„ in 1 2¹ 1 ₰ 956————— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 5 Eduard Ofkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der, Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8. Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnament. Daſſelbe muß voraus beträgt: für wöchentlich auf 1 Monat: bezahlt werden und — 4 Bücher: —— 1 Mr. 50 Pf. 6 Bücher: — 2 Mk.— Pf. „ ur u1—„— u 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer lun Erſatz des Ganzen verp flichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 2 Bücher: —— 1 Mt.— Pf. Sämmtliche Werke von Emilie Carlsn. Deutſch Gottlob Fink. Stuttgart. Verlag der Frauckh'ſchen Buchhandlun Praut auf dem Omberg. 4 Von Emilie Carlén. Aus dem Schwediſchen von Gottlob Fink. Drei Bändchen. Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Vuchhanbuns 2* Erſtes Kapitel. „Was machſt du denn mit meinem alten blauen Frack, Agneta? Wirſt ihn doch nicht gar zerſchneiden wollen?“ Die Hausfrau beantwortete dieſe Frage nur mit einem Lächeln, und die über dem Frackſchoße geſchwungene blanke Scheere verkündete deutlich genug, welches Schickſal dieſem Kleidungsſtück zugedacht war. „Haſt du denn alles Gedächtniß verloren? Habe ich nicht in dieſem Frack dein Jawort erhalten? Ich erinnere mich noch ſo lebhaft, als wäre es erſt geſtern geſchehen, daß ich ihn nur machen ließ, um dir die Augen zu blenden. Das Ding nahm ſich damals ganz ſtattlich aus.“ „Ja ja, Alterchen,“ verſetzte Frau Agneta, indem ſie ihrem Eheherrn freundlich zunickte,„damals gebrauchteſt Du den Frack als Lockvogel, und deßhalb darfſt Du nicht ſcheel dazu ſehen, wenn er noch einmal zu bergleichen Dienſten in Anſpruch genommen wird.“ So ſprechend zog ſie ein Muſter von ganz beſonderer Form aus ihrem Sack, breitete den Frackſchoß auf den Tiſch, legte das Muſter darauf, und trotz der flehenden Blicke des alten Herrn drang die Scheere mitten durch das fadenſcheinige Tuch des Freier⸗ gewandes..* „Nun, was machſt du denn da?“ „Einen Lockvogel.“. „Ah, richtig; ich hätte mir's denken können!“ brummte der Alte.„Nachdem Du aus Deinem eigenen Rock, ſo 4 lange noch ein guter Fetzen daran war, Lockvögel für den Jungen gemacht haſt, vergreifft Du Dich an dem Frack des Vaters. Wahrhaftig, Agneta, ich ſage Dir, mit all dieſen Geſchichten nimmt es noch ein ſchlechtes Ende.“ „Nun, nun, ereifere Dich nur nicht, lieber Mann!“ verſetzte Frau Agneta, indem ſie die zugeſchnittenen Stücke vor ſich auf den Tiſch legte, das übrige Tuch aber ſchnell zuſammenrollte und hinter das Rückkiſſen des hohen Lehn⸗ ſtuhles ſchob. „CEi, man wird doch über den jungen Herrn noch ein Wörtchen ſprechen dürfen. Ich frage blos, ob ich in meiner Jugend auch ſo wild darein fuhr und den ganzen Tag auf nichts anderes dachte, als die Krähen und Dohlen, kurz alles was der liebe Gott in der Luft und im Waſſer ge⸗ ſchaffen hat, in Angſt zu jagen.“ „Alſo auch mit dem Fiſchfang biſt Du nicht zufrieden?“ „Ich tadle weder Jagd noch Fiſchfang, wenn man nur Maß und Ziel einzuhalten weiß. Das aber will mir nicht gefallen, daß ein junger Menſch, welcher dereinſt einen Eiſenhammer nebſt etlichen zwanzig Bauernhöfen erben ſoll, und für den es wahrhaftig nützlichere Beſchäftigungen gäbe, ſeine Zeit mit Lappalien vergeudet, die ein Bauern⸗ knecht eben ſo gut verrichten könnte.“ „Was fällt Dir ein?“ erwiederte Frau Agneta, die bereits einen Theil des Vogels zuſammengenäht hatte und denſelben jetzt zu ſtopfen begann.„Du wirſt Dir doch nicht einbilden, daß die Knechte eben ſo geſchickt den Lock⸗ vogel richten, ihn auf die höchſten Aeſte der Bäume ſtellen, ſich auf die Lauer legen und die Auerhähne heran locken könnten, wie unſer Karl Auguſt? Nein, das können dieſe Leute nicht. Wenn wir nur ſie hätten, ſo bekämen wir ein Wildpret auf unſern Tiſch.“ „Dann könnten wir auch ohne ſolches leben.“ „Gib die Perle her zum Auge. Sag einmal jetzt, ob das Ding nicht ganz natürlich ausſieht.“ „Oh freilich, ja! Aber ich frage noch einmal, was für ein Ende ſoll das nehmen 2 Wird auf dieſe Art das den frack all 1 in!“ tücke hnell ehn⸗ ˖ein einer auf kurz ge⸗ en?“ man. mir reinſt rben ngen nern⸗ , die und doch ellen, ocken dieſe wir jetzt, was t das Lock⸗. Feld beſtellt, der Eiſenhammer in Bewegung geſetzt, werden Kohlenſchuppen, Tennen, Schaaf⸗ und Viehſtälle gebaut, wenn man den ganzen lieben Tag im Walde umherrennt oder auf dem See ſpazieren fährt, nebenbei aber ſo blöde iſt und nicht einmal das Herz hat einem ſchönen Mädchen in's Auge zu ſchauen? Er wird ſeiner Lebtage ein un⸗ tauglicher Menſch bleiben und am Ende als Junggeſelle abſterben.“ „Mann, Mann—“ „Weib, Weib, ich weiß, was ich ſage! Wenn ich und Du einmal unter dem Graſe liegen, ſo werden ſeine Aufſeher, ſeine Verwalter, ſeine Knechte und all das Lumpenvolk ihn betrügen, daß ihm die Augen überlaufen. Er iſt ja ſchlimmer als...“ „Als was?“ fragte Frau Agneta, indem ſie die Bruſt des Lockvogels ausſtopfte, bis er ſtrotzte wie ein neuwattirter Unterlieutenant;„als was?“ „Als ein Narr— denn ein Schwärmer iſt etwas Aergeres als ein Narr.“ „Nun, ſo laß ihn doch unter Vormundſchaft ſetzen. Laß die ganze Welt ſagen, der Gutsherr Kemner habe ſeinen eigenen Sohn mundtodt gemacht, weil derſelbe ein ſchüchterner und ſchweigſamer Jüngling geweſen, weil er eine kleine Leidenſchaft für Jagd und Fiſchfang gehabt, und keinem Menſchen etwas zu Leide gethan habe, wenn er nicht gereizt worden. Doch das iſt lauter dummes Geſchwätz. Sag mir lieber, wo ich eine Stückchen rothes Tuch für die Augbraunen meines Vogels bekommen kann. Haſt Du keinen rothen Lappen in Deinem Käſtchen, mein lieber Johannes?“ 4 „Ach, Unſinn!“ brummte der Alte, nahm ſeine Pfeife vom Tiſch und verließ das Zimmer. Ungefähr eine halbe Stunde nachher, als Frau Agneta eben die letzte Hand an ihr Werk legte, erſchien der Hütten⸗ beſitzer, mit einem kleinen rothen Streifen in der Hand, von Neuem unter der Thüre. „Du biſt eine wahre Närrin!“ ſagte er und warf den Lappen auf den Tiſch. Frau Agneta hob ihn auf und unterſuchte ihn genau. „Ei, wahrhaftig Johannes,“ rief ſie und ihre Augen fun⸗ kelten von Freude,„haſt Du nicht gar ein Stück aus dem Futter Deiner Reiſeſchatulle herausgeſchnitten!— Ja ja, 1 Du biſt nicht ſchwach, Du!“ Se 4 „Ei ſo ſchweig doch! Ich muß ja doch einmal ein neues Futter in die Schatulle machen laſſen!“ und etwas beſchämt, daß er in Betreff ſeiner ſchwächſten Seite auf friſcher That ertappt worden, ſtellte ſich der alte Herr an's Fenſter und begann auf die Scheiben zu trommeln, ein Vergnügen, das ihn in Anſpruch nahm, bis ſich ihm die Gelegenheit bot, eine der Mägde auszuſchelten; es waren nämlich ein Paar Hühner in den Garten gekommen und ſcharrten die Beete auf. —x 8 gebl‚ :— und Bweites Kapitel. und Der Hüttenbeſitzer Kemner hatte Eiſenhammer und zeigt Güter von ſeinem Vater, dieſer hinwiederum von dem in ſeinigen und ſo weiter in aufſteigender Linie geerbt. Seit Kar unvordenklichen Zeiten hatten ſich die Herren Kemner den Kell Nuf rechtſchaffener Leute erworben, die nicht blos für ſich ſelbſt, ſondern auch für die ganze Gegend, der ſie ange„Dr hörten, gut zu ſorgen wußten. Sie waren von Vater auf ſchle Sohn gute Menſchen, gute Landwirthe, gute Hausherren ſchre und wie man allgemein ſagte, auch gute Haushälter ge⸗ eher weſen. Sie hatten immer als ausgezeichnet verſtändige imm Leute gegolten, die ihr Augenmerk jederzeit nur auf erreich⸗ erſ bare Dinge gerichtet und ſich ſelten mit Gegenſtänden- beſchäftigt, welche nicht ihre eigene Oekonomie oder über die Angelegenheiten ihrer Gemeinde betrafen. Manchmal gebe 11 den politiſirten ſie auch ein wenig, allein dies war im Ganzen nur ein unſchuldiger Zeitvertreib in guter Geſellſchaft, bei gan. dem Bierkrug oder dem Damenbrett. Handelte es ſich um un⸗ eine Kollekte für die Armen, um Beiträge für irgend einen dem wohlthätigen Zweck, die Erbauung eines Schulhauſes oder ja, die Anlegung einer neuen Straße, ſo ſtand der Familien⸗ 4 name Kemner immer mit großen und breiten Buchſtaben ein verzeichnet obenan, damit die Gemeinde und die ganze vas Umgegend erfahren ſollte, daß die Kemner ſich niemals in auf der Schatten ſtellten, wenn ſich eine Gelegenheit vorfand n's Eifer für das allgemeine Beſte und zugleich ihre eigene ein Wohlhabenheit zu zeigen.— die 4 Als der dermalige Hammerbeſitzer Johannes Kemner ren ſich verehlichte, hegte er die nicht unbillige Hoffnung, daß und ſeine Nachkommenſchaft ihm und ſeinen Vätern in Allem gleichen möchte. Aber zuerſt hatte er das Unglück, ſeine zwei älteſten Söhne zu verlieren, die alle möglichen An⸗ lagen verrathen hatten, weder mehr noch weniger als ihres Vaters Söhne zu werden, und dann mußte er den Verdruß erleben, daß ſein dritter Sohn und einzig übrig gebliebener Erbe, Karl Auguſt, an Gemüthsart, Charakter und Anſchauungsweiſe ganz und gar keine Aehnlichkeiten mit der übrigen Familie Kemner darbot. Schon als Kind zeigte Karl Auguſt einen Eigenſinn, der ſeinen Vater häufig in Harniſch brachte, und welchen derſelbe ſpäter durch Karbatſche, Hunger und Dunkelarreſt, am Eingang des Kellers nämlich, zu bekämpfen ſich bemühte. „Das taugt nichts,“ ſagte Frau Agneta warnend. „Du machſt den Jungen noch raſend. Wenn Du ihn ſchlägſt, ſo beißt er ſich eher die Zunge ab, als daß er ſchreit; wenn Du ihm nichts zu eſſen gibſt, ſo wird er eher Hungers ſterben, als um Speiſe bitten, und ich fürchte immer, er möchte ſich einmal im Kellergewölbe den Kopf zerſchlagen, ehe er um gut Wetter fleht.“— Karl Auguſt that indeß nichts von all dieſem; er überſtand glücklich jede Kur, zeigte ſich aber nicht ſonderlich gebeſſert. 12 Jetzt begann Herr Kemner Vernunft zu predigen. Aber Karl Auguſts Gemüth war wie verriegelt für die Weisheit, welche von des Vaters Lippen ſloß. „Hoör einmal, mein Sohn,“ begann der Hüttenbeſitzer eines Tags, als er dem Jungen gewaltig imponiren wollte, „Du liebſt doch Deinen Vater, nicht wahr?“ „Oh, nicht gerade ſo übermäßig,“ antwortete der dreizehnjährige Junge. „Was— nicht ſo übermäßig? Du undankbarer Bengel! Du willſt Deinen Vater nicht lieben? Weißt Du nicht, daß ſelbſt die unvernünftigen Thiere ihre Eltern lieben?— Siehſt Du nicht, wie das Fohlen um ſeine— Mutter herumſpringt?“ „Ja, das ſehe ich wohl; aber ich habe noch nie im geſehen, daß ſie es ſchlägt oder ſtößt oder hungern läßt oder einſperrt. Wenn ſie das alles thäte, ſo würde wahr⸗ Du ſcheinlich das Fohlen davon ſpringen und nicht wiederkommen wen wollen.“ Du „Ich hätte dich ſchon lange in die Stadtſchule ſchicken und ſollen,“ ſagte der Vater, der von dieſem Thema abzulenken Deit wünſchte;„aber der Lehrer ſagt, daß Du zu nichts taugeſt. würf Was glaubſt Du ſelbſt?— Glaubſt Du, daß Du zu Etwas taugſt?“ „Ich weiß es nicht.“ „Haſt Du Freude am Leſen?“ Friei „O ja, manchmal.“: gleie „Dieſes Manchmal kommt ſelten genug vor. Aber im Walde umherſpringen, auf die Bäume klettern und erfal nichts thun, nicht wahr, das macht Dir Vergnügen!“ 1 „Ja, das iſt ganz luſtig.“ beſtä „Aber Du biſt jetzt alt genug, um einzuſehen, dasß zu n Du etwas lernen mußt, damit Du einmal ein Mann wirſt, werd wie Dein Vater, Dein Großvater und Dein Urgroßvater waren. Sie waren tüchtige Leute, das darfſt du mir glauben. In Deinem Alter konnten ſie ſchon an den Fingern herzählen, wie es auf dem Hammerwerk und in durch der Landwirthſchaft zugeht. Du aber weißt nicht einmal, Scha 4 13 wie das Stangeneiſen bereitet wird, wie man den Pflug führt und einen Acker einſät... Oder weißt Du es etwa?“ „Nein!“ „Biſt Du nicht, wie ich ſage, ein ächter und gerechter—“ „Dummkopf?“ ergänzte Karl Auguſt den wohl ſchon hundert Mal wiederholten Satz. „Ganz richtig: ein Dummkopf und zwar von der erſten Sorte! Nun, ſo ſag mir doch einmal, haſt Du denn gar keinen Begriff von Ehre und Schamgefühl?— Schämſt Du Dich nicht, als ein Dummkopf bekannt zu ſein?“ „Ach ja,— und eben deßhalb bin ich am liebſten im Walde draußen. Da komme ich mir nie dumm vor.“ „Aber willſt Du Dich nicht wieder aufrichten? Sagſt Du nicht zu Dir ſelbſt, daß es etwas Schreckliches iſt, wenn Du nicht wie andere Menſchen werden kannſt, wenn Du Deinem Vater bei ſeiner Landwirthſchaft nicht beiſtehen und nicht fertig leſen kannſt, wie andere Knaben von Deinem Alter? Machſt Du Dir darüber keine Vor⸗ würfe?“ 8 „Nein, das thue ich nicht.“ „Nun, was ſagſt Du denn darüber?“ „Ich ſage nichts, aber ich denke, wenn man mich in Frieden ließe,— wenn...“ hier verſtummte Karl Auguſt, gleich als hätte er nicht den Muth fortzufahren. „Sprich Dich immerhin aus— ich moͤchte gerne erfahren, was Du über Dich ſelbſt denkſt.“ „Ja, wenn man mich in Frieden ließe, und Du nicht beſtändig zu mir ſagteſt, ich ſei ein Dummkopf und tauge zu nichts, ſo könnte ich doch vielleicht zu Etwas tauglich werden.“ „Nun, zu was denn?“ „Ja, das weiß ich nicht.“— „Hab ich's nicht geſagt! Beweiſeſt Du mir nicht durch Deine tölpelhaften Antworten, daß Du ein wahres Schaaf an Verſtand, ein wahrer Bär biſt?“ Karl Auguſt zitterte vor Zorn am ganzen Leibe; „ſchicke mich wohin Du willſt,“ ſagte er trotzig,„laß mich nur von hier wegkommen, ſonſt laufe ich ſelbſt davon.“ „Ja, er ſoll fort!“ beſchloß der Hüttenbeſitzer. Aber mit thränenden Augen bat die Mutter:„Schick ihn noch nicht in die Welt hinaus, lieber Johannes! Es kann daraus nichts Gutes entſtehen.“ Mittlerweile verbreitete ſich in der ganzen Gegend das Gerücht, der geiſtig verwahrloste Sohn des reichen Hüt⸗ tenbeſitzers ſolle weggeſchickt werden, um Verſtand und Gelehrſamkeit zu holen. Aber Jedermann prophezeite ſeine baldige Rückkehr, weil man ihn gar zu gut kannte, und man beklagte den würdigen Vater, deſſen unglaubliche Mühe ſo ſchlecht belohnt werden ſolle. „Ich verſichere Dich, mein geliebtes Kind, mein theurer Karl Auguſt,“ ſagte die Mutter am Abend vor der Abreiſe im vertraulichen Geſpräche zu ihrem Sohn,„ich verſichere Dich, daß Du weder dumm noch einfältig biſt, ſondern im Gegentheil ein Knabe von klarem und hellem Kopf, obſchon Dein Vater es nicht einſehen will. Aber wenn man Dich auf ſolche Art noch länger hetzen und plagen würde, ſo könnte es noch dahin kommen, daß Du dumm und töoͤlpel⸗ haft würdeſt. Mein liebſtes Kind, mach doch Deiner Mutter Ehre und komme nicht vor der Zeit nach Hauſe. Ich zweifle keinen Augenblick daran, daß Du leſen kannſt, ſo bald Du nur willſt.“ „Glaubſt Du das wirklich, Mutter?“ „Ich glaube es wie das Evangelium. Weißt Du noch, lieber Karl Auguſt, wie Du als ein ganz kleiner Junge in Geſchichtbüchern laſeſt, und die Kupferſtiche recht gut verſtandeſt, ob es nun Bäume waren oder Seen oder Vögel? Weißt Du es noch?“ „Ja, ich glaube wohl. Aber ſeitdem habe ich kein ſo gutes Gedächtniß mehr? Ich habe das deutlich bemerkt, wenn ich draußen im Walde leſe, was ich oft thue, obſchon Niemand es weiß.“ „Mein armer, lieber Karl Auguſt! Der Vater hat Dir nicht dara beren einm auf er, r lang ſeine ich n ich d vor d ſo m nach wenn aber wildes Knop in die Augu „Aber kam n ſo vie wildes ich th noch raus das Hüt⸗ und ſeine und kühe urer utter Ich 7 ſo Du einer echt oder kein erkt, chon hat 15 Dir freilich zu viel Schläge gegeben, aber er thut es jetzt nicht mehr und hat es auch oft bereut, wenn er wieder daran dachte.“ „Hat er das? Weißt Du gewiß, daß er es manchmal bereut hat?“ „Ganz gewiß, mein Kind! Ich habe es mehr als einmal bemerkt, wie unruhig er nach ſolchen Züchtigungen auf und ab ging und verſtohlen nach Dir blickte, und wie er, wenn er Dich in den Keller eingeſperrt hatte, eben ſo lang vor der Thüre ſtehen blieb; einmal ſah ich ihn ſogar ſeine Augen trocknen, obſchon ich mich ſtellte, als bemerke ich nichts davon.“ „War ich ſehr unartig?— Sag, liebe Mutter, war ich das?“ fragte Karl Auguſt, und ſeine Stimme zitterte vor Rührung.„War ich ſehr ungezogen, wenn der Vater ſo mit mir verfuhr?“„— „Ja, das warſt Du allerdings, mein Junge. Aber nach meiner Ueberzeugung wäreſt Du nicht ſo geworden, wenn man Dich nicht ſo hart behandelt hätte. Einmal... aber es wird Dich betrüben, wenn ich es erzähle.“ „Thut nichts, erzähle es nur.“ 3 „Ja, einmal gebärdeteſt Du Dich geradezu wie ein wildes Thier, weil Du des Vaters Stock mit dem goldenen Knopf nicht bekommen ſollteſt: Du biſſeſt ſogar den Vater in die Hand.“ „Ich erinnere mich noch genau,“ antwortete Karl Auguſt, und das Blut ſtrömte heftig in ſeine Wangen. „Aber Du erzählteſt nicht, warum ich das that. Ich be⸗ kam mit dem Stock, weil ich ihn zu nehmen gewagt hatte, ſo viele Schläge, daß ich am Ende allerdings wie ein wildes Thier wurde und hernach nicht mehr wußte, was ich that.“ 3 „Doch jetzt ſind die Kinderjahre vorbei,“ fuhr die Mutter begütigend fort.„Du biſt jetzt dreizehn Jahre alt und wirſt dem Vater und der ganzen Gegend beweiſen, daß Du ſo viel Fähigkeiten haſt wie ein Anderer, und daß Du Verſtand genug beſitzeſt, um in Zukunft dem Giſen⸗ „ werk und der Oekonomie vorzuſtehen, ſo gut wie Dein Vater und Dein Großvater.“. „Und wie der Urgroßvat rief Karl Auguſt unge⸗ duldig.„Wenn ich nur nicht immer hoͤren müßte, was dieſe gethan haben! Der Vater kann in ſeinem Teſta⸗ ment das Eiſenwerk und die Güter vermachen wem er will, und mich kann er auf die See ſchicken; damit iſt mir und ihm ſelbſt am beſten geholfen.“ Aber nun weinte die Mutter, ſo daß das Herz des Sohnes weich wurde, wie dieß früher ſchon oft geſchehen war, bis der Vater durch ein ernſtes oder herbes Wort das Blut wieder in Galle verwandelte. Für Karl Auguſt war es das größte Glück, daß ſeine Abreiſe beſchloſſen wurde. Zu Haus hätte er bei ſeines Vaters übermäßiger Strenge und bei der nicht minder verkehrten Nachſicht ſeiner Mutter, ſehr leicht werden können, was Herr Kemner immer von ihm vorausſagte. Inzwiſchen blieben in Folge der übertriebenen Strenge, welcher er ſchon in ſeiner zarteſten Kindheit ausgeſetzt geweſen, in Karl Auguſts Gemüth einige unvertilgbare Spuren zurück. Jahre vergingen. Mit Verwunderung und im Anfang ſogar mit einigem Mißtrauen vernahm der Hüttenbeſitzer, daß ſein Sohn immer größere Fortſchritte mache und Karl Auguſts Lehrer beklagten ſich nicht, wie der Vater erwartet hatte, über Ungelernigkeit und Wildheit, ſondern vielmehr darüber, daß ſein verſchloſſenes und ernſtes Weſen ihn für die Zerſtreuungen und Vergnügungen ſeines Alters unzu⸗ gänglich mache, und daß er auf Koſten ſeiner Geſundheit allzu eifrig den Studien obliege. „Da ſiehſt Du's,“ ſagte der Hüttenbeſitzer vergnügt bei ſolchen Nachrichten,„da ſiehſt Du's, daß ich das ächte Gold herauszufinden gewußt habe. Ja, ja, ich ſah wohl, wie das kommen würde, und ich wollte nur⸗früher nichts ſagen. Aber was meinſt Du wohl, Agneta, daß aus ihm geworden wäre, wenn ich ihn mir über den Kopf hätte 19 dieſem komme Auguſt zuruͤck, werkes zu 5 Auguſt allen Kemne und ſi Karl 2 lichen zu St dem V jedoch alle la zuſtellte zu erw nicht d V floſſen; nicht c paſſend gezeigte theilen, beſtänd Jagen Kemner der O darbote D izwiſch Die 2 1 4 5 1 Dein unge⸗ „ was Teſta⸗ dem er iſt mir rz des ſchehen Wort ſeine ſeines minder werden sſagte. btrenge, sgeſetzt ilgbare Anfang beſitzer, d Karl rwartet ielmehr ihn für unzu⸗ undheit ergnügt is ächte h wohl, nichts us ihm pf hätte 17 wachſen laſſen! Gott ſei Dank, jetzt kann er ſich beherrſchen und ich hoffe, daß er es mir ſpäter danken wird.“ Von einer Beamtenlaufbahn war nie die Rede: in dieſem einzigen Punkt ſtimmten Vater und Sohn voll⸗ kommen überein. Mit einundzwanzig Jahren hatte Karl Auguſt ſeine Studien vollendet und kehrte nach Hauſe zuruͤck, um ſeinem Vater bei der Verwaltung ſeines Eiſen⸗ werkes und ſeinen ökonomiſchen Geſchäften an die Hand zu gehen. Im Anfang machte ſich die Sache vortrefflich. Karl Auguſt that ſich Gewalt an und gehorchte dem Vater in allen Stuͤcken. Weit und breit rühmte der Hüttenbeſitzer Kemner die ungewohnlichen, tiefen Einſichten ſeines Sohnes und ſprach beſtändig von einer Reiſe nach England, die Karl Auguſt zur Vervollkommnung ſeiner landwirthſchaft⸗ lichen Studien unternehmen ſollte, und die ohne Zweifel zu Stande gekommen wäre, wenn die Sache blos von dem Vater allein abgehangen hätte. Karl Auguſt zeigte jedoch ganz und gar keine Luſt zum Reiſen: er ſtudirte alle landwirthſchaftlichen Bücher, welche ſein Vater ihm zuſtellte, aber auf’s Meer zu gehen, um ſeine Kenntniſſe zu erweitern, das, glaubte und behauptete er, verlohne ſich nicht der Mühe. Vier Jahre waren ſeit Karl Auguſts Rückkehr ver⸗ floſſen; aber in dieſer Zeit hatte er ſich ganz und gar nicht an eine für den künftigen Beſitzer großer Guter paſſende Thätigkeit gewöhnt, ſondern auch der im Anfang gezeigte geringe gute Wille, ſeines Vaters Geſchäfte zu theilen, war mit der Zeit gänzlich verſchwunden, und ſeine beſtändige und liebſte Beſc⸗ äftigung beſtand nunmehr im Jagen und Fiſchen, zwei Vergnügungen, zu welchen die Kemner’ſchen Güter, die an einer der ſchönſten Stellen der Oſtſeeufer lagen, die erwünſchteſten Gelegenheioe darboten. em Des Vaters Benehmen gegen den Sohn wer Ernſt nzwiſchen gewaltig verändert. Eine innere Stitlühen und Die Braut auf dem Omberg. 2 wird woh 9 18 ihm endlich geſagt, daß er ſelbſt an Karl Auguſts Fehlern artige die größte Schuld habe. Wenn daher der Alte zuweilen die ihr brummte, ſo geſchah dies nur gegenüber ſeiner Frau; ſo⸗ weil d bald jedoch Karl Auguſt heimkehrte, ſo zeigte ſich der nach 1 ſein liebes Lindafors, wo er ſelbſt, ſein Vater, ſein Groß⸗ . vater und Urgroßvater gelebt und geſchaltet hatten, zu allen Zeiten durch Gaſtfreundſchaft, Reichthum und Wohl⸗ leben— inzwiſchen mit kluger Einhaltung von Maas und 4 Ziel— bekannt ſein, mit Einem Wort, daß es nicht nur unter die vornehmſten Güter der Provinz gerechnet werden, 1 Vater freundlich und fragte angelegentlich, wie die Jagd z. B. A oder die Fiſcherei ausgefallen ſei. Zwar ſprach der Hüt⸗ ſchlaue — tenbeſitzer zuweilen noch von der engliſchen Reiſe und von nicht e all den trefflichen Anſtalten, welche„da draußen,“ wie er zu kün 1 ſich auszudrücken pflegte, anzutreffen ſeien; aber da Karl dann d Auguſt ſolche Andeutungen ziemlich ſpurlos an ſich vorüber⸗ Karl 8 gehen ließ, ſo enthielt ſich ſein Vater derſelben nach und A nach gänzlich. Auguſt 1 In einer einzigen Sache jedoch erlaubte ſich der Alte Geſicht S häufige Ermahnungen: ſie betrafen die blöde Scheu des F — Sohnes vor dem geſellſchaftlichen Leben. Der Hüttenbeſitzer ſie wuß war immer der Meinung geweſen, ein Mann, welcher ein Auguſt 1 Eiſenwerk und zwanzig Bauernhöfe ſein eigen nenne, ſei formten eben ſo gut zu einem gewiſſen Repräſentationsaufwand Gegend verpflichtet, wie irgend ein Edelmann. Er wünſchte, daß 1 3 1 „ ſondern geradezu für das vornehmſte von allen gelten ſolle. F Aber ſowohl Vorleſungen im Allgemeinen, als auch dem T ganz ſpezielle Bemerkungen in dieſer Richtung glitten an hören Karl Auguſts Ohr vorüber. Selten oder nie begleitete er Gebell ſeine Eltern zu ſogenannten Viſiten, und wenn fremde lingsht Beſuche erſchienen, ſo zeigte er ſich unruhig und unbehag⸗ lich, zumal wenn es Damen waren. Aeußerte ſeine Mutter, indem wimnur ein Wörtchen, daß dieſes oder jenes Fräulein ihn gan kam, ſagen. nders angeſehen habe, ſo konnte man überzeugt ſein ſo gut Großv . geworden betreffende Schöne, ſoweit es von Karl Augu 4 ihn nicht mehr zu Geſichte bekam. und G 1 Agneta wußte jedoch recht gut, warum ſie de wie hü⸗ Fehlern zuweilen rau; ſo⸗ ſich der ie Jagd er Hüt⸗ und von wie er da Karl vorüber⸗ ach und der Alte cheu des enbeſitzer lcher ein une, ſei aufwand hte, daß n Groß⸗ atten, zu d Wohl⸗ taas und nicht nur werden, ten ſolle. als auch glitten an gZleitete er n fremde unbehag⸗ de Mutter ihn gan euugt ſei l Augu n ſie de 19 artige Reden führte: dieſelben galten immer ſolchen Mädchen, die ihr nicht geſielen, weil ſie arm und hübſch waren, und weil die Mutter befürchtete, ſie möchten deßhalb ihre Netze nach Karl Auguſt auswerfen. Aber in andern Fällen, als z. B. zwei reiche Fräulein auf Beſuch kamen, ſagte die ſchlaue Mutter:„Die hoffärtigen Gänſe, ſie haben Dich nicht einmal angeſehen;— ſie ſchienen ſich nichts darum zu kümmern, ob Du im Zimmer warſt oder nicht.“ Wenn dann dieſe Damen das nächſte Mal wieder kamen, ſo blieb Karl Auguſt ganz unbekümmert ſitzen. Aber was gewann Frau Agneta dabei?— daß Karl Auguſt ſpäter erklärte, er habe noch nie zwei häßlichere Geſichter geſehen und niemals ſo ſpitzige Zungen gehört. Frau Agneta ſchüttelte verzweiflungsvoll den Kopf, ſie wußte nicht, wie ſie eine Frau für ihren lieben Karl Auguſt bekommen ſollte, denn dieſer zog einen wohlge⸗ formten Lockvogel allen weiblichen Reizen in der ganzen Gegend vor. Drittes Kapitel. Frau Agneta hatte kaum die letzte Augenbraue an dem Vogel befeſtigt, als der Hüttenbeſitzer die Hunde zu hören glaubte, und bald darauf verkündete ein munteres Gebelle von Waldmann und Paßauf, Karl Auguſts Lieb⸗ lingshunden, daß ihr Herr im Anzuge war. „Ei, der Tauſend, Agneta,“ ſagte der alte Herr, indem er dem Sohne, der jetzt in der Allee zum Vorſchein kam, freundlich durchs Fenſter zunickte,„wie der Junge ſo gut ausſieht! Die ſchöne Naſe hat er ganz von ſeinem Großvater. Und die Stirne, die Stirne, auf welcher Ernſt und Güte zugleich thronet! wie ſeine Wangen glühen und wie hübſch ſein Haar ſich lockt— aber doch wird wohl 20 nie ein Mädchen ſich in ihn verlieben, und daran iſt nur ſeine verdammte Bloͤdigkeit ſchuld.“ „Wie magſt Du das ſagen!“ antwortete Frau Agneta, indem ſie ſich hinter ihrem Manne an das Fenſter drängte. „Und ich möchte doch wiſſen, wie viele Mädchen es in der Gegend gibt, die nicht ſchon jetzt in ihn verliebt wären. Welch ein Wuchs! Er hatte ſeine volle ſechs Fuß und noch etwas darüber, als ich ihn das letzte Mal am Thür⸗ pfoſten maß, und unterdeſſen iſt er noch etwas gewachſen, das ſehe ich deutlich an ſeinen Sommerhoſen. Sieh doch nur wie hübſch ihm ſein kleiner Jagdrock ſteht— einen ſo ſtattlichen Burſchen findet man in unſerem ganzen Grenadierregiment nicht.“ Während dieſes Geſpräches hatte ſich Karl Auguſt der Wohnung genähert und zeigte lächelnd auf die Jagd⸗ taſche, die er umhängen hatte: ſie ſchien wohl geſpickt zu ſein, und ein Paar gewaltige Haſenläufe, die weit aus derſelben hervorſahen, kreuzten ſich über die Bruſt des jungen Waidmannes. Karl Auguſt trat in die Küche, wo er von ſeiner Mutter empfangen wurde mit einem herzlichen:„Nun, nun, mein Herzenskind, was für Beute Du heute gemacht haſt— zwei Auerhähne und ein Haſe, Du biſt ja ein wahrer Nimrod! Biſt Du jetzt nicht ſehr müde, mein Junge? „Gott bewahre, Mutter!“ antwortete Karl Auguſt und küßte die zärtliche Frau auf Hand und Mund.„Aber das Mittageſſen wird mir wohl trefflich ſchmecken. Doch will ich zuvor ein wenig ausruhen.“ Nachdem er ſofort auch ſeinen Vater begrüßt und von ihm die neueſten Zeitungen empfangen hatte, eilte er nach ſeinen eigenen Gemächern und warf ſich in ſeinem Schlafzimmer auf den Sopha.. Er ſchlief jedoch nicht ein, ſondern nahm ein Blatt, deſſen Ecke ſein Vater eingekniffen hatte, zum Zeichen, daß ein beſonders merkwürdiger Artikel da zu leſen ſei: es war dies eine lange Abhandlung über eine neu erfundene Dreſchr der Si ſelbſt, digen 2 gegen d zu denk Al Vorſatz und w nöthiger in zwe um ſeit hältniſſ Blicke geſtand der An Vorwu aber d geſchrie weniger blos ſer / möglich dieſen nur ni Dinger über 2 mir ſe q uäler Todtli nie die ich? Menſch Geſellſ Menſe ich die t nur gneta, ängte. es in vären. ß und Thür⸗ achſen, h doch einen ganzen Auguſt Jagd⸗ ickt zu iit aus ſt des ſeiner „Nun, emacht ja ein „mein Auguſt „Aber Doch ßt und eilte er ſeinem Blatt, Zeichen, ſen ſei: fundene 21 Dreſchmaſchine. Karl Auguſt las zwar die Worte, aber der Sinn blieb ihm verborgen, und unzufrieden mit ſich ſelbſt, vielleicht auch mit ſeinem Vater und ſeinen beſtän⸗ digen Mahnungen, warf er das Blatt weg und drehte ſich gegen die Wand mit dem feſten Vorſatz, an gar nichts zu denken. Aber wer weiß nicht, daß man gerade bei dieſem Vorſatz weitaus am eifrigſten an alles denkt, was nöthig und was nicht nöthig iſt? So auch Karl Auguſt. Die nöthigen Gedanken— im Fall wir überhaupt die Gedanken in zwei ſolche Claſſen eintheilen dürfen— drehten ſich um ſeine eigene Perſönlichkeit und um ſeine eigenen Ver⸗ hältniſſe. Er dachte an die freundlichen und aufmunternden Blicke des Vaters, als ſie beide zuſammen auf dem Hofe geſtanden hatten, und der Eine ſofort dem Hammerwerke, der Andere dem Walde zuſchritt. Nie mehr hörte er einen Vorwurf wegen Unachtſamkeit und Mangels an Thatkraft; aber der Vorwurf ſtand zuweilen in des Vaters Auge geſchrieben und ſchmerzte Karl Auguſt tief; nichts deſto weniger ſchlenderte er wie ein Träumender umher und zog blos ſeinen Vergnügungen nach. „Ich wollte nur,“ dachte Karl Auguſt,„es wäre mir möglich anders zu ſein; ſtünde es nur in meiner Macht dieſen guten Eltern Freude zu machen, und ginge es mir nur nicht ſo durchaus gegen den Sinn, mich mit den Dingen zu beſchäftigen, welche mein Vater und Großvater über Alles geſtellt haben! Aber ſo heftig ich auch mit mir ſelbſt kämpfen mag, ſo werde ich doch an dieſen quäleriſchen, kleinlichen Geſchäften, welche die Zeit aufs Todtlichſte dehnen und die Stunden zu Ewigkeiten machen, nie die mindeſte Freude bekommen.“ „Doch, was hilft alles Grübeln? Worüber brüte ich? Ueber tauſend Dingen, um die kein vernünftiger Menſch ſich kümmert! Wie kommt es, daß ich mich in Geſellſchaft der Thiere wohler befinde, als unter den Menſchen? Warum blutet mir zuweilen das Herz, wenn ich die Büchſe an die Wange lege? Es ſchmerzt mich, den 22 jungen Thieren ihre Mutter, dem Männchen ſein Weibchen zu rauben; aber doch tödte ich ſie bisweilen, und zwar blos, um bei der Heimkehr nicht ausgelacht zu werden. Warum ſitze ich ganze Stunden da und betrachte z. B. einen einfachen Ameiſenhaufen, der tauſenderlei Gedanken in mir hervorruft? Und warum treten mir Thränen in die Augen, warum fühle ich mich beſeligt, ſo oft ich die Sonne aufgehen ſehe? warum moͤchte ich die Thauperlen vom Graſe wegküſſen, und warum regt ſich das Leben mit tauſendfältiger Kraft in mir, wenn ich am Morgen die Vögel ihren Sang beginnen höre? Warum? warum? Nun ja, weil ich ein Träumer bin, ein Schwärmer, ein Tauge⸗ nichts, der ſeine Zeit nicht nützlich zu verwenden weiß, und der zuletzt ſich ſelbſt und Andern zur Laſt fallen wird.“ „Wenn ich hinausginge, wenn ich mich auf Neiſen begeben und etwas in der Welt umſehen würde— vielleicht könnte das euch Freude machen, ihr guten Eltern! Aber— und hier nahmen ſeine Gedanken unglücklicherweiſe eine minder günſtige Richtung— aber was ſollte ich draußen, welchen Nutzen könnte ich davon ziehen, welche Freude dürfte ich mir davon verſprechen? Gibt es für mich eine groͤßere Freude, als das Leben in meinen Wäldern? Iſt man ſich ſelbſt nicht auch Einiges ſchuldig? Bin ich nicht Eigenthümer von all dem zuſammen, und habe ich nicht Vermögen genug, um meinen Launen zu folgen, um zu leben, wie es mir behagt? Jeder hat ſeine eigene Art und Weiſe: mein Vater glaubte mir den Verſtand ein⸗ peitſchen zu können, und handelte dabei ſo gut er es verſtand. Was war die Folge? Daß der Verſtand beinahe ganz entfloh und der Trotz um ſo ſtärker ſich regte. Seine Abſicht war gut, aber ſie verfehlte ihr Ziel, und das kommt ſehr häufig vor. Ich habe oft die gute Abſicht, alles zu thun, was die lieben Leutchen wünſchen, zu leben wie Vater und Großvater gelebt haben, aber ich vermag es nicht— und ſomit iſt wiederum ein Ziel verfehlt.“ So ſchwankten Karl Auguſts Gedanken raſtlos hin und her. Er ſtand nächſtens auf dem Punkte, ein voll⸗ ſtändi Träun aufra ſeine daß c tiefe, erhiel und 1 ſeine wenig einwi beſtät durch unter ſamk Spei fiel, von Frau zu f „Ab ich ſo g mun Geſt die eine unv kom des lin ſeh Tauge⸗ iß, und ird.“ Reiſen ielleicht draußen, Freude ich eine n? Iſt ich nicht ch nicht um zu ene Art und ein⸗ er es beinahe Seine kommt alles zu ben wie mag es 4 los hin in voll⸗ 23 ſtändiger Taugenichts zu werden. Der Jüngling kann ein Träumer ſein und ſich ſpäter mit kräftigem Schwunge aufraffen; aber nicht ſo verhält es ſich mit dem Mann: ſeine Träumereien werden ihn bald dermaßen abſtumpfen, daß alle Aufhilfe unmöglich wird. Karl Auguſt beſaß die beſten Naturanlagen: eine tiefe, milde Seele, das wärmſte Gefühl. Aber alles erhielt durch ſeine erſte Erziehung eine ſchiefe Richtung, und das große Mißtrauen, das er in ſich ſelbſt und in ſeine Fähigkeiten zu ſetzen gewohnt war, mußte nothwendig, wenigſtens bis zu einer gewiſſen Zeit, ſchädlich auf ihn einwirken, ja um ſo ſchädlicher, als dieſes Mißtrauen beſtändig mit ſeiner Selbſtliebe in Streit gerieth, welche durch die Behandlungsweiſe ſeiner Mutter fortwährend unterhalten wurde. Die Einladung zum Mittageſſen lenkte die Aufmerk⸗ ſamkeit des Jünglings von ſich ſelbſt ab. Er eilte ins Speiſezimmer, und das Erſte, was ihm hier in die Augen fiel, war der von ſeiner Mutter verfertigte Lockvogel, eine von den tauſend kleinen Ueberraſchungen, womit die gute Frau einmal ums andere die Dankbarkeit ihres Sohnes zu feſſeln wußte. „Ganz prächtig, liebe Mutter!“ ſagte Karl Auguſt. „Aber Du haſt mir bereits mehr Lockvögel gegeben, als ich Dir Auerhähne in's Haus brachte.“ „Davon wollen wir nicht ſprechen, liebes Kind. Ein ſo gewandter Schütze, wie Du, verdient immer neue Auf⸗ munterungen. Wir haben Beſuche heut.“ Karl Auguſt lächelte und folgte der Mutter in's Geſellſchaftzimmer, wo ſie ihn zwei alten Damen vorſtellte, die nebſt einer ſo eben nach Haus gekommenen Nichte, einem ſchönen Mädchen und der erklärten Erbin der beiden unverheiratheten Tanten, ihre Aufwartung zu machen ge⸗ kommen waren. Aus der dunkeln Röthe, welche die Wangen des guten Kindes überzog, als Karl Auguſt ſeinen Buͤck⸗ ling vor ihr machte, zog der, wie wir bereits angedeutet, ſehr mißtrauiſche Jüngling ſogleich den Schluß, daß ſeine Mutter, im Verein mit den Tanten, Plane gegen ſeine Junggeſellenfreiheit entworfen, und daß man das junge Fräulein bereits in das Complott eingeweiht habe. Es bedurfte für Karl Auguſt blos eines kleinen Winks, um das ganze Gewebe zu durchſchauen, und daß er dies Mal nicht weit vom Ziele geſchoſſen, konnte er leicht aus der Lebhaftigkeit erſehen, mit welcher nach dem Eſſen Frau Agneta und ihre beiden älteren Gäſte, Erſtere von des Fräuleins, Letztere von des jungen Herrn Kemner vortreff⸗ lichen Eigenſchaften flüſterten und ziſchelten. Beim Abſchied wurde die Familie zu Lindafors dringend eingeladen, den abgeſtatteten Beſuch ſo bald als möglich zu erwiedern. Dies geſchah, und Frau Agneta quälte ihren Sohn ſo lange wegen ſeiner Trägheit und Ungalanterie, daß er ſich endlich entſchloß, mitzugehen. Aber dieſer Beſuch war auch der erſte und letzte. Denn jetzt offenbarten ſich die mütterlichen Abſichten ſo deutlich, daß Karl Auguſt auf dem Heimweg nöthig fand zu erklären, er habe noch kein Frauenzimmer geſehen, das er zur Gattin wünſchen oder in dieſer Eigenſchaft auch nur erträglich finden koͤnnte. „Dies kommt daher, daß Du gar keine Bekannt⸗ ſchaften machen willſt, mein lieber Karl Auguſt. Wollteſt Du es nur einmal auf einen Verſuch ankommen laſſen, ſo.. Ja, ja, blick nur nicht ſo mißtrauiſch drein! Ich habe ſchon manchen Weiberfeind geſehen, der ſich zuletzt noch bis über die Ohren verliebte.“ X „Ich bin kein Weiberfeind, liebe Mutter! Im Gegen⸗ theil würde ich mich recht gerne mit Damen unterhalten, wenn ſie nur nicht ſogleich die dumme Einbhildung hätten, ich ſei in ſie verliebt.“ 4 „Glaubſt Du denn, ſie werden auf einige bedeutungs⸗ loſe Worte ſo großes Gewicht legen?“ 3 „Wenn die jungen Damen es nicht thun, ſo ſind doch wenigſtens ihre Mütter und Väter, ihre Tanten und Cou⸗ ſinen ungemein geneigt dazu. Dies der Grund, warum ich ihre Nähe ſo ſehr fürchte.“ „Aber mein Gott, lieber Karl Auguſt, auf dieſe Art „ bekom Mädch empfin in ein hat?“ 7 . ſichten Dich Bauer hat, 5 Für§ ſeines Ein 2 ſollte angeſe der M die Fr er im Gedan Mädch lieben C Grille Mädck Anſich gegen chen a werder ſich te arme ſeine junge lingend nöglich quälte nterie, e noch inſchen koͤnnte. kannt⸗ Vollteſt laſſen, ! Ich zuletzt Gegen⸗ halten, ätten, tungs⸗ d doch Cou⸗ darum ſe Art 25 bekommſt Du ja niemals Gelegenheit, Dich einem jungen Mädchen zu nähern, ſelbſt wenn Du Neigung für ſie empfinden ſollteſt— denn Du wirſt Dich doch wohl nicht in eine ſolche verlieben, die weder Vermögen, noch Familie hat?“ „Eine ſolche müßte es allerdings ſein.“ „Ci, warum nicht gar! Du haſt Deine eigenen An⸗ ſichten, und freilich dürfteſt Du überzeugt ſein, daß man Dich wegen Deines Eiſenhammers und Deiner zwanzig Bauernhoͤfe nicht ausſchlagen würde. Wer ſelbſt nichts hat, muß ſich immer nach einer guten Heirath umſehen.“ Dies war ein Pfeil, der ſein Ziel nicht verfehlte. Für Karl Auguſt gab es keinen peinlicheren Gedanken, als ſeines zukünftigen Vermögens wegen gewählt zu werden. Ein Mädchen, das er vielleicht aufrichtig lieben würde, ſollte möglicher Weiſe Liebe heucheln, um eine reiche und angeſehene Frau zu werden. Die hingeworfene Bemerkung der Mutter erfüllte ſein Herz mit Kummer: ſie, welche die Frauen genau kannte, hatte offen ausgeſprochen, was er im Stillen gefürchtet. „„Du biſt auf einmal ſo ſtill geworden!“ ſagte Frau Agneta und ſah ihren Sohn an, welcher gedankenvoll ins Leere hinaus ſtierte. „Es ſchmerzt mich, daß Du mir meinen einzigen frohen Gedanken geraubt haſt: den Gedanken nämlich, ein armes Mädchen aufzuſuchen, das mich nur um meiner ſelbſt willen lieben könnte.“ 4 Ei, ei, mein Kind, was ſind das für romantiſche Grillen! Koͤnnen nicht auch andere als gerade nur arme Mädchen Dich um Deiner ſelbſt willen lieben? Deine Anſichten ſtreiten eben ſo ſehr gegen den Weltgang, als gegen die geſunde Vernunft. Von jeher haben arme Mäd⸗ chen alles gethan und aufgeboten, um reiche Frauen zu werden. Reiche Mädchen dagegen— und hiefür ließen ſich tauſend Beiſpiele anführen— nehmen nicht ſelten arme Männer: ihre Wahl muß immer freier bleiben, gerade weil ſie nicht nöthig haben, auf großes Vermögen zu ſehen.“ „Mag ſein. Vermuthlich iſt das junge Fräulein, das wir heute beſucht haben, ſehr reich? ſie beerbt ja ihre beiden Tanten?“ „Ja, lieber Karl Auguſt, und noch obendrein einen alten Oheim in Nerike. Das Mädchen hat wahrhaftig nicht nöthig, auf Reichthum zu ſpekuliren. Im Uebrigen ſagt man, ſie wolle gar nicht heirathen.“ „Eine unangenehme Nachricht für diejenigen, welche vielleicht ſchon Plane auf ſie entworfen haben. Zu dieſen gehöre ich indeſſen nicht; denn ein Mädchen mit zwei Tanten würde ich nie nehmen, und wenn es ein Engel des Lichtes wäre.“ Frau Agneta ſetzte das Geſpräch nicht weiter fort. Aber dieſes Heirathsprojekt, das beſte von allen, welche ſie bisher entworfen hatte, lag ihr dermaßen am Herzen, daß ſie zuletzt auch den Vater in Bewegung ſetzte. Die Bemühungen deſſelben ſielen nicht glücklicher aus. Karl Auguſt ſprach ein beſtimmtes Nein und ging von demſelben auch dann nicht ab, als die Mutter ihm im tiefſten Ver⸗ trauen eröffnete, das Fräulein ſei ſterblich verliebt in ihn, ſie ſchlafe und eſſe nicht mehr, ſondern weine Tag und Nacht über ihre verſchmähte Leidenſchaft; ja, er ließ ſich ſelbſt dann nicht rühren, als er wirklich zur Ueberzeugung kam, daß das Mädchen ihm ihre Hand geben würde, auch wenn er ſein ganzes Lindafors verlieren ſollte. Er ver⸗ harrte auf ſeinem Nein, denn zwei wichtige Punkte ſtanden ihm im Wege: das Fräulein hatte rothe Haare und zwei reiche, vorwitzige und ſchwatzhafte Tanten: Gegenſtände, welche Karl Auguſt gleich ſehr verabſcheute. Um ſich jedoch all dieſer Widerwärtigkeiten, den täg⸗ lichen Ermahnungen, Blicken, Thränen und Bitten zu entziehen, beſchloß der Jüngling einen raſchen Entſchluß zu faſſen, der ihn mit einem Male des ganzen Elends überhoͤbe. „Ich habe gedacht,“ begann er eines Tages, als er aus fu hatte könnte umſehe Vater zuwend 0 Karl könnte es mit gehſt. Schwe 2 ſich di ich ni dieſen genſtä wirklic welche ſonſt diger rem ſe Dir d 2 lichem zimme Allera mich, nicht mögen äulein, ja ihre meinen rhaftig ebrigen welche dieſen t zwei Engel er fort. welche Herzen, Die Karl mſelben n Ver⸗ in ihn, ag und ieß ſich geugung de, auch Er ver⸗ ſtanden id zwei nſtände, den täg⸗ tten zu ntſchluß Elends als er aus freien Stücken den Vater im Hammerwerke aufgeſucht hatte und mit ihm nach Hauſe ging, ich habe gedacht, es könnte nichts ſchaden, wenn ich mich ein wenig im Lande umſehen würde, vorausgeſetzt nämlich, daß Du, lieber Vater, Deine Einwilligung gibſt und nichts dagegen ein⸗ zuwenden haſt.“ Ich habe ganz und gar nichts dagegen, mein lieber Karl Auguſt. Nächſt einer vernünftigen, klugen Heirath könnteſt Du gar nichts Beſſeres thun. Im Uebrigen iſt es mir im Ganzen lieber, wenn Du zuvor auf Neiſen gehſt. Ich ſchlage Dir vor, England zu beſuchen. „Nein, nicht ins Ausland! Ich möchte mich blos in Schweden umſehen, und zwar nur zu meinem Vergnügen.“ Aber auch zu Deinem Nutzen— wenigſtens wenn ſich die Sachen ſo fügen,“ meinte der Hüttenbeſitzer. „Nun ja, wenn ſich beides verbinden läßt, ſo kann ich nichts dawider haben.“ „Du wirſt vielleicht auch Einiges thun müſſen, um dieſen Zweck zu erreichen. Auf Reiſen muß man die Ge⸗ genſtände klar und deutlich ins Auge faſſen, ſo wie ſie wirklich ſind, und man darf ſich nicht an die Farbe halten, welche eine verkehrte Einbildungskraft ihnen gibt; denn ſonſt bekömmt man nur falſche Bilder, die kein verſtän⸗ diger Menſch wieder erkennt.“ „Ich verſtehe Dich, lieber Vater: ich ſoll alſo die Poeſie bei Seite laſſen und blos mit meinen wirklichen Augen ſehen?“ „Ja, Gott bewahre Dich, daß Du mit etwas ande⸗ rem ſehen ſollteſt! Hör einmal, Karl Auguſt, ich möͤchte Dir den Vorſchlag machen, ein Tagbuch zu führen. „Ein Tagbuch?““ wiederholte Karl Auguſt mit ſicht⸗ lichem Widerwillen; denn nächſt einem rothhaarigen Frauen⸗ zimmer und geſchwätzigen Tanten war ein Tagbuch das Allerabſcheulichſte, was er wußte.„Nein, Gott bewahre mich, lieber Vater, ein Tagbuch werde ich ganz gewiß nicht führen.“ „Nun, warum denn nicht, wenn ich fragen darf?“ „Weil es mir höchſt lächerlich und albern vorkommt, tagtäglich die Gedanken und Eindrücke aufzuzeichnen, die ich gehabt habe, um ſodann nach langer Zeit leſen zu können: am 21. Juni habe ich das gedacht, geſagt und gethan; am 22. das, u. ſ. f. eine ganze Litanei hindurch. Ich würde gewal ltig erſchrecken, wenn ich dieſe todten Ge⸗ danken ſehen müßte, die auf dem Papier geſpenſterhaften Spuck gegen mich treiben und mich an all die Thorheiten erinnern würden, welche ich im Sinne gehabt oder wirklich ausgeführt habe.“ „Nun gut, mein lieber J Junge, Du biſt jetzt wie immer wieder anderer Anſicht als Dein Vater. Es iſt wahrh aftig nicht meine Meinung, daß Du alle Thorheiten, die Dir durch den Kopf fahren, aufſchreiben ſollſt; denn ich bin überzeugt, daß dies ein Tagbuch geben würde, das ich nicht verſtände; und das iſt offenbar nicht der Zweck eines Tagbuchs.“ „Was hältſt Du denn für den eigentlichen Zweck eines ſolchen? 20 „Ein Tagbuch oder Journal iſt ganz einfach eine Rechenſchaft, nicht über Gedanken und Eindrücke, wie Du ſagſt, ſondern über wirkliche Vorkommniſſe und Begeben⸗ heiten, die wir erleben, und ſodann über Gegenſtände, die uns merkwürdig erſcheinen. Du kommiſt t zum Beiſpiele in eine Stadt. Iſt es eine Seeſtadt, ſo kannſt D Du aller Orten auf einen guten Empfang rechnen, denn mein Eiſen iſt überall, wohin es gelangt, bekannt und wohlempfohlen, und nach ſolchen Stangen, wie man ſie von Lindafors erhält, ſucht man anderswo vergebens. Nun gut; Du kommſt in eine Stadt, beſiehſt Dir die Kirche, das Rath⸗ haus, das Gymnaſium und andere Merkwürdigkeiten der Art, von denen man hernach gerne erzählt, ſodann machſt Du vielleicht einige Beſuche, und wenn Du da gelegen⸗ heitlich einige Worte über den außerordentlichen Abſatz unſerer Produkte fallen läſſeſt, ſo kann das nicht ſchaden. Auf dem Lande hinwiederum haſt Du eine Maſſe von Gegenſtänden, die Dir Freude machen können, wenn Du nur hat nen das Deit And gut gege unan viel Kraͤ ſtatt über ſchaf nichte welch gleich taſter ebenf ſtimn ſchrei wend Die mal in m packe als ſt könnt unter haften heiten rklich mmer haftig ſe Dir h bin s ich keines keines eine ie Du geben⸗ ſtände, eiſpiele Orten ſen iſt fohlen, dafors ; Du Rath⸗ en der machſt elegen⸗ Abſatz haden. ſe von in Du 29 nur Freude daran haben willſt: beinahe jeder Gutsherr hat ſeine eigenthümliche Einrichtung, wie man ſie bei ſei⸗ nen Nachbarn nicht findet; wenn Du nun etwas bemerkſt, das wirklich wichtig und merkwürdig iſt, flugs haſt Du Dein Tagbuch bei der Hand und zeichneſt es Dir zum Audeuken auf. Siehſt Du jetzt ein, wozu ein Tagbuch gut iſt? „Ja, aber dies Alles ſteigert meinen Widerwillen gegen ein ſolches nur um ſo mehr, denn wenn es ſchon unangenehm iſt, ſeine Gefühle feſtgebannt zu ſehen, wie viel unerträglicher muß es dann ſein, ſolche kleinliche Kraͤmerberechnungen vor ſich zu erblicken! Aber ich will ſtatt deſſen von Zeit zu Zeit einen Brief ſchreiben und über alles, was mir begegnet, ſo gut als möglich Rechen⸗ ſchaft ertheilen.“ „Nun, das iſt dankenswerth— beſſer etwas als gar nichts! Verſprich mir jetzt nur, daß Du in Deinen Briefen, welche, wie Du wohl weißſt, Deiner Mutter und mir gleich theuer ſein werden, nicht allzuviel von ſolchen Phan⸗ taſtereien ſprechen willſt, denen ich nun einmal, wie Du ebenfalls weißt, keinen Geſchmack abgewinnen kann.“ „Ich will es verſuchen, lieber Vater. Aber eine be⸗ ſtimmte Zeit laß ich mir nicht vorſchreiben: ich werde ſchreiben, wenn mich die Luſt zum Schreiben anwandelt.“ „Gut, gut! Nun, wohin gedenkſt Du Dich denn zu wenden?“ „Das weiß ich nicht und will es auch nicht wiſſen. Die NRichtung ſoll mein Pferd beſtimmen, ſobald wir ein⸗ mal auf die Landſtraße kommen.“ „Hm, hm!“ brummte der Hüttenbeſitzer!„wenn ich in meiner Jugend auch ſo geweſen wäre.“ „Soll ich Dir nicht auch ein Paar Lockvögel ein⸗ packen,“ lieber Karl Auguſt?“ fragte Frau Agneta zärtlich, als ſie die Kleider ihres Lieblings zurechtlegte.„Vielleicht könnten ſie Dir einiges Vergnügen machen, wenn Du unterwegs jagen willſt.“ „Nein, nein, liebe Mutter, die wollen wir nur zu Hanſe laſſen. Ich hoffe, daß ich auch ohne ſie auskommen ann.“ Am Tag der Abreiſe begleiteten der Hüttenbeſitzer und ſeine Frau den ſcheidenden Sohn bis zu dem Kreuz⸗ weg, um zu ſehen, welchen Weg das Pferd einſchlagen würde. Karl Auguſt, der ſeinem Thier vollkommen Frei⸗ heit geſtatten wollte, ließ die Zügel aus der Hand und wandte ſich gegen ſeine Eltern. „Nun, was prophezeihſt Du, Mutter?“ fragte der Hüttenbeſitzer. Und Frau Agneta antwortete fromm:„Der Menſch denkts, Gott lenkts, deßhalb will ich nichts prophezeihen.“ Aber die Entſcheidung war bereits erfolgt. Das Pferd hatte den Weg eingeſchlagen, welcher ſüdlich von Lindafors abführte. Mit einer zärtlichen Umarmung verabſchiedete ſich Karl Auguſt von den alten Leutchen, welche er nie ſo innig geliebt zu haben meinte, als gerade jetzt in der Stunde der Trennung. VPiertes Kapitel. Ein Paar Wochen waren ſeit Karl Auguſts Abreiſe verfloſſen. So oft das Poſtfelleiſen kam, ſuchte der Hüttenbe⸗ ſitzer nach dem verſprochenen erſten Briefe, aber jedesmal vergebens, und er brummte darüber oft gewaltig gegen ſeine Gemahlin. Frau Angneta vergnügte ſich in ihrer Einſamkeit damit, daß ſie das Zimmer des Sohnes recht ſchön in Ordnung erhielt und namentlich die geliebten niedlichen Lockvögel abſtaubte, die in vertraulicher Geſell⸗ ſchaft einiger ausgeſtopften Notabilitäten aus dem wirklichen Vogelgeſchlecht, uͤber und neben den Jagdgeräthſchaften hielt Beto! muß lbreiſe tenbe⸗ desmal gegen ihrer recht liebten Geſell⸗ klichen chaften 31 Karl Auguſts an der Wand dem Bette gegenüber ihre Plätze hatten. Es war nie Frau Kemners Gewohnheit geweſen, über ein Unglück zu klagen, welches ſie traf; denn ſie behaup⸗ tete die Erfahrung gemacht zu haben, daß die Frauen für das Unglück geſchaffen ſeien, nicht aber das Unglück für die Frauen. In Folge dieſes Grundſatzes, welcher bei einer minder ruhigen und verſtändigen Gemüthsart, als Frau Agneta beſaß, ſehr beklagenswerth hätte erſcheinen müſſen, fiel es ihr natürlich niemals ein, über Karl Auguſts Schweigſamkeit laut zu ſeufzen oder ihren Mann auch nur im Mindeſten ihre innere Unruhe darüber ahnen zu laſſen. Wenn er brummte, ſo ſchwieg ſie; und wenn er ſchwieg, ſo trillerte ſie ein Liedchen, das ſie in den ſchönen Tagen ihrer Jugend geſungen, als der blaue Freiersfrack das Tageslicht erblickte, um hernach mit ſo glänzendem Erfolge gekrönt zu werden. Bei dieſem Liedchen wurde es noch jetzt dem Alten ganz warm ums Herz, ſo daß er lächelte, wenn die Matrone es ſang, und oft ſagte:„Fange es von Vorne an, Agneta.“ „Recht ſo, recht ſo, Agneta! rief der alte Herr eines Tags aus der Sophaecke, als die Matrone mit dem Strickſtrumpf in der Hand den Vers anſtimmte: „Ich ſeh Dirs an den Augen an, Daß Du haſt einen Andern lieb.“ Aber das Geraſſel eines Wagens auf dem Hof ver⸗ kündete die Ankunft des Poſtfelleiſens, und Frau Agneta hielt in ihrem Geſange inne. Der Hüttenbeſitzer ſtand auf und ſagte mit ſtarker Betonung:„Jetzt ſind es beinahe drei Wochen; heute muß doch wohl in Gottes Namen ein Brief kommen.“ Und der Brief fand ſich. „Lies ihn vor,“ bat Frau Agneta mit der Ruhe einer Perſon, welche ſeit langer Zeit gewohnt iſt, ihre Gefühle zu beherrſchen. „Wie Du willſt, meine Liebe. Nach ſeiner Dicke zu ſchließen, muß der Brief ziemlich inhaltsreich ſein. Moͤge er nur etwas Vernünftiges enthalten, ſo daß es ſich auch der Mühe lohnt, ihn zu leſen!“ „Wahrhaftig, Du verdienſt gar keinen Brief, wenn Du ſo ſprechen kannſt!“ rief Frau Agneta, welche der⸗ gleichen Ausfälle nicht zu ertragen vermochte. Und gleich als ſollte ihre Behauptung ſich bewahrheiten, traf es ſich zu des Hüttenbeſitzers Verdruß und Staunen, daß der Brief wirklich beinahe blos aus leerem Papier beſtand. Karl Auguſt hatte nämlich hiezu einen großen Schreibbogen genommen, allein ſeine ganze Epiſtel war auf eine Vier⸗ telſeite zuſammengedrängt. Sie lautete wie folgt: „Geliebte Eltern! Seit zehn Tagen weile ich in dem Städtchen Grenna. Es liegt ausgezeichnet ſchön, am Fuß eines hohen mit kleinem Gebüſch bewachſenen Bergrückens, welcher jeden Augenblick über die kleinen Holzhäuſer herabzuſtürzen droht. Dieſes Städtchen gefällt mir. Es hat blos eine einzige Straße, ſo daß man alſo hier nicht viel Geräuſch hört, und es thut mir in der Seele wohl, wenn ich die niedlichen und zierlichen Gärtchen ſo freundlich vor den kleinen Häu⸗ ſern daliegen ſehe.... „Zum Henker mit ſolchem Unſinn!“ rief der Hütten⸗ beſitzer.„Wie ſoll man daraus klug werden? Ich bin doch begierig, ob er den Bürgermeiſter von Grenna nicht beſucht hat; er iſt ein alter Bekannter von mir, und hätte ich gewußt, daß Karl Auguſt dahin reiſen würde, ſo hätte ich ihm ein Empfehlungsſchreiben mitgegeben.“ „Vielleicht ſteht weiter unten etwas davon— Du haſt ja den Brief noch nicht zu Ende geleſen.“ „Nein, von einem Beſuch iſt nicht das Geringſte zu finden,“ erklärte Herr Kemner, und fuhr dann fort: „Im Uebrigen iſt mir bis jetzt nichts Merkwürdiges begegnet“....(das glaube ich beim Teufel gern! brummte der alte Herr, indem er ſeine Brille auf und ab rückte. Was ſollte auch einem Menſchen begegnen, der auf gar nichts Acht gibt!)„Ich habe keine Bekanntſchaften gemacht”....(Wie dumm! wie dumm!) Agne Stad wartt Beka Art: gehen als d ben, welche die an nicht, Alte, Tonfa allerdi er nich gedeih 7 Gefüh nennt dazu ſchauer lebendi beſaß, auf d Brahe vermod kann, „ des Y Augen bleiben auch wenn der⸗ gleich s ſich ß der eſtand. bogen Vier⸗ -renna. n mit jeden droht. einzige hört, dlichen Haͤu⸗ Hütten⸗ ſch bin a nicht d hätte ſo hätte gſte zu t: kürdiges gern! und ab en, der ſchaften — — 8 8 8 S 5 — — ₰ — Agneta ungeduldig ein. Stadt umherſpringen wartung machen.— Bekan 71 Art und ſo h gehen gebraucht, denn er ſi als daheim. Wie u § nicht ſeine g ht auf Reiſen zu ja draußen doch nicht mehr 157. Weiſe iſt, gerecht Du wieder biſt! Hat er nicht geſchrie⸗ ben, Städtchen am Fuß eines Bergrückens liege, welcher demnächſt herabzuſtürzen drohe? Ich beklage nur die armen Leute, die hier wohnen müſſen. Und ſchreibt er nicht, daß es da ſo niedliche kleine Gärtchen gebe?“ „Niedliche, kleine Gaͤrtchen, ja!“ wiederholte der Alte, indem er mit großer Geſchicklichkeit den rührenden Tonfall in der Stimme ſeiner Frau nachahmte.„Das iſt allerdings etwas höchſt Bemerkenswerthes. Uebrigens ſagt er nicht einmal, welche Art von Bäumen dort vorzüglich gedeiht. Doch laß uns zum Schluſſe eilen:“ „Es liegt etwas Heimliches und Behagliches in dem Gefühl, ſo ganz allein mit ſich ſelbſt zu ſein“(ja, das nennt er heimlich und behaglich!) und ich habe meine Zeit dazu benützt, die Merkwürdigkeiten der Gegend zu be⸗ ſchauen. Mein erſter Beſuch ging nach Viſingsö, dieſem lebendigen Denkmal einer Zeit, wo der Adel größere Macht beſaß, als mancher kleine König; hierauf beſtieg ich das auf dem entgegengeſetzten Bergrücken liegende Schloß Brahehees, dieſes alte Geſpenſt, das in ſeiner beinahe ſchon vermoderten Hülle vielleicht noch Jahrhunderten trotzen kann, bevor es in ſein Grab niederſinkt.“ „Ich reiſe jetzt weiter um mich an den Umgebungen des Wetterſees zu erlaben. Mit Nächſtem mehr; im Augenblicke kann ich Euch nur verſichern, daß ich ſtets bleiben werde Euer gehorſamſter Sohn Karl Anguſf. Die Braut auf dem Omberg. „Nun, haſt Du jetzt etwas erfahren?“ fragte der Hüttenbeſitzer mit ſpöttiſcher Betonung.„Weißt Du jetzt, wie er ſich befindet, was er treibt, welche Bekanntſchaften er gemacht hat? Iſt es nicht gerade, als hätten wir keinen Brief erhalten?“ „Ach, nein, mein Lieber, es iſt ja ein ganz artiges Brieſfchen,“ meinte die Matrone.„Gib es mir, damit ich es noch einmal durchleſe, wenn ich allein bin.“ „Von Herzen gern! Aber ich bleibe dabei, daß er ſich ein beſſeres Ziel vorſtecken ſollte. Obſchon Grenna ein kleines Städchen iſt, ſo treibt es doch einen bedeutenden Viehhandel, und ich hätte gerne etwas Näheres hierüber erfahren.“ 3 Acht Tage darauf kam ein neuer, etwas längerer Brief mit dem Poſtzeichen Hjo. Da Herr Kemner nicht zu Hauſe war, als der Brief anlangte, ſo erbrach ihn Frau Agneta und ſtudirte in der Abenddämmerung die willkommenen Züge des geliebten Sohnes: „Ich ſchreibe ſchon wieder, und zwar diesmal aus einem kleinen Städtchen in Weſtgothland. Hjo badet ſeine Füße in den klaren Wellen des Wetterſees, liegt aber doch nicht ſo romantiſch wie Grenna; im Uebrigen iſt ſeine Umgebung gleichfalls reizend. Meine einzige Klage iſt der Sand in den Straßen, die von keinem Pflaſter wiſſen. — Auch hier kenne ich keinen Menſchen, aber alle Ge⸗ ſichter, die mir in den Weg kommen, haben einen unbe⸗ ſchreiblichen Ausdruck wohlwollender Güte. Sie ſehen aus als wollten ſie ſagen:„Wandle nicht ſo einſiedleriſch umher, ſondern frage, ſo wird man Dir antworten.“ Inzwiſchen 5 fällt es mir immerhin ſchwer, den erſten Schritt zu thunz auch weiß ich nicht, ob ich mich nachher ſo angenehm unterhalten würde, wie ich jetzt in meiner Abgeſchloſſenheit thun kann. Jeden Morgen, ſobald ich aufſtehe— und das ge⸗ ſchieht ſehr früh— gehe ich ans Ufer hinab und ſehe, wie der Wetterſee für den Tag ſich anläßt. Der Wetterſee liegt um i von als e wurd ſtarb⸗ hielt, in ei Aber keiner der ſieht ſacken über nach ich g der jetzt, aften keinen rtiges nit ich aß er renna tenden erüber ngerer Brief in der liebten l aus t ſeine r doch ſeine ge iſt wiſſen. Ge⸗ unbe⸗ n aus lenehm enheit , 35 iſt der ſchönſte, aber auch der launigſte von unſern Binnen⸗ ſeen. In einem Augenblick liegt er ſo ſpiegelglatt, ſo klar und durchſichtig da, daß man die Fiſche in der Tiefe deutlich erkennt, und in der nächſten Minute rüſtet er ſich zum Streite und gebärdet ſich auf eine Art, welcher ſelbſt die Oſtſee Beifall zunicken müßte. Dann iſt mit dem Wetterſee nicht zu ſpaſſen, und obſchon er blos ein Binnenſee iſt, ſo kann man doch die Großartigkeit ſeiner Wuth nicht ohne tiefe Bewunderung betrachten. Am prächtigſten zeigt er ſich Abends. Da ſtehe man an ſein Ufer, blicke nach dem öſtlichen Strande hinüber, ſehe, wie der romantiſche Omberg ſeinen langgedehnten Rücken über den bläulichen Nand erhebt, betrachte die weiß ſchimmernden Kirchen und zuletzt beim Sonnenuntergang die leuchtende Bahn auf der Waſſerfläche— dieſe iſt nach der Volksſage die Spur der Schritte der heiligen Brigitta, als ſie nach Vadſtena hin⸗ über wandelte— das Alles muß man betrachten, und man wird bekennen müſſen, daß der Wetterſee vielgeſtaltige Bilder darbietet, welche ſich nicht wieder vergeſſen laſſen. Vor dem ſüdlichen Thore von Hjo, dicht am See, liegt der ſogenannte Koſackenhügel, welchen ich oft beſuche, um über die Begebenheiten nachzudenken, die ich zufällig von ihm erzählen hörte. Nach der Schlacht bei Narva, als eine Menge ruſſiſcher Gefangenen nach Schweden kam, wurden fünfundzwanzig Koſacken in Hjo einquartirt. Sie ſtarben dort, und da der Geiſttliche ſie nicht für würdig hielt, in geweihter Erde brgraben zu liegen, ſo wurden ſie in einen Sandhügel ſüdlich von der Stadt, eingeſcharrt. Aber ſie ſinden keine Ruhe in der ſchwediſchen Erde, welche keinen Ruſſen in ihrem Schooße aufnehmen will. Oft in der Nacht, wenn der Wetterſee ſich in dichte Nebel hüllt, ſieht man beim blaſſen Mondlichte die fünfundzwanzig Ko⸗ ſacken mit ihren langen Lanzen und in leichten Rüſtungen über den See reiten, bis ſie endlich in öſtlicher Richtung nach der Gegend ihrer Heimath hin verſchwinden. Auch ich glaubte eines Abends, bei ungewöhnlich ſtarker Kim⸗ mung des Sees ihren unruhigen Zug zu erblicken.— Ich ſchließe für heute und ſetze meinen Brief morgen fort. „Endlich kann ich ſagen, daß ich eine Bekanntſchaft gemacht habe. Tagtäglich ſpähte ich vergebens nach Schiffen und Matroſen: hier finden ſich blos einige unbedeutende Fiſcherboote vor. Geſtern Abend endlich, als ich an den Strand ging, ſah ich eine wohlgetakelte Galeaſſe auf der Rhede liegen und einen ächten Seemann in ſeiner hübſchen Matroſenjacke an der Landungsbrücke ſtehen. Dieſer An⸗ blick that mir in der Seele wohl, denn ich habe mich ſchon lange nach dem Meere geſehnt, und bald hatte ich mit dem gothländiſchen Kapitän ein Geſpräch angeknüpft. Er beklagte ſich über die harten Lootſenabgaben und die be⸗ ſchwerliche Kanalfahrt, die erſte, die er bis jetzt gemacht hatte; dann ſchimpfte er erbärmlich über die Seekarte des Wetterſees, auf der keine Landungsplätze angegeben ſind, ſo daß man genöthigt iſt, Lootſen anzunehmen, während man ſonſt von ſelbſt zurechtkommen konnte.„So wahr ich ein ehrlicher Kerl bin, es hat mich über fünfzig Reichs⸗ thaler Banco gekoſtet, in dieſe elende Barbierſchüſſel zu gelangen!“ verſicherte der ehrenfeſte Kapitän.„Aber,“ fügte er hinzu,„bin ich einmal wieder draußen, ſo ſoll ſich mein Schiff nicht wieder ſobald hieher verirren.“ Die alte Theerjacke kam mir vor wie ein Wallſiſch, der aus Verſehen in einen Bach gerathen iſt.*) „Dies iſt Alles, was ich bis jetzt zu erzählen weiß. Im Uebrigen befinde ich mich wohl und werde morgen, wenn der Wind günſtig iſt, nach dem Omberg hinüber⸗ fahren. Mit unverbrüchlicher, kindlicher Liebe Euer Karl Auguſt.“ Es war intereſſant, Frau Agnetas Geſicht zu beobach⸗ *) Karl Auguſt muß eine Erſcheinung gehabt haben, wenn er zur Zeit unſerer Erz ählung im Wetterſee einen Meerfahrer geſehen haben will. A. d. V. — Jch ort. ntſchaft Schiffen eutende an den auf der hübſchen ſer An⸗ ch ſchon ich mit ft. Er gemacht erte des en ſind, vährend „ wahr Reichs⸗ iſſel zu Aber,“ ſo ſoll . Die er aus m weiß. norgen, inüber⸗ ſt 74 eobach⸗ , wenn erfahrer „ 37 ten, während ſie dieſen Brief ſtudirte. Ueber den Anfang glitt ſie ziemlich leicht weg; aber als ſie zu den Worten kam: Endlich kann ich ſagen, daß ich eine Bekanntſchaft gemacht habe, da geſtaltete ſich bereits ein kleiner Roman in ihren Gedanken, und man denke ſich ihren Verdruß, als ſie fand, daß dieſe Bekanntſchaft nicht einem reichen Familienvater und ſeinen ſchönen Töchtern galt, ſondern ſich lediglich auf einen alten Seefahrer beſchränkte, mit wel⸗ chem ſodann der Brief ſchloß. Vom nächſten Brief durfte ſie natürlicher Weiſe noch weniger erwarten, denn welcher Art konnten auch die Ergebniſſe einer Bergreiſe ſein? Ja, ja, ſagte ſie zu ſich, alles was Karl Auguſt ſchreibt, iſt gewiß recht ſchön und gut, recht lieb und angenehm, aber es hätte doch noch angenehmer und ausführlicher ſein können. Der Hüttenbeſitzer dagegen ſprach, als er den Brief geleſen hatte:„das iſt doch wenigſtens etwas, meine liebe Agneta. Ich hätte ihm kaum zugetraut, daß er im Stande wäre einen Fiſcherkahn auf der Rhede von einem Kriegs⸗ ſchiff zu unterſcheiden. Ich finde, daß er aufmerkſamer wird, und was er von dem gothländiſchen Kapitän ſchreibt, iſt gar nicht übel: es beweist, daß er über das, was er ſieht und hört, auch nachzudenken anfängt. Die einfäl⸗ tigen Geſchichten vom Mond, von den Koſacken und der heiligen Brigitta hätte ich ihm freilich gerne geſchenkt, aber doch iſt ſein Brief im Ganzen recht brav. Stopfe mir eine Pfeife, Agneta, und gib mir etwas zu trinken. Aber warum iſt der Burſche nicht auf den Omberg ge⸗ gangen, ſo lange er ihn ganz in der Nähe hatte? das ſieht ihm wieder vollkommen gleich.“ Fünftes Kapitel. Ungeduldiger als je, ſah jetzt der Hüttenbeſitzer dem nächſten Briefe entgegen, der auch nicht lange auf ſich warten ließ. Er war größer als die beiden vorhergehen⸗ den und enthielt von beiden Rubriken, in welche der alte Herr alles einzutheilen pflegte, nämlich von vernünftigen Dingen und von dummem Zeug etwas. Das Schreiben war wiederum aus Hjo datirt und verfaßt am Abend von Karl Auguſt's Rückkehr vom Om⸗ berg. Es lautete alſo: „Geliebte Eltern! Jetzt kann ich ſagen, daß ich gelebt habe;— ja, ich habe einen ganzen Tag gelebt, habe unausſprechlich viel Freude gehabt. In meinem letzten Brief meldete ich Euch meine Ab⸗ ſicht, den Omberg, die Krone Oſtgothlands zu beſteigen. Es iſt ſo verlockend, wenn man vom weſtlichen Ufer nach dem öſtlichen hinüberſieht: man empfindet einen wahrhaft ſehnſüchtigen Drang. So erging es auch mir. An einem ſchönen Morgen miethete ich mir ein kleines Boot, beſtellte ein Paar kräftige Burſche zum Segeln oder Rudern— was hier beides nöthig iſt— und begab mich ſodann Nachmittags zwei Uhr mit meiner Reiſekarte, meinem Fernglas und meinem lieben Orenſtjerna, um mir die Fahr⸗ zeit abzukürzen, an Bord. Der Wind, der im Anfang günſtig genannt werden konnte, ſiel nach und nach ſo ab, daß unſere Segel un⸗ brauchbar wurden. Inzwiſchen muß ich geſtehen, daß mir das lieber war, als wenn das Gegentheil eingetroffen wäͤre; es hätte mir wahrhaftig wenig Freude gemacht, dieſen be⸗ ſcheidenen Bienenſeefahrern zuzuſehen, wenn ſie ſich zum Kampf gegen einen heftigen Sturm hätten rüſten müſſen. Schon in ihrer Art ein Segel ein⸗ oder aufzuziehen, lag etwas ſo unbeſchreiblich Ländliches, und in ihrer Art das 8 — r dem f ſich gehen⸗ r alte ftigen et und Om⸗ a, ich⸗ h viel e Ab⸗ eigen. nach frhaft leines oder mich einem Fahr⸗ zerden e un⸗ 3 mir wäre; en be⸗ zum hüſſen. 1 lag das 39 Nuder zu handhaben, eine ſolche Weichheit und Langſam⸗ keit, daß unſere Meerumwohner laut aufgelacht haben wür⸗ den. Ich nahm mir's auch heraus ihnen das zu ſagen, worauf der Eine— es waren übrigens ein Paar muntere Burſche— ganz getroſt antwortete:„Nun, wenn es auch nicht ſo ſchnell geht, ſo geht es doch um ſo langſamer.“ Da⸗ gegen konnte ich nun freilich nichts einwenden. Da kein friſcher Wind mehr ſich erheben wollte, und das Boot unter den lahmen Ruderſchlägen nur langſam vorwärts glitt, ſo hatte ich gute Zeit die Manieren meiner Schiffs⸗ leute zu beobachten und mich zu überzeugen, wie gründlich ſie ſich von denen unſerer Oſtſeeſchiffer unterſchieden; dieſe Verſchiedenheit erſtreckte ſich ſogar auf die Art und Weiſe, wie ſie einander Rath und Muth zuſprachen.„Komm her, Calle, laß uns jetzt einen Schluck nehmen,“ ſagte der Eine und ſetzte die Flaſche mit einem ſolch lüſternen Feuer in ſeinen blinzenden Aeuglein an den Mund, daß ich glaubte, dieſe Gluth könne kaum mit dem Inhalt einer vollen Kanne geloͤſcht werden.„Ganz gewiß!“ erwiederte Calle und griff ſeinerſeits zu der Bouteille. Aber als er ſie wieder zur Ruhe geſtellt hatte, ſah ich, daß ſie zart genippt hat⸗ ten wie die zimperlichſte Jungfrau. Zur Chre ihrer Mann⸗ heit muß ich jedoch erwähnen, daß dieſes Genippe ſich wenigſtens alle zehn Minuten wiederholte und auf dieſe Weiſe die Flaſche bald geleert war. Der Zwieback da⸗ gegen, welcher nach jedem Schluck von Mund zu Mund wanderte, war kaum halb aufgezehrt, als wir nach ſieben⸗ ſtündiger Fahrt am Gaſthofe zu Häſtholm, an der ſüd⸗ lichen Seite des Berges, landeten. Während der ganzen Ueberfahrt vom weſtlichen nach dem öſtlichen Ufer ſieht man den großartigen Omberg allmälig in immer deutlicheren Formen ſich ausbreiten, und man fühlt ſich unwillkürlich von Staunen und Bewun⸗ derung hingeriſſen, wenn man erndlich dieſe lothrechten Felswände vor ſich erblickt, die gerade in das Waſſer hin⸗ abſteigen, das hier vierhundert Fuß tief ſein ſoll. Dieſe Tiefe, die größte, welche der Wetterſee an irgend einer Ombergs an dem ſonſt flachen Ufer, hat zu der kuͤhnen Vermuthung Anlaß gegeben, genannter Bergrieſe ſei bei irgend einer Erdrevolution aus dem Meeresgrunde hervor aufs Land geworfen worden. Wie dem nun ſein mag, der Rieſe liegt jetzt da und erhebt ſeinen mit friſchen Wäldern und herrlichen Wieſen bekrönten Scheitel majeſtätiſch über die ganze Gegend, über Waſſer und⸗ Land; auch iſtyer zugleich ein ſicheres Wahr ngfür den Seemann. Wir kamen bei zuntergang in Häſtholm an; hier ließ ich mir ſogleich ein Zimmer und einige Erfri⸗ ſchungen geben, dann ſetzte ich mich in ein kleineres Boot um niich in die Grotten rudern zu laſſen. Der merkwür⸗ dige Berg hat nämlich ſo große Höhlungen oder Gewölbe, daß man leicht hineingelangen kann. Einen Abend wie dieſen kann meine Seele nie ver⸗ geſſen. Einen ſolchen Himmel, ein ſolches Waſſer, ſo viel unausſprechlich Herrliches auf einmal hat mein Auge nie geſehen und wird es vermuthlich nie wieder zu ſehen be⸗ kommen. Als das Boot auf dem ſpiegelklaren Waſſer dahin⸗ glitt, brannte der weſtliche Theil des Horizonts in Blut und Gold, und Blut und Gold ſtrömte über das Waſſer herüber. Nicht Waſſer, ſondern Purpur wurde mit den Nudern bearbeitet. Hinter uns ſtand der Mond in einer großen veilchenartigen Wolke, welche ſich zu leichten phan⸗ taſtiſchen Figuren geſtaltete, und während das Boot vor⸗ wärts ſchoß, rollten die Mondſtralen hinter uns her und küßten begierig die kleinen kryſtallweißen Waſſerblaſen, welche die Abendröthe in Perlen einfaßte, prächtiger als alle Meerkorallen. Und in dieſer herrlichen Nacht ſtanden, mit dem Waſ⸗ ſer am Fuße und dem Himmel als Decke, die grauen Wä Stelle hat, wie auch überhaupt die ganze Erſcheinung des 9 ünde des Rieſenberges in düſtere Schatten gehüllt, und je näher wir kamen, um ſo ſtärker oͤffnete ſich ein ſchwarzer, gäh⸗ nender Schlund gegen uns. * hüllt Wol Sche ſpalt viell vielle Trad ihre das 41 Vor der Rothgabelgrotte, der bedeutendſten von allen, machs ten wir Halt. bei ei An der Oe elbſt, oder vielmehr an dem ge⸗ ervor wölbten gothiſchen— der Berg hat hier wirklich „der von Natur ein ſolches Anſehen— bilden geborſtene Klip⸗ ldern pen, durch gewiſſe Zw ſſchenrä ume getrennt, eine großartige über* Draperie, welche bald in ſcharfen, bald in rundlichen Kan⸗ ten den Eingang beſchattet. Auf der linken Seite fällt das Tageslicht von einer hervorſtehenden Felſenwand her⸗ ein, welche mitten entzweigeborſten iſt und folglich aus zwei koloſſalen Scheiben beſteht, zwiſchen denen jetzt nörd üch der Himmel hereinfluthete und mit den bl aßgelben Mondesſtralen die Dämmerung durchbrach. Bald jedoch ölbe, hüllte die Nacht den Omberg und ſeine unterirdiſchen 4 Wohnungen in ihre Schatten ein: nur noch ein ſchwacher Schein von der letzten Abendgluth drang durch die Felſen⸗ ſpalte. Aus dem Innern ertönten Seufzer— Seufzer vielleicht von den ge fungenen Geiſtern des Detaede oder vielleicht hielt auch die Königin Omma, nach we lcher die Tradition dem Berge ſeinen Namen gegeben, eben jetzt ihre Betſtunde in der ſtillen Zelle Ich athmete kaum, ſondern ſah blos und fühlte, als aſſer 6 das Boot nach einigem Aufenthalt in das ſchwarze Ge⸗ den wölbe einfuhr. Die Wellen ſchlugen gegen die inneren einer Steinwände, der Klang der Ruder tönte in dumpfem Echo han⸗ nach. Immer ſtärker ließen ſich die Seufzer vernehmen wor⸗ und ſchienen bald aus der Tiefe, bald aus den durchbro⸗ ver⸗ 1 viel nie be⸗ und chenen Draperien über uns hervorzubrechen. Wir waren llche jetzt in der Rothgabelgrotte. alle 4 Aber ich wollte es noch immer ſchöner haben. Ich 3 ſtieg auf einer zwölf bis vierzehn Fuß langen Terraſſe ans Vaſ⸗ Land, und nun zündete ich auf dem dichten, von unzäh⸗ inde ligen, ſeltſamen Steinchen gebildeten Schichte mit dürrem ſiher Holz, das ich zu dieſem Zweck mitgenommen hatte, ein äh⸗ großes Feuer an. Die Flamme ſchlug hoch auf, und als ſie dieſen Berghafen, dieſen roſenkranzartigen Tropfen hochgewölbten Dache, das Waſſer unten, das Boot und 42 beiden Schiffer in demſelben glaͤnzend beleuchtete, da er⸗ faßte mich ein Gefühl zu gewaltig, als daß ich es in Worten auszudrücken vermöchte. Ich wandte mich gegen das Feuer, ich blickte höher hinauf nach den Vertiefungen der Felswände, und mit ſtummer Verwunderung ſah ich einen großen Vogel, welcher in einer der Spalten Schutz geſucht hatte. Es war ein Falke und da ſaß er todt in ſeiner Niſche. Warum war er hieher geflohen? Warum hatte der freie Luftbewohner in den tiefſten Eingeweiden des Berges ein Aſyl geſucht? Hatte der Sturm ihn hieher gejagt, und war das Waſſer ſo hoch geſtiegen, daß es ihn in dieſes ſchwarze Gefängniß hineingedrängt? Oder hatte er altersſchwach ſeine letzte Zuflucht hier geſucht? hatte er, ein armer Einſiedler, müde der Freiheit und des Lebens, vom Gram verzehrt um eine verlorne Hälfte ſeiner ſelbſt, ſich vor ſeinen Brüdern verbergen gewollt? Wer weiß das? Niemand.— Ich nahm den todten Falken; ſeine Flügel werden mich nach Hauſe begleiten. Ich ſetzte mich wieder in das Boot und ließ mich auf den See hinausrudern. Hier hatte inzwiſchen der Mond die ſterbende Abendröthe vollkommen überwunden. Das Waſſer hatte ſeine natuͤrliche Farbe wiederbekommen und ſchimmerte dunkelblau. Von dem Feuer in der Grotte ſtiegen die Flammen immer klarer empor, die Funken tanzten in dem dunkeln Gewöͤlbe herum, und weit hinaus auf den See ſpiegelte ſich das Bild der brennenden Grotte ab. Wir ſetzten unſere Fahrt weiter nach Norden längs der Bergwand fort, wo eine Menge anderer Grotten uns zum Beſuche einluden; aber keine war ſo merkwürdig wie die Rothgabelgrotte...“ So weit waren der Hüttenbeſitzer und Frau Agneta im Studium des Briefes gelangt, denn der alte Herr hatte verſprochen, unter keinen Umſtänden, es möge darin ſtehen, as da wolle, ſtoͤrende Anmerkungen zu machen, als auf nal alle Verſprechungen und Vorſätze ihre Kraft ver⸗ a er⸗ es in gegen ungen h ich Schutz dt in te der berges ejagt, )n in tte er tte er, ebens, ſelbſt, weiß ſeine ch auf Mond Das n und Grotte Funken hinaus nenden längs en uns ig wie Agneta whatte ſtehen, ls auf ft ver⸗ —— 43 loren. Mit einem derben:„Hol mich der Teufel, wenn ich je ſolchen Unſinn gehört habe!“ machte der würdige Herr Kemner endlich der Ungeduld Luft, welche ſchon lange in ſeinem Innern geraſſt hatte. 3 „Nun, was gibt es denn auf einmal?“ fragte Frau Agneta, welche bemerkte, daß ein Ungewitter im Anzuge war. „Das weiß der Teufel— ich neih es nicht. Aber ſo viel weiß ich, daß man ein Tollhäusler ſein muß, um zwei volle, enggeſchriebene Seiten mit lauter Beſchreibungen von Abendröthe, Mondſchein, Purpurhimmel und Bergzauber zu beſchreiben;— ich glaube faſt, der Teufel iſt in den Jungen hefabren. Fing er nicht fo vernünftig an, daß man glauben ſollte, ein geſcheidter Menſch habe den Brief geſchrieben? Und als er auf den Unterſchied zwiſchen den Binnenſeekrabben, die kein Segeltuch zu wenden verſtehen, und unſern wackern Meerfahrern aufmerkſam machte, da hüpfte mir wahrhaftig das Herz in der Bruſt. Aber nun läßt er ſich auf einmal mitten in einen Strom hineinreißen, der wilder iſt als der Waſſerfall bei unſerem Eiſenhammer, und Du ſiehſt jetzt, wie ſeine Mühle getrieben wird. Nichts als der baarſte Unſinn: Phantaften, Gefühle, todte Falken und wie all das Lumpenzeug heißt, das etwa für ein liebeſieches Mädchen paſſen mag, ganz und gar nicht aber für den Erben meines Eiſenwerkes und...“ „Deiner zwanzig Bauernhöfe,“ ergänzte Frau Agneta. „Ja allerdings, meiner zwanzig Bauernhöfe! Sollen dieſe etwa mit Falkenflügeln und Purpurſamen bebaut und beſät werden? Solch erbärmliches Zeug... Gib mir meine Pfeife und die Zeitungen.“ „Dann leſe ich das Uebrige für miche“ „Das laß nur bleiben; Du kannſt getroſt warten bis morgen. Es ſteht gewiß nichts darin, was die Neugierde zu ſpannen vermoͤchte.“ Aber ob nun die Zeitungen gleichfalls nichts Intereſ⸗ ſantes zu erzählen wußten, oder ob Herr Kemner ſeinen Verdruß verbarg und wirklich auf den Schluß des Brit — begierig war,— genug, die Journale wurden bald bei Seite gelegt, und mit den Worten:„So laß uns das einfältige Zeug vollends hören,“ wurde Karl Auguſts Brief wieder in ſeine Ehren eingeſetzt. Schmunzelnd füllte die Mutter das Glas mit perlendem Bier und kredenzte es dem alten Herrn.„Nun, was ſchreibt er denn weiter, der liebe Junge?“ „Ah!“ antwortete der Vater, indem er tief Athem holte und ſich den Mund wiſchte,„Du braufſt wirklich ein vortreffliches Bier, Agneta. Ich glaube nicht, daß es in Lindafors ein zweites von dieſer Güte gibt. Aber höre jetzt weiter.“ „.... Ich blieb in Häſtholm über Nacht und machte mich am folgenden Morgen zeitig auf den Weg, um ſo viel als möglich vom Berge in Augenſchein zu nehmen. Die Gegend am Fuß deſſelben iſt von der Natur auf's Reichſte bedacht; der Weg ſchlängelt ſich durch wogende Saatfelder, blumenreiche Wieſen, liebliche Thäler und ganze Buchenhaine; zu dem Allerreizendſten aber gehören die prächtigen Ruinen des Kloſters Alvaſtra. „Gott bewahre uns!“ unterbrach ſich der Hüttenbe⸗ ſitzer;„wenn er einmal mit Kloſterruinen zu handthieren anfängt, dann können wir aller Vernunft gute Nacht ſagen.“ „Lieber Johannes, es wäre doch beſſer, wenn Du ſchweigen und weiter leſen wollteſt, ſtatt daß Du alle Augenblicke mit Bemerkungen dazwiſchen kommſt, die am Ende auch nicht ſo entſetzlich geſcheidt ſind. Von einem Kloſter kann doch wenigſtens geſagt werden: Gott ſei Dank, daß es bei uns keine mehr gibt! Und das wäre gewiß ein kluges Wort.“ „Nun, ſo ſchweig und höre zu.“ ..„Ich begab mich in die frühere Kloſterkirche, deren eines Gewölbe zur Hälfte wohl erhalten iſt und noch jetzt von den gewaltigen Bogen getragen wird, welche auchen Jahrhunderten getrotzt haben. Der Wind fuhr die Bäume, welche rings umher ſtanden, und durch die fron Mu irru Sti daß Luf zwit daß ſeuf Ger wele für wur gew um hier war Agn glat gehe pun den dort zu mir dem kleit und kam der Vor Obe 45 bei. die Ruinen des Hauſes, von welchem früher ſo mancher das fromme Seufzer emporgeſtiegen; mir ſelbſt wurde es zu Brief Muthe, als könnte ich hier beten und müßte manche Ver⸗ irrung, manche Handlung, manche ſchlecht angewandte ndem Stunde bereuen; dann aber fühlte ich mich ſo erhoben, reibt daß ich im Begriffe ſtand, in die Lieder der Sänger der Luft einzuſtimmen, welche droben in den Wipfeln der Bäume them zwiſchemien cklich...„Hm,“ ſagte der alte Herr,„ich wünſche nur, ß es daß es Wurzel ſchlagen möchte! Aber laß weiter ſehen.“ höre....„Ich beſchaute die Ruinen der Zellen und 1 ſeufzte mit denen, welche einſt allda nach den Freuden und achte Genüſſen des Lebens ſchmachteten; ich ſah ein Gewölbe, n ſo welches ich— denn es liegt in einem Theil der Kirche— men. für dasjenige Zimmer hielt, wo die junge Novize enxfangen auf's wurde, nachdem ſie die deli liche Tracht gegen das Ordens⸗ ende gewand vertauſcht, der Welt und dem Leben entſagt hatte, anze um ſich g ganz der Kirche zu weihen.... Aber ich denke die hier an meinen lieben Vater und breche deßhalb ab. f„Dafür mag Dich Gott ſegnen, mein Junge; das enbe⸗ war das Klügſte was Du thun konnteſt! Inzwiſchen, liebe ieren Agneta, bin ich jetzt mit dem Kloſterbeſuche verſoͤhnt: ich kacht glaube wietich daß er in den Ruinen einige gute Gedanken gehabt hat.“ Du....„Ich näherte mich immer mehr dem Mittel⸗ alle punkt meiner Wanderungen. Ich wollte noch bei Zeiten am 3 den ſogenannten Scheitel beſteigen, um die Ausſicht, die inem dort auf mich wartete, in ihrer ganzen Pracht genießen t ſei zu können. Aber auf dem Berge angekommen, mußte ich wäre mir einen Wegweiſer zu verſchaffen ſuchen. Ich blieb vor dem Gatterthor zu einer Allee ſtehen, welche nach einem kleinen, hübſchen, rothbemalten Hauſe führte, das freundlich irche, und enladen im Glanze der Morgenſonne dalag. Ich und kam indeß nicht dazu, einzutreten, denn ein Bauernjunge, elche der eben vorbeiging, erbot ſich mir den Weg zu zeigen. fuhr Von ihm erfuhr ich, daß das Haus die Wohnungte N durch Oberjäͤgermeiſters ſei. Nicht ohne wahre Sehnſuchte ich weiter: ich habe noch nie ein Haus geſeh en, von welchem ich mich ſo mächeig angezogen fühlte... „Iſt der Junge ein Narr geworden? 2u fragte Herr Kemner und machte eine Pauſe, um das Urtheil ſeiner Frau abzuwarten. Frau Agneta begnügte ſich diesmal mit einem:„Wie magſt Du ſo ſprechen?“ Aber dies wurde in einem ſo verdroſſenen Tone geſagt, daß der alte Herr die Ueberzeugung ſchöpfte, ſeine theure 3 denke in dieſer Sache vollkommen eben ſo wie er ſelbſt. ..„Ich will Euch jetzt, meine lieben Eltern, nicht mehr lange mit Beſchreibungen hinhalten, ſondern bemerke nur noch, daß ich nach einer müheloſen Wanderung im Schatten verſchiedener Baumarten endlich den Scheitel erreichte und mich daſelbſt über alle Erwartung belohnt fand. Binnen einer Sekunde konnte mein Auge von Oſtgothland nach Weſtgothland, von Smaland nach Nerike blicken. Ich ſah ſechs Städte, beinahe fünfzig Kirchen, und weithin im weſtlichen Horizont erklickte ich den Gipfei des Kinnekulle. Gleich einem rieſigen blauen Tuch lag der Wetterſee zu meinen Füßen ausgebreitet, und in dieſes Tuch eingewoben ſtrahlten im Sonnenglanze ſeine koſtbarſten Juwelen: Viſingsö auf der einen Seite und die wunderbare Jungfrau mit ihren kleinen Klippenholmen auf der andern. Dazu kam noch die prächtige Ausſicht im Oſten, und ſo vereinigte ſich alles zuſammen zu einem wunderherrlichen Panorama;— gleichwohl muß ich geſtehen, daß meine Seele, wie auch mein Auge hier keinen Nuhepunkt gefunden hat. Es war alles gar zu umfangreich. Der Vormittag war zum großeren Theile verfloſſen, als ich hinabzuſteigen begann, nachdem ich mir noch die Namen auf dem Steine, welcher das Grab der myſtiſchen Königin Omma bedecken ſoll, flüchtig angeſehen. Dieſe Bekritzelung merkwürdiger Orte iſt mir von jeher im chſten Grade zuwider geweſen, und ich habe mich wohl ütet, meinen unbedeutenden Namen den vielen wahe ich nicht minder bedeutungsloſen, welche bereits anden, beizufügen. zehn alſo ſpree tes wäh nung ſo ſ ſo d neug Brie Lach „wa gekor es z nigfe ange ruhig im h konn Pha Sch lchem Herr ſeiner mal dies alte denke Eltern, ondern derung cheitel helohnt 2 von Nerike irchen, ipfel h lag dieſes arſten ſerbare ndern. ind ſo rlichen meine funden 47 Während ich den dunkelgrünen Fußpfad hinabwan⸗ delte, ſtiegen freilich noch allerlei Gedanken in mir auf, aber ich erinnere mich, daß der Vater ſolche Betrachtun⸗ gen nicht ſonderlich liebt, und deßhalb übergehe ich ſie. Bevor ich dem Berge Lebewohl ſagte, wollte ich noch die elf Buchen beſuchen, und hier ſtieß mir endlich ein kleines Abenteuer auf... Doch was ſehe ich? Es iſt nächſtens zehn Uhr, und da fährt die Poſt von Hjo ab. Ich kann alſo nur noch die Fortſetzung auf das nächſte Mal ver⸗ ſprechen und meinen lieben Eltern den beſten Segen Got⸗ tes wünſchen. Karl Auguſt.“ Nun ſetzte zwar Frau Agneta, wie wir bereits er⸗ waͤhnt, eine Ehre darein, niemals über getäuſchte Hoff⸗ nungen zu klagen, aber wenn auch ihre Lippen ſchwiegen, ſo ſprach diesmal wenigſtens ihr verlängertes Geſicht um ſo deutlicher. Der gl Herr dagegen, obſchon ſelbſt ſehr neugierig und äſchmähten ehiber, daß Karl Auguſt ſeinen Brief nicht frühn Hütte ei?, konnte ſich eines herzlichen Lachens nicht gen andeß„Nun, liebe Mutter,“ rief er, „was haſt Du hrre ihrthren? Kaum ſind wir ſo weit gekommen, daß ihm erwas begegnet, wie der Blitz ſchlägt es zehn Uhr und die Poſt macht ſich fertig!“ Sechstes Kapitel. Die ganze Nacht hatte Frau Agneta über den man⸗ nigfaltigen Vorſtellungen, welche ſie ſich von Karl Auguſts angedeutetem Abenteuer machte, nicht ſchlafen koͤnnen. So ruhig ſie auch in Gegenwart ihres Mannes, wie überhaupt im häuslichen und im geſellſchaftlichen Leben erſchien, ſo konnte ſie ſich doch in der Einſamkeit den überſpannteſte Phantaſien hingeben; ja, ſie wäre gewiß eine ausgemagſh⸗ Schwärmerin geworden, hätte nicht ihre Verbindung 48 dem Hüttenbeſitzer Kemner, dem gelaſſenſten, ehrlichſten und proſaiſchſten Menſchen von der Welt, ſie zu ſtrenger Einhaltung von Maß und Ziel gezwungen. Als der alte Herr am Morgen in den Eiſenhamm gegangen war, wo er regelmäßig ein Paar Stunden ve weilte, ſo berief Frau Agneta ihren Liebling, die alte Hühnerlieſe, und ertheilte ihr ſofort den Auftrag nach Södra⸗ torp zu laufen und die Karre zu erſuchen, ſie moͤchte ſo bald als möglich auf den Herrenhof kommen. Die Hühner lieſe konnte ſichs an ihren fünf Fingern herzählen, was die Karre hier zu thun hatte, auch wußte ſie aus Erfah⸗ rung, daß ſie ſich von der ſchnellen Vollziehung dieſes Befehls Vortheile verſprechen durfte; ſie nahm ſich daher kaum noch Zeit Frau Agnetas Mahnung anzuhören, daß ſie mit der Karre durch den Hinterhof hereinkommen ſolle. Bevor die wichtige Perſon ausitt, welche der Hüt⸗ tenbeſitzerin rechte Hand waß, beinahe ir billiger Weiſe ſowohl über ihre Stellung imdnt erklickte auch über ihren ungewöhnlichen Namen, die nöthigen blaluterungen geben. Die Karre hatte von Jugegebreite’n Frau Kemners elterlichem Hauſe gewohnt und w Aptſächlich zu Fräu⸗ lein Agnetas Bedienung beſtimmt geweſen. Später, als dieſe ſich verheirathete, folgte Margarethe ihrer jungen Ge⸗ bieterin nach Lindafors. Die übertrieben ſentimentale Frau Kemner, welche oft im Stillen über eingebildetes Leiden weinte, fand ihren höchſten Troſt darin, Margarethen ihren Kummer anvertrauen zu können. Aber Margarethe war keine Augendienerin, welche zu Allem Ja ſagte. Sie be⸗ ſaß eine gewiſſe gebildete Ausdrucksweiſe, dabei weit mehr Verſtand als ihre Gebieterin, und ſtellte dieſer vor, wie Unrecht es ſei über nicht vorhandene Schmerzen zu klagen; ja es war großen Theils Margarethens Verdienſt, wenn Frau Kemner ſtatt eines verweichlichten und ſentimentalen Dämchens eine muntere, unverdroſſene und verſtändige Haus⸗ frau wurde. Inzwiſchen hatte ſich auch Margarethe verheirathet, a daher datirte ſich ihr oben erwähnter Spottname. „ v e r e —— Zwa Gene nacht hatte Karr ſelbſt Sein dieſer ihr v Hütt bieter ren l in de chen, Furc ja, 3 in d ſetzte den, ihren Man denne verab Gutn wenn lends lichſten trenger hammer en ver⸗ ie alte Södra⸗ chte ſo⸗ Hühner⸗ , was Erfah⸗ dieſes ) daher n, daß en ſolle. er Hüt⸗ er Weiſe er ihren geben. Kemners u Fräu⸗ ter, als gen Ge⸗ ale Frau 8 Leiden en ihren the war Sie be⸗ eit mehr vor, wie klagen; t, wenn mentalen ge Haus⸗ heirathet, vottname. 49 Zwar war ihr Mann, der Soldat Karr, einmal bei einer Generalmuſterung vorgetreten und hätte um Erlaubniß nachgeſucht, einen andern Namen anzunehmen; als Grund hatte er angegeben, daß man ſeine Frau allgemein die Karre nenne, auch war ſein billiger Wunſch erhört und er ſelbſt in Sanft umgetauft worden. Aber was half das? Seine Frau wurde hernach blos Sanftskarre genannt, und dieſer Name oder auch der Name Karre ſchlechtweg war ihr verblieben. Die Karre wohnte jetzt als Wittwe in einer kleinen Hütte nahe beim Herrenhof und war ihrer früheren Ge⸗ bieterin noch immer unentbehrlich. In ihren ſpäteren Jah⸗ ren hatte ſie ſich auf die Wahrſagerkunſt gelegt und galt in der ganzen Gegend als ein wahres Orakel. Alle Mäd⸗ chen, die auf Freier warteten, alle Freier, die zwiſchen Furcht und Hoffnung ſchwebten, beſuchten die Karre;— ja, zuweilen verſchmähten es auch hohe Herrſchaften nicht in der niedrigen Hütte einzukehren. Frau Agneta aber ſetzte, wie in allen andern Fällen, ſo auch im vorliegen⸗ den, auf die Karre ihr höchſtes und einziges Vertrauen. Unruhig ging Frau Agneta nach dem Frühmahle in ihrem Zimmer auf und ab. Sie wußte recht gut, daß ihr Mann, der ſonſt ganz und gar nicht leldenſchaftlich war, dennoch alle ſogenannten Zauberkünſte im höchſten Grade verabſcheute und haßte, ja, daß er trotz ſeiner ſonſtigen Gutmüthigkeit in den heftigſten Zorn gerathen würde, wenn er erführe, daß Jemand in ſeinem Hauſe und vol⸗ lends gar ſeine eigene Frau, ſich an alte Weiber gewen⸗ det habe, um in verborgene Dinge einzudringen, oder, wie er ſich ausdrückte, dem lieben Herrgott in die Karten ſchauen zu wollen. Aber binnen einer halben Stunde konnte ja die Karre da ſein, in der nächſten halben Stunde war alles beſorgt, und vor zwei Stunden wurde der Hüttenbeſitzer nicht zurückerwartet. „Willkommen, Margarethe!“ ſagte Frau Kemner herzlich, als ihr Gaſt vom Hinterhofe her in die Milch⸗ Die Braut auf dem Omberg. 3 50 kammer eintrat, wohin die Berathung über Karl Auguſt's künftige Schickſale verlegt worden war.„Du haſt doch wohl Dein Kartenſpiel mitgebracht, obſchon ich der Hühner⸗ lieſe nichts davon geſagt habe?“ Frau Sanft verneigte ſich zierlich vor ihrer ehema⸗ ligen Gebieterin, und ſobald ſie das friſchgeſtärkte Tuch, das ſie über ihre Bandhaube geknüpft, abgenommen hatte, antwortete ſie in flüſterndem Tone:„Ich ahnte etwas, weil ich durch die Hinterthüre hereinkommen ſollte.“ „Nun, ſetz Dich, liebe Margarethe!“ Frau Agneta und Sanftskarre ſetzten ſich ſofort, zwiſchen zwei langen Reihen von Näpfen mit friſch gemolkener Milch, an einen mit Rahmtoͤpfen und Schaumlöffeln bedeckten Tiſch. „Willſt Du nicht zuvor ein Butterbrod und etwas dicke Milch zu Dir nehmen, Margarethe, während ich Dir erzähle, wie ſich alles verhält 29 Die Karre nahm das Frühſtück an, und inzwiſchen begann die Frau Hüttenbe⸗ ſitzerin ihren Vortrag, wie folgt; „Du weißt, Margarethe, daß Karl Auguſt niemals Luſt zu Frauenzimmer gehabt hat. Du weißt auch, daß er gegenwärtig auf Reiſen iſt, und obſchon ich nicht den Muth beſaß, ihm meinen ſehnlichſten Wunſch zu geſtehen und ihn aufzufordern, daß er ſich in dieſer Beziehung um⸗ ſehen möchte, ſo habe ich doch eine Ahnung, daß er auf ſeiner Reiſe ein Mädchen treffen wird, das ihm zuſagt. Bis jeht— aber iß doch, Margarethe; ich weiß, die Milch iſt gut und die Butter und das Brod gleichfalls— bis jetzt, ſage ich, habe ich aus ſeinen Briefen nicht erſehen können, daß er eine ſolche Bekanntſchaft gemacht habe. Nur in ſeinem letzten Schreiben erzählt er von einem klei⸗ nen Abenteuer, welches er aber erſt das nächſte Mal mit⸗ theilen könne, da die Poſtſtunde geſchlagen habe. Nun aber hege ich den feſten Glauben, daß meinem Karl Au⸗ guſt kein Abenteuer zuſtoßen kann, ohne ein Frauenzimmer, und wenn ein ſolches im Spiel iſt, ſo kann Niemand wiſ⸗ ſen, wohin der Hahn laufen wird. Du weißt alſo jetzt ſcho liere näp Kar gant iſt k wort wart ſo ſe wicht mir. Liebe beſitz wirr blos zu z0 nicht nicht Augn dem ausſi ſchon — 51 uguſt's ſchon was ich meine. Doch wir haben keine Zeit zu ver⸗ t doch lieren— mein Mann kommt um neun Uhr nach Hauſe.“ ühner⸗ Margarethe antwortete nichts, ſondern ſchob Rahm⸗ näpfchen, Töpfe und Löffel bei Seite, zog das ſchmutzige ehema⸗ Kartenſpiel aus der Taſche, netzte ihr)en Daumen und be⸗ Tuch, gann die Karten auszulegen. hatte,„Nun was iſt s2, etwas,„Gedulden Sie ſich, liebe Madame! Dieſes Spiel 4 iſt künſtlicher als alle andere.“ Agneta„Künſtlicher? Ei, ſo ſprich doch.“ langen„Ich pflege immer zu denken, bevor ich ſpreche,“ ant⸗ n einen wortete die Karre.„Sie müſſen ſo gut ſein und ein wenig . warten, liebe Madame: ich kann den wahren Sinn nicht etwas ſo ſchnell ergründen.“ Und die Karre nahm eine immer ich Dir wichtigere Miene an. hm das„Er iſt doch nicht krank? Nur das wenigſtens ſage üttenbe⸗ mir.“ „Nein, es ſieht nicht ſo aus.“ niemals„Nun, wie ſieht es denn aus. Zeigt ſich nichts von h, daß Liebe?“. icht den„Wahrhaftig, ich werde ganz wirr.“ geſtehen Aber wer Sanftskarre ſo gut kannte wie die Hütten⸗ ing um⸗ beſitzerin, der mußte auch wiſſen, daß ſie ſich nicht ſo leicht er auf wirr machen ließ, ſondern ihre ausweichenden Antworten zuſagt. blos gab, um ihr Talent in deſto vortheilhafterem Lichte ie Milch zu zeigen. — bis„So ſprich doch und ſag alles ganz offen— iſt gar erſehen nichts von Liebe zu ſehen 2. zt habe.„Nein, vor der Hand noch nicht; übrigens ſcheint es nem klei⸗ nicht mehr ſehr ferne zu ſein. Auch ſcheint Herr Karl Nal mit⸗ Auguſt mit Jemand Streit gehabt zu haben. Aber außer⸗⸗ e. Nun dem iſt im Augenblick nichts zu ſehen.“ Larl Au⸗„Kannſt Du mir ſagen, ob dieſer Streit gefährlich nzimmer, ausſiehtt: nand wiſ⸗ ch nein, ich glaube nicht; jedenfalls muß er jetzt alſo jetzt ſchon vorüber ſein.“ „Gütiger Gott, wenn ihm nur kein Unglück begegnet! Ach du lieber Himmel, wäre es mir nur nicht eingefallen in dieſe abſcheulichen Karten ſehen zu wollen!“ „Beruhigen Sie ſich, liebe Madame! Eine kleine Wolke verſchwindet ſo ſchnell wie ſie gekommen iſt. Ich will die Karten von Neuem legen.“ In großer Angſt erwartete Frau Agneta den nächſten Orakelſpruch. Aber als die Karre eben die letzte Karte in die letzte Reihe gelegt hatte, knarrten des Hüttenbeſitzers ſchwere Tritte auf dem Gange, und jetzt wäre Frau Agneta vor Schreck beinahe in Ohnmacht geſunken, wenn nicht Margarethe mit der Geiſtesgegenwart, welche ihr nie untreu wurde, augenblicklich das ganze Kartenſpiel in den groͤßten Milchtopf geworfen und mit einem Löffel ſo feſt niedergedrückt hätte, daß keine Spur mehr davon ſicht⸗ bar war. Inzwiſchen zitterte Frau Agneta noch immer, weil ſie den Schlüſſel abgezogen hatte. 8. öffnete jetzt ſchnell und bemerkte zu ihrer Beruhigung, aß der alte Herr auf dieſe bedenkliche Einſchließung gar nicht geachtet hatte. Er nickte der Frau Sanft freundlich zu, und dieſe erzählte ihm, ſie ſei gekommen, um ſich bei der Frau Hüttenbe⸗ ſitzerin über die bevorſtehende Hochzeit ihrer Tochter Raths zu erholen: ſie wiſſe ſelbſt nicht, was ſie ſagen ſolle, denn Jerker ſei gar zu arm. „Oh ſie werden ſich ſchon behelfen können, wie ſo viele Andere,“ meinte der Hüttenbeſitzer, indem er ſich ohne allen Argwohn an den Tiſch ſetzte und in Gedanken einen Schöpflöffel nahm, mit welchem er bald in dem einen, bald in dem andern Krug die Milch umrührte. „Laß das doch bleiben, lieber Mann,“ mahnte Frau Agneta,„Du rührſt ja den Rahm wieder unter die Milch.“ „Verzeih Mutter, ich war ganz in Gedanken vertieft,“ antwortete der alte Herr, und ſteckte den Löffel, welchen er nicht auf den rein geſcheuerten Tiſch legen zu dürfen glaubte, gerade in den großen Milchtopf, der neben ihm 4 auf dem Boden ſtand; dadurch aber fühlte ſich eine der haben Frau mir, denno Glied einen ſpekta mach uich ihren von d fallen kleine Ich ichſten Karte ſitzers lgneta nicht r nie in den ſo feſt ſicht⸗ — G rzählte ttenbe⸗ Raths , denn wie ſo ohne i einen n, bald Frau ter die dürfen en ihm ine der 53 unglückſeligen Karten veranlaßt, aus der Tiefe hervorzu⸗ kommen. Nun erblaßte nicht blos Herr Kemner, der ſogleich Unrath ahnte, deßhalb noch einmal umrührte und den Krug voll von dieſen gefährlichen Papieren fand, ſondern auch Frau Agneta erblaßte und ſogar die Karre. Inzwiſchen ſagte der Hüttenbeſitzer nicht ein einziges Wort, ſondern begab ſich ſchweigend auf ſein Zimmer. „Oh, wie wird das enden!“ rief Frau Agneta, als ihr Mann ſich entfernt hatte.„Das wird einen ſchönen Spektakel abſetzen.“ „Ei, warum nicht gar!“ tröſtete Margarethe,„das Haus wird er wohl nicht umkehren. Thun Sie nur, als ob nichts geſchehen wäre. Das war noch ein Glück, daß er zu böſe war, um etwas zu ſagen: bevor er jetzt los⸗ bricht, hat ſein Zorn ſich gelegt, und Sie, liebe Madame, haben Zeit ſich zu bſgnen. „Ach, ich weiß Mir gar nicht zu helfen!“ wiederholte Frau Agneta.„Das Schlimmſte von allem iſt, daß er mir, obgleich ich mir meine Furcht nicht anerkennen laſſe, dennoch einen ſolchen Reſpekt einflößt, daß ich an allen Gliedern zittere, wenn er böſe iſt.“ „Dies iſt alles noch zu ertragen. Auch ich hatte einen kleinen Haſen in mir, wenn mein ſeliger Sanft zu ſpektakuliren anfing. Aber ich ließ mich dadurch nicht irre machen, ſondern trug dann die Naſe nur um je höher, obſchon ich nie ein Wort ſagte. So haben auch Sie Ihre Stellung immer zu behaupten gewußt. Beruhigen Sie ſich deßhalb, die Sache wird nicht ſo ſchlecht ab⸗ laufen.“ Aber Frau Agneta wollte ſich nicht tröſten laſſen. Ihre Sorge um Karl Auguſt und die Angſt wegen ihres vummen Vorwitzes plagte ſie dermaßen, daß ſie beinahe mit Sehnſucht dem Augenblick entgegen harrte, wo der Zorn ihres Mannes zum Ausbruch kommen und ſie von ihren eingebildeten Befürchtungen erlöſen würde. Aber von dieſem Zorne konnte ſie nichts verſpüren, und ſie hatte 54 beinahe vergeſſen, daß der alte Herr ezwas zu rächen hatte, als ſie auf die ſchmerzlichſte Weiſe daran erinnert wurde. Man ſaß am Mittageſſen, als Karl Auguſts mit ſo großer Ungeduld erwarteter Brief anlangte. Da inzwiſchen der Buchhalter zugegen war, ſo erblickte die unruhige Mutter kein böſes Zeichen darin, daß ihr Mann das Schreiben in die Taſche ſteckte. Wie anders aber wurde ihr zu Muthe, als ſie mit ihrem Manne allein war und auf ihre Frage:„Warum erbrichſt Du denn den Brief nicht?“ zur Antwort erhielt:„Weil ich warten will, bis ich auf meinem Zimmer bin.“ „Mach keine Dummheiten,“ bat Frau Angneta,„und öffne ſchnell den Brief.“ „Nein, und tauſend Mal nein, ſo gewiß ich Johannes Kemner heiße! Du ſollſt acht Tage lang keine Zeile davon zu leſen bekommen, zur Strafe dafüg daß Du dem lieben Herrgott in den Weg laufen und in die Karten gucken wollteſt.“ Einen Augenblick fühlte ſich Frau Agneta verſucht, ſich auf's Weinen und Bitten zu legen, doch wollte ſie ihrem Manne dieſen Triumph nicht gonnen. Ihr einziger Troſt während der qualvollen acht Tage war, daß dieſer ſo ruhig ausſah, ſomit der Brief offenbar keine Unglücks⸗ botſchaft enthalten konnte. Aber ſie gelobte heilig und theuer, ſich künftig nicht mehr Sorgen zu machen, als der liebe Gott ihr aufzulegen für gut finde. 4 Siebentes Kapitel. Als der achte Tag anbrach, überreichte der Hütten⸗ 4 beſitzer noch vom Bette aus ſeiner Frau den erſehnten Brief und ſagte zu ihr: Verzeih, liebe Agneta, wenn meine Stra ſagen habe. hatte „und wie; Agne tung Einfl Blat⸗ veran Herzl Begr meine gibt, anzug aus in di weßh halte! die 1 Juda ſollte, Baun lich d auf ihren dageg bilder ſchein —— 5⁵ ächen Strafe etwas ſtreng war. Aber ſo viel kann ich Dir innert ſagen, daß ich blos der Konſequenz halber Stand gehalten habe. Warum haſt Du nicht um Nachgiebigkeit gebeten?“ nit ſo Das Weib iſt zu allen Zeiten liſtig geweſen.„Du iſchen hatteſt Recht zu zürnen, Vater, antwortete Frau Agneta, .„und ich wollte Dich nicht hindern, mich ſo zu ſtrafen, enhige wie Du es für das Beſte hielteſt.“ m 3 Durch dieſe vernünftige Erklärung ſetzte ſich Frau t und Agneta auf einmal wieder in die frühere Liebe und Ach⸗ Brief tung ihres Mannes ein. Sobald ſie nun ihren ehemaligen 1. bis Einfluß wieder errungen wußte, griff ſie begierig nach dem 1 Blatt, welches ihren Ungehorſam, ihre Strafe und Reue veranlaßt hatte. „und Der alte Herr ließ ſie allein, und unter ſtarkem Hannes Herzklopfen las Frau Agneta: davon„Geliebte Eltern! lieben Als ich meinen letzten Brief ſchloß, ſtand ich eben im gucken Begriff, den ſogenannten„elf Buchen“ auf dem Omberg rſucht meinen Beſuch. abzuſtatten. 5e Hier wächst nämlich, wie ſchon der Name zu erkennen lte ſie gibt, eine höchſt merkwürdige Buche, deren Alter Niemand inaiger anzugeben weiß. Ungefähr zwei Fuß über der Erde ſchießen dieſer aus einem gemeinſamen Stamme mehrere Rieſenſtämme glücks⸗ in die Höhe: ſie ſollen früher ihrer zwölf geweſen ſein, 8 und weßhalb der Baum auch den Namen„Apoſtelbuche“ er⸗. ils der halten hat. Ein fanatiſcher Bauer jedoch— ſo erzählt die Ueberlieferung— higlt es für höchſt ſündhaft, daß Judas ſeinen Platz unter den übrigen Jüngern behaupten ſollte, und hieb deßhalb einen Stamm nieder, worauf der Baum den Namen erhielt, den er noch heute führt, näm⸗ lich die elf Buchen. Jetzt ſind indeſſen die elf Stämme auf neun herabgeſunken, von welchen ohne Zweifel drei ihren Kameraden bald nachfolgen werden. Die ſechs übrigen dagegen, die zuſammen eine Art von kleiner Kammer Aütten⸗ bilden, in welcher acht bis zehn Perſonen Raum fänden, ſähnhen ſcheinen noch einigen Jahrhunderten trotzen zu können. 56 Ich begab mich alſo nach dieſem Platz, den kein Neiſender unbeſucht läßt. Aber ich bereue, daß ich in meinem letzten Brief ein Abenteuer nannte, was im Grunde blos eine höchſt einfache Begebenheit war, wie ich hiemit in Form einer Berichtigung erkläre... „Aha,“ dachte Frau Agneta, indem ſi tief Athem holte,„da kommt gewiß wieder die alte Schüchternheit zum Vorſchein.“ .„Nein, es begegnete mir kein Abenteuer; aber als ich aus dem dicht bewachſenen Parke, welcher die elf Buchen umgibt, verdontdat und zu dem Baum emporſah, da erblickte ich in dem oben erwähnten Kämmerchen ein Mädchen— und das war Alles. Ich ſpr rach nicht mit ihr: ſie bemerkte mich nicht einmal; aber von wennen Platze aus konnte ich ihre Züge genau betrachten, und ich muß geſtehen, daß ich ein ſo feines, ſo reizendes und ſo gutmüthiges Geſicht noch nie vor die Augen bekommen habe. Sie beſchäftigte ſich mit einer Handarbeit, ließ dieſe aber oft auf ihren Schooß ſinken, um ein kleines, weißgelbes Hirſchchen zu ſtreicheln, das am Baume ſtand und ſich an ihre kleinen Füße ſchiegie⸗ Zuweilen ſah ſte lauſchend nach den Wipfeln empor, von wo einige beſiederten Freunde ihre Liedchen ſangen. Endlich begann auch ſie zu ſingen, und dieſer Geſang kam mir vor wie die Töne der Aeolsharfe bei ſanftem Winde; ich hätte bis zum ſpäten Abend in meinem Verſtecke ſtehen und ſie anhören mögen. Aber ſo genau ich ſie auch betrachtete, ſo bin ich doch nicht im Stand zu ſagen, ob ſie blaue oder ſchwarze Augen, dunkle oder helle Haare hatte, ob ſie klein oder groß war: ich ſah blos das Ganze, und dieſes Ganze bedünkte mich wie das Bild einer Veſtalin, welche die Berührung mit der Erde ſcheut und ſich deßhalb zwiſchen ihr und dem Himmel eine Zufluchtsſtätte auser⸗ ſehen dhat⸗ Aber plätzlich wurde ich auf die unangenehmſte Weiſe durch eine Stimme geſtört, welche in rauhem Tone rief: —— „Aln denn, das ſah, Sie einen Man ich m aber gen: und mark ſeine kraft, ſindet auf d der e Arm hielt Mäde größte die I wie i nieder Herr! haſtig zu w rief hinten holen Tocht ſchlech iſt no kein ich in runde hiemit Athem t zum aber die elf orſah, en ein ſt mit neinem , und s und mmen ,ließ leines, ſtand en ſah einige hegann or wie te bis nd ſie ichtete, blaue e, ob , und eſtalin, eßhalb auser⸗ —— 57 „Alma, Alma, was haſt Du denn wieder? Meinſt Du denn, die Uhr ſei ſtehen geblieben?“ Ich kann nicht ſagen, wie wehe es mir that, als ich das junge Mädchen bei dieſen Worten zuſammenfahren ſah, gleich als hätte ein elektriſcher Schlag ſie getroffen. Sie flog im Nu aus dem Baume; aber bevor ſie ihr in einen Zweig verwickeltes Kleid losmachen konnte, trat ein Mann aus dem Gebüſche, mit einem Geſicht, dergleichen ich mein Lebtag noch nicht geſchaut habe. Es war ein ältlicher, ja, ſchon ziemlich alter Mann, aber mit einer höchſt auffallenden Rührigkeit in ſeinen Zü⸗ gen und Bewegungen. Er hatte mehr als mittlere Größe und war ſtark, obſchon ſchlank gebaut. Seine ſcharf markirten Züge deuteten auf Kühnheit und Entſchloſſenheit! ſeine funkelnden ſchwarzen Augen zeugten von einer Lebens⸗ kraft, wie man ſie bei einem ſo hohen Alter nur ſelten ſindet. Er trug einen kurzen dunkelfarbenen Hausrock und auf dem Kopf eine grüne Mütze mit einer Kokarde. In der einen Hand hielt er ſeine Tabackspfeife, unter dem Arm hatte er ein ſpaniſches Rohr— in der andern Hand hielt er eine Uhr, welche er gleich bei ſeiner Ankunft dem Mädchen heftig entgegenſtreckte, indem er ihr mit dem größten Zorn in Ton und Gebärden zuſchrie:„zeige mir die Deinige.“— „Ach, Papa,“ antwortete ſie,„ich begreife ſelbſt nicht, wie ich mich ſo vergeſſen konnte!“ Damit beugte ſie ſich nieder und drückte die Lippen auf die Hand des alten Herrn, welcher dies nicht freundlich geſchehen ließ, ſondern haſtig auf die Seite trat, gleich als fürchtete er, gerührt zu werden.„Du biſt eine ſentimentale Gans, Alma!“ rief er und warf einen ſeiner funkelnden Blicke auf das hinter ihm ſtehende Mädchen;„ja, der Teufel ſoll mich holen, eine recht unerträgliche kleine Gans, welche zur Tochter eines Oberförſters ſo wenig taugt, als meine ſchlechteſte Büchſe. Meine ſchlechteſte Büchſe, ſage ich, iſt noch weit mehr werth als Du. Zum Henker, ſo ant⸗ worte doch und gaffe nicht mit Deinen Vergißmeinnichtan en das Gras an, ſtatt daß Du Deinen Vater anſehen a „Papa!“ „Papa, Papa— ja, das iſt, glaube ich, alles, was Du ſagen kannſt! Wenn nur Deine Mutter, meine ſelige Frau, noch lebte! Sie erzürnte mich zwar zehnmal des Tags, aber ſie war doch ein vortreffliches Weib, die Ordnung ſelbſt. Sie würde ſich an Dir geſchämt haben, wenn ſie geſehen hätte, wie Du ſogar das Mittageſſen vergiſſeſt; ja ſie hätte ſich gewiß die Augen herausgeſchämt, wenn ſie geſehen hätte, wie Du gleich einer Madonna daſtehſt, ſtatt Dich endlich einmal zu rühren.“ „Aber, was ſoll ich denn ſagen, beſter Papa, da ich einmal ſo ſehr gefehlt habe?“ fragte ſie und ſuchte mit ſichtbarer Anſtrengung ihrem Vater ins Auge zu ſchauen. „Was Du ſagen ſollſt? Sag was Du willſt— nur ſchweig nicht, wie ein Stockſiſch! Ach, mein ſeliges Weib! So lange ſie lebte konnte ich noch einmal ſo viel eſſen, als jetzt: der Aerger reizt den Appetit— ein ſolches Weib gibt es nicht mehr auf der Welt. Aber geh jetzt heim und halte die Augen offen: Schlag drei Uhr muß der Kaffee auf dem Tiſche ſtehen.“ Das Mädchen wollte forteilen, als der Vater ſie zu⸗ rückrief— und nun hätte ich dem alten Sonderling die Hand küſſen mögen, als er mit derſelben Strenge im Ton, obſchon einem ganz andern Ausdrucke in den Augen, kom⸗ mandirte: Küſſe mich! Die Tochter flog ihm jetzt an den Hals, und ihre ſchönen Wangen glühten vor Freude, als der Vater ſie am Kinn nahm und ihr noch einen Kuß auf die Stirn drückte, worauf er eilig im Gebüſche ver⸗ ſchwand, ſie aber mit ihrem kleinen Hirſche den Berg hinabeilte. Sehet, dies war mein ganzes Abenteuer. Ich hatte den Oberförſter und ſeine Tochten geſehen. Am Abend fuhr ich wiedeurnach Hjo hinüber, wo ich noch ein Paar Tage zu verwrilen gedenke, um nach dem 4 herrlichen Omberg hinüber zurblicken und im Abendnebel meiner Wetten 7 ſie de legte. noch ei Du w Berat diesme Frau zum 4 Acht chen, Spina man i ſonſt 7t und i Frau als de einma 3 2 wieder 59 melten Koſaken zuzuſehen, wenn ſie ſich draußen auf dem Wetterſee herumtummeln. Karl Auguſt.“ „Und das iſt alſo alles?“ ſagte Frau Agneta, indem ſie den Brief in verſchiedenen Formen wieder zuſammen 5 legte.„Er reist am Ende weiter, ohne ſeine Veſtalin aben, noch einmal zu ſehen! Ach, mein armer, einfältiger Junge,. geſſen Du wirſt niemals der Held eines Abenteuers werden.“ hämt, Gleichwohl war die Sache wichtig genug, um eine dvonna ☚ Berathung mit der Sanftskarre zu erfordern, und obſchon 3 d diesmal nicht die Karten befragt wurden, ſo wußte doch da ich Frau Margarethe manchen guten Rath zu ertheilen, wie e mit zum Beiſpiel die liebe Frau Hüttenbeſitzerin ſolle ſich in fauen. Acht nehmen, ein ernſthaftes Wort in der Sache zu ſpre⸗ nur chen, denn mit der anfangenden Liebe ſei es, wie mit dem Veib! Spinat; wenn derſelbe aufſchieße, ſo ſei er ſo fein, daß eſſen, man nicht einmal ein einziges Blatt ausreißen dürfe, weil Weib ſonſt die ganze Pflanze nachfolge. heim„Du weiſt immer etwas Kluges zu ſagen, Margarethe, ß der und ich danke Dir für Deinen guten Rath,“ antwortete 2 Frau Agneta.„Inzwiſchen habe ich keine andere Abſicht, ſie zu⸗ als den Spinat vollſtändig auswachſen zu laſſen, wenn es ag die einmal einen ſolchen geben ſoll.“ Ton, Doch wir verlaſſen jetzt Lindafors und begeben uns kom⸗ wieder zu Karl Auguſt. n den e, als Kuß—— e ver⸗ Berg Achtes Kapitel. hatte . Zehn Tage nef ainer erſten Ombergfahrt befand wo ich ſich Karl Ana in Hjo.. h dem Tagkl Aug ane ſich ſelbſt:„Morgen muß ich dnebel doch eneigen und v⸗ eiſe denken!“ Aber wenn der 60 morgende Tag kam, ſaß er immer wieder auf ſeinem Lieb⸗ lingsplatz, einer Raſenbank am grün bewachſenen Strande und blickte nach dem gegenüber liegenden Berge hinan. Gott weiß, ob nicht das in der Gegend gebräuchliche Sprichwort:„Wer einmal den Sand von Hjo in die Schuhe bekommen hat, der kommt nicht mehr ſo leicht. hinaus,“ auch an Karl Auguſt ſich bewahrheitet haben⸗ würde, wenn er nicht eines Tags zufällig und ohne alles eigene Zuthun die Bekanntſchaft eines Stadtbürgers ge⸗ macht hätte, welchem der einſame Fremdling ſchon lange aufgefallen war, daher er jetzt ohne weiteres zu thm trat blos in der Abſicht, ihm irgend einen Dienſt zu erweiſen. Das Geſpräch betraf zuerſt den Wetterſee, ſodann Viſingsö, endlich, obſchon Karl Auguſt aus einem gehei⸗ men Widerwillen dies zu umgehen ſuchte, auch den Omberg und ſeine Merkwürdigkeiten.„Nun,“ fragte der freundliche Städter,„wie gefielen Ihnen die ſonderbaren Bergfiguren, und waren ſie nicht ganz natürlich— beſonders die Jung⸗ frau?“ „Die Jungfrau?“ ſtammelte Karl Auguſt, und hätte er ſich nicht des alten Herrn mit den blitzenden Augen und den grauen, beinahe aufrecht ſtehenden Haaren erinnert, ſo wäre er beinahe geneigt geweſen, den ganzen Auftritt bei denself Buchen für ein Gaukelbild ſeiner eigenen Phan⸗ taſie zu halten.„Was für eine Jungfrau?“ fragte er, nachdem er ſich beſſer beſonnen hatte.„Meinen Sie die Inſel?“ 1 „Nein; wiſſen Sie nicht, daß es an der Bergwand längs der Seeſeite, bei den ſogenannten weſtlichen Wänden eine Menge wunderlich geformter Klippen gibt, welche über den See heraushängen oder hervorſtehen, und nach ihren verſchiedenen Geſtalten mehr oder weniger treffende Namen erhalten haben, wie zum Beiſpiel Jungfrau, Mönch, Kanzel u. ſ. w., dieſe Figuren nun meine ich. Aber die Jungfrau iſt kein Felſengebild, ſondern eine aelbliche Figur hoch oben auf einer flachen Klippenwand.“ um „Dann muß ich noch einmal auf und im Abesehen!“ rief haftig Vory ſich ihm ſtalte und daß ganz der C Theil Nähe ſeiner Kaun begon ganze heftig Män zeug Roth, die E weißli Zuwe öffnet die T erneu welch ſchien Meer ſich aus ſehen Land 61 n Lieb⸗ rief Karl Auguſt mit einer bei ihm ungewöhnlichen Leb⸗ strande haftigkeit. Unausſprechlich vergnügt über einen ſo glücklichen an. Vorwand zur Erneuerung ſeines Beſuchs, verabſchiedete er ichliche ſich ſofort ſehr höflich von ſeinem neuen Bekannten, dankte in die ihm für ſeine Mittheilungen und eilte weg, um die An⸗ Hleicht ſtalten zu einer neuen Reiſe bei Sonnenaufgang zu treffen. haben An dieſem Tag hing eine ſchwüle Luft uͤber Waſſer e alles und Land. Der Wetterſee lag ſo ſtill und dunkelblau da, ers ge⸗ daß das Boot nebſt den darin befindlichen Perſonen ſich lange ganz deutlich auf ſeiner Fläche abſpiegelte. Vom Gebrauch m trat der Segel konnte keine Rede ſein, und es ging ein großer weiſen. Theil des Tages darüber hin, bis Karl Auguſt in die ſodann Nähe von Häſtholm kam. gehei⸗ Aber nicht ohne gute Urſache iſt der Wetterſee wegen omberg ſeiner launiſchen Veränderlichkeit weit und breit bekannt. undliche Kaum hatte ein leiſes Lüftchen die ſchlaffen Segel zu füllen iguren, begonnen, als auf einmal der Sturm losbrach und der Jung⸗ ganze See einem kochenden Keſſel glich. Das Boot wurde heftig hin und her geworfen, und es koſtete die drei d hätte Männer ſchwere Arbeit und Noth, um das kleine Fahr⸗ Augen zeug unverletzt durch die ſchäumenden Wogen zu ſteuern. rinnert, Nur von Zeit zu Zeit gelang es Karl Auguſt, die Auftritt Rothgabelgrotte zu erblicken. Himmelhoch bäumten ſich Phan⸗ die Schlagwellen gegen die Bergwand, die in ziſchenden gte er, weißlich grünen Schaum eingehüllt zu ſchwanken ſchien. Sie die Zuweilen, wenn die Wogen wieder hinabgedrückt wurden, öffnete und zeigte ſich der dunkle Eingang der Grotte, bis gwand die Wellen wieder über denſelben hinrasten; unaufhörlich Vänden erneuerte ſich dieſes wilde Spiel, unter einem Getöſe, welche welches das zitternde Herz des Berges zerſpalten zu wollen d nach ſchien. Die Rothgabelgrotte glich dem Schlund eines reffende Meerungeheuers, das eine Waſſermaſſe um die andere in Mönch, ſich ſchluckte und wieder ausſpritzte. ber die Aber es iſt nicht unſere Abſicht, dem Leſer Scenen Figur aus der innern Geſchichte des Wetterſees vorzuführen. Wir ſehen Karl Auguſt nach gewaltigen Anſtrengungen ans ehen!“ Land ſteigen und vergnügt über die glücklich überſtandene 62 Gefahr ſein altes Quartier auf Häſtholm wieder ein⸗ nehmen. Nachmittags ließ nicht nur der Sturm nach, ſo daß es vollkommen ruhig wurde, ſondern es trat auch das herrlichſte und lockendſte Wetter ein. Da inzwiſchen der See noch viel zu hoch ging, als daß man mit Vergnügen dem Bergrieſen einen Beſuch hätte abſtatten können, ſo beſchloß Karl Auguſt— was er wahrſcheinlich jedenfalls gethan hätte— den Nachmittag zu einer neuen Wanderung auf den Berg zu benützen. Die angenehmſten Wohlgerüche dufteten von den Bäumen und Wieſen. Die Sonne brannte jetzt nicht mehr ſo heiß wie am Vormittag: von Zeit zu Zeit erhob ſich ein leichter Windzug, um ihre glühenden Strahlen zu mildern. Gras und Blumen badeten ſich in den friſchen Perlen, die ein feiner Staubregen zurückgelaſſen hatte, aber doch ſchien es, als ſehnten ſie ſich noch immer nach einer mehrere Wochen anhaltenden Trockenheit, endlich ihren Durſt loͤſchen zu dürfen. Karl Auguſt, der ein warmes und für Natureindrücke offenes Herz beſaß, Wandelte auf dem von üppigen Buchen und Linden beſchatteten Wege dem Kloſter Alvaſtra zu und ſann unaufhörlich auf eine Moͤglichkeit, in die Woh⸗ nung des Oberjägermeiſters Eintritt zu erhalten. Aber ſo ſehr er ſich auch den Kopf zerbrach, ſo wollte ſich ihm kein Mittel darbieten. Das Einfachſte von allen, ohne Weiteres hineinzugehen und ein Glas Waſſer zu begehren, fand er läppiſch und lächerlich, da er von der Nruhmten Kloſterquelle herkam. Gleichwohl beſchloß er, im Fall keine andere Gelegenheit ſich zeigen ſollte, ſeine angeborne und, wie er jetzt ſelbſt ſagte, alberne Blödigkeit zu über⸗ winden und wenigſtens durch das Gitterthor in die Allee zu treten. Das Weitere, dachte er, werde ſich ſchon von ſelbſt finden. Während unſer Held in ſolchen Gedanken dahinzog und zugleich eine Muſterung der kleinen äußeren Vorzüge anſtellte, welche der liebe Gott ihm beſcheert, hatte der Himt gewo mit t ſeiner bis 3 Wolk das zurüc wind Auger die T der L wild Strön war Schu ſtunde als e zu er ihn, d begab und n entdec ſchaft ſeine ſie ei die S . Karl unpaf Höhe, ſtande mit a 63 er ein⸗ Himmel ſich verdunkelt und die Luft war wieder drückend geworden. Karl Auguſt ſchloß hieraus, daß ein Ungewitter ſo daß mit tüchtigem Gußregen ihm vielleicht am allerbeſten aus ch das ſeiner Verlegenheit helfen könnte. Aber es war noch weit hen der bis zur Wohnung des Oberjägermeiſters, und die ſchwarzen gnügen Wolken, die ſich aufhäuften, zeigten deutlich genug, daß len, ſo das Gewitter ihn ereilen mußte, bevor er den Weg dahin denfalls zurücklegen konnte.— derung Ein Donnerſchlag, auf welchen ein heftiger Wirbel⸗ wind folgte, gab das Signal, und der Himmel war einige dn den Augenbüicke ſchwarz wie die Nacht. Plötzlich aber begannen ſt mehr die Blitze zu leuchten und gleich ziſchenden Schlangen in ſob ſich der Luft umherzufliegen; der Staub und Sand wirbelte jlen zu wild auf, der Donner krachte und der Regen ſtürzte in friſchen Strömen herab. Karl Auguſt beeilte ſeine Schritte und hatte, war froh, in den alten Ruinen des Kloſters Alvaſtra er nach Schutz finden zu können. h ihren Voll Bewunderung hatte er hier ungefähr eine Viertel⸗ ſtunde lang auf das Echo des Donnergetöſes gelauſcht, indrücke als zer bei einem klaren Blitz, welcher ein entfernteres Buchen Gewolbe erleuchtete, das leichte Flattern eines hellen Kleides ſtra zu zu erkennen glaubte. Ein Vorſprung der Mauer hinderte Woh⸗ ihn, deutlich zu ſehen, ohne daß er ſich auf die Flur hinab Aber begab. Er ſtreckte ſich daher ſo weit als möglich vor, ich ihm und mit hochklopfendem Herzen und zurückgehaltenem Athem „ ohne entdeckte er das Profil der ſchönen Alma, ſeiner Bekannt⸗ egehren, ſchaft von den elf Buchen her, der holden Jungfrau, die ruͤhmten ſeine Gedanken unaufhörlich umſchwebt hatten. im Fall Statt des Strohhutes, der zu ihren Füßen lag, hatte geborne ſie ein Tüchlein um den Kopf gebunden, und ſo ſaß ſie, u über⸗ die Stirne in ihre Hand geſtützt, auf einem Stein. ie Allee„Hat ſie Angſt oder betet ſie zu Gott?“ fragte ſich hon von Karl Auguſt. In beiden Fällen hielt er es jedoch für unpaſſend, hervorzutreten. Sie hob jetzt den Kopf in die dahinzog Höhe, Todesbläſſe lag auf ihrem Geſicht, in ihren Augen Vorzüge ſtanden Thränen, ihre Hände waren gefaltet. Sie blickte atte der mit augenſcheinlicher Angſt um ſich; Karl Auguſt vergaß, 64 4 ſich zurückzuziehen, und mit einem leiſen Schrei entdeckte ihn Alma. Nun war es ihm geradezu unmöglich, und wäre weder anſtändig, noch verzeihlich geweſen, länger auf ſeinem Platze ſtehen zu bleiben: ſeine erſte Pflicht gebot ihm, die erſchrockene Jungfrau zu beruhigen. Gerade daß ſie ſo erſchrocken und bebend ausſah, das machte Karl Auguſt Muth. Er ging raſch auf ſie zu, und da er be⸗ merkte, daß Alma zitterte, ſo ſagte er mit einer tiefen Verbeugung und einer Stimme, welche Vertrauen einflößen ſollte und wirklich einflößte:„Verzeihen Sie, daß ich als Fremder hier gleichfalls Schutz gegen das Unwetter geſucht habe.“ Alma erwiderte den Gruß mit einem Lächeln, in welchem ſich eine mit Freude vermiſchte Verlegenheit kundthat. „Wenn ich Ihnen meine Dienſte anbieten dürfte,“ fuhr Karl Auguſt fort,„ſo wollte ich gern nach dem Herrenhauſe dort eilen und einen Wagen holen— und wenn Sie mir erlauben wollten...“ „Nein, ach nein, thun Sie das nicht!“ rief ſie etwas heftig.„Ich wohne ganz in der Nähe; der Regen wird wohl bald aufhören und dann kann ich nach Hauſe gehen.“ „Nach der Wohnung des Oberjägermeiſters?“ fiel Karl Auguſt ein und erröͤthete zugleich bei dem Gedanken, ſein Geheimniß verrathen zu haben. 8 „Ja, er iſt mein Vater.“ „Ich will nicht länger beſchwerlich fallen,“ ſagte Karl Auguſt, nachdem beide einige Augenblicke geſchwiegen hatten. „Ich werde mich unter das Kirchengewoͤlbe dort zurück begeben.“ Alma blickte auf: ihre feinen, zarten Wangen färbten ſich mit einem leichten Purpur.„Mir iſt ſo bange!“ ſagte ſie mit rührender und zugleich ſchüchterner Offen⸗ herzigkeit. 1 Glücklicher als er ſich in ſeinem ganzen Leben gefühlt, — glücklich beſonders darüber, daß er einen ſolchen Blick um bezau ſeinen beugt Zeit unauf ſie b mocht Augen Erde 8 daß d ſchien, ſetlich betäul dem Rauch viel Arme Weg ſonder geſtat 4 der g. vom nieder 1 an, konnte Stim ihm Herr wohlt Die 65 entdeckte um ſeiner ſelbſt willen erhalten, und zwar von einem ſo bezaubernden Weſen, das von ſeinem Eiſenhammer und nd wäre ſeinen zwanzig Bauernhöfen keine Ahnung haben konnte, ger auf beugte ſich Karl Auguſt tiefer gegen ſeine ſchöne Nachbarin. hht gebot Wiederum blieben beide ſtill und äußerten nur von rade daß Zeit zu Zeit ein Paar Worte über das Gewitter und den hte Karl unaufhörlich herabſtrömenden Regen. Manchmal blickten a er be⸗ ſie beide zugleich nach dem Kloſterhofe hinaus, und da er tiefen mochte es wohl geſchehen, daß auf dem Rückweg ihre einflößen Augen ſich begegneten und dann ſcheu wieder ſich zur ich als Erde ſenkten. Unwetter Auf einmal kam ein Blitz, ſo ſcharf und blendend, daß die ganze Ruine von Feuer und Flammen übergoſſen heln, in ſchien, und auf den Blitz folgte ein Knall, bei deſſen ent⸗ legenheit ſetzlichem Gekrache alles umher erbebte. Einigen Minuten lang war Karl Auguſt gänzlich dürfte,“ betäubt. Als aber mitten aus den Nuinen, ganz nahe an ach dem dem Platz, wo er neben Alma ſtand, eine ungeheure — und Rauchſäule emporſtieg, da gewann er ſchnell wieder ſo viel Kraft und Beſinnung, daß er das Mädchen in ſeine ſie etwas Arme nahm und ſie durch Rauch und Flammen auf den len wird Weg hinaustrug. Hier aber ſetzte er ſie nicht nieder, gehen.“ ſondern eilte mit ihr weiter, ſo ſchnell ſeine Kräfte ihm 6 2˙ fiel geſtatteten. 3. 4 hedanken, Lautios lag Alma an ſeiner Bruſt, als auf einmal der gräßliche Gedanke in ihm emporſtieg, ſie ſei vielleicht vom Blitz getroffen, und er ſie daher auf das Gras gte Karl niederlegte⸗ 4 nhatten. Sie war ohnmächtig. Karl Auguſt ſchickte ſich eben t zurüͤck an, alle Bänder und Schnüre, deren er habhaft werden d konnte, aufzureißen, als eine ihm nur zu wohlbekannte färbten Stimme, in weit ſchärferem Tone als das letzte Mal, bange!“ ihm entgegen ſchrie:„Laſſen Sie das Mädchen, mein Offen⸗ Herr!. Fehlt ihr etwas, ſo bin ich ſelbſt zur Hand.“ Schneller als wenn man ganze Eimer vom ſtärkſten gefühlt, wohlriechenden Waſſer über ſie ausgegoſſen hätte, erwachte en Blick Die Braut auf dem Omberg. 5 66 Alma beim bloſen Laut dieſer Stimme. Für einen fremden Zuſchauer wäre es wohl ſehr intereſſant geweſen, zu ſehen, wie außerordentlich raſch der feurige alte Mann, mit dem Stock in der Hand und die Pfeife im Mund, heranſchritt. „Nun, was gibt es denn?“ rief er dem etwas ver⸗ blüfften Karl Auguſt zu.„Was haben Sie mit dem Madchen da zu ſchaffen? Und was ſind das für Geſchichten, Alma, fahrenden Rittern zum Vergnügen mitten auf der Landſtraße in Ohnmacht zu fallen?“ „Papa,“ ſtammelte die Tochter, mit einem zärtlichen Blick auf den Vater,„der Blitz ſchlug in die Ruinen, ich wäre drinnen verbrannt, wenn nicht...“ „Ach, dummes Zeug: drinnen verbrannt— einfältiges Ding! Was hatten Sie zu gleicher Zeit mit meiner Tochter in den Ruinen zu ſchaffen, mein Herr? Ich liebe ſolche Romanauftritte nicht.“ „Wäre es Ihnen vielleicht angenehmer geweſen, Ihre Tochter nicht wieder zu finden?“ antwortete Karl Auguſt etwas gereizt.“ Aber kaum hatte er dieſe Worte geſprochen, als der alte Waidmann einen ſo gewaltigen Luftſprung that, daß es ihm kaum ein Jüngling an Elaſtizität und Gelenkigkeit hätte zuvorthun können.„Wie, mein Herr,“ rief er mit einem unbeſchreiblich komiſchen Mienenſpiel,„iſt das die Art und Weiſe, wie man heut zu Tage mit einem Mann von meinem Alter ſpricht? Ich danke Gott, daß ich keinen Sohn habe, und das müßte Ihr Vater auch thun, wenn er einmal— ja, ja— des angenehmen Vergnügens verluſtig gehen ſollte, Ihr Papa genannt zu werden.“ Jetzt wußte Karl Auguſt nicht recht, ſollte er lachen oder ſich ärgern. Aber er wünſchte um alles in der Welt des Oberjägermeiſters Gunſt zu gewinnen, und deßhalb fand er es gerathen, höflich zu antworten:„Sein Vater würde allerdings in dieſem Fall nicht viel verloren haben, aber er ſelbſt hätte dann eine Bekanntſchaft entbehren müſſen, von welcher er hoffe— hier ſuchte Karl Auguſt muthig den f ſchnel worte ſchien Sie Dran rühren ben? hen. wohl und ches? wie n und z ſoll n kann. gen zu nes n. durch am 9 ſchwer haſt, chen der nach zu J dieſe Ober ſeiner blieb drehte er ver fremden u ſehen, nit dem eſchritt. bas ver⸗ nit dem ſchichten, auf der artlichen nen, ich fältiges Tochter e ſolche en, Ihre Auguſt als der at, daß enkigkeit fer mit das die Mann h keinen n, wenn gnügens en.“ r lachen der Welt alb fand er würde n, aber müſſen, muthig 67 den fliehenden Augenblick feſtzuhalten— daß ſie nicht ſo ſchnell aufhören werde, als ſie begonnen habe. „Ei gehorſamſter Diener, warum denn nicht?“ ant⸗ wortete der Oberförſter, der ganz und gar nicht gewillt ſchien auf Friedensunterhandlungen einzugehen.„Bilden Sie ſich etwa ein, ich werde auf der Landſtraße ein kleines Drama aufführen, werde Sie ſegnen, umarmen, und eine rührende Rede halten, weil Sie meine Tochter gerettet ha⸗ ben? Nein, nein, laſſen Sie ſich dieſe Gedanken verge⸗ hen. Ich bin noch nicht ſo alt, daß ich mich nicht recht wohl der Zeit erinnern ſollte, wo ich ſelbſt jung geweſen; und was glauben Sie wohl, daß ich nicht da um ein ſol⸗ ches Abenteuer gegeben hätte? Cin ſo ſchönes Mädchen wie meine Alma aus den Ruinen von Albvaſtra zu retten, und zwar mitten unter Donner und Blitz— der Teufel ſoll mich holen, wenn ich mir ein größeres Glück denken kann. Um ein ſo herrliches Mädchen in meinen Armen forttra⸗ gen zu dürfen— hier leuchteten die Augen des lebhaften Man⸗ nes wie Karfunkeln, dafür wäre ich mit ihr gerne mitten durch die Hölle gelaufen.“ „Papa, Papa!“ flüſterte Alma, indem ſie den Alten am Rockſchoße zupfte.„Um Gottes willen, Papa!“ „Ei, ei, mein Lämmchen, mein holdes Blümchen, ſchweig Du nur und danke Gott, daß Du einen Vater haſt, welcher die Kunſt verſteht, ein ſiebenzehnjähriges Mäd⸗ chen zu bewachen! Aber— und hier wandte er ſich wie⸗ der gegen Karl Auguſt— ich muß meine Tochter jetzt nach Hauſe bringen. Noch einmal, ich wünſche Ihnen Glück zu Ihrem Abenteuer. Gehorſamſter Diener!“ Und bevor Karl Auguſt daran denken konnte, daß dieſe glücklichen Augenblicke verſchwinden ſollten, hatte der Oberförſter mit ſeiner Tochter am Arm den Weg nach ſeiner ganz nahen Wohnung eingeſchlagen. Karl Auguſt blieb einige Zeit gedankenvoll ſtehen, bis Alma den Kopf drehte und ihm einen leichten Gruß zuwarf, worauf auch er Verſchwand. Neuntes Kapitel. Zur Zeit, in welcher unſere kleire ählung ſpielt, hatte die Amtswohnun des Oberförna iam königlichen Park von Omberg nitröie einziges icaert und ſah bei weitem nicht ſo zierlich aus, wie jesligei des alten Waidmanns kräftiger Wille, ſein Ordn aauann und ſeine Jugendfriſche bekundeten ſich allenthalben naceän dem nied⸗ lichen Gärtchen an bis zu ſeinen eigenen Zimmern, welche die getreuſte Kopie der Grundzüge ſeines Charakters bil⸗. deten. Wenn man die geräumige Hausflur betrat, ſo hatte man links die Küche, die in dieſem Hauſe keine unbedeu⸗ tende Rolle ſpielte, rechts das Beſuchzimmer, und dem Ein⸗ gang gegenüber des Oberförſters eigene Zimmer, beſtehend in einem Vorſaal und einer gröͤßeren Stube, was ſein Alles in Allem war. Im Vorſaal hing eine große, ſchwarze Tafel, welche der Inſchrift zu Folge ein Gedächtnißmal für die hoch⸗ wichtige Thatſache bildete, daß eines Tags mehrere Mit⸗ glieder der königlichen Familie bei einem Beſuch auf dem Berge hier das Frühſtück eingenommen, nachdem ſie zuvor im Thiergarten mit allerhöchſten Händen ein Paar Dutzend Hirſche zu erlegen geruht hatten. Dieſe Tafel, welche,Ua Zeit ſeines Amtsvorfahrs das Staatszimmer geſchmückt haug war nunmehr hinter die Thüre des Vorzimmers verwieſen, und man hatte ihr mit knapper Noth das nöthige Plätz⸗ chen eingeräumt. Um ſo mehr Raum dagegen war einigen der Reihe nach hinter einander aufgehängten Hirſchgeweihen geſtattet, von denen der Oberförſter über jedes eine luſtige oder rüh⸗ rende Geſchichte aus ſeiner Jugend zu erzählen hatte. Merk⸗ würdig war, daß dieſer Mann, der zuweilen bei der erſten Bekanntſchaft rauh und abſtoßend erſchien, im Grunde ſeines Herzens der gemüthlichſte und gefühlvollſte Menſch war. So ko plötzlie wenn lich ſe vergeß ſchlo⸗ gleiche Thier 1222 einer und z0 und g⸗ aus S ſten W tatzen kühnen von u ſchrän der Ol dig hie fällig mit le bend n P ſelbſt, und d ausgen die J derlich taſche, horn, eingen kunter es alten nd ſeine m nied⸗ , welche ers bil⸗ em Ein⸗ eſtehend ein Alles welche ie hoch⸗ ere Mit⸗ auf dem ſie zuvor Dutzend elche, gan ickt hau erwieſen, ge Plätz⸗ er Reihe geſtattet, oder rüh⸗ . Merk⸗ der erſten de ſeines iſch war. .69 So konnte er zum Beiſpiel mitten in einer Jagdanekdote plötzlich abbrechen, weil er ſich erinnerte, wie der arme Hirſch, wenn er todesmatt in ſeinen Schmerzen da lag, ſo flehent⸗ lich ſeine Angen auf ihn richtet, daß er es nie mehr vergeſſ voch heut date er mit weicher Stimme, ſtattl er im Sumpfe lag und Kopf un ich winkte. Aber— ſo ſchlon ch— ich e nicht gern von der⸗ gleichen Da nes iſt mir immer ſchwer geworden ein Thier zu ſe⸗„ ſelbſt wenn es nur eine Elſter war.“ Doch wir tehren zur Beſchreibung der Zimmer zurück. Die rechte Wand dieſer Art von Vorſaal war mit einer Menge altmodiſcher Büchſen und Gewehre behangen, und zwiſchen dieſen blinkten und ſchimmerten aufs zierlichſte und geſchmackvollſte geordnet, Pulverhoͤrner, Jagdtaſchen aus Seehundsfell, Schrotbeutel und Vogelfedern. Im äußer⸗ ſten Winkel derſelben Wand ſtand aufrecht auf den Hinter⸗ tatzen ein ausgeſtopfter, großer Bär, zum Gedächtniß der kühnen Jugendthaten unſeres Jägers. Einige Jagdgeräthe von untergeordnetem Werth und etliche geringere Bücher⸗ ſchränke mit Romanen und dergleichen Lappalien, welche der Oberförſter eines Platzes im innern Zimmer nicht wür⸗ dig hielt, bedeckten die übrigen Wände. Die Möbel, ſchwer⸗ fällig und altmodiſch, beſtanden aus hochlehnigen Stühlen mit ledernen Ueberzügen und aus einem großen am Fenſter benden Tiſch, mit Töpfen bedeckt, in denen alle Arten n Pflanzen blühten. Wirr treten jetzt über die Schwelle in das Heiligthum ſelbſt, ein ſchönes, heiteres Zimmer. Zwiſchen dem Ofen und dem Bett prangte eine kleine Anzahl von Büchſen ausgewählteren Schlags, und mitten unter ihnen wieder die Jagdtaſchen und Pulverhörner, welche ſich ganz abſon⸗ derlicher Gunſt zu erfreuen ſchienen, desgleichen eine Reiſe⸗ taſche, ein Tubus, zwei Mützen, ein Knotenſtock, ein Jagd⸗ horn, ein Paar Piſtolen und etliche Peitſchen. Der Un⸗ eingeweihte hätte vielleicht dieſe Zuſammenſtellung ziemlich kunterbunt gefunden, aber wer die täglichen Gewohnheiten 70 des Beſitzers kannte, der wußte, daß jede dieſer Sachen ſeine Liebhaberei und ſeinen Bedürfniſſen gemäß ihren be⸗ ſtimmten Platz hatte, und zwar heute denſelben wie geſtern, geſtern denſelben wie vor vierzig Jahren. Gerade gegen⸗ uͤber, auf der andern Seite des Ofens, hingen einige merk⸗ würdige Stücke nebſt der Pfeifengallerie. Der Arbeitstiſch am einen Fenſter und das große Geſtell mit den über⸗ ſchriebenen Fächern für jeden beſondern Aktenbund, zeich⸗ neten ſich durch eine Sauberkeit und Reinheit aus, wie man ſie bei alten Herrn nur ſelten findet. Auf dem Pult⸗ tiſche am andern Fenſter lagen nebeneinander ſämmtliche Erzeugniſſe der neuſten Literatur, Bücher und Broſchüren, und dieſe alle hatten ihre feſtgeſetzte Liegezeit. Nach Ver⸗ lauf dieſer voraus beſtimmten Friſt— Gott weiß, viel⸗ leicht ſogar auf den Glockenſchlag hin— wurden dieſelben entweder in das äußere Zimmer zu dem„Romankrame“ gebracht, oder aber in der zierlichen Bibliothek eingereiht, die eine gute Sammlung von Werken aus allerlei Fächern enthielt; der Oberförſter war ein kenntnißreicher Mann, der mit ſeiner Zeit gleichen Schritt hielt und ſich geſchämt haben würde, zumal über die Schriftſteller ſeines eigenen Landes, vom größten Namen herab bis auf den unbedeu⸗ tendſten, eine Auskunft ſchuldig zu bleiben. Auf einem kleinen Tiſche vor dem weichen Sopha— der alte Herr liebte ſeine Bequemlichkeit— lagen die Zeitungen, mit Hülfe deren er bei ſeinem Mittagſchläfchen über die Tages⸗ neuigkeiten träumte, die ihm immer viele Unterhaltung ge⸗ währten. Ueber dem Sopha hing ein Gemälde, das dem Alten über alles theuer war. Es war eine ſchöne Frau im leich⸗ teſten Morgengewande und in dem Augenblick, wo ſie ihr Strumpfband umlegt. Der Oberförſter, der in ſeiner Ju⸗ gend ein großer Verehrer des ſchönen Geſchlechtes geweſen und es noch immer war, hatte— ſo erzählte er ſeinen vertrauten Freunden— erſt vor einigen Jahren im Bade Medevi eine Dame geſehen, welche ihn dermaßen entzückte, daß er einen anweſenden Künſtler veranlaßte ſie heimlich zu me ſelbſt hängt der g zu m gleich Ja d ob m derlich tig de ſcheln C heirat er nie ſeit z dieſe liche hande ihrer nur i glückl ſtens hätte der C —— 71 achen zu malen, aber in einer leichten Stellung, die der Maler en be⸗ ſelbſt wählen ſollte.„Das Bild hing da wo es noch jetzt geſtern, hängt,“ ſagte der Greis, als ein Jahr ſpäter der Mann gegen⸗ der gemalten Schönen bei einem Beſuch auf dem Berge merk⸗ zu mir hereinkam. Der Teufel, wie das meiner Frau itstiſch gleicht! rief er beim erſten Blick auf das Gemälde.— über⸗ Ja das mag leicht ſein, antwortete ich.— Ich weiß nicht, zeich⸗ ob meinem Gaſte dieſe Verehrung für ſeine Chehälfte ſon⸗ 8 wie derlich ge fiel. So ſprechend ſtrich ſich der Alte gleichgül⸗ i Pult⸗ tig das Kinn, aber in ſeinem ſchwarzen Auge funkelte ein mtliche ſchelmiſcher Ausdruck.. ſchüren, Der Oberförſter hatte erſt im vorgerückten Alter ge⸗ Ver⸗ heirathet, aber da eine ſo glückliche Wahl getroffen, daß 5 viel⸗ er nie fhörte, ſeine ſelige Frau zu betrauern, die jetzt ieſelben ſeit zwei Jahren im Gr rabe tuhte, Sie verdiente abere auch ckrame dieſe Anhänglichkeit für die Zärtlichkeit und ußerordent⸗ ggereiht, liche Feinheit. Boomif ſie ſeine Eigenthümlichkeiten zu be⸗ Fächern har ndeln gewußt, ſo wie für den guten Takt, womit ſie Mann, ihrer eigenen Manur Zwang anthat und alles aufbot, um geſchämt nur ihrem Manne zu gefallen; denn dieſer hätte ſich nie eigenen glücklich h gefühlt mit einer Frau, welche ihm nicht wenig⸗ ipbedeu⸗ ſtens fünf oder ſechsmal des Tags Gelegenbeit gegeben hätte zu disputiren und ſich zu ärgern.„Die Ungleichheit der Charaktere iſt es, was die Harmonie der Ehe bildet!“ ſo lautete der Grundſatz des Oberförſters. Eine jetzt ſchon allgemein bekannte Anekdote wurde über ihn in Umlauf geſetzt. Als nämlich der fünfund⸗ zwanzigſte Jahrestag ihrer Vermählung herannahte, und die Alte den Wunſch äußerte, ihre ſilberne Hochzeit zu feiern, da ſoll der Oberförſter geantwortet haben:„Ach nein, Mütterchen, laß uns noch fünf Jahre warten, dann feiern wir den dr eißigjährigen Krieg.„ Aber die vortreff⸗ geweſen liche: F rau ſollte ihre ſilberne Hochzeit nicht feiern und e ſeinen noch weniger den dreißigjährigen Krieg: ſie ſtarb im vier⸗ m Bade undzwanzigſten Jahre ihrer Ehe, und der Alte grämte ſich dor dermaßen um ſie, daß er im erſten Jahre nur noch einem Schatten glich. Als jedoch das Wittwerjahr zu Ende ging, f einem lte Herr en, mit Tages⸗ ung ge⸗ em Alten m leich⸗ ſie ihr ner Ju⸗ entzückte, heimlich 72² hatte er ſeinen Gram überwunden und ſeine volle Kraft wieder gefunden; wenn er jetzt noch auf ſeinen einſamen Wanderungen in den Wäldern dann und wann eine Sehn⸗ ſucht nach ſeiner Marie empfand, ſo ſprach er gleichwohl faſt nie mehr von ihr, außer um über die Unordnung zu klagen, die in Folge ihres Todes entſtanden ſei. Der Oberförſter, dem es nicht an richtiger Selbſt⸗ beurtheilung fehlte, ſah bald ein, daß er durchaus einer weiblichen Geſellſchaft, einer Verwalterin ſeines Hauſes bedurfte, nicht etwa, um ſeine ſelige Marie zu erſetzen— das konnte Niemand— nein, er mußte ein Frauenzimmer haben, das Talent und Takt genug beſäße, um einem Haus vorzuſtehen, über welches ein Mann ſeines Schlags das Kommando führte. Obſchon ſein Augapfel Alma damals das Hausweſen ſchon hätte führen können, ſo war doch der Oberförſter hiemit nicht zufrieden. Er konnte ja das weichherzige Mädchen, wie er ſie ſelbſt nannte, niemals barſch anfahren und that er dies doch zuweilen, wenn ſie etwa die Zeit verſäumte— ſo ziemlich das ſchwerſte Verbrechen, das in des Oberförſters Haus begangen werden konnte, wo eben zur Vermeidung dieſer Todſünde alle Zimmer mit Uhren verſehen waren, welche der alte Herr ſelbſt regel⸗ mäßig aufzog— ſo bereute er dies ſogleich wieder, und was das Allerſchlimmſte war, das Mädchen konnte deutlich genug ſehen, welche Gewalt es über ihn beſaß. „Gieß Du Deine Blumen und backe Deine Pfeffer⸗ kuchen, mein holdes Täubchen!“ ſagte er zu Alma. Aber hier muß ich eine Perſon haben, welche nicht beim erſten Wort, das mir im Baßtone entfährt, zuſammenſchrickt.“ Und nun ſuchte der Oberförſter landaus und landein, bis ihm endlich ein altes Fraulein vorgeſchlagen wurde, wel⸗ ches fünfzehn volle Jahre der Haushaltung eines andern Wittwers vorgeſtanden hatte. Fräulein Neta war weit und breit berühmt durch ihre Geſchicklichkeit in den weiblichen Arbeiten, ja ſie ſcheute ſich ſogar vor Männergeſchäften nicht, denn ſie konnte im Nothf Arm dies 9 ¹geben. Eigen wie ſi pflegte herumt wohl; größter nicht z falls Fertig troffen Geläch ſogleich A heiten, ſtatt. zwiſche Letztere Kraft nſamen Sehn⸗ chwohl ung zu Selbſt⸗ s einer Hauſes tzen— zimmer einem Schlags us zeſen herz zige nfahren die Zeit n, das te, wo mer mit ſt regel⸗ r, und deutlich Pfeffer⸗ a. Aber in erſten chrickt.“ tin, bis e, wel⸗ andern t durch e ſcheute unte im 8 73 Nothfall ein Pferd ſatteln und aufſchirren, konnte ihren Arm voll Holz ſpalten und wacker die Senſe ſchwingen— dies Alles nur, um den faulen Mägden ein Beiſpiel zu geben. Aber da ſie auch die ganze Vortrefflichkeit ihrer Cigenſchaften gebührend zu ſchätzen wußte, ſo war ſie, wie ſie ſich in höchſt glaubwürdigem Tone auszudrücken pflegte, ganz und gar nicht geneigt, ſich auf der Naſe herumtanzen zu laſſen: ſie tußt⸗ jeder Zeit ihre Würde wohl zu wahren, und ſelbſt der Oberförſter, wenn er im größten Aerger ſeine Luftſprünge machte, vermochte ſie nicht zu ſchrecken, denn Fräulein Neta ſprang dann gleich⸗ falls in die Höhe, und zwar mit ſolcher Kraft und Fertigkeit, daß der Alte entweder voll Verdruß ſich über⸗ troffen zu ſehen, davon lief, oder auch in ein ſchallendes Gelächter ausbrach, worauf dann Fräulein Neta wieder ſogleich gut war. Aber dergleichen Ausbrüche gehörten zu den Selten⸗ heiten, und fanden nur nach außerordentlichen Disputen ſtatt. Gerade hierin zeigte ſich der eigentliche Unterſchied zwiſchen Fräulein Neta und der ſeligen Frau Oberförſterin. Letztere führte einen Streit mit Takt in Maß, blos um ihren Mann zu unterhalten, und ſie wußte der Sache immer auf die eine oder andere Art ein Ende zu machen, bevor der Siedepunkt erreicht war. Fräulein Neta dagegen zankte ſich leidenſchaftlich und meinte keinem Menſchen auf der Welt nachgeben zu müſſen. .... Doch wir kehren zu unſerer Erzählung zurück und zu dem Tag, wo Karl Auguſt ſein Abenteuer in den Ruinen von Alvaſtra beſtand. Der Oberförſter kam von ſeinem Nachmittagsſpazier⸗ gang im Thiergarten wegen des drohenden Gewitters etwas früher als gewöhnlich zurück und erfuhr da, daß Alma vor einigen Stunden nach den Ruinen gegangen ſei. „Zum Henker!“ rief er voll Aerger darüber, ſeinen Liebling dem Unwetter bloßgeſtellt zu wiſſen,„zum Henker, was für ein Unglück iſt es doch, wenn man ſeine Frau verloren hat! Eine Mutter häͤtte das Mädchen nicht aus⸗ 74 gehen laſſen, wenn die Luft ſo dick und ſchwül iſt, daß jeder Menſch mit nur vier Sinnen einſehen muß, was zu erwarten ſteht!“ Dieſe Worte wurden in der Küche geſprochen und an Fräulein Neta gerichtet, die eben am Heerde ſtand und eine Heidelbeercreme bereitete. Fräulein Neta nahm die Anrede höchſt ungnädig auf, wurde roth und blau vor Zorn und antwortete in ſehr biſſigem Ton:„ein Mädchen wie Alma, das bereits achtzehn Jahre auf dem Rücken habe, ſollte wahrhaftig ſelbſt wiſſen, was ſie zu thun und zu laſſen habe. Im Uebrigen ſei Fräulein Neta kein Wetterprophet und habe ſich auch nicht verpflichtet, die Dienſte eines Barometers zu verſehen.“ „Und doch ſind Sie nichts anderes,“ verſetzte der Oberförſter, indem er mit der Pfeife in der Luft herum⸗ ſocht,“ ja Sie ſind weiter nichts als ein Barometer. Haben Sie nicht Ihre verdammte Gicht, Ihre Rheuma⸗ tismen und wie die Wetterpropheten alle heißen?“ „Ja, die habe ich freilich hier bekommen,“ belferte Fräulein Neta und ſchleuderte den Schaumlöffel von ſich. Hier in dieſem Hauſe, wo beſtändig ein Zug geht, daß keine Chriſtenſeele es aushalten kann. Jedenfalls aber ſollte Jemand hinaus und Alma aufſuchen: das arme Kind iſt wahrſcheinlich ſehr erſchrocken; ſie iſt noch gar zu zimperlich.“ „Ja, das iſt wahr,“ murmelte der Oberförſter und ſteuerte mit dem Schirm unter dem Arm nach dem Kloſter zu. Die Lage, worin er ſeine Alma fand, und der An⸗ blick ihres jugendlichen Begleiters waren die Urſache ſeiner Barſchheit gegen Karl Auguſt. Der Alte hatte bis jetzt alles gethan, um alle junge Herrn von ſeinem Hauſe ent⸗ fernt zu halten; denn ſein Lieblingsgedanke war, das 71 Mädchen mit einem alten reichen Major zu verheirathen, in deſſen redlichem, ihm wohlbekanntem Charakter er eine zuverläßigere Bürgſchaft für Almas Glück erblickte, als in allen Schwüren und Verſicherungen eines jungen Mannes⸗ Die Liebe, ſagte der Oberförſter oft zu ſich ſelbſt und zu Fräule die Li bloßer das iſt dieſe( gedeihe es, d den C daß m und G der O Wagen nach 4 den Re G 1 Schutz Angſt darauf „ wortete weiſer und an nd und ehm die au vor Nädchen Rücken hhun und ta kein et, die zte der herum⸗ cometer. cheuma⸗ belferte on ſich. ht, daß Uls aber s arme h gar zu auſe ent⸗ ar, das heirathen, er eine e, als in Mannes. t und zu 75 Fräulein Neta, die auch ſeine Vaterſorgen theilen durfte, die Liebe iſt wie ein Glas Champagner— nichts als bloßer Schaum; aber Freundſchaft, Achtung und Treue, das iſt der wahre Lebensſaft, und die Ehe, die ſich auf dieſe Eigenſchaften begründet, wird jederzeit blühen und gedeihen, vorausgeſetzt nämlich— dieſer Vorbehalt war es, der den Oberförſter veranlaßte, allen jungen Leuten den Eintritt in ſein Haus zu verwehren— vorausgeſetzt, daß man nicht zum Voraus an dem ſüßen Tranke genippt und Geſchmack gefunden hat. „Nun, was war denn das für ein Spektakel?“ fragte der Oberförſter, als er ſpäter gegen Abend auf einem Wagen, den er auf einem Bauernhofe gemiethet, mit Alma nach Hauſe fuhr,—„Du warſt doch nicht mit ihm in den Ruinen zuſammen?“ „Doch, Papa, aber nicht lange. Er hatte gleichfalls Schutz dort geſucht, und als er mich erblickte und meine Angſt bemerkte, kam er ganz höflich auf mich zu. Gleich darauf ſchlug der Blitz ein— mehr weiß ich nicht.“ „Es iſt auch nicht nöthig, mehr zu wiſſen,“ ant⸗ wortete der Oberförſter beruhigt.„Aber es war ein naſe⸗ weiſer Burſche.“ „Ach, nein, Papa, das war er nicht!“ wagte Alma zum erſten Mal ihrem Vater zu widerſprechen. „Was ſagſt Du?“ rief der Alte und warf ſeiner Tochter ein Paar funkelnde Blicke zu. Aber Alma hatte bereits allen Muth zu weiterer Gegenwehr verloren. Gleichwohl beſaß ſie noch eine Waffe: „mir iſt ſo übel,“ ſagte ſie,„ich friere!“ „Du armes Kind!“ Und zärtlich ſchlug er den einen Arm um Almas Leib, während er mit dem andern das Pferd antrieb. Aber jetzt da der Regen fortwährend heftig herabſtrömte, zeigte ſich glücklicher Weiſe ein Engel des Troſtes, und zwar in der leibhaftigen Geſtalt von Fräulein Neta, die auf dem Bock eines kleinen bedeckten Wagen ſaß und ihnen entgegeneilte. Schon von Ferne, ſobald ſie 76 einander erkannten, gaben ſich Fräulein Neta und der Oberförſter durch Winke zu verſtehen, daß alles gut ſei. Alma wurde in den Wagen gebracht. Nun aber entſtand ein gewaltiger Kampf um den Bock. Fräulein Neta, die eine wahre Leidenſchaft für das Fahren hatte und ſich in Beziehung auf Geſchicklich⸗ keit hierin mit jedem Kavallerielieutenant meſſen durfte, verlangte durchaus die Zügel beizubehalten. Dem Ober⸗ förſter dagegen verbot ſein point d'honneur ſich in den Wagen zu ſetzen und von einem Frauenzimmer fortſchaffen zu laſſen, gleich als wäre er ein lebloſer Gegenſtand, eine Waare, mit Einem Wort etwas ganz anderes, als der Oberförſter Bruſe. Da keines von beiden nachgeben wollte, ſo machte der Oberförſter dem Streit dadurch ein Ende, daß er ſeine ganze Kraft zuſammennahm und Fräulein Neta ohne weitere Umſtände in den Wagen hob, worauf er ſich der Zügel bemächtigte, auf den Bock ſprang und davon fuhr. Lange brummte das Fräulein über dieſe unverdiente Ein⸗ ſperrung und wollte ſich nicht zufrieden geben; aber Almas zärtliche Worte ſtimmten endlich Tante Neta, wie das Mädchen ſie nannte, zur Verſöhnlichkeit. Heiter und wohlgemuth kam die Geſellſchaft nach Hauſe, wo Alma, nachdem ſie von ihrem kleinen vierbeinigen Günſtling mit großer Freude und luſtigen Sprüngen begrüßt worden war und ſeine Liebkoſungen freundlich mit ihrer weißen Hand erwiedert hatte, ſich bald auf ihr Stübchen und in ihr Bett begab. Während der Oberförſter ſich umkleidete und Tante Neta Fliederthee kochte, dachte Alma in ihrer Einſamkeit an nichts anderes, als an den Fremdling und an ſein Auftreten in den Ruinen, gerade in dem Augenblick, da ſie vor Kummer und Angſt zu vergehen glaubte und nichts ſehnlicher wünſchte, als die Geſellſchaft eines Menſchen. Zwar ſuchte Almas Zartgefühl die Erinnerung an die ſchöne Geſtalt des jungen Mannes und an die feine Art und Weiſe, wie er ſie angeredet, von ſich abzuweh⸗ ren, und ſie wollte in ihm nur ihren Retter erblicken; aber der ih ſchmer dankbe hielt ein eit Dank ſen Al gefahr unbeſch ſie ſah ihr die im Re Regen ſie den hielt. A was v ſein. worauf ng und Almas Nädchen ith kam ſie von Freude d ſeine rwiedert begab. d Tante nſamkeit an ſein lick, da d nichts kenſchen. an die die feine abzuweh⸗ rblicken; te Ein⸗ 77 aber wenn ſie ihres Vaters Benehmen gegen einen Mann, der ihr einen ſo großen Dienſt geleiſtet, überdachte, da ſchmerzte ſie tief der Gedanke, wie dieſer eine ſolche Un⸗ dankbarkeit aufnehmen müſſe, und ſie wünſchte ſehnlich, hielt aber dieſen Wunſch für durchaus unerreichbar, nur ein einziges Mal Gelegenheit zu finden, ihm ſelbſt ihren Dank abzuſtatten. Nach dieſer Einleitung begann Alma nachzuſinnen, wo in der Gegend der Fremdling ſich wohl aufhalten möge. War er zu Lande gekommen und hatte nur im Vorbeirei⸗ ſen Alvaſtra beſucht, oder war er über den See herüber⸗ gefahren und hielt ſich noch immer in Häſtholm auf! Wie unbeſchreiblich gerne hätte nicht Alma das erfahren! Aber ſie ſah kein Mittel, ihre Neugirde zu befriedigen, und da ihr die Wirklichkeit keinen Troſt gewährte, ſo ſuchte ſie ſich im Reiche der Einbildungskraft ſchadlos zu halten. „Liebe, gute Alma, weißt Du auch, wer mitten im Regen hieher gekommen iſt?“ fragte Tante Neta, indem ſie dem guten Mädchen eine Taſſe Fliederthee an die Lippen hielt.„Rath einmal.“ Aber Alma getraute ſich nicht zu rathen. Nach dem was vorgefallen war, konnte es der fremde Jüngling nicht ſein. Aber warum ſah die Tante ſo vergnügt aus? „Ei, wie, kannſt Du es nicht errathen, Du kleiner Schelm? Doch ich ſeh' Dir's an, Du weißt ſchon, wen ich meine.“ „Nein, ganz gewiß nicht.“ „Ja, ganz gewiß, ſage ich— trink jetzt nur aus und vernimm alſo, daß der Major in eigener Perſon hier iſt.“ „Der Major?“ wiederholte Alma langſam und nichts weniger als entzückt.„So, ſo, der Major?“ „Verſtell' Dich nur nicht ſo, meine Liebe! als ob Du nicht ſehr vergnügt ſein müßteſt, wenn der Major kommt? Er, der ſtattlichſte Mann im Lande, vielleicht noch ſtatt⸗ licher als der Köͤnig ſelbſt.“ „Der Major iſt allerdings nicht übel, aber was ſoll 78 ich denn merkwürdiges darin erblicken, daß er hieher kommt? Er war ja in der letzten Woche auch hier. „Um ſo merkwürdiger iſt es, daß er jetzt ſchon wie⸗ der erſcheint. Wer ſo oft in ein Haus kommt, der muß ſeine beſtimmten Abſichten haben.“ „Sie werden doch nicht ſagen wollen, daß er mir zu Liebe kommt?“ „Biſt Du von Sinnen, Mädchen? Wem ſollte er denn ſonſt zu Liebe kommen? Im Fall Du noch einige Zweifel haben ſollteſt, ſo verſichere ich Dich hiemit auf's Beſtimmteſte, daß er einzig und allein Deinetwegen da iſt, und daß Du, wenn ich anders Augen im Kopfe be⸗ ſitze, ſeine Abſichten bald aus ſeinem eigenen Munde ver⸗ nehmen wirſt.“ Alma wollte eben ausrufen:„Gott bewahre mich da⸗ vor!“ Aber der Gedanke an Fräulein Neta's ziemlich aus⸗ gebildete Neigung zur Plauderhaftigkeit verſchloß ihr den Mund. Ein ſolcher Ausdruck, dachte ſie, würde ſogleich ihrem Vater hinterbracht werden, and ihr Vater würde, wenn er auch bisher nicht daran gedacht hätte— denn daß es bei ihm nicht blos zum Gedanken, ſondern ſogar ſchon zum feſten Entſchluſſe gekommen war, wußte Alma nicht— die Sache dann nur mit um ſo groͤßerem Eifer ergreifen und von einer höchſt vortheilhaften Seite anſehen. Sie rief alſo ihr bischen Weiberliſt zu Hülfe und erwie⸗ derte blos,„ſte werde niemals glauben, daß ein ſo unbe⸗ deutendes Mädchen wie ſie, die Aufmerkſamkeit des Majors angezogen habe.“. 4 Vergnügt über eine Antwort, die einer ſittſamen Jung⸗ frau ſo wohl anſtand, begab ſich Tante Neta nach ihrer Küche. 3 den Major nicht.“——— Aber Alma dachte:„Den Major nicht— nein, nein, ) 32 wande Häſthe in und ſeiner Auguſt ihn au derſeher Geſicht des alt Im Ue zuſehen tig noc nieren ten Alt Welt ſi holm z möglich men, a einem„ ſprang renden mein J empfang . Behntes Kapitel. muß Während dies in der Oberförſterwohnung vorging, mir zu wanderte Karl Auguſt mehr träumend als wachend nach Häſtholm zurück. Almas Bild umſchwebte ihn nicht mehr 4 llte er in unklaren Umriſſen, ſondern ſtand feſt und deutlich vor einige ſeiner Seele. Des Vaters ſonderbares, und wie Karl t auf's Auguſt es mit Recht anſah, grobes Benehmen, beunruhigte ßen da ihn aus keinem andern Grunde, als weil es ihm das Wie⸗ pfe be⸗ derſehen der Tochter erſchweren mußte, und aus dieſem de ver⸗ Geſichtspunkte that es ihm herzlich leid, ſich die Ungunſt des alten Herrn in ſo hohem Grade zugezogen zu haben. tich da⸗ Im Uebrigen hatte Karl Auguſt Verſtand genug, um ein⸗ ſch aus⸗ zuſehen, daß ein Mann wie der Oberförſter weder bösar⸗ iihr den tig noch ungebildet ſei, ſondern blos ſeine beſondere Ma⸗ ſogleich nieren habe: er hielt ihn für einen brausköpfigen, lebhaf⸗ würde, ten Alten, der es gern geſehen hätte, wenn die ganze — denn Welt ſich vor ſeinem Willen beugte. n ſogar Feſt entſchloſſen, jedenfalls ein Paar Tage in Häſt⸗ e Alma holm zu bleiben, richtete ſich Karl Auguſt ſo gut als n Eifer moͤglich ein. Er wollte eben ſein Schreibzeug hervorneh⸗ anſehen. men, als er durch das Fenſter hindurch einen Jungen mit erwie⸗ einem Briefe in der Hand erblickte. In freudiger Ahnung o unbe⸗ ſprang er auf den Hof hinaus, wo der Bote eben nach 6 Majors dem fremden Herrn fragte. „Ja, der Brief iſt an mich!“ ſagte Karl Auguſt, n Jung⸗ als er die Ueberſchrift geleſen hatte: S. T. An den fah⸗ ch ihrer renden Ritter von den Ruinen.„Warte einen Augenblick, 3 mein Junge!“ fügte er hinzu und eilte mit dem unverhofft n, nein, empfangenen Brief ins Zimmer hinein, voll Begierde, zu erfahren, ob derſelbe wohl eine Entſchuldigung oder einen weiteren Glückwunſch enthalte. Das Siegel ſprang und Karl Auguſt überflog folgende Zeilen: „Da ich nicht weiß, wem ich zu ſchreiben die Ehre habe, 80 ſo müſſen Sie ſich ſchon mit der Aufſchrift S. T. begnü⸗ gen. Die Abſicht meines Billets iſt, Sie, für den Fall, daß Sie morgen noch in der Gegend bleiben, zu erſuchen, meinen beſcheidenen Mittagstiſch mit Ihrer Gegenwart be⸗ hehren zu wollen. Ich ſpeiſe Schlag zwei Uhr, und nach Tiſch werde ich mir bei günſtigem Wetter das Vergnügen machen, Ihnen die Merkwürdigkeiten der Gegend zu zeigen. Nils Bruſe.“ Obſchon nun dies weder eine Entſchuldigung noch ein Glückwunſch genannt werden konnte, ſo wünſchte ſich doch Karl Auguſt von ganzem Herzen Glück, und war der An⸗ ſicht, ein ſolcher Brief von einem ſolchen Manne könne ſehr wohl als eine förmliche Entſchuldigung betrachtet wer⸗ den. Für jetzt aber mußte er ſeine Freude bezähmen und auf eine Antwort denken. Wie ſollte er dieſe ſtiliſiren, oder genügte vielleicht eine mündliche Antwort? Nein, das ging nicht an, er mußte ſchreiben. Zum erſten Mal in ſeinem Leben war Karl Auguſt verlegen, weil er keinen Titel beſaß.„Karl Auguſt Kemner,“ das lautete gar zu klanglos, denn der Oberförſter konnte unmöglich wiſſen, daß ein Hammerwerk und zwanzig Bauernhöfe dieſem Na⸗ men Gewicht verliehen. Um ſich daher in einigen Kredit zu ſetzen, beſchloß er, den Titel ſeines Vaters anzunehmen; damit war der Sache abgeholfen: Hüttenbeſitzer Kemner lautete offenbar gar nicht übel, und obſchon Karl Auguſt über dieſe Art von Titelſucht erröthete, ſo ließ er es gleich⸗ wohl dabei bewenden. Das Hammerwerk mußte ja jeden⸗ falls auf ihn übergehen. Seine Antwort lautete alſo wie folgt: „Da ich mich eine ganze Woche in dieſer Gegend aufzuhalten gedenke, ſo nehme ich Ihre gütige Einladung mit dem verbindlichſten Danke an, und werde mit dem größten Vergnügen die Chre haben, mich einzufinden. Karl Auguſt Kemner, Hüttenbeſitzer. A bringen ladungs Reichst Banko lich, w N ſuchte ſ zu vert nicht m in noch er eine I len Ku titels, d der Obe war, a hätte K gen des darum ihm beſt Karl A Zi Vorthei ſchlumn wendete Uhr beg den W Al kam, öf Eden u eines L Zimmen zuer Befürch Die B begnü⸗ Fall, ſuchen, irt be⸗ d nach gnügen och ein ch doch der An⸗ 2 könne tet wer⸗ nen und liſiren, ein, das Mal in r keinen gar zu wiſſen, ſem Na⸗ n Kredit nehmen; Kemner Auguſt s gleich⸗ ia jeden⸗ alſo wie Gegend Sinladung mit dem inden. ſemner, 81 Außer dieſem Billet erhielt der Bote, welcher es über⸗ bringen ſollte, oder richtiger geſagt, welcher das Ein⸗ ladungsſchreiben überbracht hatte, ein Trinkgeld von zwei Reichsthalern Banko, und aus dieſen zwei Reichsthalern Banko erſah, in Parentheſe geſagt, der Oberförſter deut⸗ lich, wie viel Uhr es war. Nachdem die wichtige Botſchaft abgegangen war, ſuchte ſich Karl Auguſt mit allerlei Betrachtungen die Zeit zu vertreiben; von einem Brief an ſeine Eltern konnte jetzt nicht mehr die Rede ſein; aber er fand keine Ruhe weder in noch außer dem Hauſe: niemals in ſeinem Leben hatte er eine ſo ſpannende Aufregung empfunden. In der Nacht konnte er nicht ſchlafen und hatte vie⸗ len Kummer wegen ſeines angenommenen Hüttenbeſitzer⸗ titels, der ihm Unannehmlichkeiten zuziehen konnte, im Fall der Oberförſter, was ganz und gar nicht unwahrſcheinlich war, allerlei kitzliche Fragen an ihn richtete. Ach, was hätte Karl Auguſt, er, der den umſtändlichen Abhandlun⸗ gen des Vaters ſo oft ſein Ohr verſchloſſen hatte, nicht darum gegeben, wenn er ſich nur dieſe Nacht hätte mit ihm beſprechen können! Herr Kemner würde jetzt in ſeinem Karl Auguſt den aufmerkſamſten Zuhörer gefunden haben. Dieſe ruheloſe Nacht brachte ihm wenigſtens den Vortheil, daß er ſich den Vormittag durch einen Morgen⸗ ſchlummer verkürzen konnte. Den Reſt ſeiner Zeit ver⸗ wendete er auf eine ſorgfältige Toilette, und Schlag ein Uhr begab er ſich im ſchönſten Fuhrwerk des Wirthes auf den Weg.* Als er an das Gitterthor vor dem Oberförſterhauſe kam, öffnete Karl Auguſt den Eingang zu ſeinem erſehnten Eden und betrat die Allee mit den vorſichtigen Schritten eines Liebhabers, der ſich über die Hausflur nach dem Zimmer der Geliebten ſchleicht. Er wünſchte und fürchtete zugleich, daf Almg ihm zuerſt in den Weg kommen möchte. Aber Wünſche und Befürchtungen waren gleich vergebens. Der Oberförſter Die Braut auf dem Omberg. 6 8² ſelbſt ſtand in eleganter Toilette vor der Hausthüre und empfing ihn heiter mit einer höflichen Verbeugung. „Ihr Diener, Herr Hüttenbeſitzer, willkommen auf Hausmannskoſt! Ich weiß nicht, was Fräulein Neta— das iſt nämlich mein Hausdrache... meine Hausver⸗ walterin wollte ich ſagen, uns Koſtbares beſcheren wird; aber ſo viel kann ich zum Voraus ſagen, daß ſie des Guten nie zu viel thut.“ „Die einfachſte Koſt,“ verſicherte Karl Auguſt, indem er dem Oberförſter die Hand ſchüttelte,„iſt mir immer die liebſte; ich bin kein großer Freund der Tafelfreuden.“ „Aha, dann halten Sie um ſo mehr auf andere Freuden, nicht wahr? Ja, ja, ich kenne die jungen Herren unſerer Tage. Aber treten Sie gefälligſt ein: es iſt Jemand innen, der Ihnen für Ihr geſtriges Benehmen herzlich danken möchte.“ Karl Auguſt fühlte, daß ſein Blut heftig durch ſeine Adern rauſchte. Ach, wie ſie wohl ausſah, die bezaubernde Alma! Ob ſie ihm wohl ſchüchtern und verlegen, oder aber mit freudig und offenem Blicke entgegen kam? Er ſelbſt wagte kaum aufzuſchauen, während er ſeinem Wirth in das Beſuchzimmer folgte. Es war ihm unmoͤg⸗ lich, irgend einen Gegenſtand zu unterſcheiden.„Hütten⸗ beſitzer Kemner“ ſtellte ihn der Oberförſter vor. Jetzt erſt faßte Karl Auguſt Muth und ſchlug ſeine Augen auff erröthete aber und wurde unbeſchreiblich verlegen, als nicht Alma, ſondern ein großer, ſtattlicher Mann ihm treuherzig die Hand entgegenſtreckte, während des Oberförſters weitere Rede:„Major Kling, mein Nachbar, und intimer Freund!“ nur unklar um ſeine Ohren ſummte. „Es freut mich unendlich,“ ſagte der Major mit dem wohlwollendſten Ausdruck,„Ihnen ſagen zu können, daß ich den wärmſten Antheil an der Dankbarkeit nehme, welche mein Freund gewiß bereits gegen Sie ausgeſprochen hat.“ „Schon gut, ſchon gut,“ fiel der Oberförſter ein, „wir wollen von dem ferndigen Schnee nicht mehr ſprechen, und nicht allzu lange beim nämlichen Gegenſtand verbleihen. Ich h Vater Paar ein G ſchon herauf Die E thum u daß de übergel der gr immer Jungen Dirnch ſie noc ſieber um die ausver⸗ wird; ſie des indem mer die n.“ andere jungen ein: es nehmen tch ſeine ubernde , oder 2 6 ſeinem unmoͤg⸗ Hütten⸗ . Jetzt gen auf, als nicht reuherzig weitere rreund!“ mit dem en, daß , welche en hat.“ ſter ein, ſprechen, rbleiben. 83 Ich habe geſtern Abend unter vier Augen mit dem alten Vater dort oben— dabei blickte er himmelwärts— ein Paar Worte geſprochen, und nun wollen wir über Tiſch ein Glas mit einander trinken: Ich habe Fräulein Neta ſchon geſagt, daß ſie uns eine Flaſche alten Madeira heraufholen ſoll.“ „Unſer guter Wirth hat ſeine kleinen Eigenheiten,“ ſagte der Major zu Karl Auguſt,„aber wenn Sie ihn ſo genau kennen würden, wie ich...“ „Nichts da, nichts da!“ fiel der Oberförſter ein, indem er lebhaft mit dem Kopfe nickte,„der Wirth bedarf ganz und gar keiner Entſchuldigungen; meinſt Du denn, Major, daß er dies nicht ſelber beſorgen könnte, wenn er es für nöthig hielte? Nun, Herr Kemner, was für gute Waaren werden in Ihren Werken zu Tage gefördert? „Eiſen, Herr Oberförſter.“ „Das laſſe ich mir gefallen— und wo liegen Ihre Werke?“ „In Südermannland. Dort wohnen auch meine Eltern. Die Eiſenwerke ſind ſchon ſeit mehreren Generationen Eigen⸗ thum unſerer Familie, und ich wünſche nichts ſehnlicher, als daß der Zeitpunkt, wo ſie vollſtändig in meinen Beſitz übergehen ſollen, noch recht fern ſein möge.“ „Dieſer Wunſch iſt nicht mehr als billig. Sind Sie das einzige Kind?“ 4„Ja, ich bin von vier Geſchwiſtern allein noch am Leben.“ „Gerade ſo verhält es ſich mit meiner Tochter. Meine ſelige Frau, das vortrefflichſte Weib, welches die Erde getragen hat, ſchenkte mir vier Mädchen. Dies war auch der größte Aerger, den ſie mir verurſachte. Ich ſagte immer zu ihr, daß ich keine Mädchen wolle, ſondern einen Jungen; aber ſie war eigenſinnig und ich mußte mit lauter Dirnchen vorlieb nehmen. Nun ich wäre froh, wenn ich ſie noch alle hätte. Aber der Keuchhuſten, das Scharlach⸗ ſieber und wie das Teufelszeug alles heißt, nahm mir eine um die andere weg, bis mir zuletzt nur noch meine Alma 84 blieb. Und nun hatte ich Angſt wie ein Haſe, daß auch ſie mir entriſſen werden möchte, aber der liebe Gott ſah meine Reue über mein früheres Gemurre und ließ mir das Mädchen, das, aufrichtig geſtanden, mein Augapfel iſt.“ Bei dieſen Worten zog der Oberförſter ſeine Uhr heraus. „Es iſt noch drei Minuten bis zwei, meine Herrn— jetzt können wir ſehen, ob in meinem Hauſe Ordnung und Pünktlichkeit herrſcht.“ Die Herren gingen in den Saal, wo Fräulein Neta, den Kopf in einer zierlichen Haube mit ziegelfarbigen Bändern und den übrigen Leib in einem Merinokleide ſteckend, am einen Ende des Tiſches ſtand und ihre Bück⸗ linge machte. Weiter aber kam Niemand zum Vorſchein, und durch einen flüchtigen Blick auf den Tiſch, überzeugte ſich Karl Auguſt zu ſeiner Verwunderung, daß blos vier Gedecke da waren. „Fehlt vielleicht etwas?“ fragte der Oberförſter, indem er ſeine ſchwarzen Augen mit ſchlauem Ausdruck auf Karl Auguſt heftete. Ganz verlegen griff dieſer nach der Waſſer⸗ flaſche und nun hielt der Oberfoͤrſter, am Liqueurtiſche ſtehend, eine ausführliche Lobrede auf das vortreffliche Waſſer des Ombergs, und erzählte eine Geſchichte von den Waldnymphen, die jeden Morgen ihre Füße oder, welche Lesart der alte Waidmann vorzog, ihren Buſen in der herrlichen Quelle waſchen, aus der man das Waſſer hole. „Du haſt gewiß ſchon ihrer Toilette angewohnt?“ fragte der Major, während man ſich an dem großen Tiſche niederließ. „Allerdings bin ich ſchon unzählige Male Morgens darauf ausgegangen; aber die hübſchen Dämchen haben ihre Spione, die ihnen meine dreiundſiebenzig Jahre ver⸗ rathen haben müſſen, ein Alter, um das ſich weder Wald⸗) noch Erd⸗, noch Waſſernymphen viel bekümmern. Gleich⸗ wohl habe ich den Muth nicht verloren, ſondern tröſte mich mit meiner holden Freundin hier, mit meiner ſchönen Nymphe, Fräulein Neta, welche mir ihrerſeits all die Dankbe Neta, anerken vergeſſe C 777 Unzeit Faſſung ſo daß beinahe 71 ſagte etwa d F licher J andern und er: holm abgelie ein äck es auch und m alten Worte V vergeb⸗ dieſes mit ih wurde und„ wurden Stück einem Abend 4 endlich Hoffnn heraus. jetzt g und Neta, rbigen okleide ohnt?“ Tiſche Corgens haben re ver⸗ Wald⸗, Gleich⸗ te mich ſchönen all die 8⁵ Dankbarkeit erweist, die ich verdiene. Nicht wahr, Fräulein Neta, Sie danken mir's doch, daß ich Ihre Reize noch anerkenne, zu einer Zeit, wo alle andern Leute dieſelben vergeſſen haben.“ „Der Herr Oberförſter belieben zur Zeit und zur Unzeit zu ſcherzen,“ antwortete Fräulein Neta mit aller Faſſung, deren ſie mächtig war; aber ihre Hand zitterte, ſo daß ſie die Suppe, welche ſie eben vorzulegen hatte, beinahe auf das Tiſchtuch goß. „Ich glaube wahrhaftig, die Suppe ſchlägt Wellen,“ ſagte der Oberföͤrſter mit verſtellter Freundlichkeit.„Iſt etwa die Schraube aus dem Schaft gekommen?“ Fräulein Neta erwiederte kein Wort, um nicht mög⸗ licher Weiſe zu viel zu erwiedern. Jetzt lenkte der Oberförſter das Geſpräch auf einen andern Gegenſtand: er kam auf das Kapitel der Jagd und erzählte, wie er ſelbſt einmal eine Reiſe nach Stock⸗ holm gemacht und eine Partie geſchoſſener Hirſche dort abgeliefert habe, die ſo lange Hörner beſeſſen, wie irgend ein ächter und gerechter Stockholmer, denn bekanntlich gebe es auch dort einen Thiergarten. Aber bald kam der Braten, und mit ihm der verſprochene Madeira, deſſen Anblick den alten Herrn zu einer muntern Rede begeiſterte, deren letzte Worte jedoch ernſter Natur waren und von Herzen gingen. Von Alma's Abweſenheit wurde nicht geſprochen, und vergebens erwartete Karl Auguſt, daß der Nachmittag dieſes Räthſel löſen würde. Das erſte Zuſammentreffen mit ihr machte ihn jetzt nicht mehr bange. Der Oberförſter wurde immer freundlicher. Er lud die Herrn zu Kaffe und Pfeifen auf ſein Privatzimmer. Alle Seltenheiten wurden in Augenſchein genommen, und über jedes einzelne Stück wußte der Beſitzer eine Geſchichte zu erzählen. Nach einem Spaziergang den Park hinauf wurde es endlich Abend, und noch immer ließ Alma ſich nicht blicken. Karl Auguſt konnte unmöglich fragen. Er wurde endlich genöthigt, Lebewohl zu ſagen, und zwar ohne Hoffnung auf Wiederkehr; denn obſchon er mehrere Male 86 angedeutet, daß er ſich eine ganze Woche in der Gegend aufhalten wolle, ſo hatte der Oberförſter doch gethan, als ob er dies nicht höre, und nun wünſchte er ſeinem Gaſt, als er ſich am Gitterthore von ihm verabſchiedete, ganz einfach eine glückliche Reiſe. Er ſprach davon, wie viel Vergnügen ihm die kurze Bekanntſchaft gemacht habe, und bat den Herrn Hüttenbeſitzer, wenn er in Gedanken wiederum die Reiſe auf den Omberg mache, auch des alten Oberföͤrſters nicht zu vergeſſen. „Nein,“ antwortete Karl Auguſt etwas eifrig,„ich werde meinen Beſuch auf dem Omberg und... und die Ereigniſſe in Alvaſtra nie vergeſſen... Ich hoffe doch, daß keine Unpäßlichkeit. „Nein, nein, nur eine kleine Nachwirkung des Schrecks: nichts von Bedeutung, ganz und gar nichts; aber hat man je einen ſolchen Himmel geſehen! Wiſſen Sie auch Herr Hüttenbeſitzer, daß ich immer beh hauptet habe, eine ſolche Abendröthe und ein ſolches Waſfr wie hier, gebe es auf der ganzen Welt nirgends. Der Omberg iſt ein Paradies.“ „Und der Herr Oberfoͤrſter bewacht in eigener Per⸗ ſon die Pforten deſſelben!“ erdreiſtete ſich Karl Auguſt zu ſagen. Der Alte lachte und ſchien den Einfall luſtig zu fin⸗ den: er ſtrich ſich das Kinn, kniff ſeinen Mund ein, wie er bei guter Laune zu thun pflegte, und ſagte ſcherzend: „der Pfortenwächter darf nicht mit ſich ſpaſſen laſſen. Aber kommen Sie in einem Jahr wieder, dann ſollen alle Pfor⸗ ten des Naradieſes Ihnen weit offen ſtehen.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ fragte Karl Auguſt mit ſchlecht verhehlter Heftigkeit. „Oh,“ antwortete der Oberförſter,„weiter nichts, als daß bis dahin der Paradiesvogel wahrſcheinlich ein anderes Neſt gefunden hat... Doch ich halte Sie auf... Danke noch einmal für die angenehme Geſellſchaft.“ Nach einem kräftigen Handſchlag drehte ſich ſofort der Alte um und ließ Karl Auguſt mitten unter dem Thore ſtehen. Der Jüngling verweilte noch einige Augenblicke und ſchien ſich nicht bereit geſehe das ſeiner Biſt mir Zimn „ich hatte heit Flied ſo ſch um habe klein ſehr ſehnt geſſe den hat. Ab er Per⸗ aguſt zu zu fin⸗ in, wie herzend: n. Aber e Pfor⸗ Auguſt ts, als anderes Danke einem im und Der en ſich 87 nicht entſchließen zu konnen, einen Ort zu verlaſſen, den er bereits ſo lieb gewonnen hatte. Endlich ſiegte die Furcht geſehen zu werden über ſeine ſehnſüchtige Saumſeligkeit; das Thor fiel langſam zu, und Karl Auguſt ſah ſich aus ſeinem Eden vertrieben. Eilftes Kapitel. W Vie befindet ſich mein liebes Schätzchen heute Abend? Biſt Du munter genug um einen kleinen Spaziergang mit mir zu machen?“ fragte der Oberförſter, als er in Almas Zimmer trat. „Ich bin ja ganz wohl, Papa!“ antwortete Alma; nich bin nur liegen geblieben, weil Du es mir befohlen hatteſt.“ „Und ich befehle nie etwas anderes, als was die Klug⸗ heit gebietet. Wenn man am Abend ein Paar Taſſen Fliederthee getrunken hat, ſo ſpringt man am Morgen nicht ſo ſchnell aus dem Bett: man muß ſich zuſammennehmen, um ſeine Wangen friſch und geſund zu erhalten.“ „Aber jetzt danf ich doch aufſtehen, lieber Papa? Ich habe eine wahre Sehnſucht nach Goldfuß— ſo hieß Almas kleiner Hirſch— 9 ich bin überzeugt, daß es auch ihm ſehr weh that, mich ſeit geſtern nicht geſehen zu haben.“ „Es iſt noch Jemand anders da, der ſich nach Dir ſehnt: unſer ehrlicher Major. Auch hätte ich beinahe ver⸗ geſſen Dir zu ſagen, daß der fremde Herr, der Dich aus den Ruinen gerettet, heute mit uns zu Mittag geſpeist hat. OD8u ſcherzeſt wahrſcheinlich, lieber Papa?“ „Nein, ganz und gar nicht. Ich ſchickte ihm geſtern Abend ein Billet und lud ihn auf Hausmannskoſt ein.“ „Iſt er noch da?“ 88 „Nein, er ging ſo eben weg. Er iſt ein Hüttenbe⸗ ſitzer aus Südermannland.“ „Und warum ließ man mich's nicht wiſſen, daß er hier war? ich hätte mich dann angekleidet und wäre hin⸗ abgegangen um ihm zu danken.“ Und Alma vermochte ihren Verdruß nicht zu verbergen: derſelbe verrieth ſich durch die ungewöhnliche Steigerung ihrer Stimme und die erhoͤhte Farbe ihrer Wangen. „Was iſt das, mein Jungferchen?“ rief der Ober⸗ förſter.„Willſt Du etwa Deinen Vater zurecht weiſen, weil er ſich unterſtanden hat, einen Gaſt einzuladen, ohne Dich vorher zu fragen, oder weil er ſich Deine Geſellſchaft nicht ausbittet, da wo ſie nicht nöthig iſt?“ „Aber warum, lieber Papa, war ich heute weniger nöthig als ſonſt? Du haſt mir ja ſchon oft geſagt, daß Dir bei Tiſch immer etwas fehle, wenn Deine Alma nicht zugegen ſei.“ „Ganz gewiß, mein Kind; aber ich habe auch be⸗ dacht, daß ich jetzt anfangen muß, Dich entbehren zu ler⸗ nen. Die Maͤdchen ſind nicht geſchaffen, um zum Vergnü⸗ gen ihrer Eltern beſtändig zu Hauſe zu bleiben: ſie ſind eine bewegliche Waare, die aus einer Hand in die andere geht— wohl verſtanden aus der Hand des Vaters in die des Gatten. Doch ſteh jetzt auf, mein Kind, wir erwar⸗ ten Dich.“ Der Oberförſter verließ ſeine Tochter und eine Vier⸗ telſtunde darauf ſtand ſie in des Vaters Zimmer, wo der Major Kling auf dem Sopha ſaß und in den Zeitungen blätterte. Der Major war ein Mann von fünfzig Jahren oder noch etwas darunter. In ſeiner Jugend hatte er ſich durch drei Eigenſchaften bekannt gemacht: durch Kartenſpiel, durch Pferdeliebhaberei und dadurch, daß er nie zu Hauſe blei⸗ ben konnte. Aber als er das männliche Alter erreichte, begann er dieſe Zerſtreuungen zu verabſcheuen: er ſpielte jetzt nie mehr, trieb keinen Pferdehandel mehr, und gefiel ſich ni nichts T man tungen keine er aue aus B⸗ lichen zen ſie er und unentb war es komme als ſie eben ſt um die Leuten J Freund Alma und de den ve genug förſter ſchen E jor die Wie er küßte e ſich tie Unruhe V ſie auf dacht geboter üttenbe⸗ daß er ire hin⸗ rmochte eth ſich und die Ober⸗ en, weil ie Dich ft nicht weniger andere in die erwar⸗ Vier⸗ wo der tungen n oder ) durch „durch ſich nirgends beſſer als in ſeinem eigenen Hauſe, wo ihm nichts fehlte als eine Frau. Der Major theilte die Anſicht des Oberförſters, daß man in Allem ſeiner Zeit folgen müſſe, nicht. Die Zei⸗ tungen erhielt er aus dritter oder vierter Hand und er las keine andere als landwirthſchaftliche Bücher. Aber wenn er auch die menſchlichen Leiden und Kümmerniſſe nicht gerne aus Büchern ſtudirte, ſo ſuchte er ſie um ſo öfter im wirk⸗ lichen Leben auf und beſtrebte ſich mit wohlwollendem Her⸗ zen ſie zu lindern. Auf dieſen Wege nun begegneten ſich er und der Oberförſter ſo häufig, daß ſie einander zuletzt unentbehrlich geworden waren. Zu einer beſtimmten Erklärung in Bezug auf Alma war es zwiſchen den beiden Herrn bis jetzt noch nicht ge⸗ kommen. Aber, daß der Major keinen höhern Wunſch hegte, als ſie ſeine Frau zu nennen, das wußte der Oberförſter eben ſo gut, als der Major wußte, daß ſein Freund, eben im dieſe Verbindung zu Stande zu bringen, allen jungen Leuten ſein Haus verſchloß. In dieſer beruhigenden Ueberzeugung hatten die beiden Freunde die Sache einſtweilen auf ſich beruhen laſſen. Alma war trotz ihrer achtzehn Jahre beinahe noch ein Kind, und deßhalb ſollte ſie noch einige Zeit in Ruhe und Frie⸗ den verleben: mit der Welt wurde ſie ja noch immer früh genug bekannt.„Wenn nur nicht,“ ſo ſagte der Ober⸗ förſter oft zu ſich ſelbſt,„irgend ein Springinsfeld dazwi⸗ ſchen kommt und unſern Plan über den Haufen wirft!“ Sobald Alma über die Schwelle trat, ſchob der Ma⸗ jor die Zeitungen weg, ſtand auf und trat ihr entgegen. Wie er es ſchon ſeit ihrer früheſten Kindheit gewohnt war, ßte er das junge Mädchen auf die Stirne, während ſie ſich tiefer als ſonſt verbeugte und jetzt zu ihrer eigenen Unruhe fühlte, daß ſie erröthete. Warum erröthete ſie? Seit Jahren hatte der Major ſie auf dieſe Art begrüßt, ohne daß ſie etwas dabei ge⸗ dacht hatte; ja nicht ſelten hatte ſie ihm ſelbſt die Stirne geboten, wenn er in ſpätern Zeiten mit einer gewiſſen ſchüch⸗ — 90 ternen Verlegenheit ihre Hand hatte küſſen wollen. Aber jetzt wußte Alma, was ſie früher nicht geahnt, daß der Major Abſichten bei ſeinem Beſuch hatte. Dies erſchreckte ſie; deßhalb erröthete ſie und zitterte ſogar, als der ehrliche Major mit ungewöhnlich zärtlichem Ausdruck ihr in die Augen ſah. „Gott ſei Dank,“ ſagte er mit Wärme,„daß Sie aus der drohenden Gefahr gerettet worden ſind. Es war ein großes Glück, daß der junge Mann kam.“ „Hm, hm, hm!“ murmelte der Oberförſter, und die⸗ ſes Hm, wollte ungefähr beſagen:„der Teufel weiß, ob man es ein großes Glück nennen darf, daß es ein junger Mann war.“ „Ja, gewiß!“ antwortete Alma.„Eben deßhalb thut es mir auch leid, daß ich ihm nicht ein einziges Wort des Dankes ſagen konnte.“ „Dein Vater hat ihm alles Nöthige geſagt,“ ver⸗ ſetzte der Oberförſter ſchnell.„Er war außerordentlich zu⸗ frieden, ſehr zufrieden— nicht wahr, Major?“ Der Major lächelte und konnte dieſe Ueberzeugung in ſeinem Innern nicht ganz theilen. Er war der Anſicht Almas, daß ſie ihm nämlich ſelbſt hätte danken ſollen. „Ei, ei, es ſcheint auf Rebellion abgeſehen zu ſein!“ rief der Oberföͤrſter und blinkte ſo heftig mit ſeinen ſchwar⸗ zen Augen, daß Alma nicht wußte, ob es Scherz oder Ernſt war.„Du reizeſt das Mädchen gegen mich auf, Bruder. Sie wird widerſpänſtig wie...“ „Wie ein Täubchen, das beim geringſten Windzug den Kopf unter ſeine Flügel ſteckt,“ ergänzte der Major. „Der Teufel ſoll mich holen,“ verſetzte der Oberförſter, „wenn ich mir etwas Aergeres denken kann als ſolche winſelnde Tauben, ob ſie nun Federn oder Unterröcke tra⸗ gen! Nun, ſchlage die Augen auf, Alma— zeige, daß Du die Tochter eines Mannes biſt, der Jedermann, ja ſelbſt dem leibhaftigen Beelzebub ins Geſicht ſchauen kann. Er⸗ kläre Dich deutlich, daß Du keine Taube biſt, denn hol mich dieſer und jener, dann köͤnnteſt Du meinetwegen eben gibt ſie eines bruch k Deutun gen. Mädch Hut au ob die A Hand lein Ne auf die Auf de ſchob ſ mit ihr So ſtr hend— ſah ſie winkt! ſchlich, mehr 2 Geſchre ſich von ängſtlie geſchwr Aber daß der ſchreckte ehrliche in die aß Sie Es war und die⸗ eiß, ob junger alb thut Bort des „“ ver⸗ tlich zu⸗ gung in Anſicht llen. ſein!“ ſchwar⸗ rz oder ich auf, Vindzug Major. rförſter, ſolche cke tra⸗ ge, daß ja ſelbſt n. Er⸗ denn hol gen eben 91 ſo gut eine Elſter ſein, eine Kräͤhe, eine... mit Einem Wort, ich will in meinem Hauſe nichts von Tauben wiſſen.“ Aber jetzt lachte Alma und flog ihrem Vater in die Arme.„Ich bin ja gewiß keine Taube, lieber Papa— wenn ich nuͤr etwas mehr Muth beſäße! Aber vielleicht gibt ſich das mit den Jahren, und wer weiß, ob ich nicht eines ſchönen Tags ſogar meinen eigenen Willen zeige! Dieſe Worte entfielen dem Mädchen in einem Aus⸗ bruch kindlicher Luſtigkeit. Erſt ſpäter ſah ſie ein, welche Deutung man denſelben geben konnte, und nun entſetzte ſie ſich bei dem Gedanken, daß ihr Wille wirklich einmal mit dem ihres Vaters in Widerſpruch gerathen könnte. Aber Alma hatte nicht Zeit zu weiteren Betrachtun⸗ gen. Der Oberförſter ſagte:„Du ſiehſt Bruder, das Mädchen macht ſich nach und nach. Aber ſetz jetzt Deinen Hut auf, dann wollen wir in den Garten gehen und ſehen, ob die Blumen nach dem Regen um viel gewachſen ſind.“ Auf einer Bank im Garten, den Strickſtrumpf in der Hand und Rinaldo Rinaldini auf dem Schoße, ſaß Fräu⸗ lein Neta, und die Abendſonne warf ihre hellen Strahlen auf die ziegelfarbigen Bänder der obenerwähnten Haube. Auf der kleinen, etwas eingedrückten Naſe des Fräuleins ſchob ſich die Brille hin und her, bis die Eigenthümerin mit ihrer Strickerei ſie wieder in die rechte Lage brachte. So ſtrickend und leſend, ſeufzend und die Augen verdre⸗ hend— Fräulein Neta hatte ſtarke Gefühle— hörte und ſah ſie nicht, daß der Oberförſter, welcher den Andern ge⸗ winkt hatte, ſtehen zu bleiben, ſich leiſe hinter die Bank ſchlich, beide Hände vor Fräulein Netas Augen oder viel⸗ mehr Brille hielt, und mit verſtellter Stimme ein ſolches Geſchrei erhob, daß ſie in ihrer aufgeſchreckten Phantaſie ſich von der halben Bande Rinaldinis umringt glaubte und ängſtlich rief: Zu Hilfe! zu Hilfe! Räuber, Mörder! „Halloh, halloh, ihr Kanaillen!“ donnerte der Ober⸗ förſter jetzt mit ſeiner natürlichen Stimme und ſprang mit geſchwungenem Stock, um die Räuber zu verfolgen, eilig 92 an Fräulein Neta vorüber, welche durch ſeine Gegenwart ermuthigt, einen Pfahl ausriß und hinter ihm drein ſtürmte. „Hieher! hieher!“ krakeelte der Alte, und leicht wie ein zwanzigjähriger Jüngling, angeſpornt durch das Ver⸗ gnügen, Fräulein Veta einen ſo artigen Schabernack anzuthun, ſprang er über den Gartenzaun, während die kühne Dirne mit fliegenden Unterröcken und flatternden Bandern ihm nachfolgte. So währte die wilde Jagd einige Zeit, bis endlich die ſiebenzig Jahre ihr Recht be⸗ haupteten. Nun aber behauptete auch der Oberfbrſeer das feinige: er machte plötzlich Halt, ſetzte ſich ins Gras und ſchlug ein ſo herzliches Gelächter auf, daß Fräulein Neta gleichfalls ſtehen blieb und fragte, was dies Alles zu be⸗ deuten habe. „Weiter nichts, als daß wir mitten im Sommer einen Aprilſchwank aufgeführt haben, und daß ich es war, der Rinaldinis Banditen vorſtellte.“ Bei dieſer Erklärung lagerte ſich eine grüngelbe Wolke auf Fräulein Netas Wangen.„Ich ſage Ihnen hiemit,“ rief ſie im Tone verletzter Würde,„daß ich zu alt bin um Poſſen mit mir treiben zu laſſen, und daß ich wegen, dieſer Beleidigung auf nächſter Michaelismeſſe Ihr Haus verlaſſen werde. Betrachten Sie dieß als Aufkündigung, Herr Oberförſter.“ „Fräulein Neta, Fräulein Neta,“ verſetzte der Alte mit ſchalkhaft gutmüthigem Tone,„wenn Sie mich ver⸗ laſſen, ſo liege ich acht Tage nachher im Grabe. Sie wiſſen ja, daß der alte Drache nicht ohne ſeine Drachin leben kann.“ „Ich verbitte mir ſolche Ausdrücke,“ ſchnauzte das Fräulein mit funkelnden Augen;„der Teufel ſoll mich holen, wenn ich nicht ein zu achtbares Frauenzimmer bin, um Scherze mit mir treiben zu laſſen.“ „Ja, zum Scherzen ſcheinen Sie allerdings nicht ein⸗ gerichtet,“ lachte der Bberſorſter„Aber nehmen Sie jetzt 3 Vernunft an und laſſen Sie uns wieder gut Freund ſein; wir vertragen uns ja immer wie Hund und Katze.“ ihrem e 64 Sie W ſage. verherte Sie mi Drachir Drachit . Neta, riß und Fäden Al mit Al blick n Schwie zog da „das F gemach F dies ze zwiſchen ſie mit platze D nicht g ein, ſo genwart ſtürmte. icht wie as Ver⸗ abernack end die tternden e Jagd echt be⸗ ſter das ras und in Neta zu be⸗ Sommer es war, e Wolke hiemit,“ alt bin wegen, r Haus ndigung, der Alte ich ver⸗ Sie Drachin zte das Il mich ner bin, cht ein⸗ Sie jetzt id ſein; 44 93 „Ja, weil Sie ein ſolcher Iſegrimm ſind, daß Sie ſogar mit Leuten Händel anfangen, mit denen Sie gar nichts zu ſchaffen haben und....“ „Was ſagen Sie da? Nehmen Sie ſich wohl in Acht, daß Sie Ihre Zunge nicht zu viel ſpazieren gehen laſſen! Nehmen Sie dieſen Ausdruck ſogleich zurück!“ rief der Oberförſter aufflammend. „Nicht ein Wort, nicht einen Buchſtaben, nicht einen Viertelsbuchſtaben nehme ich zurück!“ kreiſchte Fräulein Neta; dabei ſtemmte ſie ihre Arme in die Seite und ſah ihrem ergrimmten Herrn dreiſt in die blitzenden Augen. „Dann ſage ich Ihnen auf— merken Sie ſichs, Sie Waldteufel Sie, daß ich Ihnen zur rechten Zeit auf⸗ ſage. Ich will ſo ein bösartiges, wildes, ungebärdiges, verhertes Weibsſtück nicht länger im Hauſe haben. Haben Sie mich verſtanden, Fräulein Drache, meine allerliebſte Drachin, meine holde, ſüße, entzückende, vermaledeite Drachin.“ „Ich gehe ſchon, ich gehe ſchon!“ ſchrie Fr äulein Neta, indem ſie die ziegelfarbigen Bänder von der Haube riß und zwiſchen ihren Fingern zerrieb, bis nur noch dünne Fäden übrig waren. Aber jetzt zeigte ſich in einiger Entfernung der Major mit Alma am Arme; der Oberförſter, welcher den Augen⸗ blick nicht für paſſend halten mochte, ſeinen künftigen Schwiegerſohn zum Zeugen einer ſolchen Scene zu machen, zog daher ſogleich andere Saiten auf und ſagte lachend: „das Fräulein und ich haben uns eine kleine Unterhaltung gemacht, wie Du vielleicht gehört haſt, Bruder.“ Fräulein Neta verſchmähte eine Nothlüge, und über⸗ dies zeugte ihre verſtörte Toilette gegen dieſelbe, da in⸗ zwiſchen der Streit nicht fortgeſetzt werden konnte, ſo trat ſie mit langen, majeſtätiſchen Schritten vom Schau⸗ platze ab Der Oberförſter, der nach der heißen Schlacht noch nicht genug abgekühlt war, ſchlug eine andere Richtung ein, ſo daß der Major und Alma wiederum allein blieben. 94 „Wir hätten nicht ſo weit gehen ſollen,“ ſagte der Major;„ich fürchte, Sie erkälten ſich, Alma.“ „Ach nein! Es iſt heute Abend ſo herrlich hier; ich glaube nicht, daß es ein Plätzchen auf der Welt gibt, das ich ſo lieb gewinnen könnte, wie dieſes hier.“ „Vielleicht doch,“ verſetzte der Major mit einer eigen⸗ thümlich weichen Betonung;„wenn Sie ſpäter einmal durch eben ſo zärtliche Bande wie hier an einen andern Ort gefeſſelt werden ſollten.“ Alma bilckte über den Buchenhain hinweg und ant⸗ wortete leiſe:„Da müßte ſich vieles verändern.“ Zwölſtes Kapitel. Am gleichen Abend ſtand Karl Auguſt auf einer Klippe am Strande von Häſtholm und blickte gedankenvoll auf den Wetterſee hinaus, Er dachte an die vereitelte Hoffnung des Tages, an ſeine Unluſt zur Fortſetzung des angefangenen Briefs fur ſeine Eltern, an die Möglichkeit, Alma wieder zu ſehen, an die Unmöglichkeit, ein paſſendes Mittel hiefür zu finden, kurz, er dachte an all die Kleinigkeiten, die ſich nach und nach zu einer beſtimmten Neigung geſtalten, als plötzlich ſeine Aufmerkſamkeit durch einen höchſt außerordentlichen Gegenſtand angeregt wurde. Er begann auf das Waſſer hinauszuſtieren und glaubte zu träumen. Von den letzten Sonnenſtrahlen beſchienen, erblickte er das volle, ſtarre Gebild eines wohl vierzig Fuß hoben Rieſen, und in dem Auf⸗ und Abſchweben der blaßgrauen Luftgeſtalt lag etwas unbeſchreiblich Unheimliches. Binnen fünf Minuten hatte der Rieſe drei oder vier Mal ſeine Stellung verändert, indem er bald die Arme in die Höhe ſtreckte, bald mit dem Kopfe zu nicken ſchien. Allmälig aber er mit Zit Bäume Schauſt verſchwe aber ple die Wa auf die In da; ab er hefti ihm. 2 mal mi ſcheinun D Knotenf kohlſchm ſchnitten Augen deckt d. eine M Bart b Kinn u teres, an, da 71 Fremde gte der er; ich bt, das r eigen⸗ einmal andern id ant⸗ einer kenvoll es, an efs fuͤr ſehen, finden, ich und blötzlich ntlichen Waſſer erblickte hoben grauen Binnen al ſeine 2 Höhe llmaͤlig 9⁵ aber erhob ſich hinter dem Koloß eine roͤthliche Mauer mit Zinnen und Thürmen, die ſich jedoch bald in hohe Bäume und dichtes Gebüſch verwandelten, Das ganze Schauſpiel währte ungefähr eine Viertelſtunde, und dann verſchwand es. Der Rieſe blieb am längſten ſtehen, ſank aber plötzlich zuſammen, als ein ſcharfer Windſtoß über die Waſſerfläche hinjagte und das phantaſtiſche Gebilde bis auf die letzte Spur wegfegte. In ſtummer Bewunderung ſtand Karl Auguſt lange da; aber als er ſich endlich wandte, um zu gehen, fuhr er heftig zurück, denn nun ſtand der Rieſe wiederum vor ihm. Bald jedoch ſah unſer Freund ein, daß er es dieß⸗ mal mit Fleiſch und Blut zu thun hatte, obſchon die Er⸗ ſcheinung von ungewöhnlicher Art war. Dicht vor Karl Auguſt ſtand, auf einen großen Knotenſtock gelehnt, ein Mann von rieſigem Wuchſe, ſeine kohlſchwarzen Haare hingen in üppigen, breiten, rundabge⸗ ſchnittenen Franzen bis auf die Augenbrauen herab. Die Augen lagen tief in ihren Höhlen und waren beinahe ver⸗ deckt durch ihre borſtigen Brauen. Seine Farbe war eine Miſchung von Olivengelb und Kupferroth; ein buſchiger Bart bedeckte das ganze Geſicht und reichte bis über das Kinn und das abgetragene Seemannshalstuch herab. Letz⸗ teres, ſo wie ein zerflickter Kittel von Segeltuch deuteten an, daß der Mann ein Seefahrer geweſen oder noch war. „Guten Abend!“ ſagte Karl Auguſt, indem er dem Fremden zunickte, auf deſſen Geſicht ein Ausdruck ſtillen Trotzes lag. „Abend!“ war die komiſche Antwort des Alten, und die Stimme, mit der er dieſes einzige Wort ſprach, klang rauh und dumpf, wie der Ton einer zerſprungenen Glocke. „Haſt Du die Erſcheinung da draußen wahrgenom⸗ men?“ fragte Karl Auguſt auf den Wetterſee deutend. „Ja,“ antwortete der Alte,„ich habe dergleichen ſchon oft geſehen; dies iſt hier nichts Ungewöhnliches. Sie bedeutet Sturm.“ „Wer?“ fragte Karl Auguſt. 96 „Nun, die Seejungfrau. Sie läßt oft dergleichen Mauern und Feſtungen nebſt Wellen, Thürmen und der⸗ gleichen, was alles ihr unterthänig iſt, aufführen.“ Voll Verwunderung, dieſen Rieſen ſprechen zu hören wie ein Kind, fragte Karl Auguſt:„Biſt Du hier in der Gegend zu Hauſe?“ „Ja, ich bin am Wetterſee geboren, aber als ich heranwuchs ging ich als Schiffszimmermann auf die See, und ſeitdem habe ich in Sonnenſchein und Sturm manchem Schiffe als Lootſe gedient. Aber als ich alt wurde, ge⸗ lüſtete es mich, nach meiner Heimath zurückzukehren; denn der Wetterſee hat doch nicht Seines gleichen.“ „Wie heißeſt Du?“ fragte Karl Auguſt, der ſich für ſeinen Bekannten immer mehr intereſſirte. „Mein Taufname iſt Johannes; ſpäter aber,“ fügte er mit einer Miſchung von Stolz und Beſcheidenheit hinzu, „haben ſie mich den großen Lootſen genannt. Ich lebe jetzt hier in der Gegend und beſchäftige mich mit Schiff⸗ bau; im Uebrigen bewohne ich ganz allein eine Hütte dort oben auf dem Berge.“ „Komm, laß uns niederſitzen,“ ſagte Karl Auguſt und nahm ſelbſt Platz auf einem großen Steine. „Erzähle mir etwas von Deinen Abenteuern.“ „Meine Abenteuer ſind zu gering, um vornehmen Herrn zur Unterhaltung zu dienen,“ antwortete der große Lootſe in rauhem Tone.„Aber wenn es Ihnen nicht un⸗ angenehm iſt ⸗ ſo will ich etwas vom Wetterſee erzählen, was Sie vielleicht gerne hören, da Sie doch hieher gereist ſind, um ihn zu ſehen.“ „Ich danke Dir zum Vorzus für Dein freundliches Anerbieten. Aber vor Allem ſage mir, ob Du wirklich an die Seejungfrau und an ihre Macht glaubſt.“ 6 „Ja, das will ich meinen,“ antwortete der Alte und warf einen langen Blick über den See.„Vor meiner Zeit hat es, ſogar Leute gegeben, welche ſie ſprechen gehört haben. S Karl Auguſt verzog den Mund. * G ten die verſtang benützte — und für die gehrten Beil n Leine l frieden ſo daß meine 6 indem gut, Sie ſo Ungew Feſtung Glück ſehen, gen d aber h mand leichen der⸗ hören in der ls ich See, nchem e, ge⸗ denn ch für fügte hinzu, lebe Schiff⸗ te dort Auguſt dehmen große ht un⸗ ählen, gereist dliches irklich 97 „Ja, lächeln Sie immerhin. Vor langen Zeiten woll⸗ ten die Leute einmal die Tiefe des Sees ermeſſen— man verſtand ſich damals noch nicht auf das Senkblei, ſondern benützte ſtatt deſſen Beile und andere ſchwere Gegenſtände, — und da geſchah es, daß die Seejungfrau, zur Strafe für die große Naſeweisheit der Leute, welche zu wiſſen be⸗ gehrten, wie viel Klafter tief ſie ihren Hofſtaat habe, das Beil wegnahm und ſtatt deſſen einen Pferdeknochen an die Leine band. Als die Leute aber gleichwohl ſich nicht zu⸗ frieden gaben, da rief die Jungfrau im Namen des Sees, ſo daß es durch den ganzen Berg wiederhallte: Willſt Du meine Tiefe wiſſen, ſo miß meine Länge.“ „Das war eine ſtolze Antwort,“ meinte Karl Auguſt, indem er auf die Anſichten des Alten einging. „Ja, ſie darf ſchon ſtolz ſein, aber ſie meint es doch gut, das iſt gewiß. Wenn man ſolche Dinge ſieht wie Sie ſo eben geſehen haben, da warnt die Jungfrau vor Ungewitter und begibt ſich ſammt allen ihren Paläſten, Feſtungen und Gärten in eine andere Gegend. Wem das Glück will, wie z. B. einem Sonntagskind, der kann ſehen, wie ſie mit ihren kleinen Silberfüßen über die Wo⸗ gen dahinſchreitet, gleich als wäre es ein feſter Weg; aber hinter ihr braust und ſchäumt der See, ſo daß Nie⸗ mand ſehen kann, wohin ſie ſich begibt.“ Karl Auguſt hörte mit geſpannter Aufmerkſamkeit auf dieſe Erzählung, welche der Alte mit den lebhafteſten Far⸗ ben weiter ausführte. Es lag ſo viel Pasſie in dieſem Aberglauben, daß derſelbe unſern Freund. gewaltig anzog und beinahe ſeine eigene Vernunft in Bande ſchlug. „Man ſagt, aber gewiß kann man's freilich nicht wiſſen,“ fuhr der große Lootſe fort,„es beſtehe ein unter⸗ irdiſcher Weg zwiſchen dem Wetterſee und einem See in der Schweiz; wenn man das glauben darf, ſo ließe ſich wohl annehmen, daß die Jungfrau ſich dorthin begibt, wenn der Wetterſee gar zu toll zu werden anfängt.“ „Mag ſein,“ antwortete Karl Auguſt.„Aber haſt Die Braut auf dem Omberg. 7 98 Du etwas geſehen, was ſich mit dieſer Erſcheinung von heute Abend vergleichen ließe?“ „Ja wohl, und noch viel merkwürdigere Dinge. Ich will Ihnen ein Beiſpiel erzählen. In meiner Jugend fuh⸗ ren einmal ich und mein Kamerad, jeder in ſeinem eige⸗ nen Boot auf den Fiſchfang aus. Das Wetter war ruhig, es wehte nicht einmal ſo viel Wind, daß eine Flaumfeder hätte in Bewegung geſetzt werden können. Während ich ſo in meinem Boote ſaß, blickte ich aufwärts— ich mußte gerade ein neues Priemchen nehmen— und da ſah ich, ſo wahr ich ein Chriſtenmenſch bin, meinen Kameraden wenigſtens ſechzig Fuß über dem Waſſer hoch in der Luft in ſeinem Boote ſitzen. Das ganze Boot ſammt Tau und Takelwerk und Peter ſelbſt glänzten ſo hell, als wä⸗ ren alle Farben des Regenbogens über ſie ausgegoſſen. Sie werden mir's wohl kaum glauben, aber ich ſah alles ſo klar und deutlich, daß ich ſogar unterſcheiden konnte, wenn Peter einen neuen Wurm an ſeinen Haken ſteckte. „Dies war ein ſchönes Luftgebilde,“ verſetzte Karl Auguſt. „Schwatzen Sie mir nicht ſo!“ antwortete der Alte mit Unwillen und Ernſt.„Luftgebilde hin und Luftgebilde her, darf auch der Menſch ſo verſtockt ſein, daß er mit dem, was der liebe Gott ihm offenbart, ſich nicht zufrie⸗ den geben, ſondern für Alles ſogleich einen Namen finden und es ſo natürlich machen will, daß man'’s mit den Händen greifen kann! Nein, nein, junger Herr, die Er⸗ ſcheinungen, die ſich in der Luft zeigen, ſind eben ſo we⸗ nig bloſe Luftgebilde, als die Erſcheinungen, die ſich auf der See abſpiegeln, bloße Dunſtgebilde ſind, wozu der Unglaube ſie machen will. Man ſieht es ſchon daraus, daß Peter, mein Kamerad, im folgenden Jahre ertrank. Daß es wirklich eine Seejungfrau gibt, daß ſie ſogar von Prieſtern und Propheten anerkannt wird, dies beweist am beſten der Schutzbrief, welchen der Prieſter, der zuerſt den Wetterſee meſſen wollte, den mit dieſem Geſchäft beauf⸗ tragten fahren „ blos ein beſchwic Ab dichte ſe Stimme dies in hierin v Herr! Glauber lehren Glauber mit den Zeit ar fernte Al die Ack Freund trennen gut wiſ deren 2 Gabe( und glo Wille bei beiß „5 erfahre FIT wiß. es iſt wohl d ſie ge⸗ von onnte, ckte. Karl r Alte gebilde er mit zufrie⸗ finden t den e Er⸗ o we⸗ h auf u der qraus, trank. r von st am ſt den beauf⸗ 99 tragten Leuten ausſtellte, damit ihnen nichts Böſes wider⸗ fahren ſollte. Denn man wußte recht gut, was er that. „Ja,“ bemerkte Karl Auguſt lächelnd,„wenn es nicht blos ein ſchlauer Einfall war, um die Angſt der Leute zu beſchwichtigen.“ Aber jetzt ſtand der große Lootſe auf, ſtrich ſich das dichte ſchwarze Haar aus der Stirne und rief mit tiefer Stimme:„Welche Starrköpfigkeit! Ich weiß wohl, daß dies in Büchern gedruckt ſteht: aber die Bücher lügen hierin wie in vielen andern Stücken. Gute Nacht, mein Herr! Wer an den Wetterſee kommt, der muß einen feſten Glauben mitbringen und ſich nicht mit ſpitzfindigen Irr⸗ lehren abgeben, ſonſt kann er zu Hauſe bleiben, denn vom Glauben hängt alle Freude in der Welt ab.“ Er nickte mit dem Kopfe, ſetzte ſeine Mütze, welche er die ganze Zeit auf dem Boden hatte liegen laſſen, auf und ent⸗ fernte ſich. Aber Karl Auguſt eilte ihm nach, klopfte ihm auf die Achſeln und ſagte:„Wart' noch ein wenig, guter Freund, nur nicht allzu raſch! Sag mir, bevor wir uns trennen, ob Du wirklich die Ueberzeugung hegſt, daß der Glaube für unſer Glück in der Welt von ſo hoher Wich⸗ tigkeit ſei.“ „Allerdings, und dies werden Sie als Chriſt eben ſo gut wiſſen als ich,“ antwortete der Alte mit einem mil⸗ deren Blick auf Karl Auguſt. Der Glaube iſt die beſte Gabe Gottes: was ich mit meiner ganzen Seele glaube und glauben will, das kann ich auch vollführen, denn der Wille geht mit dem Glauben Hand in Hand, inſofern bei beiden keine ſündhafte Abſicht obwaltet.“ „Du haſt alſo die Macht des Glaubens an Dir ſelbſt erfahren, wenn Du einen guten Vorſatz faßteſt?“ „Allerdings, und zwar öfter; einmal aber ganz ge⸗ wiß. Ich glaubte, ein ſchönes Mädchen, das ich— nun es iſt jetzt einerlei, die Liebe iſt bei Hoch und Niedrig wohl daſſelbe Gefühl: ich hätte gerne mein Herzblut für ſie gegeben. Ich glaubte, ſage ich, daß ich ihr Herz 100 blos durch meine Blicke zur Uebergabe bewegen könnte. Einen größeren Uebermuth kann man ſich allerdings nicht denken: ſie war reich und ſchön, ich dagegen arm und häßlich. Jeden Morgen kam ſie an den Strand hinab, und da heftete ich meine Augen ſo lange auf ſie, bis ſie mich beachtete. Nachdem dies gelungen war, gab ſich das Uebrige von ſelbſt: ich verfolgte ſie ſo lange, bis ſie endlich Ja ſagte. Einige Zeit lang war ich glückſelig und hatte meine Augen nur noch für ſie. Später machte ſich eine Seereiſe um Geld zu erwerben und kehrte mit vollen Taſchen zurück. In der Fremde hatte ich jeden Heller geſpart, blos um Geld nach Hauſe zu bringen und es ihr vor die Füße legen zu können, damit ſie ſehen ſollte was ich für die Geliebte meines Herzens zu thun im Stande ſei.“ Hier machte der Alte eine kurze Pauſe in ſeiner Er⸗ zählung. „Als ich nach Hauſe kam,“ fuhr er dann fort,„war meine Herzgeliebte nicht mehr da. Ihr Vater hatte ſie zwingen wollen, einem Andern die Liebe zu ſchenken, die ſie mir gelobt hatte; aber ſie wollte mir nicht untren werden. An einem Sonntagmorgen verſchwand ſie, nach⸗ dem man ſie zum letzten Male auf der Storlyckwieſe ge⸗ ſehen hatte. Das Waſſer des Wetterſees iſt klar und verlockend für ein betrübtes Gemüth. Sie hatte den feſten Glauben, daß wir uns wieder treffen werden, daß ich nie ein anderes Mädchen lieben könne, und ſo ging ſie hin um die Paläſte der Seejungfrau zu bewohnen, bis ich bereit ſein würde, ihr bei der Reiſe nach oben Geſellſchaft zu leiſten. Nun ſehen Sie, lieber Herr, ich beſann mich längere Zeit, ob ich ihr nicht nachfolgen ſolle, aber da bekam der Glaube wieder Macht über mich. Wenn du das thuſt, ſagte er zu mir, ſo trefft ihr euch nicht im Himmelreich. Ich begab mich wieder auf's Meer und brachte es bis zum Lootſen. Ich kann wohl ſagen, daß ich manches Fahrzeug gerettet und manchmal mein Leben auf's Spiel geſetzt habe; aber nachdem ich lange gearbei⸗ tet ur und i wurde kleine bald Augu getha deßwe ich ſo Sie, Verſe Aber muth vom ein g an de Inbe inden mir zimm ſeine und Frie ſo lq die ich kom Du bra könnte. s nicht em und hinab, bis ſie ab ſich bis ſie blückſelig machte ggen und een ſollte hatte ſie ken, die t untreu e, nach⸗ bieſe ge⸗ klar und en feſten ß ich nie ſie hin bis ich ſellſchaft unn mich aber da Lenn du nicht im deer und een, daß in Leben gearbei⸗ 101 tet und mich abgemüht, bis meine Kräfte erſchöpft waren und ich ſpürte, daß ich zu dem ſtrengen Dienſt untauglich wurde, da begab ich mich wieder hieher, baute mir eine kleine Hütte und lebe da in frohem Glauben, daß wir bald wieder zuſammentreffen werden.“ „Vielen Dank für Deine Erzählung!“ ſagte Karl Auguſt theilnahmsvoll.„Sie hat mir in der Seele wohl⸗ gethan.“ „Ja, eben weil ich merkte, daß Sie ein Herz haben, deßwegen erzählte ich Ihnen dieſe Geſchichte, mit welcher ich ſonſt nicht gegen Jedermann herausrücke. Aber ſehen Sie, da ſtehen wir vor der Hüttenthüre des alten Lootſen. Verſchmähen Sie es nicht, bei ihm einzutreten.“ Karl Auguſt dünkte ſich wirklich nicht zu vornehm. Aber war ſchon das Aeußere der Hütte ein Bild der Ar⸗ muth und Entſagung, ſo galt dies in noch höherem Grade vom Innern deſſelben; ein Bund Stroh auf einer Bank, ein grob gezimmerter Tiſch und ein Stuhl, ſowie einiges an der Wand herumhängendes Arbeitszeug, das war der Inbegriff des ganzen Ameublements. „Und damit haſt Du genug?“ fragte Karl Auguſt, indem er ſich auf die Bank ſetzte. „Mehr als genug, mein Herr. Der Wetterſee liefert mir Fiſche und Waſſer. Durch meine Arbeiten als Schiffs⸗ zimmermann verdiene ich mir auch Brod für den Winter.“ „Aber die Kleider?“ „Kleider“— ſagte der große Lootſe und deutete auf ſeine zerflickte Jacke—„dies hier iſt mein Sommergewand und hier,“(damit deutete er auf ſeinen noch abgenützteren Friesrock)„hier iſt mein Winterfreund. Dies reicht aus ſo lange ich lebe; denn die Leute hier ſind ſehr gutartig: die Weiber geben mir Lappen und Faden, und ſo nähe ich Stück auf Stück, ſo daß ich niemals in Verlegenheit komme.“ „Aber,“ warf Karl Auguſt ein,„Du ſagteſt ja, daß Du in Deiner Jugend viel Geld von Deinen Reiſen mitge⸗ bracht habeſt;— was haſt Du aus dieſem gemacht?“ 102 „Jedermann,“ antwortete der Greis und runzelte ſeine buſchigen Brauen,„hat ſein Geheimniß und ſo auch ich. Laſſen Sie das Geld ruhen.“ „Du machſt mich ſehr neugierig und würdeſt mir ein großes Vergnügen gewähren, wenn Du mir ſagen wollteſt, wozu Du es angewandt haſt. Der Ton Deiner Stimme läßt mich auf etwas Ungewöhnliches ſchließen.“ „Gerade deßhalb nehme ich einigen Anſtand zu ſagen, wie die Sache zuſammenhängt. Manche Dinge ſind für den Einen klar, während der Andere ſie nicht begreifen kann. Laſſen Sie uns deßhalb nicht mehr hievon ſprechen.“ Aber Karl Auguſt vermochte es nicht über ſich von ſeinem Wunſche abzuſtehen; er drang ſo lange in den Alten, bis dieſer endlich ſagte: „Nun, ſo ſei es denn! Ich hatte ſchon als Kind einen Glauben, der gewiß ſündhaft iſt; denn er hat mir große Qualen verurſacht; nämlich den Glauben, daß ein Selbſtmörder nicht ſelig werden koͤnne. Nachdem ich nun lange darüber nachgegrübelt, wie ſchrecklich eine ewige Trennung für mich und meine Herzgeliebte ſein müßte, ſo erinnerte ich mich, in katholiſchen Ländern gehört und geſehen zu haben, daß Seelenmeſſen geleſen wurden, welche den Todten zur Seligkeit verhelfen konnten. Ich glaubte zwar nicht an dieſe Wirkung der Meſſen, aber ich dachte bei mir ſelbſt: Gott weiß es ja, warum du das thuſt, und er ſieht auf das Herz, ob nun die Sache in einem katho⸗ liſchen oder in einem evangeliſchen Lande geſchieht. Mit dieſer Ueberzeugung begab ich mich wieder auf die See, und in der erſten katholiſchen Kirche, die ich betrat, erſuchte ich den Prieſter, für den ganzen Betrag meines Schatzes Meſſen zu leſen und zu beten. Er verſprach mir das und ſagte, das Geld reiche hin, ſelbſt wenn die Perſon, für die ich es gebe, noch ſo große Sünden begangen hätte. Mit leichterem Herzen reiste ich weiter, denn ich war überzeugt, daß es über mir ein Weſen gebe, welches ſehe, daß ich mich arm gemacht habe, um ſeine Seele zu retten.“ ſagen, nd für in den s Kind hat mir 4 te zwar chte bei ſt, und katho⸗ Mit ſie See, erſuchte ſeele zu 2.— 10³ Ohne ein Wort zu ſprechen, aber mit einem Blick, der beſſer als Worte anzeigte, daß er das Gefühl des Alten zu würdigen verſtehe, drückte Karl Auguſt dem Erzähler die Hand. Schweigend gingen beide wieder auf den Hügel vor der kleinen Hütte. Dort ſtand eine alte Eiche und der Lootſe ſagte auf den Wipfel deutend:„Hier wohnt meine einzige Geſellſchaft, die ich ſeit vielen Jahren gehabt habe.“ Karl Auguſt blickte fragend hinauf. Auf der Krone des Baumes war ein ungewoͤhnlich großes Vogelneſt. „Es ſind ein Paar Seeadler,“ ſagte der Alte,„die ſich hier niedergelaſſen haben. Den andern Leuten ſind ſie ein Schreck, mir aber machen ſie die groͤßte Freude. Wenn ich von meiner Mahlzeit etwas übrig habe, ſo laſſe ich es ihnen zukommen.“ Beim Abſchied ſuchte Karl Auguſt dem Alten einige Thaler in die Taſche zu ſchieben, dieſer aber nahm das Geld wieder heraus, gab es zurück und ſagte:„Was ſoll ich damit thun? Ich verlange es durchaus nicht beſſer zu haben; denn ich lebe des Glaubens, daß ich, je mehr ich hier entbehre, um ſo ſicherer darauf rechnen kann, meine Geliebte dort wieder zu ſinden, wo für uns Alle die beſte Wohnung iſt. Aber gute Nacht jetzt, junger Herr! Vielen Dank für Ihre Geſellſchaft;— der Alte hat ſich ſeit langer Zeit nicht mehr ſo angenehm unterhalten.“ In heiterer Stimmung kehrte Karl Auguſt nach ſeinem Quartier in Häſtholm zurück. Es war ihm zu Muthe, als hätte das Geſpräch mit dem alten Lootſen ſeine eigene Kraft und Zuverſicht erhöht, und er beſchloß jetzt die Gegend des Ombergs nicht zu verlaſſen, bevor er Gele⸗ genheit gehabt hätte, Alma zu ſehen und zu ſprechen— müßte er auch Jahr und Tag hier liegen bleiben. 104 Dreizehntes Kapitel. Nach Verlauf einer Woche änderte Karl Auguſt, um den Argwohn des Oberförſters einzuſchläfern, ſeinen Ent⸗ ſchluß in ſofern, daß er ſich einen kleinen Ausflug auf einige Tage vorſetzte. Immer hatte er gehofft, es möchte ſich für ihn eine Gelegenheit finden, Älma wieder zu ſehen. Aber nicht ohne Grund hatte die Seejungfrau ihre Feſtungen und Paläſte wegſchaffen laſſen: ein ſtarker Sturm mit Regen und Nebel hatte ſich erhoben und die ganze Woche ange⸗ dauert. Unter ſolchen Umſtänden war es wohl natürlich, aa kein Zufall unſerem Freund hilfreiche Hand leiſten wollte. Am Morgen, bevor er abreiſen wollte, unternahm Karl Auguſt noch einen Spaziergang auf den Berg, um ſeinen neuen Freund, den alten Lootſen zu beſuchen, der ſich Tags zuvor auf dem Schiffsbauplatz nicht hatte ſehen laſſen. Regen und Sturm hatten vollſtändig aufgehört, aber der Himmel war noch bedeckt, und wunderliche Wolkengebilde ſegelten über den Baumwipfeln hin. Hoch oben über dem Nebel begann jedoch ein Gegenſtand von beſtimmterer Form ſich allmaͤlig hernieder zu laſſen: es war ein Seeadler, der in weiten Kreiſen den Raum durchflog und nach Beute ſpähte. Karl Auguſt folgte mit Intereſſe allen Bewegungen des Vogels, und ſah endlich, wie der gewaltige König der Luft mit einem Male ſenkrecht auf das Gebüſch nieder⸗ ſtieß. Unmittelbar darauf hörte man ein ſtarkes Gerauſche, und in demſelben Augenblick kam blitzſchnell ein Hirſch hervorgeſprungen, auf deſſen Kopfe der Adler ſaß; er ſchrie entſetzlich und ſchlug verzweifelt mit den Flügeln um ſich, ohne jedoch ſeine tief eingehakte eine Kralle los machen zu wollen. Seinen andern Fang hielt er hoch empor und ſchlug ihn endlich in den Stamm einer Tanne ein, Aber beſtraf Hälfte dem 2 1 daß e Stimm Herr! Karl dem 6 Oberf welche Ander welche Haus Hãus Platz Dar daß Gleic förſte ſie r Lootſ 1 Eßw Geſt Oh, geſte jetzt aber t, um Ent⸗ g auf n eine nicht und Regen ange⸗ lürlich, leiſten nahm , um , der ſehen gehört, erliche Hoch d von 1: es chflog ungen ügeln e los hoch anne — 105 ein, um den flüchtigen Hirſch zum Stehen zu bringen. Aber für dieſe Vermeſſenheit wurde der Adler gräßlich beſtraft: im Nu war er in zwei Stücke zerriſſen; die eine Hälfte folgte dem geretteten Hirſch, die andere ſiel neben dem Baum zur Erde. Dieſer Anblick gab Karl Auguſt ſo viel zu denken, daß er herannahende Tritte erſt bemerkte, als die rauhe Stimme des Lootſen ihm zurief:„Gott grüße Sie, junger Herr!“ „Ich komme, um Abſchied von Dir zu nehmen,“ ſagte Karl Auguſt.„Warum ließeſt Du Dich geſtern nicht auf dem Schiffsplatze ſehen? Warſt Du krank?“ „Nein, aber ich hatte anderwärts zu thun. Der Oberförſter beſtellte mich: er hatte eine kleine Arbeit, von welcher er dachte, ich könne ſie ſo gut verrichten, wie ein Anderer.“ „Nun, was war es denn?“ fragte Karl Auguſt, welchen ſelbſt der unbedeutendſte Umſtand, der ſich auf dieſes Haus bezog, intereſſirte. „Weiter nichts, als daß Fräulein Alma ein kleines Häuschen auf der Anhöhe bauen laſſen wollte, auf einem Platz, wo ſie gerne ſitzt und auf den See hinabſchaut. Da wir nun gute Freunde ſind, ſo hat ſie ſelbſt gewünſcht, daß ich ihr dabei helfen ſolle.“ „So, ſo,“ verſetzte Karl Auguſt mit erzwungener Gleichgültigkeit,„Du biſt alſo bei der Tochter des Ober⸗ förſters gut angeſchrieben?“ „Ja, ohne Prahlerei geſagt, ſie hält viel auf mich: ſie macht ſich nichts daraus, in Geſellſchaft des alten Lootſen geſehen zu werden, und ſie iſt ſchon ſelbſt mit Eßwaaren in ihrer Schürze nach meiner Hütte gekommen. Geſtern ſaß ſie wohl ein Paar Stunden bei mir.“ „Ein Paar Stunden, und gerade geſtern, geſtern!“ Oh, wie ärgerte ſich jetzt Karl Auguſt, daß er gerade geſtern den Alten nicht beſucht hatte! Er bemühte ſich jetzt zwar, ſeiner Stimme wieder mehr Feſtigkeit zu geben, aber der Alte hatte genug vernommen, um zu begreifen, 106 welche Gründe ein Mann, der den Omberg nach gerade von oben bis unten kannte, zu einem längeren Aufenthalt in der Gegend haben mochte. „Wann reiſen Sie über den Wetterſee zurück?“ fragte der Alte. „Ich hatte im Sinn heute nach Viſingsö zu fahren, aber es ſieht aus, als ob der Nebel nicht weichen wollte.“ Der Lootſe lächelte.„Mit dem Nebel hat es keine Noth,“ ſagte er,„es wird noch den Vormittag ganz hell werden. Aber wenn der alte Mann ſich nicht ganz ver rechnet, ſo haben Sie vielleicht noch nicht alle Ihre Geſchäfte hier vollendet?“ „Geſchäfte!“ wiederholte Karl Auguſt erröthend.„Ich habe keine andern Geſchäfte hier, als die Gegend zu beſehen.“ „Nun, wie Sie wollen. Dieſen Zweck kann Niemand tadeln, obſchon ich glaube, daß Sie noch etwas mehr zu ſehen wünſchen, was ſich ohne einen guten, mit dem Fahrwaſſer vertrauten Lootſen nicht ſo leicht in Stand ſetzen läßt. Aber ich darf mich nicht zu lang aufhalten. Wünſchen Sie die Arbeit zu ſehen, ſo müſſen Sie ſich, wenn Sie auf die Spitze des Berges kommen, rechts wenden; und wenn der Nebel nicht ſtärker wird, als jetzt, ſo koͤnnen Sie ſich auf den Nachmittag eine recht hübſche Ausſicht verſprechen.“ Ueberraſcht, daß ſein Geheimniß bereits in andere Hände übergegangen, ſuchte Karl Auguſt den Alten nicht zurückzuhalten. Erſt als die geflickte Jacke im Buchenwald unten verſchwunden war, ſetzte er ſeinen Weg in der von dem Lootſen bezeichneten Richtung fort. Halbwegs auf dem Hügel angekommen, blieb er ſtehen und lehnte ſich an den Stamm einer Eiche. Hier ſann er einige Augenblicke nach und ſuchte ſich über den Wunſch, der ihn weiter trieb, Rechenſchaft zu ertheilen. War es wirklich Liebe? Konnte er wohl vernünftiger Weiſe ein Mädchen lieben, das er blos zwei Mal geſehen und nur ein einziges Mal geſprochen hatte? Nur ſein Herz konnte aus, an die anfing Steine eine n liche eben Bank Alma Alma ſchmü zu be Moos ſeine ſich 2 Geſich erblül Gold feinen fremd 107 Heras konnte auf dieſe Frage antworten, und die Antwort fiel ſo enthalt aus, daß er noch ſchneller vorwärts eilte. Bald kam er fragt an die Stelle, wo das Gehölz weniger dicht zu werden gte anfing, und ſah bereits in der Entfernung die kleine, aus fahren Steinen, Zweigen und Ninde verfertigte Grotte.. vollte In dieſer Art von Luſthaus lief an den Wänden hin 6 keine 3 eine niedrige Raſenbank fort, von wo aus man eine herr⸗ nz hell liche Ausſicht auf den Wetterſee genoß, deſſen bleiche Waſſer 18 wer eben von etlichen Segelſchiffen durchſchnitten wurden. eiart Karl Auguſt ſetzte ſich auf die Bank— dieſelbe ſchäfte Bank, auf welcher vielleicht in einer oder zwei Stunden Alma ruhen ſollte. Plötzlich kam er auf den Gedanken, c. Almas Luſthäuschen mit friſchem Lanb und Blumen zu end 3n ſchmücken, ſo wie den rauhen Boden mit weichem Moos emand zu belegen. tehr zu Gedacht, gethan. Aber noch hatte er das letzte it dein Moosſtück nicht einfügen konnen, als ein leichter Ruf an Stand ſeine Ohren ſchlug. Schnell richtete er ſich auf und ſah neben halten. ſich Alma mit freudeſtrahlendem Ausdruck auf dem friſchen 8 ſich. Geſichte, wo rothe Roſen und weiße Lilien um die Wette rechhs erblühten. Sie führte an einem Bande ihren Liebling s jetzt Goldfuß, der mit dem Vorderlauf ſcharrte und durch die hi feinen Naſenlöcher ſchnaubte: Goldfuß wollte mit dem hübſche fremden Gaſt ſich noch nicht befreunden. „Ich bitte um Verzeihung,“ ſtammelte Karl Auguſt; andere„es war freilich ſehr kühn von mir! Ich kam zufällig hie⸗ nicht her... ich wußte nicht...“ Luöwaſd„Warum ſollte es kühn ſein?“ ſagte Alma, die ſich er von von ihrer Ueberraſchung, den Fremden, welchen ſie längſt jeh er über dem See zurückglaubte, hier wieder zu ſehen, erholt ie 3ſar hatte. Hier„Weil ich wußte,“ antwortete Karl Auguſt, indem er den er verlegen den kleinen Goldfuß auf dem Rücken ſtreichelte, heilen.„daß die kleine Grotte einer Perſon gehört, welche viel⸗ Weiſe leicht dieſe Freiheit eines Unbekannten übel deuten könnte.“ en und„Warum ſagen Sie unbekannt?“ verſetzte Alma Herz leiſer.„Ein Unbekannter koͤnnen Sie doch nicht ſein für 108 ein Mädchen, das... aber es bedarf wohl nicht der Verſicherung, daß ich das Gewitter in Alvaſtra niemals vergeſſen werde.“ 8 Die ſonſt ſo ſchüchterne Alma hätte unmöglich dies Alles ſagen können, wenn nicht das Benehmen ihres Va⸗ ters gegen den Fremden ihr die Ueberzeugung eingeflößt hätte, es ſei ihre Pflicht, das wieder gut zu machen, was der rauhe alte Mann verbrochen. Inzwiſchen hatte Alma kaum ausgeſprochen, als ſich das Blut raſch in ihre Wangen drängte. Karl Auguſt griff mit Entzücken jedes Wort auf. „Und für mich,“ ſagte er,„haben dieſe Ruinen, die ich ſeitdem täglich beſuchte, eine heilige Bedeutung gewonnen: ſie enthalten für mich eine Erinnerung, welche ſich niemals verwiſchen wird— ich habe hier einen Wendepunkt erlebt, der auf mein ganzes Leben einen gewaltigen Einfluß aus⸗ üben muß.“ Alma ſtand ſprachlos da: ſie wußte nicht einmal, daß ihr kleiner Fuß die ſchöne Moosdecke wegſchob, welche Karl Auguſt ſo eben gelegt hatte; aber ſie zog ihn ſchnell zurück und ſagte auf das Moos deutend:„Sehen Sie, die Decke iſt ſchon verſchoben, ehe ſie noch feſten Halt gewonnen hat— das iſt kein beneidenswerthes Loos, Ach verzeihen Sie!“ Und ohne zu überlegen, was ſie that, wie viel oder wie wenig man in ihrem Benehmen finden konnte, hatte ſie ſich niedergebückt und mit ihrer Hand die verſchobenen Moosſtücke wieder zurechtgelegt. Bei dieſem Anblick, worin Karl Auguſt die ganze unſchuldsvolle Bewußtloſigkeit einer aufkeimenden Liebe zu erkennen glaubte, flammte ſein Geſicht, und in ſeiner Seele und ſeinem Herzen entzündete ſich eine ungeſtüme Gluth. Aber weit entfernt, die Verlegenheit Almas ver⸗ mehren zu wollen, welche ſich jetzt an den Ausgang der Grotte ſtellte, ſuchte Karl Auguſt ſeiner Stimme alle mögliche Ruhe und Gelaſſenheit zu geben, und begann nun von den ſo eben geſchehenen merkwürdigen Kampf zwiſchen dem Adler und dem Hirſch zu erzählen. einiger äußerſ dem d ( eine 6 auf il zu fri 4 ich,“ ſagen zu erf 1 in der ihm ſ und v 1 men 5 Liebe Fall nur n Augu Blicke halter A forder indem an e habe emals rlebt, aus⸗ nmal, velche ſchne ell ganze be zu ſeiner ſtüme ver⸗ g der alle nnun iſchen Während dieſer Erzählung, welche Karl Auguſt einigermaßen poetiſch ausſchmückte, ſetzte ſich Alma zu äußerſt auf die Raſenbank, und unſer Freund nahm auf dem daneben ſtehenden Steine Platz. Eine Geſchichte folgte aus der andern, bis beinahe eine Stunde verfloſſen war, und Alma mit einem Blicke auf ihre Uhr bemerkte, um dieſe Stunde pflege ihr Vater zu frühſtücken, und dabei dürfe ſie nicht fehlen. Karl Auguſt ſtand auf und machte ihr Platz.„Darf ich,“ ſagte er,„dem alten Lootſen, wenn ich ihn treſſe, ſagen, daß die Grotte ſich des Beifalls ihrer Beſiterin zu erfreuen habe?“ „Ja, freilich— Sie kennen alſo unſern alten Lootſen in der Hütte dort unten? Ich habe ihn ſehr lieb und höre ihm ſo gerne zu, wenn er von ſeinen Abenteuern zur See und von ſeiner Herzgeliebten erzählt.“ „Auch ich bin in ſeinen Kummer und in ſeinen from⸗ men Abergl auben eingeweiht worden. Aber ſo muß die Liebe ſein: ſtark im Glauben und treu bis in den Tod.“ Cine leichte Röthe war Almas Antwort, während ſie ihre Hand nach dem Leitband des kleinen Hirſches ſtreckte, das einen Augenblick auf Karl Auguſts Arm geruht hatte. Er begleitete ſie den Hügel hinab, wo beide ſtehen blieben, gleich als hätten ſie ſchweigend die Uebereinkunft getroffen, ſich hier zu trennen. „Darf ich Ihnen eine glückliche Reiſe wünſchen, im Fall wir uns nicht mehr...“ Sie beendigte ihren Satz nur mit einer leichten Verbeugung. „Das war nicht meine Abſicht,“ antwortete Karl Auguſt und ſah das Mädchen mit einem ausdrucksvollen Blicke an;„Aber wenn dieſe Worte einen Wunſch ent⸗ halten ſollten, ſo verl laſſe ich den Omberg noch heute.“ Alma hatte nicht den Muth, auf dieſe befimmnte Auf⸗ forderung etwas zu erwiedern.„Wie, ſagte ſie endlich, indem ſie ein Paar Schritte vorwärts that,„wie ſollte ich an einen ſolchen Wunſch denken können! Ich... ich habe gar nichts gedacht.“ 110 Karl Auguüſt verbeugte ſich ſchweigend. Alma, welche nicht wußte, ob ihre Worte ihn beleidigt haben, ſo daß ſie ihn wirklich zum letzten Male ſehe, wandte ſich noch einmal, um zu beobachten, ob er nach ihr ſchaue. Mit einem holden Lächeln beantwortete ſie ſeinen erneuerten Abſchiedsgruß und eilte dann, durch das Ergebniß ihrer Wahrnehmungen vollkommen zufriedengeſtellt, mit Goldfuß um die Wette durch den Buchenhain hinab. „Welch ein entzückendes Geſchöpf! Welch ein kindlich unſchuldiges Gemüth!“ rief es laut in Karl Auguſts Herzen. Den ganzen Tag überließ er ſich dem himmliſch be⸗ ſeligenden Gedanken, daß er endlich ſein Eden gefunden, und am Abend ſchrieb er folgende Zeilen nach Hauſe: „Ich bitte Euch, theuer, geliebte Eltern, daß Ihr Euch ganz und gar nicht beunruhigt, im Fall Ihr längere Zeit keine Nachrichten von mir erhalten ſolltet. Ich bin ſo geſund und ſo glücklich, wie ich noch nie geweſen. Da ich aber unmöglich zugeben kann, daß die Eindrücke, die mich in dieſer herrlichen Natur ausſchließlich in An⸗ ſpruch nehmen, verwiſcht werden durch den materiellen Gedanken: heute ſollteſt Du nach Hauſe ſchreiben, einen Gedanken, der vielleicht mit neuen Vorwürfen jeden Tag wiederkehren würde, ſo bitte ich Euch, geliebte Eltern, zum Voraus um Verzeihung, wenn ich mich auf einige Zeit der Pflicht des Schreibens gänzlich überheben ſollte. Mein lieber Vater wird mir dies, wenn ich mich recht erinnere, gewiß nur danken, und die Mutter, die zärtlichſte aller Mütter, muß verzeihen Ihrem Karl Auguſt.“ „N. S. Bei meiner Rückkehr wird der Vater finden, daß ich kein unthätiger Träumer mehr bin; ich beginne jetzt wirklich zu leben.“ Dieſen Brief brachte Karl Auguſt noch in derſelben Nacht nach Hjo hinüber, wo er ſich indeß nicht länger aufhielt einzupa Pack n auf der noch la 1I aber w 2 Tante. große 4 5 77* der Vat Jund wi Ich ka 117 ſo gefe fünf M in ſein uerten ihrer 111 aufhielt, als nothig war, um ſeine Sachen zu ordnen und einzupacken. Am folgenden Tag ſiedelte er mit Sack und Pack nach Häſtholm über. Hier miethete er ſich förmlich auf den nächſten Monat ein, mit dem feſten Vorſatz, ſich noch länger in der Gegend aufzuhalten, um zu botanifiren. Vierzehntes Kapitel. „Der Vater hat ſchon drei Mal nach Dir gefragt,“ rief Tante Neta der Spaziergängerin zu, indem ſie ihr ein Stück Wegs entgegen ging. „Nach mir gefragt?“ wiederholte Alma.„Ich habe doch die Frühſtücksſtunde nicht verſäumt.“ „Nein, es fehlen noch zehn Minuten bis zehn Uhr— aber wohin laufſt Du denn ſo früh am Morgen?“ „Das kann man doch wahrlich nicht zu früh nennen, Tante. Ich wollte blos das Luſthäuschen ſehen, das der große Lootſe mir geſtern gebaut hat.“ „Nun, das war wohl bald beſehen... Doch da ſteht der Vater ſelbſt auf der Treppe: er gebärdet ſich und nickt und winkt, als wenn das Leben auf dem Spiel ſtände. Ich kann nicht begreifen, was er von Dir will?“ „Ich auch nicht,“ antwortete Alma, welche jetzt zu fürchten anfing, ihr Vater möchte von ihrem Zuſammen⸗ treffen mit dem jungen Hüttenbeſitzer bereits Wind erbalten haben. Sie beſchleunigte deßhalb ihre Schritte dermaßen, daß ſie beinahe athemlos vor der Treppe ankam. „Ei, ei, die galopirende Schwindſucht brauchſt Du Dir nicht gerade an den Hals zu laufen— Gott bewahre, ſo gefährlich ſieht das Ding nicht aus: wir haben noch fünf Minuten übrig.“ Und nun begab ſich der Oberfoͤrſter in ſein Heiligthum, das heißt ſein Arbeitszimmer, wo nach 112 Verlauf der fünf verſtatteten Minuten auch Alma ſich 3 einfand. „Nun, mein Kind,“ begann der Oberförſter, der mit⸗ ten in der Stube ſtand und allerlei Bewegungen und Ge⸗ bärden machte, aber mit einer Munterkeit, aus welcher leicht zu erſehen war, daß es ſich um nichts Unangenehmes han⸗ delte,„nun, mein Kind, Du ſiehſt ja aus wie ein aufge⸗. ſchreckter Krametsvogel. Was fürchteſt Du denn, etwa ein kleines Eramen?“ „Ein kleines Eramen?“ ſprach Alma erblaſſend nach. „Nun ja, Du brauchſt deßhalb nicht ſo ſcheu drein zu blicken, es wird wohl nicht ſo ſchlecht ausfallen. Wenn ich zum Beiſpiel mit der Frage beginnen wollte: warum biſt Du ſo blaß geworden? ſo antworteſt du: Papa— hier ging des Oberförſters Stimme in den feinſten Diskant über— liebſter Papa, ich weiß wahrhaftig nicht, daß ich blaß geworden bin.“ „Nein, Papa, das würde ich nicht geantwortet haben, denn ich ſpürte wirklich, daß das Blut mir aus den Wan⸗ gen trat.“* „Und warum das?“ „Weil ich erſchrack— ich weiß ja nicht, über was Du mich eraminiren willſt?“ „Du ſollſt es ſogleich erfahren. Aber Du ſiehſt ja aus, als wäreſt Du die Tochter eines Haſen und nicht eines Oberförſters. Gehe in Dein Zimmer und hole Dir Muth, während ich frühſtücke; dann komm in einer halben Stunde wieder zu mir.“ „Ja, Papa,“ ſagte Alma, voll Vergnügen einige Zeit zu gewinnen. Aber als ſie auf ihr Zimmer kam, begann ſie ſich mit ſo mancherlei Vorſtellungen zu quälen, daß ſie es zu⸗ letzt für eine Wohlthat halten mußte die Wahrheit zu er⸗ fahren; und noch war die hal ſtrichen, als das gute Kind zw Stunde nicht ganz ver⸗ förſter laubni nehme nicht! beibeh und de lich bi gewin an N wende iſt etn noch immer einigermaßen ängſtlich, aber doch etwas muthiger als zuvor, von Neuem in des Vaters Zimmer tratkt. . 113 a ſich„Nun haben wir uns jetzt erholt?“ fragte der Ober⸗ förſter und ſetzte ſich auf den Sopha, während Alma Er⸗ er mit⸗ laubniß erhielt, auf einem Stuhle ihm gegenüber Platz zu d Ge⸗ nehmen. rleicht„Ja, lieber Papa.“ s han⸗„Haben wir etwas zu errathen verſucht?“ aufge⸗ d„Nein, Papa, ich habe nichts errathen können.“ wa ein„Gib doch Acht: ich habe nicht gefragt, ob Du er⸗ rathen konnteſt, was ich Dir zu ſagen gedenke, ſondern dnach. ob Du den Verſuch gemacht habeſt, es zu errathen?“ 1 drein„Ja, Papa, den Verſuch habe ich gemacht.“ Wenn „Nun, an was für Gegenſtänden hat Dein Erra⸗ warum thungsvermögen ſich geübt?“ pa.„Ach, Papa!“ Diskant„Komm her und laß uns nicht blinde Kuh ſpielen, daß ich ſondern wenn überhaupt geſpielt werden ſoll, ſo wollen wir lieber das Ringverſtecken aufführen;— haſt Du keine haben, Freude an Ringen, Du kleiner Schelm?“ Wan⸗„„Nein, Papa,“ antwortete Alma mit ſtarkem Erröthen nich frage wahrhaftig nicht viel nach Ringen.“ „Was ſagſt Du? Ich glaube gar, Du willſt Dich er was aufs Lügen werfen. Nein, nein, damit mußt Du Dich nicht befaſſen. Mädchen ſind Mädchen, und auch meine iehſt ja Alma liebt ein Ringlein.“ d nicht„Nein, Papa, das thut ſie ganz und gar nicht,“ ant⸗ ole Dir wortete Alma, welche noch oft die kindliche Gewohnheit halben beibehielt, von ſich ſelbſt in der dritten Perſon zu ſprechen und dabei ſah ſie den Oberföͤrſter mit einem ſo unbeſchreib⸗ lich bittenden Ausdrucke an, daß dieſer, nur um Zeit zu. ige Zeit , gewinnen, ſeine Pfeife ausklopfte und ſich eine neue ſtopfte. ſie ſich„Nun mag ſein, Du haſt alſo keine ſonderliche Freude es zu⸗ an Ringen; aber was haſt Du denn gegen ſie einzu⸗ t zu er⸗ wenden?“ unz ver⸗„Das kann ich nicht ſo beſtimmt ſagen Papa: es ermaßen V iſt etwas, das ich nicht zu erklären vermag.“ Neuem „Dann iſt's etwas anderes. Wir wollen Deinen Wi⸗ Die Braut auf dem Omberg. 8 114⁴4 derwillen dagegen zu den unnatürlichen Dingen rechnen; aber bis derſelbe ſich erklären läßt, wollen wir unſere Fin⸗ ger nicht mehr mit ſolchen verhaßten Zierrathen beſchweren. Zieh alſo nur Deine Ringe hübſch ab und gib ſie her.“ Die letzten Worte wurden in einem beſtimmteren Tone ge⸗ ſprochen.. Beſtürzt hielt Alma die weißen Handchen hin. Sie„ liebte es, ſich mit ſchönen Ringen zu ſchmücken, und nicht ohne bittern Schmerz, welcher ihr ſogar Thränen in die Augen trieb, ließ ſie es geſchehen, daß ihr Vater ihr einen um den andern abzog, ſodann ſämmtlich in eine Doſe legte, und in ſeinem Pulte verſchloß. „Jetzt wären einmal dieſe Steine des Aergerniſſes entfernt, und wir können von etwas anderem ſprechen. Was würdeſt Du zu einem ſchönen, weißen Pferdchen ſagen, feurig und doch fromm wie ein Lamm, mit einem hübſchen engliſchen Damenſattel und noch dazu einem ſtattlichen Reitkleid, vollkommen paſſend für ein Mädchen von Deinem Alter und Wuchs?“ „Ach, liebſter Papa,“ rief Alma, und Freude ſtrahlte aus ihrem Auge,„ein Pferd, ein Sattel, ein Reitkleid, wie gerne möͤchte ich das Alles haben!“ „Daran zweifle ich ganz und gar nicht; aber würdeſt Du auch etwas dagegen geben?“ 3 „Was könnte ich Dir denn geben, lieber Papa.“ „Mir? Was fällt Dir ein? Glaubſt Du etwa, daß ich zu Deinem Vergnügen ſo viel Geld hinauswerfen würde? Nein Gott bewahre, das überlaſſe ich ſolchen Leu⸗ ten, welche ſich die Gunſt eines ſchönen Mädchens zu er⸗ werben wünſchen.“ 3 Alma ſchwieg. Die Roſen der Freude verſchwanden von ihren Wangen. Verwirrt blickte ſie auf den Boden. „Nun Du brauchſt den Kopf nicht hängen zu laſſen, ſondern haſt im Gegentheil Urſache, ihn ſtolz aufzurichten. Mit Einem Wort, es iſt ein Freier da, welcher das Pferd ſammt dem Sattel und der ganzen Herrlichkeit als Braut gabe für Dich beſtimmt.“ —,., Sie nicht iin die einen legte, rniſſes Was ſagen, bſchen tlichen einem trahlte itkleid, bürdeſt 4 daß verfen Leu⸗ zu er⸗ anden Zoden. laſſen, ichten. Pferd Zraut⸗ 145 „Ach, um Gottes willen, Papa! Aber...“ Mehr getraute ſich Alma nicht zu ſagen: die Hälfte ihres Satzes blieb auf ihre Lippen gebannt durch den Blick, welchen des Vaters Auge auf ſie ſchoß. „Kein Aber! Das habe ich nie ausſtehen konnen. Doch aus beſonderer Gnade will ich Dir erlauben, vol⸗ lends herauszuſagen, was Du mit Deinem Aber beant⸗ worten wollteſt.“ „Ich will nicht Braut ſein, Papa,“ ſchluchzte das be⸗ ſtürzte Mädchen, und legte den Kopf auf ihres Vaters Knie. Des Oberförſters Züge nahmen hier einen eigenthüm⸗ lichen Ausdruck an. Er fuhr nicht heftig auf wie gewoͤhn⸗ lich, wenn er gereizt wurde, aber doch hätte man weit und breit die Stimme hören können, mit welcher er fragte: „Seit wann haſt Du einen Willen?“ Alma ſchwieg; aber auf eine neue Aufforderung ant⸗ wortete ſie leiſe:„Ich wußte es früher ſelbſt nicht, daß ich einen habe.“ „Ich auch nicht,“ antwortete der Oberförſter;„aber da das Ding jedenfalls noch ſo neu iſt, daß es noch nicht feſte Wurzeln gefaßt haben kann, ſo glaube ich, daß Du es Dir ohne ſonderliche Beſchwerde wieder abgewoͤhnen kannſt; meinſt Du das nicht auch?“ „Ach, Papa, ſprich offen, ſprich zärtlich mit mir— mir iſt ſo bange, wenn Du in dieſem Tone da ſprichſt.“ „Sehr gern. So höre, ich wünſche Dich zu verhei⸗ rathen. Im nächſten Jahre wollen wir Hochzeit halten, und ich hoffe, daß alle Leute, die bei der Hochzeit tanzen, von der ſchönen und glücklichen Braut auf dem Omberg erzählen werden.“ „Und der Bräutigam?“ ſtammelte Alma. „Der beſte Mann, der je einen ſchwediſchen Namen getragen, einen ſchwediſchen Stahl geſchwungen und die ſchwediſche Erde gepflügt hat; des Königs getreuer Vaſall, Major und Ritter, der wohlgeborne Herr Svante Kling, Beſitzer des Ritterguts Svanvik und mehrerer Tonnen 116 klingenden Goldes, was aber alles zuſammen nicht ſo viel Rück werth iſt, als ein einziger Tropfen Blut ſeines Herzene, d nch des ehrlichſten und getreueſten, das ſich je einem Mädchen e zu Füßen gelegt hat.“ un „Ach, er iſt ſo alt, ſo ſchrecklich, ſo entſetzlich alt!“ der ſchluchzte Alma. iürer „Oh, Gott bewahre, er iſt gar nicht ſo alt, er hat h wie ein jugendfriſches Gemüth und iſt im Uebrigen ſo munter Lina wie ein Eichhörnchen. Schäme Dich doch: der Mann zählt Lip erſt etliche vierzig Jahre.“ iph „Nein, mehr als fünfzig— und ich kann den alten dein Major unmsglich heirathen!“ Und Alma ſenkte die Augen, S um die Wirkungen der Keckheit nicht zu ſehen, die ſie ſich di erlaubt hatte. 4 8 Aber der Oberförſter war nicht ſo aufbrauſend wie 8 gewöhnlich; er antwortete blos:„das wollen wir ſehen;“ 8 ſodann ſtand er auf und bemerkte, es ſei Zeit für ſeinen Spaziergang im Thiergarten.. Alma athmete leichter, Sie hatte jetzt wenigſtens wieder ihre Denkfreiheit. Doch war ſie darum nicht ſehr 2 1 zu beneiden; denn ſie wurde nunmehr ein Raub der pein⸗ Niic lichſten Vorſtellungen. b Den Major zu heirathen, welchen ſie beinahe mit eb gleicher Ehrfurcht, wie ihren eigenen Vater zu betrachten zee gewohnt war, dies ſchien ihr beinahe eben ſo unmöglich, nte als ein ernſtlicher Widerſtand gegen den väterlichen Willen. d Allerdings war dieſer erſte Verſuch zur Widerſetzlichkeit 6 weit gelinder abgelaufen, als ſie ſelbſt erwartet hatte; ſe aber hieraus folgte noch nicht, daß der nächſte eben ſo glücklich ausfallen würde. Ach nein, Alma wußte gar zu 1 gut, daß ihr Vater ſich nicht leiten ließ, ſelbſt nicht von 37 1 einem ſo nagelneuen Dinge, wie der eigene Wille einer d Tochter war, die ſich bis jetzt noch niemals, auch in den geringſten Sachen nicht, einen ſolchen erlaubt hatte. So wichtig inzwiſchen der Gegenſtand war, der Alma’s Gemüth beſchäftigte, ſo geſtattete er ihr immerhin noch 1 von Zeit zu Zeit auf die Scene im Luſthäuschen einen 4 Rückblick zu werfen. Und ſo oft ſie des Augenblicks ge⸗ dachte, da ſie Karl Auguſt bei dem Geſchäfte, den Boden mit Moos zu belegen, überraſcht hatte, flog eine Röthe über ihre Wangen, und auf den Lippen ſpielte, trotz all ihrer innern Unruhe, ein Lächeln, welches deutlich zeigte, wie in dem jungfräulichen Herzen Freude und Schmerz einander die Wage hielten. Inzwiſchen ſpazierte der Oberfoͤrſter mit eingekniffenen Lippen auf einem Fußpfad durch den Park; auf einem gewiſſen Plätzchen angelangt, wo er auszuruhen pflegte, wenn ihn Niemand ſah— es gehoͤrte nämlich zu ſeinen Schwachheiten, immer jung ſcheinen zu wollen, obſchon er die drückende Laſt des Alters wohl verſpürte— zog er aus ſeiner Bruſttaſche einen Brief, entfaltete ihn und durchlief zum zweiten Mal den willkommenen, ſchon lange erwarteten Inhalt: „Liebſter Bruder! Du haſt wohl ſchon lange geſehen, wie es um mich ſteht.“ „Ja wohl, ja wohl,“ rief der Oberförſter,„aber eben deßhalb hätte man die Zeit benützen ſollen; denn ſie zerſtoͤrt die beſten Plane, obſchon ſie dieſen, beim Teufel, nicht zerſtoͤren ſoll.“ . Urßd ich hoffe, daß Du das Gefühl gut heißeſt, das ich gleichwohl ſelbſt nicht billigen kann, da ich fürchte, es möchte derjenigen mißfallen, welche Gegenſtand der⸗ ſelben iſt. Ich bin nicht im Stand, mündlich oder ſchriftlich meine Worte ſo zu ſtellen, daß ſie denjenigen Klang haben, welcher dem Ohr eines jungen Mädchens angenehm erſcheint. Deßhalb wage ich es auch auf keine von beiden Arten, Deiner Tochter ſelbſt meinen Wunſch vorzutragen, ſondern ich erſuche Dich, mit väterlicher Liebe und ohne alle Heftigkeit— denn letztere liegt ganz und gar nicht in meinen Wünſchen— Deine Alma zu fragen, ob ſie mit einem Manne glücklich ſein zu können glaubt, welcher in 4 118 dieſem Fall wieder zum Jüngling werden würde. Viel⸗ leicht ſagt ſie nein, und dann bitte ich Dich durchaus keine Ueberredung anzuwenden. Was wäre die Seligkeit einiger Jahre für mich, wenn Alma dabei leiden müßte? Nein, nur keinen Zwang! Für die Antwort ſetze ich keine Zeit feſt. Ich bleibe ein Paar Wochen zu Hauſe, inſofern ich nicht unterdeß Nachrichten erhalte. Bekomme ich ſolche nicht, ſo werde ich Dich wenigſtens immerhin als alter Freund beſuchen . Mit Achtung und Freundſchaft Dein getreuer So. Kling.“ „Du alter, guter Eſel, hätteſt Du dies ein halb Jahr früher von Dir gegeben, ſo wäre ſie jetzt Deine Frau,“ murmelte der Oberförſter.„Eigener Wille— ei, ei, was man nicht erleben muß! Ein ſolches Dirnchen will ſeinen eigenen Willen haben! Aber ich weiß auch, was ich will, und ich weiß was das Beſte und Klügſte iſt. Ob wohl der würdige Ritter aus den Ruinen Häſt⸗ holm verlaſſen hat? Ich muß mich doch ſogleich erkundigen. Wenn Wilddiebe in der Nähe ſind, ſo muß man die Augen offen halten.“ Noch am ſelben Abend begab ſich der Oberförſter auf den See, um Fiſche zu fangen, was nie zu ſeinen Lieb⸗ lingsneigungen gehört hatte. Bei Häſtholm ließ er im Vorbeifahren anlegen, um den Schiffsbauplatz zu beſuchen, wo der große Lootſe arbeitete. Der Wirth ſtand vor ſeiner Thuͤre und verbeugte ſich mit der Mütze in der Hand. Der Oberförſter erwiederte den Gruß und fragte: „Nun, haben Sie viele Reiſende?“ „Ich kann's juſt nicht ſehr loben. Doch habe ich einen Herrn gehabt, der eine ganze Woche da blieb.“ „Und iſt er nicht mehr da?“— „Nein, er iſt ſo eben abgereist, man ſieht ſein Boot —, ᷣðö⸗nſ- noch auch zurüc er. Maj inden noch im Weſten. Er fährt nach Hjo hinüber, woher er auch gekommen iſt.“ Mit leichterem Herzen fuhr der Oberförſter nach Hauſe zurück. Da er ſich nun ganz ſicher glaubte, ſo beſchloß er, in eigener Perſon nach Svanvik zu reiſen, um den Major aufzufordern, daß er ſelbſt an Alma ſchreiben ſolle, indem ſein väterliches Jawort ihm gewiß ſei. Fünßzehntes Kapitel. Einige Wochen waren verfloſſen. Der Oberförſter hatte ſeine Reiſe gemacht, den Zweck derſelben aber, nämlich den Major zu einem Schreiben an Alma zu veranlaſſen, gänzlich verfehlt.„Nein, Bruder,“ hatte der rechtſchaffene Mann geantwortet,„Alma kennt mich ſo genau, daß ich ihr meine geringen Verdienſte nicht vor die Augen zu legen brauche. Will ſie mich mit Herz und Hand beglücken, ſo mag ſie es ohne einen Brief thun.“ Aergerlich brummte der Oberförſter etwas von Dumm⸗ heiten, von Unkenntniß des weiblichen Charakters, und trat ſeinen Rückweg an, nachdem er den Major noch er⸗ ſucht hatte, ſich binnen vierzehn Tagen bei ihm einzufinden. Während dieſer ganzen Zeit hörte Alma nicht ein einziges Wort von der Werbung des Majors, daher ſie beinahe zu glauben anfing, ihr Vater habe, da es ihr ganzes Lebensglück gelte, ſeinen eigenen Willen aufgegeben. Immer friſcher und friſcher erblühten daher wieder die Roſen der Freude auf ihren Wangen. Alma hatte näm⸗ lich noch andere Gründe ſich glücklich zu fühlen, Gründe, welche ſie indeß ſorgfältig in ihrer eigenen Bruſt verſchloß. Sie hatte mehrere Male— verſteht ſich ganz zufällig— den Fremdling wieder geſehen, und ſie konnte, obſchon kein 120 beſtimmtes Wort darüber geſprochen wurde, nicht mehr daran zweifeln, daß derſelbe ſich einzig und allein ihret⸗ wegen noch in der Gegend aufhielt. Gleichwohl empfand ſie oft einen früher ungekannten Schmerz, kleine Gewiſſensbiſſe darüber, daß ſie vor ihrem Vater ein Geheimniß hatte. Es war allerdings wahr, daß ihre Zuſammenkünfte mit Karl Auguſt niemals ver⸗ abredet wurden, aber nicht minder wahr mußte es auch genannt werden, daß ſie denſelben nie auswich, während ihr dies nicht ſonderlich ſchwer hätte werden können, wenn ſie nur ihre Spaziergänge auf den Garten und die nächſte Umgebung des Hauſes beſchränkt hätte. Zwei Tage lang war ſie wirklich nicht weiter gegangen, am dritten aber beſaß ſie keine Gewalt mehr über ihr Füßchen: daſſelbe empfand ein unwiderſtehliches Verlangen, das kleine Luſt⸗ haus, die elf Buchen, die Stocklyckwieſe und andere ab⸗ gelegene Stellen zu beſuchen, wo es der Zufall immer ſo fügte, daß Karl Auguſt gleichzeitig eintraf. „Wenn einmal der Vater“— Alma wagte es nicht auszuſprechen—„mich überraſchen ſollte,“ ſondern änderte ihren Satz dahin,„wenn einmal der Vater merken ſollte, daß ich ganz ohne meine eigene Schuld auf meinen Spa⸗ ziergängen mit Jemand zuſammentreffe! Ob er dann wohl ſehr böſe würde?“ und jedesmal, ſo oft ſie dieſe Frage an ſich ſelbſt ſtellte, gab ihr heftig klopfendes Herz eine entſchieden bejahende Antwort. „Haſt Du gehört, wie die Elſtern heute auf dem Dache ſchwatzen?“ fragte Tante Neta, als ſie eines Morgens in Alma's Zimmer trat. „Nein, was bedeutet das?“ erwiederte Alina, indem ſie auf die Uhr ſah und ſich ſchnell anzukleiden begann. „Was es bedeutet, mein liebes Kind!“ wiederholte Tante Neta und nahm eine ſo ſtarke Priſe aus ihrer Doſe, daß mehr als die Hälfte davon auf die ſchneeweiße Schürze ſiel.„Entweder bekommen wir Gäſte oder erfahren wir Neuigkeiten. Schwatzen die Elſtern blos einen einzigen Morgen, ſo kommen Gäͤſte; aber jetzt haben ſie drei —— ich ſ nächf einen gan hab rade ihre ſelb das Ant Und bew 1 4 6 6 Morgen hintereinander geſchwatzt und das bedeutet eine wichtige Neuigkeit.“ „Was mag es ſein, liebe Tante?“ „Ich bin freilich nicht allwiſſend, aber errathen kann ich ſchon etwas, wenn man mir nur einige Anleitung gibt.“ „Und iſt das jetzt der Fall?“ „Wie man's nimmt— haſt Du gehört, daß wir nächſten Sonntag einen großen Schmaus haben werden, einen wahren Feſtſchmaus mit Spiel und Tanz?“ „Mit Spiel und Tanz?“ wiederholte Alma erbleichend. „Nun, warum ſiehſt Du denn ſo erſchrocken aus? Haſt Du vergeſſen, daß hier im Hauſe ein kleines Mädchen iſt, welches an dieſem Tag einen ſchönen Kranz erhalten ſoll?“ „Ich weiß wohl, daß am Sonntag mein Geburtstag iſt, aber dieſer iſt noch nie ſo feierlich begangen worden.“ „Einmal muß das erſte Mal ſein. Du wirſt achtzehn Jahre alt; vielleicht will der Vater, daß das Feſt eine doppelte Bedeutung erhalten ſoll.“ Auf dieſe Anſpielung wagte Alma nicht zu antworten. Ihr Kopf ſchwindelte, Ihre Pulſe pochten fieberiſch. Bis zum Sonntag waren es nur noch drei Tage, und der Sonntag war gerade einer von denjenigen, wo ſie einen größeren Spaziergang zu machen pflegte. Dieſe Spazier⸗ gänge fanden jetzt ſo regelmäßig immer am dritten oder vierten Tage ſtatt, daß Alma, wenn ſie die Ordnung geändert hätte und zum Beiſpiel heute auf den Berg ge⸗ gangen wäre, wahrſcheinlich Jemand nicht getroffen haben würde. Und warum ſchwebte ihr der dunkle Wunſch vor, ge⸗ rade vor dem Sonntag denjenigen zu treffen, den ſie in ihren Gedanken„Jemand“ nannte? Weil— dies war ihr ſelbſt nicht klar, ſondern blos eine Ahnung— Jemand das nächſte Mal ſicherlich etwas ſagen mußte, was eine Antwort oder wenigſtens eine halbe Erklärung erforderte. Und dies mußte hinreichend ſein, ſie vor allem Unglück zu bewahren, das am Sonntag eintreffen konnte; wenn hin⸗ gegen nichts, ganz und gar nichts vorging, wenn ſie Je⸗ mand nicht traf, ſo konnte ſie auch nicht den Muth be⸗ ſitzen, ſich gegen den Willen ihres Vaters aufzulehnen. Alma ging hinab, küßte ihrem Vater die Hand und ſchenkte ihm den Kaffe ein. Dies Geſchäft ging aber nicht mit der gewohnten Sicherheit von ſtatten. „Warum zitterſt Du?“ fragte der Oberförſter, indem er die Pfeife aus dem Munde nahm und das Mädchen ernſthaft betrachtete. „Ich zittere ja nicht Papa,“ ſtammelte Alma, aber jetzt zitterte ſie wirklich ſo heftig, daß der Inhalt der K Kanne, über die Taſſe hinauslief und auf das ſchneeweiße Tiſch⸗ tuch kam. „Ich bitte um Verzeihung, Papa!“ Der Oberförſter huſtete, nahm die Pfeife von Neuem in den Mund und blies wirbelnde Rauchwolken zum Fenſter hinaus. Alma ſchwieg und goß einige Tropfen in ihre eigene Taſſe, aber der eingebrockte Zwieback ſog bald allen Kaffe ein und Alma führte blos die leere Taſſe an die Lippen. „Das iſt eine ſonderbare Art Kaffe zu trinken,“ ſagte der Oberförſter nach einer ziemlich langen Pauſe und mit ſcharfer Betonung. Alma hatte keine Antwort in Bereitſchaft: ſie ſah ver⸗ legen in ihre Taſſe und dann wieder mit ſcheuem Blick zu ihrem Vater empor. „Haſt Du heute Nacht nicht gut geſchlafen?“ O ja, Papa. Nun ſo haſt Du vielleicht irgend eine Morgeneule gehört; hat Fräulein Drache ſchon einen Beſuch bei Dir abgeſtättet? 27 „Tante Neta— ja, Papa, ſie war dieſen Morgen ſchon bei mir.“ „Das konnte ich mir doch denken. Und hat ſie Dir ſo ſtark Pillen zuſammengedreht, daß Du ſchon bei der erſten Doſis das Nervenzittern bekommen haſt?“?“ lieber freuſt Ball man Du lige Thec wir friſch Du Alm gew ſolch nſter gene 123 „Ich glaube nicht, lieber Papa, daß ſie recht gera⸗ then hat.“ „Und deßhalb biſt Du betrübt? Nun, nun, ſieh nur nicht ſo beſtürzt aus: wir können ja ihre Prophezeihung auch zur Wahrheit werden laſſen.“ „Das gerade iſt es, Papa, was... 3 „Was Dich freut, ich verſtehe ſchon,— es iſt ja auch ganz natürlich. Sie wird wohl davon geplaudert haben, daß wir ein kleines Feſt veranſtalten wollen.“ „Ja, aber eben darüber habe ich mich nicht gefreut, lieber Papa.“ „Wie, Du eigenſinniger, undankbarer Racker— Du freuſt Dich nicht, wenn Dein Vater Dir zu Ehren einen Ball gibt! Schämſt Du Dich nicht?“ Ich könnte ja ſo vergnügt und ſo glücklich ſein, daß man kein fröhlicheres Mädchen geſehen haben ſollte, wenn Du nur...“ „Ei, ſo gewöhne Dir doch dieſes dumme, langwei⸗ lige Abbrechen Deiner Sätze ab. Wir ſind da nicht im Theater, wo ein Souffleur das Nöthige einbläst, wenn wir ſelbſt aus dem Conzept kommen. Sprich offen und friſch von der Leber weg. Was wollteſt Du ſagen: wenn Du nur nicht...“ „Noch mehr von mir verlangen wollteſt Alma. „Aha!“ rief der Oberförſter und ſprang mit ſeiner gewöhnlichen Lebhaftigkeit vom Stuhle auf.„Stecken Dir ſolche Dinge im Sinn? Ich will Dir nur im Vertrauen ſagen, mein vortreffliches Jungferchen, daß ſolche Gedan⸗ ken einem jungen Mädchen nicht auf eigene Fauſt im Köpfchen ſpucken dürfen. Wenn ich einmal ſage: heute iſt die Verlobung, ſo muß auch die Verlobung vor ſich gehen, und ich will Dir noch ſo viel voraus ſagen, daß Du ganz gewiß ein Ja heraus bringen wirſt.“ Nach dieſen Worten eilte der Oberförſter hinaus, und bald darauf hörte Alma ſeine Stimme auf dem Hausbo⸗ den, wo Fräulein Neta ſo eben beſchäftigt war, Krauſe⸗ 44 114 ſtammelte 124 münze zum Trocknen auszubreiten. Aber obſchon Alma in die Hausflur trat, ſo konnte ſie doch kein Wort ver⸗ ſtehen, denn Fragen, Antworten und Ausrufungen kreuzten ſich ſo ſchnell, daß die ganze Unterhaltung dem Brauſen eines Stromes glich. Alma machte ihren Spaziergang in den Garten, aber wie war es ihr da ſo enge geworden: in etlichen Minuten hatte ſie alle Alleen umgangen. Das arme Kind hatte zuviel auf dem Herzen, als daß ſie nicht eines größeren Raumes bedurft hätte. Nachdem ſie den Garten in die Kreuz und Quer durchſchritten hatte, kam ſie an die kleine Hinterthüre, die in den Park führte. Aber gleich als hätte ſie etwas Unrechtes im Sinne, trat ſie wieder hinein und verſchloß die Thüre; allein dieſe Thüre wollte, nach⸗ dem dies mehrere Male wiederholt worden war, nicht mehr zugehen, gleich als wäre etwas zwiſchen die Angeln ge⸗ tommen. Alma fühlte einen unwiderſtehlichen Drang in ſich hinauszutreten, und nun erſchienen ihr Bäume, Wie⸗ ſen und Blumen ſo verlockend, daß ſie ſich unmöglich die Frreude verſagen konnte, ihnen einen längeren Beſuch ab⸗ zuſtatten. Sonderbar war es jedoch, daß ſie mit jedem Schritte vorwärts die entfernteſten Bäume, Wieſen und Blumen immer ſchöner und reizender fand. Und dieſe Bäume, Wieſen und Blumen, von denen ſie eine Gruppe um die andere hinter ſich ließ, führten ſie endlich ſo weit, daß es in der That thöricht geweſen wäre, nicht vollends zu dem neuen Luſthauſe hinaufzugehen und die Ausſicht über den See zu genießen, welche doch bei dieſem Wetter unbe⸗ ſchreiblich herrlich ſein mußte. Und Alma glaabte dies mit um ſo beſſerem Gewiſſen thun zu koͤnnen; als ſie ja wohl wußte, daß ſie heute Niemand dort treffen würde. Sie ging alſo. Aber war es Zufall oder verhielt es ſich alle Tage ſo— das kleine Luſthaus war mit Laub geſchmückt und friſche Blumen waren über das Moos geſtreut, welches den Fußboden bildete. Gleichwohl zeigte ſich Niemand. den und hen,“ ein ließer gen laut war einer in T moͤch inder chen zuſa auf ihm zuru verg hatt daß raͤu hritte umen iume, n die iß es dem den anbe⸗ dies e ja 125 Alma ſetzte ſich nieder. Sie konnte nicht klar wer⸗ den über all' die Wünſche, all' die tauſend Befürchtungen und unruhigen Gedanken, die ſich in ihrem Innern erhoben. Halb ſeufzend ſagte ſie zu ſich ſelbſt:„Ich muß ge⸗ hen,“ blieb aber gleichwohl noch immer ſitzen. Es lag ein Zauber über das Luſthäuschen ausgegoſſen. Aber auf einmal ſprang ſie auf: wohlbekannte Schritte ließen ſich von Außen vernehmen— ſie hätte ſich verber⸗ gen mögen, ſie fühlte ihre Wangen brennen, ihr Herz laut pochen, ſie wußte ſich nicht zu helfen vor Angſt. Cs war entſetzlich, wenn ſie hier gefunden wurde, gerade in einer Zeit, wo ſie ſonſt nicht zu kommen pflegte, und halb in Verzweiflung betete ſie, daß Jemand ſie nicht ſehen moͤchte. hirer als dieſer Wunſch in Erfüllung zu gehen ſchien, indem die Schritte ſich entfernten, da trat Alma mit po⸗ chenden Pulſen an eine Art von Fenſter, das durch die zuſammengeflochtenen Zweige gebildet wurde. Sie ſah Karl Auguſt auf dem Fußpfade ſtehen und auf den See hinausblicken. Ob er wohl ging ohne herein zu kommen? Ob es ihm wohl keine Freude machte, auf der Bank innnen aus⸗ zuruhen? Nein, offenbar lag ihm nichts daran. Alma vergaß ganz und gar, wie eifrig ſie ſo eben noch gewünſcht hatte, unbemerkt zu bleiben, und es koſtete ſie viele Mühe, daß ſie nicht durch irgend eine Bewegung oder ein Ge⸗ räuſch ihre Anweſenheit verrieth. Nicht ohne harten Kampf überſtand Alma die ſchwere Verſuchung, aber bei jedem Schritt, um welchen Karl Auguſt ſich entfernte, ſiel eine Thräne auf die Blume, und als er endlich gänzlich unſichtbar geworden war, da ergoß ſich die ungehemmte Thränenfluth mit einer Staͤrke, worüber Alma ſich ſelbſt wundern mußte. 9 „Warum ſoll ich um den böſen Menſchen da weinen? Hätte er an das Luſthäuschen da gedacht, hätte er oft, recht oft daran gedacht, ach dann wäre er gewiß herein gekommen. Aber ob nicht vielleicht der große Lootſe es 126 iſt, der mein Lieblingsplätzchen ſo geſchmückt hat?“ Die⸗ ſer Gedanke war Alma unbeſchreiblich peinlich, und er gewann um ſo mehr Wahrſcheinlichkeit, als bald alle Hoff⸗ nung verſchwand, Jemand wiederkehren zu ſehen. „Ich bekümmere mich ganz und gar nicht, nein, Gott bewahre, nicht im Geringſten darum, wohin er geht. Er mag gehen und kommen wohin er will.“ Und Thräne um Thräne floß über Alma's glühende Wange.„Ich wollte nur, ich hätte ihn gar nie geſehen! Ach, hätte er mich nur nicht aus den Ruinen getragen! Dies wäre weit beſ⸗ ſer geweſen— doch ſtill, da draußen geht wieder Jemand. Gütiger Gott, wenn er nur nicht jetzt hereinkommt!“ Alma fuhr ſchnell mit ihrem Tüchlein über das Geſicht und lehnte ſich wieder an das Fenſter. Es war wirklich Karl Auguſt, der von Neuem den Fußpfad zurückkam, und diesmal hatte Alma keine Zeit zu Wünſchen, zu Befürchtungen oder zu Gebeten, denn er ſtand jetzt auf einmal vor ihr am Luſthäuschen. Das arme Mädchen hatte noch immer ihr Tüchlein auf die thränenfeuchten Augen und die glühenden Wangen gedrückt und wußte vor Angſt und Herzensbangigkeit nicht, was ſie thun ſollte. „Alma!“ rief Karl Auguſt, der im Entzücken der Ueberraſchung allen Zwang vergaß. Dieſer einfache Name, welchen ſie noch nie von ſeinen Lippen gehört hatte, erfüllte ſie mit unnennbarer Glückſeligkeit: er hatte noch nie in ihren Ohren ſo ſchön geklungen. Ach, dachte ſie verſchämt, wenn er ihn nur noocch einmal ausſprechen wollte! Und dieſer Wunſch ging alsbald in Erfüllung.„Alma, Alma,“ wiederholte der Jüngling, als ſie noch immer ihr Geſicht verbarg,„Sie weinen?“ „Ich habe Kopfweh!“ antwortete Alma und blickte ſehr zerſtreut auf den See hinaus.„Ich wollte heute nicht hieher kommen, aber es iſt ſo friſch und ſo ſchön hier oben.“ „Ich bin überzeugt,“ verſetzte Karl Auguſt, kühn ge⸗ macht werde war, Kopf auf d kindiſ geben Augu Verw und ungli klären Luſth ausge das hereit heftig eine um Bitte er, ich k gehör könne Augt purp. iſt ſo nicht Man uf die edrückt das ſie en der von abarer ſchön n nur Alma, er ihr blickte nicht hier n ge⸗ macht durch das Bewußtſein, von Niemand gehört zu werden, als von einem Weſen, das noch weit ſchüchterner war, als er ſelbſt,„ich bin überzeugt, daß Sie nicht vor Kopfweh weinen, aber haben Sie vielleicht einen Kummer auf dem Herzen?“ „Nein, es iſt nichts,“ verſetzte Alma.„Ich bin ſo kindiſch!“ Und ſie ſuchte ſich ein fröhliches Anſehen zu eben. 2„Ich wage nicht, zudringlich zu ſein, fuhr Karl Auguſt fort, und ergriff ihre Hand, welche ſie in ihrer Verwirrung ihn behalten ließ,„aber Sie haben geweint, und eine einzige von Ihren Thränen macht mich doppelt unglücklich. Es gibt Sympathien, die ſich unmöͤglich er⸗ klären laſſen: eine Ahnung ſagte mir, daß Sie in das Luſthäuschen kommen würden, und deßhalb habe ich es ausgeſchmückt.“ Ganz unbedenklich antwortete Alma:„Ich glaubte das auch im Anfang, als ich kam, aber Sie ſind ja nicht herein getreten...„ Damit uuterbrach ſie ſich und zog heftig ihre Hand zurück: ſie konnte ſich nicht verzeihen, eine ſo große Schwachheit verrathen zu haben. Aber in demſelben Augenblick war Karl Auguſts Arm um ihren Leib geſchlungen, und die wärmſte, heiligſte Bitte ſtand in ſeinen Augen zu leſen:„Alma,“ flüſterte er, mein Leben, mein Friede liegt in Deiner Hand— ich kann nicht leben, ohne daß Du mich liebſt und mir gehören willſt.“ Almas Herz war zu voll, als daß ſie hätte ſprechen können. „Ein Wort, nur ein einziges Wort!“ flehte Karl Auguſt. „Ich kann nicht!“ antwortete Alma und ließ die purpuxerglühende Wange an ſeine Schulter ſinken.„Mir iſt ſoo bange, ſo bange!“ „Nur bange, theure, geliebte Alma— und mehr nicht? Ich beſchwöre Dich, habe Vertrauen zu einem Mann, der ſeine Treue, ſein Herz, ſein Leben nie einer 128 Andern weihen wird, als Dir. Fühlſt Du Dich blos bange?“ „Nein, auch glücklich!“ flüſterte Alma, und in dieſem Augenblick wurde der Bund beſiegelt.„Aber mein Gott, was wird mein Papa ſagen?“ „Keine Furcht, wenn man im Himmel ſelbſt iſt! Wir wollen ſogleich gehen und ihn aufſuchen.“ „Um dieſes Glück zu genießen, braucht ihr nicht von der Stelle zu weichen!“ rief der Oberförſter, der jetztmit funkelnden Augen in den Himmel eintrat.„Da iſt der Papa ſchon, mein Herr! Ja, mein Herr, hol mich der Teufel, wenn er nicht da iſt, um Ihnen zu beweiſen, daß Sie wie ein Schurke gehandelt haben— erblaſſen Sie nicht, mein Herr— ganz wie ein ächter, vermaledeiter Schurke und obendrein wie eine feige Memme, indem Sie ohne Wiſſen des Vaters das Mädchen zu heimlichen Zu⸗ ſammenkünften veranlaßten und ſich in ihr Herz einſchlichen. Pfui Teufel, mein Herr, ich wundere mich nur, daß ich nicht etwas anderes thue, ſondern Sie blos erſuche, ſich zum Henker zu ſcheeren.“ Während dieſes Zornesausbruchs von Seiten des Oberförſters hatte ſich Alma in den entfernteſten Winkel des Luſthäuschens zurückgezogen und nahm die wenige Beſinnung, die ihr noch übrig geblieben, zuſammen, um zu beobachten, wie ihr Liebhaber ſich gegen ihren Vater benehmen würde. Sie war begierig, ob Karl Auguſt wohl ihrem Vater antworten würde, und obſchon ſie es fürs Beſte hielt, wenn er dies nicht thäte, ſo geſiel es ihr gleichwohl, als ſie auf Karl Auguſts bleichem Geſichte einen beinahe eben ſo barſchen Ausdruck bemerkte, wie auf den Zügen des Vaters: ſein Auge funkelte, ſeine Lippen zitterten, und mit einer ganz andern Stimme, als ſie im trauten Zwiegeſpräche vernommen hatte, rief er heftig „Nur ſachte, ſachte, Herr Oberförſter! Bedenken Sie 4 gefälligſt, daß kein Vater das Recht hat, den Mann, der ſich in allen Chren bei der Tochter früher als bei ihm ſelbſt anmeldet, einen Schurken oder Feigling zu nennen. Danl daß i gewãä erſuch Ausd dieſer würd den walt kühne ſind von nichte hat. denn Ich welch anzu verlo hervi daß Nun Ritt flüſſ ſchie noth wor frü an the Vat * ich blos n dieſem ſin Gott, nicht von jetztmit iſt der mich der ndem Sie chen Zu⸗ ſchlichen. daß ich che, ſich eiten des in Winkel e wenige mmen, um ren Vater el Auguſt on ſie es efiel es ihr Geſichte 2, wie auf ne Lippen als ſie im heftig: enken Sie Nann, der s bei ihm u nennen. 129 Danken Sie es übrigens der Anweſenheit Ihrer Tochter, daß ich Ihnen auf eine Art antworte, die ich ſicher nicht gewählt hätte, wenn wir allein geweſen wären. Nun aber erſuche ich Sie, obſchon mir im Augenblick die paſſenden Ausdrücke fehlen, eine Bitte anzuhören, welche ich ohne dieſen Zwiſch enfall in gefälligerer Form angebracht haben würde.“ „Ja, mein Seel, Sie dürfen über Mangel an paſſen⸗ den Ausdrücken klagen,“ rief der Oberförſter, der ſich Ge⸗ walt anthat und trotz ſeines Zornes die eben ſo beſonnene als kühne Antwort des Jünglings gut heißen mußte;„freil ich ſind dieſe Aus zdrücke nicht gerade ſo gewählt, wie man ſie von einem Freier erwarten ſollte, von dem man weiter nichts weiß, als was er ſelbſt mitzutheil en für gut gefunden hat. Inzwiſchen kommt im Ganzen nicht viel darauf an, denn aus der Parthie kann in keinem Fall etwas werden. Ich habe meine Tochter bereits an einen Freier verlobt, welcher klüger iſt als Sie und die Sache am rechten Ende anzufangen gewußt hat.“ „Wie, Herr Oberförſter— Sie haben Ihre Tochter verlobt, ohne daß Sie ſelbſt es wußte?“ „Nein, mein Herr, nicht ohne ihr Wiſſen. Komm hervor, mein Engel, und antworte, ob Du nicht weißt, daß Dein Vater Dich einem andern Freier beſtimmt hat. Nun, laß hören— ſprich Dich offen aus, ſo daß Dein Ritter Dich verſtehen kann. Eigentlich iſt das eine über⸗ flüſſige Güte von mir, aber ich will es doch zugeben.“ „Dieſe Aufforderung,“ fiel Karl Auguſt ein,„ge⸗ ſchieht in ſo zweideutigen Ausdrücken, daß Fräulein Alma nothwendig erſchrocken ſein muß. Sie mag daher ant⸗ worten was ſie will, ſo werde ich mich doch nur an ihre früheren Verſicherungen halten.“ Sodann wandte er ſich an Alma und ſagte in weichem Tone:„Sprich, geliebte, theure Alma, geſchah es mit Deinem Vorwiſſen, daß Dein Vater Deine Hand verſprach?“ „Geliebte, theure Alma!“ äffte der Oberförſter mit Die Braut auf dem Omberg. 9 ———,— 130 einer entſetzlichen Grimaſſe nach.„Zum Teufel, mein Hand Herr, lieben Sie wen ſie wollen, nur muß ich mirs aus⸗ Augen bitten, daß Sie meine Tochter nicht lieben und weniger Da i vertraulich mit ihr ſprechen. Nun, kannſt Du den Mund begnü nicht aufthun, Mädchen?“ und ſe Erſchrocken blickte Alma vom Vater auf den Lieb⸗ welche haber und antwortete dann:„Ich habe Papas Wunſch allerdings gewußt, aber ich habe auch erklärt, daß ich den ſind 4 Major durchaus nicht haben will.“ Gegen „Eine Erklärung,“ fügte der Oberförſter hinzu,„welche So ſ ſo viel als nichts bedeutet. Komm jetzt nur mit nach wiede Hauſe, denn wie ich die Sache anſehe, iſt alles Nöthige keit au bereits geſprochen.“ „Nein, mein beſter Herr Oberförſter, ganz und gar brunm nicht,“ erwiederte Karl Auguſt, welcher die Nothwendigkeit Tochte einſah, ſich im Zaume zu halten.„Laſſen Sie uns um 8 Gotteswillen nicht auf dieſe Weiſe ſcheiden! Ich bin über⸗ Geſich zeugt, daß Sie, wenn Fräulein Alma vorausginge, und bruch, Sie mir erlauben wollten, Ihnen meine Verhältniſſe zu*Tons eentwickeln, vollkommen mit denſelben zufrieden ſein würden. den 2 Denn wenn ich nicht ſehr wohl im Stande wäre, eine vor ſ Frau zu ernähren, ſo würde ich nie die Keckheit gehabt doch, haben, mit meinem Wunſche hewworzulreten, „Dies iſt alles nur in den Wind geſprochen. Ich geſpr will zwar glauben, daß Sie ein ehrlicher Mann ſind und und das Mädchen ernähren könnten, wenn Sie es zur Frau Qual bekämen, aber das müſſen Sie doch gleich im Anfang ge⸗ ſehen haben, daß hievon nicht die Rede ſein kann. Mein ganzes Benehmen gegen Sie war doch gewiß vom erſten Augenblick an beſtimmt genug.“ „Gerade dieſer Umſtand nothigte mich, Fräulein Alma im Park aufzuſuchen, weil ihres Vaters Haus mir ver⸗ ſchloſſen war. Aber dürfte ich vielleicht fragen, woher dieſer ſtarke Widerwillen gegen eine gänzlich unbekannte Perſon rühren kann? Sie gaben mir Ihre Ungunſt ſchon bei dem Zuſammentreffen in Alvaſtra zu erkennen.“ ſeit „Dies, ſagte der Oberförſter, indem er ſeiner Tochter mein aus⸗ bürden. , eine gehabt Ich ad und Frau ng ge⸗ Mein erſten Alma r ver⸗ woher kannte ſchon ochter 13¹1 Hand ergriff,„kam daher, weil ich Ihnen ſogleich anden Augen anſah, daß Sie in das Mädchen verliebt waren. Da ich nun nicht zwei Schwiegerſoͤhne haben kann, ſo begnügte ich mich mit demjenigen, den ich am beſten kannte und ſeit langer Zeit hochſchätzte: mit Major Kling, mit welchem Alma nächſten Sonntag ſich verloben wird.“ „Aber ich beſitze Almas Jawort und Herz, und dies ſind Anſprüche, die ich nicht aufzugeben gedenke. Im Gegentheil werde ich alles thun, um ſie zu behaupten.“ So ſprechend entfernte ſich Karl Auguſt, ohne eine Er⸗ wiederung abzuwarten, mit einem Blick glühender Zärtlich⸗ keit auf Alma, und ſchlug den entgegengeſetzten Fußpfad ein. „Schon gut, ſchon gut, das ſoll meine Sache ſein!“ brummte der Oberförſter und entfernte ſich mit mit ſeiner Tochter. Alma verſuchte einen bittenden Blick auf ihres Vaters Geſicht zu werfen. Sie erwartete einen furchtbaren Aus⸗ bruch, aber der Oberförſter ſagte in ungewöhnlich ruhigem Tone:„Ich begreife nicht, woher Du einfältige Gans den Muth genommen haſt, Deinem Vater zu trotzen und vor ſeiner Naſe einen Liebeshandel anzufangen. Es ſcheint doch, Du ſeieſt nicht ſo ganz einfältig.“ Mehr wurde an dieſem Abend von der Sache nicht geſprochen. Aber was man nicht ſprach, das dachte man, und Alma wußte wohl, daß jeder Tag ſeine eigenen Qualen hat. Sechzehntes Kapitel. Am Samſtag Abend ziemlich ſpät kam der Major Alma befand ſich auf ihrem Zimmer, welches ſie ſeit dem Auftritt zwiſchen ihrem Vater und ihrem Liebhaber —— 132 nicht mehr verlaſſen hatte, wenn es ihr nicht ausdrücklich befohlen worden war. Auf einmal hörte ſie ihres Vaters Tritte; aber als er die Thüre öffnete, da ſchrack ſie zuſammen: einen ſolchen Ausdruck gebieteriſchen Ernſtes hatte ſie noch nie auf ſeinem Geſichte entdeckt. „Ich habe Dir geſagt, Alma,“ begann der Ober⸗ förſter, indem er ihre Hand ergriff,„ich habe Dir geſagt, daß ich Dir Zeit genug geben würde, um ein Ja heraus⸗ zubuchſtabiren, und jetzt laſſe ich Dir eine halbe Stunde hiezu. Meinen Entſchluß kennſt Du ſchon lange, und noch länger weißt Du, daß ich denſelben niemals ändere.“ „Aber Papa,“ verſetzte Alma, indem ſie Muth zu faſſen ſuchte,„ich kann mein Jawort nicht zweien geben.“ „Du haſt es dem naſeweiſen Jungen nicht gegeben; die Paar Worte, die Du mit ihm geſchwatzt haſt, werden durch den Willen Deines Vaters entkräftet, wie wenn ſie nicht geſagt worden wären. Heute Abend gibſt Du dem Major Dein Jawort: morgen feiern wir das Verlobungs⸗ feſt, und damit Punktum!“ „Papa, Papa, ich ſterbe vor Kummer, wenn Du mich zwingen willſt.“. „NReize mich nicht, Mädchen!“ So ſprechend hob der Oberförſter die Hand in die Höhe und ſah ſo ſchrecklich aus, daß Alma ängſtlich den Kopf abwandte. „Die Teufelsliebe!“ brummte der Alte und begab ſich in ſein Allerheiligſtes zurück. „Ich fürchte, Du haſt mir nicht reinen Wein einge⸗ ſchenkt, Bruder,“ ſagte der Major forſchend. Alma hat gewiß einen Widerwillen, welchen Du zu überwinden und mir zu verbergen ſuchſt?“ „Widerwillen! Widerwillen!“ rief der Oberförſter mit Rede ſein, wenn ich befehle!“ kann ich nicht zufrieden ſein: es handelt ſich hier um Almas freie Wahl.“ 6 „Aber,“ verſetzte Major Kling,„mit Deinem Befehl feuerrothem Geſichte—„davon kann hoffentlich nicht die 77 ſich n Du he Du m ſtellt, und ap und v imme ich D und ſe tete d wenn Lippe lobun Kann zug zehn nicht um ſ glaul Nebe es ni zigen einig Obe meir habe muß men Zwe ſo Thi cklich als lchen inem Pber⸗ eſaagt, raus⸗ tunde noch h zu ben.“ ſeben; erden un ſie dem ungs⸗ mich b der ecklich b ſich einge⸗ a hat n und r mit zt die zefehl lmas 13³3 „Der Teufel und die Hex!“ rief der Oberföͤrſter, der ſich nicht länger zu beherrſchen vermochte, nich glaube gar, Du haſt Luſt, Deine Bewerbung zurückzunehmen. Willſt Du meine Tochter nur dann haben, wenn ſie ſich vor Dich ſtellt, ſich bis auf den Boden verneigt und ſo, daß Gott und alle Welt es höͤrt, ausruft: Ich will des ehrenwerthen und vortrefflichen Majors Kling Frau werden! dann laß immerhin die Sache rückwärts gehen. Denn ſo viel kann ich Dir ſagen, daß das Mädchen nicht von ſelbſt kommt und ſagt: Da nimm mich.“ „Nur nicht immer ſo hitzig, Herr Bruder,“ antwor⸗ tete der Major.„Inzwiſchen wirſt Du mich entſchuldigen, wenn ich mich nur mit einer Antwort von Almas eigenen Lippen begnüge. Sagt ſie Nein, ſo wird aus der Ver⸗ lobung nichts.“ „Geh doch zum Teufel mit Deinen Dummheiten! Kann wohl ein anſtändiges Mädchen auf den erſten Athem⸗ zug Ja ſagen? Meine Frau, meine ſelige Marie, ſagte zehn Mal: Nein! Deßhalb hab ich aber ganz und gar nicht den Muth verloren, ſondern das reizte mich nur zu um ſo gröͤßeren Anſtrengungen, und Du magſt mirs nun glauben oder nicht, binnen einem Monat habe ich vier Nebenbuhler aus dem Felde geſchlagen. Du dagegen willſt es nicht einmal mit einem einzigen Nein und einem ein⸗ zigen Nebenbuhler aufnehmen.“ „Wie ſoll ich das verſtehen?“ fragte der Major mit einiger Beſtürzung.„Habe ich denn einen Nebenbuhler?“ „Ei, was glaubſt Du denn, Bruder?“ erwiderte der Oberförſter, indem er ſich ſtolz aufrichtete,„meinſt Du, meine Tochter habe nicht mehr als einen einzigen Lieb⸗ haber? Alma iſt ſchön, und, obſchon ich ſelbſt das ſagen muß, reich genug, um eben ſo viele Liebhaber zu bekom⸗ men, wie ihre ſelige Mutter; auch wäre dies ohne allen Zweifel der Fall geweſen, und vielleicht hätten ſich doppelt ſo viele eingeſtellt, wenn ich nicht allen jungen Herrn meine Thuüre verſchloſſen hätte.“ „Und woher iſt denn dieſer Eine gekommen?“ 134 „Ich glaube faſt, der Böſe ſelbſt hat ihn mit dem Blitz herabgeſandt, als er Alma in den Ruinen von Al⸗ vaſtra beinahe erſchlug. Es iſt der junge Hüttenbeſitzer, der zum Dank für den Streich, welchen ich ihm beim Mit⸗ tageſſen geſpielt, mir ſelbſt einen noch ärgern dadurch ge⸗ ſpielt hat, daß er heimlich um das Mädchen anhielt.“ „Und ihre Antwort?“ „Iſt von ganz und gar keiner Bedeutung. Du wirſt mir doch glauben, daß ich ſie Dir nicht zur Frau geben würde, wenn ich nicht überzeugt wäre, ihr hoͤchſtes Glück dadurch zu begründen. Alma iſt ein ſeelengutes, aber ſchwaches Kind, und braucht einen Mann, der ihr freund⸗ lich und kräftig zugleich unter die Arme greift. Du biſt gerade ſo ein Mann: Du wirſt ſie mit Güte behandeln und niemals ſchwach, noch viel weniger aber hart gegen ſie ſein. Es wäre ihr Unglück, wenn ſie einen von dieſen jungen Gelbſchnäbeln bekäme, die im erſten Halbjahr ihre Frau vergöttern, nachher aber ſie allmählig eine Stufe um die andere herabfinken laſſen, bis ſie zuletzt beinahe eine Null wird, deren ganzer Werth von dem Geſchicke abhängt, mit dem ſie ihrer Haushaltung vorſteht und für ihre Kinder ſorgt. Einer ſolchen Zukunft möchte ich meine Alma nicht entgegengehen laſſen. Sie iſt ein Edelſtein: wer ſie be⸗ kommt, der muß ſie auch zu ſchätzen wiſſen.“ Während dieſer Unterredung im Zimmer des Ober⸗ förſters, der jedoch in ſeinem Eifer nicht vergaß, von Zeit zu Zeit auf die Uhr zu ſehen, ſaß Alma in ihrem Stüb⸗ chen, wo ſie gleichfalls ihre Blicke auf die Uhr richtete und die Minuten zuſammen zählte, welche ſie noch ihr eigen nennen durfte. Ihr ganzes Weſen empörte ſich bei dem Gedanken, das Verſprechen, das ſie Karl Auguſt gegeben, auf den Major überzutragen. Aber woher ſollte ſie den Muth nehmen, das Alles in ihres Vaters Gegenwart dem Major zu erklären? Während ſie ſo in ihre Gedanken verſunken da ſaß, klopft es leiſe an die Fenſterſcheibe, und ein großer, ſchwar⸗ zer Kopf kam zum Vorſchein. Es war der alte Lootſe, der mi ihr ge⸗ A öffnet ſchon Bote C las di 0 für un ſteigt nicht horche falls gib n daß ſo ge zehn Ande geger von!: nur mit wied chen tiſch ſie 1 dem Zög ſich eigen dem eben, 2 den dem ſaß, war⸗ votſe, 135⁵ der mit freundlichem Nicken fragte, wie das Luſthäuschen ihr gefalle. Alma trat vor, aber kaum hatte ſie das Fenſter ge⸗ oöffnet und dem Alten ein gütiges Wort geſagt, als auch ſchon ein kleines Billet in ihrer Hand lag, worauf der Bote ruhig und unbefangen ſich entfernte. Sie verriegelte die Thüre, erbrach das Siegel und las die erſten Zeilen von der Hand des Geliebten: „Meine Alma! Ich glaube an Dich wie an Gottes Wort. Kämpfe für unſere Liebe, appellire an des Majors Ehre. Ueber⸗ ſteigt jedoch der Widerſtand Deine Kräfte, kannſt Du es nicht vermeiden, morgen dem Befehl Deines Vaters zu ge⸗ horchen und auf eine Verbindung einzugehen, die Du jeden⸗ falls für eine gänzlich erzwungene erklären mußt, nun ſo gib nach. Aber bleibe mir treu! Denn ſo gewiß ich weiß, daß Dein Herz nie einem Andern gehören wird als mir, ſo gewiß weiß ich auch, daß Du, wenn Du Dich auch zehn Mal mit dem Major verlobſt, doch nie die Frau eines Andern wirſt, als Deines Karl Auguſt. Bei Deines Vaters gegenwärſiger Stimmung könnte eine erneuerte Bewerbung von mir, ja ſelbſt die demüthigſten Bitten, unſerer Sache nur ſchaden, wir müſſen alſo die Zeit abwarten. Gott ſei mit Dir, Geliebte meiner Seele, meine Treuverlobte! Dein Karl Auguſt.“ „N. S. Später am Abend geht der große Lootſe wieder an Deinem Fenſter vorbei. Halte dann ein Brief⸗ chen in Bereitſchaft. Gott, wie ſehne ich mich!“ Alma verwahrte das Billet in einer Ecke ihres Näh⸗ tiſchchens, und als ſie einen Blick auf die Uhr warf, ſah ſie mit Entſetzen, daß der unglückſelige Minutenzeiger auf dem beſtimmten Punkte ſich befand. Sie wußte, daß eine Zögerung ihren Vater noch mehr reizen würde, und ohne ſich einen klaren Plan vorgezeichnet zu haben, ſondern nur 136 mit dem Entſchluß, Gott und den Zufall walten zu laſ⸗ ſen, übrigens dem Major alles auch zu geſtehen, trat ſie in des Vaters Zimmer. „Sieh, da haben wir ja die Braut!“ ſagte der Ober⸗ förſter und ergriff ihre Hand.„Nun, gib dem Major die andere, mein Kind! Du hätteſt keinen beſſern Bräutigam finden köͤnnen, und wenn man Dich unter dem ganzen männ⸗ lichen Perſonal Schwedens hätte wählen laſſen.“ „Papa!“ Alma ſah zu ihrem Vater empor, erhielt dhs einen Blick, der ſogleich ihre Lippen wieder ver⸗ ſchloß.“ „Darf ich allein mit Alma ſprechen?“ fragte der Ma⸗ jor in einem Ton, der einen beſtimmten Wunſch ausdrückte. „Ganz wie Du willſt— nur macht keine Geſchichten. Merke was ich Dir ſage: wenn es Dir einfallen ſollte, eine romantiſche Abtretungsrolle oder ſo etwas zu ſpielen, ſo erkläre ich Dir ein für allemal, daß dieſe ganz und gar nicht im Stande ſein würde, Almas anderweitige Wuͤnſche zu fördern. So lange ich einen Kopf auf den Schultern habe, ſoll ſie denjenigen nicht bekommen, der meinen lieb⸗ ſten Plan zerſtoͤrt hat. Thue jetzt was Du willſt, Bruder,“ fügte er hinzu und verließ das Zimmer. „Gut wie Gold, aber hitzig wie Pulver!“ ſagte der Major, indem er Alma an einen Stuhl führte und neben ihr Platz nahm. „Ach ja,“ antwortete Alma, durch den milden herz⸗ lichen Ton etwas beruhigt.„Mein Vater iſt gewiß gut, aber wenn er böſe wird, dann muß ich ihn fürchten.“ „Vor mir aber werden Sie doch keine Furcht haben? Denn Sie werden hoffentlich überzeugt ſein, daß ich nichts wollen kann, als Ihr Glück.“ „Das glaube ich— aber wenn es nich nun nicht glücklich machte...“ „Meine Frau zu werden, wollen Sie ſagen?“ „Ja,“ verſetzte Alma leiſer,„wenn ich zu erklären wagte, daß ich Ihre Frau nicht werden kann und nicht werden mich b „2 Sie kör Ihr Bi nungen nie ſein nicht in 7 gewann liebt und „ ich Ih „2 man üh den ma Erröthe S I1 6„L wollen, .„ Sie nic S 45 war eir ſprechen 9 empfan⸗ „ ſetzen: 0 . 7, Sie in 475 ſo güt kann. durchdr einen4 2 laſ⸗ ſie in Ober⸗ r die igam nänn⸗ rhielt ver⸗ Ma⸗ ückte. hten. ollte, ielen, und nſche ltern 137 werden will, würden Sie ſich da ſehr betrüben und auf mich böſe ſein?“ „Allerdings würde es mich ſehr betrüben, Alma, denn Sie können nicht glauben, wie oft in meiner Einſamkeit Ihr Bild mich umſchwebt und mir die lieblichſten Hoff⸗ nungen eingeflößt hat. Aber, Alma, böſe könnte ich Ihnen nie ſein, denn das Leid, das Sie mir anthun würden, läge nicht in Ihrer Abſicht.“ „Ja, ſo iſt's,“ verſetzte Alma, die immer mehr Muth gewann,„man kann nichts dafür, wenn man den Einen liebt und den Andern gleichgültig findet.“ „Gleichgültig! dieſes Wort iſt doch gar zu hart. Bin ich Ihnen denn ſo ganz gleichgültig?“ „Noch vor kurzer Zeit hatte ich Sie ſehr lieb, ſo lieb man ubeihaupt Jemand haben kann, den man nicht. den man nicht eigentlich liebt,“ verſetzte ſie mit ſittſamem Erröthen. „Nun, und jetzt?“ fragte der Major. „Später erfuhr ich, daß Sie mich zur Frau haben wollen, und da ſtellte ſich die Gleichgültigkeit ein. „Neſnnen S Sie ſich ein wenig, liebe Alma, empfanden Sie nichts als Gleichgültigkeit gegen mich?“ „O ja, ich empfand noch etwas mehr... Aber dies war ein ſo garſtiges Gefühl, daß ich es nicht auszu⸗ ſprechen wage.“ „Verſuchen Sie es dennoch, laſſen Sie hoͤren, was empfanden Sie denn?“ „Einen unbeſchreiblichen Abſcheu, ein wahres Ent⸗ ſetzen: es war mir als möchte ich lieber ſterben.“ „Ich verſtehe,“ ſiel der Major ein.„Aber was denken Sie in dieſem Augenblick?“ „In dieſem Augenblick,“ erwiederte Alma,„ſind Sie ſo gutig gegen mich, daß ich Ihnen nicht genug danken kann. Gleichwohl bin ich vom tiefſten Schmerz und Schreck durchdrungen. Ich muß jedoch aufrichtig ſein: ich liebe einen Andern, und nur ihm will ich gehören.“ „Dank für dieſes Vertrauen, liebe Alma— ich weiß, wen Sie meinen. Aber laſſen Sie mich nun auch ein wenig meine eigene Vertheidigung führen. Sie ſollen ein⸗ ſehen lernen, daß ich Sie zu ſehr liebe, um Sie unglücklich ſehen zu können. Nun fragt es ſich zuerſt, ob Sie mit mir unglücklich ſein würden oder nicht. Ich habe längſt aller Citelkeit entſagt, aber einiges Selbſtgefühl iſt mir geblieben, und ich hege meine Zweifel, ob mein Neben⸗ buhler Ihnen eine freundlichere Zukunft bereiten kann, als ichs zu thun vermoͤchte.“ „Ach,“ rief Alma offenherzig,„wir paſſen für einander. Er iſt jung— Sie aber, Herr Major...“ „Auch nicht ſo alt, Alma, als daß nicht der Winter des jungen Mannes eben ſo ſchnell eintreffen könnte, wie der meinige. Er ſteht im jugendlichen Alter, ich im männ⸗ lichen; aber die Jahre haben mit dem Leben der Gefühle nichts zu ſchaffen; ſo lange dieſe friſch bleiben, mag ein Jahr um das andere verſtreichen, wir werden deßhalb doch nicht alt.“ „Aber ich bin ſelbſt noch ſo jung!“ fiel Alma ein. „Weibliche Anmuth und Schönheit— das haben Sie wohl ſelbſt ſchon geſehen— verblüht oft ſchon nach einigen Jahren. Da erkaltet nicht ſelten der junge, lebhafte Mann: ſolcher Beiſpiele finden ſich viele. Für einen älteren, ge⸗ ſetzteren Mann dagegen, hat der Verluſt der Schönheit wenig zu bedeuten: für ihn iſt die Frau noch immer jung genug; denn er iſt durch die beſſere Anmuth der Seele und des Herzens an ſie gefeſſelt. Auch er ſah es mit Wohlgefallen, wie üppig die Roſen blühten, aber wenn die Blätter abgefallen ſind, dann ſchließt er ſie zärtlicher an ſein Herz und ſchützt ſie liebevoll vor jedem kalten Wind, der ſie anhauchen könnte.“ Alma wußte nichts zu erwiedern. Warum hatte der Major, dieſer ruhige, ernſte Mann, dies Alles zu ihr geſagt? Seine Worte machten einen tiefen, aber nichts weniger als angenehmen Eindruck auf ſie. Wie ſchrecklich, vor der Zeit alt, häßlich und deßhalb von dem Geliebten warten übereir nicht angelo nach Verbit frei ſe „das doch bereite daß i jenige ich er licher wart, in Er Jahr iſt mir Neben⸗ ann, als einander. c Winter nte, wie i männ⸗ Gefühle mag ein halb doch llma ein. ben Sie ch einigen te Mann: eren, ge⸗ Schönheit mer jung der Seele ih es mit ber wenn zartlicher m kalten hatte der es zu ihr er nichts chrecklich, Geliebten 139 vernachläſſigt zu werden! Dann, o dann— aber warum ſollte dieſes Unglück gerade ſie treffen? „Was haben Sie zu antworten, gute Alma?“ fragte der Major und zog ihren Arm in den ſeinigen. „Ich bin gerührt,“ flüſterte ſie,„aber ich kann nicht! Beſter Herr Major, retten Sie mich vor meinem Vater. Werde ich gezwungen Ja zu ſagen, ſo betheure ich, daß dies nur mit den Lippen geſchieht.“ „Nun gut, Alma, Sie haben vielleicht Recht. Aber ohne eine Prüfung ſollen Sie mir nicht entgehen. Hunderte von Mädchen haben ſchon eines Liebhabers wegen Männer verworfen, mit welchen ſie, wenn nicht die Leidenſchaft mächtiger geweſen wäre als die Vernunft, glücklich hätten werden können. Alma— Sie müſſen meine Braut werden, nicht ſowohl um meinetwillen, als um Ihrer ſelbſtwegen. Weigern Sie ſich in dieſem Augenblick, oder vielmehr verzichte ich in Folge Ihrer Bekenntniſſe auf Ihre Hand, ſo wiſſen Sie ſelbſt, was Sie von Ihrem Vater zu er⸗ warten haben, deſſen ſehnlichſter Wunſch mit dem meinigen übereinſtimmt. Werden Sie ſich dagegen ſeinem Willen nicht widerſetzen und mir ein unverbrüchliches Vertrauen angeloben, ſo verſpreche ich Ihnen dagegen, daß Sie, wenn nach Verlauf eines Jahres Ihre Abneigung gegen eine Verbindung mit mir ſich noch nicht gelegt hat, vollkommen frei ſein ſollen.“ „Ach,“ ſagte Alma halb ſeufzend und halb erfreut, „das iſt eine harte, eine ſehr harte Bedingung— aber doch auch wieder eine beſtimmte Hoffnung. Und wenn ich bereitwillig darauf eingehe, verſprechen Sie mir dann, daß ich ſowohl die Bedingung als die Belohnung dem⸗ jenigen mittheilen darf, welcher... „Von heute an aufhoͤrt Ihr Gelebter zu ſein—; ja, ich erlaube das. Dagegen verlange ich, daß er als ehr⸗ licher Kerl während dieſer Zeit weder durch ſeine Gegen⸗ wart, noch durch Briefe oder heimliche Botſchaften ſich in Erinnerung zu erhalten ſuche. Aber nach Verlauf des Jahres hat er das Recht wieder von ſich hören zu laſſen, — 140 Wenn Sie dann noch überzeugt ſind, Alma, daß Sie nur mit ihm allein glücklich werden können, nun, ſo mögen Sie ihm angehören.“ „Und mein Vater?“ ſagte Alma leiſe. 3 „Dem will ich ſagen, daß Sie in die Verlobung eingewilligt haben, jedoch mit der Bedingung, daß dieſelbe nicht öffentlich gefeiert werde, und daß vor Jahresfriſt von der Hochzeit keine Rede ſein dürfe. Das Uebrige über⸗ laſſen Sie mir.“ 3 4 Siebenzehntes Kapitel. „Iſt die Berathung bald zu Ende?“ fragte der Oberförſter, indem er mit ſeinem ſpaniſchen Rohr an die Thüre klopfte. „Ja, und zwar vollkommen nach Wunſch!“ antwortete der Major, während er mit einem Lächeln, das bei näherer Betrachtung erkünſtelt ſcheinen konnte, die Thüre öffnete und den ungeduldigen Herrn einzutreten bat. Alma ſtand mitten im Zimmer, roth wie eine Roſe, und widerſprach der Behauptung des Majors nicht einmal mit einem Blicke. „Iſt's moͤglich 2“ rief der Oberförſter, indem er vor Freude einen ſeiner verwegenſten Luftſprünge machte.„Alle Millionen Erzengel ſollen mich holen, wenn Du nicht unſeres Herrgotts Schoßkind biſt, Herr Bruder. Du hätteſt ſonſt nicht in kaum einer halben Stunde das intriganteſte Grasäfſchen, das je unter einem Sonnenſchirm einher⸗ ſpaziert iſt, überreden können, nach Deiner Pfeife zu tanzen. Hellauf, Kinder, laßt uns jetzt froͤhlich und luſtig ſein; denn wir haben nun eine Braut auf dem Omberg komm 4 her, Mädchen, und gib mir einen Kuß.“ Alma warf ſich an des Vaters Bruſt, und der Alte ſchleuden für den ſeine be in die Wonne Zügen ſ ſie ſah Vater Blick, ſeiner g Gefühle welcher Zeit na „L nachden geſchloſſ und er fällig „Morge daß all ſollen— wenn 2 wieder; das Sp meinetm habe ich daß mi Gewiſſe miteinat Ich fül ſie hat Sie nur mögen rlobung dieſelbe riſt von ge über⸗ gte der an die twortete näͤherer öffnete ie Roſe, einmal mer vor „Alle du nicht u hätteſt ganteſte einher⸗ tanzen. iig ſein; — komm der Alte 141 ſchleuderte, um ſie beſſer umfangen zu können und auch für den ehrlichen Major ein Plätzchen übrig zu haben, ſeine beiden treuen Gefährten, Pfeife und ſpaniſches Rohr, in die Sophaecke. Der unbeſchreibliche Ausdruck von Wonne und Gliückſeligkeit, welcher auf ſeinen lebhaften Zügen ſtrahlte, quälte jedoch Alma's empfindliches Gewiſſen: ſie ſah ein, daß die Sache ganz anders wäre, wenn ihr Vater die Wahrheit wüßte, und der halb vorwurfsvolle Blick, welchen ſie auf den Major warf, ſagte dieſem zu ſeiner großen Befriedigung, daß es ihrem zarten, kindlichen Gefühle wehe that, ſich in eine Lage verſetzt zu ſehen, von welcher er im Stillen zu hoffen wagte, daß ſie mit der Zeit natürlicher werden möge. „Schon gut, ſchon gut!“ rief endlich der Oberförſter, nachdem er einige Sekunden lang beide an ſein Herz geſchloſſen hatte,„laßt uns jetzt wieder vernünftig ſein,“ und er wiſchte ein Paar Freudenthränen ab, die ſich zu⸗ fällig in ſeinen ſilbernen Backenbart verirrt hatten. „Morgen will ich tanzen und den Galanten machen, ſo daß alle Damen auf dem Ball ſich in mich verlieben ſollen— denn ſo viel ſage ich Dir zum Voraus, Alma, wenn Du einmal aus dem Hauſe biſt, ſo heirathe ich wieder; ſchon mancher Mann mit weniger Jugendkraft hat das Spiel verſucht. Was wird die kleine Majorin dazu ſagen, wenn ſie ein Stiefmütterchen bekommt, ſo jung und ſchön wie ſie ſelbſt?“ Alma litt unbeſchreiblich.„Wenn Du wieder heiratheſt, Papa,“ ſagte ſie mit einem Verſuch zu ſcherzen,„ſo werde ich eiferſüchtig.“ „Du wäreſt mein' Seel' nicht die erſte Frau, die meinetwegen eiferſüchtig würde. Als ich jung war, da habe ich unter der Damenwelt ſolchen Spektakel gemacht, daß mir, genau genommen, noch allerlei Sünden auf dem Gewiſſen liegen könnten. Aber ſetzt Euch jetzt und plaudert miteinander, während ich meinen Drachen umarmen will. Ich fühle ein wahres Bedürfniß mich mit ihr zu verſöhnen: ſie hat den ganzen Tag gebrummt. Und Du, mein Zucker⸗ 14² püppchen— hier zog der Oberförſter Alma auf die Seite— glaube nur, daß ich, obſchon ich nicht viele Worte darüber mache, Deim Opfer, wie Du es nennſt, wohl zu würdigen weiß. Aber ſei verſichert, daß dies einmal die Quelle Deines höchſten Glückes ſein wird. Nein, nein, mein Täubchen, keine Thränen! Doch freilich, Thränen gehören zum Stück— geh' deßhalb nur einige Augenblicke auf Dein Zimmer.“ In der Einſamkeit ihres Stübchens ſank Alma auf die Kniee und flehte innig zu Gott, daß dieſes Jahr nicht zu lang werden, und daß ſich bald eine paſſende Gelegenheit finden möge, ihrem Vater das freundliche Zugeſtändniß. des Majors mitzutheilen. Inzwiſchen verflogen die Minuten. Das Brieſchen hätte ſchon fertig ſein ſollen. Alma griff zur Feder; aber ihre Hand zitterte und die Gedanken wollten ſich nicht ordnen. Sie hatte noch nie an einen andern Mann geſchrieben als an ihren Vater, — und nun an einen Geliebten zu ſchreiben, wie viel ſchwerer mußte ihr das werden, zumal da ſie für die Verlobte eines Andern galt. Aber ſchreiben mußte ſie, und um die Form eines Liebesbriefes zu ſtudiren, öffnete ſie von Neuem den vor Kurzem empfangenen und las zu wiederholten Malen die Ueberſchrift: Meine Alma! Das Wort mein vor den Namen erſchien ihr doch gar zu vertraulich. Sie probirte, wie es ſich auf dem Papier ausnehmen würde, wenn ſie mein Karl Auguſt ſchriebe, aber da klopfte ihr Herz ſo heftig, daß ſie kaum ſechs Worte zuſammenbrachte, und nun beſchloß ſie, die Anrede ganz wegzulaſſen. Aber auch der Anfang des Briefes war ſehr ſchwer zu finden, und nach unzähligen Conzepten, die ſogleich zerriſſen und verbrannt wurden, erblickte endlich folgendes Briefchen das Tageslicht: „Ich habe zehn Billete begonnen, ohne daß es mir klar wurde, was ich ſchreiben ſolle. Dein Brieſchen habe ich er prägt. nicht m des Mq werde einem. bei ſein fel unte daß ich weiß n Aber a nicht ſe Oh, d Karl A es ſein neueſten lich ſo allen U⸗ Se Fenſter Lootſen. vor der ſich ſelb Gartens Se einen ſo ſie kaun ſtrengte töne na De vertraut Aber tr 143 Seite— ich erhalten und jedes Wort meinem Gedächtniſſe einge⸗ darüber prägt. Von morgen an darf ich es ein ganzes Jahr lang vürdigen nicht mehr leſen, denn von morgen an nennt man mich Quelle des Majors Braut; aber ich kann es bald auswendig und , mein werde es mir von Tag zu Tag auf's Neue vorſagen. In gehören einem Jahr bin ich wieder frei: der Major hat es mir icke auf bei ſeiner Ehre verſprochen, im Fall ich, was keinem Zwei⸗ fel unterliegt, dann noch auf meiner Verſicherung beſtehe, lma auf daß ich mit ihm nicht glücklich werden kann. Mein Vater hr nicht weiß nichts davon: der Major wird alles zurechtlegen. legenheit Aber ach, ach, während dieſer Zeit dürfen wir einander ſtändniß nicht ſehen und ganz und gar keine Gemeinſchaft haben. Oh, das iſt gar zu entſetzlich! Aber glaube mir, lieber Briefchen Karl Auguſt! Ich bleibe ewig, ewig Deine Alma.“ erte und 4 tte noch„N. S. Wenn dieſes Briefchen nicht ganz ſo iſt, wie n Vater, es ſein ſollte, ſo verzeih Deiner Alma: ſie hat erſt in der wie viel neueſten Zeit zu lieben angefangen und kann ſich unmög⸗ für die lich ſo ausdrücken, wie ihr Herz es gebietet. Aber unter allen Umſtänden bin und bleibe ich Deine Alma.“ m eines den vor Sobald das Billet verſiegelt war, trat Alma an's alen die Fenſter und wartete ungeduldig auf die Ankunft des alten Lootſen. Aber er blieb ſo lange aus, daß ſie, aus Furcht ihr doch vor der Erſcheinung ihres Liebesboten gerufen zu werden, uf dem ſich ſelbſt hinaus begab, um ihn an der Hinterthüre des Auguſt Gartens zu treffen. ie kaum Schon dämmerte es, und die großen Buchen warfen ſie, die einen ſo dunkeln Schatten auf den Platz wo ſie ſtanden, daß ung des ſie kaum etwas zu unterſcheiden vermochte. Um ſo ſtärker zahligen ſtrengte ſie ihr ehör an, und bald vernahm ſie das Ge⸗ wurden, toͤne nahender Fußtritte.. . Der Lootſe kam und ſein ſcharfes, mit dem Dunkel vertrautes Auge gewahrte alsbald Alma hinter der Hecke. es mir Aber trotz ihrer ungeduldigen Winke ſtellte er ſich, als ob en habe 144 er nichts ſehe und ſetzte mit einem großen Fiſchkorb, den er auf dem Rücken trug, unbekümmert ſeinen Weg fort. Beſtürzt trat Alma zur Thüre hinaus um ihm nach⸗ zueilen, als auf einmal Jemand von der anderen Seite ſie am Kleide faßte, und im nächſten Augenblick lag ſie in den Armen ihres Geliebten. „Meine Alma, Du ſiehſt, daß Gott ſelbſt uns be⸗ günſtigt, da Du um dieſe Zeit heraus kamſt!“ Er nahm das Billet ſachte aus ihrer halb verſchloſſenen Hand und flüſterte:„Dieſe Zeilen ſollen ſpäter mein Troſt ſein— laß mich jetzt alles hören, was vorgefallen iſt.“ „Ach, ich darf mich nicht aufhalten!“ ſeufzte Alma zitternd vor Seligkeit und Unruhe. I einmal einige Minuten denjenigen zu tröͤſten, der mehrere Wie, Alma, meine Geliebte— Du wagſt es nicht Tage um Dich gelitten hat und noch unzählige Tage um Dich leiden wird? Haſt Du mit dem Major geſprochen?“ „Das ſteht alles zuſammen im Briefe— aber ich bitte Dich, guter, geliebter Karl Auguſt, laß mich gehen, denn ein Jahr, ein ganzes Jahr lang darf ich Dir nicht angehören. Lies, lies.“ „Ein Jahr!“ rief Karl Auguſt, indem er heftig zu⸗ rückfuhr.„Oh, meine Alma, was haſt Du gethan? Was haſt Du verſprochen?“ Er riß das Briefchen auf und beim letzten Schein des rothen Streifes welchen die Sonne am Himmel zurückgelaſſen, las Karl Auguſt ſein Urtheil; dann richtete er noch einige Fragen an Alma, welche ihm die vollkommenſte Auskunft über alles gab, was geſpro⸗ chen und verabredet worden war. In den wenigen Minuten, welche hierüber verfloſſen, war auf ſeinem Geſichte eine ſtarke Veränderung vorge⸗ gangen: es war nicht blos die Glut der Liebe, die auf ſeinen Wangen brannte; es war Verzweiflung, Raſerei darüber, daß er genöthigt ſein ſollte ſich zu entfernen, und überdies den Gegenſtand ſeiner Anbetung ein ganzes langes Jahr hindurch einem Andern zu überlaſſen.„Nein, nein!“ rief er haſtig,„das darf nicht geſchehen! Es ſteckt irgend ein abſt muß A — geſg L haſt, ner He Mein 2 Major Dich a daß ich geſagt: 77₰ nung d ſeine a netwi Jahr l Ende iſ nun, 2 beſchwo fen, al wäre ie ein Eid geſtatte ſonſt n außer i 9 1 weinend leb wol 8 Alles. A Aber e hätten des Ol gerufen N Die 2 145 b, den ein abſcheulicher Plan darunter. Dein Vater, liebe Alma, fort. muß Alles wiſſen— ich gehe augenblicklich ſelbſt zu ihm n nach⸗— geſchehe was da wolle.“ n Seite„Nein, um Gotteswillen nicht! Wenn Du mich lieb lag ſie haſt, Karl Auguſt, ſo thue das nicht und folge nicht Dei⸗ ner Heftigkeit— wir müßten es gewiß tauſendfach bereuen. uns be⸗ Mein Vater hat bereits erklärt, daß ich, ſelbſt wenn der r nahm Major mir entſagen ſollte, niemals... Aber ich bitte und und Dich auf's Innigſte, verlaß Dich auf mich, glaub' mir, ſein— daß ich nie des Majors Frau werde! Haſt Du nicht ſelbſt ggeſagt: wir müſſen Zeit gewinnen!“ e Alma„Damals ahnte ich nicht, daß von jahrelanger Tren⸗ nung die Rede ſein ſollte... Do guſt ſuch es nicht ſeine aufgeregte Leidenſchaft zu beherrſchen— um Dei⸗ mehrere netwillen, meine Seele, mein Alles, will ich ihm ein rage um Jahr lang meinen Platz überlaſſen; aber ſobald es zu ochen?“ Ende iſt, dann komme ich zurück und fordere Dich. Und aber ich nun, Alma, will ich Dich nicht bitten, Deine Treue zu h gehen, beſchwören, denn ſollte ich einer andern Bürgſchaft bedür⸗ dir nicht fen, als derjenigen, die Deine Lippen mir jetzt geben, ſo wäre ich gränzenlos unglücklich: Dein Kuß iſt heiliger als eftig zu⸗ ein Cid. Um Eines jedoch will ich Dich kniefällig bitten, n? Was geſtatte ihm keine Freiheiten, nicht die mindeſten, denn auf und ſonſt werde ich wahnſinnig. Erlaube ihm keinen Kuß, e Sonne außer wenn Dein Vater zugegen iſt.“ Urtheil;„Fürchte nichts,“ ſagte Alma halb lächelnd, halb lche ihm weinend,„ich werde ſchon auf meiner Huth ſein, und nun, geſpro⸗ leb wohl, leb wohl!“ „Leb wohl, Geliebte meiner Seele, mein Leben, mein erfloſſen, Alles... Oh, vergiß mich nicht!“ g vorge⸗ Alma wand ſich aus den Armen ihres Geliebten. die auf Aber er zog ſie noch einmal zurück, und die Sekunden Raſerei hätten ſich vielleicht in Minuten verwandelt, hätte nicht nen, und des Oberfoͤrſters Stimme vom Garten her Almas Namen es langes gerufen. n, nein!“ Noch ein Lebewohl; dann eilte Karl Auffuſt fort und ckt irgend Die Braut auf dem Omberg. 146 Alma wurde, als ſie durch die kleine Hinterthüre ſprang, von ihres Vaters Armen aufgefaßt. „Du weißt wohl,“ ſagte der Oberförſter in einem Ton, welcher gegen den zuletzt gebrauchten grell abſtach, „daß Dein Vater ein zu alter Jäger iſt, als daß man ihn hintergehen könnte. Wer eilt da durch den Park?“ „Karl Auguſt, lieber Papa— der Major hat mir ſelbſt erlaubt, ihn in Kenntniß zu ſetzen.“ „So, ſo, gehorſamer Diener,“ rief der Oberförſter, „heißt es bereits: der Major ſelbſt! Aber weißt Du was, mein Roſenknöſpchen: nimm Dich in Acht, daß nicht Dein Vater ſelbſt ſich veranlaßt findet, Deine Ehre in ſeine Obhut zu nehmen. Komme ich hinter geheime Zu⸗ ſammenkünfte, Liebesbriefchen u. dgl., dann— doch ich brauche nicht mehr zu ſagen: ich ſehe, wir verſtehen uns ſchon.“ 3 Tags darauf wurde zur Feier von Almas Geburts⸗ tag das beſprochene Feſt abgehalten. Nur durch die drin⸗ genden Bitten des Majors und nicht ohne harten Kampf, hatte der Oberförſter ſich bewegen laſſen, Almas Gefühle nicht durch eine öffentliche Bekanntmachung ihrer Verlobung zu verletzen. Endlich aber gab der Oberförſter ſelbſt dem Major hierin nicht unrecht. Die wichtige Uebereinkunft ſollte alſo ein Familiengeheimniß bleiben, bis Almas Herz und Gemüth, welche beide der alte Herr ungemein bieg⸗ ſam glaubte, die alten Eindrücke vergeſſen und die neuen, die nicht ausbleiben könnten, in ihrer ganzen Stärke auf⸗ genommen hätte. Ein Paar Wochen ſpäter ſtattete der Oberförſter mit ſeiner Tochter dem Major einen Beſuch ab. Der ſchönen Braut wurden alle möglichen Ehren erwieſen, aber oft genug mußte ſie von dem Major Andeutungen hören auf eine Zeit, da ſie ſich mit Gottes Hülfe glücklich finden würde in dieſem Hauſe, wo ihr nichts fehlen ſollte, was zu ihrem Vergnügen beitragen könnte. Aber,“ ſagte Alma eines Tags, da er, zwar blos „2 als Möglichkeit, aber doch mit Wärme, eine ſolche Zeit ausme Dieſe von ih Sie n einer achtete daß er Zuſtin gleicht halb 1 und ſe was und i ſogar ſich ſe eine nicht auch mit ſe Gewa Pferd Angel um 2 tigkeit geſetz fühlte zu en ſie in Gelie ſprach Bild zu n ſprang, einem abſtach, ß man rk?“ rförſter, ißt Du ß nicht Ehre in Kampf, Gefühle erlobung lbſt dem reinkunft ias Herz ein bieg⸗ e neuen, irke auf⸗ rſter mit ſchönen aber oft ören auf h finden te, was var blos lche Zeit 147 ausmalte,„das iſt ja ganz gegen unſere Verabredung. Dieſe Zeit kann niemals. kommen, warum alſo überhaupt von ihr ſprechen?“ „Seien Sie nicht ſo grauſam, Alma, und rauben Sie mir nicht alle Hoffnung,“ antwortete der Major mit einer Rührung, über welche das Mädchen erſchrack. Sie achtete den Major zu hoch und hielt es für unmöglich, daß er ſie in einer Schlinge gefangen und trügeriſch ihre Zuſtimmung zur Verlobung erſchlichen haben ſollte. Aber gleichwohl verrieth er allzudeutlich ſeine Wünſche. Deß⸗ halb antwortete ſie mit tiefem Ernſte: „Nicht die mindeſte Hoffnung kann ich Ihnen laſſen, und ſollte die Probe zehn Jahre lang andauern.“ Der Major antwortete nichts, ſondern er that alles was denkbar und möglich war, um Alma zu erheitern und ihr zu gefallen. Ja, der gute Major machte ſich ſogar etwas lächerlich, indem er, um jünger zu erſcheinen, ſich ſorgfältiger zu kleiden und in Geſprächen und Gebärden eine Lebhaftigkeit darzuthun anfing, die ganz und gar nicht natürlich war. Am beſten jedoch— das geſtand auch Alma zu— nahm er ſich aus, wenn er im Hof mit ſeinen Pferden allerlei Manöver ausführte, die ſowohl Gewandtheit als Kraft erforderten. Aber wenn er vom Pferd herabgeſtiegen war und die Aufmerkſamkeit ſeiner Angebeteten auf andere Art zu feſſeln ſuchte; ſo war es um Almas Beifall geſchehen, und überſchritten ſeine Ar⸗ tigkeiten nur ein klein wenig die vor der Verlobung feſt⸗ geſetzte Gränze, ſo wurde Alma ſcheu und betrübt; ſie fühlte ſich in einem Netze gefangen, aus welchem ſie nicht zu entwiſchen vermöchte. Von Karl Auguſt hörte ſie keine Silbe. Oft, wenn ſie im Park ſpazieren ging, glaubte ſie einen Schatten des Geliebten zu entdecken, aber jedesmal täuſchte ſie ſich. Auch ſprach Niemand von ihm, aber in Almas Herz ſtand ſein Bild mit unauslöſchlichen Zügen eingegraben. „Ich möchte Dir rathen um Weihnachten Hochzeit zu machen,“ ſagte der Oberförſter eines Tags zu ſeinem 148 künftigen Schwiegerſohn.„Das Mädchen ſieht nach gerade aus wie Mondſchein. Iſt ſie einmal verheirathet, ſo hat ſie ihre Geſchäfte, die alle thörichten Grillen verſcheuchen werden, im Fall, wie ich beinahe vermuthe, dieſe noch nicht ganz ausgetrieben ſein ſollten.“ Der Major ſchüttelte den Kopf.„Ich habe Alma ein Jahr zugeſagt!“ antwortete er,„und das ſoll ihr auch geſtattet ſein, ſo ſehr es mich betrübt, daß ſie mir nicht nur nicht entgegenkommt, ſondern ſich mit jedem Tage mehr zurückzieht.“ „Deine eigene Schuld, ganz und gar Deine eigene Schuld, Herr Bruder. Einer Braut läßt man die Frei⸗ heit nach allen Seiten hin zu phantaſiren; einer Frau da⸗ gegen, welche in den Grundſätzen erzogen iſt, die meine ſelige Marie ihrer Tochter eingepflanzt hat, wird es nicht wagen, ihren Flug gar zu hoch zu nehmen. Ich, der ich mich beſſer auf Frauenzimmer verſtehe als Du, ich ſage Dir, daß ſie ſolches Zeug unterlaſſen und ein vortreffliches Weib werden wird. Hat ſie dagegen gar zu viele Zeit übrig, ſo wird ſie aus reinem Mangel an Beſchäftigung Liebesintriguen anſpinnen, ſo daß ſie am Ende vor Toll⸗ heit nicht mehr weiß, wo ihr der Kopf ſteht.“ „Das kaun ich nicht hindern,“ meinte der Major; „aber ich will ihr ſagen, daß es mich ſehr betrübe...“ „Betrübe— Betrübniß hin und Betrübniß her! Laß Knaben ſich betrüben und bekümmern, aber vergiß nicht, daß es einem Mann von Deinem Alter ſchlecht anſteht, einem achtzehnjährigen Mädchen gegenüber den Narren zu machen. Laß es Dir nicht ſo verdammt angelegen ſein, alles zu thun, was ſie wünſcht und was ſie nicht wünſcht. Sie mag ihren Mund aufthun, wenn ſie etwas haben will. Schenke— das iſt mein Grundſatz— ſchenke Deiner Frau mit vollen Händen alle mögliche Zärtlichkeit, Liebe und Freiheit, ſo lange ſie dieſe Gaben zu ſchätzen weiß; aber ſobald Du merkſt, daß nichts verfangen will, dann mußt Du allmälig in einem andern Tone ſprechen. Im Anfang wird ſie ſich wundern, hernach wird ſie ſich belei⸗ digt fi Art w auch u ſie ſick rufen daß m Zügel Du ſie ſeligen 8 gekom Sohne ihre A denn ihm n tröſten damit Frau eines währe ihrer 2 ich bin ten W eigene e Frei⸗ -rau da⸗ ele Zeit ſiftigung r Toll⸗ ß nicht, anſteht, erren zu en ſein, wünſcht. ben will. Deiner t, Liebe 1 weiß; I, dann n. Im ch belei⸗ 1 149 digt fühlen, dann wird ſie zornig werden,— und auf dieſe Art wird ſie allmälig nachdenken. Sollten dieſe Gedanken auch nicht ganz zu Deinem Vortheil ausfallen, ſo drehen ſie ſich doch wenigſtens um denjenigen, der ſie hervorge⸗ rufen hat. Bei den Weibern iſt immer die Hauptſache, daß man ihre verdammt unlenkſame Einbildungskraft im Zügel hält;— biſt Du einmal dieſer gewiß, ſo kannſt Du ſie leiten, wohin Du willſt. So hatte ich's mit meiner ſeligen Frau.“ Achtzehntes Kapitel. In Lindafors war es ſtill und trübe. Der Herbſt war gekommen, ohne irgend Nachrichten von dem geliebten Sohne zu bringen. Frau Agneta hatte das kleine Brief⸗ chen, das er von Häſtholm aus geſchrieben, ſo oft leiſe für ſich geleſen und ihrer Freundin, der Karre, vorgetragen, daß es jetzt ganz zerrieben und von ihren Thränen ge⸗ bleicht war. Gleichwohl ſuchte ſie wie gewöhnlich vor dem „Vater“ ihren Schmerz und ihre Unruhe zu verbergen, aber dies gelang nicht zum beſten. Der Hüttenbeſitzer ſah ihre Angſt; da er jedoch in derſelben Verdammniß war— denn Karl Auguſts Schweigſamkeit und Abweſenheit kam ihm nie aus dem Sinne— ſo konnte er ſie auch nicht troͤſten, ſondern ſchickte häufig ſogar ſelbſt nach der Karre, damit ſeine Gattin in der vielgeprieſenen Klugheit dieſer Frau einige Zerſtreuung finden möchte. „Siehſt Du, liebe Margarethe,“ ſagte die Matrone eines Tags, als ſie von Frau Sanft überraſcht wurde, während ſie gerade die armen Lockvöͤgel abſtäubte, die in ihrer Verlaſſenheit ganz ängſtlich drein blickten,„ſtehſt Du, ich bin jetzt beinahe überzeugt, daß er ſich in dem verdamm⸗ ten Wetterſee ertränkt hat. Ach, wie viel Kummer macht 150 er mir! Aber kommt er einmal zurück, ſo darfſt Du mir glauben, daß ich...“ „Ihm von ganzem Herzen verzeihen werde!“ rief eine Stimme von der Thüre her, und im nächſten Augenblick fühlte ſich Frau Agneta von den Armen ihres Sohnes um⸗ fangen, während die Karre nach dem Eiſenwerk eilte, um dem alten Herrn die frohe Kunde zu überbringen. Von Vater und Mutter mit Fragen aller Arten be⸗ ſtürmt, mußte Karl Auguſt in Kürze von ſeiner mißglückten Brautwerbung erzählen; der Hoffnung dagegen, die ihm in der Zukunft blühte, gedachte er mit keinem Wort. Frau Agneta konnte dies Alles nicht recht begreifen: erſtens, daß ihr Karl Auguſt von irgend einem Vater in der Welt eine abſchlägige Antwort erhalten haben ſolle, und zweitens, daß er bei ſeiner Gemüthsart nicht Himmel und Erde aufrege.„Ich kenne Dich nicht mehr, mein Junge,“ ſagte ſie. „Nun, Mutter, Du wirſt doch nicht verlangen, daß er ſich wie ein Narr gebärden ſoll; ſei froh, daß er ſo vernünftig iſt. Karl Auguſt hat immer einen feſten Cha⸗ rakter gezeigt; er gleicht hierin vollkommen ſeinem ſeli⸗ gen Großvater.“ Karl Auguſt ſchüttelte ſeines Vaters Hand und ver⸗ ſicherte, es ſei wirklich ſeine Abſicht den Beweis hiefür zu liefern.„Von heute an ſoll mich Niemand mehr kennen: ich habe im Sinn ein noch weit thätigerer Oekonom zu werden, als mein Großvater und Urgroßvater waren. „Laß Dich umarmen, mein Sohn!“ rief der entzückte Hüttenbeſitzer.„Jetzt erſt bin ich ſtolz auf Dich. Geſegnet ſei der Korb! er wurde in einer glücklichen Stunde er⸗ theilt!. Karl Anguſt hielt Wort, und zwar in ſo reichem Maße, daß Herr Kemner mehrere Male zu ſeiner Frau ſagte: „Er iſt zu hitzig, Mutter; er hat zu viele Pläne im Kopf und könnte ſich, wenn dieſe nicht glücklicher Weiſe jetzt noch klein waͤren, leicht einmal ruiniren.“ Theils in Folge des Thätigkeitstriebes, der jetzt in ihm Kemn bracht zwiſch Herr Dinge Syſte ters i Die ſeinen Entzi als C ſichten Einri von chani Kopf haus⸗ Augu Auge liebe du mir rief eine igenblick nes um- lte, um rten be⸗ glückten die ihm rt. greifen: Vater in den ſolle, Himmel r, mein en, daß aß er ſo en Cha⸗ tem ſeli⸗ und ver⸗ hiefür zu kennen: onom zu rren. entzückte Geſegnet unde er⸗ m Maße, u ſagte: im Kopf jetzt noch zt in ihm 151 erwacht war, theils um die Leere auszufüllen, welche er nach ſeiner Trennung vom Omberg empfand, unternahm Karl Auguſt bald darauf die mehrfach beſprochene Reiſe nach England. Nach ſeiner Rückkehr geſchah es, wie der alte Herr prophezeiht hatte: die kleinen Pläne wurden auf die Seite geworfen, dagegen ſollten große, nach Herrn Kemners Anſicht, wahre Rieſenplane zur Ausführung ge⸗ bracht werden. Und jetzt ergaben ſich zum erſten Mal zwiſchen Vater und Sohn kleine Streitigkeiten. Der alte Herr war kein Freund von neuen Methoden in großen Dingen; Karl Auguſt dagegen, welcher nichts als neue Syſteme im Kopf hatte, verwarf die Methode ſeines Va⸗ ters und Großvaters beinahe ganz und gar als veraltet. Die Folge von dem Allem war, daß der Hüttenbeſitzer in ſeinem Aerger eine Theilung vorſchlug, und mit dankbarem Entzücken erhielt Karl Auguſt das hübſche Gut Roſenlund als Eigenthum, mit der Erlaubniß, ganz nach ſeinen An⸗ ſichten allda zu ſchalten und zu walten. Als der Hüttenbeſitzer nicht blos von ungewöhnlichen Einrichtungen in Bezug auf den Ackerbau, ſondern auch von Webereien und Spinnfabriken, ſo wie von einem Me⸗ chanikus aus England hörte, da ſchüttelte er gewaltig den Kopf; als er aber vollends vernahm, daß ein neues Wohn⸗ haus, eine Art von Villa erbaut werden ſollte, welche Karl Auguſt mit ſeiner Alma zu beziehen gedachte, da erhob er Augen und Hände zum Himmel und bemerkte gegen ſeine liebe Agneta, es wäre weit beſſer geweſen, Karl Auguſt wäre ein Träumer geblieben und hätte ſeine Zeit mit Lock⸗ vögeln zugebracht, als daß er auf ſolche Raſereien gera⸗ then ſei, die doch zu keinem guten Ende führen können. Einige Jahre ſpäter, nachdem ſich Karl Auguſts Ein⸗ richtungen als vollkommen praktiſch bewährt hatten, hieß es: Mein Sohn, der ohne Prahlerei vielleicht der größte und erfahrenſte Landwirth in der Gegend iſt, thut das und das, ſagt ſo und ſo, und ſo weiter, womit der Beweis ge⸗ führt werden ſollte, daß Karl Auguſts Anſicht über die fragliche Sache die einzige richtige ſei. Vor der Hand aber, ſo lange die Beweiſe noch nicht geführt waren, pflegte Herr Kemner zu ſeinen Gäſten zu ſagen:„Nun, junge Leute haben immer neue Ideen und erkaufen die Erfahrung oft theuer. Ich will meinen Sohn nicht binden: er hat, Gott ſei Dank! die Mittel, ein kleines Kapital auf Expe⸗ rimente zu verwenden, und ſollte er dabei weiter nichts lernen, als daß die Methoden ſeines Vaters und Großvaters auch etwas taugen.“ Kurz nach Weihnachten, als eine ungewöhnlich ſtrenge Kälte Karl Auguſt nöthigte, ſeine Arbeiten auf Roſenlund einzuſtellen, beſchloß er heimlich, einen Beſuch auf dem Omberg zu machen, nur um zu erfahren, wie die Sachen ſich dort geſtalteten. Gegen ſeine Eltern ſchützte er eine wichtige Reiſe nach Gothenburg vor, und dann reiste er ab, nicht ohne tauſend Andeutungen von Seiten Frau Ag⸗ netas, daß er ſich beſſer umſehen möge als das letzte Mal. Die gute Frau hatte gehört, daß es in dieſer Stadt viele ungeheuer reiche und bildſchöne Mädchen gebe. Karl Auguſt lächelte: er wußte, daß ſich in der ganzen weiten Welt nur ein einziges Mädchen vorfand, nach wel⸗ chem ſein Verlangen gerichtet war, und gelang es ihm auch nur, ſie von Ferne zu ſehen, ſo wollte er mit neuem Muth, mit neuer Kraft und Beharrlichkeit an ſeine Ge⸗ ſchäfte zurückkehren, worin er das einzige Mittel erblickte, ſich das lange Jahr zu verkürzen. „Komm nur nicht wieder mit neuen Erfindungen nach Hauſe,“ bat der Vater.„Denn obſchon ich aus väterlicher Liebe thöricht genug bin, Deine Tollheiten in Schutz zu nehmen, ſo bin ich doch der Erſte, welcher ihre Nichts⸗ würdigkeit erkennt.“ Und noch einmal erwiederte Karl Auguſt herzlich, indem er ſeinem Vater die Hand drückte.„Ich bin über⸗ zeugt, daß Du mit Deiner wohlbekannten Gerechtigkeitsliebe ihren Nutzen zugeſtehen wirſt.“ „Gut, gut, mein Sohn, zeige mir dieſen, wenn Du kannſt... Aber das alte Haus auf Roſenlund wäre für einen zu vie Aber bleibe der I die N Liebes unbeg Gemit ſeine nur d Er iſt er es blut f verlob einem mir, 1 „ich könner Haus eines nicht Dir j 153 pflegte einen Junggeſellen gut genug geweſen— Du verwendeſt junge zu viel Geld auf unnöthige Dinge.“ fahrung„Das mag ſein,“ erwiederte Karl Auguſt errothend. er hat, Aber wenn Du bedenkſt, daß ich nicht immer Junggeſell f Erpe⸗ bleiben will, ſo... nichts Frau Agneta winkte dem Vater, und der Vater winkte oßvaters der Mutter zu.„Ich will kein ehrliches Weib ſein,“ rief die Matrone,„wenn nicht Karl Auguſt mit geheimen ſtrenge Liebesgedanken umgeht. Alle dieſe Veränderungen, dieſe vſenlund unbegreifliche Thätigkeit bei einem Menſchen von ſeiner auf dem Gemüthsart und ſeinen Gewohnheiten, das Alles muß Sachen ſeine guten Gründe haben. Nein, ſolche Wunder kann er eine nur die Liebe wirken, und obendrein eine glückliche Liebe. reiste er Er iſt verlobt; aber es iſt gar nicht ſchoͤn von ihm, daß rau Ag⸗ er es vor ſeinen Eltern verheimlicht, die gerne ihr Herz⸗ te Mal. blut für ihn geben würden.“ idt viele„Ich verſichere Dich, liebe Mutter, daß ich nicht verlobt bin: im Gegentheil iſt Diejenige, die ich liebe, mit rganzen einem Andern verlobt. Aber eine geheime Stimme ſagt ach wel⸗ mir, daß ſie deßungeachtet noch meine Frau werden muß.“ es ihm„Mein lieber Karl Auguſt,“ fiel der alte Herr ein, it neuem„ich habe Dich ſeit Deiner Kindheit nie recht begreifen ine Ge⸗ können, und jetzt begreife ich Dich weniger als je; ein erblicke, Haus bauen und ſich einrichten, in der Hoffnung, die Frau eines Andern zu bekommen— das war zu meinen Zeiten gen nach nicht der Brauch, und ich moͤchte Dir rathen, ſolche Grillen terlicher Dir je eher je lieber aus dem Sinne zu ſchlagen.“ chutz zu Nichts⸗ herzlich, in über⸗ keitsliebe enn Du väre füur — Neunzehntes Kapitel. Wie man ein Kind dadurch zu beſchwichtigen und zu vergnügen ſucht, daß man all die Spielſachen hervorholt, welche es auf Weihnachten erhalten hat, ſo ſuchte auch an einem einſamen Winterabend Fräulein Neta die arme Braut auf dem Omberg durch Vorzeigung der mannich⸗ faltigen Schmuckſachen aufzuheitern, welche der Major ihr geſchenkt hatte. Aber bleich und mit verweinten Augen ſtieß Alma dieſelben weg und ſagte:„Das macht mir keine Freude, gute Tante.“ „Wie Du ſchwatzen magſt, mein liebes Kind! Be⸗ trachte nur dieſes Perlenband da— was meinſt Du wohl, daß es koſte?“ „Das verſtehe ich nicht; ich weiß blos ſo viel, daß ich dieſe Perlen nicht tragen will.“ „Freilich nicht eher als am Hochzeitstage— aber ach, ach, wie herrlich ſie Dir da ſtehen werden?“ Alma antwortete nicht. 1 Behutſam legte Fräulein Neta den verſchmähten Schmuck wieder in ſein Futteral und holte ſofort ein koſt⸗ bares, altmodiſches elfenbeinernes Käſtchen hervor.„Sieh da, liebe Alma, das ſind ja ſonſt Deine Lieblingsſachen: an dergleichen Reliquien haſt Du immer Deine Freude gehabt. Es iſt ein Familienkleinod, welches alle Frauen der Familie Kling beſeſſen und von einer Hand auf die andere vererbt haben. Wie kann man etwas Prächtigeres ſehen als dieſe eingelegte, goldene Arbeit?“ „Dann iſt es auch am beſten, es bleibt in der Fa⸗ milie!“ ſagte Alma, indem ſie mit ungewöoͤhnlicher Ver⸗ drießlichkeit das Kleinod auf die Seite ſchob.. „Nun ja, das war auch die Meinung, als man es Dir ſchenkte.“ „Beſte Tante, quälen Sie mich nicht länger!“ bat Alma zuſam 1 nur ei einen Oberſ von d war, mutte müßte Ruhe bej ir ſchenk hinzu des E daß d welch bös r ich h⸗ ihre zugrü zu ei Geſp ſtattg beſaß weil gewif das nichte denn das wart und zu worholt, ie arme annich⸗ ajor ihr Augen hmähten ein koſt⸗ „Sieh sſachen: Freude Frauen auf die htigeres der Fa⸗ er Ver⸗ man es r!“ bat 15⁵ Alma mit rührender Herzlichkeit. zuſammen wieder ein.“ „Sogleich, liebes Kind, ſogleich! Ich wollte Dir ja nur ein Vergnügen machen... Aber wirf doch wenigſtens einen einzigen Blick auf dieſes Rubinkreuz da! Die ſelige Oberſtin Kling, die Urgroßmutter des Majors, erhielt es von der Königin Louiſe Ulrike, bei welcher ſie Hofdame war, als Brautgabe.“ „Was ſagen Sie da, Tante? Des Majors Urgroß⸗ mutter konnte nicht Hofdame bei dieſer Königin ſein; ſie müßte ſonſt eine merkwürdig alte Dame geworden ſein.“ „Gleichviel,“ antwortete die Tante mit unzerſtörbarer Ruhe:„war ſie es nicht bei Louiſe Ulrike, ſo war ſie es bei irgend einer andern Königin! Aber ein königliches Ge⸗ „Schließen Sie alles ſchenk war es jedenfalls und“— fügte das alte Fräulein hinzu, indem es die Kleinodien wieder in die Schublade des Schreibtiſches verſchloß—„es iſt nur Jammerſchade, daß der Major ſolche Gaben an eine Perſon verſchwendet, welche ſie nicht beſſer zu würdigen weiß. Nun, nun, ſo bös war die Sache nicht gemeint. Sei artig, dann gehe ich hinaus und backe Dir einen Pfannkuchen.“ Als Alma allein war, ließ ſie den ſchönen Kopf in ihre Hände ſinken, um ungeſtört über ihr Schickſal nach⸗ zugrübeln. Nie hatte der Major weiter von ihrer Liebe zu einem Andern geſprochen, nie mehr hatte er auf das Geſpräch angeſpielt, we lches am Abend vor der Verlohung ſtattgefunden, und nun weinte Alma im Stillen, denn ſie beſaß nicht den Muth, ſelbſt mit dem Major zu ſprechen, weil ſie beſtändig die Frage fürchtete:„Haben Sie es ſo gewiß, daß er wiederkehren wird?“ Sie erinnerte ſich nur zu gut, wie Sie Karl Auguſt das Verſprechen abgenommen hatte, in dieſem ganzen Jahr nichts von ſich ſehen und hören zu laſſen; aber gab es denn gar kein anderes Mittel, ſie zu vergewiſſern, daß er das Ende dieſer Friſt mit eben ſo großer Ungeduld er⸗ warte wie ſie? Während ſie nun, umgoſſen von den bleichen Strahlen 156 des Mondes, da ſaß, ſich beunruhigte und abhäͤrmte, ſchien es ihr, als zeige ſich Etwas hinter der mit ſchim⸗ mernden Schneeperlen bekränzte Hecke. Sie blickte durch das Fenſter und glaubte wirklich die Geſtalt des Einzigen zu erkennen, deſſen Bild beſtändig ihren Gedanken vorſchwebte. Ihr Herz pochte mit ver⸗ doppelter Heftigkeit: gab er ihr nicht ein Zeichen?„Ach ja, er iſts, er muß es ſein!“ Aber Alma war zu er⸗ ſchüttert, um auch nur die geringſte Bewegung zu erkennen zu geben, daß ſie ſeine Gegenwart bemerkt habe. So verfloßen einige Minuten. Da trat plötzlich Tante Neta mit einem Licht in der Hand, herein, um ihre Schlüſſel zu ſuchen. Die Geſtalt außen verſchwand, und vergebens nach Faſſung ringend, ſank Alma auf einen Stuhl. Er iſt fort, fort! klang es in ihrem Herzen. Aber o Gott, ſo ſchnell! Wenn er es nicht ſelbſt geweſen wäre, wenn es ein Geiſt geweſen wäre. Mit unausſprechlichem Ent⸗ ſetzen gab Alma dem Gedanken Raum, daß ihr Geliebter vielleicht todt ſei, und daß ſeine Seele ſie beſucht habe, in dem Augenblick, da ſie die Erde verlaſſen. Das Zeichen, das er gegeben, war alſo ſein letztes Lebewohl geweſen... Während ſie in halbwachen Fieberträumen über die Erſcheinung nachgrübelte, ſchlich Karl Auguſt, deſſen Wunſch jetzt erfüllt war, ohne alle Ahnung von dem Un⸗ heil, das er verurſacht hatte, nach der Hütte des alten Lootſen. Er ſah ſchon von Weitem auf dem Heerd ein Feuer brennen. Vor demſelben ſaß der Alte und ſchnitzte einen hölzernen Löffel.„Wer iſt noch ſo ſpät da außen?“ fragte ſeine Baßſtimme, als Karl Auguſt anklopfte. „Ein alter, guter Freund,“ antwortete dieſer und im nächſten Augenblick war der große Lootſe auf den Beinen und ſeine niedrige Thüre geöffnet. „Willkommen, junger Herr! Wollte es Ihnen draußen am Salzwaſſer nicht mehr gefallen?“ „Ich wollte wieder einmal hieher kommen. Aber ich bin ganz incognito da— Du darſfſt mich nicht verrathen.“ „Ich verrathe nie einen guten Freund,“ antwortete der Al vor de meine einem gegang , n7 erwied ſehen man d obſchor Dinge Feuer Auguſt nehme S des A anvert Endlic beherb überlie nach i 2 des A ihre S ausbre Ziele Kälte ſeinem Oberft heiligſt Feuer, hhärmte, t ſchim⸗ klich die eſtändig mit ver⸗ ?2„Ach zu er⸗ erkennen de. So te Neta Schlüſſel rgebens hl. Er o Gott, „ wenn n Ent⸗ zeliebter habe, in Zeichen, eſen... über die deſſen dem Un⸗ es alten eerd ein ſchnitzte außen?“ und im Beinen draußen Aber ich athen.“ wortete der Alte und bot Karl Auguſt ſeinen einzigen Stuhl, der vor dem Feuer ſtand.„Aber aufrichtig geſtanden, wenn meine Herzgeliebte mir den Spuck angethan hätte, ſich mit einem Andern zu verloben, ſo wäre ich nicht drei Schritte gegangen, um ſie zu ſehen.“ „In fremden Angelegenheiten iſt nicht gut urtheilen,“ erwiederte Karl Auguſt ausweichend.„Ich will ſie blos ſehen— das iſt gewiß nichts Unrechtes.“ „Aber es kann auch nichts Gutes dabei herauskom⸗ men,“ erwiederte der Alte.„Das Fräulein könnte eben⸗ falls Luſt bekommen, Sie wieder zu ſehen, und dann wäre das Ganze weiter nichts als eine heimliche Zuſammenkunft.“ „Du biſt zu ſtreng, alter Freund... Aber was hört man denn aus dem Forſthauſe?“ „Oh, da ſteht alles ganz gut!“ antwortete der Alte, obſchon er wußte, daß man ſich auch mancherlei andere Dinge erzählte; aber er war zu gewiſſenhaft, um das Feuer noch mehr anzuſchüren, zumal da er fürchtete, Karl Auguſts geheimnißvoller Beſuch möchte ein ſchlimmes Ende nehmen. Karl Auguſt, welcher ſeinerſeits die Bedenklichkeiten des Alten bemerkte und ihm die wahre Sachlage nicht anvertrauen konnte, ließ das Geſpräch in's Stocken gerathen. Endlich entſtand die Frage, wie der Gaſt in der Hütte beherbergt werden ſollte. Die ganze Veranſtaltung hiezu überließ Karl Auguſt dem großen Lootſen: er ſelbſt fragte nach nichts, da er doch Alma nicht ſprechen durfte. Bis zum folgenden Abend hielt er ſich in der Hütte des Alten verborgen. Nun aber, als die Dämmerung ihre Schatten von Neuem über die Wälder des Ombergs ausbreitete, begab er ſich hinaus und ſchritt vorſichtig dem Ziele näher, für welches ſein Herz bei achtunddreißig Grad Kälte mit einem Feuer erglühte, das ſich glücklicher Weiſe ſeinem ganzen Weſen mittheilte. In der Wohnung des Oberförſters waren mehrere Fenſter beleuchtet. Im Aller⸗ heiligſten ſaß er ſelbſt mit dem Major vor einem flackernden Feuer, und jeder hatte eine Pfeife im Mund. Die Rouleaur 158 waren nicht ganz herabgelaſſen, ſo daß Karl Auguſt hineinſehen konnte. Auch Alma's Fenſter war beleuchtet. Karl Auguſt ſchlich ſich näher, doch immer ſo, daß er den Schatten der Hecke hatte, welche an dieſem Abend nicht vom Monde beſchienen wurde. Aber auf einmal wurde ſeine Aufmerkſamkeit von Alma's Fenſter ab und auf die des Oberförſters gezogen. Der Oberförſter rückte heftig mit dem Stuhl und fragte ſchnell:„Sag einmal, Herr Bruder, was hältſt Du vom Somnambulismus?“ „Darüber habe ich wirklich noch nie nachgedacht,“ antwortete der Major.„Warum fragſt Du das 2“ „Weil ich fürchte, daß Alma eine Anlage zu dieſer Krankheit hat!“.. Karl Auguſt, welcher ſich eben hatte entfernen wollen, konnte, als er Alma’s Namen in einer ſolchen Verbindung ausſprechen hörte, nicht umhin, mit offenen Ohren weiter zu lauſchen...„Hoͤre nur,“ fuhr der alte Herr fort.„Als wir heute Abend nach Hauſe amen, ging ich, wie gewöhnlich, in ihr Zimmer, um ihr den Abendkuß zu geben— Jedermann hat ſe ine Schwach⸗ heiten, und zu den meinigen gehört, daß ich nicht gut ſchlafen kann, wenn ich nicht das Mädchen noch einmal geſehen habe. Nun gut, ich öffnete die Thüre ganz leiſe, weil ich glaubte, ſie ſchlafe. Aber was ſah ich? Alma ſaß in ihrem Nachtkleide am Fenſter, unbeweglich, wie eine Bildſäule, und ſprach vor ſich hin, aber. Worte, von denen ich überzeugt bin, daß ſie dieſelben im wachenden Zuſtand niemals gedacht oder geſprochen haben wurde. Ich hätte wahrhaftig glauben können, ich höre das feuxigſte Mädchen mit ihrem verſtorbenen Liebhaber ſprechen, deſſen Bild ihrer Phantaſie vorſchwebe.“. „Und Du glaubſt wirklich, daß ſie geſchlafen habe?2* fragte der Major im Tone ſchlecht verhehlten Mißtrauens. „Sie befand ſich gewiß in einem ſolchen Zuſtand wie ich ſo eben bezeichnet habe; denn ich war ſchlechter⸗ dings ſie in g Geſi Endli Brude Erſch haupt Majo ſieht 1 wolle ängſti warun 7 war e nicht auf, lag, Gebät veranf „Du— blosſte 4 noch Uebel ergriff zu ver Alma 5 in ſein Pfeife Auguſt Auguſt Schatten n Monde keit von gezogen. id fragte Du vom gedacht,“ 2* zu dieſer ben hatte in einer hin, mit ir,“ fuhr , um ihr Schwach⸗ nicht gut ch einmal ganz leiſe, 2 Alma lich, wie Borte, von vachenden ein würde. 8 feurigſte ee, deſſen n habe?“ ßtrauens. Zuſtand ſchlechter⸗ ch Hauſe dings nicht im Stande ſie zu wecken, und nun trug ich ſie in's Bett, ohne daß ſie die mindeſte Bewegung machte.“ Während der Erzählung des Oberförſters nahm das Geſicht des Majors einen immer herberen Ausdruck an. Endlich ſagte er in ſehr ernſtem Tone:„Verzeihe mir, Bruder; ich glaube, daß ſie wachte, und daß es keine bloſe Erſcheinung war, was ſie zu ſehen meinte.“ „Wie!“ rief der Oberförſter,„willſt Du etwa be⸗ haupten, ſie habe wirklich ſeinen Schatten geſehen?“ „Warum gerade ſeinen Schatten?“ antwortete der Major mit etwas ſcharfer Betonung.„Im Mondſchein ſieht alles ein wenig geheimnißvoll aus.“ „Hölle und Teufel! Du wirſt doch nicht behaupten wollen, er ſchleiche ſich heimlich bei Nacht hier herum und ängſtige das Mädchen zu Tode? Wenn ſie aber wach war, warum antwortete ſie nicht?“ „Vielleicht ſchloß der Schreck ihre Lippen, vielleicht war es auch Weiberliſt, um wegen der ſonderbarch Sache nicht zur Rede ſtehen zu müſſen.“ Jetzt ſprang der Oberförſter heftig von ſeinem Stuhle auf, gab ſeinem Lieblingshund, welcher unter demſelben lag, einen Tritt und betheuerte mit den ausdruckvollſten Gebärden, er werde dieſen Abend noch ein Treibjagen veranſtalten...* „Auf was?“ ſiel der Major beſchwichtigend ein. „Du wirſt doch nicht die Ehre Deiner eigenen Tochter blosſtellen wollen?“ 1 Karl Auguſt fand es natürlicher Weiſe nicht gerathen, noch länger zu lauſchen. Voll Verzweiflung uͤber das Uebel, das ſein gezwungenes Incognito verurſacht hatte, ergriff er die Flucht, mit dem feſten Vorſatz, die Gegend zu verlaſſen, ſo bald er Gelegenheit gefunden hätte, ſeiner Alma den unglückſeligen Irrthum zu erklären. 8 Mit feuerrothem Geſichte blieb der Oberförſter mitten in ſeinem Zimmer ſtehen. In der einen Hand hielt er die Pfeife ausgeſtreckt, die andere ſchwang mit ſolcher Heftigkeit 160 ſhhn Stock, daß kein Möbel im Zimmer mehr ſicher ſchien. „Das war ein verdammter, ein hölliſcher, infamer Gedanke, den Du ſo eben geäußert haſt,“ ſagte er endlich. „Wie kannſt Du ſo ſprechen? Ein Liebhaber vor Alma’s Fenſter!— Gott verdamm' mich, wenn meine Alma nicht in Gedanken, Worten und Handlungen unſchuldiger und reiner iſt, als je ein weibliches Weſen in dieſem Jahrhundert war! Und ſie ſollte ſich aus Liſt ſchlafend oder ohnmächtig geſtellt haben, gegen einen Vater, welcher ſie liebt und ſie zu lieben alle Urſache hat! Verantworte Dich, Major— verantworte Dich hierüber— wenn Du kannſt!“ „Die Sache iſt ganz einfach,“ erwiederte der Major. „Die Mädchen haben ihre eigenen Ideen.“ „Ja, ja, Du haſt ſaubere Begriffe, Du! Ich ſage Dir, daß Alma gar keine Ideen hat, daß ſie nie welche gehabt hat und nie welche haben wird— Notabene in dieſer Richtung— aber das Donnerwetter ſoll mich zer⸗ ſchlagen, wenn ich mir nicht Gewißheit in dieſer Sache verſchaffen will. Hat es geſtern geſpuckt, ſo kann es auch heute noch ſpucken. Wenn Du willſt, ſo unternehmen wir noch einen kleinen Spaziergang.“ Der Major ſtimmte bei, und hätte ſich nicht Karl Auguſt das frühere laute Geſpräch zur Warnung dienen laſſen, ſo wäre er leicht verrathen worden. Nun aber gebrauchte er die Vorſicht, ſeine Verfolger dadurch irre zu führen, daß er auf einem bedeutenden Umweg nach der Hütte des Lootſen zurückkehrte. Im Garten, wohin der Oberförſter und ſein künftiger Schwiegerſohn ihre Schritte lenkten, fanden ſich ſehr bald Spuren, von denen beide— der? Najor mit einem gewiſſen Triumph, der Oberföͤrſter mit immer neuem Aerger— erklärten, daß ſie Niemanden vom Hauſe angehören. In⸗ zwiſchen verloren ſich dieſe Spuren nach ſo verſchiedenen Seiten hin, daß die Herren, welche jedoch keinen Lärm machen wollten, es für's Beſte hielten, ihre Zeit nicht länger an eine Arbeit zu verſchwenden, bei der ſie kein —— Ergeb Vorw allem mit ei Fräul Schne welche wollte. der S würdig abgeſe der gr über ei alsbald iſ ſoo ein Li die Re Oberft nachſel ( offnete ſtreckte Die r ſicher infamer endlich. Alma’s ma nicht gger und rhundert nmächtig und ſie Kajor— Major. Ich ſage ee welche abene in nich zer⸗ r Sache un aber irre zu ach der künftiger ſehr bald gewiſſen hiedenen n Lärm eit nicht ſie kein Ergebniß vorausſehen konnten. Um jedoch einen triftigen Vorwand zu bekommen, Wachen auszuſtellen und dadurch allem Spuck ein Ende zu machen, ſchnitt der Oberförſter mit eigener Hand an einigen Stücken Leinwand, welche Fräulein Neta nach Landesbrauch zum Bleichen auf den Schnee ausgebreitet hatte, die Stricke ab. Jetzt wurde ein blinder Lärm über Diebe geſchlagen, welche der Oberfoͤrſter vom Fenſter aus geſehen haben wollte. Mehr war nicht nöthig: Fräulein Neta eilte an der Spitze des ganzen Küchenperſonals nach dem merk⸗ würdigen Platz hinaus, beſah bei Laternenbeleuchtung die abgeſchnittenen Stricke, und beſchwor den Oberförſter, da der größte Theil der Leinwand gefroren war, die Nacht über eine Wache aufzuſtellen, wozu der Herr des Hauſes alsbald Befehl ertheilte. „Da ſieh,“ flüſterte er dem Major in's Ohr,„das iſt ſo gut, wie ein Wolfsnetz. Verdammt, was doch ſo ein Liebesſpektakel klugen Leuten für einen Strich durch die Rechnung machen kann!“ „Haſt Du weiter nichts bemerkt, Herr Bruder?“ fragte der Major mit einer gewiſſen Verlegenheit. „Nein, was ſollte ich ſonſt noch bemerkt haben?“ „Oh, nichts Beſonderes— aber warum hatte Alma das Licht in ihrem Zimmer ausgeldſcht.“ Der Oberförſter war über die Dreiſtigkeit dieſer Frage ſichtlich verblüfft.„Brannte denn früher ein Licht bei ihr?“ fragte er mit zitternder Stimme.„Sie war ja den ganzen Tag unwohl.“ „Schon um vier Uhr, als ich einen kleinen Spazier⸗ gang im Garten machte, hatte ſie Licht.“ „Wahrſcheinlich hat ſie ſchlafen wollen,“ ſagte der Oberfoͤrſter mit ganz ruhiger Stimme. Ich will inzwiſchen nachſehen.“ Er nahm ein Licht, ging über die Hausflur und öffnete die Thüre. Der Major ſtand hinter ihm und ſtreckte den Kopf vor, um auch hineinblicken zu können. Die Braut auf dem Omberg. 11 ☛ 162 Aber ſchnell drehte ſich der Oberförſter um, drückte dem Major die Hand und ſagte leiſe:„So wahr ich lebe und ein ehrlicher Kerl ſein will, hier geht etwas vor— da ſieh' ſelbſt!“ Damit ließ er den erblaſſenden Major vor⸗ treten und zeigte auf Alma, welche am Fenſter auf den Knieen lag; den Kopf hatte ſie auf den Pfoſten geſtützt und mit der einen Hand hielt ſie die Ialouſie feſt. „Jetzt kannſt Du ſehen, ob ſie ſchläft oder ob Som⸗ nambulismus vorhanden iſt,“ flüſterte der Major mit einer Miſchung von Verdruß und Schmerz. „Alma, mein Kind!“ ſagte der Oberförſter, welcher ſeine poetiſche Auffaſſung der Sache nicht aufgeben wollte, „was machſt Du da?“ Aber Alma antwortete nicht: ſie war ohnmächtig. Mit einer Angſt, welche ſich in allen möglichen Formen Luft machte, trug der beſtürzte Vater ſein Kind auf den Sopha, und nun entſtand in dem Hauſe ſelbſt ein eben ſo großer Lärm, wie ſo eben vor demſelben. Auf Almass Ohnmacht folgte ein heftiges Fieber nebſt Delirium. Der Oberförſter rührte Himmel und Erde auf, zankte in einem Augenblick mit Fräulein Neta, und dankte ihr im nächſten, weil er doch Jemand hatte, den er auszanken konnte; denn wäre auch ſie, wie der Major und das übrige Perſonal, eine Heilige mit thränenden Augen geworden, ſo hätte der Oberförſter dieſe Stille, dieſes Aufdenzehengehen und Flüſtern wahrhaftig nicht länger ausgehalten——— Der große Lootſe berichtete Karl Auguſt, welcher in tödtlicher Beſorgniß in der Hütte verborgen blieb, über den Gang der Dinge. Unſer Freund bereute es, daß er nicht den Muth gehabt hatte, bis an Almas Fenſter vorzugehen, um einen Blick, ein Zeichen mit ihr zu wechſeln; aber er hatte ja bei ſeiner Ehre verſprechen müſſen, keinen gehei⸗ men Verkehr mit ihr zu ſuchen. Jetzt, da ſeine ſchwär⸗ meriſche Unvorſichtigkeit auf eine Art beſtraft worden war, die e lübde aber zu l den lauf konnt ſelbſt der g kam, herge iſt es Leute Hau Gewi Maj wärti da T Du kümn gott, will. Ding ſo he „dent im L zarte komn Sche Ober guſt verle ickte dem lebe und or— da ajor vor⸗ wauf den ſt. ob Som⸗ mit einer „welcher n wollte, ichtig. Formen auf den ein eben f Alma's im. Der in einem nächſten, ate; denn Perſonal, hätte der hhen und delcher in über den er nicht rzugehen, aber er en gehei⸗ ſchwäͤr⸗ den war, en geſtützt 163 die er nicht hatte ahnen können, hätte er gerne ſein Ge⸗ lübde gebrochen und wenigſtens einige Zeilen geſchrieben, aber es war ihm ja unmöglich, ſie ſeiner Alma zukommen zu laſſen. Und doch ſollte er ſich bald genöthigt ſehen, den Omberg zu verlaſſen, ohne daß er wußte, welchen Ver⸗ lauf ihre Krankheit nahm, ohne daß er ihr kund thun konnte, daß er mehr Qualen ausgeſtanden have als ſie elbſt! 3 So war eine Woche verfloſſen. Eines Abends brachte der große Lootſe, als er von ſeiner Arbeit nach Hauſe kam, die frohe Nachricht mit, daß Alma beinahe wieder hergeſtellt ſei.„Und nun, mein lieber Herr,“ fuhr er fort, iſt es Zeit, Ihre Füße wieder in Gang zu ſetzen— die Leute haben bemerkt, daß ich mehr Eßwaaren mit nach Hauſe nehme als gewöhnlich, und ich muß geſtehen, das Gewiſſen wackelte mir ordentlich in der Bruſt, als der Major erſt heute Abend zu mir ſagte:„Du mußt gegen⸗ wärtig einen ordentlichen Verdienſt haben, alter Johannes, da Du Dir Watter und Fleiſch kaufen kannſt; früher haſt Du Dich, ſo viel ich weiß, um ſolche Dinge nicht viel be⸗ kümmert.“ Und dabei ſah er gerade aus wie der liebe Herr⸗ gott, wenn er einen Sünder auf friſcher That ergreifen will. Zugleich ſchien er aber auch zu ſagen: mach dem Ding jetzt ein Ende, dann weiß ich von nichts; wo nicht, ſo hetz ich Dir den Oberförſter auf den Leib.“ „Das wird er nicht thun,“ meinte Karl Auguſt. „Nein, ich glaube auch nicht,“ verſetzte der Alte, „denn der Major iſt ein vernünftiger Mann und hat Ehre im Leib. Aber das Gewiſſen, mein lieber Herr, iſt ein zartes Ding. Ich muß es Ihnen gerade heraus ſagen: kommt es zur Unterſuchung, ſo geſtehe ich alles ein. Ein Schelm kann ich nicht ſein: dieſe Hütte habe ich vom Oberförſter, der wirklich ein kreuzbraver Herr iſt. „Ich ſehe ein, daß Du R echt haſt,“ ſagte Karl Au⸗ guſt nachdenklich,„und ich muß Dich noch heute Abend verlaſſen.“ „Wahrhaftig, lieber Herr, es thut mir in der Seele 4 1 * 3 164 weh,“ erwiderte der Alte, während er das Feuer auf dem Herde anblies:„aber Recht iſt Recht, und wäre ſie nicht mit einem Andern verlobt, ſo würde ich Ihnen gerne be⸗ hülflich ſein ſie zu entführen, müßte es auch von der Kirche weg geſchehen.“ „Aber Eines mußt Du mir noch verſprechen.“ „Gerne, wenn es nur keine geheime Botſchaft oder kein Brief ſein ſoll.“ „Nein, es handelt ſich blos um dieſen kleinen, hübſchen Stein da, den ich am Strande unten gefunden habe— kannſt Du ihn meiner Alma in die Hände ſpielen, ſo iſt erhs gut.“ 4 ſagte der Alte, indem er die Hand nach dem ſe 8 Feſchenk ausſtreckte,„ich weiß nicht, welche Freſha er Stein machen ſoll— aber ſchaden kann er woh aucy nicht viel.“ „Er darf jedoch in keine andere Hände kommen, als in die ihrigen; ſie muß allein ſein, und die Perſon, welche ihr den Stein übergibt, im Fall Du es nicht ſelbſt thun kannſt, muß ſagen, er komme von Dir.“ Am folgenden Morgen, als Karl Auguſt nach einem dankbaren Abſchied von dem großen Lootſen längſt abge⸗ reist war, trat der Alte in die Küche des Oberförſters, nickte dem Stubenmädchen zu und ſagte ihr, er bringe einen Brief von ihrem Bräutigam. Das junge Mädchen, das die Gefälligkeit des Alten in dieſer Beziehung ſchon mehrfach erprobt hatte, eilte auf die Hausflur hinaus, und nun gab er ihr ſtatt des erwarteten Briefes den kleinen weißglänzenden Stein mit der Erklärung, daß ſie, im Fall ſie ſeine Hilfe auch in Zukunft in Anſpruch nehmen wolle, dieſes kleine ſeltene Geſchenk Fräulein Alma zuſtellen ſolle, inzwiſchen nur, wenn ſie ganz allein ſei. „Das will ich recht gerne thuͤn,“ verſicherte Sophie. Unglücklicher Weiſe vergaß ſie jedoch den wichtigſten Theil des Auftrags, nämlich daß Alma allein ſein müſſe. Das Mädchen hatte keine Ahnung von einer Liebesbotſchaft, und — ſo g. des. mit der gnüg Röth der lag ans klein grof Du die Si keit hübſchen habe— n, ſo iſt ach dem , welche ben kann nen, als welche bſt thun ch einem ſſt abge⸗ förſters, bringe es Alten e, eilte ſtatt des tein mit auch in e ſeltene en nur, Sophie. en Theil . Das aft, und — 165 ſo geſchah ese vaß ſie den kleinen unheilſchweren Stein in des Oberförſters eigener Gegenwart auf Almas Bett legte, mit der Verſicherung, es ſei dies eine Seltenheit, welche der große Lootſe gebracht habe, um dem Fräulein ein Ver⸗ gnügen zu machen. Bei Erwähnung des großen Lootſen flog eine lebhafte NRöthe über Almas blaſſe Wangen, aber ehe ſie noch, von der ſeligſten Ahnung durchbebt, den Stein ergreifen konnte, lag er bereits in des Oberförſters Hand. Er hielt ihn ans Licht, und als er den kleinen Verrath, nämlich drei kleine Buchſtaben K. A. K. entdeckte, da that er ſich mit großer Mühe Gewalt an und rief:„Was ſind das für Dummheiten! Es iſt einer von den Steinen, von welchen die einfältige Menge glaubt, daß ſie vor Kranfb ier Arzcan. Sie führen aber im Gegentheil eine Kälte d ui af ttg⸗ keit mit ſich, welche höchſt gefährlich iſt.“ hun. „Ach, lieber Papa, gib ihn mir!“ bat Alma innig. „Das werden wir wohl bleiben laſſen, mein Täub⸗ chen— denn es iſt eine hoöͤchſt ungeſunde Steinart— mit dieſen Worten ſteckte der Oberförſter die verunglückte Liebesbotſchaft in ſeine Taſche. Alma ſah bittend zu ihrem Vater empor. Ihre Ver⸗ muthung ſteigerte ſich zur Gewißheit, und mit heftiger Un⸗ ruhe ſagte ſie:„So laß mich ihn doch ein wenig anſehen — das kann ja gewiß nicht gefährlich ſein!“ Nun aber erhielt ſie einen Blick, einen Blick, welcher ſagte: Wäreſt Du geſund, ſo— aber nimm Dich wohl in Acht! Damit verließ der Oberförſter das Zimmer, ohne ein Wort zu ſprechen. Alma aber, die arme, gute Alma, die ſo lange ge⸗ fürchtet und verzweifelt hatte, zuerſt ihr Geliebter mochte ſie vergeſſen, und dann, er möchte ſie nur aus dem Reiche der Todten beſucht haben— hatte ſie nicht auch am an⸗ dern Abend ſeinen Schatten geſehen, der in der Dämme⸗ rung des Winterabends und bei Almas erhitzter Phantaſie alles andere, nur nicht Karl Auguſt ſelbſt ſein konnte?— Alma fühlte ſich jetzt durch die Schlüſſe, welche dieſes Er⸗ 166 eigniß geſtattete, von allen Zweifeln befreit. Sie begriff nunmehr auch die Spur der Leinwanddiebe, und gerade die Hartnäͤckigkeit womit ihr Vater ſie das ſchöne Stein⸗ chen nicht einmal anſehen ließ, befeſtigte ſie in ihren Hoff⸗ nungen. Sich herlich ſtand etwas darauf, was als Botſchaft gelten konnte. In ſtiller, dankbarer Freude faltete Alm ihre Hände. Derjenige, welcher es zugelaſſen, daß ihr die⸗ ſer geheime Troſt geoffenbart wurde, mußte nach Ablauf des harten Probejahrs gewiß irgend einen günſtigen Um⸗ ſand eintreten laſſen, der ihrem Karl Auguſt die Möglich⸗ keit verſchaffte, des Vaters ſtarren Sinn zu beugen. Nach dieſem Tag genas Alma vollkommen wieder. Niemals erwähnte weder ihr Vater, noch der Major, noch ſie ſelbſt die Veranlaſſung zu dieſer plötzlichen Krankheit. Bwanzigſtes Kapitel. Abermals hatte die Frühlingsſonne ihr Gold über des Ombergs reiche Parke ausgeſtreut; der Wetterſee hatte längſt ſeine Ketten gebrochen, um wieder bel und ſelbſt⸗ ſtändig zu wogen. Die S Seejungfrau war von ihrer langen Wanderung mit ihren Feſten und Paläſten zurückgekehrt, und die Bewohner der Lufk, der Erde und des Waſſers, ſie alle empfanden den befreienden Einfluß des neug. Lebens. An einem dieſer ſonnigen, ſchönen Tage lud der Ma⸗ jor ſeine Braut zu einem Spa ziergang auf die herrliche Stocklyckwieſe ein, von wo er mit ihr auf den See hin⸗ aus und um den Berg herum rudern wollte. Brrmnäat holte Alma Hut und Mantel. Auch die kleinſte Zeuſi unng war ihr willkommen. „ Recht 55.* der Oberförſter:„Bräutigam und Brau liebe ren 7 des Aug feie wor Bli ſie ten Hoff⸗ Botſchaft Nöglich⸗ n. wieder. or, noch rankheit. ber des e hatte ſelbſt⸗ langen gekehrt, Laſſers, n und V 167 Braut müſſen vertraulich die Freuden genießen, welche der liebe Gott bietet.“ Aber ſie werden doch nicht allein mit einander fah⸗ ren?“ bemerkte Fräulein Neta, welcher die Forderungen des Anſtandes und das Urtheil der Welt beſtändig vor den Augen ſchwebten. „Warum denn nicht?“ lachte der Oberförſter.„Sie feiern ja ohnehin bald ihre Hochzeit.“ „Iſt etwa die Verlobung öͤffentlich bekannt gemacht worden?“ fragte das Fräulein mit einem triumphirenden Blick auf den Oberförſter.„Wer braucht zu wiſſen, daß ſie Braut oder Bräutigam ſind 2“ „Das ſollen die Leute, mein Seel, bald erfahren! das Hochzeitfeſt wird dann um ſo pikanter. Aber geht jetzt, meine Kinder.“ Und mit vergnügtem Lächeln blickte der Oberförſter dem Major und Alma nach, überzeugt, daß ſein Freund auf dieſem Spaziergang— dem erſten, wel⸗ chen er je vorgeſchlagen, ohne ſich zugleich die Geſellſchaft ſeines künftigen Schwiegervaters auszubitten— ſicherlich die Gelegenheit benützen werde, mit einer beſtimmten Bitte in Betreff des Hochzeittages hervorzutreten. Alma athmete mit jedem Tage, welcher ſie dem Ende des bedeutungsvollen Probejahres näher brachte, leichter auf. Schon längſt hatte ſie durch einige„zufällige“ Fra⸗ gen an den großen Lootſen, die Gewißheit erlangt, nach welcher ihr Herz ſich ſehnte, und ſeitdem hegte ſie nicht den mindeſten Zweifel mehr, daß Karl Auguſt an demſelben Tag, wo der Major ihr verſprochenermaßen die Freiheit wieder ſchenke, ſich einfinden werde, um ſeine alten An⸗ ſprüche bei ihrem Vater wieder geltend zu machen. Der heutige Tag war gerade der erſte im letzten Mo⸗ nat. Alma hatte ihres Vaters Anſpielung auf die baldige Hochzeit kaum beachtet und ſich mit voller Seele der Hoff⸗ nung hingegeben; inzwiſchen behielt ſie alle ihre frohen Ahnungen für ſich ſelbſt und wagte es nicht, den Major, welcher nach dem„Spuck“ immer mißtrauiſcher geworden 168 war, etwas merken zu laſſen. Sie wollte warten, bis er ſelbſt ſprechen würde. Auf dem ganzen Spaziergang durch den Park und durch die herrlichen Haine, welche nach der Stocklyckwieſe führten, hüpfte der ſeidenfeine Goldfuß bald vor, bald hin⸗ ter, bald neben ſeiner Gebieterin her, je nachdem dieſe das leichte Band, woran ſie ihn führte, länger oder kürzer ge⸗ halten hatte. Aber als ſie an den Strand kamen, ſagte der Major, der mit ſtrahlenden Blicken und frohen Ahnun⸗ gen ihrem heitern Spiele und ihren kindlich anmuthigen Bewegungen zugeſehen hatte:„Hier müſſen Sie ſich von Ihrem theuren Begleiter trennen. Wir wollen ihn an einen Baum binden.“ „Ach nein, laſſen Sie ihn mitkommen,“ bat Alma, die nicht ohne eine gewiſſe Furcht daran dachte, mit dem Major allein zu ſein.„Es macht ihm gewiß ſehr viel Spaß— er iſt noch nie auf dem See geweſen.“ „Ich glaube nicht, daß es ſich thun läßt: er würde uns nur läſtig werden.“ „Mir nicht,“ antwortete Alma und beugte ſich zu dem zierlichen Thierchen hinab, das ſich vertraulich an ſie ſchmiegte und ſeinen Kopf unter ihren Arm ſteckte. „Nicht wahr, Du willſt mit, Goldfuß? Ich ſehe Dirs an.“ „Ganz wie Sie wollen, Alma,“ ſagte der Major; aber der Gedanke, nicht einmal auf ſo kurze Zeit mit ihr vollkommen allein ſein zu können, verdroß ihn ſichtlich. Alma dagegen, welcher die veränderte Stimmung ihres Begleiters nicht entging, zog Goldfuß vergnügt mit ſich in das Boot. Nun aber ergab es ſich, daß Goldfuß gleichfalls ſeinen eigenen Kopf und Willen hatte, der ſich dießmal mit aller Beſtimmtheit gegen eine Luſtfahrt auf dem Waſſer ausſprach. N „Ach, heben Sie ihn doch herein!“ ſagte Alma mit einem bittenden Blick auf den Major. Dieſer aber er⸗ klärte, ein ſolches Benehmen würde ſeinen Grundſätzen geradezu widerſtreiten.„So eben,“ ſagte er,„habe ich Ihr laſſe und nur folg wälh mur will von vor Sa in ſie Sa hin we We ma wa erk in i, bis er Park und klyckwieſe bald hin⸗ dieſe das irzer ge⸗ n, ſagte Ahnun⸗ t Alma, mit dem ehr viel r würde ſich zu ich an ſteckte. irs an.“ Major; mit ihr ſichtlich. g ihres in das ichfalls dießmal Waſſer na mit er er⸗ dſätzen be ich 4 N 169 Ihrem Wunſche nachgegeben und Ihren Liebling mitziehen laſſen, jetzt aber....“ „Iſt die Reihe an mir,“ ſiel Alma lächelnd ein, und ich muß Goldfuß nachgeben; das thue ich denn auch 3 um zu zeigen, wie gerne ich ein gutes Beiſpiel be⸗ olge. Sofort wurde Goldfuß an einen Baum gebunden, während ſeine junge Gebieterin nicht ohne Herzensbeklem⸗ mung in das Boot ſtieg. Ach, ach, dachte ſie, wie froh will ich ſein, wenn ich wieder ans Land komme! Alma hatte ſich vorgeſtellt, der Major werde ſogleich von der Peinlichkeit ihres gegenſeitigen Verhältniſſes und von der noch ſchwierigeren Aufgabe, dem Oberförſter die Sache zurechtzulegen, beginnen, aber er ſchwieg und ſchien in Betrachtung des ſchönen Gemäldes verſunken, welches ſie vor und um ſich hatten. Während beide vollkommnes Schweigen beobachteten, glitt das Boot an dem Berge hin und kam immer näher zu den lothrechten Wänden, welche die wunderbaren Grotten in ſich ſchließen. Das Wetter war zwar nicht ſo außerordentlich ſchön, wie da⸗ mals, als Karl Auguſt die Nothgabel beſuchte; aber es war doch ein herrlicher, verlockender Tag, und lieblich erklang in den Ohren des Majors der Vorſchlag Almas in einen der Berghäfen einzulaufen. Es erfreute ſein Herz, daß Alma, welche ſich im Anfang luſtig, hernach aber ſchüchtern gezeigt hatte, ſich jetzt mit ſo großem Vertrauen ſeiner Geſellſchaft hingab, obſchon ſie allein waren. Aber ach, nie hatte der ehrliche Major ſich ſtärker geirrt; nie war Alma weniger mit ihm allein geweſen, als in dieſem Augenblick. Sie vergaß, daß der Major ihr etwas zu ſagen hatte, und weilte mit allen ihren Gedanken und Gefühlen bei dem Geliebten; ſein Bild murde durch jeden Gegenſtand hervorgerufen, der an ihren. Blicken vorüberglitt: mit ihm luſtwandelte ſie auf der duftenden Stocklyckwieſe, mit ihm ſaß ſie auf der Raſenbank in dem kleinen Luſthaus auf dem Berge, mit ihm ruderte ſie jetzt unter die dunkeln Gewölbe der 170 Rothgabel hinein,— hatte nicht Er ihr ſeine erſte Fahrt dahin ſo poetiſch beſchrieben? Kurz, die Täuſchung war für Alma ſo vollſtändig, daß ſie den todten Falken in der Felſenritze zu erblicken glaubte. Sie genoß mit vollen Zügen; ſie verſchloß die Augen, um zu horchen, wie der Klang der aufgeregten Waſſer des Wetterſees an der gewaltigen Felſenſchichte hierinnen ſich brach, und ſie ließ den Kopf auf ihre Bruſt ſinken. An den Major dachte ſie ganz und gar nicht. Bald jedoch wurde ſie an ſeine Gegenwart erinnert. „Worüber denken Sie ſo tiefſinnig nach, mein liebes Bräutchen?“ Bräutchen!— Oh, wie dieſes Wort Almas Ohr beleidigte! Der Major hatte es früher nie gebraucht, und Alma dachte, daß er es auch jetzt blos gewählt habe, um auf paſſende Weiſe und ohne allzudeutliche Abſichtlichkeit die Unterhandlung zu eröffnen. „Alſo muß ich den Anfang machen,“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt, und als ſie die Augen aufſchlug und des Majors Blicke mit einem Ausdruck unausſprechlich ſchmerzlicher Unruhe auf ſich geheftet ſah, da gewann ſie neuen Muth. Es war ihr als umſchwebe ſie Karl Auguſts Geiſt in der Nothgabelgrotte, und ſie war froh, daß die peinliche Er⸗ klärung an einer Stelle vor ſich gehen ſollte, wo der Major, wie eine geheime Stimme ihr zuflüſterte, nicht das Uebergewicht haben würde, das er ſonſt ſo oft gegen ſie geltend machte. „An was ich denke?“ antwortete ſie.„Nun, an den Zeitpunkt, welcher demnächſt eintreten wird.“ „Was wollen Sie damit ſagen, Alma?“ fragte er in freudigem Schreck über die ſelige Möglichkeit, daß ſie auf ihre künftige Verbindung anſpiele. „Meine Meinung iſt klar: wir haben blos noch einen Monat von dem für mich feſtgeſetzten Probejahr.“ „Alſo,“ verſetzte der Major mit einem bebenden Aus⸗ druck ſeiner Stimme, wie Alma ihn nie zuvor gehört hatte, „alſo und und Sie Jahr Alm denn auch nicht gewi wer die unte hind um Her läu ode Augen, Waſſer ſeerinnen ſinken. jedoch liebes s Ohr t, und be, um tlichkeit ſie zu Majors erzlicher Muth. in der he Er⸗ vo der „nicht gegen n, an gte er aß ſie einen Aus⸗ hatte, 171 „alſo betrachten Sie es noch immer als ein Probejahr und nicht als ihre Brautzeit?“ „Ich habe es nicht eine Minute lang anders betrachtet und mich immer an das edle Verſprechen gehalten, das Sie mir gaben: Wenn, ſagten Sie, wenn Sie nach einem Jahre noch....“ Der Major winkte mit der Hand.„Genug, genug, Alma; Sie brauchen dieſe Worte nicht zu wiederholen, denn ich erinnere mich ihrer noch ganz gut und nehme ſie auch heute nicht zurück, obſchon Sie Ihrer Verpflichtung nicht vollkommen treu geblieben ſind.“ „Wie ſollte ich mich dagegen verfehlt haben?“ „Sie haben ihn wiedergeſehen; er hat auf Sie ein⸗ gewirkt: das war gegen die Abrede.“ „Dieſes Wiederſehen, wenn es überhaupt ſo genannt werden kann, war ein unfreiwilliges,“ verſetzte ſie leiſe. „Gleichviel; es hat dennoch eine Wirkung gehabt, die nach meiner Ueberzeugung ſonſt ausgeblieben wäre.“ „Oh, nein, nein!“ „Es hat mich unausſprechlich geſchmerzt, daß die un⸗ unterbrochene Zärtlichkeit, die ich Ihnen ein ganzes Jahr hindurch gewidmet und meine unermüdlichen Anſtrengungen, um ein, wenn auch noch ſo kleines Plätzchen in Ihrem Herzen zu gewinnen, vergebens geblieben ſind, und ich läugne nicht, daß ich, ohne mich deßwegen für eigennützig oder unehrlich halten zu müſſen, eifrig gewünſcht und gebetet habe, ihr Sinn— denn nach einer ſo kurzen Be⸗ kanntſchaft kann ich nicht ſagen, Ihr Herz— möchte ſich von dem fremden Jünglinge abwenden.“ Der Major hatte in einer ſo heftigen Aufregung ge⸗ ſprochen, daß Alma von einer peinlichen Unruhe befallen wurde. Aber bei ſeinen letzten Worten verwandelte ſich ihr Mitgefühl in Verdruß, und mit ſtarkem Erröthen ant⸗ wortete ſie:„Ich verſtehe den Unterſchied nicht, welcher in der Liebe zwiſchen Sinn und Herz ſtatt findet, aber Eines weiß ich aufs Beſtimmteſte: nämlich daß ich nur einen Einzigen zu lieben vermag, auch habe ich mir ganz 172 und gar nichts vorzuwerfen, als die kindiſche Schwach⸗ heit, deren ich mich dadurch ſchuldig machte, daß ich, um dem Zorn meines Vaters auszuweichen, ein ganzes Jahr lang⸗denjenigen verläugnete, welchem ich allein angehoͤren will. 4 Bei dieſer entſchiedenen Sprache wurde der Major todesblaß. Aber er beſaß Selbſtbeherrſchung und antwor⸗ tete daher blos mit einer ſtummen Geberde, die indeß beredt genug war, um Alma zu überzeugen, daß ſie ihn tief verletzt habe. Jetzt erblaßte auch ſie. Was hatte ſie gewagt? Zu was hatte ſie ſich durch ihr ungeſtümes Gefühl verleiten laſſen? War es nicht genug, daß ſie ihren Vater gegen ſich hatte? Zog ſie ſich nun auch noch die Ungunſt des Majors zu, des Majors, den ſie als ihre einzige, ſichere Stütze betrachtete— was ſollte dann aus ihr werden? Einige Augenblicke blieben beide ſtumm, und nur das Plätſchern des Waſſers zwiſchen den Steinen hin, und das eintönige Herabträufeln von dem Gewölke unterbrach die Schweigſamkeit in der Rothgabelgrotte. Almas weiches Herz vermochte die Gewißheit, einen Mann beleidigt zu haben, der ſich immer ſo edel gegen ſie bewieſen, nicht länger zu ertragen.„Verzeihen Sie mir!“ rief ſie endlich,„ich war undankbar, ich war un⸗ bedachtſam, oh, ſeien Sie mir nicht böſe!“ Und die ſanften ſchmeichelnden Worte drangen zum Herzen des Majors, der, Gott weiß es, gegen die Bittende nur allzuſchwach war. „Sie waren ungerecht gegen mich, Alma!“ ſagte er mit tiefem, aber mildem Ernſte.„Glauben Sie, daß ich ein einzigesmal mein Glück höher geſtellt habe, als das Ihrige? Aber ich bin ein Menſch, und es muß mir in der innerſten Seele weh thun, wenn mein Schmerz mit gänzlicher Gleichgültigkeit behandelt, und meine Bemühung nach dem Ziele meines höchſten Glückes ſo angeſehen wird, als hätte ich kein Recht dazu... Doch jetzt genug von mir— unſere Schickſale ſind noch nicht getrennt. Fürch⸗ ten Sie indeſſen nichts: dieſes Spiel, von welchem ich zu —— träum bald ₰ ihre und b Purpu G wartet zu un Lieblin als A des T Beben und e ihre? der I zwiſch dem dieſes welche auf d Hand Geſc Kemt imme Weg vater 1 * chwach⸗ lich, um es Jahr gehoͤren Major ſantwor⸗ ſe indeß ſie ihn hatte ſie eſtümes aß ſie ch noch ſie als e dann d nur n, und lerbrach einen gegen en Sie ar un⸗ ſanften dajors, hwar. igte er „ daß ls das nir in z mit ühung wird, g von ürch⸗ ch zu 4 1 173 träumen wagte, daß es dereinſt Ernſt werden könnte, ſoll bald aufhören.“ Alma ſenkte den Kopf! ihre Augen ſagten mehr als ihre Lippen vermochten. Der Major faßte das Ruder, und bald lag die Rothgabelgrotte, umgoſſen von der Sonne Purpurgluth, hinter ihnen. Stampfend und ungeduldig an ſeinem Bande reißend, wartete Goldfuß bei dem Baume. Alma eilte auf ihn zu und klopfte und ſtreichelte den Hals des verwoͤhnten Lieblings, während der Major den Knoten auflöste. Aber als Almas Hand zufällig ſich unter das breite Halsband des Thierchens verirrte, ſpürte ſie etwas wie ein Papier. Bebend ließ ſie ein Paar Finger unter das Band gleiten und entdeckte ein Briefchen. In ſchnellem Wechſel jagten Roſen und Lilien über ihre Wangen. Sie durfte es als ein Glück erkennen, daß der Major mit dem Knoöten ſo ſehr beſchäftigt war. In⸗ zwiſchen ſcherzte Alma wie ein Kind mit Goldfuß, warf dem Thierchen ihren Shawl über den Kopf, und durch dieſes kleine Manöver gelang es ihr, die gefährliche Waare, welche Goldfuß, ohne Zweifel während ihrer Spazierfahrt auf dem See, anvertraut worden war, vorſichtig in ihren Handſchuh zu ſchmuggeln. Einundzwanzigſtes Kapitel. Einige Tage vor dem Zeitpunkt, bei welchem unſere Geſchichte jetzt angekommen iſt, hörte man Frau Agneta Kemner ganz laut ſagen:„Ei, ei, Mann, Du haſt doch immer ſo ſchiefe Anſichten gehabt.“ „Was ſagſt Du, Alte? Ich bin jeder Zeit meinen Weg geradeaus gegangen, ganz wie mein Vater und Groß⸗ vater.“ 174 „Eben darum, weil Du immer auf gebahnten Wegen gehen wollteſt, haſt Du manchmal verkehrte Anſichten ge⸗ habt und in manchen Stücken nicht mit dem Zeitgeiſt glei⸗ chen Schritt halten wollen.“ „Aha! bläst der Wind von dieſer Seite her? Aber weißt Du was, Mutter? das iſt eine Sache, die Du nicht verſtehſt. Mit dem Zeitgeiſt gleichen Schritt zu halten, wenn er auf etwas Geſcheidtes weist, das verſchmähe ich wahr⸗ lich nicht, und es wäre unklug, ihm nicht zu folgen; aber etwas ganz anderes iſt es, zu all den raſenden Erfindun⸗ gen, welche in dem Kopf unſeres theuren Herrn Sohnes ausgeheckt werden, Ja zu ſagen und meinen Beifall zu geben. Iſt das etwa klug? frage ich. Von den Fabriken will ich jetzt nicht ſprechen: denn ſo verrückt mir das Zeug vorkommt, ſo mag doch noch eine Idee dahinter ſtecken; aber der Vogelbauer da, den er aufgeführt hat, iſt das auch ein Haus für einen vernünftigen Menſchen? Es muß ihn ja Jedermann auslachen.“ „Weißt Du aber auch, Vater, daß Du Dich ſelbſt lächerlich machſt, weil Du über etwas losziehſt, das Du noch nicht einmal geſehen haſt?“ „Das iſt ganz gleich; ich habe doch die Zeichnung geſehen, wenn ich ſelbſt hinginge, würde ich mich nur ärgern.“ „Aber Vater,“ verſetzte Frau Agneta, einen andern Ton anſchlagend, viſt das auch recht, daß Du ſo eigen⸗ ſinnig biſt? Kannſt Du Dir wohl Karl Auguſts Liebe er⸗ halten, wenn Du alle ſeine Vorſchläge und Gedanken von Dir weiſeſt, gleich als taugten ſie zu nichts und ver⸗ dienten blos auf den Kehrichthaufen geworfen zu werden? Trotz ſeiner erſchöpfenden Anſtrengungen reitet er zweimal in der Woche zu uns herüber und verſchwendet die zuͤrt⸗ lichſten Bitten an Dich, daß Du doch kommen und ſeine Sachen anſehen möchteſt. Du aber achteſt gar nicht darauf und antworteſt weder Ja noch Nein.“ „Er hätte nicht wegziehen ſollen,“ antwortete der der alte Herr mit weicher Stimme.„Ich war viel glück⸗ licher ſtreift tag u dann lichkei ihm h zu ſte wirſt zärtli geleg Wegen hten ge⸗ eiſt glei⸗ 2 Aber Du nicht n, wenn h wahr⸗ en; aber Erfindun⸗ Sohnes beifall zu Fabriken das Zeug rſtecken; iſt das Es muß dich ſelbſt das Du Zeichnung mich nur n andern ſo eigen⸗ Liebe er⸗ Gedanken und ver⸗ u werden? r zweimal die zäͤrt⸗ und ſeine cht darauf ortete der viel glück⸗ 175 licher, als er den ganzen lieben Tag im Walde umher⸗ ſtreifte: da ſah ich ihn doch wenigſtens aäm Morgen, Mit⸗ tag und Abend, jetzt aber nur zweimal in der Woche, und dann immer kurz genug.“ „Nun, Vater,“ rief Frau Agneta mit warmer Herz⸗ lichkeit,„wenn Du ihn öfter ſehen willſt, ſo fahre doch zu ihm hinüber.“ „Und wage ich's dann meine Naſe in ſeine Sachen zu ſtecken und ihm einen guten Rath zu ertheilen, dann wirſt Du ſehen, wie willkommen ich bin.“ „So verſuche es doch einmal, lieber Alter; ganz ge⸗ wiß wird Karl Auguſt Deine Anſichten mit der größten Achtung und Aufmerkſamkeit anhoͤren. Denk Dir einmal, wenn wir jetzt einen raſchen Entſchluß faßten und ihm eine Ueberraſchung bereiteten— mein Gott, wie ſehr würde er ſich nicht freuen! Ach, Vater, ich will anſpannen laſſen. Wenn Du es gleich nicht geſtehſt, ſo ſehe ich Dir's doch an, daß Du gerne zu ihm möchteſt.“ „Eben das ärgert mich: er hätte in Lindafors blei⸗ ben ſollen, da hätte er meinetwegen ganz nach Belieben wirthſchaften können.“ „Ei, ei, iſt es etwa ſeine Schuld, daß er fortzog. Wer hat denn die Theilung vorgeſchlagen und...“ „Laß mich doch damit jetzt in Ruhe! Das läßt ſich jetzt nicht mehr ändern. Aber da gerade jetzt die Sonne ſcheint und die Schwachheit auch ihr Recht haben will, ſo laß uns in Gottes Namen nach Roſenlund fahren und den Jungen überraſchen.“ Für dieſen Entſchluß wurde Herr Kemner mit einer zärtlichen Umarmung und einer ganzen Fluth alter, ab⸗ gelegener Schmeichelworte belohnt. „Gott ſegne Dich, liebe Agneta!“ ſagte der alte Herr mit inniger Bewegung.„Ich bin überzeugt, daß nie ein Weib ſo glücklich geweſen iſt wie Du.“ Frau Agneta hatte zwar hierüber einige kleine Zwei⸗ fel, aber ſie verſchwieg dieſelben und gönnte ihrem Manne 176 die fröhliche Ueberzeugung, daß er ihr nie etwas zu wün⸗ ſchen übrig gelaſſen habe. Eine halbe Meile von Lindafors lag das allerliebſte Gütchen Roſenlund, auf der einen Seite von einem dich⸗ ten Eichenwald, auf der andern von einem größeren See begränzt, deſſen laubgeſchmückte Inſelchen, von Karl Auguſt noch durch Grotten und Luſthäuschen verziert, einen grü⸗ nenden Kranz für das ſanft ſich abdachende Ufer bildeten. In der beſten Laune von der Welt hatte unſer guter Hüttenbeſitzer ſich in den Wagen geſetzt, um Karl Auguſts Paradies, wie er ſelbſt es nannte, zu beaugenſcheinigen; aber kaum hatte ſich der Weg um das Ufer hingebogen und eine freie Ausſicht geſtattet, als ſich Stoff zu allerlei Betrachtungen vorfand, die weniger beifällig waren als die vorhergehenden. „Was Teufels, Agneta,“ ſagte der alte Herr, auf eines der genannten Inſelchen deutend,„was Teufels iſt denn das? Ein Schrank mit einer Treppe drinn! Er wird doch nicht ſo verrückt ſein, daß er ſich zu allem andern noch mit Sternguckerei abgibt.“ „Warum nicht gar, Alterchen?“ antwortete Frau Agneta, die ſchon mehrere Male mit der innigſten Theil⸗ nahme und dem groͤßten Intereſſe alle Anlagen ihres Soh⸗ nes betrachtet hatte;„das iſt ja das neumodiſche Luſthaus, von dem ich Dir erzählt habe. Denk Dir nur, welch ſchöne Ausſicht man dort hat; man kann ganz Linda fors überſchauen!“ „Ei, der Tauſend, iſt es das 2“ rief der alte Herr, innig gerührt durch den Gedanken, daß Karl Auguſt den vermeintlichen Schrank aus reiner kindlicher Liebe aufge⸗ führt habe, bloß um einen Platz zu beſitzen, von welchem aus er die Heimath ſeiner Kindheit überſehen könne.„Wenn es ſo ſteht, Agneta, dann habe ich freilich nichts dagegen einzuwenden.“ Aber als die guten Eltern ein Stückchen weiter ge⸗ kommen waren, erblickten ſie auf einem andern Inſelchen einen aus Steinen und Moos ausgeführten kleinen Tempel. Einen dieſe ſchien. dieſer einzige Du n Sctein genug auch: bauen vielen habt, an al ſpenſte dieſes lund im Po obern ſelben Salot Karl auf d ſeligen ſein r als e dem iſt do nicht nes; ahnel Die zu wün⸗ lerliebſte em dich⸗ ren See - Auguſt nen grü⸗ bildeten. ſer guter Auguſts heinigen; ngebogen allerlei aren als derr, auf eufels iſt Er wird n andern ete Frau en Theil⸗ hres Soh⸗ Luſthaus, r, welch Linda fors alte Herr, uguſt den de aufge⸗ welchem 2.„Wenn 8 dagegen veiter ge⸗ Inſelchen n Tempel. Einen Augenblick betrachtete der Hüttenbeſitzer ſchweigend dieſe Einrichtung, die weder Ein⸗ noch Ausgang zu haben ſchien. Dann aber rief er mit Nachdruck:„Hol mich dieſer und jener, wenn er von hier aus auch nur einen einzigen Baum von Lindafors ſehen kann! Was meinſt Du wohl, Mutter, daß es gekoſtet haben mag, ſo viel Steine, Erde u. ſ. w. hieher zu führen? Und iſt es nicht genug, daß er Fabriken und Landhäuſer aufführt, muß er auch noch mitten in den See hinein Luſthäuſer und Schränke bauen? Ich kann Dir nur ſagen, Mutter, daß mir das vielen Kummer macht.“ „Haſt Du nicht auch Deine kleinen Liebhabereien ge⸗ habt, Vater?— Denk nur an Deine Waſſerkünſte und an all Deine Götter und Göttinnen, die wie große Ge⸗ ſpenſter in unſerm Garten daheim ſtehen.“ „Das iſt geſchmackvoll— das iſt großartig! Aber dieſes Zeug da...“ Hier kamen ſie plöͤtzlich zu einer Ausſicht auf Roſen⸗ lund mit all ſeinen künſtlichen und natürlichen Schönheiten. Karl Auguſts neugebaute Wohnung, welche mitten im Parke lag, bildete ein Achteck. Im mittleren Theile des obern Stockwerks befand ſich ein kleiner Salon mit der⸗ ſelben Form und mit einer Glaskuppel. Rund um dieſen Salon lief eine Menge der niedlichſten Zimmerchen, denen Karl Auguſt allerlei romantiſche Namen gab, welche theils auf die verſchiedenen Ausſichten, theils auf die erwarteten ſeligen Tage hindeuteten, wenn der ‚Engel’ eingezogen ſein würde, um den Scepter allda zu führen. „Da haben wir den Vogelbauer!“ rief Herr Kemner, als er an den Fabrikgebäuden vorbeigefahren war und vor dem eben beſchriebenen Wohnhauſe anhielt.„Das Ding iſt doch nicht ſo dumm. Aber ſonderbar iſt's, daß er uns nicht hört und nicht herabkommt!“ „Das darfſt Du ihm nicht verdenken, lieber Johan⸗ nes; er hat wahrſcheinlich zu thun und kann doch nicht ahnen, daß ihn eine ſolche Freude erwartet.“ Die Braut auf dem Omberg. 12 Einer von den Arbeitern wollte ſogleich hinaufeilen; aber Herr Kemner erklärte, daß er ſich ſelbſt anmelden wolle.„Geh Du voraus, Mutter,“ ſagte er,„Du kennſt ja den Weg.“ „Bis jetzt iſt nur ein einziges Zimmer ordentlich ein⸗ erichtet; in dieſem iſt er gewiß!“ So ſprechend eilte Frau Agneta die Treppe hinauf. In dem erwähnten Zimmer hörte man einen gewal⸗ tigen Lärm, wie wenn mit großer Eile etwas abgemacht würde, und als Vater und Mutter durch die Thüre blick⸗ ten, fanden ſie ihren theuren Karl Auguſt eifrig beſchäͤf⸗ tigt, Schubladen und Schränke zu öffnen und wieder zu⸗ zuſchlagen. Auf zwei Stuͤhlen ſtand ein halb bepackter Mantelſack. Aber beim erſten Blick auf die Thüre ſchleuderte Karl Auguſt den neuen ſchwarzen Frack, den er juſt in der Hand hielt, weit von ſich, breitete beide Arme zu einem herzlichen Willkomm aus und tanzte mit den alten Leutchen in der Stube herum, lindem er hoch auf jubelte und in bachan⸗ tiſchem Entzücken einmal ums andere Vivat rief. „Das habe ich bei Gott ſchon längſt geahnt!“ ſagte der Hüttenbeſitzer mit tief betrübter Stimme, indem er plötz⸗ lich zurücktrat, als hätte er eine entſetzliche Entdeckung ge⸗ macht, wollte ſich aber aus Rückſicht auf einen theuren Angehörigen die groͤßtmögliche Ruhe auferlegen. „Um Gotteswillen, was meinſt Du denn, Vater?“ fragte Frau Agneta, indem ſie mit einem zärtlichen und herſlchen Lächeln die tolle Luſtigkeit ihres Sohnes beob⸗ achtete. „Ich ſage, daß ich das längſt geahnt habe!“ ant⸗ wortete der alte Herr mit einem ausdrucksvollen Blick auf ſeinen Sohn. Aber nun brach⸗Frau Agneta in ein lautes Gelächter. aus.„Sei doch ruhig, liebes Kind!“ ſagte ſie.„So wahr ich lebe, ich ſehe es dem Vater an, daß er Dich in vollem Ernſt für verrückt hält.“ „Ach, beſter Vater,“ rief Karl Auguſt, indem er dem kämp treibt heute erblic und l gema ſchon nichts ich, iſt, a dami möͤge aufeilen; anmelden du kennſt tlich ein⸗ ilte Frau n gewal⸗ bgemacht üre blick⸗ beſchäf⸗ heeder zu⸗ bepackter erte Karl der Hand herzlichen n in der bachan⸗ t!“ ſagte er plötz⸗ ckung ge⸗ n theuren Vater?“ chen und nes beob⸗ 2!“ ant⸗ Blick auf Gelächter e.„So Dich in n er dem 179 alten Herrn die Hand reichte,„vielleicht bin ich wirklich ein wenig verrückt, aber blos aus Freude, aus reiner Freude und Glückſeligkeit. Hört nur: ſchon ſeit mehreren Tagen kämpfe ich gegen eine Sehnſucht, welche mich wieder fort⸗ treibt, obſchon die eigentliche Zeit für die Reiſe, die ich im Sinn habe, noch nicht gekommen iſt. Ich kann mich je⸗ doch nicht länger beherrſchen, und deßhalb habe ich heute früh beſchloſſen, auf den Abend nach Lindafors zu kommen und morgen früh weiter zu reiſen. Ich zweifelte noch im⸗ mer, ob dies auch klug und gut ſei, und da ſtand ich, riß alle meine Schubladen auf, packte meinen Reiſeſack, und als ich mich umwende, ſehe ich Vater und Mutter. Der Vater, der mich noch nie beſucht hat, kommt gerade heute— muß ich darin nicht die glücklichſte Vorbedeutung erblicken? Muß ich nicht dieſen Tag für den rechten hal⸗ ten und glauben, daß der Beſuch ſo viel bedeutet als: Ninm unſern Segen mit: er begründet ſicherlich Dein lück.“ „Hm, hm!“ verſetzte der Hüttenbeſitzer halb verlegen und halb gerührt.„Ich habe einen ganz dummen Mißgriff gemacht, mein Sohn, und den mußt Du einem alten Manne ſchon verzeihen, der von der neumodiſchen Art ſich zu freuen nichts verſteht. Was aber Dein Vorhaben betrifft, ſo ſage ich, wenn es, woran ich nicht zweifle, ein rechtſchaffenes iſt, aus vollem Herzen: Reiſe mit unſerem Segen! Und damit dieſer auch Deinem neuen Hauſe niemals fehlen möge, bin ich hieher gekommen!“. „Gewiß,“ erwiederte Karl Auguſt gerührt,„hat nie ein dankbarerer Sohn zärtlichere Eltern bei ſich empfan⸗ gen. In der alten Wohnung,“ fügte er hinzu, und bei der Erinnerung an die vergangene Zeit, flammte eine ſtarke Röthe auf ſeinen Wangen,„da war ich oft eigenſinnig und verſtockt; aber hier, in dieſer neuen Heimath, die mei⸗ nes Vaters Güte mir geſchenkt hat, jetzt, da Vernunft und beſſere Gefühle mich ſowohl meine frühere falſche Stellung als auch meine immer noch nicht überwundene Unvollkom⸗ menheit in Kenntniſſen und Erfahrungen einſehen gelehrt —õ— 180 haben, jetzt kann es für mich keine groͤßere Freude geben, als wenn ich mich in den mancherlei Fällen, wo die neuen Methoden noch der kräftigen Stütze der alten bedürfen, bei meinem Vater Raths erholen darf.“ Ueber Frau Agnetas Geſicht ſtrömten Freudenthränen, der Hüttenbeſitzer aber ſuchte eine Thräne, die ſich aus ſeinen Augen ſchleichen wollte, zu zerdrücken und ſagte: „Jetzt erſt verſtehe ich Dich, mein Karl Auguſt. Gott ſegne Dich für dieſen Augenblick! Es iſt der glücklichſte, den ich je erlebt habe. Wenn Du lange ausbleibſt, ſo will ich recht gerne manchmal hieher kommen und Deine Geſchaͤfte beſorgen. Nun aber wollen wir uns auch ein wenig in dem Luſthauſe umſehen— denn ein Luſthaus iſt es jetzt in allen Fällen!“ fügte er lächelnd hinzu. „Auch ich werde es nicht anders betrachten,“ antwor⸗ tete Karl Auguſt, indem er die glücklichen Eltern umher⸗ führte.„Wenn einmal hier alles in Ordnung iſt, ſo wird doch unter allen Verhältniſſen Lindafors noch immer die angenehmſte Winterwohnung bleiben.“ Mehr brauchte es nicht, um die Seligkeit der Eltern zu vollenden, zumal da Karl Auguſt die drei wichtigſten Worte„unter allen Verhältniſſen“ ganz beſonders betont hatte. Am Morgen nach dieſem Familienfeſt, bei welchem der alte Herr ſo weich wurde, daß nicht ein einziges Wort des Tadels über ſeine Lippen kam, obſchon er noch aller⸗ lei auszuſetzen wußte, reiste Karl Auguſt ab und kam nach Häſtholm an demſelben Tage, wo der Major und Alma ihren Beſuch in der Rothgabelgrotte machten. Von einem dichtbewachſenen Theile des Parkes aus, wohin er ſich auf gut Glück begeben, hatte er ſie geſehen und verfolgt; und als er bemerkte, daß Goldfuß zurückge⸗ laſſen wurde, benützte er in der Eile dieſe höchſt gewagte und unſichere, aber doch einzige Gelegenheit, um ſeiner Alma eine Botſchaft zukommen zu laſſen, ſchrieb alſo ein Paar Zeilen mit Bleiſtift und ſteckte das zuſammengerollte Blättchen unter das Halsband des Thierchens. ihre mend chen wußte denn das 3 und Schr dieſe ſellſ chen nich ſetzu es d 181 de geben, Von einem andern Verſteck aus erwartete er ſofort die neuen ihre Rückkehr, und mit hochklopfendem Herzen und flam⸗ bedürfen, menden Wangen ſah er, wie Alma, nachdem ſie das Brief⸗ 3 chen entdeckt hatte, ſich in den Beſitz deſſelben zu ſetzen nthräͤnen, wußte. ſich aus Mit einem tiefen Athemzuge entfernte er ſich hierauf dd ſagte: denn die Furcht vor einer Ueberrumpelung hieß ihn auf daude das Glück verzichten, die Geliebte noch länger zu betrachten. uc eibſt, ſo id Deine auch ein thaus iſt 1.... antwor Bweiundzwanzigſtes Kapitel. umher⸗ Schon ein gutes Stück vor dem Thore kam der Ober⸗ ſo wird förſter dem Major und ſeiner Tochter entgegen. Aber umer die vergebens ſpähte ſein ſcharfer Blick nach einem fröhlichen und zufriedenen Ausdruck auf den Zügen des künftigen er Eltern Schwiegerſohnes: ſie waren ernſter als gewohnlich, und ichtigſten dieſe Entdeckung mußte jetzt Alma entgelten. ts betont„Du ſcheinſt eine recht angenehme und muntere Ge⸗ ſellſchafterin geweſen zu ſein,“ ſagte er, indem er dem Mäd⸗ welchem chen einen funkelnden Blick zuwarf. Jetzt wundere ich mich ges Wort aicht mehr, daß der Major ganz und gar nicht auf Feſt⸗ ch aller⸗ ſetzung des Hochzeittages dringt. Aber ich ſage, je länger lam nach man zögert, um ſo ſchlimmer wird das Ding. Wenn Du nd Alma es alſo zufrieden biſt, Herr Bruder, ſo laſſen wir Euch nächſten Freitag von der Kanzel verkündigen. Die Hoch⸗ es aus, zeit wollen wir dann auf Almas zwanzigſten Geburtstag Zeſehen feſtſetzen.“ zurückge⸗ Bei dieſer beſtimmten Erklärung, aus deren Ton deut⸗ gewagte lich genug hervorging, daß eine Unentſchloſſenheit von m ſemar Seiten des Majors als Beleidigung angeſehen würde, ſtockte alſo ein der armen Alma das Blut in den Adern. Wo war jetzt ngerollte ihr Muth, wo die freudige Sehnſucht, mit welcher ſie dem Ende dieſes Monats entgegen geſehen hatte? Im gegen⸗ —õ— 18²2 wärtigen Augenblick, im Angeſicht ihres zürnenden Vaters hätte ſie, nur um der gefürchteten Erklärung auszuweichen, beinahe gewünſcht, der einzige Monat möchte ſich zu dreien verlängern. „Ich danke Dir herzlich für einen Vorſchlag, welcher mir beweist, daß Deine Denkungsweiſe immer unverändert geblieben iſt,“ antwortete der Major, aber ich...“ „Was gibt es ſchon wieder 2“ rief der Oberförſter, der in ſeinem Aerger alle Regeln der Höflichkeit vergaß; „was ſoll das bedeuten, daß meine Denkungsweiſe ſich nicht verändert habe? Es wird doch nicht wohl heißen ſollen, daß andern Leuten ein anderer Kopf gewachſen ſei? denn ſonſt, ſonſt... Doch ich will nichts mehr ſagen. Hoffentlich haben ſich Deine Worte blos zufällig in eine ſo ſonderbare Form gegoſſen.“ „Ich bedaure,“ verſetzte der Major ausweichend,„daß Du ſie ſo übel aufgenommen haſt. Ich wollte eigentlich blos ſagen, daß Alma ſich ſehr beklagen könnte, wenn ich mein beſtimmtes Verſprechen gegen ſie nicht hielte. Du wirſt Dich erinnern, daß ſie ein ganzes Jahr lang, von ihrem Geburtstage an gerechnet.. 2* „Braut bleiben ſollte, ja wohl, ich erinnere mich ganz gut, und dieſe Uebereinkunft iſt vollkommen erfüllt, wenn ſie nicht vor dem Tage heirathet.“ „Nicht ſo ganz, Herr Bruder: ich muß mein Ver⸗ ſprechen wörtlich halten. Der Major ſah ſehr gut, daß hier die allergrößte Vorſicht nöthig war, und er wünſchte jetzt ſehnlich, ſich nie mit der falſchen Hoffnung getäuſcht zu haben, daß ein Jahr den Eindruck verwiſchen könnte, welchen der fremde Jüngling auf Almas Herz gemacht; — ja er wünſchte ſehnlich, daß er ſogleich den Muth ge⸗ habt hätte, ihrem Beſitze zu entſagen, da er ja doch nur die Hand, und nicht auch das Herz zu hoffen hatte. Alma wagte kaum zu athmen. Das kleine Billet feſt in ihre Hand gedrückt, ſah ſie bebend der Antwort ihres Vaters entgegen und war feſt entſchloſſen, ſich nur im höchſten Nothfall in den Streit zu miſchen. Ein Paar Aug n Vaters zuweichen, zu dreien welcher verändert berförſter, vergaß; deiſe ſich l heißen hſen ſei? ſr ſagen. jin eine nd,„daß eigentlich wenn ich lte. Du ng, von nich ganz it, wenn ein Ver⸗ ut, daß wünſchte getäuſcht könnte, gemacht; Nuth ge⸗ och nur tte. zillet feſt rt ihres nur im in Paar 183 Augenblicke ſchien der Oberförſter nachzudenken. Sodann ſagte er, die buſchigen Augenbrauen ſo grimmig zuſammen⸗ ziehend, daß Alma auf eine andere Seite blicken mußte: „Du ſollſt Deinen Willen haben, Major, und wir wollen erſt heute über einen Monat wieder von der Sache ſpre⸗ chen. Aber dann erwarte ich Dich am Morgen. Es iſt ein Freitag, welcher alſo gut zu dem Geſchäfte paßt, das ich übermorgen vornehmen wollte. Du haſt doch nichts dagegen einzuwenden, Bruder 1 „Ich werde mich ſchon früher einfinden,“ antwortete der Major, welcher dachte, eine allmälige Vorbereitung ſei beſſer als ein plötzlicher Schlag. „Nein, nein, ich habe auch meinen Willen: wir werden die Sache hinausſchieben, wie Du verlangt haſt; — und jetzt kein Wort, keinen Buchſtaben mehr von der Sache, bevor der feſtgeſetzte Tag kommt.“ So ſprechend luͤpfte der Oberförſter ſeine Mitze ein wenig und verſchwand im Parke. „An dieſem Tage,“ ſeufzte Alma,„wäre es wohl am Beſten für mich, wenn ich tief unter der Erde läge— dieſen Geburtstag werde ich wohl nie vergeſſen.“ „Vertrauen Sie auf mich, mein Kind,“ ſagte der Major, indem er ſeinen früheren, väterlichen Ton wieder annahm.„Ich ertheile Ihnen dieſen Rath: koſte mich die Losreißung von meiner letzten Hoffnung was ſie wolle, ſo ſollen doch wenigſtens Sie frei ſein.“ Als ſie nach Hauſe kamen, eilte Alma auf ihr Zimmer, um das Brieſchen, das in ihren Händen brannte, zu oͤffnen und zu leſen. Karl Auguſt ſchrieb: „Die Unruhe, Geliebte meiner Seele, hat mich einen Monat zu früh hieher getrieben. Aber fürchte nichts: ich werde mich in Hjo aufhalten und nur von Zeit zu Zeit auf einige Stunden hinüberkommen, um Dich zu umſchweben. Oh, meine geliebte Alma, mit welcher Ungeduld zähle ich nicht Tage und Stunden! Was auch Dein Vater thun und ſagen mag, ſo wirſt Du jetzt doch von dem verhaßten 184 Bande befreit werden, welches uns ein ganzes Jahr lang jedoch mußt Du mir bewilligen: komm heute oder morgen Abend in die Ruinen von Alvaſtra; dort werde ich Dich erwarten. Verſagſt Du mir das, ſo weiß ich nicht, was ich zu thun im Stande bin; ich vermag nicht zu leben, wenn ich Dich nicht ſehe! Dein Karl Auguſt.“ Almas Wangen brannten wie Feuer. Sie ſchauderte vor dem kühnen Vorſchlag des Geliebten: eine heimliche Zuſammenkunft— wenn das ihr Vater erführe! Aber auf der andern Seite, was konnte nicht Karl Auguſt alles unternehmen? Vielleicht käme er geradezu in's Haus und würde dadurch eine allzufrühe Erklärung veranlaſſen, eine Erklärung, welche ihr Vater, wenn er ſie einmal gegeben hätte, nie mehr zurücknehmen würde. Den großen Lootſen aufzuſuchen und durch ihn ein Billet beſorgen zu laſſen, das verbot ihr Zartgefühl. Der Alte hielt ſie für die Braut des Majors, und was würde er alſo denken und ſagen?— vermuthlich würde er ſich geradezu weigern. Alſo... Hier geriethen Almas Gedanken in ein entſetz⸗ liches Chaos; das Ende vom Liede aber war, daß ſie beſchloß, in eine Zuſammenkunft von einigen Sekunden zu willigen, einzig und allein um ihren ganzen Einfluß auf den Geliebten dahin zu verwenden, daß er den Omberg unverzüglich verlaſſe. Nach einer halben Stunde kam der Oberförſter in etwas beſſerer Laune, als er gegangen war, zurück, worauf Fräulein Neta, die kein größeres Vergnügen auf der Welt kannte, als ein Kartenſpiel, den beiden Herren eine Partie vorſchlug. Der Wirth ſowohl als der Gaſt gingen mit Vergnügen darauf ein, denn ſie bedurften gerade heute der Anweſenheit Fräulein Neta's, um nicht ihrer Verſtimmung überlaſſen zu bleiben, Einige Zeit lang ſaß Alma mit ihrer Arbeit am Fenſter, aber da Niemand ſie anredete oder Notiz von getrennt hat. Mehr wage ich nicht zu ſagen. Eine Bitte. ihr zu Abend Ausbl und Endli Vernu es ja zu ſpu hatte. G und i als ſa Alvaſt ſchlug einand die ge bevor die ſi Auguf Kopf Nähe Wach nung ſchloß „Ich meine ſein, voll, Mon Anwe Loott wir ihr lang ne Bitte morgen ch Dich ht, was t leben, —.71 auderte eimliche Aber ſt alles us und n, eine gegeben Lootſen laſſen, ür die en und eigern. entſetz⸗ aß ſie den zu ß auf mberg ter in orauf Welt Vartie n mit e der mung am von 185 ihr zu nehmen ſchien, ſo glaubte ſie, man werde ſie dieſen Abend nicht vermiſſen. Ohne ihre Abſicht auf ein längeres Ausbleiben zu erkennen zu geben, ging ſie auf ihr Zimmer und berieth ſich da noch einige Sekunden mit ſich ſelbſt. Endlich ſiegte die Liebe und, wie Alma meinte, auch die Vernunft; denn wenn ſie nicht dazwiſchen kam, ſo konnte es ja Karl Auguſt einfallen, wieder unter ihrem Fenſter zu ſpucken, wie er im vergangenen Winter ſchon gethan hatte. Sie warf einen Shawl um, ſetzte den Strohhut auf, und im Nu lag das Forſthaus hinter ihr. Schneller als ſelbſt Goldfuß gekonnt hätte, eilte ſie abwärts nach Alvaſtra. Im geheimnißvollen Schatten des Kloſtergewölbes ſchlugen Karl Auguſts und Almas Herzen wieder an einander. Aber wo blieben all die wichtigen Rathſchläge, die gegenſeitig eingeſchärft werden ſollten? Sie verſiegten, bevor ſie über die Lippen kamen. Plötzlich klopfte es dreimal in ein Paar ſtarke Hände, die ſich außerhalb der Ruinen befinden mußten. Karl Auguſt erhob ſich ſchnell, Alma ſprang zurück: ein ſchwarzer Kopf blickte über die Mauer herüber.„Brandung in der Nähe, Patron!“ ließ ſich der große Lootſe vernehmen. „Du ehrlicher Alter, biſt Du aus eigenem Antrieb Wache geſtanden? Dank, tauſend Dank für Deine War⸗ nung!“ antwortete Karl Auguſt in feſtem Tone. Dann ſchloß er Alma noch einmal an ſeine Bruſt und flüſterte: „Ich verlaſſe Dich, meine Geliebte, ſo ſchnell, daß Niemand meine Nähe ahnen kann. Es muß Jemand im Anzuge ſein, der große Lootſe hat uns gewarnt.“ „Schnell, ſchnell, um Gotteswillen!“ bat Alma angſt⸗ voll, und ich beſchwöre Dich, komm nicht vor Ende des Monats zurück— vorher geſchieht nichts, was Deine Anweſenheit erfordert.“ „Klar zum Wenden, Patron!“ rief wieder der große Lootſe mit einiger Ungeduld, nnur geſchwind, ſonſt ſtoßen wir auf den Grund.“ 186 „Muth, Muth, meine Geliebte! Nach dem Sturm kommt Sonnenſchein.“ Schnell wie ein Gedanke verſchwand Karl Auguſts geſchmeidige Geſtalt zwiſchen den Ruinen. Nach einigen Augenblicken ſtreckte der große Lootſe von Neuem den Kopf herab, winkte der noch auf der gleichen Stelle ſtehenden Alma zu, und ſagte, als ſie näher kam: „Jetzt hat der Alte als Lootſe ſeine Schuldigkeit gethan, und geht ſeines Wegs weiter. Ihres Vaters Rock zeigt ſich zwiſchen den Bäumen, er wird bald hier ſein. Aber, meine liebe Mamſell Alma, denken Sie an den Major und thun Sie das nicht wieder: es iſt nicht immer ein guter Freund im Fahrwaſſer.“. Bevor Alma antworten konnte, war die alte Jacke des Lootſen verſchwunden, und bald ſah ſie ihn, ſo ruhig als wäre nichts vorgefallen, weiter ziehen. Mit jeder Sekunde vergrößerte ſich Almas Angſt. Ihres Vaters Augen waren immer ſcharf geweſen: ſchon der Umſtand, daß er ihr nachfolgte, bewies ſeinen Argwohn. — Wenn er Karl Auguſt wirklich geſehen hätte! Sie ſetzte ſich an einen Baum unter dem entfernteſten Gewölbe und ſtellte ſich, als merke ſie nicht, daß leiſe Tritte allmälig nahten. Aber auf einmal wurden dieſe Tritte raſcher, und mit einem Ausdruck im Geſicht, welcher deutlich einige Ueberraſchung verrieth, ſtand ihr Vater vor ihr. „Was machſt Du da, Mädchen?“ fragte er barſch, indem er einen langen, forſchenden Blick in den Nuinen umherwarf, einen Blick, welcher alle Theile des alten Steinhaufens durchdringen zu wollen ſchien. „Ich ſitze hier und hänge meinen Gedanken nach, lieber Vater,“ antwortete Alma etwas erſchrocken. „Hol der Teufel ſolche Gedanken! Auch ich hatte meine Gedanken, als ich zufällig auf die Hausflur trä und ſah, wie Du Deinen lieben Ruinen zuliefeſt. Aber nimm Dich in Acht vor Gedanken, welche Dich theuer zu ſtehen kommen könnten; auch wirſt Du künftig ſo lange runze Spaz Bräu ſtamn Geho eilte der Ober Zeit „Hol es, Aber ſollen daß mehr ſih Aben walti Glüt Spu gela auch Pfer jagt Sturm rſchwand Ruinen. otſe von gleichen er kam: gethan, ock zeigt Aber, Major umer ein te Jacke ſo ruhig Angſt. ſchon rgwohn. ernteſten aß leiſe en dieſe welcher Vater barſch, Nuinen 3 alten mnach, ) hatte ur trät Aber euer zu lange 187 Spaziergänge nur noch in Geſellſchaft Deines Vaters oder Bräutigams machen.“ „Du haſt mir das früher nicht verboten, Papa!“ ſtammelte Alma.— „So verbiete ich's jetzt, und Du weißt, daß ich Gehorſam fordere— geh' ſogleich nach Hauſe.“ Vergnügt ſo leichten Kaufes davongekommen zu ſein, eilte Alma voraus; mit zuſammengekniffenen Lippen, ge⸗ runzelten Augenbrauen, den Stock unter dem Arm, mit der Pfeife heftig in der Luft herumfechtend, ſchritt der Oberförſter raſch hinter ihr drein, indem er von Zeit zu Zeit zurückblickte und ein Paar Mal vor ſich hinbrummte: „Hol der Teufel den Jungen! Er und kein Anderer war es, den ich heute Mittag im Park umherſchleichen ſah. Aber wart nur, wart nur, all Deine Ränke und Kniffe ſollen Dir doch nichts helfen.“ Seit dieſem Abend wurde Alma ſo ſtreng bewacht, daß ſie ſich, aus Furcht Karl Auguſt zu begegnen, nicht mehr vor die Hausthüre wagte. Aber Karl Auguſt hatte ſich ſchon lange in Hſo feſtgeſetzt und begab ſich jeden Abend an den Strand des Wetterſees, um bald den ge⸗ waltigen Omberg zu betrachten, deſſen Schooß das ganze Glück ſeiner Zukunft in ſich verwahrte, bald die leuchtenden Spuren, welche die Fußtritte der heiligen Brigitte zurück⸗ gelaſſen; zuweilen erblickte ſeine poetiſch angeregte Phantaſie auch die Geiſter der Koſaken, wie ſie auf ihren ſchwarzen Pferden über den blauen Spiegel des Wetterſees dahin⸗ jagten. 3 Auf ſolche Art nahte allmälig der Entſcheidungstag. Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Ein umwoͤlkter Himmel, Regen und Sturm verkün⸗ dend, war der erſte Gruß, welchen Alma an ihrem zwanzigſten Geburtstag empfing. Kein Gaſt war dießmal geladen, aus der Küche er⸗ ſcholl kein munteres Geräuſche, nicht einmal Tante Netas Stimme ließ ſich im Vorzimmer oder auf der Treppe vernehmen: alles war ſtill, gleich als hätte der Tag nicht die mindeſte beſondere Bedeutung. Alma erſchrack; ſie weinte und ſchickte die heißeſten Gebete zum Himmel empor.„Oh, daß es ſchon Abend wäre!“ ſeufzte ſie einmal ums andere. „Guten Morgen, mein armes Kind!“ klang es end⸗ lich von der Thüre her und Tante Neta trat mit einem kleinen Blumenkranze am Arm vor ihr Bett.„Da,“ ſagte ſie, indem ſie ihre Gabe auf die Decke legte,„nimm dieſen Kranz, da Du doch keinen beſſern haben willſſt. Heute hätteſt Du eigentlich Kranz und Ka tragen müſſen, dann würde es überhaupt ganz anders lauten im Hauſe.“ „Haben Sie den Vater ſchon geſehen?“ „Ja, das will ich meinen— er klingelte ſo heftig, daß ich meinte, der Glockenzug müſſe entzwei geriſſen ſein. Ich ſchickte die Lieſe hinein; ſie kam aber ſogleich wieder heraus und ſagte: der Herr Oberförſter will nur mit Ihnen ſprechen, Fräulein Neta.“ „Und wie ſah er aus, als Sie hineintraten?“ „Gerade ſo wie das heutige Wetter: Sturm, Regen, Donner und Blitz— alles zuſammen auf einmal!“ „Warum er doch,“ ſagte Alma bebend,„ſo zornig aufgewacht ſein emag? Es kann ihn doch heute noch nichts geärgert haben“ „Das mei 1 ich auch; aber ich erfuhr bald, daß er erzürnt worden iſt— rathe einmal durch was?2"¹4. leicht 1 ſaß er ich es ich h — m hatte, war e Hauſe petirul unmög Uhr r am C Ereign würdig A Tante Sünde 7 einem 1 ters 2 ſtände 71 ein ſol man« nem 2 Worte Morg Majo⸗ ſprech zum allein Dich verkün⸗ ihrem üche er⸗ e Netas Treppe ag nicht eißeſten Abend es end⸗ teinem „Da,“ „nimm willſt. tragen ten im heftig, en ſein. wieder Ihnen Regen, zornig nichts aß er — 189 „Ach nein, ich kann nichts errathen— haben viel⸗ leicht die Dienſtboten geſtern Abend etwas verſäumt?“ „Oh, es iſt etwas viel Aergeres. Als ich hineinkam, ſaß er auf ſeinem Bette und— Gott verzeihe mirs, daß ich es ſage— fluchte und tobte wie ein Heide(wahrhaftig, ich habe noch nie etwas ſo Beſeſſenes gehört) weil er ſelbſt — merk Dirs wohl, er ſelbſt geſtern Abend vergeſſen hatte, ſeine Repetiruhr aufzuziehen. Seit vierzig Jahren war es ihm nicht begegnet, daß er eine Uhr im ganzen Hauſe vergeſſen hatte— und nun ſogar die eigene Re⸗ petiruhr! Er verfluchte ſich deßhalb auch, das ſei rein unmöglich: er habe es nicht vergeſſen können. Aber die Uhr war nun einmal nicht aufgezogen, und da ſagte er am Ende, er ſehe wohl, ein ſo verdammt auffallendes Ereigniß habe zu bedeuten, daß der heutige Tag der merk⸗ würdigſte ſein werde, den er in vierzig Jahren erlebt habe.“ Alma zog ihre Decke bis zum Kopf empor.„Liebe Tante,“ flüſterte ſie,„würden Sie es für eine große Sünde halten, wenn... wenn ich... krank würde?“ „Was meinſt Du, Alma?“ fragte Tante Neta mit einem durchdringenden Blick. „Ach, Gott, mir iſt ſo bange— ich kann des Va⸗ ters Zorn heute nicht aushalten. Wenn ich nicht auf⸗ ſtände.. Wenn ich ſagte...“ „Schweig, und laß mich nie merr hören, daß Du ein ſolcher Haſenfuß biſt. Nein, mein Jungferchen, was man eingebrockt hat, muß man auch auseſſen. Mit mei⸗ nem Vorwiſſen geſchehen keine Spitzbübereien.“ „Wie ſtreng Sie heute ſind, Tante!“ Mit dieſen Worten ſprang Alma ſchnell auf und griff nach ihrem Morgenkleide.„Könnte ich nicht vor dem Frühſtück den Major ſprechen?“ fragte ſie. 3 „Du kannſt weder den Major noch ſonſt Jemand ſprechen, bevor Du gerufen wirſt, und dies geſchieht nicht zum Frühſtück, denn bei dieſem will Dein ater heute allein ſein. Hernach erwartet er den Major, und ſodann Dich; ich denke, es iſt immer noch Zeit genug.“ „Und unterdeſſen,“ klagte Alma,„vergehe ich vor Unruhe. Ich ſoll mit Niemand ſprechen, mich bei Nie⸗ 1 mand Raths erholen dürfen! Ach, daß meine Mutter noch Frühſt lebte! Meine gute, zärtliche Mutter, ſie häͤtte ihre arme und d Alma nicht mit Härte von ſich geſtoßen!“ b Fräul „Thue ich dies etwa?“ fragte Fräulein Neta in etwas hatte ſanfterem Tone.„Thue ich nicht ſogar mehr als ich mit hoben gutem Gewiſſen verantworten kann, wenn ich Dinge ver⸗ daß d ſchweige, von welchen Du glaubſt, daß Niemand ſie wiſſe?“ W „Ich begreife nicht,“ ſagte Alma leiſe. llinfig! „So, Du begreifſt alſo nicht, daß die alten Kloſter⸗ wööhnl ruinen dort mehr Ohren haben können, als Du meinſt? wirkte Nun, nun, ſink nur nicht in den Boden! Habe ich einen ihrem ganzen Monat ſchweigen können, ſo kann ich es auch wünſch heute noch.“. 3 „Tante, Tante!“ Alma zitterte ſo heftig, daß ſie Oberf kein Wort mehr vorzubringen vermochte. verbin „Nun, ſo beruhige Dich doch— es war Niemand ganz anders als Sophie, die auf der andern Seite mit ihrem ſundhe Geliebten eine Zuſammenkunft hatte. Aber ich habe ihr ein Paar alte Schuhe geſchenkt, damit ſie reinen Mund Kotele halten ſolle.“ Jetzt erglühten Almas Wangen von der ſtärkſten. 4 Röthe der Schaam.„Ich verſichere Sie, Tante,“ ſagte 1 ¹ ſie, indem ein Gefühl aufflammenden Stolzes ihren Wor⸗ ten Kraft und Leben gab,„ich verſichere Sie, daß ich 8 heute noch dem Vater das Alles ſagen werde. Sowohl Verbl er als Sie, und alle, die es erfahren, werden dann ein⸗ gekoſte 1 ſehen, daß Niemand ein Recht hat, mir wegen dieſer aus d A Zuſammenkunft zu nahe zu treten.“. 4 und ſe “ rief Fräulein Neta, indem d „Gott bewahre mich! 8 ſie verwundert die Hände zuſammenſchlug,„wie dreiſt du Neta auf einmal geworden biſt, mein Kind! Ich wünſche Dir froh, nur, daß Du es auch noch ſein mögeſt, wenn Du Dei⸗ ſie jet nem Vater Angeſicht zu Angeſicht gegenüberſtehſt.“ die G —— ich vor bei Nie⸗ utter noch ihre arme in etwas s ich mit inge ver⸗ ſie wiſſe?“ n Kloſter⸗ u meinſt? ich einen es auch , daß ſie Niemand mit ihrem ) habe ihr nen Mund c ſtärkſten te,“ ſagte hren Wor⸗ daß ich Sowohl dann ein⸗ ggen dieſer 1 ta, indem dreiſt Du inſche Dir Du Dei⸗ ſt.“ 4 191 In ſeinem Zimmer ſaß der Oberförſter vor dem Frühſtückstiſche. Dreimal hatte er die Serviette umgelegt und dreimal ſie wieder aus dem Knopfloche gezogen; auch Fräulein Neta, die ihn in eigener Perſon bedienen ſollte, hatte ſchon dreimal den Deckel von den Kotelettes wegge⸗ hoben und ihn dreimal wieder aufgeſetzt, weil ſie eingeſehen, daß die rechte Zeit noch nicht gekommen war. Bei einem Manne von des Oberförſters Zungenge⸗ läufigkeit war dieſe Schweigſamkeit etwas höchſt Unge⸗ wöhnliches, und auch auf Fräulein Netas ſtarke Nerven wirkte ſie dermaſſen, daß ſie ſich zum erſten Mal ſeit ihrem Eintritt in das Forſthaus viele Meilen hinweg⸗ wünſchte. „Geben Sie gefälligſt die Platte her,“ ſagte der Oberförſter endlich in einem ſo gelaſſenen, höflichen und verbindlichen Tone, daß Fräulein Neta, die an dergleichen ganz und gar nicht gewöhnt war, ernſtlich für ſeine Ge⸗ ſundheit fürchtete. „Wünſchen Sie nicht etwas grünen Salat zu den Kotelettes?“ „Nein, ich danke.“ „Oder rothe Rüben?“ „Nein, ich danke.“ „Vielleicht etwas Salzgurken?“ „Gehen Sie zum...“ Dabei hatte es jedoch ſein Verbleiben, und ohne ein einziges ſeiner Lieblingsgerichte gekoſtet zu haben, zog der Oberförſter wieder die Serviete aus dem Knopfloch, legte ſie auf den Tiſch, ſtand auf und ſagte kurz:„Tragen Sie ab!“ Ohne einen neuen Wink abzuwarten, eilte Fräulein Neta mit der Schüſſel nach der Thüre und war ſeelen⸗ froh, auf dieſe Art davon gekommen zu ſein. Kaum hatte ſie jedoch ihre Eßwaaren auf den Küchentiſch geſtellt, als die Glocke ſie von Neuem hineinberief. „Hat der Major gefrühſtückt?“ „Er iſt eben damit beſchäftigt.“ „Gut, Sie können gehen.“ Ich bin doch begierig, dachte unſer Fräulein, welchem heute die gedoppelte Geduld von Lamm und Engel in⸗ wohnte, ich bin doch begierig, ob ich ſelbſt heute einen Biſſen bekommen kann, ehe die Sauce ganz geſtanden iſt. Aber kaum hatte ſie ſich überzeugen können, daß die Ko⸗ telettes merkwürdig gut gerathen waren, als ſie von Neuem durch die ungeduldige Glocke in ihrer angenehmen Be⸗ ſchäftigung geſtört wurde! ſie betete jetzt ein kurzes Gebetchen, das wir jedoch aus Achtung für Fräulein Netas Ruf als gute Chriſtin nicht nachſprechen wollen, und eilte wieder hinein. „Iſt der Major fertig?“ „Ich glaube, er iſt ſo eben in ſeinem Zimmer auf und abgegangen.“ „Bringen Sie eine Flaſche Rheinwein, und dann melden Sie dem Major, ich laſſe mir die Ehre ausbitten, daß er auf ein Glas Wein zu mir auf mein Zimmer komme.“. Fräulein Neta ſchwebte nach der Thüre zu. „Warten Sie noch einen Augenblick— waren Sie heute ſchon bei Alma?“ „Ja, das verſteht ſich.” „Nun?“ Fräulein Neta, welche nicht wiſſen konnte, was für eine Antwort dem Oberförſter in ſeiner dermaligen Laune am beſten zuſagen würde, beſchränkte ſich auf ein kurzes: „Sie belieben? 4 „Gleichviel— thun Sie, was ich befohlen habe.“ Allein gelaſſen mit ſeinen eigenen Gedanken, ſchritt der Oberförſter, die Pfeife in der Hand, haſtig in ſeinem Zimmer auf und ab. Man ſah, daß ſtarke Gemüthsbe⸗ wegungen verſchiedener Art in ſeiner Seele um die Herr⸗ ſchaft ſtritten. Zuweilen focht er mit ſeiner Pfeife in der leeren Luft umher, gleich als wollte er etwas verjagen: es waren dies vermuthlich die milderen Gefühle, die er⸗ nicht aufkommen laſſen wollte. ——— Na mit der ruhig, 118 warf ei D M den K Gläſer funkeln „6 lobung trinken. ihr zul Ich tri hoffent! anders ich mi 7 keiten! währe Geſich förſter Die 193 Nach einigen Minuten kam Fräulein Neta wieder welchem mit dem Weine und bald darauf erſchien der Major, ngel in⸗ ruhig, aber etwas bläſſer als gewöhnlich. te einen„Laſſen Sie uns allein!“ ſagte der Oberförſter und nden iſt. warf einen Blick auf ſeine Haushälterin. die Ko⸗ Die Herren ſetzten ſich an den Tiſch. Neuem Mit ſyſtematiſcher Langſamkeit hatte der Oberfoͤrſte nen Be⸗ den Kork ausgezogen, das Siegellack weggewiſcht, die ebetchen, Gläſer gefüllt und die Flaſche wieder an ihren Platz Ruf als geſtellt. wieder„Nun, lieber Bruder, wir haben heute einen Feſttag, der Dir vermuthlich nicht gleichgültig iſt.“ So ſprechend ließ der Oberförſter die Blitze ſeiner Augen auf den Major ner auf⸗ funkeln. „Nein, ganz gewiß nicht— es iſt Almas Geburtstag.“ nd dann„Ganz recht, und zugleich der Jahrestag Deiner Ver⸗ zusbitten, lobung mit der... Laß uns jetzt auf's Wohl Deiner Braut Zimmer trinken.“ „Auf Almas Wohl,“ ſtammelte der Major mit zit⸗ ternder Stimme. aren Sie Warum ihren Namen von dem Titel trennen, welcher ihr zukommt?— Heda, Major, was ſoll das heißen? Ich trinke auf's Wohl Deiner Braut, und Du wirſt Dich hoffentlich nicht weigern, mir Beſcheid zu thun.“ was für„Höre mich an, Bruder!“ en Laune„Ich höre,“ ſagte der Oberfoͤrſter, indem er die nach n kurzes: dem Glaſe ausgeſtreckte Hand langſam ſinken ließ,„ich hoͤre— aber überlege wohl, was Du ſagen willſt.“ habe.“„Ich habe bereits überlegt. Es kann, es darf nicht en, ſchritt anders ſein: meine Ehre und mein Wort ſind verpfändet; in ſeinem ich muß ſie löſen— von heute an iſt Alma frei.“ emüthsbe⸗„Ah, gehorſamer Diener, gar zu intereſſante Neuig⸗ die Herr⸗ keiten!“ antwortete der Oberförſter mit ſpöttiſcher Kälte, ife in der während das Blut in brennenden Strömen nach ſeinem verjagen: Geſicht rauſchte.„Haſt Du etwa geglaubt, der Ober⸗ 2, die er förſter Bruſe ſei ein Mann, der gutwillig mit ſich ſcherzen Die Braut auf dem Omberg. 13 194 laſſe? Nein, ſo weit iſt es noch nicht gekommen. Man bittet ihn nicht um ſeiner Tochter Hand, um ſie ſpäter nach Belieben von ſich zu ſtoßen— nein, mein Herr, ſage ich, man thut das nicht, ohne zu erfahren, daß man ſich getäuſcht hat in dem Manne, dem man eine ſo grobe Beleidigung zufügt.“ „Bruder, Bruder,“ erwiderte der Major in einem Tone, deſſen innige Herzlichkeit den Sturm in des Ober⸗ förſters Bruſt einigermaßen dämpfte,„das geht zu weit! Mach mir das Opfer nicht ſchwerer, als es bereits iſt, ſondern höre mich mit Geduld an— thue das um unſerer vieljährigen Freundſchaft willen.“ „Eben um ihretwillen hätte dieſer Augenblick nie kommen ſollen!“ „Die Sache ließ ſich nicht vermeiden. Und doch trage ich allein die ganze Schuld. Du erinnerſt Dich, wie es vor einem Jahre ſtand. Ich kann es mir nicht verzeihen,“ daß ich nicht damals ſchon entſchieden zurücktrat. Aber meine Schwachheit, meine Schwachheit!— Ich ſuchte mir ſelbſt einzureden, daß Alma unter neuen Verhält⸗ niſſen bald eine Neigung vergeſſen würde, die ich als ein vorübergehendes Fieber betrachtete. Ich verlangte da⸗ mals ein Geſpräch unter vier Augen mit ihr und überre⸗ dete ſie, nur auf ein Jahr, ein Probejahr, als meine Braut zu gelten, wogegen ich mich bei meiner Ehre ver⸗ pflichtete, ihr die Freiheit wieder zu ſchenken, im Fall ſie⸗ nach Verlauf dieſer Friſt bei ihrer damaligen Neigung beharren ſollte. Mein Vorſchlag ſchien mir damals klug, weil... weil,“ fügte er langſam hinzu,„ich ein Thor war, denn nur ein Thor konnte glauben, daß die redliche, zärtliche Neigung eines alten Mannes den Eindruck zu tilgen vermöchte, welchen Jugend, Schönheit und Liebe einmal gemacht hatten.“. „Alſo ein Spiel, blos ein Spiel“— ſagte der Ober⸗ förſter langſam und bitter—„ein Spiel habt ihr mit mir getrieben! Und meine Tochter, die ich für reiner als Schnee hielt, ſie hat ein Jahr, ein ganzes Jahr hindurch ihren Vater 3 belügen liebte!“ nigem ſie falle anlaßt, Angſt g verzeih vermehr nie zwif gen ſoll ſich um zu deut ſenden „8 818 langſam Du abe wieder „8 6L wollen ja ¹ „L eindring derbring nicht w 1 618 ſie es ſ allein. dem M Auge ſe Man e ſpäter in Herr, daß man ſo grobe n einem 8 Ober⸗ zu weit! reits iſt, unſerer blick nie ch trage wie es derzeihen, t. Aber ch ſuchte Verhält⸗ ich als ngte da⸗ überre⸗ s meine Ehre ver⸗ Fall ſie Neigung als klug, ein Thor redliche, druck zu ind Liebe er Ober⸗ mit mir 6 Schnee en Vater 195 belügen können, der ſie doch ſo innig, ſo unbeſchreiblich liebte!“ Bei dieſen Worten drängte ſich eine Thräne in ſein Auge und ein Zug tödtlichen Schmerzes breitete ſich über ſeine gerunzelte Stirne. „Um Gotteswillen, Bruder,“ bat der Major in in⸗ nigem Tone,„laß Deinen Zorn und Unmuth nicht auf ſie fallen! Ich, ich— habe ſie zu dieſer Täuſchung ver⸗ anlaßt, ich habe ihren Schmerz, ihren Wiederwillen, ihre Angſt geſehen, und laß mich's Dir nur bekennen, Bruder, verzeih aber, wenn meine Offenheit Deinen Schmerz noch vermehrt, die Furcht, dieſes entſetzliche Gefühl, das ſich nie zwiſchen die Herzen des Vaters und der Tochter drän⸗ gen ſoll, die Furcht, allein hat Alma den Muth gegeben, ſich um jeden Preis von ihres Vaters Zorn loszukaufen.“ „Schwachheit war es, elende, unwürdige, verächtliche Schwachheit,“ rief der Oberförſter; aber in ſeiner Stimme lag nicht mehr jenes heftige Aufbrauſen, das auf Sturm zu deuten pflegte: es war das Getöne eines dumpfſau⸗ ſenden Windes, deſſen Wildheit bereits gebrochen iſt. „Ich habe ſie überredet, Bruder, mein iſt die Schuld.“ „Ja, ſo iſt's,“ verſetzte der Oberförſter, indem er langſam ſeine gewöhnliche Faſſung wieder errang; nun biſt Du aber auch verpflichtet, das Uebel, das Du geſtiftet, wieder gut zu machen.“ „Das iſt mein ſehnlichſter, mein herzlichſter Wunſch.“ „So handle, wie es einem Manne gebührt! Wir wollen das Spiel in Ernſt verwandeln: ſie ſoll dennoch — ja, ſie ſoll Deine Frau werden.“ „Laß dieſe Verblendung!“ bat der Major ernſt und eindringlich.„Das iſt ja unmöglich: ihr Herz iſt unwi⸗ derbringlich vergeben. Du kannſt und darfſt ihr Unglück nicht wollen.“ .„ Ich weiß beſſer was ihr Glück oder Unglück iſt, als ſie es ſelbſt weiß. Verlaß mich jetzt, Major, laß mich allein. Ich will meine Gedanken ordnen; ich will mit dem Mädchen ſprechen: ich will ſehen, ob ſie mir in's Auge ſchauen kann.“ 196 „Bruder, Bruder!“ „Bruder, Bruder— der Teufel iſt Dein Bruder und nicht ich, wenn Du ſolche Tollhäuslergeſchichten anſtellſt. Aber werde ich nicht in aller Chren, wie ſich's gebührt, Dein Schwiegervater, ſo iſt es nicht blos mit unſerer al⸗ ten Freundſchaft, ſondern auch mit der Achtung, die ich Dir bisher geſchenkt habe, für immer vorbei. Gehe jetzt, geh, damit ich mich ſammeln kann.“ Der Oberförſter ſtürzte ein Paar Gläſer Wein hinab, rieb ſich die Stirne, warf ſich auf den Sopha, dann aber ſtand er wieder auf und trat mitten in's Zimmer, um hier ſeine Tochter zu erwarten. Vierundzwanzigſtes Kapitel. Leiſe öffnete ſich die Thüre und Alma trat über die Schwelle. Eine durchſichtige Lilienweiße lag auf ihren Wangen. In den zur Erde geſenkten Augen ſtand Verwirrung zu leſen, zugleich aber auch die demüthigſte Bitte um Gnade. „Komm her, mein Kind,“ ſagte der Oberförſter nicht warm und nicht kalt, aber im Tone tiefer Niedergeſchla⸗ genheit. Alma blickte auf. In ihren Augen glänzten helle Thrä⸗ nen; ſie ſielen eine um die andere auf des Vaters Hand, auf welche die Tochter, tief ſich niederbückend, ihre Lip⸗ pen drückte. „Ich habe mit Dir zu ſprechen, meine Tochter; aber ich bitte Dich, antworte nicht wie ein Kind, das jeden Augenblick die Ruthe fürchtet, ſondern ſprich offen, wie es einer Tochter geziemt, wenn ſie mit ihrem erſten und beſten Freunde ſpricht.“ „Oh, Papa, welche Güte!“ ſtammelte Alma, indem 3 ſie über verdient dient h Oberför kann no zeiht de doch zu mich da „2 8 mich di brochene deutlich 1 * 71 Verbind Deines wofür i damals Jo gebunde daß er in freie 7 habe. ſo wie genüber eingega C „1 Oberfö! des An A großes jetzt vo ruder und anſtellſt. 3 gebührt, unſerer al⸗ ¹, die ich Gehe jetzt, ein hinab, dann aber nmer, um t über die Wangen. virrung zu im Gnade. örſter nicht dergeſchla⸗ helle Thrä⸗ ters Hand, ihre Lyp⸗ chter; aber das jeden offen, wie erſten und ma, indem — 197 ſie überraſcht auf ihre Kniee ſank;„ich habe dies nicht verdient— ich fühle und bekenne, daß ich das nicht ver⸗ dient habe.“ „Dies iſt auch meine Ueberzeugung,“ antwortete der Oberförſter, indem er ſie aufhob;„aber was nicht iſt, kann noch werden: der reuigen und zärtlichen Tochter ver⸗ zeiht der Vater immer gern; der ungehorſamen dagegen... doch zu dieſen willſt Du ja nicht mehr gehören— laß mich das glauben, meine Alma!“ „Ach, Papa, ich...“ „Ei, ei, habe ich Dir nicht neulich geſagt, Du ſollſt mich dieſe Seufzer, dieſe Ach und Oh, und dieſe abge⸗ brochenen Sätze nicht mehr hören laſſen?— Sprich deutlich!“ „Das iſt mein Wunſch, Papa.“ „Nun gut, ſo laß uns anfangen. Als Du Deine Verbindung mit dem Major eingingſt und Dich in meiner, Deines Vaters, Gegenwart, als ſeine Braut bekannteſt, wofür ich Dich noch jetzt halte— betrachteteſt Du Dich damals als etwas anderes?“ Ich glaubte mich durch Zwang auf ein Jahr an ihn gebunden, gebunden als ſeine Braut, ſah auch bald ein, daß er glaubte, dieſer Zwang werde ſich nach und nach in freien Willen verwandeln, aber dies geſchah nicht.“ „Du antworteſt jetzt mehr als um was ich gefragt habe. Glaubteſt Du Pflichten gegen den Major zu haben, ſo wie es einem wohlerzogenen Mädchen dem Manne ge⸗ genüber zukommt, mit dem ſie eine ſo wichtige Verbindung eingegangen hat?“ „Ja, allerdings; der Major hatte mir auch ein ſol⸗ ches Verſprechen abgewonnen.“ „Und Du haſt es gebrochen...“ damit ging der Oberförſter an ſeinen Schreibtiſch, holte den kleinen Stein des Anſtoßes hervor und hielt ihn Alma vor die Augen. Augenſcheinlich hatte er ſich von dieſem Beweis ein großes Reſultat verſprochen und erwartet, Alma werde jetzt voll Angſt und Reue um Verzeihung flehen; aber das 1 1¹ geſchah nicht. trachtete die drei geliebten Buchſtaben und ſagte dann ruhig und innig:„Dieſer Stein wurde mir ohne mein Wiſſen zugeſchickt, Papa, das iſt wahr; eben ſo will ich bekennen, daß ich in der Dämmerung ein Paar Mal Karl Auguſts Geſtalt zwiſchen den Bäumen ſah, dieſelbe aber blos für ſeinen Schatten hielt; er hat ſich mir nie genähert, hat nie mit mir geſprochen.“ „Aber Du,“ antwortete der Oberförſter, indem ſeine Stimme einen kalten, ſpöttiſchen Ton annahm,„Du haſt umſomehr mit ihm geſprochen. Erinnerſt Du Dich jener Nacht, Alma, als ich zu Dir kam und Du— doch ich kann das kaum glauben... warſt Du damals wirklich wach?“ „Ja, lieber Papa; aber meine unglückſelige Angſt, die mich immer ſo ſehr gequält hat, zwang mich, daß ich mich ſchlafend ſtellte.“ „Es kommt immer beſſer und beſſer!“ ſagte der Ober⸗ förſter, indem er die Lippen einkniff und nur mit großer Anſtrengung ſeinen Zorn beherrſchte.„Nun, haſt Du ſeit⸗ dem Deinen Adonis wieder geſehen, haſt Du Briefe mit ihm gewechſelt oder Zuſammenkünfte mit ihm gehabt?“ „Alles das, Papa, aber nur ein einziges Mal,“ ant⸗ wortete Alma, die ſich jetzt vorgenommen hatte, nicht das Mindeſte zu verhehlen. Der Oberförſter ſchnitt eine fürchterliche Grimaſſe. „Ja,“ ſagte er,„Du haſt Dein Verſprechen ſchöͤn erfüllt — Du haſt demnach ſogar die Geſetze des Anſtandes ver⸗ eſſen!“ 8„Niemals, Papa! Ich konnte nicht anders, ohne noch Schlimmeres fürchten zu müſſen.“ Einfach und der Wahr⸗ heit gemäß, erzählte jetzt Alma, wie ſie unter dem Hals⸗ band ihres Goldfuß ein Billet gefunden und ſich durch den Inhalt deſſelben zu einer Zuſammenkunft in den Ruinen habe beſtimmen laſſen. 4 „Wobei ich Euch wahrſcheinlich geſtört habe 20 Alma nahm den Stein in die Hand, be⸗ einande Karl A. begehrt daß ich hatte, 1 Papa, zige 31 dem M fentlich chen ie Mindeſ L hoffe e Freihei 0 77 der Ol hiezu g wenn Ehrenſ begehrt mir ni an wel 71* kann i bung Aber, redlich drückt und d Glück der H allzu Du di er Die „Ja, Papa, und zwar noch ehe wir ein Wort mit ich ka 4 and, be⸗ nn ruhig n Wiſſen bekennen, Auguſts blos für dert, hat dem ſeine „‚Du haſt dich jener doch ich wirklich ge Angſt, daß ich der Ober⸗ it großer Du ſeit⸗ riefe mit habt?“ al,“ ant⸗ nicht das Grimaſſe. ön erfüllt ndes ver⸗ ohne noch er Wahr⸗ em Hals⸗ durch den n Ruinen 2 Wort mit 199 einander wechſeln konnten. Aber ich bin überzeugt, daß Karl Auguſt dieſe Zuſammenkunft aus keinem andern Grunde begehrt hat, als um mich zu warnen und zu beſchwören, daß ich die Schwachheit, die ich ſo lange Zeit zu bereuen hatte, nicht auf's Neue begehen möchte. Und nun, lieber Papa, betheure ich Dir hoch und heilig, daß dies die ein⸗ zige Zuſammenkunft und der einzige Brief war, ſeit ich dem Major mein Verſprechen gab.“ „Gut, das mag ſein. Inzwiſchen wirſt,Du Dir hof⸗ fentlich nicht einbilden, daß dies Alles an dem Plane, wel⸗ chen ich für Dein Glück entworfen habe, auch nur das Mindeſte verändern könne?“ „Allerdings hoffe ich das von ganzem Herzen, und ich hoffe es um ſo mehr, als der Major mir heute meine Freiheit zurückgibt.“ „Dir Deine Freiheit zurückgeben wollte!“ berichtigte der Oberförſter. Er hat in der That ſehr ernſte Verſuche hiezu gemacht; aber Du wirſt Dich gewiß nicht wundern, wenn ich Dir ſage, daß ich nicht der Mann bin, der in Chrenſachen mit ſich ſcherzen läßt. Er hat Dich zur Frau begehrt, Du haſt Dich einverſtanden erklärt, und ich laſſe mir nicht durch romanhafte Poſſen den beſten Plan ſtören, an welchem ich mich jemals erfreut habe.“ „Papa,“ rief Alma mit ſchmerzlichem Staunen,„das kann nicht ſein: der Major ſteht ja ſelbſt von ſeiner Wer⸗ bung ab.“ „Das iſt kein Wunder, wenn er ſich ſo belohnt ſieht! Aber, Alma, hätteſt Du, wie ich ſo eben, dieſen ehrlichen, redlichen und kraftvollen Mann geſehen, wie er, niederge⸗ drückt durch Kummer und bittern Verdruß, mitt ſich ſelbſt und der ganzen Welt zerfallen, all ſeiner Hoffnung auf Glück entſagte, und gleich einem abgewieſenen Bettler von der Himmelsthüre ſich entfernte, welche er ſich durch ſeine allzu ſtrengen Begriffe von Ehre ſelbſt verſchloß, hätteſt Du dies geſehen, Alma, und hätteſt Du gehört, wie warm er Dich entſchuldigte, wie innig er für Dich bat, ſo glaube ich kaum, daß Du hartherzig genug geweſen wäreſt, um 200 ungerührt zu bleiben. Es iſt wahrhaftig etwas ganz an⸗ deres um den tiefen, ernſten und ſchweigſamen Kummer des Mannes, als um den ſtürmiſchen, leicht vorübergehen⸗ den Schmerz des Jünglings.“ Alma wurde durch die Weichheit ihres Vaters Ton im Innerſten ergriffen. Der Oberförſter beſaß eine eigene Kunſt, in ſeiner Stimme, die tiefſten Bewegungen ſeines Innern niederzulegen. Seine Gewalt über Alma war in dieſem Augenblick gröͤßer als je; er ſah das und fügte hinzu: „Alma, Du bereiteſt mir den bitterſten Kummer, den ich in meinem Leben gehabt habe— Du gräbſt Deines Va⸗ ters Grab, wenn Du ſeinen Wunſch nicht erfüllſt.“ „Oh, Papa, Papa, moͤchte ich zuvor ſelbſt ſterben!“ rief ſie, und brach in ein ſo heftiges, ſo erſchütterndes Weinen aus, daß der Oberförſter vor der Verzweiflung, die in ihrem ganzen Weſen lag, zuſammenſchauderte.„Laß uns nebeneinander im Grabe ruhen, aber verzeih mir, verzeih Deiner armen Alma; ſie kann ſonſt weder leben noch ſterben.“ „Weine nicht ſo, Alma, mein Kind, meine gute, liebe Alma, weine nicht ſo; Dein Vater iſt ja kein Tyrann!“ Und in einer innigen, langen Umarmung ſchloß der Vater die zitternde Tochter an ſeine Bruſt.„Aber höre jetzt die Gründe, die mich beſtimmen; denn in dieſem Augenblick ſoll vollſtändiges Vertrauen zwiſchen Dir und Deinem Vater herrſchen; höre mich ruhig an.“ „Ich höre,“ flüſterte Alma. Sodann ſetzte ſie ſich neben ihren Vater und lauſchte mit immer größerer Span⸗ nung auf die Worte, die von ſeinen Lippen kamen: „Ein weiches, an Leib und Seele ſchwaches Weib, Alma, bedarf bei ſeinem Gange durchs Leben eines älteren, ernſten Gefährten— eines Gefährten, der, eben weil er nicht mehr jung iſt, ſich zufrieden gibt, ja ſogar ſich glück⸗ lich und entzückt fühlt, wenn ſeine junge Gattin ihn freund⸗ lich anlächelt. Du, meine Alma, biſt, wenn Du auch in außerordentlichen Fällen einigen Muth zeigen kannſt, den⸗ noch ein ſolches weiches und ſchwaches Geſchöpf. Du biſt — ich! einander mit körz digkeit! ſtand un müſſen, daß Di wahr iſ zeugung lichen, miſſen r und mit ſtarken Dich rec De mit der er alſo mit ihn von der Schönh er bege folgen, er müde wenn er nicht fä daß er gen ma Ein tief ſie ſieht Gefühl ſcheu, Fähigke liehen h bens B. ihr eine Verzwei anz an⸗ dummer rgehen⸗ rs Ton eeigene ſeines war in ehinzu: den ich nes Va⸗ erben!“ tterndes eeiflung, e. Laß ih mir, r leben te, liebe rann!“ r Vater jetzt die genblick n Vater ſie ſich Span⸗ 3Weib, älteren, weil er h glück⸗ freund⸗ auch in ſt, den⸗ Du biſt 201 — ich habe geſagt, daß wir in dieſem Augenblick offen mit einander ſprechen wollen— nicht reich ausgerüſtet; zwar mit körperlicher Schönheit, mit Anmuth und Liebenswür⸗ digkeit biſt Du reich begabt, um ſo weniger aber mit Ver⸗ ſtand und Kopf. Es thut mir leid, Dir das ſagen zu müſſen, und ich ſehe am Farbenwechſel Deiner Wangen, daß Du es ganz und gar nicht gerne höoͤrſt; aber was wahr iſt, muß wahr bleiben. Nun hege ich die feſte Ueber⸗ zeugung, daß Du bei einer Verbindung mit unſerm ehr⸗ lichen, rechtſchaffenen Major, niemals dieſe Vorzüge ver⸗ miſſen wirſt, während ein Mann von anderer Gemüthsart und mit mehr Scharfblick begabt, kurz ein Mann mit tiefen, ſtarken Gefühlen, mit Phantaſie und Poeſie und dergleichen, Dich recht ſehr fühlen laſſen könnte, woran es Dir mangelt.“ Der Oberförſter machte eine Pauſe und fuhr koſend mit der Hand über Almas geſenkte Stirne. Sodann ſprach er alſo weiter: „Wenn der Honigmonat vorbei iſt, mein Kind, und mit ihm der erſte Liebesrauſch, dann ſieht ſich ein Mann von der letzteren Art nach andern Schätzen um, als nach Schönheit und nach angenehmem, kindlichem Geplauder: er begehrt ein Weib, das ihn begreifen, verſtehen und ihm folgen, das ſelbſt ſprechen und ihn unterhalten kann, wenn er müde von des Tages Arbeit zu ihr zurückkehrt. Aber wenn er bald genug mit Betrübniß einſieht, daß ſie hiezu nicht fähig iſt, wenn ſie mit heimlichem Schreck bemerkt, daß er ſich von ihr zurückzieht, daß er an ihr Entdeckun⸗ gen macht, die ſeine Liebe abkühlen— wie geht es dann? Ein tiefer, ſchmerzlicher Kummer erfaßt dann ihre Seele; ſie ſieht, daß ſie ihrem Manne nicht mehr Alles iſt, das Gefühl ihrer Unzulänglichkeit macht ſie niedergeſchlagen und ſcheu, ja ſie verſteht dann bald nicht einmal mehr die Fähigkeiten zu benützen, welche die Natur ihr wirtlich ver⸗ liehen hat. Der Kummer iſt ein Wurm, der an des Le⸗ bens Blüthe zehrt. Sie verliert ihre Schönheit, und mit ihr eine der mächtigſten Waffen, welche ſie beſeſſen; die Verzweiflung darüber thut der Anmuth, der Güte und Liebenswürdigkeit ihres Weſens von Tag zu Tag mehr Ab⸗ bruch— und das junge, ſchöne, ſittſame, heitere Mädchen verwandelt ſich in ein garſtiges, griesgrämiges, milzſüchti⸗ ges Weib, das weder ſich ſelbſt noch dem Gatten eine heitere Stunde zu bereiten, im Stande iſt.“ „Papa, Papa!“ rief Alma, indem ſie ihr flammen⸗ des Geſicht erhob,„paßt dieſes Bild wirklich auf mich? geglän Vaters Verzei daß w Irrthu dem er — bin ich in der That ein ſo dummes, einfältiges, unge⸗ ſchicktes Weſen?“ „Ganz und gar nicht, mein Kind: Du biſt blos mit⸗ telmäßig begabt und hätteſt Du mich ruhig meine Skizze vollenden laſſen, ſo würde ich Dir bewieſen haben, daß gerade die Eigenſchaften, welche Du beſitzeſt, im Falle Deiner Verbindung mit dem Major, einem ruhigen, ge⸗ ſetzten, grundehrlichen Manne, welcher Dich beſtändig auf den Händen trüge, ſich zu Deinem reinſten und höchſten Glück entwickeln würde, zu einem Glück, das von Dauer und Beſtand ſein müßte. Bei ſeiner Leidenſchaftsloſigkeit, ſo wie bei ſeiner ſtillen, ſanften Gemüthsart, würde er nie etwas von Dir begehrt haben, was er nicht gebraucht hätte, und Du wäͤreſt eines von den wenigen glücklichen Weibern geworden, die in der Ausübung der Pflichten einer zärtlichen Gattin und Mutter, umgeben von dem Beſten, was das Leben bietet, von Achtung, Liebe und Wohlhaben⸗ heit, jene demüthigende Unterwürfigkeit nicht erfahren, deren Bewußtſein das Grab öffnet, in welches ſchon manche junge Frau ihr Lebensglück hat ſinken ſehen. Und nun, meine Alma, habe ich Dir alles geſagt. Bedenke, daß Dein Vater, deſſen Blick ſich ſeit Deiner früheſten Kindheit nicht von Dir abgewendet hat, Dich beſſer kennen muß, als Du Dich ſelbſt kennſt— und begreife jetzt, was er gewollt, was er gewünſcht hat: ſieh es ein, daß er keinen heiligeren und ſehnlicheren Wunſch hegen kann, als Dich glücklich zu ſehen.“ Alma konnte einige Minuten lang kein Wort finden. Schon lange hatten ihre Wangen in dunklem Purpur ge⸗ brannt, ihre Augen von einem ſtarken und lebhaften Feuer in dieß mir er daß ſi es erle chem Umſtät gelernt Denk nicht g ſten K wurde, denken Recht dieſes Werth und h⸗ dann Vater, folgen rung Vergn würde Geſell ihr ſtä folgen und 2 7 indem her he ſehr Ab⸗ Nädchen ilzſüchti⸗ ten eine ammen⸗ f mich? s, unge⸗ los mit⸗ * Skizze n, daß i Falle ggen, ge⸗ ndig auf höchſten n Dauer loſigkeit, e er nie ebraucht lücklichen hten einer 1 Beſten, ohlhaben⸗ en, deren che junge n, meine aß Dein heit nicht als Du gewollt, heiligeren ücklich zu rt finden. arpur ge⸗ ten Feuer 203 geglänzt. Endlich ſtand ſie auf, legte ihre Hand in die des Vaters und ſagte in ruhigem, aber beſtimmtem Tone: Verzeihe mir, Papa, aber ich... ich wage zu glauben, daß wenigſtens in einem Theile Deiner Bemerkungen ein Irrthum ſich eingeſchlichen hat.“ „Was ſagſt Du, Alma?“ fragte der Oberförſter, in⸗ dem er ſie mit Verwunderung betrachtete,„ein Irrthum?“ „Ja, Papa— ich habe früher nie gefühlt, was ich in dieſem Augenblick fühle, aber eine innere Stimme in mir empört ſich gegen Deine Worte und überzeugt mich, daß ſie ihre Anwendung nicht auf mich finden. Wenn Du es erlaubſt, ſo will ich Dir jetzt auch erklären, aus wel⸗ chem Grund die Verbindung mit dem Major unter allen Umſtänden— ſelbſt wenn ich Karl Auguſt nicht kennen gelernt hätte— mir im höchſten Grad zuwider ſein mußte. Denk Dir einmal ein junges Mädchen, das von der Natur nicht ganz mittelmäßig ausgerüſtet iſt, aber ſeit ihrer früh⸗ ſten Kindheit an einen mechaniſchen Gehorſam gewöhnt wurde, an einen Gehorſam, der ihr keine Zeit zum Nach⸗ denken, ja nicht einmal die Ahnung eines Gedankens an Recht und Unrecht geſtattet hat. Nach und nach gelangt dieſes Mädchen zu dem Bewußtſein, daß auch ſie einigen Werth habe, daß auch ſie auf eigene Fauſt fühlen, denken und handeln könne. Ihr erſter und eifrigſter Wunſch iſt dann natürlich der, für den Fall der Trennung von einem Vater, welchen ſie innig und herzlich liebt, einem Manne folgen zu können, welcher ihr nicht blos Kleider und Nah⸗ rung geben, vielleicht wohl auch freundlich für ihre kleinen Vergnügungen und die Befriedigung ihrer Laune ſorgen würde, ſondern einen Mann, welcher ihr die allerliebſte Geſellſchaft wäre, der aber gleichwohl nicht zu hoch über ihr ſtände, ſondern dem ſie auf allen Wegen des Lebens folgen könnte, wo nämlich Verſtand und Gefühl von Frau und Mann auf der gleichen Stufe ſtehen müſſen.“ „Um Gotteswillen, Mädchen,“ rief der Oberförſter, indem er unruhig mit dem Stuhl hin und herrückte,„wo⸗ her haſt Du das Alles?“ 204 „Einzig und allein aus meinem eigenen Herzen, lieber Papa. Aber wie hätteſt Du erfahren ſollen, daß Deine Alma noch etwas anderes verſtehe als Gehorchen, Spielen und Schmeicheln? Ich habe ja vor dem heutigen Tage, wo Du ſelbſt den Weg bahnteſt, niemals gewagt, meine Gedanken offen auszuſprechen. Aber, lieber Papa, gieb mir die Erlaubniß und das Recht dazu, dann ſollſt Du ſehen, daß ich nicht das junge Weib bin, dem es an Willen, an Kraft und Vernunft fehlt, um den Mann ſeiner Wahl feſtzuhalten. Würde ich jedoch durch Gewalt oder Ueberredung gezwungen, eine andere Verbindung ein⸗ zugehen, und müßte ich blos das allerproſaiſchſte Lebens⸗ glück ſuchen, dann hätteſt Du Dir ſelbſt zuzuſchreiben, wenn ich eine verdrießliche, leidende, niedergedrückte Haus⸗ fran würde, welche mit ſchwerem Herzen die aufgenöt higten Pflichten erfüllte und ſich durch blinden Gehorſam un⸗ glücklich gemacht hätte.“ Auf dem Geſichte des Oberförſters hatte ſchon ſeit geraumer Zeit eine gewaltſame Aufregung gekämpft, aber als Alma jetzt ſchwieg, da ſagte er beinahe weich zu ihr: „Komm an mein Herz, liebes Kind! So hätteſt Du Dich ſchon lange zeigen ſollen— ich bin zufrieden mit Dir, Alma, wohl zufrieden. Gott ſieht auf das Herz; er weiß daß ich immer nur Dein Wohl vor Augen hatte.“ „Und nun...“ ſtammelte Alma, indem ſie ihre brennende Wange an die des Vaters lehnte. 2 „Nun müſſen wir überlegen, bevor wir handeln, mein Kind. Ich will jetzt nicht mehr mit Beſtimmtheit Nein ſagen; aber in meinem Alter trennt man ſich auch nicht gern, und jedenfalls nur mit vieler Mühe, von einem Lieblingsgedanken. Ich will einen Ausweg zu finden ſuchen, der uns alle zufrieden ſtellen kann. Aber jetzt, mein Kind, laß mich in Ruhe. Du haſt mich in Wahrheit überzeugt, daß Du meiner Schilderung nicht entſprichſt, und aus Freude über meinen neunzehen Jahre langen Irrthum er⸗ theile ich Dir hiermit vollſtändige Freiheit, offen über Alles Deine Meinung zu ſagen.“ C ſagte auf w ich da Zärtli pfunde 71 eine 2 ſich er petirul von J 3 lauf 6 Major über n der zei in ihre in des etwas, 71 mit zä ſich tre A Major Gemü die in lieber Deine Spielen Tage, meine „gieb lſt Du es an Mann Gewalt ng ein⸗ Lebens⸗ Freiben, Haus⸗ thigten m un⸗ don ſeit t, aber zu ihr: u Dich it Dir, er weiß ſie ihre u, mein it Nein ch nicht einem ſuchen, n Kind, erzeugt, nd aus zum er⸗ er Alles 20⁵ Ich werde dieſe Erlaubniß nicht mißbrauchen, Papa,“ ſagte Alma, indem ſie demüthig des Vaters Hand küßte, auf welche einige Thränen niederfielen.„Noch nie habe ich das Bedürfniß, durch Gehorſam und unausſprechliche Zärtlichkeit Deine Liebe zu verdienen, ſo dringend em⸗ pfunden, wie eben jetzt.“ „Gut, gut, mein Kind; ich hatte doch wahrhaftig eine Ahnung, daß heute irgend etwas ganz Beſonderes ſich ereignen müſſe. Der Oberförſter dachte an die Re⸗ petiruhr, die er zum erſten Mal in einer ſo langen Reihe von Jahren aufzuziehen vergeſſen hatte. Welche Revolutionen hatten ſich aber auch im Ver⸗ lauf einiger Stunden in ſeinem Reiche ergeben! Der Major wirft ſeine Verlobung über den Haufen, Alma zieht den alten Menſchen aus und legt einen neuen an— er ſelbſt aber muß ſich überzeugen laſſen, daß er ſich neun⸗ zehn Jahre lang im Charakter ſeiner Tochter geirrt hat! Am Nachmittag hatte der Oberförſter, nachdem er ſich die ganze Zeit über in ſeinem Zimmer eingeſchloſſen, eine lange, vertrauliche Unterredung mit dem Major— über was? das wußte Niemand. Als aber beide ſich wie⸗ der zeigten, da ſtrahlte Friede und herzliche Verſöhnung in ihren Augen und ihrem ganzen Weſen; überdies lag in des Oberförſters Miene und in ſeinem Augenzwinkern etwas, das klar genug auf vollkommen gute Laune deutete. „Sind Sie jetzt zufrieden, Alma?“ ſagte der Major mit zärtlicher, aber feſter Stimme, als Sie am Abend ſich trennten. Alma wagte nicht zu antworten, aber ſie drückte des Majors Hand auf eine Art, die keinen Zweifel über ihren Gemüthszuſtand übrig ließ... Sie ſah die Thräne nicht, die in ſeinem Auge glänzte. Fünfundzw anzigſtes Kapitel. Am nächſten Morgen nach dieſen Vorfällen im Forſt⸗ hauſe kam Karl Auguſt, der in der Nacht von Hjo her⸗ übergeſegelt war, auf dem Omberg an. Er ſpazierte eine halbe Stunde im koniglichen Parke umher, und beſann ſich eben darauf, wie er dem Oberförſter einen Nachmittags⸗ beſuch machen wolle und alsdann ſeinen Plan wohl am beſten ausführen könne, als er ſich ganz unerwartet dem alten Herrn von Angeſicht zu Angeſicht gegenüber ſah. „Ei, der Teufel— gehorſamer Diener, Herr Hütten⸗ beſitzer, widerfährt dem Omberg auch wieder einmal die Ehre Ihres Beſuchs.“ „Dießm al,“ antwortete Karl Auguſt mit einer tiefen und ehrfurchtsvollen Verbeugung,„gilt mein Beſuch nicht gerade dem Berge; ich wollte mir eben die Freiheit neh⸗ men, Ihnen in Folge Ihrer eigenen Einladung meine Aufwartung zu machen.“ „Wie ſoll ich das verſtehen?“ rief der Oberförſter, indem er heftig den Kopf zurückwarf und die Pfeife aus dem Mund riß.„Das iſt mehr als ich weiß. Es wäre mir doch ſehr angenehm zu erfahren, wann die Einladung ſtattgefunden hat.“ „An demſelben Tag, wo ich vor einem Jahr das Glück hatte, bei Ihnen zu Mittag zu ſpeiſen. Als wir uns am Gitterthor von einander verabſchiedeten, beliebten Sie zu ſagen: Kommen Sie übers Jahr wieder, dann werden alle Thore des Paradieſes Ihnen offen ſtehen.“ „Ja, beim Teufel, jetzt erinnere ich mich— und da ich einmal zufällig die Einladung erlaſſen habe, ſo iſt es nicht mehr als billig, daß Sie Ihnen zu Gute kommt, obſchon, im Fall wir genauer mit einander rechnen woll⸗ ten, Ihr außerordentlicher Einbruch im Paradies mit ewiger Verbannung beſtraft zu werden verdiente. Doch Scherz bei Seite, ich will Ihnen nur erklären, daß Si dieſe ge und ga offenen möchten zu nehn Mühe L recht g. hören u gut, i vielleicht beſitzer, ſonderli des Sch S wortete werde i 7 dem S Ein Me mit Sch Kopf be der Str den Aug gemeine Ka einigerm einzigen glaubte, mehr he „8 denfrohe ziehen u und gar hochacht Forderur ihr Wor halten, n Forſt⸗ bjo her⸗ erte eine ſann ſich nittags⸗ vohl am rttet dem ſah. Hütten⸗ mal die er tiefen ich nicht eit neh⸗ meine rförſter, eife aus Es wäre nladung ahr das Als wir beliebten r, dann ſtehen.“ und da ſo iſt es kommt, ſen woll⸗ ies mit 1. Doch daß Si 207 dieſe gewiß unverhoffte Fügſamkeit von meiner Seite ganz und gar nicht ſo deuten duͤrfen, als werde ich Sie mit offenen Armen empfangen und gehorſamſt erſuchen, Sie möchten doch die Güte haben, mit meiner Tochter vorlieb zu nehmen, obſchon ich von dem Major, der ſich keine Mühe verdrießen ließ, um Ihre Verhältniſſe zu erfahren, recht gut weiß, daß Sie einer geachteten Familie ange⸗ hören und ein reicher, anſtändiger Mann ſind. Kurz und gut, ich gehe mit einem Plane um, durch welchen es vielleicht möglich, merken Sie ſichs wohl, Herr Hütten⸗ beſitzer, möglich wird, daß Sie, doch immerhin ohne ſonderliches Vergnügen von meiner Seite, durch die Fügung des Schickſales, mein Schwiegerſohn werden.“ „Schon das überſteigt meine kühnſten Träume,“ ant⸗ wortete Karl Auguſt mit unverſtellter Freude.„Oh, wie werde ich dieſes Schickſal ſegnen!“ „Daran zweifle ich ganz und gar nicht. Aber mit dem Segnen des Schickſals iſt es noch nicht abgethan. Ein Mädchen wie meine Alma, ein Mädchen, Herr, das mit Schönheit, Herzensgüte und Kopf, ja, Herr, mit Kopf begabt iſt, ein ſolches Mädchen findet man nicht auf der Straße. Man muß ſie verdienen, man muß ſich unter den Augen ſeines Nebenbuhlers in aller Ehre und mit all⸗ gemeinem Beifall ihren Beſitz erkämpfen.“ Karl Auguſt war über dieſe Mittheilung wirklich einigermaßen beſtürzt; aber er hielt ſich blos an einen einzigen Punkt.„Nebenbuhler,“ wiederholte er,„ich glaubte, ich wagte zu hoffen, daß ich ſeit geſtern keinen mehr habe.“ „In dieſem Fall,“ verſetzte der Oberförſter mit ſcha⸗ denfrohem Blicke,„bedaure ich, Sie aus Ihrem Irrthum ziehen und Ihnen mittheilen zu müſſen, daß es ſich ganz und gar nicht ſo verhält, nein, ganz und gar nicht. Unſer hochachtungswerther Major, der immer ein Selave der Forderungen der Ehre iſt, hat meiner Alma allerdings ihr Wort zurückgegeben; allein dies hat ihn nicht abge⸗ halten, auf mein Zureden hin, heute ſeine Werbung von 208 Neuem zu beginnen. Die Herren gelten jetzt beide als Freier, und das Schickſal, ſo wie ihre eigene Geſchicklich⸗ keit wird entſcheiden, wer von beiden ſich rühmen darf, die Braut vom Omberg heimzuführen.“ „Ich danke Gott und Ihnen,“ antwortete Karl Auguſt, der nicht recht wußte, ſollte er die Sache als Scherz oder als Ernſt aufnehmen,„daß die Geſchicklichkeit an dieſem wichtigen Streit eben ſo großen Theil hat wie das Schickſal. Das Letztere wage ich nicht mehr anzurufen, da es mir bereits ſo günſtig geweſen iſt; aber meine Geſchicklichkeit werde ich aufs Hoͤchſte ſpannen. Wann werden Sie die Güte haben, mir die näheren Aufſchlüſſe darüber zu er⸗ theilen?“ „Sind dieſe Nachrichten nicht gut genug, daß man ſich ihretwegen auch ein wenig gedulden kann? Doch eſſen Sie mit mir zu Mittag, damit wir zuvörderſt nähere Be⸗ kanntſchaft mit einander machen.„Damit lüpfte der Ober⸗ förſter die Mütze und ſchritt mit der Pfeife im Munde und dem Stock unter dem Arm tiefer in den Park hinein. Wie träumend blieb Karl Auguſt ſtehen und verlor ſich in ein Labyrinth von Muthmaßungen. Aber da er die Unmöglichkeit ſah, einen Ein⸗ oder Ausgang zu finden, ſo beſchloß er, bis die glückliche Mittagsſtunde ſchlüge, ſeinen alten Freund, den großen Lootſen, zu beſuchen, um dieſem die wunderbar günſtige Wendung ſeines Schickſales mitzutheilen. Alma wußte von nichts. Sie vermochte nicht zu er⸗ rathen, wie die Sache wohl enden ſollte, Ihr Vater blickte vergnügt, ſo geheimnißvoll und ſo ſchalkhaft drein; der Major aber war nicht, wie ſie erwartet hatte, nach Hauſe gereist, ſondern ſchien ſich vielmehr noch immer oder, richtiger geſagt, von Neuem ſeinen alten Hoffnungen durchn einer vom 1 Vaters ſiehſt Alma ihrem Angſt, ich’s u zu füh höchſtes liegt; als ga Herrn leicht gehört. B und— ſtand n ihr Ka Die 2 beide als eſchicklich⸗ men darf, rl Auguſt, jcherz oder an dieſem Schickſal. a es mir chicklichkeit 1 Sie die ber zu er⸗ daß man Doch eſſen nähere Be⸗ der Ober⸗ m Munde ark hinein. und verlor ber da er zu finden, de ſchlüge, ſuchen, um Schickſales nicht zu er⸗ Ihr Vater zaft dreiu; atte, nach och immer Hoffnungen 209 hingeben zu wollen.„Ich begreife das nicht,“ ſagte Alma. „Aber etwas muß dahinter ſtecken.“ „Zieh Dich doch ein wenig an, mein Kind,“ ſagte der Oberförſter, indem er geſchäftig aus⸗ und einging— „ich habe einen Gaſt geladen.“ Jetzt ging Alma ein Licht auf, ein Licht klar und ſtrahlend. Der Spiegel wurde zu Rath gezogen, die Garderobe durchmuſtert, die Schubladen flogen aus und ein, und nach einer halben Stunde ſtand Alma mit ſittſamem Erröthen, vom reinſten Schimmer der Seligkeit begoſſen, in ihres Vaters Zimmer.. „Ei, der Tauſend, Mädchen!“ rief der Oberförſter, indem er ſie hin und her drehte,„heute biſt Du einmal allerliebſt: man ſieht wohl, daß eine ganze Schaar Liebes⸗ götter bei Deiner Toilette den Dienſt gethan hat.“ Damit küßte er ſie zärtlich auf die Stirne und fügte mit einem ſchalkhaften Zwinkern ſeiner feurigen Augen hinzu:„Du ſiehſt beinahe gar zu glücklich aus.“ „Habe ich nicht alles Recht dazu, Papa?“ antwortete Alma mit dem lieblichſten und unſchuldigſten Ausdruck auf ihrem Geſichte;„früher durfte ich nie ohne Zittern und Angſt, Du weißt ſchon an wen, denken, und nun wage ich’s unter Deinen eigenen Augen zu denken, zu ſprechen, zu fühlen und glückſich zu ſein.“ „Das iſt ſchön, das iſt recht, meine Alma, daß Dein höchſtes Glück im Bewußtſein der väterlichen Billigung liegt; aber Du darfſt gleichwohl die Sache noch nicht als ganz abgemacht betrachten. Wir wollen den jungen Herrn prüfen— bilde Dir nicht ein, daß er Dich allzu leicht bekommen ſoll. Du haſt die Bedingung noch nicht gehört.“ Bevor Alma antworten konnte, öffnete ſich die Thüre und— alle Wunder der Liebe!— auf der Schwelle ſtand mit ſlammendem Geſichte und verwirrt, wie ſie ſelbſt, ihr Karl Auguſt. Die Braut auf dem Omberg. 14 210 „Nun, nun, ſeid jetzt nicht blöde, Kinder— unſer Herrgott hat ja ſchon früher einmal Manna in der Wüſte regnen laſſen.“ Mit dieſen Worten empfing der Oberförſter ſeinen Gaſt und reichte ihm die Hand. Karl Auguſt trat auf Alma zu. Er war zu auf⸗ geregt, um ein Wort hervorbringen zu können, aber in ſeinen Blicken mochte Beredtſamkeit genug liegen; denn Alma ſchien vollkommen zufrieden mit dieſer Art, Gefühle zu bekunden, welche im gegenwärtigen Augenblick durch keine Worte hätten ausgedruckt werden können. „Das nenne ich einmal ein ſtummes Geſpräch!“ ſagte der Oberförſter. Aber als er unmittelbar darauf den Kopf hinausſtreckte, um nach dem Major zu ſchauen, da flüſterte Karl Auguſt, indem er einen brennenden Kuß auf Almas Hand drückte:„Iſt wohl das Alles Wirklich⸗ keit, oder bin ich nicht recht bei meinen Sinnen? Dein Vater... Ach, Alma, es wird doch kein entſetzliches Gaukelſpiel ſein?“ „Fürchte nichts! Der geſtrige Tag war unendlich wichtig: mein Vater iſt beſiegt. Wenn Du wüßteſt, wie hart es ihn ankam, auf ſeinen liebſten Wunſch zu ver⸗ 19 zichten! Gleichwohl thut er es aus Liebe zu mir— aber wie oder wann, das werden wir erſt ſpäter erfahren. Doch ſtill, der Major kommt; bitte, ſei freundlich gegen ihn, Du wirſt ſehen, daß er nicht... Eben jetzt zog der Oberförſter ſeinen Kopf zurück, und bald darauf, als Karl Auguſt und der Major einander ſehr höflich, aber etwas ſteif begrüßt hatten, ſah man Fraͤulein Netas ziegelfarbige Bänder unter der Thüre ſchimmern. Damit war das Signal zum Mittageſſen gegeben. 1 Wenn es den beiden Nebenbuhlern im Anfang auch etwas ſchwer ſiel ſich angenehm neben einander zu befinden, ſo hatte doch kaum das Hühnerfrikaſſee ſeine Runde um den Tiſch gemacht, als der Oberföͤrſter, der ſich in einer wahren Feſttagslaune befand, alle Saiten zur Harmonie ſtimmte. Heiter und unbefangen wurde von allem Moͤg⸗ lichen er be verlar und Ober meine erhall Herr geden Vorb ſeine? meine ſelbſt habe Freur Weiſe dli 1 rin beru vielm die H wenig Art beſond Kam Zeit kleine unſer Wüſte rförſter zu auf⸗ aber in ; denn Gefühle k durch “ ſagte auf den uen, da en Kuß Virklich⸗ 2 Dein ſetzliches unendlich teſt, wie zu ver⸗ — aber n. Doch ggen ihn, zurück, einander ſah man r Thüre tittageſſen ang auch — mbefinden, Kunde um )in einer Harmonie lem Moͤg⸗ 211 lichen geſprochen, wozu der Wirth den Ton angab, bis er beim Deſſert eine Flaſche von ſeinem„alten ächten“ verlangte. Die Gläſer wurden gefüllt, das Geſpräch verſtummte, und am ganzen Tiſch herrſchte lautloſe Stille, als der Oberförſter nach kurzem Räuspern folgende Rede hielt: Geſtern war meiner Tochter Geburtstag, und nach meiner Berechnung hätte er noch eine andere Bedeutung erhalten ſollen, wenn nicht— aber zum Teufel, mein Herr, ſehen Sie mich nicht ſo an: ich ſtehe feſt da und gedenke nicht zu verſchwinden!“ Dieſe Worte wurden im Vorbeigehen an Karl Auguſt gerichtet, der etwas beſchämt ſeine Augen niederſchlug, während der Oberförſter fortfuhr— „Er hätte noch eine andere Bedeutung erhalten, wenn nicht das junge Mädchen da, einige Eigenſchaften an den Tag gelegt haͤtte, die mir ganz beſonders auffielen. Genug, ich beſchloß keinen Zwang zu gebrauchen. Aber da die Verbindung mit Bruder Kling immer mein liebſter Gedanke geweſen, und da er überdies mein Wort hat, von welchem nicht einmal er ſelbſt mich entbinden kann— denn ich, meine Herren, nehme ein gegebenes Wort nicht zurück, ſelbſt wenn man mich der Verpflichtung überhebt— ſo habe ich jetzt in Uebereinſtimmung mit unſerem edelmüthigen Freund, dem Major hier, beſchloſſen, meine Ehre auf eine Weiſe zu retten, welche ſich mit meinem Verſprechen gegen Alma, keinen Zwang anzuwenden, vollkommen in Einklang bringen läßt. Es gab eine Zeit, meine Herren, die berühmte Ritterzeit, wo es als keine Schande, ſondern vielmehr als hohe Ehre betrachtet wurde, im Turnier um die Hand einer ſchönen Jungfrau zu kämpfen. Selbſt ein wenig mit ritterlichem Sinne begabt, habe ich an dieſer Art dergleichen Zwiſtigkeiten zu ſchlichten immer ganz beſonderes Wohlgefallen gefunden, aber da wir jetzt kein Kampfſpiel mehr anſtellen können, das der guten alten Zeit würdig wäre, ſo müſſen wir uns begnügen, unter kleineren Verhältniſſen, aber in demſelben Geiſte gegen⸗ 212 wärtigen mißlichen Streit um die Hand meiner Tochter Alma zu entſcheiden.“ Hier machte der Oberförſter eine kleine Pauſe und ließ mit ſichtlicher Befriedigung ſeine Blicke von Karl Auguſt auf Alma ſchweifen. Beide ſaßen beinahe unbe⸗ weglich da, während Fräulein Neta, welche die Melone zerſchneiden ſollte, Meſſer, Gabel und Ellbogen ruhen ließ und mit ſtarrer Bewunderung den Oberförſter an⸗ ſchaute. „Heute über ſechs Wochen als auf den 15. Auguſt,“ fuhr dieſer fort,„lade ich auf den Omberg nicht allein Freunde und Nachbarn von nah und fern, ſondern auch gemeines Volk, um bei dem großen Freiſchießen, das ich veranſtalten will, zugegen zu ſein und nach Belieben an demſelben Theil zu nehmen. Im Anfang findet ein ge⸗ wöhnliches Scheibenſchießen ſtatt, für welches ich einige geringere Preiſe ausſetzen werde; ſpäter aber, meine Herren, ſoll ſich der Scherz in Ernſt verwandeln: da kommt die Reihe an die beiden Nebenbuhler. Derjenige von Euch, meine Herren, welcher das von mir beſtimmte Ziel trifft, gewinnt den höchſten Preis, den ich zu bieten habe— die Hand meiner Tochter.“ War Karl Auguſt während der ganzen Rede des Oberförſters ſtumm geblieben, ſo drängte es ihn jetzt um — ſo mehr zu ſprechen.„Um Gotteswillen, mein beſter Herr Oberförſter, was iſt das für ein unchriſtlicher Gedanke ſeine Tochter auszuſpielen, wie, wie... Doch nein, es iſt nicht möglich— es iſt blos Scherz.“ „Mein Herr,“ rief der Oberförſter, der bereits ſein Glas in der Hand hielt,„ich hatte geglaubt, wir würden mit allgemeinem Beifall eine fröhliche Geſundheit auf unſer Vorhaben trinken können, wobei jeder ſeine ſtillen Wünſche für ſich behielte; aber auf Einwendungen war ich, das muß ich geſtehen, nicht gefaßt. Um die Sache kurz zu machen, ſo fordere ich Sie hiemit auf, Herr Hüttenbeſitzer, ſich für oder gegen meinen Vorſchlag aus⸗ zuſprechen. Ich geſtatte keine Bedenkzeit, wenn es ſich darr hiez⸗ Du das Frer thun ihre hand auch And ſcher Du Ehr begr Mit eine Her keit zun den gel Ob laß den auf Karl e unbe⸗ Melone ruhen ſter an⸗ ein ge⸗ einige Herren, mmt die on Euch, iel trifft, e— die Rede des jetzt um ein beſter Gedanke nein, es rreits ſein r würden dheit auf ine ſtillen igen war die Sache uf, Herr hlag aus⸗ in es ſich 213 darum handelt, meine Tochter zu gewinnen; denn wer hiezu ein Mittel ſcheut, der verdient ſie nicht. He, he, Du kleine Here, zerreiß mir nur meinen Rockſchoß nicht, das hilft Dir in allen Fällen nichts, denn ich bin kein Freund von abgebrochenen Sätzen: Alſo, wer nicht Alles thun will, um eine ſolche Braut zu gewinnen, der iſt ihrer nicht werth. Dies mein letztes Wort!“ „Aber bedenken Sie doch, Herr Oberförſter, es handelt ſich hier nicht blos um ein Gewinnen, ſondern auch um ein Verlieren.“ „Ja, wenn das Eine nicht geſchieht, ſo pflegt das Andere einzutreten,“ erwiederte der Oberförſter mit ſpötti⸗ ſchem Lächeln.„Aber was ſagſt Du dazu, Major? Bleibſt Du bei Deiner früheren Erklärung?“ „Ja,“ antwortete der Major;„da Dein empfindliches Ehrgefühl ſich mit keiner andern Art von Entſcheidung begnügen will, ſo kann es mir nicht einfallen mich im Mindeſten zu bedenken.“ „Und Du, Alma, was ſagſt Du?“ „Ich ſage, daß ich mit dem höchſten Vertrauen auf einen glücklichen Ausgang Deinen Plan annehme. Der Herr Major iſt ein ſehr gewandter Schütze, das weiß ich — aber ich zweifle auch nicht an Kemners Geſchicklich⸗ keit— ich verlaſſe mich darauf,“ fügte ſie mit einem Blick auf Karl Auguſt hinzu, deſſen Herz von Stolz und Freude ſchwoll. „Nun, gut, ſo ſei es denn!“ rief er.„Ich will dieſe ganze Zeit mit Schießen zubringen: vom Morgen bis zum Abend will ich ſchießen— mit Gottes Hilfe und den guten Wünſchen einer jungen Dame, wird es mir wohl gelingen.“ „Spare jedes ſeine Hoffnungen für ſich!“ ſagte der Oberförſter.„Inzwiſchen aber, bis dieſelben ſich bewähren, laßt uns jetzt ein Glas auf das Unternehmen ſelbſt leeren, denn ich darf mir wohl ſchmeicheln, daß nicht ein jeder auf dieſen Gedanken gekommen wäre.“ Der Toaſt wurde mit Begeiſterung getrunken, dann folgte ein zweiter auf die Braut, ein dritter auf die beiden Nebenbuhler, ein vierter auf den künftigen Schwiegerpapa. Freude und Munterkeit ſtiegen jetzt ſo hoch in’s Ober⸗ häuschen, daß der Oberfoͤrſter ſogar mit einſtimmigem Beifall die Geſundheit ſeiner kleinen Drachin, ſeiner lieben, holden, entzückenden Neta vorſchlug, als derjenigen Perſon, auf welcher die ganze Laſt der Vorbereitungen hauptſaͤch⸗ lich ruhen würde, und halb böſe, halb geſchmeichelt, that Fräulein Neta auf die ihr zu Füßen gelegte Huldigung mit einem vollen Glaſe Beſcheid. Zuletzt aber ſagte der Oberförſter:„Noch ein Wort, meine Herrn. Damit keine Stoͤrung vorkommen kann, mache ich den Vorſchlag, daß die beiden Nebenbuhler ihre Schießübungen zu Hauſe vornehmen und vor dem Feſttag ſich nicht mehr auf dem Omberg ſehen laſſen. Sie aber, Herr Hüttenbeſitzer, erſuche ich, auch Ihre Eltern einladen zu wollen, und ich hoffe, daß ſie mir die Ehre erweiſen werden.“ „Zugeſtanden,“ ſagte der Major. „Gleichfalls!“ ſtimmte Karl Auguſt ein,„und mit Dank nehme ich im Namen meiner Eltern die freundliche Einladung an.“ „Somit iſt die Sitzung aufgehoben!“ ſagte der Ober⸗ förſter, indem er den Stuhl vom Tiſche rückte.„Nach dem Kaffe wollen wir in den Park hinaufgehen und einen paſſenden Platz aufſuchen,“ Während dieſes Spaziergangs fand das junge Paar einige Minuten, aber auch nicht mehr, um ſich die gegen⸗ ſeitigen Wünſche zuzuflüſtern. e beiden gerpapa. s Ober⸗ mmigem lieben, Perſon, uptſäch⸗ in Wort, n kann, enbuhler wor dem laſſen. ſch Ihre mir die und mit eundliche er Ober⸗ „Nach nd einen ge Paar e gegen⸗ Sechsundzwanzigſtes Kapitel. „Was gibt's? Was gibt's?“ rief Frau Agneta eines Morgens ganz frühe zum Fenſter hinaus ihrer Freundin Margarethe entgegen, welche ſoeben angefahren kam. Der Grund zu dieſer für Frau Sanft ſo ungewöhn⸗ lichen Art ſich fortzubewegen muß nämlich in der That⸗ ſache geſucht werden, daß ſie nicht mehr auf Södratorp wohnte und Karten ſchlug, ſondern durch das Vertrauen der Hüttenbeſitzerin zur Verwalterin von Roſenlund wäh⸗ rend Karl Auguſts Abweſenheit ernannt worden war. Frau Sanft eilte in's Haus hinein, Frau Agneta eilte die Treppe hinab, ſo daß ſie einander auf der Haus⸗ flur begegneten. „Nun, liebe Margarethe, was iſt's?“ „Allerlei, meine beſte Madame!“ Unter ſolchen ein⸗ leitenden Redensarten kamen die beiden Frauen wieder die Treppe hinauf und in’'s Wohnzimmer. „Frau Agneta machte ſich gefaßt, entweder Liebes⸗ oder Diebsgeſchichten von Roſenlund zu vernehmen, aber ſie kam auf ernſtere Gedanken, als Margaretha ſagte: „Liebe Madame, ich bringe dießmal wichtige Nachrichten.“ „Großer Gott, der Mechanikus wird doch nicht mit der Kaſſe auf und davon gegangen ſein?“ „Nein, bewahre, aber der junge Herr Hüttenbeſitzer ſelbſt iſt heute Nacht angekommen.“ „Und das ſagſt Du ſo kalt?“ rief Frau Agneta voll Freude.„Aber, mein Gott, was haſt Du denn? Du ſiehſt ja aus wie das Unglück ſelbſt. Er iſt doch nicht krank?“ „Beruhigen Sie ſich, liebe Madame, dann willl ich ſogleich alles erzählen.“ „Gott ſei Dank, er iſt alſo doch nicht krank!“ ſagte Frau Agneta, indem ſie tief Athem holte und ſich auf den Sopha ſetzte. 216 „Ich kann nicht ſagen, ob er krank oder geſund iſt, aber die ganze Sache kommt mir ſo ſonderbar vor, daß ich es für der Mühe werth hielt, hieher zu kommen und Sie zu warnen, bevor er ſelbſt erſcheint. Heute Nacht um zwölf Uhr, als wir im beſten Schlafe lagen, pochte es an der Thüre, ſo daß das ganze Haus erzitterte: es war der junge Herr. Man ſah ihm gar nichts Beſonde⸗ res an, ſondern er ſchien im Gegentheil recht vergnügt zu ſein, Biſt Du da, meine liebe Frau Sanft, meine ehr⸗ liche Margarethe? ſagte er. Die Mutter hat mir da eine recht gute Hilfe verſchafft, die ich nicht ſobald mehr aus dem Hauſe laſſen werde.— Danke ſchͤnſtens, Herr Hüt⸗ tenbeſitzer, antwortete ich: wenn ich in Etwas dienen kann, ſo. Damit leuchtete ich ihm die Treppe hinauf. Er ſagte, er wolle nichts zu eſſen, denn er ſei ſchläfrig, aber ich ſolle ihn um ſechs Uhr wecken, denn da wolle er nach Lindafors fahren.“ Während Frau Sanft in ihrer Erzählung fortfuhr, ſaß Frau Agneta mit gekreuzten Armen wie eine Bild⸗ ſäule da; ſobald aber Margarethe einen Augenblick anhielt, rief ſie ihr lebhaft zu:„So ſprich doch, ſprich!“ 4 „Ich hatte mich ſchon lange wieder in's Bett gelegt, und der Tag begann zu grauen. Aber ich ſage Ihnen zum Voraus, daß ſie nicht erſchrecken dürfen, denn es geſchah dießmal kein Unglück— als auf einmal in der oberen Wohnung ein Schuß ſiel. Ich ſtürzte hinauf, und richtig, da ſtand Herr Karl Auguſt am offenen Fenſter mit der Büchſe in der Hand. Er hatte geſchoſſen, aber Gott ſei Dank, blos auf eine Krähe oder ſo Etwas.“ „Das war ein Probeſchuß, um zu ſehen, ob er ſeiner Hand für einen zweiten Schuß auf ſich ſelbſt ſicher ſei,“ jammerte Frau Agneta.„Ach, er hat gewiß Unglück ge⸗ habt in ſeiner Liebe... Vater, Vater!“ rief ſie jetzt ſo heftig, daß der Hüttenbeſitzer mit blos einem Arm im Schlafrock hereingeſtürzt kam—„fahre ſogleich nach Ro⸗ ſenlund! Karl Auguſt hat im Sinn ſich—— oh, ich ’ . Agnet⸗ haſt, ſchießt licher „Laß⸗ mußte mehr 71 Stimn alten worden aber d der Fe Karl ſtreckte gen bi den zu an nich zur H. 8 17 freudet mühte, ſal wi dienen 217 ſund iſt, arme, unglückliche Mutter! Aber was ſagte er, Marga⸗ or, daß rethe, als Du ihn ſo auf friſcher That ertappteſt?“ nen und„Er lachte über meinen Schreck und ſagte: Was haſt e Nacht Du für Narrheiten im Kopf, alte Margarethe?“ pochte„Daſſelbe ſage auch ich,“ ſiel Herr Kemner ein, der rte: es ganz niedergeſchlagen und ängſtlich daſtand und puſtend Beſonde⸗ nach der Oeffnung zu ſeinem zweiten Rockärmel ſuchte. nügt zu„Was iſt denn eigentlich das für ein Spektakel! Was hat ine ehr⸗ Dich um Gotteswillen ſo erſchreckt, liebe Agneta?“ da eine„Da ſtehſt Du ganz ruhig und fragſt!“ brauste Frau gehr aus Agneta auf,„während Du vielleicht keinen Sohn mehr err Hüt⸗ haſt, während er ſich vielleicht eine Kugel durch den Kopf en kann, ſchießt! Haſt Du noch nie von Liebe gehört, von unglück⸗ uf. Er licher Liebe?“ ig, aber Jetzt wurde der alte Herr kreideweiß im Geſichte. er nach„Laß ſogleich anſpannen!“ rief er der Karre zu, aber er mmußte ſich ſetzen, weil ſeine zitternden Beine ihn nicht ortfuhr, mehr tragen wollten. ne Bild⸗„Iſt nicht nöthig, Vater!“ rief eine ſtarke und fröhliche anhielt, Stimme von der Treppe her, wo die Aeußerungen des alten Herrn, wie überhaupt das ganze Geſpräch, gehört gelegt, worden war.„Frau Sanft hat blinden Lärm geſchlagen; Ihnen aber da ich ihre Abſicht ahnte, ſo bin ich ihr dicht auf denn es der Ferſe geſolgt; und nun, geliebte Eltern“— hier ſchloß in der Karl Auguſt Vater und Mutter in die liebevoll ausge⸗ luf, und ſtreckten Arme—„nun habt Ihr mich wieder; im Uebri⸗ Fenſter gen bin ich ſo weit entfernt, freiwillig aus der Welt ſchei⸗ , aber den zu wollen, daß ich Euch vielmehr auf's herzlichſte bitte, 8.“ an nichts anderes zu denken, als an Eure Vorbereitung r ſeiner zur Hochzeitsreiſe.“ ler ſei,“„Aber der Schuß, der Schuß?“ rief Frau Agneta lück ge⸗ freudetrunken, während der alte Herr ſich vergebens be⸗ jetzt ſo mühte, auch nur ein Wort hervorzubringen. lrm im„Es war ein Probeſchuß, liebe Mutter. Ich werde ch Ro⸗ voon nun an Tag und Nacht ſchießen, denn mein Schick⸗ oh, ich ſal will, daß ich meine Braut durch einen Schuß ver⸗ dienen ſoll.“ 218 „Gott erbarme ſich eines ſolchen Narren, Agneta, welche den wiedergeſchenkten Sohn kaum aus ihren Armen laſſen konnte; Herr Kemner aber machte nach einer gewaltigen Anſtrengung zu ſprechen, endlich ſeiner Verwun⸗ derung mit den Worten Luft:„Eine Braut durch Schießen 1 verdienen— nein, das iſt nicht möglich, lieber Junge! Du könnteſt ja hundert Bräute bekommen nur auf Deinen Namen hin und—“ „Dein Eiſenwerk und Deine zwanzig Bauernhöfe,“ lächelte Frau Agneta. „Ja, allerdings kann das bei Freiwerbungen nicht ſchaden.“ „Ganz gewiß, Vater, wenn von gewöhnlichen Ver⸗ hältniſſen die Rede wäre; aber mein künftiger Schwieger⸗ vater iſt nicht wie andere Menſchenkinder: er hat ſeine eigenen, ganz beſonderen Ideen im Kopfe, und dieſe will. ich Euch erklären, ſobald ich erſt eine Taſſe Kaffe getrun⸗ ken habe. Da meine Haushälterin mir heute durchgegan⸗ rief Frau gen iſt, ſo bin ich noch ganz nüchtern.“ Frau Sanft, ſonſt eine ſo kluge, beſonnene Fenu, ſtand jetzt ganz beſchämt da und zupfte verlegen an ihrer Schürze. Mißgriffe ſolcher Art müſſen ungemein ſchmerz⸗ lich ſein für Leute, welche gewohnt waren, wegen ihres Scharfſinnes bewundert zu werden. Aber Frau Marga⸗ rethe hielt es bald unter ihrer Würde, ſich in dieſer Stel⸗ lung zu zeigen, und als Karl Auguſt von ſeiner nothge⸗ drungenen Nüchternheit ſprach, faßte ſie wieder Muth, trat vor, verneigte ſich mit einer glücklichen Miſchung von Freundlichkeit und Demuth und ſagte entſchuldigend: „Leuten, welche den Schlüſſel zu dem Allem nicht beſitzen, konnte ein Knall mitten in der Nacht wohl verdächtig er⸗ li ſcheinen, lieber Herr Hüttenbeſitzer. Aber ſprechen Sie jetzt ein freundliches Wort zu der alten Margarethe, da⸗ mit ſie nicht in Schimpf und Schande vor Ihnen ſtehen muß. „Nein, das ſollſt Du nicht, meine liebe Margarethe antwortete Frau Agneta ſie in Schutz nehmend.„Du meint ſchon klärte Pacht Frau binne. erfahr ſein Zipfel ( ſich d ſidirte 1 beſitzen bus ü 1 allen Gelieh förſter letzt v nämlie Sohn Zeit rief Frau aus ihren nach einer Verwun⸗ Schießen er Junge! uf Deinen wernhöfe,“ ngen nicht ichen Ver⸗ Schwieger⸗ hat ſeine dieſe will. ffe getrun⸗ urchgegan⸗ nene Frau, n an ihrer in ſchmerz⸗ begen ihres au Marga⸗ dieſer Stel⸗ ner nothge⸗ eder Muth, Miſchung ſchuldigend: icht beſitzen, rdächtig er⸗ rechen Sie arethe, da⸗ Ihnen ſtehen Nargarethe lend.„Du 219 meinteſt es ſo gut, das erkenne ich und wir Alle an, ob ſchon Du, Gott ſei Dank, Dich geirrt haſt.“ „Ungeſtraft ſoll ſie jedoch nicht davon kommen,“ er⸗ klärte Karl Auguſt.„Der Vater ſagt ihr hiemit den Pacht von Södratorp feierlich für alle Zeiten auf, und Frau Sanft wird nach Roſenlund verwieſen, wo vielleicht binnen Kurzem eine junge Hausfrau des Rathes einer erfahrenen Wirthſchafterin bedürfen könnte.“ „Einer Wirthſchafterin, die ihr bis in den Tod treu ſein wird,“ antwortete Frau ſanft, indem ſie ſich mit dem Zipfel ihres Halstuchs die Augen wiſchte. Der Kaffe wurde aufgetragen, und Karl Auguſt ſetzte ſich dem Sopha gegenüber, wo Vater und Mutter prä⸗ ſidirten. „Sprich jetzt einmal vernünftig,“ ſagte der Hütten⸗ beſitzer, während Frau Agneta ihm den brennenden Fidi⸗ bus überreichte. Und nun erzählte Karl Auguſt weit und breit von allen ſeinen Ereigniſſen auf dem Omberg, beſchrieb ſeine Geliebte, ſeinen Nebenbuhler, hauptſächlich aber den Ober⸗ förſter mit allen ſeinen Sonderbarkeiten und berichtete zu⸗ letzt von den originellſten aller ſeiner originellen Einfälle, nämlich das Schickſal ſeiner Tochter durch ein Scheiben⸗ ſchießen entſcheiden zu laſſen. „Ich glaube nicht,“ ſagte der alte Herr, der ſeinem Sohn mit tiefem Stillſchweigen zuhörte, welches nur von Zeit zu Zeit durch ein bedenkliches Kopfſchütteln unter⸗ brochen wurde,„ich glaube nicht, daß zu meines Vaters oder Urgroßvaters Zeiten je eine ſolche Geſchichte erhört worden iſt.“ Dabei lag etwas in ſeinem Tone, was deut⸗ lich zu verſtehen gab, daß er die Anſicht hegte, ſo etwas ſei überhaupt noch nicht vorgekommen. „Wahrhaftig,“ meinte Frau Agneta, indem ſie die Hände über der Bruſt kreuzte,„ungewoͤhnlich iſt die Sache freilich. Inzwiſchen hege ich die feſte Ueberzeugung, Vater, daß die ganze Angelegenheit keine ſo günſtige Wendung genommen haben würde, wenn Du nicht an dem Abend, — ————— 220 wo Karl Auguſt ſeine Reiſe beſchloß, nach Roſenlund hin⸗ ausgefahren wäreſt und ihm Deinen Segen auf den Weg mitgegeben hätteſt. Denn es iſt doch ein wahres Wunder, und Niemand kann mir dieſes Räthſel löſen, daß der böſe, alte Mann vom Berge mit einemmal ſo lammfromm ge⸗ worden iſt.“ „Immerhin,“ rief der Hüttenbeſitzer,„indeß bin ich überzeugt, daß es bei dem alten Herrn unter der Kappe nicht ganz richtig ausſieht; aber wäre ich in meiner Jugend in der gleichen Lage geweſen, wie Karl Auguſt, ich wäre ganz gewiß nicht zum zweiten Male hingereist. Meinetwegen hätte der alte Iſegrimm ſeine Tochter behalten können.“ „Nein, das kannſt Du nicht ſo beſtimmt ſagen, Vater,“ verſetzte Karl Auguſt lebhaft;„Du haſt Alma nicht ge⸗ ſehen— darin liegt alles.“ „Jedenfalls,“ meinte die Matrone, indem ſie mit nicht unmerklichem Stolz den Kopf emporhob,„jedenfalls wird man im Norden und Süden, im Oſten und Weſten von Karl Auguſt ſprechen; und wenn wir der Einladung Folge leiſten, was wir offenbar thun müſſen, Vater, ſo ſehe ich ſchon im Geiſte voraus, wie die Leute uns angaffen wer⸗ den. Sehet, ſehet, wird es heißen, das da iſt der Vater, der reiche Hüttenbeſitzer Kemner aus Südermannland.. ſchönen jungen Mannes, der ſeine Braut durch einen Meiſter⸗ ſchuß zu gewinnen gedenkt. Oh, wie romantiſch, mein Alterchen! Ich kann mich vor Freude kaum faſſen, wenn ich nur daran denke.“ „Ja, ja, wir dürfen uns, Gott ſei Dank, ſehen laſſen, wie es ſich für Menſchen gebührt, die man bei dieſer be⸗ ſondern Gelegenheit ſo ſcharf ins Auge faſſen wird,“ be⸗ merkte der alte Herr, bei welchem Frau Agnetas wohlbe⸗ rechnete Worte auf einen guten, fruchtbringenden Boden gefallen waren.„Inzwiſchen iſt es doch unangenehm, wenn man auf ſolche Art die Koſten aller Geſpräche tragen ſoll.“ 3 Und die Dame neben ihm iſt ſeine Frau, die Mutter des — 5 wußte, ihres 2 es etwe arme treten. ich dar paßt d ſehr gu Lächeln Ehrent mich i das ſa⸗ Nebenl ſeine C zumal viel kan ich, wer keit übe zu thur ſo ſoll rede ſte 6 ſiter 68 ſchloſſen 2 ben au beinahe bald a häufig auf die Brüſten Mutter Beziehl lund hin⸗ den Weg Wunder, der böſe, rwomm ge⸗ ß bin ich ppe nicht zugend in väre ganz inetwegen önnen.“ Vater,“ nicht ge⸗ mit nicht falls wird zeſten von ung Folge o ſehe ich affen wer⸗ der Vater, nland... Kutter des en Meiſter⸗ ſch, mein ſen, wenn hhen laſſen, dieſer be⸗ vird,“ be⸗ s wohlbe⸗ den Boden ehm, wenn che tragen 221 „Unangenehm?“ erwiderte Frau Agneta, die wohl wuf ßte, welche Worte bei der bereits angeſchürten Citelkeit ihres Mannes am beſten verfangen würden—„ſo könnte es etwa heißen, wenn Karl Auguſts Eltern unbedeutende, arme Leute wären und nicht im Stand, gebührend aufzu⸗ treten. Aber bei Deiner Gewandtheit, Deiner Würde, und, ich darf wohl ſagen, Deinen etwas vornehmen Manieren paßt die Rolle, welche Du bei dieſem Feſte ſpielen ſollſt, ſehr gut für Dich.“ „Hm,“ agte der alte Herr, indem er mit behaglichem Lächeln ſein Kinn ſtrich,„wenn Karl Auguſt mir ſein Chrenwort gibt, daß er nicht fehlſchießen wird, ſo will ich mich in Gottes Namen zu der Neiſe entſchließen; aber das ſage ich zum Voraus, den Vater eines ausgelachten Nebenbuhlers mag ich nicht vorſtellen.“ „Du ſcherzeſt, lieber Vater. Wie kann ein Menſch ſeine Ehre darauf verpfänden, daß er recht treffen wird, zumal bei einem Ziel, das er noch nicht kennt? Nur ſo viel kann ich bei meiner Ehre und Liebe verſprechen, daß. ich, wenn die Entfernung nicht die Gränzen der Möglich⸗ keit überſchreitet, alles thun werde, was ein ehrlicher Schütze zu thun vermag; der Ausgang mag ſein, welcher er wolle, ſo ſoll man wenigſtens meine Geſchicklichkeit nicht in Ab⸗ rede ſtellen.“ „Damit bin ich auch zufrieden,“ ſagte der Hüttenbe⸗ ſitzer, und mit einem Handſchlag wurde die Reiſe be⸗ ſchloſſen. Von dieſem Tage an begann ein neues, rühriges Le⸗ ben auf Lindafors. Während Karl Auguſt in Roſenlund beinahe alle ſeine Zeit mit Probeſchüſſen, bald auf feſte, bald auf bewegliche Gegenſtände zubrachte, wobei ſehr häufig die geliebten alten Lockvögel, die man da und dort auf die Gipfel der Bäume warf, mit ihren ausgeſtopften Brüſten in Fetzen zerriſſen wurden, rüſteten ſich Vater und Mutter zu der Reiſe; ſie gedachten dabei, namentlich in Beziehung auf Kleider, eine Pracht zu entwickeln, welche 222 alles überſtrahlen ſollte, was man zu den Zeiten des Va⸗ ters, Großvaters und Urgroßvaters geſehen. Siebenundzwanzigſtes Kapitel. „Ich ſchwöre,“ ſagte Fräulein Neta, als ſie am Tage vor dem großen Feſt auf dem Omberg, umgeben von einer ganzen Armee Pfannen, Töpfe und Kaſſerollen am Heerde ſtand,„ſo wahr ich eine ehrliche Chriſtin bin, ich ſchwöre, daß ich noch verrückt werde, wenn Sie nicht aus der Küche gehen und anderswo Ihren Lärm aufſchlagen, Herr Ober⸗ förſter. Donnern Sie über die Jäger, die Knechte, die Mägde, die Hunde, kurz über Menſchen und Vieh los, ſo lange Sie wollen, aber haben Sie die Güte und laſſen Sie wenigſtens mich in Ruhe. Ich weiß recht gut, was ich zu thun habe.“ „Hol Sie der Teufel,“ brummte der Oberförſter, „Sie argliſtiger Drache, Sie! Aber warten Sie nur, wir werden ſchon noch mit einander abrechnen.“ So viel vom Tage vorher. Wir ſprechen kein Wort von der ausgeſuchten Zierlichkeit, der vollkommenen Eleganz in Manieren, Geſprächen und Komplimenten, womit der Oberföͤrſter am gleichen Abend den Hüttenbeſitzer Kemner empfing, der ſich auf einen Menſchen gefaßt gemacht hatte, welcher zwiſchen einem Narren und einem Bären die Waage halte. Wir ſchweigen von den muntern, luſtigen Einfällen, wodurch er Frau Agneta feſſelte und gewann, die ſich vorgenommen hatte, ungemein ſtolz zu ſein, nun aber ſich außerordentlich liebenswürdig zeigte. Wir wollen der verſtohlnen, aber ausdrucksvollen Blicken, welche Alma und Karl Auguſt mit einander wechſelten, ſo wie des Ent⸗ zückens der Kemnerſchen Eltern, mit keiner Silbe gedenken auch den Major wollen wir unerwähnt laſſen, denn er hatte es zu Hau die Ger auch w förſter: Platze voller 2 In ſchlagen ſtehende das irg Kopfe Bäume ſelben kühn ge anzuver zu den angebra mit Ko um das Landes ſcheiden und zwe brachter Bretter da ſtand des Va⸗ im Tage von einer Heerde ſchwöre, er Küche rr Ober⸗ hte, die los, ſo nd laſſen ut, was erförſter, nur, wir in Wort Eleganz omit der Kemner cht hatte, ären die luſtigen gewann, ein, nun ir wollen he Alma des Ent⸗ gedenken denn er 223 hatte es wohlweislich vorgezogen, bis zum morgenden Tag zu Hauſe zu bleiben. Um den morgenden Tag drehten ſich die Gedanken der ganzen Geſellſchaft— deßhalb wollen auch wir mit einem Sprunge zu demſelben übergehen. Achtundzwanzigſtes Kapitel. Der 15. Auguſt war gekommen. Kaum hatten die erſten Sonnenſtrahlen den Scheitel des Ombergs zu bepurpurn angefangen, als der Ober⸗ förſter mit einigen muntern Bauernburſchen auf dem freien Platze unter der oberſten Abtheilung des Berges bereits in voller Arbeit war. Im Halbkreis waren für die Damen Bänke aufge⸗ ſchlagen, und hinter ihnen war für die Herrn eine Art von ſtehendem Parterre angebracht. Kein einziges Plätzchen, das irgend eine Ausſicht darbot, war dem ideenreichen Kopfe des Feſtgebers entgangen: ſogar zu oberſt auf den Bäumen hatte man Sitzbretter befeſtigt, und unter den⸗ ſelben ſtanden Leitern zum Gebrauche derjenigen, welche kühn genug waren, ſich ſolchen luftigen Bequemlichkeiten anzuvertrauen. Dem Halbkreis gegenüber, auf der Seite, woder Weg zu den eilf Buchen führt, waren die Scheiben und Ziele angebracht, an deren Aufſtellung der Oberfoͤrſter voll Eifer mit Kopf und Hand arbeitete. Um eines dieſer Ziele, um dasjenige nämlich, welches den in allen Ecken des Landes weit und breit beſprochenen Werbungszwiſt ent⸗ ſcheiden ſollte, wurde eine leichte Bretterwand aufgeführt, und zwar in der Art, daß, ſobald ein zu oberſt ange⸗ brachter eiſerner Hacken losgemacht wurde, ſämmtliche Bretter auf einmal zu Boden fielen und das Ziel frei da ſtand. 224 Die Frühſtücksglocke ertönte ſchon um acht Uhr, und , 1; 4„ 3.— 3 endlich waren alle Vorbereitungen ins Reine gebracht. Jetzt ſchlug der Oberförſter die Augen auf, überſchaute mit ver⸗ gnügten Sinnen ſein ganzes Werk und fand es ausge⸗ zeichnet gut. In roſenfarbener Laune ging er nach Hauſe, um ſeine liebe Herzensdrachen ein wenig auszuzanken, und hierauf ſowohl die bereits angelangten als noch zu er⸗ wartenden Gäſte zu empfangen, die unter einem auf dem Hofe aufgeſchlagenen Zelte das feſtliche Frühmahl einneh⸗ men ſollten. Gegen neun Uhr ſah man ganze Schaaren Volks von allen Seiten her den Berg heranſteigen, und den Wet⸗ terſee durchkreuzten eine Maſſe von Booten. In kurzer Zeit wimmelte der Wald von feſtlich gekleideten Bauern⸗ burſchen und Mädchen, von alten Weibern und Männern, unter denen, gleich einer Blume im Kohlgarten, da und dort ein Uniformsrock oder ein mit Bändern verzierter Da⸗ menhut hervorſtach. Bald waren alle freien Plätze, mit Ausnahme der für die Gäſte des Oberförſters beſtimmten, ſo beſetzt, daß die Handfeſtigkeit der zur Aufrechthaltung der Ordnung im Halbkreis aufgeſtellten Burſche, oft genug auf ziemlich harte Proben geſtellt wurde. Auf allen Bäu⸗ men ſaßen kleine Jungen, die mit fröhlichem Hurrahrufen in das allgemeine Gelächter einſtimmten, wenn ein mor⸗ ſcher Zweig der ungewohnten Laſt nachgab und die jungen Schößlinge büſchelweiſe auf die Untenſtehenden herabfielen. „Meinſt Du nicht,“ ſprach nach langem Nachgrübeln ein weſtgothiſcher Bauer zu ſeinem Nachbar, indem er auf ein zwiſchen zwei Bäumen ausgeſpanntes Seil deutete, „meinſt Du nicht, daß dieſes Ding da für Komödianten hergerichtet iſt?“ „Ja, man wird wahrſcheinlich auf ſie ſchießen, wenn ſie mitten drauf ſtehen.“— „Dafür wird man ſie aber gut bezahlen müſſen,“ meinte der Erſte und blickte ungemein tiefſinnig drein, „denn es könnte doch geſchehen, daß einer von den Schützen recht träfe.“ 7. Leute wie d ſie ein TW lichen zwei 4 zwanzi und 3 ein kle Vogel Ende wie de ſo wie bewegl 3 das C förſter geſtalt voller. 7 allen in ein den S auch zwanz die Fl Erich, nebſt ſitzende was er allzu l gegen Haltur Vater Die Uhr, und cht. Jetzt mit ver⸗ s ausge⸗ ch Hauſe, kken, und h zu er⸗ auf dem l einneh⸗ en Volks den Wet⸗ In kurzer Bauern⸗ Nännern, „da und erter Da⸗ ätze, mit ſtimmten, hthaltung oft genug llen Bäu⸗ rrahrufen ein mor⸗ die jungen erabfielen. ichgrübeln em er auf l deutete, mödianten ßen, wenn müſſen,“ nig drein, Schützen „Ja, das verſteht ſich,“ erwiederte der Andere.„Dieſe Leute ſind aber ſo geſchwind in ihren Wendungen, daß ſie wie die Lach sforel len durchſchlüpfen, und überdies können ſie einem die Augen verhexen.“ Das Seil, welches zu dieſen Bemerkungen der ehr⸗ lichen Bauern Anlaß gab, war, wie ſchon geſagt, zwiſchen zwei Bäumen in einer Höhe von zwanzig bis fünfund⸗ zwanzig Fuß aufgeſpannt. Am einen Ende deſſelben hing, und zwar an einem Ringe, welcher durch das Seil lief, ein kleiner hoͤlzerner Vogel und der Schütze mußte dieſen Vogel treffen, während er mit einer Schnur vom einen Ende zum andern gezogen wurde. Dies geſchah ſchnell wie der Blitz, und es bedurfte alſo eines ſcharfen Auges, ſo wie einer geübten, ſicheren Hand, um dieſes flüchtige, bewegliche Ziel nicht zu verfehlen. Je mehr die Zeit voranſchritt, um ſo größer wurde das Gedränge und die Ungeduld; da vollends der Ober⸗ förſter ein Paar Tonnen Bier zum Beſten gab, ſo geſtaltete ſich die Munterkeit immer lärmender und geräuſch⸗ voller „Da kommt ja der ch von Faglas!“ rief es von allen Seiten, als ein alter Bauer einhergeſchwankt kam, in einem Takte, welcher deutlich bewies, daß er bereits zu den Seligen gerechnet werden konnte.„Er wird am Ende auch noch mitſchießen wollen, obwohl er in den letzten zwanzig Jahren ſo viel getrunken hat, daß er kaum mehr die Fliege an der Wand ſieht.“ „Geſtern wie heute und heute wie morgen!“ lallte Erich, ohne auf all die Stichelworte zu achten, welche nebſt den Tannenzapfen von Seiten der auf den Baͤumen ſitzenden Jungen über ihn herabhagelten. Das Einzige, was er ſich dabei erlaubte, war, daß er, als die Beſchießung allzu heftig wurde, ſich ſchüttelte und bedachtſam die Büchſe gegen die Unruhſtifter anlegte. Durch dieſe drohende Haltung gelang es ihm alsbald Ruhe herzuſtellen, denn Vater Erich war in einem Zuſtand, daß er ſich um einen Die Braut auf dem Omberg. 15 226 Druck mehr oder weniger nicht viel zu bekümmern ſchien. Der Alte ließ es indeß nicht ſo weit kommen, ſondern als er den Schreck der Jungen ſah, wiederholte er blos mit vergnügtem Grinſen ſeine Lieblingsſprache:„Geſtern wie heute und heute wie morgen.“ Aber auf einmal wurde Scherz und Lärm durch eine muntere Muſik von Jagdhörnern unterbrochen, und auf dem Wege vom Forſthauſe her ſchimmerte zwiſchen den Bäumen ein glänzender Zug von Herren und Damen. Sie näherten ſich allmälig dem Halbkreiſe, deſſen erſte Bänke und hauptſächlich die vorderſte, mit duftendem Laub und Bäumen reich geſchmückt waren. An der Spitze des Zugs, zunächſt hinter den Muſt⸗ kanten, kam der Oberförſter, ſeine Tochter bei der Hand führend. Almas Schönheit war ſtrahlender und hinreißender als je. Das beunruhigende Gefühl, der Gegenſtand aller Blicke zu ſein, übergoß ihre Wangen mit flammendem Purpur. Der ſchüchterne Ausdruck in ihrem Blicke, wenn er ſich zuweilen erhob, war mit holder, kindlicher Freude vermiſcht, und ihr ganzes Weſen verrieth jene Leichtigkeit und Claſtizität, welche der Schönheit einen ſo bezaubernden Liebreiz verleiht. Ihre Kleidung zeichnete ſich einzig und allein durch Geſchmack aus. Ein weißes Florkleid, umflattert von einem veilchenblauen, langen Shawl, ſchmiegte ſich um die feinen Formen: im Uebrigen trug ſie außer einem Kranz von Haideblumen und jungen Immortellen, welcher leicht auf einer Seite ihres Kopfes ſaß, ganz und gar keinen Schmuck. Der Oberförſter, der in ſein ganzes Weſen eine augenfällige Stattlichkeit und Würde zu legen wußte, gab Alma durch eine freundliche Handbewegung zu verſtehen, daß ſie ſich mitten auf die vorderſte Bank ſetzen ſolle; zu ihren beiden Seiten nahmen die alte Frau Kemner und einige Damen aus der Verwandtſchaft des Majors Platz⸗ Nachdem die übrige Geſellſchaft gleichfalls untergebracht war und mehrere Gruppen von Herren, worunter auch die beide aufg währ heißt hoͤlze ſoller wie taſche Forn Gele einge ſchne um ſ ſchön ſollte Glück ſich i dageg Agne jedockh ſtande liches „Hol aus d Berg. theiln „feſt Gott ſich d verlas en ſchien.„ ndern als blos mit eſtern wie durch eine und auf ſchen den Damen. eſſen erſte dem Laub den Muſi⸗ der Hand nreißender tand aller mmendem icke, wenn er Freude Leichtigkeit aubernden lein durch ttert von e ſich um zer einem u, welcher und gar eſen eine zußte, gab verſtehen, ſolle; zu uner und ors Platz⸗ ergebracht auch die 227 beiden Nebenbuhler, ſich auf den Seiten des Halbkreiſes aufgeſtellt hatten, trat der Oberförſter auf den Plan vor, während plötzlich eine allgemeine Stille überhand nahm. Es war beſchloſſen worden, daß die Volksſpiele, das heißt das Schießen auf die Scheibe und auf den kleinen hölzernen Vogel, dem eigentlichen Feſtakte vorangehen ſollen. Der erſte Preis war, neben mehreren geringeren, wie zum Beiſpiel Pulverhörnern, Schrotbeuteln, Jagd⸗ taſchen und dergleichen, ein kleiner ſilberner Pokal in der Form eines Hahnes, welchen der Oberförſter zu dieſer Gelegenheit hatte verfertigen laſſen. Aber unter der ganzen eingeladenen Geſellſchaft war Niemand, welcher nicht ein ſchnelles Ende dieſes kleinen Schießens gewünſcht hätte, um ſofort das große anſehen zu können, deſſen Preis die ſchönſte Hand und das reinſte Herz von Oſtgothland ſein ſollte. Die Damen flüſterten ſich einſtimmig die beſten Glückwünſche für den ſchönen jungen Fremdling zu, der ſich ihre vollſtändige Gunſt erworben hatte. Die Herren dagegen— glücklicher Weiſe hörte die freudetrunkene Frau Agneta nur die Damen— die Herren, mit Ausnahme jedoch derjenigen, welche zunächſt bei dem Hüttenbeſitzer ſtanden, der ſich heute ein ungemein vornehmes und ſtatt⸗ liches Anſehen gegeben hatte, ziſchelten gegen einander: „Hol der Teufel den Major, wenn er eine ſolche Perle aus dem Lande führen läßt.“ Doch ſiehe— an eine Ciche beim Weg nach dem Berggipfel hinauf gelehnt, ſtand auch noch ein warmer theilnehmender Freund: es war der alte große Lootſe, der „feſt im Glauben,“ ſich der Hoffnung hingab, der gute Gott werde der treuen Liebe beiſtehen. Ein kräftiger Stoß in's Jägerhorn, und nun ſammelten ſich die zerſtreuten Gedanken. Der Oberförſter zog ein Papier aus der Taſche und verlas mit lauter Stimme folgende Regeln: §. 1. Das Freiſchießen iſt eröffnet. Jedem freige⸗ bornen ſchwediſchen Manne bleibt das Recht unbenommen, an dem Wettkampfe Theil zu nehmen.— §. 2. Wer verbotene Künſte treibt, wer Freikugeln oder bezauberte Gewehre gebraucht, verfällt den Beſtim⸗ mungen des Kriminalgeſetzes. §. 3. Beleidigt Jemand mit Worten oder Gebärden einen Lahmen oder Gebrechlichen, welcher den Preis ge⸗ wonnen hat, und geſchieht dies aus Haß oder Neid, ſo werde er von jedem Freiſchießen ausgeſchloſſen. Thut er es mit einer Waffe, ſo ſoll er den Behörden überliefert werden. §. 4. Sollten eine oder mehrere Damen— hier wandte ſich der Oberförſter mit einer tiefen, höflichen Ver⸗ beugung gegen den Halbkreis— mit beſondern Blicken, ob nun günſtigen oder ungünſtigen, einen der Bewerber verfolgen, ſo werde diejenige, welche ſich das zu ſchulden kommen läßt, vor den Richterſtuhl ihres Gewiſſens gezogen, um allda ihre Hände in Unſchuld zu waſchen. In dieſem Geiſte verlas der Feſtgeber noch mehrere* ſogenannte Regeln. Kaum war das Zeichen zum Anfang gegeben, ſo meldeten ſich nicht weniger als zwölf Prätendenten für den ſilbernen Becher, welcher jetzt vorgezeigt wurde und ungemeinen Beifall fand. Der Erſte, welcher den hölzernen Vogel zu bekriegen hatte, nachdem einige unbedeutende Schüſſe auf die Scheibe gefallen, war ein junger Soldat vom oſtgothiſchen Grena⸗ dierregiment. Mit ſtolzem Ganzge und militäriſcher Haltung, den blanken Stutzer ſo führend, daß er in der Sonne ſchim⸗ merte, trat der junge Kriegsmann vor, und blickte ſo ſicher und zuverſichtlich drein, als hätte er den Pokal bereits in der Hand. 1 Auf ſeinem Platz in der Mitte des Kreiſes ange⸗ kommen, blieb er ſtehen und ſah ſich um, gleich als weideten ſich ſeine Blicke voll Luſ t an den ſchönen Damen um ihn her. Sofort legte er mit ächt militäriſchem Tempo das d Gew Ober aber unbef ſein ſo ſte mit i er ni lag i ihre dener und Auch Gege platz mal! herna das 6 trat, und zu en G begin⸗ ſeine die b nach. dieſer verſuc 8 Stiche nommen, † -reikugeln Beſtim⸗ Gebärden Preis ge⸗ Neid, ſo Thut er berliefert —— — hier hen Ver⸗ Blicken, Bewerber ſchulden gezogen, mehrere* eben, ſo enten für urde und bekriegen e Scheibe n Grena⸗ ung, den ne ſchim⸗ blickte ſo en Pokal es ange⸗ weideten i um ihn empo das 229 Gewehr an, und wartete unbeweglich auf das Zeichen des Oberförſters, daß der Vogel fliegen ſolle. Das Zeichen wurde gegeben und der Schuß krachte; aber der Vogel hatte ſich befreit und hing unverletzt und unbeſchädigt am andern Ende der Schnur. Ohne eine Miene zu verziehen, ſchulterte der Grenadier ſein Gewehr, machte Rechts um kehrt und marſchirte eben ſo ſtolz, als er gekommen war, wieder ab; die Stichelreden, mit welchen die kleinen Jungen ihn überſchütteten, ſchien er nicht der mindeſten Achtung zu würdigen.-Gleichwohl lag in ſeinem Blick etwas, das die loſen Spötter abhielt ihre Witzeleien durch Tannenzapfen zu bekräftigen, mit denen ſie Hände und Taſchen gefüllt hatten. Jetzt trat aus dem Haufen ein junger Bauernburſche und grüßte mit zierlicher Verbeugung das ſitzende Publikum. Auch ihm erging es nicht beſſer als dem Grenadier: im Gegentheil wurde ſein ſchimpfliches Abtreten vom Schau⸗ platz noch durch die unbarmherzige Art verbittert, wie dieß⸗ mal die Zuſchauer in der Höhe ihre Bomben raſen ließen. Mit großem Leidweſen müſſen wir berichten, was hernach geſchah, nämlich daß alle übrigen Prätendenten das gleiche Mißgeſchick hatten; ja, als der Zwölfte vor⸗ trat, befand ſich der Pokal noch immer in Almas Hand, und auch der zwölfte Schuß vermochte ihn derſelben nicht zu entwenden. Schon wollte der Oberförſter das Schießen von Neuem beginnen laſſen, als ein Bauer, buchſtäblich geſtützt auf ſeine Büchſe, langſam einhergeſchlichen kam. „Geſtern wie heute und heute wie morgen!“ ſpotteten die boshaften Jungen den Wahlſpruch des alten Erichs nach.„Hurrah für Erich!“ „Ja, geſtern wie heute und heute wie morgen!“ rief dieſer und bat um Erlaubniß, gleichfalls ſein Glück zu verſuchen, was der Oberförſter lachend bewilligte. Aber jetzt flogen von allen Seiten Schmäh⸗ und Stichelreden ſo hageldicht, daß die ganze ſtoiſche Ruhe, worein Erich ſich ſchon vorher verſetzt hatte, nöthig war, damit er ſeine Faſſung behauptete. Der Oberförſter gab das Zeichen; beinahe ohne zu zielen, ließ Erich krachen und zerſchmettert ſiel der Vogel von der Schnur herab. Auf Gelächter und Spott folgte jetzt Staunen und Bewunderung. Erich ſelbſt aber ſtand ganz ruhig und gleichgültig da, als könnte er nicht begreifen, wie man mit einer ſolchen Kleinigkeit ſo viel Aufhebens machen möge. Er hielt den Mund an den roſtigen Flintenlauf, um den Rauch herauszublaſen, und vielleicht wäre er noch länger ſo ſtehen geblieben, wenn nicht der Oberförſter ihn beim Arme genommen und zu Alma geführt hätte, aus deren Hand der Alte unter den tiefſten Bücklingen den Pokal empfing. „Wie war doch das möglich,“ ſagte der Oberförſter, „daß Du alter Saufaus einen ſo kleinen Vogel ſehen konnteſt?“ „Einen?“ antwortete Erich und ſah den Oberförſter verwundert an;„es waren ja wenigſtens ein Dutzend, ſo viel ich ſehen konnte, und ich hielt mitten auf den Haufen.“ „So, ſo,“ lachte der Oberförſter mit einem Blick auf die heitern Zuſchauer,„das erklaͤrt die ganze Sache, meine Herrſchaften.“ Mittlerweile trollte ſich Erich mit dem beneideten Silberpokal in der Hand weiter, indem er ſein altes Lied vor ſich hinleierte:„Geſtern wie heute und heute wie morgen.“ Der Oberföoͤrſter aber wandte ſich mit veränderter Miene und feierlichem Ernſt zu den Zuſchauern und ſagte: „Die Spiele ſind geſchloſſen; jetzt kommt das eigentliche Preisſchießen, meine Herren;“ und ſeine Augen flogen nach dem Platz, wo der Major und Karl Auguſt ſtanden. Es war als berührte die ganze Verſammlung ein elektriſcher Schlag. Einige fühlten ſich dermaßen ergriffen, daß Lucienwaſſer und ſogar Hoffmann’'ſche Tropfen noͤthig Unter dieſen Wenigen war Frau Agneta nicht wurden. en und ſig und ie man machen enlauf, er noch eſter ihn e, aus ggen den rförſter, el ſehen erförſter gend, ſo Haufen.“ em Blick 2 Sache, eneideten ltes Lied eute wie ränderter nd ſagte: igentliche en flogen tſtanden. gllung ein ergriffen, en nöthig heta nicht 231 gerade die Stärkſte, und Gott allein weiß, wie es mit dem alten Herrn Kemner ausſah. Inzwiſchen nahm er ſich zuſammen, ſo daß er blos huſtete und dicke Tropfen hinter ſeinem großen ſeidenen Taſchentuche ſchwitzte; dabei warf er von Zeit zu Zeit auf Karl Auguſt einen Blick, welcher zu ſagen ſchien:„Mit mir und meinem Anſehen iſt es für immer vorbei, wenn Du mich zu Schanden wer⸗ den läſſeſt; ich ſchäme mir die Augen aus dem Kopfe heraus, wenn die andere Parthei triumphirt und uns vor der Naſe die Braut wegſchnappt.“ Von Karl Auguſt kann blos geſagt werden, daß er ruhig ſchien. Einen kleinen Zweifel an der Glaubwür⸗ digkeit dieſes Zweifels moͤchte inzwiſchen der ſchnelle Far⸗ benwechſel auf ſeinen Wangen erregen, ſo wie die bald wehmüthigen, bald zuverſichtlichen Blicke, welche er ſeiner Alma zuwarf, auf deren Geſicht die Roſen allmälig ver⸗ ſchwanden und in Lilien übergingen. Nicht einen Augenblick hatte Alma in Bezug auf ihres Vaters Beſchluß Zweifel gehegt: ſie war überzeugt, daß Karl Auguſt ihr Gemahl wurde; aber ſie fühlte auch, wie demüthigend es für ihn geweſen wäre, wenn er ſie, für den Fall, daß er nicht traf, gleichſam als Gnaden⸗ geſchenk von dem Major hätte annehmen müſſen. Darum fürchtete und zitterte Alma. Wenn Karl Auguſt nicht einen vollſtändigen Sieg davon trug, ſo mußte die Freude des Feſtes dennoch geſtort werden, die Sache mochte nun einen Ausgang nehmen, welchen ſie wollte. Der Maſor ſtand mit gekreuzten Armen da, als wäre er bei der ganzen Aufführung blos Zuſchauer und nicht eine Hauptperſon. Der Oberfoͤrſter hatte eine ſo kalte und ſteife Hal⸗ tung angenommen, daß Niemand errathen konnte, was in ſeinem Innern vorging. Seine ganze Aufmerkſamkeit ſchien dem in der Ferne aufgeſtellten, bis jetzt noch be⸗ deckten Ziele zugewandt zu ſein. Die Entfernung wurde abgemeſſen Plötzlich ſiel, auf einen tüchtigen Stoß ins Jägerhorn, die Bretterwand nieder, und ſiehe da, auf hohem Poſtamente ſtand ein wohlausgeſtatteter Liebesgott mit flatternden Papierflügeln, gewiß der allerwunderlichſte Liebesgott, der je auf Ver⸗ wandtſchaft mit Amor Anſpruch gemacht hat. Weit hin erſcholl ſofort des Oberförſters Machtgebot, daß derjenige der beiden Freier, welcher auf ſiebenzig Schritte Abſtand dem Gotte das linke Auge ausſchieße, zum Lohn für dieſe Großthat die Hand ſeiner Tochter Alma erhalten ſolle., Unter der ſitzenden, ſtehenden und auf den Bäumen Fuebenden Zuſchauerſchaft herrſchte eine lantlos feierliche tille. Alma erhielt von ihrem Vater zwei Looſe, aber ihre Hand zitterte ſo heftig, als ſie dieſelben den beiden jetzt vortretenden Nebenbuhlern entgegenſtreckte, daß ſie die Pa⸗ pierſtreifen kaum zu halten vermochte. Der Major und Karl Auguſt zogen— der Major hatte den erſten Schuß. „Alles in Ordnung!“ rief der Oberförſter. Mit feſten, ſichern Schritten trat der Major vor, unterſuchte genau das Pulver auf der Pfanne, legte lang⸗ ſam an und zielte eine gute Weile. Vtelleicht gereichte ihm gerade das zum Nachtheil, denn trotz der Kälte, die er zur Schau trug, hätte ein ſcharfes Forſcherauge be⸗ merken können, daß ſeine Hand allmälig zu zittern anfing. Der Schuß krachte und Amor war ins Auge getroffen— aber ins rechte. Nicht eine Spur von Aufregung zeigte ſich in dieſem Augenblick auf dem eiskalten Geſichte des Majors. Er blies in den Lauf hinein, ſtellte den Hahn in Ruhe, ſchlug die Pfanne zu und kehrte ſchweigend an ſeinen Platz zu⸗ rück, mit einem Geſichte, welches ſich Tröſtungen und Mikleid gleich ernſtlich zu verbitten ſchien. Der Oberförſter zupfte ein Paar Mal an ſeinem Backenbart; außerdem war aber keine Gemüthsbewegung an ihm zu bemerken. Und jetzt wechſelte Karl Auguſt mit Alma einen Blick, ſo lang, ſo innig und tief, als ſollte es der letzte ſein. Ihre Wangen waren blaß, die ſeinigen blutroth und Plat eigen ſenkt dung war es m drück der die d äumen ierliche er ihre en jetzt die Pa⸗ br und Schuß. r vor, e lang⸗ ereichte lte, die uge be⸗ anfing. 8ffen— dieſem s. Er „ſchlug latz zu⸗ gen und ſeinem wegung a einen er letzte blutroth und mit raſchem Schritte trat er an den Platz ausgeſtellten Abermalige Stille... Alma hörte den Schlag ihres eigenen Herzens. Karl Auguſt legte etwas höher als das Ziel an, ſenkte dann langſam den Stutzer und drückte, als die Mün⸗ dung in der gleichen Höhe mit dem beſtimmten Punkte war, ohne lange zu zielen, ab. In demſelben Augenblick hörte man einen leiſen Schreiz; es war ein Fre henſchrei, welchen Alma nicht zu unter⸗ drücken vermochte. Das linke Auge war verſchwunden, der Liebesgott war jetzt ganz blind. Ein ſchallendes, dreimaliges Hurrah erſcholl durch die waldigen Thäler des Ombergs. Siegbeglückt lag Karl Auguſt zu den Füßen ſeiner Braut. Unmittelbar in demſelben Augenblick ließ der alte Herr Kemner das ſchützende Taſchentuch vor dem Geſichte fallen und nahm mit herablaſſender Höflichkeit die Glück⸗ wünſche der Umſtehenden entgegen, während er einen wohlgeſpickten Geldbeutel aus der Taſche zog, aus welchem der reiche Mann, ſtolz wie ſein Vater, Großvater und Ürgroßvater geweſen, mit fürſtlicher Freigebigkeit kleine Silbermünzen unter das Volk ausſtreute. Doch laßt uns den Oberförſter betrachten, wie er jetzt im Angeſicht der ganzen Verſamm lung Almas und Karl Auguſts Hände ineinanderlegt— laßt uns hören, wie er mit gebrochener, aber klarer Stimme, ausruft:„Dieſer junge Mann hat ſich der Beſtimmung zufolge, welche ich getroffen hatte, um mir die ſchwierige Wahl zwiſchen zwei vortrefflichen und achtungswerthen Herren zu erſparen, meiner Tochter Hand erworben. Ich ſchenke ihm alſo aus vollem Herzen das Beſte, das Koſtbarſte, was ich beſitze. Es leben die Verlobten!“ Und wiederum erſcholl ein dreifaches Lebehoch, in welches mächtiger Hörnerklang und der Knall von Cham⸗ pagnerpfröpfen luſtig einſtimmte. —— — —— Um den Effekt nicht zu ſtören, verſchwieg der Ober⸗ förſter den Umſtand, daß Karl Auguſt— wie Alma ganz ver⸗ muthet hatte— jedenfalls ihr Gemahl geworden wäre. Der Oberförſter und der Major hatten miteinander ver⸗ abredet, daß Letzterer, im Falle er ſiege, edelmüthig zurückſtehen ſolle, und für dieſen Fall, welchen der Ober⸗ foͤrſter bei der bekannten Geſchicklichkeit des Majors als unausbleiblich betrachtete, hatte der alte Herr bereits eine zierliche Rede in Bereitſchaft gehalten. Jetzt, da Karl Auguſt den Sieg errungen, mußte er freilich darauf ver⸗ zichten, aber er war ſeelenvergnügt, daß ſein Schwiegerſohn vor einem ſo zahlreichen Publikum bewieſen hatte, wie er, ſelbſt ohne fremde Mithilfe Manns genug ſei, ſich eine Braut zu erkämpfen. „Wir,“ flüſterte der Oberförſter dem Major ins Ohr,„wir laſſen es bei der alten Freundſchaft;“ der Major antwortete:„Bis in den Tod, Bruder.“ Mit dem blinden Liebesgott an der Spitze— dem glücklichſten aller Lockoögel, wie Frau Agneta meinte— brach jetzt die Geſellſchaft auf und trat ihren Marſch nach dem Forſthauſe an. Ein glänzendes Mahl, auf welches Ball und Feuer⸗ werk folgten, beſchloß die Feſtlichkeit. Erſt dann, als Frau Agneta gebeten wurde, die große Menuet vorzutanzen Frau Agneta, welche den geliebten, freudetrunkenen Sohn und die liebreizende Braut nicht aus den Augen laſſen konnte— als ferner der alte Herr Kemner ſich an dem lockenden Spieltiſch niedergelaſſen und die Menge fröhlicher Gäſte nach allen Theilen des Parkes hin ſich ergoſſen hatte, wo man eine Menge Holz⸗ ſtöße angezündet, welche jetzt die luſtigſte Beleuchtung bildeten— erſt dann fanden unſere Liebenden Gelegenheit, ſich ungeſtört ihren Empfindungen zu überlaſſen; ſie ver⸗ ließen das lärmende Getümmel und wandelten miteinander den Berg hinan. Dort, in Almas kleinem Luſthäuschen, ſaßen ſie jetzt Hand in Hand und blickten bald einander in die Augen, bald hinab auf die dunkelblaue Fläche des We Feſt da ſchl der Gef zu war Von den nom wer Lebe ſter! flan mer Im den des mu fröl bre es Kr Ober⸗ iz ver⸗ wäre. r ver⸗ mmüthig ts eine Karl (uf ver⸗ gerſohn wie er, ſch eine jor ins 3 der einte— ſch nach Feuer⸗ de, die lche den de Braut der alte rgelaſſen eilen des ge Holz⸗ euchtung legenheit, ſie ver⸗ teinander zäuschen, einander läche des Wetterſees, über welchem der Himmel ſeinen ſternbeſäten Feſtteppich ausbreitete. Während ſie, gegenſeitig in ſeliger Anſchauung, ſo da ſaßen, wurden ſie auf einmal an ein warmes, heftig ſchlagendes Herz gedrückt: der Oberförſter hatte ſeine Kin⸗ der aufgeſucht, um ſie aus der Tiefe ſeiner über wallenden Gefühle, ungeſehen von fremden Augen, an der Stelle zu ſegnen, wo er ſie einſt getrennt hatte. Und die Nacht breitete ihre Schatten über die lieblich warmen Haine des Ombergs. Noch immer ſchwaͤrmten die Gäſte im Park umher. Vom Schießplatze her, wo der große Lootſe, frohlich unter den Fröhlichen, die Bewirthung der großen Menge über⸗ nommen hatte, welche im Herrenhaus nicht untergebracht werden konnte, erklangen luſtige Geſänge und donnernde Lebehochs, ſehr häufig begleitet von Vater Erichs:„Ge⸗ ſtern wie heute und heute wie morgen.“ Da und dort flammten Feuer auf und warfen ihren leuchtenden Schim⸗ mer weit hin unter die laubigen Gewölbe. Im Hauſe ſelbſt erſcholl ein Lebehoch um das andere. Im großen Saal ſah man einen bunten, luſtig ſich drehen⸗ den Kreis, hoch überragt von der freudeſtrahlenden Geſtalt des Oberförſters, welchen ſein Schwiegerſohn und ſeine muntern Gäſte auf den Armen emporhielten. „Es lebe der Oberförſter, der erſte, der beſte, der fröhlichſte Wirth! Hurrah! Hurrah!“ „Laßt mich doch hinab, Ihr Teufelskinder! Ihr brecht mir ja Arme und Beine! Schon gut, ſchon gut!“ „Hurrah! Hurrah! Hurrah! Es lebe unſer Wirth, es lebe der Oberförſter von Omberg!“ Und von Neuem drehte ſich das frohliche Völklein im Kreiſe umher. Ende. In unſerem Verlage iſt ferner erſchienen: Der Prophet aus Florenz. Wayryeit und Dichtung von Johannes Scherr. 4 Thle. 6 fl. 48 kr. oder 4 Thlr. Statt aller Anpreiſungen dieſes Romans, geben wir hier eine der vielen günſtigen Beurtheilungen deſſelben; dieſe Beurtheilung iſt in den„Jahreszeiten“ für 1845, Nr. 36, erſchienen und lautet folgendermaßen: Unſere Zeit fordert Tendenzen, und die des religiöſen und politiſchen Fortſchritts iſt es, welche alle anderen über⸗ ragt, denn ſie faßt alles Uebrige in ſich, und birgt den Keim, aus welchem das Wohl der Menſchheit, die Frei⸗ werdung der Völker hervorgeht; religiöſer und politiſcher Fortſchritt iſt die höchſte Spitze aller jener edlen Beſtre⸗ bungen, aus welchen zuſammengenommen einſt eine ſchö⸗ nere, beſſere Zukunft emporblühen wird, und Freude und Troſt gewährt es zu ſehen, wie viele mehr oder weniger ausgezeichnete Männer dieſer Zukunft ihre ganze Kraft weihen und wie ſie auch die Schwächeren zu regem Eifer entflammt, daß auch ſie ihr Schärflein zu dieſem großen Werke beitragen. Darum wollen wir es auch nicht tadeln, daß Kunſt und Poeſie ſo ganz und gar von dieſen Be⸗ ſtrebungen beherrſcht und ſo auch vieles Seichte und Un⸗ genießbare zu Tage gefördert wird; wer jetzt dichtet, dichtet politiſche Lieder, wer einen Roman ſchreibt, legt ihm die Tendenzen des Tages unter, und dieſer Richtung unſer Zeit. darunter leidet, da ſie nicht mehr de dem m erſt das zweite iſt, nach verdient aber ein Werk vereinigt findet, ohne daß dem dadurch Abbruch gethan wäre, dem oben angeführten Roman Mit beſonderem Vergnügen und empfehlen ihn Allen, welche volles zu ſchätzen wiſſen. Der V heit und Dichtung“ genannt, und ein bedeutender, für unſere Zeit tereſſe ſich geltend machender Grunde, und die Dichtung verwebt iſt, verdient dieſe Bedeutung des Wortes. Der Girolamo Savonarola, welcher Wahrheit mit dem Tode auf dem man nannte ihn den Propheten als einer der tüchtigſten trachtet werden. Er donnerte Stuhl damals das nach ſeinem Tode beg Zelle ebenfalls gegen Rom zu Zeit haben dieſelben und verw aufgehört, freilich auch noch in großer En Prophet von Florenz ſtrebte abe ſondern auch nach politiſcher F eine Zeit lang das Joch der üppig ge⸗ abſchütteln und ſich ſelbſt regieren konnte, ſſen wir ihn als den voll⸗ vonarola's ⸗Werk, und ſo müſ ſtändigen Repräſentanten einer erkennen. das mit klaren hellen Farben Auge daran erfreuen und, wa Was Wunder, Vorarbeiter der Haus Borgia ſaß; ann Luther aus ſeiner bis wir dahin kamen, Reben Savonarola's die Kunſt huldigt daß die Poeſie as höchſte, ſondern Um ſo mehr auch an ſtrebt. Anerkennung, in dem ſich beides Einen oder dem Andern und dies können wir von* mit vollem Rechte ſagen. haben wir denſelben geleſen etwas Gutes und Werth erfaſſer hat ihn„Wahr⸗ mit Recht; es liegt ihm als von beſonderem In- Theil der Geſchichte zu ’ 1 , welche hier mit der Geſchichte Bezeichnung in der zweifachen Held des Romans iſt am 23. Mai 1498 ſeine Scheiterhaufen beſiegelte; † von Florenz und er kann 1 Reformation be⸗ Rom, auf deſſen neunzehn Jahre Wittenberger donnern, und ſeit jener andte Beſtrebungen nicht wo wir jetzt ſtehen, tfernung vom Ziele. Der r nicht nur nach religiöſer, reiheit, denn daß Florenz wordenen Medireer das war Sa⸗ gegen vollſtändigen Freiheit an⸗ Wirken und Streben, daß ſich das der Geiſt, gezeichnet, s wichtiger iſt, der i bedar mäßim des auf e Noth vielfa hervo Werf (nach Allem ſo au die hi die H ausm Ulm, Theile fung übrig iſt, fi ſönlich die V huldigt Poeſie ondern » mehr beides Andern vbir von ſagen. geleſen Werth⸗ „Wahr⸗ egt ihm em In⸗ ichte zu heſchichte veifachen nans iſt 98 ſeine eſiegelte; er kann ſtion be⸗ if deſſen zn Jahre tenberger eit jener gen nicht t ſtehen, ele. Der religiöſer, 3 Florenz Mediceer war Sa⸗ den voll⸗ eiheit an⸗ Streben, ſich das der Geiſt, — — der in unſerer Zeiſt ſo ſehr des Muthes und der Ausdauer bedarf, daran erkräftigen kann, geht der Roman gleich⸗ mäßig fort, und in dieſem Roman wird zugleich das Leben des Pabſtes(Alexander VI., aus dem Hauſe Borgia) auf eine ſo eindringliche Weiſe geſchildert, wie es jetzt Noth thut, und wie ähnliches erſt ſeit einem Jahre ſo vielfach geſchehen; wir ſehen, überall tritt die Tendenz hervor, und doch wird die Dichtung nicht unterdrückt. Werfen wir nun einen Blick auf den eigentlichen Roman (nachdem wir auf das hingewieſen haben, was ihn vor Allem berechtigt, als ein Werk für die Gegenwart und ſo auch für die Zukunft zu gelten), müſſen wir auch hier die höchſte Befriedigung ausſprechen. Sowie Savonarola die Hauptperſon in dem, was nicht eigentlich Roman iſt, ausmacht, ſo iſt es Heinrich, ein junger Patrizier aus Ulm, ſein Schüler und eifriger Anhänger, im andern Theile. Wir hätten wohl eine etwas innigere Verknüp⸗ fung dieſer beiden Theile, die wir in der Beurtheilung übrigens weit mehr trennen, als es im Buche geſchehen iſt, für zweckmäßig erachtet, doch was nicht durch die Per⸗ ſönlichkeiten bewirkt wird, iſt auf der andern Seite durch die Verhältniſſe bedingt, und nur auf kurze Zeit, beſon⸗ ders im zweiten Theile, entfernt ſich der Leſer von dem Propheten von Florenz, deſſen Geiſt ja doch alles durch⸗ webt und leitet, denn wo Heinrich iſt und etwas durch ihn geſchieht, erkennen wir den Lehrer wieder. Heinrich lernt in Florenz ein Mädchen kennen, das er liebt, deren Gegenliebe er gewinnt. Wir könnten ſehr einfach ſagen, daß die Entführung dieſes Mädchens und das Aufſuchen und Wiederfinden deſſelben den Inhalt des Romans aus⸗ macht, dann würde man ſich aber mit Recht wundern, daß damit drei Bände gefüllt ſind; darum müſſen wir ſchnell hinzufügen, daß mit dieſem ſo einfachen Vorfalle wiederum ein bedeutendes, und zwar ſehr intereſſantes Stück Geſchichte, das ganz zu einem Noman verarbeitet, verbunden iſt, und daß auf dieſe Weiſe das Intereſſe nicht nur bedeutend geſteigert, ſondern auch der Werth des Buches überhaupt erhöhet iſt. Um nur Einiges anzu⸗ führen, erwähnen wir die Geſchichte des Hauſes Medicis um dieſe Zeit, des Einzuges des Königs Karls VIII von Frankreich in Florenz und ſpäter in Rom, die Geſchichte des Hauſes Borgia, deren Mitglieder ſehr thätig in die⸗ ſem Romane mitwirken, denn Flora, Heinrich's Braut, befand ſich in der Gewalt der berüchtigten Lucrezia Borgiga, welche ſie haßte, weil ſie ihr die Liebe des Deutſchen ent⸗ zog; auch Michel Angelo tritt handelnd auf und zwar als Heinrich's Freund und Beſchützer; auf dieſe Weiſe iſt denn die Geſchichte in der That zu einem Roman ver⸗ wandelt. Freilich ſind unter ſolchen Umſtänden die Cha⸗ raktere nicht beſonders ſcharf gezeichnet, mit Ausnahme des Propheten, aber die Mannigfaltigkeit der Handlung erſetzt dieſen Mangel vollſtändig und eine Schilderung von Geiſt und Poeſie überſchüttet das Ganze mit einem ſo lieblichen Duft, daß man das Buch mit wahrhaftem Vergnügen liest. Franckh'ſche Verlagshandlung. Medieis III von heſchichte in die⸗ Braut, Borgia, hen ent⸗ nd zwar Weiſe iſt nan ver⸗ 4 die Cha⸗ usnahme Handlung hilderung nit einen hrhaftem mdlung.