Sümmtliche W Emilie Carlen. Aus dem Schwediſchen Dr. C. F. Friſch, Subrector am deutſchen National⸗Lyceum in Stockholm. Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1848. — Eine Nacht am Vullarſee Roman von Emilie Carlén. Aus dem Schwediſchen von 2 Dr. C. f. Friſch, Subrector am deutſchen National⸗Lyceum in Stockholm. Dritter Theil. Dreizehntes bis achtzehntes Bändchen. — 0— Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1848. Neu Eine Re Neuntes Buch. Die Neuvermählten in der Heimath. Eins wurd' mir doch von allem, was mein Herze bat,— Kann dieſer einz'ge Troſt die Seel' verſöhnen? Euphroſyne. Eine Nacht am Bullarſee. Il. 1 92 Erſtes Kapitel. In dem noͤrdlichen Theile von Bohuslän, welcher an Norwegen und Dahlsland gränzt, liegt das öde, ro⸗ mantiſch wilde Härad Bullaren, die eigentliche Gebirgs⸗ gegend von Bohuslän. Eben ſo reich an Sagen und an Aberglauben als an wunderbaren, überraſchenden Naturſcenerien, liefert es dem forſchenden Wandrer einen Reichthum von Erinne⸗ rungen. Niemand kann ohne zu ſchaudern auf den Spitzen der Berge ſtehen und das Auge in die jähen Abgründe hinabſinken, in deren Umarmung eine ganze Zwerggene⸗ ration von Fichten und Tannen unter den hie und da von einem kleinen rauſchenden Strome gewäſſerten und ver⸗ ſchobenen Steinhaufen Wurzel geſchlagen hat. Wenn aber nur der Wanderer dem ſanften abſchüſſigen Bergrücken abwärts folgt und ein Thal betritt, ſo fühlt er ſich ver⸗ ſucht, in einen Ausruf der Bewunderung auszubrechen. Wie kam er herein in dieſes bezaubernde Paradies? Dort oben erblickte er nur Wald⸗ und Bergwände, eben ſo hoch wie die hochgewachſene Tanne, und plötzlich krümmte ſich der Weg um einen Vorſprung des Berges. Abwärts und abwärts ging es auf dem ſteinharten, wogigen Wege; die gaffenden Abſtürze an den Seiten wurden immer kleiner und kleiner— und endlich ſtand er in dem Thale, dieſem Thal aus der Sagenwelt, ſo feſt und treu umſchlungen von den Armen der Gebirge, wie die Braut von den Armen des Bräutigams. Welche Friſche, welches Grün, welche dunkelblauen Seen mit kleinen entzückenden Werdern, welche Ufer, welche Bollwerke von uralten, ehrfurchtge⸗ bietenden Fichten— und welches Schweigen! Hat denn noch gar kein menſchlicher Fuß dieſes Thal betreten? Man hört nur das Säuſeln in den Kronen der Bäume, das leiſe Geplätſcher, welches ein Fiſch in dem See ver⸗ urſacht, oder das lockende Gezwitſcher eines Vogels, der ſeine Gattin nach Hauſe erwartet. Und über dem Ganzen liegt ein ſo heller und klarer Farbenton, wie man ſich denſelben nur an dem erſten Tage der Schoͤpfung denken ann. „Durch dieſes Härad“— ſo ſagt Oedman in ſeiner genau vor hundert Jahren herausgegebenen Beſchreibung —„fließt ein großer, langer See, der Bullare⸗See oder das Bullare⸗Waſſer genannt, ganz niedrig zwiſchen tiefen Thälern und hohen Bergen zu beiden Seiten.“ Dieſer See, oder vielleicht richtiger dieſe Seen, welche durch einen Strom, Namens Longewalls⸗Elf, verbunden ſind, und in den Idefjord in Norwegen ihr Gewäſſer ergießen, theilen von Norden nach Süden das Härad in zwei Theile. Unter den vielen und wunderbaren Sagen, die ſich an den Bullar⸗See anſchließen, iſt beſonders eine, welche wir aus Rückſicht auf den kommenden Theil unſrer Er⸗ zählung nicht unterlaſſen koͤnnen, mit den eigenen Worten des genannten Verfaſſers hier anzuführen: „In dem Bullare⸗Waſſer gibt es auch ein Meerthier, die große Schlange geheißen, deſſen Koͤrper ſo groß iſt wie ein jähriges Kalb mit vier Füßen, gleich Gänſefüßen, und welches einen Schwanz wie ein vierfüßiges Thier hat und einen breiten Kopf und in dem Maule gelb wie ein junger Vogel; der Schwanz iſt ſo dick wie ein ſechszölli⸗ ger Balgen und ungefähr ſechs Ellen lang, welches Herr Paſtor Glädda mir ſelbſt erzählt hat, daß er das Thier mit eignen Augen geſehen, ſo wie auch viele andre glaub⸗ würdige Menſchen, welche meinen, daß er zu ſeinem Le⸗ bensunterhalte viele Fiſche im Bullare⸗See verzehrt, wo⸗ ſelbſt er ſeine Wohnung unter einer umfloſſenen Inſel hat, welche Smevijks⸗Oe heißt, eine Meile von dem Pfarrhofe 5 von Naſverſtad. Merkwürdig iſt, daß dieſes Meerthier ſich nicht öfter ſehen läßt, als wenn traurige Ereigniſſe im Kirchſpiele eintreffen; doch thut es keinem Menſchen ſchaden.“ Aber der verſteckte Bullar⸗See hat nicht allein ſeine Wunder des Aberglaubens, ſondern auch ſeine geſchicht⸗ lichen Sagenerinnerungen, wie z. B. den ſogenannten Schloßberg, welcher mit nackten, ſenkrechten Wänden in das Gewäſſer hinabſtürzt, und auf deſſen Höhe man die Ruinen des berühmten Olsborg antrifft, von welcher noch nach Jahrhunderten die Tradition das Andenken an den Weihnachtsabend des Jahres 1502 auf den Lippen des Volkes bewahrt, da der Schloßherr bei dem unerwar⸗ teten und ploͤtzlichen Angriffe des norwegiſchen Befehls⸗ habers Otto Rud„mit einer Partie in weißen Hemden, zwar in dieſem Allarm auf einen Thurm retirirte und ſich mit Steinen vertheidigte ſo lange er konnte, ſich aber zuletzt doch ergeben mußte.“ In dem Innern des Waldes in der wilden Gebirgs⸗ gegend gibt es einen andern Ueberreſt aus dem Alterthume, Trollſlott(das Zauberſchloß) genannt, ein an allen Seiten ſteiler, mit einer ziemlich hohen Mauer bekränzter Felſen, über deſſen Gebiet ehemals ein Prinz geherrſcht haben ſoll. Die Sagen von den Thaten dieſes Prinzen ſind verwebt mit einer verworrenen Tradition von einer großen Seeſchlacht, welche in uralten Zeiten auf dem Bullar⸗ See geliefert worden ſein ſoll, und über welche die armen „Bullinger“ um ſo mehr Urſache haben ſtolz zu ſein, als ſie außer ihren Bergen und Sagen gar nichts beſitzen. Jetzt fahren auf dem Bullar⸗See nur ein einzelnes Boot oder auch bisweilen ein Prahm, der eine Partie Bretter oder Balken mit ſich im Schlepptau führt und langſam an den pittoresken Geſtaden hingleitst. Vor etwas mehr als zwei Decennien war nicht nur dieſe ſchauerlich ſchöne Landſchaft ſelbſt— von welcher ein neuerer Verfaſſer ſagt, daß ſie„die Einbildung des Zuſchauers in die Orte verſetzt, wo Oſſian's Harfe klang“ — eine vollkommene Wildniß, ſondern man konnte auch die Bewohner als Halbwilde betrachten, welche ſich nur wenig mit dem Ackerbau beſchäftigten, weil ihre Wälder ihnen die Mittel hergaben, ſich durch Tauſchhandel Ge⸗ treide zu verſchaffen. Sie kannten auch die Kunſt zu entbehren, eine Kunſt, die ihnen noch heutiges Tages nicht fehlt: oft kann man in unglücklichen Jahren ſehen, wie in Bullaren das ſchwarze Rindenbrod nicht nur mit dem Muthe der Ergebung, ſondern mit einem gewiſſen philo⸗ ſophiſchen Muthe verzehrt wird. Mit der fehlenden Nei⸗ gung zum Ackerbau, welcher ſich leicht genug erklären läßt, wenn man den unfruchtbaren Boden, die Wälder und die Moore in Erwägung zieht, vereinigte ſich gleich⸗ wohl ein noch ſchlimmrer Fehler, nämlich die fehlende Neigung, Gott und ſein Haus zu ſuchen. Oedman ſagt an einem andern Orte, daß der Name„Bullern“ ſich wahrſcheinlich herleiten läßt von„dem vielen Lärmen im Walde mit dem Hauen der Art, oder davon, daß das Volk, welches in den Bergen wohnte, ehemals ſehr bul⸗ lernd geweſen iſt und ſich viel geſtritten und geſchlagen hat, ſo daß es hier mehre Prozeſſe gegeben hat als anderswo.“ Dem ſei wie ihn wolle, ſo war das Bullar⸗Volk ein wildes Geſchlecht, welches ſelten eine von ſeinen beiden Kirchen beſuchte, bis endlich ein Geiſtlicher mit zu gleicher Zeit edlem und kraftvollem Geiſte berufen wurde, ſich der verirrten Schafe anzunehmen. Seine Thätigkeit, obgleich oft mißverſtanden und verhindert, hat eine ſegensreiche Erndte hinterlaſſen, welche ſich hoffentlich immer mehr und mehr entwickeln wird. Doch in dem Zeitpunkte unſrer Erzählung hatte die Ausſaat zu dieſer Erndte erſt angefangen einen zarten Keim zu treiben. Glücklicher Weiſe war aber dieſer Keim wenigſtens vorhanden, ſonſt würde ganz gewiß Bullaren unter der Hand eines ſolchen Säemannes, wie Grave, nie etwas anderes als verdor⸗ bene Früchte getragen haben..... 7 Die Wahl zu der erledigten Comminiſtratur war geſchehen, und trotz des Einfluſſes des Oberpfarrers hatten Grave's Intriguen dieſen durchgeholfen: er war nicht nur ernannt, ſondern es war ihm auch gelungen, alles ſo ein⸗ zurichten, daß er ſein Amt gleich antreten konnte. Doch nicht von Grave und ſeiner einſamen Amts⸗ wohnung im Walde haben wir jetzt zu erzählen, ſondern wir wollen die Neuvermählten beſuchen— wir wollen in Leonard's Gute einſprechen. An dem öſtlichen Ufer des Bullar⸗Sees, zwiſchen einigen jähen Anhöhen und in einem von dieſen zauberiſch ſchoͤnen Thälern, deren oben Erwähnung geſchehen iſt, lag Trollhatten*). Zufolge der Sage hatte der Hof dieſen Namen durch den erwähnten Prinzen auf dem Trollſlott erhalten, welcher nämlich an einem Abende, da er von dem See kam und hier landete, um ſich nach Hauſe zu begeben, ſo erzürnt darüber geweſen ſein ſoll, hier den Geſang des Nirx zu hören und zu betrachten, wie dieſer ſelbſt ſich in dem Strome ſchaukelte, welcher von dem See ſich durch das Thal ſchlängelt, daß er ſeinen Hut abnahm und ihn dem Nirx in das Geſicht warf. Darum heißt es auch, daß der Nix an dunkeln und ſtürmiſchen Abenden jammert, weil er den Hut des Zauberprinzen nicht los werden kann, der ihn am Sehen hindert; an ſchönen und ſtillen Abenden dagegen ſchaukelt derſelbe neben ihm ganz ſo wie ein kleines Fahrzeug. Vermuthlich hat auch dieſe Tradirion dem Thale ſeinen Namen Nirenthal gegeben. Trollhatten beſaß ein Wohnhaus, welches für ſeine Lage in Bullaren— wo vielleicht noch heutiges Tages zwei oder drei Standesperſonen wohnen— nicht ganz ohne ſeine kleine Pracht war. Das Haus hatte zwar nicht mehr als ein Stockwerk, aber in der Mitte eine *) Das heißt:„der Zauberhut;“ die Endung en iſt der beſtimmte Artikel. Anm. des Ueberſ. kleine Erhöhung, in deren netten Zimmern man auf der einen Seite die weiteſte Ausſicht über den Bergweg und die Abſtürze und auf der anderen über den Bullar⸗See hatte, und über den See hinweg an der Smewiks⸗Oe vorbei(unter welcher die große Schlange, das aus dem Meere verirrte Ungeheuer, ſeine Wohnung hatte) die ſenk⸗ rechten Wände des Schloßberges erblickte, nicht zu ver⸗ ſchweigen das Thal ſelbſt mit dem Strome, wo der arme Nir des Abends noch heutiges Tages ſeine Lieder fingt. Da das Haus auf der Höhe lag, fühlte man den Hauch der Winde ſcharf genug in demſelben, und obgleich es jetzt um die Frühlingszeit war, ſo wußten ſie ihr Recht in dem Maße geltend zu machen, daß die junge Hausmutter, welche in dem Alltagszimmer allein ſaß, ſich unmöglich der über ſie kommenden Schauder erwehren konnte. Etwas über zwei Monate war Conſtance nun Leo⸗ nard's Gattin geweſen; doch bis jetzt hatte der treuher⸗ zige, redliche und immer verliebter werdende Mann ſich an keinem wirklichen Sonnenſcheinlächeln von ihren Lippen wärmen können. Wenn Leonard ſeine allervor⸗ trefflichſten Saiten anzuſchlagen verſuchte, ſo verzog wohl Conſtance den Mund zu einem Lächeln; doch ſchien ihr dieſes Lächeln nicht nur Anſtrengung zu koſten, ſondern auch Schmerz zu verurſachen. Nie war ſie gleichwohl in ihrem Benehmen gegen ihn unfreundlich und ſteif gefroren, ſondern gleichmäßig, ſanft, ernſt und arbeitsſam; letzteres mehr als Leonard wünſchte, denn ſie hatte nie Zeit zu andern Dingen, als zur Arbeit und zum Leſen. In dem Augenblicke, da wir in ihre Wohnung treten, finden wir Conſtance mit ihrer Nähterei im Schoße an einem Fenſter, von welchem man keine Ausſicht auf den See, ſondern auf den Wald hatte. Dieſer Wald inter⸗ eſſirte ſie, weil er mehre Geſchlechtshügel*) in ſich ſchloß *) Ganz gleich den deutſchen Hühnengräbern. . Anm. d. Ueberſ. 9 und unter dieſen einige größere, die man Schlangenhügel nannte, und von welchen man ſagte, daß ſie zur Nacht⸗ zeit brannten und donnerten. Alle dieſe Sagen von den Bergen, dem See, den Wäldern und dem Strome feſſel⸗ ten mit geheimnißvoller Macht Conſtance's Gemüth; was ſie aber nie ſehen, und worüber ſie nie Gewißheit haben wollte, das waren die Ueberreſte einer Kapelle an der öſtlichen Seite des Bullar⸗Sees, welche vormals dem St. Michael geweiht geweſen ſein ſollte; denn Conſtance war natürlicher Weiſe allzu heilig, als daß ſie ſich einen Tempel denken konnte, der einem andern geweiht war, als dem Einen Gotte... O, welch ein Unglück, daß der Eine Gott doch bisweilen von einem ſeiner geringſten Schüler repräſentirt wurde! Der Tag begann ſich ſeinem Ende zu nähern. Leo⸗ nard war mit der Frühlingsarbeit beſchäftigt und daher noch nicht nach Hauſe gekommen, als der Mond, welcher im erſten Viertel ſtand, zu ſcheinen und ſeine bleiche Schleppe auf den ſchmalen Strom zu werfen begann. Die klagenden Töne des Windes ſäuſelten in den Fichten und hinderten Conſtance, deren lauſchendes Ohr dieſe Toͤne vernahm, zu hören, daß jemand durch den kleinen äußern Saal ging. „Guten Abend, guten Abend, ſchön Feinsliebchen mein! Guten Abend, mein Herzensweib!“ Conſtance flog auf. Wo waren ihre Gedanken ge⸗ weſen? Vielleicht in andern Gebirgen und andern Wäldern. Sie war beinahe verwirrt, als ſie ihr„Will⸗ kommen!“ ausſprach. „Meinſt Du nicht, daß ich ſehr ſpät komme? Haſt Du Dich nicht gewundert, wo ich geblieben war?“ Und Leonard legte ſeinen ſtarken Arm um den Leib ſeiner Gattin und küßte ſie ſo warm, daß er gar nicht fühlte wie der Kuß unerwiedert blieb.„Wunderteſt Du Dich nicht, wo ich geblieben war?“ „Nein, mein Lieber, ich wunderte mich nicht, denn ich glaubte, daß die Arbeit Dich aufhielt.“ 3„Ach, Du glaubſt, daß ich nie an etwas anders als an die Arbeit denke!. Aber hier iſt's ſo kalt; warte Du arme kleine! ich will Dir ein Feuer anmachen— Du erfrierſt mir ja ſonſt!“ „Ach, vergib mir! ſagte Conſtance mit leichtem Erröthen,„es wäre beſſer geweſen wenn ich vor Deiner Ankunft daran gedacht hätte.“ „Ja, das verlohnte ſich auch noch der Mühe, an ſolche Dinge für mich zu denken! Doch auf jeden Fall, vauhiß oder unnöthig, ſo ſchmeckt es dennoch ſchoͤn, wenn Du ſagſt: ich habe das für Dich gethan, oder ich wollte das für Dich thun.“ Er eilte hinaus, um Holz eintragen zu laſſen; Con⸗ ſtance aber lehnte ihre Stirn an die kalte Ofenkante und ſeufzte leiſe, ſeufzte darüber, daß dieſer Mann mit ſeiner ewigen, treuherzigen Güte ihr keinen Anlaß zum Leiden, ſondern nur zum Ueberdruß gab. Dieſes Letztere geſtand ſie gleichwohl nicht einmal ſich ſelbſt; denn da wäre ſie gezwungen geweſen, die Bedeutung dieſes Begriffes zu unterſuchen, und ſie war zu ſtrenge in ihren Grundſätzen, als daß ſie ihn hätte unerforſcht laſſen koͤnnen.... „Laß mich ſelbſt anzünden; Du bekommſt es in Dei⸗ nem Leben nicht in Brand, meine liebe Tona! ſagte Leo⸗ nard zu dem Mädchen, welche das Holz in den Ofen geſetzt hatte; und als Tona hinausgegangen war und das Feuer hell und klar flammte, da wendete er ſich an Con⸗ ſtance, welche inzwiſchen ihr Strickzeug hervorgeſucht hatte, und lud ſie zum Sttzen ein, nicht in einer eleganten Cau⸗ ſeuſe, aber doch in dem bequemſten Möbel, das im Hauſe zu finden war, in einem alten, unfoͤrmlich klumpigen, aber mit Pferdehaaren gepolſterten Rollſtuhl, den Leonard auf einer Auction in dem angränzenden Härade eingekauft und dann mit eigenen Händen vortrefflich polirt und mit grau⸗ braunem Corderoi überzogen hatte. „Hier ſollſt Du ſitzen!... Ja, er iſt ein wenig rar, dieſer Stuhl: Du ſinkſt hinab wie in den weichſten Heuſchober!... und nun ſetzeſt Du Deine netten Füß⸗ len m willſ Farb Zeit zu n Sche Sche komr arbei brau weiß einer ich ſüßer nicht Con auf ſchw daß ten nicht doch an die arme frierſt ichtem Deiner e, an Fall, wenn wollte Con⸗ e und ſeiner eiden, eſtand ire ſie fes zu ſätzen, Dei⸗ e Leo⸗ Ofen nd das Con⸗ hatte, Cau⸗ Hauſe , aber rd auf fft und grau⸗ wenig eichſten Füß⸗ 11 chen auf dieſen kleinen Schemel, den ich Dir wohl bald ma⸗ len muß— oder vielleicht willſt Du ihn lieber gebeizt haben?“ „Beides wird gut.“ „Ja, aber Du mußt mir ſagen, was Du am liebſten willſt!“ „So beize ihn denn!“ „Ach, Du biſt allzu gut: Du wußteſt, daß ich keine Farben im Hauſe habe; beizen aber kann ich zu jeder Zeit; und obgleich ich heute Abend Deine Winde fertig zu machen dachte, ſo kann ich eben ſo gut mit dem Schemel anfangen— Du kannſt ſtatt deſſen meine kleine Schatulle bekommen!“ „Fange noch nichts an, beſter Leonard: das Eſſen kommt ſogleich!“ „Es iſt willkommen, denn ich habe heute tüchtig ge⸗ arbeitet— und ich weiß wohl, was ich eben ſo gut brauchen koͤnnte, als das Eſſen!“ „Aber.... „Nun, nun, werde nur nicht gleich unruhig! Du weißt wohl, daß ich nicht einmal ſo viel haben will, wie einen Appetitſchnapps, wenn Du es nicht gerne ſiehſt— ich ſagte nur, daß ich ihn brauchen könnte.“ „Du thuſt ja immer was Dir beliebt!“ „Ja, die Katze auch! Aber man hat auch ein kleines ſüßes und hübſches Weibchen nicht für nichts und wieder nichts!“ Und Leonard legte von Neuem den Arm um Conſtance's Leib. „Du darfſt dieſe bedeutungsloſen Worte nicht ſo oft auf den Lippen haben, und nicht immer ſo...“ Sie ſchwieg, machte aber eine Bewegung mit dem Körper, ſo daß Leonard's Arm hinabglitt. Ohne ein Wort, doch nicht ohne einen halbunterdrück⸗ ten Seufzer zog Leonard ſich zurück. Man darf vielleicht nicht ſagen, daß eine Wolke ſeine offene Stirn bedeckte; doch ging wenigſtens ein Schatten über dieſelbe. Zweites Kapitel. Conſtance war aufgeſtanden und hinausgegangen. Gleich darauf wurde der Tiſch gedeckt und an das feine Ende eine Flaſche und ein Glas neben die friſche Butter und das friſche Brod geſetzt. „ Dank für den vortrefflichen Fiſch, den Du nach Hauſe ſchickteſt, mein Lieber!“ ſagte Conſtance, indem ſie ihrem Manne die Schlüſſel reichte.„Ich glaubte, er würde Dir heute Abend ſchmecken.“— Sowohl in dem Tone, als auch in dem Blicke lag Freundlichkeit. Leonard erwiederte die Worte ſeiner Frau mit einem Kopfnicken voll dankbarer Zärtlichkeit; doch wollte ſeine Laune nicht in Ordnung kommen und die Flaſche an dem Tiſchende blieb unberührt.. „Wollteſt Du heute nicht etwas?“ „Jetzt nicht mehr!“ Conſtance antwortete nicht, aber ſie fühlte einen Stich in ihrem Herzen. Sie konnte Leonards kleine freund⸗ liche Augen nicht ſo betrübt ſehen, ohne eine Bewegung in ihrem Gewiſſen zu empfinden— eine ernſte Bewegung erinnerte ſie an den Grund, auf welchen ſie gewagt hatte, ihre Ehe zu gründen. Der Tiſch war abgedeckt. „Sieh hier.... paßt nicht die Schatulle?“ Er ſetzte ſie hin und begann nun vor dem niedergebrannten Feuer an dem kleinen Schemel zu ſcheuern und zu feilen. Kein einziger Zug in ſeinem Geſichte verrieth, daß er weiter an das Vorgefallene dachte; er konnte nur nicht wieder fröhlich werden. „Es war mir ſo, da Du nach Hauſe kamſt, als wäreſt en. n das friſche nach em ſie e, er n dem einem ſeine n dem einen reund⸗ egung hegung hatte, CEr annten feilen. daß er nicht wäreſt 13 Du von etwas anderem als von der Arbeit aufgehalten worden, guter Leo!“ „Dieſes,„guter Leo!“ hatte einen ſo ſchoͤnen und herzlichen Klang, daß Leonard's Augen vor Freuden fun⸗ kelten.„Ach, wenn Du mich ſo nennen wollteſt— wenn ich dieſen Ton immer hören dürfte!“ Conſtance lächelte ihm zu, und in dieſem Lächeln lag wirklich eine Verſicherung, daß ſie thun wollte, was in ihren Kräften ſtände. Er fuhr fort:„Ja, ſiehſt Du, damit wollte ich's gerade ſo machen, wie die Kinder, welche das Beſte bis zuletzt aufheben.“ „Gewiß,“ rief Conſtance aus, und ihre Wange wurde von einer fieberhaften Röthe gefärbt,„gewiß haſt Du et⸗ was Gutes gethan?“ „Ja, das will ich hoffen! Ich ging ziemlich früh nach Hauſe, denn ich wollte über die Heide gehen und nachhören, wie ſich nach Deinem Beſuche die alte Annika in ihrer Betrübniß troͤſtete. Ich weiß wohl, ſie kann es ſo bald nicht vergeſſen, daß ihr kleiner Lars vier Ellen hinabgezogen iſt; aber ich dachte, es thut ihr dennoch wohl, wenn ſie ſieht, daß wir immer an ſie denken, und darum ging ich durch die Haſelkoppel und dachte eben daran, wie Annika mich immer an meine alte, liebe Mo⸗ nika erinnerte, als ich dicht neben mir einen Seufzer ver⸗ nahm. Ich ſah mich um und fand ein armes, junges, ſonderbar gekleidetes Frauenzimmer ganz ermattet ſitzen, und den Kopf gegen einen Baumſtamm ſtützen. „Ach, das war gewiß eine von dieſen bedauernswür⸗ digen Heiden, dieſen unglücklichen Tatarinnen, welche mit den Ihrigen hier in den Bergen umherſtreichen... Nahmſt Du ſie mit?“ „Dieſe war gewiß kein Tatarin; ſie ſind ja gelb wie Wachs, ihre Haare und Augen aber ſchwarz wie Kohlen; dagegen war dieſes ſonderbare Weſen licht und mild mit einem Ausſehen von ſchweren Leiden; und weit entfernt eine Heidin zu ſein, hatte ſie einen großen Beutel, welcher, wie ich ſah, als ich ihn in Annika's Wohnung trug, ganz voll war mit lauter kleinen Bibeln und geiſtlichen Schriften.“ „Ach, was konnte das für eine geſegnete Wanderin ſein? Sie war nicht aus dieſer Gegend?“ „Nein, ſie war, wie ſie ſagte, von weit hergekommen und hatte einen ſchweren Weg gehabt. Ihre Beſchäfti⸗ gung iſt übrigens immer umherzugeheu und geiſtliche Bü⸗ cher zu verkaufen; jetzt aber war ſie aus den Bergen in die Heide gerathen und war immer weiter gegangen, ohne eine menſchliche Wohnung anzutreffen, und hatte be⸗ ſchloſſen, die Nacht unter dem Baume zuzubringen, wenn ich nicht gekommen wäre und ſie in Annika's Hütte ge⸗ bracht hätte.“ „Gott lohne Dich dafür— ja, er lohnt Dir gewiß das Gute, welches Du wenigſtens willſt!... Aber ich mf morgen früh hin, ehe die Fremde ſich hinweg be⸗ g t.“. „Das brauchſt Du nicht; ſobald ſie ausgeruht hat, kommt ſie morgen hieher; ſie ſcheint nicht. die Abſicht zu haben, unſere Gegend ſobald wieder zu verlaſſen.“ „Gott ſei gelobt!... Aber jetzt iſt es Zeit, an unſere Abendandacht zu denken!“ Conſtance nahm von der Commode nicht allein die Bibel, ſondern auch ein Buch mit Betrachtungen und ein anderes mit Morgen⸗ und Abendgebeten. „Ach, Herr Gott! wollen wir ſchon wieder leſen?“ „Mein Beſter!“ „Vergib, vergib! Ich meinte aber, es war ſo ſchön, und angenehm, hier vertraulich zu ſitzen und zu plaudern. Halten wir nicht Gottesdienſt in unſern Herzen, wenn wir thun, was recht und billig iſt?— Wozu ſoll alſo wohl das ewige Leſen dienen 2“ „Unſere Herzen zu ſtärken und auf dem guten Wege zu erhalten!“ „Als wenn es Einen nicht eher traurig machte! Ja, 15 ſchoͤn Feinsliebchen mein, ich kann nicht dafür; aber wenn man müde von der Arbeit nach Hauſe kommt, ſo fühle wenigſtens ich doppelt ſo viel Stärke und Erbauung, wenn ich mit Dir plaudere und einige Worte von Dir ſelbſt hören darf, als wenn Du zu Deinen Büchern greiſſt, be⸗ ſonders nach dieſen langweiligen Betrachtungen, welche von hier nach dem Tyftedalsfjäll in Dahlsland reichen.“ Conſtance konnte ſich eines Schauders nicht erweh⸗ ren.„Du betrübſt mich ſehr!“ ſagte ſie. „Und Du machſt mich ganz verzweifelt, geliebte Con⸗ ſtance! Am Morgen, Mittag und Abend Andacht zu hal⸗ ten, iſt wirklich allzu ſtark! Ich habe mehrmals ſchon mich darüber gewundert, wie es Dir an unſerm Hochzeit⸗ abende möglich war, ohne eine Andachtsſtunde zu leben. Es iſt wohl wahr, daß Du vor der Trauung ſchon vor⸗ weg etwas abmachteſt; doch wäre nicht die Geſchichte mit Juſtus dazwiſchen gekommen, ſo hätte ich gewiß auch nach⸗ her noch meine Erbauung ebenfalls bekommen.“ Conſtance's Wangen wurden weiß wie Schnee; ſie ließ die Betrachtungen fallen, welche ſie ſchon in der Hand hielt, und es war ihr unmöglich, einen tiefen Athem⸗ zug zu unterdrücken, welcher alle moöͤgliche Aehnlichkeit mit einem herzzerreißenden Seufzer hatte. „War das nicht ſonderbar?“ fuhr Leonard fort.„Ich habe nie dahinter kommen koͤnnen, was ihn eigentlich ſo angriff; ſo viel aber weiß ich, daß ich meinen Schreck nicht vergeſſen kann, ſo lange ich lebe. Hätte ich Dich nicht ſo ſchnell feſtgehalten, ſo hätte er Dich im Falle mit ſich geriſſen, denn es war, da er Dir eben die Hand gereicht hatte, um Dir Glück zu wünſchen— der Glück⸗ wunſch kroch in den Kaſten!“ Conſtance war nicht im Stande zu reden. „Und dann ein ſolcher Aufſtand unter den Hochzeitgäſten! Nun, wer kann ſich darüber wundern, wenn der Paſtor, nachdem er mit genauer Noth die Trauung geendigt hat, plautz auf den Brautſtuhl fällt— ganz wie ein Todter, ja, contant wie eine Leiche! Mein armer Juſtus!— es dauerte gewiß eine ganze Stunde, ehe der Doctor wieder Leben in ihn brachte. Entſinnſt Du Dich noch, wie wir ihn hinaustrugen?“ „Nein.. ich.... war ſelbſt....“ „Ja, darüber konnte man ſich meiner Seel' nicht wundern, wenn Dir, der Braut, bei einem ſolchen Ende Hoͤren und Sehen verging! Aber meine Mutter iſt der Leiden gewohnt— ach, was iſt ſie für eine Frau!— ſie verlor die Faſſung nicht; ſie ſah zwar eben ſo blaß aus wie Juſtus; aber ſie war doch— entſinnſt Du Dich?— Diejenige, welche mit ihrem Arme ſeinen Kopf unter⸗ ſtützte. Und als er erwachte... hab' ich Dir das er⸗ „Ich glaube kaum.“ „Als er erwachte, da erhob er ſich ſo heftig, daß er beinahe mich und den Doctor umgeworfen hätte.„Was war das?— was habe ich geſagt?“ fragte er. Mir wurde wirklich bange vor ihm, ſo wild war er; und es war meiner Seele ein Glück, daß Mutter da war und ihm mit ihrer beruhigenden und liebkoſenden Stimme ant⸗ wortete:„Kein Wort haſt Du geſagt, mein Juſtus! Du haſt Deinen Bruder mit ſeiner Braut getraut, und als das gethan war, ſo wurdeſt Du heftig krank— die An⸗ ſtrengungen der Reiſe und der plötzliche Wechſel der Kälte und Wärme haben das bewirkt!...„Ja, ja,“ murmelte er,„ich war krank, ſehr krank— ich hätte es nicht ver⸗ ſuchen ſollen.“ „Er war krank,“ ſagte Conſtance leiſe,„und dennoch reiſ'te er am folgenden Tage!“ „Ja, daß er dazu Kräfte hatte, das war das Son⸗ derbarſte von Allem. Und dennoch ſchlug er es ab, mit uns Mittag zu eſſen, und ſo nahm er uns die Mutter weg, die wir ſonſt vielleicht beredet hätten mit uns zu kommen. Doch wer verſteht ſich auf ihn!“ Gott w unnützes war wo „§ ſeiner E gewiß 1 beſtändie anſtreng die Och ſtrengun auch no Eine 9 wie wir lel' nicht ſen Ende nme ant⸗ tus! Du und als die An⸗ her Kälte murmelte nicht ver⸗ dennoch as Son⸗ ab, mit 2 Mutter t uns zu 17 „Gott, der mit Wohlgefallen ſah, daß er die koͤrper⸗ liche Schwäche überwand!“ „Ja, wenn aber dieſe nicht gefährlicher war, als daß ſie ſich überwinden ließ, ſo hätte er mir die Freude ma⸗ chen koͤnnen, nicht von uns zu gehen— nächſt der Mutter ſind ja wir ſeine Nächſten!“ „Du warſt ja bei ihm?“ „O ja, das war ich; aber es verdroß mich, daß er gar nicht nach Dir fragte— Du hatteſt ja doch zu ſeinen Auserwählten gehört!“ Jetzt war die durch dieſes Geſpräch ſo hart geprüfte Faſſung Conſtance's nahe daran, ſie im Stich zu laſſen; nur mit der größten Anſtrengung vermochte ſie über ihre Lippen zu bringen: „Du mußt daran denken, daß er für die Fortſetzung ſeiner Reiſe alle Koͤrper⸗ und Seelenkräfte zuſammennahm. Gott würde es nicht gebilligt haben, wenn er ſie an ein unnützes Geſpräch weggeworfen hätte— ſeine Sendung war wohl höher!“ „Hm!— ich will eben nicht viel für den Nutzen ſeiner Sendung in die Lappmarken geben; dort wird er gewiß nicht viele Seelen für den Himmel werben!“ „Wir wollen zu Gott beten, daß er ſein ſchoͤnes Werk mit einem beſſern Erfolge krönt, als Du vorher⸗ ſagſt!“ „Ja, beten kann ich wohl für die Sache; doch ſiehſt Du, liebe Conſtance, es koͤnnte wohl möglich ſein, daß er noch nicht einmal einen einzigen Lappen angetroffen hat, der ſich bekehren laſſen will. Die Lappen trifft man nicht ſo leicht an, wie die Leute in den Städten; ſie find beſtändig auf Reiſen, und der Miſſionar muß ſich mehr anſtrengen als der Bauer beim Pfluge; ja, ärger, als die Ochſen, die ihn ziehen, ehe er endlich nach langen An⸗ ſtrengungen ein Lappenzelt erblickt... Nun, nun! er iſt auch noch nicht ſo lange da geweſen; wir dürfen das Beſte Eine Nacht am Bullarſee. U. 2 — 4 hoffen, obgleich, die Wahrheit zu ſagen, es mir ſo vor⸗ kam, als wäre er bei dem Sündenbock Grave ſo ansge⸗ wäſſert und ausgemerkelt worden, daß er nicht viele Kräfte aufzuopfern hat. Und nun ſollen wir dieſen Schelm hie⸗ her bekommen— ja, ich möchte raſend werden, wenn ich varan denke, daß ich bei der Wahl nichts anderes ſein durfte, als eine Null. Hätte ich dieſen Erdlappen früher gehabt, ſo hätten ſie was Andres ſehen ſollen; wenigſtens hätte ich verſucht, ihm die Stange zu halten... Doch nun glaube ich, iſt's Zeit, ſich zur Ruhe zu begeben— die Andacht haben wir doch wohl für heute Abend verplau⸗ dert, oder wie?“ „Ich will ein wenig für mich allein leſen— geh' Du nur hinein!“ „Dank, Dank! bleib aber auch nicht zu lange; glaube mir, Du biſt fromm genug, ohne in dieſen Büchern, die recht ſonderbare Lehren enthalten, immerwährend Verbeſ⸗ ſerung zu ſuchen... Aber ich will Dich nicht betrüben. Gute Nacht, mein Goldblümchen! Gott ſegne Dich!“ Conſtance war allein. Aber ſie öffnete kein Buch, ſondern ſank auf ihre Knie und betete brennende, ſchwärmende Gebete für ihn, der jetzt in den lappländiſchen Schneebergen wanderte. Eigentlich wollte ſie für den glücklichen Erfolg ſeiner Be⸗ mühungen beten; aber die Gebete für die Sache vermiſch⸗ ten ſich unbewußt und verworren mit der Perſon, und ſie wurden noch verworrener, als nun die ſo lebhaft hervor⸗ erufene Erinnerung an die Stunde der Trauung ſich mit in die Andacht miſchte— dieſe Stunde, in welcher ſein Auge gleichſam einen unbekannten Raum oͤffnete, einen Himmel, aber mit dem über de Raum mit dem Eingang in den Ausgang in die Hölle.„Nein!“ ſtammelte an allen Glie⸗ dern zitternd, die Beterin,„dieſer Anblick war eine Täu⸗ ſchung! Er war ja krank, er hatte Fieber: was in ſeinen Augen flammte, war nur eine Fieberſunde, eine Schwach⸗ heitsfünde... ach, es war nicht ſeine Schuld, er wußte * Di dunklen da, und ſelbſt; ſich ſchl in einen 5 ir ſo vor⸗ ſo ansge⸗ iele Kräfte chelm hie⸗ wenn ich deres ſein pen früher wenigſtens .. Doch begeben— d verplau⸗ n— geh' ge; glaube üchern, die nd Verbeſ⸗ t betrüben. Dich!“ k auf ihre te für ihn, wanderte. ſeiner Be⸗ e vermiſch⸗ on, und ſie haft hervor⸗ ng ſich mit velcher ſein nete, einen er mit dem allen Glie⸗ eine Täu⸗ as in ſeinen ie Schwach⸗ ), er wußte 19 es nicht, wird es niemals erfahren— nur ich allein ſuͤn⸗ dige in der Erinnerung!... Mein Gott, mein Meiſter, nimm ſie hinweg, dieſe betrügeriſchen Fieberphantaſien, welche ſich bisweilen bei mir eindrängen! Prüfe mich nicht dadurch, daß Du mir Gedanken ſendeſt, welche meine Seele beunruhigen und verunreinigen und ihren Frieden ſtoͤren, dieſen Frieden, der feſt ſein muß, weil er von Dir kommt! Ja, ich fühle es, wie Dein Geiſt ſich auf mich herabſenkt: Du haſt mich gehoͤrt, Du wirſt mir Kraft geben, daß ich nie ſchwanke unter den Pflichten, die ich um Deinetwillen übernommen habe! Habe ich mich erſt mehr abgehärtet, ſo wirſt Du mir auch die Kraft ver⸗ leihen, den herzlich zu lieben, dem ich geſchworen habe, in Noth und Luſt auf Erden zu lieben, und der es ſo ſehr verdient! Jetzt aber leide ich, leide bitter, ſo lange, bis ich ihm ſeine Zärtlichkeit dadurch vergelten kann, daß... ich ihn zu Dir führe, zu Dir, ohne den es keine Freude g t!“ „Haſt Du denn noch nicht genug gebetet, Conſtanz⸗ chen?“ erſcholl im Nebenzimmer Leonard's Stimme. Drittes Kapitel. Die erſten Morgenſtrahlen der Maiſonne leuchteten uͤber dem pittoresken Nixenthale und brachen ſich an den dunklen Schatten der Berge. Der Bullarſee lag klarblau da, und ſeine Ufer ſo friſch, wie das neuerwachte Leben ſelbſt; ſogar die dunklen Abgründe, durch welche der Weg ſich ſchlängelte, zeigten ihre Schrecken erregende Wildheit in einem milderen Lichte, weil man hie und da einige —— freundliche wilde Veilchen erblickte, welche geſchützt an ihrem Platze ſich nicht vor der Geſellſchaft der Diſteln und Schlingpflanzen geſcheut hatten. 5 Leonard ſchritt in dieſer frühen Stunde durch das Thal, um nach ſeinen Arbeitsleuten zu ſehen; doch ging er nicht ſingend, wie er oft zu thun pflegte, ſondern er betrachtete gedankenvoll, wie die Thauperlen in dem zar⸗ ten Graſe blinkten. Wider ſeinen Willen und trotz dem, daß Conſtance heute Morgen ihn mit wirklicher Herzlich⸗ keit gehindert hatte, eher hinaus zu gehen, als bis er ſei⸗ nen Kaffee getrunken hatte, konnte Leonard dennoch nicht umhin, an die kalte, unfreundliche Bewegung zu denken, mit welcher ſeine Frau geſtern Abend— da er ſo froh und glücklich für ſie arbeiten und um ihr noch mehr zu gefallen von dem Appetitſchnaps abſtehen wollte— ſich der Liebkoſung ſeines Armes entzogen hatte. Es war wohl nachher wieder gut geworden, aber es war doch nicht ſo ganz gut, das fühlte Leonard in ſeinem warmen Herzen, welches ſo gern überzeugt ſein wollte, daß es bei ihr, die ihn ihren Gatten nannte, einigen Werth hatte. danken ſam, ſo 1 eigene h Zum erſten Male ſeit ſeinem Eintritt in den Eheſtand begann erinnerte er ſich der ermahnenden Worte ſein es Bruders, ſeines e daß ein gottesfürchtiges Weib weder ſpielende Schmei⸗ immer cheleien noch kindiſche Fröhlichkeit liebt. Er dachte auch daran, daß Juſtus ein Mißtrauen geäußert hatte, ob Con⸗ ſtance wohl paſſend ſein koͤnnte, ſeine Geſellſchafterin zu In ſein; doch die Richtigkeit dieſes Mißtrauens zu erkennen, arbeitſat das kam ihm glücklicher Weiſe nicht in den Sinn.„Ju⸗ fange il ſtus irrte ſich,“ ſagte er in ſeinen Gedanken zu ſich ſelbſt; wecken „ſie macht mich gewiß glücklich, ja, das thut ſie, obgleich, Bitten; verſteht ſich, ich doch noch weit glücklicher ſein koͤnnte, zeigen, wenn er nicht in dem erſten Punkte Recht gehabt hätte. und we Ihr Ernſt, ihre Strenge im Leben und in den Grund⸗ turfriſch fätzen, und das garſtige Weſen macht mir bisweilen Ver⸗ ging do druß— doch gibt es wohl einen einzigen Menſchen auf ſ ni noch der Erden, der vollkommen glücklich iſt? O nein, davon kann * 1 ſccützt an r Diſteln zurch das doch ging ondern er dem zar⸗ trotz dem, Herzlich⸗ dis er ſei⸗ noch nicht zu denken, er ſo froh mehr zu e— ſich Es war war doch n warmen daß es bei h hatte. n Eheſtand Bruders, 1 Schmei⸗ achte auch ob Con⸗ afterin zu i erkennen, nn.„Ju⸗ ſich ſelbſt; e, obgleich, ein koͤnnte, habt hätte. en Grund⸗ veilen Ver⸗ tenſchen auf davon kann 21 in dieſer Welt die Rede gar nicht ſein, denn da hätte unſer Herrgott ja gar keine Mittel, uns gutwillig in die andere zu locken.“ Er beeilte ſeine Schritte, denn er mußte die Ge⸗ danken erſticken; doch er mochte ſchnell gehen oder lang⸗ ſam, ſo gingen ſie immer mit. „Dennoch— hm— ſſt es meine Pflicht, den Ver⸗ ſuch zu machen, ſo glücklich wie möglich zu werden; wer nichts verſucht, der gewinnt auch nichts, ſagt das Sprich⸗ wort. Wäre Juſtus zu Hauſe... er, der ſo viel über ſie vermag, er würde gewiß auf meine Bitten ihr ein wenig über den Text von der Freundlichkeit und Zärtlich⸗ keit zwiſchen Ehegatten vorpredigen— das wäre verdammt ſchoͤn; doch Juſtus iſt nicht bei der Hand, und nächſt ihm iſt niemand da, der mehr Nutzen ſtiften kann, als Mutter... ſo ſoll's ſein: Mutter muß hieher! Sobald ich die Frühlingsarbeit hinter mir habe, ſo reiſe ich und hole ſie!“ Und beruhigt durch dieſen Entſchluß, welchem ſeine eigene hoffnungsreiche Seele alle möglichen Vortheile lieh, begann er ein Liedchen zu ſummen— und bei dem Laute ſeines eigenen anſpruchsloſen Geſanges wurde Leonard immer fröhlich. Inzwiſchen ging die junge Hausmutter geſchäftig und arbeitſam im Hauſe umher. Leonard hatte im erſten An⸗ fange ihrer Ehe gebeten, ja gefleht, ſie ſollte ſich nicht wecken laſſen, wenn er aufſtände; doch dabei halfen keine Bitten; denn Conſtance wollte ihm nach beſten Kräften zeigen, daß ſie ſich ſeiner Wahl würdig zu machen wünſchte; und wenn Arbeit und Aufſicht auch nicht unter einer na⸗ turfriſchen und häuslichen Froͤhlichkeit vor ſich gingen, ſo ging doch beides mit einer Sanftmuth, welche, obgleich ſie nie in eine wohlthuende Freundlichkeit überging, den⸗ noch der jungen Hausmutter eine Würde verlieh, welche doppelt erhöht wurde durch ihre Strenge gegen ſich ſelbſt und ihre immer abgewogene Gerechtigkeit gegen Andere. . Conſtance, welche längſt ihre Morgenandacht verrich⸗ tet hatte, kam eben nach einem Beſuche in der Milchkam⸗ mer über den grünen Hofplatz zurück; ſie winkte dem Dienſtmädchen mit der zum Frühſtücke beſtimmten geron⸗ nenen Milch voranzugehen, und ſtand ſtill, um ihre Blicke auf die phantaſtiſch ſchöne Landſchaft zu werfen. Nachdem ſie ſich einige Augenblicke daran geweidet hatte, ging ſie ein wenig weiter hinab an den See, der den Fuß der Anhöhe wäſſerte, worauf das Haus lag. Sie fühlte, daß dieſer von der Welt ſo abgeſonderte, ſo arme und dabei doch ſo reiche Winkel heilige Gedanken erzeugen mußte, nicht allein ſolche, die ſich ewig um Gott und um den wendeten, der in ihrer Seele und in ihrer Erinnerung ſtets mit dem hoͤchſten Weſen verſchmolz, ſondern auch ſolche heilige Gedanken, welche die Erfüllung unſerer Pflichten betreffen und zwar ſowohl dem Worte als auch dem Geiſte nach. Sie ſetzte ſich auf eine von den Raſenbänken, welche Leonard hie und da zu ihrem Vergnügen an dem mit Laub⸗ und Nadelgehöͤlz bekränzten Ufer angelegt hatte, und ſagte leiſe einige Bibelſprüche her, die ganz deutlich ihren Ehekatechismus enthielten, deren Abſicht aber zu erkennen gab, daß ihre eigene Seelenbeſtimmung noch nicht ganz von dem Worte auf den Geiſt übergegangen war.— Ihr Ehekatechismus lautete folgender Maßen: „Sie geht mit Wolle und Flachs um und arbeitet gern mit ihren Händen. Sie iſt wie ein Kaufmannsſchiff, das ſeine Nahrung von ferne bringt. Sie ſteht des Nachts auf, und gibt Futter ihrem Hauſe und Eſſen ihren Dirnen. Sie denkt nach einem Acker und kauft ihn; und pflanzet einen Weinberg von den Früchten ſeiner Hände. Sie gürtet ihre Lenden feſt und ſtärket ihre Arme. Sie me Sie ſtr Sie br Sie th⸗ Sie füß Ihr S „1 wiederh glaubw tief Be aus. von vei „Seid terthan A viel D dennock Du Di Gefühl häuslie bereiter deſſen ſehr T Grund Gefühl ſchon den, d Herz freundl ſtrecken ich ſelbſt Andere. verrich⸗ eilchkam⸗ akte dem n geron⸗ re Blicke Nachdem ging ſie Fuß der ſonderte, Gedanken ewig um le und in erſchmolz, Erfüllung Worte en, welche dem mit datte, und lich ihren erkennen icht ganz tr. en: eitet gern hrung von rem Hauſe anzet einen ger Hände. me. 23 Sie merkt, wie ihr Handel Frommen bringt; ihre Leuchte verlöſchet des Nachts nicht. Sie ſtreckt ihre Hand nach dem Rocken, und ihre Finger faſſen die Spindel. Sie breitet ihre Hände aus zu den Armen, und reichet ihre Hände dem Dürftigen. Sie thut ihren Mund auf mit Weisheit, und auf ihrer Zunge iſt holdſelige Lehre. Sie fürchtet ihres Hauſes nicht vor dem Schnee, denn ihr ganzes Haus hat zwiefache Kleider. Ihr Schmuck iſt, daß ſie reinlich und fleißig iſt; und.... wird hernach lachen.“ „Und wird hernach lachen!“ Dieſe Schlußſtrophe wiederholte ſie zweimal mit einer Stimme, welche feſt und glaubwürdig ſein wollte, aber in ihrem Tone eher etwas tief Betrübtes hatte, denn dieſer drückte wenig Glauben aus. Vielleicht fühlte ſie dieſes ſelbſt, denn mit einer Art von verzweifelter Bemühung fuhr ſie ganz leiſe fort: „Seid ſittig, keuſch, häuslich, gütig, euren Männern un⸗ terthan, auf daß nicht das Wort Gottes verläſtert werde!.“ Armes, verirrtes junges Weib! ſtrenge Dich an ſo viel Du willſt, wiederhole immerhin Deine Bibelſpruͤche; dennoch kommt nicht dieſes heilige Gefühl, nach welchem Du Dich dunkel ſehnſt, das warme, ſanfte, himmliſch reine Gefühl, welches Dir ſagt, wie Du den Weg zu dem häuslichen Glücke finden, wie du daſſelbe deinem Gatten bereiten ſollſt, der doch ſo herzlich verdient, daß Du Dich deſſen befleißigeſt! Es kommt nicht, dieſes Gefühl, ſo ſehr Du auch ſuchſt und ſpähſt und obgleich Du ſeinen Grundton rund um Dich her finden könnteſt, weil dieſes Gefühl, welches die Natur ſelbſt iſt, für Dich ſchon todt, ſchon verloren iſt: Du kannſt nicht mehr natürlich wer⸗ den, denn Du biſt verkünſtelt, verkünſtelt an Seele, an Herz und Gemüth!... Arme Conſtance! Wird ſich eine freundliche und kraftvolle Hand zu Deiner Rettung aus⸗ ſtrecken? Und wenn ſie ſich ausſtreckt— wirſt Du den Muth haben, ſie zu ergreifen, um zur Natur, zu dem einzigen wahren Gotte zurückzukehren, deſſen Lehren ſo einfach ſind, wenn man ſie nicht in einem täuſchenden Lichte betrachtet?..... Eine Thräne rollte an ihrer Wange herab; ſie floß gewiß nicht aus dem Zweifel oder Mißtrauen an die Richtigkeit der Mittel, durch welche ſie ſich in die Stim⸗ mung zu ſetzen ſuchte, worein ſie zu kommen wünſchte— ſie war nur um ſo bitterer, als ſie, nach ihrer Art zu ſehen, noch nicht ſo weit auf dem Wege der Gerechtigkeit gekommen war, daß es ihr geſtattet war, das Geheimniß zu vernehmen, welches ihr verborgen war. Sie prüfte ihr Inneres und ſuchte die Urſache des bitteren Ueberdruſſes zu entdecken, der ſie ergriff, ſobald Leonard ſich ihr mit der geringſten Liebkoſung nahte, und obgleich ſie mit großem, bewunderungswürdigem Scharf⸗ ſinne den kühnen Sophismus in vielen Variationen aufſtellte, daß ein von Gott recht erfaßtes Herz gar nicht im Stande iſt, einen Funken der flüchtigen Gefühle, welche die Sinne verwirren, in ſich aufzunehmen, ſo mußte ſie dennoch erröthend ſich ſelbſt bekennen, daß dieſe Regel Ausnahmen geſtattete, und daß die allertiefſte und ſtrengſte Gottesfurcht nicht hinderte, und noch viel weniger ihrem Gefühle ver⸗ bieten könnte, die Zärtlichkeit ihres Gatten freundlich zu erwiedern. Es war alſo der eigene Fehler des Gefühles, es war ein dem frommen und gottesfürchtigen Weibe ohne Zweifel angeborner Inſtinkt, den ſie gleichwohl verpflichtet war in ſo weit zu beſiegen, daß ſie, ohne ſich kalt oder beläſtigt zu fühlen, litt, was ſie nicht erwiedern konnte, was ſie aber nicht berechtigt war, von ſich abzuweiſen. „Ja,“ ſeufzte in ihren Gedanken,„ich will ſeinen Kuß, ſeine Liebkoſung ertragen, weil es meine Pflicht iſt; ich will ihn nicht mehr ſo verletzen wie geſtern! Er empfand noch heute dieſen Schmerz, das ſah man ihm wohl an— aber ach! kann ſein Schmerz wohl groͤßer ſein, als der meinige, wenn ich es ertrage? Nein, das kann er ich leide willen, Ehe.. und mei dieſe El gewande vollen H wandern Zimmer Schlafzt zwar ni keines ſt es die die Tap mit Ste u dem ren ſo chenden ſie floß an die Stim⸗ chte— Art zu chigkeit heimniß iche des ſobald ſte, und Scharf⸗ ufſtellte, cht im , welche dennoch snahmen tesfurcht ihle ver⸗ ndlich zu Hefühles, eibe ohne rpflichtet kalt oder nte, was ill ſeinen flicht iſt; rn! Er man ihm I größer ein, das 2⁵ kann er nicht, denn nichts überſteigt die Qualen, welche ich leide; aber ich leide ſie willig und gerne um Deinet⸗ willen, mein Meiſter! Um Deinetwillen trat ich in dieſe Ehe... um Deinetwillen will ich auch geduldig ſein und mein Kreuz tragen, bis ich die Krone erworben und dieſe Ehe in eine glückliche, Dir wohlgefällige Ehe um⸗ gewandelt habe!“ Sie ging hinein... An der Seite der gedanken⸗ vollen Hausmutter wollen wir dieſe kleine Wohnung durch⸗ wandern. Sie beſtand aus vier ſchönen, freundlichen Zimmern, einem Saale, einem Arbeitszimmer, einem Schlafzimmer und einem kleinen Seitenzimmer, welches zwar nicht den Namen Beſuchzimmer führte, weil man keines ſolchen noͤthig hatte, aber ihm doch entſprach, da es die beſten Möbeln im ganzen Hauſe enthielt. Weil die Tapeten, über welche Leonard nicht wenig ſtolz war, mit Sternen, weißen, ſilberblanken Sternen auf blauem Grunde gemalt waren, hieß daſſelbe die„Sternkammer;“ und die einzige„eitle“ Arbeit, welche Conſtance ſeit ihrer Hochzeit vorgehabt hatte, war die, daß ſie zu ihrem Ver⸗ gnügen die Gardinen dieſes Zimmers mit Sternen aus⸗ geſtickt, und es auch übrigens immer mit öfterer und größerer Sorgfalt als die übrigen behandelt hatte— eine Vorliebe, die ihren Grund ohne Zweifel darin hatte, daß die Sternkammer ein paar werthvolle Andenken in ſich ſchloß und daß ſie dort ſaß, wenn ſie die Miſſionszeitung las, und das war eine Lektüre, welche die der Bibel bei⸗ nahe aufwog, ja dieſelbe vielleicht ſogar übertraf. Doch nicht wollte Conſtance jetzt dieſer Seelenſpeiſe genießen— ſie hatte ſich ſogar das Verbot auferlegt, heute nicht daran zu denken, ja ſie hatte, ſonderbar genug, ihren Gedanken verboten, heute bei einem gewiſſen Miſ⸗ ſionär zu verweilen, welches letztere beweiſen dürfte, daß ſie die Nothwendigkeit dieſes Verbotes fühlte. Aber weit entfernt, es auf dieſe Weiſe zu verſtehen, war es ihre Meinung, dieſes Andenken als Belohnung zu Gute zu haben, wenn ſie erſt das Selbſtbewußtſein hätte, daß ſie durch eine ſorgfältige und fromme Erfüllung ihrer Pflich⸗ ten das Verdienſt erworben hätte, ihr Herz in den ſüßeſten Freudenrauſch von allen, in den Gedanken an den gelieb⸗ ten Lehrer, zu verſenken. Nachdem ſie ſich einige Stunden mit dem Anordnen eines Gewebes beſchäftigt und dadurch ihre Gedanken etwas zerſtreut hatte, war die Stunde des Frühſtückes da. Müde und warm, doch froh und freundlich, mit dem Strohhute und dem Schnupftuche in der einen und einem großen Strauß von wilden Veilchen und andern Wald⸗ blumen in der andern Hand, trat Leonard ein, warf erſt einen treuherzigen Blick auf ſeine Frau, und dann einen andern ebenfalls nicht unzufriedenen auf den angenehm einladenden Frühſtückstiſch mit den gebrühten Kartoffeln, dem gebratenen Schinken und der dicken Milch. „Ach, woher haſt Du alle dieſe ſchönen Blumen?“ Conſtance ſtreckte ihre Hand darnach aus; denn ſie wußte, daß die Blumen für ſie beſtimmt waren, und ſah dabei ſo ungewoͤhnlich freundlich und gut aus, daß Leonard die Hand küßte, ehe er ſeine Blumen in dieſelbe legte. „Magſt Du die Dingerchen leiden, ſo ſollſt Du auch jeden Tag welche haben, ſo lange ſie reichen; und wenn die Zeit der Maiblumen kommt, ſo will ich in den Ber⸗ gen und Klüften umherklettern, daß es eine Luſt ſein ſoll, denn Maiblumen ſind doch die hübſcheſten von allen Blumen — oder wie, mein Engel? Meineſt Du das nicht auch?“ „Ja, ich habe ſie ſehr gern und will gerne ſuchen helfen! Ach, wie herrlich wird dieſe Gegend werden, wenn der Sommer kommt!“ „Und wenn noch ſonſt jemand anders kommt!“ blin⸗ zelte Leonard bedeutungsvoll, und ſteckte eine große Kar⸗ toffel in den Mund. „Sonſt jemand— wer ſollte hieher kommen 2“— Conflance's Stimme war unſicher, als würde der Ton durch einen Luftzug hin und hergeführt. „2 Mutter, wenn T reden lͦ Juſtus zuruckke „2 ich nun So, da wie ein Du Die zimmer ein Me ein erbe und Do 4 S ſe geg C üßeſten gelieb⸗ dnard die Du auch ind wenn den Ber⸗ ſein ſoll, Blumen t auch?“ e ſuchen den, wenn t!“ blin⸗ oße Kar⸗ en?“— der Ton 27 „Wie Du frägſt, mein Kind! Erſtlich kommt wohl Mutter, meine Mutter, her; dann wollen wir hoffen, wenn Du es wünſcheſt, daß Deine Mutter ſich über⸗ reden läßt, es eben ſo zu machen— und zuletzt ſo kommt Juſtus beſtimmt im Herbſt, wenn er von ſeiner Miſſion zurückkehrt.“ „Wie?— Du glaubſt...“ „Gewiß für die Katze glaube ich das ſo gewiß, wie ich nun eine Scheidelinie in der dicken Milch mache... So, das kleine Territorium gehört Dir— Du iſſeeſt ja wie eine kleine Elſter.... Ja, er kommt, darauf kannſt Du Dich verlaſſen, und da putzen wir unſere kleinen Gaſt⸗ zimmer auf, denn gewiß ſoll es ihm ſchoͤn ſchmecken als ein Menſch zu wohnen, nachdem er eine ſo lange Zeit als ein erbärmlicher Wicht gelebt hat.... Gott ſei Lob und Dank, daß wir gute Weide für die Kühe bekommen: dieſe Sahne hat doch einen andern Geſchmack, als man ſie gegen das Ende des Winters bekommt!“ Conſtance antwortete nicht; ſie war eifrig beſchäftigt, für ihren Mann Brod zu ſchneiden. „Danke, danke, mein Herz!— Du glaubſt wohl, daß ich gar nicht zu ſättigen bin?“— Und Leonard lachte aus allen Kräften über die Freigebigkeit ſeiner Frau mit dem Brode. „Ich glaubte, Du koͤnnteſt hungrig ſein!“ „Ja, ja, das bin ich auch... Aber ich hoffe, Du haſt nichts gegen die Beſuche?— Du antworteſt nicht!“ „Was ſollte ich darauf antworten? die Du einladeſt, die find ja auch meine Gäſte!“ „Deine lieben Gäſte, hörſt Du, geliebte Conſtance! Deine lieben Gäſte, ſonſt würde ich recht traurig!“ „Natürlich!“ „O, an ſolche einſilbigen Worte kehre ich mich nicht viel! Sollte es Dir nicht lieb ſein, wenn ich nach Been⸗ digung des Frühlings reiſte und die Mutter holte— ja, vielleicht locke ich ſogar die alte Monika mit heraus! 28 Hei, ſo luſtig, das wäre! Es iſt mir ganz ſimpel, als müßte ich vor Freuden weinen!“ „Hole ſie, hole ſie!“ ſagte Conſtance, die ſich nun wieder gefaßt hatte;„und Du ſollſt ſehen, ob ich nicht ein Glück zu ſchätzen weiß, das uns gewiß gute Früchte tragen wird.“ „So ſoll's ſein, mein Weibchen! Wie ſüß und gut, und einnehmend und lieblich Du bisweilen ſein kannſt!— Doch das könnte wohl noch ein wenig verbeſſert werden! — Welch ein makelloſer Schafbug!— Du biſt immer ſüß und gut, aber lieblich und einnehmend, das biſt Du nur, wenn Du mich recht glücklich machen willſt!“ „Lieber, guter Leo.“. „O, heute willſt Du mich ganz verrückt machen!“ Und im Augenblicke war Leonard an dem andern Ende des Tiſches, warf die Arme um den Hals ſeiner Frau und küßte ſie recht nachdrücklich auf die Stirn; dann war er eben ſo ſchnell wieder auf ſeinem Platze und im Kampf mit dem Schafbuge. „Alſo iſt es beſchloſſen, ich reiſe und hole die Mut⸗ ter! Daß aber auch Juſtus kommt, das iſt nun eben ſo gewiß, wie Amen in der Kirche; denn wenn er auch nicht Deinet⸗ oder meinetwegen herkommt— doch ſo verſchie⸗ den auch unſre Anſichten ſein mögen, ſo liebt er mich gleichwohl als ein ehrlicher Bruder— ſo kommt er gewiß wegen ſeines lieblichen Pylades oder Pollux, oder wie wir den Schelm nennen wollen, der ihn verrückt gemacht hat .... Ja, ja; ich bin ein friedlicher Mann; treffe ich aber den Kerl einmal oben in den Bergen ſo ganz ohne Zeugen, und ich habe meinen guten Haſelſtock bei mir, 0..ℳ „Wie?“ fragte Conſtance mit einer nicht bloß in Kälte, ſondern in Schärfe übergegangenen Veränderung der. Stimme,„wagſt Du ſo zu reden von dem Geſalbten des Herrn?“ „Nun, nun, Feinsliebchen! Das war nicht ganz buchſtät Abſicht Aber ie nicht 1 diente 5 25 den.. den un zugeher ( ſchoͤn „0 ſchoͤn v dieſe w des Ge für ſein 35 lebt u alles E Heiden ie Mut⸗ eben ſo uch nicht verſchie⸗ er mich er gewiß wie wir acht hat treffe ich anz ohne bei mir, bloß in rung der bten des icht ganz 29 buchſtäblich zu nehmen; die Worte geben nur meine gute Abſicht zu erkennen, die ich wohl doch zuletzt zügeln muß. Aber ich denke nie, meine Abſicht zu verbergen, daß er nicht nur das, ſondern auch noch weit mehr dazu ver⸗ diente für alles Böſe, das er Juſtus gethan hat.“ „Wie kannſt Du ſagen, daß es böſe geweſen iſt?⸗ „Ja, das kann ich ſagen und vertheidigen; denn ohne den.. den.. den Schwarzalfen wäre Juſtus niemals auf den unſeligen und verrückten Entſchluß gekommen, hinaus⸗ zugehen und ſich von den Wilden auffreſſen zu laſſen.“ „Der Märtyrertod, wenn er ſeiner warten ſollte, iſt ſchoͤn, und gewiß wird er ihm würdig entgegen gehen.“ „Schön? Ja, ich danke! ich ſtelle ihn mir mäßig ſchön vor, ich; und was die Würdigkeit betrifft ſo moͤchte dieſe wohl etwas nachlaſſen, wenn die Cannibalen ihr wil⸗ des Geheul beginnen und ſich anſchicken, ihn zum Dank für ſeine Mühe in die Ewigkeit zu verpaſſen!“ „Ach,“ rief Conſtance aus, von der Vorſtellung be⸗ lebt und berauſcht, wie Er, von dem es geſtattet war, alles Schoͤne und Große zu denken, ſein Blut auf der Heidenerde opfern würde;„ach, Du weißt nicht, haſt keine Ahnung davon, wie ſehr Du Dich irrſt, wenn Du glaubſt, daß ſein Muth wanken würde! Nein, nicht tau⸗ ſend Qualen, nicht tauſend Todesplagen, nicht tauſend Hinrichtungen würden den Muth niederſchlagen, der von dem Herrn kommt!“ „Meine Liebe, meine liebſte kleine Conſtanee, Du er⸗ ſchreckſt mich mit dieſer Schwärmerei, die wirklich ge⸗ ſährlich, ja ſehr gefährlich iſt! Du magſt nur nicht glau⸗ ben, daß dieſe Art von Muth, auf den Du hinzielſt, und den Juſtus in ſeinem Fanatismus vielleicht beſitzen kann, wirklicher Muth iſt! Wahnſinn iſt's, und weiter nichts. Doch auf keinen Fall dient es zu etwas, hierüber zu disputiren, denn mit Gottes Hülfe wird ſeine erſte Expedition ihn ſo ermüden, daß er die zweite aufſchiebt, und ſich einſtweilen damit begnügt, hier zu Hauſe ein kleines Amt anzu⸗ 5 O nehmen.“ „Er, er ſollte einen Plan aufgeben, der die Hälfte entgegen ſeines Lebens, ja vielleicht ſein ganzes Leben iſt?... ſie ſo h Nein, das thut er nimmermehr!“. Di „Wie ich ſehe,“ entgegnete Leonard mit ſeinem gut⸗ das ſchö müthigen Lächeln,„denkſt Du ihm wenigſtens nicht abzu⸗ mit den rathen!“ bleichen „Nein, daß ich das nicht thue, das geſtehe ich ganz W offen; denn wer ſich Chriſti Dienſt geopfert hat, der hat war, ur kein Recht zu wanken.“ ſtoliſche Leonard hielt es für das Beſte, das Geſpräch abzu⸗ ſeine An brechen, und da das Frühſtück erpedirt war, ſo ſtand er„A auf, indem er ſeiner Gattin zunickend ſagte:„Ich hatte„Woher gedacht, ein halbes Stündchen hier zu Hauſe auszuruhen; gewiß h doch nun jagſt Du mich weg— Adieu, Feinsliebchen!“„5 Er griff nach dem Strohhute und nach dem Rocke, hat, ſo und begab ſich hinweg, indem er gleichwohl bei ſich ſelbſt mand w dachte:„Sie war im Anfange, da wir uns zu Tiſche ſetz⸗ ten, ſo freundlich und artig, daß ſie gewiß in ihrem In⸗ nern dieſelben Gedanken gehabt hat, die ich hatte; und wenn nur nicht bisweilen dieſe Heiligenwuth über ſie käme, ſo wäre alles vortrefflich. Doch das gibt ſich wohl mit der Zeit, wenn ich mir nur nichts bekommen laſſe, ſon⸗.. dern es ſo mache wie jetzt. Das war wirklich recht ſchlau — ſie muß bemerken, daß ich's angenehm und freundlich zu Hauſe haben will, ſonſt ziehe ich's vor, draußen zu ſein.“ Viertes Kapitel. Conſtance ſaß noch ſtill und träumte von allerlei, als Tona, das Stubenmädchen, mit der Nachricht eintrat, daß ein umherwanderndes Mädchen mit der Frau zu ſprechen wünſchte. reundlich sußen zu erlei, als trat, daß ſprechen 31 „Ol iſt ſie hier? Laß ſie hereinkommen!“ Conſtance ging hinaus in den Saal, um diejenige entgegen zu nehmen, welche ſchon durch ihre Lebensweiſe ſie ſo hoͤchlich intereſſirte. Dieſes Intereſſe ſtieg aber noch weit höher, als ſie das ſchöne junge Mädchen in der ſonderbaren Kleidung und mit dem Gepränge des Leidens und der Geduld auf dem bleichen Antlitze erblickte. Wir brauchen kaum zu ſagen, daß es die Bibel⸗Marie war, und kaum hinzuzufügen, daß Bibel⸗Marie das apo⸗ ſtoliſche Rüſtzeug war, deſſen Grave ſich bediente, um ſeine Ankunft zu verkündigen, und ſich den Weg zu bahnen. „Willkommen zu uns!“ ſagte Conſtance freundlich. „Woher kommſt Du in unſre Gegenden— Du biſt ganz gewiß hier nicht zu Hauſe?“ „Ich muß wirken die Werke deß, der mich geſandt hat, ſo lange es Tag iſt; es kommt die Nacht, da nie⸗ mand wirken kann.“ „Das iſt in Wahrheit ein hoher Beruf für Deine ſchwachen Kräfte! Was begehrſt Du, gutes Mädchen?“ „Die vernünftige, lautere Milch, in welcher kein Falſch iſt!“ „O, daß Du ſie fändeſt auf Deinem Wege; doch“ ... Conſtance ſenkte betrübt ihr Haupt. Bibel⸗Marie aber ließ ſich von dieſem Zweifel nicht niederſchlagen, denn ſie antwortete unerſchrocken:„Ich will predigen die Gerechtigkeit in der großen Gemeine; ſiehe, ich will mir den Mund nicht ſtopfen laſſen, Herr, das weißt Du. Deine Gerechtigkeit verberge ich nicht in mei⸗ nem Herzen, von Deiner Wahrheit und von Deinem Heile rrede ich, ich verhehle Deine Güte und Treue nicht vor der großen Gemeine. Du aber, Herr, wolleſt Deine Barmherzigkeit von mir nicht wenden; laß Deine Güte und Treue allewege mich behüten!“ Marie's Stimme war aus einer Art Strafpredigt in eine ſanfte und nachgiebige Demuth übergegangen; und 32 als ſie ihre Bibelſprüche hergeſagt hatte, loͤſte ſie die große, grüne Taſche von ihrer Seite und nahm aus derſelben allerlei geiſtliche Bücher hervor, welche ſie auf einen Stuhl legte. Obgleich Conſtance die meiſten ſchon beſaß, ſo kaufte ſie dennoch einige um der guten Sache willen; und nach⸗ dem Marie darauf eine ihr ſo ſehr nöthige koͤrperliche Stärkung erhalten hatte, ſo wurde das Geſpräch von Neuem fortgeſetzt. Sanft und aufmunternd fragte Con⸗ ſtance:„Wie lange haſt Du dieſes Leben ſchon geführt— und wer hat es Dir gerathen?“ „Dieſes Leben habe ich geführt ſeit dem Augenblicke, da ich von dem Elend meiner Sünde zu Boden gedrückt, mich vor dem Antlitze des Herrn niederwarf, und ihn um Erbarmung flehte und anrief; und er, der damals ſich meiner Seele annahm und ſie von den finſtern Abwegen in ihre Heimath zurückfinden lehrte, er war ein Mann Goties, vor welchem ich hergegangen bin, zu verkündigen: Er kommt! Er kommt!“ „Wen meinſt Du?“ „Ich meine Ihn, der mehr iſt, denn ich und alle — ſündigen Menſchen mit mirz ich meine den Rechten; Ihn, den das Volk liebt und ſegnet— ich meine Grave, der die Schafe in dieſer Gemeinde ſammeln wird.“ „Er hat Dich geſendet, um ſeine Ankunft zu ver⸗ kündigen 24 „Nicht mit weltlicher Rede, nein, nein, nicht mit weltlicher Rede; aber wo Er iſt, dort muß auch ich ſein. Ich verließ meinen Geburtsort, um vor ihm herzugehen wie die Stimme eines Rufenden in der Wüſte. Ich gehe und gehe, ich gehe und gehe, bis die Sonne erliſcht, und der Mond erliſcht, und die Sterne erloͤſchen, und eine andere Stimme ruft: Marie, Marie! meine Sünde, ſo roth und blutig ſie war, iſt durch Dich weiß gewaſchen wie Schnee, weiß wie das Leichentuch— nun werden wir in Ewigkeit bei einander ſein!“ D von ein Wahnſi wirklich Qualen Uebel rr mir war Seele v ſtehen, Eine N 33 e große, Die Augen der unglücklichen Bibel⸗Marie flammten (derſelben von einem wilden Feuer. Conſtance fürchtete, daß der —n Stuhl Wahnſinn aus ihrem Munde redete, und das war auch wirklich bisweilen der Fall— die Betrübniß und die ſo kaufte Qualen des Gewiſſens hatten ihre Sinne etwas verrückt.„ nd nach⸗„Erzähle mir Deine Geſchichte!“ bat Conſtance. brperliche„Neln!“ entgegnete Marie, und ließ das Haupt tief äch von auf die Bruſt herabſinken; 3„ich darf ſie nicht niederlegen (gte Con⸗ an der Schwelle des ehrlichen Mannes; die Betrübniß eführt— könnte mit ihr hereingehen. Ich weiß nur Einen, mit dem ich reden wollte, Grave aber ſagte, ich müßte dieſen genblicke, Wunſch aufgeben— und ich gab ihn auf, denn ſo ſpricht gedrückt, der Herr, Herr: Siehe, ich will mich meiner Heerde ſelbſt dihn um annehmen und ſie ſuchen 17 mals ſich„Wem hätteſt Du Dich denn anvertrauen wollen?“ Abwegen fragte Conſtance mit heftigem Herzklopfen. lin Mann„Ihm, von welchem ſie ſagte: Aus ſechs Trübſalen kündigen: wird er Dich erretten, und in der ſiebenten wird Dich kein 3 Uebel rühren. Er war ein heiliger Mann, obgleich es mir war, da ich ihn zum erſten Male ſah, als wäͤre ſeine und alle Seele voll von andern Dingen, als von Gott.“ ten; Ihn,„Und dieſer Heilige, wohnte er nicht eine lange Zeit, rave, der mehre Monate mit Dir in einer Gemeinde?“ 4„Ja, ja; und das Volk rief nicht vergebens: Siehe, der Engel des Herrn! Er war der Engel des Herrn an Schönheit und Froͤmmigkeit, und an Gröͤße und Demuth nicht mit— ſeines Gleichen an Heiligkeit iſt nicht geweſen ſeit den Hiich ſein. Zeiten der heiligen Propheten bis auf dieſen Tag. Sein herzugehen Koͤrper verſchmähte weder Faſten noch Geißel, und da er 93ch ehe herausging aus dem Fegefeuer, da ward ſein Antlitz weiß lſcht heßs wie der Schnee; doch das achtete er nicht, denn auch ſeine hi⸗ Ane See erha weiß wie der Schnee und wie die Lilien auf 24 em Felde.“ nndeehin Conſtance vermochte nicht länger auf ihren Füßen zu enn wir ſtehen, ſo erſchüttert war ſie von Bibel⸗Marie's Beſchrei⸗ Eine Nacht am Bullarſee, I. 3 ft zu ver⸗ 34 bung; und dennoch empfand ihr Herz ein unwiderſtehliches Na Verlangen, mehr, viel mehr zu fragen, obgleich ein weib⸗ grüßte! liches Zartgefühl es ihr verbot.„D Marie begann ihre Bücher zuſammen zu ſuchen und gang! L ſie in die Taſche zurück zu legen. laſſe ſie „Haſt Du Dich ſchon ausgeruht, gutes Mädchen?“ kommen Marie nickte und fuhr mit ihrer Arbeit fort; die Taſche wurde zugebunden. ”„Und er, der junge Geiſtliche, von welchem Du re⸗ deteſt“... Conſtance ſchwieg; das Herz, oder, wie ſie Ein ſich ſelbſt einzubilden ſuchte, eine chriſtliche Theilnahme aus dem gebot ihr, fortzufahren; doch die Zunge verſagte ihr den ſerin aus Dienſt. wußt be „Wie?“. Marie wendete ſich um. desunter „Gingen die Leute auch zu ihm?“ rinnen h „Der Herr läßt die Seele des Gerechten nicht Hun⸗ Conſtanc ger leiden!“— Die Leute gingen zu ihm. laſſen— 8„Und was lehrte er?“ peltes A „Der Herr wird Euch in Trübſal Brod und in Aeng⸗ Aber ſt ſten Waſſer geben. Denn er wird Deinen Lehrer nicht ſo menſch G mehr laſſen wegfliehen, ſondern Deine Augen werden Dei⸗ den Nan nen Lehrer ſehen!“. ſtonars, „Wohin gehſt Du nun? es denno 3„Zu allen, die meine Worte hören und meine Bücher tauſchen; kaufen wollen.“. den Gede „Und wer verſieht Dich mit dieſen Andachtsbüchern?“ Grundſät „Wer anders, als Er, der bald hier ſein wird! Er ihrigen u ſchickt die Heiligenbücher in alle Orte, wo das Licht den Perſon e Blinden leuchten ſoll.“ wanderte, 4„Und ſie, die dieſen Hirten verlieren, betrauern ihn den War wohl ſehr?“ war auch „Es wird in allen Gaſſen Wehklagen ſein, und auf Zeichen, allen Straßen wird man ſagen: Wehe!l wehel! und man vielleicht wird den Ackermann zum Trauren rufen und zum Weh⸗ namlich klagen, wer da weinen kann!“ muth zur und Heil ſtehliches in weib⸗ chen und dchen?“ ort; die Du re⸗ „wie ſie heilnahme e ihr den icht Hun⸗ rden Dei⸗ ne Bücher büchern?“ wird! Er Licht den auern ihn und auf und man um Weh⸗ 3⁵ Nach dieſen Worten befeſtigte Marie ihre Taſche, grüßte hoͤflich und näherte ſich der Thür. „Der Herr ſegne Deinen Eingang und Deinen Aus⸗ gang! Der Herr ſegne Deinen Weg und Deine Arbeit, und laſſe ſie gelingen! Gehe nie hier vorbei, ohne einzu⸗ kommen!“ Ein Gefühl von mannigfaltiger Art hielt die Leſerin aus dem gebildeten Leben zurück, ſich näher mit der Le⸗ ſerin aus dem Volke zu verſchweſtern; ihrer ſelbſt unbe⸗ wußt behielt ſie ein gewiſſes Uebergewicht. In dem Stan⸗ desunterſchiede lag daſſelbe gleichwohl nicht— die Leſe⸗ rinnen huldigen keinem ſolchen, und eine Schwärmerin wie Conſtance würde ſich am allerwenigſten davon haben binden laſſen— aber es lag ein großes Aber, ein wirklich dop⸗ peltes Aber zwiſchen ihnen. An der einen Seite dieſes Aber ſtand das Andenken an Juſtus von Carleborg, und ſo menſchlich, ſo natürlich es auch geweſen ſein würde, den Namen des chriſtlichen Lehrers, des frommen Miſ⸗ ſionars, des bewunderten Büßers auszuſprechen, ſo war es dennoch unmöglich, ihn mit der Bibel⸗Marie auszu⸗ tauſchen; und dann hatte dieſes Aber andre Seiten, die den Gedanken an Leonard betrafen. War ſie nicht den Grundſätzen ihres Mannes, ſo verſchieden ſie auch von den ihrigen waren, die Achtung ſchuldig, ſich nicht mit einer Perſon einzulaſſen, welche nicht die Gegend bloß durch⸗ wanderte, ſondern dieſelbe zu der Stätte ihrer fortdauern⸗ den Wanderungen zu machen beabſichtigte? Und endlich war auch noch ein Strich unter dieſem Aber, zu einem Zeichen, daß es curſiv ſein ſollte, und dieſer Strich dürfte vielleicht eine unſichtbare Perſönlichkeit repräſentirt haben, nämlich den geiſtlichen Stolz, welcher der chriſtlichen De⸗ muth zum Trotz vielleicht erklärte, daß zwiſchen Heiligen und Heiligen eine große Kluft befindlich wäre, und daß 36 die arme, halbwahnſinnige Bibel⸗Marie eine Art von nie⸗ drigerem Werkzeuge wäre, und zwar um ſo wahrſchein⸗ licher, als ſie ſelbſt nur von einem niedrigen Werkzeuge in der Hand des großen Werkmeiſters bereitet worden war. Daß Grave noch mehr ſein konnte, glaubte Conſtance nicht; gewiß aber mußte er ein heiliger Mann ſein, da der Voll⸗ kommenſte zu ſeiner Bereitung ſeine Wohnung gewählt hatte. Was die Bibel⸗Marie betraf, ſo ſah es gleichwohl aus, als ob das Werkzeug keinesweges ſo ſchlecht war, denn da das junge Mädchen mit der Predigt des Geſetzes und des Evangeliums unter den heidniſchen Bullingern auftrat, ſo ſammelten ſie ſich aus reiner Neugierde um ſie her; und Marie, begeiſtert von dem Eindrucke, den ſie machte, berauſchte ſie voͤllig mit ihrer Rede, ja mehr, als wenn ſie ſich berauſcht getrunken hätten; denn in einem wirklichen Rauſche erkannten ſie wenigſtens ihre eigenen Phantaſien, wogegen diejenigen, welche jetzt unter ihnen graſſirten, ganz den Reiz der Neuheit beſaßen. Marie ſchaffte ſich immer mehr Gehör, als ſie nun von dem neuen Geiſtlichen zu reden begann und von allem Segen und allem Glück, das er mitbringen würde; und wohin ſie kam und ging, dort theilte ſie, nicht um des Gewinn⸗ ſtes willen, ſondern zur Beförderung des Wortes Gottes, — Ankunft Marie's Ei leiſten noch nie pfarrer Religion hielt die welcher dieſes w *) N einige von Grave's Predigten aus, welche beſonders paſſend waren, an die Herzen der Sünder zu klopfen und ſie zu erweichen. Ein Ereigniß, welches für die Bibel⸗Marie keines⸗ weges angenehm war, das aber dennoch um ihrer Prüfung willen Werth hatte, war, daß ſie gerufen wurde, ſich vor dem Oberpfarrer einzufinden, welcher ihr nicht ſtreng, aber doch einfach und würdig erklärte, ſie dürfte gerne Bibeln, Geſangbücher und Kinderbücher verkaufen, übrigens aber gar keine Schriften, die er nicht zuvor geſehen hätte. Da nun Marie keine anderen Schriften mehr übrig hatte, als die gefährlichen Schriften, welche der Oberpfarrer bis zur llingern be um ſie den ſie a mehr, in einem eigenen Gewinn⸗ Gottes, s paſſend nd ſie zu ie keines⸗ Prüfung , ſich vor teng, aber ne Bibeln, gens aber hätte. Da hatte, als ter bis zur 37 Ankunft des Comminiſters Grave ſequeſtrirte, ſo mußte Marie's Wirkſamkeit aufhören. Einen größern Dienſt aber hätte dem Grave niemand leiſten koͤnnen: vielleicht hatte er denſelben auch voraus⸗ geſehen und berechnet; denn nun erhielt Marie ſtatt einer, zehn Anerbietungen, und wurde in der Eigenſchaft als Verfolgte von dem Volke beſchützt— die armen Bullinger hatten ja bisher nichts anderes zu ſchützen gehabt, als ihre eigenen verworrenen Proceſſe!— und ſo ſtieg nicht nur Marie in Anſehen, ſondern auch er, deſſen Kenntniſſe und Gaben man ihnen vorenthalten wollte. Wir haben oben ſchon erwähnt, daß die Ereigniſſe, welche wir hier ſchildern, in einen Zeitpunkt der Geſchichte des Härads fallen, da die halbwilde Bevölkerung deſſelben noch nicht einſehen gelernt hatte, was ſie in ihrem Ober⸗ pfarrer hatten. Das Licht der Bildung und der wahren Religion ließ ſich nur langſam ausbrelten, und vielleicht hielt dieſe Ueberzeugung den Muth des Mannes aufrecht, welcher im erſten Raume berufen war, der Seelſorger dieſes weitläufigen Kirchſpieles zu ſein.*) *) Nach Forſell's Statiſtik über Schweden, Lter Thl. Stockh. 1839. S. 161, enthält das Härad Bullaren 80,098 Tonnenland, d. h. beinahe 9 deutſche Quadrat⸗ meilen, worauf 3,715 Menſchen wohnen. Nach Weſter⸗ ling's Eeeleſiaſtik⸗Matrikel über Schweden iſt in Naverſtad ſeit 1818 Paſtor geweſen: Mag. Propſt W. Geintſchein, geb. 1778. Ob in dieſer Erzählung von ihm oder einem Andern die Rede iſt, kann gleich⸗ gültig ſein. Auf keinen Fall braucht er ſich der hier vorkommenden Charakterſchilderung zu ſchämen. Anm. des Ueberſ. 38 Fünftes Kapitel. Ungefähr drei Wochen nach dem Auftreten der Bibel⸗ Marie verkündigte Leonard ſeiner Frau, daß er nun glaubte, er hätte eine Woche zu ſeiner Dispoſition, und dieſe wollte er, wie vorher beſchloſſen wäre, zu einem Beſuche in der Heimath anwenden, um Frau Hedwig und die alte Monika zu fangen. „Willſt Du aber nicht lieber bis nach dem Sonntage warten, mein Beſter, und erſt die Antrittspredigt des Comminiſters hören?“ „O nein, ich ärgere mich nicht gerne— ich bleibe lieber von dort weg!“ Conſtance ſeufzte. „Es wird leider wohl ausreichen, ihn noch zu höͤren; obgleich ich, um aufrichtig gegen Dich zu ſein, mein Her⸗ zensengel, geſtehen will, daß ich das Glück nicht oft zu genießen denke.“ „Leonard, Leonard!“ „Gute, beſte, theuerſte Conſtance! denke nun nicht gleich darum alles mögliche Böſe von mir! Ich fahre ja ſo gerne in die Kirche, wenn unſer Oberpfarrer predigt: das iſt ein Mann, der Gaben hat, und das ſind Predigten, die einen Menſchen erbauen können!“ Conſtance antwortete nicht. „Gefallen Dir die Predigten des Oberpfarrers nicht, mein Feinsliebchen?“ „Ich wage kein Urtheil darüber zu fällen.“ „Das heißt ſo viel als: ſie gefallen Dir nicht!... Nein, nein! darin iſt geſunde chriſtlicher Geiſt, eine einfache, klare, 1 reine Lehre— darum ſchmecken fie nicht nach Vogel lte ſich Conſtance' ſchöne Bei dieſen Worten runze Vernunft, ein wirklicher Stirn. Geſchu eines Minut augenbl Seelſor Wirkun geräum aber de Leere li man de loſen W Leben ſe 11 1 Carlebo ſehen u lingsarh Stande hoffe ich „T leider u beſonde Propſt prüfende an dieſe geſtehen Bibel⸗ laubte, wollte in der Monika onntage igt des ) bleibe u höͤren; kein Her⸗ ht oft zu nun nicht fahre ja predigt: Bredigten, ers nicht, cht!... wirklicher — darum ſchöne 39 Stirn.„Sage ich denn jemals ein Wort über Deinen Geſchmack? Ich“.. Conſtance ſchwieg: das Geraſſel eines Wagens ſchallte durch das Nixenthal, und einige Minuten ſpäter fuhr er auf den Hof. „O!“ rief Leonard mit herzlicher Zufriedenheit,„es iſt der Oberpfarrer... ſieh nur, welch ein Segen, daß er kam, da ich gerade von ihm redete!“ Und Leonard eilte hinaus, um den geehrten Gaſt ent⸗ gegen zu nehmen und herein zu führen. Der Propſt—n, ein Mann in der Kraft des mitt⸗ lern Lebensalters, beſaß ſchon in ſeinem Aeußern dieſe wahrhaft apoſtoliſche Anſpruchsloſigkeit, dieſen einfachen, aber dennoch würdigen Ausdruck, welcher macht, daß man augenblicklich weiß und ſieht, daß man einen wirklichen Seelſorger vor ſich hat. Vielleicht war er für ſeinen Wirkungskreis, der ihm in dem entlegenen Bullaren ein⸗ geräumt war, ein etwas zu gelehrter Mann; wenn das aber der Fall war, wenn er in ſeinem Innern an einer Leere litt, die hier nicht gefüllt werden konnte, ſo merkte man dergleichen nie an ſeinem humanen und anſpruchs⸗ loſen Weſen— man ahnte nur, daß das contemplative Leben ſein eigentliches Leben war. „Da meine Wege mich hier vorbei führen, Herr Carleborg, ſo konnte ich nicht umhin, bei Ihnen einzu⸗ ſehen und Ihnen zu gut und glücklich vollendeter Früh⸗ lingsarbeit Glück zu wünſchen!“ „Im nächſten Jahre werde ich's wohl beſſer im Stande haben. Es geht langſam, aber es geht ſicher, hoffe ich.“ „Die gute Arbeit geht immer langſam, die ſchlechte leider umgekehrt; ſolches zu erfahren, habe ich gerade heute beſonders Gelegenheit gehabt, und überzeugt“— der Propſt heftete bei dieſen Worten einen ſanften, aber tief prüfenden Blick auf Conſtance—„daß die Herr ſchaften an dieſem Umſtande aufrichtigen Antheil nehmen, will ich geſtehen, daß mein Beſuch nicht ganz ohne Abſicht geſchah 40 . Doch,“ fuhr er fort, da der Kaffee eingetragen wurde, „ich habe keine ſo große Eile, daß ich nicht in ſo guter Geſellſchaft eine Stunde oder zwei verweilen könnte.“ Sowohl Conſtance als auch Leonard warteten mit geſpanntem, wenn auch ganz verſchiedenem Intereſſe dar⸗ auf, daß der Oberpfarrer in ſeinem abgebrochenen Ge⸗ ſpräche weiter fortfahren würde; und nachdem der Kaffee hinausgetragen und die Pfeife— welche Leonard als ein guter Wirth natürlich anbieten mußte— unter mancherlei andern Geſprächen endlich ausgeraucht war, nahm der Oberpfarrer den erſten Faden wieder auf. „Gewiß, meine lieben Pfarrkinder, haben Sie davon gehört, daß ſeit einigen Wochen ein junges Mädchen hier im Kirchſpiele geſehen worden iſt? Ich glaube, dieſe Be⸗ dauernswürdige iſt in gewiſſen Fällen etwas verrückt, in gewiſſen Fällen aber reicht der Verſtand, den ſie noch übrig hat, vollkommen hin, um Andre verrückt zu machen: ſie geht umher und predigt und verkauft Bücher und Flugſchriften, welche ich für unſre armen Bullinger als höchſt unpaſſend anſehen muß. Iſt ſie hier auch geweſen 2⸗ „Ja, das iſt ſie!“ antwortete Conſtance erröthend. „Ich frage gar nicht einmal darnach, ob ſie hier Beifall gefunden hat— wenn ich mich ſehr täuſche, Herr Carleborg, ſo ſind Sie weit entfernt, den Fanatismus auf⸗ zumuntern!“ „Ja, Gott iſt mein Zeuge, daß ich meines Theils nichts Abſcheulicheres kenne! Ich traf vor einiger Zeit die nun ſchon berüchtigt gewordene Bibel⸗Marie auf der Heide ganz ermüdet an; ich ſchaffte ihr ein Obdach für die Nacht, und bat ſie am ſolgenden Morgen hieher zu kommen, weil ich glaubte, ſie bedürfte etwas zur Stär⸗ kung.“ „Das war ein Werk der Barmherzigkeit, das jeder gute Chriſt dem Dürftigen erweiſen muß. Hielt ſie aber hier Reden, aus denen man ſchließen konnte, welche Ver⸗ wirrung ſie anrichten würde?“ Frau davon zen hier eſe Be⸗ ickt, in y übrig ſie geht chriften, npaſſend -röthend. 41 „Ich war nicht zu Hauſe und habe ſie hernach nie wieder geſehen.“ „Ich aber nahm ſie an,“ ſagte Conſtance beſtimmt und freimüthig;„und mit Ausnahme einiger nicht ganz vernünftiger Worte fand ich ſie erfüllt von dem Geiſte Gottes, ſo daß ich, weit entfernt, ihre Sendung von einer böſen Bedeutung zu halten, ſie im Gegentheile als eine glückliche Weckung für dieſe armen Leute betrachte.“ „Das heißt,“ entgegnete der Propſt vollkommen ruhig, und wie es ſchien, eher auf dieſe Antwort vorbereitet, als von derſelben uͤberraſcht,„das heißt mit andern Worten, Frau Carleborg, daß Sie den Fanatismus, die Frömmelei und die Leſerei billigen?“ „Ich wage mich in keinen Streit über die Benennung einer Sache einzulaſſen, welche ſehr verſchieden benannt wird; ich kann nur mit dem ganzen brennenden Triebe meiner Seele wünſchen, daß die Verbreitung der Kenntniß Chriſti und ſeines Lichtes einen glücklichen Erfolg haben mögen— und daß die Verbreitung heiliger Bücher dieſen Erfolg begünſtigt, davon bin ich, Gott ſei gelobt, feſt überzeugt!“ „Ich glaube faſt, Frau Carleborg, das heißt mit andern Worten: Sie für Ihren Theil denken alles Mög⸗ liche zu thun zur Unterſtützung dieſer ſogenannten Kenntniß Chriſti, welche doch ſo weit entfernt iſt, wirklich dasjenige zu ſein, wofür ſie ſich ausgibt, daß, wenn ich nicht die beruhigende Ueberzeugung nährte, Ihre Verirrung wäre nur vorübergehend und ſich paſſender zwiſchen zwei liebe⸗ vollen Ehegatten, als zwiſchen dem Seelſorger und einem Pfarrkinde abmachen ließe, ich auf eine Widerlegung ein⸗ gehen würde, welche... Doch ich glaube dem überhoben zu ſein; denn ich muß hinzufügen, daß es mich tief ſchmerzen würde, wenn ich bisweilen vergeſſen müßte, daß ich mit einer jungen Frau ſpreche, in deren gebildetem Umgange ich ſo gerne eine angenehme Zerſtreuung, eine Erholung von den Mühen, die meine Zeit beſchweren, zu finden wuͤnſchte. Eonſtance fand dieſen Uebergang in ſo hohem Grade profan, daß ſie ihn gar keiner Antwort würdigte; Leonard aber ſagte treuherzig:„Sein Sie überzeugt, Herr Propſt, was Conſtance auch ſagen mag, ſo ſind doch ihre Hand⸗ lungen immer ſo rein chriſtlich, edel und vortrefflich, wie nur irgend eine Frau ſie ausführen kann!“ „Ich weiß, daß die Frau Carleborg ſchon vieles Gute gethan hat; doch ſo edel auch die Abſicht und die Hand⸗ lung ſein moͤgen, ſo kann doch von beiden das Ziel ver⸗ fehlt werden, wenn man von den Irrlehren einer verführten Einbildung geleitet wird. Und um nun wieder auf die Bibel⸗Marie oder Prediger⸗Marie, wie ſie eher heißen ſollte, zu kommen, ſo glaube ich, was ich von ihren Hand⸗ lungen zu erzählen habe, wird hinreichend ſein, Ihnen, Frau Carleborg, die Ueberzeugung beizubringen, daß ein einziges Reſultat ſolcher Verſuche hinreichend iſt, die Ge⸗ fahr einer Erneuerung derſelben zu zeigen.“ „Es gibt nichts ſo Gutes und Rützliches, daß es nicht durch Mißbrauch ſchädlich werden kann.“ „Sehr wahr! darum kann ſogar das einfache, reine und klare Wort Gottes in den Händen falſcher Propheten oder blinder Werkzeuge verderbt und geſtört werden und unſelige Früchte tragen, anſtatt der ſeligen. Ich wurde heute Morgen zu einem jungen, heftig erkrankten Mädchen gerufen, welche ich im vorigen Jahre, da ich ſie zu ihrer Conſirmation vorbereitete, zwar mit einem leicht gerührten Gefühle, aber doch mit einem vollkommen reinen Glauben begabt fand, und die eines von den Nachtmahlskindern war, welche mit der tiefſten und lebendigſten Ueberzeugung, der allerbeſten Religionskenntniß, die Gnadenmittel ent⸗ gegen nahm. Während ihrer langen Krankheit habe ich ſte mehrmals beſucht, und ſie zu meiner größten Zufrie⸗ denheit ſo gut zu dem Uebergang in das andre Leben vor⸗ bereitet gefunden, daß ihre ſchoͤne und beſeligende Hoff⸗ en, zu Grade eonard Propſt, Hand⸗ h, wie 8 Gute Hand⸗ el ver⸗ führten auf die heißen Hand⸗ Ihnen, aß ein hie Ge⸗ daß es e, reine opheten den und wurde Nädchen zu ihrer erührten Glauben skindern geugung, ttel ent⸗ habe ich Zufrie⸗ ben vor⸗ de Hoff⸗ 43 nung, ihre vollkommene Ergebenheit, ihr froher Glaube mich herzlich gerührt haben. Das Sterbebette dieſes jungen Mädchens war eine Heimath des Friedens, wohin viele kamen, um ſich zu freuen und um zu weinen. Urtheilen Sie daher, was ich empfinden mußte, als ich ſie heute nach einem achttägigen Umgange mit der unglücklichen Land⸗ ſtreicherin aufgeregt, verwirrt, vernichtet, ihrer beſeligenden Hoffnung auf eine frohe Erloͤſung, ihrer demuthsvollen Ergebung, ihres feſten Glaubens beraubt finde— alles, alles hatte die fanatiſche Bußpredigerin dem armen Kinde geſtohlen, um ſtatt deſſen bei ihr ein Chaos von Zweifeln über ihr ganzes voriges reines Leben, die grauſamſten Ge⸗ wiſſensqualen, die wahnſinnigſten, ſchrecklichſten, von Hölle und Teufeln erfüllten Phantaſien zurückzulaſſen. Als ich ankam, hatte der Todeskampf ſchon begonnen— dennoch rief ſie mit einer ſo herzzerreißenden Stimme, daß ich ſie in meinem Leben nicht vergeſſe:„Ich will nicht ſterben— ich will, ich kann nicht ſterben!... O betet, betet, daß ich ſo lange leben darf, daß ich mich beſſern und bekehren kann... ich will nicht hinab in den brennenden Pfuhl ... ich will nicht... betet, betet!“*)... Meine Stimme, die ſie ſonſt ſo gerne hoͤrte, fand keinen Weg mehr zu ihrem Ohre, und mit einem Herzen voll bittrer Qualen, als ich ſie bisher an irgend einem Sterbebette empfunden habe, ſah ich dieſes Opfer eines fieberhaften Wahnſinnes endlich verſcheiden; aber noch in der Todes⸗ minute verzerrten Verzweiflung und Schauder ihre Züge ... Doch ſie, die das ſchreckliche Ereigniß veranlaßte, bleibt gewiß nicht ungeſtraft— das Volk kann ſich täuſchen laſſen, aber endlich erwacht es dennoch.“ Leonard's Auge glühte vor Verdruß und Schmerz, während zu gleicher Zeit eine Thräne des herzlichſten Mit⸗ *) Eine wahre Begebenheit. Doch die„Bekehrung“ ge⸗ ſchah durch einen Bußprediger. Anm. der Verf. 44 leidens über den grauen Spiegel deſſelben ſich bewegte. Con⸗ ſtance ſaß wie verſteinert da; nur ein Zucken ihrer Lippen verrieth die Stärke ihrer innern Bewegung. Nach einigen Augenblicken verließ ſie das Zimmer, um ſich in der Ein⸗ ſamkeit auf ihre Knie zu werfen und für die Abgeſchiedene zu beten. Conſtance's Glaube, oder richtiger: ihr falſcher Glaube war erſchüttert. Konnte, was die Bibel⸗Marie gethan hatte, an ihrem Glauben, eine Seele für den Himmel zu retten, konnte das eine Gott wohlgefällige Handlung ſein? Conſtance fand kein einziges Argument; ihre Stirne ſenkte ſich zur Erde— ſie wagte nicht, den Himmel zu ſuchen, denn es kam ihr ſo vor, als hätte auch ſie durch ihren Glück⸗ wunſch zu Marie's Arbeit, Antheil an dieſer Arbeit, und nicht nur Antheil, ſondern auch eine Verantwortlichkeit für dieſelbe. Die Schweißtropfen perlten auf ihrer Stirn, der Weheruf des ſterbenden Mädchens wiederhallte unaufhörlich in ihren Ohren; und obgleich ununterbrochene Gebete auf ihren Lippen brannten, ſo wollte dieſer Weheruf dennoch nicht ſchweigen. Noch auf den Knien liegend, die Hände krampfhaft gefaltet, fand Leonard ſie eine halbe Stunde ſpäter, als er kam, um ihr die Abreiſe des Oberpfarrers anzuzeigen. „Mein Gott! wie ſteht es mit Dir, geliebte Con⸗ ſtance? Nimm die Sache nicht ſo ernſt; ich verſichere Dich, als wir allein waren, habe ich den Propſt Deinen Werth ſo nachdrücklich erklärt, daß er gar nicht daran zweifelte.“ „Nicht die gute Meinung des Propſtes bekümmert mich,“ ſagte das ſtolze Weib mit einer Kälte, die ſchreck⸗ lich war, wenn man ſie verglich mit allem, was in ihrem Innern glühte—„ich fürchte ſeine Worte nicht!“ „Was fürchteſt Du denn?“ fragte Leonard ernſthaft. „Vielleicht Dein Gewiſſen...“ Was ich von meinem Gewiſſen fürchte, das muß Jich mit ihm auch abmachen— Gott ſieht die A getriel war n daß es er wir und und: Chriſti dieſe 3 umfaſſ „ arme geweck ſie ſich uns fir freundf trotzen er vor daß wi die Se Uebel predige ſo viel Opfer dieſelbe wie ein ten den ihr„2 gen hie den Be Seel Con⸗ ippen nigen Ein⸗ hedene laube gethan nel zu ſein? ſenkte uchen, Glück⸗ dnicht ieſelbe. 1, der hörlich ete auf ennoch Hände Stunde farrers e Con⸗ rſichere Deinen t daran ümmert ſchreck⸗ n ihrem rnſthaft. e, das tt ſieht 45⁵ die Abſicht! Gott weiß, daß ſeine Werkzeuge aus zu weit getriebenem Eifer fehlgreifen können, ſo wie es der Fall war mit dieſer armen Bibel⸗Marie; aber er ſieht auch, daß es für ſeine Sache, zu ſeinem Beſten geſchieht und er wird verzeihen; denn, der feſte Grund Gottes beſtehet und hat dieſes Siegel: der Herr kennt die Seinen, und: Es trete ab von der Ungerechtigkeit, wer den Namen Chriſti nennet!“ „Ach, Conſtance!“ Leonard ſagte nicht mehr, als dieſe zwei Worte; in denſelben aber lag eine große und umfaſſende Betrübniß. „Und,“ fuhr ſie langſam fort,„wenn nun dieſe arme Bibel⸗Marie verfolgt wird— die Herzen der un⸗ geweckten Menſchen verſchließen ſich eben ſo leicht, wie ſie ſich oͤfneten, dann..“ Sie ſchwieg. ....„Dann wird ſie doch wohl keinen Schutz bei uns finden ſollen, will ich hoffen? Wollten wir ſo dem freundſchaftlichen Rathe und der Bitte des Oberpfarrers trotzen— der Zweck, weßwegen er zu uns kam, und den er vor ſeiner Abreiſe noch ſo warm ausdrückte, war der, daß wir, oder richtiger ich, mich ihm als eine Hülfe an die Seite ſtellen und ſo viel in meinen Kräften ſteht dem Uebel entgegen wirken ſollte, welches wir von dem Buß⸗ prediger gewiß zu erwarten haben, da ſein Werkzeug ſchon ſo viel angerichtet hat!“ „Und wenn nun inzwiſchen dieſes junge Mädchen ein Opfer ihrer. „... ihrer wohlverdienten Strafe wird, ſo mag dieſelbe über ſie kommen; ſie hat hier nichts zu thun und wie eine Wahnſinnige umher zu gehen und aus den Leu⸗ ten den Verſtand heraus zu predigen. Und dann iſt wohl ihr„Meiſter“ heute oder morgen oder ſpäteſtens übermor⸗ gen hier; und wenn ſie ſich bis dahin im Walde und in den Bergen aufhalten muß, ſo ſchadet ihr das meiner Seel' nicht!“ 46 „Wenn ſie aber kommen und hier Schutz ſuchen ſollte, ſo nehme ich ſie an!“ „Conſtance, Conſtance! laß es nicht ſo weit kommen! Ich bin ein gutmüthiger und gelaſſener Mann, das haſt Du geſehen, und Du weißt, daß es meine Freude iſt, Deinen Willen und Deine Bitten zu erfüllen; doch in dieſem Falle ſteht meine Ehre und mein Ehrenwort im Pfande— alſo...“ „Ja, Dein Ehrenwort ſteht bei mir im Pfande, denn ich begehrte und Du gelobteſt mir eine vollkommene Frei⸗ heit in Religions⸗Angelegenheiten. Für mich iſt es eine religiöſe Pflicht, eine Glaubensgenoſſin zu ſchützen, wenn ich nur ahne, daß ſie meines Schutzes bedarf; um wie viel mehr alſo, wenn ſie ihn fordert.“ „Du würdeſt alſo trotz meines ausdrücklichen Wun⸗ ſches dieſes Mädchen aufnehmen— Du, der es jetzt vor allen Dingen nothwendig iſt, daß man gar nicht auf⸗ merkſam auf Dich iſt?“ „Ich werde jetzt und immer thun, was ich vor mei⸗ nem Meiſter verantworten kann!“ „So will ich denn noch in dieſer Nacht reiſen— denn ich will nicht zu Hauſe ſein und zuſehen, wie meine Gattin mir den Schimpf zufügt, daß ſie meine Bitten nicht im mindeſten achtet! Der Probſt ſieht dann wenig⸗ ſtens, daß ich nicht zu Hauſe bin.“ „Es würde mich herzlich betrüben, wenn Du auf dieſe Weiſe Dein Haus verließeſt, denn Du weißt, daß ich mich immer in Demuth nach Deinem Willen gerichtet habe! Du biſt mein Gatte, und es iſt meine Pflicht, Dir in allen Stücken zu gehorchen— in allen Stücken, außer wo mir eine andre höhere Pflicht gebietet, nur Gott zu gehorchen!“ ¹—Conſtance ſagte dies mit einer ſo bezaubernden Nach⸗ giebigkeit, ja Demuth, indem ſie zu ihm trat und ihm ſanft den Arm auf die Schulter legte, daß Leonard ſie entwaffnet an ſeine Bruſt zog und antwortete:„Verzeihe A und ih und vo geplaut erblickt hervork 3 der unrd hatten, breit ve prophez um ſein wortete Monika den, de — vor ſo tief, wißheit wißheit, treiben „ es eine , wenn um wie n Wun⸗ jetzt vor ſcht auf⸗ vor mei⸗ „Verzeihe 47 Gott es dem, der Dich dazu gemacht hat, was Du biſt! — An und für Dich ſelbſt biſt Du ſo gut und edel wie die Engel im Himmel!“ Zum Glück für den häuslichen Frieden verzog ſich dieſer erſte ernſthafte Sturmwind. Von der Bibel⸗Marie war nichts zu hören oder zu ſehen, und am folgenden Tage verbreitete ſich im Nirenthale die Nachricht, daß der Comminiſter Grave angekommen war. Sechſtes Kapitel. An einem andern Maiabende hatten Frau Hedwig und ihre treue Monika unter dem Birkengewoͤlbe geſeſſen und von Juſtus und den Narciſſen auf dem Blumenbeete geplaudert, als Monika eine Staubwolke auf dem Wege erblickte und vorherſagte, daß Leonard aus dieſer Wolke hervorkommen würde. Jetzt, an dieſem Maiabende, ſaß Frau Hedwig wie⸗ der unter den Birken, welche ſie und Carleborg gepflanzt hatten, und Monika ſtand vor ihr und plauderte weit und breit von der neuen Staubwolke, die man nun ſah, und prophezeite wieder, daß es Leonard wäre, welcher käme, um ſein Verſprechen zu erfüllen; und Frau Hedwig ant⸗ wortete jetzt wie damals:„Gebe Gott, Du hätteſt Recht, Monika, denn nächſt Juſtus giebt es niemanden auf Er⸗ den, der willkommner ſein kann!“ Und Frau Hedwig ſeufzte — vor einigen Jahren hatte ſie auch geſeufzt, doch nicht ſo tief, denn damals ſeufzte ſie wegen Unruhe und Unge⸗ wißheit, jetzt dagegen wegen einer entmuthigenden Ge⸗ wißheit, daß ihre ſchönen Träume nie auf Erden Knospen treiben würden. „Sieh da bin ich nun: immer der alte Leonard mit 48 ſeinem alten Herzen!“ und Leonard ſchloß erſt zärtlich und lange ſeine Mutter in die Arme und dann Monika, welche noch ſo hurtig und munter ausſehen wollte, wie in vori⸗ gen Zeiten, es aber nicht mehr warz denn die Betrübniß üͤber die Reiſe des geliebten Juſtus weit weg an„das ſchwarze Meer,“ wie Monika ſich immerwährend ausdrückte, hatten nebſt dem Kummer über die ſtille, ergebene Trau⸗ rigkeit der Frau Hedwig, Monlka alt und ſilbergrau ge⸗ macht. Aber noch immer lebte ihre Seele, wenn ſie auch ihren alten geliebten Geſang von Alonzo dem Tapfern und Schön⸗Ingeborg nicht mehr hören ließ; denn dieſer Ge⸗ ſang erinnerte ſie allzu ſehr an die verfloſſene ſchöne Zeit, da Juſtus in ſpielendem Muthwillen ihrem Zorne trotzte, um ſie nachher mit ſeiner ſchmeichleriſchen Stimme wieder zu beſänftigen. Faſt in einem Athem fragten Frau Hedwig und Mo⸗ nika nach Leonard's junger Frau, und Leonard nach Neuig⸗ keiten von Juſtus; und nachdem Leonard mit ſeinem liebes⸗ reichen Gemüthe verſichert hatte, daß er ſo glücklich wäre wie der Glücklichſte unter den Glücklichen, und daß nur „Mutter und Monika ihm fehlten,“ ſo erwiederte Frau Hedwig ſeine brüderliche Theilnahme mit der Nachricht, daß er den Brief des jungen Miſſionars leſen ſollte. Was Juſtus ſchrieb, führen wir hier nicht an; wir wollen uns ſpäterhin ſeine Eindrücke und die Folgen der⸗ ſelben vor Augen führen. „Nun, liebes Mütterchen! wie bald ſind wir fertig zu reiſen?— ſpäteſtens Morgen früh?“ „Mein lieber Leonard! ich habe über Deinen freund⸗ lichen Vorſchlag ſeit der Ankunft Deines Briefes nachge⸗ dacht; aber ich bin nun zu alt, um zu reiſen.“ „Und wenn Du auch noch einmal ſo alt wäreſt, ſo trage ich Dich in den Wagen— nimmermehr unterwerfe ich mich dem Unglücke, wie ein wirklicher Jammerlappen nach Hauſe zu kommen; und das wäre ich ja, wenn ich nun, da ich hergereiſ't bin, um meine allerliebſte Mutter zu hol liebe 2 nicht e Gegen vertrar gewiß ſproche röthend unglück Arbeit wenig d das alt „D Zeit, d lichen r er mit wer ka Aufricht die hohe wird er wollen! Eine N lich und welche in vori⸗ etrübniß in„das Zdrückte, e Trau⸗ grau ge⸗ ſie auch fern und eſer Ge⸗ zne Zeit, e trotzte, he wieder ind Mo⸗ h Neuig⸗ im liebes⸗ lich wäre daß nur te Frau Kachricht, llte. an; wir Ilgen der⸗ vir fertig merlappen wenn ich te Mutter 49 zu holen, ſo ganz allein wieder nach Hauſe käme! Nein liebe Mutter! mitkommen mußt Du, denn mein Haus iſt nicht eher recht in Ordnung, als bis Du es mit Deiner Gegenwart geſegnet haſt— das hat mir Conſtance an⸗ vertraut.“ „Nun wenn Conſtance Dir das anvertraut hat, mein geliebter Sohn, ſo muß ich Dir wohl Deinen Willen thun; doch, beſtes Kind, meine Gegenwart iſt nicht mehr paſſend, ein Haus zu beleben— ich kann meine Bekümmerniſſe jetzt nicht mehr immer beherrſchen.“ „Ja, wer kann das wohl?— aber jemanden zu ſehen, der ſeinen Kummer ſo trägt wie Du, meine Mutter, das thut dem Herzen wohl und erheitert es beinahe eben ſo ſehr wie die Freude ſelbſt. Ich werde es in meinem Leben nicht vergeſſen, welche Seelenſtärke Du bei der Hochzeitſcene zeigteſt. Gott ſei gelobt, daß es mit Juſtus' Geſundheit wenigſtens beſſer iſt!“ „Ja, Gott ſei gelobt!“ „Das war wirklich ein wenig unheimlich! Ihr habt gewiß ſehr oft vor ſeiner Abreiſe mit einander davon ge⸗ ſprochen?“ „O mein Kind,“ erwiederte Frau Hedwig matt er⸗ röthend,„es war ja eine natürliche, wenn gleich ſehr unglückliche Folge ſeiner durch Nachtwachen und anhaltende Arbeit geſchwächten Geſundheit. Wir haben nur ſehr wenig darüber geſprochen, denn ſein Gemüth war auf das alte Gewoͤhnliche gerichtet.“ „Wer hätte wohl glauben können, daß wir zu gleicher Zeit, da wir an Inſtus denken, von dem alten Gewoͤhn⸗ lichen reden ſollten? Nun ſind es beinahe drei Jahre, daß er mit wenigen Variationen dieſe Idee genährt hat; aber wer kann ſagen, wie es heute über drei Jahre ſteht? Aufrichtig geſprochen, ſo hoffe ich, daß ſeine erſte Reiſe die hohen Phantaſien ein wenig zügeln wird— wenigſtens mird er doch wohl nicht dieſen Herbſt ſchon hinausreiſen wollen! Eine Nacht am Bullarſee. U. 4 „Ja, das glaube ich ganz gewiß— und weißt Du, da es nun doch einmal geſchehen ſoll(ein herzzerſchnei⸗ dender Seufzer brach ſich hervor aus der Mutterbruſt) ſo will ich mich auch nicht mit dem kleinſten Verſuche dagegen ſetzen. „Wirklich nicht? Biſt Du zu ihm übergegangen? Da hat er eine Beredtſamkeit an den Tag gelegt, die er bis jetzt nicht zu entwickeln im Stande geweſen iſt.“ Noch einmal kam und wich die matte Roſe auf der bleichen Wange der Frau Hedwig, und ihre Stimme war ſo ausdrucksvoll, wie Leonard ſie noch nie gehört hatte, als ſie leiſe antwortete:„Ich habe mich zu der Ueber⸗ zeugung raiſonnirt, daß es ſein Beruf iſt. Bei unſerm letzten Zuſammenleben wurde es mir klar, daß ſeine bren⸗ nende Seele ſich ſelbſt verlieren würde, wenn er nicht hinauskäme und in dem begonnenen Geiſte wirken könnte.“ „Aber, Herr Gott!“ rief Leonard ſichtlich verwundert aus,„aber alle Deine ungeheuren Sorgen, liebe Mutter! die Sandwüſten, die wohl ſo heiß ſein werden wie bren⸗ nende Kohlen, und die gefährlichen Winde, und die end⸗ loſen Wälder, und die Schlangen und die Löwen und die Tiger und die ſchwarzen und braunen Satanaſſe— nein, Mutter, nein! wir laſſen ihn nicht reiſen, wenn wir mer⸗ ken, daß ſeine Sehnſucht ſich vermindert hat, denn ſich dorthin zu begeben, iſt gerade ſo viel als Gute Nacht!“ „Du malſt fürchterlich, Leonard! So mancher Miſ⸗ ſionar iſt ja mit Leben und Ehre zurückgekehrt, und ich hoffe, Gott wird auch die reine und große Abſicht meines Juſtus anſehen; ich habe mir das Gelübde abgelegt, ge⸗ duldig zu ſein, und habe mit meiner Bereitung ſchon den Anfang gemacht... Doch ſieh, mein Kind, hier haben wir unſre Monika mit demjenigen, was ſie zu bie⸗ ten hat— wollen ſehen, ob Du Glück haſt, Dir auch ihren Beifall zur Reiſe zu verſchaffen.“ „Monlka hat ihren Beifall ſchon gegeben.“ 1 „Ja, das hat ſie gewiß,“ entgegnete Monika, inden fie den wiſſen, / habe ich ren. 2 machter Haus u macht." ißt Du, erſchnei⸗ terbruſt) Verſuche gangen? „ die er tt hatte, r Ueber⸗ unſerm ne bren⸗ er nicht könnte.“ rwundert Mutter! vie bren⸗ die end⸗ und die — nein, wir mer⸗ denn ſich acht!“ her Miſ⸗ und ich gt meines elegt, ge⸗ ung ſchon nd, hier e zu bie⸗ Dir auch ka, indem 51 ſie den theuren Leonard anlächelte,„ich moͤchte wohl wiſſen, wann das geweſen ſein ſollte!“ „Das war— laß mich nachdenken!— ja, nun habe ich's: es war an meinem Geburtstage vor zehn Jah⸗ ren. Weißt Du wohl noch, Monika, daß wir da ab⸗ machten, ich ſollte Dich mit einem Wagen und drei Pferden holen, wenn ich erſt Haus und Hof hätte? Nun habe ich zwar nicht mehr als zwei; biſt Du aber damit nicht zufrieden, ſo muß ich wohl den Beutel aufthun und noch eins dazu vorſpannen laſſen!“ „So ein Spektakelmacher! Ich kann wohl nicht von Haus und Hühnern und Blumen wegreiſen!— Nein ich reiſe nicht aus der Stelle!“ „Hoͤre, Jungfer Monika! ich werde eiferſüchtig! Weißt Du: wäre ich Juſtus geweſen und gekommen, um Dich zu holen, ſo hätten wohl Haus und Hühner und Blumen ſich umſehen können, ſo gut zu leben, wie ſie könnten. Er hätte nur mit ſeiner lieblichen Stimme, die Dich wecken würde, und wenn Du auch vier Ellen tief unter der ſchwarzen Erde lägeſt:„Monika, Monika!“ zu ſagen oder das alte Lied zu ſingen brauchen:„Alonzo der Tapfre, ſo nannte...“ 2 „Herr Leonard, Herr Leonard, zwingen Sie mich nicht zum Weinen mitten in der Freude, Sie zu Hauſe zu ſehen! Ach, mein Juſtus, er geht ſeine eigenen Wege, und das Haus, welches er dort am ſchwarzen Meere baut, das iſt zu groß für Monika; ſie bleibt, wo er von Alonzo und Imogene ſang!“ „Und Du biſt gar nicht neugierig, meinen Hof und meine Frau zu ſehen?“ „Lieber Herr Leonard! ich ſegne den Hof und das Haus und die Frau ebenfalls jeden Morgen und jeden Abend; doch von dieſem Fleck reiſe ich nicht hinweg— dazu würde nicht einmal Juſtus mich bewegen, und da iſt es gar nicht werth, daß ein Andrer den Verſuch macht.“ 52 „Monika, Du haſt Dir in Deinem Alter einen gar⸗ ſtigen Fehler angeſchafft, Du biſt ganz entſetzlich eigen⸗ finnig geworden! Du wirſt alſo wohl hier zu Hauſe bei den Hühnern und Blumen ſitzen müſſen— ſtirb nur nicht vor Langeweile, ehe Mutter zurückkommt!“ „Schlimm genug wird das werden; aber es geht wohl doch!“ meinte Monika in einem Tone, aus welchem Leonard und Frau Hedwig abnahmen, daß Monika's Ge⸗ müth ſo beſchäftigt war mit allen kleinen Veränderungen und Anordnungen, mit den Geweben und den Blumen und dergleichen, die ſie zu der Rückkehr der geliebten Herrin in Ordnung haben wollte, daß ſie durch die Thätigkeit ihrer Gedanken abgehalten ſein würde, ernſthaft betrübt zu werden. Wie konnte auch wohl Monika's liebendes Herz traurig ſein, da ſie wußte, wie ſehr Frau Hedwig dieſe Zerſtreuung nöthig hatte? Nur Monika wußte es, daß Frau Hedwig's Unruhe und Kummer ſeit ihrer Rück⸗ kehr von der Hochzeit zugenommen hatten, und ſie glaubte, daß dieſes aus einer Furcht über die ſchwache Geſundheit des geliebten Sohnes herfloß, daß dieſer die große Reiſe nicht würde ertragen können.— Ach, ſie wußte nicht, die gute Monika, daß ein neuer, herzbrechender Kummer zu dem alten hinzugekom⸗ men war; ſie wußte nicht, was alle einſamen Geſpräche in Frau Hedwig's Schlafzimmer abgehandelt hatten— und es war gut, daß Monika nicht das mindeſte ahntez denn es gibt Bekümmerniſſe, die das Herz mit Nieman⸗ dem theilen will, und ein ſolches war dasjenige, welches Frau Hedwig jetzt in ihrem Innern trug. „Nach vielen fruchtloſen Forſchungen, vielen Bitten und Thränen hatte endlich Frau Hedwig, die während der ſchrecklichen Trauungsceremonie einen tiefern Blick in das Herz ihres Sohnes geſenkt hatte, ſeine ſtrenge Zu⸗ rückhaltung beſiegt. Ein Augenblick von unbegrenztem Vertrauen zwiſchen Mutter und Sohn hatte Statt gefun⸗ den; und von dieſem an Schmerz, aber auch an Glück 4 reichen welchem was ſie ſelbſt un allerklei ſuchen 1 Betrübn — er n löſung! o Tagen. iſt doch es iſt, zu leide ausharre Herz wa W treuen J thal am 1 nen gar⸗ ch eigen⸗ Hauſe bei nur nicht es geht welchem ka's Ge⸗ nderungen umen und en Herrin Thätigkeit t betrübt liebendes u Hedwig wußte es, hrer Rück⸗ ee glaubte, Geſundheit roße Reiſe daß ein nzugekom⸗ Geſpräche hatten— eſte ahnte; t Nieman⸗ e, welches llen Bitten e während ein Blick in lrenge Zu⸗ begrenztem tatt gefun⸗ ) an Gluͤck 5³ reichen Augenblicke— denn es war ein Augenblick, an welchem dieſe Mutter und dieſer Sohn recht empfanden, was ſie für einander waren— gelobte Frau Hedwig ſich ſelbſt und ihrem Juſtus, daß ſie nie wieder durch den allerkleinſten Einwand auf ſeinen Entſchluß zu wirken ſuchen wollte. Ach, ſie mußte jetzt in dieſer ihrer frühern Betrübniß ein Glück erblicken; denn wenn er hier bliebe — er mit ſeiner ſtärmiſchen Leidenſchaft— welche Auf⸗ löſung ließ ſich da wohl erwarten? So geht es uns im Leben oft mit unſern bittern Tagen. Wir denken: jetzt iſt doch das ſchlimmſte da; es iſt doch eine Art von Troſt ſagen zu können: ärger als es iſt, kann es nicht werden!“— Doch eine Zeitlang darauf halten wir dieſe Bekümmerniſſe für klein in Ver⸗ gleich mit den zuletzt eingetroffenen: wir hängen uns gleich⸗ ſam daran feſt wie an eine Art von Rettungsplanke, auf welcher wir dankbar vor neuen drohenden Stürmen hin⸗ wegſegeln. Inzwiſchen hat Er, der die Laſten abwägt, gewiſſe Herzen ſo glücklich eingerichtet, daß ſie ſchrecklich und lange zu leiden vermoͤgen und dennoch ſanft und mit Ergebung ausharren und ohne Aufenthalt hoffen. Frau Hedwigs Herz war ein ſolches. Wäͤhrend ſich jedoch Frau Hedwig mit Hülfe ihrer treuen Monika zur Reiſe rüſtet, wollen wir in das Nixen⸗ thal am Bullar⸗See zurückkehren. Siebentes Kapitel. Conſtance hatte die Antrittspredigt des Comminiſters Grave mit angehört und ſaß nun am Sonntagsnachmit⸗ tage einſam und überlegte, wie ein ſolcher Mann wie Grave ein paſſender Freund, eine paſſende Geſellſchaft für Juſtus von Carleborg ſein konnte. Was wußte wohl Conſtance, daß ſie ſchon jetzt ſo fragen konnte? Nichts wußte ſie, als daß Grave's Froͤmmigkeit nach einer Rohheit ſchmeckte, die ſich in ſeinem ganzen Vor⸗ trage offenbarte. Gewiß war auch er ohne Zweifel von dem Geiſte ergriffen, gewiß war er ein. heiliger Mann; doch ſeine Worte, ſeine Gedanken, ſeine Sprache, ſeine Bilder waren ſo zugehauen, daß ſie Ekel erregten. Und als Grave ſeiner uns ſchon bekannten Gewohnheit gemäß kühn einige Perſonen namhaft nannte, wie zum Beiſpiel: „Ich weiß recht gut, daß Du, Lars Carlsſon, und Du, Olaus Börjesſon, gegen mich gearbeitet habt, und ich weiß auch recht gut, wem Ihr Zwillingsſöhne des Baal, mit Euren gottloſen Kunſtgriffen gedient habt!“— da war Conſtance verwirrt, verſtummt und betrübt, denn ſie hatte nie geahnt, daß ein Mann, der an dem heiligen Orte ſtand, ſogar dieſen heiligen Ort als ein Schutzmitttel anwenden konnte, um ſeine eigenen Angelegenheiten zu be⸗ ſorgen.— Was den Eindruck betrifft, den dieſe Methode auf die übrigen Zuhöͤrer machte, ſo war derſelbe ſehr ungleich. Die von Bibel⸗Marie vorher Bearbeiteten ſahen in dem ſenkrecht fallenden Gewitterſtrahle Gottes Donnerkeil, ge⸗ ſchleudert von dem wahren Hirten, der ſich von keiner Menſchengunſt und von keinen Menſchenſatzungen abhalten läßt, unter den verirrten Schafen frei das Wort zu reden. Was dagegen diejenigen betrifft, zu denen weder Bibel⸗ Marie, noch die vorausgeſchickten Flugſchriften hatten kom⸗ men können, ſo wurde ein Theil derſelben eingeſchüchtert, ein Theil aber aufgebracht, und ſo bildeten ſich ſogleich bei Grave's erſtem Auftreten Parteien für und wider ihn. Bis jetzt war noch nie in Bullaren von einem theo⸗ logiſchen Streit eine Schlägerei veranlaßt worden, jetzt aber kamen auf dem Wege von der Kirche nach Hauſe nicht ſonen, wurden Beſchu wobei Börjes alter d kam es herab A vor da in den predigt ſelben ſchaft für n jetzt ſo kkeit nach zen Vor⸗ veifel von r Mann; he, ſeine ten. Und eit gemäß Beiſpiel: und Du, und ich des Baal, 1— da „denn ſie heiligen hutzmitttel ten zu be⸗ ethode auf ungleich. en in dem erkeil, ge⸗ von keiner n abhalten zu reden. der Bibel⸗ hatten kom⸗ eſſchüchtert, ich ſogleich und wider einem theo⸗ rden, jetzt nach Hauſe 55 nicht weniger als vier ſolche vor, es waren alſo acht Per⸗ ſonen, welche ſpäterhin mit einander in Proceſſe verwickelt wurden, weil man von Scheltworten auf ehrenrührende Beſchuldigungen hinſichtlich der Wahl übergegangen war, wobei die bezeichneten Perſonen Lars Carlsſon und Claus Börjesſon faſt eben ſo betrachtet wurden wie im Mittel⸗ alter die vom Papſte Gebannten; denn den Bullingern kam es faſt eben ſo bedeutungsvoll vor, von der Kanzel herab genannt und beſchimpft worden zu ſein. Aus der gegenſeitigen Vorforderung der acht Parten vor das Ting kam ſpäterhin eine Menge anderer Wirren in den Gang, und die Folge war, daß Grave's Antritts⸗ predigt in der ganzen Gegend berühmt wurde. Von der⸗ ſelben datirten ſich Streitigkeiten unter den Nachbarn, welche bis in das folgende Jahr hinein dauerten. Doch wir entfernen uns allzu weit von Conſtance, welche trotz ihrer Leſerei dennoch keine ſo ſtarke Leſerin war, daß ſie nicht allein über das heute Gehörte erſchrak, ſondern auch ſogar ſich die Frage vorlegte, ob nicht Chriſti Wort, ſo behandelt, beſonders an einem Sterbebette, mehre Gegenſtücke zu dem von dem Oberpfarrer erzählten be⸗ wirken möchte. Es wurde eng und ſchwer um Conſtance's Herz. Sie nahm die Bihel, um noch einmal Grave's Eingangs⸗ ſpruch zu leſen: „Siehe, es kommt die Zeit, ſpricht der Herr Herr, daß ich einen Hunger in das Land ſchicken werde; nicht einen Hunger nach Brod oder Durſt nach Waſſer, ſon⸗ dern nach dem Wort des Herrn zu hören!“ Und nun fragte ſie ſich ſelbſt:„Iſt dieſe Zeit jetzt gekommen? wird der rechte Hunger, der rechte Durſt ge⸗ weckt und geſtillt werden von demjenigen, der vielleicht nur mit dem Gedanken an ſich ſelbſt hinzuzufügen wagte: „Iſt mein Wort nicht wie ein Feuer, ſpricht der Herr, und wie ein Hammer, der Felſen zerſchmeißet?2„.... „Nein!“ ſagte ſie halblaut,„es gibt nur einen Einzi⸗ gen, der es wagen kann, dieſen Text anzuführen, und deſſen Worte ſchoͤn, ſanft und zart ſind wie Seide und dennoch ſtark wie eine ſtählerne Kette. Aber ach, dieſe Stimme ſoll nicht erſchallen unter uns— dieſe Stimme ſoll die Töchter der Nacht aus ihrem tiefen Schlummer wecken und ihre Augen gen Himmel erheben, um ſie hernach auf ihn zurückfallen zu laſſen, der ihnen der Weg, das Licht, die Wahrheit und das Leben ſein wird!“ Die Bibel entſank ihren Händen, und Conſtance ſank in ſich ſelbſt zuſammen, während ihr ſpähender Blick in die Zukunft eilte und die große Zahl von geretteten See⸗ len überrechnete, welche dem Juſtus von Carleborg ihre Wiedergeburt zu verdanken hatten. Indem ſie aber ſo Seelen zählte und zählte, ſo paßte der hämiſche Verſucher, der Erbfeind der Menſchen, eine günſtige Gelegenheit ab, um eines ſeiner Gemälde mit hinein zu ſchmuggeln; und als Conſtance immer noch bloß mit den Seelen zu thun zu haben glaubte, lag vor ihren Augen hingezaubert eine fremde, wunderbar helle Gegend, ein wirkliches Paradies, beleuchtet von der wolluſtvollen Wärme der tropiſchen Abendſonne. Doch war es keineswegs ein Landſchaftſtück ohne Figuren— weit entfernt... nach einer flammen⸗ den Predigt vor tief erſchütterten, mächtig hingeriſſenen Zuhörern, iſt der junge Miſſionär kraftlos hingeſunken an den Stamm eines Palmbaumes, und indem ſeine Stirn mild gekühlt wird von dem Hauche, der ihn umſauſelt, werden auch ſeine Lippen gekühlt von dem Tranke, den ihm eine junge Negerin reicht, welche in den geſchmeidig⸗ ſten und anmuthigſten Stellungen ſich um ihn her be⸗ wegt.. 3 In Conſtance's Augen begann ein dunkles Feuer unter dem feuchten Schleier zu glimmen, welcher vor einem Augenblicke ihren dunklen Glanz verhüllt hatte. Ihr Herz, dieſes der Welt und der Liebe abgeſtorbene Herz, zitterte in ſeinem Gefängniſſe und flog, gejagt und verfolgt, auf und ab, gleich dem Wilde, das in einem gewiſſen Kreiſe von den Verſuche noch ein mälde! Tochter von ihm ſchmiegt ſeine S den Tra — lauſch die ſtarke „Ac Conſtanc wirkliches in dem; ches er reiſe in d mit dieſe ſelbſt ei eintreffen wirkliche bei Con en, und eide und Stimme ſoll die wecken nach auf as Licht, nce ſank Blick in ten See⸗ org ihre aber ſo erſucher, aheit ab, In; und zu thun bert eine Paradies, tropiſchen chaftſtuͤck Nammen⸗ geriſſenen unken an ne Stirn mſäuſelt, nke, den chmeidig⸗ her be⸗ uer unter or einem Ihr Herz, „ zitterte olgt, auf en Kreiſe 57 von dem Jäger verfolgt wird. Und der Jäger war der Verſucher, welcher unaufhörlich ihr in's Ohr rief:„Blicke noch einmal auf, betrachte nur noch einmal dieſes Ge⸗ mälde! Siehe, wie die Blicke des Miſſionärs auf der Tochter der Nacht ruhen: ſie ſegnen ſie, denn ſie iſt ein von ihm gerettetes Schaf! Siehe, wie ſie ſich an ihn ſchmiegt, nicht an ſeine Knie, denn ſie iſt nicht länger ſeine Sklavin, ſondern an ſeine Schulter, während ſie den Trank, vor ſeine Lippen hält! Höre, wie ſie lauſchen — lauſchen ſie auf das Säuſeln in der Palme oder auf die ſtarken Athemzüge ihrer Bruſt?“ „Ach, wiederum treibt er ſein Spiel!“ murmelte Conſtance, indem ſie aufſtand und ihre Augen auf ein wirkliches Gemälde heftete, auf dasjenige, welches früher in dem Zimmer des Fanatikers gehangen hatte, und wel⸗ ches er nebſt dem wunderbaren Fortepiano bei ſeiner Ab⸗ reiſe in die„Wüſte“ ſeinem Bruder überliefert hatte, da⸗ mit dieſer beide ſo lange verwahren möchte, bis Juſtus ſelbſt einen feſten Wohnſitz erhielte, wenn dieſes jemals eintreffen würde. Wenn ſich mit dieſem Teſtamente keine wirkliche beſtimmte Abſicht verbunden hatte, ſein Andenken bei Conſtancen unvergeßlich zu machen, ſo hatte ſich doch wenigſtens eine inſtinktmäßige Hoffnung mit eingeſchlichen, welche ihm zugeflüſtert hatte, daß ſie niemals im Stande ſein würde, einen Blick auf dieſe Sachen zu werfen, ohne zu fühlen, daß der Beſitzer derſelben ſie umgäbe. Das Gemälde und das Inſtrument hatten in der ſogenannten Sternkammer ihren Platz erhalten— und nun kann man leicht einſehen, welchen Werth dieſes Zimmer in den Augen der Schwärmerin haben mußte. Sie hatte indeſſen kaum zwei⸗ oder dreimal dieſe Taſten berührt, über welche ſeine Hände geeilt waren: eine geheimnißvolle Ehrfurcht hielt ſie zurück, wenn ſie das Verlangen nach dem Genuſſe der Muſik empfand. Doch war dieſe Muſik himmelweit verſchieden von derjeni⸗ gen, für welche ſie auf Oernwik ihre vielen Triumphe — 1 erndtete: an dieſe weltlichen Dinge, Arien, Sonaten und mehr dergleichen zu denken, konnte ihr nie in den Sinn kommen; aber den Choral und einen Theil von geiſtlicher Muſik liebte ſie herzlich und hätte ſich dieſer Neigung gerne hingegeben, wenn es ihr nur hätte gelingen wollen, zu der Ueberzeugung zu gelangen, daß nicht ihre Hände allzu profan wären, um dieſes Inſtrument als ihr eigenes zu behandeln. Jetzt aber ſtand ſie nicht vor dem Inſtrumente, ſon⸗ dern vor dem Gemälde: ſie ſtand dort, um ſich an dem Anblicke zu ergötzen, wie der Fürſt der Finſterniß zurück⸗ ſank in das Reich der Finſterniß, aus welchem er erſtie⸗ gen war. Dieſe Scene kühlte die brennende Unruhe in ihrer Bruſt, denn Michaels Züge waren die des Juſtus von Carleborg... und daher hatte ſie ihm und wieder⸗ um ihm ihre Rettung zu danken.— Befreit von einer ſchrecklichen Laſt, welche die tro⸗ piſche Zauberſcene veranlaßt hatte, und den Miſſionär nur in den Wäldern und Felſengebirgen Lapplands erblickend, empfand Conſtance das Bedürfniß eines Erguſſes; ſie trat an das Piano; und indem ſie es mit zitternden Händen oͤffnete, ſenkten ſich ihre Knie, und ihre Lippen berührten die Taſten, dieſe myſtiſchen Taſten. Nach dieſer Begrü⸗ ßung oder dieſem Opfer der Huldigung, wie man es nennen wlll, ſetzte ſie einen Stuhl zurecht, und hatte eben begonnen, mit ihrem tiefen und brennenden Gefühle ihre ſchöne Stimme mit einem geiſtlichen Accompagnement zu vereinigen, als Tona leiſe die Thür öͤffnete und das ein⸗ fache Wort„Fremde!“ ausſprach. „Fremde!“ wiederholte Conſtance mit einer Stimme, in welcher eben ſo ſehr Verwunderung als Zufriedenheit lag—„wer kann wohl hieher kommen?“ Conſtance konnte wohl ſo fragen! Mit Ausnahme des Oberpfarrers und bisweilen des Commiſſärs hatte außer den Armen niemand ihre Einoͤde beſucht. Es fiel ihr gleichwohl nicht ein, ſich den Pflichten der Gaſtfrei⸗ heit zu Paſtor Al borg he dagegen Gemein Geiſtes lichen i Ankunft allzu cr ihrem 2 nahm; Beifall „C indem e digſten Falkena Schlang den edla die Nä ſein— meiner eigenen an dieſe tes Her meine füllen v wäre b blieben habe ich naten und den Sinn geiſtlicher Neigung n wollen, gre Hände hr eigenes ente, ſon⸗ h an dem iß zurück⸗ er erſtie⸗ Anruhe in des Juſtus nd wieder⸗ he die tro⸗ ſionär nur erblickend, 3; ſie trat en Händen berührten er Begrü⸗ 2 man es hatte eben efühle ihre gnement zu dd das ein⸗ r Stimme, ufriedenheit Ausnahme ſſärs hatte t. Es fiel er Gaſtfrei⸗ 59 heit zu entziehen: ſie ging hinaus, und vor ihr ſtand— Paſtor Grave. Achtes Kapitel. Als der Freund des hochverehrten Juſtus von Carle⸗ borg hatte dieſer Mann bei Conſtance einen großen Werth, dagegen als Paſtor Grave, als der neue Comminiſter der Gemeinde, gar keinen; ſie fühlte ſich trotz der geheimen Geiſtesverwandtſchaft, die zwiſchen dem froͤmmelnden Geiſt⸗ lichen und der Leſerin zu vermuthen war, durch ſeine Ankunft eher gepeinigt als intereſſirt. Grave war ihr allzu cyniſch, und dann forderte auch die Achtung vor ihrem Manne, daß ſie auf ſeine Wünſche einige Rückſicht nahm; ſie würde daher gewiß nie einem Umgange ihren Beifall ſchenken, welchen er für ſo gefährlich hielt. „Entſchuldigen Sie, Frau Carleborg!“ begann Grave, indem er ſeinen ſchlangenähnlichen Körper in den geſchmei⸗ digſten Verbeugungen ſich bewegen ließ, während ſeine Falkenaugen, die ſich ebenfalls der berüchtigten Macht der Schlange rühmten, in den ſüßeſten und heiligſten Blicken den edlen Genuß des großen Seelſorgers ausdrückten, in die Nähe eines wahrhaft gläubigen Geiſtes gekommen zu ſein—„entſchuldigen Sie, Frau Carleborg! nicht um meiner ſelbſt willen komme ich.... nein, um meines eigenen Vergnügens willen hätte ich ganz gewiß nicht an dieſem wichtigen Tage, da mein von Kummer geplag⸗ tes Herz fürchtet, daß ich vielleicht nicht kräftig genug meine mehr denn gewöhnlich ſchweren Pflichten zu er⸗ füllen vermag, meine einſame Wohnung verlaſſen, ſondern wäre bis an dem Abende bei dem Herrn im Gebete ver⸗ blieben; aber... wiewohl ich frei bin von Jedermann, habe ich mich doch ſelbſt Jedermann zum Knechte gemacht, — ich komme mit Grüßen von einem gemeinſchaftlichen Freunde!“ „Seien Sie in jeder Hinſicht willkommen!“ ſtotterte Conſtance, welche nicht im Stande war, ihre heftige Ge⸗ müthsbewegung zu verbergen, die ſie gleichwohl ſelbſt für nichts anderes hielt, als für eine ganz natürliche Freude darüber, daß ſie etwas über die Erfolge des Miſſionärs, Freundes, Bruders und Lehrers vernehmen ſollte. „Ich danke!“ entgegnete Grave, indem er mit ſeinen fündigen Blicken Conſtance's Schönheit verſchlang. Sie war ihm wohl auch in der Kirche ſchön vorgekommen, doch erſt jetzt begriff er die wahnſinnige Liebe des Schwär⸗ mers recht, und wie dieſelbe durch die erhaltenen Reiz⸗ mittel zu einer ſolchen Hoͤhe hatte anwachſen können, daß ſie drohte, das Irrenhaus mit dem Himmel um den armen Büßer wetteifern zu laſſen. Wie heftig jedoch der Eindruck ſein mochte, welchen Grave erhalten hatte, ſo konnte derſelbe dennoch unmög⸗ lich— wenigſtens nicht in ſeinem erſten Urſprunge— mit dem Plane in Streit gerathen, den er einmal feſtge⸗ ſetzt hatte, um den Fanatiker in ſeinen Netzen feſtzuhalten; und ſein elendes, hohles Herz, ſein beſchmutztes Gewiſſen ſchämte ſich nicht, ihm das Glück, welches Juſtus wahr⸗ ſcheinlich dereinſt erreichen würde, als einen vollkommenen Erſatz für die Gewiſſensbiſſe vorzumalen, zu denen er her⸗ nach verurtheilt werden würde. Alles dieſes, dieſe Liebe, dieſer wahnſinnige Fanatis⸗ mus, dieſe Gewiſſensbiſſe ſollten zu derſelben Zeit, da ſie ſeine Kraft erſchöpften, ſeine Sinne erſchlafften und vor allen Gedanken an einen groͤßeren Wirkungskreis verſchloſ⸗ ſen, ſeine fieberhafte Predigtmacht erhoöhen und ihn zu einem von dieſen wilden Propheten machen, denen das Volk nachläuft und die es mit ſeinen Gaben überhäuft, ſo wie im alten Teſtamente das Volk alles dem Herrn opferte. Und Grave, er, der von dem Himmel zu dem Vormunde der Thoren erſehen war, er wollte ſich der ir⸗ diſchen armen vergeſſen wegung dieſen Raube Al forderlie Hand il unter d nach Af bereiten dieſelbe Juſtus wo Gra⸗ Um eine rückte„ digen ko wollte, endlich war, ſe ſchon ei als wol darf me Un war Gr in nichts konnte d Kleinigk Wege o Inſpirat geiſtliche und gefe augenbli oder aue ſchon m zjaftlichen ſtotterte tige Ge⸗ ſelbſt für e Freude iſſionärs, nit ſeinen ng. Sie kkommen, Schwär⸗ nen Reiz⸗ men, daß en armen ,welchen unmöͤg⸗ runge— al feſtge⸗ zuhalten; Gewiſſen us wahr⸗ ommenen n er her⸗ Fanatis⸗ it, da ſie und vor verſchloſ⸗ id ihn zu denen das überhäuft, em Herrn l zu dem ch der ir⸗ 61 diſchen ſo wie auch der geiſtlichen Angelegenheiten dieſes armen Schwärmers annehmen; denn man hat gewiß nicht vergeſſen, daß der ſchmutzigſte unter allen ſchmutzigen Be⸗ wegungsgründen, nämlich ein ganz unerſättlicher Geiz, dieſen Grave antrieb, den blinden Fanatiker zu ſeinem Raube auszuerſehen. Aber es war nicht nur eine teufliſche Phantaſie er⸗ forderlich, dieſen Plan zu erfinden, ſondern auch eine ſtarke Hand ihn auszuführen; denn ſo lange auch Juſtus— unter dem Vorwande ſich zu der Miſſion, zu jener Miſſion nach Afrika, aus welcher nie etwas werden ſollte, vorzu⸗ bereiten— der Dienſtfreiheit genießen würde, ſo mußte dieſelbe doch endlich von dem Conſiſtorium aufgehoben und Juſtus von demſelben an einem Orte angeſtellt werden, wo Grave nicht länger die Aufſicht über ihn führen konnte. Um einem ſolchen Unglücke zuvorzukommen, daß der ver⸗ rückte Prophet und Leſer nicht länger frei war und pre⸗ digen konnte, wo er wollte, oder richtiger: wo Grave wollte, bedurfte es eines kräftigen Mittels; und wenn es endlich ſo weit kommen ſollte, daß kein anderes zu finden war, ſo hatte der finſtere Geiſt in Grave'e Bruſt ihm ſchon eines zugeflüſtert, über welches Grave gelächelt hatte, als wollte er ſagen:„Nun, nun! in der letzten Inſtanz darf man es nicht ſo genau nehmen!“ Und dasjenige, was in der letzten Inſtanz übrig blieb, war Grave's und ſeines Gönners würdig, denn es beſtand in nichts Geringerem, als Juſtus abſetzen zu laſſen— und konnte das wohl ſchwer werden? Nein, das war nur eine Kleinigkeit, ein Kinderſpiel für Grave, welcher dazu zwei Wege offen ſah, nämlich Juſtus durch Schmeicheleien, Inſpirationen und Ueberredungen dahin zu bringen, eine geiſtliche Flugſchrift herauszugeben, deren überſpannte Sätze und gefährliche Irrlehren, gehoͤrig ans Licht gezogen, ihm augenblicklich den Mantel von den Schultern reißen mußten, oder auch ihn langſam in dem Ofen zu braten, den Grave ſchon mit dem Feuer der Religion und einer verbrecheri⸗ ſchen Liebe geheizt hatte, bis man ſeinen Kopf als ganz verbrannt und vertrocknet für verwirrt erklären konnte, welches ihn unfähig machte, noch ferner in der Kirche zu predigen, doch keinesweges unfähig für das Feld oder die Privatwohnung— das Mitleiden würde dann den ſchon geweckten Enthuſiasmus für ihn noch mehr ſteigern. Es iſt herzerſchütternd und ekelhaft in eine ſolche Seele, in einen ſolchen bodenloſen Abgrund, hinabzu⸗ ſchauen; und mancher, der noch nie Gelegenheit gehabt hat, in die ſchreckenvollen Myſterien der Leſerei, in die Motive hineinzublicken, welche einen ſogenannten Bußpre⸗ diger, einen„von dem Geiſte Beſeſſenen,“ leiten, wird ſicherlich die Schilderung für unnatürlich und übertrieben halten; gleichwohl iſt dieſelbe noch immer nicht mit ſo ſchwarzen Farben gezeichnet, daß nicht die Wahrheit, wenn man ſie ganz in Anſpruch nehmen wollte, noch ſchwärzer werden würde. In dem großen Heiligkeitspfuhle liegen viele Gegenſtände begraben, welche, ſo reichhaltig ſie auch immer ſein mögen, dennoch dort unten liegen bleiben müſ⸗ ſen, weil ſie es nicht ertragen können, daß man ſie im Lichte oder im Scheine des Tages entſchleiert. Die Zukunft wird zeigen, ob der Geiz, welcher bis⸗ her Grave's vorherrſchende Leidenſchaft geweſen iſt, auch noch ſpäterhin die vornehmſte bleiben, oder ob eine andere eeinen ſchwarzen Strich über jene ziehen wird. In dieſem Falle entſchlüpft ſeiner Hand der Faden gänzlich, an welchem er den Fanatiker feſthält, und Juſtus von Car⸗ leborg darf ſelbſt das Fahrzeug ſeines Lebens durch die Brandungen ſteuern, welche daſſelbe zu allen Seiten um⸗ geben; erwachen aber die Furien der Rache in dem alten Steuermanne, und ergreift er von Neuem das Ruder— wohin ſteuerte er dann mit den Schickſalen des unglück⸗ lichen Juſtus?“ Co nicht be ſo würd war ſie Wie kor welcher der vol kurz ein „3 Einſamk ſeinen B wußte ni „M Mutter auf einig Wenn i größerer die der Bruders rung an ſtets zwiſt als ganz konnte, Rirche zu oder die den ſchon ern. ine ſolche hinabzu⸗ it gehabt i, in die Bußpre⸗ en, wird bertrieben ht mit ſo heit, wenn ſchwärzer hle liegen g ſie auch iben müſ⸗ an ſie im elcher bis⸗ iſt, auch eine andere In dieſem zlich, an von Car⸗ durch die Seiten um⸗ dem alten Ruder— es unglück⸗ 63 Conſtance hatte den Blick in Grave's Augen gar nicht bemerkt, und hätte ſie ihn auch wirklich bemerkt, ſo würde ſie ihn dennoch nicht verſtanden haben, ſo weit war ſie von dem Gedanken an die Wirklichkeit entfernt. Wie konnte ſie es auch wohl ahnen, daß dieſer Mann, welcher nun in ſeiner prieſterlichen Tracht vor ihr ſaß, der vollkommenſte Wollüſtling, der kühnſte Verführer, kurz ein Ungeheuer in menſchlicher Geſtalt war? „Ja, ich komme und ſtoͤre vielleicht unpaſſend Ihre Einſamkeit, um Grüße von unſeren jungen Miſſionär an ſeinen Bruder und ſeine Schwägerin zu überbringen— ich wußte nicht, daß Herr Carleborg verreiſ't iſt.“ „Mein Mann iſt nach Halland gereiſ't, um ſeine Mutter zu beſuchen und ſie wo moͤglich zu überreden, ſich auf einige Zeit in das entlegene Bullaren zu begeben. Wenn ihm das gelingt, ſo wird gewiß niemand mit größerer Dankbarkeit die Nachrichten entgegen nehmen, die der Herr Paſtor überbringt.“ „Und doch,“ entgegnete Grave, indem er ſich in den Schleier der Heiligkeit wickelte,„hatte mein junger Freund gehofft, daß auch diejenige, welche er einſt unter die Mitglieder ſeiner Gemeinde rechnete, mit Wärme einen Gruß von dem abweſenden Hirten entgegen nehmen würde!“ „Ich glaube nichts geſagt zu haben,“ erwiederte Con⸗ ſtance mit einer leichten Verwirrung,„das anders ge⸗ deutet werden kann— wer, wenn nicht ich, koͤnnte dieſen Gruß mit Wärme entgegen nehmen!“ „So empfangen Sie ihn denn durch mich, an den er dieſe Worte geſchrieben hat: Wenn Du die Gattin meines Bruders triffſt, ſo ſage ihr, daß ich ſie bitte zur Erinne⸗ rung an mich und an die Seelenverwandſchaft, welche ſtets zwiſchen unſern Geiſtern verbleiben wird, einen Spruch aus dem neuen und einen aus dem alten Teſtamente aufzu⸗ ſchlagen, nämlich 1 Cor. 13, 12 und Pſ. 71, 7, und ſage ihr, daß meine Seele ihr nahe iſt, wenn ſie dieſel⸗ bigen lieſ't!" 64 „O, empfangen Sie meinen Dank für dieſen Gruß!“ rief Conſtance mit einer Heftigkeit aus, die vor Grave's ſpähenden Blicken den Zuſtand ihres Herzens ganz ent⸗ blöͤßte. Wir brauchen wohl kaum zu erwähnen, wenn Juſtus vielleicht ſelbſt in einem aufbrauſenden Augenblicke im Stande geweſen wäre, Conſtance zu dieſen Sprüchen hin⸗ zuweiſen, deren doppelte Bedeutung ſich ſo vortrefflich zu Gefühlen eignet, welche beſchleiert zu werden brauchen, ſo würde gleichwohl ſein Feingefühl ihm nimmermehr er⸗ laubt haben, ſie durch Grave an ſie gelangen zu laſſen; denn in einer ſolchen Entſchleierung ſeiner geheimſten Ge⸗ fühle hätte allzu viel Entweihendes gelegen. Grave da⸗ gegen, welcher ſeine Karten ſpielte, ohne Juſtus um Rath zu fragen, ſah es ein, wie vortrefflich eine ſolche geheime Botſchaft ihm bei der Erforſchung von Conſtance's inne⸗ rem Zuſtande dienen koͤnnte— gleichwohl wagte er bei der Wahl der Sprüche in der Offenherzigkeit nicht allzu weit zu gehen: ſie mußten ſo ſein, daß Conſtance die Sendung derſelben von Juſtus nicht bezweifeln konnte, und doch wieder ſo, daß ſie vielleicht nach ſchlummernde Ge⸗ danken und Möͤglichkeiten weckten. „Seine Geſundheit,“ fuhr Grave fort, da er merkte, daß Conſtance noch mehre Aufklärungen erwartete,„iſt allmählig beſſer geworden, ſo daß er ſich in dieſem Au⸗ genblicke an Seele und Leib erſtarkt fühlt. Aber trotz der großen Beſchwerden, denen er ſich auf ſeinen Wanderungen unaufhörlich ausſetzt, ſchreitet das Miſſionswerk nur lang⸗ ſam vorwärts. Dieſe verhärteten Sünder wollen ſich weder finden noch bekehren laſſen... Doch“— Grave erhob den ſcheinheiligen Blick zum Himmel empor— „wenn es jemanden vorbehalten iſt, den ſeligmachenden Samen des Chriſtenthumes in dieſe heidniſchen und un⸗ fruchtbaren Herzen zu ſäen, ſo iſt es ihm vorbehalten, der vielleicht in dieſem Augenblicke vor Kälte erſtarrt und halbtodt vor Müdigkeit in den Schneemaſſen zu Boden finkt, a ein Läch Ce und obe lauſchte die Wo jetzt von verlor, habt ha und Gi kurz: e ringe, Eine N n Gruß!“ Grave's ganz ent⸗ un Juſtus blicke im üchen hin⸗ refflich zu brauchen, ermehr er⸗ zu laſſen; mſten Ge⸗ Grave da⸗ um Rath he geheime nce's inne⸗ agte er bei nicht allzu nſtance die konnte, und nernde Ge⸗ er merkte, artete,„iſt dieſem Au⸗ der trotz der zanderungen k nur lang⸗ wollen ſich „— Grave empor— igmachenden hen und un⸗ dehalten, der erſtarrt und n zu Boden 65 ſinkt, aber gleichwohl noch in dem erſchlaffenden Schmerze ein Lächeln des Friedens auf ſeinen Lippen hat.“ Conſtance war erſt roth und darauf blaß geworden; und obgleich in ihrem Innerſten von Unruhe erſchüttert, lauſchte ſie dennoch mit athemloſer Aufmerkſamkeit auf die Worte des verächtlichen Boten, welcher, wenn er wie jetzt von Juſtus redete, nicht nur den widrigen Ausdruck verlor, den er vor einem Augenblicke in ihren Augen ge⸗ habt hatte, ſondern auch ſogar einen Zuſatz von Edelheit und Güte erhielt, den ſie zuvor nicht geſehen hatte— kurz: er ſchien jetzt bloß ein Mann Gottes zu ſein. „Ich hoffe,“ ſagte ſie nach einigem Schweigen, nach⸗ dem ihre Stimme wieder einige Feſtigkeit erhalten hatte, „ich hoffe, daß... daß ihm keine eigentliche Gefahr drohen kann, wo er jetzt iſt? Mit einem neuen Blicke gen Himmel antwortete Grave in feierlichem Ton:„Seid getroſt und friſch, fürch⸗ tet Euch nicht und zaget nicht vor ihnen!— Wohl dem, deß Hülfe der Gott Jakobs iſt, deß Hoffnung auf den Herrn ſeinen Gott ſtehet!“ Conſtance erhob das Haupt und ſeußzte tief und an⸗ dächtig. „Ein anderes Geſchäft, welches mich herführt,“ fuhr Grave fort, welcher die Nothwendigkeit einſah, nun von etwas anderem zu beginnen,„iſt, Ihnen für den freund⸗ lichen Empfang zu danken, womit Sie das arme umher⸗ wandernde Mädchen aufgenommen haben. Ibr Herz hat tiefen Kummer gelitten: ſie iſt unglücklich geweſen in der irdiſchen Liebe, armes, verirrtes Schaaf! Aber, richtet nicht, auf daß Ihr nicht gerichtet werdet!— Der Herr ſah ihre Reue und ließ ſie einen Weg finden, der ihre große Qual lindern konnte. Die Kenntniß, welche ſie ſelbſt geſucht und gefunden hat, will ſie mit ihren gerin⸗ gen Kräften weiter verbreiten. Doch keine Kraft iſt ge⸗ ringe, wenn ein lebendiger Wille dabei iſt; und oft iſt Eine Nacht am Bullarſee. U. 5 meine Theilnahme geweckt und gerührt worden, wenn ich daß ſei geſehen habe, wie dieſe arme Büßerin ſich wiederum an nahm a Gottes Gnadenſonne wärmte und weder Hunger noch hin wie Durſt noch Müdigkeit fühlte, ſondern ihres Weges dahin ſtance wanderte als ein rettender Engel für Viele.“ rückhalt „Doch „“ wendete Conſtance zaudernd ein,„iſt hier nicht Ze 71 ein Todesfall eingetroffen, welcher... für die „... welcher höchſt bedauernswürdig war,“ ſiel wäre Grave ein,„weil das arme Mädchen nicht ſo lange leben ken an durfte, bis das Werk der Bekehrung ganz vollendet war. Ei Gleichwohl war, wie ich gehört habe, ihre Reue und Zer⸗ knirſchung groß und wahr; wir wollen alſo hoffen“— Sedant⸗ Grave erhob ſeine heuchleriſche Stirn mit einer demüthi⸗ konnte f gen Reue—„daß der Herr ſeine Hand ausgeſtreckt hat wehren, nach dieſer Seele, welche wenigſtens die Irrthümer kennen Zweifel lernte, in welchen ſie gelebt hatte.“ „Aber... aber... ich glaube kaum, daß Marie war. recht handelte, als ſie mit dieſem ſchwachen Kinde. träglich „Rede nicht aus, Schweſter in Chriſtol“ ſiel Grave nar einn mit ausgeſtreckter Hand ein.„Wo Du einen Mitmen⸗ ſiance's ſchen krank darniederliegen ſiehſt, nicht an dem Koͤrper— ſie verm denn was bedeutet das?— ſondern an der Seele, da iſt Mit zitte es als Nachfolger Jeſu Deine Pflicht, die Rettung zu beiden E verſuchen. Wehe, wehe dem, der das unterläßt; ſeine zugeſchich Derantwortlicean wird groß ſein vor ihm, der da gerecht müthsbet richtet!“ „Der Herr Paſtor glauben alſo, daß dieſe Erſchüt len Wor terung dem jungen Mädchen zum Heile war?“ erkenne i „Ich glaube es nicht nur, ſondern ich ſage, daß die gleich wi Erſchütterung, einzig und allein dieſe Erſchütterung ſie Jc gerettet hat! Welche Kenntniſſe hatte ſie wohl vorher! meine ſic ja, die lahmen und todten, welche nicht wiſſen, wastz Con heißt, aus lebendigen Waſſerbrunnen zu trinken. Sellg irrtes S iſt ſie, dieſes Kind, welches ihr Elend ſah: ſie iſt dol ihr zu wo oben geheiligt worden in dem großen Bade der Heiligungl’ ſchattigen Nach dieſen Worten ſtand Grave auf und erklärt; jedem me wenn ich derum an ger noch ges dahin niſt hier ar,“ fiel ange leben endet war. und Zer⸗ hoffen“— demüthi⸗ eſtreckt hat ner kennen daß Marie Inde.. fiel Grave n Mitmen⸗ Koͤrper— eele, da iſt Rettung zu ßt; ſeine da gerecht ſe Erſchüt⸗ 7 e, daß dieſe ütterung ſie ohl vorher! een, was d ken. Selng ſie iſt dort Heiligung!“ und erklärte 67 daß ſeine Zeit ihm keinen längeren Verzug geſtattete; er nahm alſo mit der Bitte Abſchied, ſeinen Beſuch ſpäter⸗ hin wiederholen zu dürfen und war ſchon fort, ehe Con⸗ ſtance mit ſich ſelbſt einig geworden war, ob ſie ihn zu⸗ rückhalten müßte oder nicht. Sie war betrübt, daß ſie nicht Zeit gehabt hatte, ihn zu fragen, ob es denn auch für die Eltern des verſtorbenen Mädchens wohlthuend wäre, daß ſie beſtändig leiden müßten durch das Anden⸗ ken an die Todespein ihres Kindes. Einen Augenblick zwang Conſtance ihre Gefühle und Gedanken, ſich nur mit Grave und den von ihm ausge⸗ ſprochenen Worten und Sätzen zu beſchäftigen; doch konnte ſie ſich unmöglich eines geheimen Schauders er⸗ wehren, als ſie dieſe Sätze zu prüfen ſuchte, welche ohne Zweifel in hohem Grade ſtreng und wenig verträglich waren, da gleichwohl Chriſtus die Verträglichkeit ſelbſt war. Auch der junge Miſſionar war ja ſanft und ver⸗ träglich gegen Andre... Da aber nun der junge Miſſio⸗ nar einmal genannt worden war, ſo ließ ſich auch in Con⸗ ſtance's Ideengange keine logiſche Klarheit weiter denken; ſie vermochte nicht länger zu prüfen und zu vergleichen. Mit zitternden Händen nahm ſie die Bibel und ſchlug die beiden Sprüche auf, welche Juſtus von Carleborg ihr zugeſchickt hatte und las ſie faſt erſtickt von ſtarken Ge⸗ muͤthsbewegungen. Sie lauteten folgender Maßen: „Wir ſehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunk⸗ len Wort; dann aber von Angeſicht zu Angeſicht. Jetzt erkenne ich es ſtückweiſe, dann aber werde ich es erkennen, gleich wie ich erkannt bin.“ „Ich bin vor Vielen wie ein Wunder; aber Du biſt meine ſtarke Zuverſicht!“ Conſtance's Antlitz war in Thränen gebadet; ein ver⸗ irrtes Seligkeitsgefühl durchbebte ihr Herz. Es wurde ihr zu warm, zu eng in dem Zimmer; ſie floh in die ſchattigen Haine des Nixenthales— dort ſaß ſie, vor jedem menſchlichen Auge und was ſie beinahe gewünſcht hätte, ſogar vor Gottes Auge verborgen, und wiederholte mit beſtändig ſteigendem geheimem Schauder beſonders den letzten Spruch: Ich bin vor Vielen wie ein Wunder; aber Du biſt meine ſtarke Zuverſicht! Als der Mond aufging und ſich in dem ſchmalen Strome ſpiegelte, ſaß Conſtance noch immer in ihre wunderbar einſchläfernde Gedanken verſenkt. Sie glaubte einen ſchönen Marſch zu vernehmen und eine Stimme, welche dazu ſang:„Du biſt meine ſtarke Zuverſicht!“ Aber der da ſang, war wohl kein anderer, als der Nir, denn nun war ſeine Zeit gekommen, ſeine Serenade zu beginnen, und das Bild, welches vor Conſtance's geiſti⸗ gem Auge vorüberſchwebte, war auch wohl das des Nires, der in ſeinem Fahrzeuge von Schilf den Strom herab⸗ ſegelte. Ein Gedanken an ihren Gatten weckte ſie zuletzt; und ſie ging hinein, um an die Ruhe zu denken; doch weder verſuchte ſie es nicht, den Zuſtand zu unterſuchen, in welchem ſie ſich heute Abend befand, noch wollte ſie es verſuchen.. Neuntes Kapitel. Als Frau Hedwig ihren Wohnſitz in Leonard'’s Hauſe aufſchlug, ſo zog ein Geiſt von reinerem Frieden vort ein. Conſtance betete ihre Schwiegermutter beinahe an, denn ſie war Juſtus Mutter; und um ihretwillen, um ihren Beifall zu gewinnen, wurde ſie gegen Leonard im⸗ mer wärmer und herzlicher. In dem ſchönen, wenn auch entlegenen Hauſe, verlebten ſie Tage mit einander, welche auch für Conſtance's Herz angenehm waren. Fro rung vo⸗ Conſtang nung ha der Trau davon n halben T Hedwig Schw ieg überlegen das war Conſtance war, ſic ihr freier Hedwig d Veranlaſſt Leiden des er leidet!“ Nach genheit ge prüfen, un wegung ge auf Süa welchem 3 ter, deren jederholte beſonders Wunder; ſchmalen in ihre e glaubte Stimme, verſicht!“ der Nir, enade zu 's geiſti⸗ hes Nixes, m herab⸗ ie zuletzt; en; doch terſuchen, wollte ſie Leonard's n Frieden einahe an, llen, um onard im⸗ venn auch er, welche 69 Frau Hedwig hatte bei der oben erwähnten Erklä⸗ rung von Juſtus nicht das Geringſte erfahren können, ob Conſtance von ſeiner unglückſeligen Leidenſchaft eine Ah⸗ nung hatte; doch ſchien es ihr nach dem Auftritte bei der Trauung faſt unglaublich zu ſein, daß Conſtance nichts davon wiſſen ſollte, und wenn Conſtance ihr auf dem halben Wege entgegen gekommen wäre, ſo würde Frau Hedwig keinesweges abgeneigt geweſen ſein, mit ihrer Schw iegertochter über dieſen peinigenden Gegenſtand zu überlegen; denn daß Conſtance ſeine Leidenſchaft theilte, das war ein Geheimniß, das ſie gar nicht ahnte, da Conſtance ohne alle Schwierigkeit darauf eingegangen war, ſich mit Leonard zu vereinigen, und da nichts als ihr freier Wille ſie zu dieſer Wahl hatte führen koͤnnen. Zufolge des mahnenden Bedürfniſſes ihres Herzens und in der Ueberzeugung, daß ſie niemanden damit ſcha⸗ dete, begann Frau Hedwig oft, wenn ſie und Conſtance bei ihrer Arbeit allein ſaßen, von dem entfernten geliebten Sohne und von ſeiner beabſichtigten großen Auswande⸗ rung zu reden; doch ſo gerne auch Conſtance auf dieſe Geſpraͤche zu lauſchen und daran Theil zu nehmen ſchien, ſo entſiel ihr dennoch kein einziges Wort, woraus Frau Hedwig den Schlußſatz ziehen konnte, daß Conſtance die Veranlaſſung zu dem Seelenkampfe und den ſchrecklichen Leiden des jungen Miſſionars kannte. „Da ſie es nicht weiß,“ ſagte Frau Hedwig zu ſich ſelbſt,„ſo ſoll ſie auch durch mich nie meinen bitterſten Kummer erfahren— es iſt genug, daß ich leide, und daß er leidet!“ Nach einigen Wochen aber, als Frau Hedwig Gele⸗ genheit gehabt hatte, Conſtance's Betragen näher zu prüfen, und mit beſonderer Verwunderung die ſtarke Be⸗ wegung geſehen hatte, welche über ſie kam, wenn ſie ſich auf Frau Hedwig's Bitten an das Inſtrument ſetzte, auf welchem Juſtus geſpielt hatte, ſo begann die arme Mut⸗ ter, deren Blick durch Leiden geſchärft worden war, mit 70 Schrecken zu ahnen, daß etwas noch weit Schrecklicheres Statt finden koͤnnte, als daß Conſtance nur um die un⸗ terdrückte Flamme des Juſtus wußte. Aufmerkſam auf alles— und das war ſehr viel, da der Verdacht einmal geweckt war, ſah Frau Hedwig zuletzt ganz klar, daß Conſtance mit der Binde vor den Augen am Rande eines Abgrundes wandelte. Sie ahnte nicht, daß Juſtus ſie liebte, weil ſie in ihrer Heiligkeit und mit ihrer hohen Idee von ſeiner Heiligkeit es nicht zu ahnen wagte; aber auf der Tiefe ihres Herzens lag eine heftig flam⸗ mende Leidenſchaft und träumte noch als bloße Knospe, umbettet und geſchützt von der Religion, der Pflicht und der Ehre. Dieß waren zwar ſehr ſtarke Wehre; doch ſchon früher hatte wohl die Leidenſchaft in ihrer verhee⸗ renden Fahrt alle Wehre durchbrochen. Und Keinen, Keinen hatte Frau Hedwig, mit wel⸗ chem ſie zu Rathe gehen konnte, als nur Gott und ihr eigenes Herz. Wie tief drang wohl nicht das Schwert in ihre Seele, wenn ſie zuhoͤrte, wie Leonard mit ſeiner frohen Zuverſicht von einer glücklichen Zukunft erzählte, da Con⸗ ſtance gewiß einſehen würde, daß ſie nicht ſo ganz dumm gehandelt hätte, da ſie ihren lieben Leonard vorzog; „denn bis jetzt, liebe Mutter,“ pflegte er oft ſcherzend hinzuzuſetzen,„merkſt Du wohl, daß ſie nicht ſo raſend verliebt in mich iſt; betrachte nur ihre kleine ernſte Miene, wenn ich komme und mir biswellen einen Kuß ſtehlen will— und dennoch weiß ich, daß ſie keinen einzigen Mann auf Erden lieber küſſen wollte, als mich; denn Gott ſei gelobt, ſie hat mich dennoch lieber als alle Anderen!“ „Ja wohl, mein Sohn!“ antwortete Frau Hedwig einmal, als bei einem ſolchen muntern Geſchwätz Con⸗ ſüawe erblaßte,„Du biſt ja ihr Gatte,— darin liegt alles!“ „Recht ſo, geliebte Mutter! und wenn nur mein kleines Herzblatt einmal überzeugt wird, daß das as Leſen un ſo... obgleich eine Fro S Geſpräck thigte ſie eine ſole „Je nen!“ fi ein, daß klicheres die un⸗ ſam auf t einmal ar, daß de eines uſtus ſie er hohen wagte; ig flam⸗ Knospe, licht und re; doch cverhee⸗ mit wel⸗ und ihr in ihre er frohen da Con⸗ nz dumm vorzog; ſcherzend ſo raſend ſte Miene, uß ſtehlen einzigen denn Gott Anderen!“ u Hedwig wätz Con⸗ arin liegt nur mein das ewige 71 Leſen und Beten ſie nicht beſſer macht, als ſie ſchon iſt, ... „Nicht ſo, Leonard!“ fiel Conſtance ein.„Mutter ſagte eben: in dem Begriffe Gatte liegt alles— ich, obgleich ich meine Pflichten ſo hoch ſchätze, wie irgend eine Frau, ich muß dennoch ſagen: in Gott liegt alles!“ „Sieh, da haben wir die geſegnete Göttlichkeit wie⸗ der, und das haben wir dem Juſtus zu danken! Meinſt Du nicht, Mutter, daß er herkommen und Conſtance cu⸗ riren muß? Er, der Tauſendkünſtler, kann gewiß das Eine eben ſo gut wie das Andere!“ Bei dieſen Worten heftete Frau Hedwig ihre Augen auf Conſtance, merkte jedoch weiter nichts, als daß ein Zittern ſie durchflog. Sie ſchien die Theilnahme an dem Geſpräche vermeiden zu wollen; doch Frau Hedwig nö⸗ thigte ſie dazu durch die Frage, ob auch ſie ihrem Juſtus eine ſolche Macht zutraute. Zweimal theilte eine dunkelrothe Wolke die Bläſſe, welche ſich ſchon auf Conſtance's Wangen gelagert hatte, und zweimal verſuchte ſie zu antworten, ehe es ihr ge⸗ lang; dennoch war die Stimme ſehr unſicher: „Er würde mich nicht heilen, denn er hat mir nichts Böſes zugefügt!“ Frau Hedwig ſchwieg, Leonard aber ſagte verſöhnend: „Nun, nunz es iſt wohl das Beſte, wenn ich dieſe Saite gar nicht anrühre! Juſtus iſt auf jeden Fall ein wahrer Erzengel, ja, wenn ich nur wirklich einen ſolchen Ausdruck anwenden ſoll, ein wirklicher Apoſtel Jeſu, in Vergleich mit unſern Edelſteinen. Einen ſolchen Kerl habe ich in meinem Leben weder geſehen noch gehoͤrt, und mit einer ſolchen Predigt, als womit er uns am Sonntage regalirte, hat wohl noch keine Gemeinde ſich begnügen müſſen— er iſt kein Haarbreit beſſer als Beelzebub ſelbſt!“ „Ich bitte Dich, mein Sohn, ihn gar nicht zu nen⸗ nen!“ fiel Frau Hedwig mit einer ſo betrübten Stimme ein, daß man wohl einſehen konnte, ihr vorher gefaßter Abſcheu gegen die fragliche Perſon hätte nicht abgenom⸗ men—„ſprich gar nicht von ihm: ſein bloßer Name„W erweckt mir Schauder, und ich moͤchte meinen Juſtus wäre zu lieber in den afrikaniſchen Sandwüſten wiſſen, als in der entſinneſt Nähe dieſes Ungeheuers!“ unſer He „Iſt es aber nicht unerklärlich, daß eine im Grunde Du, die ſo edle Natur wie Juſtus, ſich von einem ſolchen verhär⸗ zu überr teten Böſewicht, wie Grave, feſſeln und bezaubern laſſen die traut konnte? Ich betheure, daß ich mich oft halbverrückt dar⸗„Je über gegrübelt habe, ohne es begreifen zu können.“ zu ſchrei „Dieſe fortdauernde Blindheit iſt eine pſychologiſche Allergeri Merkwürdigkeit, die wir nicht zu erklären vermögen; doch die Gere habe ich viele Beiſpiele gehört, daß ein ganz edler, guter blicke vi und hochherziger Menſch mit dem wärmſten Gefühle, mit kann übe dem gränzenloſeſten Vertrauen an einem wirklichen Schur⸗ doch im ken gehangen hat und was noch ſchlimmer iſt, dieſes Ver⸗„Ja trauen noch feſtgehalten hat, als er von ſeinem Irrthume Dir: kon ſchon längſt hätte überzeugt ſein ſollen.“ ſtance, „Das iſt ja aber ganz raſend... doch ſieh, da haben lyn wied wir die Brieftaſche von dem Commiſſarius; nun werden in der fi wir doch wenigſtens zu unſeyer Abkühlung Zeitungen be⸗ 4 kommen— wenn man von Grave geredet hat, ſo bedarf man meiner Treu der Abkühlung.... Aber wir haben ja auch Briefel... Aha, da iſt der über die Planken; den erwartete ich von Uddewalla: das gibt eine hübſche Einnahmel... Und hier einer von Oernwik an Dich, Feinsliebchen!“ Conſtance hatte ihren Brief erbrochen; er war von der Conſulin und enthielt in jeder Hinſicht ſo traurige Nachrichten, daß alle Gedanke ſich augenblicklich auf Oernwik richteten. Der Brief war von Mamſell Char⸗ lotte abgeſchloſſen und folgenden Inhaltes: genom⸗ Name Juſtus in der Grunde verhär⸗ n laſſen ckt dar⸗ 7 rrthume da haben werden ngen be⸗ o bedarf ir haben Planken; hübſche un Dich, war von traurige klich auf ll Char⸗ 73 „Meine liebe, gute Conſtance! „Wenn Du Dich noch— was eine Grauſamkeit wäre zu bezweifeln— der freundſchaftlichen Zärtlichkeit entſinneſt, welche Deine Tante Dir zeigte, da Du zuerſt unſer Haus betratſt, ſo ſchlägſt Du es gewiß nicht ab, Du, die Du unſre frohen Tage getheilt haſt, Deinen Mann zu überreden, daß er Dir ſeinen Beifall ſchenkt, nun auch die traurigen zu theilen. „Ich weiß nicht, woher ich die Kraft nehme, Dir zu ſchreiben, da kein Menſch im ganzen Hauſe zu dem Allergeringſten mehr Kraft hat; aber ich bin mir ſelbſt die Gerechtigkeit ſchuldig, zu erkennen, daß große Augen⸗ blicke vielleicht am beſten für große Seelen paſſen: ich kann über eine Kleinigkeit, einen kleineren Schmerz klagen, doch im Unglücke— da handle ich. „Ja, meine beſte Conſtance, ich handle, ich ſage zu Dir; komm, mein Kind, komm, meine kleine liebe Con⸗ ſtance, und ſuche die erſtarrten Seelenkräfte meiner Eve⸗ lyn wieder zu beleben, welche, ich muß es leider befürchten, in der fürchterlichen Kataſtrophe unterliegen. „Es war geſtern, geſtern— o, meine Conſtance, welch' ein Unglück! Gott weiß, ob ich im Stande ſein werde, es zu erzählen; Mar, unſer geliebter, vortrefflicher Max, war in den Wald gegangen, um bei dem Abhauen einiger Bäume zugegen zu ſein.. ich kann nicht weitläufig ſein, und wozu ſollte es auch dienen!... In dem Augenblicke, da die Art den letzten Schlag gegen einen großen Baum that, ſiel dieſer ſo plötzlich, daß Mar nicht auf die Seite ſpringen konnte: die Laſt des Baumes ſtürzte ihn zu Bo⸗ den und fügte ſeiner Bruſt und ſeinen Rippen einen ſo ſchrecklichen Schaden zu, daß... ja, liebe Conſtance, daß uns nur wenig Hoffnung übrig bleibt. Er hat, Gott ſei gelobt! volles Bewußtſein; doch Evelyn— guter Gott, das iſt ja eine allzu ſonderbare Art ſeine Betrüb⸗ niß auszudrücken— iſt in eine Art von Betäubung ge⸗ ſunken: ſie bewegt ſich nicht, ſie ſpricht kein Wort und weint auch nicht; der Doctor hat mir aber geſagt, daß er es noch nicht für gefährlich hält.... Aber, mein Gott, was iſt das für ein Gelaufe aus und ein? Ich ... ich... ich ſelbſt.... ich. ℳ Ein großer Klecks in dem Briefe zeigte an, daß der Conſulin in dem natürlichſten Schrecken die Feder aus der Hand geſunken war. Der Reſt des Briefes war von der Hand der Mamſell Charlotte: „Beſte Frau Carleborg! Ihro Gnaden iſt wegen ihrer gewoͤhnlichen Heftigkeit von dem Doctor und uns allen hinſichtlich des Zuſtandes der jungen Freiherrin hinter das Licht geführt worden; ob der Baron ſich er⸗ holen wird, läßt ſich wenigſtens noch hoffen, dagegen iſt ſehr wenig Hoffnung übrig in Betreff der Freiherrin, ob⸗ gleich das mehr denn betrübte Ereigniß, welches die frohe Hoffnung vernichtet hat, welche die arme Freiherrin nun mehre Monate lang belebt hat, von dem Doctor voraus⸗ geſehen war. Wenn ſie das Leben behält, ſo wird ſie ſich gewiß nie tröſten können. „Aber um Gottes willen, kommen Sie, meine beſte Frau Carleborg! Wie es auch bei Ihrer Ankunft auf Oernwik ausſehen mag, ſo iſt dieſe Ankunft immer noth⸗ wendig.... Kommen, ach, kommen Sie! Der Conſul, welcher tauſendmal grüßen läßt, ſagt, daß der Wagen Sie in**κ* treffen ſoll. Ihre ergebenſte Dienerin Charlotte Aſp.“ „N. S. Die Conſulin iſt ganz von ihren Sinnen. Gebe Gott, daß auch ſie nicht mit darauf geht! „Ach, in der Verwirrung kam geſtern der Brief nicht mit hinweg! Der Doctor gibt wieder Hoffnung hinſicht⸗ lich der Freiherrin; doch der Schrecken über ihren Zu⸗ ſtand hat dagegen ſo gefährlich auf den Baron gewirkt, daß ſie vielleicht Wittwe iſt, ehe ſie das Krankenlager verläßt, wenn ſie es jemals verlaſſen kann.“ zort und gt, daß r, mein n? Ich daß der feder aus war von ſt wegen und uns Freiherrin n ſich er⸗ agegen iſt errin, ob⸗ die frohe errin nun r voraus⸗ » wird ſie geine beſte nkunft auf mer noth⸗ er Conſul, er Wagen Dienerin en Sinnen. t! Brief nicht ng hinſicht⸗ ihren Zu⸗ on gewirkt, trankenlager 7⁵ Die Ueberlegung zwiſchen den beiden Gatten war kurz. Leonard hatte nicht das Herz, ſeine Zuſtimmung zu verweigern, und am Morgen nach der Ankunft des Briefes war Conſtanee auf dem Wege nach Oernwik. Ihr Mann begleitete ſie nach**, wo ſie den Wagen des Conſuls antraf. „Wer weiß, was dieſe Umwälzung zu bedeuten haben kann!“ ſagte Leonard, als er eine Stunde nach ſeiner Rückkehr mit der Mutter Arm in Arm an dem Ufer des Bullar⸗Sees wanderte—„vielleicht könnte Juſtus noch einmal...“ „Ach, mein Kind,“ unterbrach ihn Frau Hedwig mit einem unterdrückten Seufzer,„wie kannſt Du nur ſo denken und reden!“ Zehntes Buch. Ein Blick auf den Miſſionar. O ich blinder Thor! ich täuſchte mich! Schwarz bedeckt der Kummerameine Seele. ellin. ſchwerer gegen de welche S die man Ein aufgelöſt gebüſche Sturme ⸗ 1 Zehntes Kapitel. Um die Zeit, da die Blumen, dieſe herrlichen Kinder des Frühlings, hervorzublicken und mit ihrer ſchillernden Farbenpracht die Wieſen zu zieren beginnen— um die Zeit, da wir mit neuen Lebensgeiſtern den milden Hauch eines entzückenden Maiabends einathmen, da ſteht der Wandrer, welcher die nördlichen Gegenden beſucht, in der Mitte des ſtrengen, kalten Winters, und kann eine Blume und einen milden Hauch nur mit den Gedanken erreichen*). Der Blüthenmonat war vergangen, aber auf den Felſenſpitzen von Lappland ruhten die Wolken dicker und ſchwerer, um gleichſam ihre Maſſen zum Widerſtand gegen den heranziehenden Johannistag zu ſammeln, um welche Zeit dort die große Naturumwälzung Statt findet, die man Frühling nennt. Ein Nebel von bleichen, in unendlich feine Kryſtalle aufgelöſten Schneekörnern hatte ſich um die magern Wald⸗ gebüſche gelagert, aus denen ſich hie und da ein von dem Sturme abgeſchälter Gipfel aus den Schneemaſſen erhob, *) Obgleich Stockholm ſchon eine ſehr nördliche Lage hat, wo die Eichen z. B. erſt vollkommen grün wer⸗ den in der erſten Woche des Juni, ja wo der Schnee und das Eis oft nicht vor dem Mai verſchwinden, ſo iſt dennoch Lappland ganz bedeutend kälter, und man ſchaudert zuſammen, wenn man ſich vorſtellt, daß man dort zu wohnen gezwungen ſein ſollte. Eben dieſes Gefüßl kommt ſogar über einen Bewohner von Umeo und Piteo, obgleich derſelbe ſich eben keines milden Klimag's rühmen kann. Anm, des Ueberſ. 80 in welche ſie eingebettet waren; und ſobald die trübe Sonne, gleichſam von der anhaltenden Winterkälte vertrieben, von dem Himmel hinweggeeilt war, ſo ſpielte wiederum das unheimliche Nordlicht in kalten Strahlen über den öden Gegenden*). An einem Abende gegen das Ende des Mai ſah man gleich nach dem Untergange der Sonne einen einſamen Mann über Tſchidtjak, eine der wildeſten Gebirgsgegenden von Lappland, vorwärts ſtreben. Selten dringt ein Menſch, ja kaum der ärmſte No⸗ made, bis an die jähſten Felſen von Tſchidtjak, zwiſchen denen die Waſſerfälle von den ſchneeumhüllten Gipfeln, ſchäumend und hohnvoll alle Vegetation plündernd an den Klippen ſich herabſtürzen, um ſich dann in einem kleinen Gebirgsſee zu ſammeln. Auf dem unzugänglichen Gebirge wächſt kaum die dürftige Erndte dieſer Einöden, das Renn⸗ thiermoos, ſo daß diejenigen von den Gebirgslappen, welche ein Recht zu beſſerem Weidelande beſitzen, ihre Heerden nicht in dieſe Wohnungen des Hungers treiben. Und dennoch erblickte man jetzt auf Tſchidtjak ein menſchliches Weſen, ein Weſen, das freiwillig einem Ziele entgegenging, das keinen Andern locken konnte, um ſich vort eine Nachtherberge zu ſuchen. Wir brauchen kaum zu ſagen, daß es Juſtus von Carleborg war. Unſer junger Miſſionar, welcher nun zwei Monate in den Lappmarken zugebracht hatte, wanderte von der einen neuen Anſiedelung zu der andern, hielt ſich jedoch am *) Man ſieht, daß die Verf. ſich keine klare Vorſtellung von der Jahreszeit gemacht hat, welche ſie hier ſchil⸗ dert: am Ende des Mai wird es in Lappland gat nicht mehr dunkel, ſondern die Dämmerung iſt in den ſüdlichſten Gegenden um Mitternacht noch ſo hell, daß man die feinſte Schrift leſen kann, und in den nörd⸗ lichſten verſchwindet die Sonne kaum vom Horizonte . Anm,. des Ueberſ⸗ liebſte nahm in der aufge zu ſei vertra den I viellei da ſah doppelt um der Eine e Sonne, eben, von erum das den öden ſah man einſamen gsgegenden rmſte No⸗ , zwiſchen n Gipfeln, ind an den hem kleinen hen Gebirge das Renn⸗ idtjak ein ſeinem Ziele e, um ſich chen kaum Monate in hn der einen jedoch am Vorſtellung ſie hier ſchil⸗ appland gat lig iſt in der ſo hell, daß jin den noͤrd⸗ in Horizonte leberſ⸗ 81 liebſten bei den Lappſchulen auf, wo er es bisweilen über⸗ nahm, der Lehrer der Lehrer zu ſein; und jetzt hatte er in dem Dorfe, das dicht an Tſchidtjak lag, ſeinen Wohnſitz aufgeſchlagen. Ehe wir aber die äußeren Veranlaſſungen zu ſeiner gegenwärtigen Reiſe erzählen, müſſen wir uns vertraut machen mit den innern; denn wir zeichnen nicht den Miſſionar in der Ausübung ſeines Berufes— was vielleicht ebenfalls kein undankbarer Gegenſtand ſein würde, wenn unſer Vermögen und der Plan dieſer Erzählung ſo weite Ausflüchte geſtatteten— ſondern wir zeichnen die Wirkungen dieſer Ausübung, den Gang des innern Lebens unſers Miſſionars, weil wir es beſonders mit dieſem zu thun haben. Als wir zuletzt den Juſtus von Carleborg verließen, da ſahen wir ihn als das bedauernswürdige Opfer einer doppelten Leidenſchaft; Liebe und Fanatismus kämpften um den Beſitz ſeiner Seele. Wäre er nicht dem reinigenden „Fegefeuer in der Wüſte“ entgangen, ſo hätte er ganz gewiß ſelbſt die letzten Strahlen ſeiner Vernunft opfern müſſen. Doch die Hoͤhe ſeiner phyſiſchen und geiſtigen Schwäche gab ihn ſich ſelbſt wieder. Wie er im Stande geweſen war, die Trauung zu vollenden, welche einem Andern, ſeinem Bruder, die von ihm ſo heiß geliebte Conſtance für ewig ertheilte, das wußte er ſelbſt nicht; er glaubte nur, wenn nicht Gott um ſeiner reinen Abſicht willen ſeine ſinkende Kraft auf⸗ recht gehalten hätte, ſo würde er gewiß nicht das Ende erreicht haben, ſondern zu dem größten Entſetzen für ſich ſelbſt, für das Brautpaar und für die verſammelten Hoch⸗ zeitgäſte genöthigt geweſen ſein, die heilige Handlung zu unterbrechen. Doch er hatte ſiegreich vollendet, er hatte das Opfer ganz gebracht, und er vermochte es nachher, da er aus ſeiner Ohnmacht erwachte, noch vollſtändiger zu bringen, indem er, das Bedürfniß der Einſamkeit und Stille Eine Nacht am Bullarſee. II. 6 8² vorſchützend, Leonards Bitte abſchlug, einige Stunden mit ihm und ſeiner jungen Gattin zu theilen.„Nimmermehr,“ ſagte er bei ſich ſelbſt,„werde ich vergeblich von Dir, mein Meiſter, mein Herr, dieſe Gnade genoſſen haben, dieſe Gnade, welche ich ſo wenig verdiente, da ich es wagte, der Natur ſelbſt zu trotzen und in kühnem Ver⸗ trauen auf meine Stärke das Uebermenſchliche unternahm! Doch du ſahſt, daß ich nur darum, um Dir einen großen Beweis meines Willens zu geben, die ſündige Schwäche zu beſiegen, die Kräfte abzuwägen vergaß. O, gelobt, gelobt, ewig gelobt ſeieſt Du, der ſie ausreichen ließ! Jetzt fliehe ich mit Frieden, denn Du biſt mein ſtarker Hort, mein Leben, mein Licht!“ Und ein Hauch des Friedens beſuchte ſeine kranke Seele; dennoch zitterte aber dieſe Seele und wurde er⸗ ſchüttert gleich dem Laube der Espe, als er in der Ab⸗ ſchiedsſtunde genöthigt war, wenn auch nur auf einige Mi⸗ nuten, Conſtance zu ſehen, dieſe Conſtance, welche kein Irrbild ſeiner Phantaſie war, ſondern die wahre und rechte, welche trotz aller überſtandenen Qualen noch immer die alte Macht über ihn ausübte. O, Judiths ſchwarze Au⸗ gen waren ein Nichts in Vergleich mit den ihrigen— nein, ſie war allein... überall... im Herzen, in der Seele, im Gewiſſen, und was er mit dieſem Opfer ge⸗ wonnen hatte, das war nur die Gewißheit, daß er es vergeblich gebracht hatte. Kein Wort, kein Blick hatte inzwiſchen ſeinen innern Aufruhr verrathen; nicht einmal die Erinnerung an den Gruß Pauli war über ſeine Lippen gekommen, denn ſogar dazu war die Gattin ſeines Bruders zu heilig; und erſt, als große Landſtriche zwiſchen ihm und ihr lagen, konnte er wieder tief Athem holen, als wollte er die ganze Laſt der Bürde abwälzen, welche auf ſeinem Herzen ruhte. Doch die Bürde blieb da, und verzehrt von der Sehn⸗ ſucht, neue Mittel zu prüfen, gönnte er ſich keine Ruhe, ehe er hinaus kam auf die Reiſe nach Lappland; dort war ja Se kühlen, dort w zenden ihm in Lappm kein H doch nn hinreich Die Abenteue von allzn die ſeinig ſcenen fe doch die endigte d unbaͤndig zu verzeh „Elender kündigen, germehr,“ von Dir, n haben, da ich es nem Ver⸗ aternahm! en großen zwäche zu öt, gelobt, t fliehe ich gein Leben, ine kranke wurde er⸗ in der Ab⸗ einige Mi⸗ welche kein und rechte, immer die warze Au⸗ ihrigen— 4 der Opfer ge⸗ daß er es inen innern ng an den denn ſogar 3 und erſt, gen, konnte ganze Laſt n ruhte. in der Sehn⸗ keine Ruhe, b; dort war 83 ja Schnee und Eis genug, um den ſiedenden Veſuv abzu⸗ kühlen, den er in ſeinem Innern ſtets mit ſich umhertrug; dort waren ja die Menſchen häßlich genug, um die glän⸗ zenden Bilder der Schöͤnheit vertreiben zu können, welche ihm immer vor Augen ſchwebten. In den Wildniſſen der Lappmarken mußte ihm beſſer werden, denn dort war wohl kein Heidenthum, weil die Menſchen getauft waren, aber doch nur ſo wenig Chriſtenthum, daß einem Miſſionar ein hinreichender Wirkungskreis nie fehlen konnte. Vergebens weinte Frau Hedwig, da ſie ihn ſo ſchwach an Körper, ſo erſchlafft und verwirrt an der Seele ſah, und bat ihn noch, zu verziehen. Er konnte, er wollte nicht länger zaudern; und da endlich entriß ſie ſeiner Bruſt das qualvolle Geheimniß, da durfte ſie hinunterblicken, wenn auch nicht in die Tiefe des grundloſen Abgrundes ſeiner Leidenſchaft— dieſe bedeckte er aus Mitleiden mit ſich ſelbſt und mit ihr— aber doch auf die Oberfläche dieſes Abgrundes; und was ſie dort ſah und hörte, war hin⸗ reichend, ſie zu der Ueberzeugung zu bringen, welche wir bei ihr ſchon befeſtigt geſehen haben, je eher er hinaus⸗ käme zu dem großen Werke, deſto beſſer wäre es; denn nicht eher würden dieſe verwirrten Fäden, dieſer bizarre Wirrwarr von Liebe, Gottesfurcht, Sünde und Wahnſinn ſich entwirren laſſen, wenn dieß je moͤglich wäre. Er reiſte. Die wenigen Zerſtreuungen und noch unbedeutenderen Abenteuer, welche ihm auf der Reiſe begegneten, waren von allzu untergeordneter Art, als daß ſie eine Seele wie die ſeinige zerſtreuen konnten. Nur die herrlichen Natur⸗ ſcenen feſſelten ihn, denn ſie gaben der Reflerion Nahrung; doch die Reflexion, wo ſie auch immer anfangen mochte, endigte doch immer bei einem und demſelben Ziele. Das unbändige Herz wollte Freiheit haben, ſich in Ruhe ſelbſt zu verzehren, während die fanatiſche Schwärmerei rief: „Elender Kämpfer! Die Worte, welche Deine Lippen ver⸗ kündigen, werden keinen Segen bringen, bis nicht der dichte Nebel Deiner Irrthümer Dir von den Augen ge⸗ fallen iſt!“ Inzwiſchen wurden die großen Beſchwerden, welche nach und nach entſtanden, eine Art von Lockung, die eine Zeitlang ſeine Sinne reizten. Dieſe Beſchwerden wirkten auch wohlthätig auf ſeinen Körper, der ſich auf den Streif⸗ zügen in der eiſigen Gebirgsluft beſſer befand, als in dem Schwitzbade, das ihm Grave bereitet hatte. Doch alle Kraft, welche auf ſinnlichen Reizmitteln beruht, iſt der Veränderung unterworfen; das erfuhr auch Juſtus, wenn er nach einer Reiſe über Land und See ermattet und müde einſah, daß der Nutzen keinesweges der Mühe entſprochen hatte. Eine Predigt vor den Lappen— dieſem ekelhaft häß⸗ lichen Volke, welches weit entfernt die entzückend ſchoͤnen Weſen zu vertreiben, die immerwährend ſeine Phantaſie beſchäftigten, ſtatt deſſen ſeinen Schönheitsſinn ſo tief ver⸗ letzte, daß er gezwungen war, ſelbſt die Bilder hervorzu⸗ rufen, welche er hatte verjagen wollen— eine Predigt vor dieſem Volke, was bewirkte ſie wohl?... Nach allen Anzeichen gar nichts; nicht ſo viel wie das geringſte Zei⸗ chen einer Belebung oder Erweckung war zu ſpüren, ge⸗ ſchweige denn Enthuſiasmus. Und dann dieſe ermüdende Seite der Miſſion! Hier war nicht die Rede davon, einen neuen Schöpfungstag aufgehen zu laſſen, an welchem man Sonne, Mond und Sterne, mit einem Worte: Licht und Schatten nach den Begeiſterungen einer fliegenden Phan⸗ taſie anordnen konnte— hier war nur die Rede davon, die ganz einfachen Anfänge der chriſtlichen Religion zu leh⸗ ren, ſo wie ſie in dem Katechismus zu leſen ſtehen. Das große Wunder von Chriſti Ankunft in die Welt zur Er⸗ löſung der Sünder hatten ſie ſchon früher gehört, das ſchlug ſie nicht mehr mit Erſtaunen, mit geheimnißvollem Schrecken, mit geheimnißvollem Entzücken, er mochte es erzählen mit welchem Tone, mit welchen Worten, mit welchen Geberden er immer wollte. chen empfi Abwe ſich a hatte wichti währe neuen zu he Miſſio denn e ſeine 2 füllen, erklärt Sünde die der von ett darum gen ge⸗ , welche die eine wirkten ſen Streif⸗ o tief ver⸗ r hervorzu⸗ ne Predigt Nach allen ringſte Zei⸗ püren, ge⸗ ermüdende avon, einen elchem man : Licht und nden Phan⸗ Rede davon, gion zu leh⸗ tehen. Das gelt zur Er⸗ gehört, das eimnißvollem er mochte es vorten, mit 8⁵ „Hier iſt nicht mein Ziel!“ dachte er nach einer ſol⸗ chen Predigt bei ſich ſelbſt, und ohne eigentliche Reue zu empfinden, ſeufzte er doch über den ſo wenig ſegensreichen Abweg in die Lappmarken. Mehr als einmal fragte er ſich auch, ob dieſer Verſuch, mit welchem er ſeine Kräfte hatte prüfen wollen, wohl wirklich ihm ſelbſt oder der wichtigſten Angelegenheit ſeines Lebens einigen Nutzen ge⸗ währen koͤnnte. Die Antwort war ein neues Suchen nach⸗ neuen Reizmitteln— und nun glaubte er eins gefunden zu haben, welches eine Lichtpartie in ſeiner Lappiſchen Miſſion werden ſollte, ja ohne Zweifel werden mußte; denn es war nicht ein Reizmittel, das nur dazu diente, ſeine Nerven zu ſpannen, und ſeine ganze Seele zu er⸗ füllen, ſondern es war ein Werk, Seiner würdig, der da erklärt hatte:„Es wird Freude im Himmel ſein über Einen Sünder, der Buße thut, vor neun und neunzig Gerechten, die der Buße nicht bedürfen“... kurz, es war die Rede von etwas, das kein Anderer thun wollte, und das eben darum ſich mit ſeiner Zauberkraft vor das lüſterne Ge⸗ müth des Fanatikers ſtellte. In dem Dorfe, zu welchem Juſtus neulich gekommen war, und woſelbſt er ſein Hauptquartier genommen hatte, hörte er, daß die öden Felſen von Tſchidtjak, ſo arm und elend ſte auch waren, dennoch einem von der bürgerlichen Geſellſchaft ausgeſtoßenen Weſen, einem wegen gräßlicher Verbrechen beſtraften Manne, einem unter ſeinen Lands⸗ leuten beinahe für vogelfrei erklärten Manne, der Abſcheu der ſchwediſchen Bevölkerung und ein Ziel ihrer Verfol⸗ gungen, wenn man nur hätte an ihn kommen können— eine Wohnung und eine Heimath gewährte. So groß war aber der Haß dennoch nicht, daß Jemand unter den Schreck⸗ niſſen der Felsgebirge ſein Leben wagen wollte, um ihn zu erreichen. Vielleicht wurde auch mancher Anſiedler, welcher ſich ſonſt mit dem Intereſſe eines Jägers auf der Jagd nach wilden Thieren in das Abenteuer, ihn zulfangen, geſtürzt haben würde, von der Sage zurückgehalten, daß 86 ſeine Frau und zwei Kinder ihn treu auf ſeiner Irrfahrt begleiteten— genug, man überließ den Verbrecher der Strafe, welche er täglich litt, der bittern Noth und der Gewißheit, daß ſeine Hoffnung auf die Wiederanknüpfung des geſellſchaftlichen Bandes für immer zerriſſen war. Aber Juſtus, angefeuert von ſeinem warmen Herzen, ſeinem hohen Glauben, ſeinem perſönlichen Muthe— und warum nicht auch von ſeinem ritterlichen, abenteuerlichen Geiſte, der unglücklichſten von allen Gaben, die ein Miſ⸗ ſionar mitnehmen kann— beſchloß, ganz allein bis zu dem Manne auf Tſchidtjak hin durchzudringen. Dieſe arme Familie bedurfte des Troſtes und des Unterrichtes der Re⸗ ligion; dieſem unglücklichen Verbrecher, dieſem bedauerns⸗ würdigen Weibe mußte er erſcheinen wie der Stern des Himmels, welcher vor den drei weiſen Männern herging — ja, er mußte ihr Licht, ihre feſte Burg werden; durch ihn ſollte der Mann den verlornen Weg und die Frau den Glauben wiederfinden, welcher, wenn ſie jemals einen ſolchen beſeſſen hatte, gewiß ſchon längſt durch ihre Leiden erſchüttert, wo. nicht ganz vernichtet worden war... er, er wollte ſie hinwegreißen von dem Abgrunde und ſie als bekehrte Chriſten, als reuige Sünder, als gläubige Kinder der bürgerlichen Geſellſchaft zurückgeben, welche ihnen auf ſeine Bitten, ſeine Rathſchläge, ſeine Bürgſchaft auf's Neue eine Freiſtätte öffnen ſollte. Sieh, das war ein Ziel, würdig eines Miſſionar, würdig eines Strebens wie das ſeinige! Und gelang es.. dann— o ſchoͤner, herrlicher, heiliger Gedanke!— damn war es, als hätte der Herr ſeinen Finger ausgeſtreckt und geſagt:„Dein Kampf iſt beendigt! mit dieſer Handlung haſt Du Dich frei gekauft aus den Feſſeln, in welche Deine Verirrungen Dich geſtürzt haben. Jetzt ſoll der Fürſt der Finſterniß mit ſeinem ganzen Anhange aus Dei⸗ ner Seele ziehen und ſie entblöſt laſſen von allem gefähr⸗ lichen, unreinen Lichte, das dieſelbe umfloß, um ſie nur in meinem Lichte leben zu laſſen!“ Freut ſtona dem der L imme Rauc mußt⸗ denn einen thun ſuchte 9 der m er ſie die ga derer alſo g lange in der dem 3 doch Miſſio vor de berech gewor terſche ſollte, ges vo ohne penwo M ten A Irrfahrt teuerlichen ein Miſ⸗ bis zu dem bedauerns⸗ Stern des rn herging den; durch Frau den tmals einen ihre Leiden aar... er, und ſie als bige Kinder e ihnen auf ſchaft auf's Miſſionar, gelang es.... e!— dann geſtreckt und r Handlung in welche tzt ſoll der ge aus Dei⸗ llem gefähr⸗ um ſie nur 87 Mit der Bibel in dem Felleiſen und das Herz von Freude, Hoffnung und Muth glühend, begann der Miſ⸗ ſionar ſeine Reiſe in der Begleitung eines Wegweiſers aus dem Dorfe; und als eben die Sonne unterging, da zeigte der Lappe, wo auf einem Abſatze des Tſchidtjak, doch immer noch in bedeutender Ferne, die von dem leichten Rauche verrathene Hütte des Unglücklichen ſich befinden mußte. Weiter wollte aber der Wegweiſer nicht mitgehen, denn er wollte mit einem„Hauptwolfe“— wie man einen verwilderten Lappen zu nennen pflegt— nichts zu thun haben; und Juſtus, der auf dieſes ſchon gefaßt war, ſuchte ihn nicht zurückzuhalten. Mit dem groͤßten Enthuſiasmus, dem er alles opferte, der mit ſeiner Miſſionspflicht in Verbindung ſtand, hatte er ſich auch mit den koͤrperlichen Uebungen beſchäftigt, die ganz beſonders während dieſer Jahreszeit für den Wan⸗ derer in jenen Gegenden ganz unentbehrlich ſind. Er war alſo geſchickt, auf Schneeſchuhen zu laufen, und mit dem langen, vorne mit einer ſcharfen Spitze verſehenen Stabe in der Hand fand er ein großes Vergnügen daran, allein dem Ziele entgegen zu eilen, deſſen Lohn er allein erndten ſollte. Bald eilte der Lappe zurück die Anhöhen hinab; doch nicht im Geringſten ſchneller ſchlug das Herz des Miſſionärs; er hatte noch nie eine Ahnung von Furcht vor demjenigen empfunden, das nicht aus dem Innern kam. Vor ihm war noch der Rauchſtreifen ſichtbar, und er berechnete, daß dieſer auch noch ſpäterhin, da es dunkel geworden war, in der Erleuchtung des Nordlichtes zu un⸗ terſcheiden ſein würde. Wenn die Nacht ſternhell werden ſollte, ſo würde er noch dazu die Geſtalt des ganzen Ber⸗ ges vor Augen behalten, und ſo hoffte er denn, daß er ohne allzu große Mühe den Weg zu der verſteckten Lap⸗ penwohnung finden würde. Mit friſchem Muthe ſtrebte er daher die ſchneebedeck⸗ ten Abſätze hurtig hinan. 2 88 Eilſtes Kapitel. Von dem Augenblick an, da Juſtus von Carleborg den Mühen zu trotzen begonnen hatte, welche das Klima und die Beſchaffenheit des Landes in den Lappmarken ihm entgegen ſtellte, hatte er auch ohne die Veränderung in ſeinen Phantaſien zu unterſuchen, oder aufmerkſam darauf zu ſein, angefangen, auf eine ganz andere Weiſe zu träu⸗ men, als ſonſt der Fall geweſen war. Von dem erſten Augenblick an, da der Gedanke an eine Miſſion in heidniſche Lande ihm vorſchwebte, waren immer harte Leiden, unerhörte Anſtrengungen, und vor allen Dingen brennende Wüſten, glühende Weiden, Kämpfe gegen wilde Thiere und eben ſo wilde Menſchen als Ne⸗ benparthien in dem großen Schauſpiele mit aufgetreten; er ſah alles in einem ſtrengen, finſteren Geiſte, je finſtrer, deſto beſſer, denn um ſo klarer mußte ja zuletzt das Licht leuchten, welches er mitbrachte. Jetzt dagegen hatte ſeine Schwärmerei, ohne daß er es ahnte, eine mildere und weichere Form angenommen; und ſei es, daß die Anſtren⸗ gungen ihn ermüdeten, daß die Entſagungen, die immer⸗ währenden Entbehrungen jeder Bequemlichkeit ihm in der Idee glücklicher als in der Wirklichkeit erſchien— genug: ſeine Seele lag und dehnte ſich in dem poetiſchen, ſeiden⸗ weichen Bette der Einbildung, während der Körper litt und auf der proſaiſchen Erde weilte. Ein Blick in die Wirklichkeit, die wahre, einfache Wirklichkeit, würde ihm Schauder verurſacht haben; denn hätte er ſie unterſuchen können, ſo würde er mit Todes⸗ angſt die erſten Symptome ſeiner alten Krankheit gefunden haben, nämlich der Unbeſtändigkeit, der Sehnſucht nach Abwechslung, der Unmöͤglichkeit, mit einer Sache fort⸗ zufahren, die nicht ſein Blut ſtets in Gährung verſetzte. Das 5 und er zu geſt — ver gegenn rechte, gearbeit fühlte, Schnee bedeckt! ſo fühlt mehr du Ahnung Schatten W ſeiner Allen, d gefunde gegenwa wohl ſe welches ſeine in Ei liebliches ſpielte b rief eine nicht zug Bruſt ri unnützes thume ſo Carleborg as Klima arken ihm derung in m darauf zu träu⸗ bevanke an fgetreten; je finſtrer, t das Licht hatte ſeine — genug: 89 Das Ziel, wenn auch nur im Kleinen, war verſucht... und er hatte, ohne es weder vor Gott noch vor ſich ſelbſt zu geſtehen, langweilige Stunden des Ueberdruſſes gehabt — verſteht ſich darum, weil dieſes Ziel, nämlich das gegenwärtige, das kleine, das unbedeutende, nicht das rechte, das große war. Doch wir wollen uns die Verhältniſſe mehr in der Nähe anſehen. Er hatte ſich nun zum Theil an den Felſen hinauf gearbeitet, und da er das Bedürfniß einer kurzen Ruhe fühlte, ſo ſetzte er ſich auf einen Eisblock, der aus dem Schnee hervorragte. Obgleich er mit der Lappenkleidung bedeckt war, die jeder Reiſende in dieſen Gegenden trägt, ſo fühlte er dennoch, wie ihn die Kälte immer mehr und mehr durchdrang, und zum erſten Male kam ihm eine Ahnung von Gefahr, doch flog dieſe Ahnung nur als ein Schatten durch ſeine Gedanken. Wenn er hier das Ende ſeiner Bahn, das Ende ſeiner unerreichten Beſtrebungen fände, ungeſehen von Allen, die ein Zeugniß ablegen konnten, wie er dieſes Ende gefunden hatte, mit welchem Muthe, mit welcher Geiſtes⸗ gegenwart er ihm entgegen gegangen war, hatte er dann wohl ſeinen Beruf erfüllt? was hatte er ausgerichtet? welches war der Lohn für alle ſeine ſchrecklichen Kämpfe, ſeine innern und äußern Anſtrengungen Ein keineswegs mildes, chriſtliches, demüthiges und liebliches, ſondern ein faſt höhniſches und trotziges Lächeln ſpielte bei dieſem Gedanken auf ſeinen Lippen.„Nein!“ rief eine Stimme in ſeiner Seele,„Dein Meiſter wird nicht zugelaſſen haben, daß Du Dir das Herz aus der Bruſt riſſeſt, um Dich nach vollendetem Opfer als ein unnützes Werkzeug wegzuwerfen! Es bedarf zu dem Wachs⸗ thume ſeines Reiches ſolcher Männer wie Du biſt, laß 90 nicht den Mißmuth oder eine verächtliche Furcht Deiner Seele nahen— laß ſie hinüber fliegen auf die andre Seite der Erde und ſich dort wärmen!“ Und ſeine Seele vollendete dieſen Flug auf eilenden Flügeln. Dort brauchte er ſich wenigſtens nicht gebunden zu fühlen mit dieſen ſchrecklichen Maſſen von Kleidern, welche die Kälte hier nothwendig machte; dort brauchte er auch nicht das Feuer, welches in ſeiner Seele brannte, an eine einzige arme ausgeſtoßene Familie zu ver⸗ ſchwenden; und dort in dem geheimnißvollen Palmenlande, in den ſchattigen Mangohainen, dort konnten ganze Völker⸗ ſchaften von dieſen hochgewachſenen, wohlgebildeten Söhnen der Nacht auf den gottbegeiſterten Lehrer horchen. Die Welt, welche ſich dort vor ihm öffnet, der düſtre Raum von Heidenthum, welchen er dort zu bekämpfen und zu beſiegen hatte, das war etwas ganz anderes, als das er⸗ frorne Neſt in einer lappländiſchen Felſengegend. Eben durch den Contraſt gegen den jetzigen Augen⸗ blick und ſeine Umgebungen ſtand das gelobte Land ſeinen Sehnſucht in um ſo ſchönerem Lichte da gleich einer pa⸗ radiſiſchen Fata Morgana— ja, er hatte es wohl nöthig, ſich mit dem Gedanken daran zu erwärmen. In dem blendenden Strahlenglanze eines tropiſchen Morgens glaubte er eine afrikaniſche Stadt von unzähligen mit Palmen bedeckten Hütten zu ſehen, in welchen en armes, aber dennoch mit den ſchoͤnſten und üppigſten Gaben der Natur geſegnetes Volk ein kraftvolles Leben lebte. E. dachte ſich, wie er die Gefahren, die Schreckniſſe, die gränzenloſen Schwierigkeiten ſchon überſtanden, wie a ſich ſchon längſt durch dieſelben gearbeitet hatte; und des einzige, das er aus alten Träumen nicht mitzunehmen ver⸗ ſchmähte, das war der heilige, wundervolle Ruf, welche prophetiſch vor ihm herging. O, welch ein himmliſcher begeiſternder Gedanke, nach dieſen überſchwenglichen, übe ſtandenen Anſtrengungen einmal dort an dem Fuße de Kernes Monds baren des ſche dort be erſtaunt des Ch. Gemein auf die nuten ſe mit Mü Blicke u die bish nicht da untergang Spiel ge dichter n icht Deiner die andre uf eilenden ebunden zu ern, welche prauchte er ele brannte, e zu ver⸗ almenlande, unze Völker⸗ bten Söhnen rchen. Die üſtre Raum fen und zu als das er⸗ nd. gen Augen⸗ Land ſeine hh einer pa⸗ vohl noͤthig, s tropiſchen n unzähligen welchen ä igſten Gaba 3 lebte. Er reckniſſe, die den, wie ei tte; und das sunehmen ber⸗ Ruf, welche himmliſchen glichen, üben em Fuße de 91 Kernes des Erdballes, an den myſtiſchen, himmelhohen Mondsgebirgen, an den verborgenen Quellen des wunder⸗ baren Nilſtromes ſtehen und dort die wimmelnde Stadt des ſchwarzen Volkes überblicken, dort ſeine Kniee beugen, dort beten, reden, Worte voller Feuer und Licht vor den erſtaunten Naturmenſchen verkündigen, dort die Siegesfahne des Chriſtenthums aufpflanzen und um ſie her eine kleine Gemeinde bilden zu koͤnnen, deren Friedensbote er wäre! .. welche Seligkeit! Ein eiskalter Sturmwind, der über das öde Gebirge daher ſauſ'te, riß ihn aus ſeinen glühenden Phantaſien und erinnerte ihn daran, daß er im hohen Norden den Traum von dem Süden träumte. Er ſtand auf; die Glieder waren ihm ſteif geworden, und ein Gefühl von Müdigkeit und Ermattung folgte auf die vorhergegangene Ueberſpannung. Doch gewohnt, den Körper zu bezwingen und zu beherrſchen, vermochte er ihn auch jetzt in Bewegung zu ſetzen. Er ſtieg wiederum auf die Schneeſchuhe, welche während der wenigen Mi⸗ nuten ſeiner Ruhe ſo feſt gefroren waren, daß er ſie nur mit Mühe wieder losmachen konnte, und warf forſchende Blicke um ſich her. Leider konnte er von der Rauchſäule, die bisher ſein phantaſtiſcher Wegweiſer geweſen war, jetzt nicht das geringſte mehr unterſcheiden, aber er ſah doch noch die von den Schneemaſſen abgerundeten Formen der Felſenwand; und nachdem er genau den Weg überſchaut hatte, den er gekommen war, ſo glaubte er es wagen zu können, die Lage der Lappenhütte zu beſtimmen, und den Blick feſt auf dieſen Punkt des Berges heftend, begab er ſich mit verdoppelter Geſchwindigkeit auf den Weg. Bald konnte er es ſich gleichwohl nicht länger ver⸗ hehlen, daß ihm eine wirkliche Gefahr bevorſtand. Um den Gipfel des Tſchidtjak hatten ſeit dem Sonnen⸗ untergange Wolken von umwechſelnden Farben ihr luftiges Spiel getrieben, und nun ſchloſſen ſie ſich in langſam dichter werdenden Geſtalten von hoher Schoͤnheit immer 92 näher an einander. Es war ein Naturſchauſpiel, welches jedes Weſen hinreißen mußte, welches für das Wunderbare in der Natur einigen Sinn hat. Doch für die Erde hatte das unerforſchliche Drama der Wolken eine Unglück weiſſagende Bedeutung. Che noch Sterne und Nordlicht auftraten, um an dem Spiele der Wolken Theil zu nehmen, ſtürzte von dem Schau⸗ platze auf dem Scheitel des Gebirges der kalte, weiße Nebel herab, welcher ſein Leichentuch über alles Lebendige ausbreitet, welches er unter den Klüften antrifft. Juſtus hatte mehrmals Beſchreibungen über dieſen Nebel gehört, und wußte, wie nothwendig es war, die Lappenhütte bei Zeiten zu erreichen. Seine Bruſt wurde von einer ihm ganz fremden, von einer ſchrecklichen Kraft gepreßt, die ganz einfach und doch ſo mächtig iſt, und die man Angſt nennt. Vielleicht aber war ihm doch das Ge⸗ fühl ſeiner Geringheit, das Gefühl ſeiner Ohnmacht, dieſe Angſt beſiegen zu koͤnnen, noch weit peinigender, als dieſe Angſt ſelbſt, da ſich die bleichen Maſſen von der Höhe herabwälzten und ſich ihm näherten. Hatte er nicht, auf dem Sofa in ſeiner ruhigen Kammer liegend, von tauſend großen Augenblicken ge⸗ träumt, in denen der Tod ihm in tauſend ungleichen Ge⸗ ſtalten nahen würde, und hatte er nicht damals in dem Traume ſeine Bruſt hart gefühlt wie einen Panzer gegen die bleiche Furcht, während das Herz in ſeiner Begeiſte⸗ rung rief:„Dein Wille geſchehe, o Herr! ich habe Dir doch wenigſtens dienen dürfen!“ Jetzt aber rief er nicht ſo; jetzt fühlte er ſogar, daß er ſich vor dem Gedanken an einen ſolchen Tod wie dieſen entſetzte, von welchem alle Zuſätze von fanatiſcher Begeiſterung hinweggedunſtet waren. Hier würde er ja nicht als ein Martyrer ſterben, ſondern nur ganz einfach als ein unbedeutender Wanderer erfrieren. Und die Rechenſchaft... ja, die käme allzu früh, denn noch hatte er ja eine ſo geringe Arbeit nich einmal vollendet. Ei Glieder De Seele nur ein ſchüttert ſeines wenn e im Par fliehenden das iſt Furcht, keit nach er ſeinen dringt, i Anſ Menſchen wenn der um ſie 3 vorüber, Juſt ſich auf feſt vor d I, welches zunderbare he Drama ing. Ehe em Spiele m Schau⸗ lte, weiße Lebendige bber dieſen war, die ruſt wurde ichen Kraft iſt, und die ch das Ge⸗ nacht, dieſe c, als dieſe der Höhe ner ruhigen blicken ge⸗ leeichen Ge⸗ lals in dem anzer gegen er Begeiſte⸗ h habe Dir rief er nicht n Gedanken don welchem weggedunſtet yrer ſterben, er Wanderer käme allzu Arbeit nicht 93 1 Einen Augenblick lang durchzitterte Todesfurcht ſeine Glieder. Doch in dem nächſten Augenblicke erhob ſich ſeine Seele wieder mit Entſetzen über ſich ſelbſt. Es war ja nur eine Täuſchung: er war von keiner Todesfurcht er⸗ ſchüttert worden! Er, er, der millionenmal das⸗Kreuz ſeines Erloͤſers umfaßt hatte, ſollte er ſich entſetzen, wenn er den Ruf vernahm:„Heute wirſt Du mit mir im Paradieſe ſein?“ Und von Neuem unter dem Einfluſſe der Eraltation fühlte er ſich mächtig, und um ſo mächtiger, als er in dieſem Augenblicke gewahrte, wie der Nebel am langſamſten der Seite nahte, auf welche er ſein Augen⸗ merk feſt gerichtet hielt. Die Hoffnung beſuchte ihn wieder. Doch der mörderiſche Nebel iſt verrätheriſch! Er ſcheint bisweilen ſeine Fahrt zu hemmen, um den fliehenden Wandrer gleichſam Luft ſchopfen zu laſſen; aber das iſt weiter nichts als ein Spiel mit ſeiner unruhigen Furcht, denn plöͤtzlich eilt er ihm mit doppelter Schnellig⸗ keit nach und verwandelt ihn in einem Augenblicke, indem er ſeinen Athem mit Eis erfüllt und in ſeine Lungen ein⸗ dringt, in eine Eisſäule. Juſtus glaubte nicht mehr ferne zu ſein von dem ge⸗ ſuchten Ziele, das ihm jetzt ſo groß, ſo unendlich groß erſchien, weil er vielleicht ſein Leben dafür hingeben mußte, ohne es erreichen zu koͤnnen, als die weiße Nebelmaſſe gleich einer hervorbrechenden Schneewand über ihn kam. Was in dieſem Augenblicke ſein Leben rettete, das war ein Gedanke an Afrika: es ſiel ihm ein, daß ſich dort die Menſchen auf die Erde werfen und ihr Geſicht verhüllen, wenn der glühende Feuerwind der Sandwüſten daher ſauſt, um ſie zu morden; da geht der Mordengel an Vielen vorüber, ohne ſie zu ſeinen Opfern zu machen. Juſtus warf ſich nieder auf den Schnee und drückte ſich auf die Schneeſchuhe zu Boden, indem er die Hände feſt vor das Geſicht hielt. 94 Der Gebirgsnebel ſoll an der Kante, mit welcher er vorwärts eilt, gerade am ſchärfſten ſein. Hat man den erſten Anfall gluͤcklich überſtanden, ſo kann es der menſch⸗ liche Organismus möglicher Weiſe aushalten, ihn einige Zeit einzuathmen.. Erſt nach mehren Minuten wagte Juſtus ſein Haupt zu erheben und um ſich zu ſchauen; doch ſeinen Blicken begegnete eine undurchdringliche weiße Decke; er konnte keinen Schritt vor ſich ſehen, und beugte ſich von neuem herab, um erſt zu überlegen. Unmöglich war es, ſeine Wanderung fortzuſetzen, da er ſich nothwendig in den Schneetriften und Felſen ver⸗ irren mußte, eben ſo wenig aber wagte er dort zu bleiben, aus Furcht, zu erfrieren. Der Tod, dem er eben ent⸗ gangen war, ſchien ihn nur für einen langſameren Kampf aufgeſpart zu haben, für einen Kampf, welcher, wenn auch von keinem menſchlichen Auge geſehen, doch von Ihm dort oben bemerkt, vielleicht zeigen ſollte, daß er der Märtyrerkrone nicht unwürdig geweſen ſein würde. Doch in demſelben Augenblicke, da ſeine Seele ſich durch dieſen Gedanken zu erheben und zu refigniren ſuchte, flog eine ſiedend heiße Zuckung durch jede Nerve. Seine Mutter.... ſie, die ihm dieſe Reiſe angerathen hatte, würde vor Verzweiflung ſterben, wenn... Er vollendete den Satz nicht, denn dort ſtand in glühender Farbe noch ein zweites Bild. Trafen ſich in dieſem Augenblicke ihre Geiſter? ſchickte ſie mit den Winden ihren Gruß?... O nein, nein! dieſe Winde waren allzu kalt, als daß ſie von ihr kommen konnten; ſie führten ſeinen Lippen nur Küſſe des Todes zu, und kehrten zu ihr zurück mit einem Friedensgruße für die Ewigkeit! „Nein, ich will nicht feige hier bleiben, um den Tod zu erwarten!“— Er erhob ſich und verſuchte, ob er ſeine Glieder beherrſchen konnte: und durch den feſten Willen eines Menſchen, welcher weiß, daß die letzte Hoffnung— abhängt, mein Me Glaubene es auch umkomm Ha er glaubt nehmen. wartung eilendes Hundes. „Go Du gehſt rufend, un ſtrebte er Die daß er me ganz nahe 1 5 — a es aufſtieg! kurzen La gehabt hat hütte zu, Kräfte die hatte, riß bedeckte. Ehe ſcheiden ko wenn ja noch Hoffnung übrig iſt— von dieſem Willen wilder und velcher er man den rmenſch⸗ hn einige in Haupt n Blicken er konnte on neuem ſetzen, da elſen ver⸗ zu bleiben, eben ent⸗ ren Kampf . Seine hen hatte, vollendete ... u ls daß ſie ippen nur mit einem 95 abhängt, vermochte er es.„Ich will gehen! Mein Herr, mein Meiſter! laß Du Deine Fackel, die ſelige Fackel des Glaubens, mir durch dieſe Finſterniß leuchten; und wohin es auch gehen mag, ſo will ich lieber mit warmem Blute umkommen, als empfinden, wie es tropfenweiſe erſtarrt! ...Ha! was war das?“.. Er fuhr zuſammen, denn er glaubte in einiger Entfernung einen ſtarken Laut zu ver⸗ nehmen. Er lauſchte; ſein ganzes Weſen war von Er⸗ wartung geſpannt.... Ach, es war nur ein vorüber⸗ eilendes Rennthier! Doch von Neuem erſcholl durch die Todesſtille ein Ton— diesmal täuſchte er nicht: es war das Gebell eines Hundes. „Gott, mein Gott, Du haſt mich nicht verlaſſen! Du gehſt mit mir!“ jubelte der Miſſionar; und laut rufend, um den Hund noch zu fernerem Gebell zu reizen, ſtrebte er der Gegend zu, wohin ihn der Ton leitete. Die Hoffnung und die Anſtrengung belebten ihn ſo, daß er mit neuer Kraft ſeinem Retter, dem klugen Thiere, ganz nahe kam. Nun ſah er auch, wie ſich einige matte Funken durch den etwas dünner werdenden Nebel brachen — ach, es war der Rauch, welcher von der Lappenhütte aufſtieg! Welch' ein Anblick für denjenigen, der in dem kurzen Laufe eines Abends ſo verſchiedenartige Gefühle gehabt hat! Er ſtürzte ſich beinahe auf die arme Nomaden⸗ hütte zu, und nachdem er mit dem letzten Ueberreſte ſeiner Kräfte die Schneeſchuhe gegen die Wand der Hütte gelehnt hatte, riß er den Vorhang hinweg, der den Eingang bedeckte. Zwälftes Kapitel. Ehe noch die Augen des Miſſionars etwas unter⸗ ſcheiden konnten, traf ſeine Ohren ein zu gleicher Zeit wilder und wehmüthiger Geſang: es war ein eintöͤnend 96 erklingender Klagegeſang, der in Juſtus romantiſcher Seele augenblicklich den Gedanken an eine große göttliche Feier⸗ lichkeit weckte, da er ſelbſt knieend und umgeben von dieſen reuevollen, warm betenden Weſen, dieſelben auf den Fittichen des Gebetes mit ſich gen Himmel führte: dieſer Geſang ſprach ja ihr Bedürfniß des Friedens, ihr Suchen, ihren Jammer, ihn nicht finden zu können, aus. „Seid getroſt und unverzagt: er, der Weg, die Wahr⸗ heit und das Leben, ſchickt Euch einen Freund!“ So lautete ſein erſter Gruß, da er endlich durch den Rauch und den Dunſt, der die Hütte erfüllte, wie in einem Schattenſpiele die Figuren unterſchied, welche ſich um das in der Mitte brennende Feuer gruppirten. Dieſe auf Rennthierhäuten liegende Gruppe beſtand aus einem Manne, einer Frau und zwei kleinen Kindern, welche letzteren in in demſelben Augenblicke, da der wilde Geſang verſtummte, ein noch unharmoniſcheres Klagegeſchrei, eine Art von Wettſchreien von fürchterlicher Widerwärtigkeit anſtimmten.— Die Miene und die ganze plumpe Geſtalt des Mannet trug das Gepräge von etwas Verrätheriſchem und Infer⸗ naliſchem an ſich. Die kleinen ſchwarzen Augen ruhta lauernd in ihren Höhlen, immer bereit zu einem miß⸗ trauiſchen Spähen, und unter der kaum einen Zoll hohen Stirn ſchienen keine Gedanken Raum finden zu koͤnnen, die ſich über den thieriſchen Inſtinkt erhoben. Auch die Frau hatte weder in ihren Zügen noch in ihrer Miene Spure von etwas Höherem; aber ſie ſah aus, als wäre ſie allzn groß und ſtark, um zu dem Volke der Lappen zu gehoͤren Die Kinder glichen zwei großen Lederbündeln— und als der Hund ſich nun noch zu der Familie geſellt hatte, war das Gemälde fertig. In einem andern Augenblicke als dieſem würden di vielen feinen Sinne des Miſſionars alle ſeine Antipathien gegen die Häßlichkeit, den Schmutz und das Unharmoniſch in ihrer vollen Hoͤhe empfunden haben— jetzt aber wal er einer Eifer un beſeelt, für die Sünde Erlöſung würde,! — jetzt hagen, für ſeine zu bemä er denno Der gewoͤhnli Worte d den unerrt Juſt rief ihm und muſt „M ſie, und Leben, u mand wir Einn des Lapp kung noch Blitze, i hatte; i ſo klang „Leg Neuem, und der komme ol mich auch gehe? C irrter S Eine Nag her Seele iche Feier⸗ von dieſen Fittichen er Geſang hen, ihren durch den e, wie in welche ſich ten. Dieſe aus einem en, welche ilde Geſang eſchrei, ein rwärtigkei des Manne⸗ und Infer⸗ augen ruhten tinem miſ⸗ Zoll hohen koͤnnen, die ſch die Frau ene Spure äre ſie allzu zu gehoͤren — und als hatte, war würden die Antipathien anharmoniſch t aber wal 97 er einer beinahe ſichern Lebensgefahr entgangen und mit Eifer und Entſchloſſenheit von dem ſchwärmeriſchen Glauben beſeelt, daß ihm für die Bekehrung dieſes Verbrechers und für die Erlöſung deſſelben aus den ſchändlichen Banden der Sünde und der Erniedrigung als Belohnung ſeine eigene Erlöſung aus den ſchimpflichen Banden zu Theil werden würde, welche er ſelbſt nicht abzuſchütteln im Stande war — jetzt empfand er weder Unannehmlichkeit noch Unbe⸗ hagen, ſondern nur ein großes, feuriges Bedurfniß, ſich für ſeinen Meiſter dieſer Seele oder vielmehr dieſer Seelen zu bemächtigen, und ſo ermattet er auch war, ſo hatte er dennoch keine Ruhe, ehe er das Werk begonnen hatte. Der Mann, welcher aufgeſtanden war und mit dem gewoͤhnlichen Gruße des Landes die feurig ausgeſprochenen Worte des Miſſionars erwiedert hatte, ſchien gleichwohl den unerwarteten Gaſt mit düſterem Unwillen zu betrachten. Juſtus reichte dem wilden Lappen ſeine Hand und rief ihm mit ſeiner ſchönen Stimme in dem angenehmſten und muſtkaliſchſten Tone noch einen Friedensgruß zu: „Meine Schafe hoͤren meine Stimme, und ich kenne ſie, und ſie folgen mir, und ich gebe ihnen das ewige Leben, und ſie werden nimmermehr umkommen, und nie⸗ mand wird ſie aus meiner Hand reißen.“ Einige tiefe Falten auf dem dunkelbraunen Geſichte des Lappen ließen den Miſſionar erkennen, daß die We⸗ kung noch nicht, wenigſtens nicht gleich einem zündenden Blitze, in die Seele des Gebirgsbewohners eingeſchlagen hatte; im Gegentheil murmelte er etwas, das ungefähr ſo klang wie:„wer hat den Hund hinausgelaſſen?“ „Lege alles Mißtrauen hinweg,“ begann Juſtus von Neuem, indem er die wechſelſeitigen Blicke des Mannes und der Frau beobachtete; ich, ein einzelner Menſch, komme ohne Mißtrauen zu Euch! Und warum ſollte ich mich auch fürchten, da ich in dem Dienſte meines Herrn gehe? Er hat mir geboten, Dich zu beſuchen, Du ver⸗ irrter Sohn des Verbrechens, um den Zuſtand Deines Eine Nacht am Bullarſee. III. 7 98 Herzens zu beſehen und mit dem Balſam ſeines Wortes ringe 4 die Wunden zu heilen, welche mit Gottes Hülſe Deine als auf Reue Dir ſchon geſchlagen hat...“ falls u Ein dumpfes, kaltes und heiſeres Gelächter war das drunger einzige Zeichen der Aufmerkſamkeit des Mannes, und was 31 die Frau betraf, ſo ſchien ſie nicht einmal mit einem ihn Iu halben Ohre zu lauſchen, denn ſie klapperte in hausmütter⸗ für abo licher Gleichgültigkeit mit einem Keſſel, den ſie auf das in cins Feuer ſetzte; denn ſo elend es auch in der Nomadenhütte daher d war, ſo mußte ſie dennoch Gaſtfreundſchaft zeigen. und na Ueber dergleichen Kleinigkeiten ließ der Miſſionar den Ma aber den Muth nicht ſinken; nicht einmal die ſchreienden beweger Kinder übertönten ihn, als er fortfuhr: 3 „Wenn Du his jetzt noch nicht die Macht der Reue erfahren haſt, ſo iſt es um ſo nothwendiger für Dich, un⸗ glücklicher Sünder, daß Du ſie kennen lerneſt! Wende Dich nicht mit Gleichgültigkeit und Undankbarkeit hinweg von einem Menſchen, der beinahe ſein Leben gewagt hat, um Deine Seele aus der Verdammniß zu retten, in welche Dein voriger Wandel Dich hinabzieht! O, höre mich! hoͤre mich! Weißt Du nicht daß es mit Dir gerade ſo iſt, wie die Schrift ſagt:„„Alle Deine Feinde ſperren ihr Maul auf wider Dich, pfeifen Dich an, blecken die Zaͤhne und ſprechen: Heh, wir haben ihn vertilget!““ Aber Gott allein iſt langmüthig: er hat Dich angeſehen, er will Dich liche Vo zurückführen von dem Pfade des ſchwarzen Verbrechens ſich wa und des ewigen Todes! Siehe, des Herrn Hand iſt nicht riger, er zu kurz, daß er nicht helfen koͤnne; und ſeine Ohren ſind ſie eina nicht dicke geworden, daß er nicht höre!“ verſtand, Einige Augenblicke hatte der Lappe mit unverwen⸗ geiſterun detem Blicke und einer Art von mißtrauiſcher Verwunde⸗ rung zugehört; nun aber ſchien er müde zu werden, denn er nahm der Frau das Kochamt ab, und ſie begann etwas anderes vorzunehmen. Von dieſem Augenblicke war ſeine Aufmerkſamkeit mit weit tieferem Intereſſe auf den Keſſel Traumre gerichtet— in welchem ein magerer Waldvogel ſeine ge⸗ hatte, do Wortes ife Deine war das und was nit einem usmütter⸗ e auf das nadenhütte en. Miſſionar ſchreienden der Reue Dich, un⸗ ! Wende eit hinweg ewagt hat, in welche nich! hoͤre ſo iſt, wie ihr Maul Zaͤhne und Aber Gott will Dich Zerbrechens id iſt nicht Ohren ſind unverwen⸗ Verwunde⸗ erden, denn gann etwas war ſeine den Keſſel el ſeine ge⸗ 99 ringe Kraft zu einer großen Quantität Suppe hergab— als auf die Worte des Miſſionars. Die Frau ſchien eben⸗ falls ungeduldig zu werden, und beide ihn nur nothge⸗ drungen in ſeinem Eifer fortfahren zu laſſen. Juſtus aber, welcher fühlte, wie ſeine körperlichen Kräfte ihn immer mehr und mehr zu verlaſſen begannen, hielt es für abgemacht, daß ſein Geiſt in dieſem Augenblicke nicht in einer ſeiner beſten Stunden ſein konnte. Er wollte daher das Werk bis zum folgenden Morgen ruhen laſſen; und nach einigen ernſten, wenn auch ſanften Verſuchen, den Mann zu dem Bekenntniſſe ſeiner Gewiſſensſchulden zu bewegen— den dieſer gleichwohl kurz und ausweichend zu entgehen wußte— erklärte der junge Miſſionar, daß er dieſe Nacht bei ihnen zu bleiben wünſchte, und daß ſie ehm zu ſeiner Ruhe eine Rennthierhaut geben msochten. Von dem Hunger geplagt, verſchmähte er es nicht, en der bald fertigen Mahlzeit Theil zu nehmen; doch dieſe war ſo, daß er, welcher der Faſten ſo gewohnt war, weit lieber jeder Nahrung entſagt hätte, als daß er diejenige aß, welche man ihm hier anbot, wenn er ſich nicht dazu gezwungen hätte, um ſeine Wirthsleute auch nicht auf die geringſte Weiſe zu beleidigen. Sie ſchienen ihn wirklich einen Augenblick mit weniger miß⸗ trauiſchen Blicken zu betrachten; als er aber dieſes glück⸗ liche Vorzeichen gewahrend, ſogleich alle Müdigkeit von ſich warf und ſeinen Bekehrungsverſuch auf's Neue feu⸗ riger, ernſter und kraftvoller als zuvor begann, da machten ſie einander ein geheimes Zeichen, welches Juſtus miß⸗ verſtand, und ließen ihn fortfahren, bis er endlich von Be⸗ geiſterung ganz hingeriſſen und an Leib und Seele er⸗ mattet, aber doch in der Hoffnung, daß der Sieg ſich ſchon auf ſeine Seite geneigt hatte, auf die Rennthierhaut ſank— und entſchlummerte. Es war ſelten, daß der Schlaf dem Fanatiker ſein Traumreich öffnete, was ganz gewiß darin ſeinen Grund hatte, daß er wachend ſo viel träumte. Nun aber, da der ungewoͤhnliche Fall eingetreten war, daß Juſtus aus reiner korperlicher Müdigkeit ſeiner alten Gewohnheit zuwider entſchlummert war, ſo wurde er in der geheimnißvollen Welt, deren Vorſtellungen einen noch größeren Reichthum nicht nur an Ideen, ſondern auch an Decorationen beſaßen, als ſeine eigene Phantaſie, zu Gaſte gebeten; ja, er mußte ſogar bekennen, daß alles, was er zu ſchaffen vermochte, gar keinen Vergleich aushielt mit demjenigen, was er hier erlebte, und daß nicht einmal Grabe's„Fegfeuer“ dagegen etwas anderes war, als ein bloßes Kinderſpiel. Unter dem Vorſpiele, da die Sinne in der Wiege liegen, deren Achſe ſich zwiſchen Tag und Nacht, zwiſchen Leben und Erſtarrung umdreht, ſah Juſtus nur die Ge⸗ ſichte, bei denen er entſchlummert war, die von Dampf und Rauch erfüllte Hütte, in deren Halbdunkel die von dem Feuerſcheine roth gefärbten Figuren hin⸗ und her⸗ ſchwebten. Er ſah auch ſich ſelbſt, wie er kniend mit erhobenen Händen die heiligen Lehren auf eine Weiſe deutete, als wären die Worte in Lichtblitze verwandelt worden, denen keine menſchliche Härte widerſtehen konnte. Nach und nach aber löſte ſich dieſes ganze Stück in einen gräu⸗ lichblauen Nebel auf, welcher leiſe aus der Erde empor⸗ ſtieg, ſich erhob und endlich über die Spitzen der Felſen davon ſegelte. Einen Augenblick ſah er dieſe Spiitzen ent⸗ bloͤßt, und nur das blaue Himmelsgewoͤlbe mit Sternen und Nordlicht ſpielte über ihren dunklen Scheiteln; doch plötzlich, da er noch ſtand und die ganze majeſtätiſche Ge⸗ ſtalt des Felſengebirges betrachtete, gewahrte er dieſelben Wolken, welche an dieſem Abende über Tſchidjal's Krone geſchwebt hatten, und nachdem ſie ſich auf dieſelbe Weiſe wie damals in Ordnung gerüſtet hatten, ſo nahmen ſie die drohende bleiche Farbe an, und bald kamen ſie in Maſſe zuſammengepackt und in ihr leichenweißes Nebelgewand gehüllt auf die Erde herab. Dieſe Fahrt geſchah bei weitem nicht ſo geſchwind, als da zu betu 3 voͤllig: Landſch Wälder ſelbſt, o menſchl ſie umg von bal rundeten halb des ſtrahlen Als verſchwu ſähe er den: es Kloſterkit Träume eeten war, ner alten rde er in inen noch auch an zu Gaſte z, was er ghielt mit ht einmal , als ein der Wiege „ zwiſchen r die Ge⸗ n Dampf l die von und her⸗ niend mit iſe deutete, t worden, te. Nach inen gräu⸗ de empor⸗ der Felſen pitzen ent⸗ it Sternen eln; doch ätiſche Ge⸗ r dieſelben al's Krone elbe Weiſe nen ſie die in Maſſe belgewand geſchwind, 101 als da er ſie zuletzt betrachtete; er hatte gute Zeit, alles zu betrachten, was jetzt in dem Nebel ſtand. Zuerſt weilte ſein Blick auf einer großen, oͤden, ihm voͤllig unbekannten Landſchaft; doch fühlte er, daß dieſe Landſchaft nicht in der Heimath der taufendjährigen Mango⸗ Wälder lag, denn ſie war kalt und wild wie der Tſchidtjack ſelbſt, obgleich ſie einen anderen und, wenn man ſo ſagen darf, menſchlicheren Charakter an ſich trug. Der Wald, welcher ſie umgab, war dicht und reich, und zwiſchen einer Kette von bald hohen und ſcharfen, bald niedrigen und abge⸗ rundeten Hügeln ſchlängelte ſich ein Weg hin, und unter⸗ halb des Weges war ein Landſee, uber welchen die Mond⸗ ſtrahlen eine Menge von Silberrändern gezogen hatten. Als dieſes Tableau oder richtiger dieſe Luftſpiegelung verſchwunden war, ſo kam es dem Träumenden vor, als ſähe er einen Tempel, deſſen Pforten leiſe geöͤffnet wur⸗ den; es war eine alte, graue, unheimliche und verfallene Kloſterkirche, eine ſolche, die er oft in ſeinen wachenden Träumen geſehen hatte. Die Nacht war angebrochen. In dem Chore der Kirche, wo die Feuchtigkeit in langen Tropfen aus den mit grünem Schimmel belegten Steinen hervorquoll, leuchtete nur ein einſam ſchimmerndes Licht auf dem halbzerfallenen Altare; doch konnte er mit Hülfe dieſes Lichtes und des bleichen Sternenſcheins, welcher durch ein in der Nähe der Decke befindliches kleines Fen⸗ ſter hereinſiel, die Gegenſtände hinlänglich unterſcheiden. Der Fußboden war reihenweiſe mit Grabſteinen bedeckt, unter denen ein in ſein Mönchsgewand tief verhüllter Mönch auf und abwanderte und ſichtbarlich nach einem gewiſſen Gegenſtande ſuchte. Endlich blieb er bei einem Steine ſtehen, bückte ſich und klopfte mit der Hand an. Da vernahm Juſtus' Ohr gleichſam ein Sauſen in den Wol⸗ ken, ein Geräuſch im Walde, und mit Entſetzen ſah er, wie der Stein ſich öffnete, und wie eine bleiche, in einen weißen Schleier gehüllte Figur ſich erhob. Die Knie des Mön⸗ ches zitterten; er ſank zu Boden, und da die Kapuze von ſei⸗ nem Geſichte ſiel, ſah Juſtus, von ſtarrem Entſetzen er⸗ griffen, ſich ſelbſt, oder richtiger einen Schatten von ſich ſelbſt; und ſie in dem weißen Schleier, auf welchen ſein eigener Schatten ſich herabbeugte, war das feine Wachs⸗ bild des edlen, reinen Engels ſeines Lebens, Evelyn's Bild. Aber bei dieſer Liebesbegegnung der Todten raſſelte es wiederum ſtärker und unheimlicher in den Kronen des gelichteten Waldes, und leicht wie eine Fever ſprang der Grabſtein an der andern Seite auf; und eine zweite weih⸗ liche Geſtalt mit glatten ſchwarzen Locken um das weiße Leichengewand erhob ſich, ſtreckte ihren Arm aus und er⸗ griff mit einer beinahe drohenven Geberde den knieenden Mönch, welcher bei dieſer Beruhrung ſich heftig von ſeinem Engel losriß, um bei ſeinem Abgotte niederzuknien. Doch bei dieſer Wendung war es dem Träumenden, als ob die Eistropfen rund um ihn her in Waſſer geſchmolzen waren — es klang ſo, als ob Jemand weinte.. Ach, es war Evelyn, welche weinte, und nun war ſein luftiger Schatten wiederum bei ihr, bis eine neue Mahnung von der andern Seite ihn zuruckriß. Als das Geſicht ſich aufzulöſen begann, ſah er, wie die Grabſteine ſich wieder ſchloßen; ſein eigenes Abbild aber blieb auf dem Kirchengange ſtehen, und eine Stimme, die ihm als Gottes Stimme vorkam, rief ihm in das Ohr:„So ſoll Dein Geiſt ein ganzes Jahrhundert lang verurtheilt ſein, um Deiner Sunden willen jede Nacht zwiſchen dieſen beiden Gräbern hin und her zu wanken, und die Ruhe der Bewohnerinnen auf dieſelbe Weiſe zu ſtören, wie Du ſie in der Zeitlicchkeit ſtörteſt!“ Die Erſchutterung eines ſchreckenvollen Erbebens griff in die Seele des Schlafenden, ein Uebermaß von Schweiß bedeckte ſeine Stirn— er wollte den bleichen Nebel nicht mehr ſehen; doch ein ihm übermächtiger Wille zwang ihn wieder aufzublicken. Da ſah er dieſelbe Landſchaſt doch kälter, unheimlicher, öder. Scharfe Winde erſtiegen aus dem See und fuhren durch den öden Raum; Lua und S die Erd unterſch laubten wiedern er ſeher bendige nommen lobte u gräßlich gen Ab damals den Go ferner i Werk d gann. dung z Herz g iſetzen er⸗ von ſich lchen ſein 2 Wachs⸗ Evelyn's en raſſelte ronen des prang der deite weib⸗ das weiße 6 und er⸗ knieenden von ſeinem len. Doch als ob die zen waren y, es war Schatten der andern ih er, wie nes Abbild ie Stimme, )m in das undert lang jede Nacht zu wanken, e Weiſe zu bebens griff on Schweiß Nebel nicht zille zwang Landſchaft, ne erſtiegen um; Mond 103 und Sterne waren verſchwunden, die Feſte war finſter wie die Erde, und nur durch den bleichen Rand am Horizont unterſchied er das Bild eines Menſchen, der unter den ent⸗ laubten Bäumen hin und her wankte— und das war wiederum er ſelbſt oder ſein Geiſt, denn unmöglich konnte er ſehen, ob dieſe Nebelgeſtalt den Todten oder den Le⸗ bendigen angehörte. Nun aber ſank das ganze Luftbild in den Nebel zu⸗ rück, und der Schlafende, deſſen Qual beſtändig zuge⸗ nommen hatte, träumte, daß er erwachte und daß er Gott lobte und pries, daß dieſes unheimliche Geſicht nur ein gräßlicher Traum, eine Folge der Anſtrengungen des vori⸗ gen Abends und der Naturſcenen geweſen wäre, welche er damals erlebt hätte. Nachdem er mit lebendiger Andacht den Gottesdienſt in ſeinem Herzen vollendet hatte, ſah er ferner in dem Traume, daß er aufſtand und das große Werk der Bekehrung mit dem Verbrecher von Neuem be⸗ gann. Lange weigerte ſich dieſer, die Abſicht ſeiner Sen⸗ dung zu begreifen; endlich aber wurde ſein verſtocktes Herz gerührt, die Qual der Reue klopfte an ſeine Bruſt, die Thränen der Reue feuchteten ſeine Augen. Doch ſo hatte auch Juſtus noch nie, nicht einmal in ſeinen beſten Augenblicken geredet, wie er jetzt redete; ſeine Worte kamen von Gott— und endlich lag der gedemüthigte Sünder zu ſeinen Füßen, und nun begann das Werk der Ermahnung und des Troſtes. Der Sieg des Miſſionars war vollſtaͤndig: der bekehrte Miſſethäter gelobte es ihm heilig, lieber mit Weib und Kind in den norwegiſchen Ge⸗ birgen, wohin er nun geſtärkt durch die ihm von Juſtus gereichte Hülfe fliehen wollte, zu ſterben, als von Neuem ein ſündiges Leben zu beginnen— und die Frau, die große, wilde Lappfrau, lag ebenfalls zu ſeinen Füßen und feuch⸗ tete ſie mit ihren Thränen, während er ſegnend ſeine Arme ausbreitete und rief:„Nun, mein Herr und Meiſter, habe ich es vollendet, das Werk, welches Du mir aufgetragen haſt! Nun iſt meine Seele geloͤſ't aus den Feſſeln, die nirn ſiaghes, allzu ſchwaches Herz auf ſie gelegt attel.. 4 Mit einem von unſäglichem Frieden ſchwellenden Herzen, voll unſäglicher Hoffnung, endlich die Stürme der Leidenſchaft hinter ſich zu haben, endlich dieſes Herz Gott ganz allein weihen zu können, erwachte er wirklich und erhob ſich von ſeinem harten Lager. Um ihn her war Alles ſtill; nicht ein Laut war weder draußen noch drinnen zu vernehmen. Es war ge⸗ wiß ſchon ſpät geworden, und bei dem ſparſamen Lichte, das in die arme Nomadenwohnung drang, ſah der Miſ⸗ ſionär um ſich her. Er rieb ſich die Augen... war es wiederum eine von den Täuſchungen der Nacht? Nein, es war keine Täuſchung: mit einem tief aus dem Herzen kommenden Seufzer ſah er die Hütte leer an Menſchen... alles, alles war verſchwunden— nur die ſtarren Wände ſtanden noch da. Anfangs wollte Juſtus nicht an die Möglichkeit glau⸗ ben, daß ſein großes, herrliches Bekehrungswerk, das er mit Leib und Seele umfaßt hatte, ein ſolches jammervol⸗ les, unerwartetes und unglückliches Ende nehmen koͤnnte. Sie konnten nicht für immer hinweg ſein, das war un⸗ moͤglich— da würden ſie ja ihre Wohnung nicht zurück⸗ gelaſſen haben, denn ſie hatten ja kein anderes Obdach! Er eilte hinaus. Eine kalte und friſche Luft ſpielte um ihn her und wirkte wohlthätig auf ſeine von den nächt⸗ lichen Geſichten verwirrten und kranken Sinne. Er fühlte ſich beſſer und beſchloß die nächſte Nacht zu erwarten, in welcher ſie in der Ueberzeugung, daß er ſich nun entfernt hätte, ganz gewiß zurückkommen würden, um ihr trag⸗ bares Haus abzuholen. Inzwiſchen konnte Juſtus ſich ſelbſt nicht läugnen, daß dieſer Verzug ziemlich gewagt war. Ein durch ſolchen Eigenſi ſchon d ſchweige chen W nar mo die ang Ab ein allzt ſtehen ke die ungl von der mußte b nem Leb reicht, opfern! det zu u Felsgebit edlen Ha kannt we in ihrem feiern. 3 Blätter und nach 1 ſie gelegt wellenden ürme der Herz Gott klich und Laut war war ge⸗ en Lichte, der Miſ⸗ . war es 2 Nein, m Herzen denſchen... in Wände keit glau⸗ , das er mmervol⸗ en koͤnnte. war un⸗ ht zurück⸗ Obdach! uft ſpielte den nächt⸗ Er fühlte varten, in n entfernt ihr trag⸗ gnen, daß ſch ſolchen 105 Eigenſinn gereizter Dieb und Moͤrder, dem es vielleicht ſchon das erſte Mal ſauer geworden war, dazu ſtill zu ſchweigen, konnte gewiß ſehr leicht mit Hülfe eines ſol⸗ chen Weibes, wie ſeine Frau war, den einſamen Miſſio⸗ nar morden, von welchem er ganz andere Abſichten als die angegebenen argwöhnte. Aber gerade in dieſer unheimlichen Unſicherheit lag ein allzu erſchütternder Reiz, als daß Juſtus ihm wider⸗ ſtehen konnte. Noch dazu hatte ſeine Seele nun einmal die unglückliche Idee gefaßt, daß ſeine eigene Rettung von der Rettung dieſes Verbrechers abhinge— alſo: er mußte bleiben; und wenn er auch dieſe Kuͤhnheit mit ſei⸗ nem Leben bezahlte, ſo hatte er ja das hohe Glück er⸗ reicht, ſich als ein Märtyrer für die Sache Chriſti zu opfern! Bei der Ausübung ſeiner heiligſten Pflicht gemor⸗ det zu werden, das war etwas ganz anderes, als in dem Felsgebirge zu erfrieren. Der Ruf von ſeiner kühnen und edlen Handlung mußte weit, weit von dieſem Gebirge be⸗ kannt werden, und ſeine treuen Anhänger würden gewiß in ihrem Innern ſeinen Hingang als den eines Heiligen feiern. Auch würde die Welt ihn durch die öͤffentlichen Blätter erfahren— und zwei weibliche Weſen.. Hier aber ſank der Gefühlserguß des Fanatikers um zwei Grade; der wilde Traum von der Kloſterkirche kuͤhlte ſeinen Muth ab; dennoch aber vermochte er nicht ſeinen Entſchluß wankend zu machen— er blieb in der Hütte. Dreizehntes Kapitel. Nach einem langen und erfriſchenden Spaziergange auf dem Felsgebirge kehrte Juſtus in die Hütte zurück, und nachdem er auf dem Rauchplatze— wie er richtiger ſtatt des Feuerplatzes heißen ſollte— ein Feuer angezün⸗ det, und ſich mit einigen in ſeinem Felleiſen mitgebrachten Brod⸗ und Rennthierfleiſchſcheiben erquickt hatte, ſo begann er zu ſeinem Zeitvertreibe den Inhalt ſeines Portefeuilles durchzuſehen. Außer verſchiedenen Anzeichnungen und Plänen für ſeine Thätigkeit nebſt einem Anfange zu einem Tagebuche (bei welchem er jedoch gleich ermudet war) enthielt das Portefeuille einige Briefe von ſeiner Mutter und einen Brief von Grave, den dieſer kurz vor ſeinem Umzuge ge⸗ ſchrieben hatte. Wir wollen dieſen Brief hieher ſetzen, denn er äußerte auf Juſtus ungefähr denſelben Einfluß, als wenn er ein Gemälde des„Tabernakels“ betrachtet und hinter demſelben die Stimme des Verfuhrers gehöort hatte. Grave ſchrieb folgender Maßen: „Gruß und Frieden, geliebter Bruder in Chriſto! „Es hat ſeit Deiner Abreiſe eine große Finſterniß in meiner Hütte geherrſcht, mein Geiſt iſt tief betrubt ge⸗ weſen; aber ich habe zu mir ſelbſt geſagt: gib Dich, Du trotziges Herz, und ſei eingedenk Deiner Pflicht, daß Du für Gottes Sache leiden mußt; denn wir ſind nicht wie etlicher viele, die das Wort Gottes verfälſchen; ſondern als aus Lauterkeit, und als aus Gott, vor Gott, reden wir in Chriſto.“ „Laſſet uns niemand irgend ein Aergerniß geben, auf daß unſer Amt nicht verläͤſtert werde. Sondern in allen Dingen laſſet uns beweiſen als die Diener Gottes; in großer Geduld, in Trübſalen, in Nöthen, in Aengſten, in Schlägen, in Gefängniſſen, in Aufruhren, in Arbeit, in Wachen, in Faſten, in Keuſchheit, in Erkenntniß, in Langmuth, in Freundlichkeit, in dem heiligen Geiſt, in un⸗ gefarbter Liebe, in dem Wort der Wahrheit, in der Kraft Gottes, durch Waffen der Gerechtigkeit, weder zur Rechten noch zur Linken.“ 4 Mit dieſen tiefen Wahrheiten der Schrift vor Augen, rufe gez Sunde a gezogen Stunde angezün⸗ ebrachten o begann tefeuilles länen für Tagebuche hielt das ind einen nzuge ge⸗ her ſetzen, Einfluß, betrachtet rs gehort hriſto! nſterniß in betruͤbt ge⸗ Dich, Du „ daß Du nicht wie ; ſondern ptt, reden geben, auf n in allen ottes; in engſten, in Arbeit, in untniß, in eiſt, in un⸗ der Kraft 107 geliebter Bruder, wagen wir nicht zu klagen über den perſoͤnlichen Schmerz während des kurzen Erdenlebens. Und ſo feſt auch mein Herz auf immer an Dir hangt, theurer Bruder, was iſt wohl mein Schmerz gegen den⸗ jenigen, welchen Du mit gewaltiger Kraft aus Deiner Bruſt zu treiben ſuchſt... Nein, icy bin klein neben Dir — denn welche Kunſt iſt es, ſich an dem geliebten Stamme des Kreuzes feſtzuhalten, wenn keine ſundige Macht uns von demſelben hinwegzieht? doch das iſt ein allzu kühnes Selbſtvertrauen; auch ich empfinde die Gefahr der Sünde im Kleinen; aber meine Sunden dauern nicht länger, als daß ich, ehe der Herr ſein Antlitz abwendet, noch einen Zipfel von dem Mantel der Gnade erfaſſen kann; und mit dieſem Zipfel bedecke ich mein Antlitz, bis ich wieder ruhig und harrend an meinem alten Platze zu den Fußen des theuren Herrn liege. „Du aber, Du armer Bruder, Du, der Du Dich ge⸗ rüſtet haſt zu einem Kampfe, in welchem Goliath's Kräfte nicht ausreichen würden, Du biſt groß, denn Du ſtreiteſt männlich: Du ſchonſt weder des Köorpers noch der Seele, wie es einem rechtſchaffenen chriſtlichen Kämpfer zukommt; Du ſchonſt auch nicht Deines Herzens— mit Wolluſt ſchlägſt Du ihm Wunden auf Wunden, und reißeſt dann die Wunden auf, damit ſie herrlich bluten Deinem Mei⸗ ſter zur Ehre und Deiner eigenen mächtigen Kraft zur Ehre. Er aber, der da ſieht, um weß willen Du ſo lei⸗ deſt, er wird Dich auch belohnen: ja, Bruder, er wird belohnen, wenn Du Dich ganz vollkommen in Deinem Be⸗ rufe gezeigt, wenn Du viele Seelen aus dem Feuer der Sunde an den ſeligen Fluß des Friedens und der Gnade gezogen haſt... dann, dann kommt auch für Dich die Stunde der Belohnung. „O, wie lieblich ſind auf den Bergen die Füße der Boten, die da Frieden verkündigen, Gutes predigen, Heil verkundigen, die da ſagen zu Zion: Dein Gott iſt König!“ „Ich habe das Bild unſerer Judith mit ſchwarzem Flor überzogen, ich habe auf dieſe Weiſe gleichſam die ſündige Aehnlichkeit mit dieſem Bilde beſtrafen wollen, welches nun für Dich todt iſt. Ja, mein Bruder, wie⸗ derhole dieſe heilſamen Worte zu jeder Stunde in Deinem Herzen; ſage zu Dir ſelbſt— denn es iſt Deine Pflicht, Deiner ſelbſt nicht zu ſchonen: Sie iſt todt für mich, die mein Herz zu begehren wagte, als es ſich ſchon Jeſu und ſeiner großen Sache hingegeben hatte! Sie, die mein elendes Blut ſo oft in Bewegung und Aufruhr verſetzte, ſo wie es in dem Abgrund der Hölle ſich bewegt, wenn ein Sünder hinabſtürzt— ſie legt jetzt ihr Haupt an die Bruſt eines Andern, an die Bruſt ihres Gatten, an die Bruſt meines Bruders; ihre ſchwarzen, glänzenden Augen ruhen auf ihm— ihre Lippen voller Roſen laͤcheln ihn an, dem ſie zugehört im Leben und Tod! Ja, ſchone Deiner nicht, Bruder; der Schmerz des Lebens iſt kurz, aber lang und lieblich der Lohn fuͤr unſere Mühe. „Und wenn Du Deine jetzige Sendung vollendet haſt, welche gleichwohl allzu eingeſchränkt iſt für Deine un⸗ ruhige und thätige Seele, da kommſt Du ja noch einmal auf einige Wochen, bevor Du im Herbſte hinaus reiſeſt, um Deinen Geiſt in der Geſellſchaft eines andern Dich verſtehenden Geiſtes zu erbauen? Ich ſehe es ſehr wohl ein, daß dieſe Prüfung ohne allen Widerſpruch die ſchwerſte iſt von allen, welche Du für Deinen Glauben und Deine Feſtigkeit zu beſtehen haſt, doch darfſt Du Dich nicht für recht geläutert erachten, ehe Du auch ſie durchgemacht haſt. Meine Amtswohnung liegt in einer ſolchen Nähe des Nixenthales, daß Du Dich täglich einige Stunden in die Pein ves Fegefeuers werfen kannſt, wenn Du den Muth haſt, Dich ſo zu ſtärken; ich glaube jedoch, daß Du genug haben wirſt, wenn Du ſie nur einige Male in der Woche an der Seite ihres Mannes ſiehſt. Die erſten Stunden ſind vie ärgſten, denn dieſes Feuer brennt ärger denn Schwefel; dafur aber reinigt es auch um ſo mehr, und herrlich und hehr ſtehſt Du dann bereit, um auf den Geheimn erhebe D ſchon an kämpfen, Du gewie in der B Wangen d Wohl bet und Dein „Du nere, da Weſen, w gegen ihn Stimme r ſie mit de kein ſüßer hſam die wollen, er, wie⸗ Deinem Pflicht, mich, die Jeſu und die mein verſetzte, t, wenn öt an die „an die en Augen cheln ihn d, ſchone iſt kurz, e. enndet haſt, deine un⸗ ch einmal us reiſeſt, dern Dich ſehr wohl e ſchwerſte und Deine nicht für ſichgemacht chen Nahe 2 Stunden n Du den h, daß Du lale in der Die erſten eennt ärger n ſo mehr, m auf den 109 Wogen hinüber zu ſchaukeln in das Land der Blinden, in das Land, wo die Krone winkt, die der Meiſter Dir auf Dein Haupt ſetzen wird. Fürchte nicht, daß Du es nicht erreichen wirſt, oder daß Du zu Grunde gehen koͤnnteſt bei der Reinwaſchung... nein, nein!— denn alles, was von Gott geboren iſt, überwindet die Welt; und unſer Glaube iſt der Sieg, der die Welt überwunden hat.“ „Der Glaubel Sieh da unſer ganzes himmliſches Geheimniß! Wandle im Glauben, Du ſtarker Held, doch erhebe Dich nicht in Deinem falſchen Dünkel, daß Du ſchon an der Thür der Reinen ſteheſt! Noch mußt Du kämpfen, um die Palme des Sieges zu gewinnen— aber Du gewinneſt ſie endlich, und dann wird Dir das Herz in der Bruſt frohlocken, und heiße Thränen werden die Wangen desjenigen feuchten, der jetzt und immer für Dein Wohl betet, und im Leben und im Tode Dein Freund und Deine Hülfe bleibt. „Theuerſter Bruder! ehe ich ſchließe, kann ich dem Bedürfniſſe nicht widerſtehen, vor Dir einen geheimen Ge⸗ danken niederzulegen, der ſich ſeit einiger Zeit in meiner Seele erhoben hat, und nach demjenigen, was ich in mei⸗ ner Demuth hoffe, ein Wink von dem Herrn iſt. „Du entſinnſt Dich noch... ich verhülle mein An⸗ tlitz mit einer Decke, da ich Dich an jenen Abend erin⸗ nere, da Du bei einer armen Frau in der Wüſte ein Nachtquartier begehrteſt; Du trafſt dort ein unglückliches Weſen, welches... genug, Du verſtehſt, wenn ich Dir ſage, daß von dieſer Zeit an Aſche auf meinem Haupte und Blut auf meinem Gewiſſen gelegen hat. Demjenigen, welchem die Sünde iſt wie ein ſüßer Geruch, würde dieſes Ereigniß keinen Anlaß zu großem Grame geben; doch demjenigen, welcher an jenem Abende ſeine Hand ausreckt gegen ihn, der auf dem Stuhle ſitzt, und mit lauter Stimme ruft: ſiehe meine Handlungen heute, und wäge ſie mit dem Gewichte Deiner Gnade! ihm iſt die Sünde kein ſüßer Geruch; er weint über ſeine gefährliche Lage und läßt ſich keine Ruhe, ehe er ſich aus derſelben ge⸗ cherlei holfen hat. nachdem „Entſfinneſt Du Dich auch, theurer Bruder, daß Du iſt. Al mich mit der Frage überraſchteſt, warum ich denn das die Go junge Mädchen nicht heirathete? Dieſe Frage habe ich haben vi mir ſeit fener Zeit oft vorgelegt und gewaltig habe ich ſo die T den geiſtlichen Stolz geſtraft, welcher zu ſagen wagte: ſie furcht, iſt zu geringe!“ geläſtert „Jetzt iſt mein Entſchluß beinahe reif geworden, die⸗ umgebra ſes junge Mädchen, deren Lippen mit der Klage geſchwie⸗„Je gen haben, zu Ebren zu bringen. Als ein geiſtlicher Mann halte ſeir aber bin ich verpflichtet, auch in demjenigen, was mich daſſelbe ſelbſt angeht, auf die Ehre meines Meiſters zu ſehenz dem Anfe darum kann ich ſie noch nicht ſogleich nehmen wie ſie iſt, wird! ſondern will ſie als Vorſteherin meines Hauſes, oder wie. man in der Sprache der Welt ſagt, als Hausmamſell, nach meinem neuen Wohnſitze mitnehmen, woſelbſt ihre Schickſale nicht bekannt ſind, und gewiß auch nicht durch Dich, mein würdiger Bruder in Chriſto, verrathen wer⸗ den! denn Dein Herz kann das Vertrauen eines Freundes und die Ehre eines Weibes nicht zu Schanden machen. Wenn ſie dann erſt ein Jahr oder zwei in dieſem neuen Amte geweſen iſt, und die Menſchen und ich ſelbſt ſehe, wenn es wie ſie ſich darin benimmt, dann trete ich in den heiligen nicht nur Stand der Ehe— denn im Alter iſt es doch gut, wenn man nicht allein iſt. 3 „Nun, mein theurer Bruder, ſage ich Dir ein war⸗ mes Lebewohl! Wenn Dir Deine Mühe ſchwer wird wenn Deine Neigung ſtill ſteht— denn ſo iſt der Menſch geſchaffen, daß er ſich nicht immer in der ſtarken Kraſt erhalten kann— ſo denke an die große Herrlichkeit, di raden We⸗ Dir dort winkt, wo Deine warme Seele, Dein glühen⸗ ch des Gefühl ihre eigentliche Heimath haben. Und wenn Du ſeines Her dich ermattet fühlſt in dem Kampfe gegen Deine eigena ſogar ſeine innern Anfechtungen, ſo denke an die hohen in dem Wort in ſeiner Buche Judith: Erinnere Dich, wie unſer Vater Abraham man⸗ dern ihm lben ge⸗ daß Du denn das habe ich habe ich agte: ſie rden, die⸗ geſchwie⸗ her Mann was mich zu ſehenz vie ſie iſt, oder wie asmamſell, ſelbſt ihre nicht durch athen wer⸗ Freundes machen. ſem neuen ſelbſt ſehe, en heiligen ſgut, wenn r ein war⸗ wer wird dem Worte aham man 111 cherlei verſucht war, und iſt Gottes Freund geworden, nachdem er durch mancherlei Anfechtungen bewährt iſt. Alſo ſind auch Iſaac, Jacob, Mooſe und alle, die Gott lieb geweſen ſind, beſtändig geblieben, und haben viel Trübſal überwinden müſſen. Die Andern aber, ſo die Trübſal nicht haben wollen annehmen mit Gottes⸗ furcht, ſondern mit Ungeduld wider Gott gemurret und geläſtert haben, ſind von dem Verderber und den Schlangen umgebracht.“ „Jetzt habe ich weiter nichts hinzuzuſetzen. Der Höchſte halte ſeine Hand über Dir und Deinem Werke, und laſſe daſſelbe Frucht tragen für Ihn, der da geweſen iſt von dem klnfang⸗ der Welt, der da iſt und der ewig ſein wird „Mit redlicher brüderlicher Liebe in Chriſto. „Grave.“ Hätte nicht der eigene unruhige Geiſt des Juſtus während ſeiner verwirrenden Fieberhitze das Licht der Ver⸗ nunft umgeſtoßen, ſo würde wohl daſſelbe bisweilen ſo hell geleuchtet haben, daß er die leichte, oder warum nicht leichtfertige Decke der Heiligkeit durchſchaut hätte, mit welcher Grave ſeine moraliſche Nacktheit verhüllte; doch wenn es auch wirklich Augenblicke gab, an denen Juſtus nicht nur die Wahrheit und den Nutzen der Sätze be⸗ zweifelte, welche Grave ſo frech aufzuſtellen wagte, ſon⸗ dern ſogar ſich mit Ekel von denſelben hinweg wendete, ſo fanden dennoch dieſe Sätze, dieſe wahnſinnigen Ab⸗ waſchungsverſuche einen allzu nachgiebigen Bundesver⸗ wandten in ſeiner wilden Ueberſpannung, als daß er im Stande ſein ſollte, ſich nunmehr feſt auf dem ſchnurge⸗ raden Wege zu erhalten. Noch immer war es gleichwohl der heiligſte Wunſch ſeines Herzens, auf demſelben zu wandeln, noch war es ſogar ſeine ſelige, faſt gewiſſe Hoffnung, daß Gott ihn in ſeiner Noth und in ſeinem Kampfe nicht verlaſſen, ſon⸗ dern ihm einen Wink ſenden würde, der ihn hoffen laſſen könnte, daß ſein Kampf gegen die Leidenſchaft ein Ende nehmen und ſich in den Frieden aufloͤſen würde, um welchen er ſo oft gefleht hatte. Er wollte nicht auf Grave's Rath hinſichtlich des letzten Verſuches hoͤren; er hatte die feſte Ueberzeugung, daß es Gott wohlgefälliger wäre, wenn er ſich einem Elende nicht Preis gäbe, welches keinen andern Lohn haben konnte, als die noch größere Erniedrigung ſeiner Seele. Nein, in dieſem Leben wollte er Conſtance nicht wieder ſehen; er trug ihr Bild lebhaft, unvertilgbar genug in ſeinem Herzen, und brauchte daſſelbe alſo nicht noch tiefer einzudrücken. Und wenn dieſe geordneten, dieſe wohlthuenden Gedanken ſein brennendes Herz kühlten, dann fühlte er Muth und ahnte, daß es ihm beſſer war, wenn er ſich ganz dem Einfluſſe eines Mannes entzöge, der doch immer unwillkührlich auf ihn einwirkte. Heute nach dem unheimlichen Traume in der letzten Nacht erhielten ſeine Sinne einen tiefen und ſchrecklichen Eindruck durch dieſen Brief. Seine Umgebung, die Ab⸗ ſicht, welche ihn hieher geführt hatte, die Ahnung an die bevorſtehende Nacht und die wechſelsweiſe ſteigende und wieder ſinkende Hoffnung auf die Rückkehr und Bekehrung des Verbrechers, alles, zuſammengelegt mit dem Umſtande, daß er beinahe gar nichts genoſſen hatte, brachte ſein heißes Blut in eine fürchterliche Unruhe. Er durchlebte den Reſt des Tages in Fieberphantaſien, bald von der mildeſten, bald von der wildeſten Natur; dennoch war der Anfang und das Ende derſelben immer, daß er die Seele des Lappen haben müßte; denn dieſe fire Idee, daß ein ſolches Opfer den Herrn verſoͤhnen würde, konnte er nicht los werden. Ach, welches Gewirre von Vernunft und Wahnſim in dem Kopfe des Fanatikers! Welches Gewirre von Lieb⸗ zu einem Weibe und Liebe zu Chriſto in ſeinem Herzen Die Schatten des Abends begannen ſich über Tſchidtjut herabzuſenken. 3 G*. In Geiſtlich Welten Die den Miſſ anbrechen 1 Ende welchen s Rath die feſte wenn er nandern drigung onſtance ertilgbar lſo nicht teen, dieſe een, dann ar, wenn der doch der letzten hrecklichen die Ab⸗ g an die ſch war der die Seele Wahnſim e von Leebt m Herzen Tſchidtzat 113 In dem Nomadenzelte lag auf ſeinen Knien der junge Geiſtliche und betete, betete brennende Gebete zu ihm, der Welten und menſchliche Schickſale in ſeiner Hand hält. Vierzehntes Kapitel. Die Stunden ſchlichen in dieſer Nacht ſo langſam fuͤr den Miſſionar dahin, als ob der Tag nie wieder auf Erden anbrechen ſollte. Dennoch war es eine herrliche, eine große Nacht mit Sternen und flammendem Nordlicht. Die hohen, weiß gekleideten Felſengebirge erhoben ſich majeſtätiſch in ihrer oͤden Wildheit; unter denſelben lag hie und da ein ge⸗ ſpenſterartiges Gebüſch: jeder Baum war ein Geiſt, und jeder Geiſt trug eine Eiskrone mit Tauſenden von Perlen, welche ſich in dem röthlichen Schimmer einer nordiſchen Winternacht brachen. Und allein, ganz allein in dieſer todten Schöpfung ſtand dort ein Mann, deſſen Antlitz beinahe eben ſo weiß war, wie der Schnee auf Tſchidtjak's Scheitel. Er ſtand da und überdachte den wundervollen Contraſt zwiſchen der kalten, grabähnlichen, verlaſſenen Natur in dieſem weißen, todten Lande und ſeinem eigenen warmen Herzen, in welchem das Blut in rothen und glühenden Wogen flutete. Doch die Eiswinde wehten den glühenden Wogen Kühlung zu. Es wurde vernünftig, kalt und klar in dem Gehirne des Schwärmers; er ſeufzte nicht mit einer phantaſtiſchen Wolluſt nach Reizmitteln für ſeine ſtets fordernden Nerven, ſondern er forſchte mit dem ernſten Blicke des Nachdenkens Eine Nacht am Bullarſee. M. 8 und der Selbſtprüfung bald oben in den Sternen, bald unten in den dunklen Gletſchern nach dem Lappen, bald in ſeinem eigenen Herzen. Welch ein hoher und tiefer Gedanke drang in dem Laufe dieſer Nacht in ſeine Seele? welch' ein Gedanke er⸗ ſchütterte ihn durch Mark und Bein, durch Herz, Kopſ und Gemüth? Es war ein Gedanke, der alle andern ver⸗ ſchlang, der zum erſten Male den Fanatiker ſich ſelbſt in einem Spiegel erblicken ließ, welcher im Stande war, ſein Bild klar wieder zu geben— o, es war ein entſetzlicher, ein bittrer, ein zermalmender Gedanke... ein Gedanke, deſſen Vernichtung er beinahe mit einem Selbſtmorde er⸗ kauft hätte. Er ſtand dort vor der Lappenhütte und wartete, war⸗ tete, hoffte und betete zu Gott, daß der Lappe zurückkehren möchte. Die Furcht vor dem Tode fand keinen Raum in ſeinem Herzen, ſo feſt glaubte er in dieſer Stunde, daß Gott mit ihm war; doch die Stunden ſchritten dahin, die Sterne und das Nordlicht verbargen ihr Licht, die Finſterniß ſenkte ſich in einer dunkelgrauen Dämmerung über die Erde— der Lappe ließ ſich weder ſehen noch hoͤren. Die Hoffnung, welche die Seele des Miſſionars belebte, erloſch immer mehr mit jedem Sterne, welcher verſchwand, und als er allein da ſtand in der weiten, großen Natur, ohne daß ſein Licht geleuchtet hatte vor dem unglücklichen, blinden Verbrecher, da ſchlug der ſchre⸗ ckenvolle Gedanke nicht gleich einem zündenden und ver⸗ ſchwindenden Blitz in ſein Herz ein, ſondern er ſenkte ſich langſam, ruhig und ernſt in ſeine Seele, wo er doch füt immer blieb.— „Siehe!“ ſagte dieſer Gedanke,„ſiehe in dieſer Miß⸗ rechnung ein Bild Deines eigenen Lebens! „Du hatteſt Dir dieſes Ziel vorgeſetzt; um jeden Preit mußteſt Du das Herz des großen Miſſethäters bekehren! Du konnteſt um dieſes Zieles willen der Kälte, den An⸗ ſtrengungen, der Todesgefahr trotzen; Du konnteſt gefaßte Muthes witters auf dem weg zu gemorder enden, es nicht es erhiel! denn das tief geſu vor Verl Erlöſers habe den Muth zu um der C antworten Ich wollt lichen Sü dieſe Han beſchäftige meinem b gefallen und ſie in irrungen, Bruders. en, bald n, bald g in dem danke er⸗ 3, Kopſ wern ver⸗ ſelbſt in war, ſein tſetzlicher, Gedanke, morde er⸗ ftete, war⸗ rrückkehren Raum in unde, daß ten dahin, Licht, die ämmerung ſehen noch Miſſionars e, welcher der weiten, t hatte vor g der ſchre⸗ n und ver⸗ ſenkte ſich er doch für dieſer Miß⸗ jeden Preit rs bekehren e, den An⸗ rteſt gefaßte 115 Muthes dem Hunger und der Möglichkeit eines Unge⸗ witters trotzen, welches Dir jede Möglichkeit abſchnitt, auf dem ganz unbekannten Felſengebirge den rechten Rück⸗ weg zu finden; Du konnteſt ſogar der Msglichkeit trotzen, gemordet zu werden, um nur das heilige Werk zu voll⸗ enden, für welches Dein Herz brannte. Aber Gott ließ es nicht zu, daß Dein Werk ein glückliches Ende nahm: es erhielt einen ganz unerwarteten Ausgang. Und warum denn das? Du brannteſt ja doch vor Verlangen, einen tief geſunkenen Mitmenſchen zu retten, Du brannteſt ja vor Verlangen, eine große Handlung für die Ehre Deines Erlöſers auszuüben! Doch lege die Hand auf Dein Herz, habe den Muth, Deinen Zuſtand zu unterſuchen, habe den Muth zu fragen, ob das wirklich um des Verbrechens, um der Ehre Chriſti willen geſchah? Habe den Muth zu antworten: Nein, ich that es nur um meinetwillen! Ich wollte die Ehre dieſes Mannes retten, dieſen fürchter⸗ lichen Sünder bekehren, weil es mir ſchien, als könnte dieſe Handlung die Zeit und die Gedanken erfüllen und beſchäftigen, welche ich tödten wollte; ich hoffte auch in meinem blinden Fanatismus, daß der Erlöſer mit Wohl⸗ gefallen meine heilige, heldenmüthige Handlung annehmen und ſie in die Wagſchaale legen würde gegen meine Ver⸗ irrungen, meine ſündige Leidenſchaft zu der Gattin meines Bruders. Doch Chriſtus warf einen Blick in die Tiefe meiner Seele, er ſah, wie vieles Unreine, wie viele Selbſt⸗ ſucht ſich mit meinem beſſeren Willen, meinem beſſeren Gefühle verband, und er verſchmähte meine Hülfe; denn wer in ſeiner Sache wirken will, der muß wirken um der Unglücklichen, um der großen Sache, nicht um ſeinetwillen, nicht mit ſelbſtſüchtigem Gewinn vor Augen.. „Siehſt Du!“ ſagte der grauſame Gedanke ferner, „Du ſiehſt das alles ein, Du begreifſt es— begreife nun auch, daß dieſe Wanderung, dieſes kleine Ziel ein treues Abbild Deiner großen Wanderung zu dem großen Ziele iſt! Dieſelben Gefahren, dieſelben Irrthümer, dieſelbe Halbheit, dieſelbe Kälte, dieſelben Flammen— und daſſelbe Ende; denn Dir fehlt ein wahrhaft chriſtlicher Geiſt: Du biſt ein ſchwankender Zweig, der von dem Winde hin und her bewegt wird. So lange dieſer Wind Dich bewegt, hältſt Du ihn für die Kraft des Geiſtes in Deiner eigenen Seele; wenn der Wind ſich legt, und es ſtill wird um Dich her, dann ſammelſt Du Dich nicht und hältſt Dich feſt aufrecht, ſondern Du ſinkſt erſchlafft zu Boden, und darum ſiehſt Du nun bei dem Ende Deines kleinen Zieles das Ende des großen— Du erreichteſt das eine nicht... eben ſo wenig wirſt Du jemals das andere erreichen!“ Sie waren nüchtern und trocken dieſe Anmerkungen, dieſe Vorſtellungen, ſie waren entſetzlich ernſthaft, und der alles vernichtende Gedanke:„ſiehe in dieſer Mißrechnung ein Bild Deines eigenen Lebens!“ hätte der Kraft, deren er ſich in der letzten Zeit rühmte, beinahe ein Ende gemacht. Mit düſtern, verlangenden Blicken maß er die Tieſt des Abgrundes, vor welchem er ſtand, und diesmal war es nicht der Gedanke an Afrika, ſondern ein Gedanke an ſeine Mutter, die ihm das Leben rettete. Er ging zurück in die dunkle Hütte; doch ihre Fin⸗ ſterniß war Licht gegen die Finſterniß, welche in ſeine Seele herrſchte. Er zweifelte nicht, daß dieſe Weckung von Gott kam, und eine tiefe, bittre, ſchmerzliche Be⸗ trübniß legte ſich auf ſein Herz, eine Betrübniß von un⸗ ausſprechlich qualvoller Bitterkeit, denn ſie kam aus ſeinen Gewiſſen, und das Zeugniß des Gewiſſens läßt ſich nicht verwerfen. Während der noch übrigen Stunden der Nacht üben dachte er ſein ganzes Leben. Er entſetzte ſich über dies Menge von Thorheiten, von Fanatismus, von Verirrungn und Sünden; er wüthete gegen ſich ſelbſt, gegen Grab ja ſogar gegen die Menſchen, welche ſein wahnſinnig verwirrender Enthuſtasmus hingeriſſen und unglücklich g macht hatte, und die in ihrer blinden Verehrung ſeine ho Meinun ſogar ge ſelbſt, ir decken w ſtreitigſte Aber es ſondern zweiflung eine Krif Als goldete, falteten. da. Nich ſeine Aug männliche nämlich ſ zuvor in d wohl aber So g Hand und daſſelbe eiſt: Du hin und bewegt, r eigenen wird um iltſt Dich den, und nen Zieles nicht... ichen!“ nerkungen, t, und der ißrechnung raft, deren ein Ende die Tieſe esmal war Gedanke an ihre Fin⸗ e in ſeina liß von un⸗ aus ſeinen ßt ſich nich Nacht über ih über die Verirrunga egen Gran wahnſinnigen glüͤcklich ge ng ſeine huf 117 Meinung von ſich ſelbſt genährt hatten— ja er wüthete ſogar gegen Conſtance, welche, eben ſo verächtlich wie er ſelbſt, ihre Sünde mit dem Schleier der Religion zu be⸗ decken wagte; gegen die ganze Natur, die ihn aus ihren ſtreitigſten Elementen zuſammengeſetzt hatte, wüthete er. Aber es war nicht die Wuth des wilden Wahnſinnes, ſondern eine kalte, höhniſche Wuth, die Wuth der Ver⸗ zweiflung; es war ein Wendepunkt in ſeinem innern Leben, eine Kriſis, die ihn vielleicht retten konnte. Als die Morgenſonne Tſchidtjak's Schneemaſſen ver⸗ goldete, da ſaß der Miſſionar noch mit zum Gebete ge⸗ falteten Händen und mit auf die Bruſt geſenktem Haupte da. Nicht eine Secunde hatte in dieſer Nacht der Schlaf ſeine Augen geſchloſſen, doch in ſeiner Seele war ein männlicher, ein heiliger Entſchluß zur Reife gediehen, nämlich ſogleich, ohne ſich im Geringſten aufzuhalten, ohne zuvor in die Heimath zurückzukehren, ſobald er ſein Geld von Grave erhalten köoͤnnte, ſich hinaus zu begeben. Er wollte ſeiner Mutter kein anderes Lebewohl ſagen, als er ihr ſchon geſagt hatte, denn es war wohl das beſte, den Schmerz nicht wieder zu erneuern, und er wollte auch die verrätheriſche Gegend, in welche Grave ihn einlud, nicht wieder beſuchen; nein, dieſe tauſendfältig unglücklichen Thor⸗ heiten ſollten ſeinem Haupte nie wieder nahen. Die Liebe konnte er nicht tödten; doch ſie hatte nur während der langen Zeit des Wahnſinnes als ein großes Wehe auf ſeiner Seele gelegen; jetzt, da er es wagen konnte, mit dem Blicke der Vernunft auch in dieſem Schachte zu for⸗ ſchen, in den bisher kein Fünkchen von Vernunft einge⸗ drungen war, jetzt fühlte er ſich überzeugt, daß Gott in ſeiner unendlichen Barmherzigkeit ihm eine Schwäche ver⸗ zeihen würde, welche dem Eifer, den er nun ernſt und redlich an den Tag legen wollte, keinesweges vermindern, wohl aber vermehren konnte. So geſtärkt nahm er die Schneeſchuhe wiederum zur Hand und ſchickte ſich an, einen Ort zu verlaſſen, an welchem ihm ſo vieles offenbart worden war, wo er ge⸗ ſucht, was er nicht gefunden, aber gefunden, was er nicht geſucht hatte. Doch verließ er dieſen Ort nicht lebhaft und voller Hoffnung; denn mit dem ſterbenden Enthuſias⸗ mus, dem ſterbenden Fanatismus ſtarb auch die Elaſticität in dieſer Seele, welche allzu ſehr gewohnt war, in berau⸗ ſchenden Irrthümern zu ſchwelgen, als daß ſie ſich jemals 4 der nüchternen Wirklichkeit anders als fremde fühlen onnte. Eine tiefe und ſtille Betrübniß lagerte nun auf dieſem Antlitze, von welchem noch vor zwei Tagen die glühende Begeiſterung ihre Flammen zurückſtrahlte. Jetzt erblickte er nicht die afrikaniſche Stadt in dem herrlichen Sonnen⸗ lichte eines tropiſchen Morgens; er kühlte nicht ſeine Stirn ab unter der gewaltigen Krone der Mango⸗Wälder; er ſtand nicht an dem Kerne des Erdballes an dem geheim⸗ nißvollen Nilſtrome, vor den himmelhohen Mondsgebir⸗ gen; er lag nicht auf den Knien, umgeben von hinge⸗ riſſenen begeiſterten Zuhoͤrern, welche in entzückter Andacht die Worte von ſeinen Lippen ſogen— nein, das alles war verſchwunden: ihn begleitete nur ein Bild, das Bild des wilden Lappen, das Bild der elenden Familie, welche er aus ihrer ärmlichen Heimath vertrieben hatte, anſtatt ihren Seelen eine Heimath in dem Reiche zu geben, zu welchem er in ſeinem hohen Selbſtvertrauen die Schlüſſel zu haben vermeinte; er umfaßte nur eine Idee, nämlich: wäreſt Du geweſen, was Du zu ſein glaubteſt, ſo ruhte nun das Herz des Schuldbeladenen an dem Herzen des Erlöſers! Seine feſte Zuverſicht zu ſich ſelbſt, ſein Stolz war vernichtet: er hatte in dieſen zwei Tagen mehr erlebt, er⸗ fahren und begriffen, als in ſeinem ganzen vorhergegan⸗ genen Leben zuſammen genommen; denn er hatte hier etwas begriffen, woran er noch nie geglaubt hatte: ſeine eigene Kleinheit. Sollte er durch die jetzt überſtandene Kur Geſundheit, Leben, Freiheit gewinnen? Er hoffte es, Und ſobald er ſeine Station wieder erreicht hatte, ſo ber gann e Kraft. beſuchen Träume mit im „Es iſt verloren aber eit Zeitpun abkühlte wirklich Armuth „Es o er ge⸗ er nicht t lebhaft nthuſias⸗ kKlaſticität n berau⸗ ch jemals de fühlen uf dieſem glühende t erblickte Sonnen⸗ eine Stirn zälderz er n geheim⸗ ondsgebir⸗ von hinge⸗ eer Andacht alles war Bild des welche er ſtatt ihren zu welchem ael zu haben : wäreſ te nun das b Erlöſers! Stolz war erlebt, er⸗ orhergegan⸗ hatte hier hatte: ſeine überſtandene Fr hoffte es. tte, ſo be⸗ 119 gann er von Neuem ſeine Arbeit mit ernſter und männlicher Kraft. Doch der Friede wollte ſein Herz nicht wieder beſuchen: in jeder Nacht ſtand der wilde Lappe in ſeinen Träumen, an jedem Abende, an jedem Morgen ſagte er mit immer tieferer und tieferer Betrübniß zu ſich ſelbſt: „Es iſt Deine Schuld, daß für den Himmel eine Seele verloren gegangen iſt!“ Das war wohl auch eine Phantaſie, aber eine Phantaſie, welche wenigſtens in dem jetzigen Zeitpunkte heilſam wirkte, weil ſie alle übrigen Phantaſien abkühlte. Fünfzehntes Kapitel. An dem Tage nach ſeiner Rückkehr von Tſchidtjak ſchickte Juſtus an Grave einen Brief ab, welcher mehr als alles andere ein Zeugniß von der großen Veränderung ſeiner Seele gab: „Ich bin aufgeſtanden von einem langen ungeſunden erſtickenden Schlafe, deſſen heiße Träume mehrmals ge⸗ droht haben, mein Gehirn in Flammen zu ſetzen: ich bin aufgeſtanden von dem geiſtigen Somnambulismus, der mich faſt zwei Jahre lang gefeſſelt gehalten hat, und ob⸗ gleich ich mit einem gewiſſen Schauder, mit einem ge⸗ wiſſen Gefühle meiner Armuth die Flügel ablege, deren ich mich bei meinen Traumreiſen bediente, um nun die einfache, aber zweckmäßige Tracht anzulegen, die ein wa⸗ chender, vernünftiger Menſch trägt, ſo hoffe ich dennoch, daß die Gewohnheit und die Kenntniß der Pflichten eines wirklich chriſtlichen Miſſionars mich lehren wird, dieſe Armuth zu ertragen. „Es war ein einfaches Ereigniß— ja, ſo einfach, daß ich es mit meinen abenteuerlichen, alles verſinnli⸗ chenden Ideen kaum faſſen wollte— das mich weckte und mir befahl, über die Art, womit ich bisher meine Kräfte in dem Dienſte meines Herrn angewendet habe, Gericht zu halten. Dieſes Gericht hielt ich in einer Nacht auf dem öden, von Menſchen und Thieren verlaſ⸗ ſenen Tſchidtjak, wohin ich gekommen war, um einen Miſſethäter zu bekehren, der dort eine Zuflucht gefunden hatte. Aber auch die elendeſten Geſchöpfe haben ihre Inſtinkte: er, der grobe Sünder, merkte an ſeiner Ver⸗ härtung gegen das Wort, daß derjenige, welcher daſſelbe verkündigte, nicht von Gott war; denn während der erſten Nacht entfloh er mit Weib und Kind. Einen Tag und eine Nacht harrte ich ſeiner Rückkehr, und in dieſer letzten Nacht weckte mich Gottes Stimme und ſagte:„Siehe in dieſer Mißrechnung ein Bild Deines eigenen Lebens; Du erreichteſt das kleine Ziel nicht, Du wirſt auch das große niemals erreichen!“ „Ein tiefer Abſcheu, eine kalte Verachtung meiner ſelbſt kam über mich, es fiel von meinen Augen wie Schuppen. Man kann in einer ſolchen Nacht nicht auf dem hohen, mit Schnee bedeckten Tſchidtjak ſtehen, mit dem Himmel, den Sternen und dem beleuchtenden Nord⸗ lichte über ſich, mit dem von einem weißen Leichentuche verhüllten Abgrunde unter ſich, und ſein eigenes Bild in einem falſchen Lichte ſehen: die göttliche Macht der Wahr⸗ heit muß hindurchdringen, die Seele iſt gezwungen, ſich der Sprache zu öffnen, welche ſie noch nie gehört, oder wenn ſie dieſelbe gehört hat, nicht hat verſtehen wollen— hier iſt eine Täuſchung unmöglich. „Meine Augen ſind geoͤffnet worden! „Zwar habe ich vieles gelitten, aber es war ein fal⸗ ſches Leiden, und ich erſchrecke und zittere über den rohen Fehlgriff, welchen wir uns beide, in Betreff der Reini⸗ gung und Heiligung zu Schulden kommen ließen. Wie konnte die Binde des Fanatismus ſo hart uns beiden verſinnli⸗ h weckte der meine det habe, in einer e verlaſ⸗ um einen gefunden aben ihre iner Ver⸗ er daſſelbe der erſten Tag und eſer letzten „Siehe n Lebens; auch das ng meiner Augen wie tnicht auf ehen, mit den Nord⸗ eichentuche ges Bild in der Wahr⸗ ungen, ſich ehört, oder wollen— ar ein fal⸗ r den rohen der Reini⸗ leßen. Wie uns beiden 121 um die Augen gebunden ſein, daß wir nicht ſahen, wie dieſer Weg nicht in den Himmel führte, ſondern gerades Weges in den Abgrund! Welch ein ſündhaftes und elen⸗ diges Leben in dem Fegefeuer, das Du zu meiner Reini⸗ gung für das einzige Mittel erachteteſt! „Kann man ſich dadurch heiligen, daß man die Ver⸗ ſuchungen in ihren verführeriſchſten Geſtalten hervorlockt, und dadurch, daß man ſich mit ihnen vertraut macht? Reinigt man ſich, wenn man den Koͤrper bis zu einer ſolchen Höhe peinigt, daß nur die Phantaſie allein noch Leben behält? Treibt man endlich den Teufel und die boͤſen Lüſte aus, wenn man die Geißel gebraucht, da man doch gerade durch dieſe Pönitenz den ganzen Organismus ſo ſchwächt, daß man nicht länger im Stande iſt, einen klaren Gedanken feſt zu halten, ſondern ſich dem Punkte ſtets näher und näher getrieben fühlt, wo der Wahnſinn den Fanatismus abloͤſ't? „Geſegnet, ewig geſegnet ſei dieſe Nacht, die mein Gehirn, mein Herz, meine Sinne abkühlte! In dem Ge⸗ danken:„ſiehe in dieſer Mißrechnung das Bild Deines Lebens!“ will ich eine Prophezeiung, eine Weckung, eine große Weckung des Herrn ſehen, der es ſo meint: wenn Du auf dem unglücklichen, von lauter Irrwiſchen beleuch⸗ teten Wege, dem Du bisher gefolgt biſt, weiter wanderſt, ſo wird es mit Deinem großen Ziele eben ſo gehen, wie mit dem kleinen; läſſeſt Du Dir aber dieſes Ereigniß zur Warnung gereichen, und wirſt Du ein Apoſtel um mei⸗ netwillen, um der unglücklichen, blinden Schaafe willen, ſo will ich meine Hand über Dich halten und Dich das Ziel erreichen laſſen, welches an ſich ſelbſt ſchon groß und hoch genug iſt, ohne daß es des Zuſatzes der illuſoriſchen und tauſendfarbigen Auskleidung bedarf, wo⸗ mit Du daſſelbe zu verherrlichen meinſt! „Ja, mein Erlöſer, mein Herr, mein Meiſter! Ob⸗ gleich meine Kräfte gering ſind— das ſind ſie, wenn ſie nicht vor den Luſtwagen der Einbildung geſpannt wer⸗ den— ſo will ich doch dieſe Kräfte rein und einfach Dir und denjenigen opfern, deren Errettung ich mit Deiner Hülfe verſuchen willl Mit meiner ganzen Seele will ich gegen dieſen Enthuſiasmus arbeiten, welcher aufflammt und brennt ohne zu wärmen; ich will Deinen Geiſt ſu⸗ chen, ich will mich nach dieſen hohen Vorbildern bilden, welche eine verſinnlichende Sprache nicht verſchmähten, weil dieſelbe mehr auf die Gemüther der Menſchen ein⸗ wirkt, welche aber den berauſchenden Duft in dieſen über⸗ ſinnlichen Täuſchungen, welche die Seele erſchlaffen und die Kraft verweichlichen, gänzlich verſchmähte! „Nachdem ich nun meine innerſten Gedanken entblößt habe, will ich nur noch hinzufügen, daß mein Entſchluß hinaus zu reiſen ſo ſchnell wie möglich ausgeführt werden muß. Ich komme alſo nicht nach Hauſe; ich werde ſpäterhin in einem Briefe von meiner Mutter Abſchied nehmen. Schicke mir alſo nach*r*n— er gab die Adreſſe an— ſo ſchnell wie Dir möglich iſt, die Summe, welche ich Deinen Händen anvertrauete! Noch nie habe ich den Werth des Geldes ſo gekannt, wie jetzt: dadurch bin ich unabhängig, darf reiſen wann ich will, und ich will reiſen, ich werde von einer der noͤrdlichen Städte Schwedens abreiſen, ehe noch der kurze Sommer von dieſen armen Felsgebirgen und ihren neuen Anſiedelungen Abſchied nimmt. „Wie haſt Du mir vorſchlagen können, ein neues Fegefeuer, und noch dazu ein ſolches Fegefeuer zu durchwandern? Wäre es nicht etwas ganz Unmögliches, etwas Unbegreifliches und für Dich ganz Nutzloſes, mich zu verderben, ſo würde ich in gewiſſen Augenblicken, da ich Deine Rathſchläge, Deine Sätze, Deine Sophismen — denn nicht nur Deine Worte, ſondern Dein Leben ſelbſt enthält ſolche— ich würde, da ich dieſes alles unterſuche, auf den Glauben kommen koͤnnen, Du hätteſt eine Abſicht mit dieſem... doch vergib mir! es kann nicht ſo ſein, ſondern wir ſind beide in gewiſſen Punkten auszuſe ich ſie er von Verſuch jegliche gereizet fach Dir Deiner eele will ffflammt Zeiſt ſu⸗ mbilden, pmähten, hen ein⸗ en über⸗ ffen und entblößt Entſchluß t werden ch werde Abſchied gab die Summe, nie habe dadurch und ich n Städte mer von edelungen ein neues efeuer zu mögliches, ſes, mich licken, da Sophismen ein Leben eſes alles Du hätteſt es kann n Punkten 123 auf Abwege gerathen Die Buße, welche Du vorſchlägſt, iſt dem Herrn nicht angenehm; ich habe Muth genug, ein⸗ zuſehen, daß ſie mich zu etwas weit Elenderem machen könnte, als ich jetzt bin. „Bisher iſt meine Leidenſchaft eigentlich eine Leidenſchaft der Phantaſie geweſen. Ich habe nicht öfter als ein⸗ oder zweimal mit ihr geredet ſeit dem Augenblicke, da ſie meine Seele in Feſſeln legte; was jedoch daraus werden könnte, wenn ich gequält von den Martern der Eiferſucht, ſie täglich als die Gattin eines Andern ſehen müßte, das weiß nur er, der die Geheimniſſe aller Menſchen in ſeiner Hand hält. Ich weiß nur eins, nämlich daß es, weit entfernt meine Pflicht zu ſein, mich dieſer Verſuchung auszuſetzen, vielmehr ſein ausdrücklicher Befehl iſt, daß ich ſie fliehe. Niemand ſage, wenn er verſucht wird, daß er von Gott verſucht werde. Denn Gott iſt nicht ein Verſucher zum Böſen, Er verſucht niemand. Sondern ein jeglicher wird verſucht, wenn er von ſeiner eigenen Luſt gereizet und gelocket wird. „Ich bitte Dich, daß Du in Deiner Antwort mit keinem Worte dieſes Gegenſtandes erwähnſt, welcher in Zukunft ein Geheimniß unter uns bleiben mag; ich bitte Dich auch, daß Du nicht mit mir über meine geiſtige Verän⸗ derung redeſt, ſondern daß Du es mir überläßt, mein Ziel auf eigene Hand zu verfolgen: das viele Gerede, die vielen verwirrenden Verdrehungen der Bibelſprüche thun meinem Kopf wehe— ich bitte Dich: laß uns in Glaubensſachen unſre eigenen Wege gehen! Du weißt, wie Du mich zu⸗ rückwieſeſt, als ich auf Dich einzuwirken ſuchte— erweiſe mir nun die Achtung, die ich Dir erwies; laß uns glau⸗ ben, daß wir alles, was uns dunkel iſt, am beſten mit uns ſelbſt erforſchen und mit dem Meiſter, welcher unſre Abſichten und unſre Kräfte auf der Wage ſeiner Gerech⸗ tigkeit abwägt! „Lebe wohl, Bruder! Du haſt mir ſehr wehe gethan; doch Du haſt es in der feſten Ueberzeugung gethan, daß Du mir wohl thateſt; darum verzeihe ich es Dir von ganzem Herzen. Bete zu Gott für mich, und ſchicke mir moͤglichſt ſchnell die große Summe, welche der Conſul Löwe mir ſo großmüthig zu dieſer Reiſe ſchenkte! Gott halte ſeine Hand über Dich und ſende Dir eine ſolche Weckung, wie er mir geſendet hat! „Juſtus von Carleborg.“ Mit umgehender Poſt kam Grave's Antwort an. Dieſe traf den Miſſionar wohl noch in der ruhigen und glücklichen Gemüthsſtimmung, in welcher er den ange⸗ führten Brief geſchrieben hatte; ob ſie aber auch nach⸗ dem ſie geleſen war, in ihm noch dieſe Stimmung zurück⸗ ließ, darüber kann man erſt ein Urtheil fällen, wenn man mit ihrem Inhalte bekannt geworden iſt. „Wehe, wehe— wehel Finſterniß decket die Erde, und in den Wolken ſteht eine große Feuerruthe: das iſt die Ruthe des Herrn, womit er die Gottloſen ſtrafen und züchtigen wird, die ſiebenfältig Gottloſen, welche auf ſeinem Wege wandelten, aber in Hochmuth, Wahnſinn und Irrthum von dem rechten Wege wichen und auf den Weg geriethen, wo Belial und ſeine Diener bereit ſtehen, die Thore weit zu öffnen! „Welcher Teufel iſt in Deinen Leib gefahren, Du Sünder, daß Du nicht Unrath merkſt? „Haſt Du gehoͤrt, daß in einer alten Sage der Ge⸗ danke lebt, daß die Seele des Lappen ſich während ſeines Schlafes von ihm hinweg auf große, lange Wanderungen begeben kann? Man moͤchte zu dem Glauben verſucht werden, daß die verlorne Seele des Miſſethäters Deine Staubhütte in Beſitz genommen hat; doch dieſes wäre Wahnſinn; es iſt vielmehr der Blutjammer über Deine verunglückte Hoffnung nebſt dem Schauder einer Nacht auf dem öden Felsgebirge, was zur Hälfte Deine Sinne verrüc laſſen, ſionar forder ſchine kann. 2 1/ fürchte daß er noch l trinke, Geh ir gen ve falſchen Deinen ul mehr l meiner dir von cke mir Conſul Gott e ſolche rg.“ ort an. gen und in ange⸗ ch nach⸗ zurück⸗ enn man bie Erde, s iſt die afen und elche auf Wahnſinn auf den eit ſtehen, den, Du der Ge⸗ end ſeines iderungen verſucht rs Deine eſes wäre ber Deine er Nacht line Sinne 125 verrückt hat und Dich in den entſetzlichen Wahn hat fallen laſſen, daß für einen Sachwalter Chriſti, für ſeinen Miſ⸗ ſionar, nicht noch etwas mehr, etwas weit Höheres ge⸗ fordert werde, als hinauszugehen wie eine Art von Ma⸗ ſchine, die das Wort nur nach dem Buchſtaben lehren kann. „Dein Zuſtand iſt betrübt— was ſage ich: er iſt fürchterlich! Er iſt„gleichwie einem Hungrigen träumt, daß er eſſe, wenn er aber aufwacht, ſo iſt ſeine Seele noch leer;“ und wie einem Durſtigen träumt, daß er trinke, wenn er aber aufwacht, ſo iſt er matt und durſtig. Geh in Dein Inneres, unſeliger von dem Vater der Lü⸗ gen verwirrter Sohn, und antworte mir: können Deine falſchen Irrlehren Deinen Hunger ſtillen— können ſie Deinen Durſt länger ſtillen, als da Du träumſt? „Und Du wagſt es, Dir einzubilden, daß Du nicht mehr bedarfſt, als nur zu ſagen: Ich werfe die Laſt meiner Sünden hinter mich, um zu glauben, daß ſie auch wirlich dort liegt? Doch blicke um Dich und ſieh, daß ſie wiederum ſtärker und ſchwerer als jemals auf Deinen Schultern liegt; denn nun hat eine noch gefährlichere Sünde als alle Deine anderen Sünden die Laſt vergrößert, eine Sünde, gegen welche die andern ſind wie Sandkoͤrner am Meere, nämlich die Sünde der Sicherheit, die ge⸗ fährlichſte, gräßlichſte und unerhörteſte von allen Sünden! Du ſtehſt nun ſchon mit dem einen Fuße in dem Ab⸗ grunde, und nur die eilfertigſte, zerknirſchendſte, lebendigſte Reue kann Dich rein waſchen. „Urtheile nun über die Höhe Deiner Verblendung, Deines Elendes, Deiner Erniedrigung, da Du im Stande geweſen biſt, mich, Deinen einzigen Freund auf Erden, wegen einer Sünde, für welche Du gar keinen Namen weißt, in Verdacht zu haben! Nein, fürchte Dich vor ihm, der Leib und Seele verderben will in die Hölle, denn Du biſt ſehr nahe daran, in ſeine Macht zu fallen; und kehrſt Du nicht zurück zu mir, und unterziehſt Du Dich nicht einem Fegefeuer auf Erden, ſo bereite Dich ſtatt deſſen auf das Fegefeuer, welches jenſeits Deiner wartet, wenn Du Dich ſo unrein, verblendet und verhär⸗ zefwi Du jetzt biſt, auf den Weg zu den Heiden be⸗ gi „Ich, ich ſage Dir, ich der geweihte Prieſter des Herrn, der nicht um alle Güter der Welt eine verwir⸗ rende Lüge über meine Lippen kommen laſſen will, daß Dein Geiſt nicht mehr vom Herrn iſt, und daß Du in Deiner jetzigen Lage unwürdig, gänzlich unwürdig biſt, ſein Wort zu den Völkern zu bringen! Auch wird Dein Werk, wenn Du es beginnſt, abſterben, Du ſelöſt wirſt abſterben und verwelken, und Deine Seele wird in vieler⸗ lei Jammer verſinken, und Deine Tage werden ſein wie Jahre, und Deine Nächte wie Jahrhunderte, und doch wirſt Du nicht ſterben wollen, denn Du weißt, wer Dich erwartet, und mit wem Du in Deiner Sicherheit einen Bund gemacht haſt! „Ich ſchicke Dir kein Geld; denn ſelbſt in dem Falle, daß es mir nicht unmöglich wäre, es ſo ſchnell zuſammen zu bringen, würde ich es nicht thun. Nein! behüte mich Gott vor einer ſo großen Sünde! ich mag mich keiner Theilnahme an Deiner großen Miſſethat ſchuldig ma⸗ chen. Du warſt auf einem guten Wege, mein Herz freuete ſich in Chriſto, unſerm guten theuren Hirten, als ich ſah, wie vortrefflich Du Dich zu dem ſchönen und hohen Berufe bereiteteſt, ſein Rüſtzeug auf Erden zu ſein; doch Du haſt mit einem Male allen guten, Saamen, der in Dir ausgeſäet worden iſt, alle Heiligung der Gerech⸗ tigkeit, ausgeriſſen; Du haſt mit Deiner kalten, Dir vom Teufel eingegebenen Vernunft das Geheimniß prüfen wollen, welches in der Seele des Menſchen vorhanden iſt und immer vorhanden ſein muß als eine Verbindung zwi⸗ ſchen der Sinnen⸗ und der Geiſterwelt. Du meinſt Prü⸗ fungen und Leiden genug beſtanden zu haben, und haſt erſt die Prüfungen eines Kindes beſtanden! Thor, ſinke hin z0 Du il Dein geſtatt angezüt auslöſch ernswüt te Dich Deiner verhär⸗ iden be⸗ ter des verwir⸗ ll, daß Du in dig biſt, rd Dein öſt wirſt n vieler⸗ ſein wie ind doch ver Dich eit einen em Falle, uſammen hüte mich ch keiner ldig ma⸗ ein Herz irten, als oönen und zu ſein; men, der r Gerech⸗ Dir vom iß prüfen handen iſt dung zwi⸗ heinſt Prü⸗ und haſt hor, ſinke 127 hin zu den Füßen Deines Erlöſers und liege dort, bis Du ihn ſo lange um Erbarmen gefleht haſt, daß Du Dein Licht wieder anzünden darfſt, und wenn er es Dir geſtattet, ſo hüte Dich, daß es nicht von Neuem erliſcht! „Weit entfernt, von dem Gegenſtande zu ſchweigen, den Du um Deiner elenden Schwäche willen nicht zu hoͤren wagſt, will ich zu Deiner heilſamen Zucht und Beſſerung davon reden, ſo widrig es auch meinen Ohren und meiner Seele iſt. „Ich habe nun mit meinen eigenen Augen das Weib geſchauet, das in Deinem Herzen den ſündigen Brand angezündet hat, welchen Chriſtus in ſeiner Gnade Dich auslöſchen laſſen wollte; und ich erkenne, daß ihre bedau⸗ ernswürdige Schönheit wirklich gefährlich iſt. Gerade ſolcher Weſen bedient ſich der Fürſt des Abgrundes, um die redlichen Kämpfer zu verſtricken und zu verderben, ſofern ſie ſich nicht dreiſtiglich in den Kampf begeben, und den untergraben, der über ihren Fall zu frohlocken gedachte. „Was ſind wohl Judith's Augen— vergib mir, mein Meiſter, daß ich um der Rettung und Härtung dieſes Freundes willen von ſo weltlichen und boͤſen Dingen rede!— in Vergleich mit den Augen dieſes Weibes, über denen gleichſam eine Wolke lieblicher Wolluſt ruht! Was ſind Judith's Lippen gegen die Lippen dieſes Weibes, welche glänzen von dem heißeſten Purpur, ſo heiß, wie die zuckenden Wogen des Blutes in ihrem Herzen.... o wehe, wehe über eine ſolche Rede! Nein, ich will nicht vergleichen; aber ich will ſagen, daß ich erſt in dem Augenblicke, da ich ſie erblickte, die heilige Beſchreibung der Schrift über die Schwäche des Holofernes vor Ju⸗ dith's Schönheit begriff: ein ſolches Weib koͤnnte einen Erzengel zur Sünde verlocken!... O wehe, o wehe, mein Herz vergehet, wenn ich länger aushalte! Gekämpft zu haben gegen dieſe Verſuchungen, welche ſie auslegt, ohne es wollen und zu wiſſen, iſt ſchon ein Ruhm; ſie überwunden zu haben aus Liebe zu Chriſtum und den armen, elenden Heiden iſt ein Sieg, ſo groß, daß derje⸗ nige, welcher damit gekroͤnt iſt, ehe er ſich hinaus begibt auf ſeine Wanderung, des größten, lieblichſten, herrlichſten Sieges des Chriſtenthumes über die Finſterniß des Hei⸗ denthumes gewiß ſein kann, wenn er gleich einem Engel mit dem Schlüſſel in ſeiner Hand erſcheint und die Pfor⸗ ten des Himmelreiches aufthut. „Ich kann nicht unterlaſſen zu ſagen, daß ich ſie an einem Tage beſucht habe, da ſie allein war. Da brachte ich ihr einen Gruß von Dir, und bei Deinem Namen zuckte es in ihrem Herzen, und ihr Antlitz ward verwan⸗ delt in eine feurige Wolke. Ich fühlte Mitleid mit der Unruhe, welche ſie um den theuren Lehrer quälte und deu⸗ tete ihr zwei Bibelſprüche an, welche ſie für einen würdi⸗ gen Friedensgruß aus der Ferne von Dir hält. Ich hoffe, Du kannſt die Wahl derſelben nicht mißbilligen,(1. Cor. 13, 12. Pſalm 71, 7.) auch kannſt Du meinen Wunſch nicht tadeln, Dich in ihrer Erinnerung in der Glorie der Reinheit ſtehen zu ſehen, die Dich meines Wiſſens damals umgab. Aus der angeſtellten Prüfung erſah ich mit ſchmerz⸗ hafter Betrübniß, daß in ihrer Seele eine tiefe und hef⸗ tige Liebe glüht— eine Frucht der Sünde, denn es iſt eine verbrecheriſche Liebe. Heil Dir, wenn es Dir möglich wäre, dieſe Wunde zu heilen, und ihr den wahren Frie⸗ den zu ſchenken! Nur durch Dich allein kann ſie ihn ge⸗ winnen, denn wenn Du Dich vor ihr ſtark und groß zeigſt, wie es einem wahren Kämpfer Chriſti geziemt, ſo wird auch ſie gegen das Böſe kämpfen, um ſich Deiner würdig zu zeigen; ſie wird ihre Schwäche überwinden und eine glückliche Gattin werden, was ſie meines Erachtens jetzt nicht iſt, denn ihr Sinn, ihr Herz und ihre Seele leben für einen Andern. „Alles hier angedeutete Gute koͤnnte Dein ſegensreiches Werk werden; doch wozu Du Dich auch entſchließen magſt, ſo mußt Du ſelbſt Dein Geld holen; denn in der gefähr⸗ lichen! lieben 4 eure Lei und Go Welt gl eures S der gute, Ja, ſo meine T nd den 6 derje⸗ 6 begibt erlichſten des Hei⸗ n Engel ie Pfor⸗ ch ſie an a brachte n Namen verwan⸗ dmit der und deu⸗ en würdi⸗ ſie ihn ge⸗ groß zeigſt, , ſo wird ner würdig n und eine egensreiches ſeßen magſt der gefähr⸗ 129 lichen Lage, worin Du jetzt biſt, kannſt Du weder Dich ſelbſt beherrſchen, noch Dein Geld recht anwenden. „Siehe, Dein Bruder ſchreibt auf ſeinen Knien dieſe letzte Ermahnung: kehre um, kehre um! beſchmutze Dich nicht länger mit dem Verbrechen der Sicherheit! Er bittet Dich mit den Worten der Schrift:„Ich ermahne Euch, lieben Brüder, durch die Barmherzigkeit Gottes, daß ihr eure Leiber begebet zum Opfer, das da lebendig, heilig und Gott wohlgefällig ſei! Und ſtellet euch nicht dieſer Welt gleich, ſondern verändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, auf daß ihr prüfen moget, welches da ſei der gute, wohlgefällige, und der vollkommene Gottes Willel⸗ Ja, ſo, ſo bitte ich für Dich, Juſtus, Bruder, indem meine Thränen unaufhörlich ſtromen und meine Gedanken Dich unaufhörlich umſchweben! „Mein Herz ſeufzt und hat keine Ruhe; es verblutet in meiner Bruſt, wenn ich Dich nicht bald wiederum auf dem Wege Gottes vernehme. Vielleicht biſt Du ſchon dort, vielleicht haben meine Gebete ihn gerührt, den Du erzürnt haſt— wie dem auch ſei, ſo will ich für Dich beten Tag und Nacht ohne Aufenthalt, und meine Stimme ſoll die Poſaune ſein, welche in Deine Ohren erſchallt, wenn Du verſucht wirſt, zu entſchlummern, oder Dich auf dem Wege zu verirren. Lebe wohl, Du verirrte Seele! Wenn Du recht erwachſt aus dem Traum, der Dich jetzt umnebelt, ſo komme und weine aus an dem Herzen Deines Bruders! Grave.“ Nachdem dieſer gottloſe Wirrwarr in alle Richtungen der Seele des armen Miſſionars gedrungen war, nachdem alle Fibern ſeines Weſens geſpannt worden waren, nach⸗ dem alle Gefühle in ſeinem Herzen erhitzt, nachdem jeder Blutstropfen ſeines Körpers in Gaͤhrung gekommen war, nachdem ſeine fanatiſche Gottesfurcht wieder einige wahn⸗ ſinnige Irrthümer aufgefaßt hatte, und nachdem endlich ſeine ausgeruhte Einbildung ſich mit einer Art von Wuth Eine Nacht am Bullarſee. III. 130 auf eine neue Idee geworfen hatte, ſo bizarr und wahn⸗ finnig ſie auch ſein mochte— und welche konnte wohl wahnſinniger ſein, als die Idee, daß die Seele des Lap⸗ pen, des Miſſethäters auf einer von ihren Ausflüchten in dem Körper des Miſſionars zu Gaſte geweſen war?— kurz: nachdem jedes von Graves ſämmtlichen Hülfsmitteln nach Kräften gewirkt hatte, da ging wiederum ein düſterer Schatten über das Leben des Fanatikers. Er wollte dieſen Schatten hinweg arbeiten, er wollte mit aller Macht ſeinem Blicke wiederum Licht und Deutlichkeit ſchaffen; doch wenn ſich auch nicht der Zweifel ſelbſt ihm genähert hatte, ſo war es doch wenigſtens ein zweifelnder Gedanke über ſeinen geiſtigen Zuſtand, welcher ihm gemacht war, und die Bilder vor ſeinem geiſtigen Auge immer mehr verſchmolzen hatte. Conſtance hatte ihre Macht und Herrſchaft wieder eingenommen, er ſah ſie trauernd an den Uſern des Bul⸗ lar⸗See nach der Urſache ihrer unbewußten Qual ſuchen; er ſah ſich ſelbſt an ihrer Seite, wie er Worte nach der alten, ſchwärmeriſchen Melodie redete. Doch in der Mitte dieſer Träume weichlicher Liebesphantaſie ſtand der Lappe und die verunglückte Wanderung auf den Tſchidtjak wie⸗ derum vor ihm, und nun begann eine Phantaſie von eben ſo gefährlicher Beſchaffenheit— nicht daß ſein Geiſt je⸗ mals verfinſtert worden wäre, aber er fand einen unnenn⸗ baren Reiz in dem Gedanken an die Möglichkeit einer ſchon in der Zeit begonnenen Seelenwanderung. Es war ein wildes Spiel ſeiner Phantaſie zur Vertreibung boͤſer, ge⸗ fährlicher Gedanken. Graves Abſicht damit, daß er das Geld unter keiner andern Bedingung zurückgeben wollte, als daß Juſtus es ſelbſt abholte, ſtand nicht in ihrem wahren Lichte da, denn Juſtus konnte ſeinen Freund Grave nicht in dem Verdachte einer Nichtswürdigkeit haben. Dennoch fühlte er einigemale einen Anſlug von Verdacht, daß ein anderer Plan als der angegebene ſeiner Weigerung zum Grunde liegen ihn au Vollm ihn da ihm gl liche S zukomn daher von ſel A Graves über j hatte Buchſta ſie ihn allmäli welchen wahn⸗ e wohl es Lap⸗ flüchten Har?— smitteln düſterer ee dieſen Macht ſchaffen; genähert Gedanke cht war, er mehr wieder des Bul⸗ ſuchen; nach der der Mitte der Lappe tjak wie⸗ von eben Geiſt je⸗ unnenn⸗ ner ſchon war ein öͤſer, ge⸗ ter keiner Juſtus es eichte da, t in dem och fühlte in anderer n Grunde 1341 liegen koͤnnte; und dennoch, jedesmal, wenn die Vernunft ihn aufforderte, an Leonard zu ſchreiben, und ihm die Vollmacht zu geben, das Geld einzufordern, ſo kam über ihn das Gefühl einer ſchrecklichen Unheimlichkeit; es war ihm gleichſam, als fühlte er in ſeiner Nähe eine gefähr⸗ liche Schlange, die er berühren mußte, um an ihr vorbei⸗ zukommen, die er jedoch nicht zu berühren wagte, und es daher vorzog, ſtill zu ſein, in der Hoffnung, daß ſie ſich von ſelbſt entfernen würde. Aber die Schlange, welche den Miſſionar bewachte— Graves Seele, dieſer Dämon, welcher ſeinen giftigen Hauch über jeden Buchſtaben in dem liſtigen Briefe gegoſſen hatte— entfernte ſich nicht. Wie der Fanatiker dieſe Buchſtaben betrachtete, drehte und wendete, ſo verwirrten ſie ihn, und alſo ſank der unglückliche Schwärmer allmälig zurück, wenn auch nicht in den Zuſtand, aus welchem die nächtlichen Betrachtungen auf dem Tſchidtjak ihn ſo wohlthätig geriſſen hatten, ſo doch wenigſtens in einen ſehr gefährlichen, ja vielleicht noch gefährlicheren Zu⸗ ſtand. Zwar ſtrengte er ſich mannhaft an, ſich an dem Gedanken feſt zu halten, daß er noch auf dem rechten Wege wäre, aber um ihn her entzündete ſich wiederum ein Irrwiſch nach dem andern, und ahnend, daß die beſte Hoff⸗ nung von ihm hinwegginge, ſagte er bisweilen mit Todes⸗ qual im Herzen:„Du erreichteſt nicht das kleine Ziel, Du wirſt auch das große nicht erreichen!“ Aber mit Ver⸗ zweiflung rief er einen Augenblick ſpäter:„Ja, ja, ich muß es erreichen, und ſollte ich mich auch zu demſelben predigen und betteln!“ Noch einmal ſchrieb er an Grave um das Geld, denn die kalten Winde in den Lappmarken erhielten ihn bei ſo guter Vernunft, daß er ſich nicht von Neuem in das Fege⸗ feuer werfen wollte; ehe ihm jedoch die Antwort auf dieſen Brief zukam, hatte er ſchon einen andern erhalten, deſſen Folgen wir ſpäterhin ſehen werden. Eilftes Duch. Die Seherin und die Leſerin. Jüngſt ſchlummerte ich ein, da ſtand er wieder Dort, wo du ſtehſt vor mir...... Es war kein Schattenſpiel. Ridderſtad. .. Mein Troſt von Seelenfrieden (Hah) iſt ein Irrlaut nur und mildert nicht hienieden Des Herzens Angſt, nicht heilt er Wunden In der Verzweiflung Stunden. Wadſtröm. alte laubre drang Stock C die de doch Kühlu ſter ſte licher einen Fenſte 1 herrſch einer Zweig Dieſes fluß a men, Sechzehntes Kapitel. Die Nacht hatte ihre dunklen Schwingen über das alte Oernwik gebreitet. Die Juniwinde ſäuſelten durch die laubreichen Kronen der Linden über das hohe Gras und drangen leiſe durch ein halboffenes Fenſter in das zweite Stockwerk ein.— Dieſes Fenſter gehörte einem von den Zimmern an, die der Baron Mar und ſeine junge Gattin bewohnten; doch keines von ihnen bot dem Nachtwinde ſein Antlitz zur Kühlung dar, dieß that ein Marmorbild, welches am Fen⸗ ſter ſtand— wenigſtens konnte kein Marmorbild unbeweg⸗ licher ſein, als die weibliche Figur, welche dort mit dem einen Arme an der Stirn und mit dem andern an dem Fenſterpfoſten ſtand und in die Ferne hinausſtarrte. Die einförmige Stille, welche in der ganzen Natur herrſchte, wurde ploͤtzlich von dem unangenehmen Geſchrei einer Nachteule unterbrochen, und ein Rauſchen in den Zweigen deutete an, daß ſie ihren Tag begonnen hatte. Dieſes Geſchrei, dieſes Rauſchen übte einen ſichtbaren Ein⸗ fluß auf das ſtumme weibliche Bild aus; es fuhr zuſam⸗ men, ſank auf einen Stuhl und erhob ſich wieder, als wäre es aus einem Traume erweckt worden, aus welchem es beſſer geweſen wäre, nie zu erwachen. Es war Conſtance, welche von Nachtwachen ermüdet am Fenſter ſtand, um Luft und Kräfte zu ſchöpfen. Sie war nun gegen drei Wochen von ihrem eigenen Hauſe entfernt geweſen, um auf Oernwik eine Pflicht zu rfüllen, zu welcher ſowohl die chriſtliche Barmherzigkeit, als auch die beſonderen Verbindlichkeiten des Herzens ſie aaufgefordert hatten. 136 Als Conſtance auf dieſem Oernwik ankam, wo die Hoffarth, die Eitelkeit und die weltliche Pracht drei Jahre lang gelebt und unter dem ſchützenden Scepter der Con⸗ ſulin Löwe ſich einheimiſch gefühlt hatten, wurde ſie ſo⸗ gleich überzeugt, daß es wenigſtens für den Augenblick andere Hausgöͤtter erhalten hatte, und daß jetzt ſtatt jener die Traurigkeit, die Muthloſigkeit und die Todesangſt ein⸗ gezogen waren. Mit wankenden Schritten, ohne Takt, Ton und Air kam ihr die Conſulin entgegen, und indem ſie ſich ſchluch⸗ zend in die Arme ihrer lieben Conſtance warf, rief ſie mit einer Stimme, welche das ganze Gepräge der Wahrheit an ſich trug:„Unſer Haus iſt ein Haus des Unglückes— mein Kind, hilf mir meine ſchwere Laſt tragen!“ Ueber die Lippen des Conſuls ging nur ein leiſes: „Willkommen!“ aber man ſah, daß es von Herzen kam. Der arme Conſul Löwe war niemals beredt geweſen, außer wenn er auf ſeine Schiffe und die alte gute Zeit kam, da er und Petronella in dem kleinen blauen Zimmer mit der Spiegellampette und den Silhouetten des Vaters und der Mutter zu reden kam. Jetzt in der Traurigkeit, der tie⸗ fen, aber verſchloſſenen Traurigkeit, war er beinahe ganz ſtumm— er trug ſein Leiden in ſeinem Innern. Und groß, ſchwer und voll war die Trauerwolke, die ſich auf Oernwik herabgeſenkt hatte. Das Unglück, welches den ehrlichen, kräftigen Baron Mar im Walde beim Baumfällen getroffen hatte, iſt aus dem Briefe der Conſulin bekannt, eben ſo aus dem Zu⸗ ſatze der Mamſell Charlotte das darauf folgende Unglück, welches Evelyn der erſten, einzigen und letzten Hoffnung beraubte, welche ihr jemals in ihrem Leben ein vollkom⸗ menes Glück verſchafft hatte. Nach Conſtances Ankunft ſchwebte noch viele Tage der Todesengel hin und her zwiſchen den Lagern der beiden Gatten. Er ſchien ſich mit einem Opfer begnügen zu wollen, aber ſelbſt nicht recht zu wiſſen, welches von bei⸗ den er Baror gender ſelte e Mann rons 5 ſo wa eines Glück lichen er von zu ihm die An geſtürzt und tr gegenw ſchon ir mene wo die i Jahre er Con⸗ ſie ſo⸗ ienblick att jener nſt ein⸗ und Air ſchluch⸗ ſie mit Vahrheit ückes— leiſes: een kam. a, außer kam, da mit der und der der tie⸗ ahe ganz olke, die Baron iſt aus dem Zu⸗ Unglück, Hoffnung vollkom⸗ Tage der r beiden ügen zu von bei⸗ 137 den er wählen ſollte; denn war heute der Zuſtand des Barons hoffnungslos, ſo gab Evelyn Hoffnung; am fol⸗ genden Morgen dagegen war es umgekehrt, und ſo wech⸗ ſelte es beſtändig ab, bis endlich die Beſuche des weißen Mannes häufiger und dauernder in dem Zimmer des Ba⸗ rons wurden. Die unerhorte Gemüthsunruhe, welche Max über die ſo warm angebetete Gattin empfand, die Erſchütterung eines Gedankens, in welchem zu gleicher Zeit das hoͤchſte Glück und die höchſte Verzweiflung lag, daß in der ſchreck⸗ lichen Minute, da Evelyn am Fenſter ſtehend zuſah, wie er von den Leuten gebracht wurde, ihre unbewußte Liebe zu ihm die Schale zerſprengte und ſie ſo durchbebte, daß die Angſt, die Angſt um ihn ſie in dieſe große Gefahr geſtürzt hatte— dieſer Gedanke, mit ſeinen tauſend frohen und traurigen Gemüthsbewegungen konnte er in ſeinem gegenwärtigen geſchwächten Zuſtande nicht ertragen. Die ſchon im Anfang ſo geringe Hoffnung auf ſeine vollkom⸗ mene Herſtellung wurde immer geringer, bis ſie ſich end⸗ lich in diejenige Hoffnung auflöſte, welche ſchon verſchwun⸗ den iſt und jetzt nur noch in dem angebornen Verlangen der Menſchen vorhanden war, ſich erſt in dem letzten Au⸗ genblicke von dieſer köſtlichſten Gabe des Lebens trennen zu wollen. Der edle, redliche, warm liebende Max, welcher ſei⸗ nen Zuſtand ſelbſt begriff und wußte, wie wenige der Tage noch wären, die das Leben ihm vorbehielt, glaubte die Gewißheit des Glückes, nach welchem er ſo eifrig geſtrebt hatte, nicht zu theuer erkauft zu haben, ſelbſt wenn er die Früchte deſſelben nicht genießen dürfte. Zwar geſtand er, daß dieſes Glück eine Täuſchung ſeie, daß der Schrecken, der bloße Schrecken eben dieſe Folgen gehabt haben koͤnnte; aber er konnte es dennoch nicht über ſich gewinnen, ſeine in dem Kummer ſo theure Hoffnung zu zerreißen; und darum fragte er mit einer Unruhe, die das Uebel immer verſchlimmerte, täglich den Arzt, wann er ſeine Gattin 138 ſehen dürfte. Auf dieſes Wiederſehen baute Mar alles; bekräftigte dieſes ſeinen Glauben, o, dann wollte er gerne ſterben, denn er hatte das Höchſte, das Schoͤ8nſte erlebt, das die Erde ihm zu bieten vermochte! Wurde dagegen ſein nie ruhender Gedanke nicht bekräftigt, dann konnte er auch gerne ſterben; denn nach einem ſolchen Schmerz, nach dem Uebergange von der ſeligſten, freudereichſten Hoffnung in die traurigſte, bitterſte Hoffnungsloſigkeit mußte es gut ſein, ſterben zu dürfen— da war der Ter wäarmer als das Leben. Der Arzt, welcher fürchtete, daß dieſes Wiederſehen für beide gleich gefährlich ſein koͤnnte, beſonders für Eve⸗ lyn, welche jetzt beſtimmte Hoffnung auf Geneſung gab, ſchob es von einem Tage zum andern auf. Als aber auch Evelyn in der langſamen Zeit der Wiedergeneſung— eine Zeit, während welcher es ihrer Umgebung beinahe ſo vor⸗ kam, als ob ſie wieder in ihre ehemalige Gleichgültigkeit und Stummheit zurückſank— mehrmals fragte, warum Max nicht käme ſſie ſchien ſich nämlich der fürchterlichen Urſache ihrer eigenen Todesgefahr nicht deutlich zu erin⸗ nern, und ſagte nie ein Wort von ihrer verſchwundenen Hoffnung, wovon auch kein Anderer etwas erwähnte), da entſchloß ſich endlich der Arzt zu dem gewagten Schritte, den beiden Gatten eine Zuſammenkunft zu erlauben. Es war gerade in der dieſem Tage vorangehenden Nacht, als wir Conſtance am Fenſter erblickten. Das Geſchrei der Nachteule hatte ſie aus der Erſtarrung ihrer Träume geweckt.. Sie ging, um ſich an die eine Ecke des Sofa's zu lehnen, doch ſo, daß ſie den Blick in das Schlafzimmer werfen konnte, wo Evelyn in dem Schatten der weißen Wogen auf ihrem Brautbette ſchlummerte. In einem Lehnſtuhle ſaß Mamſell Charlotte halbſchlum⸗ mernd mit einem Buche in der Hand. Jetzt wachte man nicht eigentlich mehr über Evelyn, welche am Tage an⸗ gekleidet auf dem Bette lag; dagegen ſah es in dieſer Nacht bei dem Baron Max ſchlimmer aus, und darum wollte ſonder von C nes v men; allen konnte ein 36 6 um E ſchlafe Zimme „ ſtance Erroͤth kelheit ( alles; er gerne e erlebt, dagegen onnte er rz, nach Hoffnung des gut mer als derſehen für Eve⸗ ing gab, ber auch — eine ſo vor⸗ gzuͤltigkeit warum hterlichen zu erin⸗ wundenen hnte), da Schritte, ben. ngehenden en. Das ung ihrer eine Ecke ick in das Schatten lummerte. ulbſchlum⸗ achte man Tage an⸗ in dieſer nd darum 139 wollte die gute Mamſell Charlotte nicht zu Bette gehen, ſondern ſie erwartete den Augenblick, da die Freiherrin von GO—, welche jetzt bei ihm war, das Lager ihres Soh⸗ nes verlaſſen würde; dann wollte ſie ihren Platz einneh⸗ men; denn Charlotte hatte bemerkt, daß der Baron ſie allen übrigen Perſonen aus der Dienerſchaft vorzog— er konnte ja mit ihr von Gvelyn reden. „Mamſell Charlotte!“ flüſterte Conſtance, und machte ein Zeichen mit dem Schnupftuche. Charlotte ſtand auf und näherte ſich auf den Zehen, um Evelyn nicht zu wecken. „Herr Gott, Frau Carleborg! daß Sie gar nicht ſchlafen! das kommt nur daher, daß Sie nicht in Ihr Zimmer gehen und ſich ordentlich legen wollen.“ „Nein, ich ſchlafe dort nicht beſſer!“ antwortete Con⸗ ſtance mit einem halbunterdrückten Seufzer und mit einem Erroͤthen, das Mamſell Charlotte in der nächtlichen Dun⸗ kelheit vielleicht gar nicht ſah. (Weil ſie der Wohnung des jungen Paares am näch⸗ ſten lagen, waren für Conſtance während ihres jetzigen Aufenthaltes auf Oernwik die Zimmer eingerichtet worden, welche Juſtus als Informator bewohnt hatte.) „Aber es iſt wirklich unverantwortlich, daß Sie nicht wenigſtens verſuchen, ob Sie ſchlafen können! Sagen Sie mir einmal, Frau Carleborg, wenn Sie zu Ihrem Manne nach Hauſe kommen, was wird er ſagen? Er glaubt ge⸗ wiß, daß auch Sie krank geweſen ſind!“ „Gott weiß, wenn ich nach Hauſe kommen werde, gute Mamſell Charlotte!“ „Ja, ja, das weiß er allein!“ Charlotte ſetzte einen Stuhl neben den Sofa.„Es ſteht gar zu ſchlimm mit dem Baron— glauben Sie meiner Rede: er hat nicht viele Tage mehr übrig!“ „Und noch dazu morgen die Gemüthsbewegung!“ „O, es wäre beſſer geweſen, wenn dieſe früher ge⸗ kommen wäre, als er noch mehre Kräfte hatte— ich 140 llauls⸗ der Doctor macht ſich Gewiſſensvorwuͤrfe dar⸗ über!“ „Nein, das glaube ich nicht: früher hätte es Eve⸗ lyn's Leben gekoſtet— ſie iſt noch nicht ſtark genug.“ „Das iſt wahr... Aber wie ſehnt ſich nicht der Baron! Ich bin nicht im Stande, die Thränen zurückzu⸗ halten, wenn er ſagt:„Heute iſt ja Evelyn beſſer? Nun darf ich ſie wohl bald ſehen?“ Ach, beſte Frau Carle⸗ borg, es iſt eine Liebe, eine Güte, eine Geduld, ein Ver⸗ ſtand in dem Manne geweſen, die Gott niemals belohnen kann; ich glaube kaum, daß ſelbſt der Magiſter Carleborg ſich halb ſo gut auf Evelyn verſtanden hätte— oder was meinen Sie 2⸗ „Ich glaube... ich glaube... daß Gott that, was das beſte war, und daß er immer thut, was das beſte iſt!“ „Das muß man wohl glauben; doch kann es das beſte ſein, daß der Baron ſtirbt?“ Conſtance ſeufzte. „Kann es wohl das beſte ſein, daß der Baron ſtirbt?“ wiederholte Charlotte mit größerem Nachdruck. „Wie können wir das einſehen?„Großen Frieden haben die Dein Geſetz lieben, und werden nicht ſtrau⸗ cheln!“ Wir haben kein Recht zu klügeln, ſondern nur zu glauben.“. „Ja, das iſt wohl gut für diejenigen, welche an dem Glauben genug haben; ich meines Theils aber kann un⸗ möglich anders, als ein wenig an alles zu denken, was eintreffen kann, wenn der Baron nicht mehr iſt. Mit ſeiner großen Güte und Klugheit hat er die Conſulin oft beherrſcht, obgleich— verſteht ſich— ſie keine Ahnung davon gehabt hat; wer ſoll ſie und alle ihre Thorheiten wohl beherrſchen und zum beſten ſteuern, wenn er nicht mehr iſt?“ „Die Traurigkeit hat ihr Gemüth ſchon zahm ge⸗ macht und wird es noch zahmer machen!“ 2 fie ab ihren ſie den Verluſ 23 iſt nien ( ein Kin⸗ „ wird es natürlich daß.. Irrthü Conſuli ſenden n fe dar⸗ es Eve⸗ nug.“ nicht der zurückzu⸗ r? Nun 1 Carle⸗ ein Ver⸗ belohnen Larleborg der was ott that, was das n es das ſtirbt?0 Frieden ht ſtrau⸗ n nur zu an dem kann un⸗ ken, was iſt. Mit nſulin oft Ahnung chorheiten mer nicht zahm ge⸗ b * 141 „Ja, wenn ſie die Tochter verloren hätte! So ſehr ſie aber auch den Baron liebt, ſo untröſtlich, ſo ganz von ihren Sinnen ſie auch ſein wird, wenn er ſtirbt, ſo denkt ſie dennoch bald daran, daß es noch Hoffnung gibt, ſeinen Verluſt erſetzt zu erhalten, ſo lange Evelyn noch lebt.“ „Liebe Mamſell Charlotte!“ „Nun, nun! wollen ſehen, wer Recht bekommt! Hier i*ſt niemand, der die Conſulin ſo lang gekannt hat, wie ich.“ „Der Conſul gibt gewiß nicht zu, daß das ehema⸗ lige unglückliche Leben hier von Neuem beginnt.“ „Was er zugibt oder nicht zugibt, das iſt einerlei; er hat über ſeine Zeit gelebt, und ſagt lieber Ja zu allem, als daß er ſich ihren Vorleſungen ausſetzt.“ „Aber die Freiherrin, Evelyn's Schwiegermutter?“ „Sie trauert ſich gewiß zu Tode, ehe ein halbes Jahr um iſt. Arme, arme Freiherrin! In ſo kurzer Zeit den Mann und den Sohn zu verlieren und die Hoffnung auf ein Kindeskind noch dazu— ſie hat genug!“ „So iſt doch wenigſtens Evelyn ſelbſt noch da; ſie wird es gewiß nicht zugeben, daß man ihre tiefe und natürliche Trauer durch eine ſo große Entweihung kränkt, daß... doch es iſt unheimlich, an ſolche Sünden und Irrthümer zu denken; beten wir lieber für die unglückliche Conſulin, daß Gott ſie aufflären und ihr eine Weckung ſenden moge, da es noch Zeit iſt!“ „Hat ſie keine Weckungen gehabt, ſo weiß ich nicht, wer ſie gehabt hat! Als der Magiſter das vorletzte Mal hier war, da hielt er hier eine Strafpredigt, daß ſie bei⸗ nahe den Verſtand verloren hätte; als aber der Sturm ſich gelegt hatte, ſo nahm ſie ihre alten Gewohnheiten wieder an, und als er zum letzten Male hier war, da er 4 Ihrer Hochzeit reiſtte, ſo wollte ſie ihn nicht einmal eehen.“ „Verblendetes Geſchöpf!“ klagte Conſtance mit gefal⸗ teten Händen. „Aber dennoch,“ fuhr Charlotte fort,„bin ich über⸗ 14² zeugt, daß er der Einzige iſt, der auf ſie einwirken koͤnnte, und ſollte er hierher kommen, ſo...“ „Das darf er nicht,“ ſiel Conſtance mit unwillkür⸗ licher Heftigkeit ein,„das darf er wahrlich nicht!“ „Warum denn nicht?“ „Ach, ſein Lebensziel iſt wohl höher, als das!“ „Ich ſollte kaum glauben! Wäre es wohl— wenn es unglücklicher Weiſe noch einmal eintreffen ſollte— ein ſo unbedeutendes Werk, die arme Evelyn aus den Hän⸗ den der Mutter zu retten, falls die Conſulin, was ſich nicht im Mindeſten bezweifeln läßt, ihre alte Methode wieder anfinge? Ich ſollte meinen, es wäre das eine Hand⸗ lung, deren er ſich rühmen dürfte, ja, eine wirklich himm⸗ liſche Handlung!“ Conſtance drehte und wendete ſich in der ſonſt ſo be⸗ quemen, jetzt aber äußerſt unbequemen Sofaecke.„Seine koſtbare Zeit gehört nicht ihm, ſondern ſeinem Berufe!“ „Ja, eben darum, beſte Frau Carleborg, eben darum, weil es ſein Beruf iſt, allen Bedrängten zu helfen, und alle diejenigen, welche freiwillig ſchlafen, daran zu erin⸗ nern, daß es Zeit iſt, zu erwachen, eben darum muß er hieher kommen— und gebe Gott, daß der Conſul thut, was er geſtern ſagte!“ „Was— was ſagte er?“ „Er ſagte zu der Conſulin, da ſie ſaß und weinte, heulte und jammerte, wie ſie immer thut zum größten Aerger für alle Andern, welche einſehen, daß die Kranken mit ſolchem Gejammer nicht gepflegt werden; er ſagte: „liebe Nelly, wenn es nur paſſend wäre, jetzt da der Ma⸗ giſter ſich auf ſeiner Miſſton befindet, ſo wüßte ich wohl was ich thäte: ich ſchriebe an ihn und bäte ihn, ſo ſchnell wie möglich zu uns zu eilen— hier ſteht eine Zeit be⸗ vor, da man Rath braucht!“ 2 „Gott behüte uns!“ rief Conſtance aus,„wie iſt es wohl möͤglich, daß irgend ein Menſch ſo gottlos denken kann, um ſeiner eigenen Angelegenheiten willen eine Miſ⸗ * ſion un jetzt ve andern der Fr 4 lotte u 8 ſprache In es oft flüſterte Ei wortete koͤnnte, villkür⸗ darum, fen, und zu erin⸗ muß er ſul thut, d weinte, größten Kranken er ſagte: der Ma⸗ ich wohl ſo ſchnell Zeit be⸗ wie iſt es os denken eine Miſ⸗ lange warten laſſen!“ 143 ſion unterbrechen zu wollen!... Aber ich glaube, ich ſollte jetzt verſuchen, ein wenig zu ſchlafen; es iſt ſtill auf der andern Seite; ich habe ſeit lange keine Bewegung von der Freiherrin vernommen— vielleicht ſchläft ſie.“ „Nein, da käme ſie wohl heraus!“ entgegnete Char⸗ lotte und ging ſachte in das Schlafzimmer zurück. Jetzt bewegte ſich Evelyn im Schlafe— ihre Lippen ſprachen leiſe den Namen„Max!“ aus. Siebzehntes Kapitel. In derſelben Secunde, da Evelyn im Traume, wie es oft geſchehen war, den Namen ihres Gatten ausſprach, flüſterte er wachend den ihrigen mit einem tiefen Seufzer. Ein anderer Seufzer dicht neben dem Bette beant⸗ wortete den ſeinigen— er wendete den Kopf um. „Ach, ſitzeſt Du immer noch hier, liebe Mutter 2 Ein Blick voll der innigſten Liebe ſiel auf die Mutter. „Ich lag und dachte an etwas, ſo daß ich es gar nicht mehr weiß!“ Die Freiherrin nickte nur mit dem Kopfe; ſie wußte, daß ihre Stimme alle Betrübniß verrathen würde, die in ihrem Herzen wohnte.— „Arme, arme Mutter!“ Bei dieſen zärtlichen, ſeelenvollen Worten war es un⸗ möglich, daß die Selbſtbeherrſchung einer Mutter länger beſtehen konnte; ſie wendete ſich ab und weinte leiſe. „Ja, weine aus— das thut dem Herzen wohl! Her⸗ nach wollen wir reden— und zuletzt hoffe ich, meine Mutter, Du wirſt uns, die wir vorangegangen find, nicht 144 „Das iſt auch meine einzige Hoffnung: meine Prü⸗ fungen find groß geweſen— Gott wird gnädig ſein!“ „Ja, er wird gnädig ſein!... Aber faſt bereue ich meine Worte: wenn Du uns folgſt, wer ſoll da über meine Evelyn wachen, ſie leiten und(ich kann es wohl auch ſagen) ſie troͤſten?“ Die Freiherrin ſchwieg. „Ach, liebe Mutter, antworte mir! Glaubſt Du nicht, daß ſie Troſt noͤthig haben wird? Glaubſt Du nicht, daß ſie ſehr viel leiden wird?“ „Ich glaube, obgleich ſich kein Menſch recht auf ſie verſteht, daß ſie ſchon jetzt ſehr viel leidet; ihr Blick ver⸗ räth es, wenn ſie fragt:„Wo iſt Max?— warum kommt Max nicht?“ und ihre Miene verräth, daß ſie oft auf die Schritte lauſcht, welche ſie im Salon hört.“ „Ach, das hat man mir nicht geſagt!“ und die ſie⸗ berfarbige Wange des Barons erhielt eine noch höhere Röthe, ſeine Augen einen erhöhten Glanz. „Wir haben nicht gewagt, es Dir zu ſagen— da hätteſt Du ſie ſchon früher ſehen wollen; und Du weißt wohl, mein geliebtes Kind, daß wenigſtens ſie das nicht aushält!“ „Nein, das iſt wahr! ſie ſoll leben...“ Dieſer Satz verſchwand faſt in einem tiefen, langen und ſchweren Athemzuge, und hierauf trat eine Pauſe ein. „Mein Sohn, mein theurer Sohn!“ begann die Frei⸗ herrin von Neuem,„glaubſt Du nicht, daß ich Alles ver⸗ ſtehe, was der tiefe Athemzug von Deiner Rede abſchnitt — aber Du biſt in Deinem ganzen Leben nicht ſelbſt⸗ ſüchtig geweſen!“ „Wenn man aber das Theuerſte zurückläßt und ſelbſt hinweggeht, ſo wird es anders. Ich glaube auch nicht, daß es bloße Selbſtſucht iſt: wäre ſie nicht glücklicher, wenn...“ „Ja, ſelig wäre ſie, wenn das Gottes Wille wäͤre; doch hier ſtehen zwei tief trauernde und leidende Eltern; meine fühle. nur 1 doch mir, fragte 7 würde wieden und ſt was i Vieles ganze Bett f 145 tn Pele meine eigene Betrübniß macht, daß ich die ihrige doppelt . fühle.“ ereue ich 3„Ich habe auch nicht darum gebeten, ich habe mich da über nur nicht enthalten können, bisweilen zu wünſchen„... es wohl doch wir dürfen wohl nicht einmal wünſchen? Sage mir, meine Mutter, was antworteteſt Du, wenn ſie ſo fragte?“ Du nicht,„Ich habe ihr geſagt, daß Du recht bald kommen icht, daß würdeſt, daß Du nicht ganz geſund wäreſt, es aber bald wieder ſein würdeſt!“ t auf ſie„Und dann?“ gZlick ver⸗„Dann hat ſie nicht weiter gefragt, ſondern geduldig m kommt und ſtill das Köpfchen hingelegt. Ach, kein Menſch weiß, oft auf was in ihrem Herzen vorgeht, ich glaube aber, daß dort „ Vieles vorgeht, obgleich es ausſieht, als ob für ſie das die ſie⸗ ganze Leben ſtill ſtände.“ re Röthe,„O, das erfahre ich alles, und ich weiß es ſchon! Eine Ahnung voll himmliſcher Freude, die mich oft durch⸗ en— da zuckt, ſagt mir, was in ihrer Seele lebt.“ Du weißt 5„Aber, mein geliebter Mar, ſei äußerſt vorſichtig, be⸗ das nicht unruhige ſie ja nicht rückſichtlich ihrer Krankheit ſelbſt! daß ſie bitter von ihrer verſchwundenen Hoffnung leidet, it gewiß, doch kein einziges Wort iſt über ihre Lippen „ langen gekommen.“ ZJauſe ein.„Sie wird doch wohl die Erinnerung daran nicht die Frei⸗ verloren haben?“ Alles ver⸗„Nein, ſo iſt es nicht: ſie verlangt bisweilen, daß abſchnitt man die kleine Commode, in der ſie, wie Du weißt, die ht ſelbſte Kleinigkeiten verwahrt, welche ſie genäht hat, ihr vor das Bett ſtellen ſoll.“ und ſelbſt„Und dann?“ uch nicht,„Dann ſieht ſie die Commode nur an und weint leiſe. glücklicher, Sie verlangt nicht, daß man ihr etwas daraus reichen ſoll; und wenn man ſie wegnimmt, ſo gibt ſie weder ein die wäte Zeichen der Unzufriedenheit, noch der Zufriedenheit.“ e Eltern; Eine Nacht am Bullarſee. UII. 10 146 „Iſt ſie eben ſo ſtumm gegen Conſtance?“ „Eben ſo ſtumm! Auch haben wir alle eine und dunkel dieſelbe Furcht gehegt, ſie zu beunruhigen: der Doctor eſend hat dieſen Gegenſtand verboten, und es iſt ſehrglücklich, Geſich daß auch ihr eigenes Schweigen ihn gleichſamz verbietet.“ den w „Hat ſie denn wohl nicht bisweilen“(ein Zucken ſie un ließ ſich auf den Lippen des Kranken verſpüren, und die verklä geplagte Bruſt wollte der beabſichtigten Frage kaum Luft Gefüh verſtatten),„hat ſie nicht ein einziges Mal auch noch dieſer einen andern Namen außer dem meinigen ausgeſprochen erhabe — Du weißt wohl, welchen ich meine?“ 8 „Nein, niemals!“ nicht, „Wirklich nicht?“ der arme bekümmerte Gatte warf ihre L. einen tief forſchenden Blick auf die Mutter. emn lei „Ich verſichere Dich, geliebtes Kind, ich bin nicht bei ſic im Stande, Dich zu täuſchen: ſie hat nie nach einem G Andern als nach Dir gefragt!“ Wie Ein angenehmes und ſeliges Lächeln ging über ſeine 9 Lippen.„Nun will ich ruhen, damit ich beſſer werde auf 9. morgen! O, mein Gott, ſie wiederſehen zu dürfen!“ 25 Seine Augenlider ſanken zuſammen über die Augen und 7 er ſchien in Begriff zu ſein, zu entſchlummern, als er 77 ploͤtzlich noch immer an ſie denkend flüſterte:„Es muß wohl jemand ſie vorbereiten?... ſie koͤnnte ſich ſonſt allzu ſehr vor mir erſchrecken, ſo wie ich jetzt ausſehe!“ „Der Doctor hat gemeint, Conſtance paßte am be⸗ ſten dazu: ſie läßt ſich nicht leicht beunruhigen und paßt auch wirklich am beſten.“— „Ja, ja, das iſt wahr! ſie liebt Evelyn ſo herzlich, Evelyn ſie wird es gut machen!“ Und Marx ſchlief ein.. Die Freiherrin ſank auf ihre Knie und betete leiſe. nahe“ Die Nachtlampe erloſch— es wurde ſtill wie im Grabe G in dem Zimmer des Kranken. ahnen: 72 nicht i eine und Doctor glücklich, erbietet.“ Zucken und die um Luft uch noch eſprochen tte warf bin nicht 2 h einem ber ſeine derde auf dürfen!“ igen und ,als er Es muß ſich ſonſt usſehe!“ am be⸗ und paßt herzlich, tete leiſe. m Grabe 147 Die Sonne hatte längſt ihren Morgengruß durch die dunkelgrünen ſeidenen Gardinen in Evelyn's Schlafzimmer geſendet. Sie lag angekleidet auf dem Bette, aber ihr Geſicht war beinahe eben ſo weiß wie die Spitzen um den weißen Morgenrock und die weißen Draperien, welche ſie umfloßen. Noch nie hatte Evelyn's Schoͤnheit dieſen verklärten Ausdruck gehabt, und obgleich kein einziges Gefühl ihr Blut zu beunruhigen ſchien, ſo lag dennoch in dieſer ſtummen und edlen Ruhe kein Tod— es war die erhabene Ruhe einer tiefen, klageloſen Trauer. Sie war allein, und doch ſah es aus, als wäre ſie nicht ganz allein, denn eine Bewegung öffnete bisweilen ihre Lippen zur Hälfte, und dieſe Bewegung klang wie ein leiſes„wi.. wi“— vielleicht glaubte ſie ihr Kind bei ſich zu haben. Conſtance trat ein und ſetzte ſich neben das Bett. „Wie befindeſt Du Dich heute, liebe Evelyn?“ „Recht gut!“ „Ich glaube, Du ſiehſt etwas beſſer aus?“ „Vielleicht!“ „Du fühlſt Dich auch gewiß muthiger?“ „Muthiger?“ „Ja, mit der Geſundheit des Körpers kehrt ja auch die Geſundheit der Seele wieder!“ „Ich weiß nicht!“ „Fühlſt Du Dich denn ganz muthlos? hat nicht ein guter Engel Dich geſtärkt?“ „O“— es ging ein Hauch von Lebensfarbe über Evelyn's Antlitz—„er iſt ja weit entfernt!“ flüſterte ſie. „Wir wollen im Gegentheil hoffen, daß er Dir nahe iſt!“ Conſtance war weit entfernt, Evelyn's Meinung zu ahnen: ſie wußte nicht, wen Evelyn ſo nannte. „Wo iſt er denn?“ „Wie kannſt Du ſo fragen? Sind die heiligen Engel nicht immer im Himmel? Von dort herab blicken ſie auf 148 uns und helfen und ſtützen uns aus Erbarmen, damit uns unſre Bürde nicht zu ſchwer wird.“ Evelyn antwortete nicht, aber das Farbenſpiel ver⸗ ſchwand, und die Wange war wiederum wie Marmor. „Sehnſt Du Dich nach jemanden?“ „Nach Max!“ „Du Wäihiaſt ihn alſo gerne ſehen?“ A 71 2 „Du ſollſt ihn bald ſehen; doch Du weißt ja,“ Con⸗ ſtance's Blick ruhte mit einem ſanften und forſchenden Ausdrucke auf Evelyn,„daß er ſeit langer Zeit nicht ge⸗ ſund geweſen iſt?“ „Er iſt ſeit langer Zeit nicht geſund geweſen!“ wie⸗ derholte Evelyn, und ihre Geſichtszüge waren einer Ver⸗ änderung unterworfen, welche die Dämmerung abſpiegelte, die in ihrer Seele aufging; ihre feinen Glieder begannen heftig zu zittern, ihr Auge eilte ſpähend rund im Zimmer umher, bis es auf Conſtance ruhen blieb, indem ſie be⸗ bend dieſe Worte ausſprach:„Iſt es gewiß, daß ich ihn ſehen darf? Es war mir... war mir, als ob etwas Entſetzliches...“. „Was denn?“ „Sie brachten ihn getragen: er war gleichſam ſchon todt.. und ich.. ja, ja, ich weiß, wie es war!.. ich war auch todt, und dann ſtarb noch jemand... Nun aber lebe ich wohl ganz allein— denn....“ Ihr Haupt ſank auf die Bruſt herab, ein unermeßlicher Schmerz redete aus ihrem Blicke, aus jeder ihrer Bewegungen. „Warum ſagſt Du denn, geliebte Evelyn?“ „Wenn er gelebt hätte, Mar— Du weißt ja, wie er mich liebte— ſo wäre er gewiß zu mir gekommen!“ „Wenn er es nun aber gewollt, immer gewollt, aber nicht gekonnt hätte? Biſt Du nicht ſelbſt krank geweſen, Evelyn? Du weißt ja, daß man da nicht zu demjenigen kommen kann, den man liebt?“ „Das iſt wahr! Iſt er aber jetzt geſund?“ Aus dem T Seele C ſollte einen 1 verände eignen ſehen, vor Trau ich ſchon ich au Herz— er zurü leiden ſo Co keinesweg fürchten und die nit uns el ver⸗ nor. 64 Con⸗ chenden icht ge⸗ l“ wie⸗ er Ver⸗ piegelte, egannen Zimmer ſie be⸗ ich ihn b etwas 149 dem Tone konnte man ſchließen, daß ſie mit ihrer ganzen Seele fragte. Conſtance's Auftrag war äußerſt ſchwierig. Evelyn ſollte auf die Wahrheit vorbereitet werden; denn ohne einen vorbereitenden Wink konnte der Anblick des ſo ſehr veränderten, abgezehrten und beinahe ſterbenden Max ihren eignen ſchwachen Lebensfaden abſchneiden— und dennoch war es gefährlich, dieſer Wahrheit allzu nahe zu kommen. „Du biſt geſunder als er, darum iſt es auch das beſte, daß Du ihn beſuchſt. Du ſollſt auf Deinem kleinen Ruheſofa liegen, und ſo tragen wir Dich auf dem⸗ ſelben in ſein Zimmer und ſetzen ihn neben ſein Bett; denn, ſiehſt Du, er kann nicht auf ſein.“ Eine große Unruhe begann ſich auf Evelyn's Antlitz zu malen.„Er iſt alſo noch ſehr, ſehr krank?“ „Ja, Evelyn... doch Du willſt ja verſuchen, ſtark zu ſein, ſonſt kannſt Du ihn nicht ſehen!“ „Haſt Du denn in der ganzen langen Zeit nicht ge⸗ ſehen, daß ich ſtark bin? Du haſt ja geſehen, daß ich vor Traurigkeit nicht habe ſterben koͤnnen, denn ſonſt wäre ich ſchon todt... ja, ich wäre ſchon todt, denn wenn ich auch ſchweige“— ſie legte leiſe die Hand auf das Herz—„ſo ſteht es dennoch hier nicht ſtill; und wenn er zurück kommt, er, der mich gelehrt hat, wie wir leiden ſollen, ſo wird er mich gewiß loben!“ Conſtance war beſtürzt über dieſe Wendung, die ihr keinesweges lieb war.„Gott,“ ſagte ſie,„Gott ſieht Dich, wenn Du ſchwankeſt: er gibt Dir Kraft und Stärke! O, ſeine Liebe iſt unermeßlich, bei ihm wirſt Du Troſt finden! Gott iſt unſre Zuverſicht und Stärke, eine Hülfe in den großen Noͤthen, die uns getroffen haben. Darum fürchten wir uns nicht, wenn gleich die Welt unterginge, und die Berge mitten in's Meer ſänken!“ „Ach, daß ich bald zu Gott gehen dürfte!“ ſeufzte Evelyn.„Jetzt aber laß mich zu Max gehen: er wartet auf mich!... thut er das nicht?“ 150 „Ja, Evelyn, er wartet auf Dich, er ſehnt ſich, er ſeuih. nach Dir, ſein Herz freut ſich darauf, Dich zu ehen!“ „O, ſo laß uns doch eilen!“ „Nein, um Gottes willen nicht ohne die groͤßte Vorſicht!“ fiel die Conſulin ein, die ſich jetzt in der Thür zeigte.„Ich muß ſelbſt mit dabei ſein: ſiehſt Du nicht ein, wie wichtig das iſt, mein geliebtes Kind?“ Evelyn warf ihren Blick auf Conſtance. „Ich glaube nicht, daß ſolche Einmiſchung gut iſt,“ maubrtee Conſtance;„das beſte iſt, wenn man ſie allein läßt!“ „Allein? dieſe Beiden... ſo ſchwach? Nein, darein zu willigen, dazu iſt meine Welterfahrung zu groß. Die Traurigkeit kann mich niederdrücken und abſtumpfen wie andre Menſchen; doch ſo ſehr vergeſſe ich nicht, was ich mir ſelbſt als Mutter ſchuldig bin, daß ich das Leben meiner eigenen Tochter Preis gebe: ich will und muß zugegen ſein!“ „In dieſem Falle iſt es am beſten, daß ſie gar nicht zu einander kommen; denn ſehen Sie nur, wie ſehr Evelyn ſchon durch dieſe Heftigkeit, dieſe Einmiſchung leidet! Laſſen Sie uns vernünftig ſein, beſte Tante; laſſen Sie uns das Beſte thun, das wir können: die Sache Gott anheim ſtellen!“ „Conſtance hat Recht, gute Nelly!“ ſiel die Frei⸗ herrin Ebba ein.„Wir, Du und ich, ſind allzu ſehr intereſſirt bei der Zuſammenkunft unſrer Kinder, als daß wir mit Ruhe dabei ſein könnten; unſre Rührung würde die ihrige nur vermehren— ſie müſſen dieſes Wiederſehen für ſich ſelbſt haben. Das iſt auch Max Wille, und der Doktor hat ihm ſeine Zuſtimmung geſchenkt.“ Die Conſulin mußte ſich überreden laſſen, von ihrem Vorſatze abzulaſſen, ſo ſchwer es ihr auch werden mochte, die wichtige Rolle nicht ſpielen zu dürfen, auf welche ſie ſchon geben. S in der ſtellung und ſi wunder gung! niſſen, macht, hat. ſich, er Dich zu groͤßte er Thür die Sache die Frei⸗ allzu ſehr als daß ng würde iederſehen „ und der von ihrem n mochte, welche ſie 151 ſchon gerechnet hatte, um eine Probe ihrer Stärke zu geben. Solche Charaktere, wie Frau Löwe, finden mitten in der tiefſten Betrübniß immer einen Troſt in der Vor⸗ ſtellung, daß Andre ihre Seelenſtärke bewundern werden; und ſind dann dieſe Andern ungerecht genug, nicht zu be⸗ wundern, ſo bewundern ſie ſich ſelbſt, und die Beſchäfti⸗ gung hiemit und mit den vielen verſchiedenen Verhält⸗ niſſen, in welche ſie ſich verſetzen, füllt ihre Zeit aus und macht, daß ſogar die Traurigkeit ihre Annehmlichkeiten hat. „Lieber David! haſt Du wohl etwas Unglücklicheres gehört?“ begann die Conſulin, indem ſie in das Zimmer ihres Mannes trat und neben ihm Platz nahm,„haſt Du etwas Unerklärlicheres, ja ich kann wohl ſagen Ver⸗ rückteres gehört, als daß der Doktor ſeine Einwilligung gegeben hat, daß unſre armen Kranken allein bei einan⸗ der ſein dürfen? Ich meines Theils“— die Conſulin fing an zu weinen—„ſehe in dieſer Anordnung beinahe die Ankündigung meines eigenen Todesurtheils. Zu wiſſen, was ich alles könnte, wenn ich zugegen wäre, und nicht einmal einen Blick hineinwerfen zu dürfen, das iſt ein Leiden, David, welches wenige Frauen, wenige Mütter empfunden haben und vielleicht nur ſehr wenige überwin⸗ den würden; aber Gott hat es ſo weislich eingerichtet, daß meine Seelenſtärke die Körperkräfte aufrecht zu erhalten vermögen.“ „Iſt die Freiherrin mit dabei?“ „Nein, auch ſie iſt nicht da; doch ſofern Max nur reden kann, ſo erfährt ſie jedes Wort und alles, was vor⸗ gefallen iſt von Anfang bis zu Ende— aber was willſt Du wohl, daß ich von Evelyn erfahren ſoll? O, meine Schmerzen, meine Leiden ſind allzu bitter, David! Doch 15² werde nur nicht um meinetwillen unruhig, mein Lieber — ich habe zu mir ſelbſt geſagt: ſie ſollen mich nicht ganz vernichten, und das ſollen ſie auch nicht!“ 7, „So ſprichſt Du jetzt, da wir wieder hoffen dürfen, ſehen daß unſer Kind das Leben behält— doch vorher?“ ſchwin „Ja, David, es iſt wahr, wenn Gott nicht in ſeiner, Gnade meine Geduld und meine Ergebung angeſehen und ſich ül mir dieſes ſo geliebte Kind wieder geſchenkt hätte, ſo wäre ich vielleicht wahnſinnig geworden! Aber, mein Freund, es liegt etwas Großes und Rührendes in dem diente, Gedanken; eine Mutter wahnſinnig über den Tod ihres da kon Kindes— das iſt ſublim! Doch dieſe Martern ſind Gottes vorüber; aber wir haben immer noch genug, mehr denn ſo wen genug mit denen, die noch vorhanden ſind. Dieſen Max und. aus meinem Mutterherzen reißen iſt beinahe ſo viel, als welches es morden; dennoch will ich ſelbſt noch hoffen, um ſeiner„5 betrübten Mutter einige Hoffnung geben zu können; ſie tes Kir wäre verloren, wenn ſie ſich nicht auf mich ſtützen einigeà köͤnnte!“ 1 „Ich glaube, ſie hat eine beſſere Stütze,“ ſeufzte der Conſul:„ſie iſt eine gottesfürchtige Frau!“ „Das iſt ſie; doch ohne ein theilnehmendes Herz in der Betrübniß würde die Gottesfurcht nicht ausreichen, das weißt Du mit Dir ſelbſt, David— was wäre wohl aus Dir geworden, wenn Du mich nicht hätteſt!“ Achtzehntes Kapitel. 4 „Dank, geliebte Mutter! nun ſieht es hier ja nicht Leben ganz ſo aus, wie in einem Grabchore.... Zieh aber. doch die Gardine ein wenig mehr vor: ſie darf mich nicht mit E in einer zu ſtarken Beleuchtung ſehen!“ 4 — ja nicht jeh aber ich nicht 153 „Ach, Du liebes, zärtliches Herz!“ „Sie kommt ja bald?“ „So bald Du willſt. Doch wie wird dieſes Wieder⸗ ſehen Dich angreifen: alle Deine Kräfte werden ver⸗ ſchwinden!“ „Alle meine Kräfte?“ Ein trauriges Lächeln ſchlich ſich über ſeine Lippen. „Eben darum, weil ihrer wenige ſind...“ „O, ſage nichts mehr! So lange es zu etwas diente, den Forderungen des Herzens Feſſeln anzulegen, da konnte ich es— jetzt... ich bin ja zufrieden mit Gottes Willen, ich klage nicht darüber, daß meiner Tage ſo wenige ſind; aber ich will der letzten genießen... und... ich habe die Hoffnung, ein Glück zu finden, welches ſogar den Tod angenehm machen kann.“ „Ach, daß Du es fändeſt, dieſes Glück, Du gelieb⸗ tes Kind! Und iſt es nun Dein Wille, ſo gehe ich: um einige Minuten iſt ſie hier!“ Max winkte mit der Hand und nickte der Mutter freundlich zu. Dieſe gab ihm das freundliche Zeichen zurück und verſchwand. Als Max allein war, ſo faltete er die Hände, und daß ein inbrünſtiges und brennendes Gebet aus ſeiner Seele emporflammte, das las man auf ſeinem Geſichte, dieſem ſanften, edlen Geſichte, auf welchem wohl die Krank⸗ heit, nicht aber die Todesfurcht ihre Verheerungen angerichtet hatte. Nach einem ſo einfachen, chriſtlichen und rechtſchaffe⸗ nen Wandel, wie der ſeinige geweſen war, tritt nicht der Tod feindlich aus ſeinem Dunkel hervor; er kommt gleich einem Freunde, und wenn wir auch überraſcht ſind, ihn ſchon ſo früh zu treffen, ſo harren wir dennoch ruhig darauf, in ſeiner Geſellſchaft ein anderes, ein herrliches Leben durchleben zu können. Dem Baron Mar kam der Tod ſo, und mit Ruhe, mit Ergebenheit, mit einem warmen und beſeligenden 154 Glauben an eine Wiedervereinigung dort oben war er bereit, ihn zu empfangen; aber er hatte ſchon ſo viel über die geiſtigen, ſowie auch über die weltlichen Angelegen⸗ heiten nachgedacht, daß er ſich jetzt ganz dem Gefuͤhle hingeben wollte, welches nächſt ſeiner Seligkeit ihm das theuerſte war. Während der kurzen Zeit, die zwiſchen der Entfer⸗ nung der Freiherrin und einem leiſen Geräuſch verfloß, welches in dem äußeren Zimmer Evelyn's Ankunft ver⸗ kündigte, flogen ihm tauſend Gedanken durch den Kopf, was er ihr ſagen wollte und ſagen müßte, betete er tauſend Gebete, daß ſeine höchſte Hoffnung auf Erden in Erfül⸗ lung gehen möchte. Doch plötzlich— es war in dem Augenblicke, da die Thür aufging— ſtrömte das Blut mit brauſender Heftigkeit zu ſeinem Herzen, und das Athmen wurde ihm ſo ſchwer, daß er einige Minuten die ganze Gewalt der Todesfurcht empfand; denn in dieſem Augenblicke zu ſterben, in welchem er ſeine Gattin wieder⸗ ſehen ſollte, das ging über ſeine Kräfte. Aber das Blut ſank zurück, er athmete wieder, und als er die Augen oöͤffnete, welche er unwillkürlich geſchloſſen hatte, da ſtand Evelyn's Ruheſofa neben ſeinem Bette, und Evelyn be⸗ trachtete ihn bleich wie eine Lilie und zitternd wie das Blatt der Espe, mit einem Blicke voll unbeſchreiblicher, unausſprechlicher Beſtürzung. „Dürfen wir es wagen, Sie allein zu laſſen?“ flü⸗ ſterte Conſtance, indem ſie ſich zu Mar herabneigte. Ein flehender Blick, ein Blick, dem man nicht wider⸗ ſtehen konnte, war ſeine Antwort; und Conſtance entfernte ſich nebſt der guten Mamſell Charlotte. Die beiden Gatten waren allein. In dem Augenblicke, da die Thür ſich ſchloß, ſtreckte Max ſeine Arme aus, und Evelyn, von derſelben Bewe⸗ gung, demſelben Gefühle ergriffen, glitt von dem Sofa in ſeine Arme; die Schläge ihrer Herzen redeten, und Marx ſo ſta Seine nicht: kramp 1, Bitte ganzen und ſa auf da Y war ur Höchſte nicht lo obgleich var er el über elegen⸗ zefüͤhle m das Entfer⸗ herfloß, ft ver⸗ Kopf, tauſend Erfül⸗ in dem 8 Blut nd das Ninuten dieſem wieder⸗ s Blut Augen ſtand elyn be⸗ wie das iblicher, entfernte ,ſtreckte n Bewe⸗ m Sofa en, und 15⁵ Max täuſchte ſich nicht, da er meinte, daß ihr Herz eben ſo ſtark ſchlug, als das ſeinige. „O, meine Gattin, meine Evelyn, mein Leben!“ Seine Lippen ſuchten die ihrigen, und dieſe erwiederten nicht nur, ſondern ſie drückten ſich auch mit einer Art von krampfhafter Angſt an die ſeinigen. „Rede zu mir, rede zu mir, geliebte, geliebte Evelyn!“ „Nimm mich mit Dir!“ lispelte ſie, und bei dieſer Bitte brach die ſtille, geduldige Ruhe, welche auf ihrem ganzen Weſen geruht hatte; ſie begann heftig zu weinen und ſank, von ſo vielen Gemüthsbewegungen erſchüttert, auf das Sofa zurück. Mar war nicht weniger erſchüttert; doch ſein Glück war unbeſchreiblich, übertraf alles, was er ſich als das Höchſte hatte denken können, denn ihre Betrübniß war nicht länger zu bezweifeln; ihn, ihn wollte ſie begleiten, obgleich ſie wußte, daß... noch ein Andrer am Leben war. „Beruhige Dich— o weine nicht ſo, meine Evelyn! ich fürchte für Dich!“ „Für was fürchteſt Du?“ „Für Deine Geſundheit, Dein Leben. Ich verlangte gewiß zu viel, als ich verlangte, mit Dir allein gelaſſen zu werden!“ „Ach nein, ich will am liebſten allein mit Dir ſein!“ „Du haſt alſo in dieſer Zeit...(ſo!— Dein Kopf ſoll hier auf dem Kiſſen neben dem meinigen liegen, damit ich Deine ſchönen Augen ſehen kann!)... Du haſt alſo in dieſer Zeit, dieſer langen, langen Zeit, an mich ge⸗ dacht?“ „Immer wenn ich denken konnte. Doch bisweilen... Du weißt wohl“— und ihre Hand drückte hart die Hand, welche die ihrige umſchloß—„Du weißt wohl, daß alles, alles aus iſt!“ „Für mich, meine Evelyn, iſt nicht alles aus, wenn ich Dich, ſo wie jetzt, neben mir habe. Ich empfinde eine himmliſche Seligkeit, ſo wie ich ſie noch nie, nie 156 empfunden habe— dringt ſie nicht auch an Dein Herz, dieſe Seligkeit, dieſer Himmel des Schmerzes?“ „Ja! Doch wie kann es möglich ſein? Ich weine vor Furcht, ich leide, ich leide ſchrecklich— und dennoch“.. „Dennoch?...o rede, mein ſüßer, ſchoͤner Engel, rede! Der Tod kommt bald, und macht unſern Mitthei⸗ lungen ein Ende— eile, eile!“ „Was ſoll ich ſagen?... Ich weiß nicht, wie ich es ſagen ſoll, wie, wie“... „Sage mir alles, alles! Iſt es denn nicht ſchön, an meinem Herzen zu ruhen, obgleich es bald erkaltet? Fin⸗ deſt Du dieß nicht jetzt ſchöner als ſonſt?“ „Ach jal Doch warum iſt es ſchöner als ſonſt? Wa⸗ rum verſtehe ich jetzt ſo gut alles, was Du zu mir re⸗ deſt? Warum gerade jetzt, da Du vielleicht bald... Iſt das, was uns ſo macht, der Tod 2“ „Nein, das iſt... weißt Du nicht, fühlſt Du nicht, was das iſt, liebe Evelyn?“ Sie ſchüttelte ihr ſchönes Haupt. „Es iſt etwas, das ſonſt nicht war— es iſt ein Glück, das Gott uns geſtattet hat zu ſchmecken, um uns mit unſrer Trennung zu verſoͤhnen, um uns unſre Wieder⸗ vereinigung bei ihm zu bekräftigen, es iſt das unausſprech⸗ liche Gefühl einer gegenſeitigen Liebe.“ Evelyns Wangen überzogen ſich mit hohem Purpur; mit einem Seufzer verbarg ſie ihr Haupt an der Bruſt des Gatten. „Glaubſt Du nicht, daß ich Recht habe?“ „Ich weiß nicht— ich weiß nur Eins mit Gewißheit.“ „Was denn?“ 3 „Daß ich mit Dir ſterben will; ohne Dich bin ich nichts!“ „Hahe Dank für dieſe lieben, lieben Worte, an welche ich glauben kann wie an Gottes Worte, denn Deine reinen Lippen verſtehen es nicht, Worte ohne Wahrheit zu reden! Gieb mir aber noch ein herrlich ſtrahlendes Licht, das mir leuchten kann auf meinem Wege, gieb mir Gewißheit in / 157 Herz, meinem letzten Zweifel; bin ich, glaubſt Du, daß ich allein bin in Deinem Herzen?“ ine vor„Nicht in meinem Herzen, aber“... ſch..„Aber?“ ſeufzte Mar. Engel,„In dem, was Du meine Liebe nennſt— ja, in mei⸗ Nitthei⸗ ner Liebe biſt Du allein!“ „O, wie weißt Du das? Gieb mir Hoffnung— wie ich nein, gieb mir Beweiſe!“ 5„Ich glaube, daß ich, es kann. In dieſer ganzen ön, an ſchweren Zeit von dem Augenblicke an, da ich glaubte, 2 Fin⸗ daß mein Herz brach, als... als ſie Dich vor meinen Augen nach Hauſe trugen“... 2 Wa⸗„Von dem Augenblicke an, ſagſt Du?“ mir re⸗„Kam erſt eine lange Nacht... und dann ein Tag.“ . I„Und dann?“ „Laß mich nachdenken!... Während der langen du nicht, Nacht ſah ich nur Eins; es war ein kleiner Sarg, in wel⸗ chem unſer Kind ſchlummerte— es war ſo ſchön! Ich habe es keinem Menſchen ſagen wollen; niemand weiß, daß iſt ein ich es geſehen habe; nur Dir, Dir allein wollte ich es dum uns ſagen.“ Wieder⸗ Mar drückte die kleine Hand, welche er in der ſeini⸗ sſprech gen hielt.„O, wie wohl thut es meinem Herzen, zu hö⸗ ren, daß Du nur mir Deine Gefühle anvertrauen urpur; wollteſt!“ r Bru„Ja, es war ja unſer Geheimniß; kein Menſch hatte damit etwas zu thun, als nur Du und ich.“ „O, ſolche Worte von Dir— nur Du und ich!“ pißheit.“ Evelyn lächelte himmliſch ſchön; gleich darauf aber wurde ihr Blick von dem Schleier der Thränen getrübt. nnichts!“„Warum,“ flüſterte ſie,„warum blieb mein Glück nur ein n welche Traumgeſicht und noch dazu in der finſtern Nacht?“ e reinen„Wir dürfen nicht nach dem Warum fragen, geliebte reden! Evelyn; das eine Unglück erzeugte das andere; doch aus das mir dem Schooße beider iſt ein unveränderliches Glück— das Glück unſrer Liebe— erſtanden. Laß mich Dein Gedächt⸗ 158 niß zurückführen auf den Tag, der jener finſtern Nacht folgte!“ „Ja, jal es kam ein Tag; doch auch er war lang, ja, länger als die Nacht, denn es wurde licht um meine Seele, ſo daß ich mich eines Theiles entſann, doch eines andern Theiles nicht; und während der ganzen Zeit fragte ich nach Dir und ſehnte mich nach Dir, und fuürchtete, daß es etwas ſein koͤnnte, das ich nicht verſtände und nicht erfahren dürfte. Ich weinte um Dich; doch Du kamſt nicht, und Du konnteſt nicht kommen.“ „Und Du glaubſt, meine theure Evelyn, meine Ein⸗ zig⸗Geliebte, daß dieſe Sehnſucht Liebe war?“ „Ja, was konnte es anders ſein?— Du weißt ja, daß ich mich ſonſt ſo nicht ſehnte.“ „Sie plagte Dich alſo ſehr, dieſe Sehnſucht?“ „Unausſprechlich, und immer hatte ich in Gedanken Dich an meiner Seite; Du ſtreichelteſt meinen Kopf, Du küßteſt meine Stirn und ſahſt mich an, wie Du bisweilen zu jener Zeit thateſt, deren ich mich nicht entſann... nun aber weiß ich alles!“ „Und nun ſterben zu müſſen!“ Dieſe Worte glitten ihm beinahe unbewußt über ſeine Lippen; doch in der darauf folgenden Secunde erhob ſich ſein Blick erſt empor zum Himmel und dann zu ihr, die der Himmel in ſein Herz herabgeſenkt hatte, und mit einem Ausdrucke der de⸗ müthigſten Ergebung ſagte er:„Dein Wille geſchehe, mein Vater! ich habe das Höchſte empfunden! Glaube mir, meine geliebte, angebetete Gattin, Du, zu welcher ich jetzt die Sprache der Liebe reden kann, daß ich mir gegen dieſe Augenblicke nicht ein langes Leben gleich dem ver⸗ floſſenen eintauſchen will— ſage mir: ſind dieſe Augen⸗ blicke nicht mehr werth, als ein langes laues Leben?“ Evelyn antwortete nur mit Thränen. Ein langes Schweigen trat ein. „Ich ſollte Dich nicht noch mehr aufregen,“ ſagte endlich Max,„ich ſollte zufrieden ſein mit demjenigen, meinen mich dann zu leid „6 ges Gli um zu 2 ſtark,, „ 9 ich“ könnte!“ G das zu hinnen! keine S „E „S pung m es nicht lübde; d Wunſch isweilen .. nun e Augen⸗ pen?“ Zmjenigen, 159 was ich jetzt erfahren habe, und dennoch iſt noch Eines übrig: Dein Freund, Dein Bruder— haſt Du ihn nicht auch oft geſehen?“ „Ja, bisweilen; doch nicht gefährlich, nicht ſo wie in meinen Erinnerungen; er hat nie meine Hand genommen, mich nicht angeblickt— das haſt Du allein gethan; und dann haſt Du allein mich ermahnt, geduldig zu ſein und zu leiden, zu hoffen und zu harren.“ „Gott ſei Lob und Dank! Nun bin ich zufrieden, nun will ich nicht weiter gehen!... Wenn ich nun aber nicht mehr bin... wenn ich nicht mehr bin“... „Wenn Du nicht mehr biſt?⸗ „Dann kehrt er zurück und... und.. doch, ich will Dich nicht binden, Evelyn— nein, nie, nie!“ Evelyn's Blick drückte Verwunderung aus. „Verſtehſt Du mich nicht, geliebte Evelyn?“ Sie ſchuͤttelte mit dem Kopfe. „Es war ein Hauch voller Bitterkeit, der mein ſeli⸗ ges Glück verdunkelte; ich dachte, wenn er wiederkäme, um zu fordern, was er einmal opferte?“ „Nein!“ entgegnete Evelyn, und ihre Wange erröthete ſtark,„darum kommt er nicht— nein, nie darum!“ „Doch wenn?“ „Wenn das geſchäͤhe, ſo weiß ich ganz beſtimmt, daß ich“— ſie erröthete noch ſtärker—„es nie, nie wollen könnte!“ „Großer Gott, Evelyn, wenn ich es wagen dürfte, das zu glauben, ſo ginge ich mit vollkommener Ruhe von hinnen! Es iſt nicht Selbſtſucht— glaubſt Du, daß es keine Selbſtſucht iſt, die aus mir redet?“ „Es iſt Deine Liebe!“ „Ja, aber meine reinſte Liebe, die tiefſte Ueberzeu⸗ gung meiner Seele, daß Du als ſeine.. Nein, ich will es nicht zu Ende denken— genug, ich verlange kein Ge⸗ lübde; doch Du kennſt meinen hoͤchſten, meinen wärmſten Wunſch 1. 160 „Und ich erfülle ihn, ich kann nicht anders, als ihn erfüllen; denn“— ihre Stimme zitterte ein wenig—„er hat es mir vertraut, daß er.... Was ſoll ich ſagen? Du haſt mich geliebt, mich allein, und ich werde nie einen Andern als Dich mit Liebe lieben!“ Jetzt hatte Mar keinen Zweifel mehr; Evelyns Seele, wenn auch weich, war dennoch ſtark; und welchen Einfluß Juſtus von Carleborg auch auf die Zukunft dieſer Seele ausüben koͤnnte, ſo war es dennoch unmöglich, jemals wieder Liebe zu erwecken, nachdem ſie einmal erloſchen war, nachdem Evelyn die Gewißheit erhalten hatte, daß er das Bild einer Andern aufgenommen, und ihr eigenes Herz ſich einem um ſo tieferen und umfaſſenderen Gefühle ge⸗ öffnet hatte, da es von dem Tode beſiegelt worden war. Das Geſpräch hatte indeſſen Max in ſo hohem Grade angegriffen, daß ſeine Augen ſich unwillkürlich ſchloßen; zitternd vor Angſt faltete Evelyn ihre Hände und legte ihre Wange an ſeine Lippen. Faſt mit Gewalt oͤffnete er die Augen. „Du warſt ja zufrieden mit dem, was ich ſagte?“ „O, meine Evelyn! Du ſagteſt ja, daß.. daß“... „... Daß ich nie einen Andern als Dich lieben wollte... und daß ich nicht leben wollte, nein! wenn Du todt biſt!“ Eine leiſe Bewegung an der Thür zog die Augen des Barons dorthin.„Gott ſei gelobt!“ ſagte der Blick, wel⸗ cher funf ſeine Mutter und von ihr auf die angebetete Gat⸗ tin fiel. Die Freiherrin verſtand alles, was dieſer Blick ſagen wollte. Evelyn wurde in ihr Zimmer zurückgetragen. Aber am Abende, und an allen Tagen nach dieſem erſten durfte ſie bei ihrem Gatten ſein. Sie wurde ſtark durch die Kraft ihres Willens, ihm nützlich zu ſein. Zuletzt verließ ſie ihn niemals, und dieſe Liebe, die in dem Laufe zweier Jahre nur hatte Knospen treiben können, ſtand während zweier Woche ihm j das h von ſe zuletzt einen! geſpro 2 gehabt ſie daf hatten, ten, do ſchwar⸗ gering Krankh ſtarrun fährlich Neuem fluß ir Stumn D erwarte ganzen hoͤheren liebte; eine tic ſeinen Eine „* 161 als ihn Wcoochen in voller Blüthe. Evelyns pflegende Hand reichte 3—„er ihm jeden Trank, ihre ſchöne, weiche Stimme las ihm n? Du das heilige Wort vor, ihre Lippen küßten den Schmerz ie einen von ſeinen Lippen, und an ihrer Bruſt entſchlummerte er uletzt in den langen Schlaf, nachdem ſeine letzten Worte 3 Seele, einen brennenden Dank für das genoſſene ſelige Glück aus⸗ Einfluß geſprochen hatten. er Seele Bis zu ſeinem letzten Athemzuge hatte Evelyn Muth jemals gehabt, denn ſein Blick, ſeine Lippen dankten ihr, ſegneten hen war, ſie dafür. Als aber ſeine Lippen ſich im Tode geſchloſſen 5 er das hatten, als dieſe liebevollen Augen ſie nicht mehr anlächel⸗ nes Herz ten, da wurde es wiederum Nacht in Evelyns Seele, eine fühle ge⸗ ſchwarze, düſtre, nebelvolle Nacht ohne Sterne, ohne den en war. geringſten Lichtſchimmer. Sie ſank in keine köoͤrperliche m Grade Krankheit, doch nicht zurück in ihre ehemalige Gefühlser⸗ ſchloßen; ſtarrung; aber ſie verſank in einen Zuſtand von weit ge⸗ und legte fährlicherer Beſchaffenheit, denn der lange gehemmte, von Neuem geöffnete Schwall ihrer Gefühle nahm ſeinen Aus⸗ fluß in Träumen und Viſionen, welche oft die äußere Stummheit unterbrachen. ugen des lick, wel⸗ Neunzehntes Kapitel. Der Tod des Barons Max von G—, obgleich lange erwartet, erregte nicht nur ein großes Aufſehen in der n. Aber ganzen Umgegend und ein allgemeines Bedauern in den in durfte höheren Kreiſen, wo man den tüchtigen und edlen Mann n. Kraft liebte; ſondern er erweckte auch ein unerhörtes Bedauern, eß ſie ihn eine tiefe, lebendige, unermeßliche Betrübniß unter allen ſer Jahre ſeinen Untergebenen und unter allen Armen, unter allen nd zweier Eine Nacht am Bullarſee. II. 11 „* 162 mit Kummer Belaſteten rund um Oernwik und Bröllinge. Baron Max hatte, obgleich noch jung, während ſeines kurzen Lebens eine ſchöne Erndte eingebracht; er hatte nicht allein ohne Umſtände und ohne Aufſehen das Gute wirken wollen, er hatte es auch gewirkt; und ſeine Erndte lag in den Thränen der Dankbarkeit, welche auf ſein Grab fielen, nachdem die große, feingeputzte Schaar, welche hinter dem Leichenwagen herfuhr, daſſelbe verlaſſen hatte. Sowohl vor, als auch nach dem Begräbniſſe ſtroͤmten nach Oernwik Menſchen zu ſogenannten Condolenzviſiten— die ſchrecklichſten von allen Viſiten. Hier machte die Con⸗ ſulin in vollem Trauerſtaate allein les honneurs in dem großen Salon; und obgleich ihr Herz— denn die arme Närrin hatte ebenfalls ein Herz, wenn ſie auch meinte, daß es zu dem guten Ton gehoͤrte, es nicht zu zeigen— durch den Tod ihres vortrefflichen Schwiegerſohnes ſo er⸗ ſchüttert worden war, daß ſie, wie Mamſell Charlotte richtig vorhergeſagt hatte, während der drei erſten Tage beinahe gar nicht zu regieren war, ſo hatten kaum die Trauerbeſuche der Fremden ihren Anfang genommen, ſo war kaum die elegante Trauerkleidung vollkommen fertig geworden, als ſie ihren Platz im Sofa einnahm und jedem erklärte, der zuletzt kam, um ſeine Theilnahme auszu⸗ gießen, daß ihre Seelenkraft ſie nun bald zu verlaſſen drohte, daß ſie jedoch, ſo lange ſie noch Muth und Selbſt⸗ beherrſchung genug hätte, ihr Leiden äußerlich zu unter⸗ drücken, ihren Platz wüßte und denſelben zu erfüllen ſuchen würde.„Denn,“ pflegte ſie mit einem ausdrucksvollen Blicke zu ſagen,„ich bin mir ſelbſt die Gerechtigkeit ſchul⸗ dig, zu erkennen, daß, da ich allein im Stande bin, mich aufrecht zu erhalten, auch alles allein auf mir ruht; die bedauernswürdige Wittwe, die niedergebeugte Mutter, ja ſogar mein Mann— alle erwarten Troſt und Hülfe von mir; ich muß mich für jeden beſonders theilen und dennoch“ — dieß letzte ſagte ſie mit einem großen und heldenmüthigen größten die Zei ſei All U Lippen ihr al ihrer S ſie kar Stimn mehrm Freiher nicht t D die Leit zu dürf hatte; Male Bröllinge. end ſeines datte nicht te wirken pte lag in ab fielen, linter dem ſtromten viſiten— die Con⸗ ts in dem die arme ch meinte, zeigen— nes ſo er⸗ Charlotte kaum die mmen, ſo nen fertig und jedem ne auszu⸗ verlaſſen nd Selbſt⸗ zu unter⸗ llen ſuchen rucksvollen gkeit ſchul⸗ bin, mich ruht; die kutter, ja Hülfe von d dennoch“ nmüthigen ſten Tage 163 Geſtus—„nicht verſäumen, was ich der allgemeinen und beſondern Theilnahme ſchuldig bin.“ An dem Begräbnißtage ſelbſt aber traf ein Ereigniß ein, welches ohne Zweifel die Beherrſchungskraft und den großen Takt der Conſulin auf eine ſchreckliche Probe ge⸗ ſetzt haben würde, wenn nicht dieſes Ereigniß die erſte Ohnmacht ihres Lebens veranlaßt und ſie alſo zu jeder Art von Kampf außer Stand geſetzt hätte. Die Freiherrin Ebba, welche ihr ſchweres Leiden mit dem ergebenen Muthe einer wahren Chriſtin trug, hatte ſich kaum dem einzigen Genuß der Trauer, nämlich ſich in ſich ſelbſt zurückzuziehen, eine Stunde gegoͤnnt: ſie hatte die theure Pflicht, welche der verſtorbene Sohn ihr teſtamentirt hatte, die Pflicht, über Evelyn zu wachen, nie vergeſſen— die Mutter wußte wohl, daß dieſe Auf⸗ opferung ihrer ſelbſt das ſchoͤnſte Liebesopfer war, welches ſie dem theuren Abgeſchiedenen bringen konnte. Wie oft hatte er nicht von dem Tage an, da Evelyn in das Kran⸗ kenzimmer gezogen war, mit dem Ausdrucke der aller⸗ groͤßten Zärtlichkeit ſeiner Mutter zugeflüſtert:„Wenn die Zeit kommt, da es der Stärke bedarf, o, ſei da ſtark, ſei Alles für ſie!“ Und die Freiherrin, welche mit Augen, Hand und Lippen das verlangte Verſprechen gegeben hatte, wurde ihr alles. Evelyn aber verſtand die große Aufopferung ihrer Schwiegermutter jetzt nicht zu ſchätzen: Evelyn hörte ſie kaum, höͤrte nicht Conſtance's weckende und ernſte Stimme; ſie hoͤrte nur ihre innere Stimme, und ſagte mehrmals mit einer Art von Gleichgültigkeit, welche die Freiherrin beinahe in Verzweiflung geſetzt hätte: Ich bin nicht traurig— laß uns nicht mehr reden!“ Das Einzige, welches Evelyn beſtimmt äußerte, war die Leiche ihres Gatten ſehen und bei ſeinem Sarge ſitzen zu dürfen, ſo wie ſie bei ſeinem Krankenbette geſeſſen hatte; und da ſie das nicht durfte, ſo zeigte ſie zum erſten Male in ihrem Leben eine Beſtimmtheit, welche ſogar nicht 164 verſchmähte, ſich der Mittel der Liſt zur Erreichung ihrer Abſicht zu bedienen. Sie verlangte allein gelaſſen zu werden, um, wie ſie ſagte, zu ſchlafen; ſobald ſie ſich jedoch von aller Be⸗ wachung befreit ſah, ſchlich ſie ſich auf Umwegen in die Kammer vor dem Leichenzimmer, nahm den Schlüſſel von dem Orte weg, wo Mamſell Charlotte ihn verwahrt hatte, ging hinein und ſetzte ſich ſtill neben den Sarg, an deſſen Kante ſie ihr Haupt lehnte. In dieſer Stellung verblieb ſie, bis die Freiherrin und Conſtance, beide ergriffen von gleicher angſtvoller Furcht, ſie fanden und mit ſanfter Ge⸗ walt hinwegführten. Beide, ſowohl die Freiherrin als auch Conſtance, hatten, von dem Arzte unterſtützt, die Conſulin verſichert, daß kein Grund vorhanden wäre, den Verſuch zu wagen, Evelyn in den Trauerſtaat zu ſetzen; doch die Conſulin war bei dem erſten Wink davon gleich ganz außer ſich. Sollte nicht Evelyn, ſie, welche leider die vornehmſte und paſſendſte Trauerzierde war, bei dem Begräbniſſe ihres Gatten zugegen ſein?„Ja, ſeht! ſie ſoll zugegen ſein! Mein Gott, wie ſüß iſt das arme Kind in dem weißen Trauerſchleier— ſie vergaffen ſich alle in ſie. Kein Menſch hat jemals ein ſolches lebendiges Bild geſehen!“ 3„Ich erkläre,“ ſagte Conſtance ſtrenge,„es iſt eine Sünde, vor welcher man ſchaudern möchte, daß eine Mut⸗ ter ſo redet; und es iſt ein Aergerniß, welches Gott ganz gewiß ſtraft, daß dieſe Mutter nur daran denken kann, welches Aufſehen die Wittwe in der Trauerkleidung ma⸗ chen wird!“ „Sei ſo gut und verſchone mich mit Deinen Buß⸗ parorysmen, meine beſte Conſtance; denn ſo ſehr ich Dich— auch ſonſt hochachte, ſo kann ich mich dennoch nicht be⸗ kehren laſſen! Ich habe die Welt geſehen, mein Kind, und weiß, was ſie verlangt!“ „Aber,“ wendete die Freiherrin ein,„hier haben wir 8* ja mit Wittw 22 lyn's es nich zu ſitze Seite. langen keine U dieſer d S wiederu und ich zu erfül No geäußer ſie das ng ihrer im, wie ller Be⸗ en in die üſſel von rt hatte, an deſſen verblieb iffen von nfter Ge⸗ Lonſtance, verſichert, u wagen, Conſulin ußer ſich. mſte und iſſe ihres gen ſein! weißen ſin Menſch s iſt eine line Mut⸗ Pott ganz ken kann, ung ma⸗ en Buß⸗ ich Dich nicht be⸗ Kind, und haben wir 165 ja mit der Welt nichts zu thun: auf eine verzweifelte Wittwe hat die Welt gar keine Anſprüche zu machen.“ „Aber, meine gnädige Ebba, ich ſehe nicht, daß Eve⸗ lyn's Verzweiflung ſich auf die Weiſe ausdrückt, daß ſie es nicht ertragen könnte, ſtill auf ihrem Platze im Sofa zu ſitzen, Du an ihrer einen und ich an ihrer andern Seite. Sie ſitzt ja doch unbeweglich den ganzen lieben langen Tag wie ein„Autokrat,“ und macht wahrhaftig keine Umſtände mit ihrer Trauer. Ich kann beinahe ſagen, daß mir Evelyn nicht gefällt, weil ſie ihren Verluſt nicht zu faſſen vermag— ich bin überzeugt, daß ich, obgleich es mir durch meine Welterfahrung gelingt, mich zu be⸗ herrſchen, ihn tiefer betrauere als ſie.“ „Sie trauert tiefer, als Du ſiehſt, Nelly!“ erklärte die Freiherrin. „So? tiefer als ich ſehe? Ich ſollte aber doch wohl glauben, meine beſte Couſine, daß ich als ihre wirkliche Mutter ſie ein wenig beſſer beurtheilen konnte— oder was ſagſt Du, Conſtance? Ich hoffe, Du wirſt Dich aus Achtung gegen mich und Dich ſelbſt bei der Beantwortung dieſer Frage ſtreng an die Gerechtigkeit halten!“ „Ich halte mich ohne Furcht an die Wahrheit, dieſe mag nun gefallen oder nicht; und meine Ueberzeugung iſt, daß die Freiherrin unſere Evelyn beſſer beurtheilt als ir⸗ gend ein Anderer.“ „Nun gut, in einer Zeit, welche meine ganze Stärke in Anſpruch nimmt, kann ich ja auch Kraft haben zu ver⸗ nehmen, daß ich meine Urtheilskraft verloren habe— doch will ich hoffen, daß mein mütterliches Anſehen noch übrig iſt. Evelyn ſteht als Wittwe ohne allen Zweifeln wiederum unter dem unmittelbaren Befehle ihrer Mutter, und ich vermuthe, daß ſie ſich nicht weigern wird, denſelben zu erfüllen!“ Nachdem die Conſulin dieſe Worte mit einer Würde geäußert hatte, welche ſie für ſchlagend hielt, verließ ſie das Zimmer, um allein mit ihrem Manne über die 166 unerwartete Anmaßung der Freiherrin und Conſtance's in Verzweiflung und endloſen Jammer zu fallen.„Aber Gott ſei gelobt, hier gibt es doch wohl nicht mehr als eine Herrſcherin auf Oernwik, ſo viele auch Herrſcherin⸗ nen ſpielen wollen; und bekomme ich nicht meinen Willen, ſo ſollen ſie es erfahren!“ und die Conſulin erhielt ihren Willen. In der tiefen Trauerkleidung mit dem weißen Trauer⸗ ſchleier um ihre eben ſo weiße Stirn ſaß Evelyn unbe⸗ weglich auf dem Platze, den man ihr angewieſen hatte, und unter den ſtrömenden Thränen(an dem Begräbniß⸗ tage konnte natürlich kein Fremder es der Mutter ver⸗ denken, wenn ſie ihren Schmerz zeigte), ſah die Conſulin recht gut, daß jeder Eintretende über Evelyn's Marmor⸗ ſchönheit erſtaunte. Dieſe Beobachtung machte denn auch, daß die vorausſehende Mutter feierlich beſchloß, Evelyn ſollte die Trauertracht ſo lange tragen, bis ſie dieſelbe umtauſchen koͤnnte gegen ein neues Brau... dieſes Wort aber ſagte ſie ſelbſt in ihren ſchwebenden Gedanken nicht zu Ende: ſie begann vielmehr, von ihrem Gewiſſen geſchla⸗ gen, lauter zu weinen und zu ſchluchzen, als hätte ſie gleichſam durch den heftigen Ausdruck ihrer Trauer den Verſtorbenen überzeugen können, daß ſie es nicht übel ge⸗ meint hätte, nein, gewiß nicht übel, und er konnte wohl nicht vom Himmel herab ſie ſchief anſehen, weil ſie ganz ohne alle Abſicht ſich ein wenig in die Zukunft hinein verirrt hatte. Die ganze Feierlichkeit mit Reden und allem war in der gewöhnlichen düſtern Steifheit vor ſich gegangen, als — da der Sarg aus dem Leichenzimmer auf den Hof hinabgetragen werden ſollte und mehre der zuruckbleiben⸗ den weiblichen Gäſte an das Fenſter traten, um noch ein⸗ mal durch einen aufgehobenen Zipfel der vor die Fenſter gehän⸗ geſchie mer e vermu Ruhe welche nun e 0 ſchwa zen to verklät wollte unaus wohl! ſenkte Kuß S Ausſel heimli währe herabb das? faſt a nahm zuſam⸗ Stund *) W ence's in „Aber nehr als rſcherin⸗ Willen, tter ver⸗ Conſulin e dieſelbe eſes Wort nken nicht geſchla⸗ hätte ſie rauer den übel ge⸗ ante wohl ſie ganz ift hinein n war in ungen, als den Hof ickbleiben⸗ noch ein⸗ ie Fenſter 1 167 gehängten weißen Laken*) das letzte Ruhebette des ab⸗ geſchiedenen hochgeachteten Barones zu ſehen— im Zim⸗ mer ein unheimliches, aber leiſes Geräuſch entſtand, und vermuthlich Evelyn aus ihrer einer Erſtarrung ähnlichen Ruhe weckte; wenigſtens war dieſe Erklärung die einzige, welche die Vernunft über dasjenige geben konnte, was ſich nun ereignete. In demſelben Augenblicke, da der Leichenwagen den ſchwarzen Sarg aufnahm, erhob ſich Evelyn in ihrer gan⸗ zen todtenbleichen Schoͤnheit; ihr Antlitz entſchleierte eine verklärte Begeiſterung, ſie ſtreckte die Arme aus, als wollte ſie jemanden umarmen, und lispelte leiſe mit einer unausſprechlich lieblichen und liebkoſenden Stimme:„Lebe wohl! Du ſollſt nicht lang auf mich warten!“ Darauf ſenkte ſie das Haupt, bewegte die Lippen zu einem leiſen Kuß und ſank dann auf den Sofa zurück. Die Conſulin, ergriffen von Evelyn's geſpenſterhaftem Ausſehen, von ihrem glänzenden Blicke und von ihrer un⸗ heimlichen Prophezeiung, ſiel vor Schrecken in Ohnmacht, während die Freiherrin ſich angſtvoll über die junge Seherin herigbegfe und flüſterte:„Gott, mein Kind! was war das?“ „Er war es,“ antwortete Evelyn ſo deutlich, daß faſt alle es mit erſtarrtem Blute hörten—„er kam und nahm Abſchied von mir!“ Nach dieſen Worten ſanken Evelyn's Wimpern ſchwer zuſammen, und ſie fiel in einen Schlummer, der viele Stunden dauerte. *) Bei Begräbniſſen werden in Schweden alle Gardinen von den Fenſtern weggenommen und dieſelben mit weißen Bettlaken verhängt. Auch Sofa und Stühle werden weiß überzogen. Die Wände des Leichenzim⸗ mers aber werden ſchwarz behangen. *1 Anm. d. Ueb. 168 Zwanzigſtes Kapitel. Auf Evelyn's Viſion folgte ein Zuſtand von ganz vernünftiger Ruhe; aber an dem Abende vor Conſtance's Abreiſe(denn nun konnten weder Bitten noch Ueberredun⸗ gen ſie länger zurückhalten: ihr Gewiſſen ſagte ihr, daß ſie den Pflichten der Freundſchaft ihre Pflichten als Gat⸗ tin ſchon allzu ſehr nachgeſetzt hatte), als die beiden jun⸗ gen Frauen bei einander ſaßen, und Conſtance von den Prüfungen der Trauer und der einzigen und feſten Hoff⸗ nung einer gläubigen Seele redete, begann Evelyn ſo hef⸗ tig zu weinen, daß die Freiherrin, welche in dem Neben⸗ zimmer ſaß, und im Stillen ihre Schmerzensthränen ver⸗ goß, in aller Eile hereinkam, weil ſie überzeugt war, daß der Gedanke an den geliebten Verſtorbenen Evelyn's ſonſt wirklich wunderbaren Gemüthsfrieden geſtoͤrt hätte. Dießmal aber bekam die Freiherrin nichts zu wiſſen; Evelyn weinte troſtlos und weigerte zu antworten, ſo zärt⸗ lich und mütterlich freundlich die Fragen auch vorgelegt wurden. Jetzt kam die Conſulin und verlangte mit großer Wichtigkeit mit ihrer Tochter allein gelaſſen zu werden. „Gewiß hat das arme Kind etwas auf dem Herzen, das ſie keinem Andern als mir allein anvertrauen will. Iſt es nicht ſo, mein Evelynchen?— Evelyn will mit ihrer Mutter allein ſein?“ „Nein, nein!“ ſchluchzte Evelyn. „Ach, es iſt die verborgene Betrübniß ihres Herzens,“ ſagte die Freiherrin leiſe,„es iſt die Trauer!“ „Warum ſollte ich denn ſo ſehr trauern?“ fragte Evelyn, indem ſie den Lauf der Thränen zu hemmen ſuchte. „Ich trauere nicht, ich brauche nicht zu trauern: ich werde bald zu ihm gehen!“ fürch Conſ dem biſt: derba blick nach der 1 Evely nichts mit e Ebba, ſuadir welche 7 ſich ne ſich n Gemi⸗ Uebel, in Ack Evely! woher Traue 2 2 wie er n ganz ſtance's erredun⸗ hr, daß ls Gat⸗ den jun⸗ don den Hoff⸗ ſo hef⸗ Neben⸗ nen ver⸗ ar, daß vs ſonſt wiſſen; ſo zäͤrt⸗ orgelegt großer werden. it ihrer erzens,“ fragte ſuchte. werde 169 „Ich betheuere, wir haben das Schlimmſte zu be⸗ fürchten, wenn man ſie nicht erheitert!“ murmelte die Conſulin, und gab der Couſine Ebba einen Wink nach dem andern.„Evelynchen, mein. geliebtes Kind! Du biſt recht unartig, daß Du ſo eigenſinnig bei Deinen Son⸗ derbarkeiten bleibſt! Laß nun Deine Mutter einen Augen⸗ blick allein mit Dir reden: Du ſollſt ſehen, daß es her⸗ nach beſſer mit Dir wird!“ „Ich will am liebſten mit Conſtance allein reden!“ Die Conſulin ſchüttelte den Kopf mit allen Zeichen der Unzufriedenheit; als aber die Freiherrin dem Wunſche Evelyn's nachgab und hinausging, da blieb der Conſulin nichts anderes übrig, als ihr zu folgen; doch ſagte ſie mit einem gewiſſen Verdruſſe:„Ich verſichre, meine beſte Ebba, ich bin ſehr froh, daß Conſtance ſich nicht hat per⸗ ſuadiren laſſen, länger hier zu bleiben: ſie iſt diejenige, welche mit ihrer Leſerei Evelyn zuletzt wahnſinnig macht!“ „Nein!“ antwortete die Freiherrin ernſt,„ſie läßt ſich nicht durch die Leſerei wahnſinnig machen; doch läßt ſich nicht läugnen, daß ſie den Keim zu einer gefährlichen Gemüthskrankheit in ihrem Innern trägt: es iſt ein altes Uebel, das neue Wurzeln getrieben hat— wir müſſen uns in Acht nehmen!“ „Du erſchreckſt mich, geliebte Evelyn!“ ſagte Con⸗ ſtance, indem ſie mit der ganzen ſeelenvollen Sanftmuth redete, welche von längſt entflohenen Zeiten ſo bekannt in Evelyn's Ohren klang.„Du ſagſt, daß Du nicht trauerſt: woher kommt denn dieſer Ausbruch einer gewaltſamen Trauer?“ „Von der Reue!“ flüſterte Evelyn leiſe. „Leider kann kein Menſch ſeine Pflichten ſo erfüllen, wie er ſollte; doch Du, Gvelyn, haſt das ſchöne Bewußt⸗ 170 ſein, daß Dein Gatte überzeugt war, daß Du ſie ſämmt⸗ lich erfüllt haſt.“ „Nicht von ihm iſt jetzt die Rede: er und ich haben es gut unter uns, und obgleich er im Himmel iſt und ich noch hier auf Erden, ſo liebt er mich doch noch eben ſo, ja, noch weit mehr.“ „Welch ein lieblicher Traum, Evelyn! er muß Dich glücklich machen!“ „Ach ja, er macht mich auch glücklich... alſo nicht um ſeinetwillen weine ich!“ „Ich verſtehe, ich verſtehe Dich ſehr gut: Du beweinſt den Verluſt einer andern Hoffnung, die Du jetzt glücklich ſein würdeſt zu haben.“ Evelyn ſenkte ihr Haupt, ein Seufzer zitterte über ihre Lippen; dann aber antwortete ſie mit einer Stimme, welche alle Zeichen der Ueberzeugung an ſich trug:„Auch nicht dieſe Hoffnung beweinte ich, Du ſagſt ja immer, und das iſt wahr, daß Gott weiß, was das beſte iſt— ich bin glücklich, daß Gott dieſe Hoffnung hinwegnahm!“ „Dieſen Deinen Gedanken verſtehe ich nicht, Evelyn!“ „Du wirſt ihn bald verſtehen. Die Hoffnung auf mein Kind war mir die ſchönſte, die lieblichſte, die ſeligſte, die ich denken konnte, ſo lange ich glaubte, daß ich noch eine lange Zeit hier auf der Erde bleiben würde; doch in der finſtern Nacht, da ſo vieles einſtürzte, ging ein heller Tag auf, ein Tag, an welchem ein neuer Nebel von mei⸗ nen Augen fiel. Es war nicht ſo wie damals, als ich meine Töne fand— nein, nicht ſo; aber es war, als hätte ich meine Seele recht wiedergefunden, die lange weg geweſen war; jetzt war dieſe in dem Herzen, denn mit ihm empfand ich jetzt alles— Du weißt ja, welchen Tag ich meine?“ „Den Tag, da Du Deinen Gatten widderfahſt 2“ „Und da wir, er und ich, ſo viele ſchö unſern Herzen redeten, da er mich verſtand und ich ihn, und kein Nebel mehr zwiſchen uns lag. Ja, von dem e Worte mit Aug Hoff nun ten, voraꝛ einen gut mir oft i Du daß aus keinen im weiß Max Begr Dich, Wer ein 2 ſie ü fuhr ſonde Thrãaͤ an n aber ämmt⸗ haben and ich den ſo, Dich , alſo heweinſt lücklich ber ihre welche h nicht nd das ich bin pelyn!“ hrte mit 171 Augenblicke an betrauerte ich nicht länger meine frohe Hoffnung, denn ich wußte, daß Max und ich, ſo wie wir nun vereint worden waren, nicht lange getrennt ſein koͤnn⸗ ten, und darum war es das beſte, daß mir alle Hoffnung vorangegangen war; denn-“ ſie ſenkte die Stimme zu einem leiſen Flüſtern—„Du weißt wohl, daß es nicht gut geworden wäre, wenn Mutter noch ein Weſen gleich mir erzogen hätte.“ „Du thuſt unrecht, ſehr unrecht, geliebte Evelyn, ſo oft in Deinen Gedanken auf die Idee zurückzukommen, daß Du die Erde bald verlaſſen mußt. Gott erlaubt nicht, daß wir uns einen ſo ſelbſtſüchtigen Troſt geben, der nur aus unſerer Schwäche entſpringt, weil wir unſerm Leiden keinen feſten Damm entgegenſetzen konnen, nämlich unſere im Herrn geſicherte Standhaftigkeit. „Ich weiß nicht, ob es ſo iſt wie Du ſagſt, aber ich weiß, daß in mir der Glaube feſt ſteht, daß ich bald zu Max komme. Du weißt ja auch, daß ich ihm das am Begräbnißtage verſprach... Du entſinnſt Dich wohl!“ „Um Gottes Barmherzigkeit willen, Evelyn, hüte Dich, daß Du Dich nicht unter dieſen Irrlichtern verirrſt! Wer biſt Du, daß Du Dir vorſtellen kannſt, Dir wäre ein Wunder wiederfahren?“ Evelyn ſchwieg! doch ihr ganzes Weſen zeigte, daß ſie über Conſtance's Eifer betrübt war. b „Doch wir kommen ganz ab von dem Gegenſtande,“ ſuhr Conſtance fort;„Du wollteſt ja davon nichts reden, ſondern mir die Urſache Deiner heftigen Bewegung, Deiner Thränen anvertrauen!“ „Ja, weil ich wußte, daß Du die Einzige biſt, welche an meiner Betrübniß wahren Antheil nimmt— da Du aber ſo ſehr zweifelſt...“ „Iſt es denn wieder ein gefährlicher Irrthum?“ „Kein Irrthum: es war ſeine Stimme!“ „Die Stimme Deines Mannes?“ 172 „Nein, ſeine: meines Bruders, meines Lehrers Stimme!“ „ Ach, Evelyn, Du darfſt nicht an ihn denken, wenig⸗ ſtens nicht ſo viel, daß.. daß Du...“ „Warum ſchweigſt Du? und warum ſollte ich nicht an ihn denken? Er will es anders!“ „Du glaubſt das?“ „Ich bin überzeugt davon. Eben als Du, ich weiß nicht wovon redeteſt, da ſtieg es vor meinen Ohren auf wie ein Sauſen; aber mitten durch dieſes Sauſen höoͤrte ich ſeine Stimme, welche leiſe und traurig ſagte:„Evelyn, ich leide; denn Du haſt in langer Zeit nicht für mich gebetet!“ „Welch' ein kühner Gedanke!“ ſagte Conſtance, und ihre bleiche Wange erhielt eine leichte Farbe. „Nicht kühn!“ entgegnete Evelyn, und auch ihre Wange erhielt eine kleine matte Roſe.„Er hat mich um meine Gebete erſucht, und die Stimme, mit welcher er darüber klagte, daß ich mein Verſprechen ſo lange ver⸗ geſſen habe, ließ mich wiſſen, daß er ihrer bedarf. In der Stimme lag kein Vorwurf, wohl aber eine tiefe, un⸗ endliche Traurigkeit, und darum muß ich aus Reue über mein Vergeſſen weinen!“ „Nein, Evelyn!“ rief Conſtance mit ſchlecht verhehlter Heftigkeit aus,„jetzt geht Dein Sehervermögen allzu weit: Du vergiſſeſt, von wem Du redeſt! Sollte Er, dieſer Heilige, Deiner Gebete bedürfen?— O, welche Gebete könnten wohl ſchneller den Thron des Himmels erreichen, als die ſeinigen?“ „Hat er mich aber nicht einmal, ſondern oft, ſehr oft, ſeinen guten Engel genannt!“ „O, ſo hat alſo die Selbſtliebe auch Dich verblendet, die Du doch ſonſt immer ſo rein geweſen biſt, wie die Lilie auf dem Felde! Verſtehſt Du denn nicht, daß dieſes eine Redensart ohne Bedeutung iſt?“ „Er, er ſollte Worte ohne Bedeutung ſagen?“ frag wun mich Tief Du ande keit, lang ſein Irdif Gebe alle mit d zu be gemei Vollk zuſchr Heu Vollk die ſe aber 1 tief zu kämpf er lie wie d 173 fragte Evelyn und betrachtete Conſtance mit ſtummer Ver⸗ wunderung. „Nein, nein, nicht ohne Bedeutung; ich übereilte mich, ja, ich übereilte mich ſehr; wer aber vermag die Tiefe ſeiner Rede zu faſſen? Du nicht, Evelyn, nein, Du nicht! Sein guter Engel muß im Himmel ſein, nicht anders wo!“ „Ich glaube ſeinen Worten,“ ſagte Evelyn mit Feſtig⸗ keit,„und ich bin ſein guter Engel, und werde es ſein ſo lange ich lebe, ſo wie auch er mein guter Engel iſt.“ „Weißt Du denn aber nicht, begreifſt Du nicht, daß ſein hoher Geiſt, ſein heiliger, großer Geiſt über alles Irdiſche erhaben iſt? Wozu bedarf er denn Deiner Gebete?“ „Sein Geiſt iſt groß und heilig, doch nicht über alles Irdiſche erhaben— nein, weit entfernt!“ „Ja, ja, und tauſendmal ja! Dieſer Geiſt hat nichts mit der Erde zu ſchaffen, wo nicht, um ihre Schwächen zu beklagen und zu beweinen.“ „Er weint auch über ſeine eigene Schwäche.“ „Seine Schwäche? Evelyn! was wagſt Du zu ſagen? .. Doch ich verſtehe alles: er hat geredet von der all⸗ gemeinen Schwäche, von dieſer Schwäche, welche auch der Vollkommenſte, der in den Glauben tief Eingeweihte ſich zuſchreibt, und das mit Recht, denn, alles Fleiſch iſt Heu— doch gibt es in der allgemeinen Schwäche eine Vollkommenheit, die über alle andern ſich erhebt: dieſe iſt die ſeinige!“— „Was Du ſagſt, Conſtance, das mag wahr ſein; aber was ich ſage, das iſt ebenfalls wahr: ſein Geiſt wird tief zu Boden gedrückt von einer irdiſchen Schwäche: er kämpft große, ſchwere Kämpfe mit ſeinem Herzen— denn er liebt.“ „Gott, nur Gott liebt er!“ ſtotterte Conſtance, bleich wie die weiße Roſe, mit welcher ſie ihre Stirn kühlte, 174 „und ſeine Kämpfe entſpringen alle aus der Furcht, daß er ſeinen Auftrag nicht gut genug erfüllen kann!“ „Vielleicht auch das; doch dieſen Kampf meinte ich nicht: er liebt ein Weib: gegen die Liebe kämpft er— ſahſt Du denn nicht, wie er gelitten hat?“ Conſtance antwortete nicht: ihr Haupt war in ihre Hände hinabgeſunken; die gewaltigen Schläge ihres Her⸗ zens drohten die gequälte Bruſt zu zerſprengen. Er, der über alle irdiſche Schwäche Erhabene, der hohe Apoſtel, der Jünger Chriſtt?... Nein, nein! es war eine Täu⸗ ſchung, es war ein Wahnſinn, es war ein Fieberphantom: er konnte, er durfte kein ſündiges Weib lieben! Dieſe Bruſt, ſollte ſie von einem andern Opferfeuer entweiht werden, als von dem, welches für den Glauben und für die Sache des Erloͤſers brannte?— Unmöglich! Und welches Weib ſollte es wohl gewagt haben, den zündenden Blitz in ein ſolches Herz zu werfen? O, wehe, wehe ihr, die ſich eines ſolchen Verbrechens ſchuldig gemacht hatte, mit Gott um einen ſeiner Auserwählten zu ſtreiten! Konnte es Evelyn ſein? Konnte es.. Ein Meer von verwirren⸗ den Gedanken ſtrömte durch die Seele der Schwärmerin. „Ach, Du nimmſt Antheil an ſeiner Traurigkeit!“ ſagte Evelyn, welche keine Ahnung hatte von den doppelten, den vernichtenden Qualen, deren Opfer Conſtance war; „Du ſiehſt ein, wie ſehr er meiner Gebete bedarf, wie ſehr er leidet!... Doch ich hätte es nicht ſagen ſollen, denn er vertraute es mir allein— aber ich mußte es ja fagen, damit Du glauben ſollteſt, daß ich mich nicht ſelbſt täuſchte.“ 3 „Ich hoffe dennoch,“ ſagte Conſtance mit einer Stimme, in welcher ſich unzählige Schmerzen und eine namenloſe Angſt ausſprach,„daß Du Dich ſelbſt täuſcheſt: glaubſt Du, daß er Dich... Dich... Er.. „Ach nein; mich hat er nie mit einer ſolchen Liebe Pebeat e Ein Seufzer ſchwebte unbewußt über Evelyn's ppen. , daß unte ich er— ſin ihre s Her⸗ Dieſe ntweiht zund für ! Und ndenden ehe ihr, hatte, Konnte rwirren⸗ ärmerin. rigkeit!“ oppelten, ce warz arf, wie n ſollen, tte es ja ſcht ſelbſt Stimme, amenloſe glaubſt hen Liebe Evelyn's 175 Conſtance holte tief Athem.„Hat er in Worten, welche nicht doppelt gedeutet werden können, Dir geſagt, was Du mir jetzt mitgetheilt haſt?“ „Er hat mir anvertraut, was ich Dir geſagt habe, weil unſre Liebe die Liebe eines Bruders und einer Schweſter iſt, weil er mich zu ſeinem Schutzengel auf Erden gewählt und weil er geſagt hat, daß meine Gebete ihm Linderung in ſeinen qualvollen Kämpfen bereiten könnten.“ 3 „Und wann, wann haben ſeine Lippen ſolche Worte geredet?“ „Er deutete ſchon an dem Abende darauf hin, da ich ihn beſuchte; als er aber zuletzt hier war, damals, als wir allein waren und viele ſchöne Worte redeten, und ich ihn fragte— ich weiß nicht, warum ich es that, und woher ich den Muth zu einer ſolchen Frage nahm— ob ein Frauenzimmer an allen dieſen Kämpfen Schuld wäre; da ſagte er:„„Evelyn, haſt Du Muth, ein ſolches Ver⸗ trauen entgegen zu nehmen?““ „Und was antworteteſt Du?“ „Prüfe mich!“ „Dann— dann..“ „Darauf ſagte er: Wohl, Evelyn, meine Schweſter! Wenn es nun ein Frauenzimmer wäre, das alle dieſe ver⸗ brecheriſchen Kämpfe in mir erregt hätte, welche mich ſo viel gekoſtet haben, was würdeſt Du dann ſagen?“ Wiederum wendete ſich Conſtance ab: ihre Glieder zitterten, das Blut ſtrömte ſiedend durch ihre Adern, und vor ihren Ohren redeten ſieben Donner ihre Stimmen.“ „Habe ich unrecht gehandelt?“ fragte Evelyn.„Wird er mir böſe werden?“ Und in toͤdtlicher Unruhe faltete ſie ihre Hände. Conſtance ſchwieg, denn ihre Gemüthsbewegung war allzu gewaltig, als daß ſie ſich im Augenblicke erſticken laſſen ſollte. „O Conſtance, ſo rede doch! Du erſchreckſt mich!“ 176 klagte Evelyn.„Du hätteſt nicht zweifeln ſollen, ſo hätte ich Dir nichts geſagt— jetzt bin ich betrübter, als ich vorher war.“ „Sei ruhig,“ ſtotterte Conſtance, indem ſie näher trat,„ſei nicht traurig: er kann Dir, Dir nicht böſe ſein! Ach Evelyn, glücklich biſt Du, daß Du ſein guter Engel ſein darfſt! Bete, bete, o bete ohne Unterlaß, damit er nicht verloren gehe für die große Sache— bete..“ Doch Conſtance vermochte nicht mehr: ſie ſank auf ihre Knie neben dem Sofa, auf welchem Evelyn ruhte, und ſeufzte unter heißen Thränen:„Mein Erlöſer, mein Herr, mein Meiſter! ſei ihm nahe in ſeinem Kampfe, und ſchließe ihn bald, bald an Dein Herz!“ In der Stille der Nacht, da Evelyn nach frommen, warmen Gebeten für den Freund ſchon eingeſchlummert war und im Traume mit Mar von ihrem liebſten Ge⸗ danken, ſie mochte ſchlafen oder wachen, von ihrem bal⸗ digen Zuſammentreffen redete, da lag Conſtance noch in ihrer Einſamkeit auf den Knien; jetzt aber war an keine Beherrſchung weiter zu denken.* Sie befand ſich jetzt in dieſem Zimmer, worin Juſtus von Carleborg einſt gelebt, gedacht und geträumt hatte, und es war ihr, als ob ſeine dunklen Augen, bald düſter flammend, bald in einem vielfarbigen Scheine funkelnd, überall leuchteten, wohin ſie in ihrer wilden, ſtürmiſchen Verzweiflung ihre Blicke warf. Es ging eine fürchterliche Revolution in dem innern Leben der gottesfürchtigen Schwärmerin vor. Wie war es möglich, daß ſie, die an dem Herzen des Erlöſers gelegen, die ſo oft ſeine rufende Stimme ver⸗ nommen hatte, dieſelbe jetzt nicht vernehmen, ja nicht ein⸗ mal zu dem Schemel ſeiner Füße dringen konnte? Zwar hatte ſchon früher der Fürſt der Finſterniß ihrer Seele 4 4 Feſſel ziehen müſſen lend, ſinnige wollte dieſer Quale einma Zuſtan zu lind — nicht Beben riß:, Andere ſchreckl die ſchwere ihren 4 es war dieſer und zu ſchließe Eine »hätte als ich näher ſe ſein! ſchließe ommen, lummert noch in ffunkelnd, rmiſchen innern nicht ein⸗ 2 Zwar 177 Feſſeln anlegen und dieſelbe in ſeinen ſchwarzen Kreis ziehen wollen: doch hatte er dem Herrn des Lichtes weichen müſſen, und frohlockend, ſtark und doppelt ihre Kraft füh⸗ lend, hatte ſie ſich wieder erhoben. Jetzt, jetzt dagegen hatte ſie mehre Stunden hinter einander gebetet, in tiefer Angſt gebetet; doch kein einziges Gebet— ſie fühlte es — war bis jetzt hindurch gedrungen zu ihm, der allein helfen kann. Schwere, ſchmerzhafte Seufzer wogten auf in ihrer Bruſt. Gott hatte ſein Angeſicht in einer Wolke ver⸗ borgen, und die gefalteten Hände der Beterin waren bald an ihr Antlitz und bald an ihr Herz gepreßt, dieſes auf⸗ ruͤhriſche, das brennende Herz, welches von einer irdiſchen ſündigen Glückſeligkeit zu zittern wagte, da es doch vor lauter Todesqualen hätte zittern ſollen. Und dieſe wahn⸗ ſinnige Glückſeligkeit, was bedeutete ſie wohl, was wollte ſie, was verkündigte ſie? Und dieſe Wuth, dieſer Sturm, dieſe unausſprechlichen, unverſtändlichen Qualen, was bedeuteten ſie? Waren ſie ihr nicht ſchon einmal, einige Male zuvor genaht? O, er war fürchterlich, er war unerträglich dieſer Zuſtand, den keine Gebete, keine Seufzer, keine Thränen zu lindern vermochten. Worin beſtand denn eigentlich dieſer Zuſtand, den ſie nicht zu begreifen vermochte? In einem ſchreckenvollen Beben, welches ſie zwiſchen zwei Moͤglichkeiten hin und her riß:„Bin ich es— kann ich es ſein— oder iſt es eine Andere, welche er liebt?“ Beide Fälle waren faſt gleich ſchrecklich, nur mit dem Unterſchiede, daß in dem einen die Sündenlaſt noch ſchwerer, ja doppelt, ſiebenfältig ſchwerer wurde. Aber ſie wagte nicht, die Binde von ihren Augen znu reißen und das alles klar zu ſehen, nein, es war das Beſte, nicht zu ſehen, nicht nach der Urſache, dieſer gottloſen, ſchwindelnden Glückſeligkeit zu forſchen und zu fragen. Nein, Ohren, Augen und alle Sinne zu ſchließen, das war das Beſte; denn da mußte doch wohl Eine Nacht am Bullarſee. IIl. 12 178 der gnädige, liebreiche Gott ihre Thränen endlich anſehen und ſie ſtillen. Doch was ſind das für Augen, welche ſich zwiſchen ihre und jene vielſtrahlenden Augen drängen, welche um ſie her in allen Ecken und Winkeln leuchten?... Conſtance ſtieß einen Ruf des Schmerzes aus: es waren die Augen ihres Gatten, ihres guten, redlichen, zärtlichen Gatten, welcher ſie mit ſeinen freundlichen, treu⸗ herzigen Blicken betrachtete. Eine eiſige Kälte griff in ihr Herz und erſtarrte das eben noch ſo heiße Blut. Sie vermochte nicht mehr zu beten: ſie war gleichſam geſchlagen, gelähmt, vernichtet, von Gott verwieſen. Gegen Morgen ſchloſſen ſich ihre Augen zu einem kurzen Schlummer, und als ſie erwachte, da gab der Ge⸗ danke an die Reiſen und den Abſchied ihrer Seele ein äußeres Gleichgewicht zurück; doch das innere Gleichge⸗ wicht, der auf der Oberfläche ſich wiegende Friede war geſtört, geſtört für immer, geſtoͤrt wenigſtens ſo lange, bis Gott ihr ſeine Arme oͤffnete und ſie in dem Umgange mit ihm im Gebete Ruhe finden ließ. „O, wie leer wird es jetzt hier!“ ſagte Evelyn und betrachtete mit traurigen Blicken ihre Freundin, welche ſo lange treulich an ihrer Seite geſeſſen hatte. „Du biſt glücklich,“ entgegnete Conſtance,„daß Du nur die Leerheit fühlſt: Dein Herz iſt bei Deinem Gatten, Deine Gedanken ſind im Himmel—o ſelig biſt Du! Du weißt von nichts anderem, als was die Engel wiſſe biſt ſein Engel— Du biſt Gott nahe!“ „Dank, Dank!“ flüſterte Evelyn,„nun re er! Doch Du, Conſtance, biſt Du nicht auch — Dein Gatte lebt!“ „Ja, ich bin glücklich— doch vergiß mich Deinen Gebeten! Wenn Du, meine Evelyn, für einen Freund beteſt, ſo bete auch für Deine Freundin!“ — ch nicht in ( 7 denno indem beugte nehme 1 Freih⸗ ſelbſt Recht rend währe unglü⸗ ganzer Max das m „ aber d anfän unſre drei d ſchickt ſich ſe ſchuld „ſenſit Fahre „ Gedan herrin 2 nein, ich, dern, anſehen zwiſchen helche um aus: es redlichen, hen, treu⸗ arrte das mehr zu dernichtet, zu einem der Ge⸗ Seele ein Gleichge⸗ iede war lange, bis gange mit velyn und welche ſo „daß Du n Gatten, Du! Du ſiſſen: Du ſt Du wie glucklich? h nicht in für einen 1 179 Conſtance war gereiſt. „Nun wollen wir trotz der Betrübniß unſerer Herzen dennoch an unß're Pflichten denken!“ ſagte die Conſulin, indem ſie mit einer wichtigthuenden Miene die tief ge⸗ beugte Freiherrin Ebba einlud, neben ihr Platz zu nehmen. „Was meinſt Du?“ „Ich meine unſre Pflichten in Betreff unſrer kleinen Freiherrin. Zuerſt muß ſie unbedingt— und ich bin mir ſelbſt die Gerechtigkeit ſchuldig, zu glauben, daß ich hierin Recht habe— aus der Wohnung ziehen, welche ſie wäh⸗ rend ihrer Ehe bewohnte; ihr Eigenſinn, noch immer⸗ während das alte Schlafzimmer zu behalten, und ihre unglückliche Caprice, mehre Stunden, ja bisweilen den ganzen langen Tag in dem Zimmer zu ſitzen, worin unſer May ſeinen letzten Seufzer that, iſt äußerſt ſchädlich— das muß man ändern!“ „Hierin haſt Du Recht, beſte Nelly; wie man ſie aber dazu bewegen wird, das iſt eine zweite Frage.“ „Man muß es ſo genau nicht nehmen, wenn es auch anfänglich mit einem kleinen Zwange geſchieht; und da unſre Wohnung aus zehn Zimmern beſteht, ſo wollen wir drei davon ihr abtreten. So jung, wie Eyelyn noch iſt, ſchickt es ſich auf keinen Fall, daß ſie ſo ſelbſtſtändig für ſich ſelbſt lebt; denn man kann wohl voraus ſehen(ent⸗ ſchuldige, Couſine Ebba, daß ich im Vorbeigeben dieſen „ſenſitiven“ Umſtand berühre), daß es hier ein Reiſen und Fahren gibt, welches...“ „Meine beſte Nelly, ich glaubte nicht, daß Deine Gedanken ſchon ſo weit hinaus ſchweiften!“ fiel die Frei⸗ herrin mit einem kalten Tone ein. „Meine Gedanken ſchweifen gar nicht aus— ach nein, meine gnädigſte Ebba, gewiß nicht! Kann aber ich, kann irgend ein Menſch den Lauf der Welt verän⸗ dern, und gehoͤrt denn eine große Denkkraft dazu, um ſich 180 zu erinnern, daß eine junge, ſchoͤne und reiche Wittwe immer eine ſtarke Anziehungskraft gehabt hat?“ „Entſchuldige, Nelly! ich ertrage nicht mehr, und will Dir nur die groͤßte Behutſamkeit in allem was Evelyn betrifft empfehlen!“ „Ich will doch wohl hoffen, daß ich ihre Mutter bin!“ meinte die Conſulin beleidigt, und ging ſelbſt, um mit ihree Tochter zu reden. Doch Evelyn ſchlug es beſtimmt ab hinunterzuziehen. „Hier oben,“ ſagte ſie,„bin ich glücklich: hier lebe ich ſtets in meinen letzten lieben Erinnerungen; dort unten friert mich— Max befand ſich immer am beſten hier oben bei uns.“ 1 „Aber Du ſollſt nicht immerwährend Deine Erin⸗ nerungen unterhalten— verſtehſt Du das nicht, armes Kind?2“ „Nein, das verſtehe ich nicht!“ „Aber ich verſtehe es! Du wirſt doch wohl nicht Dein ganzes Leben hindurch todt ſein wollen; Du ſollſt Dich zwingen; das iſt eine Pflicht, mein gutes, geliebtes Kind, welche Du Dir ſelbſt ſchuldig biſt und auch Deinen Eltern, deren Ehre und Freude Du biſt— wenig⸗ ſtens werden kannſt.“ Evelyn antwortete mit einem Kopfſchütteln, wie ſie zu thun pflegte. „So, ſo, mein Herzchen! kein Eigenſinn! Du be⸗ kommſt den kleinen gelben Salon, ein Schlafzimmer und ein Toilettenzimmer!“ „Ich weiche nicht von hier— bitte mich nicht!“ Aber die Conſulin bat und peinigte die arme Evelyn ſo lange, bis es ihr gelang, ſie in den alten Zuſtand zu verſetzen: ſie antwortete kaum, hörte kaum, ſondern ver⸗ ſchloß ſich immer mehr und mehr in ſich ſelbſt, und man ſah wohl, daß bei dieſem innern Leben ihre Viſionen nicht nur fortfuhren, ſondern ſogar zunahmen; denn ob⸗ gleich ihre Lippen nicht mehr mittheilten, was ſie ſah und Wittwe r, und m was Mutter bſt, um uziehen. lebe ich t unten ſten hier geliebtes nd auch wenig⸗ wie ſie 181 hörte, ſo verkündigten doch ihre Augen, ihre Geberden, ihre lauſchende Aufmerkſamkeit, ihr ſeltſames Lächeln und ihre heftig hervorbrechenden Thränen die Anweſenheit dieſer gefährlichen Augenblicke, und man konnte merken, daß ihre Phantaſie ſich beſonders auf das Kind und das geraubte Mutterglück bezogen; denn ſie war nun immer beſchäftigt, die Kleinigkeiten, welche die kleine Commode einſchloß, hervorzunehmen, zuſammen zu legen und wieder zu verwahren. Wenn ſie ja bisweilen arbeitete, ſo ge⸗ ſchah dieß an der Stickerei, welche ſie in den Händen gehabt hatte, und als das große Unglück mit Mar ſich ereignete; dieſe Arbeit konnte noch lange dauern: es war nämlich eine breite Guirlande um ein Stück Seide, das zu einer kleinen Decke beſtimmt geweſen war. Max hatte ſelbſt das Muſter gezeichnet und ihr bei der Wahl der Farben der Seide geholfen; alſo mußte es für Eve⸗ lyn immer eine geheime Freude ſein, dieſe Arbeit zu ver⸗ längern; denn dieſelbe verſetzte ſie ſtets zurück in die Ver⸗ gangenheit. Der Arzt, welcher Evelyn von ihrem Erkranken an beobachtet hatte, ſchüttelte immer bedenklicher den Kopf, und als der Conſul Loͤwe, dieſer tief betrübte Vater, der nicht viel Weſen von ſeinem Schmerze machte, ihn aber um ſo tiefer fühlte, eines Tages dem Doktor ernſthaft zuſetzte, ſo mußte dieſer bekennen: wenn es nicht gelänge, irgend eine entgegengeſetzte Kraft zu erfinden, welche ihre Gedanken veränderte und vertheilte, ſo müßte man fürchten, daß Evelyn's Zuſtand allmälig in einen ſtillen Wahnſinn übergehen würde. Als der Conſul Löwe dieſen furchtbaren Ausſchlag vernommen und geſehen und gehoͤrt hatte, daß Evelyn zum Verdruſſe der Mutter und zum größten Betrübniß ihrer Schwiegermutter alle erdenklichen Vorſchläge zur Zerſtreuung verwarf, ſagte er eines Tages, da er allein bei ihr ſaß:„Sie koͤnnen für Dich nicht das Rechte 182 finden, mein Kind! Vielleicht aber verſtehe ich mich beſſer auf Dich, als eine von ihnen.“ 2 Evelyn erhob einen halb fragenden Blick zu ihrem ater. „Ach, mein Kind, wenn ich im Stande wäre, Dir eine Freude zu machen! Du weißt wohl, wenn ich auch nichts ſage— es iſt nicht meine Art, viele Worte zu machen— daß kein Menſch herzlicheren Antheil an Dei⸗ nen Leiden nehmen kann: Du weißt, wie ſehr ich Deinen Max liebte!“ Evelyn nickte zutraulich. „Und wie zärtlich ich auch Dich liebe!“ Wieder nickte Evelyn, indem ſie lächelnd ihre Hand gegen den Vater ausſtreckte. „Nun ſo höre denn, was ich für Dich beſchloſſen habe: ich will an den Magiſter Carleborg ſchreiben, denn ich glaube wahrhaftig, daß er der Einzige iſt, welcher recht mit Dir zu reden und Dich zu tröſten verſteht.“ „Ja,“ antwortete ſie mit einer Heftigkeit, die den Conſul faſt eben ſo ſehr erſchreckte, als ihr vorheriges Schweigen,„ſchreibe, ſchreibe bald— da erhalte ich gewiß einen Brief von ihm!“ „Vielleicht kommt er ſelbſt— Du weißt, daß er viel von Dir hält— und ſeine perſönliche Anweſenheit wäre das beſte.“ „Ja, ja, das wäre das beſte!“ Und der bloße Ge⸗ danke daran, daß ſie dieſen Freund wieder ſehen ſollte, die bloße Ungewißheit zwiſchen der Hoffnung und der Furcht, ob er kommen würde, ſpannte Evelyn's ſchlaffe Nerven an und machte ſie für äußere Eindrücke empfäng⸗ lich. Doch konnte dieſe Spannung unmöglich ſo lange anhalten, bis aus den entfernten Lappmarken Antwort kam: oft ſank ſie zurück in ihre Betäubung, aber man hatte doch wenigſtens etwas, womit man ſie wecken konnte, obgleich das Mittel bei weitem nicht immer anſchlug. außer d fährlich auf das derjenig ſul verl ſtus un ausüben Bitte, von ſeit W Fanatik Leben, wirkten ſetzen, 1 mit den hervorb Je lyn, die ſtance i Ir hoch, Liebesli Muüla d zſen 6 183 „Er kommt nicht ſo bald,“ ſagte ſie bisweilen: er leidet — er hat mir geſagt, daß er noch nicht kommen kann!“ u ihrem Inzwiſchen war der Brief abgegangen. Und eben dieſer Brief des Conſuls Löwe(welcher re, Dir außer der Beſchreibung über Evelyn's Betrübniß und ge⸗ ich auch fährliche Lage auch eine offene und herzliche Berufung Porte zu auf das eigene Herz des jungen Miſſionars enthielt) war an Dei⸗ derjenige, welcher ſo ſehr auf ihn einwirkte. Der Con⸗ Deinen ſul verblümte auf keine Weiſe ſeine Vorſtellung, daß Ju⸗ ſtus und nur Juſtus einen glücklichen Einfluß auf Evelyn ausüben koͤnnte, und eben ſo einfach als warm war ſeine Bitte, daß Juſtus Oernwik beſuchen möchte, ſobald er re Hand von ſeiner Miſſion zurück käme. Wie ſich alle dieſe traurigen Nachrichten um den leſchloſſen Fanatiker geſtalteten, und auf welche Weiſe ſie auf ſein en, denn Leben, auf ſeinen Charakter und auf ſeine Pläne ein⸗ welcher wirkten, davon wollen wir erſt dann uns in Kenntniß eht.“ ſetzen, wenn wir Gelegenheit gehabt haben, dieſe Eindruͤcke die den mit denjenigen zu vergleichen, welche ein anderer Brief orheriges hervorbrachte. ſch gewiß Jetzt aber verlaſſen wir Oernwik und die arme Eve⸗ lyn, die Seherin, wie man ſie nunmehr nannte, um Con⸗ daß er ſtance in ihre Heimath zu begleiten. weſenheit loße Ge⸗ en ſollte, und der a;;; rnuft Einundzwanzigſtes Kapitel. ſo lange Antwort In dem Nixenthale ſtand das Gras beinahe ellen⸗ iber man hoch, die Blumen dufteten, die Vögel zwitſcherten ihre n konnte, Liebeslieder, und über das himmelblaue Gewäſſer des anſchlug. Bullar⸗Sees ſegelte die eine Flotte nach der andern von dieſen endloſen Brettern, die man aus den rieſenhohen 184 Wäldern geholt hatte, welche die Heimath des Nires ſchützten. Und der Niy ſelbſt, er ſaß jeden Abend— ſo ſagten die Leute— in ſeinem Schilfboote mit der golde⸗ nen Harfe in ſeiner Hand und ſpielte ſo ſchoͤn, daß ſogar die kleinen Fichten unten in den großen, wilden Abgrün⸗ den, welche an den Seiten klafften, ſich bückten und einen Gruß zurück ſäuſelten. Die Sonne begann ſich auf die Felſen herab zu ſenken, als Leonard in der Geſellſchaft eines gewaltigen Truppes von Ziegen und Schafen müde und warm durch das Thal in die friedliche Heimath zurückkehrte, in deren Thür Frau Hedwig auf ihn wartete. Es lag eine Wolke, zwar keine ſchwere, aber dennoch eine Wolke, auf ſeiner Stirn, und er ſang nicht, wie er ſonſt zu thun pflegte. „Was gehſt Du und grübelſt, Kind, und bleibſt ſo lange aus?“ fragte Frau Hedwig, indem ſie ihm mit ſanftem Lächeln entgegen ging. „Das kann ich meiner Treu nicht ſagen; es ging mir nur gleichſam eine kleine Wolke über die Gedanken; doch morgen klärt ſich die Wolke auf, morgen habe ich mein Feinsliebchen, und da wird es gut... nicht wahr, liebe Mutter?“ Es lag in Leonard's Worten eher eine Frage, als eine Vorausſetzung. „Das denke ich.... Aber hatteſt Du unterweges keine Ahnung?“ „Nein, behüte, ich habe nie Ahnungen— aber es ſieht beinahe ſo aus, als hätteſt Du welche gehabt! Hat vielleicht unſer Juſtus, der Schelm, von ſich hören laſſen? „Nein, er nicht, wohl aber ſonſt jemand... Geh Du nur hinein, ſo wirſt Du's ſchon ſehen!“ Und jetzt bekam Leonard endlich eine Ahnung. Mit einem Sprunge war er die kleine Treppe hinauf, doch weiter kam er nicht: in dem Hausflur kam ihm Con⸗ ſtance zum erſten Male entgegengeeilt, und aus der Hef⸗ tigkeit, mit welcher ſie ſich in ſeine Arme warf, und ihr Haupt an ſeiner Bruſt verbarg, würde jeder, der nicht 1 1 4 ihr Ge menloſ menloſ Bruſt ein Be welches D wußte auf E. tin, d geweſer als wo und al ſucht, konnte. nd einen erab zu waltigen ht wahr, eher eine nterweges aber es bt! Hat laſſen?“ .. Geh ig. Mit if, doch )m Con⸗ der Hef⸗ und ihr der nicht 18⁵ ihr Geſicht geſehen hätte, geglaubt haben, daß eine na⸗ menloſe Freude, eine namenloſe Sehnſucht ſie dazu antrieb. Gewiſſermaßen ſuchte ſie auch wirklich mit einer na⸗ menloſen Freude, mit einer namenloſen Sehnſucht die Bruſt ihres Gatten— doch warum? um einen Schutz, ein Bollwerk zwiſchen ſich und dem Geſpenſte zu haben, welches ſie verfolgte. Der arme Leonard, die ehrliche leichtgläubige Seele, wußte vor lauter Entzücken kaum, ob er im Himmel oder auf Erden war. Conſtance, ſeine theure, geliebte Gat⸗ tin, die ſo ungemein karg mit ihren Liebesbezeugungen geweſen war, ſie preßte ſich ja jetzt formlich an ſein Herz, als wollte ſie es nie wieder verlaſſen, und ihre Thränen und alles übrige— ja, ja, das zeugte wohl von Sehn⸗ ſucht, Freude und allem Guten, das er nur wünſchen konnte. „So laß mich doch endlich einmal Dein Geſicht ſehen, Du Garſtige! Biſt nun ganze ſieben lange ewige Wochen nicht zu Hauſe geweſen! Doch ſieh, ſo etwas gehört dazu, daß man denken ſoll, man habe doch viel⸗ leicht nicht das Schlimmſte auf ſein Loos bekommen!... Ach, mein Gott, wie gnädig unſer Herr doch iſt! Ich gehe hier und denke und ſeufze uͤber mein Feinsliebchen, und ſo kommt ſie mir wie vom Himmel herab entgegen geflogen!... Weißt Du, ich bin jetzt tüchtig glücklich!“ Und Leonard bog Conſtance's Geſicht in die Höhe und drückte drei gruͤndliche Küſſe auf ihre nicht widerſtreben⸗ den Lippen. „Wenn ich,“ ſtotterte Conſtance,„etwas zu Deinem Hrs⸗ beitragen kann, ſo fehlt mir wenigſtens der Wille n cht 1. „O, es fehlt nichts, wenn Du nur in der kleinen dürftigen Heimath Dich nicht nach dem ſtolzen, ſtattlichen Oernwik allzu ſehr zurückſehnſt!“ „Nie, nie! nirgends auf Erden iſt mir beſſer, als im Nirenthale..Sieh, hier kommt unſre gute ge⸗ 186 liebte Mutter!— ich habe es ihr auch ſchon geſagt!“ Und noch einmal ging Conſtance, um ihre Schwieger⸗ mutter zu umarmen. Das erfahrne Auge der Frau Hedwig ließ ſich nicht täuſchen: ſie fühlte es an der Fieberhitze in Conſtance's Hand, ja an der Heftigkeit ſelbſt, mit welcher ſie ſich unter die Hausgoͤtter der Heimath ſtellte, daß nicht bloß eine Ahnung der Wahrheit, ſondern vielmehr die Wahrheit ſelbſt vor ihre Augen getreten war; und mit dem Vor⸗ ſatze zu ſehen und doch wieder nicht zu ſehen, hatte Frau Hedwig in ihrem Innern ſchon das Gelübde abgelegt, ihre Schwiegertochter auf alle erdenkliche Weiſe in den guten Vorſätzen zu ſtärken, welche um ſo deutlicher in ihrer Seele brannten. „Aber ſo ſage mir doch, mein Tauſendſchoͤnchen, mein ſchöͤnſtes Bluͤmchen, mein beſtes Roͤschen! woher kommſt Du denn ſo ſchaell, und warum ſchriebſt Du, daß ich erſt morgen Dich holen ſollte?— ich hätte Dich gewiß nicht warten laſſen!“ „Als ich Oernwik verlaſſen hatte, ſo reiſ'te ich ſo geſchwind, daß ich an dem Orte, wo ich Dich erwarten warme ſollte, anderthalb Tage hätte ſtill liegen müſſen— da Augen fuhr ich denn lieber allein. Die Nächte ſind ſo ſchoͤn, dig wo die Wege ſo gut, und dann dachte ich auch, daß Du ſo Stande nicht nöthig hätteſt, mitten in der Heuerndte von Deinen daß ſie Geſchäften zu gehen.“ 73 „Ja, Du biſt ein kleines rares Weibchen! Nun aber mein 4 will ich auch, daß Du wiſſen ſollſt, daß Du einen raren einem Mann haſt!..Liebe Mutter! Du haſt wohl die ben, d Sternkammer nicht geöffnet?“ 3 „Wie kannſt Du nur auf dieſen Gedanken kommen!“ gar ni Frau Hedwig hatte beinahe Thränen in den Augen bei n. Leonard's reiner, kindlicher Freude.. ſetzen, „Nun ſo komm denn, mein Herz, damit ich Dir ſchon zeige, ob ich nicht während Deiner Abweſenheit an Dich backe Ehren — *— 2 geſagt!“ wieger⸗ ch nicht iſtance's ſie ſich cht bloß Jahrheit m Vor⸗ te Frau bgelegt, in den icher in 187 gedacht habe!“ Und Leonard nahm den Schlüſſel von dem Nagel und öffnete das Feſtzimmer. Die Ueberraſchung, welche Conſtance erwartete, war ein Geſchenk und zwar das ſchönſte und liebſte, das ſie nur erhalten konnte, nämlich ein großes, vortreffliches, die Geburt Jeſu darſtellendes Oelgemälde; und als ſie den Stern erblickte, welcher über Bethlehem leuchtete, den Stern, welcher die drei weiſen Männer führte, da hätte ſie beinahe ſogleich ihre Knie gebeugt und Gott gelobt und geprieſen, der eben jetzt dieſen Stern über ihrer Wohnung leuchten ließ. O, gewiß, gewiß war es ein gutes Zeichen: dieſer himmliſche Leitſtern ſollte auch die Finſterniß in ihrem Herzen erleuchten und alle Schatten aus demſelben verjagen. Leonard, der ihre tiefe Rührung ſah und verſtand, ſagte mit leiſer Stimme:„Siehſt Du, ich wußte wohl, daß dieſes Geſchenk Dir lieber ſein würde, als alles andre, was Frauenzimmer gerne haben— nun aber mußt Du mir auch einen kleinen freundlichen Blick dafür geben!“ Und Conſtance gab ihm einen Blick voll inniger, warmer Dankbarkeit. Wie ſehr ſchätzte ſie nicht in dieſem Augenblicke den einfachen, vortrefflichen Mann! wie leben⸗ dig war nicht das Gebet in ihrem Herzen, daß ſie im Stande ſein moͤchte, nächſt Gott nur an ihn zu denken, daß ſie im Stande ſein möchte, ihn glücklich zu machen! „Aber wunderſt Du Dich denn gar nicht darüber, mein Herzchen, wie ich hier im platten Bauerlande zu einem ſolchen Kunſtſtücke gekommen bin? Du kannſt glau⸗ ben, daß es nicht von ſelbſt hergeflogen iſt!“ „Ach nein, das glaube ich wohl— aber ich begreife gar nicht, wie Du es bekommen haſt!“ „Ja, ſiehſt Du... Aber wir wollen uns ordentlich ſetzen, bis der Thee kommt!— Weiß Gott, ich bin doch ſchon warm genug, da aber die Mutter ſo ſchoͤne Zwie⸗ backe gemacht hat, ſo müſſen wir wohl dem Feſte zu Ehren ein Paar Tropfen Schweiß zu Gute halten!... 188 Siehſt Du, ich war nach Fredrikshall gereiſt, um Planken zu verkaufen und Häringe, Salz und dergleichen einzu⸗ kaufen, und ferner wollte ich einen Sparſchilling, den ich übrig zu haben glaubte, zu einem Geſchenke für Dich an⸗ wenden. Aber ich mußte aus einem Laden in den andern laufen, ohne daß ich etwas richtig Paſſendes finden konnte — es durfte ja auch nicht allzu weltlich ſein! Da ſtieß ich auf einen Bekannten, und ging mit ihm zum bloßen Zeit⸗ vertreib auf eine Auction— und glaube mir, ich hätte in der Freude beinahe wie ein Wahnfinniger laut aufge⸗ ſchrien, als ich unter andern Gemälden dieſes erblickte! Ich bin wohl eigentlich kein Kenner von ſolchen Dingen, aber ein kleines Bischen verſtehe ich doch davon, und darum ſah ich nicht darauf, daß das Stück mir außer der Spar⸗ kaſſe eine ganze Laſt Planken koſtete.“ „Ach, mein Leo, wie gut Du biſt!“ „Ja, ja, ich bin ganz gewiß gut; ich bin ein Narr, ein echter Hans Narr! Hätte ich nicht Luſt, vor Freude zu weinen, wenn Du mich ſo Deinen Leo nennſt, und das noch dazu mit einer ſolchen Stimme?... Ja, liebe Mutter, das iſt gewiß und wahr,(— nun, da haben wir ja den Thee!—) daß ich ſogar am Hochzeitabend nicht halb ſo glücklich war! Meiner Treu, wenn ich recht nach⸗ denke, ſo glaube ich, daß ich nie in meinem ganzen Leben ſo glücklich geweſen bin; und nie,“ ſagte er leiſe flüſternd in Conſtances Ohr,„werde ich Dir ſo zugehört haben wie heute Abend, wenn Du das Abendgebet ſprichſt!“ Bei dem Theetiſche wollte Frau Hedwig ebenfalls ein Paar Worte mit Conſtance reden, um zu erfahren, was auf Oernwik vorgefallen war; und nachdem Conſtance die traurige Erzählung davon gegeben hatte, ſo plauderte Leonard über die Stellung in ihrem Kirchſpiele, und hie⸗ bei kam zuerſt und zuletzt eine jämmerliche Wehklage über den neuen Comminiſter und über alle Dummheiten, welche ſeine Froͤmmelei und Scheinheiligkeit veranlaßten. Hol' mich der— ach, entſchuldige mein Herz! Du biſt ſo lange 1 ſchlimm geworder mit unß pſtegen Planken n einzu⸗ den ich Dich an⸗ andern 1 konnte ſtieß ich en Zeit⸗ ch hätte aufge⸗ blickte! Dingen, d darum Spar⸗ n Narr, Freude und das „liebe haben d nicht t nach⸗ n Leben lüſternd den wie enfalls fahren, nſtance auderte nd hie⸗ e über welche Hol' lange 189 nicht zu Hauſe geweſen!— ich konnte beinahe gar keine Leute zum Mähen bekommen, ſo verrückt ſind alle Men⸗ ſchen! Er könnte vier ganzen Häraden vollauf zu thun ge⸗ ben, verſteht ſich mit allem Guten, das er anſtiftet. Auch mittelt er Zwiſtigkeiten unter Eheleuten und unter Nachbarn ſo herrlich, daß ſie nach ſeinen allerchriſtlichſten Ermahnungen bereit find, einander das Meſſer auf die Kehle zu ſetzen. Doch er iſt nie zu ſehen— nein, be⸗ hüte Gott! er iſt ein Mann des Friedens, der ſich, meiner Seele, nicht ſchämt, ſogar vor mir zu heucheln; und doch konnte er wohl begreifen, daß ich mich nicht bethören laſſe, wie unſer armer Juſtus.“ Als Leonard in ſeinem großen Eifer dieſen Namen ausſprach, ſo ſuchte Frau Hedwig's Blick das Auge ihrer jungen Schwiegertochter; dieſes aber zog ſich unwillkührlich zuruck, und die Farbe auf ihren Wangen— o, das ver⸗ rätheriſche Blut!— wurde dunkel wie die Tulpe, welche ſie gedankenlos aus der Blumenvaſe nahm. „Iſt der Paſtor Grave hier geweſen?“ fragte ſie, um keine Lücke im Geſpräche aufkommen zu laſſen. „Ja wohl, drei oder vier Male, und obgleich er es hier wohl aushalten konnte, ſo glaube ich doch, daß er ſah, ob er hier ſo ſehr willkommen war.“ „Aber er iſt der Hirt der Gemeinde!“ „Mein allerliebſter Engel! wenn es nun einmal ſo ſchlimm ausſieht, daß er in unſrer Gemeinde Comminiſter geworden iſt, ſo folgt doch daraus noch nicht, daß wir mit unſern ungleichen Meinungen mit einander Umgang pflegen ſollen.“ „Wenn auch nicht vertraulich, Leo, das ſage ich nicht, da Du und er ſo verſchiedene Gedanken und Anſichten habt; dennoch würde ich es gerne ſehen, wenn Du ihn nicht ſchlecht behandelteſt.“ „Ei, ei, ei, Feinsliebchen!“ klagte Leonard mit einer Grimaſſe zwiſchen Lächeln und Verzweiflung; darauf aber fügte er mit einer Art von heldenmüthiger Reſignation bei: 190 „Heute keine Sonnenfinſterniß!— nimm auf, wen Du willſt, mein Feinsliebchen, und wäre es auch ſogar Grave ſelbſt!“ „Ich bin überzeugt,“ fiel Frau Hedwig mütterlich vermittelnd ein,„daß Conſtance ſich nimmermehr nach dem Umgange dieſes Mannes ſehnt— nein, das kann ſie unmoͤglich!“ „Ich ſehne mich gewiß nicht darnach, meine gute Mutter,“ erwiederte Conſtance mit ſchöner Nachgiebigkeit, „ich meine nur: wenn er kommen ſollte, ſo kann ich weder als Hausmutter, noch als Chriſtin anders, als ihm ein höfliches Wohlwollen zeigen.“ Während der erſten Tage nach der Rückkehr war Con⸗ ſtance ſtets beſchäftigt, theils von ihrer guten Schwieger⸗ mutter alle innern Angelegenheiten entgegen zu nehmen, welche nun eine lange Zeit unter ihrer Aufſicht geweſen waren, theils ihren Gatten zu begleiten, und ſeine ſchon gemachten Verbeſſerungen und tauſend Borſchläge zu künf⸗ tigen Veränderungen zu hören; als aber dieſes ein Ende nahm, ſo wollten die innern Stimmen nicht länger ſchwei⸗ gen; das große Gewirre begann von Neuem, und ſie ver⸗ mochte nur mit der größten Anſtrengung, obgleich die Seele gewöhnlich abweſend war, ſich in den mechaniſchen Gang der Geſchäfte zu verſetzen. Leonard merkte nichts, denn ſie hatte immer ein freundliches Geſicht, wenn er nach Hauſe kam; doch Frau Hedwig, welche ſie jeden Augenblick beobachtete, merkte mit zunehmendem Kummer, daß eine innere Qual, eine an Unerträglichkeit gränzende Angſt ihre Schwiegertochter ergriffen hatte. Oft wenn dieſe unbeweglich mit der Ar⸗ beit in der Hand ſaß, ſo flammte eine heftige Roͤthe auf ihrer Wange auf, dann aber trat an die Stelle derſelben wieder ein Erbleichen, daß die Leinwand, an welcher ſie nähte, wußtlos ſie die u treiben; „Y mit herz Kummer heftig ar bethränte „V mein Ki en Du Grave tterlich ſr nach ann ſie e gute bigkeit, h weder hm ein ar Con⸗ wieger⸗ nehmen, geweſen ie ſchon zu künf⸗ in Ende ſchwei⸗ ſie ver⸗ die Seele n Gang mer ein och Frau merkte al, eine ertochter der Ar⸗ öthe auf derſelben elcher ſie 191 nähte, kaum weißer war, und bisweilen drückte ſie be⸗ wußtlos die Hand gegen die Stirn, als wollte oder hoffte ſie die ungeordneten Gedanken, die ſich dort bewegten, ver⸗ treiben zu koͤnnen. „Mein liebes Kind!“ ſagte Frau Hedwig eines Tages mit herzlich theilnehmender Zärtlichkeit,„was haſt Du für Kummer? Iſt er von ſolcher Art, daß Du ihn in den Schooß einer Mutter niederlegen kannſt?“ Ohne ein Wort zu erwiedern, warf ſich Conſtance zu ihren Füßen nieder, ergriff ihre Hände, drückte dieſelben heftig an ihre Lippen, an ihre Augen, und legte dann ihr bethräntes Geſicht in den Schooß der Schwiegermutter. „Von dem Augenblicke an, da ich Dich kennen lernte, mein Kind, habe ich immer die Ueberzeugung gehabt, daß Deine Seele ſtark iſt— und ich bin überzeugt, daß ich mich hierin nicht geirrt habe!“ „Auch ich ſelbſt habe mich immer für ſtark gehalten; aber ich fürchte, ach, ich fürchte und zittere vor Angſt, daß ich nur hoffährtig geweſen bin!“ „Gewiß beurtheilſt Du Dich nun zu hart, es liegen in manchen Bekümmerniſſen ſo viele Ungewißheiten, daß ein großer Muth dazu gehoͤrt, wenn man nur den Verſuch wagen will, ſie in Gedanken zu ordnen— vielleicht, mein Kind, biſt Du in dieſer Lage?“ „Ich fürchte, daß Du Recht haſt, liebe Mutter; aber ich hege großen Zweifel, ob es Recht iſt, Licht und Deutlichkeit zu ſuchen; es gibt Dinge, welche wir ohne Zweifel zu vergeſſen verpflichtet ſind.“ „Darin haſt Du vollkommen Recht, mein Kind; aber es gibt auch eine Art von Scheinvergeßlichkeit, welche äußerſt gefährlich iſt; ich meine eine ſolche, die in dem einen Augenblicke durch Reue, Qual und Thränen gleich⸗ ſam das Recht erkauft zu haben meint, in dem andern Augenblicke alles vergeſſen und den Verirrungen, die ſonſt ausgeſchloſſen waren, freien Spielraum geſtatten zu koͤn⸗ nen. Ach, meine Conſtance! in dem menſchlichen Herzen 192 ſind viele gefährliche Kammern, und glaube mir, nicht dadurch, daß man blos betet:„Herr, laß mich nicht hin⸗ einblicken!“ verſchließt man ſie mit einem ſichern Schloſſe — nein, das geſchieht nur durch einen ernſten Kampf gegen den Verſucher, der in verſchiedenen lockenden Ge⸗ ſtalten ſie bewacht!“ „Ach ja, ſo iſt es! Aber wie kämpft man, um den Sieg zu gewinnen, wenn der Schmerz ſich nie unter einer und derſelben Geſtalt zeigt, ſondern uns bald an der einen, bald an der andern Seite am ſchrecklichſten erſcheint?“ „Du haſt alſo mehr als einen Schmerz, mein Kind?“ „Ja, viele; und eben den Grund dieſer Mehrheit habe ich nicht Muth zu unterſuchen.“ „Dieſe Worte zeigen mir deutlich, daß Du Dich mit einem gefährlichen Irrthum täuſcheſt; wenn Du nicht voll⸗ kommen— obgleich Du Dich von dem Gegentheile zu überzeugen ſuchſt— die Grundurſache der Schmerzen kenn⸗ teſt, welche durch ihre verſchiedenartige Einwirkung auf Deine Seele Dir abwechſelnd bald hier, bald da am ge⸗ fährlichſten erſcheinen, ſo wäreſt Du jetzt nicht in dieſer Gemüthsſtimmung. Habe den Muth, Dir ſelbſt und Gott Deine Schwäche zu geſtehen; denn nicht kannſt Du mit einer Maske vor Deiner Seele vor ihn treten. Da hört er Deine Beichte nicht!“ „Er hat ſie auch nicht gehoͤrt!“ rief Conſtance mit Verzweiflung.„Darum weine ich ſo, und meine beiden Augen fließen mit Waſſer, daß der Troͤſter, der meine Seele ſollte erquicken, ferne von mir iſt!“ „Aber er wird nicht ferne von Dir ſein, wenn Du mit unverhülltem Herzen zu ihm beteſt, wenn Du nicht nur beteſt, ſondern auch in Deinem ganzen äußern und innern Leben die Kraft zeigſt, die er Dir zu Deiner Hülfe verliehen hat. Und noch Eins: gieb Dich nicht einer über⸗ triebenen Andacht hin! Glaube mir, beſte Conſtance, alles kann übertrieben werden! Befleißige Dich lieber, Deine 4 Andacht und Gottesfurcht in Handlungen zu beweiſen; ich meine ni Noth un ſchen, ſo nen Gat Con Athmen „Ich Anlaß D Du aber merei od Herzen g was, wo Du volla um Dein Conſtance beherziger Worte:; aber mit ſammeln! „Ge zu Deine einer auf ſie fort: bewegt, getheilt y nung beg licher Lie rere hart ſchäme 2 nigkeit T Eine Ro „ nicht ht hin⸗ Schloſſe Kampf en Ge⸗ um den er einer er einen, nt 2“ Kind?“ heit habe dich mit cht voll⸗ heile zu en kenn⸗ ung auf am ge⸗ in dieſer nd Gott Du mit Da hört ince mit ie beiden er meine denn Du Du nicht zern und ner Hülfe her üͤber⸗ cce, alles „Deine iſen; ich 193 meine nicht bloß in Handlungen gegen die Dürftigen, in Noth und Elend und Krankheit ſchmachtenden Mitmen⸗ ſchen, ſondern auch in Handlungen, die Dich ſelbſt, Dei⸗ nen Gatten, Dein Haus, Deine Heimath betreffen!“ Conſtance ſchwieg; aber ihr kurzes, beklommenes Athmen verrieth ihre tiefe, innere Rührung. „Ich weiß nicht,“ fuhr Frau Hedwig fort,„welcher Anlaß Dich zu der Wahl Deines Gatten beſtimmte; wenn Du aber dabei entweder von Deiner religiöſen Schwär⸗ merei oder von einer übermüthigen Zuverſicht zu Deinem Herzen gewiſſermaßen mißgeleitet wurdeſt, ſo iſt dieß et⸗ was, worüber Du jetzt nicht mehr nachdenken darfſt, weil Du vollauf zu thun haſt, darüber nachzudenken, wie Du um Deines Gatten willen Dir dieſes Verſehen gegen Dich ſelbſt zu Nutze machen kannſt. Er iſt außer Gott der Einzige, welcher das Recht hat, Rechenſchaft von Dir zu fordern; aber es beruht auf Dir, Dein Betragen ſo ein⸗ zurichten, daß dieſer Tag der Rechenſchaft nie erſcheint.“ „Dank, o habe Dank, meine theure Mutter!“ rief Conſtance aus,„für alle dieſe Rathſchläge, welche ich beherzigen will; und vielleicht hoͤre ich bald die lieblichen Worte: ‚Ich habe Dich einen kleinen Augenblick verlaſſen, aber mit großer Barmherzigkeit will ich Dich wieder ſammeln!““ „Gewiß, meine Tochter, wird der Höchſte dieſe Worte zu Deinem Herzen reden!“ ſagte Frau Hedwig, und mit einer außerordentlich lieblichen Senkung der Stimme fuhr ſie fort;„obgleich dasjenige, was ſich in Deiner Seele bewegt, der meinigen nicht in gewöhnlicher Sprache mit⸗ getheilt worden iſt, ſo habe ich es dennoch durch die Ah⸗ nung begriffen; und mit großem Ernſte, mit unausſprech⸗ licher Liebe ſage ich Dir: wenn bisweilen eine oder meh⸗ rere harte Stunden über Dein Leben dahin gehen, ſo be⸗ ſchäme Du nicht das Vertrauen, welches ich auf die Rei⸗ nigkeit Deines Herzens, Deiner Gottesfurcht, Deinen Muth Eine Nacht am Bullarſee. II. 13 194 ſetze! Erinnere Dich dieſer meiner Bitte, und lege Deine Hand in die meinige zu einem Zeichen, daß Du, wie ſehr Du auch geprüft werden magſt, dennoch Kraft haben willſt, daran zu denken, daß Du dieſes Gelübde vor einer Mutter abgelegt haſt!“ Bei dieſen Worten, bei dieſen letzten bedeutungsvollen Ausdrücken wurde Conſtance von einem heiligen Schauder durchbebt, und indem ſie ihre Hand in die ausgeſtreckte Hand der Frau Hedwig legte, antwortete ſie nur:„Segne mich, meine Mutter! Wenn ich jemals dieſes Augenblickes vergeſſe, ſo hat auch Gott meiner ſchon vergeſſen!“ Lange lag die Tochter an der Bruſt der Mutter; darauf trat ſie in die Sternkammer, wo ſie ihre Knie beugte und den Blick zu dem Sterne über Bethlehem er⸗ hob; und nun fühlte ſie, daß ihre Gebete zu Gott empor drangen, und bei dem Schemel ſeiner Füße Platz fanden. Als ſie aber durchbebt von himmliſchem Frieden aufſtand, und ſich umwendete, ſo ſchlug ein Donnerſtrahl ein in ihr Herz, und, o wehl zündete dort den Brennſtoff an, wel⸗ chen ſie hinweggeſchafft zu haben meinte; ihr Blick war nämlich unglücklicherweiſe auf ein anderes Gemälde, auf ſein Gemälde, auf den Kampf Michaels mit dem Fürſten der Finſterniß gefallen. An dem Abende dieſes Tages ſagte Conſtance mit überredender Freundlichkeit zu ihrem Manne:„Guter Leol wenn Du ſo willſt, wie ich, ſo hängen wir mein ſchoͤnes Gemälde hieher in dieſes Zimmer, wo ich täglich bin; da kann ich es ſehen, ſo oft ich will!“ „Das ſoll augenblicklich geſchehen!“ rief er aus und ergriff ſogleich einen Nagel und den Hammer.„Aber, liebe Conſtance, mein Herzchen, willſt Du nicht auch das andre Gemälde hieher haben? Sollte nicht das eine an dieſer und das andre an jener Wand hangen?“ „Ach nein; ich wollte nur das eine ſehen, das Du br heſchenkt haſt... das andre gefällt mir nicht ſo e r 44 96 Aber d gehabt, würde, Briefe ege Deine wie ſehr ben willſt, einer ungsvollen Schauder ssgeſtreckte :„Segne genblickes n!“ Mutter; ihre Knie hlehem er⸗ ott empor itz fanden. aufſtand, ein in ihr an, wel⸗ Blick war älde, auf em Fürſten ſtance mit Huter Leol ein ſchönes ch bin; da r aus und r.„Aber, t auch das 1s eine an „ das Du ir nicht ſo 195 Leonard lächelte vergnügt über dieſe Worte, und als Conſtance gleich darauf in häuslichen Angelegenheiten hin⸗ aus ging, ſo ſagte er zu ſeiner Mutter:„Nun, Mütter⸗ chen, iſt es jetzt nicht ein wenig ſchön? Iſt ſie nicht ſo ſuͤß, daß man ſie aufeſſen koͤnnte? Sie wußte ſelbſt nicht, wie gut ſie mir ſchon iſt, ehe ſie wieder nach Hauſe kam!“ „Und ich glaube, auch Du wußteſt nicht eher, wie gut Du ihr biſt!“ lächelte Frau Hedwig, indem ſie einen Seufzer unterdrückte. „O ja, das wußte ich recht gut, wenn ich mich auch ſchämte, damit herauszukommen; denn Du weißt wohl, daß ſie mir eben nicht immer ſo freundliche Blicke zeigte, wie ſie zeigen kann. Und wenn nun nur der Erzſchelm Grave keine Macht über ſie erhält! Aber es iſt mir, als wenn ſie nicht ganz mehr ſo heilig iſt, als da ſie reiſ'te.“ „Fürchte nicht, daß Paſtor Grave Eintritt bei ihr erhält; Conſtance hat einen ſo ſichern und richtigen Blick, daß ſie ihn unmöglich anders, als von der rechten Seite ſehen kann.“ „Als ob er ſich nicht nach ſo vielen Seiten drehen und wenden könnte, daß kein Menſch die richtige ſieht!... Aber es muß nun zwiſchen ihm und Juſtus ein wenig an⸗ ders ſtehen— kam es Dir nicht ſo vor, als ob Juſtus letzter Brief auf dergleichen hindeutete? Dieſer Brief war beſtimmt in einem klugen Geiſte geſchrieben.“ „Gäbe Gott, daß Du Recht hätteſt, mein Kind! Aber die Selbſtverblendung hat in Juſtus ſo lange Zeit gehabt, heranzuwachſen, daß ein Wunder dazu gehoͤren würde, ihm die Augen zu öffnen.“ Als Conſtance wieder herein kam, ſo lenkte Frau Hedwig das Geſpräch auf ihre Abreiſe; ſie ſehnte ſich zu⸗ rück zu ihrer alten lieben Monika, zu der alten, lieben Heimath und zu den beiden Hangelbirken, die ſo getreulich mit aller ihrer Freude, mit allem ihrem Schmerze im Leben verwachſen waren. Zu Hauſe erhielt ſie auch die Briefe ihres Juſtus früher und hatte gleichſam einen dop⸗ 196 pelten Genuß, wenn ſie Monikas Commentarien darüber vernahm— ſie empfand mit einem Worte dieſes unnenn⸗ bare Heimweh des Herzens, das ſich durch nichts be⸗ ſtechen läßt. Mit Betrübniß vernahmen Leonard und Conſtance ihren Entſchluß; beide aber liebten ſie allzuſehr, als daß ſie ihr widerſprechen konnten, und die folgende Woche wurde zu der Abreiſe feſtgeſetzt. Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Tief in dem Walde unweit der Ueberreſte der Burg des Zauberprinzen und kaum eine viertel Meile vor Troll⸗ hatten entfernt lag der Comminiſterhof, ein kleines alt⸗ modiſches Gebäude, rauh und grünend durch die Sorge der Zeit. Ein ſchmaler, ſchlängelnder und beſchwerlicher Weg führte zu dem entlegenen Hofe; doch war dieſer Weg nichts weniger als menſchenleer; täglich wurde er von einigen frommen Seelen beſucht, welche plötzlich bedacht hatten, daß der Weg des Lebens ſchmal iſt, und ſchon hatten auch die ſämmtlichen Armen dieſen Weg gefunden, denn der Tiſch des Hirten ſtand hier wie in der„Wüſte“ allen offen, und öfter als jemals ſprachen ſeine Lippen die ſchönen Worte aus:„den Nackten ſollſt Du kleiden, den Hungri⸗ gen ſollſt Du ſpeiſen, den Gaſt ſollſt Du beherbergen!“ Einige von den vornehmſten Bauern hatten auf einer Zuſammenkunft in Betreff der Kirchſpielsangelegenheiten die von der Noth bedingte Frage von einer Reparation des Comminiſterhauſes geweckt; doch an dem folgenden Sonntage hatte Grave nach beendigter Predigt erklärt; 4 n darüber s unnenn⸗ ichts be⸗ Conſtance der Burg vor Troll⸗ leines alt⸗ die Sorge licher Weg Weg nichts von einigen icht hatten, hatten auch denn der üſte“ allen die ſchönen en Hungri⸗ zerbergen!“ a auf einer ellegenheiten Reparation folgenden gt erklärt; — 197 ſo groß auch ſeine Dankbarkeit gegen die Edeldenkenden wäre, welche eine Verbeſſerung ſeines Wohnhauſes vorge⸗ ſchlagen hätten, ſo könnte ihm dennoch ſein Gewiſſen nicht erlauben, das ohnehin ſchon arme Kirchſpiel noch mit einer ſolchen Ausgabe zu beläſtigen.„Beſonders,“ fuhr er mit ſchlauer Berechnung fort,„wäre es meiner unwürdig, wenn ich dergleichen in dieſem Augenblicke verlangen wollte, da der große Bau auf dem Propſthofe alle Kräfte in An⸗ ſpruch nimmt.“(Es war nämlich dem Oberpfarrer ge⸗ lungen, ſeinen Wunſch durchzuſetzen und ein neues Wohn⸗ haus aufgeführt zu erhalten.)„Ueberdieß—“ Grave nahm eine rührende Demuth an—„bedeutet es wenig, wie ein ſo geringer Mann wie ich wohnt: unſer Erloͤſer hatte nicht, wohin er ſein Haupt legen konnte, und wenn ich es nur ſo habe, daß ich nach einer vieljährigen Gewohn⸗ heit jedem bedürftigen Mitmenſchen meinen armen Tiſch offen halten kann, ſo habe ich genug— ich ſuche nicht Bequemlichkeit und die Eitelkeit dieſer Welt, denn mein Reich iſt nicht von dieſer Welt!“ Wie konnte wohl nun die Gemeinde anders, als an⸗ ſtaunen und bewundern? Während der Oberpfarrer wie ein Biſchof wohnen wollte, ſo begnügte ſich derjenige, wel⸗ cher dem Himmelreiche vielleicht näher ſtand als er, mit einer verfallenen Hütte, die dem Regen und dem Winde den Durchgang geſtattete. Gewiß war er ein Mann Got⸗ tes, der an die Gemeinde dachte und ihren Vortheil dem ſeinigen vorzog. Grave dagegen, welcher mit bitterem Neide das ſchoͤne einem Herrenſitze gleichende Propſtgebäude betrachtete, Grave fand ſeinen großen Vortheil darin, den Aufopfern⸗ den zu ſpielen: nach noch einem Jahre, wenn er erſt feſten Fuß in ſeiner noch neuen Stellung gefaßt hatte, ſo war ſein Wohnhaus gänzlich verfault; da kam die Reihe an ihn, eine neue Frage bei einer Zuſammenkunft zu wecken — und wer konnte dann wohl den Muth oder die Macht haben, ſich einem Vorſchlage desjenigen zu widerſetzen, der 198 während dieſer ganzen langen Zeit gar nichts für ſich ſelbſt begehrt hatte? Doch nicht allein durch dieſe Liſt erhob Grave ſich ſelbſt und erweckte eine ungünſtige Stimmung gegen den Oberpfarrer, ſondern er benutzte dazu auch jede andere erdenkliche Gelegenheit. Kam ein bemittelter Mann und bot ihm die Gebühren für ſeinen verſtorbenen Vater, ſeine Mutter oder Gattin, ſo fragte Grave, was ſie bei ſolchen Gelegenheiten früher gegeben hätten; und wenn ſie dar⸗ auf Antwort gaben, ſo zuckte Grave mit einem unzufrie⸗ denen Blick die Achſeln und ſagte feierlich:„Ich nehme kein Sündengeld! Gib mir die Hälfte, mein Freund! Ich bin nicht der Seelenhirte in dieſer Gemeinde um des eigenen Gewinnſtes willen, ſondern damit die Worte, welche ich predige, einen reichen Segen tragen!“ Kam nun ein armer Mann, ſo nahm Grave gar nichts, ſondern gab⸗ ihm ſtatt deſſen reichen Troſt durch ſein belehrendes Geſpräch ſowohl über geiſtliche, als auch über weltliche Angelegen⸗ heiten. Noch dazu entzog er Keinem ſeine weiſen Rath⸗ ſchläge über alle möglichen Dinge; und ſo geſchah es denn, daß Mancher, der um ſeines Gewiſſens willen ge⸗ kommen war, damit endigte, daß er ihm ganz ausführlich ſeine verwickelten Prozeſſe vor dem Ting mittheilte. Grave ließ dann hier ein Wort fallen, und dort wieder ein Wort, welches ein neues Licht auf die Fragen warf, er meinte, daß der Sachführer unverzeihliche Fehler begangen hätte, und endigte damit, ſich unter dem Siegel der Ver⸗ ſchwiegenheit bereden zu laſſen, den Prozeß zu leiten— wohl bemerkt: durch Rath und That, vielleicht auch bis⸗ weilen durch das Aufſetzen einer Schrift. Kurz: Grave's Anſehen war ſchon vor dem Verlaufe des erſten Vierteljahres ſo befeſtigt, daß er ſich ſattelfeſt fühlte; doch war er ein allzu kluger Mann, als daß er ſich ſo betragen haben ſollte, als fuͤhlte er ſelbſt dieſe Sat⸗ telfeſtigkeit: wollte er etwas durchſetzen, ſo wirkte er im Stillen, ſo daß es immer von einem Andern kam. Nur auf der Kaꝛ Harniſch eben da mer M feſt, das tiglich; ſehnten Erſchüt Reden, und ſeh Grave Thräner glaubte hatte, f gungen D Fliege ein ſinn Rande einmal eingeſch 5 77 199 der Kanzel legte er die Demuth ab und zog den ſtarken Harniſch Gottes an: da kam der Geiſt über ihn; und Grave ſich eben darum, weil er nachher ein ſo friedlicher und from⸗ gegen den mer Mann war, glaubten die armen Bullinger ſteif und de andere feſt, daß er in der Kirche ein Prophet wurde, der gewal⸗ tiglich predigen mußte, weil es von oben kam— ja ſie ſehnten ſich wirklich nach den Sonntagen, weil ihnen dieſe Erſchütterungen durch Mark und Bein gingen: das waren Reden, die ſich gewaſchen hatten; da konnten ſie hoͤren unzufrie⸗ und ſehen und fühlen, daß ſie in der Kirche geweſen waren; ſch nehme Grave war ein Mann, der eine Seele erwecken und die Freund! Thränenquellen in Gang ſetzen konnte— wer an ihn um des glaubte und ihm folgte, der war auf einem guten Wege. te, welche An einem ſchwülen Nachmittage des Hochſommers finden wir Grave ausgeſtreckt auf einem von den Ruhe⸗ ſofa's in dem halbdunklen„Tabernakel“(wie der Leſer eſchah es ſich erinnert, war dieſes ein Zelt, welches man aufſchla⸗ willen ge⸗ gen konnte, wo man wollte). Die Luft ſtrömte durch das usführlich ſtatt der gewoͤhnlichen Fenſter eingeſetzte Haartuch herein; te. Grave und mit der Pfeife im Munde und einer Flaſche Wein vieder ein auf dem Tiſche neben ſich, lag er und ſah zu, wie eine warf, er arme Fliege, die ſich in dem gigantiſchen Pokal verirrt begangen hatte, ſchwindlig umher ſchnurrte, und fruchtloſe Anſtren⸗ der Ver⸗ gungen machte, ſich über den Rand zu erheben. leiten— Der Schwindel und die vergeblichen Bemühungen der auch bis⸗ Fliege unterhielten ihn ganz ungemein: das Ganze war ein ſinnreiches Bild von Juſtus' Beſtrebungen, ſich zu dem Verlaufe Rande der Vernunft empor zu arbeiten, nachdem er ſich ſattelfeſt einmal in dem Tranke berauſcht hatte, der ihm von Grave ls daß er eingeſchenkt worden war. dieſe Sat⸗„Nein, nein!“ ſagte Grave zu ſich ſelbſt;„ſo lange kte er im ich Deine Seele in dem Käſich hatte, den ich ihr gebaut Nur auf habe, bleibt ſie darin, wie die Fliege in dem Glaſe. Ich 200 hoͤre Dlch, ich vernehme Deine Klage, daß Du nicht her⸗ auskommen kannſt aus dem engen Gefängniſſe; aber ich antworte nicht, denn Du ſollſt nicht fliegen, mein Freund! verſtehſt Du: Du ſollſt nicht weiter fliegen, als ich den Faden nachlaſſe... wenn nicht!...“ Grave's Blick erhob ſich von dem Gegenſtande, der ihn bisher gefeſſelt hatte, an die Wand gerade gegenüber, wo„Judith“ in einem prächtigen, neu vergoldeten Rah⸗ men ſeine ganze Aufmerkſamkeit auf ſich zog.„Es iſt gewiß, ja, es iſt gewiß, daß ſie viele Aehnlichkeit mit ein⸗ ander haben!“ Ein Seufzer ſtahl ſich aus der Bruſt des Sünders, indem ſeine Gedanken ſich in die Erinnerung an den letzten Sonntag zurückverſetzten. Conſtance war in der Kirche geweſen, und ihre Schoͤnheit, erhoͤht von den mächtigen, angſtvollen Gefühlen, welche wechſelsweiſe ihre Züge belebten, hatte ſo heftig auf Grave eingewirkt, daß er nur durch eine gewaltſame Anſtrengung im Stande geweſen war, ſeinen Blick von ihr abzuziehen. „Koͤnnte ich.... könnte ich dieſe ſchöne Sünderin gewinnen... dann—“ und die ſchöne Sünderin erſchien ihm immer bezaubernder—„dann ließe ich vielleicht Dich armen Thoren los!... doch nein, um einen ſo unſichern Gewinn kann ich nicht ſo viel wagen— nicht ſo viel! das eilt ja nicht: er befindet ſich wohl, wo er iſt— er braucht ſo bald noch nicht zu kommen!“ Eine leiſe Bewegung an der Thür hatte zur Folge, daß er zwar nicht zuſammenfuhr— denn er wußte allzu gut, daß kein Unbehöriger ihn hier ſtören konnte— wohl aber, daß er ſeine Augen von neuem mit einer Decke voll ernſter Tieffinnigkeit beſchleierte. „Biſt Du es, Anna?“ Es war wirklich Anna, ſie, das betrübte Bauermäd⸗ chen, welches Juſtus auf ſeiner Reiſe in die„Wüſte“ ge⸗ troffen hatte, jetzt aber nicht leidend und bittend, ſondern mit der Miene und dem Anſehen einer ausgekleideten Mam⸗ „S obgleich Bedräng icht her⸗ aber ich Freund! ich den nde, der egenüber, ten Rah⸗ „Es iſt mit ein⸗ Zruſt des innerung nee war hoͤht von ſelsweiſe ngewirkt, Stande Sünderin erſchien cht Dich nſichern ſo viel! ſt— er ſecke voll nermäd⸗ ſte“ ge⸗ ſondern Mam⸗ 201 ſell, einer Mamſell von der Art, die ihre Wichtigkeit kennt und dieſelbe nie aus den Augen ſetzt. Sie kam mit einem kleinen Präſentirteller, auf wel⸗ chem zwei Paar Taſſen und eine kleine Kaffeekanne ſtanden. „Du webſt wohl fleißig, mein Kind? Bedenke, daß Du hier ein gutes Beiſpiel geben mußt!“ „Ich webe ſo, daß mir heute zweimal Blut in den Mund gekommen iſt.“ „Wie? Blut in den Mund? Du darſſt nicht mehr weben, hörſt Du: keine Spule mehr!“ „O, was iſt an mir gelegen?“ „An Dir, ſagſt Du? Biſt Du nicht mein koſtbarſtes Gut? Sieh nur, wie die Mamſell⸗Flechten Deine ſchoͤnen Wangen kleiden! Du wirſt Propſtin mit der Zeit, mein Kind, wenigſtens Propſtin... Hat die Bibel⸗Marie nichts von ſich hören laſſen?“ „Ja, ſie kam eben vor einem Augenblick!“ „Ich will mit dem armen Würmchen reden; ſie hat ſich ſehr verändert, ſeitdem das junge Mädchen, dem ſie vorpredigte, ſtarb, ehe die Bekehrung ganz beendigt war .. Du biſt wohl gut gegen die Marie, mein Kind?“ „Was ſoll ich ihr wohl thun? Sie ſieht mich ja immer ſauer an. Doch das iſt einerlei, ich kehre mich nicht an eine ſolche Närrin; das aber will ich Ihnen ſagen, Herr Paſtor! daß ich mich daran kehre, ob Sie zwiſchen Jan Nilsſon und ſeiner Frau Uneinigkeit anſtif⸗ ten, denn ein Wort ſo gut wie zwei; Jan Nilsſon's Lena iſt allzu hübſch, als daß ſo etwas um Jan Nilsſon's wil⸗ len geſchieht! Aber das will ich ſagen: was Lena's Schoͤn⸗ heit betrifft, ſo iſt es das beſte, ſie gelten zu laſſen ſo viel ſie kann... nicht daß ich eiferſüchtig wäre— nein, behüte Gott, weit entfernt!— aber Einer mag ſich vor falſchen Zungen in Acht nehmen!“ „Darin haſt Du vollkommen Recht, Annchen! und obgleich Du wohl weißt, daß ich das arme Weib in ihrer Bedrängniß nur um ihrer Seele willen beſuche; denn, 202 Gott ſei ihr gnädig! dieſe ſchwebt in großem Irrthume, ſo will ich es doch nicht mehr thun. Biſt Du nun zu⸗ frieden?“ „Sehn Sie, Herr Paſtor, welch ein ſtarker, vortreff⸗ licher Kaffee! Sie haben noch nie Eine gehabt, die Ihnen ſolchen Kaffee gekocht hat! Aber es iſt einerlei, wie viele Mühe ich mir gebe— ich ſoll doch nicht mehr als An⸗ dere ohne Kummer ſein!“ „Der Kummer, mein Kind, iſt für den Menſchen wie der Thau für die Erde: er erfriſcht ihn. Aber was haſt Du ſonſt für Kummer!“ „Wozu ſoll es dienen, Carlsſon's Wittwe mit der Inventirung und dem Uebrigen zu helfen!— der Vor⸗ mund des Kindes beſorgt das ſchon ſelbſt! Aber ich und Andere wiſſen recht gut, und es iſt Spott und Schande, daß ſie, die noch nicht länger Wittwe geweſen iſt... ich brauche nicht mehr zu ſagen, denn ich verläumde keinen Menſchen; wer aber Augen hat, der kann ſie brauchen; und es iſt geſagt worden, daß der Schwager, welcher ſie leiden mag und ſie prompt zur Frau haben wlll, ſich hat entfallen laſſen, er ſchlüge den todt, der ihm in den Weg käme, er moͤge einen ſchwarzen oder einen grauen Rock anhaben.“ „Du gibſt Dich allzu ſehr mit Klätſchereien und der⸗ gleichen Nichtswürdigkeiten ab, Annchen! Es paßt Dir nicht, die Frau und Paſtorin werden und Klugheit und Erziehung haben ſoll, ſich herab zu laſſen! Du wirſt ſo ihres Gleichen, daß Du keinen Reſpect haſt.“ „Ja, bin ich Schuld daran? Wenn Alle wüßten, daß Sie mich zur Frau nehmen wollten, da würde es ſchon anders werden; doch jetzt...“ „Danke für den Kaffee, mein Kind! da Du es nicht aushältſt, ſo viel zu weben, ſo webe nur halb ſo viel wie gewöhnlich!... Laß nun Marie hereinkommen— ich hrune deiken⸗ ſie hat wohl verkauft, was ſie zuletzt erhielt.“ 1 den Pr ohne ſi ihr ede ſtreckte G zimmer 772 gen M Art vo drückte. hoͤre ihr thale no an dem ßes Bro Schaum hinauf rthume, nun zu⸗ drtreff⸗ Ihnen ie viele ils An⸗ denſchen eer was . ich . keinen 203 Mit einer mürriſchen Miene nahm Mamſell Anna den Präſentirteller in die Hand und verließ das Zimmer, ohne ſich den Anſchein zu geben, als ob ſie verſtände, daß ihr edelgeſinnter Herr ihr eine Liebkoſung mit der ausge⸗ ſtreckten Hand zugedacht hatte. Gleich darguf— Grave war jetzt in ſein Arbeits⸗ zimmer gegangen— trat Bibel⸗Marie ein. „Willkommen, meine Tochter!“ Er ſtreckte dem jun⸗ gen Mädchen die Hand entgegen, welche dieſelbe mit einer Ari don unverkennbarem Freudenausdruck an ihre Lippen drückte. „Der Herr laſſe das Licht ſeiner Gnade über Dich leuchten! Haſt Du in ſeinem Werke gearbeitet? Hat er ſein Antlitz Dir nicht verborgen?“ Marie ſeufzte tief.„Der Geiſt weicht oft von mir, wenn ich ſeiner am beſten bedarf: mein Herz iſt ſchwarz, und kann nicht weiß werden!“ „Es iſt nur eine Wendung in dem Leben Deines Geiſtes: Dein Herz wird wieder weiß, und dann fühlſt Du Dich noch einmal ſo ſtark, als Du bisher warſt.“ „Ich ſehe ſtets ihren Jammer und ihr Wehe; ich höre ihr Rufen; mein Gemüth iſt ſchwer, meine Seele voller Sorgen!... Ach, der jüngſte Tag der Welt iſt nahe: die Ungeheuer erheben ſich aus dem Meere— ſie werden die falſchen Propheten verſchlingen!“ „Jetzt iſt Deine Serle krank und verwirrt: Du träumſt böſe Träume!“ „Ich träume nicht: als ich geſtern aus dem Niren⸗ thale nach Hauſe ging, ſo wanderte ich mehre Stunden an dem See hin— es war Nacht. Da geſchah ein gro⸗ ßes Brauſen im Waſſer, ein ziſchender weißer und dicker Schaum erhob ſich und ſchlug und brauſete weit hin bis hinauf in das Thal; und als es eine Weile gebrauſet 204 hatte, ſo donnerte es im See und dicht vor mir mitten im Waſſer ſtand das Ungeheuer, die große Seeſchlange, die unter der Smewiks⸗ö wohnt und ſich nie vor einem Menſchenauge ſehen läßt, außer wenn ſie großes, ſchreck⸗ liches Unglück weiſſagt!“ „Und Du ſahſt das Ungeheuer?“ fragte Grave mit keineswegs verſtelltem Intereſſe; denn eine ſo vortreffliche Einbildung der halb wahnſinnigen Marie konnte ihm ge⸗ wiß, wenn ſie gehörig verbreitet würde, eine eben ſo gute Quelle von Einkünften werden, wie der Bergkater in der „Wuͤſte.“ „Ich ſah es wie es leibte und lebte! Es war ſo groß wie ein jähriges Kalb, halb wie eine Schlange, und halb wie ein vierfüßiges Thier geſtaltet, und es hatte einen Schwanz, der zehn Ellen lang war, und vier Füße.“ „Heil Dir, glückliches Weib, daß Du die erſte biſt, die der Herr mit der Gnade begabt hat, ſeine Zeichen zu ſehen! Große Trübſal, Peſt, Tod und Krieg ſtehen vor der Thür, wenn das Meer ſeine Ungeheuer auswirft; und dieſe Gemeinde, dieſe ſündige Gemeinde hat durch ihre Sünden und Verbrechen lange genug die Langmuth des Herrn geprüft. Jetzt thut er Zeichen, daß die Menſchen ſich in Acht nehmen ſollen, und Du, Du Marie, Du biſt diejenige, welche er dazu beſtimmt hat, die Schlafenden zu warnen und zu wecken! Stehe auf, ſtehe auf, weil es noch Zeit iſt! Und ich ſahe, und ſiehe, ein fahl Pferd, und der darauf ſaß, deß Name hieß der Tod, und die Hölle folgte ihm nach.“ Als Grave mit wohlberechneter Betonung dieſen Spruch ausſprach, ſo vertheilte ſich der Schnee auf dem bleichen Geſichte der Bibel⸗Marie, und ein flammendes Nordlicht zuckte über daſſelbe hin. Sie war ihm, der ihr ſo große Dinge verkündigte, ein Paar Schritte näher gegangen, und ſagte leiſe, indem ſie ihren Blick tief und forſchend auf ihn heftete und bedächtig um ſich her fahren ließ:„Ich ſah auch noch mehr: auf dem Ungeheuer, das ſich erhob aus de Mann Bruſt, war d goͤnnte dieſes r mitten ſchlange, lafenden weil es l Pferd, und die 205 aus den Wogen des Bullar⸗Sees, ſaß auch ein todter Mann; aber er hatte eine große rothe Wunde auf der Bruſt, und in ſeiner Hand hielt er... hu!... hu! ... in ſeiner Hand hielt er ein weißes Laken, und das war das Leichentuch, in welches ich das Kind legte— er goͤnnte ihm kein Leichentuch... denn„„. denn dieſes war nicht ſein eigenes!“ „Komme zu Dir ſelbſt, Marie!“ rief Grave mit ver⸗ änderter Stimme, mit einer ſtrengen, düſtern, gebietenden Stimme. Seine Augen, die gleichſam an der armen Marie feſtgewachſen waren, firirten ſie ſo lange, bis ſie ganz ermattet zu ſeinen Füßen niederſank. „Erbarmen, Erbarmen!“ „Steh auf, Unglückliche, und falle nicht wieder in die Sünde des Unglaubens! Habe ich es Dir nicht ſehr oft geſagt, daß Deine Buße alles Elend abgewaſchen hat, das durch ſeine wahnſinnige Eiferſucht und ſeinen Tod über Dein Haupt kam? Und habe ich Dir nicht geſagt, daß ſich Gott in ſeiner Gnade über Dich und über ihn erbarmt habe— es war weiter nichts, als der weiße Schaum, was Du für den todten Mann hieltſt.“ „Aber mein Herz,“ ſeufzte die Unglückliche,„mein Herz ruft unaufhoͤrlich, unaufhörlich;„„Wehe, wehe Dir, Du Meineidige!“ Grave ſchien ungeduldig zu werden.„Wehe, wehe Dir, wenn Du dieſe wahnſinnigen Gedanken über Deine Lippen kommen läſſeſt! Wer trägt Deine Schuld?“— ſeine Züge veranderten ſich in Eile, ſo daß ſie etwas an⸗ nahmen, das zwiſchen Zärtlichkeit und Verklärung in der Mitte lag— wer trägt Deine Schuld? Sieh mich an, und ſei ruhig: ich bin es, der ſie trägt, ich, Dein Freund, Dein Herr, welcher die Macht hat, Dich von aller Schuld zu loͤſen! Siehe, ich, ich habe Deine Schuld mit Gott abgemacht, ich habe ſie wie meine eigene auf mich ge⸗ nommen, und Du biſt frei, hörſt Du, frei! und heute ſtehſt Du unter ſeinen Auserwählten, die er zu ſeiner 206 Rechten ſtellt, denn Du biſt nicht vergangen in dem Jammer Deiner Betrübniß, ſondern Du biſt aufgeſtanden, haſt Dein Kreuz auf Dich genommen und haſt gewandelt ihm zum Wohlgefallen! Mit der Erlöſung von mehr denn hundert Seelen, die Du gen Himmel führteſt, haſt Du Deinen Verlobten, den Selbſtmörder, aus dem Feuer der Höͤlle erkauft, und an dem jüngſten Tage, welcher dort oben der erſte iſt, wird er Dir mit großer Freude ent⸗ gegen kommen... Und nun Friede über ihn und über dieſen Gegenſtand: es iſt uns das beſte, nie wieder davon anzufangen!“ Marie erhob ſich mit klarem und vernünftigem Blicke, legte die Hände auf die Bruſt und ſagte demüthig:„Herr Gott Zebaoth tröſte uns! laß Dein Antlitz leuchten, ſo wird uns geholfen!“ „So ſoll es ſein! Habe Acht auf Dich ſelbſt und auf die Lehre, beharre in dieſen Stücken! denn, wo Du ſolches thuſt, wirſt Du Dich ſelbſt ſelig machen und die Dich hören!.... Jetzt aber verkündige mir, wie Du Deine Sendung erfüllt haſt! Du biſt im Nirenthale geweſen, wie ich Dir auftrug; ſchien es Deinen Augen, als ob die junge Hausmutter noch immer auf den rechten Wegen des Herrn wandelt? Iſt ihr Antlitz klar?“ „Ihr Antlitz iſt nicht klar: es war gleichſam in eine Wolke verhüllt, als ich ſie in dem Walde antraf, wo ſie ſich unter den Bäumen erging. Doch ſah ich, daß ſie im Gebete geweſen war, denn ihre Thränen waren nicht ge⸗ trocknet.“ „Vielleicht eine Ungewißheit im Glauben?“ Grave's eigenes Geſicht erhellte ſich.„Redeteſt Du mit ihr und hießeſt Du ſie willkommen?“ „Das that ich, und ſie dankte freundlich.“ „Aber ſagte ſie denn gar nichts, woraus Du etwas Beſtimmtes ſchließen konnteſt? An den Früchten merkt man, wie des Baumes gewartet worden iſt: alſo merket man an der Rede, wie das Herz geſchickt iſt.“ weilen ich De 17 6 77 ſie— 0 ÄI ſchon in Geleger „2 den Gr empfand fetteſte Und in um es mit den die Gna nie eine ſpielszu „C einen fr zu diene liche Pff Propſt hinwegt verhalf 3 kundig eigenen Herzen will ſie betes u nur, da ſollteſt, nach Ku 207 „Sie ſagte wenig und mit Seufzen.„„Komm bis⸗ weilen zu mir, wenn ich allein bin,““ ſagte ſie,„„ſo will ich Deine Bücher anſehen!““ „Wenn ſie allein iſt?2 Was bedeuten dieſe Worte?“ „Die alte Frau reiſt morgen; der Sohn begleitet ſte— vielleicht war ſie deswegen betrübt.“ „Ja, ja!“ ſagte Grave zerſtreut, denn er machte ſchon in Gedanken einen Plan, wie er eine ſo glückliche Gelegenheit benutzen wollte. „In dem Schulzenhofe,“ fuhr Marie fort,„habe ich den Gruß und die Botſchaft beſtellt: die fromme Frau empfand große Herzensfreude, und ſagte, daß ſie das fetteſte Lamm in der ganzen Heerde mitbringen würde. Und in Gyfinge, wo ſie das gemäſtete Kalb ſchlachteten, um es in Fredrikshall zu verkaufen, kam die Großmutter mit dem einen Braten und bat, der Herr Paſtor möchte die Gnade haben, damit fürlieb zu nehmen: ſie hatte noch nie eine ſolche Erbauung gehabt, wie von der letzten Kirch⸗ ſpielszuſammenkunft, wo ihr Sohn mit Ehren hervorge⸗ zogen wurde. Sie kaufte einige Bücher und dachte mit in die Verſammlung zu kommen.“ „Gut, mein Kind, gut, meine Tochter! Du haſt einen frommen Eifer und einen ſtarken Willen, dem Herrn zu dienen! Erzählteſt Du auch, daß ich, wie meine chriſt⸗ liche Pflicht heiſcht, den armen lahmen Mann, den der Propſt in der Verſtockung ſeines Herzens von ſeiner Schwelle hinwegtrieb, aufnahm, nährte, beherbergte und zur Arbeit verhalf? Ich wollte gewiß nicht, daß es mir zum Lobe kundig werden ſollte— ach nein, das Gute hat ſeinen eigenen Lohn in ſich, und es iſt lieblich, mit aufrichtigem Herzen von den Leidenden ſagen zu können:„„Siehe, ich will ſie heilen und geſund machen, und will ſie des Ge⸗ betes um Frieden und Treue gewähren““— ich wollte nur, daß Du ſo zufällig und im Vorbeigehen davon reden ſollteſt, weil das Gute Andern ein Beiſpiel gibt, auch nach Kräften Gutes zu thun.“ 208 „Das war ſchon bekannt genug. Doch varüber habe ich eine traurige Botſchaft zu verkündigen— es war ein Verlaufner, der auf der Feſtung geſeſſen hatte, wie der Oberpfarrer geſagt hatte. Geſtern Abend verſchwand er von Lars Olsſon, der ihn auf Ihr Wort in Arbeit ge⸗ nommen hatte; doch es war nicht genug damit, daß er war wie von der Erde hinweggeweht: er hatte auch Lars Alsſon's Uhr und den ſilbernen Becher und die neue blaue Jacke geſtohlen und mitgenommen.“ „O verlorne Erde, die ſolche Sünder gebiert!“ rief Grave mit Rührung, oder richtiger mit großem Verdruſſe, ja tödtlichem Aerger darüber aus, daß die Anſicht des Oberpfarrers diesmal ſiegen ſollte.„Der Rechtfertige be⸗ trogen von dem Betrüger! Verflucht, in Ewigkeit ver⸗ flucht ſei der Elende, welcher eine ſo ſchwere Laſt auf ſein Marie erſchrak.„Sollen wir nicht beten für die⸗ jenigen, welche uns Schaden thun?“ „Ja, ja— es ſei ferne von mir,“ entgegnete er und kroch zurück in ſeine Scheinheiligkeit,„die bittern Worte zu meinen, welche meinen Lippen entfielen! Sage den Leuten, meine Tochter, daß ich bei dieſer Trauerpoſt ausrief: ein Sünder, ja zehn Sünder können mich betrügen, aber den⸗ noch ſteht mein Herz, meine Thür, mein Tiſch offen, denn wollte ich den Einen nach dem Andern fortjagen, ſo koͤnnte ich viele Gerechte abweiſen, und lieber leide ich ſelbſt, als daß ich Andere leiden laſſe.“ Marie nickte mit Zufriedenheit.„Heute iſt Lars Alsſon bei dem Commiſſarius, damit dieſer dem Diebe nachſpüren laſſe; heute Abend kommt er aber hieher, um Ihnen zu ſagen, wenn er das Seinige nicht wieder er⸗ hielte, ſo forderte er es von demjenigen, der ſich für den Mann verbürgte.“ „Er mag ſich in Acht nehmen!“ ſagte Grave mit boshafter Miene;„er mag ſich in Acht nehmen!.... Nun aber, mein Kind, geh Du und ruhe aus und erquicke Gewiſſen gewälzt hat!“ 1 Deinen früh re und we ſo verg großen geſehen Strafte Zeichen Mannes konnte, Selbſtpr ſelbſt un eben ſo die Buch Seele g anzuwe geh ein Licht üb bildung. Eine ber habe war ein wie der wand er rbeit ge⸗ daß er luch Lars eue blaue ert!“ rief Verdruſſe, nſicht des ertige be⸗ gkeit ver⸗ tauf ſein für die⸗ nete er und Worte zu den Leuten, zrief: ein aber den⸗ offen, denn I, ſo koͤnnte ſelbſt, als 2 iſt Lars dem Diebe hieher, um wieder er⸗ ſich fuͤr den Grave mit nen!.... und erquicke 209 Deinen Leib, wie ich Deine Seele erquickt habe! Morgen früh rede ich weiter mit Dir und gebe Dir mehr Bücher; und wohin Du kommſt auf Deiner frommen Wanderung, ſo vergiß nicht das Wunder des Herrn, die Ankunft der großen Waſſerſchlange, die Du mit Deinen eigenen Augen geſehen haſt, mit großem Schrecken zu verkündigen! Der Straftag des Herrn iſt nahe, wenn er den Menſchen ſolche Zeichen gibt!“ Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Frau Hedwig war gereiſt, Leonard gereiſt; und allein mit ihrem eigenen Herzen, ihrer Gottesfurcht und ihrer Verzweiflung hatte Conſtance den einſamſten Winkel an den Ufern des Bullar⸗Sees geſucht. Sie ſaß auf einem Vorſprunge unter dem Laubdache zweier gigantiſcher Weiden, a ihre Blicke irrten ohne Ziel über den ruhigen Waſſer⸗ piegel. So lange ſie in jeder Minute von den Blicken ihres Mannes und ihrer Schwiegermutter überraſcht werden konnte, wagte ſie es nicht, ſich dem Nachdenken und der Selbſtprüfung hinzugeben. Sie war äangſtlich vor ſich ſelbſt und fürchtete, daß alle ihre wechſelnden Bewegungen eben ſo deutlich auf ihrem Geſichte ſtehen könnten, wie die Buchſtaben in einem Buche; nun aber hatte ſie zu ihrer Seele geſagt:„Du haſt nun acht oder zehn Tage allein anzuwenden; niemand ſieht Dich während dieſer Zeit— geh ein in Dein eigenes Weſen, ſuche Aufklärung, ſuche Licht über alle Verhältniſſe— vielleicht iſt es nur Ein⸗ bildung. Habe den Muth um Deiner eigenen Zukunft, Eine Nacht am Bullarſee. I. 14 210 um der Zukunft und des Glückes Deines Gatten willen auf den Grund mit demjenigen zu gehen, was Dein Herz brennt!“ Aber der geiſtliche Hochmuth, die große Gottesfurcht konnte es nicht über ſich gewinnen, den geraden Weg zu gehen; ſie drehte und wendete die Sache nach allen mög⸗ lichen'Seiten, denn ſie war ja ſo unerhört unheilig, daß ſie ſich kaum denken ließ. Endlich aber kleidete ſich die gefürchtete Frage dennoch in Worte:„Liebte ich den Hei⸗ ligen, meinen Lehrer, den von Gott zu der Rettung der armen Heiden Beſtimmten, mit einer andern Liebe, als die mir geſtattet war?“ Ehe ſie eine Antwort verſuchte, warf ſie ſich auf die Erde und betete, betete mit Furcht und Zittern, daß ſie Doch nie waren Gebete überflüſſiger geweſen: jeder Schlag ihres Herzens, jeder Schlag ihrer Pulſe, jeder fliegende Blutstropfen antwortete Ja, ein tauſendfältiges Jal“ Conſtance meinte: ſie hätte ihr Urtheil vernommen, und in ihrer Ueberſpannung hoffte ſie, daß auch die Engel mit ihr weinten. Aber noch war die gewonnene Gewi ßheit nur erſt halb; bedeutend iſt der Unterſchied zwiſchen einer began⸗ genen Sünde und einer fortdauernden Sünde; und wenn es ihr ſchon ſo große Anſtrengung gekoſtet hatte, nach der Vergangenheit zu fragen, welche unendlich groͤßere war nicht erforderlich, nach der Gegenwart zu fragen! „Liebe ich ihn noch jetzt?“ Noch einmal ſank die Schwärmerin in den Staub vor ihrem Herrn und Meiſter, krümmte ſich im Todes⸗ ſchmerze, betete, weinte, flehte, doch alles vergebens: ihr geiſtiger Muth lag vernichtet da; ſie hatte nichts, womit ſie vor dem Antlitze deſſen, der in die verborgenſten Winkel unſrer Seele blickt, ihre Bloͤße bedecken konnte. Und jam⸗ mernd bekannte ſie ihre Schuld— ja, ſie war des Ver⸗ brechens ſchuldig: ſie liebte... ach, der Ausdruck war nach recht ſtrenger Prüfung nein möͤchte antworten können. weit gef terſpruch welches den ſchꝛ Gott al Ko Wahnſi ſie angi Worte fange g plötzlich war. dem ein ihr Her voll wu Zeiten der Gr nicht ſo die une Doch w ſowohl Menge daß er liebte, u ten willen Dein Herz ſte ſich die den Hei⸗ ettung der be, als die „ daß ſie len können. er Schlag fliegende Jal“ rnommen, die Engel t nur erſt r began⸗ ünde; und Lſtet hatte, ich groͤßere zu fragen! den Staub im Todes⸗ bens: ihr yts, womit ten Winkel Und jam⸗ des Ver⸗ sdruck war 211 viel zu geringe... ſie betete an, ſie verehrte mit irdi⸗ ſcher Abgötterei ihn, den der Erlöſer zu ſeinem Jünger erwählt hatte. Sie wagte mit dem Meiſter ſelbſt um das Herz dieſes Jüngers zu ſtreiten.. ſie nährte eine ſündige Flamme für den Bruder ihres Gatten, für ihren eigenen Schwager!„O!“ ſeufzte ſie, betäubt von allen Klagen, die ihr Gewiſſen aufſtellte,„o, ich bin ſo elend, daß ich kaum Dein Erbarmen anzurufen wage, mein Vater und mein Gott! Aber ich will mich mit großer und feſter Kraft aus der Gewalt der Verblendung losreißen, ich will es und ich werde es!“ Jetzt aber kam eine andere eben ſo gefährliche, ja weit gefährlichere Sache, welche einem unparteiiſchen Rich⸗ terſpruche unterworfen werden ſollte: was hatte dasjenige, welches Evelyn ihr mitgetheilt, für eine Gemeinſchaft mit den ſchmerzhaften Bekenntniſſen, die Conſtance vor ihrem Gott abgelegt hatte? Konnte ſie wohl glauben, oder war es nicht eher Wahnſinn zu glauben, daß die Kämpfe des„Heiligen“ ſie angingen? Er hatte ja niemals, niemals mit einem Worte etwas dergleichen verrathen, hatte ſie ja im An⸗ fange gar nicht leiden können! Nun aber fiel es ihr ploͤtzlich ein, daß es mit ihr gegen ihn gerade ſo geweſen war. Darauf ſtellten ſich ihrer Erinnerung— alles, in⸗ dem ein für ihre Reue gefährliches Gefuͤhl des Glückes ihr Herz durchſtroͤmte— eine Menge von Erinnerungen voll wunderbaren Inhaltes dar, welche zu verſchiedenen Zeiten und Augenblicken ſie getroffen hatten, ſo wie auch der Gruß an„Amplia, meine Liebe in dem Herrn!.. ℳ nicht ſo ſehr der Gruß, als vielmehr die Stimme und die unendlich tiefe und mächtige Modulation derſelben. ſowohl dafür als auch dawider gelten Menge von Umſtänden begleitet waren, welche bewieſen, daß er ſie entweder nur als eine Schweſter in Chriſto liebte, oder eine ganz unglaubliche Selbſtbeherrſchung beſaß , weil ſie von einer 212 — was bedeuteten ſie alſo gegen die Gewißheit, welche, wenn ſie hätte ſehen wollen, ſich bei dem Trauakte, in jenem Augenblicke, da er den Ring in ſeine Hand nahm, entſchleierte?... Ol... und nun vergaß Conſtance einige Augenblicke ſich ſelbſt und ihre Pflichten gegen Gott und ihren Gatten, und ſchwelgte in dem mit Wermuth gemiſchten Entzücken, daß die Betrübniß über die Noth⸗ wendigkeit, ihr entſagen zu müſſen, ſein Leben, ſeine Ruhe, ſeinen Seelenfrieden vernichtet hätte. Er hatte ſich ſelbſt ſtrafen wollen, indem er das Opfer ganz vollendete, und als dieſes vollendet war, ſo ſank er halbtodt auf den Stuhl, wo ſie gekniet, und aus ſeiner, des heiligen Mar⸗ tyrers Hand, ihren Gatten entgegen genommen hatte. Berauſcht von Bewunderung über dieſer Muth, der ſo über den Willen und das ſchwache Herz gebieten konnte, ſagte ſie zu ſich ſelbſt:„O, welch ein Triumph, von einem ſolchen Manne geliebt zu werden! Wer kann ſich mit ihm meſſen— welches Herz hat wärmer und ſchöner für die Sache Chriſti gebrannt, als dasjenige, welches ſich zwei⸗ mal ſelbſt opferte? Und mein eigenes Gefühl ſagt mir, daß das erſte Opfer ſehr geringe war im Vergleich mit dem zweiten. Sein hoher Beruf iſt unfehlbar, ſonſt würde der Herr ihm keine ſolche Stärke verliehen haben; er hat ihn zu ſeinem Auserwählten erkohren! Kein Weib, o nein, nein! kein Weib wird jemals ihr Haupt an ſeine Bruſt legen: dieſe Bruſt wird ſich umgürten mit dem Harniſche des Herrn, und Gott wird ihn über die Meere begleiten und ſeine Engel ſenden, um ihm den Weg zu bahnen. Aber hier zu Hauſe, hier an dieſen Ufern, die ſeine ſchönen Augen niemals ſchauen werden, hier wird ſie, mit welcher er in ſeinem Herzen ein Bündniß geſchloſſen hat, beten, ohne Unterlaß für ihn beten; während ſie gleichwohl das ſchwere Gebot der Pflicht erfüllt und nie klagt, nie murrt, ſondern geduldig leidet, bis die Stunde der Erlöſung ſchlägt!.. Wenn jedoch“— es fuhr gleichſam ein Sturm⸗ wind durch ihre Gedanken—„wenn der Schein betrogen X hätte. Und mi chungsw geführt flächlich die unb dem Re henden! nicht der umher n her nack tappte u alles, d ungeheus herzzerſch und dieſ theure S ſich imm ſagte mi ſuchen h. Cor ſchwänze den hera den Aug ſeinem f dieſen un mige un Hand hi Gre Innern klar und liche mit kam das und ſie Sollte dete, und t auf den igen Mar⸗ von einem chh mit ihm er für die ſich zwei⸗ ſagt mir, gleich mit pnſt würde ; er hat b, o nein, ine Bruſt Harniſche begleiten betrogen 213 hätte... wenn es eine andere wäre... wenn...“ Und mit dieſem einzigen Worte war das ganze verglei⸗ chungsweiſe ruhige Gedankengebäude, welches ſie eben auf⸗ geführt hatte, umgeweht: Winde von bisher nur ober⸗ flächlich bekannter Heftigkeit flogen kreuz und quer durch die unbewachte Seele; dieſe Winde waren geſendet aus dem Reiche des Verſuchers... welche erſtickenden, glü⸗ henden Dünſte brachten ſie nicht mit, wie verheerend war nicht der Weg, auf welchem ſie daher ſauſten! Sie tappte umher nach dem Kreuze: ſie ſah es nicht; ſie tappte um⸗ her nach dem Bilde ihres Gatten: ſie ſah es nicht; ſie tappte umher nach ihrem Gewiſſen: ſie fühlte es nicht— alles, alles war verſchwunden: ſie ſtand allein in einem ungeheuren Chaos mit einem einzigen durchgreifenden, herzzerſchneidenden, mordenden, vernichtenden Gedanken, und dieſer Gedanke war nur ein Wenn! „Verzeihung, meine geehrte Nachbarin! Verzeihung, theure Schweſter in Chriſtol— verwandte Seelen kennen ſich immer— wenn ich mich ungebeten hieher wage; man ſagte mir, daß ich in dieſer Gegend die gute Wirthin zu ſuchen hätte!“ Conſtance ſah verwirrt auf. Der Anblick des fuchs⸗ ſchwänzelnden, ſich demüthig verbeugenden Geiſtlichen mit den herabhangenden Flachshaaren und einem Ausdruck in den Augen, der ſo ungleich war demjenigen, der auf ſeinem ſcheinheiligen Geſichte ruhte, machte auf ſie eben dieſen unbeſchreiblich widrigen Eindruck, den eine ſchlei⸗ mige und eiskalte Kröte bewirkt, wenn ſie über unſre Hand hüpft. Grave ſah ganz klar und deutlich, daß in Conſtance's Innern etwas Außergewöhnliches vorging, und eben ſo klar und deutlich war es auch, daß dieſes Außergewöhn⸗ liche mit Juſtus in Zuſammenhange ſtehen mußte. Woher kam das aber ſo plötzlich? Er war in den Lappmarken, und ſie kam aus dem Hauſe des Todes und der Trauer... Sollte Juſtus gewagt haben etwas zu ſchreiben? Nein 214 — dieſen Gedanken verwarf Grave. Endlich blieb er nur bei einem Gedanken ſtehen: wie konnte er dieſe Ge⸗ müthsſtimmung am paſſendſten anwenden? Hiemit war gemeint: Soll ich ſie zu meinem eigenen oder zu ſeinem Vortheile, das heißt: ſeinem Verderben, anwenden? „Ich habe,“ ſtotterte Conſtance mit noch unſichrer Stimme,„heute meine gute Schwiegermutter abreiſen geſehen— der Verluſt ihrer Geſellſchaft iſt unerſetzlich!“ „Denen, die ihren Umgang im Herrn haben, iſt nichts unerſetzlich— das habe wenigſtens ich mit mir ſelbſt gefunden, wenn die Prüfungsſtunde vor der Thür geweſen iſt.“ Conſtance beugte ihr Haupt, ohne zu antworten. „Doch,“ fuhr er fort mit einer Stimme, die eine große und innige Theilnahme enthalten ſollte,„bisweilen i*ſt der Menſch, dieſes gebrechliche Ding, nicht im Stande, die Laſten zu tragen, welche er nicht von ſeinen Schul⸗ tern wälzen kann; da muß er, wenn es ihm frei ſteht, zu einem klugen und chriſtlichen Rathgeber fliehen, welcher ihm helfen kann, die Laſt in eine andere Lage zu bringen, ſo daß ſie weniger drückt!“ Bei dieſer Rede erwachte Conſtance's ganzer Stolz; mit eiskalter Gottesfurcht ſagte ſie:„In einem Jeg⸗ lichen erzeigen ſich die Gaben des Geiſtes zum gemeinen Nutzen!“. „Um ſo beſſer! Ich habe keine größere Freude, denn die, daß ich höre meine Kinder in der Wahrheit wan⸗ deln; doch mein Herz, welches durch die theuer erkaufte Erfahrung ſich daran gewöhnt hat, gleichſam in einem Spiegel die Herzen Andrer zu ſchauen, flüſterte mir zu: hier ſiehſt Du eine Betrübte, deren Bürde um ſo ſchwerer iſt, als ſie eigentlich eine liebliche Bürde iſt!“ Bei dieſer kühnen Anſpielung, deren Wahrheit allzu ſchlagend war, erhob Conſtance dennoch mit Anſtrengung ihr ſchönes Haupt, und bemühte ſich, da ſie nicht im Stande einem B Ein dieſer al jedoch al an dem, Carlebor richten e wiederun unterbra ſammenf Gre nicht Co Leidenſch Grave mehr an zu zieher mit jede ihm zu, großer eine ſtar dem Vei mein, ohne ein zurückzal die eine bisweilen gemeinen ude, denn erkaufte in einem mir zu: ſchwerer 215 Stande war, ein Wort über ihre Lippen zu bringen, in einem Blicke ihre unnennbare Verwunderung auszudrücken. Einige Augenblicke wurde Grave auch wirklich von dieſer allzu natürlichen Verwunderung mißgeleitet! als er jedoch abbrechend und in verändertem Tone ſagte:„Wohl⸗ an dem, laſſen wir dieſes!... Darf ich fragen, Frau Carleborg, ob Sie kürzlich von Ihrem Schwager Nach⸗ richten erhalten haben?“ Da ſanken Conſtance's Wimpern wiederum herab über die blitzenden Augen, und ein Zucken unterbrach die ſtolze Haltung und ließ ihren Koͤrper zu⸗ ſammenſinken, wie wenn man eine Feder berührt. Grave ſtellte ſich, als ſähe er nichts; und wenn nur nicht Conſtance bei dieſen Ausbrüchen einer verborgenen Leidenſchaft zehnmal verſchönert worden wäre, ſo würde Grave nur daran gedacht haben, dieſe Leidenſchaft noch mehr anzufeuern, um endlich den ganzen Gewinn daraus zu ziehen, wenn Juſtus einmal käme. Aber Grave's eigene mit jedem Augenblick geſteigerte wilde Flamme flüſterte ihm zu, daß der Beſitz einer ſolchen Frau den Verluſt großer Pläne erſetzen müßte. Dennoch war die Habſucht eine ſtarke Widerſtandskraft gegen die Liebesgedanken: mit dem Verluſte des ſchwärmeriſchen Juſtus verlor er unge⸗ mein, verlor er, was niemals erſetzt werden konnte, ohne einmal des Löwe'ſchen Kapitales zu gedenken, das er zurückzahlen mußte. Indem dieſer ſündige Kampf in ſeinem Innern vor⸗ ging— wir wagen nicht zu ſagen„in ſeinem Herzen,“ weil es zweifelhaft iſt, ob Grave wirlich ein ſolches beſaß — nahm Conſtance in ihrer unerträglichen Angſt ſo viele Stellungen an, daß es Grave nicht anders vorkam, als als wenn Satan ſelbſt es ihr befohlen hätte, ſeinen klaren Verſtand mit dieſen bezaubernden Verſuchungen zu verfinſtern. „Ach, welche Lieblichkeit iſt in dem Balſame der Freundſchaft!“ ſagte er leiſe, indem er ihr näher rückte. „Die Macht der Freundſchaft iſt die größte von allen 216 Maͤchten: ſie hat eine unendliche Fähigkeit, unſre Mängel zu bedecken und dieſelben in ſich aufzunehmen. Schweſter in Chriſto, geliebte Schweſter! hoͤre die Stimme, welche ruft: Und ob ich ſchon wanderte im finſtern Thal, fürchte ich kein Unglück; denn Du biſt bei mir, Dein Stecken und Stab tröſtet mich!“ Conſtance ſah ihn ſteif an.„Was iſt die Meinung mit allen dieſen Worten, die ich nicht begreife?“ ſagte ſie mit Beherrſchung; denn endlich fuhlte ſie vollkommen, wie nothwendig es war, vor dieſem Manne zu verbergen oder vielmehr zu verläugnen, was ſie durch irgend eine Zauberei empfand. „Wozu dieſes ſtrenge und kalte Erſtaunen? Diejeni⸗ gen, welche im Geiſt und im wahren Glauben vereint ſind, brauchen nichts zu verbergen— ja, ſo wunderbar iſt durch den Willen des Höchſten dieſe Vereinigung, daß diejenigen, welche es auch verſuchen, ſich nicht verbergen oder verhüllen können vor dem, welcher dem Lichte zu⸗ nächſt ſteht.“ „Ich meines Theils habe aber weder etwas zu ver⸗ hüllen noch zu verbergen: mein Herz iſt im Gebete dem Herrn nahe, und dieſer Umgang erquickt meine Seele.“ „Daran zweifle ich nicht im mindeſten: dieſer Um⸗ gang zwiſchen Gott und dem Menſchen oder zwiſchen dem Jünger und dem irdiſchen Meiſter iſt lieblich wie Honig, und wen ſollte die Rede des jungen Miſſionars nicht hinreißen?— Ach, Viele ſind davon mehr hinge⸗ riſſen worden, als für die Erlöſung ihrer Seelen noth⸗ wendig war!“— Grave ſeufzte tief bei dieſen Worten. „Davon habe ich nie etwas gehört!“ Conſtance's Stolz ſpornte ſie nun eben ſo ſehr wie ihre Gottesfurcht an, den Streit mit dem Feinde auszukämpfen, den ſie vor ſich hatte. „Wie ſollte wohl das“— Grave ſchlug aufs Ge⸗ rathewohl eine neue Saite an—„einer der frömmſten Schweſtern in Chriſto unbekannt ſein?“ „S geweſen Gelegen ſtürzen. ſeine E⸗ ſtiger S Fü er moch dem Co gewonne ſchützend ſorgfält eine St Gedanke Diejeni⸗ n vereint verbergen ichte zu⸗ 8 zu ver⸗ bete dem Seele.“ eſer Um⸗ zwiſchen 217 „Das Leben meines Schwagers iſt ſtets muſterhaft geweſen!“ „Wer weiß das beſſer als ich, der ich vier Monate lange täglich ſeine unerhoͤrten Kämpfe und ganz uner⸗ börten Bußübungen ſah?— Er verdient die Martyrer⸗ krone!“ „Da er aber ſchon ſo heilig, ſo feſt im Glauben war— wozu denn das alles?“ „Ach!“ Grave erhob einen langen Blick gen Himmel, war aber allzu ſchlau, mehr zu ſagen: ſie würde ihm durch Fragen gewiß den Weg zeigen. Aber Conſtance fragte nicht mehr— ſie hatte viel⸗ leicht ſchon allzu viel gefragt— ſondern ſagte nur in⸗ dem ſie ſich erhob:„Dieſe Dinge ſind gewiß nicht für ſo unbehörige Ohren, wie die meinigen— laſſen Sie uns alſo hineingehen, damit ich die Pflicht der Gaſtfreund⸗ ſchaft ausüben kann!“ Mit tiefem Verdruſſe ſah Grave die vortreffliche Gelegenheit verſchwinden und das angefangene Werk ein⸗ ſtürzen. Dennoch wußte er mit geübter Geſchicklichkeit ſeine Erbitterung zu verbergen und dankte mit hinterli⸗ ſtiger Freundlichkeit für ihre Güte. Für heute war gleichwohl nichts weiter zu gewinnen, er mochte noch ſo viele Masken aufſetzen; denn nach⸗ dem Conſtance einmal mit feſter Kraft ihre Beherrſchung gewonnen hatte und ſich noch dazu jetzt unter dem ſchützenden Dache ihres Gatten befand, nahm ſie ſich ſorgfältig in Acht, eine bloße Seite zu zeigen— und eine Stunde ſpäter reiſ'te Grave ab mit tauſend boͤſen Gedanken in der Seele. Vierundzwanzigſtes Kapitel. Conſtance's eiſige Kälte, ihr ſichtbarer Widerwille gegen ein vertraulicheres Verhältniß trieb Grave's ſoge⸗ nannte Gefühle zu einer ungezügelten Höhe: er wollte dieſe Frau in ſeiner Gewalt haben— und wenn er wollte, ſo hatte er ja bisher ſeinen Willen noch immer durchgeſetzt. Nachdem ſie ſich ihm einmal verſchworen, das heißt nachdem er einmal ihr Vertrauen an ſich ge⸗ lockt und ſie das Bedürfniß kennen gelehrt hatte, in ihm einen Beichtvater zu verehren, ſo war es noch Zeit genug zu beſchließen, ob er ſie zu ſeiner Geliebten nehmen, oder zu einem bloßen Spielballe bei ſeinen Ränken zu Juſtus Verderben anwenden ſollte. Er warf den einen Plan nach dem andern auf, ihren geiſtigen Stolz zu beſiegen; doch mußte die Operation raſch geſchehen, um von den zehn Tagen, die ihm das Schick⸗ ſal aus beſonderer Gunſt geſchenkt hatte, Vortheil zu ziehen. Hatte er ſie während dieſer Zeit nur erſt in die Schlinge gelockt, ſo mochte der gute Ehemann nach Hauſe kommen, wann es ihm beliebte, ja je eher deſto lieber; denn die Furcht iſt kein ſchlechtes Reizmittel für eine auf Abwege gerathene Seele, welche ſich vor der Entdeckung ſcheut. Und wenn er nun ſelbſt der Ausgangspunkt war, von welchem alles ausging, und der Mittelpunkt, um welches ſich alles wieder ſammelte, wo— ſo fragte er ſich ſelbſt— wo waren dann die Grenzen ſeiner Macht? Wurde ihr aber dennoch eine Grenze geſetzt, ſo blieb ihm doch immer noch ein ſüßer Troſt— die Rache. Am folgenden Morgen erhielt Conſtance durch die Bibel⸗Marie, Grave's wandernde Agentin, ein Billet von folgendem Inhalte: (nämlich Chriſto hiemit d Nachmit Beſuch Gegenſte Eifer un Hinſicht des Ung Einà bezweckt Lage be; ken!— in Verd daß„ih ten des lichen? als— riges, ſein?.. f, ihren on raſch Schick⸗ rtheil zu ſt in die ch Hauſe o lieber; eine auf ntdeckung akt war, nkt, um fragte er Macht? blieb ihm durch die n Billet 219 „Würdige und achtungswerthe Frau! „Da ich geſtern aus gewiſſen Zeichen ſchließen konnte, daß meine herzlich wohlgemeinte Abſicht weder in dem Geiſte der Menſchenliebe noch der chriſtlichen Liebe auf⸗ gefaßt wurde, was ich meinem eigenen Unvermögen zu⸗ ſchreibe, die Vorbereitung zu meiner Abſicht darzuſtellen (nämlich der Abſicht, mit einer ſo würdigen Schweſter in Chriſto über eine Sache zu überlegen): ſo nehme ich mir hiemit die Freiheit, um die Erlaubniß anzuhalten, heute Nachmittag meinen Beſuch erneuern zu dürfen, welcher Beſuch eine gute und äußerſt wichtige Angelegenheit zum Gegenſtande hat. Denn tief und bitter würde ſich mein Eifer und mein Herz verletzt fühlen, wenn mir in dieſer Hinſicht nur Gleichgültigkeit von den nächſten Verwandten des Unglücklichen zu Theil würde. Ein Bruder im Glauben und ein Freund in der Noth. Grave.“ Dieſes Billet, welches berechnet war, Conſtance zum Nachdenken über etwas zu vermögen, das nie erxiſtirt hatte, nämlich darüber, daß ſie in ihrer eigenen aufgeregten Gemüthsbeſchaffenheit die wahre Abſicht mit Grave's Be⸗ ſuch, welcher ohne Zweifel eine beſondere Angelegenheit bezweckt hatte, überſehen haben müßte— dieſes Billet erfüllte vollkommen ſeine Abſicht. Conſtance empfand einen toͤdtenden Schrecken. Hatte ſie ſich denn ſo weit vergeſſen koͤnnen, daß ſie Grave's Worte einzig und allein auf ſich ſelbſt und ihre eigene Lage bezogen hatte.... ach, was mußte er wohl den⸗ ken!— erſt jetzt hatte er ein Recht, ihren Seelenzuſtand in Verdacht zu ziehen!... Aber was meinte er damit, daß„ihm nur Gleichgültigkeit von den nächſten Verwand⸗ ten des Unglücklichen zu Theil würde?“— des Unglück⸗ lichen?... Das galt, das konnte keinem andern gelten, als— dem heiligen Miſſionar! Sollte ihm etwas Trau⸗ riges, etwas Gefährliches, etwas Schreckliches begegnet ſein 2.. Conſtance zitterte an allen Gliedern und vergaß, 220 indem ſie mit dem Billet in der Hand daſtand, die An⸗ weſenheit der armen Bibel⸗Marie, welche den ſtren⸗ gen Befehl erhalten hatte, alle ihre Bewegungen zu beobachten. Marie glaubte einem von Grave erhaltenen Winke zufolge, daß es eine vollſtändigere Bekehrung be⸗ traf, und daher ſpähte ſie mit ungetheilter Aufmerkſamkeit in Conſtance's Antlitz, und verſchloß auch ihr Ohr nicht, als dieſe bewußtlos ausrief:„O Gott, du verläſſeſt mich!“ „Nein, ſei getroſt und guten Muthes! Es hat Euch noch keine denn menſchliche Verſuchung betreten; aber Gott iſt getreu, der Euch nicht läſſet verſuchen über Euer Vermoͤgen, ſondern macht, daß die Verſuchung ſo ein Ende gewinne, daß Ihr es könnet ertragen!“ Conſtance's Blick fiel mit einem Ausdrucke des Schreckens auf Bibel⸗Marie, kehrte jedoch von dem bleichen, ſanften Geſichte des jungen Mädchen's, auf wel⸗ chem eine liebevolle Theilnahme zu leſen war, mit Frie⸗ den zurück. „Dank, gute Marie, Dank! Der Menſch redet bis⸗ weilen Worte, die weit von ſeinem Herzen entfernt ſind — das iſt eine ſchlimme, ſündige, unglückliche Gewohn⸗ heit... Doch ſetze Dich und ruhe aus, bis ich Dir ein paar Zeilen zur Antwort geben kann!“ Die junge Hausmutter trat in das innere Zimmer, erſtickte eine Stimme, welche zu flüſtern wagte:„traue dem Manne nicht!“ und ſetzte ſich hin, um ihre Antwort zu ſchreiben: „Sollte irgend ein Unglück. Hier hielt Conſtance inne. Nein, um in dieſem Geiſte fortzufahren, dazu gehöͤrte eine groͤßere Sicherheit, als ſie beſaß. „Wenn Sie, Herr Paſtor, meinen, daß Sie etwas mitzutheilen haben in Betreff....“ O nein, nein; es war wieder unmogüich! den Paf gefährlic ſogar ni ſenheit, in Betre Juſtus, hältniß über ihre nicht meh geweſen nicht da die Mart zulegen, und der des theue ſeiner M ihn künft als eine jeden Ta Vo dertſten zutheilen Gardine der Krün kurzes, daß ſie d nit Frie⸗ edet bis⸗ ernt ſind Gewohn⸗ ich Dir Zimmer, „traue Antwort dieſem icherheit, ie etwas 221 „Da ich nicht im Stande bin, Ihre dunklen Worte zu verſtehen...“ Tauſend Unmöglichkeiten! Sie ſtand auf, zerriß alle ihre Verſuche, und trat wieder hinaus in den Saal. „Meine beſte Marie! es iſt keine andere Antwort nöthig, als eine mündliche: grüße den Herrn Paſtor, und ſage ihm, daß er ſehr willkommen iſt!“ Als aber Marie gegangen war, da kam eine Maſſe von Vor⸗ und Nachgedanken. Vielleicht hatte ſie jetzt den Paſtor Grave beleidigt— vielleicht war er ein ſo gefährlicher Mann, wie man ſagte— vielleicht käme er ſogar nicht einmal— vielleicht machte ihre Unentſchloſ⸗ ſenheit, daß ſie gar nicht erführe, was er zu ſagen hatte in Betreff... Hier blieb ſie ſtehen. Den Namen Juſtus, welcher an das vertrauliche Verwandtſchaftsver⸗ hältniß erinnerte, konnte ſie nur mit der größten Mühe über ihre Lippen bringen, und jetzt wollte ſie ihn doch nicht mehr mit dem Namen nennen, den ſie ſo lange gewohnt geweſen war ihm zu geben, nämlich„den Heiligen“— nicht darum, weil ſie ihn jetzt, da er angefangen hatte, die Martyrerkrone zu ſeinen übrigen Eigenſchaften hinzu⸗ zulegen, für weniger heilig erachtete, aber um ihrer ſelbſt und der Zukunft und um Leonards und des Gelübdes, des theuern und unvergeßlichen Gelübdes willen, das ſie ſeiner Mutter gegeben hatte, war es am beſten, daß ſie ihn künftig ſo nannte, wie die übrigen ihn nannten.. ja als eine Art von Poͤnitenz beſchloß ſie ſogar, ihn künftig jeden Tag ein⸗ oder zweimal auch Schwager zu nennen. Von dieſen kleineren Details ging ſie aber zum hun⸗ dertſten Male zurück auf die Hauptſache, was Grave mit⸗ zutheilen haben könnte, als ſie endlich, da ſie hinter der Gardine ſtand, die magere Geſtalt des Geiſtlichen in der Krümmung des Thales erblickte. Jetzt betete ſie ein kurzes, aber inbrünſtiges Gebet, was ſie auch erführe, daß ſie dennoch nie vergeſſen möchte, daß es den Bruder 222 3 ihres Gatten, einen Mann beträfe, der nur in dieſer Ei⸗ Manne genſchaft und in der als Miſſionar ſie intereſſiren dürfte. des au r — daſſelbe die unwe Grave's Miene, Haltung und ganzes Weſen hatten„D heute etwas Ernſtes und Steifes, etwas, das nicht un⸗ Friedens deutlich einen Mann andeuten ſollte, der da weiß, daß er kommt, mißverſtanden worden iſt, der aber, an die Undankbarkeit ſucht— der Welt gewöhnt, nicht zürnt, ſondern ſeine Gefühle bei„H ſich behält.„Jc „Nicht meinetwegen komme ich,“ ſagte er—„nein, einander, um meinetwillen hätte ich nicht den Muth gehabt, die Ein⸗ züge eine ſamkeit einer zärtlichen und liebenden Gattin zu ſtoͤren.“ tzen, als „Es iſt wahr,“ ſagte Conſtance mit Faſſung,„daß fruchtbaꝛ 1 ich geſtern ſehr traurig und zerſtreut war; doch bitte ich„Ic Sie, Herr Paſtor, zu entſchuldigen, wenn vielleicht dieſe hoͤre mit Gemüthsſtimmung mich etwas vergeſſen ließ, das meine als zu d Pflicht geweſen wäre, zu beobachten!“ zeihen S Grave nickte gravitätiſch, antwortete aber nicht. chen Anl „Es würde mich beunruhigen, Herr Paſtor,“ begann„E Conſtance von Neuem,„wenn Sie den Verdacht hegten, gich rede daß mein Herz in den heiligen Dingen, worin ein Chriſt ſten, de warm ſein muß, nämlich in der Gottesfurcht und im kann, un Glauben, kaltſinnig wäre. Wer iſt ohne kummervolle Stun⸗ nerin hie den? Wer braucht nicht täglich des Gebetes um Frie⸗ chen Di den 2“ wahrlich „Den Frieden laſſe ich Euch, meinen Frieden gebe zu haben ich Euch. Nicht gebe ich Euch, wie die Welt gibt. Euer wegen be Herz erſchrecke nicht, und fürchte ſich nicht!“ fühle es Conſtance's Wange färbte ſich mit einer leichten Röthe. ALieblichke So heilig er auch war, ſo lieblich dieſer Spruch auch nahe zu von den Lippen eines andern Geiſtlichen geklungen haben Jetß würde, ſo ſchmeckte es hier allzu ſehr nach einer Kühn⸗ mußte: heit, welche verwundete anſtatt zu heilen; aber Conſtance ſie. Sig verblieb ſtill. Es war unmoͤglich, Ehrfurcht vor dieſen Abwegen eſer Ci⸗ dürfte. en hatten nicht un⸗ , daß er inkbarkeit fühle bei —„nein, die Ein⸗ ſtoͤren.“ ng,„daß bitte ich eicht dieſe as meine icht. “ begann bt hegten, ein Chriſt und im lle Stun⸗ um Frie⸗ eden gebe ibt. Euer ten Röthe. ruch auch gen haben ner Kühn⸗ Conſtance or dieſem 223 Manne zu empfinden, obgleich er der vertrauteſte Freund des Juſtus von Carleborg war. Grave's Katzenblick gewahrte Conſtance's Gefühl, und daſſelbe im Fluge erfaſſend, ſagte er mit einer Stimme, die unwillkürlich auf die Schwärmerin wirken mußte: „Der Menſch, deſſen Herz ungerührt bleibt bei dem Friedensgruße, der aus dem Munde eines Dieners Chriſti kommt, der hat entweder nie recht nach dem Frieden ge⸗ ſucht— oder er hat ihn auch ſchon verloren!“. „Herr Paſtor!“ „Ja! denn die in den Glauben Eingeweihten kennen einander, und eine wirklich chriſtliche Frau würde die Vor⸗ züge eines heiligen Umganges im Worte allzu hoch ſchä⸗ tzen, als daß ſie ihn durch Kaltſinnigkeit leer und un⸗ fruchtbar machen wollte.“ „Ich fühle mich unſchuldig zu dieſer Sünde; ich hoͤre mit Aufmerkſamkeit und habe keinen höhern Wunſch, als zu der rechten Klarheit zu gelangen.... doch ver⸗ zeihen Sie, Herr Paſtor, wenn ich Sie an den eigentli⸗ chen Anlaß ihres Hierſeins erinnere!“ „Ewiger Gott!“ rief Grave mit tiefem Abſcheu aus, gich rede von dem heiligen Umgange im Worte, dem Hoͤch⸗ ſten, dem Herrlichſten, das glaubigen Seelen widerfahren kann, und dieſe junge Frau, die ich für Deine treue Die⸗ nerin hielt, antwortet mir mit einer Frage nach weltli⸗ chen Dingen! O, der Beruf des Lehrers iſt ſchwer, ja, wahrlich ſchwer: er hofft einen verwandten Geiſt getroſſen zu haben, und findet nur einen lauen, untreuen, auf Ab⸗ wegen befindlichen Menſchen, einen Menſchen, der— ich fühle es nun von ferne— ſeit vielen Tagen nicht die Lieblichkeit geſchmeckt hat, Dir, mein Herr, im Gebete nahe zu ſein!“ Jetzt zitterte Conſtance ſo heftig, daß ſie ſich ſetzen mußte; die Peſtluft der Frömmelei und Leſerei umſchwebte ſie. Sie machte ſich die Vorſtellung, daß ſie wirklich auf Abwegen wäre, und beinahe hätte ſie in der augenblick⸗ 224 lichen Erſchütterung den ganzen bedauernswürdigen Zu⸗ ſtand ihres Herzens dem liſtigen, berechnenden Heuchler dargelegt; doch ein Gedanke an die voͤllige Abhängigkeit, worein ſie dadurch kommen würde, hielt ſie zurück— es war ein Sieg der Vernunft, oder vielleicht eher ein Sieg des Stolzes über den Fanatismus. Ihre Bruſt war in der ſchrecklichſten Bewegung; ſie war wie betäubt. Da zog der Verſucher an einer andern Schnur in der geheimnißvollen Maſchinerie, die er ſo ſehr gewohnt war zu behandeln. „O jammere, mein Herz, und erſäufe Dich in Thrä⸗ nen! verbirg Dich, wenn Dein Bruder in Chriſto, er, der dieſe Mitchriſtin unter die Schafe in ſeiner Heerde zählte, kommt und fragt:„Wo iſt ſie? Haſt Du als ein redli⸗ cher Freund Deine Hand über mein Eigenthum gehalten, während ich ferne war in meinem Auftrage? Finde ich ſie noch eben ſo eifrig in Gottes Sache, eben ſo feſt und beſtändig im Glauben, eben ſo rein und lieblich vor dem Herrn und ſeinem geringen Diener, als da ich ſie ver⸗ ließ?“. O, mein Herz, mein Herz, was willſt Du darauf antworten! Zieh über Dich eine ſchwarze Decke, denn Deine Lippen müſſen ſchweigen: das Schaf hat ſich getrennt von der Heerde— es iſt verloren! der Hirt hoͤrt ſeine Stimme nicht mehr, denn dieſe Stimme hat jetzt einen andern Ton, welcher verwandt iſt mit den ſündigen Stimmen der Weltmenſchen! 1 „Nimmermehr,“ entgegnete Conſtance begeiſtert, doch auf eine andere Weiſe, als Grave berechnet hatte,„nim⸗ mermehr wird der Hirt, zu deſſen Herde meine Seele ſich einmal zählte, mich ſo hart richten: er kennt mein Herz und weiß, daß es, einmal geheiligt in feſtem Glauben, nie des Meiſters vergeſſen kann, den er mich anbeten lehrte!“ Ein widriges Lächeln, ein Lächeln, das einem Engel des Abgrundes nicht übel angeſtanden haben würde, theilte Grave's fürchterli gewurzelt empfand, Conſtance durch die zu peinig „Ich mein geiſ gewieſen nahme— allzu heili Ich will Beſuches Conf Theilnahr wie eine Grave al Deine Ar den Fußb „Als legte er- Hochmuth dar, von bungen er Grat „Ich dem Siege vertraute; ich auf e Eine Nach Hirt hoͤrt hat jetzt ſündigen ert, doch 2,„nim⸗ zeele ſich ein Herz Glauben, anbeten m Engel e, theilte 225 Grave's Lippen— es war die Eiferſucht, welche es ſo fürchterlich machte. Er ſah die Macht des Juſtus ſo feſt gewurzelt, daß keine Gewalt ſie auszureißen vermochte; aber er ſah auch, daß der Charakter dieſer Frau ſich nicht biegen, keinem andern Meiſter unterthänig ſein, mit einem Worte: ihre Seele nicht theilen wollte. Die Qualen, welche der ſündige Wollüſtling hiebei empfand, lehrten ihn einen neuen Ausweg erfinden, um Conſtancen, wo nicht zu unterjochen, ſo doch wenigſtens durch die Mittheilungen, welche er erfunden hatte, doppelt zu peinigen, um ſie in ſeine Hände zu bringen. „Ich ſehe,“ ſagte er mit verletztem Gefühle,„daß mein geiſtlicher Eifer heute eben ſo verhöhnt und zurück⸗ gewieſen wird, wie geſtern meine freundſchaftliche Theil⸗ nahme— hoͤren wir alſo auf mit Gegenſtänden, welche allzu heilig ſind, um ein Ziel der Gleichgültigkeit zu ſein! Ich will mit einigen wenigen Worten die Abſicht meines Beſuches darthun!“ Conſtance konnte es nicht hindern, daß das Blut ihre Theilnahme an dieſem Gegenſtande kundthat: ſie ſaß wie eine wirkliche Sünderin mit geſenkten Blicken da. Grave aber dachte:„Warte, Du ſchöne Sirene! ich will Deine Augen ſchon oͤffnen und zwingen, mich und nicht den Fußboden anzublicken!“ „Als der junge Miſſionar in mein Haus kam, da legte er— und zwar mit Recht, denn er war nicht voller Hochmuth— ſein Herz entblößt dem Freunde in Chriſto dar, von welchem er Rath und Hülfe bei ſeinen Beſtre⸗ bungen erwartete!“ Grave hielt ein wenig inne; noch blieb gleichwohl Conſtance's Auge geſenkt. „Ich habe nicht das Recht, zu verrathen, was er unter dem Siegel der Freundſchaft und des Schweigens mir an⸗ vertraute; doch wegen der beabſichtigten Ueberlegung muß ich auf ein gewiſſes ſchmerzhaftes Verhalten hindeuten. Eine Nacht am Bullarſee. II. 15 226 Dieſer geliebte und liebliche Jünger war von dem Satan gar ſehr verſucht worden— er hatte, um in weltlicher Sprache zu reden, ein Frauenzimmer kennen gelernt, und hing mit allzu heftiger und ſtarker Liebesflamme an ihr. Aber ſein Vorſatz war ſtark wie ſeine Seele; lieber, als daß er ſeinem himmliſchen Berufe entſagte, lieber ent⸗ ſagte er— Judith!“ „Judith!“ ſagte Conſtance unwillkürlich nach, und ihre Augen erhoben ſich wie Grave vorher geſehen hatte, während die Farbe von ihren Wangen gänzlich verſchwand —„Judith?“ „Warum, Schweſter in Chriſto— wenn ich noch ſo agen darf— weckt dieſer Name eine ſolche Verwunde⸗ rung?“ 3 Keine Verwunderung, nein— aber ich wußte nicht ... ich glaubte nicht, daß die hohen Gedanken des Miſ⸗ ſionars ſich in die Irrthümer dieſer Welt herabgeſenkt hätten.“ „Kein von einem Weibe geborner Menſch entgeht der Verſuchung: er war mehr als Menſch, und wenn man nach den unglücklichen und wahnfinnigen Eraltationen ſchließen darf, denen er ſich bisweilen überließ, ſo muß die Macht dieſer Judith über alle Beſchreibung geweſen ſein. Ich erſchrak, ich weinte über den Unglücklichen, wenn dieſe vom Satan geſendeten Paroxysmen über ihn kamen — und dennoch fühlte ich mich zum Mitleiden gerührt, denn es gibt Frauenzimmer von, wenn ich ſo ſagen darf, ſo übermenſchlicher Schönheit, daß ſie den Alllerheiligſten verwirren koͤnnen, wenn der Verſucher zu dem Herzen ſelbſt Zutritt erhält; und nach den Beſchreibungen, die in der Fieberhitze ſeinen Lippen entgingen, war dieſe Judith ein ſolches Frauenzimmer.“ „Dieſe Beſchreibung... dieſe...“— „Gott mag mich behüten, daß ich nur das kleinſte dieſer Worte, voll von einer ſündigen und glühenden Lei⸗ denſchaft wiederholen ſollte! Nein, ſei es ferne von mir, über den jenigen, terlichſten bedeckte, die Frage lichen Geg „Vie den Brief ein Ueber mich nicht daß ich ve Nacht.. ruhige?“ „Ne „Wie Egoismus wecken!. erwarten auf einem Satan veltlicher rnt, und an ihr. ber, als ber ent⸗ ch, und en hatte, rſchwand noch ſo erwunde⸗ ßte nicht des Miſ⸗ abgeſenkt entgeht enn man ltationen ſo muß geweſen en, wenn n kamen gerührt, gen darf, heiligſten zen ſelbſt ie in der udith ein s kleinſte nden Lei⸗ von mir, 227 daß ich mich nur der Schilderung dieſer verführeriſchen Reize entſinnen ſollte, die ſeinen Verſtand verwirrt und ihn in Feſſeln gelegt haben!“ „Hatte er... hatte er dieſe.... Judith.... lange gel... geliebt?“ „Er ſagte nie etwas über die Zeit, auch nie etwas über den Ort, wo er ſie geſehen hatte; doch aus dem⸗ jenigen, was ich ſchließen konnte, erhielt er den heftigen und entſcheidenden Eindruck etwa um die Zeit, da er die Prieſterweihe erhielt. Doch kann ich es nicht ganz be⸗ ſtimmt ſagen; vielleicht war es auch ſchon früher, denn ich müßte mich ſonſt ſehr über die Unſchlüſſigkeit wundern, womit er ſo lange eine Lebensbahn erwog, die ihm ohne Zweifel von Gott beſtimmt war.“ Conſtance litt während dieſer Mittheilungen die fürch⸗ terlichſten Qualen. Sie fühlte, daß Finſterniß ihre Seele bedeckte, und nur mit gewaltiger Anſtrengung preßte ſie die Frage hervor, was dieſe Mittheilung mit dem eigent⸗ lichen Gegenſtande des Beſuches zu thun hätte. „Viel, ja, allzu viel hat ſie damit zu thun, weil in den Briefen, die der junge Miſſionar mir ſchreibt, ſich ein Uebergang in Ideen und Gedanken ausſpricht, der mich nicht allein in Erſtaunen ſetzt, ſondern auch macht, daß ich vor Furcht zittere. Sein Leben iſt während einer Nacht.... doch ich fürchte, daß ich allzu ſehr beun⸗ ruhige?“ „Nein, nein, nicht im Geringſten!“ „Wie?— nicht im Geringſten 2... O, verſtockter Egoismus! kann denn nur das eigene Ich Intereſſe er⸗ wecken!... Ich ſchweige; denn wo keine Theilnahme zu erwarten iſt, dort ſind auch meine Worte verloren!“ „Ich nehme herzlichen, ja ſehr großen Antheil an dem Schickſale meines Schwagers; aber ich wollte ſagen, daß ich Kraft beſitze.“ „Wohl! Sein Leben wäre in einer Nacht beinahe auf einem der unzugänglichſten Berge in Lappland er⸗ 228 loſchen, wohin ſein edler und großer Eifer ihn getrieben zes, der hatte, um einen Verbrecher aus dem Abgrunde der Ver⸗. ſtances L dammniß zu erretten. Was ſoll ich weiter ſagen?— daß Leon Mein Schmerz findet keine Worte... Mir iſt es, als„W wenn, da ſeines Lebens geſchont wurde, ſtatt deſſelben et⸗ faͤhrliche was anderes erloſch: Hitze und Kälte kamen in zu nahe daß es h Berührung; die bis zu der Höhe des Wahnſinnes geſtei⸗ Menſchen gerte Leidenſchaft, welcher er mit aller Kraft ſeines Gei⸗ ſeine Eh⸗ ſtes entgegenarbeitete, hat nun in der wilden Einſamkeit dieſem C eine entſetzliche Frucht getragen..„Wenn Sie mich nicht der Scht verſtehen, ſo kann ich mich nicht näher erklären!“ davon ſa Wenn Conſtances Seele ſtark war, ſo wurde jetzt ter das; dieſe Stärke durch die ſchändlichen und betrügeriſchen Um⸗ in Chriſ ſtände geprüft, welche der Heuchler aufführte. Juſtus und alſo von Carleborg, dieſer Mann, welcher ſie ehrte und an⸗ Nein, betete, welcher ſie über Alle geſetzt hatte— er durch die Wir Bei gewaltſame Kraft einer irdiſchen Liebe ſeiner Sinne be⸗ wir zuſa raubt! Und dieſe Judith, dieſe verabſcheuete Judith!... Vorhaber Conſtance wäre beinahe unter dem Uebermaße aller Ge⸗ gethan; fühle, welche ſie jetzt beſtürmten, ohnmächtig zu Boden len, wel geſunken. Aber der Stolz und die Eiferſucht ſtärkten ihre jedoch ni Kraft; ſie ſaß aufrecht da, und weil ſie nicht zu ant⸗ denn da worten vermochte, ſo nickte ſie auf das Fragezeichen, wel⸗ Con ches deutlich in ſeinem falſchen Auge zu leſen ſtand, und„Auf we welches ſagen wollte: verſtehſt Du mich? „Aber nicht genug hiemit, ach, bei weitem nicht beten kar genug!— er hat eine Inſpiration gehabt, welche nicht werden, allein für ihn ſelbſt, ſondern auch beſonders für das An⸗ helfen. ſehen des Miſſionsweſens äußerſt nachtheilig werden muß; laſſet un er will nämlich in ſeinem jetzigen bedauernswürdigen Zu⸗ auf daß ſtande ohne Abſchied von Mutter und Geſchwiſtern ſich verirrten ſogleich auf ſeine große Reiſe nach Afrika begeben— und Und brauche ich wohl zu ſagen, daß, wenn ſolches geſchieht, Inſpiratt wir nie etwas von dem Unglücklichen wieder vernehmen und wink werden?“ erde, ſe Ein Laut des angſtvollſten Schmerzes, eines Schmer⸗ Die getrieben der Ver⸗ gen?— es, als elben et⸗ zu nahe s geſtei⸗ nes Gei⸗ inſamkeit nich nicht rde jetzt chen Um⸗ Juſtus und an⸗ durch die inne be⸗ dith 1... iller Ge⸗ u Boden kten ihre t zu ant⸗ hen, wel⸗ und, und tem nicht che nicht das An⸗ den muß; iigen Zu⸗ ſtern ſich n— und geſchieht, vernehmen Schmer⸗ 229 zes, der ſich nicht länger unterdrücken ließ, entflog Con⸗ ſtances Lippen.„Was— was können wir thun 7... O, daß Leonard zu Hauſe wäre!“ „Was hoͤre ich? Sollte mein Vertrauen in ſo ge⸗ faͤhrliche Hände gefallen ſein? Bedenken Sie, junge Frau, daß es hier nicht allein die ganze günſtige Exiſtenz eines Menſchen gilt, ſondern auch ſein äußerliches Anſehen und ſeine Ehre!.. Laſſen Sie nur ein einziges Wort von dieſem Geheimniß herauskommen, und es wird ſich mit der Schnelligkeit des Windes verbreiten! Ich will nichts davon ſagen, daß dieſe traurige Vermuthung ſeiner Mut⸗ ter das Leben koſten könnte— bedenken Sie, Schweſter in Chriſto, es könnte ihm ſelbſt ſein geiſtliches Amt koſten und alſo für ewig ſein unglückliches Schickſal vollenden! Nein, keine Mittheilungen an irgend einen Menſchen! Wir Beide, ſeine wahren Freunde, ſind hinreichend, wenn wir zuſammen wirken. Was von äußeren Kräften ſeinem Vorhaben entgegengeſetzt werden kann, das habe ich ſchon gethan; denn ich habe geweigert, das Kapital auszuzah⸗ len, welches er bei mir ſtehen hat. Das Uebrige beruht jedoch nicht allein auf mir— nein, nicht allein auf mir, denn da würde ich ruhig ſein.“ Conſtances Angſt hatte ihren hoͤchſten Gipfel erreicht. „Auf wem beruht es denn?“ „Auf dem, der am wärmſten, treuſten, anhaltendſten beten kann; Gebete, nur Gebete können hier angewendet werden, denn nur Gott, einzig und allein Gott kann helfen. So laſſet uns denn beten, Schweſter in Chriſto! laſſet uns auf unſre Knie fallen und mit einander beten, auf daß unſre Gebete doppelt kräftig für die Seele des verirrten jungen Miſſionars wirken mögen!“ Und als wäre er von einer ploͤtzlichen und mächtigen Inſpiration ergriffen, warf ſich Grave auf ſeine Kniee und winkte Conſtance mit einer beinahe gebietenden Ge⸗ berde, ſeinem Beiſpiele zu folgen. Die ſchon zu ſo großer Hoͤhe getriebene Ueberſpan⸗ 230 nung legte ſie immer mehr in ihre Feſſeln; ſie betete mit bethränten Augen, mit brennenden Lippen, mit brennen⸗ dem Blute— und Grave, der laſterhafte Prieſter, betete in ſeinem ſchwarzen Herzen, daß ſie recht lange in dieſer entzückenden Stellung verbleiben möchte, denn dieſelbe gab ihm unter ſeiner vermeinten Andacht Gelegenheit, mit ſeinen unheiligen Augen ihre Schönheit zu verſchlingen. Und Conſtance vergaß alles und blieb lange verſenkt in die tiefſte Andacht, um Gottes Schutz auf ihn herab zu rufen. Als ſie ſich endlich erhob, da lag Grave noch mit dem Haupte auf die Hand geſenkt, deren Fingergatter ihm als Fenſter gedient hatte. Jetzt aber fand auch er, daß es Zeit ſei, mit der Andacht aufzuhören; er ließ einen goͤttlichen Schimmer, einen gläubigen, ſcheinenden Frieden anf ſein Antlitz herabgleiten, und langſam aufſtehend ſagte er mit einer prophetiſchen, glückwünſchenden Stimme: „Fromme Schweſter! ich fühle, daß mein Geiſt in dem Vorhofe des Himmels geweſen iſt— mir iſt vieles offen⸗ baret worden! Sein Sie guten Muthes! Eine Betſtunde wie dieſe iſt von unermeßlichem Werthe— der verirrte junge Mann wird in weiter Ferne in den Felsgebirgen Lapplands die Wirkung derſelben in ſeinem Herzen em⸗ pſinden!“ Conſtance vermochte nicht zu antworten; die heftigen Scenen hatten ſie ermattet; ſie ſaß ſtumm und faſt unbe⸗ weglich auf ihrem Stuhle und ſtarrte Grave an. Dieſer aber ſah ein, daß er für heute genug ausgerichtet hatte. „Ich ſehe, daß die heilige Macht des Gebetes Sie angegriffen hat, junge Frau— ach, das iſt ein gutes Zeichen! Nach ſtarker Betrübniß kommt der Sonnenſchein der Liebe und ſchmelzt den Schmerz; ſein Sie nur feſt im Glauben, und die Hoffnung wird nicht zu Schanden ma⸗ chen!... Leben Sie wohl, Schweſter in Chriſto! Moͤchte dieſe Judith, welche ſo vieles Herrliche in einem der Edel⸗ ſten unter den Menſchen zerſtoͤrt hat, moͤchte auch ſie ſo beten kön es wohl, Ein Grave, und ſagte men zur Werke, zu erloͤſen Con vorzubrir ten Krür ſtaden de Gott, ri hatte; l mal zu der Erle Judith! nendes 2 nichtet h nicht me ſein, un Vo hin und von den und als der Kan ttete mit brennen⸗ r, betete in dieſer dieſelbe heit, mit lingen. verſenkt hn herab ave noch gergatter auch er, ließ einen Frieden end ſagte Stimme:; t in dem les offen⸗ Betſtunde rverirrte sgebirgen azen em⸗ e heftigen faſt unbe⸗ . Dieſer btet hatte. betes Sie ein gutes nnenſchein ur feſt im inden ma⸗ 8! Möchte der Edel⸗ uuch ſie ſo 231 beten können!... Ach, ſie, die ſchöne Sünderin, bedürfte es wohl, mit zehnfacher Kraft beten zu koͤnnen!“ Ein Fieberſchauer in Conſtances Gliedern überzeugte Grave, daß das Gift wirkte; er aber heuchelte lieblich, und ſagte fromm bittend:„Darf ich morgen wieder kom⸗ men zur Fortſetzung unſers heiligen Werkes, dem ſchoͤnen Werke, eine Seele aus den ſtarken Feſſeln der Finſterniß zu erldſen?“ Conſtance vermochte nur ein unſicheres„Dank!“ her⸗ vorzubringen; und erſt als Grave ſchon längſt in der letz⸗ ten Krümmung des Thales verſchwunden war, löſte ſich das um ihr Herz feſt zugeſchnürte Band; ihre brennenden Augen konnten ſich in einer Thränenfluth abkühlen, ihre Bruſt konnte ihre Qual in tiefen, langen Seufzern aus⸗ athmen— es war eine augenblickliche Linderung, doch nicht mehr. Sie floh zu den verborgenſten Winkeln an den Ge⸗ ſtaden des Bullar⸗Sees; hier, ohne andere Zeugen als Gott, riß ſie alle Wunden auf, die Grave ihr geſchlagen hatte; hier ſchlug ſie ſelbſt ſich neue, indem ſie tauſend⸗ mal zu ſich felbſt ſagte:„Dein Elend iſt ſo groß, daß der Erloͤſer Deinen Klageruf nicht hoͤren kann!. Judith, Judith! wo biſt Du? Meine Seeie empfindet ein bren⸗ nendes Bedürfniß, Dich zu vernichten, wie Du ihn ver⸗ nichtet haſt!... Doch was ſage ich? wie raſe ich? Hat nicht mein Herr und Meiſter uns geboten, verſöhnlich zu ſein, unſre Feinde zu ſegnen?“.... Von der Religion, der Leidenſchaft und der Eiferſucht hin und hergeriſſen, wurde Conſtances Seele wie ein Ball von den drei Mächten bald hierhin, bald dorthin geriſſen; und als die Sonne hinter den Bergen herabſank, da war der Kampf immer noch nicht ausgekämpft. 232 Fänfundzwanzigſtes Kapitel. An demſelben Abende ſchrieb Grave an Juſtus von Carleborg folgende Antwort auf den letzten Brief deſſelben: „Bruder! „Ich habe abſichtlich eine Zeit verfließen laſſen, ehe ich an die Erfüllung der Forderungen der Freundſchaft und der Pflicht gegen Dich ging. Du erräthſt wohl, daß der Grund dazu in der Betruͤbniß meines Herzens gelegen hat, und läugnen kann ich nicht, daß Du dieſes Herz grauſam und hart verletzt haſt, da Du den Nutzen und die Rein⸗ heit des von mir ertheilten Rathes verkannteſt. „Es ſei ferne von mir, mich für unfehlbar zu halten — nein, beſſer habe ich ihn aufgefaßt, deſſen Lehre De⸗ muth iſt— ſondern ich rieth nur nach meiner Ueberzeu⸗ gung, als Dein einziger wahrer Freund, als ein Mann mit langer, bitterer Welterfahrung. Du haſt dieſen Rath verworfen; Du glaubſt Dich ſelbſt genug geprüft und ge⸗ reinigt zu haben; ſo thue denn, wie Du willſt, folge der Macht des Geiſtes, welcher Dich beherrſcht— ich werde nicht klagen, denn das Schickſal des Menſchen ſteht dort oben in dem Buche des Lebens geſchrieben.... Dein Schickſal wird in Erfüllung gehen! „Aber hüte Dich, beeile es nicht— ‚Irret euch nicht, Gott läßt ſich nicht ſpotten. Denn was der Menſch ſäet, das wird er erndten. Wer auf ſein Fleiſch ſäet, der wird von dem Fleiſch das Verderben erndten. Wer aber auf den Geiſt ſäet, der wird von dem Geiſt das ewige Leben erndten.“ Hüte Dich, Bruder! hüte Dich; entſchließe Dich nicht, bevor Deine Seele noch einmal reiflich die Frucht Deines Willens geprüft hat!“ . „W zen prop die Sünd die Kur heit wier Da iſt und ich nämlich iſt es ſo ſchehen rein und reſt; der der Her barkeit dem He dienen, begonne daß ſein daß Du des Her Du biſt was ka haben? ringen kann es großen ganz De wiederur Du Di ſters, Deiner „8 ſchaft- Jahren, kelmüth daß ein uſtus von deſſelben: n, ehe ich chaft und „daß der legen hat, grauſam die Rein⸗ zu halten Lehre De⸗ Ueberzeu⸗ ein Mann eeſen Rath t und ge⸗ folge der ich werde ſteht dort Dein uch nicht, enſch ſäet, „der wird aber auf dige Leben entſchließe eiflich die 233 „Wenn Du nicht, wie ich letzthin mit blutendem Her⸗ zen prophezeiete, in die gefährlichſte von allen Sünden, in die Sünde der Sicherheit gefallen biſt, ſo bekenne ich, daß die Kur, welche Dir ſo unvermuthet die geiſtige Geſund⸗ heit wiedergegeben hat, von großer Wunderbarlichkeit iſt. Da iſt die Hand des Allerhöchſten über Dich gekommen, und ich bin jetzt auch geneigt, ſolches zu glauben, wenn nämlich Dein guter Geſundheitszuſtand fortdauert— und iſt es ſo, Bruder, daß mit Dir ein ſolches Wunder ge⸗ ſchehen iſt, ſo gieb genau Achtung darauf, daß Du Dich rein und feſt im Glauben und ſtark in der Kraft bewah⸗ reſt; denn ſtrauchelſt Du nun wieder, ſo fürchte ich, daß der Herr ſein Angeſicht abwendet. Beweiſe Deine Dank⸗ barkeit durch Deine Handlungen, beweiſe Deinen Eifer dem Herrn, welcher Dich geſucht und getröſtet hat, zu dienen, daß Du die Aufträge vollendeſt, welche Du ſchon begonnen haſt, ehe Du zu neuen Werken eilſt! Zeige ihm, daß ſein Geiſt mächtig iſt in Deinem unruhigen Körper, daß Du Herr über ihn biſt, und daß Du zu der Ehre des Herrn in getreuer Arbeit für ſein Reich bleibſt, wo Du biſt! Denn— ich frage Dich auf Dein Gewiſſen!— was kannſt Du wohl in dieſer kurzen Zeit ausgerichtet haben? kann wohl Dein Meiſter zufrieden ſein mit der ge⸗ ringen Arbeit, die Du bis jetzt gethan haſt? Nein, er kann es nicht! Faſſe Muth, mein Bruder! laß Deinen großen Plan noch ein Jahr ruhen, und widme daſſelbe ganz Deiner jetzigen Miſſion; denn glaube mir: zeigſt Du wiederum Deine gewoͤhnliche Wankelmüthigkeit, ſo zeigſt Du Dich nicht allein des liebreichen Schutzes Deines Mei⸗ ſters, ſondern auch der Achtung Deiner Vorgeſetzten und Deiner Freunde, ja Deiner eigenen Achtung unwürdig. „Ich rede ſtrenge, aber es iſt die Sprache der Freund⸗ ſchaft— wirf einen Blick zurück auf die lange Reihe von Jahren, während welcher Du ein Spielball Deiner wan⸗ kelmüthigen Laune geweſen biſt, und Du wirſt erſchrecken, daß ein ſo großes und unfruchtbares Feld todt hinter Dir 234 liegt. Aber noch iſt nichts verloren, wenn Du Dich nur recht feſthälſt an dem Fuße des Kreuzes, nicht nur mit Gebet, ſondern auch mit einem ſtarken, unbeſieglichen Arm, der ſich nicht will losreißen laſſen! Nein, Bruder! noch iſt nichts verloren, denn von Dir, einzig und allein von Dir hängt es ab, daß die folgenden Jahre eine dop⸗ pelte Erndte geben, und Du wirſt das können; Dein Mannesalter wird mit ſchöͤnen Werken die ausſchweifenden Träume Deiner Jugend vergelten— was ſage ich: ver⸗ gelten 2... nein, es wird dieſelben krönen, damit auch ſie auf dieſe Weiſe eine gute Frucht tragen. „Aber, Bruder, Freund, Sohn!— Du biſt mir ſo theuer, daß mein Herz Dir alle dieſe Benennungen geben muß— glaube nicht, ſage ich, daß alle dieſe ſchönen Werke von ſelbſt erwachſen.... nein, ſie erwachſen nur durch eine treue und gute Arbeit nicht allein in dem Ge⸗ danken, ſondern auch in der Wirklichkeit. „Dir ekelt— ich kenne Dich— vor allem Häßlichen, Nackten und Oeden, das Dich umgibt; Dir ekelt vor der Natur und den Menſchen; Du wirſſt Dich heute in Ge⸗ fahren, um Deine Nerven zu reizen, und morgen ſchauſt Du jede Arbeit, um Dich entweder in unnützen Grübe⸗ leien über die Undankbarkeit Deiner Arbeit zu begraben, oder in entzückenden Träumen von den ungeſchnittenen Lor⸗ beeren zu ſchwärmen, welche für Dich in den Heidenlän⸗ dern wachſen. Beides iſt gleich unglücklich, gleich ſündig; keine Arbeit für den Herrn iſt undankbar, auch wenn die Keime der ausgeſtreuten Samenkörner nicht ſo ſchnell ſprie⸗ ßen; dagegen iſt es undankbar, und auch eines Menſchen mit voller Kraft unwürdig, dieſe ſeine Kraft in weichlichen Träumen wegzuwerfen— merke, mein Bruder! ich ſage: in weichlichen Träumen; denn welche Leiden Dich auch in einem Traume treffen koͤnnen, ſo ſind dieſelben doch nie etwas anderes, als Geburten oder Mißgeburten einer un⸗ ruhigen Einbildung. „Jetzt biſt Du in der Ausübung des Berufes, nach welchem Platze, und zu ich ausg ſtrebens! danken, ich wirk zu der z Tag, de ſei ſo, vielleicht rika abr Herbſte! gekomme chen der heit Der Du der „U die chrit hinzuzuf weltliche ſein ſoll in eiger aufforde auch üb lieren; Deine „O Nacht und De Lippen Dich nur nur mit eſieglichen Bruder! ind allein eine dop⸗ n; Dein weifenden ich: ver⸗ t auch ſie iſt mir ſo gen geben e ſchönen ichſen nur dem Ge⸗ Häßlichen, t vor der te in Ge⸗ en ſchauſt Grübe⸗ begraben, tenen Lor⸗ Heidenlän⸗ h ſündig; wenn die nell ſprie⸗ Menſchen veichlichen ich ſage: ch) auch in ndoch nie einer un⸗ ffes, nach 235 welchem Du lange geſtrebt haſt. So bleibe denn an dem Platze, welchen Du ſelbſt wählteſt, bis Du zu Dir ſelbſt und zu Deinen Brüdern ſagen kannſt: ‚Seht hier, was ich ausgerichtet habe— dies iſt die Frucht meines Be⸗ ſtrebens! Jetzt iſt mein Herz erfüllt von dem ſeligen Ge⸗ danken, daß meine erſte Miſſion demjenigen, deſſen Werk ich wirke, einen Gewinn eingetragen hat, und gehe nun zu der zweiten! „O, mein Bruder, welch ein ſeliger, himmliſch ſeliger Tag, da Du ſo ſagen kannſt! Sei getreu, ſei anhaltend, ſei ſo, wie ein von Gott berührter Geiſt ſein muß, und vielleicht wirſt Du ſchon im nächſten Frühlinge nach Af⸗ rika abreiſen können! Doch denke nicht daran in dieſem Herbſte! es wäre ungerecht gegen diejenigen, zu denen Du gekommen biſt, und äußerſt undankbar gegen den Wink, wel⸗ chen der Meiſter ſelbſt Dir gegeben hat, um die Geſund⸗ heit Deiner Seele zu bewahren! Und er ſprach:„Wirſt Du der Stimme des Herrn, Deines Gottes, gehorchen, und thun, was recht iſt vor ihm, und zu Ohren faſſen ſeine Gebote und halten alle ſeine Geſetze; ſo will ich der Krankheit keine auf Dich legen, die ich auf Aegypten ge⸗ legt habe; denn Ich bin der Herr, Dein Arzt!’ „Und nachdem ich nun die Pflicht der Freundſchaft und die chriſtliche Pflicht erfüllt habe, ſo habe ich nichts weiter hinzuzufügen, als daß Du überzeugt ſein kannſt, daß Deine weltlichen Mittel in ſicherer Hand ſind, und daß ſie bereit ſein ſollen, ſobald Du ihrer bedarfſt, ſelbſt wenn Du nicht in eigener Perſon kommſt, wozu ich Dich nicht weiter auffordern will, weil es Dir ſo ſehr zuwider iſt. Ich will auch über einen gewiſſen Gegenſtand kein Wort weiter ver⸗ lieren; denn dieſes dürfte jetzt nicht dienlich ſein, da Du Deine Kur von einer andern Seite aufgefaßt haſt. „Gottes Friede ſei mit Dir, theurer Bruder! Tag und Nacht will ich arbeiten, damit Dein Werk vorwärts gehe, und Deine Ohren ſich den Worten öffnen, die von den Lippen des Geringſten unter den Geringſten gegangen ſind. 236 wie ſehr ſehnt ſich meine Seele darnach! Grave.“ Nachdem Grave dieſe Schlinge ausgelegt hatte, von welcher er mit vollkommener Kenntniß ſeiner Macht über den Schwärmer mit Sicherheit hoffte, daß ſie dieſen nicht nur bis zum Herbſte, ſondern auch bis zum folgenden Frühlinge in Lappland zurückhalten würde, fühlte er ſich ruhig und zufrieden. Weit entfernt, den armen Miſſionar aus ſeiner Hand gelaſſen zu haben, hatte er ihm nur eine kleine Freiheit geſtattet und mit der Weisheit eines klugen Mannes zu gleicher Zeit ſein eigenes Werk geſchützt, wel⸗ ches er noch eine Zeit lang ruhen laſſen mußte, ehe er es in Bewegung ſetzen durfte. Wäre aber ſeine eigene, wahn⸗ ſinnige Leidenſchaft nicht mit in das Spiel gekommen, ſo würde er dieſes Werk nie ſchnell genug haben antreiben können. Jetzt aber befahl er demſelben, ſtille zu ſtehen, damit er nachdenken konnte, ob nicht daneben, oder im Austauſche dafür noch andere Vortheile zu gewinnen ſein könnten. Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Während der folgenden Tage ſetzte Grave ſeine Be⸗ ſuche im Nirenthale fort, woſelbſt er dadurch, daß er täglich die Doſis des Giftes vergroͤßerte, Conſtance in be⸗ ſtändiger Spannung hielt. Wollte bisweilen das Nach⸗ denken oder die Vernunft einen Einwurf machen, ſo wurde ſte durch die Herrechnung des unendlichen, unerhörten Un⸗ glückes, welches ſie durch eine Unvorſichtigkeit über die „Verzeuch nicht zu lange mit Deiner Antwort— ach, Zukunft blicklich koͤnnte ni werden. er in Br Verirrten Gebete E Allerhöch er ihn i Menſchhe Sol Conſtance wollen w jetzt ſtan ſpielte. ihre finf und daß ſpielt; u daß ſie e — näml ganzen U ſie ſich d unterwar denjenige er ihr zu denn bei abwechſer ſich ſelbi möchte- feln, da An wiederun Werk ge quälten Geiſt, Bewegur rt— ach, g.“* atte, von acht über eſen nicht folgenden te er ſich Miſſionar nur eine es klugen ützt, wel⸗ ehe er es ne, wahn⸗ nmen, ſo antreiben zu ſtehen, oder im innen ſein ſeine Be⸗ , daß er nce in be⸗ das Nach⸗ ſo wurde örten Un⸗ über die 237 Zukunft des jungen Miſſionars herabziehen könnte, augen⸗ blicklich zum Schweigen gebracht; denn dieſe Zukunft köͤnnte nur durch Gebet, Schweigen und Klugheit gerettet werden. Es verſteht ſich, daß Grave auch erzählte, wie er in Briefen die Finſterniß zu verjagen ſtrebte, welche den Verirrten umgab, und wie er mit Hülfe ihrer vereinten Gebete Seufzer und Anrufungen um den Beiſtand des Allerhöchſten vollkommen überzeugt zu ſein glaubte, daß er ihn retten und ſich ſelbſt und der hoͤchſten Sache der Menſchheit zurückgeben könnte. Sollte es jemanden als unglaublich vorkommen, daß Conſtances Vernunft dieſe Betſtunden geſtatten konnte, ſo wollen wir nur anmerken, daß auf dem Punkte, wo ſie jetzt ſtand, die Vernunft eine ſehr uutergeordnete Rolle ſpielte. Das Schauderhafte in der Leſerei iſt eben, daß ihre finſtern Myſterien die Vernunft überflüſſig machen, und daß darin nur der Glaube eine Rolle von Bedeutung ſpielt; und Conſtances Unglück war für den Augenblick, daß ſie einen Theil ihrer großen, unermeßlichen Schuld — nämlich daß ſie die Qualen der Eiferſucht in ihrem ganzen Umfange empfand— abzubezahlen vermeinte, wenn ſie ſich der, ihr weibliches Gefühl beleidigenden Poͤnitenz unterwarf, mit einem Manne, den ſie verabſcheuete, für denjenigen zu beten, für welchen ſie trotz der Qualen, die er ihr zugefügt hatte, am liebſten allein gebetet hätie; denn bei dieſen beſondern Stunden der Andacht betete ſie abwechſelnd das eine Gebet für ihn und das zweite für ſich ſelbſt, daß Gott ihre eigenen Gebete ihr verzeihen möchte— doch die Wunderkraft des Gebetes zu bezwei⸗ feln, das konnte einer Leſerin gar nicht einfallen. An einem Nachmittage aber, da auf Graves Betrieb wiederum eine gemeinſchaftliche Erbauung für das gute Werk gehalten wurde, als eben Conſtance aus der ge⸗ quälten Bruſt ihre Gebete hervorpreßte, und er, der boͤſe Geiſt, mit unreinen Blicken ihre Geſtalt und alle ihre Bewegungen betrachtete, während ſeine fanatiſchen Lippen 238 fanatiſche Worte murmelten, wurde die Thüre geöffnet, und vor den Knienden ſtand als ein Herold der Erweckung aus dem Himmel— der würdige Oberpfarrer. Es lag in ſeinem Blicke etwas, welches die Wirkung hatte, daß die Leſerin ſogar über ihre Heiligkeit erröthete und daß Grave zitterte, und zwar nicht vor Scham— ein ſolches Gefuͤhl konnte Grave gar nicht empfinden— ſondern aus Aerger, weil er ſah, daß er geſtört und ver⸗ rathen war, und daß man ihm entgegen arbeitete. „Entſchuldigen Sie, Frau Carleborg!“ ſagte der Oberpfarrer mit ſeiner ruhigen, männlichen Stimme, wenn ich ganz unpaſſend komme und ſtöre; doch um die Wahr⸗ heit, und noch dazu eine recht ſchmerzhafte Wahrheit zu ſagen, ſo hat das Gerücht mich zu dieſem Beſuche ge⸗ zwungen, und ich ſehe, daß das Gerücht nicht gelogen hat!“ — Er warf einen langen und inhaltreichen Blick auf Grave, welcher allzu tief in den Geiſt des Gebetes ver⸗ ſunken zu ſein ſchien, als daß er die Unterbrechung bemerkt zu haben ſchien. Erſt nach mehreren Minuten erhob er ſich, indem er ſeine hinterliſtige Demuth ſtets beibehaltend, welche er natürlich die wahre chriſtliche Demuth nannte, in einer Art von ſingendem Tone folgenden altteſtament⸗ lichen Spruch herſagte:„Ich habe Dich wider dieß Volk zu einer feſten, ehernen Mauer gemacht; ob ſie wider Dich ſtreiten, ſollen Sie Dir doch nichts anhaben; denn ich bin bei Dir, daß ich Dir helfe und Dich errette, ſpricht der Herr!““ Der Oberpfarrer runzelte die Stirne und ſagte:„Es iſt bedauernswürdig, daß der eine Diener der Kirche den andern ſo wenig verſteht; da ich jedoch verträglich bin, ſo will ich mich dießmal blos damit begnügen, daß ich Sie auffordere, dieſes Haus in der Abweſenheit des Wirthes nicht mehr zu beſuchen. Wenn er nach Hauſe kommt, ſo mag er ſelbſt ſeine Gattin behüten; bis dahin aber ſteht ſie unter meiner Obhut— und ich hoffe, wir werden we⸗ gen dieſer Macht nicht mit einander in Streit gerathen!”“ Conſ nach dem chem lähn ſich jetzt „Entſchul noch eben ich mit 2 Recht als zufolge d miniſter „Der Schweſter ich könnte Herrn Pr meine St die Gedul Leben Sie meiner A bete!“ Nach einmal be war Con Meinung „Se begann m die unübe vergeſſen nern woll geöffnet, weckung Dirkung rröthete ham— nden— und ver⸗ igte der „. wenn Wahr⸗ -rheit zu uche ge⸗ en hat!“ lick auf etes ver⸗ bemerkt rrhob er ehaltend, nannte, ſtament⸗ ieß Volk ie wider n; denn , ſpricht te:„Es irche den ) bin, ſo ich Sie Wirthes 8mmt, ſo bber ſteht rden we⸗ erathen!“ 239 Conſtance, welche ſich während der erſten Augenblicke nach dem Eintritte des Oberpfarrers von Gott weiß wel⸗ chem lähmenden Gefühle geſchlagen gefühlt hatte, fühlte ſich jetzt plötzlich von dem nie gebändigten Stolze gefaßt. „Entſchuldigen Sie, Herr Propſt!“ ſagte ſie, und das noch eben thränenfeuchte Auge blitzte vor Verdruß,„wenn ich mit Anerkennung Ihrer guten Abſicht dennoch mein Recht als Hausmutter in dieſem Hauſe beibehalte, und zufolge dieſes Rechtes darum bitte, daß der Herr Com⸗ miniſter ſich rückſichtlich ſeiner Beſuche nur nach ſeiner eigenen Zeit und ſeinem Berufe richten möge!“ „Demüthigen wir uns um des Erlöſers willen, werthe Schweſter in Chriſto! Nehmen Sie ein Beiſpiel an mir; ich könnte, wenn ich es wollte, auf dieſe Einmiſchung des Herrn Propſtes in eine fremde Sache antworten; doch meine Stunde iſt noch nicht gekommen, und ich warte— die Geduld iſt ein köſtliches Gewürz. Leben Sie wohl! Leben Sie in Frieden, junge Frau, und vergeſſen Sie in meiner Abweſenheit nicht des hohen Zweckes unſrer Ge⸗ bete!“ Nach dieſen Worten, die der Oberpfarrer hier nicht einmal beantworten wollte, entfernte ſich Grave, und nun war Conſtance allein mit dem Manne, der ſie ihrer Meinung nach bis auf den Tod beleidigt hatte. „Setzen Sie ſich hier zu mir, liebe Frau Carleborg,“ begann mit Güte und Sanftmuth der Oberpfarrer, welcher die unüberlegten Worte, die Conſtance geſprochen, ſchon vergeſſen hatte oder wenigſtens ſich derſelben nicht erin⸗ nern wollte,„ſetzen Sie ſich hier zu mir, und laſſen Sie uns mit Ruhe reden!“ „Unſre Anſichten ſind ſo ungleich,“ entgegnete Con⸗ ſtance ſteif,„daß ich fürchte, es wird hier wenig Ruhe zu holen ſein!“ „So laſſen Sie uns wenigſtens verſuchen!— Ihrem Gaſte wollen Sie wohl dieſe Aufmerkſamkeit nicht wei⸗ gern?⸗ 240 „Wie können der Herr Propſt dieſe Eigenſchaft gel⸗ tend machen, da Sie mich des Rechtes, Wirthin ſein zu dürfen, für verluſtig erklärt haben?“ „Das habe ich keinesweges— dergleichen liegt außer⸗ halb der Gränzen der Möglichkeit: ich habe erklärt, daß Sie, Frau Carleborg, bis zu der Rückkehr Ihres Gatten unter meiner Obhut ſtehen; und ich habe das Vertrauen zu Ihrem Feingefühl und zu Ihrer Weiblichkeit, daß Sie nicht die Abſicht haben, ſich derſelben zu entziehen.“ „Aber ſchon dieſer Vorſchlag enthält einen Verdacht, welcher beleidigend iſt!“ „Frau Carleborg! Sie haben— Verzeihung für dieſe Worte— kein Recht, ihn ſo anzuſehen, da er ſich als gegründet bewieſen hat.“ „Herr Propſt!“ „Glauben Sie mir, daß nur das vollkommenſte Wohlwollen und die vollkommenſte Freundſchaft gegen Sie mir diktirt, was ich ſchon geſagt habe und was ich noch ferner ſagen werde! Eine junge Dame, und noch dazu eine verheirathete, welche nicht nur ihren eigenen Namen und ihr eigenes Anſehen aufrecht zu halten hat, ſondern auch ihres Gatten Namen und Anſehen, hat kein Recht zu vergeſſen, was ſie ſich ſelbſt und ihm ſchuldig iſt. Das Gerücht iſt weit entfernt, den Grund dieſer eigenſinnigen Handlung der jungen Frau zu verſchönern, ſondern im Gegentheil es entſtellt denſelben, und ich mußte mit Bedauern vernehmen, daß Sie in Abweſenheit ihres Mannes geheime Betſtunden hielten mit einem— ich muß es offen heraus ſagen— mit einem in jeder Hinſicht ſo übel berüchtigten Manne wie Comminiſter Grave, ohne daß meine Pflicht als Menſch und als Geiſtlicher ſich empörte und mir gebot, die Sache näher zu unterſuchen.“ „Seit wann hat denn das Gebet als entehrend ge⸗ golten?“ fragte Conſtance mit noch ſtolzer Stirn. „Seit der Zeit, da man anfing, es als einen Deck⸗ mantel für egoiſtiſche Abſichten zu mißbrauchen— glauben Sie dend her komn „En Bibel uns gegeben wenn die den vortr zu treten es der V die Antt. dieſes M „Ni muß mar ſchäften „Un einer von um ganz weges gu ſein, wed zu verken dung, we verändert ertheilt? dieſes M Recht, d frommes lich ſo a immer a beſten in Hier Aerger u ſie ſelbſt, Eine Na haft gel⸗ i ſein zu gt außer⸗ ärt, daß 3 Gatten zertrauen daß Sie n.“ Verdacht, ung für a er ſich ommenſte ſt gegen was ich noch dazu n Namen ſondern ein Recht iſt. Das enſinnigen ndern im ußte mit zeit ihres ich muß inſicht ſo ave, ohne licher ſich erſuchen.“ hrend ge⸗ n. nen Deck⸗ — glauben 241 Sie denn, Frau Carleborg, daß der Comminiſter hie⸗ her kommt in der reinen Abſicht zu beten?“ „Ganz gewiß: denn wo zween oder drei verſam⸗ melt ſind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen.“ 3„Entſchuldigen Sie, wenn ich daran erinnere, daß die Bibel uns zu einem weit ſchöneren und würdigeren Zwecke gegeben iſt, als ſie wie ein Handlexikon zu gebrauchen, wenn die Vernunft ihre Rechnung dabei findet, hinter den vortrefflichen Schutz einer auswendig gelernten Lektion zu treten! Ich will indeſſen von Ihnen hoffen, daß Sie es der Vernunft geſtatten werden, ſelbſt zu antworten, und die Antwort wird ganz gewiß in Betreff der Beſuche dieſes Mannes ganz anders ausfallen.“ „Nicht mit der Vernunft, ſondern mit dem Herzen muß man denjenigen beurtheilen, welcher in ſolchen Ge⸗ ſchäften kommt, wie...“ „Um ſo gefährlicher, wenn nicht dieſer Ausdruck nur einer von den heiligen Termen iſt! Inzwiſchen finde ich, um ganz aufrichtig zu ſein, Ihren Seelenzuſtand keines⸗ weges gut. Es muß einer guten Frau ganz unmöglich ſein, weder meine Meinung noch auch meine gute Abſicht zu verkennen— ſoll ich alſo ſagen, daß die Verläum⸗ dung, wenn ſie nicht gehoben wird, ſich bald genug dahin verändert, daß ſie den Betſtunden einen andern Namen ertheilt? Die Scheinheiligkeit und der cyniſche Leichtſinn dieſes Mannes laſſen jeden Verdacht zu: haben Sie das Recht, dieſem zu trotzen— wollen Sie das, um ein frommes Bedürfniß zu befriedigen, welches, wenn es wirk⸗ lich ſo aufrichtig und brennend iſt, wie es zu ſein ſcheint, immer an ſich allein genug hat? Gott läßt ſich am beſten in der Einſamkeit finden!“ Hier ging eine Roͤthe über Conſtance's von dem Aerger und dem Schmerz gebleichtes Antlitz. Zwar wußte ſie ſelbſt, warum ſie ſich den gemeinſamen Betſtunden Eine Nacht am Bullarſee. II. 16 242 unterworfen hatte, aber ſie konnte es nicht ſagen... und nun ſollte ſie Schmach erleiden, verkannt und ver⸗ läumdet werden!. Dennoch war dieſes Leiden nicht ſo bitter: es ſollte zu ihrer Rechtfertigung vor dem Gotte gelten, den ſie ſo gröblich beleidigt hatte, als ſie in ihrer Bruſt das Bewußtſein von einer unglücklichen und ver⸗ brecheriſchen Liebe aufnahm. „Ich hoffe zu Gott, daß ich in dieſem unſern un⸗ glücklichen Streite ſiegen werde— nicht wahr? Dieſer ränkevolle Mann wird nicht länger ſeinen beſondern Ein⸗ fluß auf ein für ſeine Irrlehren allzu gefühlvolles Gemüth ausüben dürfen! Bedenken Sie, wie tief, wie ſchrecklich es den edlen Mann kränken würde, den Sie Ihren Gatten nennen, wenn das Gerücht bei dem von mir angedeuteten ſchwarzen Punkte ſtehen bleibt!“ „Wenn es auf mir beruht,“ antwortete Conſtance jetzt in einem ſanften und nachgebenden Tone,„ſo ſoll es nicht weiter kommen, als es ſchon gekommen iſt— es iſt genug, meinen Charakter dort zu ſchwärzen, wo er nicht bekannt iſt. Mein Mann aber hat, wie ich hoffe, eine beſſere Meinung von mir: er wird nicht eine einzige Se⸗ kunde Verdacht auf mich werfen.“ „Davon bin auch ich überzeugt; nichts deſto weniger wird es ihn aber ſchmerzen, wenn er weiß, daß Andre dieß thun, und es wird ihn ſchmerzen, wenn er weiß, daß Zuſammenkünfte, unter welcher Form und zu welchem Zwecke es auch ſein mag, wirklich ſtatt gefunden haben zwiſchen ſeiner Gatrin und einem Manne von mehr als verdächti⸗ ger Farbe.“ Conſtance ſchwieg einen Augenblick; darauf ſagte ſie mit Beſtimmtheit:„Es iſt meine Pflicht, hierauf Rück⸗ ſicht zu nehmen, und ich werde es thun!“ „Dank, meine gute Frau Carleborg; auf dieſe Worte verlaſſe ich mich ganz! Nun aber erlauben Sie mir noch als Geiſtlichen und als Freund einen Rath— es iſt dieſer: unterſuchen Sie ſorgfältig den ſichtbaren und vorgegebenen Grund derſelben Sie dieſ jenen gle Herr Pr Seele ge in einem als der tigkeit g⸗ „Ja auch der und allei dann all wendig, nicht geſ leuchten, wirren 2 der Zwei Zuhoͤrer Gnade u der Beke um nur erhalten mit Ver! ſeinen N Hauch vr heuchleriſ ſelbſt her welche ſie liche Am welcher i wird, daf nicht me Menſchen roheren 2 gen... und ver⸗ den nicht m Gotte in ihrer und ver⸗ aſern un⸗ Dieſer ern Ein⸗ Gemüth eecklich es a Gatten gedeuteten Conſtance o ſoll es — es iſt her nicht ffe, eine zzige Se⸗ o weniger aß Andre weiß, daß em Zwecke n zwiſchen verdächti⸗ ſagte ſie auf Rück⸗ ieſe Worte mir noch iſt dieſer: rgegebenen 243 Grund der Leſerei; unterſuchen Sie dann die Wirkungen derſelben, unterſuchen Sie mit Unparteilichkeit, und wenn Sie dieſes gethan haben, ſo ſagen Sie mir, ob Sie an jenen glauben und dieſe für gut halten können!“ „Die tiefere Gottesfurcht oder die Leſerei, wie Sie, Herr Propſt, dieſelbe mit der Welt nennen, iſt ein in der Seele gewecktes Bedürfniß, Gott zu ſuchen und ſich ihm in einem kraftvolleren und reineren Umgange zu nähern, als der nicht geweckte Menſch in ſeiner lauen Gleichgül⸗ tigkeit gegen alles Heilige vermag.“ „Ja, das iſt der äußere und wie ich hoffe, bei Vielen auch der innere Grund; ruhte aber die Leſerei einzig und allein auf dem Bedürfniſſe der Seele, wozu wären dann alle dieſe gefährlichen und verwirrten Sätze noth⸗ wendig, deren die Bußprediger ſich bedienen, und welche nicht geſchickt ſind, die Gemüther der Menſchen zu er⸗ leuchten, ſondern vielmehr zu verfinſtern und ganz zu ver⸗ wirren? Auf dieſe Weiſe wird zuerſt der Unglaube und der Zweifel geweckt, und nachdem dieſe gewirkt und die Zuhoͤrer dahin gebracht worden ſind, daß ſie an Gottes Gnade und Barmherzigkeit zweifeln, ſo beginnt ein Werk der Bekehrung, welches allzu ekelhaft und anſtößig iſt, um nur den geringſten Schein von dem Geiſte Chriſti erhalten zu können. Er lehrte mit Liebe, mit Sanftmuth, mit Verträglichkeit; doch dieſe falſchen Propheten, welche ſeinen Namen auf der Zunge führen, ohne nur einen Hauch von ihm im Herzen zu fühlen, dieſe unwürdigen, heuchleriſchen Bußprediger ſetzen nicht nur die Religion ſelbſt herab durch die widrigen und wahnfinnigen Zuſätze, welche ſie ihr geben, ſondern ſie ſetzen auch das prieſter⸗ liche Amt herab und werfen auf daſſelbe einen Schatten, welcher nach und nach immer größer und endlich ſo groß wird, daß man die urſprüngliche Hoheit dieſes Amtes gar nicht mehr ſehen kann. Bald ſieht ſich der Theil der Menſchen, welcher nicht von dem Fanatismus oder der roheren Leſerei berührt worden iſt, zu der Vorſtellung ge⸗ 244 zwungen, daß die Erde gar keine Apoſtel mehr beſitzt, welche würdig ſind, Chriſti verſoͤhnende Gnadengaben aus⸗ zutheilen: dieſer Theil der Menſchen ſieht ſich durch die bizarre Raſerei, Beſtechlichkeit und Habſucht dieſer falſchen Propheten zu dem Glauben gezwungen, daß keine Rein⸗ heit, keine Uneigennützigkeit mehr bei einem Manne zu fin⸗ den iſt, der das geiſtliche Gewand trägt— und wenn erſt dieſer Glaube gänzlich vernichtet iſt, wo iſt dann die Gränze des Uebels? Das Heiligſte iſt nicht mehr heilig; denn der menſchliche Verſtand läßt ſich nicht lange in der geiſtigen Blindheit erhalten, daß er nicht die Finſterniß und die Sünde um ſich her ſieht.“ „Es iſt msglich,“ verſetzte Conſtance nach einigem Schweigen,„daß die Ungeweckten nichts mehr heilig hal⸗ ten, alſo auch nicht die Religion und ihre Dolmetſcher; wenn aber dereinſt mit Gottes und unſers Erloͤſers Hülfe alle Schlafenden erwacht und von ihrer Eitelkeit und ihren Irrthümern zurückgekehrt ſind, ſo werden ſie es ler⸗ nen, nicht nur Gott zu lieben und die Religion, welche gebietet, ihn über alles zu ſetzen, ſondern auch ſeine Die⸗ ner, dieſe heiligen Männer, welche ihn verkündigen.“ „Möchten ſie in Ewigkeit lieber ihre Blindheit be⸗ halten, als die Religion mit ſchiefem Blicke und kalten Herzen betrachten; denn, glauben Sie mir, an dieſer Fröm⸗ migkeit hat das Herz gar keinen Antheil: es iſt ein Sinnen⸗ rauſch, welcher entweder mit einer gänzlichen Gefühlloſig⸗ keit, einer verſtockten Sicherheit oder mit einer unheil⸗ vollen Grübelei endigt, die ſo lange zagt und zweiſelt, bis das Licht der Vernunft erliſcht und die Nacht des Wahnſinnes an ſeine Stelle tritt. Dieſe beiden Fälle, ſo ſchrecklich ſie auch ſein mögen, ſind dennoch glücklich in Vergleich mit andern, welche die falſchen Lehren der Leſerei veranlaſſen koͤnnen. Ich will ihre Ohren nicht beleidigen durch eine Schilderung der vollſtändigen moraliſchen Ver⸗ führung, die oft daraus entſteht— genug: es werden unter dem Deckmantel der Heiligkeit, unter dem offenen Wahlſpri magſt du ſein!— Verbreche zurückſcha wir klage prüfen— genannte ſein würd ung ohne war, die wollen ur mit der! an dieſe Motive i ſie der H wollen w auch die frechen A das Volk Ekel emp über ſeine Glauben Conf ſich in ih heit, der wenigſtens nicht im betrachten Jahren er hauptſäch! wilden we r beſitzt, ben aus⸗ durch die falſchen ne Rein⸗ e zu fin⸗ venn erſt dann die r heilig; ge in der Finſterniß einigem eilig hal⸗ metſcher; ers Hülfe elkeit und ie es ler⸗ , welche eine Die⸗ n.“ ndheit be⸗ nd kaltem ſer Fröm⸗ n Sinnen⸗ fühllofig⸗ er unheil⸗ zweiſelt, Nacht des Fälle, ſo lücklich in der Leſerei beleidigen ſchen Ver⸗ es werden im offenen 245 Wahlſpruche: wenn du nur im Glauben recht biſt, ſo magſt du eben ſo gut der größte wie der kleinſte Sünder ſein!— es werden, ſage ich, unter dieſem Wahlſpruche Verbrechen begangen, vor denen jedes menſchliche Gefühl zurückſchaudert. Doch nicht über die Leſerei ſelbſt wollen wir klagen, nicht die Leſerei wollen wir betrachten und prüfen— obgleich, wenn jeder ſogenannte Leſer, jede ſo⸗ genannte Leſerin die Hand auf das Herz legte, gezwungen ſein würde, zu bekennen, daß nicht einmal ihre erſte Weck⸗ ung ohne Zuſatz eines Nebengefühls, einer Entzückung war, die mehr den Geiſtlichen als Gott anging— wir wollen uns nicht mit den Wirkungen befaſſen, ſondern mit der Quelle, aus welcher ſie entſpringen. Wir wollen an dieſe Bußprediger denken, und dadurch, daß wir die Motive ihrer Handlungen unterſuchen, dadurch daß wir ſie der Heiligkeit entkleiden, in welche ſie ſich hüllen, wollen wir die Wurzel und den Urſprung des Uebels und auch die Heilmittel dagegen ſuchen denn ſobald dieſe frechen Abgötter nackend vor dem Volke daſtehen, ſobald das Volk ſie in ihrer natürlichen Geſtalt erblickt, wird es Ekel empfinden, ſich von ihnen abwenden, und beſchämt über ſeine Blindheit und Schwäche zu ſeinem einfachen Glauben zuruͤckkehren.“ Conſtance ſaß ſtill da; wechſelnde Gedanken bewegten ſich in ihrem Innern. Sie hätte ſehr gerne von der Ho⸗ heit, der Reinheit, dem Seelenadel, der Uneigennützigkelt wenigſtens Eines dieſer Bußprediger geredet; aber ſie war nicht im Stande, mit Sicherheit ſeinen Namen auszuſpre⸗ chen, jetzt da ſo viele unheilige Gefühle ſich mit den hei⸗ ligen gemiſcht hatten— die Worte des Oberpfarrers zwangen ſie, in ihren eigenen Buſen zu greifen. „Laſſen Sie uns, meine beſte Frau, nur dasjenige betrachten, was wir hier vor Augen haben! Vor zwei Jahren empfing ich dieſe Gemeinde, deren Bevölkerung hauptſächlich aus Halbwilden beſtand; aber dieſe Halb⸗ wilden waren in der Tiefe ihrer Herzen unverdorben und 246 gut. Ich begann meine Ausſaat; es ging damit langſam, ſehr langſam; ſie waren ſo gewohnt, in ihrer Freiheit zu leben, daß es ihnen läſtig erſchien— was auch in dieſen entlegenen Gegenden wirklich der Fall iſt— Gottes Haus und Gottes Wort zu ſuchen. Doch allmälig, da ich mit ihnen perſönlich bekannter wurde, da ich ſie durch Unter⸗ redungen geweckt und ſolche Bücher unter ihnen verbreitet hatte, die ich für ihr erſtes Streben nach Aufklärung nicht allein in geiſtiger, ſondern auch in weltlicher Beziehung für paſſend hielt— denn in einer blinden Unwiſſenheit iſt die Fähigkeit, das Gute von dem Boͤſen zu unterſcheiden, ſehr gering— nach allen dieſen Bemühungen fühlte ich mit ſeliger Zuverſicht, daß mein Werk vorwärts ſchreiten würde, ſo langſam es auch ſchritt.. Urtheilen Sie nun über meine Empfindungen, da ich die eben erkeimte Saat auf meinen Feldern zertreten und zerſtoͤrt ſehe von einem Mit⸗ bruder, deſſen Pflicht es ſein ſollte, mir treulich zu helfen! Jetzt ſtroͤmen zwar die Leute in die Kirche; doch geſchieht das um Gottes oder Grave's willen? Er erſchüttert ihre Gewiſſen und verwirrt ihre Einbildung durch verab⸗ ſcheuungswürdige Gemälde von der Hölle; und wenn er ſie dann ſo weit gebracht hat, daß ſie über die Erlöſung ihrer Seelen in Verzweiflung und Wuth gerathen find, was thun ſie da?— ſie verlaſſen Haus und Hof, kehren ſich nicht an Ackerbau und Arbeit und laufen zuſammen, um zu weinen und zu beten. Doch mitten unter dieſen Gebeten und Thränen entſteht die eine Streitigkeit nach der andern. Eltern und Kinder, die bisher die beſten Freunde waren, trennen ſich unter Kälte und Bitterkeit; Cheleute, die gut und glücklich mit einander lebten, wer⸗ den argwoͤhniſch, klagen einander mit unchriſtlicher Härte an und fliehen auf verſchiedenen Wegen zu Grave, wel⸗ cher den Brand, den er angezündet hat, keineswegs ſtillt und loͤſcht, denn welchen Vortheil hätte er in dieſem Falle davon, daß er ihn anzündete?— ſondern immer noch hineinbläſt, bis Haß, Abſcheu und allerlei ſchreckliche Be⸗ ſchuldigur Er ſelbſt durch, da Rufe in wird Ver noch nich vielleicht Beſuche die Gewe halten. Herrſchaf ob derjen wendet, geſetzliche Hirten b nehmen, Wohlhab geiſtlicher nach, ſ pen ausg können, diger Ap Zwecken ſchließt, ſolches W unglücklie dieſem 2 er ſie au für ihn die fertig angſam, iheit zu n dieſen es Haus ich mit Unter⸗ erbreitet ng nicht eziehung nheit iſt ſcheiden, ühlte ich ſchreiten nun über baat auf em Mit⸗ mhelfen! geſchieht ſchüttert h verab⸗ wenn er Erlöſung hen find, f, kehren iſammen, ter dieſen gkeit nach die beſten itterkeit; en, wer⸗ der Härte de, wel⸗ zegs ſtillt ſem Falle mer noch lliche Be⸗ 247 ſchuldigungen ſich in das Leſen und in die Gebete miſchen. Er ſelbſt gibt das größte Beiſpiel der Unſittlichkeit da⸗ durch, daß er eine Perſon von weniger denn zweideutigem Rufe in ſeinem Hauſe hält; und durch ihre Eiferſucht wird Verdacht auf manche ehrbare Frau geworfen, die noch nicht die Beute des Heuchlers geworden iſt, aber es vielleicht eben dadurch wird. In jeder Woche habe ich Beſuche von ſogenannten Ungeweckten, deren Klagen über die Geweckten und den Wecker ſchreckliche Wahrheiten ent⸗ halten... Und doch ſind wir erſt in dem Beginne der Herrſchaft dieſes Mannes! Denken Sie nun ſelbſt nach, ob derjenige, welcher ſeinen Einfluß auf dieſe Weiſe an⸗ wendet, wenn derjenige, welcher öffentlich verſchmäht, die geſetzlichen Gebühren für eine Leiche und andere, dem Hirten beſtimmte Einkünfte von den Wohlhabenderen zu nehmen, um heimlich alles entgegen zu nehmen, was der Wohlhabende und der Arme aus Dankbarkeit für ſeine geiſtlichen Rathſchläge zu ihm trägt— denken Sie ſelbſt nach, ſage ich, ob dieſer Mann ein wirklicher Mann Gottes ſein kann, ob die Worte, welche von ſeinen Lip⸗ pen ausgehen, von dem Geiſte Gottes ausgeſprochen ſein knnen, und ſagen Sie mir endlich, ob ein Chriſto wür⸗ diger Apoſtel, ein Mann, der nicht zu eigenen ſchlechten Zwecken die Labyrinthe, welche das menſchliche Herz ein⸗ ſchließt, benutzen und aufpflügen will, ob er wohl ein ſolches Werkzeug anwenden würde, wie das wahnſinnige unglückliche Mädchen, die arme Bibel⸗Marie, welche von dieſem Barbaren bethoͤrt, ſeine Lehren ſo ausbreitet, wie er ſie ausgebreitet haben will. Sie iſt diejenige, welche für ihn ſäet, und zwar oft mit ſolchem Erfolge, daß er die fertige Saat nur zu ſchneiden braucht.“ „Ach, was Sie da ſagen, Herr Probſt, iſt in der That ſchrecklich!“ rief Conſtance mit einem milden Blicke aus.„Sollte alſo... nein, es kann nicht ſo ſein!“ „Ja, Frau Carleborg! es kann ſo ſein und es iſt ſo, daß dieſes ganze Gebäude der Gottſeligkeit auf einem 248 nicht nur falſchen— das wäre allzu wenig— ſondern auch auf einem elenden, verabſcheuungswürdigen Grunde ruht. Ich ſage nicht, daß es nicht Schwärmer gibt, mit wirklich edlem und hohem Geiſte, mit einer ſo flammenden Begeiſterung für ihr Werk, daß ſie ſelbſt glauben, was ſie lehren, und deren Lehren eigentlich weiter nichts find, als die Früchte einer ſuchenden, hin und her ſchweifenden Phantaſie, die in dem Wirbel ihrer eigenen Produktionen, bei dem Scheine ihrer eigenen Irrlichter nicht im Stande iſt, das Ziel zu finden, welches ſie ſuchen, und daſſelbe vielleicht nie finden; doch die Zahl dieſer Art von wirk⸗ lichen Schwärmern iſt geringe in Vergleich mit der An⸗ zahl, welche nur die Maske der Schwärmerei und des Fanatismus leiht, um damit ihre eigentlichen Abſichten, ſich zu den Göttern des Volkes zu machen, bedecken zu konnen. Am groͤßten iſt jedoch die Zahl, zu welcher Grave gehört; ſie iſt die ſchlechteſte, aber unglücklicher Weiſe ge⸗ ſuchteſte Art. Die Schwärmerei und der Fanatismus in ihrem ſchönen und, wenn ich ſo ſagen darf, poetiſchen Lichte wird von ihnen verachtet: ſie erklären ſich geradezu für Chriſti unmittelbare Stellvertreter, und den Schlüſſel zum Himmelreich in der einen Hand, und in der andern einen Beſen, um gottloſe Seelen damit in die Hölle hin⸗ abzukehren, fahren ſie den einen Augenblick einher gleich einem donnernden Ungewitter, und erſchüttern und beſtürmen alle, die in Ruhe gehen; gleich darauf aber kriechen ſie in das ärmliche Gewand ihrer Demuth und legen ſich ſtill wartend auf die Lauer, bis eine Seele kommt, die ſie an ſich ziehen und auspreſſen können.... doch genug, meine beſte Frau Carleborg! Ich habe nun, ſo gut es ſich in dieſer kurzen Zeit thun ließ, die Quelle der Leſerei und die Gefahr derſelben entwickelt; und möͤge der Tag bald erſcheinen, da ich Sie zu meinen Bundesgenoſſen gegen alles Böſe zählen kann, welches wir ohne Zweifel noch zu erwarten haben!“ Der Oberpfarrer erhob ſich, um von ſeiner jungen Wirthin durchdrur Eindrucke über die mit feſte des Edle erſten En meiner 4 des Leich kann nich „M ſtändniß, uns beſſü zum Beſ ſchen, d ſeine rec ſchen nac Sie es; ſpieles, 1 desperſon ausgedeh Mann d handeln, ſein?“ Cor lichen H Abſchiede Als Conſtanc Froͤmmit Gemüthe Carlebor je mehr 8 deſto me ſondern Grunde jibt, mit nmenden in, was hts find, veifenden uktionen, Stande daſſelbe on wirk⸗ der An⸗ und des bſichten, becken zu er Grave Veiſe ge⸗ smus in oetiſchen geradezu Schlüſſel andern ölle hin⸗ er gleich eſtürmen echen ſie gen ſich t, die ſie ) genug, gut es er Leſerei der Tag ggenoſſen Zweiſel r jungen 249 Wirthin Abſchied zu nehmen, und in dieſem Augenblicke, durchdrungen von einem beſſeren Gefühle, einem ſanfteren Eindrucke, den vielleicht die Erklärung des Geiſtlichen über die Schwärmer ihr eingeflößt hatte, ſagte Conſtance mit feſter Stimme und einem Blicke, welcher die Mühe des Edlen belohnte:„Verzeihen Sie, Herr Propſt, meinen erſten Empfang und alle unüberlegten Worte, die ich in meiner Heftigkeit geſprochen habe; ſie waren keine Worte des Leichtſinnes, ſondern eines tief verletzten Gefühles, ich kann nicht ſagen welches— genug: ſie waren an unrechter Stelle und bedürfen der Beurtheilung eines verträglicheren Geiſtes, als der meinige in jenen Augenblicken war.“ „Meinen herzlichſten Dank für dieſes freundliche Ge⸗ ſtändniß, meine beſte Frau Carleborg! Bald werden wir uns beſſer verſtehen und mit einander Pläne entwerfen zum Beſten dieſer armen verführten und verirrten Men⸗ ſchen, die ich mit Gottes Beiſtand dereinſt wieder um ſeine rechte Fahne zu ſammeln hoffe. Denken ſie inzwi⸗ ſchen nach über alles, was ich geſagt habe, und erwägen Sie es; denken Sie auch nach über die Macht des Bei⸗ ſpieles, und welche große Verantwortlichkeit auf den Stan⸗ desperſonen ruht— hier ſind leider allzu wenige in dieſem ausgedehnten Kirchſpiele! Hat wohl nicht der gemeine Mann das Recht zu denken: wenn die aufgeklärten ſo handein, ſo muß es doch wohl nicht anders als recht ſein?“ Conſtance ſenkte das Haupt, indem ſie den freund⸗ lichen Händedruck erwiederte, welchen der Propſt ihr beim Abſchiede gab. Als der würdige Mann ſich entfernt hatte, verſank Conſtance in ein tiefes und ernſtes Nachdenken. Die Froͤmmigkeit und die Froͤmmelei wollten ſich in ihrem Gemüthe nicht recht ſcheiden, und Gott und Juſtus von Carleborg wollten ſich noch weniger ſcheiden laſſen. Aber je mehr ſie über ihre Betſtunden mit Grave nachdachte, deſto mehr erröthete ſie über dieſelben; ja ſie dankte in 250 ihrem Herzen dem Oberpfarrer, daß er ſie durch ſeine meiner er Zwiſchenkunft aus einer Gefahr errettet hatte, die ſie ſie mußt zwar nicht ſah, die aber gewiß vorhanden war in der Propſtes Vertraulichkeit mit dieſem Manne, deſſen ſonderbarer Blick als ein b bisweilen einen Ausdruck hatte, welcher ganz verſchieden ernswürd war von den Worten, die von ſeinen Lippen floſſen. Sollte einige Mi es möglich, ſollte es denkbar ſein, daß er zu einem be⸗ und Rich ſonderen Zwecke ſie zu verleiten und zu verwirren geſucht Dann ka hätte? Zu welchem Zwecke aber that er das? Dieß ver⸗„Wie?2 mochte ſie nicht zu entwickeln.... und wenn es ein⸗ ſehen vor perſönlicher Zweck war, warum mußte er den Juſtus von froͤmmigk Carleborg zu Hülfe rufen? Wenn alles, was er geſagt, kannſt D. erdichtet wäre, wenn es ein Netz wäre, ausgelegt zu einem willſt Di gewiſſen Zwecke! Spare ih Sie verirrte ſich immer weiter; denn mit der Hoff⸗ daß Du nung, daß Grave ſie getäuſcht hätte, erwachte eine zweite, genöthigt eine ſündige Hoffnung, eine Hoffnung, die ſie in Ver⸗ der Gege zweiflung brachte, weil dieſelbe ſie von Gott trennte. da beſucht h beſchloß ſie— doch die Ausführung eines Entſchluſſes Es hängt nicht immer von einem guten Willen ab— ihre der Sich Gedanken ganz von dem unglücklichen Chaos zu trennen, Nachdenk in welches Grave dieſelben verſetzt, und alles, was er ihr eine volll mitgetheilt hatte, als einen böſen Traum anzuſehen. Ach, laſſen, n ſie fand dabei nur allzu bald, daß eine Seifenblaſe keine und noch Feſtigkeit hat, und ſah der Rückkehr ihres Gatten mit loſe Lage Angſt entgegen, welche bald ſich ſehnte und bald fürchtete. zu ihrer In ſeinem ruhigen, friedevollen und herzlichen Weſen, ihrem kre obgleich es bisweilen drückte und beläſtigte, lag dennoch ſeinem S ſehr oft ein gewiſſes Etwas, das ſie gleichſam reinigte, einer geh ſtärkte und erquickte. in Flamt Sie hatte beſchloſſen, ihm den Beſuch des Oberpfar⸗ Rauches, rers nebſt dem Anlaſſe deſſelben mitzutheilen. Das Einzige, bildet; b was ſie zu verſchweigen ſich gezwungen ſah, war die ÜUr⸗ kranke G ſache ihres vertraulichen Umganges mit Grave.. zuleben. Als ſie aber zu ſich ſelbſt ſagte: er braucht weiter Hät 15 ein ſo gr. nichts zu wiſſen, als daß es zu dem Bedürfniſſe und Troſt cch ſeine die ſie r in der ter Blick rſchieden Sollte nem be⸗ geſucht ieß ver⸗ es ein iſtus von geſagt, zu einem er Hoff⸗ zweite, in Ver⸗ nte. Da ſchluſſes — ihre trennen, s er ihr n. Ach, aſe keine ten mit ürchtete. Weſen, dennoch reinigte, berpfar⸗ Einzige, die Ur⸗ t weiter d Troſte 251 meiner eigenen Seele geſchah, da erröthete ſie ſtark; denn ſie mußte wiederum die Richtigkeit der Anſichten des Propſtes anerkennen. Was war hier die Religion anders, als ein bloßer Deckmantel? Dieſe Entdeckung der bedau⸗ ernswürdigen Wahrheit drückte ſie ſo hart, daß Conſtance einige Minuten lang bei ſich erwog, ob es nicht das Klügſte und Richtigſte wäre, ihrem Gatten alles mitzutheilen. Dann kam aber wiederum der falſche Stolz und ſagte: „Wie? Du wollteſt ſo klein, ſo elend, ſo ohne alles An⸗ ſehen vor ihm ſtehen?“.. und demnächſt kam die Schein⸗ fröͤmmigkeit und flüſterte:„Ach, Du biſt ja doch ſtark! kannſt Du denn nicht Dein Kreuz allein tragen? warum willſt Du es dem guten Manne auf die Schultern legen? Spare ihm dieſes und Du verſöhnſt durch das Verdienſt, daß Du allein leideſt, alles was Du fehlſt, indem Du genöthigt biſt, ihn glauben zu laſſen, daß nur die Religion der Gegenſtand geweſen iſt, wegen welches Grave Dich beſucht hat!“ Es war dem Oberpfarrer gelungen, Conſtance aus der Sicherheit ihrer Froͤmmigkeit zu wecken und ſie zum Nachdenken zu bringen; doch konnte es ihm nicht gelingen, eine vollkommene Revolution in ihrem Herzen zu veran⸗ laſſen, weil er, weit entfernt, den Grund ihres Uebels, und noch weniger die vollkommen hoffnungsloſe und ſchutz⸗ loſe Lage, in welcher ihre Seele ſich befand, zu ahnen, zu ihrer Vernunft und ihrem Rechtsgefühle und nicht zu ihrem kranken Gefühle redete— ein Gefühl, welches in ſeinem Suchen und Umherſchweifen uns bald das Bild einer gehemmten Feuersbrunſt gibt, welche immerwährend in Flammen emporzuſteigen ſtrebt, und bald eines kleinen Rauches, welcher aufſteigt und kleine phantaſtiſche Figuren bildet; beide werden zuletzt erſtickt, und eben ſo auch das kranke Gefühl, dieſes jedoch nur, um— auf's Neue auf⸗ zuleben. Hätte Conſtance Muth gehabt, dem Manne, der ihr ein ſo großes Wohlwollen bewies, ſich ganz anzuvertrauen, 2⁵52 ſo würde dieſer wahre Mann Gottes mit ſeiner Aufklä⸗ rung, ſeiner Erfahrung, der liebevollen Theilnahme ſeines Herzens ihr in ihren Bekümmerniſſen geholfen und ſie ge⸗ lehrt haben, den rechten Weg zu ſuchen; doch Conſtance's Muth war Hochmuth— ſie faßte nicht einmal den Ge⸗ danken an eine ſolche Erniedrigung. Siebenundzwanzigſtes Kapitel. „Ach, mein armes Blümchen, mein kleines Veilchen, mein ſchönes Feinsliebchen, daß Du einen ſolchen Sturm ertragen ſollteſt!“ ſagte Leonard mit unbeſchreiblich gut gelaunter Froͤhlichkeit, als Conſtance ihm gleich nach ſeiner Rückkehr mittheilte, wie Paſtor Grave ſie zu gemeinſamer Erbauung beſucht, und wie der Propſt mit einer Art von Machtſpruch ihre Andachtsübungen unterbrochen und Grabe von Trollhatten verwieſen hätte. „Ich ſollte kaum meinen, beſter Leo, daß in dem⸗ jenigen, was ich Dir erzählt habe, etwas Lächerliches und Munteres liegt!“ äußerte Conſtance, halb beleidigt von dem Tone ihres Mannes. „Ja, mein Zuckerkoͤrnchen, das thut es! Holen mich ſteben— holen mich alle Waldnymphen! wenn es nicht munter iſt, daran zu denken, wie Grave, dieſer ſcheinheilige, ſchwarze Bengel, aufbrechen und abpatſchen mußte, als der wahre Gottesmann erſchien! Es kommt mir ſo vor, als ob gerade ſo der Satan ſich wegſchleichen würde, wenn er ganz unvermuthet auf einer ſeiner Wanderungen unſerm Herrn begegnete.“ „Lieber Leo! Deine Gleichniſſe ſind ein wenig ſtark!“ „O ja, mein Schatz, ſoll es ein Gleichniß ſein, ſo b muß es d meiner T wußteſt, artige un daß Du frieden bi und ſage eine ganz „Ie ein würd vor einen auf Juſtt um mit das ſchn Hauſe B anfing, ü ſo kluges „Ja verſtändig Leonard war bein Aufkläͤ⸗ ee ſeines ſie ge⸗ aſtance's den Ge⸗ zeilchen, Sturm lich gut ch ſeiner einſamer Art von d Grave in dem⸗ hes und iigt von en mich es nicht nheilige, te, als ſo vor, e, wenn unſerm ſtark!“ ein, ſo 2⁵³ muß es auch ſo ſein, daß es verſchlägt, und dieſes war meiner Treu nicht ſchlecht!“ „Haſt Du denn aber nicht auch eines, das auf Deine Frau paßt? Ihre Lage war eben keine angenehme!“ „Wie?— habe ich nicht ein ganzes Klagelied ge⸗ ſungen?— und dennoch— hol' mich dieſer und jener! — bin ich überzeugt, daß Du Dich ſchon zu benehmen wußteſt, mein Engel! Du haſt in dieſer Hinſicht eine kleine artige und feine Manier. Noch dazu höre ich es Dir an, daß Du mit dem Beſuche unſers Propſtes nicht unzu⸗ frieden biſt; und noch heute Nachmittag fahre ich zu ihm und ſage ihm einen ſo kraftvollen und warmen Dank, wie eine ganze, vier Seiten lange Rede!“ „Ich geſtehe, daß er es verdient; er iſt in der That ein würdiger Mann!“ „Ja, das ſollte ich meinen... er und Mutter, kannſt Du glauben, kamen nicht ſchlecht überein! Das wäre ein Kerl für Juſtus geweſen, um ihn anzuleiten— ach, Du mein Herr und lebendiger Gott! wäre er doch in ſolche Hände gerathen, anſtatt in.... Nun, es verlohnt ſich der Mühe nicht, von dem Schnee noch zu reden, der vor einem Jahre fiell... Doch da ich nun einmal auf Juſtus gekommen bin, ſo ſollſt Du wiſſen, daß er, um mit Monika zu reden, von den Lappmarken direkt an das ſchwarze Meer zu reiſen gedenkt. Mutter fand zu Hauſe Briefe von ihm; und ſeit dem Augenblicke, da er anfing, über die Miſſionsſache zu grübeln, habe ich nichts ſo kluges von ihm gehört.“ „Wirklich?“ ſtotterte Conſtance mit heftig klopfendem Herzen. Dieſe Nachricht widerſprach ganz demjenigen, was Grave ihr mitgetheilt hatte. „Ja wahrhaftig! dieſer Brief war ſo nüchtern und verſtändig, daß man hätte glauben koͤnnen, ſein Bruder Leonard hätte ihn geſchrieben, und nicht er ſelbſt. Mutter war beinahe eben ſo froh, als wenn ſie die große Neuig⸗ 254 keit erhalten hätte, daß er nach vollendetem Werke nach Hauſe zu kommen gedächte; denn ſo viel ſie auch früher gegen die Miſſionsreiſen einzuwenden gehabt hat, ſo iſt ſie doch jetzt damit verſoͤhnt und will gerne dem Vergnügen, ihn zu ſehen, entſagen, wenn ſie ihn nur erſt auf dem Wege ſieht.“ „Er reiſet alſo... nun bald?“ „Ja, mit dem allererſten, das heißt: in ſo fern etwas daraus wird, was wieder darauf ankommt, ob nicht aus einer andern Himmelsgegend ein Wind angeweht kommt. Im Vertrauen will ich Dir ſagen, daß ich meine eigenen kleinen Gedanken habe— hm, hm!“ „Was haſt Du denn für Gedanken, mein Beſter?“ „Siehſt Du: als er jenen Brief ſchrieb, da wußte er noch nichts von dem Tode des Barons Max. Begreifſt Du etwas, mein Trautchen? „Nein!“ antwortete Conſtance ſteif. „Nun, ſo begreife ich, daß, da die ſteinerne Venus nun Wittwe geworden iſt, ſie gewiß ihre kleinen Reize für ihn haben wird; und obgleich ich der Mutter die Wahr⸗ heit nicht zu ſagen wagte; denn ich verſtehe nicht, was ſie, die ſonſt ſo vieles gegen die verwünſchte Miſſion ein⸗ zuwenden hatte, für einen Geſchmack daran bekommen hat, daß er reiſen ſoll: ſo denke ich doch mit dem Alllererſten einen Brief an ihn zu ſchreiben und ihm meine unmaßgebliche Meinung mitzutheilen, welche keine andere iſt, als daß er bleiben ſollwo er iſt, bis ein Theil des Trauerjahres verfloſſen iſt; da könnte er denn nach Oernwik fahren und ſehen, wie dort die Aktien ſtehen; denn ich glaube beſtimmt, daß er unter allen Vorſchlägen auf den erſten Platz rechnen kann. Und denke nur, welche Partie das abgäbe! Ich verkaufte beſtimmt Trollhatten und pachtete ganz Oernwik!“ Es koſtete Conſtancen große Mühe, bei dieſen Nach⸗ richten und Plänen ihre Faſſung zu behalten; es gelang ihr jedoch über ihre eigene Erwartung. Gleichwohl würde jeder Andere als Leonard ein ſchwaches Zittern in der Stimme iſt gefäl ſolche V Deinen „A meine P Laß uns ich zum — Leon und ergr .... j ganzen E Süden, Wir der weil es einen un nur noch laue G ich welch Gut; jer jetzt, de Monika, war.— wandern ſionsidee ihre Vo nun glü von Lieb Lilien u müthern ein weni ganzen einer Ei⸗ Erroͤthen antworte ſo hat rke nach h früher 3 ſo iſt gnügen, auf dem rn etwas nicht aus kommt. eeigenen Beſter?“ wußte er Begreifſt e Venus Reize für ie Wahr⸗ ht, was ſſion ein⸗ men hat, lCllererſten aßgebliche s daß er verfloſſen ehen, wie , daß er nen kann. verkaufte 1“ en Nach⸗ es gelang ohl würde n in der 255⁵ Stimme bemerkt haben, mit welcher ſie antwortete:„Es iſt gefährlich, Ehen zu ſtiften, mein Beſter! lade keine ſolche Verantwortlichkeit auf Dich... ſchreibe nicht an Deinen Bruder!“ „Aber, mein Feinsliebchen, ſo bedenke doch, daß es meine Pflicht iſt, als rechtſchaffener Bruder und Freund! Laß uns ein wenig an ſeine Zukunft denken!.. Wenn ich zum Beiſpiel in dieſen Napf voll geronnener Milch“ — Leonard trat an den noch unberührten Frühſtückstiſch und ergriff einen Löffel—„eine Menge von Wegen ſchnitte .... ja, ſo! gerade ſo!.... hier haſt Du nun einen ganzen Stern von Landſtraßen, nach Oſten, Weſten, Norden, Süden, Nordoſt, Nordweſt— kurz: ſo viele wie Du willſt! Wir denken uns— und wir haben allen Grund dazu, weil es die reine Wahrheit iſt— daß er ſchon auf dem einen und auf dem andern ſeine Naſe gehabt hat, ſo daß nur noch zwei übrig ſind: dieſen hier, auf welchem ich die blaue Glockenblume pflanze, nenne ich Afrika, und dieſen, ich welchen in das rothe Tauſendhörnchen ſetze, die Che. Gut; jetzt wollen wir einmal wahrſagen— ich lernte eben jetzt, da ich zu Hauſe war, dieſe Kunſt von der alten Monika, welche, im Vertrauen geſagt, auf meiner Seite war.— Wir ſehen ihn alſo auf der Straße der Ehe wandern; und da er nun zwei Jahre lang mit der Miſ⸗ ſionsidee ausgehalten hat, ſo iſt es hohe Zeit, ſie neben ihre Vorfahren an den Nagel zu hängen. Dort ſitzt er nun glücklich und erklärt eben ſeiner Venus und ſchwärmt von Liebe und Mondſchein und rothen Roſen und weißen Lilien und dergleichen mehr, was ſolchen poetiſchen Ge⸗ müthern einfällt; und dann ſo, verſteht ſich, ſchwatzt er ein wenig von ſeiner großen Aufopferung, dem Danke des ganzen ſchwarzen Heidenlandes zu entſagen und mit dem einer Einzigen fürlieb zu nehmen, worauf denn Venus mit Erroͤthen und Lächeln und den allerlieblichſten Blicken antwortet— und wenn nun das Jahr umgegangen iſt, ſo hat ihn noch ein anderes Band feſtgeknüpft, und binnen 2⁵6 zwei, höchſtens drei Jahren iſt der Schwärmer ein kluger und glücklicher Mann geworden, der an ſeinem häuslichen Herde, im Kreiſe ſeiner Frau, ſeiner Kinder und ſeiner Freunde ſeine ehemalige Phantaſie von einer Miſſionsreiſe in die Heidenwelt nur noch als einen ſchönen Traum be⸗ trachtet.“ Die geplagte Conſtance, feſtgehalten von dem Arme ihres Gatten, konnte nicht einmal das Geſicht abwenden. Ein unterdrückter Seufzer verließ die gequälte Bruſt. „Ich verſtehe recht gut, warum Du ſeufzeſt, mein Herzchen! Du meinſt: es wäre eine grobe Sünde, wenn er zur Vernunft käme! Aber ſieh nun zu, wenn wir einen Blick auf den andern Weg werfen! Entweder beißt er dort ins Gras oder auch kehrt er zurück; denn ich kenne ihn und weiß, daß wenn er auch eine Miſſion in das Pa⸗ radies erhielte, er dennoch etwas anderes verſuchen würde. Alſo nehmen wir an, daß er zurückkehrt— aber in welchem Zuſtande? Noch ſteht eine Glockenblume ganz ſtolz und mit erhabenem Haupte da; bald aber beginnt ſie ſich immer mehr auf die Seite zu legen... darauf wiegt ſie eine Zeitlang hin und her— ſie hat noch die Erinnerung, daß es luſtig war zu leben, und mochte gerne leben— aber die Kraft iſt gebrochen, und eins zwei drei, da liegt ſie! ... Dir gefällt das Bild nicht, Conſtanzchen, das ſehe ich an den Zuckungen Deiner ſchönen Lippen; aber es hat doch immer einen guten Anſtrich von der Wahrheit. Wenn er koͤrperlich krank, zerlumpt und verbrannt und geiſtig müde, traurig und krank zurückkehrt, ſo iſt der Muth dahin: da gedenkt er einer verfloſſenen Zeit, als das Leben friſch und roſenroth war, und moͤchte ſich gerne in daſſelbe zurückverſetzen, wenn er koͤnnte. Aber es iſt zu Ende mit allem Roſenrothen; kriecht er von Neuem in die magere Straße der Adjunktur, ſo wird er entweder ein Pedant, ein Bücherwurm, eine lebendige Leiche, oder auch ſtirbt er knall und fall an der Gallenſucht darüber, daß er, der von ſo hohen Dingen geträumt hat, als ein armer A jetzt habe ... ſo! die Flag⸗ Wor Gra Conſtance hatte erſt auf ſie b Leonard ſo ſorgfä ihr ein 2 ſo ſorgfä ſtand noc wollte er brächte, wegen. Inzt der große füßen un das ganz glaubten zitterten Wahrheit möglich ſchrecklich ſchen ode Zeit der Alle deten, kel daß alles geweſen! Eine Na n kluger iuslichen nd ſeiner ionsreiſe aum be⸗ m Arme bwenden. ruſt. t, mein de, wenn vir einen beißt er ich kenne das Pa⸗ en würde. welchem ſtolz und ch immer t ſie eine rung, daß — aber liegt ſie! das ſehe aber es Wahrheit. annt und ſo iſt der Zeit, als ſich gerne ber es iſt dn Neuem rentweder iche, oder darüber, t, als ein 257 armer Adjunkt endigt...Aber auf Ehre und Glauben, jetzt habe ich's verdient, die geronnene Milch anzugreifen .. ſol... gleich beim erſten Anfalle ſtreicht Afrika die Flagge!“ Wochen vergingen. Der Herbſt kam herbei. Grave hatte verſchiedene Auswege verſucht, ſich mit Conſtance in Verbindung zu ſetzen; doch vergebens. Er hatte erſpäht, welche Kranke ſie beſuchte, und wartete ſtets auf ſie bei den Hütten derſelben; doch immer begleitete Leonard ſelbſt ſeine Gattin auf ihren Wanderungen, und ſo ſorgfältig Grave auch eine Gelegenheit abzupaſſen ſuchte, ihr ein Wort im Vertrauen zu ſagen, ſo gab Leonard eben ſo ſorgfältig Achtung, und durch den fortwährenden Wider⸗ ſtand noch mehr erhitzt, that Grave ſich das Gelübde, er wollte ein Mittel erfinden, durch welches er es dahin brächte, ſie zu einem geheimen Zuſammentreffen zu be⸗ wegen. 3 Inzwiſchen hatte ſich die wundervolle Offenbarung der großen Schlange, des Ungeheuers mit den vier Gänſe⸗ füßen und dem zehn Ellen langen Schwanze durch das ganze Kirchſpiel verbreitet. Einige lachten darüber, glaubten es aber im Stillen, Andere lachten im Stillen, zitterten jedoch im Herzen, wenn ſie die unwiderſprechliche Wahrheit der Offenbarung erzählen hörten, welche ja un⸗ moͤglich etwas anderes bedeuten konnte, als ein großes, ſchreckliches Unglück, Hungersnoth, Krankheit unter Men⸗ ſchen oder Vieh, wenn ſie nicht ſogar geradezu die letzte Zeit der Welt bedeutete. Alle diejenigen, welche ſich an den Oberpfarrer wen⸗ deten, kehrten beruhigt nach Hauſe zurück in dem Glauben, daß alles nur eine Täuſchung der verrückten Bibel⸗Marie geweſen wäre. Als aber ſolche Worte vor die Ohren der Eine Nacht am Bullarſee. lll. 17 258 Bibel⸗Marie kamen, ſo fühlte ſie ſich ſchwer beleidigt, und entwickelte einen ſolchen Eifer, die Leute von der Wahrheit desjenigen zu überzeugen, was ihr zu ſchauen geſtattet worden war, daß zuletzt kein Menſch mehr dem Propſte glaubte— es war klar, daß er es gut meinte, er wollte keinem Menſchen Angſt machen, aber er bedachte nicht, daß gerade das viele Reden von Aberglauben und Unmöglich⸗ keiten bewies, daß er ſelbſt ganz gewiß im Stillen daran glaubte. Nein, Grave, das war ein anderer Mann: er forderte auf fleißig zu beten; denn nur durch anhaltende Gebete ließ Gott ſich bewegen, die große Ruthe zur Straſe der Menſchen nicht zu ſchicken. Es war leicht vorauszu⸗ ſehen, daß auch viele von den Landleuten ähnliche Offen⸗ barungen des Ungeheuers gehabt zu haben meinten. Ja, man behauptete, daß Grave ſelbſt die Schlange geſehen hätte, obgleich er es in Worten läugnete, was jedoch die Sache noch glaubwürdiger machte; und nun kam eine Art von Fieberhitze, ein Wahnſinn, eine Krankheit über die Leute, nur zu beten und immerwährend zu beten, bald in ihren eigenen Häuſern, bald bei dem Comminiſter, zu welchem ſie ihre gehelmen Opfer als Dankbarkeit für die Wohlthaten trugen, die Grave ihnen erzeigt hatte, als er ihnen zeigte, ni und in welchen Worten ſie den Herrn richtig ſuchen ollten. Der Oberpfarrer war ſo betrübt und traurig über die Wirren und das Elend, welches Grave in der Ge⸗ meinde veranlaßt hatte, daß er ihn mehrmals ſcharf er⸗ mahnte und ihm mit einer Klage vor dem Conſiſtorium drohte; auch würde er ihn ohne allen Zweifel angeklagt haben, wenn es ihm möglich geweſen wäre, hinlängliche und bindende Beweiſe gegen ihn zu erhalten. Grave aber drehte und wendete ſich wie ein Aal, und überdieß war das Volk ſchon in ſo hohem Grade auf ſeiner Seite, daß gewiß das ganze Härad ſich empört haben würde, wenn der Propſt etwas gegen ihren Abgott gewagt hätte. „Sie müſſen ausraſen,“ ſagte er bisweilen zu Leonardz „nicht m kommt m Ich hoff wird, w komme i beginnen, unwuͤrditg Cor der Leute zuſehen, haſſen; zeugung ſeiner M weit geke volle Er ſein Ant! Morgen kammer drucksvol unter vier Con und glei⸗ der Taſch geſchriebe „In dauernsw Ich brau Betſtunde bete ich: Heute AM Angeleger mit der N „Ei Con der Dure digt, und Wahrheit geſtattet Propſte er wollte icht, daß möglich⸗ en daran tann: er nhaltende ir Strafe vorauszu⸗ ſe Offen⸗ nten. Ja, e geſehen edoch die eine Art die Leute, in ihren welchem ohlthaten en zeigte, lig ſuchen urig über der Ge⸗ ſcharf er⸗ nſiſtorium angeklagt nlängliche rave aber rdieß war Seite, daß de, wenn itte. Leonard; 259 „nicht mit Vernunft, nicht mit Güte, nicht mit Strenge kommt man in dieſem Augenblicke mit ihnen aus der Stelle. Ich hoffe aber doch zu Gott, daß das Fieber ſich legen wird, wenn es eine Zeitlang gebrannt hat, und dann komme ich an die Reihe, um von Neuem die Arbeit zu beginnen, welche ſo vortrefflich im Gange war, als der unwuͤrdige Heuchler herkam.“ Conſtance, welche in dieſem unglücklichen Aberglauben der Leute nicht umhin konnte, Grave's große Schuld ein⸗ zuſehen, begann ihn immer mehr zu verabſcheuen, ja zu haſſen; denn ſie war mit ſich ſelbſt längſt zu der Ueber⸗ zeugung gekommen, daß er ſie wenigſtens in der einen ſeiner Mittheilungen getäuſcht hatte, und ſie war ſchon ſo weit gekommen, daß ſie eine gewiſſe Ruhe, eine demuths⸗ volle Ergebung, eine Hoffnung empfand, daß der Herr ihr ſein Antlitz wieder zugewendet hätte, als ſie an einem Morgen bei ihrer Wanderung über den Hof in die Milch⸗ kammer der Bibel⸗Marie begegnete, welche mit einer aus⸗ drucksvollen Geberde ſagte:„Darf ich ein Wort mit Ihnen unter vier Augen ſprechen?“ Conſtance nahm Marie mit in die Milchkammer, und gleich zog die Botenträgerin ein Stück Papier aus der Taſche, welches dem Anſehen nach in der groͤßten Eile geſchrieben war. Es enthielt nur folgende Worte: „In dieſem Augenblicke iſt eine ſchreckliche, eine be⸗ dauernswürdige Nachricht zu meiner Kenntniß gelangt. Ich brauche nicht zu ſagen, daß ſie mit unſern ehemaligen Betſtunden in Zuſammenhang ſteht, und in gerechter Angſt bete ich:„O Herr, hilf, o Herr, laß wohl gelingen!“ Heute Abend erwarte ich um dieſer mehr denn wichtigen Angelegenheit willen eine würdige Schweſter in Chriſto an dem mit der Mauer bekränzten Felſen, der das Zauberſchloß heißt! „Ein Bruder im Glauben, ein Freund in der Noth.“ Conſtance vermochte ſich kaum aufrecht zu erhalten bei der Durchleſung dieſer Worte. Großer Gott, wenn er 250 todt wäre! Sie war ſchon in Begriff mit dem Billette zu Leonard zu eilen; aber er mußte ja aus demſelben erſehen, daß zwiſchen ihr und Grave ein geheimes Verſtändniß ob⸗ gewaltet hätte, und zwar ein Verſtändniß in Betreff... o nein; bei der geringſten Erklärung hätte ſie den ganzen Zuſtand ihres Herzens eroͤffnet! Dagegen allein nach dem entlegenen Zauberſchloſſe zu gehen, um Grave, den von dem Propſte und ihren Manne ſo verabſcheuten und ver⸗ achteten Grave allein zu treffen— ſie mußte ſich ja, wenn es bekannt würde, in der Doch was bedeutete das, da es ihm galt, den ihre Seele und ihre Vernunft über alle andere Menſchen ſetzte! Sie mußte hin... wenn es nun aber eine Schlinge wäre? . Es wurde ihr ſchwarz vor den Augen, es ſchwindelte ihr im Kopfe und im Herzen.„Geh!“ ſagte ſie zu Marie, „ſage, daß ich keine beſtimmte Antwort geben kann— ich will mich beſinnen...“ Das Beſinnen verſetzte ſie in ein Fieber, das Fieber mußte abgekühlt werden, und mit fliegenden Pulſen, mit fliegendem Herzen eilte ſie an das Ufer des Sees hinab. Die erſtickende Hitze des Auguſt hatte längſt den kühlenden Winden des September Platz gemacht; es war der achtzehnte September, ein Tag von unberechenbarer Wichtigkeit in dem Leben der Schwärmerin. Sie wußte nicht, als ſie dort in ihre innere Welt verſenkt ſaß, wo die Stunden blieben. Zum erſten Male geſchah es, daß das Mittageſſen nicht fertig war, als Leonard nach Hauſe kam— man hatte die Frau den ganzen Vormittag nicht geſehen. Leonard, der zärtliche, unruhige Gatte, der ihre Lieh⸗ lingsplätze kannte, ſuchte und fand ſie; doch ſie wußte nichts von ſeiner Nähe, bis ſeine Stimme ſie in den herz⸗ lichſten Ausdrücken anredete. Da fuhr ſie zuſammen und verſtand, daß ſie die Zeit, ihren Gatten, die Mittagsmahl⸗ zeit, alles, alles, vergeſſen hätte! In der Verwirrung ſtotterte ſie etwas von Uebelbefinden— die Lüge war ihr Achtung Aller herabſetzen.. zuwider zwanges Bei junge C .nommen laſſen. keineswe werde tro Aber er Angſt be entſchloſſ zeugte ih ihr das großen a gender S ſie wußte lehne ruh das Hau illette zu erſehen, dniß ob⸗ reff... n ganzen ach dem den von und ver⸗ ja, wenn Ben.. hre Seele öte! Sie e wäre! hwindelte u Marie, nn— ich as Fieber lſen, mit es hinab, ingſt den es war ſcchenbarer eere Welt ien Male var, als Frau den ihre Lieh⸗ ſie wußte den herz⸗ nmen und agsmahl⸗ erwirrung war ihr 261 zuwider: aber, ach, ſie war ja ſtets eine Folge des Noth⸗ zwanges! Beſtürzt und unruhig war Leonard ſtets um ſeine junge Gattin beſchäftigt, und als das Mittageſſen einge⸗ nommen war, wollte er ſie unter keiner Bedingung ver⸗ laſſen. Zweimal ſagte ſie, aber mit einer Stimme, die keinesweges ſicher war:„Laß mich, guter Leo!— i werde traurig, wenn Du um meinetwillen zu Hauſe bleibſt!“ Aber er ſaß treulich um ihretwillen, und ihre zunehmende Angſt bei dem Fortſchreiten der Zeit, ihre furchtbare Un⸗ entſchloſſenheit, die ſich auf ihrem Geſichte abmalte, über⸗ zeugte ihn, daß ſie kranker war, als ſie ſelbſt glaubte. Als die Uhr fünf ſchlug, da zog ſich eine Todten⸗ farbe über Conſtancen's Wange. Noch blieb ihr höchſtens eine halbe Stunde zum Beſinnen übrig; denn wenn ſie nicht vor ſechs Uhr auf dem Wege war, ſo wurde es allzu ſpät. Bald ſchwitzte, bald fror ſie; die Unruhe wollte ihr das Herz ſprengen. Leonard ſtand ganz ſtill über den großen alten Stuhl gelehnt, auf welchem ſie in halblie⸗ gender Stellung ſaß. Sein Arm ſtützte ihren Kopf; doch ſie wußte nicht, ob er an ſeinem Arme oder an der Stuhl⸗ lehne ruhte, und eben ſo wenig fühlte ſie es, daß ſeine Hand die ihrige liebkoſend umfaßt hielt. Plötzlich aber umklammerte ſie dieſe Hand mit einer krampfhaften Heftigkeit, das Blut brauſte hinauf in ihr Antlitz, ſie betrachtete Leonard mit einem verwilderten Blicke.„Hörſt Du etwas?“ fragte ſie. „Nein, was ſollte ich hören?.. Doch ja, ich glaube! ... Mein Gott, wer...“ Leonard kam nicht weiter: in der folgenden Secunde wurde die Thür aufgeriſſen, und ein Gaſt zeigte ſich auf der Schwelle. Es war Juſtus von Carleborg, der zum erſten Male das Haus ſeines Bruders betrat. Zwölftes Duch. Eine Nacht am Bullar⸗See. In blut'gen Wolken ertrank die Sonne, Und mondleere Nacht umfing die Erde— Die Sterne glänzten wie Leichenlichter. Kjeltman Göranſon. In oder Pu zweifelhe ſtraßen, In der Seel geſchärft ihr eigen zu ſehen und auf tenen Eit wahren, zu treffe Der unaufhal vorüberg ſtändigen war den Merkmal deckten§ Nordlich Spitzen von täuſ der Mon aller loſe 1 den Fach ſelungen Er hatte die Achtundzwanzigſtes Kapitel. In jedem Menſchenleben gibt es immer einige Kreuze oder Punkte, merkwürdige Wegeſcheiden, wo der Wandrer zweifelhaft ſtill ſteht und nicht weiß, welche von den Land⸗ ſtraßen, die vor ihm liegen, wohl die beſte ſein mag. In ſolchen groͤßeren Augenblicken wird die Fähigkeit der Seele, das Materielle von dem Geiſtigen abzuſondern, geſchärft und erweitert. Da iſt es ihr geſtattet, gleichſam ihr eigenes Weſen in einem Spiegel eben ſo oft gebrochen zu ſehen, wie die Strahlen in den Facetten des Spiegels, und auf der größeren oder geringeren Fähigkeit die erhal⸗ tenen Eindrücke oder Offenbarungen zu ordnen oder zu be⸗ wahren, beruht hernach das Glück oder das Unglück der zu treffenden Wahl. Der junge Miſſionar, welcher während ſeines Lebens unaufhaltſam an der einen Wegeſcheide nach der andern voorübergeeilt war und nur den Eingebungen der unbe⸗ ſtändigen Launen einer brennenden Phantaſie gehorcht hatte, war dennoch, wie man ſich erinnert, zuletzt bei einem Merkmale ſtehen geblieben, welches ſich auf der ſchneebe⸗ deckten Klippe von Tſchidtjak erhob. Dort, wo das kalte Nordlicht die mit einem weißen Leichentuche bedeckten Spitzen beleuchtete, beſchien auch ein anderes Licht ſeine von täuſchenden Wahnbegriffen bedeckte Seele; dort, wo der Mond ſein Splegel war, erblickte er ſein eigenes Ich aller loſen Zierden entkleidet; dort ſah er in den ſtrahlen⸗ deen Facetten der Sterne die unzähligen planloſen Abwech⸗ 3 ſelungen ſeines eigenen Weſens. 4 Er hatte nicht vergeblich dieſe Nacht durchlebt? er 1 hatte die Eindrücke und Offenbarungen, welche ihm ver⸗ 266 goͤnnt wurden, tief aufgefaßt— und welche herrlichen Früchte hätten ſie in der Zukunft tragen koͤnnen, wenn nicht der böſe Dämon ſeines Geiſtes wiederum begonnen hätte, ſeine vergifteten Pfeile umherzuſchleudern, welche gerade die verwundbarſten Stellen in der Bruſt des Fa⸗ natikers treffen ſollten! Die gefährlichſte Seite des Fanatismus iſt vielleicht die, wenn ſeine religioͤſen Beſtandtheile, die ihn vormals über den Abgrund des Zweifels getragen haben, gerade in dem Zeitpunkte hinwegſinken, da die weltliche Schwär⸗ merei die Siegesfahne der Freiheit erhebt. Der reinende und kühlende Hauch der Vernunft hatte das heiße Gehirn Juſtus von Carleborgs berührt: er ſah ſeine eigene Lage in ihrem wahren Lichte; aber er ſah auch, daß ihr noch zu helfen war, wenn er nur im Stande wäre, ſeine ſo ſehr zerſplitterten Kräfte in einen einzigen Brennpunkt zu ſammeln. Zum erſten Male in ſeinem Leben empfand er das ungewohnte Bedürfniß, alle reizen⸗ den Erzeugniſſe der Einbildungskraft von ſich hinweg zu weiſen und allein zu ſein, ganz allein mit dem Nachdenken, der Vernunft und Gott. Doch Grave's zweiter Brief, in welchem er den geſunden Seelenzuſtand des Juſtus für die Höhe aller möglichen gefahrvollen Zuſtände erklärte, brachte wiederum Unordnung in ſeinen Kopf und machte, daß er ſelbſt die Richtigkeit und Klarheit alles wirklich Guten und Klaren bezweifelte, das er nun ſeit einiger Zeit gedacht hatte. Von dem erſten Zweifel kam es zur Abſtimmung, von der Abſtimmung zur Unruhe, und von der Unruhe zu einem gänzlichen Wirrwar in den Gegen⸗ ſtänden, welche ſich auf die wichtigſte Angelegenheit ſeiner Seele bezogen. Inzwiſchen wollte der Verſtand das Ende nicht fahren laſſen, welches er ergriffen hatte; er ſagte: ſo verwirrt Du auch an und für ſich ſelbſt ſein magſt, ſo reiſe, denn je länger Du Dich innerhalb des Kreiſes der Wirkungen Grave's befindeſt, deſto verwirrter wirſt Du werden. Reiſe, ur welches würde, welcher haſt, geg zigen lich dieſe Kre im Finſt Er reiſen, je Sei heit, die an ſich ihre Gel Nun ben „Sollte zu betrüg von Neue ſolchen A beſten zu Troſt der entſtehen nicht krat Vorherſa wirſt auc und ſollte unterwerf die große weilen, w im Stand mühevolle keinen ein nate in r verzweifel errlichen , wenn degonnen welche des Fa⸗ vielleicht vormals erade in Schwär⸗ ift hatte : er ſah ſah auch, Stande einzigen ſeinem e reizen⸗ nweg zu chdenken, r Brief, ſtus für erklärte, machte, wirklich einiger es zur und von Gegen⸗ eit ſeiner t fahren verwirrt iſe, denn ſirkungen werden. 267 Reiſe, um den Frieden mit Deinem Gewiſſen zu behalten, welches ſich gewiß mit noch unbekannten Sünden beflecken würde, wenn Du es wagteſt, die Erde zu betreten, auf welcher ihr Fuß geht— reiſe, während Du noch Kraft haſt, gegen die Grübelei zu kämpfen, welche Deinen ein⸗ zigen lichten Leitſtern verdunkeln will. Bald wird vielleicht dieſe Kraft, ermattet und erſchlafft, untergehen und Dich im Finſtern laſſen. Er lauſchte auf die mahnende Stimme: er wollte reiſen, je eher deſto lieber. Sein Brief an die Mutter athmete eine Entſchloſſen⸗ heit, die wenigſtens äußerlich das Gepräge der Wahrheit an ſich trug. Er ſchrieb noch zweimal an Grave über ihre Geldangelegenheiten, erhielt jedoch keine Antwort. Nun bemächtigte ſich ſeiner ein heftiger und tiefer Verdruß. „Sollte Grave die Abſicht haben, mich um dieſes Capital zu betrügen... oder“— ein finſterer Zweifel erhob ſich von Neuem—„ſollte er wirklich glauben, daß ich mich auf ſolchen Abwegen befinde, daß er ſeiner Anſicht gemäß am beſten zu handeln glaubt, wenn er mich eine Zeitlang ohne den Troſt der Freundſchaft läßt? Nein, o nein! dieſe Schatten entſtehen aus einem kranken Gemüthe! doch jetzt bin ich nicht krank, ſondern geſund; und trotz der fürchterlichen Vorherſagung: ‚Du erreichteſt nicht das kleine Ziel; Du wirſt auch das große nicht erreichen,“ muß ich es erreichen und ſollte ich mich jeder Demüthigung, jeder Entſagung unterwerfen!“ Er hatte nicht die Kraft, ſich ſelbſt zu geſtehen, was doch in der That am meiſten zu ſeinem Verlangen beitrug, die große Miſſion anzutreten; gewiß aber ahnte er es bis⸗ weilen, wenn er mit dem beſten Willen von der Welt nicht im Stande war, einen einzigen Freudenſeufzer über den in mühevoller Arbeit angewendeten Tag hervorzurufen— nein, keinen einzigen Freudenſeufzer ſeitdem Wochen und Mo⸗ nate in raſtloſer Thätigkeit dahin gegangen waren. Er verzweifelte über ſich ſelbſt. War er denn kalt geworden — 268 für das heilige Werk des Herrn 7 Nein, das wohl nicht, denn in ſeiner Einbildung war es immer noch ſchoͤn; doch dieſe Wirklichkeit, ſo ohne alle verfinnlichenden Reize, war äußerſt ermüdend, ja beinahe unerträglich, und ſo ſehr er ſich auch beſtrebte, dem Ueberdruſſe keinen Eintritt zu ge⸗ ſtatten, ſo kam er ihm dennoch mit jedem Augenblicke näher, und immer erhielt dieſer Ueberdruß, dieſe dunkle, von der Sonne verbrannte Geſtalt, die ſich um ihn her⸗ ſchlich, mehr und mehr Aehnlichkeit mit ſeinem alten Be⸗ kannten, dem Unbeſtande. Bis jetzt aber war er bei weitem noch nicht beſiegt; noch würde er im Stande geweſen ſein, die letzten Trüm⸗ mer der ſo übel angewendeten Pfunde, welche Gott bei ihm niedergelegt hatte, die letzten Trümmer der edlen, Kraft, welche ſich in der Lappenhütte während der Nacht in ihm entwickelt hatte, zu retten, wenn er nur im Stande geweſen wäre, ſogleich, da dieſer Wind noch wehte, ſein Vorhaben auszuführen. Doch der eine Poſttag verging nach dem andern, ohne daß Grave etwas von ſich hoͤren ließ, und ſchon ſchwebten die Gedanken des Miſſionars über dem Abgrunde, welchen Grave zu der Bedingung ſeiner völligen Reinigung, und folglich auch ſeiner Fähig⸗ keit, die Reiſe antreten zu koͤnnen, gemacht hatte, als der Brief des Conſuls Löwe ankam. Aus den Briefen ſeiner Mutter kannte er die Zuſtände auf Oernwik theilweiſe, ſo wie auch, daß Conſtance um Evelyns willen ſich dort befand; daß jedoch das Leben des Barons jemals in Gefahr geweſen war, das wußte er nicht; denn Frau Hedwig hatte, geleitet von einem ſicheren Inſtinkte, es für klüger erachtet, ſeinen jetzt vollkommen geſammelten Gedanken keine Veranlaſſung zur Aufnahme von Nebengedanken zu geben. daher wie ein Blitz in ſeine Seele ein. Bei ſeiner jetzigen Gemüthsſtimmung, da er von der einen Seite ſeiner Miſ⸗ ſion herzlich müde war, und von der andern nicht wußte, Die Nachricht, daß Evelyn Wittwe wäre, ſchlug was er nehmen, Trauerpe chung a Spannun Conſuls, hingeſtell ner Anw Wirkung er längen haben w Er Hintritt Rührung ſchaft, ſe dieſe Per hin gebre er ſo lan auserſehe vornehmf lich den digt wer Scepter ſtrengunge damals d und ſie k Leidenſcha mauer ſel Bruders! Wäͤr hl nicht, n; doch ize, war ſehr er t zu ge⸗ genblicke e dunkle, ihn her⸗ lten Be⸗ beſiegt; n Trüm⸗ Gott bei der edlen er Nacht n Stande ehte, ſein verging ich hoͤren iſſionars edingung r Fähig⸗ „als der Zuſtände ance um ſas Leben wußte er ſicheren llkommen ufnahme „ſchlug r jetzigen liner Miſ⸗ ht wußte, 269 was er denken ſollte, von Graves unbegreiflichem Be⸗ nehmen, ihm das Reiſegeld vorzuenthalten, kam dieſe Trauerpoſt, dieſes Unglück als eine wohlthätige Unterbre⸗ chung an; ſie gab ſeinen ermüdeten Sinnen eine neue Spannung, und der ſo warm ausgeſprochene Wunſch des Conſuls, daß er kommen möchte, und die eben ſo offen hingeſtellte Hoffnung von der heilbringenden Wirkung ſei⸗ ner Anweſenheit gab ihm überdieß den Vorwand, einen Wirkungskreis zu verlaſſen, welcher wahrſcheinlich, wenn er länger in demſelben bliebe, alles Leben in ihm verzehrt haben würde. Er litt mit Evelyn, er vergoß Thränen über den Hintritt des edlen, redlichen Mannes; doch trotz dieſer Rührung würden ſeine beſonderen Pflichten der Freund⸗ ſchaft, ſeine Theilnahme für eine einzige Perſon, und wäre dieſe Perſon auch ſogar Evelyn geweſen, gewiß nicht da⸗ hin gebracht haben, einen Beruf zu verlaſſen, von welchem er ſo lange überzeugt geweſen war, daß Gott ihn dazu auserſehen hätte, wenn nicht dieſer Beruf ſchon ſeinen vornehmſten und ſchoͤnſten Reiz verloren gehabt hätte, näm⸗ lich den Reiz, eine Phantaſie zu ſein. Alle Wirklichkeit hatte den Fehler, daß ſie das Glück toͤdtete. Juſtus von Carleborg war mit ſeinem unruhigen Geiſte nicht geſchaffen, ein wirkliches Glück anders, als in der Einbildung zu empfinden. Nichts bei ihm war dauernd, als nur ſeine unglückliche Liebe. Warum aber dauerte dieſe? wahrſcheinlich darum, weil ſie nicht befrie⸗ digt werden konnte. Sie war unter dem gefährlichen Scepter der Religionsſchwärmereien und unter den An⸗ ſtrengungen und Entbehrungen emporgewgchſen, welche damals das ausſchließliche Bedürfniß ſeiner Seele war, und ſie konnte in alle Ewigkeit fortdauern, denn dieſe Leidenſchaft hatte ihre ſicherſte Schutzwehr in der Scheide⸗ mauer ſelbſt, daß nämlich ſeine Geliebte die Gattin ſeines Bruders war. Wäre Conſtance Wittwe und Juſtus mit ihr vereint 270 worden, ſo würde ſein Herz vielleicht einige Monate lang im Himmel geſchwebt haben, dann aber wäre es auch auf die Bahre gelegt worden; denn er würde geglaubt haben, daß er den Eingang in den irdiſchen Himmel mit allzu großen Aufopferungen erkauft hätte, als er darüber die Hoffnung auf die Verwirklichung ſeiner tropiſchen Träume aufgab, welche Träume gewiß noch nie zuvor einen glänzenderen Farbenreichthum erreicht haben würden, als wenn er durch ein Amt und eine Familie ſich gebun⸗ den gefühlt hätte. Nun aber war nicht Conſtance Wittwe geworden, ſondern Evelyn, und dieſer Umſtand mußte auf ſein nach Kämpfen und Abwechslungen durſtendes Gemüth anſchla⸗ gen. Wie— wenn dieſes ein Wink aus der Höhe wäre? Man entſinnt ſich, daß er jetzt, da Conſtance verheirathet war, und er die Reinigung durchgemacht, ſo wie auch den Beifall und die Einwilligung ſeiner Mutter erhalten hatte, kein Gegengewicht gegen die Reiſe nach Afrika weiter hatte, als nur das Geld, welches Grave aber, falls er gerichtlich belangt wurde, auf jeden Fall zurückgeben mußte. Hätte es aber jetzt ſelbſt einer Miſſion nach dem Paradieſe gegolten, wie Leonard einmal ſich ausdruͤckte, ſo hätte dieſelbe unmöglich für ihn ihre reizenden Lockun⸗ gen behalten köͤnnen, ſeitdem er eine Probe davon ge⸗ ſchmeckt hatte und keine Hinderniſſe mehr im Wege ſtanden, als nur ein einziges, welches er hinwegſchaffen konnte, ſo⸗ bald er nur wollte; und da hiezu ſchon dieſe grauſamen, bittern Religionszweifel kamen, welche ihn ungeſchickt mach⸗ ten, den wirklichen Zuſtand ſeines Innern zu prüfen, und welche ihm noch obendrein zuflüſterten, daß nur die Schaam über ſeine ewige Unbeſtändigkeit, ſo wie die Pflicht, ſeine Liebe zu beſiegen, und nicht länger die armen blinden Hei⸗ den ihn in das heidniſche Land zogen, ſo war es ihm, als ob ſein geſondertes Weſen nun auf eine andere Weiſe ge⸗ heilt werden koͤnnte. Wenn er nun ſeiner Seits ſich Evelynen opferte, er, der ſie dieſem C daß er e von dem gaukelnde einem kle˖ Nützliche Wir ſich kaun ſich darü halten kö der Richt lich auf Chriſti S brannt ut als das L wahnfinni mantel, ablegen, Tage zu Finſterniß um nur c dere, meit dem Du terer Ferr Dich eher Stamm d Blut! H zerreißende Monate es auch geglaubt mel mit darüber ropiſchen ie zuvor würden, h gebun⸗ geworden, ſein nach anſchla⸗ he wäͤre? rheirathet wie auch erhalten h Afrika ber, falls rückgeben nach dem (usdrückte, (n Lockun⸗ pavon ge⸗ e ſtanden, onnte, ſo⸗ rauſamen, ickt mach⸗ füfen, und e Schaam cht, ſeine nden Hei⸗ ihm, als Weiſe ge⸗ pferte, er, 271 der ſie einmal geopfert hatte? Würde er verheirathet mit dieſem Engel, erhielte er die Macht über ſeine Leidenſchaft, daß er einen ſolchen Schritt wagen konnte, ſo wollte er von dem geiſtlichen Stande Abſchied nehmen und alle gaukelnden Träume ſeiner Jugend fahren laſſen, um in einem kleineren, aber ſicheren Kreiſe ſo viel Gutes und Nützliches zu wirken, als er vermochte. Wir brauchen wohl nicht einmal zu ſagen, daß er ſich kaum von dieſer Idee überraſcht fuͤhlte, als er außer ſich darüber, daß er ſie nur eine einzige Minute hatte feſt halten können, reuevoll auf ſeine Knie ſank, überzeugt von der Richtigkeit in Grave's Behauptung, daß er jetzt wirk⸗ lich auf einem gefahrvollen Abwege ſich befände. Er, der Chriſti Sache zwei Jahre lang geliebt, für dieſelbe ge⸗ brannt und gelebt hatte, er, der für dieſelbe weit mehr als das Leben geopfert hatte, ſollte er— o, fürchterlicher, wahnſinniger, ſündiger Gedanke!— ſollte er den Prieſter⸗ mantel, das heilige Zeichen ſeiner apoſtoliſchen Würde, ablegen, um als Gutsbeſitzer in aller Gemächlichkeit ſeine Tage zu endigen? Sollte er dieſe armen Heiden in ihrer Finſterniß, ſollte er Gottes eigene Sache fahren laſſen, um nur an ſich ſelbſt zu denken?...„Schaudere, ſchau⸗ dere, meine Seele! Du finkeſt immer tiefer... und in⸗ dem Du ſinkeſt, verſchwinden in immer weiterer und wei⸗ terer Ferne die himmliſchen, herrlichen Geſichte, welche Dich ehemals beglückten.... Aber ich umfaſſe den Stamm des Kreuzes, ich liege zu ſeinen Füßen, ich weine Blut! Herr, Herr, Meiſter, großer Meiſter, verlaß mich nicht, behalte mich feſt in Deiner Hand; denn ich fühle, daß ein Theil meiner Seele im Begriff iſt, mich zu ver⸗ laſſen!“ Einige Tage verfloſſen ihm in einem betrübten Zu⸗ ande. Und welcher Zuſtand kann wohl betrübter und herz⸗ zerreißender ſein, als derjenige, welcher der Trennung der 272 Seele von einer großen Idee vorangeht, einer Idee, die ein Theil ihrer ſelbſt, ein Theil von Gott, geworden iſt? Bei einer Trennung im äußern Leben, einer Trennung durch Tod, Untreue, Pllicht oder Ehrenverbindlichkeit hat die Seele einen Troſt, eine Stütze in der Nothwendigkeit: es war nicht die Seele ſelbſt, ſondern ein von ihr unab⸗ hängiger Wille, eine Kraft oder eine Wirkung, welche ſie von dem Gegenſtande hinweg riß, mit welchem ſie verei⸗ nigt geweſen war. Bei dieſer geiſtigen Trennung dagegen iſt es ganz anders: ſie beruht auf der Seele ſelbſt, und vielleicht gibt es in dem aͤußern Leben gar nichts, das ſich mit dieſen unheimlichen Vorboten vergleichen läßt, die einen innern Tod verkündigen. Wie viele haben wohl nicht, ohne gleichwohl darüber zu reflectiren, dieſen mo⸗ raliſchen Todeskampf empfunden, zum Beiſpiel rückſichtlich der Liebe! Das Herz will ſich nicht losreißen von dem Gegenſtande, welchen es einmal mit ſo flammenden Ge⸗ fühlen angebetet und verehrt hat; es will noch die Friſche und die Gluth dieſer Gefuhle beſitzen, und es iſt auch keine Urſache vorhanden, daß dieſelben aufhören ſollen; ihr Gegenſtand iſt ja noch ſchön, jugendlich und liebend. Nichts deſto weniger aber merkt das Herz mit Unruhe, mit Verwunderung, mit einem ſchmerzhaften Erſtaunen, daß dieſe vereinigten Eigenſchaften nicht länger im Stande ſind, daſſelbe zu beleben: ſeine Schläge haben keine Eile mehr, ſie gehen gleichmäßig und ruhig wie die Pulſe, welche nicht mehr brennen und fliegen für den Gegenſtand, der ſie ehemals in Bewegung ſetzte; eine Leerheit macht ſich fühlbar, eine Leerheit, die immerwährend zunimmt, eine unermeßliche Leerheit in dem ganzen Weſen; doch die Liebe vermag dieſe Lücke, welche von ſelbſt entſtanden iſt, nicht länger zu füllen,— denn die Liebe iſt todt, das Herz hat ſich von ſeinem ſchönſten Schatze getrennt, weil es müde geworden iſt, glücklich zu ſein: es hielt dieſe Spannungen und Eraltationen nicht länger aus... nun aber, da ſie verſchwunden ſind, trauert das Herz über ſeine ver ſeinem g So Gefühle und der muß abe ſeinem müthe d Höhe en len der empfinde Religion ſeiner ei Geißel d einem W Einbildu während Abe um das daſſelbe f werden k Es Abſicht n zugleich, Geſundhe freien. Nun von der hatte, gei Plan dur dammen guten We ſo warm fahren m zu wirken Eine Nac dee, die den iſt? Lrennung hkeit hat endigkeit: hr unab⸗ velche ſie ſie verei⸗ gdagegen lbſt, und „das ſich läßt, die ben wohl ieſen mo⸗ ückſichtlich von dem d liebend. Unruhe, zunimmt, ; doch die anden iſt, ennt, weil hielt dieſe ... nun Herz über 273 ſeine verlorne Fähigkeit: es fühlt ſich halb und allein in ſeinem geiſtigen Wittwerſtande. So ungefähr können wir uns Juſtus von Carleborg's Gefühle bei der geahnten Trennung zwiſchen ſeiner Seele und der hohen Miſſionsidee denken; zu dieſer Vorſtellung muß aber noch hinzu gedacht werden, daß ein Menſch mit ſeinem ſchwärmeriſchen, heftigen, leidenſchaftlichen Ge⸗ müthe die Fürchterlichkeit des Kampfes in ſeiner höchſten Höhe empfinden mußte. Er mußte die brennenden Qua⸗ len der unerſchöpflichen Vorwürfe ſeiner Selbſtverachtung empfinden; er mußte ſich von den ſtarken Banden der Religion gehemmt und feſtgehalten und wiederum von ſeiner eigenen Unwürdigkeit hinweggeſtoßen und von der Geißel des Zweifels zerfleiſcht fühlen— er mußte, mit einem Worte, vielfach leiden, ſo wie alle mit überflüſſiger Einbildung und zu großem Gefühle begabten Menſchen während ihrer Kämpfe leiden müſſen. Aber einige Tage ſpäter kam ein neuer Brief, nicht um das Fieber in ſeinem Blute zu kühlen, ſondern um daſſelbe ſo anzufachen, daß wenigſtens eine Kriſis daraus werden konnte. Es war Graves Brief, dieſer veränderte Brief, deſſen Abſicht war, Juſtus in Lappland zurückzuhalten und ihn zugleich, wie man weiß, von der vorgeſchlagenen geiſtigen Geſundheitskur eines Beſuches am Bullar⸗See zu be⸗ freien. Nun aber, da die Augen des Fanatikers nicht länger von der Binde bedeckt waren, die ſo lange darauf geruht hatte, geſchah es, daß er mit ziemlicher Klarheit Graves Plan durchſchaute. Dieſer Uebergang von ſtarkem Ver⸗ dammen zu der Ueberzeugung, daß ſein Geiſt auf einem guten Wege wandelte, woher kam er? Woher kam dieſer ſo warm und eifrig ausgeſprochene Wunſch, daß er fort⸗ fahren möchte, dort zu wirken, wo er angefangen hatte zu wirken— woher dieſe Erlaſſung der vorher ſo noth⸗ Eine Nacht am Bullarſee. III. 18 274 wendigen Poͤnitenz, Conſtance wieder zu ſehen? Alles dieſes konnte nur einen Grund haben, nämlich, daß Grave ihn entfernt halten wollte. Warum aber wollte er das 2.. Grave ſagte dießmal von Conſtance kein Wort; in dem Briefe des Conſuls dagegen ſtand, daß ſie nach Hauſe gereiſt war.„Ha!“ rief der Miſſionar aus, indem er von der kurzen Ueberlegung auffuhr,„er ſelbſt, er mit ſeiner ſündigen Heiligkeit hat ſelbſt ſeine Augen auf dieje⸗ nige geworfen, zu welcher ich die meinigen nicht zu er⸗ heben wagte!“ Und nun war er in voller Flamme, nun hatte er nur ein einziges Ziel; er mußte hin, mußte mit eigenen Augen ſehen, mußte vielleicht Conſtance aus irgend einer Gefahr retten; nichts ſollte auf ihn einwirken, nichts ihn dort zurückhalten, wo er nicht länger bleiben wollte. „Ich glaube... ich fürchte beinahe, daß ich in dem Leitſeile dieſe Mannes gegangen bin— doch wozu 2.... Ol.. ſollte mich jemand geleitet haben 2.... Nein, und tauſendmal nein! Mein Kopf iſt verwirrt— aber er ſoll ſehen, daß ſeine Macht, wenn er ſolche über mich ge⸗ habt hat, jetzt gebrochen iſt!“ Bald darauf war er auf dem Wege nach Oernwik, welches er natürlicherweiſe zuerſt beſuchen mußte. Wäh⸗ erend dieſer langen Reiſe legte ſich wenigſtens auf kürzere b Zeiten die wilde Spannung; die Vernunft wurde herbei⸗ gerufen, und durch die Berathung, welche nun entſtand, fiel wiederum ein Gedanke auf den ſo ſchnell verworfenen Heirathsvorſchlag, das heißt: ſeine Sophiſtereien drehten und wendeten ſeine Pläne ſo, daß dieſelben Schutz erhal⸗ ten konnten von der Vernunft, dem Nachdenken und der Ehre. Von dem Geſichtspunkte der Vernunft betrachtet führte dieſe Verheirathung ihn in einen ruhigen Hafen, gab den noch übrigen Tagen ſeiner Mutter Frieden, und mußte auch ohne Zweifel mehr als jedes andere Mittel dazu bei⸗ tragen, die unglückliche, ſündhafte Leidenſchaft aus ſeiner Bruſt zu reißen. Da es jedoch eine eben ſo ſündhafte Handlun zu denker lyns Wit zeugt zu wahnſinn er durch ſeines Br dieſer Hit Er für ſein k Nach in Oernwi dreifachen zu jedem er ſich we mer von en könnte geſtanden dazu ebenf einem neu und bliebe in ſeinem er keinen 4 den geiſtli glaubte; miniſter, Wenn dag ſollten, d konnte, lles dieſes Grave ihn das 2.. ; in dem ach Hauſe indem er , er mit auf dieje⸗ icht zu er⸗ nme, nun mußte mit aus irgend ken, nichts den wollte. ch in dem vozu?... Nein, und ber er ſoll r mich ge⸗ auf kürzere arde herbei⸗ in entſtand, berworfenen ien drehten chutz erhal⸗ n und der chtet führte , gab den ind mußte dazu bei⸗ aus ſeiner 0 ſündhafte 275 Handlung ſein würde, an die Ausführung dieſes Planes zu denken— der auf jeden Fall ein ganzes Jahr, Eve⸗ lyns Wittwenjahr, zu reifen hatte— ohne ſich zuvor über⸗ zeugt zu haben, ob nur daran zu denken wäre, mit dieſer wahnſinnigen Leidenſchaft unterhandeln zu koͤnnen, ſo wollte er durch einen Beſuch von einigen Wochen in dem Hauſe ſeines Bruders ſtreng unterſuchen und prüfen, was er in dieſer Hinſicht zu hoffen hätte. Er entwarf zwei Pläne für ſein künftiges Verhalten, für ſein künftiges Leben. Nachdem er als Freund, Bruder und Religionslehrer in Oernwik aufgetreten war, wo er unter dieſen glücklichen dreifachen Eigenſchaften Evelyns ſtillen Schmerz heilen und zu jedem Punkte führen konnte, den er wünſchte, begab er ſich weiter nach Bullaren. Wäre dann nur ein Schim⸗ mer von Hoffnung vorhanden, daß er ſeine Liebe überwin⸗ en könnte, nachdem ſie die Prüfung einiger Wochen aus⸗ geſtanden hätte(der Anblick ſeines Bruders Leonard mußte dazu ebenfalls das Seinige beitragen), ſo kehrte er nach einem neuen Beſuche auf Oernwik nach Lappmarken zurück und bliebe dort, bis die Zeit ihm den wichtigſten Schritt in ſeinem Leben geſtattete; und gelänge ihm dieſer— was er keinen Augenblick bezweifelte— ſo verließe er beſtimmt den geiſtlichen Stand, deſſen er jetzt unwürdig zu ſein glaubte; und überdieß war ein Wirkungskreis als Com⸗ miniſter, ja ſelbſt als Oberpfarrer für ihn allzu klein. Wenn dagegen ſeine Gefühle die unſelige Richtung nehmen ſollten, daß er an keine Vereinigung mit Evelyn denken konnte, da war es ſchön, das Löwe'ſche Capital zu be⸗ ſitzen und ſo nahe zu ſein, daß es leicht zu heben war, denn da hielte ihn nichts von ſeiner Miſſion nach Afrika zurück— dieß war dann das letzte Ziel, das ihm noch übrig blieb, und wenn er auch daſſelbe nicht länger mit den lieblichen und entzückenden Träumen der Illuſion aus⸗ zuſchmücken vermochte, ſo war und blieb es doch immer ein großes Ziel, eine ſichere Zuflucht. 276 Mit dieſen Gedanken und Vorſätzen näherte er ſich das war Oernwik. ſich ſelbſ ſchätzt un überzeugt drucksvoll wiſſen!“ 8 jetzt nn i ztel. m doch Neunundzwanzigſtes Kaßitel dhn Due reinen Q Die Conſulin, welche in der Hoffnung auf die Wun. Stellung derwerke, die Juſtus bei Evelyn ausführen ſollte, ihren Macht eir Widerwillen gegen den jungen Geiſtlichen vollkommen über⸗ mußte er wunden hatte, empfing ihn in höͤchſteigener Perſon, und erſetzen lie noch dazu draußen auf dem Hausflure; denn jetzt galt e immer ho für alle künftigen großen Speculationen— durch die nächſte zu gleiche Partie ſollte Evelyn wenigſtens Gräfin werden— gut bei Benehme demjenigen angeſchrieben zu ſtehen, der allein Macht über Glück der ſie hatte. Und Juſtus, dem es ebenfalls um ſeiner gro⸗ auch das ßen Speculationen willen viel galt, bei der Conſulin gut nes Gefü angeſchrieben zu ſtehen, fand es für das Beſte, ihre„große konnte. Scene“ gänzlich vergeſſen zu haben, ſo daß ſie jetzt mit Konn einer Freundſchaftlichkeit zuſammentrafen, die man wirklich in der Wi gegenſeitig nennen konnte. tauſendfäl Wie willkommen er dem Conſul war, ſah man ſehr ihrer erſte deutlich; er war ganz beherrſcht von dem jungen Miſſionar; recht zu b und als dieſer nun nach den Beileidsbezeugungen mit tie⸗ würdig J fer Theilnahme erzählte, daß er ſeine Pflichten in Lapp⸗ rons Max land verlaſſen hätte, um dem Freunde, der ihn hier riefe, ſollte, ih zu Hülfe zu eilen, daß er jedoch wahrſcheinlich noch im Platz— Laufe dieſes Herbſtes zurückkehrte, um ſein Werk zu voll⸗ füllt word enden, da ſtieg die Dankbarkeit des Conſuls und der Con⸗ Ehe ſulin auf den höchſten Gipfel. So direkt, da er zurück⸗ hatte, tra zukehren gedachte, von Lappland nach Oernwik zu reiſen, dieſe Mutt te er ſich f die Wun⸗ llte, ihren nmen über⸗ erſon, und eetzt galt es die nächſte iner gro⸗ onſulin gut h man ſeht Miſſionar; en mit tie⸗ in in Lapp⸗ er zurück⸗ k zu reiſen, 277 das war ein Freundſchaftsbeweis, der, wie die Conſulin ſich ſelbſt die Gerechtigkeit ſchuldig war, zu erkennen, ge⸗ ſchätzt und gewürdigt zu werden verdiente.„Und ſein Sie überzeugt, mein beſter Herr Magiſter,“ ſetzte ſie nach⸗ drucksvoll hinzu,„wir werden denſelben ſtets zu ſchätzen wiſſen!“ „Wann darf ich Evelyn ſehen?“ fragte er mit einer Unruhe, die ſich durch nichts dämpfen ließ; denn obgleich er jetzt nur als ein Freund und Tröſter kam, ſo ſagten ihm doch gewiſſe Bewegungen in ſeinem Gewiſſen, daß der Troſt, den er zu bringen gedächte, aus keiner ganz reinen Quelle floͤße— er fühlte ſich in einer falſchen Stellung und fürchtete, daß dieſe auf ſeine gewöhnliche Macht einigen Einfluß haben konnte. In ſeinem Innern mußte er geſtehen, daß Evelyns Verluſt ſich gar nicht erſetzen ließ; er hatte den Charakter des verſtorbenen Mar immer hochgeachtet; ſein Benehmen gegen Evelyn, dieſes zu gleicher Zeit ſo zärtliche, kluge, liebevolle und feine Benehmen war das Kennzeichen einer Seele, welche das Glück der Geliebten über das ſeinige ſetzte, und es war auch das Kennzeichen einer Seele, deren ruhiges und rei⸗ nes Gefühl ſich mit einem mäßigen Glücke begnügen konnte. Konnte es alſo für Evelyn einen Erſatz geben? Nein, in der Wirklichkeit nicht; doch für ſie konnte er dennoch tauſendfältig werden, weil er den unſchuldvollen Traum ihrer erſten Gefühle erfüllte, weil ſie ihren Verluſt nicht recht zu beurtheilen verſtand, und endlich, weil, ſo un⸗ würdig Juſtus ſich auch fühlte, der Nachfolger des Ba⸗ rons Mar zu werden, es doch immer ſeine Aufgabe ſein ſollte, ihr ſelbſt und allen Andern zu zeigen, daß dieſer Platz— wenn es jemals ſo weit käme— mehr denn ge⸗ füllt worden wäre. Ehe Juſtus eine Antwort auf ſeine Frage erhalten hatte, trat die Freiherrin Ebba ein. Ihre Ankunft— dieſe Mutter, welche an der Stelle des verſtorbenen Soh⸗ 278 nes ein Recht hatte, über die Redlichkeit ſeiner Abſichten Rechenſchaft zu begehren— erſchütterte ihn wirklich; doch ſchrieb man die Heftigkeit der Gemüthsbewegung, womit er ihre Hand ergriff und drückte, die Verwirrung in den Worten, womit er ſeine Theilnahme an ihrem Kummer ausdrückte, auf das von dem Schmerze ſo veränderte Ausſehen der Freiherrin, und als Juſtus ſolches in der That bemerkte, ſo deutete auch er darauf hin. Aber es war, als wäre der Geiſt von ihm gewichen; ihm fiel kein beruhigender Bibelſpruch ein, und ſeine eigenen Worte ka⸗ men ihm todt und kraftlos vor. Er wagte nicht mehr zu fragen, wann er diejenige ſehen dürfte, die er ſuchte; doch die Freiherrin ſagte ſelhſt, ſobald ſie ſich etwas von ihrer Rührung erholt hatte: „Unſre arme Evelyn erwartet ihren Bruder ſchon— ach, moͤchte es ihm gelingen, ſie noch einmal zu wecken!“ Juſtus verbeugte ſich ſtumm; die Conſulin aber ei⸗ klärte, daß dieß eine Sache wäre, die ſich gar nicht he⸗ zweifeln ließe. Siehſt Du, liebe Couſine Ebba! Der Hert Magiſter Carleborg hat ſeine eigene unerklärliche Weiſe mit allen Menſchen. Er verſteht Evelyn von Grund aus, und ich bin überzeugt, daß unſer guter Magiſter mit Troſt und Lindernng für uns arme Eltern kommt!“ „Es wäre in der That allzu kühn, wenn ich mir zu⸗ trauen wollte, daß ich einem ſo großen Vertrauen ent⸗ ſprechen könnte; doch werden die Frau Conſul meinen gu⸗ ten Willen als Erſatz desjenigen nehmen, was der wirk⸗ lichen That gebricht. Der Schmerz muß ſeine Zeit haben; man kann verſuchen, ihn zu mildern und ihm eine andere Richtung zu geben; doch dürfen wir es nicht verſuchen, der Natur ſelbſt Gewalt anthun zu wollen, indem wir eine nothreife Frucht unſrer Bemühungen fordern— da könnte alles mißlingen.“ „Der Herr Magiſter hat Recht!“ erklärte der Con⸗ ſul und nickte vertraulich ſeinen Beifall—„und denke nun daran, Nelly, daß Du die Verbeſſerung nicht gleich im ſage, m. ähnlichen nur die die Geſu geendigt „Er zu Evely glaube de konnte, Wink geg ich bin es ſein heiße — wird wir uns zu halten cinigen N klüger! Elend ge wenden kü Evelyn ei Abſichten klich; doch g, womit ung in den n Kummer veränderte hes in der . Aber es im fiel kein Worte ka⸗ er diejenige ſagte ſelbſt, holt hatte: pon— ach, becken!“ in aber er⸗ ar nicht be⸗ 1 Der Herr e Weiſe mü d aus, und it Troſt und ich mir zu⸗ rtrauen ent⸗ meinen gu⸗ as der wirk⸗ Zeit haben; eine andere lerſuchen, der ſem wir eine da könnte te der Con⸗ nd denke nun iht gleich in 279 erſten Augenblicke erwarteſt; Dir wird immer gleich die Zeit ſo lang.“ „Mein beſter, liebſter David, erlaube, daß ich Dir ſage, mein Alter, daß die Eilfertigkeit einer Mutter in ähnlichen Fällen nie malplacirt genannt werden kann, weil nur die Liebe zu dem geliebten Kinde und die Unruhe um die Geſundheit deſſelben ihre Sehnſucht diktirt, das Leiden geendigt zu ſehen.“ „Erlaubſt Du, Nelly, daß ich den Herrn Magiſter zu Evelyn hinaufführe?“ Und ehe die Conſulin ihr:„Ich glaube doch, daß ich eigentlich ſelbſt“ u. ſ. w. vollenden konnte, hatte die Freiherrin dem Magiſter ſchon einen Wink gegeben und war mit ihm verſchwunden. „Beinahe agirt Ebba doch ein wenig zu ſtark, Mut⸗ ter!“ meinte die Conſulin verdrießlich.„Ich moͤchte wohl wiſſen, wem Evelyn, das arme Kind, zuletzt eigentlich gehorchen ſoll, wenn wir dereinſt eine ahnenſtolze Gräfin in das Haus bekommen!“ „Woher ſollte dieſe kommen?“ fragte der Conſul ver⸗ wundert. „Woher kommen denn Schwiegermütter in reiche Häuſer? Du biſt wahrhaftig ein wenig unbegreiflich, mein beſter David! Glaubſt Du denn, daß Evelyns Trauer ewig währen wird? Eines Tages nimmt ſie ein Ende ſo wie alles andre in der Welt. Dieſer vortreffliche Magiſter— ich bin es mir ſelbſt ſchuldig, zu geſtehen, daß dieſe Reiſe ſein heißes Blut auf eine angenehme Weiſe abgekühlt hat — wird ſie ſchon curiren; und um ein Jahr oder ſo müſſen wir uns wohl darauf gefaßt machen, immer offene Tafel zu halten.“ „Ach du mein Gott! Nelly! es iſt doch ſonderbar mit einigen Menſchen; nichts greift ſie an, nichts macht ſie klüger! Haben wir nicht ſo vielen Kummer und ſo viel Elend gehabt, daß Dein Gemüth ſich auf etwas anders wenden könnte, als auf Thorheiten? und haſt Du nicht in Evelyn ein ſo jammervolles Bild vor Dir, daß Du mit 280 der kleinſten Portion von geſunder Vernunft ſehen würdeſt, daß hier von faſt allem Andern die Rede ſein kann, als von der Hoffnung, ſie in eine neue Ehe treten zu ſehen? Ich will Dir ſagen, Nelly, Du biſt eine rechte Närrin!... doch hüte Dich, hüte Dich! unſer Herrgott hat große Geduld, bisweilen aber ermüdet er!“ „David!“ ſagte die Conſulin, indem ſie aufſtand aods waſeſätiſh das Zimmer verließ— pich bedauere 71 „Vielleicht, gnädige Freiherrin, wäre es nothwendig, daß Sie“... Juſtus vollendete nicht ſeinen Satz;„einige Augenblicke vorher hinein gingen;“ aber er blieb ſtehen und lehnte ſich an den Thürpfoſten des Zimmers, welches au⸗ ßerhalb der Stube war, in der Evelyn ſich befand. „Wie Sie belieben, Herr Magiſter!“ die Freiherrin trat ein, und Juſtus blieb allein. Er bedurfte einiger Minuten, um einen Blick in ſeine eigene Seele zu werfen; er wollte ſich gleichſam davon überzeugen, daß ſeine Abſicht gut war; er wollte im Vor⸗ beigehen zu ſeinem Gewiſſen ſagen:„Sei du ruhig— alles, was ich gedacht und beſchloſſen habe, liegt verwahrt in dem verborgenſten Winkel meiner Seele; es ſoll ihr nicht weiter ſchaden, denn mich verlangt nicht mehr nach ſolchen Verſuchen, die mir ehemals Freude machten und mich anlockten— mein Gefühl, mein Gemüth wiſſen nichts mehr von dergleichen; und wenn ſie es auch thäten, ſo iſt ſie doch nunmehr geſchützt!“ Die Freiherrin oͤffnete die Thür und bat ihn einzu⸗ treten. Evelyn befand ſich in halbliegender Stellung auf dem Sofa. Sie ſchien körperlich nicht krank zu ſein, im Ge⸗ gentheil, ihre Schoͤnheit war friſcher, ja man konnte ſagen, blühender als jemals; aber das Auge hatte nicht ganz 4 den eher es hatte konnte, ein um in dem draußen äußern, Jetzt da ſie redet geringſte die ſie glaubte. Al⸗ und an der Wa ſprang heftigen Sc einer S ſtreitlich geweſen daraus daß mit mußte, lyn war getroffen eigentlich geübt he Si vertraul willkom Ju „S gemeſſen land he erfreuen n würdeſt, kann, als zu ſehen? kärrin!... hat große e aufſtand bedauere othwendig, tzz„einige ſtehen und velches au⸗ and. Freiherrin ick in ſeine ſam davon te im Vor⸗ ruhig— gt verwahrt es ſoll ihr mehr nach rachten und nüth wiſſen nuch thäten, ihn einzu⸗ ag auf dem n, im Ge⸗ onnte ſagen, nicht ganz 281 den ehemaligen lieblichen, kindlich einnehmenden Ausdruck; es hatte einen Fieberglanz, aus welchem man ſchließen konnte, daß die ehedem in Erſtarrung liegende Seele jetzt ein um ſo thätigeres Leben lebte. Ehemals ging ſie gerne in dem großen Parke umher, ſie hielt ſich am liebſten draußen auf, obgleich ihr Gemüth nicht mehr an dem äußern, als an dem innern Leben Theil zu nehmen ſchien. Jetzt dagegen wollte ſie ſtets ſtill auf dem Sofa liegen; ſie redete nicht und bewegte ſich faſt gar nicht, weil die geringſte Bewegung den Gang der Unterredungen ſtoͤrte, die 44 mit ſich ſelbſt führte, oder mit Mar zu führen glaubte. Als ſie ihren Freund erblickte, ſo ſchlich ein liebliches und anmuthiges Lächeln über ihre Lippen. Der Purpur der Wangen deutete eine Bewegung des Blutes an; doch ſprang ſie nicht auf, man merkte, daß ihre Seele keiner heftigen Erſchütterung fähig war. Schon dieſe Widerſpenſtigkeit, dieſe Art von Abfall einer Seele, deren Huldigung Juſtus als ein ihm unbe⸗ ſtreitlich zukommendes Recht entgegen zu nehmen gewohnt geweſen war, reizte, ja erſchreckte ihn; denn er konnte daraus mit einem ſchrecklich unheimlichen Gefühle ahnen, daß mit ihm ſelbſt eine Veränderung vorgegangen ſein mußte, die ihm ſeine frühere Macht geraubt hatte. Eve⸗ lyn war wohl wegen der doppelten Betrübniß, welche ſie getroffen hatte, gewiſſermaßen zu entſchuldigen, doch ſollte eigentlich er, der eine ſo gränzenloſe Macht über ſie aus⸗ geübt hatte, immer voran, über allen andern ſtehen. Sie reichte ihm ihre Hand mit einer unausſprechlich vertraulichen und herzlichen Geberde.„Willkommen, o willkommen, mein Bruder!“ Juſtus hatte ſeine Stellung ſchon aufgefaßt. „Dank, meine Schweſter!“ ſagte er würdig und ab⸗ gemeſſen.„Doch vergib, wenn ein Freund, der von Lapp⸗ land hergereiſ't iſt, um eine Schweſter zu tröͤſten und zu erfreuen, ſich, wenn auch nicht beleidigt, ſo doch wenigſtens 282 verletzt fühlt, daß ſie nicht einmal aufſteht, um ihn zu beäeigen.... ich hoffte Dir eine Ueberraſchung zu be⸗ reiten!“ „Du biſt ſehr gütig, mein Bruder— ach, ſo gütig, daß ich gar keine Worte dafür finden kann; aber Du überraſchteſt mich nicht: ich wußte, daß Du heute kommen würdeſt.“ „Du wußteſt es?“ Evelyn nickte bedeutungsvoll; darauf ſagte ſie, indem ſie ſich zur Hälfte erhob:„drückt ſich denn das Glück durch Bewegungen aus? Ich bin ſehr glücklich, aber ich bin ſo müde!“ Juſtus fixirte ſie mit der ganzen Kraft ſeines ernſten Blickes.„Ich glaube nicht, Evelyn, daß Du ſo müde biſt, wie Du Dir vorſtellſt; und es iſt mein Wunſch, daß Du mir Deinen guten Willen zeigſt... ſteh auf, meine Schweſter!“ Die Freiherrin, welche mit geſpannter Aufmerkſam⸗ keit dieſen Auftritt oder richtiger dieſes Experiment be⸗ trachtete, durch welches Juſtus verſuchen wollte, ihren Willen unter den ſeinigen zu biegen— die Freiherrin ſah, wie Evelyn ſich langſam erhob: die Macht ſeines Blickes war noch nicht abgeſtumpft— Evelyn war be⸗ herrſcht. b „Wirſt Du mir auch böſe, weil ich dieſe kleine Gunſt von Dir verlangte?“ fragte er in einem veränderten Tone, in einem Tone, der, trotz des Bundes, welchen er eben mit ſeinem Gewiſſen gemacht, einen ſolchen Klang hatte, daß Evelyn zuſammenfuhr und lauſchte: ſie glaubte einige Toͤne von der unwiderſtehlichen Muſik zu vernehmen, welche zu allererſt ſie zu vollem Leben erweckt hatte. „Deine StimmeV iſt lieblich,“ ſagte ſie leiſe—„Du haſt ſo viele Stimmen!“ Juſtus erröthete ſtark.„Wer ſtets mit einer Menge von Menſchen mit verſchiedenen Charakteren in Berührung kommt und ſein Verhalten nach verſchiedenartigen Umſtän⸗ darf u inneren — ſeit Zeicher oder E ’ wohnh leiben, Grund er ſich aber m ihn zu ng zu be⸗ ſo gütig, aber Du 2 kommen ſie, indem das Glück „aber ich es ernſten ſo müde inſch, daß uf, meine fmerkſam⸗ iment be⸗ te, ihren Freiherrin icht ſeines war be⸗ eine Gunſt rten Tone, n er eben ang hatte, bte einige n, welche —„Du er Menge Zerührung Umſtän⸗ 283 den abpaſſen muß, der erhält, vielleicht ohne ſelbſt etwas davon zu wiſſen, dieſe Mannigfaltigkeit in der Stimme: das iſt eine Gabe, welche von Gott kommt, und durch ihn in verſchiedenen Augenblicken ſo verſchieden ausfällt... doch, meine Schweſter, nicht von mir wollen wir jetzt reden, ſondern von Dir, von Deinen Schmerzen, von Dei⸗ nem Kummer wollen wir reden; denn es iſt unrecht zu glauben, daß unſer Leiden größer wird, wenn man uns daran erinnert!“ „Ach, wie ſehr haſt Du hierin Recht!... Hat er nicht?“ Evelyn reichte ihrer Schwiegermutter die Hand, uelahe dieſelbe mit herzlichem Muttergefühle in die ihrige oß. „Ich kann dennoch dem Herrn Magiſter Carleborg nicht ganz Recht geben; zum Beiſpiel Du, mein Kind, die Du Dich ſo gänzlich in Dich ſelbſt abſonderſt, Du haſt mehr denn genug, ja, allzu viel von der Art, mit welcher Du Deinen Schmerz unterhältſt— er bedarf kei⸗ ner äußeren Erinnerungen.“ Juſtus wendete ſich ehrfurchtsvoll an die Freiherrin und entgegnete:„Ich wage dennoch zu glauben, daß die Kraft des inneren Lebens dadurch immer mächtiger wird, wenn man das äußere Leben von demſelben zu ſcheiden ſucht: je mehr der trauernde Menſch von dem einzigen Gegenſtande, der die Seele intereſſirt und beſchäftigt, reden darf und davon reden hoͤrt, deſto weniger braucht er die inneren Hülfsquellen in Anſpruch zu nehmen... doch“ — ſein Blick tauſchte mit der Freiherrin ein warnendes Zeichen aus—„wir vertiefen uns in Dinge, deren Nutzen oder Schaden nur die Zeit entſcheiden kann.“ Wenn Juſtus vermuthete, daß Evelyn mit ihrer Ge⸗ wohnheit jedes ſeiner Worte ihrem Gedächtniſſe einzuver⸗ leiben, dieſe Antwort auffaßte und wenn er aus dieſem Grunde die Anwendung ſeiner Methode fürchtete, ſo irrte er ſich: Evelyn vernahm nur den Klang der Worte, nicht aber den Sinn derſelben. Sie war wiederum auf den 284 Sofa geſunken, und ließ mit geſchloſſnen Augen ihr Haupt auf dem Kiſſen ruhen. Die Freiherrin warf einen Blick auf Juſtus, und er verſtand denſelben; der Blick ſagte:„Sieh ſelbſt! Sie vergißt ſogar die Anweſenheit desjenigen, der früher jede ihrer Fibern in Bewegung ſetzte!“ Ein Farbenwechſel ging über ſeine Wange, ein Schat⸗ ten von Unzufriedenheit ruhte einige Secunden auf ſeiner ſchoͤnen Stirn; darauf ſagte Juſtus, indem er ſich zu Evelyn herabbeugte:„Biſt Du wieder müde, meine Schwe⸗ ſter? willſt Du allein ſein?“ „Vielleicht einen Augenblick— bleibe aber nicht lange weg!“ Jetzt ging kein Farbenwechſel, ſondern eine große, dunkelrothe Wolke über das ganze Geſicht des ſtolzen, in ſeinem Innerſten verletzten Mannes. Dergleichen Stöße konnte ſeine Eigenliebe, ſein in ſo vielen Nuancen ſich brechender Egoismus nicht gut ertragen; doch er war ge⸗ wohnt, ſich zu beherrſchen, und mit dem Gelübde, das Verlorne durch einen vollſtändigen Triumph wieder zu erobern, verließ er mit der Freiherrin das Zimmer. Zum erſten Male war heute Cvelyn ſeit langer Zeit wieder aus freiem Willen mit bei Tiſche. Ihr Blick ſuchte Juſtus, doch der ſeinige ſuchte ſie nicht: er beſchäftigte ſich damit, dem Conſul und der Conſulin den äußeren Theil ſeiner Miſſion, die Reiſen, das Volk, den Charakter und die Sitten deſſelben zu beſchreiben. Eine Zeitlang hörte Evelyn zu; dann aber verſank ſie in ihr eigenes Leben und wußte kaum wer redete, wenn man nämlich nach der Stumpfheit ſchließen wollte, die ihr Blick bisweilen annahm: alle äußern Toͤne wirkten einſchläfernd auf ſie, wenn ihre Seele ihnen nicht folgte. Kaum war man von Tiſche aufgeſtanden, ſo ſchlich ganz in ganz wi Haupt und er t! Sie her jede Schat⸗ if ſeiner ſich zu Schwe⸗ er nicht große, lzen, in Stoͤße cen ſich war ge⸗ hde, das ſeder zu r. ger Zeit ſck ſuchte chäftigte äußeren hharakter verſank redete, wollte, wirkten folgte. ſchlich 285 ſie zu dem Sofa; doch Juſtus ergriff ihre Hand und ſagte ſanft:„Evelyn, meine Schweſter! ſchenke mir auf einen Augenblick das Vergnügen Deiner Geſellſchaft: wir gehen ein wenig in den Park!“ „Laß uns hier bleiben— es iſt ſo langweilig zu gehen!“ „Aber es iſt nützlich, und wenn Du mich nicht trau⸗ rig machen willſt, ſo ſchlägſt Du mir meine Bitte nicht ab!“ Evelyn lächelte auf ihre eigenthümliche ſchöne und liebliche Weiſe.„Wie ſollte ich Dich betrüben wollen — lieber gehe ich bis ich vor Müdigkeit zu Boden ſinke!“ Juſtus wagte nicht aufzuſehen; er fürchtete ſich, daß Jemand den triumphirenden Blick in ſeinem Auge bemer⸗ ken möchte. Die Conſulin ſelbſt ſetzte der Tochter den Hut auf, die Freiherrin kam mit dem Shawl und Mam⸗ ſell Charlotte mit dem Sonnenſchirm... „Weißt Du, meine Schweſter, was ich vor einem Augenblicke dachte, da ich ſah, wie geſchäftig alle um Dich her waren?“ begann Juſtus, als er zum erſten Male mit Evelyn Arm in Arm langſam die alte Allee hinab⸗ wanderte. „Nein!“ „Ich dachte: ſie behandeln Dich ganz ſo, als hätten ſie es mit einer großen Puppe zu thun!“ Evelyn erröthete leicht. „Ferner dachte ich, daß es Dir ſehr ſchlecht anſtände, einer Puppe, einem Bilde ähnlich zu ſein! Weißt Du, meine Schweſter, daß jede edle Trauer ſich über die ge⸗ dankenloſe Gleichgültigkeit dieſer kleinen Seelen erhebt: wer tief leidet, der will keine Aufmerkſamkeit auf ſich ziehen.“ „Will ich denn das?“ „Ganz gewiß nicht; doch dadurch, daß Du Dich ganz in Dich ſelbſt zurückziehſt, dadurch, daß Du Dich ganz wie ein vegetirendes Weſen behandeln läſſeſt, mußt 286 Du die Aufmerkſamkeit wecken und Anlaß zu Geſprächen geben. Aber außer dieſem Umſtande, daß Du durch dieſe Trägheit, dieſe ungemeine Gleichgültigkeit Dich ſelbſt den Klatſchereien Preis gibſt, befeſtigſt Du Dich in einer Ge⸗ wohnheit, die für Deine Seele keinesweges heilſam iſt. Wir haben kein Recht, dieſe große Gabe Gottes ſo zu behandeln, als hätten wir ſie gar nicht erhalten— und dann, Evelyn, hat eine Tochter immer heilige Pflichten.. bedenke das und bedenke auch, daß Du dereinſt Rechen⸗ ſchaft ablegen ſollſt, wie Du die Deinigen erfüllt haſt!“ „Du biſt ſo ſtreng...“ „Nein, Evelyn, das bin ich nicht; aber ein Freund darf die Augen nicht zumachen! Du mußt Dich bewegen, Du mußt dieſen träumenden Stumpfſinn ablegen, der nothwendig Deine Eltern und Deine vortreffliche Schwie⸗ germutter tief verletzen muß, und der auch, ich ſage das ebenfalls, Deinen Freund bitter verletzt. Glaubſt Du, Evelyn, ich würde dieſen langen Weg gereiſ't ſein, ich würde meinen wichtigen Platz und ſo viele Hülfsbedürf⸗ tige verlaſſen haben, wenn ich hätte vorausſehen können, daß ich Dir mit meinem Beſuche eine ſo geringe Freude bereiten würde?“ „Was ſagſt Du, mein Bruder? Eine geringe Freude? Kann ich auf Erden eine groͤßere Freude empfinden, als wenn Du bei mir biſt?“ „Wenn Du bei meiner Ankunft eine wirkliche Freude empfandeſt, wie war es Dir denn möglich, ſo bald die Einſamkeit zu wünſchen? Deine Augen ſchloſſen ſich: Du ſchienſt ein groͤßeres Bedürfniß zu haben, zu ſchlummern, als Deinen Freund zu hören.“ „Meine Augen ſchloſſen ſich nicht, um zu ſchlummern.“ „Warum denn?“ „Um an Dich zu denken, um Dein Bild recht zu ſammeln.“ „Mein Bild, da ich vor Dir ſtand?“ den inne gethan, wohl zu „/ blieb und ſſprächen rch dieſe elbſt den ner Ge⸗ lſam iſt. s ſo zu — und lichten... Rechen⸗ lt haſt!“ Freund bewegen, gen, der Schwie⸗ ſage das ubſt Du, ſein, ich fsbedürf⸗ können, ſe Freude Freude? pben, als e Freude bald die ſich: Du mmern, mmern.“ recht zu 287 „Du ſtandſt vor mir, aber Du ſtandſt nicht vor mir!“ „Evelyn!“ Juſtus erblaßte. „Vergib mir, mein Bruder— es liegt wohl in mei⸗ ner Gemüthsſtimmung!“ „Was— was 24 „Das Sonderbare, Dich, Dich ſelbſt zu ſehen, Deine Stimme zu hoͤren, die Stimme, welche ſo ſchoͤn, ſo lieb⸗ lich, ſo mannigfaltig iſt— und dennoch...“ „Dennoch?2...“ ſtotterte Juſtus. „... dennoch nicht das Unausſprechliche zu empfin⸗ den!“ „Ha, was haſt Du geſagt!“ Ein wildes Feuer fun⸗ kelte in dem Auge des Fanatikers, und dieſes Feuer drang in Evelyn's Seele. „Mein Bruder, Du betrübſt mich!... Habe ich Dir wehe gethan?“ „Nein, Evelyn!“ antwortete er, indem er mit Mühe den inneren Aufruhr erſtickte;„Du haſt mir nicht wehe gethan, denn nunmehr vermagſt Du mir weder wehe noch wohl zu thun!“ „Was meinſt Du?“ fragte Evelyn, indem ſie ſtehen blieb und ihn mit erwachender Unruhe betrachtete. „Willſt Du wiſſen, was ich meine?“ „Ja, wenn Du glaubſt, daß ich es wiſſen darf.“ „Frage nicht mehr, was ich glaube— das kann Dir gleichgültig ſein!“ „Nie, ach, niemals!“ „Nun, wohlan denn! Ich glaube, Du mußt wiſſen, daß Du ſolche Worte, wie Du ſie eben fallen ließeſt, un⸗ moͤglich ausſprechen kannſt, ohne daß Du Deine Seele von der meinigen geſchieden haſt; und da dieß nun einmal geſchehen iſt— Du kennſt mich und weißt, daß ich nicht um Almoſen bettle— ſo trenne ich auch meine Seele von der Deinigen!“ „Mein Bruder!“— Cvelyn's Geiſt beugte ſich wie, 288 der unter den ſeinigen: ſein Aeußeres, ſeine Geſtalt, ſeine Stimme, ſein Auge, alles wirkte auf ſie—„mein Bru⸗ der! was bedeuten dieſe Worte? Du erſchreckſt mich! Wie ſoll es werden, wenn Du Deine Seele von der mei⸗ nigen trennſt? Bin ich nicht ein Leben aus Dir?“ „Du warſt es, Evelyn; da aber Deine Betrübniß, ſo gerecht ſie auch immerhin ſein mag, Dir das Gefühl geraubt hat, welches das Band zwiſchen uns bildete, ſo hört mein Einfluß auf— ich kann Dir nicht länger nützen. Und da ich Dir nicht weiter nützen kann, ſo reiſe ich, reiſe auf immer: wir werden einander fremde, wie zwei Men⸗ ſchen, die ſich noch nie zuvor getroffen haben, oder ſogar noch fremder, denn wir werden zwei Menſchen, die ſich nicht mehr treffen wollen!“ „O Gott!“ ſeufzte Evelyn,„das ertrage ich nicht — nein, nein, ich ertrage es nicht!“ Und ſie umfaßte kraftvoll den Arm, auf welchen ſie ſich ſtützte. Juſtus führte ſie zu einer Bank, und legte ſich ſelbſt auf die Raſenmatte zu ihren Füßen. Evelyn weinte; ihre Thränen fielen auf ſeine Stirn, aber ſie kühlten nicht die heißen Gedanken, die dort brannten. „Sieh mich an, mein Bruder! ſieh mich an!“ „Nein,“ ſagte er;„ich will Dich nicht mehr an⸗ ſehen: ich empfinde nicht mehr— das Unausſprechliche!“ „Aber ich empfinde es, ich empfinde es wieder!“ rief Evelyn in wilder Begeiſterung.„Es war nur eine Wolke, die meinen inneren Blick beſchattete! O, mein Freund, mein Bruder, mein Lehrer, Verzeihung, Verzei⸗ hung! Ich habe nicht eher recht gewußt, daß Du bei mir biſt, als in dieſem Augenblicke; jetzt fühle ich wieder Dein ſchönes Bild, Deine Augen, Deine Blicke! Rede zu mir, mein Bruder! Sage, o ſage, daß Du mir nicht boſe biſt!“ Sie neigte ihre Stirn zu ihm herab. „Meine Schweſter!“ ſagte er mit weicher, ſchmei⸗ chelnder Stimme,„ich verzeihe Dir von ganzer Seele und ganzem nicht bit gehre⸗ „C lige Mi mir eine mit Dei So konnte, ſich nich zu erklät Augenble der! D langen 9 zehn Ta darauf w nigſt, d Die Trauer i als alles geſehen erhalten als er h ihr den er ſich a er durfte geheime lichkeit ſe worfen, konnte, Eine Na talt, ſeine lein Bru⸗ kſt mich! der mei⸗ ir?“ Betrübniß, as Gefühl ildete, ſo ger nützen. ich, reiſe wei Men⸗ oder ſogar n, die ſich ich nicht te umfaßte ſich ſelbſt ne Stirn, die dort an!“ mehr an⸗ rechliche!“ wieder!“ r nur eine O, mein g, Verzei⸗ hu bei mir ich wieder 1 Rede zu nicht boͤſe „ſchmei⸗ Seele und 289 ganzem Herzen!..Aber Du darfſt mir Deine Stirn nicht ieien. als bis ich ſelbſt dieſe Gunſt von Dir be⸗ ehre!“ ge„Gunſt?“ wiederholte ſie—„biſt nicht Du, der hei⸗ lige Miſſionar, der chriſtliche Apoſtel, derjenige, welcher mir eine Gunſt beweiſet, wenn Du ſegnend meine Stirn mit Deinen Lippen berührſt?⸗ So ſehr verlegen, wie Juſtus von Carleborg es ſein konnte, antwortete er langſam:„Es gibt Verhältniſſe, die ſich nicht erklären laſſen, und die man daher auch nicht zu erklären verſuchen ſoll. Haſt Du nicht ſelbſt vor einem Augenblicke ſo etwas empfunden? Laß uns nur Gott danken, daß der Schatten verflog, ehe er eine von unſern Seelen verfinſterte. Jetzt iſt es wenigſtens bei mir wieder gut und hell.“ „Auch bei mir— ſo hell, wie es jemals nach der großen Finſterniß wieder werden kann. Ach, mein Bru⸗ der! Du weißt nicht, wie ſie kam und mich unter einer langen Nacht bedeckte; aber ich erwachte wieder, um vier⸗ zehn Tage lang zu leben— ach, nur vierzehn Tage l... darauf wurde es wieder finſter. Ich glaube aber und hoffe in⸗ nigſt, daß Max nicht ſehr lange auf mich warten ſoll!“ Dieſer Ausbruch einer ſtillen, ruhigen, aber innigen Trauer in dieſem Augenblicke überzeugte Juſtus mehr als alles andere, welches er ſeit ſeiner Ankunft von Evelyn geſehen und gehoͤrt hatte, daß ihr Herz eine tiefere Wunde erhalten hatte, als er geahnt, als er hatte ahnen koͤnnen, als er hatte ahnen wollen.. doch, hatte er nicht ſelbſt ihr den Weg, den guten, den rechten Weg gezeigt? durfte er ſich alſo beklagen, daß ſie ihn gefunden hatte? Nein, er durfte ſich nicht beklagen; und dennoch fühlte er eine geheime Erbitterung darüber, daß jetzt, da er die Mög⸗ lichkeit ſeines launenhaften Willens in dieſe Richtung ge⸗ worfen, ihm eine widerſtrebende Kraft entgegen arbeiten konnte, und noch dazu eine widerſtrebende Kraft, die er Eine Nacht am Bullarſee. IlI. 19 290 ſelbſt hervorgerufen hatte. Aber was that das? wie lange Zeit brauchte er wohl, wenn die Zeit kam, die rechten Gaben anzuwenden, um dieſes Verhältniß zu ändern und ihren Gedanken eine neue Geſtalt zu geben? doch wollte er nicht eher Hand an dieſe ſeine zweite Schoͤpfung legen, als bis er ſich überzeugt hatte, daß er ſie nachher nicht wieder aufgeben wollte. „Du nährſt Gedanken, meine Schweſter!“ begann chen Ergebung nicht anſtehen; unſere Pflicht iſt zu leiden oder ſpäter kommt, als Er dort oben beſchließt. Noch einmal, meine Evelyn! bedenke, daß Du Eltern haſt, die ein Recht auf Deine Zärtlichkeit beſitzen! Dein Vater, einer der achtungswürdigſten Männer, die ich kenne, iſt nicht glücklich; nein, weit entfernt; aber durch Dich, durch Deine Bemühung, ihn mit ſeinem Leben zu verſöhnen, würde er es werden können. Du warſt eine zärtliche und gute Gattin, werde nun auch eine gute und verſtändige Tochter, und Du wirſt Dir allmälig eine ſolche Macht über Deine Mutter erwerben, daß ſie um Deinetwillen die kleinen Schwächen wegarbeitet, welche jetzt bisweilen ihre beſſeren Seiten verbergen. Denke, wenn Gott es ſo verordnet hätte, daß ſie beide vor Dir hinweggingen, und Du allein zurückbliebeſt, wie beruhigend es da für Dein „Ich habe die Bedeutung des Lebens kennen gelernt und habe aufgehoͤrt gleichgültig dagegen zu ſein; ich verſtehe nnun, daß niemand, der nach dem Lichte der Unſterblichkeit ſtrebt, hier in einer träumenden Finſterniß leben kann!’ Und wie angenehm, wenn Du endlich zu Deinem Gatten ſagen kannſt, da Du ihn dereinſt triffſt: ‚aus der Betrüh⸗ Herz ſein würde, zu wiſſen, daß Du nicht in Deiner eige⸗ nen Betrübniß ſo ſelbſtſüchtig geworden wäreſt, daß Du der Pflichten vergeſſen hätteſt, die Dir noch übrig waren — wie angenehm, wenn Du zu Dir ſelbſt ſagen könnteſt: Juſtus mit ſanfter, brüderlicher Ruhe,„die einer chriſtli⸗ und zu beten, und nicht durch ungeduldige Wünſche zu be⸗ eilen ſuchen, was doch nicht einen einzigen Tag früher niß enti Kraft!“ „D chen, n Deiner! mich fü noch nie „3 dießmal gen We ich abe bleibe ie ſo gena⸗ Fall zu An einſamen gemacht Conſulir mächer, auf⸗ und ſehr ung dem gel Er zückend ges in gedacht ler Ede virten Samml. der nich ſeiner I wie lange he rechten ndern und och wollte ung legen, hher nicht “ begann er chriſtli⸗ t zu leiden che zu be⸗ rag früher eßt. Noch n haſt, die ein Vater, kenne, iſt Dich, durch verſöhnen, ertliche und verſtändige lche Macht ingen, und für Dein hbeiner eige⸗ , daß Du brig waren en koͤnnteſt: gelernt. und ch verſtehe ſterblichkeit ben kann!“ em Gatten der Betrüb⸗ deinetwillen t bisweilen (Gott es ſo 291 niß entwickelte ſich meine Seele zu einer neuen, ſchoͤnen Kraft!““ „Wenn ich nicht wenigſtens verſuchte, Dir zu gehor⸗ chen, mein Bruder,“ ſagte Evelyn leiſe,„ſo wäre ich Deiner Liebe unwürdig! Ich will verſuchen, und Du ſollſt mich führen... willſt Du das nicht?— Du reiſeſt ja noch nicht ſo bald?“ „Ja, Evelyn, ich muß bald reiſen; ich kann Dir dießmal nur einige Tage ſchenken. Jetzt geht mein Weg gen Weſten: ich beſuche mei... meinen Bruder. Wenn ich aber zurückkomme— und ich komme gewiß— ſo bleibe ich vielleicht einige Wochen bei Dir.“ „Ach, laß mich nicht allzu lange warten!“ „Ich verziehe nur ſo lange, bis... ja, ich kann es ſo genau nicht ſagen; erwarte mich aber doch auf keinen Fall zu ſchnell!“ An dieſem Abende, nachdem Juſtus einen langen, einſamen Spazergang in Oernwik's ſchoͤnen Umgebungen gemacht hatte, und nachdem er ſpäterhin an der Seite der Conſulin einige Mal durch die lange Reihe der Prunkge⸗ mächer, welche des Luftwechſels wegen offen ſtanden, auf⸗ und abgewandert war, hatte er eine Phantaſie, die ſehr ungleich war den Luftſpielungen, die wir ehemals von dem gelobten Lande ſeiner Sehnſucht aufſteigen ſahen. Er war nun Beſitzer von Oernwik und einer ent⸗ zückend ſchönen Gattin, lebte und wirkte jedoch keineswe⸗ ges in einem kleineren Kreiſe, ſo wie er es ſich ehemals gedacht hatte— nein, dort wo er jetzt als ein reſpectab⸗ ler Edelmann an dem oberen Ende eines prachtvoll ſer⸗ virten Mittagstiſches ſitzt, führt er das Wort in einer Sammlung von ſehr gemiſchten Leuten. An dieſem Tiſche, der nicht in einen von den Sälen zu Oernwik, ſondern in ſeiner Wohnung an der Koͤniginſtraße zu Stockholm ge⸗ 292 deckt iſt, findet man durch einander Edelleute, Geiſtliche, Bürger und Bauern, kurz die vorzüglichſten unter den vier Reichsſtänden— und Juſtus von Carleborg, der weitbe⸗ kannte Ermiſſionar, er, der erſte Geiſtliche, welcher aus reiner, inniger Ueberzeugung von ſeiner Unwürdigkeit, ein Dolmetſcher des Wortes Chriſti zu ſein, dem geiſtlichen Amte entſagt hat, er iſt jetzt Schwedens berühmteſter Reichstagsmann, berühmteſter Patriot, berühmteſter Red⸗ ner. So wie einſt in ſieberhafter Begeiſterung die Leute zu ſeinen Predigten und Zuſammenkünften ſtrömten, ſo drängen ſie ſich jetzt— obgleich es ein anderes Publikum iſt— um einen Platz auf der Gallerie im Ritterhaus⸗ ſaale, wo er redet. Ritterlich und einnehmend im Um⸗ gange, warm und enthuſiaſtiſch in Sache und Handlung, treufeſt, redlich, gediegen in ſeinen Verbindungen, hat er ſeinem Namen und Charakter einen Ruf verſchafft, welcher in Vereinigung mit dem glänzenden Vermögen, das ſein Schwiegervater hinterlaſſen, ihn zu einem der populärſten Männer des Landes gemacht hat. Aber er iſt nicht allein einer der populärſten, er iſt auch einer der glücklichſten. Wenigſtens nimmt er dieſes Glück als einen be⸗ ſtimmten Beſtandtheil mit in den Traum auf, der ihn jetzt beſchäftigt; denn von den bei dem eleganten Mittags⸗ tiſche verſammleten Staatsmännern, von ſeinem eigenen lebhaften Vortrage über eine der wichtigſten Tagesange⸗ legenheiten, ſchwebt ſeine Einbiidung heruber nach Oern⸗ wik: er iſt zurückgekehrt von dem Reichstage, und ganz Gatte und Sohn überläßt er ſich dem entzückenden Gluͤcke, ſeine Liebe zwiſchen Evelyn und ſeiner Mutter zu theilen. „Ja,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„dieſe Phantaſie, die eines reifen Strebens würdig iſt, enthält gar nichts, das ſich nicht ſollte ausführen laſſen können, wenn.. wenn... ich nur im Stande bin, mich aus den Banden los zu machen, die meinen Geiſt drücken. Und warum ſollte ich dieſes nicht mit einemi feſten Willen können?.. O, wäre ich nur nicht zur Hochzeit gereiſ't, hätte ich ſie nur nicht ge dem we ſchwarz vergeſſe Auge— wollte? muß ich will ich geheilte ches bit Flamm dieſe F ſich ſelb ſo ſehr ſchlägen der rief nar dar „was v ſulin ar Wenn e lyn alle ger Ma einzupfle nothwer Kreiſe; De um den er auf Geiſtliche, den vier er weitbe⸗ elcher aus igkeit, ein geiſtlichen rühmteſter eſter Red⸗ die Leute ömten, ſo Publikum ditterhaus⸗ d im Um⸗ Handlung, en, hat er ſt, welcher das ſein populärſten nicht allein klichſten. einen be⸗ f, der ihn Mittags⸗ m eigenen Tagesange⸗ ach Oern⸗ und ganz den Gluͤcke, zu theilen. entaſie, die ichts, das . wenn.. den los zu un ſollte ich 2...„ ich ſie nur 293 nicht getraut! Den Augenblick, den Augenblick da ich ſie in dem weißen Brautſchleier und mit der Myrthenkrone in den ſchwarzen Locken durch den Saal ſchreiten ſah, kann ich ihn vergeſſen? Und der Blick aus ihrem forſchenden ſchwarzen Auge— war ich nicht wahnſinnig, als ich ihm trotzen wollte? Und dennoch muß ich ihm noch einmal trotzen, muß ich ihm wochenlang täglich trotzen; denn betrügen will ich Evelyn nicht: kann ich ihr nicht ein vollkommen geheiltes Herz bieten, ſo will ich ihr wenigſtens kein ſol⸗ ches bieten, das noch für eine Andere in einer ſündhaften Flamme glüht.... Doch ich werde im Stande ſein, dieſe Flamme zu dämpfen, denn ich will frei ſein. Fünf Tage ſpäter verließ er Oernwik zufrieden mit ſich ſelbſt und den dortigen Zuſtänden; denn Evelyn hatte ſo ſehr in allem gezeigt, daß ſie ſeinen Lehren und Rath⸗ ſchlägen folgen wollte, daß die Conſulin ſchon über Wun⸗ der rief, die Freiherrin Gott und der Conſul dem Miſſio⸗ nar dankte,„denn“— ſo ſagte er zu ſeiner Frau— „was wollen wir ohne ihn anfangen?“ worauf die Con⸗ ſulin antwortete:„Ja, jetzt iſt er ein wahres Kleinod. Wenn er ſpäterhin zurückkommt, ſo wird er unſrer Eve⸗ lyn alle Tournüre geben, die ihr fehlt, und die unſer ſeli⸗ ger Max nicht im Stande war, bei ſeiner Freiherrin recht einzupflanzen, welche Tournüre aber ganz unumgänglich nothwendig iſt, wenn ſie ſich künftig in einem groͤßeren Kreiſe zeigt.“ Doch nun nehmen auch wir Abſchied von Oernwik, um den Schwärmer in dem Augenblicke aufzuſuchen, da er auf der Schwelle in dem Hauſe ſeines Bruders ſtand. 294 Vreißigſtes Kapitel. „Herr, Du mein lebendiger Gott!“ ſchrie Leonard mit der ganzen Kraft ſeiner ſtarken Lungen,„ich ſchlafe nicht, und wach kann ich doch auch nicht ſein!.... Ja, holen mich alle Waldnymphen! Du biſt's dennoch, Juſtus!... Nun, ſo ſei denn willkommen, ſiebentauſend einhundert neunundneunzigmal willkommen, Schelm, Gauner! Du verſtehſt es wahrhaftig, mich verrückt zu machen, Nota⸗ bene vor Freuden!“ Und Leonard drückte ſeinen Bruder mit ſeinen ge⸗ waltigen Armen ſo kräftig, ſo brüderlich herzlich, daß er unmoͤglich nur eine halbe Idee von dem Umſtande haben konnte, daß Juſtus, der um einen ganzen Kopf größer war, über Leonard's Schulter mit einem einzigen Blicke nicht nur die gränzenloſe Beſtürzung in Conſtance's Seele, welche ſich auf ihrem Antlitze abſpiegelte, auffaßte, ſon⸗ dern auch, daß ihre gefährliche Schönheit noch tauſendmal reizender geworden war. Was er ſelbſt in dieſem Augen⸗ blicke empfand, das war wenig geeignet, ihn zu befriedigen: er verſtand, wenn er ja im Stande ſein würde, an ſeiner Kette zu ſchütteln und zu reißen, er dieſelbe ganz unloͤs⸗ bar finden würde. Ein kalter Schweiß befeuchtete ſeine Stirn; aber dennoch blieben die Gedanken in derſelben geordnet: er wußte, was er wollte, und hatte in dieſem Augenblicke wenigſtens ſowohl ſeinen Willen, als auch ſeine Geſichtszüge in ſeiner Gewalt. Auch Conſtance's ſtarke Seele— ſo erſchüttert die⸗ ſelbe auch ſein mochte durch Grave's vorhergegangene Mittheilungen und zuletzt heute durch ſein Billet— be⸗ durfte keiner lä Zeit zu ihrer Erholung, als Leonard zu ſeiner großen Begrüßung und von Herzen kommenden Bewillkommnung brauchte. „ da ich indem dieſen jetzt a ihm el bei der ihm ſe ſolchen ſagen, — nei wenden wecken ſchluß Dich i die Be ſeligen machen daß D war k ſchwatz Gegend Gott, ſen, d befinde D Juſtus das m Wange eilte, keine welcher Hand zu ſein 3 T eonard mit lafe nicht, Ja, holen uſtus!... einhundert iner! Du hen, Nota⸗ ſeinen ge⸗ ich, daß er ande haben kopf größer ſigen Blicke ce's Seele, aßte, ſon⸗ tauſendmal em Augen⸗ befriedigen: b , an ſeiner Lanz unloͤs⸗ ſchtete ſeine n derſelben e in dieſem als auch Hüttert die⸗ rgegangene llet— be⸗ als Leonard kommenden 29⁵ „Laß mich nun auch zu Conſtancen guten Tag ſagen, da ich noch ein wenig Athem übrig habe!“ ſagte Juſtus, indem er ſich bemühte, ſchon in dieſem erſten Augenblicke dieſen vertraulichen, brüderlichen Ton anzunehmen, der jetzt allein paßte. Die geiſtliche Heiligenglorie, welche ihm ehemals ſo ſchön angeſtanden hatte, ſollte Conſtance bei dem„Bruder“ nicht wiederfinden. Ueberdieß verbot ihm ſein Gewiſſen ſtreng, zu einer Zeit, da er mit einem ſolchen Gedanken umging, dem geiſtlichen Stande zu ent⸗ ſagen, ſich dennoch der Privilegien deſſelben zu bedienen — nein, dieſe mußte er jetzt ſo ſparſam wie möglich an⸗ wenden, um nicht einen Verdacht über ſeine Abſicht zu wecken, ehe er ſelbſt zu einem vollkommenen feſten Ent⸗ ſchluß gelangt war. „Richtig!“ antwortete Leonard lachend,„ich darf Dich wohl nicht todt drücken zum Dank dafür, daß Du die Beine ausgereckt haſt zu einem Schritte, der dem ſeligen Lunkentuß und ſeinen Siebenmeilenſtiefeln Ehre machen würde! Aber ich ſage, Du thateſt verteufelt recht, daß Du dieſe Rennthiermenſchen in Frieden ließeſt; das war keine Geſellſchaft für Dich... Nun, nun! ich ſchwatze mich wohl um den Nacken, daß ich in Conſtance's Gegenwart ſo etwas zu ſagen wage!... Aber Herr Gott, wie ſteht's mit Dir, Feinsliebchen? Du ſollſt wiſ⸗ ſen, daß mein Conſtanzchen ſich heute nicht ganz wohl befindet!“ Dieſes Geſchwätz floß von Leonard's Lippen, ehe er Juſtus ganz aus ſeinen Armen ließ; nun aber öffnete ſich das warme Gefängniß, und wenn auch auf Juſtus' Wange eine höhere Röthe brannte, als er zu Conſtancen eilte, welche auf den Stuhl geſtützt ſtand, ſo lag doch keine Schwäche oder Unſicherheit in der Stimme, mit welcher er herzlich und offen äußerte, indem er ihre Hand ergriff:„Darf ich hoffen, auch bei Dir willkommen zu ſein, meine geliebte Schweſter 20 Dieſe Sprache, dieſe Ungezwungenheit, dieſe ganz 296 ungewohnte Vertraulichkeit verwirrten Conſtancen noch mehr; doch ſuchte ſie, ſo gut ſie konnte, augenblicklich ihre Rolle als bloße Schwägerin aufzufaſſen, und wenn auch weder ihr Ton noch ihr Anſtand ſo frei war wie der ſeinige, ſo war doch beides wenigſtens nicht verlegen, als ſie ſich anmuthig vor ihm verbeugend antwortete:„Wer könnte wohl bei mir willkommener ſein, als der Bruder meines Mannes?“ „O, ſo ſteht doch nicht da wie zwei ganz fremde Perſonen und gebt Euch die äußerſten Fingerſpitzen! Ich ſtimme für eine Umarmung, mein Blümchen, und für einen ehrlichen Kuß, wie es ſich zwiſchen Geſchwiſtern paßt— Du wirſt doch das meinem Juſtus nicht verſagen wollen 2“ „Nein, gewiß nicht!“ antwortete Conſtance mit grö⸗ ßerer Faſſung, als Juſtus in dieſem Augenblicke beſaß; und um ſich nicht dem Schlimmſten von allem auszu⸗ ſetzen, nämlich dem wohlgemeinten Scherze ihres Mannes, der gewiß nicht ausgeblieben ſein würde, wenn ſie nur den geringſten Schein von Ziererei gezeigt hätte, ſo reichte ſie augenblicklich ihre friſchen Lippen dar, damit der„Hei⸗ lige“ ſie mit den ſeinigen zum erſten Male berühren möchte. Juſtus legte ſeinen Arm um Conſtance's Leib; da aber in dieſem Augenblicke ihn ein erſchütternder Schau⸗ der durchflog, ſo ergriff er die beſte Partie und ſchloß die Augen bei dieſer Verwandtſchaftsceremonie, welche ihm beinahe ſeine ganze mit ſo großer Anſtrengung erkämpfte Beſinnung gekoſtet hätte. In ſeinem Innern die höchſte Glückſeligkeit und den höchſten Höllenſchmerz in einer Se⸗ eunde zu empfinden und dennoch im Aeußern das ganze Ausſehen einer angenehmen und freundſchaftlichen Gleich⸗ gültigkeit beizubehalten, erfordert ſehr ſtarke Nerven. Zum Glück beſtanden beide, ſowohl er als auch Conſtance, die Probe.* „Ach, mein Engel! wenn Du nun in der Freude ge⸗ ſund n ſtance „Befin fragte denſelb ich me ſo kleit dem G Gemüt des Me Conſtau men, hätte.— ten noch nblicklich ad wenn wie der gen, als :„Wer Bruder z fremde zen! Ich und für ſchwiſtern verſagen mit grö⸗ ke beſaß; em auszu- Mannes, n ſie nur ſo reichte der„Hei⸗ berühren Leib; da r Schau⸗ nd ſchloß elche ihm erkämpfte ie höchſte einer Se⸗ das ganze Gleich⸗ ven. Zum ſance, die Freude ge⸗ 297 ſund würdeſt!“ ſagte Leonard, der nicht merkte, daß Con⸗ ſtance eher auf den Stuhl ſank, als ſich darauf ſetzte. „Befindeſt Du Dich nicht ein wenig beſſer?“ „Was fange ich mit meinen Sachen an, Leonard 2 fragte Juſtus, indem er unter dem Vorwande, ſich nach denſelben umzuſehen, hinauseilte. „Ich komme augenblicklich nach!“ rief Leonard; doch die eine Hand ſeiner Gattin ergreifend, fuhr er bekümmert fort:„Du wirſt ſo blaß, mein Conſtanzchen, daß ich fürchte, dieſe Ueberraſchung wird Dir im Gegentheile übel bekommen! Geh in das Schlafzimmer und lege Dich ein wenig... ach, thu' mir den Gefallen, wenn Du artig ſein willſt: zu eſſen bekommen wir ohne Dich wohl— Juſtus nimmt es nicht ſo genau— und die Gaſtzimmer ſind ja in Ordnung?“ „Nein, ich bin ſogleich wieder beſſer!... Sollte ich meine Pflichten als Wirthin verſäumen wegen eines ſo kleinen Anfalles?“ Und Conſtance erröthete ſtark bei dem Gedanken, daß Juſtus— wie ſie es nannte— ihre Gemüthsbewegung mißverſtehen könnte. Dieſes Spiel des Menſchen mit ſich ſelbſt iſt ſehr wunderlich und traurig. Conſtance wäre wohl der Wahrheit am nächſten gekom⸗ men, wenn ſie die erſte Silbe des Wortes ausgeſchloſſen hätte. „Ich aber ſage Dir, mein engliſcher Engel! Du haſt Fieber— ja, meiner Six, Du brennſt wie ein Feuer! Ich gehe und entſchuldige Dich... wir haben, Gott ſei Lob und Dank! geronnene Milch genug in der Milch⸗ kammer!“ „Leonard! wenn... guter Leo!—“ und Conſtan⸗ ce's Lippen lächelten den guten und glücklichen Mann ſo entzückend an—„wenn Du mich liebſt, Leo...“ „Ja, ja, Feinsliebchen! es iſt auch gerade Zeit, dar⸗ nach zu fragen!“ „Da Du mich alſo liebſt, ſo fordere nicht länger, daß Du mich entſchuldigen willſt! Laß mich jetzt, während 298 Du ein Wenig mit Deinem Bvuder plauderſt, hinauf⸗ gehen und die Zimmer beſehen: ſie ſind zwar in Ordnung, aber es iſt mir gut, wenn ich ein wenig in Bewegung ſein kann.“ „Nun, ſo habe es denn wie Du willſt! aber das ſage ich Dir: ſo wie ich ſehe, daß Du in jedem Augenblicke die Farbe wechſelſt, ſo trage ich Dich ganz einfach hinein — hoͤrſt Du wohl?“ „Nun biſt Du allzu ſonderbar, guter Leo! Wenn man ſich nicht ganz wohl befindet, ſo kann man wohl oft die Farbe wechſeln und ſich dennoch beſſer beſinden, wenn man auf iſt, als wenn man ſich legt. Ich meines Theils glaube, daß man ſich nur ſelbſt verdirbt und an ein lang⸗ weiliges Kränkeln gewöhnt, wenn man gleich jede Kleinig⸗ keit ernſthaft nehmen will.“ „Du haſt wahrhaftig Recht, mein Blümchen, und biſt ein vortreffliches Weib, daß Du ſo denkſt!... Aber Juſtus glaubt gewiß, daß ich hier ſtehe und ihn verleumdel Der Tauſend, ſo luſtig, daß er kam— und noch dazu ſieht er ja jetzt aus wie ein Menſch!“ Leonard nickte fröhlich und eilte hinaus. Als Conſtance allein war, ſo warf ſie einen langen unausſprechlichen Blick auf das Gemälde, welches Leonard ihr geſchenkt hatte; beſonders ſchien ihr flehender Blick auf dem Stern feſtzuwachſen, während ſich ihre Hände ſchnell und mit der Kraft der Verzweiflung und der Er⸗ gebung in einander falteten.„Leuchte Du mir!“ betete ſe leiſe„leuchte Du mir! ich ſehe den Weg nicht!— ch... Die Stimmen im Saale weckten ſie: ſie fuhr zuſam⸗ men, und war hinaus durch die eine Thür, ehe Leonard und Juſtus zu der andern hereinkamen. 4 „Dein Gut liegt ja in einem bezauberten Paradieſe!“ ſagte ſeinen 2 wieder mit ei warſt wirklie Reiſe liebſter es ger ſagte“ erfreut vorigen 1 könnteſt digſte i wohl, d blaſen *) 2 hinauf⸗ Ordnung, Bewegung das ſage ugenblicke ach hinein o! Wenn wohl oft den, wenn nes Theils ein lang⸗ e Kleinig⸗ , und biſt .. Aber perleumde! noch dazu en langen ſes Leonard ider Blick hre Hände d der Er⸗ r!“ betete nicht!— hhr zuſam⸗ he Leonard aradieſe l“ 299 ſagte Juſtus, ganz entzückt von dem ſchönen Thale mit ſeinen wilden, romantiſchen Umgebungen. „Es heißt auch nicht Trollhatten*) um nichts und wieder nichts!.... doch laß uns nun ein kluges Wort mit einander reden! Kommſt Du von Hauſe, oder wo warſt Du zuletzt, und wohin reiſeſt Du? Denkſt Du Dich wirklich noch in dieſem Herbſte aus Schweden zu begeben?“ „Ich komme von Oernwik: ein Brief von dem Con⸗ ſul Löwe bewog mich, meine Reiſe in Lappland etwas früher abzubrechen, als ich eigentlich gedacht hatte; aber ich bin noch nicht ganz mit mir ſelbſt einig, ob ich dorthin zurückkehre, oder ob ich weiter reiſe. Ich habe auf jeden Fall außer dem Vergnügen, Dich in Deiner Heimath zu beſuchen, hier in der Gegend Geſchäfte, welche vor meiner Reiſe abgemacht ſein müſſen.“ „Ahal ich verſtehe: bei dem Schelm— vergib, mein liebſter Bruder! aber ich muß mein Herz erleichtern und es gerade herausſagen— bei dem Schelm Grave!“ „Du biſt ſtreng in der Wahl Deiner Epitheta!“ ſagte Juſtus mit einer Mäßigung, die Leonard zwar ſehr erfreute, aber doch auch ſehr in Erſtaunen ſetzte. „Biſt Du bei der Mutter geweſen?“ fragte er, den vorigen Gegenſtand des Geſpräches wieder aufnehmend. „Nein, ich wollte erſt hieher kommen: Mutter hat ihre Präventionen, und es wird ihr lieber ſein, wenn ſie hört, daß ich von Grave komme, als daß ich zu ihm reiſe.“— „Sehr wahr! doch um nun ein wenig fragſelig zu ſein— Du weißt, daß auch ich meine Präventionen habe, und dahin gehört alle Zurückhaltung unter Brüdern— ſo könnteſt Du mir wohl ſagen, wie Dir die kleine Allergnä⸗ digſte in ihrem Wittwenſtande gefiel? Der Conſul wollte wohl, daß Du kommen und wieder ein wenig Leben in ſie blaſen ſollteſt?“ *) Vgl. die Aumerkung S. 7. dieſes Theils. 300 „Ja, ſo etwas war ſeine Abſicht; doch konnte ich nicht ſehr viel ausrichten: ihre Trauer iſt groß.“ „O, Du kannſt Alles, was Du willſt, wenn Du etwas koͤnnen willſt— und, unter uns geſagt, kann man wohl einmal verrückt ſein, ohne daß man es immer zu ſein braucht... Es muß dort oben in den Lappmarken ver⸗ dammt kalt ſein, und dort draußen am ſchwarzen Meere, wie Monika ſagt, iſt es gewiß verteufelt heiß!“ Juſtus lächelte.„Ich merke, Du würdeſt mir eine gemäßigtere Temperatur empfehlen?“ „Ich will nimmermehr ſelig werden,“ rief Leonard aus, indem er mit einer freudigen Geberde den Arm um Juſtus ſchlang,„wenn Du nicht auf dem Wege zur Beſ⸗ ſerung biſt! Wäre dieſes vor einem Jahre geſchehen, ſo wäreſt Du gewiß nicht ſo vernünftig geweſen in der Kunſt Räthſel zu errathen.“ „Ja, ganz gewiß, wenn ſie eben ſo leicht geweſen wären, wie dieſes!“ Juſtus ſah ein, daß er auf dem Wege, welchen er nun zu gehen hatte, ſehr leicht die Spuren verrathen könnte, denen er zu folgen gedachte, wenn er ſich nicht ſorgfältig in Acht nähme. Doch war es ihm aus vielen Gründen lieb, daß Leonard dieſen Gedanken hegte; gleichwohl durfte dieſer jetzt noch nicht beſtimmt glauben, daß Juſtus ſelbſt ihn hegte. „Zum Henker. Du brauchſt wohl nicht gleich ernſt⸗ haft zu werden über einen kleinen Scherz? Es iſt am ſchlimmſten für Dich, wenn Du nicht ſo klug biſt und das Glück annimmſt, wenn es Dir zum zweiten Male in die Arme läuft!... doch um wieder zurückzukommen auf unſern Edelſtein, wie ich ihn nenne, ſo wirſt Du doch wohl um das brennende Leben nicht bei ihm wohnen wollen?“ „Nein, wenn ich hier mein Hauptquartier aufſchlagen dürfte, ſo wäre es das beſte. Zähle gleichwohl nicht or⸗ dentlich auf mich; bald hier, bald dort! Morgen früh gehe ich ihrem vernarr guter ſchaft T geweſer den Se nicht be die Ge brachte Nachmi ein wen ſtumm in ſo n aufgehö⸗ Es Seele. daß Gr ſchen un wollen, deter zu Conſtan Kunſt in ſtus, längliche ſo verſc ſich auf mußte e zu betra ja noch konnte ich 87 enn Du kann man immer zu arken ver⸗ en Meere, mir eine ef Leonard Arm um zur Beſ chehen, ſo der Kunſt ht geweſen welchen er hen könnte, ſorgfältig Gründen pohl durfte ſtus ſelbſt leich ernſt⸗ (Es iſt am ſt und das ale in die mmen auf Du doch in wohnen nufſchlagen nicht or⸗ orgen früh 301 gehe ich auf den Comminiſterhof... find die Leute mit ihrem Paſtor zufrieden?“ „Zufrieden?— ſie ſind verrückt, radikal verrückt und vernarrt in ihn... und weißt Du: wäre nicht unſer guter Propſt geweſen— das iſt ein Kerl, deſſen Bekannt⸗ ſchaft Dir gewiß ſehr werth ſein wird!— wäre er nicht geweſen, ſage ich“(Leonard warf einen langen Blick in den Saal hinaus),„ſo fürchte ich, daß auch Conſtance nicht beſſer geweſen ſein würde. Der liſtige Fuchs paßte die Gelegenheit ab, da ich unſere Mutter nach Hauſe brachte, und wußte ſich ſo einzuſtellen, daß ſie ihn jeden Nachmittag kommen ließ; und da lagen ſie denn beide auf den Knien.“ „O, das iſt unmöglich!“ „Ja, mein Leib und meine Seele! ſo gewiß, wie ich Leonard heiße und ein ehrlicher Kerl ſein will! Aber der Propſt kam und unterbrach die Soiréen, und redete ein wenig ernſthaft mit Conſtance, welche gewiß nicht ſtumm war— nein, weit entfernt!— aber ſie gab doch in ſo weit nach, daß die Vertraulichkeit von der Zeit an aufgehört hat.“ Es ging bald ſiedend heiß, bald eiskalt durch Juſtus Seele. Wenn er zu dieſen Nachrichten den Umſtand legte, daß Grave ganz im Gegenſatze zu ſeinen früheren Wün⸗ ſchen und Rathſchlägen ihn in Lappland hatte zurückhalten wollen, ſo ſchien ihm ſein erſter Verdacht immer gegrün⸗ deter zu ſein: Grave hatte ſeine unkeuſchen Blicke auf Conſtance geworfen und ſie durch irgend eine ſataniſche Kunſt in ſeine Gewalt bekommen.„Wie,“ ſo dachte Ju⸗ ſtus,„werde ich wohl im Stande ſein, dieſes mit hin⸗ länglicher Kaltblütigkeit unterſuchen zu können? Grave iſt ſo verſchlagen, ſo...“ Er wagte die Gedanken, welche ſich auf ihn eindrängten, nicht zu Ende zu denken; denn mußte er nun anfangen, Grave von einer finſtern Seite zu betrachten, ſo nahm die Finſterniß ja nie ein Ende— ja noch ärger! es wurde eine Finſterniß, die er gar nicht 3⁰² begreifen konnte... daher wollte er vorſichtig, klug, be⸗ dächtig ſein. Der Eintritt der jungen Wirthin machte dem Nach⸗ denken und dem Geſpräche über Grave ein Ende. Sie lud die beiden Brüder zum Theetiſche ein, welcher der Feier zu Ehren in der Sternkammer, dieſem ſchönen, nett möblirten und von Conſtance geſchmackvoll geordneten Zimmer, in welchem Juſtus' Fortepiano ſtand, gedeckt wa v.. Der Anblick dieſes Inſtrumentes, welchem er ſo oft das Accompagnement zu ſeinen entzückenden und wilden Träumen entlockt hatte, und der Anblick dieſes Gemäldes, vor welchem er ſo oft während ſeiner langen ſchmerzhaften Kämpfe geſtanden hatte, um den Kampf des Erzengels mit Lucifer zu betrachten, machte einen heftigen, einen furchtbaren Eindruck auf Juſtus. Conſtance, welche ſich vorgeſtellt hatte, daß es ihm angenehm ſein würde, dieſe beiden Gegenſtände wieder zu ſehen, konnte die Urſache der Gemüthsbewegung, die er kaum zu verbergen ver⸗ mochte, nicht begreifen; und wie konnte ſie auch wohl den entfernteſten Gedanken an etwas ſo Unerhörtes in ſich auf⸗ nehmen, daß der Heilige, der Erhabene, Er, den ſie für den Auserwählteſten unter allen Jüngern des Herrn ge⸗ halten hatte, mit Ideen umgehen konnte, wie die, ſeiner ganzen Heiligkeit mit ihren äußeren Symbolen und allem zu entſagen?“* „Das wollen wir nun auf Dein Zimmer tragen,“ ſagte Leonard und deutete auf das Inſtrument— noder haſt Du vielleicht Deine Kunſt in Lappland verlernt?“ „Ich hoffe, nein, wenn aber die Luſt über mich kommt. ſo kann ich ja herunterkommen.“ 3 „O nein, ich kenne Dich: Du ſitzeſt oft die halben Nächte und hammerſt, und da willl ich ſchlafen. Conſtance ſpielt auch nicht viel, ſo daß ſie es nicht vermißt, wenn Du es nimmſt.“ traulich und dar Grave's rechtfert konnte darüber noch ſch Weltma daß ſie nach ein einem ho Ich hab ich auch mögen, „Je doch wo gar keine Con druß gab nicht hat Du mich Dinge 6 „Ge füenan ein ſollt Schöhen klug, be⸗ em Nach⸗ nde. Sie elcher der önen, nett geordneten , gedeckt er ſo oft nd wilden Gemäldes, merzhaften Erzengels gen, einen welche ſich vbürde, dieſe die Urſache bergen ver⸗ wohl den n ſich auf⸗ den ſie für Herrn ge⸗ die, ſeiner und allem r tragen,“ —„oder rlernt?“ ich kommt. die halben Conſtance nißt, wenn 303 „Biſt Du dem Beiſpiele der Ehefrauen im Allge⸗ meinen gefolgt, beſte Conſtance?“ Ach, was hätte wohl Conſtance nicht geben wollen, wenn ſie mit ſolcher Leichtigkeit, wie Evelyn, hätte„Du“ und„mein Bruder“ ſagen können! Ihr, die gewohnt ge⸗ weſen war, in ihm nur den herrlichen Lehrer, den myſti⸗ ſchen Propheten anzubeten, erſchien dieſe alltägliche Ver⸗ traulichkeit als ganz verkehrt, ja, als rein unmöglich— und dann lag in ſeinem Weſen etwas, das, weit entfernt Grave's Vermuthung von einer Gemüthsverwirrung zu rechtfertigen, eher hindeutete auf.. auf was? Conſtance konnte es nicht ſagen; aber ſie fühlte faſt einen Schrecken darüber, daß er ſich in dieſe Gleichheitsgeſtalt, oder, was noch ſchlimmer war, in dieſe Geſtalt eines gewoͤhnlichen Weltmannes verſetzt hatte. Die Frage, welche er ihr vorgelegt hatte, war ſo einfach, und doch kam ihr die Antwort darauf ſo ſchwer vor. Wie konnte Er ſo fragen? Mußte er nicht wiſſen, daß ſie ſchon alle weltliche Muſik abgelegt hatte? Endlich nach einigem Ordnen mit dem Theetopfe antwortete ſie mit einem halben Blicke:„Wenn ich paſſende Muſikalien hätte! Ich habe keine Schätze in meiner Phantaſie, und wenn ich auch Phantaſie hätte, ſo fehlt mir wieder das Ver⸗ mögen, ſie auszudrücken.“ „Ich bin ganz von dem Gegentheile überzeugt... doch wo haſt Du alle Deine Noten?... ich ſehe ja gar keine!“ Conſtance wurde blutroth, und ihr ſchmerzhafter Ver⸗ druß gab ihr Muth zu dieſem Du, das ſie bis jetzt noch nicht hatte über ihre Lippen bringen koͤnnen.„Wie kannſt Du mich darnach fragen? Enthalten wohl dieſe weltlichen Dinge etwas, das die Seele befriedigen kann?“ „Ganz gewiß! Ich weiß nicht, warum die Compo⸗ fitionen, welche Du früher ſo ſehr liebteſt, Dir jetzt fremd ſein ſollten! Was wir an der Muſik lieben, das iſt ihre Schhoͤnheit, ihre Harmonie, ihr Vermoͤgen, zu unſerm Her⸗ 304 zen zu reden und ſich zu der Dolmetſcherin unſerer Ge⸗ fühle zu machen— es iſt mit einem Worte: ihr Geiſt, und dieſer Geiſt kann ſich eben ſo klar in die eine, wie in die andere Form gießen.“ Leonard hatte allzu viel Feingefühl, als daß er ſich hier einen Scherz erlauben ſollte; doch der Wahrheit ge⸗ mäß müſſen wir geſtehen, daß es ihm ſehr ſchwer wurde, ſeine muntere Laune zurückzuhalten, als er Conſtance's un⸗ zufriedene Verwunderung ſah.„Die Schülerin iſt heili⸗ ger geworden als der Lehrer ſelbſt,“ dachte er,„und nun ſitzt ſie dort richtig in der Herzklemme, das arme Ding!“ .— und in der Herzklemme ſaß Conſtance in der eigent⸗ lichſten Bedeutung des Wortes, wenn auch auf andere Att, als Leonard meinte; denn Conſtance's Herzklemme kam aus einer bangen Furcht, die grauſame Judith könnte ihre unglückliche Macht über die Seele des Miſſionärs ſo ſehr befeſtigt haben, daß dieſe Seele ihrem Erloͤſer untreu ge⸗ worden war— und vielleicht war dieſes die Verwirrung in Gedanken und Grundſätzen, die Grave hatte andeuten wollen. O, wenn das der Fall war, ſo konnte ſie ſich die Unterbrechung ihrer Gebete nie genug zum Vorwurf machen! Eine ſolche Seele abfallen!... nein, das ließ ſich gar nicht mit den Gedanken faſſen— ſie irrte ſich: wenn er anders erſchien als ſonſt, ſo kam das nur daher, weil er Leonard ſo ſehr liebte, daß er mit ihm ſo leben wollte, als wäre gar kein Abſtand zwiſchen ihnen vor⸗ handen. So von ihren Gedanken hin⸗ und hergeworfen, ſuchte Conſtance in den hausmütterlichen Geſchäften einen Vor⸗ wand, ſich zu entfernen. Juſtus ſchien dieſe Häuslichkeit gar nicht zu bemerken; aber ſie traf ſein Herz dennoch mit einem ſcharfen Stich. Sollte auch Conſtance von ihm abfallen?„Nein,“ ſagte er zu ſich ſelbſt unter dem Einfluſſe eines finſtern Augenblickes,„keine von Euch ſoll abfallen!“... Er vollendete ſeinen Gedanken nicht; er wunderte ſich ſogar darüber, daß er ihn gehegt haite— was Conſt Grun Liebe — fehlte hin ſi Ruhe innert 8 erer Ge⸗ hr Geiſt, e, wie in aß er ſich hrheit ge⸗ er wurde, ance's un⸗ iſt heili⸗ „und nun ne Ding!“ der eigent⸗ undere Art, emme kam könnte ihre ärs ſo ſehr untreu ge⸗ Verwirrung te andeuten ute ſie ſich Vorwurf in, das ließ e irrte ſich: nur daher, hm ſo leben ihnen vor⸗ prfen, ſuchte einen Vor⸗ Häuslichkeit Herz dennoch nſtance von ſt unter dem bn Euch ſoll een nicht; er legt hatte 305 was konnte in der That wohl glücklicher ſein, als wenn Conſtance ihr Theil gefunden hatte, ſei es nun, daß der Grund dieſes Theiles die Liebe zu ihrem Gatten oder die Liebe zu Gott war. Von dieſen Dreien war Leonard allein glücklich. Er, welcher glaubte, daß alles recht war, daß nichts fehlte, ließ ſeine gute, froͤhliche Laune nach allen Selten hin ſpielen, und er hätte den Juſtus beinahe gar nicht zur Ruhe gehen laſſen, wenn nicht zuletzt Conſtance daran er⸗ innert hätte, daß es Zeit wäre, ſich zu trennen. Als Juſtus in ſeinen beiden netten Zimmern allein war, loͤſchte er die Lichter aus; doch legte er ſich noch nicht: er wollte den herrlichen Mondſchein genießen. Mit der Schnur der Rollgardine in der Hand, ſtand er da verſenkt in ſich ſelbſt, in ſeine Eindrücke und Ge⸗ fühle. Er war mit nichts zufrieden; denn aus den Wogen ſeines Blutes, aus allem, was wechſelsweiſe lieblich und ſtürmend ihm durch Seele, Herz und Kopf drang, glaubte er ſchlechte Vorzeichen zu der Verwirklichung der Hoffnung zu ſehen, die ihn hergeführt hatte. Er nahm ſich vor, fürs erſte noch nichts zu unterſuchen, am wenigſten die unzuſammenhangenden Gemüthsbewegungen, die er em⸗ pfunden hatte bei Leonard's freundlichen kleinen Liebkoſun⸗ gen und welche von Conſtance mit der ruhigſten Geduld erwiedert worden waren; er nahm ſich vor, noch weniger Conſtance's Betragen zu unterſuchen, und mitten unter dieſen Vorſätzen, und als er eben den vernünftigſten faſſen wollte, nicht ſo unabläſſig daran zu denken, wie ihre Schönheit ſich im höchſten Grade entwickelt hätte, befe⸗ füigte er die Schnur der Rollgardine und ließ ohne daran d denken, den Blick über die unter ihm liegende Landſchaft 9 eiten. Eine Nacht am Bullarſee. III. 20 306 Aber welches Gefühl von geheimem Grauſen trieb ihn augenblicklich hinweg von dem Fenſter? Welches Gefühl von geheimnißvoller Kraft trieb ihn wieder zurück? Welche geheime Macht jagte die Rothe von ſeiner Wange? Welche Macht miſchte eine Eiskälte in das glühende Blut? Ach, es war nur ein einziger Blick, der alles be⸗ wirkte; aber dieſer Blick war auch auf eben jene Land⸗ ſchaft gefallen, welche er während der erſten Nacht auf Tſchidtjak in ſeinem Traume geſehen hatte. Hier dieſe reichen, friſchen Wälder, dieſe hohen Berge, dieſer ſchlängelnde Weg und dieſer See, eben dieſer See mit den Silberrändern, die der Mond über ihn gezogen hatte. In der Beleuchtung des Tageslichtes, da die Sonne über die Landſchaft ihren Schein ausgoß, und ſeine eignen irrenden Gedanken ihm die Prüfung der näheren Gegen⸗ ſtände nicht erlaubten, war ihm dieſe Gleichheit nicht aufgefallen, auch hatte er die Landſchaft und den See nicht von dieſer Seite und nicht im Mondſchein geſehen. Jetzt war die Illuſion vollſtändig, und er wartete nur darauf, auch die ſchrecklichen Geſichte zu erblicken, die ihm der Nebel enthüllt hatte, nachdem das erſte Luftgebilde ver⸗ ſchwunden war; aber er bekam nur dieſes eine zu ſehen, welches jedoch mehr war als ein Luftgebilde— es war ja die Wirklichkeit ſelbſt. In ſeiner immer verwirrteren Phantaſie durchlebte er gleichwohl bald auch die beiden folgenden: er glaubte wiederum in der Kirche zwiſchen den beiden Gräbern zu ſein, von dem einen weiblichen Sche⸗ men zu dem andern geriſſen zu werden, und endlich einſam unter den blätterloſen Bäumen, einſam in der ganzen tod⸗ ten Natur zu wandern. Er ſank auf ſeine Knie.„Kehre um— kehre zurück zu mir!“ ſo ſchien Evelyn's Stimme ihm zuzurufen; dann aber rief wieder eine andere, eine tiefe, überſinnliche Stimme von oben hoch herab:„Kehre zurück zu mir: noch ſind Dir meine Arme offen, noch ſollſt Du mein düſtern Werk Stim Dich! ich ni ihrer im 6. Engel Abend mehr aus d einer 4 welche A Ort g feinfüh heime ſo bere Zuſam er ſein Stünd ſeinetw ten— Gerück oder C mit de 307 Werk wirken! Fliehe zu Deinen Brüdern; ſie, deren Stimmen Du ſo oft zu hören glaubteſt, winken, erwarten Dich!... Flieh, flieh— hier biſt Du nicht ſicher!“ Sein Haupt ſenkte ſich immer tiefer,„Nein, hier bin ich nicht ſicher! doch wohin gehe ich, damit die Strahlen e ihrer ſchwarzen Augen mich nicht verfolgen? Sogar noch jene Land⸗ im Grabe reißt ſie mich hinweg von meinem guten Nacht auf Engel!“ pohen Berge, dieſer See ihn gezogen h die Sonne ſeine eignen ſeren Gegen⸗ lichheit nicht An dem im vorhergehenden Capitel geſchilderten en See nicht. Abende wanderte Grave unruhig auf und ab vor dem ſehen. Jetzt mehrmals erwähnten Zauberſchloſſe— ein Ueberbleibſel nur darauf, aus dem Alterthume, das, wie es ihm ſchien, paſſend war, die ihm der einer Bet⸗ und Liebeszuſammenkunft Schutz zu gewähren, tgebilde ver⸗ welche übrigens auch der ſchweigende Rieſenwald in ſeinen ine zu ſehen, düſtern Schooß ſchloß. e— es war Aus Rückſicht auf Conſtance hatte er dieſen entlegenen verwirrterFen Ort gewählt, um ihre weibliche Furcht, ihre natürlichen ch die beiden feinfühlenden Bekümmerniſſe über die Entdeckung eines ge⸗ zwiſchen den heimen Zuſammentreffens zu heben; doch war dieſer Schutz blichen Sche: ſo berechnet, daß er nur ſo lange gelten ſollte, als die ndlich einſum Zuſammenkunft dauerte. Wenn ſie gekommen war, wenn ganzen tod⸗ er ſeinen Zweck erreicht hatte, ganz allein mit ihr ein Stündchen in dem wilden Walde zu plaudern, da mochten kehre zurück ſeinetwegen Bäume und Voͤgel plaudern ſo viel ſie woll⸗ u zuzurufen; ten— wer konnte das verhindern? Wer wußte, woher überſinnliche Gerüchte kamen? Wer wußte zu ſagen, ob es Wahrheit kück zu mir: oder Erdichtung war, daß die junge Frau auf Trollhatten ſt Du mein mit dem Comminiſter bei dem Zauberſchloſſe geheime Zu⸗ Einunddreißigſtes Kapitel. 308 ſammenkünfte hatte? Wer wußte zu ſagen, ob es Wahr⸗ heit oder Erdichtung war, daß er ſie ſo bezaubert hatte, daß ſie in der ganzen Welt keinen Andern ſah, als nur ihn, den ſie während des ganzen Sommers auf dieſelbe Weiſe getroffen hatte, obgleich kein Menſch eine Ahnung davon gehabt hatte? Nein, das alles gehörte zu dem Bö⸗ ſen, von welchem die Menſchen weder wiſſen, woher es kommt, noch wohin es fährt, denn es iſt ausgeworfen wor⸗ den von der Klätſcherei und von der Verläumdung, dieſen Zwillingsſchweſtern, welche von Anbeginn der Welt Hand in Hand mit einander gewandert ſind, und weiter wan⸗ dern werden bis an das Ende der Welt, ohne zu ermi⸗ den, ohne zu ruhen. Grave rechnete ſo:„Ein Weib, deſſen Ruf ſchon verloren iſt, hat nichts mehr, das ſie zurückzuhalten brauchtz ſie bedarf des Troſtes, und ein gottesfürchtiges Weib läßt ſich über alles tröſten— dieſer Troſt iſt ihr überdieß um ſo nothwendiger, als ſie ohne denſelben gar nichts iſt. Von dem göttlichen Troſte aber iſt der Schritt zu einem irdiſchen Troſte eben nicht ſehr groß; hat ſie ihre Prüfung erſt durchgemacht, und iſt ſie gehörig geläutert an dem Feuer der Eiferſucht auf der einen, und an dem Feuer der Gewiſſensbiſſe auf der andern Seite, ſo hat ſie gewiß nichts mehr gegen eine Reinwaſchung einzuwenden, die ſo nothwendig iſt für ſie, die Sünderin, welche von ſündigen Flammen brennt, welche ihren Mann betrügt, und ihren eigenen Schwager zu lieben, zu vergoͤttern wagt.“ Unter dieſen Vorſtellungen, wie er ſie wechſelsweiſe ſchrecken, erhitzen, betäuben und berücken wollte, lächelte Grave. Welch' ein Genuß für ihn, ſie bei jeder neuen Erſchütterung zu ſehen und zuletzt zu ſiegen, zuletzt dieſes ſtolze Weib als ein ihm unterthäniges, ein von ihm ab⸗ hängiges, ein ihm gehörendes Weſen mit ſeinen Armen zu umſchlingen. In dieſen Genüſſen ſeiner Einbildungskraft, da alle ſeine böſen Sinne von einer einzigen Macht, ihren wun⸗ derbaren gar nicht den Him tief auf es wurde We Die daß es wollte, das war von wilt fernen G einen Br Unordnun dem Wi 309 es Wahr⸗ derbaren, bezaubernden Reizen gefeſſelt waren, dachte er ubert hatte, gar nicht an die Zeit. Doch plöͤtzlich bei einem Blick auf ), als nur den Himmel fuhr er zuſammen; die Sonne hatte ſich ſchon auf dieſelbe tief auf die grünen Kronen des Waldes herabgeſenkt— ine Ahnung es wurde ſchon Abend. zu dem Bi⸗ Wenn ſie nicht käme! „woher et Die Schlinge war ja aber ſo vortrefflich ausgelegt, vorfen wor⸗ daß es nothwendig glücken mußte. Was er ihr ſagen dung, dieſen wollte, wenn ſie käme, daran dachte er gar nicht, denn Welt Hand das war eine Kleinigkeit; er hatte ſchon eine ganze Maſſe deiter wan⸗ von wilden Prophezeiungen über den Verlornen in den e zu ermi⸗ fernen Gebirgen bei der Hand; er hatte eben jetzt von ihm einen Brief erhalten, der ihm die ganze Gefahr und die Ruf ſchen Unordnung ſeiner Lage verrieth. ten braucht Das waren bloße Kleinigkeiten; die Hauptſache war, ‚Weib läß ſie zu treffen, ohne welche ſeine immer wilder aufflam⸗ iberdieß un mende Leidenſchaft nicht mehr leben konnte. Sie jeden ichts iſt. Sonntag in der Kirche und bei den ſogenannten zufälligen Schritt zu Zuſammenkünften bei Kranken und Sterbenden zu ſehen, hat ſie ihre das war ihm bei weitem nicht genug, weil immer ihr ig geläutert Mann oder einer von ihren Dienſtboten bei ihr war... und an dem nein, allein, allein mußte er ſie ſehen; ſeine unreine, von , ſo hat ſe dem Widerſtande geſteigerte Flamme hatte eine gefährliche inzuwenden, Hoͤhe erreicht— er wollte ſie ſehen. welche von Indem ſich nun ein fürchtendes Gefühl oder vielmehr inn betrügt, eine fürchtende Gewißheit, daß ſie nicht kommen würde, ttern wagt“ bei ihm einſchlich, konnte er unmöglich einen Gedanken vechſelsweiſe an Lappmarken zurückhalten. Wie ging es zu, daß kein Ulte, lächelte Brief von Juſtus kam? Wie ſah es nun mit ſeinem See⸗ jeder neuen lenzuſtande aus? Wie hatte der letzte Brief gewirkt?... zuletzt dieſes Doch ließ er dieſe Gedanken wieder verdunſten, um ſeine don ihm al— Blicke nur auf die ſinkende Sonne zu heften; und bald inen Armen mußte er mit geheimer Wuth, mit der ganzen Bitterkeit der getäuſchten Hoffnung erkennen, daß es ſich nicht der ft, da alle Mühe verlohnte, länger zu warten.„Sie hat gewiß Ab⸗ ihren wun⸗ haltungen gehabt! Sollte ſie aber vielleicht etwas ge⸗ 310 ahnt haben 2.. Hüte Dich, hüte Dich, junge Sünderin, etwas Ungehöriges zu ahnen!“ murmelte er zwiſchen den Zähnen; vich ſtrafe diejenigen, welche Ahnungen haben! Hüte Dich, ſo lange meine Augen noch mit lieblichem Wohlgefallen auf Dir ruhen!“ Er wanderte nach Hauſe mit dem Vorſatze, gleich am folgenden Morgen ein neues Billet mit noch dringen⸗ derem Inhalte abzuſenden; doch ehe er ſich an dieſem Abende zur Ruhe begab, wälzten ſich noch eine ganze Brut neuer Pläne durch ſeine Seele. Dort am Gitterthore ſtand jemand, der gewiß auf ihn wartete— ja, es war Marie, die am Nachmittage in den benachbarten Höfen umhergewandert war. Grave winkte ſie zu ſich. „Haſt Du mir etwas zu verkündigen, meine Tochter? Iſt wieder jemand von dem Herrn mit der Offenbarung des Ungeheuers gewürdigt worden, und der darum meinen geringen Troſt ſucht?“ „Nein,“ antwortete Marie,„ich habe eine Offenba⸗ rung gehabt, aber eine wirkliche Offenbarung; ich habe den jungen, heiligen Paſtor, den Miſſionar geſehen, ihn, von welchem ſie ſagten:„Aus ſechs Trübſalen wird er Dich erretten, und in der ſiebenten wird Dich kein Uebel rühren. —„Wie? Ihn haſt Du geſehen, ſagſt Du?... Du träumeſt, Marie!“ Graves Geſicht, auf welchem noch vor einem Augenblicke die Gluth eines verbrecheriſchen Gefühls brannte, wurde plötzlich bleich, faſt grau. „Ich träume nicht; er iſt gekommen, wirklich ge⸗ kommen! Ich begegnete ihm auf dem Wege nicht weit vom Nixenthale— er fuhr dahin!“ „Er 2... iſt es auch gewiß?“⸗ „So wahr ich lebe! Er grüßte und ſagte:„Guten Tag, Marie!“ aber er fuhr hinweg und verſchwand. „Gut, mein Kind, gut!“ Auch Grave verſchwand, um in der Einſamkeit des verſchloſ gegen il tung zu ren ſo v jetzt, da reifte, ſchwur; Eid— weniger ſeiner L. ſem unſ opfern, Augen r daß der den vorl ja Gott unter die nahe kan ſtande, ir „doch da werden; obgleich verſuchſt! In ſchwarz! ohne daß er ſein 4 einen Ple ſein, da Hoffnung Ach, hie nun, da trittsmitt ſuchen, n loren geh Zun underin, hen den haben! blichem gleich dringen⸗ dieſem ze Brut biß auf mittage Grave pochter? nbarung meinen 8 8˙ — 2 — ᷣ έ— 311 verſchloſſenen Tabernakels zu wüthen, gegen ſich ſelbſt und gegen ihn zu wüthen, der es gewagt hatte, ſich ſeiner Lei⸗ tung zu entziehen. Wie? ſollte er dieſen ſchwachen Tho⸗ ren ſo viele Jahre in ſeiner Hand gehabt haben, um ihm jetzt, da die Ausſaat zu einer reichen und geſegneten Erndte reifte, die Freiheit zu ſchenken? Nein!— und Grave ſchwur zu dieſem Nein einen theuren, einen fürchterlichen Eid— das ſollte nicht geſchehen, und das durfte um ſo weniger geſchehen, weil er nun gezwungen war, die eine ſeiner Leidenſchaften zu opfern... ja, die Liebe zu die⸗ ſem unſeligen Weibe mußte er dem vornehmſten Zwecke opfern, welchen er um ihretwillen beinahe ganz aus den Augen verloren hatte. Es war gar nicht zu bezweifeln, daß der letzte Brief, welcher in einem ſolchen Contraſt mit den vorhergehenden ſtand, den Verdacht des Miſſionars, ja Gott weiß, welche Gedanken in ihm geweckt hatte, und unter dieſen vielleicht ſogar ſolche, die der Wahrheit ſehr nahe kamen; dergleichen konnte in dem vernünftigeren Zu⸗ ſtande, in welchem er ſich jetzt befand, wohl möglich ſein; „doch das Schwarze ſoll weiß, der Unglaube ſoll Glaube werden; und Du, Thor, entgehſt meinen Netzen nicht, obgleich Du jetzt ein wenig auf eigene Hand zu flattern verſuchſt!“ In der Seele des Heuchlers bewegten ſich Gedanken ſchwarz wie die Nacht; doch ergab ſich dieſe Seele nicht, ohne daß es gleichſam knirſchte in der Hoͤllenkammer, welche er ſein Herz nannte. Das ſchoͤne Bild, welchem er dort einen Platz eingeräumt hatte, wie ſollte er im Stande ſein, daſſelbe zu unterdrücken? Sollte er auf immer die Hoffnung aufgeben, dieſes Weib ſein zu nennen?.. Ach, hier war gar keine Wahl; nun, da Juſtus hier war, nun, da ſie unter ſeinem Zauber ſtand, hatten alle Zu⸗ trittsmittel aufgehört— er mußte mit Ernſt zu erhalten ſuchen, was er vorbereitet hatte, oder es konnte alles ver⸗ loren gehen. Zum erſten Male in ſeinem ganzen Leben war Grave 31² unzufrieden mit ſich ſelbſt. Er verdammte ſeine Unbedacht⸗ ſamkeit, um eines vergleichungsweiſe kleinen Endzweckes willen ſo lange Zeit den Juſtus aus den Augen gelaſſen zu haben, und das noch dazu während einer Uebergangs⸗ periode, da er als ein kluger Mentor eher ſeine ganze Macht hätte anwenden ſollen, um die erwachende Vernunſt des Schülers feſtzuhalten, und in die alten Irrthümer zu⸗ rückzuleiten. Dieſe Handlung, daß er Lappland und ſeine als ſo heilig angeſehene Miſſion verlaſſen hatte, ohne Grave mit einem einzigen Worte um Rath zu fragen, und gleich⸗ ſam zum Trotz gegen die von Grave ertheilten Rathſchläge — dieſe kühne Handlung war beinahe gleich einer offenen, trotzigen Anzeige, daß Juſtus das Joch abzuſchütteln ge⸗ dachte, daß er noch fortwährend ſein Bewußtſein behaup⸗ tete, daß er frei ſein wollte. „Nein,“ ſchwur Grave noch einmal,„Du ſollſt nie, in Ewigkeit nicht, frei werden! Thor, der Du es wagſt, Dich gegen die Uebermacht zu empoͤren, welche Du ſo lange anerkannt haſt!“ Gleich am folgenden Vormittage hatte Grave Gele⸗ genheit, ſeine während der Nacht entworfenen Theorien praktiſch anzuwenden. „Ach, mein Bruder, theurer Bruder! welche außer⸗ ordentliche Ueberraſchung, welche Freude und welcher Schmerz zu gleicher Zeit!“ Und Grave ſtreckte ſeine Arme gegen Juſtus aus, in deſſen Umarmung aber eine Kälte lag, welche machte, daß Grave in ſeinem Innern zum dritten Male das unſelige Unglück ſeiner Leidenſchaft für Conſtance verdammte; nun aber ſollte dieſe todt ſein, todt bls in eine zukünftige Zeit, todt, bis Vieles ſich ereignet hatte. Ein weiſer Mann hat Geduld, ein weiſer Mann gibt keinen Vortheil aus ſeinen Händen; indem er die eine Hand ſchließt, um feſtzuhalten, was er hat, öffnet er die andere, ein weif blicke ab⸗ ter ihnen meinem( „Vie mitzutheil geringer heimere v kann, daß chenſchaft Doch„we die aus F die aus S denen, di für klug!“ „Auc bedacht⸗ dzweckes gelaſſen rgangs⸗ ne ganze Vernunft mer zu⸗ nd ſeine ne Grave d gleich⸗ thſchlaͤge offenen, tteln ge⸗ behaup⸗ ollſt nie, 's wagſt, Du ſo ne Arme ne Kälte in, todt ereignet r Mann 313 andere, um bereit zu ſein, mehr entgegen zu nehmen— ein weiſer Mann wartet immer ſeine paſſende Augen⸗ blicke ab. „Warum,“ fragte Juſtus,„iſt Dir meine Ankunft ſchmerzhaft?— Das war kein angenehmer Willkommen!“ „Die wahre Freundſchaft weiß nichts von Verſtellung; das Herz kann frohlocken und dennoch leiden... o Bru⸗ der in Chriſto! Du haſt unbedachtſam gehandelt, als Du den Rath der Freundſchaft, und, ich wage es zu ſagen, der Klugheit verſchmähteſt!“ „Deine Freundſchaft habe ich noch nie verſchmäht; aber Deine Rathſchläge ſind in der ſpäteren Zeit ſchwan⸗ kend geweſen, und darum iſt es mir ſchwer geworden, un⸗ ter ihnen eine Wahl zu treffen.“ „Meine ſtarke, innige Liebe gegen Dich, junger Bru⸗ der, ſo wie auch meine innige Liebe und Hochachtung gegen den Endzweck, welchem Deine Zukunft geweiht iſt, hat mich vielleicht verleitet, Dich und Deinen Seelenzuſtand in einem meiner Briefe zu ſtrenge zu beurtheilen, daher ich dieſes auch in dem letzten Briefe bekannte; doch habe ich nie gewankt zwiſchen Recht und Unrecht, denn zu den Rathſchlägen, die ich Dir zuletzt gab, hatte ich große, von meinem Gewiſſen gebilligte Gründe.“ „Vielleicht weigerſt Du es nicht, mir dieſe Gründe mitzutheilen, weil die angegebenen mit den früheren in ſo geringer Harmonie ſtehen, daß“... „. Daß Du glaubteſt, es wären andere ge⸗ heimere vorhanden— ich verſtehe; und obgleich ich ſagen kann, daß ich eben nicht erwartet habe, deswegen zur Re⸗ chenſchaft gezogen zu werden, ſo mag es dennoch ſein. Doch„wehe denen, die Böſes gut und Gutes boͤſe heißen, die aus Finſterniß Licht und aus Licht Finſterniß machen, die aus Sauer ſüß und aus Süß ſauer machen! Wehe denen, die bei ſich ſelbſt weiſe ſind und halten ſich ſelbſt für klug!“ „Auch ich verſtehe Dich, mein Bruder, und ſei es 314 ferne von mir, die Furcht zu rechtfertigen, welche Du ausſprechen zu wollen ſcheinſt! Ich wünſche nur um unſrer alten Freundſchaft willen, daß Du mir dasjenige mitthei⸗ leſt, deſſen Dunkel meinen Augen läſtig wird; ſie haben jetzt das Bedürfniß, klar zu ſehen.“ „Es wäre ihnen vielleicht beſſer, nicht zu ſehen— — haſt Du auch überlegt, was Du wiſſen willſt?“ „Ja, vollkommen; ich bin ja darum hieher gekom⸗ men!“ „Gut! Du haſt ſie wieder geſehen— ſage mir zu⸗ erſt, denn offen muß es ſein zwiſchen uns, welchen Ein⸗ druck hat ſie, als die Gattin Deines Bruders, auf Dich gemacht?“ Es fuhr ein leichtes Zucken durch Juſtus Geſichts⸗ muskeln.„Wie auch dieſer Eindruck geweſen ſein mag, ſo laſſen wir dieſes; denn Du weißt ja, daß ich das Be⸗ dürfniß habe, dieſe Gefühle zu unterdrücken und nicht ſie zu unterhalten.“ Grave ſuchte ſeine Zufriedenheit unter einem ſchein⸗ heiligen Blick und einer nicht weniger ſcheinheiligen Ge⸗ berde zu verbergen.„Warum wohnſt Du ihr ſo nahe? Ich habe Dir ein ſolches Wageſtück nie gerathen. Ziehe hier zu mir in den armen Comminiſterhof; hier vermagſt Du Deine Kraft beſſer zu meſſen und zu beurtheilen.“ „Nein, eine Zeit lang will ich's verſuchen; ich will vieles wagen, um deſto mehr zu gewinnen.“ „Dieſen Plan hatteſt Du ja aber längſt verworfen! Schriebſt Du denn nicht, daß es uns nicht erlaubt wäre, die Verſuchungen herauszufordern?“ „Unter gewiſſen Umſtänden muß man ihnen aber den⸗ noch unter die Augen treten; ich“... Juſtus erroͤthete und erblaßte wechſelsweiſe. Er konnte dem Grave jetzt ſein Vertrauen nicht länger ſchenken; es war, als ob eine unſichtbare Hand mit Gewalt ſeine Augen in Betreff die⸗ ſes Mannes öffnen wollte; dennoch zog er aus alter Ge⸗ wohnheit ſeine Re⸗ Gre merkte daß in d konnte, Klugheit augenblie iſt, daß deren Käp ten ſchätze kehre um fehlen! R betrübt— „Jetz —„wart wollte? J Grav dringen zu Bruder, l dennoch w geſicht zu Finſterniß Abwegen! Arme geſe zerreiße, e „Uebe elche Du m unſrer mitthei⸗ ſie haben ſehen— ſt?“ er gekom⸗ e mir zu⸗ chen Ein⸗ auf Dich Geſichts⸗ ſein mag, h das Be⸗ d nicht ſie ſo nahe? n. Ziehe vermagſt eilen.“ ; ich will lem ſchein⸗ ligen Ge⸗ 315 wohnheit die Blindheit vor— wenigſtens wollte er erſt ſeine Rechtfertigung hoͤren. Grave, der Juſtus ſo viele Jahre lang ſtudirt hatte, merkte mit Schrecken, ja mit einer Art von Schauder, daß in dieſer Seele etwas vorging, das er nicht ahnen konnte, etwas, das ſelbſtthätig wirken wollte... doch Klugheit, Borſicht! Grave ließ dieſen Gegenſtand augenblicklich fallen, und griff nach dem vorigen:„Du bleibſt alſo feſt in Deinem Wunſche, mein Bruder, die Urjachn zu erfahren, welche meinen letzten Brief veran⸗ aßten?“ „Ich habe keinen hoͤhern Wunſch!“ „Bedenke nur, daß es Dein eigener Wille iſt!“ Juſtus ſchien ungeduldig zu werden. „Es geſchah aus Mitleiden mit der Unglücklichen, mit ihr, die nun einen klaren Blick in ihr eigenes Herz ge⸗ worfen hat, und deren Zuſtand ſo ſehr bedauernswürdig iſt, daß ich, ihr Freund, ich, der ich dieſe Frau hochachte, deren Kämpfe heldenmüthig ſind, ich, der ich ihren Gat⸗ ten ſchätze, daß ich Dich um ihres Friedens willen bitte: kehre um, verlaß dieſe Gegend— Geld ſoll Dir nicht fehlen! Reiſe, reiſe, je eher, deſto lieber; meine Seele iſt betrübt— ſie leidet an ſchrecklichen Ahnungen!“ „Jetzt ſagſt Du, reiſe!“ rief Juſtus heftig auflodernd —„warum ſchickteſt Du mir kein Geld, als ich reiſen wollte? Jetzt“.... Er brach ab. Graves Blick ſchien die Seele des Fanatikers durch⸗ dringen zu wollen.„Was meinſt Du mit dieſem Jetzt? Bruder, laß mich nicht glauben, daß meine erſte Ahnung dennoch wahr iſt! Gott, erbarme Dich, wende Dein An⸗ geſicht zu uns! Eine Decke legt ſich auf meine Augen, Finſterniß umhüllt mein Herz!... Bruder, Du biſt auf Abwegen! Hat der Vater der Lügen Dich feſt in ſeine Arme geſchloſſen, o, ſo rede, rede, damit ich ſeine Macht zerreiße, ehe es zu ſpät iſt!“ „Ueber den Zuſtand meiner Seele habe ich gar nichts 316 zu ſagen, ihn behalte ich für mich ſelbſt; aber Du haſt zu ſagen, warum Du mich hinwegſchaffen willſt— ich muß Dir ungelegen gekommen ſein!“ „Bruder, Bruder! wohin verirrt ſich Dein wahnſin⸗ niger Geiſt! Wenn ich Dich nicht verſtände, ſo würde ich erröthen über Dich! Wahrlich, es müſſen große Dinge mit Dir vorgegangen ſein, da Du ſolche Worte ausſpre⸗ chen kannſt vor Deinem älteſten, beſten, einzigen, wahren Freunde!... Doch um zu ihr zurückzukehren, ſo höre mich nun mit Aufmerkſamkeit! Wie oder wo ſie die Ent⸗ deckung über ihre gefährliche Lage gemacht hat, das weiß ich nicht; doch an dem erſten Sonntage nach ihrer Rück⸗ kehr von Oernwik bemerkte ich, als ich ſie in der Kirche ſah, daß eine große Veränderung mit ihr vorgegangen war; dieſe ſprach ſich aus in ihrem angſtvollen Gebete, in der Unruhe, mit welcher ihre Augen das Bild des Erlöſers ſuchten, und in der Betrübniß, die auf ihrem Geſichte zu leſen ſtand, daß ſie den Erlöſer nicht ſelbſt finden konnte. Ich verſtand ihr geiſtiges Elend und ſagte zu mir ſelbſt:„Du darfſt ihm nicht länger rathen, hieher zu kommen, denn ſeine Anweſenheit würde alles verderben — doch darfſt Du nicht handeln, ohne vorher Deiner Sache gewiß zu ſein. Verſuche ſie durch die Eiferſucht, ſo wirſt Du ſehen; beſteht ſie dieſe Prüfung, ſo hat ihre Seele keinen andern Kummer; beſteht ſie aber dieſelbe nicht, ſondern verräth ſich, ſo iſt ſie der bewußten Sünde ſchul⸗ dig— und da mag ſie denn Schutz finden... ſie hat genug!e So redete mein Gewiſſen.“ Juſtus athmete ſchwer; ſeine Augen, ſeine Seele hin⸗ gen an Grave's Lippen.„Eine Gewiſſensſache war es auf jeden Fall— Du hätteſt ſo nicht handeln ſollen!“ „Es war meine Pflicht! Entſinne Dich der Rath⸗ ſchläge, die ich Dir gab— ich wollte meine Hände in Unſchuld waſchen.“ „Fahre fort!“ „Ich beſuchte ſie, als Dein Bruder Deine Mutter nach Ha Deinen 6 Grade g weißt, rung für Gemüthe müthsver ich warf Gefühle meriſchen Dir geth fühlen V das Rech du haſt ich vahnſin⸗ ürde ich 2 Dinge ausſpre⸗ wahren ſo höre die Ent⸗ as weiß r Rück⸗ Kirche gegangen Gebete, Bild des if ihrem cht ſelbſt und ſagte in, hieher verderben r Deiner iferſucht, hat ihre elbe nicht, de ſchul⸗ ſie hat peele hin⸗ war es olllen!“ ler Rath⸗ Hände in e Mutter 317 nach Hauſe begleitete; ich theilte ihr mit, daß ich über Deinen Seelenzuſtand tief bekümmert, daß dieſer in hohem Grade gefährlich wäre. Das war keine Nothlüge— Du weißt, daß ich Deine plötzliche und wunderliche Verände⸗ rung für etwas hielt, das kaum geringer war als eine Gemüthsverwirrung— aber ich bekannte, daß ich dieſe Ge⸗ müthsverwirrung nicht bloß den Religionsurſachen zuſchrieb; ich warf die Vermuthung hin, daß Du von einem andern Gefühle beherrſcht würdeſt, nämlich von einer tiefen, ſchwär⸗ meriſchen Liebe zu einem Frauenzimmer, und ich nannte auch den Namen... Judith.“ „Das war.. ja, das war niederträchtig!“ rief Juſtus mit unverdecktem Abſcheu aus.„Was hatte ſie Dir gethan, daß Du in ihrem Herzen und in ihren Ge⸗ fühlen Verwirrung anſtiften mußteſt, und wer gab Dir das Recht, meine Gefühle zu verrathen?“ „Sachte, ſachte, mein junger Bruder! ſachte, ſage ich! Fahre nicht einher, gleich denen, die nicht Augen, Ohren und Verſtand haben! Ich bin ein ſanftmüthiger, ein langmüthiger Mann; aber alles hat ſeine Grenzen! Du biſt bedauernswürdig verändert!“ „Ja, ich bin verändert, aber bis jetzt noch nicht be⸗ dauernswürdig... weiter!“ „Nein,“ ſagte Grave feierlich,„nicht eher, als bis Du erkenneſt, daß Du mich beleidigt haſt— ich meinte es gut, wollte Dich und mich von einer Sünde erretten!“ „Rechne mir nicht einen Ausruf an, den ich nicht beherrſchen konnte; ich war zu heftig!“ Grave nickte.„Ich habe nur noch wenige Worte hin⸗ zuzuſetzen: ſie verrieth ihre herzzerreißende Angſt, nicht in Worten— Du weißt, daß ſie allzu ſtolz dazu iſt— aber dieſe Angſt, dieſe Todesqual ſtand eben ſo leſerlich auf ihrem Geſichte zu leſen, wie ſie ſich in dem Zittern ihrer Glieder, in dem gebrochenen Laute ihrer Stimme aus⸗ ſprach... Und dennoch gab ſie meinem Rathe(meiner letzten Prüfung), für Dich, für Deine Seele zu beten, 318 ihren Beifall! Nachdem ich geſehen hatte, wie das hel⸗ denmüthige, unter der doppelten Laſt ihrer Gewiſſensſchuld und ihrer Eiferſucht niedergebeugte Weib beides vergaß⸗ um für Dich zu beten, den ſie ſelbſt in ſeiner Suͤnde noch für heilig hielt, da war mein Entſchluß, Dir von Deiner Herkunft abzurathen, unerſchütterlich. An dem Tage nach meiner Zuſammenkunft mit ihr ſchrieb ich den Brief an Dich— ich glaubte kein Recht zu haben, ſie zu verrathen.“ „Aber die andern Gebete?“ ſtotterte Juſtus—„Du beſuchteſt ſie ja eine ganze Woche lang!“ „Aha!“ ſagte Grave mit einer Art von verletzter Würde(in ſeinem Innern dagegen pries er ſeine Schlau⸗ heit, daß er durch dieſe offene Erklärung zuvorgekommen war, ehe man ihm zuvorkam);„man hat alſo bei Dir einen Schatten auf Deinen Freund werfen wollen? Nun ja, darüber wundere ich mich nicht! Du unterbrachſt mich, ehe ich Dir ſagen konnte, daß ich die junge Frau darauf noch viermal beſucht habe, um ihrer Pein einige Linderung zu verſchaffen, indem ich ihr Gelegenheit ver⸗ ſchaffte, von Dir zu reden; dieſe gewaltſame Kriſis, welche ſich in ihrer außerordentlichen, fieberhaften Angſt und in den Gewiſſensvorwürfen, die in jeder von ihren Fragen an mich verſteckt lagen, hätte ſonſt vielleicht ihre Lebenskraft gebrochen. Die einfältige Einmiſchung des Oberpfarrers bewirkte jedoch ſo viel, daß ich mich zurückzog, und ich hatte ſie ſeit vielen Wochen nicht getroffen, als ich gerade geſtern Abend—“ Grave hielt es wiederum für das Klügſte znvorzukommen—„in einem Billete eine Zu⸗ ſammenkunft mit ihr begehrte.“ „Wie?— eine Zuſammenkunft?“ 3 „Ja— und kannſt Du wohl zweifeln, daß ſie Dich betraf? Meine Seele war ſo erſchüttert von... was ſoll ich ſagen? von einem Traume oder einer Ahnung: ich glaubte wirklich, daß Du der Gebete einer ſo reinen und herrlichen Seele noͤthig hätteſt; denn in der vorletzten Nacht Ohre 2 7 es nich 8 zitterte nen Tre und an dieſen meine 8 7„ ich ſie meine welche- ner Jeſu O- Oh griff nach auf dieſe Vertraue das hel⸗ eensſchuld vergaß, er Suͤnde Dir von An dem b ich den en, ſie zu —„Du verletzter e Schlau⸗ gekommen ſo bei Dir en? Nun interbrachſt unge Frau ein einige nheit ver⸗ ſis, welche gſt und in (Fragen an ebenskraft , und ich ich gerade n für das eine Zu⸗ ß ſie Dich ... was Ahnung: ſo reinen vorletzten erpfarrers 319 Nacht erwachte ich darüber, daß eine Stimme zu meinem Ohre redete, und dieſe Stimme war die Deinige.“ „Meine Stimme?“ „Ja, und ſie ſagte:„Bruder!“.... nein, ich kann es nicht ſagen!“ Juſtus zuckte verächtlich die Lippen; dennoch aber zitterte er, indem er lächelte, denn er gedachte ſeines eige⸗ nen Traumes und der Landſchaft, die er jetzt geſehen hatte, und an alles dasjenige, was, ohne daß Grave es ahnte, dieſen in ſeinen Plänen unterſtützte.„Was ſagte denn meine Stimme?“ „Bruder!“ ſagte ſie tief und ſtark und voll, ſo daß ich ſie noch jetzt zu hoͤren glaube,„ich bin nahe daran, meine Seele zu verlieren— ich weine, habe aber dennoch nicht den Muth, ſie zu retten!“ Ein Schauder überlief Juſtus.„Und dieſen unglück⸗ lichen Traum wollteſt Du ihr ebenfalls verrathen?“ „Ich wünſchte ihre Gebete für Dich; ich ahnte Dich in Gefahr, und glaubte, daß nichts wärmer helfen könnte: die Macht des Gebetes iſt groß!... Und nun, da ich Dir alles geſagt habe— ich weiß nicht, ob ſie je die Abſicht hatte, zu kommen, denn ſie hatte nichts beſtimmtes verſprochen— ſo muß ich noch hinzuſetzen: bete auch Du, bete aus allen Deinen Kräften, daß der Fürſt der Finſter⸗ niß mit ſeinem Anhange weichen moͤge; denn dieſer ganze Anhang iſt Dir ſehr nahe auf dem Leibe! Bruder, ich leſe es in Deinem Auge, ich hoͤre es an Deiner Stimme, ich vernehme es aus Deiner Rede, daß in Dir nicht woh⸗ net was gut iſt! Du gehſt mit geheimen Plänen um, welche— ich ſage es Dir offen als Freund und als Die⸗ ner Jeſu— ſchon von weitem nach Sünde riechen!“ Ohne ein Wort zu erwiedern, erhob ſich Juſtus und griff nach ſeinem Hute. „Wie? Du willſt mich ſchon verlaſſen? Willſt Du auf dieſe Weiſe von demjenigen gehen, der ein ſolches Vertrauen auf Dich geſetzt hat? Bruder, Bruder! 320 fürchie daß mein Herz blutige Thränen über Dich weinen muß!“ „Wann haſt Du das Geld in Bereitſchaft?“ Grave bedachte ſich einen Augenblick; er wußte recht gut, was er that; er kannte den, mit welchem er zu thun hatte.„Ueber acht Tage!“ antwortete er. „Gut! Lebe wohl bis dahin!“ „Nein, ſo koͤnnen wir nicht ſcheiden: in der hoͤchſten Strenge liegt die höchſte Liebe! Warum öͤffneſt Du mir Deine Seele nicht mehr ſo wie ehemals? zweifelſt Du an mir?“ „Ich zweiſle an Allem, ja, an mir ſelbſt— warum ſollte ich alſo nicht auch an Dir zweifeln?“ „Wie? Du zweifelſt an Allem? Sünder, unglück⸗ licher Sünder! ſehe ich nicht Deine Gefahr? Und Du wagſt, mich zu fliehen? Bleibe, bleibe, o Bruder, armer, verſtockter Bruder! bleibe an meinem Herzen: es iſt reich, es hat Troſt, es hat Liebe für Dich, es ſoll Dir Verſöͤh⸗ nung bei dem Erloͤſer erbetteln!“ Und Grave weinte, weinte mit großer Rührung— er konnte ja weinen ſo oft er wollte. Juſtus aber ließ ſich nicht beſtegen.„Ich muß hin⸗ weg, ich muß Rath bei mir allein und bei Gott ſuchen!“ ... Lebe wohl!“ Grave wollte ihn wenigſtens ein Stück auf den Weg bringen; doch Juſtus ſagte mit einer Stimme, in welchet ſich ſo viele und mannichfaltige Gemüthsbewegungen zu er⸗ kennen gaben, daß ſein böſer Geiſt ſich mit dem ausge⸗ führten Werke begnugen konnte:„Nein! überlaß mich mir ſelbſt: ich werde bald wieder kommen!“ „Ja, Du wirſt wiederkommen!“ murmelte Grave— „Was ſich auch jetzt in Dir bewegt, ſo darfſt Du Deinem udei nicht aus den Armen gleiten: er will Dich ützen!“ Ein teufliſches Lächeln ſpielte auf Grave's Lippen. Ir lag der ſich, die zu ordn⸗ und vern W ſie ſo lo nißvolle Stunden „N mir auf ihn leite ein Gew junge M Schutz b nicht, vermiſche kehrten ſten lag fen, oder ihre gan Frecher E ihr zu na ... Ne wie ehem aus der nes Bru Eine Na ch weinen 2 ußte recht r zu thun er hoͤchſten ſt Du mir lſt Du an — warum c, unglück⸗ Und Du der, armer, ss iſt reich, ſir Verſöh⸗ ührung— muß hin⸗ tt ſuchen!“ f den Weg in welcher gen zu er⸗ dem ausge⸗ erlaß mich Bweiunddreißigſtes Kapitel. In dem tiefen Walde, von Menſchenaugen ungeſehen, lag der Fanatiker ausgeſtreckt auf der Erde, und beſtrebte ſich, die vielen einander kreuzenden Gedanken und Begriffe zu ordnen und zu entwickeln, welche ſeine Seele umgaben und verdunkelten. Was war Grave? Welches unſichtbare Band hatte ſie ſo lange an einander gefeſſelt gehalten. Welche geheim⸗ nißvolle Macht war dieſem Manne ſogar noch in dieſen Stunden verliehen, da ſich ſchon der Zweifel gegen ihn er⸗ hob? So fragte ſich Juſtus, ohne eine befriedigende Ant⸗ wort finden zu koͤnnen. „War es ein Gewebe von Lügen, das er heute vor mir aufrollte? Liebt er... oder konnte dasjenige, was ihn leitete, Pflicht und Gewiſſen ſein?— hat dieſer Mann ein Gewiſſen? Welchen frechen Blick gab mir nicht das junge Mädchen, ſie, die einſt auf ihren Knien lag und um Schutz bettelte!— und die arme Bibel⸗Marie— ich weiß nicht, warum ich immer ihr leidendes Bild mit Grave vermiſche... Aber dieſe Gebete—“ ſeine Gedanken kehrten zurück zu dem Gegenſtande, welcher ihm am näch⸗ ſten lag—„waren ſie wirklich für mich, um ſie zu prü⸗ fen, oder um ſich eine günſtige Gelegenheit zu verſchaffen, ihre ganze, gefährliche Schönheit einzuſchlürfen?.... Frecher Sünder! wie wagſt Du mit Deinen frechen Blicken ihr zu nahen, ihr, die nicht ich einmal zu betrachten wage! ... Nein, ich betrachtete ſie geſtern nicht recht, nicht ſo wie ehemals; denn—“ ein dumpfer Seufßzer ſchlich ſich aus der gepreßten Bruſt—„man betrachtet ſo nicht ſei⸗ nes Bruders Weib. Eine Nacht am Bullarſee. II. 21 322 „Ol an nichts, an gar nichts glauben zu koͤnnen, und dennoch eine Seele zu haben, die nach Glauben hungert und dürſtet— für nichts leben und wirken zu koͤnnen, und dennoch reiche Kräfte zu haben... wenn dieſe nur ihr Ziel zu finden wüßten... das iſt ſchrecklich, das tödtet, das vernichtet den letzten Nerv in einer ſchon ſo lange von wilden Stürmen gebrochenen Seele!“ Eine Thräne bewegte ſich in dem Auge des jungen 3 Geiſtlichen, eine von der inneren Tortur hervorgepreßte Thräne. Eine Erſchütterung in den Baumzweigen über ihm zog unfreiwillig ſeine Blicke nach oben; es war ein Eich⸗ hörnchen, das mit leichten Sprüngen von Zweig zu Zweig hüpfte. Ein neidiſches Lächeln zitterte auf Juſtus' Lip⸗ pen.„So, ſo frei, wie Du, moͤchte ich ſein! Aber ein böſer Geiſt hat mich in ſeine Kette geſchlagen— meine Sprünge ſind nicht länger, als die Kette reicht!“ „Doch nein! ſo kann es nicht ſein— das iſt ja Wahn⸗ finn! Wäre ich nichts anderes geweſen, als ein... un⸗ moͤglich, unmöglich!... ich ein Spielball in der Hand eines Andern, als meiner eigenen Leidenſchaften?.... Aber dennoch— wer hat dieſe Leidenſchaften erhitzt? Wer hat neue Samenkörner hineingeworfen? Wer hat unter den Worten und dem Deckmantel der Religion mir Myſterien eröffnet, in welche mein Auge nie zu blicken begehrte? Wer hat die Verſuchung hervorgerufen? Wer hat mich ins Verderben geſtürzt? Wer muß die Verantwortlichkeit für meine Seele auf ſich nehmen, wenn dieſe ſchon jetzt dem Fuarſten der Finſterniß verpfändet iſt? Von einer furchtbaren Wuth ergriffen, ſprang Juſtus auf.„Er iſt es, er! und er ſoll mir Rede ſtehen! ich ſuche ihn!“ doch in ſeiner erſten Sinnesverwirrung traf er den Weg nicht: er verirrte ſich immer tiefer in dem düſtern, öden Walde, und endlich ſank er von neuem unter einem Baume nieder und begann ſich zu ſammeln. „Nein, nicht ſo— nein, nicht ſo darf ich zu Werke — gehen ſchlei Häupt welche ganne reinige Strah in Juf ſen Kl Verſöl C und be verleihe geſetzt wollte Prüfun zuhalter andern noch ni anen, und n hungert u koͤnnen, dieſe nur lich, das ſchon ſo es jungen orgepreßte über ihm ein Eich⸗ zu Zweig ſtus Lip⸗ Aber ein — meine — 8 —½ = 8 .. un⸗ der Hand ſitzt? Wer unter den Myſterien begehrte? hat mich vortlichkeit ſchon jetzt 323 gehen! leiſe, leiſe, Schritt für Schritt will ich ihm näher ſchleichen— und iſt er der Verderber(und er iſt es) .... dann!„ die Furien der Rache erhoben ihre Häupter und nickten ihren Takt zu den wilden Gedanken, welche in dem Gehirne des Schwärmers zu tanzen be⸗ gannen. Dann aber glänzte plöͤtzlich ein Strahl von dem reinigenden Lichte des Chriſtenthumes hervor, und dieſer Strahl erzeugte einen Gedanken, welcher die Finſterniß in Juſtus' Seele zertheilte: er erinnerte ihn an den, deſ⸗ ſen Kleid er trug— er erinnerte ihn an das Blut der Verſöhnung, das für alle gefloſſen war. Er ſenkte das bleiche Geſicht herab auf ſeine Hände und betete mit flammender Andacht, daß Gott ihm Kraft verleihen möͤge, die Prüfung zu beſtehen, welche er ſich vor⸗ geſetzt hatte; aber er hörte die warnende Stimme nicht, wollte ſie nicht hoͤren, als dieſe ihn ermahnte, dieſe Prüfung nicht fortzuſetzen, ſondern ohne ſich länger auf⸗ zuhalten, zu ſeiner Miſſion, zu der großen Miſſion zu fliehen.„Jetzt hat ja Grave das Geld verſprochen— nichts, als nur Deine elende Schwäche hält Dich noch zurück! „Ja, ja!“ wendete er dagegen ein,„mich hält ein noch größeres Elend zurück: meine Unwürdigkeit, meine gänzliche Unwürdigkeit! Siehe, Meiſter! ich fühle, daß Dein Geiſt von mir gewichen iſt! Dieſe großen, dieſe himmel⸗ hohen Phantaſien, die mich vormals zu Dir erhoben, wo ſind ſie?... todt, todt!... dennoch iſt es mir auf eine andere Weiſe unmöglich, kann ich Dir nicht in einem andern Wirkungskreiſe dienen, ſo verſuche ich; dch jetzt noch nicht!“ Seine Seele ſchwebte hinüber zu Evelyn und den neuen Träumen; doch auch dieſe waren matt, nüchtern, farblos, denn alle Farben hatten ſich gleichſam in Einem Bilde verſchmolzen, in ihrem Bilde, die um ſeinetwillen vor Eiferſucht, vor Gewiſſensbiſſen gewüthet hatte, und dennoch im Stande geweſen war, als eine Kampfheldin 324 Chriſti für den zu beten, welcher der Zerſtörer ihrer gei⸗ ſtigen und irdiſchen Glückſeligkeit geweſen war. Es fiel ihm nun ein, daß ſie in ihrem Irrthume ver⸗ bleiben müßte. So leicht beweglich wie eine Waſſerblaſe, welche von jedem Hauche des Windes gebildet und aufge⸗ loͤſ't wird, ſah er in dieſer Idee einen Wink des Schick⸗ ſals— auf dieſe Weiſe konnte ihr Umgang nicht gefähr⸗ lich werden. Wie er auch ſein möchte, ſo würde ſie den⸗ noch ihren Augen nicht trauen: ſie würde denken, daß Judith's Macht ihn demüthigte, und die Qualen, welche ſie dabei litte, würden ſie ohne Zweifel dahin vermögen, doppelt auf ſich ſelbſt Achtung zu geben. Conſtance, das ſtolze Weib, würde ihre Leidenſchaft, die ſie unerwiedert glaubte, zu erſticken wiſſen; der Verdruß würde ihr wohl den Schmerz beſiegen helfen, ſo daß ſie bald vollkommen geheilt zu ihrer Pflicht zurückkehren und ihn vergeſſen koͤnnte. nur mit dem Gedanken und mit der Einbildung kann man den Wirrwarr begreifen, der wechſelsweiſe Licht und Fin⸗ ſterniß in dieſelbe brachte. Eine Seele wie Juſtus von Carleborgs gehort zu dieſen irrenden Himmelskörpern, welche ſich dann und wann offenbaren, aber nie ſo lange verwei⸗ len, oder ſo regelmäßig wiederkehren, daß ſie in das große Planetenſyſtem eingefuͤhrt werden können. Die Sonne ſtand in der Mittagshöhe, als er ſich endlich einen Weg zu der neuen Heimath ſuchte. Er hatte dieſelbe verlaſſen, ohne zuvor Leonard oder Conſtance ge⸗ ſehen zu haben; und als er ihr jetzt wieder ſo nahe kam, daß er ſehen konnte wie ruhig und ſtolz und mit friſchen Blumen in jedem Fenſter geſchmückt ſie ſich über das Nixenthal erhob, da murmelte er in Gedanken dieſen my⸗ ſtiſchen Bibelſpruch, der in dieſem Augenblicke blitzesähn⸗ lich ſein Herz berührte: Doch es iſt ein vergeblicher Verſuch, alle Unordnun⸗ gen einer ſolchen Seele zu entſchleiern und zu ordnen— Wehe C deutli ſtehen. Du 7 hoͤrten als eir 9 Sterbli ſerm he — und mich, 1 lieber f haſt?⸗ hrer gei⸗ gdume ver⸗ aſſerblaſe, nd aufge⸗ s Schick⸗ ht gefähr⸗ e ſie den⸗ ken, daß en, welche vermögen, ance, das nerwiedert ihr wohl ollkommen vergeſſen Unordnun⸗ ordnen— kann man und Fin⸗ zuſtus von ern, welche ge verwei⸗ das große ls er ſich Er hatte nſtance ge⸗ nahe kam, nit friſchen über das dieſen my⸗ blitzesähn⸗ 3²5⁵ „Ein Wehe iſt dahin— ſiehe, es komme noch zwei Wehe nach dem!“ Ihn empfing Conſtance, und ihre ganze Haltung zeigte deutlich, daß auch ſie geſonnen war, die Prüfung zu be⸗ ſtehen. „Du findeſt nur mich zu Hauſe: Leonard glaubte, Du köͤnnteſt vielleicht den ganzen Tag ausbleiben— wir hoͤrten, daß Du auf den Comminiſterhof gegangen warſt.“ „Vergib, beſte Conſtance, daß ich mich ſchon jetzt als ein launenhafter Gaſt zeige! Ich konnte es nicht län⸗ ger in Grave's Geſellſchaft aushalten; darum eilte ich ſobald zurück.“ „Und wenn Du einige Stunden hier geweſen biſt“ — eine flüchtige Roͤthe vermehrte den Glanz der Roſen, die auf Conſtance's Wangen ruhten—„ſo wirſt Du Dich von Neuem dahin ſehnen, oder auch in weitere Ferne; zu Deinem großen Ziele!“ „Mein Ziel verbirgt ſich oft im Schatten— welchem Sterblichen iſt das Ziel immer klar 2 „Ach, gewiß keinem außer ihm, unſerm Meiſter, un⸗ ſerm heiligen Vorbilde: er verlor es nie aus den Augen — und wenn... Doch vergib, es paßt ſich nicht für mich, mit Dir über ſolche Dinge zu reden... laß mich bebes fragen, ob Du im Comminiſterhofe Mittag gegeſſen ha 1 „Nein, das habe ich nicht; voch, nachdem ich Deine Gaſtfreundſchaft genoſſen habe, ſo laß mich das Beſte ge⸗ nießen, und ſchenke mir Deine Unterhaltung: mit einer Frau wie Du biſt, kann der Mann jeden Gedanken aus⸗ tauſchen!“ Ein Gefühl von irdiſchem und himmliſchem Stolz erhob die Bruſt der Schwärmerin; ſo wurde es ihr beſſer. Die ſchwere Unruhe loͤſ'te ſich bei dem Klange der Worte, 326 nämlich bei dem Klange ſolcher Worte, wie er nun redete, denn in ihnen lag ein Hauch aus der alten Zeit. Bei der kleinen Mahlzeit, die in dem äußeren Zim⸗ mer aufgetragen wurde, war Conſtance nicht zugegen; aber ſie erwartete ihren Schwager mit dem Kaffee in einer Grotte unweit des Ufers, und hier, nachdem ſie während des Servirens einige unbedeutende Worte gewechſelt hatten, nahm Juſtus den Gegenſtand ihres vorigen Geſpräches wieder auf: „Erlaubſt Du, daß ich Dich an die Worte erinnere, bei welchen Du abbrachſt? Du ſagteſt mit Recht, daß der Meiſter, unſer heiliges Vorbild, der einzige iſt, der niemals ſein Ziel aus den Augen verlor, und wenn.... Was willſt Du weiter ſagen nach dieſem zund wenn’?“ „Wirſt Du es mir auch wohl mißdeuten, wenn ich es ſage?“ „Nie!— rede offen!“ „So will ich denn demüthig und vertrauungsvoll hinzuſetzen: und wenn einer ſeiner Jünger auf eine kleine Zeit ſein Ziel in Schatten und Nebel ſieht, ſo werden ſich doch dieſe bald auflöſen, wenn er mit ſeiner ganzen unendlichen Wärme und großen Kraft das Kreuz umfaßt.“ „Wenn er nun aber“— ſein Blick ſank forſchend in den ihrigen—„wenn er nun aber die Unzulänglichkeit dieſer Kraft einſehen gelernt hat?“ „Durch die Gnade des Meiſters, durch ſeine unaus⸗ ſprechliche, verzeihende Liebe wird ſie zulänglich!“ ver⸗ ſicherte Conſtance mit feurigem Eifer. Juſtus antwortete nicht; er war verſunken in Be⸗ trachtung ihres ſchönen Antlitzes, das jetzt von den ſie be⸗ lebenden Gefühlen verklärt war. „Du antworteſt mir nicht... o wehe, wenn ich Unrecht hätte! Aber ich kann nicht Unrecht haben! Ward nicht der Erlöſer ſelbſt verſucht? Aber der Fürſt der Fin⸗ ſterniß zog ſich beſchämt zurück— ſo wird er ſich auch von Dir zurückziehen, wenn der Kampf ausgekämpft iſt!”“ T luſt la n redete, ren Zim⸗ gen; aber in einer während elt hatten, Heſpräches erinnere, echt, daß he iſt, der nn.... venn'?“ wenn ich guungsvoll eine kleine ſo werden 2 S — 5 8 8 2 Z 3²7 „Conſtance!“— er ergriff ihre Hand, hielt ſie zwi⸗ ſchen ſeinen beiden Händen feſt und ſagte in Eile:„Grave hat mir die Veranlaſſung ſeiner Beſuche mitgetheilt: ich habe ihm den Mißbrauch eines Vertrauens vorgeworfen, welches nur der düſtere Zuſtand meiner Seele mir ab⸗ preßte; doch ich danke Dir für Deine Gebete“— er ſenkte das Haupt auf ihre Hand herab, damit ſie nicht die gewaltſame Bewegung ſehen möchte, die auf ſeinem Geſichte ſpielte—„ich danke Dir für Deine Gebete!... Doch koͤnnen die Gebete nicht immer eine Seele aus dem Abgrunde erretten!“ Conſtance ſaß unbeweglich da: einige Secunden lang ſtand das Leben ganz ſtill. Da erhob Juſtus ſein Antlitz wieder. Welche Wol⸗ luſt lag in dieſem gefährlichen, ſchwindelnden Spiele an dem äußerſten Rande des Abgrundes mit ihr, die jede ſeiner Fibern in Bewegung ſetzte, über die Angelegenheit zu reden, welche ſie beide betraf, gleichwohl ſo davon zu reden, daß ſie glaubte, es beträfe eine Andere! Welcher Himmel lag in der Sünde: ſie ſollte glauben, daß ſie nur eine Schweſter, eine Botin des Meiſters wäre, den Verirrten zurück zu rufen! So konnte er, ohne jemanden zu ſchaden, in einem Athemzuge der höchſten Glückſeligkeit des hoͤchſten Schmerzes der Erde genießen. „Glücklich biſt Du,“ fuhr er mit ruhigerer Stimme fort,„daß Du Dein Herz in Sicherheit gebracht haſt vor dieſen Stürmen, welche veroͤden, verheeren und endlich tödten!“ Conſtance vermochte nicht aufzublicken; doch in die⸗ ſem Augenblicke that ſie ein feſtes und heiliges Gelübde in ihrer Seele, jede Schwäche des aufrühriſchen Herzens zu erſticken. Er, der ſogar noch in ſeiner Schwachheit in ihren Augen der Höchſte war, er hatte glücklicher Weiſe— der Himmel ſei dafür gelobt und geprieſen!— keine Ahnung von ihrem inneren Elend, und er ſollte es auch niemals ahnen! Jetzt fühlte ſie ſich frei in ſeiner Ge⸗ 328 ſellſchaft; jetzt konnte ſie ſich ohne Vorwurf ganz dem großen Zwecke hingeben, ſeine Seele zu ſich ſelbſt zurück zu führen! O, welches namenloſe Glück in dieſer theuren Pflicht, in dieſer ſüßen Vertraulichkeit, die ſo rein war, daß die Engel ſich darüber freuen mußten! „Doch verſprich mir noch einmal“— mit dieſen Worten unterbrach Juſtus das allzu beredte Schweigen— „daß Du nicht wieder auf dieſen Gegenſtand zurückkommen willſt! Judith's Herrſchaft muß vernichtet werden, meine Seele will frei ſein: ſie ſehnt ſich nach der Freiheit, wie der gefangene Vogel nach der Luft!“ „Gelobet ſei Gott!“ rief Conſtance aus, und ihr ſchwarzes, blitzendes Auge ſuchte den Himmel,„daß Du frei ſein willſt: da wirſt Du es auch werden; denn ſtarke Seelen koͤnnen was ſie wollen; und deine Seele“ — eine hohe, warme Roͤthe ergoß ſich über ihr Antlitz— „die ſo viele Seelen für den Himmel gewonnen hat, und für die heiligſte Angelegenheit des Chriſtenthumes gebrannt hat und noch brennt, wird nicht untergehen in einem die⸗ ſer Seele unwürdigen Rauſche. Dein Herz war allzu groß, um ſich einem ſo geringen Ziele ganz hinzugeben— und ein Tag wird kommen, da Du dort an dem fernen Geſtade, umgeben von neubekehrten, gläubigen Chriſten, dieſe Zeitrechnung in der Geſchichte Deines Geiſtes für einen bloßen Traum, aber für einen düſtern, wirren Traum, für einen kleinen Punkt hältſt, welcher immer mehr und mehr verſchwindet in dem großen, herrlichen und flammen⸗ den Lichte, das von Dir angezündet eine lange Strecke von nebelumhülltem Heidenthum beleuchten wird!“ „O, Du begeiſterte Prophetin, Du wäreſt ſelbſt ge⸗ ſchickt geweſen, hinauszugehen in die nachtſchwarzen Lande: Die Strahlen Deiner Augen hätten Dir geholfen, den Glauben in den Herzen der Ungläubigen anzuzünden; Deine Stimme, ſo ſchwach ſie iſt, hätte widerhallt in ihren Ohren mit Tönen, die ſie nie vergeſſen haben würden!“ „Ach, wäre er das Loos eines Weibes, dieſer ſchoͤne Beruf, keine 1 haben: würde hoͤchſte⸗ ich hät den kl tragen und ve Frauen und die rirte, d fühle z W daß er großen nigen k ihn ja allen C hätte? gehabt wärts ihr Her Worte geredet dieſer( „Komm darüber ganz dem bſt zurück er theuren rein war, nit dieſen weigen— ickkommen den, meine eiheit, wie und ihr „daß Du den; denn ne Seele“ Antlitz— hat, und s gebrannt einem die⸗ war allzu len Traum, mehr und b flammen⸗ e Strecke würden!“ eſer ſchoͤne 329 Beruf, hätte ich hinaus gehen können, ſo würde ich keine Beſchwerde geſcheut, keine weibliche Furcht gefühlt haben: ſtark in dem Glauben an den Sieg meiner Sache, würde ich als Lehrerin der armen Heidentochter mein höchſtes Glück auf Erden erreicht zu haben glauben, wenn ich hätte glauben dürfen, daß ich die Kraft gehabt hätte, den kleinſten Stein zu dem Tempel Chriſti Perbei zu tragen!... Doch Du verwirrſt mich!“ ſetzte ſie leiſe und verſchämt hinzu:„dieſe Gedanken ſind nicht für Frauen— ſie geziemen um ſo würdiger ſtarken Männern!“ Ihre ausdrucksvolle Stimme, ihre begeiſterten Worte griffen tief ein in Juſtus Seele und berührten die gefähr⸗ lichſten Saiten derſelben. Ja, dieſe Begeiſterung berührte eine Saite, deren Klang er noch nicht vernommen hatte, und die eben darum ſo ſtark durch ſein ganzes Weſen vib⸗ rirte, daß er nur mit unſäglicher Mühe ſeine wilden Ge⸗ fühle zu zügeln vermochte. Warum war es ihm nie in den Sinn gekommen, daß er ſeine wahnſinnige Liebe mit ſeiner Pflicht, mit dem großen Ziele, das er ſeinem Leben vorgeſetzt, hätte verei⸗ nigen können? Dieſes hochgeſinnte, flammende Weib hätte ihn ja begleiten können— was hätte ſie gefragt nach allen Entbehrungen, wenn ſie an ſeiner Seite geſtanden hätte?... Und er, würde wohl er jemals einen Beſuch gehabt haben von der Reue, wenn ihr Liebesblick ihn vor⸗ wärts gemahnt, wenn ihr Kuß ſeine Lippen gekühlt, wenn ihr Herz, brennend für ihre gemeinſchaftliche Sendung, Worte des Lebens, der Ermunterung und des Entzückens geredet hätte?...„O, wehe mir blinden Thoren, daß dieſer Gedanke nicht ein Jahr früher erzeugt wurde!“ „Eine Wolke verdüſtert Deine Seeele!“ ſagte Con⸗ ſtance theilnehmend; und als fühlte ſie inſtinktmäßig, daß ihre vertrauliche Unterhaltung nicht länger dauern dürfte, fuhr ſie fort, indem ſie ſich von der Moosbank erhob: „Komm, laß uns zu Leonard gehen; er wird ſich gewiß darüber freuen!“ 330 Bei Leonard's Namen ging ein kühlender Hauch durch das heiße Blut des Fanatikers.„Ja,“ ſagte er mit Eifer,„laß uns zu ihm gehen!“ Und noch waren ſie nicht weit gegangen, ſo hörten ſie ſchon Leonard's herzliche Stimme, welche ihnen entge⸗ gen rief:„Sieh, das war artig, wirklich artig! Nun aber, Du Ausreißer, ſollſt Du mir auch mit und meine Sägemühle beſehen, und dann rudern wir uns ein wenig 1 auf dem See, wenn Feinsliebchen ſo will!“ Und zu Ju⸗ ſtus' unausſprechlicher Pein ſchlang Leonard ſeinen Arm um Conſtance, welche— wer kann wohl der Spur aller Gefühle in der Bruſt eines Weibes folgen?— ſich noch nie mit größerer Zärtlichkeit an ihn geſchmiegt hatte, ſei es nun, daß dieſes aus einem dunkel mahnenden Bedürfniſſe floß, zu ihm zu fliehen, oder aus einem geheimen Ver⸗ langen, Juſtus die Wahrheit der von ihm ſelbſt ausgeſpro⸗ chenen Worte fühlen zu laſſen, daß ihr Herz ſich vor den Stürmen bewahrt hätte, welche veröden, verheeren und endlich tödten. Dreiunddreißigſtes Kapitel. Die erſte Woche war dahin gefloſſen in einer Sicher⸗ heit, die wenigſtens von Conſtance's Seite vollkommen war. Sie hatte ſich noch nie glücklicher gefühlt, als jetzt: ihre Eigenſchaft als Schwägerin und Freundin erlaubte ihr, ohne Unruhe die Geſellſchaft desjenigen zu genießen, di ſeiner Seits ſo großen Werth auf die ihrige zu ſetzen ſcchien. Ihre Charaktere, Gedanken und Gefühle hatten ihre Sym⸗ Und was konnte wohl natürlicher ſein, als dieſes? pathien aus jene werther in dem Erlöſere trauen, ſchildert dem Ab früher Andern ſie mit ſie ſoga im Kaꝛ Eiferſuc waren b ſeine B ihren K erbarmt hurden n höher ) der was zwi ſollte eb Glauben r Hauch ſagte er ſo hörten en entge⸗ g! Nun ind meine ein wenig d zu Ju⸗ inen Arm Spur aller ſich noch hatte, ſei Zedürfniſſe men Ver⸗ ausgeſpro⸗ ch vor den ſeeren und als jetzt: erlaubte genießen, ſe zu ſetzen 331 pathien in einer höheren Verbindung, eine Verbindung aus jener Zeit, da ſie— er als Lehrer, ſie als Schülerin— ſich gegenſeitig hatten verſtehen und begreifen gelernt, und jetzt reifte dieſe reine und heilige Vertraulichkeit ihrer Herzen unter dem Schutze der Verwandtſchaft. Es war in dieſem Augenblicke ein hoͤchſt beklagens⸗ werther Wahn, welcher die Fromme ſo ruhig und ſo ſicher in dem Glauben machte, daß ſie jetzt an dem Herzen des Erlöſers ruhte: der Wahn nämlich, daß das offene Ver⸗ trauen, mit welchem Juſtus ihr ſeinen Seelenzuſtand ge⸗ ſchildert hatte, ſowie ſeine feſte Zuverſicht zu ihr ſie aus dem Abgrunde gefährlicher Irrwege hoben, in welchem ſie früher gewandelt hatte. Sie wußte, daß ſein Herz einer Andern angehörte— war ſie alſo nicht gereinigt, wenn ſie mit Muth und Ergebung dieſen Schmerz ertrug, wenn ſie ſogar noch Kraft hatte zu dem Verſuche, ſeine Kraft im Kampfe aufrecht zu erhalten? Dieſe Qualen der Eiferſucht, welche ſie bisher ſo ſchrecklich empfunden hatte, waren bei weitem weniger ſchmerzhaft in der Nähe: wenn ſeine Blicke, ſeine Lippen verſicherten, daß Judiths Macht wenigſtens bisweilen vor dem unſchuldigen Vergnügen wich, mit einer theuren Schweſter— und theuer war ſie ihm— Gedanken auszutauſchen— o, lag da nicht in dieſer er⸗ laubten und edlen Freundſchaft ein weit höherer, ein tauſendfältig hoͤherer Genuß, als in Stürmen, die nur in das Elend und in das Verderben führen konnten? So bethoͤrt lag Conſtance oft in der Einſamkeit auf ihren Knien und preiſete Gott, der ſich ihres Jammers erbarmt und den Friedensſtörer ſelbſt geſendet hatte, um Frieden in ihrem Herzen zu ſtiften. Noch nie hatte Leonard in höherem Grade ihre Zärtlichkeit und ihre Liebe erfahren. Er, der nicht faßte, nicht verſtand oder verſtehen konnte, was zwiſchen ihr und dem jungen Miſſionar vorging, er ſollte ebenfalls nicht leer ausgehen: ihr Herz war an Liebe, Glauben und Hoffnung ſo reich geworden, daß es mit 33² ſeinen Schätzen verſchwenderiſch umgehen konnte— ſie war unbeſchreiblich glücklich in ihrer falſchen Sicherheit. Juſtus aber erkaufte um einen hohen Preis dieſe ent⸗ zückenden Stunden, welche ſie mit ihm theilte; er bezahlte mit ſeinem Herzblute— nämlich ſeinen Gewiſſensbiſſen— dieſe Augenblicke, wenn Leonard mit dem vollkommenſten Vertrauen ſagte:„Laufe heute nicht im Walde umher, Tollkopf, ſondern bleibe hübſch bei Conſtancen: ſie hat Verſtand und Bildung genug, um Deine Gedanken zu theilen!“ Und dann bezahlte er ſein unſeliges Wagniß mit der marternden Gewißheit, daß die Nachricht von ſeiner Reiſe in das Nixenthal die Ruhe ſeiner Mutter ganz ver⸗ nichten würde. Von einem Tage zum andern wollte er ſchreiben und von einem Tage zum andern fehlte ihm der Muth, als ein Heuchler vor ſie zu treten, vor welcher er noch nie geheuchelt hatte... Und was durfte er wohl von ſeinen Gedanken an Evelyn ſagen, das den geringſten Schein von Glaubwürdigkeit erhalten konnte, da der in ſeiner Seele ſich kreuzende Wirrwarr ihm ſelbſt nie erlaubte, zu begreifen, was er eigentlich wollte? Nur eins wußte er, und das hätte er vorher wiſſen können, daß, um Conſtance zu vergeſſen, andere Mittel angewendet werden müſſen, als ſich täglich und ſtündlich ihren Blicken auszuſetzen. „Aber,“ ſagte er zu ſeiner Selbſtberuhigung,„wie konnteſt Du auch ohne dieſe Prüfung in der Nähe es gewagt haben, mit Deinen Gedanken der armen Evelyn zu nahen— wollteſt Du ſie betrügen?“ Die Unmöglichkeit, der Mutter auf eine befriedigende Weiſe dieſe Verhältniſſe zu erklären, machte, daß er gegen die warnende und bittende Stimme des Geywiſſens ſich entſchloß, noch eine Woche mit ſeinem Briefe an ſie zu verziehen. Während dieſer Woche konnte er vielleicht irgend eine Idee faſſen, die alles erklärte: vielleicht konnte es ihm einfallen, ſeine Thorheiten geradezu abzuhauen und ſelbſt zu ſeiner Mutter zu reiſen, um ſich Stärke zu holen; vielleich allein 1 Ende u gemaͤß; ſollen, Geld fü ja nicht unnöthig Bruder ganzen geweſen mein Br ſollſt Dr den gang lieblicher ſprichſt Juf in umge Beſuche Deinem nehme e was gut — ich Sünde 1 nothwend — ſie war eit. dieſe ent⸗ er bezahlte sbiſſen— ommenſten de umher, n: ſie hat edanken zu Vagniß mit von ſeiner ganz ver⸗ reiben und Nuth, als er noch nie von ſeinen en Schein in ſeiner laubte, zu wußte er, Conſtance n müſſen, uszuſetzen. ie konnteſt konnte es hhauen und e zu holen; 333 wielleicht kehrte er auch nach Oernwik zurück— Gott allein wußte, was alles während einer Woche... in ſieben Tagen... ſich erdenken ließ, da jeder Tag, jede Stunde ſo viele neue Gedanken hervorbrachte. Zweimal hatte er Grave geſucht, ihn aber beide Male nicht zu Hauſe getroffen. Heute war die Woche zu Ende und nun mußte er ihn wohl ſeinem Verſprechen gemäß zu Hauſe treffen. Wenn wir die Wahrheit ſagen ſollen, ſo hegte Juſtus eine geheime Hoffnung, daß kein Geld für ihn bereit liegen würde: ohne Geld konnte er ja nicht reiſen, und da er nicht reiſen konnte... Es iſt unnöthig, noch mehr zu ſagen. Schon eine Strecke vor ſeinem Gitterthore kam ihm Grave mit der alten treufeſten Freundſchaft entgegen. Er ſchien ſich der bittern Worte gar nicht mehr erinnern zu wollen, die bei ihrer letzten Zuſammenkunft gefallen waren: ſein Geſicht leuchtete von der ſonnigen Wärme, die aus ſeiner Seele aufſtieg, als er den theuren Freund, den Bruder in Chriſto erblickte. „Ach, willkommen, willkommen! Ich bin in dieſer ganzen Woche von Geſchäften und Reiſen ſo überhäuft geweſen, daß ich zweimal meiner höchſten Freude, Dich, mein Bruder, zu ſehen, verluſtig gegangen bin; nun aber ſollſt Du mich auch heute nicht verlaſſen; Du ſollſt mir den ganzen Tag ſchenken; ja, wir wollen dieſen Tag in lieblicher, brüderlicher Vertraulichkeit verleben... Ver⸗ ſprichſt Du mir das nicht? Juſtus erinnerte ſich hier unwillkürlich, wenn auch in umgekehrtem Verhältniſſe der von Grave bei dem letzten Beſuche gefällten Ausdrücke:„Bruder, ich leſe es in Deinem Auge, ich höre es an Deiner Stimme, ich ver⸗ nehme es aus Deiner Rede, daß in Dir nicht wohnet, was gut iſt! Du gehſt mit geheimen Plänen um, welche — ich ſage es Dir offen— ſchon von weitem nach Sünde riechen!“ Inzwiſchen ſah Juſtus auch ein, wie nothwendig es für ihn war, nicht einen ſolchen Mann wie 334 Grave gegen ſich aufzubringen, am allerwenigſten nicht eher als bis ein foörmlicher Bruch geſchehen war. Was vermochte er jetzt nicht auszurichten, wenn ſeine Freund ſchaft ſich in Haß verwandelte? Er brauchte nur zu Leonard zu ſagen:„Dein Bruder iſt zu Dir gekommen, wie ein Dieb in der Nacht, um Dir Deinen höchſten Schatz zu ſtehlen!“— denn unmöͤglich konnte Grave wiſſen, daß er im Gegentheile gekommen war, um ſich zu ſtärken, in dem guten Vorſatze, ſich ganz und auf immer von ſeiner Liebe zu trennen: dieſen Plan, ſeine Abſichten mit Evelyn, durfte er Grave unmöglich mittheilen, denn dieſer eiferte, wie Juſtus aus aller Erfahrung wußte, mit Leib und Seele für die Sache der Miſſion. „Mein Bruder!“ erwiederte er nach einem kurzen Nachdenken, das aber hinreichend war, ſeinen Stolz und ſein Ehrgefühl zu zwingen und ſich unter der Maske der Verſtellung zu verkriechen,„ich nehme Deine Einladung an, doch nur unter einer Bedingung!“ „Welche, mein Bruder? Biſt Du ſchon ſo feſtge⸗ wachſen am Nixenthale, daß Du nicht ohne Bedingungen einen einzigen Tag in dem armen Comminiſterhofe zubringen kannſt??“ „Was ich meinte, betrifft etwas, das für unſre Einigkeit und Behaglichkeit unumgänglich nothwendig iſt: laß uns kein Wort über Religionsgegenſtände wechſeln; denn jedes Mal, da ich mündlich oder ſchriftlich mit Dir darüber Gedanken gewechſelt habe, iſt meine Seele immer verfinſtert worden.“ „So war es aber früher nicht!“ ſagte Grave mit einem tiefen Seufzer. „Das iſt wahr; aber früher war auch vieles anders — und für einen Tag, einen einzigen Tag kannſt Du mir doch wohl Frieden geloben?“ „Frieden?“— Grave's Blick erhob ſich bekümmert gen Himmel empor—„o, mein junger Bruder! begehrſt Du auf dieſe Weiſe Frieden?2... Nun, meinethalben: wir w Komm Du es ganz T berſtan mehren „Mam zudeute ſollte a ungezwu Grave ſten nicht ir. Was 2 Freund⸗ zu Leonard , wie ein Schatz zu n, daß er n, in dem einer Liebe t Evelyn, ſer eiferte, Leib und em kurzen Stolz und Maske der Einladung ſo feſtge⸗ ngen einen zubringen für unſre ſwendig iſt: lles anders kannſt Du bekümmert rl begehrſt inethalben: 335 wir wollen nicht über Religionsangelegenheiten reden!... Komm jetzt hinein: das Frühſtück erwartet Dich und da Du es wünſcheſt, ſo denken, reden und handeln wir heute ganz wie... Weltmänner.“ Daß dieſe Worte eine doppelte Bedeutung hatten, verſtand Juſtus; und der wirklich lecker angeordnete, mit mehren feinen Weinen verſehene Frühſtücktiſch, an welchem „Mamſell Anna“ als Wirthin präſidirte, ſchien ſchon an⸗ zudeuten, daß Grave vorher berechnet hatte, dieſer Tag ſollte aus dem Kalender der Entſagungen geſtrichen werden. Juſtus, der jetzt nicht in der Laune war wie damals, als er zuerſt in der„Wüſte“ zu Grave kam, hatte nichts gegen einige Gläſer Wein und Grave zeigte ſich als der liebenswürdigſte und gaſtfreieſte Wirth, ohne im Geringſten durch ein allzu weit getriebenes Nöthigen läſtig zu wer⸗ den; füllte oft das Glas ſeines Gaſtes und erzählte dabei ungezwungen, ja faſt munter— ein ganz neuer Ton an Grave— alte Geſchichten aus der Studentenzeit und aus der Periode, da man ihn den„Freund der Bekümmerten“ nannte. Zufällig erinnerte er ſich gerade einiger Liebes⸗ geſchichten ganz beſonders; und bei den lebhaften Erzäh⸗ lungen derſelben verfloß die Zeit, bis das Frühſtück beendigt war und die Herren ſich in das ſogenannte Amtszimmer begaben. „Sieh, mein Bruder! hier kannſt Du Dich über ein vollkommen weltliches Geſchäft freuen,“ ſagte Grave, in⸗ dem er aus ſeinem Secretair einige Pakete Banknoten hervorſuchte:„obgleich ich die ganze Woche gereiſ't bin, um das Geld zu ſchaffen, ſo iſt mir dennoch nicht möglich geweſen, mehr als fünfhundert Reichsthaler Banco zu⸗ ſammenzubringen, doch das iſt mehr denn genug zu der Reiſe. Den erſten November, da das Geld fällig iſt, ſteht die ganze Summe zu Deiner Dispoſition und dann ſollſt Du ſie ſogleich in guten Papieren auf ein Handelshaus in der Gegend, wohin Du Dich von hier begibſt, zuge⸗ ſendet erhalten. Ich glaube ſogar, daß es fuͤr den Fall 336 eines Unglückes auf dem Wege, wie Schiffbruch oder Räuber und dergleichen, nicht recht von Dir gehandelt ſein würde, ſo viel Geld mitzunehmen und natürlich be⸗ gibſt Du Dich nicht ſogleich in die innern Theile des Landes, ehe Du Dich an der Küſte eine Zeitlang umge⸗ ſehen haſt... Welchen Genuß wird nicht Deine Seele von allen dieſen Eindrücken haben!... Wann reiſeſt Du? Ich ſage Dir mit meiner wärmſten Ueberzeugung: reiſe bald, denn ſonſt wird es Dir unmöglich zu reiſen!“ Juſtus ſtreckte mechaniſch die Hand nach dem Gelde aus, ſchrieb die Quittung und ſteckte dann die Pakete eben ſo mechaniſch in die Taſche. Doch auf Grave's Frage und Rath erwiederte er kein Wort. „Mein Bruder,“ fuhr Grave fort,„darf ich Dir eine neue Frage vorlegen? Ich begehre Deine Antwort nicht wie ein Geiſtlicher ſie von dem Geiſtlichen verlangt, ſondern ſo wie ein Freund von einem Freunde, wie zwei Männer mit reifen Einſichten, mit Erfahrungen über die Macht und den Einfluß der Zeit!“ Mit geheimer Verwunderung antwortete Juſtus: „Fängſt Du an, mich ſo zu fragen, ſo frage, was Du willſt: ich werde Dir offen antworten— wenn ich kann!“ „Gut, mein Bruder! Habe ich mich geirrt in der Vermuthung, daß Deine Seele für die Sache der Miſſion kalt geworden iſt?... Ehe Du aber antworteſt, laß mich noch ſagen: ich weiß, daß nur die Ueberzeugung von Deiner Unwürdigkeit für dieſe hohe Sendung eine Ver⸗ änderung in Deiner Neigung und in Deinen Gedanken veranlaſſen konnte. Ich, der ich die Reizbarkeit Deines Gewiſſens ſo genau kenne, der ich weiß, wie Du für die Erreichung dieſes Deines Zieles gekämpft und gelitten haſt, ich weiß auch, wie viel Dir der bloße Gedanke an eine Entſagung gekoſtet haben muß— ja Bruder, ich weiß es... und ich habe harte Kämpfe zu beſtehen gehabt, ehe ich mit mir ſelbſt ſo weit gekommen bin, daß ich mit Dir über dieſen Gegenſtand reden kann.“ 8 dieſen ſeiner bedecke zu bed Mißtre Seele entfern wie Di welches L Freund theilen „0 könnteſt 337 uch oder Juſtus war erſtaunt, faſt beſtegt. Sollte er dennoch gehandelt dieſen Mann verkannt haben? Welches Mitleiden mit -ürlich be⸗ ſeiner Schwäche, die Grave gleichſam zu heilen und zu heile des bedecken eilte, ehe ſie vollkommen entbloͤßt war. Ohne ſich ng umge⸗ zu bedenken, antwortete er:„Du haſt Recht: durch das ine Seele Mißtrauen gegen mich ſelbſt iſt der Wankelmuth in meiner iſeſt Du? Seele erwacht; doch bin ich noch weit von einem Beſchluſſe ng: reiſe entfernt, dieſem Traume entſagen zu wollen, für welchen, en!“ wie Du weißt, ich alles geopfert habe, ja das Allerhoͤchſte, em Gelde welches das Leben zu bieten hat.“ ie Pakete„Wohl, theurer Bruder! erlaubſt Du einem alten ve's Frage heruune Dir in dieſer kritiſchen Sache einen Rath zu er⸗ theilen?“ f ich Dir„Gerne! Gebe Gott, daß Du einen ſolchen finden e Antwort könnteſt!“ n verlangt,„So reiſe denn morgen— ja, ſchon morgen; jede , wie zwei Minute verſchlimmert Deine Lage. Ich ſage nicht: reiſe en über die in die Wüſten von Afrika und predige das Chriſtenthum⸗ jetzt, da Deine eigene Seele krank und vielleicht nicht im te Juſtus: Stande iſt, eine rechte Dolmetſcherin des Wortes zu ſein e, was Du— ich ſage: reiſe mit dieſem Gelde, das nur Dir gehört, ich kann!“ wohin Deine Seele ſich ſehnt; reiſe in ein wärmeres und geirrt in der milderes Klima, um die Wunden Deines Herzens zu heilen; der Miſſion durchſchwärme die Welt, bis Deine Seele ſich wieder ſtark, vorteſt, laß Dein Muth ſich wieder feſt fühlt!. Dann, wenn Du zeugung von mit Ruhe Dich wieder ſelbſt finden kannſt, fliehe dann g eine Ver⸗ zurück zu Deinem ſchöͤnen Traume und mache ihn zu einer en Gedanken noch ſchöneren Wirklichkeit! Die ausgekämpfte Leidenſchaft arkeit Deines hinterläßt eine reife Kraft und dieſe Kraft wird frucht⸗ Du für die barer werden für die in der Finſterniß des Heidenthumes gelitten haft, Lebenden, als die blinde Ueberſpannung, in welcher Du anke an 4 vor einigen Monaten davongeeilt ſein würdeſt.“ er, ich weiß Dieſer Rath war ſo uneigennützig, dieſes Raiſonne⸗ jehen gehabt, ment ſo wahr und ſo wohlwollend, daß Juſtus beinahe „daß ich mit aufgeſprungen wäre, um ſich in Grave's Arme zu werfen Eine Nacht am Bullarſee. Ul. 22 338 und alles Mißtrauen zu bekennen, welches er gegen ihn gehegt hatte, als es ihm plötzlich einftel, daß Grave's eigne Leidenſchaft für Conſtance ihm dieſe Aufforderung diktirt hätte. „Du kannſt nicht leugnen, mein Bruder,“ antwortete er daher,„daß in Deiner Freundſchaft ein großer Eifer liegt, ja ein ſo großer Eifer, daß ich faſt fürchte, er möchte nicht ganz uneigennützig ſein!“ „Ich merkte ſchon bei Deinem vorigen Beſuche, daß ein ſchwerer Verdacht gegen mich in Deiner Seele rege geworden iſt; da ich jedoch in meiner Hand Mittel be⸗ ſitze, Dir noch in dieſem Augenblicke Beweiſe vorzulegen, daß Du über Deinen Verdacht erröthen und Dich ſchämen mußteſt, ſo beunruhigt er mich nicht. Ueberdieß ſchätzt ein Mann, der ſo lange gelebt und ſo bittere Erfahrungen gemacht hat, wie ich, eine vieljährige Freundſchaft allzu hoch und hält ſie für allzu nothwendig, um ſie mit einem Windſtoße dahinflattern zu laſſen, weil ein Hauch der Eiferſucht und des Mißtrauens ihre äußerſte Oberfläche berührt hat.“ „Jetzt biſt Du wahrlich ſehr offenherzig, mein Bruder!“ „Ja, ich begehre das Vertrauen keines Menſchen, ohne das meinige dafür hinzugeben! Glaubſt Du nicht, ich verſtand, daß die ſchiefe Richtung, die Du meinem letzten Briefe gabſt, Dich aus Lappland lockte? Deine wahnſinnige Liebe, welche ſtets nach neuen Retzmitteln ſucht, fand dieſes, daß Dein eigner Freund Dich betrog, daß er wegen einer verbrecheriſchen Liebe Dich fern halten wollte und darum die Rückkehr abwendete, die er vorher verlangt hatte. So wie Du damals der wahren und natürlichen Erklärung mißtrauteſt, welche ich Dir uübe mein Verhältniß zu dem armen, verirrten, jungen Mäd⸗ chen gab, gegen welches ich Mitleiden empfinde, ſo miſß⸗ traueſt Du auch noch ſogar in dieſem Augenblicke jedem meiner Worte. Dein beſſeres Gefühl beweist Dir wohl⸗ daß aus meinem Munde die Chrlichkeit und die Freund⸗ ſchaft alles „Aber hätteſt und n kann dieſen Mittel be⸗ vorzulegen, ch ſchämen ſchätzt ein rfahrungen ſchaft allzu mit einem Hauch der Oberfläche ein Bruder!“ s Menſchen, sſt Du nicht, Du meinem ckte? Deine Rezmitteln Dich betrog h fern halten die er vorher wahren und ich Dir über jungen Mäd⸗ inde, ſo miß⸗ enblicke jeden ist Dir wohl, d die Freund⸗ 339 ſchaft redet, doch Deine wahnſinnige Leidenſchaft ſagt, daß alles weiter nichts iſt, als lauter Falſchheit.“ „Bei Gott, Du haſt Recht!“ ſiel Juſtus ein... „Aber ſagteſt Du nicht, daß Du Mittel in Deiner Hand hätteſt, vor welchen ich noch in dieſem Augenblicke erroͤthen und mich ſchämen würde?“ „Ja, das ſagte ich, und ich werde mich auch dieſes Mittels bedienen, doch nicht eher, als bis ich Deine Ant⸗ wort auf meinen eben dargelegten Vorſchlag erhalten habe; doch wiederhole ich bei dieſem Vorſchlage, daß Du ihn ſogleich ausführen mußt.“ „Hiezu antworte ich: obgleich dieſer Vorſchlag ganz das Gepräge der Freundſchaft und der Klugheit hat, ob⸗ gleich ich weit entfernt war, zu hoffen, daß er jemals von Dir kommen koͤnnte, ſo kann er dennoch nicht ſogleich, nein, nicht ganz augenblicklich ausgeführt werden; aber er iſt ſo ſchön, er redet zu mir ſo bekannt aus einer Zeit, da ich in ſelbſtſüchtigeren Träumen ſchwärmte, als von den Heipenländern, daß ich mich ernſtlich darüber beſinnen will.“ „Das heißt ſo viel als: es wird nichts daraus!“ ſagte Grave mit einer Stimme, welche deutlich Schmerz und Verdruß ausdrückte. Daß aber dieſe Gefühle eben ſo weit von ſeinem wirklichen Gedanken als von der wirk⸗ lichen Reiſe entfernt waren, werden wir bald erfahren. „Werde nur nicht gleich böſe!“ ſagte Juſtus ver⸗ ſoͤhnend;„Du ſiehſt wohl ein, daß ich einige Zeit dazu haben muß?“ „Nein, das kann ich gar nicht einſehen! Deine lange Dienſtfreiheit zu der Miſſionsreiſe iſt Dir ſchon ertheilt und... Hier brach Grave ab: er hätte beinahe ſeinen wirk⸗ lichen Menſchen entblößt. „Für die Miſſionsreiſe, ja,“ fiel Juſtus ein;„doch kann ich wohl ein ſo niedriger Menſch ſein, daß ich unter dieſem Vorwande zu meinem eigenen Vergnügen in der 340 Welt umherreiſe? Nein, meine Seele iſt krank: entſchließe ich mich zu dieſer Reiſe und ich glaube beſtimmt, daß ich es auf ein Jahr thue“— Juſtus dachte an Cvelyn's Trauerjahr—„ſo werde ich, um einen vernünftigen Vor⸗ wand zu haben, darum anhalten, die Dienſtfreiheit an⸗ wenden zu dürfen, um mich bei ausländiſchen Miſſions⸗ inſtituten damit bekannt zu machen, was für einen zur Dienſtausübung auswandernden Miſſionar erforderlich iſt. (Wenn ich dann zurückkomme,“ ſetzte er in Gedanken hinzu, „ſo trete ich aus dem geiſtlichen Stande.“) „Um jedoch die ganze Reiſe ausführbar zu machen, ſo warte dieſe Veränderung in Deiner Dienſtfreiheit bei Deiner Mutter, auf Oernwik oder wo Dir beliebt, ab.. nur nicht hier!“ „Ja, gerade hier und an keinem andern Orte will ich mich beſinnen!“ erwiederte Juſtus mit gereiztem Trotze. „Es bleibt dabei— wenigſtens will ich mich eine Woche beſinnen.. Und nun willſt Du mir wohl das Mittel vor⸗ legen, mit welchem Du meinen Verdacht weghauchen wollteſt?“ „Ich will es bis heute Nachmittag aufſparen; wenn wir uns jetzt ereifern, ſo werden wir vielleicht zu warm! Laß uns den noch übrigen Theil des Vormittags zu einer Promenade in meinem großen Parke anwenden— ſo nenne ich bisweilen im Scherz den großen nnd prächtigen Wald, der meinen Hof umgibt— dieſe Wanderung wird uns Beiden wohlthun.“ Juſtus ging mit Vergnügen auf dieſen Vorſchlag ein, und nach der Wanderung von einigen Stunden— wobei kein Wort von beſonderen Angelegenheiten gewechſelt wurde, ſondern wo die Burg des Zauberprinzen mit ihrer Ge⸗ ſchichte, nebſt anderen Sagen, die Grave aus den Lippen der Leute entlehnte,(die Offenbarung der großen Schlange auch nicht zu vergeſſen) den Stoff zu einer leichten Unter⸗ haltung hergaben— kehrten ſie auf den Comminiſterhof zurück winkt / trunken den Fe wandtſ einande 8 friſcht edel un „3 ßigen G mich no mich; je eine klei „u dem er Fliege h tſchließe daß ich Evelyn's gen Vor⸗ hheit an⸗ Niſſions⸗ inen zur erlich iſt. en hinzu, machen, lag ein, fo Pobe eelt wurde, 341 zurück, wo in Graves eigenem Zimmer das Mittageſſen winkte. 1 Vierunddreißigſtes Kapitel. „Nein, nur nicht mehr!— ich habe ſchon mehr ge⸗ trunken, als mir dienlich iſt! Du weißt, daß der Wein den Fehler hat, mit meinem Blute in allzu naher Ver⸗ wandtſchaft zu ſtehen; beide ſind allzu heiß, um ſich bei einander wohl zu befinden.“ „Wenn aber das Blut zu heiß iſt, ſo kühlt und er⸗ friſcht der Wein, wenigſtens der ächte... und dieſer iſt edel und ächt.“ „Du ſcheinſt ein wirklicher Kenner zu ſein!“ „Das läugne ich nicht; einen unſchuldigen und mä⸗ ßigen Genuß braucht ſich niemand zu verſagen— ich habe mich noch nie für einen Heiligen ausgegeben.“ „Aber Du läſſeſt doch ſehr gerne Andere in dieſem Glauben leben!“ wendete Juſtus ein, indem er lächelnd ein neues Glas an ſeine Lippen ſetzte.„Ich.. ich ſelbſt“... das Lächeln hätte ſich beinahe in ein unnatürliches Geläch⸗ ter aufgelöſt, doch verſchluckte er es mit dem Weine. „Nun? Du ſelbſt?“ wiederholte Grave. „Ja, hielt ich Dich nicht für einen Heiligen? Kam ich nicht zu Dir, um mich von meinen eingebildeten Sünden rein zu waſchen? Du warſt recht ſtrenge gegen mich; jenes Fegefeuer erforderte ſtarke Nerven— das war eine kleine nette Kur... gewiß nicht Deine erſte?“ „Und gewiß auch nicht die letzte!“ dachte Grave, in⸗ dem er mit der Serviette über das Geſicht fuhr, um eine Fliege hinweg zu ſcheuchen, die ihn gar nicht beläſtigte. 342 Juſtus hatte einen ganz ungewöhnlichen Ton angenommen, er hatte noch nicht ſo viel getrunken, daß der Wein ſeine Ernſt Wirkung äußern konnte— kam ihm dieſe Offenherzigkeit. aus dem Herzen, oder ſtand er jetzt, nachdem der uüber⸗ ein M finnliche, religiöſe Enthuſiasmus verflogen war und der über bloßen Leidenſchaft Platz gemacht hatte, auf einem Punkte, welche wo er fühlte, daß ſie ſich verſtehen und begegnen koͤnnten. Anlag Dennoch nahm Grave um der Sicherheit willen einen Enthu Ton voll großer Salbung und Würde an. BABeruf „Mein Bruder!“ ſagte er,„obgleich wir einig ge⸗ es feh worden ſind, heute gar nicht über Religionsangelegenheiten nen le zu reden, ſo muß ich Dir dennoch ſagen, daß meine letzte deutun Aeußerung meines Erachtens Dich nicht berechtigt, mich verbind zu beleidigen!“ teſt D „Du wirſt Dich auch gewiß nicht davon beleidigt teſt. fühlen, daß der Zögling endlich aufhoͤrt, Zögling zu ſein erſchon — das iſt ja der Lauf der Welt!“ anhalt „Mein Bruder, Du weckſt meine Verwunderung!“ Nein, „Was ſagſt Du, mein Bruder? Da hätte ich ja ler wo etwas bewirkt, was ich für unmöglich hielt, wenigſtens um m in unſerm Verhältniſſe zu einander; denn Du, der Du Wahn alles berechneſt und erwägſt, haſt gewiß auch längſt den verwir Zeitpunkt berechnet und abgewogen, da meine geiſtige Ent⸗ zu beg wickelung vollendet ſein ſollte?“ der a „Ich ſage, mein Bruder, daß Du mich nicht allein Einſan in Erſtaunen ſetzeſt, ſondern daß Du mich auch beleidigeſt!“. „So laß uns denn augenblicklich Verſöhnung trinken! alles Es war nicht meine Abſicht, Dich zu beleidigen, ſondern für de Dir nur ſagen, daß Du mit Deiner Heiligenglorla mich uns b beinahe um die Vernunft gebracht hätteſt. Das war jedoch G nicht Deine Schuld, ſondern meine eigene, da ich nicht ſehr u begreifen konnte oder wollte, wie leicht ich meine Glorin dem mit einer viel leichteren Mühe hätte gewinnen koͤnnen, al 1 ich mir gab— um ſie unglücklicherweiſe hernach wieden„ zu verlieren.“ Gravo Lächel 8 enommen, Vein ſeine nherzigkeit der uͤber⸗ und der m Punkte, koͤnnten. illen einen einig ge⸗ legenheiten neine letzte tigt, mich n beleidigt ing zu ſein derung!“ ätte ich ja wenigſtens , der Du längſt den eiſtige Ent⸗ köͤnnen, als nach wieden m 343 „Wenn ich glauben darf, daß in Deiner Bitterkeit Ernſt liegt, ſo muß ich das in der That bedauern 1 „Nein, warum denn das? Ich habe noch nie gehört, daß ein Menſch, der wegen der Blindheit operirt worden iſt, ſich über den Verluſt der Finſterniß beklagt hat. Meine Seele, welche aus Ertremen zuſammengeſetzt und noch dazu mit Anlagen zu Schwärmerei, Poeſie und allem möglichen Enthuſiasmus begabt iſt, war beinahe geſchaffen zu dem Berufe, von welchem Du mir die erſte Idee gabſt; aber es fehlte dieſer Seele etwas, das ich erſt weit ſpäter ken⸗ nen lernte. Ich wurde ein Phantaſt in der wildeſten Be⸗ deutung des Wortes; denn wenn ſich Liebe und Religion verbinden, ſo entſtehen ſehr leicht Phantaſten. Was konn⸗ teſt Du alſo anders mit mir anfangen, als was Du tha⸗ teſt... den Thoren raſen laſſen, bis alle ſeine Kräfte erſchöpft waren? Was konnteſt Du dafür, daß er mit dem anhaltendſten Eigenſinne ſie unaufhörlich wieder füllte? Nein, mein Bruder ich geſtehe, daß dieß nicht dein Feh⸗ ler war; Du thateſt alles, was in Deinen Kräften ſtand, um meine Augen zu öffnen, als Du meinteſt, daß mein Wahnfinn allzu weit ging, und man muß ſo blind und verwirrt ſein, wie ich war, um nicht Deine gute Abſicht zu begreifen, als Du mir die eine hübſche Büßerin nach der andern ſchicktet, um mir in meiner ſelbſtgewählten Einſamkeit die Zeit zu verkürzen.“ „Gut, mein Bruder! Wenn Du erkennſt, daß ich alles that, was ein rechtſchaffener und erfahrener Freund für den andern thun kann, ſo iſt das ſehr glücklich für uns beide!“ Grave begleitete ſeine Worte mit einem Lächeln, das ſehr viel, aber auch ſehr wenig bedeuten konnte, je nach⸗ dem Juſtus im Stande war, daſſelbe aufzufaſſen. Und Juſtus faßte es bewundernswürdig gut auf. „Ja, wahrlich ſehr glücklich für uns beide!“ Er gab Grave ſein Lächeln ſo zurück, daß dieſer ſtutzte; denn das Lächeln war von einem Blicke begleitet, über deſſen eyniſche 344 Vertraulichkeit das Herz in Graves Bruſt hüpfte. Aber Grave wußte nicht, daß Juſtus ein Talent beſaß, welches Grave, der ihn immer nur von der Seite der myſtiſchen Religionsſchwärmerei betrachtet hatte, nie im Stande ge⸗ weſen war, mit in die Rechnung über Juſtus übrige Eigen⸗ Wlaſten aufzunehmen, nämlich ſein weltliches Schauſpieler⸗ talent. Die Promenade in dem kühlen Walde hatte Juſtus wohlgethan, ſeinen Kopf nüchtern gemacht und ihm Zeit genug zum Nachdenken gegeben, ſo daß kein einziger fal⸗ ſcher Gedanke über die Abſicht mit Graves Betragen mehr übrig war; und gereizt durch die Gewißheit, wieder ein Spielball geweſen und beſtimmt zu ſein, es noch ferner zu blei⸗ ben, beſchloß er, nicht nur auf ſeiner Hut zu ſein— das half wenig— ſondern auch ſogar den Meiſter ſelbſt zu überliſten. Welch ein Triumph für Juſtus, nun dieſen Mann, der das Unglück ſeines Lebens geſchaffen hatte und den er jetzt faſt in ſeiner ganzen Blöße vor ſich ſah, ſeinerſeits leiten, verwirren und beherrſchen zu koͤnnen! Er konnte unmöglich ſich auf eine andere Weiſe an ihm rächen, als wenn er ihn in ſeinen eigenenen Plänen zu Grunde richtete— aber welch ein Genuß war es auch, ihn dort ſicher zu treffen! Und irgend einen Plan hatte er, den er heute enthüllen wollte, und zu welchem alles übrige nur das Vorſpiel bil⸗ dete. Von welcher unendlichen Wichtigkeit war es alſo, jetzt, da der Wein zur Offenherzigkeit zu beleben ſchien, ſich mit ihm zu verbrüdern und zu zeigen, daß die Ver⸗ traulichkeit zwiſchen ihnen ſchon in der vollſten Blüthe ſtände, und daß für ihn(Juſtus) nur dieſer Augenblick gefehlt hätte, um ſeine Seele zu enthüllen und zu ſagen: wir verſtehen einander! Da er ſich auf dieſe Weiſe ſchon vorher in ſeine Rolle verſetzt hatte, mußte er dieſelbe gut auffaſſen, da es ſich darum handelte, nun ſeinerſeits denjenigen einzuſchläfern und zu betrügen, der ſo lange ihn eingeſchläfert und be⸗ trogen hatte; und gereichte auch das, was er erfahren konnte, nigſtene nicht be werden. ner, gr und au eingeſch ſeines g Verheir It er ſich begab, es war ſchenden grund; wo das zung fin W „C wortete redete h Die Na lange ich die ganz als ich wie ich weit wer ich glau einer vo über me pfte. Aber äß, welches myſtiſchen Stande ge⸗ rige Eigen⸗ chauſpieler⸗ atte Juſtus d ihm Zeit inziger fal⸗ ragen mehr wieder ein ener zu blei⸗ — das half überliſten. Mann, der den er jetzt ſeits leiten, unmöglich wenn er ete— aber zu treffen! e enthüllen Augenblick zu ſagen.: ſeine Rolle da es ſich zuſchläfern rt und be⸗ r erfahren 345 konnte, keinem Andern zum Nutzen, ſo ſollte es ihm we⸗ nigſtens den Nutzen gewähren, daß er gewiß ſein konnte, nicht bei Leonard unbehoͤrig geſchwärzt und verrathen zu werden. Darauf ſollte dann der letzte Triumph, ſein offe⸗ ner, großer, unermeßlicher Triumph kommen, auf einmal und auf immer, da Grave ihn vortrefflich umgarnt und eingeſchloſſen zu haben wähnte, ſich durch die Entſagung ſeines geiſtlichen Standes und durch ſeine darauf folgende Verheirathung mit Evelyn von ihm loszureißen. Juſtus wagte ein kühnes und gefährliches Spiel, als er ſich in einen ſolchen Streit mit einem ſolchen Mann begab, doch Juſtus hatte auch einiges Selbſtvertrauen, und es war eine reizende Abwechſelung, ſich aus den berau⸗ ſchenden Träumen im Nixenthale in dieſen ſchwarzen Ab⸗ grund zu ſtürzen, den dieſe Seele öffnete, in dieſen Schacht, wo das Nachdenken und die Reflerion Nahrung und Anrei⸗ zung finden konnten, nachdem das Gefühl ermattet worden war. Wir blieben ſtehen bei dem Lächeln, bei dem Blicke, dabei, daß das Herz in Graves Bruſt hüpfte. „Mein Bruder!“ ſagte Grave nach einem kurzen Nachdenken,„was war denn das, von welchem Du ſag⸗ teſt, daß es Deiner Seele fehlte, um die Eigenſchaften eines würdigen Miſſionars vollzählig zu machen?“ „Etwas, das Du beſſer beurtheilteſt als ich,“ ant⸗ wortete Juſtus in einem Tone wahren Ernſtes— denn er redete hier im Ernſt—„mir fehlte Beſtändigkeit, Kraft. Die Nacht auf dem Tſchidtjak, die ich nie vergeſſe, ſo lange ich lebe, lehrte es mich, mich ſelbſt zu beurtheilen, die ganze entflohene Zeit in einem andern Lichte zu ſehen, als ich ſie bis jetzt geſehen hatte. Wenn ich damals, wie ich Dir ſchrieb, Geld erhalten hätte, ſo wäre ich jetzt weit weg; aber ich bekam Zeit, mich zu beſinnen, und... ich glaube, Du brauchſt nicht mehr zu erfahren!“ „Da ich Dich jetzt höre, Bruder,“ ſagte Grave mit einer vortrefflich gelungenen Rührung;„ſo fühle ich Reue über meine eigene Blindheit, daß ich Dir nicht glaubte; 346 doch wirſt Du verzeihen, wenn ich ſage, daß es nach ſo vielen wahnſinnigen Ideen nicht zu verwundern war, wenn ich auch dieſem neuen Zuſtande mißtrauete... Aber laſſen wir die Vergangenheit, um unſre Aufmerkſamkeit ganz der Zukunft zu widmen... denn die Gegenwart“— bei dieſen Worten füllte er von Neuem das Glas ſeines Gaſtes— „willſt du ja ganz für Dich behalten?“ „Ja, wenn Du erlaubſt, ganz für mich allein!“— hier nahm Juſtus auch ſeinen vorigen freien Ton wieder an.„Dagegen ſtelle ich die Zukunft ganz zu Deiner Dis⸗ poſition; denn um ganz offen zu reden, nachdem die ſchwere Laſt rückſichtlich der Miſſionsfrage von meiner Bruſt ge⸗ fallen iſt— ich fürchtete, Du würdeſt den kleinen Reſt des Verſtandes, den dieſe Rauſche übrig gelaſſen haben, ganz hinwegpredigen, ſobald Du Deinen Verdacht beſtätigt fändeſt— ſo bin ich ſehr dankbar und glücklich, wenn ich einen klugen Rath erhalten kann... gleichwohl nicht unter der Bedingung, daß ich gezwungen ſein ſoll, ihm zu fol⸗ gen. Nunmehr, da Du vor mir nur in dem Lichte eines ſehr ſchlauen und berechnenden Mannes daſtehſt, welcher die Genüſſe nicht verſchmäht, die dieſes Leben zu bieten vermag, ſo kannſt Du dieſen unbedingten Einfluß nicht mehr verlangen, den Du während Deiner Helligenperiod übteſt, und der auf jeden Fall“— hier lachte Juſtus gan natürlich—„länger dauerte, als vielleicht die Macht irgem eines irdiſchen Heiligen gedauert hat.“ „Jetzt, mein Bruder, biſt Du Deinerſeits zu ſtreng ich habe Dich nicht betrügen wollen, das mußt Du ſelli am beſten wiſſen, wenn Du Dich noch der offenen An⸗ wort entfinnſt, die ich Dir auf Deine Frage über den Brit in Betreff meiner armen Anna gab.“ „Ich habe ja ſchon bekannt, daß die Urſache, warun wir uns nicht ſchon längſt vollkommen verſtanden haben in meiner eigenen Kurzſichtigkeit lag... Nun aber erinnen ich Dich zum dritten Male an das Verſprechen, welcht Du mir heute Vormittag gabſt!“ eſſen wozu Thür aber je gen, mals 1 präſent D für Ju behaupt „Wüſte Gedäch einen fu dem ha trat me Lampen zwei n. Flaſche gebene 7/ enthuſig ſelbſt; ſammel Geiſt zen Her der W „4 ſchnelle „Deine inzwiſch bedeckt wie das achten, der unſt t ganz der bei dieſen Gaſtes— Deiner Dis⸗ die ſchwere Bruſt ge⸗ kleinen Reſt laſſen haben, cht beſtätigt nicht unter ihm zu fol⸗ Lichte eines lache, warun anden haben, aber erinnen hen, welcht Bei dieſen Worten erhob ſich Grave— das Mittag⸗ eſſen war beendigt— und ehe Juſtus begreifen konnte, wozu der ploͤtzliche Rückzug dienen ſollte, hatte Grave die Thür des ehemaligen„Tabernakels“ geoͤffnet, welchem er aber jetzt, um das feine Gefühl ſeines Gaſtes zu beruhi⸗ gen, wenn nämlich noch einige kleine Skrupel von Ehe⸗ mals übrig ſein ſollten, unter dem Namen des Kabinetes präſentirte. Dieſe Vorſicht war ſehr klug; denn beinahe wäre es für Juſtus unmöglich geweſen, ſeine Selbſtbeherrſchung zu behaupten, als er dieſes infernaliſche Zimmer, das die in der „Wüſte“ erlittenen fürchterlichen Seelenmartern ihm in das Gedächtniß zurückrief, jetzt aus einer Pönitenzkammer in einen froͤhlichen Tempel des Bacchus verwandelt ſah. Von dem halbdämmernden Herbſttage in dem äußern Zimmer trat man hier in die matte Erleuchtung eines myſtiſchen Lampenſcheins. Auf einem großen, runden Tiſche zwiſchen zwei niedrigen Ruheſofas ſtand eine Bowle, ein paar Flaſchen, Gläſer, Pfeifen, Tabak und eine mit Eis um⸗ gebene Caraffe voller Waſſer. „Hält er nun die Probe, ſo ſchläft ſein Heiligkeits⸗ enthuſiasmus den Schlaf des Todes!“ ſagte Grave zu ſich ſelbſt; und als Juſtus, aus ſeiner ehemaligen Pein Kraft ſammelnd, mit dem feſten Vorſatze eintrat, ſeinen böſen Geiſt ganz zu entſchleiern, da ſagte dieſer in ſeinem ſchwar⸗ zen Herzen:„Schlafet in Ruhe, Ihr armen Heiden— der Wecker hat keine Zeit für Euch 17 „Mein Bruder!“ begann Juſtus, indem er mit einem ſchnellen Blicke das Arrangement des Zimmers überfuhr, „Deine Anordnungen find nicht ſchlecht! Ich danke Dir inzwiſchen für Deine Delicateſſe, daß Du jenes Gemälde bedeckt haſt; dieſes beweiſt, daß Du gleich mir einſiehſt, wie das bloße Phantaſiebild derjenigen, die wir beide hoch⸗ achten, allzu rein iſt, um einer Feier beizuwohnen, wie der unſrigen.“ „Ich hoffe,“ ſagte Grave, indem er ſich bequem auf 348 dem einen Sofa ausſtreckte und Juſtus einlud, den andern einzunehmen, daß unſre Gefühle ſich immer ſo treffen wet⸗ den, und aus den ernſten Vorſchlägen, die ich Dir jetzt thue, wirſt Du, ohne daß ein Name genannt wird, er⸗ ſehen, wie ſehr Du Dich in Deinem erſten Verdachte ge⸗ irrt haſt.“ „Rede, mein Bruder! ich hoͤre Dich mit der Seele!“ „Laß mich erſt Champagner in die Bowle gießen; ein ſolcher Tag wie der heutige ſoll ſo gefeiert werden, wie man ſeine frohen Feſte feiert— und welches Feſt kann froher ſein, als die feſtere Verknüpfung eines vieljährigen Freundſchaftsbandes!“ „Das iſt wahr!“ erwiederte Juſtus lächelnd.„Doch möchte ich wohl Deinen Mittheilungen in den Weg gehen und fragen, wie ein armer Comminiſter“.... „Warte, warte! dahin kommen wir hernach— laß uns jetzt klug und vernünftig über Dich reden!.... Wit konnen als abgemacht anſehen, daß aus der Miſſion nichts wird; die nächſte Frage iſt alſo: was ſoll denn anſtatt derſelben vorgenommen werden? Taugſt Du dazu, Adjunct zu ſein bei einem geizigen und mürriſchen Vorgeſetzten, der Dich nicht verſteht? oder paſſeſt Du dazu, Lehrer zu wer⸗ den, um während einer langen Reihe von Jahren, bis Dir endlich ein Stück Brod zufällt, Deine Seelenkraft morden zu laſſen?“ „Nein, wahrhaftig nicht!“ rief Juſtus höchſt aufmerk⸗ ſam auf dieſen Eingang aus. „Nun gut; Du haſt einen Fehler, den nur die Zeit verbeſſern kann; Du biſt zu jung, haſt keine Dienſtjahre und kannſt Dich daher kaum um eine Comminiſtratur be⸗ werben, welche auf jeden Fall für Dich das Schrecklichſte von Allem wäre, denn da hätteſt Du es noch obendrein mit den kleinen oͤkonomiſchen Details zu thun. „Du haſt immer mehr und mehr Recht!“ „Ja, ich habe Recht; und da Du demnächſt zuge⸗ ben mußt, daß Du, und zwar vielleicht ſehr bald, ge⸗ zwunge zu verl wenn d zugeben Du Di Trinke, einen F ſäumen den andern treffen wer⸗ hh Dir jetzt wird, er⸗ erdachte ge⸗ der Seele!“ gießen; ein erden, wie 3 Feſt kann vieljährigen nd.„Doch Weg gehen enn anſtatt u, Adjunct leſetzten, der —rer zu wer⸗ en, bis Dir kaft morden chrecklichſte obendrein ächſt zuge⸗ bald, ge⸗ 349 zwungen werden wirſt, Deine jetzige unbeſtimmte Stellung zu verlaſſen— dafür wird ſchon das Conſiſtorium ſorgen, wenn aus der Reiſe nichts wird— ſo mußt Du auch zugeben, daß Du in eine Abhängigkeit kommſt, welcher Du Dich nicht entziehen kannſt!“ „Wieder wahr!“ „Mir wird der Hals trocken von dem vielen Reden!... Trinke, mein Bruder, und preiſe Dein Glück, daß Du einen Freund haſt, der für Dich denken kann!“ Die Gläſer klangen, und Grave fuhr fort: „Liebſt Du die Unabhängigkeit, und willſt Du fort⸗ während unabhängig ſein 20 „Wenn es dazu irgend eine Möglichkeit gibt— gber⸗.... „Hier bedarf es keines Aber! Höre mich, aber hoͤre mich mit Aufmerkſamkeit, mit allen Deinen Sinnen: durch mich, einzig und allein durch mich, koͤnnen dieſe Deine Wünſche in Erfüllung gehen! Ich denke, dieſen Winter, ja vielleicht ſogar ſchon dieſen Herbſt— denn wenn Du auf den Vorſchlag eingehſt, ſo darf man keine Zeit ver⸗ ſäumen— nach*err zu reiſen und mein Paſtoral⸗ Examen zu machen; während dieſer Zeit, zwei, höchſtens drei Monate, ſtehſt Du auf mein Begehren beim Conſi⸗ ſtorium hier der Comminiſtratur vor, was Dir nicht un⸗ angenehm oder zuwider ſein kann, da Du das Haus Dei⸗ nes Bruders mit einem täglichen, angenehmen Umgange in der Nähe haſt.“ „Doch hernach— hernach?“ Juſtus konnte kaum athmen bei dieſem Vorſchlage, der in ſeine leicht entzünd⸗ bare Seele neuen Brennſtoff warf. „Hernach, ja, ſiehſt Du“— Grave heftete einen langen, ernſten, durchdringenden Blick auf Juſtus—„her⸗ nach ſollte wahrſcheinlich etwas anderes kommen.... Aber ich will Dir gleich im Voraus ſagen: wenn Du mein Vertrauen betrögeſt, wenn Du im Stande wäreſt, daſſelbe zu mißbrauchen“.. Er hielt inne. 350 „Wenn ich im Stande wäre, Dein Vertrauen zu mißbrauchen?— was wollteſt Du weiter ſagen?“ „Weiter nichts, als daß Du Dich bedenken mußt, ehe Du das thuſt!“ „Ja, ich glaube wohl, daß ich das thun würde; denn Dein Blick zeigt mir, daß Du Dich gewiß nicht lange beſinnen würdeſt, die Freundſchaft der Rache zu opfern.“ „In dieſem Falle opferte ich ja nicht die Freund⸗ ſchaft, ſondern die Treuloſigkeit. Auch ich habe Leiden⸗ ſchaften: das Gefühl der Freundſchaft iſt ſtark in mir, ja, es iſt ſehr ſtark; doch geſtehe ich, daß ich gar nichts weiß, das denjenigen ſchützen würde, welcher meine Rach⸗ ſucht gereizt hat.“ „Nicht einmal der ausdrückliche Befehl Deines Mei⸗ ſters:„Die Rache iſt mein, ich will vergelten?“ Ein leichter Schatten von Unzufriedenheit lagerte ſich auf die Stirn des Heuchlers.„Haſt Du nicht ſelbſt die Bedingung gemacht, daß wir für heute die geiſtlichen Be⸗ trachtungen bei Seite ſetzen wollten 2 „Das iſt wahr, mein Bruder! Und nun fahre fort!... Sieh, hier haſt Du meine Hand darauf,“(Juſtus reichte ihm ſeine Hand über den Tiſch),„daß ich mich erſt be⸗ ſinnen will, ehe ich eine Treuloſigkeit gegen Dich begehe — ich glaube, Du bedarfſt keiner andern Verſicherung!“ „Nein, das mag genug ſein; denn, wie Du ſelbſt geſagt haſt, jetzt verſtehen wir uns!... dieſe Gemeinde iſt unzufrieden mit ihrem Oberpfarrer, und hat auch ſehr viele Gründe es zu ſein; an mir dagegen hängt ſie ſchon mit ſo inniger, warmer und gläubiger Liebe, daß es mir kaum Mühe, nein, kaum mehr als den Willen koſten würde, mich zu dem Oberpfarrer dieſes Kirchſpieles zu machen. Hier vor Dir, in dieſem vertraulichen Augen⸗ blicke, kann ich wohl ſogar bekennen, daß eben erſt in dieſer Woche, in dieſen Tagen einige der angeſehenſten Bauern bei mir ihre Bekümmerniſſe niedergelegt haben— und ich habe aus drei Gründen verſprochen, daran zu denken, eigner endlich „3 Gemeind ſetzen, n ten wil verletzen Dieſer ſt nicht an Gemeind Toleran⸗ eben da nen Anff Aufklär verbreite lichkeit thun ha Bulling einige n künften, wenig gängig! ſoll 33 rauen zu 2“ zen mußt, rde; denn icht lange 1 opfern.“ e Freund⸗ be Leiden⸗ k in mir, gar nichts eine Rach⸗ eines Mei⸗ lagerte ſich t ſelbſt die ſtlichen Br⸗ (re fort!... ſtus reichte ſich erſt be⸗ ich begehe ſicherung!“ 3 Du ſelbſt Gemeinde en Augen⸗ eben erſt in ngeſehenſten gt haben— , daran zu denken, und dieſe ſind: meine Abſichten mit Dir, mein eigner Wunſch, in einem größeren Kreiſe zu wirken, und endlich das eigne Beſte dieſer Gemeinde.“ „Ich verſtehe nicht— entſchuldige, wenn ich ein⸗ falle!— wozu dieſes Bedenken dienen ſoll, da die Ge⸗ meinde ſchon einen Oberpfarrer hat!“ „Mein Bruder! Du biſt ſehr jung, und Dein ſchlimm⸗ ſter Fehler iſt, daß Du immerwährend ſehr jung bleiben wirſt! Wozu hat denn wohl ein Mann Verſtand und Scharfſinn erhalten, wenn er nicht beides anwenden ſoll? Habe ich mein Paſtoralexamen beſtanden und dann die Gemeinde einhellig auf meiner Seite, ſo kann ich durch⸗ ſetzen, was ich will.... daß ich indeſſen nichts ausrich⸗ ten will, was mein Gewiſſen und mein äußeres Anſehen verletzen kann, das brauche ich wohl nicht erſt zu ſagen. Dieſer ſtolze, weltliche, gelehrte, verblendete Mann iſt hier nicht am Platze; er verſteht die Gemeinde nicht, und die Gemeinde verſteht ihn nicht. Er brüſtet ſich mit einer Toleranz, die er nicht hat, und die, ſchlecht angewendet, eben darum ſchädlich wird; er trägt eine Freiheit in ſei⸗ nen Anſichten zur Schau, die faſt gefährlich iſt, und ſeine Aufklärungs⸗Manie toͤdtet alle Aufklärung, anſtatt ſie zu verbreiten; denn ein ſolches Werk ſoll mit großer Geſchick⸗ lichkeit angefangen werden, wenn man es mit Leuten zu thun hat, die von Natur ſo einfältig ſind, wie unſere Bullinger. Genug! Dergleichen Winke, gehörig dargeſtellt, einige kleine Anmerkungen bei den Kirchſpielszuſammen⸗ künften, hie und da ein wenig unſchuldiges Gewirre, ein wenig natürlichen Widerſtand, wodurch ſein Wille rück⸗ gängig wird, wenn er fordert, daß derſelbe vorwärts gehen ſoll— und er wird der ganzen Geſchichte überdrüſſig. Das Stift hat mehre Pfarren: er ſieht ſich anders wo um, und es kann ihm nicht fehlen, dort, wo er paßt, Gluͤck zu haben; hier aber taugt er nicht!“ Grave ſchwieg, legte die Pfeife, die er bisweilen an 3⁵² die Lippen geſetzt hatte, auf den Tiſch, füllte die beiden Gläſer und nickte bedeutungsvoll. Das Blut kochte in Juſtus Adern, aber dennoch be⸗ hielt er ſeine völlige Gemüthsbeherrſchung; denn ſeinem Aerger Luft zu geben, wäre eine Thorheit geweſen, deren Gefahr ſogar er einſah. Er nickte und ſtieß mit Grave an; doch jetzt erſt bebte er, daß er das Vertrauen eines ſolchen Mannes in der Abſicht, daſſelbe unfruchtbar zu machen, anzunehmen gewagt hatte. Dieſer Gedanke be⸗ durfte keiner weiteren Auslegungen, und er beſchäftigte ihn auch nicht ſo lange, daß eine eigentliche Unterbrechung in dem Geſpräche dadurch entſtand, ſondern nur eine kleine Pauſe, welche nebſt der ernſten Miene, die Juſtus annahm, hinreichend war, die ganz natürliche Furcht einer in ſün⸗ digen Intriguen unbewanderten Seele zu verrathen. Gerade dieſe vorſichtige Schlauheit des jungen Man⸗ nes ſtärkte Grave in ſeinem Glauben, daß der ſchwärme⸗ riſche Thor noch nie feſter in ſeinen Händen geweſen wäre, als jetzt, da er frei zu ſein wähnte. Hätte Juſtus Gleichgültigkeit, Zufriedenheit oder Beifall verrathen, ſo würde Grave Unrath geahnt haben; doch dieſes nachdenk⸗ liche Schweigen, dieſer unruhige, bedeutungsvolle Blick verkündigte einen reifenden Uebergang. Ohne indeſſen eine Antwort zu erwarten, fuhr Graye fort:„Jetzt kommt mein eigentlicher Vorſchlag: Sobald ich erwählter Oberpfarrer geworden bin, ſo iſt es ziemlich natürlich, daß ich für eine etwaige ploͤtzliche Kränklichkeit einen Adjunkten, und zwar Dich, begehre. Brauche ich wohl hinzu zu ſetzen, daß Du dieß nur dem Namen nach biſt? Mit Ausnahme des Predigens, worin wir mit ein⸗ ander wechſeln, ſollſt Du über Deine Zeit frei disponiren dürfen, und übrigens wollen wir mit einander in dem angenehmſten Freundſchaftsverhältniſſe leben, als Männer, welche fühlen, daß wenn auch eine äußere Nothwendigkeit dem geiſtlichen Manne gebietet, gleichgültig zu erſcheinen gegen die unſchuldigen Genüſſe, welche die Kinder der Welt ſi Meinung zig und ſie ſind Erfahrun werden Noch da ſchätzbare Du auf nigten u Umgange Deinigen eine Tren Predigtm Während machſt Du Geſtaden Du nur z machen. ner Gegen Gelegenhei Worte: ſe auf Dein Eine Nach beiden doch be⸗ ſeinem n, deren t Grave een eines tbar zu anke be⸗ ſchäftigte brechung ne kleine annahm, in ſun⸗ en. gen Man⸗ chwärme⸗ ziemlich nklichkeit auche ich nder der Welt ſich nicht verſagen, es dennoch nimmermehr die Meinung des Meiſters geweſen iſt, daß dieſe Genüſſe ein⸗ zig und allein für dieſe Weltkinder geſchaffen ſind. Nein, ſie ſind auch für uns da... und glaube Du meiner Erfahrung: ſie verlieren nichts dadurch, daß ſie beſchleiert werden— in dem Myſtiſchen liegt nur ein höherer Retz. Noch dazu muß eine ſolche Stellung für Dich einen un⸗ ſchätzbaren Werth haben, beſonders wenn Du bedenkſt, daß Du auf dieſe Weiſe ungetadelt der Freuden einer gerei⸗ nigten und edlen Liebe, ſo wie des Anblickes und des umganges einer Seele genießen kannſt, welche mit der Deinigen ſo nahe verwandt iſt, daß Du nicht einmal an eine Trennung denken magſt.“ „Doch,“ ſtotterte Juſtus mit blutrothen Wangen, „meine Zukunft“.... „Deine Zukunft wird am beſten durch Deine Predigt⸗ gabe geſichert: durch dieſe ſollſt Du Deinen Ruhm, Dei⸗ nen Namen, Dein Auskommen ſichern, und dieſe koſtet Dir ja gar nichts; denn ſo bald Du nur die Kanzel be⸗ ſteigſt, ſo ergreift Dich augenblicklich der Geiſt und hüllt Dich in eine glänzende Wolke, die das Volk in einer ehr⸗ furchtsvollen, bewundernden Spannung erhält— durch dieſe Predigtmacht erhebſt Du Dich endlich auf den Biſchofſtuhl. Während der Zeit, da Du als Freund bei mir lebſt, machſt Du Dein Paſtoraleramen; und wenn Du an den Geſtaden des Bullar⸗Sees Deinen ſchwärmeriſchen Ju⸗ gendtraum ausgeträumt haſt, ſo bewirbſt Du, der weitbe⸗ rühmte Kanzelredner, Dich um eine Pfarre. Da hat das Jugendblut ausgeraſ't, Du haſt einen Wirkungskreis, den Du nur zu benutzen brauchſt, um ihn fruchtbringend zu machen. Ein Oberpfarrer iſt oft der Bevollmächtigte ſei⸗ ner Gegend bei den Reichstagen, und hat dort die beſte Gelegenheit, ſeine Tüchtigkeit, ſeinen Kopf, mit einem Worte: ſein Genie zu zeigen— und wenn ich Dich nun auf Dein Gewiſſen frage, ſo kannſt Du nicht anders, als Eine Nacht am Bullarſee. Il. 23 354 Du mußt geſtehen, daß ein Biſchofsſtift nicht höher liegt, als daß Dein Ehrgeiz, unterſtützt von dieſem gereiften Genie, daſſelbe erreichen kann.... Und nun, Bruder, ſiehſt Du die Reiſekarte, welche ich für Deine Zukunft entworfen habe: Freiheit, Glück, jeden mäßigen Genuß für Deine Jugend, eine glänzende Bahn für Dein männ⸗ liches Alter— und glaube mir; ich bin der Mann, wel⸗ cher ſein Verſprechen hält; denn gewinnſt Du alles durch mich, ſo gewinne ich auch viel durch Dich.“ Die wechſelnden Bewegungen in Juſtus' Geſicht zeig⸗ ten nur allzu deutlich, wie viel der gefährliche Verſucher ſchon gewonnen hatte.„Was würdeſt Du gewinnen?“ fragte er leiſe. „Ich will es Dir ſagen, damit Du ſiehſt, daß ich es ehrlich meine— Du würdeſt mir nicht glauben, wenn ich ſagte, daß ich nur aus Freundſchaft handelte. So höre denn: Deine Gaben ſind wunderbar groß. Es thut nichts, daß Du Deine Predigten hier in der Einöde hältſt — um ſo beſſer: Die Poſaunen des Gerüchtes werden mit Deinem Lobe umher fahren. An Bullaren gränzen andere Härade; und Dein Name, der ſchon jetzt bekannt iſt und durch kluge Artikel in den Zeitungen es noch mehr werden ſoll, wird Leute aus allen Weltgegenden herlocken. Deine Conventikel(denn ſolche mußt Du bisweilen halten) werden reichen Gewinn zum Beſten nützlicher Einrichtungen liefern— hier gibt es ja zum Beiſpiel im ganzen Bulla⸗ ren keine einzige Schule— Dein Name muß populär werden, und Deine Opfertage, was werden ſie nicht ein⸗ bringen!... halb Dahlsland wird ſich drängen, um in der Kirche Platz zu bekommen. Gibſt Du dann Deine Predigten auf eigenen Verlag heraus— was ich natür⸗ lich beſorge— ſo wird dieß die reichlichſte Quelle des Einkommens, Notabene durch die Art, wie ich ſie verbrei⸗ ten kann. Erſtlich muß natürlich jede Seele im ganzen Bullaren ſie haben, und zweitens jede Seele von Deinen übrigen Bekennern. Schreibſt Du dann ferner noch einige Flugſcht Seele ſo mach „A „3 allem, 1 ich von höhere! Deiner Oekonon wie Du ich beſor ich helfe wandern Sorge, Du ſo Flügel t her liegt, gereiften Bruder, Zukunft in Genuß in männ⸗ ann, wel⸗ lles durch ſicht zeig⸗ Verſucher winnen?“ , daß ich aben, wenn delte. So Es thut nöde hältſt es werden en, um in uelle des 3⁵⁵ Flugſchriften über die vornehmſten Angelegenheiten der Seele und das ſicherſte Mittel, immer zufrieden zu ſein, ſo machſt Du beneidenswerthe Geſchäfte.“ „Aber welchen Nutzen haſt Du davon?“ „Ich?— Ja, ſiehſt Du, ich fordere die Hälfte von allem, was ich für Dich zuſammenlegen kann, dafür, daß ich von dem Tage an, da unſer Freundſchaftsbündniß eine höhere Richtung nimmt, und nachher fortdauernd auf Deiner ganzen künftigen Bahn, die Beſorgung Deiner Oekonomie übernehme, eine Sache, mit welcher Du ſelbſt, wie Du weißt, Dich gar nicht abzugeben verſtehſt. Und ich beſorge nicht bloß Deine Oekonomie, ich rathe Dir, ich helfe Dir, ich bahne Dir den Weg, auf welchem Du wandern ſollſt, zuerſt ohne alle andere Mühe, ohne andere Sorge, als durch Deinen angebornen geiſtlichen Beruf, den Du ſo weit hinaus ſchweifen laſſen mußt, als Dich die Flügel tragen wollen, um den Ruf zu gründen, von wel⸗ chem wir ſpäterhin eine Himmelsleiter zimmern wollen.“ „Ich verſtehe!“ ſagte Juſtus, der nun endlich das ganze Ziel klar vor Augen ſah, nach welchem Grave ſo viele Jahre geſtrebt hatte, und er konnte dieſer unerhörten, dieſer tiefſehenden Ausdauer eine mit Abſcheu vermiſchte Bewunderung nicht verſagen. Mit einer ausdrucksvollen Stimme fuhr er fort:„Du würdeſt für den Jeſuiterorden kein unwürdiger Fang geweſen ſein: ſogar dieſe Offenher⸗ zigkeit, mit welcher Du mich fängſt und gleichſam dicht vor meinen Augen meine Seele in Deine Feſſeln legſt, während ſie gleichwohl alle moͤgliche Freiheit hat, iſt eine ſichere Bürgſchaft für Deine überlegene Scharffinnigkeit; die ſicherſte Bürgſchaft liegt jedoch darin, daß Du von dem erſten Augenblicke an, da du mit Deinem tiefen Blicke das Pfund entdeckteſt, welches Du bei mir zur Frucht treiben wollteſt, mich ununterbrochen in Deiner Hand ge⸗ halten haſt.“ „Nun gut— betrog mich denn dieſer Blick? Wur⸗ deſt Du nicht alles, ja mehr, als ich dachte? Und ich 3⁵6 weiſſage feierlich, daß Du alles werden wirſt, was ich Dir heute Abend verkündigt habe! Noch mehr: habe ich Dich zu irgend einer böſen Handlung ermahnt? habe ich das Geringſte gefordert, worauf das Ehrgefühl nicht ein⸗ gehen koͤnnte?“ „Das haſt Du nicht mit Worten gethan; doch bei dem Bunde, den Du mir vorſchlägſt, wuͤrde gewiß mehr denn tauſendmal mein Ehrgefühl und mein Feingefühl verletzt werden— und mein Name... Juſtus erhob ſich und athmete tief, als wollte er die erſtickende Luft aushauchen, welche er eingeathmet hatte. „Dein Name? was koͤnnte dieſer wohl unter meinem Schutze zu fürchten haben? Begreifſt Du denn gar nicht, daß man dieſen Namen mit einer Sorgfalt, mit einer Zärtlichkeit hüten muß, die nicht den allergeringſten Fle⸗ cken darauf duldet? Der Heilige, der Abgott des Volkes .... O beunruhige Dich nicht: Du kannſt nicht halb ſo ängſtlich um Deinen Namen ſein als ich!“ Juſtus athmete noch tiefer: die verpeſtete Luft begann mit ſolcher Heftigkeit zu wirken, daß ſie zu gleicher Zeit berauſchte und erſtickte.„Meine Seele!“ murmelte er, — was machſt Du aus meiner Seele? Hier mitten im Paradieſe zu leben... weißt Du denn nicht, daß ſogar das Paradies gegen den Sündenfall keinen Schutz gewährt?“ „Deine Seele iſt Dein freies Eigenthum: ergeht ſie ſich in der Lieblichkeit des Luſtgartens ohne von der Höhe ihrer urſprünglichen Reinheit herabzufallen, wohl ihr, daß ſie einen ſo herrlichen Sieg erkämpft— geht es ihr da⸗ gegen ſo, daß ſie berauſcht von der allmächtigen Macht der Verſuchung die verbotene Frucht ſchmeckt, ſo hat ja der Herr in ſeiner Güte ihr nicht vergebens das Feigen⸗ blatt zu ihrem Schutze gegeben.... Doch jeder Genuß muß ſein Maß haben, und darum laß uns denn jetzt für heute Abend unſer Feſt beendigen: verwirfſt Du nicht wahnſinnig den Vorſchlag, welchen ich Dir gemacht habe, ſo wollen wir noch manchen Abend in dem prächtigen * Wohnh traulich den— Du gaꝛ „2 wiederh gung, Nirenth nie frei den erſt dazu bro „Z anwende ich will daß er 3 Phantaſt machen, tung geg was ich habe ich habe ich iicht ein⸗ doch bei viß mehr eingefühl us erhob ende Luft r meinem gar nicht, mit einer gſten Fle⸗ es Volkes nicht halb ft begann icher Zeit rmelte er, ergeht ſie der Höhe jetzt für (Du nicht cht habe, rächtigen 357 Wohnhauſe des Pfarrhofes ein frohes Stündchen in ver⸗ traulichem Geſpräche vertreiben... Ehe wir aber ſchei⸗ den— wie lange Bedenkzeit brauchſt Du? oder brauchſt Du gar keine? „Wenigſtens einen Monat!“ „Das iſt viel, ja, zu viel! Doch Du biſt frei, ich wiederhole es!“ Grave wiederholte dieſes in der Ueberzeu⸗ gung, daß Juſtus nach einem ſo langen Aufenhalte im Nirenthale ſo vollkommen gebunden ſein würde, daß er nie frei werden könnte.„Alſo heute um einen Monat, den erſten November!“ „Ja, den erſten November... und nun lebe wohl!“ „Keinen Abſchied! Es iſt ſpät geworden... bleibe die Nacht hier; es iſt weit bis ins Nixenthal— noch dazu brauchſt Du die Nacht, um völlig ruhig zu werden.“ „Zu dieſem Zwecke will ich eben einen Theil derſelben anwenden; das geſchieht aber am beſten auf dem Wege: ich will im Nixenthale erwachen!“ „So lebe denn wohl! Ich empfehle Dir keine Vor⸗ ſicht— Dein eigner Verſtand wird Dir beſſer ſagen als ich, wie nothwendig die Vorſicht iſt!....... Als Juſtus gegangen war, holte auch Grave tief Athem.„Ich habe ihn.., habe ihn auf immer!... Und Du“— er riß den Flor von Judith's Bild hinweg— „Du ſtolzes, hochmüthiges Weib, die Du mich nicht zu Deinem Beichtvater haben wollteſt, Du ſollſt mich dereinſt zu meinen Füßen um Stillſchweigen, um Erbarmung flehen!— wollen ſehen, ob ich Dir da die Gunſt ge⸗ ſtatte, dieſes Schweigen, dieſe Erbarmung zu kaufen!... Sein Ehrgeiz iſt groß; ſein Verſtand iſt erwacht; die Nacht auf dem Schneegebirge hat ein Wunder gewirkt; ſein Blick iſt ſcharf, klar, umfaſſend!... Ich glaubte nicht, daß er zu etwas anderem taugte, als zu einem fiebernden Phantaſten— vielleicht kann ich dennoch mehr aus ihm machen, wenn ich erſt ſeinem Verſtande eine andere Rich⸗ tung gegeben, oder beſſer: ihn umgeſchaffen und ſeine Kraft 3⁵58 in der meinigen geſammelt habe.... doch daran zu denken iſt noch früh genug, wenn das Erſte alt geworden iſt, wenn die Leidenſchaft ausgeraſ't hat— ja, erſt dann, wenn dann noch eine Nerve übrig iſt, kommt die Reihe an den Ehrgeiz, ein ernſtes Spiel zu beginnen!“ Wir wollen Juſtus nicht auf ſeiner Irrfahrt durch den Wald begleiten, auf welcher er uͤber die halbe Nacht verbrachte— es ſey genug, zu ſagen, daß die in tauſend wollüſtige, blendende Geſtalten gekleidete Verſuchung ſein ſchwaches Herz, ſeine lodernden Sinne zu Kämpfen lockte, über welche die Ehre und die Vernunft weinten. Dieſe Nacht war fürchterlich. Er hatte die Höolle ihrer Decke beraubt geſehen, und doch konnte er nicht umhin, trotz des geheimen Schauders das eine Mal nach dem andern hinabzublicken, und mit jedem neuen Blicke wurde ſein Verlangen nur geſteigert, den gottloſen Genuß zu er⸗ neuern. Doch ſah er nicht bloß die lieblichen, duftenden, von Millionen Sonnen umſtrahlten Blumen, dieſe Blumen, deren Farbenpracht ein ſterbliches Auge kaum ertragen, deren berauſchenden Duft eine ſterbliche Lunge kaum ein⸗ zuathmen vermochte— nein, es gewahrte auch ganz deut⸗ lich die ſchwarzen Wege, welche ſich in allen Richtungen um die blendenden Felder ſchlängelten, worauf die Blumen wuchſen; er gewahrte, wie dieſe ſchwarzen Wege erfüllt waren mit kleinen, abſcheulich grinſenden Geſtalten, kleinen, leichtfüßigen, teufliſchen Geiſtern, welche der Prachtgewächſe warteten und dieſelben dem entzückten Zuſchauer gefällig darboten. Und zuletzt bemerkte er auch, wie längs dem ſchwarzen Wege große unermeßliche Klüfte nach Raub ihren Rachen aufthaten; er bemerkte, wie bisweilen über dieſen Klüften ein ungeheurer, abenteuerlich geſtalteter Adler hinſchwebte mit einer auf den dunklen Pfaden des Verbrechens gefundenen Seele in ſeinem Schnabel, welche er in d ebenſo gleich ſ konnte den Bl D ten den Z1 Rauſche brechene er war Weinſt daran zu geworden erſt dann, die Reihe ihrt durch lbe Nacht in tauſend chung ſein fen lockte, die Hoͤlle cht umhin, nach dem icke wurde duftenden, e Blumen, ertragen, kaum ein⸗ ganz deut⸗ e Blumen ege erfüllt en, kleinen, tgewächſe er gefällig llängs dem eilen über geſtalteter ßfaden des bel, welche uß zu er⸗ Richtungen ach Raub 359 er in die Tiefe hinabſchleuderte, woſelbſt es dann wieder ebenſo dumpf brauſte wie zuvor.... Und dennoch, ob⸗ gleich ſeine Augen alles dieſes namenloſe Grauſen erblickten, konnte er es nicht laſſen, die lockenden, winkenden, nicken⸗ den Blumen zu betrachten. Dieſe Stunden in dem Leben des Fanatikers thürm⸗ ten den Nebel, der ihn umgab, noch höher auf. Zum erſten Male— wenn auch in einem doppelten Rauſche— nahte ſich ſeine Seele der Gränze des Ver⸗ brechens... er überſchritt zwar die Gränze nicht, aber er war doch wenigſtens dort geweſen. In der Mitte ihres eingebildeten Friedens wurde Conſtance von einer wilden, brauſenden Muſik erweckt. „Ach!“— ſie erhob ſich leiſe und faltete ihre Hände zu einem Gebete; aber das Gebet wollte nicht lieblich verſchmelzen mit dieſen Tönen, welche eine unbegreifliche Geiſtesverwirrung, eine fieberhafte Wuth verriethen— „ach, ſie iſt es, dieſe ſchreckliche Judith, dieſe große, ab⸗ ſcheuliche Sünderin, welche ſeine Seele an ſich reißt und..“ Conſtance fühlte, wie die Furien der Eiferſucht ihre Seele an ſich rießen. Sie begann heftig zu weinen. „Was gibts in Gottes Namen, mein Herz?— Weinſt Du? Beſindeſt Du Dich nicht wohl?“ Und ſchlaf⸗ trunken fuhr Leonard empor aus ſeinem tiefen ruhigen Schlafe. Conſtance fuhr zuſammen. O Erniedrigung ohne Gleichen, Sünde ohne Gleichen— ſie, die Fromme, mußte zu der Lüge ihre Zuflucht nehmen! Sie ſtellte ſich, als erwachte ſie erſt jetzt.„Was willſt Du? was iſt, Leo? .. O, es war nur ein Traum, aber ein fürchterlicher Traum!“ „Der Tauſend, Feinsliebchen, Du ſetzeſt mich wirklich in Angſt! Ich war ſchon im Begriff, über das verherte 360 Gehämmer, das Juſtus oben treibt, und welches mich weckte, ärgerlich zu werden; nun aber freue ich mich wirk⸗ lich, daß ich erwachte... Du armes Kind, daß Du ſo ſchrecklich träumteſt!... Träumteſt Du von mir, mein Engel?“ „Nein, guter Leo, nein— nicht von Dir!“ „Nun, das war gut; denn ich will nicht, daß Du nur im Traume um meinetwillen weinen ſollſt... Aber wovon träumteſt Du denn?“ „Ich weiß wirklich nicht mehr recht— es war etwas Unheimliches, das mir wehe that: ich betete, aber Gott wollte mich nicht hören!“ „Ja, ſiehſt Du, mein Herzchen, daß das ewige Beten verwirrt ſtatt zu nutzen! Du biſt ja ſo rein und fromm und Gott und Deinem Manne angenehm, und kannſt mir glauben, daß dieſes ewige Leſen und Beten und Suchen nach Vollkommenheit Dir nur ſchädlich iſt.“ „Biſt Du denn mit mir zufrieden, guter Leo?“ „Ja, Du mein lebendiger Gott, ich weiß ja vor lauter Zufriedenheit und Freude nicht, wie ich mich gegen Gott dankbar genug beweiſen kann, daß er mir eine ſo vortreffliche Frau gegeben hat!— und noch dazu biſt Du, ſeitdem Juſtus gekommen iſt, ſo einnehmend, gut und ſüß geworden!“ „Was ſagſt Du, Leo?— ſeitdem Juſtus gekom⸗ men iſt?“ „Nun, nun, Feinsliebchen! darin liegt ja nichts Böſes — nein, ganz im Gegentheil: es iſt gut, daß Du ihm, der, im Vertrauen geſagt, fürchtete, daß wir nicht ganz für einander paſſen würden, zeigſt, wie vortrefflich wir für einander paſſen. Auch iſt Juſtus jetzt bei weitem klüger, als früher: ſein Umgang iſt Dir nützlich und Dein Um⸗ gang iſt ihm nützlich.— Ihr könnt über ſo viele Gegen⸗ ſtände plaudern, um die ich mich nicht kuümmere, die Euch aber Vergnügen machen.“ Die Nacht verbarg Conſtance's tiefes Erroͤthen. „U behalten meinen mehr fi ob er ſi wollte L in dieſe ſen Geg ſo:„un ſul Löw Schelm die ein geſellenl 1/ „J gegen! Dummh —= N doch ſo freundlic Als Wandein ſich noch „N ſchlafen weißt D ſage ihm 1/ hes mich ich wirk⸗ ß Du ſo ir, mein daß Du .. Aber ar etwas aiber Gott ige Beten d fromm annſt mir d Suchen eo?“ iß ja vor ich gegen ir eine ſo biſt Du, und ſüß 8 gekom⸗ ihts Boͤſes Du ihm, icht ganz h wir füur m klüger, Pein Um⸗ e Gegen⸗ die Euch hen. 361 „Und ſiehſt Du, mein Blümchen, je länger wir ihn behalten können, deſto beſſer— glaube mir: auch ich habe meinen Blick, und ich ſehe es Juſtus an, daß er nicht mehr für die Sache der Miſſion ſchwärmt. Wollen ſehen, ob er ſich nicht in Nuhe niederläßt und... heirathet,“ wollte Leonard ſagen; da er jedoch an Conſtance's Strenge in dieſer Hinſicht dachte, ſo wollte er nicht im Ernſt die⸗ ſen Gegenſtand berühren, ſondern veränderte ſeine Rede ſo:„und mit dem kleinen hübſchen Capital, das der Con⸗ ſul Löwe ihm geſchenkt hat, wenn er es nämlich von dieſem Schelm Grave zurück erhält, kann er mit den Einkünften, die ein Amt ihm gibt, fürs Erſte ein ſorgenfreies Jung⸗ geſellenleben fuͤhren.“ „Wollen wir nicht verſuchen, zu ſchlafen, mein Lieber 2 „Ja, wenn Du kannſt, ſo habe ich gewiß nichts da⸗ gegen! Ich fürchte, der ſchwarze Fuchs hat ihm wieder Dummheiten in den Kopf geſetzt: er ſpielt ja, daß der T— Nir ſelbſt ſo was nicht gehoͤrt hat!— Aber es iſt doch ſo übel nicht! Armer Juſtus!... morgen mußt Du freundlich gegen ihn ſein!“ Fünfunddreißigſtes Kapitel. Als Leonard am folgenden Morgen von ſeiner erſten Wanderung zum Frühſtück nach Hauſe kam, hatte Juſtus ſich noch nicht gezeigt. „Nun ſollte ich denn doch meinen, er koͤnnte ausge⸗ ſchlafen haben, ſo ſpät er ſich auch gelegt haben mag... weißt Du was, mein Herzchen?— ich gehe hinauf und ſage ihm das!“ „Vielleicht ſollteſt Du ihn doch nicht wecken!“ 362 „Kleinigkeit!— ich konnte ja geſtern den ganzen Tag kein einziges Wort mit ihm reden!“ Leonard ging, kam aber bald zurück. „Nun?“ Der gute Leonard ſchüttelte den Kopf.„Es ſieht heute nicht gut aus mit ihm! Ich glaube, er hat Fieber, und ich ſagte ihm nicht einmal, daß er mit zum Propſt⸗ hofe kommen ſollte: das mag ſpäterhin einmal geſchehen! ich will, daß er ausſehen ſoll wie ein ordentlicher und netter Paſtor, wenn ich ihn dorthin bringe.“ „Sieht er denn jemals anders aus?“ „Das will ich meinen! Bisweilen ſieht er ja nur aus wie ein ſolcher inſpirirter, bezauberter Narr— Du weißt, mein Herz! was ich meine. Auf jeden Fall aber iſt er ein hübſcher Kerl, der auch eine Würde aufſetzen kann, als wäre er zu einem Biſchof geboren! Der Propſt macht gewiß große Augen, wenn er ihn zu ſehen bekommt. Ich bin wirklich bisweilen ein wenig ſtolz auf ihn, dann aber moͤchte ich über ihn weinen und mich ärgern.“ „Wollen wir ihm das Frühſtück hinaufſchicken?“ „Ja, das iſt wohl das beſte! Aber er ſagte, er würde ſpäter herabkommen. Doch, mein Engel, ich bitte Dich, führe dann nicht das Geſpräch auf göttliche Dinge— verſprich mir das!“ „Aber, beſter Leo, wenn er nun ſelbſt“... „Süße, liebe Conſtance! wenn er ſelbſt in die Him⸗ melsgegend ſegeln will, ſo laß einen contrairen Wind da⸗ durch entſtehen, daß Du nicht antworteſt: die Gottesfürch⸗ tigkeit zerſtͤrt Euch beide!“ „Ach, Leo! möchte Gott Deine unvernünftige Rede doch nicht hoͤren!“ „Unvernünftig?— ol. Doch es verlohnt ſich der Mühe nicht, weiter davon zu reden!... Warte nur nicht lange mit dem Mittageſſen auf mich, mein Herz!— vielleicht bleibe ich im Pfarrhofe... Ach ſo, er fährt ſchon vor!... nun, das ſoll in einem Hui gehen! I Ich möt und ſole rothe W . E nun ein dene Se habe ich ich beim En er in al ſchwarze auf dem floſſen. und denn Sie warum mußte e ſich nicht Leute vo er etwas „Vielleic wollten „o Propſt. en ganzen „Es ſieht hat Fieber, m Propſt⸗ geſchehen! und netter er ja nur r— Du Fall aber etzen kann, opſt macht mmt. Ich dann aber cken?“ er würde itte Dich, Dinge— die Him⸗ Wind da⸗ ottesfürch⸗ ftige Rede rlohnt ſich . Warte ich, mein . Ach ſo, Hui gehen! . Welche kleine vortreffliche Hausmutter Du doch biſt! Ich moͤchte wohl wiſſen, wer einen ſolchen Fiſch braten und ſolches Brod backen kann! Ach, wenn Du mir die rothe Weſte und das ſchwarze Halstuch vorſuchen wollteſt! ... Entſchuldige, mein Herzenskind, da Du aber doch nun einmal die Mühe haſt, ſo laß auch das braune ſei⸗ dene Schnupftuch mitgehen 1... Noch nie in meinem Leben habe ich einen ſo ſchoͤnen Bars gekoſtet— Frühſtück kann ich beim Oberpfarrer nicht noch einmal eſſen 1 Endlich ſtand Leonard vom Tiſche auf; und nachdem er in aller Eile die rothe Weſte,„die Favorite,“ das ſchwarze Halstuch und den neugebürſteten Rock, den Tona auf dem Arme hielt, umgeworfen und das braune ſeidene Schnupftuch eingeſteckt hatte, umarmte er herzlich ſeine Frau, riß die Peitſche von der Wand und war eins zwei drei im Wagen, welcher in der Krümmung des Thales verſchwand, als Conſtance noch daſtand und ihm ihr Lebe⸗ wohl nachnickte.... Faſt fünf Stunden waren ſeit Leonard's Abreiſe ver⸗ floſſen. Die gewoͤhnliche Mittagszeit war längſt vorüber, und dennoch war Conſtance immer noch allein. Sie hatte gewartet, gezittert, geſchwitzt, gefroren... warum kam er denn nicht? Wenn er krank wäre, was mußte er wohl von ihrer Gleichgültigkeit denken, daß ſie ſich nicht nach ihm erkundigen ließ— was mußten die Leute von ihrer Gleichgültigkeit denken? Vielleicht brauchte er etwas? Und Conſtance ſchraubte alle ihre„Wenn“ und „Vielleicht,“ bis endlich Tona ihr mit der Frage aus der Verlegenheit half, ob ſie nicht dem Herrn Magiſter das Mittageſſen hinauftragen ſollte. „Iſt es ſchon Mittag?“ „Es iſt gleich drei Uhr!— Sie ſagten ja, wir wollten nicht länger auf den Herrn warten!“ „Das wollen wir auch nicht: er ißt gewiß beim Propſt... Geh hinauf und höre nach, was der Ma⸗ 364 giſter wünſcht— vielleicht will er ſein Mittag oben eſſen, wenn er ſich noch fortwährend ſchlecht befindet.“ Tona war nur wenige Minuten weg; daß aber Con⸗ ſtance das Gegentheil glaubte, konnte man aus der lau⸗ ſchenden Spannung des Ohres abnehmen. Jetzt ging die Saalthür auf... konnte er es ſein?— Nein, Tonatz gleichmäßige, feſte Schritte knarrten regelmäßig daher bis an die zweite Thür. „Er dankte, ſagt' er! Wenn er ein wenig Suppe hinauf bekäme: er war nicht ganz wohl.“ „So traurig! Du kannſt den Kaffee gleich nachher hinauftragen.“ Tona ſetzte ſich von Neuem in Bewegung. „Hörſt Du! Lag der Magiſter zu Bette?... Braucht 71 er Fliederthee oder.. „Er ſaß und ſchrieb.“ Conſtance ging mit ſchnellen Schritten auf und ab. „Er ſchrieb?.. Alſo ärger iſt's nicht mit der Krank⸗ heit?... Was ſchreibt er— an wen?.. Er will alſo nur allein, ungeſtört ſein— nach einer ſo wilden Nacht bedarf er auch wohl der Einſamkeit, um ruhiger zu werden.. Wie aufgeregt muß er bei ſeiner Rück⸗ kehr geweſen ſein, um eine ſolche Muſik zu ſpielen!... Es war ſo ſpät— gewiß kam er nicht direkt von dem Comminiſter, ſondern war im Walde umhergegangen, und hatte gegrübelt über alles Böſe— o, gewiß über viel Boͤſes und Gefährliches! Es war mit ihm, wie die Schrift ſagt:„Er ging hin in die Wüſte eine Tagereiſe, und kam hinein und ſetzte ſich unter eine Wachholder, und bat, daß ſeine Seele ſtürbe, und ſprach: Es iſt genug, ſo nimm nun, Herr, meine Seele; ich bin nicht beſſer, denn meine Väter!““ Sie verſuchte zu arbeiten— doch daran war gar nicht zu denken; zu beten... ach nein; er bedurfte ja nur Evelyn's Gebete: ſie, ſein guter Engel, ſollte beten; mit ihrem Sehergeiſt kannte ſie ſeine Noth.„Aber ich, ich”“.. theure C unausſpre an ihn p dieſes He Ein Monats, ihre Gard lich und — Conſt bleiben. Jetzt draußen Weſens ſ ſich mit Ofen zu deſſen W brannte, ſonſt hätt Er reichte brüderlich ſich überze Das laubte ihr rück zu zi Juſti fernt in den ganzen „Ich Conf ſie auf ein welchen g gewiß ſah ihren ſchw bben eſſen, aber Con⸗ der lau⸗ t ging die „ Tona's daher bis lig Suppe ch nachher . Braucht uf und ab. der Krank⸗ Er will ſo wilden über viel war gar bedurfte ja llte beten; „Aber ich, 36⁵ ich“... Jetzt wendete ſich ihr flehender Blick auf das theure Gemälde; dieſes erinnerte ſie an Leonard, an ſein unausſprechlich warmes, treufeſtes Herz, und der Gedanke an ihn preßte ihr Thränen aus, Thränen darüber, daß ſie dieſes Herzens ſo wenig würdig war... Ein Oktobernachmittag, wenn auch im Anfange des Monats, iſt nicht ſehr lang. Die Schatten hängten ſchon ihre Gardinen vor die Fenſter, der Herbſtwind ſauste abend⸗ lich und kalt um das Haus, das Feuer kniſterte im Ofen — Conſtance wunderte ſich über Leonard's langes Aus⸗ bleiben. Jetzt aber vernahm ſie wirklich ganz andere Schritte draußen im Saale— eine Erſchütterung ihres ganzen Weſens ſagte ihr, wer es wäre, und kaum hatte ſie Zeit, ſich mit dem Strickzeuge in der Hand bequem vor den Ofen zu ſetzen, als die Thür aufging, und Juſtus, auf deſſen Wange heute eine ſtärkere Farbe als gewoͤhnlich brannte, ſie mit ſeinem lieblichſten Lächeln begrüßte. „Ich glaubte, Du wäreſt krank!“ „Ich habe mich nicht ganzwohlbefunden, gute Conſtance; ſonſt hätteſt Du mich heute gewiß früher hier geſehen!“ Er reichte ihr brüderlich und vertraulich ſeine Hand, und brüderlich und vertraulich hielt er die ihrige feſt, bis er ſich überzeugt hatte, daß dieſelbe in der ſeinigen zitterte. Das Strickzeug, welches Conſtance fallen ließ, er⸗ laubte ihr, auf eine ſehr natürliche Weiſe die Hand zu⸗ rück zu ziehen. Juſtus ſetzte ſich nicht neben ſie, ſondern weit ent⸗ fernt in die Ecke des Sofa's.„Meine Augen haben den ganzen Tag gebrannt: ich ſcheue das Licht!“ „Ich wage dennoch das Gegentheil zu glauben!“ Conſtance hatte dieſe Worte geäußert, mit welchen ſie auf ein anderes Feuer hindeutete, ehe ſie bedacht hatte, welchen gefährlichen Gegenſtand ſie berührte... doch gewiß ſah Gott mit großem Wohlgefallen, daß ſie nach ihren ſchwachen Kräften den irrenden Jünger zu wecken 366 und zu ihm zurück zu führen ſuchte— und als Freundin und Schweſter hatte ſie auch ein Recht dazu— aber durfte ſie auch auf ihre Kräfte bauen?— wenn dieſe ſie ver⸗ ließen und verriethen! „Setze Dich hier zu mir, beſte Conſtance!— es peinigt mich, daß Du ſo weit weg ſitzeſt!“ „Ich kann dort nicht ſehen!“ Conſtance dankte Gott, daß er nicht auf dieſen Gegenſtand tiefer einging. „Haſt Du es denn ſo eilig?“ „Ja, ich hoffe, dieſe Strümpfe heute Abend fertig zu bekommen: ſie find für einen armen alten Seemann beſtimmt, der morgen von einer Wanderung zurückkommt.“ Juſtus ſchwieg, und Conſtance ſtrickte verzweifelt. Doch Juſtus hatte Fieber; Conſtance mußte neben ihm ſitzen: er hatte— ſo meinte er ſelbſt— ſich das Recht erworben, einige Minuten vertraulich mit ihr zu plaudern, da er es über ſich vermocht hatte, ſich ſechs Stunden nach Leonard's Abreiſe von ihr entfernt zu halten, obgleich er ſie an dem ganzen geſtrigen Tage nicht ge⸗ ſehen hatte, und ſich noch überdieß durch einen neuen Ent⸗ ſchluß(den wir bald hören werden, und den er nach der ſtürmiſchen Nacht unwiderruflich gefaßt und beinahe ſchon ausgeführt hatte) ein Recht erkauft hatte, wenigſtens eine einzige kleine Periode ſeines Lebens glücklich zu ſein. „Conſtance!“ „Juſtus!“ Ihr Ton zitterte leiſe— es war ſelten, daß ſie im Stande war, ſeinen Namen auszuſprechen. „Wenn ich Dich nun bitte, heute Abend ein wenig länger bei Deiner Arbeit aufzubleiben, willſt Du mir dann nicht den Gefallen thun, herzukommen?“ „Wenn ich Dir einen Gefallen damit thue, ſo will ich es ſehr gerne!“ Sie zündete die Lichter an und ſetzte ſie auf einen ſeitwärts ſtehenden Tiſch.„Deine Stimme iſt ſo unruhig— biſt Du betrübt?“ „Ja, ſehr!“ „W von Alle „Ja zu gleiche ich mir ich kaum, mein Kon Cond nommen; verſchleier ich Dir „Laf Deinen 2 Conf des Sofo laubniß a geben wor Die brüderlich ſehen köm ſchmerzen Doch Welt hätt nur Gott Angſt der ſchwiegen dige Marn Eine Freundin ber durfte e ſie ver⸗ !— es nkte Gott, g. eend fertig Seemann ickkommt.“ weifelt. ßte neben ſich das mit ihr zu ſich ſechs zu halten, nicht ge⸗ nahe ſchon gſtens eine ſein. aß ſie im ein wenig mir dann „Soll ich Dir etwas vorleſen?“ „Was?“ „Was Du ſelbſt willſt: die heilige Schrift iſt mir von Allem das Liebſte.“ „Ja, die liebe ich auch: ſie hat oft Ausſprüche, die zu gleicher Zeit ſo ſchön, ſo wild, ſo poetiſch ſind, daß ich mir gar nichts Herrlicheres denken kann.“ „Doch... Paſ Du oft die Offenbarung St. Johannis ge⸗ leſen?“ „Die am wenigſten— ich verſtehe ſie nicht.“ „Du wirſt ſie verſtehen: ich will ſie Dir vorleſen— doch jetzt nicht; jetzt vermag ich es nicht. Auch glaube ich kaum, daß ich mit voller Aufmerkſamkeit zuhören kann: mein Kopf iſt nicht gut!“ Conſtance hatte die andere Ecke des Sopha's einge⸗ nommen; ſie fürchtete, daß er krank ſein konnte; ihr Blick verſchleierte ihre Unruhe nicht.„Willſt Du vielleicht, daß ich Dir ein Kiſſen unter den Kopf legen ſoll?“ „Laß mich lieber meine Stirn einige Augenblicke an Deinen Arm lehnen!“ Conſtance's Arm lag nachläßig längs der Rücklehne des Sofa's, und Juſtus wartete nicht einmal die Er⸗ laubniß ab, welche auch gewiß niemals in Worten ge⸗ geben worden wäre. Die Gruppe war ſo ungenirt, ſo unſchuldig, ſo brüderlich, daß Leonard und die ganze Welt hätten zu⸗ ſehen können, wie ein Schwager mit brennenden Kopf⸗ ſchmerzen die Stirn an den Arm der Schwägerin lehnte. Doch was war das, was Leonard und die ganze Welt hätten ſehen koͤnnen, im Vergleich mit dem, was nur Gott und ihre eigenen Herzen bezeugten, nämlich die Angſt der Einen und die Glückſeligkeit des Andern! Beide ſchwiegen— Beide verblieben unbeweglich, wie eine leben⸗ dige Marmorgruppe. Eine volle Viertelſtunde verfloß. 368 Da endlich machte Conſtance eine Bewegung... doch das wogende Blut wollte der Stimme keine Luft ge⸗ ſtatten. den Arm, an welchem er geruht hatte, und ſagte leiſe— doch dieſe Stimme hatte Conſtance noch nie gehört; viel⸗ leicht war es die Stimme, welche er bei Judith ange⸗ wendet hatte:„danke!... das that mir ſo wohl!“ „Wohl?“— ein Hohnlächeln der Eiferſucht flog über Conſtance's Lippen—„hat Deine Stirn niemals beſſer geruht?“ „Niemals!“ „Hat ſie denn nie auf ihrem Arme geruht?“ „Ja, ſie hat auf ihrem Arme geruht!“ „Auf Judith's Arm?“ „Oder auf Amplia's!“ Conſtance ſchrak zuſammen; ſie wäre beinahe in Ohn⸗ macht gefallen; Todtenbläſſe bedeckte ihr Antlitz. Sle Juſtus erhob ſein Geſicht, drückte ſeine Lippen auf bildete ſich ein, daß ihr Blick den Stern über Bethlehem ſuchte; aber Juſtus ſprach jetzt mit ſeiner Stimme, mit derſelben Stimme, welche vorhin ſo betäubend geweſen war, das einzige Wort:„Conſtance!“ aus, und berauſcht wendete ſie ihren faſt erlöſchenden Blick von dem Sterne ab und auf ihn. „Du zitterſt! Warum zitterſt Du? Glaubſt Du, ich handle aus unüberlegtem Leichtſinne? Nein, noch geſtern fand ich in dem Wahne, der Dich umgab, einen ſchwachen Schutz für uns beide: wir bedürfen eines ſtärkeren... und werden ihn erhalten!“ „Die Meere?“ Conſtance faltete die Hände; ihr Ge⸗ ſicht ſpiegelte mit beredter Treue das ſchwindelnde Glück und die ſchreckenvolle Verzweiflung ab, welche ſie zu glei⸗ cher Zeit erfaßt hatten. „Nicht die Meere— würde ich wohl dieſes gewagt haben, wenn ich kein beſſeres und ſichreres für uns wüßte? — ich ſage: für uns; denn alles Unausſprechliche, das ich in D Worte wie entz⸗ habe ich Träumen das ſteht die Qual wägt— wirſt Du „W Conſtance der Liebe und von tauſendfä Zittern v ſchieden, baren Ge Du noͤthi ſolche Pr Du noͤthi welcher, denſchaft einmal ar Fanatism in dem 2 der Liebe iſt, dieſe der im S zu ſitzen, Bewegung nicht einn Eine Nac ... 3 Luft ge⸗ ppen auf e leiſe ört; viel ith ange⸗ hl!“ ſucht flog n niemals t 2“ ze in Ohn⸗ tlitz. Sie Bethlehem mme, mit d geweſen berauſcht ſie zu glei⸗ ſes gewagt uns wüßte! ich in Deinem Geſichte leſe, gibt mir noch mehr als Deine Worte geben können... O, Conſtance, Zauberin! wie entzückend biſt Du nicht!— Nein, ſo ſchön, wie jetzt, habe ich Dich noch nie geſehen, nicht einmal in meinen Träumen!“ „Um Gottes Willen, halte an! Ich ſterbe vor Scham, vor Angſt, vor Verzweiflung!“ „Vor Angſt und Verzweiflung vielleicht dereinſt— das ſteht in Seiner Hand, der nach ſeiner Barmherzigkeit die Qualen der Menſchen, ihre Kämpfe und Kräfte ab⸗ wägt— doch nimmermehr vor Scham... nein, nie wirſt Du noͤthig haben, vor Dir ſelbſt zu erröthen!“ „Was thue ich denn in dieſem Augenblicke?“ ſtotterte Conſtance. „Dieſes Erroͤthen iſt das verſchämte Siegeszeichen der Liebe: Deine Wange färbt ſich, weil Dein Herz brennt und von dem Gefühle zittert, welches das meinige in einen tauſendfältig heißeren Brand, in ein tauſendfältig ſtärkeres Zittern verſetzt! Die Scham iſt davon eben ſo weit ver⸗ ſchieden, wie die Seraphime des Himmels von den dienſt⸗ baren Geiſtern des Abgrundes verſchieden ſind.. Sollteſt Du noͤthig haben, Dich einer Liebe zu ſchämen, welche ſolche Proben beſtanden hat, wie die meinige, oder ſollteſt Du noͤthig haben, etwas von dem Manne zu fürchten, welcher, obgleich er unter dem ganzen Einfluſſe einer Lei⸗ denſchaft ſteht, die ſo gewaltig iſt, daß ſie ihn mehr denn einmal an den ſchmalen Rand geführt hat, welcher den Fanatismus von dem Wahnſinn trennt, dennoch ſogar in dem Augenblicke, da er zum erſten Male die Sprache der Liebe mit der Göttin ſeines Herzens redet, im Stande iſt, dieſe vernünftigen Worte auf ſeine Lippen zu legen, der im Stande iſt, äußerlich ruhig derjenigen gegenuͤber zu ſitzen, deren kleinſter Blick ſeine Pulſe in die ſchnellſte Bewegung, ſein Blut zum Sieden bringen würde, der nicht einmal die allergeringſte Gunſt, welche ein Bruder Eine Nacht am Bullarſee. III. 24 370 von der Schweſter begehren koͤnnte, begehrt und fordert, ja nicht einmal wünſcht; der ſogar jetzt keine ſolche be⸗ gehrt, der nicht einmal das Aeußerſte Deiner Fingerſpitzen zu berühren, ſondern nur Dich zu betrachten wünſcht!... Nichts auf Erden kann ermeſſen, was ich in dieſem Augen⸗ blicke empfinde: die Freuden der Seligen im Himmelreiche entſprechen vielleicht dem Glücke, welches ich empfinde, indem ich ſehe, wie ſich alle wechſelnden Eindrücke meiner Worte auf Deinem Antlitze abſpiegeln: die Qualen der Verdammten gleichen vielleicht der unausſprechlichen Pein, welche ich leide, Dich ſo überſchwenglich entzückend mir ſo nahe ſitzen zu ſehen, und Dich dennoch nicht an meine Bruſt preſſen, Dich nicht mit meinen Küſſen bedecken, Dich nicht erſticken zu dürfen, um mir die Martern der Eiferſucht zu erſparen!“ Conſtance's Sinne waren in fieberhafter Aufregung, und doch hörte ſie jedes dieſer Worte. Sie wunderte ſich, daß nicht die Erde ſich aufthat, um ſie beide zu ver⸗ ſchlingen... oder ſtand vielleicht auch ſie auf dem äußer⸗ ſten Rande zwiſchen dem Fanatismus und dem Wahn⸗ ſinne?“ „Und das iſt Vernunft?“ ſtammelte ſie. „Vernunft, volle Vernunft, vollkommene Ruhe— Du wirſt Dich morgen davon überzeugen durch etwas, das ich Dir in Leonard's Beiſein mittheilen werde! Wenn ich nicht ſo vollkommen ruhig wäre, wenn ich Dich nicht ſo gränzenlos liebte, daß ich mich ſelbſt für Dich opfern knnte, dann würdeſt Du mich in Fieberfantaſien zu Deinen Füßen ſehen und mich eine Sprache reden hören, gegen welche dieſe ſo lau iſt, wie die Winde des Nordens gegen die glühenden Winde der Tropenländer.“ Ein entferntes Geräuſch preßte aus Conſtance's Bruſt einen ſchwachen Angſtruf: es war das Geraſſel eines Wa⸗ gens im Nixenthale— es war..o, es war ihr zu⸗ rückkehrender Gatte! Sie heftete auf Juſtus einen Blich voller Leidenſchaft, Verzweiflung, Todesangſt. Ju verände Dich nt vermöge zeugen; daß ich s Dr mochteſt Du doc tung au gewechſe Dich ſo auf Dei Minuten eine kraf denke, Tages it von dem ſterben n auch jetz Leonard d fordert, ſolche be⸗ ngerſpitzen unſcht!... m Augen⸗ nmelreiche empfinde, cke meiner aualen der chen Pein, ückend mir an meine bedecken, kartern der Aufregung, nderte ſich, de zu ver⸗ dem äußer⸗ ſem Wahn⸗ Ruhe— etwas, das ich nicht ſo leden hören, es Nordens par ihr zu⸗ einen Blich Wenn ich Juſtus erhob ſich.„Conſtance!“ ſagte er in einem veränderten, feſten und ernſten Tone;„ſieh und überzeuge Dich nun ſelbſt von der Höhe meines Selbſtbeherrſchungs⸗ vermögens! Ich will mich auch von dem Deinigen über⸗ zeugen; denn das Weib, welches ich liebe, welches weiß, 11 ich ſie liebe, muß ſtark ſein— und Du kannſt es ſein! s Du Dich am Brautſtuhle aufrecht zu halten ver⸗ mochteſt, da ich ohnmächtig geworden war— Du, die Du doch mit mir einen Blick von eben ſo großer Bedeu⸗ tung ausgetauſcht hatteſt, wie die Worte, welche wir hier gewechſelt haben— Du vermagſt auch jetzt Kraft zu zeigen, Dich ſo zu zeigen, daß kein einziger Zug von Veränderung auf Deinem Geſichte zu ſehen iſt. Noch find uns einige Minuten übrig, und das iſt mehr denn das Doppelte, was eine kraftvolle Seele braucht, um ſich zu ſammeln. Be⸗ denke, daß Dein und mein Glück kurz, ein Glück des Tages iſt, ein Glück, das nur darum einige Augenblicke von dem Leben zu erbetteln wagt, weil es weiß, daß es ſterben muß... doch ſein, Leonards Glück, das darf nicht zerſtört werden!“ Conſtance antwortete nicht; doch ihre Miene, ihre Geberde drückte einen traurigen Zweifel aus. „Nichts iſt verändert durch dasjenige, was ich Dir eröffnet habe: Dein eigenes Herz hatte ſchon bekannt, was ich nicht einmal begehrte, daß Du es vor mir bekennen ſollteſt, und dennoch haſt Du, weil es Deine Pflicht war, Dich zärtlich und gut gegen Leonard zeigen können! Auch meine Leidenſchaft hatte Dein Herz geahnt, und die be⸗ trügeriſche Vorſtellung von der Judith hat Dich gewiß die Eiferſucht kennen gelehrt... alles haſt Du daher in Deiner Einbildung durchgemacht, und dennoch haſt Du kein einziges Mal Dich ſelbſt vergeſſen. O, thue das auch jetzt nicht; denn ich ſchwöre, mein Schmerz um Leonard wird in dieſem Falle ſo groß, daß die Morgen⸗ ſonne mich in weiter Ferne vom Nixenthale ſieht!“ Jetzt hielt der Wagen auf dem Hofe. 372 „Ich gehe und nehme ihn in Empfang! Du haſt ihm Freundſchaft, Achtung, Treue, Zärtlichkeit gelobt: das iſt alles, was er forderte, was Du geloben konnteſt, ja, ich ſage, was Du zu geloben das Recht hatteſt— Du konnteſt Dein Herz nicht geben, denn es gehörte Dir damals nicht mehr!“ Er machte eine ernſte Bewegung, aber doch eine W⸗ wegung, die ſogar in dieſem Augenblicke voller Würde und Anmuth war, und die todtenbleiche Conſtance gab ihm ihr Verſprechen ebenfalls nur mittelſt einer Bewegung. Er verſchwand. „Nein,“ ſagte ſie,„wenn ich auch dereinſt mit ihm in einem und demſelben Abgrunde vergehen ſollte— ach, der Abgrund würde ein Himmel!— ſo ſoll er dennoch ſehen, daß ich ſeiner würdig ſein kann! Seine Liebe er⸗ niedrigt nicht,... hat wohl meine Hand in der ſeinigen geruht? Nur die tiefſten Regungen meiner Seele gehöͤren ihm, und dieſe vermißt Leonard nicht, für dieſe kann nur Gott Rechenſchaft fordern— und Gott hört mein Ge⸗ lübde, und zeichnet es bei ſich auf: in dem Augenblicke, da ich meiner Pflichten als Gattin vergeſſe, möge ſeine Hand mich treffen!“ Geſtärkt durch dieſen Bund zwiſchen Gott und ihrem Gewiſſen, gewann ſie ſogar den Muth hinauszugehen, als jetzt ſich Stimmen und Schritte vernehmen ließen— Ju⸗ ſtus ſollte ſehen, daß ihre Seele die ſeinige verſtand. Zwar lag noch ein Duft von Schnee auf den Roſen ihrer Wangen, doch das war nichts Ungewoͤhnliches: deſto hoͤher ſchimmerte der Glanz in ihren ſchwarzen Augen, und ihr Gang, ihr Gruß, ihr liebliches:„Willkommen, guter Leo!“ hatten ganz den gewöhnlichen Ausdruck, ſo daß Leonard herzlich ſchmunzelnd zu Juſtus ſagte, welcher Letztere von der Seite ſeinen Blick auf Conſtance geheftet hielt:„Ja, Du, es hat ſeine kleinen Annehmlichkeiten, zu einer freundlichen und guten Gattin nach Hauſe zu kommen weiß eh denken!“ über ſein das letzt „I von Dir heirathen ich bei T bei der 1 Feinslieb O, Du ſourcen f Aber... in das i Du haſt t gelobt: n konnteſt, hatteſt— hörte Dir ) eine Be⸗ ler Würde 2 gab ihm begung. t mit ihm te— ach, r dennoch Liebe er⸗ er ſeinigen le gehoͤren kann nur mein Ge⸗ ugenblicke, moͤge ſeine und ihrem gehen, als en— Ju⸗ ſtand. den Roſen hhes: deſto een Augen, illkommen, zdruck, ſo te, welcher cce geheftet mlichkeiten, Hauſe zu 373 kommen!... Nimm Du Dir auch eine Frau!— man weiß eher gar nicht, daß man ein Herz hat!“ „Ich werde vielleicht eines Tages an Deinen Rath denken!“ antwortete Juſtus ſo ungekünſtelt, daß Conſtance über ſeine Ungezwungenheit erröthete... das war gewiß das letzte von allem, was er zu thun gedachte! „In meinem Leben habe ich noch kein klügeres Wort von Dir gehört— und verſprichſt Du mir nur, daß Du heirathen willſt, ſo verſpreche ich Dir auch dagegen, daß ich bei Deiner Hochzeit die Rede halten will, welche Du bei der meinigen eintrocknen ließeſt!... Was ſagſt Du, Feinsliebchen, wenn Du mich eine Rede halten höͤrteſt 2 9, Du darfſt nicht ggauben, daß es mir ganz an Reſ⸗ ſourcen fehlt, wenn ich ihnen nur zuſprechen will!... Aber...— bei dieſen Worten trat Leo über die Schwelle in das innere Zimmer—„der Henker! wie ſeht Ihr nach dem Feuer? Es ſſt recht ſchön, daß wir hier im Walde wohnen— hier iſt's eben ſo kalt wie draußen... und dort liegen ja zwei erloſchene Brände wie ein Paar erſchlagene Helden!“ „Immer haſt Du Recht, daß ich nachläſſig mit dem Feuer bin; doch dem läßt ſich bald helfen!“ antwortete Conſtance, welche hledurch einen ganz natürlichen Vorwand erhielt, hinauszukommen. „Nachläſſig?“ murmelte Leonard, indem er mit dem Kopfe nickte—„ach, ein ſolches Weib! Du kannſt gar nicht begreifen, Juſtus, wie vortrefflich ſie iſt: wenn ich nur einen Augenblick weg geweſen bin, ſo ſehne ich mich ſo herzlich nach Hauſe; und als ſie dieſe langen ſieben Wochen auf Oernwik war, ſo war es mir, als wollten die Tage nie ein Ende nehmen... Du weißt gar nicht, was eine ſolche Sehnſucht iſt!“ „Nein,“ ſagte Juſtus,„nicht ſo ganz!“ „Weder ſo ganz, noch ein wenig davon... doch, Gott ſei Lob und Dank! daß Du wieder geſund biſt! Du 374 warſt krank heute früh— gingſt Du gleich herab zu Con⸗ ſtance, wie ich Dich bat?“ Nein, ich bin nicht länger, als ungefähr eine halbe Stunde unten geweſen— ich habe den ganzen Tag Briefe geſchrieben.“ „So, ſo! da haſt Du wohl auch an die Mutter ge⸗ ſchrieben?“ „Verſteht ſich!“ „Nun, wie ging es denn bei Grave?— bekamſt Du das Geld?“ „Nur fünfhundert Reichsthaler Banco; doch am erſten November erhalte ich die ganze Summe, darum bleibe ich bis dahin hier: ich halte es für beſſer, als abzurei⸗ ſen, ehe ich das ganze Capital in meinen Händen habe.“ „Darin handelſt Du verdammt klug; denn wann das übrige nachkommen könnte, moͤchte wohl im weiten Felde ſtehen.... der Oberpfarrer bedauerte recht ſehr, daß Du nicht mitkamſt; doch zu Ende der Woche fahren wir hin!... Feinsliebchen?— ich glaube, Du biſt in Saale?— laß das Menſchenkind aufdecken, ſo will ich Dir etwas recht Tolles erzählen: jetzt zeigt ſich die große Schlange hier gerade bei Trollhatten— ganz Bullaren iſt bereit darauf zu ſchwören, daß ſie uns ſämmtlich mit Haut und Haaren in einem Biſſen verſchlingen wird!“ Während Juſtus und Conſtance, beide für ſich, unter den langen Stunden der Nacht in einen Brennpunkt die einzige Stunde ſammeln, welche ſie jetzt von ihrem ganzen Leben wirklich gelebt zu haben meinten, wollen wir den Leſer zwei Briefe vorlegen, den einen an den Conſul Loͤwe, den andern an Frau Hedwig, geſchrieben von Juſtus vor ſeinem Beſuche bei Conſtance. Durch dieſe Briefe wird es leicht, zu verſtehen, daß der vorhergehende Tag in Grave's Geſellſchaft nebſt der dar⸗ — auf folg gen hat kommen glücklich endlich! treffliche trachtete die erſte ſagt wa Sp Juſtus, der Brie ſendung Conſtane der ihr war, Ahnung er nicht ſelbe nic tragen, — denn konnte? Di alle and V 375 G aauf folgenden Nacht Juſtus zu einem Entſchluſſe gezwun⸗ ib zu Con⸗ gen hatte. Man wird auch verſtehen, wie er ſoweit ge⸗ lb kommen war, daß er das Recht zu haben glaubte, ſo eine i e glücklich zu ſein, wie er jetzt werden konnte, und wie er Tag Briefe endlich dahi zrrommen war, daß er ſeinen bisher ſo vor⸗ mirn Warg,⸗ Mutter ge⸗ beſfichn Plan mit Judith jetzt als ganz unpaſſend be⸗ Zwar hatte er nicht die Abſicht gehabt, ſchon an die⸗ ſem Abende ſein Bekenntniß vor Conſtance abzulegen; die⸗ ſes ſollte auf die Umſtände ankommen; nun aber hatten dieſe ſo gewollt, daß das eine Wort das andere gab, bis ch am erſten die erſten wichtigen Worte, und mit ihnen faſt alles, ge⸗ rum bleibe ſagt waren. als abzurei⸗ Späterhin, während der Stille der Nacht, bekannte bekamſt Du nden habe. Zuſtus, daß dieß alles eigentlich erſt nach dem Abgange wann das der Briefe hätte geſchehen ſollen— nicht weil es die Ab⸗ im weiten ſendung derſelben verhindern konnte, wohl aber, weil es j recht ſehr, Conſtancen einen großen Schmerz erſpart haben würde, Boche fahrn der ihr erſt nach einer langſamen Vorbereitung zugedacht Du biſt in war, welchen ihr aber jetzt, nach dem Vorgefallenen, die ſo will ihh Ahnung gleich ertheilen mußte. Welches Mitleiden hatte ich die großß er nicht mit ihrer Qual— wie gerne hätte er ihr die⸗ nz Bullarn felbe nicht abgenommen.... doch ſie mußte ſie ſelbſt mmtlich mit tragen, und er mußte ſie ihr ohne Vorbereitung zufügen en wird!“— denn wer wußte, was eine Vorbereitung verändern konnte? 4 Die Erinnerung an die glänzenden Funken, die aus ihren ſchwarzen Augen flogen, ſchlugen ihn von neuem in ir ſich, undi Feſſeln, und von denſelben eingeſchloſſen, verabſchiedete er rennpunkt d' alle andern Gedanken als überflüſſig. ihrem ganzen llen wir den Conſul Loͤwe, n Juſtus vor erſtehen, daß nebſt der dar⸗ Sechsunddreißigſtes Kapitel. „Mein beſter Herr Conſul! „Zufolge verſchiedener Umſtände, die zu weitläuftig ſind, um hier erörtert werden zu koͤnnen, und die ich mir daher für die Zukunft aufſpare, bin ich nicht im Stande, mein Verſprechen zu erfüllen und Oernwik während des Laufes dieſes Herbſtes von neuem zu beſuchen. Ich brauche nicht zu ſagen, daß ich durch dieſe große Mißrechnung am meiſten leide: ich habe Oernwik allzu warm lieben ge⸗ lernt, als daß ich nicht die Feſſeln bitter fühlen ſollte, welche die Nothwendigkeit meinem Willen anlegt. „Wäre ich nach Lappland zurückgekehrt, ſo würde ich unbedingt gekommen ſein; doch vor Weihnachten verlaſſe ich Schweden, um zu Vorbereitung auf meine große Miſ⸗ ſion einige der auswärtigen Seminarien zu beſuchen, und darum bin ich gezwungen, den Herbſt anzuwenden, um wieder nachzuholen, was ich durch die Lappländiſche Miſ⸗ ſion an meinen Sprachübungen eingebüßt habe. „Im höchſten Grade betrübt, Sie und die Frau Con⸗ ſulin unzufrieden zu machen, da Sie Beide das Vertrauen zu meiner kleinen Macht über Evelyn gehabt haben, um zu hoffen, ich könnte in ihrem geiſtigen Geſundheitszuſtande einige Verbeſſerung bewirken, wage ich Ihnen hiemit einen Vorſchlag zu thun, welcher nach meiner Ueberzeugung (wenn er nämlich Ihren beiderſeitigen Beifall gewinnt) nützlicher ſein würde als alles andere. „Meine Anſicht über die Lage, in welcher ſie ſich be⸗ findet, iſt die, daß vor allen Dingen eine Veränderung ihres Aufenthaltsortes nothwendig iſt. Wie die Frau Con⸗ ſulin ſelbſt angemerkt haben, wirkt die ſtete Berührung mit den Gegenſtänden, welche ſie während einer glück⸗ Trauer koͤnnte, 2 und das ihrer Ju die war mit ſeine ſeiner G — hier an den 2 in einen mit der bei ſich o „W ſchaft geg hätte, 0 werde, ſo zu ver Wurzel; „In ſigkeit da ſus in d recht gut, züglich g hen, wen wird. C den ich m weitläuftig die ich mir m Stande, ährend des ſch brauche ißrechnung lieben ge⸗ hlen ſollte, gt. würde ich ten verlaſſe große Miſ⸗ uchen, und enden, um diſche Miſ Frau Con⸗ Vertrauen den, um zu iitszuſtande emit einen berzeugung l gewinnt) ſie ſich be⸗ eränderung Frau Con⸗ Berührung ner glück⸗ 377 lichen Lebensperiode umgeben haben, nachtheilig auf Leib und Seele. Sollte dieſes alſo wohl nicht ein Grund ſein zu einer kleinen Reiſe, natürlicher Weiſe zu keinem Orte, wo von einer Theilnahme an Zerſtreuungen die Rede ſein könnte, die eben ſowenig ihren Charakter als ihrer Trauer angemeſſen ſind, ſondern in eine Gegend, wo ſie in einer großartigen Natur, in einem ermunternden hausli⸗ chen Umgangskreiſe und in der Erweiterung der Kenntniſſe und Fertigkeiten, welche einzig und allein fuͤr ein krankes Gemüth eine paſſende Zerſtreuung ſind, die Nahrung finden koͤnnte, die ihre Seele heiſcht. „Die Gegend, welche ich vorſchlage, iſt Bullaren, und das Haus, welches ich zu nennen wage, iſt das Haus ihrer Jugendfreundin, das Haus meines Bruders. Er, die warme, gute Seele, wird entzückt ſein über das Glück, mit ſeiner gleichmäßigen, guten Laune die beſte Freundin ſeiner Gattin erheitern zu können, und Conſtance ſelbſt“ — hier hatte die Feder einige kleine muthwillige Züge an den Buchſtaben gemacht, ganz ſo, als wenn dieſelben in einen ſtarken Wellenſchlag gerathen wären—„wird mit der aufopfernden Zärtlichkeit einer Schweſter diejenige bei ſich aufnehmen, welche ſie ſchon ſo lange geliebt hat. „Was mich ſelbſt betrifft, ſo iſt Ihnen meine Freund⸗ ſchaft gegen Evelyn allzu wohl bekannt, als daß ich nöthig hätte, eine Verſicherung zu geben, daß ich alles thun werde, was in meinen Kräften ſteht, um ihre Gedanken ſo zu vertheilen und zu leiten, daß ſie wiederum im Leben Wurzel zu faſſen wagen. „In dieſem Augenblicke iſt ihre gänzliche Willenlo⸗ ſigkeit das Gefährlichſte: ich glaube, daß ein kleiner Cur⸗ ſus in der Muſik und in Sprachen“— Juſtus wußte recht gut, wie er die Conſulin faſſen mußte—„ganz vor⸗ züglich geeignet ſein würde, ihr Intereſſe auf ſich zu zie⸗ hen, wenn man beides nur ſo treibt, daß ſie davon gefeſſelt wird. Evelyn ſetzt Vertrauen auf mich; jeden Augenblick, den ich meinen eigenen anhaltenden Studien abſtehlen kann, 378 ſoll es mir ein Vergnügen ſein, mich mit ihrer Bildung D zu beſchäftigen— ihr ſo ſchmerzhaft betrauerter Gatte— hat hiezu in intellektueller Hinſicht einen ſo guten Grund T gelegt, daß es mir gewiß nicht ſchwer werden wird, die⸗ 7 ſelbe in mehren Richtungen zu entwickeln. eheer 1 „Sollten Sie und die Frau Conſulin nach einer 83 a Ueberlegung mit Evelyn's ehrwürdiger Schwiegermutter A nf Gründe haben, auf meinen Vorſchlag Rückſicht zu neh⸗ mitaro⸗ men, ſo geben Sie ihr gefälligſt inliegenden kleinen Brief, ſion les durch welchen wir ſie, wie ich hoffe, für unſere gemein⸗ d ſchaftlichen Wünſche gewinnen werden. Finden Sie da⸗ ſo ſchön gegen den Vorſchlag unannehmbar, ſo iſt es vielleicht das en. eh⸗ beſte, ihr weiter nichts zu ſagen, als daß meine auslän⸗ ſelbe ge diſche Reiſe mich abhält, ſie wiederzuſehen. iee bei, „Ich erwarte mit Ungeduld eine Antwort auf dieſe Delne 6 Einladung, die ich im Namen meines Bruders und meiner Gatte Schwägerin zu machen die Ehre gehabt habe; und ſoll 4 die Reiſe geſchehen und wirklich zu Evelyns Vortheil ge⸗ muhſ reichen, ſo wäre es gut, wenn ſie je eher deſto lieber ge⸗ welche ſchähe. Ein Paar Monate vergehen ſchnell, und wemn d 4 Evelyn ſich wiederum, wie ich hoffe, geiſtig geſund in rülſt 1 dem Schoße ihrer Familie befindet, ſo iſt ihr Freund und 8 ſt, Lehrer in weiter Ferne. Wo er aber auch ſein mag, welche Leie Schickſale ihn auch treffen können, ſo wird er dennoch immer mit der lebhafteſten Dankbarkeit und wärmſten Freundſchaft das Andenken an das Löwe’ſche Haus be⸗ wahren. D „Nebſt der Bitte, der Frau Conſulin und der Frei⸗ herrin von G— die Verſicherung meiner tiefſten Achtung g zu geben, habe ich die Ehre mit noch einer Verſicherung Male⸗ meiner Freundſchaft in Leben und Tod mit der innigſten warer Hochachtung zu verbleiben Lekbli Ihr ergebenſter Juſtus von Carleborg.“ auf D r Bildung rter Gatte ten Grund wird, die⸗ nach einer egermutter ht zu neh⸗ nen Brief, re gemein⸗ Sie da⸗ elleicht das nne auslän⸗ auf dieſe und meiner ; und ſoll vortheil ge⸗ lieber ge⸗ und wenn geſund in Freund und nag, welche er dennoch ) wärmſten Haus be⸗ d der Frei⸗ een Achtung Verſicherung er innigſten leborg.“ 379 Das Billet an Gvelyn enthielt nur folgende Zeilen: „Wenn Du, theuerſte Evelyn, Deinen Freund und Lehrer noch in treufeſtem Andenken bewahrſt, ſo eile in das Haus, wo Dir Aller Herzen entgegen ſliegen! Kommſt Du nicht, ſo bin ich ſehr betrübt, denn da kann ich es mir niemals verzeihen, daß meine Pflichten für meine Miſ⸗ ſionsreiſe mich hindern, zu Dir zu kommen. „Ich ſehne mich, Dir dieſe ſo großartige, ſo wilde, ſo ſchöne und doch ſo unbeſchreiblich weiche Natur zu zei⸗ gen, ehe der Herbſt ſeinen gelben Schleier ganz über die⸗ ſelbe gebreitet hat! Du wirſt finden, daß ſie im Stande iſt, bei Dir neue Gedanken, neue Sinne zu entwickeln— Deine Trauer ſelbſt wird hier eine Poeſie werden, die Deinen Geiſt in die höheren Räume erhebt, in denen Dein Gatte ſich Deiner freut und Dir dankt, daß Du Dich be⸗ mühſt, Deine Seele der Seligkeit noch würdiger zu machen, welche Ihr dereinſt mit einander theilen werdet. „Lebe wohl, meine Schweſter! Ich bin glücklich in dem frohen Glauben, daß Du die Bitte nicht abſchlagen willſt, welche ein Freund an Dich richtet, den bald die Meere von Dir ſcheiden werden. Juſtus.“ Der Brief an Frau Hedwig lautete folgender Maßen: „Meine Mutter! „Nie, von dem Augenblicke an, da Du zum erſten Male Deinen Sohn in Deine Arme nahmſt, von dem Au⸗ genblicke an, da Du zum erſten Male ſegnend Deine Hand auf ſein Haupt legteſt, iſt er des Segens und der Gebete einer Mutter bedürftiger geweſen, als bei dieſem großen Wendepunkte ſeines Lebens. Ja, erſtaune, erſchrick, ſinke auf Deine Knie, Du arme Mutter! es ſteht wirklich da dieſes Wort, welches Du nie mehr zu ſehen hoffen konn⸗ 380 teſt— es ſteht da:„bei dieſem neuen Wendepunktel“ Ja, es ſoll ein neuer Wendepunkt ſein; ich bedarf einer großen, einer gewaltſamen Revolution, einer Revolution, welche weder Raum noch Aſche hinter ſich läßt von allen Gebäuden, welche ich ſeit drei, beſonders aber ſeit zwel Jahren aufgeführt habe. „Sei ſtark, meine Mutter! habe den Muth, lieber auf einmal das Aergſte von allem zu vernehmen: der Prie⸗ ſtermantel drückt meine Schultern, denn— ich bin nicht würdig, ihn zu tragen. „Ich ſehe, wie Du mit dem Briefe in Deiner Hand zu Boden ſinkſt, ich ſehe, wie Deine trocknen, brennenden Augen ſich gen Himmel heben— Dein Sohn hat Dir ſo viele Thränen gekoſtet, daß Du bald keine mehr übrig haſt; einige aber ſind dennoch da, und entweder werde ich wahnſinnig, oder auch ſollen dieſe Thränen eines Tages als ein Freudenthau auf meine Stirn herabfallen. „Du glaubſt, ich rede in Fieberphantaſten— nein, meine Mutter! ich bin bewunderungswürdig ruhig. Ich ſchloß vor einem Augenblick einen Brief an den Conſul Löwe, und ich biete jedem Trotz, der einen einzigen ſchie⸗ fen, ungeordneten Gedanken in demſelben entdecken kann, und dennoch ſchrieb ich ihn, dennoch ſchreibe ich dieſen Brief unter Verhältniſſen, die ſehr ſtörend für den Ge⸗ danken ſein müſſen... Haſt Du den Poſtſtempel recht betrachtet, meine Mutter? Vielleicht... aber Du haſt Deinen eigenen Augen nicht trauen wollen: Du haſt ge⸗ glaubt, daß ein Blendwerk Dich täuſchte, als Du auf der Ueberſchrift des Briefes einen Namen erblickteſt, der dort unmöglich ſtehen konnte— und dennoch iſt es ſo: ich befinde mich im Nixenthale. „Nun aber, nachdem ich Dir das Aergſte verkün⸗ digt habe, will ich meine Seele ſammeln, um Rechen⸗ ſchaft abzulegen über den Plan, welchen ich für die Zu⸗ kunft entworfen habe, und der nur Gott, Dir, geliebte Mutter, und mir ſelbſt bekannt iſt. von den ſaß. Y Winden, daß es tismus erſt der gann, de mus für noch wr durchgeſe kommt erkennen vollen E ſtehſt mi koͤnnte m Conſul kommen erſtarrte bunktel“ edarf einer devolution, von allen r ſeit zwei th, lieber der Prie⸗ bin nicht einer Hand brennenden n hat Dir nehr übrig werde ich nes Tages en. — nein, chig. Ich en Conſul igen ſchie⸗ cken kann, ich dieſen r den Ge⸗ mpel recht r Du haſt u haſt ge⸗ 3 Du auf ckteſt, der iſt es ſo: ſte verkün⸗ n Rechen⸗ r die Zu⸗ , geliebte 381 „Zwei Briefe, die mich faſt gleichzeitig in Lapp⸗ marken trafen, halfen ſich gegenſeitig, mir eine Binde von den Augen zu reißen, die ohnehin ſchon loſe genug ſaß. Merkteſt Du das nicht, meine Mutter, an den kühlen Winden, die meine Seele umwehten— merkteſt Du nicht, daß es die Vernunft war, welche die Macht des Fana⸗ tismus in Feſſeln zu legen begonnen hatte?... und als erſt der Schleier des Fanatismus dünner zu werden be⸗ gann, da verdunſtete auch mein ſchwärmeriſcher Enthuſias⸗ mus für das Miſſionsweſen: ich wurde nüchtern. Den⸗ noch würde ich mit kälterem Gemüthe mein Vorhaben durchgeſetzt haben; doch Grave... hier, meine Mutter, kommt eine große Freudenpoſt!... rückſichtlich dieſes Schurken— ach nein, das iſt zu wenig geſagt: dieſes Ungeheuers aus der Hölle— ſind meine Augen vollkom⸗ men geoͤffnet... doch davon hernach! Er weigerte mir mein Capital, welches ich bei ihm ſtehen habe, unter dem Vorwande, daß er den Zuſtand meiner Seele, das heißt das Erwachen meiner Vernunft und mein Verlangen, die Feſſeln abzuſchütteln, als ein Zeichen der Unordnung mei⸗ ner Sinne betrachtete. Da wurde mein Verdacht rege— und darauf kamen die Briefe. „Der eine war von Oernwik und gab mir die Nach⸗ richt, daß Evelyn Wittwe war. Dieſer Brief ſchleuderte einen ſtarken Blitz in meine Seele; er erhellte vieles von der Dunkelheit in derſelben, und ließ mich augenblicklich erkennen, daß noch vieles durch einen großen und kraft⸗ vollen Entſchluß verändert werden könnte... Du ver⸗ ſtehſt mich, meine Mutter: eine Verbindung mit Evelyn koͤnnte mich retten. Mit dem alten Vertrauen bat der Conſul warm und innig, daß ich ſo bald wie moͤglich kommen und von neuem Leben in das äußerlich wiederum erſtarrte Bild hauchen möchte. Doch konnte ich noch zu keinem feſten Entſchluſſe kommen; aber nun erhielt ich Grave's Brief. Zu ſagen, wodurch dieſer meinen fürch⸗ terlichſten Verdacht erweckte, wäre zu weitläuftig— genug, 38² der Inſtinkt und die Zuſammenſetzung mehrer Umſtände b ließen mich ahnen, daß auch er ſeine ſündigen Augen auf den Gegenſtand geworfen hatte, den ich anbetete. „Nun konnte mich nichts länger zurückhalten: ich ver⸗ V ließ meine Miſſion, um mich nach Oernwik zu begeben— darüber brauche ich nichts zu ſagen. Evelyn trauert um ihren Gatten; doch iſt ſie ſelbſt in dieſer Trauer noch eben ſo abhängig wie ſonſt von dem Einfluſſe, den ich ſo lange über ſie ausgeübt habe. Von Oernwik reiſ'te ſie hiehet Ich wollte mich nicht in die Verbindung mit Evelyn hinein denken— denn ich wollte ſie nicht betrügen— ohne zu⸗ vor zu prüfen, was mein Herz vermochte: ich mußte mich zuvor der Prüfung unterziehen, Conſtance eine Zeitlang in ihrem neuen Verhältniſſe zu ſehen. Ich rufe Gott zum Zeugen an, daß ich dieſe Gedanken in einer guten Abſicht hegte; aber ich wage nicht darauf zu ſchwören, daß ſie nicht das verſteckte Verlangen bemäntelten, ſie wieder zu ſehen und ihr nützlich zu werden, wenn ſie irgend einer Gefahr von Seiten Grave's ausgeſetzt wäre. „Ich kam. Leonard's Freude und ein heiliger Vor⸗ ſatz, ſein Haus nicht zu betreten, um ſein Glück zu morden, ſetzten meine Seele ins Gleichgewicht, und dieſe erſte jetzt verfloſſene Woche haben wir in dem reinſten, un⸗ ſchuldigſten, geſchwiſterlichen Verhältniſſe durchlebt. Ich merke, daß Conſtance mit ihrem Herzen an Gottes Fuß⸗ ſchemel eine Stütze gefunden zu haben meint, weil ſie eine ſo ſchwere Qual zu ertragen vermag; doch dieſe Qual iſt nur eine Täuſchung. Grave hat, um ſich Gelegenheit zu verſchaffen, ſie in der Einſamkeit zu ſehen, die Martern der Eiferſucht für ſie erfunden: er hat ihr geſagt, daß Judith der Name des Weibes iſt, durch die meine Sinne verrückt worden ſind. „Der Elende war nahe daran, ſchrecklich viel Unheil anzuſtiften— in dieſer Hinſicht wenigſtens kam ich zu einer guten Stunde— doch höre jetzt die Hauptſache. „Geſtern ſollte ich einen Theil des Geldes erhalten, welches (der Ret geſtrigen noch ſo deſſelben ... ge um mei ihn entla trauen, bin zuſar meinem ließ, da ſtande eir len Steg ſchwankt. meine th Rechten zu ſinken mich um „Al berauſcht trunken Umſtände b Augen auf e. n: ich ver⸗ begeben— rauert um noch eben h ſo lange ſie hieher. belyn hinein ohne zu nußte mich e Zeitlang Gott zum ten Abſicht n, daß ſie e wieder zu rgend einer iliger Vor⸗ zu morden, dieſe erſte nſten, un⸗ hlebt. Ich zottes Fuß⸗ veil ſie eine eſe Qual iſ legenheit zu ie Martern geſagt, daß neine Sinne viel Unheil kam ich zu nuptſache. es erhalten, 383 welches ich bei ihm zu fordern habe, und erhielt ihn auch (der Reſt fällt erſt im Anfange des November), aber dieſen geſtrigen Tag werde ich nie vergeſſen, und wenn ich auch noch ſo lange lebte. Erwarte jedoch keine Beſchreibung deſſelben... vielleicht ſpäterhin, jetzt vermag ich es nicht ... genug: da ich meine Partie geſchickt ſpielte, denn um meine Stellung beurtheilen zu können, mußte ich ihn entlarvt ſehen, weihte er mich gradweiſe in ſein Ver⸗ trauen, in Myſterien ein, vor denen jetzt, da ich im Stande bin zuſammenhängend zu denken, jeder Tropfen Blut in meinem Körper erſtarrt. Als ich ihn in dieſer Nacht ver⸗ ließ, da war meine Lage ſo, daß ich ſie mit dem Zu⸗ ſtande einer Seele vergleichen will, welche auf dem ſchma⸗ len Stege zwiſchen Himmel und Hölle zwiſchen Beiden ſchwankt. Waren es Deine Gebete, o, meine Mutter, meine theure, zärtlich geliebte Mutter! was mich zur Rechten riß, als ich nahe daran war, zur Linken hinab zu ſinken? Ich will es gerne glauben, daß Dein Geiſt mich umſchwebte und mich rettete. „Als ich nach Hauſe kam, war ich noch gleichſam berauſcht— ich hatte auch viel Wein und viel Gift ge⸗ trunken— doch heute Morgen ſtand klar vor meinem Blicke das Licht, welches Du mir während der Nacht ge⸗ lict hatteſt, und ich wurde feſt in Gott und in dem uten. „Höre nun den Entſchluß, welchen ich kraftvoll faßte, und welcher weder geändert werden ſoll noch kann, denn der Brief an den Conſul geht zugleich mit dieſem ab: Evelyn muß hieher kommen, um mich zu retten. „Ich kann auf Oernwik, wo die Wände Ohren haben, es nicht wagen, ihr die Eröffnung zu machen, daß ich mein Schickſal in ihre Hand legen will. Dieſer Gegen⸗ ſtand iſt delikat, da ſie noch kein Vierteljahr Wittwe ge⸗ weſen; dennoch muß er verhandelt werden— nicht eher bin ich ſich ſicher, bin ich gerettet— und er muß hier verhandelt werden, nachdem ich einige Wochen lang Ge⸗ 384 legenheit gehabt habe, mein Beherrſchungsvermögen zu prüfen und daſſelbe ſo zu entwickeln, daß ich den Schritt wagen kann. „Aber er ſoll nicht wie ein Donnerſchlag über Con⸗ ſtance kommen— dieſes edle Weſen, das ich ewig, ewig betrauern werde, das mir nichts erſetzen kann, das ich in meiner wahnſinnigen Religionsſchwärmerei zugleich mit meinem eigenen Herzen aufopferte. Sie iſt ſtark, und ich, ich will ihr zeigen, daß wir das Opfer einer Flamme, die nicht beſtimmt war, zuſammen zu brennen, ganz voll⸗ enden müſſen. „So lange mein Entſchluß noch ſchwankte, mochte ſie Grave's Vorgeben glauben. Jetzt will ich ihr die Wirklichkeit zeigen... beunruhige Dich aber nicht ſo ſchrecklich, meine Mutter: ich ſehe, wie Du vor meiner wilden Kühnheit zitterſt und bebſt— Du weißt doch, ſo ſchwach Dein Sohn in gewiſſen Fällen iſt, ſo feſt und ſtark kann er in andern ſein. Dieſe Conſtance iſt Leonard's Gattin: ſie ſoll nie unwürdig werden, dieſen Namen zu tragen, und Deine Tochter zu heißen, meine verehrte Mutter! „Rede hier nicht von dem Wahne, den Gefahren und Schreckniſſen der Leidenſchaft... welche matten Aus⸗ drücke! Die Leidenſchaft, eine große Leidenſchaft verwirft die Broſamen, welche man ihr hinwirft— ſie kann ent⸗ behren und ſich davon doch nicht ärmer fühlen, denn ſie will Alles beſitzen, oder auch gar nichts. Wahnbegriffe und Gefahren, dieſe Worte, welche erfunden ſind, um die kleinen Fälle in einer kleinen Leidenſchaft zu bezeichnen, find für mich bedeutungslos: ſie ſind, richtiger geſagt, gar nichts. Ich will ſelbſt die angebetete Geliebte an den Rand des Abgrundes führen und zu ihr ſagen:„Habe den Muth, dort hinab zu blicken: ich habe die lockenden Roſen geſehen, doch wir wollen ſie nur in der Entfernung betrachten. Hier— blicke um Dich!— hier winkt ein Engel vom Himmel mit ſeinen weißen, ausgebreiteten Flügeln: der Himt Siehe die den Flüg „Entſagu „Ja wird er c ganz gele dann reiſ auf ein h um das wiederkon ich fühle haft zu e wik will beginnen, machen. nur, dam ganz den begleitend Beifall, gegen ar Mutter! „Ne ich als v Eine Na Lögen zu Schritt ber Con⸗ dig, ewig das ich leich mit und ich, Flamme, anz voll⸗ „mochte ihr die nicht ſo r meiner doch, ſo feſt und Leonard's tamen zu verehrte hren und ten Aus⸗ verwirft kann ent⸗ denn ſie hnbegriffe ſind, um dezeichnen, eſagt, gar e an den :„Habe lockenden entfernung winkt ein gebreiteten 385 Flügeln: laß uns fliehen unter ſeinen Schutz, denn nur der Himmel kann eine Liebe ſchützen wie die unſrige! Siehe die Worte, welche mit goldenen Buchſtaben auf den Flügeln des Engels geſchrieben ſtehen— ſie heißen: „Entſagung, Tod einer unerlaubten Liebe!“ „Ja, meine Mutter, glaube Deinem Sohne: das wird er ausführen! Und wenn Conſtance den bittern Kelch ganz geleert hat, wenn ich Evelyn's Gelübde erhalten habe, dann reiſe ich erſt zu Dir, und dann hinaus ins Ausland auf ein halbes Jahr— nicht auf eine Miſſion, ſondern um das Leben in bunten Gemälden zu ſehen. Wenn ich wiederkomme, ſo entſage ich dem geiſtlichen Stande, weil ich fühle, daß ich nicht Kraft genug habe, ihn gewiſſen⸗ haft zu erfüllen. Als Privatmann und Beſitzer von Oern⸗ wik will ich dann eine neue, eine mitbürgerliche Bahn beginnen, und zum erſten Male mir meinen Adel zu Nutze machen... Doch davon ſpäterhin— ich ſagte dieß nur, damit Du ſehen mögeſt, daß die Liebe in mir nicht ganz den Ehrgeiz getoͤdtet hat, und damit Du glauben moͤgeſt, daß ich auch in der Zukunft etwas ſinden werde, das meine Beſtrebungen anſpornt. „Jetzt, meine theure Mutter, habe ich meine Seele oeffen vor Deinen Blick gelegt, und nun will ich auch noch ernſt und flehend hinzufügen: greife mir nicht mit dem allergeringſten Zuge in mein Spiel! Halte es nicht für eine Nothwendigkeit, hieher zu kommen und über mich zu wachen, denn da, da ſtehe ich für nichts ein: nur wenn ich mir ganz allein in dem vollen Vertrauen auf meine Kraft überlaſſen bin, vermag ich recht groß zu ſein. Ein begleitender Blick, der bald Unruhe, bald Betrübniß, bald Beifall, bald Todesfurcht ausſpricht, würde mir ent⸗ gegen arbeiten, und wäre es auch Dein Blick, meine Mutter! „Nein, Deine Augen ſollen mich nicht ſehen, ehe ich als verlobter Mann zu Deinen Füßen liege; denn da Eine Nacht am Bullarſee. Il. 25 386 habe ich mich nicht allein mit einem weiblichen Weſen verlobt, ſondern auch mit der Ehre, dem Geviſſen, der Pflicht und allem Höchſten, das der Schöpfer in uns ge⸗ legt hat. Dann ſollen Deine letzten Thränen, Deine Freudenthränen fließen— und die allerletzte ſchenkſt Du mir an dem Tage, da ich mit Evelyn im Brautſtuhle ſtehe... hernach keine Thränen mehr, ſondern Frieden, auf ewig Frieden! „Lebe wohl, meine Mutter! lebe wohl— Du ſollſt bald wieder von mir hören! Bete, ſegne, bete für Deinen Sohn! Sage auch der treuen Seele, unſrer Monika, daß V V V ich ihrer Gebete bedarf!... Ach, Gott wird es nicht weigern, ſo viele warme, aus reinem Herzen aufſteigende Seufzer anzunehmen! Dein Juſtus.“ Nachdem wir nun dieſe Briefe mitgetheilt haben, bleibt uns übrig, zu ſehen, wie Juſtus am folgenden Mor⸗ gen ſeinen Entſchluß, dieſelben abzuſenden, ausführte. Der Poſtbote paſſirte das Nixenthal um zwoͤlf Uhr Mittags; Juſtus wählte daher die Frühſtücksſtunde, um ſich den Beifall zu verſchaffen, ohne welchen der Brief an den Conſul Loͤwe keine geſetzliche Kraft beſaß. Leonard kam ſelbſt, um ihn zum Frühſtück zu holen. Jetzt hätte Juſtus ſeine Einwilligung ſehr leicht erhalten können; doch das taugte nicht: auch Conſtance mußte zu gleicher Zeit ihre Einwilligung ertheilen, da er ſie mit ſeinem Blicke beherrſchen konnte. Die Zuſammenkunft zwiſchen Juſtus und Conſtance an dieſem Morgen hatte äußerlich einen ruhigen und gleich⸗ gültigen Charakter. Mit geheimem Entzücken ſah Juſtus, daß ſie, die unter allen weiblichen Perſonen der Erde mit ihm am beſten zuſammen gepaßt haben würde, dieſe voll⸗ kommene Herrſchaft über ihre Geſichtszüge beſaß. Er hatte nie aber er Ausdruch der Zeit tenen C verbarg. nichts b Herrſchaf mir habe ſchaftsdie ich allein 8 en Weſen iſſen, der uns ge⸗ „ Deine henkſt Du fautſtuhle Frieden, Du ſollſt ur Deinen nika, daß es nicht fſteigende us.“ t haben, den Mor⸗ ührte. woͤlf Uhr inde, um Brief an zu holen. erhalten mußte zu r ſie mit Conſtance nd gleich⸗ h Juſtus, Erde mit dieſe voll⸗ ſaß. Er 387 hatte nicht geſehen, welche Mühe es ihr gekoſtet hatte, aber er ahnte es; und ſein Blick fiel auf ſie mit einem Ausdruck voll aufmunternder Sanftmuth, ein Blick aus der Zeit der Conventikel, ſo daß ſie eilfertig ihre erhal⸗ tenen Eindrücke hinter den herabgelaſſenen Augenlidern verbarg. „Der Tauſend!“ ſagte Leonard zu Juſtus, indem er einen recht unzufriedenen Blick auf ſeinen Teller warf, „wenn Du doch eſſen lernen wollteſt!“ „Man ißt, um zu leben— Du weißt, daß ich un⸗ möglich im Stande ſein kann, zu leben, um zu eſſen!“ „Du Schlaukopf, Dul meinſt Du denn, daß ich für nichts beſſeres lebe? Ich muß Ihnen eröffnen, meine Herrſchaften, daß Sie eigentlich allzu kleine Gedanken von mir haben!“ „Im Gegentheil habe ich ſo große Gedanken von Dir, daß ich eben jetzt die Abſicht habe, Dich um den Freund⸗ ſchaftsdienſt zu bitten, mir in einer Sache zu helfen, die ich allein nicht ausführen kann.“ „O, ergebenſter Diener! Da wage ich beinahe eine Wette auf meine neuen Mühlſteine, die ich mir anzu⸗ ſchaffen denke, alſo meine einzige kleine Phantaſie, daß es Grave, dieſen Schelm, betrifft!... Willſt Du ihn vor Gericht belangen?“ „O, pfui! In einer ſolchen Kleinigkeit könnte ich mir wohl ſelbſt helfen!“ „Ach ſo? In einer ſolchen Kleinigkeit, wie ein Pro⸗ zeß iſt, könnteſt Du Dir ſelbſt helfen? Nein, wenn es darauf los gegangen wäre, einer hübſchen Dame den Kopf zu verdrehen, da könnteſt Du Recht haben, denn das iſt für Dich eine bloße Kleinigkeit.“ „Wenn es nun aber wirklich einer hübſchen Dame gälte?“ „Dann,“ ſagte Leonard, indem er voll und herzlich lachte,„hilfſt Du Dir ſelbſt am beſten!“ „Ja, nun aber iſt nicht die Rede vom Kopfverdrehen, 388 wie Du Dich auszudrücken beliebſt, ſondern von etwas ganz anderem— mit Einem Worte, um ganz im Ernſte zu reden: ich habe an Dich und Conſtance eine Bitte, deren Erfüllung mir die größte Freude machen würde.“ Conſtance hatte das kurze, unbegreifliche Geſpräch mit der groͤßten Verwunderung angehoͤrt und bekam bei dieſen Worten das ſtärkſte, gewaltſamſte Herzklopfen. Jetzt zum erſten Male entſann ſie ſich ſeiner Worte von einem Schutzmittel, das ſtärker wäre als das Meer: ſie fühlte, wie das Blut ihre Wangen verließ und wieder dahin ſtrömte— etwas, das einer Antwort ähnlich ſah, war ihr ganz unmöglich. „Beſte Conſtance!“— Juſtus reichte ihr etwas hin, damit ſie aufblicken moͤchte, und langſam erhoben ſich die ſeidenen, ſchwarzen, langen Franſen an ihren Augenlidern: ihr Auge begegnete dem ſeinigen—„würdeſt Du wohl im Stande ſein, mir etwas abzuſchlagen, was für mich von der höchſten Wichtigkeit iſt, etwas, um das ich als um eine Gunſt bitte, weil mein längeres Hierbleiben davon abhängt... kannſt Du es mir abſchlagen?“ In ſeinem Blicke las ſie deutlich, daß ſie in der nächſten Sekunde ihr Todesurtheil vernehmen würde; doch ſtand dort eben⸗ falls eine beredte Bitte, daß ſie mit Stärke leiden möchte. „Wenn Dein Vorſchlag Leonard's Beifall gewinnt, ſo hat er auch den meinigen!“ „Das muß eine verteufelt wichtige Sache ſein, die ſo viele Präludien erfordert!— was iſt es denn?“ „Ich wollte dem Conſul Löwe den Vorſchlag machen, ſeine Tochter eine Zeitlang unter den Schutz Deiner Haus⸗ götter zu ſtellen. Er hat es mir anvertraut, Frieden und Ruhe von Neuem in ihrer Seele zu erwecken, aber mir gefällt ein langer Aufenthalt auf Oernwik nicht. Darum, weil ich mich hier aufhalte und doch einmal eine kurze Zeit geſchäftslos bin, ſcheint es mir beſſer zu ſein, daß ſie in das Nixenthal kommt. Eine Veränderung des Wohnor eifrigen Freude, alles An Leo große A „N und ſeeler ausgenon angenehn meiner G „Ja. der Henke „d ich ſchon dn etwas m Ernſte ne Bitte, würde.“ Geſpräch bekam bei fen. Jetzt on einem ſie fuͤhlte, der dahin ſah, war twas hin, n ſich die genlidern: Du wohl für mich as ich als ben davon In ſeinem Sekunde dort eben⸗ rke leiden gewinnt, ſein, die n?“ g machen, iner Haus⸗ frieden und aber mir Darum, eine kurze ſein, daß derung des 389 Wohnortes, die ungewohnte Annehmlichkeit, daß ſie den eifrigen Ermahnungen der Mutter entgeht, nebſt der Freude, ihre Conſtance zu ſehen, ſind ihr nützlicher als alles Andre. Leonard heftete ein Paar große, ein Paar ungeheuer große Augen auf Juſtus.„Iſt das Dein Ernſt?“ „Das hörſt Du wohl!“ „Nun ſo hol's der...“— Leonard blinzelte ſchlau und ſeelenvergnügt—„wenn ich in meinem ganzen Leben, ausgenommen damals, als meine Herzensgeliebte Ja ſagte, angenehmere Worte gehört habe! da ſie dieſe Sache ſchon meiner Entſcheibung übergeben hat, ſo iſt dieß gewiß der letzte Vorſchlag, zu welchem ich Nein ſage! Ich denke, es wird meiner Conſtance beinahe eben ſo viel Vergnügen machen, wie Dir ſelbſt.“ „Ja, ungefähr!“ „Ja, ja, das konnte ich mir wohl denken!... Ja, der Henker hol's! ich will mich herausputzen, und mich richtig adoniſiren!... Du wirſt doch wohl nicht eifer⸗ ſuchtig, mein Feinsliebchen?“ „Nein, Du bleibſt mir dennoch wohl treu!“ Und Conſtance lächelte— oder war das, was ihre Lippen trennte, eine krampfhafte Bewegung? „Werden aber wohl die Eltern und die gnädige Schwie⸗ germutter und die kleine Freiherrin ſelbſt darauf eingehen? Was meinſt Du, Juſtus?“ „Ganz beſtimmt glaube ich das— ſonſt hätte ich es nicht vorgeſchlagen!“ „Nun dann mag ſie kommen je eher, je lieber!.. Wann ſchreibſt Du?“ 3 „Da ich Eures Beifalles beinahe gewiß war, ſo habe ich ſchon geſchrieben. Doch, beſte Conſtance, ich glaube faſt, daß meine Einladung nicht die gehörige Form hat, ohne daß Du eine Zeile in das Brieſchen an Evelyn mit einfließen läſſeſt!“ 4 „Ja, ja, macht ihr das miteinander ab, Kinder! Wir 390 reden heute Mittag mehr darüber, wenn ich wieder komme; ich muß mit beim Kartoffelaufnehmen ſein— die Leute ſind ſo ſakramentiſch nachläßig, wenn man nicht mit dabei iſt!“ „Aber,“ wendete Juſtus ein— ſie waren ſchon von Tiſch aufgeſtanden—„das iſt bald gethan: wenn Con⸗ ſtance die Güte haben wollte, dieſe Zeile zu ſchreiben, ſo könnteſt Du die Briefe nach Norrtorp mitnehmen, wo der Poſtbote vorbei kommt!“ Und Juſtus, welcher Urſache hatte, zu fürchten, daß der Brief gar nicht mitkommen würde, wenn er mit Conſtance allein bliebe, ehe er abgeſchickt wäre, zog ihn ſchnell aus der Taſche, entfaltete das kleine Billet an Evelyn und legte es auf den Tiſch vor Conſtance. Leonard ſchaffte Feder und Tinte herbei. „Lies!“ bat Juſtus leiſe. Conſtance bewegte verneinend das Haupt, ohne den Blick zu erheben, und ſobald Leonard das Schreibzeug auf den Tiſch geſtellt hatte, tunkte ſie ſogleich unter dem Ein⸗ fluße der vereinten Stärke der Verzweiflung und des Ver⸗ druſſes die Feder ein und ſchrieb auf die Rückſeite: „Komm, geliebte Evelyn! Ich vereinige meine Bitten mit meinem Schwager, und mein Mann die ſeinigen mit mir— komm zu Deiner Conſtance.“ „Dank, herzlichen Dank!“ ſagte Juſtus ungezwungen. „Jetzt iſt das Document vollſtändig!“ „Ja,“ antwortete ſie, indem ſie das Licht anzündete, „jetzt iſt es vollſtändig.. Das Siegellack, beſter Leonard!... Jetzt aber koͤnnen die Herren ſich wohl ſelbſt helfen: ich braue heute und muß hinab in das Brau⸗ haus!“ Sie warf ein Tuch um die Schultern und war verſchwunden, ehe Leonard ſich einen Kuß ſtehlen konnte, „So gib denn den Brief her!... Hörſt Dul dieß iſt gewiß das klügſte von allem, was Du in Deinem Leben gethan haſt: das kann alle Deine Tollheiten wieder gut machen!“ „S genbraue „/ ich nicht weiß, we die noch unter Bu ſprünge! „Je zu glaub Verſprich willſt, w den Sof welches gingen, Conſtanc Da er komme; Leute ſind dabei iſt!“ ſchon von benn Con⸗ reiben, ſo n, wo der chten, daß Conſtance ſchnell aus velyn und erd ſchaffte „ohne den eibzeug auf dem Ein⸗ d des Ver⸗ eite: eine Bitten einigen mit ance.“ gezwungen. anzündete, ack, beſter ſich wohl das Brau⸗ und war len konnte. Dul dieß n Deinem eiten wieder 391 „Schlage dieſe Saite nicht an!“ Juſtus zog die Au⸗ genbrauen zuſammen. „Was zum T ſoll ſie ſonſt hier? Denkſt Du, daß ich nicht ſo viel Feingefühl und Verſtand habe, daß ich weiß, was ſich ſchickt, wenn von einer Frau die Rede iſt, die noch nicht drei Monate Wittwe geweſen iſt? Doch unter Brüdern— ſo ſo! mache nun nur keine Seiten⸗ ſprünge!— bekenne die Karte, ſo biſt Du mich los!“ „Ich bekenne nichts, kann Dich aber nicht hindern zu glauben, was Du willſt— und damit Punktum! Verſprich mir nun, daß Du hierüber nie wieder anfangen willſt, weder bei mir, noch bei Conſtance!... Du mußt verſtehen“.. „Ja, behüte, ich verſtehe alles, und will kein ehrlicher Kerl ſein, wenn ich nicht alles thue, was in meinen Kräf⸗ ten ſteht, daß es ihr bei uns im Nixenthale gefällt!“ Die Brüder gaben einander einen treuherzigen Handſchlag, und trennten ſich— Leonard mit den Briefen in der Taſche. Als er hinweg war, da taumelte Juſtus beinahe auf den Sofa hin und bedeckte mit den Händen das Geſicht, welches jetzt ohne Maske war. Siebenunddreißigſtes Kapitel. Dieſer Tag, ſowie auch einige darauffolgende ver⸗ gingen, ohne daß Juſtus Gelegenheit finden konnte, mit Conſtancen ein vertrauliches Wort zu wechſeln. Das kam nicht daher, daß es nicht jetzt eben ſo gut wie ſonſt hätte Gelegenheit dazu geben ſollen; aber Con⸗ ſtance hatte draußen ſo unendlich viel zu thun, und fand 392 überdieß ein ſo ungemeines Vergnügen daran, in den ſchö⸗ nen Herbſttagen mit Leonard auf das Kartoffelfeld zu gehen, daß ſie faſt nie im Zimmer war. Juſtus lachte bitter in ſeinem Innern. Jetzt kamen wieder einige Tage, an denen Juſtus in die Waͤlder floh. War ſie ſo ſtolz, daß ſie es über ſich vermochte, dem letzten, dem einzigen Glücke zu entſagen, welches ſie noch von dem Leben, von ihrer Liebe erhalten konnten, ſo war ſie ſtärker als er; doch es ziemte ihm nicht, ſchwächer zu ſein als ſie. An einem Tage ſchlug Leonard vor, Juſtus ſollte mit ihm zum Oberpfarrer kommen. Und als es Abend wurde, da ſah Conſtance ihren Mann allein zurückkehren. Mit großer Freude verkündigte Leonard, die beiden Herren hätten ſich gegenfeitig ſo ſehr gefallen, daß Juſtus ohne viele Umſtände ſich hätte überreden laſſen, einige Tage dort zu bleiben. „O, das iſt ſehr angenehm,“ ſagte Conſtance,„daß er hier in der Einſamkeit eine ſo angenehme Geſellſchaft finden konnte!— ich hoffe, er wird ſich dieſer Gelegen⸗ heit oft bedienen.“ „Das kannſt Du glauben, wird er gewiß nicht unter⸗ laſſen!... Doch Du biſt ſo blaß, mein Blümchen, und Dich friert auch: Du erkälteſt Dich, wenn Du ſo oft in den Herbſtwind gehſt!“ „Wenn mich auch ein wenig friert, ſo hat das nichts zu bedeuten— Du ſiehſt es ja ſogar gerne, daß ich mit auf Deine Arbeit ſehe.“ „Ja, Du mein Herr und Gott! gewiß meine ich, es iſt die hoͤchſte Freude in der ganzen Welt; aber ich ver⸗ ſichere Dich, mein Herzchen, Du erkälteſt Dich!... Sieh, Du zitterſt ja wie ein Espenlaub; und geſtern, obgleich Du nichts davon wiſſen wollteſt, hatteſt Du Fieber!“ „Ich will mich zeitig zu Bette begeben!“ Als ſie ſich aber gelegt hatte, und Leonard ruhig und glücklich an ihrer Seite ſchlummerte, da rang ſie die weißen Schnup moͤchte erben 1 Dr waren an welc Billet Antwort mit: da Lec vor dem außerord ſend Gri 393 mden ſchoͤ⸗ weißen Händchen, da biß ſie in das zuſammengerollte ffelfeld zu Schnupftuch, damit ihr Schluchzen nicht zu hoͤren ſein moͤchte; da rief ſie in ihrem Herzen:„Herr, Herr, laß mich ſterben! Meine Pein brennt meine Seele, bis ſie vertrocknet!“ Juſtus imn Drei Tage blieb Juſtus aus. Als er zurückkehrte, über ſich waren im Ganzen neun Tage ſeit demjenigen verfloſſen, entſagen, an welchem Conſtance die bedeutungsreichen Zeilen in das e erhalten Billet an Evelyn geſchrieben hatte. Heute konnte die lemte ihm Antwort darauf kommen, und Juſtus ſelbſt brachte ſie mit: das Poſtfelleiſen kam immer erſt auf den Pfarrhof. ſollte mit Leonard und Conſtance ſaßen häuslich und vertraulich nd wurde, vor dem Abendfeuer, als Juſtus eintrat. Er war ganz ren. Mit außerordentlich blaß, aber dennoch ruhig und reſignirt.„Tau⸗ ren hätten ſend Grüße vom Propſte und tauſend Grüße von Oernwik!“ e Umſtände„Aha! von Oernwik!“ rief Leonard aus;„jetzt Feins⸗ bleiben. liebchen, erfahren wir, ob Du bald eine angenehme Ge⸗ ance,„daß ſellſchaft bekommſt!“ Geſellſchaft„Ich laſſe Euch den Brief, oder vielmehr die Briefe Gelegen⸗ hier: es war kalt unterweges, und ich befand micht ganz wohl; daher gehe ich hinauf und lege mich zu Bette.“ icht unter⸗„Darf ich Dir nicht erſt noch ein Glas warme Milch nchen, und oder eine Taſſe Chokolade anbieten?“ fragte Conſtance ſo oft in mit einem halben Blicke. „Danke, gute Conſtance!— wollteſt Du die Gäte das nichts haben, ſie hinaufzuſchicken?“ Er grüßte und ging. aß ich mit Leonard hatte ſchon den Brief entfaltet; und nachdem er das Schreiben des Conſuls durchlaufen hatte, welches ine ich, es in wenigen, aber freundſchaftlichen Worten ſeine Dankbar⸗ r ich ver⸗ keit ausdrückte, ſo kam der Brief der Frau Conſulin an ich!... die Reihe; Leonard las denſelben Conſtance laut vor, welche nd geſtern, vor dem erloͤſchenden Scheine des Feuers gleich einem u Fieber!“ Schemen auf dem eignen Grabe da ſaß. „Höre nun zu, mein Herz!“ ard ruhig 4 ing ſie die„Mein beſter, vortrefflicher Herr Magiſter Carleborg! Ich kann nicht unterlaſſen, in dieſer ſenſitiven Sache 394 „(was der Tauſend! bedeutet denn das?“ rief Leonard da⸗ zwiſchen; da jedoch Conſtance nicht antwortete, ſo fuhr er fort:—)„eine Pflicht zu finden, für die ich es mir ſelbſt ſchuldig bin, eigenhändig meine Dankbarkeit abzuſtatten, ſowohl für Ihr brüderliches und unbeſchreiblich intereſſan⸗ tes Anerbieten, als auch für die delikate Freundſchaft der Herrſchaften Carleborg, meiner Tochter, der Freiherrin, eine ſo agreable Zerſtreuung in ihrer Betrübniß anzutragen, „Ich erkenne und ſchätze vollkommen Conſtance's Fein⸗ gefühl, nicht ſelbſt an mich zu ſchreiben: ſie, die ſtets ſo delikat geweſen iſt, will auf meinen Beſchluß nicht ein⸗ wirken; doch ſo unbeſchreiblich ſerupuleuſe ich auch bin und natürlicherweiſe ſein muß, wenn von der Wahl eines fremden Aufenthaltsortes für Evelyn die Rede iſt— etwas, das unumgänglich nothwendig war— ſo ſollte Conſtance, die mich kennt, dennoch überzeugt ſein, daß ich nimmer⸗ mehr eine Offerte in Betreff ihres und ihres Gemahls Hauſes abgeſchlagen haben würde. „Ich erſuche Sie, Herr Magiſter, Ihrem Herrn Bru⸗ der und Ihrer Schwägerin ſowohl meine als der Frei⸗ herrin Ebba vereinte Dankbarkeit mitzutheilen. Und nun, mein beſter, wertheſter Herr Magiſter Car⸗ leborg, ein Wort à part unter alten Freunden! Sein Sie überzeugt, wenn irgend jemand Ihr Attachement für Evelyn ſentirt, ſo bin ich es, und ich halte mich überzeugt, daß mein Erſtaunen bei ihrer Rück⸗ kehr ohne Grenzen ſein wird. Sie hat vieles von der Muſik vergeſſen: ſie ſpielt nie— und von den Sprachen will ich gar nichts ſagen; doch ſehen ſie wohl ein, wie unbedingt nothwendig das alles für eine junge, vornehme Wittwe iſt. Wenn das Trauerjahr zu Ende iſt, ſo muß ſie ſich ohne Frage in der Welt zeigen; und da ich, ohne ſchmei⸗ cheln zu wollen, keinen Menſchen weiß, der einen beſſern, feineren und ungezwungeneren Ton hat, als Sie, Herr Magiſter, ſo erwarte ich die ſuperbeſten Reſultate von dem Umgang Tournür Ihren C wie Eve nen zlie offe, ſo bfig hinbring fes die begleiten barras A Empfan „N „N ſie hält bringen, erloſche Di onard da⸗ ſo fuhr er mir ſelbſt bzuſtatten, intereſſan⸗ dſſchaft der Freiherrin, nzutragen. ace's Fein⸗ ie ſtets ſo nicht ein⸗ auch bin Zahl eines — etwas, Conſtance, nimmer⸗ Gemahls errn Bru⸗ der Frei⸗ ſne Car⸗ nand Ihr ein, wie vornehme uß ſie ſich ne ſchmei⸗ en beſſern, bie, Herr evon dem 395 Umgange einiger Monate mit Ihnen. Geben Sie ihr die Tournüre, die Eleganz, die Grace, die ein Mann mit Ihren Gaben einer Dame geben kann, die ſo weich iſt, wie Evelyn, wenigſtens gegen ihren Bruder— Sie kön⸗ nen alles aus ihr machen!— und wird ſie ſo, wie ich hoffe, ſo zählen Sie auf meine ewige, unbegrenzte Ver⸗ bindlichkeit. David ſelbſt wird unſere kleine Freiherrin hinbringen und drei Tage nach dem Abgange dieſes Brie⸗ fes die Reiſe antreten. Ich würde ſelbſt meine Tochter begleiten; da ich aber fürchte, Conſtancen allzu viel Em⸗ barras zu machen, ſo ſtehe ich davon ab. A revoir, mein beſter Herr Magiſter Carleborg! Empfangen Sie ſchon jetzt die Dankbarkeit einer Mutter! Nelly Löwe.“ „N. S. Evelyn reiſ't gewiß ſehr gerne.“ „Nun, das war mir ein verteufelt beſeſſener Brief: ſie hält Juſtus für einen Gott!... alſo ſchon übermorgen!“ „Das iſt keine lange Zeit, um alles in Ordnung zu bringen,“ ſagte Conſtance mit ſchwacher, man könnte ſagen, erloſchener Stimme;„doch es ſoll ſchon gehen!“...... Die kleine Antwort von Evelyn an Juſtus enthielt nur folgende Worte: „Du willſt es, mein Bruder— und was Du wlllſt, das iſt mir lieb und theuer. Auch Conſtance will es... Max wird nicht boͤſe darüber: ich komme.“ Am folgenden Vormittag— Conſtance war allein in der Sternkammer und lag dort aufgelöſ't in Gebet und in Thränen— klopfte es leiſe an der Thür. Sie wollte„Nein“ rufen, aber ſie vermochte es nicht; ſie wollte aufſtehen, aber ſie vermochte auch das nicht. Es klopfte von Neuem.„Willſt Du, daß ich gehen ſoll?“ erſchallte Juſtus' Stimme aus dem äußern Zimmer. 396 „O Gott!“ Er wartete keine andere Antwort ab, ſondern trat ein; aber auf der Schwelle blieb er unbeweglich ſtehen, ergrif⸗ fen von ſeiner gewaltſamen, faſt unbezwinglichen Gemüths⸗ bewegung, als er ſah, wie ſie mit dieſer höchſten Angſt des Schmerzes ihm ihre Hände entgegen ſtreckte— der ſtrahlende Glanz der ſchwarzen Augen in einen feuchten Schleier gehüllt, die Wangen erröthend von den Flammen der Liebe, der Eiferſucht und der Furcht.... Er verſank in ihrer Anſchauung. Doch die Gluth, welche in ſeinem Auge brannte, gab ihr Kraft; ſie erhob ſich und wollte gehen. Er hielt ſie zurück.„Bleibe einen Augenblick; nur ſo lange, daß Du mir antworteſt, ob Du nicht eine Erklärung nothig haſt, ob Du nicht noͤthig haſt, einen Hauch von dem hoͤchſten Lebensglücke zu fühlen!“ „Die Erde hat kein Glück!“ „Hat ſie nicht? Wagſt Du das zu läugnen?“ Er griff nach ihrer Hand, ſchloß dieſelbe in die ſeinigen und ließ ſeinen Blick, das unausſprechliche Geheimniß der Liebe abſpiegelnd, in den ihrigen ſinken. Sie zitterte und ſchauderte. „Siehſt Du, ſtehſt Du! Jetzt weigern Deine Spiegel ſich nicht, mein Bild in ſich aufzunehmen!... O Con⸗ ſtance, o Du gefährliches, anbetungswürdiges Weib, das mir ſo viel Glückſeligkeit geſchaffen hat und ſo viel Elende — ſeine Stimme wurde tiefer, ſie war faſt erſtickt— „Du biſt mir dennoch etwas ſchuldig: Du biſt ſchuldig, mir jeden Augenblick zu ſchenken, der uns gehören kannz ich werde ihn nicht mißbrauchen!“ „Der Meiſter!“ „Ja, rufe ihn nur an: er wird ſich gewiß nicht hin⸗ wegwenden von denen, die lieber ihre Leiber opfern und auf dem Scheiterhaufen verbrennen wollen, als ihre Seelen!“ „Auf dem Scheiterhaufen verbrennen 2“ „Ja, bis zu Aſche! Setze Dich hier neben mich. entſprun 4 Du fürch Tage des Tage, an haben wir Conf „Wi mich das in ſeine den Blu 397 2 Du fürchteſt Dich ja nicht?— Du darfſt nicht ängſtlich ntrat ein; ſein! Siehſt Du denn nicht, was ich vermag 2“ hen, ergrif⸗„Ja— aber... mein Gatte.“.. Gemüths⸗„Dein Gatte? was ſtehlen wir ihm? Kann er je sſten Angſt erhalten, was mein iſt? Will ich rauben, was ihm ge⸗ kte— der hört?" en feuchten Ihr Haupt ſank auf die Bruſt herab— ſie konnte Flammen nicht widerſtehen... ſie ſaß neben ihm. Er verſank„Sage mir nun, warum Du ſeit der Abſendung der Briefe nicht mit mir haſt reden wollen?“ annte, gab„O, wie kannſt Du fragen?“ r hielt ſie„Um zu erfahren, ob es aus einem Deiner unwür⸗ „ daß Du digen Verdruſſe, aus Eiferſucht oder aus Mißtrauen zu öthig haſt, uns ſelbſt geſchehen iſt.“ n hoͤchſten„Ich weiß nicht, fürchte aber aus etwas von allem!“ „Du haſt übel gethan; Du haſt unſerm Leben neun Tage des ſeligſten, innigſten Vertrauens geraubt— neun en?⸗ Er Cage, an denen wir hätten glücklich ſein können, und doch inigen und haben wir ſo wenige Tage für unſre Glückſeligkeit übrig!“ 3 der Liebe Conſtance ſeufzte bitter. „Wie konnteſt Du verdrießlich werden, daß ich durch übermenſchliche Anſtrengungen mir den Entſchluß erkämpfte, ne Spiegel der uns retten muß? Verſtandeſt Du nicht recht, wie viel . O Con⸗ mich das koſtete? Weißt Du, wie viele Tage des Kampfes, Weib, das wie viele Nächte voller Todespein?... Conſtance, Con⸗ diel Elende ſtance, Du ſollteſt mir danken!... Doch Du biſt nicht erſtickt— in dem Abgrunde der Hölle geweſen— Du verſtehſt nicht, t ſchuldig, was ich gelitten habe!“ en kannz„Ich ſollte Dich nicht verſtehen, ich?“ Ihr Auge öffnete ſich gegen ihn mit einem blitzenden Feuer, mit einem Sternfall, der in ſeinem Herzen brannte. nicht hin⸗ Er machte eine plötzliche Bewegung, als wollte er ſie pfern und in ſeine Arme ſchließen; doch indem ein Erbleichen auf Seelen!“ den Blutſtrom folgte, der plötzlich auf ſeinen Wangen 16 entſprungen war, ließ er die Arme ſinken— ein Zug voll m. 4* 3 398 wilden Schmerzes verzerrte einige Secunden lang ſeine ſchoͤnen, harmoniſchen Züge. Conſtance verſtand aus ihrer eigenen Bewegung voll⸗ kommen, was er empfand— o, wie ehrte und bewunderie ſie dieſe Selbſtbeherrſchung!... Noch einmal wollte ſie ſich entfernen. „Es iſt vorüber!“ ſagte er leiſe.„Berlaß mich nicht! Ich weiß, daß Dein Herz etwas erfahren will— es muß ja doch einmal ausgeſprochen werden!“ „Hat denn nicht“— Conſtance hielt inne; dieſe Worte verurſachten ihr eine unerhörte Pein—„Deine Einladung an ſie genug geredet?“ „Du verſtehſt ſie alſo vollkommen?“ „Vollkommen!“ „Verſtehſt Du denn auch, warum es hier unter Dei⸗ nen Augen geſchehen muß?“ „Um mir Gelegenheit zu geben, unter langſamer, täg⸗ lich erneuerter Tortur meine unausſprechliche Sünde zu verſöhnen... ich glaube auch, daß dieſes Opfer den Herrn verſoͤhnen wird!“ Juſtus betrachtete ſie mit Bewunderung, mit glühen⸗ dem Entzücken.„Ach!“ rief er aus,„das war ein Ge⸗ danke, der die nahe Verwandtſchaft zwiſchen unſern Seelen beweiſt, obgleich Du ihn eher aufnahmſt als ich— und ſo wollen wir unſer gemeinſchaftliches Opfer betrachten, aber zu gleicher Zeit auch ſo, wie ich es meinte, nämlich als einen Freibrief zu dem Rechte, gegen alle Pein, wel⸗ cher wir uns unterwerfen, jeden Tropfen von Glückſeligkeit, den wir uns ſtehlen können, aufzuſuchen... Verſprichſt Du mir das?“ 4 „Welche Tropfen von Glückſeligkeit koͤnnen noch übrig ſein, wenn ich täglich ſehe... ſie... ol“ Sie ſchüttelte den Kopf mit ernſtem Mißtrauen. „Sehe ich denn nicht täglich Deinen Gatten? Doch was iſt das für eine Kleinigkeit! Sehe ich ihn nicht unter meinen Augen, indem mein Herz von den unerträglichen, verheerend Gunſtbeze Ich erſtar vermag ic was er er Blicke, d Schauder, nige berül Conf „Wil vermag? ten entſche reiten... „Mei „Um das Herz nicht gelin Werkzeug ſtance! er in welchen bin darin fordert ihr fordern.“ Con Schwärm ger, heilig 399 lang ſeine verheerenden Qualen der Eiferſucht erzittert, alle dieſe Gunſtbezeugungen fordern, die Du ihm nicht weigern darfſt? gung voll, Ich erſtarre vor Kälte, ich brenne vor Hitze, und dennoch bewunderte vermag ich es zu ertragen, weil ich weiß, daß dasjenige, llte ſie ſih was er erhält, Armuth iſt im Vergleich mit dem einzigen Blicke, den Du mit mir austauſcheſt, mit dem einzigen nich nicht! Schauder, der Dich durchbebt, wenn meine Hand die Dei⸗ — es muß nige berührt.“ Conſtances Auge war geſenkt— ſie fand keine Antwort. hieſe Worte„Willſt Du nicht auch verſuchen, was Deine Kraft Einladung vermag? Du ſollſt nicht ſehr leiden; wir wollen den letz⸗ ten entſcheidenden Schlag langſam, ſehr langſam vorbe⸗ reiten... dann“... „Dann?“ ſtotterte Conſtance todtenbleich. unter Dei⸗„Dann reiſe ich eine Zeitlang!“ „Auf die Miſſion?“ imer, täg⸗„Keine Miſſion! Der letzte Enthuſiasmus in meiner Sünde zu Seele iſt ausgebrannt— die Leidenſchaft hat ihn verheert!“ den Herrn„Mein Gott, mein Gott!— wozu hat denn alles genützt?“ it glühen⸗„Um uns zu zeigen, wohin die Religionsſchwärmerei r ein Ge⸗ führen kann, wenn ſie auf lauter Irrſchein, auf Sophismen ern Seelen und auf dem wahnſinnig berauſchenden Glauben ruht, daß ch— und Er, der die Liebe und Güte iſt, von uns als einen Be⸗ betrachten, weis unſrer Treue und Kraft in ihm fordert, daß wir uns , nämlich das Herz aus der Bruſt reißen ſollen, und wenn uns dieſes gein, wel⸗ nicht gelingen will, daß es dann unſre Pflicht iſt, das ckſeligkeit, Werkzeug der Seele zu peinigen und zu ermatten. Con⸗ prichſt du ſtance! er iſt ſchwarz, tief, ja unermeßlich, der Abgrund, 4 in welchen die Religionsſchwärmerei uns werfen kann; ich noch übrig bin darin geweſen... hüte Dich vor dieſem Sturze! Gott ſchüttelte fordert ihn nicht— nur unſer eigner Wahnſinn kann ihn fordern.“ n? Doch Conſtance war todtenbleich.„Alſo wäre es nur eine icht unter Schwärmerei, ein Rauſch geweſen, dieſer Zuſtand von ſeli⸗ räglichen, ger, heiliger und großer Begeiſterung, dieſe Verſchmelzung — 400 mit Gott, dieſe innige Nähe bei ihm? Ich bitte Dich, ſage nicht Ja— ſage nicht Ja; denn dann hat meine Seele gar keine Stütze mehr!“ Juſtus ſah ihre unausſprechliche Angſt, und ſeine Seele empfand dieſelbe nicht weniger— er konnte nicht ant⸗ worten. Da ſank Conſtance zu ſeinen Füßen, umfaßte ſeine Knie und bat in wildem Taumel:„Täuſche mich, wenn Du es willſt, nimm mir aber nicht meinen Glauben; denn da“— ſie ſtreckte den einen Arm gen Himmel, während ihre großen ſchwarzen Augen von einem unnatürlichen Feuer brannten, und wie zwei Sonnen flammten, deren Strahlen zuſammengefloſſen waren—„da fordere ich Dich dort oben zu einer ſtrengen Rechenſchaft!... Doch Du kannſt das nicht— o nein, nein!— Du kannſt das nicht, denn Du weißt wohl, daß ich dann gar keinen Schutz mehr habe, nichts... ach, nicht das allergeringſte, womit ich mich vor mir ſelbſt verbergen kann!“ „So verbirg Dich denn, Du Arme, bei ihm, der Dein Gott war; er wird Dich bedecken mit dem Schilde ſeiner Liebe und ſeiner Stärke! Wirf einen Blick hinter Dich in die entflohene Zeit; war es der Meiſter oder der Jünger, den Du in meinen Zuſammenkünften ſuchteſt? War es der Meiſter oder der Jünger, den Du in den Worten anbeteteſt, die meine Lippen verkündigten? War es der Mei⸗ ſter oder der Jünger, für den Dein Herz vor himmliſcher, unſäglicher Seligkeit ſchlug, wenn wir unſre Bibelſprüche austauſchten?. Verbirg Dich, ja, verbirg Dich vor Dir ſelbſt, denn ich, ich war Dein Gott, Dein Henker, Dein unglückliches Schickſal, und das wareſt Du mir ebenfalls — unſre Seelen ſind unauflösbar mit einander vereint!“ Ein Ausruf, nur ein einziger, nicht laut, nicht ſchnei⸗ dend, aber ein Ausruf, in welchem tauſend Wehe lagen, ſchlich ſich über Conſtances Lippen— darauf ſchloßen ſich ihre Augen; ſie lag ohne Bewegung zu den Fußen ihres Geliebten. Da rien, di ſein Blu dem ſchoͤ men geſe die Thür Sees. Wahnſin als hörte was haſt Erm will die ich anger nur ihre Es ſchwarzer nicht er l Gebüſche lich der d cognito zu hatte; C auf dieſen Eini Lauernde ein vom eilt. Ba Entfernur — ihre 2 doch der gethan ha Baume, Grat ſchiedenar wußte nic „Co. Eine Nac itte Dich, hat meine eine Seele nicht ant⸗ faßte ſeine ch, wenn ben; denn während hhen Feuer Strahlen dort oben kannſt das denn Du nehr habe, t ich mich ihm, der m Schilde lick hinter r oder der teſt? War en Worten 's der Mei⸗ immliſcher, zibelſprüche ch vor Dir kker, Dein r ebenfalls vereint!“ nicht ſchnei⸗ Zehe lagen, hloßen ſich füßen ihres 401 Da erwachten in Juſtus' Seele alle gebundenen Fu⸗ rien, die Leidenſchaft ſtürmte, raſte, brannte wild durch ſein Blut— ſeine Augen wollten ſich nicht losreißen von dem ſchoͤnen Weibe, das jede Fiber ſeines Weſens in Flam⸗ men geſetzt hatte. Plötzlich aber ſtürzte er hinaus, ſchlug die Thür zu und floh an die kühlenden Ufer des Bullar⸗ Sees. Dort lief er eine Weile auf und ab gleich einem Wahnſinnigen, ſeine Sinne waren verwirrt— es war ihm, als hörte er Gottes Stimme in den Wolken:„Kain, Kain! was haſt Du gemacht mit Deinem Bruder 24 Ermattet ſank er endlich unter den Bäumen hin.„Was will die Stimme?... Bin ich nicht geflohen 2... Habe ich angerührt, was ihm gehörte 2... Nein, nein, ich habe nur ihre Seele genommen, und dieſe war längſt mein!“ Es rauſchte hinter ihm in dem Tannengebüſch. Ein ſchwarzer Vogel ſchwang ſich über die Baumgipfel; doch nicht er hatte das Geräuſch veranlaßt; in dem dichteſten Gebüſche ſtand ein anderer ſchwarzer Gegenſtand— näm⸗ lich der Fürſt der Finſterniß, welcher, um noch mehr in⸗ cognito zu ſein, die Geſtalt eines Bußpredigers geliehen hatte; Graves Geſicht grinzte hinter den Zweigen, und auf dieſem Geſichte ſtand zu leſen:„Du biſt bald mein!“ Einige Zeit verfloß. Da vernahm der auf Raub Lauernde einen ſchnell näher kommenden Laut, wie wenn ein vom Jäger verfolgtes leichtes Wild durch den Wald eilt. Bald ſah er eine weibliche Geſtalt, welche in einiger Entfernung von dem Orte, wo Juſtus lag, zu Boden ſank — ihre Augen konnten ſie einander nicht verrathen haben; doch der Inſtinkt oder die bangen Athemzüge mußten das gethan haben; denn Juſtus fuhr empor und nahte dem Baume, unter welchen ſie geflohen war. Grave ſpannte ſeinen Blick; er zitterte von den ver⸗ ſchiedenartigſten Gefühlen; er erwartete eine Liebesſcene und wußte nicht, ob er ſeinen Augen, ſeinen Ohren trauen ſollte. „Conſtance!“— woher nahm Juſtus dieſe einſchlä⸗ Eine Nacht am Bullarſee. Ul. 26 4⁰² fernde Ruhe in ſeiner Stimme? Woher die Macht über das noch vor einem Augenblicke ſo gewaltſame Spiel ſeiner Geſichtsmuskeln?—„Conſtance! was Du gelitten haſt und noch leideſt, das habe ich längſt gelitten; doch es war meine Pflicht, da ich die Binde vor Deine Augen gebunden hatte, ſie auch zu löſen; ich will wieder gut machen, was ich verdorben habe; ich will Dir einen beſſern, einen ſiche⸗ ren Weg zeigen; durch mich ſollſt Du den wahren, großen Gott kennen lernen, welcher Raum hat für alle reuigen Sünder! Deine Sünde, Conſtance, iſt eine Täuſchung über den Zuſtand Deiner Seele geweſen; Du haſt geglaubt, das ewige Leſen, das ewige Beten würde Dich rein waſchen, Ein Seufzer aus der Tiefe des Herzens iſt ein hinlänglich langes Gebet, wenn wir mit Gott reden; ein Blick, der hinaufſchwebt zu ſeinem Thron, kehrt zurück mit einem Friedenshauch von ihm, wenn der Seufzer nicht bloß aus reinen Lippen kommt, ſondern auch aus einer reinen Seele, und der Blick aus einem Auge, das ſich zu ihm zu erhe⸗ ben wagt... und das wagt Dein Auge, denn Dein Ge⸗ wiſſen iſt rein von Schuld, Dein Wille iſt ſtark in den guten Werke, und durch dasjenige, was Du gelitten haſt und noch leiden wirſt, biſt Du ihm theuer; er wird ſich Deiner erbarmen, und Du wirſt ihm nahe ſein, doch nicht länger in einer fanatiſchen Begeiſterung— das will er nicht— ſondern in einfältigem, lebendigem Glauben und in der feſten Hoffnung, daß er nie, nein nie, ſich dem Krchenden verbirgt, ſondern ihm die offenen Arme entgegen reckt.“ „Du glaubſt alſo“— Conſtances Blick erhob ſich langſam erſt empor zum Himmel und dann zu ihm, deſſen Worte die brauſenden Wogen in ihrem Innern zu beſanf⸗ tigen begannen—„Du glaubſt alſo, daß ich es wagen darf, ihn ſo zu ſuchen?“ „Wage Du das vertrauensvoll! Fühlſt Du nicht ſchon an dem Umſtande, daß Du und ich mit reinem Gewiſſen im Stande ſind, dieſe heiligen Gedanken mit einander aus⸗ zutauſche den Sien „Ac ger täuſc dieſe Gen einmal v den Ober redung n ihr wilde löſt haben 4 Sie ſpräches Gra war nicht auf ſeiner Als ſpringen 7 Kacht uͤber Spiel ſeiner litten haſt och es war n gebunden achen, was einen ſiche⸗ een, großen lle reuigen ſchung über glaubt, das n waſchen. hinlänglich Blick, der mit einem t bloß aus inen Seele, m zu erhe⸗ Dein Ge⸗ ark in dem elitten haſt w wird ſich doch nicht as will er lauben und „ſich dem ne entgegen erhob ſich ihm, deſſen zu beſänf⸗ des wagen nicht ſchon n Gewiſſen nander aus⸗ 403 zutauſchen, wie Er über uns ſchwebt? Ihm verdanken wir den Sieg, welchen wir erkämpft haben!“ „Ach, ich glaube Dir! Da Du Dich ſelbſt nicht län⸗ ger täuſcheſt, ſo kannſt Du auch mich nicht täuſchen— dieſe Gedanken, dieſe reinigenden Lehren ſind mir ja ſchon einmal von würdigen Lippen genaht!“— Sie dachte an den Oberpfarrer und an den Grund, welchen die Unter⸗ redung mit ihm gelegt hatte, ein Grund, ohne welchen ihr wilder Schmerz, ihr Zittern ſich ſo ſanft nicht aufge⸗ loͤſt haben würde. Sie kehrten langſam unter der Fortſetzung ihres Ge⸗ ſpräches in das Wohnhaus zurück. Grave ſchlich davon. Er ſchüttelte den Kopf— er war nicht zufrieden; die getäuſchte Hoffnung ſtand gemalt auf ſeinem Geſichte. Achtunddreißigſtes Kapitel. Als unnöthig für das Ende unſrer Erzählung über⸗ ſpringen wir die erſten Tage nach Evelyns Ankunft, ſo wie auch den Beſuch und die Abreiſe des Conſuls Löwe— ſei es genug, darüber zu ſagen, daß Juſtus den guten Conſul vollkommen zufrieden ſteklte, daß dieſer ſich ſo wohl fühlte in dem kleinen, angenehmen Hauſe im Nirenthale, ſo vor⸗ trefflich unterhalten war von Leonards Geſellſchaft und ſo bezaubert von Conſtances Häuslichkeit und ungekünſtelter, herzlicher Aufmerkſamkeit, daß er ſich mit wirklichem Schmerze nach einem viertägigen Aufenthalte zur Ruckreiſe anſchickte. 2 Evelyn war kindlich entzückt über alle Gegenſtände in und außer der Wohnung ihrer Jugendfreundin, und 404 verſicherte ihren Vater in der Abſchiedsſtunde, da ſie un⸗ geſtört ihre Gedanken über ihren hieſigen Aufenthalt aus⸗ tauſchten, daß ſie ſich hier gewiß glücklich fühlen würde. Mar hatte oft von ſolchen herrlichen Gebirgsgegenden er⸗ zählt, wenn er von ſeiner Reiſe in der Schweiz redete. „Jetzt will ich glauben, daß die Gegenden, welche er be⸗ ſuchte, dieſen ähnlich ſind, und es thut mir ſo wohl, ſo wohl, wenn ich ſehe, was er geſehen hat”.... „.... und wenn Du weißt, daß hier und überall ſein Auge auf Dir ruht, mein theures, geliebtes Kind!... Nun aber ſei Du geſund und friſch am Herzen, wenn ich Dich um Weihnachten wieder abhole!“ „Ach ja, hier werde ich gewiß geſund; mir gefältt alles ſo ſehr, und alle liebe ich!“ „Und um Deiner Mutter willen mache Du ihr die Freude, das alles zu behalten, womit unſer guter, ehren⸗ werther Magiſter Dich zerſtreuen will!“ Evelyn nickte Beifall.„Ich kann nie nein ſagen, wenn er etwas will!“ „Gott ſei dafür gelobt!“ dachte der Conſul, und ſo reiſte er, ſelbſt ein wenig an Leib und Seele erfriſcht, um ſeiner lieben Ehehälfte die lange Rechenſchaft abzulegen, welche nebſt dem intereſſanten, aufmerkſamen und artigen Briefe, den er von Juſtus mitbrachte, die Conſulin voll⸗ kommen beruhigte, entzückte und befriedigte. Was die Freiherrin Ebba betrifft, ſo war ſie nicht ganz ſo zufrieden. Ihre Vernunft hatte keinen rechten Ein⸗ wand zu machen; aber dennoch war in ihrer Seele eine Unruhe, eine Unzufriedenheit, eine bisweilen an Schrecken grenzende Angſt vorhanden. Sie ſchob dieſes auf die Be⸗ trübniß und zog zurück nach Bröllinge, um dort in der tiefen Einſamkeit ihren Sohn zu beweinen, während die Conſulin, ſtolz in ihrem Sinne, von neuem ihre koloſſalen Luftſchlöſſer zu bauen begann, und bisweilen in der Di⸗ ſtraction ſagte:„meine Tochter, die Gräfin!“ anſtatt: „meine Tochter, die Freiherrin!“ Juſ doch wa ſo feſt üt Blicke er Frieden Bündniß cherheit, Vertraue trauen he wie ihre prüft, k unter de mete dal plätzlichen übrig ſeir ſie auch zuſammen ewig in nehm, e Gott die ringen S ſeine Ged miſchen, ſo waren, verbleiben Leidenſcha beide zu Zwa zu müſſer oͤfter in d wenn Eve wenn ſie „Wo biſt weg!“— lieblicher nicht ſo da ſie un⸗ tthalt aus⸗ len würde. genden er⸗ peiz redete. lche er be⸗ wohl, ſo überall ſein S1... Nun n ich Dich nir gefällt du ihr die ter, ehren⸗ ein ſagen, Il, und ſo friſcht, um abzulegen, ind artigen ſulin voll⸗ r ſie nicht echten Ein⸗ Seele eine Schrecken uf die Be⸗ dort in der ährend die e koloſſalen in der Di⸗ anſtatt; 40⁵. Juſtus und Conſtance wanderten auf einem Vulkan; doch wanderten ſie mit feſten Schritten, denn ſie waren ſo feſt überzeugt, daß er ſſich nicht öffnen würde. Ihre Blicke ermunterten ſich gegenſeitig, ſie hatten eine Art von Frieden errungen, denn ſie hatten mit ihren Gewiſſen ein Bündniß geſchloſſen, und in dieſem Frieden lag ihre Si⸗ cherheit, lag das Bedürfniß zu zeigen, welches unbegrenzte Vertrauen ſie zu einander hegen konnten. Ja, ihr Ver⸗ trauen hatte die Erlaubniß, eben ſo unbegrenzt zu ſein, wie ihre Liebe— eine Liebe, ſo erhaben, ſo rein, ſo ge⸗ prüft, konnte nicht täuſchen! Conſtance war nicht länger unter dem Einfluſſe der Frömmelei und Leſerei und ath⸗ mete daher in einer freieren Atmoſphäre; doch ein ſo plätzlicher Uebergang, daß gar keine Schwärmerei mehr übrig ſein ſollte, war nicht denkbar, und darum ſchwärmte ſie auch jetzt noch in ihrer Gottesfurcht und miſchte dieſe zuſammen mit ihrer Liebe. Liebe und Religion waren auf ewig in ihrer Seele verwachſen, und es war ihr ſo ange⸗ nehm, es that ihr ſo wohl, daß ſie denken konnte, wie Gott die Arme ſeiner Vergebung tauſendfältig vor der ge⸗ ringen Sünde offen hielt, wenn es ja eine Sünde war, ſeine Gedanken, ſeine Eindrücke mit ſeinen, des Edlen zu miſchen, da dieſe Gedanken, Gefühle und Eindrücke ſtets ſo waren, daß Gott ſie ſehen konnte— und ſo ſollten ſie verbleiben, denn ſogar er, ein Mann mit ſo gewaltigen Leidenſchaften, opferte ſeine Liebe der doppelten Pflicht, ſie beide zu retten. Zwar peinigte es ſie bisweilen ſo, daß ſie erſticken zu müſſen meinte, daß ſie oft Thränen vergoß und noch oͤfter in die ſchwere Sünde fiel, den Tod herbei zu ſeufzen, wenn Evelyn's kindlich frommer Blick Juſtus ſuchte, oder wenn ſie mit einer hoͤrbaren Sehnſucht im Tone äußerte: „Wo biſt Du geweſen, mein Bruder?... ach, geh nicht weg!“— wenn aber dann Juſtus nur nicht mit allzu lieblicher Stimme antwortete:„Ich will ein anderes Mal nicht ſo lange verziehen!“ ſo ſuchte Conſtance mit muthi⸗ 406 gem Blicke den Stern über Bethlehem... Sagte er dagegen mit dieſer unnachahmlichen Stimme:„Cvelyn! haſt Du Dich nach mir geſehnt?“ und ſie die Hand nach ihm ausſtreckend antwortete:„ach ja, ſehr, ſehr!“ da ver⸗ barg ſich der Stern in einer Wolke, Gluth und Eis wechſelten in Conſtance's Herzen, und ſie vermißte faſt dieſe Eruptionen der religiöſen Schwärmerei, welcher ſie ſich ehemals hingab, wenn der Verſucher ſeine Gemälde vor ihr aufrollte. Jetzt ſah ſie die Gemälde in Wirklich⸗ keit; doch ſie hatte erfahren, welchen Gott ſie verehrt hatte, und konnte ihn daher nicht mehr anrufen..... o, ſie hatte viel verloren: die neue Gottesfurcht hatte nicht die Hälfte des Zaubers der vorigen, und dennoch war es bisweilen eine himmliſche Seligkeit, an dem Gna⸗ denſtuhle des wahren Gottes zu beten— dort war Ruhe, Frieden, eine wohlthätige Stille... wäre nur dieſes „Bisweilen“ ein„Immer“ geweſen. An einem Abende in der Dämmerung, da Juſtus auf dem wieder von Evelyn nach der untern Wohnung gebrachten Fortepiano ſchwärmte, und Evelyn und Con⸗ ſtance auf dem Sofa ſaßen und auf dieſe Toͤne lauſchten, welche auf ſie beide einen ſo mächtigen Einfluß ausübten, glitt ſein Blick von der Einen zu der Andern; doch dabet fuhr er heftig zuſammen und ſammelte alle Toͤne in einem wilden, unzuſammenhangenden Schlußaccorde. Der Mond warf ſeinen breiten, bleichen Schein durch die Fenſter und beleuchtete auf eine magiſche Weiſe die beiden weiblichen Geſtalten: Evelyn in der weißen Trauer⸗ haube und der ſchwarzen Kleidung, Conſtancé mit den ſchwarzen Locken, welche auf das hellgraue, im Monden⸗ ſcheine leichenweiße Kleid tief herabwallten, erinnerten Ju⸗ ſtus auf das lebhafteſte an ſeinen ſchrecklichen Traum. Er ſah ſich ſelbſt wieder zwiſchen den beiden Gräbern um⸗ herwandern, und das ganze Geſicht ſchien ſich im Augen⸗ blick in volle Wahrheit verwandeln zu wollen, als ſeine Hände mechaniſch auf die Taſten fielen und ſein Kopf ſich ſenkte, ¹ die Eine Seite ih flüſterter Ev⸗ Theilnal eines ka Gefühle war, ihrn fuhr Co ihrer Ha ihrer Se Die und dem ner See blick an Blickes eilte und tragen z Sagte er „Evelyn! and nach da ver⸗ und Eis nißte faſt elcher ſie Gemälde Wirklich⸗ e verehrt cht hatte dennoch dem Gna⸗ ar Ruhe, ur dieſes a Juſtus Wohnung und Con⸗ lauſchten, ausübten, doch dabei in einem hein durch Weiſe die n Trauer⸗ mit den Monden⸗ nerten Ju⸗ n Traum. äbern um⸗ m Augen⸗ als ſeine Kopi ſich 407 ſenkte, und nun die beiden Frauen eiligſt aufflogen, und die Eine an ſeiner rechten, und die andere an ſeiner linken Seite ihre Häupter hervorſtreckten und beide ein„Ach!“ flüſterten— ein gleiches Wort, aber dennoch ſo ungleich! Evelyn's„Ach!“ ſprach die ſanfteſte, unſchuldigſte Theilnahme aus, Conſtance's die ausdrucksvolle Heftigkeit eines kaum bemeiſterten Schreckens; und als er in dem Gefühle, daß ſein Beherrſchungsvermögen auf dem Wege war, ihn im Stiche zu laſſen, zuerſt zu Evelyn blickte, ſo fuhr Conſtance, ohne Kraft zur Beſinnung zu haben, mit ihrer Hand über ſeine Stirn und wendete ſein Haupt nach ihrer Seite hin. Die täuſchende Aehnlichkeit zwiſchen dieſem Auftritte und dem nächtlichen Geſichte ſchlug ſo fürchterlich in ſei⸗ ner Seele an, daß er aufſprang, ſie beide einen Augen⸗ blick anſtarrte, ſo daß ſie vor dem Ausdrucke ſeines Blickes beinahe zu Boden geſunken wären, darauf hinaus⸗ eilte und es ihnen überließ, ſich ſein unbegreifliches Be⸗ tragen zu erklären, ſo gut ſie vermochten. „O, er muß ſehr krank ſein!“ ſagte Evelyn klagend. „Ich habe ihn noch nie ſo geſehen— mir war bange!“ Conſtance hoͤrte nicht, was Evelyn ſagte: alle ihre Nerven waren geſpannt, um zu lauſchen, ob ſie ihn die Treppe hinaufſteigen hören koͤnnte; war das nicht der Fall, ſo inge er aus... und wohin in dem ſtürmiſchen, kalten, Herbſtabende? Sie lauſchte ſo, daß ſie den allergeringſten Laut gehoͤrt haben würde; doch alles blieb ſtill. Jetzt wagte ſie elnen Blick in den Saal zu werfen— ſein Hut war weg... „Warum wirſt Du ſo blaß, ſo unruhig, Conſtance? — Was war es?“ „Er ging aus!“ „Soll er das nicht?“ „Nein, nein, er darf das nicht— ſein Gemüth iſt bisweilen krank!“ „Und doch iſt er ja alle dieſe Tage ſo ruhig, gleich⸗ 408 mäßig und ſanft geweſen, wie er immer iſt.... Ach, er iſt ſehr gut!“ „Er liebt Dich auch ſehr, Evelyn: um Deinetwillen iſt er mehr zu Hauſe geblieben, als er pflegt.“ Ein frohes Lächeln liebkoſete Evelyn's Lippen.„Er liebt Dich ebenfalls!“ ſagte ſie, als wollte ſie Conſtance gleichſam mit dem Gefühle verſöhnen, ſich weniger geliebt zu wiſſen. Conſtance antwortete nur mit einem Seufzer. „Wohin geht er?“ fuhr Evelyn aufs Neue unruhig werdend fort— bleibt er lange weg?“ „Er geht hinaus in den Wald und kommt bisweilen erſt in der Nacht zurück.“ „Bitte Deinen Mann, daß er ihm nachgeht!“ „Ich weiß nicht, ob ich das darf— er würde es vielleicht übel nehmen. Uebrigens ſitzt auch Leonard bei ſeinen Rechnungen.“ „Da kommt er!“ ſagte Evelyn, welche immer in der Gegenwart des guten Leonard ſich ſo herzlich ſicher fühlte. „Ja, meine Damen, hier haben Sie Ihren allerer⸗ gebenſten Diener! Hat die kleine Feiherrin— oder da es nun doch einmal Evelyn ſchlecht und recht heißen ſoll— etwas beſonderes zu befehlen?“ „Juſtus wurde gewiß krank!“ „O, nichts weiter? Sehen Sie ihn an mit einem einzigen von dieſen kleinen, freundlichen Blicken, ſo wird er augenblicklich geſund.... Ging er hinauf in ſein Zimmer, die Krabbe?“ „Beſter Leonard!“— trotz aller Bemühungen, ſie ruhig zu machen, hatte Conſtance's Stimme einige Un⸗ ebenheiten—„ich glaube, es war etwas Ernſthaftes: er iſt hinaus gegangen... ich weiß aber nicht recht, ob“... „Ja, meiner Seele! ich gehe!... iſt es jetzt ein Wetter, um draußen in den Bergen zu romantiſiren?7 Und Leonard eilte hinaus, indem er etwas murmelte, das möglich ſie ſich Di ſondern mals er ihrer Se Abſatze einem Schlund des rauſt unendli leuchtete. Nachder M genblick ihm ihr ihm gel gehen? Trennu nicht d Doch e Chriſti ſchrak .. Ach, inetwillen en.„Er Fonſtance er geliebt r. unruhig bisweilen 14 würde es onard bei er in der er fühlte. n allerer⸗ der da es n ſoll— nit einem „ſo wird in ſein gen, ſie nige Un⸗ daftes: er ob“... jetzt ein tiſiren?“ zelte, das 409 ungefähr klang wie:„der Tollkopf! iſt nun wieder eine Schraube los?“ Conſtance zündete Licht an, ließ Feuer im Ofen an⸗ machen, und richtete alles ſo angenehm und wohnlich wie möglich ein— er ſollte bei ſeiner Rückkehr ſehen, daß auch ſie ſich beherrſchen konnte........... Dießmal war Juſtus nicht in den Wald gegangen, ſondern weiter hin auf die Anhoͤhen, auf dieſe ſchon mehr⸗ mals erwähnten Anhöhen mit den wilden Schluchten an ihrer Seite— und hier ſtand er nun auf einem hohen Abſatze an einer Krümmung der Berge und blickte mit einem wollüſtigen Schauder hinab, in den ſchwarzen Schlund, wo der Wind durch die Zweige des Zwergwal⸗ des rauſchte und der Mond weißbleich auf die ſcharfen, in unendlich verſchiedene Formationen abgebrochene Felsſtücke „Wenn...... da wäre alles aus!“ Es war das dritte Mal in ſeinem Leben, daß dieſes „Wenn“ ſeiner Seele nahte; noch nie aber hatte es ſich in eine ſo verführeriſche Tracht gekleidet. Dort unten war es kühl, finſter, wild— hier oben, wo er die Laſt der hölliſchen Qualen trug, war es ſo heiß, ſo erſtickend, ſo verpeſtet von den berauſchenden Dämpfen, welche bald ſein Herz in Schlaf lullten, bald ihr Gift ſo verrätheriſch in das arme Herz goßen, daß dieſes ſeine Ruhe und ſein Nachdenken bis auf den letzten Funken verlor. Mit welchen Kämpfen bezahlte er nicht jetzt die Au⸗ genblicke von äußerer Ruhe, die er Glück nannte, weil ſie ihm ihre Anſchauung beſcheerten, die einzige Wolluſt, die ihm gehören konnte!... Wie aber ſollte es mit Evelyn gehen? Vernahm er nicht ſchon jetzt, daß eine ewige Trennung, ein ewiger Tod war?— warum ſollte er alſo nicht den Tod dem Elende des Lebens vorziehen?... Doch ein Selbſtmord!— er, ein Geiſſtlicher, ein Jünger Chriſti, ſollte dieſes Band zerreißen, welches.... Er ſchrak zuſammen.... Nein, ſo weit war es mit ihm 410 noch nicht gekommen; aber er fühlte es ſo eng in ſich ſelbſt— es that wohl, ſich wenigſtens zu vertiefen in dieſes grenzenloſe Meer der Gedanken, durch welches die Seele bis an den Styr watet, um ſich dann dem gelobten Lande in dem Reiche der Schatten zu nähern. Leonard's laut in alle Richtungen rufende Stimme brachte ihn wieder zu ſich ſelbſt, zurück in die Gegenwart, Es verdroß ihn, daß man ihn beſpähte, und ſchon halte er die Abſicht auszuweichen und ſeinen Bruder rufen zu laſſen; doch jetzt dachte er an die Angſt der beiden Damen und antwortete daher:„hier!“ wodurch Leonard auf den rechten Weg gebracht wurde. „Was zum“..(Leonard war beinahe halb boͤſe) „läufſt Du auf dieſe Art? Warum willſt Du die Damen zu Tode ängſtigen?“ „Ich hoffe, Du machſt mich etwas unentbehrlicher, als ich wirklich bin!— darf ich denn nicht mehr aus⸗ gehen und ein wenig friſche Luft ſchöpfen, ohne daß die Damen Nachtheil davon haben? Wer hat Dich gebeten, mich zu ſuchen?“ „Das hat Deine kleine Freiherrin gethan!... Was focht Dich denn an?“ „Was mich anfocht? Frage mich nicht ſol... ich will mich nicht fragen laſſen!“. „Ach ſo! geht's nun wieder nach der alten Leier!.., Es war doch der T—, daß es wieder ſo gehen ſollte, beſonders jetzt, da Du Deine beſte Seite zeigen mußt!... Nun aber werde wieder ein Menſch und laß uns nach Hauſe gehen!“ „Mit dem groͤßten Vergnügen— ich wäre auf jeden Fall gleich gekommen!“ Und wieder mit der Maske vor dem Geſichte, mit dieſer Maske, die ihm von Tag zu Tage drückender wurde, ſtand er bald in dem freundlich hellen Zimmer. Conſtance erhielt im Vorbeigehen einen Blick als Dank, daß ſie ſo ruhig wie ein Marmorbild vor dem Nähtiſche ſaß und die verke er zu En indem er mich, the erſchreckt der hinau Leon und ſie h indem ſi führte, u Gelegenh gleichwoh blieb.. die ander ſchwarze lyn's A aber tra Sage n. betrachte das ich ag in ſich rtiefen in elches die gelobten Stimme egenwart, don halte rufen zu Damen auf den alb böſe) e Damen ehrlicher, hr aus⸗ daß die gebeten, . Was 411 die verkehrt ge machte Naht wieder auftrennte; doch trat er zu Evelyn; zu ihr ſagte er lächelnd und beruhigend, indem er einen Stuhl neben den ihrigen zog:„Schilt, mich, theure Evelyn, wenn Du ſo willſt, weil ich Dich erſchreckte, ſei mir aber nicht böſe, denn da gehe ich wie⸗ der hinaus!“ Leonard warf einen ſchelmiſchen Blick auf Conſtance, und ſie bewegte das Haupt zu einem mechaniſchen Nicken, indem ſie das Nähzeug bis an den Rand des Auges führte, um die feinen Stiche beſſer zu ſehen, und dadurch Gelegenheit zu erhalten, eine Thräne wegzuwiſchen, die gleichwohl von ihm, um den ſie fiel, nicht unbemerkt blieb.... Ach, was hätte er nicht geben wollen, um die andere wegküſſen zu dürfen, welche noch an der langen, ſchwarzen Wimper hing!... Doch er ſollte ja auf Eve⸗ lyn's Antwort lauſchen— Evelyn aber ſchwieg. „Du antworteſt nicht— wie iſt's?“ „Es iſt alles gut; aber ich dachte an etwas!“ „So daß Du mich vergaßeſt?“ „Ach nein; ich dachte eben an Dich!“ „Was denn, Evelyn? Das mußt Du mir ſagen!“ „Aber Du darfſt auch nicht traurig werden!“ „Das kann ich nicht ſo leicht verſprechen; wenn ich aber traurig werde, ſo muß ich wohl wieder froh werden... Sage nur her!“ „Als Du vorher aufſprangſt und mich ſo ſonderbar betrachteteſt, ſo fiel mir ein Traum oder ein Geſicht ein, das ich einmal hatte.“ 3 „Du haſt ſo viele kleine Phantaſien, meine Schweſter — darauf mußt Du nicht ſo viel geben!“ „Dieſe aber war vor längerer Zeit; es war einmal, da Du nach Oernwik kamſt... ich wollte hinab eilen — da war es mir, als ob Deine Stimme ſagte: ‚Evelyn, Du ſollſt erſt in Deine Zimmer gehen!““ „Und Du gehorchteſt dieſer Stimme?“ „Kannſt Du ſo fragen, da ſie von Dir kam? Ich 41¹² ging hinein, obgleich die Zimmer kalt und verſchloſſen gelten, u waren; ich ſetzte mich in die Niſche und fürchtete mich wie wächſen i immer vor den großen Schlangen... Du entſinnſt Dich von ihm ja der großen Schlangen?“ zu Evely „Ja, ja!“ Wäl „Auf einmal begann die eine zu wachſen und ſich wurde un mir zu nähern; das aber war recht fürchterlich: Dein Juſtus, Kopf, Dein ſchoͤner Kopf ſaß an dem Körper der Schlange Bogen a und Du betrachteteſt mich mit Blicken... ich vergeſſe ſtance no niemals dieſe Blicke: Du bateſt mich ſo lieblich um die andern D Erlaubniß, näher kommen zu dürfen und ich wollte ſo gern Lan Dein Haupt berühren, aber die Schlange ſchreckte mich. endlich a Zuletzt aber konnte ich nicht länger weigern: ich bebte mich in; vor Angſt; als Du mir nun aber nahe kamſt, ſo betrach⸗ Sie teteſt Du mich erſt, gerade ſo wie heute Abend und plötz⸗ Da lich fühlte ich einen Biß im Herzen— das Blut floß um Hand an mich her— ich war todt und ſaß ohnmächtig da, als die Auger Marx mich fand.“„We „Herr Jeſus, wie ſüß ſie iſt— ganz wie ein Kind!“ Du, was flüſterte Leonard in Conſtance's Ohr; Conſtance aber ſaß da,„Di als wäre ſie todt, und auch Juſtus' Wange war blaß„Ne geworden: das Gewiſſen bleichte ſte.⸗„Di „Dein Traum war gräßlich, Evelyn— wie ſollte„Ja ich aber traurig und boͤſe auf Dich werden können?2 Und er „Darum, daß ich ihn nicht längſt vergeſſen habe... ſeine Lipi Du, Du!“ Sie nickte ihm zu— es lag in dieſer Ge⸗„ berde ein unbeſchreibliches Vertrauen. mit einer Juſtus empfand die ganze Macht dieſes Vertrauens.„Nr „Wenn ich jemals,“ dachte er,„mit dieſem Engel mein was wir Schickſal verbinde, ſo werde ich nicht im Stande ſein, ſie zu betrüben!“ Euch ga „Jetzt halten wir uns nicht länger bei Gräßlichkeiten wichtig i auf!“ ermahnte Leonard.„Heute Abend iſt die Reihe an redet!— mir, Lehrmeiſter zu ſein: kommen Sie, meine kleine Und Gnädige, ſo ſetzen wir uns an unſern Tiſch und fahren neue Vor mit den Blumen fort!“ Leonard wollte für einen Botauiker Kind und rſchloſſen mich wie inſt Dich und ſich „: Dein Schlange vergeſſe um die e ſo gern te mich. ich bebte betrach⸗ id plötz⸗ floß um da, als Kind l“ ſaß da, ar blaß e ſollte 2 abe... er Ge⸗ rauens. l mein ein, ſie hkeiten ihe an kleine fahren tauiker 413 gelten, und hatte ſchon eine Menge von Blumen und Ge⸗ wächſen in Ordnung, die unterſucht und darauf unter eine von ihm verfertigte Preſſe gelegt werden ſollten— alles zu Evelyn's Vergnügen und Belehrung. Während nun die eine Blume nach der andern beſchaut wurde und Leonard kleine Vorleſungen hielt, näherte ſich Juſtus, nachdem er eine Zeitlang für Evelyn die großen Bogen ausgebreitet hatte, dem Tiſche, vor welchem Con⸗ ſtance noch immer ſaß. Er ſtellte ſich ſo, daß er dem andern Tiſche den Rücken wendete. Lange betrachtete er ſie, ohne ein Wort zu ſagen; endlich aber beugte er ſich herab zu ihr und flüſterte:„Laß mich in Deine Augen ſehen!“ Sie ſchüttelte leiſe das Haupt. Da machte er es gerade ſo, wie ſie vorhin, legte die Hand an ihre Stirn und erhob dieſelbe zu ſich empor— die Augen öffneten ſich: ſie waren voller Thränen. „Wären wir jetzt allein,“ ſagte er noch leiſer;„weißt Du, was ich da thäte?“ „Du ſagteſt mir, was Dich ſo heftig ſchmerzte!“ „Nein, da forderte ich, was mir gehört!“ „Dir?“ „Ja, ſind nicht Deine Thränen mein Eigenthum?“ Und er bewegte das Haupt— eine beredte Klage, daß ſeine Lippen dieſes Eigenthum nicht erhalten konnten. „Wir find ſehr arm!“ Conſtance ſagte dieſe Worte mit einem langen, bittern Seufzer. „Noch ſind wir reich im Vergleich mit demjenigen, was wir werden!“ „O!“ rief Leonard lachend dazwiſchen,„Ihr braucht Euch gar nicht einzubilden, daß unſre Unterhaltung ſo wichtig iſt, daß wir uns ſtören laſſen, wenn Ihr laut redet!— Plaudert Ihr ſo viel Ihr wollt!“ Und Leonard nahm eine neue Pflanze und begann eine neue Vorleſung; Evelyn ſaß aufmerkſam da wie ein gutes Kind und hörte zu. 414 So floß ihnen das alltägliche Leben dahln. An den Vormittagen war Juſtus Evelyns Lehrmeiſter, an den Nachmittagen ihr Geſellſchafter; und während er daran arbeitete, ſeinen künftigen Eheſtand zu gründen, ſtahl er bisweilen eine Blume aus dem lockenden Blumengarten der verbotenen Liebe. Aber dieſes Leben wurde ihm end⸗ lich ſo unerträglich, daß er nahe genug auf dem Wege war, der angſtvollen, mit heißen Thränen beſtegelten Bitte ſeiner Mutter zu folgen und zu ihr zu reiſen, wenn auch nur auf einige Tage— als er, der in ſeinem Sinnes⸗ taumel alles außer ſeiner Liebe vergeſſen hatte, durch die Bibel⸗Marie einen Brief erhielt, deſſen Aufſchrift ihn zu ſeinem Erſtaunen daran erinnerte, daß bis zu dem erſten November, an welchem Tage er über Grave's Vorſchlag ſeinen Entſchluß gefaßt haben ſollte, ihm nur noch drei Tage übrig blieben. Als Juſtus den kurzen Brief las, welcher nur eine Erinnerung an den feſtgeſetzten Tag enthielt, waren ſeine Gefühle ungefähr ſo, wie wir ſie uns bei denjenigen vor⸗ ſtellen, welche mit dem Fürſten der Finſterniß ein Bünd⸗ niß auf gewiſſe Zeit abgeſchloſſen haben und nun ganz unvermuthet an den Verfalltag erinnert werden. Die ganze Nacht ging er in ſeinem Zimmer auf und ab. Noch war es zu früh, allzu früh: er hatte noch nichts für ſich geordnet; er hatke nicht die Kraft gehabt, zu Evelyn nur ein halbes Wort zu ſagen— und eine ab⸗ ſchlägige Antwort an Grave machte der jetzigen Gnaden⸗ friſt auf ewig ein Ende. Nur einige Stunden, wäͤhrend er in der fürchterlichen Nacht heimkehrte, hatte der Ver⸗ ſucher ſich gefährlich vor ſeine Seele geſtellt... welch' ein Leben mit Ihr!... Doch nein, nein, und tauſend⸗ mal nein!.. Sollte er ſich und ſie beſchmutzen und zu Grave's niedrigen Plänen hergeben. Nein, es mochte in Gottes Namen gehen, wie es wollte— nur kein Ver⸗ brechen! Er ſchrieb eine Zeile als Antwort:„An dem feſt⸗ geſetzten; entſchließe Als geblieben ihm entg⸗ Betrübnif „We „We meiner T „M „Ge heuer au⸗ enge Gef Nac und ging Ihr Geberde licher. „I ſagte G ſchieden vor eine urch die t ihn zu m erſten ren ſeine gen vor⸗ n Bünd⸗ zun ganz auf und ich nichts habt, zu eine ab⸗ Gnaden⸗ während der Ver⸗ . welch' tauſend⸗ n und zu s mochte ein Ver⸗ dem feſt⸗ 415 geſetzten Tage, mein Bruder!“ wozu er ſich aber dann entſchließen ſollte, das wußte er nicht. Als Bibel⸗Marie, welche im Nixenthale dieſe Nacht geblieben war, am folgenden Morgen die Antwort von ihm entgegennahm, lag in ihrem Blicke eine theilnehmende Betrübniß. „Warum betrachteſt Du mich ſo, gute Marie?“ „Weil ich jetzt nicht weinen kann— ich bedarf aller meiner Thränen für mich ſelbſt!“ „Meinſt Du, daß ich ſonſt ihrer nöthig haͤben könnte?“ „Gottes Tag iſt nahe: das Meer ſpeiet ſeine Unge⸗ heuer aus, die Menſchen beben, ihre Herzen werden wie enge Gefängniſſe!“ Nach dieſen Worten grüßte Marie mit der Hand und ging. 7 Ihre Sprache, ihr bedeutungsvoller Blick und ihre Seieee machten ſeine Gemüthsſtimmuug noch unheim⸗ icher. Neununddreißigſtes Kapitel. „Ich weiß nicht, ob ich Dich willkommen heißen kann?“ ſagte Grave ſo ſteif und ernſt, daß es ganz gewaltig ver⸗ ſchieden war von der luſtigen Freundlichkeit, welche er heute vor einem Monate ſeinem Gaſte zeigte, als er ihm ganz ſo wie jetzt vor dem Gitterthore entgegenkam. „Ja, das iſt etwas, welches Du ſelbſt am beſten kennſt!“ antwortete Juſtus nicht eigentlich nachläſſig, aber doch mit einer gewiſſen trotzigen Gleichgültigkeit. „Du haſt während des ganzen Monates mein geringes Haus mit keinem Beſuche beehrt!“ „Ich verſtand unſere Uebereinkunft ſo— wir brauchten uns ja erſt heute wiederzuſehen!“ 416 „Tritt ein— hier iſt nicht der Ort, viele Worte zu unſichtbar wechſeln!“ ohne geſe Sie traten in das Amtszimmer. Grave machte die„Sh Thür ſorgfältig zu. auch Gele Eine Pauſe von einigen Augenblicken trat ein. Ehe Gc— Juſtus fühlte, daß froſtige Winde ſeine Glieder er⸗ 5 ſchütterten; es war ihm, als griffe die Hand eines todten Elender! Mannes um ſein Herz und wollte es herausreißen. Er ſchwärze warf auf Grave einen herausfordernden Blick. bei Get „Wir brauchen uns nicht zum Kampfe zu rüſten,“ auf 4 begann dieſer kalt;„unſer Geſpräch iſt mit zwei Worten 2 & abgemacht— ſagſt Du Ja oder Nein?“ 8 „Ein höhniſches Lächeln ſpielte auf Juſtus' Lippen. um tine „Du biſt alſo ſtreuger als... genug, Du biſt allzu Nüden ſtreng— ich habe ſelbſt bei ſolchen Bündniſſen von Pro⸗ mor Ger longationszeiten gehört... Schenke mir noch einen Monat!" Dein Fre „Um mich zum Beſten zu haben?... Was thut ein die Weiße dort im Nirenthale?“ Der dn „Schenke mir noch drei Wochen!“ 5 dif 21 behatten Du nicht genug mit der ſchwarzäugigen dihnl d ünderin Juſtus wurde leichenblaß; doch beherrſchte er ſich. böſeſen „Drei Wochen für das halbe Capital, welches ich R. bei Dir ſtehen habe!... Das iſt ein Vorſchlag, der ſich von Hir hoͤren laͤßt— gehſt Du darauf ein?“ D „Der Vorſchlag läßt ſich nicht hoͤren, ich kann darauf 8 nicht eingehen, denn Du willſt mich betrügen! Ich frage f3 noch einmal; was thut Dein guter Engel dort?... mit 8 ha, ha, ha!— guter Engel!— ſo nannteſt Du ſie ja Male fr in der alten guten Zeit?...Ich kann das Weib nicht hier?— leiden— ich habe ſie mit bitterem Widerwillen betrachtet, 3 als ſie an Deiner Seite an dem See ſpazieren ging!“ Conto: „Es iſt ganz natürlich, daß Du ein ſolches Gefühl! haſt hegſt, weil ich ſie(gerade ſo wie Du ſagſt) für meinen haſt 30 guten Engel halte... Doch gehſt auch Du an den Ufern des Nixrenthales ſpazieren? Da mußt Du Dich 1 rüſten,“ rzäugigen er ſich. elches ich der ſich in darauf Ich frage rt?... Du ſie ja zeib nicht hetrachtet, ging!“ s Gefühl er meinen an den Du Dich 417 unſichtbar machen können, weil Du im Stande biſt, zu ſehen, ohne geſehen zu werden!“ „Ich gehe, wo es mir beliebt, und dadurch habe ich auch Gelegenheit gehabt, die Schwarzalfe zu ſehen, die e.. Ganz von Wuth entſtellt ſprang Juſtus auf.„Schweig, Elender!“ donnerte er;„ſprichſt Du dieſes Wort, dieſe ſchwarze Höllenlüge aus, ſo erdroßle ich Dich... ja, bei Gott, bei meiner Seligkeit, hier gibt es einen Kampf auf Leben und Tod!“ „Zwei Geiſtliche?“ höhnte Grave. „Ja, warum nicht? Zwei Geiſtliche, die mit einander um einen Monat Anſtand markten, ehe der Eine dem Andern ſeine Seele verhandelt, können ſich auch wohl morden, wenn das Blut in allzu ſtarke Gährung kommt!“ Grave lächelte.„Beruhige Dich... ich bin ja Dein Freund— ich rechne Dir Deine Tollheiten nicht an. Der gute, ruhige Mann dorten, der gar nichts argwohnt, iſt ganz dazu geſchaffen, in einem blinden Zuſtande glück⸗ lich zu ſein... Doch es iſt wahr, wenn ſolche Leute einmal die Augen offen bekommen, ſo pflegen ſie gleichſam beſeſſen zu ſein..Haſt Du noch keinen Entſchluß faſſen koͤnnen, theurer Bruder?“ „Nein; eben darum fordere ich drei Wochen Anſtand von Dir!“ „Die habe ich abgeſchlagen!“ „Du biſt geizig— ich habe tüchtig geboten!“ „Du haſt eine Lumperei geboten— Du trägſt Dich mit Abſichten, welche gefährlich ſind!... Zum dritten Male frage ich Dich: was ſoll das fremde Frauenzimmer ier?— Du mußt mir antworten!“ „Bis jetzt noch gehen meine Handlungen auf eigenes Conto: ich will nicht antworten, wo Du nicht das Recht haſt zu fragen.“ „Gut— ſo antworte denn auf eine andere Frage, Eine Nacht am Bullarſee. U. 27 418 zu welcher ich vielleicht eher ein Recht haben möchte: warum ſchlugſt Du mir Deine Hülfe im Predigen ab? Ich ſchrieb an Dich, daß ich ernſtlich krank war, ich be⸗ gehrte dieſen kleinen Dienſt von Deiner Freundſchaft; doch Du ſchlugſt ihn rund ab.“ „Hatte ich denn nicht ein Recht dazu?“ „Ja gewiß, beſonders da Du dieſelbe Bitte auch. dem Probſte zweimal abgeſchlagen haſt, obgleich Du in ſeiner Geſellſchaft zwei Tage lieblich verlebteſt.“ „Wie gehoͤrt das hieher?“ „Nur ſo viel, als daß dieſer Abſcheu vor dem Pre⸗ digen, verbunden mit der Ankunft des Engels, dem Ge⸗ danken freien Spielraum läßt, in verſchiedene Himmels⸗ gegenden zu fliegen.“ Jetzt floß eine dunkle Wolke über Juſtus' Geſicht. Sollte Grave in ſeine verborgenſten Geheimniſſe geblickt haben? Sollte Grave ahnen, daß er mit ſich ſelbſt ein ewiges Bündniß geſchloſſen hatte, die Kanzel nie wieder zu betreten?“ „Ich glaube, Dir ſteigt das Blut zu Kopfe, mein Bruder!— Beſfindeſt Du Dich nicht wohl?“ „Ja, vollkommen Doch wir verlieren immer den Faden unſers Geſprächs!“ „Ach ſo!... die drei Wochen?“ Juſtus nickte. „Nun gut, ich will ein raiſonabler Mann ſein— ich bin Dein Freund und will nicht ſo genau rechnen: ich gebe Dir noch fernere drei Wochen Bedenkzeit gegen drei Bedingungen, eine für jede Woche.“ „Laß hören 14 4 Erſtlich, daß Du mir dafür das ganze Capital gibſt — da iſt gar nichts abzudingen— aber es ſoll eine ſchrift⸗ liche Abtretung ſein... die fünfhundert Reichsthaler Banco, welche Du ſchon erhalten haſt, magſt Du natür⸗ licher Weiſe behalten. Die zweite Bedingung iſt die, daß 4 Du wäh Du am „O nimmſt Beſinnun zwiſchen Worte, und Cor geäußer! wir erke Grave's zwiſchen daß er retten ſ halten konnte. genoſſer bezahlte ob Leor jeden d werfung Banden noch ni ſchweig Seite G tare zu einande Worte möchte: üigen ab? „ ich be⸗ aft; doch ſauch. dem in ſeiner ſe geblickt ſelbſt ein ie wieder fe, mein en immer n ſein— chnen: ich gegen drei ital git ne ſchrift⸗ ichsthaler du natür⸗ die, daß 419 Du waͤhrend dieſer Zeit hier wohnſt, und die dritte, daß Du am nächſten Sonntage für mich predigſt.“ „Du biſt wahrhaftig ein billiger Gläubiger: Du nimmſt ſehr geringe Zinſen!“ „Das iſt ſo meine Art— hierauf aber kann ich keine Beſinnungszeit geſtatten: entweder willigſt Du ein, oder zwiſchen uns iſt alles auf immer gebrochen!“ „Die beiden erſten Bedingungen mögen meinethalben hingehen; doch die dritte ſoll geſtrichen werden!“ Ein ſonderbarer, blitzähnlicher Ausdruck fuhr über Grave's Geſicht. Jetzt war ſein ſchlimmſter Verdacht be⸗ ſtätigt, daß nämlich Juſtus an eine Abdankung dachte. Wenn er nun noch Evelyn's Ankunft hinzu legte und die Worte, welche in dem religiöſen Geſpräche zwiſchen Juſtus und Conſtance gewechſelt worden waren, in welchem jener geäußert hatte:„Ihm verdanken wir den Sieg, welchen wir erkämpft haben!“ ſo ging vor den ſpähenden Blicken Grave's das volle Licht der Wahrheit auf. Es war alſo zwiſchen Juſtus und Conſtance die Uebereinkunft getroffen, daß er ſie beide durch eine Verheirathung mit Evelyn retten ſollte, und er(Grave) ſollte nur ſo lange hinge⸗ halten werden, bis Juſtus über ſeine Ohnmacht lachen konnte. Nachdem er die Frucht ſeiner geheimen Liebe genoſſen(und das würde er gewiß, da er ſie ſo theuer bezahlte) und nachdem es ganz gleichgültig geworden war, ob Leonard etwas davon erfuhr oder nicht, da er auf jeden Fall mit ſeiner Verlobten reiſ'te und durch Weg⸗ werfung des Prieſtermantels ſich auf immer aus Grave's Banden losmachte, dann konnten ſie brechen, aber jetzt noch nicht, weil ihre Verbindung Grave zu einem Still⸗ ſchweigen verpflichtete, deſſen Vortheile ſämmtlich auf Juſtus' Seite waren. Grave machte in ſeinen Gedanken keine Commen⸗ tare zu dieſen Entdeckungen: er nickte nur dreimal nach einander, und dieſes ſagte ſo viel, daß eine Menge von Worten nicht die Hälfte hätte ſagen können. 4²⁰ „Nun?“ rief Juſtus ungeduldig aus,„läßt es ſich unter den beiden erſten Bedingungen annehmen?“ „O ja— warum nicht unter Freunden?... Aber Da kannſt mir ja doch wohl auf jeden Fall ſagen, warum Du das Predigen ſo beſtimmt abſchlägſt!“ „Darum, weil ich niemals abſichtlich ein Heuchler bin: meine Gemüthsſtimmung iſt nicht die eines Ver⸗ kündigers— der Herr würde mich nicht beſeelen, wenn ich es jetzt verſuchen wollte, ſein Dolmetſcher zu ſein.“ „Wann ziehſt Du bei mir ein?“ „Morgen!“ „Gut! doch für die dritte Bedingung ſtreiche ich eine Woche: zwei Wochen für zwei Bedingungen!“ „Nein, das iſt ſchändlich!— Ich muß drei Wochen haben!“ „Keinen einzigen Tag länger als ich geſagt habe: um vierzehn Tage von heute an gerechnet ſind wir für das ganze Leben Brüder oder auch Feinde!“ Juſlus ſenkte das Haupt— er mußte einwilligen. „Jetzt ſchreibe das Abtretungsdocument über das Löwe'ſche Geld!“ Juſtus tauchte die Feder ein, indem die Schweiß⸗ tropfen ihm aus der Stirn hervorbrachen: aber er ſuchte ſich zu überreden, daß es gar nichts zu bedeuten hätte. Wenn erſt ſein Schickſal bei Evelyn entſchieden wäre, ſo würde Alles wieder gut: mit der Summe, welche er be⸗ ſaß, konnte er einige Monate reiſen— er brauchte alſo weiter nichts, als nur Zeit; und da er die Tage im Nixenthale zubrachte, ſo that es ihm wohl, an den Abenden dieſe abkühlenden Spaziergänge anzutreten. Ein Zweifel, daß Grave ſein Wort nicht halten würde, konnte Juſtus nie in den Sinn kommen: ſelbſt die allerſchlechteſten Menſchen haben ihre Ehrengeſetze— und darin hatte Juſtus Recht... Wenn aber dieſe Chrengeſetze durch ſolche Entdeckungen gekränkt werden, die Laut mehr ve er die T Sit Schatten danken Blicken, und G Abend. ſchöneren eine We hof gez rung in er ſich ſeinen legte ſie ihre He feſt auf ich eine Wochen gt habe: wir für lligen. ber das Schweiß⸗ er ſuchte n hätte. väre, ſo e er be⸗ hte alſo Tage im Abenden halten : ſelbſt eſetze— er dieſe werden, wie Grave eben gemacht hatte, da.. 421 . dürfte wohl ein anderes Geſetz in Kraft treten. Der Kontrakt war gemacht. Juſtus erhob ſich und eilte, dieſe Wohnung der Finſter⸗ niß hinter ſich zu laſſen. Armer Juſtus! Wo haſt Du keine Finſterniß? Vor Dir, hinter Dir, auf allen Seiten herrſcht nur ſie! Und Du, arme Mutter! Du, die Du dort Deine Hände ringſt und Tag und Nacht Deine Gebete brennen läſſeſt, während Dein Herz vor Unruhe, Furcht und Schmerz brechen will, vernimmſt Du es wohl dort, wo Du mit Deiner treuen Monika auf jeden Laut horchſt, daß die Laute, welche vormals ſeine Schritte verkündigten, nie mehr vernommen werden ſollen in dieſen Gemächern, worin er die Träume ſeiner Kindheit träumte? Sitzet Ihr geduldig da und wartet, Ihr beide alte Schatten, die Ihr, müde zu reden, Euch Eure Ge⸗ danken zunickt— ſuchet gegenſeitig Muth in Euren Blicken, in dieſen Blicken voller Liebe, Treue, Geduld und Gottesfurcht... endlich kommt doch wohl der Abend... und nach dem Abende der Morgen mit einem ſchöneren Traume. Ueber das Nixenthal ſegelte in den Nebeln eine große, ſchwere Wolke hin und her. An dem naßkalten Novembermorgen— es war genau eine Woche ſeit dem Tage, da Juſtus in den Comminiſter⸗ hof gezogen war— finden wir dieſen auf ſeiner Wande⸗ rung in das Haus ſeines Bruders. Müde und matt hatte er ſich niedergeworfen und von der dürftigen Scholle für ſeinen ſchmerzenden Kopf Gaſtfreundſchaft begehrt. Er legte ſich ſo, daß die Herbſtwinde freien Spielraum hatten: ihre Hauche kühlten ſo ſchoͤn, während er ſeine Augen feſt auf die große Wolke heftete und in den Nebeln eine 3 422 Löſung der Räthſel ſuchte, die ſeine heißen Gedanken nicht zu entwirren vermochten. Umſchlungen von einem immer düſtrer werdenden Fanatismus, meinte er bald auch wunderbare Dinge zu vernehmen: in dem Schatten der Wolke glaubte er zu hören und zu ſehen, wie einer von den Engeln, deren in der Offenbarung Johannis Erwähnung geſchieht, mitten durch den Himmel flog und ſeine Wehe klagte über die⸗ jenigen, welche in der Zeit wohnten, und wie ein anderer Engel von einem großen Sterne poſaunte, der von dem Himmel auf die Erde herabſiel.„Dieſer Stern... o, ich weiß!... ihm ward der Schlüſſel zum Brunnen des Abgrundes gegeben— er iſt ein gefallener Engel, der dieſen Schlüſſel ausgetauſcht hat gegen den Schlüſſel zum Himmelreiche, den er vormals ſo ſicher in ſeiner Hand zu halten vermeinte!“... „Ja, ſo iſt es: dieſer bin ich— ich habe dieſe Schlüſſel umgetauſcht... ich fühle es ſehr wohl.. und darum iſt es aus mit mir!“ Glühende Thränen floßen von den Augen des jungen Geiſtlichen. begikn Die Offenbarung Johannis, die immer ſeine liebſte 1 ſuch Lectüre geweſen, war auch jetzt während der ſchlafloſen erth! Nächte ſeine Zuflucht. Doch vermochten ſeine zerſtreuten wer S Sinne nicht mehr die dunklen Prophezeiungen zu faſſen: tigkeit die Stimmen derſelben floßen in ſeiner Seele durch ein⸗ Aollu ander und verwirrten ſie immer mehr; in dieſem Augen⸗ anz. blicke aber war es ihm, als verwirrten und vermiſchten gicht 3 8 ſie ſich nicht, ſondern die ganze Natur, ja die Vögel in mac jedem Buſche wiederholten die Worte, welche der Engel ziges poſaunte: „„Und ihm ward der Schlüſſel zum Brunnen des Alan. Abgrunds gegeben!““ länge „Er öffnet ſich,“ ſeufzte er dumpf,„ich kann nicht ein E entweichen... nein, ich kann es nicht! Blicke ich zur jehe Rechten, ſo klafft er dort— wende ich mich zur Linken, dir 1 ſo iſt er wieder da— ſehe ich vor mich, ſo ſchwebt zwar 8 nken nicht werdenden Dinge zu bte er zu deren in , mitten über die⸗ n anderer von dem ... o, unnen des gel, der üſſel zum Hand zu abe dieſe ohl... nen floßen — 423 ein weißer Engel über ihm; doch um die Hand des weißen Engels zu erreichen, muß ich gleichwohl dahin— blicke ich hinter mich, ſo leuchten mir zwei ſchwarze Sonnen entgegen, und ſie blinken über dem tiefſten Abgrunde. „O dieſe Entſagung, dieſe doppelte Entſagung!... Aber Deine Zeichen, mein Meiſter, darf ich nicht ent⸗ weihen... ach, ich bin längſt unwürdig, ſie zu tragen! 2„Koͤnnte ich dieſes Leben noch einmal beginnen, koͤnnte ich mit meinem Blute alle dieſe Jahre zurückkaufen, koͤnnte ich ſie zurückkaufen alle dieſe ſündigen, gottloſen, nacht⸗ ſchwarzen Verirrungen, die meine Seele beſudelt haben, könnte ich ſie zurückkaufen alle Deine Thränen, o meine Mutter, und wiederum rein und geſund mit den himm⸗ liſchen Träumen meiner Kindheit aus Deiner Hütte treten, um einer neuen Jugend entgegen zu gehen.. o, da verlohnte es ſich der Mühe, von Neuem wieder anzu⸗ fangen! Doch jetzt, jetzt mit dieſer gebrochenen, zerſplit⸗ terten Kraft, mit dieſem in den endloſen Kämpfen ver⸗ trockneten und verbrannten Herzen, mit dieſer Seele, deren Federkraft bald den letzten Lebenszug thut, lohnt ſich der Verſuch gar nicht... nein, es iſt nicht der Mühe werth!“ Seine Thränen miſchten ſich mit der kalten Feuch⸗ tigkeit ſeines kalten Kopffiſſens. Es war eine ſeltene Wolluſt zu weinen: Gott ſchenkte ihm dieſen Troſt.—„Die ganz Verlornen koͤnnen ja nicht weinen... noch bin ich nicht verloren!... Nein,“ wiederholte er langſam, „noch nicht, denn meine Lippen haben noch nicht ein ein⸗ ziges Mal den äußerſten Rand der ihrigen berührt... Aber was haben dieſe Anſtrengungen mir gekoſtet! was koſten ſie! Und wozu dient der Verzug, die feige Ver⸗ längerung der Gnadenzeit? Sie muß ja dennoch zuletzt ein Ende nehmen!... Welche Genüſſe, welchen Gewinn ziehe ich aus dem Verzuge?— Blicke, nur Blicke und einige armſelige Worte! doch auch ſie koͤnnen ein Ende 424 nehmen. Wenn ich daran denke, wenn ich zu mir ſelbſt ſagen muß: jetzt iſt Alles aus, auf ewig aus... Deine 3 Augen ſollen die ihrigen nicht mehr ſehen! da. da l⸗ Er ſprang auf und ging, ging eilfertig, bis er ploͤtz⸗ lich ſtehen blieb. Was war nun dieſes?— Er ſtand nicht im Nirenthale: er war in ſeiner Zerſtreutheit umge⸗ kehrt. Es fiel ihm ein, auf ſein Zimmer zu gehen und in den Spiegel zu blicken, wie er ausſähe: er bedurfte dieſes Blickes: er mußte ja ruhig ſein, denn noch blieben ihm acht Tage übrig. Als er durch den Saal ging, ſo gewahrte er Grave, der ihn ſchon längſt in der Ferne geſehen und auch ſein verſtoͤrtes Aeußere bemerkt hatte. Grave ſaß gleichſam ganz in Gedanken vertieft mit einem Zeitungsblatte in der Hand. „Der Tauſend! biſt Du ſchon wieder hier? Fändeſt Du jetzt noch ſo wie ehemals Vergnügen an einem in⸗ haltreichen Geſpräche, ſo würde uns jetzt ein intereſſanter Stoff nicht fehlen.“ „So?“ „Auf Veranlaſſung eines abſcheulichen Selbſtmordes, der hier im Blatte berichtet wird, kam ich eben auf eine Idee, über welche ich gerne disputiren moͤchte, um ſie zu entwickeln— wenn ſie ſich je entwickeln läßt?“ „Welche Idee?“ Bei dem Worte„Selbſtmord“ war es, als wäre der arme Grübler einem leicht zündbaren Brennſtoffe zu nahe gekommen. Er ſetzte ſich: er war jetzt ganz Ohr. „Ich halte Dich nur auf!... Hatteſt Du etwas vergeſſen?2 „Nein, ich ruhte unterwegs ein wenig aus, und ging dann in der Zerſtreuung hieher anſtatt in das Nirxen⸗ thal zu gehen.“ „Denkſt Du denn jetzt zu Hauſe zu bleiben?“ „Einen A ugenblick... und während ich nun von .. —— Art, we als davi Magie, die Vög „ aber die Deine gehört; thum ſ E das Gi bedurfte blieben Grave, uch ſein leichſam llatte in Fändeſt nem in⸗ reeſſanter nordes, uf eine ſie zu äre der u nahe etwas und 4 Niren⸗ n von Neuem ausruhe— ich fühle mich ſo oft müde— koͤnnen wir ja plaudern. Woran dachteſt Du denn eigentlich?“ „Ich dachte an den Umſtand, ob man die Seele als eine Anleihe oder als ein Geſchenk Gottes betrachten koͤnnte.“ Juſtus fuhr zuſammen.„Um an dieſes„Ob“ ge⸗ dacht zu haben, wirſt Du gewiß auch Schlußſätze gezogen haben— welche ſind ſie?“ „Man wägt in einer ſolchen Frage die Gedanken nicht mit einer ſolchen Schnelligkeit ab, wie Du vorauszuſetzen ſcheinſt. Inzwiſchen habe ich viel darüber nachgedacht, denn es iſt ein Gegenſtand von dieſer lockenden und gefährlichen Art, wohin eine denkende Seele ſich eben ſo ſehr gezogen als davon zurückgehalten fühlt. In ihm liegt dieſe dunkle Magie, welche uns eben ſo feſſelt wie die Zauberſchlange die Vögel.“ „Darin haſt Du vollkommen Recht! Wenn wir uns aber die Seele als eine Anleihe vorſtellen— was iſt da Deine Meinung?“ „Sage mir erſt die Deinige!“ „Jede Anleihe iſt heilig: wir ſind verpflichtet ſie un⸗ beſchädigt wieder abzutragen.“ „Richtig!... Wenn es nun aber eine Gabe, ein Geſchenk iſt? Ich weiß nicht, wie ich auf dieſe Idee kam: was mich zu derſelben lockte, das war das Ende des armen Sünders, von welchem ich las.“ „Wohl, wenn es eine Gabe, ein Geſchenk iſt, ſind wir nicht verpflichtet, derſelben eben ſo zu warten, wie der koſtbaren Anleihe?“ „Ja, gewiß— aber ich dachte(denn man muß wohl doch auch einen verſohnenden Gedanken für den armen Selbſtmörder ſuchen), daß ein Geſchenk etwas iſt, das mir gehört; es iſt mein Eigenthum, und mit meinem Eigen⸗ thum ſchalte und walte ich ganz, wie es mir beliebt.“ Ein leichtes Zittern berührte Juſtus' Herz— es hatte das Gift eingeſogen. 42²6 „Du glaubſt,“ ſagte er— er vermochte die Frage nicht länger von ihrer offenen, rohen Seite zu nehmen, denn er fühlte ſich ſchon zur Hälfte gleich einem Miſſe⸗ thäter, der ſein Gebrechen zu bemänteln ſtrebt—„Du glaubſt alſo, daß der Wille des Menſchen im Allgemeinen mit dem Schickſale gemeinſchaftlich wirkt?“ „Eigentlich iſt es ſehr gefährlich, hierüber etwas zu glauben. Wenn aber das Schickſal in der einen oder der andern Hinſicht als eine Nothwendigkeit vor uns tritt, ich meine: wenn es den Charakter einer Unwiderſtehlichkeit annimmt, ſo iſt es gleichſam eine Offenbarung der Ab⸗ ſicht, welche die Vorſehung mit uns hat.“ Die Ankunft eines Fremden, der mit Grave zu ſpre⸗ chen wünſchte, unterbrach das Geſpräch. Aber es hatte ſchon lange genug gedauert. Auf dem ganzen Wege in das Nixenthal wiederhallte die fürchterliche Frage in Juſtus Ohren:„Iſt das Leben eine Anleihe oder ein Geſchenk 2⸗ Mit Mühe konnte er einen andern Gedanken feſthalten. Endlich aber vermochte er doch auch bei Grave's letzten Worten zu verweilen: „Wenn das Schickſal den Charakter einer Unwiderſtehlich⸗ keit annimmt, ſo iſt es gleichſam eine Offenbarung der Abſicht, welche die Vorſehung mit uns hat.“ Doch ver⸗ ſtand er dieſe Worte nicht in der Bedeutung, wie Grave ſie verſtanden wiſſen wollte, ſondern er nahm an, daß Grave auf Juſtus' eigenes Schickſal und auf ſeinen Zwang, ſich auf die gemachten Vorſchläge einzulaſſen, hin⸗ gedeutet hatte. Er ſelbſt betrachtete das letzte Mittel, in welchem er jetzt noch eine Rettung ſehen wollte— ſeine Verbindung mit Evelyn— als die Offenbarung der Vorſehuug über ihre Abſichten mit ihm, und erntete daher in eine m Falle eine ganz andere Frucht von der beſtellten Ausſaat, als der Säemann ſich hatte träumen laſſen. 4 ie Frage nehmen, n Miſſe⸗ —„Du gemeinen etwas zu oder der tritt, ich ehlichkeit der Ab⸗ zu ſpre⸗ es hatte derhallte as Leben onnte er ermochte rweilen: rſtehlich⸗ ung der och ver⸗ e Grave n, daß f ſeinen en, hin⸗ chem er bindung ug über m Falle at, als 427 Grave, welcher zu der Einſicht gelangt war, daß Juſtus ihm ganz aus den Händen gleiten würde, wenn dieſer im Stande wäre, ſeine neuen Pläne durchzuführen, hatte beſchloſſen, jetzt, da zwiſchen ihnen eine Vereinigung ganz undenkbar war, dieſen Plänen eine fürchterliche Grenze zu ſetzen; und dieſes geſchah dadurch, daß er den Ge⸗ danken anſpornte, welcher in der Seele des jungen Sün⸗ ders lag und keimte, und welcher Gedanke zufolge aller Bemerkungen, die Grave zu machen Gelegenheit hatte, wenigſtens eben ſo viele Macht über ihn ausübte, als der Heirathsplan, denn ſonſt würde er dieſen nicht immer⸗ während aufgeſchoben haben. Zwar— und das war nicht zu verſchmähen, wurde auch nicht verſchmäht— konnte Grave Himmel und Erde aufregen, wenn er Leonard die Wahrheit, ja zehnmal mehr als dieſe, beibringen ließ und alſo das Glück und die Zukunft von vier Menſchen(er rechnete nämlich Evelyn mit) zerſtörte: doch das war allzu wenig und konnte ihn auf keine Weiſe befriedigen. Derjenige, den er ſo lange als ein ſchwankes Rohr in ſeiner Hand betrachtet hatte, den er ganz beſonders für ſeine Pläne erzogen und zuletzt in dieſelben eingeweiht hatte, und der dennoch kühn genug geweſen war, an Verrätherei zu denken, mit der Kette zu ſpielen und ſich mit Liſt aus der langen Gefangenſchaft zu reißen; derjenige, der dieß gewagt und gewollt hatte, mußte weg, viel weiter hinweg, als über die Meere: er mußte über Charons Fähre; denn ſo lange er noch auf Erden war, ließ ſich der Aerger über die vernichtete Arbeit nie ſtillen. Noch dazu konnte nur ſein Tod dieſe beiden Damen züchtigen und ſtrafen, welche es gewagt hatten, ihn zu feſſeln: der Hintritt des heiligen Geliebten und Freundes mit einem befleckten Namen, einem beſleckten Rufe, ſollte ſie in ein grundloſes Meer der Verzweiflung ſenken... und dieſe Mutter, ſie, die es ſtets gewagt hatte, ihn zu haſſen, ihm zu trotzen und entgegen zu arbeiten, auch ſie 428 ſollte ſich kühlen in dem ſchönen Thau der Weinenden; und die ſchwarzäugige Ehebrecherin, von welcher außet ihm Niemand wußte, daß ſie rein und frei von Schuld war, ſie ſollte ſeine ungetheilte Beute werden, denn wer wollte ſich wohl mit dem Opfer des Selbſtmörders be⸗ faſſen? Und was nur ein Menſch oder richtiger ein Sohn der Finſterniß erdenken und erfinden kann, das hatte Grave erdacht und erfunden ſeit der Zeit, da Juſtus zu ihm ein⸗ gezogen war, um ſeine verbrecheriſche Leidenſchaft zu ver⸗ mehren und zu reizen. Wenn Juſtus des Abends traurig und muthlos nach einem neuen in Gefahren und Irrthümern verlebten Tage von Trollhatten zurückkehrte, ſo ſaß Grave in ſeinem Zim⸗ mer und malte mit einem in die Farbe der Verſuchung getauchten Pinſel Conſtance's ſämmtliche Gebärden, ihre inneren herzzerreißenden Qualen, als ſie zum erſten Male die Macht der Eiferſucht empfand; und zu dieſen Gemälden fügte er nicht weniger grelle von denen ,die ſie in dieſem Jetzt, in ihren langen ſchlafloſen Nächten ertragen mußte, wenn ſie ſich hin und her wendend, um den vertrauungs⸗ vollen Mann nicht zu wecken, ſich der Wolluſt ihrer Thrä⸗ nen hingab. Aber dann wußte er auch zu erzählen, wie dieſe Thränen dann von dem Tage erſtickt und getrocknet wurden, da ſie gezwungen war, unter geheimem Kampfe Ruhe auf ihr Geſicht zu legen, während doch das Herz tauſendmal brechen wollte, zu ſehen, wie derjenige, welchen ſie mit wahnſinniger Liebe anbetete, ſich vor einer andern liebenswürdig zu machen ſuchte. „Schweig, ſchweig— Du raubſt mir die Vernunft!“ rief Juſtus mehr als einmal aus; doch Grave lächelte und ſagte:„Du verdienſt es nicht, von einem ſolchen Weibe geliebt zu werden— und faſt moͤchte ich glauben, daß ſie mit ihrer ſtolzen Seele Deine elende Wankelmü⸗ thigkeit verachtet!“ Doch wir wollen uns nicht weiter in den Schacht vertiefen alfen, m den ungl über we hin⸗ und Leo hatte ſich Vormitt war auch ſie wohn mit im loſſen. ſch ſe geklopft, bald kom Aeußerer klagte C inenden; r außer Schuld henn wer ders be⸗ n Sohn e Grave ihm ein⸗ zu ver⸗ „ 429 vertiefen, worin Grave, bedient von gehorſamen Schwarz⸗ alfen, mit ſeinen ſchwarzen Gedanken laborirt; wir wollen den unglücklichen Fanatiker in das Nirenthal begleiten, über welchem noch immer die ſchwere Wolke in den Nebeln hin⸗ und herſegelte. Vierzigſtes Kapitel. Leonard war nach einer Auction gefahren, und Evelyn hatte ſich nach einer in Unruhe durchwachten Nacht am Vormittage wieder gelegt. Sie ſchlief jetzt, und darum war auch die Thür zwiſchen der Sternkammer, in welcher ſie wohnte, und dem Alltagszimmer, in welchem Conſtance mit im Schooß gekreuzten Händen ſaß und grübelte, ver⸗ ſchloſſen. Ihr Herz hatte ſchon oft mit furchtbarer Gewalt geklopft, denn ſie wartete auf ihn. Bald betete ſie, daß er bald kommen möͤchte, bald daß er nicht kommen möchte, ehe Evelyn erwacht wäre; doch nun hoͤrte ſie die wohlbekannten Schritte und nun den wohlbekannten Griff an das Thür⸗ ſchloß, und nun ſaß er ſchwerathmend an ihrer Seite, hatte ihre Hände in den ſeinigen, den Himmel im Blicke und den Tod im Herzen. „Welch ein Glück iſt uns beſcheert: Leonard nicht zu Hauſe..... Wo iſt Evelyn?⸗ „Sie fühlte ſich nicht ganz wohl; ſie ſchläft.“ „O, möchte ſie lange ſchlafen— ich ſegne ſie dafür! Dieſe Augenblicke ſind alſo unſere, Deine und meine!“ „Du leideſt, Du richteſt Dich zu Grunde— Dein Aeußeres ſagt mir, daß Du nie Ruhe und Schlaf findeſt!“ klagte Conſtance, indem ſie ihre Augen mit der ganzen 430 wehmüthigen Betrübniß eines liebenden Herzens auf ſein Antlitz heftete. „Verfließen denn Deine Nächte in ruhigem Schlaf?“ Sie antwortete nicht. „Siehſt Du! Der Unterſchied iſt nur der, daß meine Gefühle ſtürmiſcher ſind und daher auch ihre Verheerung ſtürmi ſcher....Ach, wer doch einmal, nur ein einziges Mal, einen Hauch von Glückſeligkeit empfinden koͤnnte! .. Höre, ich habe Dir vier Vorſchläge zu thun; doch ehe wir davon reden, will ich mein Haupt an Deiner Bruſt ruhen laſſen, will ich Dich in meinen Armen hal⸗ ten: das iſt ja nichts— es wäre ja ein Wahnſinn, uns alles zu verſagenn. So!...o, wie danke ich Dir, daß Du mir dieſes nicht verweigerſt!... Du ſetzeſt ja ein unbegrenztes Vertrauen auf mich?“ „Ja, ein unbegrenztes!“ „Und ich täuſche Dein Vertrauen nicht... wie ſchoͤn ruht jetzt mein Haupt, wenn ich es weralage mit der kalten Scholle im Walde!... Wenn wir aber Beide unter der kalten Scholle ruhten, ſo wäre das doch noch ſchöner, denn dieſer Traum, dieſe verwirrende Miſchung von Glückſeligkeit und... Sitze ſtilll— nein, es iſt nicht gefährlich... O, zittere doch nicht ſol Fürchteſt Du Dich?“ „Ich?— Sollte ich in Deinen Armen Furcht em⸗ pfinden? Deine Liebe iſt mein Bollwerk, Deine Liebe iſt mein Schild, Deine Liebe iſt meine feſte Burg!“ „Conſtance, Conſtance! Deine Worte, Deine Stimme entzücken mich: alle Leiden, alle Kämpfe ſchweigen, wenn ich Dich höre!“ „Auch die meinigen ſchweigen bei dem Klange Deiner Stimme!“ „Doch bald werden dieſe Stimmen nicht mehr zu einander dringen, wenn nicht... Höre, was ich Dir zu erbieten habe!... Erſt aber ſage mir, ob Du jemals e in dieſen Ein Zeit genn jahrelang Du? W Weib de verweige Du könn nein, er ſollſt. 4 ſich die „D / kann gef hat, der welch ei hehlen, d Leben m wir flieh ſo viele einander aus der Wir koͤn können e ſhhon, wäre es Deinem dieſen V hn, uns lie danke .. 24 . Ach, eergleiche vir aber äre das wirrende Stimme n, wenn Deiner nehr zu ich Dir ob Du 431 jemals etwas empfunden haſt, das unſern Empfindungen in dieſem Augenblicke gleicht!“ Ein Seufzer deutete Conſtance's Antwort. Er drückte ſie immer härter und härter an ſeine Bruſt; es ging gleichſam eine Finſterniß durch ihre Seele. Zum erſten Male fanden ſich ihre Lippen, und nun wüthete das Feuer in himmelhohen Flammen rund um ſie her. Sie wollte ſich ſeinen Armen entreißen... dieſe Küſſe verzehrten ſie. „Reiße Dich nicht von mir hinweg— wir erhalten Zeit genug, das Glück einiger weniger Sekunden mit einer jahrelangen Trennung zu bezahlen!... Warum weinſt Du? Warum dieſer Blick? Hat wohl jemals ein liebendes Weib dem Manne, der ſie anbetet, das Opfer ihrer Lippen verweigert?... O, hüte Dich, ſei nicht undankbar: Du könnteſt den wilden Geiſt in mir wecken!..Doch nein, er ſoll ſchlafen, denn ich will, daß Du rein bleiben ſollſt. Aber die Flammen der Küſſe entweihen nicht, wo ſich die Flammen der Herzen ſchon begegnet ſind!“ „Deine Vorſchläge?“ ſtammelte Conſtance. „Höre! Willſt Du, daß ich hier bei Dir bleibe? das kann geſchehen, ohne daß die Welt etwas daran zu tadeln hat, denn ich ſtehe Grave's Amt vor... und dann, welch ein Leben!. Doch darf ich Dir nicht ver⸗ hehlen, daß es vielleicht Sünde und Verderben birgt, dieſes Leben mit Blumen auf ſeiner Außenſeite... Auch können wir fliehen in das finſtere Heidenland, von welchem wir ſo viele himmliſch ſchöne Träume geträumt haben— mit einander fliehen, um durch die Erloͤſung zahlloſer Seelen aus der geiſtigen Finſterniß uns ſelbſt Erloͤſung zu kaufen. Wir können auch— höͤre mir aufmerkſam zu!— wir können auch mit einander ſterben... wäre das nicht ſchön, herrlich?— O, über alle Beſchreibung herrlich wäre es Aber ich ſehe es an den Blitzen, die in Deinem Auge brennen und erlöſchen, daß Du vor allen dieſen Vorſchlägen zurückſchauderſt... wohlan denn! da 432 bleibt für uns nur die irdiſche Trennung übrig; dort“ (ſein Blick wendete ſich auf Evelyn's Zimmer)„ruht die Hoffnung, auf welche wir dieſelbe gründen können... Jetzt wähle— doch ach, wähle nicht zu ellfertig; dieſer Augenblick ſchließt unſer ganzes Leben in ſich!“ „Wenn ich,“ ſagte Conſtance, indem ſie ſich mit einer gewaltſamen Bewegung ſeinen Armen entzog und ſich erhob,„wenn ich nach dieſem Augenblicke etwas an⸗ deres wählen könnte, als das letzte, ſo würde die Ver⸗ achtung Deine Liebe löſchen— und lieber, als daß ich in Deinen Augen unwürdig daſtehe, will ich mich zu Tode peinigen laſſen... ich habe gewählt!“ Eine Bewegung in der Sternkammer zeigte an, daß Evelyn erwacht war. Jetzt erhob ſich auch Juſtus.„Du haſt ſo entſchieden, wie ich es erwartete!... Dankl habe Dank dafür, daß Du den Muth hatteſt, unſre Seelen zu retten! Jetzt kann nichts meinen Entſchluß ändern! Und Dank auch für dieſen dem Himmel entwendeten Augenblick! Mache Dir keine Gewiſſensſkrupel darüber: es war ja weiter nichts als das reine Opferfeſt zweier Herzen— Gott ſelbſt hätte zuſehen koͤnnen. Innerhalb der näͤchſten acht Tage, ja innerhalb der nächſten acht Tage iſt dieſer Augenblick mehr denn tauſendfältig bezahlt!“ „Um Gottes Barmherzigkeit willen— ich rufe Dich in dieſem Augenblicke an, da ich die Kraft dazu habe— verzieh nicht ſo lange: entſcheide es ſchnell.... jetzt!. 3 „Nicht ſo! Wie ſollte ich im Stande ſein, jetzt, da meine Lippen noch die Flammen von Deinen Küſſen em⸗ pfinden, vor ſie zu treten? Nein, acht Tage muß ich haben zu meiner Vorbereitung... acht Tage, um Ab⸗ ſchied zu nehmen von dem Leben und— von Dir... Abſchied von Dir— welch ein Gedanke!“ 3 Er ſchüttelte leiſe den Kopf, und ſchon ſuchte ſeine Hand von Neuem die ihrige, als Evelyns Schritte ſich der Thü und Juſt An rückkehrt nie geſeh Er zwei Wo zu Juſtu lyn rede ſtance's tropfen De ſondern hende O ließ und die weit Ju „3 Leonard. „2 Bruſt n die gehe Leo muth. Stimme koͤnnen. Jet ganz rie Geſellſch eigenſinn Un „L Eine 9 ; dort“ ruht die den.. g; dieſer ſich mit zog und was an⸗ die Ver⸗ daß ich mich zu an, daß tſchieden, für, daß etzt kann ür dieſen dir keine ichts als bſt häͤtte age, ja lick mehr 433 der Thür näherten. Noch ein einziger getheilter Blick, und Juſtus zog ſich ſchnell in das äußere Zimmer zurück. An dieſem Abende, als Leonard von der Auktion zu⸗ rückkehrte, zeigte er eine Laune, wie Conſtance ſie noch nie geſehen hatte. Er war ſo niedergeſchlagen und ſo ernſt, daß er nicht zwei Worte ſagte; bisweilen aber erhob er ſeinen Blick zu Juſtus, der in der Ecke des Sofas ſaß und mit Eve⸗ lyn redete; und in dieſem Blicke lag etwas, das Con⸗ ſtance's Gewiſſen auf eine Weiſe deutete, daß jeder Bluts⸗ tropfen in ihren Adern erſtarren wollte. Der Ausdruck in Leonard's Auge war nicht Wuth, ſondern eine zaudernde, tödtende Ungewißheit, eine ſpä⸗ hende Qual, und wenn dann das Auge von Juſtus ab⸗ ließ und Conſtance ſuchte, ſo lag darin eine Betrübniß, die weit beredter war, als tauſend Vorwürfe. Juſtus nahm früh Abſchied. „Ich will Dich ein Stück Weges begleiten!“ ſagte Leonard. „Bleibe nicht lange aus!“ bat Conſtance. Ihre Bruſt war beklommen, und ſogar in ihrem Tone ſprach ſich die geheime Unruhe aus. Leonard betrachtete ſie mit unausſprechlicher Weh⸗ muth.„Soll ich bald zurückkommen?“ Und in ſeiner Stiunme lag ein bittrer Wunſch, mit ſich ſelbſt ſpielen zu öͤnnen. IJetzt erſt merkte Juſtus, daß es mit Leonard nicht ganz richtig war, und ſuchte durch einen Einwand ſeine Geſellſchaft auf dem Wege abzubeugen; Leonard aber war eigenſinnig und wollte unbedingt mitgehen. Und ſie gingen. „Laß uns an die Ruhe denken,“ ſagte Conſtance, Eiine Nacht am Bullarſee. U. 28 434 zitternd vor angſtvoller Sehnſucht, allein zu ſein und„Du einen Augenblick zur Ueberlegung zu erhalten;„Du ſchliefſt„Da nicht gut in dieſer Nacht, liebe Evelyn!“ einen.. „Nein, aber heute Vormittag!“ Juſtt „Willſt Du heute Abend nicht ein wenig früher zu mein Cho Bette gehen?“— und i „Ja, wenn Du es willſt. Ich habe ſo ſchöne wache jemals at Träume, daß ich den Schlaf nicht vermiſſe.“„Wo „Was haſt Du denn für Träume? Du biſt glücklich, Leonard daß Du angenehm träumen kannſt!“ Dir einen „Ach ja, ſehr angenehm! Es iſt mir nun während vor ſeiner der letzten Abende ſo geweſen, als wenn Max immer neben„Nu mir ſaß, und in dieſer Nacht hoͤrte ich, daß er ſagte:„Da „„O, wie ſehne ich mich!““ jetzt ſage „Warum träumſt Du jetzt von ihm? Jetzt... Du willſ Du darſſt nicht ſo viel an die Vergangenheit denken!“ auf ewig „Woran ſoll ich da denken?“ wurde we „An die Zukunft!“ zua betrüg Evelyn ſchüttelte mit dem Kopfe.„Meine Zukunft teſt Du: iſt im Himmel!...“ meinen§ Die jungen Damen trennten ſich, die Eine, um von„Ich Engelerſcheinungen zu träumen, die Andre um mit den jetzt nicht ärgſten Furien des Lebens, der Gewiſſensangſt, der Furcht, Du ſie ſe der Eiferſucht und der Verzweiflung zu wachen. ich die ſt ringere z feſt war welcher „Hoͤre mich, Juſtus! ich habe Dir etwas zu ſagen Liebe zug nur ein Paar Worte— aber Du mußt aufmerkſam zu⸗ weil ſie hoͤren!“ Leonard drückte krampfhaft den Arm ſeines geſchah, Bruders. 3 Grave h „Was willſt Du?“ fragte Juſtus mit dieſer Be⸗ um, na herrſchung, die in Augenblicken der Noth ihn nie verließ. velche i „Ich will und ich fordere— fordere, verſtehſt Du? ob ich in — daß Du aus Deiner Bewerbung um Evelyn Ernſt ſchien mi machſt!“ digen Eve ſein und ſchliefſt rüher zu ne wache gZlücklich, während er neben r ſagte: 61... ken!“ Zukunft um von mit den Furcht, zu ſagen ſam zu⸗ m ſeines ſer Be⸗ verließ. ſt Du? n Ernſt 43⁵ „Du forderſt?— was willſt Du damit ſagen?“ „Damit will ich ſo viel ſagen: ich nenne Dich ſonſt einen... Juſtus wendete ſich raſch um.„Halt! Du weißt, mein Charakter iſt ſo, daß er keine Beleidigungen erträgt — und ich ſage Dir, daß ich heute Abend weniger als jemals aufgelegt bin, dergleichen zu dulden!“ „Was meinſt Du aber wohl, ſoll ich ſagen,“ rief Leonard aus, indem er Juſtus' Arm losließ,„wenn Du Dir einen ſolchen Ton nimmſt— ich, den Du gerade vor ſeinen Augen kränkſt durch...“ „Nun? wodurch?“ „Darauf magſt Du Dein Gewiſſen antworten laſſen; jetzt ſage ich nur: halte an um Evelyn oder reiſe wohin Du willſt— vielleicht raubſt Du mir dennoch mein Glück auf ewig!... Juſtus, Juſtus!“ Leonard's Stimme wurde weich—„wie konnte es Dir moͤglich ſein, mich zu betrügen— oder haſt Du mich nicht betrogen? Könn⸗ teſt Du mich davon überzeugen, ſo wollte ich Dich auf meinen Knien ſegnen!“ „Ich habe Dich nicht betrogen, und will es auch jetzt nicht. Ich hatte Conſtance ſchon lange geliebt, ehe Du ſie ſahſt; doch in meinem blinden Fanatismus opferte ich die ſtarke Liebe zu ihr ebenſo, wie ich früher die ge⸗ ringere zu Evelyn geopfert hatte. Ob mein Entſchluß feſt war, das weißt Du ſelbſt, da ich derjenige war, welcher Euch traute. Nie hatte ich ihr ein Wort der Liebe zugeflüſtert; aber meine Feſſel riß darum noch nicht, weil ſie nicht länger frei war. Daß ich hieher kam, das geſchah, um ſie vor einem wilden Thiere zu ſchützen— Grave hatte ſeine Blicke auf ſie geworfen— und ferner, um, nachdem ich der Lebensbahn müde geworden, für welche ich Alles geopfert hatte, mich ſelbſt zu prüfen, ob ich im Stande wäre, meine Liebe zu opfern: es er⸗ ſchien mir als ein Verbrechen, ohne dieſes der unſchul⸗ digen Evelyn meine Hand anzutragen. Jetzt habe ich dieſe 436 Prüfung angeſtellt, und eben heute habe ich mich feſt zu der Bewerbung eniſchloſſen; hiezu hat Conſtance mir ge⸗ rathen. Ich ſchwoͤre Dir bei meinem prieſterlichen Amte, ja bei der Liebe unſrer Mutter, daß Conſtance eben ſo rein iſt, wie das Licht der Sonne: meine Lippen haben erſt heute, da der entſcheidende Schritt beſchloſſen wurde, die ihrigen berührt. Und nun frage ich Dich: glaubſt Du mir? Glaubſt Du, daß es mir möglich ſein kann, Dein Glück zu morden?“ Leonard war ſtumm. Er glaubte Juſtus— ja er hätte auf die Wahrheit jedes Wortes ſchwören wollen; und dennoch war und blieb immer noch eine ewige, un⸗ ſägliche Bitterkeit in dieſer Wahrheit, in dieſer Gewiß⸗ heit: ihr Herz gehoͤrt nicht mir! „Hätteſt Du es lieber geſehen, wenn ich Dich be⸗ trogen hätte?“ Ein Hauch von kalter Unzufriedenheit eilte über die vor einem Augenblicke noch ſo warmen Züge. „Nein, Gott ſegne Dich dafür, daß Du die Wahr⸗ heit redeteſt!... Doch Du kommſt ja nicht ins Nixen⸗ thal, ehe Du um Evelyns Hand anhältſt?... willſt Du das nicht?“ „Ganz wie Du willſt: das Leben iſt todt für mich! Haſt Du zu klagen? Weißt Du oder weißt Du nicht, ob ich entbehren kann? Wenn Du mir die Kleinigkeit nicht gönnſt, ſie während der acht Tage, die ich zu meiner letzten Prüfung oder richtiger zu meiner Vorbereitung auf die neuen Pflichten beſtimmt habe, bisweilen zu ſehen, ſo behalte dieſe Kleinigkeit— ich werde nicht kommen!“ „Doch ſie— ſie..“ „Welche von ihnen?“ „O.. beide!“ „Evelyn muß glauben, daß ich mich nicht wohl be⸗ finde; Conſtancen aber magſt Du alles ſagen: ich bin überzeugt, daß dieſe Anordnung ihr am beſten gefällt— ſie iſt ein Weib, der keine Wahrheit ſo bitter iſt, daß ſie dieſelbe nicht tragen kann.. Nun aber reiche mir Deine Hand trer Tage bin biſt mich Jetzt Brüder fe betend hir beide auf „Ter begonnen er an Gr Deine P Am ſich in de Wegen u Der deſſelben pfarrer g Die ſten Einſe bekam il durch die beſpähte hatte: er betrachte ſchwer z0 Che ten Gen Blick au was an ſchied ge Schlafzi zwiſchen Als h feſt zu mir ge⸗ en Amte, eben ſo den haben n wurde, aubſt Du n, Dein — ja er wollen; ige, un⸗ 1 Gewiß⸗ Dich be⸗ heit eilte Züge. e Wahr⸗ 8 Nixen⸗ . willſt ür mich! du nicht, lleinigkeit u meiner tung auf zu ſehen, ommen!“ wohl be⸗ ich bin eefällt— „daß ſie nir Deine 437 Hand treufeſt wie in unſerer Kindheit! Heute über acht Tage bin ich entweder mit Evelyn verlobt oder... Du biſt mich ſonſt los geworden: ich denke zu reiſen 14 Jetzt öffnete Leonard ſeine Arme. Lange ſtanden die Brüder feſt Bruſt an Bruſt geſchloſſen; dann blickten ſie betend hinauf zu den bleichen Sternen, und verſchwanden beide auf verſchiedenen Wegen...... „Teufel, Verderber! Du haſt Dein Rachewerk ſchon begonnen, ehe die Zeit aus war!“ murmelte Juſtus, als er an Grave's Thür vorbei ging.„Aber auch ich werde Deine Pläne vernichtet haben, ehe ſie aus iſt!“ Am folgenden Morgen, als Grave glaubte, daß er ſich in das Nixenthal begäbe, verſchwand er auf anderen Wegen und ging auf den Pfarrhof. Der Beſuch war kurz; aber die Worte, die während deſſelben zwiſchen dem jungen Geiſtlichen und dem Ober⸗ pfarrer gewechſelt wurden, trugen in der Zukunft Früchte. Die folgenden acht Tage verlebte Juſtus in der ſtreng⸗ ſten Einſamkeit auf ſeinem Zimmer— nicht einmal Grave bekam ihn zu ſehen. Dieſer aber hatte ein feines Loch durch die Wand ſeines Zimmers gebohrt, und durch dieſes beſpähte er Juſtus, der meiſtens nur zwei Beſchäftigungen hatte: entweder las er in Johannis Offenbarung oder auch betrachtete er ein Paar Piſtolen mit Blicken, die nicht ſchwer zu deuten waren. Ehe wir den Vorhang hinaufziehen, welcher die letz⸗ ten Gemälde dieſer Erzählung verhüllt, wollen wir einen Blick auf Leonard und ſeine Gattin werfen, und ſehen, was an dieſem Abende, da die Brüder von einander Ab⸗ ſchied genommen hatten, und Conſtance in dem einſamen Schlafzimmer der Rückkehr ihres Gatten angſtvoll harrte, zwiſchen ihnen vorfiel. Als ſie ihre Knie zu einem demüthigen Gebete bog, 438 und dem Herrn nahte, ſo war es ihr, als ob eine Stimme von oben zu ihrem Herzen redete und ſagte:„Noch iſt Deine Hoffnung nicht verloren, noch kannſt Du es wagen, mir Deine Seele zu bieten, und eben durch Dein Opfer iſt Dein Buſen rein für Deinen Gatten: er wird Dir einen Platz an ſeiner Bruſt ſchenken und Dich ſchützen, wenn Dein ſtolzes Herz ſich vor ihm beugt wie vor mir!“ In dieſem Augenblicke öffnete Leonard die Thür. „Ich weiß alles— alles! Er hat es geſtanden, aber er hat mir auch geſagt, daß Du ſtark biſt und rein wie das Licht des Himmels!“ „Er hat Dir alles geſagt?“— Leonard wollte ſie aufheben; doch ſie fragte mit brennendem Eifer:„Hat er Dir gar nichts verborgen?“ „Ich hoffe zu Gott, daß er das nicht gethan hat: er ſchwur bei ſeinem prieſterlichen Amt, bei der Liebe un⸗ ſerer Mutter, daß Du rein, frei von Schuld biſt.“ „Aber,“ ſtotterte Conſtance mit geſenktem Blick,„ſeine Lippen haben heute, doch heute zum erſten Male, die mei⸗ nigen berührt!“ „Auch das hat er mir geſagt!“ „O, geprieſen ſei Gotk, daß er ſo die Wahrheit liebtel der Herr wird ihn nicht verlaſſen in ſeinem Kampfe!“ „Und auch Dich nicht in dem Deinigen!... Komm an mein Herz, Du armes, unglückliches Weib, und weine aus!... Doch vielleicht iſt es Dir beſſer, Dein Haupt an den härteſten Stein zu legen?“ „Haſt Du ihm Deine Hand zur Verſoͤhnung ge⸗ reicht?“ „Wir haben Bruſt an Bruſt geruht!“ „Ich danke Dir, o Gott, ich lobe und preiſe Dich! Und auch Dir danke ich, Du Edelſter unter den Men⸗ ſchen! So wie in dieſem Augenblicke habe ich Deinen Werth noch nie erkannt. Schließe mich in Deine Armel und bewahre mich: meine Seele fühlt ſich wieder auf dem Wege, de reinige „reinige gebrannt warmen In langer herab. Stimme „Noch iſt s wagen, in Opfer vird Dir ſchützen, or mir!“ hür. den, aber rein wie vollte ſie „Hat er an hat: iebe un⸗ 1 „„ſeine die mei⸗ gahrheit ſeinem Komm d weine Haupt ng ge⸗ Dich! Men⸗ Deinen Armel if dem 439 Wege, der zum Frieden führt.... O, ich bitte Dich, reinige mich—“ ſie ſank zu den Füßen ihres Gatten— „reinige meine Lippen von den ſündigen Küſſen, die dort gebrannt haben!“ „Großer Gott! redeſt Du dieſe Worte zu mir— zu mir?... Weißt Du wohl, daß ich auf dem Rückwege halb daran gedacht habe, Deine Bande zu brechen?“ „Die heiligen Bande der Ehe?“ rief Conſtance ſchau⸗ dernd—„o, nie, nie!“ „So ſoll denn nur Gott dieſen Bund trennen, der gewiß jetzt heiliger und feſter iſt als jemals!“ Und der edle Mann beſiegelte ſeine Worte mit einem warmen und treufeſten Kuß. In dieſer Nacht ſenkte ſich zum erſten Male ſeit langer Zeit ein wohlthätiger Schlaf auf Conſtance's Augen herab. Einundvierzigſtes Kapitel. „Elender Feigling, was zauderſt Du?“ murmelte Grave, der mit racheglühenden Augen durch das oben erwähnte Loch Juſtus bewachte.„Warum betrachteſt Du dieſe Werkzeuge nur, um ſie wieder wegzulegen? warum ſchreibſt Du Deine Abſchiedsbriefe nur, um ſie wieder zu zerreißen? und warum ſtotterſt Du die Frage: Iſt das Leben eine Anleihe oder ein Geſchenk? welche ich in Deine Seele ſchleuderte, nur um Dich in der trägen Erſtarrung der Ungewißheit zu verlieren?“ Grave verſtand die Entfernung Juſtus' von dem Nixenthale ſo, daß der Schwärmer jetzt den Vorſatz ge⸗ faßt hätte, dieſes Thal nie wieder zu ſehen, ſondern hier 440 ſeinem unglücklichen Seelenkampfe ein Ende zu machen. Darum wüͤthete Grave über dasjenige, was er Feigheit und Unentſchloſſenheit nannte, und er wüthete um ſo mehr, als er nicht begreifen konnte, worauf Juſtus noch wartete, da ſeine Beſuche in dem Hauſe des Bruders gerade mit jenem Abende aufgehoͤrt hatten, an welchem Leonard von der Auction zurückkehrte, wo Grave dafür geſorgt hatte, daß ihm eine vertrauensvolle Mittheilung gemacht worden war, die den erſten Bruch veranlaſſen ſollte und gewiß auch veranlaßt hatte. Doch nie war Juſtus in ſeinem Entſchluſſe kälter und feſter geweſen, als dießmal— das Schickſal ſollte ent⸗ ſcheiden. Wenn es der Wille des Herrn wäre, daß er auf einen guten Weg zurückkehre, daß er verſuchen ſollte, ein neues Leben zu beginnen, ſo wollte er mit dieſem Ver⸗ ſuch auch in demſelben Augenblicke anfangen, da Evelyn ihm ihr Jawort gäbe..... Wenn ſie aber ihn aus⸗ ſchlüge— er glaubte dieſes zwar nicht, mußte es aber doch auf jeden Fall auch annehmen— da bleibe ihm der Tod übrig; denn da wäre es ſo wie Grave geſagt hatte — jetzt ſah Juſtus dieſe Worte in ihrer unglücklichſten Bedeutung— wenn das Schickſal als eine Nothwendig⸗ keit vor uns tritt, wenn es den Charakter einer Unwider⸗ ſtehlichkeit annimmt, ſo iſt es gleichſam eine Offenbarung der Abſicht, welche die Vorſehung mit uns hat..... Leonard hatte an dem Tage vor der entſcheidenden Wendung zu ſeiner Gattin geſagt:„Ich bin ſo unruhig, daß ich nicht zu Hauſe zu bleiben vermag: ich fahre nach Fredrikshall; morgen Abend aber komme ich nach Hauſe, und hoffe zu Gott, daß ich da alles gut antreffen werde!“ „O, reiſe nicht, Leo!“ ſagte Conſtance mit drücken⸗ der Angſt,„warum willſt Du reiſen?“ „Um ihm und auch Dir mein Herz zu zeigen, daß ich auf Euch beide ein ſo großes Vertrauen ſetze, daß ich mich entfernen kann, obgleich ich weiß, daß er kommt. Wenn ich Dir noch dazu die reine Wahrheit anvertrauen —— eigte es ,„La fen wir mir das Laß mich Conſtanc kann kein fragt ja Dich Ge auch ihr, gen habe Cor gut, da in den 4 Stande wenn er Zwang Mi ſie ſich in und die und herm „K endig⸗ vider⸗ arung 441 ſoll, ſo hat es mich geſchmerzt, daß mir die Thränen in die Augen gekommen ſind, daß er mich während dieſer ganzen Woche nicht hat annehmen wollen. Ich bin drei⸗ mal im Comminiſterhof geweſen, obgleich ich gedacht hatte, ich würde mit keinem Fuße dahinkommen; doch die beiden erſten Male ſchickte er mir eine mündliche Weigerung, und das dritte Mal ſchickte er mir dieſes Blatt“... Leonard zeigte es ſeiner Frau: „Laß mich in Ruhe! den fünfzehnten November tref⸗ fen wir uns!“ „O, nimm es nicht ſo genau mit ihm: er iſt ſo aufgeregt!“ „Das iſt wahr; aber er weiß, daß ich aus keiner an⸗ dern Abſicht kam, als um mit ihm zu leiden, und da er mir das abſchlug, ſo habe ich keine Ruhe in der Seele. Laß mich reiſen, das zerſtreut mich— und dann, liebe Conſtance, willſt Du gewiß auch Dich vorbereiten. Ich kann keinen andern als einen guten Ausgang ahnen: ſie fragt ja jeden Augenblick nach ihm... Und nun ſegne Dich Gott! Möge er Dir und ihm Schutz verleihen und auch ihr, dem holden Engel, worauf alles beruht! Mor⸗ gen haben wir wleder Sonnenſchein und Frieden.“ Conſtance widerſprach nicht länger. Sie wußte ſo gut, daß nur das herzlichſte Feingefühl ihm dieſe Reiſe in den Kopf geſetzt hatte; er verſtand, daß ſie nicht im Stande war, alle ihre Gefühle und Gedanken zu ſammeln, wenn er um ſie wäre, und er wollte, daß ſie dieſelben ohne Zwang ſammeln ſollte. Mit tiefem Gefühle der Dankbarkeit, nach welcher ſie ſich im Stillen geſehnt hatte, unterdrückte ſie ihre Angſt; und die beiden Gatten trennten ſich mit einer warmen und herzlichen Umarmung. „Kommt er denn endlich— kommt er gewiß heute 44² Abend?“ fragte Evelyn mit kindlicher Freude.„O, wie lang ſind dieſe acht Tage geweſen!... Wie ſehne ich mich nach ihm! „Alſo liebſt Du ihn ſehr?“ Conſtance lächelte; doch war es ein Lächeln gleich dem des Todesgefangenen an dem letzten Tage. „Ja, ich liebe ihn ſehr, mehr denn ſehr!“ „Ich befinde mich heute Abend nicht ganz wohl— willſt Du mir nicht verſprechen, ihn allein entgegen zu nehmen, ſo kann ich mich ein wenig auf den Sofa im Schlafzimmer werfen?“ „Arme Conſtance, da kannſt Du ihn ja nicht ſehen! doch vielleicht kommt er nicht: es iſt ſchon zu ſpät— es iſt ſchon eine ganze Ewigkeit, ſeitdem wir Licht an⸗ zündeten.“ „Still, Evelyn, ſtill— er iſt hier!“ Und in weni⸗ ger als einer Secunde war Conſtance in der Thür des Schlafzimmers verſchwunden. Sie begab ſich nicht zur Ruhe, ſondern ſank auf den Sofa; und jetzt erſt pries ſie Gott recht inbrünſtig, daß ſie allein war, daß niemand ſah, was in ihr vorging, als ſie hörte, wie Juſtus eintrat und gar nicht nach ihr fragte, ſondern mit einer lieblich und ſchoͤn klingenden Stimme begann:„darf ich ein wenig mit Dir allein plaudern, liebe Evelyn?—“ worauf Eve⸗ lyn antwortete:„Ach ja, ſehr gerne... Aber Du ſiehſt ſo krank und verändert aus, daß Du mich beinahe er⸗ ſchreckſt!“ „Mein Gott, mein Gott! ſtammelte Conſtance und preßte die Stirn gegen die gefalteten Hände,„habe ich nicht bald genug gebüßt?.... welche Pein kann noch größer ſein als dieſe?... O, ſie iſt groß genug, um eine tauſendmal größere Schuld zu bezahlen als die mei⸗ nige iſt!... Sie verſchwinden... er geht mit ihr hin⸗ ein, und dort in der Sternkammer wollen ſie ihren Bund abſchließen... während ich, mein Erloͤſer, im Staube zu Deinen Füßen krieche und mein Herz zerfleiſchen laſſe.. meren, ſeine S „O, wie ſehne ich lte; doch enen an eintrat lieblich n wenig if Eve⸗ u ſiehſt ahe er⸗ nee und abe ich in noch g, um ie mei⸗ hr hin⸗ Bund Staube aſſe... 443 Hoͤre ich nichts?... Es war ſein Seufzer, der für ſie brennt... nein, es war der Wind, der draußen in den Zweigen ſeufzt!... Hoͤre ich nicht Worte, ſeine Bitten — Bitten an ſie?... nein, es war der Regen, der gegen die Fenſterſcheiben ſchlägt!... Höͤre ich nicht den Laut von leiſen Küſſen, das Siegel ihres Verlöbniſſes?.... Nein, es war ein verirrter Vogel, der ſeinen Schnabel an dem Fenſterpfoſten wetzt!... Mein Gott, was leide ich! O Gott, erbarme Dich!... auch ich bin ja ein verirr⸗ ter Vogel, der eine Heimath ſucht!“ ndu biſt betrübt, mein Bruder— ach, was fehlt Dir?“ „Ja, ich bin betrübt, tief und ſchwer betrübt. Aber, liebe Evelyn! es ſteht in Deiner Macht, meinen Schmerz zu lindern; Du, einzig und allein, Du kannſt es!“ „So ſage ihn mir ſchnell! Deine Hand brennt fieber⸗ haft, Deine Stimme iſt ſo unſicher... rede... eile, damit ich Dir helfen kann, Deinen Kummer zu tragen!“ „Laß mich erſt erfahren, ob Du mich noch ſo liebſt wie ehemals!“ „Immer, immer liebe ich Dich— brauchſt Du dar⸗ nach zu fragen?“ „Ich brauche mehr: ich will einen großen Beweis über die Wahrheit Deiner Worte fordern!“ „Fordere!“ „Erlaube, daß ich Dich erſt zurückführe in die ent⸗ flohenen Zeiten, in dieſe Zeiten, da Du noch gleichſam in einer Finſterniß wandelteſt...“ „... Und da Du meine Sonne wurdeſt!“ fiel Eve⸗ lyn ſchnell ein. „Ja, da Gott es mir geſtattete, Dich zu einem wär⸗ meren, ſchoͤneren Leben zu wecken. In jener Zeit, Evelyn,“ ſeine Stimme nahm einen Ton an, der Evelyn's Herz in 444 eine zitternde Bewegung ſetzte—„lag Dein ganzer Him⸗ mel in meinem Blicke, in meinem Worte... ich war Alles für Dich!“ 1. Du das nicht jetzt noch?“ fragte ſie voller Un⸗ huld. „Das weiß Gott allein: andere Verhältniſſe ſind ſeit der Zeit eingetreten: heilige Bande haben Dich an einen Mann gefeſſelt, der Deiner Trauer ſo werth iſt. Ich hätte dieſe entflohenen Bilder nicht ſo bald vor Deine Seele rufen ſollen; doch die Nothwendigkeit gebietet mir, die Form an die Seite zu ſetzen.... Liebe Evelyn! darf ich offen mit Dir reden?“ „Mein Bruder!“ ſtotterte Evelyn,„was kannſt Du meinen?“ „Ich hoffe zu Gott, daß Dein Herz es Dir ſagt! ... Einſt, geliebte Evelyn, ſtand ich ſo wie jetzt flehend vor Dir; nur der Inhalt meines Flehens war verſchie⸗ den: damals flehte ich die Freiheit von Dir— jetzt flehe ich Dich, daß Du mich davon befreieſt! Wirſt Du mich erhören? wird mein guter Engel mich im Stiche laſſen?“ Er nahm ihre Hand und betrachtete ſie mit Blicken, welche, ſo ſanft er ſie auch zu machen bemüht war, den⸗ noch eine ſo heftige Unruhe verriethen, daß Evelyn vor ihnen erſchrak. „Ach, ſetze Dich zu mir her, damit ich mich erhole!“ „Damit Du Dich erholſt?“ Er ſetzte ſich neben ſie und blickte ihr mit einer beredten Betrübniß in's Auge. „Es gab eine Zeit, da Du nach einem ſolchen Bekenntniß keine Erholung nöthig gehabt haben würdeſt; damals hät⸗ teſt Du mir gewiß keine Worte gegeben; wohl aber einen Blick, der mir genügt haben würde!“ „Ja, doch ſeit dieſer Zeit iſt ein anderer Tag in meiner Seele aufgegangen!“ „Ein anderer Tag— Du meinſt das reine, herzliche Gefühl, das Dich mit Mar vereinigte?“ . 2. einigte 9 ſes Ge ſinnſt? erinnern Erinne Erinne keit, ei ſie war da“. ( v17 2 Toͤne: . auf; e waltſar nicht d Frucht Herz e ihn in geweih⸗ da es da er ſeine ⁹ war es r Him⸗ ch war ler Un⸗ 445 „Ich meine die Liebe, welche mich mit ihm ver⸗ einigte!“ „Das iſt eine bloße Phantaſie, geliebte Evelyn! die⸗ ſes Gefühl war allzu ruhig, um Liebe zu ſein. Du ent⸗ ſinnſt Dich ja ſelbſt... Doch daran kann ich Dich nicht erinnern.“ „Ich weiß, was Du meineſt— Du denkſt an meine Erinnerungen! Ach, nach dieſen kamen noch heiligere Erinnerungen! Doch vor denſelben gab es eine Wirklich⸗ keit, eine liebliche, ſelige Wirklichkeit: vierzehn Tage— ſte waren die letzten, die Max auf Erden lebte...... da. „Da?“ ſtöhnte Juſtus. „. Da fand ich etwas noch Schoͤneres als meine Toͤne: ich fand den Himmel!“ „Den Himmel in ſeinen Armen!“ Juſtus ſtand auf; er fuhr mit der Hand über die Augen, um eine ge⸗ waltſam hervorbrechende Thräne zu zerdrücken. Hatte er nicht das alles ſelbſt bewirkt? erndtete er nicht jetzt die Frucht ſeiner eigenen Arbeit? Hatte er nicht ſelbſt dieſes Herz erſt geweckt und dann verſtoßen, dieſes Herz, welches ihn in ein ruhiges, angenehmes Leben voller Freuden ein⸗ geweiht haben würde, wenn er daſſelbe angenommen hätte, da es ihm angeboten wurde? Jetzt, da er es begehrte, da er ſich eingebildet hatte, daß er nicht mehr als nur ſeine Hand darnach auszuſtrecken brauchte, war es weg, war es bei ihm, der ihm Grabe ruhte!“ Wie arm erſchien er ſich ſelbſt in dieſem Augenblicke! Noch wollte er aber nicht verzweifeln... ſie hatte ihn ja noch nicht ausgeſchlagen. „Evelyn!“— er ſetzte ſich wieder neben ſie—„willſt Du mir eine Frage ganz offen beantworten?“ „Ja, ſo offen, als wenn Gott die Antwort forderte!“ „Bin ich Dir nicht noch immer das Liebſte von Al⸗ lem, was Dir im Leben übrig iſt?“ „Ol jal ich glaube, daß mein Leben nur durch Dich vorhanden iſt!“ „Dann kann alles noch gut werden! So wie Deine heiligſte Erinnerung im Grabe ruht, ſo ruht auch die meinige in dem Grabe des Herzens; doch wir lieben ein⸗ ander immer hinlänglich, um ein Band für das Leben knüpfen zu können. Niemand verſteht Dich ſo wie ich, niemand mich ſo wie Du— laß uns daher unſer Leiden und unſere Freuden austauſchen: laß uns gegenſeitig uns helfen jene zu tragen und dieſe zu verſüßen... Werde die Meinige vor Gott im Glauben und in der reinſten Liebe!“ „Ja, die Deinige vor Gott im Glauben und in der reinſten Liebe— ſo will ich immer die Deinige ſein!“ „Und vor den Menſchen.. Du willſt ja meine Gattin werden, Evelyn, meine geliebte, meine theure Gattin?“ „Nein, nicht Deine Gattin: Deine Freundin, Deine Schweſter, Dein guter Engel will ich ſein— niemals Deine Gattin!“ „Wie, Evelyn? Du ſchlägſt mich aus... Du ver⸗ wirfſt mich?“ Seine Gemüthsbewegung war ſo groß, daß er nur mit Mühe die Worte hervorpreßte:„Beſinne Dich — o, beſinne Dich!... Du verwirfſt mich nicht?“ „Ach, mein Bruder! warum dieſe große Betrübniß, da Du mich doch auf keinen Fall ſo liebſt... ſo wie ſie, die Du nicht erhalten kannſt?“(Evelyn ahnte noch nicht, daß ihre Nebenbuhlerin ſo nahe war.) „Darum, Evelyn, weil mir nichts mehr im Leben übrig bleibt, wenn Du mich verwirfſt! Du.. Du biſt meine letzte Hoffnung!“ „O Gott, wie betrübſt Du mich jetzt und doch wie glücklich machſt Du mich!... Ich, ich Deine letzte Hoffnung! Doch warum bin ich Deine letzte Hoffnung? Sind ſie nichts mehr für Dich, dieſe armen, blinden Hei⸗ den, die noch immer Deiner harren, ſo wie damals, als Du Dein Herz von dem meinigen riſſeſt? Willſt Du nicht mehr auf wie Du Juſt Lenea Schönhei 4 Plö⸗ danken: nung vor ſank er z men: ich gibt. Gelübde Eve auf ihrer „Mar ha tete, ſeir ſchließen! „O. Ich war Du hatte von dem mich! I denn auf kann?“ „Ne es Dir g dem Leb Du mich .. .. 4 Du anty 1 mehr auf der ſchwarzen Erde die Siegesfahne auſpflanzen, wie Du ſo oft geſagt haſt?“ Juſtus ſtand ſtumm mit über die Bruſt gekreuzten Armen vor Evelyn, welche mit ihrer ruhigen, engelgleichen Schönheit allen ſeinen Gefühlen Hohn zu ſprechen ſchien. Plötzlich aber, ergriffen von dem ſchwindelnden Ge⸗ danken:„wenn Du von ihr Jehſt, wenn Du ohne Hoff⸗ nung von ihr gehſt, ſo trittſt Du in die Ewigkeit ein!“ ſank er zu ihren Füßen. „Evelyn! Du darfſt, nein, Du darfſt Dich nicht von mir ſcheiden! Siehe, meine Seele fleht Dich um Erbar⸗ men: ich ſtehe an einer Gränze, wo es nur zwei Wege gibt... ſchenke mir das Leben— ſchenke mir das Gelübde Deiner Liebe!“ Evelyn wurde ſo weiß, wie das weiße Trauertuch auf ihrer Schulter.„Ich kann nicht,“ ſtammelte ſie— „Max hat mein Gelübde!“ „O! hat er, dem ich das höchſte Lebensglück berei⸗ tete, ſeinen Tod benützt, um es mir auf ewig zu ver⸗ ſchließen?“ „O, ich bitte Dich, denke nichts Böſes von Max! Ich war diejenige, welche ihm das Gelübde brachte!— Du hatteſt mir ja ſelbſt geſagt, daß eine Andere... von dem Augenblicke an... Doch Deine Blicke tödten mich! Mein Bruder, mein Leben, meine Seele! gibt es denn aauf Erden gar nichts mehr, das Dich befriedigen kann?“ „Nein, nichts mehr, außer Dir nicht!. Ich habe es Dir geſagt: Du biſt das letzte Band zwiſchen mir und dem Leben— Du biſt mein guter Engell... Willſt Du mich retten? Ich frage Dich jetzt zum letzten Male .... Doch bedenke Dich wohl, beſinne Dich genau, ehe Du antworteſt!“ Evelyn ſaß da wie eine Leiche; ihr Blick war wie feſtgewachſen ihm, der zu ihren Füßen lag und ſeine 448 Blicke auf ihr Antlitz geheftet hielt. Beide waren unbe⸗ weglich. Zweimal verſuchte Evelyn zu reden; aber ihre Stimme fand keinen Laut. 7 „Antworte!“ ſtotterte Juſtus mit immer bleicher werdenden Lippen. „Mein Bruder, erbarme Dich!... ich müßte glau⸗ ben, daß ich Mar nicht wiederſehen würde, wenn ich mein Gelübde bräche!“ „Es iſt genug!“ Juſtus erhob ſich von ſeiner knien⸗ den Stellung.„Lebe wohl, Evelyn!— Gott ſchütze Dich, und laſſe Dich nicht allzu bitter bereuen, was Du jetzt gethan haſt!“ Er wollte gehen. „Mein Bruder, mein Bruder! Du haſt mir nicht geſagt, daß Du mir verzeiheſt: ich ſterbe zu Deinen Füßen“— und jetzt war es Evelyn, welche auf die Knie ſank— wenn Du mir nicht aus Deinem vollſten Herzen verzeihſt!“ „Ich verzeihe Dir aus meinem vollſten Herzen— Du warſt ja nur das Werkzeug in einer höhern Hand!“ Juſtus öffnete die Thür und ging hinaus. Evelyn ſchleppte ſich nach, um ihn zurück zu rufen, ſie wußte ſelbſt nicht recht, in welcher Abſicht; doch ihr Wille war einer andern Macht unterthänig; ſie ſank ohne Bewußtſein zu Boden— die Erſchütterung war allzu ge⸗ waltſam geweſen. In dem äußern Zimmer ſtand Juſtus von Carleborg mit leichenblaſſen Wangen und ſunkelnden Augen; die Todesqual des wildeſten Schmerzens war auf ſeiner Stirn gezeichnet. Er ſchien zu ſchwanken, ob er noch ein Lebewohl ſagen ſollte. Nach einem harten Kampfe von einigen Minute an: er ſteuerloſe erwarte Sinnen He mer, zu er die T Co Hoffnung von 85 weggehal Wa zugebrach gungsfe gangen. das nur wie ſie r eines En lich zu d Gewiſſen ſeinen A Bruſt p „u in dem Blicken! Füßen 2 Eine N en unbe⸗ Stimme bleicher te glau⸗ ich mein r knien⸗ ſchütze 449 Minuten nahm ſein Geſicht einen fürcht erlichen Ausdruck an: er ſah faſt aus wie der Seemann, welcher aus dem ſteuerloſen Schiffe in jedem Augenblicke den Untergang erwartet, und es verſchmäht, dem Tode mit nüchternen Sinnen entgegen zu gehen. Heftig ging er uͤber den Saal zu einem andern Zim⸗ mer, zu einer andern Frau, und mit heftiger Hand riß er die Thüre auf. Conſtance lag auf ihren Knien und betete. Glaube, Hoffnung und Entſagung ruhten jetzt auf ihrem Antlitze, von welchem jeder Schatten von irdiſcher Leidenſchaft hin⸗ weggehaucht war. 3 Während der letzten Stunde, die Juſtus bei Evelyn zugebracht hatte, war Conſtance's Herz durch das Reini⸗ gungsfeuer der Leidenſchaft in das wahre Leben einge⸗ gangen. Ihr Auge ſtrahlte von dem verklärten Lichte, das nur aus der Höhe kommt; ihre Lippen lächelten ſo, wie ſie noch nie gelächelt hatten, denn es war das Lächeln eines Engels. „Haſt Du für mich gebetet?“ fragte er. „Ja, und ich bin erhört worden.... Doch Du — ich ſehe es— Du haſt den Frieden nicht gefunden?“ „Nein, noch nicht— aber bald... Evelyn hat mich ausgeſchlagen!“ Ueber Conſtance's Lippen flog ein Laut, der unmög⸗ lich zu deuten war.„Dir bleibt Gott— Gott, Dein Gewiſſen und“.... „... Und Dul“ fiel er ein, indem er ſie mit ſeinen Armen umſchlang, ſie aufhob und ſo feſt an ſeine Bruſt preßte, wie der Tod ſeinen Raub an ſich drückt. „Um des Himmels willen, verliere Deine Seele nicht in dem Schmerze! Welchen Wahnſinn leſe ich in Deinen Blicken!...O wehe!l biſt Du es, der einſt zu den Füßen Deines Meiſters lag, der Ihm alles opferte?“ „Nein, ich bin es nicht: der heilige Jünger iſt abge⸗ Eine Nacht am Bullarſee.. 29 450 fallen von ſeinem Meiſter; darum öffnete ſich heute die Wolke, und ein Stern ſiel vom Himmel herab auf die Erde... ich wußte wohl, was das bedeutete, und wem der Schlüſſel zum Brunnen des Abgrunds gegeben ward!.. Ach, dieſes Leben, dieſes bittere Elend!.... Doch biſt Du mein; Deine Seele gehört mir!“ Und er zog ſie immer feſter an ſich, während ſeine Lippen, ihre Augen, ihre Sinne verſiegelten. Doch Conſtance hatte ſich nicht vergebens unter den Schutz des göttlichen Schildes geſtellt; nur einige Secun⸗ den gelang es ihm, ſie in den ſündigen Rauſch der Lei⸗ denſchaft zu verſenken. Sie erwachte heftig— das Ge⸗ lubde, welches ſie der Frau Hedwig, dieſer edlen Mutter gegeben hatte, die ihre ganze Zuverſicht auf ihre Stärke ſetzte, erweckte ſie zum Bewußtſein, zum vollen, klaren Bewußtſein der Gefahr. „Hoͤre!“ rief ſie mit begeiſtertem Tone aus und ihr Blick leuchtete von himmliſcher Freude,„höre die Stimme Deiner Mutter! Hoͤre, ſie ruft uns, ſie erinnert mich, daß ich in ihre Hand das Gelübde niederlegte, ihrer wür⸗ dig zu werden, daß ich ſagte, in dem Augenblicke, da ich dieſes Gelubdes vergeſſe, hat Gott meiner ſchon vergeſſen! ... O, geſegnet ſei ſie!... ich vergaß meines Ge⸗ lübdes nicht!“ Und Conſtance ſtreckte die Arme zum Him⸗ mel empor. Bei dem mächtigen Worte„Mutter“ riß ſich Juſus aus der wilden Bezauberung: ſeine Arme ſanken wie ge⸗ lähmt hinab— und ehe Conſtance ihre brennende Andacht vollendet hatte, war er hinweg. . In wenigen Sprüngen war er in dem Zimmer, wel⸗ ches für ihn immer bereit ſtand und wo er bei ſeiner An⸗ kunft die Piſtolen hingelegt hatte. Jetzt holte er dieſelben und eilte darauf mit eilfertigen Schritten auf dem Wege dahin nach der Seite, wo die Gebirgsgegend an Hoͤhen und jähen Abgründen am reichſten war. — Bweiundvierzigſtes Kapitel. Zwei Stunden waren verſloſſen. Es war Nacht, eine finſtere, mondleere, ernſte Nacht. An der Feſte des Himmels flimmerten einige blaſſe Sterne, kalt wie der Wind, der in kurzen Zwiſchenräumen durch die Zweige rauſchte und ihr Laub auf die Erde warf. Der dunkle Weg mit der ganzen langen Reihe von ergilbtem Laube und ſchwärzlich grünen Fichtentangeln ſah aus wie ein mit Tannenſpitzen beſtreuter Leichenweg und die düſtern Föhren zu beiden Seiten ſtanden in ſteifer Parade da gleich einer harrenden Proceſſion. Nur eine Leiche fehlte noch. Einige ſchwere Tropfen ſielen vom Himmel herab— vielleicht kuͤhlten ſie den einſamen Wandrer, welcher ſich längs dem Rande des jähen Felshanges hinſchlich. Er hatte keinen Hut mehr. Der Regen badete ſeine Stirn, die trotz der kühlen Winde brannte, als trüge ſie einen brennenden Scheiterhaufen in ſich... Auch in der un⸗ bedeckten Bruſt, die ſich ebenfalls in der Nachtluft abkühlen wollte, brannte himmelhoch ein Scheiterhaufen. Zwei Stunden... wie viel und doch wie wenig! Hier waren ſie hinreichend geweſen, eine der ſchönſten Hütten, in welcher jemals eine urſprünglich reine und edle Seele gewohnt hatte, faſt gänzlich ihres menſchlichen Charakters zu entkleiden. Der letzte Kampf zwiſchen der Leidenſchaft und der Religion, zwiſchen dem Wahnſinne und der Vernunft war ausgekämpft: der letzte aufflammende Lichtſtrahl war er⸗ loſchen— auf der Seele des Fanatikers lag ein großes, ein unendliches Wehe. Der Fürſt der Finſterniß hatte geſtegt... Grave hatte geſtegt. Doch über dieſen Sieg weinten die Engel des Himmels, weinte die Natur, und die Erde ſtand in Finſterniß, und die Winde klagten, und der Mond zog ſich hinter die Wolke— nur die bleichen Sterne hatten gelobt, die Wache mit ihm auszuhalten... die kurze Wache, welche bald ein Ende nehmen ſollte. „Ich habe keine Gedanken mehr: ſie ſind alle dahin — ich kann keinen einzigen mehr finden... keinen ein⸗ zigen Gedanken— und doch hatte ich ihrer ſo viele, daß ich nicht wußte, was ich aus ihnen allen machen ſollte!... Grave hat ſie ſämmtlich begraben. Und das iſt wohl auch das beſte— wozu ſollte ich ſie mit mir nehmen? Sie haben mich im Leben ſo ſehr beunruhigt: ſie haben alle dieſe Verwirrungen geſchaffen, die mein Gehirn verbrann⸗ ten So lebt denn wohl, ihr unglücklichen Geſell⸗ ſchafter... wir ſind geſchieden!“ Der Bedauernswürdige fuhr mit der Hand über die Stirn.„Ach, was iſt das 2... Ein Regentropfen? Dank, mein Vater, Dank!... o, das war ſchoͤn!... Ich werde ſo arm— es iſt mir ſo öde und leer in mei⸗ nem Herzen.. ſollten auch die Gefühle entflohen ſein?... Ja, auch ſie ſind entflohen: ſie waren allzu warm, um ſich in ſolcher Nähe des kalten Todes wohl zu befinden! Ich habe keine Gefühle mehr!. So lebt auch Ihr wohl!— was ſollte ich mit Euch auf meiner Wanderung? Ich brauche nichts, nein, gar nichts!... Und dennoch iſt es mir, als bedürfte ich etwas— was kann das ſein 2... Ein Gebet... Ja, ein Gebet... dazu bedarf es weder eines Gedankens noch eines Gefühles, ſondern nur eines Seufzers, eines großen, tiefen, unermeßlichen Seufzers zu Ihm, den ich einſt meinen Meiſter nannte.. Doch darf ich es auch wagen, nachdem ich gefragt habe: Iſt es eine Anleihe oder iſt es ein Geſchenk?... Ja, ich kann nicht von hinnen gehen ohne ein Gebet— nicht für mich, aber ein Gebet für... für... wage ich ihren Namen auszu⸗ ſprechen?... für meine Mutter!“ Er ſank auf ſeine Knie. 453 „O, wer doch Thränen hätte!.. Ich habe keine Thränen mehr: auch ſie haben mich verlaſſen! So will ich denn verſuchen, ohne Thränen zu beten... ich will . ich will!...“ Aber er war allzu verwirrt, als daß er hätte beten können. Er ſprang plötzlich auf und ſagte mit dumpfer Stimme:„Nichts bleibt mir mohr, da ich auch nicht beten kann!“ Er ſpannte die Piſtole. In dieſem Augenblicke ſegelte die große Wolke in den Nebeln wiederum über das Nixenthal. Ein oft unterbrochenes, zuerſt dumpfes, darauf ſtär⸗ keres Geräuſch erreichte die Ohren des Unglücklichen. Der Finger, welcher ſchon auf dem Zünglein ruhte, ſank zurück — ein Gedanke, noch ein Gedanke, beſuchte ihn. Aber dieſer Gedanke hatte keine Verwandtſchaft mit denen, welche ſich ehemals in ſeinem Haupte bewegten... es war ein Gedanke, ein Blitz aus dem Abgrunde. Dieſes Geräuſch— er kannte es nur allzu wohl.. Leonard kam nach Hauſe, er, der zurückbleiben ſollte in der Seligkeit... der Conſtance beſitzen ſollte!... Wie .. wenn... wenn dieſer Augenblick ihm gölte?... Wer ſollte es wiſſen? welches menſchliche Auge war ein Zeuge dieſes Augenblickes? Was brauchte es mehr, als daß das Pferd ſcheu würde, und morgen wäre ſie Wittwe? Sie glaubte ihn ſchon weit hinweg— und er wollte auch noch in dieſer Nacht reiſen— und wenn er wiederkehrte, ſo erkaufte er ſeine irdiſche Seligkeit zwar mit dem Ver⸗ luſte ſeiner ewigen Seligkeit, denn ein Brudermord ließ ſich mit nichts Geringerem verſöhnen; doch der Beſitz dieſes Weibes wäre nicht zu theuer bezahlt mit einer Ewigkeit voller Qualen. Die nachtſchwarzen Gedanken beſtürmten ihn mit fürchterlichem Verlangen: das Blut brannte immer wilder und immer näher und näher rollte das Geräuſch den An⸗ höhen zu. In der Krümmung des Weges, wo er in dem Schutze einiger dunkler Bäume ſtand, war das Geländer 454 zwiſchen dem Wege und dem Abgrunde ſo ſchlecht, daß .„a, ſündlicher, ſtürmender Wahnſinn!... Dieſes Weib, dieſe Judith!... ihre ſchwarzen Sonnen, ihre glühenden Lippen, ihre weißen Arme!... Wahnſinn, Wahnſinn... Tod— und Leben!... Mein ſoll ſie ſein... mein!“ Leonard war in der Krümmung. Da bewegte ſich dicht vor dem Kopfe des Pferdes ein Schatten: das Thier wurde ſcheu und über dem weiten Raum erſcholl ein einziger Ruf und dieſer Ruf war— „Gott!“ Ehe Leonard hinabſpringen konnte, war das Pferd ſchon auf dem ſchmalen Wege einige Schritte rückwärts gegangen— und plötzlich krachte es in dem Abgrunde ſo, daß die Erde erbebte, und der Wald erbebte, und der Brudermörder erbebte, welcher lauſchend daſtand und in die ſchwarze Tiefe hinabblickte, in welcher jetzt kein Laut mehr zu vernehmen war. Ein kurzes, heiſeres Gelächter, bei welchem die Zähne des Mörders hart zuſammenſchlugen, unterbrach das Schweigen der Natur. Er ſchrak zuſammen bei dieſem Laute und ſah ſich um, als wäre er nicht von ihm ge⸗ kommen. Darauf begann er die Anhoͤhen mit einer Eil⸗ fertigkeit hinabzulaufen, als jagten und verfolgten ihn tauſend knirſchende und geißelnde Dämone. „Er iſt hinweg... o Herr, Erlöſer, milder Vater! halte Du ſchützend Deine Hand über ihn!“ ſtammelte Conſtance, als ſie nach dem brennenden Seufzer zu Gott ſich umwendete und ſich allein ſah. „Wohin iſt er gegangen? Gewiß iſt ſeine Nacht eine unglückliche— ich aber will nicht aufhoͤren, für ſeine Seele zu beten!... O, daß meine Gebete ſeine Erlöſung aus den Banden dieſer ſündigen Leidenſchaſt zu wirken ver⸗ moͤchten; denn nun ſiehſt Du es, mein Gott, daß ich mit —— —,— —— 45⁵ Ernſt und nicht mit einem bloßen Scheinwillen entſchloſſen bin, dieſe verbrecheriſche Flamme zu beſiegen— und Du wirſt meine Seufzer um Deine Hulfe und Deinen Bei⸗ ſtand nicht verſchmähen!?......... „O, Evelyn! was thateſt Du!“ klagte ſie leiſe... Plöͤtzlich aber fühlte ſie, daß ſie ſich dieſes Kindes anneh⸗ men müßte, über welches ſie zu wachen und welches ſie ſchützen gelobt hatte. Sie trat daher mechaniſch auf die Thuͤr der Sternkammer zu. Als ſie dieſelbe öffnete, ſah ſie, daß Evelyn ohne Bewußtſein dalag. Bei dieſem An⸗ blick erwachte Conſtance's ganzes warmes Herz: ſie trug die Ohnmächtige auf den Sofa, und ihre zärtlichen Be⸗ mühungen erweckten dieſelbe bald aus der Bewußtloſigkeit. Evelyn's erſte bewußte Handlung war, daß ſie einen langen, forſchenden Blick über das Zimmer warf, und ihre erſten Worte waren die Frage:„Wo iſt er?... Ach, er ſagte wohl... er ſagte wohl...“ „Was, liebe Evelyn?“ „... Daß er mir verzieh?2... Aber ich fühle es hier“— ſie preßte die Hand gegen das Herz—„da er mir nie verzeiht!“ „Sein Herz iſt zu groß und zu edel, als daß er ir⸗ gend jemanden haſſen könnte; aber er konnte unmöglich auf dieſe Weigerung von Dir vorbereitet ſein, da Du ihn ſo innig geliebt haſt!“ „Liebe ich ihn denn jetzt weniger innig, wenn auch vielleicht mit einer andern Liebe?... Ach, was kann ich dafür, daß ich ihn nicht mehr lieben kann, wie Mar? Wenn ich aber dennoch mein Gelübde bräche, ſo dürfte ich gewiß nicht dort oben bei ihm ſein... und was ſollte ich auf Erden anfangen ohne dieſe Hoffnung? Was ſollte ich im Himmel, wenn ich dort nur weinen könnte? Und ich würde nie aufhoͤren zu weinen, wenn Max ſein Antlitz von mir abwendete.“ Jetzt vermochte Conſtance ihre Thränen nicht länger zurückzuhalten: die Freie verſtieß⸗ihn, während die Ge⸗ bundene...„O Herr! wie unerforſchlich ſind Deine Wege!“ „Warum leideſt Du auch, Conſtance? Rede zu mir von Deiner Betrübniß: Glaubſt Du, daß etwas Gefähr⸗ liches, etwas ſehr Gefährliches geſchehen kann?24 „O nein, ich hoffe, daß nichts Gefährliches geſchehen wird!“ Die ſtolze Frau brauchte ihre Qual nicht mitzu⸗ theilen: ſie verſchmähte jede Theilnahme— wer hätte ſie auch wohl tröſten können? Dieſes Kind konnte nicht ein⸗ mal die Stürme begreifen, welche ihre Bruſt in ſchweren Wogen hoben. „Du glaubſt alſo“— Evelyn forſchte in ihren Auge —„daß er morgen wieder kommen wird, um mich zu tröſten über alle Schmerzen, die ich ihm bereitet habe?“ „Ja, ja, bete Du für ihn warme, inbrünſtige Ge⸗ bete, denn er bedarf ihrer.“ „Und wenn er kommt, ſo will ich ihm ſagen, daß ich ſo viel geweint habe, und daß ich nicht leben kann, ohne daß ſein Geiſt mich ſegnet!... Glaubſt Du, daß er mich ſegnen wird?“ 1 „Ganz gewiß!... Nun aber darfſt Du nicht län⸗ ger aufbleiben!“— Und Conſtance half Evelyn zur Ruhe. Aber Evelyn ſank in keinen wirklichen Schlaf; ſie befand ſich in dem geheimnißvollen Zuſtande, welcher die Seele aus ihren Feſſeln loͤſ't, während der Körper in der Er⸗ ſtarrung bleibt... Conſtance ging hinaus in das äußere Zimmer, um noch ferner zu wachen und zu beten. Sie hatte Holz in den Ofen geſetzt und ſaß vor dem Feuer, welches ihre eigene leichenblaſſe Geſtalt, ſo wie auch das Gemälde erleuchtete, auf welches ſie bisweilen ihre Blicke warf, um nicht den Leitſtern aus den Augen zu verlieren. Bald ſtreckte ſie den kleinen Fuß, bald die Hand bis dicht an das Feuer, in der Hoffnung, daß die Wärme in ihre Glieder Eingang finden möchte; aber der flammende — — Ge⸗ Deine mir fähr⸗ hehen itzu⸗ e ſie ein⸗ deren Auge ) zu e2“ Ge⸗ daß ann, daß län⸗ uhe. fand deele Er⸗ noch den gene ete, den bis in nde — 457 Schein war ohne alle Wärme, und ein Fieberſchauer nach dem andern flog durch ihren Körper. Sie ſah nach der Uhr: dieſe war ſchon bis über halb zwölf vorgeſchritten. Sie dachte an ihren Gatten, und in der namenloſen Unheimlichkeit, welche ſte umgab, wünſchte ſie ſehnſuchtsvoll, daß er kommen möchte. Sie dachte auch an den Oberpfarrer, an alle wohlthuenden Worte, welche er zu ihrem Herzen geredet hatte über die Gefähr⸗ lichkeit der Leſerei, über das unermeßliche Unheil, das grenzenloſe Elend, zu welchem ſie führen könnte, und ſie faßte den beſtimmten Vorſatz, ſich oder vielmehr ihn, über deſſen Schickſal ſie beſorgter war als über ihr eigenes, dieſem würdigen, wahrhaft chriſtlichen Manne anzuver⸗ trauen, der vielleicht noch im Stande ſein koͤnnte, die Wunden zu heilen, an denen Juſtus blutete, oder ihm wenigſtens die Laſt tragen zu helfen. „O!“ ſeufzte ſie erbebend,„möchte es nur nicht ſchon zu ſpät ſein!“ Und ihr Haupt ſank auf die Hand herab. Ein ſcharfer Windſtoß ſauſte durch die Luft, der Re⸗ gen fiel in immer ſchwereren Tropfen gegen das Fenſter — Conſtance's Glieder begannen zu zittern, und dieſes Zittern hörte gar nicht mehr auf. Noch einmal ſah ſie nach der Uhr: es war kurz vor Mitternacht. Da raſſelte es an dem Riegel der Hausthür. Dieſe war nur loſe zugemacht, weil der Hausherr in jedem Augenblicke erwartet wurde. Conſtance fuhr zuſammen.„Ich hörte ja den Wa⸗ gen nicht!“— ſie lauſchte— jeder Pulsſchlag ſtand ſtill, um zu lauſchen.„Es geht... das iſt nicht... gro⸗ ßer Gott, das iſt nicht Leonard!... das iſt... das iſt“... Schwere Schritte ſtampften durch den Saal. Conſtance ſaß wie verſteinert; ſie bewegte kein ein⸗ ziges Glied. Die Thür ging auf— ein Geſpenſt er⸗ ſchien auf der Schwelle. „Jeſus Chriſtus!“ „Sprich ſeinen Namen nicht aus! Komm, folge mir — ich bin hier, um Dich zu holen! Wir reiſen mit ein⸗ ander!“ „Mit einander? Wohin?“ Sie verſuchte aufzuſtehen; ſie verſuchte die Ueberbleibſel ihrer faſt ganz gebrochenen Seelenkraft zu ſammeln. „Die Wahrheit! die Wahrheit! Sieh nach dort un⸗ ten— in der Tiefe! das Pferd bäumte ſich... ich... Aber eile!“ Er griff wieder nach den Piſtolen.. „Rühre ſie nicht an! Hoͤre mich! Ich weiß nicht, wie ehenz henen rmör⸗ Kain! pußte, de ge⸗ el es gen... 2en— eippen gegen erjahr ja ſo hrickſt h der Gott“ prung deines mehr r zog mehr erhob m die einer Dei⸗ 459 es kommt, daß ich Deinen Anblick zu ertragen vermag, daß mein Herz, anſtatt Dich zu haſſen, Dir entgegen ſtürmt.... doch dieſe Stürme ſollen hier nicht mehr zu⸗ ſammenſtoßen, ich vernehme eine laute Stimme in meinem Innern, welche mir ſagt, wie alle Verbrechen geſühnt werden koͤnnen, ja ſogar ein Brudermord!... Folge mir!“ Und mit flammenden Wangen, flammenden Augen, hoch flammender Seele winkte ſie Juſtus. An ihrer Seite ſchritt er geiſtesabweſend über den Hofplatz hinab auf die Landſpitze, auf welcher ſie ſo oft neben einander geſtanden 1n über das klare Gewäſſer des Bullar⸗Sees geblickt atten. Jetzt war das Gewäſſer verdunkelt gleich der Erde und dem Himmel. Nur die einſamen Sterne hielten noch immer ihre Wache, und bei ihrem matten Schein war es, als ob ein überirdiſcher Glanz die Schwärmerin um⸗ ſchwebte; ihre Worte wurden ſtark und klar, ihre Augen ſprühten Funken, aber Funken eines himmliſchen Feuers;3 ihre hehre Geſtalt erhob ſich vor dem zu ihren Füßen lie⸗ genden Brudermoͤrder, über deſſen verheerte, todte Züge kein einziger Lebenshauch hinwehte— ſein hohler Blick war ohne Ausdruck. „Hoͤre die Stimme des Herrn! Er fordert ein Opfer; doch dieſes Opfer ſollſt Du nicht ſein, denn Du biſt be⸗ ſudelt mit dem Blute Deines Bruders und mit der ſchwar⸗ zen Sünde, den Bund mit Deinem Meiſter um einer irdiſchen Liebe willen vergeſſen zu haben. Das Opfer ſoll ich ſein; ich bin das freiwillige Opfer an Deiner Statt — mit meinem Blute waſche ich das Blut meines Gatten von Deinem Herzen abl... O, gelobet ſei Gott, daß ich noch würdig bin, mich zur Verſöhnung darzubieten! Wenn ich es nicht vermocht hätte, meinen Blick zu ihm zu erheben, dann wären wir rettungslos verloren geweſen; doch nun werden wir uns wieder begegnen— o, Rauſch voller Seligkeit— uns begegnen durch mich! Ich fühle keine Furcht vor dem Tode, ſeine Qualen ſind lieblich, 460 entzückend, denn ich gehe, um Dir das Erbrecht zu er⸗ werben; und wenn uns auch nur der kleinſte, der entlegenſte Winkel des Himmelreichs angewieſen wird„ſo iſt er den⸗ noch groß genug, wenn wir beide dort bei einander weilen dürfen... doch Du mußt mir ſchwören bei unſrer Liebe, bei den Leichenlichtern des Himmels, die über unſern Häuptern glänzen, daß Du auf der Erde bleibſt und Buße thuſt, bis Du eine Stimme vernimmſt, die ſich an Deine Seele ſchmiegt und flüſtert: ‚Jetzt iſt's Zeit! unſer Braut⸗ gemach iſt lieblich geſchmückt, denn dort brennt eine Lampe, deren Oel geſchöpft iſt aus der großen Lampe, die in Gottes eigenem Thronſaale hängt!-... Erwarteſt Du aber nicht dieſe Stimme, kommſt Du, ehe ich meine große Bereitung beendigt habe... Dann— o wehe, wehe!— dann müſſen wir von Ewigkeit zu Ewigkeit ſtehen, Du auf der einen und ich auf der andern Seite, ohne jemals zu einander kommen zu können!... Doch Du willſt ja unſre Seelen nicht von einander reißen? Du willſt ja unſre ewige Vereinigung? So ſchwöre mir denn, daß Du warten willſt Ach, Du antworteſt nicht! Ich habe nicht Zeit zu warten; ich muß eilen, mein Werk zu be⸗ ginnen— ſchwöre... ſchwöre!“ „Ich ſchwoͤre!“ Die Worte kamen aus ſeinem Munde gleich einem Röcheln des Todes, aber ſie erreichten dennoch ihre Ohren. „So lebe denn wohl, mein Bräutigam— ein fröh⸗ liches Wiederſehen! Unſre Lippen dürfen ſich hier zu kei⸗ nem Abſchiedskuſſe mehr begegnen; doch zum Willkommen dürfen ſie ſich begegnen im Himmel... im Himmel... im Himmel bei“... 3 Sie ſtreckte die Arme aus gegen die erwartende Hei⸗ math, und ſtürzte ſich mit einem einzigen Sprunge hinab in die ſchwarze Tiefe. Weit über dem Bullar⸗See erſcholl in dieſem Augenblicke ein Ton, deſſen Klarheit nicht ein⸗ mal das heftige Geplätſcher des Waſſers uberſtimmen konnte. Dieſer Ton war Conſtances letzter Abſchiedsgruß. —— —— 461 „... bei Gott l/ „Zwei!“ murmelte das unheimliche Geſpenſt, in wel⸗ chem einſt Juſtus von Carleborg gelebt hatte—„zwei!“ Und noch einmal lachte er, und noch einmal wendete er ſich um... doch der Laut in dieſem Gelächter war ihm nicht mehr fremd; er fing ſchon an, ihn zu erkennen. „Eine Stimme redete zu mir!“ ſagte Evelyn, indem ſie ſich aus ihrem halbträumenden Zuſtande erhob;„das war die Stimme meines Bruders... ſie war ſo ſonderbar — was war das?“ Und ergriffen von einem unausſprechlichen Grauſen, einer fürchterlichen Ahnung von einem großen Unglücke— Juſtus hatte ſie ja gerufen(ſie hatte gewiß im Schlafe ſeine Stimme gehoͤrt, als er draußen redete)— warf ſie fis, in ihre Kleider, um bei Conſtance Ruhe und Troſt zu uchen. Conſtances Zimmer war leer; auch in dem äußern Zimmer war niemand. Auf dem Tiſche aber lagen die Piſtolen. „Was iſt vorgefallen?“ Evelyn fuhr mit der Hand über die Stirn, als hoffe ſie, dadurch ihre Gedanken leichter ordnen zu können.„Er rief mich— er hatte mich vorher gewarnt... o Gott, laß mich nicht zu ſpät kommen!. Mein Bruder! mein Bruder!... Con⸗ ſtance!... wo ſeid Ihr 2... antworte... antworte!“ Sie flog hinaus auf den Hof, und wiederholte dieſen Ruf mit Verzweiflung. „Hier!“ antwortete endlich eine Stimme von der Landſpitze her—„hier!“. „Weſſen Stimme war das? Es war nicht ſeine— nein, nicht ſeine Stimme!“ „Hier, hier!“ erſcholl es von neuem. „Iſt das ſeine Stimme? Ja— aber es iſt dennoch 462 nicht die ſeinige!“ Mit fliegendem Athem eilte ſie aber dennoch auf die Landſpitze zu. „Komm hieher, Evelyn, meine Schweſter!“ Die Stimme wurde wieder etwas angenehmer. „Wo biſt Du, mein Bruder?— Es iſt ſo kalt und ſchwarz hier draußen! Du riefſt, und ich kam, denn mein Herz hatte keinen Frieden; es war betrübt, weil Du betrübt biſt!“ „Dank! Dank!“ Noch einmal, zum letzten Male hier auf Erden liebkoſte ſein Blick, ſeine Stimme; doch in dieſem Blick, in dieſer Stimme lag etwas, das Evelyn an ihren Traum erinnerte, da die Schlange Juſtus Kopf angenommen hatte, und die lieblichen Augen flehend und ſchmeichelnd um die Erlaubniß baten, ihr nahen zu dürfen. „Ich fürchte mich vor Dir, mein Bruder!“ „Du Dich fürchten— vor mir?“ „Nein, nein; ich fürchte mich nicht!... Aber komm, laß uns gehen!“ Sie ſchmiegte ſich an ihn. Da griff ſeine Hand um ihren Arm.„Nein, wir ſind weit genug gegangen! Du ſtießeſt mich von Dir, als noch eine Rettung möglich war— jetzt gibt es keine Ret⸗ tung mehr— hörſt Du: keine Rettung mehr!“ „Mein Bruder! ich bin ſo... ſo.. Deine Sinne”"”... „Meine Sinne, ſagſt Du?.... Ich habe keine Sinne mehr; ſie begrub ich oben in dem tiefen Abgrunde. Aber auch Du haſt keine Sinne gehabt; denn Du ſahſt nicht, daß mein Herz nur für ſie brannte, die groß genug war, mir ihr Leben als Opfer zu geben... Wie war es wohl möglich, daß ich Dich jemals lieben konnte? Nein, Dein Herz war allzu klein, um mit dem meinigen um die Wette zu ſchlagen. Du“— ſein letzter Inſtinkt ſchien die Rache zu ſein—„Du warſt mir gar nichts, nur ein Spielzeug, mit welchem ich mich in unbeſchäftigten Augenblicken unterhielt, und das ich jetzt hinwegwerfe, weil ich nicht laͤnger ſpielen mag!“ 1 vermer 1 Richtn und d ihrem ein N und n Tag e ſo lar zeiung Härad hatte ſeinen 463 „Juſtus, mein Bruder! ſieh mich nicht an mit dieſen grimmigen Augen! Du, der mich lehrte, Gott zu lieben, laß jetzt mich”“.... „Gott— wiederum Gott!... So geh denn und ſuche ihn, wo er iſt... hier iſt er nicht!“ Und mit der ganzen Kraft ſeiner wilden Stärke erhob er das junge Weib hoch auf ſeine Arme und ſchleuderte ſie ſo ſchnell, wie der Blitz durch die Luft fährt, weit hinaus in das tiefe Grab. Als ſich unten die Wogen über ſeinen guten Engel ſchloßen, da erloſch das letzte Leichenlicht an der Feſte des Himmels— alles war Nacht; nur ein einziger weißer Punkt ſchwebte über das jetzt wieder ſtille Gewäſſer.... es war Evelyns weißer Schleier. Durch die todte Nacht aber erſcholl ein lauter, durch⸗ dringender Schrei, ein Schrei, ſo ſchneidend, ſo wild, ſo ohne allen menſchlichen Tonklang, daß ſelbſt Grave, wenn dieſer Schrei ſeine Ohren erreicht hätte, gezittert und das Signal zu den Donnern des Gerichts zu hoͤren vermeint haben würde. Unſere Erzählung iſt beendigt. Sie hat ſich in vielen Richtungen durch die verwickelten Wege des Fanatismus und der geſpenſterſchwarzen Leſerei geſchlängelt, um in ihrem Fortgange hie und da, wo die Wege ſich kreuzen, ein Merkzeichen zu errichten... Doch ſie ſtehen dort und winken vergebens... Wann wird wohl endlich der Tag anbrechen, an welchem das abſcheuliche Geſpenſt, das ſo lange umgegangen iſt, in ſeine Gruft hinabſinkt? Grave zeigte dem Volke die Macht ſeiner Prophe⸗ zeiung;z irgend ein großes Unglück war ja dieſem ſündigen Härad vorhergeſagt worden; doch die Macht des Gebetes hatte die Gerechten gerettet, und das Unglück wählte zu ſeinen Opfern nur eine einzige Familie; dieſe war aber „ 464 auch gänzlich vertilgt worden. Das Volk zitterte und be⸗ tete an, und eine Zeitlang war Graves Macht groͤßer denn jemals. Doch bald— weit eher als er ſelbſt es ahnen konnte— ſiegte der Oberpfarrer, und da zog Grave inweg, um an einem andern Orte ein neues Himmelreich zu bilden. Oernwik wurde verkauft, und die Löwe'ſchen Capitale wurden zu mehren wohlthätig Aber in der kleinen Kammer, in welchem die Wiege ihres Kindes geſtanden hatte, ſaßen zwei trauernde Eltern, deren Thränen nie getrocknet wurden. Die Frau, welche eine Zeitlang von Eitelkeit und Hoffahrt verwirrt geweſen war, wurde wiederum die nachgiebige Gattin; aber obgleich die gegenſeitige Liebe noch eben ſo ſtark war wie in den erſten Tagen, ſo ſchien dennoch nicht eher ein einziger Sonnen⸗ ſtrahl durch die ſchwarze Farbe des Lebens, als da der Tod kam, und ſie aus den ermüdenden Feſſeln erlöoͤſte. An den Geſtaden des Bullar⸗Sees irrte viele Jahre lang ein wahnſinniger Mann umher, der des Mordes we⸗ gen im Gefängniſſe geſeſſen hatte, der aber wieder frei gegeben worden war, weil ſeine verwirrten Sinne bewieſen hatten, daß man ihm das Verbrechen nicht zurechnen konnte. Er wurde mit treuer Zärtlichkeit von einer alten Mutter und ihrer alten treuen Dienerin gepflegt, die ihn niemals aus den Augen ließen. Die Leute nannten ihn „den verrückten Prieſter;“ doch that er niemanden etwas zu Leide und zeigte überhaupt keine Widerſpenſtigkeit, als nur darin, daß er das Ufer des Sees nicht verlaſſen wollte. Ueber ſeine Lippen kam nie mehr als ein einziges Wort. Dieſes Wort war:„Gottl“ 4 Ende. en Stiftungen angewendet. ind be⸗ groͤßer Abſt es Grave nelreich Japitale wendet. e ihres , deren he eine en war, eich die n erſten Sonnen⸗ da der löſte. e Jahre des we⸗ der frei bewieſen urechnen eer alten die ihn nten ihn en etwas keit, als n wollte. s Wort.