J 2 —--==— G Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, ſ Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ALeih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die B Zibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 3 7 Ühr bis Abends 8 Uhr offen. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von l fedan Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun ſfe den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, eines Buches, eine dem Werthe deſſelben hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe v — 1 y— † bei Entgegennahme entſprchende Summe on mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 2 3 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 13 auf 1 Monat: 1 Mk.— 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.—— Pf. 7 35 3— 4 2 Auswärtige Abonne enten haben für Hin⸗ und Zurüickſendung er Wüͤchor auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für be ſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ac.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver loreno oder defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, das das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die ſelben von mir E aülichen, auch daſhir 1 ſtehen häten. — — — Emilie Flpgure-Curlön's ſämmtliche Romane. —=E— 4, . * Supplement: Emma's Herz. 4 4 Dritte Auflage. 4 Leipzig,* Verlag von Chriſtian Ernſt Kollmann. 1856. — — Rem an on „„ Emilie ℳ Carle Emilie Twgare Carlen. ⸗ Aus dem Schwediſchen von . E. Eichel. 3.„ Oritte Auflage. Zweiter Thett. 8 fn 7 Leipzig, Verlag von Chriſtian Ernſt Kollmann. — 1856. — B——6-ↄſ— J. Die Anzüge. Donnerſtag Vormittags ſaß Emma ganz einſam in ihrer Stube und putzte mit einer Scheere die hervorſtehenden Fäden von dem fatalen Gewebe ab, das ſie nun aus dem Webſtuhl ge⸗ nommen hatte. Ihre Gedanken waren mit ihrem gewöhnlichen Gegenſtand beſchäftigt— mit Eduard. Sie freute ſich, daß ſie wieder zwei Tage in ſeiner Geſellſchaft zubringen würde; denn Sonnabends war Johannisvorabend, und an dieſem Tage ſammelten ſich alle Bewohner des Hammerwerks, Hohe und Niedere, auf dem Herrenhof, um den Maibaum zu umtanzen. Und da dies das erſte Johannisfeſt war, welches der junge Graf in Bes zubrachte,— außerdem aber auch ſein Namenstag Adolf— ſo hatte die Gräfin Veranſtaltung getroffen, daß ſich die jungen Leute aus den höhern Ständen maskiren ſollten, um ihren Sohn damit zu überraſchen. Man hatte keinen Ball für die Herrſchaft veranſtaltet, weil das Volk in dem großen Saal des einen Schloßflügels, der Gerichtsſaal genannt, tanzen ſollte: und zum Muſiker dazu hatte man einen buckligen Fröh⸗ nersſohn, Nils oder Normans Niſſe genannt, der ſich durch Harfenſpiel auszeichnete, gedungen. Am Johannistage dagegen ſollte in der Pfarre die förm⸗ liche Verlobung gefeiert werden. Und dazu waren eingeladen: erſtens alle Standesperſonen auf dem Hammerwerk— auch die gräfliche Herrſchaft?— das verſteht ſich von ſelöſt Zwei⸗ Emma's Herz. II. tens alle umherwohnenden Standesperſonen, als der Rittmeiſter Bem, der Major Ve, der Director P'', der Bergwerksbeſitzer Eer und mehrere Andere, nebſt Frauen, Kindern, Informato⸗ ren, Gouvernanten, Geſellſchaftsmamſellen, fremden Studenten und dergleichen Anhang. Drittens eine Menge lediger Perſo⸗ nen, d. h. ohne Anhang und Schlepptau, wie Offiziere, Se⸗ kretaire, Landmeſſer, Künſtler, Schullehrer u. ſ. w. Man kann ſich leicht vorſtellen, was ſich daraus für ein Gedränge, Gewimmel und Geräuſch entwickeln mußte. Um ſo viele junge Leute zu ergötzen, hatte der Pfarrer vier Muſiker von dem oſtgothiſchen Regiment beſtellt, die ſich auf Tanzmuſik wohl verſtanden, und ſchon im Voraus auf das herrliche Bier in der Pfarre freuten. Während Emma mit der lebhaften Phantaſie eines ſiebzehnjährigen Mädchens an die Annehmlich⸗ keiten dieſer beiden Feſttage dachte und nur den Wunſch hegte, daß ihre liebe Julie, mit welcher ſie faſt an jedem Poſttage Briefe wechſelte, daran Theil nehmen könnte, klopfte es ſo laut an ihre Stubenthür, daß ſie ganz erſchrocken ihre Scheere zu Boden fallen ließ; darauf hörte ſie vor der Thür ein lautes Gelächter. Sie ſprang auf, um zu öffnen— Emilie Ros⸗ man, von ihrem Bruder, dem Magiſter, begleitet, ſtand drau⸗ ßen. Während Emilie Emma umarmte, wollte ſich ihr Bruder unter artigen Verbeugungen deshalb, daß er mit ſeiner Schwe⸗ ſter gekommen war, entſchuldigen; aber Emilie ließ ihn nicht zum Sprechen kommen, ſondern rief ſogleich:—„Ja, liebe Emma, ich mußte Wilhelm mitgehen laſſen, ſonſt hätte ich nie wieder Gnade vor ſeinen Augen gefunden. Ich begegnete ihm in der Allee, als ich hierher ging; er fragte mich, wohin ich ginge, und als ich ihm antwortete:—„zu einem Mädchen“— da hätteſt Du ſehen ſollen, wie ſeine Augen durch die Brille funkelten.:——„Schäme Dich, daß Du ſo ſchwatzeſt,“— unterbrach Wilhelm ſeine Schweſter—„ich wußte ja, daß Du zu Manſell Hilbert gingſt.“ 1———-—.S ———-——9 2 — „Du weißt doch⸗— ſprach Emilie, indem ſie ſich ſetzte, zu Emma:—„Du weißt doch, daß übermorgen Johannis⸗ vorabend iſt?“—„Warum ſollte ich dies nicht wiſſen?— „Biſt Du zur Gräfin Lungelndene„Ja wohl.*„Ge⸗ denkſt Du Dich zu maskiren?⸗„Ei ja.“— Nun, das gedenken wir auch zu thun, denn der alte Broberg ſagte, als er bei uns im Hauſe war und uns einlud, daß es die Gräfin wünſche. Wie wirſt Du Dich denn kleiden?„Ich weiß es noch nicht beſtimmt“ erwiederte Emma.—„Ich mücht mich gern als Wahrſagerin koſtümiren, wenn ich nur ein paſſendes Coſtüm hätte“— verſetzte Emilie.—„Niemand von den Mäd⸗ chen daheim weiß, wie ich mich boſtümiren werde, während ich die Masken der Uebrigen an meinen fünf Ninnern herzählen kann. Hör' an! Guſtava geht als Dal Wneri; ihr Bräuti⸗ gam See, der heute Abend ankommt, als Dalbauer; Henriette als Fee, Clara als Nonne, Jenny als Schäferin, Friedrich a als Dorfſchneider, Magiſter Aut als Troubadour und Albert als udhe Dnentnades bchee, mein linoſter Bruden, als Eveline ſoll als Türkin gekleidet Lenah wir nähen ihr ein allerliebſtes Coſtüm von dem blauen Tibetkleide der Mama mit Silberſpitzen und Bändern zuſammen; ſie ſieht ſo wunderhübſch in dieſem Anzug, daß man ſich ordentlich in ſie verlieben kann. Die beiden Magiſter daheim ſagen, Eveline würde eine voll⸗ kommene Schönheit, und daſſelbe ſagt auch Bruder Friedrich — aber ich glaube es nicht. Doch— das iſt Lapperei— ehe ſie ſechzehn oder ſiebzehn Jahre alt wird, bin ich zwanzig und etliche Jahre und dann werde ich wohl eine Frau ſein, ſo Gott will; mögen dann meine Schweſtern und alle Mädchen in der Nachbarſchaft ſo ſchön ſein, wie Venus ſelbſt— das ſoll mich nicht bekümmern.— Nun, wie weit war ich denn mit den Anzügen?— Ja, Du mußt wiſſen, daß Wilhelm, der wie ein ſchlauer Fuchs daſitzt, ſich eine Maske gewählt hat, 1* ——õ. die er gewiß meiſterhaft durchführen wird. Er will als alter Hofjunker aus Guſtavs des Dritten Zeit mit Krauſe und Manſchetten, mit Puder und Pomade gehen— ich höre und ſehe Dich ſchon im Voraus, Wilhelm.“—„Ja, gewiß hörſt und ſiehſt Du mich“— erwiederte ihr Bruder.—„Ach ja, aber als Hofjunker— wiederholte die unaufhörlich ſchwatzende Emilie.—„Alſo nun weißt Du, Emma, daß es entſchieden iſt, wie Alle ſich kleiden werden; einige Coſtüms haben wir ſchon aus früherer Zeit her, mehrere haben wir in der Stadt gemiethet und etliche flicken wir ſelbſt uns zuſammen. Wenn Du Dir nur denken könnteſt, welcher Lärm und Tumult in unſerm Hauſe herrſcht. Alle Stuben ſehen wie Kleiderſchränke aus, ſo daß der Papa nicht weiß, wohin er ſich ſetzen ſoll, wenn er in ein Zimmer tritt. Die Mama bittet Gott, daß er ihr das Gehör erhalten möge, denn Alle ſchreien auf ſie los:—„Wir brauchen rothe Seide, grüne Seide, Golddraht, Chenille!— Liebe Mama, gute Tante, beſte Frau Pfarrerin, leihen Sie mir ein wenig alten weißen Flor, mir ein paar Schuhſchnallen, mir einen Fächer“ u. ſ. w.— Und die arme Mama, welche die Güte ſelbſt iſt, hat nur immer herumzulau⸗ fen und Sachen zuſammen zu ſuchen— und obwohl ſie ein großes Magazin von ſolchen alten Sachen hat, ſo will es doch nicht ausreichen.— Weißt Du übrigens, Emma, daß auch ſogar die kleine Alfonſine ihr Koſtüm bekommt?— Sie wird als Genius mit kleinen Flügeln gekleidet. Die Flügel hat mein zukünftiger Schwager zu machen verſprochen; er verſteht ſich darauf, wie er ſagt, Gott gebe nur, daß der Herr Schwager ſelbſt nicht etwa Flügel hat; wehe ſonſt der armen Guſtava! dann flatterte er wohl nach etlichen Jahren von ihr fort und buhlte um andere Blumen. Es geht eine Sage hier zu Lande, daß die Männer in Stockholm ihren Weibern nicht länger als ein Jahr treu ſind; manche ſagen ſogar, nur einen Monat oder eine Woche. Aber das mag wohl blos Malice ſein. —— er ½„———.—S Hß—, ——— ⏑˙—— Q„ db ι — — Nicht wahr, Emma?— Du mußt es doch wiſſen, da Du ſo lange in Stockholm geweſen biſt?“— Emma erwiederte lä⸗ chelnd, daß ſie keineswegs über alle Familien in Stockholm Rechenſchaft geben könne; daß jedoch zwiſchen ihrem Onkel und ihrer Tante die vollkommenſte Harmonie herrſche und daß ſie in den Familien, mit welchen ſie Umgang gehabt, nie etwas Anderes, als Eintracht und Friede zwiſchen Gatte und Gattin gefunden habe.—„Ja, Eintracht und Frieden, das glaube ich wohl’— fiel Emilie ein—„weil die armen Hausfrauen den Männern Alles zu Gute halten müſſen, wenn Ruhe und Frieden herrſchen ſoll. Doch— gleich viel— ich gedenke mich nicht nach Stockholm zu verheirathen. Aber wie komme ich nur immer ſo ganz und gar von unſern Anzügen ab?— Ja, nun weißt Du wohl, daß nur noch die Anzüge für mich und Bruder Ferdinand fehlen. Dem Herrn Bruder haben wir den Anzug eines Türken zugedacht, und dazu paßt er auch, denn er regiert wie ein Türke, ſagte unſere alte Kindermagd Greta oft von ihm. Aber mit mir erheben ſie tagtäglich ein entſetzliches Halloh daheim und beſtürmen mich mit Fragen, wie ich mich koſtümiren werde, warum ich nicht an meinem Anzug nähe und warum ich ſo ruhig und gelaſſen bin, was ſonſt meine ſchwache Seite nicht iſt. Aber ich ſchweige und laſſe ſie ſchwatzen. Nun weiß ich aber, daß Deine Tante, Mamſell Oliveblad, alte Korſetts und Röcke, Aufſatzmützen, Schuhe mit hohen Hacken und dergleichen beſitzt; und um mir davon das zu einer Wahrſagerinmaske Paſſende zu borgen, des⸗ halb bin ich heute hergekommen. Glaubſt Du, daß ich ſie darum bitten darf?“—„Ich glaube kaume— erwiederte Emma—„denn meine Tante iſt ſonſt gut und gefällig, aber ſie verborgt nicht gern, und wer von ihr borgen will, iſt nicht willkommen; denn ſie iſt ungemein pünktlich und beſorgt um ihre Sachen.“—„Dann darf ich ſie alſo nicht bitten⸗— ſprach Emilie betrübt.—„Nun, ſo will ich ſie bitten,“— fiel ihr Wilhelm ins Wort—„laß mich mit der alten Frau ſprechen. Ich will ihr pro primo ſagen, daß ſie unmöglich älter als ſechs und dreißig Jahre ſein kann, denn ſie ſieht noch ſehr gut aus.——„Mein Gott“— rief Emma ängſtlich—„iſt das wohl erlaubt, eine alte Frau ſo närriſch zu machen?⸗—„Ich mache ſie nicht närriſch, meine Gnä⸗ dige“— erwiederte Wilhelm—„aber eine alte Manſell“ —„Nun wohl“— unterbrach ihn Emma—„iſt eine alte Mamſell nicht aller Achtung werth, wenn ſie ſich anſtändig und tadellos benimmt?— Als ob der Name Frau eine Perſon achtungswerther machen könnte.“—„Ei, allerdings thut dies ſehr viel zur Sache“— verſetzte Wilhelm—„aber laſſen wir dies jetzt. Ich will ſchon Etwas erſinnen, was in den Ohren der Alten angenehm klingen ſoll, ſo daß ich ihr Liebling werde, ehe ich noch meinen Wunſch hinſichtlich der Kleider ausgeſprochen habe. Erſt rede ich mit ihr von dem trüben regneriſchen Wetter, das einige Tage gedauert hat; dann komme ich auf den Einfluß, den daſſelbe auf einen alten— nicht doch— auf einen kranken Körper haben muß. Hernach ſchnupfe ich mit ihr und lobe ihren Schnupftabak, nicht zu ver⸗ geſſen ihre Doſe. Sodann leite ich unmerklich das Geſpräch auf das Eſſen und behaupte, daß kein Menſch in ganz Schwe⸗ den ſo delicat kochen kann, wie Mamſell Oliveblad, und ſor ———„Nun, ſo geh, Du Lärmmacher“— rief Emilie und ſtieß ihn in den Rücken—„aber komm nicht ohne den Anzug oder wenigſtens ohne das Verſprechen, daß ich denſelben kriegen ſoll, zurück, ſonſt ſchlage ich Dir Deine Brille entzwei.“ — Wilhelm ging. „Aber liebe Emma“— ſprach Emilie, nachdem ſich ihr Bruder entfernt hatte—„Du ſollteſt Dich als Flora koſtü⸗ miren— es giebt jetzt ſolche herrliche Blumen; o, wie ſchön würdeſt Du ausſehen!— Allein Emma erklärte, daß ihr dieſe Maske zu anſpruchsvoll vorkäme und daß ſie lieber einen —,— 7 1 Tyroleranzug benutzen wolle, den ſie ſchon in Stockholm auf 1 einem Maskenball getragen hätte. Indem Emilie den Anzug t zu ſehen verlangte, machte ſie die Bemerkung, daß Emma ſehr niedergeſchlagen ſchien. Allein Emma verſicherte, daß ſie ſehr heiter ſei und ſich durch den Gedanken an die beiden bevor⸗ 2 ſtehenden Feſttage und durch den gegenwärtigen Beſuch ihrer. 8— Freundin noch heiterer geſtimmt fühle. Emilie umarmte ſie e und rief:—„Herr Gott, wie lieb' ich Dich! Ach, wenn Du unſern Wilhelm ſo lieb hätteſt, ſo würden wir gewiß Schwä⸗ 3 gerinnen. Aber ſieh, Du wirſt eine Gräfin werden.“—„Eine 8 Gräfin!“— rief Emma hocherröthend.—„Ja“— fuhr 3 Emilie fort—„das iſt gar nicht unmöglich, denn Alle kön⸗ n nen ja ſehen, wie verliebt Graf Eduard in Dich iſt.“—„Um r Gotteswillen, Emilie“— bat Emma mit glühenden Wangen 8—„rede nicht ſolche Sachen.“—„Nun, erſchrick nur nicht ſo m ſehr“— verſetzte Emilie.—„Es ſchadet ja nicht, wenn man bei Hohen und Niedern beliebt iſt. Wer kann wiſſen, was geſchieht?— So viel weiß ich, daß ſich Graf Eduard nicht um überall für die Braut des Grafen gilt.“— Emma öffnete ihren Kleiderſchrank, und während ſie aus 6 den darin hängenden Kleidern, Röcken und Tüchern den Ty⸗ roleranzug nebſt Zubehör hervorſuchte, fuhr Emilie fort:— „Ja, ja, Einige werden vornehm in der Welt, allein ich für meine Perſon will nicht ſo hoch fliegen, ich will mit dem be⸗ ſchränkten Loos zufrieden ſein, Frau des Comminiſters*) hier am Hammerwerk zu werden.—„Was ſagſt Du?“— vief Emma, erfreut, daß ſich das Geſpräch von Eduard weggewen⸗ det hatte.—„Der hieſige Comminiſter iſt ja ſchon verheira⸗ —,— *) Commiaister in Schweden der zweite Prediger nach dem Paſtor an einer Kirche, d. i. Diakonus. thet.“—„Wenn er auch unverheirathet wäre⸗⸗— verſetzte Emilie—„den will ich gewiß nicht haben. Er kann doch aber nicht Zeitlebens Comminiſter bleiben; ich hoffe vielmehr, er wird bald ein Paſtorat erhalten und dann— wenn der Magiſter Aus Comminiſter würde! Weißt Du wohl, Emma, ihn oder keinen Andern will ich zum Manne haben. Das habe ich auch dem Papa ſchon geſagt.— Geſtern rief mich der Papa nämlich in ſeine Stube, damit ich ihm den Kragen in Ordnung bringen ſollte, denn ich bin allemal diejenige, die ihm helfen muß, und(unter uns geſagt) ſein Goldtöchterchen. Nun, da paßte ich die Gelegenheit ab und ſagte:—„Ach, wer doch auch ſo glücklich wie Guſtava wäre und am Johan⸗ nisvorabend verlobt würde!— Der Papa lachte.—„Darf ich denn nicht auch heirathen, Papa?— fragte ich ihn. Er ſah mich erſtaunt an.—„Ei ja, gewiß darfſt Due— ſprach er dann—„wenn Du nur erſt einen ehrenwerthen paſſenden Bräutigam haſt.“—„O, den hätte ich wohl!“— meinte ich.— „So!”“— ſagte er—„das iſt mir wirklich eine Ueberraſchung. Habe ich denn die Ehre, den Herrn Bräutigam zu kennen?“— „O ja wohl, Papa; es iſt kein Anderer, als der Magiſter A⸗*.“ —„Der Magiſter A⸗*? Raſeſt Du?“— fragte er.— „Nein, nein; es iſt mein voller Ernſt, ich will nie einen an⸗ dern Mann haben, als ihn.—„Du willſt alſo einen armen Hülfsprediger heirathen?“—„Ein armer Hülfsprediger kann bald Comminiſter werden, lieber Papa, beſonders wenn der Magiſter Ars Comminiſter hier am Hammerwerk wird anſtatt des jetzigen Comminiſters; denn der letztere muß doch nun bald Pfarrer werden.“—„Es iſt ungewiß“— ſagte der Papa—„ob Ars Comminiſter oder ſonſt Etwas oder über⸗ haupt mehr, als er jetzt iſt, werden wird. Ein junger Mann von fünfundzwanzig Jahren, der erſt ſeit anderthalb Jahren Hülfsprediger iſt, muß ſehr unbeſonnen ſein, wenn er einem kindiſchen Mädchen die Idee in den Kopf ſetzt, daß er verliebt 2—, 2——,— 9 in ſie iſt. Das will ich ihm doch ſagen, ſobald ich ihn treffe.“ —„Nein, um Gotteswillen nicht, lieber Papa!“ rief ich und fiel ihm um den Hals—„ſage ihm ja kein Wort davon, denn er weiß ja nicht das Geringſte; ich betheure bei Allem, was mir heilig iſt, daß er mir nie ein Wort über dieſen Ge⸗ genſtand geſagt hat.”“—„Dann biſt Du es alſo, die um ihn freit?— ſagte der Papa.—„Das iſt hübſch.“— „Nein, Papa, das habe ich nicht nöthig, ich weiß ſchon, daß er mich liebt und daß er kein größeres Glück wünſcht, als mich zur Gattin zu haben— ſeine Augen haben mir das tauſend⸗ mal geſagt.“—„Er hat alſo ſprechende Augen“— fiel der Papa lachend ein—„nun, und die Deinigen?— Waren ſie ſtumm?— Oder wie?— Ich erröthete, das fühlte ich, denn mein ganzes Geſicht glühte und ich verbarg es an des Papa's Bruſt.—„Tauſend, das muß ich ſagen“— fuhr er nun in demſelben ſcherzenden Tone fort—„das Mädchen hat ſich auf die Studien gelegt. Erinnerſt Du Dich noch, als Du franzöſiſch lernen ſollteſt, wie langſam es ging; da hatteſt Du weder zum Leſen noch zum Sprechen einer fremden Sprache Luſt, und jetzt ſprichſt und lieſeſt Du ſogar die Augenſprache. Wer hat Dich das gelehrt, Mädchen?“—„Ich weiß es nicht, Papa,“— antwortete ich.—„Du weißt es nicht? Nun ſo will ich Dir ſagen, daß Du Dein Studium noch auf einige Jahre aufſchieben kannſt, denn Du biſt noch zu jung dazu.“ —„Zu jung, Papa, ich bin ja volle achtzehn Jahre.“— „Ei, das iſt kein Alter, wenn man noch ſo muthwillig und kindiſch iſt, wie Due— ſagte er.—„Aber das ſage ich Dir“— fuhr er in ernſtem Tone fort—„ich werde künftig ein wachſames Auge auf Dich und auf den Magiſter A⸗ ha⸗ ben, und bemerke ich nur die kleinſte Liebesintrigue zwiſchen Euch, ſo muß er ſofort aus dem Hauſe. Darnach richte Dich und verlaß mich jetzt.“—„Nein, jetzt nicht, da der Papa böſe iſt— rief ich weinend und hielt ihn beim Rock feſt 10 —„der Papa muß mir verzeihen, eher gehe ich nicht von der Stelle. Ich bin ja Papa's gute unſchuldige Emilie, die nie etwas Unrechtes gethan oder gedacht hat und ihren guten Va⸗ ter nie abſichtlich erzürnen will. Ich verdiene keine Strafe für mein Vertrauen zu dem Papa, ich hätte ja Alles verſchwei⸗ gen können— aber das will ich nicht, denn ich habe noch nie einen Gedanken gehegt, den ich nicht einem ſo guten Vater offenbaren konnte und mußte. Und Papa ſelbſt hält ja ſo viel vom Magiſter A⸗, warum ſoll ich denn nicht auch finden, daß er liebenswürdig iſt?— Lieber Papa, ſei nicht böſe auf mich und noch weniger auf ihn, denn er iſt ohne Schuld. Es iſt ja ſehr verzeihlich, daß ich ihm gefalle, denn ich bin immer heiter und munter und auch nicht häßlich, das weiß ich. Und iſt es nicht lobenswerth, daß er mir ſeine Liebe verbirgt, ſo lange er noch keine Hausfrau verſorgen kann? Es iſt doch nicht ſein Fehler, daß ich in ſeinen Augen leſe, aber— zeige mir einen jungen Mann, der an einem Mädchen Gefallen fin⸗ det und es nicht mit einem Worte verräth. Wegen dieſer Zu⸗ rückhaltung ſollte ihn der Papa eher hochachten und ſchätzen. So denke ich, und wenn ich verkehrt denke, ſo vergiebſt Du mir gewiß, Papa. Vergieb den Irrthum der Jugend; Papa ſelbſt iſt ja auch jung geweſen, und Papa ſelbſt ſagt ja immer, daß Jugend und Weisheit nie beiſammen ſind.“— Da um⸗ armte mich der Papa, küßte mich auf die Stirn und verſicherte, daß er weder auf mich, noch auf den Magiſter böſe ſei.— —„Fahre fort, mein theures Kind“— fuhr'er dann fort— „ſtets Vertrauen zu Deinen Eltern zu hegen, denn Niemand auf Erden, als ſie, kann zärtlicher an Deinem Wohl oder Wehe Theil nehmen; doch“— fügte er hinzu—„muß mir meine liebe Emilie verſprechen, ſich die albernen Liebesgrillen aus dem Sinn zu ſchlagen.“—„Ich dachte, dieſe Grillen wären nichts weniger als dumm, aber dennoch verſprach ich dem Papa, mir dieſelben aus dem Sinn zu ſchlagen, obgleich mein Herz ganz anders ſprach. Er umarmte und küßte mich nochmals, und wir ſchieden als die beſten Freunde von der Welt. Ach, Emma, wenn Du wüßteſt, welchen guten Vater ich habe! Aber wenn er ſeine ernſte Miene annimmt, dann iſt wahrhaf⸗ tig nicht mit ihm zu ſpaßen. Und ſeine Drohung hat ſo viel bei mir gewirkt, daß ich von nun an den Magiſter Ar⸗ ver⸗ meide, weil ich fürchte, daß ich gegen meinen Willen die Au⸗ genſprache mit ihm ſpreche oder leſe.”— Den Tyroleranzug auf dem Arme hatte Emma ſchweigend der Erzählung Emiliens zugehört. Erfreut, daß ſie dadurch Gelegenheit fand, ihre eignen Gedanken zu zerſtreuen, heftete ſie ihre Aufmerkſamkeit mit lebhaftem Intereſſe an jedes Wort, welches ihre Freundin ſprach. Als Emilie geendigt hatte, ſprach Emma:—„Aber wie konnteſt Du ſo kindiſch ſein, Emilie, und Deinem Vater ſolche Sachen vorſchwatzen? Schämſt Du Dich nicht Deiner Einfalt, vorzüglich da Dir der Magiſter ſeine Liebe nie erklärt hat?—„Nein, warum ſollte ich mich denn ſchämen?— fragte Emilie.— Mein Herz hat nie einen Gedanken gehegt, deſſen ich mich zu ſchämen brauche; und da der Allwiſſende darin lieſt, warum ſoll nicht auch mein Vater darin leſen?“— Emma erröthete bei dieſen Worten der liebenswürdigen Emilie und ſchlug die Augen nieder. Eine Erinnerung an Eduard ſagte ihr, daß ſie ihrerſeits manchen Gedanken hege, den ſie zwar nicht vor dem Allmächtigen ver⸗ bergen konnte, den ſie aber um Alles in der Welt ihrem Va⸗ ter nicht mitgetheilt hätte. „Iſt es nicht wahr, gute Emma“— fuhr Emilie fort— „daß jeder Menſch einen Vertrauten braucht, dem er mittheilen kann, was in ſeinem Innern vorgeht? Wie unrecht iſt es alſo, ſolche Vertraute zu wählen, die nicht klüger als wir ſelbſt ſind und die uns trotz des beſten Willens durch Unerfahrenheit und Unverſtand irre leiten können. Nein, beſſer iſt es, ſich einen Vertrauten zu wählen, von dem man weiß, daß er unſer 12 Beſtes will und kennt. Dieſe Regel haben meine Schweſtern und ich von Kindheit auf befolgt. Guſtava und Jenny ver⸗ trauten der Mama Alles an, mein Vertrauter aber iſt ſtets der Papa geweſen, der auch ſeinerſeits auf mich und auf mei⸗ nen älteſten Bruder am meiſten unter allen ſeinen Kindern hält, obwohl er nie zeigen will, daß er einen Unterſchied zwiſchen uns macht.“— Bei dieſen Worten ſeufzte Emma tief. Dieſe vertraute und zugleich verſtändige Freundin, der ſie ohne Furcht alle ihre Gedanken und Gefühle mitzutheilen wagte, war gerade das, was ihr fehlte, und ſeit dem Tage, an welchem ſie Eduard zum erſten Mal ſah, hatte ſie nicht den Muth gehabt, Jemand zu dieſer Rolle auszuwählen. Früher hatte ſie Julie alle ihre Gedanken, Gefühle und Wünſche mitgetheilt; aber von dieſem Tage an fühlte ſie, daß ſie Gedanken und Gefühle hege, die ſie Niemand mittheilen wollte; und bitter hatte ſie oft dieſe Leere gefühlt, dieſes ſeltſam peinliche Gefühl, das Herz ſo voll zu haben, daß es ſich in Worte zu ergießen wünſcht, und ſich doch mit bloßen Seufzern und mit der einſamen Natur begnü⸗ gen zu müſſen. „Nun, laß mich Deinen Tyroleranzug ſehen“— ſprach Emilie weiter.—„Ei, er iſt ja recht ſchön, und wie hübſch wird Dich der kleine Hut kleiden. Setze den Hut einmal auf, damit ich ſehe, wie er Dir läßt. Ei, wie biſt Du hübſch! Wäre ich ein Jüngling, ich würde mich ſofort in Dich verlie⸗ ben. Gott bewahre übermorgen den Grafen und meinen Bru⸗ der mit der Brille“——— „Und den Magiſter A*⸗— unterbrach ſie Emma lachend. „Ah— mit dem hat es keine Gefahr“— erwiederte Emilie—„er darf Niemand liebenswürdiger finden, als mich. Aber zieh Dir einmal das ganze Koſtüm an, ich will ſehen, wie es Dir paßt.—. „Was ſprichſt Du?“— verſetzte Emma—„ich kann — 2—— 13 mich doch nicht hierherſtellen und anziehen, während Dein Bruder jeden Augenblick zurückkommen kann.“— „Nun ſo zieh es gleich über Deine Kleider an. So— ei ſieh— das iſt ja recht nett. Laß mich doch auch einmal ſehen, ob es mir paßt; ich glaube gewiß, denn wir ſind von gleichem Wuchs.— Nein, ſo geht es nicht; ich bin breiter in den Achſeln und Du biſt breiter an der Bruſt. Im Uebrigen — glaube ich— ſind wir Beide geſchaffen, um vertraute Freundinnen zu werden, denn wir ſind gleich groß, gleich alt, obwohl ich ein Jahr älter bin, ſo biſt Du dagegen um ein Jahr klüger; wir haben auch gleiche Namen, denn Emma und Emilie ſind faſt eins und daſſelbe.— Aber was haſt Du für einen weißen Hals, er iſt gewiß weißer als der meinige, obwohl ich den weißeſten Hals unter allen Mädchen unſeres Hauſes habe. Komm hierher an den Spiegel, wir wollen einmal vergleichen,— ah— Gott weiß es, ich glaube, beide ſind gleich.— O Gott, wie lieb habe ich Dich, wenn Du mich nur eben ſo lieb hätteſt!“ Emma umfaßte das liebe Mädchen und verſicherte, daß ſie Emilien ſehr, ſehr lieb hätte. Die beiden blühenden Schönheiten ſtanden jetzt dem Spiegel gegenüber und küßten ſich wie zwei Turteltauben, als Wilhelm ins Zimmer trat und auf den Armen und in den Händen alle Attribute einer alten Frau des vorigen Jahrhunderts trug. Die Mädchen wurden ihn nicht ſogleich gewahr, weil er ſich leiſe durch die Thür geſchlichen hatte; er konnte ſie daher ei⸗ nige Augenblicke unbemerkt mit Vergnügen betrachten.—„Gilt dieſes Spiel auch mir mit?“— fragte er nach einer Weile —„ſo laßt mich auch Theil daran nehmen.“— Die Mäd⸗ chen ſahen verdrüßlich aus, als ſie ſich ſo überfallen fanden, denn ſie wußten nicht, ob Wilhelm ſchon länger im Zimmer war und ihr kindiſches Geſchwätz mit angehört hatte. Aber Emilie, die ſogleich die Maskenkleider auf ſeinem Arm gewahrte, flog ihrem Bruder mit einem Freudenruf um den Hals und rief:—„Dank, großen Dank, guter Wilhelm! Du biſt doch ein herrlicher Junge.“— Alles war vollkommen nach Wunſche und Emilie war außer ſich vor Freude.—„O, was werde ich für eine herr⸗ liche Wahrſagerin werden!— rief ſie.—„Ich pudre mir das Haar, ſo daß es grau ausſieht; einige Zähne beſtreiche ich mit Gummi, ſo daß es ausſieht, als ob ſie fehlten; auch nehme ich Etwas in den Mund, damit ich beim Sprechen⸗ ſchnarre. Uebrigens will ich mir das Geſicht ſo gelb malen, daß es ausſehen muß, als wenn ich von eitel Kaffeeſatz lebte. Ja, ich wette, daß mich Niemand erkennen ſoll.“— Wilhelm beſchrieb nun, wie er Tante Gertrud beſchwatzt und welche Mühe er angewendet hatte, um ſie dahin zu brin⸗ gen, ihm ihre alten Kleider zu leihen. In dieſem Augenblicke gewahrte er einen Gürtel Emma's, welcher auf dem Tiſche lag.—„Was iſt das?— frug er.—„Ein Gürtel⸗— antwortete Emma.—„Aber wie iſt es wohl möglich, daß Mamſell Hilbert ſo ſchlanken Leibes iſt? das kann nicht ſein.“ —„O ja, der Gürtel iſt weit genug.⸗—„Das muß ich verſuchen.“— Er legte den Gürtel um Emma'’s Leib, und fand zu ſeinem Erſtaunen, daß derſelbe hinlänglich weit war. Aber in demſelben Augenblick, in welchem Wilhelm ſeinen Arm um Emma's Leib gebogen hatte, um den Gürtel darum zu legen, ging Fridolf vor dem Fenſter vorüber und blickte in das Zimmer, ohne daß er von den darin befindlichen Per⸗ ſonen bemerkt wurde. Zugleich fügte es der Zufall, daß ſich Emilie ſoeben in einem Winkel niedergebückt hatte, um einen der feuerrothen Schuhe mit hohen weißen Abſätzen, die zu ihrem geliehenen Koſtüm gehörten, anzuprobiren; Fridolf ſah daher Niemand, als Wilhelm und Emma und eilte, um von ihnen nicht geſehen zu werden, ſo ſchnell er konnte, davon, mit der Ueberzeugung, daß ſein Nebenbuhler Emma umarmt habe. 15 Mit aller Raſerei der Eiferſucht im Herzen, lief er in den entlegenſten Gängen des Parkes auf und nieder. Hilbert, der nicht wußte, wohin derſelbe ſeinen Weg genommen hatte, erwartete ihn vergebens auf dem Comptoir. Wilhelm Ros⸗ man, der mehrere Jahre hindurch ſein beſter Freund geweſen war, war ihm nun Emma's wegen verhaßt und nach ſeiner Anſicht ſein ärgſter Feind. Emilie brannte vor Neugierde, ihr Wahrſagerkoſtüm ihren Angehörigen zu zeigen; ſie nahm deshalb bald Abſchied von ihrer Freundin, obwohl ihr Bruder gern noch länger dageblie⸗ ben wäre. Emma nahm ihren Hut und begleitete ihren Be⸗ ſuch durch den Park. Indem ſie gingen, bot der Magiſter einen Arm Emma und den andern ſeiner Schweſter, welche jedoch— da ſie die zahlreichen Kleidungsſtücke zu tragen hatte — vorzog, allein zu gehen. So gingen ſie langſam an einer Ecke vorüber, hinter welcher Fridolf ſtand und durch die Zweige lugte. Noch beſchäftigte die Urmarmung, die er kürzlich erſt geſehen, ſein aufgeregtes Gemüth, und nun ſah er Emma an dem Arm ſeines Nebenbuhlers. Armer Fridolf! Nur wer die Qualen der Eiferſucht kennt, vermag ſich vorzuſtellen, was er litt. Am Ausgang des Parks verließ Emma ihre Freundin und deren Bruder und kehrte langſam nach ihrer Wohnung zurück. Fridolf, der ſie von weitem erblickte, machte einen Umweg, um ihr nicht zu begegnen. Er lief in der finſterſten Laune in den ſchönen gewölbten Gängen des Parkes hin und her, vergaß den Inſpector, das Comptoir und die Fluth von Vorwürfen, die er wegen ſeines Außenbleibens zu erwarten hatte, und dachte nicht einmal an einen Vorwand, womit er daſſelbe be⸗ mänteln konnte. Dagegen ſuchte er nach einem Vorwand, um von den beiden Johannisfeſtlichkeiten wegzubleiben, da er ſich nicht in der Laune fühlte, an ſolchen geräuſchvollen Feſt⸗ lichkeiten Theil zu nehmen. Unterdeſſen wurde im gräflichen Schloſſe Alles zu den be⸗ vorſtehenden Feſten vorbereitet. Alle Edelleute und Standes⸗ perſonen der Gegend waren zur Theilnahme eingeladen. Die Gräfin hatte zur Aufnahme derſelben einen kleinen, geſchmack⸗ vollen und prächtigen Tempel in einem Pappelwäldchen nicht weit vom Schloſſe erbauen laſſen. Eduard war außer ſich vor Freude über die beiden lang⸗ erſehnten Glückstage, an denen er die Geſellſchaft ſeiner theu⸗ ren Emma genießen ſollte. Fräulein Julie⸗Louiſe freute ſich ebenfalls nicht wenig, den beiden Landfeſten beiwohnen zu kön⸗ nen; dagegen kümmerte ſich ihr Bruder, der Baron Ker, nicht ſonderlich um dieſe beiden Feſttage. Deſto mehr kümmerte er ſich aber um Fräulein Louiſe und erwartete mit Ungeduld das langerſehnte Ja aus ihrem Munde, das ſeine treue Liebe be⸗ lohnen ſollte. Louiſe freute ſich am wenigſten unter Allen, denn ſie liebte ſolche Vergnügungen nicht, bei welchen Leute aus allen Volksklaſſen zuſammen waren, denen ſie eine oder die andere Artigkeit erzeigen mußte. Außerdem fürchtete ſie, daß Eduard, der ſeit einigen Tagen aufmerkſamer und freund⸗ licher als gewöhnlich gegen ſie geweſen war, durch die Blicke der ſchönen Inſpectorstochter wieder zum Abfall verleitet wer⸗ den möchte. II. Johannisvorabend. Der von ſo Vielen mit Sehnſucht erwartete Johannisvorabend war nun endlich da und das ſchöne Wetter, welches den gan⸗ zen Tag auszeichnete, verſprach den Abend doppelt angenehm zu machen. Wie an den Saturnalien der Römer, bei denen die Sclaven von ihren Herren bedient wurden, ſo war an dem Johannisvorabend in Bes jeder Standesunterſchied für einige Stunden aufgehoben, wobei nur die einzige Bedingung beſtand, daß Alle ſauber gekleidet erſcheinen und ſich anſtändig betragen mußten. Und obgleich der freigebige Graf an dieſem Abend den ärmeren Gäſten reichlich Bier fließen ließ, ſo kam es doch nie vor, daß ſich Jemand in Worten oder Geberden verging, denn die Gegenwart der Herrſchaft hielt die Freude des Volks in den gehörigen Grenzen und ließ ſie nicht in Wildheit ausarten. Graf H war ungeachtet ſeines Ahnenſtolzes und ſeines übertriebenen Ehrgeizes, ſobald es ſeinem gräflichen Namen galt, ein guter Hau sherr und ein freundlicher Beherrſcher ſei⸗ ner Unterthanen. Jeder, auch der Geringſte, hatte freien Zu⸗ tritt zu ihm und konnte Rath und Beiſtand von ihm verlan⸗ gen. Darum war er auch bei Allen ſehr beliebt. Allein die Gräfin war ſtolzer und hielt Perſonen geringeren Standes ſtets in einer gewiſſen Entfernung von ſich; deshalb war ſie auch weniger beliebt, als der Graf. Dagegen konnte Fräulein Louiſe, deren bei jeder Gelegenheit ſichtbarer Hochmuth nicht zu ertra⸗ Emma's Herz. II. 2 18 gen war, auf Niemandes Gunſt oder Ergebenheit rechnen. Deſto beliebter war Eduard, der durch ſeine Liebenswürdigkeit Aller Herzen gewann. Mit Freude bereiteten ſich Alle, ihm an ſeinem Namenstage aufrichtige Zeichen von Liebe und Ach⸗ tung zu geben, vorzüglich da er in dieſem Jahre das erſte Johannisfeſt in Bas mitfeierte. Punkt fünf Uhr Nachmittags ſah man zahlreiche Volkshau⸗ fen in feſtlichen Kleidern zum Schloſſe ſtrömen, woſelbſt ſich die Gäſte der geringeren Klaſſe ſammelten und mit Kaffee be⸗ wirthet wurden, während ſich die höheren Stände im großen Salon verſammelten. Denn die Standesgleichheit trat erſt mit dem Anfang des Feſtes ein. Die maskirten jungen Leute be⸗ gaben ſich auf einem andern Wege nach dem Pappelwäldchen und ſammelten ſich in den Boskets hinter dem Tempel, ſo daß Eduard nichts davon gewahrte. Er wunderte ſich, daß eer im Salon nur bejahrte Leute ſah, und konnte nicht be⸗ greifen, wo die ſämmtlichen jungen Leute waren. Auch Fräu⸗ lein Louiſe, der Baron Kr und deſſen Schweſter fehlten. Als Alle verſammelt waren, traten der Graf und die Gräfin mit ihrem Sohn und allen Gäſten auf den Schloßhof hinaus unter das verſammelte Volk. Mit lebhaftem Hurrah⸗ geſchrei wurden ſie von dem fröhlichen Haufen bewillkommt; namentlich wurde der junge Graf, der Held und Liebling des Tages, umringt. Sie hoben ihn auf ihren Armen hoch em⸗ por und tranken auf ſein Wohl, denn der alte Graf hatte dafür geſorgt, daß Jeder aus dem Volk zu dieſem Skäͤlr) ſein Glas Punſch bekam. Ihre Glück⸗ und Segenswünſche waren ſo innig und herzlich, daß Eduard gerührt wurde. Er nahm dann ebenfalls ein Glas Punſch und trank auf das Wohl des ganzen verſammelten Volkes. Hiierauf ſetzte ſich die ganze Schaar in Bewegung nach *) Skäl eigentlich eine Schaale, metaphoriſch aber ein Toaſt, der ausgebracht und mit dem Worte Skäl(gleich dem Worte„Vivat“ oder„Hoch““) begleitet wird. 3 pnen. gkeit ihm Ach⸗ erſte Shau⸗ t ſich ee be⸗ roßen ſt mit te be⸗ ldchen el, ſo „ daß ht be⸗ Fräu⸗ n. d die loßhof lurrah⸗ ommt; hatte *) ſein waren nahm sgebracht itet wird. 19 dem kleinen Pappelwäldchen. Und wie erſtaunte Eduard, als er nun den neuerbauten zierlichen Tempel erblickte. Bevor man aber in denſelben gelangte, vernahm man ein ſchönes Chor von ausgewählten Stimmen unter der Begleitung meh⸗ rerer Inſtrumente. Als der Geſang vorüber war, nahm die Gräfin ihren Sohn bei der Hand und führte ihn die Tem⸗ peltreppe hinauf, an deren Ende ihm des Pfarrers kleinſte Tochter, die von Eduard aus dem See gerettete Alfonſine, entgegentrat, ihm einen auf einem weißſeidenen Kiſſen liegenden Kranz von Vergißmeinnicht überreichte und dazu zwei hübſche Verſe ohne die geringſte Schüchternheit recitirte. Die ſchönen Verſe, das Rührende in dem Ton und des Kindes ſüße me⸗ lodiſche Stimme imponirte den Zuhörern und vorzüglich den Zuhörerinnen ſo, daß viele der Letzteren Thränen vergoſſen. Eduard ſchloß tiefgerührt das Kind in ſeine Arme, das mit ſeinen klaren blauen Augen, ſeinen langen dunkeln Augenwim⸗ pern und ſeinen vollen goldgelben, auf die entblößten milch⸗ weißen Schultern hinabrollenden Locken mehr einem Bewohner des Himmels, als der Erde glich. Hierauf trat der Baron Ker als Repräſentant des Ge⸗ nie's, ſeine Schweſter als Weisheit und Fräulein Louiſe Re als Tugend hervor. Sie überreichten ihm Kränze von Eichenlaub, Lorbeer und Myrthe, indem ſie ein Trio ſangen. Darauf nahmen ſie ihn und ſeine Eltern bei den Händen, führten ſie zu einem im Hintergrund des Tempels errichteten Thron und wieſen ihnen daſelbſt Plätze an, Eduard in der Mitte ſeiner Eltern. Die übrigen Gäſte ſetzten ſich auf Bänke zu beiden Seiten des Tempels, die Hammerarbeiter, die Die⸗ . 5 7 nerſchaft und die Landleute blieben vor dem Tempel ſtehen. Mitten in dem Tempel war ein Altar errichtet, vor welchem die beiden Fräulein Be⸗ von Lindeſacker ſtanden; die eine zündete mit einer Fackel eine Flamme auf dem Altar an, die andere warf aus einer goldnen Opferſchaale eine Menge Räucherwerk 2˙* in die Flammen, welches einen köſtlichen Geruch in dem mit ſchönen Blumenfeſtons behangenen Tempel verbreitete. Der Eindruck, den die beiden Damen zu machen beabſichtigten, wurde jedoch völlig verfehlt; denn mit ihre ſchneeweißen Kleidern und weißen Roſenkränzen im Haar, womit ſie Göttinnen zu gleichen gedachten, glichen ſie eher zwei aus Charons Nachen entflohenen und auf die Erde zurückgekehrten Schatten, ganz ſo, wie ſich die Griechen und Römer ihre Manen dachten. Eduard war begierig, zu wiſſen, wo ſich die übrigen jun⸗ gen Leute des Orts und der Nachbarſchaft befanden; er befand ſich daher auf ſeinem Thron nicht lange ruhig, ſondern ſtand bald auf und trat auf die Tempeltreppe hinaus; Alle folgten ihm. Von da ging Eduard auf den Grasplatz hinab. Da ſtürzten plötzlich aus allen Gebüſchen, wie von Oberon's Horn herbeigezaubert, eine Menge bunte Geſtalten hervor, deren ei⸗ nige ihn mit Beeren, Blumen und Früchten beſchenkten, wäh⸗ rend ihn andere unter lächerlichen Capriolen und Fratzen um⸗ ringten. Der geſchäftige Hofjunker von Putzen(Wilhelm Rosman) und ein Jude(der Hauslehrer auf Olofsberg) ergötz⸗ ten Eduard am meiſten. Nach ihnen trat der Magiſter O als Aſtrolog hervor und verkündete aus den Sternen— ob⸗ gleich kein Stern am Himmel ſichtbar war— des Grafen künftiges Schickſal. Als er damit zu Ende war, kam Emillie Rosman als Wahrſagerin herbei; ſie war ſo gut verkleidet, daß es völlig unmöglich war, unter dieſer krummrückigen, zahnloſen, grauh haarigen, häß lichen Alten eine blühende Schön⸗ heit zu ahnen. Sie hielt in der Hand eine leere Kaffeetaſſe, aus deren Bodenſatz ſie mehrere Ereigniſſe prophezeihte, welche den jungen Grafen früher oder ſpäter treffen ſollten. Un dies that ſie mit einer ſolchen Naivetät, daß alle Umſtehenden dadurch ergötzt wurden. Die meiſten Masken hatten nun ihre angenommenen Rol⸗ len ausgeſpielt und ſich dann wieder zurückgezogen; nur We⸗ nige ſtanden noch da, und noch hatte Eduards ungeduldig ſuchender Blick Emma nicht entdeckt. Sie hatte ſich hinter eine Gruppe von Mädchen verſteckt, kam aber doch endlich in ihrer Tyrolertracht hervor und ſprach zu Eduard einige Worte, in denen ſie ihm Glück zu dem frohen Tag wünſchte. Eduards heftige Gemüthsbewegung bei Emma's Anblick würde gewiß Aufmerkſamkeit erregt haben, wenn nicht in die⸗ ſem Augenblick Aller Augen auf die ſchöne Emma gerichtet geweſen wären, die auch in dieſer anſpruchsloſen Tracht Alle, außer Fräulein Louiſe Ren, durch ihre Schönheit entzückte. Diejenigen, welche ſie früher noch nicht geſehen hatten, fragten einander flüſternd, wer das ſchöne Mädchen ſei. „Aber mein Gott, Bruder, wer iſt denn dieſes engelgleiche Weſen?“— fragte der Baron Fes, ein benachbarter Ritter⸗ gutsbeſitzer, den alten Grafen. „Die Tochter meines Inſpectors— erwiederte dieſer. „Iſt das möglich?“— verſetzte der Baron—„ich hielt ſie für eine vornehme Dame, denn ſie hat in ihrem ganzen Aeußern ein je ne sais quoi, welches nur Perſonen von Stand auszeichnet⸗——— „Ja, aber man kann ſich gleichwohl irren“ unterbrach ihn der Graf lächelnd. Emma hatte die wenigen Worte, welche ſie zu ſprechen hatte, ſchon längſt geſprochen und ſich wieder hinter die Uebri⸗ gen verborgen, und noch hörte man nur ſie, ſah nur ſie und ließ deshalb die Uebrigen, welche ihre Rolle noch zu ſpielen hatten, ziemlich unbeachtet. Unter den Letzteren war auch Fridolf, der als Mönch maskirt war und dieſe Tracht in völ⸗ liger Uebereinſtimmung mit ſeiner düſtern Laune für den heu⸗ tigen Tag gewählt hatte. Er ſprach einige lateiniſche Worte, verbeugte ſich und zog ſich zurück. Die Glückwünſchungen hatten nun ihr Ende erreicht und die Gräfin ſchlug der Geſellſchaft vor, in's Schloß zurückzu⸗ 22 . kehren. Auf einem Raſenplatz dicht am Schloſſe ſollte nun der Maibaum aufgerichtet und das eigentliche Volksfeſt gefeiert werden. Jeder der Herren bot einer Dame den Arm, die gerin⸗ geren Leute folgten dieſem Beiſpiel und führten die Weiber ihres Standes; ſo zog die lange Schaar paarweiſe aus dem Pappelwäldchen. Eduard war unſchlüſſig, ob er wagen dürfte, Emma ſeinen Arm anzubieten; er ſah ſich nach Fräulein Louiſe um und bemerkte, daß dieſelbe bereits den Arm des Baron Ker angenommen hatte. Dreiſt ſuchte er nun die ſchöne Tyrolerin auf, aber Wilhelm Rosman war ihm bereits zuvorgekommen. Fridolf, der Emma und ſeinen vermeinten Nebenbuhler nicht aus den Augen ließ, biß ſich vor Verdruß in die Lippen. Nachläſſig bot er der kleinen Eveline ſeinen Arm und wußte es ſo einzurichten, daß er mit ihr dicht hin⸗ ter Emma und Wilhelm ging, um zu hören, was ſie mit ein⸗ ander ſprachen. Eduard war verſtimmt aber nicht eiferſüchtig. Er bot der erſten beſten Dame ſeinen Arm und machte dadurch die dicke Gattin des Kronvoigts Asnander glücklich, die ſich nicht wenig geſchmeichelt fühlte und nach allen Richtungen hin ſah, ob auch ihre Bekannten die Ehre bemerkten, die ihr wi⸗ derfuhr. Auf einem Raſenplatze unweit des Schloſſes, auf der dem Schloßhof entgegengeſetzten Seite, hielt der Zug an. Dort lag ein unförmlicher Maibaum, ein Rieſe in ſeiner Art, mit einer unendlichen Menge von Blumen, Bändern, vergoldeten und buntbemalten Eiern, Zeugſtücken, Papier, Binſen, Federn und allerhand glänzenden Stoffen geſchmückt. Dieſer Anblick erfreute ganz beſonders die arbeitende Klaſſe, die ſich unter Ausrufungen des Beifalls und Erſtaunens um den Baum drängte. Allein der letztere war noch nicht aufgerichtet, ſon⸗ dern lag auf dem Raſenplatze, bis die Feierlichkeit der Auf⸗ richtung erfolgen würde. Normans Niſſe, der bucklige Spiel⸗ N 23 mann, wurde herbeigerufen und mit ſeiner Harfe in die Nähe des Baumes poſtirt. Jetzt wurde das Signal zur Aufrichtung des Baumes durch das Aufſteigen einer Rakete gegeben; mehrere handfeſte * Männer traten darauf hervor und ergriffen den Maibaum vor⸗ r ſichtig, ſo daß die daran hängenden Zierrathen nicht beſchädigt n„ werden konnten. Niſſe ſpielte nun einen Marſch auf der 4 e, 1 Harfe, und unter dem Donner von zwölf kleinen Kanonen, in welche unweit davon auf einem Hügel, mit der Mündung nach es dem See, aufgeſtellt worden waren, wurde der Maibaum auf⸗ ie gerichtet, feſtgerammelt und ſtand bald in ſeiner ganzen Herr⸗ ſits lichkeit aufrecht da. Von ſeiner Spitze wehten zwei große ſei⸗ en dene Wimpel herab. Einer derſelben war lang und ſchmal uß und blau und gelb geſtreift, der andere war viereckig, dunkel⸗ en roth, mit Goldfranzen beſetzt und enthielt auf einer Seite den in⸗ Namen Adolf, auf der andern Jahreszahl und Datum, von in⸗ der Gräfin mit eigenen Händen in Gold geſtickt. tig. Nach der Aufrichtung des Maibaumes wurde rother Wein rch herumgegeben. Der Graf ſelbſt nahm ein Glas, hob es hoch ſich in die Höhe und trank auf Wohlſein, Gedeihen, Geſundheit hin und Eintracht ſeiner Unterthanen. Dieſer Toaſt wurde mit wi⸗ lautem Hurrahgeſchrei und abermaligem Donner der Kanonen beantwortet. dem„Du biſt ja ein Prachtkerl, Nils Normans“— rief der dort alte Graf dem Buckligen zu, als derſelbe ſeinen Marſch be⸗ mit endigt hatte„Du ſpielſt wie ein ganzer Kerl. Jetzt leere eten Dein Glas, mein Junge, und dann ſpiele uns einen muntern dern Polska auf, damit wir alleſammt um den Maibaum tanzen blick können!“— nter Der Burſche ſtimmte ſeine Harfe und ließ einen tüchtigen aum Bauernpolska aus ihren Saiten hervorrauſchen. ſon⸗ Da rief der Graf wieder, daß alle ohne Ausnahme, Alt Auf⸗ und Jung, tanzen ſollten. Zugleich ergriff er mit der einen piel⸗ Hand die als Nonne gekleidete Clara D'us, mit der andern ſeine alte hinkende Großmagd und drehte ſich mit ihnen herum, indem er rief:—„Bildet einen Ring, Freunde!“— Au⸗ genblicklich war ein Kreis um den Maibaum gebildet und gleichzeitig entſtanden vier bis fünf andere Kreiſe zum Tan⸗ zen. Allein der Graf rief:—„Bildet einen einzigen großen Ring um den ganzen Platz, damit man mit allen hübſchen Mädchen tanzen kann!— Die ſämmtlichen Kreiſe verwan⸗ delten ſich in einen einzigen großen Ring, und der Graf, der nun hinreichenden Raum zum Tanzen hatte, ging zuerſt zu Emma Hilbert und bat ſie um einen Tanz. Lange tanzte er mit ihr einen lebhaften Kreuzpolska und umarmte ſie dann. Emma verneigte ſich erröthend und trat wieder an ihren Platz zurück. Nun rief der Graf Emilie Rosman. Emilie trat vor und der Graf lachte bei ihrem Anblick laut auf.—„Was tauſend— ſagte er—„iſt dies die blühende Emilie?— Kreuz, meine Freundin, wie ſieht ſie aus! Doch gleichviel, Mutterchen, wir wollen tanzen.“—„Frau Pratenberg heiß⸗ iche— antwortete Emilie und ſchwenkte ihren großen Fächer. Allein ihr Polska dauerte nicht lange, denn Frau Pratenberg konnte mit ihren ſchweren hohen Abſätzen nur mühſam tanzen. Hierauf tanzte der Graf mit Fräulein Aurora Jes, einem ſehr ſchönen Mädchen aus der Nachbarſchaft, dann mit Carin, der jüngſten Tochter des Gärtners, zuletzt mit Fredrike Wiege, der Tochter eines Schmidts beim Hammerwerke. Hierauf rief er ermüdet:—„Nun kann ich nicht mehr tanzen.“— Nun trat Eduard hervor, um ſeinerſeits mit den ſchönſten Mädchen zu tanzen; allein er wagte nicht, zuerſt Emma zu wählen. Nach und nach traten jedoch mehrere tanzende Paare in den Kreis und als die Anzahl derſelben bis auf fünf und zwanzig geſtiegen war, glaubte Eduard, ohne Aufſehen mit Emma tanzen zu dürfen. Wie klopften die beiden jungen Herzen, als ſie einander ſo nahe waren; und Eduard vergaß en m, u⸗ nd n⸗ gen den m⸗ af, erſt zte un. latz rat Jas iel, eiß⸗ her. verg zen. nem rin, ege, rief iſten zu aare und mit ngen rgaß nicht, Emma durch einen und den andern vielſagenden Hände⸗ druck daran zu erinnern, daß er noch derſelbe war. Aber in ſeinem Entzücken vergaß er, den Tanz abzubrechen; Beide be⸗ merkten nicht, daß ſie ſchon allzu lange zuſammen tanzten. Deſto beſſer bemerkten dies Fridolf Tyrell und Wilhelm Ros⸗ man, welche nicht am Tanz Theil nahmen, ſondern phlegma⸗ tiſch im Kreiſe ſtanden. Aber Beide ließen Emma nicht aus dem Geſicht und Beide empfanden ein Gefühl von Freude, als der alte Graf endlich ſeinem Sohn zurief:—„Eduard, willſt Du denn das Tyrolermädchen todt tanzen?— Zu⸗ gleich ergriff er Emma bei der Hand und führte ſie aus dem Tanzring, indem er ihr freundliche Vorwürfe darüber machte, daß ſie den angreifenden Polska ſo lange getanzt hatte. Ihre Hand hielt er feſt und ließ ſie nicht wieder in den Kreis der Tanzenden, ſondern ging mit ihr in lebhaftem Geſpräch au⸗ ßerhalb des Kreiſes hin und her, da ſie nach ſeiner Behaup⸗ tung genug getanzt hatte. Bald darauf begaben ſich Alle in den ſogenannten Gerichts⸗ ſaal, in welchem der eigentliche Tanz beginnen ſollte. Es war langjährige Sitte, daß am Johannisvorabend der Beſitzer des Gutes Be ſelbſt, ſowie jedes Glied ſeiner Familie zwei Tänze mittanzten, den erſten mit einer Standesperſon des Hammer⸗ werks, den zweiten mit einer Perſon aus der arbeitenden Klaſſe deſſelben. Dies geſchah auch heute. Als dieſe beiden Tänze vorüber waren, begab ſich der Graf mit ſeiner Gemahlin und den älteren anweſenden Standesperſonen in die Geſellſchafts⸗ zimmer, während die jungen Leute unter dem Volk zurückblieben. Angefeuert von der Heiterkeit, welche nun ungezwungen zu herrſchen begann, vergaß Eduard alle Vorſicht und wich kaum von Emma's Seite, obwohl ihm dieſe— darüber ängſtlich und bekümmert— auf jede Weiſe dadurch zu entſchlüpfen ſuchte, daß ſie ſich zu den herumſtehenden Mädchengruppen geſellte. Aber dieſe Gruppen zerſtreuten ſich bei jedem einzel⸗ 26 nen Tanz, und eben ſo oft war auch Graf Eduard wieder an Emma's Seite. Fridolf's Blicke, die beſtändig auf ſie ge⸗ richtet waren, zeigten ſich bei dieſer Wahrnehmung nichts we⸗ niger als ruhig und auch Wilhelm beobachtete ſie fortwährend durch die Lorgnette. 3 Allein Fräulein Louiſe konnte den ſchmerzlichen Anblick von Eduards Aufmerkſamkeit für das ſchöne Tyrolermädchen nicht lange ertragen. Sie klagte über unerträgliche Hitze und be⸗ gab ſich in die Geſellſchaftssimmer, von einigen Damen— darunter auch die beiden Fräulein von Bes— und ihrem Cavalier, dem Baron Kus, der nicht von ihrer Seite wich, begleitet. Bald kamen auch die Uebrigen nach, denn die Gräfin hatte einen Boten nach ihnen geſchickt. In dem Salon, in welchem ſie nun verſammelt waren, wurden eine Menge Er⸗ friſchungen und Leckereien aller Art ſervirt, während auch dem Volk, das im Gerichtsſaale fortfuhr zu tanzen, nichts von Al⸗ lem fehlte, was dieſer Menſchenklaſſe für wohlſchmeckend gilt, mit Ausnahme des Brannteweins, der zum Johannisfeſt nie gereicht wurde. Nach einiger Zeit trat ein Bedienter in den Salon und brachte eine Laute, welche Emma beim erſten Blicke mit wah⸗ rem Schreck für die ihrige erkannte.—„Nun, meine liebe Manſell Hilbert“— ſprach gleichzeitig der alte Graf—„nun erbitten wir uns das Vergnügen, Sie ſingen und ſpielen zu hören. Ich bin Aller Bevollmächtigter und ſpreche im Namen Aller.“— Emma's Wangen brannten; mit niedergeſchlagenen Augen nahm ſie das Inſtrument und bat, daß man ſie bei ſo zahlreicher Geſellſchaft verſchonen möchte, einen Verſuch zu machen, der jedenfalls mißglücken würde.—„Ich ſpiele wohl bisweilen meinen Eltern etwas vor⸗— fügte ſie hinzu—„aber mein Talent iſt allzuſchwach, als daß ich ſo dreiſt ſein könnte, mich vor einer Geſellſchaft hören zu laſſen, unter der ſich ſo —— viele Muſikkenner befinden.“— Allein der Graf wollte keine Einwendungen hören; er wandte ſich an Hilbert und bat die⸗ ſen, ſeiner Tochter zuzureden. Der Inſpector that dies und mehrere Anweſende vereinten ihre Bitten mit der ſeinigen, ſo daß endlich Emma, die es für unartig hielt, ſich in ſolchen Fällen lange bitten zu laſſen, mit zitternden Fingern einige Accorde auf der Laute anſchlug. Mit unſichrer Stimme ſang ſie dann ein kleines deutſches Lied, welches Fräulein Louiſens ſtimme begleitete, wodurch Emma allmählich mehr Feſtigkeit und Stärke gewann. 5 n Als das Lied zu Ende war, wollte ſie die Laute weglegen, n. allein man bat ſie dringend, noch eine Romanze vorzutragen. ⸗ Emma warf einen Blick auf ihren Vater, der ihr beifällig zu⸗ m nickte; dann blickte ſie ihre Mutter an, die anfangs ängſtlich l und beklommen dageſeſſen hatte, jetzt aber ganz vergnügt aus⸗ 4, ſah. Sie ſang und erntete allgemeinen Beifall. Die Ober⸗ ie ſtin von Mer auf Björeſät fragte, ob ihr die kleine Romanze — ihr Lieblingslied—„Ich denke Dein und werde Dein nd ſtets denken’ bekannt ſei. Emma bejahte und die Oberſtin h⸗ bat, daß ſie dieſelbe ſingen möchte. be Nun entſtand unter den Anweſenden ein wahrer Enthu⸗ un ſiasmus. Das ſchöne unſchuldige Geſicht der Sängerin, ihr zu ausgezeichneter Vortrag, ihre ſilberklare, ſüße, nicht allzuſtarke, een aber ungemein wohlklingende Stimme, ihr anſprechendes mei⸗ ien ſterhaftes Lautenſpiel und der rührende Ausdruck der Worte ſo des Liedes verſetzte Alle in ſolches Entzücken, daß noch einige zu Sekunden nach dem Verhallen des letzten Tons eine Stille ohl herrſchte, die ſich gleich darauf in ein Gemurmel von Dank⸗ ber ſagungen und Beifallsrufen verwandelte. tte, Emma ſang nun nicht mehr, aber Niemand von den ſo Anweſenden wollte ſich nach ihr hören laſſen, weil ihr Geſang ſolchen Eindruck gemacht hatte, daß man bei einer Vergleichung zu verlieren fürchten mußte. Selbſt Fräulein Louiſe weigerte ſich, auf der Harfe Etwas vorzutragen, obwohl man ſie ſehr darum bat. Sie war gewiß die Einzige, welche durch Emma's Geſang nicht entzückt worden war. „Nun, ſo will ich ſingen, wenn ich darf⸗— ſprach Eduard und griff nach ſeiner Guitarre.„Ich habe neulich eine kleine Romanze gelernt, die ich ziemlich hübſch finde.“— Er begann: „Vergeſſen ſoll ich Dich!— Ich kann es nimmer, Nein, ewig, ewig denk' ich, Holde, Dein! O laß mir noch von Seligkeit den Schimmer, Denn wahrhaft glücklich kann ich nie mehr ſein. Nur Phantaſie allein und Liebe tragen Noch durch des Lebens Finſterniſſe mich, Warum alſo— ſo hörſt mein Herz Du fragen— Warum alſo vergeſſen Dich?— 5 Kann wohl ein Menſch vergeſſen, daß er lebet, 3 Daß eine Welt vor ſeinen Blicken liegt, Daß ſich im Oſt die junge Sonne hebet Und ſich im Weſt in Abendſchlummer wiegt? Kannſt Du mich erſt mein Ich vergeſſen lehren, Verſuch' es erſt, und laſſe mich Aus Lethe's Wellen einen Becher leeren, Ja, dann vielleicht— vergeß ich Dich!“— 7 Das Gedicht war ein Product von Eduards eigner Muſe, die Muſik, die er ebenfalls ſelbſt componirt hatte, war ſehr ſchön. Doch kannte Niemand den Verfaſſer, mit Ausnahme Emma's, die ihn unter ſtarkem Erröthen und noch ſtärkerem Herzklopfen ahnte. Ihr allein waren dieſe Verſe gewidmet als Antwort auf die von ihr in die Linde eingeſchnittenen Worte. Allein Emma's Triumph war noch nicht vorüber, ſie ſollte & ₰½ 60) 0 — ₰έ— 29 noch mehr Beifall ernten. Der alte Graf hatte nehmlich frü⸗ her Emma'’s Sprachkenntniſſe erwähnt; der alte Baron F*, der ſie früher ſo ſchön gefunden hatte, fand Vergnügen daran, ſie zu prüfen, und redete ſie erſt deutſch und dann engliſch an. Sie antwortete ihm unbefangen, richtig und fließend, und der Baron rühmte ihre ſchöne reine Ausſprache in beiden Sprachen. Die Frau Kronvoigtin Asnander und die Frau Pfarrerin Spader aus einem nahen Pfarrdorfe ſaßen beide neben der guten Frau Hilbert, die ihren mütterlichen Stolz über ihre Tochter und ihr Entzücken über das Aufſehen, das ſie erregte, und den allgemeinen Beifall, den ſie erntete, nur übel verbergen konnte. Die ehrwürdigen Matronen ſahen mit ſchiefen Blicken auf die Inſpectorin und flüſterten einander zu, wie verdrieß⸗ lich die Launen der Vornehmen wären. Es wäre wie ein Fieber über alle Anweſenden heute Abend gekommen— wie ſie meinten— daß ſie Mamſell Hilbert ſo ausſchließlich vor allen übrigen Mädchen auszeichneten, gerade als ob keine An⸗ dere außer ihr Etwas gelernt hätte. Die eine von ihnen hatte ihre Tochter ebenfalls in einer Penſionsanſtalt zu Stock⸗ holm, die andere ihre beiden Töchter in Upſala gehabt. Es verdroß ſie daher, daß ſo viel Aufheben von Mamſell Hilbert gemacht wurde, als ob ſie ein Wunderwerk wäre, während nach ihrer Meinung ihre Töchter eben ſo geſchickt waren, wenn ſie auch nicht Laute ſpielten; aber ſie ſpielten Fortepiano, ſan⸗ gen und ſprachen franzöſiſch— und zwar wie ihre Mütter glaubten, ſo gut wie jede Andere, ſo daß ſie bei einer Prü⸗ fung ihrer Talente Mamſell Hilbert wohl übertroffen haben würden. Allein es wird ſich bald zeigen, ob die guten Frauen Recht hatten oder nicht. Eduard war ſtolz auf die Bewunderung, welche Emma einerntete, und wollte die Lobeserhebungen über ſie noch nicht verſtummen laſſen. Er wollte gern ein Duett mit ihr ſingen, 30 dieſen Wunſch aber doch nicht geradezu ausſprechen. Er ging daher ſehr liſtig zu Werke, um ſeinen Zweck zu erreichen. Zu⸗ erſt nämlich ſetzte er ſich an das Fortepiano und ſpielte mit vielem Ausdruck und Geſchmack die Ouvertüre aus Fra Dia⸗ bolo. Dann ſuchte er ein italieniſches Duett auf, welches er auf Verlangen ſeines Vaters früher einmal mit Fräulein Louiſe geſungen hatte. Mit dieſem Duett ging er zu Fräulein Louiſe, die verdrüßlich in einer Ecke des Zimmers ſaß, und fragte ſie, ob ſie das Duett mit ihm ſingen wolle. Er wußte aber ſehr wohl, daß ſie Nein ſagen würde, da ſie ſich den ganzen Abend hindurch ſo beſtimmt geweigert hatte, zu ſingen. Und ſo ge⸗ ſchah es auch. Der Baron Kri, welcher nicht von ihrer Seite wich, redete ihr vergebens zu; allein Eduard war nicht ſo hartnäckig. Er fragte blos pro forma und wandte ſich dann an die ganze Geſellſchaft mit der Frage, ob keine von den Damen Luſt hätte, das Duett mit ihm zu ſingen;—„es wäre Schade“— ſetzte er hinzu—„wenn es die Herrſchaf⸗ ten nicht hörten, denn es iſt ungewöhnlich ſchön.“— Er glaubte, daß Niemand außer Emma im Stande ſei, mit ihm zu ſingen. Da rief Frau Spader ihren beiden Töchtern zu: —„Caroline, Mathilde! Ihr könnt ja Beide ſingen, geht doch vor— eine von Euch kann ja den Herrn Grafen begleiten, wenn er es erlaubt.“—„Oder auch Du, Ulla— rief Frau Asnander ihrer Tochter zu, als die Mamſells Spader ſich zierten und ihre Plätze nicht verließen. Mehrere Stimmen vereinten ſich nun in Bitten und die drei Mädchen wurden von ihren Müttern ziemlich mit Gewalt an das Fortepiano geſchoben. Ulla Asnander kehrte jedoch ſchnell um, als ſie ei⸗ nen Blick auf die Noten geworfen hatte; denn ſie hatte in ihrem Leben noch nicht italieniſch geſungen. Caroline und Mathilde Spader folgten ihr einige Sekunden darauf eben ſo ſchnell; ſie hatten allerdings Beide leidliche Stimmen, aber ſie konnten keinen Ton treffen und alſo nur Sachen ſingen, welche —2 1— ſie bereits eingeübt und auswendig gelernt hatten. Ihre Müt⸗ ter errötheten vor Verdruß und machten den Töchtern leiſe Vorwürfe, daß ſie ſo viel Geld gekoſtet hätten und nun in einer Geſellſchaft, in welcher andere Mädchen ihres Standes Lob einernteten, beſchämt daſtehen müßten. Jetzt wandte ſich Eduard an Emma; allein dieſe entſchuldigte ſich damit, daß ſie das Duett noch nie vorher geſungen hätte.—„Ja dann iſt es freilich nicht rathſam— fiel Fräulein Louiſe ein— „denn die Arie iſt ſehr ſchwer.“— Sie warf bei dieſen Wor⸗ ten einen ſo verachtenden, vernichtenden Blick auf Emma, daß Eduard, der dieſen Blick bemerkte, die Röthe des Zornes in ſeinem Geſicht emporſteigen fühlte. Um aber das eiferſüchtige Fräulein noch mehr zu ärgern, ſprach er:—„Sie iſt durch⸗ aus nicht ſchwerer, als viele andere Stücke, welche Mamſell Hilbert ſehr gut ſingt; ich weiß es, denn ich habe früher im Pfarrhauſe ein Duett mit ihr geſungen, das ſie noch nicht kannte.“— Während deſſen hatte der alte Graf einen Blick auf die Noten geworfen und ſeine Lieblingsarie erkannt, die ihn ſtets entzückte. Nun halfen keine Ausflüchte mehr; Emma mußte ſingen und ſie that es, nachdem ſie ihren Eltern einen fragen⸗ den Blick zugeworfen und einen bejahenden zurückempfangen hatte. Welcher Geſang! Nie hatte Eduard mit ſolchem Gefühl geſungen, nie ſo ſprechend und ſo deutlich in Tönen ausge⸗ drückt, was in ſeinem Herzen vorging. Sie war es ja, ſie, das Ideal ſeines Herzens, der er alle dieſe liebeathmenden Worte in der ſüßeſten Sprache der Welt und mit dem Klang der reinſten, vollſten, ſchönſten Töne ſagen durfte. Und wie ſang Emma?— Entzückend! Sie war in die⸗ ſem Augenblicke blos Seele. Die ſanften Töne ihrer Silber⸗ ſtimme verſchmolzen ſo harmoniſch mit Eduards Geſaung— * 9 32 und da ſie ſtets ohne Affectation rungsrufen ſtieg am Schluſſe empor. die Oberſtin von Me klatſchten Emma Beifall zu, aber der alte Graf ließ es dabei nicht bewenden; er nahm das hübſche Mädchen in ſeine Arme und drückte einen herzlichen Kuß auf ihren kleinen roſigen Mund. O, wie beneidete in dieſem Au⸗ genblick Eduard ſeinen Vater! Die Zeit zum Souper war nun da. Es war für dieſen Abend Brauch in Be, daß Herrſchaft und Unterthanen zu⸗ ſammen an einer großen hufeiſenförmigen Tafel ſpeiſten; da ſich aber nirgends ein geeigneter Platz für eine ſolche Menge Gäſte fand, ſo war ein großer Pavillon zu dieſem Zweck erbaut und eingerichtet worden, der aahanch en einmal— am Jo⸗⸗ hannistage— benutzt wurde. Als man dahin kam, gewährte der große, wohl dekorirte Speiſeſaal einen ſchönen Anblick. Alle Wände ſowie die Decke waren mit grünem Tannenreis behangen. Blumenguirlanden und buntfarbige Lampen ſchlangen ſich in Arabesken durch dieſen dunkelgrünen Grund, und von der Decke hingen meh⸗ rere Kriſtallkronleuchter herab, deren ſtrahlender Glanz mit dem Tageslicht kämpfte, das zuweilen durch die Thür— denn alle Fenſter waren verhangen— hereindrang. Draußen ſtand die Natur in voller Blüthe, drinnen hatte die Kunſt Alles aufgeboten, um durch ihre Zauberkraft die Sinne zu entzücken. Nach dem Souper begann abermals der Tanz um den Maibaum und dauerte bis Morgens vier Uhr. Da erſt trennte man ſich. Emma wurde bei ihrer Heimkehr von ihren Eltern und von Tante Gertrud mit herzlichen Umarmungen 92 55 empfangen; ſie bezeigten ihr mit Freudenthränen in den Au⸗ gen ihre Zufriedenheit über den Erfolg, den ihre Erziehung gehabt hatte.—„Wie ſchön iſt es, Freude und Ehre an ſei⸗ nen Kindern zu erleben,“ ſprach Hilbert,—„Ein gutes Kind, das Anlagen zeigt, iſt der größte Reichthum ſeiner Eltern, wenn dieſe auch alle Schätze der Welt daneben beſitzen!“— Darauf umarmte er ſeine Tochter abermals, welche— ver⸗ wundert über dieſe ungewöhnliche Milde und Freundlichkeit ih⸗ res Vaters ihre Arme um ſeinen Hals legte und ſein vom Alter gerunzeltes Geſicht mit Küſſen bedeckte. Aber Emma's Verwunderung und Freude erreichte den höchſten Grad, als Hilbert ſeine Gattin umarmte und zu ihr ſprach:—„Danken muß ich Dir, Lotta, daß Du mir eine ſolche Tochter geſchenkt haſt; ſie wird gewiß der Troſt und die Freude unſers Alters ſein. Sei mir nicht böſe, liebe Alte. Ich weiß, daß ich oft unfreundlich gegen Dich bin, aber daran iſt blos meine ſchlechte⸗Laune Schuld. Ich meine es nicht ſo übel, als Du es oft aufnimmſt. Laß unſere liebe Emma un⸗ ſern Verſöhnungsengel ſein.“— Die zartfühlende Frau Hilbert weinte, ohne zu antworten. Solche Worte hatte ſie von ihrem Mann noch nie gehört. Aber noch weit mehr erſtaunte Emma. Sie hatte ſich in ih⸗ rem Leben noch nie ſo glücklich gefühlt, als jetzt; ſie ſank in ihrer Mutter Arme und rief im Uebermaaß ihrer Freude:— jetzt möchte ich ſterben!”“— 2 „Sterben!“— riefen beide Eltern zugleich—„Welcher Einfall! Nein, Du ſollſt leben, um unſer Alter zu verſüßen und unſern Kummer zu lindern.“—„Meine ſüße Emma,“ ſprach Tante Gertrud—„Du haſt herrliche Talente; aber ſuche nun auch einen Haushalt führen zu lernen, wie ſich ge⸗ hört, ſo wirſt Du ein vollkommenes Frauenzimmer werden.“— Fridolf, welcher Zeuge dieſer zärtlichen Familienſcene war, Emma's Herz. II. 5 fühlte ſich heftig verſucht, ſich zu den Füßen des lieblichen Mädchens zu werfen, das er in dieſem Augenblick mehr als je liebte. Aber er ermannte ſich, und zwar zu Emma's Glück; denn ihr Herz war eben jetzt ſo erregt und ſo weich, daß ſie ſich in dieſem Augenblicke— wenn ihre Eltern gefordert hät⸗ ten, ſie ſolle Fridolf ihre Hand geben— des kindlichen Ge⸗ horſams halber aufgeopfert und ein Verſprechen gegeben haben würde, welches ſie ſpäter bitterlich bereut hätte. Die Eltern baten nun Emma, daß ſie ſich zur Ruhe be⸗ geben möchte, weil ſie am Abend dieſes Tages wieder tanzen ſollte. Emma gehorchte. Bald ſank ſie in die Arme des Schlafes und wurde von ſüßen Träumen umſchwebt. Die Kirche beſuchte ſie zum Johannistag nicht, denn ſie erwachte erſt um eilf Uhr Mittags. Ihr erſtes Gefühl war Freude über die Zufriedenheit ihrer Eltern mit ihr; ihr zweites Ge⸗ fühl Sehnſucht nach den Vergnügungen, welche ihr der heutige Tag verſprach. Ach, das unſchuldige Geſchöpf ahnte nicht, wie ſich auch der klarſte Lebenshimmel plötzlich mit Wetterwol⸗ ken überziehen kann! III. Der Johannistag. Die herrliche Morgenſonne des Johannistages war noch nicht hoch am Himmel emporgeſtiegen, als Fräulein Louiſe ſchon wach war und in dem gräflichen Garten ſpazieren ging. Ganz einſam überließ ſie ſich ihren trüben Gedanken, als ſie uner⸗ wartet durch den Baron Ke geſtört wurde, der ſein Zimmer ebenfalls zeitig verlaſſen hatte und in ſeinen Liebesgedanken unter Gottes freiem herrlichen Himmel umherwandelte. Entzückt über die ſo lange erſehnte und ſich nun ſo uner⸗ wartet darbietende Gelegenheit, ohne Zeugen mit Fräulein Louiſe zu ſprechen, unterließ der verliebte Baron nicht, dieſelbe zu benutzen. In den zärtlichſten, ſprechendſten Ausdrücken ſchil⸗ derte er ihr ſeine ſeit zwei Jahren insgeheim gehegte Liebe und ſeine Hoffnung, daß ſie dieſelbe durch ihr„Ja“ belohnen würde. Allein das Fräulein, welches eben mit dem Gedanken an Eduard beſchäftigt und gerade in dieſem Augenblick am aller⸗ wenigſten geſtimmt war, die Liebeserklärung des Barons an⸗ zuhören oder gar zu beantworten, nahm ſeine Worte ſehr un⸗ gnädig auf und gab ihm ganz kurz, aber beſtimmt zu erken⸗ nen, daß ſie mit der Schilderung von Gefühlen, welche ſie nicht erwiedern könne, für immer verſchont zu werden wünſche. Beſtürzt über dieſe ſtolze und unhöfliche Antwort ergriff der 3* 36 Baron ihre Hand, bat das Fräulein, ihm die Urſache dieſer nie⸗ derſchlagenden Zurückweiſung zu eröffnen, und fragte zugleich, ob dies ihre letzte Antwort ſei. Kalt zog Louiſe ihre Hand aus der ſeinigen und verſicherte ihn, daß es ihre letzte Antwort ſei; auf eine Erklärung über den Grund derſelben ließ ſie ſich nicht ein. Drauf wandte ſie ſich von ihm ab und verließ eilig den Garten. Nach einigen Augenblicken, während welcher der Baron wie verſteinert daſtand, war er im Begriff, ſich auf ſein Zim⸗ mer zu begeben, um mit ſeinem Schmerz allein zu ſein; da begegnete ihm Eduard, der von einer Promenade aus dem Park zurückkehrte. Daſelbſt war er mehrere Male an Em⸗ ma's Fenſter vorübergegangen und hatte dem herabgelaſſenen Vorhang Vorwürfe gemacht, weil er ihn abhielt, einen Blick in das Zimmer der Geliebten zu werfen. Der Baron, welcher aufrichtige Freundſchaft für Eduard hegte, theilte ihm unter bitteren Klagen dieſe abſchlägliche Ant⸗ wort mit, die er ſo eben von Fräulein Louiſe erhalten hatte. Eduard tröſtete und ermuthigte ihn zu der Hoffnung, daß er das Fräulein im Laufe der Zeit erweichen würde. Darauf bat ihn der Baron, daß er bei ihr zu ſeinen Gunſten ſprechen möchte; und Eduard verſprach dies gern, denn er freute ſich, daß er Louiſen dadurch alle Hoffnung benehmen konnte, jemals ſeine Gemahlin zu werden. Er hatte längſt bemerkt, daß ihn Louiſe heimlich liebte; und mit ſeiner nobeln Denkungsart ſtimmte es nicht überein, das arme Mädchen der Ungewißheit oder gar einer eiteln Hoffnung zu überlaſſen. Herzlich dankte der Baron ſeinem Freund für die ver⸗ ſprochene Vermittelung und glaubte, daß Louiſe— die nach ſeiner Meinung Eduard wie einen Bruder liebte— gern auf deſſen Worte hören würde; ein Funken von Hoffnung entzündete ſich durch dieſen Glauben wieder in ſeinem gebengten Herzen. Während der Baron ins Schloß zurückkehrte, begab ſich Eduard wieder in den Park, um nun vielleicht Emma zu erblicken. —„,————————,———,—õ———— ———.—, ————„—,— 37 Doch bevor er noch an Emma's Wohnung gekommen war, erblickte er Louiſen, die auf einer Bank ſaß und dermaßen in Gedanken verſunken war, daß ſie Eduards Annäherung gar nicht bemerkte. Als er ganz nahe bei ihr war, gewahrte ſie ihn erſt, und gleichzeitig wurden ihre Wangen hochroth und ihr Herz begann gewaltig zu klopfen. Eduard ſetzte ſich neben ſie und ergriff ihre Hand. Da er aber über die Art und Weiſe, wie er die Unterredung einleiten ſollte, mit ſich ſelbſt noch nicht im Reinen war, ſo entſtand eine lange Pauſe, welche das Fräulein weder Muth, noch Luſt zu brechen hatte. Während Eduards Schweigen hatte das arme thörichte Mädchen hin⸗ länglich Zeit, ſich dem ſüßen Irrthum zu überlaſſen, daß Eduard ſie hier aufgeſucht habe, um ihr ſeine Liebe zu er⸗ klären; und daß dies eine Folge der abſchläglichen Antwort ſei, welche ſie ſoeben dem Baron gegeben hatte. Obwohl ihre Eiferſucht auf Emma während des vergangenen Tages viel Nahrung erhalten hatte, vergaß ſie dieſelbe dennoch in dieſem Augenblick oder betrachtete die Aufmerkſamkeit, die er der hübſchen Inſpectorstochter erwieſen hatte, als ein flüchtiges vorübergehendes Wohlgefallen oder wohl gar als eine Prüfung, welcher er die Standhaftigkeit Louiſens hatte ausſetzen wollen. Mit Pfeilesſchnelle durchflogen alle dieſe Gedanken ihr Haupt. Aber wer vermag ihre Beſtürzung zu ſchildern, als Eduard vom Baron Ker und von deſſen vielfältigen Vorzügen zu reden begann, indem er ihr brüderlich rieth, einem ſo edeln Mann ihre Hand nicht zu verſagen. Das Fräulein war zu ſehr erregt, um ein einziges Wort erwiedern zu können; ſie ſchleuderte einen zornigen Blick auf den Grafen und verließ ihn. Eben ſo erſtaunt über dieſes Benehmen, als verdrüßlich über ſeine verunglückte Vermittelung kehrte er zu dem Baron zurück; nicht aber um denſelben durch die Mittheilung von dem unglücklichen Ausgang ſeines Unternehmens gänzlich muthlos zu machen, ſondern vielmehr um ihn zu tröſten und zu ermuthigen. Allein die arme Louiſe 38 hatte Niemand, der ſie tröſtete. Als ſie in ihr Zimmer kam, warf ſie ſich verzweiflungsvoll auf ein Sopha und ließ ihren zorni⸗ gen verächtlichen Blick in einer Fluth von Thränen untergehen. Einige Zeit darauf trat die Gräfin herein, um Louiſen wegen einer Toilettenangelegenheit zu Rathe zu ziehen; ſie er⸗ ſtaunte nicht wenig, als ſie das Fräulein ſo betrübt fand, obwohl Louiſe ſchnell ihre Thränen trocknete und ſich ruhig ſtellte. Die Gräfin fragte theilnehmend nach der Urſache ihres Kummers, aber Louiſe gab eine ausweichende Antwort. Um jedoch zu ihrem Ziel zu gelangen, begann die Gräfin von dem Baron Ker und ſeiner ſichtbaren Liebe zu Louiſen zu ſprechen, und letztere theilte ihr darauf die kuxze Unterredung mit, die ſie kurz vorher im Garten mit dem Baron gehabt hatte. Die Gräfin deutete ihr wohl an, daß ſie ihre Antwort ein wenig milder und höflicher hätte einkleiden ſollen, ſie billigte aber ihren Entſchluß, dem Baron ihre Hand zu verweigern, völlig und ſetzte mit vieler Zärtlichkeit hinzu:—„Es iſt Dir nicht unbekannt, theure Louiſe, daß mein Gemahl und ich uns ſchon ſeit langer Zeit der Hoffnung gefreut haben, Dich mit unſerer Familie noch enger zu verbinden.“ Mit einer Miene, worin ſich ein wunderliches Gemiſch von Spott und Ironie ausſprach, erzählte hierauf das Fräulein, daß Eduard ſie zu überreden geſucht hätte, dem Baron ihre Hand zu geben. Die Gräfin erſtaunte.—„Das iſt meines Sohnes Ernſt nicht geweſen,“— entgegnete ſie—„denn er liebt Dich“— „Ja wohl, er liebt,— verſetzte das Fräulein—„er liebt leidenſchaftlich, aber nicht mich.“— „Und wen ſonſt?“ fragte die Gräfin. „Es bedarf wohl keines großen Scharfſinns, den Gegen⸗ ſtand ſeiner Liebe zu errathen,“— erwiederte Louiſe—„Mam⸗ ſell Hilbert iſt die Glückliche.⸗— „Mamſell Hilbert! Die Tochter unſers eignen Inſpectors! 7 Du raſeſt”— rief die Gräfin ganz außer ſich. Allein Louiſe führte ſo viele kleine Umſtände, die ſie im Stillen beobachtet hatte, und ſo viele Gründe für ihre Behauptung an, daß ſie endlich die Gräfiu überzeugte. Einige Minuten lang ſaß die Gräfin wortlos da; dann rief ſie aus:—„Graf Eduard Hrr, ein Edelmann von einem alten Geſchlecht, das ſich ſeit vielen Jahrhunderten durch Tapferkeit und edle Thaten berühmt gemacht hat, deſſen Heldenruhm ſtets vom Vater auf den Sohn übergegangen iſt — er, den die Natur ſo reich begabt und zum beneideten Erben ſo vieler Güter gemacht hat— er, der ſowohl durch ſeine perſönlichen Eigenſchaften, als durch den Ruhm ſeiner Ahnen den Weg zu den höchſten Ehrenſtellen des Staates offen vor ſich ſieht— er ſollte ein ſimples Bürgermädchen, die Tochter eines Dieners ſeiner Eltern, lieben?— Un⸗ möglich!“— „Und ſie zur Gräfin Her machen wollen, um mit ihr ſeinen angebornen Rang und alle Genüſſe ſeines Glücks zu theilen?— fiel das Fräulein mit einem Lächeln ein, das ihren ſchönen Mund gänzlich entſtellte. „Was ſagſt Du?:— rief die Gräfin, von ihrem Stuhl aufſpringend.—„Sie zur Gräfin Hes machen!— Welche Idee! Welcher Unſinn!— Nein, ſo lange Gott meinem Sohn ſeinen Verſtand erhält, fürchte ich etwas ſo Unerhörtes nicht von ihm. Aber es iſt ſchon unter ſeiner Würde, nur einen Liebeshandel mit dieſem Mädchen anzuknüpfen, deren Ruf und Ruhe er außerdem dadurch auf's Spiel ſetzt. Ich werde deshalb allen Blicken und Bewegungen Eduards unbemerkt folgen, um zu ſehen, ob Du wirklich Recht haſt oder ob Dich Deine Ein⸗ bildung betrogen hat. Finde ich das erſtere, ſo will ich der ganzen Liebesgeſchichte bald ein Ende machen, denn das Mäd⸗ chen iſt zu gut, um als ein Opfer der Verführung zu fallen. Dieſes Mädchen flößt Allen, die ihr nahe kommen, Intereſſe ein, denn ſie iſt ſchön, talentvoll und dennoch beſcheiden. Wie Schade, wenn ſie, ihrer Eltern einziger Troſt, wenn ſie, die gewiß einen Mann ihres Standes zu dem glücklichſten Gatten machen wird, wenn ſie auf Abwege geleitet werden ſollte— und zwar durch meinen eignen Sohn.— Nein, nein— das muß ich verhindern.“— Fräulein Louiſe erbat ſich die Erlaubniß, dieſen Tag auf ihrem Zimmer zubringen zu dürfen, weil ſie ſich nicht recht wohl fühlte. Die Gräfin bemerkte recht wohl die Urſache von Louiſens Uebelbefinden, allein ſie fand auch, daß das arme Mädchen mit ihrer heutigen blaſſen Mondſcheinsphyſiog⸗ nomie und ihren verweinten Augen eine ſchlechte Figur auf einem Feſt ſpielen würde, bei welchem Freude und Heiterkeit aus Aller Blicken ſtrahlen ſollte; ſie bewilligte daher gern ihr Begehren. Die unſchuldige Emma, vollkommen der Wolken unkundig, die ſich über ihrem Haupt zuſammenzogen, waren unterdeſſen mit den ſüßeſten, ſeligſten Gefühlen erwacht. Schnell kleidete ſie ſich in einen leichten Morgenanzug und eilte heiter wie die Morgenſonne zu ihrer Mutter, welche ſie im Saale allein traf. Die gute Frau Hilbert küßte und umarmte ſie mit Entzücken. Emma ſchlang ihre ſchönen Arme um den Hals der Mutter und rief:—„O, wenn ich doch immer die Wolken von der Stirn einer ſo guten Mutter verjagen könnte!”— In dieſem Augenblicke trat der Vater herein. Emma ſprang ihm entgegen und wurde auch von ihm herzlich um⸗ armt. Er nannte ſie ſein liebes gutes Kind, ſeine kleine Hexe, ſein liebes Wettermädchen, Ausdrücke, die er zu gebrauchen pflegte, wenn er bei beſonders guter Laune war. Dann ſcherzte er über das bevorſtehende Feſt im Pfarrhauſe und über die hübſchen jungen Männer, die demſelben beiwohnen würden.—„Nun, meine kleine Emma,“— ſetzte er hinzu— 41 „zeige Dich ſo hübſch und liebenswürdig wie geſtern, ſo wirſt Du Allen wohlgefallen. Aber Du darfſt nicht an Allen Ge⸗ fallen finden, verſtehſt Du?⸗— „Ach, ich finde an gar Niemand Gefallen,“— erwiederte Emma erröthend. „Das darfſt Du nicht ſagen,“— fuhr Hilbert fort— „an Jemand mußt Du Gefallen finden, denn ich will nicht, daß Du allein durchs Leben gehen ſollſt, und dies wirſt Du ſelbſt nicht wollen, davon bin ich überzeugt.”— Er ſetzte ſich in ſeinen großen Lehnſtuhl, zog Emma auf ſeinen Schooß und betrachtete mit inniger Vaterfreude ihr ſchönes, friſches, freudeſtrahlendes Geſicht.—„Höre, Püpp⸗ chen,“— ſprach er—„obwohl ich Dein Vater bin, muß ich Dir doch ſagen, daß Du hübſch biſt— nu, das weißt Du ſelbſt ſchon, denn ein Frauenzimmer beſieht ſich jede Minute einmal im Spiegel. Mancher hat Dir gewiß ſchon Deiner Schönheit wegen geſchmeichelt, und künftig werden Dir noch Viele deshalb ſchmeicheln; aber Du darfſt Dich nicht um ſolche junge ſchmeichelnde Stutzer bekümmern, ſondern mußt Dich einzig und allein an den ſoliden Fridolf halten, denn was der ſagt, denkt und fühlt er auch.“— Nun war es mit Emma's Freude vorüber, vorüber mit ihren ſüßen, ja, faſt ſeligen Gefühlen.—„Mein Gott,“— dachte ſie—„ſoll denn kein Augenblick der Freude auf Erden unverbittert bleiben?— Schon wieder Fridolf, und immer wieder Fridolf, der fatale Fridolf!— Dieſer Menſch iſt geſchaffen, durch ſeinen bloßen Namen alle meine Seligkeit zu zerſtören.“ Nun warf ſie einen Blick auf die im Saale befindliche große Wanduhr, verließ den Platz auf ihres Vaters Schooß und ging in ihr Zimmer, um ſich für den Mittag anzukleiden. Als ſie allein war, machte ſie ſich Vorwürfe darüber, daß ſie ihrem Vater nicht rein herausgeſagt hatte, daß ſie Fridolf nie angehören könne. Indeſſen fand ſie bei weiterem Nach⸗ denken, daß ſie recht daran gethan hatte, weil eine Erklärung dieſer Art jedenfalls die Ruhe der Familie geſtört und für den heutigen Tag alle Freude verbannt haben würde. Etwas trüber geſtimmt begann ſie nun ihren Putz hervor⸗ zuſuchen; aber die wichtige Wahl des Halsbandes, des Arm⸗ bandes, der Ohrhänge u. ſ. w., in Verbindung mit der ge⸗ wöhnlichen Sorgloſigkeit ihres Alters, zerſtreute bald die leichten Wolken auf ihrer ſchönen Stirn. Und dazu trugen die Aus⸗ rufungen der Magd, welche ihr beim Ankleiden half, nicht wenig bei. Die arme Lena gerieth über Alles, was ſie ſah, in Extaſe und rief einmal über das andere aus:—„Ei, du gerechter Himmel, wie ſchön iſt das! Ei, wie fein wird die Mamſell heute ausſehen!— Herr Gott, wie gut dies die Mamſell kleidet! Ja, das iſt wahr, wenn ich ſo ſchön wäre, wie Mamſell Emma, ich ſähe keinen Menſchen an.“ Enmma war fertig und frug noch einmal ihren Spiegel um Rath; dieſer nickte ihr Beifall zu. War ſie Tages vorher in der einfachen Tyrolertracht reizend geweſen, um wieviel mehr mußte ſie es heute in der eleganten geſchmackvollen Ballkleidung ſein. Ein roſenrothes Florkleid mit weißſeidenem Unterkleid umſchloß ihren ſchlanken Leib und wallte in ſchönen reichen Falten um die graziöſe Geſtalt. Das volle kaſtanienbraune Haar, einfach aber geſchmackvoll geordnet, war mit einer ein⸗ zigen künſtlichen Roſe geſchmückt, deren Farben mit Emma's friſchen rothen Wangen wetteiferte. Ihr ganzer Anzug— ob⸗ wohl koſtbar in Rückſicht auf den Werth des Geſchmeides, das ſie trug— war einfach, ungekünſtelt und durchgängig zu einander paſſend. Als ſie ſich in ihrer Familie zeigte, wurde ihr Anzug von der Mutter und von der Tante Gertrud ſehr gerühmt; allein Vater Hilbert fand Vieles daran zu tadeln und meinte, daß ſie für eine ſchlichte Inſpectorstochter viel zu prächtig gekleidet „ 88 ⏑☛ 43 ſei.—„Du kleideſt Dich wie ein Fräulein,“— ſprach er— „und das iſt Unrecht;— ich will Dich wohl nett und ſauber, aber nicht koſtbar gekleidet haben.“— „Das iſt lediglich des Papa's eigner Fehler“— entgeg⸗ nete Emma ſcherzend—„warum ſchickte er mir beſtändig ſo viel Geld nach Stockholm und gab Tante Ulla den Auftrag, mich mit Allem zu verſehen, was ich brauchte. Und dieſen Anzug habe ich ſchon auf zwei Bällen in Stockholm benutzt.“— „Ja, in Stockholm, in dieſer Heimath des Luxus und der Eitelkeit,“— rief der Alte—„dahin konnte es paſſen, aber nicht auf einen beſcheidenen ländlichen Sitz.“ „Ja, aber ſiehſt Du, lieber Vater,“— fiel Emma in gleichem freundlichen Tone ein—„wenn es nicht altmodiſch, verlegt und unbrauchbar werden ſoll, ſo muß ich es doch zu⸗ weilen benutzen, und wie finde ich dazu beſſere Gelegenheit, als heute?“— „Ja, ja,“— ſagte der Alte.—„Ihr Töchter Eva's findet leicht Vorwände für Eure Thorheiten. Gott bewahre Euch alle zuſammen dafür und beſonders Dich, kleines Wettermädchen,“ — fuhr er lächelnd fort und klopfte Emma mit dem Mund⸗ ſtück ſeiner großen Meerſchaumpfeife, die er im Hauſe ſtets bei ſich führte, ſanft auf die Stirn. Obwohl ſich Emma freute, daß ſich die Vorwürfe des Vaters in Scherz aufgelöſt hatten, ſo gefiel ihr doch die Liebkoſung mit der Pfeife des Vaters weniger, weil durch dieſelbe eine ihrer zierlichen, mit ſo großer Sorgfalt geordneten Locken zerſtört wurde. Sie mußte vor den Spiegel treten und die Locken wieder in Ordnung bringen, während ihr Vater ſeine etwas plumpen Sarkasmen über die Eitelkeit und Gefallſucht der Weiber nicht ſparte. Der Spiegel, vor welchem ſie ſtand, zeigte ihr in einer Ecke des Zimmers Fridolf, der ganz verſunken in Emma’s Anblick war. Emma hatte ſeinen Eintritt nicht bemerkt. Hin⸗ geriſſen ſtand er da und betrachtete die Zauberin aus der 44 Entfernung; ſo ſchön, ſo einnehmend hatte er ſie noch nie ge⸗ ſehen. Aber ſobald ihr Blick im Spiegel dem ſeinigen be⸗ gegnete, nahm er wieder eine gleichgültige Miene an und trat an ein Fenſter, woſelbſt er einige in der Nähe liegende Zei⸗ tungsblätter ergriff und ſich in deren Lektüre vertieft ſtellte. Die große Kaleſche war vorgefahren und die Familie ſaß darin. Unterwegs mußte Emma noch manche beißende Be⸗ merkung des Inſpectors über ihren Anzug hören. Er wünſchte ſpöttiſch einen Fußſack herbei, um die Füße der Damen vor Staub zu bewahren; dann fürchtete er, daß der Wind für Emma's Florkleid gefährlich ſein möchte, und wunderte ſich, daß ſie anſtatt eines Flors nicht mehrere, und ſiatt ihres Sonnenſchirms nicht den großen Regenſchirm des ſeligen Groß⸗ vaters aus der Kleiderkammer mitgenommen hatte. Emma lachte über dieſe Ausfälle, und in der beſten Laune kam die Familie in der Pfarre an. Fridolf, welcher auf dem Kutſch⸗ bocke ſaß, hatte unterwegs kein Wort geſprochen und alſo hin⸗ reichend Zeit gehabt, ſich ſeinem Nachdenken zu überlaſſen, daher ſah er bei der Ankunft im Pfarrhauſe nichts weniger als fröhlich aus. Unter allen Gäſten, welche zur Verlobungsfeier eingeladen waren, kam der Graf mit ſeiner Familie zuletzt. So oft ein Neuankommender eintrat, blickte Emma ungeduldig nach der Thür; und als endlich der junge Graf mit ſeinen Eltern— aber ohne Fräulein ouiſe— ankam, wechſelte ſie ſichtbar die Farbe. Dies entging Allen außer Wilhelm, der ſchon am Abend vorher auf den Verdacht einer gegenſeitigen zärtlichen Neigung Eduard's und Emma's gekommen war. Der junge Graf, der Emma heute blendender als je fand, ſchien an dieſem Tage alle Vorſicht zu vergeſſen. Er trat zu ihr und ſagte ihr einige Artigkeiten, welche allerdings nur wenig Bedeutung gehabt haben würden, wenn ſeine Blicke nicht mehr geſagt hätten. Unglücklicher Weiſe wurden aber ſowohl u n ——— ſeine Worte, als ſeine Blicke von der Gräſin aufgefaßt, die ihrem Vorſatz treu, ihren Sohn wie ein Schatten begleitete. Bei Tiſche entging Eduard jedoch ſeinem mütterlichen Argus, denn wegen der großen Anzahl der Gäſte ſpeiſ'te der jüngere Theil derſelben in einem andern Zimmer. Und ſobald davon die Rede war, daß man zu Tiſche gehen wollte, bemächtigte er ſich unvorſichtig Emma's Arm, anſtatt eine der Töchter des Hauſes zu Tiſche zu führen, wie ſich geziemt hätte. Ohne etwas anderes zu hören und zu ſehen, ruhte ſein Auge währed des Mittag⸗ eſſens unverwandt auf ſeiner reizenden Tiſchnachbarin und be⸗ gierig fing er jedes Wort von ihren Roſſenlippen auf. Freude und Heiterkeit herrſchte im Allgemeinen unter den Gäſten, doch ſah man auch einige finſtere Geſichter unter ihnen. Die Gräfin He* war bekümmert um die Neigung ihres Sohnes für Emma; denn daß Fräulein Louiſe Recht gehabt hatte, davon hatte ſie ſich während der letztverfloſſenen Viertel⸗ ſtunde überzeugt. Der Baron Kii war ſehr niedergeſchlagen über ſeine verunglückte Liebeserklärung und faſt ſtumm und verſtimmt unter der heitern Geſellſchaft. Wilhelm, der zwar Emma liebte, auf ihren Beſitz aber nimmer hoffen konnte, weil er arm war und in vielen Jahren noch keine Ausſicht auf eine bleibende Anſtellung im Staatsdienſt hatte, fühlte ſich ſehr verſtimmt durch die Neigung des Grafen für Emma, weil er wohl einſah, daß dieſelbe dem holden Mädchen nur Verdrüßlichkeiten von allen Seiten und— vielleicht gar ein für das ganze Leben verwundetes Herz zuziehen mußte. Wäh⸗ rend der Mahlzeit entwarf er einen Plan, ſie zu warnen, verwarf denſelben aber wieder, weil er fürchtete, Emnia möchte ihm eine ſelbſtſüchtige Abſicht unterlegen. Auch Fridolfs Au⸗ gen waren nun geöffnet. Nicht mehr Wilhelm, es war der Graf, den er künftig als Gegenſtand ſeiner Eiferſucht betrachten mußte. Er ſah nun ſehr wol, wie ſehr Emma für den Letz⸗ tern eingenommen war und wie wenig ſie ſich um Wilhelm 46 bekümmerte. Zugleich faßte er den Entſchluß, ſich mit Wilhelm ſofort nach Tiſche zu verſöhnen und ihn wegen der Kälte, die er in der letzten Zeit gegen ihn gezeigt hatte, reuig um Verzeihung zu bitten. Das Mittagseſſen mit allen Toaſten auf das Wohl der Verlobten war nun vorüber und man zerſtreute ſich in den verſchiedenen Zimmern. Dann machte man einen Spaziergang in den Garten. Die Gräfin entfernte ſich jedoch nur ſo weit von ihrem Sohn, daß ſie ihn beſtändig im Auge behalten konnte. Und Alle wunderten ſich nicht wenig über dieſes Be⸗ nehmen. Denn früher hatte ſie bei ähnlichen Gelegenheiten ihren Ehrenplatz im Kreiſe der Damen ſteif und unbeweglich behalten, heute aber ſchien ſie nur in der Geſellſchaft der jun⸗ gen Leute Vergnügen zu finden. Der von ſeiner Liebe ver⸗ blendete Eduard bemerkte dies nicht, aber Emma gewahrte die ſpähenden Blicke der Gräfin ſehr wohl und ließ ſich zur rech⸗ ten Zeit dadurch warnen. Sorgfältig wich ſie dem jungen Grafen aus und ſuchte ſich beſtändig unter die übrigen Mäd⸗ chen zu miſchen; aber wo ſie auch war und wem ſie auch ſprach, er ſuchte ſie unermüdlich auf und machte ihr Vorwürfe, daß ſie ihn flöhe. Endlich begann der Tanz. Mit wem hätte wohl Eduard denſelben lieber eröffnet, als mit der geliebten Emma, wenn nicht die Etikette gefordert hätte, daß er zuerſt mit den Töch⸗ tern des Hauſes tanzte. Still und zerſtreut genügte er dieſer Pflicht, und ſeine Blicke folgten allen Schritten und Bewegun⸗ gen Emma's. Zu ſeiner großen Freude brauchte er nur zwei ſolcher Etikettentänze mit den Töchtern des Hauſes zu tanzen; als er ſeine Pflicht bei den Uebrigen erfüllen wollte, erhielt er zur Antwort, daß ſie„ſchon verſagt“ ſeien. Allein derſelbe Fall fand auch bei Emma ſtatt. Drei Tänze hatte ſie ſchon einigen anderen jungen Herren zugeſagt und der Graf mußte alſo bis zum vierten Tanz— einen Walzer— warten. Aber 1—— ——,——, 47 er war ſo unvorſichtig geweſen, dieſe drei Tänze hindurch gar nicht zu tanzen, ſondern hatte während derſelben wie eine Bild⸗ ſäule geſtanden und Emma angeblickt. Als endlich der lang⸗ gewünſchte Walzer begann, wurde er wie neubelebt. Er tanzte nicht, er flog durch die Wirbel des Tanzes, die Geliebte in den Armen haltend. Die Gräfin, welche Alles genau beob⸗ achtete, wurde ſtündlich betrübter; denn obwohl die Vermuthung, daß Eduard Emma ſeine Hand anbieten würde, nicht in ihre Gedanken kam, ſo war ſie doch edel genug, ſich über die Ge⸗ fahr zu beunruhigen, welcher die unſchuldige Emma ausgeſetzt wurde. Sie entſchloß ſich daher durch ſchleunige Mittheilung alles deſſen, was ſie geſehen und gehört hatte, an Hilbert, Emma's Retterin und— wenn auch unbekannt— ihr Schutz⸗ engel zu werden. Bis Nachts eilf Uhr wurde getanzt, dann nahm man das Abendeſſen unter freiem Himmel im Garten ein. Dabei ging unter den jungen Mädchen ein Geflüſter:—„ich bin neugierig, mit wem Graf Eduard den Inclinationstanz tanzen wird.“ —»Mit wem denn ſonſt, als mit Emma Hilbert.“ „Glaubſt Du?“—„Ja wohl, das iſt gewiß!— Es war auch gewiß, denn lange vorher ſchon hatte Eduard Emma um die Anglaiſe nach dem Abendeſſen gebeten. Bevor man jedoch wieder zu tanzen begann, zerſtreute ſich die Geſell⸗ ſchaft einſtweilen in die verſchiedenen Gänge des Gartens, um im Genuſſe der ſchönen Natur einen Spaziergang zu machen. Jede Dame ging an dem Arme des Cavaliers, der bei Tiſche ihr Nachbar geweſen war, Emma alſo an Eduard's Arm. Beide gingen weiter— und immer weiter— und erſt nach einiger Zeit bemerkte Emma, daß ſie Beide ganz allein wa⸗ ren und Niemand vöon der übrigen Geſſellſchaft in ihrer Nähe war. Unruhig wollte ſie ſogleich umkehren und nach einem Gartenweg eilen, auf welchem ſie zu der übrigen Geſellſchaft zu kommen hoffte; aber Eduard ergriff ihre Hand feſt und .— 48 hielt ſie zurück. Sie ſtanden vor einem Gebüſch von Jelänger Jelieber. Eduard ſank vor Emma auf die Knie und erklärte ihr ſeine Liebe in den zärtlichſten, innigſten und feurigſten Worten. Emma wollte fliehen— eine unbeſchreibliche Angſt überfiel ſie, ſie zitterte an allen Gliedern.—„Um Gottes⸗ willen, Herr Graf,“— rief ſie—„was denken Sie?— Ziemt ſich dieſe Stellung für Sie?— Sie knieen vor der Tochter eines Ihrer Unterthanen?— Allein Eduard verließ ſeine bittende, unterwürfige Stellung nicht. Er bat, er be⸗ ſchwor die arme todtenblaſſe Emma, ſie möchte ihm nur mit einem einzigen Worte den Troſt ſchenken, daß ſie ſeine Liebe erwiedere.. Ernſt und mit ruhiger Würde ſtellte ihm nun Emma das Unbeſonnene ſeiner Bitte vor.—„Wenn ich auch ſo unglück⸗ lich wäre, mehr als Achtung für Sie zu fühlen,“— ſetzte ſie hinzu—„wenn ſich auch eine zärtliche Neigung gegen meinen Willen in mein unerfahrenes, unbewachtes Herz eingeſchlichen hätte, ſo würde ich gewiß Alles aufbieten, um dieſelbe bis auf den letzten Funken zu vernichten.“. „Und warum dies, grauſames, unerbittliches Mädchen?“ rief Eduard voll Verzweiflung. „Weil ich Sie weder lieben will, noch darf:— er⸗ wiederte Emma, indem ſie abermals— obwohl vergebens— ihre Hand aus der ſeinigen zu reißen ſuchte. Eduard ſprach weiter; er ſprach mit Feuer, ſeine Wangen brannten, Thränen ſtanden in ſeinen ſchönen ſeelenvollen Augen. Nicht blos ſein Herz, auch ſeine Hand bot er Emma an. Rang, Vermögen, Stand— Alles wollte er zu den Füßen der Geliebten nie⸗ derlegen. Emma bat ihn, ſich zu ermannen, ſie erinnerte ihn an ſeine Eltern, an die Hoffnungen, welche dieſelben auf ihn ſetzten, an die Unmöglichkeit einer Verbindung zwiſchen zwei Perſonen ſo ungleichen Standes, die durch geſellige Ver⸗ hältniſſe und Vorurtheile auf ganz entgegengeſetzte Wege ge⸗ R er⸗ rach änen ſein ggen, nie⸗ nerte auf ſchen Ver⸗ ge⸗ 49 wieſen worden waren. Allein Eduard hörte nicht darauf, er hoffte die Einwilligung ſeiner Eltern zu erlangen. Nur eine Verſicherung von Emma's Lippen, daß ſie ſeine Liebe nicht verſchmähe, erbat er ſich in dieſem Augenblick von ihr, nur darauf wollte er ſeine prächtigen Luftſchlöſſer bauen. In dieſem Augenblick glaubten Beide ein leichtes Geräuſch in den Blättern des Jelänger Jeliebergebüſches zu hören, an welchem ſie ſtanden. Beide ſahen ſich erſchrocken um.—„Es war vermuthlich ein Vogel,— ſprach Eduard; aber Emma riß mit der Anſtrengung der Verzweiflung ihre Hand aus der Seinigen und eilte ſchnell wie ein flüchtiges Reh in eine andere Gegend des Gartens. Allein ſie fand keinen Menſchen mehr im Garten, denn die ganze Geſellſchaft war in's Haus zurückgekehrt. Zitternd — obgleich ſie ſich keinen Vorwurf über ihr Benehmen zu machen hatte— wollte ſie über den Hof eilen, als ihr Emi⸗ lie aufgeregt und athemlos begegnete.„Mein Gott, wo biſt Du denn geweſen?“— rief ſie ihr zu—„ich habe Dich ſchon überall geſucht. Wir wollten eben die Anglaiſe begin⸗ nen und mehrere junge Herren, die Dich zum Tanz enga⸗ giren wollten, ſuchten an allen Ecken und Enden nach Dir. Wilhelm behauptete, er hätte Dich bei dem Spaziergange im Garten an Graf Eduard's Arme geſehen, und daſſelbe ſagen auch mehrere Andere. Aber auch der Graf fehlt. Wo haſt Du ihn denn gelaſſen, Emma?“— „Ach,— ich weiß nicht,“— ſtammelte Emma, bald errö⸗ thend, bald erbleichend—„ich wollte ich“——— In dieſem Augenblicke ſah ſie ihren Vater mit dem Arzt des Hammerwerks in angelegentlicher Unterhaltung von einer andern Seite her aus dem Garten in den Hof treten. Emma zitterte bei dem Anblick ihres Vaters, ohne daß ſie wußte, warum. Alllen ſie beruhigte ſich ſogleich wieder, als die bei⸗ den Männer näher traten und der Doktor einige ſchmeichelnde Emma's Herz. II. 4 50 Worte an die ſchönen Mädchen richtete. Und ſcherzend ſetzte Hilbert hinzu:—„Und hier ſtehen ſie und reden jedenfalls von hübſchen Jungen, denn ſie ſind ſo vertieft in ihre Unter⸗ redung, daß ſie nicht einmal hören, wie die Inſtrumente drin⸗ nen geſtimmt werden. Immer hinein, ihr Mädchen, tanzet, ſo lange dieſe glücklichen Augenblicke dauern, ſie werden nicht lange mehr währen, denn es iſt bereits—(nach der Uhr blickend)— halb eilf Uhr.“— Emma nahm den Arm ihres Vaters und ſchmiegte ſich dicht an ihn an, als ob ſie Schutz vor einer Gefahr bei ihm ſuchen wollte; Emilie nahm den Arm des Doktors und ſo traten beide Paare in den Saal. Eine Menge neugieriger Blicke richteten ſich auf die Eintre⸗ tenden; Alle wunderten ſich, Emma am Arme ihres Vaters zu erblicken, und Emma ſah deutlich, daß man ſie in ganz ande⸗ rer Begleitung erwartet hatte. Jetzt begann die Anglaiſe. Emma und Emilie— die ſchönſten Mädchen des Balles— waren ſofort von mehreren jungen Herren umringt, die ſie zum Tanz engagiren wollten; allein Beide erklärten, daß ſie bereits engagirt wären. Zugleich kam auch der Magiſter A⸗, mit welchem Emilie wirklich engagirt war, und gleich darauf ſchwebte Emilie lächelnd wie eine Grazie die Touren der Ang⸗ laiſe auf und nieder, während Emma, die ſich in einer Ecke des Saales niedergelaſſen hatte, noch immer vergebens ihren Cavalier erwartete. Fridolf und Wilhelm, welche Beide an der Anglaiſe nicht Theil nahmen, kamen Arm in Arm zu ihr und blieben gerade vor ihr ſtehen. „Sie tanzen nicht, Mamſell Hilbert?“ —„und doch erhielt ich die Antwort von Ihnen, ſchon engagir Sie um dieſen Tanz zu bitten.— „Ich bin auch wirklich engagirt!“ „Und wer kann der Unartige ſein, — fragte Fridolf mit einer Miene, welch — ſprach Wilhelm — erwiederte Emma. — daß Sie t wären, als ich mir vorhin die Freiheit nahm, der Sie ſo beleidigt? e Emma ſo beleidi⸗ — — ſetzte nfalls Unter⸗ drin⸗ aanzet, nicht c Uhr ihres Schutz n den aal. Eintre⸗ ters zu ande⸗ gglaiſe. les— die ſie daß ſie er A, darauf er Ang⸗ er Ecke 3 ihren eide an zu ihr Wilhelm daß Sie t nahm, Emma. eidigt?“ beleidi⸗ 51 gend fand, daß ſie ſeine Frage nur mit einem zornigen Blick beantwortete. „Sage lieber,“— fiel Wilhelm ein— ‚wer kann der Unglückliche ſein, der die Seligkeit, an dieſer ſchönen Hand durch die Wirbel des Tanzes zu ſchweben, ſo wenig zu wür⸗ digen oder zu benutzen weiß?:— Kaum hatte Wilhelm dieſe Worte geſprochen, als Beide ſich durch ein paar Hände auseinandergedrängt fühlten. Zu⸗ gleich drängte ſich eine männliche Figur haſtig zwiſchen ihnen durch. Sie machten Platz und erblickten den jungen Grafen, der finſtern Geſichts vor ihnen ſtand. „Vergeben Sie mir, meine Herren,“— ſprach er mit ei⸗ niger Schärfe—„ich bin es, der Mamſell Hilbert beleidigt hat; allein nicht deshalb, weil ich das Glück nicht zu würdigen wüßte, mit ihr zu tanzen, ſondern weil ich meine Mutter be⸗ gleiten mußte, die Vergnügen daran fand, ein Weilchen im Garten zu promeniren.“— Die Verlegenheit, in welche Fridolf und Wilhelm durch Eduard's unerwartetes Erſcheinen geriethen, würde den Letzte⸗ ren hinlänglich gerächt haben, wenn er Zeit gehabt hätte, darauf zu achten; allein er war bereits damit beſchäftigt, Emma zu beſänftigen, die, wie er glaubte, gerechte Urſache hatte, über ſein langes Außenbleiben zu zürnen. Emma war jedoch keineswegs erzürnt auf ihn; aber eine Angſt, die ſie früh er noch nie ge⸗ fühlt hatte, überzog ihr Geſicht mit einer Todtenbläſſe. Der Gedanke daran, daß die Gräfin im Garten und vielleicht in ihrer Nähe geweſen war, als der unvorſichtige Eduard zu ih⸗ ren Füßen niederfiel, daß das Geräuſch hinter dem Jelänger Jelieberbuſch wahrſcheinlich von ihr herrührte und daß ſie dem⸗ nach jedes ihrer und Eduard's Wonte gehört haben müſſe, brachte ſie zum Zittern und beſchäftigte ſie ausſchließlich während der Anglaiſe, die ſie mit dem Grafen tanzte. Nicht ihretwegen fürchtete Emma den Zorn der Hochgebornen, in ihren innerſten 4* 5² Gefühlen verletzten Mutter, denn ſie hatte ja ihren Sohn zur Beſinnung und Ueberlegung zurückzuführen geſucht; aber die entſetzliche Ahnung eines bevorſtehenden Unglücks, die Ahnung einer langen Trennung von Eduard— den ſie innig und für immer liebte— machte ſie bleich, ſtill und niedergeſchlagen für den ganzen übrigen Theil des Balles. 5 Niicht ohne innige Theilnahme und große Unruhe ſah Frau Hilbert ihre Tochter ſo ſtumm und betrübt, als wäre plötzlich alle Freude ſammt aller Röthe der Geſundheit und Jugend— von dem ſchönen Geſicht abgeſtreift worden. Sie ſetzte ſich neben Emma und fragte ſie wiederholt und dringend, ob ſie ſich übel beſinde oder ob ihr Etwas fehle. „Ich bin ſo müde, Mama,— ſprach Emma endlich mit matter Stimme.—„O, wenn es weiter nichts iſt,“ rief Frau Hilbert erfreut—„ſo hat es keine Gefahr. Tanze nur noch einen Tanz, ſo geht es ſchon vorüber; ich kenne dieß aus mei⸗ nen eignen Mädchenjahren.“— Mehrere Herren engagirten Emma für den nächſten Tanz — eine Francaiſe— allein ſie entſchuldigte ſich mit ihrer Müdigkeit; auch Eduard wollte ſie engagiren, erhielt aber na⸗ türlich dieſelbe Antwort. „Nun wohl, dann bin ich auch müde,“— erwiederte er darauf und ſetzte ſich neben ſie; ohne die mindeſte Vorſicht an⸗ zuwenden oder auf feine Mutter Acht zu geben, deren Blicke ihn mit einem nicht eben ſanften Ausdruck fixirten, beſchäftigte er ſich ununterbrochen mit Emma, als ob kein anderes Mäd⸗ chen außer ihr im Saale wäre. Unter andern ergriff er ſchnell ein paar Finger von ihren langen Handſchuhen und zog ihr dieſelben ab, zürnend, daß ſie die ſchönen Arme vor ihm ver⸗ borgen. Verlegen und bang wollte Emma die Handſchuhe wieder anziehen; allein Eduard hielt ſie davon ab und Frau Hilbert, die in ihrer Einfalt ſtolz darauf war, daß der Graf ihre Tochter vor allen Mädchen des Balles ansnhn ie ſorn n zur r die hnung id für en für Frau lötzlich zugend te ſich ob ſie ich mit f Frau ir noch s mei⸗ n Tanz t ihrer ber na⸗ derte er icht an⸗ n Blicke chäftigte 3 Mäd⸗ er ſchnell zog ihr hm ver⸗ indſchuhe nd Frau der Graf te, ſprach 53 zu ihr:—„Liebes Kind, warum willſt Du Dich mit den Handſchuhen incommodiren, da Du nicht tanzeſt?“— Emma gewahrte die zornigen Blicke der Gräfin und gerieth außer ſich, aber ſie konnte Eduard nicht darauf aufmerkſam machen, denn auch dies würde die Gräfin bemerkt haben. Gern hätte ſie einige andere der anweſenden Mädchen aufgeſucht und ſich zu denſelben geſellt; allein ſie tanzten Alle. Zwar hätte ſie unter dem Vorwande des Uebelbefindens mit ihrer Mutter in ein Nebenzimmer gehen können; allein auch dahin würde ihr Eduard gefolgt ſein und ihre ſchwache gutmüthige Mutter würde ihn nicht zurückgewieſen haben. Sie war daher genöthigt, bis zum Schluſſe der Francaiſe als Zielſcheibe für die funkelnden Blicke der Gräfin ſitzen zu bleiben. Es half ihr alſo nichts, daß ſie nicht tanzte; daher nahm ſie an den folgenden Tänzen wieder Theil; allein ſie tanzte nicht, ſie bewegte ſich blos mechaniſch und wünſchte ſehn⸗ lichſt das Ende des Balles herbei. Endlich wurde mit dem Waldhorn das Zeichen zum Schluß des Balles gegeben.—„Liebe Mama,“— ſprach da Emma zu ihrer Mutter—„laß uns recht bald heimfahren!“— „Hör' ich recht?⸗— rief Frau Hilbert— ‚iſt es wirk⸗ lich meine Emma, die mich zur Heimfahrt auffordert? Ach, mein ſüßes Kind, Gott tröſte mich, Du biſt gewiß ſehr krank. Sonſt bleiben doch die Mädchen gern ſo lang als möglich.“— Emma verſicherte ihrer Mutter, daß ſie ſich völlig wohl befände, und als bald darauf die Gräfin Abſchied nahm, zer⸗ ſtreute ſich die Geſellſchaft. Emma eilte ſogleich nach ihrer Rückkehr in ihr Zimmer und ſank auf einen Stuhl nieder, indem ſich die Angſt, welche ihre Bruſt beklemmte, in reichlichen Thränen Luft machte. In dieſem Zuſtande wurde ſie von ihrem Dienſtmädchen, der guten Lena, überraſcht, welche ihr beim Auskleiden helfen wollte. „Was iſt denn das?“— rief dieſe beim Eintritt und trat zwei Schritte zurück,—„iſt es wohl möglich, daß Mam⸗ ſell hier ſitzen und weinen, wenn Sie vom Ball zurückkommen? Herr, mein Gott, wie ſoll ich das verſtehen? Mamſell haben doch nichts von Ihrem Schmuck verloren?“— Emma ſchüttelte den Kopf, ohne zu antworten. 3„Mamſell haben vielleicht das Unglück gehabt, ſich Etwas zu zerreißen?“— fuhr Lena fort—„aber iſt denn das der Mühe werth, darum zu weinen?— Manſell ſind ja ſo reich, daß Sie es bezahlen können.— 1 Emma verſicherte, daß ſie kein Unglück dieſer Art gehabt habe, ſondern daß ſie ſich unwohl befände, und ſobald als möglich zur Ruhe zu kommen wünſche. Nun fing Lena an, ihre junge Gebieterin eilends auszukleiden, wobei ſie beſtändig ſchwatzte. „Ja,“— fuhr ſie fort—„es kann wohl möglich ſein, daß ſich Mamſell unwohl befinden; aber deshalb weinen Mamſſell nicht, ſo kindiſch ſind Sie nicht; das hat gewiß einen andern Grund. Ich brauche nicht erſt zu fragen, ob Sie alle Tänze mitgetanzt haben, denn ich weiß ſchon, daß ſich alle Herren um Sie reißen. Es giebt keine Mannsperſon auf dem ganzen Hammerwerk, gering oder vornehm, die nicht von Ihrer Schönheit ſpricht. Ja, neulich erzählte mir Kihlſtröms Jerker, daß ſogar der junge Graf ganz raſend in Sie verliebt iſt, und daß die Rede in der ganzen Gegend geht, Sie könn⸗ ten mit der Zeit noch Frau Gräfin werden.“— Emma erſchrak nicht wenig, als ſie hörte, daß Eduard's Unvorſichtigkeit, ſeine Liebe zu ihr ſo offen an den Tag zu le⸗ gen, ein ſo albernes, durch die ganze Gegend laufendes Ge⸗ rücht erzeugt hatte. Mit den ſtrengſten Worten verbot ſie Lena, jemals wieder eine ſolche Aeußerung zu thun, indem ſie verſicherte, daß ſie, wenn ſie ein ſo ungegründetes albernes Gerücht weiter verbreitete oder nachredete, ſofort aus dem Dienſt geſchickt werden würde. m⸗ n? ven oas der ich, abt als an, idig ein, inen inen alle alle 55 Die arme Lena begann zu ſeufzen und zu weinen. Nie vorher hatte ſie Emma anders, als äußerſt gütig mit ihren Untergebenen ſprechen hören; und um ſo mehr wurde ſie durch den ernſten Ton überraſcht, den ihre Mamſell jetzt annahm. Ohne ein Wort weiter zu ſagen, half ſie Emma vollends auskleiden und verließ dann das Zimmer. Lange ſuchte Emma vergebens ihre Augen zu ſchließen; kein ſanfter Schlummer beruhigte ihr angſterfülltes, aufgereg⸗ tes Gemüth. Endlich nahm ſie ihre Zuflucht zum Gebet, befahl ſich mit vertrauensvoller, zuverſichtlicher Ergebung dem Walten des Allgütigen und fühlte ſich dadurch beruhigter. Mit ſich ſelbſt zufrieden und mit dem ernſten Vorſatz, das verfüh⸗ reriſche Bild, welches in ihrem Herzen thronte, womöglich zu verbannen, ſchloß ſie die Augen; die Natur forderte ihr Recht und ſanft und ungeſtört ſchlummerte Emma einige Stunden nach ſo viel Erregungen des Körpers und des Geiſtes. IV. Civil⸗Arreſt. Als Emma am folgenden Morgen oder vielmehr am folgen⸗ den Vormittag erwacht war und ihre Mutter aufſuchte, fand ſie dieſelbe in der Küche und nebſt der Tante Gertrud mit hauswirthſchaftlichen Arbeiten beſchäftigt, an denen ſie ſogleich eifrig Theil nahm, erfreut, daß ſie nach der Unruhe und Angſt des vergangenen Tages auf dieſe Weiſe die Gedanken zerſtreuen konnte, welche ſogar der Schlaf nicht gänzlich zu verbannen vermocht hatte. Aber vergebens begann ſie von den verſchie⸗ denartigſten Gegenſtänden zu ſprechen, ein einziger Gegegſtand bemächtigte ſich bald wieder ausſchließlich ihrer Gedanken und machte ſie wieder ſtumm und nachdenklich, wie am Abend vorher. Die Zeit zum Frühſtück war da. Fridolf mit einem un⸗ glücklichen friedloſen Geſicht kam allein vom Comptoir. Emma fragte nach ihrem Vater und erhielt die Antwort, daß er vor einer Stunde ſchon zur Gräfin geholt worden ſei, die etwas Wichtiges mit ihm zu beſprechen habe. Erbleichend ſetzte Emma das Milchglas, aus welchem ſie ſo eben trinken wollte, auf den Tiſch zurück und verließ den Saal.—„Mein Gott,“— dachte ſie—„was kan haben, als daß ſie geſtern Abend meine Unterredung mit d Grafen Eduard gehört hat?— 8 — 2 — 8 n ihm die Gräfin anders zu ſagen Mir kann ſie zwar nicht — 5 ſen⸗ and mit eich ngſt uen nen 57 zürnen, denn ich gab mir ja die möglichſte Mühe, ihn zur Vernunft zurückzubringen; aber welche Unannehmlichkeiten wird er ſich durch ſeine Liebe zu mir zuziehen! Ach, gewiß, gewiß wird man ihn ſo ſchnell als möglich von hier entfernen, ihn weit, weit wegſchicken und Alles anwenden, damit er mich ver⸗ gißt und ich ihn nicht wiederſehe!“— So klagte ſie in ihrem Herzen, ohne daß ihre Lippen ein Wort ſprachen; ſo gelangte ſie in ihr Zimmer und ſank wei⸗ nend auf ein Sopha nieder. Ihre gute Mutter kam ihr bald nach, und kurz darauf kündeten ſchwere langſame Schritte auch die Ankunft der Tante Gertrud an. Beide waren ſorgſam um ihren— wie ſie glaubten— bedenklich kranken Liebling beſchäftigt und wollten jedes erdenkliche Mittel anwenden, um das Uebel zu heben, von welchem ſie Emma ergriffen wähn⸗ ten. Aber Emma, durch dieſe Beweiſe von Zärtlichkeit weit mehr beläſtigt als erfreut, bat flehendlich um Verſchonung mit aller Arzenei und verſicherte, daß eine kurze Ruhe und Ein⸗ ſamkeit ſie bald völlig wieder herſtellen würde. Tante Gertrud kehrte hierauf zu ihren häuslichen Geſchäf⸗ ten zurück; allein Frau Hilbert, die ihre Tochter nur ungern in dieſem Zuſtande ſichtbaren Unwohlſeins verließ, würde ſich gewiß nicht von ihr entfernt haben, wenn nicht ſo eben ein Bote von des Schmidtes kranker Hausfrau gekommen wäre, die mit der Inſpectorin zu ſprechen wünſchte. Die gute Frau, die ſelbſt keineswegs glücklich war, tröſtete und pflegte alle Leidenden, und verließ jetzt Emma, um ſo⸗ſchnell als möglich die kranke Frau zu beſuchen. Ungefähr eine Stunde genoß Emma den Troſt, ſich un⸗ geſtört ihren Gedanken hinzugeben und ihren Thränen freien Lauf zu laſſen, als ſie auf dem Vorſaal männliche Schritte hörte. Man näherte ſich der Thür ihres Zimmers, man griff mit großer Heftigkeit an das Schloß derſelben, man öffnete — es war ihr Vater, der mit finſterm Blick und gerunzelter 58 Stirn eintrat. Bleich und ſchweigend ging ihm Emma ent⸗ gegen; er faßte ihre Hand unſanft, führte ſeine Tochter mit einiger Gewalt an das Sopha zurück und ſetzte ſich mit ihr auf daſſelbe nieder. „Emma,“— ſprach er, nachdem er ſie mehrere Minuten lang mit einem durchdringenden Blick betrachtet hatte:—„ich komme ſo eben von der Frau Gräfin, von der ich mit Schaam und Erſchrecken gehört habe, daß Du eine Liebesintrigue mit dem jungen Grafen haſt.“ „Ich— eine Liebesintriguel— rief Emma lang⸗ ſam und mit Nachdruck, während die Röthe des Unwillens über eine ſolche Beſchuld digung ihre vorher todtenbleichen Wangen hochroth färbte.—„Die Gräfin iſt ſehr hart, daß ſie mir einen ſolchen Vorwurf machen kann. Der Himmel weiß, wie fern mein Herz allen Künſten iſt, die eine Intrigue herbeifüh⸗ ren können. Vermuthlich iſt ſie geſtern Abend unbemerkt Zeu⸗ gin einer Unterredung geweſen, welche Graf Eduard im Pfarr⸗ garten mit mir hatte; dann muß ſie aber auch wiſſen, ob ich durch irgend eine gefallſüchtige Liſt das Herz ihres Sohnes zu feſſeln geſucht habe; ſie muß dann wiſſen, daß ich ihn vielmehr an Alles erinnert habe, was er ſeinem Namen, ſeinen Pflich⸗ ten und ſeiner geſellſchaftlichen Stellung ſchuldig iſt.“— „Nun wohl“— antwortete Hilbert.—„Die Gräfin hat Dir Gerechtigkeit widerfahren laſſen und mir geſagt, daß Du verſtändig geſprochen hätteſt. Aber Du hätteſt ihm auch von Anfang an ausweichen ſollen. Warum haſt Du Dich beſtän⸗ dig an ſeinem Arm hierhin und dorthin ſchleppen laſſen?— Warum haſt Du Dich mit ihm von der übrigen Geſellſchaft getrennt und biſt mit ihm an einer einſamen Stelle des Gar⸗ tens herumgewandelt, warum ſonſt, als um ſein abgeſchmacktes Liebesgeſchwätz— Schneeſchaum und weiter nichts— anzu⸗ hören?— Glaubſt Du, daß ſich dies ziemt?— Gott Dank, daß die Gräfin hinter der Hecke ſtand und Euch zuhörte 59 — ſonſt— wer weiß, wie weit der Liebeshandel gediehen wäre und was der Verführer endlich gewonnen hätte!“— „O, mein Vater!“— rief Emma außer ſich—„der junge Graf iſt kein Verführer. Er iſt ein guter, edler Menſch mit ganz unverdorbenem Herzen. Rein, wie das ewige Licht, iſt ſeine Liebe zu mir. Nicht blos ſein Herz, auch ſeine Hand will er mir anbieten, wenn es ihm gelingt, die Einwilligung ſeiner Eltern zu erhalten.“— „Und Du, einfältige Dirne, hörſt auf ſolches Geſchwätz — unterbrach ſie der Vater mit verächtlichem Lachen. „Nein, keineswegs,“— fuhr Emma fort—„ich habe ihm die Unmöglichkeit vorgeſtellt.“— „So,“— ſprach der Alte—„Du haſt alſo ſo viel Ver⸗ ſtand, aber lange noch nicht genug, um hinter ſeine unredlichen Abſichten zu kommen? Du glaubſt in Deiner kindiſchen Be⸗ fangenheit, daß es ſein Ernſt iſt, Dich zur Gräfin H'e zu machen?— Du ſiehſt nicht ein, daß dies eine doppelte Schlinge iſt, um Dein leichtgläubiges, unerfahrnes Herz zu fangen?— O, der Bube!— Hüätte ich ihn in dieſem Augenblick hier, ich würde vergeſſen, daß er der Sohn meines Herrn und viel⸗ leicht mein zukünftiger Herr iſt; ich würde blos daran denken, daß ich Vater bin, Vater einer einzigen Tochter, die meine Freude, mein Stolz, die einzige Hoffnung meines Alters iſt. Und ſie will er ſchänden und unglücklich machen, und mich durch ſie. O, der Leichtſinnige! Die ganze Welt ſteht ihm offen, tauſend Freudenblumen wachſen auf ſeinem Wege; ich alter Mann beſitze eine einzige Roſe, eine einzige, die mein mühſeliges, freudenleeres Leben verſchönern ſoll, und dieſe will er mir brechen, dieſe will er mir rauben!“— Der Greis ließ bei dieſen Worten ſein Haupt auf die Bruſt ſinken und ſah ſo unglücklich aus, daß Emma Mitleid für ihn fühlte. Nie hatte ſie ihn ſo geſehen, nie hatte ſie ſo zarte, gefühlvolle Worte von ihm gehört. Allein das unſchuldige würde mit Recht über die plesliche Veränderung erſtaunt ſein, Mädchen begriff nicht, wie ſie in der reinen, aufrichtigen Liebe des Grafen etwas Verbrecheriſches und Unglückdrohendes finden ſollte. Sie ſuchte ihren Vater zu beruhigen, indem ſie ſich in ſeine Arme warf und ihm die Verſicherung gab, daß ſie ſich ſchon längſt vorgenommen habe, der Stimme der Ver⸗ nunft zu gehorchen und das Bild des Grafen gänzlich aus ihrem Herzen zu verbannen, obwohl ſie ihn— wie ſie offen geſtand— ſehr liebte. Sie verſprach ihrem Vater, den Gra⸗ fen zu fliehen und ihm auszuweichen, ſo weit es ſich thun laſſe, und bat ihn, ſich ſelbſt und die Familie Eduards zu be⸗ ruhigen. „Ja, verſprechen iſt gut, aber halten iſt beſſer, ſagt ein altes Sprüchwort“— erwiederte der Alte, ohne aufzublicken. „Papa glaubt alſo, daß ich Etwas verſpreche, was ich nicht zu halten gedente⸗— rief Emma weinend. „Ja, wenn Du Dir ſelbſt überlaſſen wäreſt— erwiederte der ſtrenge Greis.—„Aber es werden wohl Anſtalten getrof⸗ fen werden, die Euch Beide zwingen, an andere Sachen zu denken. Gott ſei gelobt, daß dieſe Albernheit zur rechten Zeit entdeckt worden iſt! Hätte ſie länger fortgedaſiert, ſo wäre ich vielleicht um meine gute Stelle gekommen und ganz artig auf⸗ gefordert worden, auf andere Weiſe mein Brot zu ſuchen. Glaubſt Du, daß der Graf und die Gräfin anſtehen würden, ſich einer Familie zu entledigen, von welcher ihnen ein Mit⸗ glied Aergerniß giebt?“— Emma antwortete nicht und ihr Vater ſchwieg einige Au⸗ genblicke. Dann fuhr er fort:„Und Fridolf, zu deſſen Gattin Du beſtimmt biſt, was foll er wohl davon denken? Glaubſt Du nicht, daß Du ſpäter in Deiner Ehe viele ver⸗ drüßliche Stunden wegen dieſes albeinen Liebeshandels mit dem Grafen haben kannſt?“— Bei dieſen Worten hätte man Enns ſehen ſollen, man 61 die in ihrem ganzen Weſen vorging. Aus den Armen des Vaters, in denen ſie bisher gelegen hatte, die ſchönen him⸗ melblauen Augen in Thränen gebadet und die ſprechenden Blicke, Vergebung erflehend, auf den erzürnten Alten gerichtet, riß ſie ſich haſtig los, trat einige Schritte zurück und blieb mit einem Ausdruck von Entſchloſſenheit ſtehen, den ihr Vater noch nie bei ihr geſehen hatte. „Die Zeit zu dieſer unangenehmen Erklärung iſt nun da,“ — dachte ſie—„dieſe Stunde iſt einmal verbittert, mag denn der Sturm mit einem Male raſen.“— Drauf fragte ſie mit ernſtem Ton, aus welchem Grunde der Vater behaup⸗ ten könne, daß ſie Fridolfs Gattin werden würde. Der Alte ſah ſie mit großen Augen an.—„Aus wel⸗ chem Grunde?“— fragte er.—„Habe ich ihm nicht ſchon ſeit langer Zeit Deine Hand zugeſagt?“— „Aber ich weiß nichts davon, daß ich jemals meine Ein⸗ willigung dazu gegeben hätte,“— erwiederte Emma—„und doch, glaube ich, iſt meine Einwilligung nicht ganz überflüſſig.“ „Nein, daran habe ich allerdings nicht gedacht,“— ver⸗ ſetzte der Alte— ich vermuthete nicht, daß ein gutes, ver⸗ nünftiges Kind Einwendungen gegen die Beſchlüſſe ſeines Va⸗ ters machen könnte.“— „In gewöhnlichen Dingen wohl nicht,“— fiel Emma ein —„was mich aber perſönlich und mein eigenes künftiges Wohl oder Wehe betrifft, ſo hoffe ich wohl, daß mir göttliche und menſchliche Geſetze eine Stimme dabei geſtatten. Ich habe noch nie gehört, daß Eltern die Hand ihrer Töchter vergeben haben, ohne die letzteren darum zu fragen; und ich hoffe, daß nun, nachdem ich beſtimmt erklärt habe, daß ich Tyrell nie angehören kann und will, künftig nie wieder die Rede von dieſer Verbindung ſein wird.“— Es dauerte eine Weile, ehe der alte Hilbert dem Zorn und dem Erſtaunen, die anfangs ſeine Zunge feſſelten, Luft zu geben vermochte. Er hatte ſich vom Sopha erhoben, ſtand mit gekreuzten Armen ſeiner Tochter gegenüber und maß ſie mit ſo zornigen Blicken, daß ſie bei einer andern Gelegenheit davor erſchrocken ſein würde. Allein jetzt hielt ſie dieſe Blicke aus und beantwortete ſie mit eben ſo feſten— nicht zornigen, nicht trotzigen, aber ruhigen, beſtimmten und ernſten Blicken. „Höre ich recht?“— fragte der Vater endlich.—„Iſt es möglich, daß Du Dich weigerſt, Fridolf Deine Hand zu geben, daß Du Dich weigerſt, Deinem Vater zu gehorchen?“ „Tauſendmal lieber will ich ſterben, als ihm angehören“ — rief Emma.—„Kein väterlicher Befehl, keine Gewalt, keine menſchliche Macht ſoll mich je zu einer Ehe zwingen, die mich unglücklich machen würde. Schon Tyrells bloßer Name hat von jeher jedes freudige Gefühl aus meinem Her⸗ zen verbannt.“— „Und dies Alles haſt Du mir früher nie geſagt”— ſprach Hilbert, indem er ſeinen Zorn zu unterdrücken ſuchte.—„Du denkſt wohl, ich begreife den Grund Deiner jetzigen Wider⸗ ſpenſtigkeit nicht?— Ich müßte wohl recht dumm ſein, wenn ich nicht begriff, daß Dir Dein Liebeshandel mit dem gräfli⸗ chen Burſchen dieſen Abſcheu gegen eine anſtändige und ge⸗ ſetzliche Verbindung mit einem Mann Deines Standes einflößt, mit einem ehrenwerthen, braven Mann, dem es Ernſt mit ſeiner Liebe iſt, der Dich reichlich ernähren kann— mit einem Mann, der von thremnveri hen Eltern ſtammt und eine gute Erziehung genoſſen hat, einem Mann, der geiſtreich, hübſch und angenehm iſt, einem Mann, der“——— „Dies Alles habe ich nie an ihm finden können“— un⸗ terbrach Emma ihren Vater. „Mit einem Mann, um den Dich ſicher hundert Mäd⸗ chen beneiden”“— fuhr der Inſpector fort, ohne ſich durch Emma'’s Unterbrechung ſtören zu laſſen. „Nun, wenn dies der Fall iſt, wenn mich. ein einziges ——— Eeeͤe— 63 Mädchen um Fridolf Tyrell beneidet, ſo laß ihn dieſer’— bat Emma mit weicher Stimme.—„Ich meines Theils gebe alle Anſprüche an ihn auf.“— „Aber ich nicht!“ rief der Alte mit einer Stimme, welche Emma zum Zittern brachte.—„Ich gebe einen ſo trefflichen Schwiegerſohn nicht auf, und Du magſt nicht etwa glauben, daß er die rechtmäßigen Anſprüche aufgeben wird, die er auf Deine Hand hat, nachdem ich ihm dieſelbe zugeſichert habe. Du denkſt wohl, mich durch Deine Capricen zum Wortbrüchi⸗ gen, zum Schurken zu machen, denn das iſt Jeder, der nicht hält, was er mittelſt ehrlichen Handſchlags verſprochen hat. Mein. Du ſollſt Fridolf angehören, und zwar ſehr bald. Da⸗ mit Du jedoch Zeit zur Beſinnung und Friſt zur Ueberlegung haſt, 8 will ich Dir dazu vierzehn Tage Zeit laſſen, während der Du ganz ungeſtört ſein ſollſt. In dieſer Zeit darfſt Du Dein Zimmer nicht verlaſſen; es ſoll Dich weder der Gegen⸗ ſtand Deiner unvernünftigen Liebe noch ſonſt Jemand ſtören, das verſpreche ich Dir. Zur Strafe für die Dummheit, die Du begangen haſt, und für den Trotz, den Du eben bewie⸗ ſen, lege ich Dir Arreſt in Deinem Zimmer auf.— Der Inſpector trat an das Fenſter und verſchloß die da⸗ ſelbſt angebrachten Jalouſieen, welche Emma bisher nie benutzt hatte. Mit einem kleinen Hängeſchloß— deren er ſtets meh⸗ rere bei ſich trug— verſchloß er dann jede derſelben, ſo daß ſie nicht geöffnet werden konnten. Emma brach in Weinen aus und rief:—„Mein Gott, der Papa deunkt doch nicht etwa, daß ich die Stube durch das Fenſter verlaſſen werde?“⸗ „Wer weiß“— verſetzte der Alte ſtreng und ging nach der Thür. Als er dieſelbe ſchon geöffnet hatte und eben fpri⸗ gehen wollte, wandte er ſich noch einmal um und ſprach: „Adieu, Mamſell Emma; ich verſichere Dir, daß Niemand Dein Nachdenken ſtören ſoll, damit Du hinreichend Zeit haſt, das Vergangene zu bereuen und für die Zukunft vernünftig 64 zu werden.“— Er trat zur Thür hinaus, verſchloß dieſelbe von außen und ſteckte den Schlüſſel in die Taſche. Unterdeſſen entwarfen der Graf und die Gräfin einen Plan, Eduard ſo ſchnell als möglich von Be zu entfernen. Man wollte ihn ſogleich nach Stockholm zu dem Regiment ſchicken, bei welchem er eintreten ſollte; aber man fand keinen paſſenden Vorwand. Man war nänlich übereingekommen, ſich unwiſſend über Eduards Liebe zu Emma zu ſtellen, denn au⸗ ßerdem würde es zu einer für die ganze Familie unangeneh⸗ men Erklärung gekommen ſein, welche gewiß nicht ohne Vor⸗ würfe von Seiten beider Eltern gegen den Sohn vorüberge⸗ gangen wäre; und gerade dadurch würde Eduard's Leidenſchaft noch mehr geſteigert worden ſein. Daher ſollte Liſt und Heim⸗ lichkeit an die Stelle der Offenheit und Gewalt treten. Noch an demſelben Tage ſchrieb der Graf an Eduards künftigen Chef, der von Jugend auf ſein Freund geweſen war und ſein ganzes Vertrauen beſaß. Ohne die Urſache zu nen⸗ nen, warum er ſeinen Sohn aus dem Hauſe entfernen wollte, bat er denſelben, Eduard unter einem paſſenden Vorwand ſo ſchnell als möglich nach Stockholm zu berufen. Nächſtdem war man darauf bedacht, ihn während der Zeit, die er noch in Bes verbrachte, von Emma völlig ge⸗ trennt zu halten. Deshalb ſchickte die Gräfin fogleich nach dem Inſpector, von deſſen redlichen und offenen Geſinnungen ſie vollkommen überzeugt war. Ihm theilte ſie die ganze Unterredung mit, die ſie hinter dem Jelänger Jeliebergebüſch gehört hatte, mit Ausnahme des Umſtandes jedoch, daß Eduard Emma ſeine Hand angeboten hatte; denn die Möglichkeit einer ſolchen Verbindung wollte ſie nicht einmal denken, noch weni⸗ ger Emma's Vater mittheilen. Dagegen unterließ ſie nicht, ihn auf die Gefahr aufmerkſam zu machen, der ſowohl der —— Ruf ſeiner Tochter, als ihr ganzes künftiges Glück ausgeſetzt . der ge⸗ nach ngen ganze büſch zuard einer weni⸗ nicht, l der geſetzt 65 wäre, wenn nicht beide Eltern gemeinſchaftliche Sache machten, um ein größeres Unglück abzuwenden. Der erſchrockene Hilbert verſprach mit ſeinem Ehrenwort, daß ſeine Tochter ohne ſeine eigne oder ſeiner Hausfrau Be⸗ gleitung ihr Zimmer nicht verlaſſen ſollte, ſo lange der junge Graf noch in Bu ſein würde, und daß außerdem alle und jede Gemeinſchaft zwiſchen den beiden jungen Leuten verhindert werden ſollte. Die Gräfin war damit zufrieden und entließ ihn mit einigen freundlichen und verbindlichen Worten. Nach Verlauf von acht Tagen erhielt der alte Graf einen Brief aus der Hauptſtadt; es war die Antwort auf ſein Schreiben an Eduards Chef. Dieſer ſchrieb dem Grafen, daß er mit Freude die Gelegenheit ergriffe, den jungen Gra⸗ fen ſo bald als möglich zu ſich zu bekommen, und daß er ihm deshalb eine Adjutantenſtelle anſtatt des jungen Baron von Waur— der auf zwei Monat Urlaub erhalten habe, um in Norrland ſeine Hochzeit zu feiern— übertragen wolle. Da Eduards Patent als Lieutenant ſchon ſeit einem Jahre aus⸗ gefertigt und in Eduards Händen war, ſo bedurfte es blos einer Einberufung ſeines Chefs, um ihn eilig zur Abreiſe in die Hauptſtadt zu nöthigen. Ein an Eduard gerichtetes Schrei⸗ ben dieſes Inhalts war dem Brief beigeſchloſſen; und kaum vermochte der Graf ſeine Freude zu verbergen, als er ſeinen Sohn rufen ließ und ihm den Brief einhändigte. Auf den armen Eduard wirkte dieſer Brief wie ein Don⸗ nerſchlag. Er ſollte B*“ verlaſſen, in der Mitte des pracht⸗ vollen herrlichen Sommers, er ſollte den Ort verlaſſen, wel⸗ cher den Gegenſtand ſeiner innigſten Liebe umſchloß! Zwar hatte er bei ſeiner Ankunft in B*x den klugen und männ⸗ lichen Entſchluß gefaßt, ſich nur kurze Zeit daſelbſt aufzuhal⸗ ten, allein dieſer Entſchluß ſchien ſeinerſeits ſchon längſt wieder vergeſſen worden zu ſein. Während er den unwillkommenen Brief las, erblaßte er; Emma's Herz. II.. 5 als er den Brief durchgeleſen hatte, warf er ihn nachläſſig auf den Tiſch, ohne ein Wort zu ſagen. Der alte Graf, welcher ſehr wohl verſtand, was in dem Herzen ſeines Sohnes vorging, hütete ſich wohl, ihm dies bemerken zu laſſen, ſon⸗ dern erwiederte lächelnd:—„Nun, lieber Eduard, was ſagſt Du zu dieſem Brief?“ „Ich ſage, daß ich nicht von der Stelle reiſe— ver⸗ ſetzte Eduard.. „Wie?“— fragte der Vater—„das iſt wohl nicht Dein Ernſt, Dich Deinem Chef zu widerſetzen?— Eduard ſchwieg einige Augenblicke und erkannte allerdings, daß ſein Vater Recht hatte und daß— da er weder Krank⸗ heit, noch ſonſt einen gültigen Hinderungsgrund vorſchützen konnte— jede andere Entſchuldigung ungültig ſei, eine un⸗ gegründete Verſäumniß gegen den Willen ſeines Chefs aber jeiner künftigen Beförderung hindernd in den Weg treten würde. 3 „Ich muß wohl reiſen,— ſprach er dann langſam— aber ich geſtehe, daß es mir ſehr hart vorkommt. Ich hatte darauf gerechnet, dieſen ganzen Sommer im Schooße der herrlichen Natur bei meinen Eltern zubringen zu dürfen.— „Ja, man rechnet auf ſo Vieles in der Welt, aber man täuſcht ſich oft,— verſetzte der alte Graf mit einer höhni⸗ ſchen Miene, die jedoch ihren Zweck gänzlich verfehlte, indem Eduard zu betrübt war, um auf die zweideutigen Worte und Mienen ſeines Vaters Acht zu geben. Mehr als acht Tage waren verfloſſen und Eduard hatte ſeine geliebte Emma nicht geſehen. Vergebens grübelte er nach der Urſache, warum ſie nicht ſichtbar war. Zu allen Zeiten des Tages wandelte er an ihrem Fenſter vorüber, ohne eine Spur von der Geliebten entdecken zu können; die des Hammerwerks, bei denen er Emma möglicher Weiſe treffen Jalouſien waren beſtändig verſchloſſen. In allen Familien — v 2œ.-ͤ———.— — — — S ver⸗ nicht ings, rank⸗ ützen un⸗ aber treten m— hatte e der man höhni⸗ indem te und hatte elte er i allen prüber, 1; die amilien treffen 67 zu können glaubte, machte er Beſuche; aber nirgends erhielt er Nachricht über ſie, Niemand hatte ſie ſeit dem Verlobungs⸗ tage geſehen. Nur ſoviel hörte er im Pfarrhauſe, daß die Schweſtern und Brüder Rosman mit großer Unruhe von Emma ſprachen und ſich über ihr Außenbleiben wunderten. Clara und Guſtava waren einmal, Henriette und Jenny ein zweites Mal im Hauſe des Inſpectors geweſen, um Emma zu beſuchen; allein man hatte ſie beide Male nicht zu derſelben gelaſſen. Sie hatten gefragt, ob ſie krank ſei, und der In⸗ ſpector, welcher beide Male gegenwärtig geweſen war, hatte mit einem kurzen und heftigen„Ja!“ geantwortet; Frau Hilbert hatte geweint und Tante Gertrud hatte mit bedeu⸗ tungsvoller Miene den Kopf geſchüttelt. Nun wurde ihm Alles klar. Er ſah nun deutlich ein, daß Emma von ihrem ſtrengen Vater gefangen gehalten wurde und daß ſeine eigne Beförderung zum Adjutanten des Chefs auf Veranſtaltung ſeiner Eltern geſchehen war. Sein Kummer und Verdruß darüber war nicht gering. Seine Spaziergänge vor dem Fenſter Emma's wurden nun noch häufiger; er irrte halbe Tage und halbe, ſogar ganze Nächte im Park umher und ſann über die Mittel nach, ſich Nachrichten von Emma zu verſchaffen oder ihr heimlich einige Zeilen zukommen zu laſſen. Allein vergebens; Beides war unthunlich. Endlich traf er eines Tages Emma's Dienſtmädchen, die geſchwätzige Lena, welche am See Kleider ausklopfte. Auf ſeine Fragen erfuhr er nun von derſelben, daß Mamſell Emma an dem Morgen, an welchem ſie von dem Verlobungsfeſt zu⸗ rückgekommen ſei, ſehr geweint habe, daß der Inſpector an denſelben Vormittag in ihrem Zimmer geweſen ſei und ſeiner⸗ ſeits ſehr laut geſprochen, Emma aber geſeufzt und geweint habe. Der Inſpector hatte dann zornig ihre Stube verlaſſen, die Thüre verſchloſſen und den Schlüſſel in ſeine Taſche ge⸗ ſteckt. Von dieſer Stunde an hatte Niemand, als Frau Hil⸗ 5* 68 3 bert und Lena— Letztere nicht einmal allein, und Tante Gertrud gar nicht— zu ihr gehen dürfen. Von 6— 7 Uhr Morgens und von 9— 10 Uhr Abends durfte ſie in ihres Vaters Garten, keineswegs aber in dem Park, ſpazieren ge⸗ hen, allein auch da war ſie nicht allein, ſondern vom Vater oder von der Mutter begleitee.—„Aber“— ſetzte Lena hinzu—„Mamſell Emma will gar nicht ausgehen, ſondern der Inſpector befiehlt es ihr mit donnernder Stimme, und die Frau Inſpectorin bittet ſie mit Thränen darum und ſagt ihr, ſie würde ſterben müſſen, wenn ſie nicht friſche Luft ſchöpfe.“—„„Nun, ſo laßt mich ſterben,““— antwortete Mamſell Emma einmal ganz leiſe darauf—„„dann iſt ein freudenloſes Weſen weniger auf der Welt.“⸗—„Der Inſpector, der dieſe Worte gehört hatte, obwohl ſie dieſelben nur ganz leiſe ſagte, antwortete ihr, daß ſie kein freudenloſes Weſen zu ſein brauche, wenn ſie nicht ſelbſt Schuld daran wäre. Die Frau Hilbert ſieht ihre Tochter immer ſo mitleidig an und ſcheint ſie ſehr zu bedauern, aber ſie darf nichts ſagen, denn der Inſpector iſt ſehr garſtig. Niemand kann begreifen, was dies Alles zu bedeuten hat; aber das weiß ich, daß kein Tag vorübergeht, an welchem ich nicht bitterlich um meine arme Mamſell weine und zu Gott bete, daß er ihrem ſtrengen Vater vergelten ſoll, daß er einen ſo lieben Engel, wie die Mamſell iſt, dermaßen quält, blos weil er Gewalt über ſie zu haben glaubt.“ Die ungekünſtelte Erzählung des guten Mädchens machte einen ſeltſamen Eindruck auf Eduard. Schnell riß er aus ſeinem Taſchenbuch ein Blatt und ſchrieb mit Bleiſtift einige Zeilen darauf. Dieſes Billet gab er Lena mit der Bitte, es Emma einzuhändigen. Allein Lena weigerte ſich, dieſe Bitte zu gewähren, obwohl ihr der Graf ein reichliches Trinkgeld für dieſe kleine Gefälligkeit gab und ein noch reichlicheres ver⸗ ſprach. Sie verſicherte, daß es ihr unmöglich ſein würd 69 tte ihrer Mamſell das Billet zuzuſtecken, weil Frau Hilbert— hr den Befehlen ihres Mannes gehorchend— die kleinſte Be⸗ es wegung und jeden Blick ihrer Tochter genau bewache. Doch ge⸗ verſprach ſie endlich, einen Verſuch zu machen, worauf Eduard ter zufriedengeſtellt fortging. na Lena hatte Recht gehabt. Frau Hilbert war von ihrem ern ſtrengen Mann— der ſie glauben gemacht hatte, daß ihn der und Graf und die Gräfin mit dem Verluſt ſeiner Stelle bedroht agt hätten, wenn er die mindeſte mündliche oder ſchriftliche Com⸗ uft munication Emma's mit dem jungen Grafen zuließe, ſo lange tete der letztere ſich noch in Br*r* aufhalte— dermaßen einge⸗ iſt ſchüchtert worden, daß ſie gar nicht wußte, wie ſie ihre Toch⸗ Der ter, welche ſie in der Tiefe ihres Herzens innigſt bedauerte, lben am beſten bewachen könnte, um jedes künftige Unglück zu ver⸗ oſes hüten. Allein die ſchlaue Lena wußte doch eines Abends, dran nachdem ſich Emma bereits in's Bett gelegt hatte, unter dem eidig Vorwand, daß ſie ihr das Deckbett zurecht legen wolle, das ichts Billet Eduard's zwiſchen Emma's Bett und Deckbett zu kann prakticiren, ohne daß Frau Hilbert das Geringſte davon weiß ahnte. erlich Mitten in der Nacht erwachte Emma und fühlte das ß er Papier, welches Lena in ihr Bett geſteckt hatte, ohne ſie durch ieben Worte oder Zeichen darauf aufmerkſam zu machen. Nun war eil er an Schlaf nicht mehr zu denken, ſie erwartete mit Ungeduld den Morgen, um ſich von dem Inhalt des Papiers in Kennt⸗ nachte niß zu ſetzen. Daß daſſelbe von Eduard war, ahnte ihr heftig aus klopfendes Herz, und ungeduldig zählte ſie jede Viertelſtunde, einige welche die große Uhr im Thurme der Hammerwerksgebäude te, es ankündigte. Endlich war es halb drei Uhr und das Tages⸗ Bitte licht drang durch die Hälfte der oberen Fenſterſcheiben, zu nkgeld denen die Ialouſien nicht reichten, hinlänglich herein, um das g ver⸗ Leſen des Briefes zu geſtatten. würde, Allein gleichzeitig erinnerte ſich Emma, daß ſie ihrem Vater 70 verſprochen hatte, Eduard's Bild aus ihrem Herzen zu ver⸗ bannen und jede Gemeinſchaft mit ihm zu vermeiden. Wie hielt ſie aber dieſes Verſprechen, wenn ſie jetzt im Begriffe ſtand einen Brief zu leſen, den ſie von Eduard geſchrieben glaubte?— Eine Weile war ſie unſchlüſſig, aber Liebe und Neugier ſiegten.—„Was iſt es denn Böſes, wenn ich einige Zeilen von ſeiner Hand leſe, da ich dieſelben keinesfalls be⸗ antworten werde?⸗— fragte ſie ſich ſelbſt und trat an's Fenſter. Allein die verſchloſſenen Jalouſien hinderten ſie, die mit Bleiſtift geſchriebenen Zeilen zu leſen. Sie ſtieg demnach auf ein Tabouret und hielt das Billet über die Jalouſien hinaus. In dieſem Augenblick ging Eduard— wie gewöhnlich— an dem Fenſter vorüber und erblickte Emma's ſchönes Profil, ihre Hand und ſein eigenes Billet von dieſer Hand über die Ja⸗ louſien gehalten. Entzückt ſtand er ſtill und genoß mehrere Sekunden lang dieſen Anblick, ohne daß Emma, die mit dem Leſen des Billets beſchäftigt war, ſeine Gegenwart bemerkte. Man kann ſich wohl denken, daß Eduard's Brief nur Fragen und Ausrufungen der Unruhe und Liebe enthielt. Als Emma den Brief durchgeleſen hatte, drückte ſie ihn — ohne ſelbſt zu wiſſen, was ſie that— an ihre Lippen; aber wie erſtaunte ſie, als ſie in dieſem Augenblicke Eduard draußen im Park vor ihrem Fenſter ſtehen ſah. Schnell, als wäre ſie durch den Anblick eines wilden Thieres erſchreckt worden, ſprang ſie vom Fenſter weg und fühlte ſich ungemein bekümmert und verlegen über den ſprechenden Beweis ihrer Gegenliebe, den ſie dem jungen Grafen wider ihr Wiſſen und Wollen gegeben hatte. Das früher ſo heitere und geräuſchvolle Leben in der gräflichen Familie zu B*r hatte ſich binnen kurzer Zeit in das ſtillſte und einförmigſte verwandelt. Der Graf und die Gräfin waren äußerſt aufgebracht auf ihren Sohn wegen 71 ſeiner— wie ſie ſagten— thörichten und die Würde der Familie ſchändenden Liebe; doch hatten ſich Beide vorgenom⸗ men, freundliche Geſichter gegen ihn zu zeigen, um ihm nicht merken zu laſſen, daß ſie ſelbſt ſeine ſchnelle Entfernung ver⸗ anſtaltet hatten, obwohl dies Eduard längſt gemerkt hatte. Dieſe Verſtellung und dieſer verbiſſene Verdruß wirkte natür⸗ lich auf ihre Laune und erzeugte ein geſpanntes Verhältniß zwiſchen ihnen und Eduard, das ſich bald auch über ihre Um⸗ gebung verbreitete. Anſtatt wie früher ihren Gäſten, dem Baron K** und ſeiner Schweſter, die noch immer in B=** waren, die Zeit möglichſt zu verkürzen und angenehm zu machen, ſaß man jetzt beſtändig daheim. Eduard— unruhig, mißvergnügt und verdrüßlich, ja oft verzweifelnd über ſeine baldige Abreiſe nach Stockholm, die mit jedem Tage näher rückte— ſetzte alle Artigkeit gegen die Gäſte ſeiner Eltern bei Seite, ſtreifte faſt beſtändig im Park umher und war während der wenigen Stunden, welche er im Familienkreiſe zubrachte, ſtumm und finſter. Am beklagenswertheſten unter Allen war Fräulein Louiſe. Die Gräfin war ſo unvorſichtig geweſen, an jenem Morgen, als ſie höchſt zornig gegen Eduard aus der Pfarre nach Hauſe gekommen war, ſogleich in Louiſen's Zimmer zu gehen und ihr Alles zu erzählen, was ſie geſehen und gehört hatte, wie Eduard Emma überall nachgefolgt war, wie er faſt aus⸗ ſchließlich mit ihr getanzt und endlich— das ärgſte und unerhörteſte von Allem— wie er während eines Geſprächs unter vier Augen im Garten, wohin er ſie gelockt, nicht nur auf den Knien ihr ſeine innige unendliche Liebe erklärt, ſon⸗ dern auch— die Gräfin ſchämte ſich faſt es auszuſprechen— ſo weit in ſeiner Thorheit gegangen war und ſich ſelbſt und ſeine Verhältniſſe ſo ſehr vergeſſen hatte, der Inſpectors⸗ tochter anzubieten, daß er ſie zu ſich erheben und ſie zu ſeiner Gattin, zur Gräfin machen wolle, wenn ſie ihm nur mit 72 einem einzigen Wort ihre Gegenliebe geſtehen oder ihn wenig⸗ ſtens überzeugen würde, daß er ihr nicht gleichgültig ſei. „Was denkſt Du davon, Louiſe?— fragte die Gräfin, als ſie ihren umſtändlichen Bericht beendigt hatte. Und was Louiſe davon dachte, hätte die Gräfin ſehr leicht bemerken können, wenn ſie in ihrem Eifer das Fräulein beobachtet hätte. Allein anſtatt deſſen ſpazierte ſie in der Stube hin und her, und als ſie dem Fräulein dieſe Frage vorlegte, ſtand ſie eben am Fenſter. Was denkſt Du davon? In dieſem Augenblicke hörte ſie einen ſchweren Fall auf den Fuß⸗ boden, ſie ſah ſich ſchnell um, die arme Louiſe war ohnmäch⸗ tig vom Sopha gefallen. Die Gräfin war darüber außer ſich, ſie rief und klingelte abwechſelnd, eine Menge Domeſtiken ſtürzten aus den verſchiedenen Zimmern, Gängen und Treppen herbei, das arme Fräulein wurde in ihr Bett gebracht und mußte daſſelbe mehrere Tage hüten. Die Gräfin machte ſich nun bei ruhigerem Nachdenken Vorwürfe darüber, daß ſie ſo unbedachtſam geweſen war und das Herz des armen Mädchens nicht geſchont hatte. Dieſen Fehler ſuchte ſie dadurch wieder gut zu machen, daß ſie Loui⸗ ſen die Anſtalten mittheilte, welche ſie mit ihrem Gemahl getroffen hatte, um Eduard eilends aus der Nähe des gefähr⸗ lichen Mädchens zu entfernen, indem ſie ihr ſchließlich noch die Verſicherung gab, daß der junge Mann Emma in dem Getümmel der Hauptſtadt bald vergeſſen würde. Endlich war das Fräulein wieder ſo weit hergeſtellt, daß ſie ſich bei Tiſche zeigen konnte. Alle bezeigten ihre Freude darüber, nur Eduard nicht; er ſprach kein Wort und wür⸗ digte Louiſen keines Blicks, worüber ſich das arme Mädchen nicht wenig kränkte. Dagegen verdoppelte der Baron Kn ſeine zärtliche Aufmerkſamkeit; er hatte nicht über ſich gewin⸗ nen können, B** zu verlaſſen, bevor er das Fräulein wieder geneſen ſah. Indeſſen ſah er wohl, daß ein neuer Sturm 73 auf ihr Herz nicht zu ſeinem Vortheil ausfallen würde, da ſie ſo ſchwach und ſo niedergeſchlagen war. Hätte er die Urſache ihrer Krankheit geahnt, ſo würde er verzweifelt ſein; allein nie hatte ſich die geringſte Ahnung von Louiſens Liebe zu Eduard in ſein Herz eingeſchlichen. Endlich gab er jedoch den Bitten ſeiner Schweſter— deren aufgewecktes heiteres Temperament ſich nicht in die trüben Geſichter finden konnte, von denen ſie ſich jetzt umgeben ſah— nach und reiſte mit ihr ab; keineswegs aber in der Abſicht, ſeine Hoffnung auf Louiſens Hand aufzugeben, ſondern mit dem Entſchluſſe, bald zurückzukehren und ſeinen Verſuch zu wiederholen. Einige Tage darauf, nachdem Eduard Lena das Billet an Emma gegeben hatte, traf er das Mädchen Nachmittags ge⸗ gen fünf Uhr allein. Auf ſeine Frage nach Emma's Befinden, antwortete ihm Lena, ihre Mamſell wäre zwar nicht gerade krank, ſähe aber ſo bleich und elend aus, als ob ſie im Grabe gelegen hätte. Sie war noch immer eingeſchloſſen und mußte noch immer Morgens und Abends eine Stunde lang friſche Luft im Garten ſchöpfen. Auch an dieſem Abend ſollte ſie es thun, aber nur in Begleitung ihrer Mutter, denn der Inſpector war auf die Eiſenhütte gereiſt. Durch Bitten und gute Worte— am meiſten durch den allgewaltigen Schlüſſel zu ſo vielen Herzen, durch Geld— beſtimmte Eduard Lena nochmals, daß ſie einige Zeilen an Emma von ihm mit dem heiligen Verſprechen übernahm, die⸗ ſelben auf eine oder die andere Weiſe in Emma's Hände zu bringen. Dieſe Zeilen enthielten eine kurze Mittheilung ſeiner bald bevorſtehenden erzwungenen Abreiſe und ein trübes Lebewohl. Am folgenden Morgen ſehr zeitig ſaß der junge Graf betrübt in dem Wagen, der ihn nach der Hauptſtadt brachte. An demſelben Tage wurde Emma ihres Arreſtes entlaſſen. Der Inſpector Hilbert ging ſelbſt an die Landſtraße hinaus, 74 um den jungen Grafen abreiſen zu ſehen; und als er ſich mit eignen Augen überzeugt hatte, daß der Gefährliche wirk⸗ lich auf dem Wege nach Stockholm war, kehrte er vergnügt um und begab ſich ſogleich zu ſeiner ſchönen Gefangenen, um ihr die Freiheit anzukündigen. Emma ahnte bei dieſer An⸗ kündigung die bereits erfolgte Abreiſe Eduards und war darüber allzuſehr betrübt, um ſich über ihre wiedergewonnene Freiheit freuen zu können. Ihr Vater, der mit ſeinen rauhen Gefühlen ihre Empfin⸗ dungen nicht zu begreifen vermochte, wunderte ſich darüber. Er hatte erwartet, daß ſie wie ein aus dem Käfig entlaſſener Vogel jubeln und ihrem Vater danken würde, der ſo gütig war, und ihr die Freiheit ſchenkte; aber das arme Mädchen, welches durch das eben ſo harte als unbillige Benehmen ihres Vaters im Innerſten ihres Herzens verwundet war, zeigte durch keine Miene oder Geberde, daß ſie die— nach ſeiner Anſicht— freudige Nachricht gehört hatte. „Nun?“ fragte er, nachdem Beide einige Minuten ſtumm dageſtanden hatten—„nun, Du freuſt Dich nicht, wenn ich Dir ſage, daß Du wieder nach Deinem Belieben gehen kannſt, wohin Du willſt?“— Emma antwortete kalt aber ſanft:—„Ich bin mir kei⸗ nes Fehlers bewußt, durch den ich mir den Zorn meines Va⸗ ters hätte zuziehen können.“— „Keines Fehlers!“— rief der Alte und begann wieder hitzig zu werden, beſann ſich aber ſofort wieder und ſprach ruhiger:—„Wir wollen über dieſe Geſchichte nicht mehr reden; ſie iſt mir zu unangenehm, und ich wünſche nichts weiter, als das ganze Aergerniß mit dem Grafenjungen zu vergeſſen.— Es wird übrigens recht angenehm ſein, daß Du wieder mit bei Tiſche ſitzeſt, wir haben Dich Alle ſehr vermißt. Die Mutter kam alle Tage mit verweinten Augen zu Tiſche, und Tante Gertrud und ich haben manchen harten Streit gehabt, weil ſie die Nothwendigkeit nicht einſah, die kleine Taube ſo lange im Käfig zu halten, als der Habicht in der Nähe war. Nun haben ſich aber die Sachen geändert und ich denke, wir wollen in guter Ruhe zuſammen leben. Wie wird ſich Fridolf freuen, wenn er Dich wiederſieht! Er hat mich unaufhörlich mit Fragen über Dich und Dein Be⸗ finden gequält, und ich habe es dem ungeduldigen Liebhaber gern verziehen, denn ich weiß“——— Emma, die Fridolf's Namen nie ohne Verdruß und Wi⸗ derwillen nennen hörte, gerieth jetzt außer ſich, als der Vater denſelben einen ungeduldigen Liebhaber nannte; ſie unterbrach ihn und ſprach:—„Herr Fridolf Tyrell kann ſich ſeinen Kummer um mich ſparen. Wenn⸗——— Der Vater fuhr nachdrücklich und ohne ihren Einwand zu beachten fort:—„daß Du ihm angehören mußt. Ich habe ihm mein Ehrenwort gegeben und das will ich halten. Nach dem, was ich ſeit Deiner Ankunft hier im Hauſe bemerkt zu haben glaube, brauchſt Du ſtarke Bande, um befeſtigt zu ſein. Fridolf iſt eine paſſende Parthie für Dich, und will er ſeine Hausfrau nicht vor Seitenſprüngen bewahren, wie ſich für einen Mann geziemt, ſo iſt dies ſein eigner Fehler. So lange Du aber unter meiner Aufſicht ſtehſt, muß ich als Vater je⸗ dem Unglück vorzubeugen ſuchen.“— Der Inſpector verließ mit mißvergnügter Miene die Stube und ließ Emma in Thränen gebadet zurück. Kurz darauf hörte Emma ſchwere Schritte vor der Thür und Tante Gertruds korpulente Figur trat ins Zimmer. Emma eilte ihr entgegen und umarmte ſie; die gute Tante ſeufzte laut, dann begann ſie ſich in Klagen über ihren böſen Schwäger zu ergießen, der nicht allein ſeine unſchuldige Toch⸗ ter mit ſolcher Härte behandle, ſondern auch die arme Tante mit den bitterſten Vorwürfen belade, weil ſie Emma's Ver⸗ theidigung übernommen habe. Die alte Dame warf bei dieſen Worten ihre ſchwere Fleiſchmaſſe auf Emma's Sopha, ſo daß daſſelbe krachte, und fuhr in einem zwiſchen Weinen und Zorn gemiſchten Tone fort:—„Es iſt doch terribel, daß ein Mann ſo„graſſiren kann, wie Dein Vater, und daß er Menſchen„ſchukaniren⸗ kann, die Zeit ihres Lebens einen„eſtimabeln und blamabelne Wandel geführt haben. Ja, das kann ich ſagen, ich habe ſtets ehrbar und anſtändig gelebt, ſowohl in meiner Jugend, als in meinen reiferen Jahren. Und dann will ſo ein unge⸗ hobelter Jon Jan kommen und ſagen, daß ich nicht wüßte, was ſich paßt und nicht paßt. Aber ich weiß es wohl und halte es nie mit dem Ungerechten, denn Veränderlichkeit und Flüchtigkeit iſt nie meine Sache geweſen. In meiner Jugend hatte ich viele Anbeter, aber ich hielt ſie ſtets in— vielleicht zu großer— Diſtanz und wählte und wählte“—— „So lange, bis Sie endlich ohne Mann blieben, Tant⸗ chene— unterbrach Emma das langweilige Geſchwätz. Tante Gertrud ignorirte die Unterbrechung und fuhr fort: —„Ach, Du hätteſt mich nur ſehen ſollen, als ich ſo alt wie Du war. Tauſend, wie zurückhaltend war ich; ich er⸗ röthete und ſchlug die Augen nieder, wenn mich ein Mann nur anſah. Aber merkte ich dagegen zu viel„Hardeſſet bei Jemand, ſo ſetzte ich mich auf das hohe Pferd und bat ihn, daran zu denken, daß er mit einem Mädchen von„Ammu⸗ nition⸗ ſprach und—— Hier wurde die gute Alte abermals durch Emma unter⸗ brochen, die ſich ungeachtet ihrer Betrübniß nicht enthalten konnte, zu lachen. Gertrud blickte ſie erſtaunt an und fragte: —„Was ſicht Dich an, Mädchen?“—„Sie ſind ſo fran⸗ zöſiſch, Tante“— ſagte Emma.—„Franzöſiſch?— Wie ſo—„Nun, Sie miſchen ſo viele franzöſiſche Worte in Ihre Reden.“—„Durchaus nicht; ich verſtehe gar nicht Franzöſiſch und habe dieſe Sprache nie gelernt; was aber 1I ⸗ abe nd, ge⸗ Fte, und und end eicht ant⸗ 77 meine Reden betrifft, ſo brauche ich keine andern Ausdrücke, als ſolche, die ein gebildetes Frauenzimmer brauchen muß, um angemeſſen und mit Geſchmack zu ſprechen. Du mußt glau⸗ ben, daß ich auch unter anſtändigen Leuten gelebt habe, ob⸗ gleich ich nicht, wie Du, mehrere Jahre in Stockholm zuge⸗ bracht habe.“ Nach dieſen Worten nahm Tante Gertrud Emma's Hand, zog ihre Nichte näher an ſich und fragte ſie mit ernſtem Blick und Ton, ob ſie noch kindiſch genug wäre, ſich um den jun⸗ gen Grafen zu kümmern oder an denſelben zu denken. Bei dieſer Frage ſah ſie ihrer Schweſtertochter ſtreng und prüfend in die ſchönen Augen, deren lange dunkle Lider ſich ſogleich niederſenkten, während der Mund ſtumm blieb. Tante Ger⸗ trud, welche auf ihre Frage ein freimüthiges Nein zu hören erwartet hatte, begann nun zu predigen und zu moraliſiren und ermahnte Emma, daß ſie ſich ſolche Thorheiten aus dem Sinn ſchlagen müſſe und daß Vater Hilbert, obwohl er in mancher Hinſicht hart gegen ſeine Tochter verführe, in gewiſ⸗ ſer Beziehung vollkommen recht hätte. Denn jeder Menſch, welcher Emma's Wohl wollte,— meinte die Tante— hätte Recht, wenn er ſie von aller und jeder Gemeinſchaft mit ei⸗ nem jungen Manne abhielt, der keine anderen als böſe Ab⸗ ſichten gegen ſie haben könnte. Sie erinnerte Emma, wie ſie ihr ſchon auf dem Dampfſchiffe den Rath gegeben hätte, die ſüßen, ſchmeichelnden Worte des Unbekannten nicht zu beach⸗ ten.—„Erinnerſt Du Dich noch“— ſetzte ſie hinzu— als er die Blume küßte, die Du ihm gabſt, daß ich Dir ſagte, Du dürfteſt den Worten eines Mannes nicht trauen?“ —„Trauen!“— rief Emma—„ich habe Niemandem ge⸗ traut, ich weiß aber auch nicht, auf welche Weiſe mich Graf Eduard betrogen hätte.“—„Nun, nun, das kann er wohl noch”— murmelte die Alte.—„Glaube mir, meine Emma, wenn ein ſolcher„brillanter“ Herr um ein geringes Mädchen 78 „kourtiſirt,“ ſo hat er nur ſchlimme Abſichten. Ja, ja. Ich will blos Dein Beſtes, Mädchen, obwohl ich von Deinem Vater nur Schimpf und Schande zum Dank dafür habe.“— Emma antwortete nicht und die Tante ſetzte ihre erbau⸗ liche Predigt fort. Aber wie ſie noch im beſten Zuge war, griff eine Hand ſo derb an die Thürklinke, daß die Alte plötz⸗ lich ſchwieg, vom Sopha aufſprang und nach der Thür blickte, durch welche ſo eben die Küchenmagd mit ſchmutzigem und zornigem Geſicht eintrat und ſich beklagte, daß der Knecht Anders den Grützbrei, den ſie ihm zum Frühſtück gegeben hätte, nicht eſſen wollte, indem er behauptete, es wäre keine Milch, ſondern blos Waſſer dazu genommen worden. „Nun, das muß ich ſagen,“— brach Tante Gertrud los, indem ſie augenblicklich von ihrem ſentimentalen Predigerton zu einem groben Küchenton überging—„ſoll ich denn nicht einmal ſo lange Frieden haben, als ich mit meiner Schweſter⸗ tochter ſpreche? Packe Dich hinaus, Liſe, ich mag nichts von Deinem Geklatſche hören. Geh nicht etwa vom Kaffeebrennen weg, und laß die Bohnen gehörig ſchwitzen, hörſt Du?“— Die Küchenmagd eilte hinaus und die Tante ſetzte ſich ebenfalls— jedoch langſam— in Marſch, indem ſie im Gehen mit ihrem großen Schlüſſelbund raſſelte und über das ſchlechte Dienſtvolk raiſonnirte. Der Mittag kam und Emma mußte mit der übrigen Fa⸗ milie zuſammen eſſen, obwohl ſie weit lieber— wie während ihrer Gefangenſchaft— allein in ihrem Zimmer gegeſſen hätte. Nie war eine Mittagsmahlzeit im Hauſe des Inſpec⸗ tors ſo ſtill vorübergegangen, wie dieſe; man ſprach kein Wort. Der alte Hilbert ſaß mit niedergeſchlagenen Augen und gerunzelten Augenbrauen da und warf dann und wann einen finſtern Blick auf ſeine Tochter, die dies jedoch nicht bemerkte, weil ſie ihren Blick nicht zu ihm erhob. Nur auf der zärtlichen Mutter haftete oft ihr klares, blaues Auge, — 9 und dieſe blickte mit Thränen im Auge auf ihre Tochter; Beide verſtanden einander. Sogleich nach dem Schluſſe der Mahlzeit begab ſich Emma wieder in ihr Zimmer und fand daſelbſt einen Brief mit dem Poſtzeichen Stockholm, der ihrer wartete. Erfreut öffnete ſie denſelben, als ſie die Handſchrift ihrer lieben Tante, der Aſ⸗ ſeſſorin erkannte. Ein Brief von Julie war beigeſchloſſen. Emma las zuerſt den Brief der Tante. Er war freund⸗ ſchaftlich, zärtlich, mütterlich, aber ohne ermüdende Moral, und das Durchleſen deſſelben verſchaffte Emma eine der ge⸗ nußreichſten Stunden, welche ſie ſeit ihrer Rückkehr ins Va⸗ terhaus gehabt hatte. Julie rief in ihrem Brief ihre war⸗ men Verſicherungen ewiger, unverbrüchlicher Freundſchaft an, ſchilderte nochmals ihre Sehnſucht nach Emma und theilte ihr dann eine Menge kleiner Ereigniſſe mit, welche nur Mädchen in dem Alter von funfzehn bis ſiebzehn Jahren intereſſiren konnten. Endlich ſchrieb ſie: 5 „Geſtern waren wir bei dem Königl. Rentmeiſter Du⸗ „und ſeiner Gattin. Unter anderen Fremden befand ſich „auch der Major Wer daſelbſt. Er fragte nach Dir, und „als er erfuhr, daß Du in Be biſt, ſagte er, daß er den „jungen Grafen Hes aus Bes in dieſen Tagen in Stock⸗ „holm erwarte. Nach der Beſchreibung des Majors ſoll „der Graf der ſchönſte und liebenswürdigſte junge Mann „ſein, den man ſehen kann. Darüber muß ich Emma fra⸗ „gen, dachte ich. Alſo, liebe Emma, wenn Du dieſen Brief „beantworteſt, ſo ſchreib mir Etwas über den jungen Gra⸗ „fen, den Du ja kennen gelernt haben mußt. Es intereſ⸗ „ſirt mich, den Grad zu wiſſen, in welchem der Major „We bei ſeiner Beſchreibung übertrieben hat; und über⸗ „trieben muß er haben, ſonſt wäre der junge Graf He⸗ „ein Engel, aber kein gewöhnlicher Menſch.“ Als Emma dieſen Brief geleſen hatte, verſank ſie in eine Herzens zu verrathen? traumähnliche Zerſtreuung. Eduard ſchwebte ſo lebhaft vor ihrer Phantaſie, als ob ſie ihn perſönlich hörte und ſähe. Was ſollte ſie auf Julie's Frage antworten?— Wie ſollte ſie von ihm ſprechen, ohne ihm Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, und wie konnte ſie dies thun, ohne die Gefühle ihres 2 Während ſie dieſes wichtige Problem überdachte, öffnete ſich die Thür und die Damen aus der Pfarre traten herein. Frau Hilbert hatte dieſelben ohne Emma's Wiſſen zum Kaffee einladen laſſen, weil der ſtrenge Inſpector nun nichts mehr dagegen einzuwenden hatte, daß Jedermann ſeiner Tochter nahen durfte, da der verführeriſche Graf fort war. Emma freute ſich ungemein, ihre Freundinnen zu ſehen; aber ihre Wangen glühten gleichzeitig vor Schaam über ihre Gefangenſchaft, und ſie befand ſich in großer Verlegenheit, wie ſie die Fragen beantworten ſollte, welche ſie erwartete. Allein dieſe Verlegenheit ſchwand bald, als die Mädchen ein⸗ ſtimmig Emma's lange Krankheit beklagten, durch welche ſie vom Ausgehen abgehalten worden war. Die Klugheit erfor⸗ derte, Alle bei dieſer Meinung zu laſſen, obwohl ziemlich alle Bewohner des Hammerwerks durch das Gerücht die Wahrheit erfahren hatten. Froh, allen verletzenden Fragen zu entge⸗ hen, überließ ſich Emma von ganzem Herzen dem Vergnügen, ihre lieben Freundinnen um ſich zu haben, denen es gelang, ihr theils durch zarte Theilnahme, theils durch Scherz und Unterhaltung den Abend ziemlich heiter zu machen. — V. Eduard in Stockholm. Der arme Eduard, der ungeachtet ſeines früheren Entſchluſſes, B** auf das Schnellſte zu verlaſſen, ſein Herz nun mit un⸗ zerreißbaren Banden an B** gefeſſelt fand, ſaß mit ſtreiten⸗ den Gefühlen in dem Wagen, der ihn mit jeder Sekunde weiter von Dem entfernte, was er für das Schönſte und Liebens⸗ würdigſte auf der Erde hielt. Der Abſchied von ſeinen El⸗ tern war ziemlich kalt und ſehr verſchieden von der warmen Herzlichkeit geweſen, mit welcher er vor kurzer Zeit erſt im Vaterhauſe empfangen worden war. Sein Vater— unge⸗ duldig, ihn bald aus einer Gegend entfernt zu ſehen, die den gefährlichen Gegenſtand ſeiner thörichten Leidenſchaft(wie er es nannte) hegte— bot Alles auf, um ſeine Abreiſe zu be⸗ ſchleunigen. Die Mutter, obwohl ihr Herz darüber blutete, daß ſie ſich ſchon ſo bald wieder von ihrem einzigen Sohne trenneu mußte, ſah doch die Nothwendigkeit dieſer Trennung ein; und bei dem kränkenden Gedanken an Eduard's Thorheit, ja Wahnſinn(wie ſie es nannte), drängte ſie ihre Thränen zurück, die bereit waren hervorzubrechen und ihre Zärtlichkeit zu verrathen. Beide Eltern hofften, daß die Abweſenheit ihren Sohn bald heilen und zur Vernunft zurückbringen würde, ſo⸗ bald die Flamme ſeines Herzens durch nichts mehr unterhal⸗ ten und angefacht werde. Einen Briefwechſel zwiſchen den Emma's Herz. II. 6 Liebenden fürchteten ſie Beide nicht, denn Hilbert hatte ihnen das Verſprechen gegeben, daß keine Briefe von ſeiner Tochter abgehen und an dieſelbe gelangen ſollten. Und dieſes Ver⸗ ſprechen konnte er mit Sicherheit geben, weil das Poſtfelleiſen ſtets von ihm ſelbſt geöffnet und verſchloſſen wurde. Fräulein Louiſe war unter dem Vorwand einer Unpäß⸗ lichkeit bei Eduard's Abreiſe nicht gegenwärtig geweſen, ein Umſtand, den ihr Eduard in Rechnung brachte. Der Wagen rollte. Vergebens ſtand Eduard mehrere Male auf und blickte ſehnſüchtig zurück nach dem Orte, der das Liebſte varg, was er auf Erden hegte. Bald ſah er nur noch die Baumwipfel und Thurmſpitzen, in einigen Augenblicken waren aber auch dieſe ſeinen Blicken entſchwunden. Seiner Liebe ſüßer Morgentraum, ſeine ephemere Seligkeit war verſchwun⸗ den und begleitete ihn nur noch im Roſenſchimmer der Erin⸗ nerung. So lange er konnte, hatte er ſeine Augen auf die oberſten Wipfel der Ahornbäume gerichtet, welche das Dach der Inſpectorwohnung beſchatteten.—„Frieden,— ſprach er halblaut—„des Himmels ſeliger Frieden ſchwebe über der Wohnung des Engels, deſſen Bild ich ewig in meinem Herzen tragen werde!— Er ſchwieg aus Furcht, daß er von dem Bedienten oder Skjutsbonde*) gehört werden möchte— allein Beide hörten nichts, das Geraſſel des Wagens übertäubte Eduard's Stimme. Frieden hatte er auf die Geliebte herabgerufen, Frieden flüſterten auch die Blumen, die ſich dem Strahle der Morgen⸗ vielen ſonne öffneten, Frieden murmelte der kriſtallhelle Bach, Frie⸗ eine den ſäuſelte das zitternde Laub der Espen; und der milde geſchl Morgenwind, welcher um Eduard's Wangen ſchmeichelte und— mit ſeinen dunkeln Locken ſpielte, ſchien durch alle Pulſe ſeinem Aufw — ſeines *) Poſtillon, eigentlich Poſtbauer, weil in Schweden die Poſt⸗ bare fuhren durch Bauern geleiſtet werden. mit d den ter er⸗ ſen äß⸗ ein tale bſte die aren Liebe vun⸗ Erin⸗ f die h der ch er r der erzen dem allein Käubte rieden orgen⸗ Frie⸗ milde te und ſeinem e Poſt⸗ 83 unruhigen Herzen Frieden einhauchen zu wollen. Vergebens. Stumm und nachdenklich ſaß er in einer Ecke des Wagens, die er auch während des Pferdewechſels nicht verließ. Sogar als man wegen augenblicklichen Mangels an Pferden anhal⸗ ten und neue Pferde erwarten mußte, ſtieg er nicht aus. Erſt gegen Abend, als ihn ſein treuer Guſtaf durch beharrliches Bitten beſtimmt hatte, Herberge zu nehmen, erſt da verließ er den Wagen. Und auch dies that er mehr ſeines armen Dieners, als ſeinetwegen, denn er ſelbſt erwartete in dem wei⸗ chen Bett eben ſo wenig Ruhe, als in dem ſchaukelnden Reiſe⸗ wagen. Auch täuſchte er ſich darin nicht. Der wohlthätige Schlaf floh ihn, mit offnen Augen lauſchte er auf jeden Schlag der in ſeinem Schlafzimmer ſtehenden großen Wanduhr. Gleich⸗ wohl träumte er— er träumte wachend von Emma. Er ſah ſie bleich, in Thränen gebadet, ein Opfer der ungerechten Vorwürfe und unerhörten Strenge eines despotiſchen Vaters. Er konnte und wollte ſeine Gedanken nicht von dieſem Bilde abziehen. Gleichgültig ſah er dem Ziele ſeiner Reiſe entgegen. Der Anblick der Reſidenz mit ihren wolkenhohen Thürmen erweckte nicht eben angenehme Gefühle in ſeiner Bruſt. Als er durch das Thor in die Stadt fuhr, wurde ſein Zuſtand noch pein⸗ licher. Draußen in der freien friſchen Luft hatte er ſich weit beſſer befunden; aber die große Stadt mit ihrer Volksmaſſe kam ihm wie ein großer Käfig vor, in welchen er zugleich mit vielen tauſend Andern— welche gleich ihm eine Ahnung von einem beſſern, freieren und natürlicheren Leben hatten— ein⸗ geſchloſſen werden ſollte. Tages nach ſeiner Ankunft machte er ſeinem Chef ſeine Aufwartung und wurde von dieſem, der ſich freute, den Sohn ſeines alten Freundes zu ſehen, offen, herzlich und mit ſicht⸗ barem Wohlwollen empfangen. Die militairiſchen Uebungen, mit denen er ſogleich beginnen mußte, zerſtreuten zugleich ſeine 6* trüben Gedanken, denn unter den Anſtrengungen des Dienſtes, unter dem Geſtampfe der Roſſe und dem Schmettern der Trompeten konnte die Melancholie ihre ſcharfen Klauen nicht in ſein Herz ſchlagen. Am meiſten quälte ihn die Menge von jungen Leuten, die unter dem Berufen auf ihre Kameradſchaft ſich um den reichen Erben drängten. Sein Name, ſein großes Vermögen, das Anſehen ſeines Vaters hatten ihm eine ſolche Anzahl ſogenann⸗ ter Freunde erworben, daß er kaum irgendwohin gehen konnte, ohne daß ein Freund kam, ihm die Hand ſchüttelte und ſich neben ihn ſetzte oder ihm ein Glas Wein anbot und Brüder⸗ ſchaft vorſchlug. Eduard wußte ſich jedoch geſchickt und ohne Jemand zu verletzen allmählig von dieſem geräuſchvollen Um⸗ gange zurückzuziehen, und viele dieſer jungen Herren, die ſich in ihrer Hoffnung getäuſcht fanden, ihn in ihren toſenden Kreis zu ziehen und ſeine ſtets wohlverſehene Kaſſe zu be⸗ nutzen, zogen ſich freiwillig von ihm zurück, nannten ihn ſpottweiſe„den Melancholiker,“„den Pedanten“ oder„Herr Mondſchein“ und leiſteten ihm, indem ſie ihn mit ſeinen trü⸗ ben Gedanken allein ließen, den beſten Dienſt. Sein edler hellſehender Chef theilte jedoch dieſe verkehrten Anſichten der jungen Herren über Eduard keineswegs. Wohl hielt auch er denſelben Anfangs für einen Miſanthropen; als er aber einige Züge eines edeln reinen Herzens an⸗ ihm zu bemerken glaubte, entſchloß er ſich, dieſen jungen Mann mit Ernſt zu beobachten. Und als er dann ſah, mit welchem Ver⸗ gnügen Eduard ſeine Einladungen ſtets annahm; wie derſelbe eine Art von Stolz darein ſetzte, unter den näheren Bekann⸗ ten des einſichtsvollen und allgemein geachteten Chefs zu ſein; als er bei ſeinen Unterredungen mit Eduard bemerkte, wie des Jünglings unverdorbenes Herz für Tugend, Religion, Men⸗ chen⸗, Vaterlands⸗ und Gerechtigkeitsliebe, für Wahrheit und Schönheit ſchlug, da unterſchied er auch 1 bald, daß nicht Men⸗ es, der icht die heu das un⸗ inte, ſich der⸗ ohne Um⸗ ſich nden be⸗ ihn Herr trü⸗ ehrten Wohl als hm zu n mit 1 Ver⸗ erſelbe ekann⸗ u ſein; vie des Men⸗ eit und t Men⸗ 85 ſchenhaß, ſondern nur Abſcheu vor jeder Art von Ausſchwei⸗ fung und Furcht, den rechten Weg zu verlaſſen, Eduard be⸗ ſtimmt hatten, den geräuſchvollen ausſchweifenden Kreis ſeiner Kameraden zu fliehen. Zwiefach liebte der General den jun⸗ gen Mann, als er deſſen ſchönen Charakter erkannt hatte, der vor jedem theilnehmenden Auge offen dalag, wie ein kriſtall⸗ heller Quell vor dem leuchtenden Sonnenſtrahl. Eduard hatte ſchon einige Zeit in Stockholm zugebracht, als er eines Nachts von einem ſeiner früheren Spielgenoſſen, dem jungen Baron Pe**, träumte. Im Norden Schwedens, wo Graf H*s ein bedeutendes Gut beſaß, auf welchem er während Eduard's Kindheit einige Sommer mit ſeiner Fami⸗ lie zugebracht hatte, beſaß auch die Familie P** ein Güt⸗ chen, welches an das Heſche Beſitzthum grenzte. Der jüngſte Sohn dieſer Familie, Richard von P**, der mit Eduard von gleichem Alter war, hatte damals deſſen tägliche Geſellſchaft aus⸗ gemacht. Beide Knaben waren ſo gleichartig in ihrem Charak⸗ ter und in ihren Neigungen, daß ſie ſehr bald die zärtlichſte Zuneigung zu einander faßten. Und aus dieſer Zuneigung würde, wenn die beiden Knaben bis zum Jünglingsalter zu⸗ ſammengeblieben wären, gewiß die reinſte, treueſte, vollſtän⸗ digſte Freundſchaft entſtanden ſein. Allein das Schickſal trennte ſie ſchon als Kinder. Graf H kehrte mit ſeiner Gemah⸗ lin und ſeinem Sohne nicht wieder nach Norrland zurück und beide Familien hörten mehrere Jahre nichts von einander. Eduard hatte nur eine dunkle Erinnerung an dieſe Familie bewahrt und ſeinen Jugendfreund Richard faſt ganz vergeſſen. Und nun träumte er von ihm. Er ſah ihn deutlich vor ſich, nicht ſo wie derſelbe ſich weinend und bleich aus ſeinen Armen geriſſen hatte, ſondern groß, völlig entwickelt und in voller Jugendkraft. Die ſeinem Herzen theuern Geſichtszüge waren noch dieſelben, nur männlicher; die ganze Geſtalt hatte —ꝛ—ꝛxx3öö— —x —— etwas ſo Edles und Einnehmendes, daß ſich Eduard im Traume unwiderſtehlich zu ihr hingezogen fühlte. Als er erwachte, ſtand das Bild ſeines Jugendfreundes in hellen Farben vor ihm.—„Ach,“— ſeufzte Eduard— „warum mußte ich von meinem guten Richard getrennt wer⸗ den? Er würde der Vertraute meines Herzens geworden ſein; er würde mich getröſtet haben, während ich jetzt keinen Men⸗ ſchen habe, dem ich die Qual entdecken kann, welche mich ver⸗ zehrt!— Unter Eduard's gewöhnlichen Geſchäften und Waffenübun⸗ gen blieb das Bild ſeines ſonſtigen Spielgefährten, ſo wie er es im Traume geſehen hatte, immer vor ſeiner Phantaſie; es war ihm unmöglich, ſich davon loszureißen. Selbſt ſein Lieb⸗ lingsgedanke— der Gedanke an Emma— konnte den Ein⸗ druck nicht verlöſchen, den der Traum auf ihn gemacht hatte; innigſt wünſchte er, daß ihm Richard in der Wirklichkeit be⸗ gegnen möchte, wie er ihm im Traume begegnet war. Gegen Abend ging er ganz allein im Königl. Hopfengar⸗ ten ſpazieren. Es war Werkeltag und in dem überhaupt nur wenig beſuchten Garten gingen nur einzelne Perſonen luſt⸗ wandeln, ſo daß Eduard mit ſeiner ſchwermüthigen Laune ganz ungeſtört war. Er hatte ein Buch aus ſeiner Wohnung mit⸗ genommen, ſetzte ſich unter einen Baum und las mit großer Aufmerkſamkeit, um ſeinen eignen trüben Gedanken für einige Zeit zu entgehen. Da ſtörte ihn plötzlich eine laute Weiber⸗ ſtimme, die ihm zurief:—„Wollen der Herr nicht Etwas von mir kaufen?— Eduard blickte von ſeinem Buche em⸗ „por und ſah eine alte, ſehr reinlich, aber auch ſehr dürftig gekleidete Frau mit einem Korbe voll Pfefferkuchen vor ſich ſtehen. Verdrüßlich darüber, daß er aus dem Himmel der Phantaſie, zu dem er ſich eben auf den Schwingen des Dich⸗ ters(er las Miltons verlornes Paradies) emporgehoben hatte, ſo plötzlich zu dem Staube der Erde herabgezogen wurde, rief er⸗ in; en-⸗ ber⸗ un⸗ 2 er es Lieb⸗ Ein⸗ atte; t be⸗ gar⸗ nur luſt⸗ ganz g mit⸗ großer einige beiber⸗ twas he em⸗ dürftig dor ſich nel der 6 Dich⸗ hatte, de, rief 87 Eduard unwillig der Frau zu:—„Nein, ich kaufe nichts!“ — Aber die Alte ließ ſich mit dieſer Antwort nicht abſpeiſen, ſondern wiederholte ihre Frage in betrübtem Ton und ſprach: —„Lieber Herr, wollen Sie denn gar nichts kaufen?— Es ſind ſo ſchöne friſche Pfefferkuchen, und ſehr billig.“— Eduard wurde durch die Beharrlichkeit der Alten noch verdrüß⸗ licher und wollte ihr eine nachdrücklichere Antwort geben, als er gleichzeitig einen Blick auf ihr altes runzeliges Geſicht und auf ihr ſilberweißes Haar warf, dabei aber der Worte ſeines Lehrers gedachte:—„Vor einem grauen Haupte ſollſt Du aufſtehen und das Alter ehren.“— Er ſtand auf und ſprach in einem faſt eben ſo betrübten Tone, wie die Alte:—„Liebe Mama, laß mich in Frieden, ich eſſe keinen Pfefferkuchen.“— Aber gleichzeitig ſetzte die Alte ihren Korb nieder, ſchlug die Hände zuſammen und rief:—„Ach, Herr Gott! Das iſt derſelbe Herr, derſelbe Engel, der im Anfange des Sommers ſo gut gegen mich war!“— Bei dieſen Worten küßte ſie ſeine beiden Hände. Eduard ſtarrte ſie verwundert an und erfuhr nach einigen Fragen, daß ſie dieſelbe Hökerin war, die auf der Königsſtraße unter den Fenſtern des Aſſeſſor's B** von dem Weſtgothländer umgeſtoßen und von Eduard ſo reichlich be⸗ ſchenkt worden war. Um den Dankſagungen der Alten zu entgehen, ſchickte er ſich zum Fortgehen an; allein ſie hielt ihn am Rocke feſt und rief:—„Ach, kaufen Sie mir doch für einige Stüber Pfefferkuchen ab, mein allerbeſter Herr Offi⸗ zier.“„Nein!“— erwiederte Eduard kurz und beſtimmt. Tief ſeufzend wandte ſich nun die alte Frau von ihm ab und ſprach im Fortgehen halblaut vor ſich hin:—„So werde ich denn heute Abend mit ganz leeren Händen nach Hauſe kom⸗ men und keinen Stüber für die armen Kinder haben.“— Eduard hörte dieſe Aeußerung und fühlte ſogleich Mitleid; er erinnerte ſich zudem, daß in dem Hauſe, in welchem er wohnte, beſtändig eine Menge kleine Kinder auf dem Hofe 88 ſpielten, die er mit einer Kleinigkeit erfreuen konnte; er 4 die Alte zurück.—„Ich will Euch eine Kleinigkeit abkaufen“ — ſprach er. Mit freudeſtrahlendem Geſichte kehrte die Alte um, ſetzte ihren Korb nieder und ſprach:—„Ach, ich dachte mir wohl, daß der Herr, der ſo gut iſt, einer alten Frau Handgeld geben würde.“—„Handgeld!“”“— rief Eduard. —„Schlag ſieben Uhr Abends Handgeld, was ſoll das heißen?—„Das ſoll heißen,“— erwiederte die Alte— „daß ich heute den ganzen Tag noch nichts verkauft habe und daß der Herr Offizier heute der Erſte iſt, von dem ich Geld löſe.“ — Als ihr Eduard abgekauft hatte, rief ſie:—„Gott ſegne Sie, lieber Herr, Sie ſind zum zweiten Male mein Schutz⸗ engel geworden; nun kann ich meinen hungrigen Kindern we⸗ nigſtens Brod für heute Abend mitbringen.“—„Euern Kin⸗ dern?⸗— fragte Eduard verwundert; denn die Frau war nach ſeiner Meinung viel zu alt, um noch unverſorgte Kinder zu haben. Sie erzählte ihm darauf, daß ſie bei ihrem Sohne wohne, welcher Schuhmachergeſell, aber in ſo dürftigen Um⸗ ſtänden ſei, daß er mit ſeiner Ehefrau und ſechs Kindern faſt verhungern müſſe. Er hatte fünf Wochen lang krank gelegen und erſt ſeit wenigen Tagen wieder angefangen, für die Sei⸗ nen zu arbeiten; aber ſeine langwierige Krankheit und das lange Verſäumen der Arbeit hatten die unglückliche Familie in die größte Armuth und Dürftigkeit verſetzt. Verſchuldet und von den nothwendigſten Lebensbedürfniſſen entblößt, hat⸗ ten ſie die wenigen Sachen, welche ſie beſaßen, verkaufen oder verſetzen müſſen und waren jetzt nahe daran, von ihrem un⸗ barmherzigen Wirthe, dem ſie den letzten Miethzins noch nicht bezahlt hatten, aus der elenden Stube geworfen zu werden, welche ſie bewohnten. Die alte Mutter war es, welche der Familie ihres Sohnes durch den Handel mit Pfefferkuchen einſt⸗ weilen kärglich das Leben friſtete; allein ihr Handel ging meiſt — 2 einſt⸗ meiſt 89 ſehr träge, und wenn er auch am beſten ging, verdiente ſie doch nur wenig. Als die Alte ihre Erzählung beendigt hatte, fragte Eduard, indem er ſie ſcharf anſah, ob auch Alles, was ſie erzählt habe, wahr ſei. Die Alte betheuerte die Wahrheit ihrer Worte und fügte noch hinzu, daß ſich Jeder von derſelben überzeugen könne, der ſich die Mühe nehmen wolle, ihren armen Sohn zu beſuchen.—„Das will ich thun,“— ſprach Eduard.— „Ich werde mich genau nach den Verhältniſſen Eures Sohnes erkundigen, und wenn ich höre, daß er ein nüchterner, ordent⸗ licher Mann iſt, ſo kann ich ihm vielleicht Arbeit verſchaffen, denn mein Chef ſprach gerade geſtern davon, daß er wegen eines geſchickten Schuhmachers für unſer Regiment in Ver⸗ legenheit wäre.“— Die Alte weinte vor Freude, denn ſie verſprach ſich ſehr viel Gutes von Eduard's Beſuch, weil ſie wohl wußte, daß Alles, was er von ihrem Sohne hören würde, nur zu deſſen Vortheil ſein könnte. Mit der gewöhnlichen Geſchwätzigkeit ihres Alters und Standes blieb nun die Alte bei Eduard, der ſie gern los zu werden wünſchte, nachdem er ihre Wohnung erfahren und das Verſprechen gegeben hatte, ihren Sohn folgenden Tages zu beſuchen. Wie nun bei ihrem Geſchwätz ein Wort das an⸗ dere gab, ſprach die Alte endlich:—„Ja, Herr Gott, was für Schickſale hat man doch hier im Leben zu ertragen! Wenn man Alles vorausſehen könnte, man würde nie einen heitern Tag haben. Als ich vor fünfzehn Jahren bei dem einzigen Sohne des Generalmajors Grafen H“**, bei dem kleinen Gra⸗ fen Eduard, als Kindermuhme diente, da hätte ich nicht ge⸗ dacht, ſage ich⸗——— „Wie?⸗— fiel ihr Eduard in's Wort—„habt Ihr bei dem Grafen H?** gedient?— „Ja wohl, mein guter Herr,“— verſetzte die Alte mit 90 ſtolzer Miene—„und ohne zu prahlen, ich galt gar viel im Hauſe, denn als die Amme des kleinen Grafen fortzog, mußte er eine zuverläſſige ordentliche Kindermuhme haben, die gehörig auf ihn ſah. Und da die Gräfin, ſeine Frau Mutter, kein Vertrauen zu ſolchen jungen leichten Mädchen hatte, die ſo nachläſſig mit den Kindern umgehen, daß ihnen Arme und Beine brechen können, ſo wollte ſie lieber eine alte Frau dazu nehmen. Ich war damals ſchon Wittwe und völlig frei, denn mein Sohn war gerade als Schuhmacher in Stockholm in der Lehre. Ich meldete mich alſo zu der Stelle und war ſo glück⸗ lich, ſie zu kriegen. Fünf und ein halbes Jahr— iſt es denn auch richtig?— ja, gerade fünf und ein halbes Jahr war ich da. Der kleine Graf war anderthalb Jahr, als ich in's Haus kam, und ſieben Jahr, als ich es wieder verließ. Ach Gott, wie weinten wir damals Beide, er und ich. Der Graf und die Gräfin hatten ihn bis dahin ſelbſt im Leſen, Schreiben und in vielen anderen Dingen unterwieſen, aber nun bekam er einen Informator und durfte die Kindermuhme nicht länger um ſich haben, beſonders da man vermuthete, ich verhätſchle den Knaben.“— Eduard vermochte ſeine innere Bewegung nicht zu ver⸗ bergen. Dies war alſo die alte Kindermuhme, die ihn in ſeiner zarten Jugend mit ſo großer Zärtlichkeit gepflegt, allen ſeinen kindiſchen Einfällen mit ſo unermüdlicher Geduld nach⸗ gegeben und alle ſeine Wünſche zu erfüllen geſucht hatte. Sein Auge ruhte mit tiefem Ausdruck auf der von Jahren, Ent⸗ behrungen und Kümmerniſſen bedrückten Frau; er wunderte ſich, daß ſeine Eltern, die ſonſt ſo wohlthätig waren, eine ſo alte treue Dienerin von ſich gelaſſen hatten, ohne ſich weiter um ihre Zukunft zu bekümmern. Schnell entwarf er in ſei⸗ nem Kopfe einen Plan, dieſe Verſäumniß wieder gut zu machen; dabei freute er ſich nicht wenig, dieſer guten alten Frau noch auf die letzten Schritte ihres Lebensweges einige Blumen lim er ig ſein ſo nd zu eenn der ück⸗ benn var in's Ach Hraf eiben ekam nger tſchle ver⸗ in in allen nach⸗ Sein Ent⸗ aderte ne ſo weiter n ſei⸗ achen; noch lumen 91 ſtreuen zu können. Doch beherrſchte er ſeine Gefühle noch und fragte mit erheuchelter Gleichgültigkeit, ob ſie den jungen Grafen ſeit ihrer Entfernung aus dem gräflichen Hauſe wie⸗ der geſehen hätte.—„Nein, ſo glücklich bin ich nicht gewe⸗ ſen“— erwiederte die Alte.—„Ich habe nur gehört, daß er, wie die anderen jungen Herren, einige Jahre in Upſala geweſen iſt und dann eine Reiſe nach Frankreich, Rußland und Gott weiß, wohin gemacht hat. Seine Eltern ſind nach Oſt⸗ gotland gezogen, und dort habe ich keine Bekannten, ſo daß ich wohl nie wieder in der Welt Etwas von meinem hübſchen, lieben, kleinen Eduard hören werde, obwohl er jetzt nicht mehr klein iſt, ſondern— nach meiner Berechnung— zweiund⸗ zwanzig Jahre alt ſein muß.“— „Würdet Ihr ihn gern wiederſehen?“— fragte Eduard. „Ob ich ihn gern wiederſähe!“— rief die Alte.— Herr Gott, wie Sie auch fragen, lieber Herr. Ich glaube, ich würde vor Freuden zwanzig Jahre jünger, wenn ich öch einmal einen Blick aus dieſen klaren, blauen Augen empfinge.“ „Nun, ſo ſeht mich denn an, Grete!“— rief Eduard gerührt und ergriff die Hand der Alten.—„Ich bin Eduard H?**, den Ihr ſo viele Mal auf Euren Armen getragen habt — erkennt Ihr mich?“— Lange dauerte es, bevor ſich die gute Alte ſoweit von ihrer angenehmen Ueberraſchung zu erholen vermochte, daß ſie Worte für ihre Gefühle fand.—„Iſt es wirklich der Graf ſelbſt?“ — rief ſie endlich. Eduard verſicherte ihr nochmals, daß er der Graf H*s ſei. „Ach, Du Vater im Himmel,“— ſprach nun die alte Frau weinend vor Freude—„Du haſt mich alſo nicht ver⸗ laſſen. Ich habe heute einen glücklichen Gang, den glücklichſten meines Lebens, gemacht. Ich habe einen Funken von Hoff⸗ nung auf die Rettung meines Sohnes, ſeiner armen Frau und ſeiner armen Kinder, und ich habe meinen lieben, guten Grafen Eduard wiedergefunden. Ach, das iſt zu viel, wirk⸗ lich zu viel für einmal!— „Darf ich Sie einmal genau betrachten?— fuhr ſie nach einer Weile fort—„mein Eduard, mein Engel, der zweimal mein Wohlthäter geweſen iſt, ohne mich zu kennen. Ja, ja, das ſind dieſelben himmelblauen Augen, die ich ſo oft auf meinem Schooße in Schlummer gewiegt habe; das iſt derſelbe zuckerſüße Mund, den ich ſo viel tauſendmal geküßt habe— freilich damit iſt es nun für mich vorbei. Aber die Stirn iſt höher, das Haar dunkler, das Geſicht ovaler ge⸗ worden.“— „Und gebräunter,“— fiel Eduard lachend ein. „Ja, das iſt es ja eben, was einen Mann am beſten kleidet,“— erwiederte die Alte.—„Und der allerliebſte kleine Schnurrbart, ach, wie hübſch der ſieht! Ich habe immer eine Schwäche für die Schnurrbärte gehabt, und habe dieſelbe noch jetzt, obgleich ich alt und runzlig wie eine Morchel bin.“— Eduard lächelte, allein ſein Geſicht nahm im nächſten Augenblicke wieder einen erſten Ausdrucke an, denn ſeine Ge⸗ danken richteten ſich auf Emma. Er wünſchte, daß auch ſie ihn in der Uniform und mit dem Schnurrbarte ſehen möchte. Allein das Geplauder der Alten verſcheuchte dieſe Gedan⸗ ken und Träumereien bald. Bei der erſten Pauſe, welche ſie machte, nahm er das Wort und ſprach:—„Meine gute Grete, ich will noch heute Abend Deinen armen Sohn be⸗ ſuchen und Alles, was ich thun kann, für ihn thun, um ihn und ſeine Familie vom Untergange zu retten. Auch Du ſollſt in Deinen alten Tagen keinen Mangel leiden, das verſpreche ich Dir. Aber ſage mir doch, wohin Du Dich wandteſt, als Du unſer Haus verließeſt?“— „Erinnert ſich der Herr Graf nicht mehr,“— verſetzte die Alte—„daß ich von den gräflichen Eltern weg in das Haus des Baron P** zog, der damals der Herrſchaft nächſter 1 7 * 93 Nachbar in Norrland war? Das kleine Fräulein Ebba, die ich wartete, ſtarb in ihrem zweiten Jahre, und ſeitdem brauch⸗ ten ſie keine Kindermuhme mehr, denn das jüngſte Kind, Richard, war ſchon über neun Jahr alt.“— „Ach, Richard, Richard!“— rief Eduard— an ſeinen Traum während der letztverwichenen Nacht denkend.—„Weißt Du Etwas von ihm?— Lebt er noch, und wo hält er ſich auf!“— „Ja wohl, Gott Lob, er lebt noch, und das iſt recht gut für mich, denn ohne ihn wäre ich mit den Meinigen gewiß ſchon verdorben. Aber er hat mir dann und wann nach Zeit und Gelegenheit eine kleine Unterſtützung gegeben. Doch war ſie freilich nie bedeutend, denn er iſt zu arm, um ſo viel Gu⸗ tes thun zu können, als er will; und ich bin überzeugt, daß er ſelbſt oft Mangel leidet, um mir zu helfen.— „Und wo iſt er?— fragte Eduard ungeduldig. „Er iſt hier in Stockholm,“— erwiederte die Alte— zer iſt Lieutenant bei dem rſchen Regimente.“— „Was?— Bei demſelben Regimente, bei welchem ich ſtehe? — Das iſt unmöglich, dann müßte ich von ihm gehört oder ihn geſehen haben.“— inn „Aber es iſt dennoch wahr, Herr Graf; er iſt Lieutenant bei dem**ſchen Regimente Allein er hat ſeit langer Zeit keinen Dienſt beim Regimente gethan, denn er lag über drei Monate hoffnungslos krank und würde gewiß aus Mangel an Geld und Pflege geſtorben ſein, wenn ſein Chef nicht geweſen wäre. Aber dieſer edelmüthige Mann verſchaffte ihm einen Arzt, eine Wartefrau, Arzenei und bezahlte Alles aus eigenen Mitteln. Obgleich er nun ſchon ſeit Monatsfriſt das Bett verlaſſen hat, ſo hat ihn doch der General noch frei von je⸗ dem Dienſtgeſchäfte gelaſſen. In einigen Tagen reiſt er nach Strömſtadt, Alles auf Koſten des Generals.“— Eduard hatte ſeinen Chef ſchon bisher ſehr hoch geachtet, 94 jetzt bewunderte er ſeinen Edelmuth und ſeine Menſchenliebe und gelobte ihm im Herzen ewige Dankbarkeit für die Wohl⸗ thaten, die er ſeinem kranken Freund erzeugt hatte. Und die⸗ ſen Jugendfreund konnte er nun wiederfinden! Er war ſein Kamerad und konnte ſein Vertrauter werden. So lange hatte er ſich nach dem Troſte der Freundſchaft geſehnt— und jetzt war ihm derſelbe ſo unvermuthet nahe. In dieſem Augenblicke ſah er fünf bis ſechs ſeiner Kame⸗ raden aus einem Gange des Gartens, dem Orte, auf welchem er ſtand, näher kommen. Da er— wie gewöhnlich— ihrer Geſellſchaft ausweichen wollte, ſo wandte er ſich ſchnell zu der Alten und ſprach:—„Es iſt ſpät, Grete, wir haben allzu⸗ lange geplaudert; Du mußt nun heimgehen und Deinen armen Kindern und Enkeln Troſt bringen. Geh' langſam vor mir her, ich werde Dir folgen, um heute Abend mit Deinem Sohne zu ſprechen, zu deſſen Gunſten ich morgen meinen ganzen Einfluß bei dem General anwenden will.“— Die Alte ging und Cduard folgte ihr in einiger Entfer⸗ nung, jedoch ſo, daß er ſie nicht aus den Augen verlor. Kaum war er jedoch durch das Thor auf die Hopfengartenſtraße ge⸗ kommen, ſo begegnete er ſeinem Chef, der mit ſeiner ganzen Familie und einer zahlreichen Geſellſchaft von Freunden aus dem Thiergarten kam.—„Ah, das iſt der Graf H**,“— rief der General—„das iſt ein angenehmes Zuſammentref⸗ fen. Kehren Sie mit uns um, beſter Graf, und bringen Sie den Abend bei mir zu. Ich will Sie einem Manne vorſtellen, der künftig meiner Familie ſehr nahe ſtehen wird.“— Eduard dankte, indem er verſicherte, daß er nicht die Ehre haben könne, für dieſen Abend die Geſellſchaft des Generals⸗ zu vermehren.—„Und warum nicht?“— fragte ſein Chef. Eduard fürchtete, die alte Grete aus den Augen zu verlieren, ſah ſich unruhig um, griff an ſeinen Hut und ſprach:— „Ich werde Ihnen morgen ſagen, wohin ich gehe; jetzt erlaubt 95 es die Zeit nicht, ich muß eilen.“— Nach dieſen Worten eilte er mit langen Schritten nach dem Viehmarkte, zu welchem die Alte ihren Weg genommen hatte. Die ganze Geſellſchaft ſah ihm erſtaunt nach, am meiſten der General.—„Was mag dies heißen?“— frug er.— „Was kann er heute Abend vorhaben?— Er ſah ſo ver⸗ wirrt aus, blickte ſo unruhig um ſich her und zeigte eine wirkliche Angſt, als ich ihn zurückhalten wollte. Darunter liegt etwas Ungewöhnliches verborgen. Ich werde ihm nachgehen, nicht etwa um in ſein Geheimniß einzudringen— das würde unedel ſein— aber dieſer Jüngling hat mein Herz ſo ſehr für ſich gewonnen, daß ich ihn ſtudiren muß. Entſchuldigen Sie mich, meine Herrſchaften, ich werde bald wieder zurück ſein.“— Bei dieſen Worten eilte der General Eduard nach, indem er ſich zugleich auf eine paſſende Entſchuldigung vorbereitete, falls Eduard ſich umſehen und ihn erblicken ſollte. Allein das Letztere geſchah nicht. Die alte Grete wanderte über den Viehmarkt in ein ent⸗ legenes Seitengäßchen und blieb vor einem elenden, hölzernen Hauſe ſtehen. Bevor ſie in die Thür deſſelben trat, ſah ſie noch einmal nach dem Grafen zurück, um ſich zu überzeugen, daß ihr derſelbe auch wirklich folgte. Dann kletterte ſie mit erleichtertem Herzen die ſchmale Treppe hinauf. In einer kleinen, elenden, düſteren Dachſtube wohnte die unglückliche Familie; der Anblick, der hier dem Auge begeg⸗ nete, hätte auch ein weniger gefühlvolles Herz als das Eduard's gerührt. An einem Tiſche, der voll Schuhmacherhandwerkszeug lag, ſaß der bedrückte Hausvater, Verzweiflung in ſeinem von Mangel und langer Krankheit gebleichten Geſicht. Er arbei⸗ tete fleißig; ſein älteſtes Kind, ein Knabe von etwa zehn Jah⸗ ren, ſaß neben ihm und ſchnitzte Schuhmacherpflöcke. Seine Ehefrau ſaß mit gleich betrübtem Anſehen am Ofen 96 und hielt ihr jüngſtes Kind an der Bruſt. Ein Mädchen von acht oder neun Jahren ſaß auf einer Fußbank und hielt ein etwa zweijähriges Kind auf den Armen; zwei andere Kinder ſtanden neben der Mutter und weinten nach Brod. Alle ſahen leidend und abgemagert aus und waren nur mit Lumpen be⸗ kleidet. Das ganze Zimmer gab die bitterſte Armuth zu er⸗ kennen. Die unglückliche Familie erſtaunte nicht wenig bei dem Anblicke des ſtattlichen, jungen Herrn, der in ihre niedere Woh⸗ nung eintrat. In ihrer Beſtürzung gewahrten ſie die alte Großmutter nicht, welche den Grafen auf dem Vorſaal er⸗ wartet hatte und jetzt mit freudeſtrahlendem Geſichte hinter ihm in die Stube trat. Eduard ging auf ihren Sohn zu, um mit demſelben zu ſprechen, allein die Alte ließ ihm nicht Zeit dazu, ſondern rief mit jubelnder Stimme und Geberde:— „Freuet Euch, Kinder, der liebe Gott hat uns geholfen. Seht, das iſt mein theurer Graf Eduard H*“, den ich als Kind gewartet und von dem ich Euch ſo oft erzählt habe. Zweimal iſt er mein Wohlthäter geweſen und nun hat er mir ver⸗ ſprochen, auch Dir, armer Sohn, zu helfen. Ach, er iſt kein Menſch, er iſt ein wahrer Engel!“— Der arme Mann wollte aufſtehen und mit dem Grafen ſprechen, allein dieſer hielt ihn zurück und bat ihn, ſeine Ar⸗ beit fortzuſetzen. Mit theilnehmender Güte fragte er ihn nun über ſeine Umſtände, und die Erzählung des armen Schuh⸗ machers ſtimmte vollkommen mit dem überein, was die Alte geſagt hatte. Mit tröſtlichen Worten und mit dem ſanften Ausdrucke der Stimme, welcher Eduard in ſo hohem Grade eigen war, ſuchte er den von Sorgen und Entbehrungen faſt wahnſinnig gewor⸗ denen Mann aufzurichten und zu beruhigen, verſprach ihm alle mögliche Unterſtützung, machte ihm Hoffnung auf die Regimentsarbeit und ſchenkte ihm ſogleich eine kleine Geld⸗ 97 ſumme, um Leder und die nothwendigſten Lebensbedürfniſſe einzukaufen. Vergebens würde man die Freude dieſer armen Familie zu ſchildern verſuchen. Mann, Frau, Kinder, Großmutter, Alle drängten ſich um ihren Wohlthäter, um ihm die Hände und Kleider zu küſſen. Thränen der Rührung und Freude feuchteten die Wangen des Mannes und der Frau, und die alte Grete rief laut weinend:—„Habe ich Euch nicht ge⸗ ſagt, daß mein lieber Graf ein Engel iſt?“— In dieſem Augenblicke wurde die Thür geöffnet und Eduard's Chef trat auf die Schwelle, ging aber auch ſogleich einen Schritt zurück und betrachtete die Gruppe einige Minuten. Niemand ſprach weiter ein Wort; ſelbſt die ſchwatzhafte Grete wußte nichts zu ſagen; Alle blickten unverwandt nach dem General, der in ſeiner goldgeſtickten Uniform mit ſeinen Ster⸗ nen und funkelnden Orden wie eine ſtrahlende Sonne in der Nacht dieſer elenden Wohnung daſtand. Eduard war nicht weniger überraſcht durch die unerwar⸗ tete Ankunft des Generals; allein er faßte ſich zuerſt, trat ſeinem Chef heiter entgegen und ſprach:—„Der Himmel hat Sie hierher geſandt, Herr General; hier iſt ein weites Feld für Ihre wirkſame Menſchenliebe!“— Mit wenigen Worten theilte er nun dem Generale ſein Verhältniß zu der alten Grete, ſein unvermuthetes Zuſammentreffen mit ihr und die unglückliche Lage mit, in welche ihre Kinder und Enkel durch Krankheit und Unglücksfälle gerathen waren. Dann bat er den General be⸗ weglich, den armen Sohn Grete's womöglich die Schuhmacher⸗ arbeit für das Regiment zu überlaſſen, damit derſelbe dadurch Gelegenheit fände, ſich und den Seinigen zu helfen. Der General gab darauf keine Antwort, ſondern wandte ſich an den Schuhmacher und fragte denſelben, ob der Haus⸗ beſitzer im Hauſe wohne.—»Nein, gnädiger Herr,— er⸗ hielt er zur Antwort—„er wohnt hier in derſelben Straße, Emma's Herz II. 7 98 gerade gegenüber, in dem großen Steinhauſe, welches ihm zu⸗ gleich nebſt fünf andern Häuſern zugehört.“— „Gut,“— erwiederte der General—„ich werde gleich wieder bei Euch ſein, liebe Freunde. Folgen Sie mir, Herr Graf.“— Als Beide auf den Vorſaal kamen, ſprach der Erſtere:— „Wir müſſen den Hauswirth ſogleich aufſuchen, um zu erfah⸗ ren, wie ſich dieſe Familie während der Zeit, da ſie hier wohnt, aufgeführt hat. Ich ſehe wohl, daß ſie ſich in elen⸗ den und erbärmlichen Umſtänden befindet; aber vielleicht iſt der Mann ein Säufer, und dann iſt keine Hülfe für ihn da. In dieſem Falle will ich nur ſehen, ob ich Etwas für die ar⸗ men Kinder thun kann. Sind es dagegen ordentliche Leute, ſo will ich für ihr zukünftiges Auskommen thun, was ich kann.“— Der Hauswirth, ein Kaufmann, ſaß eben mit ſeinen An⸗ gehörigen bei Tiſche, als die beiden Herren eintraten. Nach⸗ dem ſich der General artig entſchuldigt hatte, daß er bei ſei⸗ ner gänzlichen Unbekanntſchaft mit dem Hausherrn zu ſo un⸗ paſſender Zeit bei demſelben vorſpräche, führte der Kaufmann beide Herren in ein Nebenzimmer, woſelbſt ihn der General fragte, was er von dem armen Schuhmachergeſellen wiſſe, der mit ſeiner Frau, ſeiner Mutter und ſechs Kindern eine Dach⸗ kammer in dem gegenüberliegenden Hauſe bewohne. Der Kaufmann erwiederte darauf, daß ſein Miethmann, ſoviel er wiſſe, ein zwar armer, aber arbeitſamer, nüchterner und ordentlicher Mann ſei, der ſein gegenwärtiges Logis ſchon ſeit drei Jahren inne habe und während dieſer Zeit weder im Hauſe ſelbſt, noch in der Nachbarſchaft die mindeſte Ver⸗ anlaſſung zu einem Aergerniß gegeben habe, dabei auch ver träglich mit ſeiner Frau und äußerſt aufmerkſam mit ſeiner alten Mutter umgehe. Da er aber lange Zeit krank geweſen ſei, ſo ſei er in große Noth gerathen und auch ihm, demt ah⸗ hier len⸗ iſt da. ar⸗ eute, 3 ich An⸗ Kach⸗ i ſei⸗ un⸗ mann neral , der Dach⸗ mnann, tterner ſchon weder Ver⸗ ver⸗ ſeiner ſeweſen dem 1 „ 99 Wirthe, drei Quartale Miethzins ſchuldig geworden, die er völlig einzubüßen fürchte. Der General bat ſich hierauf Papier, Feder und Tinte aus und ſtellte damit dem Kaufmann eine ſchriftliche Verſiche⸗ rung aus, daß er ſelbſt für den armen Schuhmachergeſellen bis zu dem Betrage des Miethzinſes Bürgſchaft leiſte, falls der Wirth demſelben noch ſo lange Nachſicht geben wolle, bis er wieder hinreichende Arbeit haben würde. Der Wirth war damit zufrieden und verſprach, die arme Familie in ihrer Wohnung zu laſſen, ſo lange ſie dieſelbe haben wollte. Freund⸗ lich ſchied man von einander. Der General und der Graf kehrten wieder zu der armen Familie zurück, und als der Letztere dem Sohne ſeiner Wär⸗ terin ſagte, daß ſie ſich nicht mehr wegen der unbezahlten Miethe zu ängſtigen oder Vertreibung aus ihrem Logis zu befürchten brauchten, weil der General ſo lange Bürgſchaft für ſie geleiſtet hätte, bis ſie wieder hinlängliche Arbeit be⸗ kommen haben würden; und als der General dieß beſtätigte, da fanden ſie keine Worte für die Gefühle. Der General gab noch dem Sohne ſeine Adreſſe und beſtellte ihn für den folgenden Morgen zur weiteren Beſprechung in ſeine Woh⸗ nung, gab der Frau vorläufig eine kleine Geldſumme und entfernte ſich ſchnell, um den lauten Dankſagungen der freude⸗ trunkenen Weiber zu entgehen. Eduard hatte ſich inzwiſchen mit der alten Grete unter⸗ halten, von ihr die Wohnung Richard Prus erfahren und ihr dagegen eine Karte mit ſeiner eignen Adreſſe und mit der Weiſung gegeben, daß ſie am folgenden Morgen zu ihm kom⸗ men ſolle, indem er aus ſeiner Garderobe einige Kleider für ihren Sohn und ihre Enkel ausſuchen wolle. Dann eilte er dem Generale nach, der ihn am Ende der Treppe erwartete. Beide gingen eine Zeitlang ſchweigend neben einander. Der General ſchien unſchlüſſig über die Art, wie er das Ge⸗ 7* —qxqiiixy ——y n 100 ſpräch einleiten ſollte; Eduard aber, dem die unvermuthete Ankunft ſeines Chefs in der Wohnung ſo armer Leute ein Räthſel war, ging ſinnend nebenher und ſchien wenig oder gar nicht zum Sprechen aufgelegt. Endlich brach der General das Schweigen und begann: —„Sie werden ſich jedenfalls wundern, beſter Graf, daß ich faſt zugleich mit Ihnen dieſe Wohnung der Armuth betre⸗ ten habe. Sie denken gewiß, daß ich Ihnen in der Abſicht gefolgt ſei, Ihre Wege auszuſpüren; und ich will nicht läug⸗ nen, daß dieß wirklich der Fall iſt. Ihr Betragen während der kurzen Zeit unſerer Bekanntſchaft hat mir nie die geringſte Vermuthung gegeben, daß Sie Laſter oder Ausſchweifungen liebten; denn wäre dieß der Fall geweſen, ſo würden Sie ſich nicht von dem geräuſchvollen Umgange mit Ihren Kameraden zurückgezogen haben; und hätten Sie— nach meinem Da⸗ fürhalten— keine Ausnahme von dieſen Herren gemacht, ſo würde ich mir auch keineswegs die Mühe genommen ha⸗ ben, Sie auf den rechten Weg zurückzuführen. Denn, wenn ich dieß bei allen jungen Leuten thun wollte, die unter mei⸗ nem Befehle ſtehen, ſo würde ich nicht nur einen großen Theil meiner Zeit darauf verwenden müſſen, ſondern mir auch eine Menge Feinde und außerdem mein eignes Mißbehagen über dergleichen mißlungene Verſuche zuziehen. Ganz anders war es mit Ihnen, Herr Graf. Sie intereſſirten mich vom er⸗ ſten Augenblick an. Ihr Vater hatte Sie meiner beſondern Sorgfalt und Aufſicht anvertraut; als alter Freund deſſelben beſchloß ich ſein Vertrauen zu rechtfertigen und ſeine Stelle bei Ihnen zu vertreten, ſo lange Sie in der Hauptſtadt blei⸗ ben würden. Ihre vorherige Weigerung, mich und meine Angehörigen nach Hauſe zu begleiten, in Verbindung mit ih⸗ rer ſichtbaren Beſorgniß, die alte Frau(die ich für keine gute Botſchafterin hielt) aus den Augen zu verlieren, flößte mir den Argwohn ein, daß auch Sie zuweilen vom rechten Wege wenn mei⸗ Theil h eine über 3 war m er⸗ ondern ſſelben Stelle t blei⸗ meine nit ih⸗ ie gute te mir Wege 101 ab auf einen Irrweg geriethen. Um mich von der Wahrheit oder Unwahrheit meines Verdachts zu überzeugen und Sie im erſteren Falle Ihrem Verderben noch zur rechten Zeit zu entreißen, ging ich Ihnen nach. Nun ſtellen Sie ſich meine Ueberraſchung vor, da ich Sie als rettender Engel in der Wohnung des Mangels, von Menſchen umgeben finde, welche Sie ſo eben der Verzweiflung entriſſen hatten. O, es war ein ſchöner erhebender Anblick, junger Mann; ich hätte dieſe genußreichen Augenblicke, die meinen Glauben an menſchliche Tugend und an menſchliche Würde ſo ſehr befeſtigten, um Alles in der Welt nicht miſſen mögen. Vergeben Sie mir meinen ungehörigen Argwohn; mein aufrichtiges Bekenntniß deſſelben muß Sie überzeugen, daß derſelbe aus keiner unedeln Quelle gefloſſen iſt. Von dieſem Augenblick an ſind Sie mir theuer und werth wie ein Sohn. Sie haben meinem Blick ein rüh⸗ rendes Gemälde des Menſchenlebens vorgeführt, Sie haben mir ſelbſt den unſchätzbaren Genuß verſchafft, eine gute That zu üben; und ich ſegne deßhalb dieſen Abend, als einen der glücklichſten meines Lebens.“— Eduard drückte die Hand des Generals, eine Thräne glänzte in des Jünglings Auge, der Blick des alten Kriegers ruhte mit innigem Wohlwollen auf dem jungen Manne. Schweigend gingen ſie durch die indeſſen leer gewordnen Straßen. So waren ſie bis an die Hausthür des Generals gekom⸗ men, woſelbſt der Letztere ſeine Bitte wiederholte, daß Eduard den übrigen Theil des Abends bei ihm zubringen möchte. Jetzt gab Eduard keine abſchlägliche Antwort. Sie fanden im Salon die Generalin mit ihren Kindern und mehreren fremden Perſonen, die Eduard ſchon von frü⸗ herer Zeit her kannten. Der General ging anfangs in ein Nebenzimmer, kehrte aber bald aus demſelben zurück, indem er einen Geiſtlichen an der Hand hielt und denſelben mit den Worten zu Eduard führte:—„Ich habe die Ehre, Herr 10²2 Graf, Ihnen den Hofprediger Res vorzuſtellen, der von heute an in meinem Hauſe wohnen wird; er iſt nämlich ſo gütig, den Unterricht meiner Kinder von nun an zu übernehmen.“ Allein Eduard hörte nicht, was der General ſprach; er hatte ſchon längſt den Geiſtlichen umarmt, und die Ausrufun⸗ gen:—„Mein würdiger, unvergeßlicher Lehrer!“—„Mein geliebter, guter Graf!“— ertönte von Beider Lippen, zur großen Verwunderung der übrigen Anweſenden, welche ſich neugierig um die beiden Wiedergefundenen drängten. Es war Eduards früherer Lehrer, den er ſeit anderthalb Jahren nicht geſehen hatte. Rem, der dem jungen Grafen noch im Auslande vermuthete, hatte ihm deßhalb nicht ge⸗ ſchrieben; und Eduard, dem man geſagt hatte, ſein Lehrer lebe auf einer Pfarre im weſtlichen Theile von Schweden, hatte demſelben zwar zwei Mal— aber unter verſchiedenen Adreſ⸗ ſen— geſchrieben, allein keiner von beiden Briefen war an den Adreſſaten gelangt. Der Hofprediger Res war jedoch von ſeinem Geburtsort, auf dem er ſich bisher aufgehalten hatte, kürzlich nach Stock⸗ holm gekommen, um an der Bankreviſionss) Theil zu nehmen. Zufällig war er mit dem Generale bekannt geworden. Und dieſer fühlte ſich, durch die intereſſante Unterhaltungsgabe des gelehrten Geiſtlichen und durch deſſen gründliche Kenntniſſe ſo angezogen, daß er ihn erſuchte, während ſeines Aufenthalts in der Hauptſtadt in ſeinem Hauſe zu wohnen und an ſeinem *) Bankreviſion. Es werden in Schweden zur Reviſion der Landesbank aller drei Jahre 24 Bankreviſoren, 12 Edelleute, 6 Geiſtliche und 6 Bürger— und zwar während des Reichstages von den drei Ständen, außer dieſer Zeit aber von der Ritterhausdeputa⸗ tion, den Conſiſtorien und den Städten— gewählt, welche die Bank und deren Verwaltung ſorgfältig zu revidiren haben. Zu einer ſolchen Reviſion, welche mehrere Monate dauert, war der Hofprediger Re ge⸗ wählt worden und nach Stockholm gekommen. Anm. d. Ueberſ. ute tig, u.““ er un⸗ kein zur ſich halb afen ge⸗ hrer hatte dreſ⸗ r an Sort, Stock⸗ zmen. Und e des ſſe ſo thalts einem keviſion eute, 6 es von deputa⸗ e Bank ſolchen Ri ge⸗ rſ. 103 Tiſche zu eſſen, auf dieſe Weiſe aber ihm einige angenehme Stunden zu ſchenken. Aus Dankbarkeit für dieſes artige An⸗ erbieten hatte der Hofprediger ſeinerſeits ſich erboten, wäh⸗ rend der Stunden, die er ſeinen öffentlichen Geſchäften ent⸗ ziehen konnte, die Söhne des Generals in einigen Zweigen der Wiſſenſchaft zu unterrichten, in denen ihr Informator, ein junger Notar, nicht beſonders ſtark war. Welcher glückliche Tag für Eduard, welcher Balſam in die Wunden ſeines Herzens. Er war im Begriff, eine gute That zu üben, und zwar gegen eine Perſon, die ihn in ſei⸗ ner zarten Jugend ſo treu und ſorgfältig gepflegt und gewar⸗ tet hatte. Er war in der Achtung ſeines verehrten Chefs geſtiegen und hatte ſeinerſeits dieſen höher ſchätzen gelernt; er hatte den Leiter ſeiner Jugend wiedergefunden, dem er dankbar für den Saamen zu jeder Tugend ſein mußte, die in ſeinem Herzen Wurzel geſchlagen hatte; er hatte endlich den Aufenthalt ſeines Jugendfreundes erfahren und den Vor⸗ ſatz gefaßt, ſeine Freundſchaft mit demſelben ſogleich am fol⸗ genden Tage zu erneuern. Er ſollte nun nicht mehr ſo allein und verlaſſen daſtehen. Unter dem Gewimmel dieſer menſchenreichen Stadt hatte er ein theilnehmendes Herz ge⸗ funden, an das er ſich anſchließen konnte. Erſt um Mitternacht ſchied Eduard aus dem Hauſe des Generals; und zum erſten Male ſeit ſeiner Ankunft in der Hauptſtadt ſchlief er ruhig— obwohl mit dem Gedanken an Emma— ein. Hütte er ihr doch all' das Erfreuliche mittheilen können, das er heute erlebt hatte! Er war über⸗ zeugt, daß ſie ſeine Freude gewiß getheilt haben würde. Am folgenden Morgen eilte er ſchon zeitig nach der Woh⸗ nung Richard P*r*s. Je näher er derſelben kam, deſto höher ſtieg ſeine Sehnſucht nach dem Freund; und als er an der ihm bezeichneten Thüre den Namen ſeines früheren Spielkame⸗ raden las, klopfte ihm das Herz ſo gewaltig, daß er einige 104 Minuten ſtehen mußte, ehe er Athem zu ſchöpfen vermochte Endlich klopfte er an, eine männliche Stimme rief:—. „Herein!“— leiſe öffnete er die Thür. Richard ſaß am Schreibtiſch, ſtand bei Eduards Eintritt auf und ging dem vermeinten Fremden entgegen. Eduard warf einen ſchnellen Blick im Zimmer umher, das er äußerſt einfach, ja dürftig eingerichtet fand; Richard blickte ihn unterdeſſen mit einem Ausdruck von Staunen und Neugierde an. Nach einigem Beſinnen fragte Eduard, ob er den Lieutenant von Per vor ſich ſehe, vermochte aber bei dieſer Frage ſeine innere Bewe⸗ gung nur übel zu verbergen, da er ſeinen Freund jetzt gerade ſo vor ſich ſtehen ſah, wie er ihn in der vergangenen Nacht im Traume geſehen hatte. Richard wurde noch neugieriger und beantwortete Eduards Frage mit einem kurzen und zu⸗ gleich fragenden Ja; da nannte Eduard ſeinen Namen und breitete ſeine Arme aus, in die ſich der wiedergefundene Ju⸗ gendfreund freudetrunken ſtürzte. Lange dauerte es, ehe ſich die beiden Jugendfreunde von der erſten Rührung und Bewegung über ihr Wiederſehen erholen konnten. Endlich ſetzten ſie ſich neben einander und erzählten ſich, was ihnen während der Zeit ihrer langjähri⸗ gen Trennung geſchehen war. Eduard theilte ſeinem Freunde nur kurz mit, wie ſeine Eltern jetzt die Hauptſtadt für immer verlaſſen und ſich nach B*s in Oſtgothland gewendet hätten; wie er ſelbſt in verſchiedenen Ländern Europa's gereiſt und nun zufällig bei demſelben Regiment eingetreten wäre, bei welchem, ohne ſein Wiſſen, Richard bereits geſtanden hätte. Richard ſeinerſeits erzählte, daß ſein Vater vor fünf Jahren geſtorben ſei, ohne ſeiner kränklichen betrübten Wittwe etwas anderes, als fünf Kinder und ein unbedeutendes verſchuldetes Gut zu hinterlaſſen; daß Richard's älteſter Bruder— das jetzige Haupt der Familie— das Gut ſammt dem freiherrli⸗ chen Titel des Vaters geerbt, ſich aber durch Ausſchweifungen hte am dem llen fftig nem gem vor ewe⸗ erade Nacht riger zu⸗ und Ju⸗ von ſſehen - und jähri⸗ teunde immer ätten; t und e, bei hätte. Jahren etwas uldetes — das iherrli⸗ ffungen — 105 weit tiefer als ſein Vater in Schulden geſtürzt hätte; daß ſeine Mutter zwei Jahre nach des Vaters Tode vor Kummer geſtorben wäre, zwei ſeiner Schweſtern ſich verheirathet hätten, die Dritte ſich in Norrland bei einer verwandten Familie aufhielt und er ſelbſt— das jüngſte Kind— ſich allein in der Welt forthelfen müſſe, ſo gut er könne. Durch Vermitte⸗ lung eines alten Onkels war er zu dem Regimente gekommen, in welchem er jetzt Lieutenant war; aber er hatte nichts als ſeine unbedeutende Gage, und auch dieſe mußte er oft mit ſeinem Bruder theilen, der ſtets ſeinen Beiſtand in den zahl⸗ reichen Verlegenheiten anrief, in die er ſich verwickelt hatte. Richard mußte ſich deshalb durch fleißiges Arbeiten Nebenein⸗ künfte zu verſchaffen ſuchen. Er hatte mehrere junge Schü⸗ ler, denen er Unterricht im Zeichnen, Violinſpiel und in der Muſik ertheilte; aber ſeine langwierige Krankheit hatte ihm dieſe Erwerbsquelle abgeſchnitten und ihn in wirkliche Verle⸗ genheit gebracht. Zwar hatte ihn ſein edler Chef ſehr un⸗ terſtützt, allein Richard fühlte durch die Dankbarkeit, die er demſelben dafür ſchuldig war, ſein Herz bedrückt. Als Eduard die Erzählung ſeines Freundes gehört hatte, freute er ſich zum erſten Mal innig darüber, daß er reich war; konnte er nun doch ſeinen Richard in beſſere Umſtände verſetzen.—„Du darfſt nicht länger hier wohnen“— ſprach er zu ihm.—„Komm und ziehe zu mir, theile mit mir Wohnung, Tiſch und Börſe; ich habe— Gott ſei Dank — für uns Beide genug.“— Und dieß konnte Eduard allerdings mit Recht ſagen. Sein Vater hatte zwar kein beſonderes Auskommen für ihn ausgeſetzt, allein er ſelbſt beſaß ein großes Gut, das ihm ein alter Onkel ſchon in der Wiege als Pathengeſchenk eingebun⸗ den hatte und das ihm bei ſeiner Mündigkeit nebſt den bis dahin erwachſenen bedeutenden Einkünften übergeben worden war. — 106 Bis zu Thränen gerührt dankte Richard dem jungen Gra⸗ fen für ſein edelmüthiges Anerbieten, da er aber ſchon einige Tage darauf auf Koſten des Generals nach Störmſtad reiſen ſollte, ſo nahm er Eduards Anerbieten erſt von Zeit ſeiner Rückkehr an. Beide Freunde trennten ſich mit der Ueberein⸗ kunft, die wenigen Tage, welche Richard noch in Stockholm verbrachte, ſo viel als möglich mit einander zu verleben. Von Richard ging Eduard zu dem General, der ſich un⸗ gemein freute, als er erfuhr, daß ſeine beiden Lieblinge beim Regimente Bekannte und Freunde waren. Er rühmte Richard ſehr, erzählte von ſeinem Fleiße, ſeiner Thätigkeit, ſeiner Ord⸗ nungsliebe und äußerte ſeine Verwunderung, daß derſelbe bei ſeiner großen Armuth keinen Stüber Schulden hatte— wie ihm genau bekannt war. Eduard erbat ſich darauf vom Ge⸗ neral die Gunſt, ihm, dem Grafen, die Koſten für Richards Reiſe nach Strömſtad zu überlaſſen; und der General ge⸗ währte ihm dieſe Gunſt um ſo lieber, als er ſich blos aus Theilnahme an dem Schickſale ſeines Lieblings, keineswegs aber wegen Ueberfluſſes an Geldmitteln erboten hatte, die Koſten der theuern Badereiſe zu tragen. Als Eduard in ſeine Wohnung zurückkam, fand er daſelbſt die alte Grete, die ſchon ſeit einigen Stunden auf ihn gewar⸗ tet hatte. In ſeiner Ungeduld, Richard aufzuſuchen, hatte er ganz vergeſſen, daß er ſeine alte Wärterin zu ſich beſtellt hatte. Er ſuchte ihr nun die Kleider zuſammen, die er ihr am vergangenen Abende verſprochen hatte, und ließ die Alte auch für ihre Perſon nicht mit leeren Händen fortgehen. Ehe ſie ihn aber verließ, bat ſie ihn um Erlaubniß, ihm wahrſagen zu dürfen. Eduard, der von ſolchem Aberglauben nichts hielt, erwiederte ihr mit ernſtem Tone:—„Nein, nein, liebe Alte— im Uebrigen gute Freunde, aber keine ſolche Dummheiten.“— Allein die Alte entließ ihn aber nicht ſo leicht und bemächtigte ſich, nach vielfältigem Hin⸗ und Herreden, — 107 ſeiner rechten Hand, die ihr Eduard halb gegen ſeinen Wil⸗ len überließ. Grete betrachtete die Hand lange und genau, dann rief ſie heftig:—„Der Graf iſt verliebt!“— Eduard ſchüttelte den Kopf, aber die Alte fuhr fort:—„Der Graf iſt verliebt, ſterblich verliebt, aber er liebt unglücklich. Ach, es wird noch manches Hinderniß, manche Unannehmlichkeit ge⸗ ben, ehe der Graf ſeine Schöne bekommt, aber er bekommt ſie doch.“—„Geſchwätz!“— verſetzte Eduard mit trübem Lächeln.—„Der Graf bekommt ſie, ſo wahr ich Grete heiße,“ — ſprach die Alte weiter—„und wenn es nicht eintrifft, ſo ſoll mich Graf Eduard eine Betrügerin, eine Hexe nen⸗ nen⸗———„Genug“— unterbrach ſie Eduard.— „Geh' nun, liebe Grete, Du kommſt wohl bald einmal wie⸗ der, um mir Nachricht zu bringen, wie es mit Deinem Sohn und Deinen Enkeln geht.“— Sobald Eduard wieder mit Richard zuſammentraf, er⸗ zählte ihm der Letztere mit großer Freude, daß er ſeine Reiſe in Geſellſchaft einer ſehr intereſſanten und achtungswerthen Familie, deren Bekanntſchaft er vor wenigen Wochen gemacht habe, unternehmen werde.—„Es iſt der Aſſeſſor Lrr mit Frau und Tochter“— ſprach er.—„Letztere iſt ein ſehr hüb⸗ ſches einnehmendes Mädchen, ſie iſt aber kürzlich ſehr krank geweſen und muß deßhalb die Strömſtader Cur gebrauchen.“ — Richard ſprach noch lange und mit ſolcher Wärme von der ſchönen Julie, daß ihn Eduard warnte, ſein Herz in Acht zu nehmen— eine Warnung, welche von Richard ſchweigend, aber mit einem tiefen Seufzer aufgenommen wurde. Bei den ſpäteren vertraulichen Unterredungen, welche die beiden Jünglinge in ihren Muſeſtunden mit einander hatten, öffneten ſie ſich bald gegenſeitig ihre Herzen. Richard erfuhr alſo Eduard's unglückliche, hoffnungsloſe Liebe zu der Bru⸗ derstochter der Aſſeſſorin Ler, und da Richard eine nicht we⸗ niger hoffnungsloſe Liebe für Julie Le hegte, ſo konnten ſie 108 einander um ſo kräftiger tröſten, als ſie Beide daſſelbe Schick⸗ ſal theilten. Eduard brannte namentlich von Sehnſucht, ſeiner geliebten Emma einige Zeilen zu ſchreiben, und klagte ſeinem Freunde die Unmöglichkeit, einen Brief in Emma's Hände zu bringen. Allein dieſer erſann ſofort eine Liſt, um Eduard's Wunſch zu befriedigen. Richard hatte nämlich in der Familie des Aſſeſſors oft von Emma ſprechen hören und wußte, daß die Aſſeſſorin mit der nächſten Poſt an ſie zu ſchreiben beabſichtige. Eduard ſollte nun einen Brief an Emma ſchreiben und denſelben Ri⸗ chard einhändigen, der ihn unter dem Vorgeben, daß er von dem Fräulein Wer— einer Bekannten Emma's und Julie's und einer Couſine Richard's— ſei, der Aſſeſſorin zum Ein⸗ ſchluß an Emma geben wollte. Seine Couſine glaubte Richard leicht zu bewegen, die Adreſſe auf dieſen Brief zu ſchreiben, damit eine fremde Hand keinen Argwohn errege. Der Plan wurde von Eduard gebilligt, ſofort ins Werk geſetzt und ge⸗ lang— was die Abſendung des Briefes betraf— vollkom⸗ men. Um übrigens jedem Unglücke vorzubeugen, falls der Brief in ungehörige Hände kommen ſollte, hatte Eduard den Brief italieniſch und mit Spiegelſchrift geſchrieben. Wir wer⸗ den künftig hören, wie er an den Ort ſeiner Beſtimmung ge⸗ kommen iſt. Richard reiſte ab und Eduard vermißte ihn ſehr. Er brachte nun alle ſeine freien Stunden in der Geſellſchaft des Generals und des Hofpredigers zu, ſo daß ſeine melancholiſche Stimmung allmählig zu ſchwinden begann. VI. Der Jakobstag. von Durch eine gemeinſchaftliche Unterhaltung der Familien des 1 lie's Inſpektors und des Pfarrers erhielt Emma Erlaubniß, wieder in⸗ einige Tage im Pfarrhauſe zuzubringen. Während dieſer kur⸗ lhard zen Zeit verminderte ſich ihre düſtere Gemüthsſtimmung be⸗ iben, deutend, und die Bläſſe ihrer Wangen begann allmählig zu Plan verſchwinden. Man konnte zwar leicht bemerken, daß ſich ihre ge⸗ Gedanken ausſchließlich mit einem einzigen Gegenſtande beſchäf⸗ kom⸗ tigten— denn ſobald ſie ſich allein überlaſſen wurde, verſank 3 der ſie in ein träumeriſches Nachdenken; allein man quälte ſie den weder mit Fragen, noch mit Troſtgründen, ſondern ſuchte ſie 3 wer⸗ blos zu zerſtreuen. Alle Glieder der Rosmanſchen Familie g ge⸗ kannten allzugut die Urſache des innern Schmerzes, der an ihr zehrte; aber ſie waren Alle zu zartſinnig, um dieß nur Er durch eine Anſpielung zu erkennen zu geben. t des Fridolf, der ſeit Guſtava's Verlobung nicht in der Pfarre liſche geweſen war, kam auf den Einfall, am zweiten Tage von Emma's Aufenthalt dahin zu gehen. Es war halb ſieben Uhr Abends und ſeine Comptoirgeſchäfte waren für dieſen Tag beendigt. Alszer an das Pfarrhaus kam, empfing ihn die Nachricht, daß Niemand von der Familie anweſend ſei, als der Magiſter O** und der kleine Ferdinand. Miß⸗ launig ging Fridolf in's Leſezimmer, in welchem der Magiſter 110 mit dem weinenden Knaben ſaß, der heute, weil er faul und unachtſam in den Lehrſtunden geweſen war, zur Strafe daheim bleiben und bei ſeinem Leſebuche ſitzen mußte, während die Uebrigen einen Spaziergang nach einem etwa eine halbe Stunde entfernten Anbau unterommen hatten. Fridolf beſtimmte den Magiſter O**, der ſeine Beſchäf⸗ tigung mit dem Knaben höchſt langweilig fand,(obwohl er ſich nicht die Miene davon gab) ihn bis zum Seeufer, an welchem die Boote lagen, Geſellſchaft zu leiſten; auf einem dieſer Boote konnten ſie ſchnell zu Waſſer auf den Anbau gelangen. Ferdinand durfte— da er allen möglichen Fleiß für den andern Tag angelobte— auf Fridolf's Fürbitte an der Spa⸗ zierfahrt Theil nehmen. Unerwartet überraſchten unſere drei Paſſagiere die Ge⸗ ſellſchaft auf dem Anbau. Jenny's blaſſe Wangen überzogen ſich bei Fridolf's Anblick mit einer Purpurröthe; aber zu ihrer großen Betrübniß wurde ſie von Fridolf— wie gewöhnlich — überſehen, denn der erſte Gegenſtand, den ſeine Blicke ſuchten und fanden, war Emma, die eben an Wilhelms Arm umherging. Ein unangenehmes Gefühl regte ſich bei dieſem Anblick in Fridolf's Seele; ſobald er die Geſellſchaft begrüßt und die Freundſchaftsbezeugungen und Bewillkommnungen, mit denen ihn Alle— außer Emma— überhäuften, beantwortet hatte, vertiefte er ſich in ſeine eignen Gedanken, ohne an der allgemeinen Unterhaltung Theil zu nehmen. Eigentlich war Graf Eduard der Gegenſtand ſeiner Eifer⸗ ſucht und beim Johannisfeſte hatte er ſich jg— wie wir wiſſen— mit Wilhelm, den er unſchuldiger Weiſe für ſeinen Nebenbuhler gehalten hatte, wieder verſöhnt. Und dennoch erwachte von Neuem der Gedanke in ihm:—„Ob nicht Wilhelm am Ende gar noch Emma's Herz gewinnt! Von dem Grafen iſt ſie nun getrennt; vernünftiger Weiſe muß ſie ſich denſelben nun aus dem Sinne ſchlagen, ſie hat ſeinet⸗ und heim die albe chäf⸗ ſich chem dieſer igen. den Spa⸗ Ge⸗ zogen ihrer onlich Blicke Arm ieſem grüßt ,mit vortet n der Eifer⸗ e wir ſeinen nnoch nicht Von uß ſie ſeinet⸗ 111 willen ſchon genug gelitten. Ich hoffte, ihr minder gleich⸗ gültig zu werden, wenn die erſte Wunde ihres Herzens geheilt ſein würde; aber Wilhelm, Wilhelm mit ſeinem beſtändigen Scharwenzeln ſteht mir noch immer im Wege. Indeſſen— was hat das auch zu bedeuten, daß ſie an ſeinem Arme geht? — Es iſt ja auf dem Lande gebräuchlich, daß die Herren bei Spaziergängen ihren Damen den Arm bieten.— Aber warum Wilhelm immer an Emma's Seite?— Warum eben Wilhelm?“— Wilhelm dagegen fühlte ſich an dieſem Abende ſehr glück⸗ lich. Auch er dachte, wie Fridolf, daß Emma den jungen Grafen bald vergeſſen und bei ruhiger Ueberlegung einſehen würde, wie thöricht ein Liebeshandel mit ihm ſei und wie ihr ein ſolcher nur Kummer und Unglück zuziehen könne. Da er von dem Verſprechen, welches Emma's Vater Fridolf gegeben, nicht die geringſte Ahnung hatte, ſo bemühte er ſich ohne Arg um Emma's Wohlwollen und begann es am Ende für möglich zu halten, daß er ihre Liebe gewönne, beſonders da ſie ſich mit immer gleicher Freundlichkeit gegen ihn benahm. Der bloße Gedanke an dieſe Möglichkeit erfüllte ſeine Seele mit einer Freude, die aus jedem Zuge ſeines Geſichts ſtrahlte. Mißvergnügt wanderte Fridolf am Abende nach Hauſe und entwarf in ſeinem Haupt eine Menge Pläne, Emma ſo eilends als möglich von Wilhelms— nach ſeiner Anſicht gefährlichen — Umgang zu entfernen. Endlich beſchloß er, Tante Ger⸗ trud zu ſeiner Verbündeten zu machen; denn er wußte wohl, daß dieſe ſich über Emma's Beſuche im Pfarrhauſe ſtets ärgerte. Schon gegen fünf Uhr des folgenden Morgens ſah er die alte Dame im Garten, um mit ihrer Weife im Freien zu arbeiten. Er eilte ihr nach; und obwohl er wußte, daß er nicht beſonders in ihrer Gunſt ſtand, ſo wußte er doch auch, ———— 11² daß er in dem Punkte, um welchen ſich ſeine Unterredung mit ihr drehen ſollte, vollkommen einig mit ihr war. „O“— begann er—„wie fleißig ſind Sie, Mamſell, ſchon ſo früh bei der Arbeit.“— „Ich muß wohl“— verſetzte die Alte mit verdrüßlichem Geſicht—„und doch denkt der Schwager immer, daß man nichts vor ſich bringt, mag man auch Tag und Nacht ar⸗ beiten.“— „Ja, das iſt wohl wahr,“— verſetzte Fridolf—„wenn man in Ihre Jahre gekommen iſt⸗——— „In meine Jahre?“— unterbrach ſie ihn zornig.—„Sie denken wohl, daß ich ein altes Runkunkel bin, Herr Buch⸗ halter!“— „Ei bewahre, gewiß nicht, ich wolltenblos ſagen, daß die Mamſeell nicht mehr ſo jung iſt:——— „Nicht mehr ſo jung?— O, das weiß ich wohl, ohne daß es der Herr zu„repariren“(repetiren) braucht; aber ich kann noch gehörig arbeiten und würde es mit deſto größerem Vergnügen thun, wenn ich für meine eigene Rechnung thätig ſein könnte; aber all ſeine Zeit Andern zu opfern, iſt gewiß nicht angenehm.“— „Aber Mamſell Oliveblad könnte ſich doch ruhigere Tage verſchaffen, ſeitdem Mamſell Emma von Stockholm zurückge⸗ kommen iſt; ſie kann ja nun einen Theil der Haushaltungs⸗ geſchäfte übernehmen.“—. „Ja, ſie! Was ſoll ſie denn thun, ſie iſt ja mehr im Pfarrhauſe, als daheim bei uns!— „Ja wohl; allein daran thut ſie nach meiner Anſicht ſehr unrecht,“— entgegnete Fridolf—„denn— allen Reſpekt vor der ehrwürdigen Familie des Pfarrers— aber es iſt zu viel Eitelkeit in dieſem Hauſe.— Er wußte beſtimmt, daß er jetzt den Ton getroffen hatte, welcher der Alten gefiel. erem ätig ewiß Tage ckge⸗ ngs⸗ r im ſehr ſpekt ſt zu zatte, 113 „Nun, was habe ich geſagt,“— rief ſie—„iſt das nicht meine Rede? Es iſt ja nur Eitelkeit und Spiel und Tanz und Galanterie in dem Hauſe; das iſt keine„Inſur⸗ rection“(Inſtruckion) für ein junges Mädchen.“— „Ja wohl, ſie ſollte hübſch in ihrem Hauſe bleiben und ihrer alten Tante helfen,“— fiel Fridolf ein. „Seht da, ſchon wieder„alt,“— knurrte Tante Gertrud —„es iſt entſetzlich, wie ſich der Herr Buchhalter um mein Alter bekümmert.“ „Aber iſt es denn eine Schande alt zu ſein?“— fragte Fridolf ernſt. „Nein, das nicht,“— entgegnete die Tante—„aber ich ſage Ihnen im Vertrauen, falls Sie es noch nicht wiſſen ſollten, daß es nicht zum guten Tone gehört, die Leute beſtän⸗ dig an ihr Alter zu erinnern.“— „Dieſe Regel gilt wohl nur für alte Mamſellen,““— antwortete Fridolf, ſeinen Plan gänzlich vergeſſend. „Sie gilt für Jeden, der Bildung hat,“— fiel Tante Gertrud verdrüßlich ein—„und es iſt recht beleidigend, eine alte Mamſell genannt zu werden, wenn man es in ſeiner Gewalt gehabt hat, Frau Pfarrerin zu werden und wie eine Perle im Golde zu ſitzen. Aber ſo iſt es, wenn man zu lange wählt.“—. Um die Lippen des jungen Mannes ſchwebte ein ſarkaſti⸗ ſches Lächeln, allein Tante Gertrud, die in ihre ſchon tauſend⸗ mal angeſtellten bitteren Betrachtungen über die Thorheit ihrer Jugend verſank, bemerkte es nicht. Um jedoch auf den Gegenſtand ſeines Geſprächs zurück⸗ zukommen, ſprach Fridolf zu ihr.—„Ich bin begierig, wenn Mamſell Emma nach Hauſe kommen wird.“— „Ja, das weiß Gott,“— erwiederte die Tante—„ob⸗ wohl ich ſehr wünſche, daß ſie heute käme, denn wir ſitzen in Geſchäften bis über die Ohren.“— Emma's Herz. II. 8 114 Fridolf trat der alten Jungfrau näher und ſprach mit wichtiger Miene:—„Wir müſſen es ſo karten, daß wir die liebe Mamſell bald nach Hauſe bekommen, nicht nur, weil es ſo leer und öde hier im Hauſe iſt, wenn ſie fehlt, ſondern auch, weil ſie in der Pfarre ganz und gar verwöhnt wird. Jeder, der ihr wohl will, muß dieß zu verhindern ſuchen, und unter dieſe gehöre auch ich.“— „Aber Ihre eigne Schweſter hält ſich ja fortwährend in der Pfarre auf, Herr Buchhalter,“— fiel Tante Gertrud ein. Fridolf ſchwieg einen Augenblick.—„Das iſt wohl wahr,“ — ſprach er dann langſam—„aber das kann nichts weiter helfen. Sie iſt wenigſtens nicht in dem verderblichen Stock⸗ holm geweſen, wie Mamſell Hilbert; dieſe hat dort den Grund zu einer Flüchtigkeit und Eitelkeit gelegt, die ſich leicht zu ihrem Schaden entwickeln können, wenn ſie ſo viel Zeit in der Pfarre verbringt. Es wäre ſehr Schade um einen ſolchen Engel!“—— „Ja, ſo redet der Herr vernünftig,“— rief die Alte— „wir kommen nun in drei Stücken überein: Stockholm iſt ein verderblicher Ort, der Aufenthalt im Pfarrhauſe iſt nicht gut für junge Mädchen und meiner Schweſter Tochter iſt ein En⸗ gel. Ich wundere mich, daß der Herr Einſicht genug hat, um dieß Alles zu finden.“—. Nach dieſer für Fridolf wenig ſchmeichelhaften Aeußenung verſprach ihm die Alte, daß ſie beim Frühſtück mit ihrem Schwager eine Unterredung anknüpfen werde, die ihn beſtim⸗ men ſolle, noch deſſelben Tages ſeine Tochter aus dem Pfarr⸗ hauſe zurückzuholen. Allein dieſe Unterredung fand nicht ſtatt und Tante Ger⸗ trud hielt es für räthlich zu ſchweigen, denn ihr Schwager war lange nicht bei ſo ſchlechter Laune geweſen, als heute. Nichts war ihm recht, das ganze Frühſtück wurde verworfen. Die Butter war zu ſalzig, das Brot zu teigig, der Fiſch zu mit r die il es dern wird. und id in dein. ahr,“ veiter Stock⸗ brund cht zu in der olchen 4e— iſt ein ht gut n En⸗ g hat, zenang ihrem beſtim⸗ Pfarr⸗ Ger⸗ hwager heute. vorfen. iſch zu 115 trocken gebraten, die Eier zu hart gekocht, das Oel dumpfig. Frau Hilbert, die über Alles Vorwürfe empfing, wagte kein Wort zu ihrer Entſchuldigung anzuführen, ſondern ging ſeuf⸗ zend und ſchweigend aus der Stube. Als der Inſpector mit Fridolf auf das Comtoir gekommen war, brummte er noch immer über das einfältige Frühſtück und über die noch einfältigeren Weiber, die dem armen Manne, der im Schweiße ſeines Angeſichts Nahrung und Unterhalt erwerben muß, keinen eßbaren Biſſen zubereiten können. „Aber hören Sie, lieber Onkel,“— ſprach Fridolf— „Sie ſollten eine Haushälterin annehmen.“— „Was Teufel,“— rief der Inſpector—„eine Haus⸗ hälterin! Was ſoll ich mit einer ſolchen, da ich eine Frau, eine Schwägerin und eine Tochter im Hauſe habe? Können denn dieſe drei einer Haushaltung nicht vorſtehen?“— „Ei ja, ſie können wohl,“— ſprach Fridolf weiter— „aber bedenken Sie, daß Mamſell Gertrud ſehr alt iſt, ſo daß die gute Frau Hilbert faſt allein die ganze Laſt der Haus⸗ haltung auf ſich hat. Unmöglich kann ſie— auch bei dem beſten Willen— Alles ſo genau beſorgen, daß nicht die Mägde bisweilen Gelegenheit zu Nachläſſigkeiten finden.“— „Nun, und meine Tochter?“— fragte der Alte.— „Rechneſt Du ſie für nichts? Iſt ſie nicht jung und raſch genug, um ihre Mutter zu unterſtützen?“— „Ach,“— verſetzte Fridolf—„ſie iſt nicht für einen Haushalt auf dem Lande erzogen. Sie iſt an die Zerſtreu⸗ ungen der Hauptſtadt gewöhnt, und um den Contraſt zwiſchen dem Leben in der Hauptſtadt und unſerer ländlichen Stille nicht allzuſehr zu fühlen, muß ſie ſo oft und ſo lange als möglich das Pfarrhaus beſuchen, in dem es doch immer luſtig und munter zugeht.“— „Den Teufel auch, ſie muß nicht,“— rief der Alte verdrüßlich—„noch heute Abend will ich ſie aus der Pfarre 8* 116 nach Hauſe holen. Ich will Euch zeigen, ob ich meine Tochter zu einer Tagediebin erzogen habe. Emma hat gute Anlagen, eine tüchtige Haushälterin zu werden, und ſie ſoll es wer⸗ den, das verſpreche ich.—„„Sie muß im Pfarrhauſe ſein, um ſich zu zerſtreuen!“— Dummes Gerede. Ich will ſie lehren, Zerſtreuung in nützlicher Thätigkeit zu finden; und ſoviel ſage ich, daß der Wind aus einer andern Gegend blaſen ſoll, ehe ſie mir wieder zu Rosman’'s gehen darf!“ Dahin wollte Fridolf kommen; er hatte nun den Alten zu dem Beſchluſſe gebracht, ſeine Tochter Abends nach Hauſe zu holen. Und dieß that der Inſpector auch wirklich zu gro⸗ ßem Leidweſen der ganzen Rosmanſſchen Familie, beſonders aber Wilhelms. Emma war alſo wieder im elterlichen Hauſe und Alles blieb ſich gleich— ihr Vater knurrig, ihre Mutter traurig, Tante Gertrud geſchwätzig, Fridolf ſtill, aber mit Seufzern und Blicken ſprechend. Die arme Emma, in Gedanken an Eduard und in Er⸗ innerungen an die ſchöne Zeit verſunken, welche ſie zu Stock⸗ holm im Hauſe des Aſſeſſors zugebracht hatte, fühlte ſich gar nicht wohl in ihrem elterlichen Hauſe. Von Tag zu Tage erwartete ſie Nachrichten von ihren Lieben in Stockholm, aber vergebens. Sie war mit Julien übereingekommen, daß ſie ſich gegenſeitig mit jedem Poſttage— ſchreiben wollten; allein dieß war zu viel und wurde bald auf einen Poſttag um den andern reducirt. Aber jetzt hatte ſie ſeit drei Wochen keine Zeile, weder von Julie, noch von der Tante erhalten; drei Briefe, welche ſie nach einander nach Stockholm geſandt hatte, waren unbeantwortet geblieben. Emma war ſehr beſorgt, daß irgend ein Unglück in der Familie des Aſſeſſors vorgefallen ſein konnte, und ihre gute Mutter theilte ihre Unruhe und war nicht weniger niedergeſchlagen, als ihre Tochter. dchter agen, wer⸗ ſein, will „und blaſen Alten Hauſe gro⸗ onders Alles aurig, zufzern in Er⸗ Stock⸗ ich gar ihren Julien Joſttage ald auf atte ſie von der er nach Emma ilie des r theilte als ihre 117 Endlich— es war am neunzehnten Juli— erhielt der Inſpector einen Brief von ſeiner Schweſter, in welchem ein großer Brief an Emma eingeſchloſſen lag, auf dem dieſe ſo⸗ gleich die Handſchrift ihrer Tante Ulla erkannte. Ihr Vater, der ſeiner Schweſter Hand ebenfalls erkannte, dachte nicht dar⸗ an, dieſen Brief zu erbrechen, wie er ſeit Eduards Abreiſe mit jedem an Emma adreſſirten Briefe, deſſen Handſchrift ihm fremd war, gethan hatte. Mit inniger Freude nahm Emma den ſehnſüchtig erwarteten Brief— aber ein Gedanke durch⸗ zuckte ſie— ſie wandte den Brief um und ſah nach dem Siegel. Es war roth.—„Gott ſei gelobt!“— rief ſie und athmete tief auf—„alſo kein Todesfall in der Fa⸗ milie. Ich fürchtete nach dieſem langen Schweigen das Schlimmſte.“— Sie eilte in ihr Zimmer und erbrach das Couvert, wel⸗ ches zwei Briefe enthielt, deren einen ſie von der Tante, den andern von Iulie geſchrieben hielt. Aber wie erſtaunte ſie, als ſie auf einem derſelben eine Adreſſe von einer ihr gänz⸗ lich unbekannten Damenhand ſah. In der Meinung jedoch, daß der Brief von einer ihrer zahlreichen Bekanntinnen in Stockholm ſei, dachte ſie nicht weiter darüber nach, ſondern legte ihn auf die Seite und las den Brief ihrer Tante. Dieſe theilte ihr mit, daß Julie ſehr krank geweſen ſei und deßhalb ſeit ſo langer Zeit nicht geſchrieben habe; ſo⸗ dann, daß ſie im Begriffe ſtünden, nach Strömſtad zu reiſen, woſelbſt Julie zu ihrer völligen Wiederherſtellung baden ſolle. Auch erwähnte ſie flüchtig, daß ein junger Lieutenant von Pu*, ein ſehr liebenswürdiger, junger Mann, ihr Reiſegeſell⸗ ſchafter ſein würde. Eine Nachſchrift an der Seite des Briefes enthielt auch die„kleine Neuigkeit,“(wie ſich die Tante beſcheiden ausdrückte) daß ihr Mann kürzlich zum Hofgerichtsrath ernannt und in den Adelſtand erhoben worden war.—„Er behält aber 118 ſeinen Namen“— ſetzte ſie hinzu—„und nennt ſich nur von 9**.⸗— Eine zweite Nachſchrift war von Juliens Hand und ent⸗ hielt eine Entſchuldigung, daß ſie ſo wenig ſchriebe, mit dem Verſprechen, daß ſie das Verſäumte nach ihrer Rückkehr aus dem Bade reichlich nachholen wolle. Vergnügt faltete Emma den geleſenen Brief wieder zuſammen und freute ſich herzlich über die Standeserhöhung ihres guten Onkels. Zwar nicht ſeinetwegen, denn ſie wußte, wie wenig er Rang und Titel achtete, ſondern ihrer Tante willen, die bei ihren zahlreichen vortrefflichen Eigenſchaften eine kleine Schwäche für weltliche Ehre und Auszeichnung hatte. Neugierig erbrach ſie nun den andern Brief, ohne zu ahnen, von welcher lieben Hand derſelbe geſchrieben war. Als ſie den Brief geöffnet und einen Blick auf die darin befind⸗ liche Schrift geworfen hatte, erſtaunte ſie noch mehr, denn ſie vermochte kein einziges Wort darin zu leſen. Bald entdeckte ſie jedoch, daß die Buchſtaben von rechts nach links geſchrieben waren; aber noch hatte ſie weiter nichts als das oben im Briefe ſtehende Datum geleſen, als ihr Vater haſtig die Thür öffnete und mit lauter Stimme herein rief, daß die Oberſtin von Mur auf Björeſät ſo eben gefahren komme und daß ſie — da die Mutter und die Tante noch unangekleidet wären— dieſelbe empfangen müßte.— Emma warf ſchnell die beiden Briefe in ihre Chiffonniere— wie ſie wenigſtens glaubte— und verließ eilends das Zimmer. Hätte ſie geahnt, daß der Brief von Eduard war, ſie würde ihn gewiß nicht ſo nach⸗ läſſig hingeworfen, oder wenigſtens den Schlüſſel ihrer Stube an ſich genommen haben. Die Oberſtin wurde von dem Inſpector, der ſtolz auf dieſen Beſuch war,(denn es war das erſte Mal, daß ſie ſeinem Hauſe die Ehre anthat) mit großer Ehrfurcht in das Beſuchzimmer geführt. Am meiſten konnte ſich wegen dieſes Thür erſtin ß ſie 119 Beſuchs Emma ſchmeicheln, denn ihretwegen war die Oberſtin eigentlich gekommen, nachdem ſie erſt bei der Gräfin vorge⸗ fahren, von dieſer aber wegen einer kleinen Unpäßlichkeit nicht angenommen worden war. Die Oberſtin ſchien mit ihrem Empfange ſehr zufrieden zu ſein und verweilte mehrere Stunden, indem ſie ſich mit dem Inſpector über Felder und Wälder, mit ſeiner Frau und Schwägerin aber, die ſich nach ihrer Umkleidung ebenfalls eingefunden hatten, über verſchiedene hauswirthſchaftliche Ge⸗ genſtände unterhielt. Am meiſten trug jedoch Emma zur Belebung der Unterhaltung bei, indem ſie mehrere ſchöne Lieder zur Laute ſang. Die reizende Stimme Emma's und ihr ſchönes Spiel hatte die Oberſtin ſchon am Johannisvorabend — als ſie Emma ſingen und ſpielen hörte— ſo hingeriſſen, daß ſie ſich ſehr darnach ſehnte, ſie wieder zu hören. Emma mußte ihr verſprechen, ſie recht bald auf Björeſät zu beſuchen und einen ganzen Tag bei ihr zu bleiben. Als die freundliche Dame wieder abgereiſ't war, eilte Emma in ihr Zimmer, um den ſonderbaren Brief zu leſen. Allein wie erſtaunte ſie, als ſie denſelben weder in der Chiffonniere, noch ſonſt wo fand. Er war aber auch nicht in die Chiffonniere gekommen, denn als Emma in ihrer Eile die Klappe nur ein wenig ge⸗ öffnet hatte, um beide Briefe hineinzuſtecken, fiel der Brief ihrer Tante zwar gehörig hinein, allein Eduards Brief fiel auf den Fußboden, ohne daß ihn Emma in ihrer Haſt bemerkte. Während Emma der Oberſtin vorſang, kam ein Bote von Fräulein Louiſe R** an die Inſpectorin. Das Fräulein beſchäftigte ſich nämlich zuweilen mit Weben und hatte ſich neulich einen Baumwollenzeug⸗Webeſtuhl aufgeſtellt, der aber nicht nach ihrem Wunſche ging. Sie beklagte ſich darüber gegen Frau Hilbert, welche ihr als eine geſchickte Weberin bekannt war; ſie zeigte ihr bei Gelegenheit des Johannis⸗ feſtes auch ihren Webſtuhl und Frau Hilbert war der Mei⸗ 120 nung, daß derſelbe deßhalb nicht gehörig ginge, weil die Schafte nicht gehörig geölt wären. Sie erbot ſich, dem Fräulein einige andere Schafte zu leihen, welche ſie ſelbſt neuerlich geölt und mit Eidotter beſtrichen hatte. Das Fräulein nahm das An⸗ erbieten an und erklärte, daß ſie ſich die Schafte nächſtens holen laſſen würde. Allein ſie ließ dieſelben nicht holen, und man glaubte, ſie hätte die ganze Sache vergeſſen. Erſt heute und zwar gerade während der Zeit, als die Oberſtin von Mux im Hauſe des Inſpectors war, kam des Fräuleins Kammer⸗ mädchen Hanna athemlos gelaufen und bat ſich die verſpro⸗ chenen Schafte aus. Tante Gertrud war bei Hanna's An⸗ kunft eben in der Küche und wollte ihre Schweſter, welche ſich mit der Oberſtin unterhielt, nicht ſtören: ſie holte daher ſelbſt die Schafte, um ſie dem Mädchen zu übergeben. Allein ſie fand kein Papier, um dieſelben ſauber einzuwickeln. Nach vie⸗ lem Suchen ſchickte ſie Lena in Emma's Zimmer, um nach⸗ zuſehen, ob ſie dort ein paſſendes Stück Papier fände. Un⸗ glücklicher Weiſe lag Eduards Brief gerade vor Lena's Augen auf dem Fußboden. In der Meinung, ein werthloſes Papier vor ſich zu ſehen, nahm ſie den Brief und überreichte ihn der Tante Gertrud, die ohne Weiteres die Schafte hineinwickelte. Nach vielem Suchen und Fragen erfuhr Emma endlich das Schickſal ihres ungeleſenen Briefs und ärgerte ſich ſehr darüber, daß derſelbe in Fräulein Louiſens Hände gefallen war. Sie war zwar des feſten Glaubens, daß der Brief von einer ihrer Freundinnen in Stockholm ſei, nichts deſto weniger aber war es ihr verdrüßlich, daß derſelbe in die Hände einer fremden Perſon gekommen war, vorzüglich da ſie ſelbſt den Inhalt deſſelben noch nicht kannte. Welcher Donnerſchlag, wenn ſie gewußt hätte, von wem der Brief war! Ihre Mutter, der ſie dieſen Verluſt klagte, gab ihr den Rath, zu Fräulein Louiſe zu ſchicken und ſich den Brief wieder ausbitten zu laſſen, der durch ein Mißverſtändniß in ihren 121 Beſitz gekommen war. Dieß that ſie auch, allein das Fräulein ließ ihr ſagen, daß ſie ihr den Brief nicht zurückſchicken könnte, weil ſie nicht wüßte, wohin er gekommen ſei. Emma gab ſich trotz ihres Verdruſſes zufrieden, weil ſie glaubte, daß das Fräulein den Brief nicht geleſen habe; und da Louiſe die ein⸗ zige Perſon im gräflichen Hauſe war, welche italieniſch ver⸗ ſtand, ſo beruhigte ſie ſich in dem Glauben, daß Niemand Etwas von dem Inhalte des Briefes erfahren würde. Unterdeſſen zog ſich eine Gewitterwolke zuſammen, deren Schläge die arme Emma gärzlich zerſchmettern ſollten. Fräu⸗ lein Louiſe hatte die Weberſchafte mit eignen Händen von Hanna empfangen und dieſelben der Hausmagd zum Einſetzen in den Webſtuhl gegeben. Das Papier, in welches ſie gewickelt geweſen waren, blieb auf des Fräuleins Tiſche liegen und als dieſe bei einem flüchtigen Blick Emma's Namen darauf las, wurde ſie begierig, den Inhalt kennen zu lernen. Sie erkannte ſogleich, daß derſelbe mit Spiegelſchrift geſchrieben war, denn ſie hatte dieſe Schrift früher häufig bei der Correſpondenz mit ihren Penſionsfreundinnen benutzt. Da Louiſe der italie⸗ niſchen Sprache mächtig war, ſo kannte ſie in fünf Minuten den Inhalt des Briefes, in welchem Eduard mit allem Feuer eines leidenſchaftlich Liebenden Emma ſeine Sehnſucht, ſeinen Kummer, ſeine Verzweiflung über ihre Trennung ſchilderte, ſie verſicherte, daß er keinen Augenblick ihr reizendes Bild aus ſeinem Herzen entfernen könne, ſie zur Standhaftigkeit und Hoffnung ermahnte und zuletzt betheuerte, daß ſie oder keine ſeine Hand erhalten würde, möchten ſich auch Hinderniſſe und Schwierigkeiten aller Art entgegenthürmen. Louiſens Gefühle beim Durchleſen dieſes Briefes ſchildern zu wollen, wäre ein vergebliches Bemühen. Daß Emma ſelbſt den Inhalt dieſes Briefes nicht kannte, fiel ihr natürlich nicht ein. Im Gegentheil, ſie glaubte, daß ihr Emma dieſes un⸗ glückliche Papier abſichtlich geſchickt habe, um über ihre Neben⸗ 122 buhlerin zu triumphiren und ihr zu zeigen, wie ſehr ſie von dem Grafen geliebt war. Welche Frechheit! Welche beiſpiel⸗ loſe Kühnheit! Louiſe fand keine Worte für ihr Gefühl— ſie war außer ſich, ſie raſ'te. Gleich einer Furie eilte ſie zur Gräfin, mit verzerrtem Munde, mit flammenden Augen, mit fliegender Bruſt, mit zitternden Gliedern, den Unglücksbrief krampfhaft in einer Hand haltend. Die Gräfin erſchrak bei ihrem Eintritt und beſtürmte ſie mit Fragen über das, was geſchehen war; allein lange dauerte es, ehe der gefährliche Dämon der Eiferſucht, der ſich des armen Fräuleins bemäch⸗ tigt hatte, ihr Kraft geſtattete, ein Wort hervorzubringen. Als ſie endlich durch ſanftes Zureden der Gräfin ſoweit zur Beſinnung gekommen war, daß ſie das Geſchehene mit⸗ theilen und den Brief Wort für Wort der Gräfin überſetzen konnte, wurde die Gräſin zwar nicht ſo desperat wie ihre Nichte, aber doch ſo wüthend, daß ſie ſich ſogleich zu dem Grafen begab, ihm von dem Vorgefallenen in Kenntniß ſetzte und eine höchſt unangenehme häusliche Scene veranlaßte. Sie weinte laut und behauptete, keine Eltern ſeien ſo unglücklich, wie ſie und ihr Mann, denn Niemand hätte einen ſo unge⸗ horſamen, gemeindenkenden, ehrvergeſſenen Sohn, der durch ſeine Halsſtarrigkeit bald in ſein eignes Verderben raſen und ſeine Eltern vor Kummer frühzeitig ins Grab ſtürzen würde; einen Sohn, der ihrer Liebe unwerth, unwerth der Achtung irgend eines Menſchen, unwerth des Tageslichts, unwerth des Lebens wäre— und was ſie ſonſt noch in ihrer Verzweif⸗ lung ſprach. Auch der Graf wurde nun gereizt, ärgerlich, wüthend. Am meiſten zürnte er dem alten Hilbert, der ihm mit ſeinem Ehrenworte verſprochen hatte, daß kein Briefwechſel zwiſchen ſeiner Tochter und dem jungen Grafen geführt werden ſolle. Und dieſes Verſprechen hatte er nun ſo ſchlecht gehalten. In ſeiner Wuth beſchloß der alte Graf, den Inſpector ſchnell auf 123 das Schloß holen zu laſſen und ihm zwei Bedingungen vor⸗ zulegen, entweder nämlich ſeine Tochter fortzuſchicken, oder ſelbſt B** und zugleich ſeine Stelle zu verlaſſen. Es war jedoch zu ſpät, um noch an dieſeni Abende nach ihm zu ſchicken; man mußte daher bis zu dem folgenden Morgen warten. Wie ein gehorſamer Untergebener folgte der alte Hilbert dem Befehle ſeines Herrn und begab ſich ſogleich nach erhal⸗ tener Botſchaft aufs Schloß zu ihm. Er wurde in das Schreibe⸗ zimmer des Grafen eingeführt, woſelbſt ihn dieſer mit finſterem Geſicht empfing. Der arme Alte, der nicht wußte, wodurch er ſeinen ſonſt ſtets ſo freundlichen Herrn beleidigt und er⸗ zürnt hatte, ſtand einige Augenblicke in ängſtlicher Erwartung, daß der Graf zu reden beginnen ſollte— allein der Graf ſchwieg. Hilbert, der ſein Gewiſſen rein fühlte und übrigens nichts weniger als furchtſam oder kriechend war, betrachtete nun den alten Grafen mit feſtem fragenden Blick und ſchien nur eine Erklärung zu erwarten. Und dieſe blieb auch nicht außen, denn nach einigen Minuten hatte ihm der Graf Alles eſagt. 3 Hilbert wurde beſtürzt, und wurde noch beſtürzter, als ihn der Graf mit Vorwürfen überhäufte und ihn einen Wort⸗ brüchigen nannte, der jeden Briefwechſel zwiſchen Emma und Eduard zu verhindern verſprochen und ſein Verſprechen ſo ſchlecht gehalten hätte. Der Inſpector betheuerte, daß er jeden an ſeine Tochter gerichteten Brief erbrochen und geleſen habe, mit Ausnahme des letzten Briefes von ſeiner Schweſter, der Hofgerichtsräthin L**, in welchem er nichts Verdächtiges vermuthet habe. Was ihm der Graf mittheilte, war ihm ein Räthſel. Allein der Graf wollte keine Entſchuldigung anhören, ſon⸗ dern ſprach weitläufig über die Pflicht eines Vaters, das Betragen ſeiner Kinder zu überwachen, und über die Pflicht jedes ehrlichen Mannes, ſeine Verſprechungen zu halten. End⸗ 124 lich ſtellte er ihm die Bedingungen, entweder ſeine Tochter von Be zu entfernen oder ſeine Stelle aufzugeben und mit ſeiner ganzen Familie Bu⸗ zu verlaſſen. Denn ein kräftiges Mittel müſſe angewendet werden, meinte er, um weiterem Unglücke zu⸗ vorzukommen und das Aergerniß, welches bereits in beiden Familien entſtanden war, wieder zu vernichten. Hilbert ließ den Grafen ausreden; als derſelbe ſchwieg, nahm er das Wort und ſprach:—„Meine Tochter kann ich nicht von mir ſchicken, Herr Graf. Ich habe ſie nach einer Trennung von fünf Jahren erſt kürzlich in mein Haus zurück⸗ geholt; es würde mich zu viel koſten, wenn ich ſie ſo bald wieder von mir entfernen ſollte. Allein auch dieſen Schmerz würde ich überwinden, wenn nicht die Ehre des Mädchens erforderte, vorſichtig und ernſt zu Werke zu gehen. Was würden wohl die Leute ſagen, Herr Graf, wenn ſie jetzt ſchon wieder fortreiſte? Welche Vermuthungen, welche Urtheile, welche Gerüchte würden dann in Umlauf kommen?— Nein — der Ruf eines Mädchens iſt ein zarter Gegenſtand, er muß mit Schonung behandelt werden. Uebrigens wüßte ich auch Niemand, dem ich Emma übergeben könnte, als meiner Schweſter in Stockholm, bei welcher ſie früher war, allein dieſer Aufenthalt wäre gerade am wenigſten räthlich, ſo lange ſich der junge Graf in Stockholm aufhält. Und wohin ich ſie auch ſchicke, nirgends kann ich ſo gut, wie hier, verhüten, daß ein Brief vom Graf Eduard in ihre Hände kommt, denn die Poſt geht ja überall hin. Nein, meine Tochter bleibt bei mir..— „Nun, ſo verlaſſen Sie mit Ihrer ganzen Familie Br⸗ — bemerkte der Graf kalt. „Wenn es dem Herrn Grafen beliebt,“— erwiederte Hilbert mit gleicher Kälte.—„Ich verlaſſe dann Brr mit dem ſchönen Bewußtſein, den mir anvertrauten Beruf nach Kräften erfüllt zu haben, und mit dem innigen Wunſche, daß 125 mein Nachfolger— wer er auch ſein mag— denſelben Eifer und dieſelbe Treue zeigen möge.— Nachdem er die Worte mit feſter und ſicherer Stimme geſprochen hatte, verbeugte er ſich und ging nach der Thür, um ſich zu entfernen. Allein der Graf, von den Worten und der edeln Haltung des Greiſes gerührt, bereute ſchon ſeine Uebereilung, ging dem Inſpector nach, ergriff ihn bei der Hand und bat ihn, noch zu warten. Hilbert gehorchte. Der Graf ſelbſt geſtand nun zu, daß er zu heftig geweſen war, und bat ihn, mit ihm zuſammen ein anderes Mittel auszuſinnen. „Die beiden Mittel, welche der Herr Graf vorſchlugen,“ — ſprach Hilbert—„taugen wenigſtens nicht als Heilmittel bei dieſer Krankheit. Allein ich weiß ein drittes Mittel, ein Radikalmittel: ich werde meine Tochter verheirathen.“— „Sie verheirathen!“— rief der Graf erfreut—„ach, Herzensfreund, wenn dieß Ihr Ernſt iſt, ſo iſt es allerdings ein Radikalmittel. Aber, ſetzen Sie ſich, beſter Hilbert, laſſen Sie uns Freunde ſein und als zwei bekümmerte Väter ver⸗ traulich mit einander reden. Mit wem gedenken Sie denn Emma zu verheirathen?“— Hilbert theilte nun dem Grafen mit, daß er Fridolf Tyrel ſchon längſt Emma's Hand verſprochen habe, daß ſeine Tochter zwar dieſer Verbindung widerſtrebe, daß er aber ſeinem Ver⸗ ſprechen treu bleiben und Emma mit Fridolf verbinden werde. Bei dem jetzigen Zuſtande der Dinge war große Eile nöthig; deßhalb wollte der Inſpector ſobald als möglich Emma in Gegenwart mehrerer Zeugen öffentlich mit Fridolf verloben und dann die Hochzeit ſo ſehr als möglich beeilen, um jede thörichte Hoffnung des Grafen auf Emma's Beſitz zu ver⸗ nichten und ſeinen Eltern unangenehme Auftritte zu erſparen. Der Graf war über dieſen Vorſchlag entzückt und glaubte, daß ſich Emma ungeachtet ihres jetzigen Widerwillens gegen Fridolf ſchon in ihr Schickſal ergeben werde, wenn ihr jede 126 Hoffnung auf eine andere Verbindung genommen worden ſei. Und wenn der Graf auch dieſen Glauben nicht ſo recht feſt hegte, ſo wollte er doch Hilbert gern davon überzeugen, um denſelben in ſeinem Vorſatze zu beſtärken. Daß Emma ein Opfer ihrer beiderſeitigen Pläne werden ſollte, rührte ihn nur wenig. Hilbert beſchloß nun, am fünfundzwanzigſten Juli, der ſein eigner Namenstag war und den er jedesmal ſehr feſtlich beging, Emma's Verlobung mit Fridolf vorzunehmen und auf dieſe Weiſe— wie er ſich ausdrückte— zwei Fliegen mit einer Klappe zu ſchlagen. Er bat zugleich, daß der Graf, die Gräfin und Fräulein Louiſe an dieſem Tage ſein Haus mit ihrer Gegenwart beehren möchten. Bis dahin aber wünſchte er die ganze Verabredung mit dem Grafen geheim gehalten, um alle weinerlichen Scenen mit Emma zu vermeiden. Denn er glaubte, daß ſie ſich in zahlreicher Geſellſchaft dem Willen ihres Vaters weit leichter fügen werde, um kein Aufſehen zu erregen. Froh verſprach der Graf ſeine und ſeiner Damen Theilnahme an dieſem Feſte; die beiden Alten ſchüttelten ſich die Hände und ſchieden freundlich von einander. Der Inſpector war nach dieſem Auftritte kalt und kurz gegen ſeine Tochter, die er gleich der ganzen gräflichen Fa⸗ milie in ſeinem Herzen der ſträflichen Kühnheit beſchuldigte, daß ſie Eduards Brief abſichtlich in die Hände des Fräuleins geſpielt habe, um ihr zu zeigen, daß ſie ungeachtet aller da⸗ zwiſchen geworfenen Hinderniſſe die Liebe des Grafen noch beſitze. Emma's Namenstag— der dreiundzwanzigſte Juli— brach an; zwei Tage darauf war der für Emma ſo wichtige Jakobstag, an welchem ihre Verlobung mit Fridolf ſtattfinden ſollte. Aber weder ſie ſelbſt, noch ihre Mutter und Tante, noch weniger Fridolf hatten die geringſte Ahnung davon; ſie wußten blos, daß dieſer Tag— wie gewöhnlich— mit einer Feſtlichkeit begangen werden ſollte. Emma's Namenstag, der erſte, den ſie ſeit fünf Jahren wieder im elterlichen Hauſe er⸗ lebte, ſollte nach dem Wunſche ihrer Mutter ſo feſtlich als möglich begangen werden, und der Inſpector wollte nichts da⸗ gegen einwenden. Er war Tages vorher nach Norrköping gereiſ't und hatte die Verlobungsringe für das junge Paar zugleich mit einigen Putz⸗ und Schmuckſachen eingekauft, die er Emma zu ihrem Namenstage ſchenkte. Die ſämmtlichen jungen Leute der Gegend waren für dieſen Nachmittag in das Haus des Inſpectors eingeladen; man tanzte und Emma, die keineswegs ahnte, daß ſie zwei Tage darauf höchſt un⸗ glücklich ſein ſollte, überließ ſich mit der glücklichſten Sorg⸗ loſigkeit ihres Alters dem Genuſſe der Gegenwart. Der Jakobstag brach an. Emma hatte ihrem Vater ein paar Pantoffeln geſtickt und ging ganz früh des Morgens mit dem kleinen wohlgemeinten Geſchenk in ſein Zimmer, um ihm Glück zu wünſchen. Allein ihr Vater war bereits auf das Comtoir gegangen. Dies war ganz gegen Emma's Berech⸗ nung; ſie hatte ihn allein treffen wollen, und ſollte ihm nun in Gegenwart des ihr ſo widerwärtigen Fridolf das Opfer ihrer kindlichen Zuneigung überreichen. Allein, was war zu thun? Sie ging ins Comtoir, öffnete leiſe die Eingangsthür und ſah ihren Vater an ſeinem großen, grünen Schreibepulte ſitzen. All' die Strenge, mit welcher der Vater ſie behandelte, vergeſſend und nur daran denkend, daß er ihr Vater war, dem ſie Ehrfurcht, Liebe, Dankbarkeit und Gehorſam ſchuldete, eilte die unſchuldige Emma hin zu ihm und fiel ihm um den Hals. Fridolf, der eben mit der Linirung eines neuen Rech⸗ nungsbuchs beſchäftigt war, linirte bei dieſem Anblicke völlig ſchief und machte einen großen Dintenklecks mitten in das Buch— allein er bemerkte den Unglücksfall nicht, ſchlug ſchnell ſein Buch zu und verlor ſich in dem Anblicke des ſchönen —— 128 Mädchens.—„Ach,“— dachte er—„wenn ſie doch einmal irre ginge und ihre Arme um meinen Hals ſchlänge! Ich würde mit größerer Geduld den Kelch des Kummers und der Entſagung leeren, wenn ich erſt einen Tropfen aus dieſem Nektarbecher gekoſtet hätte!“— Allein der alte Hilbert war weit davon entfernt, einen Gedanken an den Nektarbecher zu hegen, der vor Fridolfs Phantaſie ſchwebte; im Gegentheil, in ſeinem Innern gährte ein übelverhehlter Unwille, der ſich faſt in harten Worten ge⸗ gen die nach ſeiner Meinung ſo ſtrafbare Tochter Luft gemacht hätte. Aber er beſann ſich und blieb ſtumm, als ihm die gefühlvolle Emma mit ſtrahlenden Blicken die wärmſten und aufrichtigſten Wünſche zuflüſterte, welche jemals über zwei ſchöne Lippen gegangen ſind. Als ſie zu ſprechen aufgehört hatte und keine Antwort von ihrem Vater erhielt, ſtand ſie eine Weile ſchweigend da und blickte den Inſpector verwundert an. Dann reichte ſie ihm ihr kleines Geſchenk hin, das er achtlos annahm. Weder die Gabe noch die Geberin eines Blickes würdigend, ſprach er kurz und kalt:—„Ich danke Dir.— Emma ſtand noch einige Augenblicke ſtumm und ſah ihn an. In ihren ſchönen Augen glänzten zwei große Thränen und rollten ihr, ungeachtet ſie dieſelben zurückzuhalten ſuchte, gleich darauf die glühenden Wangen herab. Und wie reizend war ſie in dieſem Augenblick inneren Schmerzes und äußerer Reſignation! Wenigſtens erſchien ſie Fridolf ſo, der nicht be⸗ griff, wie der alte Hilbert ſich zurückhalten konnte, dieſes liebenswürdige Geſchöpf in ſeine Arme zu ſchließen. Allein die Unbeweglichkeit des Inſpectors war zu entſchuldigen, denn er blickte ſeine Tochter gar nicht an, ſondern blätterte finſter und verdroſſen in einem Rechnungsbuch. Emma wollte ihren Vater nicht verlaſſen, ohne einen freundlichen Blick oder ein freundliches Wort von ihm erhalten zu haben; ſeufzend lehnte ndert s er eines 129 ſie ſich ſanft an ſeine Schulter. Allein der Alte zog ſeine Schulter ungeduldig zurück und ſprach unwillig:—„Was iſt denn das? Sieh', Du zerdrückſt mir den Rock! Geh', Kind, und laß mich in Ruhe! Wir treffen einander heute Mittag, dann wollen wir über eines und das andere reden.“— Ohne den wehmüthigen, theilnehmenden Blick zu ſehen, mit welchem Fridolfs feuriges Auge allen ihren Bewegungen folgte, verließ Emma das Comtoir und eilte zu ihrer Mutter, der ſie unter heftigem Weinen und mit der Bitte in die Arme ſank, daß ſie ihr doch ſagen möchte, wodurch ſie den Vater von Neuem erzürnt hätte, da doch derſelbe ſeit ihrer Ent⸗ laſſung aus dem Arreſte ganz freundlich gegen ſie geweſen ſei. Die Mutter, der ihr rauher Mann nichts von ſeiner Unterredung mit dem Grafen mitgetheilt hatte, konnte die Frage ihrer Tochter nicht beantworten; ſie glaubte aber, daß ſein ſonderbares Benehmen von ſeiner ſeit einigen Tagen un⸗ gewöhnlich ſchlechten Laune herrühre. Die gute Emma überwand ihren wirklich tiefen Schmerz und hegte keinen Unwillen gegen ihren Vater wegen ſeiner Härte. Sie brachte einen Theil des Vormittags damit zu, alle Zimmer zu dem Jakobsfeſte mit Blumen zu ſchmücken, dann zog ſie ſich ſelbſt ein weißes Kleid an und ſchmückte ihren hübſchen Kopf mit einem Kranze von weißen Roſen. Der Mittag war herangekommen, die Gäſte hatten ſich verſammelt und der Hausherr wurde von Allen beglückwünſcht. Emma in ihrer einfachen weißen Kleidung, mit dem weißen Roſenkranz in ihren reichen kaſtanienbraunen Locken zog Aller Blicke auf ſich. Ihre Bläſſe und ein wehmüthiger Geſichts⸗ ausdruck— eine Folge ihres innern Grämens und vorzüglich auch des trüben Auftrittes am heutigen Morgen— ließen ſie weit intereſſanter erſcheinen, als wenn ſie im Glanze der Geſundheit und Heiterkeit geſtrahlt hätte. Die Gräfin ſelbſt, obwohl ſie erzürnt auf Emma war, konnte nicht umhin, dem Emma's Herz. II. 9 130 Fräulein von Rae zuzuflüſtern:—„Sie iſt wahrlich ſehr ſchön, das böſe Mädchen.“— Man ſetzte ſich zu Tiſche und fand bald, daß Frau Hil⸗ bert ihr Beſtes gethan hatte, um leckere Gaumen ſowohl, als hungrige Magen zufrieden zu ſtellen. Der Graf und die Gräfin, voll geheimer Freude über den Schlag, der nun bald die arme Emma gänzlich niederſchmettern ſollte, waren ſehr heiterer Laune und regten unter den Gäſten einen Ton von Fröhlichkeit an, der ſich bald um die ganze Tafel verbreitete. Die Flaſchen wurden fleißig von den Herren geleert, zuletzt wurden zwei große Becher hereingebracht und aus dieſen zahlreiche Toaſte getrunken. Nachdem man auf den Wirth, die Wirthin und die Tochter des Hauſes, auf die gräfliche Herrſchaft und auf eine Menge anderer Anweſender Toaſte ausgebracht hatte, bat der alte Hilbert um eine kurze Stille. Gleichzeitig wurden ringsum die Gläſer gefüllt und Jedermann ſchwieg in der Erwartung, daß der Wirth einen Toaſt ausbringen werde; Aller Augen waren neugierig auf ihn gerichtet. Darauf erhob ſich der Inſpector mit ernſter, ja feierlicher Miene von ſeinem Stuhl und ſprach:—„Meine Herrſchaften, ich hoffe, Sie werden Alle die Güte haben und mit mir auf das Wohl eines jungen Paares trinken, das noch heute Abend verlobt werden ſoll.“ — Man ſah einander an und ſchwieg, dann richteten ſich alle Blicke auf Emma. Es war deutlich genug, daß ſie die Braut war; aber wer war der Bräutigam?—„Ich beab⸗ ſichtige,“— fuhr der Inſpector fort,—„an dieſem heitern Tage noch ein Feſt zu begehen, wichtiger und ernſter als ein Namenstag, ich beabſichtige nämlich meine Tochter heute mit dem Herrn Buchhalter Fridolf Tyrell zu verloben. Der Pfar⸗ rer Rosman, mein alter Freund und Bruder, wird— wie ich hoffe— nach Tiſche die Güte haben, die Ringe zwiſchen Beiden zu wechſeln und eine kleine Rede zu halten, zu der ich ſam konn in d und (ann „Sc hinte Men Ich werd zum 8 2 digur 131 hr meine gnädige Herrſchaft und ſämmtliche Anweſende als Zeugen einlade.“— il⸗ Hier ſchloß Hilbert ſeine Rede. Um aber dem Leſer einen als Begriff von der Senſation zu geben, die ſie erregte, iſt es die nöthig, jeden Gaſt, der bei dieſer Gelegenheit eine Hauptrolle ald ſpielte, einzeln zu ſchildern. Die Gräfin und Fräulein Louiſe ehr wechſelten Blicke mit einander, in denen ſich— ich will nicht dvon ſagen Schadenfreude— aber doch etwas Aehnliches aus⸗ ete. ſprach. Der Graf zog ſeine Augenbrauen zuſammen und etzt richtete einen feſten unverwandten Blick auf die marmorbleiche eſen zitternde Emma, die vor Schreck kein Wort zu ſprechen ver⸗ mochte. Frau Hilbert, die ſogleich den Zuſtand ihrer Emma hter gewahrte, hatte ihren Platz verlaſſen und ſtand ſtill weinend enge hinter ihrer Tochter, bereit, dieſelbe in ihre mütterlichen Arme ſalte zu nehmen, falls ſie ohnmächtig werden würde. Tante Ger⸗ die trud war die Einzige, welche in dieſem Augenblicke der Ueber⸗ daß raſchung Worte fand; weder die Ehrfurcht vor der gräflichen aren Familie, noch die Befangenheit vor einer ſo zahlreichen Ver⸗ ctor ſammlung, noch die Furcht vor ihrem mürriſchen Schwager und konnte ſie zurückhalten, mit lauter Stimme auszuſprechen, was Alle in dieſem Augenblicke ihre Gedanken beſchäftigte. ngen„Herr, mein Gott!“— rief ſie,—„hier iſt Verlobung oll..) und mir hat man nicht das Geringſte davon„avantirt!“ ſich(annoncirt) Welches Spektakel, welches Mirakel, welches die„Schabernakel!“ Ich, die Schweſter des Hauſes, ſoll alſo eab⸗ hinter's Licht geführt werden?— Das müſſen häßliche itern Menſchen ſein, welche ſolche Sachen„craſchiren“(arrangiren). ein Ich habe ſchon lange wiſſen wollen, wer Emma's Mann mit werden ſoll; aber nie hätte ich geglaubt, daß dieſer“——— far⸗ Ein funkelnder Blick ihres Schwagers brachte ſie plötzlich 1 wie zum Schweigen. 4 ſchen Wilhelm Rosman benahm ſich ſonderbar bei der Ankün⸗ r ich digung der Verlobung. Er ſprang von ſeinem Stuhl auf, 9* 13² ohne zu wiſſen, was er that. Seine Augen ſprühten Feuer, ſein Geſicht glühte, die Adern ſeiner Stirn ſchwollen auf und ſeine Hände ballten ſich— kurz, er trug alle Zeichen einer eben ſo plötzlichen als tiefen Verzweiflung an ſich. Sein äl⸗ terer Bruder Friedrich ergriff ihn jedoch ſogleich bei der Hand und führte ihn unbemerkt aus dem Saale. Aber wie benahm ſich denn der Bräutigam?— Anfangs war er eben ſo ſehr überraſcht, wie die Uebrigen, aber erfreut war er eben nicht, als er ſeine zukünftige Verlobte anblickte, deren Abneigung gegen ihn er allzugut kannte. Gleichwohl war er nicht edelmüthig genug, ihr freiwillig zu entſagen, ſondern ſchweigend, mit verlegner Miene ſaß er da, ohne ſich ſelbſt über ſeine Gefühle Rechenſchaft geben zu können. Unter⸗ deſſen benahm ſich der alte Hilbert ſo, als ob er die Unruhe, die um ihn herrſchte, gar nicht bemerkte. Ohne ſich durch den Zuſtand der armen Emma, deren Lippen und Wangen weißer als ihr Kleid waren, rühren zu laſſen, beſchloß er, ſeinen Entſchluß feſt durchzuſetzen. „Meine gnädigen Herrſchaften,“— fuhr er fort, indem er ſein Glas abermals erhob,—„ich dachte, die ganze Ge⸗ ſellſchaft würde den Toaſt trinken, den ich ſo eben ausgebracht habe.“— Alle ergriffen nun ihre Gläſer und tranken oder ſtellten ſich, als ob ſie tränken, denn die Ueberraſchung und Emma's mitleidswürdiger Zuſtand hatte die Meiſten ſo er⸗ griffen, daß ſie kaum wußten, was ſie thaten. Fridolf ſtand auf, verbeugte ſich, ſtammelte eine kurze gebrochene Dank⸗ ſagung für den Toaſt, leerte ſein volles Glas bis auf den Boden und ſetzte ſich wieder. Emma bemühte ſich ebenfalls zu ſprechen— gewiß nicht, um zu danken— aber umſonſt. Ihre abgeſtorbenen Lippen und ihre gelähmte Zunge verſagten ihre Dienſte. Niemand unter den Anweſenden war, der nicht deutlich bemerkte, daß ſie eine Verbindung mit Fridolf für ihr Unglück hielt; aber mehr als die Hälfte derſelben, na⸗ 133 mentlich die jungen Mädchen, wunderten ſich nicht wenig dar⸗ über, denn Fridolf galt für einen artigen, ſoliden und ſehr hübſchen jungen Mann. Inzwiſchen erinnerte man ſich, daß ihr der junge Graf die Cour gemacht hatte; man zweifelte demnach nicht, daß darin die Urſache ihres Widerwillens gegen eine andere Verbindung zu ſuchen ſei. Zugleich hielt man ſie aber auch für thöricht oder eingebildet, daß ſie die flüchtige, ſchnell vorübergehende Huldigung eines ſolchen jungen Mannes ſo ernſt aufgenommen hatte. Denn, daß von Eduards Seite eine reine ernſte Liebe im Spiele war, daran dachte Niemand. Während Jeder der Gäſte ſich einige Sekunden lang ſei⸗ nen eignen Betrachtungen überließ, hörte man einen Stuhl haſtig vom Tiſche wegſchieben und Jemand einer andern Ge⸗ gend des Tiſches zueilen. Man blickte auf:— die Pfarrerin war aufgeſprungen und ihrer Tochter Jenny zu Hülfe geeilt, welche die Farbe mehrere Male gewechſelt hatte, bewußtlos wankte und eben vom Stuhle ſank, als ihre Mutter zur rechten Zeit zu ihrer Unterſtützung herbei eilte. Auch ihre Schweſtern ſammelten ſich ſogleich um das arme Mädchen, das man von einem plötzlichen Uebelbefinden befallen glaubte. Ihr Zuſtand war von dem Augenblicke an, als der Inſpector Fridolfs Verlobung mit Emma verkündigt hatte, peinlich ge⸗ weſen; doch erhielt ſie ſich noch aufrecht, als ſie Emma's Beſtürzung und Fridolfs Verwirrung bemerkte, denn ſie hegte in ihrem Herzen noch die Hoffnung, daß keines von Beiden in die vorgeſchlagene Verbindung willigen werde. Als Fridolf aber aufſtand und für den Toaſt dankte, blieb ſie ihrer nicht länger mächtig. Es dunkelte vor ihren Augen, Alles drehte ſich in einem Kreiſe um ſie, ſie wußte nicht mehr, was um ſie her geſchah. Nun entſtand ein allgemeiner Wirrwarr, den Frau Hil⸗ bert benutzen wollte, ihre noch immer unbeweglich daſitzende Tochter wegzuführen. Emma ſaß mit ſtierem Blick und ſtar⸗ 134 rem Geſichte da, wie ein Bild des Entſetzens; nur als Fri⸗ dolf zu ihr trat und mit theilnehmendem Ausdruck in ſeinen Augen ihre Hand ergriff, nur da erſt erhielt die ſchöne Bildſäule Leben. Mit einer Geberde der Furcht, als ob ein Geſpenſt vor ihr ſtände, zog ſie ihre Hand zurück, ſtürzte ſich in die Arme ihrer Mutter und ließ ſich von derſelben aus dem Saal in ihr eignes Zimmer führen. Die Mahlzeit wurde auf dieſe Weiſe ſehr unangenehm unterbrochen; die Becher blieben leer und das Deſſert unan⸗ gerührt. Jenny's Uebelbefinden nahm immer mehr zu, der Arzt beſchäftigte ſich unausgeſetzt mit ihr und alle Anweſen⸗ den drängten ſich um ſie, bis die Pfarrerin für gut fand, mit ihrer kranken Tochter nach Hauſe zu fahren. Guſtava, Eveline und Albert, die ihre gute Schweſter Jenny nicht verlaſſen wollten, folgten ihr. Friedrich und der arme Wil⸗ helm waren ſchon vorher verſchwunden, ſo daß nur wenige Glieder der Rosman'ſchen Familie zurückblieben. Während dieſer Zeit ſaß Emma in ihrem Zimmer auf dem Sopha zwiſchen ihrer Mutter und ihrer Tante. Beide ſuchten ſie zu tröſten und überhäuften ſie mit den zärtlichſten Liebkoſungen. Die Natur gewährte ihr die Wohlthat, daß ſie ihr gepreßtes Herz durch eine Fluth von Thränen erleich⸗ tern konnte. Nach Verlauf einiger Zeit trat der Inſpector mit grim⸗ miger Miene ins Zimmer. In den härteſten Ausdrücken machte er ſeiner Frau Vorwürfe, daß ſie ihre Pflichten als Wirthin ſo vergeſſen und hier in Emma's Zimmer ſitzen könnte, anſtatt im Saale bei der Geſellſchaft zu ſein.„Ich bin Mutter!“— war die einzige Antwort der Frau Hilbert, aber ſie war von einem Blicke der Theilnahme, der innigſten Mutterliebe auf die leidende Tochter begleitet, der mehr als viele Worte ſprach. Hilbert nahm darauf Emma bei der Hand und befahl ihr, ihm in den Garten zu folgen, wo die 135 ganze Geſellſchaft ihrer wartete. Erſchrocken ſchlang das arme Mädchen beide Arme um den Hals ihrer Mutter und hielt ſich krampfhaft an derſelben feſt. Ihr Vater wollte ſie losreißen, aber die Mutter ſchob ihn ſanft zurück und be⸗ ſchwor ihn, das arme Kind, deſſen Nerven furchtbar erſchüttert waren, zu ſchonen.—„Iſt es wirklich Dein Wille,“— fragte ſie,—„das Mädchen, ungeachtet ihres Widerwillens gegen Tyrell, mit dieſem zu verloben?“—„Ja, das iſt mein Wille,“— erwiederte er kalt. Frau Hilbert ſuchte ihn zu bewegen, dieſe Abſicht— wenn nicht aufzugeben— doch wenigſtens eine Zeitlang aufzuſchieben; aber ſie reizte dadurch ſeinen Zorn um ſo mehr und miſchte nun ſchweigend ihre Thränen mit denen der weinenden Emma. Da erhob Tante Gertrud ihre Stimme und ſprach:—„Sie ſind ſehr wun⸗ derlich, Schwager. Was haben Sie denn für Eile, das Mäd⸗ chen zu verloben? Sie iſt ja erſt einige Monate über ſiebzehn Jahre alt, noch iſt ja keine Zeit verloren. Ein Mädchen, wie ſie, bekommt ſchon einen Mann; man braucht ſie keinem Tuck⸗ mäuſer aufzuzwingen, gegen den ſie ſolche„Abruſion⸗(Aver⸗ ſion) hat.“—„Ach, ich frage viel nach altem Weiberge⸗ ſchwätz,“— entgegnete der unverbeſſerliche Hilbert und ergriff abermals die Hand ſeiner Tochter.—„Folge mir,“— rief er ihr zu—„ich will doch zeigen, ob ich Herr in meinem Hauſe bin oder ob die Weiber darin alle Gewalt haben!“— Langſam richtete ſich Emma aus den Armen ihrer Mutter empor, trocknete ihre Thränen und legte ihre Hand in die des Vaters. Ihr Geſicht war todtenblaß, ihr Gang ſchwankend. Die Mutter und die Tante, welche glaubten, daß ſie ſich dem tyranniſchen Willen ihres Vaters unterwerfen werde, folgten ihr weinend. Am Eingange des Gartens ſtanden zwei große Blumen⸗ ſäulen und in der Mitte ein kleiner, mit Blumen geſchmückter Altar, ganz ſo, wie ihn Emma im Traume geſehen hatte, als 136 ſie die erſte Nacht in ihrem elterlichen Hauſe ſchlief. Dieſer Traum, der ſie ſo ſehr beunruhigt hatte, erwachte jetzt lebhaft in ihrer Erinnerung; mit Entſetzen ſah ſie ihn jetzt verwirk⸗ licht. Wie im Traume wurde ſie gewaltſam von ihrem Vater zum Altare geſchleppt; wie im Traume ging ihr die Mutter zur Seite und drückte mitleidig ihre Hand; wie im Traume ſtanden Fridolf und der Pfarrer Rosman wartend am Fuße des Altars. Julie hatte recht gehabt, Emma ſchauderte. Die im Garten verſammelte Geſellſchaft erwartete mit ſtummer Theilnahme den Ausgang der Secene, die ſich jetzt ihren Blicken darſtellte. Sie ſahen die halbohnmächtige Emma von ihrem Vater wie ein Opfer zu dem Altare geſchleppt werden, und in manchem Auge glänzte eine mitleidige Thräne. Nur die gräfliche Familie wünſchte, daß der Despotismus des Inſpectors ſiegen möchte. Jetzt ſtand der eigenſinnige gefühlloſe Alte mit dem todten⸗ bleichen zitternden Mädchen am Altare.—„Lieber Bruder,“ — ſprach er zu dem Pfarrer—„ich hoffe, daß Du aus alter Freundſchaft und Kraft Deines Amtes meine Tochter und ihren künftigen Gatten, die ich Beide jetzt in Gegenwart aller dieſer Zeugen verlobe, einſegnen wirſt.“— Bei dieſen Worten nahm er zwei goldene Ringe aus ſeiner Weſtentaſche, beſah ſie und gab dann einen an Emma, den andern an Fridolf.— „Nun wechſelt die Ringe,“— ſprach er—„und laßt uns dann die Rede anhören, die mein würdiger Freund und Bru⸗ der bei dieſer feierlichen Gelegenheit halten wird.“— Fridolf näherte ſich Emma, um ſeinen Ring an ihren Finger zu ſtecken; allein Emma trat ſchnell einige Schritte zurück, warf den Ring, den ihr Vater ſo eben in ihre Hand gelegt hatte, weit von ſich weg und ſtürzte ſich haſtig zu den Füßen des Pfarrers.—„Würdiger Mann,“— rief ſie— „im⸗Namen der Religion, deren Verkündiger Sie ſind, rufe ich Ihr Mitleid an. Mein Vater iſt taub für meine Bitten, eſer zaft irk⸗ ater tter ume zuße mit jetzt nma eppt äne. des dten⸗ der,“ aus und aller orten h ſie uns Bru⸗ rufe iitten, 137 taub für die Stimme der Natur; aber Sie, menſchenfreund⸗ licher, guter, rechtſchaffener Mann, Sie werden eine Verbin⸗ dung von mir abzuwenden wiſſen, die das Unglück meines Lebens machen würde. Herr Tyrell hat meine Achtung, aber ich kann ihn nicht lieben; mag er ſich eine Gattin ſuchen, die ihn glücklich machen kann; ich kann es nicht.“”— Der Pfarrer erhob ſie mit Güte und wollte ihr einige tröſtende Worte ſagen, als ihr Vater, ſchäumend vor Zorn, ihren Arm ergriff, ſie heftig ſchüttelte und ihr bittere Vorwürfe machte, indem er ſie ein halsſtarriges, ungehorſames, bos⸗ haftes Kind nannte, das darauf ausgehe, ſeinem alten Vater jede Freude zu verbittern. Da trat der Pfarrer zwiſchen den zornigen Vater und das bebende Mädchen.—„Ruhig, ruhig, lieber Bruder,“— ſprach er—„durch ſolche rauhe Behand⸗ lung würde eine ſo zarte Blume bald geknickt werden. Das Mädchen iſt frei; Du haſt kein Recht, ſie gegen ihren Willen zu einer Heirath zu zwingen; ich hoffe, bei ruhigerem Nach⸗ denken wirſt Du dieß ſelbſt einſehn.“— Der Graf, der bisher ein ſtummer Zuſchauer geweſen war, trat nun als handelnde Perſon auf. Mit Angſt hatte er und die Gräfin dem Auftritte zugeſehen; und als der Pfar⸗ rer auf die Seite Emma's trat, fürchteten ſie mit Recht, daß dadurch ihr ganzer Plan vernichtet werden könnte.—„Mein lieber Hilbert,“— ſprach alſo der Graf—„Sie haben ſich ſtets als ein rechtſchaffener Mann gezeigt; ich hoffe, daß Sie ſich durch dieſe kleine Laune nicht wanken machen laſſen. Et⸗ was anderes als eine Laune kann es nicht ſein. Sie iſt zu kindiſch, um zu wiſſen, was zu ihrem Beſten gereicht. Herr Tyrell iſt ihrer vollkommen würdig.“— „Das glaube ich auch,“— erwiederte der Ptarrer— „aber er mag nur erſt ihre Neigung zu erwerben ſuchen. Niemand ſoll in der Gemeinde, deren Pfarrer ich bin, gegen ſeinen Willen verlobt werden.“— 138 „Liebes Kind,“— wandte er ſich dann an Emma— „ſuche Deinen Vater zu beſänftigen und verlaß Dich im Uebri⸗ gen auf mich. Ich werde Dich vor Gewalt ſchützen.“— Der Graf kannte den redlichen Pfarrer zu gut, um ſich ihm weiter zu widerſetzen; vielleicht erwachte auch ein mit⸗ leidiges Gefühl in ſeiner Bruſt— da Emma, deren ſchwaches Nervenſyſtem dieſe Erſchütterung nicht länger zu ertragen ver⸗ mochte, in ein konvulſiviſches Weinen und in ſpasmodiſche Krämpfe verfiel, ſo daß ſie aus dem Garten getragen werden mußte. Der alte Hilbert brummte zwar noch leiſe, aber des Pfarrers Zureden brachte ihn bald zum Schweigen und er nahm ihm das Verſprechen ab, dem armen Mädchen Friſt zu gönnen, ſich wo möglich mit der Zeit in die Nothwendigkeit dieſer Verbindung zu finden. Hierauf entfernte ſich der Pfar⸗ rer eilig mit ſeinen noch übrigen Angehörigen, und bald darauf zerſtreute ſich die ganze Geſellſchaft, um der bekümmerten In⸗ ſpectorin Muße zu verſchaffen, ihre kranke Tochter zu warten. So trübe und düſter endigte gegen Aller Erwarten der Jakobstag, der ſonſt ſtets ſo heiter und fröhlich verbracht worden war. Mehrere Tage lang blieb Emma in einem Zuſtande, der Alles für ihr Leben fürchten ließ; die arme Mutter und Tante Gertrud waren untröſtlich. Frau Hilbert verging faſt in Thränen, ſie kniete fortwährend am Bette ihrer kranken Tochter und bat den Himmel, ihr das Leben des geliebten Kindes zu erhalten. Aber kein Vorwurf gegen den harten Mann, der all' dieſe Betrübniß veranlaßt hatte, kam über ihre Lippen. Allein Tante Gertrud, die darin weniger edel war, fand nun reiche Gelegenheit, ihre Neigung zum Schelten zu befriedigen, beſonders da Hilbert über die Krankheit ſeiner Tochter ſo er⸗ ſchrocken war, daß er ſeine despotiſche Laune gänzlich verloren hatte und ſich fromm und ſanft wie ein Lamm benahm. Der Arzt verbot ihm in den erſten Tagen der Krankheit Emma's 139 den Zutritt zu der Kranken, weil er fürchtete, daß bei ſeinem ri⸗ Anblick ihre Krämpfe wiederkehren möchten. Und dieß griff den armen Hilbert unbeſchreiblich an, denn er liebte unge⸗ ſich achtet ſeiner Härte ſeine Tochter über Alles in der Welt. lit⸗ Stumm und blaß ſaß er in ſeinem Lehnſtuhl, und der Arzt, hes der ſein Benehmen gegen Emma erfahren hatte und gleich er⸗ dem größten Theile der Anweſenden höchlichſt mißbilligte, ſche gönnte ihm dieſen Zuſtand der Beſtürzung und Gewiſſens⸗ den biſſe ſehr gern. des Endlich erhielt er die Erlaubniß, das Zimmer ſeines er kranken Kindes zu beſuchen; zum erſten Mal in ſeinem Leben zu fühlte er eine Thräne aus ſeinen Augen rollen, als er an keit Emma's Lager trat. Aus einem despotiſchen Herrſcher war ar⸗ er nun ein aufmerkſamer Diener geworden; er erfüllte alle auf Wünſche ſeiner Tochter und theilte mit ſeiner Gattin alle In⸗ zarten Sorgen für ihre Bequemlichkeit und baldige Wieder⸗ ten. herſtellung. Emma wurde dadurch ungemein gerührt, ſo daß der ſie nun ihrerſeits ſich Vorwürfe machte, gegen ihren Vater, acht der ſie ſo zärtlich liebte, ſo widerſpenſtig geweſen zu ſein. Indeſſen beſſerte ſich ihre Geſundheit mit jedem Tage; ſie der geſundete bald völlig und hörte nun kein Wort von der ver⸗ nte haßten Verbindung mit Fridolf wieder reden. VII. Das Ständchen. Emma blieb geſund, aber die Roſen der Freude kehrten nicht auf ihre ſchönen feinen Wangen zurück, obwohl ihr Vater ungewöhnllch freundlich gegen ſie war und durch verdoppelte Zärtlichkeit gegen ſie den Eindruck ſeiner früheren Härte aus⸗ zutilgen ſuchte. Der Umgang zwiſchen der Rosmanſſchen und Hilbert'ſchen Familie dauerte ununterbrochen fort; allein Emma fing all⸗ mählig an, ihre früher ſo langen und wiederholten Beſuche im Pfarrhauſe freiwillig zu beſchränken. Als nämlich Wil⸗ helm den Ausgang des Verlobungsfeſtes erfahren hatte und nun Emma's Abſcheu vor einer Verbindung mit Fridolf kannte, faßte er wieder Hoffnung, ihre Liebe zu gewinnen, und ver⸗ doppelte deßhalb ſeine Bewerbung um ſie. Die brennenden Blicke, die klagenden Seufzer, die fortwährende Ausdauer, womit er ſich bei jeder Gelegenheit in ihre Nähe drängte, waren ihr peinlich; und da ſie keine Neigung in ſich fühlte, ſeine zärtliche Flamme zu erwiedern, ſo zog ſie ſich zeitig zu⸗ rück, um nicht wiſſentlich falſche Hoffnungen in ihm zu nähren. Fridolf ſah nun die Unmöglichkeit, Emma's Liebe jemals zu gewinnen, ein; er verzehrte ſich in ſtillem Kummer und wurde mit jedem Tage düſterer und unzugänglicher gegen die —. 141 Freuden des Lebens. Jenny ſchien ſich dagegen zu tröſten, nachdem ſie ihrer Mutter die Krankheit ihres Herzens anver⸗ traut hatte. Die verſtändige Pfarrerin hatte durch mütterliche Zärtlichkeit und freundliche Schonung ihre Tochter beruhigt und den Kummer derſelben— der bei ihrem zarten Alter nichts weiter als eine Kinderei war— zu zerſtreuen gewußt. Emma erhielt einige Tage nach ihrer Geneſung einen Brief von der Hofgerichtsräthin und von Julie aus Strömſtad; Beide beklagten ſich über Emma's langes Schweigen. Allein Emma hatte Beiden einige Tage vorher geſchrieben und ihnen ihre Krankheit, ſowie die Veranlaſſung zu derſelben mitgetheilt; die Briefe mußten ſich jedenſalls unterwegs gekreuzt haben. Julie's Brief war ſehr heiteren Inhalts. Sie hatte ihre Geſundheit und ihre gute Laune vollkommen wiedergewonnen und war dabei noch immer daſſelbe gute, ungekünſtelte, ſor⸗ genloſe Kind, das ſie bei Emma's Abſchied geweſen war. Unter andern ſchrieb ſie: „Du kannſt Dir nicht vorſtellen, liebe Emma, wie ange⸗ „nehm ich hier lebe. Es iſt, als ob Alle wetteiferten, mich „heiter und glücklich zu machen. Die guten Menſchen! „Wie ſoll ich ihre Artigkeit und ihr Wohlwollen vergelten! „Anfangs erregte ich blos Mitleid; nun ich aber geſund „geworden bin, freuen ſich Alle darüber. Das Sonder⸗ „barſte iſt, daß man mir vom Morgen bis zum Abend vor⸗ „ſagt, ich ſei ſchön. Das kommt mir ungemein wunderlich „vor, denn dergleichen habe ich in Stockholm nie gehört. „Im Anfange kränkte ich mich darüber, denn ich glaubte, „man wolle mich verſpotten; aber allmählig habe ich mich „ſo ſehr daran gewöhnt, daß ich mich geſtern vor den „Spiegel ſtellte und mich ſelbſt fragte:—„„Bin ich denn „wirklich ſchön?“— Und, Gott weiß es, Emma, ich „fand mich gerade recht häßlich. „Ferner muß ich Dir noch etwas mittheilen, was früher 142 „nie geſchehen iſt. Alle jungen Männer drängen ſich um „mich her und ſagen mir die ſchmeichelhafteſten Dinge von „der Welt. Es iſt, als ob ich Aufſehen erregte oder als „ob ich mehr wäre, als die übrigen hieſigen Mädchen. „Gerade ſo, wie man ſich gegen Dich benahm, als Du „noch bei uns warſt, ganz ſo benimmt man ſich jetzt gegen „mich. Verliere ich einen Handſchuh, die Lorgnette oder „mein Taſchentuch, ſo beeifern ſich fünf, ſechs Herren, es „aufzuheben und mir zurückzubringen; iſt vom Tanzen die „Rede, ſo bin ich ſtets auf zehn, zwölf Tänze engagirt „und höre die Uebrigen klagen, daß ſie nicht mit mir tan⸗ „zen können. Soll ich ſpielen und ſingen, ſo flattert ein „halbes Dutzend Schmetterlinge um mich herum; zwei ſetzen „mir den Stuhl zurecht— doch einer kommt natürlich da⸗ „bei zu ſpät; ein paar Andere kommen mit den Noten, „Andere ſchließen ſorgfältig Thüren und Fenſter, damit „mich keine Zugluft treffen ſoll. Allein alle dieſe Umſtände „ſind mir beſchwerlich, außer, wenn mir der Lieutenant „von P' eine Artigkeit erweiſt— das macht mir Freude. „Ach, Emma, Du ſollteſt wiſſen, was dieſer Pe für ein „Mann iſt! Ich wollte, Du könnteſt Dir einen Begriff von „ihm machen! Er iſt ungemein liebenswürdig. Uebrigens „iſt er ſchön von Geſicht, lang und ſchlank. Welcher Aus⸗ „druck in ſeinen Augen, welcher Reiz in ſeinem ganzen „Weſen! Unter den zahlreichen hieſigen jungen Männern iſt keiner der ihm gleicht. Aber nein— ich muß ſchlie⸗ „ßen— denn ich fühle, daß ich, wenn ich mich nicht zu⸗ „rückhielt, einen ganzen Folianten über deu Lieutenant von „P'r ſchreiben könnte.“— Julie ſchrieb nun faſt an jedem Poſttage, und zwar jedes Mal faſt ausſchließlich von dem ausgezeichneten Lieutenant von Pur. Ihre Briefe ergötzten Emma und beunruhigten ſie zugleich. Das Leſen derſelben war eine Unterbrechung ihres 143 einförmigen Lebens und die Freundſchaft der holden Julie ein großer Troſt in ihrem Kummer. Aber ſie zitterte für das Schickſal ihrer Freundin, denn ſie merkte wohl, wie dieſe ihr Herz immer feſter an den jungen Manne hing. Und etwas Gutes ahnte ſie von dieſer Liebe nicht; ſie kannte den Stolz ihrer Tante zu gut, um zu glauben, daß ſie je ihre einzige Tochter einem armen Offizier geben würde, der faſt lediglich von den Unterſtützungen Anderer lebte. Denn der Chef ſei⸗ nes Regiments bezahlte ja ſeine Badereiſe— wie die Hof⸗ gerichtsräthin an Emma geſchrieben hatte— und die Hofge⸗ richtsräthin hatte ihm während der ganzen Reiſe freien Tiſch angeboten. Als Emma Juliens Brief beantwortete, wollte ſie ihre Freundin warnen, ſich nicht zu ſehr mit P** zu beſchäftigen, weil derſekbe nie ihr Gatte werden könnte. Allein ſie unterließ es, weil ſie wohl wußte, daß ſie dadurch Juliens Freude ver⸗ giften würde; und es kam ihr grauſam vor, von Juliens Augen die Binde zu reißen, welche ſie ſo glücklich machte. „Arme Julie,“— ſeufzte ſie—„Dir droht daſſelbe un⸗ glückliche Schickſal, das mich getroffen hat. Auch über Dei⸗ nem Haupte hängt ein bloßes Schwert, das in jedem Augen⸗ blick auf Dich herabzuſtürzen droht. Doch ich will nicht die Erſte ſein, die Dich aus Deinem ſüßen Irrthume reißt.“ Ein Brief Julie's machte Emma ganz beſondere Freude; Julie ſchrieb nämlich: „Ich habe vergeſſen, Dir mitzutheilen, daß der Lieute⸗ „nant von Pe’ ein ſehr vertrauter Freund des jungen „Grafen Hir auf Ber' iſt. P'* ſpricht mit einer Art „Entzücken von dieſem Grafen, wie von dem ſchönſten, lie⸗ „benswürdigſten, tugendhafteſten und edelmüthigſten jungen „Manne. Pe' iſt arm und ſchämt ſich nicht, dieß zu be⸗ „kennen; allein er verſichert, daß er jetzt keine Sorgen mehr „in dieſer Beziehung zu haben brauche, ſeitdem ihn die 144 „Vorſehung mit ſeinem einſtigen Jugendfreunde zuſammen⸗ „geführt habe.“— Wie ſehnlich wünſchte nun Emma mit der Familie Les in Strömſtad zu ſein, nur um das Glück zu genießen, Ke oft von Eduard ſprechen zu hören. So verging die Zeit bis zur Mitte des Anguſtmonats. Emma ſaß eines Abends mit der Tante unter den großen Ahornbäumen auf dem Hofe. Da hielt plötzlich ein Landauer vor der Thüre des Inſpectors. Zwei Damen und zwei Her⸗ ren ſaßen im Wagen, ein Bedienter in adliger Livree öffnete die Thür; die Herren ſtiegen aus; der eine von ihnen, lan⸗ ger und ſchlanker Figur, half den Damen aus dem Wagen und ehe ihnen Emma den halben Weg entgegengegangen war, lag ſie in den Armen ihrer Couſine— es war die Familie Ler. Welches Zuſammentreffen, welches frohe Wiederſehen, welche angenehme Ueberraſchung! Jetzt kam auch der Onkel herbei, um ſeinen Theil von Emma's Liebkoſungen zu erhal⸗ ten. Eine Umarmung und eine freudige Ausrufung folgte der andern. „Wir kommen,“— ſprach endlich die Hofgerichtsräthin —„um drei Wochen bei Euch zuzubringen. Biſt Du damit zufrieden, Emma?“— Emma vermochte vor Freude kaum zu antworten. Drei ſolche glückliche Wochen waren mehr, als ſie je zu hoffen ge⸗ wagt hatte. Unterdeſſen kamen auch ihr Vater und ihre Mut⸗ ter herbei, nicht weniger entzückt, ihre lieben Verwandten zu ſehen und ſo lange Zeit bei ſich zu behalten. Zwar wun⸗ derten ſie ſich, daß kein Brief die Ankunft ſolcher theuern Gäſte im Voraus verkündet hatte; allein man erwiederte ihnen, daß man abſichtlich geſchwiegen habe, um ſie zu über⸗ raſchen. ſchien gar nicht mehr daſſelbe Mädchen zu ſein; und Emma Emma konnte Julien gar nicht genug betrachten. Sie men⸗ Lrn recht nats. oßen dauer Her⸗ fnete lan⸗ zagen war, Le. ſehen, Onkel erhal⸗ folgte käthin damit Drei en ge⸗ Mut⸗ en zu wun⸗ heuern tederte über⸗ Sie Emma 145 begriff nicht, wie ſich ihre Freundin in wenigen Monaten ſo auffallend hatte verändern können. Sie war bedeutend gewachſen, ihre Geſtalt— bei Emma's Abreiſe noch dürftig und kindlich— hatte Fülle und Rundung gewonnen. Die Reiſe und das Bad hatten ihr eine friſche Farbe gegeben, die ihr ſehr wohl ſtand; ihre ſchönen lebhaften Augen hatten ei⸗ nen gewiſſen ſchmachtenden Ausdruck bekommen. Emma hatte ſtets Juliens ſchönes blondes Haar und ihre ungemein feine und weiße Haut bewundert, im Uebrigen aber ſie wegen ihrer Bläſſe und matten Augen nicht beſonders hübſch gefunden. Dieß letztere war nun verſchwunden und Emma konnte ſich nicht abläugnen, daß Julie in ihrem ſiebzehnten Jahre eine vollkommene Schönheit werden müſſe. Sie eilte, dieſe Ent⸗ deckung ihrer Tante mitzutheilen, deren mütterlicher Stolz ſich dadurch nicht wenig geſchmeichelt fühlte. —„Ja, meine ſüße Emma,“— ſprach ſie—„ich glaube ſelbſt, daß das Mädchen mit jedem Tage beſſer herauswachſen wird. Für den nächſten Winter wird es ſehr ſtill in unſerm Hauſe ſein, denn meine Julie ſoll noch Unterricht nehmen— aber im folgenden Winter ſoll es anders werden. Wir be⸗ abſichtigen, dann mehr Leute bei uns zu ſehen und in die Amaranthe und Innocence“) einzutreten; denn Julie wird um dieſe Zeit ſiebzehn Jahr, und in dieſem Alter iſt es Zeit, in die Welt eingeführt zu werden. Ich hoffe ſie einmal gut verheirathet zu ſehen.“— Emma ging ſchnell von ihrer Tante, um die Unruhe zu verbergen, die bei dem Gedanken an die Zukunft der jetzt ſo glücklichen, unſchuldig⸗fröhlichen Freundin in ihr aufſtieg.— „Ach,“— ſeufzte ſie—„ich weiß ſchon, was Tante Ulla mit„gut verheirathet“ meint; ich ſehe ſchon im Voraus die *) Zwei der vornehmſten Zirkel Stockholms. Anm. d. Ueberſ. Emma's Herz. II. 10 146 ſchlimmen Auftritte, welche entſtehen werden, wenn ſie erfährt, daß ihre Tochter einen armen Lieutenant liebt.“— Das Verhältniß Emma's zu ihrer Couſine geſtaltete ſich nun ganz anders, als früher. Julie war mit jedem Tage ernſter und geſetzter, und Emma behandelte ſie nicht mehr wie ein Kind, ſondern wie eine vertraute Freundin von gleichem Alter. Tauſend Mal des Tages ſprach Julie gegen Emma von Richard von P'’s, aber in ſeiner Gegenwart war ſie eher ſtill, als geſprächig. Doch verſtand ſie nicht, daß das Gefühl, welches ſie für ihn hegte, Liebe war. Allein Emma's Gewiſſen erlaubte ihr nicht länger zu ſchweigen; ſie mußte ihre Freundin auf die Gefahr aufmerkſam machen, in deren Abgrund ſie zu ſtürzen drohte. Aber vergebens. Julie ver⸗ mochte eben ſo wenig, wie Emma ſelbſt, das gefährliche Bild aus ihrem Herzen zu reißen; ſo oft ſie ihre Mutter von ih⸗ ren Hoffnungen, daß ihre Julie einſt eine glänzende Parthie machen würde, ſprechen hörte, kam ſie zu Emma und warf ſich weinend in deren Arme. Wie aufrichtig ſprach dann das unverdorbene natürliche Mädchen Alles aus, was in ihrem Herzen vorging. Und dieſes ſchrankenloſe Vertrauen mußte vergolten werden. Bald war Julie in das Geheimniß ihrer Freundin eingeweiht, und lange lange Stunden eines getheilten Schmerzes verfloſſen den beiden Mädchen gleich beſchwingten Minuten. Länger als vierzehn Tage hatte ſich die Familie Ler ſchon in Ber aufgehalten, als ſie aus dem Pfarrhauſe eine Einla⸗ dungskarte für den nächſten Sonntag erhielt. Es war der Tag von Guſtava's erſtem Aufgebot, den der Pfarrer feſtlich zu begehen beabſichtigte. Julie war ungemein heiter; ſie hatte ſchon bei allen benachbarten Familien Beſuche gemacht, nir⸗ gends aber ſich ſo wohl befunden, als im Pfarrhauſe, in wel⸗ chem ſie faſt täglich mit Emma ein Stündchen zubrachte. Be⸗ ſondere Freundſchaft faßte ſie zu Jenny, die ihrerſeits ſich, 147 ebenfalls feſt und innig an das heitere, lebhafte und witzige Mädchen anſchloß. In der Rosman'ſchen Familie war nichts als Freude. Der Großhändler Sres war angekommen und beabſichtigte bis acht Tage nach ſeiner Hochzeit zu bleiben. Emilie war im dritten Himmel; der Comminiſter war nämlich zum Pfarrer einer Landesgemeinde weit von Ber ernannt und ihr geliebter Magiſter Ar von der Herrſchaft und der Gemeinde einſtim⸗ mig zu ſeinem Nachfolger gewählt worden. Er war jetzt in Upſala, um das Paſtoratsexamen zu machen, wurde jedoch bis zu Guſtava's Hochzeit zurückerwartet. Vor ſeiner Abreiſe hatte er Emilien ſeine Liebe mit Worten geſtanden und von ihren Eltern ihr Jawort erbeten und erhalten. Zugleich mit Guſtava's Hochzeit ſollte ſeine Verlobung mit Emilie gefeiert werden; die glücklichen Liebenden brauchten ſich nun nicht mehr auf die bloße Augenſprache zu beſchränken. Kaum hatten Emma und Iulie ihre Einladungskarten aus der Pfarre erhalten und hielten noch Rath zuſammen, wie ſie ſich zu dieſem Tage kleiden wollten, als der Bergwerksbe⸗ ſitzer Crn, der drei Meilen von B“** entfernt wohnte, in den Hof fuhr. Er beabſichtigte die Familie des Inſpectors nebſt ihrem Beſuche für den nächſten Sonnabend einzuladen, um den vierzehnten Geburtstag ſeiner einzigen Tochter Amanda mit ihm zu feiern. Zugleich bat er aber auch ſeine Gäſte, daß ſie maskirt kommen möchten, weil er ſeine Tochter, welche von ei⸗ nem Maskenballe noch keine Idee hatte, mit einem ſolchen über⸗ raſchen wollte. Alle verſprachen zu kommen; nachdem aber Crr wieder fortgefahren war, theilten ſich die Meinungen. Frau Hilbert erklärte, daß ſie nicht die mindeſte Neigung fühlte, ſich zu maskiren, und daß ſie deßhalb— da ihre Schwägerin an dem Feſte Theil nähme— dieſer ihre Emma übergeben, für ihre eigne Perſon aber daheim beim Webſtuhle bleiben wolle. 10* 148 Tante Gertrud ſchnaubte wie eine Katze darüber, daß ſich die Welt völlig umgewendet habe. Man könne nicht mehr an⸗ ſtändig gekleidet in eine Geſellſchaft kommen— meinte ſie— ſondern müſſe wie ein Geſpenſt mit einer Larve kommen.— „Nein, ich danke,“— ſetzte ſie hinzu—„ich gehe nicht mit.“ Der grobe Inſpector äußerte, wenn er nicht in ſeinen ei⸗ genen Kleidern kommen dürfe, ſondern ſich fremde borgen ſollte, ſo wolle er lieber ganz und gar vom Feſte wegbleiben;— „denn“— ſetzte er hinzu—„ich bin Zeit meines Lebens kein Narr geweſen und gedenke nicht, in meinen alten Tagen ein ſolcher zu werden.— Der Hofgerichtsrath dagegen, ein ſtets heiterer Mann, verſprach ſich viel Vergnügen von dieſer Feſtlichkeit und erſann ſich ſogleich eine Charakterrolle, durch welche er die Geſellſchaft ergötzen könnte. Die Hofgerichtsrä⸗ thin freute ſich über die Freude der Mädchen; Emma vergaß für einen Augenblick ihren Kummer, Julie hüpfte vor Entzücken. Es war Montag und ſchon am folgenden Morgen unternahm man eine Reiſe nach Norrköping, um Koſtüm und ſonſtigen Bedarf für die beiden feſtlichen Tage einzukaufen. Die Nacht vom Freitag zum Sonnabend war angebrochen. Da die Mädchen ihre Anzüge noch nicht fertig gemacht hatten, ſo ſaßen ſie am Abend, nachdem alle Uebrigen ſchon zur Ruhe gegangen waren, noch allein und nähten fleißig. Sogleich bei der Ankunft der Stockholmer Gäſte waren auf Emma's und Juliens vereinte Bitten beide Mädchen zuſammen in Emma’s Stube gebettet und einquartiert worden. An jedem Abend wurde ein kleines Feldbett für Julie in die Stube getragen. Auch jetzt ſtanden die beiden netten Bettchen bereit und war⸗ teten ſo weiß, elaſtiſch und einladend auf die beiden jungen Mädchen; allein dieſe ſchienen ihnen noch lange den Rücken kehren zu wollen. Sie ſprachen lebhaft über die beiden kom⸗ menden Feſttage und ſuchten zu errathen, wie ſich Fridolf und Richard maskiren würden, als ſie plötzlich Schritte im Park — 149 dicht unter ihrem Fenſter zu hören glaubten. Sie lauſchten; da aber Alles ſtill blieb, ſetzten ſie ihre Unterhaltung fort. Gleich darauf vernahmen ſie dicht unter dem Fenſter die Töne einer Guitarre. Emma ließ ihre Nätherei aus der Hand fal⸗ len— ſie glaubte Eduards Guitarre zu hören; als ſie dieſe Vermuthung aber gegen Julie ausſprach, behauptete dieſe da⸗ gegen, daß der Spieler kein anderer, als der Lieutenant P' ſei. Nach einem geſchmackvollen, wohllautenden Vorſpiele begann eine ſchöne weiche Männerſtimme zu ſingen. Iulie überzeugte ſich, daß Richard Per nicht der Sänger war, aber Emma ward abwechſelnd roth und blaß, denn wer anders als Eduard konnte ſo ſingen?—„Er iſt es,“— rief ſie—„er iſt es gewiß, ſo ſingt kein Anderer außer ihm.“—„Du biſt när⸗ riſch,“— erwiederte Julie—„der Graf hat ja vorgeſtern erſt einen Brief von Stockholm geſchrieben, und Du willſt behaupten, daß er jetzt hier iſt und ſingt?—„Sage was Du willſt,— entgegnete Emma—„er iſt es oder ich träume.“—„Nun, dann gewiß das letztere,“— verſetzte Julie—„aber ſchweig jetzt, man kann vor Deinem Geſchwätze kein Wort von dem Liede hören.“— Die Stimme hatte eine kleine deutſche Romanze geſungen, deren Worte die Mädchen nicht gehört hatten; indem ſie aber jetzt ſtill ſaßen und lauſchten, ging die Muſik in eine andere Tonart über. Die Mädchen ſchlichen auf den Fußſpitzen ans Fenſter und ſahen hinter den Vorhängen hinaus; aber die Nacht war rabenſchwarz, ſie konnten keine Spur von dem Sänger erblicken. Still und kaum athmend blieben ſie am Fenſter ſtehen, während die Stimme nach einer ſehr wohlklin⸗ genden Melodie eine Ballade ſang, welche die Liebe und den Abſchied zweier Liebenden, die Untreue des Mädchens, den Kampf des Jünglings mit ſeinem Nebenbuhler, den Tod Beider und die Verzweiflung des Mädchens ziemlich weitläuftig ſchil⸗ derte. 150 Dieſem langen Geſange zuzuhören, war keine geringe Auf⸗ gabe für die beiden Mädchen, welche zu fürchten begannen, daß der Morgen anbrechen und ihre Maskenanzüge noch un⸗ vollendet erblicken würde. Aber gleichwohl— welche ange⸗ nehme Abhaltung! Noch lange, nachdem ſowohl die Stimme, als die Guitarre verklungen war, ſtanden die beiden Mädchen lauſchend am Fenſter und wünſchten mehr zu hören. Aber draußen herrſchte nun tiefes nächtliches Schweigen; ohne ein Wort zu ſagen, begaben ſich daher Beide wieder an ihre Ar⸗ beit. Nach einiger Zeit gewahrte Julie, daß Emma weinte; theilnehmiend fragte ſie nach der Urſache ihrer Thränen, aber Emma ſchwieg und ſank ſeufzend an ihre Bruſt. Julie wie⸗ derholte ihre Frage.—„Wunderſt Du Dich,“— ſprach darauf Emma—„daß meine Gefühle aufgeregt werden, wenn ich ſeine Stimme höre?⸗—„Seine Stimme, kleine Närrin? Siehſt Du denn nicht ein, daß es unmöglich Eduard geweſen ſein kann? Graf Eduard ſollte in Ber ſein, ohne daß ein Menſch ein Wort davon wüßte? Wie ſollte er wa⸗ gen, ſo zeitig dicder zu ſeinen Eltern zu kommen?“— „Ich ſehe wohl ein, daß Du recht haſt, und dennoch— — welche Täuſchung, welche ſchöne glückliche Tünſchnnge— „Sieh, Emma,“ ſprah Julie gütig—„Du warn⸗ teſt mich früher, mein Herg an Den zu hängen, der nie mein Gatte werden kann, und Du ſelbſt“— bei dieſen Worten ſah ſie ihre Freundin mit einem langen fragenden Blick an. „Ach,“— erwiederte Emma—„ich ſprach aus Erfah⸗ rung, ich wollte Dich abhalten, eben ſo unglücklich zu werden, wie ich es bin.“— „Es iſt nicht meine Abſicht, Dir dieß vorzuwerfen, ich wollte Dir blos zeigen, daß unſer Herz ſtärker iſt, als unſer Verſtand“— fuhr Julie fort.—„Du kannſt Eduard H nicht vergeſſen und ich kann Richard P* nicht vergeſſen, und das iſt ſehr natürlich, wenn man ſich einmal mit ganzer Seele —— —- 151 gefeſſelt hat. Aber weine nun nicht länger, Emma, ſondern laß uns verſuchen, heiter zu ſein, ſonſt werde ich dunkelſcheu. Erinnere Dich, daß jetzt Mitternacht iſt— das iſt die wahre Spukzeit; der unheimliche Schluß der vorhin geſungenen Bal⸗ lade hat mich ſo ſehr erſchreckt, daß ich mich kaum umzuſehen getraue, weil ich die Schatten der todten Liebenden hinter meinem Stuhle zu ſehen glaube.“— Aber Emma konnte durchaus nicht munter werden, ſie dachte nur an den ſchönen Geſang und vermochte ſich kaum Rechenſchaft über ihre Gefühle zu geben. Um fünf Uhr wa⸗ ren die Mädchen mit ihrer Arbeit fertig. Sie legten ſich nie⸗ der und verſuchten zu ſchlafen; allein kaum hatte Emma eine Viertelſtunde in ihrem Bette gelegen, ſo kam Julie zu ihr ins Bett gekrochen und klagte, daß ſie durchaus nicht einſchlafen könnte. Emma lachte und rückte zu. Keine von Beiden ver⸗ ſuchte nun die Augen zu ſchließen; der Tag, als er in ſei⸗ nem ſtrahlenden Glanze kam, fand Beide noch im Geſpräch über die Serenade ergriffen. Richard von Pur beſaß— wie ſchon früher erwähnt— Eduards ganzes Vertrauen. Es war natürlich, daß ſeit Ri⸗ chards Ankunft in Ber eine ſehr lebhafte Correſpondenz zwi⸗ ſchen beiden Freunden ſtattfand. Allein ungeachtet der gün⸗ ſtigen Gelegenheit, welche ſich jetzt darbot, ſchrieb Eduard den⸗ noch nicht an Emma; denn da ſie ſeinen italieniſchen Brief nicht beantwortet hatte, ſo nahm er für entſchieden an, daß ihr ein Briefwechſel mit ihm mißſiel. Es genügte ihm, in ſeines Freundes Briefen von ihr zu leſen. Richard war zu zartfühlend, um Emma zu ſagen, daß er ihr Verhältniß zu Eduard kannte; allein er erzählte ihr von Eduard, ſo oft er einen Brief von demſelben erhielt; und er ſah, wie ſehr ſie ſich jedesmal darüber freute. Sobald ſich die Mädchen angekleidet hatten, eilten ſie hinaus in den Garten, woſelbſt ſie Richard trafen. Dieß war ihnen ein angenehmes Zuſammentreffen; ſie faßten ſeine Arme und beſtürmten ihn mit Fragen über das Ständchen der verfloſſenen Nacht. Er gab zu, daß er daſſelbe ebenfalls gehört hatte, behauptete aber ganz ernſtlich, daß er auch nicht die geringſte Muthmaßung hege, wer der Sänger geweſen ſei. Julie bemerkte darauf, daß Emma den jungen Grafen Eduard für den Sänger halte; Emma erröthete; Richard lächelte und ſprach:—„Das heißt eine ſtarke Einbildungskraft haben; ich habe Eduard auch ſingen hören, aber ſeine Stimme hat mit der, welche wir heute Nacht hörten, auch nicht die geringſte Aehnlichkeit.“— Dann ſuchte er Emma zu überzeugen, daß Eduard unmöglich in Be ſein könne, weil man ſonſt durch das Gerücht davon gehört haben würde. „Aber er könnte ja geſtern Abend ſpät angekommen ſeine — bemerkte Emma. „Unmöglich, mein Fräulein, er hat heute und morgen die Wache auf dem Königlichen Schloſſe zu beziehen“— verſicherte der Lieutenant mit offener Miene. Noch wußten Emma und Julie nicht, wie der Lieutenant und Fridolf ſich maskiren würden. Sie erfuhren es auch nicht. Aber zu ihrem größten Erſtaunen erfuhren ſie dagegen, daß auch der Inſpector, Frau Hilbert und Tante Gertrud an der Maskerade Theil nehmen würden, obwohl ſie anfangs ihre Theilnahme ſo beſtimmt verweigert hatten. Sie hatten ſich ſämmtlich Domino's und ſchwarze Masken angeſchafft; und obwohl Tante Gertrud unaufhörlich über die Thorheit brummte, die man durch die Theilnahme an einer Maskerade beging, ſo blieb ſie doch demungeachtet dabei, an derſelben Theil zu nehmen. Die Mädchen ſehnten ſich unbeſchreiblich nach dem Abend. Ende des zweiten Theils. Druck von C. G. Naumann in Leipzig. eine chen alls icht ſei. ard und ich mit ngſte daß durch ſein“ n die cherte tenant auch gegen, ertrud fangs hatten ; und mmte, eging, eil zu dem ipzig⸗