch ein einziges Wörtchen zu wagen, verfügte ſich Mamſell Sophie hinaus. Sobald Mathilde allein war, kniete ſie auf ein ſchwarzes Sammtkiſſen nieder, das vor dem Sopha lag. 1 Ihre Augen waren auf ein Porträt geheftet, das über dieſem Sopha hieng. Es war das Bildniß ihres Gatten. Und wäre Mathilde katholiſch und das Gemälde ein Heiligenbild geweſen, ſo hätte ſie nicht eifriger beten können, als ſie jetzt zu thun ſchien. Aber inwiefern ihr Gebet einer baldigen Vereini⸗ gung mit dem Original dieſes Bildes oder vielleicht einem andern Intereſſe galt, darüber vermögen wir kei⸗ en Aufſchluß zu ertheilen. So viel iſt jedoch gewiß, daß die Thränen der jungen Wittwe mehr einer convulſtviſchen Verzweiflung glichen, als dem ſtillen, ernſten Kummer, welcher 6c der Hoffnung auf baldiges Wiederſehen im Himmel hingibt. Fü bruch i So Antwor die Nach ſeine A Ein jungen? dann ein dens ſch Hie ſung: „S lon bem Zeh Schwelle Aber als nicht kannter v Perſon, Augen u oder auch den Rekt Carlen 33 va da⸗ Für dießmal wurde ſie jedoch bald wieder im Aus⸗ bruch ihres Schmerzes geſtört. Sophie zeigte ſich noch einmal und brachte als ¹ Ent⸗ Antwort auf den mißvergnügten Blick ihrer Gebieterin — die Nachricht, Rektor Wallenberg bitte um Erlaubniß eill ge⸗ ſeine Aufwartung zu machen. bte, es Ein Ausdruck, zuerſt der Ungeduld, der für den ls Sie jungen Rektor nicht ſonderlich ſchmeichelhaft war, und n kom⸗ dann ein Ausdruck der Zufriedenheit flog über Mathil⸗ Kam⸗ dens ſchönes Geſicht. 3 8 ierauf verſetzte ſie mit edergew ⸗ ſt nag fung f verſetzte ſi wiedergewonnener Faſ⸗ kommt,„Sag dem Herrn Rektor, er möge ſich in den Sa⸗ lon bemühen; i ich.“ it der ühen; ich komme ſogleich wagen, uf ein Sopha VII. Der Tröſter Nro. 1. et, das ihres Zehn Minuten ſpäter trat unſere Wittwe über die 1 Schwelle des angewieſenen Zimmers. Vereini⸗ Aber ſie war nahe daran ſogleich zurückzutreten, hielleicht als nicht der gedankenvolle beſcheidene Rektor, ihr Be⸗ wir kei kannter von geſtern, ſich zeigte, ſondern eine ganz neue Perſon, ein dunkelfarbiger junger Mann mit blitzenden nen der Augen und znverſichtlicher Miene. eiflung„Meine Kammerjungfer hat gewiß falſch gehört ſcher ſich oder auch habe ich falſch gehört; ich meinte, ſie melde Himmel den Rektor Wallenberg.“ Carlen, Binnen ſechs Wochen. 3 34 „Sie that um was ſie gebeten wurde. Als Re⸗ präſentant meines Bruders konnte ich mich unter keinem andern Namen anmelden als unter dem ſeinigen, da dieſer das Glück hat von Ihnen gekannt zu ſein, Ma⸗ dame! Mich ſelbſt kann ich als den Bezirksamtmann Wallenberg vorſtellen, Ihren alten Nachbar und gehor⸗ ſamſten Diener.“ Mathilde neigte mit ernſter Grazie ihr bezau⸗ beinne Köpfchen; darauf ſagte ſie, indem ſie ſelbſt Platz uahm: „Setzen Sie ſich, mein Herr, und theilen Sie mir Ihren Auftrag mit! ich habe blos über einige Augen⸗ blicke zu verfügen.“ „Einige Augenblicke,“ wiederholte Victor, nota bene in ſeinem Innern—„mögen alle guten Geiſter mir bei⸗ ſtehen, damit ich mich mit der ſchönen Priſe etwas ver⸗ traut machen kann, bevor Edwin herbeigeſegelt kommt und mich als Kaper verräth.“ Die Sache war ganz einfach die, daß der Bezirks⸗ amtmann einen gewaltigen Beruf in ſich verſpürte, gleich Jakob ſeinem Bruder Eſau den beſten Segen zu rauben, und deßhalb kam er jetzt, während der gute Rektor von einem ſolchen Streich ſich nichts träumen ließ, um ſich dieſes geſetzliche Recht zu verſchaffen, nämlich das Recht der jungen Wittwe einen Beſuch zu machen. Keine Sekunde lang litt Victor Gewiſſensqualen. Er hielt dafür, daß in der Liebe wie im andern Krieg jede Art von Liſt erlaubt ſei. Inzwiſchen braucht kaum geſagt zu werden, daß das ſtille Gebet in ſeinem Innern ſeine Lippen nicht verhinderte ſogleich ihr Geſchäft zu beginnen, das wahrlich nicht im Schweigen beſtand. „Mein Auftrag... Ich werde ſogleich die Chre haben darauf zu kommen. Aber wenn ich es wagen dürfte mir eine Gnade auszubitten, ſo wäre es die, daß S etwas mit ein Sie, d niſſen hoffen einflöß halten fehlen Dreiſti ſchuldi Eine ſt werde welche Dinger Ehrenn 77 richtigk um mit 77 77 Sie di 2, ſo lang 91 überzen unruhig kommt Bezirks⸗ gleich 35 daß Sie mir zehn Minuten bewilligen möchten, um von etwas Anderem zu ſprechen.“ „Ich glaube, mein Herr,“ antwortete Mathilde mit einem weniger kalten als wehmüthigen Ton,„daß Sie, da Sie ſich hier einfinden, mit meinen Verhält⸗ niſſen nicht unbekannt ſein können, und ich hatte zu hoffen gewagt, daß dieſelben Jedermann Achtung genug einflößen ſollten, um eine kleinliche Neugierde zurückzu⸗ halten.“ 1„Ach Madame, Sie ſind bei Gott allzuſtreng. Be⸗ fehlen Sie mir zu gehen, beklagen Sie ſich über meine Dreiſtigkeit Ihnen vor die Augen zu treten, aber be⸗ ſchuldigen Sie mich nicht einer kleinlichen Neugierde. Eine ſolche wäre eine Entweihung gegen Sie, und ich werde es niemals an der Ehrerbietung fehlen laſſen, welche Ihr Geſchlecht, Ihre Stellung und vor allen Dingen Ihre gegenwärtige Schutzloſigkeit mir und jedem Ehrenmann einflößt.“ „Nun wohl, es liegt in Ihrem Ton ſoviel Auf⸗ richtigkeit, daß er Ihrem Benehmen widerſpricht; aber um mir einen Beweis zu geben...“ „Verlangen Sie Hunderte, wenn Sie wollen.“ „Ich begnüge mich mit einem einzigen. Haben Sie dis Geit⸗ ſich zu entfernen und nie wiederzukehren.“ „Nie?“ „Ich lebe ällein, mein Herr, und will allein bleiben, ſo lang ich mich hier aufhalte.“ „Und ich werde gehorchen. Ich muß Sie bloß überzeugen— das bin ich meiner Ehre ſchuldig— daß ich nicht aus Neugierde Sie zu ſehen gekommen bin, denn...“ In Mathildens Augen zeigte ſich ein Fragezeichen. „. denn ich habe bereits früher die Ehre ge⸗ habt Sie zu ſehen.“ Jetzt erröthete die junge Wittwe und warf einen unruhigen Blick auf die im Zimmer hängende Uhr. A 36 „Ich beläſtige Sie, Madame, und ich werde den Platz einem beneidenswertheren Sterblichen überlaſſen. Jetzt bleibt mir nur noch übrig, Sie gehorſamſt um Verzeihung meines Schrittes zu bitten und hinzuzufü⸗ gen... aber es iſt wahr, ich würde mir Ihren Zorn nur noch mehr zuziehen, wenn ich das Mindeſte hinzu⸗ fügte.“ Mathilde war bei Victors Anſpielung auf den Platz, den er bei ſeinem Weggang offen laſſen würde, leicht erblaßt, und er hatte kaum ausgeſprochen, als ſie mit einer Art von ſcheuer Heftigkeit ſagte: „Mein Herr, Sie begehrten ſo eben zehn Minuten, um von etwas Anderem, als dem Auftrag Ihres Bru⸗ ders zu ſprechen; ich bewillige Ihnen dieſe zehn Mi⸗ nuten für Ihren Zuſatz.“ „Oh, ich danke Ihnen tauſendmal.“ Victor, der die ganze Zeit ſtehen geblieben war, nahm jetzt Platz, jedoch in ſo großem Abſtand von der Wittwe, daß ſelbſt das heikelſte Auge nichts dagegen zu bemerken gefunden hätte. Und im Uebrigen verrieth ſeine ganze Haltung, ſein ganzes Ausſehen weit eher einen Mann, der einen Dienſt zu erweiſen wünſcht, als einen Mann, der dar⸗ auf ausgeht, für ſich ſelbſt einen Erfolg zu gewinnen. „Ich warte, mein Herr!“ Die ſchöne Mathilde ſah ziemlich intereſſant aus. „Was ich hinzuzufügen beabſichtigte, Madame, iſt das. Sie leiden, Sie ſind unglücklich. Sie ſind allein und Sie wollen es ſein. Nun wohl, ich habe mir vorgenommen, mit oder ohne Ihren Willen Ihnen zu Hilfe zu kommen. Der Menſch iſt ſelten mit ſeinem Schmerz ſo einverleibt, daß er nicht in gewiſſen Au⸗ genblicken für andere Eindrücke zugänglich ſein, ſich zerſtreuen laſſen kann. Sie haben jetzt einen ſolchen Augenblick. Sie wundern ſich über meine Keckheit, mich in Ihr Leben einzumiſchen. Sie haben Unrecht Keckhe nur ze 71 man v heit z wirklie ich J fortzu 71 würde dann Erlau und zeugen zu ſel ſtreuuf Ihren wieder freund ung i Aber treffer nicht Sie Minu 37 rde den Keckheit zu ſagen, aber das bedeutet Nichts, wenn Sie rlaſſen. nur zerſtreut werden.“ mſt um„Ich muß geſtehen, daß Ihre Originalität, die zuzufü⸗ man vielleicht mit einer gewiſſen Art von Unbeſcheiden⸗ n Zorn heit zu vrewechſeln in Verſuchung kommen könnte, mich hinzu⸗ wirklich zerſtreut; aber wenn ich Ihnen erkläre, daß — ich Ihnen nicht länger erlaube Ihre Bemühungen if den fortzuſetzen...“ würde,„Wenn Sie mir die Fortſetzung derſelben erlauben n, als würden, ſo hätten ſie keinen Werth mehr, ſie wären — dann eine Pflicht. Aber ich weiß, daß Sie eine ſolche inuten, Erlaubniß nicht geben werden, und all mein Dichten 8 Bru⸗ und Trachten beſchränkt ſich alſo darauf, Sie zu über⸗ in Mi⸗ zeugen, daß es einen Menſchen gibt, der uneigennützig genug iſt, ſein Leben reichlich belohnt zu glauben durch das Bewußtſein, einem edlen Weib nützlich geweſen n war, zu ſein“ von der„Sie glauben alſo...“ agegen„... Daß Sie von heute an nicht werden um⸗ hin können, mein Bild manchmal in Ihrer Einſamkeit altung, zu ſehen, daß Sie von heute an eine gewiſſe Zer⸗ einen ſtreuung in Ihren Gedanken haben werden, ganz gegen r dar⸗ Ihren Willen, das verſteht ſich, aber das bedeutet innen. wiederum Nichts, wenn nur Ihre trüben Stunden eine freundlichere Schattirung bekommen, und jede Zerſtreu⸗ t aus. ung iſt Licht.“ me, iſt„Sie ſind in Wahrheit edelmüthig, daß Sie ſich allein für eine unbekannte Perſon all dieſe Mühe machen. be mir Aber da wir uns wahrſcheinlich nicht ſo bald wieder lien zu treffen, ſo muß ich Ihnen ſagen, daß...“ ſeinem„Oh, ich bitte ſehr, entweihen Sie Ihre Lippen e Au⸗ nicht mit einer Unwahrheit; ſagen Sie mir nicht, daß ſich Sie ſich, wenn ich gegangen bin, nicht eine einzige olchen Minute mit mir beſchäftigen können.“ ſckheit„Das war es nicht, was ich ſagen wollte. Ich — ö2 —— —— 38 bin im Gegentheil überzeugt, daß ich an Sie denken werde; aber...“ „Aber?“ „Dieſe Gedanken werden, das beſchwöre ich Ihnen, niemals eine romantiſche Geſtalt annehmen, von der Sie gewiß im Stillen glauben, daß ſie die Folge Ihres Auftretens allhier ſein werde.“ „Sie ſind in Wahrheit eine gute Chriſtin, Ma⸗ dame, daß Sie mir eine ſolche Verſicherung geben, bevor ich Sie, wenigſtens mit Wiſſen oder Willen, veronlaßt habe,“ antwortete unſer junger Bezirksamt⸗ mann ſtark erröthend. „Ja, ich bin eine gute Chriſtin, aber vor allen Dingen bin ich ein redlich denkendes Weib. Wenn Sie ſich alſo in irgend ein Abenteuer zu ſtürzen belieben, ſo wird das Ihre eigene Sache ſein. Ich habe Sie gewarnt, und ich füge hinzu, daß ich Sie nie für etwas Anderes halten werde, als für einen höchſt eigen⸗ liebigen und närriſchen Menſchen.“ „Hätten Sie doch wenigſtens excentriſch zu fagen beliebt!“ „Dann hätte ich auf Koſten der Wahrheit einen unrechten, obſchon beſſer klingenden Ausdruck zu wählen beliebt. Sie ſind recht excentriſch, mein Herr, aus dem Grunde, weil Sie trotz Ihrer Neigung zu dieſer Rolle ſich im gänzlichen Widerſpruch mit derſelben be⸗ finden.“ „Gut, gut, Madame, Sie haben das Recht mich anzuſehen, wie Sie wollen; ich habe das Recht mich mit der Gewißheit zu tröſten, daß Sie mich nicht ver⸗ geſſen werden.“ „Die zehn Minuten,“ verſetzte Mathilde,„haben ſich jetzt zu fünfzehn verlängert, und ich bitte Sie alſo, mit Ihrem wirklichen Geſchäft ſich ſo kurz als möglich zu befaſſen.“ „Ah, richtig, der Auftrag meines Bruders... mern thilde denken Ihnen, von der Folge „ Ma⸗ geben, Willen, rksamt⸗ er allen nn Sie elieben, be Sie nie für eigen⸗ ſch zu einen wählen „ aus dieſer den be⸗ tt mich t mich ht ver⸗ „haben te Sie rz als . 2* 39 In dieſem Augenblick öffnete Mamſell Sophie die Thüre von Neuem und meldete: „Herr Rektor Wallenberg!“ „Wie ſo?“ rief Mathilde. „Zum Henker,“ murmelte Victor,„jetzt geht meine Sonne unter, aber ich glaube dennoch, daß ſie ein gutes Stück Arbeit beleuchtet hat.“ Laut ſagte er: „Da Edwin jetzt ſelbſt kommt, ſo bin ich gänzlich überflüſſig, und es wird alſo meine Pflicht ſein mich zu empfehlen.“ Und während der Rektor und die Wirthin noch die pflichtſchuldigen Verbeugungen wechſelten, ver⸗ ſchwand unſer Bezirksamtmann von der Bühne, ohne ſich im Geringſten um die erſtaunten Blicke zu beküm⸗ mern, welche die Zurückbleibenden— beſonders Ma⸗ thilde— ihm nachſandten. VIII. Der Tröſter Nro. 2. Edwin Wallenberg heftete ſeine hochblauen, ſanf⸗ ten und denkenden Augen auf die ſchöne Mathilde, welche die ihrigen niederſchlug und es dem neuen Gaſte überließ, ſelbſt das Geſpräch zu beginnen. Und er begann es alſo: „Ich wußte nicht, daß mein Bruder das Glück hatte in Ihrem Hauſe bekannt zu ſein, Madame. Wenn ich es gewußt hätte, ſo würde ich ihn erſucht 4⁰ haben mich vorzuſtellen, denn ich kann kaum glauben, daß Sie ſich ſeit geſtern einer Perſon erinnern, die Ihre Erinnerung ſo ganz und gar nicht verdient.“ „Ei, Herr Rektor, ich habe Ihr freundliches Ver⸗ ſprechen, mich mit Lektüre zu verſehen, durchaus nicht vergeſſen. Was mich dagegen in Verwunderung ſetzt, iſt, daß Sie ſich dem Beſuche Ihres Bruders fremd eigen.“ 3 aWenm ſollte ich das nicht, wenn ich fragen darf?“ „Nun, weil er mit einem Auftrag von Ihnen hieher gekommen iſt.“ „Wie ſo, mit einem Auftrag von mir?“ „Ja, gewiß.“ „Das muß ſicherlich ein Mißverſtändniß ſein,“ antwortete der Rektor, deſſen Augenbrauen ſich leicht runzelten. „Ganz und gar kein Mißverſtändniß: er ließ ſich ſogar unter Ihrem Namen anmelden.“ „Und das Geſchäft, das ich ihm aufgetragen habe, darf man darnach fragen?“ „Er kam nicht dazu, ſich deſſelben zu entledigen, weil, wie er andeutete, Ihr Eintritt dieß überflüſſig machte.“ „Ich weiß in Wahrheit nicht, meine Gnädigſte, wie ich die Dreiſtigkeit meines Bruders vor Ihnen entſchuldigen ſoll. Sie kann nur in dem, ich möchte faſt ſagen, kindlichen Leichtſinn ſeines Charakters eine Milderung finden. Es iſt nichts Böſes an ihm; er iſt ein guter Narr, weiter nichts.“ „Er iſt ſehr einnehmend,“ antwortete Mathilde ungekünſtelt,„und er hat nicht ein einziges verkleinern⸗ des Wort über Ihren Charakter geſagt.“ „Ich ſehe den ganzen Umfang des ſanften Vor⸗ wurfs, den Sie mir machen, ein, aber wenn es mich auch in den Augen Solcher, die mich nicht kennen, 5 beutet ſelbſt 1 mir a geweſe 7/ auch dame, Sie u Biblio Mal“ die ich ſichtig Sie m Ihnen komme Ihre fremd fragen Ihnen ſein,“ leicht leß ſich habe, digen, flüſſig digſte, Ihnen möchte 3 eine n; er thilde inern⸗ Vor⸗ mich nnen, 41 herabſetzen ſollte, ſo muß ich doch wiederholen, daß mein Bruder ein guter Narr iſt, den ich jedoch zu ſehr liebe, um ihn wegen des Spucks, den er mir geſpielt hat, lange zu haſſen.“ „Ah ſo, er hat Ihnen einen Spuck geſpielt?“ „Das muß er wohl, da er ohne mein Wiſſen die vertrauliche Mittheilung, die ich ihm über mein zu⸗ fälliges Zuſammentreffen mit Ihnen machte, ausge⸗ beutet und ſich daraus eine Brücke gebaut hat, um ſich ſelbſt bei Ihnen vorzuſtellen.“ „Das iſt in Wahrheit unangenehm, und es thut mir aufrichtig leid, der Gegenſtand eines Geſprächs geweſen zu ſein, das...“ „... nicht ein einziges Wort enthielt, was Sie auch nur im Entfernteſten verletzen könnte. Aber, Ma⸗ dame, um von dieſem Gegenſtand abzukommen, wollen Sie mir erlauben, Ihnen den kleinen Katalog meiner Bibliothek zu zeigen?“ „Ich danke Ihnen, ich werde, wie Sie das letzte Mal vorſchlugen, die Namen der Werke aufzeichnen, die ich zu leſen wünſche, und dann zu Ihnen ſchicken...“ „. Was ſo viel heißen will, daß die unvor⸗ ſichtige Handlung meines Bruders auf mich zurückfällt. Sie würdigen mich jetzt nicht einmal der Hoffnung, Ihnen bei der Auswahl helfen oder manchmal zurück⸗ kommen und durch Geſpräche über das, was Sie leſen, Ihre Einſamkeit zerſtreuen zu dürfen.“ „Das Letztere iſt wirklich unmöglich.“ „Unmöglich?“ „Ja, vor allen Dingen darum, weil es, wenn ich die Sache recht bedenke, unpaſſend iſt und zu Klatſche⸗ reien Anlaß geben kann.“ „Hier in dieſer anſpruchsloſen Gegend?“ „Vermuthlich, Herr Rektor, ſehen Sie ein, daß eine ſchutzloſe junge Frau überall, wo ſie ſich befindet, zu derſelben Zurückhaltung verpflichtet ſein muß.“ 42 „Nein, ſo pedantiſch bin ich nicht, daß ich die verſchiedenen Verhältniſſe, in welche ſie verſetzt ſein kann, nicht unterſcheiden ſollte.“ „Gleichviel, mein eigenes Gefühl von dem, was recht iſt, gibt hier den Ausſchlag.“ „Sagen Sie lieber, Ihr Abſcheu vor der zudring⸗ lichen Bitte eines Unbekannten.“ Mathilde lächelte ſchwermüthig. „Glauben Sie mir, Herr Rektor, ich würde auch einem Bekannten nicht mehr Recht geſtatten, meine ſelbſtgewählte Einſamkeit zu unterbrechen.“ „Nun wohl, es bleibt noch ein Punkt übrig. Sie ſagten; vor allen Dingen darum— was iſt der andere Grund?“ „Er beſteht darin, daß ich Sie mit Beſtimmtheit verſichern kann, daß Ihre gute Meinung unbelohnt bleiben wird. Ich habe keinen Wunſch meine Lebens⸗ art zu verändern. Ein unüberwindliches Verlangen nach Fortſetzung derſelben gibt meinen Tagen ihre ein⸗ zige Farbe. Was wollen Sie alſo?“ „Ich will Ihnen beweiſen, daß Sie Unrecht haben. Und wenn Sie mir gütigſt geſtatten wollten, auf Ihren Morgenſpaziergängen unter Gottes freiem Himmelmanch⸗ mal mit Ihnen zuſammenzutreffen, ſo würde es mir endlich gelingen.“ „Das kann ich noch weniger geſtatten.“ „Ich beſitze alſo nicht die geringſte Hoffnung, Sie wieder ſehen zu dürfen?“ „Mein Herr, ich will Ihnen zum Abſchied ein ern⸗ ſtes, aus meinem Herzen kommendes Wort ſagen, und Sie werden es mich nicht vergebens ſagen laſſen.“ „Ach ſprechen Sie, befehlen Sie, ich fühle mich glücklich, Ihnen gehorchen zu dürfen.“ „Es handelt ſich nicht um einen Befehl, ſondern um eine Bitte.“ „Und dieſe lautet?“ ſchmäh blick, 1 nachden noch u weder Ihnen ſtatte i mich I daß ich tet, v die Ih N er ſich Schwel Miſchu kundthe 2 Offen! werden ich die etzt ſein , was udring⸗ de auch meine übrig. iſt der mmtheit belohnt Lebens⸗ rlangen f Ihren manch⸗ es mir g, Sie in ern⸗ n, und 1.“ le mich ondern 43 „Ueberlaſſen Sie mich der Vergeſſenheit und ver⸗ folgen Sie mich weder mit Ihrer Artigkeir, noch mit dem Mißvergnügen darüber, daß dieſe Artigkeit ver⸗ ſchmäht worden iſt.“ „Sie zu vergeſſen, ſteht, wenigſtens für den Augen⸗ blick, nicht in meiner Macht; aber Sie zu verfolgen, nachdem Sie mich ſo beſtimmt abgewieſen haben, iſt noch unmöglicher.“ „Ich hatte dieſe Antwort erwartet, und da ich weder einen Bruder noch einen Beſchützer habe, der Ihnen für die mir bewieſene Achtung danken kann, ſo ſtatte ich ſelbſt, frei und herzlich, dieſen Dank ab.“ „Und ich,“ antwortete der Rektor gerührt,„empfehle mich Ihnen, Madame, und bitte Sie um Verzeihung, daß ich, von einer menſchenfreundlichen Abſicht verlei⸗ tet, vielleicht gegen die Ehrerbietung verſtoßen habe, die Ihre Stellung erfordert.“ Nachdem er dieſe Worte ausgeſprochen, verbeugte er ſich tief und achtungsvoll und war bereits an der Schwelle, als Mathilde, auf deren edlem Geſicht eine Miſchung von Zufriedenheit und Mißvergnügen ſich kundthat, auf ihn zutrat und ihn zurückhielt. „Herr Rektor Wallenberg, ich... d. h. die Um⸗ ſtände... haben Sie vielleicht verletzt... in Zu⸗ kunft...“ Sie hielt inne. „Ach ich könnte alſo hoffen, daß...“ „Nein, nein, hoffen Sie auf nichts anderes, als auf meine Erkenntlichkeit. Und noch Etwas. Im Fall Sie wirklich Achtung für die arme Wittwe haben, ſo... bewachen Sie ihre Schritte nicht.“ Dieß wurde mit zitternder Stimme und einer bei⸗ nahe noch beredteren Geberde geſagt. „Seien Sie ruhig, Madame— wer mit ſolcher Benheit zu Werke geht wie ich, kann niemals Spion werden.“ 44 breitete ſich bis an ihre Stirne. „Dank!“ antwortete ſie mit einem holden Ausdruck, einem zauberiſchen Blick. Edwin fühlte, wie dieſer Blick beinahe bis in ſein Herz drang; aber er entfernte ſich ohne eine andere Antwort als eine erneute noch tiefere Verbeugung. Mehrere Minuten, nachdem der Rektor verſchwun⸗ den war, blieb die junge Wittwe, das Haupt in ihre Hand geſenkt, noch auf ihrem Platze ſtehen. Als ſie ihr Haupt emporrichtete, verdunkelten zwei große Thränen ihre Augen. „Ach Vater, Vater im Himmel,“ flüſterte ſie,„wie ſoll das enden? wenn ich könnte, würde ich ſogleich abreiſen... ſogleich abreiſen, nein, nein— ich faſle.“ „Wie ich leide,“ fügte ſie leiſer hinzu, indem ſie die Hand an das unruhige Herz führte,„Tag und Nacht dieſes Bild! Mein Leben iſt blos ein einziger Gedanke, und ich entſetze mich vor Allem, was in mein Schickſal eingreifen und ihn ablenken will.“ „Was habe ich dieſen beiden Männern gethan, daß ſie mir ihre Sorge um mich aufdrängen wollen? ſie laſſen es dabei nicht bewenden, wenigſtens derjenige nicht, der mich mit ſo beiſpielloſer Kühnheit zwingen wollte, mich mit ihm zu beſchäftigen.“ „O wäre es früher geweſen, ſo wäre es ihm vielleicht allzugut gelungen; jetzt dagegen— o jetzt ſind keine romantiſchen Abenteuer mehr möglich fur Eine tiefe Röthe bedeckte Mathildens Wangen und⸗ ſtaben ich.“ Aber noch hatte die junge Frau dieſe letzten Buch⸗ ſtarken zwar o Ei ihres ſtuhl n deſſelbe 1 Mamſe witzige 22 rufe?“ der ihr Willen —„H biſt, ha G ſtrengen Ihre C andere anſtand „ „ von die — dieſ unwillig der Fr Gemüt gen und⸗ usdruck, in ſein andere ing. ſchwun⸗ in ihre ten zwei ie,„wie ſogleich faſle.“ dem ſie ag und einziger in mein gethan, wollen? erjenige zwingen es ihm o jetzt gllich fuͤr n Buch⸗ 4⁵ 5 ſtaben nicht zu Ende gedacht, als ihr Geſicht von einer ſtarken Gluth gleichſam neu zu flammen anfing, und zwar obſchon ſie allein war. Ein leiſer Seufzer hob den leichten Mouſſelin ihres Morgenkleides. Hierauf ſank ſie in ihren Lehn⸗ ſtuhl nieder und verbarg ihre Stirne in der einen Seite deſſelben.. „Ich dachte, Sie klingelten, Madame?“ ſagte Mamſell Sophie, die in dieſem Augenblicke ihr vor⸗ witziges Geſichtchen zur Thüre hereinſtreckte. „Warum kommſt Du beſtändig, ohne daß ich Dich rufe?“ fragte die gequälte Gebieterin mit einem Blick, der ihr Mißvergnügen deutlich verdolmetſchte. „Ach mein Gott, ſo werde ich für meinen guten Willen belohnt!“ „Hör' einmal: nachdem Du jetzt hereingekommen biſt, habe ich Dir einen Befehl zu geben.“ „Einen Befehl? Madame ſprachen nicht in ſo ſtrengen Ausdrücken, als ich das Verſprechen erhielt, Ihre Geſellſchafterin zu werden.“ „Das kam daher, daß Du Dir damals keine andere Freiheiten herausnahmſt, als ſolche, die Dir anſtanden.“ „Ja, aber...“ „Still und höre! Du darfſt ein für allemal keinen von dieſen Herren Wallenberg empfangen, ohne daß — dieſes letzte wurde mit einem ſchleppenden, beinahe unwilligen Ton hinzugefügt,— ohne daß ich mich in der Frage wegen der Zurückgezogenheit, die meiner Gemüthsart jetzt am beſten zuſagt, verändere.“ 46 IX. Vriefwechſel. Am folgenden Morgen erhielt unſere junge Wittwe zwei Briefe, wovon der eine ganz dünn und geſchmei⸗ dig war und zwiſchen dem Couvert des andern ſteckte, Der erſte, vom Rektor, lautete wie folgt: „Geehrte Frau! „Sie verboten mir geſtern, Sie zu beſuchen: ich gehorche. Sie verboten mir, Ihnen auf Ihren Spa⸗ ziergängen zu begegnen: ich gehorche. Sie verboten mir, Ihre Schritte auf irgend eine Weiſe zu bewachen: ich gehorche vor allen Dingen hierin. Aber es gab eine Sache, welche Sie in Ihre Be⸗ fehle einzuſchließen vergaßen, nemlich daß ich Ihnen nicht ſchreiben dürfe. Deßhalb bediene ich mich dieſes einzigen Auswegs, den Sie mir offen gelaſſen haben. Zuerſt bitte ich jedoch aufs Dringendſte, daß Sie meinen Brief nicht ungeleſen wegwerfen mögen. Und für den glücklichen Fall, daß Sie mich hierin erhören ſollten, erſuche ich Sie in tiefſter Demuth, daß Sie mit ſo großer Aufmerkſamkeit, als Ihnen möglich iſt mir zu widmen, leſen mögen, was ich niederzuſchreiben gewagt habe. Ich habe Sie im Ganzen viermal geſehen: in der Kirche, bei einer Ihrer Spazierfahrten zu Waſſer, bei einem Spaziergang im Walde und das letztemal geſtern in Ihrem Hauſe. Ein Weib wie Sie viermal geſehen zu haben, weg— kenntnif Verweg fertigt einbilde Ne bei Ihn wenigſte tigen kü auf das Sache: punkt mußte tig ſein Si rung ü nun ſei mit dieſ Alſ Ab weniger es die e mir noc Wittwe ſchmei⸗ ſteckte. (n: ich Spa⸗ rboten achen: re Be⸗ Ihnen wegs, ß Sie Und hören 3Sie ich iſt reiben n der —, bei eſtern aben, 47 thut dieſelbe Wirkung, wie wenn ich eine Andere vier⸗ zigmal geſehen hätte. Ich liebe Sie, Madame! Ach um Gotteswillen werfen Sie den Brief nicht weg— Sie werden ſogleich finden, daß dieſes Be⸗ kenntniß nothwendig war zur Rechtfertigung meiner Verwegenheit. Denn wie Sie wiſſen, die Liebe recht⸗ fertigt Alles. Indem ich mich erdreiſte, dieſes alte, oft gebrauchte Sprüchwort für mich anzuführen, geſchieht es gleich⸗ wohl nicht mit einem ſolchen Gefühl, als ob ich mir einbilden könnte, daß ich keines andern bedürfte. . Nein, ich weiß, daß 10000 Entſchuldigungen mir bei Ihnen nicht helfen oder in Ihren Gedanken— wenigſtens den erſten— dieſen Schritt nicht rechtfer⸗ tigen können. Aber wenn Sie Ihre Aufmerkſamkeit auf das Geſchehene zu richten belieben, wenn Sie die Sache zu überlegen und aus ihrem rechten Geſichts⸗ punkt zu betrachten belieben, was konnte, was mußte ich anders thun, als vollkommen aufrich⸗ tig ſein? Sie haben wenigſtens jetzt eine beſtimmte Erklä⸗ rung über mein Benehmen, und die Fortſetzung mag nun ſein welche ſie will, die Ehre ſelbſt verbot mir, mit dieſer Erklärung länger zu zögern. Alſo noch einmal: ich liebe Sie! Aber es iſt keine heftige, keine exaltirte und noch weniger eine wahnſinnige Liebe. Im Gegentheil iſt es die ehrfurchtsvollſte, ruhigſte und fügſamſte Liebe, die je ein Mann für ein ſo vollendetes Weſen empfun⸗ den haben kann. Nachdem ich den Muth gehabt habe, dieß zu be⸗ kennen, was vielleicht meine Actien noch mehr fallen macht— denn ſonderbar genug wird das Weib mehr vom Sturm als von der Ruhe hingeriſſen— hleibt mir noch Folgendes hinzuzufügen übrig: 48 Dieſe ehrfurchtsvolle Ergebenheit, dieſes tiefe Mit⸗ herniede gefühl für Alles, was Sie betrifft, iſt ſo fern von ſchaut, 6 Selbſtſucht und Eigennutz, daß ich für meinen beſon⸗ ehrung dern Theil unter der Verbannung, wozu Sie mich Mo verurtheilt haben, weniger leide, als ich darunter für Verzeihr Sie leide. nicht me Dieß kann eigenliebig klingen, aber ich betheure Ihr Mi bei Gott, daß es alles Andere eher iſt. Sich ſelbſt überlaſſen, werden Sie es dahin brin⸗ gen, daß Ihr Kummer— der in Wahrheit unvernünf⸗ tig iſt, da er zu dieſem Extrem getrieben wird— Ihr Leben und die Blume Ihrer Schönheit gänzlich ver⸗ zehren wird. Ich meine nicht die äußere Schönheit, denn die De Form, welche Gott Ihrem Geiſt verliehen hat, iſt von genden zu erhabenem Schlag, als daß ſie durch etwas Anderes als durch die Zeit merklich verändert werden könnte; aber die Blume Ihrer innern Schönheit, die friſche und edle Kraft Ihrer Jugend werden untergehen und D eine Abzehrung der Seele wird auf die Schwermuth vielleicht folgen, die Sie jetzt niederdrückt. reichen, Hören Sie mich alſo an. glücklich Ich begehre beinahe ſo gut wie Nichts und den⸗ Au noch unausſprechlich viel. kann ich Laſſen Sie mich Sie manchmal ſehen, laſſen Sie mich; a mich manchmal ſchreiben, und wollen Sie meine Erge⸗ fel thut benheit hoch belohnen, ſo ſchicken Sie gelegentlich eine Voraus Antwort. ſein ge Nie mehr, das betheure ich, wird das Wort Liebe hineinzu mündlich oder ſchriftlich ausgeſprochen werden, bevor Ich Sie— im Fall dieß je geſchieht— es mir erlauben. haben, Ich will Ihnen ſtatt deſſen Vater, Bruder und Freund müßte, — iich weiß nicht, ob Sie ſolche haben— in der vollen Menſche Bedeutung des Worts ſein. 4 A Und jetzt bin ich zu Ende. Ab Mögen Sie mit derſelben Milde auf meinen Brief Carle 49 herniederſchauen, womit Gott auf diejenigen hernieder⸗ ſchaut, die Ihn mit einer reinen und demüthigen Ver⸗ ehrung anbeten. mich Mein Bruder hat ſeinen Fehler eingeſtanden und er für Verzeihung erhalten. Ich hoffe, daß er meinen Namen nicht mehr zu irgend einem Schritt benützen wird, der heure Ihr Mißvergnügen erwecken könnte. brin. Ihr ergebenſter Anbeter, nünf⸗ Freund und Diener Edwin Wallenberg.“ Der andere Brief, vom Bezirksbeamten, war fol⸗ genden Inhalts: „Madame! t und„Da ich fürchte, Sie könnten Ihrer Kammerjungfer rmuth vielleicht verboten haben, einen Brief von mir zu über⸗ reichen, ſo ſehe ich mich noch einmal genöthigt, an den glücklicheren Stern meines Bruders zu appelliren. den⸗ Aus ſeiner Miene und ſeinen kurzen Antworten kann ich ſchließen, daß Sie ihn abgewieſen haben wie 1 Sie mich; aber er wird zu ſchreiben wagen— ohne Zwei⸗ Erge⸗ fel thut er das— und deßhalb habe ich ſchon zum eine Voraus dieſen Brief in Bereitſchaft geſetzt, um ihn in ſein gewöhnlich ſo ſchlecht zuſammengelegtes Couvert Liebe hineinzuſtecken. bevor Ich würde dieſe armſelige Erklärung nicht gemacht uben. haben, wenn ich Ihnen nicht den Glauben benehmen reund müßte, als ob mein hochgeehrter Bruder mir etwa aus ollen Menſchenliebe dieſe G emeinſamkeit geſtattet hätte. 1 Ach nein, er iſt kein Communiſt. Aber ich, der ich glaube, daß der Communismus Brief Carlén, Binnen ſechs Wochen. 4 50 zuweilen ſeine Vortheile habe, entlehne den Brief von dem Boten. Iſt dieß Unrecht, ſo mögen Sie die Ver⸗ antwortung auf die neuen gefährlichen Lehren ſchieben und nicht auf mich: ich bin irre geführt, wie mancher Andere. Nachdem ich jetzt meine Poſt gebührend bevor⸗ wortet, fahre ich mit mehr Faſſung fort. Können Sie glauben, Madame, daß dieſer Brief auf den Knieen geſchrieben wird, nicht in figürlichem Sinne, ſondern in voller Wirklichkeit? Ich erkläre feierlich, daß die Erde in gegenwärti⸗ ger Stunde keinen bußfertigeren Sünder beherbergt, als mich. Ach, welche Pein Sie erzürnt zu haben! Dieſe Pein läßt ſich nur mit dem drückenden Gefühl ver⸗ gleichen, Ihre volle Ungnade, um nicht zu ſagen, Ihr väilleld— vielleicht gar Ihre Verachtung verdient zu haben. Den Beſuch, den ich Ihnen zu machen mich er⸗ dreiſtete, und Alles was ich dabei ſprach, könnte ich jetzt für einen Fiebertraum zu halten mich verſucht fühlen, wenn nicht Ihr ſo ſtreng ausgeſprochenes Mißvergnügen mich gegen meinen Willen überzeugte, daß ich dieſe Thorheiten begangen habe. Der einzige mögliche Ausweg, nicht um Sie zu verſöhnen, ſondern um Ihnen meine Exclamationen begreiflich zu machen, beſteht in der offenen Erklärung, daß ich manchmal einige Aehnlichkeit mit jenen unglück⸗ lichen Typen habe, die man Rappelköpfe nennt. Ich habe es mir in meinen armen Kopf geſetzt, daß ich Thor vom Himmel zu Ihrem Tröſter auser⸗ ſehen ſei. Ich hätte mit den heiligſten Eiden be⸗ ſchwören können, daß ich Sie anbete, nicht als ein unerreichbares Ideal, ſondern als eine irdiſche Gott⸗ heit, die ich um jeden Preis gewinnen wollte. Ach, Madame, das wenigſtens war ein Traum. Al im Tra ren mit menden eſetzten 4 Ol Vertrar digen, weg wo ſicher zu zurückg Es ſicherun Beleidi Beſuche W heit an tantinn meine herkam eine ſo vergeſſ Sie zu ttionen ärung, nglück⸗ geſetzt, auser⸗ en be⸗ ils ein Gott⸗ kaum. 51 Als ich erwachte, erinnerte ich mich,— was ich im Traum immer vergeſſe,— daß ich ſeit zwei Jah⸗ ren mit meinem Bäschen verlobt bin, einem einneh⸗ menden Mädchen von großem Verdienſt, wie man in geſetztem und ernſtem Styl ſich ausdrückt. Oh, wie würde meine gute angebetete Bertha außer ſich gerathen, wenn ſie die Verirrungen ihres Bräuti⸗ gams ahnen könnte! Als Frau wird ſie wenigſtens lernen müſſen, daß ſolche weniger zu bedeuten haben, als ſie vielleicht zu glauben verſucht ſein könnte, im Fall ſie das Eine oder Andere erfährt. Verehrte Frau, verzeihen Sie, daß ich Ihnen ein Vertrauen aufgebürdet habe, was Sie gewiß entſchul⸗ digen, wenn Sie bedenken, daß es mein einziger Aus⸗ weg war, um Sie vollkommen vor allen Befürchtungen ſicher zu ſtellen, daß ich auf meine unſeligen Irrwege zurückgerathen könnte. Es übrigt mir nur noch Ihnen die heiligſte Ver⸗ ſicherung zu geben, daß etwas ſo Gottloſes wie eine Beleidigung ganz und gar nicht in der Abſicht meines Beſuches lag. Wie ſollte ich, der ich das Weib in ſeiner Rein⸗ heit anbete, eine der edelſten und würdigſten Repräſen⸗ tantinnen ihres Geſchlechts beleidigen können? Nein, glauben Sie, daß Alles, was ich ſagte, ja meine ganze Handlungsweiſe nur von dem Einfluß herkam, unter welchem ich damals ſtand. Und wenn eine ſolche Barmherzigkeit möglich iſt, ſo verzeihen und vergeſſen Sie mein Verſehen! Ihr reuevoller und unterwürfiger Sclave Victor Wallenberg.“ „N. S. Während der kurzen Zeit, die ich mich noch im Haus meiner Mutter aufhalten werde, halte 52 ich es für Pflicht, Ihnen gänzlich auszuweichen. Ich Ich würde vor Scham erröthen, wenn ich Sie wieder ſähe. als für Dieß gilt folglich als Abſchied für das ganze Wa Leben.“ Rolle zu aus zwe Reue g. 1 Sie um Re gen Sie muß. Artigkei Ein paar Stunden ſpäter ſandte die junge Wittwe ſchon ir zwei Billette ab als Antwort an die verſchiedenen J Correſpondenten. ſchwere „Herr Rektor! „Da ich Ihre Redlichkeit und Delikateſſe hochſchätze Na und Ihrer nicht ſo ganz unerwarteten Aufrichtigkeit betracht volles Recht widerfahren laſſe, ſo beeile ich mich, man be Ihnen die vollſtändigſte Antwort zu ertheilen. nicht de Mein Leben iſt demjenigen verpflichtet, dem ich muth ge Treue bis in den Tod geſchworen habe. De 4 Nichts bringt mich davon ab. ſie zu 6s ſteht gleichwohl in Ihrer Macht, mich noch un⸗ Stunde glücklicher zu machen, als ich bin. Denn wenn Sie Bertha nicht aufhören, mir ſo deutliche Beweiſe Ihrer Theil⸗ Nacht d nahme zu geben, ſo muß ich die Freiſtätte verlaſſen, die ich gewählt habe. Mathilde B.“ „Herr Bezirksamtmann! „Ich glaube Ihnen bereits geſagt zu haben, daß ich Sie für einen ſehr närriſchen Menſchen halte. Es. iſt alſo unnöthig, dieß zu wiederholen. Pittwe edenen ſchätze ztigkeit mich, em ich öch un⸗ in Sie Theil⸗ wlaſſen, 53 Ich beklage Ihre Bertha ſowohl für die Jetztzeit als für die Zukunft. Was das Drama betrifft, worin Sie mir eine Rolle zuzutheilen beliebt haben, ſo verzeihe ich Ihnen aus zwei Gründen: erſtens, weil Sie eine vollſtändige Reue gezeigt haben; zweitens, weil ich im Sinne habe, Sie um einen ganz ritterlichen Dienſt anzuſprechen. Reiten Sie heute Abend in die Stadt und brin⸗ gen Sie mir von da einen Brief, der heute ankommen muß. Dadurch erhalte ich ihn, im Fall ich auf Ihre Artigkeit rechnen darf, morgen Vormittag, vielleicht ſchon in der Frühe, ſtatt erſt Morgen Abends. Ich betrachte dieſe Strafe als eine nicht allzu⸗ ſchwere Sühne für Ihre Verſchuldung gegen mich. Mathilde B.“ Nachdem die junge Dame ihre Poſt verſiegelt hatte, betrachtete ſie das letzte Billet mit einem Blick, den man beinahe ſchalkhaft hätte nennen können, wenn nicht das Auge dennoch ſeine unabweisliche Schwer⸗ muth gehabt hätte. Dem Himmel ſei Dank für dieſen Einfall, ſagte ſie zu ſich ſelbſt; er erſpart mir wenigſtens ſieben Stunden Angſt, denn ſo lieb ihm auch ſeine angebetete Bertha iſt, ſo reiſt der Narr dennoch gewiß die ganze Nacht durch. X. Der Brief aus der Stadt. Die Eigenliebe des Weibes iſt zwar kein Gott, aber leider dennoch oft ein ziemlich ſicherer Prophet., Mathilde hatte zu ſich ſelbſt geſagt:„So lieb ihm auch ſeine angebetete Bertha iſt, ſo reiſt der Narr dennoch gewiß die ganze Nacht durch.“ Victor ritt wirklich die ganze Nacht durch. Und er that es mit um ſo lebhafterem Vergnügen, als er allerdings eine Couſine hatte, die Bertha hieß, eine Schweſter der Jugendflamme des Rektors, aber dieſe junge Dame wußte ebenſo wenig als der leicht⸗ ſinnige junge Mann ſelbſt von irgend einer Verlobung zwiſchen ihnen. Sie hatten einander wenigſtens zehn Jahre nicht geſehen. Der ſchlaue Anbeter meinte inzwiſchen, es ſei eine prachtvolle Idee, mit einer Braut zu par diren. Dieß mußte ſeine Wittwe vollkommen beruhigen, und ſtand er einmal auf gutem Fuße mit ihr, ſo war es noch immer Zeit, über dieſen Schwank zu lachen. Wer für den Augenblick mit ſeinen Ausſichten am wenigſten zufrieden war, das war natürlich der Rektor, der juſt eben am Morgen erwachte, als Victor in den Hof herein gallopirte. 4 Es mochte ungefähr 5 Uhr ſein. Edwin wußte nicht, daß ſein Bruder am Abend weggeritten wär, und er machte ſich deßbalb die Mühe, ſich in ſeinen Schlafrock zu hüllen, zum Fenſter hinaus⸗ Pferde ſonderl „ einen 2 Mathit 9 2 ausſtre Du d ſie Diß „ komme ganz „ „. annah 8„ nicht g der 8 iſt nat lich di er iſt haſt 7 Gott, phet., o lieb Narr nügen, hieß, aber leicht⸗ obung e nicht en, es parg higen, o war hen. en am Kektor, in den Abend Mühe, inaus⸗ 55⁵ zuſchauen und zu ſehen, wer ſo früh und mit ſolcher Haſt ankam. „Was Teufels bedeutet das?“ murmelte er.„Victor iſt mit Staub bedeckt, als käme er von...“ Edwin kam in ſeinen Grübeleien nicht weiter, denn mit drei Sprüngen war der Bezirksamtmann vom Pferde herab und ſtand an ſeinem Fenſter, das nicht ſonderlich hoch vom Boden war. „Biſt Du neugierig?“ fragte der Juriſt, indem er einen Brief mit der Aufſchrift: An die verwittibte Frau Mathilde Bendelvik, in die Höhe hielt. „Was bedeutet das?“ fragte Edwin, ſeine Hand ausſtreckend. „Das bedeutet, daß ich weit mehr Glück habe, als Du Dir in Deiner Einfalt einbildeteſt,— oder hat ſie Dir etwa auch einen beſondern Auftrag ertheilt?“ „Du haſt dieſen Brief nicht mit ihrem Willen be⸗ kommen,“ antwortete der Rektor mit einer an ihm ganz neuen Heftigkeit. „Meinſt Du?“ „Jetzt war es Victor, der eine höhniſche Miene annahm. „Nimm Dich in Acht, daß Du Deine Narrheiten nicht gar zu weit treibſt! Einen Brief...“ 2. Un deſſen Abholung man von der ſchönſten der Schönen gebeten wird. Den holt man ab— was iſt natürlicher?“ „Du gebeten worden!“ Der Rektor zuckte verächt⸗ lich die Achſeln. „Armer Bruder, ich reſpectire Deinen Unglauben: er iſt in Deiner Lage ſehr verzeihlich.“ „Hör einmal, Victor, jetzt in allem Ernſt: wie haſt Du den Brief bekommen?“ „Auf dem Poſtcomptoir in der Stadt.“ „Ah, ich verſtehe, der Poſtmeiſter ſchickte ihn Dir 56 zufällig mit. Ein Bauer aus der Gegend hier hätte ihn auch bekommen können.“ „Ohne Zweifel, im Fall Frau Bendelvik an die⸗ ſen Bauern geſchrieben und ihn mit den ausge⸗ ſushieſten Worten um ſeine geneigte Hilfe angeſprochen hätte.“ „Ah ſo, Du willſt alſo behaupten, ſie habe Dir geſchrieben?“ „Ja, gewiß: derſelbe Bote, der Dir geſtern das Billetchen brachte, das Dir ſo viel Vergnügen zu machen ſchien, hatte ſchon im Hof auch eines an mich⸗abgegeben.“ „An mich ſchrieb ſie die Antwort auf einen vor⸗ hergehenden Brief; aber Du wirſt mir doch nicht weiß machen wollen, daß ſie nur ſo ohne weitere Umſtände eine Correſpondenz mit einem Menſchen eröffnet habe, der ſie förmlich beleidigte.“ „Ich habe ja nicht behauptet, daß ſie es geweſen ſei, welche die Correſpondenz eröffnete.“ „Wie, Du haſt Dich unterſtanden...“ 1.. Blos einen kleinen Papierſtreifen in Dein geräumiges Couvert hineinzuſchieben... Du weißt: im Krieg und in der Liebe iſt Alles erlaubt.“ Der Rektor wurde blutroth. „In Wahrheit, Du machſt mir gar zu viel Ehre dadurch, daß Du meinen Namen beſtändig als Schild gebrauchſt.“ „Würdeſt Du wünſchen, daß ich mir einen andern anſchaffe?“ „Allerdings.“ „Und ich antworte Dir: es iſt bereits geſchehen. Ich habe einen allervortrefflichſten Schild, oder noch beſſer geſagt, einen Talisman gefunden.“ „Und der beſteht in was?“ „Das iſt mein Geheimniß. Das Reſultat muß Dir genügen: Du ſiehſt es vor Dir.“ „Aber dieſer Brief, deſſen Abholung Dich ſo ent⸗ p zückt ha „weißt „U ſucht pa tigkeit n glaubt, ben könn „Al dieſe Be Dich ode nicht ein men iſt! ſie liebe beleidige „N die Auf hätte die⸗ s ge⸗ ſchen Dir das ichen en.“ vor⸗ weiß ände abe, deſen 57 zückt hat,“ fiel Edwin mit ſchadenfroher Miene ein, „weißt Du wohl, von wem er iſt?“ „Was macht mir das aus?“ „Wenn er von einem andern Liebhaber wäre!“ „Welch ein verdammt dummer Einfall!“ „Welch ein verdammt gnter Einfall von ihr, ihn durch Dich abholen zu laſſen!“ „Wie doch der Neid ſchwarze Gedanken erfinden kann!“ „Und wie die Einfalt, wenn ſie ſich mit Selbſt⸗ ſucht paart, gegen alle Vernunft blind ſein kann!“ „Ich bekümmere mich nichts um Deine Anſpielung in Beziehnng auf das, was mich betrifft, aber Dn willſt das reinſte Weib einer Niederträchtigkeit beſchul⸗ digen.“ „Nein, nein, blos einer Handlung, die ihrem Witz alle Ehre macht.“ „Ich ſage Dir gleichwohl, daß es eine Niederträch⸗ tigkeit wäre, wenn ſie juſt jetzt, wo die ganze Welt glaubt, daß ſie ihren Gatten betraure, ſich damit abge⸗ ben könnte...“ „Armer Narr, würdeſt Du auch glauben, daß ſie dieſe Bezeichnung„niederträchtig“ verdiente, wenn ſie Dich oder mich erhörte? Nun wohl, warum kann ſie nicht einen Dritten erhört haben, der uns zuvorgekom⸗ men iſt?“ „Du wirſt mich nie dazu bringen, dieſer ſchmutzi⸗ gen Iuſinuation Glauben zu ſchenken...“ „Jetzt wirſt Du ja ganz verrückt... ſchmutzig? „Genug, dieſe junge Wittwe iſt ein wahrhaft edles und reines Weſen; ich verehre ſie ebenſo ſehr, als ich ſie liebe, und ich will ſie keine Secunde länger dadurch beleidigen, daß ich Dir zuhöre.“ „Nun, nun, ich weiß ja gar nichts... laß uns die Aufſchrift betrachten!“ „Ja betrachte ſie. Verſtehſt Du Dich ein klein wenig auf ſolche Dinge, ſo verſtehſt Du wohl, daß 58 dieß eine Frauenzimmerhand iſt, wie auch daß die ganze Eleganz und Zuſammenlegung dieſes Briefs eine Weiberhand verräth.“ „Das muß ich zugeben.“ „Siehſt Du es doch ein... und jetzt leb wohl! Ich begebe mich mit dem Schreiben nach Tyſſelvik.“ „Du wirſt doch kein Narr und nicht ſo unverſchämt ſein, zu verlangen, daß ſie Dich um dieſe Stunde des Tags empfangen ſoll?“ „O nein, ich beabſichtige ganz einfach, den Brief der erſten beſten Perſon zu übergeben, die mir in den Weg läuft. Meine Belohnung wird ihrer Zeit ſchon kommen.“ Auf Tyſſelvik war es halb ſieben, als das Gat⸗ terthor unſerem fahrenden Ritter durch einen Lakaien geöffnet wurde. Hinter einer Fenſterjalouſie ſtach der äußerſte Rand der Spitze eines Morgenhäubchens hervor... mehr war nicht ſichtbar. Aber ein anderes Fenſter wurde mit großem Ge⸗ räuſch aufgeriſſen und Mamſell Sophie mit Papilloten und einem carrirten ſeidenen Tüchlein um den Kopf ſtreckte den Kopf heraus. „Nein, Herr Bezirksamtmann Wallenberg, ſchon ſo früh!“ Und die dienſtfertige Mamſell Sophie, welche dachte, es wäre Jammerſchade, wenn der junge Mann blos mit dem Lakaien ſprechen dürfte, eilte hinab, nachdem ſie gleichwohl zuvor die Papilloten ausgeriſſen kann doch chen, chen. Brief nehm bring ſolche mann dame ( i wir Verla hatte rührt ſchein geriſſen 59 und ihre langen Locken hinter die Ohren geworfen hatte, von wo ſie ſich ihren Hals hinabringelten. Sophie war zwar dem Bezirksamtmann nicht ganz hold wegen der legeren Art, womit er ihre Gunſt aufgenommen hatte. Aber gleichviel, es war jedenfalls eine Zerſtreuung in der Einſamkeit, einen neuen Verſuch zu machen. Aber Himmel, wie ungnädig wurde ſie, als ſie ſah, wie der junge Mann, während er ihr den man⸗ gelhafteſten aller mangelhaften Grüße zunickte, gerade vor ihrer Naſe ſein Pferd und folglich auch ſeine eigene Perſon umwandte. „Danke gehorſamſt, Herr Bezirksamtmann, dieß kann man artig nennen. Nun, aber ſo ſagen Sie doch wenigſtens, wollen Sie denn mit Niemand ſpre⸗ chen, Herr Bezirksamtmann?“ „Oh, ich hab' bereits mit dem Jungen geſpro⸗ chen. Aber haben Sie die Güte, Manſell, dieſen Brief da, den ich geſtern in der Stadt erhielt, zu nehmen und ihn ſogleich der Frau Bendelvik zu über⸗ bringen.“ „O Gott bewahre, das wird wohl auch keine ſolche entſetzliche Eile haben, oder Herr Bezirksamt⸗ mann, wollen Sie vielleicht warten, bis ich mit Ma⸗ dame geſprochen habe?“ „Das iſt nicht nöthig, Manſell.“ Er ritt in aller Eile fort. Was in dieſem ſo erſehnten Briefe ſtand, wiſſen wir nicht. Aber ſicher iſt, daß die junge Wittwe im Verlauf des Tages mindeſtens zwanzig Augenblicke hatte, wo das Lächeln ihre Lippen und Augen be⸗ rührte, und man bemerkte wohl, daß dieſes ſonnen⸗ ſcheinartige Lächeln tief aus dem Innern kam. „Es iſt ſchrecklich erfreulich, eine ſolche Miene 60 bei Ihnen zu ſehen,“ äußerte Mamſell Sophie außer Stands ihre Verwunderung zurückzuhalten. Mathilde aber fuhr bei dieſen Worten zuſammen, verhüllte ſich von neuem in ihren Schleier des Witt⸗ Bantuunas und ſah aus wie— eine Thräne am rab. XI. Vertrauliche Bülletins. Drei Tage waren verfloſſen, ſeit Victor ſein Po⸗ ſtillonsamt verſehen hatte, aber noch hatte keine Beloh⸗ nung von ſich hören laſſen. Dieß war um ſo verdrießlicher, als Edwin das beſte Gedächtniß für ſeinen Uebermuth beſaß und ihn ſtündlich im aller boshafteſten Tone fragte, ob er nicht bald ſeiner ſchönen Herrſcherin ſeine Aufwartung zu machen habe, oder ob er es vorziehe, daheim auf den Au⸗ genblick zu warten, wo es ihr von Neuem belieben könnte, ihn als Courier zu gebrauchen. „Geh mir zum Teufel mit Deinen dummen Fra⸗ gen und laß mich in Frieden!“ rief Victor, als am vierten Morgen dieſer Plagetage ſeine Geduld gänzlich erſchöpft war. „Willſt Du nicht zuerſt, daß ich Dir einige Neuigkeiten erzählen ſoll 2 „Was für Neuigkeiten?“ „Solche, die ich eingeſammelt habe, während Du Dich nicht von der Stelle wagteſt, weil Du um irgend nige. für D m eine „ in der ſei ſch außer imen, Witt⸗ 2e am Po⸗ beloh⸗ n das d ihn nicht ig zu 1 Au⸗ lieben Fra⸗ s am inzlich einige d Du rgend 61 eine Botſchaft von Deiner Unbeweglichen zu kommen fürchteteſt.“ Victor that, als höre er nicht. „Nun, ich will Dir mit meiner guten Abſicht nicht beſchwerlich fallen. Eigentlich iſt es auch ein gar zu großer Edelmuth. von mir, meine erhaltenen Rapporte mit einem Nebenbuhler zu theilen.“ „Schon gut, mein lieber Edwin— ich ſehe Dir an, daß Du eben ſo ſehr von Begierde brennſt zu ſprechen, als ich von Begierde zu hören. Leg' alſo los... genire Dich nicht.“ „Hem le „Dieſer kleine Satan ſoll das gute Einvernehmen zwiſchen uns nicht ſtören. In der Einſamkeit hier, die uns keine andere Zerſtreuung übrig läßt, können wir wenigſtens von ihr ſprechen.“ „Immerhin!“ „Aber was haſt Du für Quellen?“ Das iſt mein Geheimniß.“ . welches indeß durchſichtiger iſt als das mei⸗ nige. Ich begreife, daß Du dumm genng warſt,— für Dich ſelbſt notabene— auf die Aufmunterungen meiner verſchmähten Sirene einzugehen.“ „Gleichviel— ſie iſt auf Ehre als die Vertraute in der Komödie ſehr brauchbar.“ „Aha, Du erniedrigſt Dich alſo.. „... wie mancher größere Herr als ich bin. Ich will mich erinnern, daß Du ſelbſt einmal ſagteſt, es ſei ſchon im grauen Heidenthum Sitte geweſen, mit der Kammerjungfer anzufangen.“ „Ich meinte das nicht im Ernſt; aber gleichviel— was haſt Du jetzt erfahren 20 „Nun ſo höre... Seit unſere Zauberin den Brief erhielt, den Du ihr brachteſt, iſt eine geheime Freude über ſie gekommen, die ſie, obſchon vergebens, vor Saphie zu verbergen ſucht.“ 62 „Nun, ich wußte ja, daß der Brief für ſie von bin der Wichtigkeit war. Aber gleichwohl findet ſich ein Wi⸗ ganze 2 derſpruch in der Sache. Mehreremale, beſonders ge⸗ kommen 3 ſtern Abend, als ſie von ihrer Spazierfahrt auf dem„„2 See heimkam, war ſie ſo aufgeregt, ſo erſchüttert, wie„2 Sophie ſie noch niemals geſehen hat.“ trifft, u „Nun, aber vergiſſeſt Du denn ihr beſtändiges— Leiden?“ welche 1„Es war nicht dieſe Art von Leiden, die ſich als die jetzt bei ihr kundthat; es war eine heftige, beinahe„2 1 bis zum Schrecken geſteigerte Unruhe.“„, „Es kann ihr unterwegs etwas zugeſtoßen ſein.“ ein Wo „Das iſt nicht wahrſcheinlich, zumal der Junge, Weib, der ſie gewöhnlich rudert, verſicherte, es ſei auf dem gethan See nichts vorgefallen. Wie dem ſein mag, könnte ſige jun denn wohl ein kleiner Schrecken ſo auf ſie gewirkt haben, ſollte ſi daß ſie die ganze Nacht auf und abging, wobei So⸗ laſſen.“ phie..., „Ha, das ſchlechte Geſchöpf hat alſo ge⸗ ich nicht lauſcht?“ ſei— 1 „Allerdings.“ Brief.“ „Und was hörte ſie?“„W „Sie hörte, wie unſere Schöne ſchluchzend die Du.. Hände rang, und dazwiſchen hinein halblaut Aeußer⸗„J ungen murmelte, wie dieſe: Großer Gott, mein Gott, keinen a alles das iſt unrecht... ich will nicht... ich darf Theilna und werde nicht einwilligen.“„ 1„Edwin,“ ſagte Victor, während eine ſtarke ſtehen ki Röthe bis auf ſeiner Stirne glühte,„es ſcheint raſend.“ mir, daß Du unredlich handelſt. Gott verdamme mich,„C wenn ich auf dieſe Art Aufſchlüſſe über ſie zu erhalten nicht du wünſchte.“ 1 andern 6 Edwin ſchwieg.. fangen Er ging mit den Händen auf dem Rücken einige⸗ 2 male auf und ab. 8 Antwor! V 4„Aufrichtig geſtanden,“ rief er endlich,„ich 3„C A— von Wi⸗ 3 ge⸗ dem wie diges ſich inahe ein.“ unge, dem önnte aben, So⸗ ge⸗ — die ußer⸗ Gott, darf ſtarke cheint mich, halten inige⸗ nich 63 bin derſelben Anſicht wie Du und ich wollte, dieſe ganze Dummheit da wäre gar nicht auf die Bahn ge⸗ kommen. Aber...“ „Aber?““ „Dieß iſt eine Sache, welche die Eigenliebe be⸗ trifft, und dieſe iſt eine empfindliche Gebieterin.“ „Vor allen Dingen, Bruder, iſt es eine Sache, welche die Ehre betrifft, und dieſe iſt noch empfindlicher als die Eigenliebe.“ „Du nimmſt es alſo ſo genau?“ „In gewiſſen Fällen erlaube ich meinem Gewiſſen, ein Wort mitzuſprechen, und ein armes unſchuldiges Weib, das uns mit Wiſſen und Willen nichts Böſes gethan hat, kann nichts dafür, wenn ein Paar müſ⸗ ſige junge Geſellen ſich in ſie vergafft haben. Man ſollte ſie doch wohl in ihrem eigenen Haus in Ruhe laſſen.“ „Um ſo mehr,“ fügte der Rektor hinzu,„als ich nicht behaupten will, daß ich wahnſinnig verliebt ſei— und dieß bekannte ich ihr auch in meinem Brief.“ „Wie, Du haſt ihr alſo bereits geſtanden, daß Du „Ja beim Teufel, das habe ich— ich wußte keinen andern Rath, um ihr mit Ehren meine tiefe Theilnahme erklären zu können.“ „Dummkopf, eine ſolche Heftigkeit hätte mir an⸗ ſtehen können, aber daß Du... oh das iſt gar zu raſend.“ „Eigentlich war es Politik. Ich trieb das Spiel nicht dumm, das verſichere ich Dich; aber ſie iſt allen andern Weibern ſo unähnlich, daß Nichts bei ihr ver⸗ fangen will.“ „Du erhielteſt alſo eine entſchieden abſchlägige Antwort?“ „Errathen. Aber das ändert nicht, daß ich noch 64 eifriger bin als vorher. Es iſt die alte Geſchichte: Widerſtand reizt.“ „Inzwiſchen wollen wir einander gegenſeitig ver⸗ ſprechen, ſie nicht auszuſpioniren, wenigſtens nicht durch Andere— das wäre ſchmutzig und wir dürfen uns ſo etwas nicht zu Schulden kommen laſſen.“ „Still, hier kommt Jemand,“ ſagte Edwin. Ein Dienſtmädchen trat ein und überreichte dem Rektor ein Billet. „Was iſt das?“ rief Victor, ſobald ſie wieder allein waren. „Ein Bülletin von Sophie, die ich doch erſt vor zwei Stunden verließ... was kann ſie jetzt zu er⸗ zählen haben?“ „Tummle Dich alſo— lies!“ „Wie,“ antwortete der Rektor,„vergiſſeſt Du, was Pflicht und Gewiſſen verbieten... Nein, nein, wir dürfen uns nicht beſchmutzen. Wir wollen Helden ſein und dieſen Brief da verbrennen.“ „Aber in allen Fällen...“ „Aber in allen Fällen iſt die Ehre empfindlicher, als die Eigenliebe. Ich will ein Zündhölzchen her⸗ ausnehmen.“ „Die Verſuchung iſt ſo mächtig,“ murmelte Vie⸗ tor halb unwillig, halb überwunden. „Je mächtiger die Verſuchung ſich zeigt, um ſo größer die Ehre, ſie überwunden zu haben.“ Victor ſchwieg. „Nun laß uns zu einem Entſchluß kommen— wollen wir den Brief verbrennen, unſere Wittwe und unſere Wette aufgeben und morgen früh nach irgend einem Bade fahren?“ „Kannſt Du das 20 „Ich kann Alles, was ich will.“ „Aber wir haben Mama zwei Monate zugeſagt.“ „Wir überreden ſie mitzukommen. Es iſt be⸗ ſchloſſen ein ſche lich gef laſſen, möchte, C 7 lichen: an Pre wenn e blick k zu ſetze „C Billet.“ 8 doch in Be und Er „2 daß Me. zirksbea einige es gibt als den Da Juriſt, Ab erlauben We Do Zweien Carls 65 chte: ſchloſſen— und wir wollen jetzt dieſer ganzen Poſſe ein ſchnelles Ende machen.“ ver⸗ Der Rektor griff nach dem Wachsſtock und öffnete nicht das Büchschen, worin er ſeine Zündhölzchen hatte. ürfen„Wart ein wenig... Ich glaube, daß ich wirk⸗ lich gefeſſelt bin: ich kann ſie nicht auf dieſe Art ver⸗ laſſen, obſchon ich mir aufrichtig den Muth wünſchen dem möchte, Dich um Verbrennung des Billets zu bitten.“ „Ja, ſo iſts immer: man wünſcht ſich alle mög⸗ vieder lichen Fähigkeiten zum Guten. Man hat Ueberfluß an Predigten und allerlei vortrefflichen Redensarten, ſt vor wenn es ſich um Andere handelt; aber wenn der Augen⸗ u er⸗ blick kommt, dieſelben für eigene Rechnung ins Werk zu ſetzen...“ „Genug des Phraſengedrechſels, erbrich jetzt das Du, Billet.“ nein, Victor ſprach dieſe Worte mit Anſtrengung, aber elden doch in beſtimmterem Tone aus. Beinahe augenblicklich war das Siegel erbrochen, und Edwin las laut: „Lieber Herr Rektor! Vic⸗„Aus Freundſchaft für Sie will ich Ihnen melden, daß Madame davon geſprochen hat, ſie wolle den Be⸗ m ſo zirksbeamten bitten, heute Mittag hieherzukommen und einige wichtige Aktenſtücke anzuſehen. Ach, ſagte ich, es gibt gewiß keinen gelehrteren und klügeren Herrn, . als den Rektor. e und Das glaube ich, antwortete ſie, aber er iſt ja kein irgend Juriſt, er.. Aber, Madame, da Sie immer ſo heikel ſind, ſo erlauben Sie mir die Bemerkung... Was denn? fſagt.“ Daß der Rektor vielleicht dabei ſein ſollte. Bei ſt be⸗ Zweien kann man niemals ſprechen, aber Einer„„ Carlén, Binnen ſechs Wochen, 5 — —— („Welch eine ſchlaue Commiſſionärin!“ fiel Victor ein, dem es ſchwer wurde, das Lachen zu halten.„Du haſt eine gute Bundesgenoſſin.” Der Rektor antwortete nichts, ſondern fuhr fort:) Deine Freimüthigkeit, meine liebe Sophie, ant⸗ wortete Madame, kann blos durch Deine gute Meinung entſchuldigt werden; aber ich habe meine Gründe, dießmal den Bezirksbeamten allein zu ſehen... („Dießmal!“ riefen beide Brüder wie in Einem Athemzug. Der Brief ſchloß mit folgender Phraſe, über welche der Rektor halblaut wegglitt:) Ich ſchmeichle mir Ihnen gefallig geweſen zu ſein, Herr Rektor, und es wäre eine Freude für mein Herz, immer ſein zu können Ihre Freundin Sophie Tolander.“ „Zum Henker, das Ding wird intereſſant,“ rief Victor, als der Rektor das Billet zerriſſen hatte.„Wir ſcheinen ja alle Beide Hoffnung zu bekommen.“ „Das iſt wenigſtens klar,“ gab Edwin zu,„daß Du jetzt einen Vorzug haſt.“ „Ja vielleicht als Rechtsbeiſtand, denn das iſt ebenſo klar, daß dieſer Brief, über welchen wir ſo viel nachgrübelten, Geſchäftsſachen betraf.“ „Dem ſei wie ihm wolle, mein Vertrauen iſt dem Deinigen vorangegangen, und ich hoffe, daß Du rechtlich genug denkſt, mich mit derſelben Münze zu bezahlen, wenn Du zurückkommſt.“ „Auf Ehre und Seligkeit, ich werde Dir Alles ſagen, was für Dich intereſſant ſein kann. Gleichwohl erinnere ich Dich, daß wir Iuriſten eine Art von Beicht⸗ vätern ſind und die Beichtgeheimniſſe heilig halten müſſen... 1 „„„Bis ſie vor Gericht kommen, ja... Schlag —— men eit Mamſe Es Ei von Fr. erſuchen Ehre ſ D ſtrahlte er über 7 J den No A „. ſchwarz kleider, S war zu N wirklich 67 mir jetzt keine krummen Wege ein, ſondern handle ehrlich.“ „Auf Chre... vielleicht iſt indeß Alles zu ſam⸗ men ein Mißverſtändniß, oder auch ein Mährchen von Mamſell Sophie.“ 4 Es war jedoch keines von Beiden. nde, Eine Stunde ſpäter kam eine mündliche Botſchaft von Frau Bendelvik, welche den Herrn Bezirksamtmann iinem erſuchen ließ, ihr noch an demſelben Nachmittag die Ehre ſeines Beſuches ſchenken zu wollen. über Der Rektor begann zu brummen. Aber Victor ſtrahlte vor Freude: wie gewöhnlich im Glück, wurde ſein, er übermüthig und reizte ſeinen Nebenbuhler. erz, Inzwiſchen warteten Beide mit gleicher Ungeduld den Nachmittag ab. XII. 4 m Aufmunterung ohne Rechtsgelehrſamkeit. dviel dem ,Es iſt warm heute, Sophie. Zieh mir dies Du ſchwarze Kleid aus und gib mir eins meiner Sommer⸗ ze zu kleider, das ſilbergraue mit den weißen Blumen.“ Sophie brachte das luftige Kleid, aber Sophie Alles war zu ſchlau, um ſich anch nur verwundert zu zeigen. wohl Nein, die Kammerjungfer ſtaunte nicht, nicht ein⸗ eicht⸗ mal, als ſie die Sorgfalt bemerkte, womit Madame alten ihre Toilette begann und vollendete. Nur ein einziges Mal war ſie nahe daran, einer Kirklichen Beſtürzung Luft zu ſchaffen, als ſie nämlich ſ 68 die ſonſt ſo gleichgültige Mathilde das ſchwarze Spitzenhäubchen, das ihr goldenes Haar zur Hälfte bedeckte, dreimal abnehmen und wieder aufſetzen, end⸗ lich aber am Rand des Toilettenſpiegels aufhängen ſah. „Ich bin doch begierig,“ dachte Sophie, was„dar⸗ aus noch werden ſoll.“ „Hör einmal...“ Es ſchien die ſchöne Wittwe einige Mühe zu koſten, die folgenden Worte auszu⸗ ſprechen...„Hör einmal, ich glaube, daß ich irgendwo in meinen Schubladen ein ſchwarz und lilafarbiges ſeidenes Netz habe.“ „Ach ja, das mit drei Zipfeln, das auf die Seiten herabhängt. Ihre Modehändlerin ſagt ja, es würde Ihnen ganz vortrefflich ſtehen, Madame!“ „Ich kümmere mich nichts darum, ob es mir ſteht; es iſt luftig und leicht, bring es her!“ „Na, da ſehe man, wenn ich je das geglaubt hättel“ commentirte Sophie fortwährend in Gedanken. „Sie iſt ganz ſicher in den Bezirksamtmann verliebt— ſo gewiß als ich lebe. Aber wenn ich irgend eine Macht habe, ſo ſoll er vom Brett weggedrängt werden, dieſer dumme Gelbſchnabel, der nicht einmal ſieht, daß es noch mehr Frauenzimmer auf der Welt gibt.“ Zuweilen reicht ein guter Wille jedoch nicht hin, um Etwas durchzuſetzen, und es ſah dieſen Nachmittag wirklich aus, als müßte Mamſell Sophie eine große Geſchicklichkeit entwickeln, um die Perſon herabzuſetzen, deren Sturz ſie beſchloſſen hatte. Seiner neuen Rolle getreu, fand ſich unſer Bezirks⸗ amtmann mit der ganzen Miene und Haltung eines Mannes iſt, irg laſſen, der Fre De Schmuc hervorg juſt um gut auf jungen lenken, Meo heiten, werden Zy eine We tereſſant ſogar de wohl be wandtes So hervorfl ſam ſich allen B entzünd Ab ruhig, Perſon. Si Szu⸗ idwo piges eiten ürde ſteht; aubt aken. bt— eine rden, daß hin, ittag große ezen, ſirks⸗ eines 69 Mannes ein, der durch frühere Herzensbande verhindert iſt, irgend einen andern Zauber an ſich kommen zu laſſen, als denjenigen, der in der praktiſchen Ausübung der Freundſchaft und Menſchenliebe liegen kann. Des größeren Effektes wegen hatte er aus dem Schmuckkäſtchen ſeiner Mutter einen alten Goldring hervorgeſucht, den er oft mit dem Nastuch rieb, nicht juſt um ihn blank zu bekommen, denn der Ring war gut aufgehoben geweſen, ſondern um die Augen ſeiner jungen Wirthin auf das Unterpfand der Treue zu lenken, die er einer Andern gewidmet hatte. Mathilde hatte inzwiſchen bei keiner der Gelegen⸗ heiten, wo er ſie früher geſehen, mit dem verglichen werden können, wie er ſie heute ſah. Zwar zeichnete ſich auch heute auf ihrer Stirne eine Wolke von Melancholie oder vielmehr von in⸗ tereſſanter Wehmuth, aber dieſe Melancholie, welche ſogar den Glanz ihrer Augen beſchattete, hatte gleich⸗ wohl bei dieſer Gelegenheit etwas mit der Erde Ver⸗ wandtes. So viel war gewiß, daß ein elektriſcher Funke hervorflog, als ihre ſeidenbefranſten Wimpern lang⸗ ſam ſich gegen den Gaſt erhoben, und daß dieſer Funke allen Brennſtoff, der ſich in ſeinem Innern vorfand, entzündete. Aber mit Selbſtbeherrſchung verbeugte er ſich ſo ruhig, als ſtände er vor einer vollkommen fremden Perſon. Sie nicht ſo. „Herr Bezirksamtmann— ſie reichte ihm mit einer graziöſen Bewegung ihre Hand— ich habe Ihnen vor allen Dingen für die ausgezeichnete Güte zu danken, womit... womit...“ Sie unterbrach ſich erröthend— eine ſprechende Verlegenheit drückte ſich in ihren Geberden aus. „Ich ſchätze mich allzu glücklich, Madame, daß ich 70 Ihnen mit einer ſolchen Kleinigkeit, wie die Abholung eines Briefes iſt, einen Dienſt erweiſen konnte.“ „Aber dieſer Brief war für mich von Wichtigkeit.“ „Das merkte ich ſogleich. Und vielleicht bin ich in Folge ſeines Inhalts mit dem Befehl beehrt wor⸗ den, hieher zu kommen.“ „Wie, mein Herr, Sie haben glauben können, Sie haben vermuthet...“ Der Purpur auf den Wangen der jungen Frau verwandelte ſich jetzt in wirkliche Flammen, und dieſe Flammen machten ſie ſo entzückend, daß der ver⸗ liebte Victor nur mit unſäglicher Mühe ſeinen Vortheil als unparteiiſcher Beobachter zu behaupten vermochte. „Ich glaube ganz einfach, daß Sie irgend eine in juriſtiſcher Beziehung kitzliche Frage an mich zu ſtellen haben, und daß möglicher Weiſe der Brief, den Sie empfingen, eine Erklärung enthielt, über welche Sie mich befragen wollen.“ Mathilde lächelte auf eine unbeſchreibliche Weiſe. Hierauf ſchien ſie zu überlegen, wie wenn ſeine Worte ihre Gedanken auf eine neue Bahn geworfen hätten. „Der Tauſend!“ dachte unſer Liebhaber,„ſollte etwa das, was Edwins Correſpondentin berichtete, nicht ganz zuverläſſig ſein... zum Henker, ſie könnte ja gegen ihre Kammerjungfer blos vorge geben haben, daß ſie mit einem Juriſten ſprechen müſſe— und ich Tölpel habe vielleicht jetzt ſelbſt mein Glück verſcherzt.“ „Herr Bezirksamtmann, haben Sie die Güte und ſetzen Sie ſich hier auf den Sopha neben mich, dann wollen wir mit einander ſprechen.“ 5 „Mit vielem Vergnügen.“ Er rieb verzweifelt an dem Ring, denn die Stille, die eintrat, begann läſtig zu werden. „Es iſt wahr,“ begann Mathilde wieder, wie wenn ſie nicht einmal bemerkt hätte, daß eine Unter⸗ lichen man Alles heiten ſehr Herz leicht hat, Gehe der ſchlag Wort gann ich ſi ſtänd heuti Ihre wor⸗ nnen, Weiſe. ſeine vorfen eetwa nicht nte ja haben, nd ich herzt.“ e und dann Stille, „ wie Unter⸗ 71 brechung ſtattgefunden,„es iſt wahr, ich habe wirk⸗ lich eine Frage zu ſtellen, deren wahrheitsgemäße Be⸗ antwortung für mich von der höchſten Wichtigkeit iſt.“ „Ich ſtehe zu Dienſten, Madame.“ „Aber ich weiß nicht, ob ich den Muth habe?“ „Den Muth... Gedenken Sie dieſe Frage an den Juriſten zu richten oder an den Mann?“ „An beide, mein Herr!“ „Wirklich?“ „In Wahrheit, ja.“ „Nun wohl, ſo denken Sie blos an den IJuriſten, und Sie werden den Muth haben, Alles zu fragen, was Sie wollen. Kann man nicht mit einem Arzt über Alles ſprechen, was den Körper, mit dem Geiſt⸗ lichen über Alles, was die Seele betrifft? warum ſollte man alſo Bedenken tragen, mit dem Juriſten über Alles zu ſprechen, was die ökonomiſchen Angelegen⸗ heiten betrifft?“ „Aber dieſe ökonomiſchen Angelegenheiten können ſehr genau mit Geheimniſſen verknüpft ſein, die das Herz betreffen.“ „Das iſt vollkommen wahr. Deßhalb beſitzt viel⸗ leicht derjenige, der ſich dem Richterberuf gewidmet hat, weit mehr Uebung als andere Leute, in dieſe Geheimniſſe zu blicken, die aus dem innerſten Leben der Familien zu langen Prozeßverhandlungen führen.“ „Inzwiſchen,“ verſetzte Mathilde mit niederge⸗ ſchlagenen Augen,„hat man nicht immer die rechten Worte in ſeiner Gewalt, und ich glaube— ſie be⸗ gann jetzt ihrerſeits den Trauring zu drehen— daß ich ſie heute nicht finde.“ „Aber, mein Gott, bedarf es denn ſo vieler Um⸗ ſtände mit mir?“ „Ja, ich weiß nicht, woher es kommt, aber Ihr heutiges Auftreten, das von Ihrem Benehmen bei Ihrem erſten Beſuch ſo gänzlich verſchieden iſt, flößt mir, wenn auch nicht Furcht, doch wenigſtens eine gewiſſe Unruhe ein.“ „Gott verdamm mich— ſchwur Victor, notabene in ſeinem Innern— Gott verdamm mich, ich glaube, ſie muntert mich förmlich auf. Welch göttlicher Ein⸗ fall war es nicht mit dieſem Trauring... Wir müſ⸗ ſen jetzt nur die Sache fein weiter ſpinnen.“ „Das letztemal, Madame,“— man glaubt nicht, mit welcher Würde Victor ſprach—„das letztemal be⸗ nahm ich mich wie ein Thor und es iſt ein großes Glück, daß ich noch die gebührende Erinnerung an meinen Fehler habe.“ Mathilde antwortete nicht. „Darf ich Ihnen zu ſagen wagen, warum es ein Glück iſt?“ „Wenn Sie wollen.“ „Es iſt darum ein Glück, weil es berauſchende Fehler gibt, die vielleicht einen armen Sünder in Verſuchung führen könnten, ſich in neue Gefahren zu ſtürzen, wenn die Erinnerung ihm nicht warnend ſagte, wie ſtreng die Verſuchungen beſtraft werden...“ „... von dem Gewiſſen?“ fragte Mathilde un⸗ ſchuldig. „Madame...“ Victor ſah der jungen Dame mit einem gänzlich unverſchleierten Blick in die Augen. „Haben Sie neuerdings Briefe von Ihrer Braut erhalten?“ fragte ſie und ein feines Lächeln ſpielte auf ihren Lippen. „Sie ſind gar zu gütig, daß Sie mir eine ſo koſt⸗ bare Theilnahme bezeigen... aber kommen wir jetzt nicht gänzlich von dem Hauptgegenſtand ab?“ „Es thut mir ſehr leid, Sie ohne Zweck bemüht zu haben. Aber je mehr ich über die Sache nachdenke, um ſo unmöglicher finde ich es, heute mit Ihnen darü⸗ ber zu ſprechen.“ „S zuweile „A erbieten Vergnü⸗ wenn 6 dafür g „U ich Ihn ſich mir „N freundli Ihre Z0 Sie vor die Aben Nac ſen ſtra Ernſt ü warf ſich verſunke Ma wohl di bei derſ So Weile n holdeſten 73 „Sie würdigen mich alſo der Erlaubniß, Ihnen zuweilen meine Ehrfurcht darzubringen.“ „Ach mein Gott, wer könnte wohl ein ſolches An⸗ erbieten ausſchlagen? Ich hätte mir wahrlich das Vergnügen eines gebildeten Umgangs niemals verſagt, wenn Sie mir gleich im Anfang eine ſolche Bürgſchaft dafür geboten hätten.“. „Und Sie, Madame geſtehen Sie, daß, wenn ich Ihnen in einer neuen Geſtalt erſcheine, Sie ſelbſt ſich mir in einer eben ſo neuen zeigen.“ „Man hat ſeine Augenblicke, wo das„Leben freundlicher wird... aber jetzt wage ichs nicht länger Ihre Zeit und Geduld in Anſpruch zu nehmen.“ Sie erhob ſich. „Darf ich mir die Erlaubniß ausbitten, morgen vor Mittag wieder zu kommen?“ „Morgen nicht, aber übermorgen.“ „Vor oder nach Mittag?“ „Vor Mittag... es iſt heute eine Ausnahme; die Abende will ich immer für mich allein haben.“ Nachdem der junge Juriſt mit einem Geſicht, deſ⸗ ſen ſtrahlende Freude ſich kaum von dem angenommenen Ernſt überwältigen ließ, das Zimmer verlaſſen hatte, warf ſich Mathilde mit dem Ausdruck tiefer Gedanken⸗ verſunkenheit auf den Sopha zurück. Man hätte glauben ſollen, ſie habe im Nu ſo⸗ wohl die eben geſpielte Scene, als ihren Mitſpieler bei derſelben vergeſſen. So war es jedoch nicht, denn nach einer langen Weile nachdenklichen Schmerzes ſagte ſie halblaut in holdeſtem Ton:. „Was kann ich anders thun, jung und ſchutz⸗ los ²“ Eine halbe Stunde ſpäter klingelte ſie Sophie. „Steht das Boot bereit?“ 74 „Jawohl.“ „Gut— ſo gib mir meinen Hut.“ „ XIII. Gegenantwort. Als Victor Tyſſelvik verließ, wurde er von einem gewaltigen Bedürfniß nach Einſamkeit zu der nahe ge⸗ legenen Berggrotte getrieben, wo wir die Bekanntſchaft der Brüder zuerſt gemacht haben. Aber dasſelbe Gefühl hatte ſich vermuthlich auch in der Bruſt des Rektors geltend gemacht, denn er hatte ſchon vorher den Platz eingenommen. „Gratulire!“ rief Victor, der mit ſeinen Hoff⸗ nungen nicht an ſich halten konnte, als ihm das Schickſal jetzt ſeinen Bruder in den Weg führte. „Gratulire Du mir!“ antwortete Edwin und zog ein roſenfarbenes Billetchen mit der Handſchrift der jungen Wittwe aus der Taſche. „Was will das heißen?“ fragte Victor mit flam⸗ menden Wangen. „Da ſieh!“ Der Bezirksamtmann riß das Briefchen an ſich und las mit heftigen Brechungen in ſeiner Stimme wie folgt: „Herr Rektor! „Im Vertrauen darauf, daß der Gegenſtand, den wir das letztemal abhandelten, erſchöpft und für im⸗ mer beif von Ih meines dürfen. Di verwund „N zu— l kannſt nen An 9 zeugt, d Brief a mir ein ein Bis Auftritt man ve rathe2 gerſchaf Dir nie 7⁵ mer beiſeite gelegt iſt, wünſchte ich morgen Vormittag von Ihren Rathſchlägen für meine Lektüre während meines Aufenthaltes auf dem Lande profitiren zu dürfen. Mathilde B.“ Die beiden Brüdff ſahen einander mit großen, verwunderten Blicken all. „Nun,“ begann der Rektor,„was ſagſt Du da⸗ zu— heißt das nicht ein ganz unverdientes Glück? Du kannſt ſie bereits als meine Frau betrachten und Dei⸗ nen Anſprüchen entſagen.“ „Zum Teufel auch— ich bin vollkommen über⸗ zeugt, daß ich die Wette gewinnen werde und daß der Brief an Dich blos eine Liſt iſt, darauf berechnet, mir ein Bischen Kopfverbrechen zu verurſachen, mir ein Bischen Eiferſucht einzuflößen, die einige kleine Auftritte zwiſchen uns zur Folge haben könnte. Oh, man verſteht ſolche Dinge: ſie iſt romantiſch und ich rathe Dir, Dich auf die beſcheidene Rolle der Schwä⸗ gerſchaft zu beſchränken, denn eine andere Rolle wird Dir niemals zufallen.“ „Eigenliebiger Narr. Willſt Du im Ernſte Deine Mittel mit deu meinigen meſſen?“ „Ich lächle mitleidig... armer Bücherwurm.“ „Was für einen Prozeß hatte ſie Dir anzuver⸗ trauen?“ „Es handelte ſich gar nicht um einen Prozeß. Begreifſt Du nicht, daß die Kammerjungfer hinter's Licht geführt wird?— begreifſt Du nicht, daß man zu allen Zeiten Vorwände gebraucht hat, wenn man Verhältniſſe wieder anknüpfen will, die...“ „Armer Kerl, begreifſt Du, was es heißen will, durch die Gewalt der Seele zu herrſchen? Das iſt es, was ich beabſichtige... aber ſtill... horch... 76 hörſt Du nicht einige Töne in der Ferne?... ſie kommt!“ „Ah! ich höre ſie auch... O meine entzückende Beherrſcherin, ich werde alſo heute Abend noch ein⸗ mal dem melodiſchen Klang Deiner Stimme lauſchen dürfen.“ „Schweig, ſchwatze nicht, ſie naht.“ Eine tiefe Stille trat in der Grotte ein. Inzwiſchen näherte ſich das Boot, wo die junge Wittwe ohne alle Ahnung von Spähern ſaß. Aber die Brüder kannten einen Platz, wo ſie ſchon früher einen genußreichen Augenblick gehabt hat⸗ ten, und dorthin ſchlichen ſie ſich jetzt, ohne einander mit Worten einen Wink zu geben. Mathildens Erſcheinung, als ſie ſichtbar wurde, erinnerte nicht mehr an ihre erſte Offenbarung. Ihre Stirne ſtrahlte jetzt ordentlich vor dem innewohnenden Gedanken. Sie ſang wie die Engel ſingen müßten, wenn ſie eine Serenade auf der Erde geben wollten. Es war Liebe, Seligkeit, Entzücken in dem Geſang. Dazwiſchen hinein wandte die junge Frau ihr Geſicht und warf lange Blicke über die Ufer hin. Sie ſchien mit jedem Windhauch, welcher die Baumzweige be⸗ wegte, zu ſchaudern; aber da kein menſchliches Weſen ſich zeigte, ſo wurde es klar, daß eine liebliche Zuver⸗ ſichtlichkeit, eine innige Freude ihr ſchönes Geſicht noch mehr belebte. Endlich verſchwand das Boot an den dunkeln Um⸗ riſſen zweier hervorſpringenden Felſen, und bald darauf erſtarben die Töne. Aber in dieſem Augenblicke fuhren die Brüder zu⸗ ſammen. „Was war das?“ fragten beide auf einmal. Ihre erſtaunten Blicke ſpähten nach allen Seiten „Konnte es das Echo ſein?“ „Konnte es eine Hirtenpfeife ſein.“ Gatte andern nix, d 5 44 d jungen es eine ſie der gänzlie dem T ] und m .. ſie lckende ch ein⸗ uſchen junge wo ſie t hat⸗ (nander wurde, Ihre nenden üßten, vollten. zeſang. au ihr 1. Sie eige be⸗ Weſen Zuver⸗ ht noch In Um⸗ darauf der zu⸗ Seiten. 77 „Keines von beiden; es war vielmehr ihr todter Gatte, der vom Himmel herab antwortete.“ „Ja, wenigſtens kamen die Töne von oben. Im andern Fall könnte man glauben, es ſei der Waſſer⸗ nix, der ſeine ſilberne Harfe anſchlage?“ „Wunderlich.“ „Sonderbar.“ Die Brüder hatten Töne gehört, welche die der jungen Frau zu beantworten ſchienen. Natürlich war es eine bloße Phantaſie. Aber die Sache verſtimmte ſie dennoch und ſie ließen ihr gegenſeitiges Prahlen gänzlich unterwegs. XIV. Der zweite Empfang. Wir befinden uns jetzt in einem Pavillon, der zu dem Tyſſelvikſchen Gute gehört. Mathilde— wieder ſchwarz gekleidet, wieder ernſt und melancholiſch— ſitzt am Fenſter und wartet auf ihren andern Liebhaber, an welchem heute die Reihe iſt, ihr die Aufwartung zu machen. Sie wartete nicht lange vergebens, bis der Rektor Wallenberg eintrat. Es iſt möglich, daß, trotz ſeiner Aeußerung, auf die Seele wirken zu wollen, in ſeinem Lächeln und Gruß etwas Einfältiges und Eigenliebiges lag, das Mathilden mißfiel, denn ſie empſing ihn mit kalter Förmlichkeit. 78 „Sie ſind ſicherlich verwundert, daß ich dieſen Schritt gethan habe,“ begann ſie in einer ſo unge⸗ zwungenen und würdevollen Art und Weiſe, daß ſie alle Eigenliebe entwaffnen mußte. Aber die des Rektors ließ ſich, wenn ſie einmal geweckt war, nicht ſo leicht entwaffnen. „Mein Gott, nein,“ antwortete er,„ich habe im⸗ mer gehofft, daß Sie mir dieſe Gunſt erweiſen wür⸗ den.“ Mathildens Miene wurde noch kälter. „Im Fall ich mich nicht täuſche, bin ich die letzte Perſon, die an Ihren vertraulichen Eröffnungen Theil haben ſollte, Herr Rektor. Unter allen Umſtänden verſichere ich Sie, daß der Grund, der mich gezwun⸗ gen hat, in einem Fall meinen Vorſatz zu verändern, mich keineswegs zwingt, ihn auch in einem andern Fall zu verändern.“ Sie war im höchſten Grad ungnädig. Und jetzt endlich begriff Edwin, daß die Weiber nicht immer wünſchen, daß man ihren Launen auf hal⸗ bem Weg entgegen komme. „Ich bin wahrhaft unglücklich, Madame, daß ich mir durch eine unberechnete Antwort Ihr Mißvergnügen zugezogen habe, und ich glaube, daß es nicht nöthig war, etwas zu wiederholen, was Sie einmal mit ſolcher Be⸗ ſtimmtheit erklärt haben.“ „O ja, es war nöthig, denn ich ſah ſogleich an Ihrer Miene, daß Sie ſich über die Abſicht meines Billets getäuſcht haben. Ich weiß, daß ich den For⸗ men gemäß ſchweigen und aus Schüchternheit mich nicht vertheidigen ſollte; aber im Nothfall iſt eine Wittwe, wie Sie wiſſen, ihr eigener Vormund.“ „Madamo, erlauben Sie mir Ihre eigene Ausdrücke zu entlehnen; im Fall ich mich nicht täuſche, bin ich die letzte Perſon, die an Ihren vertraulichen Eröffnungen Theil haben ſollte.“ dieſen » unge⸗ daß ſie einmal abe im⸗ en wür⸗ die letzte n Theil ſtänden gezwun⸗ ändern, rn Fall Weiber auf hal⸗ daß ich rgnügen hig war, icher Be⸗ gleich an meines en For⸗ eit mich 79 „Nein, hierin täuſchen Sie ſich. Was für Sie ein Verbrechen gegen das Zartgefühl wäre, iſt für mich eine Pflicht gegen die Nothwendigkeit... jetzt verſtehen wir doch einander?“ „Vollkommen.“ „Gut.. wir können alſo von etwas Anderem ſprechen.“ „Mit Ihrer Erlaubniß— es handelte ſich ja um die Wahl einer Lektüre.“ „Auf dieſen Gegenſtand wollen wir nachher kom⸗ men. Sagen Sie mir jetzt, wie lange iſt Ihr Bruder ſchon verlobt?“ „Mein Bruder... verlobt?“ „Nun, ja?“ 3 „Dieß iſt wahrlich eine Frage, deren Beantwortung mir nicht ſo leicht fällt.“ „Wie ſo?“ („Was, zum Henker,“ ſagte der Rektor bei Seite zu ſich ſelbſt,„mag das bedeuten? kann er ſich für ver⸗ lobt ausgegeben haben... nun das kann mir nichts ſchaden... oder iſt es ein Einfall von ihr? Jedenfalls wäre es Schade ihr einen ſo unſchuldigen Irrthum zu benehmen.“) „Meines Bruders Geheimniſſe ſind nicht die mei⸗ nigen— erlauben Sie mir daher die Frage als nicht geſchehen zu betrachten.“ („Das war eine politiſche Antwort, glaube ich,“ fuhr er in einem neuen Beiſeite fort.) „Aha, es iſt alſo eine geheime Verlobung— ich hüite alſo um Entſchuldigung wegen meiner Indiscre⸗ tion.“ „Aber wer konnte Ihnen ſagen?...“ „Er ſelbſt.“ exr ſelbſt?“ 3— a und da er einen Ring trägt, ſo vermuthete i dag 9, ee Sache bekannt ſei.“ 80 „Ah ſo, er trägt einen Ring? den hat er mir nie gezeigt.“ „Haben Sie auch ſeine Braut nicht geſehen?“ „Nein, das habe ich nicht, wenigſtens nicht mit Wiſſen,“ antwortete der Rektor, der nicht wußte, wie er die ſeltſame Neuigkeit, die er erfahren, zu ſeinem eigenen Vortheil ausbeuten ſollte. „Ich glaubte, daß Sie als Vetter eine gewiſſe Bertha kennen müßten, die nach der Behauptung ihres Bräutigams eine Dame von vielen Verdienſten iſt. „Meine Gnädigſte! Ich fühle mich hier in der⸗ ſelben Stellung, wie einmal im verfloſſenen Winter, als ich auf einem Glatteis ſtand, das mich weder vor⸗ wärts noch rückwärts tragen wollte.“ „Welchen Entſchluß faßten Sie da?“ „Ich retirirte mich an eine kleine Klippe, einen neutralen Platz, wo ich in eine ähnliche Sicherheit kam, wie der Reiſende, der den Diamant in der Wüſte erreicht hatte.“ „Und die Anwendung Ihres Satzes?“ verſetzte Mathilde lächelnd. „Erblicken Sie darin die Klippe oder den Dia⸗ mant, wie Sie wollen,“ ſagte er, indem er die Hand nach einem Tiſchchen ausſtreckte, worauf Bücher und Schreibmaterialien lagen.„Sind Sie edelmüthig genug mich dieſen Hafen ſuchen zu laſſen?“ Mathilde machte eine beifällige Geberde, und gleich als wäre von nichts Anderem die Rede geweſen, giengen ſie auf einen ganz ernſten literariſchen Discurs ein, wobei der Rektor eine natürliche Gelegenheit fand mit ſeinen vielſeitigen Kenntniſſen zu glänzen. Er hatte dabei die ihm eigene Miene ged voller Würde, beſcheidener und einnehmender Ruhe vo ſtändig wieder gewonnen.————— „Dieß war eine ebenſo angenehme als lehr No gelmäßt ein. An ſtag Vi Al ihren S ihnen 81 nir nie Stunde für mich,“ ſagte Mathilde, als ihr Gaſt ſich erhob. 1 2„Im Fall Sie ſich nicht blos das Vergnügen ma⸗ ht mit chen, mir zu ſchmeicheln, Madame, ſo können Sie mir e, wie leicht einen Beweis für die Wahrheit Ihrer Worte ſeinem gebeu.“ „Das will ich mit Vergnügen. Kommen Sie über⸗ gewiſſe morgen um dieſelbe Zeit wieder: jeder zweite Vormit⸗ 3ihres tag iſt für Sie.“ iſt.⸗„Und jeder andere für... 2“ in der⸗„Laſſen Sie uns bei dem angenehmen Eindruck Vinter, ſtehen bleiben, den wir jetzt haben.“ er vor⸗ Sie machte eine leichte Bewegung, welche ihren Gaſt zwang, ſeinem Beſuche ein Ende zu machen. einen chherheit 3 Nach dieſer erſten Periode, die gänzlich unre⸗ Dia⸗ gelmäßig war, trat eine andere gänzlich regelmäßige Hand ein. er und Am Montag machte Edwin ſeine Cour, am Dien⸗ genug ſtag Victor, und ſo die ganze Woche hindurch. Aber ſo ſehr auch die Brüder gegen einander von ihren Hoffnungen prahlten, ſo kamen dieſe Hoffnungen ihnen doch niemals den einen Tag näher, als den andern. Die Liebe war ein gänzlich verbotener Gegenſtand, ſoweit ſie die junge Wittwe perſönlich betraf. in ſo mehr ſprach man von der Wundermacht 4 Gefühls; aber je mehr Traditionen hervorgeholt * i— der Rektor gab ſich die Mühe ſolche in den genſten Schächten der Geſchichte zu ſuchen; Vic⸗ en, Binnen ſechs Wochen. 6 8² tor nahm die ſeinigen aus der Luft, aus dem Himmel und dem neuen Roman— um ſo kälter wurde Mathilde und ſie ſchaute niemals auf, ohne daß ihre Liebhaber von Zeit zu Zeit des Effektes wegen Miene machten, ihre undankbaren Ketten zu brechen. Dann kam ein Seufzer, ein Blick, ein Lächeln — und ſie waren aufs neue gefeſſelt. Auf dieſe Art verfloßen zwei weitere Wochen. Der Termin für die Wette war bereits halb ver⸗ ſtrichen. „Ich glaube mit Beſtimmtheit,“ ſagte Edwin eines Morgens, als die Reihe an ihm war,„ich glaube mit Beſtimmtheit, daß Deine Sache ſchief ſteht, Victor. Du ſiehſt ja ſelbſt, daß es mit Deinen juridiſchen Ent⸗ hüllungen nicht vom Flecke kommt.“ „Mit den juridiſchen allerdings, da haſt Du ganz Recht,“ antwortete Victor mit einem eigenliebigen Lächeln.„Sie ſchiebt die Frage, die ſie an mich ſtel⸗ len wollte, von Tag zu Tag hinaus.“ „Dieß iſt blos ein Vorwand geweſen.“ „Natürlich. Sie erwartet vermuthlich, daß ich meinerſeits eine Frage machen werde. „O nie,“ rief der Rektor lachend,„ſie weiß ja, daß Du verlobt biſt.“ Es war das erſtemal, daß Edwin auf die Sache anſpielte. „Aha, Du kennſt alſo die Geſchichte?“ „Sie hat kein Geheimniß vor mir.“ „Wirklich— Du weißt alſo auch, welchen Nutzen meine Verlobung mir gebracht hat?“ „A ah.“„ Der Rektor wußte nichts davon, aber er nahm 7 ſchlaue Miene an. Jetzt war es Victor, der in ein ungekünſteltes 3 chen ausbrach. 1 „Du biſt durchſchaut, Brüderchen.“ G denkt ihren S zu ver A Gertru reſpond Brief N lichen? Wahrh A Feind hat, he ſind ſa der ſi D und ſei ten Ta gekomr J piere, dimmel athilde bhaber achten, Lächeln en. lb ver⸗ meines glaube Victor. n Ent⸗ aſt Du iebigen ch ſtel⸗ aß ich eiß ja, Sache Nutzen in 8 8³ „Still... ich höre Mama— ich glaube, ſie ge⸗ denkt uns einen Morgenbeſuch zu machen.“ Es war wirklich die gute Frau Gertrud, welche kam ihren Söhnen die Botſchaft von einer andern Zerſtreuung zu verkünden, die ihrer in ihrer Einſamkeit wartete. Aber dieſe Botſchaft wollen wir nicht von Frau Gertrud ſelbſt einholen. Sie iſt in eine andere Cor⸗ reſpondenz eingeſchloſſen, welche wir hiemit vorlegen. XV. Brief des Fräuleins Hilda von Lenken an ihre Schweſter. „Liebſte Bertha Nun wohl, ich kann Deinen zärtlichen und beharr⸗ lichen Bitten nicht länger widerſtehen. Ich will Dir die Wahrheit ſagen. Ach daß der Stolz ein ſo ſchwer zu überwindender Feind ſein muß! Die Siege, die er über mich erkämpft hat, haben mein Herz bluten gemacht, und die Wunden ſind ſchlecht geheilt worden von dieſem ſelben Stolz, der ſich gerne mit Allem befaſſen möchte. Du haſt Recht. Dieſer Badort mit ſeinem Leben und ſeinem Luxus tödtet mich... denn, denn die letz⸗ ten Tage des Termins nahen heran und noch iſt er nicht gekommen. Ich verberge meine brennende Stirne an dem Pa⸗ piere, das über meine Röthe zu erröthen ſcheint. Wir armen Weiber ſind geboren um Demüthigungen zu ertragen, und wir können uns nicht einmal darüber beklagen, denn wenn der Stolz bezwungen iſt, ſo bleibt uns doch noch die Verſchämtheit und Würde unſers Ge⸗ ſchlechtes. Aber geliebte Bertha, Du theure Theilnehmerin an Allem, was das Intereſſe meines Herzens ausmachte, wie habe ich den Bitten widerſtehen können, die Deine Augen tagtäglich wiederholten! Verzeih mir— Du ſollſt dafür jetzt eine vollſtäudige Aufrichtigkeit er⸗ halten. Aber um Alles recht zu begreifen, laß uns die Ver⸗ hältniſſe zuſammennehmen. Es ſind jetzt etwas mehr als drei Jahre, ſeit wir auf einer Luſtfahrt nach dem Städtchen S. juſt bei der Ankunft vor dem Torup'ſchen Gaſthof mit unſerem klei⸗ nen Jagdwagen beinahe umgeworfen wurden, durch die heftige Berührung mit einem Gig, der in der eigent⸗ lichen Bedeutung des Worts herangeflogen kam. Wertha, Bertha, erinnerſt Du Dich, wie wir er⸗ ſchrake und wie wir ganz beſtimmt in den Graben ge⸗ fallen wären, wenn nicht der junge Mann, der im Gig fuhr, ſchneller als der Blitz ſich herausgeſtürzt und unſere Pferde am Zügel gefaßt hätte? Die Thränen kommen mir noch in die Augen bei der Erinnerung an das holde unbekannte Gefühl, das mich überkam, als ich ihn ſo ſchön, ſo muthig, die Angſt auf ſein kräftiges, aber blaſſes Geſicht gezeichnet, faſt gleich einem der alten eiſengepanzerten Helden daſtehen, und mit ſeiner weißen Hand die Pferde unbeweglich halten ſah. 2 Und hernach, Bertha, als er uns in das ſchönſte Zimmer des Wirthshauſes begleitete, wo er, während unſer gewöhnlicher Beſchützer, der alte Lars Peter ſich gütz lich that, den Wirth für uns ſpielte, meiner Einfachheit und Anmuth, die uns alle hinriß, Mamas beſtändige Er⸗ mahnu wenn 5 zufälli nach Gebur ganze Detai wir n könnte Weg und a jugend ſchien Unſchu u A A in Un des er und m. bevor ſehen? präſen Rittm S febenf der u und d zungen arüber bleibt rs Ge⸗ hmerin nachte, Deine — Du eit er⸗ te Ver⸗ eit wir bei der :m klei⸗ irch die eigent⸗ wir er⸗ ben ge⸗ der im rzt und gen bei hl, das e Angſt et, faſt aſtehen, eeglich ſchönſte vährend ſich gütth fachheit dige Er⸗ 8⁵ mahnung zu vergeſſen: Liebe Mädchen, ſeid vorſichtig, wenn Ihr mit jungen Herrn zuſammentrefft. Erzählten wir ihm nicht, wie wir während einer zufälligen Abweſenheit Papas mit Mamas Erlaubniß nach der Stadt reiſten, um einige Aufkäufe für Papas Geburtstag zu machen? Schilderten wir ihm nicht das ganze große Feſt, das wir feiern wollten, bis ins Detail? Hörten wir nicht auf ſeinen Rath und ſchloſſen wir nicht damit, daß es gar nichts Beſſeres geben könnte, als wenn unſer neuer Bekannter, falls ihn ſein Weg durch unſere Gegend führte, uns dabei überraſchen und als Tänzer mitwirken wollte? Er lächelte zärtlich und wehmüthig über unſer jugendliches Geplauder und betrachtete uns, wie mir ſchien, beinahe, als ob er Mitleid hätte mit ſo viel Unſchuld und Kindlichkeit. Und ſo ſchieden wir. Ach, wären wir für immer geſchieden! Aber es war anders beſchloſſen, und ich glaubte in Unmacht fallen zu müſſen, als Du beim Anfang des erinnerungsreichen Feſtes hereingeſprungen kamſt und mir ganz athemlos ins Ohr flüſterteſt: „Der Herr, deſſen Namen wir nicht wiſſen, den wir aber zu Papas Geburtstag einluden, hält unten im Hof. Um Gotteswillen, was ſollen wir zu Papa und Mama ſagen!“ Wir ſtanden ja wie zwei Verbrecherinnen da; aber bevor wir uns hervorwagten, was ſollten wir nicht ſehen? Führte nicht Papa ſelbſt den Gaſt herein und präſentirte ihn als ſeinen jungen Freund und Bruder, Rittmeiſter Richard H. Papa und er hatten ſich mehrere Male getroffen, und da jetzt unſere Bekanntſchaft mit dem Rittmeiſter ſebenfalls zu Tage kam, ſo war es, als ob wir einan⸗ der unſer Lebetag gekannt hätten. Doch warum ſpinne ich den Faden aus? Du weißt ja das Alles. Ja, ja, aber Du weißt nicht... wenigſtens hoffe ich es... daß ich unvorſichtiges Geſchöpf meinen Gefühlen nicht genug Zwang anzuthun vermochte, als ich mich zufällig allein mit ihm befand. Entweder iſt es mein Gewiſſen, das ſpricht, oder iſt es das Bedürfniß der Liebe, den Geliebten zu ent⸗ ſchuldigen— genug, ich glaube... ich muß heraus damit... ich weiß, wie meine Seele ihm ent⸗ gegenflog. Gleichwohl, meine theure Bertha, nehme ich Gott zum Zeugen bei der Verſicherung, daß ich mich niemals ſo weit vergaß, mein Geheimniß durch meine Schwach⸗ heit direct bloszuſtellen. Die Summa iſt jedoch, daß er aufgemuntert wurde. Grauſames Wort... Ich möchte es mit einem Jahr meines Lebens zurückkaufen, aber ich kann es nicht, denn ich habe Dir die Wahrheit verſprochen. Verbarg er wohl jemals die ſchreckliche Kälte und düſtere Niedergeſchlagenheit, die zuweilen über ihn kam? Aber wie unausſprechlich einnehmend, ſanft und verführeriſch erſchien er nicht darin? War es ein Wunder, wenn ich nach dieſem reizen⸗ den Wechſelverkehr, der einige Wochen währte, auf ſeine unvermuthete Freiwerbung mit Ja antwortete? Still, ſtill, Bertha, ich erinnere mich Deiner Ein⸗ wendungen, ohne daß Du ſie mir wiederholſt. Du warſt damals erſt fünfzehn Jahre alt, aber Du warſt vernünftiger als ich. 3 Du ſagteſt: warte— mir ſcheint, als ob bei die⸗ ſem Manne Alles Zwang und Unnatur wäre. Und Mama— oh, wir beſitzen nicht mehr dieſe theure, theure Mutter, um ihr zu lauſchen, ungehorſam gegen ſie zu ſein und dann unſere Fehler bei ihr ab⸗ Etwe zug befan die Pap Beſi fand ſchul Unb aufg erzä nebſ niß. u weißt us hoffe meinen dte, als t, oder zu ent⸗ heraus m ent⸗ ch Gott niemals chwach⸗ muntert einem ann es chen. lte und ver ihn uft und reizen⸗ de, auf tete? er Ein⸗ ſt. Du u warſt bei die⸗ hr dieſe ehorſam ihr ab⸗ 4 87 zubitten— Mama, die damals unter uns weilte, auch ſie ſagte: warte. Aber wehe— das warme Blut in meinem Herzen hatte nicht Ruhe genug zu warten: es trieb mich vor⸗ wärts, und ich wurde Braut, ließ mich mit dem Ring feſſeln, ehe ich auch nur den Anfang einer ſolchen Möglichkeit hatte überdenken können. Und von dieſem Tage an, meine Bertha, klagteſt Du mich der Veränderung an; von dieſem Tage an wurde, ſagſt Du, mein Herz für Dich verſiegelt... Dennoch kaſeſt Du auch ferner die geheimen Seiten deſſelben durch die Brille der Ahnung. Es war mein feſter heiliger Vorſatz, daß das, was zwiſchen mir und Richard, zwiſchen meinem Herzen und dem ſeinigen vorging, auch unter uns verbleiben ſollte. Was auch Andere ſehen mochten, ich konnte mich da⸗ durch, daß ich mich nicht ſehend ſtellte, von mitleidigen Rathſchlägen und vielleicht von der Ueberredung zu Etwas, in was ich nicht einwilligen wollte, befreien. Du erinnerſt Dich, daß Richard, der ſich in Be⸗ zug auf Vermögen in einer unabhängigen Stellung befand, mit wahrhaft fieberiſcher Dringlichkeit verlangte, die Hochzeit ſolle am erſten Herbſt gefeiert werden, und Papa, ein armer, neuerdings penſionirter Capitän, Beſitzer eines kleinen Hofes von etlichen Häuschen, fand keinen Grund, auf Mamas Wunſch nach Auf⸗ ſchub einzugehen. Ihr Wille ſollte jedoch erfüllt werden. Der ewig Unbewegliche nahm ſie von uns, und die Hochzeit wurde aufgeſchoben. Jetzt will ich Dir von dem bitterſten Augenblick erzählen, den ich bis dahin erlebt habe, den bitterſten nebſt den qualvollſten Momenten an Mamas Todtenbett. Es war ungefähr vierzehn Tage nach dem Begräb⸗ niß. Richard, der am Trauertage ſelbſt nicht hatte kommen können, war ſo eben eingetroffen, und Du ſahſt, wie aufrichtig er unſern Schmerz zu theilen ſchien. Er konnte inzwiſchen blos eine Woche bleiben, und am Ende derſelben ſagte er eines Abends mit einer vor Aufregung zitternden Stimme zu mir: Auf wann ſetzeſt Du jetzt unſere Vermählung feſt, gute Hilda? Gute Hilda... er ſagte jetzt ſelten Geliebte, auch wenn wir allein waren, und doch hatte ich, als Du einmal auf die laue Zärtlichkeit in ſeiner Liebes⸗ ſprache andeuteteſt, die Schwachheit zu ſagen: Pfui doch! Willſt Du, daß er dieſen faden Liebhabern gleiche, die ihre Gefühle Jedermann öffentlich preisgeben, der ſie ſehen will? Kluge Liebende ſparen ihre Schmeichel⸗ namen für ihre tétes-à-téte, welche die Welt nicht ſieht. Damals war es jedoch nicht dieſes: gute Hilda— obſchon es eher wie eine freundſchaftliche Phraſe, als wie ein Ausdruck der Liebe klang— was mein Herz beben machte; nein, es war das unruhige, mühſam be⸗ kämpfte Zittern in ſeiner Stimme. Es lag keine Bitte in der Stimme, wenigſtens keine ſolche, wie ich Thörin ſo gern hätte hören mögen. Drei Monate waren verfloſſen ſeit ſeiner haſtigen Freiwerbung. Das Fieber, das ſie hervorgerufen, hatte ſich abgekühlt. Meine Antwort war, wie ſie unter ſolchen Um⸗ ſtänden immer ſein mußte: So lang ich um meine Mutter traure, kann ich mein Trauerkleid nicht einen einzigen Tag ablegen. Und wie lange tragen die Töchter Trauer? Einige ſechs Monate, Andere ein ganzes Jahr. Er fragte nicht, was von beiden ich thun würde. Und er fragte zwölf lange Monate hindurch nicht ein einziges Mal darum. mein 2 ſeinen U undur nem T wenn litt, w derunge auszudr Andern Un gelaſſen i daß ich laſſe, es Ne Seite d werden endigen Zurückh Wi rung me ſahſt, n. eiben, einer feſt, ebte, „als febes⸗ Pfui leiche, „ der eichel⸗ nicht da— als Herz n be⸗ Bitte hörin tigen hatte Um⸗ 89 Iſt's möglich, Dir zu beſchreiben, wie ſchmerzlich dieſe Geduld von ſeiner Seite mir wurde? Ich erinnere mich, wie Du bei ſeinen mitunter er⸗ neuten Beſuchen Deine zartlichen Augen auf mich hefteteſt, und wie Du mehrere Male ſagteſt: wenn er mein Bräutigam wäre, ſo müßte er für immer mit ſeinen Reiſen aufhören. Und warum das? antwortete ich mit meiner ewigen undurchdringlichen Ruhe, meinem einzigen Schild, mei⸗ nem Triumph— denn ich glaube, ich wäre geſtorben, wenn Du oder irgend Jemand geſehen hätteſt, was ich litt, wenn ich mich frei meinen eigenen Betrachtungen überlaſſen konnte. Sucht er Dich auch nur einmal in Geſellſchaften, wie andere Liebhaber thun? verſetzteſt Du. Sucht er Dich nur einmal hier zu Hauſe? Es gelang mir, eine verwunderte Miene zu machen, und mit einem Muth, der vielleicht Heldenmuth war, Dir zu antworten: Meine liebe gute Bertha, Du biſt gar zu roman⸗ tiſch, um nicht zu ſagen lächerlich mit Deinen For⸗ derungen. Richards Art und Weiſe, ſeine Zärtlichkeit auszudrücken, genügt mir, und dann muß ſie auch Andern genügen. Und gegen ihn wie behutſam, wie geduldig, wie gelaſſen war ich nicht! Niemals eine Miene oder die geringſte Andeutung, daß ich meine, daß ich mir auch nur davon träumen laſſe, es könnte anders ſein. Nein, ich ſah ein, daß die erſte Klage von meiner Seite das Signal zu einer Reihenfolge von Auftritten werden mußte, die mit nichts Anderem, als einem Bruch endigen konnten. Gleichwohl verharrte er in ſeiner Zurückhaltung. Wie manchmal hatte er nicht in aufrichtiger Rüh⸗ rung meine Hand ergriffen und geſagt: Ach, wie er⸗ fülle ich meine Verpflichtungen ſo ſchlecht! Aber einſt, einſt wird es beſſer werden. Er hatte mir anvertraut, daß er heimlich verlobt geweſen ſei und daß er— hörſt Du— leidenſchaft⸗ lich ein junges Mädchen geliebt habe, das ſeine Ge⸗ fühle theilte; aber während einer Reiſe, die er ſeiner Geſundheit wegen in den Süden machte, war ſeine Geliebte von ihren Eltern gezwungen worden, ſich mit einem Mann zu verheirathen, den ſie natürlich verab: ſcheute, weil er nicht Richard war. Er erhielt dieſe Nachricht in der Fremde und er ſah ſie nach ſeiner Rückkehr nur ein einzigesmal wieder. Was da vorfiel, weiß ich nicht. Aber es war ihm Be⸗ dürfniß den Brand zu dämpfen, der ihn verzehrte, und er beſchloß neue Bande zu knüpfen. War es ſeine Schuld, wenn ich nicht ſo große äußere Reize und kein ſo feſſelndes Benehmen beſaß, als nöthig war um ihn vergeſſen machen zu können? Schon im Anfang unſerer Verbindung theilte er mir in einem herzlichen Augenblick dieſes mit. Seit⸗ dem wich er beſtändig auch der leiſeſten Andeutung an ſeine früheren Verhältniſſe aus. Aber wir kehren jetzt zum Schluß der Trauerzeit zurück. meiner eingegangenen Verbindung zu ſprechen anfing, daß er beſtimmt wiſſen wollte, wann die Verkündigung ſtattfinden ſollte. Wie gieng es jetzt? Das einemal war es der Bräutigam, der die Sache unter allerlei Vorwänden hinausſchob, das anderemal war es die Braut, bis man zuletzt ganz aufhörte von einer Hochzeit zu ſprechen. Aber zu einem Reſultat mußte es einmal kommen. Ich konnte Papas Fragen und Deinen Bitten nicht ewig ausweichen. Du weißt, daß Papa damals von der Vollziehung einen bleibt ten, u 8 Hauſe C eine g Elfhei einſt, verlobt iſchaft⸗ ne Ge⸗ ſeiner r ſeine ich mit verab⸗ und er wieder. hm Be⸗ te, und „ große beſaß, inen? eilte er Seit⸗ tung an rauerzeit lziehung anfing, ndigung ie Sache nderemal örte von kommen. en nicht 91 Damals machte ich den Vorſchlag Papa ins Bad zu begleiten, und da Richard unſerer Uebereinkunft ge⸗ mäß dort mit uns zuſammentreffen ſollte, ſo gedachte ich dieſe letzten Wochen über unſer Schickſal entſcheiden zu laſſen. Ahnte er dieſen meinen Beſchluß? Bertha, ich ſagte Dir im Anfang des Briefes, daß die Zeit zu Ende geht, und doch iſt er noch nicht ge⸗ kommen, und nur einen einzigen halb verrückten Brief habe ich erhalten. Wo iſt er. Ich begreife es nicht. Ich habe Leute aus ſeinem Wohnort getroffen, ſie haben ihn nicht ge⸗ ſehen— ſie glaubten ihn im Bade. (Einige Tage ſpäter.) Nun wohl, ich habe jetzt endlich den Muth gehabt einen feſten Entſchluß zu faſſen— denn ſiehſt Du, jetzt bleibt keine Hoffnung übrig. Er wußte, daß wir am 29. von hier abreiſen woll⸗ ten, und geſtern war es der 30. Heute reiſen wir wirklich ab,— aber nicht nach Hauſe— nein, nein nach Hauſe will ich jetzt nicht. Erinnerſt Du Dich, daß wir eine Tante haben, eine gute freundliche Matrone, die in dem einſamen Elfheim, juſt in der ödeſten Gegend von Smaland 92 wohnt? Wir beide haben einſt in den großen Gärten der Tante geſpielt. Damals lebte Mamma noch und ſie wollte ihre Schweſter noch einmal ſehen. Seitdem ſind etwa zehn Jahre verfloſſen. Ich war damals dreizehn, Du zehn Jahre alt, und die Corre⸗ ſpondenz, die in den erſten Zeiten nach dem Abſchied lebhaft vor ſich gieng, erlahmte allmählig, bis ſie endlich ganz aufhörte. Jetzt kam mir plötzlich die gute Alte und ihr ein⸗ ſamer Wohnſitz ins Gedächtniß zurück. Es wurde zur fixen Idee in mir nach Elfheim zu reiſen, und Papa, der mir in ſtiller Sympathie entge⸗ genkam, hat verſprochen an Dich zu ſchreiben, daß Du ſogleich dort mit uns oder vielmehr mit mir zuſammen⸗ treffen ſollſt, denn Papa bleibt blos ein paar Tage. Fragſt Du jetzt, wozu dieſe Reiſe dienen ſoll, ſo antworte ich: Sie dient dazu meinen Rücktritt geheim zu halten. Ich will nicht daheim ſein, wenn die ganze Gegend von meiner abgebrochenen Brautſchaft erfährt. Man hat ſich ſo lange damit beſchäftigt, daß ich wenigſtens nicht nöthig haben will, all dieſe naſenweiſen Geſichter zu ſehen, und all dieſe erheuchelten Zärtlichkeitsbezeigungen zu empfangen. Sobald ich Richards Aufenthalt erfahre, ſchreibe ich ihm. Vielleicht gedenkt er uns daheim zu treffen. Vielleicht iſt er ſchon da. Oh ſage dann nichts— ich will ſelbſt Alles ſagen. Fürchte nicht, daß ich meinen Entſchluß ändere. Das Einzige, was ſein Ausbleiben entſchuldigen könnte, wäre Krankheit, aber Krankheit dürfte ihn nicht verhindern, Nachricht von ſich zu geben. Es wäre meiner unwürdig Dein Gemüth mit Kla⸗ gen bedrücken zu wollen. Ich habe die ſchwere Kunſt der Selbſtbeherrſchung ſchon nicht ſa Ko N. lettenſo Di ehemali Männe Uebrige perſon. Jch den ich Du All Jo auf jed Seele V D ich Dir — ich es nich das er 2 ohne 3 Glänze men⸗ lige. ll, ſo halten. id von n hat s nicht ter zu gungen chreibe reffen. — ich dere. ldigen n nicht t Kla⸗ ſchung 93 ſchon lange gelernt und ich werde in dieſer letzten Probe nicht ſchwanken. Komm inzwiſchen ſo ſchnell Du kannſt zu Deiner Hilda. N. S. Ich bitte Dich, laß Dich durch keine Toi⸗ lettenſorgen in Betreff der Reiſe abhalten. Die Tante lebt ganz allein: ihre Söhne, unſere ehemaligen Galans und Spielkameraden, ſind jetzt Männer geworden, und beide ihrerſeits angeſtellt. Im Uebrigen gibt es weit in der Runde keine Standes⸗ perſon. pel Ich ſchicke Dir Richards Brief. Es iſt der erſte, den ich Dir gezeigt habe— jetzt thut es nichts, weil Du Alles weißt.“ „Theure Hilda! Ich ſchrieb geſtern einen langen Brief an Dich und auf jeder Seite dieſes Briefes legte ich einen Theil meiner Seele nieder. Warnm ſchicke ich ihn nicht ab. Darum weil es eine Feigheit geweſen wäre, wenn ich Dir ſo große Schwäche verrathen hätte. Du biſt ſtark — ich bewundere Dein Stärke. Aber der Mann liebt es nicht, ſich durch ein Beiſpiel demüthigen zu laſſen, das er nicht befolgen kann. Du biſt alſo noch im Bade. Wie gut Du biſt, auf mich zu warten! Ich werde ohne Zweifel kommen.. Ein Badort iſt etwas ſo Glänzendes, ſo Intereſſantes, eine Welt voller Zer⸗ 94 ſtreuungen... nun ja warum es läugnen— ſeit einiger Zeit bedarf ich der Zerſtreuung. Gluͤckliche Hilda, in Deiner anbetungswürdigen Ruhe bedarfſt Du nichts außer der Macht Deines Willens, um das Leben in jeder Geſtalt gut zu finden. Ach verzeih, verzeih! Ohne Zweifel bemühe ich mich, eine Binde vor meinen Augen zu halten— aber nein, ich glaube es nicht. Hilda, würdeſt Du Barmherzigkeit mit mir haben, wenn ich es verlangte? Warum reizeſt Du mich nie? Warum zeigſt Du mir immer eine Engelsgeduld oder eine Sicherheit, welche vollkommen die Verzweiflung maskirt? Einige Scenen voll Klage, Mißvergnügen und Reizbarkeit, ſowie andere Mädchen ihren Liebhabern zukommen laſſen— und wir würden uns erklären. Ich bin heute nicht wohl; aber das weiß ich, daß Nichts ſchauerlicher wäre, als einen Menſchen, der keinen Widerſtand leiſtet, mit dem Stahl zu ver⸗ wunden. Sophismen, Sophismen— welcher Stahl iſt ſchärfer, als der des Wortes? Nun, ich komme alſo ins Bad... es iſt aus⸗ gemacht. Ich reiſe in acht Tagen ab— aber werde um Gotteswillen nicht unruhig, wenn es etwas länger anſteht. Lebewohl, meine Freundin. Was auch künftig ge⸗ ſchehen mag, ſo ſei überzeugt, daß meine innigſte Hochachtuug, meine tiefſte Theilnahme und meine wahrſte Ergebenheit Dir folgen. f Richard. N. S. Ich verſichere Dich, Hilda, daß ich, wenn Du dieſen Brief lieſeſt, eher Dein Mitleid als Deinen cher W hatte ſt gen, de ten Ka die fre zwiſcher Thräne Ei vermutt ſtammt Al Schme ergriff D währen lieblich telligen um der das ih um inger g ge⸗ rigſte neine wenn einen V — 1 9⁵ Zorn verdiene. wüßteſt... Aber ich hoffe, unter allen Umſtänden zu kommen.“ Wenn Du wüßteſt. wenn Du XV. Vertha. Wir wollen jetzt die Perſon aufſuchen, an welche die beiden Briefe gerichtet waren. Auf dem Schaukelbrett vor ihres Vaters ländli⸗ cher Wohnung ſaß die junge Bertha. Den einen Arm hatte ſie um den Stamm einer jungen Birke geſchlun⸗ gen, deren Krone unter dem breiten Gewölbe zweier al⸗ ten Kaſtanien verſchwand, und ihren Kopf hielt ſie in die freigebliebene Hand gelehnt. Juſt jetzt ſcheinen zwiſchen den feinen weißen Fingern zwei bis drei Thränen herniederzutropfen. Einige erbrochene Briefe an ihrer Seite laſſen vermuthen, daß ihre Bewegung von dieſen her⸗ ſtammt? Aber war es wohl der endlich ausgegoſſene Schmerz im Vertrauen der Schweſter, was Bertha ſo ergriff? Dieß war nicht wahrſcheinlich, denn juſt jetzt, während ſie die Hand wegnimmt und uns eines der lieblichſten Geſichtchen, das ſich ebenſowohl durch In⸗ telligenz als Anmuth auszeichnet, blicken läßt, ſpielt um den roſenrothen Mund ein feines trotziges Lächeln, das ihre halblauten Worte alſo überſetzen: 96 Es war wahrhaftig nicht zu früh, daß das arme Kind wieder zur Vernunft gekommen iſt. Bertha, die um drei Jahre jünger war, als ihre Schweſter Hilda, nahm eine allerliebſte Miene müt⸗ terlicher Bekümmerniß an, als ſie ſich ſo äußerte. „Ich hoffe,“ fügte ſie mit einer gewaltigen Regung ſeelenvoller Theilnahme hinzu,„ich hoffe, daß ſie ſtark bleibt... Oh ich will es ſie ſchon lehren, da ſie endlich einmal offen ſpielt und es müde geworden iſt, ſich wie ein verſiegeltes Buch von mir bewundern zu laſſen.“ Aber blitzſchnell gieng eine Wolke über den Son⸗ nenſchein in Berthas ſchwarzen Augen. Sie ſchüttelte wehmüthig ihr Köpfchen und begann wieder zu weinen. In dieſem Augenblicke näherte ſich ihr die alte Haushälterin, die ſeit der Kindheit des jungen Mäd⸗ chens mit ihren kleinen Vertrauensergießungen beehrt worden war. „Um Gotteswillen, was iſt mit Ihnen, Fräulein?“ fragte die beſcheidene Alte.„Ich kann dieſe Thränen nicht ſehen— aber es iſt freilich gar zu langweilig hier, ſo lang die andere Herrſchaft fort iſt.“ „Ach das iſt es nicht, liebe Cajſa— ich wollte Dir nur ſagen, daß das etwas Wichtiges iſt.“ „Herr Jeſes, hat der Herr Pfarrverweſer alſo doch zu freien gewagt, während der Major fort iſt? Ich habs ihm doch in den Augen angeſehen, als wir ihm am Sonntag auf dem Kirchenhügel begegneten, daß er gute Luſt dazu hatte.“ „Fehld hofſen.“ „Nun, dann weiß ich etwas Anderes— der ſchöne junge Schreiber des Aſſeſſors hat vielleicht die letzten Bücher von der Bibliothek nicht geſchickt. Aber trö⸗ ſten Sie ſich, Fräulein, der Bote kann noch kommen.“ „Fehlgeſchoſſen, Cajſa, ich will ſeine Bücher nicht nen Ba nienbra und fri die alte Miene gaun ſ den ſie Spitzer 2 wird 1 ſei, B 5 die We ſter ins ſehen Carl „ beehrt lein?“ letzten r trö⸗ 97. mehr: ſeine Artigkeiten ſind ebenſo eigennützig, wie die des Pfarrverweſers; und überdieß ſiehſt Du, kann ich jetzt ſo viele Bücher haben, als ich nur will.“ „Ei, ei, Fräulein... dann iſt alſo irgend eine geheime Arbeit aufs Tapet gekommen.“ „Nie mehr, ſage ich Dir.“ Bertha nahm eine ſo wichtige und ſtolze Miene an. „Wie ſo— niemehr arbeiten.“ „O ja, aber nur zum Vergnügen.“ „Was in Gottes Namen wollen Sie dann thun, Fräulein?“ „Höre, Cajſa.. was ſagſt Du von dem da?“ Das junge Mädchen, das in ſeinem ſelbſtgewobe⸗ nen Baumwollekleid und dem glattgekämmten, kaſta⸗ nienbraunen Haar über der weißen Stirne ſo lieblich und friſch ausſah, ſprang jetzt auf, ſtellte ſich vor die alte Haushälterin, legte ihre unſchuldige, frohe Miene ab, gab ſich ein ganz vornehues Air und be⸗ gaun ſich mit einem alten Florſhawl zu drapiren, den ſie ſo ſtolz trug, als wäre er die koſtbarſte Spitzenmantille. „Was ſoll ich zu dieſer Narrheit ſagen?“ „Seh ich nicht jetzt elegant und vornehm aus 2 wird man wohl glaubeu, daß ich die kleine Bertha ſei, Bertha, die daheimbleiben, Milch abrahmen und die Webſtube beaufſichtigen muß, während ihre Schwe⸗ 44 ſter ins Bad reiſt? „Liebes Herzensfräulein, wenn der Major nicht mehr als eine mitnehmen konnte!“ „Pfui, meinſt Du denn, ich wolle ihn tadeln den beſten der Väter.. Nein, nein.. Aber wenn ich jetzt zehnmal im Sommer ins Bad reiſen könnte . wenn ich mich in Seide kleiden könnte... laß ſehen.. ein hellbrauner... nein ein violetter Carlén, Binnen ſechs Wochen, 7 — — 4 98 Seidenmantel. und ein weißer moirirter Hut mit Roſen und ein Sonnenſchirm von....“ Aber jetzt unter⸗ brach ſich das junge Mädchen ſchnell, indem ſie ihr ganzes natürliches Weſen wieder annahm...„Sieh da den armen Mann, der auf die Thüre zukommt!“ „Liebes Fräulein, das iſt gewiß ein entſprunge⸗ ner Sträfling.“ „Cajſa, willſt Du, daß ich böſe werden ſoll... Sie ſtampfte mit dem Füßchen auf den Boden... „Geh ſogleich und öffne das Gatterthor. Du ſiehſt ja, daß er vor Müdigkeit zu Boden ſinkt. Langſames Ge⸗ ſchöpf.. ich ſpringe ſelbſt hin.“ In demſelben Augenblick rollte eine Berline die Allee herauf. Aber Bertha ſchaute kaum dahin, bevor ſie den alten Invaliden— denn ein ſolcher war es— in der Küche und wohl verpflegt ſah. „Wenn ich meinen Geſchäften nachgehen dürfte,“ ſagte Cajſa brummig,„und Sie, Fräulein, giengen 2 den Ihrigen nach, ſo müßten nicht die Leute draußen im Wagen ſich die Hälſe verdrehen, um nach Ihnen zu ſehen.“ „Still Du alte Hexe— ich ſpringe jetzt hin.. Aber jetzt erfährſt Du auch mein Geheimniß nicht. Haſt Du je einen weißen Moiréhnt mit Blumen ge⸗ ehn?“ ſehn Niemals mit Wiſſen.“ „Ich anch nicht— aber jetzt kannſt Du Dich an der Hoffnung erfreuen.“ Lächelnd und entzückt über die Beſtürzung der 4 alten Cajſa eilte Bertha fort und kam juſt in die Hausflur, um einen ganzen Wagen voll Nachbarinnen zu bewillkommnen, welche ſehen wollten, wie das kleine, einſame Fräulein ſich befand. Aber Bertha wußte ſo genau, wieviel auf dieſe Freundſchaft zu bauen war.— Sie war jeden Sonntag in der Kirche mit theil⸗ nehmenden Fragen über die Reiſe ihrer Schweſter⸗ ob — —— der Brä den Ho Bertha ſem Beſ Mittel l Gli welle vo vorkomm Pa⸗ erregt; Bad, un ſich amt worden Familie men ſoll wagen a Die endliche Mädchen ders nie ungeheu bekomm heim ge aus der und an Ab lieben g Kopf ſe ſie jedos zurückko Sache b keine ſe Sache e Ha ziehn. Ab 2 — ₰ —₰ — bürfte,“ giengen 5 5 draußen Ihnen ... nicht. nen ge⸗ — 5 dich an ng der in die arinnen kleine, uf dieſe theil⸗ ſter, ob — 99 der Bräutigam ſich im Bad eingefunden und ob man den Hochzeittag feſtgeſetzt habe, überhänft worden. Bertha ſah alſo ihr unvermeidliches Schickſal bei die⸗ ſem Beſuch ein, wo ſie als Wirthin nicht dieſelben Mittel beſaß, wie auf dem Kirchplatz. Glücklicherweiſe konnte ſie durch eine kleine Schlag⸗ welle von freiwilligen Mittheilungen den Fragen zu⸗ vorkommen. Papa hatte geſchrieben, welches Aufſehen Hilda erregt; ſie gehörte wirklich zu den Celebritäten im Bad, und Hilda ſelbſt hatte geſchrieben, wie munter ſie ſich amüſire— ſie war eine ganz andere Perſon ge⸗ worden und beide hatten geſchrieben, daß die ganze Familie bei einer Tante in Smaland zuſammen kom⸗ men ſolle, wohin Bertha alſo mit dem nächſten Poſt⸗ wagen abreiſen wollte. Dieß war das Hauptthema, um welches eine un⸗ endliche Menge Variationen ſpielte, und die jungen Mädchen, die bei dem Beſuche waren, konnten beſon⸗ ders nicht begreifen, wie Bertha auf einmal ein ſo ungeheures Verlangen nach einem Seidehut mit Roſen bekommen habe; ſie, die nie etwas Anderes als da⸗ heim geflochtene Strohhüte, höchſtens einen Faltenhut aus der Stadt trug, konnte ſie wohl ſo närriſch ſein und an einen ſolch ſchauerlichen Uebermuth denken? Aber Bertha weinte und lachte und umarmte ihre lieben guten Freundinnen und ſagte, ihr Herz und Kopf ſei voll von einem großen Geheimniß, wovon ſie jedoch nicht ſprechen wolle, bevor ſie nach Haus zurückkomme. Inzwiſchen wolle ſie doch, wenn ſie die Sache beſſer überlege, die Geduld ihrer Freundinnen auf keine ſo lange Probe ſtellen, Papa dürfe ihnen die Sache erzählen, wenn er nach Hauſe komme. Halb verrückt vor Neugierde mußten die Gäſte ab⸗ iehn. Aber ſobald Bertha ſich an der letzten Thüre ver⸗ 100 neigt und ihr letztes ſchalkhaftes Lebewohl auf der d Spitze ihrer Finger entſandt hatte, waudte ſie ſich mit ten, da ſpöttiſchem Geſichtchen zurück. teu laſſe Sebt da, meine Herrſchaften, jetzt habt ihr genug, ren glei um ein Paar Wochen davon zu leben. 21 „Soll es auch für mich genug ſein?“ fragte die das* alte Cajſa, die ganz neugierig ihrem jungen Fräulein Ich ha entgegenkam. nicht da „O nein: Du ſollſt die Rolle der Vertrauten ſpie⸗ ,0 len dürfen... Hör einmal, ſind nicht 10000 Reichs⸗ gen müſ thaler ein unermeßlicher Reichthum?“ zeit iſt⸗ „Das iſt wenigſtens eine ſchauerlich große Summe,“„E erwiederte Cajſa mit ſteigender Verwunderung. ohne all „Nun, wenn 10,000 ein großes Vermögen ſind, mir voll was glaubſt Du dann von 20,000 ¾„H 20,000, Gott behüte uns!“ der Lot⸗ „Gleichviel— es könnten auch 30,000 werden.“ N „Ich bin nicht im Stand, ſoweit zu rechnen, nicht Cajſa, einmal in Gedanken.“ habe eir „Betrachte mich genau, Cajſa.“ en 3 „O das iſt nicht nöthig, um zu wiſſen, wie Sie. ausſehen— ſchön wie die Blüthen des Feldes, froh⸗ des jun lich wie der Vogel in der Luft und ſauft und hold, 713 wie das holdeſte weiße Täubchen.“ denfalls Bertha lachte laut auf. Rer mi „Denk nur, wenn ein Liebhaber das geſagt hätte.“ hier ba „Ich glaube wohl, der Pfarrverweſer würde. 2, „Still doch.“ „Oder der Kammerſchreiber... „Still, ſage ich, ſind das Liebhaber für mich? Der eine alt und langweilig, der andere naſenweiß und auf⸗ geblaſen. Nein es wird mit Beiden nichts daraus,... aber ich will dir nur ſagen, liebe Cajſa, daß man mit 30000 Reichsthalern einen Freier bekommt, ohne lange darüber nachzugrübeln.“ 3 „Ja Fräulein, wenn Sie dieſes große Vermögen hät⸗ 2. f der h mit benug, tte die äulein t ſpie⸗ Reichs⸗ mme,“ in ſind, den.“ , nicht vie Sie „ fröh⸗ d hold, hätte.“ e. ℳ h? Der ind auf⸗ us,... nan mit e lange gen hät⸗ 10¹1 ten, dann würde ein Freier nicht lange auf ſich war⸗ teu laſſen, ſondern Mann und Hochzeit und Tanz wä⸗ ren gleich bei der Hand.“ „Mann und Hochzeit, nein ich danke... Tanz, das mag ſein, aber nicht mit meinem eigenen Mann. Ich habe Hochzeitsveranſtaltungen genug geſehen, um nicht darauf erpicht zu ſein, das Beiſpiel zu befolgen.“ „Das war allerdings kein Beiſpiel, das Sie befol⸗ gen müſſen, Fräulein, denn aus Fräulein Hildas Hoch⸗ zeit iſt ja nie etwas geworden. „Es wird wohl auch nie etwas daraus. Aber jetzt ohne allen Spaß— mit den 30000 Reichsthalern iſt es mir vollkommen Ernſt.“ „Hat es Ihnen geträumt, Fräulein, daß Sie in der Lotterie geſpielt haben?“ „Nein, ich habe einen Brief bekommen. Ach liebe alte Cajſa, ich bin nicht ſo leichtſinnig wie es ſcheint, ich habe ein Herz.“ Und jetzt ging die Sonne von Neuem in die Wol⸗ ken. Ein wunderlicher Ernſt legte ſich über das Geſicht des jungen Mädchens. „Aber mein Herr und Gott, ſo laſſen Sie doch je⸗ denfalls dieſe garſtigen Thränen unterwegs. Sagen Sie mir, was kann das für ein Kummer ſein, der Sie hier betroffen hat!“ „Erinnerſt Du dich nicht, daß ich immer der Lieb⸗ ling der alten Frau Rillſtedt war, die früher in Rö⸗ landa wohnte?“ „Ich erinnere mich wohl noch, daß Sie oft bei ihr waren und daß es der alten Dame nie wohler zu Muth war, als wenn Sie ihr Ihre Liedchen vorſangen und recht auf ihre Schnupftabaksdoſe klopften.“ „Ach ich hatte ſie ſo lieb. Aber als ſie ſpäter zu ihrem Stiefſohn zog, hörten wir niemehr von ihr ſpre⸗ chen, obſchon ich ihr regelmäßig meine Neujahrswünſch⸗ chen ſchrieb.““ „Liebes Fräulein, eilen Sie doch zur Sache.“ 10² „Ei fo warte doch, ich muß zuvor auch recht zu Athem kommen. Jetzt habe ich heute Nachmittag Briefe erhalten.“* „Vom Major und Fräulein Hilda? das war aber doch nicht wahr, was Sie Ihren Gäſten erzählt ha⸗ ben?“ „O freilich.“ „Daß Sie fortreiſen?“ „Allerdings.“ „Daß Sie den Andern nach Smaland nachreiſen? .. Da weiß ich ja gar nicht mehr, wo mir der Kopf ſteht.“ „Du könnteſt ſchweigen, bis ich ausgeredet habe. Die Sache iſt die, daß meine liebe Freundin mir noch geſchrieben hat, daß... Aber das iſt juſt das Trau⸗ rigſte... ſie fühlt, daß ihr Stündlein herannaht, die gute Alte, und da Niemand in der Welt ſich um ſie ſo viel bekümmert hat, als ich, ſo hat ſie beſonders auch wegen der unſchicklichen Aufführung ihres Stief⸗ ſohns ihr Teſtament geändert und... Himmel, o Him⸗ mel... mich als Erbin eingeſetzt.“ „Gott ſegne die edle Seele.“ Die alte Cajſa begann jetzt mitzuweinen. Nachdem ſie beide eine kleine Weile ſtill geblieben, ſagte Bertha ſchnell und mit dem bei ihr gewöhnlichen raſchen Uebergang in der Stimmung: „Gehe jetzt an deine Caſſerolen, liebe Cajſa— ich will mit meinen Gedanken allein bleiben. Was die Reiſe betrifft, ſo iſt ſie auf morgen Nachmi feſt⸗ geſetzt.“ 4 In Jahr zut und betr trät. Es Die thas W von ung Freundi mehr zu „A ihr hien wenn w jetzt alle werden! Si Bild de eine quc nen Lä 7 ziemlich rieß,„ nie dei alter C nicht ſi S trotz de blauen legte es Art pe 78 Gericht der fin einer alten und di habe. uoch Trau⸗ ht, die im ſie nders Stief⸗ H im⸗ ieben, llichen — ich s die feſt⸗ 103 In dem Stübchen, wo die Schweſtern ſo manches Jahr zuſammengelebt, ſtand Bertha eine Stunde ſpäter und betrachtete ein über Hildas Bett hängendes Por⸗ trät. Es war das Bild ihres Bräutigams. Die Thränen hingen wie Perlen noch klar in Ber⸗ thas Wimpern. Sie hatte ſoeben einen Brief voll von unansſprechlich zärtlicher Dankbarkeit an ihre alte Freundin vollendet, welche ſie in dieſem Leben nicht mehr zu ſehen hoffen konnte. „Ach vielleicht weiß ſie noch nicht Alles, was ich ihr hienieden ſagen wollte, aber ſie ſoll es erfahren, wenn wir uns im Himmel treffen... Wir könnten jetzt alle glücklich werden.— Aber werden wir es wohl werden?“ Sie ſah mit beinahe drohendem Blick auf das Bild des jungen Mannes, auf deſſen blaſſer Stirne eine qualvolle Wehmuth lag, trotz des feinen erzwunge⸗ nen Lächelns auf den Lippen. „Dieß Ding da,“ fuhr ſie fort, indem ſie mit einer ziemlich heftigen Bewegung das Porträt von der Wand rieß,„werf ich jetzt in die Rumpelkammer. Mögeſt du nie deinen Platz wieder erhalten, du alberner Sklave alter Einbildungen, du undankbares Geſchöpf, das du nicht ſiehſt, was du verſchmähſt.“ Sie trug das Porträt ohne weitere Umſtände und trotz des betrübten Blicks, welchen, wie ſie meinte die blauen Augen auf ſie hefteten, in die Dachkammer und legte es mit unſanfter Hand in eine alte Kiſte, eine Art von Tempel für vergeſſene Reliquien. „Schlaf wohl, Rittmeiſter, ſchlaf bis zum Tage des Gerichts oder wenigſtens bis du deine erſte Braut wie⸗ der findeſt. Geſchieht dieß, ſo will ich bei der Ehre einer chriſtlichen Jungfrau, wie es in den Tagen der alten Welt hieß, dich aus deinem Grabe hervornehmen und dich in ein Hochzeitsgeſchen? verwandeln... Aber 104 jetzt zur Muſterung meiner Garderobe... das iſt doch dumm, daß beide Vetter fort ſind, denn ſonſt hätten ſic, Kreeit alle beide in meine 30000 Reichsthaler verliebt.“ XVI. Die Vetter. Der Raum einer kleinen Weihnachtsnovelle geſtat⸗ tet keine langen Verwicklungen, wenn etwas für die Entwicklungen übrig bleiben ſoll. Es iſt alſo an Details über die vereinzelte An⸗ kunft der jungen Damen gar nicht zu denken noch we⸗ niger an die Art, wie ihr geehrter Papa ſich präſentirte, ja nicht einmal an die bemerkenswerthe Senſation, die Fräu⸗ lein Berthas 30000 Reichsthaler und der mitfolgende Moiréhut mit Roſen erregten. Wir müſſen uns auf die Verſicherung beſchränken, daß der Major— der Vater— mit wahrer Betrüb⸗ uiß von ſeinen neuerdings wiedergefundenen ſo freund⸗ ſchaftlichen Verwandten ſchied, daß dagegen die letztern nicht ohne heimliche Freude den alten Mann ziehen ließen, denn, ſo angenehm und gemüthlich er war, ſo fanden es die jungen Herren doch intereſſanter, all die Zeit, welche ſie ihren Beſuchen bei der jungen Wittwe abſtehlen konnten, ihren jungen Bäschen zu widmen. Und was Mama ſelbſt betraf, ſo fand ſie, daß der Major die garſtige Gewohnheit hatte, ſeinen Rath in Sachen zu ertheilen, worin ſie es für himmel⸗ ſchreier von fe⸗ W ſtrichen Seiten ſahen Tiſche Lieben⸗ D waren G ſie ſich D blauen friſchen aber v ſelbe F der Bl verriet! D Leben ſten S und de Klage Dieſer jungen eſtat⸗ ür die 2 An⸗ h we⸗ rte, ja Fräu⸗ gende inken, trüb⸗ eund⸗ tztern iehen r, ſo I die ittwe men. der Rath mmel⸗ 10⁵ ſchreiend hielt, ihre eigenen tiefen Kenntniſſe auch nur von fern beſtreiten zu wollen. Wir nehmen alſo an, es ſei eine Woche ver⸗ ſtrichen. Es iſt der Tag nach der Abreiſe des Majors. Die Geſellſchaft ſaß beim Frühſtück. Frau Gertrud Wallenberg präſidirte an einem Ende des Tiſches mit der Kaffekanne zu ihrer Rechten und einer rieſigen dicken Rahmmilch zur Linken. Eine große altmodiſche Vaſe mit beinahe einer Hecke rother und weißer Roſen verhüllte vor ihr ein ſchö⸗ nes Bild, das ſie ſonſt ſich gegenüber hatte. Aber die beiden jungen Herrn, die auf beiden Seiten der antiken Tiſchzierrath ihre Plätze hatten, ſie ſahen mit offenen⸗Augen alles Schöne, was ſich am Tiſche befand, und ſpielten jeder auf ſeiner Seite die Liebenswürdigen. Das ſchönſte Bild in dem ſonnenhellen Zimmer waren natürlich die zwei Schweſtern. Hilda und Bertha ſaßen neben einander. Sie hatten eine ſtarke Aehnlichkeit und doch waren ſie ſich vollkommen ungleich. Das ſchöne kaſtanienbraune Haar, die hyacinthen⸗ blauen Augen, die von Herzensreinheit ſtrahlten, die friſchen Lippen, das feine Geſichtsoval und die ſchlanke HLaber volle Geſtalt, das Alles war wie in eine und die⸗ ſelbe Form gegoſſen. Aber die Miene, das Lächeln, der Blick, vor Allem die Art und Weiſe ſich zu halten, verrieth keine Geſchwiſterähnlichkeit. Die zweiundzwanzigjährige Hilda, die bereis ins Leben geblickt und ſich mit einem Theil ſeiner dunkel⸗ ſten Seite vertraut gemacht hatte, zeigte die ganze Ruhe und den feſten Ernſt, der ebenſowenig von einer kränklichen Klage als von einem fröhlichen kindlichen Scherz weiß. Dieſer gelaſſene Ernſt iſt, wenn er ſich bei einem ſo jungen Weibe kund thut, der ſicherſte Beweis einer in 106 der Kunſt der Selbſtbeherrſchung geſtählten Seele und ein ebenſo ſicherer Beweis dafür, daß dieſe Seele mit ſich ſelbſt zurecht kommen wird.— Bertha war dagegen blos bis an die Schwelle des Lebens gekommen, und was ſie von der Erfahrung Anderer geſehen, hatte ihr gute Luſt eingeflößt, bis auf Weiteres da ſtehen zu bleiben. Wir haben bereits geſchildert, wie ihre Eindrücke leicht wie der Wind einander jagen, und gleichwohl bemerkte man bei ihr nichts Herzloſes oder Selbſtſüchtiges. Ach nein, es war blos die Lebhaftigkeit ihrer friſchen Seele, die dieſes Schweben verurſachte. In eine kummervolle Lage verſetzt, würde ſie ſich, ohne ihre Heiterkeit zu verlieren, mit ebenſo viel Muth wie Hilda gefaßt haben; doch hätte ſie in dem⸗ ſelben Fall wahrſcheinlich niemals dieſelbe Verträglich⸗ keit gezeigt. Wir müſſen erwähnen, daß die Brüder über zwei Sachen übereingekommen waren. Die eine, die unwillkürliche, war, daß ſie gegen ihre hübſchen Bäschen nicht das Mindeſte von ihren Bemühungen bei der jungen Wittwe verlauten laſſen wollten; die andere, die willkürliche, beſtand darin, daß der Rektor weder mit Worten noch mit Anſpielun⸗ gen auf Victors zweijährige Verlobung mit der hüb⸗ ſchen Bertha anſpielen ſollte. Verſtieß er ſich gegen dieſe Bedingung, ſo ſollte es dem Bezirksamtmann freiſtehen, ſich über ſeine Liebelei mit einer gewiſſen Kammerjungfer luſtig zu machen, und ehe Edwin eine ſolche Beeinträchtigung ſeiner Würde geſtattete, hätte er ſich lieber die Lippen verſiegeln laſſen. Eine dritte Uebereinkunft war nicht geſchloſſen worden, weder in Worten noch in Gedanken, und doch ſah es aus, als beſtände eine ſolche in der Har⸗ monie, welche Edwin fortwährend zu ſeiner Gymna⸗ ſiſtenflamme hinzog, während Victor ſtehend, ſitzend oder ganz verlob „ zweiten ich De wartu 6 S 2 muthe würde ihrem dann enthalt 7 in ein S fertig lieben Du z Tag könne Wort ſagtef . merkſ Kann chwelle lahrung ßt, bis bereits Wind bei ihr in, es le, die ſie ſich, ſo viel in dem⸗ räglich⸗ eer zwei gegen n ihren laſſen darin, ſpielun⸗ er hüb⸗ gegen ntmann eewiſſen din eine hätte chloſſen d doch r Har⸗ dymna⸗ ſitzend 107 oder gehend Bertha umſchwebte. Aber das war ja ganz natürlich, da er ſich bereits incognito mit ihr verlobt hatte. „Meine beſte Hilda,“ wiederholte der Rektor zum zweitenmal,„Du geruhſt nicht einmal zu ſehen, daß ich Dir ſchon lange mit dem Zwiebackkorb die Auf⸗ wartung mache.* „Verzeih mir, Edwin.“ Sie ſchien dieſen Morgen ungewöhnlich zerſtreut. Das war auch nicht zu verwundern, denn ſie ver⸗ muthete, daß die Poſt heute einen Brief bringen würde, einen entweder nach dem Badeort oder nach ihrem gewöhnlichen Wohnort adreſſirten Brief, der dann in beiden Fällen nach ihrem gegenwärtigen Auf⸗ enthalt retour geſchickt werden mußte. Die drei Worte: Verzeih mir, Edwin— wurden in einem milden und entſchuldigenden Tone geſagt. Sie nahm einen Zwieback und belohnte ihren dienſt⸗ fertigen Cavalier mit einem Lächeln. „Es ſieht nicht aus,“ flüſterte Victor, indem er ſich zu dem roſenfarbigen Oehrchen ſeiner Nachba⸗ rin herabneigte,„als ob das Ding da, was ich Dir geſtern ſagte, ſonderlich viel zu bedeuten hätte, mein liebenswürdiges Bäschen.“ „Glaubſt Du, ich erinnere mich an Alles, was Du zu mir ſagſt, ſo genau, daß ich am folgenden Tag Deine Andeutungen ohne alle Citate verſtehen könne?“ „Ich dagegen erinnere mich vollkommen an jedes Wort, das Du geſtern, vorgeſtern und vorvorgeſtern ſagteſt.“ „Nun wahrhaftig, das wäre eine größere Auf⸗ merkſamkeit, als mir je bisher ein Menſch gezeigt hat. Kannſt Du mir beweiſen, daß es wahr iſt, ſo werde 108 ich mich an etwas von dem, was Du geſtern ſchwaz⸗ teſt, zu erinnern verſuchen.“ „Vortrefflich.“ „Nun, was ſagte ich alſo vorvorgeſtern?“ „Victor! ſagteſt Du, glaubſt Du daß ein weißer Sei⸗ denhut mit Roſen mir gut ſtehen werde? und ich ant⸗ wortere... „Es handelt ſich gar nicht um Deine Antworten!“ rief das junge Mädchen lachend...„jetzt kommen wir an vorgeſtern.“ „Vorgeſtern hieß es: glaubſt Du, Vetter, daß ein Sommermantel von violettem Sammt mit hellem Fut⸗ ter mir mehr Würde verleihen würde, als ich gegen⸗ wärtig zu meiner Verfügung habe? und ich ant...“ „Nun und geſtern?“ „Ach geſtern, da riefeſt Du mich zu Dir her und da hieß es: mein beſter Victor, Du machſt Dir wohl das Vergnügen, Dich in mich zu verlieben, wenn ich meine Toilette in Ordnung habe. Denn ich weiß ſonſt nicht, wie ich Jemand bekommen ſoll, der ſie be⸗ wundert.“ „Gut, gut, jetzt iſt die Reihe an mir... laß ſehen... Du ſagteſt geſtern gewiß mehr Plattheiten, als vorgeſtern, ja ſoviel erinnere ich mich genau.“ „Ei, mein Bäschen...“ „Ei, mein Vetter, ich hoffe, daß Du Dich keinen gefährlichen Selbſttäuſchungen hingibſt. Du haſt eine garſtige Gewohnheit, beſtändig Artigkeiten zu ſagen, und Artigkeiten, ſiehſt Du, müſſen geiſtreich ſein, ſonſt ſinken ſie herab zu...“ „Liebe Kinder, wollt ihr keine Rahmmilch eſſen?“ „Ach liebe Tante, wir wollen Alles eſſen.“ „Ihr ſchwazt ja blos ihr zwei,“ verſetzte die gute Hausmutter, deren Zeit allzukoſtbar war, um ſie beim Frühſtück zu vergeuden, nachdem ſie ſelbſt das Ihrige leleiſte verehru thas S 34 Rahmn Poſſen ſ chafter Hilda lichkeit meine Gertri „ dem h ſiegte . 7, mit ei 1 Ueber Thäti klur in de nicht weſe Wort Hild weiß ſie be⸗ . laß heiten, 1.“ keinen ſt eine ſagen, ſonſt nmilch 2 gute 2 beim Ihrige 109 geleiſtet hatte. In dieſem Augenblick ſchob ſie die verehrungswürdige Rahmmilch auf Victors und Ber⸗ thas Seite. „Liebe Tante... ich will gewiß, wie ich ſagte, Nahmmilch eſſen... aber Victor hat immer ſo viel Poſſen in ſeinem Kopf.“ „Dann müßt ihr allein frühſtücken, meine Herr⸗ ſchaften.“ Die Wirthin zog ihren Stuhl zurück, Hilda that daſſelbe und der Rektor in ſeiner Ordent⸗ lichkeit folgte dem Beiſpiel. „Nein, nein, meine Herrſchaften, es war nicht meine Abſicht, Euch zu ſtören,“ entſchuldigte ſich Frau Gertrud. „Ich bin vollkommen fertig,“ ſagte Hilda. „Ich auch, liebe Mama,“ ſagte der Rektor, an dem heute die Reihe war, die noch immer gleich unbe⸗ ſiegte Mathilde zu beſuchen. „ und wir, was ſollen wir thun?“ fragte Bertha mit einem höchſt zauberiſchen Lächeln. „Wir können doch nicht hungrig vom Tiſch weg⸗ gehen,“ meinte Victor. „So laß uns alſo fortfahren, notabene mit der Uebereinkunft, daß wir jetzt eſſen, ſtatt zu ſchwatzen.“ Frau Gertrud war bereits außen und in voller Thätigkeit an ihren Geſchäften. Hilda ſaß auf einer kleinen Holzbank in der Haus⸗ flur und blickte nach der Thüre hin. In dieſem Augenblick kam Edwin mit der Mütze in der Hand und der Cigarre im Mund heraus. „Es war ihm juſt nicht unangenehm, daß er nicht ſogleich fortkommen konnte; es wäre unartig ge⸗ weſen, an ſeinem Bäschen vorbeizugehen, ohne einige Worte mit ihr auszutauſchen. „Gedenkſt Du einen Spaziergang zu machen, gute Hilda?“ „Nein, ich finde es angenehmer, hier im Schat⸗ 8 110 ten zu weilen; laß Dich von mir nicht abhalten, wenn Du ausgehen willſt.“ „Es hat keine ſolche Eile.“ Er ſetzte ſich neben ſie. Einige Augenblicke ſchwiegen beide. Endlich ſagte er; „Wie ganz anders trifft man ſich nach achtjähriger Trennung!“ Und der theilnehmende, man könnte ſagen, innige Blick, den der junge Mann auf ſeine Couſine heftete, jagte eine milde Röthe auf ihre Wangen. „Es iſt wahr— man kennt einander nicht mehr und das iſt ganz natürlich. Man kennt ſich ſelbſt kaum nach ſo langer Zeit.“ „Zum Theil haſt Du Unrecht. So wie ich Dich vor vierzehn Jahren ſah; ſo— nur verſchönt und veredelt in den äußern Formen, wie ich mir vorſtellte, daß Du Dich entwickelt haben mußteſt, ſehe ich Dich noch jetzt. Aber das fröhliche rückhaltloſe Mädchen, das ſeine kleinen Geheimniſſe dem Freund und Spielkameraden mittheilte, hat ſich in ein erfahrenes ſtolzes und würdevolles Weib verwandelt, welches die Theilnahme als etwas Ungehöriges verſchmäht.“ Bei dieſer Andeutung erglühten Hildas Wangen noch höher. „Ich vermuthe Vetter,“ antwortete ſie,„daß du gewiſſe Verhältniſſe berührt haſt, die...“ „Ach nein. Zwinge Dich nicht, etwas zu ſagen. Ich empfinde ein peinliches Gefühl bei dem Gedanken, daß Du meine Worte als Mangel an Zartgefühl be⸗ urtheilſt.“ „Nein, Edwin, ich verſtehe Dich beſſer. Wir waren einander ſehr lieb in dem glücklichen Alter, wo man einander Alles ſagt; jetzt bin ich überzeugt, daß auch Du mir nicht beichten möchteſt.“ „4 miene 7 viel S ſchmerz Wittw C er hat Vertra Verwa ter ge U Eindr bewoh Nähe. 3 W beiden — m. derhot lich ao zurück wenn Endlich lihriger innige heftete, t mehr h ſelbſt h Dich veredelt aß Du h jetzt. 8 ſeine neraden s und lnahme Vangen daß du ſagen. danken, ähl be⸗ Wir r, wo daß 111 „Wenigſtens nicht ſo lange Du Deine Nonnen⸗ miene beibehältſt,“ antwortete der Rektor heiter. „Es war mir unbekannt, daß meine Miene ſo viel Strenge verräth. Aber Vetter, wenu Du mir nicht beichten willſt, bevor Du eine Miene ſiehſt, welche beſſer mit derjeuigen harmonirt, die Du vor acht Jah⸗ ren ſahſt, ſo werden wir vermuthlich nie mehr unſere Geheimniſſe gegen einander austauſchen.“ Etwas in dieſer Antwort verletzte Edwin zehnmal ſchmerzlicher, als all die Stiche, womit die junge Wittwe ihn gequält hatte. Er hatte ſich weder keck noch aufdringlich gezeigt: er hatte mit dem Herzen auf den Lippen, mit offener Vertraulichkeit zu einer Jugendfreundin, einer nahen Verwandten geſprochen, und die Antwort war weit käl⸗ ter geweſen, als es nöthig war. Und nicht einmal ein Viertelswörtchen, um den Eindruck zu mildern. „Ich beläſtige Dich mit meiner Geſellſchaft. Le⸗ bewohl, beſte Hilda, ich habe ein Geſchäft in der Nähe.“ „Leb wohl, Vetter Edwin.“ Nicht ein Buchſtabe mehr wurde gewechſelt. Lebhafter dagegen war es innen im Saal, wo die beiden Andern bei der Rahmmilch noch ſcherzten. „Heda,“ ſagte Victor,„jetzt iſt des Spaſſes genug — mein Fräulein, haben Sie jetzt die Güte, zu wie⸗ derholen, was ich geſtern ſagte, dann wollen wir end⸗ lich auf meine Bemerkung über Edwin und Hilda zurückkommen.“ 112 „Aha, jetzt erinnere ich mich... Du ſagteſt mit der eigenliebigen Miene, die Dir ſo ſchlecht läßt, zu mir: Bertha, wirſt Du glauben, daß es auf zwanzig Meilen in der Runde keinen Mann gibt, der ſich im Schwimmen mit mir meſſen kann? worauf ich erklärte, es ſei höchſt unrecht von Dir, mit einer Sache zu prah⸗ len, die zu widerlegen ich niemals Gelegenheit haben werde.“ „Ich verſichere Dich, mein ſchönes Fräulein, daß ich, wenn nicht Verwandtſchaft und ländlicher Aufent⸗ halt eine gewiſſe Vertraulichkeit geſtattete, mich niemals darüber tröſten könnte, auf dieſe Art behandelt zu werden.“ „Wie luſtig er iſt, dieſer Herr da, der ſich einbildet, ein neunzehnjähriges Bäschen laſſe ſich eben ſo leicht im⸗ poniren wie ein elfjähriges Bäschen. Ich erinnere mich recht wohl, daß der Herr Gymnaſiſt mich in den Arm zu kneipen beliebte, wenn ich nicht Alles that, was er wollte!“ „Welche gottesläſterliche Verläumdung!“ „Ganz und gar nicht— er nannte mich auch einen bösartigen Racker. Und einmal... oh, das war ſehr grauſam... beliebte derſelbe Herr Gym⸗ naſiſt in einem Zornesausbruch meine ſchönſte Puppe zu zerreißen und in den Teich zu werfen.“ „Aber hernach fiſchte er ſie wieder auf und ſchenkte ihr ſeine eigene Uhrkette vom rötheſten Pinsback als Halsſchmuck. An ſolche Dinge erinnert man ſich frei⸗ lich nicht mehr.“ „O doch. Und um des glänzenden Halsſchmuckes willen muß ich mein Gedächtniß von Neuem anſtrengen ... Ich glaube, bei den geſtrigen Geſprächen handelte es ſich noch um zwei Namen in einer Birke.“ 5 „Ja, zwei Namen, die ſich noch in erſtaunlicher Friſche erhalten! Aber was bedeuten ſolche Omina! — Diejenigen, welche die Namen führen, ſcheinen die ſchöne vergeſſe S „ und we bei, m gen, u thaler mögen Wittw erzähle meine U zurückz indem jungen haft be ein g. Ihr ne Car ßt„ zu r Gym⸗ Puppe ſchenkte ack als ich frei⸗ hmuckes trengen andelte unlicher Dmina! nen die teſt mit 113 ſchöne Morgendämmerung ihrer erſten Liebe gänzlich vergeſſen zu haben“ „Still— um Gotteswillen, ſprich nie von Liebe ... ſieh nur, wie ernſthaft Hilda geworden iſt!“ „Das iſt eine Folge der Verlobung...“ „Wie die Verlobung eine Folge der Liebe iſt— und werde ich nicht ohne mein eigenes Wiſſen verlobt, ſo werde ich es niemals werden.“ „Wer weiß?“ rief Victor lachend;„ſolche Dinge hat man ſchon geſehen.“ 1 „Ja, in den Zeiten— aber ſie ſind längſt vor⸗ bei, wo die Väter ihre Kinder als Handelswaare be⸗ handelten. Jetzt muß mein geſchätzter Vater mich fra⸗ gen, und da heißt es...“ „Nun da heißt es 2...“ „Nein— ſo viel darfſt Du glauben, Vetter, im Fall Du um meine 30,000 Reichsthaler zu freien ge⸗ denkſt.“ „Pfui doch!“ „Oh, warum pfui!— ſind denn 30,000 Reichs⸗ thaler nicht ein verlockendes Vermögen?“ „Allerdings; aber...“ „O ſpare Deine Aber! Sobald ich mein Ver⸗ mögen in Händen habe, etablire ich mich als junge Wittwe. Ich will Dir den ganzen allerliebſten Plan erzählen, aber jetzt nicht. Jetzt muß ich hinauf und meine Arbeit fertig zu machen ſuchen.“ Und ehe Victor einen Verſuch machen konnte, ſie zurückzuhalten, war ſie bereits verſchwunden. „Soviel iſt gewiß,“ ſagte unſer Bezirksamtmann, indem er höchſt gedankenvoll mit ſeinen Blicken der jungen Erbin folgte,„ſoviel iſt gewiß, daß ſie wahr⸗ haft bezaubernd iſt, die gute liebe Bertha! Es war ein großer Fehler von Euch, meine Damen, daß Ihr nicht ein paar Wochen früher hieher kamet. Aber Carlén, Binnen ſechs Wochen. 8 114 jetzt habe ich meine Ehreneroberung— was ſage ich, meine große Paſſion: in acht Tagen muß ſie kapitu⸗ liren, ſonſt... zum Henker, wenn ich ausgelacht würde... und zwar von einem ſolchen Publikum... aber das iſt nicht möglich: ich ſchlage meine Fähig⸗ keiten zu gering an. Morgen avancire ich ganz be⸗ ſtimmt... Der tauſend, daß ſie auch ſo bezaubernd ſein mußte, mein myſtificirtes Bräutchen.“ XVII. Letzte Correſpondenz. Eine Stunde ſpäter kam Hilda, weiß wie eine Lilie, aber gleichwohl mit aufgerichtetem Haupt, ins Zimmer ihrer Schweſter. „Da ſieh,“ ſagte ſie,„jetzt iſt es entſchieden. Dieſer Brief iſt von A. retour gekommen, lies!“ Sie gab Bertha einen offenen Brief, und ohne das Zittern ihrer Hände und ihrer Stimme hätte Bertha die Bewegung nicht entdecken können, die Hil⸗ das Seele durchbebte. „Ich verlaſſe Dich auf eine Weile,“ ſagte ſie,„um mit derſelben Poſt die Antwort zu ſchreiben.“ „Und wo iſt er denn, um Gotteswillen?“ „Das weiß ich nicht und brauche es jetzt auch nicht mehr zu wiſſen. Mein Brief war einem Schrei⸗ ben an ſeine Schweſter beigelegt, und an ſie ſchicke ich die Antwort.“ „Ach, liebſte Hilda!“ Be Si roſige 2 Wimper Wange farbe ü Gram, tanten hinzu angene währt lobt iſ S zu leſe G Narrer ganz einem n. S 115 Bertha ſchlang die Arme um ihre ältere Schweſter. Sie bildeten eine hinreißende Gruppe. Berthas roſige Wange mit den Thränen in den ſeideweichen Wimpern ſchmiegte ſich zärtlich und warm an Hildas Wange, welche jetzt noch mehr in die kühle Schnee⸗ farbe überſpielte. 1. „Dank, Du holdes Kind,“ ſagte ſie leiſe... „aber laß mich los, ich werde den Schmerz zu ertra⸗ gen wiſſen.“ „Nun wohl,“ ſprach Bertha, als ſie allein war, „laß uns jetzt ſehen, was der Herr Rittmeiſter zu ſagen hat. Ich empfinde juſt einen kleinen Troſt in meinem Gram, wenn ich daran denke, daß ich ſeinen Repräſen⸗ e eine tanten unter das alte Gerümpel auf dem Dachboden t, ins geſteckt habe. —„Die Männer, die greulichen abſcheulichen Män⸗ hieden. ner,“ fügte ſie mit immer mehr geſteigertem Gefühl 4 hinzu...„Nun, es gibt allerdings Ausnahmen, die d ohne angenehm genug ſind... gleichviel, die Annehmlichkeit hätte währt blos ſo lang, als man nicht mit ihnen ver⸗ e Hil⸗ lobt iſt.“ Sie ſetzte ſich tief in die Sophaecke und begann „„um zu leſen: „Verehrte Hilda! t auch(Dieß hier, unterbrach ſich Bertha, muß wohl im Schrei⸗ Narrenhaus geſchrieben ſein, da der Menſch ſeine Braut cke ich ganz ſo titulirt, wie wenn er einer alten Tante mit einem Neujahrswunſch aufwartete. Sie fuhr fort:) 116 „Ich finde heute nach langem Suchen keine Anrede paſſender oder unſerer beiderſeitigen Stellung entſpre⸗ chender. Es iſt ein ſtolzer Mann, der ſich vor dem Weib demüthigt, welches allein das Recht beſitzt, ſeine Schwach⸗ heit zu verachten, ſie zu verurtheilen und mit verdienter Strenge oder göttlicher Milde zu behandeln. Hilda, hochſinnige, edle Hilda, eine Reihenfolge von Monaten, die reicher an verſäumten als an er⸗ füllten Pflichten waren, hat Dir ſchon lange geſagt, daß mein Herz... was ſoll ich Dir ſagen? Die Wahrheit iſt ſo unſanft— nur ſtöhnend kann ich damit herausrücken, und gleichwohl würde ich, wenn nicht dieſe Wahrheit als eine leitende unzerſtörbare Ge⸗ wißheit vorhanden wäre, durchaus keine Entſchuldigung beſitzen. Nun wohl, ich muß dieſen grauſamen Muth ha⸗ ben— um unſerer beiderſeitigen Wohlfarth willen muß ich ihn haben. Hilda— ich habe niemals mehr als ein Weib geliebt, und ich kann niemals eine andere lieben als ſie. Sieh hier die Veranlaſſung, warum ich unter ſol⸗ chen Verhältniſſen ein neues Band knüpfte, nachdem das erſte, wie ich Dir längſt erzählt habe, zerriſſen war. Etwa zwei Jahre waren verfloſſen von dem Tage an, wo ich meine Hoffnung auf Seligkeit erlöſchen ſah. Ich war juſt an denſelben Badort gekommen, wo Du Dich jetzt aufhältſt. Ich war ohne Zweck gekommen. Zwei⸗ jähriges Leiden konnte einen ſolchen Schmerz nicht heilen. Inzwiſchen fand ſich doch im Schmerz ſelbſt ein Funke von Freude, und vielleicht war es dieſer, der mich aufrecht erhielt, wenn die Verzweiflung mich über⸗ wältigen wollte. Ich hatte von meiner Mutter ein altes Familien⸗ kleinod erhalten, das ſie mir mit folgenden Worten in die Hand gab: Krank 4 ben w Gefüh dieſe in De heilen 2 ſchenk nicht Und ſ zu erf ſie ha Schw. Gefüh Platz die R weſen noch z 6 ſeligen erfund 1 Gott, von werde verſch demſe und 3 ihr n liche er lit obſch ith ha⸗ willen Weib als ſie. ter ſol⸗ em das war. n Tage en ſah. wo Du Zwei⸗ heilen. bſt ein r, der h über⸗ milien⸗ rten in 117 „Richard, gib dieß dem Weibe, das Du einſt lie⸗ ben wirſt, und laß ſie Dir ſchwören, daß ſie, wenn ihr Gefühl jemals erkalte, es Dir zurückſenden wolle. Auf dieſe Art wird es ein Talisman, der, ſo lange er nicht in Deinen Händen iſt, Dein Herz in allen Verhältniſſen heilen wird.“ Dieſes von einer frommen Mutter geheiligte Ge⸗ ſchenk hatte ich ihr gegeben, deren Namen ich Dir nicht ſagen will, denn Du könnteſt ſie nicht lieben. Und ſie hatte nicht blos geſchworen, die Verpflichtung zu erfüllen, die ſich an das Geſchenk knüpfte, ſondern ſie hatte von mir auch einen andern eben ſo gültigen Schwur empfangen, den nehmlich: daß, wenn mein Gefühl jemals erkalten oder ſie nicht mehr den erſten Platz in meinem Herzen bebaupten ſollte, ich ſelbſt die Reliquie zurückfordern wolle. Nun wohl— ſie war zwei Jahre verheirathet ge⸗ weſen und der Talisman war weder zurückgeſchickt, noch zurückgefordert worden. Ein Zufall führte uns an einem jener unglück⸗ ſeligen Sammelplätze zuſammen, die glaube ich mehr erfunden ſind, um die Geſunden krank, als um die Kranken geſund zu machen. Das erſte Wiederſehn zu ſchildern... o mein Gott, ein Wiederſehn unter einer ganzen Geſellſchaft von fremden Perſonen... verzeih, verzeih,— ich werde ſchweigen— aber eine Scene iſt es die ich nicht verſchweigen kann. Die alte Geſchichte führte hier zu demſelben Reſultat wie immer: Leidenſchaft und Kampf und endlich eine Zuſammenkunft. Der Mann, mit welchem ſie verbunden war, hatte ihr nie verzeihen können, daß ſie ſeine plumpe wider⸗ liche Zärtlichkeit nicht zu theilen vermochte. Doch auch er litt auf ſeine Art— indeß ich verurtheile ihn nicht, obſchon er ſie auf eine Art leiden ließ, die eines 118 Mannes unwürdig iſt. Sie waren beide unglücklich ge⸗ weſen während ihrer Verbindung. Es war ein Abend in den erſten Auguſttagen. Der Mond ſpielte mit ſchönem anmuthsvollem Schein über der Grasmatte in ihrem Garten. Wir waren ſoeben dort zuſammengetroffen. Eine Sekunde berauſchender Seligkeit und mörderiſcher Todes⸗ qual war vorüber. Kaum ein Wort, ein Händedruck war gewechſelt worden. Und jetzt ſtürzte ein wahnſinniger Menſch hervor und bedrohte ſie— das Weib, das wir beide liebten, mit einem Skandal, den die ganze Welt erfahren ſollte. Ein Tiger in ſeiner Wuth iſt weniger ſchreck⸗ lich als ein von Eiferſucht aufgereizter Mann. Auch mein Blut begann zu kochen. Aber der Engel trat zwiſchen uns. Ich ſchwöre, ſagte ſie, daß es das erſtemal iſt, daß ich Richard allein ſehe, und ich gebe ein feierliches Verſprechen, daß es während meiner ganzen Ehe das letztemal bleiben wird. Morde nicht meinen Ruf— es würde meine Mutter tödten. Sie betete dieſe Mutter an, die ihr Kind auf⸗ geopfert hatte und zwei Monate ſpäter ſtarb.. Wäre ſie ſchon damals todt geweſen, ſo würde das Zuſammentreffen vermuthlich anders geendet haben: doch nur Gott weiß es, denn ſie, die ich ewig anbete, beſaß jene zarte Gewiſſenhaftigkeit, jenes feinfühlende Gemüth, das nicht leben kann, ohne ſich vollkommen fleckenfrei zu wiſſen. Ihre Stimme, als ſie bat, war ſo koſend, ſo ver⸗ führeriſch, daß der Gatte deſſen Ohr noch nie zuvor von dieſem Ton eingeſchläfert worden war, ſeiner Wild⸗ heit Einhalt that. Wenn, ſagte er, dieſer junge Mann, Dein früherer Geliebter, bei ſeiner Ehre daſſelbe Verſprechen abgibt, ſo will ich mich gedulden und ſchweigen; aber will er, daß i behan Blicke zwiſch zitter Haber daß ander 3 Ihrer nicht leider will Hilde lierliches Ehe das uf— es ind auf⸗ o würde haben: 4 anbete, fühlende lkommen ſo ver⸗ ie zuvor er Wild⸗ früherer abgibt, will er, 119 daß ich wirklich verzeihen und mit Güte eine Gattin behandeln ſoll, die ich ſonſt immer mit mißtrauiſchen Blicken betrachten muß, ſo beweiſt er, daß das Band zwiſchen euch noch vollkommener zerriſſen werden kann. Wie— was meinen Sie? freagte ich für ſie zitternd. Es gibt, antwortete er rauh, noch mehr Weiber. Haben Sie dieſe geliebt, ſo beweiſen Sie es dadurch, daß Sie zur Förderung ihres künftigen Friedens eine andere heirathen. Mein Herr, antwortete ich, da es die eigene Wahl Ihrer Frau iſt, bei Ihnen zu bleiben— ſie konnte nicht anders wählen— ſo laſſen Sie ſie nicht dafür leiden, daß ſie den Weg der Ehre vorgezogen hat. Ich will ihr Glück mit dem meinigen erkaufen. Verſtehſt Du jetzt Alles, o Hilda, theure, theure Hilda? Es war ein unſeliges Schickſal, das Dich auf mei⸗ ner Rückkehr von dieſer Reiſe in meinen Weg warf. Hätten wir uns ſogleich verheirathet, ſo wäre es möglich geweſen, daß Keines von uns vollkommen un⸗ glücklich geworden wäre: ich weiß, was mein Wille und Deine Zärtlichkeit vermöchte. Aber ich bekam Zeit zur Beſinnung, und die Hoch⸗ zeit wurde aufgeſchoben, bis... es eine unwürdige Handlung gegen uns beide geweſen wäre, ſie zu voll⸗ ziehen, wenigſtens, ohne daß Du vollkommen klar ſiehſt. Wie lange hat nicht dieſes ſchmerzliche Bekenntniß auf meinem Herzen gelaſtet! Es war mir ſo entſetzlich ſchwer, zu ſprechen, denn ich fürchtete, Du möchteſt die Wunde allzu tief empfinden. Aber jetzt habe ich Alles ausgeſprochen. Beſtimme Du die Heirath oder den Bruch... Was von Beiden zu Stande kommen mag, es muß jedenfalls bald ab⸗ gemacht werden. 12⁰ Aber höre mich jetzt— denn dieſe Worte kommen aus der innerſten Seele eines ehrlichen Mannes. Wagſt Du es, nach dieſen Bekenntniſſen Dein Schickſal mit dem meinigen zu verbinden, ſo gebe ich Dir die feſte Verſicherung, daß Du einen Gatten fin⸗ deſt, der es verſuchen wird, ſich Deiner würdig zu machen. Lebe wohl, Du holder Engel, der ſo wohl die Seligkeit verdient hätte— lebe wohl... und ver⸗ zeih einem Manne, der in Dir immer das edelſte und achtungswürdigſte aller Weiber erblicken wird, die er kennen gelernt hat. Richard.“ Im Zuſammenhang mit dieſem Brief und ohne Commentare theilen wir Hilda's Antwort mit: „Richard! „Ich habe Dir noch nie eine Unwahrheit geſagt, Du darfſt mir deßhalb nicht das Unrecht anthun, an dem zu zweifeln, was ich Dir jetzt ſagen will. Doch ein Zweifel wäre unſer beider unwürdig. Du wirſt mir alſo ohne alle Einwendungen Deiner Eigenliebe glauben. Hätte ich gewußt, wohin ich meinen Brief ſenden ſollte, ſo wäreſt Du nicht in den Fall gekommen, den Deinigen zu ſchreiben. Ich hatte ſchon vorher den unerſchütterlichen Ent⸗ ſchluß gefaßt, daß die Ereigniſſe bei dieſer Badreiſe Deine letzte Probe ſein ſollten. Nun wohlan, es kamen keine Ereigniſſe zur Frage. Dein 2 und es durft und le⸗ Ausfül D meinen daß 3 lich bl. D meini ein lei Und m nigen, doch ausgeſ D beunru Deiner allmä vermu unter J ich, do Augen aus e ſetzen meinſe danke ſind, gedul Vernu zens z d ohne geſagt, n, an Doch 1 wirſt enliebe ſenden n, den i Ent⸗ adreiſe Frage, 121 Dein Ausbleiben beſtätigte meine ernſten Gedanken... und es hätte nicht einmal eines erſten Briefes be⸗ durft— der ſo voll von Unſchlüſſigkeit, Schwachheit und leidenſchaftlichem Wankelmuth war— um ſie zur Ausführung zu bringen. Du weißt, daß ich eine lange Ueberlegungszeit für meinen Beſchluß gehabt habe. Du biſt alſo überzeugt, daß er, nachdem er einmal gefaßt worden, unveränder⸗ lich bleiben wird. Dein Ring liegt in dieſem Briefe, ich erwarte den meinigen zurück. Ich will keinen Vorwurf ausſprechen. Du fandeſt ein leichtes Opfer für Dein unbedachtes Verſprechen. Und wenn mein Schmerz während dieſer Jahre derje⸗ nigen, die Dein Alles iſt, Ruhe erkauft hat, ſo iſt er doch nützlich geweſen— was ſelten die Belohnung ausgeſtandener Schmerzen iſt. Du brauchſt Dich über meine Zukunft nicht zu beunruhigen. Ich danke Dir ſogar dafür, daß Du mit Deinen Bekenntniſſen ſo lange gezögert haſt. Was allmählig kommt, iſt leichter zu tragen, als was un⸗ vermuthet über uns kommt, während wir uns noch unter dem Einfluß der Selbſttäuſchungen befinden. Ich kann Dir ſagen— und auch hierin verlange ich, daß Du mir glaubeſt— daß ich mich in dieſem Augenblick nicht unglücklich fühle. Dieß läßt ſich dar⸗ aus erklären, daß ich, wenn ich meinen Blick mit Ent⸗ ſetzen in eine Zukunft werfe, welche uns als eine ge⸗ meinſame Laſt hätte angehören können, Gott dafür danken muß, daß wir auf dem Punkt ſtehen geblieben ſind, wo wir jetzt ſtehen. Nächſtdem danke ich Gott dafür, daß er mir ein geduldiges Gemüth, einen ruhigen Charakter und eine Vernunft verliehen hat, welche die Schwachheit des Her⸗ zens zu beherrſchen und zu leiten vermag. Ich werde mich 12²2 niemals rathlos irgend einer Art von Verzweiflung überlaſſen. Aber Du, Richard, was wird aus Dir werden? Wird Deine Freiheit Dir das Glück wieder ſchenken? Ich kann blos beten für Dich und ſie, bete Du auch für mich. Hilda. N. S. Es wird keine Antwort gefordert.“ XVIII. Ein Vekenntniß. Angſt. Einige Blicke in die geheimen Außeichnungen. Nach dieſem langen Ausflug zu dem übrigen Per⸗ ſonal unſeres kleinen Drama'’s kehren wir jetzt zur eigentlichen Heldin zurück. Wir finden ſie in demſelben Zimmer und derſelben Stellung, wie in dem Augenblick, als wir zum erſten⸗ mal den friedlichen Bezirk betraten, wo ſie die letzten Monate ihres Wittwenjahres vertrauern zu wollen chien. 3 Auch heute ſcheint ſie von Unruhe und Schmerz beherrſcht zu ſein auch heute hält ſie das eiſelirte Goldherz in ihrer Hand, auch heute öffnet ſie es und drückt leidenſchaftlich die helle Haarlocke an ihre Lippen. Um das Gemälde zu vollenden, erſcheint auch dieß⸗ mal Mamſell Sophie an der Thüre und unterbricht ihre Gebieterin. T jetzt e liquie“ S lang e lich, ſcheinl allen in da konnte jungen wie fr gelegt ſelbſt ter, dieſell albern ein ju juſt Vertr. Verſö dacht barke eher Du g nicht in die igen Per⸗ jetzt zur derſelben m erſten⸗ ie letzten wollen Schmerz ciſelirte t ſie es an ihre (uch dieß⸗ nterbricht 123 Der einzige Unterſchied beſteht darin, daß Sophie jetzt einen höchlich argwöhniſchen Blick auf die„Re⸗ liquie“ wirft. Sie, die für ſcharfſinnig gelten wollte, hatte ſchon lang eine wohlbedachte Bemerkung gemacht, die nehm⸗ lich, daß, da das Haar des ſeligen Mannes augen⸗ ſcheinlich und offenbar ſchwarzblan geweſen, es außer allen Grenzen der Vernunft lag, zu begreifen, wie es, in das Goldherz eingeſchloſſen, hell geworden ſein konnte... ja, ganz goldfarbig, wie das Herz ſelbſt. Hätte zwiſchen Mamſell Sophie Tolander und dem jungen Rektor noch daſſelbe gute Verhältniß beſtanden, wie früher, ſo würde ſie ohne Zweifel ihre Beichte ab⸗ gelegt haben. Aber nachdem er Zutritt zur Gebieterin ſelbſt erhalten, hatte er die Unbedachtſamkeit, um nicht zu ſagen die Undankbarkeit, beinahe ganz zu vergeſſen, daß es eine Zeit der Vertraulichkeit zwiſchen ihm und der Kammerjungfer gegeben hatte. Aber es lag nicht in Mamſell Sophiens Charak⸗ ter, dergleichen Beleidigungen zu vergeſſen, und als dieſelben jetzt noch vergrößert worden waren durch den albernen Umſtand, daß der Rektor eines Tags, als er ein junges Frauenzimmer im Wagen ſpazieren führte, juſt an der Biegung eines Hügels ſeiner ehemaligen Vertrauten begegnete, ohne ſie zu ſehen, da war keine Verſöhnung mehr zu hoffen, ſelbſt wenn er daran ge⸗ dacht hätte, eine ſolche gewinnen zu wollen. Bei Oeffnung der Thüre eilte Mathilde, ihre Koſt⸗ barkeiten zu verſtecken, und ihr Blick war alles Andere eher als gnädig, indem ſie ſich umwandte: „Ich begreife nicht, was das jetzt wieder iſt— Du gingſt ja eben erſt.“ „Ach liebe gute Madame, es iſt etwas, das ich nicht länger ertragen kann.“ Und Mamſell Sophie nahm eine Miene an, die 124 ihr ſelbſt ſo ungleich war als möglich, eine Miene voll von Demuth und Reue. „Was ſoll das heißen?“ „Ich will Sie nicht beleidigen, Madame.. nein um Alles in der Welt nicht... nein das will ich nicht— aber dennoch bin ich durch meine Unſchuld und Unbekanntſchaft mit ſchlechten Menſchen das Opfer eines niederträchtigen, heuchleriſchen, unwürdigen, un⸗ vernünftigen, garſtigen Mannes geworden.“ „Arme, arme Sophie, wie unglücklich Du auch ſein magſt, ſo kannſt Du Dich doch wenigſtens mit dem Gedanken beruhigen, daß ich Dich nicht verlaſſe.. Wer hat Dich betrogen, armes Mädchen?“ „Ach Gott behüte mich! Sie werden doch nicht an ſo etwas denken, Madame— Sophie machte einen tiefen Knix— nicht ich bin es, die man betrügen will.“ „Nun was meinſt Du denn? Du ſagteſt ja, Du ſeiſt das Opfer einer...“ „Einer Gemeinheit, liebe Madame— einer ganz ſchrecklichen Gemeinheit... Ein Herr, von dem Sie ſo Gutes glauben, Madame, und dem Sie vielleicht erlaubt haben, an etwas Schönes für die Zukunft zu denken, ein ſolcher Herr hat... hat— ich will es nur geradezu herausſagen— bat mich verführt, Sie hier zu Hauſe auszuſpioniren. Und für eine ſo greuliche Sünde, die er auf mich unſchuldiges und unbeflecktes Weſen geworfen hat, dafür darf er weder im Himmel noch hier auf Erden Verzeihung erhalten.“ Während Sophie ihr Bekenntniß ablegte, war die junge Wittwe ganz blaß und ſichtlich von einer ſo großen Angſt ergriffen worden, daß ſie nicht ein einziges Wort über ihre Lippen brachte. „Gott ſteh mir bei, wie es Sie angreift... liebe Madame, ſeien Sie nicht böſe auf mich. Wenn ich nicht gedacht hätte, daß er es ehrlich mit Ihnen meine, ſo hätte chen Bel da er ſo liebes F dame, d Eir Mathild Gebieter loren. Ein So ihrer G zeihung biſt Du Nein, vor alle den Du F und ein mens n. „ Deinen Niedert „9 ſagte ih ein, da 5 tete ſi vom ch nicht jer ganz dem Sie vielleicht eunft zu will es -t, Sie reuliche eeflecktes Himmel war die iner ſo einziges .. liebe enn ich meine, 12⁵ ſo hätte ich mich wahrlich nicht zu ſo einer erbärmli⸗ chen Bekanntſchaft beſchwatzen laſſen... Aber jetzt, da er ſowohl Sie als mich betrogen hat, mag er ſein liebes Fräulein Hilda haben, und das weiß ich Ma⸗ dame, daß Sie...“ Ein Ausruf unbezwinglichen Schmerzes entfuhr Mathildens Lippen, und ehe Sophie den Stuhl ihrer Gebieterin erreichte, hatte dieſe alles Bewußtſein ver⸗ loren. Eine halbe Stunde war verfloſſen. Sophie lag weinend im Staube zu den Füßen ihrer Gebieterin. „Dein Verbrechen... Du magſt Gott um Ver⸗ zeihung dafür bitten... ich... aber Unglückſelige, biſt Du deſſen auch gewiß, was Du geſagt haſt... Nein, Du mußt auf Dich ſelbſt gelogen haben und vor allem auf.. Aber was war das für ein Name, den Du nannteſt?“ „Hilda nannte er ſie, als ſie mit einander fuhren, und ein Fräulein iſt ſie, obſchon ich mich ihres Na⸗ mens nicht erinnere.“ „Mit einander fuhren?... Mädchen, Du treibſt Deinen Spott mit mir, hat Dich Jemand für dieſe Niederträchtigkeit bezahlt?“ „Niemals, gute gnädige liebe Madame... ich ſagte ihm ſogleich: Herr Rektor, bilden Sie ſich ja nicht ein, daß ich für Geld feil ſei...“ „Herr Rektor— Herr Rektor... Mathilde rich⸗ tete ſich mit äußerſter Heftigkeit auf... ſprichſt Du vom Rektor Wallenberg?“ „Nun ja, in Gottes Namen, von wen ſollte ich ſonſt ſprechen?“ „Hat er Dich beredet, mich auszuſpioniren?“ 126 „Ja im Anfang, aber ſpäter nicht mehr... das betheure ich Ihnen... ſpäter nicht mehr.“ „Und Du— Du thateſt es?... Was hatteſt Du denn zu berichten? Sprich die Wahrheit, wenig⸗ ſtens jetzt!“ Es lag eine ſo hohe und gebietende Würde in Mathildens tiefem Schmerz, daß Mamſell Sophie nicht zu widerſtehen vermochte. Sie erzählte Alles vom An⸗ fang bis zum Ende. „Nun,“ verſetzte die Gebieterin mit ſchwebender Stimme,„dieſes Fräulein Hilda...“ „... iſt ſeine Couſine und mit ihrer Schweſter zu Frau Wallenberg gekommen, die ihre Tante iſt. Kei⸗ ner von den Herrn hatte hier etwas davon geſagt, aber geſtern begegnete ich dem Rektor, als er mit dem Fräu⸗ lein fuhr— und was er dachte, das konnte man ihm ganz deutlich anſehen...“ „Und etwas Anderes haſt Du nicht mitgetheilt, als was Du mir jetzt erzählteſt?“ „Ich habe nichts anderes gewußt,“ antwortete Sophie mit naiver Offenheit. „Geh jetzt und laß mich allein.“ „Und Sie werden mir niemals verzeihen, Ma⸗ dame?“ „Ich will es zu thun verſuchen... aber wir werden uns trennen.“ 1 „Das wäre wohl in allen Fällen geſchehen... meinte Sophie mit Selbſtgefühl... aber, fügte ſie hinzu, es iſt bald die Zeit, wo der Rektor kommt.“ „Ich weiß es... juſt darum will ich jetzt allein ein... in einer halben Stunde klingle ich.“ Als die Thüre zugemacht war, ſchwand der letzte Schimmer von Selbſtbeherrſchung von dem ſchönen Geſicht der Gebieterin. Sie rang die weißen Hände. Aber augenblicklich kreuzte ſich ein Blitz von Freude durch den Nebel der Verzweiflung, ein freudiger Ge⸗ danke, wieder 7 aber aue blos ein ein Zwe macht zu Faſſung er ſchrie Sie heimen gen voll blättern „D Beſuch meinem gen. A ner wie etwas n ausgeda in die 6 ſchimmer merte es war ſelbſt zu Dr wieder vergeſſe Sophie auch me Gott, ſchwund etwas 8 . das hatteſt wenig⸗ dan ihm etheilt, twortete „ Ma⸗ der wir n... igte ſie nmt.“ t allein er letzte ſchönen Hände. Freude er Ge⸗ 127 danke, eine Ahnung, eine Hoffnung... aber dann wieder Furcht, Schrecken, eine unbezwingliche Unruhe. „Wer kann das hier begreifen... wie niedrig... aber auch wieder wie glücklich, daß das Schlimmſte blos ein Zweifel war... Nein es war nicht einmal ein Zweifel, denn ſonſt wäre ich geſtorben, ſtatt in Un⸗ macht zu fallen, aber— fügte ſie mit wiederkehrender Faſſung hinzu— ich muß nachſehen, an welchem Tag er ſchrieb... Wohin iſt dieſer Brief gekommen?“ Sie eilte an ihre Chiffonniere und riß aus der ge⸗ heimen Schublade ein Büchlein, das mit Aufzeichnun⸗ gen voll geſchrieben war, welche ſie jetzt eifrig zu durch⸗ blättern anfieng. „Den.. Juli. Zerſtreuung durch den lächerlichen Beſuch der beiden Brüder... Ach hätte ich bei meinem erſten Entſchluß beharrt, ſie niemals zu empfan⸗ gen. Aber wer weiß, was ein paar müßige Män⸗ ner wie ſie ſich hätten unterſtehen können... vielleicht etwas nichts beſſeres, als ſie wirklich gethan haben. Ferner im Juli... Brief von Beiden... Werbung des Rektors... Eigenliebiger Narr. Verlobung des Bezirksamtmanns... nicht ſo übel ausgedacht... Ah... Was iſt das... ſeine Reiſe in die Stadt, um den Brief zu holen.— Ein Lächeln ſchimmerte durch die Thräne, die noch im Auge ſchim⸗ merte— der Brief... ja dieſer himmliſche Brief... es war gut, daß er Zartgefühl genug beſaß, ihn nicht ſelbſt zu überbringen! Drei Tage ſpäter... Oh ich brauche es nicht wieder zu leſen... Nie werde ich meine Aufregung vergeſſen, als ich nach Hauſe kam. Sie war es, was Sophie verrieth. Hätte ſie mehr gewußt, würde ſie auch mehr verrathen haben... Mein Gott, mein Gott, wie ſchwer habe ich nicht für dieſe ſchnell ent⸗ ſchwundenen Stunden der Seligkeit gebüßt. Gibt es etwas Schauerlicheres als die Reue— zumal eine —— ÿÿ ——— 128 Reue, die zuweilen auf eine unbegreifliche Weiſe ver⸗ ſchwindet, um ſodann mit neuem Leben, mit tauſend Le⸗ ben wieder aufzuleben... und dieſe verächtliche Dop⸗ pelzüngigkeit... Nein, wenn ich meinen Gatten ge⸗ liebt hätte, dann... o niemals hätte ich dann durch mein Stillſchweigen in dieſe Täuſchung gewilligt... ich bin verrückt... wenn ich ihn geliebt hätte, ſo hätte ja meine Seele ihm angehört und dann hätte ich es nicht nöthig gehabt, beim Klang ſeines Namens zu erröthen und dann zu beben... zu beben.. Dennoch: um meiner brennenden Bitten willen verzeiht er mir...“ Sie blätterte weiter. „Was iſt das hier?... die Vorſicht... die Nothwendigkeit... Unſeliger Zwang...“ Sie las halblaut. 8 meine Schritte vor ſpähenden Blicken zu bewahren, dieſe beiden Männer aufgemuntert habe, ihre unbe⸗ lohnte Huldigung fortzuſetzen. Aber verdienen ſie es beſſer, wenn ſie auf dieſe Art ein armes Weib verfol⸗ gen... muß es ſich nicht vertheidigen... und ich werde ſie niemals betrügen.“ Weiter unten ſtand: „Ich weine über mich ſelbſt... Warum bin ich nicht muthiger, nicht rechtlicher... es muß ein Ende nehmen... und da ich niemals die juridiſche Frage ausmitteln werde... Aber.. ich will nicht länger feig ſein... es iſt beſchloſſen, feſt und beſtimmt be⸗ ſchloſſen, daß meine Seefahrten aufhören ſollen, dann bin ich unabhängig und dann.. Hier habe ich es endlich—: Den 10. Auguſt ging der Brief an ſie ab. Ich habe nichts hinzugefügt... es war auch nicht nöthig; in den Worten liegt Alles... aber hat ſie die⸗ ſen Brief erhalten? Hat ſie geantwortet— und wie.. Ich verachte mich beinahe dafür, daß ich, um — Veiſe ver⸗ auſend Le⸗ liche Dop⸗ Hatten ge⸗ dann durch illigt... hätte, ſo dann hätte 8 Namens 2n.. ten willen die z ich, um bewahren, hre unbe⸗ ien ſie es ib verfol⸗ . und ich m bin ich ein Ende che Frage icht länger ſtimmt be⸗ llen, dann ab.. auch nicht zZat ſie die⸗ d wie... 129 wie... Und jetzt muß es ein Ende haben... Morgen... morgen zum allerletztenmal! ich will lie⸗ ber ſterben, als länger hier ſo leben.. Es ſchlägt.. Ah, mein Herr Rektor, wir werden alſo bald mit ein⸗ ander quitt ſein. Sie nahm ein Blatt Briefpapier und ſchrieb: „Herr Rektor! „Es ſind beinahe ſechs Wochen, ſeit Sie, mein Herr, mir die Ehre erwieſen, mir Ihren Namen anzubieten und ich es abſchlug. Seit dieſer Zeit haben Sie ſich jedoch als meinen Freund bewieſen und ſind in dieſer Eigenſchaft ohne Mißtrauen von mir empfangen worden. Entſchuldigen Sie, daß dieß fernerhin nicht mehr geſchehen kann. Ein Geſtändniß, das ich dieſen Mor⸗ gen von meiner Kammerjungfer empfing, verſagt mir das Vergnügen Sie in Zukunft wieder zu ſehen. Mathilde.“ Sie klingelte. Keine zwanzig Minuten ſpäter überreichte Mamſell Sophie mit Siegerſtolz das Billetchen dem Rektor, der zu ſeinem gewöhnlichen Morgenbeſuch gekom⸗ men war. XIN Die juridiſche Frage. „Wie ſtehts, gedenkſt Du Dich zu hängen oder zu ertränken?“ fragte Victor, als er zufällig auf ſeinen Carlén, Binnen ſechs Wochen. 13⁰ Bruder ſtieß, der an demſelben Abend ſeine einſame Promenade machte;...„Du biſt den ganzen Tag nicht ſichtbar geweſen 2“ „Morgen dürfte ich dieſelbe Frage an Dich ſtellen,“ erwiederte der Rektor zornig. „Ei der Tauſend“... Victor machte eine große Miene...„der Termin unſerer Wette iſt zu Ende, und Du dürfteſt die Bedingung unſerer Uebereinkunft nicht uöthig haben.“ „Was für eine Bedingung?“ „Nun erinnerſt Du Dich nicht... Wenn ich nicht reüſſire... ich muß ja in vier oder fünf Tagen ab⸗ reiſen— ſo werde ich allem weiteren Kampf entſagen und Du erbſt allein das Recht, Deine Talente zu ver⸗ ſuchen.“ „Alles das war ja blos ein einfältiger Scherz. Zwei vernünftige Menſchen können ſich an eine ſolche Kinderei nicht halten. Ich für meinen Theil fühle mich nicht im mindeſten angezogen von dieſer Kokette, die mich blos unbedeutend zerſtreute... Hilda da⸗ gegen...“ „Nun, es iſt erfreulich zu ſehen, daß Du bereits Troſtgründe auſſuchſt. Ich für meinen Theil glaube je⸗ doch, daß irgend ein Anſtoß von anderer Seite her dieſe Rückwirkung in Deinen Gedanken hervorgebracht hat.“ „Es iſt Hildas Anmuth, ihr Ernſt und die Redlich⸗ keit ihrer Denk⸗ und Handlungsweiſe.“ „Mag ſein... aber Du kommſt jetzt von Tyſſel⸗ vik, wohin Du natürli los aus Artigkeit und Ge⸗ wohnheit giengſt... s iſt da vorgefallen.... Du erinnerſt Dich an unſere Uebereinenuft: volle Of⸗ fenheit!“ „Da ſieh ber“... Edwin warf das Billet Victor zu, der es im Flug auffing.„Lies es, weun ich gegangen din, und verſprich mir die Sache niemals mit einem Wort ſo ärg Menſe Arten deres Einfli neugie ein M 4 gegebe wiede Roma G tor, a unde chätze 2 mäß der H herrſe die g Berth Gutn Euch 7 mend Mitte ſchwe ich d ren f inſame n Tag ellen,“ große Ende, inkunft ch nicht gen ab⸗ ntſagen zu ver⸗ Scherz. ſolche l fühle Kokette, do da⸗ bereits lube je⸗ eite her gebracht Redlich⸗ Tyſſel⸗ nd Ge⸗ lle Of⸗ t Victor egangen t einem 131 Wort zu berühren, ſo weit ſie mich betrifft. Ich bin ſo ärgerlich und unzufrieden mit mir ſelbſt, als ein Menſch nur ſein kann, und ich ſchwöre für immer alle Arten von Leichtſinn ab. Ich will nie mehr ein an⸗ deres Weib ſehen, als das ich zur Frau nehme.“ „Zum Teufel, was das Billet für einen heilſamen Einfluß gehabt hat,... jetzt leb wohl... ich bin neugierig wie ein Schuljunge...“ „Aber was Dein Verſprechen betrifft, ſo hoffe ich: ein Mann, ein Wort!“ „Ah ſo... ich weiß nicht, daß ich irgend eines gegeben habe... aber gleichviel— ich dürfte Deiner wieder bedürfen, denn morgen dürfte ich das Ende dieſes Romans da geſehen haben.“ Sie ſchieden mit einem Handſchlag. Es war eine ſehr garſtige Grimaſſe, welche Vic⸗ tor, als er allein war, bei Leſung des Billets machte, wobei er einige Worte murmelte, wie glücklich er ſich ſchätze, nicht an Edwins Stelle zu ſein. Während des Abends wurde der Verabredung ge⸗ mäß nicht ein Wort von dem unangenehmen Ausgang der Heirathspläne des Rektors geſprochen. Aber Zwang herrſchte unter den Brüdern und Verſtimmung ergriff die ganze Familie. „Dieß war ein höchſt langweiliger Abend,“ klagte Bertha höchſt ungnädig, als der Bezirksamtmann ihr Gutnacht wünſchte.„Kann man wohl erfahren, was Euch beide angekommen iſt?“ „Und Du ſelbſt, mein Bäschen, biſt Du ſo einneh⸗ mend geweſen wie gewöhnlich?“ „Einnehmend... ſollte ich etwa meine kleinen Mittel an einen ſo liebenswürdigen Gegenſtand ver⸗ ſchwenden, wie ein übellauniger Cavalier iſt— o nein, ich darf nicht ſo verſchwenderiſch ſein: ich muß ſie ſpa⸗ ren für... „Die üble Laune Deines künftigen Gatten?“ „Ja es iſt wahrſcheinlich, daß ich den lächerlichen Prätenſionen eines Ehemanns, daß die Frau ihn in ſeine gute Stimmung zurückſchmeicheln und ſchwatzen ſoll, ein Kiſſen unterlegen werde. O die dummen Wei⸗ ber, die ihr eigenes Glück ſo verſcherzen. Aber, gute Nacht, ich ſchlafe bereits.“ „Und ich träume, daß Du erwacht ſeieſt und ſo⸗ gleich Dein Morgengebet verrichteſt, worin es heißt: Verzeih theures Schattenbild meines Zukünftigen, daß ich ſo unbedachtſam ſcherzte. Wenn es je dazu kommt..ℳ Bertha hörte den Schluß nicht: ſie enteilte mit einem Lächeln auf den ſchönen Lippen. Und nun lächelte auch Victor und es war ihm, als verzögen ſich die Abendwolken trotz des wichtigen morgigen Tages. Und jetzt war es morgen. Victor entfernte ſich vor dem Frühſtück, d. h. vor dem allgemeinen, er hatte es jedoch nicht verſchmäht, wie in den fröhlichen Knabenjahren Mamma in der Speiſekammer ſeinen Beſuch abzuſtatten. Die Uhr in Mathildens Salon ſchlug juſt elf, als der junge Juriſt angemeldet wurde. Auf dem ganzen Weg war er muthig und ſtark ge⸗ weſen, wie Herkules. Aber auch Herkules war ſchwach unter Weibern, und ſo iſt es weniger zu verwundern, daß Victor ſich ebenſo fühlte. Es gab blos ein einziges Mittel, das ihm helfen konnte, den Sieg oder die Riederlage des Tages ehren⸗ haft zu beſtehen, nemlich wenn ſeine Eigenliebe gereizt wurde. Er ſollte bald muthiger werden als alle Helden der Vorzeit. Und warum das?. Siehe da die ſchöne Wittwe.. ſie erhebt ſich ſie zit heit in 9 dann ſchrittq lauben will. werde lieben Madan wiſſen Sache diſche? „1 5 * 9 217 mehr h „2 ſo: A einem von be Sie w mird zeugt,! ſinn A 2 vor näht, n der als kk ge⸗ wach dern, elfen hren⸗ ereizt n der ſich 13³³ ... ſie ſetzt ſich... ſie erröthet... ſie erblaßt... ſie zittert... ſie will ſprechen, kann aber die Unſicher⸗ heit in ihrer Stimme kaum bekämpfen. Victors Faſſung ſteigt erſt mit kleinen Schritten, dann mit großen, und endlich mit wahren Rieſen⸗ ſchritten. „Madame, wollen Sie mir gefälligſt die Bitte er⸗ lauben, mich mit Güte anzuhören?“ „Herr Bezirksamtmann... heute nicht... ich will... ich muß... mit einem Wort: morgen werde ich Sie anhören, ſo lange Sie zu ſprechen be⸗ lieben“ „O, das iſt zuviel, zuviel... theure Math.... Madame wollte ich ſagen— das iſt mehr als ich zu wiſſen bedarf, um ſo lange zu leben.“ „Aber ich,“ verſetzte Mathilde,„muß auch eine Sache wiſſen... Sie erinnern ſich, daß es eine juri⸗ diſche Frage war...“ „Um Gotteswillen, jetzt keine Inriſterei!“ „Aber dieſe Frage iſt ſo leicht... „Nun wohl, Ihr Befehl iſt Geſetz!“ Victor ſchien mehr hochgemuthet, als ſelig zu ſein. „Die Frage, die ich an Sie ſtellen wollte, lautet ſo: Wenn ein verlobter Mann offen und beharrlich einem andern Weib ſeine Huldigung darbringt, welche von beiden beleidigt er dann am meiſten?“ „Ach, Madame, das gehört gänzlich ins Gebiet der Moral.“ „Möglich— aber ich erwarte dennoch Ihre Ant⸗ wort.“ „Erlauben Sie mir dieſelbe morgen zu geben.— Sie wird der Frage vorangehen, welche zu ſtellen Sie mir damals erlaubt haben. Inzwiſchen bin ich über⸗ zeugt, daß Sie errathen... daß Sie mit Ihrem Scharf⸗ ſinn Alles zuſammen verſtanden haben.“ „Vielleicht... aber Sie müſſen ſich hüten in Bezug auf mich ſich derſelben Sicherheit zu über⸗ laſſen.“ „O ſeien Sie ruhig— ich werde zu mir ſelbſt ſagen: Die Hoffnung iſt nicht immer Wirklichkeit.“ „Und Sie können als eine gleich weiſe Sentenz hinzufügen, daß die Wirklichkeit nicht immer Hoffnung iſt.“ — Nach dieſen Worten, die mit einem eigenthümlichen Ausdruck geſprochen wurden, machte die bezaubernde Wittwe eine Geberde, welche deutlicher als jede andere Sprache den Beſuch als beendet erklärte. Victor gieng kaum hinaus. Er wurde auf Schwingen getragen, aber auf welchen Schwin⸗ gen, das wußte er ſelbſt noch nicht, als er wieder daheim im Wohnzimmer ſeiner Mutter ſaß. Er hatte blos eine dunkle Idee davon, daß er Edwins fragende Augenwürfe mit zermalmendem Uebermuth beantwortete. Gleichwohl hatte er blos drei Worte geäußert: „Aufgeſchoben bis morgen!“ „Nein aber heute träumſt Du wohl von einer Wohnung in der Sonne?“ fragte Bertha jetzt mit wirklicher Verwunderung. 1 „Ja, mein liebes Bäschen,“ antwortete Victor mit halber Stimme und ein leichter Seufzer kam unverhofft mit...„Ja ich erfreue mich zum Voraus meines Le⸗ bens in der Sonne. Aber das hindert mich nicht einen gewiſſen Stern zu vermiſſen, bei dem ich mich ſonſt recht gerne niedergelaſſen haben würde.“ B Victor nen Bu ich nie „„ wird J wie De an— meine F cheln e „Hem 5 merken nomme Zeit, d die ge und we ſchön2 ob die haftig 3 die Aſt gleich zwiſche ſei Da auf bchwin⸗ wieder Er dwins lermuth Worte einer tzt mit tor mit derhofft ies Le⸗ t einen ) ſonſt 13⁵ Bei dieſen Worten glitt die erſte Röthe, welche Victor bei Bertha hatte hervorrufen können, über ihre Wangen. Aber ſie antwortete nicht. Der Rektor, der am nächſten Fenſter neben Hilda ſtand, die ruhig ihre Sticknadel handhabte, flüſterte halb⸗ laut: „Schau nur meinen Bruder an, wie er jetzt aus⸗ ſieht.“ „Wie eine bochglühende Päonie, die zu den klei⸗ nen Blumen zu ſagen ſcheint: Schaut mich an— kann ich nicht mit mir ſelbſt zufrieden ſein?“ „Ganz richtig... aber morgen um dieſe Zeit wird Jemand, der die Blumenſprache ſo gut verſteht, wie Du, die Päonie flüſtern hören: Schaut mich nicht an— ein Froſtwind hat meinen Schmuck beſchädigt: meine Blätter hängen nieder.“ Für dieſe ſchöne Phraſe hatte der Rektor ein Lä⸗ cheln erwartet. Aber es wurde blos ein gedankenvolles „Hem!“ „Alle Weiber ſind undankbar,“ dachte er,„ſo lange ſie merken, daß man nach ihnen ſtrebt... Nun genau ge⸗ nommen iſt das nicht ſo unbillig. Es kommt eine andere Zeit, da iſt es die ſinnehmende Hausfrau, die ſich für die geringſte Aufmerkſamkeit des Gatten dankbar zeigt, und wenn er freundlich ihre Wange kost und ſagt: wie ſchön Du heute biſt, mein Kind, dann weiß ſie kaum, ob die Erde ſie trägt. Schöne Zeit die Ehe iſt wahr⸗ haftig der Himmel in Miniatur⸗.... In demſelben Augenblick dachte Bertha: „Sollte mein geſchätzter Vetter ſich abſichtlich auf die Aſtronomie geworfen haben?— Es lag etwas zu⸗ gleich Kühnes und Schmachtendes in ſeinem Ton. In⸗ zwiſchen iſt meine Neugierde gereizt... aber Gott ſei Dank, weiter nichts!“ XX. Die letzten Scenen. Ein Abend ebenſo qualmig wie derjenige, womit unſere Geſchichte beginnt, folgte auf dieſen Tag. Edwin hatte eine Fiſchparthie vorgeſchlagen, die jungen Damen hatten eingewilligt. Aber Victor, der ſich in einer Welt voll Glückſeligkeit und Triumph wiegte, hatte beſchloſſen, den Abend auf eigene Fauſt anzu⸗ wenden. Vielleicht hatte er auf Zuſpruch gerechnet. Aber Bertha gab nicht einmal mit einer Miene einen ſolchen Verſuch zu erkennen, und jetzt war er genöthigt daheim zu bleiben, um das große Geheimniß zu ergründen: worin beſteht eigentlich das Glück? Es war ihm jetzt ſo nahe, daß er— ſeiner eigenen Anſicht zu Folge— blos die Hand darnach auszuſtrecken brauchte. Woher alſo dieſe halben Seuf⸗ zer, dieſe einfältigen Vergleichungen, welches der beiden jungen Weiber ihn wohl am glücklichſten machen würde... Nein die Philoſophie war ihm etwas Läſtiges, er wollte ſie beiſeite laſſen. „Du biſt heute ſo vertieft, mein Sohn,“ ſagte die freundliche Mutter will Bertha nicht auf Dich hören,— ſie iſt ein ſo einnehmendes Mädchen.“ „Liebe Mama, erinnern Sie ſich, daß wir ein⸗ mal von einer andern ſprachen.“ „Ja gewiß. Aber ich habe wohl eingeſehen, daß es ſich für Euch nicht der Mühe verlohnte.— Auch war Keiner von Euch eigentlich verliebt.“ „So iſt es nicht— warten Sie bis morgen, ſo Euch genug am Ding 1 ſeinen gar! Boot blaue eine ſein erho⸗ tiefſt Brud omit , die r, der iegte, anzu⸗ Aber olchen aheim nden: ſeiner arnach Seuf⸗ 's der machen etwas gte die en,— r ein⸗ 1, daß Auch en, ſo 137 werden Sie ſchon ſehen. Ich habe es Niemand an⸗ vertrauen wollen, aber Ihnen, Mama, kann ich jetzt ſagen, daß Sie eine entzückende Schwiegertochter be⸗ kommen werden.“ „Mein lieber Victor, ich fürchte, Du läſſeſt jetzt Deiner Eigenlie...“ „Ihr ſprecht doch immer von dieſer. Ich verlange nicht mehr als 24 Stunden, um zu beweiſen, daß ich zum Opfer ungerechten Argwohns geboren bin.“ „Mein lieber Junge, wie dem auch ſein mag, ſo muß ich Dir zu wiſſen thun, daß die Geheimthuerei dieſer Dame meinen Beifall nicht hat. Ein rechtſchaffe⸗ ner Kummer bedarf einer ſolchen Zerſtreuung, wie ſie ſucht, nicht.“ „Liebe Mama, wir ſelbſt waren es ja, die uns ihr aufdrängten.“ „Im Anfang ja... aber nachher war ſie es, die Euch fortfahren ließ... und war dieß Zerſtreuung genug, was thut ſie dann bei ihren einſamen Fahrten am Abend? Ich habe kein Vertrauen zu ſolchen Dingen.“ „Es iſt die unſchuldigſte Sache von der Welt.“ „Hem, hem...“ Victor wollte nicht mehr hören. Er floh nach ſeinem Lieblingsplatz unter den Klippen. Und er hätte gar nicht gelegener kommen können, um auf einmal das Boot nebſt der Beherrſcherin ſeiner Seele über den blauen Waſſerſpiegel hingleiten zu ſehen. Eine Verſuchung kam jetzt über den jungen Mann, eine mächtige Verſuchung. Warum ſollte er nicht in ſein Boot ſteigen und ihr nachfolgen? Eine Stimme— die Stimme des Zartgefühls erhob ſich gegen den Vorſchlag. Hegte er nicht den tiefſten Abſchen vor Spionerei, hatte er nicht ſeinen Bruder verurtheilt, der dieſes Syſtem angewendet hatte? Allerdings. Aber... aber da es ſich jedenfalls 138 um ſeine eigene zukünftige Gattin handelte, was war da natürlicher, einfacher, gerechter, als daß er ſeinem Verlangen nachgab? Und er gab nach. Zehn Minuten ſpäter ſaß er im Boot, jetzt vollkom⸗ men ruhig und getroſt, denn es war ihm gelungen ſich in den Kopf zu ſetzen, daß das was er thue, nur ge⸗ ſchehe, um die Beſorgniſſe ſeiner Mutter zu beſchwich⸗ tigen, Das Inſelchen, auf welchem die letzten Sceneu ſpielen, bildet gleichſam ein Netz von kleinen Hainen, und Alles iſt lächelnd, idylliſch, bezaubernd. Man konnte von mehreren Seiten da anlegen, und heute ſah man nicht weniger als vier fremde Boote, die in den gaſtfreundlichen Umgebungen des weißen Strandes einen Hafen geſucht hatten. Keines dieſer Boote konnte inzwiſchen die andern wahrnehmen. Was zwei von ihnen betrifft, ſo wiſſen wir, wem ſie gehörten, und wir können wohl ſagen, daß das zierliche Ausſehen der poetiſchen Inſelperle die kleine Fiſchge⸗ ſellſchaft verlockte auf ein Stündchen ihr Lager da auf⸗ zuſchlagen. Die Damen hatten befohlen und der Rek⸗ tor hatte gehorcht. Doch gehorchte er mit Widerwillen, denn er hatte ſich gewöhnt den Platz als unverletzlich zu betrachten, aber der Wille der neuen Beherrſcherin mußte ſiegen. Inzwiſchen bleibt jetzt noch das vierte Boot übrig... Wir wollen ſehen, ob wir nicht auch für dieſes einen Eigenthümer finden. ſetzte. dem Gegen zug il zu ar wäre, Herrſe recogn ſie be inem kom⸗ ſich ge⸗ vich⸗ eneu nen, egen, vote, eißen dern m ſie rliche chge⸗ auf⸗ Rek⸗ illen, tzlich herin ig... einen „Dieſer Platz da, meine liebe Couſine Hilda, wie gefällt er Dir?2“ „O ſehr gut, hier laſſe ich mich gern nieder.“ „Der Boden iſt vom Thau naß.“ Edwin breitete ſeinen Mantel aus, auf welchen Hilda ohne Umſtände ſich etzte. ſeb„Haſt Du Moore mitgenommen?“ fragte ſie. „Natürlich... erlaubſt Du mir vorzuleſen?“ „Mit Vergnügen.“ Die junge Dame nahm ihre Stickerei und nach⸗ dem ſie einen langen ernſten Blick über die holde Gegend geworfen, nachdem ſie in einem tiefen Athem⸗ zug ihre friſchen Blumendüfte eingeſogen, begann Hilda zu arbeiten und Edwin zu leſen. „Es ſieht ganz aus, als ob ich gar nicht da wäre,“ rief Bertha lächelnd, zur Strafe ſage ich den Herrſchaften Lebewohl und gedenke auf eigene Fauſt zu recognosciren.“ Und ſie eilte den Hügel hinan, indem ſie bei ſich ſelbſt dachte: dieſe Hilda... hat man je eine ſo gelaſſene Kreuzträgerin geſehen— ſie leidet ge⸗ wiß entſetzlich! Aber ſie iſt ſo ruhig und ſtill wie im⸗ mer und ihre Arbeit leidet gar nicht darunter... Wenn Jemand gegen mich ſo gehandelt hätte... ich habe jetzt nicht einmal Ruhe genug zu ſtricken, denn... denn es gibt doch ſo manche Dummheiten hier in der Welt.“ Auf der andern Seite der Höhe kam Victor heran⸗ ſpaziert,— auch in Gedanken, verſteht ſich. Wie mißtrauiſch doch die Weiber ſind, die Müt⸗ ter beſonders! Meine arme, gute Mama, wie ſie in Verlegenheit kommen, wie ſie ſich nachher freuen wird! Es iſt billig, daß ich ihre Beſorgniß beſchwichtige, denn wer liebt uns doch ſo, wie unſere Mutter uns liebt? Niemand. Und im Ganzen genommen, wen lie⸗ 140 ben wir mit ſolcher Liebe, wie wir ſie lieben, für die wir Alles ſind? „Ich möchte doch wiſſen, welche von beiden die beſten Anlagen hat, eine vortreffliche Mutter zu wer⸗ den, Mathilde oder Bertha... Nun darum handelt es ſich jetzt noch nicht... ich möchte nur wiſſen, welche von beiden die beſte Frau ſein wird. „Aber wo iſt ſie denn, meine ſchöne Geheimnißvolle? ich wage nicht zu rufen.. der Tauſend— höre ich oder höre ich nicht zwei Stimmen... nein ich höre falſch... Gleichwohl tönt es, wie wenn zwei Perſo⸗ nen ſprächen... einfältige Einbildung...“ Er blieb unſchlüſſig ſtehen. „Nein jetzt handelt es ſich um keine Einbildung mehr. Es war offenbar Mathildens Stimme und die eines Andern...“ Er ging noch einige Schritte vor⸗ wärts, aber leiſe ſchleichend wie ein Indianer... Auf einmal blieb er von Neuem ſtehen, verblüfft, vernichtet. Sieht er, was er ſieht? Stellt ſich ihm eine Wirklichkeit dar? Er greift nach ſeiner Lorgnette, denn es gibt ja Täuſchungen in Allem. Auf dieſe Art kann ſeine Wette nicht ausgehen, nein nein. Was ſieht er denn, während er ſelbſt noch unge⸗ ſehen iſt? Er ſieht Mathilde— die anbetungswürdige junge Wittwe, deren Ja er am folgenden Tag ohne allen Zweifel erhalten mußte— aber er ſieht nicht ſie allein... o nein, weit entfernt!... vor ihr kniet ein junger Mann und zu ihm ſprechen ihre Lippen Worte der Liebe... ihn tröſtet, beſchwört, ermuntert ſie, wäh⸗ rend er, Victor, der ſechs Wochen an dieſe Eroberung vergeudet hat, und jetzt... nein ſeine Augen täuſchen ihn, er muß das Zeugniß ſeiner Ohren einholen. Und dieſes Zeugniß lautet alſo: „Geliebter Richard, dieſer Kampf geht über meine Kräfte, Du darfſt mich nicht länger in Verſuchung führen Gegen wiſſen überdi mann ner Ta ſo fan zu entl andern 71 viel v Freude konnten M 1 hinab. 1„ „T die Ant uns der A 7 „S Er es wir ver Liebe r. brechen dazu ül litten u um des mein di Ri wiederh 4 „ wohl er „T ſe ich höre ſerſo⸗ blieb öt ja ſeine inge⸗ unge allen 1... nger der väh⸗ rung chen heine dung 141 führen. Du mußt jetzt ein für allemal aus dieſer Gegend abreiſen. Mein Gefühl, ja ſogar mein Ge⸗ wiſſen ſpricht laut gegen dieſe Zuſammenkünfte, und überdieß macht es mir auch Schmerz, den Bezirksamt⸗ mann, dieſen treuherzigen Narren, noch länger in ſei⸗ ner Täuſchung zu erhalten. Was den Rektor betrifft, ſo fand ich bereits geſtern einen Vorwand mich ſeiner zu entledigen, und morgen kommt die Reihe an meinen andern Liebhaber; denn jetzt, da Du abreiſeſt...“ „Mathilde, Du biſt grauſam... Haben wir wohl ſo viel vom Leben genoſſen, daß wir nicht dieſe armſelige Freude eines Augenblicks ohne Gewiſſensqual annehmen konnten!“ „Schweig... iſt Dein Gefühl ruhig?“ Der Liebhaber beugte ſein Haupt in die Hand hinab. „Siehſt Du jetzt?“ „Wenigſtens,“ ſtammelte er leiſe,„muß ich noch die Antwort erwarten. Enthält ſie den Tod, ſo bleibt uns der Abſchied übrig.“ „Aber, ſo wiſſe denn, daß... ſie hier iſt.“ „Sie— wer... was meinſt Du?“ Er fuhr empor. „O ſieh jetzt an Deiner Gemüthsaufregung, daß wir verbrecheriſch ſind. Es iſt nicht genug, daß unſere Liebe rein iſt wie der Himmel, ſie iſt dennoch ein Ver⸗ brechen... Ach, Richard, warum mußteſt Du mich dazu überreden.. Warum? Ich habe ſchrecklich ge⸗ litten um ihretwillen, um Deinetwillen, um meinetwillen, um des Mannes willen, der fort iſt, deun es iſt ge⸗ mein die Welt an ihren Irrthum glauben zu laſſen.“ Richard hatte nichts gehört: wie im Traume wiederholte er blos:„Sie hier, ſie...“ „Ja auf Beſuch bei ihrer Tante. Du findeſt doch wohl endlich, daß die Sache ein Ende haben muß?“ „Mathilde, ich habe Dir geſagt und ich ſchwöre 142 es jetzt, daß der Traum dieſer Wochen der letzte in meinem Leben ſein wird, wenn ſie ſich noch mit mir verbinden will— bedenke wohl, ſie weiß nichts An⸗ deres, als daß Du noch gebunden biſt!“ „Ich vergeſſe das nicht... und jetzt fort, fort, o Richard!“ „Noch einige Minuten— ſprich... ſprich wie vorhin.“ „Ich habe keinen Augenblick Ruhe und habe auch ſeit Jahren keine gehabt, mit Ausunahme des erſten Augenblicks, der auf den Empfang Deines Briefes folgte, worin Du mir von dem Tag ſchriebſt, wo Du in die Gegend kommen würdeſt und wir zum erſtenmal auf dieſem theuren, heiligen Platz zuſammenkommen ſollten. Ach dieſen Brief, dieſen ſchönen holden Brief mit Deinen glühenden Bitten,— ihn vergeſſe ich nie! Erinnerſt Du Dich... wie wir, da wir noch zu hoffen wagten... wie wir damals im erſten Rauſch gleich tollen Kindern über den Boten lachten, den Bräutigam... ich wäre doch begierig zu erfahren, ob ſeine Braut Bertha weiß, daß er ihren Ring zwei Jahre lang getragen hat, denn ich kann nicht glauben...“ In dieſem Augenblick ſtürzt Victor vor. Weder er, noch die beiden, die hier ihren Abſchied feierten, hatten bemerkt, daß ſchon ſeit mehreren Minu⸗ ten ein neuer Zeuge die Scene beobachtet hatte. Dieſer neue Zeuge war Bertha. Beim Anblick Victors hatte die junge Wittwe und ihr Geliebter ihrerſeits die Angſt der Ueberraſchung empfunden. Alle drei gedachten zu ſprechen. Aber es gelang Victor zuerſt das Wort zu ergreifen. „Madame,“ ſagte er mit ſehr würdevollem Ernſt, „ich glaube kein Recht zu haben Ihnen den mindeſten Vorwurf zu machen: wir haben gegenſeitig den In⸗ tereſſen von einander gedient. Ich war eines Tags Ihr 4 Spiel; Meine um m Ihre lich m. vollſter geliebt billig ſucht und ie feurige Hierau „, Weibe mein e das S 71 Laß m heftig Mathi Begrif 4 Verwir mählt inmal nmen Brief nie! offen gleich am... Braut lang ſchied Ninu⸗ Dieſer e und chung elang Ernſt, deſten In⸗ Tags 143 Ihr Poſtillon und ſpäter, wenn Sie ſo wollen, Ihr Spielzeug. Sie dienten mir auf eine andere Art. Meine beſprochene Verbindung war nicht eine Erdichtung, um mir in Ihren Augen ein Intereſſe zu geben und Ihre Befürchtungen einzuſchläfern; ich war wirk⸗ lich mit meiner Couſine verlobt, ich liebte ſie aus vollſtem Herzen. Aber ſie liebte mich nicht ſo, wie ich geliebt zu werden wünſchte; ich hielt es daher für billig, eine kleine Intrigue zu ſchaffen.— Die Eifer⸗ ſucht hat immer der Liebe auf die Beine geholfen— und ich kanu ohne Prahlen behaupten, daß meine Kur geholfen hat. Wäre ſie hier, ſo würde ſie es ſelbſt geſtehen.“ „Ich geſtehe es ungezwungen nnd der beſte Beweis iſt, daß ich Dir hierher gefolgt bin, um zu ſehen, was Du vorhatteſt.“ Bei dieſen Worten wandte ſich Bictor plötzlich um. Er ſah ſeine bezaubernde Couſine ſtrahlend von ſchalkhaftem Lächeln daſtehen. 3 Auf ſie zueilen, ihre Hand ergreifen und ihr einen feurigen Dank zuflüſtern, war das Werk einer Sekunde. Hierauf fügte er in einem neuen Geflüſter hinzu: „Erinnere Dich herrlichſtes von allen herrlichen Weibern, daß Du einmal ſagteſt: werde ich nicht ohne mein eigenes Zuthun verlobt, ſo werde ichs niemals... das Schickſal hat Dich jetzt beim Wort genommen.“ „Still— das wollen wir ſpäter abmachen... Laß mich jetzt ein Wort zu Richard ſagen, den ich...“ „Kein Urtheil ohne Vertheidigung, Bertha!“ ſagte heftig der ehemalige Schwager in spe. „Deine Schweſter weiß Alles, nur nicht, daß Mathilde ſeit drei Vierteljahren Wittwe iſt, und daß wir im Begriff ſtanden jetzt Abſchied von einander zu nehmen.“ „Mein Fräulein,“ ſtammelte Mathilde in tiefer Verwirrung,„ich war mehrere Jahre, bevors ich ver⸗ mählt worden, mit Richard verlobt.. und⸗ich habe 144 — außer drei Zuſammenkünften hier, welchen die Engel als Zeugen beiwohnen konnten— mir nichts gegen Ihre Schweſter vorzuwerfen.“ „Ich bin davon überzeugt... und ich weiß ja ſo gut wie Hilda... daß Sie Ihrem früheren Bräu⸗ tigam niemals das Familienkleinod zurückſandten, das, ſo lange Sie es behielten, das Unterpfand der Treue eines Gefühls ſein ſollte...“ „Mein Gott, ich höre, daß Hilda meinen Brief jetzt geleſen und ihn auch Dir mitgetheilt hat, aber ich habe ihre Antwort noch nicht erhalten. Die Hochſinnige verwirft mich ſicherlich— es iſt mir in dieſem Augen⸗ blicke, als ob es ſo ſein müßte.“ „Und ſo iſt es auch— ſie that es jedoch mit Ruhe, mit Beſonnenheit, wie Alles, was ſie in ihrem Leben that... aber einen Rath— ſie gab hiebei Victor einen Wink— gebe ich Dir und bitte Dich um unſerer alten Freundſchaft willen, daß Du ihn nicht verſchmähſt: reiſe augenblicklich aus der Gegend ab... doch dieß war ja ſchon vorher beſchloſſen... reiſe augenblicklich von dieſem verrätheriſchen Inſel⸗ chen ab.“ „Und ein Jahr von dieſem Tag an gerechnet,“ ſagte Mathilde ernſt, aber mit tiefer Zärtlichkeit in ihrer Stimme,„ſehen wir einander nicht mehr.. Richard leb wohl, Deiner Mutter Geſchenk, das Bild Deines Herzens— bleibt bis dahin wie früher mein Troſt.“ Sie enteilte leicht wie ein Vogel, und ohne noch eine andere Perſon anzuſehen, als Bertha, deren Herz ſie durch dieſe Beredtſamkeit gewann. Es Victor klärunge Der Stimme Bertha, gen.. in Zuku corrigire „TW meiner halten.“ 145 Es war ungefähr eine halbe Stunde ſpäter, als Victor und ſeine Couſine nach einigen nöthigen Er⸗ klärungen ihre Geſellſchaft aufſuchten. Der Rektor las noch immer mit ſeiner ſchönſten Stimme aus dem„Verſchleierten Propheten“ vor, und Hildas verſchleierte Augen ruhten gedankenvoll auf dem Vorleſer. Treue„Wie glücklich,“ flüſterte Victor,„daß Du, holde Brief Bertha, mit ſo großer Geiſtesgegenwart begabt biſt! 1 Hilda iſt durch Dich einem großen Schmerz entgau⸗ r ich gen...“ (nnige„Wie Du,“ antwortete ſie mit einem erinnernden ſugen⸗ Blick,„einer großen Niederlage.“ .„Zum Dank dafür widme ich Dir auch mein gan⸗ ch mit zes Leben.... Willſt Du mir verſprechen, daß Du dzrem in Zukunft Mama helfen willſt, meine Fehler zu corrigiren?“ „Wir wollen ſehen. Wenn ich einmal im Beſitz⸗ meiner 30,000 Reichsthaler bin, ſollſt Du Antwort er⸗ egend halten.“ Ende. Carlén, Binnen ſechs Wochen. 146 An meinen Verleger. Indem ich die letzte Correctur der kleinen Novelle zurückſende, deren Manuſcript ich am Schluß des Jahrs 1851 verkaufte, kann ich nicht unterlaſſen, dieſen Brief mitzuſchicken, deſſen Abſicht iſt öffentlich die Erkennt⸗ lichkeit auszuſprechen, die ich Ew. Wohlgeboren ſchulde. Als die Weihnachten des verfloſſenen Jahrs heran⸗ nahten, ſah ich mit bangem Beben dem Augenblick ent⸗ gegen, wo das abgelieferte Manuſcript zur Durchſicht ür den Druck zurückkommen ſollte. Aber ein ſolcher Augenblick kam nicht, und in Folge eines eben ſo ſel⸗ tenen als edeln Zartgefühls entging ich dem ſchneiden⸗ den Schmerz, unter den Weihnachtsannoncen dieſes Jahrs einen Weihnachtskalender von mir zu ſehen. Ich weiß nicht, ob irgend ein anderer Verleger auf dieſe Art gehandelt haben würde, aber das weiß ich— und jede Mutter, die ihren einzigen Sohn ver⸗ loren hat, weiß es mit mir— daß eine ſolche Hand⸗ lung anerkannt und hochgeſchätzt zu werden verdient, zumal in einer Zeit, wo das Geld beinahe Alles aus⸗ macht. tireinen Leſern ſage ich blos, daß, wenn dieſe un⸗ bedeutende Arbeit nicht geſchrieben geweſen wäre, ſie wahr⸗ ſcheinlich jetzt nicht mehr geſchrieben worden wäre. Aber 4½ Tags werde ich pielleicht wieder von zmir hören läſſen. Stockholm, den 24. November 1853. Emilie Carlén.