Leih deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Otftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen. 1. 0Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———— auf 1 Monat: 1 Mr. Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 2 2„— 8— 16 1 5. Auswürtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Verlag der Franckh' ſchen Buchhandlung. 1845. Zuſta⸗ ſtad u ſinn u mal! Paſſa Phleg prüft 8 bald jedoch daß d mit ſ Schu Spal alle liſtig aben durch durch denn daß Erſtes Kapitel. Zuſtand der Dinge vor und nach der Ankunft Pauls in die Welt, ſowie ſein erſter eigener Entſchluß. Der Seeweg innerhalb der Scheren zwiſchen Ström⸗ ſtad und Göteborg zeichnet ſich aus durch einen Eigen⸗ ſinn und eine Launenhaftigkeit, welche mehr als ein⸗ mal während der Fahrt nicht nur die Geduld der Paſſagiere, ſondern ſelbſt die Ruhe und das bekannte Phlegma der würdigen Herren Holzſchutenpatrone ge⸗ prüft hat. Dort iſt ein unerträgliches Kreuzen hin und herz bald widriger Wind und Sturm, bald guter Wind, jedoch entweder mit ſo plötzlich eintretender Windſtille, daß der gute Wind zu nichts gedient hat, oder auch mit ſo ſtarken Orkanen und Wellenſchlägen, daß die Schute zitternd in ihren Fugen kracht und gleich einem Spane auf den erzürnten Wogen geſchaukelt wird. Und alle dieſe Gegenſätze ſchleichen ſich ſo dicht und hinter⸗ liſtig daher, daß die ganze Reiſe faſt mit einem Schmuggler⸗ abenteuer zu vergleichen iſt, bei welchem man ſich nur durch tauſend Berechnungen und Schwierigkeiten hin⸗ durch windet. Doch in einem Punkte hinkt dieſes Gleichniß, denn während der kühne Schleichhändler lieber, als daß er ſeine verwegene Fahrt verzögert, den Launen der Winde und der Wuth der Elemente trotzt, ſo legt ſich der friedliche Holzſchutenkapitän ruhig vor Anker an einen der unzähligen Plätze, welche die Scheren in dieſen Fällen darbieten. Und die Paſſagiere, welche während der Reiſe über den Sote⸗fjord— das ränke⸗ vollſte und verrätheriſchſte Fahrwaſſer auf dem ganzen Wege— ſchon gute Gründe zu haben glaubten, an ihre letzte Rechnung mit dem Leben zu denken, begrüßen jetzt mit einem Entzücken, welches das herrlichſte Natur⸗ bild ihnen noch nie hat entlocken können, einige nackte Klippen, einige armſelige Fiſcherhütten. Dieſen kleinen Punkt, welchem ſie bei gutem Winde und ruhigem Wetter auf threr Vorbeifahrt höchſtens einen mitleids⸗ vollen Seufzer gewidmet haben würden, eben dieſen Punkt nennen ſie jetzt ein Elyſium, weil es dort ein Gut gibt, nach welchem ſie ſich mit Leib und Seele ſehnen, nämlich Land. Viele ſolche Stellen von beſſerer und ſchlechterer Beſchaffenheit entdeckt man zwiſchen oben genannten beiden Ortſchaften, und ſo mangelhaft auch die Reſtau⸗ ration ſein kann, welche ſich dort darbietet, ſo nimmt man doch mit derſelben dankbar fürlieb. Dort gibt es auch Stellen, bei welchen die Bootſchiffer ſo gewohnt ſind, anzulegen, und perſönliche Ladung einzunehmen, daß ſie ſelbſt mit Gefahr, den guten Wind zu ver⸗ lieren, ſich kaum enthalten können, auf einen Augen⸗ blick einzuſprechen, beſonders wenn ein beunruhigender Mangel in den Branntweinsanker entſtanden iſt— in dieſem unentbehrlichen Hausgeräthsartikel, deſſen ſich die Leute ſtets als Kopfkiſſen in den Kojen bedienen. In den Hafen eines ſolchen Elyſiums laufen wir jetzt ein. Aber ſicherlich iſt eine langwierige und lang⸗ weilige Holzſchutenreiſe erforderlich, um die Phantaſie zu einer ſolchen Höhe empor zu treiben, daß man ver⸗ meinen kann, hier unter dieſen kahlen, rauhen Klip⸗ pen, dieſen glühendheißen Sandflecken etwas zu finden, das nur dem entfernteſten Begriffe des Wortes„Com⸗ fort e erwähn lichſten tem W ſpruch Be einem Schere Wände len He ſah nit übriger des El kochere gerniß Dinge gering Anhän zt, ſo legt vor Anker ſe Scheren re, welche as ränke⸗ em ganzen ubten, an begrüßen ſte Natur⸗ nige nackte ſen kleinen ruhigem mitleids⸗ ben dieſen s dort ein und Seele ſchlechterer rhannten e Reſtau⸗ 4 nimmt Dort gibt ſo gewohnt zunehmen, d zu ver⸗ en Augen⸗ ruhigender iſt— in deſſen ſich bedienen. aufen wir und lang⸗ Phantaſie man ver⸗ hen Klip⸗ zu finden, es„Com⸗ fort“ entſpricht. Es iſt inzwiſchen unſere Pflicht, zu erwähnen, daß unſer Elyſium zu den allerjämmer⸗ lichſten gehört, und daß man daſſelbe nur bei ſchlech⸗ tem Wetter oder anhaltend ungünſtigem Winde in An⸗ ſpruch nimmt. Bei den Ruinen der ehemaligen Thrankocherei, einem Ueberbleibſel aus dem goldenen Zeitalter der Scheren*) lag eine alte Hütte, um deren geflickte Wände der ſalzige Schaum des Cattegat ſchon in vie⸗ len Herbſten ſeine Galle ausgeziſcht hat. Das Haus ſah nicht gerade beſſer oder ſchlechter aus, als alle übrigen, aber dennoch umſchloß es die„Haute⸗Volée“ des Elyſiums, die Wittwe und den Sohn des Thran⸗ kocherei⸗Buchhalters Johann Wärning, eines Mannes, der es ſo wenig verſtanden hatte, ſich des Vortheiles zu bedienen, während des goldenen Zeitalters gelebt zu haben, daß er einige Jahre ſpäter, nachdem die Thrankocherei aufgehört hatte, ſich gezwungen ſah, eine Art Schule anzulegen, in welcher die kleinen, auf⸗ wachſenden Wilden, anſtatt beſtändig die phyſiſchen Kräfte zu prüfen, eine Bekanntſchaft mit ihren intel⸗ lektuellen Vermögenheiten machen konnten. Kein Menſch hatte von dem ſeligen Wärning je ein böſes Wort zu ſagen gehabt. Er gehörte in ſeinen Zeiten zu dieſen guten Menſchen, die Niemanden Aer⸗ gerniß geben, die aber auch am wenigſten von allen Dingen für ſich ſelbſt taugen, und die nicht das Aller⸗ geringſte dagegen einzuwenden haben, daß ſie ſtets ein Anhängſel bleiben. Natürlicherweiſe wurde Waͤrning zu allererſt ein Anhängſel ſeiner Frau. Sie, die arme, aber raſche Tochter des Kapellenpredigers, meinte, es wäre Schade, daß der arme Mann ſo allein und hülf⸗ *) Dieſes ſo lang erſehnte goldene Zeitalter ſcheint jetzt wiederkehren zu wollen, denn in den letzten Jahren iſt in den Bohunslän'ſchen Scheren eine außerordentliche Menge Häringe gefangen worden. Anmerk. d. Ueberſ. los leben ſollte; und da ſie es für abgemacht hielt, daß er während ſeiner Dienſtzeit bei der Thrankocherei ein kleines anſtändiges Vermögen geſammelt, und nur in der würdigen Abſicht, ſeinen Mitmenſchen zu dienen und ſie aufzuklären, die Mühe mit der Schule über⸗ nommen hätte, ſo ließ ſie nach einigen verunglückten Verſuchen, ſeine allzubeſcheidene Flamme anzufachen, eine offenere Unterhandlung folgen. Das Reſultat der⸗ ſelben war, daß ſie einen Mann bekam, der ſo gut und ſo ſanft war, wie nur je einer ein Raſiermeſſer in die Hand genommen hatte; aber das war auch alles: das klingende Vermögen beſtand nur in einigen anſpruchsloſen„Platenſtücken.“*) Dieſes ereignete ſich in dem zweiten Jahre der Schule. In dem dritten erblickte der Sohn Paul das Licht der Welt. Und da Wärning nach dieſer merkwürdigen Kataſtrophe von ſeiner Frau oft in Anſpruch genom⸗ men wurde, mit ſeinem Schulmeiſteramte das eines Kindermädchens zu vereinigen, ſo hatte er einen trif⸗ tigen Grund, den einen Theil ſeiner Dienſtpflicht los zu werden, der den ſanften Mann von allen am meiſten plagte, nämlich die Ablohnung an die Jungen für Unarten und Faulheit. Frau Wärning hatte den vorher höchſt ſelten in Gebrauch geweſenen„Meiſter Erich,**) eine recht an⸗ ſtändige Karbatſche, in Ordnung gebracht; ſie hatte dieſelbe mit eigenen Händen geflochten und über der *) Ein Platenſtück(Platsiycke) iſt eine ältere viereckige Kupfermünze von ungleichem Werthe; gewöhnlich rech⸗ net man ſie zu 16 Schillingen. Anmerk. d. Ueberſ. So heißt die Karbatſche, vor welcher ſich Jeppe auf dem Berge in dem Luſtſpiele dieſes Namens von dem Dä⸗ nen Holberg am meiſten fürchtete, weil ſeine Frau die⸗ ſelbe gegen ihn auf eine nachdrückliche Weiſe zu ſchwin⸗ gen verſtand. *ℳ Anmerk. d. Ueberſ. Ruthe lung 9 ſeine vin fu ſtreng müß den E mehr ben. zu E Gu geſetz ihr 2 viel zu de war, verd acht hielt, ankocherei „ und nur zu dienen zule über⸗ unglückten inzufachen, ſultat der⸗ der ſo gut aſiermeſſer war auch in einigen Jahre der l das Licht kwürdigen ch genom⸗ das eines einen trif⸗ tpflicht los allen am die Jungen t ſelten in e recht an⸗ ; ſie hatte d über der ee viereckige öhnlich rech⸗ Ueberſ. ppe auf dem on dem Dä⸗ ne Frau die⸗ ſe zu ſchwin⸗ d. Ueberſ Ruthe aufgehängt, welche nur bei der jüngſten Abthei⸗ lung der Schule angewendet wurde. Nie ſchwitzte der gute Wärning ärger, als wenn ſeine Frau— welche, während ſie faſt wie eine Skla⸗ vin für das Beſte des Hauſes arbeitete, zugleich eine ſtrenge Aufſicht über die Schule hielt— erklärte, er müßte den Erich nehmen. Er gehorchte; aber bei den Schlägen, die er austheilte, litt ſein eigenes Herz mehr, als die Rückenknochen und Schultern der Kna⸗ ben. Nichts deſtoweniger mußte die Gerechtigkeit bis zu Ende gehandhabt werden; denn ſo gewiß, wie Frau Guſtafwa Wärning dieſes wichtige Geſchäft nie ohne geſetzliche Gründe anbefahl, eben ſo gewiß durfte auch ihr Mann an keine Oppoſitionsidee denken und noch viel weniger dieſelben ausführen. Inzwiſchen, da Wärning jetzt, wie eben erwähnt, zu dem Dienſte einer Kinderwärterin befördert worden war, ſo übernahm ſeine raſche Frau oben berührtes, verdrießliches Geſchäft. Und während Wärning mit dem kleinen Paul auf dem linken Arm und dem Kate⸗ chismus in ſeiner rechten Hand zwiſchen den Bänken fragend auf⸗ und abging, konnte hinter ſeinem Rücken auch nicht der geringſte Unfug paſſiren, ohne daß Frau Wärning— mochte ſie nun mit dem Spinnrade, dem Webeſtuhl oder Kardenſchemel beſchäftigt ſein— es ſogleich merkte und mit ruhiger, aber doch kraftvoller Stimme ihr:„Halt!“ rief. Bei dieſem einfachen, aber bedeutungsſchweren Worte fühlten die Kinder gleichſam einen Stich in der Herzgrube, denn ſie wußten nur zu gut, daß es das Zeichen einer Begrüßung von den eigenen kraftvollen Händen der guten Frau war, welche, planmäßig den Wangen der Knaben applicirt, nicht viel weniger Reſpekt hinterließen, als ſelbſt Meiſter Erich in höchſt eigener Perſon. Nicht ſelten zog ſich Wärning ſelbſt unter ähn⸗ lichen, ſchnell entſtehenden Auftritten einen ſtrengen Blick, ein ernſtes, zurechtweiſendes Wort zun wenn er — ——y y— — was im Schrecken oft geſchah— den unterſten Theil des Mantels fallen ließ, in welchen der Knabe ge⸗ hüllt war, und ihn auf dem Fußboden hinter ſich her⸗ ziehend, die Bänder abtrat oder die rein gewaſchene Oberfläche deſſelben beſchmutzte. Schlimmer wurde es jedoch, wenn einer der Knaben auf der erſten Bank, natürlicher Weiſe ganz zufällig, den Fuß auf die Mantelſchleppe ſetzte, und Wärning, welcher ungeach⸗ tet des Widerſtandes ſeinen ruhigen Gang fortſetzte, plötzlich den kleinen Paul faſt eben ſo unbemäntelt in ſeinen Armen hielt, wie er zur Welt gekommen war. „Mein Gott!“ rief da Frau Wärning, und riß mit der einen Hand den Knaben zu ſich, indem ſie mit der andern den Mantel aufnahm und Paul wieder in das Innere deſſelben ſteckte;„ich begreife nicht, wie ein Menſch ſo im Schlafe gehen kann— kannſt Du es denn nie lernen, den Mantel aufzuhalten, wie ich's Dich gelehrt habe?“ „Ja, ja, liebe Guſtafwa, das war allzu dumm! Ich weiß nicht, wie es zuging.“ Und ſeinen Sohn und den Katechismus wieder nehmend, fnhr Wärning in ſeiner Runde fort. Auf dieſe Weiſe hin und hergeworfen zwiſchen den Katechismus und der Ruthe— die Gebote jenes von den ſanften Lippen des Vaters erklärt, der Nutzen die⸗ ſer durch die faſt tägliche Uebung der Mutter bewieſen — verlebte Paul ſeine erſte Jugend. Er liebte unend⸗ lich ſeinen Vater, denn dieſer war geneigt, alles zu thun, was er wünſchte; aber er liebte wo möglich noch mehr ſeine Mutter, welche nichts anderes that, als was ſie für Paul's eigenes Beſtes für nützlich und rathſam erachtete. Sie war ein verſtändiges Weib, dieſe Frau Wärning, und fand bei Zeiten Grund, die Zäume der Erziehung zu ergreifen, welche von ihrem Manne allzu lahm gehandhabt wurden. Und dieſes war das Glück des jungen Paul, weil er zwar bis zu einem gewiſſen Grade etwas von der Sanftmuth ſeines 8 ſo ganz ſen der mögens in der liche Ie In Vorzug. und lel man vr lern erl gend ei Liede,„ ganz no oder eit Fiſcherd Epoche dieſe w ein an ter in( die Eir Lebens Sehnſuc zu eng, haufen plätzchen das wei dem Lau dern, S Dinge in Theil abe ge⸗ ſich her⸗ vaſchene urde es Bank, zuf die ingeach⸗ ertſetzte, ntelt in n war. ind riß ſie mit eder in ht, wie nſt Du ie ich's dumm! hn und ing in ſen den es von en die⸗ wieſen unend⸗ lles zu ch noch t, als h und Weib, dd, die ihrem dieſes ar bis tmuth ſeines Vaters in ſeinem Charakter hatte, dieſes jevoch ſo ganz verwebt mit dem kraftvollen und ſtarken We⸗ ſen der Mutter, daß er ſo ziemlich des glücklichen Ver⸗ mögens der Frau Wärning bedurfte, gewiſſe Härten in der Seele zu erweichen und dieſelbe unter das nütz⸗ liche Joch des Gehorſams zu beugen. In Einem gab jedoch Paul ſeinem Vater den Vorzug. Dieſer ſang ſo ſchöne und prächtige Lieder und lehrte daneben Paul alle die Lieder ſingen, die man von umherwandernden Lieder⸗ und Sagenhänd⸗ lern erhalten konnte. Und Wärning erfand immer ir⸗ gend eine alte Melodie, welche zu jedem beliebigen Liede,„gedruckt in dieſem Jahr“ paßte. Es war daher ganz natürlich, daß die Ankunft jedes Lumpenſammlers oder eines andern gleichbedeutenden Reiſenden in dem Fiſcherdorfe, wenn er ſolche Raritäten mitbrachte, eine Epoche in Paul's Leben bildete; und ſein Entzücken, dieſe wundervollen und merkwürdigen Hiſtorien zu leſen und zu ſingen war ſo groß, daß er jeden Umher⸗ träger ſolcher und ähnlicher Herrlichkeiten als eines der glücklichſten unter Gottes geſchaffenen Weſen anſah. Bisweilen gab ſich Paul der unwiderſtehlichen Macht der Phantaſie hin, und da ſah er immer, wie er frei und ſingend mit einem großen, ungeheuer gro⸗ ßen Bund Sagen und Lieder unter dem Arme und ein an dem Stocke gehängter Bündel unter der Schul⸗ ter in Gottes weiter Welt umherwanderte. Je ſtärker die Einbildung die Schönheit und die Freude dieſes Lebens ausmalte, um ſo mehr brannte das Herz vor Sehnſucht nach demſelben. Da wurde ihm die Hütte zu eng, und er eilte hinaus, um ſich auf einen Stein⸗ haufen bei den Ruinen zu ſetzen, welche ſein Lieblings⸗ plätzchen waren. Indem er hier ſeinen Blick begierig das weite Meer überfahren ließ, träumte er froh von dem Lande an den Seitenufern, und wie er in Wäl⸗ dern, Sümpfen und Moräſten wandern wollte, welche Dinge er nur aus Erzählungen kannte, und gewöhn⸗ lich ſah er ſich ſelbſt auf dieſen Luſtwanderungen als den Helden bald in dem einen, bald in dem andern Abenteuer der Sagen. Wärning war weit entfernt, zu ahnen, daß ſein Sohn ähnliche Luftreiſen machte: in dieſem Falle würde er wohl nicht ſo gerne die ſchönen, oft rührenden Me⸗ lodien mit ihm geſungen haben. Aber Wärning glaubte, Paul hätte fie gleich ihm in demſelben Augenblicke ſchon wieder vergeſſen, da das„Lied“ zu dem andern auf das Brett gelegt wurde. Von ſeiner früheſten Kindheit an zeigte Paul eine entſchiedene Vorliebe für die See, und hätte er ſelbſt über ſich entſcheiden dürfen, ſo hätte er ohne Zweifel dieſes für alle Scherenſöhne ſo gewöhnliche und natür⸗ liche Gewerbe gewählt. Doch Frau Wärning ſagte hiezu ein für alle Mal ein kräftiges und ernſtes Nein. Sie war Zeugin allzuvieler Unglücksfälle im Seehandwerke geweſen, als daß ſie nicht hätte die tiefſte und ſtärkſte Furcht empfinden ſollen, ihren einzigen Sohn, ihr ein⸗ ziges Kind einem ſolchen Leben zu weihen. Und ein ſo ſtarkes Weib ſie übrigens auch war, ſo fühlte ſie doch eine Unruhe, wenn nur Paul bei der gewöhnlichen Herbſtfiſcherei, die doch für das Bedürfniß des Hauſes unumgänglich nothwendig war, zu lange ausblieb. Da man alſo beſchloſſen hatte, daß Paul nicht für die See beſtimmt ſein ſollte, obgleich ſein ganzer kraftvoll gebauter Körper und ſein hurtiger und ver⸗ wegener Sinn ihn ſtets als einen ergebenen Sohn des Meeres ſtempelten, ſo ſuchte der Vater ihm um ſo mehr Kenntniſſe im Rechnen und Schreiben beizubrin⸗ gen; denn mit einer Fertigkeit in dieſen Stücken glaub⸗ ten ſowohl Wärning, als auch ſeine Frau, würde es leicht werden, ihn in einem Laden unterzubringen. Aber früher, als man an Auswege gedacht hatte, dieſen Plan ims Werk zu ſetzen, erkrankte Wärning, und die kleine Familie, die ſelbſt während der ſogenannten Blüthen⸗ periode der Schule in ſtrenger Eingezogenheit gelebt ausdrue die Ge Loos g geweſer Zurückt N den ei Dahine ſie nach ſtand war d Mutter den E D nicht 1 jung, neulich ihm a Gehör ſelbſt ſelten kurzen drauße kam d Aber voll a K haftes haben oft ſie ngen als n andern daß ſein lle würde nden Me⸗ glaubte, agenblicke andern Paul eine er ſelbſt Zweifel nd natür⸗ aagte hiezu ein. Sie handwerke id ſtärkſte „ihr ein⸗ Und ein fühlte ſie wöhnlichen es Hauſes zlieb. Jaul nicht in ganzer und ver⸗ Sohn des m um ſo beizubrin⸗ en glaub⸗ würde es gen. Aber eſen Plan die kleine Blüthen⸗ heit gelebt 15 hatte, kam jetzt, da die Schule aufhören mußte, auf eine Diät, die an eine Hungerkur gränzte. Zu allem Glücke wurde Wärning endlich von ſei⸗ nen ſtillen, zehrenden Bekümmerniſſen befreit, über welche er zwar nie klagte, die er jedoch tief fühlte. Nachdem er für ſeinen Liebling warm gebetet, ihn ge⸗ ſegnet und mit einem ſanften Händedruck und einem ausdrucksvollen Blicke ſeiner Frau für die Treue und die Geduld gedankt hatte, womit ſie das wenig frohe Loos getheilt hatte, das er ihr zu bieten im Stande geweſen war, ging er zur Ruhe, und hinterließ die Zurückbleibenden in Unruhe. Nachdem Mutter und Sohn mit heißen Thränen den einſamen Rosmarin, den ſie auf das Grab des Dahingeſchiedenen gepflanzt, begoſſen hatten, begannen ſie nachzudenken, was nun zu thun wäre. Paul's Ver⸗ ſtand berechtigte ihn ſchon in ſo jungem Alter— er war damals dreizehn Jahre alt— hierüber mit ſeiner Mutter zu Rathe zu gehen. Und endlich faßte man den Entſchluß, die Schule von neuem zu öffnen. Das geſchah denn auch wirklich. Aber es wollte nicht recht in den Gang kommen. Paul war noch zu jung, um auch nur eine Idee von Reſpekt von ſeinen neulichen Kameraden erhalten zu können. Und wenn ihm auch Frau Wärning mittelſt der alten Methode Gehör verſchaffte, ſo war ſie dennoch leider genöthigt, ſelbſt zu erkennen, daß es ſchlecht ginge, da es nicht ſelten geſchah, daß ſie bei der Zurückkunft nach einer kurzen Abweſenheit den Lehrer mit ſeinen Schülern draußen in den Bergen in vollem Spiele antraf. Reuig kam da Paul zurück und übernahm die ganze Schuld. Aber Frau Wärning ſchüttelte den Kopf, ſah kummer⸗ voll aus und ging hinein. Dieſes griff weit tiefer in Paul's jugendlich leb⸗ haftes und offenes Gemüth, als alle Strafen vermocht haben würden. Und mit ahnendem Kummer fragte er oft ſich ſelbſt und auch ſeine Mutter, woher es käme, ———— daß ſie jetzt ſo viel mehr Geduld hätte, als früher, und warum ſie ſo wäre, wie ſie war. Auf ſolche Reden antwortete ſie bisweilen nur mit einem Seußzer, bisweilen that ſie, als hörte ſie nicht, ſondern bat Paul, an ſeine Arbeit zu gehen, während ſie ſelbſt auf jede nur erdenkliche Weiſe üte ihr Auskommen arbeitete. Aber der Auswege wurden immer wenigere, und Armuth zu ſtrenge. Arbeit und Bekümmerniſſe für Paul's Zukunft erſchöpften endlich in Verein mit der Trauer über den Verſtorbenen, den ſie unaufhörlich vermißte, die Kräfte des armen Wei⸗ bes. Die Schule blieb zum zweiten Male ſtehen, und jetzt konnten ſie nur durch Paul's eifrige Fiſcherei das Leben friſten. An den Tagen, da die Fiſcherei nicht gehen wollte oder nicht gehen konnte, ſammelte er Moos in den Bergen, und kein Herz ſchlug ſeliger und ſtolzer als Pauls, wenn er, ohne daß die Mutter etwas davon wußte, das Glück gehabt hatte, einen kleinen Vorrath zu ſammeln, den er durch Tauſchhandel in Mehl ver⸗ wandelte. Wenn nun die bleiche, abgezehrte Mutter freundlich und dankbar lächelnd die dünnen Brodkuchen ausbreitete und ſie ſelbſt auf dem Herde buk, da fühlte er etwas in ſeinem Innern, das zu ſelig war, als daß er nur hätte den Verſuch machen ſollen, zu erfor⸗ ſchen, was es eigentlich war. Ach, hätte er nur immer etwas zum Backen ſchaffen können! Aber der Winter kehrte wieder ein— es war der zweite nach dem Tode des Vaters. Schnee bedeckte das Moos, Eis hinderte die Fiſcherei, und mit Verzweiflung im Herzen arbeitete Paul gegen dieſe ſeine übermächtige Feinde an. An einem Nachmittage kämpfte er länger und anhaltender als je, mußte aber dennoch mit leeren Händen nach Hauſe gehen. Frau Wärning blickte hervor hinter den noch im⸗ mer reinlichen, wenn auch zu Flor verdünnten Bett⸗ gardinen. ſtand ſie „Me die da be⸗ lich ihm Pau. ſtehenden Mutter e an das mit aller Käſtchen fich auf d Dieſ purden lit und endlich wollte n den er als davon vorrath öl ver⸗ Mutter bkuchen fühlte , als erfor⸗ immer ar der edeckte d mit r dieſe nittage e aber ch im⸗ Bett⸗ 1 17 gardinen. Als ſie Paul's traurigen Blick ſah, ſo ver⸗ ſtand ſie alles, auch ohne ſeine leere Hand zu ſehen. „Mein armer Paul!“ ſagte ſie mit einer Stimme, die da bezeugte, daß der Schmerz der Entbehrung eigent⸗ lich ihm galt. Paul trat an das Bett, ſetzte ſich auf den daneben ſtehenden Schemel und legte den Kopf auf die Kante der Matratze. „War es das Letzte, das wir heute Mittag hatten?“ „Dort ſtehen noch ein paar kalte Kartoffeln auf der Mauer.“ „Ich bin gar nicht hungrig.“ „Ich auch nicht, mein liebes Kind.“ Sie ſchwiegen Beide, und Paul ſaß ſtill, bis die Mutter entſchlummert war. Dann aber ſchlich er ſich an das entgegengeſetzte Ende des Zimmers und holte mit aller möglichen Bedächtigkeit ein kleines, blaues Käſtchen hervor, machte daſſelbe auf und ſtellte es vor fich auf den Tiſch. Dieſes Käſtchen enthielt Pauls ſämmtliche Koſt⸗ barkeiten. Zuoberſt lag die Rechentafel mit einer lan⸗ gen Schnur, an welche der Haſenfuß mit dem Griffel von der eigenen Hand ſeines Vaters feſtgebunden war. Demnächſt zeigte ſich ein kleiner Spiegel, eingefaßt in einen blauen Papprahmen mit vergoldeter Kante und eingewickelt in ein buntes und vielfarbiges Seemanns⸗ halstuch, welche beide Raritäten, ſowohl der Spiegel als auch das Halstuch, Paul für einige kleine Hand⸗ reichungen von Seefahrern zum Geſchenk erhalten hatte, die bei dem Fiſcherdorfe an's Land gekommen waren. Jetzt folgten in der Ordnung drei Vorhemden, an der Bruſt von ſeiner guten Mutter ausgeſtickt, zwei ſilberne Schuhſchnallen, ehedem ſeinem Großvater von mütter⸗ licher Seite zugehörig und ein paar fremde Münzen von unbekanntem Werthe, welche Paul bei der außer⸗ ordentlichen Gelegenheit erhalten hatte, da ein großes Fahrzeug in ihrem Hafen geaukert hatte, um ſich von Paul Wärning. 1. 2 einem harten Sturm zu bergen. Zu dieſen Schätzen geſellte ſich der Katechismus des ſeligen Vaters, den dieſer ſo viele Jahre lang gebraucht hatte, den Paul jedoch ſogleich mit den Fragmenten einer Karte ſotg⸗ fältig umwickelt, mit zarter Sorgfalt auf die Seit legte, und nun holte er— denn ſie hatten jetzt lang geruht— von unten hervor ſeine Lieder und Sagtt ein kleines Bund, welches für ihn das reichſte Ven gnügen enthielt, ſelbſt wenn er nicht Zeit hatte zu meßf als zu ihrer Betrachtung. Nachdem Paul ſein ganzes kleines Vermögen M dem Tiſche ausgebreitet und jede Sache beſonders übe ſchaut und mit einem tiefen Seufzer das eine zu den andern gelegt hatte, machte er von Allem— die So⸗ gen mit einberechnet— ein kleines Packet und ſtech es in den kleinen Beutel, in welchem er Mehl zu holn pflegte. Darauf ſuchte er aus dem Winkel den Stut ſeines Vaters hervor, hängte ſeine Mütze und den Be⸗ tel auf denſelben und ging dann, ohne eine einzige der erwähnten kalten Kartoffeln zu koſten, mit leerem Magen und ſchwerem Herzen zur Ruhe. Am folgenden Morgen ſtand er früh vor dem Bette der Mutter. Und nachdem er ihr die auf Koh⸗ len geröſteten Kartoffeln und drei kleine, von einem glücklichern Kameraden geliehenen Weißlinge gezeigt hatte, ſagte er, er wollte ausgehen, und bat die Mut⸗ ter, nicht unruhig zu werden, wenn er erſt ſpät gegen Abend zurückkehrte. In der Ueberzeugung, daß Paul bei den Nach⸗ barn eine kleine Arbeit zu verrichten hätte, nickte die Mutter einen freundlichen Beifall, ohne ſein Vorhaben durch Fragen zu ſtören. Paul aber, welcher jeden Au⸗ genblick die ſchlimmſte Frage:„Du gehſt wohl nich aus dem Fiſcherdorfe?“ fürchtete— eine Frage, di jedoch der Frau Wärning nicht in den Sinn kam, wer Stock und Beutel draußen ſchon in Sicherheit ware — beeilte ſich mit ſeinen kleinen Geſchäften, die noch vorh nicht eher war, um teuer zu Gedanken Aber nicht ſo a gedacht he ſingend u Sorge im ſo unbede ein wenig traktirt ho dienſt zu einzuſehen — doch im ſeres mitt Glauben. Um Paul erſt nen. Don und den 2 ſteckt, mit Beſchre Eine zjaben, 1 leſen Schützen Vaters, dan te, den Paul r Karte ſot uf die Sei en jetzt lam eund Sage reichſte Vei hhatte zu men Vermögen eſonders übe s eine zu den m— die Sh ket und ſtech Mehl zu holn kel den Stat und den Bei⸗ eine einzige der , mit leerem h vor dem wdie auf Koh⸗ ne, von einem ißlinge gezeigt Hbat die Mut⸗ erſt ſpät gegen früh bei den Nach⸗ itte, nickte die ſein Vorhaben lcher jeden Au⸗ ehſt wohl nich⸗ ine Frage, di Sinn kam, wer cherheit ware häften, die noch vorher zu verrichten gezwungen war, und war nicht eher ruhig, als bis er aus der Hütte getreten war, um ſich auf ſeine erſte Reiſe, ſein erſtes Aben⸗ teuer zu begeben— zwei Begriffe, die nach Paul's Gedanken völlig gleichbedeutend waren. Aber ach! der arme Paul trat ſeine Wanderung nicht ſo an, wie er ſich einſt einen ſolchen Augenblick gedacht hatte, nämlich mit frohem und gutem Muthe, ſingend und hurtig, ſondern im Gegentheil mit der Sorge im Herzen und der Thräne im Auge, auch nicht ſo unbedeutend hungrig; denn einige Stücke Brod und ein wenig geſalzener Fiſch, womit die Nachbarin ihn traktirt hatte, da er ſie bat, ihm den Freundſchafts⸗ dienſt zu erzeigen und ein Paarmal bei ſeiner Mutter einzuſehen, war der ganze Vorrath, den er mitnahm — doch wir dürfen nicht vergeſſen, daß er etwas Beſ⸗ ſeres mitnahm: ein warmes Gebet und einen feſten Glauben. Um ſeine große Wanderung zu beginnen, ging Paul erſt nach dem großen Steinhaufen bei den Rui⸗ nen. Dort hatte er früh Morgens ſowohl den Stock und den Beutel, als auch einige Kleidungsſtücke ver⸗ ſteckt, mit denen er ſich gegen die Kälte ſchützen wollte. Zweites Kapitel. Beſchreibung der alten„Gevatterin.« Kampf nuſeres Helden mit drei jungen Hottentotten. Eine Meile ſüdlich von dem Orte, den wir beſucht jaben, lag ein anderes Elpfium, im Range ſo hoch über Paul's Geburisort erhaben, als der Abſtand gri die Einſan iſt zwiſchen einer mächtigen Obſthändlerin, die übz gleiteten, mehre Tiſche regiert, und ihre anſpruchsloſe Nachbam gelben, ve mit den Beſen und Tannenzweigen. Man ſah au Felſen gehe während der Jahreszeit, da die Schifffahrt im beſn ben, um Gange iſt, ganze Reihen von Holzſchuten und klein ſpeculirend Segelbooten, ja ſelbſt bisweilen eine Schaluppe odn dere, den einen Schooner auf ſeiner Rhede vor Anker liegn eintauſchter Und ohne Unterlaß die Riemen der kleinen Boote un Doch Kähne, in welchen die rüſtigen Seegäſte ſich zwiſcht ches, um i den Schuten und dem Lande hin⸗ und herbewegten. legirter Kr Das Elyſium war kein Fiſcherdorf, in welchn drucksvoller ſich viele Haushaltungen zuſammengeſchlagen haben, n unzähligen an der Freigebigkeit der Meeresfrau zu ſaugen, net Leute dort hier ſtand nur ein einziges Haus— dieſes aber wiauch zum? dagegen, wenigſtens dem Aeußern nach, ein wirklicht Zu de Haus, urſprünglich gelb von Farbe, und verlegt zu eine achtun ſchen zwei rieſige Felſen, unter deren Schutze es ruß auf Lebens dem Geheul und dem Unweſen der Herbſtſtürme trotz welcher ehe konnte. Das ganze Terrain um dieſe Wohnung kom ten Hande kaum ein Holm, noch viel weniger eine Inſel heißn Scheren ge eher war es nur eine einzige gewaltige Klippe, dund geſchn vielleicht in uralter Zeit mitten entzwei geborſten u gerichtet h und dadurch ſo viel Platz gelaſſen hatte, daß man daß Zeitalters ein Haus hatte aufbauen können. tirtes Lage Alle Vegetation, die dort zu finden war, muf welches vo man auf einem hinter dem Hauſe belegenen dreieckig Orte aufge Schnipflein ſuchen, welches mit einem Beete Bohnm daß nach d einem Beete Mohrrüben und drei magern Stachelben Privilegier büſchen prunkte. Uebrigens aber, ſo weit das Au ſollten. reichen konnte, nichts anderes, als Waſſer, Klippen m Frau Berge, und dieſe geplündert bis auf das letzte Mon Kunden, u welches die kleinen mageren Finger der Scheerenkin— längſt abgekratzt hatten, um von dem Stoffe deſſelbe den glänzenden Halstüchern einen Beſtandtheil zu ſchee) Die ken, in welche reiche Damen ihre Reize hüllen, u nicht ahnen, wie viele bittere Seufzer und Thräne 21 Abſtand gro die Einſammlung dieſes Beitrages zu ihrem Luxus be⸗ in, die übe gleiteten, nicht daran denkend, wie alle dieſe kleinen oſe Nachban gelben, verhungerten Weſen ſich mit Begierde an die Nan ſah au Felſen gehängt und das Leben und Glieder gewagt ha⸗ hrt im beſt ben, um dies koſtbare Gewächs zu erhalten, welches n und klein ſpeculirende Handelsagenten aufkauften oder gegen an⸗ Schaluppe odn dere, den Scherenbewohnern unentbehrliche Waaren Anker liegm eintauſchten.*) lien Boote un Doch wir kehren zurück zu dem gelben Hauſe, wel⸗ e ſich zwiſcht ches, um in gewöhnlicher Sprache zu reden, ein privi⸗ herbewegten, legirter Krug iſt und noch heutiges Tages einen aus⸗ ,in welche drucksvollen Namen Knipps führt, gewiß zufolge der gen haben, m unzähligen Knippſe oder kleinen Schnäppſe, welche die ſaugen, nei Leute dort einnehmen, ſowohl zum Willkommen, als eſes aber mi auch zum Abſchiede. ein wirkliche Zu den Zeiten unſrer Erzählung beſaß dieſen Ort d verlegt zu eine achtungswerthe Firma in Göteborg, war jedoch chutze es rußt auf Lebenszeiten der Wittwe eines Mannes verliehen, ſtſtürme trotz welcher ehedem die Aufſicht über mehrere, dem genann⸗ Vohnung kom ten Handelshauſe gehörigen Thrankochereien in den e Inſel heiße Scheren gehabt hatte, und welcher Mann, glicklicher ige Klippe, d und geſchmeidiger, als der ſelige Wärning, es ſo ein⸗ geborſten wi gerichtet hatte, daß er nach dem Ende des goldenen 2, daß man da Zeitalters oder der Häringsfiſcherei, ſich ein hübſch ſor⸗ tirtes Lager zu einem Wirthshauſe anſchaffen konnte, en war, muf welches von ſeinem Patron an dieſem wohlbelegenen eenen dreieckig Orte aufgeführt wurde, gleichwohl mit dem Vorbehalte, Beete Bohn daß nach dem Tode des Larsſon und ſeiner Frau die ern Stachelben Privilegien an den Inhaber der Firma zurückfallen weit das Au ſollten. ſer, Klippen um Frau Larsſon— ihren ſämmtlichen vertrauteren as letzte Mon Kunden, und ihrer waren Legion, unter der anſpruchs⸗ r Scheerenkindt Sof defßns) Dies jetzt ſeltene Moos wurde ehemals in großer Menge 3 4 nach England ausgeführt, wo aus demſelben eine aus⸗ ize hüllen, un gezeichnet ſchöne rothe Farbe berettet wurde. er und Thräm A. d. Verf. loſen Benennung„Gevatterin auf dem Knipps“ be⸗ kannt— hatte jetzt elf Jahre lang allein über ihr Haus und ihren Handel regiert und während dieſes langen Zeitraumes es noch nie abgeſchlagen, als Ge⸗ vatterin alle die liebevollen Brüderſchaften, die zwi⸗ ſchen den Burſchen von der rothen und von der blauen Flagge unter ihrem Dache getrunken worden waren zu bezeugen und zu beſiegeln. In ihren Ohren klamg das„der Teufel krähe in meinem Talg, Mutter!“ des Normannes eben ſo unwiderſtehlich, als„der Teufelin meine Seele, Gevatterin!“ des Schweden, wenn näm⸗ lich beide Verſicherungen die Endreimung hatten:„wem Ihr uns nicht zutrinken ſollt! das ſollt Ihr! Her mi der Branntweinflaſche, heraus mit dem Pfropfen, Ge vatterin! wir wollen mehr haben, als den bloße Geruch!“ Doch nach ſo vielen Jahren konnten gleichwohl di Nerven der Gevatterin, ſo vortrefflich die Natur auch geſchaffen hatte, nicht den Wirkungen ſo vieln Gevatterſchaften widerſtehen. Ihre Hände und in Kopf wurden oft beſchwert mit einer immer wiede kehrenden unruhigen Reizbarkeit, welche verurſachte, da der Tümmler oft überſchülpte, während der großt grüne, breitgekrämpte Strohhut, den ſie immer, Son⸗ mer und Winter, über ihrem ſchwarzen Stirntutz trug, auf und ab nickte, wie man es an gewiſſen Pon zellanpuppen bemerkt, wenn man ſie berührt. Mancher hatte die Urſache zu errathen verſuch warum die Gevatterin in allen Jahreszeiten dieſe ſonderbaren Kopfputz trug. Im Sommer war er oh wiß paſſend auf dieſer Klippe, wo die Sonne ſo het brannte, daß jeder Stein zu glühen ſchien; daß ſ ihn aber auch im Winter beibehielt, dazu gab es, wi man glaubte, keinen andern Grund, als daß der H geſchickt und glücklich alle die Stöße auffing, welc die Stirn jedes Mal zu erhalten auf dem Wege wan da dieſelbe Gemeinſcho Dem vatterin de liebte im! was auch ſich entſinn ſehen zu he⸗ es ſich nat Auflage pr feln, die v Zehen hin gelben, nic mit großen ſchwarzer graues bar zogen war und Bramn Inner fünfzehnjäl magd und Gevatterin zitterten, d dieſen drei barlich die junge Norc dem Rücke heiten zu e ſtrengen Z aufwogen, ſie es bisn kel hervorz nen Kamn ſten ungen, und da du händchen v wurde, un Knipps“ be⸗ lein über ihr ährend dieſes gen, als Ge⸗ ten, die zwi⸗ don der blauen orden waren 7 Ohren klam Mutter!“ de „der Teufeli n, wenn nän⸗ hatten:„wem Ihr! Her mi Pfropfen, Ge s den bloße gleichwohl di die Natur fi agen ſo vieln ände und iß mmer wiede erurſachte, dis nd der groß immer, Son⸗ zen Stirntut igewiſſen Po ührt. athen verſuch eszeiten dieſ her war er g Sonne ſo het chien; daß ſi zu gab es, wi s daß der Hl auffing, welch em Wege wan 23 da dieſelbe mit den niedeigen Thürpfoſten in zu nahe Gemeinſchaft kam. Dem ſei nun wie ihm wolle, ſo liebte die Ge⸗ vatterin den grünen Strohhut wie ihr zweites Ich und liebte im Uebrigen in keiner Hinſicht die Veränderung, was auch ihr Uebriges Coſtüm bewies, das Niemand ſich entſinnen konnte, von anderer Beſchaffenheit ge⸗ ſehen zu haben, obgleich es ſich von ſelbſt verſteht, daß es ſich nach einem oder mehren Jahren in einer neuen Auflage präſentirte. Dieſes Coſtüm beſtand aus Stie⸗ feln, die vorne die Breite einer Hand hatten, um den Zehen hinreichenden Raum zu gewähren, und einem gelben, nicht all zu langen offenen Friesrocke, verſehen mit großen, auswendig hängenden, loſen Taſchen von ſchwarzer Leinwand. Und der Rock wurde über ein graues baumwollenes Kleid gezogen, das vorne über⸗ zogen war mit einem Firniß von Schnupftaback, Syrup und Branntwein. Innerhalb ihres eigenen Kreiſes, welcher aus einer fünfzehnjährigen Tochter, einer fünfzigjährigen Dienſt⸗ magd und einer fünfjährigen Katze beſtand, übte die Gevatterin eine Herrſchergewalt aus, vor welcher Alle zitterten, die Katze gleichwohl am wenigſten, denn von dieſen drei Unterthanen der Gevatterin war ſie ſicht⸗ barlich die am meiſten begünſtigte. Die Tochter, die junge Nora, wagte es aber wohl bisweilen, ſich hinter dem Rücken ihrer ſüßen Mutter einige kleine Freihei⸗ heiten zu erlauben, welche zwar das Langweilige des ſtrengen Zwanges, in welchem ſie gehalten wurde, nicht aufwogen, aber doch zum Theil linderten; und wenn ſie es bisweilen wagte, aus dem kleinen, netten Win⸗ kel hervorzukommen, welcher den Namen ihrer eige nen Kammer führte, ſo war ſie nicht im Allergering⸗ ſten ungeneigt, die Huldigung zu bemerken, welche hie und da durch ein verſtohlenes Kopfnicken oder ein Kuß⸗ händchen von den jungen Bootſchiffern ihr dargeboten wurde, und welche Huldigung ihr in einer weit be⸗ greiflicheren Sprache, als ſelbſt ihr kleiner Spiegel ſit überzeugte, ſie wäre ein hübſches Mädchen. Merkte jedoch die Gevatterin, welche eine ſcharfe Witterung hatte, daß hinter dem Schirme ihres Hutes dergleichen vorging— ſchwapps brannte dort auf ſchön Nora's Wange eine Roſe und trotz ihrer noch ſo hef⸗ tigen Sehnſucht, im Zimmer zu bleiben, mußte ſie wie⸗ der in ihr Kämmerlein, deſſen Schlüſſel die Gevatterin nicht ſelten in ihrer geräumigen Taſche trug. „Ich halte einen ehrlichen Krug, gute Freunde,“ pflegte die Gevatterin bei ſolchen Gelegenheiten bie⸗ weilen nickend zu äußern, während ſie den Necktar ein⸗ ſchenkte, der von Kartoffeln gebraut wird,„aber weiter nichts, gute Freunde(Nick), ſo wahr(zwei Nicke),⸗ ſo wahr ich Maja Larsſon heiße!“(drei Nicke). Der Ruf von einer ſo merkwürdigen Perſon, wie die Gevatterin auf dem Knipps, hatte ſich natürlicher⸗ weiſe ſchon ſeit vielen Jahren weit umher verbreite und Paul hatte von den Lippen ſeiner Mutter allzu oſt den Vergleich zwiſchen der Lage dieſer Wittwe und ihrer eigenen gehört, um nicht die Verſchiedenheit der Erndte vollkommen begriffen zu haben, welche die bei⸗ den Thrankocherei⸗Buchhalter von ihren gleichen Dien⸗ ſten gemacht hatten. Aber obgleich er nicht zu berech⸗ nen vermochte, warum es ſo gekommen wäre und germ alles Gute von Herrn Larsſon denken wollte, ſo war er doch feſt überzeugt, daß ſein eigener Vater ſeinen Dienſt am redlichſten verwaltet hätte, obgleich ihm ſelbſt nur der kleinſte Gewinn davon geworden wän Paul's Plan war, gegenwärtig, während das Ei jetzt vollkommen ſicher war, eine Auswanderung nach dem Knipps zu machen, und an die wohlhabende Be⸗ ſitzerin deſſelben ſeine kleinen Schätze zu verkaufen. E. wußte, daß ſie, wie Paul es nannte, einen großen Handel trieb und daher war ſie ſicherlich mit einer Sache verſehen, auf die Paul ſpekulirte, um ſeinet armen kranken Mutter eine rechte Freude zu machenn dem übri nämlich§. ning ſtets ſeit manch ſen; Paul nur einme würde die weit eher, brächte, n unter ſo! mußte do⸗ Paul nen verbo lette gelee ſcharfen 2 hörigem? vatterin Sonntags Wollenzer ten. Ueb land blau ſionen ge chen ſeine Jahre lal hatte, wa ſchläge un abgenagt Flederwiſt Arme, nä in einand dienen ko zeigten di konnte. Sattelgut „der Kna terhalb d zu einer! Spiegel ſie chen. eine ſcharfe ihres Hutes dort auf ſchön noch ſo hef⸗ nußte ſie wie⸗ ie Gevatterin rug. ite Freunde“ enheiten bis⸗ Necktar ein⸗ „aber weiter wei Nicke), Nicke). Perſon, wie h natürlicher⸗ her verbreite itter allzu oſt Wittwe umd diedenheit der elche die bei⸗ leichen Dien⸗ cht zu berech⸗ äre und germ ollte, ſo wan Vater ſeinen obgleich ihm vorden wärc. drend das Eis anderung nach plhabende Be⸗ verkaufen. Er einen großen lich mit einer e, um ſeiner e zu machene 25 nämlich Kaffeebohnen. Dieſe Waare, die Frau Wär⸗ ning ſtets geliebt hatte und am meiſten vermißte, war ſeit manchem Tage nicht mehr in ihrem Hauſe gewe⸗ ſen; Pauls glücklicher Glaube war aber der, wenn er nur einmal etwas in die Kaffeekanne legen könnte, ſo würde die Mutter ſich wieder erholen und das noch weit eher, als wenn er die beſten Eßwaaren nach Hauſe brächte, was Paul aber ebenfalls zu thun hoffte, denn unter ſo vielen raren Sachen, wie er abzulaſſen hatte, mußte doch wohl etwas ſein, das zum Handel lockte. Paul hatte hinter dem Steinhaufen, von den Rui⸗ nen verborgen, die letzte Hand an ſeine geheime Toi⸗ lette gelegt. Er trug heute— ſowohl um ſich vor dem ſcharfen Winde zu ſchützen, als auch um ſich mit ge⸗ hörigem Anſtande vor einer ſolchen Dame, wie die Ge⸗ vatterin auf dem Knipps, zeigen zu können— die Sonntagsweſte des ſeligen Vaters von feingewürfeltem Wollenzeuge und dieſe reichte ihm faſt bis auf die Hüf⸗ ten. Ueber dieſe Art von Blouſe hatte er einen wei⸗ land blauen Frack von bedeutend knapperen Dimen⸗ ſionen gezogen. Dieſer Frack, den Wärning zum Zei⸗ chen ſeiner Würde als Herrenmann wenigſtens ſiebzehn Jahre lang bei allen feierlichen Gelegenheiten getragen hatte, war von Frau Guſtafwa zum Sticken der Auf⸗ ſchläge und der Vorderſeiten an den Schößen ſo oft abgenagt worden, daß dieſe jetzt zwei„abgefetzten“ Flederwiſchen ähnlich ſahen, wogegen die Länge der⸗ Arme, nämlich für Paul, ſo anſehnlich war, daß ſie, in einander geſteckt, ihm unterwegs recht gut als Muff dienen konnten. Jetzt aber waren ſie aufgekrämpt und zeigten die bunteſten Aufſchläge, die man nur ſehen konnte. Wegen der Weite des Fracks hatte Paul einen Sattelgurt umgeſpannt— in dem Liede hieß es ja: „der Knappe er ſpannte den Gürtel um“— und un⸗ terhalb dieſes Gürtels falteten ſich nun Frack und Weſte zu einer recht großen Doppelfranſe, die im Verein mit dem übrigen Gepäck dem an und für ſich ſelbſt ſtämmi⸗ gen, dabei aber geſchmeidigen Körper Pauls das Aus⸗ ſehen gab, als gehörte derſelbe der kleineren, nunmehr ausgeſtorbenen Rieſenrace an. Stock und Beutel waren ſchon auf der Schulter, die Hälfte des Frühſtückes verzehrt, und jetzt, die gro⸗ ßen wollenen Handſchuhe anziehend, ſchlich er ſich an den Strand, in der Hoffnung, unbemerkt hinweg zu kommen. Doch das war ihm nicht möglich, denn kaum hatte er die Bucht erreicht, als drei andere Knaben gleich einem Sturmwinde ihm entgegen geeilt kamen. „Ohoi, ſeht den Paul! Haſt Du mir einen ſolchen Jungen geſehen? Paul, ſo höre doch! biſt Du verrückt oder warum haſt Du Dich ſo ausſtaffirt? Wo willſt Du hin? Was haſt Du da im Beutel?“ „Laßt mich in Ruhe! Geht Ihr Eures Weges und laßt mich meinen gehen!“ „Nein, hört mir das Plappermaul! Er denkt wohl, daß er beſſer iſt, als wir, weil ſein Vater Schulmeiſter war— aber halt Du Dich ſtill in Deinem Leder Herr Paul und laß uns mit Gutem ſehen, was Du in Dei⸗ nem Beutel haſt, denn ſonſt ſollſt Du ſehen, daß Elg und Pump und ich Kerls genug ſind, Dich aufzulegen, ſo lang Du biſt.“ „Verſuch nur, Du Krabbe!“ ſagte Paul und den Beutel in die Höhe hebend, ſtellte er ſich mit dem Stock in Parade. „So? Schimpfſt Du mich eine Krabbe, Du Waſſerſuppenlecker? Du wäreſt ja längſt verhungert) noch ehe Du geboren wurdeſt, wenn wir nicht aus Gnade und Barmherzigkeit bei Deinem Vater in die Schule gegangen wären! Nun aber magſt Du wiſſen, daß wir ſo gut ſind, wie Du, und darum ſoll es reines Spiel ſein und kein Betrug— willſt Du Deine Rückentafel ſparen?“ „Warum wagſt Du Dich nicht heran, Du Prahl⸗ hans! ſondern ſtehſt da und raſaunſt 2“ ſagte Paul, indem er einen herausfordernden Blick auf ſeinen Angreifer warf, de und weg⸗ ihm für Zunge zu Jetzt Anſehen Waſſer⸗L Pump, il „Th Blut in er verlor durch ein Kamerad Mit. Ziſchen h den dicken einer vie wagte. hatten, d Felſen un lange Eln hörlich aß nen Steit guch an mußte er durch den gefahren der Kamp den war. Waſſ Mitbrüder brauchen: ls das Aus⸗ en, nunmehr er Schulter, tzt, die gro⸗ )er ſich an t hinweg zu „denn kaum dere Knaben ſeeilt kamen. einen ſolchen Du verrückt Wo willſt Weges und r denkt wohl, Schulmeiſter n Leder Herr Du in Dei⸗ en, daß Elg aufzulegen, aul und den it dem Stock trabbe, Du verhungert ir nicht aus Vater in die t Du wiſſen, rum ſoll es lſt Du Deine Du Prahl⸗ Paul, indem en Angreifer warf, der gemeiniglich wegen ſeines ſchlanken Wuchſes und wegen einiger Taufen, die ſeine Kameraden mit ihm für gut befunden hatten, um ſeiner prahlenden Zunge zu ſteuern, Waſſer⸗Laſſe genannt wurde. Jetzt aber miſchte ſich der dicke Pump mit ſeinem Anſehen in den Streit und erklärte, falls Paul nicht Waſſer⸗Laſſe's Begehren erfüllen wollte, ſo würde er, Pump, ihm etwas anderes zeigen. „Thue das,“ ſagte Paul, der jetzt fühlte, wie das Blut in ihm zu kochen begann. Jeder Augenblick, den er verlor, war ſo koſtbar! Er glühte vor Begierde, durch einen entſcheidenden Streich den Eigenſinn ſeiner Kameraden los zu werden. Mittelſt der ausdrucksvollſten Grimaſſen und durch Ziſchen hetzte jetzt Waſſer⸗Laſſe ſeinen Bundesgenoſſen, den dicken Pump, auf unſern Helden, welchen er zufolge einer vieljährigen Erfahrung ſelbſt nicht anzugreifen wagte. Und nachdem Paul und Pump ſo gerungen hatten, daß ſie mehrmals im Schnee auf dem glatten Felſen umgerollt waren, während Waſſer⸗Laſſe und der lange Elg daneben ſtanden und als Zuſchauer unauf⸗ hörlich applaudirten, taumelte Pump endlich gegen ei⸗ nen Stein und ſeine Naſe begann zu bluten. Jetzt hielt Elg es für ſeine Pflicht, auf den Wahl⸗ platz zu treten und für die Andern das Wort zu füh⸗ ren. Aber obgleich er Paul ſowohl an Stärke, als auch an Gewandtheit vollkommen gewachſen war, ſo mußte er dennoch in Anſehung der Berſerkerwuth, die durch den Aerger über den Verzug in Paul's Körper gefahren war, diesmal nachgeben, nachdem nämlich der Kampf dreimal unterbrochen und erneuert wor⸗ den war. Waſſer⸗Laſſe, gewarnt von dem Beiſpiele ſeiner Mitbrüder, begnügte ſich damit, nur die Zunge zu ge⸗ brauchen: „SHabt Ihr nun genug, oder hat noch Einer von Euch Luſt, das Spiel fortzuſetzen?“ fragte Paul, indem er den Beutel wieder auf den Stock hängte,„ſonſt lebt wohl, Ihr Lumpenhunde! Habt Ihr nun geſehen, was im Bündel war?— Ja, was anders habt Ihr!“ und mit einer für den Sieger nicht beſonders edlen Geberde ſprang er hinab auf das Eis und ließ die— Andern rufend und ſchreiend zurück. „Paul! Paul!“ rief Waſſer⸗Laſſe, deſſen gellende Stimme über die der Andern zu hören war,„wir wol⸗ len Deiner Mutter ſagen, daß Du in die Wake gefal⸗ len biſt, wenn Du nicht zurückkommſt und thuſt, was wir begehrt haben.“ Jetzt ſtand Paul plötzlich ſtill. Das übermüthige, kühne Lächeln auf ſeiner Lippe war augenblicklich ver⸗ ſchwunden. Er wollte zwar nicht glauben, daß ſie dieſe ſchreckliche Drohung wirklich erfüllen würden— wenn ſie es aber im Aerger thaten, ſo würde dieſe Unwahrheit, im Fall er am Abende zu lange ausbliebe, ſo wahrſcheinlich klingen, daß ſeine Mutter vor Schre⸗ cken des Todes ſein könnte. Und ſo bitter es auch war, umzukehren und den Schatz zu zeigen, den er ſo tapfer vertheidigt hatte, ſo gab es doch keinen andern Aus⸗ weg. Denn nicht einen Augenblick konnte er es aus⸗ halten, ſich die Angſt ſeiner Mutter zu denken, wenn ſie eine ſolche Botſchaft erhielte. Mit langſamen Schritten kehrte er an den Strand zurück, wo die Andern ihn nun hüpfend und über ih⸗ ren Poſſen lachend, erwarteten. „Seht hier,“ ſagte Paul in verändertem Tone und band ſein kleines Bündel auf, das er aus dem Beutel genommen hatte,„ſeht hier, ſeht nun, was es iſt! Ihr wißt wohl, daß ich eine arme kranke Mutter habe, dit bald vor Hunger ſtirbt, weil ich ihr kein Eſſen ſchaffen kann, und wollt Ihr darüber lachen, daß ich heimlich dieſe Sachen verkaufe, die meine eigenen ſind, ſo mögt Ihr es gerne thun— aber haltet mich nun nur nicht länger auf, denn ich habe einen weiten Weg.“ „Wohin willſt Du denn gehen, Paul?“ fragie Waſſer⸗L eine Unz „No Schneebe Du viell nicht bar bleiben, zum Abe fiſche.. „ Si Elg tröſt Dich ver „Und fiel Waſſ und auf beſehenen „Da Dankbark wenn ich wieder ar gebe ab. „Adj Und Befr fühlte er und klare ſeinem G ſin und d Peder d Der he gte,„ſonſt un geſehen, habt Ihr!“ nders edlen und ließ die ſen gellende „„wir wol⸗ Wake gefal⸗ thuſt, was bermüthige, blicklich ver⸗ en, daß ſit würden— würde dieſe ge ausbliebe, vor Schre⸗ s auch war, er ſo tapfer andern Aus⸗ er es aus⸗ enken, wenn den Strand nd über ih⸗ em Tone und dem Beutel es iſt! Ihr ter habe, dit Eſſen ſchaffen ich heimlich ſind, ſo mögt un nur nicht eg. aul?“ fragie 29 Waſſer⸗Laſſe und in dem geſenkten Tone lag auch nicht eine Unze Läſterung. „Nach dem Knipps.“ „Das iſt weit!“ meinte Pump, der mit einem Schneeballe dem Naſenbluten zu ſteuern ſuchte.„Wenn Du vielleicht dieſe Nacht ausbleibſt, Paul, ſo ſei nur nicht bange, denn ich will dann bei Deiner Mutter bleiben, und wohl auch zuſehen, ob ich nicht ſo viel zum Abend bekommen kann, wie ein Paar Schell⸗ fiſche.“ „Sie backen bei uns heute Haferkuchen,“ theilte Elg tröſtend mit;„ich nehme einen, darauf kannſt Du Dich verlaſſen, und bringe ihn Frau Guſtafwa.“ „Und ich habe ein Ei, das will ich ihr kochen!“ fiel Waſſer⸗Laſſe ein, indem alle vier gemeinſchaftlich und auf die freundſchaftlichſte Weiſe von der Welt die beſehenen Raritäten einpackten. „Dank, Jungen!“ ſagte Paul und Freude und Dankbarkeit leuchteten ihm aus den Augen.„Und wenn ich was Gutes auf den Haken bekomme, da ich wieder angle, ſo könnt Ihr Euch darauf verlaſſen, ich gebe ab. Nun aber, Adjöß!“ „Adjöß, Paul! adjöß mit Dir— adjöß, adjöß!“ Und ſo betrat Paul das Eis frohen Muthes. Befreit von der Sorge für ſeine gute Mutter, fühlte er ſich ſo leichten Sinnes, daß er mit lauter und klarer Stimme— denn der Weg wurde ihm bei ſeinem Geſange ſo kurz— das Lied von der„Prinzeſ⸗ ſin und dem Schweinhirten Peder anſtimmte: Peder der Schweinehirt auf einem Berge ſtund Hu, hu, hu, hu, hul! 5 Der heget eeinen Wunſch ſo recht aus Herzens Grund, Hopp falalala, falalala, he! Und Peder Schweinehirt er wünſchet und redet alſo: Bette zu! Hu, hu, hu, hu, hu! n Schr Hätt' ich die Prinzeß nur, da wär ich ſeelenfroh! en Schuo Hopp falalala, falalala, he! Morgens . Ungemach Da lag der Wolf im Buſche und redete darein, ſtrecken un Hu, hu, hu, hu, hu! Theil des Wenn du ſie einmal kriegteſt, du könnteſt es bereu'n! In d Hopp falalala, falalala, he! Freiheit, 4. ddiente die und Peder Schweinhirt ſteht vor des Königs Thür, deten und „DHu, hu, hu, hu, hu! 3„Eiinſamkei Ich möcht Eur' Knappe ſein! Ihr gebtmir Lohn dafür! Hopp falalala, falalala, he! Während Paul ſowohl dieſes als auch noch andere Lieder völlig zu Ende ſang, hatte die Sonne ſchon begonnen gegen Weſten hinabzuſchreiten, doch war es noch nicht lange nach der Mittagsſtunde, als er den Knipps erblickte. Bei dem erſten Anblicke des gelben Hauſes ſchwieg plötzlich der Geſang und auf denſelben folgte ein Herzklopfen. Wie ſollte es ihm jetzt er⸗ Paut halt gehen? Paul betete ein kurzes, aber herzliches Gebei, durch dac daß dieſe ſeine erſte, große Wanderung ein glücklichen 3 Ende haben möchte. Der 2 Es ſah jetzt öde aus um den Knipps, den ſonß bänude führ ſo muntern Krug. Das kam jedoch davon, daß er in Lura, ſeiner gewöhnlichen Wintererſtarrung lag— eine Zeit zwar heute die auch die Gevatterin dazu anwendete, den Verhee⸗ Merkmale rungen wieder aufzuhelfen, welche Frühling, Somme ſie hatte g und Herbſt an ihrer blühenden Geſundheit angeſtellt und Lura's hatten. Dies darf jedoch nicht ſo verſtanden werden, Gemächlicht daß die Gevatterin während dieſer Zeit in den Nüch Pfeife im? ternheitsverein trat— o nein; die Kur, wodurch ſit zu ſitzen, do ſich auf kommende Mühen und Beſchwerden vorberei Genuß des tete, war die höchſt gelinde und angenehme, in der ſehr ſelten Geſellſchaft der Katze, die ihre Füße erwärmte, ſich in wie man w 31 dredet alſo: Bette zu halten, neben deſſen Kopfende ſie ſich einen klei⸗ nen Schrank eingerichtet hatte, welcher verſchiedene erqui⸗ eelenfroh! ckende Tropfen enthielt; ſobald nun die Gevatterin des Morgens erwachte, konnte ſie ohne beſonders großes Ungemach die Hand nach dem Schrankſchlüſſel aus⸗ darein, ſtrecken und auf dieſe Weiſe liegen und ſich einen guten 1 Theil des Tages gütlich thun. 1 4 tes bereu'n! In dieſer Jahreszeit hatte Mamſell Nora alle Freiheit, die ſie ſich nur wünſchen konnte. Wozu aber „ddiente die Freiheit im Winter, da keine Schuten lan⸗ bönigs Thür, deten und ſelten eine„Seele“ erſchien, die ſie in ihrer Einſamkeit ermuntern konnte? Lohn dafür! noch andere Sonne ſchon doch war es „als er den ke des gelben auf denſelben Drittes Kapitel. ihm jetzt er Paul haͤlt ſeine Ein i 3 ipps empfiehlt ſich lliches Gebet⸗ zah dargetegte Kinznaiſ 5 den bnaa de weßehterſ ein glückliches Der Weg, welcher von der See nach dem Ge⸗ ps, den ſonf bäude führte, war ſchwer zu finden. on, daß er in Lura, die alte Dienſtmagd der Gevatterin, war — eine Zeit zwar heute mit dem Spaten draußen geweſen, aber den Verher Merkmale nach demſelben waren nicht ſichtbar, denn ng, Somme ſie hatte gleich ihrer Herrin eine gewiſſe Leidenſchaft, heit angeſtellt und Lura's Leidenſchaft war ein für alle Mal die unden werden Gemächlichkeit. Auf dem Küchenheerde mit der kurzen in den Nüch Pfeife im Munde und den Kaffeekeſſel auf den Kohlen , wodurch ſi zu ſitzen, das war etwas, das für Lura den höchſten dden vorberei Genuß des Lebens in ſich faßte. Und darin wurde ſie ehme, in de ſehr ſelten geſtört, denn die Gevatterin bediente ſich, ärmte, ſich in wie man weiß, am liebſten ſelbſt, und Mamſell Nora, welche, wie Lura es nannte,„ganz toll und beſeſſen„Oeffn nach Büchern“ war, beluſtigte ſich mit ihrer gewöhn⸗ beinahe erf lichen Winterunterhaltung, der Bibliothek des ſeligen„Daru Vaters, welche außer„Selina oder das geheimnißvoll wenn er zu Kind,“ ſowie„Alfonſine oder das Kind der unterirdi die ſich jet ſchen Liebe,“ ein paar Ritterromane und eine ganze daß nur eiln Menge andere defecte Geſchichten enthielt, deren Au⸗ vorher ihre fang und Ende auszudenken Nora's höchſtes Vergnügen Gefangenen und unaufhörliche Beſchäftigung war, eine Beſchäfti⸗ Hinſicht ber gung, die ſich natürlicher Weiſe bis in das Unendlich jetzt etwas ausdehnen ließ. den Fall gr Lura hatte das Spinnrad mit dem Werg auf di„Ich! Seite geſchoben, den Naſenwärmer angezündet um Paul bitten ſich ganz auf den Herd begeben, um ſo recht den„Ja,; Dampf genießen zu können, der aus dem Kaffekeſſt„O ne aufſtieg; plötzlich, als ſie in ſüßen Träumen hal„Wo b nickend da ſaß, kam es ihr vor, als hörte ſie ein pau„Paul r Schläge gegen die Hausthür. Sohn des „Verdammtes Bettelpack!“ murmelte Lura ärger⸗„So 74 lich.„Ich kann mir faſt denken, es iſt Häring⸗Per komme denn ters Lena, dies Vieh— nie hat ſie was, wenn ma die Hausth ihr auch noch ſo viel auf den Hals wirft.“ treten, wo Wieder ein paar Schläge. hohen Sche „Hm!“ ſagte Lura und wendete mit äußerſten anblies und Widerwillen das Ohr der Küchenthür zu,„das iſtanen Kaffee höre ich, nicht Häring⸗Petters Lena.“ Und die Kreide neit Butter pfeife auf die Herdkante legend, verfügte ſich Lut Etwas nach einigem vorhergehendem Gegähne und Geſtreth nicht verzeh auf die Hausflur. Doch war ſie ſo vorſichtig, nich Kaffee entbt ſogleich den Riegel hinwegzuziehen:„Drei Frauem gen⸗ können leute ſind ja auf jeden Fall nicht mehr als du Willen hern Frauensleute,“ meinte Lura wohlbedächtig. dachte, wie „Wer iſt da und klopft ſo abſcheulich?“ Mit i Warmes. ſen in ziemlich ſcharfem Tone ausgeſprochenen Wort„Nun, öff i r 3 dert aus öffnete Lura nicht die Thüre, ſondern die Unfet dert aus, handlung. hüre. gung Ehre Paul Wär 2 33 und beſeſſen..„Oeffnen Sie doch die Thür! Mir ſind die Füße hrer gewöhn⸗ beinahe erfroren!“ 8 3 des ſeligen„Darum hätte er beſſer gethan, mein Junker! eheimnißvoll wenn er zu Hauſe geblieben ¹ re,“ entgegnete Lura, der unterirdi die ſich jetzt durch das Schlüſſelloch überzeugt hatte, d eine ganze daß nur ein junger Knabe Einlaß begehrte. Sie hatte , deren An, vorher ihre Beſorgniß gehabt vor einem eniſprungenen es Vergnüge Gefangenen aus Marſtrand, da ſie jedoch in dieſer ne Beſchäſte Hinſicht beruhigt worden war, ſo war auch die Stimme as Unendlich je t etwas freundlicher. Der Knabe ſah doch auf je⸗ den Fall gut und ehrlich aus. 4 „Ich habe ein angelegentliches Geſchäft!“ ſagte Paul bittend. Werg auf die gezündet um Ja, zu betteln, kann ich wohl denken!“ ſo recht den„Ja, zu bet 3 vohl denken! em Kaffekeſſi„O nein doch— daran habe ich nicht gedacht.“ „Wo biſt Du her?“ Paul nannte ſeine Heimath und ſagte, daß er der Sohn des Schulmeiſters Wärning wäre. Lura ärger„So O— ſo— Wetter! biſt Du ſein Sohn? Nun ſo Häring⸗Per⸗ komme denn und wärme Dich!“ Lura öffnete gnädig s, wenn mm die Hausthür und ließ unſern Helden an den Herd 21 treten, wo es ihm vergönnt wurde, ſich auf einen 4 hohen Schemel zu ſetzen, während Lura das Feuer nit äußerſten anblies und ihn freundſchaftlich mit einer Taſſe war⸗ zu,„das iieanen Kaffee und einer großen Scheibe weiches Brod nd die Kreide niit Butter darauf traktirte. 4— gte ſich Lun Etwas ſo Rares hatte Paul ſeit langen Zeiten und Geſtre nicht verzehrt. Gern aber hätte er den wärmenden orfichtig, nich Kaffee entbehrt„wenn er ihn ſeiner Mutter hätte brin⸗ drei Frauen gen, können! Eine Thräne drängte ſich wider ſeinen rehr als die Willen hervor und fiel in die Taſſe, da er daran . dachte, wie kalt ſie es jetzt hätte und keinen Tropfen rräumen hal e ſie ein paa ig. Warmes 2 Wult 5. enen en„Nun, das muß ich ſagen rief Lura verwun⸗ en die Unk dert aus,„das iſt eine ſonderbare Art, der Verpfle⸗ gung Ehre zu erweiſen! Warum weinſt Du, Junge?“ Paul Wärning. 8 3 „Ich dachte nur daran, daß ich dies gerne nicht haben wollte, wenn Mutter es nur hätte.“ „Ach ſo, es geht Euch ſo arm? Ja, ich weiß Dein Vater war ein großer Stümper und verſtand nicht, für ſich ſelbſt zu ſorgen. Aber Du kannſt glau⸗ ben, unſer Herr, das war Dir ein anderer Kerl!“ Paul fühlte, wie eine ſtarke Hitze auf den erfror⸗ nen Wangen glühte.„Nichts Böſes von meinem Va⸗ ter!“ ſagte er leiſe. „Böſes— wer zum T=— redet Böſes von ihmt Ich ſage nur, er war ein ewiger Stümper, und davon litt er ſelbſt am ärgſten.“ Paul ſeufzte und ſchwieg. Inzwiſchen hatte Lum ihren Naſenwärmer wieder angezündet und ihren Plaz auf dem Herde eingenommen. „Dürfte ich wohl bitten, mit Frau Larsſon zu reden?“ fragte Paul, indem er mit demüthiger Ver⸗ beugung die Taſſe auf die Bank zurückſetzte. „Nein, jetzt hält ſie ihren Mittagsſchlaf, wenn ſie aber aufwacht, ſo kann es wohl Zeit ſein. Was woll⸗ teſt Du bei ihr ſonſt?“ „Ich habe ein wenig Kram bei mir, den ich ver⸗ kaufen wollte.“ Paul deutete auf ſeinen kleinen Beu⸗ tel, den er in den Winkel gelegt hatte. „Da will ich Mamſel Nora bitten, daß ſie her⸗ auskommt. Vielleicht kauft ſie Dir etwas ab; ſie ſieht gerne allerlei Sachen an!“ Paul bedankte ſich ergebenſt für Lura's gut ge⸗ meinte Bemühung. Nachdem ſie eine kurze Zeit in der Seitenkammer geweſen war, kam bald die jungt Schönheit heraus und betrachtete mit einem halben Lächeln und einem halben mitleidsvollen Blick den un bekannten Gaſt. Paul's ſchöne braune Augen und ſeſt ſchwarzes krauſes Haar gefielen Nora ganz beſonderz doch über ſeine ſonderbare Kleidung mußte ſie unwil kürlich den Mund verziehen, obgleich ſie es ſich ſogleit zum Vorwurf machte: denn Nora hatte ein warme Herz und hatten als „Du kommen!“ „Dan zu ſehen, noch nie, in den S⸗ ſein!“ dach Die v Paul's Bl in ihrer C „Du ermuntern mit mir i anſehen.“ Mit l drei Ellen ches Geme geflochtene ſogar die Paul's al prächtig, er ſtand d den ander! Schnee an „Sei ganze ſieb junge Dar „Hier 2 indem ſie das dürfte Zierde ein verſehene, „Jetz 3, gerne nich 7. Ja, ich weiß, ad verſtand w kannſt glau⸗ rer Kerl!“ uf den erfror meinem Va⸗ ſes von ihm er, und davo en hatte Lum nd ihren Plat iu Larsſon z müthiger Ver⸗ zte. hlaf, wenn ſit n. Was woll⸗ den ich ver⸗ kleinen Beu⸗ daß ſie her⸗ 3 ab; ſie ſiehl ura's gut ge kurze Zeit i bald die jung einem halben Blick den un lugen und ſeiß unz beſonders zte ſie unwil es ſich ſoglei e ein warme 35 Herz und theilte gerne denjenigen mit, die weniger hatten als ſie ſelbſt. „Du heißeſt Paul, wie ich höre— nun will⸗ kommen!“ „Danke!“ ſagte Paul; aber er wagte kaum auf⸗ zu ſehen, denn von einer ſo raren Mamſel hatte Paul noch nie, weder etwas geſehen noch gehört, wenn nicht in den Sagen.„Das muß gewiß ein wahrer Engel ſein!“ dachte er. Die weit erfahrnere Nora merkte ſogleich, woher Paul's Blödigkeit käme, und dadurch verlor er nichts in ihrer Gunſt. „Du haſt etwas zu verkaufen, höre ich,“ ſagte ſie ermunternd.„Da Mutter ſchläft, ſo ſo kannſt Du mit mir in meine Kammer kommen, ich will's mir anſehen.“ Mit blöder Zurückhaltung folgte Paul in Nora's, drei Ellen breites und fünf Ellen langes, jungfräuli⸗ ches Gemach, und dort blieb er auf der kleinen nett geflochtenen Binſenmatte an der Thür ſtehen. Aber ſogar die Matte— darauf alles Uebrige— erſchien Paul's aller Art von Lurus ungewohntem Blicke ſo prächtig, daß er kaum die Füße niederzuſetzen wagte; er ſtand dort ganz verlegen, hob bald den einen, bald den andern Fuß auf und ſah nach, ob er nicht noch Schnee an den Füßen hätte und die Matte beſchmutzte. „Sei nicht ängſtlich, mein Kind!“ ſagte Nora, die ganze ſieben Wochen älter war, als Paul, und die junge Dame nahm einen beſchützenden Ton an. „Hier iſt's ſo ſchön!“ ſagte Paul. „O, das geht wohl an,“ meinte die Beſitzerin, indem ſie einen nicht gerade ſehr zufriedenen Blick auf das dürftige Ameublement warf, deſſen vornehmſte Zierde eine gebeizte, mit drei blanken Meſſingknöpfen verſehene, Göteborger Commode war. „Jetzt aber laß ſehen, was Du haſt!“ Paul erhielt die Erlaubniß, an den Tiſch zu tre⸗ ten und ſeinen Fram auszupacken. Aber Nora, welche ſich darauf gefreut hatte, Damenputz, Kämme, Spitzen, Band, vergoldete Tuchnadeln, Ringe, Ohrgehänge und dergleichen Noſtbarkeiten zu ſehen, ſtimmte ein in Paul's Ohren widerlich klingendes Gelächter an, da ſie ſah, was er eige ntlich zu bieten hatte. „Biſt Du verrückt!“ rief ſie endlich aus.„Kannſt Du Dir einbilden, daß ich einen ſolchen erbärmlichen Spiegel kaufen, oder, daß ich ein Seemanns⸗Halstuch und ein Vorhemde umnehmen, oder daß ich ſitzen und auf der Tafel rechnen will— nein Du, ich prophe⸗ zeihe Dir, die Raritäten kannſt Du ſelbſt behalten.“ „Aber hier ſind ein Paar hübſche ſilberne Schnal⸗ len,“ begann Paul mit dem beſtmöglichen Muthe, oh⸗ gleich der Muth jetzt recht klein war— und er wickelte ſeine Schnallen aus einer alten Zeitung auf. „Das iſt nur alter Plunder!“ verſicherte Nora, welche dieſelben kaum eines Blickes würdigte.„Wer, meinſt Du, braucht ſolche Dinger?“ Jetzt ſeufzte Paul recht bitter. Es ſah düſter aus mit aliem Handel, und mußte er ganz unverrichteter Sache nach Hauſe gehen... dann... dann... Doch noch war ja etwas übrig: das Liederbuch und die fremden Münzen. Er 2eann mit den letzt⸗ genannten.„Vielleicht kann es möglich ſein, dieſe zu wechſeln?“ fragte er und reichte die Münzen. „Ja, es kann wohl ſein, daß Mutter ſich darauf verſteht; ich aber weiß nicht, ob ſie etwas oder nichts werth ſind. Aber was haſt Du da in der Rolle?“ „Alle meine Sagen und Lieder!“ antwortet Paul. „Sagen und Lieder?— laß mich ſehen!“ Norg begann zu blättern und die Titel zu leſen:„det ſchwarze Spiegel,“„die Prinzeſſin im Thurme,“„die ſchöne Meluſine“ u. ſ. w., alle„rührende und ſchöne“ Sagen, alle gedruckt„in dieſem Jahr. Dieß geht Demnächſt „Helga R von Herrn entzückt, de handelte, ſie keine W „Ich Paul, der fühlte, daß ſich rühmen „Nein ſes:„„ein und einer! kummervoll recht ſchön „O ja wiſſen Stol obgleich m trag mit e ganz bezau Hier Stubenthün genblicke ſt große ſtark ausgerüſtet einem grün Tiſch zu tre⸗ dora, welche me, Spitzen, gehänge und in in Paul's da ſie ſah, us.„Kannſt erbärmlichen ins⸗Halstuch ch ſitzen und ich prophe⸗ behalten.“ erne Schnal⸗ Muthe, ob⸗ d er wickelte -uf. cherte Nora, igte.„Wer, h düſter aus mverrichteter 1s Liederbuch nit den letzt⸗ ein, dieſe zu zen. r ſich darauf § oder nichts r Rolle?“ antwortete ehen!“ Nor leſen:„der hurme,“„die rende und eſem Jahr,“ Demnächſt kamen die Lieder:„Swen Schwanenweiß,“ „Helga Ragnhild,“„die lebende Leiche,“„das Lied von Herrn Lager und Jon“ u. ſ. w. Nora war recht entzückt, denn Alles, was gedruckt war und von Liebe handelte, war ihr gleich, und ſie bedauerte nur, daß ſie keine Weiſe zu den Liedern kannte „Ich kann ſie alle mit einander ſingen!“ ſagte Paul, der eine Art von freudevoller Befriedigung fühlte, daß es doch wenigſtens etwas gäbe, deſſen er ſich rühmen konnte. „Nein, was Du ſagſt!— nun, ſo ſing' denn die⸗ ſes:„„ein ſchönes und klägliches Lied von einem Ritter und einer Herzogstochter, die vor großer Liebe ſich ſelbſt kummervoll um's Leben gebracht habe““— das klingt recht ſchön und muß gewiß recht luſtig ſein.“ „O ja,“ meinte Paul, und trat mit einem ge⸗ wiſſen Stolze einige Schritte vor;„es iſt ſo übel nicht, obgleich mich dünkt, daß andere darunter beſſer ſind. Dieß geht ſonſt ſo...“ Und Paul begann ſeinen Vor⸗ trag mit einer Stimme und einer Kraft, welche Nora ganz bezauberten: Ich kenne einen Rittersmann, Ein Herzogstöchterlein, Die liebten ſich ſo inniglich Bei Küſſen und Tändelein. Und ſaget mir, ſchön Jüngferlein! Wollt Ihr die Meine ſein? Ich werd' Euch lieben und ehren, So lang mein Leben—— Hier wurde Paul dadurch unterbrochen, daß die Stubenthür plötzlich knarrte. In dem folgenden Au⸗ genblicke ſtand dieſelbe angelweit offen und zeigte eine große ſtark gebaute Frau, mit einem gelben Friesrocke ausgerüſtet, mit großen ſchwarzen Taſchen und mit einem grünen Strohhute auf dem Kopfe. Mit barſcher Stimme fragte die Eintretende, was das für ein„elementiſches Spektakel“ ſein ſollte. Paul zweifelte keine Secunde, daß er jetzt vor der geehrten Patroneſſe des Knippſes ſtände, und auß lauter Verwunderung über das wunderliche Ausſehen dieſer Perſon kam ihm der Geſang in den unrechten Hals, worauf er ſich nicht ohne eine gewiſſe Unrußt als einen armen Jungen zu erkennen gab, der gekom⸗ men wäre, um einige Kleinigkeiten zum Lebensunter⸗ halte ſeiner Mutter zu verkaufen, welche krank wärz „Mutter!“ fiel Nora ſchnell ein— denn aus da Miene der Mutter ſchien ſie ſchließen zu müſſen, daß ihr Schützling jetzt Hülfe nöthig hatte—„Mutter, a iſt der Sohn des armen Thrankocherei Buchhalters, der Schule hielt auf...“ „O ſtill, Du dumme Gans!“ unterbrach ſie die Gevatterin, und warf der Tochter einen zornigen Blit zu,„glaubſt Du, es geht Dich an, ob er Paul's odet Per's Sohn iſt? Er hat genug ſelbſt Sprache in Munde zu antworten.“ „Wir ſind ſehr arm, liebe Frau!“ ſagte Paul mehr um die böſe Frau nicht durch Schweigen zu reizen, als in der Hoffnung, ihr Mitleiden zu erwecken was er für unmöglich hielt. Hierin aber irrte er ſich. Wenn die Gevatten nicht, wie leider jetzt der Fall war, zu ungelegene Zeit aus ihrem Schlafe geweckt worden wäre, ſonden das volle Maß hätte ausſchlafen können, ſo würde ſi Paul nicht ſo mürriſch empfangen haben. Denn di Gevatterin war weder geizig noch herzlos, und not war Keiner, der um Hilfe bat, ohne ein Scherfleit von ihrer Thür gegangen. Doch ſo plötzlich, gerade da die Schrankthüre vor Kurzem erſt geknarrt hattt von einem lauten Geſange geſtört zu werden— di war ſie nicht geneigt zu dulden, und darum nickte de grüne Strohhut in viel ſchnellerem Takte, wie g wöhnlich, Bewegung Nachde der Thürſch Rücken an ſichern Stü zu haben f den armen ſo daß er Erwartung gen ganz e Nora Mutter ihr hinter die behende ſorn Herzogs⸗T praktizirt h Gevatterin In di wieder an trat Lura welchen ſie ſelbe ſei vo taufe anſte Eile, weil Die 6. der einen d welcher ihr gen herauf Naſe der wickelte ſie Requiſition auf dem welche Lur tet hatte. Da es die Buchſte tretende, was n ſollte. er jetzt vor de, und auß iche Ausſehen den unrechten ewiſſe Unruht ,der gekom⸗ Lebensunter⸗ e krank wärz denn aus der müſſen, daß „Mutter, a ichhalters, da erbrach ſie die zornigen Blit Paul's ode Sprache in ſagte Pauſ Schweigen m zu erwecken die Gevattert zu ungelegene wäre, ſonden ſo würde ſt en. Denn d os, und not ein Scherflei tzlich, gerade geknarrt hatze verden— daß rum nickte de akte, wie gi 39 wöhnlich, und das ſchwarze Stirntuch war von der Bewegung faſt bis auf die Augen hinabgeglitten. Nachdem die Gevatterin ihre erſte Poſition auf der Thürſchwelle verlaſſen hatte, lehnte ſie ſich mit dem Rücken an die Wand— ſie ſchien das Bedürfniß einer ſichern Stütze zu haben— und da ſie nun eine ſolche zu haben fühlte, heftete ſie ihre glanzloſen Augen auf den armen Paul mit einem langen und feſt ſten Blicke, ſo daß er ohne beſonders gute Hoffnung und in ſtiller Erwartung, was ſie zu ſagen haben könnte, den ſeini⸗ gen ganz ängſtlich ſenkte. Nora hatte mit dem Reſpekte, den ihre liebe Mutter ihr immer beizubringen verſtand, ſich ganz leiſe hinter die Commode geſchlichen, hinter welche ſie ganz behende ſowohl„die le bendige Leiche,“ als auch„die Herz zoas⸗Tochteye und die übrigen intereſſanten Lieder praktizirt hatte. Dergleichen„Lumpereien“ waren der Gevatterin ein Gräut, beſonders wenn ſie böſe war. In dieſem kritiſchen Augenblicke aber klopfte es wieder an die Hausthür, und einige Minuten ſpäter trat Lura mit einem ſchmutzigen Papierlappen ein, welchen ſie der Gevatterin reichte, indem ſie ſagte, der⸗ ſelbe ſei von Olagus auf dem Grisholm, welcher Kind⸗ taufe anſtellen wollte. Der Bote hätte aber große Eile, weil er noch vor Abend zurück ſein müßte. Die Gevatterin nickte und ſchwieg/ indem ſie in der einen von ihren großen Taſchen umherfühlte, aus welcher ihre Hand endlich mit einer Brille ohne Stan⸗ gen herauftauchte. Nachdem dieſe auf der tüchtigen Naſe der Gevatterin Feſtigkeit gewonnen hatte, ſo wickelte ſie das Papier auf und begann halblaut die Requiſition zuſammen zu buchſtabiren, welche Olaus auf dem Grisholm auf Veranlaſſung der Feſtlichkeit, welche Lura erwähnt, auszufertigen für nöthig erach⸗ tet hatte. Da es jedoch der Gevatterin etwas ſchwer wurde, die Buchſtaben zu ſehen, welche ihr jetzt den Poſſen 40 ſpielten, daß ſie auf dem Papiere einen Tanz began⸗ nen, ſo war ſie endlich genöthigt, nachdem ſie mehn Minuten ſtudirt hatte ohne einen Sinn herauszubrin⸗ gen, das Papier an Nora abzugeben mit dem Befehl' an's Fenſter zu gehen und laut zu leſen. Nora erklärte jedoch bald,„Mutter wüßte d wohl, daß ſie Geſchriebenes nicht recht leſen könnten Mamſell Nora war in den Geheimniſſen der Schreid kunſt ſehr wenig erfahren, aber ſie war liſtig und ver ſchlagen.„Vielleicht kannſt Du, Paul?“ ſagte ſie. G. wünſchte nichts beſſeres, als dem Paul durch diß Wendung zu der Gunſt ihrer Mutter zu verhelfen. Paul, der ſich während des Zwiſchenaktes bis ai den Ofen zurückgezogen hatte, trat jetzt vor, und d eer aus dem Innern des grünen Hutes keinen Widen ſpruch vernahm, ſo begann er, nachdem er zuvor daß Papier durchgeſehen hatte, mit Deutlichkeit folgende herzuleſen: „Nota. Zwei Funnt reiß. Ein Stoff Kümmils⸗Brantwein, vo Lerbergens beſten. 1 halp Funnt Kaffebonen. Für 8 Stüber grüne Seiffe und ſech Stüber Stärkels. Kanel 1 Lot. Ein Kuchen Zucker von di art die 16 Schill. koſtet. Rolltobbak für 12 Schilling. und fier Stück Thonpfeiffe ohne Fehlen Olages Lange in Grisholm. An Frau Maja Larsſon auf dem Knipps. mit Begehren, das es alles nach der Notit iſt und von der beſten Art und für fitt Stüber Schnupftabackoben drein für der alten Vatter. Ein fleißiger Gruß.“ „So ſo,“ ſagte die Gevatterin in kleinen Abſätzen „wollen ſie nun wieder Kindtaufe auf dem Grisholt machen? 5 Pfund? H zu gehen.. den Boten, ich weiß ni wein habe, „Ja„* Johannes ſich, ſagt e „Nun ſchrapen, ie an, Lura, Nachd hatte, wol ſelbſt in di nehmend, Stufen des ſchloſſene§ die Naſe obgleich ihr verdunkelt und wieder ſein mochte verſchließen ſie wieder deren Rau mit Reis w maß in de langte ſie Befehl erh Hülfe der Oeffnung Darat Herrin he⸗ war es wi terin, nach Zucker, die Tanz began⸗ dem ſie mehn herauszubrin⸗ dem Befehle ter wüßte leſen könnte! der Schreit⸗ ſtig und ver ſagte ſie. Gi ul durch die verhelfen. enaktes bis a vor, und d keinen Widen er zuvor da hkeit folgende wein, voß e und ſech cker von di et. ihne Fehler risholm. m Knipps. der Nott nd für fie rein für de ruß.“ leinen Abſätzen dem Grisholt machen? Zwei Pfund Reis— waren es nicht zwei Pfund? Hat man ſolche Narren geſehen, drauf los zu gehen... Lura, Lura!... hörſt du nicht?— frage den Boten, ob Olagus Geld mitgeſchickt hat! denn ich weiß nicht gewiß, ob ich ſo viel Reis oder Brannt⸗ wein habe, wie er haben will.“ „Za,“ rief Lura draußen vor der Thür,„Gasö⸗ Johannes iſt hier— er ſagt, er hat Geld genug bei ſich, ſagt er.“ „Nun, nun, vielleicht kann ich's da zuſammen⸗ ſchrapen, ich werde wohl ſehen! Zünd' das dünne Licht an, Lura, und mach die Kellerthür auf.“ Nachdem die Gevatterin dieſe Befehle ausgetheilt hatte, wobei ſie Paul gänzlich vergaß, begab ſie ſich ſelbſt in die Küche. Und das Licht aus Lurg's Hand nehmend, begann ſie ſich ganz bedächtig die hohen Stufen des Kellers hinab zu begeben, in deſſen ver⸗ ſchloſſene Kiſten kein Anderer, als die Gevatterin ſelbſt, die Naſe ſteckte. Es war merkwürdig, daß ſie ſich, obgleich ihre Augen von einer ſogenannten„Florhaube“ verdunkelt waren, dennoch ganz ordentlich hinunter und wieder herauffühlte: in welchem Zuſtande ſie auch ſein mochte, ſo vergaß ſie nie ihre Schlöſſer ſicher zu verſchließen und die Schlüſſel auszuziehen. Jetzt ſtand ſie wieder auf der dritten Stufe der Kelleröffnung, deren Raum ſie faſt ganz erfüllte, und einen Beutel mit Reis mit den Zähnen haltend, das Branntweins⸗ maß in der einen und das Licht in der andern Hand langte ſie jedes beſonders der Lura zu, welche den Befehl erhielt, vor ihr ſtehen zu bleiben, bis ſie mit Hülfe der Ellenbogen ſich glücklich wieder aus der Oeffnung gearbeitet und die Luke zugemacht hatte. Darauf ging Lura mit den Waaren hinter ihrer Herrin her in das eigene Zimmer derſelben. Hier war es wirklich luſtig mit anzuſehen, wie die Gevat⸗ terin, nachdem ſie aus einem großen Schranke den Zucker, die Stärke, die Seife, die Kaffeebohnen, den Zimmt und den Rollentaback hervorgeſucht hatte, ſich vor einen blau angeſtrichenen Klapptiſch ſetzte, auf deſſen Platte viele von den Meſſern der Bootſchiffe eingeritzte Sentenzen prunkten. Und auf dieſem al⸗ les in kleinen Haufen vor ſich ausbreitend, wog die Gevatterin und nahm ab und wog wieder bis die Wage, die über dem Tiſche an einer Schnur von der Decke herabhing, keine Parteilichkeit verrieth, ſonden die Schale gleichhielt. Nachdem dieſes beendet und jede Waare, da Schnupftaback für den alten Vater mit einberechne in Löſchpapier gewickelt und mit ausgefaſerten Baſt bändern umwunden war, kam der große Hauptpund nämlich die Rechnung. Mit dieſer aber wollte es gar nicht gehen. Die Gevatterin nahm den Griffel und die Tafel, kam abn nie weiter, als zu folgendem Reſultat: Zwei Pfund Reis macht 4 Daler— 4 Dalen Ein Loth Zimmet dazu macht 6 Schilling. Sect Schilling zu vier Daler macht mir ſo viel als 5 Dm ler weniger 8 Stüber...*) So weit konnte die Gevatterin ſich durchfinden als jedoch die andern Artikel hinzugelegt werden ſoll ten, ſo wurde ein Wirrwarr daraus, denn ſie begam jedes Mal mit ihren„Fünf Daler weniger acht Stit ber,“ und legte ſie ſo oft zu den übrigen Summen daß das Ganze endlich zu weit mehr heranwuchs, al was die Gevatterin vernünftiger Weiſe fordern u können meinte, und da begann ſie von Neuem:„Zw Pfund Reis macht“ u. ſ. w., bis ſie von Neuem hi *) Die Rechnung nach Dalern iſt nur noch an einigen Dr ten im Munde des Volkes gebräuch ich. Ein Dater Sit bermünze(dieß iſt hier gemeint), enthält 8 Schillinge ein Daler Kupfermünze aber nur 2 ⅞ Schillinge. En Schilling hat 4 Stüber. A. d. U. den unglück ſtehen blieb. Endlich großen Anf laſſen und ihren Sinn einige Seite „Lura, Augen reib greifen? wahr, ich denn ich wi „Gasö Sachen hal in's Ohr. „Laß'n taufe halten ſuchen— weiß, was „Vielle kam,„kann eines Schul „Das gleich! im Und gl tet von Lu kommen und „Hör' ſich ein wer rechnen, wi „Das „Dann men!“ Und der Artikel hatte Paul „Du b vatterin rec ht hatte, ſic ch ſetzte, auf er Bootſchiffen if dieſem al⸗ end, wog die ieder bis die hnur von de rieth, ſonden Waare, dae einberechme aſerten Baſt 2 Hauptpunt t gehen. Die fel, kam abn — 4 Dalae ling. Secht el als 5 Dg h durchfinden werden ſoll un ſie begam ger acht Stu⸗ en Summen kanwuchs, al e fordern euem:„Zwi n Neuem bi an einigen A Ein Daler Sit lt 8 Schillinge ſchillinge. Ei A. d. U. 43 den unglücklichen,„fünf Daler weniger acht Schilling“ ſtehen blieb. Endlich war die Gevatterin, ermüdet von der großen Anſtrengung, auf dem Wege, alles liegen zu laſſen und einzuſchlafen, als Lura es nöthig erachtete, ihren Sinn durch ein Zupfen an dem Friesrocke und einige Seitenſtöße aufzufriſchen. „Lura,“ ſagte die Gevatterin auffahrend und die Augen reibend,„biſt du im Stande dies hier zu be⸗ greifen? Zwei Pfund Reis macht... Aber es iſt wahr, ich bekomme keine Macht mit meinem Kopf, denn ich wurde zur Unzeit aufgeweckt!“ „Gasö⸗Johannes meint, er muß nothwendig die Sachen haben, ſonſt geht er weg!“ ſchrie ihr Lura in's Ohr. „Laß'n gehen, dumme Trine! Können ſie Kind⸗ taufe halten ohne meine Sachen, ſo können ſie's ver⸗ ſuchen— aber ich gebe keine Sachen, ohne daß ich weiß, was ich dafür haben ſoll.“ „Vielleicht,“ ſagte Lura, die eine lichte Idee be⸗ kam,„kann der Junge nachrechnen, er iſt ja der Sohn eines Schulmeiſters.“ „Das wäre verteufelt ſchön, laß'n einkommen, gleich! im Augenblick!“ Und gleich im Augenblicke trat Paul ein, beglei⸗ tet von Lura, welche ihn bat, er möchte nur herein kommen und nicht bauernblöde fein. „Hör' Du,“ ſagte die Gevatterin, und wendete ſich ein wenig auf die Seite,„kannſt Du auch ſo gut rechnen, wie Du Geſchriebenes lieſ'ſt?“ „Das kann ich,“ antwortete Paul. „Dann ſtell Dich hier hin und rechne dies zuſam⸗ men!“ Und nun gab ihm die Gevatterin an, was je⸗ der Artikel für ſich koſtete und in einem Augenblicke hatte Paul eine vollſtändige Rechnung fertig. „Du biſt kein dummer Jahn, Du!“ ſagte die Ge⸗ vatterin recht gnädig, nachdem ſie das Geld entgegen genommen und in dem eiſenbeſchlagenen Kaſten, der man bis an ſeinen Platz unter dem Bette einnahm, verſchloſſe länger es da hatte.„Da hä Paul glaubte vernünftiger Weiſe weder etwaein.„Beſſer dafür noch dagegen ſagen zu können, ſondern begnügverdünnt! 3 ſich damit, nur einen Kratzfuß zu machen. denn die kan „Was wollteſt Du eigentlich hier?“ fragte di Sagen und L Gevatterin. ſie noch tauſe Und nun erhielt Paul endlich Gelegenheit, ſenkurz, und eil Anliegen vorzubringen und die Hoffnung, die er a Lura's ſeine Wanderung geknüpft hatte, zu erzählen. Die Gahier das lit vatterin hörte ihn ohne ſichtbare Zeichen weder de bewohner. P Zufriedenheit noch der Unzufriedenheit an und mein’den geringſte nur, ſie wollte die Sache beſchlafen, Paul könnte di gründlich, w Nacht über dort bleiben. derjenige, der Beruhigt durch das gute Verſprechen der Kam Gottes Gab⸗ raden, nach ſeiner Mutter zu ſehen, meinte Paul, nihm angebote recht gut wagen zu können, daß er bis zum folgende Auf dieſ Morgen blieb. Er dankte alſo und verfügte ſich hinau gen Tag ſchl Bei dem Eintritte in die Küche erhielt er ſogleitfangs von einen Wink von Nora, den Beſuch in ihrem Zimmeund der Rech zu erneuern, und obgleich ſie die Geſangübungen nich ſo wendeten f wieder vorzunehmen wagten, ſo verlebten ſie gleichwo die Gedanken einen ſehr angenehmen Abend, indem ſie ſich gegenſeit Mutter. Un alles Wunderbare und Luſtige mittheilten, das ſie wuß Gedanke. ten. Zuletzt holte Nora ihre Scharteken hervor, welch den Paul höchlich in Verwunderung ſetzten und erfren ten, denn er hatte, mit Ausnahme der Bibel, nie ſe ndicke“ Bücher geleſen. Nora ſchlug viele Stellen auf aber obgleich Paul dasjenige, was dort zu leſen wan artig genug fand, ſo meinte er dennoch, f wäre nicht in Vergleich mit den Sagen, wo man Alles mit einen. Male zu wiſſen bekäme. Morgengeſhe „Aber es iſt um ſo angenehmer, je länger es dauert e.. meinte Nora, die in dieſem Falle ganz entgegengeſetz. Als die ter Meinung war.„Man wird ſo neugierig und ängſerin beſchien, lich, und iſt oft bereit, zu lachen und zu weinen, zuglitten und Kaſten, der man bis an's Ende kommt, und das iſt ſo luſtig, je verſchloſſet länger es dauert.“ „Da hängt es nie recht zuſammen!“ wendete Paul weder etwazein.„Beſſer wenig und gut, als viel und mit Waſſer dern begnügt verdünnt! Ich frage nicht ſo viel nach der Neugierde, . denn die kann ich doch nur einmal haben. Aber meine fragte di Sagen und Lieder habe ich tauſendmal geleſen und kann ſie noch tauſendmal leſen, weil ſie ſo ſchön ſind und genheit, ſeikurz, und ein ſolches Herz in ſich haben.“ g, die er a Lura's Ankunft mit der Grützenſchüſſel unterbrach len. Die Gehier das literariſche Urtheil unſerer jungen Scheren⸗ in weder dabewohner. Paul war ſo glücklich und froh, daß er nicht n und meinnden geringſten Hunger hatte; aber er aß dennoch recht ul könnte digründlich, weil er glaubte, es ſei faſt ſündhaft, wenn derjenige, der ſelten Gelegenheit hätte, ſich ſatt zu eſſen, n der Kam Gottes Gaben unberührt ſtehen laſſen wollte, da ſie nte Paul, nihm angeboten würden. um folgenden Auf dieſen in Paul's einfachem Leben merkwürdi⸗ te ſich hinau gen Tag ſchlief er unendlich gut; und obgleich er an⸗ elt er ſogleit fangs von Nora und ihren Rittern, der Gevatterin hrem Zimmaund der Rechnung, Lura und der kurzen Pfeife träumte, übungen nicz ſo wendeten ſich doch ſelbſt in dieſem unbewußten Zuſtande ſie gleichwot die Gedanken allmälig zurück zu ſeiner alten, lieben ich gegenſeit Mutter. Und bei ſeinem Erwachen war ſie ſein erſter das ſie wuß Gedanke. dervor, welch n und erfreu⸗ Bibel, nie ſ Stellen auf zu leſen wan s wäre nicht Viertes Kapitel. les mit einen Morgengeſpräch zwiſchen der Gevatterin und Lura. Die Gevatterin faßt einen großen Entſchluß. eer es dauert a7.... 3 ntgegengeſtz. Als die Morgenſonne die Nachtmütze der Gevatte⸗ rig und äng rin beſchien, welche bis über die Naſenſpitze hinabge⸗ weinen, englitten und alſo dem Athemholen hinderlich war, er⸗ 46 wachte ſie in dieſer Art Unruhe, welche man empfindet, wenn man von Erſticken träumt. Aber ſchnell ſich des von dem Betthimmel herabſchwebenden, grünen, wol⸗ lenen Bandes mit dem ledernen Handgriffe bemächti⸗ gend, verhalf ſie ſich bald in eine ſitzende Stellung, und da gaben die unangenehmen Gefühle bald der erſten Sehnſucht Raum, die immer über ſie kam, ſo⸗ bald ſie fühlte, daß ſie wiederum zu einem neuen Tage aufgelebt war. Nachdem ſie ſich einigemal mit verwendeter Hand die Augen gerieben, gegähnt und geſchnupft hatte— dieſes Letztgenannte geſchah heute vor der Schrankbe⸗ grüßung, und ſchrieb ſich wahrſcheinlich her von der Unruhe ihres Kopfes, worin ſie erwacht war— ſo ſtreckte ſie die Hand aus und den wohlbekannten Schlüſ⸗ ſel mit dem Daumen und dem Zeigefinger faſſend, ver⸗ ſchaffte ſie ſich bald ſowohl die Flaſche, als auch den Tümmler. Nach drei bis vier kleinen Erquickungsper⸗ len verſpürte die Gevatterin, wie ſich eine außeror⸗ dentliche Hurtigkeit und eine Federkraft über jedes Glied ausbreitete, und der erſte Gebrauch, den ſie von ihrer zurückkehrenden Kraft machte, war, daß ſie vor Lura mittelſt, eines tüchtigen Zuges an den Glocken⸗ ſtrang ihr Erwachen verkündigte.. Lura war eine aufmerkſame Dienerin. Kaum war der Schlüſſel in dem Wandſchranke wieder umgedreht ſo ſtand ſie vor ihrer Herrin mit einem großen Kaffee⸗ keſſel und einem braunroſigen Spülkumpf: die Gevat⸗ terin verſchmähte es gänzlich, aus einer Taſſe zu trinken. Mit einem in dem ſchleppenden Scherendialekte lang gedehnten„Guten Morgen, beſte Frau!“ begrüßte Lurg ihre Herrin, und hatte ſie ſo wenigſtens zwanzig lang jeden Morgen begrüßt, und die Gevatterin halte eben ſo gewiß ſtets geantwortet:„Danke! waß für Wind iſt heute?“— „Er war heute Morgen öſtlich, jetzt hat er ſich aber wieder nach Südweſten gedreht,“ ſagte Lura, im 4 dem ſie de Teller ſetzt Tiſches ſcho „Iſt's „O, e er wird wo ter wird.“ „Ja, Dieſe Wor bedauernde zu enthalte antwortete Ofen an. „Gabf etwas? Jo kam.“ „Er b „Kein „Ich h „Du k „Bege Sie wollte „War! Vormittage wenn Du laß nicht weggehen, Linö⸗Joha 3„Ja d knieenden „Iſt d die Gevatte gewöhnlich „Ja d Sie ihm e „Er h „Ja d nempfindet, nell ſich des rünen, wol⸗ fe bemächti⸗ e Stellung, e bald der ſe kam, ſo⸗ neuen Tage ndeter Hand ſoft hatte— Schrankbe⸗ er von der nten Schlüſ⸗ faſſend, ver⸗ ls auch den uickungsper⸗ ine außeror⸗ über jedes den ſie von daß ſie vor den Glocken⸗ Kaum war umgedreht, doßen Kaffee⸗ die Gevat⸗ ſſe zu trinken. cherendialekte iu!“ begrüßtt tens zwanzig e Gevatterin Danke! waß hat er ſich gte Lura, in 47 dem ſie den Kaffeekeſſel auf einen kleinen hölzernen Teller ſetzte, und die ganze Anſtalt auf die Ecke des Tiſches ſchob, die dem Bette zunächſt ſtand. „Iſt's ſehr windig?“ „O, es kommt wohl bis er wird wohl ſtill werden, we ter wird.“ „Ja, ja, das Eis bleibt gewiß noch etwas liegen.“ Dieſe Worte, welche die Gevatterin in einer Art von bedauerndem Tone äußerte, ſchienen eher eine Reflexion zu enthalten, als eine Antwort zu begehren. Lura antwortete auch nicht, ſondern blies lieber Feuer im Ofen an. „Gabſt Du dem Niſſe von Skär am Sonnabende etwas? Ich ſah durch's Fenſter, daß er angeſtümpert kam.“ „Er bekam ein Paar Kartoffeln.“ „Kein Mehl?“ „Ich hatte keines.“ „Du könnteſt begehrt haben!“ „Begehrt? Das that ich ja, aber Sie ſagten ja, Sie wollten nicht geweckt ſein.“ „Warum weckteſt Du mich denn? Du hätteſt am Vormittage begehren ſollen, da er kam! Und immer wenn Du was haben willſt, ſo begehre Morgens; und laß nicht den Niſſe von Skär künftig ſo ohne Gabe weggehen, und Häring⸗Petter's Lena und die alte Linö⸗Johanna auch nicht— hörſt Du, Dummkopf?“ „ Ja doch,“ ſagte Lura, und erhob ſich von ihrer knieenden Stellung vor dem Ofen. „Iſt der Junge der Wärningſche noch hier?“ fragte die Gevatterin weiter, indem ſie ihr Ankleiden, wie gewöhnlich, mit dem Anziehen der Stiefeln begangt „Ja doch, er wartet wohl, der arme Jange, naß Sie ihm etwas abkaufen.“ „Er hat wohl heute etwas zum Beſten bekommen?“ „Ja doch!“ Dieſes war Lura's ſtehende Antwort, vweilen ein Bläſer, aber an's nur erſt etwas ſpä⸗ 1 „ 1 wenn es nur möglicher Weiſe paßte. Bisweilen aber gebrauchte ſie auch der Veränderung wegen ein„nein“ vor dem„doch.“ Ungefähr eine Stunde nach dieſer kleinen Morgen⸗ ſcene erſchien die Gevatterin völlig ausgerüſtet in ihrem Friesrocke, ihren ſchwarzen loſen Taſchen und ihrem 3 grünen Hute in dem Krugzimmer, wo Paul wartete. Da es dort jedoch etwas kalt war, ſo wurde er in die vertrauliche und warme Umgebung des inneren Zim⸗ mers eingeladen, und nachdem ihm ein Stuhl ange⸗ wieſen war, und er als eine beſondere Aufmunterung die Kaffeethräne, welche die Gevatterin in dem Kumpf übrig gelaſſen, nebſt einem Stücke ergilbten Zucker aus der kleinen gläſernen Doſe erhalten hatte, wurde er von ſeiner Wirthin folgender Maßen angeredet: „Hör' Du, wie alt biſt Du?“ „Fünfzehn Jahre und einen Monat.“ „Wie lange iſt Dein Vater todt?“ „Im nächſten Frühling werden es zwei Jahre.“ „Kannſt Du ſchreiben, ich meine, ordentlich und richtig?“ „Ich will zeigen, wie ich ſchreibe, wenn ich darf.“ „Thu' das— dort ſteht ein Schreibzeug auf dem Tiſche!“ Paul ging hin und ſchrieb ſeinen Namen in zwei oder drei Auflagen. „Gut!“ ſagte die Gevatterin.„Getrauſt Du Dich wohl, einen Brief zuſammenzuſetzen?“ „Das weiß ich nicht, denn ich habe es noch nie verſucht; aber es wird doch wohl auch ſo gefährlich nicht ſein.“ „Meiner Seel', nicht ſo leicht! Ich möchte gerne gerade jetzt einen Brief geſchrieben haben. Du kannſt nachſchreiben, ich will ihn zuſammenſetzen, ſo weißt Du ein andermal, wie Du es machen ſollſt.“ „Ja wohl,“ ſagte Paul,„es mag recht gut ſeinm, das zu können.“ Die Maßen re Platz gen Stuhl ge Vorbeigeh der Morg weil ſie Nachmitta dies noch bei ſich ſe der oft w Schreiben und an il ringſte Hi „Biſt — fange „Hoch Companie „Haſt „Glei „Da hat, ſind der Stadt „Boo gegangen, das Blatt „Du aber ſetz n haſt Du an!....„ auf den le liche Kälte kaufen. A keinem M außerorden dem aller Seite, ſo Paul W zeilen aber mein„nein“ ien Morgen⸗ iſtet in ihrem und ihrem aul wartete. rde er in die nneren Zim⸗ Stuhl ange⸗ ufmunterung dem Kumpf n Zucker aus wurde er ei Jahre.“ dentlich und in 8ich darf.“ eug auf dem men in zwei uſt Du Dich es noch nie ſo gefährlich möchte gerne Du kannſt ſo weißt Dau echt gut ſein, Die Gevatterin ſuchte jetzt ein Quartblatt einiger Maßen reines Papier hervor, und nachdem ſie im Bette Platz genommen und die Füße auf einen umgeworfenen Stuhl geſtreckt hatte, begann ſie ihr Dictamen. Im Vorbeigehen mag erwähnt werden, daß ſie ſich ſtets der Morgen bediente, wenn Geſchäfte in Frage kamen, weil ſie ſelbſt ſehr gut wußte, wie unzuverläßig die Nachmittage waren. Die Gevatterin hatte jetzt über⸗ dies noch andere Gedanken im Kopfe. Sie hatte lange bei ſich ſelbſt bekannt, daß das Zittern ihrer Hand und der oft wiederkehrende Schwindel des Kopfes ihr alles Schreiben und Rechnen ganz beſonders ſchwer machten, und an ihrer Tochter Nora hatte ſie nicht die allerge⸗ ringſte Hülfe. Alſo.... doch davon weiter unten. „Biſt Du fertig, ſo ſchreib nun, wie ich Dir ſage — fange aber hoch an der Kante an!“ „Hochgeehrter und günſtiger Herr Lerberg mit Companie in Göteborg!“ „Haſt Du das?“ „Gleich— mit Companie in Göteborg!“ „Da das Eis lange hier im Fahrwaſſer gelegen hat, ſind keine Boote oder andere Gelegenheiten nach der Stadt gegangen....„Laß mich einmal ſehen!“ „Boote oder andere Gelegenheiten nach der Stadt gegangen,“ ſagte Paul nach und reichte der Gevatterin das Blatt, ſo bald die Worte niedergeſchrieben waren. „Du ſchreibſt meiner Seel wie ein ganzer Prieſter! aber ſetz nun die Reihen dichter zuſammen, denn ſonſt haſt Du nicht Platz genug. So, fang nun wieder an!„Darum iſt mir der Kümmelbranntwein bis auf den letzten Tropfen ausgegangen. Dieſe fürchter⸗ liche Kälte macht, daß die Leute ganz ſchrecklich davon kaufen. Aber ich bin nun ſo in der Klemme, daß ich keinem Menſchen helfen kann, und daher würde es außerordentlich gut ſein, wenn mir die Herren mit dem aller...“„Schreib' nun nicht weiter auf der Seite, ſondern wende das Blatt um, leg aber erſt Pau 4 50 Löſchpapier auf, daß es einzieht— ſo gut— das war ſchän!“....„mit dem allererſten offenen Waſſer und Gelegenheit ein 20 Kannenfaß, ſo wie auch ein Halbanker Syrup und 30 Lispfund ungebeuteltes Rog⸗ genmehl ſchicken wollte, außer Kaffee und Zucker, wie gewöhnlich....“ „Warte nun ein wenig!“ Nachdem die Gevatterin einige Augenblicke einem tiefen Nachdenken gewidme hatte, ſo begann ſie von Neuem: „Da wir im vorigen Herbſte unſere Rechnung ab⸗ ſchloſſen, ſo bin ich nichts ſchuldig, was mit dieſem neuen Waarenlager zuſammenkommen kann, welches ich jetzt begehrt und erbeten habe. Eine ergebenſte Dienerin Maja Larsſon. Knipps, den 27. Februar 18... Wegen Kränklichkeit durch Bevollmächtigten.“ „Hatteſt Du ordentlich Raum für alles?“ fragh die Gevatterin und ſetzte ihre Brille auf, um Paul ganze Epiſtel durchzuſehen. „Netio auf ein Haar!“ entgegnete Paul.„Das Letzte hätte ich beinahe nicht hinbekommen, aber ich zoh es ſo fein zuſammen, daß ich's doch noch hinkriegte. „Sehr gut! Jetzt will ich's durchleſen.“ Nachdem die Gevatterin den Brief in allen ſeine Theilen geprüft und gefunden hatte, daß er ſogar noch viel deutlicher geſchrieben war, als ſie ſelbſt ihn hätte ſchreiben können, fragte ſie Paul, ob er nun wohl glaubte, er könnte ſelbſt einen Brief zuſammen ſetzen „Ja gewiß, das wage ich,“ antwortete Pauf hurtig. Die Gevatterin nahm ſich eine Priſe und ſchlu⸗ ſich einige Male mit dem Daumen auf die Naſenſpitzt um beſſer denken zu können; darauf ſagte ſie raſch denn es war nicht ihre ſchwache Seite, ſich lange mi dem Denken abzugeben:„Hör’ Du— Du gefäll mir, und ich glaube gewiß, Du biſt von ehrlichen Dinnſt nichts— „Er! „Nur Schelm— anvertrau machen w „Wa „Ich der Dir „Das „Dal Dich zu gerade ſo auf der 3 die Klakt und ich d Alles im und But Krüge B Du dazu damit an und Trir brauchſt, drei Dal Pau Ausſichte! Trinken, ſagen, w Mutter, wohl alle „Nü „Ja gut— das enen Waſſer vie auch ein uteltes Rog⸗ Zucker, wie e Gevatterin ſen gewidme Rechnung ab⸗ s mit dieſem nn, welches a Larsſon. tächtigten.“ lles?“ fragt , um Paulz Paul.„Daß „aber ich zoß hinkriegte.“ n.“* n allen ſeine er ſogar noch lbſt ihn hätt er nun woßl ammen ſetzen vortete Pauf ſe und ſchlu ee Naſenſpitze igte ſie raſch ſich lange m Du gefällt von ehrlichet 51 Herkunft, denn Dein Vater war ein großer Tauge⸗ nichts— nicht wahr?“ „Er war ſehr ehrlich,“ meinte Paul hoch erröthend. „Nun, Du ſiehſt mir auch nicht aus wie ein Schelm— Du auch nicht— alſo wenn man Dir etwas anvertraute, ſo glaube ich nicht, daß Du lange Finger machen würdeſt.“ „Was iſt das?“ fragte Paul. „Ich meine, Du würdeſt dankbar gegen den ſein, der Dir Gutes thäte?“ „Das iſt ganz gewiß!“ „Dann ſollſt Du wiſſen, ich habe die Abſicht, Dich zu meinem Buchhalter zu machen. Ich brauche gerade ſo Einen, der von ehrlichen Leuten iſt und der auf der Tafel zuſammenrechnen und des Sommers in die Klakke einſchreiben kann, wenn's friſch hergeht, und ich die Augen nicht überall haben und auch nicht Alles im Kopfe behalten kann, ſondern an Schnäppſen und Butterbroden betrogen werde, ungerechnet alle Krüge Bier, die vergeſſen werden. Aber was ſagſt Du dazu? Du haſt gewitzigte Augen und kannſt gewiß damit an's Land gehen. Ich gebe Dir— außer Eſſen und Trinken— Kleider und Schuhe, wenn Du ſie brauchſt, noch dazu— wenn Du Dich gut aufführſt, drei Daler im Monate, ja vielleicht ſogar vier!“ Paul ſtand da verdutzt über dieſe glänzenden Ausſichten. Buchhalter auf dem Knipps mit Eſſen und Trinken, Kleidern, Schuhen und vier Dalern im Monat— bis zu dieſer Höhe waren ſeine allerkühn⸗ ſten Hoffnungen nie geſtiegen. Was ſollte ſeine gute Mutter, was ſollten Pump, Elg und Waſſer⸗Laſſe ſagen, wenn ſie das alles erführen? Aber ach, ſeine Mutter, ſeine arme kranke Mutter, wie ſollte ſie ſich wohl allein bergen! Paul ſeufzte und ſchwieg. „Nun, Junge! haſt Du keine Sprache im Munde?“ „Ja,“ entgegnete Paul,„aber Mutter kann ge⸗ wiß nicht ohne mich ſein— nein, das ginge nimmer⸗ mehr gut! Im Uebrigen danke ich ſo ſehr für die Ehre und kann nie genug danken, denn ein ſo ehrenvolles Anerbieten iſt gewiß noch keinem Menſchen gemacht worden!“ Es ſchmeichelte der Gevatterin, welche recht gut wußte, was ein Junker aus der Stadt lhr. koſten würde, daß Paul, welcher ihr vollkommen eben ſo vielen Nutzen ſchaffen könnte und gewiß noch etwas darüber, ihr Anerbieten ſo freigebig fand, zugleich aber verdroß es ſie, daß ein ſo armer Junge es wagte, mit einer Einwendung hervorzuko mmen, von welcher Art dieſelbe auch ſein mochte, und daher ſah ſie ſehr ungnädig aus, da ſie antwortete: „Was T=l biſt Du für ein dummer Dorſch, daß Du Dein eignes Beſtes nicht verſtehſt? Du wärſt verch daß Du Seehundshäute lecken müßteſt, ſo lange Du lebſt, und nie das Fle iſch von einem ehrlichen Hummer zu ſchmecken kriegteſt, da Du ſo„ſpital mäßig“ antwor⸗ ten kannſt. Pfui T—! willſt Du noch immer Deiner Mutter am Rock h hangen?“ Die Miene der Gevatterin war bei dieſer ernſt⸗ haften Zurechtweiſung, wie erwähnt, nicht ermunternd. Paul wagte kaum noch ein einziges Wort hervorzu⸗ bringen.„Ich... ich...“ ſtammelte er. „Sprich rein heraus aus dem Barte!“ donnerte die Alte,„und ſteh' nicht da und miaue, denn da miaue ich Dich auf die Schnauze, darauf kannſt Du Dich ſetzen!“ „Darf ich Mutter erſt fragen, damit ſie ihr Wort ſagen kann?“ fragte Paul und ſtrengte ſich an, die Stimme ſo laut und rein wie nur möglich zu machen. „Gewiß zum Kukuk ſollſt Du ſie fragen! Ich will Dich wohl nicht ſtehlen? Und hat ſie nur ein Körn⸗ chen Vernunft im Leibe, ſo wird ſie Dich gewiß von Herzen gern von ſich laſſen. Solche Glücktreffer beißen nicht jeden Tag an die Angel!“ „Ne ſanfteren der Mut geworden Frühling „Ja kluge Lei nigkeiten ob ich D und kom bekomme Und Gevatter daß Pau Außerden dem ande Kartoffel. er auch c als eine ein Viert Nora, w rung nah einer klei cher letzte ein Mie im Früh die ſich g beweiſen ihrem e Häringe höchſt ſo gewickelt So Paul ſei *) Ein nimmer⸗ die Ehre hrenvolles gemacht recht gut ihr koſten n eben ſo och etwas gleich aber es wagte, n welcher ah ſie ſehr ſch, daß ſt werth, lange Du n Hummer antwor⸗ ner Deiner 0 r bar ieſer ernſt⸗ rmunternd. t hervorzu⸗ onnerte die da miaue ſt Du Dich ie ihr Wort ſich an, die zu machen. u! Ich will ein Körn⸗ gewiß von keffer beißen „Nein, gewiß nicht!“ fiel Paul ein, der durch den ſanfteren Tonfall in der Stimme der Gevatterin wie⸗ der Muth ſchöpfte.„Und wenn Mutter wieder beſſer geworden iſt, wie ſie wohl mit Gottes Hülfe zum Frühling thut, ſo könnte ich dann ja kommen. „Ja, ſieh, das nenne ich einmal geredet, wie kluge Leute es thun! Und nun geh und hole die Klei⸗ nigkeiten, die Du bei Dir haſt, ſo will ich zuſehen, ob ich Dir mit einigen Waaren darauf helfen kann, und kommſt Du hieher, ſo kannſt Du es wohl wieder bekommen.“ Und jetzt wurde das Geſchäft abgemacht. Die Gevatterin ſchätzte und wog und richtete es ſo gut ein, daß Paul's Herz vor Freude und Dankbarkeit hüpfte. Außerdem, daß er Mehl in dem einen und Grütze in dem andern Ende des Beutels und ein Paar Kappen*) Kartoffeln in einem andern Beutel bekam, ſo erhielt er auch als ein reines Geſchenk, oder richtiger geſagt als eine Art Handgeld ein ganzes Pfund Kaffebohnen, ein Viertel Zucker und zwei Pfund Speck. Mamſell Nora, welche die Sagen und die Lieder in Verwah⸗ rung nahm, rüſtete ihn mit einem großen Brode und einer kleinen Schachtel von Birkenrinde aus, in wel⸗ cher letzteren Butter war, es ſollte dies, wie ſie ſagte, ein Miethgeld ſein für die ſchönen Hiſtorien, die ſie im Frühlinge zuſammen ſingen wollten. Und Lura, die ſich auch nicht weniger freigebig gegen den Knaben beweiſen wollte, als die Uebrigen, ſchenkte ihm von ihrem eigenen Frühſtücksvorrathe zwei eingeſalzene Häringe, ein Licht und ein Stück geſalzenes Fett, alles höchſt ſorgfältig in einen ganzen Bogen Löſchpapier gewickelt. So begabt, den Eßvorrath noch unberechnet, trat Paul ſeine Rückreiſe an mit einem Herzen, das vor *) Ein Getreidemaß, von denen 32 auf eine Tonne gehen. A. d. U. Dankbarkeit gegen Gott und Menſchen überfloß; und der kräftige Handſchlag der Gevatterin brannte ihm noch in den Fingerſpitzen, und Mamſell Nora's freund⸗ liches Lebewohl klang noch in ſeinem Ohre, als er un⸗ weit des heimathlichen Strandes von Pump's, Elg's und Waſſer⸗Laſſe's lautem Jubel empfangen wurde. „Wie iſt's gegangen? wie iſt Dir's gegangen?“ riefen ſie durcheinander. „Glücklich!“ ſagte Paul und ſetzte eine ächte große und wichtige Miene auf.„Aber Ihr könnt nun und nimmermehr begreifen, Jungen! mit wem Ihr redet! Gleich viel; Ihr ſollt es gleich erfahren, denn ich will es vor Euch nicht heimlich halten. Seht mich recht an und blinzelt nicht.... ich bin— Buchhalter auf dem Knipps!“ „Nimmermehr— er lügt, daß er platzen kann,“ rief zuletzt Waſſer⸗Laſſe in einem entſcheidenden Tone aus,„und dafür ſoll er Tagel haben.“ „NRein, Jungen! ich lüge nicht. Seht, hier ſollt Ihr nur fühlen, was ich für Eſſen bekam! Für Euch drei habe ich eine Scheibe Brod und ein Stück Käſe aufgehoben. So, nun nehmt nur, Jungen, und eßt alles mit einander auf!“ „Das mußt Du Deiner Mutter geben, Paul! Wir wollen es Dir nicht aufeſſen,“ verſicherten ſie alle drei, obgleich ihre lüſternen Blicke zu erkennen gaben, welche Entbehrung ſie ſich auferlegten. „Ich habe doch noch vollauf für meine Mutter, denn ich bekam die Sachen gut taxirt und erhalte ſie den⸗ noch wieder, wenn ich hinkomme. Aber dieſes hier, meinen Eßvorrath für den Weg, habe ich von Anfang an für Euch verwahrt, denn ich aß mich ſatt ehe ich ging. Und nun ſollt Ihr meinen Willen thun und fürlieb nehmen! Es iſt wohl alles gut mit meiner Mutter?“ Während die Knaben, ohne ſich weiter nöthigen zu laſſen, mit dem Brode und dem Käſe loslegten, ver⸗ ſicherten wie die hatte ſie aber hatt nach Hat gebeten, zu ſehen Son flügelten ihrerſeits umher zu erzählen. Fiſcherdo mit gefa Erzählun war. Al⸗ derung welche— merkwür ter geſeg ihre Ver unſer He noch, d durch nis erbotenen Pau ſer Wor damit ih Feuer ar brenner nen und und Soh Freude h vollen G freuen, ſe geladen, Von rfloß; und annte ihm 's freund⸗ als er un⸗ „s, Elg's en wurde. egangen?“ ichte große t nun und Ihr redet! nn ich will mich recht lter auf zen kann,“ nden Tone ,hier ſollt Für Euch Stück Käſe n, und eßt en, Paul! rten ſie alle nen gaben, rutter, denn lte ſie den⸗ dieſes hier, don Anfang ſatt ehe ich thun und mit meiner nöthigen zu egten, ver⸗ 55 ſicherten ſie Paul, daßs die Alte ſich befunden hätte, wie die Perle im Golde. Außer Waſſer⸗Laſſe's Ei hatte ſie Haferkuchen und Weißlinge erhalten; gewiß aber hatte ſie ſich ſchrecklich darnach geſehnt, daß Paul nach Hauſe kommen möchte und ſie wohl fünfzigmal gebeten, nachzuſehen, ob er nicht draußen auf dem Eiſe zu ſehen wäre. Sowie Paul dies hörte, eilte er ſogleich mit be⸗ flügelten Schritten hinweg von den Kameraden, welche ihrerſeits eben ſo große Eile hatten, in den Hütten umher zu laufen und Pauls wunderbare Erhebung zu erzählen. Und während die eifrigen Freunde das ganze Fiſcherdorf in Bewegung ſetzten, lauſchte Frau Wärning mit gefalteten Händen und glänzendem Blick auf die „Erzählung ihres Sohnes über alles, was ihm begegnet war. Als er die ganz weitläuftige und wichtige Schil⸗ derung ſeiner großen Auswanderung beendet hatte, welche— man wird es entſchuldigen— ihm als höchſt merkwürdig erſchien, da wurde er von der guten Mut⸗ ter geſegnet, und empfing mit ſtiller und tiefer Freude ihre Verficherung, daß er das beſte Kind wäre, welches unſer Herr ihr hätte ſchenken können. Zuletzt ſagte ſie noch, daß ſie mit Gewißheit glaubte, Paul würde durch nichts gehindert ſein, am nächſten Frühlinge den erbotenen Dienſt anzunehmen. Paul dachte nicht näher nach über den Inhalt die⸗ ſer Worte, denn er ſah es für abgemacht an, daß ſie damit ihre baldige Beſſerung meinte, ſondern eilte, Feuer anzumachen und den lange unbenutzten Kaffee⸗ brenner hervorzuſuchen. Bald kamen einige Nachbarin⸗ nen und halfen ihm damit. Und da beide, Mutter und Sohn allzu glücklich waren, als daß ſie nicht eine Freude hätten mittheilen ſollen, von welcher ſie keinen vollen Genuß haben konnten, ohne auch Andere zu er⸗ freuen, ſo wurden die Nachbarinnen augenblicklich ein⸗ geladen, an dem Kaffeefeſte Theil zu nehmen. Von dieſem wichtigen Tage an hieß Paul allge⸗ mein der Buchhalter, und der Gedanke an die bal⸗ dige Trennung ſchlichtete alle Streitigkeiten mit den Kameraden. Selbſt Waſſer⸗Laſſe kam ferner nicht mehr hervor mit einem Vorſchlage von„Auflegung“ u. ſ. w., ſondern ſtatt deſſen redete er von Jungenſtreichen und dergleichen mehr, ſo wie daß er, wenn Paul das Fi⸗ ſcherdorf nun verließe, beſtimmt geſonnen ſei, mit Elg und Pump nach Göteborg zu gehen, und dort Mieth⸗ geld zu nehmen, um ſeine erſte Bekanntſchaft mit dem Tauende auf einem Schoner oder einer Brigg zu machen. Fünftes Kapitel. Paul nimmt Abſchied von ſeiner Mutter und von ſeiner Heimath,— Abſchiedshymne des Waſſer⸗Laſſc und der übrigen Freunde. Das Waſſer wurde wieder frei von Eis. Paul hatte Glück mit ſeiner Fiſcherei, aber die Mutter ver⸗ mochte immer weniger und weniger zu verzehren, was er anſchaffte. Nicht einmal wenn er ihre Lieblings⸗ fiſche kochte, koſtete ſie mehr als einen kleinen Biſſen. Der Kaffee war das einzige, das ſie noch erquickte, und jeden Tag dankte Paul in ſeiner Niedergeſchlagen⸗ heit Gott dafür, daß er ihr dieſes Labſal hatte ver⸗ ſchaffen können. Uebrigens war er jetzt ſehr niederge⸗ ſchlagen, denn er fürchtete, daß er nun bald ganz allein in der Welt ſtehen würde. Aber tröſtend ſagte die Mutter, als ſie einſt län⸗ ger als gewöhnlich die traurigen Blicke ihres Sohnes und die ſchwere Unruhe in ſeinem ganzen Weſen be⸗ trachtet hatte:„Sei ruhig, mein Paul, und unterwirf Dich füh Dich Ge chen mü und da ſo kann preiſen.“ Pal „G. ich ſie he Und, P verſprech vornimm ſollteſt T haſt Du beſſer, wie ich „Ja wie Vat genug.“ „Th wirſt, d Dich gut und ſchw daß man her kom ſondern hat und ehlicht h brauchſt der ſelig Stücken in allem „Do ſchon mi ich, liebe Un die bal⸗ mit den icht mehr u. ſ. w., ichen und l das Fi⸗ mit Elg rt Mieth⸗ mit dem Brigg zu on ſeiner und der is. Paul rutter ver⸗ hren, was Lieblings⸗ en Biſſen. erquickte, geſchlagen⸗ hatte ver⸗ rniederge⸗ z allein 57 Dich Gottes Wohlgefallen! Ich habe im Leben ſo man⸗ chen mühevollen Tag gehabt und bedarf wohl der Ruhe, und da ich es nun ſo glücklich für Dich geſtellt ſehe, ſo kann ich meine Augen ſchließen und den Herrn preiſen.“ Paul ſchluchzte und ſenkte ſein Haupt hinab auf das Bett. „Grüße Frau Larsſon von mir und ſage ihr, daß ich ſie herzlich bitte, Dir eine rechte Mutter zu ſein! Und, Paul, Eins ſollſt Du mir vor allen Dingen verſprechen: daß Du immer ehrlich bleibſt und nichts vornimmſt, was Deinem Gefühle nach dumm iſt. Denn ſollteſt Du auch auf keinen grünen Zweig kommen, ſo haſt Du dennoch ein gutes Gewiſſen— und das iſt beſſer, als alles andere, wenn Du ſo weit kommſt, wie ich jetzt gekommen bin.“ „Ja,“ ſagte Paul,„ich will immer daran denken, wie Vater und Mutter geweſen ſind, dann iſt es genug.“ „Thue das, mein Paul! Und wenn Du ſo alt wirſt, daß von heirathen die Rede wird, dann ſieh Dich gut vor! Denn ſiehſt Du, das iſt ein gefährliches und ſchweres Ding, bei welchem man ſich hüten muß, daß man ſich nicht übereilt und dann die Reue hinter⸗ her kommt. Nimm Keine ihres Reichthums wegen, ſondern ſieh darauf, daß ſie ein rechtſchaffenes Herz hat und einen guten Ruf! Und wenn Du ſie dann ge⸗ ehlicht haſt, ſo mußt Du ſie in Ehren halten, aber nicht brauchſt Du gerade ſo gut und nachgiebig zu ſein wie der ſelige Vater— Gott erfreue ihn!— in vielen Stücken gegen mich war, ſondern ſchaffe Dir Reſpekt in allem Guten, ſo daß ſie Liebe und Ehrfurcht gegen Dich fühlt.“ „Das will ich,“ verſicherte Paul,„ich will ſie mir ſchon mit Gutem nach der Hand ziehen, das verſichere ich, liebe Mutter!“ „Und dieſes kleine Haus, welches Du vom Vater und mir erbſt, ſollſt Du nicht von Dir laſſen: kein Menſch kann wiſſen, ob Du nicht einſt froh biſt, es zu finden. Und nun habe ich Dir alles geſagt, was ich auf dem Herzen hatte. Ich habe, ſo gut ich's ſelbſt verſtand, Dich auf Gottes Wegen gehen gelehrt; beſſer wirſt Du es lernen, wenn Du nach einem Jahre oder zwei zu ſeinem heiligen Tiſche gehſt— aber thue das nicht eher, als bis Dein Gemüth geſetzt iſt, ſo daß Du recht weißt, was Du thuſt und dann gedenke mein!“ Acht Tage nach dieſem, dem wichtigſten und ein⸗ flußreichſten Geſpräche in Pauls ganzem Leben war die arme Frau Wärning nicht mehr unter der Zahl der Lebendigen. Indem ſie Paul für alle ſeine ſohnliche ihr bewieſene Zärtlichkeit dankte, entſchlummerte ſie in ſei⸗ nem Arme, um im Himmel zu erwachen. In ſtummem, tiefem Schmerze beweinte Paul ſeine geliebte Mutter. Aber getröſtet durch die Ge⸗ wißheit, daß ſie jetzt ein viel beſſeres Loos hatte, als er ihr je zu bereiten im Stande geweſen ſein würde, trocknete er endlich ſeine Thränen. Und nachdem er auf ihrem Grabhügel, neben Demjenigen, unter wel⸗ chem ſein Vater ſchlummerte, einen neuen Rosmarin gepflanzt hatte, packte er ſeine kleinen Habſeligkeiten ein, vertraute ſein Häuschen einer alten guten Fiſcher⸗ wittwe an, welche unter dem Dache deſſelben wohnen durfte, und nahm Abſchied von der ganzen Nachbar⸗ ſchaft, und von jedem Platze und Steine, mit welchem r ſeit ſeiner erſten Kindheit vertraut geweſen war. Am ſchwerſten wurde ihm jedoch der Abſchied von Elg, Pump und Waſſer⸗Laſſe. Aber auch dieſen Ab⸗ ſchied milderten die gegenſeitigen Vorſchläge, welche man für das Wiederſehen machte. Jetzt ſaß Paul in dem Bote und mit einem be⸗ trübten:„Adjöß, Adjöß, Paul! Dank, großen Dank, für jeden Augenblick, den wir luſtig mit einander ver⸗ lebten!“ ſtanden die Freunde am Strande. Sobald aber Paul dadurch, daß er den Aermel dem Auge nä⸗ herte, d hatte, die Sch Andern angeſtin als der gellendſt haben, wären! Mi Stimme Paul au wurde, „Je nahm!“ um dam den bei in: kein ſ, es zu was ich ys ſelbſt t; beſſer hre oder thue das daß Du e mein!“ und ein⸗ ben war Zahl der nliche ihr ie in ſei⸗ nte Paul die Ge⸗ atte, als n würde, chdem er nter wel⸗ dosmarin ſeligkeiten n Fiſcher⸗ wohnen Nachbar⸗ t welchem n war. ſchied von ieſen Ab⸗ e, welche einem be⸗ ben Dank, hnder ver⸗ Sobald Auge nä⸗ herte, das Signal zu einem endlichen Lebewohl gegeben hatte, da brach mit einem Male das Band, welches die Scham und die Furcht,„weibiſch“ auszuſehen, den Andern auferlegt hatte— und jetzt wurde ein Trio angeſtimmt, in welchem der eine immer ärger heulte als der andere, Waſſer⸗Laſſe aber am ärgſten und gellendſten; und er würde nicht ſobald geſchwiegen haben, wenn nicht Pump und Elg davon gegangen wären und ihn allein gelaſſen hätten. Mit einem lange ausgehaltenen Pfeifen, der Stimme eines Seevogels nachahmend, welches von Paul aus weiter Ferne auf dieſelbe Weiſe beantwortet wurde, endigte der Hymnus. „Ich war doch der Letzte, von dem er Abſchied nahm!“ ſagte Laſſe und ging ganz ſtolz den Berg hinauf, um damit vor den Kameraden zu prahlen. Fechstes Kapitel. Paul kommt gerade zur rechten Zeit, um einer Sommerſcene auf dem Knipps beizuwohnen. Als Paul in ſeinem Boote ſich der Reſidenz der Gevatterin näherte, ſchien alles in der Umgebung rund umher eine große Veränderung erlitten zu haben. Auf den bei ſeinem erſten Beſuche ſchneebedeckten Rieſen⸗ klippen, glomm jetzt die Sonne oberhalb des Seenebels und gab ihnen das Ausſehen zweier Goldberge, in wel⸗ chen nach Paul's Meinung recht leicht einige gute Zwerge oder Kobolde wohnen konnten, um für das Beſte des Hauſes zu ſorgen. Eine kleinere Schaluppe, drei oder vier große Verdeckboote und ein Paar Holz⸗ ſchuten lagen in friedlicher Ruhe und ſpiegelten ihre von de Formen in der blauen Tiefe, die kein einziger Hauch Zimme des Windes bewegte, während leichte Kähne von be⸗ An theerten und mit Segeltuch bekleideten Seehelden ge⸗ lei gro⸗ mächlich gerudert zwiſchen den Schuten hin und her zwel 9 glitten. Aber dieſe Ruhe, dieſe faſt dumpfe Stille,. zweume welche außerhalb der Reſidenz herrſchte, veränderte ſich, Weiſe; je näher man der Landungsſtelle kam. Und da Paul dere ſeinen Kahn angebunden und den Hoffelſen beſtiegen nach de hatte, ſo hörte er aus der Krugſtube einen recht ſchar⸗ an bar fen Wortwechſel, in welchem ſich die Stimme der Ge⸗ Oelkrü vatterin über einige recht grobe männliche Stimmen Butter erhob. Hil Paul hielt es nicht für beſonders angenehm, ſei⸗ hangend nen Einzug zu einer Zeit zu halten, da die Laune der weinfaſf Gevatterin ſichtlich nicht in ihrem rechten Eſſe warz und(n nachdem er ſich jedoch in der Küche vergebens nach So Lura oder Mamſell Nora umgeſehen hatte, ſo war er Paul ſi gezwungen, uäweitn und ſich ſeiner künftigen Ge⸗ Strohhr bieterin vorzuſtellen. 1 iſche Die Scene, welche Paul bei dem Oeffnen der Kilſchen 6 Thüre begegnete, war ſo, daß er nicht eigentlich fühlie, gewährt daß ſein Muth zunahm. Eingehüllt in gewaltige Wol⸗ Flaggen ken von übelriechenden Knaſtersund wie es ſchien ganz höcd Die taub gegen alles, was ſich um ſie her zutrug, ſaßen dem ſchu um einen großen Klapptiſch, der vor dem mittelſten Die Na Fenſter ſtand, vier rothbraune und ſchon eiwas gut Regenbo verpflegte Seeleute, welche— nach dem zu urtheilen, Taſchen was Paul ſchließen konnte aus dem Stück Kreide und Bosheit den Karten, die zwiſchen der Flaſche und dem Tumm⸗„d ler auf dem Tiſch hin und her geworfen wurden— mentiſch ſich damit unterhielten, ihren Zwölfer zu ſpielen. Doch drücke, dieſe Gruppe, obgleich ſie in ihrer Munterkeit ſo hoch⸗ 4 194 Scherenf laut war, daß man ſie in weiter Entfernung hören thuenden konnte, feſſelten Paul's Aufmerkſamkeit nur flüchtig, erſtickt ſ denn dieſe wurde vollkommen in Beſchlag genommen gen mit 2 Butierb ien ihre r Hauch von be⸗ a Paul hm, ſei⸗ une der ſſe war; ns nach war er gen Ge⸗ fnen der ch fühlte, ige Wol⸗ ien ganz g, ſaßen nittelſten was gut urtheilen, keide und Tumm⸗ urden— en. Doch ſo hoch⸗ ng hören flüchtig, enommen 61 von demfenigen, was ſich an dem andern Ende des Zimmers offe Auf die Kante eines blau angeſtrichenen, mit aller⸗ lei groben Holzſchnitten verzierten Tiſches ſtützten ſich zwei junge Kerle, der eine beſchäftigt, mit einem Ta⸗ ſchenmeſſer Rollta bak zu ſähreide um ihn auf mießt Weiſe zu Rauchta k zu rend der an⸗ dere mit Hülfe ein Nechnung nach den Reſul ltaten nachte das Gedächtniß an die Hand gab. Durch lange S riche bezeichnete er Oelkrüge, die S ppfe durch kleine Sterne und die Butterbröde mittelſt Punkte. Hinter dem Tiſche ſaß die Gevatterin mit herab⸗ ha ngenden Beinen auf einem leere en umgekehrten Brannt⸗ wein ffaſſe, und ſchwenkte in der einen Hand die K Ladde und in der ern einen noch feuchten zinnernen K drug. So fürchterlich ergrimmt wie ſie jetzt erſchien, hatte Paul ſie ſich nicht einmal denken können. Der gr rüne Strohhut hatte alle Segel aufgeſpannt und fuhr mit friſchem Winde zwiſchen dem Ohre und der Schulter, indem er den röthlichgrauen Haarſtreifen Spielraum gewährte, gleich vielen durch einander geworfenen alten Flaggen, die man zum Trocknen hingeworfen hat, frei uber die Galerie zu ſchweben, welche letztere hier von dem ſchwarzen E krntuche der Gevatterin ge ebildet wurde Die Naſe der Gevatterin ſchillerte in allen Farben des Regenbogens, ihre Lippen zitterten, die ſchwarzen loſen Taſchen ſchwankten und die Augen ſprühten Funken der Bosheit.. „Du Hund, Du Hairachen, Du Türke, Du ele⸗ mentiſcher Wallfiſch!“ dies waren die lindernden Aus⸗ drücke, mit denen die Gevatterin ihrer Galle in ächter Scherenſprache fleisiadi Luft machte, und ohne welchen wohl⸗ thuenden Ausbruch ie zu ewiger Krauer ihrer Kunden erſtickt ſein würde.„Du Hund! Du haſt mich betro⸗ gen mit zwei Krüge Bier, zwei Schnäppſen und drei Butierbröden! Aber bezahlſt Du mir nicht im Guten jeden Tropfen und jeden Biſſen, den Du hinunter ge⸗ ſchlungen, ſo ſchneide ich Dich auf, Du Dorſch, ſo lang Du biſt! Her mit dem Gelde, Du Auſter! her damit im Augenblick und mach keine Umſtände!“ „Geh zur Hölle, Alte! Nicht kannſt Du ſehen, was in der Kladde ſteht. Und es iſt accurat ſo wie ich ſage: fünf Krüge Biertrank, ſechs mit Waſſer ver⸗ dünnte Schnäppſe und ſieben Butterbröde, wenn man ſolchen Thran Butter nennen kann, der kaum zu Stie⸗ felſchmiere taugt.“ „Nein, ſage ich, es ſind ſieben Krüge Bier, und das iſt ſo gut, daß Du Dir das Maul darnach lecken kannſt, und acht Schnäppſe, die kein Menſch ſo gut verkauft, und zehn Butterbröde und dieſe von ſo guter Butter, daß Du elender Meerkater in Deinem Leben ſolche Butter nicht gerochen haſt.... Aber, ſteht nicht Paul da? Was, tauſend T—! was haſt Du Schlin⸗ gel zu thun gehabt, daß Du nicht eher gekommen biſt? Darüber ſprechen wir nachher— jetzt komm her und rechne zuſammen, was hier in der Kladde ſteht für Rechnung des Sakrias Amundsſon aus Roſſö!“ Weit entfernt, darüber in Verlegenheit zu gera⸗ then, daß er ſich ſo plötzlich und unvorbereitet in ſeine Dienſtgeſchäfte verſetzt ſah, freute ſich Paul im Ge⸗ gentheil herzlich, daß er Gelegenheit erhielt, ſeine Kenntniſſe auf eine Weiſe an den Tag zu legen, welche ihn der Gunſt ſeiner Herrin ſogleich empfehlen konnte. Und nachdem er einige Male die etwas mpſtiſchen Hie⸗ roglyphen der Kladde durchſtudirt hatte, ſo bekam er bald das Debet des Sakarias Amundsſon auf der Re⸗ chentafel fertig, und da wurde befunden, daß die Summe „präciſe auf’'s Haar“ mit der vorher gemachten Angabe der Gevatterin übereinſtimmte. „Kannſt Du nun ſehen, Sakrias?“ rief die Ge⸗ vatterin triumphirend aus, indem ſie Paul die Kladde wegriß,„kannſt Du nun bloß ſehen, daß ich Recht habe? Und ich möchte auch nicht glauben, daß ein Einzige daß ich angeſetz Iſt abe auftrete „N zeugende tiſches, Brannt Schelm, keine eh „J ſen, Ber nannt h begann „Ti ben auf keit,“ ſa Ueberein gabe un ausgeſpr die erre⸗ waſſer z / der ſich nen The einen T ſo, wie haben! e das Rech iter ge⸗ ſo lang r damit t ſehen, ſo wie ſer ver⸗ nn man zu Stie⸗ eer, und ch lecken ſo gut ſo guter m Leben eht nicht Schlin⸗ nen biſt? her und feeht für 14 zu gera⸗ in ſeine im Ge⸗ t, ſeine n, welche n konnte. chen Hie⸗ bekam er der Re⸗ Summe Angabe die Ge⸗ e Kladde ich Recht daß ein 63 Einziger unter Euch allen da iſt, der behaupten kann, daß ich einer einzigen Chriſtenſeele eine Thräne zu viel angeſetzt habe, ſeit der Zeit da ich den Krug übernahm. Iſt aber jemand da, der das ſagen kann, ſo mag er auftreten!“ „Nein, da kavire ich!“ äußerte mit ſtarkem, über⸗ zeugendem Tone einer von den Mitgliedern des Spiel⸗ tiſches, indem er nickte und zur Ehre der Wirthin den Branntweinstümmler erhob.„Proſit, Gevatterin! Ein Schelm, der da ſagt, daß die Gevatterin auf dem Knipps keine ehrliche Handthierung treibt!“ „Ja, gegen Chriſtenſeelen— aber Ihr ſollt wiſ⸗ ſen, Bengt Olagusſon, daß ſie mich einen Türken ge⸗ nannt hat!“ fiel der Mann mit dem Rothſteine ein und begann ſelbſt übermäßig über ſeinen Witz zu lachen. „Türken und Heiden, Chriſten und Engländer ha⸗ ben auf dem Knipps alle gleiches Recht auf Ehrlich⸗ keit,“ ſagte die Gevatterin mit großer Würde. Die Uebereinſtimmung der Kladde mit ihrer mündlichen An⸗ gabe und das öffentliche Lob, welches Bengt Olausſon ausgeſprochen, hatte gemeinſchaftlich dazu beigetragen, die erregten Sinne der Gevatterin in ruhiges Fahr⸗ waſſer zu verſetzen. „So iſt es,“ ließ ſich der Knaſterſchneider hören, der ſich jetzt auch in die Sache miſchte, indem er ei⸗ nen Theil des fertigen Tabaks in eine Thonpfeife und einen Theil in den Mund ſtopfte;„ſo iſt es, accurat ſo, wie die Gevatterin und Bengt Olausſon geſagt haben! Und darum ſo gebe ich nun den Ausſchlag, daß Sakrias Amundsſon nicht nur jeden Stüber nach der Rechnung bezahlen, ſondern auch noch uns Alle traktiren ſoll und das mit Lerbergens Beſten!“ „O ja, mein lieber Petter! es iſt Dir ganz leicht Ausſchläge zu geben, wenn es eines Andern Beutel gilt. Nun aber will ich eben ſo gut wie ein Andrer das Recht haben, Ausſchlag zu geben, und darum ſage ich zu Euch, daß ich, der T—l in meine kleine Lade! auch nicht ſo viel ſpendire, als in Nora's Fingerhut geht, oe nn nicht Bengt Olagusſon und Krakö⸗Petter mit repartaſiren Denn, haben ſie ſich zwiſchen die Ge⸗ vatterin un mich gelegt, ſo mögen ſie auch dafür bluten.“ „Hol Dich der T— 1, Du langer Aal!“ rief Olausſon und trat an den Tiſch.„Aber ich bin kein Kerl, der ins Glas ſpuckt, oder der den Schil ling um⸗ kehrt, ehe ich ihn in guter Geſellſchaft ausgebe. Und Krakö⸗Petter hat auch wohl Moneten bei ſich, um lu⸗ ſtig zu ſein. 4 „Ja gewiß,„ meinte Krakö⸗Petter und gab dem Theile der Jacke, in welchem das Taſchenbuch verwahrt wurde, einen muthigen Schlag.„Vorwärts; ſagt Tras⸗ man! Ein halbes Stop*) für den Mann!— da ſoll aber die Gevatterin auch unter uns am CTiſche ſitzen und einſchenken, und gleichen Strang mit uns ziehen!“ „Sieh, das veli mit Raiſon geredet!“ rief man im Chor. Und ehe die Gevatterin noch ihre Einwil⸗ ligung gegeben hatte, hoben ſechs kraftvolle Arme ſie von dem Brantweinsfaſſe und ſetzten ſie mit allen Eh⸗ renbezeugungen auf die Mitte der Bank, welche an der linken Seite des Tiſches ſtand. Darauf übernahm Bengt Olausſon die Würde s Obermundſchenken und ſetzte den großen irdenen 8. pf der Gevatterin, den ſie neulich erſt vollgezapft hatte, nebſt dem Halbſtopmaas auf den Tiſch. Nach⸗ dem er das erſte Halbſtop gefüllt und dieſes nebſt dem Tümmler vor der Gevatterin aufgereiht hatte, wurde ſie einhellig erſucht, ihr Amt zu beginnen, einzuſchenken und ihnen 31 zutrinken. Nein, Cht Ihr, Jeppe war kein Narr!“ ſcherzte die Gevat terin und zeigte ein kleines gekünſteltes Wi⸗ derſtreben.„Nähme iſh ſo viel zum Beſten, bald ſoll⸗ ten die Beine falliren!“ *) Zwei Stop ſind eine Kanne. A. d. U. S5 „Bei nur die 8 karias An nir zu, ſe wir müſſe das Bier wie es ni der kontan terbrode, das be ſogar ins „So die Gevat niß kann l Munde da men.“ Un ſtieß mit S gen bis al „ Jetzt rief der E feierten D gen überh nein antw ſich mit ke gleiche Eh „Sing feines Lied ſon ein ſch „Ja, kein Menſa wie die C charias ho *) Eine 2 Paul Wä dafür !“ rief in kein ng um⸗ Und um lu⸗ ab dem ſerwahrt gt Tras⸗ da ſoll he ſitzen ziehen!“ ief man Einwil⸗ Arme ſie llen Eh⸗ , wurde ſcherzte ltes Wi⸗ hald ſoll⸗ „Beine hin und Beine her, Gevatterin, ſo lange nur die Fauſt taugt das Stop feſtzuhalten!“ rief Sa⸗ karias Amundsſon.„Aber die erſte Geſundheit kommt mir zu, ſollt Ihr wiſſen, denn die Gevatterin und ich, wir müſſen auf unſern Zank Brüderſchaft trinken. Und das Bier. Bier, wie, hol mich dieſer oder jener! wie es nicht in Stockholm gibt, und der Branntwein, der kontant von Lerbergens Beſten war, und die But⸗ terbrode, die das ganze Maſthugg*) nicht beſſer hat das bezahle ich Alles wie ein Kerlenkerl, und das ſogar in Banko, wenn's darauf ankommt.“ „So ſprich nicht mehr von der Lumperei!“ ſagte die Gevatterin gänzlich verſöhnt.„Das beſte Gedächt⸗ niß kann bisweilen täuſchen und ein Wort neben dem Munde darf man unter Freunden nicht ſo genau neh⸗ men.“ Und mit dieſen Worten füllte ſie zwei Becher, ſtieß mit Sacharias Amundsſon an und leerte den ihri⸗ gen bis auf den Boden, ebenſo gut wie er. „Jetzt kommt meine Tour!“„Und nun meine!“ rief der Eine nach dem Andern. Und gleich einer ge⸗ feierten Dame, die bei einem Balle mit Aufforderun⸗ gen überhäuft iſt und kaum weiß, wem ſie ja oder nein antworten ſoll, mußte die Gevatterin endlich, um ſich mit keinem zu erzürnen, Allen gleiches Recht und gleiche Ehre zukommen laſſen. „Sing uns nun was vor, Gevatterin, ein kleines feines Lied!“ bat Krako⸗Petter, indem er dem Amunds⸗ ſon ein ſchelmiſches Zeichen gab. „Ja, die Gevatterin ſoll ſingen, das ſoll ſie, denn kein Menſch hat eine ſo ſanfte und liebliche Stimme, wie die Gevatterin. Proſit, Gevatterin!“ Und Sa⸗ charias hob an: Hei dick, hei dack! Hei Fili⸗fili⸗bom! Bom, bom....“ *) Eine Vorſtadt und der Hafen von Göteborg. A. d. n. Paut Wärning. 5 „Still doch, Du toller Sakarias! Nein etwas Zärtliches ſoll es ſein,“ fiel Bengt Olausſon ein: „Das kleine Lied, Ihr wißt wohl, Gevatterin, das Ihr immer ſanget, als Ihr den Holländer verführen wolltet, Euch zu küſſen! Ihr wißt wohl noch den Win⸗ ter, Gevatterin, da der Holländer hier draußen 5 Schiffbruch litt?“ „O, Du Schelm!“ lächelte die Gevatterin, die jetzt eine ſo anſehnliche Laſt eingenommen hatte, daß ſie durch die Unterſtützung der vereinten Ellenbogen ihrer beiden jüngeren Gäſte, Sakarias und Krako⸗ Petter, ſich in aufrechter Lage halten konnte:„Du kleiner Schelm, wie kannſt Du ſo ſchelmiſch ſein?“ „Nun, Gevatterin, werdet nur darum nicht roth im Geſicht!“ fuhr Olausſon fort.„Denn ſeht, ich weiß recht gut, daß der Holländer vernarrt in Euch war, daß er einen Kerl hätte todtſchlagen können, um nur einen einzigen guten Blick von Euch zu erhalten; aber ſo konntet Ihr damals auch ſingen— meiner ³ Treu, ich glaube, Ihr könnt jetzt nicht mehr ſo viel ſingen, wie ein Nußhäher.“ „Ka—ann ich nicht?“ ſtotterte die Gevatterin. „Ja, darauf kannſt Du Dich ſetzen, daß, wenn ich nicht beſſer ſinge als damals, da der Holländer hinter mir her lag, ſo ſinge ich auch keinen Ton ſchlechter... Gebt mal Acht!“ Und ſich darauf erhebend in eine vorwärts ge⸗ beugte Stellung, mit beiden Händen ſich auf den Tiſch ſtützend, begann die Alte mit gellender und zitternder Stimme: „Gri i— imm'ges Loos zä—ä- ärtlich zu ſein! 8 „Zä—äartlichkeit! ſieh meine Thrä—aä—änen! „Grimm'ges Lo— vos— Als aber die Gevatterin zum zweiten Male zu der gefährlichen Paſſage„ſieh meine Thränen!“ kam, ſo ließen Amundsſon und Krako⸗Petter leiſe los— und ſanft die Gevatterin mit der Stirn auf die Tiſchſcheibe. 8 zuging fernten dem g eine re die mn Umſtän umher war ur wie die lagen. „ frlſch n in etwas bſon ein: erin, das verführen den Win⸗ draußen 4 terin, die atte, daß Ellenbogen d Krako⸗ nte:„Du ſein?“ önnen, um n erhalten; meiner ehr ſo viel 8 Gevatterin. „wenn ich nder hinter chlechter... rwärts ge⸗ ff den Tiſch d zitternder t ſein! 8 —änen! Male zu der ¹“ kam, ſo los— und Tiſchſcheibe hinab, wo die übergegoſſenen und zu einem kleinen Landſee vereinigten Branntweinsthränen ihr heißes Antlitz abkühlten. Und ſo entſchlummerte die Gevatterin mit der Wange auf dem Tiſche. Wie ehrlich es darauf mit dem Inhalte des Topfes zuging, wiſſen wir nicht. Doch Paul, welcher in einem ent⸗ fernten Winkel ſtand und mit ſtummer Verwunderung dem ganzen Auftritte zuſah, meinte, es würde bald eine reine Unmöglichkeit,„Controlle zu halten,“ da die muntern Seegäſte zur Vermeidung aller weitern Umſtände den Topf an den Mund ſetzten und ihn ſo umhergehen ließen, bis der letzte Tropfen ausgetrunken war und ſie ſelbſt in eben dem angenehmen Zuſtande, wie die Gevatterin, theils auf, theils unter dem Tiſche lagen. „Es weht auf zu einem guten Winde, er geht friſch nach Oſten!“ war der bedeutungsvolle Ruf, wel⸗ cher von einem eintretenden, nüchternen Kameraden die Verſteinerten erweckte. „Wind? Wind?“ ſagte es nach in allen möglichen Tönen. Und nun kroch man auf zwei und auch auf vier Füßen und machte unzählige, theils glückliche, theils unglückliche Verſuche, um die Beine in den Gang zu bringen. Nach und nach mit Hülfe der Verſtärkung, welche anlangte, kam jedoch hinlängliches Leben in die ge⸗ ſchlagenen Helden— und als die Gevatterin ziemlich ſpät erwachte, den Kopf erhob und ſich umſah, war das Zimmer von Gäſten leer und Niemand da als nur Lura und Paul. „Bezahlten ſie die Zeche?“ war die erſte Frage der Gevatterin, nachdem ſie über den Rückzug Be⸗ ſcheid erhalten hatte. „„Nein doch,“ ſagle Lura,„ſie meinten, es könnte bleiben bis nächſtens.“ 68 „Solche Lümmel!.... Und der ganze Krug leer, der ganze Krug leer!“— Die Gevatterin ſchüt⸗ telte denſelben vor dem Ohre—„nicht ſo viel übrig wie ein einziger Tropfen!“. Doch ſchnell ſich den Schlaf aus den Augen rei⸗ bend und den grünen Strohhut aufſetzend, rief ſie Lura raſch zu:„Mache augenblicklich das Boot klar! Ich will ſelbſt hinaus auf die Schuten und Bezahlung einfordern!“ Mit einer ſtummen Geberde deutete Lura zum Fenſter hinaus. Die Schuten waren verſchwunden! Siebentes Kapitel. e Gevatterin beginnt Pauts Erziehung, vei welcher Geltc⸗ zeit er Anfangs tüchtig gehudelt, bald jedoch wieder zu Gnaden angenommen wird. Am folgenden Tage wurde Paul ordentlich in ſeinem Dienſte als Buchhalter auf dem Knipps inſtal⸗ lirt und von der Gevatterin in allerlei nützliche und löbliche, für Paul jedoch ganz unbekannte Myſterien eingeweiht. Es war anfänglich etwas ſchwer, ihn die rechte Handhabung der Maaße und Gewichte zu lehren. Den allerſchwerſten Stand jedoch hatte die Gevatterin, ihm den rechten Griff in dem ſchwierigen Stüber⸗Handel beizubringen. Vier runde Stunden mußte Paul ſich damit unterhalten, nur zu ſeiner Uebung Seife, Schnupftaback, Rauchtaback und Zucker für vier, ſechs, acht, ja ſechszehn Stüber auszuminutiren. Ging es über den Werth von ſechszehn Stübern, ſo kam es un⸗ ter das Gewicht. Paul fältige auf ihr jeder d Aufmen ſchen ſe der St Fingerf getrockr Klärmi der Zei No mal in es, J Kenntni ließ die und ein N der ein Künſte Händen ſollte d W her, ei zu gebe A Lachen, welcher ſich von ſtern g ura zum lnden! lcher Gele⸗ wieder zu entlich in ps inſtal⸗ ßliche und Myſterien die rechte hren. Den terin, ihm er⸗Handel Paul ſich ig Seife, vier, ſechs, Ging es am es un⸗ 69 Während dieſer intereſſanten Beſchäftigung ſtand Paul hinter dem Krugtiſche, auf deſſen Scheibe viel⸗ fältige Beutel aufgeſtellt waren; die Gevatterin ſaß auf ihrem Branntweinsfaſſe vor demſelben und folgte jeder von Pauls Bewegungen mit der geſpannteſten Aufmerkſamkeit. Nahm er zu viel oder zu wenig zwi⸗ ſchen ſeine Vorderfinger— denn auf dieſe Weiſe wurde der Stüberhandel berechnet— ſchwapp erhielten ſeine Fingerſpitzen eine warnende Zurechtweiſung von einer getrockneten Fiſchfloſſe, mit deren Diſſecation zu einem Klärmittel des Kaffees die Gevatterin ſich während der Zeit beſchäftigte. Nachdem der Schnupftabackskaſten drei bis vier⸗ mal in ähnliche kleine Portionen ausminutirt war, hieß es, Paul hätte nun eine einigermaßen erträgliche Kenntniß dieſes Theiles des Handwerkes, und daher ließ die Gevatterin ſich ein Stück Zucker, ein Meſſer und einen Hammer geben. Nachdem ſie dieſe Artikel gleich einem Jongleur, der einige ganz beſonders wichtige und wunderliche Künſte zu zeigen beabſichtigt, ein paar Minuten in den Händen gewogen hatte, ſagte ſie feierlich zu Paul, er ſollte den Schnupftaback ganz rein vom Tiſche weg⸗ blaſen und ein Stück Papier auf denſelben legen. Da dieſes geſchehen war, legte die Gevatterin das Stück Zucker darauf und ſagte:„Begehre jetzt für ſechs Stü⸗ ber Zucker!“ Paul, der, Gott ſei Dank, noch ſo hurtig und ſo herzlich wie irgend Jemand lachen konnte, glaubte, es ſollte ein Spiel daraus werden und wagte es da⸗ her, einem kleinen Anfalle ſeiner muntern Laune Luft zu geben. Aber, o Himmel! Kaum war dieſes unglückliche Lachen, dieſer freche Beweis einer Geringſchätzung, welcher zufolge des beſtimmten Glaubens der Gevatterin ſich von der guten Laune herſchrieb, die ſie ſelbſt ge⸗ ſtern gezeigt hatte, Pauls Lippen entſchlüpft, ſo erhob 70 ſich die Gevatterin in Ehrfurcht gebietender Majeſtät von dem Faſſe— und viel früher, als Paul Zeit ge⸗ habt hatte, weder ſein Verbrechen noch die Folgen deſ⸗ ſelben zu ahnen, hatte ſchon ihre breite Hand ſeine ſchwarzkrauſe Perrücke ergriffen; und auf dieſe Weiſe ſeinen Kopf haltend, beugte ſie denſelben rücklings nie⸗ der, damit ſie ihm richtig in das Geſicht ſehen könnte und er in Rückſicht ihrer den gleichen Vortheil haben könnte. „Kind!“ ſagte die Gevatterin und modulirte ihre Stimme zu einem Mitteldinge zwiſchen Verwunderung und verletzter Würde,„Kind! wie biſt Du erzogen? Haſt Du einen Schulmeiſter zum Vater gehabt und weißt doch das erſte Gebot noch nicht, daß Du Ehr⸗ furcht haben ſollſt vor dem Alter?“ Paul hätte gar zu gerne beweiſen wollen, daß dieſes nicht in dem erſten Gebote ſtände, da es jedoch auf jeden Fall Gottes klares Gebot und ſein eigener Wille war, ſo begnügte er ſich damit, durch einige kleine Schwenkungen ſeinen Hals aus dem Schrauben⸗ ſtocke los zu machen und zu ſagen, daß er„ſelbſt wohl nie etwas anderes gethan hätte.“ „Wie?“ fragte die Gevatterin ſtrafend,„haſt Du nicht gelacht?“ „Ja, ich lachte wohl ein klein wenig, aber ich glaubte, ich ſollte nur im Spaß und im Spiel für ſechs Stüber Zucker begehren.“ „Ich,“ entgegnete die Gevatterin ausdrucksvoll, „ich ſpiele nie, wo nicht, um bisweilen die Gäſte mun⸗ ter zu machen— dergleichen Spiel gehört zum Hand⸗ werk— und dann ſtelle ich mich, wie Du geſtern Abend ſahſt, als ginge ich auf Alles ein, ſo daß ſie eine gute Meinung von meinem Kruge bekommen und ſich lieber hier ein kleines Räuſchchen nehmen, als in einem von den andern Krügen, die ihnen im Wege liegen. Du aber biſt noch zu jung, um ein ſolches Spiel zu ver⸗ ſtehen und zu alt biſt Du auch, um noch wie ein klei⸗ d nes Ki Dich i denn m nun ge / Wort Böſes „G Kopf I faſſe v Stüber ſagte P Miene, ſtracks Mund 2 G und mit des Har ſtück vo „N terin,„ das M Jetzt it Stüber Pa jedoch ſtüberſti nicht üb wurde Na und die vatteri ſondern und da Un komme Majeſtät Zeit ge⸗ lgen deſ⸗ nd ſeine ſe Weiſe ings nie⸗ en könnte eil haben lirte ihre underung erzogen? habt und Du Ehr⸗ len, daß es jedoch eigener ch einige thrauben⸗ lbſt wohl haſt Du aber ich bpiel für rucksvoll, ſte mun⸗ in Hand⸗ rn Abend eine gute ich lieber nem von en. Du l zu ver⸗ ein klei⸗ 8 71 nes Kind zu ſpielen. Darum rathe ich Dir: nimm Dich in Acht Lache nicht mehr ſo unnöthiger Weiſe, denn wo Du das thuſt, ſo jage ich Dich weg! Und nun genug— haſt Du verſtanden?“ „Ja wohl!“ entgegnete Paul;„und ich will jedes Wort behalten. Aber ich verſichere, ich hatte nichts Böſes im Sinne, ſondern es kam nur ſo.“ „Gut!“ meinte die Gevatterin indem ſie Paul's Kopf losließ und ihren Platz auf dem Branntweins⸗ faſſe von neuem einnahm.„Fordere jetzt für ſechs Stüber Zucker!“ „Darf ich um für ſechs Stüber Zucker bitten?20 ſagte Paul mit ſo herzlich gutmüthiger und ſchalkhafter Miene, daß die Gevatterin, wenn es nicht ſo ſchnur⸗ ſtracks gegen ihre Würde ſtreitend geweſen wäre, ihren Mund zum Lachen hätte verziehen müſſen. „Gieb Acht!“ ſagte ſie,„wie viel ich gebe— 4 und mittelſt einer geübten Bewegung des Meſſers und des Hammers trennte ſie ganz zierlich ein Sechsſtüber⸗ ſtück von dem übrigen Theile des Zuckers ab. „Nimm es jetzt in die Hand,“ befahl die Gevat⸗ terin,„und wiege es zwiſchen den Fingern, ſo daß Du das Mas in der Fauſt haſt und nicht im Auge allein. Jetzt iſt die Reihe an Dir: Darf ich um für ſechs Stüber Zucker bitten!“ Paul ſchlug mit dem Hammer zu, verunglückte jedoch total damit, indem er ein ganzes Sechszehn⸗ ſtüberſtück abhieb. Die Gevatterin nahm dies jedoch nicht übel, denn ſie kannte das alte Sprüchwort:„Rom wurde nicht an einem Tage erbaut.“ Nachdem der Verſuch ſehr oft erneuert worden und die Kunſt ziemlich eingeübt war, erklärte die Ge⸗ vatterin, daß Paul ſich nicht„ſo ganz dumm anſchickte, ſondern daß er ein„ziemlich geſchickter Junge“ wäre, und darauf erhielt er für heute Freiheit, auszuruhen. Unbeſchreiblich zufrieden, aus dieſem Fegfeuer zu kommen, eilte Paul in Mamſell Nora's Zimmer, wo 1£ die Lieder, die Sagen und die Munterkeit der wohl⸗ wollenden Wirthin bald die barſchen Scheltworte der Gevatterin gänzlich verdrängten. Doch zuvor hatte er ſich das heilige Gelübde gethan, durch die pünktlichſte Erfüllung ſeiner Schuldigkeiten nach Kräften alle Ver⸗ anlaſſungen zu vermeiden, welche ſeine Herrin reizen konnten; und zufolge dieſes lobenswerthen Vorſatzes ſtand er auch in Kurzem da als ein vollendeter Meiſter, welcher ohne„ein Haarbreit zu verhauen“ nach dem Augenmaße und dem Griffe Zucker und Seife, Schnupf⸗ tabak und alles Uebrige ausmaß, ſei es für drei, ſechs oder ſo viele Stüber, als man haben wollte. Der beſchränkte Raum unſrer Erzählung erlaubt uns keine weitläuftige Schilderung über dieſe Lebens⸗ periode unſeres Paul, und mit ſehr geringen Ausnah⸗ men hat man ſchon den Grundton des täglichen Lebens auf dem Knipps gegeben. Während des Sommers bot das Krugzimmer oft genug ſolche Scenen dar, wie diejenige, der wir bei Paul's Ankunft beigewohnt haben. Und den Winter verlebte die Gevatterin theils im Schlafe, theils im Genuſſe des Necktars aus dem Eckſchranke. Was vie alte Lura betraf, ſo verblieb ſie auf dem Herde in Geſellſchaft des Naſenwärmers und des Kaffeekeſſels. Und Mamſell Nora ſaß in ihrem Zimmer und ſpann, nicht Flachs, nicht Wolle, ſondern an dem endloſen Faden, der den Anfang und das Ende von„Adalrik's und Göthilda's Abenteuern“ ausmachte, eine Beſchäf⸗ tigung, bei der Paul, welcher in dieſer Jahreszeit viel Muße hatte, ihr treulich half, indem er, ſtets die Luſt zur Beſchäftigung beibehaltend, die ſeine Mutter ihm eingepflanzt hatte, an irgend einem nützlichen Haus⸗ geräthe arbeitete. Ein paar Stunde des Tages wen⸗ dete er auch dazu an, Nora Kenntniſſe im Rechnen und Schreiben beizubringen, und Nora, die im Allge⸗ meinen keine ſonderliche Luſt zu irgend einer Art von Kenntniſſen zeigte, welche Mühe koſtete, war doch in —— dieſem ſie zu nahme dern n den S D fang he lig in Vertra ſtand i terin h ohne ſi letztere mit de war gl zuſamn ſchlägen gegeben übereile früher Geſellſe Kapelle W und Re ſie den Aufgab vor, ur daß er gen“ C wie z. ſein Zu er wohl⸗ vorte der hatte er nktlichſte e Ver⸗ 1 reizen Vorſatzes nach Sch hnupf⸗ rei, ſechs h dem erlaubt Lebens⸗ Ausnah⸗ n Lebens mer oft wir bei Winter heils im s die Herde in ſekeſſels. ſpann, endloſen tdotrii die Luſt ter ihm n Haus⸗ les wen⸗ Rechnen 1 Allge⸗ Art von doch in 7 73 dieſem Falle willig, ſah aber dann auch wieder zu, daß ſie zu ihrem Schaden kam, indem ſie nachher mit Aus⸗ nahme des obenerwähnten Geſpinnſtes nichts that, ſon⸗ dern mit gutem Geſchmacke die Hände kreuzweiſe in den Schoß legte und lachte oder mit Paul plauderte. Die Gunſt, welche die Gevatterin ſchon von An⸗ fang herein unſerm Paul bewieſen hatte, ging allmäh⸗ lig in ein immer mehr auf Erfahrung gegründetes Vertrauen über; und ehe drei Jahre ver ffloſſen waren, ſtand ihr Verhälkniß auf dem Punkte, daß die Gevat⸗ terin hinſichtlich ihres Geſchäftes nie etwas unternahm, ohne ſich zuvor mit Paul berathen zu haben, welcher letztere jetzt auch daſſelbe faſt und den Briefwechſel mit dem Hauſe Lerberg ganz allein betrieb. Paul hatte große Luſt für ſein Geſchäft— es war frei Pan mun⸗ ter— und da er jetzt Nora's tägliche Geſellſchaft und die Erlaubniß der Gevatterin hatte, zu ſingen und ſelbſt zu lachen, ſo viel ihm beliebte, ſo fühlte er ſich mit ſeiner Lage ungemein zufrieden Vor etwas mehr als auderthalb Jahren— Paul war gleich Nora neunzehn Jahre alt— waren ſie beide zuſammen„zum Paſtor gegangen.“ Treu den Rath⸗ ſchlägen, die ſeine Mutter ihm auf dem Sterbebette gegeben, hatte er ſich mit dieſer wichtigen Sache nicht übereilen wollen. Und Nora, obgleich ſie ein Jahr früher hätte gehen ſollen, wartete doch, um Pauls Geſellſchaft auf den beſchwerlichen Wegen nach der Kapelle zu erhalten. Während dieſer Periode waren alle Lieder, Sagen und Romangeſchichten verbannt. Statt deſſen ſtudirten ſie den Katechismus mit einander, und wenn ſie ihre Aufgaben wußten, ſo las Paul laut aus der Bibel vor, und Nora hörte aufmerkſam zu, wollte aber gerne, daß er zu ſeinem Vortrage die wunderbaren und„luſti⸗ gen“ Geſchichten des alten Teſtaments wählen ſollte, wie z. B. Eleaſar's Sendung nach Meſopotamien und ſein Zuſammentreffen mit Rebecca am Brunnen, ſowie — 74 Jacob's Zuſammentreffen mit Rachel und ſeine übrigen Abenteuer und vor allen Dingen ſeine makelloſe Treue, vierzehn Jahre für die Auserwählte ſeines Herzens zu ienen. Wider ſeinen Willen kam auch Paul zu ſolchen Kapiteln zurück; endlich aber erklärte er mit einer gewiſſen Beſtimmtheit, die ſich ganz unvermerkt über Nora geltend zu machen begann, die Schriften des alten Teſtamentes wären zwar ſehr gut und beſonders unterhaltend, doch ſtände das neue Teſtament, in wel⸗ chem man die eigenen Handlungen unſers Heilandes zur Nachfolge hätte, weit höher— das hätten ihm auch Vater und Mutter geſagt— und jetzt hätte er das alte Teſtament ſo oft geleſen, daß er ſich nach dieſem ausſchließlich zu dem Neuen halten wollte. Und wenn er nun laut las, ſo wählte er ſolche Abſchnitte, die er für ihre wichtige Vorbereitung für die paſſendſten hielt. So viele Winke Nora auch geben mochte, ſo konnte ſie ihn doch nie dahin bringen, ihre Lieblings⸗Kapitel wie⸗ der vorzunehmen. Um jetzt einen Blick auf Pauls Bildungsgrad zu werfen und einen Maßſtab deſſelben zu geben, brauchen wir nur zu erinnern, daß er in ſeiner Kindheit in Betreff der buchlichen Gelehrſamkeit nur eine Art Halb⸗ bildung, dagegen aber in Anſehung der einfachen Rechts⸗ lehre eine geſunde und gute Erziehung erhalten hatte. Und ſo rein und einfach dieſelbe von den ſterbenden Lippen der Eltern kam, ſo rein verblieb ſie auch bei Paul. Er that das Rechte nicht eben ſo ſehr aus Vor⸗ ſatz, ſondern eher aus dem Grunde, weil es ihm nie einfiel, anders zu handeln, als was ihm ſein Gewiſſen vorſchrieb. Aber bis jetzt hatte er auch noch keinen Fall erlebt, da ein Streit entſtehen konnte. Sein von Natur geſunder Verſtand deutete ihm viele Dinge, welche er ſonſt unmöglich ohne Kennt⸗ niſſe hätte begreifen können. Seine durch die Sagen und durch die Volkslieder früh angefachte Phantaſie erhob, Seele, welche ſeiner 1 W Bedeutt ſchwach half er ein frer halte a keinesn an den ra's Z erſchall eines F auf das ſank. Kamme das Ec beſchrei Prinzei holte: W A G 8 /G übrigen Treue, zens zu ſonders in wel⸗ ilandes er das dieſem d wenn „die er een hielt. unte ſie tel wie⸗ rad zu rauchen heit in t Halb⸗ Rechts⸗ n hatte. rbenden nuch bei us Vor⸗ ihm nie fewiſſen keinen tte ihm Kennt⸗ Sagen antaſie 75 erhob, belebte und entwickelte ſeine Sinne und ſeine Seele, während der Inſtinkt die mächtige Kraft wurde, welche ihn lehrte, ſeinen eigenen Werth und den Werth ſeiner Umgebung zu meſſen. Was alſo Pauls Bildung in der gewöhnlichen Bedeutung des Wortes betrifft, ſo ſtand dieſelbe auf ſchwachen Füßen. Doch mit obengenannten Anlagen half er ſich auf ſeinem Platze recht gut durch. Und als ein fremder Herr ihm einmal nach einem längern Aufent⸗ halte auf dem Knipps ſtatt des Trinkgeldes eine ſchwe⸗ diſche Geſchichte und eine„leichtfaßliche“ Geographie geſchenkt hatte, ſo begann Paul, in deſſen Kopfe Staat, Land und König und Volk bisher eine einzige große Sage geweſen waren, ſich ſelbſt dieſe Dinge ſo ziemlich zu ordnen, und jetzt wurde die Geſchichte, ſowie die Geographie ſeine liebſte Beſchäftigung. Dennoch verſäumte und vernachläſſigte er dabei keineswegs die alten, theuren Lieder. Sowie dieſelben an den Winterabenden in ſeinem eigenen oder in No⸗ ra’s Zimmer geklungen hatten, eben ſo hell und klar erſchallten ſie jetzt im Sommer in der Aushöhlung eines Felſens, in welcher Paul ſaß und hinausblickte auf das Meer, bis die Sonne in Blut und Gold hinab⸗ ſank. In dem Felſen hatte er gleichſam eine kleine Kammer mit einem Dache über ſeinem Haupte; und das Echo wohnte in dem Felſen und erfreute ihn un⸗ beſchreiblich. Immer träumte er, daß eine bezauberte Prinzeſſin aus dem Innern deſſelben das Lied wieder⸗ holte: Was weineſt, Königstochter Du? Ach hin iſt meines Lebens Ruh, Seit Frode mich verließ. Schnell wie ein Hauch, ein flücht'ger Scherz⸗ Verweht die Männertreu. 76 Für andre Liebe glüht ſein Herz. Und Utha ſtirbt dabei. Wenn aber Paul nicht in ſeinen Berggrotten war, ſo konnte er nie die Lieder ſingen, welche über ſein Gemüth eine ſo wunderbare Macht hatten und ihm ſo weiche und rührende Gedanken einflößten— Gedanken, über die er ſich oft den Kopf zerbrach, wie es wohl zuginge, daß er ſie gerade dort hatte. Draußen auf dem offenen Felſen und drinnen im Zimmer war ein froheres Leben im Geſange, und da mußte gewöhnlich „Herr Lager und Jon“ oder„Peter Schweinehirt“ auf die Scene treten. Nora, welche ebenfalls eine recht angenehme Stimme hatte, ſang recht gerne mit Paul. Doch ſie kannte nie die Anziehungskraft des Felſens, ſondern wenn Paul in demſelben ſang: Und Frode wallt an Utha's Arm Durch's ſchattenreiche Thal. ſo ſtand ſie gewöhnlich draußen und lauſchte mit einem kleinen, mitleidigen Lächeln auf den Lippen, oder auch rief ſie ungeduldig:„Nein, was ſind das für Dumm⸗ heiten, dort im Dunkeln zu ſitzen! Kannſt Du nicht zu mir kommen? Paul!.. Paul!.. hörſt Du nicht?.. Nein, nun iſt er allzu verwirrt in ſeine Königstochter! Nun, Glück zu, Paul! Vielleicht kannſt Du den König Frode ablöſen! Meinetwegen— es iſt Dir herzlich gerne gegönnt!“ Bisweilen empfand Paul eine kleine Unzufrieden⸗ heit darüber, daß Nora nicht alle ſeine Neigungen theilte; dann aber meinte er wieder, es ſei recht gut und angenehm, daß er doch etwas ganz allein für ſich hätte. Und vielleicht war es das Gefühl dieſer ange⸗ nehmen und etwas ſtolzen Empfindung, welche ihn ver⸗ mochte, niſſe gau Gegenth leugnen, über die hielten lichen G mehr ül ganz all chen Ge eigene L No gierde„ Alles“ e Abender ehemals ſowohl und wu im Kri Je eifri um ſo ihren fi einen u ſeiner k ergründ Antheil ſtehen k No weit di Jahren Erzähln n war, er ſein ihm ſo war ein öhnlich rt“ auf timme kannte n Paul t einem er auch Dumm⸗ u nicht nicht?... tochter! König herzlich rieden⸗ gungen cht gut für ſich ange⸗ hn ver⸗ mochte, ſeine geſchichtlichen und geographiſchen Kennt⸗ niſſe ganz für ſich ſelbſt zu behalten, obgleich man das Gegentheil hätte vermuthen ſollen. Man kann nicht leugnen, daß Herr Paul eine recht große Zufriedenheit über dieſes ſein Wiſſen empfand. Denn für ihn ent⸗ hielten dieſe beiden Bücher den Inbegriff aller erdenk⸗ lichen Gelehrſamkeit, und je mehr er ſtudirte, um ſo mehr überzeugte er ſich, daß dieſe Kenntniſſe nur ihm ganz allein gehörten, und er fand einen unbeſchreibli⸗ chen Genuß in ſeiner egoiſtiſchen Begierde, ganz auf eigene Hand die Frucht zu erndten. Nora konnte, wie ſie ſich ſelbſt äußerte, vor Neu⸗ gierde„vergehen,“ weil ſie nicht erfuhr, wo Paul„das Alles“ erfahren hatte, was jetzt den Stoff zu ſeinen Abenderzählungen hergab. Er ſagte nicht mehr, wie ehemals:„es war einmal zu der Zeit,“ ſondern er gab ſowohl den Namen des Königs und die Jahreszahl an, und wußte große Dinge, die ſich in Schweden ſowohl im Kriege, als auch im Frieden zugetragen hatten. Je eifriger nun Nora war, die Wahrheit zu erfahren, um ſo ſorgfältiger verſteckte Paul ſeine Bücher. Und ihren freundlichſten und beharrlichſten Bitten ſetzte er einen unerſchütterlichen Widerſtand entgegen: es war ſeiner kleinen Eigenliebe ſo ſchmeichelnd, für Nora un⸗ ergründlich zu ſein; und erhielt ſie nicht überdies ihren Antheil von dem Guten,„gerade ſo viel, wie ſie ver⸗ ſtehen konnte?“ dachte Paul. Nach dieſer kleinen Ausflucht, welche zeigt, wie weit die Verhältniſſe nach einem Verlaufe von drei Jahren vorgeſchritten ſind, knüpfen wir den Faden der Erzählung wieder an. , Achtes Kapitel. Der Vogel verläßt ſeinen Käfig und wird in einem andern gefunden. Der aus geſchickte Vogelfänger geräth mit ſich ſelbſt in Streit. Zu den Schiffern, welche den Knipps nicht gerne hine einen freundlichen Zuſpruch vorbeiſegeln konnten, gehörte der wohlhabende Beſitzer eines großen verdeck⸗ ten Bootes, welches nicht blos nach Göteborg und Malmö ging, ſondern ſogar Reiſen nach Jütland machte. Berührter Schiffer, welcher gerne den Titel Capitän zu Gute hielt, und welcher, wenn ſeine Paſſagiere dieſe Artigkeit unterließen, nicht allein etwas karg wurde mit den Bequemlichkeiten, ſondern ſie auch gewöhnlich mit einer Geſchichte traktirte, die ſtets ſo anfing:„es war einmal, da ich und einige andere Capitäne“— dieſe angenehme und achtungswerthe Perſon oder die⸗ ſer Capitän nahm gerne, wie eben erwähnt, eine kleine Mundration auf dem Knipps. Aber er ließ ſich das Bier nicht ſchmecken, außer da es ihm von ſchön Nora's Hand gereicht wurde; und die Gevatterin, welche zu viel Takt hatte, als daß ſie einen ſo einträglichen und vornehmen Kunden, wie Capitän Bengtsſon von Ko⸗ ſterö hätte erzürnen ſollen, erlaubte bisweilen, doch höchſt ſelten, daß Nora den Trank vorſetzte, und dabei ſogar mit dem„Capitän“ plauderte. Die Schute des Capitäns Bengtsſon, die Oejung⸗ fer*) genannt, hatte jetzt auf ihrer Rückkehr von Malmö in Erwartung des Windes einige Tage vor dem Knipps gelegen. Zwar meinten die Gevatterin und Paul, und viele andere k kiugen Leute, daß gegen den Wind nicht *) Das heißt die Jungfer des Eilandes A. d. U. hen, das Al achtet, er wol doch ne N der Bo wollten Geſchã Nachm an die A vatteri Kunden ſon, u friſchen lung h zeugen weder eigenen konnte andern tit ſich t gerne konnten, verdeck⸗ rg und machte. re dieſe wurde wöhnlich ig:„es äne“— der die⸗ ne kleine ſich das Nora's delche zu hen und von Ko⸗ n;, doch nd dabei Oejung⸗ Malmo Knipps nul, und nd nicht Capitän 79 das Allergeringſte einzuwenden wäre, aber deſſen unge⸗ achtet, behauptete Bengtsſon, er wäre zu ſchwach, und er wollte ſich nicht damit hinauswagen, denn das wäre doch nur,„um wieder umzukehren.“ 4 Während dieſer Tage vermehrte ſich der Zulauf der Boote, welche nach der entgegengeſetzten Richtung wollten, und alſo völligen Gegenwind hatten, und das Geſchäft in dem Krugzimmer wurde beſonders an den Nachmittagen ſo lebhaft, daß die Gevatterin ihrem Paul an die Hand gehen mußte. An einem ſolchen Nachmittage vermißte die Ge⸗ vatterin, welche ſtets ein ſcharfes Auge auf alle ihre Kunden geheftet hielt, den werthen Capitän Bengts⸗ ſon, und begann darüber zu fundiren, ob er von dem friſchen Winde gelockt, ohne Abſchied und ohne Bezah⸗ lung hätte abſegeln können. Um ſich hievon zu über⸗ zeugen, wollte die Gevatterin, welche die Oejungfer weder aus den Fenſtern des Krugzimmers, noch ihres eigenen, ſehen konnte, in Nora's kleines Zimmer ge⸗ hen, von welchem die Schute deutlichz erblickt werden konnte. Die Gevatterin hatte die Sitte, bei ſolchen Gele⸗ genheiten, das heißt, wenn es allzu munter und unre⸗ gierlich unter den Seegäſten draußen im Krugzimmer herging, den Schlüſſel zu Nora's Kammerthüre auszu⸗ ziehen und in die Taſche zu ſtecken, um in jeder Hinſicht ihre mütterlichen Pflichten zu erfüllen. Und nun ging die Gevatterin durch die Küche, hinter welcher das jungfräuliche Gemach belegen war, raſſelte in ihren großen Taſchen und fand glücklich den Schlüſſel, ſteckte ihn in das Schloß und drehte um. Aber, wie könnte man glücklich genug ſein, ein Gleichniß aufzufinden, das die billige Verwunderung der Gevatterin hinreich⸗ end malenduusdrücken könnte, da ſie ſah, daß Nora in der Kammer nicht zu finden und die Thüre gleich⸗ wohl ſo feſt und ſicher verſchloſſen und verriegelt war, 80 daß eine Flucht durch dieſelbe gar nicht denkbar ſein konnte. „Hm, hm! Das geht nimmermehr mit rechten Dingen zu!“ ſagte die Gevatterin bedenklich, und der grüne Strohhut begann mit einer ſolchen Fahrt zu zittern, daß ſogar das ſchwarze Stirntuch in Bewe⸗ gung gerieth.„He— das Fenſter offen!— aha, der Vogel iſt ausgeflogen! Steht es ſo? Die Mamſell hat vielleicht bei der Oejungfer einzuſprechen beliebt? Hole der T— eine ſolche Schlange!“ Und ohne weiteren Zeitverluſt begab ſich die Gevatterin ſogleich zurück in das Krugzimmer, um ihre Maßregeln zu treffen. Inzwiſchen ſtand Paul hinter dem blau angeſtri⸗ chenen Krugtiſch, welcher ganz bedeckt war mit Halb⸗ ſtops⸗, Quartiers⸗ und Jungfraumaßen, Butterbröden, Stücken Zucker, Zwiebacken und Roll⸗Tabak, welches Alles in übergeſchülptem Bier und Branntwein ſchwamm. Paul war ſowohl mit ſeinen Händen, als auch mit der Zunge, in ununterbrochener Bewegung. Denn um ſich recht beliebt zu machen, und mit den Leuten gut zu ſtehen, mußte er eben ſo ſchnell ein Wortſpiel fabrizi⸗ ren können, als er einen Schnapps einſchenkte. Die Butterbröde, das Bier und„Lerbergens Beſter“ gaben wechſelsweiſe den Stoff dazu her, und die Gäſte ſpick⸗ ten es dann und wann mit einem kleinen, netten und feinen Einfall, worüber wiederum Paul aus Herzens⸗ grunde lachen mußte. Mit aller dieſer Munterkeit und offener Herzlichkeit, welche zum Handwerke gehörte, verlor jedoch Paul keine Minute das Intereſſe ſeiner Herrin aus den Augen, wie man leicht aus der beſtän⸗ digen Communikation zwiſthen Griffel, Tafel und Kladde ſchließen konnte, oder wenn zu dergleichen keine Zeit war, aus den verſchiedenen Strichen an der Wand. „Höre, Paul!“ ſagte die Gevatterin und winkte ihren Buchhalter zu ſich hinter den Ofen.„Ich will hier an Deiner Stelle ſo lange bleiben, während Du mir einen kleinen Dienſt thuſt. Mach' das Boot los und rud ſon's B aus So Grütze gleicher barlich „nachſeh „N und wei 4„S eile; n Schuppe Ehe war Pa Ruder a von mit ren, da können, vorbei ſet vorſichti kein Lau Ei ar ſein rechten ind der hrt zu Bewe⸗ da, der ſell hat 2 Hole veiteren trrück in n. ngeſtri⸗ t Halb⸗ bröden, welches wamm. mit der um ſich gut zu fabrizi⸗ te. Die gaben ſte ſpick⸗ tten und Herzens⸗ keit und gehörte, ſe ſeiner r beſtän⸗ d Kladde eine Zeit Wand. d winkte „Ich will rend Du Boot los 81 und rudere nach den Schuten hin, ich meine Bengts⸗ ſon's Boot. Du kannſt ihn fragen, ob er keine Grütze aus Schonen bei ſich hat: Du verſtehſt wohl, die Grütze iſt bald zu Ende. Und ſo kannſt Du auch zu gleicher Zeit“— die Gevatterin ſtrengte ſich hier ſicht⸗ barlich an, um die letzten Worte auszuſprechen— „nachſehen, ob Nora jetzt dort iſt.... verſtehſt Du?“ „Nein!“ ſagte Paul und wurde wechſelsweiſe roth und weiß.„Nora iſt wohl in ihrem Zimmer?“ „ Sie iſt nicht da, ſchwatze Du nur nicht, ſondern eile; wirf den Rock über— die Ruder liegen im Schuppen.“ Ehe noch die Gevatterin ihren Befehl beendet hatte, war Paul ſchon ohne Rock unten im Boote, ergriff die Ruder aus einem andern Fahrzeuge, und ruderte da⸗ von mit Ruderſchlägen, die ſo ſchnell und ſo leicht wa⸗ ren, daß ſie einem Schmuggler hätten Ehre machen können, welcher ſich an den wachſamen Zollbedienten vorbei ſchleichen will. Und bald ſchlich ſich Paul ganz vorſichtig an die nette Oejungfer, von deren Verdeck kein Laut zu vernehmen war. Einige Augenblicke vergingen, während welcher Paul ſeine Geſichts⸗ und Gehörs⸗Werkzeuge auf das Alleräußerſte anſtrengte, ohne weder etwas zu ſehen, noch zu hören: hätte die Peſt in eigener Perſon unter den wenigen Beherrſchern der Oejungfer gewüthet, ſo hätte dieſe nicht verlaſſener ausſehen können. „Nora iſt nicht hier,“ dachte Paul, und kletterte mit Leichtigkeit auf die Schute, um doch ſowohl ſich ſelbſt, als auch die Gevatterin, vollkommen davon über⸗ zeugen zu können.„Nein, ſie iſt nicht hier, das wußte ich wohl, das glaubte ich wohl!“ Durch feſt gebundene Kiſten, Branntweinstonnen, Ankern, Packladen, Segeltuch und geringeltes Tauwerk bahnte ſich Paul den Weg zu demjenigen Theile der Oejungfer, welcher den Capitän Bengtsſon mit dem Range, der Ehre und der Würde, der„Cajüte,“ be⸗ Paul Wärning. 6 8 ehrte, und von welcher wir hier eine kleine Beſchrei⸗ bung geben müſſen. Die ſogenannte Cajüte eines Deckbootes oder einer Holzſchute beſteht aus einem Loche oder einer Kammer, die ungefähr ſieben Fuß lang und fünf Fuß breit iſt, und zu welcher man durch eine Luke gelangt, die ſo weit iſt, daß ſie ziemlich knapp einen menſchlichen Kör⸗ per durchläßt; man takelt ſich hinab, vermittelſt zweier Tauenden, die zu beiden Seiten einer Leiter oder ſo⸗ genannten Treppe hangen. Iſt man glücklich hinabge⸗ kommen, ſo überſieht man die innere Einrichtung, welche aus einem ganz kleinen Kamine beſteht, über deſſen Glut gewöhnlich ein Erbſenkeſſel ſeine Düfte verbreitet. Zu beiden Seiten des Kamines ſind die Kojen des Schiffers und ſeines Gehulfen: gewöhnlich beſchränkt ſich die Beſatzung auf dieſen Booten außer dem„Capitän ſelbſt“ auf eine einzige Perſon, welche gleichwohl den Steuermann, die Matroſen, Jungmann und Küchenjungen in ſich begreift; wenigſtens hält ihn der Schiffer ſicherlich für dieſen ganzen Inbegriff, denn man hört nicht ſelten in Abweſenheit dieſer Perſon, und wenn ein Manveuvre gemacht werden ſoll, den „Capitän“ mit ſtarker und lauter Stimme rufen:„Alle Mann auf's Verdeck! Doch zu den Kojen! Dieſe Kojen, welche ſich von der Kante des Ka⸗ mines bis an das Ende der„Cajüte“ erſtrecken, und immer an die Paſſagiere vermiethet werden, wenn dergleichen an Bord ſind, ſind dagegen, wenn ihre Be⸗ ſitzer ſelbſt dieſelben inne haben, mit einer Menge be⸗ pechter Jacken und dito Segeltuchbeinkleider um und über das Kopfkiſſen erfüllt, welches letztere von ver⸗ ſchiedenen kleinen Ankern und irdenen Krügen gebil⸗ det wird. In dem Innern wird vielleicht ein Präſent für die„Mutter zu Hauſe“ verwahrt, welches nicht am offenen Tage liegen darf, welches aber doch im ſchlimmſten Falle vermittelſt einiger Schnäppſe an den Seezollbedienten frei zu paſſiren Erlaubniß erhält. Vor d einer Aber erwäh die D denjen feinen abſchü zu gle für eit eine e man ſ Eßwa⸗ Tauwe ckende ſteht 1 man h der„C eſchrei⸗ rreit iſt, die ſo en Kör⸗ zweier der ſo⸗ inabge⸗ ichtung, t, über Düfte ſind die wöhnlich in außer welche ngmann hält ihn iff, denn Perſon, oll, den n:„Alle en! des Ka⸗ en, und n, wenn ihre Be⸗ enge be⸗ um und von ver⸗ en gebil⸗ Präſent hes nicht doch im e an den 3 erhält. Vor den Kojen ſieht man eine Bank von der Breite einer halben Elle, und dieſe iſt der einzige Sitzplatz. Aber faſt eben ſo unmöglich, wie es iſt, ſich in eben erwähntem Bette aufzurichten, ohne den Kopf gegen die Decke zu ſtoßen, faſt eben ſo unmöglich iſt es für denjenigen, welcher nicht einen recht ſchlanken und feinen Körper hat, auf der ſchmalen und nach vorne abſchüſſigen Bank zu ſitzen, ohne von derſelben hinunter zu gleiten. Der üͤbrige Raum in der Cajüte, welcher für ein Zimmer paſſiren ſoll, iſt nicht größer, als daß eine einzige Perſon ſich umwenden kann. Nun denke man ſich ferner jeden nur möglichen Flecken beſetzt mit Eßwaaren, irdenen und hölzernen Gefäßen, Kleidern, Tauwerk, Flaſchen und Tabacksrollen, ſo wie die drü⸗ ckende Luft, welche durch alle dieſe Gegenſtände ent⸗ ſteht mit dem Theer⸗ und Seegeruche vermiſcht und man hat, wie wir hoffen, einen etwaigen Begriff von der„Cajüte“ eines Deckbootes. Wie erwähnt, hatte Paul den Eingang in den Salon oder mit andern Worten die Oeffnung des Verſchlages der Oejungfer erreicht, und da er behende niederkniete, um durch die ellenbreite Oeffnung in die⸗ ſelbe hinabzuſehen, ſo gewahrte er nichts weniger als die liebenswürdige Perſon der Mamſell Nora, welche auf der ſchmalen Bank unter der Koje des Capitäns ſaß, und an ihrer Seite den Capitän Bengtsſon ſelbſt, welcher mit der einen um Nora's Leib geſchlungenen Hand ſie artig auf ihrem Platze feſthielt, während er ihr mit der andern ein ſeidenes Tuch vorhielt, das in ſo vielen Farben ſchillerte, daß Nora's Blicke hin⸗ reichend davon gefeſſelt wurden, um nicht auf den Schatten Acht zu geben, der ſich über das elende Ge⸗ mach verbreitete. Auch der Capitän Bengtsſon war ſo beſchäftigt, daß er außer ſeinem liebenswürdigen Gaſte nicht das Geringſte bemerkte; mit dieſem aber ſchien er in dem zärtlichſten und einſchmeichelndſten Tone zu reden. Und Gott weiß, ob nicht der Capitän gerade im Begriff war, ſich einen Kuß zu ſtehlen, als Paul ganz gegen ſeinen Willen nieſte, und zwar ſo heftig, daß es ſogar einen Liebhaber aufſchrecken mußte. Aber Nora's Wange wurde röther, als die Roſen des Tuches, da ſie den hingenen Kopf gewahrte, und ſah, daß er dem Paul gehörte. „Hol' dich der T—! was haſt du hier zu thun und Wache zu halten?“ Mit dieſen Worten begrüßte der Capitän Bengtsſon den unwillkommenen Störer ſeines Privatvergnügens, welcher unterdeſſen aufge⸗ ſtanden war, um den beiden Andern Gelegenheit zu geben, durch die Oeffnung hinaufzukommen. „Ich halte nie Wache über das, was mich nicht angeht,“ antwortete Paul mit ziemlich guter Faſſung, „aber die Frau bat mich, das Boot zu nehmen, hieher zu rudern und zu fragen, ob Ihr nicht Grütze zu ver⸗ kaufen hättet.“ Während Paul redete, heftete er ſeine Augen beſtändig auf Nora, welche jetzt ſich an den beiden glänzenden Tauen die Treppe herauf arbeitete. „Grütze?“ wiederholte Bengtsſon höhniſch.„Ja ja, der Drache vermißte wohl die Zuckergrütze, kann ich mir denken! Aber glückliche Rückreiſe, Herr Buch⸗ halter! Grüßen Sie die Gevatterin, was den Grützen⸗ handel betrifft, ſo wird es darauf ankommen, ob wir einig werden können. Aber ſei er ſo gut und laß er hübſch bleiben, Mamſell Nora ſo anzuglotzen, als wenn er ſie in ſeinem Leben noch nicht geſehen hätte! Sie will ſſich ſchon ſelbſt an's Land frachten, ſo viel er weiß!“ „Meinetwegen recht gern!“ antwortete Paul trotzig, und ſprang ohne weiteren Zeitverluſt in ſein Boot. „Wart, wart Paul! nimm mich mit, ſo ſollſt du alles erfahren... ſo warte doch, warte!“ rief Nora faſt ſchluchzend. „Meine liebſte, beſte Mamſell Nora,“ tröſtete Ca⸗ pitän will und ſich n barſch / Uebri ein 9 ſie ſo ſo ka habe, 1 ich m. Beng nur Paule Hand den 2 net h mögli „Pau biſt.“ das r . denn roth wohl 7 ob ich n. Und Begriff gegen ſogar Wange ſie den Paul u thun legrüßte Störer aufge⸗ heit zu ch nicht Faſſung, „hieher zu ver⸗ er ſeine an den rbeitete. 9.„Ja e, kann r Buch⸗ Grützen⸗ ob wir Hlaß er Is wenn el Sie viel er f Nora tete Ca⸗ pitän Bengtsſon,„geben Sie ſich zufrieden, denn ich will Sie nach Hauſe bringen ſo fein Sie nur wollen und zu jeder Zeit wenn Sie wollen. Gedulden Sie ſich nur noch einen Augenblick.“— „Ach, laſſen Sie mich in Frieden!“ ſagte Nora barſch und entriß ſich den wohlmeinenden Händen. „Nun, ſo ſein Sie ſo gut und denken Sie an das Uebrige! die Schute iſt, wie geſagt, meine eigene ohne ein Runſtück Schuld zu einer Chriſtenſeele, und wenn ſie ſo feine Reiſen macht, wie jetzt zwei Jahre lang, ſo kavire ich, daß ich in drei Jahren einen Schoner habe, und da ſoll Nora haben, was ſie will.“ „Ja ja, wir ſprechen uns wohl morgen, wenn ich mit meiner Mutter geredet habe. Beſtimmt ſoll Bengtsſon morgen Antwort haben, laſſen Sie mich nur los!“ Und leicht wie ein Wind war Nora in Pauls Boot, welches, geführt von ſeiner kräftigen Hand, jetzt dem Strande zuflog, daß der Schaum um den Vorderſteven ſpritzte. „Paul!“ ſagte Nora, die ihren Mund nicht geöff⸗ net hatte, ſo lange ſie glaubte, daß der Laut noch möglicher Weiſe Bengtsſon's Ohr erreichen konnte, „Mäul! ich ſehe es Dir an, daß Du ſchrecklich böſe biſt. „Ich?— nein, nicht einmal für eine Oere:*) das rührt mich nicht ſo viel wie einen Stein!“ „Ja, ſiehſt Du, das lügſt Du, und das kontant! denn wenn es Dich nicht rührte, ſo wärſt Du nicht ſo roth im Geſicht.“ „Ja gewiß, es iſt ſo heiß im Kruge, daß Einer wohl roth und gelb werden kann.“ „Du kümmerſt Dich alſo nicht das bitterſte daran, ob ich ihm Ja oder Nein gebe?“ ) Eine Kupfermünze von dem allerkleinſten Werthe. A. d. Ueb. 86 „Ja oder Nein!“ wiederholte Paul höhniſch. „Glaubſt Du, ich laſſe mir einbilden, daß Du ihm nicht ſchon Dein Ja gegeben haſt?“ „Ich will Dir nichts einbilden; aber das iſt ge⸗ wiß, er hat bis jetzt weder das Eine noch das Andere bekommen.“ „a, meiner Treu, ich glaube, er hat ſowohl das Eine als das Andere, da Du mit ihm zu ſeiner eige⸗ nen Schute gereiſt biſt und Du ihn dann ſitzen und Si um den Leib und die Schürzenbänder befühlen d„. „Pfui!“ ſagte Nora und warf den Kopf in den Nacken. „Ja, gerade ſo,“ meinte Paul ärgerlich;„Du konnteſt es nicht beſſer finden!“ Man war jetzt an der Landungsſtelle. Paul warf die Leine um einen von den Pfählen. „Warte, Paul! laß Dir doch ein wenig Zeit! Ich möchte gerne ein Paar Worte mit Dir reden, ehe wir hinein gehen!“ „Wir haben nichts mit einander zu reden!“ „Nun, ſo ſei doch nicht länger böſe! Es war ge⸗ wiß ſchlecht von mir, daß ich mich von Bengtsſon überreden ließ, hinaus zu fahren und einige Sachen zu beſehen, die er mitgebracht hat; aber es war denn doch auch wohl nicht ſo fürchterlich gefährlich! Und wenn er auch ſeinen Arm mir ein wenig um den Leib legte, ſo ſchadet mir das ja nicht. Aber ſiehſt Du, Paul, es wäre ein ganz anderer Unterſchied geweſen, wenn ich zu ſeiner Freierei Ja geſagt hätte. Das will ich denn doch nicht gerne thun, denn, ſiehſt Du, es könnte noch ein Anderer da ſein, den ich lieber lei⸗ den mag, obgleich er weder eine Schute noch ſonſt was hat. „Ach ſo,“ ließ ſich Paul in etwas verändertem und geſenktem Tone hören,„und wer könnte das ſein, wenn ich fragen darf?“ und er noch wahrh T recht z Oejun nageln ſchütte ſo vie um ni gleich dahin E er ſow hatte und o ihn, vorzog Eigenl ſein, endlich Augen! ſchone hhöhniſch. Du ihm s iſt ge⸗ 8 Andere wohl das ner eige⸗ tzen und befühlen eit! Ich ehe wir 1! war ge⸗ Bzengtsſon e Sachen var denn ch! Und den Leib ijehſt Du, geweſen, te. Das iehſt Du, ieber lei⸗ noch ſonſt kändertem das ſein, „Das ſage ich nicht, denn das brauche ich nicht zu ſagen! Aber rathe Du mir nun, ob Du meinſt, daß ich das Anerbieten annehmen ſoll oder nicht.“ „Beſte Nora!“ antwortete Paul jetzt ganz ſanft und ernſt,„ich kann in dieſer Sache Dir weder zu⸗ noch abrathen.... bitte mich nicht darum— denn wahrhaftig, ich verſtehe das nicht.“ Die Sache war die, daß Paul ſich ſelbſt nicht recht zu rathen wußte. Die kleine Ausfahrt nach der Oejungfer hatte ihn ganz mit einem Douchebad funkel⸗ nagelneuer Gefühle, Gedanken] und Hoffnungen über⸗ ſchüttet, und Paul, der neunzehn Jahre alt war, und ſo viele Liebesgeſchichten geleſen hatte, war zu klug, um nicht zu wiſſen, auf welchem Grunde er ſtand, ob⸗ gleich er noch ganz verdutzt war über die Art, wie er dahin gekommen war. Er hatte alſo in ganz kurzer Zeit erfahren, daß er ſowohl verliebt, als auch eiferſüchtig war; aber er hatte auch zugleich aus Nora's eigenen freundlichen und offenen Worten den Schlußſatz gezogen, daß ſie ihn, der nichts hatte, dem wohlhabenden Bengtsſon vorzog. Und Paul war nicht ohne eine artige Portion Eigenliebe: er fand die Wahl ganz natürlich. Was dagegen die Gevatterin dazu ſagen würde, das war etwas ganz anderes. Und ſo gerne er auch Nora ein recht herzliches und ſchönes Wort nach allen den ſtrengen, mit denen er ſo freigebig geweſen, hätte ſa⸗ gen wollen, ſo wagte er es dennoch nicht: Nera ſollte ſich ganz allein rathen. Nachdem Paul mit dem Verlangen, aufrichtig zu ſein, einen kleinen Kampf gehabt hatte, ſo nahm er endlich ſeine Zuflucht zu der Retirade und ſtand einige Augenblicke ſpäter im Krugzimmer, wo er mit ſo ſchonenden Ausdrücken wie möglich ſeiner Gebieterin die gemachte Entdeckung in's Ohr raunte. „Gut!“ ſagte die Gevatterin und trat mit wür⸗ 88 digen Schritten in Nora's Kammer, wohin dieſe ſich inzwiſchen auf demſelben Wege begeben hatte, auf demt ſie ausgeflogen war. Neuntes Kapitel. Die Gevatterin predigt erſt vor einem und dann vor zwei Zuhörern. Bei dem Eintritte ihrer liebenswürdigen Mutter ſtand Nora mitten im Zimmer in einer bittenden Stel⸗ lung. Pantomime war jedoch nie die ſchwache Seite der Gevatterin geweſen, darum ſagte ſie in demſelben Augenblicke, da ein Schlag auf jeder von Nora's Wan⸗ gen klatſchte:„Schlampe] habe ich Dich ſolche Sitten gelehrt, ich?— wie?“ Der Ton, in welchem dieſe wenigen Worte aus⸗ geſprochen wurden, war ſo, daß Nora ihn faſt mehr fürchtete, als die handgreifliche Beſtrafung. Stotternd antwortete ſie:„Nein, gewiß nicht.“ „Nun, von wem haſt Du ſie denn gelernt?... Antworte!“ „Von Keinem.“ „Der Satan lehrt Euch Weibsbilder ſolche Künſte! Wie kamſt Du nach der Schute?“ „Bengtsſon bat mich ſo ſchön, und ich wäre gleich wieder hier geweſen.“ „Was thateſt Du dort?. Antworte!“ „Ich that... ich that eigentlich nichts, nur...“ „Nun? Nur heraus damit— oder nimm Dich in Acht!“ „Herr Gott!“ ſchluchzte Nora,„ich beſah nur ein ſeidenes Tuch.“ „Aha! Du beſahſt ein ſeidenes Tuch! Nun? wollte er es Dir ſchenken?“ F. im He er hal „ 7/ für do vierte! / Paul und ſo 3 1/ keine „ zählte und d wollte 5 ⸗ dieſe ſich „auf dem dann n Mutter den Stel⸗ iche Seite demſelben a's Wan⸗ he Sitten orte aus⸗ faſt mehr Stotternd lernt?... de Künſte! däre gleich ur... Dich in ) nur ein 1? wollte 89 „Ja, das wollte er.“ „Wollte er Dir das ſeidene Tuch umſonſt geben? ... Antworte und ſieh mir in die Augen!“ „Ja, faſt ſo gut wie umſonſt! Er wollte nur... daß. „O, heraus mit der Sprache, laß die Worte nicht im Halſe ſtecken, ſage mir wie es war!— was wollte er haben?“ „Er wollte nur, ich ſollte ihm einen einzigen Kuß für das ganze Tuch geben, und es war doch ſieben⸗ viertel Ellen im Quadrat.“ „Küßteſt Du ihn?“ „Nein, das that ich doch nicht.“ „Sprich die Wahrheit! Ich ſeh's Deiner Schnauze an, daß Du lügſt! Küßteſt Du ihn?“ „Nein! bei Gott! ich that es nicht, denn ich wen⸗- dete es nur ab mit Spaß.“ „War es nichts mehr? denk' ordentlich nach!— ſagte oder that er weiter gar nichts?“ Nora, welche fürchtete, Paul möchte vielleicht et⸗ was geſagt haben von der vertraulichen Stellung, in welcher er ſie gefunden, ſtotterte leiſe:„Nichts weiter, als er hielt mich ein wenig feſt, damit ich nicht von der Bank fiel.“ „Bank?— was meinſt Du damit?“ „Nun ja, ich ſaß ja neben ihm auf dem Brette, Paul hat es gewiß geſehen, denn er ſtand in der Luke und ſah hinab.“ „So, Du ſaßeſt neben ihm! Nun, war aber ſonſt keine Rede von Freierei oder ſo, auf ehrliche Art?⸗ „Ja gewiß, er freiete zuerſt und zuletzt, und er⸗ zählte erſchrecklich viel von allem Gelde, das er hätte, und daß er mich auf alle erdenkliche Weiſe gut halten wollte.“ „Und was ſagteſt Du dazu?“ „Ich konnte wohl nichts anderes ſagen, als daß 90 ich nichts ſagen könnte, ehe die Mutter etwas geſagt hätte.“ „Das war recht gut,“ meinte die Gevatterin in milderem Tone.„Laß mich nun wiſſen, ob Du ihn leiden magſt.“ „O, was das Leidenmögen betrifft, ſo iſt's damit nicht weit her.“ „Haſt Du denn zu einem Andern Liebe gefaßt? Sprich rein und gerade heraus, wie es iſt!“ „Paul iſt hübſcher und luſtiger, als Bengtsſon!“ Die Züge d der Gevatterin ſchillerten immer mehr in Güte über„Paul⸗ ſagte ſie ausdrucksvoll,„iſt ein rarer Junge! Wenn Ihr Euch leiden mögt, ſo wäre es beſſer, als alles Andre, denn da könnte Paul, wenn ich einmal ſterbe, die Privilegien pachten, und ſo bliebe der Knipps bei der Familie und wäre auch dann ſo in Anſehen, wie jetzt.“ „Ja, das träfe ſich recht gut,“ meinte Nora.„Aber wir haben noch nie mit einander von Liebe und ſo et⸗ was geredet.“ „Um ſo beſſer! Wenn die Jungen heute Abend gegangen ſind, 5 will ich mit Paul reden; und iſt es ſo, daß er in Zukunft dem Knipps und Dir vorſtehen will, ſo ſoll er Dich haben. Will er Dich aber nicht, ſo mag er ſich ſelbſt die Schuld beimeſſen; und dann, wie geſagt, gebe ich Bengtsſon morgen B Beſcheid. Aber an Eins ſollſt Du veniene wenn Du den Paul triffſt, ehe ich mit ihm geredet habe, ſo ſagſt Du ihm kein Wort, ſonſt kümmere ich mnich um gar nichts!“ „Nein, behüte!“ antwortete Nora, leichter ath⸗ mend, da die Gevatterin jetzt durch ihren Rückzug nach der Thür zu erkennen gab, daß das Verhör be⸗ endigt wäre. Erſt nachdem der letzte Zipfel des gelben Fries⸗ rockes aus Nora's Geſichtskreiſe verſchwunden war, wagte ſie es, mittelſt einer ausdrucksvollen Geberde, indem ſie beide Hände zuſammenſchlug, dem Ent⸗ zücken empfan hatte it ſeinem Seeleu hatten. ſo mer ſollen; Scherer und al Seite Nora's Aber d Haare tern, dann ſ „ſie ihr artig i er auch Nora hinläng erinne mit ei trat un warf, ſer, L Kuß f gewiß habt!“ s geſagt terin in Du ihn (s damit gefaßt? gtsſon!“ er mehr oll,„iſt tögt, ſo ite Paul, en, und äre auch 1.„Aber ad ſo et⸗ te Abend nd iſt es vorſtehen der nicht, nd dann, d. Aber ul triffſt, ihm kein hter ath⸗ Rückzug rhör be⸗ n Fries⸗ en war, Geberde, im Ent⸗ 91 zücken Luft zu geben, welches ſie bei dem Gedanken empfand, daß ſie Paul's Gattin werden ſollte. Paul hatte in Nora's Geſchmack etwas Galanteres und in ſeinem Aeußeren gleichſam etwas Feineres, als die Seeleute und die Jünglinge der Scheren gemeiniglich hatten. Aber dieſe Vorzüge waren doch keineswegs ſo merklich, daß ſie ihn über die letzteren hätte ſtellen ſollen; denn Paul's Armuth ſtellte ihn eher unter jede Scherenſchnepfe, die über ihr Fiſcherboot disponiren und alſo eigene Geſchäfte machen konnte. Von dieſer Seite betrachtet, war Paul gerade keine Wahl, die Nora's Klugheit in ein beſonders gutes Licht ſtellte. Aber die Klugheit mußte der Liebe weichen. Paul's Haare hingen ihm nie ſo in die Augen, er war nüch⸗ tern, anſtändig und auf alle Weiſe mannhaft, und dann ſaßen ihm die Kleider auf dem Leibe, als wären „ſie ihm richtig angewachſen;“ kurz: er war hübſch, artig und beliebt. Jetzt war nur noch die Frage, ob er auch ſie liebte.„Aber thut er das nicht,“ dachte Nora mit Ergebung in ihr Schickſal,„ſo kann ich hier hinlänglich lange im Käfig geſeſſen haben!“ Und jetzt erinnerte ſie ſich zufällig daran, daß Bengtsſon ihr die Verſicherung gegeben hätte, das ſieben Viertelellen lange und breite ſeidene Tuch ſollte nur als ein Vor⸗ läufer vieler andern anzuſehen ſein, die jährlich nach⸗ kommen würden. „Ja, gewiß iſt Bengtsſon ehrenhaft,“ ſagte Nora mit einem halben Seufzer, indem ſie an das Fenſter trat und einen verſtohlenen Blick nach der Gegend hin⸗ warf, wo die Oejungfer lag,„aber Liebe iſt doch beſ⸗ ſer, viel beſſer! Aber ich hätte ihm doch wohl einen Kuß für das Tuch geben können, ſo viel wäre es gewiß werth geweſen, und da hätte ich es nun ge⸗ habt!“ Während dieſe kleinen Gedanken in Mamſell No⸗ ra's Seele vorkamen, aus welchen man erſehen wird, daß dieſes Mädchen von keiner allzu großen Gewiſſen⸗ 92 haftigkeit in Liebesangelegenheiten beläſtigt wurde, be⸗ gab ſich ihre Mutter, die im Ganzen in Betreff des letzten Theils des Bekenntniſſes ihrer Tochter mißtrauiſch war, über den Hof in das kleine Dreieck, welches den Garten vorſtellen, und wo Lura das Unkraut ausgäten ſollte, jetzt jedoch ſchlief, faſt ganz in Gluth geſetzt von der Sonne, gegen deren brennende Strah⸗ len der einzige Schatten, ein dreiviertel Ellen hoher Stachelbeerbuſch ſie nicht zu ſchützen vermochte. Die Gevatterin gab ihrer alten treuen Dienerin einen kleinen Tritt mit dem Fuße und ſagte ohne Hef⸗ tigkeit:„Wache auf, Du Kuh! und liege nicht hier und wälze Dich, denn ich habe Dich nach einer Sache zu fragen!“ Schlaftrunken ſetzte ſich Lura gerades Weges auf das Aoblöhet„Frau, was gibt's, in Gottes Na⸗ men?“ „Nora hat Freier, Du— der reiche Bengtsſon von Koſter!“ „Nein doch, ſeh' man bloß die Nora doch... ja, ja!“ „Aber ich habe meine eigenen Gedanken, ich! Haſt Du nicht bemerkt, ob Paul hinter Nora her⸗ läuft?“ „Nein doch, ſoll mich dieſer und jener, er läuft ihr nicht mehr nach als ich! Denn wenn er an den Sonntagsnachmittagen und ſo bisweilen an den Aben⸗ den bei ihr ſitzt, ſo liest er nur aus Büchern etwas vor, oder ſingt, oder erzählt Geſchichten, und ſchnitzelt dabei einen Zwirnſtern oder dergleichen Kram; und da lachen ſie und ſchwatzen und ſind ſo luſtig. Aber eine Rede von Liebe habe ich nie gehört.“ „Hm!“ ſagte die Gevatterin und kehrte mit einer etwas bedenklichen Miene in das Krugzimmer zurück. Die Uhr war eilf am Abende, ehe der Letzte von den Bootführern den Krug verließ. Paul trug wie gewöhnlich nach Beendigung des Tages e than wa zu ihm M möchte zogen h blickte ſe „K Gevatte Sie ihnen. „W meine F 27 1 „Ich ha „Gt reden, Du mir gekomme das eine geben k wenn ni Die ihre Aug Blick nit ſah von „Si raffinirte nicht wal hatte, m Doch P urde, be⸗ etreff des ißtrauiſch welches Unkraut in Gluth e Strah⸗ len hoher e. Dienerin ohne Hef⸗ nicht hier ier Sache seges auf ttes Na⸗ Bengtsſon doch... ken, ich! ora her⸗ er läuft er an den den Aben⸗ ren etwas ſchnitzelt ; und da Aber eine mit einer er zurück. Letzte von gzung des Tages einige Poſten in die Kladde, und als das ge⸗ than war, und er ſein Abendbrod in aller Eile ver⸗ zehrt hatte, wollte er ſchon der Gevatterin eine gute Nacht wünſchen, als dieſe mit ungewöhnlichem Ernſte zu ihm ſagte:„Bleib noch ein wenig!“ Mit einiger Verwunderung und Furcht zugleich, er möchte ſich die Unzufriedenheit der Gevatterin zuge⸗ zogen haben, blieb Paul auf der Schwelle ſtehen und blickte ſeine Gebieterin fragend an. „Komm mit mir in mein Zimmer!“ ſagte die Gevatterin. Sie traten hinein und die Thür ſchloß ſich hinter ihnen. „Willſt Du mir ohne Umwege und Umſchweife auf meine Fragen antworten?“ „Wie ſollte ich das nicht!“ entgegnete Paul offen. „Ich habe wohl keine Urſache zu etwas anderem?“ „Gut, mein Kind! Ich will gewiß nicht davon reden, was ich für Dich gethan habe, denn das haſt Du mir ſchon vergolten— ſondern, da es nun ſo weit gekommen iſt, daß Nora einen Freier erhalten hat, und das einen ſolchen, der ihr Eſſen und Kleider vollauf geben kann, ſo ſollte ſie wohl heirathen, meine ich, wenn nichts anderes dazwiſchen kommt.“ Die Gevatterin ſchloß die Periode ab, heftete aber ihre Augen ſo durchdringend auf Paul, daß dieſer den Blick nicht ertragen konnte. Er erröthete ſtark und ſah von ihr ab auf die andere Wand. „Sieh mich an, Paul! Du biſt ein tüchtiger und raffinirter Junge: Du haſt Anlagen zum Handel— nicht wahr?“ „Ja, gewiß, das habe ich,“ meinte Paul und richtete nun ſeine Augen wieder auf die Gevatterin. „Liebſt Du denn auch noch etwas anderes?“ fragte die Gevatterin, welche es ſich ſichtbarlich vorgeſetzt hatte, mit der behutſamſten Feinheit zu Wege zu gehen. Doch Paul war unglücklicher Weiſe zu wenig kühn, 94 als daß er es hätte wagen ſollen, ihre Meinung rich⸗ tig zu verſtehen: noch röther und verlegener blickte er wieder auf die Wand. Da die Gevatterin jetzt deutlich einſah, daß eine Nachhülfe erforderlich war, wenn etwas aus dem Plane werden ſollte, den ſie ſchon lange gehabt hatte, ſo ſagte ſie in einem ganz außerordentlich ſanften und gutmüthigen Tone:„liebſt Du vielleicht Nora? Rede aufrichtig, als wenn Du vor Deiner eigenen Mutter ſtändeſt! denn das weißt Du, Paul, ich bin für Dich eine Mutter geweſen, von dem Augenblicke an, da Du in mein Brod kamſt.“ Nun fielen ein Paar klare Thränen aus Paul's Augen.„Ja,“ rief er aus und ergriff in der Rührung die Hand der Alten,„das iſt ſo wahr, wie Gott lebt! Mutter war wohl anders, aber ſie konnte doch nicht beſſer gegen mich ſein. Was aber Mamſell Nora betrifft, ſo weiß ich recht gut, daß es nur Thorheit wäre, wenn Einer, der ſo arm iſt, wie ich, daran denken ſollte, um ſie anzuhalten.“ „Warum denn nicht? Einem, der ſo viel Geſetzt⸗ heit und ſolche Anlagen hat, wie Du, iſt die Armuth kein Hinderniß. Du ſtehſt dem Verkehre hier auf dem Knipps in meinem Namen vor, ſo lange ich lebe, und nachher weißt Du, wie die Sachen zwiſchen mir und Lerbergens ſtehen. Du kannſt den Krug in Pacht nehmen, denn wenn man auch keine Seide ſpinnt, ſo lebt Einer doch vom Verkehr.“ „Herr Gott!“ ſagte Paul, und ſein Auge ſtrahlte vor Freude bei dieſen frohen Ausſichten, welche die Gevatterin ihm vormalte,„ſollte ich wohl an derglei⸗ chen denken können?“ „Dabei ſehe ich kein Hinderniß, wenn Du übri⸗ gens Nora leiden magſt und ſie zur Frau haben willſt, da Du alt genug dazu wirſt. Damit aber ſollſt Du waen, bis Ihr beide ein und zwanzig Jahre alt eid.“ her mit — wen ſollen habe, u liebe u das Si wollen! Na welche klingelte dieſe ein der Han „Gott ſ Mann 1 und ſag Du, No ng rich⸗ lickte er aß eine us dem dt hatte, ten und 2 Rede Mutter ür Dich da Du Paul's Rührung dtt lebt! ht beſſer trifft, ſo , wenn n ſollte, Geſetzt⸗ Armuth auf dem be, und mir und n Pacht innt, ſo ſtrahlte lche die derglei⸗ Ddu übri⸗ n willſt, ollſt Du ahre alt 95 „Ich will gerne, wie Jakob für Rahel, fieben Jahre dienen!“ antwortete Paul hurtig.„Und darf ich jetzt mit Nora reden, ſo danke ich vielmals für Alles, das Eine, wie das Andere. Es iſt nicht weit her mit ſolcher Dankbarkeit, die nur im Munde liegt — wenn aber unſer Herr mein Vorhaben zuläßt, ſo ſollen Sie gewiß erfahren, daß ich ſie auch im Herzen habe, und daß ich zeigen werde, wie ich Sie ſo ehre, liebe und achte, wie Sie verdienen für alles Gute, das Sie mir erzeigt haben und mir jetzt erzeigen wollen!“ Nach dieſen von Herzen kommenden Worten, durch welche die Gefühle der Gevatterin ganz aufthauten, klingelte ſie ſelbſt, um Nora herbeizurufen. Und da dieſe eintrat, ſo nahm ſie die beiden Contrahenten bei der Hand, redete mit feierlicher Stimme und ſprach: „Gott ſegne Euch, Kinder! Ihr ſollt zu ſeiner Zeit Mann und Frau werden. Jetzt aber verlobe ich Euch und ſage, daß Ihr auf Euch ſelbſt Acht haben ſollt! Du, Nora, biſt eine große Schlampe, das habe ich gut genug bemerkt— aber habe Achtung, ſowohl gegen Dich als auch gegen Paul; denn das mözt Ihr ſchon zum Voraus wiſſen, daß ich nicht das beſte Kind meiner Mutter bin, wenn hier Hochzeit Noth thut, ehe ich die Erlaubniß dazu gebe! Und Du, Paul! beſinne bei Zeiten, daß Einer die Kuchen, die man zu Ehren ha⸗ ben ſoll, nicht an den Kanten abnagen darf! Küſſen und ſtreicheln— von ſolchen Dummheiten will ich nichts wiſſen, denn man kann ſich doch wohl lieben. Und nun, meine Nora, gib Du Paul hübſch die Hand... ich will meine alten Ohrengehänge in die Stadt ſchi⸗ cken und Euch Verlobungsringe daraus machen laſſen, ſo daß Ihr wiſſen möget, daß dieß etwas Wichtiges iſt, an das Ihr denken mögt, ſo lange Ihr lebt!“ Am Tage nach dieſem wichtigen Ereigniſſe auf dem Knipps, verkündigte die Gevatterin dem Capitain Bengtsſon, daß ſie ihm nie genug danken könnte für 96 die Ehre, die er ihrer Nora erzeigt hätte, daß es je⸗ doch ſo ſtünde, daß Nora und Paul Wohlgefallen an ermun einander gefunden hätten, und„was unſer Herr zu⸗ keit de ſammengefügt hat,“ ſagte die Gevatterin andächtig,.7, „das ſoll der Menſch nicht ſcheiden.“ vornek Der werthe Ritter der Sjungfer wurde durch dieſe„ terlich Nachricht in ſeinem Gemüth ſehr herabgeſtimmt. Da rem i er jedoch im Ganzen genommen ein Mann mit libe⸗ 1 ralen Grundſätzen war, ſo gab er Nora dennoch das nehnne belobte ſieben Viertel Ellen lange und breite ſeidene Lnnſt Tuch als Brautgeſchenk und erhielt mit eigener Er⸗. mir Le laubniß der Gevatterin dafür den beſtrittenen Kuß. Paul ſchien ſo wenig mit der einen, als mit der an⸗ wand, dern von dieſen Artigkeiten zufrieden zu ſein. Aber ann. Nora war allzu froh und zufrieden, um Achtung dar⸗ Arbelt auf zu geben, und es fiel ihrem Bräutigam nicht ein, rbeit durch irgend etwas, das nur im Allerentfernſten einem muß ſi Vorwurf ähnlich ſah, ihre Freude zu ſtören. ea eh Erſt da die Ojungfer die Rhede verlaſſen hatte,„ u t fühlte Paul ſein Glück vollkommen, und jetzt begann zwifn er auch zu uberlegen, ob nicht die Rathſchläge, 3 kei die ſeine Mutter ihm auf dem Sterbebette für gkei dieſen Fall gegeben, hier ganz erfüllt würden. Nora's Ruf war ja ganz gut, und ebenſo ihr Cha⸗ würd rakter, und daß ſie eine gute und vortreffliche Frau ürder werden würde, wollte Paul ebenfalls gerne glauben, mei 5 obgleich er nicht umhin konnte, zu bemerken, daß Nora ite keine übertriebene Neigung zur Häuslichkeit und Ar⸗ einer a beit hatte. Der Sommer glitt leicht vorbei, und mit jedem Nein, Tage fand Paul es immer angenehmer, ein verlobter 3 Mann zu ſein. Alle Kunden behandelten ihn ſchon hinten wie den künftigen Herrn des Hauſes, und in dieſer ſo wil ſeiner neuen Würde, die Paul mit nicht geringer Zu⸗ ware friedenheit empfand, hielt er es für angelegen, ſeine 8 Braut mit freundlichen Worten und Vorſtellungen zu es je⸗ Ulen an err zu⸗ ch dieſe t. Da och das ſeidene ner Er⸗ en Kuß. der an⸗ . Aber uing dar⸗ nicht ein, en einem in hatte, t begann thſchläge, ette für würden. ihr Cha⸗ iche Frau glauben, daß Nora und Ar⸗ mit jedem verlobter ihn ſchon in dieſer inger Zu⸗ gen, ſeine Uungen zu 97 ermuntern, bald mit der täglich verzögerten Arbeitſam⸗ keit den Anfang zu machen. „Aber was in Gottes Namen willſt Du, daß ich vornehmen ſoll?“ fragte Nora, welche trotz des müt⸗ terlichen Verbots doch nichts lieber that, als mit ih⸗ rem Li iebſten zu ſcherzen. „Ich meine,“ antwortete Paul, dem nichts ange⸗ nehmer war, als daß er um Rath gefragt wurde,„Du könnſt Dir Garn aus Söteborg kommen laſſen, und mir Leinwand zu Hemden weben.“ „Ach, das iſt nicht werth— man kauft ja Lein⸗ wand wohlfeiler, als wofür man ſie ſetbſt machen kann.“ „Ja vielleicht, wenn man rechnet, daß man den Arbeitslohn bezahlen ſollte. Webſt Du aber ſelbſt, ſo muß ſie gewiß weniger koſten, wenigſtens darum, weil man nicht nöthig hat, ſo viel Geld auszugeben, denn es iſt ein Unterſchied, Garn zu kaufen und Leinwand zu kaufen. Und dann iſt auch ein großer Unterſchied zwiſchen gekaufter und ſelbſtgewebter Leinwand in Dich⸗ tigkeit und Stärke. Ich will zuletzt nichts davon ſa⸗ gen, was Du ſelbſt ſo gut weißt, wie ich, daß mir die Hemden, die Du mir webteſt, zehn Mal lieber ſein würden, als die andern.“ „Wir haben auf jeden Fall keinen Webeſtuhl!“ meinte Nora, dem Vorſchlag ſichtbarlich abgeneigt. „Gewiß haben wir einen Webeſtuhl; dort ſteht ja einer auf dem Boden, weißt Du das nicht?“ „Der?— Ja das iſt mir der rechte Webeſtuhl! Nein, das alte Ding taugt gewiß nicht.“ „Ja wohl, er taugt. Ich habe ihn vorn und hinten beſehen, und willſt Du ihn in Ordnung haben, ſo will ich ihn ſo machen, daß er ſo fein wird, als wäre er neu.“ Jetzt waren weiter keine Ausflüchte zu finden. Das Garn kam an, und der Webeſtuhl, mit dem es ſo übel nicht ſtand, weil er höchſt ſeltrn. benutzt Paul Wärning. 98 worden war, wurde bald von Paul vollkommen aus⸗ gebeſſert und darauf in Nora's Zimmer aufgeſetzt. Jetzt ſollte die große Arbeitsperiode ihren Anfang nehmen. In den erſten Tagen ging es ausgezeichnet gut, denn Nora konnte faſt alles, was ſie wollte; das Un⸗ Fremde glück beſtand nur darin, daß ihr der Wille ſo ſelten ſchäfte v ankam. Schon am dritten Tage war Paul's Lob nicht mehr genug für die unerträgliche Sklaverei. Und G da Paul noch dazu an di Tage draußen im Krug⸗ S:, zimmer ſo viel zu thun hatte, daß er ſelten Zeit be⸗ dittig kam, zu ſeiner fleißigen Braut einzuſehen, ſo ſtand d 1 dieſe ganz artig auf und ließ den Webeſtuhl für ſich Gipfer ſelbſt ſorgen. Am vierten und fünften Tage hing ſie idfß wieder einige Stunden über ihrem„unerträglich lang⸗ brauſt weiligen“ Gewebe, zuletzt aber wurde die zuſammen⸗ kr, d gelegte Arbeitszeit täglich kaum eine Stunde, und man 8u zer war ſchon im Anfange des Monates October, als es durrch endlich der alten Lura, welcher es heimlich anvertraut„ bildeir worden war, gelang, damit zu Stande zu kommen. di kte Paul ſagte nichts, aber er ſah betrübt aus, und dor Se⸗ ſelten wurde Nora von einer Bettelei um Küſſe beläſtigt. zeuin Paul war herzlich verliebt in ſein künftiges Weibchen, kegin aber er war nicht blind für ihre Fehler, und dieſe er⸗ dapen ſchreckten ihn, wenn er an die Zukunft dachte. Unauf⸗ d t hörlich zerbrach er ſich den Kopf, wie er Nora an Ge⸗ Su 3 ſetztheit gewöhnen ſollte, denn eine Frau, die nicht das oße Geringſte thun wollte, würde ihm gewiß zuletzt ein abergl ſchwerer Schatz. Vielleicht könnte es aber doch beſſer die 85* werden, wenn ſie älter würde und mehr Verſtand und Ler Be Erfahrung bekäme! 8 ten 2n Paul ſuchte ſich wenigſtens mit dieſer Hoffnung zu die Luſ tröſten. n aus⸗ fgeſetzt. Anfang et gut, as Un⸗ o ſelten r ng ſie y lang⸗ ammen⸗ nd man als es vertraut umen. us, und beläſtigt. Beibchen, dieſe er⸗ Unauf⸗ an Ge⸗ nicht das lletzt ein fnung zu Zehntes Kapitel. Fremde in Knipps. Die Gevatterin läßt ſich auf große Ge⸗ ſchäfte ein, und hat nachher Mühe, mit den kleinen fertig zu werden. Ein ſtürmiſcher Herbſtabend hatte ſeine ſchwarzen Fittige über Meer und Land ausgebreitet. Der Him⸗ mel löſchte ſeine Lichter aus, und als hätte die völlige Dunkelheit ihre inwohnende Wuth auf den höchſten Gipfel erhoben, ſo kamen die Wogen und häuften ſich brauſend und rauſchend in großen Flocken über einan⸗ der, um dieſelben in endloſem Kampfe an den Scheren zu zerſchellen. In kurzen Abſätzen rollte ein Orkan durch die Luft und ſeine ſtarke Kraft erſchütterte die Rieſenklippen, welche die Vormauern des Knippſes bildeten, während der ſpritzende Schaum des Meeres die Fenſterſcheiben des Hauſes peitſchte, ſo daß ſie in ihren Fugen knackten. In dieſen ernſten Kampf der Natur miſchten ſich noch dann und wann die ängſt⸗ lichen Töne des gellenden Geſchreies der Seevögel und das Spiel des Windes, welcher mit ſchneidendem Laute um die Ecken wehte, wenn er nicht von einem Stoße des Sturmes übertönt wurde. Kurz: es war ein ſolcher Abend, an welchem die abergläubiſchen Seeleute ſehen, wie getakelte Schiffe, die Geſpenſter längſt vergangener, jetzt wieder bemann⸗ ter Fahrzeuge, gegen die Stürme und das Meer ſtrei⸗ ten und noch einmal kämpfen und untergehen, während die Luftweſen, welche die genannten abergläubiſchen, „ſehenden Brüder“ für Matroſen halten, theils in der Takelage hangen, und theils kopflos ſich an die Maſten ſtützen, welche bald zerſplittert und mit ihnen in die Tiefe hinab geriſſen werden. In Nora's kleinem Zimmer flackerte das Licht un⸗ ruhig in dem Luftzuge zwiſchen dem Fenſter und der Thür. Nora hatte Paul's erſtes Hemde zugeſchnitten und nähte ſo eifrig und geſchwind, wie ſie immer bei dem Anfange einer Sache zu thun pflegte. Paul ſaß neben ihr und ſah mit großem Vergnügen zu, wäh⸗ rend er bisweilen auf die See lauſchte, und gleichſam aus Ehrfurcht gegen die zornigen Mächte, welche draußen ihren Krieg führten, ſenkte er die Stimme, wenn er dann und wann ein Wort fallen ließ. „Heute Abend iſt es ein allzu garſtiges Wetter,“ meinte Nora,„und wir ſitzen hier und ſchweigen, als wenn es ſo angenehm wäre, zu hören! Ich möchte wohl wiſſen, ob nicht Haraldsſon's armer Anton heute Abend in ſeinem Boote draußen iſt! Du haſt wohl gehört, Paul, daß ſie ſagen, wie er an jedem Herbſte bei der Paternoſter⸗Schere hin⸗ und herfährt? Und es gibt viele hundert Perſonen, die ihn ſein altes, liebes Lied haben ſingen hören: Mein Vater und mein' Mutter ſind Wellen auf dem Meer, Und Freund und Vetter ſind mir die Gräſer rings 3 umher. „Ja, gewiß habe ich das gehört,“ entgegnete Paul, „aber man kann nicht alles glauben, was man hört, obgleich ich recht gut glauben könnte, wenn irgend Jemand ſo unruhig wäre, daß er von dem Meeres⸗ grunde wieder herauf käme, ſo wäre es Haraldsſon's Anton. Es ging bei uns eine garſtige, dabei aber rührende Sage von ihm und ſeiner Schweſter, welche ſie die Tiſtelö⸗Röſe nennen.“ „Ja,“ ſagte Nora,„die Sage habe ich ſo man⸗ chen Winterabend gehört, wenn Lura ſie erzählte. Und zu ſeiner Zeit gehen von uns wohl auch noch ſolche Sagen!“ „Nein, das glaube ich nicht,“ meinte Paul lä⸗ meinte ſolchen als ſie d der pnitten ier bei zul ſaß wäh⸗ eichſam welche timme, hetter,“ n, als möchte n heute ſt wohl Herbſte Und es liebes llen auf er rings te Paul, an hört, n irgend Meeres⸗ ildsſon's bei aber , welche ſo man⸗ olte. Und och ſolche Paul lä⸗ 101 chelnd,„denn in unſern Zeiten gibt es in den Scheren wohl nichts, wovon man Sagen machen könnte. Aber ſieh, mit Haraldsſon war es die reine Wahrheit: es geſchah zu den Zeiten des Königes Karl XII., denn damals war ein großer und langer Prozeß über die Geſchichte, das hat mir mein Vater erzählt.“ 3*) „Es iſt dumm und langweilig,“ fiel Nora ein, „daß jetzt nichts mehr geſchehen kann!“ „O, gewiß geſchieht auch noch jetzt bisweilen etwas; aber ſolche verwegene und tollkühne Burſchen wie die Haraldsſöhne könnten jetzt nicht mehr durch⸗ kommen. Du ſollſt wiſſen, liebe Nora, jetzt iſt alles auf einen andern Fuß eingerichtet, und der Diebſtahl von einem Wrack mit ſchrecklichen Strafen belegt.“ „O, das war wohl damals auch nicht beſſer,“ meinte Nora;„aber die Mannsleute haben jetzt nicht ſolchen Muth und ſolche Verſchlagenheit, wie damals, als ſie allen Strafen und Geſetzen trotzten und nah⸗ men, wo ſie etwas zu nehmen fanden, und daran thaten ſie Recht; denn wenn das Fahrzeug einmal ver⸗ loren iſt, ſo kann wohl der Eine ſo gut Nutzen davon haben, wie der Andere.“ „Nein, Nora! Gott behüte uns! was ſchwatzeſt Du da für Dummheiten!— Gewiß denkſt Du nicht ſo. Wenn Jeder nehmen dürfte, was er wollte, was ſollte denn übrig bleiben für die, welche die Affairen des Fahrzeuges für die Rhederei beſorgen müſſen?“ „Ja, das iſt wahr,“ entgegnete Nora lachend, „wenn ſchon Alles weggeſchnappt wäre, ſo hätten dieſe armen Leute nichts für ſich zu verdienen! Denn was an die Rhederei kommt, meine ich....“ Hier hielt Nora inne und flog mit einer bebenden *) Kaum braucht wohl bemerkt zu werden, daß dieſe Unter⸗ redung anſpielt auf einen früheren Roman der Verfaſ⸗ ſerin,»„die Roſe von Tiſtelön“(Rosen pa Tislelön)y, welche ebenfalls in vorliegender Sammlung erſchienen iſt. A. d. U. 10² Bewegung von ihrem Stuhle auf. Ein Laut, ein ſchrecklich erſchütternder Laut, hatte den Sturm über⸗ tönt und zitterte dumpf durch den Luftraum; es war ein Nothſchuß. „Herr Jeſus!“ rief Nora,„ſie werden es doch auf dem Holm eben ſo gut gehört haben, wie wir! In den ganzen Scheren gibt es keinen beſſern und ge⸗ ſchickteren Lootſen, als den Niklas auf dem Holme.“ Ohne ein Wort zu ſagen, eilte Paul hinaus und ſprang auf den Felſen. Er hatte nicht lange gelauſcht, als er noch einen Schuß und darauf noch einen ver⸗ nahm; dann aber wurde alles ſtill. Und jetzt, ohne ſich zu bedenken, was er allein ausrichten könnte, eilte Paul in den Schuppen, holte ſich die Ruder, ſtieß ſein Fahrzeug ab und arbeitete ſich trotz der hochgehenden Wellen nach der Seite hin, von welcher er den Schuß vernommen hatte. Kein Laut ließ ſich weiter verneh⸗ men und Paul begann zu fürchten, daß er in eine falſche Richtung geſteuert hätte. Mit einer den beſten Söhnen der Scheren würdigen Geſchicklichkeit, Kraft und Anſtrengung ſtrebte er nun, ſtets von dem Schaume überſpritzt, nach der Wohnung des Lootſen auf dem Holme, welche er auch endlich erreichte, und wo er die befriedigende Nachricht erhielt, daß man die Schüſſe gehört hätte, und daß Loots⸗Niklas mit zwei andern wenter ſich in dem großen Boote zur See begeben hätte. Da er nicht im Stande war, etwas für die Un⸗ glücklichen zu thun, und da er die feſte Ueberzeugung hatte, daß das Fahrzeug, wenn es mit menſchlicher Hülfe zu retten wäre, in keine beſſeren Hände kom⸗ men könnte, als in die des Loots⸗Niklas, ſo begab ſich Paul nach Hauſe, wo er höchlich betrübt war, daß er Nora faſt unſinnig vor Schrecken und Verzweiflung fand, über ſeine„dumme“ Tollkühnheit, wie ſie es nannte. „Aber Paul, ſage mir doch,“ klagte Nora noch immer Dich Glaub ganz Du ko ſolche müſſen aber Du g einen Nora. ſie für es gel um r. ein S gedand und L. ₰ trittes am f gewöl t, ein über⸗ s war s doch e wir! ind ge⸗ dolme.“ us und lauſcht, n ver⸗ t, ohne te, eilte ieß ſein ehenden Schuß verneh⸗ in eine n beſten „Kraft chaume zuf dem wo er Schüſſe andern begeben die Un⸗ zeugung ſchlicher de kom⸗ o begab var, daß weiflung e ſie es ora noch 103 immer weinend,„wie konnteſt Du ſo toll ſein, und Dich auf dieſe Weiſe auf die See hinaus wagen? Glaubteſt Du mit dem elenden Boote und noch dazu ganz allein, Dich nach dem Schiff durchzuarbeiten? Du konnteſt wohl, im Namen Gottes! begreifen, daß ſolche Schlagwellen, wie jetzt um das Fahrzeug toben müſſen, das Boot wie eine Feder umwerfen müßten; aber wenn Du auch hingekommen wäreſt, ſo wäreſt Du ganz gewiß zerſchmettert worden, und das ohne einen einzigen Menſchen geborgen zu haben.“ „Das iſt ſehr möglich,“ ſagte Paul, indem er Nora herzlich küßte und ihr für die Unruhe dankte, die ſie für ihn gehabt hatte;„aber ſiehſt Du, liebe Nora, es gehört ein anderes Gemüth dazu, als ich habe, um ruhig zu Hauſe zu ſitzen und zuzuhören, wenn ein Seefahrer das Nothſignal gibt. Aber Gott ſei gedankt, Loots⸗Niklas hat bei ſolchen Dingen Boot und Leute und Geſchicklichkeit dazu.“ „Und Du biſt in ſolchem Wetter auf dem Holm geweſen!— ja gewiß, ich kann nicht begreifen, daß nicht die See Dich und das Boot verſchlang.“ „Du haſt, merke ich, keine beſonders hohe Mei⸗ nung von meiner Geſchicklichkeit, das Ruder zu füh⸗ reni“ ſagte Paul, halb unzufrieden.„Aber ich wollte nur, daß Du, um beſſeren. Beſcheid darüber zu be⸗ kommen, mit mir in einem Sturm auf der See wäreſt! Ich bin kein elender Schwächling, ſollſt Du wiſſen, und Muth habe ich ſo viel, wie ein Andrer, und et⸗ was wagen kann ich auch; wem aber unſer Herr hel⸗ fen will, dem hilft er, das iſt mein Glaube....“ Die Gevatterin ſchlief während dieſes ganzen Auf⸗ trittes, und darum wußte ſie nichts davon, ehe Lura am folgenden Morgen mit dem Kaffeekeſſel und dem gewöhnlichen Gruße eintrat. „Was für Wind iſt heute?“ fragte die Gevatterin. „lſch!“ ſagte Lura,„es iſt dieſe ganze Nacht ein fürchterlicher Weſtwind geweſen! Jetzt aber gegen 10⁴ Morgen iſt er nach Oſten umgeſprungen. Hier draußen iſt dieſe Nacht viel Unglück geſchehen!“ „Wrack?“ fragte die Gevatterin aufmerkfam, und es Lura's Miene anſehend, daß dem ſo wäre, fuhr ſie fort, ohne erſt eine Beſtätigung zu erwarten:„Was hatte er geladen?“ „Zucker, Kaffee, Wein und Num. Sie ſagen, er ſoll ein Portgiſer ſein, oder ein Holländer, oder was er für Einer iſt.“ „O, der Henker!— Wein und Rum!“ ſagte die Gevatterin und richtete ſich mit großer Lebhaftigkeit auf.„Nun aber ſoll Einer ſehen, der Schuft auf dem Grisholm und der ſakramentiſche Gasö⸗Johannes haben ſchon einen guten Griff gethan— ich will nichts ſagen von dem Loots⸗Niklas, dem Filou: er ſieht ſich gewiß vor allen Dingen zuerſt zu Kopf. Haſt Du mit Einem von ihnen geſprochen?“ „Ja, Loots⸗Niklas iſt ſelbſt hier und wartet; er will mit Ihnen reden.“ „Nun, das war ſchön! Es thut nichts, daß ich liege; ich will ihn nicht warten laſſen, im Fall er keine Zeit hat— laß ihn nur hereinkommen!“ Und herein trat Loots⸗Niklas. Er war ein unterſätziger, ſtark gebauter Mann, der in den Scheren in großem Anſehen ſtand, ſowohl wegen ſeiner Geſchicklichkeit, als auch wegen ſeiner Kühnheit. Er war ſo bekannt mit jedem Flecken an der ganzen Küſte, daß ein Fahrzeug, welches in ſeine Hände kam, ſo gut als gerettet galt, ſo ſchlecht es auch mit denſelben ſtand, als man ſeine Hülfe in Anſpruch nahm. „Nur herein, nur herein, mein ehrlicher Vater Niklas!“ rief ihm die Gevatterin zu, welche in aller Eile den Friesrock über die Schultern und den Hut auf den Kopf geworfen hatte. „Dank!“ ſagte der Lootſe in ſeinem etwas kurzen und trocknen, dabei aber ehrlichen Tone. —. — / ſind fü Jachtar ſchöne und di von Eit gen ſie Aas.“ D Antwor daß ſie wäre. ſie jetz ein Un helfen, war 5 zeug?“ „5 hinaus der ge furchtbe ſchon f zu rett den ei hatte.“ . wegen draußen um, und fuhr ſie :„Was agen, er der was ſagte die daftigkeit huft auf ohannes ill nichts ſieht ſich Haſt Du rtet; er daß ich Fall er Mann, ſowohl n ſeiner ecken an in ſeine hlecht es Hülfe in r Vater in aller Hut auf s kurzen 105 „Es iſt ein Fahrzeug geſtrandet, höre ich— was iſt es für eins?“ „Es iſt eine verteufelt große und ſchwere ruſſiſche Brigg, welche bei dieſen weſtlichen Stürmen hieher getrieben iſt von...“ „Gleich gut!“ unterbrach ihn die Gevatterin un⸗ geduldig.„Er hatte ja eine ſchöne Laſt, und jetzt ſind gute Geſchäfte zu machen?“ „Ja, es iſt klar, daß gute Geſchäſte zu machen ſind für den, welcher damit zu ſchaffen bekommt! Der Jachtaufſeher hat eine gute Witterung; das iſt eine ſchöne Neuigkeit für die Zollkammer, die Kaufleute und die Conſulatshandlanger. Wir haben ſchon Beſuch von Einem gehabt, und lange dauert es nicht, ſo ſchla⸗ gen ſie ſich um das Wrack, wie die Raben um das Aas.“ 5 Die Gevatterin merkte aus der zurückhaltenden Antwort, daß Loots⸗Niklas ſich beleidigt fühlte, und daß ſie im Ganzen genommen zu vorſchnell geweſen wäre. Nicht ohne eine kleine Katzenhaftigkeit äußerte ſie jetzt:„Ja, iſt's nicht wie ich ſage: daß, wo es ein Unglück gibt, da ſoll Loots⸗Niklas immer mit und helfen, ſo weit menſchliche Hülfe reicht!— Aber wie war 25, Vater Niklas? Lootstet Ihr nicht das Fahr⸗ zeug?“ „Nein, daraus wurde nichts! Ich machte mich hinaus, ſobald ich den erſten Schuß hörte; aber Jeder, der geſtern Abend nicht ſchlief, der weiß, welch ein furchtbarer Sturm es war. Ehe ich hinkam, ſaßen ſie ſchon feſt, und ſo begnügte ich mich damit, die Leute zu retten, was mir auch gelang, bis auf den Kapitän, hen eine fürchterliche Schlagwelle über Bord geſpült hatte. „So? er blieb! Und Beſuch iſt ſchon da geweſen, ſagt Ihr? „Ja wohl; Ramberg lag bei uns den ganzen Tag wegen Gegenwind und hat es übernommen, die Sachen 106 zurecht zu ſchaffen. Aber der erſte Steuermann iſt ganz wie ein Herrenkerl, ſo daß er heute nach Marſtrand wollte, und er kommt nicht ohne Vorboten, das ver⸗ ſpreche ich: auf meinem Wege hieher ſah ich die Jacht, welche ſchon in Bewegung war.“ „Nun, da gibt's bald Feuer an alle Ecken und Enden!“ bemerkte die Gevatterin mit einer Art von Lächeln, fuhr aber darauf in einem vertraulichen Tone fort:„Nein, da war's beſſer, als wir noch die Wrack⸗ Commiſſarien hatten! Da half es den Kaufleuten nicht das Mindeſte, ihre Naſe hineinzuſtecken; und ehe der Commiſſarius ankam, konnte Einer Zeit genug haben, ſich vorzuſehen. Es war eine dumme Erfindung, daß die alte Strandeinrichtung aufhörte! Ich bin überzeugt, dieſe Conſulatsagenten geben auch keinen beſſern Preis — das wird die Rhederei oder die Aſſecuranzgeſellſchaft genugſam erfahren, denn Jeder will ſich zu Kopfe ſehen. Aber mit oder ohne Strandeinrichtung bin ich ſelbſt ſo alt in den Scheren, daß ich weiß, die Zollkammer hat in allen Zeiten von den Sporteln etwas abſtehen müſſen, und darum laßt uns offen reden: Ihr wißt, ich bezahle ſo gut wie ein andrer!“ 8 „Wenn ich erfahren ſollte, daß Jemand etwas gefunden hat,“ äußerte Niklas vorſichtig,„ſo will ich ſchon davon Nachricht geben... Nun aber ſollte ich wohl zu meinem Anliegen kommen! Es iſt ein kranker Herr mit am Bord, welcher der Sohn des Schiffbe⸗ ſitzer ſein ſoll, und für den der Steuermann mich ge⸗ beten hat, ich ſollte ihm ein gutes Quartier und gute Pflege ſchaffen. Ich wußte kein anderes Quartier als hier, und darum bin ich hergekommen, um zu fragen, ob er hier nicht aufgenommen werden kann? Es ſoll gut bezahlt werden, ſagte er.“ „Das geht gewiß recht gut an,“ meinte die Ge⸗ vaterin, die gern auch ohne Bezahlung Barmherzigkeit übte, es gleichwohl noch lieber that, wenn ſie auf Ver⸗ geltung rechnen konnte.„Bringt ihn her, Vater Nik⸗ las! Ick und hei allem ve „Ni bringt v mir den mit den Au darauf genomm von der von gef er den. bung ir Verhalt No lebt füh auf die und Eit ſtand d gefegt Reiſend Zy mit ſeit meinte Eigenſc ganzen den S pfangen ßer M Kopfe 2) Ka⸗ 107 iſt ganz las! Ich will eines von den Gaſtzimmern aufräumen arſtrand und heizen laſſen und ihn nach meinen Kräften mit das ver⸗ allem verpflegen.“ ie Jacht,„Nun, das war vortrefflich! der Steuermann bringt wohl den Doktor mit von Marſtrand, kann ich kken und mir denken. Aber vorher komme ich gegen Mittag Art von mit dem Ruſſen....“ En Sote Auf dieſen Beſchluß wurde erſt ein Schnapps und Wrach⸗ darauf ein„Panaſſe“ oder ſogenannter Uddewaller*) ten nicht genommen. Und nachdem Loots⸗Niklas noch einmal ehe der von der Gevatterin gebeten war, er möchte, falls er haben, von gefundenen Gütern hörte, an ſie denken, ſo verließ ng, daß er den Knipps, und die Gevatterin eilte, ihrer Umge⸗ berzeugt, bung in Betreff des baldigen Beſuches die nöthigen en Preis Verhaltungsbefehle zu ertheilen. ſellſchaft Nora, welche ſich bei dieſer Nachricht ebenſo be⸗ pfe ſehen. lebt fühlte, wie ihre werthe Mutter über die Ausſicht ich ſelbſt auf die gefundenen Güter, entwickelte eine Hurtigkeit kkammer Sund Einſicht, die ganz zum Erſtaunen war, und bald abſtehen ſtand die unordentliche Polterkammer auf das Beſte hr wißt, gefegt und geölt da zur Aufnahme des ſchiffbrüchigen Reiſenden. d etwas Meiſeanelege zwei und drei Uhr landete Loots⸗Niklas „ſo will mit ſeinem Boote bei dem Knipps, und die Gevatterin ſollte ich meinte nun, daß ihre Würde es forderte, ſelbſt in der kranker Eigenſchaft einer Wirthin, und begleitet von ihrer Schiffbe⸗ ganzen Suite, Paul, Nora, Lura und der Katze, an mlich ge⸗ den Strand hinabzuſteigen und ihren Gaſt zu em⸗ and Luke pfangen. ttier als„Er iſt, wie es ſcheint, recht krank, der Unglück⸗ fragen, liche!“ ſagte Paul, welcher meinte, daß der Fremde Es ſoll kein Wort ſchwediſch verſtand, weil dieſer wegen. gro⸗ die G. ßer Mattigkeit nur durch eine Bewegung mit dem . Kopfe ſeine Abſi rüßen ausdrückte. erzigkeit Kopfe ſeine Abſiht zu grüßen ausdrückte auf Ver⸗„ ;*) Kaffee mit Branntwein. ter Nik⸗) Kaſſer mit Br A. d. U. 108 „Das iſt ein hübſcher Mann,“ ließ ſich Nora aus, und kniff Paul in den Arm,„ſiehſt Du, welchen feinen und ſchönen Mantel er hat?— Ja, ich denke! der iſt kein armer Schlucker!“ Ein Seitenſtoß wendete Nora's Aufmerkſamkeit auf Loots⸗Niklas, welcher ihr durch ein paar recht aus⸗ drucksvolle Grimaſſen anzeigte, daß der ruſſiſche Herr ſchwediſch verſtehen müßte, eine Neuigkeit, die Nora wiederum mittelſt Blinzen für Paul begreiflich machte. Der Kranke erhielt jetzt alle Hülfe, deren er be⸗ durfte, und ſobald der Zug mit der Gevatterin an der Spitze in das Gaſtzimmer gekommen war, wurde er dort mit der möglichſt größten Sorgfalt und Bequem⸗ lichkeit einquartirt. Am folgenden Tage kam ein Arzt aus Marſtrand an, und die Pflege des jungen Patienten wurde Nora anvertraut, denn die Hand der Gevatterin zitterte allzu ſehr, als daß ſie einen Arzneilöffel halten konnte. Paul erbot bisweilen ſeine Hülfe, welche auch von dem Frem⸗ den höflich angenommen wurde, aber je weiter dieſer auf dem Beſſerungswege fortſchritt, um ſo deutlicher war es, daß er am liebſten die junge Nora allein um ſich ſehen wollte. Und man iſt ſchuldig, die Wahrheit zu bekennen, daß Nora ſich überreden ließ. Der Arzt und der Commiſſionär des Fahrzeuges reiſten und kamen wieder, um, obgleich in verſchiedener Hinſicht, Herrn X. ihre Rathſchläge zu ertheilen. In einer Sache trafen jedoch beide zuſammen, nämlich daß der Kranke oder nunmehrige Geneſende in einen Wech⸗ ſel ſeines Aufenthaltsortes willigen möchte; aber hiezu ließ Herr X. ſich auf keine Weiſe überreden. Immer ſagte er, das würde nur dazu dienen, ihm ein Recidiv zuzuziehen, dem er ſich nicht ausſetzen wollte, weil er dadurch gehindert werden könnte, ſeine Rückreiſe im Frühling anzutreten. Der Eigenſinn in dieſem Vorſatze war unparteiiſchen Zuhörern ſehr ſonderbar, beſonders da der Doktor be⸗ ſtimmt keine üb dabei, 1 um in ſelbſt bli ſo ging dern, de und ſpr verſtand zimmer loſigkeit Schnupf nelehen, ſich ein Sc Braut: dort be Paul ſe mußte, der Dir No Tollere einen F „ Verſuch ihm ni kannſt Tode l Tag m. und B Rora aus, en feinen ! der iſt rkſamkeit echt aus⸗ ſche Herr die Nora machte. n er be⸗ (Bequem⸗ Karſtrand de Nora erte allzu te. Paul m Frem⸗ ter dieſer deutlicher llein um Wahrheit ihrzeuges chiedener len. In nlich daß n Wech⸗ der hiezu Immer Recidiv weil er reiſe im rteiiſchen bktor be⸗ 109 ſtimmt verantwortlich zu ſein wagte, daß der Umzug keine üble Folgen haben würde. Inzwiſchen blieb es dabei, und Herr X. ſchickte ſeinen erſten Steuermann, um in ſeinem Namen die Geſchäfte abzumachen; er ſelbſt blieb in aller Ruhe auf dem Knipps liegen. Und ſo ging die Zeit dahin, die eine Woche nach der an⸗ dern, der eine Monat nach dem andern. Wie Loots⸗Niklas hatte merken laſſen, verſtand der Ruſſe die ſchwediſche Sprache ganz vollkommen, und ſprach dieſelbe auch verſtändlich genug; wenigſtens verſtand Nora ihn, und das Geſpräch im Kranken⸗ zimmer war oft ſo lebhaft, daß Paul, der in dem an⸗ grenzenden Krugzimmer hinter dem Tiſche ſtand, bis⸗ weilen in einer unbegreiflichen Bewegung oder Gedanken⸗ loſigkeit den Branntwein übergoß, und nicht ſelten Schnupftaback ſtatt Zucker und umgekehrt wog, bei welchen Gelegenheiten er jedoch immer erröthete und ſich einbildete, er hätte falſch verſtanden. Schon im zweiten Monates ſagte Paul zu ſeiner Braut:„Mich dünkt, Du brauchſt nicht ſo beſtändig dort bei ihm zu ſitzen und ihn zu beläſtigen!“ Und Paul ſagte dieſes in einem Tone, der ihr anzeigen mußte, er wäre nicht zufrieden mit der jetzigen Lage der Dinge. Nora lachte und meinte, ſie hätte noch nie etwas Tolleres gehört, als daß ein kluger Menſch ſogar auf einen Kranken eiferſüchtig werden könnte. „O nein doch,“ antwortete Paul und machte einen Verſuch, Nora's Gelächter zu theilen, aber das wollte ihm nicht gelingen;„ich glaube nicht, daß mich Eifer⸗ ſucht drückt. Aber mich dünkt, er iſt jetzt nicht mehr krank.“ „Ja gewiß, er befindet ſich recht ſchlecht! Und dann kannſt Du wohl begreifen, daß der Unglückliche ſich zu Tode langweilt, wenn er den ganzen lieben langen Tag mit ſeiner Schreiberei und allen ſeinen Papieren und Büchern allein im Zimmer ſitzen muß.“ 110 „Wenn er lange Weile hat— und ich wünſchte, er langweilte ſich zu Tode— ſo kann er ja nach Mar⸗ ſtrand oder Götoberg ziehen, wie ihm der Doktor und die andern Herren gerathen haben.“ Aus dem Umzuge aber wurde nichts, wie wir ge⸗ hört haben; und da Nora nach drei oder viermal er⸗ neuerten Anmerkungen ſich nicht überreden ließ, von der Geſellſchaftspflicht, die ſie übernommen hatie, ab⸗ zuſtehen, ſo ſtand Paul dagegen von allen fernern Er⸗ innerungen ab. Sie glaubte nun, er hätte ſeine „dumme Eiferſucht“ vergeſſen, weßhalb ſie ihrer Vor⸗ liebe, in dem Gaſtzimmer ſich aufzuhalten, immer we⸗ niger Band anlegte. Die Gevatterin— welche ſeit Nora's Eintritt in den Brautſtand über ſie keine ſo ſtrenge Wache mehr hielt, denn ſie meinte, dieſe käme jetzt Paul zu, und überdies in dieſem Falle nur ein Verdienſt an ihrer lieben Tochter ſah— ließ ſich in ihrem langen Win⸗ terſchlafe nicht ſtören. * Sie erwachte nicht eher zu völligem Bewußtſein, als da die erſte Holzſchute im Frühlinge beim Knipps ankam und ſie zu gleicher Zeit die Nachricht erhielt, daß ihr Gaſt nach ſeinem langen Aufenthalte bei ihr die Reiſe nach Göteborg antreten wollte, um von dort mit ſeiner Beſatzung nach Rußland zurückzukehren. Jetzt erholte ſich die Gevatterin, denn jetzt galt es eine Rechnung aufzuſetzen, welche aller bewieſenen Gaſtfreiheit entſpräche. Und mit Paul's Geſchicklichkeit und Hülfe ſummirte und ſchloß man endlich Alles abe Hätte Herr X. in einer von den Städten gewohnt, ſo wäre der Betrag ſeines Debet auf den Knipps gewiß nicht für zwei Monate hinreichend geweſen. Aber draußen in einem einſam gelegenen Scheren⸗Wirths⸗ hauſe galt es für einen großen Gewinn, wenn man für fünf Monate eine Bezahlung erhielt, welche zweien in der Stadt entſprach. Auch waren ſowohl die Ge⸗ vatterin, als auch Paul unendlich zufrieden mit dem geſetzten ſondern ſagte die gleich ei wiſſen, wäre er er gerne — glück Und nung, Ueberſch Gaſtfrer dig wie ganzen D „D vatterin wieder hier jed ſchiff brü doch höt Pa recht lei geweſen war. freundli Herabla eine We wo er einem V gleich d welche die Ga Anſpruc dem Zu vermißt von re ſprach! „ nſchte, er ach Mar⸗ kktor und wir ge⸗ rmal er⸗ leß, von atie, ab⸗ nern Er⸗ tte ſeine rer Vor⸗ imer we⸗ Eintritt ache mehr zu, und an ihrer jen Win⸗ wußtſein, Knipps t erhielt, e bei ihr von dort pren. jetzt galt ewieſenen cklichkeit Alles abe vohnt, ſo ps gewiß n. Aber Wirths⸗ denn man he zweien die Ge⸗ mit dem v 111 geſetzten Preiſe und zwar nicht nur mit dem Ganzen, ſondern auch mit jedem einzelnen Poſten, ndenn, ſagte die Gevatterin, als hätte das Gewiſſen ſie doch gleich ein wenig beunruhigt,„er iſt reich, ſollſt Du wiſſen, Paul! 7 Und Paul antwortete:„Ja, ſieh! wäre er arm, da wäre es etwas anderes! Nun aber mag er gerne bezahlen, er mag gerne bezahlen, und dann — glückliche Reiſe!“ 1 Und der ruſſiſche Herr bezahlte nicht nur die Rech⸗ nung, ſondern auch dazu noch einen recht anſtändigen Ueberſchuß. Darauf dankte er artig für alle erwieſene Gaſtfreundſchaft und verließ den Knipps, ebenſo gnä⸗ dig wie bei der Ankunft von der Gevatterin und ihrem ganzen Hauſe begleitet. „Das war ein inſtruirter Kerl,“ ſagte die Ge⸗ vatterin, da ſie mit einiger Anſtrengung den Felſen wieder hinauf ſtieg.„Ich wollte wünſchen, es käme hier jeden Winter ein ſolcher Gaſt! Aber obgleich ſchiffbrüchige Seeleute häufig ſind, ſo bekommt Einer doch höchſt ſelten die Rhederei ſelbſt zu ſehen.“ Paul fühlte ſich nach der Abreiſe des Fremden recht leicht um das Herz, denn er war nie glücklich geweſen, ſo lange das Gaſtzimmer bewohnt geweſen war. Hätte der Reiſende ſich als ein offener und freundlicher Mann gezeigt, der ohne den Schein der Herablaſſung mit Paul geplaudert und ſich auf irgend eine Weiſe geſellſchaftlich für das Haus oder den Ort, wo er ſich aufhielt, theilnehmend bewieſen hätte; mit einem Worte: wäre er hurtig und freiſprechend geweſen gleich den vtelen Schiffskapitänen und Paſeagieren, welche durch ein ähnliches Schickſal gezwungen ſind, die Gaſtfreiheit der Seeſtädte und der Scheren in Anſpruch zu nehmen, da hätte ihn Paul gewiß nach dem Zuſammenleben eines ganzen Winters von Herzen vermißt. Nun aber war unglücklicher Weiſe Herr X. von recht trägem und einſeitigem Charakter. Er ſprach höchſt ſelten mit einer andern Perſon, als mit 112 Nora, mit ihr aber konnte er plaudern; in den Zwiſchenzeiten führte er ſeine Bücher und Rechnungen, nahm von ſeinem Commiſſionär und ſeinem Steuermann Beſuche an und lag übrigens mit der Pfeife im Munde und dehnte ſich auf dem Bette, dem Anſcheine nach eben ſo unbekümmert und gemächlich, wie die Ge⸗ vatterin in dem ihrigen.„Nein, ich kann ihn nicht leiden!“ dachte Paul.„Er ſah ja gerade ſo aus wie ein Türke!“ Jetzt aber war er weg. Und nach aller guten Ordnung ſollte wohl jetzt die Freude und die Behag⸗ lichkeit wieder zurückkehren. So glaubte auch Paul und arbeitete daran aus allen Kräften; aber er hatte keinen, der ihm half. Denn obgleich Nora ſich ihm auf gewiſſe Weiſe erge⸗ bener zeigte, ſo zeigte ſie auch zu gleicher Zeit eine größere Veränderlichkeit in ihrer Laune, welche immer⸗ während zwiſchen Lachen und Weinen ſchwankte, und ſelbſt gegen Paul waren ihre Mücken im Steigen be⸗ riffen. 3 Bald verſicherte ſie ihn,„ſie hätte ihn lieber, als je ein Menſch einen andern gehabt hätte,“ bald be⸗ klagte ſie ſich, daß er ihre Liebe nicht recht erwiederte oder wäre„wie er ſollte;“ und wenn er ſich ihr bis⸗ weilen liebevoll näherte, ſo ftieß ſie ihn zurück und fing an zu weinen. Kurz: der eine Augenblick war nicht dem andern gleich und kein Menſch konnte aus Nora klug werden. „Ich glaube, ſo wahr ich lebe, die Dirne macht mich am Ende noch verrückt mit ihren Künſten und Faconen!“ ſagte Paul oft bei ſich ſelbſt und konnte dabei nicht hindern, daß nicht nur die Rathſchläge ſeiner ſterbenden Mutter ihm ſtets in den Ohren wie⸗ derhallten, ſondern daß auch eine Stimme hinzufügte, Nora würde mit jedem Tage dem Bilde immer un⸗ ähnlicher, welches die geliebte Mutter ihm von einer guten und verſtändigen Braut gemacht hatte. Endlich unternah Liebſten; ein ſolch angenehn ein weni Mi „Es iſt ich will Und beitſamke Luſt dau begonner gebracht drei, all ſagte die wohl da Schwiege viel zu t beit und ſollſt Du wenn di meine F auf dem beiten ne man doe Haus un Da ſelbſt nie handel, hatte, n auch nich ſondern Fußſtapfe In Paul T ; in den ꝛchnungen, teuermann im Munde deine nach die Ge⸗ ihn nicht aus wie Aer guten ie Behag⸗ daran aus ihm half. geiſe erge⸗ Zeit eine he immer⸗ nkte, und tteigen be⸗ lieber, als bald be⸗ erwiederte ch ihr bis⸗ urück und ablick war konnte aus rne macht inſten und nd konnte Kathſchläge Dhren wie⸗ hinzufügte, immer un⸗ von einer Endlich unternahm es Paul mit Gutem, wie er meinte, ſeiner Liebſten Vorwürfe zu machen und ihr vorzuhalten, daß ein ſolches Betragen ſündig, wahnſinnig und Gott un⸗ angenehm wäre,„denn Einer müßte doch wohl ſelbſt ein wenig von dem wiſſen, was Einer wollte!“ Mit mehr als gewöhnlichem Ernſte äußerte Nora: „Es iſt bisweilen nicht ſo leicht, das zu wiſſen, aber ich will verſuchen, ſo zu werden, wie Du wünſcheſt.“ Und nun kam eine kurze Zeit, da Nora die Ar⸗ beitſamkeit und der Verſtand ſelbſt war. Aber die Luſt dauerte nicht recht lange, und kaum hatte Paul begonnen, ſich zu freuen, daß er ſie endlich ſo weit gebracht hätte, wie er wollte, als Nora, eins, zwei drei, alle Arbeit und allen Verſtand wieder weg warf und noch ein wenig ärger wurde, als zuvor. „Die Weisheit kommt wohl mit den Jahren!“ ſagte die Gevatterin, da Paul ein einziges Mal, ſo⸗ wohl das erſte als auch das letzte, ſeiner künftigen Schwiegermutter die Sache vorſtellte.„Ich habe zu viel zu thun gehabt, um recht nach ihr mit ihrer Ar⸗ beit und dergleichen ſehen zu können. Aber darum ſollſt Du nicht traurig ſein! Sondern glaube Du mir, wenn die Jugend ausgerast hat und die Dirne in meine Fußſtapfen getreten und eine tüchtige Wirthin auf dem Knipps geworden iſt, ſo thun ſolche Sitzar⸗ beiten nicht viel Noth, denn den beſten Nutzen hat man doch davon, daß man ſich ordentlich um das Haus und den Verkehr kümmert.“ Da Paul einſah, daß die Gervatterin, welche ſelbſt nie zu andern Beſchäftigungen als zu dem Krug⸗ handel, der Flaſche und dem Schlafe, Neigung gezeigt hatte, nicht mit dem Ohre hören wollte, ſo ſuchte er auch nicht ferner ihre Theilnahme an ſeinem Kummer, ſondern dachte nur:„Gott, bewahre mich vor ſolchen Fußſtapfen! Das wäre noch ärger!“ In dem jetzt folgenden Sommer erlitt die Gevat⸗ Paul Wärning. 8 114 terin einen großen und recht fühlbaren Verluſt, welcher nicht nur den Verdienſt für die Verpflegung des Gaſtes, den Ueberſchuß mit einberechnet, ſondern ſelbſt alle Mittel des Hauſes wegraffte. Die Gevatterin hatte nämlich bei einer der kleinen Beluſtigungen, die, wie wir wiſſen, bisweilen auf dem Knipps vorfielen, ſich von einem guten Kunden und Nachbarn überreden laſſen, eine Bürgſchaft für eine bedeutende Geldſumme zu un⸗ terſchreiben. Die Größe dieſer Summe hatte die Ge⸗ vatterin entweder in ihrer augenblicklichen guten Laune überſehen, oder auch hatte ſie ganz im Gegenſatze von demjenigen, was ſonſt ihr guter Verſtand ihr erlaubte, ſich von den guten Ausſichten täuſchen laſſen, welche der gute Kunde und Nachbar ihr in Betreff eines ge⸗ meinſamen Geſchäftes vorſpiegelte, bei welchem auf großen Gewinn zu rechnen war und in welches Ge⸗ ſchäft auch zu einem bedeutenden Theile verſchiedene von der geſtrandeten ruſſiſchen Brigg verheimlichte Güter mit dreingingen. Vier Monate ſpäter ſollte der Zettel eingelöst werden. Da aber die gefundenen Güter, falls ſie wirklich vorhanden geweſen, ſchon verkauft waren und man bei dem Empfänger des Darlehens nichts finden konnte zur Bezahlung der Schuld, ſo mußte die Ge⸗ vatterin die Folgen ihrer unglücklichen Unterſchrift er⸗ fahren; und für dieſe ihre erſte und letzte Leichtgläu⸗ bigkeit im Geſchäftswege mußte ſie auf eine Weiſe bü⸗ ßen, welche ſie während des ganzen übrigen Theiles des Sommers ganz aus ihrer gewöhnlichen Laune brachte. Zum erſten Male, ſeitdem ſie den Krug über⸗ nommen, blieb ihr Waarenlager unbezahlt. Und ſie mußte ſogar noch ein neues auf Credit nehmen. Der Aerger und der Gram, daß ſie ſich ſelbſt in dieſe Lage verſetzt hatte, brachte die Gevatterin dahin, daß ſie dem elenden Troſtgrunde, den der Wandſchrank enthielt, noch fleißiger zuſprach; und endlich waren der Stunden des Tages ſehr wenige, in denen ſie ihrer ſelbſt ſ Wirthſe „S wort. † rigkeiten ten eing zur Bei worden des So trübt a Verkehr Di finden: gnügen terin, betrunk 115 ſt, welcher ſelbſt ſo mächtig war, daß ſie mit Paul über die ees Gaſtes, Wirthſchaft reden konnte. ſelbſt alle„Führe ſie wie Deine eigene!“ war ihre ſtete Ant⸗ kerin hatte wort. Paul ſah jedoch in dieſem Vertrauen viele Schwie⸗ e, wie wir rigkeiten, ſeitdem die Zahlungen an das Haus Lerberg hat⸗ ſich von ten eingeſtellt werden müſſen und ſelbſt das Silber war den laſſen, zur Bedeckung der Thorheit der Gevatterin verpfände ne zu un⸗ worden. In jeder Hinſicht ſah es gegen das Ende e die Ge⸗ des Sommers mit den Aktien des Knippſes recht be⸗ iten Laune trübt aus, und das ärgſte von Allem war, daß der nſatze von Verkehr nicht ſo friſch ging wie gewöhnlich. reerlaubte, Die Urſache dieſes Mißgeſchickes war leicht zu n, welche finden: Die Seeleute hatten nicht mehr ſo viel Ver⸗ eines ge⸗ gnügen an ihrem alten Ruheorte, ſeitdem die Gevat⸗ lchem auf terin, welche immer ihre Spielpuppe geweſen, jetzt elches Ge⸗ betrunken und unluſtig ſtets in ihrem Zimmer einge⸗ berſchiedene ſchloſſen lag, und wenn ſie ſich ja einmal zeigte, doch rheimlichte nie bei der alten hurtigen und muntern Laune war. . Paul that alles, was in ſeinen Kräften ſtand, um eingelöst dieſem letzten Stoße zuvorzukommen, und da er ſeine „falls ſie Sachen gut machte, ſo feſſelte er auch die Leute. Aber waren und leider hatte auch Paul ſeine großen Bekümmerniſſe. chts finden Mit einem Worte: mit der Gevatterin war auch der te die Ge⸗ belebende Geiſt aus dem Krugzimmer verſchwunden. rſchrift er⸗ Hätte die Gevatterin ſelbſt beurtheilen können, wie Leichtgläu⸗ nachtheilig ihre Abweſenheit auf die Kunden des Knipp⸗ Weiſe bü⸗ ſes wirkte, ſo hätte ſie vielleicht ihre ſchlimme Leiden⸗ en Theiles ſchaft zu überwinden geſucht, aber ſie dachte nicht da⸗ hen Laune ran— und Paul wagte es nicht, dieſe Saite zu be⸗ Krug über⸗ rühren. Und ſie nen. ch ſelbſt in erin dahin,—— gandſchrank waren der n ſie ihrer Eilftes Kapitel. Das alte Sprüchwort bleibt immer beſtehen: nie kommt ein Unglück allein. In den letzten Tagen des Monates September hatten die ſtreitenden Winde wieder eine Menge Schu⸗ ten bei dem Knipps verſammelt, und noch einmal wurde dort aus Herzensgrunde geſchwärmt. Paul hatte am Tage nicht Zeit gehabt, ſeine Nora zu vermiſſen, da er jedoch am Abende wie gewöhnlich hinein gehen und ihr eine gute Nacht wünſchen wollte, ſo empfing ihn auf der Küchenſchwelle Lura mit der Nachricht, Mam⸗ ſell Nora wäre, da es ſchon ſo ſpät geworden, zu Bette gegangen und ſchliefe jetzt. Paul kehrte um, ohne zu verrathen, was er em⸗ pfand, und dieſes war ein ganz tiefer Aerger über dieſe Gleichgültigkeit ſeiner Braut. Es war für ihn, eine ſo beſtimmte und theure Gewohnheit geworden, jeden Abend nach beendigter Arbeit bei Nora zu ſitzen und ein Stündchen zu verplaudern, daß er jetzt, da ihm dieſes zum erſten Male verweigert wurde, meinte, es fehlte ihm etwas Weſentliches. Um Nora für dieſen neuen Einfall zu ſtrafen, be⸗ ſchloß Paul, an dem folgenden Morgen ncht, wie er immer zu thun pflegte, zu ihr hinein zu gehen und ihr ei⸗ nen guten Morgen zu wünſchen, ſondern ſogleich in das Krugzimmer zu wandern und ſeine dortigen Ge⸗ ſchäfte vorzunehmen. Wahrſcheinlich fand ſich nun Nora ihrerſeits be⸗ leidigt, deun ſie ließ ſich weder beim Mittags⸗ noch beim Abendtiſche ſehen.„Gut!“ dachte Paul, noch mehr gereizt,„ich will ſie nicht beläſtigen!“ Und ſo ging er wiederum zu Bette, wenn auch nicht, um zu ſchlafen. Dr Nachder bereuen und err als Ma erſten E erwacht zu Nor „wie g M freundl traf al verlobt vergebe Stunde ſollte: Am Al Lura ſchwelle nigte 6 „2 fragte hinein 7/2 entgeg. kommt eptember hatte am iſſen, da ehen und pfing ihn „Mam⸗ rden, zu s er em⸗ ger über für ihn, geworden, zu ſitzen jetzt, da ,meinte, afen, be⸗ , wie er nd ihr ei⸗ gleich in igen Ge⸗ ſeits be⸗ gs⸗ noch al, noch Und ſo „ um zu 117 Doch im Laufe der Nacht, da er gute Zeit zum Nachdenken hatte, begann er ſein ſtrenges Betragen zu bereuen.„Vielleicht bin ich doch zu weit gegangen!“ und erwägend, ob es vielleicht ſeinem künftigen Anſehen als Mann nachtheilig ſein könnte, falls er nur den erſten Schritt zur Verſöhnung thäte, entſchlief er und erwachte mit dem völlig gereiften Vorſatze, unbedingt zu Nora zu gehen und ihr zu ſagen, daß ſie beide „wie große Narren gehandelt hätten.“ Mit raſchen Schritten und ſich recht nach einem freundlichen Blicke ſehnend, betrat Paul den Hausflur, traf aber Lura wiederum auf der Schwelle. „Nein, Herr Paul!— ſeitdem Paul mit Nora verlobt geweſen war, ſagte Lura immer Herr Paul — gehe er nicht hinein; Mamſell Nora hat dieſe ganze Nacht ſo ganz erſchreckliche Kopfſchmerzen gehabt, daß ſie erſt jetzt ein wenig Schlaf in die Augen bekom⸗ men hat. „Ach!“ dachte Paul,„die Kopfſchmerzen hat die Arme von dem Weinen bekommen! Ich habe ihr doch gewiß Unrecht gethan!“ zu Lura aber ſagte er:„Ich will Nora nicht wecken; grüße ſie aber und bitte ſie in das Krugzimmer zu kommen, ſobald ſie aufgeſtan⸗ den iſt!“ Lura verſprach den Auftrag auszurichten. Aber vergebens wartete Paul hinter ſeinem Tiſche eine Stunde nach der andern, daß ſeine Nora kommen ſollte: keine Nora ließ ſich den ganzen Tag ſehen. Am Abende ging Paul wieder an die Küchenthüre; Lura aber hatte ein Fiſchbret auf die breite Thür⸗ ſchwelle gelegt; ſie ſelbſt lag vor demſelben und rei⸗ nigte Schellfiſche. „Warum verſperrſt Du den Weg auf dieſe Weiſe?“ fragte Paul ärgerlich.„Nun ſage ich ſo viel, daß ich hinein will!“ „Mamſell hat die Thüre hinter ſich verriegelt,“ entgegnete Lura;„aber ſie bat mich, Herrn Paul zu 118 grüßen, Er ſoll ihr nicht böſe ſein, daß ſie ſo ſonder⸗ bar iſt. Morgen früh aber kommt ſie ganz gewiß hinein, das iſt ſicher.“ „Das iſt denn doch allzu ſonderbar!“ meinte Paul. „Aber ſage mir, ob ſie vielleicht Etwas für mich näht, was ich nicht wiſſen ſoll?“ „Das weiß ich nicht!“ ſagte Lura in einem Tone, den der Fragende deuten konnte wie er wollte. Paul dachte das Beſte, welches er ſelbſt wünſchte und ging in der vollkommenen Ueberzeugung, er würde am fol⸗ genden Morgen zur Verſöhnung eine Weſte, ein Paar Vorhemden oder etwas Aehnliches erhalten. Der Morgen kam. Es war der vierte Tag, an welchem Paul und Nora ſich nicht geſehen hatten, und Paul's Herz klopfte vor Sehnſucht.„Ich hätte mir kaum gedacht,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„daß ich ſie ſo lieb haͤtte, wie ich jetzt merke! Man muß bisweilen fin wenig getrennt ſein, um recht zu wiſſen, wie es eht. Endlich kam Nora, aber nicht mit einem ſchel⸗ miſchen Lächeln oder einem Geſchenke in der Hand, ſondern bleich und ſtill und auf alle Weiſe wunderlich. „Herr Gott, liebe Nora!“ rief Paul aus, ich meine, ſo wahr ich ein ehrlicher Kerl ſein will, Du biſt richtig krank geweſen! Du konnteſt es doch wohl nicht ſo übel nehmen, daß ich den folgenden Morgen nicht zu Dir kam? Aber ſiehſt Du, ich war gleichſam böſe, daß Du Dich am Abende vorher gelegt hatteſt, ohne mir gute Nacht zu ſagen, wie wir immer ge⸗ wohnt geweſen ſind.“ „Oh,“ entgegnete Nora und wendete ſich von ihm ab,„Einer kann ſo lange auf einen Stein ſpucken, bis er naß wird! Ich bin Dir nie recht, ich mag es anfangen wie ich will.!“ „Liebſte Nora! ich ſage das nicht! Wenn ich ge⸗ u fehlt habé, ſo bitte ich Dich um Verzeihung— aber was ich geſagt habe, das iſt immer zu Deinem Beſten geweſen, werden aber nic ich verſie verlaſſen Auf Buchſtab aus, do ſus, No Dich wi lachfiebe hat eine Du haſ No an die und He zu verſe ſehen. wenigſt ſem Ar welche rum b dem T werden gen, w Krugzi ſegelte. gen, nichts, G ren gr. dem 2 was f gehen. K die K Tag, an tten, und hhätte mir ich ſie ſo bisweilen , wie es em ſchel⸗ er Hand, underlich. aus,„ich will, Du doch wohl Morgen gleichſam gt hatteſt, nmer ge⸗ von ihm mſpucken, phmag es n ich ge⸗ — aber im Beſten 119 geweſen, und damit Du eine ſo tüchtige und rare Frau werden möchteſt, wie man ſie ſich nur wünſchen kann, aber nicht im Geringſten aus böſem Herzen, das kann ich verſichern, liebe Nora! und darauf kannſt Du Dich verlaſſen.“ Auf dieſe herzliche Anrede antwortete Nora keinen Buchſtaben. Aber ſie wurde ſo bleich und ſah ſo krank aus, daß Paul ganz erſchrocken ausrief:„Herr Je⸗ ſus, Nora! ich glaube Du wirſt ohnmächtig— ich will Dich wieder hinein bringen.... Sie ſagen, das Schar⸗ lachfieber herrſcht ſehr ſtark in Göteborg— vielleicht hat einer der Bootſchiffer es mit hieher gebracht, und Du haſt es von ihm bekommen.“ Nora ſchwieg, ließ ſich jedoch willig von Paul bis an die Küchenthür geleiten, wo Lura ſie entgegen nahm und Herrn Paul verſicherte, er brauchte ſich gar nicht zu verſäumen, denn ſie wollte wohl nach der Mamſell ſehen. Paul war eigenſinnig, und wollte ſeine Liebſte wenigſtens bis in ihr Zimmer begleiten; aber in die⸗ ſem Augenblicke hörte er die Stimme der Gevatterin, welche rief:„Paul! was ſind das für Streiche? wa⸗ rum biſt Du davon gelaufen, ohne die Sachen aus dem Wege zu ſetzen? Hier kann ja Alles verdorben werden!“ Paul flog hinein, um die Gevatterin zu beruhi⸗ gen, welche ſchon auf dreiviertel war und zwiſchen dem Krugzimmer und ihrer eigenen Kammer hin und her ſegelte.„Eigentlich,“ dachte Paul,„ſollte ich ihr ſa⸗ gen, daß Nora krank iſt, aber das dient ja zu gar nichts, da ſie in dieſem Zuſtande iſt.“ Gleich nach dem Mittage, da die Gevatterin ih⸗ ren großen Schlaf hielt, räumte Paul allen Kram von dem Tiſche ab, um— Lura mochte ſagen und thun, was ſie wollte— auf einen Augenblick zu Nora zu gehen. Da ſein Beſuch ganz unvorbereitet kam, ſo war die Küchenſchwelle nicht bewacht, und Paul legte ſchon 5*† 120 die Hand auf die Klinke an Norag's Kammerthür, als Lura herauskam, die Thür ſchnell wieder zu machte und ihn auf das Dringenſte bat, er möchte in das Krugzimmer zurückkehren. „Nein,“ ſagte Paul entſchloſſen,„ich habe mir in den Sinn geſetzt, das nicht zu thun, bevor ich bei Nora geweſen bin! darum gib Raum— hinein will ich!“ In demſelben Augenblicke, da Nora ſich bereitete, eine Antwort auf dieſen Entſchluß zu geben, hörte man ein feines Geſchrei in dem Zimmer. „Was iſt das?“ fragte Paul auf das höchſte ver⸗ wundert. „Was ſollte es anders ſein, als die jungen Gänſe, die Mamſell Nora zu ſich hineingenommen hat, um ihnen zu freſſen zu geben?“ „Daß ſie ſonſt nicht ſo verliebt in die jungen Gänſe geweſen iſt, weiß ich,“ ſagte Paul und ſchob mit einiger Schwierigkeit Lura's breite Hand von der Thürklinke. Nachdem er erſt dieſen Vortheil erhalten hatte, dauerte es nicht viele Secunden, bis die Thür geöffnet und Paul in dem Zimmer war. Bei dem erſten Blicke, den er um ſich warf, blieb er vor Schrecken ſtumm und Anfangs ebenſo unbeweg⸗ lich ſtehen, wie Lot's Weib, da ſie ihrer Neugierde wegen in eine Salzſäule verwandelt wurde. Und bil⸗ lig kann man ſich über Pauls Verſtummen nicht wun⸗ dern, wenn man erfährt, daß dieſes ſich von der Ent⸗ deckung herſchrieb, daß die von Lura erwähnten jungen Gänſe ſich auf eine einzige beſchränkten, welche jedoch alle mögliche Aehnlichkeit mit einem kleinen Kinde hatte, das in einer großen Mulde auf dem Tiſche lag. „Wo iſt das hergekommen?“ fragte endlich Paul in einem Tone, der die außerordentlichſte und einfäl⸗ tigſte Verwunderung erkennen ließ. „Nun, da es denn doch endlich heraus muß,“ be⸗ gann Lura,„ſo kann ich Ihm erzählen, Herr Paul, daß gerade ſo, wie das Püppchen— Goit geſegne das — Kind! ſtern Al ich und hen; u eine ar. men wi „L im Lan Knäblei niges H ſten St kroch. „N einem 2 das alle „E ängftlic „ wahnſin Du mu „J erfährt Paul! denn da nichts b „J in dem große S ihn nich ſeres w ſein, n Weibsbi D rthür, als zu machte te in das be mir in bei Nora will ich!“ bereitete, hörte man ſcchſte ver⸗ en Gänſe, hat, um te jungen ind ſchob von der rhalten die Thür erf, blieb inbeweg⸗ teugierde Und bil⸗ cht wun⸗ der Ent⸗ njungen he jedoch n Kinde ſche lag. ich Paul einfäl⸗ iß,“ be⸗ r Paul, gne das Kind!— dort in der Mulde liegt, ſo kam es vorge⸗ ſtern Abend auf dem Waſſer hier angeſegelt, und wir, ich und die Mamſell, bekamen das Würmchen zu ſe⸗ hen; und da wir wohl verſtehen konnten, daß irgend eine arme Mutter es hatte ertränken wollen, ſo nah⸗ men wir es auf und gaben ihm etwas zum Beſten.“ „O, der Tauſend!“ meinte Paul ungläubig,„hier im Lande kann wohl kein Gebot ausgegangen ſein, alle Knäblein zu ertränken, wie es zu den Zeiten des Kö⸗ niges Herodes geſchah, als Moſes aufgenommen wurde, da er in dem Strome floß?“ Jetzt hörte er ein ſtarkes Schluchzen von der Ofen⸗ ecke her und als Paul ſich dahin wendete, ſo erblickte er Nora, welche in der jämmerlichſten und demüthig⸗ fe Stellung weinend und ſchluchzend zu ſeinen Füßen kroch. „„Nora! was fällt Dir ein?“ ſagte Paul, der mit einem Male leichenblaß im Geſicht wurde.„Was hat das alles zu bedeuten?“ „Es gehört mir!“ ſeuzte Nora und deutete mit ängſtlicher Geberde auf die Mulde. „Dir?“ wiederholte Paul...„Nora, Du biſt wahnſinnig!— Wie ſollteſt Du... nein... ſieh, das... Du mußt verrückt geworden ſein!“ „Ja, ich werde es wohl noch, wenn Mutter es erfährt— ganz gewiß ſchlägt ſie mich todt! Und Du, Paul! ſpeie aus auf mich und tritt mich mit Füßen, denn da ich Dich ſo habe betrügen können, ſo bin ich nichts beſſeres werth!“ „Ja, das iſt wahr genug,“ entgegnete Paul und in dem Blicke, den er auf das Kind warf, lag eine ſo große Seelenqual und eine ſolche Raſerei, daß Nora ihn nicht zu ertragen vermochte.„Du biſt nichts Beſ⸗ ſeres werth.— Aber ich müßte ein elender Menſch ſein, wenn ich Rache üben wollte an einem elenden Weibsbilde.. Wem gehört der Balg ſonſt noch?“ „Dem fremden Herrn, der dieſen Winter über hier wohnte,“ ſtotterte Nora, indem ſie ihr Geſicht mit der einen Hand bedeckte und mit der andern Pauls Hand zu faſſen ſuchte. „O, laß mich!“ Paul wendete ſich ſchnell von ihr hinweg. Und ihm entfielen die bittern Worte:„Zwar habe ich immer gehört, daß wo ein Regiment im Quar⸗ tiere oder eine ſchiffbrüchige Beſatzung in der Winter⸗ ruhe gelegen hat, die Prieſter im folgenden Jahre eine Vermehrung in ihren Amtsgeſchäften erhalten haben— doch nie hätte ich gedacht, daß auch ich etwas davon abbekommen ſollte!“ Und Paul näherte ſich der Thüre, um hinaus zu gehen. Jetzt aber wurde Nora von der fürchterlichſten Angſt ergriffen, er möchte zu der Mutter gehen.„Paul! lieber, guter, barmherziger Paul!“ flehten die zittern⸗ den Lippen,„mache mich nicht ganz elend— Du kannſt Dich darauf verlaſſen, Mutter ſchlägt mich zu nichte!“ „Sie muß es wohl doch auf jeden Fall endlich erfahren,“ meinte Paul,„oder willſt Du das Kind un⸗ getauft laſſen?“ „Ach Gott! ich weiß ja nicht, was ich will!“ klagte Nora.„Ich bin ein unglücklicher und verworfener Wurm... Aber, Paul! ich ſchwöre es auf meinen bloßen Knien, wenn Du mich wieder zu Gnaden nimmſt, ſo will ich, ſo wahr mir Gott helfen mag, von dieſem Tage an ein ganz anderer Menſch werden, und weit beſſer im Denken, Thun und Laſſen, als ich bisher ge⸗ weſen bin! Und nie in der Welt ſollſt Du Urſache ha⸗ ben, über mich zu klagen, und nie, ſo lange ich lebe, will oder kann ich vergeſſen, welche große Wohlthat Du mir erzeigſt, wenn Du mich vor der Mutter retteſt und wieder zu Gnaden annimmſt!“ „Meinſt Du,“ fragte Paul und eine dunkelrothe Wolke bahnte ſich ſchnell einen Weg über ſein noch vor einem Augenblick ſo blaſſes Geſicht,„ich ſollte Dich auch jetzt noch zu meiner Frau nehmen?“ eigenen überzeug Fraun geſchlag Mutter „Paul,“ man zu gen dar fürlieb hat— wiſſen!“ / jammert viel beſ ſterben! nicht da lange walttha rathen ſondern Deine zu Bett will ich Mutter dann n. brauchſt delt.“ Un erwarte war er das In tt mit der uls Hand l von ihr e:„Zwar im Quar⸗ r Winter⸗ hahre eine haben— as davon er Thüre, terlichſten 2.„Paul! te zittern⸗ Du kannſt t nichte!“ ll endlich Kind un⸗ I!“ klagte rworfener f meinen n nimmſt, on dieſem und weit bisher ge⸗ rſache ha⸗ ich lebe, Wohlthat ter retteſt unkelrothe noch vor ollte Dich 123 „Ja,“ ſchluchzte Nora;„und ſei überzeugt, Du ſollteſt es nie bereuen!“ „Vielleicht,“ erwiederte Paul nach einigem Beſin⸗ nen,„kann dieſe Lection ſo viel thun, daß Du ein an⸗ derer Menſch wirſt, dann aber geſchieht es zu Deinem eigenen Beſten. Denn davon kannſt Du vollkommen überzeugt ſein, daß ich mir nie in aller Ewigkeit eine Frau nehme, die ſchon als Braut ſo über die Stränge geſchlagen hat. Du weißt wohl ſelbſt noch, was Deine Mutter ſagte an dem Abende, da ſie uns verlobte: „Paul,“ ſagte ſie,„bedenke, daß einer den Kuchen, den man zu Ehren haben ſoll, nicht an den Kanten abna⸗ gen darf,“ und nun willſt Du, ich ſoll mit dem Kuchen fürlieb nehmen, nachdem ein Anderer ihn angebiſſen hat— aber ſieh, daraus wird nichts, das magſt Du wiſſen!“ „Da iſt's am Beſten, ich ſpringe in's Waſſer!“ jammerte Nora,„denn das geht ſchneller über und iſt viel beſſer, als von der eigenen Hand der Mutter zu ſterben!“ „Wer ſich beſſern will,“ meinte Paul,„der fängt nicht damit an, daß er an neue Sünden denkt! So lange ich hier bin, brauchſt Du überdieß keine Ge⸗ waltthätigkeit zu fürchten. Obgleich ich Dich nicht hei⸗ rathen kann, ſo will ich Dich dennoch nicht verlaſſen, ſondern Dir helfen um aller Gutthaten willen, die Deine Mutter mir erzeigt hat... Jetzt aber lege Dich zu Bette und beſiehl Dich in die Hand des Herrn, ſo will ich bis morgen einen Ausweg erdenken, Deine Mutter auf das Unglück vorzubereiten und ich will dann mit dabei ſein, ſo daß Du nicht unruhig zu ſein Peaihit daß ſie Dich ſchlägt oder ſonſt ſchlecht behan⸗ delt.“ Und ohne eine Antwort auf ſeine Troſtgründe zu erwarten, ging Paul nicht in das Krugzimmer— dazu war er jetzt nicht im Stande— ſondern hinaus in das Innerſte der Felſenhöhle, hinein in ſeine alte, liebe 124 Grotte, in welcher er ſo manchen frohen Traum ge⸗ träumt hatte, da er noch nicht ahnte, daß es einen ſo bittern Augenblick im Leben geben könnte. „Hätte ſie doch wenigſtens,“ und bei dieſem„we⸗ nigſtens“ wiſchte Paul eine große Thräne aus ſeinem Auge,„ſo viel Vertrauen zu mir gehabt, daß ſie mir bei Zeiten geſagt hätte, wie es ſtände, ſo hätte ich zwar nicht mit ihr fürlieb genommen, denn das wäre mir rein unmöglich, aber ich hätte ihr beigeſtanden, das hätte ich, und ihr geholfen und ihr gerathen und ſie auf ein Paar Wochen von hier weggeſchaft, bis der ärgſte Sturm bei der Mutter vorübergegangen wäre... Aber, Herr, mein Gott! daß ſie mich ſo ſchrecklich be⸗ trügen und Liebe und ſchmeichelnde Worte ſagen konnte, da ſie wußte, was ſie wußte— das, gerade das iſt das Schlechteſte und Nichtswürdigſte von allem! Ich hatte ſie doch ſo lieb, das weiß Gott am beſten... aber, ſo iſt es jetzt auch aus mit der ganzen Herrlichkeit. Man muß hier in der Welt vieles ertragen lernen, ohne zu zeigen, wie weh es thut!“ Während Paul durch dieſe einfachen Troſtgründe ſich zu beruhigen ſuchte, war die Gevatterin erwacht, und da ſie ungeachtet ihres berauſchten Zuſtandes ver⸗ nahm, daß draußen im Krugzimmer eine Schlägerei zu beginnen auf dem Wege war, ſo ſchwankte ſie da⸗ hin, um ihr bei ähnlichen Gelegenheiten ſchon unzählige Male erprobtes Mittleramt zu erfüllen. Nun wollte jedoch das Unglück, daß ihr erſter Blick auf den leeren Platz hinter dem Tiſche fiel; ſo⸗ gleich ließ ſie die Streitenden in der Abſicht, in vollem Ernſte Paul auszuſchelten, der nun zum zweiten Male an dieſem Tage alles ſtehen und liegen ließ. Mit gro⸗ ßen und tapfern Schritten trabte die Gevatterin über den Hausflur und früher als Lura, welche auf dem Herde ſaß und weinte, an einen ſolchen Beſuch nur zu denken vermochte— denn nunmehr beſuchte die Herrin ſelten dieſen Theil des Hauſes— ſtand die Gevatterin mit nicke Tone, ob „Ne in das 7 Gelegent „Nüu nicht geſe 9 7 ſinne mit hinaus g es war.“ „Ah vielleicht die Gey denn ſie war und ſtellen, a Der weil No Mutter d „Me Gevatter Ihr, es ßen?— ſolche N mein Ju Deinem im Krug „Er Paul iſt dern zitte „We zu lügen genblick! zum Teur die Katz Laßt ſie Traum ge⸗ 's einen ſo heſem„we⸗ aus ſeinem daß ſie mir hätte ich das wäre eigeſtanden, rathen und aft, bis der en wäre... precklich be⸗ gen konnte, de das iſt 7! Ich hatte „ aber, ſo pkeit. Man n, ohne zu Troſtgründe in erwacht, andes ver⸗ Schlägerei nkte ſie da⸗ n unzählige ihr erſter he fiel; ſo⸗ „in vollem eiten Male 7. Mit gro⸗ ntterin über e auf dem ſuch nur zu die Herrin Gevatterin 125 mit nickendem Hut vor ihr und fragte in barſchem Tone, ob Paul bei Nora wäre. „Nein doch, er iſt nicht da,“ ſagte Lura und blies in das Feuer auf dem Herde um durch dieſes Geſchäft Gelegenheit zu bekommen, das Geſicht zu verbergen. „Nun zum Kukuk, wo iſt er denn— haſt Du ihn nicht geſehen?“ „Nein doch— ja, aber das iſt wahr— Ich ent⸗ ſinne mich nun— daß ich meine, er ſagte, daß er hinaus gehen und ein wenig fiſchen wollte, oder wie es war.“ „Aha! Du ſtammelſt, glaube ich! Will man mich vielleicht bei der Naſe herumziehen?“ Und jetzt ging die Gevatterin gerades Weges auf Nora's Thür zu, denn ſie war vollkommen überzeugt, daß Paul dort war und daß Lura den Auftrag erhalten hätte, ſich zu ſtellen, als ob ſie von nichts wüßte. Der Verſuch, zu öffnen, war inzwiſchen vergebens, weil Nora bei dem erſten Laute der Stimme ihrer Mutter den Riegel leiſe vorgeſchoben hatte. „Macht auf, Ihr unartiges Zeug!“ begann die Gevatterin in keinem beſonders ſanften Tone.„Meint Ihr, es ſchickt ſich, Euch auf dieſe Weiſe einzuſchlie⸗ ßen?— Und Du, Paul, ſollteſt Dich ſchämen, daß ich ſolche Nachläſſigkeit von Dir ſehen muß! Weißt Du, mein Junker! daß Du heute nun ſchon zweimal von Deinem Platze gegangen biſt, und daß ſie ſich jetzt im Kruge prügeln?“ „Er iſt nicht hier, liebe Mutter! Ich verſichere, Paul iſt nicht hier!“ antwortete Nora, an allen Glie⸗ dern zitternd. „Was denn? Wagſt du mir gerade in's Geſicht zu lügen—? Nimm dich in Acht, und öffne den Au⸗ genblick! öffne, ſo werde ich wohl ſehen!... Aber was zum Teufel höre ich für ein Gepfeife? iſt das nicht die Katze? Was habt Ihr mit der Katze zu thun? Laßt ſie den Augenblick in Ruhe, Ihr unartigen Ca⸗ Ihr's in Eurem Leben nicht vergeſſen ſollt!“ „Ich rühre ſie gar nicht an, liebe Mutter!... Aber ich habe ſo fürchterliche Zahnſchmerzen und Kopf⸗ ſchmergtn⸗ daß ich mich kaum vom Flecke rühren ann.“ Jetzt war die Geduld der Gevatterin völlig zu Ende. „So ſoll hier ein anderer Tanz werden!“ ſagte ſie mit lauter Stimme.„Nun aber frage ich Euch zum letzten Male: wollt Ihr mit Gutem aufmachen, denn ſonſt, hol mich“— die Gevatterin fand es hier gut, durch einige kraftvolle Verſicherungen von der ächten Scherenart ihrer Drohung ein größeres Gewicht zu geben—„gehe ich im Augenblick und hole Gasö⸗ Johannes und Grisholma⸗Bengt, und die werden die Thür ſchon aufmachen!“ „Nein, Herr Jeſus! nein!“ jammerte Nora in ihrer Todesangſt...„Ich will öffnen, rufe aber Kei⸗ nen her!“ Die Thüre wurde von der zitternden Hand der Tochter geöffnet. Die Mutter trat ein. Kraftlos von der Anſtrengung und faſt verwirrt von Seelenunruhe, von tödtlichem Schrecken, ſank Nora zurück auf ihr Lager. Ihre Lippen waren ohne Zei⸗ chen einer Lebensfarbe, und ihr ungewöhnlich langes Haar, das in dieſem Augenblicke ſich von jeglicher Feſſel löſ'te, hing gleich einem faltenreichen zurückge⸗ ſchlagenen Schleier auf der einen Seite des marmor⸗ weißen Antlitzes herab. „Ja, ich ſehe,“ ſagte die Gevatterin gleichſam ein wenig beſchämt,„Paul iſt nicht hier— wo T—“ kann der Schlingel Haus halten?... Ach ſo, Du haſt Zahnſchmerzen, Du armer Wurm... ja, Du ſiehſt elend aus— ich will einen wollenen Strumpf im Kampfer⸗Branntwein naß machen und dir auf den Mund legen... Aber was iſt hier für ein ſonderba⸗ rer Lau zuſehen. Ei ren ent wenig denken, halten. dem Fu das Beit genblicke „Inhalt Geſicht Stellun Wort ü mit ein, henen g arme J. laufen mit lat Zeit mi der Ge⸗ „V daß -utter!... und Kopf⸗ e rühren len, völlig zu n!“ ſagte ich Euch ufmachen, ad es hier von der Nora in aber Kei⸗ Hand der ſt verwirrt ſank Nora ohne Zei⸗ lich langes n jeglicher n zurückge⸗ 3 marmor⸗ eichſam ein „Du ſiehſt trumpf im ir auf den ſonderba⸗ 12 rer Laut?“ die Gevatterin begann ſich neugierig um⸗ zuſehen. 3 Ein Schrei, den Angſt und Geiſtesgegenwart No⸗ ren entpreßten, rettete noch einmal ihr Geheimniß. Die Gevatterin eilte zu ihr.„Sind die Zähne ſo ſchlimm, oder haſt Du ſonſt noch Schmerzen? Ich habe dich ſo noch nie geſehen— warum haſt du mir nichts gefagt?“ „O, ich dachte es würde ſich wohl geben, und wenn ich nur ſchlafen könnte. „Ja, das wäre gut! Willſt du, daß Lura dir ein wenig Kümmelgrütze kocht? Du haſt, kann ich mir denken, heute noch nichts genoſſen?“ „Dank, liebe Mutter!“ ſeufzte Nora. Schon war die Gevatterin auf dem Wege umzu⸗ kehren, als trotz Nora's wärmſten Gebeten zu Gott ein leiſes Geſchrei ſich hören ließ. Nun aber war die Gervatterin nicht länger zu halten. Sie ſuchte rund umher und ſtieß endlich mit dem Fuße an die geheimnißvolle Mulde, welche unter das Bett geſchoben worden war. In demſelben Au⸗ genblicke, da die Gevatterin dieſe hervorriß und ihren „Inhalt entdeckte, fuhr ſie drei Schritte zurück und ihr Geſicht erhielt einen ſo furchtbaren Ausdruck, daß Nora in der tiefſten Noth ihres Herzens laut zu Gott rief, daß ſie augenblicklich ſterben möchte. Mehre Minuten blieb die Gevatterin in ihrer Stellung ſtehen, ohne daß während dieſer Zeit ein Wort über ihre Lippen ging. Aber als wäre ſie nun mit einem Male zu völligem Bewußtſein des Geſche⸗ henen gekommen, fuhr ſie mit erhobener Hand auf die arme Nora ein, und wie die Sache für dieſe abge⸗ laufen wäre, iſt unſicher, wenn nicht Paul, den Lura mit lautem Rufen herbeigeſchafft hatte, zur rechten Zeit mit einem kraftvollen Griffe den rächenden Arm der Gevatterin ergriffen hätte. „Willſt Du mich hindern, Nichtswürdiger?— Du, der mir auf ſo ehrenvolle Weiſe für alles Gute gelohnt hat, das ich an Dir gethan?“ „Ja, eine ſchlechte Handlung zu begehen, die Sie nachher bereuen würden, will ich Sie hindern. Aber glauben Sie nicht, daß ich Schuld an dem Unglück bin, denn ſo undankbar kann ich nicht ſein, und will auch nicht dafür gelten. Nora! ſag' Du die Wahrheit wie es iſt— das biſt Du ſowohl Deiner Mutter, als auch mir ſchuldig!“ „Uff! uff!“ puſtete die Gevatterin und hielt beide Hände vor das Geſicht.„Nun habe ich mehr als ge⸗ nug gelebt, und ſtehe nicht länger damit aus... Ein ſolcher Schandfleck! Braut des Einen— und...“ Aber es iſt nicht nöthig, den herzerſchütternden Aus⸗ bruch der Gevatterin zu zeichnen. Ihre Betrübniß und ihr Aerger waren gleich gewaltſam und bald fehlten ihr Worte für die Bitterkeit beider Gemüthsbewegun⸗ gen; ſie wurde weit eher ſtill, als man hätte denken und hoffen können; aber man ſah es ihr an, daß ſie weit mehr litt, als was ihre Klagen erkennen ließen. Nachdem ſie darauf alles zu wiſſen begehrt und alles erfahren hatte, ſtand ſie auf, und indem ſie etwas murmelte, das Paul faſt wie eine Verfluchung des „ruſſiſchen Hundes“ vorkam, ging ſie an Nora's Bett vorüber ohne einen Blick auf das arme Opfer zu werfen. Als ſie jedoch auf die Thürſchwelle kam, ſo wendete ſie um und reichte der Tochter ihre Hand. Nora küßte dieſelbe und benetzte ſie mit ihren Thränen. „Ich will Dich nicht vernichten, Du Unglückliche!“ ſagte die Gevatterin mit weicher Stimme.„Faſſe Muth und bete zu Gott!“ Sie nickte Noren dreimal zu und ging. Noch einmal gegen acht Uhr ging die Gevatterin in den Keller; übrigens hörte man an dem ganzen Abende weiter nichts von ihr. Da aber Lura am fol⸗ genden Morgen mit dem Kaffee zu ihr kam und wie gewöhnl daher ar noch ſchl gezogene todt im irdenen hatte. Wa auf die bewußt Ein vorwurf Auflöſu ſeit erwähnt es wahr Herbſted ein raſch Paul en den, ode ſelbſt un Der war nich tem übe Paul 129 Hute gewöhnlich grüßte, erhielt ſie keine Antwort; ſie trat daher an das Bett, um nachzuſehen, ob ihre Herrin die Sie noch ſchliefe. Da befand ſich's, nachdem Lura die zu⸗ rn. Aber gezogenen Gardinen getrennt hatte, daß die Gevatterin Unglück todt im Bette lag mit dem Kopfe neben dem großen und will irdenen Kruge, den ſie am vorigen Abende gefüllt Wahrheit hatte. 5 ttter, als Wahrſcheinlich hatte ſie ihre traurigen Gefühle auf die gewöhnliche Weiſe dämpfen wollen, aber un⸗ hielt beide bewußt ſo viel getrunken, daß ſie erſtickt war. hr als ge⸗ Eine neue Strafe, ein verdoppelter Gewiſſens⸗ 8... Ein vorwurf für die unglückliche Nora! und...“ den Aus⸗ lübniß und— hld fehlten sbewegun⸗ itte denken n, daß ſie Zwölftes Kapitel. nen ließen. egehrt und Auflöſung des Knippſes. Pauls Anordnungen hinſichtlich ſie etwas ſeines übernommenen Berufes. Das neue Heim. ſchung des. 3 ora's Bett Nach dem plötzlichen und traurigen Todesfall un⸗ Opfer zu ſerer ehrlichen Gevatterin erhielten die Angelegenheiten le kam, ſo in Knipps eine veränderte Geſtalt. Man ⸗war, wie Hand. erwähnt, am Ende des Monates September, und da mit ihren es wahrſcheinlich war, daß das Haus Lerberg noch in Herbſte die Privilegien zu verpachten beabſichtigte, war glückliche!“ ein raſcher Entſchluß nothwendig. Entweder ſollte ſich e.„Faſſe Paul entſchließen, ſelbſt Pächter des Knippſes zu wer⸗ den, oder ſich auf eine andere Weiſe umſehen, für ſich ſelbſt und die, welche ihm am Herzen lag. Gevatterin Den erſten Plan verwarf er jedoch bald, denn es em ganzen war nicht nur zu vermuthen, daß die Pacht bei wei⸗ ra am fol⸗ tem überſteigen würde, was er mit zwei leeren Hän⸗ n und wie Paul Wärning. 3 9 130 den zuſammenbringen könnte, ſondern es lag auch, da er in dieſem Falle das Geſchäft im Herbſte beginnen müßte, eine bedeutende Widerwärtigkeit in der Jah⸗ reszeit ſelbſt: im Winter war kein anderer Verdienſt, als der kleine Handel mit den Nachbarn, und folglich müßte er ſich nur in Schulden ſetzen und das ohne Gewinn und vielleicht auch ohne Hoffnung, ſich erſt nach vielen Jahren, wenn es je möglich wäre, aus denſelben heraus zu arbeiten. Aber außer den düſtern Ausſichten in den ökono⸗ miſchen Berechnungen war noch ein Umſtand vorhan⸗ den, welcher von allen am Meiſten Paul von dem Gedanken abhielt, ſich ſelbſt niederzulaſſen, und dieſer war Nora. Sollte er ſie von ſich laſſen, ſie, die ge⸗ wiß nur ſehr wenig, vielleicht gar nichts übrig behielt, wenn das kleine Waarenlager verkauft war— oder ſollte er ſie mit ihrem Kinde bei ſich behalten, und dadurch ſelbſt zu Geklätſchen Veranlaſſung geben? Nein, Paul's feines Gefühl verbot beides, es mochte gehen wie es wollte. Das Kruggeſchäft wurde aufgeſagt. Bald fanden ſich Speculanten ein, und an denjenigen unter ihnen, welcher den beſten Bot gethan hatte, verhandelte Paul unter ziemlich vortheilhaften Bedingungen das kleine noch übrige Waarenlager. Darauf reiſte er ſelbſt nach Göteborg, um in Betreff der Schulden an die Herren Lerberg und Comp. den beſtmöglichſten Accord zu ſchaffen. Darauf folgten dicht auf einander Kind⸗ taufe, Begräbniß und Auction. Paul arbeitete mit gränzenloſem Eifer und Raſtloſigkeit; er verſagte ſich ſogar ſeine nothwendige Ruhe, um alles in Ordnung zu bringen und der Bürde ledig zu werden, die ihn jetzt drückte. Der arme Paul! er dachte nicht daran, daß die Bürde, die ihn am ſtärkſten drückte, ſich nicht abwerfen ließ. Er ſehnte ſich nur nach dem Ende, nach Veränderung in dem jetzigen Zuſtande. Während Paul handelte, lag Nora krank und ſchwach von de herzlich für ihr tere Th daß er bald mu mit ihr fliehen? Se und red er, daß er woll ſie ihm Monate über N dennoch der neu hen wo kein An kennen No ihr Kin beitete ſicht trä Als Paul's ſen, ſie betrübte „Danke a Weile b hatte, ä Du dare die Klei „3o auch, da beginnen der Jah⸗ Verdienſt, nd folglich das ohne , ſich erſt väre, aus den ökono⸗ d vorhan⸗ l von dem und dieſer ie, die ge⸗ rig behielt, ar— oder alten, und ng geben? es mochte dald fanden unter ihnen, ndelte Paul das kleine te er ſelbſt lden an die ſten Accord ander Kind⸗ rbeitete mit verſagte ſich n Ordnung en, die ihn nicht daran, e, ſich nicht dem Ende, und ſchwach von der letzten ſchrecklichen Erſchütterung zu Bette, herzlich dankbar, daß Paul wie der zärtlichſte Bruder für ihr Beſtes wirkte; bisweilen weinte ſie heiße, bit⸗ tere Thränen, weil ſie ſich ſo ſchlecht aufgefüt daß er ihr nun nichts anderes mehr werden konnte. Und bald mußten ſie ſich wohl trennen— wie ſollte es dann mit ihr und mit dem Kinde gehen? Wohin ſollte ſie fliehen? So oft Paul Zeit hatte, ging er hinein zu Nora und redete freundliche Worte mit ihr, denn nun fand er, daß es recht Schade wäre um die Unglückliche, und er wollte daher nicht mehr an das Böſe denken, das ſie ihm gethan hatte. Inzwiſchen kam das Ende des Monates Oktober herbei, und noch war kein Wort über Nora's Abzug geredet worden. Sie wußte aber dennoch, daß ſie nicht länger dort bleiben konnte, denn der neue Krüger, welcher am erſten November einzie⸗ hen wollte, hatte eine ſo große Familie, daß er gewiß kein Anhängſel haben wollte, was er auch ſchon zu er⸗ kennen gegeben hatte. Nora ſaß jetzt in ihrem Zimmer, und indem ſie ihr Kind, ein kleines, munteres Mädchen, wiegte, ar⸗ beitete ſie eben ſo fleißig, wie ſie früher in dieſer Hin⸗ ſicht träge und widerſtrebend geweſen war.. Als ſie ſo an einem Abende ſpät aufſaß, hörte ſie Paul's Schritte. Er war den ganzen Tag ausgewe⸗ ſen, ſie wußte nicht wohin, und jetzt kam er, um mit ihr zu plaudern. „Guten Abend, Nora!“ ſagte er, und nickte dem betrübten jungen Weibe zu, welche mit einem leiſen „Danke!“ ſeinen Gruß beantwortete.* Paul ſetzte ſich neben Nora, und nachdem er eine Weile bald ſie und bald das ſchlafende Kind betknchtet hatte, äußerte er, auf das Letztgenannte deutend„Haſt Du daran gedacht, wohin Du jetzt willſt, und wie Du die Kleine verſorgen kannſt?“ „Ja wohl denke ich, und das Nacht und Tag, an rt hatte, 13² Alles,“ erwiederte Nora, und wiſchte mit ihrem Näh⸗ zeug eine Thräne von der Wange,„aber noch weiß ich nicht, wie ich's anfangen ſoll! Wenn ich nur für's Erſte Dach und Fach hätte, ſo würde ich doch wohl durch fleißige Arbeit etwas für den Lebensunterhalt verdienen können.“ „Dach und Fach, ſo gut es iſt,“ antwortete Paul, „kann ich Dir ſchaffen, ſo lange Du es haben willſt; ein wenig Hausgeräth, ſo viel, daß Du Dich damit bergen kannſt, haben wir übrig behalten, und einige Waaren habe ich ebenfalls für Dich zurückgelegt— aber leider können ſie nicht lange reichen.“ „Gott geſegne Dich, Paul! für die Güte, die Du mir, der Unwuͤrdigen, beweiſeſt!“... Aber wo ſollte ich das Obdach erhalten?“ „In dem kleinen Hauſe, welches ich in unſerem Fiſcherdorfe von Vater und Mutter erbte. Zwar iſt es leider ſehr übel mitgenommen, denn es iſt nun vier Jahre ohne ordentliche Aufſicht geweſen, aber ich will doch, ſo gut ich kann, darnach ſehen. Ich bin heute dort geweſen, und ſchon einige Male vorher, um es in Ordnung zu bringen; und ſo kamen glücklicherweiſe ein Paar gute Freunde nach Hauſe, die mir verſprochen haben, ſie wollten die alte Hütte wenigſtens ſo viel ausflicken, daß ſie vor Regen und Sturm ſchützt.“ Jetzt weinte Nora laut: ihr Herz ſtrömte über vor Dankbarkeit und Beſchämung bei dem Gedanken, daß derjenige, gegen den ſie ſchlecht und leichtſinnig gehandelt hatte, ſo treufeſt und redlich egen ſie han⸗ delte.„Paul, herzenslieber, guter Pauf„ ſtammelte ſie in der tiefſten Rührung,„ich habe das nicht um Dich verdient!“ „Ich denke nicht mehr an das Letzte, denn ſiehſt Du, Nora, es lohnt nicht, daran zu denken, ſondern ich denke ſtatt deſſen an alle Freundlichkeit und Güte, die Du mir erzeigteſt, da ich zuerſt hieher kam und meine kleinen Sachen verkaufen wollte. Da warſt Du ſehr gut ter und Sachen rung un Und we als nur noch ſo Dank u Jer nige we Paul, haſt! V ich, daß kaum bi 5 was ich drucksvo in den „N Du mir iſt auf „ „und ich weder l will ich Beide a nach ku ſitzen u mir ein Dich de etwas; „A ſenkte d mir vie meinte, meine e „T rem Näh⸗ noch weiß nur für's doch wohl sunterhalt ttete Paul, den willſt; Dich damit und einige ckgelegt— te, die Du wo ſollte in unſerem Zwar iſt ſt nun vier er ich will bin heute er, um es klicherweiſe verſprochen ens ſo viel hützt.“ bömte über Gedanken, leichtſinnig en ſie han⸗ ſtammelte cht um Dich denn ſiehſt en, ſondern und Güte, er kam und a warſt Du 133 ſehr gut und herzlich gegen mich⸗ Du und Deine Mut⸗ ter und Lura, Ihr packtet mir auch ſo viele ſchöne Sachen auf, daß wir davon nachher große Erleichte⸗ rung und Vergnügen und manche frohe Stunde hatten. Und weißt Du, Nora, wenn auch für nichts weiter, als nur dafür, daß meine Mutter vor ihrem Tode noch ſo ächten guten Kaffee trinken konnte, bin ich Dir Dank und Schutz ſchuldig, ſo gut ich's geben kann.“ Jetzt reichte ihm Nora die Hand, drückte die ſei⸗ nige warm und ſagte:„Dank, und tauſendmal Dank, Paul, für alle Troſtesworte, die Du zu mir geredet haſt! Verſprich mir jetzt nur noch ein Einziges, ſo weiß ich, daß es beſſer mit mir wird... aber ich darf Dich kaum bitten?“ „Was kann das ſein? Du kennſt ſo gut Alles, was ich über dieſe Sache denke,“ ſagte Paul mit aus⸗ drucksvoller Stimme,„daß ich nicht begreife, was Dir in den Sinn gekommen iſt.“ „Nur das, Paul, wenn es Dir möglich iſt, daß Du mir verſprichſt, das Kind nicht zu haſſen, denn es iſt auf jeden Fall unſchuldig.“ „Das weiß ich auch recht gut,“ entgegnete Paul, „und ich gebe Dir mein Wort, daß ich das arme Ding weder haſſen will, noch kann, ſondern im Gegentheile will ich, ſoweit Kräfte und Vermögen reichen, für euch Beide arbeiten..Aber, hörſt Du, Nora,“ fuhr Paul nach kurzer Unterbrechung fort,„da wir denn doch hier ſitzen und im Vertrauen mit einander reden, ſo ſage mir einmal, denn ich möchte es gerne wiſſen, wollte Dich der Elende nie mit Geld beſchenken, damit Du etwas zur Erziehung des Kindes hätteſt?“ „Ach ja, gewiß,“ ſagte Nora, ſtark erröthend, und ſenkte die Augen auf ihre Näherei,„gewiß wollte er mir viele unzählige Male Geld aufnöthigen, aber ich meinte, ich wäre doch ſo ſchlecht nicht, daß ich mich für meine eigene Schande brauche bezahlen zu laſſen.“ „Das war das beſte Wort, Nora, das ich jemals von Dir gehört habe!“ rief Paul aus, und ein Funken der alten Gefühle flammte in ſeinen Augen auf.„Da⸗ ran thateſt Du Recht, liebe Nora, ganz Recht! Und ſo lange ich noch einen Finger rühren kann, ſollſt Du es nie bereuen, daß Du ſo viel Ehre in Dir hatteſt! Aber er, er hätte für Dich denken und einem Andern Geld für Dich zurücklaſſen ſollen— aber er war ein großer Schelm, ein recht elender Wicht!“ „O, lieber Paul, Du mußt bedenken, daß ich, als er reiſete, nicht wußte, wie es mit mir war, und darum mußt Du wiſſen, daß er mich nicht unnöthig bloß ſtellen und mit Jemand reden konnte.“ Paul ſchwieg. Er war allzu aufgeregt, um wei⸗ ter über den Gegenſtand reden zu können, und wünſchte daher Noren gute Nacht, nachdem er ihr geſagt hatte, daß er nach einigen Tagen die Sachen nach dem Fiſcher⸗ dorfe hinüberſchaffen und dann ſie ſelbſt mit dem Kinde hinbringen wollte. Lura hatte bei der neuen Krügerherrſchaft Dienſte bekommen, und blieb daher im Hauſe, obgleich wahr⸗ ſcheinlich nicht mit der Bequemlichkeit, die ſie in den Tagen der Gevatterin genoſſen hatte. Während der wenigen Tage, die noch bis zur Ab⸗ reiſe übrig blieben, ſammelte Nora das Wenige, wel⸗ ches ſie das Ihrige nennen konnte, nebſt dem nicht be⸗ ſonders großen Vorrathe an Eßwaaren, der noch übrig war. In dieſem Geſchäfte half ihr Lura treulich, die ſehr dafür zu ſorgen ſchien, daß für die neue Haus⸗ haltung nicht ſo viel übrig ſein ſollte, wie eine Brod⸗ rinde. Ihrer lieben, ehrenhaften Mamſell Nora, mit wel⸗ cher ſie ſo manchen guten und faulen Augenblick ver⸗ lebt hatte, nöthigte Lura die Hälfte des Geldſchatzes auf, den ſie von ihrem Lohne erſpart hatte. Dieſer Schatz beſtand aus der großen Summe von zwanzig Reichsthalern, größtentheils beſtehend in Bankzetteln von vierundzwanzig, ſechszehn und zwölf Schillingen, weßhalb war, w alten Ha pfes geſ grünen halten h Boden i Anf Menge theilen. kleinen und ind Mutter! rührt un Jer weinten Augenbl nicken. De leiſe ple ſen des eine öde Je nen, ha das Ba ſo weit ſelten g So ſeiner d ſchienen an gele als er doch N ging ſi 135 in Funken weßhalb das Ganze ein ziemlich anſehnliches Paquet uf.„Da⸗ war, welches, umwickelt mit einer Menge Lappen und cht! Und alten Halstüchern, in den Socken eines wollenen Strum⸗ ſollſt Du pfes geſteckt war, der wiederum in einem von den alten r hatteſt! grünen Strohhüten der Gevatterin ſeine Herberge er⸗ n Andern halten hatte, und endlich unter altem Plunder auf dem war ein Boden in Lura's Lade verſenkt lag. Anfangs ſchlug es Nora geradezu ab, eine ſolche ß ich, als Menge Geld, Lura's einzige Stütze für ihr Alter, zu var, und theilen. Aber Lura wußte Rath: ſie ſchenkte es der unnöthig kleinen Karin, bei welcher ſie Gevatter geſtanden hatte, und indem ſie auf dieſe Weiſe an die Parteilichkeit des um wei⸗ Mutterherzens appellirte, erhielt ſie ihren Willen. Ge⸗ dHwünſchte rührt und dankbar nahm Nora das Geld an, und that agt hatte, dabei ein heiliges Gelübde, es nie anders, als für das im Fiſcher⸗ Kind, und zwar nur im äußerſten Nothfalle, anzu⸗ em Kinde wenden. Jetzt kam der letzte Oktober. Lura und Nora Dienſte weinten um die Wette, und reichten ſich in jedem ſiich wahr⸗ Augenblicke die Hand mit einem ausdrucksvollen Kopf⸗ ſie in den nicken. Der Himmel verlieh einen klaren Herbſttag, ganz zur Ab⸗ leiſe plätſcherten die Wellen gegen die gewaltigen Fel⸗ ige, wel⸗ ſen des Knippſes, aber dennoch ruhte auf dem Ganzen nicht be⸗ eine öde Stille. koch übrig Jeder Ort, den wir unſere Heimat nennen kön⸗ ulich, die nen, hat Theil an uns, ſowie auch wir an ihm; und ue Haus⸗ das Band, welches nachgibt, um uns hinauszulaſſen, ne Brod⸗ ſo weit wir gehen wollen oder müſſen, reißt dennoch ſelten ganz, wenn es nicht mit Gewalt zerriſſen wird. mit wel⸗ So wie in dieſem Augenblicke war der Knipps mit blick ver⸗ ſeiner düſteren Umgebung weder Paul noch Noren er⸗ eldſchatzes ſchienen. Sie hatte hier von ihrer früheſten Kindheit 2. Dieſer an gelebt. Er hatte hier ein gutes Heim gefunden, n zwanzig als er ſelbſt keines beſaß. Beide waren daher gerührt, ankzetteln doch Nora am meiſten— denn welchen Schickſalen chillingen, ging ſie jetzt entgegen? Wenn Paul ſie verließe, ſo 136 ſtände ſie ganz allein, weit einſamer, als im Knipps, meinte ſie, deſſen Felſen und vertrauliche Wogen ihr den Schutz der Heimat gewährt hatten. Auch zwiſchen Lura und Paul war der Abſchied ſchwer: da jedoch Paul mit dem neuen Wirthe noch etwas abzuſchließen hatte, ſo wollte er am folgenden Tage zurückkommen, und dann wollten ſie erſt rech⸗ ten Abſchied von einander nehmen. Die Reiſe ſelbſt war ſehr günſtig; und nachdem Nora die erſte Hälfte des Weges mit Weinen hinge⸗ bracht hatte, beſchäftigte ſie ſich während der zweiten mit Vorſtellungen von ihrem neuen Heime. Paul ſagte dann und wann ein ermunterndes Wort, war jedoch ſelbſt mit allzu vielen und wichtigen Gedanken beſchäf⸗ tigt, als daß er ſich beſonders hätte mittheilen können. Während dieſer Reiſe nämlich fühlte Paul in vollem Maße die große Verantwortlichkeit, die er übernommen hatte, und obgleich er die Beſchwerden, welche die Er⸗ füllung ſeiner Verſprechungen ihm verurſachen würde, weder bereute noch ſich vor denſelben ſcheute, ſo konnte er doch nicht umhin, einzuſehen, daß es ihm oft recht ſchwer fallen würde, ſeinen beiden Schützlingen und ſich felbſt den nothwendigen Lebensunterhalt zu ſchaffen, beſonders, da er noch nicht im Stande geweſen war, einen beſtimmten Plan für die Zukunft zu entwerfen, ſo ſehr er auch über einen gegrübelt hatte, der ihm ehemals theuer geweſen und der ihm noch theuer war, welcher jedoch ſo vielen nicht gleich Brod ſchaffen konnte. Während Paul's Gedanken auf dieſe Weiſe umher⸗ ſchwärmten, näherte ſich das Boot dem Fiſcherdorfe, und hier ſtanden zwei Perſonen ſichtbarlich wartend am Strande. Wir finden in denſelben ein Paar alte Bekanntſchaften wieder, nämlich den Elg und den Waſſer⸗Laſſe, welche in dem Zeitraume von fünf Jah⸗ ren zu vollendeten jungen Seemännern empor gewach⸗ ſen ſind und in ihren Segeltuchbeinkleidern, blauen Jacken, Hüten Der dri für eine welche gen, der Ihrigen ſich mit laſſen. „Li tend,„ nicht än Höflichke dern nie „3 Laſſe, it lichſte A lance re⸗ einen F auf den gen anl Fauſt zu dem Fu ging es Di ihn auf leute ih es zu d neue V Gedank Thräne C ſell,“ das Ha Knipps, Bogen ihr Abſchied rthe noch folgenden erſt rech⸗ nachdem ſen hinge⸗ r zweiten paul ſagte bar jedoch n beſchäf⸗ n können. lin vollem ernommen ſe die Er⸗ en würde, ſo konnte moft recht ngen und u ſchaffen, heſen war, entwerfen, der ihm euer war, dſchaffen ſe umher⸗ ſcherdorfe, wartend Paar alte und den fünf Jah⸗ r gewach⸗ , blauen 137 Jacken, langen fliegenden Halstüchern und blanken Hüten ungemein ſtattlich und ſtutzermäßig ausſahen. Der dritte Freund, Pump, hatte Miethgeld genommen für eine lange Reiſe, während Elg und Waſſer⸗Laſſe, welche beide die Matroſenwürde beſaßen, es vorzo⸗ gen, den Winter zu Hauſe zu verleben, theils um den Ihrigen beim Fiſchen zu helfen, und theils auch um ſ mit ihrer Eleganz und ihrem Monatsgelde ſehen zu laſſen. „Liebe Nora!“ ſagte Paul auf den Strand deu⸗ tend,„dort ſtehen meine beiden guten Freunde— ſei nicht ängſtlich, ſie werden Dir ſchon allen Reſpekt und Höflichkeit beweiſen, weine alſo jetzt nicht mehr, ſon⸗ dern nicke ihnen zu!...“ „Ich heiße Sie ſo ſehr willkommen!“ ſagte Waſſer⸗ Laſſe, indem er ſeiner Stimme und Geberde die mög⸗ lichſte Artigkeit gab und recht höflich eine für die Ba⸗ lance recht kritiſche Stellung annahm, und mit dem einen Fuße auf der Landungsſtelle und mit dem andern auf dem Borde des Bootes ſeine Hilfe beim Ausſtei⸗ gen anbot.„Haben Sie die Gewogenheit, mir die Fauſt zu reichen, ſo will ich Ihr helfen! Trete ſie mit dem Fuß hier auf den dritten Balken... Sieh ſo!— ging es nicht fein— wie?“. „Und mir die Kleine her, ſo will ich ſie hinein⸗ tragen!“ ſagte Elg, der ſeinem Freunde keineswegs an Höflichkeit nachſtehen wollte. Die arme Nora dachte daran, wie ſie ſich gegen ihn aufgeführt hatte, um deſſen willen die jungen See⸗ leute ihr ſo wohlwollend begegneten. Und gerade, weil es zu den heilſamen Folgen des Fehltrittes gehört, ſtets neue Vorwürfe zu erfinden, ſo mußte Nora bei allen Gedanken, die ſich hier von ſelbſt einſtellten, ſtets die Thränen aus den Augen wiſchen. „Ich muß Sie ſo viel bitten, meine beſte Mam⸗ ſell,“ äußerte Waſſer⸗Laſſe, als ſie mit einander in das Haus hinauf gingen,„daß Sie nicht den Muth „ 138 ſinken läßt! Denn, Herr mein Gott! iſt das Unglück einmal geſchehen, ſo iſt es geſchehen und wird nie mehr ungeſchehen, wenn Einer auch tauſend Jahre lebte und noch tauſend Tage dazu! Und darum, meine feine Mamſell! ſoll Sie ſich nach dieſem nur gerade halten, gerade ſo wie ein Maſt, der noch nie einen Knick be⸗ kommen hat, denn hier ſoll Ihr kein Menſch nicht ſo viel wie eine Miene zum verſchmähen machen, darauf kann Sie ſich ſtützen!“ Nach dieſen ritterlich und herzlich gemeinten Ver⸗ ſicherungen, die Waſſer⸗Laſſe für die beruhigendſten hielt, die Nora bei ihrer Ankunft vernehmen könnte, zog er ſelbſt achtungsvoll ſeinen Hut und kehrte dann zurück nach dem Boote, um Paul bei dem Ausladen der Habſeligkeiten zu helfen. Drinnen im Hauſe ging inzwiſchen Elg und ſchau⸗ kelte die kleine Karin in ſeinen Armen auf und ab, als hätte ſie bei ſtarkem Wellenſchlage in einer Hängmatte gelegen, während welcher Bewegung er bloß zu ihrer Beluſtigung ein hurtiges Seemannslied anſtimmte. Jetzt kam die übrige Geſellſchaft an. Und Nora wußte nicht, wie ſie genug danken, oder auf irgend eine Weiſe ihre Gefühle ausſprechen ſollte. Sie hatte ſich eine ſchwarze, räucherige, unwohnliche und kalte Hütte gedacht, fand jedoch ſtatt deſſen eine neuange⸗ ſtrichene und warme Wohnung, die, nachdem ihr klei⸗ nes Hausgeräth zierlich aufgeſetzt war, wohnlich und freundlich ausſah. Die weißen Wände waren von Waſſer⸗Laſſe's Händen mit einer Art Wogen von Roth⸗ ſtein und Braſilienblau geziert, und Elg, der ein ge⸗ ſchicter Tiſchler war, hatte verſchiedene Stellen ſtatt der alten verfaulten mit neuen Geſimſen verſehen; der an ſich ſelbſt ſchwarze und von den Schulbänken und den ewigen Wanderungen des ſeligen Wärning mit dem Kinde und dem Katechismus etwas uneben ge⸗ wordene Fußboden glänzte jetzt von feinem und weißen Seeſande: in dem Größten wie in dem Kleinſten zeigte ſich, daß hatte. reichte i ſeinigen ſtarke, über ihr unter ſe beſtimmt Die Augenbl nach den zerſtreuen nicht Zei hinzugeb dieſem A ſollten ſi künftiges Verloren Fiſcherdo doch nie was an Herze ſein und welche d vermehrt gleichwol eigenen — nach Nora al Ein einer Bo müht w machen einer S 3 Unglück nie mehr lebte und ine feine de halten, Knick be⸗ )nicht ſo , darauf iten Ver⸗ higendſten n könnte, hrte dann Ausladen nd ſchau⸗ d ab, als ängmatte zu ihrer nmte. ind Nora uf irgend Sie hatte und kalte neuange⸗ ihr klei⸗ enlich und aren von don Roth⸗ r ein ge⸗ ellen ſtatt ehen; der nken und ning mit neben ge⸗ ud weißen ſten zeigte 139 ſich, daß eine freundlich pflegende Hand hier geherrſcht hatte. 4„Willkommen, liebe Nora, in meinem Häuschen!“ ſagte Paul; aber die Stimme war ſo kurz und zit⸗ ternd, daß Nora ſie ſo noch nie gehört hatte. Sie reichte ihm ihre Hand und er hielt ſie lange in der ſeinigen umſchloſſen; darauf ging er hinaus, um die ſtarke, faſt gewaltſame Rührung zu verbergen, die über ihn kam, da er jetzt die ſchutzlos und entehrt unter ſein eigenes Dach führte, die ihm zur Gattin beſtimmt war und die er ſo aufrichtig geliebt hatte. Die Wunde in Paul's Herzen brannte in dieſem Augenblicke ſtärker, als je zuvor; denn bis jetzt waren nach dem grauſamen Schlage ſo viele Geſchäfte und zerſtreuende Gedanken auf einander gefolgt, daß er nicht Zeit gehabt hatte, ſich ſeinen eigenen Gefühlen hinzugeben. Nun war aber alles gethan, was er in dieſem Augenblicke für Nora zu thun vermochte: nun ſollten ſie ſich trennen, und keine Hoffnung auf ein künftiges frohes Wiederſehen milderte den Verluſt des Verlorenen. Denn ſollte er auch je zuweilen nach dem Fiſcherdorfe zurückkommen, ſo ſollten ſie ja einander doch nie mehr ſein, als Freunde, und konnten nie et⸗ was anderes werden. Wenn auch Paul es ſeinem Herzen nicht verſagte, für Nora zärtlich beſorgt zu ſein und in dieſem Gefühle die Liebe zu verkleiden, welche durch den Schmerz, ſie verloren zu haben, eher vermehrt als vermindert worden war, ſo verbot ihm gleichwohl auf der andern Seite das Gefühl ſeines eigenen Werthes— und dieſes war in Paul ſehr ſtark — nach demjenigen, was geſchehen war, jemals an Nora als an ſeine Gattin zu denken. Eine Zeitlang überließ ſich Paul der ganzen Macht einer Betrübniß, die er ſonſt eifrigſt zu verbergen be⸗ müht war und zwar aus Furcht, ſich lächerlich zu machen— denn ſchwach und traurig zu ſcheinen bei einer Sorge, die aus Liebe herfließt, gilt bei dieſen 140 ungekünſtelten Naturſöhnen für ſo ſchimpflich, daß ſie oft aus bloßem Inſtinkt eine Ruhe und einen Muth zeigen, welche die angeſtrengteſte Selbſtbeherrſchung kaum nachzuahmen vermag. Sie fühlen ohne Zwei⸗ fel eben ſo tief, wie der gebildete und verfeinerte Mann, aber ſie kehren ſich nicht daran, ihren eigenen Schmerz wieder zu käuen und davon zu zehren, bis derſelbe nach längerer oder kürzerer Zeit in ſo viele kleine Portionen ausminutirt iſt, daß gar nichts mehr davon übrig bleibt. Während ſeines ganzen Lebens behielt Paul ſeine treuloſe Nora in treufeſter Erinnerung; aber nachdem er, wie oben erwähnt, ſich dieſes einzige Mal den ge⸗ hemmten Gefühlen hingegeben hatte, ſo begann er doch bald ſich zu überzeugen, daß dieſes höchſt unrecht wäre, erſtlich aus dem Grunde, weil keine Sorge hälfe, wo nichts mehr zu gewinnen wäre, und dann könnte es geſchehen, daß er klugen Leuten ein Spott würde, wenn ſie merkten, daß er ein ſolches altes Weib wäre. Als Paul bis zu dieſem Punkte in der Beweisführung ge⸗ gen ſich ſelbſt gekommen war, ſo konnte man das Spiel ſchon als halb gewonnen betrachten. Er erröthete recht ſtark und that ſich ſelbſt ein feſtes Gelübde, daß kein, Menſch ihn ein altes Weib nennen ſollte, NB. wer ſeine Knochen heil behalten wollte. Und nun geſtählt gegen„alles dumme Zeug,“ trat Paul mit mannhaften Schritten in das Zimmer und ließ ſeine Blicke trotzig und herausfordernd von Elg auf Waſſer⸗Laſſe fliegen. Doch keiner von beiden ſchien geneigt zu ſein, den Fehdehandſchnh aufzunehmen, denn ſie dachten nicht einmal an Paul, ſondern gingen in aller Friedfertigkeit Noren bei der Anordnung der neuen Haushaltung an die Hand. Waſſer⸗Laſſe reinigte die Fiſche zum Abendeſſen, während Elg den Keſſel auf⸗ ſetzte, die Kartoffeln wuſch u. ſ. w. Bei dem mit Dorſchen, Schellfiſchen, Kartoffeln und Zwiebelſauce reichlich beſetzten Abendtiſche, wobei Hummer thin les ihren dra zu werfe ſich geraß Knick be den Ap Perle“ ſamkeit Zuls ziemlich zunahm, jetzt ſogl Laſſe ga an den Brod in einen Se davon in der Kleit allen Kr ein weni zuerſt an Kochjung Gänſe z eine klei Du, Peo einen kle Freude *) Vor ein man Per ſich. „daß ſie en Muth errſchung ne Zwei⸗ te Mann, Schmerz derſelbe ele kleine hr davon aul ſeine nachdem l den ge⸗ n er doch echt wäre, bälfe, wo könnte es de, wenn ire. Als rung ge⸗ das Spiel thete recht daß kein. NB. wer ug,“ trat mer und von Elg den ſchien nen, denn gingen in der neuen inigte die eſſel auf⸗ Kartoffeln e, wobei 141 Hummer zum Deſſert diente, machte Nora als Wir⸗ thin les honneurs, und begann dabei, bedient von ihren drei Cavalieren, die Sorgen ſo ziemlich von ſich zu werfen, und Waſſer⸗Laſſe's gutem Rathe folgend, ſich gerade zu halten wie ein Maſt, der noch nie einen Knick bekommen hat. Mit eigener Hand ſchenkte ſie den Appetitſchnapps, den Halben und„die kleine Perle“*) ein, und theilte ſie mit ſo vieler Aufmerk⸗ ſamkeit und Anmuth auf allen Seiten, daß ſowohl Elg, als auch Waſſer⸗Laſſe in Entzücken geriethen. Zuletzt begann die kleine Mamſell Karin durch ein ziemlich ungnädiges Gegreine, welches an Stärke bald zunahm, das Abendvergnügen zu ſtoͤren. Nora wollte jetzt ſogleich aufſtehen, doch dagegen proteſtirte Waſſer⸗ Laſſe ganz und gar. Nachdem er die Wiege behende an den Tiſch gezogen hatte, ſo tunkte er ein Stück Brod in die Zwiebelſauce, machte daſſelbe ſo weich wie einen Schwamm, und legte dann eine kleine Portion davon in eine Ecke ſeines Schnupftuches, ſteckte dieſes der Kleinen in den Mund, und begann ſie nun aus allen Kräften zu wiegen, bis ſie einſchlief. „Macht doch nicht ſo viele Umſtände!“ bat Nora ein wenig verſchämt. „O Kleinigkeit!“ meinte Waſſer⸗Laſſe.„Als ich zuerſt an Bord ging, ſo war ich nichts anders, als ein Kochjunge, und da mußte ich es lernen, Kalkunen und Gänſe zu ſtopfen, und darum habe ich, ſo zu ſagen, eine kleine Gewohnheit, will ich ſagen... Aber, hörſt Du, Paul! nun ſollſt Du— ja wahrhaftig— uns einen kleinen Liedſtummel zum Beſten gebenz denn die Freude ſteigt nie recht bis an die Decke, wenn Einer *) Vor Tiſche wird in Schweden, um den Appetit zu reizen, ein Glas Branntwein getrunken; auf dieſes nimmt man wohl noch ein halbes, ja bisweilen noch die„kleine Perle“ oder„fünfzehn Tropfen“ und dann erſt ſetzt man ſich. A. d. U. 142 nicht fingt, Jeder, wie ihm der Schnabel gewachſen iſt! Fang Du an, Paul, denn Du haſt immer einen tüchtigen Hals gehabt!“ „Ja, das verſteht ſich!“ ſagte Paul lachend.„Aber was für einer ſoll das ſein?“ „Der, Du weißt, von der heiligen Ragnild!“ er⸗ klärte Waſſer⸗Laſſe.„Ich weiß nicht mehr, als den einen Vers: Der Recke vom kleinen Finger zieht den Ring aus purem Gold Und ſtecket ihn der Jungfrau an ihren weißen Arm. Er blicket ſie an mit feurigem Blick, ſo zärtlich und liebewarm Und drückt ihr auf die Lippen den Bräutigamskuß ſo warm. „Ja ſieh, das iſt ein Lied, das da taugt!“ ſtimmte Elg mit ein.„Laß es jetzt nur vom Stapel laufen, mein lieber Paul!“ „Nun, meinethalben!“ und ohne ſich weiter bitten zu laſſen, ſtimmte Paul das begehrte Lied an; „Auf wiking⸗heimſchen Grunde ſteht der hohe graue Fels, u. ſ. w.————————— 2 Alle Zuhörer ſchienen mit beſonderer Aufmerkſamkeit ſowohl dem Geſange, als auch den ſchönen Worten zu fol⸗ gen. Und da Paul geendigt hatte, drückte Elg ſeine tiefe Bewunderung in folgendem einfachen Complimente aus: „der T— in meine kleine Lade! Du haſt eine Stimme, die Einem juſtement das Herz ſchmelzen kann!“ „Aber vielleicht will meine liebe Mamſell auch etwas hören, das aus einem andern Trall geht!“ ließ ſich Waſſer⸗Laſſe vernehmen, indem er mit einer ge⸗ wiſſen liebenswürdigen Blödigkeit mit dem Stuhle auf⸗ und abwog und auf Nora einige unbegreiflich inſinuirende Mienen warf. Dieſe gab natürlich ihre Zuſtimmung. Nun begann Waſſer⸗Laſſe als ein Vor⸗ ſpiel mit fel des ſeiner Un ſtigen” 6 wohlverd Ehe dazu ſtar vom Tiſ Noren n gehen. nachdem ſundheit gewünſch hinaus. dem Fiſe welcher In noch als gelten, Strande wohnheit Geſpräch Herbſtdä das Wa Tages d genheit, ſten Spr ſo ſchloß ſo ehrlich führung Glaubte ren, als herausſag ſchämen, als mit mein liel gewachſen ner einen nd.„Aber nild!“ er⸗ als den ding aus Gold n Arm. rtlich und erm mskuß ſo ¹ ſtimmte el laufen, ter bitten 3 raue Fels, ——q erkſamkeit ten zu fol⸗ ſeine tiefe nente aus: Stimme, 1“ nſell auch eht!“ ließ einer ge⸗ n Stuhle begreiflich erlich ihre ein Vor⸗ 143 ſpiel mit einigen Halsverdrehungen, warf den einen Zip⸗ fel des Halstuches über den andern und gab endlich ſeiner Ungeduld Luft in einem fröhlichen und„ſehr lu⸗ ſtigen“ Schifferliede, für welches er ebenfalls einen wohlverdienten Beifall erndtete. Ehe jedoch die Freude, welche jetzt auf der Gränze dazu ſtand, in Mißlaut übergehen konnte, ſtand Paul vom Tiſche auf und bedeutete ſeine Freunde, daß ſie Noren nun nicht länger hindern dürften, zu Bette zu gehen. Die Ermahnung wurde ſogleich beachtet, und nachdem alle Drei ihr„alles Wohlbefinden mit Ge⸗ ſundheit und Zufriedenheit in ihrer neuen Wohnung“ gewünſcht hatten, ſagten ſie ihr gute Nacht und gingen hinaus. Während der wenigen Tage, die Paul in dem Fiſcherdorfe verbleiben wollte, wohnte er bei Elg, welcher am geräumigſten logirt war. In frühern Tagen, da die drei heutigen Jünglinge noch als Knaben mit einander ſpielten und ſich prü⸗ gelten, hatten ſie die Gewohnheit gehabt, ſich am Strande zu verſammeln, und dieſer alten theuren Ge⸗ wohnheit zufolge, ſchlugen ſie auch jetzt unter muntern Geſprächen dieſen Weg ein. Als ſie aber nun in der Herbſtdämmerung dort ſtanden und den Himmel und das Waſſer betrachteten, um das Wetter des folgenden Tages daraus abzunehmen, ſo ergriff Paul die Gele⸗ genheit, um die Freunde in einer kraftvollen und ern⸗ ſten Sprache zu bitten, Nora zu unterſtützen,„denn“ ſo ſchloß er,„ſo ſchlecht kann und will ich nicht von ſo ehrlichen Jungen denken, daß Ihr durch neue Ver⸗ führung ſie noch tiefer in den Schmutz treten ſolltet! Glaubte ich das, ſo wollte ich lieber ein Auge verlie⸗ ren, als ſie hier laſſen.“ „Hörſt Du, Paul,“ ſagte Elg,„ich kann es rein herausſagen, denn davor braucht man ſich nicht zu ſchämen, ſagt Jon, daß ich nichts Angenehmeres weiß, als mit einer hübſchen Dirne zu ſchaͤkern. Aber ſieh, mein lieber Paul, Du ſollſt wiſſen, daß ich meinen 144 Pfeffer für eben ſo gut halte, als Du Deinen; und ehe ich mich auf gemeine Weiſe Noren's Bekanntſchaft und Wohlwollen aufdringe, will ich lieber einem Wall⸗ fiſch in den Rachen ſegeln! So viel weiß ich wenig⸗ ſtens, daß Einer nicht beriechen darf, was ein Anderer und noch dazu der beſte Freund Einem anvertraut hat, wenn Einer nicht ſein ganzes Lebelang ein elender Kerl und ein Schelm ſein will!“ Nach dieſer entſchiedenen und ehrlichen Antwort Elg's trat Waſſer⸗Laſſe an den äußerſten Rand der Landungsſtelle; und indem er auf die See deutete, ſagte er zu den beiden andern, die ihm folgten:„Elg hat geſprochen, wie ein tüchtiger Kerl, aber ein Jeder antwortet für ſich ſelbſt, und darum, Ihr Jungen, hört nun zu, was ich zu ſagen habe! Ich ſage das, und dabei ſtehe ich feſt in Luſt und Noth, im Sinken und im Schwimmen, daß ich mich lieber hier in die Tiefe des Meeres verſenken will, als der armen Dirne in Gedanken oder in der That etwas zu Leide zu thun! Nun iſt's geſagt— und ein Schelm und ein altes Weib, wer nicht redlich ſein Wort hält!“ Nun wußte Paul, daß Nora auf keiner„unbe⸗ wohnten Inſel“ ſicherer ſein konnte, als bei ſeinen beiden Freunden. Und nachdem er ihnen beiden die Hand gereicht, ſtiegen ſie den Strandberg hinauf, ohne weiter von der Sache zu reden. Der Gün dabei ein ten A Ach des ſelig Götebor Bei welcher nommen ſchreiben fen und mals die mer auf mand be ausübte, hervor n Nor Freunde konnte e wollten geht wol „Ja „Wenn kommſt, wirſt fro „Un „wiſſen, bleibſt, März!“ „Ja Paul T nen; und anntſchaft em Wall⸗ ch wenig⸗ Anderer raut hat, nelender Antwort Rand der deutete, en:„Elg ein Jeder Jungen, ſage das, n Sinken jer in die ien Dirne Leide zu und ein 14 r„unbe⸗ ei ſeinen deiden die auf, ohne Dreizehntes Kapitel⸗ Der Günſtling der Gevakterin beginnt ſeine neue Bahn; hat dabei ein Paar kleine Widerwärtigkeiten von der gewünſch⸗ ten Art, findet aber bald, daß die Ausſichten klarer werden. Acht Tage nach Nora's Aufnahme in dem Hauſe des ſeligen Wärning ging Paul an Bord einer nach Göteborg beſtimmten Schute. Bei dem Abſchiede von ſeiner ehemaligen Braut, welcher in Elg's und Waſſer⸗Laſſe's Gegenwart ge⸗ nommen wurde, verſprach Paul bisweilen an ſie zu ſchreiben und ihr in allem, ſo viel er könnte, zu hel⸗ ſen und ſie zu unterſtützen, und nachdem er ihr mehr⸗ mals die Hand gedrückt und ſie gebeten hatte, ſich im⸗ mer auf ihn zu verlaſſen, ſo eilte er hinweg, ehe je⸗ mand bemerken konnte, welche Gewalt er gegen ſich ausübte, um eine Thräne zu verbergen, die nothwendig hervor wollte. Nora durfte ihn nicht begleiten. Als aber die Freunde ſich von ihm an der Landungsſtelle trennten, konnte er ſich nicht enthalten:„Es iſt ganz ſo, als wollten Leib und Seele berſten— aber Lapperei; es geht wohl vorüber!“ „Ja wohl, das thut es!“ tröſtete Waſſer⸗Laſſe. „Wenn Du nur erſt ein Stück Weges hinter Marſtrand kommſt, ſo kriechen ſie ſchon wieder zuſammen und Du wirſt froh, wie eine Plötze!⸗ „Und laß uns vor allen Dingen,“ fiel Elg ein, „wiſſen, wie es Dir geht und ob Du in Göteborg bleibſt, denn da treffen wir uns, wie geſagt, im März!“ „Ja, genug ſollt Ihr erfahren, was aus mir wer⸗ Paul Wärning. 10 den wird... Und nun Adjöß und Dank und lebt wohl für dieß Mal!“ „Adjöß! Gott mit Dir.. Adjöß, Adjöß!“ Der Wind wehte tapfer, bald wendete die Schute um die Landſpitze— und das kleine Fiſcherdorf mit ſeinen Erinnerungen von jetzt und ehemals war ver⸗ ſchwunden. Nach einer Fahrt von anderthalb Stunden paſ⸗ ſirte man den Knipps, doch ohne einzukehren, denn der Wind war zu gut, als daß man ihn an dem kurzen Herbſttage hätte verſchenken mögen.„Und dann ſo,“ ſagte der Schiffer, indem er am Steuer ſitzend bis⸗ weilen ſein Taſchenmeſſer auf den von Pech glänzen⸗ den Beinkleidern wetzte und es dann mit den Ueber⸗ bleibſeln einer getrockneten Schöpſenkeule ſpielen ließ, „iſt es jetzt nicht viel werth mit dem Knipps, ſeitdem die Gevatterin nicht mehr da iſt. Ich glaube ganz gewiß, ein ſolches Leben, wie zu ihrer Zeit, wird nicht ſobald wieder dahin kommen.“ Und darin bekam er größten Theils Recht. Keine Krügermutter in den ganzen Scheren wurde als ſolche ſo gefeiert, wie ſie, und noch heutiges Tages lebt das Andenken an die Gevatterin auf den Lippen jedes Boots⸗ mannes. Und eben ſo gewiß, wie der Paſeagier ſein kann, bei der Vorbeifahrt an dem Killingholm weit und breit erzählen zu hören, wie der tapfere Norberg am 27. April 1807 mit ſeinen vier Kanonenſchaluppen die ſieben und zwanzig der Norweger ſchlug, nach⸗ dem dieſe geflucht und geſchworen hatten, ſie wollten noch vor Abends in Strömſtad zu Gaſte ſein, eben ſo gewiß wie dieſe merkwürdige Heldenthat nie in Ver⸗ geſſenheit geräth, erfolgt auch bei dem erſten Anblicke des bekannten Kruges, welcher auf dem halben Wege zwiſchen dem Sotefiord und Marſtrand liegt, eine zu gleicher Zeit muntere nnd ſchmerzhafte Beſchreibung der Gevatterin auf dem Knipps, dieſer Perle unter allen Gevatterinnen. theilt ha Pa gen Mo Anzügen Banco Jahre v halten; in dem ſeinen L mit alle gehabt l gewohnt eſſen kon Weiſe he u. Comp letzt em lebt wohl 14 ie Schute rdorf mit war ver⸗ aden paſ⸗ denn der em kurzen dann ſo,“ tend bis⸗ glänzen⸗ en Ueber⸗ lelen ließ, s, ſeitdem rube ganz wird nicht cht. Keine als ſolche s lebt das des Boots⸗ ſagier ſein holm weit te Norberg rſchaluppen lug, nach⸗ jie wollten n, eben ſo lie in Ver⸗ en Anblicke lben Wege gt, eine zu leibung der unter allen Pauls ganzes Vermögen, als er an einem nebeli⸗ gen Morgen nach Göteborg kam, beſtand in einigen Anzügen anſtändiger Kleider und fünf Reichsthalern Banco an Geld. Er hatte zwar während der letzten Jahre von der Gevatterin einen ordentlichen Lohn er⸗ halten; doch in der Hoffnung, daß alles Weniges, was in dem Hauſe war, ſein eigen werden würde, hatte er ſeinen Lohn ſtehen laſſen— und nun war es alſo dahin mit allem Uebrigen. Wenn er auch ſeinen Lohn noch gehabt hätte, ſo würde er ihn dennoch mit Nora ge⸗ theilt haben, nun aber hatte er ihr nur eine ſehr ge⸗ ringe Baarſchaft geben können. Nachdem Paul an's Land gegangen war und das Quartier aufgeſucht hatte, in welchem er ſchon einmal gewohnt hatte, und wo man für ziemlich billigen Preis eſſen konnte, ſo putzte er ſich auf die beſtmöglichſte Weiſe heraus und ging dann, um den Herren Lerberg u. Comp. aufzuwarten, deren Gewogenheit er ſich zu⸗ letzt empfohlen hatte und welche, wie er glaubte, ganz gewiß ihr gegebenes Verſprechen gehalten hatten, näm⸗ lich ihm, wo möglich einen Platz zu verſchaffen. Unglücklicher Weiſe war es Poſttag, ſo daß Paul alſo unmöglich mit einem von den Herren reden konnte, weshalb er zur Vertreibung der langen Weile eine Promenade nach dem Maſthugg*) hinaus machte. Hier wollte es der Zufall, daß er ein Paar alte Kunden von dem Knipps traf, die ihn unter ihre Fittige nah⸗ men und in eine ganz beſonders muntere Geſellſchaft brachten, die in dieſem Augenblicke in einem der ge⸗ räumigen, aber dumpfen Säle des ehrenwerthen Wirths⸗ Der Maſthugg, Majorna und die Altſtadt(gammel stad) ſind Vorſtädte von Göteborg. Die erſtgenannte liegt unmittelbar am Meere und kann als der Hafen betrach⸗ tet werden, letztere jedoch oberhalb der Stadt, und be⸗ ſteht aus ſehr ſchönen und romantiſch gelegenen Vergnü⸗ gungsörtern und Sommerwohnungen. A. d. U. hauſes„Seepferd“ um den Tiſch ſaßen. Die Orgien, welchen Paul auf dem Knipps beigewohnt hatte, waren nur als Kinderſpiele anzuſehen in Vergleich mit den⸗ jenigen, an welchen er jetzt Theil zu nehmen gezwun⸗ gen war. Wohl zehnmal wollte er gehen, aber zehnmal zog man ihn zurück. Je mehr alte Kunden ſich hier ſam⸗ melten, um ſo mehr wollte jeder„dem kleinen Paul ſpendiren, welcher der Liebling der Gevatterin geweſen war und welcher beinahe ſo ſchnell, wie die Alte ſelbſt einen Schnapps einſchenken und ein Butterbrod berei⸗ ten konnte.“ Außerdem wollten die Schiffer auch or⸗ dentlichen Beſcheid haben von allen Abenteuern der Nora, und„wie, zum T. Il ein Menſch ſo ſchlau hatte ſein können, die Gevatterin zu überliſten,“ und noch viel mehr von derſelben Art, das für Paul na⸗ türlicherweiſe höchſt läſtig war. Dieſes aber bemerkte Niemand, oder vielmehr Kei⸗ ner bekümmerte ſich darum. Dagegen führte man eine genaue Rechnung, wenn Paul nicht mit Allen rein austrinken wollte, und da Porter und warmer Punſch) zwei Getränke, die Paul faſt gar nicht kannte, beſtän⸗ dig wechſelten, ſo wurde endlich ſein Kopf ſo wüſt, daß er nicht wußte, ob er viel oder wenig auf die neugierigen Fragen geantwortet hatte. Als es ihm aber endlich ziemlich ſpät am Abende gelang, ſich ſowohl von den alten, als auch von den neuen Brüdern hinwegzu⸗ ſchleichen, ſo that er mit der geringen Beſinnung, die ihm noch übrig war, ſich ſelbſt ein Gelübde, welches er auch hielt, nämlich, lange zu warten, bis er ſeinen Fuß wieder in das Gebiet des Maſthugges ſetzte. Am folgenden Tage erwachte er mit einem Gefühle *) In Schweden wird zwar viel Punſch, und zwar ausge⸗ zeichneter getrunken, aber gewöhnlich kalt; man kauft ihn fertig in Weinbouteillen. A. d. U. gegen 2 Kanten Rath. hatte, Freunde „elend“ vor den ſem beſt die verl ein Poft ſein, de an dem war ein nen Beſ tron Ler Abende Orgien, e, waren mit den⸗ gezwun⸗ amal zog jier ſam⸗ nen Paul geweſen Ulte ſelbſt od berei⸗ auch or⸗ uern der ſo ſchlau en,“ und Paul na⸗ mehr Kei⸗ man eine Punſch) e, beſtän⸗ ſo wüſt, auf die ihm aber bwohl von hinwegzu⸗ ung, die , welches er ſeinen ſetzte. m Gefühle war ausge⸗ man kauft . d. U. 149 von Schläfrigkeit und Unluſt, welches ihm ganz fremd war: der Kopf that ihm weh, und er fühlte großen Widerwillen ſowohl gegen ſich ſelbſt, als auch gegen ganz Göteborg. So wie er ſich jetzt befand, konnte er nicht daran denken, auszugehen; dennoch nahm er gegen Mittag den kleinen Spiegel mit den goldenen Kanten, den er noch beſaß, hervor und fragte ihn um Rath. Nachdem er ſich jedoch aufmerkſam betrachtet hatte, war er gezwungen, der Verſicherung des alten Freundes zu glauben, daß er am beſten thäte, ſich ſo „elend“ und„ſchlafäugig,“ wie er jetzt wäre, nicht vor den Herren Lerberg u. Comp. zu zeigen. Bei die⸗ ſem beſtimmten Richterſpruche bereute Paul ſiebenfach die verlorene Zeit, denn der folgende Tag war wieder ein Poſttag und an demſelben konnte er überzeugt ſein, daß er eben ſo abgewieſen werden würde, wie an dem vorhergehenden. Und denke noch dazu(dies war eine Vorſtellung, die den Paul grauſam für ſei⸗ nen Beſuch des Seepferdes beſtrafte), wenn der. Pa⸗ tron Lerberg erfahren hätte, daß Nad an dem erſten Abende ſeiner Anweſenheit in der Stadt betrunken nach Hauſe gekommen— der Patron, welcher natürlicherweiſe nicht wiſſen konnte, daß dieſes das erſte Mal in ſeinem Leben war— nein, das wäre allzu hart! So meinte wenigſtens Paul ſelbſt, denn er wußte, daß er keine Anlagen dazu beſäße, und wenn er auch den Bitten und Aufforderungen nachgegeben hätte, er dennoch den⸗ ſelben widerſtehen könnte. Beſſer aber wäre es den⸗ noch, ſich denſelben ferner nicht mehr auszuſetzen, als auf eine Stärke zu pochen, die noch ſo wenig in Ver⸗ ſuchung geweſen war. Am dritten Morgen ſtellte ſich Paul wiederum mit ſorgfältig herausgeputztem Aeußern in dem ihm wohlbekannten Hauſe an der Wallgaſſe ein, und dies⸗ mal war er ſo glücklich, in das Comptoir eingelaſſen zu werden. Mit der zierlichſten und artigſten Verbeu⸗ gung, die Paul vorzubringen vermochte, begrüßte er 150 die drei oder vier jungen Männer, welche dort auf grün überzogenen runden Schreibſtühlen vor den hohen Pulten ſaßen und dem Paul gnädig zuzunicken be⸗ liebten. Nachdem er etwa zehn Minuten an der Thür ſte⸗ hen geblieben war, kam aus dem inneren Zimmer ein großer bleicher Herr in einem bis auf die Füße hinab⸗ reichenden Schlafrocke von großblumigem Kattun. Das Aeußere des Mannes deutete nicht auf einen von dieſen großmächtigen Magnaten, von denen die ſchöne Han⸗ delsſtadt ſo viele glänzende Exemplare darbietet: der alte Kaufmann ſah aus ſchlechtweg als ein Kaufmann, und das Geſicht, obgleich von Krämpfen mit einem gewiſſen Greinen geſtempelt, hatte nichts Unfreundliches oder Hoffärtiges in ſeinen Zügen. „Mein Sohn,“ ſagte er, Paul zunickend,„ich habe Dich ganz und gar vergeſſen, ganz und gar! Was für ein Emploi würdeſt Du aber wünſchen— Du willſt natürlicher Weiſe wohl in einen Laden kommen?“ „Mit Verlaub,“ entgegnete Paul mit einer Ver⸗ beugung, aber ohne verlegenes Fingerſpiel an dem Hute,„ich ſähe es am liebſten, wenn ich in ein Wirths⸗ haus oder ſo kommen könnte.“ „Ach ſo, nun ja, Du haſt ſchon einige Uebung in dem Geſchäfte. Ich will Dir ein Billet an den Kel⸗ lermeiſter Swangrén an der öſtlichen Hafenſtraße⸗*) geben — er möchte Dich verwenden oder Dir wenigſtens ei⸗ nen guten Rath geben können.“ Der alte Herr ſchrieb einige Zeilen, that darauf einige Fragen über die Zuſtände auf dem Knipps; und nachdem er ſeine vollkommene Zufriedenheit mit der *) Sowie Göteborg die regelmäßigſte und ſchönſte Stadt in Schweden iſt, ſo ſind wiederum die beiden längs den Ka⸗ nälen gebauten und mit palaſtartigen Häuſern befetzten Hafenſtraßen die ſchönſten und beſuchteſten Straßen in in Goͤteborg. A. d. U. von Pa hauſes weitere thalerbe Pa geſchloſt möchte, dürfte. wohl ni lich gla derung er hatte ſteher ei dem Hãä leicht ni kein be welche f iſt nicht Handels hinunter beitern die Bit fahren. Do Se noch zie Lerbergs dort auf en hohen cken be⸗ Thür ſte⸗ mmer ein he hinab⸗ un. Das on dieſen dne Han⸗ etet: der aufmann, it einem undliches vich habe Was für Du willſt en?“ iner Ver⸗ an dem n Wirths⸗ lebung in den Kel⸗ zen) geben igſtens ei⸗ dat darauf ipps; und t mit der te Stadt in igs den Ka⸗ rn beſetzten Straßen in 1. d. u. 151 von Paul bei der Handhabung der Affairen des Sterbe⸗ hauſes erklärt hatte, wünſchte er ihm viel Glück zu weiterem Fortkommen und ſchenkte ihm einen drei Reichs⸗ thalerbankozettel. Paul glaubte zu verſtehen, daß hiemit alles ab⸗ geſchloſſen wäre, und daß er, wie es ihm auch gehen möchte, doch Herr Lerberg nicht weiter zur Laſt fallen dürfte. Dieſes, ſo wagen wir zu glauben, war gleich⸗ wohl nicht die Meinung des alten Herrn. Wahrſchein⸗ lich glaubte er, Paul würde ihn ohne weitere Auffor⸗ derung wieder aufſuchen, falls er Hülfe bedürfte. Und er hatte allen Anlaß zu dieſem Glauben, weil der Vor⸗ ſteher eines alten wohlangeſehenen Handelshauſes gleich dem Häuptlinge eines Clans— das Gleichniß iſt viel⸗ leicht nicht ganz richtig, uns fällt jedoch ſo in der Eile kein beſſeres ein— ſeine Sorge über alle erſtreckt, welche ſich unter ſeiner ſchützenden Macht befinden. Und iſt nicht die ganze kleine Maſſe von Comptoiriſten und Handelsbedienten, von Kapitänen und Schiffern bis hinunter zu den Werfsleuten, Böotsmännern und Ar⸗ beitern aller Art, mit Frauen, Wittwen und Kindern gleichſam ein Clan⸗Verein? Sie alle ſind die Zubehör des reichen Kaufmannes: er als das Oberhaupt ſorgt für ſie, und gewiß iſt noch keine trauernde Wittwe, die ihren Gatten auf ſeinem Fahrzeuge oder bei der Ret⸗ tung deſſelben verloren hat, kein Kind, das durch ein ähnliches Ereigniß eine Waiſe geworden, kein treuer Diener ohne Hülfe von ſeiner Thür gegangen oder hat die Bitterkeit einer theilnahmloſen Zurückweiſung er⸗ fahren. Doch wir kehren zu Paul zurück. Seine ſchwachen Ausſichten überdenkend, aber den⸗ noch ziemlich guten Muthes, wanderte er mit Herrn Lerbergs Recommandationsbrief in der Taſche nach der öſtlichen Hafenſtraße und fand bald das angewieſene Haus. Paul hielt es für das Gerathenſte, ſich in der Küche anzumelden, wo jedoch in dieſem Augenblicke eine un⸗ 152 erhörte Eile zu herrſchen ſchien und ein ſolches Gelaufe kreuz und quer war, daß Paul, wäre er nicht feſt auf den Beinen geweſen, mehrmals umgeworfen worden wäre. Seine Fragen nach dem Kellermeiſter wurden von Niemandem gehört und beantwortet; aber ſo viel wenigſtens geſchah, daß er mit jedem Puff, den er be⸗ kam, eine oder zwei Ellen weiter von der Thür ver⸗ ſetzt wurde, bis er ſich endlich an dem oberſten Ende und Angeſicht gegen Angeſicht mit einem großen, wohl⸗ genährten Herrn befand, welcher beſchäftigt war, der Haushälterin beim Vorſchneiden zu helfen, während er oftmals in würdigem Tone den Hülfstruppen ſeine Befehle ertheilte. 1 „Der da,“ dachte Paul,„ſieht mir juſt ſo aus, als wäre er der Rechte!“ und in dieſer Ueberzeugung machte er, in der Abſicht bemerkt zu werden, eine ſehr tiefe Verbeugung. Doch der Verſuch mißlang gänzlich, weß⸗ halb Paul, der nicht fehr blöder Natur war, ſich fol⸗ gendermaßen hören ließ: „Ich bitte gar zu ſehr um Entſchuldigung, ſollte aber dies wohl nicht der Herr Kellermeiſter ſelbſt ſein?“ „Ja, mein Freund,“ entgegnete dieſer mit dem Vorſchneidemeſſer ruhend,„was beliebt?“ „Ich habe hier einen Brief von Herrn Lerberg, und wollte recht ſehr um Antwort darauf bitten.“ „Gieb her 14 Der Kellermeiſter, welcher eine von den einträg⸗ lichen Beſtellungen vermuthet hatte, womit ſein alter Freund und Kunde, der Kaufman Lerberg, ihn bisweilen be⸗ ehrte, ſich jedoch in dieſer Vermuthung getüuſcht ſah, ſchüttelte den Kopf etwas zweideutig, da er das Billet weglegte und dabei ſeine Blicke über Paul's ſchönes und ehrliches Geſicht gleiten ließ. Paul's Herz ſchlug ſchneller als gewöhnlich: er wünſchte, der Kellermeiſter möchte ihm bis in das In⸗ nerſte ſeiner Seele blicken können, denn da würde er gewiß eingeſehen haben, daß er keinen ſchlechten Han⸗ del ma ſtreckte ſo weit / Aber h anwend wollteſt Aufpaſſ muthun werden. „K Dienſt den Ge „3 Herrnd daß ich mir wo Jahre a / wunder habe ich „N Knipps Larsſon ſie gew Ich beſt nungen II nem gu ſehr gef terin a luſtiger machte ſagen, Brannt nerdien Gelaufe feſt auf worden wurden ſo viel ner be⸗ hür ver⸗ en Ende n, wohl⸗ ar, der hrend er en ſeine aus, als g machte ehr tiefe ich, weß⸗ ſich fol⸗ g, ſollte bſt ſein?“ mit dem Lerberg, ten.“ einträg⸗ ſein alter weilen be⸗ juſcht ſah, das Billet 's ſchönes hnlich: er n das In⸗ würde er hten Han⸗ 153 del machte, wenn er ihn annähme. Aber leider er⸗ ſtreckte ſich die Scharfſichtigkeit des Kellermeiſters nicht ſo weit, wie man aus der Antwort ſchließen kann: „Du haſt wie ich ſehe eine gute Recommandation. Aber hier ſind ſchon Leute genug, und mehr als ich anwenden kann: ſie laufen ſich nur im Wege. Was wollteſt Du aber ſonſt wohl für einen Platz haben— Aufpaſſer— kann ich mir denken?“ „Nein, behüte,“ erwiederte Paul von dieſer Ver⸗ muthung ein wenig beleidigt,„ich möchte gern Kellner werden.“ „Kellner?— haſt Du ſchon einen ſolchen Dienſt gehabt? haſt Du Fertigkeit in den vorkommen⸗ den Geſchäften? haſt Du ehrenvolle Zeugniſſe?“ „Zeugniſſe habe ich nicht, wenn nicht die des Herrn Lerberg tangen. Aber er kennt mich, und weiß, daß ich ehrlich und zuverläſſig bin, und Fertigkeit fehlt mir wohl auch nicht ganz, denn ich bin über fünf Jahre auf dem Knipps geweſen.“ „Knipps“— wiederholte der Kellermeiſter ver⸗ wundert,„was iſt das für ein Wirthshaus? davon habe ich noch nie gehört.“ „Nein, das kann wohl ſein! Sonſt liegt der Knipps drei Meilen nördlich von Marſtrand, und Frau Larsſon oder die Gevatterin auf dem Knipps, wie wir ſie gewöhnlich nannten, war immer mit mir zufrieden. Ich beſorgte dort den ganzen Verkehr und die Rech⸗ nungen und ſchrieb auch die Briefe!“ „Ohne Zweifel,“ ſagte der Kellermeiſter mit ei⸗ nem gutmüthigen und muntern Lachen,„biſt Du ein ſehr geſchickter und erfahrner Burſche, da die Gevat⸗ terin auf dem Knipps— ha, ha, ha! ein verdammt luſtiger Name!— Dich ſo zu ihrer rechten Hand machte! Aber ſiehſt Du, mein Junge, ich will Dir ſagen, es iſt ein Unterſchied, in einem Scherenkruge Branntwein und Bier zu verkaufen, und einem Kell⸗ nerdienſt in einem der größten Keller in Göteborg zu 154 verwalten, und darum will ich Dir den wohlgemein⸗ ten Rath geben, zu der Gevatterin zurückzukehren, und ihrem Geſchäfte noch ferner vorzuſtehen.“ „Sie iſt jetzt todt, ſonſt wäre ich gewiß nicht⸗ hier!“ entgegnete Paul. „Ja, es iſt recht ſchade, daß Deine Ausſichten eine ſo ſchlechte Wendung genommen haben. Indeſſen iſt es mir ganz unmöglich, Dich anzunehmen; denn um Deinen Platz als Kellner zu füllen, iſt eine Fertigkeit, eine Uebung und eine Verſchlagenheit erforderlich, die Du nicht haben kannſt— und es thut mir ſehr leid, daß ich Herrn Lerberg in dieſer Sache nicht dienen kann!“ „Ich kann meinen Dienſt niemanden aufzwingen,“ entgegnete Paul,„ſonſt aber glaube ich, es würde mir gar ſo ſchwer nicht werden, durchzukommen.“ „Vielleicht in einem kleineren Wirthshauſe. Und da Du mir als ein ehrlicher Junge ausſiehſt, ſo will ich Dich nach der Traube recommandiren; das iſt ein kleines Wirthshaus in der Altſtadt. Geh Du dahin,“ — der Kellermeiſter beſchrieb ihm das Haus näher— „und grüße Herr Klint von dem Kellermeiſter Swan⸗ grén, daß er ſo gut ſein möchte, falls er einen Platz offen hat— ich meine, das trifft ſich oft genug— Dich auf mein Wort anzunehmen. Sieh hier haſt Du Herrn Lerberg's Billet, zeige das vor und ſage, wenn ich einen Platz gehabt hätte, ſo würdeſt Du ihn bekommen haben.“’ „Ich danke ganz ergebenſt,“ ſagte Paul,„ſollte es aber wohl nicht möglich ſein, etwas Schriftliches zu bekommen?“ „O nein, das brauchſt Du nicht: wenn Du nur grüßeſt und ſagſt, was ich geſagt habe, ſo iſt das vollkommen hinreichend. Biſt Du hungrig, ſo geh dort nach der Bank, ſo ſollſt Du etwas zum Beſten bekommen..... Höret!— gebt dem Menſchen eine gute Portion Rind⸗ fleiſch und einen Teller Bouillon!“ Nach dieſen Worten winkte der Kellermeiſter gnä⸗ dig mit endigt ſich Pa Angebo nigſtens Portion er brar Al zweite an das „Jetzt Weiſe k ſich ſell als auc „froh.“ laſſen beſaß e⸗ auch ein ſeligen plariſch Gedächt lich und da er ftß geben h da er nommen ten dief die Ler dem bil unterha Ar dritte der Alt würdee vieler Tag no höchſte ggemein⸗ ten, und iß nicht dten eine eeſſen iſt denn um ertigkeit, lich, die leid, daß kann!“ wingen,“ s würde en.“ ſe. Und ſo will s iſt ein dahin,“ näher— Swan⸗ nen Platz genug— hier haſt und ſage, Du ihn „„ſollte ;riftliches ir grüßeſt llkommen nach der on Rind⸗ iſter gnä⸗ 155 dig mit der Hand zum Zeichen, daß die Audienz be⸗ endigt wäre, und mit einer dankbaren Verbeugung zog ſich Paul zurück nach der angewieſenen Bank, um das Angebotene entgegen zu nehmen. Er ſparte doch we⸗ nigſtens ſechzehn Schillinge, und noch dazu war die Portion, welche er erhielt, ſo tüchtig, daß er einſah, er brauchte nichts für den Abend. Als Paul die Treppe hinabſtieg, in welcher ſeine zweite Hoffnung zu Waſſer geworden war, dachte er an das alte Sprüchwort nach einer guten Mahlzeit: „Jetzt ſind wir froh und ſatt.“ Aber unglücklicher Weiſe konnte er es nicht in ſeinem ganzen Sinne auf ſich ſelbſt anwenden; denn obgleich er ſowohl„ſatt,“ als auch überſatt war, ſo war er dennoch keinesweges „froh.“ Noch hatte er zwar den Muth nicht ſinken laſſen— er gehörte nicht zu den Muthloſen: dazu beſaß er zu viel von einem hurtigen Seemanne und auch ein wenig zu viel Lebensphiloſophie, die er von dem ſeligen Vater geerbt und erworben hatte, deſſen exem⸗ plariſche Geduld in Widerwärtigkeiten nie aus Paul's Gedächtniß wich— aber er dachte mehr als gewöhn⸗ lich und tiefer als je, und das alles war ſehr natürlich, da er ſich einzig und allein in der Abſicht hieher be⸗ geben hatte, ein Ziel ſeiner Thätigkeit zu ſuchen, und da er noch dazu ſchon hausväterliche Sorgen über⸗ nommen hatte. Fand er jenes nicht bald, ſo muß⸗ ten dieſe ſehr drückend werden, beſonders da die Kaſſe, die Lerberg'ſche Vermehrung mit einberechnet, ſelbſt in dem billigſten Quartier nicht ſehr lange zum Lebens⸗ unterhalte reichen konnte. Am folgenden Morgen begab ſich Paul auf ſeine dritte Wanderung und richtete nun ſeine Schritte nach der Altſtadt. An einem Frühlings⸗ oder Sommertage würde er entzückt geweſen ſein, über den ſchönen Anblick ſo vieler ſchöner und großer Gärten; jetzt aber war der Tag naßkalt, die Wege tief und ſchmutzig und alſo im höchſten Grade unangenehm. Inzwiſchen war der An⸗ 156 blick der„Traube,“ eines wohnlichen, kleinen weißen Hauſes mit ſeinen rothen Gardinen und ſeinen grünen, zur Hälfte zurückgeſchlagenen Jalouſien recht einladend. Das ganze Aeußere, der Hof mit ſeinen Bäumen, die Treppe und der neulich beſandete Hausflur, alles war nett. Doch kaum hatte Paul den Fuß in dieſen Haus⸗ flur geſe tzt, ſo wurde er überzeugt, daß es in dem In⸗ nern, wenigſtens für den Augenblick, nicht ſo angenehm wäre, wie draußen. Aus der offenen Thür des Schenkzimmers hörte er einen donnernden Lärm, und Paul ſah einen klei⸗ nen unterſätzigen Herrn in mittleren Jahren von un⸗ gewöhnlich kurzem Wuchſe, beſchäftigt, mit einem 9 Rohr⸗ ſtocke, der faſt eben ſo groß wie er ſelbſt, einen Jun⸗ gen unbarmherzig zu prügeln und ihm zuletzt einen Fußtritt nebſt einer Anweiſung auf die Thür zu geben, wobei der kleine Herr, außer ſich vor Wuth, dem Be⸗ ſtraften anzeigte, er ſolle ſich gogleich aus dem Hauſe trollen, ein Befehl, den der Junge ſich nicht zweimal ſagen ließ. Indem er aber die Treppe hinabſprang, rief er mit vollem Halſe, er wollte den Kellermeiſter ſonesmalen, daß dieſer nie wieder Leute bekommen ollte Paul hielt für das Beſte, ſich noch ein wenig au⸗ ßer dem Schuſſe zu halten, bis der Herr Kellermeiſter ſeine Hitze abgekühlt hätte, und daran that Paul wahr⸗ ſcheinlich Recht. Mit dem Taſchentuche ſeiner Stirn Kühlung zu⸗ wehend, lief Herr Klint im Zimmer auf⸗ und ab, und beruhigte ſeine Gefühle damit, daß er bisweilen einen Stuhl umwarf und bisweilen einem iihm in den Weg kommenden Gegenſtande mit dem Fuße Fahrt gab, und dabei murmelte er beſtändig vor ſich hin:„Sa⸗ kramentiſcher Schlingel... hm, hm... Unthier... hm... drei Flaſchen Madera! Hm... Canaille. Unterrockpöbel... aber ich, hm, hm... ich will Euch den Daumen auf's Auge ſetzen!“ und mehr dergleichen, wortete brachte, mündlich „H. nem Au vielleicht betrachte „Jo „Ni es dennn „D wollten, würden, „N gerufen, tuche de Woche oder vie der Pro ſo bin i kenſtrei keit der Undankb aber es und die dem En „Je bekommt nach Ei trat ein zu verng theilen⸗ 157 weißen Endlich trat ein ruhiger Augenblick ein. Herr grünen, Klint ſank auf einen Stuhl, und jetzt erblickte er ladend. Paul's Kopf hinter der Thüre.„Wer da?“ rief er en, die barſch.„Ein Horcher?⸗ es war„Gewiß nicht, wenigſtens nicht mit Willen!“ ant⸗ Haus⸗ wortete Paul, der jetzt eintrat und ſein Anliegen vor⸗ em In⸗ brachte, wobei ſowohl die ſchriftliche, als auch die genehm mündliche Recommandation erwähnt wurde. 2„Hörteſt Du nicht, was der Junker, der vor ei⸗ hörte nem Augenblicke zur Treppe hinablief, drohte? oder en klei⸗ vielleicht hörteſt Du es nicht?“ fragte Herr Klint und vn un⸗ betrachtete Paul aufmerkſam. Rohr⸗„Ja, vollkommen hörte ich's.“ n Jun⸗„Nun, und Dir wurde nicht bange? Du wagſt t einen es dennoch, mir Deine Dienſte anzubieten?“ geben,„Das wage ich; und wenn Sie mich nehmen em Be⸗ wollten, ſo glaube ich nicht, daß Sie Urſache haben Hauſe würden, mit meiner Aufführung unzufrieden zu ſein.“ weimal„Nun, da Du gerade kommſt, als hätte ich Dich sſprang, gerufen,“ antwortete Herr Klint, ſich mit dem Taſchen⸗ rmeiſter tuche den Schweiß abwiſchend,„ſo magſt Du eine kommen Woche auf Probe hier bleiben. Ich habe nun drei . oder vier Schlingel hinter einander gehabt, aber ehe nig au⸗ der Probemonat oder die Probewoche zu Ende war, ermeiſter ſo bin ich gezwungen geweſen, ſie wegen eines Schur⸗ il wahr⸗ kenſtreiches auszukehren. Aber doch iſt die Undankbar⸗ keit der Canaillen ein Ungeheuer von allen möglichen lung zu⸗ Undankbarkeiten, denn ich behandle ſie immer gut; ab, und aber es gibt gewiſſe Dinge, die ich nicht leiden kann, en einen und die will ich Dir gleich ſagen, damit Du Dich vor den Weg dem Ende Deiner Vorgänger hüten kannſt.“ ort gab,„Ja, es iſt ſehr gut, wenn Einer vorher Beſcheid „Sa⸗ bekommt, wie es ſein ſoll, denn da weiß Einer, wo⸗ thier... nach Einer ſich zu richten hat!“ erwiederte Paul und aille... trat einen Schritt näher, um die Verhaltungsbefehle vill Euch zu vernehmen, die ſein künftiger Gebieter ihm zu er⸗ gleichen, theilen Willens war. 158 Herr Klint ſetzte ſich inzwiſchen auf dem Stuhle in Ordnung, ſchlug die Beine kreuzweiſe über einan⸗ der und begann ſeinen Vortrag: „Zuerſt und vor allen Dingen haſt Du wohl keine Bekanntſchaften, die hier umherſtreichen, und die Ge⸗ legenheit abpaſſen, zu ſtehlen, was hier liegen kann, während ſie vorgeben, ſie wollen mit Dir reden?“ „Nein, behüte!“ verſicherte Paul.„Ich kenne nur einige Seeleute draußen im Maſthugg; ſie wiſſen nicht, wohin ich ziehe, und mir iſt's ebenfalls gleichgültig, ob ſie es erfahren, denn mir macht es keinen Spaß, zu ſaufen und zu ſchwirren. Sonſt aber find ſie ſo ehrliche Leute, daß ſie keine Diebe ſind.“ „Davon bin ich aber nicht überzeugt, und Du thuſt am Beſten, nie ſolche Bekanntſchaften, oder noch beſſer gar keine Bekanntſchaften zu ſuchen; denn die Geſchäfte geben Zerſtreuung und Vergnügen genug und bisweilen auch Trinkgeld zu einem vergnügten Sonn⸗ tag, ein⸗ oder zweimal im Monate. Was ich aber ferner ganz außerordentlich haſſe, und wovor Du Dich ganz beſonders in Acht nehmen mußt, das iſt alle Schäkerei mit den Aufwärterinnen.“ „O ja, vor mir ſollen ſie gerne in Ruhe ſein!“ „Auch leide ich es nicht, daß Du übrigens irgend eine Maskopie mit ihnen haſt, ich meine, Du ſollſt Dich nicht verführen laſſen, ihnen Punſch oder Wein oder mehr dergleichen zu geben, worauf ſie ſo toll und beſeſſen ſind— Du verſtehſt?“ „Keinen Tropfen will ich ihnen geben ohne Befehl!“ „Gut! Ferner leide ich nicht die geringſte Unrein⸗ lichkeit oder Unordnung; und um dergleichen vorzu⸗ beugen, ſo fordere ich, daß Du als Kellner zugleich eine Art— ich meine eine Art Oberauge ſein ſollſt, nämlich Du ſollſt die Augen auf und für alles haben, ditto Ohr; und erfährſt Du etwas, das nicht recht iſt, ſo ſagſt Du mir's gleich.“ „Ja, wenn ich ſehe, daß etwas offenbar oder heimlich verſchwe daß Du dieſem? ſiehſt m Du wir zu ſagen ich Dich Monats kommſt Du ſahſt weglief.“ „Di ſagte Pa beſte, ich Prügel a ſchen aus etwas a Recht, ſchmeckt; ſo viel kenne.“ 159 Stuhle heimlich mit Unrecht zugeht, ſo will ich's gewiß nicht einan⸗ verſchweigen. Aber aus Leuten herauszulocken, oder wie Einer ſagt, zu ſpioniren, und ſo etwas, darin hl keine bin ich nicht recht zu Hauſe und habe immer gemeint, die Ge⸗ das ſei nur Niederträchtigkeit.“ a kann,„Ich ſagte nicht, daß Du ſpioniren, ſondern nur, n?“ daß Du die Augen offen haben ſollteſt; und ich bin in ane nur dieſem Falle mit Deiner Antwort zufrieden; denn Du e nicht, ſiehſt mir ſo ehrlich aus, daß ich von Dir glaube, hgültig, Du wirſt Wort halten. Und nun habe ich nur noch Spaß, zu ſagen, daß, wenn ich Dich tauglich finde, ſo daß d ſie ſo ich Dich behalten kann, ſo bezahle ich ein anſtändiges Monatsgeld. Bin ich dagegen nicht zufrieden, ſo be⸗ ind Du kommſt Du Prügel, und dann jag' ich Dich weg, wie der noch Du ſahſt, daß ich mit dem Viehhund that, der eben denn die weglief.“ nug und„Die Bedingungen ſind untadelig alle zuſammen,“ Sonn⸗ ſagte Paul,„außer der letzten; aber es iſt wohl das ich aber— beſte, ich ſage gleich zu Anfange, daß ich nicht auf dieſe Du Dich Prügel eingehe— auf dem Lande nehmen wir Bur⸗ iſt alle ſchen aus den Scheren ſolche nie an; an Bord iſt es etwas anderes: da geht es gleichſam nach Geſetz und ſein!“ Recht, und iſt keine Schande, das Thauende ge⸗ s irgend ſchmeckt zu haben. Sonſt aber bekam ich als Junge Du ſollſt ſo viel Schläge, daß ich jetzt meine Schuldigkeiten er Wein kenne.“ toll und„So ſo! Du redeſt aus dieſem Tone?“ „ Ich ſage nur die reine Wahrheit, und das iſt Befehl!“ die: ich will Ihnen ehrlich und treu dienen und auf Unrein⸗ Ihr Beſtes ſehen, als wäre es mein eignes, oder noch n vorzu⸗ ein wenig beſſer; verſuchen Sie es aber, nach dem zugleich Stocke zu greifen, da geht es nicht gut!“ in ſollſt,„Eine ſonderbare Rede, das, mein Junge! Aber es haben, da Du nun ſo offenherzig biſt, ſo ſage mir doch, was recht iſt, würdeſt Du thun, wenn ich, Dein Herr, es dienlich fände, Dich mit dieſem Freunde bekannt zu machen?“ bar oder Der Kellermeiſter zeigte ihm den Rohrſtock, 160 i5„Ich thäte nichts anderes, als daß ich ihn weg⸗ ähme.“ „Und weißt Du, was Du da thäteſt?— voraus⸗ geſetzt, Du könnteſt ihn nehmen, woran ich ſehr zweifle— ja, Gewalt gegen Deinen Herrn, ein Ver⸗ brechen, das nach unſern guten Geſetzen auf dem „Lande,“ wie Du ſagſt, mit der größten Strenge be⸗ ſtraft wird. Haſt Du die Verordnungen für die Dienſt⸗ boten geleſen? Wo nicht, ſo unterhalte Dich damit in den Stunden, da Du Zeit haſt!“ „Ich bin nicht ſehr zu Hauſe in dieſen Plakaten,“ antwortete Paul,„aber ſie mögen nun ſo oder ſo klingen, ſo iſt doch ſo viel ganz gewiß, daß ich nicht darauf eingehe, Prügel anzunehmen! Wenn dagegen der Herr Kellermeiſter nicht mit meiner Aufführung zufrieden ſind, ſo ſagen Sie nur ein halbes Wort, und ich ziehe ohne Widerrede. Können wir aber auf die Art nicht einig werden, ſo iſt es nicht werth, an die ganze Geſchichte zu denken, denn ich wäre ſchlech⸗ ter als ein Hund, wenn ich mich der zweiten Be⸗ dingung unterwürfe, da ich nichts Böſes thue, ſondern redlich und ehrlich mit Allem umgehe, das mir an⸗ vertraut wird.“ Dieſe Feſtigkeit und Zuverſicht ſchlug an auf Herrn Klint, welcher zwar als ein ſtrenger Herr und gewal⸗ tiger Klopffechter bekannt war, aber dennoch den Ruf eines rechtlichen Mannes hatte, und der nun recht gut verſtand, den Unterſchied zu machen zwiſchen einer unverſchämten Prahlhaftigkeit und einer Beſtimmtheit des Charakters, welche in dem vorliegenden Falle viel⸗ leicht eben ſo ſehr eine angeborne provinzielle Eigen⸗ thümlichkeit war, als ein natürlicher Abſcheu gegen eine ſklaviſche Körperſtrafe, wenn dieſe außer der Subordination ſtand, in welcher ſie aufhörte, ein Schimpf zu ſein. Obgleich Paul,„in der großen Be⸗ deutung des Wortes“ nie zur See geweſen war, ſo war er dennoch ſo ſehr mit dem ganzen Seeweſen ein⸗ verleib Ruhe — ſie er ſich den Di kein M dem La ling er: darüber He Wege, ſchickte fallen, abgema werden ziehen, Wirthsl Alſt tiſche. An Dienſte und er vor den behagli langen l zu thun hielt, hi ſo wollt nicht me wurde als auch phen be Di vorüber erinnerte Und wer Paul n weg⸗ voraus⸗ ich ſehr in Ver⸗ uf dem* enge be⸗ Dienſt⸗ damit in akaten,“ oder ſo ich nicht dagegen rfführung es Wort, aber auf verth, an re ſchlech⸗ eiten Be⸗ ,ſondern mir an⸗ auf Herrn nd gewal⸗ ) den Ruf recht gut chen einer ſtimmtheit Falle viel⸗ elle Eigen⸗ heu gegen außer der fhörte, ein großen Be⸗ n war, ſo eweſen ein⸗ 161 verleibt, daß er gewiß an Bord mit eben ſo großer Ruhe ſich einer Beſtrafung unterworfen haben würde — ſie mochte nun gerecht oder ungerecht ſein— wie er ſich hier ſtandhaft weigerte, auf ſolche Bedingungen den Dienſt anzunehmen; denn aus ſeinem Kopfe konnte kein Menſch die Meinung vertreiben, daß Schläge auf dem Lande ein Schimpf wären, den kein Scherenjüng⸗ ling ertragen könnte, beſonders wenn ſchon im Voraus darüber unterhandelt wurde. Herr Klint, welcher merkte, er wäre auf dem Wege, einen guten Fang zu thun, ließ durch eine ge⸗ ſchickte Wendung in dem Geſpräche den kritiſchen Punkt fallen, und nach einigem Hin⸗ und Herreden wurde abgemacht, Paul ſollte auf der Traube angenommen werden und ſchon an demſelben Tage zu ſeinem Herrn ziehen, der nicht nur einen Keller, ſondern auch ein Wirthshaus hielt. 3 Alſo ſtand Paul wiederum hinter dem Schenk⸗ tiſche. Anfangs kam ihm der Unterſchied zwiſchen ſeinem Dienſte auf dem Knipps und hier etwas groß vor, und er wußte ſich nicht recht zu finden. Aber ſchon vor dem Ende der erſten Woche fühlte er ſich recht behaglich in dem netten Schenkzimmer und in ſeiner langen blauen Schürze. Er hatte allein mit der Schenke zu thun, denn obgleich der Kellermeiſter ſehr darauf hielt, hübſche Jungfern als Aufwärterinnen zu haben, ſo wollte er dennoch keine Schenkmamſell und auch nicht mehr, als nur einen Kellner haben. Uebrigens wurde aber die Aufwartung ſowohl im Kellerſaale, als auch in dem eigentlichen Speiſezimmer von Nym⸗ phen beſorgt. Die erſte, die zweite und die dritte Woche gingen vorüber, ohne daß weder Paul noch Herr Klint daran erinnerten, daß die Probezeit längſt verfloſſen war. Und wenn es auch nicht die Abſicht des Kellermeiſters Paul Wärning. 11 162 geweſen wäre, den Paul länger zu behalten, ſo ent⸗ ſchloß er ſich doch ohne Bedenken dazu, als er eines Tages Zeuge wurde von einer kleinen Begebenheit, die ſeine gute Meinung über ſeinen neuen Kellner voll⸗ kommen fefſtſtellte. Vierzehntes Kapitel. Paul kommt in verſchiedene Verſuchungen ſtellt Betrach⸗ rungen an und ſchrerbt Briefe; hat darauf Gelegenheit, ſeine Erfahrung noch mehr zu bereichern und erſtaunt über die Geheimniſſe der„Traube.« Jungfer Jeannette, die ausgezeichnetſte der jungen Damen des Hauſes, ſowohl hinſichtlich ihrer Schön⸗ heit und ihres Anzuges, als auch hinſichtlich ihrer Eitelkeit und Störrigkeit hatte gleich von dem erſten Tage an dem Paul eine kleine Freundlichkeit bewieſen, welche nach zwei oder drei Wochen immer beredter wurde. Da inzwiſchen Paul mit Nora's Bilde in ſeinem Herzen ungerührt blieb und überdieß in dieſer Hinſicht ziemlich träge Faſſungsgaben hatte, ſo ſchloß Jungfer Jeannette, er wäre entweder der completteſte Dummkopf oder auch von Holz und Stein. Ja, er mußte wohl rein aus dem Berge gehauen ſein, da er die Güte ſehen konnte, welche ſie— ſie, die nach Gutdünken über die jungen Tiſchgäſte des Wirths⸗ hauſes befehlen und ſie mit einem Blicke, einem Lächeln wie ein ſeidenes Tuch um den Finger wickeln konnte, ihm, dem Kellner, dem Scheren⸗Cavalier, zeigte, nd dennoch im Stande war, gefühllos dabei zu eiben. 2 noch nicht, die W Jeann gerne von 9 erober weil d Paul' ging, V mochte vorhan Betrach⸗ eit, ſeine über die r jungen Schön⸗ ich ihrer em erſten bewieſen, beredter Bilde in in dieſer ſo ſchloß mpletteſte Ja, er in, da er die nach Wirths⸗ m Lächeln n konnte, r, zeigte, dabei zu „O nein, das war nicht möglich, weder das eine noch das andere! Er war zu blöde, er wagte es nicht, an ſein Glück zu glauben!“ Dergleichen hatte die Wahrſcheinlichkeit für ſich, und eine kurze Zeit fand Jeannette es angenehm genug. Aber obgleich ſie ſehr gerne immer nach den Umſtänden alle möglichen Arten von Rollen ſpielte, ſo liebte ſie doch— wo ſie ſelbſt erobern wollte— keine langwierigen Belagerungen, weil dieſe ihre Geduld reizten und ermüdeten. Und Paul's Einfalt war unerträglich, da dieſelbe weiter ging, als ſie es luſtig fand. Wie es ſich aber auch mit der Urſache verhalten mochte, ſo war nicht zu läugnen, daß ein Widerſtand vorhanden war, und Jeannette, die in den letzten Tagen ſelbſt ihren vertrauteſten Bekanntſchaften nur heftige und abweiſende Antworten gegeben hatte, nahm ſich nun ernſthaft vor, dieſen Widerſtand zu überwin⸗ den und für den Anfang einen Ausweg zu ſuchen, wie ſie Paul's Gefühle prüfen könnte. Sie wollte zu einer Zeit, da er allein war, zu ihm eingehen, und ihm ein Paar halbe Bouteillen Liqueur abbetteln, theils weil ſie für dieſes Getränk eine beſondere Vorliebe hatte, theils und hauptſächlich darum, weil ſie bei dem kleinen Kampfe, der darüber vorfallen mußte, eine paſſende Gelegenheit finden würde, ihre anmu⸗ thigen Naturgaben, ſowohl in Worten, als auch in Stellungen, zu entwickeln— ein Spiel, das ohne Zwei⸗ fel mit einem doppelten Siege, nämlich den Liqueur⸗ bouteillen und Paul's Herz endigen mußte. Es war eine frühe Morgenſtunde, ehe noch ein Gaſt angekommen war, die Jeannette zu ihrem Beſuche zu wählen für die paſſendſte fand. Und während Paul beſchäftigt war, in ſeinem kleinen Gebiete Bouteillen, Flaſchen und Gläſer zu ordnen, hüpfte Jungfer Jean⸗ nette mit einer Serviette unter dem Arme herein, um dem Kellerſaale die nie zuvor bezeigte Artigkeit zu be⸗ 164 weiſen, den Staub abzuͤwiſchen— ein Amt, das ge⸗ wöhnlich einem Sterne geringerer Größe zukam. Unläugbar war Jeannette ein hübſches und nettes Wirthshausmädchen, doch heute war ſie ungewöhnlich liebenswürdig und einnehmend. Ihr hellbraunes, glän⸗ zendes Haar ſchmiegte ſich mit einer anmuthigen Run⸗ dung an die volle, friſche Wange, und eine län⸗ gere Locke hinter jedem Ohre fiel auf den weißen Hals hinab und ſpielte in dem leichten Gewölk des Flor⸗ ſhawls. Auf dem grünen Kleide von ſchottiſchem Zeuge, welches recht geſchickt den doppelten Zweck erfüllte, die reizendſten Formen zu bedecken und zu zeigen, nahm ſich die kurze, kattunene Schürze ganz ausnehmend glänzend aus, beſonders da ſie noch von dem Schatten einer vielfach herabhangenden, ſchwarzen Haarkette ge⸗ hoben wurde, die Jeannette wahrſcheinlich eben ſo ſehr aus Gefallſucht trug, als um etwas zu haben, womit ſie ihre wirklich ſchönen Hände beſchäftigen konnte. „Guten Morgen, Herr Paul!...“ Wenn die jun⸗ gen Damen der Traube bei guter Laune waren, ſo hieß Paul gewöhnlich Herr. Dazwiſchen aber gab es auch andere Titel; aber er nahm mit allen fürlieb, denn unläugbar hatte er große Verträglichkeit mit dem ſchönen Geſchlechte.. „Guten Morgen, Jungfer Jeannette!— ich höre an der Stimme, daß Sie es iſt.“— Paul ſtand und kramte auf den Brettern des Glasſchrankes, wendete folglich Jeannette den Rücken zu. „Fi, ſolche Unartigkeit! ſoll Er ſich nicht um⸗ drehen?... Es iſt recht kalt heute!“ Und Jungfer Jeannette begann mit vieler Leichtigkeit und Natür⸗ lichkeit zu ſchauern und zu fröſteln. „Und ich machte in dieſem Augenblick den Ofen zu,“ meinte Paul und wendete ſich um zu der Schönen. „Das iſt doch immer gerade ſo, als wenn man für die Elſtern heizt, will ich Ihm ſagen, mein lieber Herr Paul! Kein einziger Ofen in dieſer ganzen Kabade taugt e als da einſtür; „ dünnen ſie ſcho „ recht! wohl den He kein T müßte Tuch it C „* Jungfe hinauf „] ich benn als ih Paul d Pfropfe zieher! der Jud / recht v ausſehe Q / lachte in Pau denn ſi angriff ſtehlen. as ge⸗ nettes öhnlich glän⸗ Run⸗ län⸗ n Hals Flor⸗ Zeuge, lte, die nahm ehmend ſchatten tte ge⸗ ſo ſehr womit ite. ie jun⸗ ten, ſo gab es fürlieb, nit dem ich höre und und wendete ht um⸗ Jungfer Natür⸗ n Ofen ſchönen. un man n lieber Kabade 165 taugt etwas; denn der Kellermeiſter iſt viel zu geizig, als daß er ſie ſollte ausbeſſern laſſen, ehe ſie von ſelbſt einſtürzen.“ „Jungfer Jeannette ſollte ſich ſtatt des kleinen, dünnen Lappens ein wollenes Tuch umnehmen, ſo würde ſie ſchon warm werden.“ „Ja, das wäre etwas— da erkältete ich mich erſt recht! Wenn ich mich nicht ſo abhärtete, was ſollte wohl daraus werden, wenn ich mit den Tellern über den Hausflur laufen muß? Da kann ich doch wohl kein Tuch mitſchleppen, und hätte ich es auch um, ſo müßte ich ja richtig erfrieren, wenn ich nachher ohne Tuch in die ſtrenge Kälte hinauskäme.“ „Ja, das iſt alles wahr!“ ſagte Paul.„Aber Jungfer Jeannette ſollte ein Kleid haben, das höher hinauf ginge, ein ſolches, wie die Haushälterin hat.“ „Pfui, das garſtige, alte Weib!— da ſagte ſie, ich benutzte ihre Mode! Nein, lieber will ich frieren, als ihr die Freude gönnen.... Aber was hat Herr Paul dort in den Haaren?... Meiner Treu, einen Pfropfen! da ſehe man nur: Pfropfen und Pfropfen⸗ zieher! Er hat ein ſo ſchönes und lockiges Haar, wie der Jude Iſaaksſon, der bisweilen hier zu ſein pflegt.“ „Danke für die Ehre, ſonſt bin ich aber nicht recht von dem Gleichniſſe erbaut, denn ich will gerne ausſehen wie ein Chriſtenmenſch.“ „Ja, da wird gewiß kein Menſch fehlgreifen!“ lachte Jeannette mit lauter Stimme, indem ſie munter in Paul's ſchönen Haarlocken umherzauſ'te. Aber alles half ihr nichts, denn Paul ließ ihr zwar ihren Willen, weil es ihr Spaß machte, meinte aber doch, es ſei ſehr kindiſch und unartig für„alte Menſchen.“ „Geb' Er nur Acht, Herr Paul!“ ſagte Jeannette, ſchelmiſch mit ihren klaren, blauen Augen blinzelnd, denn ſie meinte, es ſei jetzt Zeit, den eigentlichen Haupt⸗ angriff zu beginnen.„Ich will Ihm etwas weg⸗ ſtehlen...“ Mit dieſen Worten machte ſie ſchnell eine 166 kleine Schwenkung von ihrer Poſition, ſo daß ſie hin⸗ ter den Schenktiſch kam, und war gleich darauf mit einigen leichten Sprüngen auf der Mitte der Treppe, deren ſich Paul bediente, wenn er etwas von den obern Brettern holen wollte. Nachdem Jeannette ſich in verſchiedenen anmu⸗ thigen Stellungen gezeigt hatte, welche ſämmtlich ein Zeugniß davon ablegten, daß ſie natürliche Anlagen zu dem akrobatiſchen Tanze haben müßte, und daß ſie, wenn der Zufall ſie ſtatt in ein Wirthshaus in eine Seiltänzertruppe geworfen hätte, gewiß auch an dieſem Platze ebenſo gut an ihrer Stelle geweſen ſein würde, wie ſie es jetzt war, ſo begann fie auf und ab zu ba⸗ lanciren und ſtellte ſich mehrmals, als wollte ſie fallen, alles in der Abſicht, um Paul's Hülfe zu erhalten. Zuletzt wählte ſie eine Art Halbkreis, welchen ſie da⸗ durch bildete, daß ſie ſich mit dem Körper ein wenig auf die linke Seite neigte, um ihre Hand auf Paul's Augen zu legen— er ſollte natürlicher Weiſe ihr klei⸗ nes, nettes Schelmſtück nicht ſehen— um den rechten Arm nach dem oberſten Brette auszuſtrecken, welches gerade ſo hoch war, daß ſie, auf der einen Zehenſpitze ſtehend, mit der Hand den Fund erreichen konnte, den ſie machen wollte. Paul betrachtete nicht dieſes kleine, ſpielende Ma⸗ noeuvre, denn ſeine Augen waren ganz damit beſchäf⸗ tigt, durch das feine Gitter von Jeannettens Hand ihren feinen, netten Fuß zu betrachten, welchen der weißeſte Strumpf und der netteſte, kleine Saffian⸗ ſchuh umſchloſſen. Paul, der bisher noch nie daran gedacht hatte, daß ein Fuß etwas mehr oder weniger ſein könnte, als ein Ding zum Gehen und Stehen, das alſo nichts Schönes oder Reizendes ſein konnte— denn Nora's gewöhnlich in großen, groben Schnür⸗ ſtiefeln verſteckte Füße hatten ihm in dieſem Punkte keine Aufklärung ertheilt— fand es außerordentlich wunderbar und daher unbegreiflich, daß ein Fuß ſo wie di „ : Jeanne gehört, ſollte ſollte fer und und B und N kann, werden ſie hin⸗ auf mit Treppe, nobern anmu⸗ lich ein Inlagen daß ſie, in eine dieſem würde, zu ba⸗ fallen, rhalten. ſie da⸗ nwenig Paul's hr klei⸗ rechten welches henſpitze ate, den tehen, bnnte— chnür⸗ Punkte dentlich Fuß ſo 167 ausſehen und noch dazu ſo klein und fein ſein konnte. Jetzt aber fiel ihm plötzlich das Mährchen von Aſchen⸗ brödels Schuh ein, und indem er dieſe leibhaftig vor ſich zu ſehen meinte, konnte er ſich unmöglich enthalten, leiſe mit der Hand über ſeine glänzende Oberfläche zu fahren. „Was Er für ein Schelm iſt— ſchämt Er ſich nicht!“ ſagte Jeannette in einem Tone, der ungnädig klingen ſollte und gab ihm einen leichten Schlag auf den Mund. Paul aber, der noch nie davon gehört hatte, daß es einen Handkuß gäbe, ließ die Einladung unbemerkt und fuhr fort, mit ſeinen Sinnen dort zu ſein, wo er war, bis Jeannette mit einer halben Bou⸗ teille Liqueur in jeder Hand mit einem leichten Sprunge die Treppe hinabflog. „Sieh!“ ſagte ſie und ſteckte ihre Beute in die Schürzentaſchen,„iſt das nicht außerordentlich nett? Sie haben ganz genau Platz— ich ſehe gerade ſo aus, wie die alten Damen in ihren Pochen.“ „In was für Dingern?“ fragte Paul. „O Ihr einfältigen Scheren⸗Gänſeriche!“ rief Jeannette fröhlich aus.„Ihr habt doch noch nie etwas gehört, das wir andere Leute wiſſen! Aber, Paul! Er ſollte einmal mit mir auf eine Maskerade kommen, ſo ſollte er Pochen und andere wunderbare Dinge, Schä⸗ fer und Schäferinnen, Griechen und Griechinnen, Ruſſen und Bajazzo's und Türken und Ritter und Türkinnen und Negerinnen und alles, was Einer nur herzählen kann, zu ſehen bekommen.“ „Das muß ſchrecklich luſtig ſein!“ meinte Paul, den der Gedanke an ſo viele Wunderwerke belebte. „Ich habe wohl von ſolchen Luſtbarkeiten reden hören, ſie aber nie geſehen— aber Larvengeſichter, die habe ich geſehen.“ „Pfui, wie dumm Er iſt! Kann Er nicht Mas⸗ ken ſagen? Aber hör’ Er: könnten wir nicht einig werden, mit einander auf die nächſte Maskerade zu 168 gehen? Sie wird am Sonntage über vierzehn Tage— und da könnten wir uns als Schäfer und Schäferin kleiden.“ „Ich glaube, es paßte ſich beſſer, wenn ich mich zu einem Türken machte,“ meinte Paul. „Das läßt ſich auch machen: ich ſehe beſtimmt, daß Ihn der rothe Turban kleiden würde— und wie hübſch würde ich als Türkin ſein! Ich weiß, wo man Coſtüme leihen kann, und ich will Alles beſorgen, wenn Er will!“ Jeannette meinte natürlicher Weiſe, es ſei überflüſſig zu erwähnen, daß ſie die Abſicht hatte, wie gewöhnlich die Beſorg gung ihrer tigenen Tracht einem ihrer Liebhaber zu üb erlaffn, welche ſich außerordent⸗ lich glücklich ſchätzten, der launenhaften Herrſcherin, in welche faſt die ſämmtlichen jüngern Gäſte des Wirths⸗ hauſes vernarrt waren, mit ihrer Zeit und ihrem Gelde ein Opfer zu bringen. „Aber koſtet es nicht zu viel Geld?“ fragte Paul mit dem Gedanken an Nora und die Kleine. „O Kleinigkeit! Das wird nicht viel. Aber wir können heute Abend mehr darüber plaudern— jetzt muß ich gehen!“ Und Jeannette, welche einen vollſtändigen Sieg erfochten zu haben meinte, wollte wirklich in ihre Kammer eilen, um die Beute zu verwahren, denn ſie konnte jeden Augenblick dem Kellermeiſter begegnen. „Halt, halt!“ rief Paul.„Jeannette vergaß, mir die Bouteillen zurückzugeben.“ „Warum ſute ich die zurückgeben?“ fragte Jean⸗ nette lachend und warf dabei einen ſo freundlichen und ſchelmiſchen Blick auf Paul, daß er unbedingt, wie ſie einmal vermuthet hatte, aus dem Berge ge⸗ hauen ſein mußte, wenn er ihr jetzt widerſtehen konnte. „Weil ich dafür verantwortlich bin, ſieht Sie!“ „Ja, das wär mir auch ein Grund— Er iſt zu einfältig!“ Und Jeannette ſtellte ſich, als lachte ſie noch immer. „So, ſpiele Sie nun nicht länger, Jungfer Jean⸗ dachte 5 Scheren ſie,„wa Kuß für zu hand geben. D thaler B „Pft aufgebrac gen,„kar paar eler einmal d Er ſich n „Abe ja nicht, „Um teillen ni dem Spr auf ihren „We geben wi begann e Pauls, u bekommen behalten, wenn ſie teillen zur „Sei Tage— chäferin ch mich eſtimmt, ind wie vo man 1, wenn es ſei tte, wie t einem ordent⸗ erin, in Wirths⸗ n Gelde ber it t, denn egnen. , mir Jean⸗ dlichen edingt, ge ge⸗ konnte. Pie!“ iſt zu hte ſie Jean⸗ 169 nette, ſondern gebe Sie her— wir halten uns beide auf!“ „Aber Paul wird ſich doch ſchämen, im Ernſte etwas von den armſeligen halben Bouteillen zu ſagen — was, welche Lumperei, ſie zurückzufordern!“ „Wenn Jeannette ſie nicht zurückgeben will, ſo bezahle Sie dieſelben,“ entgegnete Paul. Jetzt glaubte Jeannette, ihn zu verſtehen.„Aha!“ dachte ſie,„er iſt doch nicht ganz ſo einfältig, unſer Scheren⸗Gänſerich, wie er ausſieht!“—„Nun,“ ſagte ſie,„was ſollen ſie denn koſten?“ Sie rieth einen Kuß für jede, hatte aber ſchon vorläufig beſchloſſen, zu handeln und nicht mehr als einen für beide zu eben. 1„Das Stück koſtet, wie gewöhnlich, einen Reichs⸗ thaler Banco.“ „Pfui T—!“ rief Jeannette, im höchſten Grade aufgebracht übe r den geringen Erfolg ihrer Bemühun⸗ gen,„kann Er ſo gemein ſein und wollen, daß ich ein paar elende Liqueurbouteillen bezahlen ſoll, und nicht einmal das, ſondern nur halbe Bouteillen?— Schämt Er ſich nicht, daß Er ſo geizig iſt?“ „Aber, behüte, Jungfer Jeannette! ſie gehören mir ja nicht,“ wendete Paul ſanftmüthig ein. „Um ſo dummer iſt Er.. aber ich gebe die Bou⸗ teillen nicht zurück!“ Und Jeannette war ſchon auf dem Sprunge, als Pauls Hand ſich ziemlich kraftvoll auf ihren Arm legte. „Wenn Jungfer Jeannette die Bouteillen nicht geben will, ſo muß ich ſie wohl nehmen!“ Und nun begann ein recht harinäteiher Kampf: von Seiten Pauls, um das gerauk bte Gut ſeines Herrn wieder zu bekommen, von Seiten Jeannette's, um ihre Ehre zu behalten, welche ſie auf doppelte Weiſe gekränkt hielt, wenn ſie den Sieg über Paul verlöre und die Bou⸗ teillen zurückgeben müßte. „Sei Sie ſo gut und höre ſie auf mit Ihrem 170 Eigenſinn!“ bat Paul;„denn beſtimmt und ohne Wi⸗ derrede will ich meine Bouteillen wieder haben! Ich wollte nicht gerne hart anfaſſen, ſonſt hätte ich ſie längſt gehabt.“ Das letzte Wort war kaum über Pauls Lippen gekommen, als die Thür aufging und der Kellermeiſter ſelbſt ſeinen Kopf hereinſteckte.— Jetzt erhielt die Scene eine andere Wendung. Paul bekam ohne Schwierigkeit die beiden Bouteillen, zugleich aber auch von der aus einer Nymphe in eine Furie verwandelten jungen Dame über das Ohr einen Schlag, der an Feſtigkeit und Kraft mit einem ähnli⸗ chen männlichen Manoeuvre zu vergleichen war. Wäh⸗ rend es noch vor Pauls Trommelfell ſauste, eilte Jeannette hinaus und ſchrie aus allen Kräften, daß ein dummerer Gänſerich noch nie ſeinen Schnabel ge⸗ öffnet hätte— er verſtände ja noch nicht einmal ſo viel, wie ein Spiel!“ Herr Klint lachte, daß ihm die Thränen in gro⸗ ßen Perlen die Backen hinabliefen.„Hol' mich der Henker, mein lieber Paul!“ ſagte er, mit beiden Hän⸗ den den ſchaukelnden Magen haltend,„Du biſt ein ſakramentiſch tüchtiger Junge! Sie wollte Dir, wie ich ſehe, meiner Seele zwei Liqueur⸗Bouteillen klem⸗ men, und Du hieltſt Dich tapfer! Wäre ich aber an⸗ Deiner Stelle geweſen, ſo hätte ich die Ohrfeige be⸗ zahlt, beſonders da Du, wie ich mich entſinne, das erſte Mal, da wir mit einander redeten, erklärteſt, daß Du nie Schläge annimmſt!“ „O,“ ſagte Paul und warf die Haare von der Stirn zurück,„es war ja nur ein Weibsbild und ſich damit zu meſſen, paßt nicht für einen Kerl.“ „Du kannſt Recht haben, um Dir jedoch zu zei⸗ gen, daß ich auf Ehrlichkeit Werth ſetze, ſo ſieh hier.. Der Kellermeiſter zog ſeine Brieftaſche hervor und reichte Paul einen neuen Reichsthalerzettel. „Nein, ich danke!“ ſagte Paul und ſchob den Zettel zur Schuldigk ſtehe. W ich mich ich, daß wenn der „Du Kellermei Paul eine gab, daf war. Und ſo erhielt als der§ und eine Bei von orden ſagt. Pa denn obs wünſchen und den unten nä Na Ruhe ge überlege nette ſo hen, od erforder im Kelle mehr fü ſie jetzt als ſüß ſelbſt w er woh Vergnü Nora n Geldes Lippen rmeiſter pendung. buteillen, in eine hr einen m ähnli⸗ r. Wäh⸗ te, eilte ten, daß nabel ge⸗ inmal ſo h in gro⸗ mich der den Hän⸗ biſt ein Dir, wie len klem⸗ aber an⸗ rfeige be⸗ nne, das erklärteſt, von der d und ſich ch zu zei⸗ hhier...“ rvor und ſchob den 171 Zettel zurück,„dafür bezahlt zu werden, daß ich meine Schuldigkeit thue, iſt etwas, worauf ich mich nicht ver⸗ ſtehe. Wenn aber der Herr Kellermeiſter glaubt, daß ich mich einiger Güte verdient gemacht habe, ſo weiß ich, daß ich einen um ſo anſtändigern Lohn bekomme, wenn der Monat aus iſt.“ „Du biſt mir ein luſtiger Geſell, Du!“ Der Kellermeiſter ſteckte ſeinen Zettel wieder ein und gab Paul einen freundlichen Blick, der deutlich zu erkennen gab, daß er mit ſeiner Weigerung nicht unzufrieden war. Und als acht Tage ſpäter der Monat zu Ende war, ſo erhielt Paul wirklich eine weit größere Ablohnung, als der Kellermeiſter ſeinen Kellnern zu geben pflegte, und eine weit größere, als Paul gehofft hatte. Bei dieſer Gelegenheit wurden auch einige Worte von ordentlichem Miethgeld für das nächſte Jahr ge⸗ ſagt. Paul aber ging nicht auf dieſen Gegenſtand ein; denn obgleich ſein Platz ſo gut war, wie er ihn ſich wünſchen konnte, ſo hatte er doch für den Frühling und den Sommer einen andern Plan, den wir weiter unten näher angeben wollen. Nachdem Paul am Abende auf ſeiner Kammer in Ruhe gekommen war, ſo begann er mit ſich ſelbſt zu überlegen, ob er für jene Maskerade, die ihm Jean⸗ nette ſo reizend beſchrieben hatte, etwas Geld abzie⸗ hen, oder alles an Nora ſchicken ſollte. Die Sache erforderte Nachdenken; je lebhafter jedoch der Auftritt im Kellerſaale Pauls Erinnerung vorſchwebte, um ſo mehr fühlte er ſich überzeugt, Jeannette würde, ſowie ſie jetzt zu ihm ſtände— und das wahr mehr ſauer als ſüß— gewiß den Vorſchlag nicht erneuern. Er ſelbſt wollte dies ebenfalls nicht thun und allein konnte er wohl unter den fremden verkleideten Leuten kein Vergnügen haben! Auf der andern Seite ſtand dagegen Nora mit der Kleinen; und ſtreng gerechnet, war des Geldes wohl nicht mehr, als Nora für einen Monat — ———y— 172 zu ihrem Unterhalte bedurfte— denn etwas mußte er ſich auf jeden Fall zum Verſohlen ſeiner Stiefel ab⸗ ziehen. Sowohl das Wenige, was ihm von ſeiner Reiſekaſſe übrig geblieben war, nachdem er ſein erſtes 4 OQuartier bezahlt hatte, als auch die von Herrn Ler⸗ † berg erhaltenen drei Reichsthaler Banco waren zu dem Einkaufe von zwei nothwendigen Luxrusartikeln angewen⸗ det worden, nämlich eines Regenſchirmes von blauem baumwollenen Zeuge und einer grünen bombaſinenen Weſte: Jeannette wäre ja beinahe vor Lachen erſtickt, als er an den erſten Sonntagen in ſeinen anſpruchs⸗ loſen Scherenweſten, die ſich natürlicher Weiſe nicht mit dem eleganten Schnitt einer göteborger Weſte rüh⸗ men konnten, angegangen kam. Für die Zukunft dachte Paul ſo:„ Wenn der Lohn ein wenig vergrößert wird, ſo ſoll Nora immer die Hälfte haben und die Hälfte lege ich zurück für Kleider.“ Die Kleider, welche er hatte, waren gut genug, ſowohl reinlich als auch ganz, aber Paul war nicht gefühllos vor dem Vergnügen, einmal einen Rock — zu haben— der würde ihm gewiß gut ſtehen! Das Ende ſeiner Ueberlegung war folgender Brief: „Theuerſte Nora! Es iſt mir, Gott ſei Lob und Dankl gut in die Hände gegangen, ſeitdem ich hieher nach Göteborg kam. In den erſten Tagen zwar ging es ein wenig ſchlecht, dann aber wurde es gut, und nun bin ich ge⸗ rade einen Monat als Kellner hier draußen in der Traube geweſen, ſo heißt nämlich ein Wirthshaus hier, welches draußen in der Altſtadt liegt. Mein Herr iſt ein ſehr heftiger Mann, das ſah ich gleich, da ich herkam; aber ich habe es verſtanden, mich mit ihm auf einen ſolchen Fuß zu ſetzen, daß ich von ſeiner Laune nicht leide; im Gegentheil iſt er gut gegen mich auf alle Weiſe. Ich ſchicke Dir hier das meiſte von meinem Mo⸗ natsgelde erhielt de zum Geſc dem Geld nig habe künftig ſ haben; u helfen wi Mit Winter r.e fen oder Waſſer⸗ 8 dienen un Ich wie auch ſo tief w was er f Wort hit weg und Gehorſan Gefühl fü „Go Du Dich Fingern die Klei Brod ve Dich oft duld ha noch gut ſo viele haben, muß ſie zu ſeine glauben Gri ihnen ba werthe 173 natsgelde, und das thue ich ohne Entbehrung, denn ich ⸗ erhielt drei Reichsthaler Banco von Herrn Lerberg n ſeiner zum Geſchenk, und ein wenig hatte ich noch übrig von in erſtes! dem Gelde, das ich mitnahm, ſo daß ich mir ein we⸗ errn Ler⸗ nig habe anſchaffen können, was ich brauchte. Und n zu dem: künftig ſollſt Du die Hälfte von meinem Monatslohn nngewen⸗ haben; und wenn wir ſo halb um halb theilen, ſo blauem helfen wir uns beide. i Mit dem Holze wirſt Du, wie ich hoffe, dieſen Winter reichen; in allem Uebrigen äber, was Du kau⸗ fen oder ſonſt unternehmen willſt, frage Elg und Waſſer⸗Laſſe um Rath, denn ſie wollen Dir gerne dienen und wiſſen beſſer Beſcheid mit ſolchen Dingen. Ich hoffe, theuerſte Nora! daß Du geſund biſt, ſo wie auch.. Hier hielt Paul inne und ein Seufzer, ra immer ſo tief wie ein Seufzer ſein kann, drückte Alles aus, zurück für was er fühlte, da er im Begriff war, das peinigende waren gut Wort hinzuſchreiben. Drei Mal legte er die Feder Paul war weg und nahm ſie wieder auf, ehe er die Hand zum einen Rock Gehorſam brachte, und mit unausſprechlich drückendem n! Gefühl fuhr er endlich fort,„ſowie auch das Kind. folgender„Gott ſegne Dich, liebe Nora! Nie, darauf kannſt Du Dich verlaſſen, ſo gewiß als hätte ich es mit den Fingern auf der Bibel geſchworen, werde ich Dich oder gut in die die Kleine verlaſſen: ſo lange ich noch ein Stück Göteborg Brod verdienen kann, wollen wir es theilen. Ich habe ein wenig Dich oft in meinen Gedanken, und wenn Du nur Ge⸗ bin ich ge⸗ duld haſt und auf Gott vertraueſt, ſo kann es wohl jen in der noch gut für Dich hier im Leben werden. Man ſoll Wirthshaus ſo viele Sorgen und Widerwärtigkeiten im Leben 2 haben, bis man wird, wie man ſein ſoll; aber man , das ſah muß ſie mit Geduld tragen und denken, es geſchieht verſtanden, zu ſeinem Beſten, wenn man auch wohl bisweilen en, daß ich glauben kann, daß es nicht ſo iſt. Uiſt er guu„Grüße den Elg und Waſſer⸗Laſſe fleißig. Ich werde 4 ihnen beiden bald einen Brief ſchreiben. Sie ſind ehren⸗ einem Mo⸗ werthe und gute Jungen, auf die ich mich verlaſſe, wie auf mich ſelbſt. Grüße auch alle andern Bekannten und Freunde, keiner genannt und keiner vergeſſen, von dem, der ſtets verbleibt Dein redlicher und guter Freund Paul Wärning Göteborg und die Traube in der Altſtadt den 18. November 18.. Nachdem Paul ſeinen Brief verſiegelt hatte, legte er ſich zu Bette. Dieſe Nacht aber ſchlief er nicht ſo gut wie gewöhnlich. Theils waren ſeine Gefühle und Gedanken aufgeregt bei der Erinnerung an Nora und bei den unfreiwilligen Gedanken an alte Zeiten, wie ein Brief an ſie, falls er damals einen ſolchen ge⸗ ſchrieben hätte, ein ganz anderer geweſen ſein würde, theils wurde er beſtändig von Gelächter und Geplau⸗ der in dem angrenzenden Zimmer geſtört. Di Zimmer war eigentlich eine Gaſtſtube, die gewößili im Winter nicht benutzt, aber dennoch bisweilen ohne Mitwiſſen des Herrn Klint geheizt und von den Da⸗ men zum Kleidezimmer für Bälle angewendet wurde, weil aller Staat, der bei einer ſolchen Gelegenheit im Schwunge war, unmöglich in der kleinen Kammer, die der Kellermeiſter ihnen überließ, Platz finden konnte. Da es heute Sonntag war, ſo ſchloß Paul richtig ge⸗ nug, daß das Geräuſch im angrenzenden Zimmer ſich davon herſchrieb, daß die Herrſchaften ſich zu genann⸗ tem Vergnügen in Ordnung machten, und er wünſchte nur von Herzens Grunde, daß ſie bald ein Ende ma⸗ chen möchten, damit er ſich in Frieden und Ruhe mit der Vorſtellung beſchäftigen könnte, wie er einen Brief an Nora zuſammengeſetzt haben würde, wenn ſie noch ſeine Braut geweſen wäre. 4 Das Verhältniß zwiſchen Jungfer Jeannette und Paul fuhr fort, wo nicht gerade feindſelig, ſo doch wenigſtens hinreichend geſpannt zu ſein, als daß noch eine Frage in Betreff des Maskeraden⸗Planes vor⸗ kommen konnte. Ein Paar Male ſchien zwar Jean⸗ gwecke, nette ei zu woll. verſteher — und So oft Paul's Vergnüg ſen, daß gewiß n und wie valiere nur no Vorzug einander könnten. Unt Blick ab war und In großen Es dete wed des Hau legunge auf und rüſtunge An böſe, un von Bu ſeinen daß jede oder K. drücklich Dabei dammte lich zu Bekannten ſeſſen, von fühle und Nora und ſeiten, wie det wurde, egenheit im ammer, die den konnte. richtig ge⸗ Zimmer ſich zu genann⸗ er wünſchte Ende ma⸗ d Ruhe mit einen Brief un ſie noch annette und ig, ſo doch ls daß noch Planes vor⸗ zwar Jean⸗ 175 nette einen halben Zoll von ihrer Würde weggeben zu wollen; aber Paul verſtand nicht, oder wollte nicht verſtehen, denn jetzt hatte er auf jeden Fall kein Geld — und alſo verblieb man auf dem ſtumpfen Fuße. So oft wie möglich redete gleichwohl Jeannette in Paul's Gegenwart mit Andern über das erwartete Vergnügen, und ſie hörte nie auf, ihr Glück zu prei⸗ ſen, daß ihr ein Coſtüm verſprochen wäre, desgleichen gewiß nicht viele aufweiſen ſollten, und wie ſie tanzen und wie ſie ſich beluſtigen wollte, und wie viele Ca⸗ valiere ſie hätte, die ſie hinführen wollten: ſie wußte nur noch nicht recht, welchem unter ihnen ſie den Vorzug geben ſollte, denn ſie wären ſo eiferſüchtig auf einander, daß ſie ſich die Augen aus dem Kopfe reißen könnten. Unter ſolchen Reden wurde dann und wann ein Blick abgeſchickt, um den Paul zu beſpähen: aber er war unverbeſſerlich— wirklich aus Stein gehauen. In der Mitte des Decembers traf die Zeit der großen Luſtbarkeit ein. Es war ein Sonntag. Dieſen ganzen Tag re⸗ dete weder Jeannette noch eine der übrigen Jungfern des Hauſes ein Wort mit Paul; doch aus ihren Ueber⸗ legungen und ihrem unaufhörlichen Gelaufe Treppe auf und Treppe ab, ſchloß Paul auf große Zu⸗ rüſtungen. An ſolchen Tagen war der Kellermeiſter immer böſe, und indem er mit eigener Hand mehre Dutzende von Butterbröden verfertigte, gab er dem Kitzel in ſeinen Fingerſpitzen dadurch eine kleine Erleichterung, daß jedes Butterbrod, welches mit einem Schnitt Käſe oder Kalbsbraten verſehen wurde, immer einen nach⸗ drücklichen Schlag erhielt, natürlicher Weiſe zu dem Zwecke, damit das Aufgelegte liegen bleiben möchte. Dabei ſchalt er vor ſich hin und verfluchte das ver⸗ dammte Unterrockspack, und gab dadurch nicht undeut⸗ lich zu verſtehen, daß er dieſem, nämlich dem Packe, nicht ungerne alle die Schläge gegeben haben würde, welche die Butterbröde erhielten. Dieſe kleine Phantaſierache des Kellermeiſters an Gegenſtänden, die er nicht erreichen konnte— die Mädchen waren ihm unentbehrlich— erinnert uns an eine Anekdote, welche allzu gut beweiſt, welche Erleich⸗ terung die Seele von einer bloß in der Einbildung befriedigten Rache erhält, als daß wir dieſelbe ver⸗ ſchweigen ſollten, beſonders da wir zu vollkommener Glaubwürdigkeit in einer Note ſetzen können**) Die Scheren ſind eben ſo gut wie die Städte und die Fiſcherdörfer an der Küſte bekannt dafür, daß die Bewohner derſelben mit einer gewiſſen Vorliebe ſolche Geſchäfte treiben, in welchen die Seezollkammer an ihren Einkünften geprellt wird. In einem dieſer grö⸗ ßeren Fiſcherdörfer lebte vor nicht gar langer Zeit ein Kaufmann, deſſen Keller reiche geheime Niederlagen enthielten, die jedoch nicht ſo geheim waren, daß nicht der allwiſſende Zollbeamte etwas davon erfahren hatte. Es wurde ganz unverhofft eine Viſitation angeſtellt, und ſo pfiffig, ja ſo ſorgfältig auch die Waaren ver⸗ borgen waren, ſo wurden ſie doch gefunden und in Beſchlag genommen. Der Kaufmann, ein Mann von feſtem und ernſtem Charakter, nahm die Geſchichte ru⸗ hig und als ein Kaufmannsunglück, das ſich ein an⸗ deres Mal repariren ließe. So dachte jedoch nicht ſeine Frau: ſie brannte vor Rache gegen den dienſt⸗ eifrigen Zollbeamten. Da ſich aber die Nache nicht in natura ausüben ließ, ſo machte ſie ſich ein Bild von Zeug, das an Größe und den übrigen Propor⸗ tionen dem Beamten ähnlich war. Dieſes Bild hängte ſie in ihrem eigenen Zimmer an die Wand und genoß darauf an jedem Tage das rohe und barbariſche Ver⸗ gnügen, ihren Plagegeiſt mit einem Rohrſtocke durch⸗ prügeln zu können*). *) Geſchichtlich. Do Die Kellerſa Kammer fengehen frauen,“ hatte, zu über die das Gef verkündig Traube d genomme eine Ritz ſo machte ſelben zu ſein, zu ausſehen ſteck eine Maskerad anderer wunderun Bei konnte P eine groß und Men ken.„D bedeuten? ſtanden Paul W een würde, neiſters an te— die rt uns an e Erleich⸗ Einbildung eſelbe ver⸗ lkommener **) tädte und r, daß die liebe ſolche ammer an dieſer grö⸗ ler Zeit ein ahren hatte. n angeſtellt, Vaaren ver⸗ nden und in Mann von heſchichte ru⸗ ſich ein an⸗ jedoch nicht mden dienſt⸗ Rache nicht ich ein Bild gen Propor⸗ Bild hängte d und genoß bariſche Ver⸗ rſtocke durch⸗ 177 Doch wir kehren zu Paul zurück. Die Geſchäfte des Tages waren beendigt, der Kellerſaal geſchloſſen, und Paul begab ſich in ſeine Kammer, um ſich noch ein Stündchen vor dem Schla⸗ fengehen mit dem Leſen der„zwölf ſchlafenden Jung⸗ frauen,“ die er neulich von der Haushälterin geliehen hatte, zu unterhalten. Aber er hatte kaum den Fuß über die Schwelle geſetzt, als ihm das Geräuſch und das Geſchwätz in dem angränzenden Zimmer ſchon verkündigte, daß die drei wachenden Jungfrauen der Traube dieſes wiederum als Ankleidezimmer in Anſpruch genommen hatten. Und da Paul ſchon lange vorher eine Ritze in dem dünnen Thürſpiegel entdeckt hatte, ſo machte er ſich kein Gewiſſen daraus, ſich jetzt der⸗ ſelben zu bedienen; denn es mußte doch ſehr angenehm ſein, zu ſehen, wie ſie jetzt auf die Weiſe aufgedonnert ausſehen könnten, und er erhielt auch in ſeinem Ver⸗ ſteck einen nicht ſo undeutlichen Begriff von einer Maskerade. Aber daneben waren dort auch eine Menge anderer Dinge, die ſeine Aufmerkſamkeit und Ver⸗ wunderung in Anſpruch nahmen. Bei dem erſten Blicke in das Jungferngemach konnte Pauls Auge nichts anderes unterſcheiden, als eine große Zuſammenrührung von Lichtern, Spiegeln und Menſchen, glänzenden Zeugen, Federn und Mas⸗ ken.„Der Henker!“ ſagte Paul,„was ſoll das alles bedeuten?— ſie haben ſich, glaube ich, als Kerle ver⸗ kleidet! Nein... ja wahrhaftig, das ſind richtige Kerle! Alle Wetter! das ſind ja...“ und hier ſchwebten Paul einige ihm ganz wohlbekannte Namen über die Lip⸗ pen..„Jede hat ihren!“. Paul's Blick gewöhnte ſich allmälig an die Ge⸗ genſtände des Zimmers, ſo daß er folgende Gemälde unterſchied: In einer Reihe, etwas von einander entfernt, ſtanden drei große Spiegel, jeder auf ſeinem Tiſche. 12 Paul Wärning. 178 Vor dem hinterſten figurirte eine von den drei Da⸗ men in weißem Anzuge, und wenn man aus allen Blumen ſowohl auf und unter dem Hute als auch in dem kleinen Blumenkorbe, der wechſelsweiſe bald auf dem linken und bald auf dem rechten Arme verſucht wurde, auf ihre Beſtimmung ſchließen konnte, ſo war es deutlich, daß ſie eine Schäferin vorſtellen wollte. Inzwiſchen war ihre Toilette, obgleich ſchon vollen⸗ det, vermuthlich nicht nach Wunſch gelungen, was man daraus abnehmen konnte, daß ein junger, wohlgeklei⸗ deter Herr, welcher auf den Zehen um die Schöne herumtrippelte, den Stengel einer Roſe bald auf bald unter dem Hute zurecht bog und bisweilen dem Halſe, dem Kopfe und den Schultern der Schäferin eine beſſere Haltung gab, welche ſie auf die beſte Weiſe zu faſſen ſuchte. „Ja, ziere Dich nur, Du garſtiges Stück!“ ſagte Paul, mit dem Finger heimlich der ſchönen Schäferin drohend.„Pfui, ſolche Schlampen! Nimmermehr hätte ich mir vorſtellen können, daß Weibsbilder ſich ſo auf⸗ führen könnten, wie dieſe!“ Und Paul ließ den Blick von dem mittleren Spie⸗ gel, vor welchem der Platz leer war, nach dem Sopha wandern, auf welchem eine in allem möglichen Flitter⸗ ſtaate und Gepränge glänzende Negerin an der Seite ihres Cavaliers ſaß, der wahrſcheinlich ſehr von ihr eingenommen war; denn während er ihr aus einem gut gefüllten Beutel Confect anbot, beſang er fort⸗ während ihre Reize, welche die ſchwarze Tracht ohne Maske ganz zum Entzücken erhob, und ſie ihrer Seits ermahnte ihn unaufhörlich, er möchte ſie in Ruhe laſ⸗ ſen, damit ihr Anzug nicht in Unordnung käme. Jetzt ſchüttelte Paul den Kopf, und die einzige Anmerkung, welche er ſich über die Negerin erlaubte, war folgende:„Ich möchte wohl wiſſen, ob ſie in⸗ wendig im Herzen weißer ſein kann, als die weißen Lappen, welche ſie auf dem Leibe hat!“ wähnte bei dem nehme wenn ſi des Kr die erzü Je dunkelre rothen geſchnür Augenbl war ſie in einer ſchwanke ohne C vor die einen u Befehle .„S mir zu wohl ſe hätte br Nun kü bleibe z Und Je bitterlich ◻ „ wollte d „Un chen! tr tet nicht drei Da⸗ aus allen s auch in bald auf e verſucht 2, ſo war en wollte. an vollen⸗ was man vohlgeklei⸗ ie Schöne auf bald dem Halſe, ferin eine Weiſe zu k!“ ſagte Schäferin nehr hätte eren Spie⸗ dem Sopha hen Flitter⸗ der Seite hr von ihr aus einem ng er fort⸗ Tracht ohne ihrer Seits Ruhe laſ⸗ äme. die einzige in erlaubte, ob ſie in⸗ die weißen Und nun fielen ſeine Augen geraden Weges auf den dritten Spiegel. Er war eilfertig über die er⸗ wähnten Gemälde geflogen, damit er um ſo länger bei dem letzten verweilen könnte. Der Tiſch, an welchem die vornehmſte Schweſter der Grazien, Jungfer Jeannette, die letzte Hand an ihre Toilette legte, enthielt eine wahre Fluth von allen Arten Kleinigkeiten. Manches ſogenannte vor⸗ nehme Frauenzimmer würde zufrieden geweſen ſein, wenn ſie bei ihrem Anzuge nur über den achten Theil des Krames hätte gebieten können, in welchem jetzt die erzürnte Gebieterin der Traube wühlte. Jeannette in ihrer belobten Türkinnen⸗Tracht von dunkelrother Seide, weißen Mamelucken und roſen⸗ rothen Schuhen mit mehrmals nett um den Knöchel geſchnürten Bändern, ſah recht hübſch aus. In dem Augenblicke jedoch, da Paul ſie zu Geſichte bekam, war ſie nicht allzu liebenswürdig, denn ſie riß gerade in einem Anfalle von Aerger den Turban mit den ſchwankenden Panachen von dem Kopfe und warf ihn ohne Complimente einer civilgekleideten Militärperſon vor die Füße, welcher mit dem Stecknadelbriefe in der einen und den Haarnadeln in der andern Hand ihre Befehle erwartete. „Sagte ich's nicht heute Vormittag, daß die Beſtie mir zu weit wäre! Und der Lieutenant hätte auch wohl ſelbſt ſehen können, wenn er nur die Augen hätte brauchen wollen, daß er mir zu groß ſein würde! Nun kümmere ich mich auch um nichts mehr... Ich bleibe zu Hauſe— ich fahre nicht von der Stelle!“ Und Jeannette warf ſich auf einen Stuhl und fing bitterlich an zu weinen. „Ja heule, du Meerkatze!“ murmelte Paul.„Ich wollte dich heulen lehren, ich!“ „Um alles in der Welt, mein Engel, mein Süß⸗ chen! tröſte Dich!“ bat der Lieutenant.„Das bedeu⸗ tet nicht das Geringſte und läßt ſich leicht beſſern“— 180 er nahm den Turban auf—„gib mir nur Nadel und Zwirn, ſo legen wir eine Falte, und damit iſt alles gut!“ „Die Braut des Lieutenants hat ihn nähen gelehrt, kann ich mir denken!“ ſagte Jeannette höhniſch, ſtand aber doch, durch den Vorſchlag beruhigt, auf, und be⸗ gann in der Nähſchachtel umher zu wühlen. Der Turban wurde gebeſſert, und als Jeannette ihn nun wieder aufſetzte, ſo war Nichts anzumerken. Der Lieutenant und Bräutigam— da er dieſe beiden Titel erhalten hatte, mußten ſie ihm wohl zukommen — nahm wiederum ſeine Nadeln in die Hand, und während die Türkin die eine nach der andern an ſich riß und ihre Gnadenbezeugungen gegen ihren aufwar⸗ tenden Cavalier karg abmaß(denn faſt alle ihre Blicke fielen auf den Spiegel), wurde der Turban endlich befeſtigt und ſaß nun wie ein Felſen. „Die Schärpe her!“ befahl die kleine Schönheit und nahm einen rothen und gelben Langſhawl aus den Händen ihres Anbeters, welche Hände ihr auch dienſt⸗ willig bei der Drapirung halfen. Damit ging es ſo zu, daß der Shawl, loſe über die linke Schulter ge⸗ worfen, mit einem leichten Knoten unter dem rechten Arme geſchürzt wurde. Ob die türkiſchen Damen ihre Shawls auf dieſe Weiſe tragen, wiſſen wir nicht; Jeannette aber behauptete, dieſes beſtimmt zu wiſſen, und machte noch außerdem mehrere andere kleine Ver⸗ beſſerungen an der türkiſchen Tracht, welche, wenn ſie fich auch nicht beſonders durch ihre Treue auszeichneten, dennoch von einem gewiſſen Geſchmacke zeugten. Endlich war nichts weiter übrig, als die weißen Handſchuhe. „Nimm Dich in Acht, mein Engel!“ ermahnte der Lieutenant,„zieh' ſie nicht zu heftig an!“ „Ja, meiner Treu'! ſie iſt mir gerade der rechte Engel!“ meinte Paul.„Jetzt kenne ich das Pulver, obgleich Falle l „2 Jeanne ſie geke Aufford war, m den. 6. denn ſie andere entzwei. Wi denen J ſich vor „N Du in Zauberi riſſenen „Je vielleich als ein mir gan er es w es viel nicht m gekomm erſten N dem Gr. ſchuhe! Er Aber eb Schnell, Schulten das mit ſes And Inhalt adel und iſt alles gelehrt, ch, ſtand und be⸗ Jeannette umerken. ſe beiden ukommen nd, und n an ſich aufwar⸗ hre Blicke n endlich Schönheit aus den ch dienſt⸗ ing es ſo zulter ge⸗ m rechten amen ihre dir nicht; zu wiſſen, eine Ver⸗ wenn ſie geichneten, en. ie weißen rahnte der der rechte s Pulver, 181 obgleich ich nicht ſo geſcheidt war, da ſie mich in die Falle locken wollte.“ „Darf man ſie nicht einmal anfaſſen,“ antwortete Jeannette biſſig,„ſo iſt es wohl der Fehler deſſen, der ſie gekauft hat!“ Und vielleicht bewirkte gerade die Aufforderung, ſich in Acht zu nehmen, daß ſie eifriger war, mit dem Anziehen der Handſchuhe fertig zu wer⸗ den. Genug: ſie war nicht eigentlich unachtſam— denn ſie wußte, daß ſie für den Augenblick über keine andere diſponiren konnte— aber dennoch riſſen ſie entzwei. 3 Wir unterlaſſen es, die Ausdrücke herzuſetzen, in denen Jeannette ihrem Aerger Luft machte. Man kann ſich vorſtellen, daß ſie gewählt waren. „Nein, es iſt gewiß wahr und wahrhaftig, daß Du in Deinem Zorne liebenswürdig biſt, meine kleine Zauberin!“ ſcherzte der Lieutenant, und hielt den zer⸗ riſſenen Handſchuh an das Licht. „Ja, ſehen Sie ihn nur an, Herr Lieutenant!— vielleicht wollen Sie auch den noch flicken, ſo daß ich als ein rechtes Spektakel kommen ſoll? Aber das iſt mir ganz recht, denn ich hätte den Großhändler, als er es wollte, Alles beſorgen laſſen können: Da wäre es viel beſſer geworden, und er wäre, meiner Seel', nicht mit einem einzigen Paar Handſchuhe angeſchoben gekommen!“ „So, Jeannette!“ fiel der Lieutenant ein, ſich zum erſten Male beleidigt zeigend,„ſchwatze nicht jetzt von dem Großhändler!.. Hier iſt ein anderes Paar Hand⸗ ſchuhe!“ Er wendete ſich um, ſie aus der Taſche zu holen. Aber eben dieſe Wendung reizte Jeannette's Neugierde. Schnell, wie der Blitz, ſtreckte ſie den Kopf über ſeine Schultern, und ſah, wie er etwas Anderes verſteckte, das mit den Handſchuhen in einem Pakete lag. Die⸗ ſes Andere war ein rothes Saffiansfutteral, deſſen Inhalt Jeannette nothwendig ſehen wollte— denn daß es nicht für ſie beſtimmt war, konnte ſie leicht vermu⸗ then, da er es ſo ſorgfältig verſteckte. „Dieſe Handſchuhe ſind nun wieder viel zu groß — man kann deutlich ſehen, daß ſie nicht für mich be⸗ ſtimmt waren.“ „Sind ſie zu groß, mein Liebchen, ſo biſt Du um ſo ſicherer, daß ſie auf die Hände gehen!“ „O je, damit hat es, wie ich glaube, keine Ge⸗ fahr... Aber ich möchte ſehr gerne zum Spaß ſehen, was der Lieutenant dort in dem Futterale hat.“ „Kümmere Dich darum nicht— wir thun am klüg⸗ ſten, wenn wir eilen!“ „Fi, ſein Sie nicht ſo abgünſtig!“ ſagte Jeannette ſchmeichelnd.„Es wäre ausnehmend luſtig, ſüßer Lieu⸗ tenant! wenn ich ſehen dürſte, wie ein richtiges Bräu⸗ tigamspräſent ausſieht, denn alle Handſchuhe ſind doch einander ähnlich, nur mit dem Unterſchiede, daß ein Theil für kleine und ein Theil für große Hände paßt.“ „Begnüge Dich nun mit den Handſchuhen!“ bat der Lieutenant ein wenig ungeduldig. Aber Jeannette begnügte ſich nicht damit: mit vie⸗ ler Anmuth warf ſie die Arme um den Hals ihres Anbeters, und nun war er ſo gefeſſelt, daß in wenigen Augenblicken das Futteral aus ſeiner Taſche und in Jeannette's Hand kam. „Nein! ein ſo liſtiges Stück!“ ſagte Paul, ganz blutroth von dem Verdruß, den er empfinden mußte, „mußte ſie ihn endlich doch noch über werden, obgleich er ungern nachgab— denn ich ſehe ihm an, daß es ihm recht ſchwer wird.... Es ſoll mich nur wundern, ob er die kleine Doſe wieder bekommt!“ „O du mein großer Gott, wie göttlich!“ rief Jea⸗ nette, und riß eine koſtbare Broche aus dem Futterale. „Nie, obgleich ich ſo viele Sachen zum Geſchenk erhal⸗ ten habe, ſah ich etwas ſo Schönes! Ich will wahr⸗ haftig morgen den Großhändler bitten, daß er mir eine ähnliche ſchafft— ich gebe mich nicht eher, als bis ich leihen S gebe ich ſie beſtin ein Paa ſie in m „W Ic „Jc vergnügt jeden Fe klei mehr ein End und ſo Treppe finſter der gan er ihn Kopf zu er ſich ſetzte, t vermu⸗ zu groß mich be⸗ Du um eine Ge⸗ aß ſehen, t.“ am klüg⸗ Jeannette ßer Lieu⸗ es Bräu⸗ ſind doch daß ein de paßt.“ en!“ bat : mit vie⸗ als ihres n wenigen e und in gaul, ganz en mußte, ,obgleich n, daß es wundern, rief Jea⸗ Futterale. enk erhal⸗ vill wahr⸗ aß er mir eher, als 183 bis ich ſie bekomme! Aber, lieber, ſüßer Lieutenant! leihen Sie mir heute Abend dieſe Broche! Morgen früh gebe ich ſie Ihnen ſogleich zurück, und die, für welche ſie beſtimmt iſt, hat keinen Schaden davon, daß ich ſie ein Paar Stunden gebrauche.“ Der Lieutenant erröthete ſtark.„Behalte ſie,“ ſagte er,„das iſt beſſer!“. „O behüte! ſie iſt wohl keine ſolche Heilige, daß ſie die Broche nicht mehr berühren darf, nachdem ich ſie in meinen Händen gehabt habe?“ „Wenigſtens,“ antwortete der Lieutenant in einem Tone, der kaum das koſtbare Geſchenk in Jeannette's Ohren verſöhnen konnte,„möchte ich ſie ihr nachher ht anbieten!“ „Ja wahrhaftig, da bekam ſie's!“ ſagte Paul, ganz vergnügt nickend.„Aber ein großer Narr war er auf jeden Fall, daß er ſich die Tuchnadel ablocken ließ! Ich hätte mich, meiner Seele, abküſſen laſſen, ſo viel ſie gewollt hätte, und hätte ihr doch nicht ſoviel gege⸗ ben, wie eine Stecknadel!“ Jeannette brach in ein freches Gelächter aus, ſteckte die Broche an und begann darauf ſingend die neuen Handſchuhe anzuziehen, welche in der That weit kleiner waren, als die vorigen, aber dennoch mit hei⸗ ler Haut auf die Hand gingen, denn das war nun⸗ mehr eine Ehrenſache. Endlich ſtanden alle drei Paare fertig und in ihre Oberkleider gehüllt. Die Lichter wurden ausgelöſcht, und ſo begab ſich die Geſellſchaft in aller Stille die Treppe hinab zu den wartenden Wagen. Noch lange, nachdem ſchon das Zimmer leer und finſter geworden war, ſtarrte Paul durch die Ritze: der ganze Anblick ſtand ſo klar vor ſeinen Augen, daß er ihn ohne Licht ſehen konnte. Endlich zog er den Kopf zurück aus der beſchwerlichen Lage, und indem er ſich vor das zuſammenſinkende Feuer in dem Ofen ſetzte, in deſſen Mitte ein Paar Brände rauchten— 184 denn Paul hatte, gegen ſeine Gewohnheit, das ganze Feuer vergeſſen— konnte er den Gedanken nicht unter⸗ drücken:„Nora iſt doch ein Engel des Lichtes gegen dieſe frechen Weibsbilder!“ Lange dauerte es, bis er von der tiefen Verwun⸗ derung zurück kam, in welche ihn die Geheimniſſe des Nebenzimmers verſetzt hatten, und am folgenden Mor⸗ gen würde er Alles für einen ſonderbaren Traum ge⸗ halten haben, wenn nicht die Ritze in der Thüre, wel⸗ cher er auch jetzt zuſprach, ihm den Gräuel der Ver⸗ wüſtung gezeigt hätte: die Damen, erſt vor Kurzem zurückgekehrt, hatten nämlich hier ihre Coſtüme abge⸗ worfen, und Alles lag jetzt unordentlich durch einander geworfen, auf dem Sopha und auf den Tiſchen und Stühlen umher. „Ja ja, es war gewiß die reine Wahrheit!“ ſagte Paul.„Und in meinem ganzen Leben vergeſſe ich die Traube nicht, die mir ſolche Lehren gegeben hat!“ Fünfzehntes Kapitel. Unſer Held bekommt Beſuch und hat einen frohen Tag, wel⸗ cher nachher die Veranlaſſung gibt zu einer Aenderung in ſeinem beſtimmten Lebensplane. Mehrere Wochen nach dem Abende, an welchem Paul ſeine erſte Lektion in dem Maskeradenweſen er⸗ hielt, war er mehr als es ſeit ſeiner Trennung von Nora geſchehen war, in ſeinen Gedanken mit ihr beſchäftigt⸗ Und ſo wenig Ehre es im Ganzen war, mit der durch⸗ triebenen und ſchamloſen Jeanette verglichen zu wer⸗ den, ſo gereichte doch dieſer Vergleich— der einzige, den Pau anzuſtelle Vortheile leichtſinn ſie doch wie ſie nächſt ko Gefühl von ihre hatte ſich ſie ihm e daß, als ſtützung natslohn ſelben. Wa mehrmal tige Jal pferd, und wel und der große Sei war, de als Kna umherw jedoch d ihm vie zu eigene außerder ſo war Verlag und Fibe mußte e der Ver ger, ſo Verdien das ganze icht unter⸗ btes gegen Verwun⸗ nniſſe des den Mor⸗ rraum ge⸗ hüre, wel⸗ der Ver⸗ r Kurzem ime abge⸗ Heinander iſchen und eit!“ ſagte ſſe ich die hat!“ Tag, wel⸗ nderung in welchem weſen er⸗ von Nora veſchäftigt⸗ der durch⸗ zu wer⸗ er einzige, 185 den Paul in ſeinen Verhältniſſen mit eigenen Augen anzuſtellen Gelegenheit hatte— Noren zu bedeutendem Vortheile. Denn obgleich er ſie noch immer für ein leichtſinniges und unbedachtſames Weſen hielt, ſo war ſie doch bei weitem nicht ſo verdorben und verworfen, wie ſie ihm im Anfange vorgekommen war. Dem⸗ nächſt kam in Betrachtung ihre tiefe Reue und das Gefühl von Ehre, welches ſie bewieſen hatte, da ſie von ihrem Verführer kein Geld annehmen wollte; Nora hatte ſich nicht verkauft, und neben Jeannette erſchien ſie ihm engelrein. Das Reſultat dieſer Vergleichung war, daß, als Paul Nora das nächſte Mal die kleine Unter⸗ ſtützung ſchickte, dieſe nicht in der Hälfte ſeines Mo⸗ natslohnes beſtand, ſondern in Dreiviertheilen deſ⸗ ſelben. Während des Winters äußerte der Kellermeiſter mehrmals den Wunſch, Paul ordentlich für das künf⸗ tige Jahr zu miethen. Aber Paul hatte ein Stecken⸗ pferd, von welchem er ſich ſchwerlich trennen konnte, und welches ſeit der völligen Auflöſung des Knippſes und der völligen Veränderung ſeiner Stellung ſehr große Macht über ihn bekommen hatte. Sein Plan für den Sommer und den Frühling war, die frohen Träume zu verwirklichen, welche er als Knabe von dem freien und luſtigen Leben eines umherwandernden Liederverkäufers geträumt hatte. Da jedoch der Verkauf von Liedern, Mährchen und Bildern ihm vielleicht nicht mehr einbringen würde, als was er zu eigenem nothdürftigem Unterhalte gebrauchte und er doch außerdem noch ſeine kleine Familie zu verſorgen hatte, ſo war er geſonnen, ſeinen Handel durch einen kleinen Verlag von Geſangbüchern, Katechismen, Kalendern und Fibeln zu vermehren. Auf dieſe Weiſe ausgerüſtet, mußte es natürlicher Weiſe gelingen, und wenn auch der Verdienſt nicht größer werden ſollte, als ſein jetzi⸗ ger, ſo müßte er auch damit ſich begnügen, denn der Verdienſt war beinahe nur eine Nebenſache in Ver⸗ 186 gleich mit der großen Hauptſache, nämlich alle die großen Abenteuer, die ihm auf ſeiner Fahrt begegnen würden. Welche Freude mußte das nicht ſein, welches Leben, in völliger Freiheit draußen in den Wäldern, draußen auf den Landſtraßen zu athmen— ſein eige⸗ ner Herr zu ſein.... zu kommen und zu gehen, wann man wollte, wohin man wollte! Paul's Herz ſchlug laut bei dieſem lieben Traume ſeiner Kindheit, welcher dem Jünglinge noch eben ſo lebhaft vorſchwebte: Tag und Nacht war er ſeine Ge⸗ ſellſchaft, und je mehr Paul ihn erweiterte, um ſo un⸗ möglicher wurde es ihm, auf Herrn Klint's Vorſchlag, in der Traube zu bleiben, einzugehen, und das Ein⸗ zige, was er ſeinem Herrn verſprechen konnte, war, er wollte im nächſten Herbſte zurückkommen, ohne daß er ſich weiter etwas von ſeinen Plänen merken ließ. So ſtanden die Sachen, als Paul zu Anfange des Märzmonates einen Beſuch von nicht mehr und nicht weniger als den beiden theuren Freunden, Elg und Waſſer⸗Laſſe, erhielt. Noch nie hatte der Letztgenannte ſeinen Beinamen mehr verdient, als jetzt, da ſeine wirklich ausgewäſſerten und abgemagerten Backen ganz deutlich anzeigten, daß er einen Winter in einem der ärmſten Fiſcherdörfer in den Scheren verlebt hatte. Mit ſeinem geſammelten Monatsgelde hatte er Vater und Mutter und ſeinen kleinen Geſchwiſtern geholfen, ſo weit es gereicht hatte; darauf hatte er für ſie ge⸗ fiſcht und zuletzt mit ihnen gehungert, bis es Zeit war, ſich in Göteborg nach neuem Verdienſte umzu⸗ ehen. Elg's von Natur mehr gerundetes Geſicht ſah nicht ganz ſo betrübt aus; aber er hatte auch nur ſeinen alten Vater zu verſorgen, und dieſer, ein rühriger Greis, konnte noch ſeine Fiſchgeräthe benutzen, weß⸗ halb Elg auch oft faſt mit Gewalt die Hälfte ſeines Fanges in Laſſe's Korb gelegt hatte. In d der beider Das zu warten ſeiner nei ihrer Kan als Matr ſchuß in nämlich war— robe fehl ben, un aufzuſucht Pau die Erlai wendung eine ziem welcher Paul Ge „Wi „Ne das iſt Waſſer⸗L fragte,( „ℳ einen C ſchmauſe 7 wir gehe auf die gend, w legten, trauliche ſtadt na mäßigen nicht ſch ſeine Fr 187 alle die In dieſem Augenblicke jedoch waren die Ausſichten begegnen der beiden jungen Leute bei weitem günſtiger. „welches Das Selbſtgefühl hatte ihnen geboten, einige Tage Wäldern, zu warten, ehe ſie Paul aufſuchten, damit dieſer in ſein eige⸗ ſeiner neuen Würde als Kellner nicht nöthig hätte, ſich i, wann ihrer Kameradſchaft zu ſchämen. Sie hatten nun beide als Matroſen Miethgeld bekommen, und mit dem Vor⸗ Traume ſchuß in der Taſche waren ſie nicht faul— nachdem eben ſo nämlich ein guter Theil davon nach Hauſe geſchickt eine Ge⸗ war— erſt gehörig nachzuhelfen, was an der Garde⸗ n ſo un⸗ robe fehlte und dann nach der Altſtadt hinaus zu tra⸗ Vorſchlag, ben, um den ehemaligen Buchhalter der Gevatterin das Ein⸗ aufzuſuchen. te, war, Paul begehrte zum erſten Male von ſeinem Herrn hne daß die Erlaubniß, auszugehen, und erhielt auch ohne Ein⸗ n ließ. wendung einen ganzen Freitag. Nachdem man nun ſange des eine ziemlich lange Disputation darüber gehalten hatte, und nicht welcher von ihnen„ſpendiren“ ſollte, erhielt endlich Elg und Paul Gehör und wurde als Wirth angenommen. genannte„Wir gehen wohl in das Seepferd?“ fragte Elg. da ſeine„Nein, dahin ſetze ich nie wieder meinen Fuß— ken ganz das iſt ein gemeines Loch!“ verſicherte Paul, und inem der Waſſer⸗Laſſe nahm eine kleine ſatyriſche Miene an und bt hatte. fragte, Elg in die Seite ſtoßend: er Vater„Meinſt Du dummer Jöns, es würde ſich für geholfen, einen Göteborger Herrn paſſen, im Seepferde zu r ſie ge⸗ ſchmauſen?“ es Zeit„O ſchweig, Du Spaßvogel!“ lachte Paul.„Nein, e umzu⸗ wir gehen in die„drei Weißlengen!“ Und einen Arm auf die Schulter eines jeden der beiden Freunde le⸗ ſah nicht gend, welche wiederum ihre Arme auf die ſeinigen er ſeinen legten, wanderten ſie alle drei auf gewöhnliche ver⸗ rühriger trauliche Seemannsweiſe auf dem Wege von der Alt⸗ 1, weß⸗ ſtadt nach der Stadt hin. Unter dem frohen takt⸗ e ſeines mäßigen Gange theilten ſie ſich nun alles mit, was nicht ſchriftlich erwähnt worden war. Paul unterhielt ſeine Freunde mit der Beſchreibung von dem Beſuche der Jungfer Jeannette in dem Kellerſaale und von al⸗ lem, was er durch die Thürritze geſehen, während Elg und Waſſer⸗Laſſe, nachdem ſie mit gewaltigen Lach⸗ ſalven für das Vertrauen gedankt hatten, auf's Neue von Nora erzählten— ein Gegenſtand, welchen Paul zu hören nie ermüdete; und die beiden jungen Matro⸗ ſen redeten von ihr mit einer Achtung und einem Wohl⸗ wollen, daß man deutlich den Unterſchied merkte, den ihr Inſtinkt zwiſchen den beiden weiblichen Gegenſtän⸗ den ihrer Unterhaltung machte. „So— ſollte dies hier wohl nicht gut ſein, und haben wir es nicht weit beſſer, wenn wir allein ſind?“ fragte Paul, als die Wirthin in den„drei Weißlen⸗ gen,“ dem kleinen Wirthshauſe, welches Paul bei ſei⸗ ner Ankunft in Göteborg bewohnt hatte, gerade in ſeinem ehemaligen Zimmer einen Tiſch mit, der Ver⸗ ſicherung gemäß,„veritablen engliſchen Beafſteakes,“ ächten ſchwediſchen Kartoffeln, Butter, Brod, geräu⸗ chertem Hammelfleiſch, Käſe, Häringen, Branntwein und Porter deckte. „Ja, hol mich dieſer und jener!“ ſagte Waſſer⸗ Laſſe, indem er mit ſichtbarem Entzücken die artigen Vorbereitungen der Frau Lund betrachtete;„lieber will ich wie ein Dorſch an einem Hamen baumeln, als in das Seepferd gehen, wenn ich ſo nahe bin, daß ich nur den Geruche von den drei Weißlengen fühle.... Seht nur, wie viele Zwiebeln die Alte auf die Beaf⸗ ſteakes gelegt hat! Darauf kann ich ihr Brief und Siegel geben, daß ſo die richtige engliſche Manier iſt, denn ſeht, ich habe Beafſteakes in Liverpool gegeſſen, und dort haben ſie die rechten.“ Und jetzt ſetzten ſich die Freunde um den Tiſch. Nachdem der Appetitſchnapps nebſt dazu gehörigem tüchtigem Ballaſte eingenommen worden, ergötzten ſich die Gäſte in den drei Weißlengen eine Weile damit, auf ihren Stühlen hin und her zu wiegen und bis⸗ weilen ſich hinab zu beugen, um die angenehmen Fleiſch⸗ und Zwiel ſchien ihnen haltſamkeit friſchen Ge einander ſe „Seid zuletzt Pat mit Lingon ich ſeit me darum wil beſtimmt! der Häring die Beafſte „Ich er ſich übe der verital Du noch kannſt, do ſo anſtänd Dich imme „Geb weiß, da und kein? genheit E daß man „Das Waſſer⸗La Beafſteake unterſchlue Verſtand u los, wemn „O, geworden von Unzuß „Neit Sonne ve gutes Sti hen Paul t Matro⸗ (Weißlen⸗ bei ſei⸗ ſerade in der Ver⸗ fſteakes,“ „geräu⸗ nntwein Waſſer⸗ artigen ber will „als in daß ich ühle.... e Beaf⸗ rief und nnier iſt, gegeſſen, Tiſch. hörigem zten ſich damit, nd bis⸗ Fleiſch⸗ und Zwiebelgerüche von den Tellern einzuſaugen. Es ſchien ihnen Spaß zu machen, um den Preis der Ent⸗ haltſamkeit zu wetteifern, während das Geſpräch ſeinen friſchen Gang ging: ſie wollten gleichſam artig gegen einander ſein. „Seid ſo gut und nehmt Euch, Freunde!“ ſagte zuletzt Paul.„Wir bekommen raſcher noch Reiskuchen mit Lingonmus; denn dies iſt der froheſte Tag, den ich ſeit meiner Ankunft in Göteborg gehabt habe, und darum will ich nicht auf den Stüber ſehen— das iſt beſtimmt! Proſit, Jungen! Ihr habt wohl gehört, daß der Häring ein Fiſch iſt? Erſt der Halbe und dann die Beafſteakes!“ Man nahm den Halben. „Ich kann nicht begreifen,“ begann Elg, indem er ſich überreden ließ, den erſten brüderlichen Antheil der veritablen engliſchen Beafſteakes zu nehmen,„wie Du noch einen Heller zum Spendiren übrig haben kannſt, da Du die Nora den ganzen Winter hindurch ſo anſtändig unterhalten haſt! Das arme Mädchen hat Dich immer geprieſen.“— „Gebe Gott, daß es nur für ſie gereicht hat! J weiß, daß ſie ein gutes Herz hat und mildthätig iſt, und kein Menſch weiß beſſer, als ich, wie viel Gele⸗ genheit Einer draußen an unſerm Orte hat zu zeigen, daß man ein gutes Herz hat!“ „Das iſt ſo wahr, als wir heute hier ſind!“ fiel Waſſer⸗Laſſe ein, indem er ein Viertel von einem der Beafſteakes, begleitet von einer großen Kartoffel hin⸗ unterſchluckte.„Aber Du ſollſt wiſſen, Paul, ſie hat Verſtand und weiß abzuknappen! Sie iſt wirklich mackel⸗ los, wenn es darauf ankommt.“ „O, was Du ſagſt; ſie iſt dochwohl nicht geizig geworden?“ fragte Paul mit unverkennlichen Zeichen von Unzufriedenheit. „Nein, Gott behüte, ſo weit davon, wie die Sonne von dem Monde, und vielleicht doch noch ein gutes Stück weiter! Sie iſt ein rares Weibsſtück, und 190 ſie thut den Aermſten mit recht Wenigem Gutes genug, obgleich es für dieſe nicht ſo wenig iſt, das weiß Gott!“ „Nun, das läßt ſich hören.... Aber lange mir nun den Proyfenzieher, damit ich's der Porterbouteille leich⸗ ter machen kann!“ „Da wollen wir ihre Geſundheit trinken!“ ſchlug Elg vor.„Denn ich ſage mit Laſſe, ſie hat Herz und Verſtand und einen ſchlechtern kannſt Du finden, ob⸗ gleich... doch, das iſt eine Sache für ſich, die keinen Andern angeht; aber die Dirne iſt gut, wenn ſie auch ein wenig zu Schaden gekommen iſt, darauf trinke ich!“ „Geſundheit!— Weiß Gott, ich wünſche ihr nichts als Gutes!“ ſagte Paul, aber doch klang es ein Wenig gezwungen, denn es war ihm eben ſo peinigend als unerwartet, daß Jemand auf das Kapitel kommen ſollte. Und Laſſe, welcher augenblicklich merkte, daß Elg in ſeiner Gütmüthigkeit eine„verkehrte“ Saite berührt hatte, beeilte ſich, ſein Glas zu leeren, worauf er wiederum hurtig das Wort nahm: „Die Geſundheit verdiente ſie, davor ſtehe ich, und dagegen hat kein Menſch etwas. Aber ſonſt han⸗ delt Jeder wie er will; und viele Stöße thun noch weh, wenn auch die Geſchwulſt ſich gelegt hat und der blaue Fleck weg iſt und kein Menſch mehr ſagen kann, wo er geſeſſen hat. Und viele Dinge ſind nicht der Mühe werth, davon zu reden— aber über Nora's gutes Herz und Gemüth kann Einer wohl ſprechen, und in dieſem Theile ſoll mir kein Menſch den Mund ſtopfen!“ „Das hört kein Menſch lieber, als ich!“ ſagte Paul, aber noch war ſeine Wange in Gluth und ſein Herz in heftiger Bewegung: es war ſo wunderlich, daß wieder die Rede geweſen war von demjenigen, wovon er dachte, daß Alle, außer ihm ſelbſt, es ver⸗ geſſen hätten. „Ja, Stube vo angeſchafft wir bei u Nun gut, Kinder in ſo daß ſie zu blaſen, verſteht ſie draußen i Dein Va⸗ nicht denk zu danken in der Fil ſogar in! kleinen N Binſematt ſten gibt Paar war was ſie h digkeit. ſo iſt ſie gen ſo hüͤ— als ſich ü wohl fein Bei ſer⸗Laſſe ſ freudigen „großen 2 daß ich's ſo ehrenw ſo lobens weder zur „Da⸗ Einem bi gewußt, o ich glaube s genug, ſas weiß mir nun lle leich⸗ “Iſchlug erz und en, ob⸗ ſich, die t, wenn darauf hr nichts es ein beinigend kommen kkte, daß 2 Saite worauf ſtehe ich, onſt han⸗ dun noch hat und hr ſagen ind nicht r Nora's ſprechen, n Mund !“ ſagte und ſein nderlich, ijenigen, es ver⸗ 191 „Ja, ſo zum Beiſpiel,“ fuhr Laſſe fort,„iſt ihre Stube von allen die wärmſte; Du haſt ihr Feuerung angeſchafft— ſonſt aber weißt Du recht gut, wie wenig wir bei uns davon haben, wenn der Winter lang iſt. Nun gut, Du kannſt Dir denken, Nora läßt alle armen Kinder in ihre oder richtiger in Deine Stube kommen, ſo daß ſie, ſtatt zu Hauſe zu ſitzen und auf die Finger zu blaſen, nun in der Wärme ſitzen können, und zwar, verſteht ſich, ordentlich und ſtill auf den Bänken, die draußen im Schuppen ſtanden, von der Zeit her, da Dein Vater noch Schule hielt. Und nun ſollſt Du nicht denken, daß ſie ihr nur für dieſe Gutthat allein zu danken haben— nein Du: Nora lieſ't mit ihnen in der Fibel und mit denjenigen, die ſchon weiter ſind, ſogar in dem Katechismus, und noch dazu lehrt ſie die kleinen Mädchen Zeug nähen, Strümpfe ſtricken und Binſematten flechten. Und den Artigſten und Fleißig⸗ ſten gibt ſie einen Viertel oder Achtel Brodkuchen, ein Paar warme Kartoffeln, ein Stückchen Häring, oder was ſie haben kann, alles nach Verdienſt und Wür⸗ digkeit. So iſt Nora gegen unſere Kinder und ſo iſt ſie gegen die ganze Nachbarſchaft, in allen Din⸗ gen ſo hülfreich und gut, daß Einer nicht anders kann, als ſich über ſie freuen— und arbeiten thut ſie ſo⸗ wohl fein als auch grob!“ 4 Bei dieſer ganzen herzlichen Ergießung des Waſ⸗ ſer⸗Laſſe ſtrahlte Paul's Antlitz von einer hohen und freudigen Befriedigung.„Dank, Laſſe!“ ſagte er,. „großen Dank für Deine Erzählung! Ich bin ſo froh, daß ich's gar nicht ſagen kann, weil ſie ſich auf eine ſo ehrenwerthe Weiſe wieder aufrichtet, und das iſt um ſo lobenswerther, als ſie eigentlich nie recht Anlage weder zur Arbeit noch zu Geſetztheit hatte.“ „Das Unglück,“ äußerte Elg philoſophiſch,„lehrt Einem bisweilen viel Gutes, was Einer vorher nicht gewußt, oder woran er nicht einmal gedacht hat. Und ich glaube ganz gewiß, Lars Kriſtersſon's Maja wäre von allen ſieben kleinen Kindern weggeſtorben, wenn nicht letzthin, da ſie das achte bekam, Nora ſie ſo zärtlich und herzlich gepflegt hätte, als wäre ſie ihre eigene Schweſter oder Mutter. Dort war weder Feue⸗ rung noch Eſſen, als Nora in der Abenddämmerung hereinkam, ſondern Maja lag mit dem kleinen neuen Kinde halbtodt im Bette, und die andern ſchrieen, jedes in ſeiner Ecke, denn ſieh, wenn auch die Nach⸗ barinnen thaten, ſo gut ſie konnten, ſo gehört etwas dazu, ſieben Mäuler zu ſtillen, wenn Einem das Eſſen knapp iſt. Aber Nora kochte den Bälgen einen Keſſel voll Grütze, ſo daß es in jedem Loche ſtill wurde, und nachdem ſie, für Maja Suppe und ſo etwas gekocht hatte, holte ſie Holz von ihrem eigenen und heizte da⸗ mit ein und gab von den Kleidern ab, die ſie für ihre eigene Kleine hatte— ja das that ſie, kontant, und lief darauf im Schnee hin und her und fragte gar nicht darnach, was ſie ſelbſt dabei litt.“ Paul nickte einen fröhlichen Beifall und dachte da⸗ ran, wie wahr Elg ſagte, da er meinte, daß„das Unglück Einem viel Gutes lehrt, das Einer vorher nicht gewußt hat.“ Nora hatte ſtets ein gutes und mitleidiges Herz gehabt, war aber deſſen ungeachtet nicht beſonders thätig für Andere geweſen. Erſt ihre eigenen Leiden lehrten ihr die Leiden Anderer zu theilen. „Ja, aber ſieh! wenn Einer nun mit Wahrheit und Raiſon reden ſoll,“ bemerkte Waſſer⸗Laſſe, indem er aus dem Porterglaſe einen gewaltigen Zug that und ſich darauf mit dem Aermel ſeiner Jacke den Mund abwiſchte,„ſo könnte Einer wohl noch ein Wort ſo gut wie zwei zu der Sache ſagen! Maja lag ſehr krank darnieder, ſo daß kein Menſch dachte, ſie würde mit dem Leben davon kommen; aber Du ſagſt nicht, warum ſie ſo elendig war— denn das weiß gewiß Jeder recht gut, daß unſere Scherenweiber ihre Kinder in Kälte und Armuth bekommen können, ohne deßhalb ſchon zu ſterben!“ —„Hu, einem gew kommener feſtigte bu demſelben Geringſten „Was „Za. denn Elg „Halt oder alte? werth, vor mich dama das hätteſt than; denn anderes, n nigſtens ker in der Br wagen— wer da me den Schna „Ja, dertaſche ſe Schande!“ Menſch ſol Abende, de terliche St zerreißen, gewagt hat der nicht u „Nun da Laſſe pe Raum zu „Ja, nug bezah draußen ar Paul Wä , wenn ra ſie ſo ſie ihre ſer Feue⸗ nmerung in neuen ſchrieen, e Nach⸗ rde, und s gekocht izte da⸗ ſie für kontant, agte gar ichte da⸗ aß„das r vorher ates und ageachtet Erſt ihre theilen. Vahrheit , indem that und n Mund Wort ſo ehr krank jrde mit warum ß Jeder nder in deßhalb „Hu, wie Du da ſchwatzeſt!“ entgegnete Elg mit einem gewiſſen Anſtrich von Verachtung, zog mit voll⸗ kommener Seemannsanmuth das an der Bruſt be⸗ feſtigte bunte Schnupftuch hervor, und begann mit demſelben ſeine Stirn zu reiben, obgleich er nicht im Geringſten ſchwitzte. „Was war das denn?“ fragte Paul. „Ja....“ begann Laſſe, aber er kam nicht weiter, denn Elg unterbrach ihn: „Halt's Maul! Wir ſind doch wohl keine Jungen oder alte Weiber, und da iſt's auch nicht der Mühe werth, von ſolchen Dingen zu reden! Was unſer Herr mich damals thun ließ, das iſt nicht mein Ruhm, und das hätteſt Du und jeder Andere auch gegen mich ge⸗ than; denn haben wir auch in unſerer Armuth nichts anderes, womit wir uns brüſten können, ſo ſoll we⸗ nigſtens kein Menſch ſagen, daß wir nicht ſo viel Herz in der Bruſt haben, um für einander das Leben zu wagen— und ein altes Weib und eine Plaudertaſche, wer da meint, es lohne ſich der Mühe, von ſo etwas den Schnabel zu öffnen!“ „Ja, da will ich ein altes Weib und eine Plau⸗ dertaſche ſein, und das noch dazu ohne Schimpf und Schande!“ erklärte Laſſe in beſtimmtem Tone.„Kein Menſch ſoll mich zwingen, daß juſtement Du an dem Abende, da Lars Kriſtersſon ausblieb und der fürch⸗ terliche Sturm dabei war, jedes Boot in Stücke zu zerreißen, der einzige warſt von Allen, die ſich hinaus gewagt hatten— und darunter ich auch, ſagt' Jon— der nicht wieder umkehrte.“ „Nun, und was hatte er dafür?“ fiel Paul ein, da Laſſe paufirte, um dem zweiten Boeufſteak Zeit und Raum zu geben, ſeinem Vorgänger nachzufolgen. „Ja, meiner Seel! die Mühe bekam er gut ge⸗ nug bezahlt; er traf den Lars Kriſterſon halbtodt draußen auf einem Eisſtücke, das der Unglückliche er⸗ Paul Wärning. 13 194 griffen hatte, als das Boot umſchlug; und jeder mit der 2 1 Menſch, der ſich hier in der Welt etwas verſucht hat, kam er u der weiß zu beurtheilen, was der Elg aushalten mußte, auf dem erſt den Kerl zu ſich in das Boot zu bringen, und retten, da dann zwiſchen den Eisſtücken hindurch in dem raſenden Niklas ko Sturme an das Land zu kommen, und das noch dazu denn das in einer ſo ſcharfen Kälte, daß Einem der Athem aus⸗ Grunde, gehen konnte. Auch ſagte die ganze Nachbarſchaft, Spitze des Kriſtersſon's Maja wäre nach dem Schrecken nie wie⸗ ſah. Nur der geſund geworden, wenn nicht Elg den Lars ge⸗ in die gaf rettet und allen acht Bälgen ihren Vater wiederge⸗ oben hiel geben hätte.“ daß vom „Ich weiß nicht, was ich hätte geben wollen, wenn auch zeitig ich an Deiner Stelle hätte ſein können!“ ſagte Paul, und Lomt Elg zunickend.„Aber ich bin überzeugt, Laſſe könnte Boot kon auch, wenn er nur wollte, Geſchichten von ſich ſelbſt Spitze de erzählen, denn ſonſt wäre ihm die Jacke nicht ſo weit Kamerade geworden, als wenn er in jeder Woche nur eine Mahl⸗ Kräften, zeit bekommen hätte!“ Und gebo „Das iſt eine Wahrheit wie der Tag, juſt ſo, oben ſchw wie Paul ſagt!“ ſtimmte Elg ein.„Und es iſt Laſſe's las, und! größte Ehre, daß die Jacke ſo ſchlottert, denn daraus blicke ließ kann Einer deutlich merken, daß er nicht allein die aus Mat Monatsgelder verzehrt hat. Wenn aber ſonſt Jemand ſondern v ein Lob verdient, ſo iſt das Niklas auf dem Holm. geworfen Er verrichtete ein tüchtig Stück Arbeit kurz vor Weih⸗ Aber ſieh nachten— Du kennſt wohl noch den Loots⸗Niklas?“ 5 „Ja gewiß, ihn vergeſſe ich in meinem Leben nicht!“ antwortete Paul.„Er brachte ja den Ruſſen nach dem Knipps.“ „Diesmal aber war ein Engländer in der Klemme. Und übel genug war er wohl daran, da er faſt ganz ſteuerlos in einem ſo abſcheulichen Sturme umher ge⸗ worfen wurde, daß Niklas nicht einmal mit dem Boote anlegen konnte. Aber Niklas war Mann dafür, hin zu kommen. Er warf ſich ohne Umſtände und Beſin⸗ nung aus dem Boote plumps in die hohe Ses, und 195 ind jeder mit der Leine, die ſie ihm aus dem Schiffe zuwarfen, kſucht hat, kam er unbeſchädigt an Bord. Aber ſeht, glücklich en mußte, auf dem Schiffe zu ſein und das Fahrzeug auch zu ligen, und retten, das ſind zwei verſchiedene Dinge, und Loots⸗ raſenden Niklas konnte wohl nicht Gott der Vater ſelbſt ſein, noch dazu denn das Fahrzeug war ſchon leck und ging bald zu them aus⸗ Grunde, und das ſo ſchnell und kontant, daß nur die hbarſchaft, Spitze des großen Maſtes noch aus dem Waſſer heraus i nie wie⸗ ſah. Nun, Du kannſt verſtehen, daß die Beſatzung Lars ge⸗ in die gaffende See hinausgeſpült wurde, wo ſich Jeder wiederge⸗ oben hielt, ſo lange er konnte, in der Erwartung, daß vom Lande Hülfe kommen ſollte. Und es kam len, wenn auch zeitig genug ein kleines Boot: es war Killing⸗Petter lagte Paul, und Lommen, die ſich hinaus begeben hatten; aber das ſſe könnte Boot konnte nicht viele aufnehmen. Niklas hatte die ſich ſelbſt Spitze des großen Maſtes gefaßt, und ihn wollten die ht ſo weit Kameraden zuerſt retten. Aber Niklas ſchrie aus allen ſeine Mahl⸗ Kräften, ſie ſollten nur erſt die Andern aufſammeln. Und geborgen wurde auch der ganze Haufen, der noch ig, juſt ſo, oben ſchwamm; und zu allerletzt holten ſie den Loots⸗Nik⸗ Siſt Laſſes las, und das war hohe Zeit, denn gerade in dieſem Augen⸗ enn daraus blicke ließ er ſeinen Griff los, Du kannſt Dir denken allein die aus Mattigkeit, und konnte ſich nicht mehr rühren, nſt Jemand ſondern wurde wie ein Stück Holz gegen das Boot dem Holm. geworfen, auf welches Lommen ihn glücklich brachte. vor Weih⸗ Aber ſieh, nun kommt das Beſte!“ ⸗Niklas?“„Der Henker in den Niklas!“ ſagte Paul.„Er eben nicht!“ hat Muth in der Bruſt— das iſt ein Kerl, der da kuſſen nach taugt!“ „O, es gibt in den Scheren Leute genug, die ihm er Klemme. gleich kommen!“ verſicherte Waſſer⸗Laſſe, indem er den er faſt ganz letzten Löffel Sauce von dem Teller ſchabte. umher ge⸗„Ja, dagegen habe ich nichts... Aber, hörſt Du, dem Boote Elg!“ ermahnte der Wirth,„nun ſollſt Du meiner dafür, hin Treu dieſes Mandat mit einem Glaſe Bier hinunter⸗ und Beſin⸗ ſpülen, ehe Du mit dem zweiten herausrückſt!“ See, und„Profit, Paul!— Du biſt allzu ſpendirſam.... Aber höre nun, wie es weiter ging. Ja, ſieh, wäh⸗ rend der Zeit war ein Franzoſe draußen bei der Rock⸗ö mitten in der tollſten Brandung auf den Grund ge⸗ ſegelt; und als Niklas ſich erholt hatte, ſo ließ er ſich nur ſo viele Zeit, daß er die Kleider wechſelte, und ſo begab er ſich wieder hinaus und hinab an den Strand. Nun ſollſt Du wiſſen, daß es am Bord übel ausgeſehen haben muß mit dem Proviant, denn ſo wie es war kam eine vom Fahrzeuge ausgeworfene, an einer Leine befeſtigte Tonne angeſchwommen, und auf der Tonne ſtand mit Rothſtein das einzige Wort „Mat!*) geſchrieben. Da es leibhaftig unmöglich war, mit dem Boote von dem Fahrzeuge zu kommen, und eben ſo unmöglich, ſich dahin zu begeben, ſo woll⸗ ten die armen Leute wohl etwas zu leben haben, bis der Sturm ſich gelegt hätte. Aber Niklas, welcher ſah, daß es bald in Stücke gehen würde, und der immer Rath weiß, ſchrieb auf die Tonne, es ſollte der Eine nach dem Andern mit der Tonne an's Land kommen. Aber ich kann mir denken, ſie waren wohl von Hunger ſo ermattet, daß ſie nicht ſchwimmen konnten, oder auch wagten ſie es nicht, denn Niklas mußte ſich mei⸗ ner Treu ſelbſt mit der Tonne hinaus begeben— das that er und nahm ſo zehnmal, immer einen um den andern mit, bis ſie alle an's Land kamen; aber das letzte Mal, da keiner mehr an Bord war, der die Leine halten konnte, da war es kontant eben ſo gut, als wenn er ſich in den blaſſen Tod begeben hätte— und eine Stunde ſpäter war von der Brigg kein Stück mehr übrig.“. Frau Lund kam jetzt herein mit dem Deſſert: den Reiskuchen mit Lingomnus, und unterbrach ſo die Bei⸗ fallsäußerungen der Tiſchgeſellſchaft über die Bravour des Loots⸗Niklas, und leitete ſo auf eine kurze Zeit *) Mat bedeutet im Schwediſchen„Speiſe.« die Aufme Genuß de ſpräch wie ſtand, deſſ natürlich die zwar welchem f gekettet ſir deren San haben. Zwar ſo manche nes Fiſche plünderer nicht die? ſei es in in den kle einen offer einen feſte wart in heſten Kin er keine und iſt b rungen... Am 2 medie“ ein wo ein Menge K weniger l Skelett,“ zehnten N Eindruck, gab den! haltung a woſelbſt d beſchloſſen war. ih, wäh⸗ er Rock⸗ö und ge⸗ ließ er elte, und an den vord übel in ſo wie fene, an und auf ge Wort inmöglich kommen, ſo woll⸗ aben, bis „‚welcher und der es ſollte n's Land wohl von nten, oder ſich mei⸗ n— das um den das letzte die Leine gut, als te— und ein Stück eſſert: den Sdie Bei⸗ Bravour kurze Zeit u. d. B. die Aufmerkſamkeit ausſchließlich auf den angenehmen Genuß des Augenblicks. Doch bald verfiel das Ge⸗ ſpräch wieder auf den vorigen Gegenſtand, ein Gegen⸗ ſtand, deſſen Geiſt ſie vorhin belebt hatte, und der ſo natürlich iſt für die Jünglinge und Männer der Scheren, die zwar roh, dabei aber feſt ſind wie der Felſen, auf welchem ſie erzogen wurden, und die ſo treu zuſammen⸗ gekettet ſind, wie die Klippen des Strandes, zwiſchen deren Sandflecken ſie als Knaben mit einander geſpielt haben. 9 Zwar lebte ehemals und lebt noch heutiges Tages ſo mancher kühne Burſche, der unter dem Gewerbe ei⸗ nes Fiſchers einen verwegenen Schleichhändler, Wrack⸗ plünderer und Täuſcher verbirgt; doch dieſe bilden nicht die Maſſe. Der Scherenbewohner im Allgemeinen, ſei es in den großen und reichen Fiſcherdörfern oder in den kleinen und armen, zeichnet ſich ſtets aus durch einen offenen, friſchen und kraftvollen Charakter, durch einen feſten Sinn und durch Ruhe und Geiſtesgegen⸗ wart in den Gefahren, mit denen er von ſeiner frü⸗ heſten Kindheit an vertraut geworden iſt. Auch ſcheuet er keine Gefahren, von welcher Art ſie ſein mögen, und iſt bereit zu den unglaublichſten Selbſtaufopfe⸗ rungen... Am Abende lud Paul ſeine Freunde auf die„Ko⸗ medie“ ein, welche in einem Privatlokale gegeben wurde, wo ein reiſender Jongleur unſre Freunde mit einer Menge Kunſtſtücken in Erſtaunen ſetzte, die alle nicht weniger bewunderungswürdig waren, als„Arlequin Skelett,“ welches heute„auf vieles Begehren“ zum zehnten Male aufgeführt wurde. Der verſchiedenartige Eindruck, den die Repräſentation auf ſie gemacht hatte, gab den Freunden hinreichenden Stoff zu ihrer Unter⸗ haltung auf dem Rückwege zu den„drei Weißlengen,“ woſelbſt der freudenreiche Tag mit einem Abendeſſen beſchloſſen wurde, das dem Nittage nicht unwürdig war. 198 ſegelfertig, mit welchem Elg und Laſſe es war für eine lange Reiſe beſtimmt, nach anderthalb Jahren zurückerwartet. wie er es für gut findet!“ einziges Mal in der Welt erführe, wi ergangen iſt!“ einſtimmten. funden haben würden. In den erſten Tagen des April lag das Fahrzeug abgehen ſollten; und wurde erſt Am Abende vor dem Tage, da das Fahrzeug in die See ſtechen ſollte, hatten die Jünglinge wieder ein frohes Gelage, und Paul erhielt den Auftrag, die Briefe entgegen zu nehmen und weiter zu ſchaffen, welche Elg und Laſſe an ihre Angehörigen zu ſchicken Gelegenheit haben könnten. Daß dieſe Briefe ihre erſparten Monatsgelder enthalten ſollten, wurde zwar nicht geſagt, aber Paul verſtand es dennoch. „Sollten wir uns wohl hier im Leben noch ein⸗ mal wieder zu ſehen bekommen?“ meinte Laſſe, der auf Grogg gebeten hatte, und Paul nun zutrank. „Gott weiß,“ ſagte Paul,„er ſteuert wohl ſo, „Und treffen wir uns nicht wieder,“ indem er einen tüchtigen Schluck aus dem Glaſe nahm, „ſo haben wir doch auf jeden Fall ſo manchen ver⸗ gnügten Augenblick mit einander gehabt; und ich wäre zufrieden mit dem, was geſchieht, wenn ich nur ein e es dem Pump Das war ein Wunſch, in den die Andern herzlich d Und nachdem eine beſondere Geſundheit für Pump und die Hoffnung, daß er nicht ſchon in den der Meerfrau ruhen möchte, getrunken war, trank man nooch für Nora und zuletzt für jeden in der Geſellſchaft, bis die Zeit zum Abſchiede kam. Der Abſchied ging ſchnell und ohne lange Reden vor ſich, nämlich mit einem Kopfnicken und einem Handſchlage, zartere Finger, als die ihrigen, ſich ſehr ſchlecht be⸗ Ein paar Tage nach der Abreiſe ſeiner Freunde war Paul ſtill und nachdenkend. Es war ihm deut⸗ Morgens das Zimn Hauſe zu „Ich der Herr binden ſoll etwas tau auf Probe „Wer den Herrn behalten. den Somn habe ich n dere Geda Der cheren, w Dienſte ge worauf P Handgeld das in jed In„† kein leichtſi was er no Gegentheil Feſthalten freiwillig lange ſow ſelben erfr liebſten T ſonders tr „Paul⸗ nämlich vu Fahrzeug ſollten; -urde erſt Elg ein, aſe nahm, ichen ver⸗ ich wäre h nur ein em Pump n herzlich für Pump en Armen trank man eeſellſchaft, chied ging imlich mit i welchem chlecht be⸗ er Freunde ihm deut⸗ 199 lich anzuſehen, daß er etwas in ſeinen Gedanken um⸗ herwälzte, etwas, das nicht ohne Schwierigkeit in Ord⸗ nung kommen wollte. Endlich befand er ſich eines Morgens auf dem Wege zu ſeinem Herrn und trat in das Zimmer deſſelben noch früh genug, um ihn zu Hauſe zu treffen. „Ich wollte,“ begann Paul,„ergebenſt fragen, ob der Herr Kellermeiſter ſchon einen andern Kellner ge⸗ miethet hätte.“ „Nein, ich bin zu klug, als daß ich mich an Einen binden ſollte, ehe ich erſt verſucht habe, ob er auch zu etwas taugt— ich nehme wohl erſt einen Taugenichts auf Probe.“ „Wenn das iſt,“ fuhr Paul fort,„ſo wollte ich den Herrn Kellermeiſter bitten, mich noch ein Jahr zu behalten. Ich hatte mir zwar für den Frühling und den Sommer etwas anderes vorgenommen, aber das habe ich mir aus dem Sinne geſchlagen, weil ich an⸗ dere Gedanken bekommen habe.“ Der Kellermeiſter, welcher noch nie einen ehrli⸗ cheren, willigeren und hurtigeren Jüngling in ſeinem Dienſte gehabt hatte, gab mit Freuden ſeinen Beifall, worauf Paul für das nächſte Jahr ein ordentliches Handgeld erhielt nebſt dem Verſprechen eines Lohnes, das in jeder Hinſicht ſeinen Forderungen entſprach. In Paul's Charakter lag keine Unentſchloſſenheit, kein leichtſinniges, augenblickliches Verwerfen desjenigen, was er noch vor einem Augenblick gebilligt hatte: im Gegentheil gab es dort vielleicht ein allzu eigenſinniges Feſthalten der gefaßten Anſichten. Da er alſo jetzt freiwillig einen Entſchluß aufgegeben hatte, der ſo lange ſowohl ſeinem Sinne ſchmeichelte, als auch den⸗ ſelben erfriſchte, deſſen Verwirklichung das Ziel ſeiner liebſten Träume geweſen war, ſo mußte er einen be⸗ ſonders triftigen Grund dazu gehabt haben. Paul's Grund kam von der ſtärkſten Seite her, nämlich von dem Herzen. 1 Seit dem angenehmen Mittagseſſen in den drei Weißlengen, da Elg und Waſſer⸗Laſſe mit ſo großer Beredtſamkeit Nora's Bekehrung und ihre ſchönen Be⸗ mühungen, etwas Gutes und Nützliches unter ihren Mitmenſchen zu wirken, geſchildert hatten, war Paul nebſt dem frohen und beglückenden Gefühle, zu wiſſen, daß ſie ſo handelte und ſich aufführte, in einer nie ſich ſtillenden Unruhe, einer Furcht geweſen, er könnte viel⸗ leicht durch ſein herumirrendes Leben außer Stand geſetzt werden, für ihren und ihres Kindes Unterhalt zu ſorgen. Zwar hatte er auch ſchon früher über dieſen Ge⸗ genſtand nachgedacht, aber doch nicht ſo ernſthaft, denn er wußte, wie viel leichter ſie ſich während des Som⸗ mers durchſchlagen würde, und für den folgenden Win⸗ ter könnte wohl wieder Rath werden. Da er aber jetzt, ſowie vor der Ankunft der Freunde, die Sache wieder auf die leichte Seite nehmen wollte, ſo trat der ganze kleine Trupp von Nora's Schützlingen bittend aus dem Hintergrund bervor. Paul ſeufzte. Zu ſo vielen Viertelbrodkuchen, ſo vielen Viertelkappen Kartoffeln mehr war ein weit größerer Beitrag erforderlich, als in dieſem Winter erforderlich war, da noch der kleine vom Knipps mitgenommene Vorrath Noren Mittel zur Wohlthätigkeit gegeben hatte. Er mußte ſich alſo entſchließen, entweder durch eigene verdoppelte Sparſamkeit Gelegenheit zu ihrer Unterſtützung zu finden, oder auch ihr dieſen einzigen und beſten Ausweg rauben, um ſich, wie Paul es nannte,„wieder aufzurichten,“ und die Achtung gegen ſich ſelbſt wieder zu gewinnen. Nur eine kurze Zeit ſchwankte Paul in der Wahl zwiſchen ſeinem Lieblingsplane und der Erfüllung ſei⸗ ner ſelbſtübernommenen Pflicht. Bald wurden jedoch die Gedanken an die freie Sommerwanderung für dieſes Jahr eingepackt.„Aber,“ ſagte er bei ſich ſelbſt,„lebe ich noch ein Jahr, ſo werde ich mit Gottes Hülfe wohl ſo viel ohne Bo In geld. 1 war, ſo wieder ein Jah Verdrieß frieden ſonſt ge und an leichtes, liebt un eine and dern ihr und des wärtige . Se überwir daß ſie ſucht ſe nachden Kamme n den drei ſo großer ſchönen Be⸗ nnter ihren war Paul zu wiſſen, ner nie ſich önnte viel⸗ er Stand 5 Unterhalt dieſen Ge⸗ ſſthaft, denn des Som⸗ lenden Win⸗ aber jetzt, lache wieder ſt der ganze bittend aus u ſo vielen Kartoffeln verlich, als Hder kleine Mittel zur veder durch it zu ihrer en einzigen · Paul es ztung gegen der Wahl füllung ſei⸗ rden jedoch g für dieſes elbſt,„lebe Hülfe wohl 201 ſo viel im Vorſchuß geſammelt haben, daß ich mich ohne Bekümmerniß auf den Weg begeben kann!“ In dieſer Ueberzeugung nahm Paul ſein Hand⸗ geld. Und als die Aufopferung erſt einmal gemacht war, ſo dachte er nicht weiter daran. Er kam bald wieder zurück in ſeinen guten und frohen Muth, denn ein Jahr war ja doch keine Ewigkeit! Sechszehntes Kapitel. Verdrießlichkeiten im Hauſe. Ein Brief mit einer wichtigen Neuigkeit. Abſchied von der Traube. „Ein Jahr iſt ja doch keine Ewigkeit!“ hatte Paul oft zu ſich ſelbſt geſagt, jetzt aber erfuhr er an jedem Tage, daß dieſe Ewigkeit lang genug war. Paul hatte keinen Grund, mit ſeinem Herrn unzu⸗ frieden zu ſein, denn ſo barſch der Kellermeiſter Klint ſonſt gegen ſeine„Probirer“ zu ſein pflegte, ſo gut und anſtändig war er gegen Paul, deſſen Treue und leichtes, freundliches Weſen gegen die Kunden ihn be⸗ liebt und geſchätzt machten. Doch es gab im Hauſe noch eine andere Perſon, die dem Paul nie Ruhe ließ, ſon⸗ dern ihn wechſelsweiſe zu einem Gegenſtande der Liebe und des Haſſes machte— zwei für Paul gleich wider⸗ wärtige Extreme. Sei es, daß Jungfer Jeannette wirklich eine un⸗ überwindliche Neigung gegen Paul gefaßt hatte, oder daß ſie ſich zur Rache gereizt fühlte, weil ihre Gefall⸗ ſucht ſo völlig zurückgewieſen worden war, genug: nachdem ſie einſt bei einem heimlichen Beſuche auf Paul's Kammer einen Brief an Nora aufgeſchnappt, und bei 202 der Durchleſung deſſelben ziemlich ſtarke Freundſchafts⸗ ausdrücke und Fragen nach der Kleinen gefunden hatte, wurde ſie beinahe wüthend. Jetzt wurde durch ihre Vorſorge(Alles mit ihren Zuſätzen) ausgebreitet, daß Paul eine arme„Scheren⸗ gans“ verführt und verlaſſen hätte, und daß er nun nicht einmal im Stande wäre, ſich ſo viel anzuſchaf⸗ fen, wie ein anſtändiges Schnupftuch, denn Alles, was er verdienen oder zuſammen ſparen könnte,„wäre er gezwungen, beſagter Gans und ihrem Gänschen in den Hals zu werfen, damit er es vermeide, dieſelben hin⸗ ter ſich her gewatſchelt kommen zu ſehen.“ Die übrigen jungen Damen der Traube fanden dieſe kleine Hiſtorie von dem ſittſamen und verſ ſchäm⸗ ten Paul ausgezeichnet unterhaltend, und wo er mit ihnen zuſammen traf, konnte er ſich darauf verlaſſen, daß er eine äußerſt feine, ironiſche Frage oder Hin⸗ deutung zu hören bekam, wie zum Beiſpiel: ob die Fütterung der Gänſe draußen in den Scheren viel ko⸗ ſtete, ob dieſe ſehr zärtlich gegen ihre kleinen Gänschen wären, oder ob man ſie hinaus ſchwimmen und die Gänſeriche ſuchen laſſen dürfte, wenn dieſe weggeflogen wären, und mehr dergleichen von derſelben Art. Anfangs ſetzte Paul allen dieſen Anfällen eine unverwüſtliche Ruhe entgegen. Da jedoch Jeannette ſich nicht entblödete, bei einem von ihr klug veranſtal⸗ teten, zufälligen und ungeſtörten Zuſammentreffen ihn unter heftigen Thränengüſſen z zu verſichern, ſie hätte es mit ihrem Geſchwätz nicht im allergeringſten böſe ge⸗ meint, ſondern nur aus Eiferſucht ihm Abſcheu gegen die garſtige Nora einflößen wollen, ſo war ſeine Ge⸗ duld beinahe zu Ende. Und dieſe riß wirklich ganz, als ſie fortfuhr, ſie wollte ihm ſelbſt gerne helfen bei der Unterhaltung des Kindes, wenn er nur verſpräche, es Nora wegzunehmen, und ſie könnten nun einig wer⸗ den, ſich miteinander im nächſten Jahre zu verheirathen, und dan zu verlaf Bei Ausbruch es war Tone, al Du nich ſchämſt, ich mich will Dir Nora, d nadel z wollteſt, von der Du woh Du 2 J und geht Abſcheu von der ſchamloſt nicht gef Hät dreht, ſ kratzt we leichten auf ſein ordentlic mehrere einzigen bleiben. So Weibspe der beſte Von die in unge Abend Wo undſchafts⸗ nen hatte, mit ihren „Scheren⸗ aß er nun anzuſchaf⸗ Alles, was „wäre er den in den elben hin⸗ be fanden verſchäm⸗ vo er mit verlaſſen, oder Hin⸗ l: ob die n viel ko⸗ Gänschen n und die eggeflogen Art. ällen eine Jeannette veranſtal⸗ reffen ihn hätte es böſe ge⸗ heu gegen lich ganz, helfen bei perſpräche, einig wer⸗ heirathen, ſeine Ge⸗ 203 und dann zu gleicher Zeit das Haus des Kellermeiſters zu verlaſſen. Bei aller dieſer Schamloſigkeit konnte Paul den Ausbruch ſeines Zornes nicht länger zurückhalten, und es war keinesweges behutſame Sanftmuth in ſeinem Tone, als er ausrief:„Pfui, Du gemeines Stück! Haſt Du nicht einmal ſo viel Scham in Dir, daß Du Dich ſchämſt, Dich ſelbſt auszubieten, ſo ſchäme wenigſtens ich mich, daß ich Liebe in Dir geweckt habe! Und ich will Dir ſagen, Du ſtehſt auf jede Weiſe ſo tief unter Nora, daß, wenn ich Vermögen hätte, ihr eine Bruſt⸗ nadel zu kaufen, und Du die Finger darauf legen wollteſt, ich gerade ſo ſagen würde, wie der Lieutenant von der Nadel ſagte, die Du ihm ablockteſt— weißt Du wohl noch, als Du Dich zur Maskerade anzogſt, Du? Ich will Dir nur ſagen, daß ich Alles geſehen und gehört habe, und empfand ich nicht ſchon vorher Abſcheu vor Dir, ſo kannſt Du glauben, daß ich ihn von der Zeit an empfunden habe, denn eine ſolche ſchamloſe Aufführung habe ich in meinem Leben noch nicht geſehen!“ Hätte Paul ſich nicht gegen Ende der Rede umge⸗ dreht, ſo wären ihm wahrſcheinlich die Augen ausge⸗ kratzt worden, jetzt aber kam er davon mit einigen leichten Schrammen, welche Jeannette's ſchöne Nägel auf ſeinen Wangen zurückließen. Aber in dem außer⸗ ordentlichen Verdruſſe, welchen dieſe Merkmale ihm mehrere Tage lang verurſachten, ſchwur er, nicht einen einzigen Tag über das Jahr in ſeinem Dienſte zu bleiben. So kann eine rachſüchtige und niedrig denkende Weibsperſon täglich ihre Weſpenſtiche richten, daß auch der beſte und langmüthigſte Charakter dabei aufſchwillt. Von dieſer Zeit an konnte Paul keinen einzigen Tag in ungeſtörter Ruhe ſein, ſondern er ging faſt jeden Abend unzufrieden und ärgerlich zu Bette. Während des Sommers entſtand in ihm mehrmals 204 der Wunſch, Nora zu beſuchen, aber die Furcht, nach ſeiner Rückkehr, in buchſtäblichem Sinne des Wortes, von den Nymphen aufgegeſſen zu werden, hielt ihn davon ab; und da überdies Nora keinen Wunſch in dieſer Beziehung geäußert hatte, was ihn mehr verletzte und ſchmerzte, als er eingeſtehen wollte, ſo ließ er die Sache auf ſich beruhen. Nach einem langen und ziemlich langweiligen Herbſt und Winter kam endlich der Frühling herbei, und folglich auch die Zeit für Paul's lange beſchloſſene Auswanderung. Denn nunmehr war er mit ſo vielem Gelde verſehen, daß er zu Nora's Bedürfniſſen für den kommenden Winter etwas in die Sparbank ſetzen und doch noch ſo viel übrig haben konnte, als zu ſeinem kleinen Verlage nöthig war. Aber gerade in den letz⸗ ten Tagen ſeiner Dienſtzeit bekam er einen Brief von Nora, welcher mit einem Male ſeinen faſt gereiften Entſchluß, vor ſeiner Wanderung das Fiſcherdorf nicht zu beſuchen, veränderte. Nora ſchrieb: „Theuerſter Paul! „Nie in meinem ganzen Leben kann ich Dir genug⸗ ſam danken, oder Dir im Allergeringſten das Gute wieder vergelten, das Du mir Unglücklichen erzeigt haſt, und noch täglich erzeigſt! Darum bin ich jeden Tag betrübt, daß ich auf Deine Koſten lebe, denn ob⸗ gleich Gott am beſten weiß, daß ich auf alle mögliche Weiſe mit Arbeit beizutragen wünſche, ſo iſt hier doch kein Abſatz oder Verdienſt, ſondern wider meinen Wil⸗ len zehre ich von dem Gelde, welches Du durch Dei⸗ nen Fleiß und Deine Sparſamkeit mir zu Gute legſt. „In dem Anfange nach dem Unglücke konnte ich mich nicht recht darein finden und nicht begreifen, was Du für mich thun wollteſt, aber nachdem ich nun geſehen und erlebt habe, daß Du mir an der Stelle eines Bruders geweſen biſt, und eines ſolchen Bruders, deß⸗ gleichen vielleicht keine Andere hat, ſo habe ich meinen Fall weit Ich habe mein Ung zu können mit jeden denn es „Ich wir auf daß ich, geſchloſſer wildertes Mutter r dig allein als lange ſammen; Mutter z den Berg dern, da nen im§ „Ich da ich En das noch aber ich weilen ſo auf jeden nungen; doch— d nen Menf ich es nie wie wohl da Du n geſetzt we „Aber daran zu ich vollko mich denn mir gleich ercht, nach s Wortes, hielt ihn Wunſch in hr verletzte ließ er die ngweiligen ng herbei, beſchloſſene ſo vielem en für den ſetzen und zu ſeinem mden letz⸗ Brief von gereiften dorf nicht dir genug⸗ das Gute en erzeigt ich jeden denn ob⸗ mögliche hier doch inen Wil⸗ urch Dei⸗ ite legſt. te ich mich was Du n geſehen elle eines ders, deß⸗ ch meinen 205 Fall weit mehr betrauert und beweint, als im Anfange. Ich habe auch, das kannſt Du glauben, theuerſter Paul! mein Unvermögen, mich ſelbſt und das Kind verſorgen zu können, beweint und betrauert, und das wird mir mit jedem Morgen, da ich aufſtehe, immer ſchwerer, denn es kann nicht immer auf dieſe Weiſe bleiben. „Ich denke oft zurück an meine früheren Tage, da wir auf dem Knipps wohnten, und kann nie begreifen, daß ich, die ſo ſtreng gehalten und faſt beſtändig ein⸗ geſchloſſen war, dennoch ein ſo leichtſinniges und ver⸗ wildertes Mädchen werden konnte. Sollte wohl meine Mutter recht gehandelt haben, daß ſie mich ſo beſtän⸗ dig allein ſein ließ? Ich wußte nichts anders zu thun, als lange Geſchichten mit aller möglichen Thorheit zu⸗ ſammen zu dichten, und ich meinte, es ſei luſtig, die Mutter zu betrügen, und mich zum Fenſter hinaus auf den Berg zu ſchleichen und mit den Burſchen zu plau⸗ dern, da ich nicht durch die Thüre gehen und mit ih⸗ nen im Krugzimmer reden durfte. „Ich bitte Gott um Verzeihung, wenn ich ſündige, da ich Entſchuldigungen für meine Fehler aufſuche, und das noch dazu in den Fehlern meiner eigenen Mutter; aber ich weiß nicht, wie es kommt, daß es mir bis⸗ weilen ſo ſcheint. Gleich fehlerhaft war ich aber doch auf jeden Fall, denn ich entſinne mich Deiner War⸗ nungen; ach, ich war damals allzu hochmüthig, und doch— das weiß Er, der Alles weiß— hatte ich kei⸗ nen Menſchen auf Erden ſo lieb, wie Dich, obgleich ich es nicht verſtand, oder nicht Achtung darauf gab, wie wohl Du mir wollteſt, ſondern war mißmuthig, da Du mich ſo ſchön bateſt, ich ſollte arbeiten und geſetzt werden. „Aber Eins, wovor mir ordentlich bange iſt, nur daran zu denken, iſt der Tod meiner Mutter. Wenn ich vollkommen empfinde, daß alle ihre Strenge gegen mich dennoch zu meinem eigenen Beſten war, ſo läuft mir gleichſam ein kalter Schauer über den Rücken, und 206 ich kann viele große Thränen weinen, wenn mir der Gedanke vor Augen ſteht, daß gewiß ich die Urſache ihres Todes war und ſie in das Grab brachte. Im Anfange war das am ſchlimmſten, aber ich habe ſo herzlich zu Gott gebetet, und was mir da und jetzt in dieſem meinem größten Kreuz einige Erleichterung gibt, ſind die letzten Worte meiner Mutter:„Ich will Dich nicht vernichten, Du Unglückliche!“ Es lag doch wenig⸗ ſtens eine völlige Verzeihung in den Worten, das weiß Jeder, der meine Mutter kannte.... „Gewiß, beſter Paul, wunderſt Du Dich ſehr über dieſen Brief und über Alles, was ich hierin geſagt habe. Aber ich habe ſo lange im Sinn gehabt, Dir meine Gedanken zu ſagen, daß ich ſie nicht länger verſchwei⸗ gen kann, beſonders weil ich noch über einen andern Gegenſtand mit Dir zu reden habe. „Ich weiß nicht, wie ich Dir recht ſoll ſagen kön⸗ nen, was mir in dieſen Tagen paſſirt iſt. Vielleicht entfinnſt Du Dich noch des Bengtsſon aus Koſter, und weißt auch wohl noch, daß er einmal um mich anhielt, obgleich ich ihn damals nicht haben wollte. Werde nun nur nicht böſe, lieb⸗ſter Paul, weil es Einen gibt, der noch mit mir fürlieb nehmen will, und denke nicht, daß ich mich deßhalb ſchon für beſſer halte, oder mir einbilde, daß Du nicht thateſt, was Recht war, da Du das Band auflösteſt, welches zwiſchen uns war. Nein, ich bin ſo weit entfernt von einem ſolchen Gedanken, theuerſter Paul, daß ich mich oftmals mit Scham dar⸗ über gewundert habe, daß ich in meiner großen Angſt vor der Mutter Dich um das bat, was ich jetzt nicht einmal zu erwähnen wage. „Vorgeſtern kam die Oejungfer— Du weißt wohl noch, daß Bengtsſon's Schute ſo heißt— hier bei un⸗ ſerem Fiſcherdorfe an. Und ich dachte, ich hätte vor Schrecken beinahe das Kind fallen laſſen, als ich ganz unverhofft den Bengtsſon eintreten und mir die Hand noch eben ſo herzlich ſchütteln ſah, wie früher. Lange war ich Lippen z mir die und fing kette mi „End ich ihm wir und Ende vo gewiß w hätte, d wäre au ſo wie i wenn es ſtimmte henen ni „3e ſollte, de ich mich zu erlau von Mal Du ver dankte, warum nun wo Sache z then. 9. Bruder Mutter, Dir ſich „Got i mir der die Urſache ichte. Im ch habe ſo nd jetzt in erung gibt, will Dich och wenig⸗ das weiß ſehr über eſagt habe. Dir meine verſchwei⸗ ien andern ſagen kön⸗ Vielleicht Koſter, und ich anhielt, te. Werde Einen gibt, denke nicht, oder mir ar, da Du var. Nein, Gedanken, Scham dar⸗ oßen Angſt jetzt nicht weißt wohl ier bei un⸗ hhätte vor ls ich ganz r die Hand der. Lange 207 war ich nicht im Stande, ein einziges Wort über die Lippen zu bringen, aber da ſagte Bengtsſon, und nahm mir die Kleine ab, ſie ſei ein kleines, hübſches Kind, und fing an, mit ihr zu ſpielen, und gab ihr die Uhr⸗ kette mit den Zierrathen, die er daran hatte. „Endlich kam ich ſo weit wieder zu mir ſelbſt, daß ich ihm einen Panaſeé anbieten konnte, und darauf ſaßen wir und plauderten von Altem und Neuem; und das Ende von Allem war, daß Bengtsſon ſagte, er hätte es gewiß weit lieber geſehen, wenn ich ihm mein Ja gegeben hätte, da er das erſte Mal um mich anhielt, aber er wäre auf jeden Fall bereit, mich zur Frau zu nehmen, ſo wie ich wäre, und er wollte das Kind erziehen, als wenn es ſein eigenes wäre, und er wollte mir die be⸗ ſtimmte Verſicherung geben, daß ich wegen des Geſche⸗ henen nie einen Vorwurf hören ſollte. „Ich wußte nicht recht, was ich ihm antworten ſollte, denn ich wollte weder Ja noch Nein ſagen, ehe ich mich völlig beſonnen hatte, ſondern ich bat ihn, mir zu erlauben, über ſein Anerbieten nachzudenken bis er von Malmö, wohin er beſtimmt war, zurückkäme; aber Du verſtehſt wohl, daß ich ihm von Herzen dafür dankte, daß er mir eine ſo große Ehre bewies. Er wäre zufrieden, ſagte er, daß ich mir Bedenkzeit nähme; aber ſein letztes Wort war, als er geſtern Abend an Bord ging, er wollte nicht ſo ſchlecht von mir denken, daß ich ihn zum zweiten Male abweiſen würde. „Und nun, theuerſter Paul, weißt Du alles, und warum ich dieſen langen Brief geſchrieben habe. Und nun wollte ich begehren, Deine Gedanken in dieſer Sache zu erfahren, denn ſelbſt kann ich mir nicht ra⸗ then. Rathe Du mir, lieber Paul, der Du mir ein Bruder geweſen biſt, mir Armen, die weder Vater, noch Mutter, noch Bruder, noch Schweſter hat, und außer Dir ſich an keinen Menſchen auf Erden wenden kann. „Gott ſegne Dich für Deine große Güte! Ich er⸗ warte bald und mit großer Ungeduld einige Reihen als Antwort. „Ich vermiſſe den Elg und Waſſer⸗Laſſe gar ſehr; es wäre eine Sünde, wenn ich nicht ſagte, daß Beide ſich ſo ausgezeichnet gut und freundſchaftlich gegen mich bewieſen haben. Und dann redeten ſie immer von Dir, und das machte mir vieles Vergnügen, denn Du und ſe, ihr waret immer gleichſam eins. Aber ſie kom⸗ men noch nicht ſo bald nach Hauſe, ſchreibt Elg in ſeinem Briefe an den Alten. „Lebe immer wohl, lieber Paul. Mit Freundſchaft Nora Larsſon.“ Als Paul mit dem Durchleſen dieſes Briefes fer⸗ tig war, hatten ſeine Wangen nach immer ſteigender Röthe eine Art von Carmoiſinfarbe angenommen, und ſie flammten und glühten, als ſtände er vor einem ge⸗ heizten Ofen ſtatt des Fenſters, gegen deſſen Scheiben Hagel und Regen peitſchten. Nach einigen gedanken⸗ vollen Augenblicken nahm er den Brief wieder vor, durchging ihn auf's Neue; und inſonderheit machte der Anfang den tiefſten Eindruck auf ihn. Paul war noch nie darauf gefallen, zu erwägen oder früher als gerade in dieſem Augenblicke zu be⸗ denken, einen wie großen Antheil die ſonderbare Er⸗ ziehungsmethode an Nora's Leichtſinn und Fehltritt ge⸗ habt haben könnte. Deſto mehr dachte er jetzt über dieſen Gegenſtand nach, und die Ergebenheit, womit ſie ſeine Handlungsweiſe betrachtete, daß ſie von ihm ſo unbedingt verſtoßen worden war, die erſte Ueber⸗ zeugung, welche ſie von ihrem Fehler hatte, das er⸗ wachende Gefühl der Verſchämtheit, mit welchem ſie ſich entziehen wollte, auf ſeine Koſten zu leben, dieſes alles— welches Paul, wenn auch nicht mit denſelben Worten, ſo doch in dem Innerſten ſeiner Seele be⸗ griff— wirkte unwiderſtehlich auf ſein offenes Ge⸗ müth und erhob ſie jetzt in ſeinen Augen auf einen tandpu Falle gef nigt und eines ehr der ande daran, ſie hatte ſich äußert, d wiß; un rath anre Paul daß es n im Stand etwas für wirklich ſ Hülfe anm was, das jedoch un beſchloß e in dieſen eine Reiſe Nora dief Mit meiſter K vollen Ab diges Trin er je wied begeben, jetzigen H. Der men war gen ſeiner Liebeshänd Paul hielt ſchmerzhaft Paul Wa e Reihen gar ſehr; aß Beide egen mich von Dir, Du und r ſie kom⸗ bt Elg in ndſchaft n.“ riefes fer⸗ ſteigender umen, und einem ge⸗ Scheiben gedanken⸗ ieder vor, eit machte nerwägen cke zu be⸗ erbare Er⸗ ehltritt ge⸗ jetzt über eit, womit le von ihm erſte Ueber⸗ e, das er⸗ velchem ſie ben, dieſes t denſelben Seele be⸗ offenes Ge⸗ auf einen 209 standdunkt, auf welchem ſie nicht einmal vor ihrem Falle geſtanden hatte. Wenn er aber auf der einen Seite Nora gerei⸗ nigt und gebeſſert und würdig fand, noch die Gattin eines ehrlichen Mannes zu werden, ſo fand er auf der andern Seite kein beſonders großes Vergnügen daran, ſie mit Bengtsſon verheirathet zu denken. Sie hatte ſich zwar ſelbſt weder dafür noch dagegen ge⸗ äußert, daß ihr jedoch Bengtsſon nicht gefiel, war ge⸗ wiß; und warum ſollte alſo er, Paul, ihr eine Hei⸗ rath anrathen, die vielleicht nie glücklich werden könnte? Paul war gleichwohl bald genöthigt, zu erkennen, daß es noch eine dritte Seite gäbe: wenn Er immer im Stande wäre, ihr beizuſtehen, wenn er einmal an etwas für ſich ſelbſt denken wollte, oder wenn Nora wirklich ſo ſehr davon gepeinigt wurde, daß ſie ſeine Hülfe annehmen mußte? Dieſer letzte Punkt war et⸗ was, das er nicht ſelbſt beurtheilen konnte, woran er jedoch unausgeſetzt dachte; und aus dieſem Grunde beſchloß er, daß der erſte Gebrauch, den er von ſeiner in dieſen Tagen eintretenden Freiheit machen wollte, eine Reiſe nach den Scheren ſein ſollte, um ſelbſt mit Nora dieſen wichtigen Gegenſtand zu verhandeln. Mit wirklichem Schmerze trennte ſich der Keller⸗ meiſter Klint von ſeinem Kellner. Außer einem ehren⸗ vollen Abſchiedszeugniſſe erhielt Paul ein recht anſtän⸗ diges Trinkgeld, wogegen er das Verſprechen gab, wenn er je wieder Luſt bekäme, ſich in ein Wirthshaus zu begeben, daß er ſich an keinen andern als an ſeinen jetzigen Herrn wenden wollte. Der Abſchied von Jeanetten und den übrigen Da⸗ men war dagegen nicht beſonders herzlich: er war we⸗ gen ſeiner Ehrlichkeit und unbegreiflichen Dummheit in Liebeshändeln nie recht beliebt bei ihnen geweſen, und Paul hielt ebenfalls die betrügeriſchen Nymphen keiner ſchmerzhaften Empfindung würdig. Paul Waͤrning. 14 210 Weit ſchwerer wurde es ihm, von drei oder vier alten Herrn Abſchied zu nehmen, die er während des Laufes von anderthalb Jahren jeden Abend mit Toddy, Pfeifen und Karten bedient und mit denen er oft ein freies und ſcherzhaftes Geſpräch hatte führen dürfen. Dieſe alten Herrn hatten ebenfalls ein gutes, ein wirk⸗ lich gutes Auge auf Paul geworfen, denn da er am letzten Abende vor ſeinem Abzuge nach dem Weggange dieſer ſeiner liebſten Kunden den Spieltiſch abräumte, ſo lag dort ein zuſammengefaltetes Papier, auf welchem ſein Name mit Bleifeder geſchrieben ſtand, und welches Papier, da er daſſelbe öffnete, nicht nur eine ganze Menge überſtrichene Bete, ſondern auch eine Banknote von zehn Reichsthalern enthielt. Wer war nun zufrieden und reich, wenn nicht Paul? Geld in der Sparbank, Geld in der Taſche, Neiſegeld noch außerdem und nun dieſes Letzte dazu: das waren ja Ausſichten, die man recht glänzend nen⸗ nen konnte! Auch empfand Paul ein recht angeneh⸗ mes Gefühl dabei, daß er jetzt gleichſam auf eigenem Grund und Boden ſtand. „Bedenke,“ ſagte Herr Klint, da er zum letzten Lebewohl Paul's Hand drückte,„daß meine Thür Dir zu jeder Zeit von Neuem offen ſteht!“ „Gott geſegne den Herrn Kellermeiſter für das Anerbieten und für alles Gute! Trifft mich nichts Beſſeres, und das geſchieht wohl wahrſcheinlich, ſo komme ich zurück und danke ſchon vorläufig herzlich!“ Und ſo geſellte ſich zu Paul's übrigen glücklichen Ausſichten auch noch die, daß er wußte, er hätte noch einen Dienſt im Hinterhalte.* Beſuch Na Weißlen Beſitz d ihm jetz denken g ſer⸗Laſſe ſchiedene in ander nicht mi ebenfalls Nac ſeiner G zu einen Reichsthe nichts an tern, ſo ſtiefeln i frieden ke am folge gend des ben und Heimath. Nore Paul die nung, di meinte, h die Stub war jetzt ten, von oder vier ihrend des mit Toddy, er oft ein en dürfen. , ein wirk⸗ da er am Weggange abräumte, uf welchem ind welches eine ganze e Banknote wenn nicht der Taſche, ketzte dazu: nzend nen⸗ t angeneh⸗ uf eigenem zum letzten Thür Dir „ ſo herzlich!“ glücklichen hätte noch Siebenzehntes Kapitel. Beſuch in der Heimath nebſt Einleitung, Zwiſchenakt und Schluß. Letzter Morgen in Göteborg. Nachdem Paul wiederum die Wirthin in den drei Weißlengen aufgeſucht hatte und noch einmal in den Beſitz des kleinen Zimmers gekommen war, welches ihm jetzt doppelt theuer geworden, weil es das An⸗ denken an jenen fröhlichen Mittag in Elg's und Waſ⸗ ſer⸗Laſſe's Geſellſchaft bewahrte, ging er aus, um ver⸗ ſchiedene kleine Aufkäufe zu machen, denn da er Nora in anderthalb Jahren nicht geſehen hatte, ſo wollte er nicht mit leeren Händen kommen, und die Kleine durfte ebenfalls nicht vergeſſen werden. Nach einer nicht geringen Qual bei der Wahl ſeiner Geſchenke entſchloß er ſich endlich für das Zeug zu einem kattunenen Kleide für Nora, nebſt einer Reichsthalers⸗Tuchnadel in Form eines Vergißmein⸗ nichts an einem langen Stengel mit drei kraufen Blät⸗ tern, ſo wie für die Kleine zu einem Paar Schnür⸗ ſtiefeln und einer zinnernen Klapper. Stolz und zu⸗ frieden kehrte er mit ſeinen Schätzen zurück, und da am folgenden Morgen ein Scherenboot nach der Ge⸗ gend des Fiſcherdorfes abging, ſo fuhr er mit demſel⸗ ben und befand ſich in Kurzem in ſeiner theuren Heimath. Nora, welche weit entfernt war, zu ahnen, daß Paul die Abſicht hatte, ſie zu beſuchen, eine Auszeich⸗ nung, die ſie weder begehren noch hoffen zu können meinte, hatte neulich zum zweiten Male an dem Tage die Stube ausgekehrt und mit Seeſand beſtreut, und war jetzt fleißig beſchäftigt, eine Binſenmatte zu flech⸗ ten, von welcher der Aufzug über zwei Tiſche geſpannt 212 war, als ſie hurtige männliche Schritte im Haus⸗ flur hörte. Der Laut dieſer Schritte war ihr ſeit alten Zei⸗ ten ſo wohl bekannt, daß ſie nicht erſt nöthig hatte, ſich umzuwenden, um zu wiſſen, wer die Thür öffnete. Und ſo ſtark war die Gemüthsbewegung, welche ſie in dieſem Augenblicke empfand, daß ſie, in Thränen aus⸗ brechend das Geſicht in ihren Händen verbarg. Paul trat zu ihr und zog die Hände leiſe hin⸗ weg.„Gott ſegne Dich, liebe Nora!“ waren ſeine erſten Worte.„Willſt Du mich nicht anſehen?“ „Ach, ich hörte wohl, daß Du es warſt, lieber Paul!“ ſagte ſie leiſe und erhob ihren Blick ſo bange und zugleich liebevoll empor, daß ihm ganz warm um das Herz wurde und er ohne eigentlich zu bedenken, was er that, ſie mit ſeinen Armen umſchloß und ſo ausweinen ließ. Unfreiwillig betrachtete er dabei— Paul hatte natürlich während ſeiner Stadtperiode gelernt, das Schöne zu beurtheilen— Nora's ausgezeichnet ſchönes und langes Haar, desgleichen nicht einmal Jeannette aufzuweiſen hatte; dieſes lag jetzt in ausgezeichnet ſchönen Flechten mehrmals um den Kopf geringelt. „Nimm nicht übel,“ ſagte zuletzt Nora, indem ſie ſich ſchnell zurückzog und die Thränen abwiſchte,„daß ich Dich ſo dumm entgegen nehme, lieber Paul! Ich ſollte mich mit allem Rechte freuen und ich weine ja! Aber ich kann nicht anders, denn es iſt ſo wunderlich, Dich nach dieſer Gottes langen Zeit wieder zu ſehen. Du biſt ausgewachſen und ein rechter Herr geworden; aber Du haſt doch in dem ganzen Geſicht und beſon⸗ ders in den Augen alles Gute, das Du früher hatteſt. Gott lohne Dir, liebſter Paul.... ich kann nicht mehr ſagen!“ „Du hältſt eine allzu große Rede, liebe Nora, über die Kleinigkeit, womit ich Dir habe dienen kön⸗ nen! Ich habe von der Gevatterin bei ihren Lebzeiten ſo viel war, D mermeh anſtänd wirklich / erröthen haſt, bit ken geko niß, h von de beweiſe 74 meiſten / war, d Verſtan nen, ſo kommen ſelbſt g. ſenmatt cken: d uns.“ Pa webe. „ wurde: Sache c machen machen ich bin No ſich hin merken In etwas v Manier im Haus⸗ alten Zei⸗ thig hatte, ür öffnete. che ſie in änen aus⸗ rg. leiſe hin⸗ aren ſeine en?“ rſt, lieber k ſo bange warm um bedenken, loß und ſo Paul hatte ernt, das net ſchönes Jeannette asgezeichnet ringelt. , indem ſie chte,„daß Paul! Ich weine ja! wunderlich, r zu ſehen. geworden; und beſon⸗ her hatteſt. nicht mehr n Lebzeiten ſo viel Gutes genoſſen, daß es nur meine Schuldigkeit war, Dir wieder zu helfen. Und Du kannſt Dir nim⸗ mermehr vorſtellen, wie froh ich war, zu hören, wie anſtändig und gut Du handelſt und daß Du als ein wirkliches Vorbild der Andern lebſt!“ „Gott beſſere! ich ein Vorbild!“ antwortete Nora erröthend.„Aber nachdem Du mich hieher gebracht haſt, bin ich nach und nach zu Verſtand und Nachden⸗ ken gekommen und da wurde es mir gleichſam ein Bedürf⸗ niß, hier in Deiner Heimath den Andern ein wenig von dem Guten wieder zu erzeigen, welches Du mir beweiſeſt.“ „Dafür ſollſt Du großen Dank haben und am meiſten dafür, daß Du den Kindern haſt helfen wollen!“ „O, ich wußte ja, daß hier früher eine Schule war, da Dein Vater noch lebte. Da ich jedoch nicht Verſtand und Begriffe genug hatte, eine ſolche zu ord⸗ nen, ſo ließ ich wenigſtens alle kleinen Mädchen zu mir kommen, und ſie habe ich das Wenige gelehrt, das ich ſelbſt gelernt habe. Jetzt haben wir Verdienſt an Bin⸗ ſenmatten bekommen, welche wir nach Göteborg ſchi⸗ cken: die Bootsleute ſind ſo gut und verkaufen ſie für uns.“ 5 Paul beſah und lobte das wirklich ſchöne Ge⸗ webe. „Dieſe langen Matten,“ fuhr Nora fort und wurde ruhiger, je länger ſie ſich bei einer unwichtigen Sache aufhielt,„webe ich allein, die Mädchen aber machen Thürenmatten und andere kleinen Matten und machen mir die Binſen zurecht. Artig ſind ſie alle und ich bin froh, daß ich etwas zu thun habe.“ Nora war ſo ſchön, da ſie dies ſagte, daß Paul ſich hinweg wenden mußte, um ſein Erröthen nicht merken zu laſſen. In dem ganzen Weſen des jungen Weibes lag etwas von ihrer ehemaligen leichtſinnigen und freien Manier ſo Verſchisdenes, daß Paul nicht begreifen 214 konnte, wie ſich Jemand ſo zu ſeinem Vortheile ver⸗ ändern könnte. Der kecke Muthwille war verſchwunden und ſtatt deſſelben lag über ihrem ganzen Weſen ein angenehmer Anſtand. Ihre Augen hefteten ſich nicht mehr ſo kühn wie vormals auf die ſeinigen, ſondern wichen ihnen aus mehr als er wünſchte; erhielt er je⸗ doch einen Blick, ſo war es ein ſolcher, daß ſich das Herz deſſelben freute. Dennoch ſeufzte er und wendete ſich mit Schmer⸗ zen hinweg bei einem unruhigen Laute, der ſich jetzt von der Wiege hören ließ. Dieſer vernichtete zwar nis Eindrünte nicht, welche er empfunden hatte, aber er örte. Nora trat ſchnell hinzu und nahm das Mädchen mit vielen Schmeichelworten auf. Da ſie jedoch Paul's Bewegung merkte, ſo wollte ſie das Kind ſogleich und mit unverkennbaren Zeichen der Unruhe hinaustragen. Paul aber hielt ſie in der Thür zurück und ſagte: „Wozu das, Nora? Ich wendete mich nur, um für die Kleine dieſes Spielzeug hervorzuſuchen.“ Er reichte ihr die Klapper— doch Paul nahm das Kind nicht auf ſeine Arme, wie Bengtsſon gethan hatte. Vielleicht drängte ſich der Unterſchied zwiſchen Bei⸗ der Betragen in Nora's Herz, denn indem ſſiee ſich ſtill für das Geſchenk verneigte, welches ihr Kind entgegen nahm, zog ſie ſich doch immer mehr zurück nach der Gegend der Küchenthür; und ohne ſich ſelbſt recht zu verſtehen, empfand Paul eine Verlegenheit, welche ihm nicht zuließ, ſie zurück zu halten. Später am Abende beſuchte Paul ſeine ſämmtli⸗ chen alten Freunde und Nachbarn, und beſah ſich bei Elgs Vater Quartier aus. Wohin er ging und kam, hörte er Nora's Lob. Während des letztverfloſſenen Winters hatte ſie ſelbſt ſich ſo knapp wie möglich be⸗ holfen, um deſto mehr das ſie umgebende Elend zu lindern und auf die Kinder hatte ſie ſo viel Gutes gewirkt, daß es nicht zu beſchreiben war; kurz ſie war ein Eng holfen, Pa ſich ſelbf da die würde k nige, m Kind— Er es war an die arbeitſa dennoch des Her daß er Paul u ihr woh leere H ihr zum zum Fr holte e eine Tu N ſie lang erröthe könnte mehr c ſoll an N Halstu Zeit fr theile ver⸗ tſchwunden Weſen ein ſich nicht , ſondern ielt er je⸗ ß ſich das Mädchen pch Paul's gleich und ustragen. nd ſagte: m für die Er reichte ind nicht ſchen Bei⸗ e ſich ſtill entgegen nach der trecht zu elche ihm ſämmtli⸗ ſich bei und kam, rfloſſenen glich be⸗ Elend zu el Gutes ſie war 215 ein Engel des Troſtes. Und Paul, der ihr dazu ge⸗ holfen, wurde ebenfalls in reichlichem Maße geſegnet. Paul ſchlief die ganze Nacht nicht. Er konnte es ſich ſelbſt nicht verbergen, wenn Nora ſo geweſen wäre, da die Gevatterin ſie zu ſeiner Frau beſtimmte, ſo würde kein Mann glücklicher geweſen ſein, als derje⸗ nige, welcher ſie ſein hätte nennen dürfen; aber das Kind— das Kind! Er haßte nicht eigentlich dieſes arme Kind, aber es war doch eine beſtändige und ſtechende Erinnerung an die Vergangenheit. Und ſo gut, tugendhaft und arbeitſam Nora jetzt auch ſein mochte, ſo hatte Paul dennoch ſeinen Stolz; und trotz der warmen Fürſprache des Herzens und des ernſten Urtheils des Verſtandes, daß er gewiß nie eine beſſere Gattin bekäme, blieb Paul unentſchloſſen.„Und noch dazu: was habe ich ihr wohl zu bieten?“ ſagte er bei ſich ſelbſt.„Zwei leere Hände— es wäre Unrecht von mir, wenn ich ihr zum zweiten Male eine gute Gelegenheit, ſogleich verſorgt zu werden, rauben wollte.“ Als er am folgenden Morgen in Nora's Zimmer trat, ſo war er mit ſich ſelbſt ſo weit gekommen, daß er ihr nicht abrathen wollte, den Bengtsſon zu hei⸗ rathen. Nachdem er ſich die kleine Mahlzeit, die Nora zum Frühſtück vorſetzte, gut hatte ſchmecken laſſen, ſo holte er ſeine Geſchenke hervor und reichte ihr zuerſt eine Tuchnadel. Nora nahm dieſelbe in die Hand und betrachtete ſie lange ſchweigend. Endlich ſagte ſie, indem ſie ſtark erröthend einen eilfertigen Blick auf Paul warf:„Ich könnte Dich doch nie vergeſſen, aber ich danke Dir mehr als ich ſagen kann, daß Du noch willſt, ich ſoll an Dich denken!“ Mit dieſen Worten ſteckte ſie die Nadel in ihr Halstuch; und Paul, der hiebei eine ſtarke, zu gleicher Zeit frohe und ſimerzhafte Bewegung in ſich zu füh⸗ — — 216 len begann, ſuchte, um ſich von derſelben zu befreien, ſchnell das Zeug hervor, wickelte daſſelbe auf und bat, ſie möchte mit dieſem Kleide fürlieb nehmen. „Nein, lieber Paul! verkaufe es wieder,“ ſagte Nora ernſthaft.„Was ſollte ich wohl hier in der Ein⸗ ſamkeit mit einem ſo ſchönen Kleide anfangen?“ „Du bleibſt vielleicht nicht für immer hier,“ meinte Paul mit unſicherer Stimme.„Wenn Du vielleicht nach Koſter ziehſt, ſo...“ „Willſt Du es denn?“ rief Nora aus und hielt beide Hände vor das Geſicht.„Doch ich brauche nicht erſt zu fragen, da Du es ſelbſt geſagt haſt.“ Sie ſuchte ihr Gefühl zu verbergen und ruhig und ergeben auszuſehen. „Nein, Gott weiß am beſten„ ſagte Paul ziem⸗ lich unbedacht,„wenn es auf mich ankäme, ſo ſollteſt Du gewiß nicht“— hier aber hielt er plötzlich inne, denn was ſollte er ſagen, da er nicht im Stande war, ihr eine andere Ausſicht zu eröffnen, wenn er auch Vie⸗ les vergeſſen konnte, wozu er in der That, beſiegt von Nora's neuen Reizen, mit jedem Augenblicke immer geneigter wurde. „Lieber Paul!“ entgegnete Nora, und erhob einen freudeſtrahlenden Blick zu ihm empor,„wie meinſt Du? Meinſt Du vielleicht, es wäre beſſer, wenn ich Bengtsſon's Anerbieten abſchlüge? Ich habe auf jeden Fall an verſchiedene Auswege gedacht, um Dir nicht länger zur Laſt zu liegen, ich könnte die Kleine irgendwo einaccordiren, und mir einen Dienſt ſuchen: da ver⸗ diente ich wohl ſo viel, daß ich für ſie bezahlen könnte und...“ „Nein,“ unterbrach ſie Paul,„Du ſollſt das Kind nicht von Dir laſſen! Ich wußte nicht recht, was ich ſagte, und dies iſt ein zu wichtiger Gegenſtand, als daß man ihn ohne Nachdenken behandeln ſollte. Darum, liebe Nora, denke ich, daß Du der Zukunft wegen Dich gut bedenken und in dieſer Sache nicht übereilen mußt, Pauls 9 Bengisſt verſorge „J verſchwu nahe erſ⸗ „W mend. „Ni Fall mei gut gen gegen m ich ihn es in m Nag aber feſte ihr Kind den Bin übermäch empfand, wollen, ſ mit demf ſie ſtill ſt einige S In Unzufried als Norc doch wür das Höch nichts me nicht frech denken ſie war gedu vor ihrer uu befreien, f und bat, er,“ ſagte n der Ein⸗ 2n?“ er,“ meinte vielleicht und hielt nuche nicht ſt.“ Sie d ergeben aul ziem⸗ ſo ſollteſt lich inne, unde war, auch Vie⸗ ſiegt von ke immer ob einen e meinſt wenn ich auf jeden dir nicht rgendwo da ver⸗ n könnte as Kind was ich Id, als Darum, hen Dich n mußt, Bengtsſon iſt ein ehrenwerther Mann, er kann Dich verſorgen und auf alle Weiſe gut halten.“ „Ja, das iſt wahr!“ ſagte Nora leiſe; aber unter Pauls Rede war die friſche Farbe von ihren Wangen verſchwunden, und ſie war ſo bleich, daß Paul bei⸗ nahe erſchrack. was iſt Dir, liebe Nora?“ fragte er theilneh⸗ mend. „Nichts, gar nichts.. Es verdient auf jeden Fall meine ganze Dankbarkeit, daß Bengtsſon mich für gut genug gehalten hat. Er hat ſo gut und ehrlich gegen mich gehandelt, daß er darauf rechnen kann, daß ich ihm eine ſo gute und verſtändige Frau werde, wie es in meiner Macht ſteht.“ Nachdem Nora dieſe Worte in einem leiſen, dabei aber feſten Tone geäußert hatte, ſtand ſie auf, nahm ihr Kind von der Erde auf, wo es gelegen und mit den Binſen geſpielt hatte; und als hätte ſie vor dem übermächtigen Schmerz, den ſie in dieſem Augenblick empfand, bei dem armen kleinen Weſen Schutz ſuchen wollen, ſchmiegte ſie ihr Geſicht an das Kind und ging mit demfelben hinaus an den Strand des Meeres, wo ſie ſtill ſtand, um der Kleinen, die zu weinen begann, einige Schnecken aufzuleſen.. In dieſem Augenblicke empfand Paul eine tiefe Unzufriedenheit mit ſich ſelbſt und zwar um ſo ſtärker, als Nora's Nuhe und ihr ganzes unterwürfiges und doch würdiges Betragen ſeine ſanfteren Gefühle auf das Höchſte in Anſpruch genommen hatte. Er fand nichts mehr an ihr, das ex verachten mußte; ſie war nicht frech, ſie hatte in der Einſamkeit und im Nach⸗ denken ſich ſelbſt ſowohl geſtraft, als auch gebeſſert: ſie war geduldig und ehrbar in weit höherem Grade, als vor ihrer Erniedrigung. Zu ſich ſelbſt ſagte er etwas, das ungefähr ſo klang:„ich bin ein ſtolzer und elender Menſch! Sie iſt beſſer als ich, und ich hatte hier gar nichts zu ſchaf⸗ 218 fen, da ich ihr nur wehe thue und gleichſam noch ein⸗ mal ihre Schande unter die Augen halte!“ Unruhig, von Vorwürfen geplagt und unentſchloſ⸗ ſener, als je, ging Paul zurück in das Haus, wo er wohnte und beſuchle Nora an dem Tage nicht mehr. Als er am folgenden Vormittage zu ihr kam, ſo war ſie nicht allein: alle kleinen Mädchen des ganzen Fiſcherdorfes waren um ſie verſammelt. Nun verhörte ſie und gab darauf einer jeden ihre Arbeit, welche in Stricken und Mattenflechten beſtand. Während der Zeit ſaß Paul ganz ſtill und ge⸗ dankenvoll in einem Winkel, bis der Mittag kam und alle Kinder gingen. Auch Nora wollte ſich in die Küche begeben, um, wie ſie ſagte,„die prächtigen Schollen zu kochen, welche Paul heute früh gefiſcht und ihr geſchickt hätte.“ „Nein, warte einen Augenblick, liebe Nora!“ rief ihr Paul zu und trat näher.„Geh' nicht eher, als bis Du mir geſagt haſt, ob Du irgendwie mit mir unzufrieden biſt!“ „Ich— liebſter Paul?“ ſagte Nora, ohne gleich⸗ wohl aufzublicken;„wie könnte ich die allergeringſte Urſache haben, mit Dir unzufrieden zu ſein, da Du immer mein Beſtes gewollt haſt?“ „Ja, Gott weiß, daß ich das gewollt habe! Aber einer will ſo vieles, was Einer nicht kann.... Haſt Du weiter darüber nachgedacht, was wir geſtern von Bengtsſon ſagten?“ „Nein, das habe ich eben nicht! denn da es nun einmal abgemacht iſt, ſo mag Gott rathen; und ſo iſt es, glaube ich, das Beſte, vorher nicht zu viel daran zu denken.“ „Nachdem es abgemacht iſt, ſagſt Du?— wie meinſt Du das? Nichts wurde geſtern abgemacht, liebe Nora, gar nichts!“ „Ja, Paul, es wurde ganz beſtimmt entſchieden, 7 ich ſollte Bengtsſons Frau werden. Und wenn er zu⸗ rückkommt ſoll.“ „Nor zurück— haſt.... 3 herzlich, Was und vermt „Willſt D und Dir den kann ſelbſt, Di und heute bleibt den „Nor den!“ ſag Wange. beſten Fre „Ja, aber ich und Du ſogar zu Paul! ka Güte und wenn ich nen Auge mich na Nein, P Ich habe ihn— da daß er kl „Und weiß ſelh ſagte Pau „Ich etwas in haben, noch ein⸗ entſchloſ⸗ , wo er mehr. kam, ſo s ganzen verhörte , welche und ge⸗ kam und h gefiſcht pra!“ rief eher, als mit mir ne gleich⸗ rrgeringſte , da Du lt habe! kann.... dir geſtern — da es nun und ſo iſt diel daran 2— wie acht, liebe ntſchieden, enn er zu⸗ rückkommt, ſo mag er ſelbſt ſagen, wann es geſchehen ſoll.“ „Nora!“— Paul zog ſie ſanft von der Thür zurück—„wenn Dr keine Neigung zu Bengtsſon haſt Du darfſt Dich nicht übereilen, ich bitte Dich herzlich thue das nicht!“ „Was ſoll denn aus mir werden?“ rief Nora aus und vermochte nicht länger die Thränen zurückzuhalten. „Willſt Du, ich ſoll, wie bisher, von Deinem Mitleiden und Dir zur Laſt leben, da ich eine ehrliche Frau wer⸗ den kann? Nein, Paul, das wollteſt Du geſtern ſelbſt, Du ſagteſt beſtimmt, es wäre gut und ſchön, und heute ſollteſt Du Dich nicht ändern— denn es bleibt dennoch wie es iſt.“ „Nora! Du biſt außerordentlich beſtimmt gewor⸗ den!“ ſagte Paul mit einer leichten Röthe auf der Wange.„Du hältſt mich alſo nicht mehr für Deinen beſten Freund? 24 „Ja, Paul, das thue ich gewiß und wahrhaftig; aber ich hatte in dieſer Sache Deinen Rath begehrt, und Du gabſt ihn mir unaufgefordert. Du rietheſt mir ſogar zu der Heirath. Und darum, mein theuerſter Paul! kannſt Du leicht verſtehen, daß ich aller Deiner Güte und Brüderlichkeit unwürdiger wäre, als ich bin, wenn ich darum, weil Du heute vielleicht nur für ei⸗ nen Augenblick Dich geändert haſt, ſchon bereit wäre, mich nach dem zu richten, was Du eben geſagt haſt. Nein, Paul, auf die Art kämen wir nie an's Ende! Ich habe einmal Deinen Rath gehört und ich befolge ihn— denn nun weiß ich mit aller Gewißheit ſelbſt, daß er klug und gut iſt.“ „Und wie kannſt Du das wiſſen, Nora? Ich weiß ſelbſt nicht, ob ich Recht that, Dir zu rathen!“ ſagte Paul mit einer gewiſſen Heftigkeit. „Ich kann es nicht erklären. Aber, lieber Paul! etwas in mir ſagt, Du würdeſt mir nicht zugerathen haben, den Bengtsſon zu nehmen, wenn Du nicht überzeugt wäreſt, Du wollteſt es von ganzem Herzen. Und wenn Du es wollteſt, ſo war es genug; denn Du ſaheſt ein, daß dies das größte Glück wäre, wel⸗ ches ich erwarten könnte: und darin, lieber Paul, hatteſt Du ja vollkommen Recht!“ „Und dennoch,“ fiel Paul ein, plötzlich bei dem unbewußten, dabei jedoch nicht weniger tiefen Vor⸗ wurfe, der in Nora's Ausdrucke lag, jede Bedenklich⸗ keit und jede Entſagung vergeſſend,„und dennoch habe ich mir mit meinem Rathe ſelbſt eine Schlinge gelegt; ich, ich, liebe Nora, habe nichts Dagegen würdeſt Du mit Bengtsſon gut verſorgt.“ Einen Augenblick ſtand Nora beinahe unbeweglich vor Verwunderung und Freude und in einem großen Uebermaße der Freude und Seligkeit— aber auch nur einen Augenblick; der darauf folgende wurde ihr um ſo bitterer, weil ſie ſich Paul's unbezwinglichen Wider⸗ willens gegen ihr Kind und ſeines einmal beſtimmt ausgeſprochenen Abſcheues vor einer Verbindung mit ihr ſelbſt entſann. Vielleicht, dachte ſie, iſt ein Funke von der vorigen Liebe in Paul aufgeflammt(Nora wußte nicht, daß Paul's Liebe noch nie erloſchen war), vielleicht konnte es auch ein großes Mitleiden und ein Edelmuth von ihm ſein— aber in beiden Fällen war er erſt heute auf Gedanken verfallen, die er geſtern mißbilligte. Es hatte ihm alſo gewiß einen ſchweren Kampf gekoſtet, ſich in dieſer Hinſicht ſelbſt zu über⸗ winden; und Nora fühlte tief und feſt, ſo gewiß ſie ihn jetzt tauſendmal höher liebte, als damals, da ſie flüchtig und leichtſinnig war, ſo gewiß wollte ſie auch nicht Ürſache dazu ſein, daß er in Uneinigkeit mit ſich ſelbſt geriethe und ſich ihretwegen eine Aufopferung auferlegte, welche ſelbſt in dem Falle, daß ſie ihm in dieſem Augenblicke nicht viel koſtete, es doch bald thun würde; denn Paul's Seele war ſtolz, und das Kind würde eine tägliche Erinnerung an dasjenige, was ſie beſtändig zu vergeſſen wünſchte. Inde durchfloger und ihre ergriffen Nora ſo der Bruſt möchte di chen. Er daß ſie Paar zu erſchien ſie und er n eine treuf mit einem „The Ehre wür ken konnt kunft unſ nerung ei etwas an denn zwi einer Hei „Sa⸗ Du mich ich Dir Worten b den Blick gen, eine und ſein lich ſtolz m Herzen. lug; denn däre, wel⸗ ber Paul, h bei dem efen Vor⸗ Bedenklich⸗ ch habe ich elegt; ich, bürdeſt Du nbeweglich em großen r auch nur de ihr um den Wider⸗ beſtimmt ndung mit ein Funke imt(Nora chen war), en und ein Fällen war er geſtern n ſchweren ſt zu über⸗ gewiß ſie als, da ſie lte ſie auch eit mit ſich lufopferung ſie ihm in bald thun ddas Kind ge, was ſie Indem Nora's Gedanken alle dieſe Umſtände durchflogen, ſo wechſelte die Farbe auf ihren Wangen und ihre Augen wurden feucht. Paul hatte ihre Hand ergriffen und in dieſem Augenblick ſchlug ſein Herz für Nora ſo warm und ſo heftig, daß es gleichſam aus der Bruſt ſpringen und ſie bitten zu wollen ſchien, ſie möchte dieſer peinigenden Ungewißheit ein Ende ma⸗ chen. Er entſann ſich keines andern Umſtandes, als daß ſie und er ſtets die Abſicht gehabt hatten, ein Paar zu werden. So ſchön, ſo ehrbar, ſo verwirrt erſchien ſie ihm als ganz gereinigt, reiner denn zuvor, und er war faſt im Begriffe, ihrem Beſinnen durch eine treufeſte Umarmung ein Ende zu machen, als ſie mit einem dankbaren Blicke zu ihm aufſah und ſagte: „Theuerſter Paul! nun, da Du mich einmal einer Ehre würdig erachtet haſt, die ich mir nie mehr den⸗ ken konnte, ſo meine ich, was mir auch in der Zu⸗ kunft unſer Herr auferlegt, dennoch von dieſer Erin⸗ nerung einen großen Troſt und ein Labſal zu haben; etwas anderes aber kann und will ich nicht ſagen, denn zwiſchen uns darf nie mehr die Rede ſein von einer Heirath.“ „Sage das nicht, liebe Nora! denn da betrübſt Du mich ſchwer und ernſt, und ich muß glauben, daß ich Dir nun gar nichts mehr bin!“ Und bei dieſen Worten betrachtete er ſie mit einem ſo liebevoll bitten⸗ den Blicke, daß ſie nie, ſelbſt in ihren froheſten Ta⸗ gen, einen ſolchen Blick geſehen hatte. „Ach ja, Du biſt mir vor allem in der ganzen Welt das Liebſte, aber gerade darum will ich nicht, daß Du Dich ſelbſt dadurch ſchlecht machſt, daß Du mich zur Frau nimmſt— ſage alſo darüber kein Wort mehr, denn ich könnte vor Betrübniß ſterben, daß ich mich ſo aufgeführt habe!“ „Wenn Du ſo redeſt, liebe Nora,“ ſagte Paul und ſein Auge ſtrahlte,„da meine ich, ich kann wirk⸗ lich ſtolz ſein über Dich! Sage nun nur, daß Du 222 meine Armuth und meine Liebe theilen willſt— ſo iſt Alles geſagt, was zwiſchen uns nöthig iſt— und dann ſollſt Du ſehen, ob ich arbeiten kann! Ich will auf alle mögliche Weiſe ſtreben, Dir und dem Kinde Un⸗ terhalt zu ſchaffen/ 3 „Dank, Paul, diel viel Dank! Aber das kann nicht ſein und geſchieht nimmermehr. Mein Kind kannſt Du nicht lieben; und darum, weil ich mich ge⸗ gen Bengtsſon nicht ſo ſchändlich aufgeführt habe, wie gegen Dich, will ich lieber, daß er ihr Vater wird. Dies iſt mein letztes Wort, Paul— und nun laß mich, denn es dient zu nichts, weiter davon zu reden!“. „Ach ſo, Nora, Du willſt Dich und die Kleine lieber dem Bengtsſon anvertrauen—? Ich habe mich alſo ſchrecklich getäuſcht— und das hätte ich denn doch wohl nicht verdient?“ „Ja, Paul, ſo viel Dankbarkeit haſt Du gewiß von mir verdient— das iſt die einzige Dankbarkeit, die ich Dir erweiſen kann und darum will ich ſie Dir auch erweiſen....“ Nora zog ihre Hand aus der ſei⸗ nigen und eilte hinaus. Paul ſah ihr mit Liebe, mit Schmerz, mit Be⸗ wunderung nach. Nun erſt konnte er ſie recht von Herzen lieb haben, da er ſie recht achten konnte, und mit einem ſtillen Fluche über den, der an ihrem Un⸗ glücke Schuld war, ging er mit dem Vorſatze, ſo lieb es ihm nun auch wäre, ſie zu gewinnen, doch nicht mehr dieſen ſeinen Wunſch auszuſprechen. Er verſtand vollkommen, daß ſeine Unentſchloſſenheit ſie beleidigt hatte und daß ſie einer Veränderung keinen vollkom⸗ menen Glauben beimeſſen konnte, die ſich ſo ſchnell gemacht hatte.... Nur ein paar Tage verweilte Paul noch in dem Fiſcherdorfe. Als er ſich wiederum von dort hinweg⸗ begab, ſo geſchah es mit ſchwerem Herzen und leichter Kaſſe. Er nere Unt jetzt als dies ſo ihrer eige helfen kor vielen An Greiſe un hatte ſie ihnen mit Zukunft! Eine der große Waſſer⸗L Laſſe’s Vo ſen gab welche die Stunden Winters Haushaltt menſchenl ein Haus und freut Vorſehung er und ſti Elg verſch Unterſtütz, ſich in all Von Wirth, E lich in ſei und von mit ſo ma würdigen auch mit händlerthe — ſo iſt und dann will auf Kinde Un⸗ das kann eein Kind mich ge⸗ habe, wie ater wird. nun laß davon zu die Kleine habe mich ich denn Du gewiß ankbarkeit, ch ſie Dir is der ſei⸗ „mit Be⸗ recht von nnte, und ihrem Un⸗ ze, ſo lieb doch nicht r verſtand e beleidigt vollkom⸗ ſo ſchnell och in dem rt hinweg⸗ nd leichter Er hatte Nora nicht überreden können, noch fer⸗ nere Unterſtützung von ihm anzunehmen, da ſie ſich jetzt als die Verlobte eines andern betrachtete und über⸗ dies ſo viel in Vorrath hatte, daß ſie ſich mit Hülfe ihrer eigenen Arbeit bis zu Bengtsſons Rückkehr durch⸗ helfen konnte. Dhher kam auch um ſo mehr auf die vielen Antheile, welche Paul unter die alten Frauen, Greiſe und Kinder des Fiſcherdorfes vertheilte. Er hatte ſie alle gekannt und geliebt und trennte ſich von ihnen mit dem Verſprechen, wenn Gott ihm in der Zukunft hülfe, beſſer für ihr Wohl zu wirken. Eine vorzügliche Theilnahme widmete er jedoch der großen Schaar von jungen Wilden, welche ſich zu Waſſer⸗Laſſe's Brüderſchaft zählten, ſo wie Waſſer⸗ Laſſe's Vater, Mutter und alten Großmutter, und die⸗ ſen gab er die reichlichſten Antheile. In der Hütte, welche dieſe Familie umſchloß, ſaß Paul täglich mehre Stunden und hörte die Beſchwerden und Mühen des Winters an und alles, was während deſſelben alle Haushaltungen des Fiſcherdorfes betroffen hatte. Paul's menſchenliebendes Herz blutete mit den ihrigen, wenn ein Hausvater nahe daran geweſen war, umzukommen und freute ſich und frohlockte mit ihnen, wenn die Vorſehung ihn wunderbar gerettet hatte. Darauf hörte er und ſtimmte ein in alles Lob, welches an Laſſe und Elg verſchwendet wurde, weil ſie fortfuhren, reichliche Unterſtützungen nach Hauſe zu ſchicken und noch dazu ſich in allen Stücken gut aufführten. Von Waſſer⸗Laſſe's Familie ging Paul, ſeinen Wirth, Elg's Vater, aufzuſuchen. Dieſer ſaß gewöhn⸗ lich in ſeinem Boote und fiſchte und da er noch raſch und von lebhaftem Geiſte war, ſo traktirte er Paul mit ſo manchem Seemanns⸗„Paſſaſcha“ von der glaub⸗ würdigen Art, wie der Alte es ſelbſt erlebt hatte und auch mit der Schilderung ſo mancher kühnen Schleich⸗ händlerthat, an welcher er in ſeinen jungen Jahren, 224 „als noch etwas zu thun und zu verdienen war,“ Theil genommen hatte. Auf dieſe Art betäubte Paul ſeine Unruhe, aber dieſe legte ſich dennoch nicht. Zwar billigte er Nora's Handlungsweiſe, ja bisweilen in dem Grade, daß es Augenblicke gab, in welchen er ſogar nicht einmal wünſchte, daß ſie ſich anders hätte benehmen ſollen. Aber dennoch kam es ihm doch gleichſam ſo vor, als wenn er nun erſt allein in der Welt ſtehen ſollte und ohne alle Verbindung mit den Menſchen wäre, nun da er Nora verließ, um ſie nie wieder zu ſehen, wo nicht als die Gattin eines Andern. Der Abſchied war auf beiden Seiten ſchwer, aber keines wollte ſich vor dem andern ſchwach zeigen. Sie ſchieden mit einem warmen Handſchlag, aber mit trau⸗ rigen, tief betrübten Herzen. Auf der Thürſchwelle ſagte Paul:„Grüße Bengts⸗ ſon— ich will fleißig zu Gott beten, liebe Nora, daß er Dich glücklich macht!“ „Dank, Dank!“ ſtammelte ſie,„Dank, Du lieber Paul! Ich will auch beten, daß es Dir immer gut gehen möge!“ Ein langer ausdrucksvoller Blick war der letzte Abſchied. Nora begleitete ihn nicht an den Strand— arme Nora! ſie vermochte es nicht... Und wiederum war Paul in Göteborg. In ſeinem kleinen Zimmer in den drei Weißlen⸗ gen überlegte er nun wie bei ſeiner erſten Ankunft nach der großen Stadt, was er zu thun hätte, und be⸗ ſchloß, den Kummer ruhen zu laſſen und ſich ſtatt deſſen zu ſeiner Wanderung zu rüſten. Mit den Ueber⸗ bleibſeln ſeiner Kaſſe verſtärkte er das ſchon vor der Reiſe nach dem Fiſcherdorfe eingekaufte Lager von Geſangbüchern, Katechismen, Fibeln, Liedern, Mähr⸗ chen, Bildern und Holzſchnitten, zu welchen letzteren er noch ein halbes Buch„Jungfrau Marien mit dem Kinde“ legte, weil er erfahren hatte, daß dieſelben „drinnen ſonders f nachdem vielen To und wied unter mu⸗ zem Wach ein weni Reſt ſeine anvertrau an einem bereit, ſei „Es ſich ſelbſt, hinab.„ Welt zu ſ kümmert ob ich le ganzen Lo Leben, w Freude th Er l welche er ſeine bren rend das auf deſſen tanzte. „ 7 Werke 3 war ſeine nicht und Sinne git Erden. Al Neues w wir verſch daß, mag Paul. We ar,“ Theil zuhe, aber er Nora's be, daß es ht einmal hen ſollen. vor, als ſollte und väre, nun ſehen, wo zwer, aber eigen. Sie mit trau⸗ ge Bengts⸗ Nora, daß Du lieber „ immer gut der letzte Strand— i Weißlen⸗ en Ankunft te, und be⸗ d ſich ſtatt den Ueber⸗ on vor der Lager von rn, Mähr⸗ en letzteren en mit dem s dieſelben 225 „drinnen im Lande“ großen Abſatz haben ſollten, be⸗ ſonders für die Ladendeckel der Dienſtmädchen. Und nachdem alle dieſe Dinge, in welche er vor nicht gar vielen Tagen mit Entzücken geblättert, ſie geordnet und wieder geordnet hatte, jetzt bedächtig und nicht unter muntern Geſange in einen Ranzen von ſchwar⸗ zem Wachstuch, und dazu in einem kleineren Futteral ein wenig Kleider eingepackt waren, ſo wurde der Reſt ſeines Vermögens der Wirthin zur Verwahrung anvertraut— und ſo, in Gottes Namen, ſtand Paul an einem ſchönen Maimorgen mit Aufgang der Sonne bereit, ſeine Fahrt anzutreten. „Es iſt gleich gut, wohin es geht!“ ſagte er zu ſich ſelbſt, und eine Thräne ſchlich ſich an der Wange hinab.„Ich habe für Niemanden mehr hier in der Welt zu ſorgen, als für mich ſelbſt, kein Menſch be⸗ kümmert ſich darum, ob ich etwas erſpare oder nicht, ob ich lebe oder ſterbe. Es iſt doch nichts mit dem ganzen Leben— was hat man für Freude von dem Leben, wenn kein Menſch unſern Kummer und unſre Freude theilt?“ Er blieb ſtehen, und da die Hafenſtraße, durch welche er ging, hier menſchenleer war, ſo legte er ſeine brennende Wange an einen Baumſtamm, wäh⸗ rend das Auge mit Wehmuth auf das Waſſer blickte, zuf deſſen blauer Fläche ein erröthender Sonnenſtrahl anzte. „Ach, wie ſchön hat doch unſer Herr alle ſeine Werke gemacht!“ ſeufzte Paul, und dieſer Seufzer war ſeine Morgenandacht, ſein Reiſegebet.„Bin ich nicht undankbar?— mit Geſundheit und friſchem Sinne gibt es wohl noch etwas Gutes für mich auf Erden. Aber das Alte bleibt dennoch das Beſte; nichts Neues wird wie das Alte! Arme Nora! jetzt gehen wir verſchiedene Wege, aber ich will zu Gott beten, daß, mag mein Weg auch noch ſo beſchwerlich werden, Paul. Wärning. 15 226 doch der dein ige um ſo ebener und beſſer werden möge!“ Und nun wiſchte Paul die Thräne aus dem Auge, warf noch einen langen Abſchiedsblick auf die ſchöne Hafenſtraße, deren ſchöne weiße Häuſer von dem Son⸗ nenſcheine prächtig übergoſſen wurden, und ging dann mit hurtigen Schritten ſeinen neuen Schickſalen ent⸗ gegen. Achtzehntes Kapitel. Paul auf der Reiſe. Seine Betrachtungen. Eine theure und eine unangenehme Erinnerung. Die Johannisſonne brannte glühend heiß über den Haiden von Smaland. Auf einem vielbetretenen Fußſteige, welcher über weite Felder zwiſchen Kanna und Orberg fünf Viertel⸗ meilen von der großen Landſtraße abweicht, ſah man einen Wanderer, der zwar merklich ermüdet war, aber dennoch nach einem gewiſſen Takte vorwärts ſchritt. Die Mittagshitze hatte ihre größte Höhe erreicht, und mit ſehnſuchtsvollen Blicken betrachtete er das bald erreichte Ufer eines kleinen Landſee's, an welchem ei⸗ ide kleine Gruppen ſaftiger Birken zur Ruhe ein⸗ uden. Nachdem der einſame Reiſende, unſer Freund Paul, dieſes erſehnte Ziel exreicht, die Jacke abgewor⸗ fen, und befreit von Schuhen und Strümpfen ſeine heißen Füße in dem Waſſer abgekühlt hatte, ſenkte er ſich auf das blühende Haidekraut und holte tiefer Athem, um die erfriſchenden Hauche einzuathmen, die von dem See zu ihm herwehten. Die Adern an ſei⸗ ner Stirn, welche hoch angeſchwollen geweſen waren, ſanken allmählich zurück in ihre vorige Lage, die Glut brannte n tropfen h Gemüth Sonne we Es w gen Orte. bar, erho leichten S unruhiger den Sonne den hange Wind, un der Hirten Bei einem liegenden muntern jagte ſie hi. um ſein N Mit ihm Paul: halb mona Lieder⸗ un vollkommer deſſelben ſe den waren. Als e mit wehmi er ſich dre als ſein e vor dem ül welchen er chem Maße gende Get und da er bedeckten u und dieſen mit ihren ſer werden dem Auge, die ſchöne dem Son⸗ ging dann kſalen ent⸗ theure und ß über den telcher über unf Viertel⸗ , ſah man war, aber ris ſchritt. kreicht, und das bald welchem ei⸗ Ruhe ein⸗ eſen waren, e, die Glut brannte weniger heiß in ſeinem Blute, die Schweiß⸗ tropfen hörten auf, hervorzukommen und Herz und Gemüth wurden leichter, jetzt, da die Luft und die Sonne weniger fühlbar drückten. Es war ſo ruhig und behaglich an dieſem ſchatti⸗ gen Orte. Das Waſſer plätſcherte leiſe und wunder⸗ bar, erhob ſich jedoch dann und wann von einem leichten Schlage, welcher zu erkennen gab, daß ein unruhiger Hecht, oder auch nur eine leichte Plötze an den Sonnenſchein heraufkam und ſpielen wollte. In den hangenden Zweigen der Laubbäume ſäuſelte der Wind, und in(der Ferne ſhörte man die Rohrpfeifen der Hirten untermiſcht mit dem Gebrüll der Heerden. Bei einem kleinen, auf der Mitte des Feldes, iſolirt liegenden Schuppen trieb der Schafhirt unter einem muntern Geſange ſeine unruhige Heerde zuſammen, jagte ſie hinein und eilte fliegenden Laufes nach Hauſe, um ſein Mittagsbrod zu eſſen. Mit einer Art von entbehrender Sehnſucht ſah ihm Paul nach, Paul, welcher jetzt nach einem andert⸗ halb monatlichen Umherſchweifen in der Geſtalt eines Lieder⸗ und Mährchenkrämers dieſes Lebens ſchon ſo vollkommen ſatt war, daß die erſten Annehmlichkeiten deſſelben ſchon bis auf den letzten Schatten verſchwun⸗ den waren. Als er Göteborg verließ, ſo geſchah dieß zwar mit wehmüthiger Trauer im Herzen: aber kaum fühlte er ſich draußen in Gottes freier und ſchöner Natur, als ſein eigener freier Herr, als auch der Schmerz vor dem überſchwenglichen Genuſſe zu weichen begann, welchen er— der Sohn der nackten Felſen— in rei⸗ chem Maße empfand, da er wechſelsweiſe durch wo⸗ gende Getreidefelder und ſchattige Wälder wandelte, und da er zwiſchen der mit ſeinem ſalzigen Schaume bedeckten unruhig kochenden Oberfläche des Kattegat und dieſen lächelnden, bekränzten Flüſſen und Landſee'n mit ihren klaren Spiegeln und ihrem ſüßen Waſſer, 228 das ſie beſtändig dem Wanderer als erfriſchenden Trank darboten, eine Vergleichung anſtellte. Doch man lebt leider nicht allein von Waſſer und Laub. Nachdem Paul lange in allen dieſen ihm ſo neuen und reichen Offenbarungen geſchwelgt hatte, ſo begann gleichwohl das Entzücken allmählig wenigſtens ſo weit nachzulaſſen, daß es dem Gedanken an die Geſchäfte und an die mit ſeiner Wanderung unumgänglich ver⸗ knüpften Abenteuer Raum gab. Aber mit einiger Ver⸗ wunderung und nicht ſo geringem Schmerze bemerkte er bald, daß weder das eine noch auch das andere in Gang kommen wollte. Zwar verkaufte er hie und da in den Bauerhäuſern ein Lied, eine Jungfrau Maria, eine Fibel, ja bisweilen ſogar einen Katechismusz aber bei dieſem Handel ging es unglücklicher Weiſe ſo einfach und alltäglich zu, daß er nicht den allerge⸗ ringſten Schein von einem nähern Intereſſe erhielt. Jedes Mal, da er mit klopfendem Herzen und in der Hoffnung auf Gott weiß was? über eine Schwelle trat und mit einem ſchönen„Gottes Frieden!“ den oder die Bewohner grüßte, ſo hörte er immer ein und daſſelbe eintönende„Danke!“ und im glücklichſten Falle begleitet von einem:„ſetzt Euch— kommt Ihr von Süden, Oſten, Weſten oder Norden?“ die Himmels⸗ gegend wurde immer in der Reihenfolge genannt, als man aus derſelben Neuigkeiten zu vernehmen wünſchte. Doch Paul, der, wie bekannt, noch ein junger Anfän⸗ ger war und noch nicht die geringſte Bekanntſchaſt hatte mit Petter in Bratteby, Iſak in Lerbäck oder dem Reichstagsmanne in Klefwa und mehren Andern, ja in ſeinem Leben ihrer noch mit keinem Worte hatte erwähnen hören, der auch die verſchiedenen Pfarrhöfe nicht kannte, nach denen man ſich erkundigte, beſtand bei dieſen Fragen mehr als ſchlecht, und man gab ihm daher bald zu verſtehen, entweder, daß ein be⸗ kannter Hauſierer neulich da geweſen wäre, oder auch daß man einen ſolchen bald erwartete, und daß man bei dieſen was man Paul er anſtatt zu folgen über Alin Sommer auf welche Marktreiſe ſich für 9 hatte noch Bedeutung erreichte. In ſe von Sma nung bliel ben. Abe noch einme ſtürzten. Wo wollenden der ſmalä net hat, u ſogar ſeir winnſtes wurde ihm und Staul noch dazu und da ei lächelte un damit er in Betreff nächſten H beſtellen ſ Geſchichte reuen, daß rfriſchenden Doch man b m ſo neuen ſo begann ens ſo weit te Geſchäfte änglich ver⸗ iniger Ver⸗ ze bemerkte s andere in hie und da rau Maria, atechismus; er Weiſe ſo den allerge⸗ reſſe erhielt. und in der mer ein und lichſten Falle mt Ihr von ie Himmels⸗ nger Anfän⸗ Bekanntſchaſt (Lerbäck oder pren Andern, Worte hatte en Pfarrhöff gte, beſtand d man gab daß ein be⸗ ſe, oder auch nd daß man bei dieſem, der übrigens alles mitbrächte, beſtellt hätte, was man brauchte. Paul hatte eine unglückliche Wahl getroffen, als er anſtatt dem halland'ſchen Küſtenwege nach Süden zu folgen, den Waldweg eingeſchlagen hatte, nämlich über Alingsas und Boras nach Smaland, wo er den Sommer zuzubringen beſchloſſen hatte. Dieſer Weg, auf welchem die weſtgötiſchen Hauſtrer auf ihren großen Marktreiſen unaufhörlich hin und her ſtreichen, befand ſich für Paul im höchſten Grade ungünſtig, und er hatte noch kein einziges Geſchäft von der geringſten Bedeutung gemacht, als er die Grenze von Smaland erreichte. In ſeinen alten lieben Sagen hatte Paul ſo oft von Smaland geleſen, daß ihm noch immer die Hoff⸗ nung blieb, er würde dort etwas Merkwürdiges erle⸗ ben. Aber leider traf ihn das Mißgeſchick, daß er noch einmal ſehen mußte, wie ſeine Luftſchlöſſer ein⸗ ſtürzten. Wo er kam und ging wurde er von der wohl⸗ wollenden Gaſtfreiheit aufgenommen, welche weder der ſmaländiſche Bauer oder Herrenmann je verleug⸗ net hat, und Abſatz hatte er ebenfalls, ja er verkaufte ſogar ſeine ſämmtlichen Geſangbücher. Dieſes Ge⸗ winnſtes ungeachtet begann er zu ermüden, denn es wurde ihm zu einförmig, Tag aus Tag ein, in Hitze und Staub auf der Landſtraße zu wandern. Und da noch dazu ſich nichts ereignen wollte, außer daß hie und da eine hübſche Dirne ihn heimlich ſo fein an⸗ lächelte und ihm einen Kuchen Brod zum Frühſtück gab, damit er ein luſtiges Lied ſingen oder eine Botſchaft in Betreff eines Dienſtes oder Miethgeldes auf dem nächſten Hofe oder in dem angrenzenden Kirchſpiele beſtellen ſollte, ſo wurde er bald genug der ganzen Geſchichte überdrüſſig und begann aufrichtig zu be⸗ reuen, daß er ſo einfältig geweſen war, ſeiner„dum⸗ men Einbildungen“ wegen den guten und feſten Platz zu verlaſſen, den er gehabt hatte. Doch nach Göteborg zurückzukehren, ehe der Herbſt und die Umzugszeit eintraf, dazu konnte ſein kleiner Stolz ſich nicht bequemen; und nachdem er nun ſein Wagrenlager abgeſetzt hatte, war er auf dem Wege nach Halland, um dort in irgend einer Stadt neue Artikel aufzukaufen, und ſein Glück in einer andern Gegend zu verſuchen. Die Gegend, welche unſer Held in gegenwärtigem Augenblicke vor ſich hatte, war nichts weniger als ſchön; da er aber durch Nachrichten wußte, daß er mit der Erreichung der großen Landſtraße aller ſchönen Natur Lebewohl ſagen würde und faſt nur flache, öde Haidegegenden zu erwarten hätte, welche mit wenigen Ausnahmen acht ganze Meilen*) bis nach Halmſtad reichten, ſo genoß er des wenigen Guten, das er vor Augen hatte, und die niedergeſchlagene, faſt gereizte Gemüthsſtimmung, in welcher er ſich während des Vor⸗ mittages befunden hatte, löste ſich bald in eine ſtill und friedſame auf, welche folgenden wechſelreichen Gedankengang zur Folge hatte: „Ich war doch ein Erznarr, daß ich mich auf dieſe Art hinaus begab— ich hätte es doch immer ein wenig beſſer zu Hauſe in der Traube gehabt, und noch dazu viel weniger mühevoll. Aber ſie ſagen, Einer muß immer irgend einen raſenden Koller im Kopfe haben, wenn Einer jung iſt, denn da hat Einer noch nicht vielen Verſtand, worauf er fußen kann.... und doch glaubte ich ſelbſt immer, ich wäre verſtändig umd klug, als ich dieſen Unrath vornahm. „Herr Gott! wie ſchön ſäuſelt es hier unter den Bäumen und von dem See her— blaſe, blaſe, Nir⸗ vater! Ich danke Dir für jeden Hauch.... ſo, das *) Zwölf deutſche. A. d. U. war arti wirkliche und der Einer re als viel aus der wachſen. „Nu ſehen an und Wäl ich wohl daß das kann. A prächtig mehr W und Felſe dert nur, les geſeh wiſſen nie der Meer der einen das Sill zweiten ging.... „Es war.... ſchaft auf ich: die mer Dorſ Sie befin nicht einn ho, ho! *) Das g Lungk feſten Platz der Herbſt ſein kleiner er nun ſein Wege nach neue Artikel ern Gegend enwärtigem veniger als te, daß er aller ſchönen flache, öde nit wenigen ch Halmſtad das er vor faſt gexeizte nd des Vor⸗ n eine ſtille gechſelreichen mich auf doch immer agen, Einer im Kopfe Einer noch nn... und A. d. U. ehabt, und 231 war artig! Ich möchte doch wohl wiſſen, ob es eine wirkliche Wahrheit für ſich haben könnte mit dem Nix und der Seejungfer— o, warum denn nicht? Wenn Einer recht daran denkt, ſo iſt es nicht wunderbarer, als vieles andere, wie zum Beiſpiel, daß hier aus der ſchwarzen Erde Gras und herrliche Roſen wachſen. „Nun, ſo habe ich mich doch wenigſtens ſatt ge⸗ ſehen an Gras und Roſen und Feldern und Wieſen und Wäldern und Moräſten— und Heiden bekomme ich wohl ebenfalls bald zu ſehen, ſo groß ſagen ſie, daß das Auge weder den Anfang noch das Ende ſehen kann. Aber mit Allem gibt es dennoch nichts, ſo prächtig und angenehm es auch ſein mag, woran ich mehr Wohlgefallen habe, als unſere nackten Berge und Felſen zu Hauſe in den Scheren.... mich wun⸗ dert nur, wie ſie jetzt ausſehen, nachdem ich dies al⸗ les geſehen habe. Sie ſtehen wie ſie ſtehen, und wiſſen nichts von den Frieskleidern, doch das iſt wahr: der Meeresnebel zieht ihnen bisweilen einen Rock an, der einen eben ſo guten und ſtarken Glanz hat, wie das Silberkleid der Prinzeſſin, das ſie an dem zweiten Sonntage anhatte, als ſie in die Kirche ging.... „Es iſt doch das Beſte, zu ſein was man zuerſt war.... Wie geht wohl in dieſem Jahre die Wirth⸗ ſchaft auf dem Knipps?— wohl nicht ſonderlich, denke ich: die Gevatterin iſt todt und Nora.... Du dum⸗ mer Dorſch, was haſt Du nun wieder damit zu thun? Sie befindet ſich nun gewiß ſo gut, daß ſie vielleicht nicht einmal an mich denkt—— arme Nora... ho, ho! „.... Aber was legte mir die Inſpektorin auf Orberg*) in das Schnupftuch? Es iſt beſſer, ich eſſe *) Das größte Gut in dem Kirchſpiel Kanna, welches nebſt Lungby ein Annex der Pfarre Angelſtad in Smaland 232 und erquicke mich, als daß ich hier ſitze und an Dinge denke, an die es ſich nicht der Mühe verlohnt zu denken!“ Und Paul aß mit gutem Appetite und ſang dar⸗ auf dem Nix zu Ehren, der ſo friſche Hauche auf ihn blies, ein Lied, ſo daß er bald geſtärkt und vergnügt bereit ſtand, ſeinen Weg fortzuſetzen. In den einzeln ſtehenden Hütten, welche um den iſolirt liegenden Pfarrhof von Kanna ein kleines Dorf bilden, wurde zum Johannisfeſte gerüſtet. Eine hohe Maiſtange, welche während eines langen Zeitraumes von Jahr zu Jahr auf einer und derſelben großen Ebene gethront hatte, ſtand heute wieder feſtlich ge⸗ ſchmückt in langen Kleidern von Birkenlaub*). Die Arme, umwunden mit bunten Blumenkränzen, bogen ſich in ſtolzen Bogen hinab gegen die ſchlanke Mitte, während der ſogenannte Hals von Blattgold und großen, von ausgeblaſenen Eiern bereiteten Perlbän⸗ dern glänzte; eine in gewaltigem Maßſtabe angefertigte Krone zierte den Kopf und vollendete die Kleidung. Paul, der gerade zur rechten Zeit kam, um an der Herrlichkeit Theil zu nehmen, eine Herrlichkeit, die Werxjö. *) Noch immer iſt der Johannistag Glidsommar) in Schweden nicht nur ein Feiertag, an welchem Gottesdienſt gehal⸗ ten wird, ſondern auch ein Volksfeſt in der ſchönſten Bedeutung des Wortes, an welchem Tage zuvor auf dem Lande bei jedem Hofe eine Maiſtange aufgerichtet wird, gleich der hier beſchriebenen, um welche die Jugend am Johannisabende tanzt und ſpielt, und an welchem jedes Zimmer und jede Hausflur, ſowohl in den Städten als auch auf dem Lande, mit Laub und Blumen geſchmückt wird. In Stockholm wird am 22. Juni ein förmlicher Markt mit Laub, Zweigen, kleinen Maiſtangen für Kin⸗ der, Blumen und dgl. gehalten, wozu die ganze Umge⸗ gend die Handelsartikel liefert, welche reichlichen Abſatz finden. A. d. Ueb. und Kronobergslän iſt, 8 ſchwed. Meilen fud welich von 5 A. d. U. men em Bei welcher und her mit der nickend freundlich Worten „Ja gerne w hübſche L bleiben d „Da wir Häu Johannis Mäuler Dann kö ſingen!“ Paul Mutter Gaſte auf ſie außer Broden 3 auf die il Das räucherten deten, ſo frohe Sor Glasſcheib ſamen an teten zwar 2 und an verlohnt ſang dar⸗ he auf ihn Hvergnügt he um den eines Dorf Eine hohe Zeitraumes en großen feſtlich ge⸗ b*). Die zen, bogen unke Mitte, tgold und Perlbän⸗ angefertigte Kleidung. dum an der ſchkeit, die weſtlich von lin Schweden Pienſt gehal⸗ jer ſchönſten vor auf dem ichtet wird, Jugend am Städten als n geſchmückt in förmlicher en für Kin⸗ anze Umge⸗ lichen Abſatz d. Ueb. ſelchem jedes 233 für ihn den ganzen Reiz der Neuheit hatte, Paul konnte ſich an dem frohen Luſtſpiele kaum ſatt ſehen. Von der Mutter Sigbritt, der vornehmſten und ſtolzeſten Bewohnerin des ganzen Dörfchens, wurde Paul, ſobald er der Anweiſung gemäß über ihre Schwelle getreten war, mit einem herzlichen Willkom⸗ men empfangen. Bei der ſparſamen Glut auf dem Herde, über welcher der große Keſſel mit der feſtlichen Grütze hin und her ſchwankte, ſtand Sigbritt und rührte tapfer mit der Kelle.„Setz' Er ſich!“ ſagte ſie, Paul zu⸗ nickend—„ich ſehe, Er kommt weit her!“ Und die freundliche Mutter des ſüdlichen Hofes warf bei dieſen Worten einen warmen Blick auf den Fremdling. „Ja wohl, das thue ich!“ antwortete Paul.„Und gerne will ich Euch heute Abend ein und wohl zwei hübſche Lieder vorſingen, wenn ich nur die Nacht hier bleiben darf.“. „Dafür wird ſchon Rath: in dieſer Nacht haben wir Häuſer in jedem Buſche, denn wir halten die Johanniswache. Und wenn die Grütze für ſo viele Mäuler reicht, ſo reicht ſie auch noch für eines dazu! Dann könnt Ihr uns ein Lied oder ein Paar vor⸗ ſingen!“ Paul ſagte einen herzlichen Dank, und da jetzt Mutter Sigbritt ihre ganze Aufmerkſamkeit von dem Gaſte auf die Grütze und auf den Herd wendete, wo ſie außer der Grütze noch in dem Ofen nach einigen Broden zu ſehen hatte, ſo wendete Paul die ſeinige auf die ihn umgebenden Gegenſtände. Das Laub in jeder Ritze zwiſchen den ſchwarzge⸗ räucherten Balken, welche die Wände des Hauſes bil⸗ deten, ſo wie auch der neugeweißte Herd und der kleine frohe Sonnenſtrahl, welcher zwiſchen einer einſamen Glasſcheibe im Dache und einer andern eben ſo ein⸗ ſamen an der niedrigſten Seite der Wand hüpfte, deu⸗ teten zwar auf Johannis; da jedoch das Haus der al⸗ 234 leruralteſten Art angehörte, und mit nicht mehr Fen⸗ ſtern prunkte, als mit den beiden kleinen Scheiben, ſo hatte dies zur Folge, daß es mitten im Sommer in einem Halbdunkel ſtand. Kanna, eines der ärmſten Kirchſpiele in dem Hä⸗ rade(Diſtrikt, Kreis) Sunnerbo, hegt ein gaſtfreies und wohlwollendes Volk, welches bei aller ſeiner Ar⸗ beit bereit iſt, mit dem Fremdlinge ſeinen Brodkuchen zu theilen, und wenn es nöthig iſt, ihm bei dem Torf⸗ feuer Wärme zu geben. Paul ſollte in hohem Grade dieſe gute Eigenſchaft kennen lernen, denn er wurde gut verpflegt mit der Feſtſpeiſe, welche man bereitete; und nachdem er mit in den muntern Ring der Tanzen⸗ den draußen um die Maiſtange gekommen war, ſo meinte er, ſeit der Zeit, da er den Knipps verließ, keinen ſo angenehmen Augenblick verlebt zu haben. Unter den weißen Kopftüchern blitzte ſo mancher feurige Blick auf den hübſchen Jüngling und belebte ihn in ſolchem Grade, daß bald alle Müdigkeit ver⸗ ſchwunden war. Hurtig ſchwenkte er ſich im Tanze nach der Muſik, welche„Spieler⸗Tolle's“ oft geharzter Geigenbogen der kleinen blank abgenutzten Violine ent⸗ lockte. Spieler Tolle, der willkommene Virtuoſe bei je⸗ dem Vergnügen in den drei zu der Pfarre Angelſtad gehörenden Kirchſpielen, hatte heute Abend zur größten Freude und Zufriedenheit der Jugend Kanna mit ſei⸗ ner Gegenwart beehrt. Und ſo geachtet und beliebt warn der alte Tolle, daß ihm in reichlichem Maße das Beſte angeboten wurde, was das Dorf nur beſaß, und wenn man ihn anredete, ſo geſchah es ſtets mit einer gewiſſen ehrfurchtsvollen Aufmerkſamkeit. Tolle war ehedem bei dem Kronoberger Regi⸗ mente Corporal geweſen und hatte ſich durch an den Tag gelegten Mannesmuth eine ſilberne Medaille ver⸗ dient, welche bei feierlichen Gelegenheiten und beſon⸗ ders bei ſolchen, wie die gegenwärtige, noch immer ſeinen alt und weiter, Weiber Winter welchen von No ſchichten in der durch a Pfeife lief ſeit Rücken: Faden wieder und Bo Do „Paſſaſe mußten immer Tolle a ganzen Und we Arme hi ſtets ei ſegne E der, un gehen!“ Do Jetz zigjährig Laub ge Zügend Saiten dünnen gerunzel merte g mmer in dem Haͤ⸗ gaſtfreies ſeiner Ar⸗ rodkuchen dem Torf⸗ em Grade er wurde bereitete; er Tanzen⸗ war, ſo s verließ, haben. o mancher ind belebte jigkeit ver⸗ im Tanze t geharzter zioline ent⸗ ioſe bei je⸗ e Angelſtad zur größten na mit ſei⸗ und beliebt Maße das beſaß, und 3 mit einer rger Regi⸗ urch an den eedaille ver⸗ und beſon⸗ noch immer 235 ſeinen abgetragenen Rock zierte. Aber nun war Tolle alt und ſeine Mannesthaten erſtreckten ſich daher nicht weiter, als daß er, ſo wie ehemals die Feinde, die Weiber in Schrecken ſetzte, wenn er ihnen bei dem Winterfeuer von dem Sturme großer Schlöſſer, in welchen Rieſen und Geſpenſter gewohnt hatten, ſo wie von Nonnen, Klöſtern und Kirchhöfen fürchterliche Ge⸗ ſchichten erzählte. Bei jeder beſonders wichtigen Stelle in der Erzählung, welches gewöhnlich im Voraus da⸗ durch angekündigt wurde, daß Tolle inne hielt und die Pfeife gegen die Kante des Kamines ausklopfte— lief ſeinen Zuhörerinnen ein kalter Schauer über den Rücken: ſie riſſen nicht häufig in ihrem Schrecken den Faden vom Rocken ab und knüpften ihn nicht eher wieder an, als bis Tolle wieder auf ruhigeren Grund und Boden gekommen war. Doch, obgleich ein Jeder bei den fürchterlichen „Paſſaſchen“ erſchrak und kaum aufzuſehen wagte, ſo mußten ſie doch ganz beſonders intereſſant ſein, denn immer erſcholl aus jedem Hauſe, in welches der alte Tolle auf ſeinen Wanderungen eintrat, ihm von dem ganzen Perſonale deſſelben ein lauter Jubel entgegen. Und wenn der Alte mit ſeinem Violinkaſten unter dem Arme hinter dem Viehſtalle verſchwand, ſo folgte ihm ſtets ein leichter Seufzer und ein herzliches:„Gott ſegne Euch, Vater Tolle! Ihr kommt wohl bald wie⸗ der, und da ſollt Ihr an unſerer Thür nicht vorbei gehen!“ Doch dieſe Freuden gehörten dem Winter an. Jetzt ſaß Spieler Tolle in einem alten, dem ſieb⸗ zigjährigen Günſtlinge zu Ehren von der Jugend mit Laub gezierten Lehnſtuhle. Und während er in langen Zügen den Bogen kräftig und ausdrucksvoll über die Saiten führte, ſo bewegte der Wind ſeine langen und dünnen von der Zeit verſilberten Haarlocken auf der gerunzelten Stirn hin und her. Auf der Bruſt ſchim⸗ merte gegen den blaugrauen Hintergrund des Rockes 236 die Medaille, welche der Hochmuth und der Stolz des Alten war, denn an dieſelbe haftete die glänzendſte Erinnerung ſeines Lebens. Tolle's Haupt ſank tiefer hinab, das Kinn ruhte härter auf der Violine, die Augen ſchloſſen ſich: er ſpielte auf ſeine Art mit Begeiſterung und entzückte und belebte das Auditorium, dem ſein Talent nicht nu hinreichend, ſondern ſogar ein Uebermaß von Ge⸗ nuß war. Hätte Spieler Tolle, der vielleicht noch heutiges Tages von dem ganzen Angelſtad und den umliegen⸗ den Kirchſpielen bewundert wird, Gelegenheit gehabt, zum Beiſpiel den Ole Bull, den Bezauberer einer ganzen Welt, zu hören, ſo hätte er ſicherlich vor Ver⸗ wunderung den Mund weit aufgeſperrt— aber auch ſeiner Seits würde Ole Bull gewiß in Erſtaunen verſunken ſein, wenn er den Spieler Tolle gehört hätte, denn mit aller ſeiner außerordentlichen Geſchick⸗ lichkeit möchte jener dennoch nicht im Stande ſein, eine Smaländer Polska) mit der Eigenthümlichkeit und dem ächten Leben wieder zu geben, das Spieler Tolle hervorzubringen vermochte. Paul war ſo eingenommen von dem alten Manne, daß er bei jeder Unterbrechung des Tanzes ſeinen Platz bei ihm einnahm, mit offenen Ohren alle Worte auffing, die Tolle während der Zeit in gutem und herzlichem Geſpräche mit den Mädchen, und auch mit Paul austauſchte. Und allen dieſen ungewohnten Genuß, dieſe innige Freude erlebte Paul unter dem klarſten blauen Him⸗ mel und in einer Luft, die von friſchem Laube und von Blumen duftete und von muntern Geſängen und lärmenden Spielen wiederhallte. *) Ein ſchwediſcher Volkstanz im Zweivierteltakte, faſt im⸗ mer in einer Molltonart; er wird getauzt faſt wie ein Walzer, nur noch weit raſcher. 2. p. 1 A len H anſchlo den Vo zu neue ſtange ein raſe ein einf etwas und eif zu ſuche wichtige kunft ko ſchmückte S einem wie es Tolle ge übereinſt auch Kn. die Bei bei weit Violine machen. wirklich gereizt i ein Nich Erbſen i Da tionen, Sigbritt in Paren Kleidern Stolz des länzendſte inn ruhte n ſich: er entzückte lent nicht von Ge⸗ hheutiges umliegen⸗ it gehabt, erer einer vor Ver⸗ aber auch Erſtaunen lle gehört Geſchick⸗ ande ſein, hümlichkeit s Spieler ſen Manne, zes ſeinen bieſe innige ſauen Him⸗ Laube und ängen und kte, faſt im⸗ faſt wie ein A. d. U. aalle Worte Auf grünenden Auen, welche grell gegen die dunk⸗ len Haiden abſtachen, und ſich geſchwiſterlich denſelhen anſchloſſen, lärmten frohe Kinder und ſtritten ſich um den Vorzug, die ſchönſten Veilchen und Butterblumen zu neuen Kränzen zu pflücken, die unten an die Mai⸗ ſtange gehängt werden ſollten. Dort im Haine ſchlich ein raſcher Bauerknecht mit ſeiner Liebſten umher, um ein einſames vertrauliches Stündchen zu verkoſen, und etwas ubſeits gingen einige junge Mädchen in ernſter und eifriger Beſchäftigung, die wunderbaren Gewächſe zu ſuchen, welche, in der Johannisnacht angeſchafft, die wichtige Eigenſchaft haben, ein Bild des in der Zu⸗ kunft kommenden Bräutigams zu zeigen. Alles athmete Leben und Freude, und in bunten Ringen eilten nach dem Tone von Tolle's Violine die frohen Schaaren um die Braut des Abends, die ge⸗ ſchmückte Maiſtange. Später am Abende wurde die Geſellſchaft von einem umherwandernden Leiermann vermehrt. Aber wie es auch war, ob es aus ſeiner Liebe zu dem alten Tolle geſchah, oder ob es mit dem wirklichen Gefühle übereinſtimmte, ſo erklärten doch ſowohl Mädchen als auch Knechte ſogleich nach der erſten Leierpolska, daß die Beine dieſe Töne nicht recht kennten, und daß ſie bei weitem nicht den Takt hätten, wie Vater Tolle's Violine, denn die könnte jede Sehne ſo recht weich machen. Und hatte Tolle vorher geſpielt, ſo daß es wirklich„ſchrecklich zu hören war,“ ſo zeigte er nun, gereizt von dieſer„Holzmuſik,“ daß die vorigen Griffe ein Nichts waren gegen die Töne, welche bald„wie Erbſen über die Saiten trillerten,“ und welche er ganz gewiß dem Stromkerle abgelauert hatte. „Da jedoch der Alte, ermüdet von den Inſpira⸗ tionen, Bier und guter Verpflegung, ſchon in Mutter Sigbritt's Hauſe zur Ruhe gegangen war— welches, in Parentheſe geſagt, mit an den Wänden hängenden Kleidern, Jacken und neugefärbten Garnknäueln reich 238 drapirt war— hielt die Jugend gern zu Gute mit der Drehorgel, die jetzt einen ganz guten Takt in ſich hatte. Ein ſo luſtiges Spiel und ſo muntern Scherz hatte Kanna in mancher Johanniswache nicht geſehen.*) Paul, als ein munterer und gerne geſehener Gaſt, that natürlicher Weiſe ebenfalls ſein Beſtes, um die Geſellſchaft zu beluſtigen. Er ließ mehre von ſeinen beſten Liedern hören, und es ſammelte ſich ein nicht geringer Haufe um ihn, beſonders da er mit voller Stimme anhob:„ Ich ſattelt' den Stiefel, ich wichſet' mein Roß, An's Ohr da ſchnallt' ich die Sporen, Und ritt durch die Sonn', wo der Wald untergeht, Da hingen zwei modernde Bremſen, Da hingen zwei Pfaffen, zwei Leichen ſangen da, Da ſteckten zwei farbige Gaule; Da ſaß ich und träumt' In der Dunkelheit, Und träumte, das Liedel ſei ungereimt. Und der Lachs er klomm in der Eiche Grün Und rauſcht' in den Aeſten droben; Auf dem Meeresgrund ſah ich das Eichhorn ziehn Und Steine wälzen nach oben. Da ſaß ich und träumt' In der Dunkelheit Und träumte, das Liedel ſei ungereimt. Der Taube er hörte, der Stumme er ſprach, Der Daumloſe ſpielt' auf der Geige, Der Blinde, er trat hinaus vor die Thür, Zu ſehn, wie die Sonne ſich neige. ⁴) Der deutſche Leſer möge hier daran denken, daß in dieſer nördlichen Breite die Nächte um Johannis ſo hell ſind, daß man um Mitternacht die feinſte geſchriebene Schrift leſen kann. A. d. U. —, Und als war die derjenige Loos des Abe auch den liſchen nannt, getanzt Mädchen ſcher Jut trefflich, National auch die Leibſtücke Erſt wurden d nommen, der Leier Paul ein mit einan ten ein ſchlafen, ſo großen Obgl ſchlief er noch Spi ſchönen§ ſeinen la Rocke, au ſo prächtit Gute mit kkt in ſich cn Scherz eeſehen.*) ener Gaſt, , um die don ſeinen ein nicht mit voller nein Roß, „ untergeht, ſangen da, int. paß in dieſer ſo hell ſind, bene Schrift A. d. U. 239 Da kriegt' er ein ſeltſam Geſichte zu ſehn: Der Handloſe ſtreichelt' ſein Mädel ſchön; Da ſaß ich und träumt In der Dunkelheit, Und träumte, das Liedel ſei ungereimt. Und als Paul das Lied zu Ende geſungen hatte, ſo war die Ehre, welche er einerndtete, ganz gleich mit derjenigen, welche zuletzt im reichlichen Maße auf das Loos des Leiermannes fiel. Aber nicht genug mit dem Geſange: Paul trug auch den in Bohus⸗Län allgemein gebräuchlichen eng⸗ liſchen Tanz vor, auch drei⸗Manns⸗Schick ge⸗ nannt, vermuthlich weil er nur von drei Perſonen getanzt wird. Paul wählte dazu die beiden ſchönſten Mädchen, die er ſah; und da er ſelbſt ein recht hüb⸗ ſcher Junge war, ſo machte ſich die Gruppe ganz vor⸗ trefflich, und die Tänzerinnen verloren durch ihre Nationaltracht nicht an Anmuth, denn ſo ſchwerfällig auch die Röcke waren, ſo leicht und luftig waren die Leibſtücke und die weißen, reich zugeſchnittenen Aermel. Erſt da die Feſtglocke zum erſten Male läutete, wurden die Scheunen von den Gäſten in Anſpruch ge⸗ nommen, die einen weiten Weg gehabt hatten. Und der Leiermann, ein froher Jüngling, der ſchon mit Paul einig geworden war, daß ſie ein Stück Weges mit einander gehen wollten, ſchlug nun vor, ſie könn⸗ ten ein wenig abſeits von den Uebrigen zuſammen ſchlafen, denn ſonſt bekäme man keine Ruhe in einer ſo großen Geſellſchaft. Obgleich Pauls Sinne ſehr erregt waren, ſo ſchlief er doch bald ein. In dem Traume hörte er noch Spieler Tolle's Violine und ſah ſo deutlich den ſchönen Kopf des Alten mit den grauen Locken und ſeinen langen gebeugten Körper in dem abgetragenen Nocke, auf deſſen linker Seite die weiße„Silbermünze“ ſo prächtig glänzte. 24⁴0 Erſt gegen Mittag, da die Scheune von allen Schläfern verlaſſen war, erwachte Paul. Froſtig und noch halb im Schlafe ſprang er auf, um ſich das Heu abzuſchütteln; da jedoch eine Menge von Saamenkör⸗ nern und Halmen zwiſchen Halstuch und Hals ge⸗ kommen waren, ſo zog er die Jacke aus— und noch nie in ſeinem Leben war Paul ſo von Schrecken ge⸗ ſchlagen worden, wie in dieſem Augenblicke, da er die Entdeckung machte, daß die Jacke auf dem Rücken aufgeſchnitten und die zwiſchen dem Ueberzuge und dem Unterfutter eingenähten Bankzettel weg waren. Paul hatte gemeint, er handelte ungemein klug, da er auf dieſe Weiſe den größten Theil ſeines Ver⸗ mögens verwahrte, das er ſich auf ſeiner mühevollen Wanderung erworben hatte. Aber was hatte er nun von der Klugheit, über die er ſich ſo oft gefreut hatte? Es war außer allem Zweifel, daß der Schurke von Leiermann, der hinter ihm gelegen hatte, das Geheim⸗ niß entdeckt und unter Paul's tiefem Schlafe ſich in den Beſitz des Schatzes geſetzt hatte. Der Schlag war hart, denn das Wenige, was Paul in der Bruſttaſche hatte, war nicht beſonders bedeutend und reichte nicht weit zum Einkaufe eines neuen Lagers. Inzwiſchen verlor er nicht ſogleich den Muth— denn das Ganze war vielleicht nur ein Scherz Er eilte alſo hinaus, um nachzuſehen, ob ſein Schlaf⸗ kamerad noch dort war. Leider wurde er über ſein Unglück nicht lange in Ungewißheit gehalten; der Leier⸗ mann war nicht mehr da, und kein Menſch hatte ge⸗ ſehen, wann er gegangen war. „All' mein Geld, all' mein Geld!“ ſeufzte Paul. Aber der Seußzer ſchlich ſich nur leiſe aus ſeiner Bruſt hervor, denn der arme Paul ſchämte ſich zu zeigen, wie groß ſeine Betrübniß war, weil ſich All um ihn drängten, ihn tröſteten und noch ärger als er auf den Erzſchelm und Landſtreicher mit der Spiellade ſchimpften. Man gab einſtimmig den Rath, Paul ſollte ſi und den Pai Rath. gehen ko Zeit ſo ſich nich und da Weiſe i ſei das ſtad zu er noch er ſeine ter Sig „Komſar Wie ohne den eine and hölzerne hatte, hi Milch ei ſofern di durfte er größerer Mutter 2 von allen Froſtig und ich das Heu Saamenkör⸗ d Hals ge⸗ — und noch Schrecken ge⸗ ee, da er die dem Rücken berzuge und ig waren. gemein klug, ſeines Ver⸗ mühevollen hatte er nun efreut hatte? Schurke von das Geheim⸗ chlafe ſich in enige, was cht beſonders inkaufe eines ſogleich den r ein Scherz. p ſein Schlaf⸗ er über ſein en; der Leier⸗ ſch hatte ge⸗ ärger als er der Spiellade Rath, Paul 241 ſollte ſich an den Länsmann wenden, um das Geld und den Kerl wieder zu bekommen. Paul beſann ſich nun einen Augenblick über dieſen Rath. Da es jedoch hiemit auf keinen Fall ſo leicht gehen konnte, daß nicht der Nichtswürdige während der Zeit ſo weit aus dem Wege kommen würde, daß es ſich nicht der Mühe verlohnte, nach ihm zu ſuchen, und da Paul überdies keine Zeit hatte, ſich unnöthiger Weiſe in der Gegend außzuhalten, ſo meinte er, es ſei das Beſte, ſich ſo ſchnell wie möglich nach Halm⸗ ſtad zu begeben und dort mit dem wenigen Gelde, das er noch hatte, einige kleine Einkäufe zu machen, womit er ſeine Wanderung auf's Neue beginnen konnte. Mut⸗ ter Sigbritt verſprach inzwiſchen, die Sache beim „Komſar“ anzumelden. Wie ſich jedoch Paul inzwiſchen durchſchlagen ſollte, ohne dem kleinen Kapitale zu nahe zu gehen, das war eine andere Sache. Doch hoffte er ſich durch einige hölzerne Spielſachen, die er unterwegs geſchnitzelt hatte, hie und da ein Stück Brod und einen Trunk Milch einzutauſchen; und für ein hübſches Lied— in ſofern die Stimme ihn nicht im Unglücke verließe— durfte er wohl auch auf ein Schnittchen Käſe oder getrock⸗ netes Schaffleiſch rechnen. Man lud ihn ein, den Johannistag in dem Dorfe zu bleiben, und er nahm das Anerbieten mit um ſo größerer Dankbarkeit an, als die ſchöne Lena der Mutter Sigbritt ſich erbot, die zerſchnittene Jacke nach dem beſten Vermögen wieder auszubeſſern. Am folgenden Morgen, ganz in der Frühe, verließ Paul die gaſtfreien Bewohner von Kanna, und in Spieler⸗Tolle's Geſellſchaft, welcher zu ſeiner Hütte in Angelſtad zurückkehrte, fand Paul den Weg weniger lang, als er ihn ſonſt von Kummer und Aerger er⸗ füllt gefunden haben würde. Paul's Begierde nach Erzählungen erhielt von Paul Wärning. 16 dem alten Tolle gute Nahrung, und bisweilen fühlte er ſich von den Geſchichten und Geiſtererſcheinungen des Alten— Spieler⸗Tolle war ſtark in dem Geſpenſter⸗ glauben— ſo begeiſtert und erhoben, daß er weder an ſein verlornes Geld noch an den Leiermann dachte. Als aber ihre Wege ſich trennten und der Alte mit einem treufeſten Handſchlag zu ihm ſagte:„Denke bisweilen an den alten Tolle!“ Da hätte Paul vor Gram und Schmerz über ſeinen Verluſt be inahe ge⸗ weint, denn er hätte dem Alten ſo gerne ein Geſchenk machen wollen. „Ich vergeſſe Euch nie, herrlicher Tolle!“ ver⸗ ſicherte Paul mit blitzenden Augen.„Ihr ſeid gerade ſo ein alter Mann, von dem ich oft geträumt habe, und ich danke Gott, daß ich ihn getroffen habe— Ihr ſeid doch wie ein Prophet, und ich habe eine ſchreckliche Freude gehabt, Euch zu hören und zu ſehen! „Du biſt mir ein großer Spaßvogel, Du junger Schelm!“ entgegnete der Greis, in ſeinem Innern vielleicht geſchmeichelt von der Ehrfurcht, die er ein⸗ geflößt hatte.„Aber Du kannſt glauben, als ich in Finland lag, da prophezeiete ich das Eine und das Andere, und als ich dem Ruſſen gegenüber ſtand, da war es ein anderes Spiel, als in dieſer Nacht! Da erhielt ich dieſe“— er deutete mit einer Geberde ſtol⸗ zer Zufriedenheit auf die Tapferkeitsmedaille—„wegen es kleinen Ungemaches gegen die Grünröcke.“ „Herr Gott! Ihr ſeid ein großer Mann geweſen! Aber das ſage ich und dabei bleibe ich: kommt es noch einmal dazu, den Ruſſen zu prügeln, da will ich mit bei dem Spiele ſein, denn dazu halte ich mich ebenſo gut wie einen andern, und Ihr könnt glauben, ich peitſchte ihn braun und blau— ja wahrhaftig, das thäte ich! Ich wollte nur wünſchen, daß ich Einen träfe, auf den ich ein gutes Auge geworfen habe... Nun aber, da kein Unfrieden iſt,“ fuhr Paul ruhiger fort,„ Einer ir „D Sohne!“ „Aber n Du biſt Glück in „De bitte ich Achtzehnt nur mög größer ſe Herzen, brauche: ich imme gut das 4 ſowohl be Mit chtzehn der geſun legen. U ger Vogel dem grüng eilen fühlte nungen des Geſpenſter⸗ ß er weder nann dachte. nd der Alte gte:„Denke te Paul vor beinahe ge⸗ ein Geſchenk Tolle!“ ver⸗ ſeid gerade räumt habe, fen habe— h habe eine nd zu ſehen!“ „Du junger nem Innern ſer ſtand, da Nacht! Da Seberde ſtol⸗ will ich mit mich ebenſo glauben, ich -rhaftig„ das ich Einen ffen habe... Paul ruhiger fort,„möchte ich nicht Soldat ſein, denn da kann Einer immer etwas Beſſeres thun, meine ich!“ „Das iſt wahr, das ſehe ich wohl an meinem Sohne!“ meinte Tolle mit einem halben Seußzer. „Aber nun lebe wohl, und Dank für gute Geſellſchaft! Du biſt ein hurtiger Junge, und ich wünſche Dir Glück in Handel und Wandel!“ „Danke von Herzen!“ ſagte Paul.„Und nun bitte ich Euch ſchön, daß Ihr zum Abſchiede dieſen Achtzehnſchillings⸗Zettel nicht verſchmäht! Wäre es mir nur möglich, mehr zu geben, ſo ſollte das Geſchenk größer ſein— aber ſo wie es iſt, kommt es von gutem Herzen, das könnt Ihr ſehen!“ „Das ſehe ich recht gut, aber Geld nehme ich nicht von Dir! Ich lebe von dem Kirchſpiele und brauche weiter nichts: wohin ich komme, da bekomme ich immer einen Biſſen zu eſſen und einen Trunk, ſo gut das Haus es hat; ich bin überall gerne geſehen, ſowohl bei den Herrenleuten, als auch bei den Bauern.“ Mit einer mißvergnügten Miene ſteckte Paul ſeine achtzehn Schillinge wieder in die Taſche. Gleichſam um ihn zu verſöhnen, ſagte jetzt Spieler⸗Tolle:„Wenn Du auf den Rath eines alten Mannes hören willſt, ſo laß das Herumſtreichen! Du biſt zu gut dazu, denn es iſt auf die Länge für den Beſten und für den Schlechteſten ſchädlich, und keiner, der geſunde Arme hat, muß ſich in der Jugend darauf legen. Und dann ſollſt Du bedenken, daß ein unruhi⸗ ger Vogel nie ein Neſt baut und ſich nicht lange auf dem grünen Zweige hält. Richte es beſſer für Dich ein— und wenn Du an Deinem eigenen Herde vor dem Feuer ſitzeſt, ſo denke an die Rede des Spieler⸗ Tolle und an die Johanniswache in Kanna!“ „Einen ſo guten Rath ſchlage ich nicht in den Wind!“ entgegnete Paul ernſthaft.„Dieſer Sommer iſt der erſte und der letzte, an dem ich mich auf Streif⸗ züge begebe. Ich war ein junger Thor, ſollt Ihr 244 wiſſen, und dachte, ich würde allerlei Abenteuer fin⸗ den, aber ihre Zeit iſt wohl vorbei, wie ich ſehe; und das einzige, welches ich gehabt habe, war daß dieſe Dorſchgräte mir das Geld wegſtahl, hätte ich lieber nicht gehabt, denn das kann man überall finden, ohne ſchien di es weit zu ſuchen. Aber ſo viel iſt dennoch wahr, daß Fenſter! mir etwas begegnet iſt, und habe ich eine unange⸗ Ecke an nehme Erinnerung aus Smaland, ſo habe ich doch nehmen auch eine angenehme, die am Leben bleibt, ſo lange man deu ich es bleibe— und das ſeid Ihr, Vater Tolle!“ gewiſſen Uebe gelbe Fa —— thür ang Shiid g großen .; H anre⸗ Neunzehntes Kapitel. d Aber Der Günſtling der Gevatterin, betritt ohne es ſelbſt zu wiß⸗ machung ſen, die erſte Stufe eines neuen und richtigen Studiums in ſitzer der ſeinem Leben. durch der Ortes in An der Mündung des Fluſſes Aetra liegt ein weit hiemit: a und breit wegen ſeines eben ſo guten als theuren Lach⸗ ſtein, We ſes bekanntes Städtchen*), welches— obgleich es ſih einmal zu der ſchönen Wohnhäuſer und netten Gärten der Nach⸗ zierlich, 1 barſtadt nicht rühmen kann— gleichwohl recht guit Leuten zu und angenehm iſt für Diejenigen, welche ein offne zeigen wo Gemüth für das Anſpruchsloſe haben und überdits Alle einen ungekünſtelten und anſpruchsloſen Ton, Kaſfe⸗ quiſen ver ſchmäuſe und kleine Klatſchereien lieben. wenige H. An dem einen Ende der ordentlichſten Straße Anſprüche eingekeilt zwiſchen einem grauen und einem grünen Sonnendä — daß ſie der *) Falkenberg in der Provinz Halland und in Halmſtade⸗ eine Reihe län, mit ungefähr 800 Inw., 103 ¾ ſchw. Meilen ſuͤdlich pier von v von Göteborg, und 4 Meilen nördlich von Hatmtan gekräuſelt venteuer fin⸗ ich ſehe; und ar daß dieſe tte ich lieber finden, ohne chh wahr, daß eine unange⸗ dabe ich doch bt, ſo lange Tolle!“ s ſelbſt zu wiß⸗ n Studiums in liegt ein weit theuren Lach⸗ bgleich es ſich en der Nach⸗ ohl recht gut he ein offnes und überdies Ton, Kaffer⸗ hſten Straße einem grünen in Halmſtade Meilen ſuͤdlich on Halmſtad. A. d. U. 245 Hauſe von der größern Art, ſah man ein ganz ſchma⸗ les Haus, das aber doch zwei Stockwerke enthielt, nämlich nach der richtigen Benennung der Provinzial⸗ ſtädte, wenn das Haus außer dem Erdgeſchoße noch eine Wohnung enthält. In dem erſten Augenblicke er⸗ ſchien dieſe Wohnung, deren Vorderſeite nur drei Fenſter hatte, und deren Treppe und Flur in der einen Ecke angebracht waren, etwas geringer als ihre vor⸗ nehmen Nachbarn, doch bei näherer Betrachtung ſah man deutlich, daß dieſes kleine Haus ſich durch einen gewiſſen Anſpruch auszeichnen wollte. Ueber ſeiner Bretterbekleidung hatte es eine ſchöne gelbe Farbe erhalten, und an einer über der Haus⸗ thür angebrachten langen Stange ſchwenkte ſich als Schild eine prächtige Bibel, auf deren Deckeln mit großen vergoldeten Buchſtaben zu leſen ſtand:„Adrian Hamrin, Buchdrucker und Buchbinder.“ Aber nicht genug mit dieſer wichtigen Bekannt⸗ machung— und wichtig iſt es in der That, der Be⸗ ſitzer der einzigen Preſſe in der ganzen Stadt zu ſein, durch deren thätige Mitwirkung alle Neuigkeiten des Ortes in das Wochenblatt kommen— nicht genug hiemit: alles, was in die Augen fiel, Dach, Schorn⸗ ſtein, Wetterfahne, des kleinen Reflexionsſpiegels nicht einmal zu gedenken, alles war nett, abgemeſſen und zierlich, und zeigte an, daß das Haus wohlhabenden Leuten zugehörte, welche der Welt um ſich her an⸗ zeigen wollten, wen ſie vor ſich hatte. Alle drei Fenſter waren mit ſogenannten Mar⸗ quiſen verſehen— ein Luxusartikel, den bis jetzt nur wenige Häuſer in der Stadt beſaßen, und der daher Anſprüche auf wirkliche Vornehmheit machte. Dieſe Sonnendächer waren inzwiſchen ſo hoch aufgezogen, daß ſie den Vorübergehenden die freie Ueberſicht uͤber eine Reihe von Blumentöpfen gewährten, die mit Pa⸗ pier von verſchiedenen Farben und auf ungleiche Weiſe gekräuſelt umwunden waren. Ueber denſelben hüpften in ihren roth angeſtrichenen, an den Fenſterpfoſten be⸗ feſtigten Käfigen zwei Zeiſige und ein Dompfaff und zwitſcherten munter und zufrieden, obgleich die zum Theil herabgelaſſenen ſeidenen Rollvorhänge, die weißen Halbjalouſieen und ſelbſt die Fenſtergardinen von gel⸗ bem und rothem Zitz mit ihren reichen Franſen dieſen genannten kleinen Gefangenen, ſo wie auch der Sonne neidiſch den Blick in die Herrlichkeiten des Innern verboten. Aus der erſten Quergaſſe, die ſich mit der Haupt⸗ ſtraße vereinigt, näherte ſich gleich nach halb vier Uhr des Nachmittags eine Perſon, die wir ſogleich als einen alten Bekannten begrüßen. Man konnte aus der Hurtigkeit und Entſchloſſenheit in Paul's ſämmtlichen Bewegungen, da er die hohe Treppe vor genanntem Hauſe in die Höhe ſtieg, deutlich abneh⸗ men, daß das Lokal ihm nicht fremd war. Um dieſes zu erklären, müſſen wir erwähnen, daß, nachdem Paul bald genug das unbedeutende Lager abgeſetzt, welches er in Halmſtad mit ſeinem übriggebliebenen Gelde ein⸗ gekauft hatte— von dem Leiermanne hörte, ſah er nie wieder etwas— ſo hatte er ſich dann in der Gegend der genannten kleinen Stadt, in welche die Begeben⸗ heiten jetzt verſetzt ſind, aufgehalten, und pflegte ſeine Vorräthe an Büchern und Liedern in der dortigen Druckerei jedes Mal zu erneuern, wenn ſie ausgegan⸗ gen waren. Jetzt ſtand er zum dritten Male in dem Hausflure der Wohnung, deren Aeußeres wir beſchrieben haben. Während Paul ſeine Schuhe abſtäubt und die Schleife des Halstuches in gehörige Ordnung ſetzt, wollen wir erſt hineinſehen. Gleich wenn man die Thür öffnet, ſo erfährt man die Wirkung der Sorgfalt, mit welcher die Sonne und die friſche Luft ausgeſchloſſen ſind: eine dumpfe Luft, untermiſcht mit ſtarken Gerüchen von Kaffee und Cichori dem Li An den Familie mälden von Nuf dicke Me Früchten zellanſach Hunden pyramide geordnet gel, eine men von federn ei ſchwarzen Viel die Uhr wortet d Thür. L dert hind Gang de erpfoſten be⸗ ompfaff und eich die zum e, die weißen ien von gel⸗ ranſen dieſen tch der Sonne des Innern t der Haupt⸗ alb vier Uhr eeich als einen ntſchloſſenheit te hohe Treppe eutlich abneh⸗ r. Um dieſes gachdem Paul etzt, welches en Gelde ein⸗ erfährt man die Sonne eine dumpfe in Kaffee und Cichorie ſchlägt in die Naſe und gibt einen Begriff von dem Lieblingsgeſchmack der Wirthin. Das Zimmer iſt nicht beſonders groß, viereckig, mit grünen ölfarbenen Tapeten bekleidet, und über den Thüren mit auf der Wand gemalten Blumenſtücken geziert. Dieſe Malereien, obgleich ihre Dimenſionen ganz tüchtig ſind, bilden nur ein ganz kleines Gegen⸗ ſtück zu der Maſſe von ſechs Zoll hohen Gemälden, größtentheils Porträte, welche in langen Reihen dicht neben einander faſt die ganze Hauptwand einnehmen. An den Seiten hangen Silhouetten der Mitglieder der Familie nebſt einigen Stickereien und einigen Tuſchge⸗ mälden, die mit verwelkten Kränzen vereinigt und koſtbare und herzliche Andenken von Namens⸗ und Ge⸗ burtstagen ſind und ein Zeugniß geben, daß die Töch⸗ ter des Hauſes zu ihrer Zeit— doch dieſe Zeit iſt nach den Jahreszahlen auf den Kreuzen ihrer Gräber längſt vorbei— keineswegs einer, wie man es zu nennen pflegt, guten Erziehung enkbehrt haben. Unter jedem Fenſter ſteht eine bauchige Commode von Nußholz mit reputirlichen Bronzbeſchlägen und die dicke Marmorſcheibe, überlaſtet mit diverſen, ſteinernen Früchten, nebſt einer Maſſe von kleinen weißen Por⸗ zellanſachen, in Form von Schäfern und Schäferinnen, Hunden, Wiegen und Kindern, ſämmtlich um eine pyramidenförmige Potpourri⸗Urne von blauem Glaſe geordnet, welche die Mitte einnimmt. Ueber dem Spie⸗ gel, einem großen viereckigen Glaſe in ſchwarzen Rah⸗ men von Ebenholz, prunkt zwiſchen zwei langen Pfauen⸗ federn eine ſtark vergoldete Pendeluhr, jetzt mit einem ſchwarzen Flor bedeckt. Vielleicht bedeutet dieſe ſchwarze Bedeckung, daß die Uhr zur Ruhe gegangen iſt, denn kein Tick⸗tack ant⸗ wortet der großen Standuhr in der Ecke neben der Thür, Letzterwähnte Uhr, welche ein Vierteljahrhun⸗ dert hindurch den Mitgliedern des Hauſes den raſtloſen Gang der Zeit angegeben, nachdem ſie zuvor durch ein 248 frommes und ſchönes Lied ihre Andacht geweckt hat, iſt gewiß würdig, mit Maſter Humphry's Wanduhr ver⸗ wandt zu ſein, und zwar um ſo mehr, als die Frau Gundla Hamrin alle Papiere, Gedichte und andere Manuſeripte, welche ſie für Rechnung des Wochenblat⸗ tes in der Abweſenheit ihres Herrn Gemahls entgegen nahm, in das Gehäuſe derſelben zu werfen pflegte, wo dieſelben nicht ſelten liegen blieben, bis ihr Be⸗ ſitzer, nachdem er vergeblich gewartet hatte, ſie gedruckt zu ſehen, ſie zurück forderte, oder auch im Nothfalle, wenn er ein Bekannter war, ſie ſelbſt aufſuchte. Mit einem Worte: die Hamrin'ſche Wanduhr ſtand in ſo gro⸗ ßem Anſehen, daß ſelbſt der Küſter ſie zur Richtſchnur zu nehmen pflegte, wenn er Sonntags die Thurmuhr der Stadt ſtellte. Von dem übrigen Ameublement des Zimmers iſt nur noch zu bemerken, daß ein niedriger Sopha mit ſo hohen und gut gepolſterten und geſchwengten Seiten⸗ ſtücken, daß man ſich in demſelben bequem niederlaſſen konnte, die„Porträt⸗Wand“ einnahm. Der Ueberzug des Sopha's, ſowie der perlfarbenen Stühle, beſtand aus breitgeſtreiftem, rothem und grünem Satin, jetzt jedoch ſo abgenutzt, daß man von dem Aufzuge mehr ſah, als von dem Einſchlage, und wahrſcheinlich aus Anlaß des wichtigen Umſtandes, daß die blauen loſen Ueberzüge in die Wäſche gekommen, waren die ſämmt⸗ lichen Gardinen herab gelaſſen; Frau Hamrin wollte wahrſcheinlich die Sonne von aller Gemeinſchaft mit der wenigen Farbe, die dem Zeuge nach übrig war, ausſchließen. In drei Strecken über den weißgeſcheuer⸗ ten Fußboden führten feine Lappenmatten zu verſchie⸗ denen Thüren; an der Stubenthüre lagen jedoch Du⸗ pletten von derſelben Art. Durch eine angelehnte Thür entdeckte man die großblumigen Bettgardinen in dem Schlafzimmer. Dieſes äußere Gemach war alſo das Wohn⸗ und Beſuchzimmer. — U kanne ſaßen! gewalt die me ſehen, die Lin keitstre O von de wohl wenn auf me beutel von de Strickb fingerte ſie zu ſtände, keine ſtatten erhalte D genüge Frage / ſie un hervorf kannſt und ei Himml Hamri zwei q 7 trauer / Becka, geweckt hat, anduhr ver⸗ ls die Frau und andere Wochenblat⸗ hls entgegen rfen pflegte, bis ihr Be⸗ , ſie gedruckt n Nothfalle, ſuchte. Mit nd in ſo gro⸗ *Nichtſchnur e Thurmuhr Zimmers iſt Sopha mit gten Seiten⸗ niederlaſſen Der Ueberzug hle, beſtand Satin, jetzt Aufzuge mehr ſcheinlich aus blauen loſen n die ſämmt⸗ amrin wollte neinſchaft mit )übrig war, veißgeſcheuer⸗ n zu verſchie⸗ n jedoch Du⸗ gelehnte Thür dinen in dem Wohn⸗ und — 2⁴9 Um einen runden Tiſch, von welchem die Kaffee⸗ kanne und die Taſſen erſt neulich abgeräumt waren, ſaßen drei etwas antiquariſche Damen, ſämmtlich mit gewaltigen Kanonen⸗Locken unter ungeheuren Hauben, die mehr oder weniger auf Trauer deuteten: man konnte ſehen, daß die zwei Viſitenhauben aus Artigkeit gegen die Linonshaube der Wirthin die theilnehmende Höflich⸗ keitstracht guter Nachbarinnen angezogen hatten. Obgleich ein Fremder nicht wiſſen konnte, welche von den Dreien die Wirthin war, ſo brauchte er gleich⸗ wohl ſich den Kopf nicht viel darüber zu zerbrechen, wenn er nur zufälliger Weiſe die Augen auf die, mit auf morgen geſparten Kaffeebrod gut angefüllten Strick⸗ beutel warf, welche ſich vertraulich an die Arme zweier von den Damen ſchmiegten: diejenige, welche keinen Strickbeutel hatte, ſondern nur an der Tabacksdoſe fingerte— ſie war Frau Gundla Hamrin. Obgleich ſie zu Hauſe war, ſo hatte ſie durch die vielen Um⸗ ſtände, welche die beiden andern machten, von denen keine der andern auch nur den geringſten Vorzug ge⸗ ſtatten wollte, ihren Platz in der Mitte des Sopha's erhalten. Das auf dem Tiſche ausgelegte Kartenſpiel zeigte genügend, welche Art von Geſellſchaftsſpiel hier in Frage war. „Aber, Couſine Becka!“ ſagte Frau Hamrin, indem ſie unter dem Trauerſhawl ihre wohlgenährte Hand hervorſteckte und dieſelbe auf die Karten legte,„Du kannſt wohl nicht läugnen, daß dies hier ſchwarz iſt und eine Leiche bedeutet?— Aber, Herr, du mein Himmliſcher! wen ſoll das nun treffen, da mein ſeliger Hamrin, Gott ſegne ihn in ſeiner ewigen Freude! nun zwei Monate lang in ſeinem Grabe gelegen hat?“ „Ich ſetze ein Pfund Kaffee, daß es keine Herzens⸗ trauer gibt— und Gott weiß! ob er einmal ſtirbt!“ „Er— was für ein Er?-. Ach ſo, Couſine Becka, nun fällt mir das Sprichwort ein, das da ſagt: 250 Wo Rauch iſt, muß auch Feuer ſein— Du haſt aus⸗ gekundſchaftet, daß mein Faktor bisweilen das Fieber hat. Doch nun iſt er wieder auf, obgleich ich geſtehen muß, daß er etwas ſchwach iſt.“ Frau Hamrin ſagte Faktor!— MNit dieſem Amte vereinigte ſie gleichwohl mehrere andere; der fragliche„Er“ entſprach nicht weniger, als drei beſon⸗ deren Perſonen, nämlich Setzer, Drucker und Buchbin⸗ der, und es kann uns daher nicht Wunder nehmen, wenn ſeine Herrin, die ihm nicht alle drei Benennun⸗ gen geben konnte, ihn mit dem Beſten und Schmeichel⸗ hafteſten, das iſt: Faktor, erfreute. „Ei der Tauſend!“ ſagte Couſine Becka, die Frau des Zollſchreibers, und warf einen verſtohlenen Blick auf Conſine Helena, die Rathsherrin,„haſt Du, Cou⸗ ſine Helena, gehört, daß Couſine Gundla's Faktor krank geweſen iſt? Nicht ein Wort weiß ich!“ „O ja, genug habe ich davon gehört,“ entgegnete die Rathsherrin, welche Takt genug hatte, einzuſehen, daß es allzu lächerlich ſein würde, wenn ſie das Gegen⸗ theil behauptete;„aber wie ich glaube, und ſo viel ich aus den Karten ſehen kann, liegt dennoch kein Begräb⸗ niß für das Haus.“ „Aber Du ſagſt Nichts von der dunkeln Waare und der dunkelhaarigen Mannsperſon, die hier liegt,“ entgegnete Frau Becka Olsſon, indem ſie die Schnupf⸗ tabacksdoſe hervor zog und der Frau Gundla eine Priſe bot. „Eine Mannsperſon, was für eine— wo liegt die?“ fragte die Wirthin, und warf die Augen auf die Karten. „Ich will mich erſt beſinnen!“ ließ ſich Couſine Helena mit ſchlauer Miene vernehmen.„Aber nun kann wohl ein Jeder, der in den Karten zu leſen ver⸗ ſteht, ſehen, daß hier eine dunkle Waare und eine Eß⸗ wagre beim Hauſe liegt... und hol's die Katze! da iſt auteine Mannsperſon, darauf will ich den Hals ver⸗ lieren iſt er. plaud 2 kührli blicke beſond genug und§ Gund und d K Paul, lichen Kannc werden nähert nen U nerwü herſch 2 ſagte reinli Schlü wiede hier abgeh 7 Frau der G vielle von was bleib haſt aus⸗ das Fieber ich geſtehen Mit dieſem ndere; der drei beſon⸗ d Buchbin⸗ der nehmen, Benennun⸗ Schmeichel⸗ a, die Frau plenen Blick t Du, Cou⸗ Faktor krank entgegnete „einzuſehen, das Gegen⸗ d ſo viel ich kein Begräb⸗ keln Waare hier liegt,“ die Schnupf⸗ Gundla eine — wo liegt ugen auf die ſich Couſine „Aber nun zu leſen ver⸗ ind eine Eß⸗ Katze! da iſt den Hals ver⸗ 251 lieren— er iſt gewiß nicht dunkelhaarig, ſondern blond iſt er. Nun, ich will nicht diejenige ſein, die unnöthig plaudert, aber.... Bei dieſem„Aber“ fuhren alle drei damen unwill⸗ kührlich zuſammen, denn es klopfte in dieſem Augen⸗ blicke an die Thür. Da jedoch Keine von ihnen an beſonders ſchwachen Nerven litt, ſo hatten ſie Faſſung genug, in aller Eile nachzuſehen, ob ihre Halstücher und Kragen in gehörigem Eſſe wären, worauf Frau Gundla Hamrin ihre Stimme erhob zu einem klaren und deutlichen„Herein!“ Der Eintretende war kein Anderer, als Paul, aber Paul, wie ein Herr gekleidet; denn ſeit der unglück⸗ lichen Niederlage der Jacke bei der Johanniswache in Kanna konnte dieſelbe nur auf der Landſtraße benutzt werden; ſobald Paul ſich einem Gute oder eitter Stadt näherte, ſo ſtolzirte er immer in ſeinem hübſchen, brau⸗ nen Ueberrocke daher, deſſen Urſprung ſich von der Kell⸗ nerwürde und den Sonntagspromenaden in Göteborg herſchrieb. „Potz Tauſend! das iſt der junge Liederhändler!“ ſagte Frau Hamrin, welche aus Paul's netter und reinlicher Kleidung und geſetztem Ausſehen die beſten Schlüſſe über ſeine„Conduite“ zog.„Haſt Du ſchon wieder Alles verkauft, mein Sohn?“ „Ja, größtentheils,“ antwortete Paul.„Sie haben hier ſo hübſche Lieder und Sagen, daß ſie wie Waſſer abgehen.“ „Freut mich, daß die Leute ſo denken!“ lächelte Frau Hamrin.„Aber heute bleibſt Du doch wohl in der Stadt?“ „Ja, ich denke für heute Quartier zu ſuchen, und vielleicht auch für morgen, denn Einer wird ſo müde von dem ewigen Laufen.“ „Da haſt Du gewiß Recht, mein Junge! Aber was das Nachtquartier betrifft, ſo kannſt Du wohl hier bleiben, wenn Du heute Abend, da mein Knecht Petter 252 nach der Mühle iſt, dem Faktor die Preſſe ziehen hel⸗ fen willſt. Das iſt nicht gerade ſchwer zu begreifen, will ich Dir ſagen, und dann ſo zeigt er Dir wohl, wie Du's machen ſollſt. Morgen können wir dann ſo viele Lieder hervorſuchen, als Du haben willſt; jetzt aber geh' in die Küchenkammer— Du weißt ja noch von letztens, wo ſie iſt— und ſag' Siri, ſie ſoll her⸗ onhen, ſo will ich ihr ſagen, daß ſie Dir etwas vor⸗ etzt.“ „Ich danke recht ſehr,“ ſagte Paul,„und will mein Beſtes thun, dem Faktor an die Hand zu gehen, wenn es nichts anders iſt, als zu ziehen.“ „Du wirſt ſchon ſehen,“ nickte die Wirthin,„ſag' nur dem Fattor, daß ich Dich geſchickt habe!“ Paul begab ſich hinaus, um die erhaltenen Auf⸗ träge auszuführen. Mit einem triumphirenden Lächeln, daß ſie durch ihre raſche Entſchloſſenheit die Couſinen ſo gänzlich in Verwunderung geſetzt und überliſtet hatte, blickte Frau Gundla von der einen auf die andere. Die beiden fremden Damen ſaßen da mit nieder⸗ geſchlagenen Augenliedern und zuſammengedrückten Lip⸗ pen, ſichtlich bemüht, äußerſt gleichgültig auszuſehen, aber in ihrem Innern auf das Hochſte gereizt, weil Frau Hamrin ihre Pläne durchſchaut und ihre Waffen gegen ſie ſelbſt gekehrt hatte. Die einheimiſche Geſchichte vermeldete nämlich, daß, nachdem die beiden Kaffeeſchweſtern, die Raths⸗ herrin ſowohl, als auch die Zollſchreiberin, vom Him⸗ mel mit einer Menge hoffnungsvoller Pflanzen geſegnet worden waren, ſo hatten die Mütter jetzt ihre Söhne gerade alt genug und mit den vortrefflichſten Anlagen begabt gefunden, daß ſie ganz beſonders geſchickt waren zum Beitritt in dem Hamrinſchen Geſchäfte oder noch beſſer zu dem Nachfolger des alten, kränklichen Faktors. Erhielten ſie nur erſt, hieß es, den Fuß ordentlich feſt im Hauſe, ſo wäre es wohl die Katze, wenn ſie bei der re ſollten wenig 1 dieſell ſelswe Frau da ſie haarig die ar ſie, n hatte, begrei E viele Gemã Welt? tiren ſcherei billige für di wußte imme ſie ni in die den G zuziehe helfen, ſcheinh das w Couſin Haare gleichſe hübſche zuſam ziehen hel⸗ begreifen, Dir wohl, ir dann ſo villſt; jetzt ißt ja noch e ſoll her⸗ etwas vor⸗ „und will zu gehen, thin,„ſag 174 tenen Auf⸗ ß ſie durch gänzlich in lickte Frau nit nieder⸗ ückten Lip⸗ auszuſehen, reizt, weil dre Waffen e nämlich, die Raths⸗ vom Him⸗ en geſegnet hre Söhne n Anlagen hickt waren oder noch en Faktors. eentlich feſt enn ſie bei 253 der reichen, alten Frau nicht noch etwas mehr werden ſollten, z. B. ihre Erben, indem es keine ſolche gab, wenigſtens keine nahen. Doch gerade dadurch, daß beide Frauen eine und dieſelbe große Speculation im Kopfe hatten, und wech⸗ ſelsweiſe ihre gegenſeitigen Söhne verläumdeten, wurde Frau Hamrin aufmerkſam auf ihren innern Krieg; und da ſie nun hörte, daß die eine ſah wie eine dunkel⸗ haarige Mannsperſon bei dem Hauſe lag, und dies die andere behauptete, er habe helles Haar, ſo dachte ſie, was ſie in dem Punkte immer eigenſinnig gedacht hatte, nämlich: ſie wollte es hübſch bleiben laſſen zu begreifen, wo der Schuh drückte. Die gute Frau hoffte ihren theuren Faktor noch viele Jahre zu überleben, und um das in Ruhe und Gemächlichkeit zu können, wollte ſie um nichts in der Welt einen„Fiskal“ in's Haus nehmen, welcher rappor⸗ tiren ſollte, was darin vorfiel und dadurch die Klat⸗ ſchereien in den Gang bringen würde. Außer dieſer billigen Furcht gab es noch einen wichtigen Grund für die Taubheit der Frau Hamrin an dem Ohre: ſie wußte recht gut, daß ſie mit derjenigen Familie in immerwährende Feindſchaft kommen würde, deren Sohn ſie nicht annähme. Als unſer junger Liederhändler gerade wie gerufen in die Thüre trat, fiel Frau Gundla augenblicklich auf den Gedanken, ihre intime Freundinnen ein wenig auf⸗ zuziehen. Darum erſuchte ſie Paul, dem Faktor zu helfen, und darum ſagte die liſtige Frau nun in einem ſcheinheiligen, gläubigen Tone:„Nein, wahrhaftig! das war deutlich ein Finger Gottes! Sagteſt Du nicht, Coufine Becka, daß eine Mannsperſon mit dunklen Haaren beim Hauſe läge?— und ich geſtehe, ich fühlte gleichſam einen Stich im Herzen, als er eintrat, der hübſche Burſche!“ „O,“ ſagte die Zollſchreiberin, ſchnell die Karten zuſammenwerfend,„von einem Landſtreicher ſtand wohl 254 denn doch eigentlich nichts da! Iſt es aber ſo, Couſine, daß Du, wie ich ſchon lange gedacht habe, für den Faktor Hülfe brauchſt, ſo ſoll mein Karl gerne umſonſt herkommen und ihm an die Hand gehen.“ „O,“ fiel die Rathsherrin ein,„es wäre doch Schade, den Karl aus der großen Schule zu nehmen, da er ſo leichtlehrig iſt— da will ich lieber morgen früh meinen Andres herſchicken! Er iſt groß und ſtark und verſteht ſich noch dazu auf's Buchſtabiren und ſolche Dinge ſo gut, daß er Correktur von allem leſen kann, was ſie ihm vorlegen: er ſchreibt auch wirklich für den Vater ganze Papierrollen in's Reine, wenn er vom Rathhauſe kommt, und das geht bei ihm in einem Hui— Gott ſei Dank, er ſchlägt recht gut ein!“ „Der Tauſend, liebe Helena!“ rief die Zollſchrei⸗ berin mit der gelungenſten Verwunderung aus,„iſt Andres ein ſolches Licht geworden? Da muß ich in der That Glück wünſchen! Da war alſo das Geſchwätz nur eine Lüge, das ich neulich hörte, daß er aus der Schule gejagt worden iſt!“ „Meine lieben Schweſtern,“ ſagte Frau Gundla, nachdem ſie eine Weile mit geheimer Schadenfreude dem Streite der Beiden zugehört hatte,„auf das aller⸗ ſchöͤnſte danke ich Euch beide für den guten Dienſt, den Ihr mir habt erzeigen wollen! Doch ich bin in dieſer Sache ſo gebunden, daß ich weder Hand noch Fuß rühren kann, denn der ſelige Hamrin ſagte immer zu mir:„Gundla,“ ſagte er,„was Du thuſt, ſo verſprich mir, daß, wenn der Faktor ſtirbt oder nicht länger im Stande iſt, ſich allein zu helfen, Du keinen Gehülfen aus unſrer eigenen Stadt nimmſt! Denn wenn Einer auch die Kinder ſeiner eigenen Freunde und Bekannten“ noch ſo gut behandelt, ſo wird das doch nie anerkannt, ſondern man hat nur Schande und Verdruß zum Dank. Nimm lieber,“ ſagte er,„einen von fremden Ort, den der Faktor für Dich zulehren kann, denn, Gott ſtrafe mich! das iſt beſſer.“ ./ 2 ſchaftsa / Frau Du tl denn hat, de ertheilt eigenen wenn! „2 ich nich Hamrit bürgern hoffe ie nen Ki immer Gundla ein we weges fel die ganzen Freundi konnte und ei der Ra lich geſt gnügen Frauen ganz g cheleien gut ſtan und zo zurück. »,Coufine, , für den ne umſonſt wäre doch zu nehmen, der morgen und ſtark biren und allem leſen ch wirklich ine, wenn bei ihm in gut ein!“ Zollſchrei⸗ aus,„iſt Pich in der Geſchwätz er aus der u Gundla, hhadenfreude f das aller⸗ Dienſt, den ſin in dieſer noch Fuß eimmer zu ſo verſprich länger im i Gehülfen wenn Einer b Bekannten anerkannt, zum Dank. n Ort, den Gott ſtrafe 255 „Wetter noch einmal, welche Weisheit!“ meinte Frau Becka mit verächtlichem Lächeln.„Und, Couſine, Du thuſt gewiß Recht, wenn Du den Rath befolgſt, denn wenn Einer auch nicht gerade immer geglaubt hat, daß der Mann die beſten und klügſten Rathſchläge ertheilte, da er noch lebte, ſondern ſo lange ſeinen eigenen Willen haben wollte, ſo iſt es um ſo ſchöner, wenn man ſie ehrt, nachdem er geſtorben iſt.“ „Aber gewiß,“ fiel die Rathsherrin ein,„das kann ich nicht läugnen, war es ſchlecht von dem ſeligen Herrn Hamrin, daß er ſo verkleinernd ſprach von den Mit⸗ bürgern in ſeiner eigenen Stadt— und es iſt wohl, hoffe ich, keiner von ihnen ſo arm, daß er ſeine eige⸗ nen Kinder jemanden aufzudringen braucht!“ „Nein, gewiß nicht, wo nicht in wohlgemeinter Abſicht,“ ſtimmte die Zollſchreiberin ein. Die Ankunft der Jungfer Siri unterbrach das immer wärmer gewordene Geſpräch, und kam der Frau Gundla recht gelegen, weil ſie zwar ihre Kaffeeſchweſtern ein wenig ärgern und demüthigen, ſie jedoch keines⸗ weges beleidigen wollte. Obgleich ſie ohne allen Zwei⸗ fel die wohlhabendſte und ſtolzeſte Bürgerfrau in der ganzen Stadt war, ſo wünſchte ſie doch mit ihren Freundinnen gute Nachbarſchaft zu halten; denn ſie konnte nicht leben ohne Kaffeeſchmäuſe, Neuigkeiten und eine Partie Boſton, und war die Eintracht mit der Rathsherrin und der Zollſchreiberin einmal ernſt⸗ lich geſtört, ſo gab es keinen Erſatz, welcher dem Ver⸗ gnügen entſprach, deſſen ſie in der Geſellſchaft dieſer Frauen genoß. Vielleicht war Frau Hamrin auch nicht ganz gleichgültig für die Komplimente und Schmei⸗ cheleien, welche ſie von genannten Damen, wenn alles gut ſtand, zu vernehmen gewohnt war. „Verzeiht, liebe Freundinnen— einige Wirth⸗ 4 ſchaftsangelegenheiten!“ entſchuldigte ſich die Wirthin, und zog ſich mit Siri in den Schatten der Ofenecke zurück.— 1 256 Ihre Mittheilungen an die Dienerin hätten ſehr kurz ſein können, aber Frau Hamrin zog dieſelben ab⸗ ſichtlich in die Länge ſo viel ihr möglich war, um dem Ungewitter, das ſie ſelbſt heraufbeſchworen, Zeit zu geben, ſich zu legen. Als Siri das Zimmer verlaſſen hatte, ſchlug die gute Frau ihren Freunden vor, Pa⸗ tience zu legen, und auf dieſe Weiſe ſchon vorher zu entdecken, ob der„Magiſter“ heute Abend am Boſton⸗ tiſche wieder ſo viel Glück haben würde wie an den vorhergehenden Tagen.. Mit erzwungener Höflichkeit gaben die Freundinnen dem Vorſchlage der Wirthin ihren Beifall; da jedoch alle drei höchſt unangenehm geſtimmt waren, ſo wünſch⸗ ten auch alle, daß die Stunde des Magiſters im An⸗ zuge begriffen ſein möchte. Hier einige Wurte über den Cavalier der Damen. Herr B., in ſeiner Vaterſtadt allgemein unter dem Namen des Magiſters bekannt, war ein Mann von einigen und fünfzig Jahren, der vor ungefähr. dreißig Wintern in der Geſellſchaft eines gutgepackten Mantel⸗ ſackes von ſeinen Eltern in der Abſicht und Meinung nach Lund geſchickt worden war, um dort das Licht der Weisheit einzuholen. Nicht ohne Beſchwerde machte er ſein Studentenexamen, da es aber nicht Herrn Bs ſchwache Seite war, mit dem, was einmal vorhanden und gebilligt war, Veränderungen vorzunehmen, ſo ließ er es mit den Lorbeeren bewenden, die er ſchon ein⸗ geerndtet hatte, und lag alſo bei der Academie von nichts geſtört als etwa von erinnernden Briefen von Hauſe, bis ihn nach dem Verlaufe von fünfzehn Jah⸗ ren der Tod ſeiner Eltern zurückrief, um ein kleines Erbe in Beſitz zu nehmen. Mit einem Gefühle von Unbehagen, diesmal aber doch dem letzten Willen der Eltern gehorſam, packte er ſeine Mobilien ein, beſtellte Skiuts und ſagte ſo ſeinem ruhigen, fünfzehn Jahre treuen Zimmer ein ewiges Lebewohl. Die ganze Stadt wunderte ſich, als eines Tages der jun gereiſ't ſchwarz ſeine t Achtung Zachäus für eine zehn Ja man be Veranla giſter)⁰¹ hatte un Za Er Haushä die Abſie Doch de laufen gebildete man, 1 war es Geburts und das promtu großen lich jede abgeſung Bürgern es noch wenig p eben dar hülfe be überrede. als auch die Dier Erröthen Paul T hätten ſehr ieſelben ab⸗ ar, um dem en, Zeit zu ner verlaſſen en vor, Pa⸗ i vorher zu am Boſton⸗ wie an den Freunbinnen U; da jedoch ;, ſo wünſch⸗ ſters im An⸗ der Damen. in unter dem a Mann von efähr. dreißig ckten Mantel⸗ ind Meinung das Licht der verde machte ht Herrn Bs al vorhanden hmen, ſo ließ er ſchon ein⸗ Ulcademie von Briefen von m ein kleines Gefühle von en Willen der ein, beſtellte finfzehn Jahre b eines Tages ünfzehn Jah⸗ 257 der junge Zachäus, der in der Blüthe ſeiner Jahre ab⸗ gereiſt war, ſo alt und ehrwürdig zurückkehrte. Sein ſchwarzer Rock, ſeine lange Naſe und vor allen Dingen ſeine tiefſinnige und ernſte Miene flößten eine ſolche Achtung ein, daß man ihn nicht mehr ſchlecht und recht Zachäus nennen konnte; ſondern da man ihn nunmehr für einen mächtig gelehrten Mann hielt, weil er fünf⸗ zehn Jahre lang„geleſen und ſtudirt“ hatte, ſo nannte man beſonders ihn in Ermangelung einer beſtimmten Veranlaſſung zu der Wahl einer Benennung„den Ma⸗ giſter,“ welchen Titel er noch heutiges Tages inne hatte und gewiß bis an ſeinen Tod behielt. Zachäus nahm mit dem Titel fürlieb. Er bezog das elterliche Haus, nahm eine alte Haushälterin und lebte oder, richtiger geſagt, hatte die Abſicht, ſo träge und unbemerktzwie bisher zu leben. Doch das ließ ſich jetzt nicht thun: käglich war er über⸗ laufen von Supplikanten, welche aus der Nähe des gebildeten Mannes Vortheil ziehen wollten. Bald kam man, um Hochzeitsverſe von ihm zu erbetteln, bald war es eine Rede bei einem Begräbniſſe, bald eine Geburtstagsgratulation, das eine Mal in gebundener und das andere in ungebundener Rede, bald ein Im⸗ promtu auf Veranlaſſung der Ankunft irgend eines großen Mannes in der Stadt, und endlich und ſchließ⸗ lich jedes Jahr ein Gedicht, das bei dem Schmauſe abgeſungen werden ſollte, den die Bürgerſchaft dem Bürgermeiſter gab. Außer dieſen Commiſſionen gab es noch eine andere Art: ſolche Leute, die„nur ein wenig paſſabel mit der Feder kritzeln“ konnten, und eben darum bei einer beſondern Gelegenheit einer Bei⸗ hülfe benöthigt waren, hatten die Kühnheit, ihn zu überreden, Briefe und Billette ſowohl in Geſchäfts⸗ als auch in Liebesangelegenheiten aufzuſetzen; ja ſogar die Dienſtmädchen der Stadt kamen mit verſchämtem Erröthen auf den Wangen und einem kleinen Briefe Paul Wärning. 258 in der Hand, um den guten Magiſter zu bitten, ihnen eine Antwort aufzuſetzen. Kurz: der Magiſter war aller Leute Liebling, al⸗ ler Leute Bevollmächtigter, aller Leute Vertrauter. Der träge, gutmüthige Zachäus ſchwitzte erbärm⸗ lich unter dieſem Wohlwollen, hatte jedoch nicht Kraft genug, dieſe Blutigel abzuſchütteln, welche an ſeinem Genie ſogen. Anfangs ſchrieb er, um ihrer recht bald los zu werden, was ihm einfiel; und er ſetzte ſich ſelbſt mehr als Andere in Erſtaunen durch die Entdeckung dieſes Reimſchneiderei⸗Talentes, deſſen Beſitz er zu ahnen bis dahin weit entfernt geweſen war. Nach und nach und da ſein Ruf immer ausgebreiteter und feſter wurde, empfand Zachäus eine Art von ſtiller Bewunderung zu ſich ſelbſt, und dieſes Gefühl machte ihn ſo glücklich, daß er nach neun und neunzig verun⸗ glückten Winken von Seiten des Herrn Hamrin endlich den hundertſten verſtand und gegen ein gutes Honorar die Redaction und die Correctur des kleinen, allzu klei⸗ nen Wochenblattes übernahm, welches Herr Hamrin herauszugeben geſonnen war. Dieſes drohte jedoch beinahe eine Herculesarbeit für den Zachäus zu werden, und wäre es nicht ſo be⸗ ſchwerlich geweſen, den Gegenſtand auf's Neue zur Sprache zu bringen, ſo hätte er ſich wohl einige Male verſucht gefühlt, ſein Wort zurückzunehmen. Aber er nahm es nicht zurück, und nachdem die Sache erſt in den Gang gekommen war, ſo ging ſie von ſelbſt und war nun ſchon dreizehn Jahre gegangen, ohne daß die geringſte Unordnung auf's Tapet gekommen war. Eben ſo regelmäßig, wie der Magiſter ſeine Cor⸗ rectur beſorgte, kam er auch an drei beſtimmten Aben⸗ den in jeder Woche und zu einem beſtimmten Glocken⸗ ſchlage in das Hamrin'ſche Haus, um bei dem langſa⸗ men Ausſchlürfen eines guten Toddy's mit dem Wirthe, der W richt K ger geſ wohnhe abweſen ſeligen gleichw ihre kle ben we⸗ niſſe. Do Zeit un „W giſter!“ kunft de dieſem ment, ſechs ſp ſteckte. „Di mit ſeine lichen La⸗ Zollſchrei bei guter jeden De Damen e mit eben ſundheit Frau tiſch in O legen, de Neuigkeit der Drucke Gegenſtan denn es n Gewohnhe itten, ihnen jebling, al⸗ trauter. tzte erbärm⸗ nicht Kraft e an ſeinem bald los zu e ſich ſelbſt Entdeckung Beſitz er zu war. Nach breiteter und t von ſtiller gefühl machte unzig verun⸗ mrin endlich ltes Honorar n, allzu klei⸗ derr Hamrin erculesarbeit nicht ſo be⸗ ſs Neue zur einige Male en. Aber er Sache erſt in on ſelbſt und ohne daß die len war. iten Glocken⸗ t dem Wirthe, dem langſa⸗ 259 der Wirthin und einer von den Nachbarinnen ein Ge⸗ richt Karten zu ſpielen. Und ſo pünktlich oder, richti⸗ ger geſagt, eingepeitſcht war Zachäus in ſeinen Ge⸗ wohnheiten, daß er in letzterer Abſicht in der Geiſtes⸗ abweſenheit ſogar an dem Tage der Einkleidung des ſeligen Herrn anlangte; mit einem Seufzer erklärte gleichwohl die Wittwe bei dieſer Gelegenheit, daß ihre kleine unſchuldige Abendunterhaltung aufgeſcho⸗ ben werden müßte bis einige Zeit nach dem Begräb⸗ niſſe. Doch genug von Zechäi Leben vor gegenwärtiger Zeit und Tag! „Willkommen, willkommen, mein lieber Herr Ma⸗ giſter!“ rief Frau Gundla, die noch nie über die An⸗ kunft des Hausfreundes froher geweſen war, als in dieſem Augenblicke, da dieſer gerade in dem Mo⸗ ment, da die Uhr den Liedervers zu dem Schlage fechs ſpielte, ſeine lange Naſe zur Thüre herein ſteckte. „Diener, Frau Couſine!“ ließ ſich der Magiſter mit ſeiner ernſten Würde, die nie aus ihrer gewöhn⸗ lichen Lage zu bringen war, vernehmen;„Diener Frau Zollſchreiberin! Ich hoffe, die Herrſchaften befinden ſich bei guter Geſundheit!“ und Zachäus macht dabei einer jeden Dame eine abgemeſſene Verbeugung, und die Damen erwiederten natürlicher Weiſe dieſe Artigkeiten mit eben ſo vielen Knixen und Fragen nach der Ge⸗ ſundheit des Magiſters. Frau Gundla beeilte ſich, augenblicklich den Spiel⸗ tiſch in Ordnung zu ſetzen; es war ihr viel daran ge⸗ legen, daß nicht die böſe Zunge der Schweſtern die Neuigkeit von der Anſtellung des Liederhändlers bei der Druckerei erzählen ſollten, ehe ſie ſelbſt über dieſen Gegenſtand mit ihrem würdigen Freund geredet hätte, denn es war nun einmal eine theure und allmächtige Gewohnheit, ihn bei allen Dingen um Rath zu fragen. Glücklicher Weiſe hatte die Uhr auch Siri mit dem Thee hereingerufen. Die Gäſte ſammelten ſich um den gedeckten Tiſch, und während die Frauen ſich an den Ueberbleibſeln der Begräbnißbretzeln beinahe ihre Zahnreihen zerbiſſen, goß der Magiſter ſeinen Rum in das gezuckerte Waſſer und rührte ihn langſam und mit deutlicher Begierde zum Genuſſe um. Zachäus verſchmähte den Ther im Allge⸗ meinen, ließ ſich jedoch jedes Mal von ſeiner wohl⸗ wollenden Wirthin überreden, die eben ſo gute als blutreinigende Miſchung von Erdbeeren⸗ und Johannis⸗ beerenbläͤttern, welche ſie ſelbſt im„Glücke,“ über das wir ſpäterhin zu reden Gelegenheit haben werden, be⸗ reilete, zu koſten. Nachdem die Geſellſchaft den Abend damit hinge⸗ bracht hatte, ſich wie gewöhnlich béte zu machen, nahm man zu guterletzt Punkt neun Uhr den akleinen Schnapps“ zu einem Butterbrode mit kaltem Fleiſch, einem Glaſt Milch und Bier und einem Pfannkuchen ein: es war damals Mode in den kleinen Societäten der Stadt— weil es nämlich in den größern gerade ſo war— ſig nicht mit Speiſe zu überladen. Bei dem Abſchiede, da der Magiſter ſchon halt über der Schwelle, die Damen jedoch ſchon draußen auf der Treppe waren, flüſterte Frau Gundla, indem ſie ihn behutſam in den Arm kniff:„Kommen Sit morgen Vormittag um acht zu mir, Herr Magiſter! ich habe mit Ihnen über etwas ganz Beſonderes zu reden— aber laſſen Sie um alles in der Welt die Rathsherrin und die Zollſchreiberin keinen Unrath merken!“. „Wo blieb der Magiſter?“ erſcholl draußen die Stimme der Coufine Becka. „Ich hatte mein Schnupftuch vergeſſen!“ antwol⸗ tete Zachäus, der in dieſem Augenblick heraustrat, recht ſtolz über dieſe Liſt, welche ihn mit Recht in der Mei⸗ ⸗ nung gegen gültig Der Fa zimmer haben, Faktor 5. ein niet Beſuchz⸗ Saal h beſonder man hie kaſten, ein grof zum Ei verſchied binderei Auf eine chern, w bier zu: mehre R bogen zu ſchwärze hie und ſtimmten. ziri mit dem deckten Tiſch, rbleibſeln der zerbiſſen, goß e Waſſer und Begierde zum hee im Allge⸗ ſeiner wohl⸗ ſo gute als und Johannis⸗ ke,“ über das n werden, be⸗ damit hinge⸗ machen, nahm nen Schnapps“ „einem Glaſe ein: es war der Stadt— ſo war— ſih er ſchon halb ſchon draußen bundla, indem „Kommen Sie err Magiſter! Beſonderes zu der Welt die keinen draußen die ſſen!“ antwol⸗ raustrat, recht t in der Mei⸗ Unrath 261 nung der Frau Hamrin, der einzigen Dame auf Erden gegen deren gutes Urtheil Zachäus nicht ganz gleich⸗ gültig war, erheben mußte. Zwanzigſtes Kapitel. Der Faktor. Ueberlegung zwiſchen Frau Hamrin und ihrem Rathe. Folgen derſelben für Paul. Während der kleinen Scharmützel in dem Beſuch⸗ zimmer der Frau Hamrin, die wir eben beſchrieben haben, ſtieg Paul eine Treppe höher hinauf, um dem Faktor ſeine Perſon und ſeine Botſchaft vorzuſtellen. Das Gebiet, über welches der Faktor regierte, war ein niedriger Saal, der ſich über dem unten liegenden Beſuchzimmer und Schlafgemach erſtreckte. Dieſer Saal hatte drei Fenſter, von denen jedes mit einer beſondern Zubehör der drei Gewerbe beſetzt war, welche man hier trieb: An dem einen Fenſter ſtand der Setz⸗ kaſten, an dem andern die Preſſe und an dem dritten ein großer aufgeklappter Tiſch, überhäuft mit gefalzten, zum Einbinden beſtimmten Bogen, zwei Heftladen, verſchiedene Kleiſter, Leim und andere zu der Buch⸗ binderei gehörenden Materialien enthaltenden Näpfen. Auf einem andern Tiſche lagen große Haufen von Bü⸗ chern, welche auf Rücken warteten, ſowie buntes Pa⸗ bier zu Deckeln; und über das ganze Zimmer gingen mehre Reihen von Stricken, auf denen planirte Papier⸗ bogen zum Trocknen hingen. Verſchiedene mit Drucker⸗ ſchwärze und unreinem Waſſer gefüllte Gefäße bildeten hie und da Gruppen, die mit dem Ganzen überein⸗ ſtimmten. 262 t Ganz hinten in einem entlegenen Winkel— das Zimmer ſchnitt an dem einen Ende im Winkel ein— ſtand das Bett des Faktors, reinlich und ſorgfältig aufgemacht, nebſt einem alten Schreibpulte und einem niedrigen, mit grünem Boi überzogenen Lehnſtuhle und ein Brett voll zierlich gebundener Bücher— alles von d einem hohen Schirm umſchloſſen, der jedoch in dieſem Augenblicke weggenommen war. Der Faktor ſelbſt war ein ältlicher Mann, der über zwanzig Jahre in dem Dienſte ſeines ſeligen Herrn geweſen war. Er hätte zwar ſchon längſt einen Ge⸗ hülfen gebraucht und würde auch einen ſolchen erhalten haben, wenn er nicht in dieſem Punkte ſo ſchrecklich eigenſinnig geweſen wäre. Es gab in der ganzen Stadt keinen einzigen Knaben, den er nur mit Augen ſehen wollte und bei dem bloßen Gedanken daran, daß der Andres der Rathsherrin oder der Carl der Zollſchrei⸗ berin das Zimmer und die Arbeiten, denen er ſo lange allein vorgeſtanden, entweihen ſollte, fühlte er ſich von einer Reizbarkeit und einem Verdruſſe ergriffen, welche ſtets auf ſeine ſchwache Bruͤſt gefährlich einwirkten. „Die Bengel, die Faulpelze!“ pflegte er immer mu⸗ melnd zu ſich ſelbſt zu ſagen,„würden alles umkehren und gegen mich nicht mehr Reſpekt haben, als wem ich eine alte ausgeſchliffene Bücherpreſſe wäre, gut ge⸗ nug, ſie auf den Miſthof zu werfen. Nein, wahrhaf⸗ tig!— Die günſtigen Herren ſollen es bleiben laſſen, mich auszudrängen, ſo gern ſie auch wollen, denn hier bin ich allein Herr, ſo lange...“ Man ſieht, daß die Anſichten der Frau Hamri und ihres Faktors in dieſer Hinſicht vollkommen über⸗ einſtimmten: beide hatten, obgleich aus verſchiedenen Urſachen, eine gleiche Liebe zu der Selbſtregierung und einen gleichen Widerwillen gegen die Einmiſchung der Rathsherrin und der Zollſchreiberin in die Herrſchaft. Paul, welcher glaubte, der Faktor müßte ihn ſchon von früher kennen, grüßte ihn mit Vertraulichkeit al eine nich beit kehrt nicht meiſt den Müh mußt gend den bloße reiche gewa holte. ¹ Antw Hamt übel, könnt ( halten Aber intere Stadt gegen wort wohl ein G 9 thigen der A. tiefſter Maſch ſchichte t Winkel— das Winkel ein— und ſorgfältig ilte und einem Lehnſtuhle und — alles von doch in dieſem r Mann, der s ſeligen Herrn ngſt einen Ge⸗ ſolchen erhalten e ſo ſchrecklich ganzen Stadt it Augen ſehen aran, daß der der Zollſchrei⸗ en er ſo lange olte er ſich von! griffen, welche ich einwirkten. er immer mur⸗ alles umkehren den, als wenn wäre, gut ge⸗ kein, wahrhaf⸗ bleiben laſſen, llen, denn hier Frau Hamri Ukommen über⸗ s verſchiedenen ſtregierung um einmiſchung der die Herrſchaſte nüßte ihn ſchon traulichkeit als 263 einen alten Bekannten. Aber der Faktor bemerkte ihn nicht ſogleich, weil er, vor kurzem gezwungen, die Ar⸗ beit mit dem Bette zu vertauſchen, nach der Wand ge⸗ kehrt lag. Die körperlichen Leiden des armen Faktors waren nicht dasjenige, was ihn in dieſem Augenblicke am meiſten beunruhigte; ſeine ganze Denkkraft war auf den Umſtand gerichtet, ob Petter heute Abend aus der Mühle zurückkommen könnte. Geſchah das nicht, ſo mußte es zur Folge haben, daß„das Blatt“ am fol⸗ genden Tage nicht zur rechten Zeit herauskam, und für den Faktor, der die Ordnung ſelbſt war, wurde die bloße Furcht vor einem ſolchen Unglücke ſchon ein hin⸗ reichender Gegenſtand zu tiefem Nachdenken. Unruhig warf er ſich auf die andere Seite und oahrte jetzt Paul, welcher ſeinen Gruß wieder⸗ olte. h „Ich kenne Dich recht gut!“ ſagte der Faktor als Antwort auf die Botſchaft, welche Paul von der Frau Hamrin vorbrachte.„Und es wäre vielleicht nicht ſo übel, wenn Du mir heute Abend ein wenig helfen könnteſt!“ Eine ſo gnädige Antwort hätte kein Anderer er⸗ halten, der dem Faktor ſeinen Dienſt erboten hätte. Aber Paul war völlig fremd, er hatte keine Familien⸗ intereſſen zu bewachen, keine Bekanntſchaften in der Stadt, und ſah noch dazu ehrlich und geſetzt aus, wo⸗ gegen die beiden andern Candidaten ſtets ein Spott⸗ wort oder ein Lächeln auf den Lippen hatten, und ſo⸗ wohl das eine, als auch das andere war dem Faktor ein Gräuel. Nachdem Paul die Kleider gewechſelt und die nö⸗ thigen Verhaltungsbefehle erhalten hatte, legte er unter der Aufſicht des Faktors Hand an die von Paul mit tiefſter Ehrfurcht betrachtete Preſſe, dieſe ſonderbare Maſchine, durch deren Wirkung ſo viele„luſtige Ge⸗ ſchichten“ an das Tageslicht kamen. Pauls Herz hüpfte 264 vor Freuden, als er ſah, wie wunderbar die Buchſta⸗ ben auf dem reinen Papiere zum Vorſchein kamen; und der einzige Umſtand, der ihm nicht gefiel, war der, daß er ſtatt der Zeitungsblätter nicht Lieder drucken durfte. 3 Die Arbeit ging bald ruhig und ordentlich von Statten und wenn auch der Faktor ſeinen Arbeiter nicht lobte, ſo nickte er doch bisweilen aufmunternd und machte ihn nach Beendigung des Druckens bekannt mit mehren von den Myſterien, welche die Kunſt im Uebrigen noch aufzuweiſen hatte. Gleichſam im Scherz bat er Paul, die erſte Reihe einer Bonbon⸗Deviſe zu ſetzen— zu den literariſchen Produkten, welche aus Frau Hamrin's Druckerei her⸗ vorgingen, gehörten auch große Lager von Deviſen, die der Conditor beſtellte— und nachdem Paul ſich mit den Fächern der verſchiedenen Schriften oder Buchſtaben etwas vertraut gemacht und dieſelben handthieren gelernt hatte, ſo ging es recht gut: ehe eine Stunde verging, hatte er die zweizeilige Sentenz, welche beſtimmt war, beim nächſten Jahres⸗ markt auf einem geſchmeidigen, langen Bonbon zu figuriren, glücklich ausgeſetzt. „Nun kann es. für heute Abend genug ſein!“ er⸗ klärte der Faktor.„Ich ſehe, Du haſt Anlage für das Geſchäft. Würde es Dir recht ſein, damit fortzu⸗ fahren, wenn dergleichen in Frage käme? was neinſt Du?“ „Ich kann gerade nicht wiſſen! Auf welche Art Einer ſein Brod verdient, iſt wohl gleich, wenn es nur ehrlich geſchieht; ſonſt glaube ich wohl, es könnte recht hübſch ſein, Lieder ſelbſt zu ſetzen und zu drucken — und ich könnte ſie vielleicht auch ſelbſt zuſammen⸗ dichten, denn es wird mir leicht, Abenteuer zuſam⸗ menzuſetzen, wenn ich allein gehe und ſpekulire.“ An dieſem Abende wurde über dieſe Angelegenheit nicht weiter geredet. Aber Paul dachte viel darüber *₰ —— nach ſich Erei ſeine einge und deſſen kleide doch ſeiner G 1 Frau letzten Hülfe 2. Frau aufgef 17 2 Luſt ho fragen mit de wollte ßerung „ mit Na wünſcht ſatz zu wegen ſich dahe auf den rade he die Buchſta⸗ hein kamen; iel, war der, eder drucken rdentlich von nen Arbeiter aufmunternd kens bekannt die Kunſt im ie erſte Reihe literariſchen Druckerei her⸗ von Deviſen, em Paul ſich hriften oder nd dieſelben recht gut: e zweizeilige hſten Jahres⸗ Bonbon zu g ſein!“ er⸗ lage für das amit fortzu⸗ was meinſt f welche Art ch, wenn es —, es könnte d zu drucken t zuſammen⸗ uer zuſam⸗ ulire.. ngelegenheit piel darüber — — 265 nach, was wohl die Meinung ſein könnte und machte ſich im Voraus auf die Antwort gefaßt. Am folgenden Morgen traf das ungewöhnliche Ereigniß ein, daß der Faktor eine Unterredung mit ſeiner Gebieterin verlangte und in ihr Schlafzimmer eingelaſſen wurde. Frau Gundla ſaß vor ihrem Spiegel und war dabei, das ſchwarze Band zu befeſtigen, an deſſen Ende die Kanonenlocken ſchwankten. Gewöhnlich kleidete ſie ſich des Morgens nicht ſo prächtig; da ſie je⸗ doch heute den Magiſter erwartete, ſo machte ſie zu ſeiner Ehre eine kleine Ausnahme. „Ich komme,“ begann der Faktor, indem die gute Frau, ganz außer Athem von der Anſtrengung, am letzten Knoten im Nacken ſchürzte,„Ihnen für die Hülfe zu danken, die ich geſtern Abend erhielt!“ „Iſt er Ihnen zu Dank geweſen?“ fragte die Frau und wendete ſich um, nachdem ſie die Haube aufgeſetzt hatte. „Ja, ich kann nichts anderes ſagen!“ „Hat er Anlagen für unſer Geſchäft?“ „Ich glaube beinahe.“ „Nun, wenn er Ihnen zu Dank geweſen iſt und Luſt hat?“ Frau Hamrin ſah den alten treuen Diener fragend an: ſie wußte, daß er in dieſer Angelegenheit mit der vorſichtigſten Behutſamkeit behandelt werden wollte und erwartete daher ſeine entſcheidende Aeu⸗ ßerung. „Er iſt nicht aus unſrer Stadt!“ ſagte der Faktor mit Nachdruck. 3 Nun bedurfte es nichts weiter. Frau Hamrin wünſchte weder, noch erwartete ſie von ihm den Zu⸗ ſatz zu hören, daß er ſeiner geſchwächten Geſundheit wegen eines Gehülfen benöthigt wäre. Sie beeilte ſich daher, ihm zu antworten, daß es ihr lieb wäre, ſelbſt auf den Gedanken verfallen zu ſein und daß ſie ge⸗ rade heute Morgen den Magiſter zu ſich eingeladen 266 hätte, um mit ihm zu überlegen und ihn mit dem jungen Manne reden zu laſſen. Dieſe Maßregel, weit entfernt, dem Faktor zu mißfallen, hatte vielmehr ſeinen völligen Beifall. Er hegte ein ſo unbeſchränktes Vertrauen zu der Klugheit und Scharfſinnigkeit des Magiſters, daß er vollkommen überzeugt war, dieſe wichtige Angelegenheit könnte in keine beſſere Hände kommen. Und obgleich er nur mit einer ſchweigenden Verbeugung und einer Senkung des Kopfes ſeinen Beifall zu erkennen gab, da er das Zimmer ſeiner Gebieterin verließ, ſo war er doch in ſeinem Innern froh, auf dieſe Weiſe nicht nur einen Gehülfen, ſondern vielleicht auch einen guten. Freund zu erhalten, der in Krankheit und Betrübniß nach ihm ſehen könnte. Bei einem kleinen, wohlverſehenen Frühſtückstiſche, auf welchem eine geſpickte, gelbgebratene Kalbsleber ſich an der Seite einer Aſſiette mit eingekochtem Braſ⸗ ſer nicht übel ausnahm, eröffnete Frau Gundla die Unterhandlung mit ihrem geehrten Freunde, dem Magiſter. Mit Würde und Wohlwollen vernahm Zachäus die Gründe ſeiner Wirthin, weshalb ſowohl ſie, all auch der Faktor dagegen wären, einen Gehülfen aus der Stadt, das Kind eines Bekannten oder Freundes, zu nehmen. Darauf wurde die Ankunft des jungen Liederhändlers und die Gewogenheit erwähnt, die der Faktor dieſem erzeigt und daß derſelbe ſchon einige Proben abgelegt hätte, die von Verſtand und gutem Willen zeugten. Aber Alles wurde natürlicher Weiſt der Prüfung des Magiſters anheim geſtellt. Er mußte ganz gewiß beſſer als alle andern wiſſen, was man zu thun hätte. Während der Zeit, die Frau Gundla bedurfte, um ihre Rede zu endigen, beſchäftigte ſich Zachäus mit dem leckern Frühſtück, welches mit dem ſeiner Vortrefflichkeit wegen allgemein gelobten Hamrin'ſchen Biere Antwo die S andere hin un genom 1F viele d und v mir n erforde zeihen anmerk ganz f behrt, iſt Sch ich ſeh darf, welcher der Fa ſelbſt e Meinur ankomn Jüngli nen ja N dem F folgt m ſie ſogl Ei zum 3 und S von de ſame u Rathsh Glücklie Ahnung mit dem Faktor zu eifall. Er r Klugheit ollkommen könnte in er nur mit henkung des da er das er doch in nur einen ten Freund übniß nach hſtückstiſche, Kalbsleber chtem Braſ⸗ Gundla die nde, dem m Zachäus ſohl ſie, als ehülfen aus r Freundes, des jungen nt, die der ſchon einige und gutem licher Weiſt Er mußte „ was man — lla bedurfte, fſich Zachäus dem ſeiner Hamrin'ſchen 267 Biere erhöht wurde. Da aber jetzt offenbar eine Antwort erforderlich war, ſo ſetzte er das Glas auf die Seite, legte das eine Bein kreuzweiſe über das andere, ſchob der Frau Gundla die Schnupftabackstoſe hin und begann, ehe beide noch ihre Priſe richtig genommen hatten, folgender Maßen: „Die wohlwollende Achtung, mit welcher ich ſo viele Jahre hindurch von Ihnen ſelbſt, Frau Couſine, und von Ihrem Hauſe umfaßt worden bin, erlaubt mir nicht, Sie in dieſer wichtigen und Behutſamkeit erfordernden Sache ohne meinen Rath zu laſſen. Ver⸗ zeihen Sie inzwiſchen meine Aufrichtigkeit, wenn ich anmerke, daß es vielleicht gewagt war, ſo ſchnell eine ganz fremde Perſon, die aller Rekommandationen ent⸗ behrt, in's Haus zu laſſen. Doch in gewiſſen Fällen iſt Schnelligkeit und Entſchloſſenheit von Nöthen, und ich ſehe ſehr gut die kritiſche und, wenn ich ſo ſagen darf, zwiſchen zwei Feuern befindliche Lage ein, in welcher Sie ſich befinden. Auf der andern Seite iſt der Faktor alt und kränklich und hat den Burſchen ſelbſt empfohlen. Soll ich nun über das alles meine Meinung ſagen, ſo iſt ſie die: wir wollen es darauf ankommen laſſen, welche Gefühle und Gedanken der Jüngling hinſichtlich ſeiner Perſon einflößt! Wir kön⸗ nen ja mit ihm reden.“ Nachdem dieſer Ehrfurcht gebietende Ausſchlag, dem Frau Gundla mit ſteigender Aufmerkſamkeit ge⸗ folgt war, endlich abgekündigt worden war, ſo ſtand ſie ſogleich auf, um Paul rufen zu laſſen. Einige Augenblicke ſpäter, da gerade der Magiſter zum Zeichen, daß das Frühſtück beendigt war, Gabel und Serviette weglegte, trat die Perſon ein, welche von dem Schickſale beſtimmt war, auf eine ſo grau⸗ ſame und gefühlloſe Weiſe die letzten Hoffnungen der Rathsherrin und der Zollſchreiberin zu durchkreuzen. Glücklicher Weiſe hatten die zärtlichen Mütter keine Ahnung von dem Unglücke, ja es fiel ihnen nicht ein⸗ 268 mal ein, an das zu denken, was jetzt in dem inner⸗ ſten Zimmer der Frau Gundla vorging. „Tritt vor, junger Mann!“ ließ ſich der Magiſter vernehmen, indem er ſeine Brille aus der Taſche zog und ſie feierlich auf die Naſe ſetzte. Paul trat in die Mitte des Zimmers und blieb dort mit einer höflichen Verbeugung ſtehen. „Wo biſt Du her, mein Sohn, oder richtiger: wo biſt Du geboren?“ „In den Bohus⸗län'ſchen Scheren, in einem klei⸗ nen Fiſcherdorfe.“ 3 „Und Dein Vater— war Seemann, kann ich mir denken?“ „Nein, er war Thrankocherbuchhalter geweſen in den Zeiten, da es noch Häringe in Menge gab; nach⸗ her aber, als die Wohlthat ein Ende nahm, ſo wurde er Schulmeiſter.“ „Gut— Du biſt alſo des Schreibens und Leſens kundig?“. „Ja, das wäre nicht gut, wenn ich's nicht könnte!“ entgegnete Paul etwas übermüthig. „Jüngling!“ erwiederte der Magiſter Zachäus in ſtrafendem Tone,„überhebe Dich nicht! Haſt Du ir⸗ gend einen Dienſt gehabt und haſt Du Zeugniſſe?“ Paul gab ihm das vom Kellermeiſter erhaltene. „Hm,“ äußerte der Magiſter, nachdem er das Zeugniß ſorgfältig geprüft hatte,„das iſt in der That ſonderbar! Da Du einen guten Dienſt hatteſt und Dein Herr ſo zufrieden mit Dir war, warum gingſt Du da von ihm und gabſt Dich dazu her, mit dem Ranzen auf dem Rücken das Land zu durchſtreifen?“ Ja, warum thut Einer, was dumm und ver⸗ rückt iſt?“ antwortete Paul freimüthig.„Hätte ich damals gewußt, was ich jetzt weiß, ſo hätte ich ſolche Streifereien hübſch bleiben laſſen! Aber damals, als ich nur in Gedanken geſchmeckt hatte, mein eigener Herr zu ſein, da dachte ich, es müßte ſo rar ſein, wenn hin ich nicht d ſtahlen trogen den ſie Six a werth rechnet geſchaff war fi See ve „ Frau 6 ſchien, einen 2 daß die Menſche er ihne ſollte, Platze dieſer derſtehli fortzuſe „NM 4 „ 5 zurück? „2 habe, i der in thue ich 13 ſtehen? „ ſagtes 4 „2 dumme 269 m inner⸗ wenn ich auf dem Wege der Könige gehen könnte, wo⸗ . hin ich wollte. Aber der Herr kann denken, ich hatte Magiſter nicht viel Urſache, den Markt zu preiſen: das Geld aſche zog ſtahlen ſie mir und um die Abenteuer ward ich be⸗ trogen; und hätte ich nicht einen alten Mann getroffen, (und blieb 5 den ſie Spieler⸗Tolle nennen, ſo hätte ich meiner Six auch nicht das allergeringſte getroffen, das nur richtiger: werth wäre, behalten zu werden, verſteht ſich unbe⸗ rechnet alles Schöne, das unſer Herr auf dem Lande nem klei⸗ geſchaffen hat und das angenehm und lieb zu ſehen, war für mich, der ſein ganzes Leben an der wilden kann ich See verlebt hat.“ 3„Du redeſt nicht übel!“ ſagte der Magiſter, der eweſen in Frau Gundla, welche für's erſte die Abſicht zu haben ab; nach⸗ ſchien, eine bloße Zuhörerin zu verbleiben, heimlich ſo wurde einen Blick zuwerfend.„Und ich verſtehe recht gut, daß die pſychologiſche Entwickelung in einem jungen nd Leſens Menſchen zu dergleichen Grillen führen kann, obgleich er ihnen wahrhaftig keine Macht über ſich geſtatten t könnte!“ ſollte, ſondern am beſten thäte, wenn er an dem Platze verbliebe, wo er 94 befindet, wenn nämlich achäus in dieſer gut iſt Aber fühlſt Du noch eine ſo unwi⸗ aſt Du ir⸗ derſtehliche Neigung, mein Sohn, Dein unſtetes Leben niſſe?“ fortzuſetzen?“ haltene.„Nein, behüte, ich bin ganz davon geſättigt!“ mR er das„Warum gehſt Du denn nicht nach Göteborg mder That zurück?“ atteſt und„Weil ich oftmals zu mir und zu Andern geſagt lum gingſt habe, ich wollte vor Michaelis meinen Fuß nicht wie⸗ mit dem der in die Thore von Göteborg ſetzen— und das * hſtreifen? thue ich auch nicht!“ und ver⸗„Du biſt wohl etwas eigenſinnig, kann ich ver⸗ „Hätte ich ſtehen? 4 ich ſolche„O, das weiß ich gerade nicht— aber ein ge⸗ mals, als ſagtes Wort ſoll geſagt ſein, das eiſ mein Glaube!“ in eigener„Das kann wohl ſo ſein. Hat man aber einen rar ſein, dummen Streich gemacht, ſo iſt das doch gerade kein 270 Grund, damit fortzufahren, weil man es ſich vorge⸗ nommen hat. Du haſt ſchon ſelbſt aus der Erfahrung gelernt, daß man recht viel aushalten muß, wenn man ſo ſtolze Gelübde halten will!“ Hierauf hatte Paul keine andere Antwort als ein ziemlich leiſes:„Ja wohl!“ Nach einem kurzen Aufenthalte fuhr Zachäus fort, aufgemuntert durch einen Blick von Frau Gundla: „Ich glaube gleichwohl, das Schickſal iſt Dir dies⸗ mal günſtiger geweſen, als Du für Deine Unvorſich⸗ tigkeit erwarten konnteſt, oder als Du eigentlich ver⸗ dient haſt. Dieſe ehrenwerthe Frau gebraucht einen Gehülfen für ihren Faktor, und Du haſt ſelbſt ſchon mit den Arbeiten Bekanntſchaft gemacht— glaubſt Du damit fertig werden zu können, und haſt Du Luſt hier zu bleiben, ſo ſteht es Dir frei, auf eine weit beſſere und ehrlichere Art Dein Brod zu verdienen, als da⸗ durch, daß Du durch Land und Reich ſtreichſt.“ „Beſſer kann es gewiſſermaßen wohl ſein,“ ſagte Paul durch den Zuſatz ein wenig beleidigt;„was je⸗ doch das Ehrliche betrifft, ſo meine ich ganz beſtimmt, daß Einer kein beſſerer oder ſchlechterer Kerl wird, wenn er ſtill ſteht und Lieder druckt, oder wenn er umhergeht und ſie verkauft. Aber iſt es ſonſt ſo, daß die Frau mir ein ſo gutes Zutrauen ſchenkt, ſo können wir ja verſuchen: ich gehe auf den Vorſchlag ein bis zum Herbſt, und bis dahin werden wir ja ſe⸗ hen, ob wir auf beiden Seiten mit einander zufrieden ſind— ich glaube wohl, es ſoll gut ſchmecken, wieder in Ruhe zu kommen.“ Nachdem die Unterhandlung dieſen Punkt erreicht hatte, wurde dieſelbe von dem Magiſter durch eine re⸗ dende Geberde mit dem Kopfe der Frau Hamrin zur Entſcheidung übergeben. Die werthe Frau verſtand den Wink, erhob ſich aus ihrem Lehnſtuhle und trat einige Schritte auf Paul zu. „Auf die Fragen,“ äußerte ſie,„welche dieſer Herr, der mei Drucker wie ich da ſowe tragen nehmen. auf Ver Hauſe n bezahle wie Du ehe ich Dir vor Du wirf So ſchiedenen ſchieden: getrieben dieſem G fühlte er und prie hätte, da Diehſtahl Hamrin'ſe breitete, Willen P er unbew nahe darg welche die genſeitig mit einen nenſchein Beleidigu in allen An j h vorge⸗ rfahrung denn man als ein äus fort, ndla: Dir dies⸗ Invorſich⸗ tlich ver⸗ cht einen bſt ſchon aubſt Du Luſt hier lit beſſere als da⸗ 44 n,“ ſagte „was je⸗ beſtimmt, erl wird, wenn er ſonſt ſo, henkt, ſo Vorſchlag vir ja ſe⸗ zufrieden n, wieder kt erreicht heine re⸗ amrin zur verſtand und trat heſer Herr, 271 der meine Zeitung redigirt und die Aufſicht über meine Druckerei führt, nun an Dich gerichtet hat, haſt Du, wie ich empfinde, offen und ehrlich geantwortet, und da ſowohl Dein Geſicht, als auch Dein ganzes Be⸗ tragen Gutes verſprechen, ſo wage ich es, Dich anzu⸗ nehmen. Wie Du ſelbſt vorgeſchlagen haſt, kann es auf Verſuch geſchehen, ſonſt aber iſt es in meinem Hauſe nie üblich geweſen, oft Leute zu wechſeln. Ich bezahle etwas Gewiſſes für den Monat oder die Woche, wie Du es wünſcheſt, will aber erſt näher überlegen, ehe ich die Summe beſtimmen kann; doch kann ich Dir vorläufig ſchon ſo viel ſagen, daß ich nicht glaube, Du wirſt unzufrieden ſein.“. So war alſo Paul jetzt unvermuthet in drei ver⸗ ſchiedenen Aemtern angeſtellt, von denen jedes ſehr ver⸗ ſchieden war von den Beſchäftigungen, die er bisher getrieben hatte. Und da Paul nicht umhin konnte, in dieſem Geſchick deutlich ein„Abenteuer“ zu ſehen, ſo fühlte er ſich ungemein zufrieden bei der Veränderung und pries ſich glücklich, daß er endlich etwas getroffen hätte, das beſſer wäre und nicht ſo gewöhnlich wie ein Diebſtahl.. Wenn aber Paul zufrieden war, ſo gab es gleich⸗ wohl Andere, die es nicht waren. Als die große Neuig⸗ keit von der Anſtellung des Liederhändlers in dem Hamrin'ſchen Hauſe ſich zuerſt durch die Stadt ver⸗ breitete, ſo waren die beiden Damen, welche wider Willen Paul's Vorſehung geſpielt hatten, und denen er unbewußter Weiſe ſein Abenteuer zu verdanken hatte, nahe daran, vor Aerger zu„berſten.“ Aber alle Hiebe, welche die Rathsherrin und Couſine Helena bishex ge⸗ genſeitig über einander hatten hageln laſſen, hörten mit einem Male gänzlich auf: zwiſchen ſie kam Son⸗ nenſchein und Wärme und zwar um ſo mehr, als die Beleidigung, welche ſie erlitten zu haben vermeinten, in allen Dingen gemeinſam war. An jedem Nachmittage kamen die Frauen zuſam⸗ men, um Kaffee zu trinken, und die Unklugheit in der Handlungsart der„Hamrin'ſche“ zu bedauern: es zeugte hrhaftig ſowohl von großer Klugh nen Geſinnungen, einen Kinder vorzuziehen— übrigens aber waren Andres und Carl allzu gut zu ſolcher Arbeit: ſ Gottlob! doch wohl in der; men, ohne daß ſie nöthig hatten, ſich an der elenden Preſſe der Hamrinſche die Schwindſucht an den Hals t, als auch von andſtreicher guter Leute elt noch vorwärts kom⸗ Doch noch nicht genug mit dieſen geheimen tereien: drei Einladungen zum Kaffee und vier ſocietäten, die Couſine Gundla zur ſtellte, wurden ſämmtlich unter verſchiedenen 3: man hätte Kopfſchmerzen, Zahnſchmerzen oder müßte Backen oder Brauen, abgeſchlagen, und nachher freuete man ſich über den Aerger und Verdruß, wel⸗ chen dieſe billigen Weigerungen wecken mußten. Endlich war die gute Frau Hamrin, welche vor Sehnſucht nach ihren guten Freundinnen ſich beinahe zu Tode gegähnt hatte, gezwungen, die Hülfe des Ma⸗ giſters von Neuem in Anſpruch zu nehmen. würdige Mann, welcher in dieſer verwirrten Lage der Dinge ſelbſt tief den Verluſt der eingezogenen Boſton⸗ partieen empfand, entzog auch jetzt der Frau Gundla ſeine Thätigkeit nicht. In eigener hoher Perſon beſuchte Zachäus die beiden erbosten Damen, und ſowohl das große Anſe⸗ hen, deſſen er ſo lange in der Stadt genoſſen hatte, als auch die kleine Beredtſamkeit, die er bei dieſer, Gelegenheit entwickelte, wirkten zum Beſten der Sache: ude, die Zuſammenfügung der zerdrochenen Kaffeeſchweſterkette zu beginnen, und eine prächtige von der Frau Hamrin gegeben Mit⸗ tagsmahlzeit ſetzte dieſelbe vollkommen wieder in den vorigen Zuſtand. der Magiſter hatte die Tage an nahmen die Klatſchviſiten und die und ihr ſchien fi von der Paul in! Wal Thätigkei einförmig immer m hätte. Eine genen kle beſtrebt, zu beförd chen Hau dem fried Da gegangen freundſcha ben in e man ſich dem klein mer ſeine in dem Faktor a ten, einen Paul W heit in der : es zeugte 3 auch von zuter Leute ren Andres ie konnten, värts kom⸗ der elenden den Hals imen Meu⸗ vier Thee⸗ ohnung an⸗ n Vorwän⸗ merzen oder und nachher druß, wel⸗ sten. welche vor ſich beinahe lfe des Ma⸗ a. Und der en Lage der nen Boſton⸗ rau Gundla Zachäus die große Anſt⸗ noſſen hatie, r bei dieſer, der Sache: umenfügung beginnen, gegeben Mit⸗ ieder in den Nlatſchviſtten 273 und die Boſtonpartien wiederum ihre alte Ordnung und ihren alten Platz ein; aber der Wahrſagergeiſt ſchien für immer von der Couſine Becka, als auch von der Rathsherrin gewichen zu ſein. Einundzwanzigſtes Kapitel. Paul in ſeinem neuen Kreiſe. Peter Knopf. Geſchichte des alten Faktors. Wahrſcheinlich hätte Paul, der an eine lebhaftere Thätigkeit gewöhnt war, ſeinen neuen Dienſt ziemlich einförmig gefunden, wenn er ſich nicht mit jedem Tage immer mehr zu ſeiner Umgebung hingezogen gefühlt hätte. Eine gut geordnete Haushaltung bildet einen ei⸗ genen kleinen Staat, in welchem die Regierung ſich beſtrebt, das Gedeihen und das Glück der Unterthanen zu befördern. Paul war jetzt das Mitglied einer ſol⸗ chen Haushaltung, und er fühlte ſich glücklich unter dem friedlichen Scepter der Frau Hamrin. Da jedoch die patriarchaliſche Zeit ſchon zur Ruhe gegangen war, da noch Herrſchaften und Diener ein freundſchaftliches und vertrauungsvolles häusliches Le⸗ ben in einem Raume mit einander lebten, ſo ſtellt man ſich leicht vor, daß Paul's Umgebung nicht in dem kleinen Kreiſe beſtand, der ſich in dem Beſuchzim⸗ mer ſeiner Herrin verſammelte. Nein, die Societät in dem Druckereiſaale beſtand außer Paul und dem Faktor aus den beiden Günſtlingen des Letztgenann⸗ ten, einem Hunde Namens„Balg“ und einer Krähe Paul Wärning. 18 Namens„Karin,“ nebſt dem Hausknechte Petter, wel⸗ cher ebenfalls mit zu dem Hamrin'ſchen Inventarium gehörte, nicht zu vergeſſen die alte Siri, welche bis⸗ weilen, nachdem ſie ihre übrigen Geſchäfte beſorgt hatte, heraufkam und beim Heften der Bücher half. Petter Knopf hatte ſeinen Beinamen vus einer früheren Periode ſeines Lebens erhalten, da er ſich noch dem Schneidergeſchäfte widmete; für dieſes hatte er jedoch ſo wenig Luſt bewieſen, daß ſein Meiſter ihn nie zu etwas anderem hatte gebrauchen können, als Knöpfe feſtzunähen und Geſchäſte zu beſtellen, ein Amt, das dem Petter gleichwohl in der Länge ſo geringe Einkünfte gewährte, daß dieſer ſich genöthigt ſah, ſeinen Matts aus der Schule zu nehmen. Zu der Zeit, da Petter die Haſen der Stadt um⸗ hertrug, machte er viele Bekanntſchaften und unter au⸗ dern auch die des ſeligen Herrn Hamrin. Herr Ham⸗ rin war ein ſehr ordentlicher und vortrefflicher Mann, der des Tages ſeine zehn Pfeifen rauchte, ſeine zwei Stunden guten Mittagsſchlaf hielt und dann, im Früh⸗ linge und Sommer, nach vem„Glücke“ promenirte, Dieſes„Glück“ war ein Stück Land, das Herx Hamrin vor der Stadt beſaß, und das ihm für ſein Pferd und zwei Kühe Futter und faſt für ſeine ganze Haushaltung Korn und Kartoffeln gab. Nun— eines Tages, da Herr Hamrin auf dem Rückwege in die Stadt vor dem Zaune des„Glückes! ſtehen geblieben war, an der Seite nämlich, die nach der Landſtraße blickte, und durch einige tüchtige Grift den gegenwärtigen Zuſtand des beſagten Zaunes un⸗ terſuchte, bemerkte er deutlich, daß die Pfähle verfault waren oder mit einem Worte der Reparation bedurf⸗ ten. Doch Herr Hamrin beſah bisweilen den Schil⸗ ling, ehe er ihn ausgab— im Sommer waren die Arbeiter immer theurer: er zog ſich daher mit einem ungeneigten Kopfſchütteln einige Schritte zurück von die⸗ ſem Verſucher ſeiner Kaſſe. Knop bedenkl Hand, 2 Herr H „8 H Stadt? 7„. nicht, un „S Glück zu Rock ma „Ei len mich da will auf Tag länger a „W ſo, ſiehſt Arbeit be Und wirf ſtark— Und des Wor noch ein Gunſt de von der als Haus Augenblich Zeit, da Druckerei zetter, wel⸗ nventarium welche bis⸗ eſorgt hatte, f vus einer er ſich noch es hatte er iſter ihn nie als Knöpfe n Amt, das ge Einkünfte einen Matts Stadi um⸗ nd unter au⸗ Herr Ham⸗ icher Mann „ſeine zwei unn, im Früh⸗ promenirte, erx Hamrin ſin Pferd und Haushaltung grin auf den es„Glückes ich, die nach fichtige Grift Zaunes un⸗ fähle verfault ation bedurf⸗ n den Schil⸗ ſer waren die er mit einem lurück von die⸗ „Ich bitte um Verzeihung, Herr Hamrin!“ ſagte eine Stimme dicht hinter ihm. Herr Hamrin ſah ſich um und erblickte den Petter Knopf in faſt knopfloſem Zuſtande und mit einer höchſt bedenklichen Miene, mit einem tüchtigen Knittel in der Hand, dicht neben ſich. „Wo willſt Du hin, mein lieber Herr Hamrin. „O, Herr Hamrin, ich will auf's Land gehen.“ „Hat Dein Meiſter nicht Arbeit genug hier in der Stadt?“ „Ja, ich glaube wohl, aber er ſagt, ich tauge nicht, und er will mich nicht länger haben.“ „So? Du willſt alſo nun auf eigne Hand aus— Glück zu gutem Verdienſte! Du kannſt wohl einen Rock machen, will ich glauben?“ „Einen Rock— nein, das kann ich nicht! Wol⸗ len mich aber die Leute zu andern Dingen gebrauchen, da will ich zeigen, daß ich gute Arme habe! Ich denke auf Tagelohn zu gehen, lieber für's bloße Eſſen, als länger auf dem Schneidertiſche zu ſitzen.“ „Wenn das Deine Abſicht iſt, mein lieber Knopf, ſo, ſiehſt Du, könnteſt Du vielleicht hier in der Stadt Arbeit bekommen— ja vielleicht hier bei meinem Glücke! Und wirſt Du ein guter Arbeiter— Du biſt groß und ſtark— ſo....“ Und Knopf wurde in der eigentlichen Bedeutung des Wortes ein guter und tüchtiger Arbeiter. Und ehe noch ein Jahr zu Ende war, ſo war er ſchon in der Gunſt des Herrn Hamrin ſo hoch geſtiegen, daß er von der Eigenſchaft eines Tagelöhners in das Haus als Hausknecht verſetzt wurde, und in gegenwärtigem Augenblicke zählte er vier und zwanzig Jahre ſeit der dei da er zum erſten Male das Hamrin'ſche Glück eſäete. So wie der Faktor das Alles in Allem bei der Druckerei des Herrn Hamrin war, ſo war Knopf es Knopf?“ fragte 276 beim Ackerbau. Und zwiſchen dem Herrn und ſeinen beiden treuen Dienern zeigte ſich ein eben ſo gutes und herzliches Verhältniß, wie zwiſchen der Frau Ham⸗ rin und ihrer Siri. Alle Menſchen in dieſem alten Hauſe waren einander zugethan, alle waren ſie durch das Band der Gewohnheit noch näher mit einander verbunden; ſie waren mit einander alt geworden. Unwiderſprechlich war jedoch Petter Knopf derje⸗ nige, welcher zu dem Vergnügen des Hauſes am mei⸗ ſten beitrug. Er diente Allen. An jedem Johannistage pflegte Petter ſein ganzes Künſtlertalent in der Errichtung einer Laube zu er⸗ ſchöpfen, wozu er während der Nacht das Laub geholt hatte, und zu deren Ausſchmückung Siri Kränze band. In dieſer Laube, welche nun zwanzig Jahre lang an jedem Johannistage eine Surpriſe für die Frau Ham⸗ rin geweſen war, trank dann die ganze Familie ihren Kaffee, wobei Petter immer ſchmunzelnd und am Hute fingernd im Eingange ſtand und mit offenen Ohren die ſchmeichelhaften Lobesworte auffing, die Frau Gundla ihm für die angenehme Ueberraſchung er⸗ theilte. Siri, welche in ihrer Haube und dem neugeplätteten kattunenen Kleide auf der andern Seite ſtand, wurde ebenfalls nicht vergeſſen, denn der Kaffeekeſſel glänzte wie Gold an der Sonne, und die Roſen, welche das Tiſch⸗ tuch ſchmückten, und die Kränze und die Kronen, welche im Laube ſchwankten, bezeugten den guten Ge⸗ ſchmack, den Frau Hamrin in Siri's Anordnungen zu finden gewohnt war. Siri lächelte und warf dem Knopf einen vertrauten Blick zu: ſie waren immer gute Freunde geweſen— aber die Liebe war nicht ihre Verſucherin geworden. Der Faktor that für dieſe Surpriſe gar nichts. Am Johannistage lag in höherm Grade als ſonſt eine ſtille Schwermuth auf ſeinem magern Geſichte, und Herr, gnügen W beſchäft durch d eine Ar und zu Worte ten beitd ten, ery ihren K. andere lingen floſſen, von S ben hat De ein har wieder deutlich ausgeno Faktor. fühlte il zu dem Herrn a mittelſt zu reini Tiſch ge tigen He war, zu Faktors während und ſeinen n ſo gutes Frau Ham⸗ ieſem alten en ſie durch it einander worden. enopf derje⸗ es am mei⸗ ſein ganzes aube zu er⸗ Laub geholt Lränze band. ihre lang an Frau Ham⸗ amilie ihren nd am Hute enen Ohren , die Frau raſchung er⸗ eugeplätteten and, wurde el glänzte wie die Kronen, n guten Ge⸗ che das Tiſch⸗ 277 Herr, Frau und Diener ſuchten ſtatt deſſen ihm Ver⸗ gnügen zu machen: alle behandelten ihn mit Achtung. Wenn Knopf nicht allzu nothwendig beim„Glücke“ beſchäftigt war, ſo arbeitete er bei der Preſſe, und durch dieſe Nähe war zwiſchen ihm und dem Faktor eine Art Freundſchaftsbündniß entſtanden, das ſtärker und zuverläßiger war, als viele andere, die durch Worte entſtanden ſind. Der Faktor und Knopf mein⸗ ten beide, ſie hätten nichts von dem andern zu erwar⸗ ten, erwieſen ſich jedoch gegenſeitig alles Gute, das in ihren Kräften ſtand, und nie hörte man unter ihnen andere Streitigkeiten, als die, welche von den Günſt⸗ lingen des Faktors, dem Hunde und der Krähe her⸗ floſſen, deren Gunſt Petter ſich nicht ohne einigen Neid von Seiten des Faktors in hohem Grade erwor⸗ ben hatte. Der Tod des Herrn war für das ganze Haus ein harter Stoß geweſen; doch ſah man jetzt, da alles wieder in das gehörige Geleiſe gekommen war, ganz deutlich, daß derſelbe keinen, ſelbſt die Wittwe nicht ausgenommen, ſo tief getroffen hatte, wie den alten Faktor. Er redete nicht von ſeinem Verluſte, aber er fühlte ihn, und oft täuſchte ihn ſeine Einbildung bis zu dem Grade, daß er die Schritte ſeines theuren Herrn auf der Treppe oder das wohlbekannte Klopfen, mittelſt deſſen er ſeine Pfeife an der Ecke des Ofens zu reinigen pflegte, zu hören vermeinte: und wenn der Faktor dieſe zu hören glaubte, ſo zog ſich ein hal⸗ bes Lächeln über ſeine Lippen. Jetzt war es Herbſt. Paul ſtand vor dem Kaſten, Knopf bei der Preſſe und der Faktor, der ſeinen Lehnſtuhl an den großen Tiſch geſetzt hatte, ſaß dort und colorirte die gewal⸗ tigen Hähne in der Auflage der Fibel, welche beſtimmt war, zu Weihnachten zu erſcheinen. Zu den Füßen des Faktors lag„der Balg“ und genoß der Mittagsruhe, während„Mamſel Karin“ auf und ab ſpazierte und 278 mit Petter ein Duett krächzte: Petter hatte immer ein Lied in Bereitſchaft, wenn er ſein Herz nicht mit Ge⸗ plauder erleichtern konnte. Am Tage herrſchte eine ununterbrochene Thätig⸗ keit. Sobald jedoch die Uhr den Liedervers zu dem Schlage ſieben geſpielt hatte, nahm man nach alter guter Sitte, ſofern nicht ein zufälliges wichtiges Ge⸗ ſchäft es verbot, Abſchied von der Arbeit, und da kam die Zeit des Genuſſes. Petter legte nun Holz ein, und wenn die Flamme aufflackerte, ſo ſetzten ſich die drei mit einander ſo zufriedenen Geſellſchaftsgefährten, mit dem Hunde und der Krähe zwiſchen ſich, um den Ofen. In ſolchen vertrauten Augenblicken pflegten Paul und Knopf wechſelsweiſe Abenteuer aller Art zu erzählen; bisweilen figurirte in denſelben zwar höchſt feierlich die eine oder die andere Geſpenſtergeſchichte, meiſtentheils aber waren ihre Gegenſtände froher Natur, und Knopf traktirte mit manchen guten Biſſen vom Schneider⸗ tiſche, welcher Paul's Lachmuskeln in lebhafte Bewe⸗ gung ſetzte. „Aber,“ äußerte Paul einmal, da es ihm gelun⸗ gen war, den Faktor ſo aufgeräumt zu machen, daß er von ſeinen Jugendjahren zu plaudern begann,„ich möchte gerne wiſſen, wenn es nicht naſeweis wäre, zu fragen, ob der Faktor nie verliebt geweſen iſt oder dergleichen!“ Bei dieſen Worten blinzelte Knopf mit den Au⸗ gen und trat Paul gleichſam zufällig auf den Fuß. „Danke für die gute Meinung!“ ſagte der Fak⸗ ior, Beide anſehend.„Aber, ſiehſt Du, Petter, es iſt nun lange her und ich glaube nicht, daß es mich an⸗ greifen wird, wenn ich noch einmal im Leben das Alte durchmache.“ „Laſſen Sie es ſchimmeln, Faktor!“ bat Petter mit einer gewiſſen unruhigen Geſchäftigkeit. Einer darf nicht in alten Lumpen rühren, wenn er ſie nicht braucht Vertieft welcher ſchallte. dahin g Be zu en auch ¼ kann b Letztgene D 5 nach der ter geſet hatte, a dieſer ke Zähnen ſeines H Aufmerk ten:„YI rin! Pf ſein!“ 2 Stücke Mit Einen ar nun doch ſein Zar Erfüllun ſprechens Nac gen beol Sturmes ſich Pette er Siri v tragen. an und l in der Ab immer ein ht mit Ge⸗ ene Thätig⸗ ers zu dem nach alter ſchtiges Ge⸗ ind da kam n Holz ein, zten ſich die ggefährten, a ſich, um legten Paul zu erzählen; feierlich die neiſtentheils und Knopf Schneider⸗ hafte Bewe⸗ ihm gelun⸗ lachen, daß gann,„ich lis wäre, zu en iſt oder it den Au⸗ etter, es iſt s mich an⸗ en das Alte bat Petter it. Einer er ſie nicht 279 braucht...“ Petter warf einen ängſtlichen Blick in die Vertiefung, wo das Bett des Faktors ſtand, und von welcher gerade in dieſem Augenblicke ein Seufzer er⸗ ſchallte. z war der Balg,“ ſagte Paul,„er hat ſich dahin gelegt!“ Bei dieſen Worten, die eine beſondere Erinnerung zu enthalten ſchienen, fuhren ſowohl der Faktor, als auch Petter zuſammen.„Wer in ſeiner Einfalt redet, kann bisweilen wahr genug reden!“ murmelte der Letztgenannte bei ſich ſelbſt. 7 Der Faktor ſendete einen halbverſtohlenen Blick nach dem Bette hin, ſetzte Karin, die auf ſeiner Schul⸗ ter geſeſſen und Brodkrumen aus ſeiner Hand gegeſſen hatte, auf die Erde und lockte den Hund zu ſich. Da dieſer kam und im Vorbeigehen der Krähe mit ſeinen Zähnen ſcherzhaft drohte, und den Kopf in den Schooß ſeines Herrn legte, ſagte der Faktor, gleichſam um die Aufmerkſamkeit von dem vorigen Gegenſtand abzulei⸗ ten:„Meiner Treu! der Balg iſt eiferſüchtig auf Ka⸗ rin! Pfui, ſchäme Dich! ſollt Ihr nicht gute Freunde ſein!“ Mit dieſen Worten theilte er einige aufgehobene Stücke Zwieback zwiſchen beiden Theilen. Mit einiger Verwunderung blickte Paul von dem Einen auf den Andern.„Das da,“ dachte er,„muß nun doch wohl ein rechtes Abenteuer ſein.“ Aber ſein Zartgefühl verbot ihm, eine Erklärung oder die Erfüllung des vom Faktor zur Hälfte gegebenen Ver⸗ ſprechens zu begehren.“ Nachdem die Geſellſchaft noch eine Zeitlang Schwei⸗ gen beobachtet hatte, das nur von dem Pfeifen des Sturmes im Schornſtein unterbrochen wurde, ſo erhob ſich Petter und erklärte, daß er ſich juſt entſänne, wie er Siri verſprochen hätte, ihr eine Tracht Holz heraufzu⸗ tragen. Damit zündete er das Licht in der Laterne an und begab ſich hinab in die Küche, wenn auch nicht in der Abſicht, um Holz einzutragen, wovon Siri einen 280 hinreichenden Vorrath hatte, ſo doch um das ange⸗ nehme Sauſen in dem Grützenkeſſel zu hören, durch welche angenehme Muſik er ſeine für einige Augen⸗ blicke geſtörte Laune in das gewöhnliche Gleichgewicht zu ſetzen hoffte. „Petter,“ meinte der Faktor, da dieſer eiwa zur Treppe hinuntergekommen ſein konnte,„iſt ein ſtarker und tüchtiger Kerl, wenn es nur nicht auf Aberglauben und Geſpenſterfurcht gemünzt iſt, denn da iſt er nicht beſſer, als das kleinſte Kind... da wir aber nun einmal auf dieſes Kapitel gekommen ſind, und ich ſehe, daß Du gerne etwas von meinen Schick⸗ ſalen erfahren möchteſt, ſo will ich Dir Alles erzählen als Erſatz für das, was Du mir von Dir und Dei⸗ nem Mädchen erzählt haſt. Da wirſt Du denn hören, daß in dieſem Zimmer Dinge vorgegangen ſind, das Du vielleicht kaum in einem Mährchen dergleichen antriffſt!“ Faſt wäre Paul's Herz vor lauter Entzücken in ſeinem Laufe durchgegangen. Er ſchlug das eine Bein über das andere, ſtützte den Kopf mit der Hand und wagte darauf kaum zu athmen, vor Furcht, er möchte ein Wort verlieren. „Als ich noch jung war,“ ſo begann der Faktor, „ſah ich nicht ſo kränklich und niedergeſchlagen aus, wie jetzt: ich hatte eine Geſundheit wie ein Bär, und war, ohne zu prahlen, ein netter und hurtiger Burſche; doch die Schönheit iſt eine Kleinigkeit— ich kann ſagen, daß ich ein ehrlicher Junge war, der nie den Mantel auf beiden Schultern trug, und das iſt beſſer. „Ich war ungefähr in Deinem Alter, etwas über zwanzig Jahre oder ſo, da ich als Kunſtverwandtet hier in's Haus kam; und es dauerte kein Jahr, ſo verliebten wir, ich und die Schweſtertochter des ſeligen Herrn— Gott ſegne die Arme, ſie war eine ehrliche Seele! ſchwure „d Herr a wie ich arm w Großes zufriede ſchloſſen ſo gut „Ac fuhr de kein M fühlt, Gott, Herz at tesfürch weder ich gem „Ab denn ie Stande von all fürchtig Tugend nachher oft hab denken beſſer g. Andere dem Ne „Wi das ange⸗ ören, durch nige Augen⸗ Jleichgewicht dieſer eiwa e,„iſt ein r nicht auf t iſt, denn d... da wir mmen ſind, einen Schick⸗ les erzählen ir und Dei⸗ denn hören, n ſind, daß dergleichen Entzücken in —r Hand und t, er möchte der Faktor, hlagen aus, n Bär, und geer Burſche; ich kann r, der nie etwas über verwandtet in Jahr, ſo des ſeligen eine ehrliche s eine Bein 281 Seele!— uns ſo heftig in einander, daß wir uns ſchwuren, im Leben und Tod zuſammen zu halten. „Damals ging es im Hauſe nicht ſo hoch her. Der Herr arbeitete an den Vormittagen ſelbſt eben ſo gut, wie ich, und er hielt viel von mir, und da Katharina arm war, ſo konnte ſie wohl nicht gerade auf etwas Großes hoffen, meinte der Herr, ſondern er war es zufrieden, das wir uns heirathen wollten. Es war be⸗ ſchloſſen, daß wir hier bleiben ſollten, und Alles ſah ſo gut aus, wie es nur ausſehen konnte. „Ach! das war eine frohe und glückliche Zeit!“ fuhr der Faktor nach einigem Zögern fort.„Ich glaube, kein Menſch hat ſich mit ſeinem Looſe zufriedener ge⸗ fühlt, als ich. Und Katharina— Herr Du mein Gott, wie liebte ſie mich ſo innig, daß ſie mir das Herz aus der Bruſt hätte geben können! Und ein got⸗ tesfürchtigeres und ehrbareres Mädchen gab es nicht, weder in dieſer Stadt, noch in einer andern, das weiß ich gewiß. „Aber ein großes Glück hat keine lange Dauer, denn ich meine, die Macht des Böſen iſt nicht im Stande, das Gute zu ſehen. Und das Wunderbarſte von allem in dieſer Welt iſt wohl, daß ſelbſt gottes⸗ fürchtige und wohlgeſinnte Menſchen, die den rechten Weg gerade vor ſich ſehen, nicht im Stande ſind, vor⸗ wärts zu ſtreben, ſondern unter dieſes Böſe kommen, von dem ich ſagte, obgleich ſie wiſſen, wie abſcheulich es iſt. „Ich hätte ſicherlich meinen Kopf auf Katharina's Tugend und Sittſamkeit wagen können, obgleich ich nachher gezwungen wurde, daran zu zweifeln. Aber oft habe ich zu mir ſelbſt geſagt, und ſo werde ich denken bis an meinen letzten Augenblick, daß es weit beſſer geweſen wäre, wenn ſie gefehlt hätte, wie manche Andere vor ihr, als daß ſie ſich ſo, wie ſie that, in dem Netze des Satans fangen ließ. „Wir waren ſchon drei Jahre verlobt geweſen, und hzeit denken, als ein elender Schelm, ein g, ſich hier in der Stadt niederließ. Er wurde ganz verrückt in Katha⸗ ſi in Frieden, ſondern ver rina und ließ ſie nie i n Liebesgeſchwätz, wo er ſie konnte. Oftmals, wenn er unter Katharina's Fenſter Lieder ſang, kamen er und ich in Schlägerei, und da gewann ich das eine und er das andere Mal. „Indeſſen bekam doch, ungeachtet aller unermüd⸗ lichen Liebe und großen Zärtlichkeit, die ich ihr bewies, nach und nach der Töpfer ſo große Macht über Katha⸗ rina's Gemüth, daß ſie anfing, ſich einzubilden, ſie und ich paßten nicht recht zuſammen, was ſie vorhin nie geglaubt hatte. Jedes Mal, wenn ſie mich ſo in's Herz ſtach, wollte ich vor Kummer ver ehen, aber dennoch wußte ich beſtimmt, daß der Töpfer ſie nur durch gemeine Künſte geblendet hatte, und daß ſie nim⸗ mermehr, wenn ſie ihre Liebe von mir und zu ihm wendete, glücklich werden konnte; denn das kann ich Dir mit Zuverläßigkeit ſagen, wenn ich nur ein ein⸗ ziges Mal hätte glauben können, daß der nichtswür⸗ dige Kerl ſich auf das arme Lamm verſtanden und ſie auf ſeinen Armen hätte tragen können, wie ich thun wollte, ſo hätte ich ſie ihm gerne ohne Kummer ab⸗ laſſen wollen. Denn ich habe immer gemeint, es ſei eine ſchlechte Liebe, die nicht mehr auf das ſieht, was man liebt, als auf ſich ſelbſt— oder was ſagſt Du dazu?“ „Ja, ſo ſollte es wohl eigentlich ſein! ſagte Paul leiſe, aber nicht ohne einen innern Vorwurf, weil er daran dachte, daß er mehr auf ſeinen innern Stolz geſehen hatte, als auf Nora's Angſt, da ſie einſt Ver⸗ zeihung von ihm bettelte, und wie eigennützig er ſo⸗ gar noch in ſeiner Liebe geweſen war, als ſie ſich ſchon ganz geändert hatte. Ach, wie lebte nun die Welt mit ihr— war ſie glücklich, hatte ſie ihn vielleicht ſchon lät vergeſſen „ ꝗ kümmern „aber do „Es ſo gewiß Herr mi ergeſſe mals in und ſetzt Spruches dem Aller geliebet in meine kümmern In dieſen der Herr das Zim Me „T „Ich hab „Ja Setzkaſte wendete ſehen w ohnehin ein Ker könnte,d „Mi Bruſt en kaum d gibt's?“ „De gehrt!“ „„D ich.„K ſoll er ſ 's Fenſter „ und da unermüd⸗ hr bewies, ber Katha⸗ n, ſie und orhin nie ch ſo in's hen, aber r ſie nur ß ſie nim⸗ d zu ihm 8 kann ich r ein ein⸗ nichtswür⸗ en und ſie e ich thun mmer ab⸗ nt, es ſei ieht, was ſagſt Du lagte Paul , weil er ern Stolz einſt Ver⸗ zig er ſo⸗ ſich ſchon die Welt vielleicht 283 ſchon längſt vergeſſen? Er konnte ihrer gleichwohl nie vergeſſen.... arme Nora! „Ja, ich weiß auch, Du haſt Deine Herzensbe⸗ kümmerniſſe gehabt,“ ſagte der Faktor, Paul zunickend; „aber doch keine ſolche wie ich! Höre nun weiter: „Es war an einem Samstagabende, und lebte ich ſo gewiß noch fünfzig Jahre, wie ich hoffe, daß unſer Herr mich nicht noch fünfzehn Monate leben läßt, ſo vergeſſe ich den Abend nie. Die Druckerei war da⸗ mals in einem Zimmer auf dem Hofe, und ich ſtand und ſetzte gerade die letzte Reihe eines merkwürdigen Spruches im Katechismus, Römer 8, Vers 37:„Ir geliebet hat,“ und ich dachte und bewegte dieſe Worte in meinem Herzen, daß ſie in großer und tiefer Be⸗ kümmerniß zu einem großen Troſte gereichen könnten. In dieſem Augenblicke knarrte die Thüre langſam und der Herr trat mit ernſter und bekümmerter Miene in das Zimmer. „Machſt Du bald Feierabend?“ ſagte er zu mir. „Ich habe etwas mit Dir zu reden.“ „Ja, ich bin fertig,“ antwortete ich von dem Setzkaſten tretend und den Herrn anſehend; er aber wendete ſich um und bat mich, ich möchte nicht aus⸗ ſehen wie ein Unglück, denn von der Art gäbe es ohnehin ſchon genug, und er wollte nun ſehen, ob ich ein Kerl wäre, der einen heftigen Stoß ertragen könnte, wie es einem Manne geziemte. „Mir war, als würde mir bei jedem Worte die Bruſt enger zuſammengeſchnürt. Endlich konnte ich kaum die elenden Worte hervorſtöhnen:„Was gibt's?“ „Der Töpfer hat die Katharina zur Frau be⸗ gehrt!“ ſagte er. „Dafur will ich ihn warm halten!“ entgegnete ich.„Kann er die Braut eines Andern begehren, ſo ſoll er ſchon erfahren, was die Beſchwerde koſtet!“ 284 „Sage nichts und thue nichts,“ meinte der Herr; „laß die Nichtswürdigen! Ihnen wird es keine Freude — aber ſie haben's nicht beſſer verdient!“ „Da ich aber ſolche Worte aus dem Munde des Herrn hörte, wurde ich faſt unſinnig. Er, der mir Katharina ſelbſt verſprochen hatte, redete nun einem Andern das Wort! Und Gott weiß, was ich in mei⸗ nem Wahnſinn alles ſchwatzte, deſſen entſinne ich mich nicht mehr; eins aber weiß ich noch, nämlich, daß er mich beim Arme faßte und mir in's Ohr ſchrie: Sie ſoll ihn haben, verſtehſt Du? ſie ſolll Bedenke, daß ich's geſagt habe, und daß ich's nicht geſagt haben würde, wenn der Sache auf andere Weiſe zu helfen wäre!“ „Ich hörte nichts mehr, ich wußte, daß es eine ſchwarze Lüge war: Katharina war in meinen Augen eine Heilige. Ich eilte nach ihrem Zimmer— es war dieſes, in welchem wir jetzt ſind. Aber ſie war ausgegangen; kein Menſch wußte wohin. Wie ein Wahnſinniger lief ich umher, ſuchte ſie überall und traf ſie zuletzt ſpät Abends im„Glücke.“ Sie wollte mir ausweichen; aber ich vertrat ihr den Weg und ſtellte mich gerade vor ſie.. „Iſt es wahr, Katharina,“ ſagte ich,„iſt es wahr? Rede, als ſtändeſt Du vor unſerm Herrn, wenn Du in dieſem Augenblicke ſagteſt, Du wäreſt— doch ich weiß vorher, es iſt eine ewige Unwahrheit) denn ich kenne Dich beſſer, als ſo!“ „Laß mich in Frieden, laß mich gehen!“ ſagte ſie und wendete ſich von mir ab. „Nein, Katharina, Du kommſt nicht von der Stelle,“ erwiederte ich,„ehe Du Ja oder Nein ge⸗ ſagt haſt.... Herr Gott, es iſt ja nur ein einziges Wort— ſage nur Nein und thue hernach, was Du willſt!“ „Ich ſage weder Ja noch Nein— ich ſage gar nichts!“ rief ſie und entriß mir die Hand, die ich er⸗ griffen mehr, „ keit! u irrte Se der nicht dennoch ner ehrl von dieſ es gewi um mich unglückle Schurker „Al weg von und alle zählte n tharina nicht m ich nicht zuſehen, neigte. 4/ / Zeit a Schande zu verb niß verl Augen g niß gah cher we worden Vernun Worten Töpfer zirte ein vorgefa der Herr; ne Freude Nunde des , der mir ſagt haben zu helfen aß es eine mer— es ber ſie war Wie ein all und traf wollte mir denke, daß inen Augen und ſtellte h,„iſt es erm Herrn, mwäreſt— Unwahrheit) ¹“ ſagte ſie pſt von der r Nein ge⸗ ein einziges , was Du h ſage gar die ich er⸗ 285 griffen hatte.„Aber denke nie mehr an mich, nie mehr, hörſt Du!“ Und ſie begann zu weinen. „Ja, Katharina,“ ſagte ich,„in Zeit und Ewig⸗ keit! Und ſo viel will ich an Dich denken, Du ver⸗ irrte Seele, und wäre es auch wirklich ſo übel, wie der nichtswürdige Töpfer geſagt hat, ſo will ich Dich dennoch aus ſeinen Klauen erretten und Dich zu mei⸗ ner ehrlichen Frau nehmen. Denn ſo viel verſtehe ich von dieſen Teufelskünſten, daß, wenn Du gefehlt haſt, es gewiß nicht in der ſchlechten Abſicht geſchehen iſt, um mich zu betrügen: Katharina, ich kann Dich nicht unglücklich ſehen, und das würdeſt Du mit dem Schurken werden! „Aber ich hatte in den Wind geredet: ſie flog hin⸗ weg von mir und alle Gebete, die ich nachher betete, und alle Thränen, die ich in der Stillé vergoß, die zählte nur Er, der alles weiß. Die unglückliche Ka⸗ tharina war unter eine böſe Macht gerathen, ſie konnte nicht mehr zurückgeführt werden— und ſo vermochte ich nicht länger dagegen anzuſtreiten, ſondern mußte zuſehen, wie es ſich auf alle Weiſe zum Untergange neigte. „Doch höre nun weiter: „Keine Seele in der ganzen Stadt wollte von der Zeit an mit Katharina reden: Alle wußten ihre Schande, und ſie dachte auch nicht einmal daran, dieſe zu verbergen, und obgleich mir das Herz vor Betrüb⸗ niß verbrennen wollte, ſo mußte ich am Ende meinen Augen glauben, als der Augenſchein aller Welt Zeug⸗ niß gab. Petter iſt der einzige Chriſtenmenſch, wel⸗ cher weiß, wie ſchwer mir dieſe dumme Geſchichte ge⸗ worden iſt, und hätte er mich nicht ein paarmal zu Vernunft und Raiſon gebracht, und zwar nicht mit Worten, ſondern mit Handkraft, ſo hätte ich wohl dem Töpfer die Augen ausgekratzt; denn der ging und ſtol⸗ zirte einher, und trug die Naſe hoch, als wäre nichts vorgefallen. 286 „Zuletzt ſollte denn die Hochzeit werden. Und da kamen, wie ich meine, des Schmauſes wegen alle dieſe Klatſchſchweſtern, welche die Frau ihre guten Freun⸗ dinnen nennt; ſie kamen wohl auch aus Neugierde und Schadenfreude, um Katharina in ihrer Erniedrigung zu verhöhnen. Aber, Du großer Gott! welche große Augen machten ſie und ich und die ganze Hochzeits⸗ geſellſchaft, als Katharina, wenn auch etwas blaß und niedergeſchlagen, aber dennoch mit Kranz und Krone und ſchlank wie eine Tanne vor den Prieſter trat. „Als die Trauung vorbei war, bat der Bräutigam den Herrn, er möchte nicht übel nehmen, daß ihm ein ſolcher unſchuldiger Poſſen geſpielt worden wäre; aber er hätte keinen andern Ausweg geſehen, die Einwilli⸗ gung des Herrn und der Frau zu ſeiner Verbindung mit Katharina zu erhalten, welche er zu zärtlich liebte, als daß er von ihr laſſen könnte. Und ferner er⸗ klärte er, daß er deswegen und da er geſehen hätte, wie Katharina ihn auch lieb gehabt, ſie mit aller mög⸗ lichen Ueberredung dazu vermocht hätte, eine kurze Zeit ein Verbrechen einzugeſtehen, damit ſie hernach um ſo beſſer— bei dieſen Worten warf er einen häßlichen Blick umher— die auslachen könnte, welche über ihren Fall gelacht und ſie geſchmäht hatten. „Ich weiß nicht, was die Frau oder der Herr auf eine ſolche Argliſtigkeit zur Antwort gaben, aber es kam mir beinahe ſo vor, als wenn ſie doch noch zu⸗ friedener waren, daß man ſie betrogen hatte, als wenn die Sache Ernſt geweſen wäre. „Ich habe bis jetzt nichts von mir ſelbſt ſagen wollen. Ich ſtand in einer entfernten Ecke und hoͤrte jedes Wort; aber es war ein wirkliches Wunder, daß ich hörte, denn es ſauſ'te und hämmerte mir vor den Ohren, als wenn ich im Kirchthurme geweſen und der alte Lars die große Glocke geläutet hätte. Und mitten durch alles Geſauſe und Gebrauſe flüſterte mir eine Stimme deutlich den Spruch in das Ohr, den ich 1 damals „In der der uns zig mich hin vor Pet⸗ war mit die Ande Nein, in weniger geſchehen ſich ſelbſt Arn über ſie eine ſo g ſich wohl ſten Theit mit ihrer treiben. daß es n an meine Troſt ge geliebt he ſie behext glatten Z man lang Schminke ſchwarzes „Ach Gleichen ſie war, „Sie „Nie viele aber viele hatt 7 Und da alle dieſe en Freun⸗ gierde und niedrigung lche große Hochzeits⸗ blaß und und Krone r trat. Bräutigam ß ihm ein bäre; aber Einwilli⸗ Jerbindung lich liebte, ferner er⸗ ehen hätte, aller mög⸗ kurze Zeit ach um ſo häßlichen elche über Herr auf , aber es ih noch zu⸗ „als wenn elbſt ſagen und hörte lind mitten mir eine , den ich 287 damals ſetzte, als der Herr mit der Unglückspoſt kam: „In dem Allen überwinden wir weit um deswillen, der uns geliebet hat.“ „Ich warf einen Blick auf Katharina, wie ſchön ſie in dem weißen Kleide war; aber es war nur ein ein⸗ ziger Blick— ich hatte genug daran! dann ſchlich ich mich hinweg, und hätte mich gerne vor mir ſelbſt und vor Petter und vor der ganzen Welt verſteckt. Es war mit mir ſo, will ich Dir ſagen, daß ich nicht wie die Andern dachte, es wäre beſſer ſo wie es war. Nein, in meinen Augen wäre Katharina tauſendmal weniger ſchuldig geweſen, wenn das Unglück wirklich geſchehen wäre, als nun, da ſie mit gutem Bedachte ſich ſelbſt angelogen hatte. Arme, arme Katharina! der Böſe hatte Macht über ſie bekommen, das war klar, denn ſonſt hätte eine ſo göttlich ſchöne und keuſche Jungfrau, wie ſie, ſich wohl nimmermehr einreden laſſen, an ſolchen Kün⸗ ſten Theil zu nehmen und ſowohl mit meiner als auch mit ihrer eigenen Zukunft ein ſo grauſames Spiel zu treiben. Und dennoch bin ich vollkommen überzeugt, daß es nicht aus Liebe geſchah: nein, ich glaube bis an meinen Tod— und das iſt immer mein einziger Troſt geweſen— daß ſie nie einen andern wirklich geliebt hat, als nur mich. Aber ſieh, der Töpfer hatte ſie behert, das war ſonnenklar, denn nach einer ſo glatten Zunge, wie der nichtswürdige Kerl hatte, kann man lange ſuchen: es floß ihm Honig und roſenrothe Schminke von den Lippen, aber im Herzen war nur ſchwarzes Blut und eitel Bosheit. „Ach, meine Katharina, meine Katharina! ihres Gleichen geht nicht ſo bald wieder auf Erden ſo wie ſie war, ehe ſie ſich verwandelte. „Sie lebten ein Jahr mit einander. „Nie ſah ſie ein Menſch in dieſer Zeit lächeln, viele aber wollten wiſſen, daß ſie deſto mehr weinte: viele hatten gehört und viele hatten geſehen, wie hart 288 der Nichtswürdige ſie behandelte; ſie aber litt und ſchwieg und öffnete nie ihren Mund zu einer Klage weder gegen ihn noch gegen einen Andern. Nein, Ka⸗ tharina war weich wie Wachs gegen diejenigen, welche ſich darauf verſtanden, ſie recht zu behandeln und ge⸗ gen Alle, die ihr wohl wollten; aber ſie hatte einen ſolchen kleinen Stolz, welcher machte, daß wenn ſie auf irgend eine Weiſe litt, ſie es dem nicht zeigen wollte, welchen ſie ihres Vertrauens nicht für würdig hielt; dieſes jedoch— falls ſie jemals Vertrauen zu ihm hegte— hatte ſie wohl bald genug Urſache, in Mißtrauen und Unwillen zu verkehren. „Wir wohnten einander ganz nahe an dieſer Straße, dennoch aber ſah ich ſie in dem ganzen Jahre nicht ein einziges Mal, denn davor ſcheueten wir uns ge⸗ genſeitig. „Als nun das Jahr zu Ende ging, ſo erfuhr man, daß aus Katharina's Scherz Ernſt werden ſollte. Aber Du mein himmliſcher Vater! Du weißt allein, ob es eine Strafe für ihren Leichtſinn war oder der uner⸗ forſchliche Wille des Schickſals— genug, Katharina wurde die Mutter der abſcheulichſten Mißgeburt, die e noch den Tag des Herren geſchaut hat. Es ſollte ein Knabe ſein, aber ſein Anblick war fürchterlich, und noch ſtarrt jeder Tropfen Blut in mir, wenn ich da⸗ ran denke, was die arme Katharina mit einem ſolchen Kinde gelitten haben muß!“ „Herr Jeſus, bewahre uns!“ ſeufzte Paul.„Es war doch Schade um ſie! Mir iſt, als wäre ich bei allem zugegen, und es ſoll mich nur wundern, ob ſie nicht genug davon bekommt, ſo daß ſie ſtirbt!“ „Warte, Du bekommſt wohl zu hören, wie es ging. 8. Znerſ verſteckten ſie das Kind, wollten es ihr nicht zeigen, und gaben bald das eine und bald das andere vor. Aber Katharina verlangte es eigenſinnig zu ſehen. Ihre Geſundheit war ſo geſchwächt, daß es hieß, es das Kind Aber nach argwöhner Willen. hat erzähl aber traur „Lang ſie ihr zei befühlte er aber dann rück. Arme aber ſie w im Bette erſte Ende! „Hu!⸗ mend auf „Und Leben, ſie 1 bisweilen ſolche Zeit verabſcheuu zärtlichſten gentheil all ren: er be tiges Thier als ſeine g ſo ſagte er, ſie wieder auszuſtehen ſamſte, und einzigen Fal taub wie eit ſich von de bezahlen, n Elendes zu unglückſelige Paul Wärn litt und ner Klage Nein, Ka⸗ en, welche n und ge⸗ atte einen wenn ſie icht zeigen ür würdig Vertrauen Urſache, in ſer Straße, zahre nicht ir uns ge⸗ rfuhr man, ollte. Aber ein, ob es der uner⸗ Katharina geburt, die s ſollte ein ſerlich, und „Es päre ich bei eern, ob ſie bt!“ n, wie 6s lten es iht d bald das eigenſinnig cht, daß es hieß, es wäre eben ſo gefährlich für das Leben, ihr das Kind zu zeigen, als ihr Verlangen abzuſchlagen. Aber nach langem Bedenken, als ſie ſchon anfing zu argwöhnen, daß es nicht richtig wäre, bekam ſie ihren Willen. Unſre Frau, die man damals geholt hatte, hat erzählt, wie es zuging, und das war eine kurze, aber traurige Geſchichte. „Lange ſtarrte Katharina das Knäuel an, welches ſie ihr zeigten und welches ihr Kind ſein ſollte. Sie befühlte es ungläubig, ſchüttelte leiſe den Kopf, fiel aber dann mit lautem Gelächter auf das Kiſſen zu⸗ rück. Arme Katharina! der Schrecken tödtete ſie nicht, aber ſie wurde verrückt— verrückt, ſo daß man ſie im Bette binden mußte.... Sieh! da haſt Du das erſte Ende!“ „Hu!“ ſagte Paul, und ſein Blick ruhte theilneh⸗ mend auf den leidenden Zügen des Faktors. „Und dennoch,“ fuhr dieſer fort,„blieb ſie am Leben, ſie und auch das Kind. Sie genas und erhielt bisweilen den Gebrauch ihrer Sinne wieder, aber eine ſolche Zeit der Vernunft dauerte nie lange, denn der verabſcheuungswürdige Schurke, welcher ihrer mit der zärtlichſten Sorgfalt hätte pflegen ſollen, that im Ge⸗ gentheil alles, was er konnte, um ihre Qual zu meh⸗ ren: er behandelte die Katharina wie ein unvernünf⸗ tiges Thier, ſchlug und ſtieß ſie, ließ ſie hungern, und als ſeine gemeine Nichtswürdigkeit an den Tag kam, ſo ſagte er, es geſchähe zu ihrem eigenen Beſten, um ſie wieder klug zu machen. Von allem aber, was fie auszuſtehen hatte, war beſonders Eins das allergrau⸗ ſamſte, und obgleich ſie jammerte und nur in dieſem einzigen Falle um Barmherzigkeit bettelte, ſo war er taub wie ein Stein: er ließ— der niedrige Bube!— ſich von der ganzen Stadt und von allen Reiſenden bezahlen, wenn er ſie einließ, um dieſes Kind des Elendes zu beſehen, welches in dem Schooße ſeiner unglückſeligen Mutter ruhte. Paul Wärning. 19 290 „Denke Dir, denke nur, was ſie leiden mußte, Nacht d wenn ihr die Leute Geld zuwarfen, um das Ungeheuer über me begaffen zu dürfen, dem ſie das Leben gegeben hatte! tharina Der letzte Funken von Verſtand, welcher ſich hervor⸗ ſo dicht „Da erſt ſah ich ſie wieder. „Vor der kleinen Glasſcheibe in der Thür ſtand Worte i drängen wollte, wurde ſogleich gänzlich erſtickt: es athmen wurde ärger mit ihr, als es im Anfange geweſen war.„Ko Zuletzt erbarmten ſich der Herr und die Frau über ſie wunderl und nahmen ſie mit dem Kinde zu ſich; Katharina be⸗ denn es zog ihr voriges Zimmer von Neuem. todt und „willſt ich ſo manche Stunde gleichſam feſtgewachſen und ſah, einem wie ſie in jener Ecke bei dem Bette— das iſt noch Petter, das Bett— auf einem Schemel ſaß, und die mage⸗ jede zw ren Arme um das unglückliche Weſen ſchlang, das auf nicht ger ihrem Schooße lag. Herr, Du mein himmliſcher Va⸗ weil er, ter! wie verändert! Da war auch nicht die geringſte rächen. Spur von ihrer ehemaligen Schönheit mehr zu ent⸗ gar nich decken.. doch, meiner Seel, für mich war ſie immet nen Aug noch ſchön genug! Und Du hätteſt ſie ſollen ſeufzen ſie in ſ hören— nie hätteſt Du geglaubt, daß ſolche Seußzer weiß ich aus einer Menſchenbruſt kommen könnten. Und Du,„n Paul, der Du ein ſolches Gemüth haſt, Du weiſt in der wohl, was ich empfinden mußte, als ich ſie ſo hörte Thür. und ſah und in ihrer zunruhe ihr auch nicht die ge⸗ herein un ringſte Linderung verſchäffen konnte. draußen „Aber ſchrecklich war ſie, und das ſogar für mich andern wenn der Wahnſinn Leben in ſie brachte. Da ſtrall⸗ die Thü ten die Augen ſo, als wenn ſie in Feuer geſtandn ſobald ſi hätten, und die Füße bewegten ſich zum Tanze. Df floh ſie⸗ hielt ſie das Kind in ihren Armen hoch in die Hößt, Des ſchaukelte und wiegte es und ſang, daß man es über da ſchier das ganze Haus hörte. unr ſehr „Oft, kannſt Du glauben, wollte ich gerne wiſſen, ſehen ſol ob ſie ſich meiner wohl noch entſinne, und wüßte, iwit Tuch übe wir zu einander geſtanden hätten. Und Du kann So begreifen, wie mir z Muthe war, da ich in einn ungeberd en mußte, Ungeheuer ben hatte! ich hervor⸗ erſtickt: es veſen war. au über ſie tharina be⸗ Thür ſtand en und ſah, das iſt noch bdie mage⸗ ng, das auf nliſcher Va⸗ die geringſte nehr zu ent⸗ r ſie immer ollen ſeufzen lche Seufzer Und Du „ Du weiſt ſie ſo hört nicht die ge⸗ gerne wiſſen d wüßte, uu Du kannſ ich in eine Nacht darüber erwachte, daß gleichſam eine Hand leiſe über mein Geſicht fuhr, und ich im Mondſcheine Ka⸗ tharina erblickte, die vor meinem Bette ſaß und ſich ſo dicht über mich herabgebeugt hatte, daß ich kaum athmen konnte. „Katharina!“ ſagte ich leiſe, und mir war recht wunderlich zu Muthe, unruhig und dabei doch froh, denn es kam mir ganz ſo vor, als wäre ſie ſchon todt und gekommen, um mich noch einmal zu ſehen, „willſt Du etwas?“— Aber kaum hatte ich dieſe Worte über meine Lippen gebracht, ſo entfloh ſie mit einem ängſtlichen Schrei. Ich erfuhr nachher von Petter, der mit mir in einer Stube ſchlief, daß ſie jede zweite Nacht zu kommen pflegte, daß er aber nicht gewagt hätte, etwas zu thun, um ſie abzuhalten, weil er, der Arme, fürchtete, ſie möchte ſich an ihm rächen. Es war überdies klar und deutlich, daß ſie gar nichts Böſes im Sinne hatte: ſie wollte nur ei⸗ nen Augenblick bei mir ſitzen und dann gehen. ſie in ſolchen Augenblicken ganz bei Vernunft war, weiß ich nicht, doch glaube ich's. „In der folgenden Nacht hörte ich nichts. Doch in der darauf folgenden kamen leiſe Schritte an die Thür. Ich erkannte ihren Gang, aber ſie kam nicht herein und ſpäter ebenfalls nicht, ſondern blieb immer draußen und ſtieß den einen tiefen Seufzer nach dem andern aus. Oft ſchlich ich mich auf den Zehen an die Thür, um ſanfte Worte mit ihr zu reden. Doch ſobald ſie nur das Geringſte von mir vernahm, ſo floh ſie augenblicklich. Des Tages ging ich bisweilen zu ihr hinein, aber da ſchien ſie mich nicht erkennen zu wollen, ſondern nur ſehr beſorgt dafür zu ſein, daß ich das Kind nicht ſehen ſollte, und beeilte ſich daher immer, ein großes Tuch über daſſelbe zu decken. So verging ein ganzes Jahr. Oft war ſie ſo ungeberdig, daß man entſchloſſen war, ſie in ein Ir⸗ 292 renhaus zu bringen, darauf aber kam wieder eine an⸗ dere Zeit, in welcher es beſſer wurde, und ſo ging das Eine mit dem Andern. „Jetzt aber bin ich am Ende. „Der Herr ließ das Haus repariren, welches da⸗ mals nicht ſo ausſah wie jetzt. Darum ſtand damals ein Gerüſt vor der ganzen Vorderſeite, und dieſes reichte herauf bis an dieſe Fenſter. An einem Abende, gerade beim Sonnenuntergange, da die Arbeiter nach Hauſe gegangen waren, und die Wärterin, die nach Katharinen ſehen ſollte, hinuntergegangen war, um Eſſen zu holen, kam ich, wie ich damals zu thun pflegte, um durch die Scheibe zu ſehen. Aber denke nur mit welchem Schrecken ich die Thür aufriß, als ich ſah, daß Katharina beide Fenſter geöffnet hatte, mit dem Kinde auf dem Arme auf das ſchwankende und un⸗ dichte Gerüſt hinausgeſtiegen war, und an der äußer⸗ ſten Kante ſtand, wo ſie ſich vor den Vorbeigehenden verneigte und mit Geſang und Geſchwätz auf die lau⸗ ten Warnungen derſelben antwortete. In der erſten Minute, da ich an das Fenſter trat, lähmte mich die Furcht, ſo daß ich meiner Sinne kaum mächtig war; doch in der zweiten, da ich ſah, daß ſie im Begriff war, auszuglitſchen, ſprang ich auf das Fenſter, hielt mich mit der einen Hand an den Pfoſten feſt und wollte mit der andern Katharine ergreifen und würde ſie gewiß gerettet haben, wenn nicht der morſche Fenſterpfoſten gebrochen und ich mit Katha⸗ rinen und dem Kinde von dem Gerüſte auf die Straße hinab geſtürzt wäre.“ Der Faktor ſchwieg und ſtieß einen tiefen Seuf⸗ zer aus. Nach einigen Minuten fuhr er fort: „Warum ich von uns Dreien allein am Leben blieb, das weiß ich nicht: Gott wollte es, und ich Wurm muß damit zufrieden ſein, daß ich noch nach dieſem Schreckenstage auf Erden krieche. Aber mein Körper war gleichſam zermalmt, und erſt nach länger als eine langſam zerſchme⸗ zerſtört, der Zeit nenunter: und zule lagen un „Ge wenn ich ſie nicht gefunden an das T für ſie ge ſollte, du „Ich geweſen! habe ich i denken, he Paul, es Sünder ſie geoffenbare Hier das in de ſtillen und allmälig a haniſch die „In n gehört!“ ſa Ausdruck in len Blick a „Ich Schlaf in 1 Preis hätte eine an⸗ ging das lches da⸗ d damals id dieſes Abende, eiter nach die nach war, um un pflegte, e nur mit s ich ſah, mit dem und un⸗ der äußer⸗ eigehenden die lau⸗ unſter trat, nne kaum h, daß ſie auf das i Pfoſten ergreifen nicht der als einem Jahre verließ ich das Bett. Nach und nach, langſam ging es, kam aber doch wieder Leben in die zerſchmetterten Glieder, aber die Bruſt war für immer zerſtört, und es iſt ein großes Wunder, daß ich von der Zeit an zwanzig lange Jahre durchlebt habe. „In den erſten zehn Jahren war es mir in jeder Nacht ſo, als wenn ſie vor meinem Bette ſäße und ſich über mich beugte, darauf ſah ich ſie beim Son⸗ nenuntergange mit dem Kinde auf dem Gerüſte ſtehen, und zuletzt wie wir alle drei unten auf der Straße lagen unter Schutt und herabſtürzendem Gebälke. „Gewiß wäre ich gleich ihr wahnſinnig geworden, wenn ich nur ein einziges Mal gezweifelt hätte, daß ſie nicht auch ohne meine Schuld einen gleichen Tod gefunden haben würde; aber dennoch hat es mich bis an das Mark gezehrt, daß ich, der gerne das Leben für ſie gelaſſen hätte, das unglückliche Werkzeug ſein ſollte, durch welches ſie umkam. „Ich ſage Dir, das iſt ein ſchweres Kreuz für mich geweſen! Aber in dem, was in dem Bibelſpruche ſteht, habe ich immer Troſt gefunden, und ohne daran zu denken, hätte ich nimmermehr geſiegt; denn ſiehſt Du, Paul, es gibt nur eine Kraft, durch welche wir arme Sünder ſiegen— und dieſe hat ſich an mir mächtig geoffenbaret....“ Hier ſchwieg der Faktor. Sein bleiches Antlitz, das in dem Scheine des erlöſchenden Feuers einen ſtillen und gleichſam verklärten Ausdruck erhielt, ſank allmälig auf die Bruſt hinab, indem ſeine Hand me⸗ chaniſch die zottige Haut des Hundes ſtreichelte. „In meinem Leben habe ich keine ſolche Geſchichte gehört!“ ſagte endlich Paul mit einem eigenthümlichen Ausdruck in der Stimme, und warf dabei einen ſchnel⸗ len Blick auf das unheimliche Fenſter. „Ich weiß beſtimmt, daß in dieſer Nacht kein Schlaf in meine Augen kommen wird, aber um keinen Preis hätte ich die Geſchichte nicht hören wollen— 294 ich fürchte nur, Peiter hat Recht, daß Ihnen die Er⸗ zählung ſchlecht bekommt.“. „O, ſei darüber nicht unruhig! Nun bin ich alt und abgehärtet, und weiß, daß ich nach ſo vielem Unglück bald etwas Gutes zu erwarten habe. Aber— ſiehſt Du, Petter, der arme gute Teufel, glaubt feſt und beſtimmt, daß Katharina und das Kind wieder umgehen, und daß es Unglück bedeutet, wenn man davon redet.“. 4 „Ach, da verſtehe ich, warum ihr beide zuſammen⸗ fuhrt, als es dort an dem Bette ſeufzte und ich ſagte, es wäre der Balg.“ „Petter glaubte vielleicht an das, was er ſich ſelbſt einbildet, ich aber nicht; denn nie iſt mir der Gedanke eingefallen, daß Jemand, der einmal in die andere Welt gegangen iſt, die Macht hat, zu uns zurückzukehren.“ „Nein, das glaube ich auch nicht,“ meinte Paul, „aber man kann ſich mancherlei einbilden, wenn man ſeiner Sache nicht gewiß iſt. war jeden Fall, und es wundert mich, daß Sie hier woh⸗ nen wollen.“ 3 „Das geſchah erſt viele Jahre ſpäter, als uns die Stube unten auf dem Hofe zu klein wurde. Aber ich habe mich hier wohl befunden. Der Herr und die Frau haben mich immer gut behandelt, als gehörte ich zu ihrer Familie, und ich bin ihnen wieder ſo ergeben geweſen, wie es ein Menſch dem andern ſein kann; ich habe meine Arbeit gethan, als geſchähe es füt mich ſelbſt, und darum erwieſen ſie mir ſo großes Zutrauen.“ 1. „Ja, ſie ſahen wohl, wen ſie vor ſich hatten,“ ſiel Paul ein.. Der Faktor ſchien dieſe Artigkeit nicht zu hören, ſondern fuhr fort:„Und ſiehſt Du, Paul, um nun dieſen Gegenſtand zu beendigen, auf den wir nie wie⸗ der zurückkommen wollen, ſo geſchah es zum Beſten Unheimlich war es auf der Frau ſowohl v nach dem herrin hi von ihren aufziehen ich davon geſetzt, d recht gut eignen H ein Teſte bekommer ſie große Füchſe ob⸗ Frau iſt men ſollt „Nu zu komm „Kei men wär und leich ſchweſtern Rathshert ſein kann einen Bo die alten in's Hau Ende gen hätte vor wenn nich hätte.“ .„Es Verwirru ſchien ſein „Aber ge da die F das wenn die Er⸗ in ich alt ſo vielem . Aber— Zlaubt feſt nd wieder Henn man zuſammen⸗ dich ſagte, das er ſich iſt mir der mal in die it, zu uns einte Paul, wenn man wvar es auf e hier woh⸗ als uns die . Aber ich ferr und die als gehörte ler ſo ergeben ſein kannz hähe es für r ſo großes ſich hatten, der Frau, daß ich ihr rieth, Dich zu nehmen, denn ſowohl vor dem Tode des Herrn, als auch beſonders nach demſelben find die Zollſchreiberin und die Raths⸗ herrin hinter der Frau her und wollen, daß ſie einen von ihren Taugenichtſen von Jungen annehmen und aufziehen ſoll, um an meine Stelle zu treten, wenn ich davon gehe. Aber ich hatte mir's in den Kopf geſetzt, daß das nicht geſchehen ſollte, denn ich weiß recht gut, wie ſie die Frau pflücken und aus ihrem eignen Hauſe eſſen würden, bis ſie endlich ſtirbt oder ein Teſtament macht. Ja, ſie ſollten ein Teſtament bekommen! Das verdienten die Junker! Ich weiß, daß ſie große Taugenichtſe ſind, und ſchlecht, und liſtige Füchſe obendrein: ich habe Beweiſe genug, und die arme Frau iſt zu ehrlich, als daß ſie in ſolche Hände kom⸗ men ſollte!“ „Nun, ſie hatte wohl nicht nöthig, in ihre Hände zu kommen, wenn ſie nicht wollte?“ ſagte Paul. „Kein Menſch kann ſagen, wie es zuletzt gekom⸗ men wäre, denn Du ſollſt wiſſen, daß ſie ſo ſchwach und leichtgläubig iſt gegen dieſe garſtigen Klatſch⸗ ſchweſtern— ich meine die Zollſchreiberin und die Rathsherrin— daß ſie für ihren Tod nicht ohne ſie ſein kann; das ſieht man jetzt am beſten, da ſie den einen Boten nach dem andern an ſie geſchickt hat, da die alten Hexen vor Bosheit berſten wollten, weil Du in’'s Haus gekommen warſt und ihren Künſten ein Ende gemacht hatteſt. Ja, ich glaube beinahe, ſie hätte vor langer Weile die Schwindſucht bekommen, benn nüh der Magiſter die Sache in's Reine gebracht ätte.“ „Es iſt Schade, daß um meinetwillen eine ſolche Verwirrung entſtanden iſt!“ ſagte Paul; gleichwohl ſchien ſeine Miene keine große Trauer auszudrücken. „Aber gewiß will ich, ſo lange ich hier bin— und da die Frau und Sie, Herr Faktor, ſo wollen, ſo iſt das wenigſtens bis zum nächſten Jahre— mir alle 296 Mühe geben, mich ſo zu ſtellen, daß weder Sie Ur⸗ ſache haben, Ihre Empfehlung, noch die Frau den Aerger zu bereuen, den ſie mit den Kartenwahrſager⸗ ſchweſtern, wie Knopf ſie nennt, gehabt hat.“ Jetzt öffnete Petter die Thür und verkündigte, daß Siri mit dem Abendbrode auf der Treppe wäre. Pet⸗ ter's Gemüth war jetzt wieder in das Gleichgewicht gekommen, ſo daß er gleich Paul bei der Grützen⸗ ſchüſſel ſeinen Platz recht gut vertheidigen konnte. Es war Sitte in dem Hamrin'ſchen Hauſe, daß dieſe Mahlzeit in dem Zimmer des Faktors eingenom⸗ men wurde; zu Mittag aber aßen der Faktor und Paul unten am Tiſche ihrer Herrin. Und bei jeder Mittags⸗ mahlzeit, die er nach dieſer Zeit einnahm, glaubte Paul zu bemerken, daß die Frau ihn mit immer größe⸗ rem Wohlwollen anſah, obgleich ſie dieſes ihr Wohl⸗ wollen nicht beſonders mit Worten zu erkennen gab; gewiß um dadurch nicht das feine Gefühl ihres Fak⸗ tors zu verletzen. Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Veränderungen im Hauſe. Neue Pläne der Kaffeſchweſtern. Feinbeit der Frau Hamrin. Wochen und Monate verſtrichen. Es wurde in⸗ zwiſchen immer ſchlechter mit dem ehrlichen Faktor, und nach einem halben Jahre erſchien er nicht mehr bei Tiſche. Wenn nun Paul ſeiner Herrin allein gegenüber ſaß, ſo geſchah es bisweilen, wenn er unvermerkt auf⸗ blickte, mit dene derung dachte er mich ſo ſehen— bezweifel Eine durch die ihren all Befinden das Bett nen Wor können S glauben!“ nachzuſehe der Magt forſchte do heit erklär und er ſe Platz zu! ner lieben Pette lang man wurde ihn Eine den der Andre pflügte, ſe ruhe, er 1 richt erhal theuerſte a So m fange ihre derei gehol und das 1 mit Siri's Sie Ur⸗ Frau den vahrſager⸗ 7 digte, daß väre. Pet⸗ eichgewicht Griützen⸗ unte. auſe, daß eingenom⸗ und Paul Mittags⸗ , glaubte mer größe⸗ ihr Wohl⸗ nnen gab; eſchweſtern. wurde in⸗ en Faktor, nicht mehr gegenüber merkt auf⸗ ihres Fak⸗ 1 blickte, daß er wirklich über die ſonderbaren Blicke, mit denen Frau Hamrin ihn betrachtete, in Verwun⸗ derung gerieth.„Es iſt wunderlich mit ihren Augen,“ dachte er bei ſich ſelbſt,„ich weiß nicht, warum ſie mich ſo betrachtet, als wollte ſie mich durch und durch ſehen— ſie wird doch wohl meine Ehrlichkeit nicht bezweifeln? Dazu habe ich ihr nie Urſache gegeben!“ Eines Tages wurde man ſogar in der Druckerei durch die Ankunft der Frau überraſcht. Sie kam, um ihren alten Faktor zu beſuchen und ſich nach ſeinem Befinden zu erkundigen. Bald wurde der Schirm um das Bett gezogen, und Paul hörte nur die abgebroche⸗ nen Worte:„ehrlicher Junge, treu wie ich ſelbſt, das können Sie.... ich bin gut dafuͤr, Sie können mir glauben!“ Von jetzt an kam Frau Hamrin oft, um ſelbſt nachzuſehen, daß dem Kranken keine Pflege fehlte. Auch der Magiſter ſtattete ihm manchen Beſuch ab und er⸗ forſchte dabei ſeine Meinung über Paul. Mit Beſtimmt⸗ heit erklärte der Faktor, Paul könnte an ſeine Stelle treten, und er ſelbſt wünſchte nichts höher, als ihm ſeinen Platz zu hinterlaſſen, denn da würde er ſelbſt mit ſei⸗ ner lieben Katharina im Himmel ſein. Petter Knopf und Paul wachten mehrere Wochen lang manche Nacht an dem Bette des Faktors. Nie wurde ihnen das ſchwer oder ermüdend, obgleich der Eine den ganzen Tag doppelte Arbeit im Zimmer und der Andre draußen auf dem„Glücke“ hatte, wo er pflügte, ſäete und erndtete, und das unter ſteter Un⸗ ruhe, er möchte bei ſeiner Rückkehr die bittere Nach⸗ richt erhalten, daß der Freund, welcher ihm der theuerſte auf Erden war, das Leben verlaſſen hätte. So wie Frau Hamrin in früheren Tagen zu An⸗ fange ihrer Ehe ihrem Herrn Manne bei der Buchbin⸗ derei geholfen hatte, ſo half ſie auch jetzt dem Paul, und das ungeachtet dieſer mehrmals erklärte, er ſei mit Siri's Hülfe zufrieden, welche er oftmals in An⸗ 298 ſpruch nahm. Aber die Frau verſicherte, ſie verſtehe das alles ſo gut, daß ſie ſelbſt anſtatt des Faktors Paul üben und ihm helfen wollte. Bei dieſer geſeg⸗ neten Hülfe geſchah es eben ſo wie bei dem kleinen Mittagstiſche, daß Paul nicht begreifen konnte, was ſie in ihren Augen hatte, weil dieſe ihn ſo wunderlich verlegen machten: er fühlte dies und wußte nicht, wie er ihren Blicken auf gute Art ausweichen ſollte. Die ganze Beſchäftigung des Faktors in dieſer langen Zeit beſtand meiſtentheils darin, daß er ſeinen Hund ſtreichelte, der ſtets treu auf dem Lehnſtuhle vor ſeinem Bette lag, und daß er kleine Brodknollen machte für die Krähe, welche auf der Decke umher⸗ trippelte und wenn er ihr Jutter gab, ſich auf die Kante des Bettes ſetzte. Aber des Abends und ſpät bis in die Nächte hinein redete er mit Petter Knopf, dem alten, treueſten Freunde, über den nie erſchöpften Gegenſtand, wie dieſer ſein Grab bepflanzen und in Ordnung halten ſollte, wobei der ehrliche Petter ſich der Thränen nicht enthalten konnte. Mit Paul dagegen unterredete ſich der Faktor über die neue Stelle, welche dieſer nun bald erhalten ſollte, und befahl ihm mit freundlichen und ſanften Worten, er ſollte der guten Frau ſtets das ſein, was er ihr ſelbſt geweſen wäre, und in dieſem Falle würde ihm gewiß ein ſehr großes Glück werden. Dieſes Glück bezeichnete der Faktor gleichwohl nicht näher, er deutete nur darauf hin. Gegen das Ende des Septembers— Paul war damals etwas über ein Jahr in dem Hauſe der Frau Hamrin geweſen— ging der alte Faktor zur Ruhe, und ſeine letzten Worte, nachdem er von Paul Abſchied genommen und Petter Knopf' treue Hand gedrückt hatte, waren die nämlichen, welche er im Leben ſo tief gefühlt, und denen er ſtets vertraut hatte:„In den Allen überwinden wir weit um deßwillen, der uns geliebet hat.“ Der angehört, Beſſeres Punkte fr Betrachter kaum ein einer ſo der Ame und ſchwe jedem die Schmerze eigenes, ten ſeine deren Ti und die e wenn er Der fleißig w Armen g Teſtamen unter ſei und ſeine Eini redlichen ner aufg und den Wie Hamrin der Doln bei gegen des verfl eigentlich in allen er für w des ſelig der Will den Lohrn verſtehe Faktors ſer geſeg⸗ m kleinen inte, was ounderlich nicht, wie Ulte. in dieſer er ſeinen ſtuhle vor rodknollen ke umher⸗ ch auf die chte hinein n Freunde, dieſer ſein Ite, wobei enthalten der Faktor d erhalten nd ſanften ſein, was alle würde bieſes Glück er deutete Paul war ſe der Frau zur Ruhe, ul Abſchied nd gedrückt eben ſo tief :„In den t, der uns —— Der Faktor hatte dieſen Tauſenden von Weſen angehört, die ſtill und geduldig im Leben auf etwas Beſſeres hoffen. An einem kleinen und unbemerkten Punkte feſtgebunden, erſcheint ihr Leben dem äußerlichen Betrachter ſo einförmig, ſo unbedeutend, daß es ihm kaum eines länger verweilenden Gedankens, kaum einer ſo langen Betrachtung werth. erſcheint, als er der Ameiſe widmet, wenn er zufällig ihrer fleißigen und ſchweren Arbeit gewahrt. Und dennoch ſchlägt in jedem dieſer unbeachteten Tauſenden ein Herz, das dem Schmerze und dem Glücke eben ſo offen iſt wie ſein eigenes, ein Herz, das während der alltäglichen Arbei⸗ ten ſeine Sorgen, ſeine Kämpfe verbirgt, Kämpfe, von deren Tiefe und Stärke der Kurzſichtige nichts kennt, und die er, nicht ſo zu ertragen im Stande ſein würde, wenn er ſie je ertragen ſollte. Der Faktor hinterließ eigentlich nichts: er hatte fleißig wenn auch heimlich mit ſeinem Lohne manchem Armen geholfen; nichts deſtoweniger machte er ein Teſtament: er vertheilte ſeinen Nachlaß gleichmäßig unter ſeine beiden Freunde: Paul erhielt ſeinen Hund und ſeine Uhr, Knopf ſeine Krähe und ſeine Kleider. Einige Tage ſpäter, als der Grabhügel über den redlichen Mann, den redlichen Freund, den treuen Die⸗ ner aufgeworfen war, wurde Paul vor ſeine Herrin und den Magiſter Zachäus berufen. Wie bei der erſten Unterhandlung verhielt ſich Frau Hamrin auch jetzt neutralz auch jetzt war ihr„Rath“ der Dolmetſcher ihres Willens. Dieſer Wille enthielt bei gegenwärtiger Gelegenheit, daß, da Paul während des verfloſſenen Jahres ſich nicht allein in Betreff der eigentlichen Geſchäfte gut benommen, ſondern ſich auch in allen übrigen Stücken untadelig aufgeführt hätte, er für würdig gehalten werden könnte, in die Stelle des ſeligen Faktors zu treten, und es wäre daher auch der Wille ſeiner guten Herrin, daß er den Titel und den Lohn deſſelben erben ſollte, um dadurch ſowohl 300 Reſpekt im Hauſe, als auch ein gutes Auskommen für die Zukunft zu haben. Mit inniger Dankbarkeit nahm Paul das Aner⸗ bieten an, den Titel aber verbat er ſich mit der Ver⸗ ſicherung, er fühle ſich noch unwürdig, ſo geehrt zu werden wie der Verſtorbene:„ich würde,“ ſagte er, „mich wirklich ſchämen und nie zufrieden geben, wenn mich Jemand Faktor nennte.“ Man ließ ihm ſeinen Willen; aber von dieſen Tage an ſagte Frau Gundla immer Herr Paul oder Herr Wärning ſtatt Paul ſchlechtweg, und auch Siri und Petter Knopf— letzterer aber nahm es nicht im⸗ mer ganz genau damit— bekamen die Weiſung, Herr zu ſagen. Wieder wurde es Herbſt und Winter. Paul machte ſich im Haulſe immer unentbehrlicher durch den Verſtand und die Thätigkeit, womit er ſeine Arbeit betrieb. Die Aufmerkſamkeiten beim Mittags⸗ tiſche ſtiegen in gleichem Verhältniſſe und wurden im⸗ mer bedeutender.„Herr Paul! darf ich Ihnen nicht noch ein Stückchen Pudding vorlegen?.. Herr Wär⸗ ning! haben Sie die Güte Sauce zu nehmen!.. Siri! Du vergaſſeſt die Gläſer, gib ſie her!— es iſt heute kalt: ein Glas Doppelbier wird den Herrn Paul wärmen.“ Paul war warm genug, denn er begann eine Un⸗ ruhe zu fühlen vor gewiſſen Ahnungen, welche der ſchlaue Petter Knopf, wenn auch nicht in deutlichen Worten, verſteht ſich, ſo doch auf eine verſtändliche Sprache durch Mienen und lächerliche Geberden überſetzte, wenn ſie allein waren. Zu Weihnachten erhielt Paul nicht nur ein ganz ungewöhnliches Geldgeſchenk, ſondern das Feſt wurde auch als Vorwand gebraucht, ihn in die Geſellſchaft ſeiner Herrin einzufuühren. Er wurde der Zollſchrei⸗ berin und der Nathsherrin förmlich vorgeſtellt, und da dieſe Damen für die Söhne ihre Hoffnungen längſt — QQ⏑Q—˖—— aufgegeben Töchter zu — kein Y Augen konn Wärning,“ hübſcher 2 rin'ſchen H „Ach, würde!“ ſer zwei Menſch als Herr„ finden; ſie Geſichtern, was die Z2 Herzen ebe Unterſchiede Guſtafwa ſ Frau auftrat, ih leien und ſein konnte konnte, wa Zeitraumes Mitglied de mit Ausnah ja nie Gefa Paul zufrie hinunter ko⸗ nicht nur g von ihm ha mehr zu hof Güte und tung weit ü⸗ Frau Hamr und ihn in einbegriff, a mmen für das Aner⸗ der Ver⸗ geehrt zu ſagte er, ſen, wenn on dieſem Paul oder auch Siri nicht im⸗ ung, Herr tbehrlicher it er ſeine Mittags⸗ urden im⸗ — es iſt ſerrn Paul per ſchlaue Worten, Sprache tte, wenn ein ganz eſt wurde eſellſchaft ollſchrei⸗ ellt, und ben längſt eine Un⸗ — aufgegeben hatten, ſo begannen ſie nun Plänt für die Töchter zu entwerfen: denn jetzt war es ganz beſtimmt — kein Menſch mit geſunder Vernunft und offenen Augen konnte daran zweifeln— daß„der junge Herr Wärning,“ welcher bei näherer Bekanntſchaft ein recht hübſcher Burſche war, in dem wohlhabenden Ham⸗ rin'ſchen Hauſe Erbe und Herr werden würde. „Ach, mein Gott! wenn Stina⸗Greta dort Frau würde!“ ſeufzte die Rathsherrin in ihrem Herzen;„denn zwei Menſchen, die mehr für einander geſchaffen wären, als Herr Paul und Greta⸗Stina wären gar nicht zu finden; ſie hätten ja klar und deutlich Züge in ihren Geſichtern, welche auf eine künftige Ehe deuteten.“ Und was die Zollſchreiberin betraf, ſo ſeufzte ſie in ihrem Herzen ebenſo wie Schweſter Helena, doch mit dem Unterſchiede, daß ſie ſtatt Stina⸗Greta den Namen Guſtafwa ſetzte. Frau Hamrin hatte wohl im Anfange, da Paul auftrat, ihre kleinen Beſorgniſſe vor kleinen Stiche⸗ leien und dergleichen, was nicht beſonders angenehm ſein konnte, gehabt, denn ſo weit ſie ſich entſinnen konnte, war der ſelige Faktor während des langen Zeitraumes ſeines Aufenthaltes in dem Hauſe nie ein Mitglied der Geſellſchaften im Beſuchzimmer geweſen, mit Ausnahme gewiſſer Feſttage. Aber der Faktor hatte ja nie Gefallen daran gefunden, während dagegen Herr Paul zufrieden, ja ſeelenfroh zu ſein ſchien, daß er hinunter kommen durfte; und Herr Paul betrug ſich nicht nur ganz anſtändig, ſo daß man wirklich Ehre von ihm hatte, ſondern, was Frau Gundla nimmer⸗ mehr zu hoffen gewagt hatte, er wurde auch mit einer Güte und Aufmunterung empfangen, die ihre Erwar⸗ tung weit übertraf. Auch vermeldete das Gerücht, daß Frau Hamrin, als die Zollſchreiberin das Eis brach, und ihn in der Einladung zum Neujahrsſchmauſe mit einbegriff, an dem Vormittage dieſes Tages der Frau Schweſter einen großen, vortrefflichen Kalbsbraten und eine ganze Schüſſel friſches Gebäckſel ſchickte. Jetzt kam Paul richtig in den Schwung. Zwiſchen Neujahr und dem heiligen Dreikönigs⸗ tage hatte die Rathsherrin ihren Weihnachtsſchmaus, und da Mamſell Stina⸗Greta und Mamſell Guſtafwa gleichſam durch einen feinen Inſtinkt das zärtliche Wohl⸗ wollen ihrer Mütter ahnten, ſo beſchloſſen ſie als gute Töchter, das Unternehmen zu erleichtern, was auf die Art zuging, daß ſie ſich, figürlich geredet, um Paul riſſen. Er in ſeiner herzlichen Freude lachte und plau⸗ derte mit Beiden, war beider„Kavalier,“ ohne daß man nur im allergeringſten merken konnte, daß er einer von beiden den Vorzug gab. Paul's Herz war noch immer verſchloſſen durch ſeine erſte Liebestrauer, und ohne daß er ſo oft wie früher an Nora dachte, fühlte er ſich dennoch nicht ver⸗ ſucht, ihrer Erinnerung ungetreu zu werden.„Nichts kann jemals ſo lieb werden, wie das Alte!“ pflegte er bisweilen zu ſich ſelbſt zu ſagen; und gegen dieſe Ueber⸗ zeugung, die ſo feſt war, daß ſie gegen neue Eindrücke einen ſichern Schild bildeten, verſchoſſen die Rathsherrin und die Zollſchreiberin vergebens ihre geſpitzten Pfeile doch hatten ſie jetzt von dem Widerſtande noch keine Ahnung. Aber noch ehe Knut*) das Weihnachtsfeſt aus⸗ kehrte, hatte Frau Hamrin ſchon bemerkt, von welcher Himmelsgegend der warme Sommerwind wehte, und über dieſen kitzlichen und mißlichen Gegenſtand den Rath ihres Freundes, des Magiſters, gehört. Dieſer Rath lautete folgendermaßen:„Frau Couſine! halten ) Name des 13. Jannars im ſchwediſchen Kalender, dem zwanzigſten Tage nach Weihnachten, der daher auch der zwanzigſte Tag(Tjugondedagen) genannt wird, und anß dem man das Weihnachtsfeſt mit Tanz beſchließt. Der heil. Dreikönigstag(der 6. Jan.) heißt der dreizehnte Tag(Treuondedagen) und iſt ein hoher Feſttag. A. d. U. ——Q˖—᷑—ꝭ—ę—C—Q—QęQ—Q—Q—.Q=—— Sie dem kommt er ſchichten, verſäumt Dieſ ein kräfti des Weihr tagsleben traf es ſe nahm, ol mitbracht herabließ, dem nette „O,“ gewiſſe E nachten it eine Frei alles alle iſt, Gott liches Ver laufen ſol Aber Geſellſcha eſſen, und nöthig ha ben, was ſchwerlicht wegen ho war. Herr der armen den Weg An d nicht halte Verdruſſe Herr Par Zimmer ſ lbsbraten ickte. reikönigs⸗ sſchmaus, Guſtafwa ſche Wohl eals gute as auf die um Paul und plau⸗ ohne dag , daß er oſſen durch ſo oft wie h nicht ver⸗ 1.„Nichts pflegte er dieſe Ueber⸗ e Eindrücke Rathsherrin ten Pfeilez e noch keint htsfeſt aut⸗ von welchet wehte, und enſtand den —— ſine! halten Kalender, dem aher auch der pird, und an eſchließt. Der er dreizehnie iig. Ja. d. U. aört. Dieſet 303 Sie dem Burſchen den Daumen auf das Auge! Danm kommt er mit einer von den Schlampen in Liebesge⸗ ſchichten, ſo können Sie überzeugt ſein, daß die Arbeit verſäumt wird!“ Dieſe weiſen Worte beſtätigte Frau Hamrin durch ein kräftiges Amen. Und nachdem nach Beendigung des Weihnachtsfeſtes das gewöhnliche Arbeits⸗ und All⸗ tagsleben ſeinen alten Gang wieder angenommen hatte, traf es ſelten ein, daß Paul an den Abendpartien Theil nahm, obgleich die beiden Mütter ſehr oft ihre Töchter mitbrachten und man ſogar einigemal ſich ſo weit herabließ, daß man gleichſam im Vorbeigehen ſich nach dem netten Herrn Paul erkundigte. „O,“ antwortete da Frau Hamrin nicht ohne eine gewiſſe Spitzigkeit in der Stimme,„mit den Weih⸗ nachten iſt auch ſeine Freiheitszeit aus! Wenn er jetzt eine Freiſtunde hat, was ſelten eintrifft, da er nun alles allein machen muß, ſo ſitzt er und lieſ't, und er iſt, Gott Lob, zu verſtändig, als daß er ein ſo nütz⸗ liches Vergnügen verſäumen und ohne Nutzen umher⸗ laufen ſollte.“ Aber an den Abenden, da Frau Gundla keine Geſellſchaft hatte, wurde Paul eingeladen, unten zu eſſen, und zwar aus der Urſache, weil man dann nicht nöthig hatte, die Speiſen die Treppen hinauf zu tra⸗ hen, was zu den Zeiten des ſeligen Faktors das Be⸗ ſchwerlichſte geweſen war, was man aber doch ſeinet⸗ wegen hatte thun müſſen, weil er alt und kränklich war. Herr Paul dagegen hatte junge Beine und konnte der armen Siri, die von der Gicht geplagt war, wohl den Weg ſparen.— An den Sonntagsnachmittagen aber ließ ſich Paul nicht halten, und zu ihrer tiefſten Unruhe und größtem Verdruſſe erfuhr die gute Frau bald durch Siri, daß Herr Paul, der ihrer Vermuthung nach auf ſeinem Zimmer ſas, ſtatt deſſen beim Zollſchreiber oder dem 304 Rathsherrn ſaß und mit der Jugend ſchwarzen Peter oder ein anderes unterhaltendes Geſellſchaftsſpiel ſpielte. „Nein!“ rief Frau Hamrin aus, da dieſe Neuig⸗ keit durch genannten Kanal zu ihr gelangte,„nein, das darf nimmermehr geſchehen! Er iſt ein ſo guter Menſch, dieſer geſetzte und liebenswürdige Jüngling, daß es wirklich ein Gräuel wäre, den ich nimmermehr vor Gott verantworten könnte, wenn ich zugäbe, daß er in's Verderben geriethe— und was kann ſonſt in ſo ſchlechter Geſellſchaft geſchehen? Carl und Andres find bekannt genug für das, was ſie ſind, und bekom⸗ men ſie Einfluß auf Paul, ſo kann es leicht vorbei ſein mit allem Guten, das er jetzt zeigt... Das kann alſo nicht ſo bleiben: ich will, ich muß— ja ich muß ihn retten, auf irgend eine Art retten!“ Und Gundla betonte ſehr ſtark die Worte„auf irgend eine Art.“ Dieſe Art hatte, ohne daß die gute Frau ſich dar⸗ über hatte Rechenſchaft ablegen wollen, ihr ſchon lange vorgeſchwebt. Aber der Unterſchied zwiſchen ihren fünf⸗ zig und Paul's vier und zwanzig Jahren hatte ſie bis jetzt bewahrt, allzu tief in ſolche gefährlichen Gedanken zu gerathen. Jetzt wurde es jedoch anders, da ſie ſich ſelbſt durch den Glauben hinter das Licht führen konnte, daß ſie durch eine ſolche Aufopferung eine gute That vollbrächte und natürlicher Weiſe auch ihrem Hauſe den ökonomiſchen Vortheil bewahrte. Sie dachte folgender Maßen:„Verliebt ſich Paul, ſo verſäumt er mir ſeine Geſchäfte, und will ſtatt deſ⸗ ſen ſeinem Mädchen nachgehen; binde ich ihn dagegen durch unauflösliche Bande an meine Perſon und mein Haus, ſo gehört er mir und meinem Hauſe, und ich bin üͤberzeugt, der gute Junge wird gut und liebevoll gegen mich werden— und glücklich muß gewiß auch er werden, denn obgleich ich nicht mehr jung bin, ſo bin ich doch auch ſo fürchterlich altz noch nicht, und mit demjenigen, was ich ihm mitbringe, muß doch b wohl eine Gelbſchna Alles aber zum Lage gezw verlaſſen, wöhnlich, zu wenden ſondern ih ſich ſelbſt del, noch ſtens nicht das heißt, gam alles Es m eigentlichen hatte, mit Vermögen Jüngling z dung keine es jedoch über deren bleiben mu immer an „das Schic welche dieſe er ſeines g. ſen wäre. Eine a in der beſtn ſie aus freie thum in die linges zu m gierenden S licher Weiſe geht. Paul Wärt zen Peter el ſpielte. ſe Neuig⸗ e,„nein, ſo guter Jüngling, nmermehr gäbe, daß m ſonſt in d Andres d bekom⸗ ht vorbei Das kann rich muß orte„auf ſich dar⸗ chon lange hren fünf⸗ tte ſie bis Gedanken da ſie ſich en konnte, ggute That Hauſe den ſich Paul, ſtatt deſ⸗ 305 wohl eine ſolche Ehe einmal beſſer ſein, als mit einem Gelbſchnabel, der eben ſo arm iſt, wie er ſelbſt.“ Alles dieſes bedachte und erwog Frau Gundla; aber zum erſten Male ſah ſie ſich in einer bedenklichen Lage gezwungen, ſich allein auf ihr eigenes Urtheil zu verlaſſen, denn es fehlte ihr der Muth, ſich, wie ge⸗ wöhnlich, an den würdigen Hausfreund, den Magiſter, zu wenden; vielleicht würde er ſie nicht nur tadeln, ſondern ihr auch vielleicht abrathen. Sie mußte daher ſich ſelbſt rathen, denn ſie wollte ſich weder dem Ta⸗ del, noch abrathenden Rathſchlägen ausſetzen, wenig⸗ ſtens nicht eher, als bis beides zu nichts mehr diente, das heißt, wenn ſie erſt mit dem erwählten Bräuti⸗ gam alles abgemacht hatte. Es möchte nicht leicht ſein, zu erklären, welchen eigentlichen Bewegungsgrund Frau Hamrin's Abſicht hatte, mit ihrer fünfzigjährigen Hand und mit dem Vermögen des ſeligen Herrn Hamrin einen armen Jüngling zu beglücken, der auf eine ſo hohe Verbin⸗ dung keine Anſprüche machen konnte. Wie bekannt gibt es jedoch eine Menge von Verirrungen in der Welt, über deren innern Urſprung man ſtets in Ungewißheit bleiben muß, ſofern man nicht den für gewiſſe Zufälle immer anwendbaren Glauben annehmen darf, daß „das Schickſal“ den Menſchen zu Handlungen treibt, welche dieſer gewiß nicht begangen haben würde, wenn er ſeines guten Verſtandes vollkommen mächtig gewe⸗ ſen wäre. Eine alte Frau, die hinſichtlich ihres Vermögens in der beſtmöglichſten Lage iſt, muß ganz gewiß, wenn ſie aus freien Stücken bemüht iſt, ſich und ihren Reich⸗ thum in die Arme eines jungen und ungeprüften Jüng⸗ linges zu werfen, unter dem Einfluſſe eines alles re⸗ gierenden Schickſales ſtehen. Und dieſes erhält natür⸗ liher Weiſe zuletzt die ganze Schuld, wenn es ſchief geht. Paul Wärning. 20 306 Genug, Frau Hamrin war unter den Richterſtuhl des Sckickſales gerathen. Sie fühlte, daß es ihr nicht möglich war, laͤnger dagegen anzukämpfen; ſie fügte ſich daher lieber gutwillig und ſuchte ihrem Ziele ſo allmälig näher zu kommen. Vor allen Dingen erklärte ſie zuerſt, es gefiele ihr nicht recht, daß Paul ſich mit ſolchen„ungehobel⸗ ten und wirklich ſchlechten Burſchen,“ wie dem Carl des Zollſchreibers und dem Anders des Rathsſchreibers abgäbe. Der Faktor, deſſen Beiſpiel(das wußte ſie) Paul ſehr hochachtete, hatte dieſe Junker nie leiden können— und der ſelige Faktor war gewiß ein Kerl geweſen, der da wußte, was er ſagte und that. „Ja, das läßt ſich gewiß nicht bezweifeln!“ ent⸗ gegnete Paul.„Aber ſie können ſich ja ſeit der Zeit geändert haben, und das werden ſie auch wohl gethan haben, denn ich habe an ihnen nie etwas Böſes ge⸗ funden— ſollte ich aber etwas anderes merken, ſo werde ich mich ſchon zurückziehen!“ Frau Hamrin huſtete und ſah höchſt unzufrieden aus.„Wahrlich,“ antwortete ſie nach einigem Still⸗ ſchweigen,„Herr Paul, es wäre beſſer, wenn ſie mei⸗ nen Worten und meiner Erfahrung etwas mehr trauen wollten! Ein Jüngling kann ſelten der Verführung ſelbſt entgehen, denn ſie hat leider immer eine lockende Farbe.“ 3 „Aber, wenn ich fragen darf: was für eine Art von Verführung iſt denn das? Die Burſchen ſind ſel⸗ ten zu Hauſe, und darum ſitze ich den ganzen Sonntags⸗ nachmittag allein bei den Mädchen und ſpiele ſchwar⸗ zen Peter oder ein anderes Geſellſchaftsſpiel und lache und plaudere mit ihnen über allerlei Kleinigkeiten— was für Böſes kann darin liegen?“ Aber gerade darin lag eigentlich das Böſe. Doch war es der Frau Gundla ſchwer, die Schuld auf die Mädchen zu ſchieben; ſie begnügte ſich daher damit, Paul's Frage unbeantwortet zu laſſen und lieber ſelbſt eine zu m ſchaft gege ich Ihnen Rathe folg „Ehe thun ſoll?⸗ „Brec ſchreiber un her erkläre ſein, daß ſchieht, ja Paul gnügte So⸗ ſagte er na nen ſagen, würde es j Hauſe ſitzen treiben ſolll „Das len es ſo e wenn es ſo und unterhe⸗ nicht mehr chende Geſe Zeitvertreib Paul e leben ihn m er ſich vorſt Vorten ſein Fehler beſſer ſo glaubte e ſein, daß ſie „Beſte glaube, daß bin, Vergnü⸗ gerne wenig dem andern chterſtuhl ihr nicht ſie fügte Ziele ſo s geſiele ngehobel⸗ dem Carl sſchreibers wußte ſie) ein Kerl at. n!“ ent⸗ der Zeit hl gethan Böſes ge⸗ nerken, ſo eine zu machen.„Herr Paul! wollen Sie aus Freund⸗ ſchaft gegen mich und um der Freundſchaft willen, die ich Ihnen immer erzeigt habe, in einer Sache meinem Rathe folgen?“ „Ehe ich ja ſage, erfahre ich doch wohl, was ich thun ſoll?“ wendete Paul ein. „Brechen Sie allen beſondern Umgang beim Zoll⸗ ſchreiber und Rathsherrn ab! Ich kann mich nicht nä⸗ her erklären, aber, Herr Paul! Sie können überzeugt ſein, daß es aus Sorge für Ihr eigenes Beſtes ge⸗ ſchieht, ja wahrlich aus keinem anderen Grunde.“ Paul ſah unzufrieden aus.„Ich habe einige ver⸗ gnügte Sonntage gehabt, wenn ich dageweſen bin!“ ſagte er nach kurzem Schweigen.„Denn ich will Jh⸗ nen ſagen, die Jugend iſt gerne zuſammen, und mir würde es jetzt ſehr ſchwer werden, wenn ich allein zu Hauſe ſitzen oder mich allein auf der Straße umher treiben ſollte.“ „Das ſoll nicht nöthig ſein, Herr Paul! Wir wol⸗ len es ſo einrichten, daß es gar nicht nöthig iſt. Denn wenn es ſo iſt, daß meine Geſellſchaft oder ein gutes und unterhaltendes Buch auf Ihrem Zimmer Ihnen nicht mehr hinreicht, was Ihnen doch früher hinrei⸗ chende Geſellſchaft war, ſo will ich auf einen andern Zeitvertreib denken.“ Paul erröthete: er fühlte, daß das Geſellſchafts⸗ leben ihn mit weit größerer Macht ergriffen hatte, als er ſich vorſtellte, und da er nun geneigt war, aus den Vorten ſeiner Herrin einzuſehen, daß ſie dieſen ſeinen Fehler beſſer durchſchaut hatte, als er ſelbſt es gekonnt, ſo glaubte er auch ihr großen Dank dafür ſchuldig zu ſein, daß ſie ihn darauf aufmerkſam gemacht hatte. „Beſte Frau,“ ſagte er offen und herzlich,„ich glaube, daß ich in der letzten Zeit zu eifrig geweſen bin, Vergnügungen zu ſuchen und will daher recht gerne wenigſtens den einen Sonntagsnachmittag nach dem andern zu Hauſe bleiben, denn da kann kein 308 Menſch anders ſagen, als daß es mit Billigkeit und Raiſon geſchieht.“ Die gute Frau lächelte vor Freuden, daß ſie ſchon den Triumph gehabt hatte, ſo viel auf Paul einzuwir⸗ ken. Sie hielt es ſchon für abgemacht, daß ſie dahin kommen würde, ihn nach Gefallen zu leiten. Am folgenden Sonntage blieb Paul zu Hauſe. Nach Mittage las er:„Vela, oder die unſichtbare Be⸗ gleiterin,“ welches Buch Frau Hamrin ſelbſt aus der Leihbibliothek genommen und ihm am Mittage gegeben hatte, und am Abende, nachdem er zum Thee eingela⸗ den worden, ſpielte er mit ſeiner zärtlichen Herrin zum erſten Male ganz allein Karten und noch dazu Mariage. Wenn ihm dieſes Spiel auch nicht ſo luſtig und leb⸗ haft vorkam wie die Spiele in dem jugendlichen Kreiſe, ſo war er dennoch auf jede Weiſe aufmerkſam, denn er wollte ſich für die ihm bewieſene mütterliche Güte ſeiner Herrin dankbar beweiſen. Als bald darauf Zollſchreibers Carl und Raths⸗ herrns Andres zu Paul kamen, mußte er eine Menge Sticheleien über ſeine Dummheit und Einfalt, daß er nach der„Altſchen“ fragte, einſtecken; noch dazu wurde er mit guten Rathſchlägen bewirthet, wie er ſich hei ihr anſtellen und belugſen ſollte. Da jedoch Paul für ein ſolches Spiel zu ehrlich war, ſo begnügte er ſich damit, ſich über ſeine Weigerung auf die weiſen Vor⸗ ſchläge einzugehen, auslachen zu laſſen. „Ich ſehe nun,“ dachte Paul, da die jungen Her⸗ ren gegangen waren,„daß der Faktor und die Frau Recht hatten— den Spottvögeln iſt nicht zu trauen! Aber ſo mußten ſie auch mit langen Naſen abziehen, denn ſie ſollen ſich nicht rühmen, daß ſie mich am Bande leiten können wie einen Hund; ich gehe weder rechts noch links weiter, als ich ſelbſt will— das iſt ganz beſtimmt!“ Und Paul, begeiſtert von ſeinem guten Gewiſſen, ſang unter Fortſetzung ſeiner Buchbinderarbeit mit fröh⸗ lichem M ches Pette ſtimmte: „Ich ſc An's O Und rit Frau wie vorſie an ihre 2 eine kleine milien un dieſen Zu ſehen, wi und der 5 licheres V ſtählt war „Wer lächelte F. recht ſehe, Als n Herrin faf um Petter eines neue ackers, in naden wur gefragt, un eines ſogen ter den Be eben ſo n Herr Wär dem Blum Das, und er arb um ſo frül gkeit und ſie ſchon einzuwir⸗ ſie dahin zu Hauſe. tbare Be⸗ t aus der ge gegeben e eingela⸗ Mariage. und leb⸗ hen Kreiſe, aam, denn liche Güte ud Raths⸗ ne Menge ngen Her⸗ die Frau u trauen! abziehen, Gewiſſen, mit fröh⸗ 309 lichem Muthe ſein altes„ungereimtes“ Lied, in wel⸗ ches Petter Knopf, der bei der Preſſe ſtand, luſtig ein⸗ ſtimmte: „Ich ſattelt' den Stiefel, ich wichſet' mein Roß, An's Ohr da ſchnallt' ich die Spornen, Und ritt durch die Sonn', wo der Wald untergeht ¹ u. ſ. w. u. ſ. w. Frau Hamrin betrug ſich inzwiſchen eben ſo klug wie vorſichtig. Sie feſſelte den Paul nicht allzu ſehr an ihre Perſon, ſondern lud jeden zweiten Sonntag eine kleine Geſellſchaft zu ſich ein, ſo daß alle drei Fa⸗ milien unter ihren Augen zuſammen waren. Und bei dieſen Zuſammenkünften hatte ſie das Vergnügen zu ſehen, wie Paul gegen alle Künſte der Rathsherrin und der Zollſchreiberin, ihn in ein näheres und zärt⸗ licheres Verhältniß zu ihren Töchtern zu bringen, ge⸗ ſtählt war. „Werft Ihr nur Eure Netze aus, meine Frauen ⸗ lächelte Frau Gundla ganz im Stillen.„Wenn ich recht ſehe, ſo geht der Fiſch nicht hinein.“ Als nun der Frühling kam, ſo mußte Paul ſeine Herrin faſt jeden Abend nach dem„Glücke“ begleiten, um Petter Knopfs prächtige Anlagen, nämlich bald eines neuen Kartoffellandes, bald eines kleinen Erbſen⸗ ackers, in Augenſchein zu nehmen. Auf dieſen Prome⸗ naden wurde Paul über verſchiedene Dinge um Rath gefragt, und da er die Anlage einiger Raſenbänke und eines ſogenannten Luſthauſes vorſchlug, ſo erhielt Pet⸗ ter den Befehl, Herrn Wärning dabei zu helfen, und eben ſo wünſchte Frau Hamrin ſelbſt, daß beſagter Herr Wärning ihr bei dem Verſetzen der Blumen in dem Blumenbeete behülflich ſein möchte. Das„Glück“ wurde bald Pauls Lieblingsplätzchen und er arbeitete des Tags doppelt fleißig, damit er um ſo früher des Abends hinaus eilen und mit Petter, 310 dem ehrlichen lieben Petter Knopf, graben und pflanzen konnte; dieſer ſah den Paul ſo herzlich gerne bei ſich und es war ihm die größte Freude, wenn der Balg, Pauls beſtimmter Vorbote, über den Zaun geſprungen kam, und mit ſeinen luſtigen und heftigen Liebkoſungen die Ankunft ſeines Herrn verkündigte. Für dieſe an⸗ genehme Nachricht erhielt denn auch der teſtamentirte Günſtling des Faktors gewöhnlich einen Biſſen Brod von Petters erſpartem Mittagseſſen. Bisweilen ſtellte Frau Hamrin kleine Kaffeeſchmäuſe im Grünen an, bei welchen Gelegenheiten das letzte Paar heraus und das„Grasbinden“ zu den Vergnü⸗ gungen gehörten. Paul meinte, er hätte es in ſeinem Leben nicht beſſer gehabt und aus Dankbarkeit gegen ſeine vortreffliche Gebieterin wurde er immer freund⸗ licher und aufmerkſamer auf ihre Wünſche. Die wun⸗ derlichen Gedanken, die er zufolge der Andeutungen Petters eine Zeitlang gehabt hatte, waren nun ver⸗ ſchwunden, und er machte ſich oft den Vorwurf, daß er es gewagt hatte, auf ſo kühne und dummdreiſte Ge⸗ danken zu verfallen, die ſicherlich aus der Luft gegrif⸗ fen waren. Vierundzwanzigſtes Kapitel. Der Johannismorgen in der Laube. Kafeeſchmaus im Glücke. Verlöbniß und Abſchied. Jetzt kam der Zeitpunkt, an welchem Frau Ham⸗ rin von der Ausſaat ihres Verſtandes und ihres Her⸗ zens zu erndten hoffte. Sie ſah, daß Paul ihr dank⸗ bar zugethan war, ſie konnte für's Erſte nicht mehr begehren auf Achtt Sch Tag ihre regeln ge Pau tung der Laube au nismorge mit Blur eine Luſt nie präch ſo hatte ſtolzirt, o rin wollt fiven Sit Laub in Dem ten ſich d Laube, 1 ſondern c Freudentc des Feſtes und die§ back zu e⸗ Wäh ſprochen, Hamrins kommende ter aber mit Karit „Nur Hamrin z ſchönen A Petter, de gehen ſoll d pflanzen ne bei ſich der Balg, geſprungen ebkoſungen dieſe an⸗ ſtamentirte liſſen Brod feeſchmäuſe das letzte n Vergnü⸗ in ſeinem rkeit gegen ner freund⸗ Die wun⸗ ndeutungen nun ver⸗ ihres Her⸗ l ihr dank⸗ im Glücke Frau Ham⸗ nicht mehr begehren und auf nicht mehr Rechnung machen, als auf Achtung, Dankbarkeit und Anhänglichkeit. Schon längſt hatte ſie den Johannistag als den Tag ihrer Verlobung erſehen und darnach ihre Maß⸗ regeln genommen. Paul hatte Petter mit allem Fleiße in der Errich⸗ tung der gewöhnlichen Jahresüberraſchung, der großen Laube auf dem Hofe, geholfen. Und jetzt am Johan⸗ nismorgen ſtand dieſelbe ſo friſch und in allen Ecken mit Blumenkränzen und Sträußen geſchmückt, daß es eine Luſt und eine Freude war. War aber die Laube nie prächtiger und geſchmackvoller geweſen als heute, ſo hatte auch noch nie ein prächtigerer Kaffeetiſch darin ſtolzirt, als gerade an dieſem Morgen, denn Frau Ham⸗ rin wollte Pauls Augen mit ihrer großen Menge maſ⸗ fiven Silbers blenden, welches auch unter Blumen und Laub in der Sonne glänzte. Dem herkömmlichen Gebrauche gemäß, verſammel⸗ ten ſich die Mitgliever des Hauſes zum Kaffee in der Laube, nicht nur die Herrin und ihr Auserwählter, ſondern auch Siri und Petter Knopf; ja an dieſem Freudentage war Keinem der Zutritt zu dem Anfange des Feſtes verweigert: alſo waren auch der Hund Balg und die Krähe Karin mit, um ſich zu ſonnen und Zwie⸗ back zu eſſen. Während des Kaffeetrinkens wurde nicht viel ge⸗ ſprochen, was auch nicht ſo wunderlich war, da Frau Hamrins Gedanken von dem wichtigen Erfolge der kommenden Stunde beſchäftigt waren. Siri und Pet⸗ ter aber plauderten über das Wetter und Paul ſpielte mit Karin. „Nun kannſt Du abtragen!“ ſagte endlich Frau Hamrin zu Siri, und dieſe verſchwand bald mit der ſchönen Augenweide. Aber Petter Knopf, der dumme Petter, der nicht begreifen konnte, daß er ſeines Weges gehen ſollte, ſtand eigenſinnig feſt am Eingange und 312 doch hatte die Frau ſich zwei⸗, wo nicht dreimal für die Ueberraſchung bedankt. Die alte gute Frau Gundla ſchwitzte ſowohl vor Wärme, als auch vor Unruhe. Manchmal warf ſie ſo⸗ gar einen Blick auf den Petter Knopf, dann aber ſah dieſer in die Höhe. Man mußte das Eis brechen.„Petter! geh in meine Schlafſtube und hole mir die Poſtille— ich will Herrn Paul die Predigt laut vorleſen.“ „Darf ich nicht auch mit zuhören?“ fragte Petter mit einer herzlich einfältigen Miene und warf einen bittenden Blick auf die Frau. Doch nach kurzem Nach⸗ denken antwortete dieſe:„Das könnteſt Du meinet⸗ halben recht gerne, mein lieber Petter, aber ich fürchte nur, unſer guter Paſtor könnte es übel nehmen, wenn er an dieſem Feſttage alle Mitglieder meines Hauſes vermiſſen müßte.“ Petter warf Paul einen greinenden Blick zu und entfernte ſich. Frau Gundla merkte nichts, denn ihre Gedanken waren an einem andern Orte. Paul aber, der gewiß lieber in die Kirche gegangen wäre, wollte dennoch nicht dem Wunſche ſeiner Herrin, ihn zu Hauſe zu erbauen, entgegen ſein, und ſprach daher ſeinen Wunſch gar nicht aus. Noch dazu war es in der Laube ſo angenehm und ſo ſchön und Paul meinte, wenn Frau Hamrin Gottes Wort laut las, was ſie des Sonntags bisweilen zu thun pflegte, die Stimme ſeiner geliebten Mutter zu hören. Petter kam mit der Poſtille, erhielt aber ſogleich einen andern Auftrag, der ihm nicht erlaubte, wieder zu kommen. Jetzt aber fühlte Frau Hamrin ſich allzu aufge⸗ regt, als daß ſie leſen konnte. Nachdem ſie eine Weile in Nachdenken verloren geſeſſen und die Blätter hin und her gewendet hatte, legte ſie das Buch weg und ſagte plötzlich, mit Ausſchließung des Herrentitels und einer faſt mütterlichen Zärtlichkeit:„Lieber Paul! wenn ich Willens wäre, Dich zu meinem Erben zu machen, würdeſt D Lebelang l Pauls eine Ausſie höher wün Blut wohl Frau!“ ſa iſt wohl ni zu ſolchen und würdit „Ich! Paul, vie daß Du rec „Das Meine eige Gevatterin mit mir me „Ich g ſo iſt man eigenes Bef „Ja w einig— da Traube ver Herrgott iſt hat mich in „Gott ein guter u ſagen, daß Gute lieber hat, denn ic Stande ſein „Nein! der alten Fr einer ſo gro jenigen mit mich gethan Aber das iſt eimal für vohl vor arf ſie ſo⸗ aber ſah ! geh in Ue— ich te Petter darf einen eem Nach⸗ t meinet⸗ ch fürchte nen, wenn es Hauſes ick zu und l aber, der te dennoch Hauſe zu en Wunſch Laube ſo benn Frau geliebten n machen, denn ihre (Sonntags würdeſt Du dann wohl von Herzen gerne Dein ganzes Lebelang bei mir bleiben wollen?“— Pauls Antlitz färbte ſich hochroth, denn das war eine Ausſicht, die in einem armen Jungen, der nichts höher wünſchte, als ſein eigener Herr zu werden, das Blut wohl in Gährung ſetzen konnte.„Wie, theuerſte Frau!“ ſagte er vor Verwunderung ſtotternd:„Das iſt wohl nur Scherz und Spiel? Denn ich habe mich zu ſolchen Gedanken gewiß nicht im mindeſten werth und würdig machen können.“ „Ich habe viele Gedanken für Dich, mein guter Paul, viele Gedanken— und ich will nur wünſchen, daß Du recht verſtehſt, wie gut ich's mit Dir meine!“ „Das ſehe ich recht gut, ſo dumm bin ich nicht! Meine eigene Mutter und meine zweite Mutter, die Gevatterin auf dem Knipps, konnten es nicht beſſer mit mir meinen.“ „Ich glaube das auch; aber wenn man jung iſt, ſo iſt man kurzſichtig und verſteht nicht immer ſein eigenes Beſtes.“ „Ja wohl, Jugend und Weisheit ſind nicht immer einig— das habe ich gut genug erfahren, als ich die. Traube verließ und mich auf Abenteuer begab! Unſer Herrgott iſt aber doch gnädig gegen mich geweſen und hat mich in ein ſo gutes Haus gebracht.“ „Gott ſei Dank, daß Du das erkennſt! Du biſt ein guter und braver Jüngling und ich kann Dir gerne ſagen, daß ich keinen Menſchen kenne, dem ich das Gute lieber gönne, mit dem der Herr mich geſegnet hat, denn ich bin überzeugt, daß Du nimmermehr im Stande ſein könnteſt, mir mit Undank zu lohnen!“ „Nein!“ rief Paul und ergriff ehrlich die Hand der alten Frau,„lieber wollte ich mich aufhenken, als einer ſo großen Sünde ſchuldig machen, daß ich Der⸗ jenigen mit Undank lohnte, die alles in der Welt für mich gethan hat, was ich gar nicht verdient habe... Aber das iſt unmöglich, ganz unmöglich!“ 314 „Nein, gewiß nicht, mein lieber Paul! Aber es gibt nur eine Art, auf welche ich Dein Glück und Fortkommen befördern kann, ohne mir ſelbſt zu ſcha⸗ den... Ich bin alt, vielleicht könnteſt Du bald eine beſſere Wahl treffen— aber ſo wie ich bin, wenn Du mich nicht verſchmähſt, führe ich Dir alles zu, was ich habe und beſitze, und Du wirſt Herr über Alles, über das Haus, die Druckerei, das Glück, das Mobiliarver⸗ mögen und das Kapital, welches ich auf Zinſen aus⸗ geliehen habe!“ Alle dieſe vielverſprechenden Worte, ſo ſtarken Klang ſie auch in Pauls Ohren haben mußten, hatten doch der Hauptmeinung nicht ihre Kraft und Wirkung genommen. Pauls Kopf ruhte in ſeiner Hand, die Augen auf der Erde. Seine Verlegenheit war unaus⸗ ſprechlich peinigend und ſeine Gemüthsbewegung in dem erſten Augenblicke ſo groß, daß er kaum eines Gedankens mächtig war. Sich Selbſtſtändigkeit und alles irdiſche Gut da⸗ durch zu kaufen, daß er einem alten heirathsluſtigen Weibe ſeine Treue, ſeine Freiheit und Jugendfreude verkaufte, dazu konnte er ſich nicht entſchließen, demn ſo ſehr er auch Unabhängigkeit und Aus kommen ſchätzte, ſo ſchätzte er doch ſeine Freiheit noch höher, wenn er derſelben auf dieſe Weiſe beraubt werden ſollte; und er zitterte bei dem bloßen Gedanken, ſich für ſeine Le⸗ benszeit an eine grauhaarige und zahnloſe Matrone feſtſchmieden zu laſſen, und wäre ſie auch ein Engel an Verſtand und Güte und reich an allen Gütern der Erde. „Nein,“ ſagte Paul in ſeinem Herzen,„eine Ehe ohne Liebe taugt nichts! Mit Nora hätte ich hungern können, und hätte ſie die meinige werden wollen, ſo hätte ich mit Freuden für ſie arbeiten wollen, bis mir das Blut aus den Fingern geſpritzt wäre. Aber die alte Frau zu meiner Liebſten.... nein, das halte ich nicht aus— denn gleiche Kinder ſpielen am beſten!“ Das Lage zu b und ſich it Da e liches Her einem und ſo verbliel Eindruck, konnte jan eben ſo gi Frau Gun eine langſc Paul er wohl a kein guter der ganze beinahe an noch dazu blitzende 2 dadurch n halten, de ben, wenn bleiben ſoll haften Se nem Lächel an einem 4 Paul mach ſer Leichtſin Frau höch ernſte Mien wartungsvo „Verze nung zuerſt verſtanden Sie bitten, men, wen Aber es Glück und ſt zu ſcha⸗ bald eine wenn Du i, was ich lles, über obiliarver⸗ inſen aus⸗ ſo ſtarken ten, hatten d Wirkung Hand, die dar unaus⸗ vegung in kaum eines e Gut da⸗ athsluſtigen ugendfreude ßen, denn nen ſchätzte, , wenn er ſollte; und ſrr ſeine Le⸗ e Matrone ein Engel Gütern der eine Ehe ich hungern wollen; ſo n, bis mir 1. Aber die is halte ich im beſten!“ Das waren die Gedanken, welche, da Paul ſeine Lage zu begreifen vermochte, ihm durch den Kopf flogen und ſich in ſeinem Herzen geltend machten. Da er jedoch allzu dankbar war, und ein zu ehr⸗ liches Herz hatte, als daß er die Frau Hamrin mit einem unbedachtſamen Worte hätte beleidigen wollen, ſo verblieb ſie ziemlich lange in Ungewißheit über den Eindruck, den ihr Anerbieten gemacht hatte: denn es konnte ja möglich ſein, daß Paul's ſichtbare Ueberraſchung eben ſo gut ein gutes, als ein böſes Zeichen war. Arme Frau Gundla! Ihre Geduld und Ungeduld wurden auf eine langſame Probe geſetzt. Paul grübelte, daß ihm der Kopf ſchmerzte, wie er wohl am beſten antworten ſollte, und doch wollte kein guter Rath kommen. Vielleicht dachte er, daß der ganze Vorſchlag ein wenig lächerlich war, und beinahe an ein Abenteuer grenzte, und da er nun noch dazu durch die Zweige der Laube Petter Knopf's blitzende Augen erblickte, ſo wurde ſeine Verlegenheit dadurch noch größer, und er konnte ſich kaum ent⸗ halten, den Mund zu verziehen. Man muß zuge⸗ ben, wenn es gefordert wird, daß man ernſthaft bleiben ſoll, bei einer Sache, die ihre weniger ernſt⸗ haften Seiten hat, ſo iſt nichts anſteckender zu ei⸗ nem Lächeln, als der Anblick einer lächerlichen Miene an einem Orte, wo man eigentlich nichts ſehen ſollte. Paul machte ſich jedoch ſogleich den Vorwurf, daß die⸗ ſer Leichtſinn dem bewieſenen Wohlwollen der guten Frau höchſt unwürdig wäre, und indem er eine völlig ernſte Miene aufſetzte, erhob er ſeine Augen zu der Er⸗ wartungsvollen und antwortete: „Verzeihen Sie, liebſte Frau, wenn ich Ihre Mei⸗ nung zuerſt nicht verſtand! Aber nun, da ich Sie recht verſtanden und Alles genau bedacht habe, ſo will ich Sie bitten, daß Sie ſo gütig ſind und nicht übel neh⸗ men, wenn ich⸗ſo rein und aufrichtig ſage, was ich — 316 über dieſe Sache denke, wie Sie von mir zu fordern das Recht haben— erlauben Sie mir das?“ Da Paul hier inne hielt, ſo mußte Frau Hamrin eine Antwort geben; doch gab ſie dieſelbe nur mittelſt einer ſtummen Bewegung des Kopfes. „Nun gut, dann ſollte ich rein heraus ſagen, daß ich mich für viel zu jung und unwürdig erachte, einen ſo großen und vornehmen Antrag anzunehmen. Nie⸗ mals würde ich fehlen in der Ehrfurcht und Dankbar⸗ keit, aber wir würden nie Glück zuſammen haben kön⸗ nen wegen des großen Unterſchieds, der in dem Alter liegt, und darum ſo iſt meine Meinung, wenn Sie nicht übel nehmen, daß wir mit der„Heiraths⸗Spekulation“ nicht weiter fortfahren, ſondern thun, als wenn davon nie geredet oder daran gedacht worden wäre.“ „Du biſt ſehr beſtimmt!“ antwortete Frau Ham⸗ rin, und die Schärfe in ihrer Stimme verrieth, in wie hohem Grade ſie ſich beleidigt fühlte. „Ich erhielt ja die Erlaubniß, meine Meinung gerade heraus zu ſagen!“ entgegnete Paul entſchul⸗ digend. „Ja gewiß, hier iſt keineswegs von Zwang die Rede! Denn, wie ich gleich im Anfange ſagte, habe ich nicht auf mein, ſondern auf Dein Wohl geſehen— haſt Du aber auch bedacht, welchen großen Verluſt Du Dir zuziehſt, daß Du Alles von Dir ſtößeſt?“ „Ich weiß recht gut,“ erwiederte Paul,„daß das⸗ jenige, was ich nun abſchlage, viel iſt und weit mehr, als ich je in meinem Leben erwerben kann; aber ich ſehe nicht auf den Reichthum, wenn es auf einen ſo wichtigen Schritt ankommt, wie dieſer iſt, ſondern hier muß die Liebe mit ſein, ſonſt kann Einer gewiß nicht mit Zufriedenheit den böſen und den guten Tag ver⸗ leben.“ „Du ſtehſt alſo ganz feſt bei Deinem Entſchluſſe, Dich nicht zu bedenken?— Willſt Du Bedenkzeit ha⸗ ben? Ich weiß recht gut, daß ich nicht ſo fragen ſollte aber Du b ſein ſollteſt. „Ja, d am beſten, danke ich l keiner ſolche mals ander „Nun, und ich übe erhob ſich n gegangen u brauche Die fallenen nich daß Du ein wieſen hat, Du aber nu für das Bef als morgen andern Dien lich gezeigt, Paul b vorgefallen, können, den jeden Fall f Mit ein erreichte, w ſie an bitter Verdruſſes; „mit ſo gr behandelt w Menſchenlie hängigkeit z bedenke: w verbreitete, freiet und d t fordern 1 Hamrin r mittelſt igen, daß dte, einen en. Nie⸗ Dankbar⸗ aben kön⸗ dem Alter Sie nicht kkulation“ enn davon 7ʃ6 kau Ham⸗ th, in wie Meinung entſchul⸗ zwang die te, habe eſehen— in Verluſt Heſt? „daß das⸗ peit mehr, aber ich f einen ſo ndern hier ſewiß nicht Tag ver⸗ Entſchluſſe, enkzeit ha⸗ aagen ſollte 317 aber Du biſt jung und unerfahrener, als Du eigentlich ſein ſollteſt.“ „Ja, das iſt wahr,“ ſagte Paul,„und das beweist am beſten, daß wir nicht für einander paſſen! Sonſt danke ich herzlich für die Bedenkzeit, doch bedarf es keiner ſolchen, denn es iſt ganz unmöglich, daß ich je⸗ mals anders denken kann, als ich jetzt geſagt habe.“ „Nun, ſo bleibt es dabei— Du haſt ſo gewollt, und ich überrede Dich nicht!“ ſagte Frau Gundla, und erhob ſich nicht ohne Würde. Als ſie ſchon einige Schritte gegangen war, wendete ſie um und fuhr fort:„Ich brauche Dich nicht zu bitten, daß Du von dem Vorge⸗ fallenen nicht ſprichſt, denn Du biſt zu ehrenhaft, als daß Du eine Frau, die Dir ſtets die größte Güte be⸗ wieſen hat, dem Stadtgeſpräche preisgeben willſt! Da Du aber nun gewählt haſt, was Du zu Deinem Glücke für das Beſte hältſt, ſo kann ich Dir heute ebenſo gut, als morgen ſagen, daß Du zum Herbſte Dir einen andern Dienſt ſuchen kannſt, denn Du haſt nun hinläng⸗ lich gezeigt, daß Dir mein Haus nicht anſteht!“ Paul bückte ſich ſchweigend. Nach dem, was jetzt vorgefallen, war er zufrieden, das Haus verlaſſen zu können, denn das bisherige gute Verhältniß war auf jeden Fall für immer dahin. Mit einer angenommenen ziemlich ſtolzen Haltung verließ Frau Hamrin die Laube, ohne weiter einen Blick auf Paul zu werfen. Als ſie aber ihr Zimmer erreichte, war es zu Ende mit ihrem Muthe; jetzt fing ſie an bitterlich zu weinen, Thränen der Reue und des Verdruſſes zu weinen: es ſchmerzte ſie tief, daß ſie „mit ſo grauſamer Undankbarkeit“ von einer Perſon behandelt worden war, die ſie aus Barmherzigkeit, aus Menſchenliebe aufgenommen, und zu Glück und Unab⸗ hängigkeit zu verhelfen beabſichtigt hatte.... Denke, bedenke: wenn ſich hievon das Gerücht in der Stadt verbreitete, das Gerücht, daß fie ſelbſt gefreiet— ge⸗ freiet und den Korb erhalten hätte— o welche ewige 318 Schande! Und bei der bloßen Vorſtellung von dem gemeinen Lächeln der Rathsherrin und der Zollſchrei⸗ berin war Couſine Gundla's Herz im Begriff zu brechen. Dazu noch der für den Nachmittag beſtimmte Kaffee⸗ ſchmaus auf dem„Glücke,“ wozu ſchon geſtern die Ein⸗ ladungen ausgefertigt worden waren— konnte ſie ſich nun wohl möglicher Weiſe zeigen, ohne daß die heute Vormittag erlittene Beſchimpfung und Beſchämung auf ihrem Geſichte zu leſen ſtanden? Abſagen zu laſſen, wäre wohl eine Nothhülfe, deren man ſich bedienen konnte; doch die Furcht, dadurch Verdacht zu erwecken, machte ſie verwerflich.„Ach, wie viel Böſes und Sünde und Elend gibt es doch in dieſer Welt!“ ſeufzte Frau Hamrin. Ganz niedergeſchlagen in ihrem Gemüthe, ſetzte ſie ſich in einen Winkel, um den beſten Ausweg zu erdenken, wie ſie ſich aus den Unannehmlichkeiten des Nachmittages retten ſollte, als Jemand den Schlüſ⸗ ſel des äußeren Zimmers umdrehte.„Ha!“ ſagte ſit plötzlich auffahrend,„er hat gewiß bereut, kommt aus freien Stücken, und will um Verſöhnung und Verzei⸗ hung bitten— aber wahrhaftig, nun ſoll es ihm ſchwer werden, Beides zu erlangen! Ich nehme ihn beſtimmt nicht wieder zu Gnaden an, wenn er nicht ganz ver⸗ zweifelt iſt: dann vielleicht aus Barmherzigkeit... Während dieſes ſchnellen Gedankenganges hatte Frau Hamrin's Antlitz eine große Veränderung erlit⸗ ten: trotz ihrer Anſtrengung, ſich das Ausſehen einer verletzten Würde zu geben, ſtrahlten ihre Augen und alle ihre Züge von einer unterdrückten Freude. Aber die Taͤuſchung verſchwand, als nicht Paul, ſondern der ehrenwerthe Zachäus über die Schwelle trat und der Couſine Gundla ein freudevolles Johannisfeſt wünſchte. Frau Hamrin erklärte bei dieſer nichts weniger, als angenehmen Ueberraſchung, daß ſie den ganzen Morgen von ſehr ſtarken Kopfſchmerzen geplagt gewe⸗ ſen wäre, und daß ſie mit Bedauern fürchtete(nämlich ſofern ſie nicht gegen Mittag beſſer würde), ſie müßte zu ihren Fre bemüheten. 2 rige Neuigke zwiſchen ſeine Puls unruhig „So iſt' dieſer Nacht für heute ha ſchwach! „Und ich ſehr betrübt! geweſen— i Ihre Wangen der gute Me genug, zum ſy zu, daß e die Angſt jag Flucht, und u er der Couſit In der große Veränd den Augen w Freund bat, Stunden ruhe ſie zu ſich ſel verſchwunden ſein? 5 hal „Herr Erlauben 97 Ihrem Ehren der mit ſeinen Hamrin in de dieſen Worten daß Paul ihn gen zu bringe „Nein, er ganz vortr on dem llſchrei⸗ brechen. Kaffee⸗ die Ein⸗ e ſie ſich ie heute ung auf laſſen, bedienen rwecken, d Sünde zte Frau hemüthe, Ausweg lichkeiten Schlüſ⸗ ſagte ſie umt aus Verzei⸗ n ſchwer zu ihren Freunden ſchicken, damit dieſelben ſich nicht bemüheten. Der Magiſter war beſtürzt über dieſe trau⸗ rige Neuigkeit, nahm die Hand der Couſine Gundla zwiſchen ſeine beiden und erklärte, daß er wirklich den Puls unruhiger, als er ſollte, ſchlagen fühlte. „So iſt's!“ fiel Frau Hamrin ein.„Ich habe in dieſer Nacht nicht geſchlafen, die geſtrigen Zurüſtungen für heute haben mich ſehr angegriffen— ich bin recht ſchwac! „Und ich,“ ſagte Zachäus gleichſam verwirrt,„bin ſehr betrübt! Sie ſind, ſo viel ich weiß, noch nie krank geweſen— ich bin recht ängſtlich, recht, recht..... Ihre Wangen brennen!“ Und Gott weiß, wie es kam, der gute Magiſter wußte es wenigſtens ſelbſt nicht, genug, zum erſten Male in ſeinem Leben trug es ſich ſo zu, daß er einem Frauenzimmer die Hand drückte; die Angſt jagte die Furchtſamkeit und Blödigkeit in die Flucht, und noch einmal, und dazu noch einmal drückte er der Couſine Gundla die Hand. In der Frau Hamrin ging während der Zeit eine große Veränderung vor: es war, als fiele es ihr von den Augen wie Schuppen, und als ſie ihren würdigen Freund bat, er möchte ſie verlaſſen, damit ſie einige Stunden ruhen und ſich dadurch ſtärken könnte, ſo ſagte ſie zu ſich ſelbſt, da der ſchwarze Rock des Magiſters verſchwunden war:„ſollte wohl er nicht eher der Rechte ſein? Ich habe mich gewiß übereilt....“ „Herr Patron, Gott ſegne Sie, Herr Patron! Erlauben Sie einem armen Diener, daß er Ihnen an Ihrem Ehrentage Glück wünſcht!“ ſagte Petter Knopf, der mit ſeinem Kopfe zum Vorſchein kam, ſobald Frau Hamrin in der Hausthür verſchwunden war. Und bei dieſen Worten lachte Petter aus Herzens Grunde ſo, daß Paul ihn vergebens durch Geberden zum Schwei⸗ gen zu bringen ſuchte. „Nein, meiner Seel'!“ fuhr Petter fort, indem er ganz vortrat,„ich kann nicht ſchweigen!“ Und hie⸗ 320 bei ſtanden ihm klare Thränen in den Augen.„Sie ſah ſo gottesjämmerlich aus, da ſie ging, die arme Frau, daß es mir herzlich leid um ſie that; und ich war „pertinent“ auf dem Sprunge, ſie zu fragen, ob ſie nicht mit mir fürlieb nehmen wollte!“ „Still, Du Dummkopf!“ ſagte Paul ſo ernſt er konnte.„Wenn es auch ein wenig ſonderbar von ihr war, ihre Meinung ſo xein heraus zu ſagen, da ſie ihrer Sache nicht gewiſſer war, ſo iſt ſie doch auf jeden Fall ſowohl meine als auch Deine Gebieterin und hat das Recht, Achtung von uns zu fordern— und ich komme Dir in die Haare, wenn Du über ſie lachſt!“ „Ja denn, nur zu, machen wir uns eine kleine Motion!“ entgegnete Petter Knopf und ſchickte ſich zur Vertheidigung an.„Aber, Herr Paul, erſt noch ein Wort ſo gut wie zwei! Ich ſähe es gerne, wenn wir in Gutem einig werden könnten: unter uns darf ich über ſie lachen, ſo viel ich will— und meiner Treu, es iſt mir nicht möglich, es bleiben zu laſſen, wenn ich daran denke, wie ſie ſich krümmte und ſchlängelte, um mich aus dem Wege zu bekommen— wenn ich aber auch ſelbſt lachen will über das, was lächerlich iſt, ſo ſchlage ich doch dem Arme und Beine entzwei, der da wagt, über ſie zu lachen oder ſie zum Narren zu haben! Und wenn die ganze Stadt ſagte, ſie wäre ſo verrückt geweſen, ſelbſt um den jungen Paul anzu⸗ halten, ſo würde ich mit guter Miene auf meine Ehre verſichern, daß es eine ewige Lüge wäre, welche die Zollſchreiberin und die Rathsherrin geſponnen hätten, weil ſie ihre Jungen nicht hieher bekamen— und das alles würde ich zu Ehren des ſeligen Herrn thun, denn ich bin überzeugt, er würde ſich im Grabe wenden, wenn er allen„Gallmathjas“ wüßte, der nun auf ſeinem Staube geſchehen iſt!“. „Gut, Petter, da ſind wir einig— aber Du hör⸗ teſt wohl, daß ich meinen Abſchied erhielt?“ „Kleini geht wohl n „Nein, ein,„denn kann es nie ich an mein⸗ daß er mich ganz vergeſſe tiſche zu ber das iſt doch ganze Jahr Und Pa meiſter Klint Göteborg un daß er nichts zurückkehren Die Ant er ſie nur er daß er mit) birern“ kein hätte, und da ſich in Ruhe lich das un hätte, und da geheirathet he aus dem We Als Pau warteten Bri den. Götebo Ort, und nac Abenteuersfiel mit verſchiede len konnte, ſo halbjährigen Stammgäſten zu können. Paul Waͤrni „Sie ne Frau, ich war fie nicht ernſt er von ihr , da ſie doch auf ebieterin rdern— über ſie ne kleine e ſich zur noch ein venn wir darf ich er Treu, en, wenn hlängelte, wenn ich lächerlich entzwei, Narren ſie wäre ul anzu⸗ ine Ehre velche die (n hätten, und das pun, denn wenden, nun auf Du hör⸗ „Kleinigkeit!“ meinte Petter Knopf;„der Sturm geht wohl wieder vorüber!“ „Nein, das thut er gewiß nicht,“ wendete Paul ein,„denn nach demjenigen, was nun geſchehen iſt, kann es nie wieder ganz gut werden. Morgen ſchreibe ich an meinen alten Herrn in Göteborg, und ich weiß, daß er mich wieder nimmt, denn noch habe ich es nicht ganz vergeſſen, mich ſo gut wie ein Andrer am Schenk⸗ tiſche zu benehmen und einen Cognac einzuſchenken— das iſt doch im Ganzen genommen beſſer, als das ganze Jahr Catechismen zu ſetzen.“ Und Paul that das. Er ſchrieb an den Keller⸗ meiſter Klint, daß er wieder frei wäre und ſich nach Göteborg und ſeinen alten Beſchäftigungen ſehnte, und daß er nichts höher wünſchte, als zu ſeinem alten Herrn zurückkehren zu können. Die Antwort auf dieſen Brief war ſo günſtig, wie er ſie nur erwarten konnte; der Kellermeiſter verſicherte, daß er mit Paul's Abzuge mit ſeinen„elendigen Pro⸗ birern“ keinen ruhigen und zufriedenen Tag gehabt hätte, und daß er hoffte, Paul würde nun um ſo mehr ſich in Ruhe begeben wollen, als er jetzt wahrſchein⸗ lich das unruhige Leben hinlänglich kennen gelernt hätte, und da noch dazu die Jungfer Jeannette neulich geheirathet hätte, ſo wäre ſein größtes Aergerniß jetzt aus dem Wege. Als Paul dieſen mit der größten Ungeduld er⸗ warteten Brief las, ſo ſchlug ſein Herz laut vor Freu⸗ den. Göteborg war ihm nächſt den Scheren der liebſte Ort, und nachdem er nunmehr von ſeinem ehemaligen Abenteuersfieber völlig geheilt war und noch obendrein mit verſchiedenen Erfahrungen in dieſer Hinſicht prah⸗ len konnte, ſo war er recht zufrieden, nach einer dritt⸗ halbjährigen Abweſenheit zu dem Schenktiſche, den Stammgäſten und ſeiner blauen Schürze zurückkehren zu können. War er jetzt nicht auf jeden Fall ein Paul Wärning. 21 322 Mann, der verſchiedene Dinge erlebt hatte, und der ſo manches gute und traurige Andenken mit⸗ brachte?... Doch wir dürfen unſre Frau Hamrin nicht ſo ganz aus den Augen laſſen! Ihre Lage an dem zu ihrem Verlöbniſſe beſtimm⸗ ten Tage war, wie bekannt, ſehr kritiſch; doch übte die kleine Zerſtreuung, welche der Morgenbeſuch des Magiſters in ihren Gedanken bewirkte, einen wohl⸗ thätigen Einfluß auf ihr Gemüth aus. Und je mehr. ſie ſich von Paul's Verſchwiegenheit und von der Un⸗ möglichkeit, daß es noch einen andern Zeugen ihrer Schwachheit geben könnte, überzeugte, um ſo mehr be⸗ ruhigten ſich die erregten Gefühle und erhielten endlich die Feſtigkeit, daß, als Zachäus gegen Mittag zum zweiten Male anlangte, um ſich zu erkundigen, ob ihr Befinden ſich verbeſſert hätte, ſie ihm die befriedigende Antwort ertheilen konnte,„der Schlaf habe ſie ge⸗ ſtärkt“ und nichts hielte ſie ab, zu der gewöhnlichen Kaffeezeit ihre Freunde auf dem„Glücke“ zu em⸗ pfangen. Als Frau Hamrin erſt bis zu dieſem Punkte ge⸗ kommen war, ſo wollte ſie auch nichts halb thun. Nein, ſie wollte dem„dummen, kurzſichtigen Jungen“ in vollem Ernſte zeigen, wie weit ſie entfernt wäre, ſich ſeine Dummheit, die ihm ſelbſt natürlicher Weiſe den größten Schaden brachte, zu Kopfe zu ziehen. Frau Gundla kleidete ſich daher zufolge dieſes Vor⸗ ſatzes mit dem beſtmöglichen Geſchmacke: die auf dem letzten Jahrmarkte eingehandelte Haube mit den rothen Bändern zierte ihr etwas in Silber ſchattirendes Haar und ein grasgrünes Bombaſinkleid, über deſſen am Halſe ziemlich weit ausgeſchnittenen Rande der hübſche Florkragen prunkte, ſaß ſchön genug, um zu zeigen, daß ihre Formen die ganze Rundung beſäßen, die eine fünfzigjährige Schönheit nur wünſchen kann. Die ver⸗ führeriſchſte Munterkeit geſellte ſich zu der Anmuth die⸗ ſer Kleidun Becka, der Jahre Joh⸗ gutem Bei ſelbſt„das Als m und ſchwitz und alte; dadurch ent mit in den oder nur ei dieſem Aug⸗ der Magiſte Weiſe hätte zu erhalten, der liebensr Die ga alle verſiche etwas zu be Hamrin da erröthete. Am Ab eingeſammel ſamkeit mit ſie in ihr S würdigen E überlegen. nicht, länge ſie ihre Geda und da ſie i gebenheiten?d was ſie, beſ⸗ rechnungen, ſam mit Bli ſonderen Be abenden nich Dienſtfertigk ttte, und iken mit⸗ dt ſo ganz beſtimm⸗ doch übte beſuch des nen wohl⸗ id je mehr n der Un⸗ agen ihrer o mehr be⸗ ten endlich ittag zum gen, ob ihr friedigende abe ſie ge⸗ ¹ zu em⸗ Funkte ge⸗ halb thun. n Jungen“ fernt wäre, icher Weiſe zu ziehen. ieſes Vor⸗ ie auf dem den rothen endes Haar deſſen am der hübſche zu zeigen, len, die eine Die ver⸗ nmuth die⸗ ewöhnlichen ſer Kleidung, und da es, wie ſie ſelbſt der Couſine Becka, der Zollſchreiberin bemerkte, nur einmal im Jahre Johannis war, ſo wollte ſie ihren Gäſten mit gutem Beiſpiele, ſich zu beluſtigen, vorangehen, und ſelbſt„das letzte Paar heraus“ mitſpielen. Als man die Couſine Gundla im Grünen hüpfen und ſchwitzen ſah, ſo belebten ſich alle Füße, junge und alte; und in der allgemeinen Begeiſterung, die dadurch entſtand, wurde ſogar der ernſthafte Zachäus mit in den Wirbel gezogen. Und ob es ſo berechnet oder nur ein Zufall war, genug, da Frau Gundla in dieſem Augenblicke gerade als„Wittwe“ lief, ſo gab der Magiſter ſich keinesweges die Mühe, die er billiger Weiſe hätte anwenden ſollen, ſeine Gefährtin wieder zu erhalten, ſondern ließ ſich ohne Schwierigkeit von der liebenswürdigen Wirthin haſchen. Die ganze Geſellſchaft fand das äußerſt luſtig, und alle verſicherten, daß ſolches an dem Johannistage etwas zu bedeuten hätte— bei welcher Anmerkung Frau Hamrin das Schnupftuch vor die Augen hielt und tief erröthete. Am Abende, nachdem die gute Frau ihr Silber eingeſammelt und der Siri zum dritten Male Behut⸗ ſamkeit mit den übrigen Sachen anbefohlen hatte, ging ſie in ihr Schlafzimmer, um die außerordentlich merk⸗ würdigen Ereigniſſe dieſes Tages in aller Ruhe zu überlegen. Ihre wirkliche Herzensgüte erlaubte ihr nicht, länger auf Paul böſe zu ſein; darum heftete ſie ihre Gedanken um ſo eifriger auf den alten Freund, und da ſie in ihrem Gedächtniſſe die ſämmtlichen Be⸗ gebenheiten des letztverfloſſenen Jahres genauer erwog, was ſie, beſchäftigt mit ihren eigenen Plänen und Be⸗ rechnungen, bisher verſäumt hatte, ſo meinte ſie gleich⸗ ſam mit Blindheit geſchlagen geweſen zu ſein: alle be⸗ ſonderen Beſuche des Magiſters, die an den Spiel⸗ abenden nicht mit eingerechnet, ſeine Höflichkeit und Dienſtfertigkeit in allem, was ihr Haus und ihr Wohl 324 betraf, überzeugte ſie jetzt, da ſie es recht bedenken konnte, daß er wenigſtens ein ganzes Jahr lang auf Freiersfüßen gegangen wäre, aber in Ermangelung der Aufmunterung auf dem halben Wege hatte ſtehen bleiben müſſen. Diesmal täuſchte Frau Hamrin ſich nicht. Die Boſtonpartien mit ihren Toddys und Vesperbroden und die guten Frühſtücke in Verein mit der geſegneten ruhigen Ordnung, die ſie in ihrem Hauſe hielt, mach⸗ ten, daß Zachäus keinen Ort auf Erden ſo gemüth⸗ lich fand, wie Frau Hamrin's Heim, in welchem er an Bequemlichkeit und Vergnügen alles vereinigt fand, was er ſich nur wünſchen konnte. durchwandern, um dieſe Herrlichkeiten zu erreichen; wenn ſie durch die Bande der Ehe vereinigt zuſammen wohnten, ſo müßte dies in jeder Hinſicht paſſen: Ver⸗ mögen, Alter, Unabhängigkeit von Verwandten— al⸗ les paßte. Nichts deſto weniger zauderte Zachäus, und zwar nicht, wie Frau Gundla glaubte, deshalb, weil er keine Aufmunterung von ihr erhalten hatte, denn daran zu denken war ihm noch nicht eingefallen, ſon⸗ dern einzig und allein wegen der langweiligen Be⸗ ſchwerlichkeit, um ihre Hand anzuhalten. Kurz vor Johannis hatte jedoch die Haushälterin des Magiſters durch den ſeltenen Scheuerungsprozeg den gutmüthigen Mann in einem ſo hohen Grade ge⸗ ärgert, weil ſie nicht nur in ſeiner Abweſenheit ſeine Papiere in Unordnung durch einander geworfen, ſon⸗ dern ſogar die Zeit zu ſeiner Lieblingsmahlzeit, dem Frühſtücke, verſäumt hatte, daß er faſt entſchloſſen war, ſich ſelbſt und ſeine kleine Haushaltung unter eine beſſere und zuverläßigere Pflege zu ſetzen. Dieſe Gefühle brachten denn auch ſeine Rührung bei der „Krankheit“ der Couſine Gundla hervor, als er am Johannismorgen zum Beſuche kam, und die Stärke, Allmälig entſtand in ihm der Gedanke, daß es gut ſein möchte, wenn er es nicht länger nöthig hätte, die ganze Straße zu welche beſa Abends erhi Monat nach neuer Kaffee Zachäus ver der Frau G Bei ein verrin und d Verlächerlich noch an Hoc bieten ſuchte mit großer von allen He mit dieſen ſa in ſolchem. Hamrin's Ge Greta als a Verbot, mit gehen. Inzwiſch großen Ding rin'ſchen Hau Da beiß um von ihren können, ſo r daß nichts n wäre, der G Geſchäft nied verpachten od Auf dieſ lich. Und e hatte er noch alten Herrin Außer e gentlichen Lo ſchönes und des ſeligen Straße zu erreichen; zuſammen laſſen: Ver⸗ dten— al⸗ achäus, und shalb, weil hatte, denn allen, ſon⸗ eiligen Be⸗ daushälterin rungsprozes Grade ge⸗ enheit ſeine orfen, ſon⸗ hlzeit, dem entſchloſſen ktung unter tzen. Dieſe ng bei der als er am die Stärke, welche beſagte Gefühle während dieſes Tages und Abends erhielten, hatten die Folge, daß genau einen Monat nach dem Kaffeeſchmauſe auf dem„Glück“ ein neuer Kaffeeſchmaus angeordnet wurde, da Magiſter Zachäus verſchämt den Verlobungsring an die Hand der Frau Gundla ſteckte. Bei einem Klatſchfeſte, an welchem die Raths⸗ herrin und die Zollſchreiberin ſich in Verläumdung und Verlächerlichung der beiden„alten Schrankratten,“ die noch an Hochzeitmachen denken konnten, ſich zu über⸗ bieten ſuchten, nahmen die beiden würdigen Damen mit großer Trauer und Verdruß für immer Abſchied von allen Hoffnungen auf das Hamrin'ſche Haus, und mit dieſen ſank denn auch„Herr Wärning's“ Anſehen in ſolchem Grade, daß er nunmehr bloß als Frau Hamrin's Geſell betrachtet wurde, und ſowohl Stina⸗ Greta als auch Guſtafwa erhielten nun das ernſtliche Verbot, mit einer ſo gemeinen Perſon weiter umzu⸗ ehen. 1 Inzwiſchen nahm die ganze Stadt Theil an den großen Dingen und Veränderungen, die in dem Ham⸗ rin'ſchen Hauſe vorgingen. Da beide Theile hinreichende Kapitale beſaßen, um von ihren Zinſen ein ſorgenfreies Leben führen zu können, ſo wurde nach einer gegenſeitigen Erklärung, daß nichts mit einer ungeſtörten Ruhe zu vergleichen wäre, der Entſchluß gefaßt, daß Frau Hamrin ihr Geſchäft niederlegen und zu dem Ende die Buchdruckerei werpachten oder auch geradezu verkaufen ſollte. Auf dieſe Weiſe war Paul's Abzug ganz natür⸗ lich. Und ein paar Tage, ehe er die Stadt verließ, hatte er noch das Vergnügen, auf der Hochzeit ſeiner alten Herrin zu tanzen. Außer einer anſtändigen Summe über ſeinen ei⸗ gentlichen Lohn erhielt Paul bei dem Abſchiede ein ſcönes und werthvolles Geſchenk in dem Siegelringe des ſeligen Herrn Hamrin, und es war mehr als 326 wahrſcheinlich, daß er dieſes Geſchenk eben ſo gut aus Dankbarkeit für das unverbrüchliche Schweigen über den Auftritt an dem Johannistage erhielt, als aus der wirklichen Freundſchaft, die ſeine Herrin ſtets für ihn gehegt hatte. Der neuverheirathete, glückliche Magiſter rüſtete ihn mit guten Rathſchlägen und wei⸗ ſen Lehren aus, aber Niemand bewies ihm ein ſo herzliches Bedauern, als Petter Knopf, der ſchon einige Tage den Kopf hatte hängen laſſen. Petter Knopf, deſſen redliches und gutes Herz ſich mit unendlicher Ergebenheit an diejenigen ſchloß, wel⸗ che ihm Freundſchaft erzeigten, hatte nur in ſeinem großen Wohlwollen gegen Paul und dem Wohlbehagen in ſeiner Geſellſchaft den Verluſt ertragen können, den ihm das Hinſcheiden des Faktors verurſachte. Irht aber, da auch Paul ſcheiden und das Haus und das „Glück“ einen neuen Herrn erhalten ſollten, begehr⸗ ten Verluſt und Trauer ihre Rechte und Petter e⸗ klärte in dem Uebermaße ſeiner Traurigkeit, daß e mit ſeiner ganzen Freude in dieſer Welt nichts mehr wäre, nachdem erſt der ſelige Herr, darauf der Faki und nun auch Paul ihn verlaſſen hätten. „Ich wünſchte,“ ſagte der ehrliche Knopf,„daß unſer Herr mich auch zu ſich nähme!“ Und als er ſe ſeufzte, ließ er den Fuß ſtill auf dem Spaten ruhen. „Es iſt ſo ſchwer zu arbeiten, wenn alle Freude val Einem geht!“ Aber noch war die Welt ja nicht ſo freudenlen, wie er in ſeinem Schmerze ſie ſehen wollte. Als er don dem„Glücke“ nach Hauſe kam, ſo hatte er noch ein kli⸗ nes freundliches Weſen, das ſeiner Ankunft harrte, näm⸗ lich Karin, die Krähe des Faktors. Petter ſtreichelt ſie und gab ihr Brod, konnte ſich jedoch nicht enthal ten, einen herzlichen und zögernden Blick auf du Hund zu werfen, welcher natürlicher Weiſe ſeinen neuen Herrn folgen ſollte. Paul fühlte, daß es grauſam ſein würde, wem er Petter's wollte; u auch als war, und war, ſo t der Balg hierüber b Trauer. An de alle Arbeit er mit Pet „Herr ſagte Pette Ringblume Thräne un der Blume haben wür hätte, ſo anzuſtarren aus bloßer Vaſſer in Indeſſe Grabe des innerſten§ Perle glän waren wer nes eigene was Pette den unter a worden, h und hatten Jetzt bedur den, und Teſtament p gut aus eigen über als aus in ſtets für glückliche n und wei⸗ hm ein ſo der ſchon s Herz ſich chloß, wel⸗ in ſeinem ohlbehagen können, den chte. Jetz us und das en, begehr⸗ Petter e⸗ keit, daß nichts meht f der Faktr Knopf,„daß nd als er ſh ppaten ruhe. 2 Freude von freudenleer tbe. Als er vmn noch ein kli⸗ harrte, nͤn⸗ tter ſtreichele nicht enthal zlick auf dei Weiſe ſeinen würde, wem er Petter's treuem Herzen dieſen letzten Schlag geben wollte; und ſo theuer das Geſchenk des Faktors ihm auch als ein Andenken von dieſem redlichen Freunde war, und ſo lieb ihm auch der Hund ſchon geworden war, ſo trat er ihn dennoch ab: Petter, Karin und der Balg ſollten zuſammen bleiben und die Freude hierüber breitete einen Schimmer über Petters ſtille Trauer. An dem Abende vor ſeiner Abreiſe, nachdem Paul alle Arbeiten und Abſchiedsbeſuche beendigt hatte, ging er mit Petter und dem Hunde hinaus nach dem Grabe des Faktors, wo die Herbſtroſen im Abendwinde über dem grünen Raſen ſchwankten. „Herr Paul! ſie nicken Ihnen Abſchied zu!“ ſagte Petter; und als er ſich bückte, um die ſchönſte Ringblume zu brechen, entfiel ſeinem Auge eine Thräne und miſchte ſich mit dem Thau in dem Kelch der Blume. Da jedoch Petter ſich allzuſehr geſchämt haben würde, wenn Paul ſeine Schwäche gemerkt hätte, ſo fing er an, aus allen Kräften den Mond anzuſtarren, ſo daß es ausſehen möchte, als wenn er aus bloßer Anſtrengung bei der Betrachtung deſſelben Waſſer in die Augen bekommen hätte. Indeſſen nahm Paul die Blume, welche auf dem Grabe des alten Faktors gewachſen war, und in deren innerſten Herzblättern Petters Thräne gleich einer Perle glänzte. Beides, die Blume und die Thräne waren werthvoll für ihn. Die gepreßten Gefühle ſei⸗ nes eigenen Herzens ließen ihn ganz gut verſtehen, was Petter fühlte: ſie hatten drittehalb Jahre in Frie⸗ den unter einem Dache gelebt, ſie waren Freunde ge⸗ worden, hatten einen gemeinſamen Verluſt erlitten und hatten ſich gegenſeitig getröſtet und ermuntert. Jetzt bedurften ſie des Troſtes bei ihrem eigenen Schei⸗ den, und in dieſem Augenblicke übertrug Paul das Teſtament des Faktors auf Petter, der nun in dem 328 Hunde ein Andenken an zwei theure Freunde entge⸗ gennahm. Als ſie den Kirchhof verließen, nahm Paul ein Kleeblatt von Katharina's Grabe und legte es in ſein Taſchenbuch neben die Blume von dem Grabhügel des Faktors. Liegt hier neben einander!“ ſagte er, das Buch ſchließend;„ich kann doch nie an den Faktor denken, ohne daß meine Erinnerung auf die arme Katharina fällt, die ſeine ganze Liebe im Leben hatte.“ Am folgenden Morgen trug Petter Knopf Pauls Mantelſack hinab und legte ihn auf den Skiutskarren — jetzt wollte Paul nicht mehr als ein wandernder Geſell ziehen, ſondern wie Leute reiſen— und bei dem letzten Abſchiedsblicke, als Paul ſein allerletztes Lebewohl dem Freunde zunickte, da ſtürzte Petter mit der Hand vor den Augen zum Stadthore hinaus nach dem „Glücke,“ dieſem kleinen Erdflecke, der ihn bei frohem und traurigem Muthe geſehen hatte. Und als eine merkwürdige Ausnahme in Petter Knopf's Leben wurde angemerkt, daß er dieſen ganzen Tag feierte: einſam ſtreifte er mit dem Hunde ohne Raſt und ohne Ziel umher und kehrte erſt ſpät Abends in die Stadt, nach Hauſe und zu Karin zurück. Als aber am folgenden Morgen die Sonne auf⸗ ging, ſo nahm auch Petter ſeine gewöhnliche Arbeit wieder vor, verrichtete dieſelbe, wie bisher, mit un⸗ unterbrochenem Fleiße. Doch untergrub die tiefe Trauer über den Faktor und über Paul Petters gute Laune, und dieſe erblühete nie wieder. Vor dieſer Zeit lauſchte die ganze Stadt auf Pet⸗ ter Knopf's muntern Geſang, wenn er des Abends mit ſeinem Pferde und ſeinen Kühen von dem„Glücke” gezogen kam. Jetzt wanderte der Zug mit dem Hunde an der Spitze ganz ſtill die Straße entlang, und Mancher, der das ſah, weiſſagte, daß Petter Knopf bald ausgewandert hätte. Dies traf gleichwohl nicht ein. Noch viele Jahrt blühte das Hand, un Siri, der geſchieden neben dem den alten So lied, als durch das Vor kannten Die engliſchen Aeußerung Paul erli ſcher und war ſo war, ihn und mann trotz eine e entge⸗ Paul ein e es in rabhügel e er, das Faktor ie arme in hatte.“ f Pauls (utskarren ndernder d bei dem Lebewohl der Hand ach dem ſei frohem als eine ben wurde te: einſam ohne Ziel stadt, nach zonne auf⸗ iche Arbeit , mit un⸗ die tiefe etters gute dt auf Pet⸗ Abends mit „Glücke“ dem Hunde lang, und etter Knopf oiele Jahre 329 blühte das Hamrin'ſche„Glück“ unter Petter's fleißiger Hand, und erſt als ſchon Frau Gundla, der Magiſter, Siri, der Hund und die Krähe nach einander dahin geſchieden waren, bereitete man auf dem Kirchhofe neben dem Grabe des Faktors ein kleines Gemach für den alten Einſiedler. Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Rückkehr in die Traube. Ein Auftrag und eine Entdeckung. Ich bin kein Schweinehirt fürwahr. Gelogen hat mein Mund, Hu, hu, hu, hu, hu! Ich bin der größte König auf dem ganzen Erdenrund, Hopp, falalala, falalala, he! So beendigte unſer Freund Paul ſein Lieblings⸗ lied, als er am erſten October, an einem Sonntage, durch das Süderthor in Göteborg eintraf. Vor den drei Weißlengen, dem alten wohlbe⸗ kannten Quartiere, ſprang er herab von dem Karren. Die gute Frau Lund, die„veritable“ Mutter der engliſchen Beefſtakes, konnte kein Ende finden in ihren Aeußerungen über die großen Veränderungen, welche Paul erlitten hatte. Er war, meiner Treu! ein hüb⸗ ſcher und ſtattlicher Kerl geworden, und ſein Körper war ſo kräftig und feſt, daß es eine rechte Freude war, ihn anzuſehen, und dann hatte er eine ſo„reelle“ und mannhaftige Geſichtsfarbe, und einen Backenbart trotz einem Herrn— ja, nun war es ein anderes 330 Ding mit ihm!„Der Jugend thut es doch immer gut, wenn ſie in die Welt hinauskommt!“ Ganz gewiß war Paul nicht ſo wenig zufrieden mit allen dieſen Artigkeiten der Frau Lund; denn da ſie ihn in ſo langer Zeit nicht geſehen hatte, ſo konnte ſie natürlicher Weiſe über dieſen Gegenſtand am beſten urtheilen, und ſobald Paul ſeine kleine Kammer be⸗ treten hatte, ſo war es ſein erſtes Geſchäft, die Wahr⸗ heit der gemachten Behauptung zu beleuchten, und da kam es ihm ſelbſt ſo vor, als wenn er gusſähe, wie ein recht hübſcher junger Mann. Paub's zweites Geſchäft war, ſich ſorgfältig nach ſeinen alten theuren Jugendfreunden Elg und Waſſer⸗ Laſſe zu erkundigen. Nachdem die Wirthin ſich über ſeine Fragen ein wenig beſonnen hatte, erinnerte ſie ſich, daß die beiden genannten Perſonen während des letztverfloſſenen Winters die drei Weißlengen einige mal beſucht hatten, um Erkundigungen über Paul einzuziehen, und zuletzt geſagt hätten, ſie würden im Frühlinge eine lange Reiſe antreten. Dieſe Nachricht war eine niederſchlagende. Paul hatte ſich herzlich darauf gefreut, daß ſie im Herbſte zurückkommen ſollten, jetzt aber wußte nur Gott, wann er ſie wiederſehen würde, und es war um ſo ſchlim⸗ mer, weil Paul in guten Umſtänden war und ſich keine größere Freude gewünſcht hatte, als ſeinen Freunden ein munteres Mittagseſſen geben und mit ihnen plaudern zu können über alle Begebenheiten und Schickſale, die ihnen begegnet waren. Da ſich aber das nun leider nicht thun ließ, ſo mußte er ſich mit der Hoffnung auf ein anderes Jahr tröſten, und Paul gelobte es ſich, daß der Schmaus um ſo ſtattlicher werden ſollte, je länger er auf die Gäſte warten müßte. Jetzt tauchte in ſeiner Erinnerung ein anderes Bild auf, das er mit ſeinem beſten Willen und aller ſeiner Kraft nicht abzuweiſen vermochte: wo ſollte er Nachricht überzeuge nichts di recht ang ihr lebte ſon ſie a ſo viel ke nach eina Zeiten ve Dieſ haben. es ſich ni die Tocht die einzig renboote vielleicht der Trau bens gin ren: kein er hatte Bengtsſo „Ach wohl no⸗ „Ne Schalup ter bena die Scha Pa er hatte hatte. lich—, drückten Es Abend i „Comöd ner gut, ufrieden denn da ) konnte n beſten mer be⸗ 2 Wahr⸗ und da he, wie tig nach Waſſer⸗ ich über nerte ſie rend des n einige er Paul rden im . Paul Herbſte tt, wann » ſchlim⸗ und ſich 3 ſeinen und mit iten und ſich aber ſich mit nd Paul ſaattlicher warten anderes und aller ſollte er 331 Nachrichten von Nora ſuchen? Er ſuchte ſich zwar zu überzeugen, daß dieſe Nachrichten ihm nunmehr zu nichts dienen könnten, aber— und konnte dennoch recht angenehm ſein zu hören, wie die Welt jetzt mit ihr lebte, ob ſie in Koſter glücklich wäre, ob Bengts⸗ ſon ſie gut behandelte und dergleichen mehr.„Denn ſo viel konnten alte Freunde wohl in allen Ehren ſich nach einander erkundigen, ſelbſt wenn ſie in früheren Zeiten verliebt geweſen!“ Dieſe Nachrichten waren aber nicht ſo leicht zu haben. Nach der Auflöſung des Knippſes verlohnte es ſich nicht der Mühe, bei dem Hauſe Lerberg über die Tochter der Gevatterin Erkundigungen einzuziehen; die einzige Möglichkeit war, im Hafen, wo die Sche⸗ renboote anlangten, irgend einen Schiffer aufzuſuchen: Kieeicht konnte er ſogar den Bengtsſon ſelbſt dort reffen. Gleich nach Mittag— heute wollte er nicht nach der Traube gehen— eilte Paul dahin. Aber verge⸗ bens ging er von dem einen Fahrzeuge zu dem ande⸗ ren: keine bekannten Schuten waren zu finden, und er hatte nur den Verdruß, zu hören, daß Capitän Bengtsſon aus Koſter vor vier Tagen abgeſegelt wäre. „Ach, ſo fatal!“ ſagte Paul.„Bengtsſon führt wohl noch immer die Oejungfer?“— „Nein,“ war die Antwort,„er führt jetzt die Schaluppe Johanna Amalia, die er nach ſeiner Toch⸗ ter benannte, welche an dem Tage getauft wurde, da die Schaluppe vom Stapel lief.“ Paul entfernte ſich, ohne weitere Fragen zu thun: er hatte ja die Nachrichten erhalten, welche er nöthig hatte. Gewiß war Nora in dieſem Augenblicke glück⸗ lich—„ja, Gott gebe es!“ ſagte er mit einem unter⸗ drückten Seufzer. Es war Paul's Abſicht geweſen, ſeinen erſten Abend in Göteborg dadurch zu feiern, daß er in die „Comödie“ ginge, und hatte daher ſchon die Anzeigen 332 an den Straßenecken geleſen, als er von den drei Weißlengen kam. Jetzt aber vergaß er dieſen Plan ganz, und ohne auf die Zeit Achtung zu geben, wan⸗ derte er bis ſpät in die Nacht hinein in der Hafen⸗ ſtraße auf und ab. Je menſchenleerer die Straße wurde, deſto beſſer fühlte ſich Paul in ſeiner Niedergeſchlagenheit. Er dachte an den Morgen, da er von der ſchönen Stadt Abſchied nahm, um ſich auf das Gerathewohl in die weite Welt hinaus zu begeben, und eben ſo wie da⸗ mals lehnte er ſich an einen Baum, und fühlte, wie ſich ſeine Bruſt hob. Und doch war es ein großer Unterſchied zwiſchen Damals und Jetzt. In der Mor⸗ genſtunde, als er davon ging, glänzte die Morgen⸗ ſonne purpurroth in dem Waſſer und die Bäume ſtanden in friſchem Grün; jetzt dagegen ließen ſie das Laub fallen und ſchienen zitternd in dem Herbſtnebel über ihre Nacktheit zu weinen, während ſtatt der gol⸗ denen Sonne der Mond ſein bleiches Strahlenband auf die dunkle Tiefe des Kanales warf. „Ich weiß eigentlich ſelbſt nicht, warum ich jetzt in meinem Sinne ſo betrübt ſein ſoll,“ dachte Paul. „Ich habe ja nichts anderes erfahren, als was ich mir denken konnte— und alles iſt gut, mag die Sonne ſcheinen oder der Mond, wenn nur Gottes Hand über uns iſt. Damals an jenem Morgen, als ich auswanderte, war mir das Herz ſchwer wegen Nora, aber die Sonne, der Frühling und die Erwar⸗ tung aller der wunderbaren Dinge, die ich ſehen ſollte, erfreuten mich dennoch auf mancherlei Art. „Jetzt habe ich erlebt, wenn auch nicht was ich dachte und wovon ich träumte, ſondern vieles, was ich gar nicht ahnen konnte, und jetzt bin ich in der Weisheit ſo weit gekommen, daß ich von ſolchen dum⸗ men Geſchichten, die ich früher zuſammendichtete, künf⸗ tig in guter Ruhe zu Hauſe ſitzen kann; damit iſt's nun aus. Jetzt will ich geſetzt ſein und mich mit dem⸗ jenigen und nich was nie „H Laſſe un brauche „ einzige auf jede kann, w nerung was ma Johanni denke un ten Fakt geduldig über die kann, kei viel, wi Menſch finden un ſich wend Ich wil Beſſeres ich etwa ich habe ſo recht mit Nor ſtimmt, als da d mit ihre lieb— „Ab wie da⸗ lte, wie großer er Mor⸗ Morgen⸗ Bäume mſie das rbſtnebel k Gottes geen, als r wegen Erwar⸗ een ſollte, was ich s, was mag die jenigen begnügen, was ich finde, ſei es groß oder klein, und nicht mehr dumm mich nach demjenigen ſehnen, was nicht mehr zu finden iſt. „Hätte ich hier nur einen einzigen Freund— aber Laſſe und Elg ſind auf der weiten See und um Nora brauche ich mich gar nicht mehr zu bekümmern... „Ich wollte viel dafür geben, wenn ich nur eine einzige Stunde mit Petter Knopf plaudern könnte— auf jeden Fall iſt es ſchön, wenn Einer nicht haben kann, was er will, daß er dann doch noch die Erin⸗ nerung hat; da erlebt man noch einmal das Beſte, was man ſchon erlebt hat; und wenn ich recht an die Johanniswache in Kanna und den alten Spieler Tolle denke und dann an den alten Faktor, den lieben, gu⸗ ten Faktor mit ſeinem traurigen Schickſale, das er ſo geduldig trug, da iſt mir's faſt, als ſchämte ich mich über die Mißmuthigkeit und die Angſt, und was das alles iſt, was nun über mich kommt, ohne daß ich es hindern kann. „Aber ſchwer iſt es doch auf jeden Fall, wenn man keinen Menſchen hat, an den man ſich wenden kann, keinen, der Einem nahe ſteht— nicht einmal ſo viel, wie einen armen Hund oder eine Krähe! der Menſch will doch, wenn er ſich auf Erden wohl be⸗ finden und glücklich ſein ſoll, etwas haben, an das er ſich wenden kann, und das ſich wieder an ihn wendet. Ich will mir einen Hund anſchaffen, bis ich etwas Beſſeres finde— etwas Beſſeres— ja gewiß finde ich etwas Beſſeres! Nein, damit iſt's rein zu Ende: ich habe es ſchon gemerkt, daß ich keine treffe, die ich ſo recht aus Herzensgrunde lieben kann, ſeitdem es mit Nora vorbei war, denn jetzt weiß ichs ganz be⸗ ſtimmt, daß ich keinen ſeligeren Augenblick erlebt habe, als da die Gevatterin— Gott ſegne die Gevatterin: mit ihren großen Fehlern hatte ich ſie dennoch herzlich lieb— mich mit Nora verlobte.... „Aber ich bin wohl wahnſinnig, daß ich nicht nach 334 Hauſe gehe und mich zu Bette lege, ſondern hier um⸗ her laufe und dem Monde Geſellſchaft leiſte— morgen früh wird es wohl anders werden und ein ander Le⸗ ben in mich fahren, wenn ich an meine alten Ge⸗ ſchäfte komme... Der Morgen kam. Noch hatte ſich in dem Schenk⸗ zimmer der Traube kein Gaſt eingefunden, als Paul zu ſeinem alten Herrn eintrat. „Willkommen daher, mein lieber Paul!“ rief ihm der Kellermeiſter Klint entgegen.„Du ſiehſt aus, mein Junge, als wenn Ou keine Noth gelitten hätteſt— doch, unter uns geſagt, iſt das, was Du eine ganze, lange Zeit gethan haſt, gar nichts in Vergleich mit dem, an einem gut geordneten Schenktiſche zu ſtehen! Und ich halte es für abgemacht, daß Du nun nicht weiter auf ſo raſende Ideen verfällſt, ſondern Dich ruhig mit dem beſchäftigſt, was Du von Kind auf getrieben haſt.“ „Das iſt meine Meinung,“ entgegnete Paul. „Und ich glaube wohl, wenn ich in der Kunſt etwas vergeſſen habe, daß ich es unter der Leitung des Herrn Kellermeiſters bald wieder lernen werde, denn Luſt und Anlage fehlen mir auch jetzt nicht.“ „Nun, da fehlt ja gar nichts,“ meinte der Keller⸗ meiſter und klopfte ihn auf die Schulter.„Und ich will Dir ſagen, ich brauche jetzt einen flinken und muntern Kellner doppelt ſo nothwendig als früher, da ich noch die Dirne, die Jeannette, hatte— ſie zog doch wenigſtens Leute hieher, und ich habe ſie ſchon in vielen Fällen entbehrt, obgleich ich dagegen in andern recht zufrieden bin, daß ſie weg iſt.“ „Sie iſt verheirathet, ſchrieben Sie mir. Es war viel, daß Jemand wagte, die giftige Beſtie zur Frau zu nehmen!“ „O, ſie hatte ihre verführeriſchen Seiten, und es iſt nicht Allen, wie Dir, gegeben, ihnen zu widerſtehen! Aber ich glaube dennoch nicht, daß aus ihrem Ein⸗ tritte in die dumn ſie hatte, Liebhaber Streling's „Abe verließ?“ Der geworden umſonſt z würdeſt D Liebhaber ſo zu ſage einen Brä einzigen b ungetreu, tigam, eit gedemüthig denn ſie— ließ wohl Herr Kelle kenne ſolch 3„Ja, wie Du D Streling's Kopf und nichts deſto von ihr zu Anbeter in Traube zu zu einer W Nachd⸗ freundſchaft gegeſſen hat ier um⸗ morgen nder Le⸗ ten Ge⸗ Schenk⸗ Is Paul rief ihm us, mein ätteſt— Du eine Vergleich ktiſche zu Du nun ſondern von Kind e Paul. iſt etwas bes Herrn Es war zur Frau , und es derſtehen! —rem Ein⸗ tritte in den Eheſtand etwas geworden wäre, wenn die dumme Gans nicht aus Verdruß geheirathet hätte; ſie hatte, kannſt Du Dir denken, den Aerger, daß ihr Liebhaber ſie verließ wegen einer kleinen Mamſell in Streling's Schweizerei.“ „Aber wie konnte er ſie heirathen, wenn er ſie verließ?“ fragte Paul. Der Kellermeiſter lächelte.„Biſt Du ſo einfältig geworden, mein Junge?— Ich ſehe, Du haſt nicht umſonſt zwei Jahre lang Catechismen geſetzt; ſonſt würdeſt Du ſchon wiſſen, daß Jeannette ſich mehrere Liebhaber hielt, und Du wirſt gewiß geſtehen, daß ſie ſo zu ſagen recht gut handelte, daß ſie, nachdem ſie einen Bräutigam angenommen, nicht mehr als einen einzigen behielt. Nun wurde, wie geſagt, dieſer ihr ungetreu, und da heirathete ſie im Aerger den Bräu⸗ tigam, einen guten und ehrlichen Maurergeſellen.“ „Ich wollte wohl wünſchen, daß er ſie ein wenig zum Menſchen machte!“ ſagte Paul.„Es könnte der Jungfer Jeannette recht gut ſein, wenn ſie ein wenig gedemüthigt würde; aber ſie wurde gewiß gerächt, denn ſie— ich meine die Andere bei Streling's— ver⸗ ließ wohl ihrer Seits den Liebhaber? Sie ſehen wohl, Herr Kellermeiſter, ich weiß nach die Ordnung und kenne ſolche Dirnen recht gut!“ „Ja, ja, ich merke, Du biſt nicht ſo vergeßlich, wie Du Dich anſtellſt. Aber diesmal irrſt Du Dich. Streling's Mamſell verdreht vielen jungen Herren den Kopf und zieht viele Leute in die Schweizerei, aber nichts deſto weniger hat kein Menſch ein böſes Wort von ihr zu ſagen. Gerade ihre Tugend bringt ihre Anbeter in Verzweiflung. Ich wünſchte ſie hier in der Traube zu haben— aber ſie hält wohl ihren Pfeffer zu einer Wirthshausaufwärterin für zu gut.“ Nachdem Paul mit ſeinem Herrn, der ihn jetzt freundſchaftlicher als je zuvor behandelte, das Frühſtück gegeſſen hatte, trat er in das Schenkzimmer. Und bei 336 dem Anblicke aller ſeiner Flaſchen und Gläſer, die mit alten bekannten Geſichtern ihm von den zierlichen Bret⸗ tern entgegen lächelten, glaubte Paul wiederum zu Hauſe zu ſein.... Dort ſtand ja der große Römer des „alten Kämmerers,“ und dort die dicke„Toddy⸗Mut⸗ ter“ des Zollcommiſſarius— ſelbſt„das kleine Kätz⸗ chen“ des Herrn X. war noch vorhanden. Paul fühlte ſich jetzt nicht mehr ſo allein und verlaſſen, obgleich er nur von lebloſen Dingen umgeben war. Von dieſem Tage an grübelte er nicht mehr über Verſchiedenes. Geſchehene Dinge waren geſchehen, die Vergangenheit lag hinter ihm, und jetzt dachte er nur an die Zukunft und an die Gegenwart. Er war eifrig und betriebſam in den Angelegenheiten ſeines Herrn, welche er bald wie ſeine eigenen zu betrachten begann, wie der ſelige Faktor von den Hamrinſſchen ſagte. Mit jedem Tage wuchs auch das Vertrauen des Keller⸗ meiſters, und er gab Paul mehr als eine deutliche Probe davon. Bald kam es dahin, daß Paul faſt als der Wirth betrachtet und ihm beinahe eben ſo viele Achtung erzeigt wurde, wie dem Kellermeiſter ſelbſt. Herr Klint hatte die Sitte, gewöhnlich einmal des Jahres alle ſeine Bekannten und einen großen Theil ſeiner Gäſte zu Mittag zu ſehen, und da nun kurz vor Weihnachten die Zeit eines ſolchen Feſtes ein⸗ traf, ſo erhielt Paul, welcher außerdem noch eigene Geſchäfte in der Stadt zu beſorgen hatte, den Auf⸗ trag, nebſt einigen andern Perſonen„auf dem Wege,“ wie der Kellermeiſter ſich ausdrückte, auch den Condi⸗ tor Streling einzuladen. „Du mußt mir gar ſehr danken, Paul, daß ich Dir dieſes Geſchäft auftrage!“ ſagte zu ſeiner„rechten Hand“ der Kellermeiſter.„Denn, ſiehſt Du, wenn Du nun direkt in das Schenkzimmer gehſt, ſo triffſt Du dort Streling's hübſche Mamſell— nimm Dich nur in Acht, daß Du nicht Feuer fängſt, denn ver⸗ henkerte Augen hat ſie!“ Paul Kellermeit wiß nicht zu vergön angenehm es bei ihr deuten ha Dahe nicht dure unmittelbe zimmern In d chem die; lichen Sch gewendet, Sie ſchien daß Jema beit fort. Paul wurde ſog men. Ein die zu glei Leibes und in weiten und der dicke Dopp Nacken aur Nadel mit mengehalte Entzücken hervorblick Füße; viel aber doch umſchloſſen mit Marde nett um de „Ich Paul Wä ,die mit hen Bret⸗ derum zu Cömer des ddy⸗Mut⸗ eine Kätz⸗ aul fühlte „obgleich nehr über hehen, die hte er nur war eifrig es Herrn, n begann, hen ſagte. des Keller⸗ deutliche Paul faſt een ſo viele ſter ſelbſt. ch einmal n großen d da nun Feſtes ein⸗ denn ver⸗ Paul dachte nicht beſonders an den Scherz des Kellermeiſters— eine folche e Dame würde ſich ge⸗ wiß nicht ſo tief erniedrigen, ihm einen einzigen Blick zu vergön nen; doch konnte es auf jeden Fall ganz angenehm ſein, ſie zu betrachten, und er meinte, daß es bei ihm mit dem Feuerfangen nicht ſo viel zu be⸗ deuten haben würde. Daher befolgte er den Rath ſeines Herrn und ging nicht durch die qewhntige Hausthür, ſondern ſtieg unmittelbar die Treppe hinauf, welche zu den Gaſt⸗ zimmern führte. In dem Zimmer innerhalb des äußern, in wel⸗ chem die Tiſche noch leer waren, ſaß neben einer zier⸗ lichen Schenke ein junges Mädchen, doch ſaß ſie ab⸗ gewendet, ſo daß Paul ihr Geſicht nicht ſehen konnte. 1 Sie ſchien ſich nicht im Geringſten daran zu kehren, daß Jemand herein kam, ſondern fuhr mit ihrer Ar⸗ beit fort. Paul hatte Zeit genug, ſie zu betrachten und wurde ſogleich von ihrem ſchönen Wuchſe eingenom⸗ men. Ein Spencer, der wie angegoſſen ſaß, zeigte die zu gleicher Zeit ſchlanke und volle Rundung ihres Leibes und erhöhte noch dazu die hellgelbe Farbe ih res in weiten Falten herabwallenden Kleides von Tibet 4 und der kleinen violettenen ſeidenen Schürze. Die dicke Doppelflechte des Haares war anmuthsvoll im Nacken aufgewickelt und wurde von einer großen Nadel mit einem Blanzenden Steinkohlenknopf zuſam⸗ 5 mengehalten. Ihre Füße— nette Füße waren Paul's Entzücken— welche an Sder Kante eines Fußſchemels hervorblickten, erinnerten ihn an Jeannette's ſchöne Füße; vielleicht waren dieſe hier nicht ganz ſo klein, aber doch auf jeden Fall ſchön geformt und zierlich umſchloſſen von kleinen braunen Morgenſchuhen, die mit Marderpelz umbrämt waren und ſich weich und nett um den weißen Strumpf ſchmiegten. „Ich bitte um Verzeihung, Mamſell!“ Aaatt end⸗ Paul Wärning. 338 lich Paul, und trat über die Schwelle des Zimmers, in welchem das Mädchen ſaß,„iſt der Herr Conditor zu Hauſe? Ich möchte ihn gerne ſprechen.“ Bei dem Laute ſeiner Stimme wendete ſie ſich nicht nur um: ſie flog ſchnell wie der Blitz, wie der Gedanke in die Höh.„Paul, liebſter Paul— biſt Du es?“ Wäre in dieſem Augenblicke das Zimmer auch voller Leute geweſen, ſo würde Paul auf keinen Fall Willen oder Kraft gehabt haben, ſeinem Gefühle zu widerſtehen Mit einem einzigen Sprunge war er bei ihr und ſchloß ſeine Arme um Nora. Die Freude ju⸗ belte laut in ſeiner Seele, in ſeinem Auge; doch ſeine Lippen vermochten nicht mehr hervorzuſtammeln, als die Worte:„Du biſt nicht verheirathet?“ „Nein, Gott wollte es nicht ſo!“ antwortete Nora, und zog ſich, nachdem die erſte Ueberraſchung vorbei war, mit ſanftem Widerſtande aus ſeiner Umarmung. „Bengtsſon hat eine andere Frau bekommen— und ich, lieber Paul, habe meine Schickſale gehabt, kannſt Du glauben, und Du wirſt die deinigen wohl ebenfalls gehabt haben.“ Paul hörte kaum auf ihre Worte; er rief nur das eine Mal über das andere aus:„Ja, ich denke! Du haſt Dich verändert, wie ſchön und prächtig biſt Du nicht geworden— eine rechte Mamſell! Nein, ich kann noch gar nicht begreifen, daß Du es biſt, und doch biſt Du es, Nora, meine alte liebe Nora, Du erſt und Du zuletzt..., Herr, Du mein Gott! wie würde die Gevatterin ſich gefreut haben und ſtolz über Dich geweſen ſein, wenn ſie Dich nun geſehen hätte!“ „Und warum denn das, lieber Paul?“ fragte Nora mit dem Ausdrucke eines halben Vorwurfes. „Dich verwirren nur die Kleider— übrigens kannſt Du nicht wiſſen, was für Urſache Mutter haben könnte, ſtolz über mich zu ſein!“ Pau Worten l „Vie „hat mir verblende Du vieln es kann meine. 2 ſchon ſod her kam dieſe Ma Goldſtück ſagen, w geht mir Jetzt ſagte, daß verändert müßte er Sache wä da komme allein ſteh hinter den „Wan wohl einſe gen kann, wickeln ka in Dein 3 „Nein nicht an u tage ein n hier in der kirche, und zurück!“ Nit d digte, muf allen Seite Zimmers, Conditor te ſie ſich , wie der ul— biſt mer auch einen Fall zefühle zu var er bei Freude ju⸗ doch ſeine meln, als tete Nora, ing vorbei marmung. und ich, kannſt Du ebenfalls ef nur das denke! Du ig biſt Du Nein, ich biſt, und Nora, Du Gott! wie und ſtolz n geſehen 20 fragte Porwurfes. ns kannſt pen könnte, Paul begriff den ſtrengen Sinn, der in dieſen Worten lag. „Vielleicht, Norchen,“ ſagte er leicht erröthend, „hat mir dieſe neue Fagon, Dich zu kleiden, die Augen verblendet, denn es iſt gewiß und wahrhaftig, daß Du vielmal ſchöner geworden biſt, als Du warſt, und es kann nichts Böſes darin liegen, wenn ich das meine. Aber ich kann Dir auch noch ſagen, daß ich ſchon ſo viel Gutes von Dir gehört habe, ehe ich hie⸗ her kam und erfuhr, daß Du es wärſt, daß ich dachte, dieſe Mamſell bei Streling's muß ein wahres kleines Goldſtück ſein.... Nun aber mußt Du mir zu allererſt ſagen, wie Du hieher gekommen biſt— mein Kopf geht mir rundum aus bloßer Verwunderung!“ Jetzt lächelte Nora wieder froh und herzlich und ſagte, daß auch Paul zu ſeinem Vortheile gar ſehr verändert wäre, was aber die Neugierde beträfe, ſo müßte er ſich noch ein wenig in Geduld faſſen, die Sache wäre nicht ſo leicht erzählt.„Denn, ſiehſt Du, da kommen Gäſte— wir dürfen hier nicht länger allein ſtehen und plaudern!“ flüſterte ſie und zog ſich hinter den Schenktiſch zurück. „Wann darf ich denn wiederkommen? Du kannſt wohl einſehen, theuerſte Nora, daß ich mich nicht ber⸗ gen kann, wenn ich nicht dieſen luſtigen Knäuel ent⸗ wickeln kann— kann ich nicht heute Abend zu Dir in Dein Zimmer kommen?“ „Nein,“ ſagte Nora beſtimmt,„das geht hier nicht an wie auf dem Knipps— aber paſſe am Sonn⸗ tage ein wenig vor dem Anfange des Gottesdienſtes hier in der Nähe auf, denn da gehe ich in die Dom⸗ kinhr, und da können wir Geſellſchaft haben hin und zurück!“ Mit dieſem Beſcheide, der ihn keinesweges befrie⸗ digte, mußte Paul ſich diesmal begnügen. Denn von allen Seiten begehrte man jetzt Kaffee, Liqueur und 340 Torte, und überall rief man Mamſell„Eleonora's“ Namen. Mit einem nie ſo ſehr empfundenen Gefühle der bitterſten Eiferſucht ſtand Paul ein wenig bei Seite und ſah zu, wie mehrere junge Herren ſeine Nora umgaben und ſie nach tauſend Kleinigkeiten fragten. Sie wurde ſehr gut mit Allen fertig und hatte für Jeden ein Lächeln, aber doch keinen ſolchen Blick wie für Paul. Gleichwohl beneidete er jedes Lächeln, ja jedes Wort, das ſie verſchwendete; und als einer der Gäſte ihre Hand ergreifen wollte, was Nora jedoch durch eine ſchnelle Bewegung verhinderte, fühlte Paul, wie ſein Blut zu Kopf und Herzen ſtieg, und mit Mühe konnte er ſich in ſo weit beherrſchen, daß er nicht dem„Nichtswürdigen“ einen derben Stoß gab, deſſen Blick ihm hinreichend ſagte, wie ſchön auch er Nora fand. Da ſich inzwiſchen das Zimmer immer mehr mit Leuten anfüllte, und die Hoffnung auf eine fernere Un⸗ terredung unmöglich wurde, ſo war Paul endlich ge⸗ nöthigt, zu gehen; und er war ſchon auf dem halben Wege nach Hauſe, als es ihm plötzlich einfiel, daß er den Auftrag des Kellermeiſters gänzlich vergeſſen und keinen Menſchen eingeladen hätte. Ohne längeres Nachdenken kehrte er daher wieder um, ging aber erſt in die drei Weißlengen, ſetzte ſich hier und ſchrieb fol⸗ gendes Brieſchen, welches er ſeiner ehemaligen Braut zu übergeben gedachte. „Gutes, liebes Norchen! „Wenn ich mir einen tüchtigen Rauſch getrunken hätte, ſo könnte ich faſt nicht verwirrter ſein, als die Freude mich nun gemacht hat! Ich ſollte Deinen Herrn zu dem meinigen einladen; da ich das jedoch vergeſſen habe, ſo wende ich mich um. Da ich aber nicht dazu kommen kann, mit Dir zu reden, ſo eilte ich hieher in die drei Weißlengen, um einige Zeilen zu ſchreiben. „Liebe Nora, ſüße Nora! ich kann nun und nim⸗ mermehr haſt— häßlichen konnte... Ja, ſiehſt ja wenn Sonntage zu Streli gehorſam Körper b nein, ich es woller Dir, nur etwas dag ſehen und dieſem Ze ter zu an⸗ men hinre „N.( meinte, D cheln! Jch liegt, wenn Du es thu Du den ji gegen kann zehn gute men. Abe ner Dreiſtt haben, de kam mir ſe die Feder; es noch ein ger, bis ich Lonora's“ fühle der bei Seite ne Nora fragten. hatte für Blick wie icheln, ja einer der ra jedoch hlte Paul, und mit , daß er stoß gab, n auch er mehr mit rnere Un⸗ ndlich ge⸗ em halben l, daß er geſſen und längeres getrunken , als die nen Herrn h vergeſſeu nnicht dazu hieher in hreiben. und nim⸗ 341 mermehr begreifen, wo Du dieſe kleinen Füße her haſft— Du hatteſt ſonſt immer ſolche großen und häßlichen Schnürſtiefel, daß kein Menſch ſie ſehen konnte. Aber, was wollte ich denn eigentlich ſagen? Ja, ſiehſt Du, nur das Eine, wenn die ganze Welt, ja wenn Gott Vater ſelbſt mir verböte, vor dem Sonntage(es iſt ja noch drei ganze Tage bis dahin) zu Streling's zu gehen, ſo wäre es mir unmöglich, gehorſam zu ſein. Ich kann keine Ruhe in meinem Körper bekommen, ehe ich mit Dir gexedet habe— nein, ich kann weder eſſen noch ſchlafen, und Du magſt es wollen oder nicht, ſo komme ich heute Abend zu Dir, nur auf einen Augenblick und kein Menſch kann etwas dagegen haben, wenn Du einen ſo alten Freund ſehen und mit ihm plaudern willſt! Jetzt gehe ich mit dieſem Zettel, und Du brauchſt keinen Buchſtaben wei⸗ ter zu antworten, als nur Ja, denn das iſt vollkom⸗ men hinreichend. Dein getreueſter Paul Wärning.“ „N. S. Liebe Nora! Nimm nicht übel, aber ich⸗ meinte, Du brauchteſt die Laffen nicht ſo fein anzulä⸗ cheln! Ich weiß recht gut, daß nichts Böſes darin liegt, wenn man lächelt, aber Du biſt zu ſchön, wenn Du es thuſt, und es kann ganz hinreichend ſein, wenn Du den jungen Leuten nur zunickſt— den alten da⸗ gegen kannſt Du gerne einen freundlichen Blick und zehn gute Worte geben, wenn die andern eins bekom⸗ men. Aber ich bitte Dich um Verzeihung wegen mei⸗ ner Dreiſtigkeit! Ich wollte das Letzte gar nicht geſagt haben, denn Du nimmſt es vielleicht übel, aber es kam mir ſo plötzlich in den Sinn, daß ich unmöglich die Feder zurückhalten konnte, und ich habe nicht Zeit, es noch einmal abzuſchreiben, denn da dauert es län⸗ ger, bis ich Dich wiederſehe. Paul.“ 342 Mit dieſem Schreiben, welches Noren deutlich of⸗ fenbarte, daß weder Zeit noch Abweſenheit eine Ver⸗ änderung in Paul's alten Gefühlen hervorgebracht hatten, wanderte er zum zweiten Male in das Haus des Herrn Streling, und reichte das Billet über den Schenktiſch, und Nora nahm es mit purpurrothen Wangen an. Sie wollte, da ſie von ſo vielen Augen bewacht wurde, daſſelbe ungeleſen in die Taſche ihrer Schürze ſtecken, aber da faßte Paul Muth und ſagte ganz laut und dreiſt:„Das da iſt gewiß etwas Angelegenes, und ich ſollte nothwendig Antwort auf das Billet haben!“ Jetzt wendete ſich Nora bei Seite, öffnete und las. „Ich habe jetzt keine Zeit, Antwort zu geben,“ ſagte ſie, nachdem ſie einige Augenblicke nachgedacht hatte,„aber kommen Sie gefälligſt heute Abend um acht Uhr wieder, ſo ſoll ſie fertig ſein!“ Mit laut klopfendem Herzen flog Paul davon. War er nicht jetzt mitten in dem beſten Aben⸗ teuer, das er ſich nur wünſchen konnte? Ja, ganz gewiß. Paul war auch ſo glücklich, daß er wirklich zu ſeinem Herrn zurückkehrte, ohne eine einzige der ihm anvertrauten Commiſſionen ausgerichtet zu haben. Er ſchämte ſich unbarmherzig über ſeine Verſäumniß, konnte es aber jetzt nicht ändern. Anfangs brummte zwar der Kellermeiſter über dieſe bei Paul ungewöhnliche Nachläßigkeit, lachte je⸗ doch um ſo herzlicher, als er nach einigen Hin⸗ und Herfragen erfuhr, daß die hübſche Schenkmamſell an der ganzen Vergeßlichkeit Schuld wäre. Paul verhehlte es nicht, daß Nora ihm eine alte und theure Bekannte wäre und bat ſeinen Herrn offen um die Erlaubniß, ſie am Abende beſuchen zu dürfen, denn ſie hätten über ſo viele Dinge zu plaudern. „Nun, mein lieber Paul, das nenne ich mir rei⸗ ————— nes Spiel tag mein Du ſie ha mein Jun zu Fuß al Der war ſelbſt ließ ihn g gen des paſſen für und das l lich abſchle vortrefflich Wagen!, „daß er ſchwendet!⸗ Nie Kinderjahr ſo ewig I Stunden e ſelben ſegn ches eine er ſchauder ohne dieſe rer Preſſe der glückli Demn ſchönen Kl. nen, daß alles. Ne Sehnſucht nicht bezw erobert ha ren in der hätte und wiß war e ſelbſt, der tlich of⸗ ine Ver⸗ gebracht as Haus über den zurrothen bewacht Schürze ganz laut gelegenes, 4s Billet , öffnete geben,“ achgedacht Abend um er wirklich inzige der zu haben. rſäumniß, iſter über lachte je⸗ Hin⸗ und amſell an verhehlte — Bekannte Erlaubniß, pätten über h mir rei⸗ ſelbſt, der ihr ein ſchönes Geſicht und eine ſchöne nes Spiel! Und wünſcheſt Du am Sonntag Nachmit⸗ tag mein Pferd und meinen Wagen zu leihen, ſo ſollſt Du ſie haben, denn wie Du wohl! ſelbſt geſehen haſt, mein Junge, iſt der Weg für Liebeszuſammenkünfte zu Fuß allzu tief und ſchmutzig, hi—hi— hi!“ Der Kellermeiſter lachte aus Herzens Grunde und war ſelbſt äußerſt zufrieden mit ſeinem Scherze. Paul ließ ihn gerne lachen und war dankbar und froh we⸗ gen des guten Anerbietens. Sieh, das konnte ſich paſſen für eine ſo feine Mamſell, wie Nora jetzt war, und das konnte ſie auch einem alten Freunde unmög⸗ lich abſchlagen! der Kellermeiſter war doch immer ein vortrefflicher Herr— ſein eigenes Pferd und ſeinen Wagen!„Aber er ſoll ſehen,“ dachte Paul weiter, „daß er ſeine Güte an keinen Undankbaren ver⸗ ſchwendet!“ Nie ſeit der entfernteſten Erinnerung an ſeine Kinderjahre konnte Paul ſich entſinnen, einen Tag mit ſo ewig langen und ſich noch immer verlängernden Stunden erlebt zu haben. Bei dem Fortſchreiten der⸗ ſelben ſegnete er oft Frau Hamrin's Anerbieten, wel⸗ ches eine Urſache ſeines Abzuges geworden war, und er ſchauderte zurück bei dem bloßen Gedanken, daß er ohne dieſen Zufall vielleicht ſein ganzes Leben bei ih⸗ rer Preſſe geſtanden hätte, ohne die geringſte Ahnung der glücklichen Begegnung, die hier ſeiner wartete. Demnächſt erwog er Nora's kluge Worte, daß die ſchönen Kleider ihn blendeten, und er konnte nicht läug⸗ nen, daß dieſelben ſehr viel thaten, gewiß aber nicht alles. Nein, er hatte eine ſo tiefe und anhaltende Sehnſucht nach ihr empfunden, daß er die Wahrheit nicht bezweifeln konnte, ſie würde ſein ganzes Herz erobert haben, ſelbſt wenn er ſie draußen in den Sche⸗ ren in der ehemaligen großen Fußbekleidung getroffen hätte und ſie nur noch frei geweſen wäre. Doch ge⸗ wiß war es beſſer, ſo wie es war. Denn unſer Herr 344 Geſtalt verliehen hatte, konnte ihr ja nicht verdenken, daß ſie ſich kleidete, wie ihr Vermögen und wie ihre Stellung es heiſchten, da es mit Ehrbarkeit geſchah. Und nun rief er auf's Neue ihr Bild in ſein Gedächtniß zurück, wie ſie ſaß, da er hineintrat; und er bemerkte, daß Nora eine Haltung und einen Anſtand bekommen hatte, die ihrem früheren Benehmen auf dem Knipps ganz unähnlich waren. Schon damals, als ſie in dem Fiſcherdorfe allein wohnte, war ſie verſchämt und ſchüchtern geworden; jetzt aber war noch etwas hinzugekommen, das nicht ſo leicht zu er⸗ klären war, und ihre Macht noch größer machte, und das, wie Paul mit Sicherheit glaubte, ihr auch bleiben würde, wenn ſie auch das knappe Kleid, das roſige baumwollene Tuch und ſelbſt die großen Schnürſtiefeln wieder anzöge. Unter dieſen Entzückungs⸗Ausflüchten und Berech⸗ nungen verirrte ſich Paul auf eine ziemlich lange Zeit zu einem Gegenſtande, der denn doch ziemlich grell gegen die übrigen Gedanken abſtach. Wo in Gottes Namen hatte ſie das Kind? Gewiß nicht in Göteborg, denn da hätte es ſehr bald den Stoff zu Klatſchereien und zu Geſchichten hergegeben. Vielleicht aber waren ſolche ſchon in Umlauf geweſen und wieder ausgeſtor⸗ ben: Paul hatte ſie ja vor drittehalb Jahren zum letzten Male geſehen, und wußte nicht, wie lange ſie ſich in Göteborg aufgehalten hatte. Auf deden Fall fühlte Paul jetzt, daß er mit Nora als Frau durch die Kleine nie mehr in ſeinem Glücke geſtört werden konnte; er fühlte dies um ſo feſter, als er oft über die uneigennützige, alles entſagende Liebe nachgedacht hatte, welche der ſelige Faktor in ſeinen Lebzeiten ſeiner armen Katharina bewieſen. Ja, alles ſollte ganz verſöhnt ſein! Gegen halb acht Uhr begab ſich Paul voller Sehn⸗ ſucht auf den Weg, nachdem er zuvor ſeinem Anzuge eine ungewöhnlich lange Zeit gewidmet hatte, ſo daß Um acht u er ſpäter Sein neu tung, we hatte wei zwungener trug im hatte er ber Farbe Richtung letzten W er den ein den große jetzige Be ſteckt hatt noch died welcher ſi geſtreiftes mengebun Schnupftt der Rockt Figur des dieſem Z Geſchäfte Au Bei zerei beg verdenken, wie ihre t geſchah. d in ſein rat; und n Anſtand )men auf rdamals, war ſie aber war cht zu er⸗ ichte, und ch bleiben das roſige nürſtiefeln d Berech⸗ aange Zeit llich grell in Gottes Göteborg, atſchereien ber waren ausgeſtor⸗ ahren zum lange ſie jeden Fall frau durch rt werden woft über achgedacht Lebzeiten lles ſollte ller Sehn⸗ m Anzuge 2e, ſo daß er ſpäter hinauskam, als ſeine Abſicht geweſen war. Sein neuer Rock ſaß vollkommen gut, und ſeine Hal⸗ tung, weit entfernt, auf einen Geſellen zu deuten, hatte weit eher Aehnlichkeit mit der freien und unge⸗ zwungenen Weiſe eines jungen Seemanns. Paul trug im Allgemeinen keine Handſchuhe, aber heute hatte er ſich ein Paar von ganz beſonders ſchöner gel⸗ ber Farbe zugelegt. Die Uhrſchlinge hing in ſchräger Richtung über die grün gewürfelte ſeidene Weſte, dem letzten Weihnachtsgeſchenke der Frau Hamrin, und da er den einen Handſchuh in der Hand trug, ſo ſah man den großen Siegelring des ſeligen Herrn, welchen der jetzige Beſitzer diesmal an den rechten Zeigefinger ge⸗ ſteckt hatte. Legt man nun zu dem ſchon Genannten noch die Vorſtellung von einem weißgeſtärkten Kragen, welcher ſich um einen Zoll über ein roth⸗ und ſchwarz⸗ geſtreiftes ſeidenes, mit einer zierlichen Schleife zuſam⸗ mengebundenes Halstuch erhob, und ein gelbes ſeidenes Schnupftuch, welches drei und einen halben Zoll aus der Rocktaſche hervorblickte, ſo hat man die ganze Figur des erſten Kellners der Traube, wie er ſich in dieſem Zeitpunkte der wichtigſten und angenehmſten Geſchäfte befand, vor Augen. Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Um acht Uhr beim Conditor Streling. Ein Brief von Nora. Ausfahrt in dem Wagen des Kellermeiſters.“ Bei der Ankunft in der Streling'ſchen Schwei⸗ zerei begehrte Paul von dem Knaben, den er zuerſt 346 traf, eine Taſſe Thee, wenn auch nicht in der Abſicht, ſich zu erwärmen, ſondern einzig und allein um einen Anlaß zu haben, ſo lange in dem äußeren Zimmer verweilen zu können. Er nahm daher den leeren Platz in der Nähe der Thüre an einem kleinen Tiſche bei den Mänteln ein. Die Wahrheit zu ſagen, beſaß er jetzt nicht den guten Muth, welchen er am Morgen hatte, da die UÜeberraſchung und die Heftigkeit ſeiner Gefühle ſeinen ganzen Ideengang in völlige Abhängig⸗ keit von dem augenblicklichen Eindrucke ſetzten. Zu einer andern Zeit würde Paul es für höchſt angenehm gehalten haben, auch einmal zu erfahren, wie es ſchmeckte, gleichſam als ein„rechter Herr“ bei ſeiner Taſſe Thee und mit ſeinem Zeitungsblatte in der Hand zu ſitzen, jetzt aber war es nichts weniger als angenehm. Er fürchtete jeden Augenblick, daß ſich jemand darüber wundern könnte, daß er dort ſaß, ob⸗ gleich das Zimmer faſt ganz leer war, denn die Be⸗ ſuchenden waren am liebſten in dem inneren, aber da hinein zu gehen, dazu fehlte ihm der Muth ganz und gar: er ſah dort in dem Scheine des prächtigen Kronleuchters ſo fremd und vornehm aus! Paul war äußerſt verlegen und wagte nicht einmal, nach dem Schenktiſche hinzuſehen. „Da lobe ich's mir des Morgens, wenn's ſtill iſt!u dachte Paul.„Wie ich jetzt mit Nora werde reden können, geht über meinen Verſtand.“ Und verſtimmt und immer verlegener betrachtete er bald ſeine eigene Figur in dem großen Spiegel und bald die Figuren auf der Theeſchaale auf die er ſeinen Thee goß, um ihn abzukühlen. Endlich half ihm der Knabe aus ſeiner Unent⸗ ſchloſſenheit, indem dieſer zu ihm kam und ihn fragte, ob er nicht der Herr wäre, welcher der Mamſell heute Vormittag den Brief gebracht hätte. „Ja, ganz derſſelbe!“ entgegnete Paul, herzlich —— fro ſes etzt hier, 1„Die dort auf Thüre zei dung ſtan Nach belebte, ſe Thee aus zu begehre Taſſe endl zu Muthe gewöhnli mit Zubeh zwanzigſch für ſich zu In d kleine Auf Triumph, jetzt in d an den v Jetzt netten Ge dunkelroth kleinen La Gegenſtän Geſicht ſo einzigen S Paul ſeine ſo einzufinde daß er Ga ganz ähnl zum erſter der Thürſt ſtehen blie Abſicht, im einen Zimmer en Platz iſche bei beſaß er Morgen it ſeiner öhängig⸗ ir höchſt rfahren, err“ bei latte in weniger daß ſich ſaß, ob⸗ die Be⸗ aber da anz und ächtigen aul war ach dem ſtill iſt!“ de reden erſtimmt e eigene Figuren oß, um Unent⸗ mfragte, ell heute herzlich —C—Q—Q—Q—C—C—C—C—C— 347 froh, jetzt einen ſichern Wegweiſer zu finden.„Ich bin jetzt hier, um die Antwort zu holen.“ „Die Mamſell ging in ihr Zimmer, und wartet dort auf Sie!“ ſagte der Knabe, indem er auf eine Thüre zeigte, die mit dem Schenkzimmer in Verbin⸗ dung ſtand. Nach dieſer Nachricht, welche unſern Paul völlig belebte, ſchlürfte er mit der äußerſten Ungeduld ſeinen Thee aus, denn er meinte, es ſei unpaſſend, erſt etwas zu begehren und es dann ſtehen zu laſſen. Als er die Taſſe endlich hinſetzte und bezahlte, war ihm ſo leicht zu Muthe und er ſo liberal geſtimmt, daß er ſtatt der gewöhnlichen zwölf Schillinge, welche eine Taſſe Thee mit Zubehör koſtet, dem Knaben einen ganzen Vierund⸗ zwanzigſchillings⸗Zettel gab und ihn bat, das Uebrige für ſich zu behalten. In der dankbaren Verbeugung, mit welcher der kleine Aufwärter dieſe Artigkeit entgegennahm, lag ein Triumph, welcher Paul ſchmeichelte, und dreiſt trat er jetzt in das Zimmer mit dem prächtigen Kronleuchter an den vielen Herrn vorbei und pochte an die Thür, welche der Knabe ihm anwies. Jetzt befand ſich Paul in einem ganz kleinen und netten Gemache, in Nora's Zimmer. Die von der dunkelrothen Gardine zurückgeworfenen Strahlen der kleinen Lampe warfen einen ſchönen Schein über die Gegenſtände, beſonders über Nora ſelbſt, welche ihr Geſicht ſo an dem Sopha verbarg, daß Paul keinen einzigen Blick erhielt. Paul war von dieſem Anblicke ſo bezaubert, daß ſeine ſo eben erſt vergeſſene Verlegenheit ſich wieder einzufinden begann, und das ſogar in ſolchem Grade, daß er Gefühle zu erfahren vermeinte, die denjenigen ganz ähnlich waren, welche in ihm aufſtiegen, da er zum erſten Male mit ſeinem Bündel in der Hand auf der Thürſchwelle von Nora's Kammer auf dem Knipps ſtehen blieb. Wie ſtattlich und ſchön erſchien ſie ihm 348 nicht damals, obgleich ſie nur ein grobgeſtreiftes wol⸗ lenes Kleid anhatte und ein einfaches baumwollenes Tuch ihren Hals bedeckte! Jetzt ſtand er ja zum zwei⸗ ten Male ganz blöde vor ihr— doch alles war jetzt verändert: ſie war nicht mehr die vorige Nora; nein, viel ſchöner, als damals, viel beſſer, als damals. Nein, ſie war nicht mehr die vorige Nora, wenn ſie es auch in ſeinem Herzen war. Paul nahm neben ihr Platz; da ſie jedoch fort⸗ während ihr Geſicht verbarg, ſo ſagte er traurig, denn er glaubte nun, daß ſie auf ihn böſe ſei, weil ſie fort⸗ während ſchwieg:„Ich ſehe, liebſtes Norchen, ich habe Unrecht gethan, daß ich mich Dir ſo gegen Deinen Willen aufgedrungen habe, will Dich aber bitten, daß Du es nicht übel nimmſt, denn ich wußte heute Mor⸗ gen wahrhaftig nicht, was ich that, ſo froh war ich, daß ich Dich wiedergefunden hatte. Jetzt aber iſt's damit ein anderes, nun bin ich wieder ſo viel Menſch, daß ich ſehen und denken kann, und da ich ſehe, daß Du traurig biſt, ſo will ich lieber gehen und ein an⸗ dermal wiederkommen.“ Paul ſtand wirklich auf, aber in demſelben Augen⸗ blick wendete Nora ſich um: ſie hatte Thränen in den Augen, ihre Wangen brannten und über ihrem ganzen Antlitze lag ein gemiſchter Ausdruck von Schmerz und Unruhe. „Lieber Paul! warum ſagſt und glaubſt Du das?“ fragte ſie mit einer Stimme, welche jeden Verdacht aus Pauls Herz vertrieb.„Wie könnteſt Du mir Un⸗ recht thun, Du, der mir ſo viel Gutes erzeigt hat? Glaubſt Du, ich habe vergeſſen, daß Du für mich und mein Kind gearbeitet haſt und wie wir hätten verhun⸗ gern und erfrieren müſſen, wenn Du Dich unſer nicht erbarmt hätteſt? Und doch haſt Du mir in vielen an⸗ dern Dingen, durch Alles, was Du mir geſagt haſt, noch mehr Gutes gethan. Doch, theuerſter Paul, Du verſtehſt ganz gewiß, woran ich denke und was mich zu ſehen ho mir ſo viel ja, laß mic ten bei al ganzen Tag „Ach„ℳ den Blick a ließ,„jetzt doch iſt ſie ſtieß, da ſi zu werden und nimme mals war, — nein, do Und m liebe Nora gethan, al nichts ſchulr Q „Ig, Schnupftuch gannen.„ fort,„es w — daß Du klugheit be weiß nur C beſſern könn eines ſtarke geworden, Glücke.“ „Aber, nach Nora' es zu, daß bei meinem mir ſeitdem wäreſt ſeine tes wol⸗ wollenes m zwei⸗ var jetzt I; nein, als. , wenn och fort⸗ ig, denn ſie fort⸗ ich habe Deinen ten, daß te Mor⸗ war ich, ber iſt's Menſch, de, daß ein an⸗ Augen⸗ min den i ganzen nerz und u das?“ Verdacht mir Un⸗ igt hat? nich und verhun⸗ ſer nicht elen an⸗ agt haſt, rul, Du das mich 1 bewegt, da ich nach ſo langer Zeit ganz unvermuthet Dich getroffen habe, den ich in dieſem Leben nie mehr zu ſehen hoffte. Ich muß ja weinen, Paul— es geht mir ſo vieles Frohe und Traurige durch den Kopf... ja, laß mich ausweinen!“ Und Nora's Thränen ſtröm⸗ ten bei allen bitteren Erinnerungen, welche ſich den ganzen Tag in ihrem Kopfe gekreuzt hatten. „Ach,“ dachte Paul, welcher vor Nora ſtand und den Blick auf ihrem ausdrucksvollen Geſicht feſt ruhen ließ,„jetzt iſt ſie ganz wie ein Engel des Lichts! Und doch iſt ſie diejenige, welche ich einſt ſpöttiſch von mir ſtieß, da ſie auf ihren Knieen um Gnade bettelte und zu werden gelobte, was ſie nachher geworden iſt. Nun und nimmermehr kann ſie vergeſſen, wie hart ich da⸗ mals war, und nie kann ſie mir von Herzen verzeihen — nein, das kann ſie gewiß nicht!“ Und mit Innigkeit bat Paul:„Weine nicht mehr, liebe Nora! Ich habe ja nicht halb ſo viel für Dich gethan, als ich geſollt hätte— Du biſt mir gewiß nichts ſchuldig.“ „Ja, Alles!“ fiel Nora ein und entfernte das Schnupftuch von den Augen, die klar zu werden be⸗ gannen.„Ich will Dir ſagen, Paul,“ fuhr ſie leiſer fort,„es war mein Glück— das glaube ich beſtimmt — daß Du nicht gewährteſt, was ich in meiner Un⸗ klugheit begehrte. Denn hätteſt Du das gethan, ſo weiß nur Gott allein, ob ich mich ſo hätte erheben und beſſern können, wie ich nun verſucht habe; ich bedurfte eines ſtarken Stoßes und dieſer iſt mir zum Nutzen geworden, ſowohl im Unglücke, als auch nun zuletzt im Glücke.“ „Aber,“ ſagte Paul, der gar nicht dazu kam, ſich nach Nora's kleiner Tochter zu erkundigen,„wie ging es zu, daß Du den Bengtsſon nicht nahmſt? Du warſt bei meinem letzten Abſchiede ſo feſt entſchloſſen, daß ich mir ſeitdem nie etwas anders vorgeſtellt habe, als Du wäreſt ſeine Frau.“ 85 6 350 „Ja, ſetze Dich zu mir her, ſo will ich Dir zufahren— Alles vom Anfang bis zu Ende erzählen— Du mußt nächſten S wiſſen, das iſt eine ganze kleine Geſchichte.. Doch Pferde und nein,“ fuhr ſie plötzlich in verändertem Tone fort,„das daß wir ni läßt ſich jetzt nicht thun, es würde zu lange dauern Dir Vergnt und ſie könnten ſich draußen wundern, was wir hier„Ja, ſo lange allein zu thun haben. Siehſt Du, Paul, mir mit vor Fr iſt bange, daß die Leute nur das Allergeringſte von daß es ſich mir zu ſagen haben ſollen, daß ich nicht vorſichtig ge⸗ Herrn Ane nug ſein kann! Ich habe erſt in der ſpäteren Zeit ein⸗ habe es ni ſehen gelernt, wie gut es iſt, wenn man einen guten daß der, m Ruf hat, und Du ſollſt wiſſen, daß Du der erſte Mann bruder iſt, biſt, den ich in meinem eigenen Zimmer empfangen verlebt, un habe, ſo lange ich hier bin.“„Waru „Gott ſoll mich behüten, Norchen, daß ich derje⸗ ſagen? war nige ſein ſollte, der Deinen guten Ruf zerſtörte! Daß lang eine à ich ſo neugierig bin, wie nur ein Menſch es ſein kann, ſchlug ſeiner das brauche ich Dir nicht erſt zu ſagen, und ich glaube ſage Du, auch, daß Du gerne wiſſen möchteſt, wie es mir in denn da ha dieſen Jahren gegangen iſt; doch lieber, als daß Du Glaube mir den geringſten Verdruß davon haben oder Dir auf ir⸗ chen armſel gend eine Weiſe ſchaden ſollteſt, will ich von dem Ver⸗ ich will Di gnügen abſtehen, worauf ich mich ſo ſehr gefreut hatte, genblicke— hier nun ein Paar Stunden ſitzen und mit Dir plau⸗ lich mich nu dern zu können. Aber, Nora, Du meinſt doch wohl„Still, damit nicht etwa, daß Du alle Bekanntſchaft mit mir Dich nun m aufſagen willſt? denn dazu habe ich weder Luſt, noch ſage nichts, Geduld!“„Liebe „Wie kannſt Du nur ſo ſagen?“ meinte Nora lä⸗ nicht beunru chelnd und der Blick, den Paul erhielt, verhalf ſeinem nen Buchſtal Gedächtniſſe ſogleich zur Klarheit in Betreff des ihm ſagſt, ob D von dem Kellermeiſter gegebenen guten Verſprechens lieb haſt?“ in Betreff des Pferdes und des Wagens. Gewiß „Liebe Nora!“ ſagte er raſch,„da es ſo iſt, das ich ja gewor wir hier nicht plaudern können, ſo müſſen wir's uns„Und f auf eine andere Weiſe ausdenken. Junge Leute pflegen mich, gelieb ja oft an den Sonntagsnachmittagen mit einander aus⸗ ich Dir du mußt . Doch rt,„das dauern vir hier aul, mir gſte von chhtig ge⸗ Zeit ein⸗ en guten ſte Mann apfangen le pflegen der aus⸗ zufahren— und wenn Du willſt, ſo komme ich den nächſten Sonntag um zwei Uhr mit einem galanten Pferde und Wagen und hole Dich ab. Verſteht ſich, daß wir nicht weiter fahren, als Du willſt und es Dir Vergnügen macht.“ „Ja, das wäre nicht ſo dumm!“ meinte Nora mit vor Freude ſtrahlenden Augen.„Ich glaube wohl, daß es ſich paſſen kann. Ich habe zwar ſchon oft von Herrn Anerbietungen gehabt, auszufahren, aber ich habe es nie gewollt; nun aber ſage ich dem Herrn, daß der, mit dem ich ausfahre, gleichſam mein Pflege⸗ bruder iſt, wir haben ja viele Jahre mit einander verlebt, und da wundert es ihn gewiß nicht.“ „Warum, liebe Nora, willſt du Pflegebruder ſagen? warum nicht lieber, was wenigſtens eine Zeit⸗ lang eine Wirklichkeit war?“ fragte Paul ſchnell und ſchlug ſeinen Arm um Nora's Leib.„Liebſte Nora, ſage Du, daß Du mit Deinem Bräutigam ausfährſt, denn da hat kein Menſch das Recht, darüber zu reden! Glaube mir, ich kann mich doch nicht lange mit ſol⸗ chen armſeligen, geſtohlenen Augenblicken begnügen: ich will Dich beſitzen, und das viele und lange Au⸗ genblicke— ja mein ganzes Lebelang, wenn Du näm⸗ lich mich nur im allermindeſten lieb haſt!“ „Still, Paul! um Gottes willen ſtill! Uebereile Dich nun nicht noch einmal— nein, ich bitte Dich, ſage nichts, beunruhige mich nicht wieder!“ „Liebe Nora! um Alles in der Welt will ich Dich nicht beunruhigen— und ich begehre heute Abend kei⸗ nen Buchſtaben weiter von Dir, als daß Du mir nur ſagſt, ob Du mich noch ein ganz klein⸗klein wenig lieb haſt?“ „Gewiß habe ich— nur durch Dich allein bin ich ja geworden, was ich bin.“ „Und für mich,“ ſetzte Paul kühner hinzu,„für mich, geliebte, theure Nora!“ 352 „Nun hältſt Du Dein Wort nicht redlich, Paul! Du verſprachſt ja, nicht mehr zu begehren.“ „Da muß ich denn wohl mit dem gehen, was ich ſchon habe, denn ich ſpüre es an mir, daß es als ein Anfang nicht ſo übel iſt!“ „Paul, ſchwatze Du nicht ſo! Du haſt nichts be⸗ kommen, womit Du anfangen kannſt— denke daran und bilde Dir nicht ein, daß ich etwas anderes meine, als ich meine!“ „Soll ich das, meinſt Du?“ lächelte Paul freund⸗ lich.„Ich weiß nun, daß Du mich nur ein ganz klein⸗klein wenig leiden magſt, aber Du ſollſt nicht eher Ruhe vor mir haben, als bis Du mich ſo lieb haſt, wie ich Dich... Und nun gute Nacht und lebe wohl, liebes Norchen! Am Sonntage mit dem Schlage zwei halte ich mit einem Wagen hier fein vor der Thür!“ „Gute Nacht, Paul!“ Nora erwiederte den herz⸗ lichen Handſchlag. Er fühlte, daß er ſein Glück mit⸗ nahm, in der Ueberzeugung, daß er noch Nora's Liebe beſaß— ja, vielleicht in höherem Grade, als ehemals. Dieſes geſchah am Donnerſtage. Und am Sonn⸗ abende nach Mittag erhielt Paul einen Brief, deſſen Aufſchrift ihm ſogleich anzeigte, daß er von Nora wäre.„Will ſie abſagen?“ fragte ſich Paul erſchro⸗ cken. Er brach ſchnell den Brief. Dieſer lautete fol⸗ gender Maßen: „Beſter, theuerſter Paul! „Da ich ſchon im Voraus weiß, wie unmöglich es am Sonntage wird, wenn wir ausfahren, Dir Alles ordentlich im Zuſammenhange zu erzählen, ſo habe ich gedacht, weil Du mir da Deine Schickſale erzählen follſt, daß ich die meinigen aufſchreiben und Dir zu⸗ ſchicken muß— biſt Du nicht zufrieden damit? „Nun war es ſo, da Du mich verließeſt, als Du draußen in dem Fiſcherdorfe geweſen und mich beſucht nette Zeugb hatteſt, ſo nicht ſo ſchn käme, ſollt Nun höre n. „Es d jungfer ſich der Zeit be Herr Gott, Dich darübe daß, obgleie ſollte, daß ſi ſo große und irgend eine ihr Kind zu t ſoll, das h⸗ in meinem L Schmerz es laſſen und von einem einander pa kunft weiß! Decke von mich auf ir immer in e der Kleinen ſie war ja q Roſe gab, ſe daß ſie eine Kleine gut. legt, die ich „So w genommen an keinem! Paul Wär Paull was ich als ein hts be⸗ 2 daran meine, freund⸗ in ganz Ulſt nicht ſo lieb und lebe Schlage vor der den herz⸗ lück mit⸗ a's Liebe de, als n Sonn⸗ f, deſſen on Nora lerſchro⸗ utete fol⸗ hatteſt, ſo weißt Du wohl, daß ich den Bengtsfon nicht ſo ſchnell wieder erwarten konnte, ſobald er aber käme, ſollte er Antwort auf ſein Anhalten haben. Nun höre weiter, wie es ging. „Es dauerte eine geraume Zeit, ehe die Oe⸗ jungfer ſich wieder bei uns zeigte, und während der Zeit bekam meine Kleine die Maſern und ſtarb. Herr Gott, Paul! Du ſollſt es nicht übel nehmen oder Dich darüber wundern, wenn ich Dir nun ſagen muß, daß, obgleich ich meinem himmliſchen Vater danken ſollte, daß ſie ſo gut aufgehoben war, ich dennoch eine ſo große und tiefe Herzensbetrübniß empfand, wie nur irgend eine Mutter, die ein beſſeres Recht hat, über ihr Kind zu trauern! Doch was Einer fühlen und leiden ſoll, das hat unſer Herr ſelbſt in uns gepflanzt, und in meinem Leben vergeſſe ich nicht, welch' ein bitterer Schmerz es war, als ich mein Kind aus den Armen laſſen und dem Grabe ſchenken mußte! Die kleine, nette Zeugblume— Du kennſt ſie— die ich einmal von einem franzöſiſchen Schiffskapitän erhalten und immer in einer Schachtel aufgehoben hatte, gab ich der Kleinen in die Hand, als ſie in dem Sarge lag, ſie war ja auch eine kleine Blume und ſie konnten zu einander paſſen. Wie wenig Einer doch von der Zu⸗ kunft weiß! Als der franzöſiſche Capitän mir die Roſe gab, ſo war ich weit entfernt, daran zu denken, daß ſie eine ſolche haben ſollte! Jetzt ſchläft meine Kleine gut. Ich habe auf das Grab eine kleine Decke von den ſchönſten Muſcheln und Schnecken ge⸗ nöglich es Dir Alles t? t, als D ich beſucht legt, die ich finden konnte. „So war ich alſo allein in der Welt: Du hatteſt mich auf immer verlaſſen, Gott hatte mir mein Kind genommen— kein Menſch hatte Theil an mir, und ich an keinem! „An Dich wollte ich nicht ſchreiben. Ich wußte nicht, wo Du warſt, ſeitdem Du Göteborg verlaſſen 23 8— Paul Wärning. 354 hatteſt, und wenn ich's auch gewußt hätte, ſo würde ich dennoch nicht geſchrieben haben, denn diesmal hat⸗ teſt Du ja ſelbſt unſer Verhältniß abgebrochen, und das, weil ich beſſer als Du Deine Gedanken und Deine Geſinnung kannte. Zwar hatte ſich ſeit dem Tode der Kleinen Vieles verändert, aber ich hatte doch Scham und Verſtand genug, daß ich Dich mit Erinnerungen an mich im Frieden ließ. „Als Bengtsſon zurückkam, war, wie geſagt, Alles verändert, und da ich blos aus der Urſache, um dem Kinde einen guten Vater, und uns Beiden einen Be⸗ ſchützer zu geben, der Dir die ſchwere Bürde abnehmen konnte, ihn hatte nehmen wollen, ſo konnte von Hei⸗ rathen nicht mehr die Rede ſein. Ich dachte: allein ernähre ich mich ſchon, und wie es auch gehen möchte, ſo hielt ich es doch für das Allerſchlimmſte, mich ohne Liebe durch die Ehe binden zu laſſen. „Bengtsſon, der es auf jeden Fall gut mit mir gemeint hatte, war durch meine zweite abſchlägige Ant⸗ wort niedergeſchlagener, als ich geglaubt hatte, und ſuchte mich auf alle mögliche Weiſe zu überreden, daß ich auf ſeinen Wunſch eingehen möchte. Aber ich war beſtimmt in dieſer Sache, und ſo ſchieden wir in aller Freundſchaft von einander. Ich erfuhr ſpäterhin, daß er, der einen leichten Sinn hat, die Traurigkeit fah⸗ ren laſſen und ein reiches Mädchen aus Fjällbacka ge⸗ heirathet hat, mit welcher er gut und glücklich leben ſoll; und mit ihr bekam er ſo viel Geld, daß er ſich ſtatt der Schute, die er an Sakarias Amundsſon ver⸗ kaufte, eine Schaluppe bauen konnte. „Inzwiſchen hatte ich die Bekanntſchaft eines Boot⸗ ſchiffers von Fiskebäckskil gemacht, und da ich immer mit großem Lobe von dem„Kil“ und den Leuten da⸗ ſelbſt, und ganz beſonders von der großen Kunfffer⸗ tigkeit der dortigen Frauen im Weben gehört hatte, ſo bat ich den Capitän Svensſon— ſie nennen ſich im Kil faſt alle Capitäne, weil ſie meiſtens Schalup⸗ pen und müthig u er ſollte wo ich be dem Grut da meinte ſeiner Fre Und ich n bieten an. „Als gelebt hat ich„ ſo z1 hatte, ſo konnte ja mir mein „Du ein große Häufer ſin und auf a Krümmun jeder Wi diele, und ausgeſtreuf „Du Mühe, zu das ſollſt Kleinigkei ſen und b allen Din wohl, All⸗ mich ebent wenn auch draußen g Leben, wo nal hat⸗ en, und nd Deine Tode der h Scham nerungen igt, Alles um dem inen Be⸗ abnehmen von Hei⸗ e: allein n möchte, nich ohne mit mir igige Ant⸗ atte, und eden, daß r ich war r in aller rhin, daß gkeit fah⸗ lbacka ge⸗ klich leben daß er ſich dsſon ver⸗ ines Boot⸗ ich immer Leuten da⸗ Kunftfer⸗ bört hatte, nennen ſich Schalup⸗ pen und große Deckboote haben, und außerdem groß⸗ müthig und reich und auf alle Weiſe tüchtig ſind— er ſollte ſo gut ſein und mir dort einen Dienſt ſchaffen, wo ich beim Weben helfen, und dieſe Kunſt ſelbſt aus dem Grunde lernen könnte. „Sobald ich darüber nur ein Wort geſagt hatte, ſo bot mir Svensſon an, er wolle mich mitnehmen, wenn ich am nächſten Morgen fertig ſein könnte, denn da meinte er guten Wind zu haben, und da könnte ich ſeiner Frau helfen bei dem großen Sommergewebe. Und ich nahm mit Freude und Dankbarkeit ſein Aner⸗ bieten an. „Als ich Dein Haus verließ, in welchem Du gelebt hatteſt und aufgewachſen warſt, und in welchem ich, ſo zu ſagen, einen anderen Sinn angenommen hatte, ſo weinte ich recht bittere Thränen, aber ich konnte ja nicht länger bleiben, ich mußte hinaus und mir mein Brod verdienen. „Du kannſt Dir nimmermehr vorſtellen, was für ein großes und ſchönes Fiſcherdorf der Kil iſt. Alle Häufer ſind nett und gut gebaut, und roth angeſtrichen, und auf alle Weiſe hübſch, und obgleich die Straße in Krümmungen bergauf und bergab geht, ſo iſt doch jeder Winkel rein und fein, wie eine gut gekehrte Haus⸗ diele, und die Hausdielen ſind ſo weiß und mit Sand ausgeſtreut, wie die Zimmer ſelbſt. „Du lachſt nun wohl und ſagſt, es war unnöthige Mühe, zu erzählen, was nicht zur Sache gehört, doch das ſollſt Du doch nicht glauben: ich rede von dieſen Kleinigkeiten gerade aus dem Grunde, damit Du wiſ⸗ ſen und begreifen magſt, daß dieſe große Ordnung in allen Dingen ſo ſehr auf mich einwirkte. Es that mir wohl, Alles um mich her ſo rein zu ſehen, und da ich mich ebenfalls daran gewöhnte, ſo war es mir, als wenn auch das Herz reiner würde. Und ſo lebte ich draußen auf Fiskebäckskil ein munteres und zufriedenes Leben, wenn auch in großer Arbeitſamkeit. Denn ob⸗ 356 gleich Frau Svensſon eine ganz vortreffliche und ſehr tüchtige Frau war, ſo hielt ſie doch die Zeit faſt zu ſehr zu Rathe; ſie war ſelbſt arbeitſam, wie eine Ameiſe, und erzog Andere auf dieſelbe Weiſe, und wer die Zeit vertrödelte, der ſtand nicht gut bei ihr zu Buch. „Unter Frau Svensſon's Handleitung lernte ich mir die Webekunſt ganz aus dem Grunde. Ich hatte dazu auch große Luſt und Anlage, und ehe der folgende Frühling kam, konnte ich ſchon ſo gut, wie ſie ſelbſt, meinen Drillich aufziehen und weben. Sie lobte mich bisweilen und war freundlich gegen mich auf alle mög⸗ liche Weiſe, und Lob und eine ſtrenge Herrin verdop⸗ pelte den Fleiß. Und ich kann ihr zu Ehren nachſagen, daß ich es ihr zu danken habe, wenn ich, ſofern Gott mir die Geſundheit verleiht, keine Faulenzerin mehr werde. „Doch nun ſollſt Du hören, wie es eine andere Wendung nahm. Auf einmal, ohne daß ich die geringſte Urſache wußte— es iſt nun anderthalb Jahre her— war ſie ganz kalt und hart gegen mich. Ich grübelte und grübelte, ob ich ihr Anlaß zur Unzufriedenheit ge⸗ geben hätte, aber ich fand nichts. Endlich merkte ich aber doch, woher der Wind kam: denke Dir, ſie glaubte, ich hörte auf das loſe Geſchwätz, das ihr Sohn mir in's Ohr flüſtern wollte, denn er bildete ſich ein und wollte mir ebenfalls gern einbilden, daß er ſterblich verliebt in mich wäre. „Frau Svensſon hätte nicht nöthig gehabt, ſich hierüber zu beunruhigen, wenn ſie nur gewußt hätte, daß Stefanus mir ſo gleichgültig war wie eine Plötze; aber ſie dachte etwas anderes, und hätte ſie mir auch geglaubt, falls ſie mir Gelegenheit gegeben hätte, die Wahrheit zu ſagen, ſo fürchtete ſie auf jeden Fall eben ſo viel für den Burſchen, der ſchon mit einem reichen Lyſekiler Mädchen verlobt war. Und aus dieſem Grunde war es Frau Svensſon's Abſicht, mich nicht allein aus dem Hauſe, ſondern ſogar von dem Fiſcherdorfe hinweg zu aller Gef „Da hier viele oft den A Göteborg chen ſind Thätigkeit ihnen ſo zu dienen werden. „Nur und mich einem Mo einen Brie welcher ei zu gleichen gebrauchte rechnen ko zu verdan daß ich i einer Ver dem Die dienen, verſchaffe. Es ſa ſo auf di mir gere verſtehen, würde 3 ſie verſich ſolchen D ſähe aus haben vo und woll mich einft Da ind ſehr zu ſehr Ameiſe, die Zeit 6. ente ich ſch hatte folgende ee ſelbſt, bte mich lle mög⸗ verdop⸗ ichſagen, rn Gott in mehr e andere geringſte 2 her— grübelte aheit ge⸗ rerkte ich glaubte, vohn mir ein und ſterblich abt, ſich aßt hätte, ne Plötze; mir auch ätte, die Fall eben n reichen n Grunde cht allein ſcherdorfe hinweg zu ſchaffen, ſo daß ihr geliebter Stefanus außer aller Gefahr ſein könnte. „Da Frau Svensſon ein Göteborger Kind war und hier viele Verwandte und Bekannte hatte, ſo hatte ſie oft den Auftrag gehabt, Fiskebäckskiler Mädchen nach Göteborg in Dienſt zu ſchaffen, denn die Kiler Mäd⸗ chen ſind allgemein bekannt wegen ihrer Hurtigkeit und Thätigkeit in allen Stücken, obgleich die meiſten von ihnen ſo vermögend ſind, daß ſie nicht nöthig haben, zu dienen, ſondern es nur thun, um Stadtdamen zu werden. „Nun weiß ich nicht recht, ob Frau Svensſon ſchrieb und mich ausbot oder wie ſie es machte; genug, mit einem Male kam ſie zu mir und erzählte, ſie hätte einen Brief von ihrem Vetter aus Göteborg bekommen, welcher ein Herr wäre und Conditor und„Traiteur“ zu gleicher Zeit, und der ein Mädchen bei der Schenke gebrauchte.„Und da Du,“ ſagte ſie,„ſchreiben und rechnen kannſt— Dir, lieber Paul, habe ich beides zu verdanken—„will ich dem Conditor damit dienen, daß ich ihm Dich anſtatt ſeiner Mamſell gebe, die einer Verdrießlichkeit wegen zu ungewöhnlicher Zeit aus dem Dienſte gekommen iſt, und Dir will ich damit dienen, daß ich Dir einen guten und leichten Dienſt verſchaffe.“ Es ſchien mir zwar, als wäre es ein wenig ſtark, ſo auf dieſe Weiſe über mich zu verfügen, ohne mit mir geredet zu haben, und das gab ich ihr auch zu verſtehen, ſo wie auch, daß ich überzeugt wäre, ich würde zu einem ſolchen Dienſte nicht paſſen. Aber ſie verſicherte eigenſinnig, daß ich gerade zu einem ſolchen Dienſte am beſten paßte, denn ich wäre und ſähe aus wie eine Mamſell; ſie würde gewiß Ehre haben von mir und von ihrer Empfehlung, meinte ſie, und wollte mich ſelbſt nach Göteborg begleiten und mich einführen. Da ich nun nicht mit Gewalt im Hauſe bleiben 358 konnte und nur allzu gut wußte, wie böſe Frau Svens⸗ ſon geworden wäre, wenn ich zu jemand anders in Kil meine Zuflucht genommen hätte, ſo hatte ich kei⸗ nen andern Rath, als mitzugehen, da die nächſte Ge⸗ legenheit war, und da ich bis dahin weder Lohn be⸗ gehrt noch erhalten hatte, ſo ſagte Frau Svensſon, die in dieſem Falle außerordentlich gut gegen mich war, ſie wollte mir ſtatt deſſen einige paſſende Kleider kaufen, ſobald wir erſt hier wären. „Nach einer ſchnellen Fahrt, die Frau Svensſon eine gute Vorbedeutung nannte, kamen wir in Göte⸗ borg an; gingen jedoch nicht gleich zum Conditor, wie ſie hier ſagen(und nicht Traiteur), ſondern in das Quartier, wo Frau Spvensſon immer wohnte, wenn ſie in der Stadt war. Am folgenden Tage ging ſie mit mir aus und kaufte mir Zeug zu zwei hübſchen Kleidern und brachte mich zu einer Nähterin, welche dieſelben nach der Göteborger Manier machen ſollte. Als wir dann nach Hauſe kamen, mußte ich mir das Haar auf die Art legen, wie es hier gebräuchlich iſt, und was ich hier gleich bemerkt hatte und gleich nach⸗ machen konnte, und darauf kauſte ſie mir einen Hut und Shwal und Strümpfe und Schuhe und kleidete mich mit einem Worte von Kopf zu Füßen ganz neu— denn Frau Svensſon war ſehr reich— und als ich zuletzt das neue Kleid bekam und es angezogen hatte, da war ich erſtaunt, als ich mich im Spiegel erblickte, denn ich erkannte mich kaum ſelbſt. „Als ich ihr danken wollte, was ich auch herzlich that, ſo ſagte ſie, ich hätte ihr nichts zu danken, denn ſie hätte alles für meinen Jahreslohn gekauft, und ein wenig mehr ſollte ich wohl haben, weil ich in ih⸗ rem Hauſe ſo fleißig geweſen und mich anſtändig und gut aufgeführt hätte. „Ehe ſie mich in meinen neuen Dienſt einführte, gingen wir in eine andere Schweizerei, wo ſie zum Schein einige Sachen kaufte, eigentlich aber in der Abſicht, da Mamſell, anſchickte— ſei keine quem und „Als nur konnte wir zum wie ich gloͤ einer feine Frau Sven Mädchen und ſeelend „Man zum erſten mhat gewi einem Wir ter haben ſolches geh recht gut war. und Geda gewiß in Conditor und zu l leichter, mer eine Kleider vensſon n Göte⸗ ſtor, wie in das , wenn ging ſie hübſchen welche i ſollte. mir das clich iſ ich nach⸗ inen Hut kleidete nz neu— als ich en hatte, erblickte, herzlich en, denn ift, und ch in ih⸗ ndig und einführte, ſie zum r in der 359 Abſicht, damit ich bemerken und ſehen möchte, wie die Mamſell, welche dort ſtand, ſich bei ihren Geſchäften anſchickte— und ich kann wohl ſagen, ich meinte, es ſei keine ſo große Kunſt, ſondern ſie hätte es ſo be⸗ quem und gut, wie ſie es nur haben wollte. „Als wir uns ſo viel umgeſehen hatten, als wir nur konnten, ohne Aufmerkſamkeit zu erregen, gingen wir zum Conditor Streling, der ganz erſtaunt und, wie ich glaube, auch zufrieden zu ſein ſchien, daß ich einer feinen Mamſell ſo ähnlich ſah. Er ſagte der Frau Svensſon viele ſchöne Dinge, über ihre gute Art, Mädchen zu erziehen, und ſie dagegen ſah ganz ſtolz und ſeelenvergnügt aus. „Mamſell Larsſon,“ ſagte ſie(ſie nannte mich zum erſten Male mit einem andern Namen, als Nora) „hat gewiß Luſt zu dieſem Geſchäfte, denn ſie iſt in einem Wirthshauſe erzogen; ihr Vater und ihre Mut⸗ ter haben wohl fünfzehn oder zwanzig Jahre lang ein ſolches gehabt.“ „Ich konnte dagegen nichts ſagen, obgleich ich recht gut wußte, was für ein Wirthshaus der Knipps war. Inzwiſchen meinte ich, daß alles gut war und nahm mit großem Danke alle Ermahnungen an, die Frau Svensſon bis zuletzt aufſparte. Und dieſe gin⸗ gen hauptſächlich darauf hinaus, daß ich nie auf Herrenſchmeicheleien und Geſchwätz hören oder daran glauben ſollte, wenn ſie auch noch ſo fein und zucker⸗ ſüß wären, und das habe ich mir denn auch gut ge⸗ merkt, beſonders da es ſo gut mit den Grundſätzen und Gedanken zuſammen paßte, die ich ſelbſt nach und nach angenommen hatte. „Als ich zuerſt in die Schweizerei kam, ſo war ich gewiß in vielen Stücken ein wenig einfältig; doch der Conditor war ſelbſt unermüdlich, mir alles zu zeigen und zu lehren, und es wurde mir mit jedem Tage leichter, ohne ihn fertig zu werden. Er hat mir im⸗ mer eine Menge ſchöne Geſchenke gemacht, und da ſie 360 mir nichts koſteten und ich ſah, daß er es gerne hatte, wenn ich mich fein und gut kleidete, ſo folgte ich in dieſem Stücke leider bald den Beiſpielen, die ich um mich ſah.. „Du ſiehſt, lieber Paul, daß ich ſehr eitel bin, denn ſonſt weiß ich jetzt keinen recht ernſtlichen Fehler an mir— denn Eines kann ich Dir ſagen, als wenn ich vor unſerm Herrn ſtände, daß ich mich von allem Leichtſinn und Geſchlampe entfernt gehalten habe, und das magſt Du wiſſen und glauben. „Von Anfang an nannte mich der Conditor Mam⸗ ſell Eleonora, das wollte er beſtimmt, und er behan⸗ delte mich mit aller Artigkeit und Güte, und nach und nach bin ich ſo weit gekommen, daß ich jetzt ſo gut wie allein dem Schenktiſche vorſtehe, und ich glaube, ich bin meinem Herrn ſo zu Dank, daß er gewiß trau⸗ rig würde, wenn ich an das Ziehen denken wollte; dazu aber habe ich ja keinen Grund, denn obgleich er ein Wittwer iſt, ſo führt er ein ordentliches Haus, be⸗ zahlt mich gut und iſt auf jede Weiſe äußerſt gütig gegen mich. „Und nun, lieber Paul, liegt mein ganzes Leben und alles, was mich ſeit unſrer letzten Trennung betrof⸗ fen hat, gleich einem aufgeſchlagenen Buche vor Dir, und ich ſehne mich nicht wenig, das kannſt Du glauben, nach dem Sonntage, da Du mir mit Deinen Begeben⸗ heiten wieder bezahlen ſollſt. „Bis dahin lebe wohl! Ich habe jede Nacht ein Paar Stunden an dieſem langen Briefe gearbeitet, denn des Tages habe ich nie Ruhe, und nothwendig wollte ich, daß Du bald erfahren ſollteſt, was ſich zugetra⸗ een hat mit Deiner ſtets dankbaren und aufrichtigen reundin Nora Larsſon.“ Paul war unbeſchreiblich zufrieden mit dem gan⸗ zen Briefe, und das einzige, was er zu tadeln geneigt fühlte, war der kleine Wink, daß ſie es ſo gut hätte, wo ſie wä Ziehen zu „ich bin j nen Herd Zeit komm trefflichere nicht einme Banco!“ bens ließ 9 vernehmen laſſen hätte Da lag S Wenn Di H Nach dankengeſpr der Nacht v fen, und de auf zu thur ſondern Th erhielt eine ben fegte ſeinem Si Dieſe ſondern a — ein Tag Man als er in d einer ſo ſa ſeiner Seit der nichtsw menden St eine ununte nahm nach ne hatte, ich in ich um in, denn ehler an s wenn en allem be, und r Mam⸗ r behan⸗ nach und ſo gut glaube, iß trau⸗ wollte; gleich er aus, be⸗ ſt gütig zugetra⸗ richtigen wo ſie wäre, daß ſie eben keinen Grund hätte, an das Ziehen zu denken.„Nun, nun,“ tröſtete ſich Paul, „ich bin ja auch noch nicht im Stande, ihr einen eige⸗ nen Herd anzubieten; doch warte, warte— mit der Zeit kommt auch dazu wohl Rath! Nein, eine vor⸗ trefflichere kleine Wirthshausfrau, als Nora, gibt's nicht einmal in dem größten Hotel, das iſt ſicher ein Banco!“ Und voll friſchen Muthes und muntern Le⸗ bens ließ Paul, indem er unter ſeinen Flaſchen kramte, vernehmen, daß die alte Singluſt ihn noch nicht ver⸗ laſſen hätte. Da lag der Wolf im Buſche und redete darein, Hu, hu, hu, hu, hu! Wenn Ou ſie einmal kriegteſt, Du könnteſt es bereun! Hopp, falalala, falalala, he! Nach langem Warten und manchem kleinen Ge⸗ dankengeſpräche kam endlich das Ende der Woche. In der Nacht vor dem Sonntage konnte Paul kaum ſchla⸗ fen, und den ganzen Sonntagvormittag hatte er voll⸗ auf zu thun, das Pferd ſelbſt zu putzen und jeden be⸗ ſondern Theil des Wagens zu betrachten; ein Knabe erhielt eine reichliche Bezahlung dafür, daß er denſel⸗ ben fegte und wuſch. Der Kellermeiſter lächelte in ſeinem Sinne. Dieſer Sonntag wurde auch nicht nur ein Feſt, ſondern auch ein merkwürdiger Tag in Paul's Leben — ein Tag, den er nie vergaß. Man denke ſich ſeinen Stolz und ſeine Freude, als er in dem neugewaſchenen gelben Wagen und mit einer ſo ſchönen und prächtig gekleideten Mamſell an ſeiner Seite zum Thore hinaus rollte. Zwar ſtörte der nichtswürdige tiefe Weg und die deßhalb oft vorkom⸗ menden Stöße, da Paul nicht immer die Zügel recht hielt, eine ununterbrochne fortgeſetzte Converſation; doch Paul nahm nach jeder Unterbrechung den Faden gerne wie⸗ 362 der auf, und niemand wird bezweifeln, daß er— nach⸗ dem ſeine Schickſale weitläufig abgehandelt waren und er ein wenig oder, richtiger geſagt, nicht ſo wenig mit Frau Gundla's Anerbietung ihres Herzens, ihres Hau⸗ ſes und Hofes, ihrer Druckerei, ihres Glückes, ihrer Mobilien und ausgeliehenen Capitalen geprahlt hatte—, daß er von ſeinem Abſchlage des Anerbietens der alten Dame ganz behende einen paſſenden Uebergang zu fin⸗ den wußte, um wiederum mit ſeinem eigenen Anerbie⸗ ten an die junge hervorzukommen. Zuerſt machte die Mamſell„Eleonora“ ungemein viele Umſtände und redete mit Verwunderung über Paul's Unverſtand, ein ſolches Glück, wie das eben beſchriebene, aus den Händen gelaſſen zu haben, ſie deutete auch an, daß Paul's Ehre, Empfindlichkeit und mehr dergleichen vielleicht nicht für immer mit der Wahl zufrieden ſein möchten, die er jetzt zu treffen im Begriffe ſtände, kurz, Mamſell Nora— und Niemand kann es ihr eigentlich verdenken— wollte ſich nur ein wenig theuer machen. Paul beſiegte jedoch ziemlich ſchnell alle ihre Einwendungen durch die offene und warme Verſicherung, daß er jetzt in ſeine alte Braut ſo contant verliebt wäre, daß, wenn ſie ihm dies letzte Mal Abſchlag gäbe, er ſich in ſeinem Leben nicht ver⸗ heirathen, ſondern Junggeſelle bleiben wollte.„Ich habe Zeit genug gehabt,“ fuhr er fort,„zu prüfen, ob es mit meiner Zuneigung gegen Dich, Norchen, völli⸗ ger Ernſt geweſen iſt! Und ich kann es mit Hand und Mund und auf Treue und Glauben verſichern, daß ich in meinem Leben kein Mädchen ſo geliebt habe, wie Dich, und in meinem Leben will oder kann ich keine andere lieben, wie Dich— das iſt ganz beſtimmt!“ Da gab Nora ihr Ja und ihr Verſprechen, auf Paul zu warten, bis ſie Gelegenheit hätten, ſich zu heirathen, und dazu mußte ſie verſprechen, daß dieſe ihre Verlobung bekannt gemacht werden ſollte, ſo daß ſie ſich ohne Umwege treffen könnten, ſo oft Paul Zeit hätte, in di gen Punkte gemacht wo nahe gelege in dem Frei ßen auf der geben, daß Als die hatten, ſo ſonderes Zit Perſonen un Roſinen und Und ſi Stunde, do beſſer zu b Hinter dem ſie ſich gege genug, die 4 den guten. prächtigen 9 tranken und nora war a Paul u an ſeinem deſſen ſollten Sij Paul'⸗ Nachde den war, ſo zu fin⸗ nerbie⸗ ngemein g über ſas eben ben, ſie keit und mit der effen im Niemand nur ein ziemlich fene und te Braut dies letzte icht ver⸗ e.„Ich rüfen, ob —n, völli⸗ nit Hand erſichern, hebt habe, kann ich eſtimmt!“ hen, auf t, ſich zu daß dieſe e, ſo daß Paul Zeit hätte, in die Stadt zu gehen. Nachdem dieſe wichti⸗ gen Punkte zu Paul's unbeſchreiblichem Entzücken ab⸗ gemacht worden waren, wurde man einig, in einem nahe gelegenen Wirthshauſe Kaffee zu trinken, denn in dem Freudenrauſche war es doch unbequem, drau⸗ ßen auf der Landſtraße zu ſitzen und ſtets Achtung zu geben, daß nicht das Pferd in den Graben ging. Als die Neuverlobten den beſtimmten Ort erreicht hatten, ſo verlangte Paul in wichtigem Tone ein be⸗ ſonderes Zimmer und Kaffee mit Zubehör für zwei Perſonen und oben darauf zwei Gläſer Glühwein nebſt Roſinen und Mandeln. Und ſieh, nun folgte eine an Freuden ſo reiche Stunde, daß Paul meinte, es wäre unmöglich, ſich beſſer zu befinden, ja nicht einmal im Himmelreiche. Hinter dem kleinen Tiſche vor dem Sopha nöthigten ſie ſich gegenſeitig, fürlieb zu nehmen, und ſonderbar genug, die Liebe raubte ihnen nicht den Geſchmack für den guten Kaffee, den vortrefflichen Wein und die prächtigen Roſinen und Mandeln; ſie aßen beide und tranken und ſcherzten und küßten, und Mamſell Eleo⸗ nora war als Braut ganz zum Entzücken. Paul vermißte nur Eines: Elg und Laſſe hätten an ſeinem Glücke Theil nehmen ſollen— doch ſtatt deſſen ſollten ſie auf ſeiner Hochzeit tanzen. Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Paul's Speculationen. Berathung mit Nora. Entſchluß und Schluß. Nachdem Paul nun ein verlobter Mann gewor⸗ den war, ſo drehte ſich ſein ganzes Dichten und Trach⸗ — 364 ten, das ehemals auf das Leben eines umherwandern⸗ den Abenteurers hinausgegangen war, in einem weit beſchränktern Kreiſe. Alle ſeine Gedanken hatten nun das Ziel, auf das Schleunigſte ein regulirter Mann mit Haus und Herd zu werden, und er nahm ſich vor, daß dieß nicht lange dauern ſollte. Bei den unzähligen Zuſammenkünften, die er wäh⸗ rend dieſes Winters und des darauf folgenden Früh⸗ lings, Sommers und Herbſtes mit ſeiner Braut zu Lande und zu Waſſer, zu Wagen und zu Fuß hatte, war der unerſchöpfliche Gegenſtand ihrer Ueberlegun⸗ gen immer einer und derſelbe, nämlich wie man mit dem Allererſten ſelbſt etwas anfangen könnte. Sie hatten beide ein wenig Geld in der Spar⸗ bank, aber dieſe Mittel reichten bei weitem nicht hin, zu einer Niederlaſſung oder zur Einrichtung eines Wirthshauſes in Göteborg, und wenn dieſes auch noch ſo klein geweſen wäre. Noch dazu hatte Paul einen beſtimmten Widerwillen gegen dieſen Plan, den ihm ein Paar junge Herren einmal vorgelegt hatten mit der Anmerkung, daß ein Wirthshauswirth, der eine ſo ſchöne und einnehmende Frau hätte, gewiß hinreichen⸗ den Verkehr erhalten würde, um ſich ſchnell aus den Weitläuftigkeiten ziehen zu können, in die ihn die erſte Einrichtung verſetzen würde. Paul hegte für Nora jetzt das feſteſte Vertrauen, da er ſie jedoch ſtets umflattert ſah, ſo wurde er den⸗ noch von der leidigen Eiferſucht ganz unbarmherzig geplagt, und er würde in Verzweiflung geweſen ſein, wenn Nora auf ihn für eine Niederlaſſung in Göte⸗ borg einzuwirken geſucht hätte. Welche Gedanken ſie jedoch über dieſen Gegenſtand hegte, darüber äußerte ſie nie das geringſte Wort, geſchweige denn einen Wunſch. Paul war jedoch mit dieſer Neutralität we⸗ nig zufrieden, denn dieſelbe konnte eben ſo gut ein unwilliges Nachgeben in ſeinen Willen bedeuten. Um in dieſer Hinſicht Ruhe zu bekommen, beſchloß er, Nora auf il zu fragen, ur den größten herzlichen W Wunſch als ihrer Wohnur an demſelben nun in Göte ſie es für d draußen auf im Anfange keiten zu ſetz Währen! artigen Plär um die Weih borger Blatt Marſtrand, Knipps gen gegen billige neigte Speku Comptoir de u. ſ. w. Paul tiſche, und h miſſarius üb tete die Sche nur den Roc die Stadt, u Ohne ei herzliches Ko Blatt in ihr ſten mündlich ſich vorgeno Anzeige auf men, ob ſie auf ſeiner ſtrahlenden den ihm atten mit r eine ſo nreichen⸗ aus den die erſte ertrauen, eer den⸗ ermherzig eſen ſein, in Göte⸗ danken ſie r äußerte unn einen lität we⸗ gut ein ten. Um ſchloß er, Nora auf ihr Gewiſſen um ihre aufrichtige Meinung zu fragen, und da wurde er ſo beruhigt, als wenn er den größten Schatz gefunden hätte, indem Nora mit herzlichen Worten erklärte, ſie hegte keinen andern Wunſch als den ſeinigen, und welchen Ort er auch zu ihrer Wohnung auserſähe, ſo würde ſie gleich glücklich an demſelben ſein, wenn ſie nur ihn hätte, ſie möchten nun in Göteborg oder anderswo wohnen, doch hielt ſie es für das Beſte, wenn ſie an etwas Geringeres draußen auf dem Lande dächten, um ſich nicht gleich im Anfange in zu große Schulden und Weitläuftig⸗ keiten zu ſetzen. Während unſer Paar unſchlüſſig unter verſchieden⸗ artigen Plänen ſchwankte, fand Paul eines Tages, um die Weihnachtszeit folgende Anzeige in dem Göte⸗ borger Blatte:„Ein in den Scheren, vier Meilen von Marſtrand, günſtig gelegenes Wirthshauslokal, der Knipps genannt, iſt zu nächſt kommendem Frühlinge gegen billige Pacht zu übernehmen, und können ge⸗ neigte Spekulanten nähere Nachricht erhalten auf dem Kondidir der Herren Lerberg und Comp.; Adreſſe u. ſ. w.“ Paul war mit einem Satze über dem Schenk⸗ tiſche, und hätte faſt die„Toddymutter“ des Zollcom⸗ miſſarius über den Haufen geworfen; er überantwor⸗ tete die Schenke einem Stellvertreter, und ſobald er nur den Rock übergeworfen, flog er wie ein Pfeil in die Stadt, um Nora aufzuſuchen. Ohne ein Wort zu ſagen, ihr kaum mehr als ein herzliches Kopfnicken zum Gruße gebend, legte er das Blatt in ihre Hand. Er wollte nicht im allergering⸗ ſten mündlich verrathen, was dort ſtand, denn er hatte ſich vorgenommen, zu beobachten, welchen Eindruck die Anzeige auf ſie machen würde, und daraus abzuneh⸗ men, ob ſie ſeine Gedanken theilte, Gedanken, welche auf ſeiner warm glühenden Wange und in ſeinen ſtrahlenden Augen deutlich zu leſen waren. 366 Ueber Nora's Antlitz flog eine dunkle Purpur⸗ Kunden h wolke, ihr Auge erhob ſich zu Paul, ſenkte ſich jedoch der Ruhe wieder ſehr ſchnell. Sie öffnete die Thür ihres eige„We nen Zimmers und bat Paul, einzutreten. und beſie „Genug, genug!“ ſagte Paul ungeduldig, ſobald armung, die Thür zugemacht war, und er ſagte dieſe beiden auf Erder Wörter in dem Tone bitter getäuſchter Hoffnung. Es war d Weniger heftig fuhr er aber dann fort:„Ich konnte leben und es mir wohl denken, daß es für Dich jetzt zu klein dort in d wäre— iſt der Knipps zu klein?⸗“ meine then „Nicht ſo, Paul, nicht ſo!“ bat Nora herzlich. Kuipde „Für mich iſt der Ort, den Du lieb haſt, und wo Du verbeſſern, zuerſt Zuneigung für mich faßteſt, nicht nur groß ge⸗ Aad was nug, ſondern auch der allerliebſte. Wundere Dich aber ſol ſt Du nicht, wenn ich fürchte, daß der Knipps Dich an Dinge Knipps D erinnert, die Du jetzt beinahe vergeſſen haſt; Du ver⸗ großen D ſtehſt wohl, ich meine mein Unglück. Hier, theuerſter gethan hat Paul, liebſt Du mich wie einen neuen Menſchen, dort ſündigteſt, wäre ich für Dich vielleicht eine ſtete Erinnerung an überzeugt die Alte, die Du nicht mehr lieben konnieſt.“ nen ander „Iſt das der einzige Grund?“ fragte Paul mit Dich in do großem Ernſte.„Ich bitte Dich, liebe Nora, ſei nun Du jemals ganz aufrichtig, denn nach Deiner Antwort will ich Du jetzt b meine Sachen einrichten— laß Dich alſo nichts, was Himmel, auch ſein kann, abhalten, die reine Wahrheit zu damals, a agen!“.. „Paul, ich betheuere, und wenn Du willſt kann lispeſte le ich beſchwören, daß ich gegen Deinen Vorſchlag weiter enn ich a nichts habe, als was ich eben ſagte!“ Dei m „Und Du ſchauderſt nicht zurück vor der Einſam⸗ einer Li keit und dem Unterſchiede zwiſchen dem einfachen und gen niich abeitſamen dehen, das Du deit haben wef und dem nd equemen und leichten, das Du jetzt haſt?“ 1 „Meine Arbeit iſt auch die deinige!“ entgegnete Eanpiwire Nora und legte mit einem überzeugenden Blicke ihre ein Spe Hand in die ſeinige.„Wir ſind auch nicht in der Ordn Einſamkeit, wenn wir uns, unſre Nachbarn und unſre ung, Purpur⸗ ſich jedoch hres eige⸗ ig, ſobald eſe beiden Hoffnung. Ich konnte t zu klein a herzlich. d wo Du groß ge⸗ Dich aber an Dinge 3 Du ver⸗ theuerſter hen, dort nerung an 4 Paul mit a, ſei nun rt will ich iichts, was Jahrheit zu willſt kann lag weiter er Einſam⸗ ffachen und t, und dem entgegnete Blicke ihre icht in der und unſre Kunden haben— ich ſehne mich ganz beſonders nach der Ruhe.“. „Wenn Du ſo denkft, geliebte Nora,“ ſagte Paul und beſiegelte ſeine Worte mit einer treufeſten Um⸗ armung,„ſo will ich Dir auch ſagen, daß ich nirgends auf Erden ſo glücklich ſein kann, als auf dem Knipps. Es war der Wille Deiner Mutter, daß wir dort einſt leben und wohnen ſollten, dort verlobte ſie uns, und dort in der Nähe habe ich mein kleines Haus und meine theuren Jugendfreunde. Der Verkehr auf dem Knipps läßt ſich noch dazu bedeutend erweitern und verbeſſern, er iſt auch paſſend für unſer Vermögen. Und was das Uebrige betrifft, wovon Du ſprachſt, ſo ſollſt Du wiſſen, liebe Nora, daß ich erſt auf dem Knipps Deinen Werth recht ſchätzen und Gott für die großen Dinge danken kann, die er an Dir und mir gethan hat! Was Du dort in kindlichem Leichtſinne ſündigteſt, haſt Du theuer gebüßt, und Du kannſt überzeugt ſein, daß ich ſtets dort wie hier in Dir ei⸗ nen andern Menſchen ſehe; ohne das Unglück, das Dich in der erſten Jugend traf, glaube ich kaum, daß Du jemals das prächtige Weib geworden wärſt, das Du jetzt biſt— und ich ſchwöre es Dir bei Gott im Himmel, daß ich Dich jetzt für viel reiner halte, als damals, als Deine Mutter uns zuerſt verlobte!“ Nora legte ihr Haupt an Pauls Schulter, und lispelte leiſe und innig:„das glaube ich auch, und wenn ich auch den Knipps nicht ohne Thränen wieder⸗ ſehen kann, ſo gibt ſich die Betrübniß wohl, denn mit Deiner Liebe und Achtung kann ich auch Achtung ge⸗ gen mich ſelbſt haben.“ Und hiemit war alles abgemacht. Von ſeiner Braut flog Paul freudig zu dem Comptoire des Herrn Lerberg und meldete ſich als ein Spekulant zum Knipps. Er wurde ſogleich er⸗ kannt, und da er ſich ſchon früher durch die große Ordnung, womit er den Geſchäften der Gevatterin 368 vorgeſtanden, empfohlen hatte, ſo wurde ſein Aner⸗ bieten mit Freuden angenommen, und dieſe Freude ſchien ſich keinesweges zu vermindern, als er mittheilte, daß die Tochter der Gevatterin dort Hausmutter und Wirthin werden ſollte. Die Pachtung wurde auf fünfzehn Jahre beſtimmt, und der erſte Paragraph des Contrakts lautete ſo, daß Paul alle Reparationen, die er nöthig erachtete, be⸗ werkſtelligen, die Materialien aber bei Herrn Lerberg nehmen, und ſeine ſämmtlichen Unkoſten an dem Pacht der erſten Jahre abziehen ſollte. Eine ſo große Liberalität von Seiten der Herren Lerberg fand ihr Gegenſtück nur darin, daß Paul ſich verpflichtete, gleich den Vorgängern, ſeine ſämmtlichen nöthigen Waaren von dem Hauſe Lerberg zu beziehen, und da ſogleich Jahrescredit angeboten wurde, ſo ſah Paul ſich in den Stand geſetzt, mit Nora's und ſei⸗ nem eigenen Gelde allein an die Einrichtung und die nöthigen Reparationen denken zu können. Für dieſe beiden Zwecke reichte ihr Vermögen vollkommen hin, und in Ruhe konnte das junge Paar mit ſolchen Aus⸗ ſihten. wie die gegenwärtigen, der Zukunft entgegen gehen. Da der Knipps während des Winters leer geſtan⸗ den hatte, ſo zog Paul mit dem erſten offenen Waſſer dahin. Und ſo unermüdlich war ſeine Thätigkeit, daß das Wirthshaus, ſowohl im Innern als auch in ſei⸗ nem Aeußern, ſchon in der Mitte des Monats Mai fertig war und geöffnet werden konnte. Nora wußte nicht das Allermindeſte von allen Ueberraſchungen, die ihrer warteten; doch ſah ſie an Paul's frohen und ſchelmiſchen Blicken, als er gegen Pfingſten zurückkehrte, um Hochzeit zu halten und ſeine junge Frau heimzu⸗ holen, daß gewiß viele Veränderungen zu ihrem bei⸗ derſeitigen Nutzen und zu ihrer Bequemlichkeit vorge⸗ nommen waren. 1 ——— — — voriger der Cr wurde. und V Jahre wir be rer em ſtand. dennoch ſehnlich beiden Artigke ehemal falls z der fre leute a Verhäl ten, v ſich, d blickte wenn Seufz in die zu erh mußte ſchwin Himm nen I Pau n Aner⸗ Freude ittheilte, ter und eſtimmt, ſo, daß ete, be⸗ Lerberg em Pacht Herren Paul ſich imtlichen beziehen, , ſo ſah und ſei⸗ und die Für dieſe men hin, hen Aus⸗ entgegen r geſtan⸗ n Waſſer gkeit, daß ch in ſei⸗ nats Mai ra wußte ngen, die ohen und rückkehrte, u heimzu⸗ hrem bei⸗ eit vorge 369 Die Hochzeit beſtanden gemeinſchaftlich Paul's voriger Herr, der Kellermeiſter auf der Traube, und der Conditor Streling, in deſſen Hauſe ſie gefeiert wurde. Doch Paul vermißte die liebſten Gäſte, Elg und Waſſer⸗Laſſe— dieſe wurden erſt im nächſten Jahre erwartet. Gleichwohl wäre es Unrecht, wenn wir behaupten wollten, daß Paul dieſes Unglück ſchwe⸗ rer empfand, als es einem glücklichen Bräutigam an⸗ ſtand. Im Gegentheil war er himmliſch froh, aber dennoch hinreichend irdiſch, daß er ſich über die an⸗ ſehnlichen Hochzeitsgeſchenke freuen konnte, womit ihre beiden Herren das junge Brautpaar begabten, eine Artigkeit, mit welcher Herr Lerberg, der wegen ſeiner ehemaligen Relationen mit den Eltern der Braut eben⸗ falls zugegen war, ſich freigebig vereinigte, alles in der freundſchaftlichen Hoffnung, daß die neuen Wirths⸗ leute auf dem Knipps ſtets in dem freundſchaftlichen Verhältniſſe zu dem Lerberg'ſchen Hauſe ſtehen möch⸗ ten, worin die alten geſtanden hätten. Doch ſelbſt die Hochzeitsfreude, ſo laut ſie auch in den Herzen des Brautpaares jubelte, erblich vor dem ſtilleren, aber unſäglich friedſeligen Gefühle, wel⸗ ches ſie einnahm, als ſie, mit Göteborg weit hinter ſich, den Knipps, ihre alte, jetzt neue Heimath, er⸗ blickten.... Hand in Hand ſtanden ſie auf dem Verdecke; und wenn Nora's Bewegung in einem halb bekämpften Seufzer aufwallte, ſo drückte Paul ihre Hand härter in die ſeinige, und ſuchte einen Blick von ihrem Auge zu erhalten; und wenn Nora in das ſeinige ſah, ſo mußte jedes Zeichen wehmuthsvoller Erinnerungen ver⸗ ſchwinden— ſie ſchwankten auf ihrem Fahrzeuge dem Himmel zu, meinte ſie, und ſo meinte auch er. Neu angeſtrichen mit Wänden, die den dunkelgrü⸗ nen Meereswogen in ihrem tiefſten Bette glichen und Paul Waͤrning.. 24 370 mit Vorſprüngen*) und Fenſterladen, die ihren weißge⸗ an, de krönten Gipfeln ähnlich ſahen, ſtand das ehemalige nen G Häuschen da mit vergrößerten Fenſtern und langen ſchaft! flatternden Gardinen. Die Klippe ſelbſt ſah blank. Gevatt polirt aus und auf dem neuen, mit Bänken und Sitzen 4 umgebenen Landungsplatze ſtand eine alte liebe Ge⸗ 4₰ haben ſtalt und winkte dem jungen Paare ein frohes Will⸗ krat 1 kommen entgegen. pelkam „Lura!“ rief Nora und lag bald in den Armen 1 beiden der alten treuen Dienerin.„Lura, liebſte Lura— ſo ten B wie Du einmal meine Schande und Traurigkeit ge⸗ und da ſehen, ſollſt Du nun auch mein Glück und meine Freude ſehen!“ „Ja doch,“ ſagte Lura und wiſchte ſich die Augen, „nun gibt's hier andere Tage auf dem Knipps!“ Mit Triumph führte Paul ſeine Frau ein in ihre neue Heimath.„Sieh um Dich her, Norchen!“. Nora traute kaum ihren Augen: Alles war neu, 4 Alles nett und wohnlich, und das Eine paßte ſo vor⸗ trefflich zu dem Andern, daß für ſie kaum etwas zu verſetzen übrig war. Der aus grobem Holze gehauene Schenktiſch, der in den letzten Tagen der Gevatterin ſo zerſchnitten geweſen war, und hinter welchem ihre Fäſ⸗ ſer Platz gefunden, hatte nun einem netten, gelb an⸗ geſtrichenen, mit mehreren Reihen von Schubfächern verſehenen Platz gemacht. Ein zierliches Schenkbrett voller Flaſchen, Gläſer, blanken Tummlern und zin⸗ nernen Maßen figurirte daneben und zeigte zur Genüge peten u *) Die gewoͤhnlichen Häuſer in Schweden, beſonders au 4 dem Lande, aber auch in den kleinern Städten, ſind von Die auf einander gelegten und an den Enden verbundenen; Baiken aufgefuhrt, auswendig und inwendig mit geſpün⸗ nicht g deten Brettern getäfelt. An den Ecken und dortz wo eine neue! Querwand die außere Wand trifft, iſt wegen der Zu⸗ ſie, un ſammenfügung der Wände ein kleiner Vorſprung, und das le ſolche ſind hier gemeint. A. d. U. helfen eißge⸗ nalige angen blank Sitzen Ge⸗ Will⸗ lrmen — ſo t ge⸗ meine lugen, 1 n ihre r neu, » vor⸗ das zu hauene erin ſo e Fäſ⸗ lb an⸗ ächern nkbrett d zin⸗ Benüge ers au nd von andenen geſpün⸗ wo eine der Zu⸗ g, und u. an, daß der jetzige Beſitzer des Knippſes mit den fei⸗ nen Göteborger Wirthshäuſern eine nähere Bekannt⸗ ſchaft hätte, als früher der Fall geweſen war, da die Gevatterin noch den Krug beſaß. Doch ſieh! Nora ſollte eine noch größere Freude haben, als ſie in die vorigen ſogenannten Gaſtzimmer trat, welche damals jedoch nichts Anderes, als Rum⸗ pelkammern geweſen waren. Eine Thür war zwiſchen beiden geöffnet, und dort ſtand jetzt vor dem entzück⸗ ten Blicke der jungen Frau ein nettes Wohnzimmer und das hübſcheſte kleine Schlafgemach mit grünen Ta⸗ peten und einem Bette mit rothen und weißen kattu⸗ nenen Gardinen und einer Commode mit einem Spie⸗ gel auf demſelben, und Sopha und Stühlen, überzo⸗ gen mit demſelben Zeuge, wie die Bettgardinen und Fenſtervorhänge mit dicken Franſen. „Nein, mein himmliſcher Vater!“ rief Nora aus und ſchlug beide Hände zuſammen,„wie haſt Du das Alles erhalten können? Ach, Paul, das Alles haſt Du für mich in Ordnung geſtellt!“ „ Ja, contant für Dich, liebes Norchen! Hier haſt Du ja ein kleines Wohnzimmer trotz einer Gräfin.... Sind ſie nicht nett, dieſe Möbeln? Gegen die blauen Tapeten nimmt ſich ja das gelbe Birkenholz und die violetten Bombaſinsüberzüge recht ſtattlich aus? Du kannſt glauben, ich ging lenge auf die Auctionskammer und ſpekulirte, ehe ich es bekam, weil ich es haben wollte; ſo waren aber eines Morgens dieſe Sachen angekommen, und ich bekam ſie für ein Spottgeld, wenn man bedenkt, daß ſie ſo gut wie neu ſind. Die Gardinen kaufte ich ebenfalls dort, und ſind ſie nicht gut genug, ſo bekommſt Du im nächſten Jahre neue! Ich wollte ſie aber nothwendig haben, und habe ſie, und auch die Bettgardinen, ſelbſt aufgehängt, denn das lernte ich bei Frau Hamrin, der ich immer bei Allem helfen mußte.“ Nora war vor Freuden beinahe außer ſich. 372 Arm in Arm mit glückſeligen Blicken ging das junge Paar umher und ſetzte ſich auf alle ihre Stühle, um ſie zu verſuchen, und jedes Mal, wenn ſie auf⸗ ſtanden, lachten ſie herzlich darüber, daß ſie ſo kindiſch waren, bis zuletzt die Ordnung an das Sopha kam. Vor dieſem ſtand ein runder Tiſch von Birnbaumholz, ebenfalls eine gute Eroberung aus der Auctionskam⸗ mer, und auf dem Tiſche fand Nora ein Nähkäſtchen und das neue Teſtament, ein Andenken an das Ham⸗ rin'ſche Haus und von der eigenen Hand des ſeligen Faktors zierlich eingebunden. „Sieh hier,“ ſagte Paul, indem er die Thür eines kleinen Wandſchrankes öffnete,„hier haſt Du Dein beſtes Porcellan: ein halbes Dutzend Kaffeetaſſen mit einer Kaffeekanne, Milchkanne und Zuckerdoſe— es gefällt Dir wohl, daß ich roth und weiß wählte?... Und hier haſt Du ein Paar Körbchen für Zwieback! Du kannſt ſelbſt backen, das weiß ich, und wenn es auch nicht ſo fein wird, wie beim Conditor, ſo wird es doch nach meinem Geſchmacke viel beſſer; und ich weiß ganz beſtimmt, daß es Dir viele Freude machen wird, wenn Du mir in Deinem eigenen Ofen einen Kuchen backen kannſt!“ Und Paul lachte und kniff Nora in die Wange.„Ich bin ſo froh, ſo froh, daß ich Gott nicht genug danken kann.... Hu, hu, hu, hu, hu!“ „O, Du ſollſt ſchon ſehen, ſollſt ſchon ſehen,“ nickte Nora,„wie feine Sachen ich backen und was für eine Haushälterin ich werden will— ſie ſollen in den Scheren nach meines Gleichen zu ſuchen haben, warte nur!“ „Ja, ſiehſt Du, dafür ſtehe ich ein!“ fiel ihr Paul in die Rede.„Und wenn ich Zeit habe, ſo kann ich ſelbſt fiſchen, ſo daß wir recht als Herrſchaften leben können.... Aber hier habe ich Dir noch mehr zu zeigen! Wenn Reiſende kommen, die bei uns über Nacht bleiben wollen, und das kann oft geſchehen, ſo — — haben i mit No zu der gleich de No zitterte das Zit wohnt! Gäſte l Gevatte gut, al Widerſp hier du Segeln! ſieh da, haben w thue ich ſoll jed Wirth ten, g das Stühle, e auf⸗ kindiſch a kam. imholz, askam⸗ äſtchen Ham⸗ ſeligen r eines Dein en mit — es te?... ieback! eenn es o wird und ich machen n einen ff Nora daß ich ſehen,“ nd was ollen in haben, fiel ihr ſo kann ſſchaften ch mehr ins über hen, ſo haben wir hier ein Gaſtzimmer—“ und Paul ging mit Nora durch das Krugzimmer und öffnete die Thür zu der ehemaligen Stube der Gevatterin, welche jetzt gleich den übrigen ganz neu aufgeſtutzt war, Nora bebte zwar ein wenig, und eine Thräne zitterte in ihrem Auge, als ſie über die Schwelle in das Zimmer trat, welches ihre ſtrenge Mutter be⸗ wohnt hatte. Doch Paul nickte und ſagte:„Hier verlobte ſie uns! Möge der Knipps, was den Verkehr und die Gäſte betrifft, ſo werden, wie zu ihrer Zeit! Die Gevatterin hatte ihre Fehler, das wiſſen wir recht gut, aber eine tüchtige Frau war ſie, das ſei ohne Widerſpruch geſagt.... Aber ſieh da, Norchen, ſieh hier durch's Fenſter! ein großes Deckboot mit vollen Segeln! Meiner Treu, es zieht die Segel ein... ſieh da, nun werfen ſie Anker! In einer Viertelſtunde haben wir die erſten Gäſte hier. Und das Gelübde thue ich: heute und jedes Jahr an dem heutigen Tage ſoll jeder Reiſende, wer er auch ſein mag, bei dem Wirth auf dem Knipps freie Zehrung haben!“ Als Paul und Nora zum erſten Male den Jah⸗ restag ihrer glücklichen häuslichen Niederlaſſung feier⸗ ten, hatte das Gerücht von Paul's Gelübde ſich ſchon ſo weit verbreitet, daß alle bekannten Bootſchiffer, deren Weg nach der Gegend führte, mit vollem Segel dahin eilten, um bei dem„regalen Paul auf dem Knipps“ ihre freien Gläſer zu trinken. Doch unter allen Gäſten, die ſich diesmal in dem Wirthshausſaale ſammelten, erhielten beſonders zwei den Ehrenplatz. Elg und Waſſer⸗Laſſe, die neulich von Göteborg angelangt waren, hatten ſich beeilt, zu Paul's Gaſtmahl hinauszukommen, und erzählten nun ———— in der frohen Geſellſchaft, während den Toddygläſern fleißig zugeſprochen wurde, umſtändlich alle ihre Schick⸗ ſale und Abenteuer. F Als Sakarias Amundsſon und Petter von Gris⸗ 1 holme nebſt den übrigen Leuten ſchon längſt auf ihre Schuten zurückgekehrt waren, ſaßen Elg und Waſſer⸗ Laſſe noch vertraulich bei Paul und Nora in ihrem Die Tö kleinen Schlafzimmer, und indem Laſſe, der ſich gerne den etwas zu thun machte, in abgemeſſenem Takte die Nit Wiege trat, verhandelte man einen Plan für den Die Ne künftigen Winter, daß nämlich Elg und Waſſer⸗Laſſe ſich bei Paul einaccordiren ſollten, ſo daß ſie unter Streit 1 einem Dache wohnen und vor einem Kamine mit ein⸗ Scenen ander plaudern könnten.... „Aber Pump kommt nie hieher!“ ſagte Paul mit Wel einem Seufzer. beifuͤgen „Er bekommt Dein Glück nicht zu ſehen, Paul!“ 1 zund fuhr Elg fort. A⁴ „Nein, nein,“ ſtimmte Laſſe mit ein,„er iſt woh3l gleich manchem andern Seemanne verſchwunden, ohne daß Einer das mindeſte von ihm erfährt!“ Laſſe ſtand auf, um, wie er ſagte,„nach dem Winde zu ſehen,“ eigentlich aber um ſeine Gemüthsbewegung zu verber⸗ gen. In dieſem Augenblicke ſchaute der Vollmond freundlich herein und Nora's Balſaminen vor dem Fenſter malten wunderliche Schatten auf dem Fuß⸗ boden. Das Andenken an den verſchwundenen Freund machte alle für einige Augenblicke ſtumm, und nur der 3 Laut der draußen in der See ſich bewegenden Wellen 4 ließ ſich in der ſonſt ruhigen Nacht vernehmen. f die Hau dieſe, wes — gebiets, à 6 Kr. Baͤndchen bezogen —— Auf gläſern Schick⸗ Gris⸗ uf ihre Vaſſer⸗ ihrem gerne kte die ür den r⸗Laſſe unter nit ein⸗ zul mit Paul!“ ſt wohl „ ohne e ſtand ſehen,“ verber⸗ Sllmond dr dem Fuß⸗ Freund nur der Wellen Zur Nachricht! Sämmtliche Werke von Frederika Bremer. Cabinetsausgabe. Die Töchter des Präſi⸗ denten, 2 Bde. Nina, 5 Bde. Die Nachbarn, 5 Bde. Streit und Friede, oder Scenen aus Norwegen, Das Haus, oder Fami⸗ lienſorgen und Familien⸗ freuden, 5 Bde. Die Familie H., 2 Bde. Ein Tagebuch, 4 Bde „In Dalekarlien.“ 2 Bde. Wenn wir nur wenige Worte der obigen Anzeige beifuͤgen, ſo geſchieht's nicht wegen Mangel an Stoff des Lobes und Anpreiſens von Frederika Bremer und ihrer Schriften, gerade im Gegentheil: ſie ſind ſo in Fleiſch und Blut der deutſchen Frauenwelt uͤbergegangen, daß ihren Namen nennen ſo viel heißt als ſie anzuempfehlen! Nur das wollen wir zu Gunſten unſerer Ausgabe — denn es gibt deren mehrere— ſagen, daß keine in Deutſchland Erſchienene, ſchöner, billiger, und was die Hauptſache: vortrefflicher überſetzt iſt, wie dieſe, weshalb ſie vorzugsweiſe empfohlen zu werden verdient. Die Bremer'ſchen Schriften koͤnnen durch alle Buchhandlungen Deutſchlands, der Schweiz, des Elſaßes, Hollands, Daͤnemarks und des k. k. oͤſterreich. Laͤnder⸗ gebiets, ebenſo in den kaiſerlich ruſſiſchen Staaten à 6 Kreuzer oder 2 Neugroſchen das geheftete Baͤndchen, entweder im Ganzen oder Lieferungsweiſe, bezogen werden. Auf 10 Exemplare wird das 11te Exemplar gratis gegeben. Stuttgart, im Merz 1845. Franchh'ſche Verlagshandlung. eIm belletriſtiſchen Auslande, herausge⸗ geben von C. Spindlers erſcheinen neben vielen an⸗ dern claſſiſchen Romanen, auch: Sämmtliche Werke von George Sand. Deutſch von Dr. J. Scherr. Jedes Baͤndchen geheftet à 6 Kreuzer oder 2 Neugroſchen. Gleich dem Farbenſchmelz der Blumen, iſt bei George Sand der Styl das Bezauberndſte, ja Unnach⸗ ahmlichſte, was dieſen Dichter zum groͤßten der Jetztzeit macht; von dieſer ſtyliſtiſchen Pracht aber haben wir in Deutſchland in den bis jetzt erſchienenen Ueberſetzungen von Sand's Romanen kaum eine Idee, und es blieb Dr. Scherr vorbehalten, uns dieſe Dichtungen in ihrem ganzen poe⸗ tiſchen Werthe in deutſcher Sprache bewundern zu laſſen, denn nur wer ſo in den Geiſt eines Dichters eindringt, kann ihn— ſo weit dies in einer fremden Sprache möglich iſt— wuͤrdig wiedergeben! Wer alſo George Sand mit ihren ſtyliſtiſchen Schoͤnheiten, mit ihren tiefſinnigen Gedanken vollſtaͤndig genießen will, greife zu der Scherr'ſchen Ueberſetzung, in welcher bereits folgende Werke erſchienen ſind: Spiridion. Mauprat. Mit Bildniß des Dichters.. 5 Johanna. Gräfin Rudolſtadt. Conſuelo. Horace. Unter der Preſſe: Der Müller von Angicault. Wird fortgeſetzt. Stuttgart, im Maͤrz 1845. Franckh'ſche Verlagshandlung. ——— — —— koſchen. iſt bei unnach⸗ Jetztzeit wir in zen von Scherr n poe⸗ 4 dern zu 4 Dichters fremden b liſtiſchen llſtaͤndig rſetzung, : tadt.